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Full text of "Deutsche Schriften im Auftrag der württembergischen Kommission für Landesgeschichte"

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FROM TBE BEQUEST Or 

GEORGE FRANCIS PARKMAN 

(CUuoflSM) 

OF BOSTON 



HEINRICH SEUSE 



Deutsche Schriften 



im Auftrag der Württembergischi 



Kommission für 



urttein 
Landesgeschic 



herausgegeben ' 



Dr. Karl Bihlmeyer. 



STUTTGART. 

Druck und Veilaj von W. Kohlhanini 
iyo7. 



HEINRICH SEUSE 



Deutsche Schriften 

im Auftrag der Württembergischen 
Kommission für Landesgeschichte 

herausgegeben von 

Dr. Karl Bihlmeyer. 



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STUTTGART. 
Druck und Verlag von \V. Kühlliammer. 

1907. 



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Dem Gedächtnis 



meines hochverehrten Lehrers 



Professor ü. Dr. F. X. von Punk 



in Dankbarkeit 



;^evvidinet. 




Eint" kritisclie Edition der deutaelien Sohril'ren Seuses bedarf 
flcbwerlich einer besonderen Itechtfertigung. Denifles Aasgabe. 
in ihrer Art eine treffliche Leistnng, kann der wiseeiiBcLaftlicIien 
Forfchuiiß nicht genügen, weil sie nur eine neu hoch dentsctie Über- 
Ira^nne des Originaltestes bietet, auf einer nicht völlig ausreichenden 
haiitWbrift lieben Grundlage beruht und zudem UDVoll^-tündig geblieben 
i»t Möge daher diese erste vollständige Ansgabe des Urtextes wohl- 
wollende Aufnahme linden! Kirchen-. Lileratur-, Sprach- und Kultur- 
gescliicble interessieren sich ja, wenn auch in verschiedenem Masse, 
fiir den liebenswürdigen schwäbischen Mystiker, der den Oeist des 
deutschen Mittelalters nach seiner scliünsten Seite repräsentiert und 
dnrch seine gemnlstieien Schriften noch heute wie ehedem zu fesseln 
vermag. 

Das Hauptaugenmerk hei vorliegender Ausgabe war darauf 

gerichtet, eine möglichst breite und sichere Basis für die Herstellung 

des Textes zu schaffen. Zu diesem Zwecke wurden, von sonstigen 

Xachforachungen abgesehen, auf wiederholten Studienreisen eine 

^nisserc Zahl von Bibliotheken Deutschlands und der Schweiz nach 

Seose-Haadscliriften durchsucht, so namentlich die Bibliotheken zu 

rlin, Ei II siedeln, Engelberg, Kolmar, Konstanz, 

I llailiingen, München. Nürnberg, St, Gallen, Stuttgart, 

I Wnlfenbüttei, Zürich. Der Erfolg war ein günstiger, insofern 

leine stattliche Anzahl wichtiger, noch nicht bekannter Manuskripte 

afgefnnden wurde, mit deren Hilfe es gelang, den DeniHeschen 

I Text an vielen Punkten erheblich zu verbessern und das Grosse 

IBriefbncb in guter Rezension vorzulegen. Zum erstenmal werden 

I in dieser .Ausgabe jene elf Briefe, welche Seuse gekürzt in das kleine 

Briefbach aufnahm, in ihrer ursprünglichen Form bekannt gemacht. 

Aii«drücfclich sei auch anf das bis jetzt unbekannte interessante 



VI Vorwort. 

„Testament der Minne" (Brief XXVIII) aufmerksam gemacht, ge^^en 
dessen Echtheit freilich begründete Zweifel bestehen. 

Der Kommentar ist im allgemeinen auf das Nötigste beschränkt 
worden. Wie viel ich für das Verständnis und die Kommentierung 
der schwierigeren mystischen Stellen Denifle verdanke, bekundet fast 
jede Seite der einschlägigen Partien. Mit ihm, dem ausgezeichneten 
Kenner der Mystik und Scholastik, konnte ich es auf diesem Gebiete 
nicht aufnehmen, und es war auch gar nicht meine Absicht, seine 
Ausgabe ganz überflüssig zu machen. 

Die Einleitung versucht eine knappe, aber im wesentlichen 
erschöpfende Orientierung über lieben und Werke Seuses zu geben, 
und insbesondere seine Stellung im Entwicklungsgang der deutschen 
Mystik und Literatur zu präzisieren. Am kürzesten glaubte ich mich 
in dem Abschnitt über die Lehre fassen zu dürfen, da dieser Gegen- 
stand schon genügend behandelt ist und Seuse hierin weniger original 
erscheint. Wenn ich in der Einleitung manchmal etwas warm ge- 
worden bin, so möge dies mit den Worten des edlen Linsenmann 
(in einer Besprechung von Denifles Seuse, Theol. Quartalschrift 1877,1 35) 
Entschuldigung finden, die ich zu meinen eigenen mache: „Dem 
Theologen ist das literargeschichtliche Interesse an den Schätzen der 
grossen Literaturperiode der deutschen Theologie im Mittelalter nicht 
das höchste. Was die mittelalterliche Mystik für ihre Zeit war, 
das könnte und sollte sie auch für unsere Zeit sein, eine Ergänzung 
der vorherrschend nominalistischen Scholastik, eine Lichtseite im 
religiösen Volksleben, ein Sauerteig, welcher Gärung und Bewefiung 
in die erstarrten Massen des kirchlichen Lebens bringen könnte. 
Uns ist die Mystik eines Eckhart, Tauler und Seuse nicht bloss 
romantische Poesie, noch blosse Philosophie, sie ist dazu bestimmt, 
Leben zu werden und Gestalt anzunehmen ..." 

Unumgänglich schien es, der Ausgabe ein ausführliches 
Glossar beizugeben, da wir ein solches bis jetzt von keinem der 
bedeutenderen deutschen Mystiker besitzen und doch für philologische 
und literarhistorische Untersuchungen kaum entbehren können. Ich 
bin mir freilich bewusst, dass der vorgelebte Versuch etwas recht 
Unvollkommenes darstellt. Allein Zeit und Raum verboten, ein 
mehreres zu tun. Philologische Zwecke im eigentlichen Sinne lagen 
mir ferne; ich glaubte, die sprachgeschichtlich-lexikalische Ausbeutung 
Seuses den Germanisten von F.ach überlassen zu sollen. Um auch 
solchen, welche mit dem Mittelhochdeutschen weniger vertraut sind, 
die Ausgabe zugänglich zu machen, ist in zahlreichen Fällen die 



Vorwort. VII 

neuhochdeutsche Bedeutung eines Wortes angegeben. Ich hoflTe 
ührigens, in nicht zu langer Zeit eine Auswahl aus Seuse in Über- 
tragung für weitere Kreise vorlegen zu können, und behalte mir die 
Benützung der Ausgabe für solche Zwecke vor. 

Es ist mir eine angenehme Pflicht, für die Unterstützung und 
Beihilfe zu danken, die mir von vielen Seiten zuteil geworden ist, 
?>o insbesondere den Bibliotheksverwaltungen zu Berlin (Kgl. Bib- 
liothek), Breslau (Domkapitelsbibl.), Cues (Hospitalbibl.), Darm- 
stadt, Einsiedeln, P'ngelberg, Freiburg (Uni versitätsbibl. 
und Erzbischöfliches Archiv), Giessen, Göttingen, Heidelberg, 
Kolmar, München (Staatsbibl.), Muri-Gries, Nürnberg 
(Stadtbibl.), Paris (Bibl. nationale), Raigern, St. Gallen, Strass- 
barg (Universitätsbibl.), Stuttgart, Überlingen, Wien (Hof- 
bibliothek), Wolfenbüttel und Zürich (Stadtbibliothek), welche 
mir teils Manuskripte zur Benützung hieher sandten, teils die Kol- 
lationierung an Ort und Stelle ermöglichten, und der Universitäts- 
bibliothek zu Tübingen, welche die Entlehnung zahlreicher Hand- 
schriften in liebenswürdiger Weise vermittelte. Eine grosse Zahl 
von Bibliotheken des In- und Auslands erteilte auf Anfragen nach 
Seuse-Manuskripten gütige Antwort. 

Für wertvolle Auskünfte und Winke bin ich ganz besonders 
deu Herren Professor Dr. Ph. Strauch in Halle, Professor Dr. H. 
von Fisch er und K. Bohnen berger in Tübingen, Hochw. P. P. von 
LoeO. Pr., Prior in Düsseldorf und Herrn Dr. J. Ries in St. Peter 
bei Freiburg zu Dank verpfliclitet. Herr Professor Dr. F. Vetter 
in Bern hatte die Güte, mir eine Abschrift des Büchleins der Ewigen 
Weisheit nach der Einsiedler Handschrift 710 zur Verfügung zu 
stellen, und die Kgl. bayerische Akademie der Wissenschaften in 
München erlaubte, den schon von Preger 1896 edierten Text des 
Minnebüchleins wieder abzudrucken. 

Der Görresgesellschaft und ihrem verehrten Herrn Präsidenten 
Exzellenz Reichsrat Fn^iherr Dr. 6. von Hcrtling sage ich für 
'!ie Bewilligung eines Stipendiums für meine Bibliotheksstudienreisen 
geziemenden Dank. Ebenso der Württembergisehen Kommission für 
Landesgeschichte für die Aufnahme dieser Arbeit unter ihre Publi- 
kationen, und namentlich ihrem Geschiiftsiuhrer, Herrn Archivdirektor 
Dr. E. von Schneider in Stuttgart für stetes liebenswürdiges Ent- 
ge^'enkomraeu. 

Für opferwillige Beihilfe bei der Korrektur schulde ich meinem 



VIII Vorwort. 

Bruder P. Pius Bihlmeyer 0. S. B. in Beuron und Herrn Dr. 
A. Hauber in Tübingen ganz besonderen Dank. 

Mein verehrter Lehrer, Professor Dr. F. X. von Funk, dessen 
Stellvertreter zu sein ich zuraeit die Ehre habe, hatte schon einige 
Zeit vor seinem allzufrühen Tode gütigst gestattet, dass das Werk 
ihm, dem Altmeister der kirchenhistorischen Wissenschaft, gewidmet 
werde. Leider hat er die Vollendung desselben nicht mehr erlebt. 
So bleibt mir nur übrig, es als schwaches Zeichen des Dankes für 
die stetige herzliche Anteilnahme und die Förderung meiner Studien 
auf sein frisches Grab zu legen. 

Tübingen, im April 1907. 

K. Bihlmeyer. 



Inhalt. 



Seite 

Einleltnnff 1*-163* 

Erster TeU. Die Vberllefernnff ;r-62* 

A. Die einzelnen Handschriften 3*— 29* 

1. Handschriften des Exemplars B* — 9* 

II. Handschriften der Vita 9*— 11* 

III. Handschriften des Büchleins der ewigen Weisheit . 11* — 18* 

IV. Handschriften des Büchleins der Wahrheit .... 18*— 20* 
V. Handschriften des Brief büchleins 20* 

VI. Handschriften des Grossen Briefbuchs 20* — 26* 

Vn. Handschriften der Predigten. Das Minnebüchlein . . 27*— 29* 

ß. Da» HandschriftenTerhftltnis. Art nnd Weise dieser 

Ausgrabe 29* -45* 

I. Das Leben Seuses 29*— 36* 

11. Die übrigen Schriften des Exemplars 36* — 37* 

III. Das grosse Briefbnch 37*— 43* 

IV. Die Predigten und das Minnebachlein 43*— 44* 

V. Bemerkungen zur Orthographie des Textes .... 44* — 45* 

('. Bilder nnd Hprflclie des Exemplars 45*— 57* 

Seuses Terliältnis zur Kunst 57* <)-2* 

Zweiter Teil. Sensen Leben nnd Werke .... 63* -163* 

A. Jui^end- und Lenijalire zu Konstanz und Köln (ca. 

1295-1827) 6.r- 95* 

1. (teburtsjahr und -Ort, Abstammun«:: 63* —70* 

11. .Tugendzeit, P^intritt ins Kloster. Rekehnniir .... 70'*'^ — 73* 

III. Der Dienst der ewigen Weisheit 73* 76* 

IV. Seuses Kasteiungen 76*— 80* 

V. Visionen und Ekstasen 80^ —S5* 

VI. Studiengang zu Konstanz nnd Köln 85"— 90* 

\'ll. Das Büchlein der Walnlieit 90"^'- 95* 

K. Seuse als Lel^tor und Pri4»r. Seliriflstellerisclie und 

seelsor^erlichc Tätigkeit (ea. 1827-I;i4s) . . 95*- 130* 

I. Allgemeine Verhältnisse der Dii)zese Konstanz und 

des Dominikanerordens 95* lUO* 



X inlialt. 

Seile 

II. Sense als Lektor in Konstanz 100*— 101* 

III. Das Büchlein der ewigen Weisheit, HoroJogium 

Sapientiae nnd Minncbiiclilein 101* — 111* 

IV. Seuses Leiden und Heimsuchungen. Seine seel- 

sorgerliche Tätigkeit 111*— 117* 

V. Seuses Briefe und Predigten ........ 117*— 122* 

VI. Verkehr mit anderen Mystikern. Elsbeth Stagel . 123*— 127* 

VII. Die Jahre des Exils (1339—46). Seuse als Prior . 127*— 130* 

(*. S01180 in Ulm (ca. l^US-lSfU;), sein Tod und Nachruiini. 

Übersetzungen und Ausgaben seiner Werke 130*— 163* 

L Seuses AVirksamkeit in Ulm 130* -132* 

n. Redaktion des Exemplars 132*— 136* 

III. Seuses Tod und Nachruhm. Ikonographisches . . 136*— 140* 

IV. Charakteristik von Seuses Person und Werken. Seine 

Lehre 141* -150* 

V. Nachwirkung Seuses in der Literatur 150* — 156* 

VI. Übersetzungen und Ausgaben von Seuses Werken . 157*- 163* 



Text 1—554 



Erste Abteilnng:« Menses Exemplar 1-401 

Prolog 3—6 

Eriites Buch« 8eases Leben 7—195 

Erster Teil 7—95 

Prolog 7—8 

I. Kap. Von den vorstriten eins anvahenden menschen . 8 — 10 

n. Kap. Von dem übernatürlichen abzug, der im do ward 10 — 11 

III. Kap. Wie er kam in die geistlichen gemahelschaft der 

ewigen wisheit 11-15 

IV. Kap. Wie er den namen Jesus uf sin herz zeichente 15 — 17 
V. Kap. Von dem vorspil gütliches trostes, mit dem got 

etlichü anvahcndn menschen ri;izzct . . . 17 — 22 

VI. Kap. Von etlichen Visionen 22—24 

VII. Kap. in weler Ordnung er ze tisch gie 24—25 

VIII. Klip. Wie er bcgie daz ingcnd jor 26 — 27 

IX. Kaj». Von den Worten Sursum corda 27 — 29 

X. Kap. Wie er begie die liehtmiss 29 — 30 

XI. Kap. Wie er begir die vasnaht 30 32 

XII. Kap. Wie er begie den m(?igen 32—33 

XIII. Kap. Von dem eilenden krnzgang, den er mit Cristus 

nam, do man in us filrte in den tod . . . 34 — 37 

XI\'. Kaj». Von der niizzen tugende, du da heisset swigen 37—38 

XV. Kap. Von ke.Ntgung des libes 39-40 



Inhalt. XI 

Seite 

XVI. Kap. Von dem scharpfen kn'iz, daz er tnig uf einem 

ruarg:en 41-44 

XVII. Kap. Von sinem greliger 44—46 

XVIII. Kap. Von dem abbrechene des tränke» 46—53 

XIX. Kap. Wie er ward gewiset in die vernünftigen schule 

zu der kunst rechter gelassenheit .... 68—54 

XX. Kap. Von wetfmdem undorgene 55—61 

XXI. Kap. Von inrlichem liden 61 — 63 

XXII. Kap. Von dem usker uf sines nehsten heilsamen be- 

hulfenheit 63—65 

XXIII. Kap. Von menigvaltigem lidene 66 — 70 

XXIV. Kap. Von gi'ossem lidenne, daz ime zft viel von siner 

liplichen swoster 70—74 

XXV. Kap. Von swerem lidene, daz im einest zu viel von 

eim sinem gesellen 74—78 

XXVI. Kap. Von dem morder 78 — 81 

XXVII. Kap. Von wassernot 81—82 

XXVIII. Kap. Von einem ruwliu, daz im got einest Hess werden 82 — 83 
XXIX. Kap. Von einer minneklicheu rechnung, die er einest 

mit got hate 84—86 

XXX. Kap. Wie er von lidenne eins males kam uf den tod 87 — 90 
XXXI. Kap. Wie ein mensch sin liden in lobricher wise sol 

got wider uf tragen 90—92 

XXXII. Kap. Wa mite got ergezzet in der zit einen lidenden 

nienschon sines lidens 93 — 95 

Zweiter Teil 96—195 

XXXIII. Kap. Von dez dieners geischlichen tohter .... 96—99 

XXXIV. Kap. Von dem ersten begin eins anvahenden menschen 99 — 102 
XXXV. Kap. Von den ersten bilden und lere eins anvaheuden 

menschen, und wie sin iibunge son sin mit 

bescheidenheit 103—109 

XXXVI. Kap. Von kintlichem andaht eins jungen anvahenden 

menschen 109 — 114 

XXX VIT. Kap. Wie er üpigü menschen zii gote zoh und lidendü 

menschen tröste 114 — 117 

X XXVII 1. Kap. Von einem vil jenierli<h«*n lidene, daz im hier 

inne begegente 117—130 

XXXIX. Kap. Von inrem lidenne 130-132 

XL. Kap. Welü liden sien <h:m uiensclien aller nüzest 

und got aller loblicliest 132-135 

XLI. Kap. Wie er etlichü niinnendü herzen v(m zitlicher 

minne zu gotlicher niiiine zoch 135 — 141 

XLII. Kap. Von etlichen lidenden menschen, du mit sunder- 

licher trüw iUtm dirner zii geh(»r(en . . . 142—144 
XLIII. Kap. Wie im Christus vor erschein in eins Scratin.s 

bilde und in lerte liden 144—149 



XII Inhalt. 

Seite 

XLIV. Kap. Wie vestklich der müss «triten, dem der geisch- 

lich pris soJ werden 149 — 153 

XLV. Kap. Von dem minneklichen uamen Jesus .... 163— 15ö 



XLVI. Kap. Güte underschaid enzwfisdien warer und falscher 

vernünftkait in etlichen menschen .... 15.'> — 158 
XL VIT. Kap. Underscheid enzwischen ordenlicher und floieren- 

der veniünftikeit 15ö— 160 

XLVIII. Kap. Göt€r underscheid under warer und falscher 

gelassenheit 160—163 

IL. Kap. Ein vernünftiges inleiten dez ussren menschen 

zu siner inrekeit 163— 170 

L. Kap. Von den hohen fragen, die du wolgeiiptü tohter 

fragte iren geischlichen vater 170 — 17H 

LL Kap. Ein usrihtunge, wa got ist und wie got ist . 176 — 1K4 
LH. Kap. Von dem aller hohsten Überflug eins geleptt*n 

veniünftigen gemiite.s 184 — 190 

LIIL Kap. Diss bfiches uieinunge ein heschliessen mit 

kurzen einvaltigen worten 190 — 195 

Zweites Bneh. Bficlileln der £wi|:en Weisheit . 196-3l>5 

Prolog 196—200 

Erster Teil 200—278 

I. Kap. Wie etlichü menschen von got unwissentlich 

werden t gezogen 200—204 

11. Kap. Wie es vor dem krüzgenne ergie 204 — 207 

III. Kap. Wie es an dem krüz umh in stund nah dem 

ussren menschen 207—209 

IV. Kap. Wie reht getrüwlich sin liden waz .... 209 -210 
V. Kap. Wie du sele under dem krüz kunt ze einem 

herzklichen n'iwenne und ze einem muten 
vergebennr 211 — 216 

VI. Kap. Wie betrogen der weit minne ist und wie min- 

neklich aber got ist 216—223 

VII. Kap. Wie minnekliche tr(»t ist 228-229 

VIII. Kap. Ein usrihtunge drier dinge, du einem minner 
aller meist mohtin an got widerstan. Daz 
ein ist: wie er s(> zornlich mug geschineu 
und doch so minnklich sin 229—230 

IX. Kap. I>az ander: war umbe er sich sinen vründen 
dik uaii horzlust«' enzühet, und wa hi uian 
sin waren geireuwürtkeit erkenuta . . . 2:^0—285 
X.Kap. Daz dritt*: war uuil»e es got sinen vründeu 

als reht ülxd in zit irrstattet 236—237 

XI. Ka]>. Von ienur werendem we der helle .... 237 — 240 



Inhalt. XIII 

Seite 

Xll. Kap. Von unmcssiger vrode des himelrichB . . . 240 — 248 

XJn. Kap. Von nnmessiger edli zitliches lidennes . . . 248 254 
XIV. Kap. Von unsäglicher giiti der betrahtunge des got- 

lichen lidens 254—259 

XV. Kap. Von dem njinnekosen, daz du sei mit got hate 
gehebt unter dem krdze, keret si sich wider 

zu siueni lidenne 259—262 

XVI. Kap. Von dem wirdigen lobe der reinen königen von 

himelrich 262—268 

XVII. Kap. Von ire unsäglichem herzleide 268-271 

XVni. Kap. Wie es ze der stund nah dem inren menschen 

umb in stund 272—274 

XIX. Kap. Von der ablosunge 275—277 

XX. Kap. Von der jemerlichen schidunge von dem grabe 277 — 278 

Zweiter Teil 278-B14 

XXI. Kap. Wie man sol lernen sterben und wie ein un- 
bereiter tot geschaffen ist 278—287 

XXII. Kap. Wie man inrlich leben soi 288—290 

XXni. Kap. Wie man got minneklich enpfahen sol . . . 290-303 

Gebet 303 

XXIV. Kap. Wie man got grundlosklich alle stunde loben sol 304 — 314 

Dritter Teil« Die hundert lletrachtungen und llegelirnngeii 314 — 322 

Epiloir 322-324 

Kecrister 324—325 

^ritten Bach. Büchlein der Wahrheit 326—359 

Prolog 326-328 

I. Kaj). Wie ein t^elazener mensche beginnet und endet 

in einikcite 328-329 

II. Kap. Ob in der hohsten einikeit kein anderheit nnige 

bestan 329—331 

III. Kap. Wie sich der mensche und alle kreaturen ewklich 

haben gehalten, niid von ircni gewordenlichen 

usbruchc 331- 332 

IV. Kap. Von dem waren iiikere. den ein jL^olazsener 

mensche durch den einbornen 8un nemen sol 333 — 338 
V. Kap. Von den hohen und nützen fragen, die ime du 
warheit lies werden von der glichnüsse eins 

gelassen menschen 338-352 

Vi. Kap. Uff welen pnncten dWu nicnsclien 4»ebristet. die 

valsche friheit fiirent 352-357 

VII. Kap. Wie adelliclien sich haltet ein reht i^elazsener 

mensch in allen diufron 357 — 359 



XIV luh'Ah. 

Seite 

Viertes Buch. Brief bfichlein . 360—393 



Prolojjc 300 

I. Brief. Von eins aiivahcndcn meuschen ledigen vonker 

von der weit zfi got. Kegnnin mundi et omnem 
ornatuni saeculi contenipsi propter amorem do- 

mini mei Jesu Cristi 300-363 

II. Brief. Von einem demntigen undergang eins gotJicheu 

menschen. Habitabit lupiis cum agno . . . 363 — 307 

III. Brief. Wie sich ein mensch poI geben willeklich in liden 
nach dem bilde CYisti. Eisbeten der Staglin 
ze Tozz. Nigra sum sed formosa .... 367— 30S 

TV. Brief. AVie ein ungelebter mensch sich zu im selber 
allein sol keren und endri'i menschen unberichtet 
söl lassen. Quoraodo potest caecus ducere? . 369 — ;i72 
V. Brief. Von jubilierender frode , die die engel und 
engelschlichfi menschen enpfahent, so sich ein 
Sünder bekeret. Exultet iam angelica turba 
coelorum 373 — 378 

VI. Brief. Wie sich ein mensch sol halt-en unerschrokenlich, 
so es gat an ein sterben. Absalon. lili mi. quis 

mihi det, ut ego moriar pro teV 37H— 3H1 

Vn. Brief. Wie sich ein mensch in ustragenden emptorn 
sül halten. Oistus factus est pro nobis obediens 

usque ad mortem 381 — 3SH 

VIII. Brief. Wie sich ein gotlicher mensch in gotlicher suzze- 
keit sol haben. Elsbeth Staglin. Annunciate 
dilecto, quia amore langueo 384 380 

IX. Brief. Wie ein mensch ze ruwe sinea herzen in got 

söl kommen. In oranibus requiem quaesivi . 387 -389 
X. Brief. Von etlichen stüken, die ze volkomenheit liorent. 

Estote perfecti 389—391 

XI. Brief. Wie sich ein mensch zii dem gotlichen namen 
Jesus sol andehtklich lialten. Pone ni«* ut 
signaculum super cor tuuni! 391- -393 

Zusätze zum Brief hiichloin : Kr/ählinig toii der Verehrung 

des Xamens Jesu, Morgenuruss und Sprüche . . 393— 4ni 

Zweite Abteilang:. Die nicht in das Kxemplar auf- 

l^enommenen deutschen Schriften Keanes 4u3 -.554 

I. Das is^rosse Itriefbnch 405-494 

Prolog . 4O5--406 

1. r>rief. \{v\ l>avid s«Miuorat 406 410 

II. Brief. B«*gnum mundi et omnem ornaium saeculi oon- 

tempsi propter amorom domiui mei Jesu Oisti 410—417 



Inhalt. XV 

Seite 

III. Brief. Surrexi, ut aperirem dilecto meo 417—419 

IV. Hrief. Habitabit hipus cum agno 420-423 

V. Brief. Sonet vox tua in auribus meis, vox enira tna 

duJcis et facies tua dccora 423—425 

VI. Brief. Vineae florcntes odorem dederunt, et vox tur- 

turis audita est in terra nostra 425—427 

VII. Brief. Trabe rae, post te cürremus in odore unguen- 

torum tuorum! 427—429 

M3I. Brief. Gustate et videte, quouiam suavis est dominus 429—432 

rX. Brief. Quam dilecta tAbeniacula tna domine virtutum! 432—434 
X. Brief. Kevertere, revcrtere Sunamitis, revertere, rever- 

tere, ut intueamnr te! 434-437 

XL Brief. Audi, fili mi, disciplinam patris tui! . . . . 437 — 439 
XII. Brief. Nigra sum, sed formoaa, filiae Jerusalem, sicut 

tabemaeula Cedar, sicut pellis Salomonis . . 439-444 

XIII. Brief. Absalon, tili mi, fili mi Absaloii, ([uis mihi det, 

ut ego moriar pro te? 444—446 

XIV. Brief. Exultet iam angelica turba celonim! .... 446—451 
XV. Brief. Surge aquilo et veni auster, perfla hortum meum, 

et fluant aromata illias! 451—454 

XVI. Brief. In exitu Israhel de Egypto etc 454 — 457 

XVII. Brief. Quomodo potest cecus cecnm ducere? . . . 457 — 460 

XVIII. Brief. Nemo potest dnobus dominis servire .... 461 
XIX. Brief. Christus factua est pro nobis obodiens usquc ad 

mortem 462 — 465 

XX. Brief. Annunciate dilecto, quia amore langueo . . . 466 — 46H 

XXI. Brief. In omnibus requiem quesivi . 468—470 

XXII. Brief. Estote perfecti! 471—472 

XXIII. Brief. Exivi a patre et v«*ni in niundum ; itenini relinquo 

mundum et vado ad patn?ni 472—475 

XXIV. Brief. Nos autem revelata facie ^loriam domini spe- 

culantes in eandeni iniaginein transformamur a 

claritate in claritatem. tamquain a domini spiritn 475—477 

XXV. Brief. Mihi anteni adhaorere deo bonum est . . . 477 — 479 

XXVI. Brief. Pou<' me ut sionaculum super cor tuum! . . 479— 4sO 

XXVIl. Brief. Cum essem parvulus, loqucbar ut parvulus . . 480- 4H5 

XXVIII. Brief.*) Testament der Minne oder Miiin.reirel . . . 486—494 



li. Predi|:ten 495 r>;i6 

I. Predigt. Lectulus noster fioridus 495- 5( »8 

TL Predigt.*) Miserunt .Tudaei ab Jero»olymi.s sueerdotes 

et levitas ad Johannem, ut iuterrogarent 

eum: Tu quis es? 509—518 

*i Der Asterisk bedeutet, dass die Echtheit des betreffenden :^tiUkf<5 
/Avoifelhaft ist. 



XVI Inhalt. 

Seite- 

III. Predigt.*) Exivi a patre et veni in mundum, iterum 

relinquo mundum 518— 62B 

IV. Predigt. Iterum relinquo mundum et vado ad patrem 529—536^ 

III. Das Hinnebfiehlein*) 537-554 

' I. Kapital 537-543 

IL Kapitel 544-547 

lU. Kapitel 548—554 

Berichtigungen und Nachträge 555—558 

Glossar 569— «28 



Verzeichnis der Bilder. 

1. Zur Vita. 

Abb. 1 (Erklärung S. 3) 2 

Abb. 2 (Erklärung S. 20; 19 

Abb. 3 (Erklärung S. 51) 52 

Abb. 4 (Erklärung S. 65) 65 

Abb. 5 (Erklärung S. 130) 129 | 

Abb. 6 (Erklärung S. 140) 141 j 

Abb. 7 (Erklärung S. 148) 147 

Abb. 8 (Erklärung S. 152) 150 

Abb. 9 (Erklärung S. 152) 151 

Abb. 10 (Erklärung S. 155 j 154 

Abb. 11 (Erklärung S. 195) 195 

a. Zum Büchlein der Ewigen Weislieit. 

Abb. 12 (Erklärung S. 258) 255 | 

*) Der Asterisk beloutct, dass die Echtheit des betreffenden Stückes j 
zweifelhaft ist. 

I 



Yerzeiohnis der Abkttrznng^iL 



= Leben Seiues. 
= Büchlein der ewigen Weisheit. 
= Büchlein der Wahrheit 

J = Kleines Brief bttchlein. 

Bfb ■= Grosses Brief buch. 

= Minnebttchlein. 
r. = Horologium Sapientiae. 

= Deutsches W^örterbuch. 
(i). = Handschrift^en). 
= Jahrhundert. 
= Urtnindenbuch. 

lir oder ALKliM = Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte deH Mittel- 
alters, 
^i^ == Buch von geistlicher Armut, hrsg. von Denifle 1877. 
OL = Denifles Scuseausgabe (1880). 
iep. = Diepenbrocks Senseausgabe (•1884). 

^hut = Pfeiffer, Deutsche Mystiker des 14. Jh. 11 Meister Eckhart (1857). 
•^th = C. Grrith, Die deutsche Mystik im Predigerorden (1861). 
rxer = M. Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, 3 Bde (1872 78). 
;)PH = Monumenta Ordinis Praedicatonim Historica ed. Reichert (1895 ff.j. 
^^T I— ril = W. Freier, Geschichte der dmtschen Mystik im Mittelalter, 

8 Bde (1874 93). 
'eger Briefe- = Die Briefe H. Susos hrsjr. von Proger (1K67). 
•eisrer Vurarbeiteu = P reger, Vorarbeiten zu einer Geschichte der deutschten 

Mystik, Zeitschrift fiir bist. Theologie 1869, IflF. 
»eberg — - K. Strebe rg. Ein Kampf um jenseitiges Leben, liebensbiid eim^s 

mittelalterlichen Frommen (II. Sense) 1HH9. 
tranch, Ad. I^angmann = Die Offenbarungen der Ad. I^. hrsg. von Strauch, 

ifV 26 (1878). 
Inoch, Marg. Kbner = Strauch, M. E. und Heinrich von Nördlingen (1882). 
iriot = Oenvrfrs mystiques du bienh. H. Suso, trad. par Tli. T (J8?^9). 
toer = Th. Vetter, Ein Mystikerpaar des 14. Jh. (H. Sousr und E. SUigel) 1882. 
~ Z^-itsrhrift für deutsches Altertum. 
= Anz^-iger der Zeitschr. f. dt»Qh. A. 
ih = Z**it<ichrift für deutsche Philologie. 



Einleitung. 



— ^«^ ^« . 



II . M- u ■ c, Dentiohc Schriften. 




A. Die einzelnen Handschriften. 



Die deutschen Schriften Seuses sind in sehr zahlreichen und 
»«'( zersirtuteit Handschriften überliefert. Soteeit sich ihre Pro- 
tmem feststeäen Insst. stammen die meisten derselben mis Nonnen- 
Wiiiem, besonders des Dominikanerordens, in Süddeutschland (Elsass, 
Baden, Wärtlendterg, Bayern) und der Schweiz, doch nicht wewiye 
auch aus Mittel- und Niederdeutscfdand; nach dem Osten (Österreich) 
tthniten Seuses Werke weniger gedrungen zu sein. Insbesondere das 
pde» ist im 14. und 15. Jh. so häufig abgeschrieben worden, dass 
jede grössere Bibliothek in Deutschland und in der Schweiz 
mehrere Exemplare daran enthält. Es kann sicJt daher 
bei der Aufzählung noch bei der Benutzung der Band- 
tAriflm um absolute Vollständigkeit handeln; namentlich aus Privat- 
ÜUiothtken »cird noch dies und jenes Manuskript nachgetragen werden 
länwn. Möglichste Lückenlosigkett ist jedoch angestrebt bei den 
Mdtrhandschriften des sog. Exemplars (d. h. des von Seuse selbst 
T*digiiTien Sammelwerks, seine oier Hauptschriften: Vita, Bdew, 
Bda und Kl Bfb umfassend), beim Leben Seuses und beim Gr Bfb. 
Dit in dieser Ausgabe benützten Handschriften sind mit fettgedruckter 
fiißre bezeichnet; von den übrigm sind die meisten wenigstens ein- 
ten worden. Bei der grossen Zahl der zu eneähnenden Manu- 
'ipte musste die Beschreibung so knapp als möglich gehalten werden. 

L Handsehliften des Exemplars. 

A = Berlin, KijL Bibliothek Ms. germ. 'inarto 840 face. 9493), 

'trg. ISO Bl. (die Bl. 84—87 sind au falscher Steile gebunden, 

gehören zwischen fik und (i9) 170 X 215 mm. Lagen von ge- 



Einleitung'. I. Die Oberliefpmng. 



1 



wöhtUich 12 BL, durch schnittlich 33 Zeilen auf einer Seite, von 
einer, sich aber nicht immer gaiiz gleichbleihoiden Hand in da 
zweiten Hälfte des 14. Jh. sorgifältig geschrieben. Dieselbe Hani 
hat nachträglich Korrekturen vorgenommen, dann und tearw, aba 
seltener, auch eine zweite, spätere Hand. Dialekt alemannisch, tooh 
nur ganz leicht vom elsässischen heeinfiusst. Inhalt: das Ejremplat 
vollständig mit Prolog, Bildern und einigen gemalten Initialen (übet 
die bildliche Ausstattung siehe genaueres unter C). Die Kapitel»' 
Überschriften und Anfangsbuchstaben sind rot. BL 1 ' oben am Bandi 
steht von alter Hand (rot): Pater noeter et Ave Maria, d<irunter: 
Gelobt vnd gebenediet sy der werde nameti vosers herren tesn spi 
vnd der lioh gelobten junefrouwe Marien einer mftter eweclicben 
an ende Amen. Darauf von jüngerer Hand (15. Jh., teilweise rer- 
wischt): lESUS MARIA zarter minneclicherherre vnd frunt . . . hertzea 
Amen. Darunter si;hu:arz (14. Jh.): XI bilde. .Im Schltisse BL 160* 
steht (rot): Explicit. Finis adeat vere Echriptor wnit precinm habere 
Die für die Seuseforachwig ätisserst wichtige Hs. — sie ist dh 
älteste Htid beste Hs. des Exemplars und daher dieser Ausgabe zw 
gründe gelegt — hat merkwürdige Schicksale erl^t. Sie stammt aui 
d-er Bibliothek des Johanniter havses zum Grünen Wörth in Straw 
bürg, imtrde, wie ihr Zustand zeigt, von den dortigen mystisch g* 
stimmten Kreisen fiel gelesen und kam bei der Aufhebung d* 
Klosters mit anderen wertvollen Hss. jener Sammlung ') in die Strasf 
burger SladtbibUothek, wo sie wie vorher die Signatur B 139 trufft 
Hier wurde die Hs. von K. Schmidt zu einem Auf säte über Senat 
in Theol. Studien und Kritiken 1843, 835 ff., der auch maneh^ 
Auszüge daraus gibt, benutzt, ferner in den vierziger Jahren dm 
19, Jh. von dem bekannten Germanisten Franz Pfeiffer, der etfM 
Ausgabe Seuses projektierte'), in ziemlich mangelhafter und ungenau«i 
Weise teils abgeschrieben*), teils kollationiert. Pfeiffers Man» 



'> Vgl. darüber J. J. Witltr, Cataiogus Cod. Mt». in InhUothtca eaen 
ordinis UUroaoh/mitati ArgetUorati aseervatoram , SIrtusburg 1746 (uim* 
Stastits. S. 19 unter B 139, doch füUchlkh aU Fapitrh». btteichntt): J, Äad 
gtber, Die htl. Schatte der früheren Strassb. Stadthibliothek 1876, 41 f.', 
C. Schmidt, Zur Ge*eh. ätr älteattn Blbliothtken za SImstburg 1883, ISj 
K. nieder, Dir OottMfreund vom Oberland 1905, 35eff. 

') Übtr di«s( Stint PMiie tgl. K. Bartack in eeinn- Biugraphie Pf*ifftr 
in ,BriefiixfliatI gwisdmn Jos. von Lassberg u. L. Uhland' hrsg. von F. Pfefffi 
1870, XXX f., XLVIl. 

•) Ein Teil der Absehriß ist aUtydingg nicht von Pfeiffer nrlb/ä, sondert 
vnn unbekannter Hand. 



t einzolnen HandBolirift«ii. 5* 

•kfii>lc ') kamen nach eeiium Tode (f 29. Mol 18^) in äü HofbibUotkek 
n Wie» (=Suppl. 2778 [N. S. 208] eMkalteml Vita'), Bdw, 
KIBß. und Sujijyl. 2779 [Nr. 15379; tujL Tnbuine codd. VIII, 
155 f.] enthallend Bdmf, Gr Bfb [)>. imU-r VI], Predigt I und IV 
(•. anter VII], und eiuüje Stacke von Eckhort nach Abuchift «ow 
J. Hfitiptj, ifo sie auch Dtnifie für "eine Aiisgahe heniitzte. Die 
Siiassburger Hs. selbst galt als verloren, da am 24. August 1870 
i"i der Behgerung die Stadfbibh'ofhek in Brand geschossen und zer- 
'lärt trurde. Gross wnr daher die Überraschung, nls Schreiber dieses 
m September 1903 rfns verlorene Manuskript in Berlin wieder ent- 
d«ktf. Eingezogenen Erkundigungen zufolge ist es im September 
ms «US dtm Nachlass Pfeiffers käuflich eiteorben worden. Es 
lifgt die Vermutung nahe, dass der Gelehrte die Ha. zur Benützung 
fntliehen hatte, jedoch starb, ehe er sie zurückgeben konnte, und dass 
tit darauf als sein Eigentum angesehen und verkauft wurde; dass 
man in Strassburg den Verlust nicht bemerkte, ist zwar auffallend, 
"btf dem Krieg konnte die Sache aber uiohl in Vergessenheit geraten. 
tt« Zweifel an der Identität der Hs. kann nicht bestehen: nicht 
nur ist die alle Signatur B 139 anf dtm Rücken des Einbandes 
«och deutlieh sichtbar, sie stimmt auch aufs genaueste mit den 
f^neipten Schmidts und den Abschriften Pfeiffers. Habent sua 
Mit libeUi! 

IL = Einsiedeln, Stiftsbibliothek Ih. i\r.710. Pap. 9 + 232 
■m (Uter Hand numerierte Bl. fol. (208 :- 302 mm), d(rppel>^ltiy 
der Bweiten ') Hälfte des 15. Jh. sehr achün geschrieben, reich 
Miniaturen ausgestattet (s. unter C). Sprache: alemannisch- 
^Kkicdbisch. Inhalf: Bl. 6'^—7'^ Register; Bl. I—XXI (alte Be- 
iißerung} Gedicht von Christus und der mtnnenden Seele (mit 
Bildtni}, da» sich auch in der 1/onaueschinger Hs. Nr. 106 Bl. 1—40, 

') Über «rmm bis jrtst gan£ ungenügend auegtniUiUn und he/ichriebentn, 
He ilt G*9ehiehU der druttchen MyHik trei-tvolltn Naehlasfi vgl. jftzl Otto 
^faofl, Oberlirfrrung und Handselirifttnverhältmn den Traktate« ,Sehfcetter 
JPalf«', Diss. Hau* 1906, 9 f. 

*) liit »r»tr tlätftr dergeiben ist nach der Stuttgarter He. Cod. aseet. I&, 
fr^ith nicht »eilen nachlattig abgrschrirben und nach der Straesliurger Hs. 
i-Hatio^rrt, tiuu iJenifU XX,637 und Zfda XXI, IST nie/it erkannt hrU, in der 
netitn H'ilftt i*t nur da» Strateh. Manutkript kt^ien. 

*) Dmiße XXVIII weist die H». dem Anfang dts JH. Jh. tu, aber die 
TON dtrttlhen Hand geeehriebene Einsiedler Ha. Nr. 3^3 ist im Jährt 1463 
"Mendti (tgl. Vatatogus Codd. tnet. in hihi. Monaiä. Einsiedl. descript. a. P. 
0. iltler I {189.9} 260K 



L 



Einleitung. I. Die Überliefenmg. 

ni K'irWuhe, Cod. St. Georij. Pap. Germ. 91 Bl. 1—80 (ehenfnU» mit 
Bildern), und Überlmgm, Hs. Nr. 22 (= U) Bl. 3-20 findet ');, 
Bl, XXIII"— CLXXXIIII'- das Exmplnr vollstäiidüj mit Prolog, 
von da l/is Schhiss Bl. CCXXIX kleinere asketische und mystisch* 
Stucke (vom christlic/tt-n Lehen, von einem geistlichen Kloster nach 
St. Bernhard, Bruderschaft der ewigen Weisheit im Auszug 
[Bl. Cölt—CCIll], ton vollkommener Demut, von dm Graden und. 
Staffeln iler Geduld, von einem anfangenden, zunehmenden und voll^ 
kommenen Leben «. a.). Die Hs. stammt laut altem Eintrag Bl. 4*" 
aus dem Uominikanerinnenklosier St. Petrr zu Konstanz; 
Vergleich mit Hs. Nr. 383 und 752 ') legt die Vermutung nahe, da» 
sie wie diese von detu reichen und angesehenen Patrizier geschleclii 
der Ehinger — ihr Wappen findet sich in allen drei Hss. — dortt 
hin geschenkt wurde. Auszüge aus den lier Schriften des Exemplar* 
nach K bei F. Vetter, Lehrhafte Literatur des 14. und 15. Jlh, 
2. Teil: Geistliches (= Kürschners Deutsche Nationoüiteratur Xlt^ 
2 [1889]) 109—247. 

R = Hs. der Domkapilelsbibliothek in Breslau, ohne Sigtiatur^ 
Pap. 293 Bl. fol. (220 x 320 mm), mit Bildern, am Ende dlH 
lö. Jh. von Schwester Katkarina Menttellwergerin (Bl.220'*) » 
lieh fiächtig geschrieben. Dialekt: bagerisch. Die Hs. utammt 
dein Dominikanerinnenklosier zum hl. Kreuz in Regensburg, und 
irurd« i'on Kardinal Diepenbrack der Bibliothek des Domkapitels Ht' 
Breslau vermacht. Inhalt: Bl. i™ — 244"* dtis Exetnplar vollständig* 
mit Prolog (vom Bdw fehlen aber die Kap. 3, 4, 6, 7, vom Kl Bß 
Brief 6 und 7); Bl. 244'"— 79'* 23 Briefe des Gr Bfh (s. untei 
VI); Bl. 279 •*—82 -* Zttmtz zum Bfb (393,8—96,5); Bl. 282'*~93* 
Bruderschaft der ewigen Weisheit. 

H= Wolfenbüttel, Herzogl. Bibliothek Cod. 78. ö. Aus 
fol., Pap. 322 Bl., im 15. Jh. (Bd. 322": 1473) in bayerisch«» 
Dialekt von mehreren Händen geschrieben und mit Miniaturen autfi 
gestattet. Die Hs. stammt vermutlich aus einem Nürnberger Klostä 
lind enthält das ijanze Exemplar mit Register, Prolog und den Na^ 
trägen zum Bfb, die Bruderschaft der ewigen Weisheit und da 



') Ein Brucltttück ül in Monet Anziifftr VIII (1839) 334 ff. abgtärudt 
dit AnfSngt ttnd Ühtrsehrifltn aun übet F. VilUr, Das Lehm der Sehtür.ttt 
n> Tßen 19oe, X f. Bttehreibung bei A. Peltter, Deutscht Mystik h 
deutliche Kunst (Studien »ur dtulschen KumtgeschichU H. 31) lti99, 181 f. 

') Betehreibung diuer Hs. bei Simon a. a. 0. .Uff. 

•) Deitifle» Ängnbi- XXVIII f.. da»» das Bdew fehle, ist HfiriehHg. 



Die Giuselnen HaoilBchriften. 7* 

Stunfthenbuch Mersicinf '). beschreihumj in 0. ton Ittiiir iiiuniis 
Kntäog 2. Aht. IV (19fM>) 7. 

f = //(f. der Freihuryer Universitätsbibliothek AV. 45S, 
Pay. 213 bl. fol. (220 x 290 tum) 15. Jh. (Bl. 212'* : 1440), im 
dmanninehschwäbisckem Dialekt, das Exemplar vollsiätidtg mit Re- 
jiiltr, Vorrede, Nachträgen und die Bruderschaft der ew. Weish. 
fntkaltend; früher im Besitz des Fransiskaner-Tertiarierinnenklostere 
a ImiykofeH bei Sigmaringen, dann des Professors F. K. Ories- 
h-ibrr, Hftch dessen Tod (ISfiG) die Hs. »ach Freiburg gelangte. 

H = Hs. der Siodtbibliothck in Nürnberg Cent. VII, DO, 
Pap. 173 Bl. 4' (150x210 mm) mm 15. Jh., in bayerischer 
Mundart; sehr fehlerhaft und ohne Verständnis geschrieben, früher 
dm Dominikaner Konrad Förster von Ansbach zu Nürnberg ge- 
*mj. Enthält Bl. 2^66 Bdew vollständig; Bl. 67—123 Vita bis 
Sr.Uuss von Kap. 44, teils stark gekürzt, teils mit Auslassung einzelner 
Kapitel (z. B. 6, 30, 33, 34, 57 usw.), wofür dann andere ab- 
jäfjlt und mit neuen Überschrtften versehen werden''); Bl. 124 — 3Ü 
Bdic; BL 140—73 25 Briefe, eine Kompilation aus Briefen des 
KldJ Nr.) und Gr Bfh (14 resp. 15 Nr.) mit den Nachträgen 
:m Kl Bß. Vgl. die TabeUe zu VI. 

m = ll8. der Münchner Staatsbibliothek Cgm 819, Pap. 
S46 bl. 8 ". 15. Jh., in bayerischem Dialekt. Der Inhalt ist, von 
im fehlenden Bdew abgesehen, genau derselbe wie in N mit allen 
charakteristischen Eigenheilen und Abweichungen, besonders in der 
yita und im Brief buch; man ist zur Annahtne genötigt, dass ent- 
wdtr Mite Hss. eine gemeinsame Vorlage hatten, oder dass eine von 
der anderen direkt abhängt (wahrscheinlich m von N). Beschreibung 
iir da. in SchmeUeis Katalog 139. Das Briefbuch der Hs. m hat 
H". Preger 1867 unter dem Titel: „Die Briefe Heinrich Susos 
»och einer Handschrift des XV. Jahrhunderts" ediert in der irr- 
limiichen Meinung, darin das endgültige, von Seuse redigierte Brief- 
iuch gefntiden zu haben (weiteres unter B). 

B' = Äs. der Kgl. Bibliothek in Berlin, Ms. germ. fol. f58, 
Pap. 232 Bl., 15. Jh. (ztveite Hälfte), in bayerischem Dialekt, mit 
Bildern, aus dem Dominikanerinnenkloster Allenhohenau bei Wnsser- 
barg in Oberbayern, dann im Besitze Meusebachs. Besteht aus zwei 

>) Ühtr diitet vgl. Strauch in Z/dph 1902, S3il. 

•) htr Schreibt'' htgrUndet »ein Verfahren am Schiuti lies Prologs der 
f'ia: ilocli han ich das pest damn!; gelesen in knrtzen «orten, und SI. 139': 
ptoMum ed fieri per phtra, qitod pnte«t flen per panciora. 




8* Einleituüg. I, Die Übcrliefermig. 

'leilen: 1. Bl. 1 — 85 Heiligenleben, 2'eil eines Pasnionals; 2, 
1 — 147 Vita mit Proloij de^ Exemplars und Bdew, aber ohne di 
100 Betrachtungen. Text spät und umucetiätsig. 

P = Paris, Bibliol/iique nationale. Ms. aUem. 223, Pap. 3U 
Bl. 4". 15. Jh., in alemanninoh~el«ässischeiii Dialekt, aus dem Do* 
minikanerinmnkioster St. Nikolaus in imdis zu Sirassburg stammendi 
Inhalt: Bl. I'-^IOO' Vita; Bl. lOff—lW KlBfb ohne Nr. tl 
{Pone me); Bl. 118' — 24' die Bilder des Exemplars in sehr rohM 
Ausführung mit den Sprächen dazu. Über den weiteren Inhalt dei 
interessanten mystischen Sammelhs., auf die zuerst F. fetter'] 
aufmerksam gemacht hat, siehe die Beschreibung bei G. Hue% 
Catatoque des mss. aliemands de la bibl. nationale, Paris 1895, IStj 
rollständiger und genauer bei Simon (s. o. S. 5* Ä. 1 ) n. a. 0. 27^, 

S = Cod, ascet. 15 der Kgl. Handbibliothek in Stuttgartf 
Jetzt (seit 1901) in der Kgl. Landesbibliothek, Pap. 233 Bl. 4* 
(145x210 mm), von zwei Händen in der ersten Hälfte des 15. JA^ 
schön gesehrieben; alemannische Mundart. Itihalt: Bl. 1' Sprüefn 
eom ersten Bilde; Bl. 2"" —233' Exemplar mit Prolog ohne Bdeit^ 
Die Bilder fehlen, aber der Platz dafür ist freigelassen. Die H± 
war früher im Besitz des Dominikaneriniienklosters Ötenbach be 
Zürich laut Notiz auf der Rückseite des vorderen Deckels von einei 
Hand des 15. Jh.: Dis hdoh iat des cODventz an Ötenbach genl 
{=: gebet es) dur got wider; i.päler kmn sie nach Weingarten (Bl. 1 
oben: Monasterti Weingarteusis 1674). lil. 233' steht (rot): Ga 
(ienkent Johannea ^eye (irohl Verunstaltung aus Seüs) durch go^ 
darunter: Gedenkent durch got Jnngkher DiethelmB von klingen 
dem band wir dis bücb. 

S' = Cod. theol. et philos. fol. 381 der Kgl. Landesbibliothei 
in Stuttgart, Pap. 228 Bl. 210x310 mm, alemannisck-schittäH 
acher Dialekt, zweite Häufte des 16. Jh. (Bl. .39' : 147G, Bi 
228': 1475). Ent/tält Bl. l'—39' das Leben der gel. MargareU 
von Ungarn*), dan sich auch in der St. Gallsr Hs. (>03 (vgi 
Vetter, Viten von Tös VIII), in Cgm 750, in de)- Hs. der Nünt 
berger Stadtbibliothek Cent. VI, 53, und in U (s. S. 9" 
Vetter a. a. 0. XU) findet; Bl. 42' — 220' Exemplar 



') Ei« Mi/stikerpaar (s. S. 97) 57,0I> Anm. 47 and 62. 

<] Tockttr König Bila» /^', + 1271 als Lominikanermnnt. Ihre Vt 
itt von dem Hominikaner Garinu» 1340 eriftust, von gtinen Ordetisgeitott 
JSrg VaHf und Konrnd deultch btarbriM trordm. Vgl. darüber Kaini 
im Ärohiv für öttfrräeh. Otich. 91 (1903) 53 ff.: Riet. Jahrbuch 19o6, HO. 



Die einzelnen Handschriften. g*" 

B^ter, Prolog und Nachträgen zum Bfö, aber ohne Bdew; 

BL220^—28'' Bruderschaft der ew. Weish. S^ ist mit f nahe 
verwandt und hat dieselben zahlreichen Fehler; dem ersten D)'uck 
im li82 lag eine S^f ähnliche Hs. zugrunde (vgl. Denifle in 
Z/da XIX, 350 f.). 

\i = Hs. der Überlinger Stadtbibliothek Nr. 22, Pap. 321 
Kfol. (210x295 mm) in alemannisch-schwäbischer Mmidart, aus 
dm Dotninikanerinnenkloster Zofingen zu Konstanz stammend. In- 
kalt: BL 5'' — 20^ Gedicht von Christus und der minnenden Seele 
h. oben S. 6*); BL 20 *" — 125 *" Exemplar mit Prolog, doch ohne 
Bdeic'); BL lW—25'' 14 Briefe des Gr Bfb (s. unter VI); über 
den iceiteren Inhalt der Hs. (Viten von Töss und Katharinental, 
Lehm der sei. Margareta von Ungarn und des hl. Ludwig, Traktat 
CO» den 40 Myrrhenbiischeln ) vgl. die Beschreibung bei Vetter 
ff. n. 0. X—XIII"). 

n. Handseliriften der Tita. 

Ausser d-en unter I aufgeführten Hss., welche sämtlich al^ 
trtte^i Buch des Exemplars das Leben Seuses enthalten, sind folgende 
nock besonders zu nennen, in welchen sich nur die Vita oder Bruch- 
ftidce derselben finden. 

A* = Hs. der Universitätsbibliothek in Strassburg L genn. 75, 
hp. 142 BL 4 ® (145 x 220 mm), 15. Jh., alemannisch'elsässii<che 
Xundarf, aus dem Dominikanerinnenkloster Unterlinden in Ko/mar 
ftmmend. Enthält BL 2'' — 4"^ den Prolog des Exemplars, BL 4"" 
ktf U2^ die Vita. 

M = Hs. der Münchner Staatsbibliothek Cgm 362, Pap. 
n^ BL, von denen zwei an falscher Stelle {das 25. nach dem 35., 
^» 36. nach dem 38.) stehen, 4^ (145 x 220 mm) vom Anfang des 
^5. Jh. oder vielleicht noch etwas früher, ziemlich fiüchtig 7nit teil- 
fciw fiark verblasster Tinte geschrieben, in alemannisch-schwäbischem 
Kffteti; enthält die Vita in ganz eigener, von den übrigen Hss. ab- 



^ Die Sehreiberin begründet Bl. 90 r die Auslassung damit, dass das 
*•■ ^»onst als trohl und gut gescJirirlen'" in ihrem Kloster vorhanden sti. 
" ^ Tat gind zwei Exemplare des Büchleins aus dem Zojinger Kloster noch 
**^ (#. unter III F"^ und K\). 

*) Die ebenfalls das Exemplar voraussttzende Kolmarn- Hs. Nr. 2ii(i {sie 
'^ ia9 Bdw und Bfb als 3. U7id 4. Buch ein) wird unten unter IV auf- 



lU* Einleifoing. I. Die Überüefcruug. 

weichender Rezension, worüber unter B ausführlich zu himdtln ia 
Bl. 1 ' steht oben : assit prinoipio eaDCta maria meo. Item der wndfl 
sves; uiilfn am Bande von späterer Hand: das bftch von dem (liene 
der ewigen wizhayt; Bl. 73'' unten (hei Kap. 38): ich han den 
eysseti lieb vod hertzen. Vi/l. auch die Beschreibung der Hs. durch 
'Strauch in Äfda IX (1883) HO. 

Vollständiy, aber in ziemlich verderbter Form enthalten den 
'iWt der Vita auch Cgm 4374 Pap. 4" 15. Jh. Bl. 1—129 (v(4. 
SchmeUers Katalog 449) und die 1596 geschriebene Hs. d^r Uni- 
eersitätsbibliothek in München Hr. 146. 

Nur im Auszug von Kap. 1—44 und zwar ganz in der Ä* 
sension der oben angeführten Hss. N und m ßndet sich das Leb«» 
Seuses in folgenden drei Hss. : 

Ms. Theol. 133 der Göttinger Universitätsbibliothek, Pap, 
167 Bl. 15. Jh. in mittelfränhschem Dialekt (vgl. W. Megerf 
Katalog II, 3G3); Hs. der Stodtbibliotfiek in Mainz, ohne Signatufi 
Pap. 15.116, Jh., ebenfalls in mittelfränkisc-hem Dialekt (Beschreibung 
von F. W. E. Roth in Zfdph 26 [1894] 67 f.); Wien, KaUen 
HojUbliothek Nr. 3022 Pap. 236 Bl. 4" 15. Jh., niederrheinise, 
(den iceiteren Inhalt der Hs. in Tabulae codd. II, IdO und Öt 
Hoffmann von Fallerslcben, Verzeichnis der altdeutschen Hut 
der Hofbibliothek zu Wien 1846, 346). 

Eine Anzahl von Hss. ') endlich enthalten Bruchstücke d«\ 
Vita: Berlin, Ms. germ. oct. 69 (s. unter VI) Bl. 135—4$ 
264^73: Kap. 49 und teilmise 50, 11, 12, 8; (iättingen, i^ 
Theol. 292 Bl. 55, 131—36 : Kap. 49 und teilweise 20 ( W. Mty« 
Katalog II, 472 ff.); Kolmar, Stadibibliothek Nr. 268 Bl. 174-7$ 
Kap. 9 (vgl. Bartsch, Beiträge zur Quellenkunde der altdeutschel 
Literatur 1880, 314): Milnchen, Cgm 455 Bl. 1—6; Cgm 45i 
Bl. 64—70 und Cgm 457 Bl. 318—23: Kap. 13; Cgm 531 /o| 
Bl. 116—24: Kap. 1—9; Muri-Gries, titiftsblblioihek Cod. 10^ 
157 Nr. 104, Pap. 16.117. Jh., enthaltend Kap. 1—33 und im Am 
zug 40—49; Stuttgart, Cod. theol. et phil. od. 19 (vgl. unter VI. 
Bl. 61—64: Sprüche aus Kap. 35; Cod. a.-<cet. 203 Bl. 10t, 
176-82, 191 f.: Kap. 6, 49, 35. 

Nach K. Schmidts Angabe in Theol. Studien und Kritikü 
1843, 865 Amn. befanden lich in der 1870 verbrannten Hs. dt 
Strassburger StadtbihHothek B 146 Teile der Vita. Eine Hi 

ü aiigrfirhrii dem l.'i. .Jh. angtMrtnA 



Die eitueliia» IIitui]»chrifteii. 

Pnvalbesiiz (Dr. Karl Widmann), Pcr.j. und I'fi/i. lü. Jli. 
'p4m, i-tneichtiel K. Roth, Deutsche Predigten dc^ 12. und 13. Jh. 
, 3 Anm. 

m. Handscliriften des BfieblelnH der ewigen Weisheit. 

Dit Zahl der llss. des zweiten Buchen Scuses iat Legion. Keine 
im Gebiet der deutschen Mystik aiigehörige Schrift wurde so uft 
kopiert und go viel gelesen. Bei diesem Btwhe ist ma» daher auch 
m der gtückÜcken Lage, eine Ansa/d alter Pergamenthss., die in 
die Zeit Sevses selbst zurückgehen oder ihr wenigstens nahe steheti, 
iur Verfügung zu haben. Von ilen unter I aufgeführten Bss. des 
Krtmpltirs ist das Bdew in A K K \V f X B ' enthalten, oon 
di»m aber nur A und K zur Rezensierung des Textes verwendet 
Wrden sind. Ausserdem sind zu nenneti: 

l=Hs. der Stiftsbibliothek zu Engelberg Nr. 141, Perg. 
113 Bl. 4" C118-Xlt>6 mm), 14. Jh., nlemannischer Dialekt. Be- 
ickmibung bei B. G ottwald, Catalogtis cudd. mss. in bibl. monast. 
Engtlb. 1891, 144. Die Kafiitdilberschriften utid initialen sind 
rot; die Hs. ist von einer alteren gleichzeitigen und eimr jüngeren 
Band des 15. Jh. nachkorrigiert wurden, von lezterer zienäich will- 
käriieh. Leider fehlt etwa ein Drittel des Bdew: der 2. — 5. Sextern 
int eoüständig verloren gegangen, i'on dem ersten sind nur zwei 
Blätter übrig. Inc. Bl. 1'' : enwoltest dv (202,12), Schluss Bl. 2": 
Itificegen ergie (204,3); Bl. S"" beginnt: gerent doe dv frümelichen 
i'24ii,26>. Das Manuskript stammt aus dem Benediklinerinnen- 
läufter St. Andreas zu Samen, das sich bis 1015 in Engelberg neben 
•lfm dortigen Mönchskloster befand. Auf der letstett Seite stehen 
wi zwei verschiedenen Händen eine Reihe von Einträgen, von denen 
iii für die Geschichte der Hs. bedeutungsvollen aufgeführt seien: 
Ueben geiBÜichen frowen gedenkent ouch min Jo. frikers des alten 
äohribers von lucern der vch da half singen dur got. Datum circa 
Verene ( 1. Se/zt.) Anno domini MCCCLXXVIII ". Weiler unten 
i(«i älterer Hand, welche mit der ersten korrigierendrn identisch ist: 
Gedenkent dvr got. S. f'= Swester) Elyzabeten Btaglin ze t6z in dem 
feloster vnd ir vater Rödolfes Margareten ir mftter vnd drier ir 
brfider . fridrihes . otten . vnd Riidolfes. Gedenkent 5ch eines bröders 
Ines brüder iobana von Rauenspurg von dem man vcb den mergten ') 

') Gottwtld a, a. 0. liest meDst«ii, re hin»» aber Steher mcrstea, woraus 
iIm niUert Hand meyrten gemacht hm. 



n 



12* EiuleituDg. I. Die Dberlivl'emat'. 

teil an dis Buch gab. Aus der letzteren Notiz yeht hervor, das» i 
Hs. aus dein DomimkanermnenUloster Töss stammt und in irgen 
welcher Beziehung zu Seuaes geistlicher Freundin, Etsbeth Stagtl 
die „mit solchem Fleisse und göttlichen Treuen hehalfen war", sein 
Büchlein zv „vollbringen", d. h. abzuschreiben ( Vita 109, 6 f.) 
gestanden hat, sei es nun, dass sie dieselbe selbst schrieb^), oda 
wenigstens durchkor rigierie. Die Notiz über den „Bruder" d. 
offenbar Dominikanermönch Johann eon Baoensburg^) will in ihn 
zieeiten Teile wo/U besagen, dass aus einer von diesem nach TSt 
gemachten Stiftung die Kosten der Herstellung der Hs. zum grösstt, 
Teil bestritten wurden. Später kam dieselbe in den Besitz 
Luzerner Stadtschreibers Johannes Friker'), der sie 1378 ; 
Engelbery schenkte. Als älteste aller Seusehss. hat sie auch Jetzt noä 
hohe Bedeutung. 

t' = Hs. derselben Bibliothek Nr. 153, Ferg. U7 



') Bits is( Denißee Anntihmr. (305 A. J). 

'') Ed lausen sieh mthrn-e Johattnee von Raptnshnrg nachweiset 
Der fine, Sohn de* Schuhmachers Htinrich von Üaransburg, var Katar m 
llofschreibrr def BiicIwfM Nikolaus 1 von Konstant (1334— 4t ), Laie, und sta 
vor 1380 (i)yt Hegesta »pisenporum ConstitntitHsium II, 171, 193: PA. Ru_ 
perl, Die Clironihen der Stadt Konslam 1891, 45 ff.). Ein andertr, au» A 
liavenebvrger Palrititrgeschleeht äti- Hunlpis { Uttmpiss) slammtnd, Prirtter u 
Chorherr am Kollegiatstift Mänsttr (Beromüneter im Kanton T.uttrnI, iet i 
bunälich zwischen 1340 und 1369 lu htlegen {Geschichtafreund XXXII, ISoM 
XXXIV, 352; X, 90: V, 199: dominus Joh. de H.: Heu. ep. Comt. JI, 3i 
fi. 6767, vgl. n. 5994). Doch handfit es sich walimcheinlieh um keinen i 
dieem beiden, da die Btteichnung Srudfr" doch ico/il auf eitieti Mönch, d.1 
hier einen Dominikaner hinwii»t. ils ist daher wa/trscheintieh Johanr 
Raretulnirg, atanfiaeher MinisteriaU und Herr tu Löwental (bei Friedi-iehshafa^ 
gemtini, der l'JfiO ia das Dominikanerkloster Konstant eintrat (FrÜb. DiöKi 
Archiv 1901, 31, 47 f.i und ewtschtn läüO und 1204 bei licchtsgeechllften 
tilgender KonnsTiklöster Stints Ordens oft als Zeuge ersehrint {Reg. ep. Const. J 
301 n. 1704: Wirt. TJrk.-Buch V, 181, 213, ::i.% 285, 398, 301, 360; V. 
ISH: Zürrh. L'rh.-Bueh Hl, HIB, 346). Sein Name ist in dem Kalendarim 
eines iJaminikaaerinnenkltister (in Konstant oder TSss?> au» dem 14. Jh., i 
der Kinsiedler Hs. Nr, 623 Bt. 6', am äO. April eingetragen. 

') Joh. Friker de Brugga iBrugg, Kanton Aargaul ist als noiariue « 
Lutertt öfter» betrugt; tr vertiehtele 1378 aufsein Amt, nachdem er es 17 Jaht 
verwallet und tag sieh ~in den Hnf auf die T.aiimpfrilnde" (irohl am 
kermatift tu Lutem) turitck, starb am 34. Februar unbekannten Jahres (Q 
schichtefreund II, 136: IV, 222: XXII. 154). Er »ehrieb auch die Engt 
herger lls. Cod. memt'r. 1S5 und schenkte sie 1380 dem Fraaenkloster i 
Kngelberg (Goltwald, Catalogtig ViSf.; M'. Wackernagel, Aitdtutea 
Predigten und Gebete 187(i, 390). 




r>ie einzelne» Uanil^chriften. 



13* 



(/. 101 fehlt) 8" (83x12<) mm) 14. Jh., zweispaltig schön i/e- 
triebe» in alemannischem Dialekt, mit gemallen Initialen, ebenfalls 
dem Frauenkloster Engelherg-Sarnen. Die Hs. ist vom Miniator 
ausserdem von einer späteren Hand dunhkorrigiert worden. Der 
(325, 18—28) fehlt. Vgl. auch Gotitoald n. „. O. 149. 
f = Hs. der Freihur ger Universitätsbibliothek Nr. 474, 
i'trg. 223 BL 8" (77 >c 120 mm), 14. Jh. alemannisch, am Gries- 
habere Vermächtnis. Zwischen 212 und 213 fehlt ein Blatt. Ent- 
hält Bl. l'—223' Bdew; 223'— 28' Gebete m Maria, die aber 
States Stil nicht eerraten, vgl. Denifle 5<iO A. 5. Die Hs. ist von 
Fnaz Pfeifer in Stuttgart 28. Dez. 1842—10. Jan. 1847 ab- 
jtsehrieben und mit der Sirassb. Hs. B 139 koUntioiUert worden; 
it Kopie ist jetzt in Wien, Cod. Vindob. Suppl. 2779 BL 1-149 
(>. oben S. 5*). 

F' = Hs. des Krzbischö fliehen Archivs in Freiburg i. B., ohne 

Mgtutur, Pap. 13t} Bl. 4" ( 148 >^. 202 mm), Anfang des 15. Jh., 

Hnisch-schifäbisck, am dem Dominikanerinnetikloster Zofingen 

'i.cAenS.9* A. t). Bl. J*"— /a' Bdeu) ohne Vei-mahiung an die 

•hreiher; Bl. 72' — 75' myst. Gedicht: von armfit des gaistes 

^iatutbt bei Tauler 1543 f. 332', in Cgm 447 und 455, in Cod. 

■Ol. ijervu qtiart. 191 Bl. 170^71); Bl.75'-—133' mgst. Trtik- 

(Inc.: Es ist ze wissest daz in der sei obrosten vemunft . .; 

ron Interm leben; Bl. 90" — 102'' deutsche Stücke unter 

iniichen Überschriften : de resurrectione tnaterie hominie, de oom- 

pontiooe hominiB, yirginitaa, novitas vite usw.; Bl. 108'' Maiater 

Bggbiirt sprach Cristus mag Dtt eopfaDgen werden in des men- 

tAm eel . . .)' 

f- = Ifs. desselben Archivs, ohne Signatur, Pap, 191 Bl, 8" 
(100x^148 mm), 15, Jh., alemannisch-schwäbisch, ohne den Epilog 
«I die Abschreiber, ebetifalle aus dem Zofinger Kloster. 

H = Hs. der Universitätsbibliothek in Seidelberg, Cod. Pal. 
Stm.446, Perg. llO Bl. 4" (130^170 mm). 14.115. Jh., ale- 
manni.*chschKäbisch, geschrieben von Conrad von Wynsperg (Bl. 1 10 '). 
ifw-hreibung in K. Bartschs Katalog 188?. 139. 

Z~Hs. der Stadtbibliothek in Zürich C 172 (früher726), 
146 Bl. 8° (90,-125 mm), 14. Jh., aUmmniach: drei 
mer (zwischen 8 uml 9, 19 und 20, 66 und 67) fehlen. Die 
hat »ehr guten Tcxf und namentlich die Vdterzitate am Bande 
tMsländigsten, eine spätere Hand hol Korrekturen, die leicht er- 
ibar und ohne besondere Bedeutung ^itd, angebracht. Auf der 



14* EinlottuDg- I- riie flicrlieferung. 

Rücksäte den vordereii Deckels steht: dis bflcli ist des conventen | 
ättenbaoh. gebend es durch gott wider (vgl: oben S. 8*). 

Zu den beachtenxwerlen alten Hss. des Bdew {sämtlich Pety.j 
gehören ferner folgende: Äarnu, Kniilotisbibliotheh B 98. 
14. Jh., ohne die 100 Betrachtungen, aus dem Frauenkloster Hennetsek 
ivffl bei Muri; Maihingen, Fiirstl. Öttingeii-WalUrstein. BibU» 
thek HI 1. 8" 1. 154 Bl. eon 1408, am dem Kloster Kirchhä» 
im Bies; München, Cgm 174, 124 Bl, 14. Jh.; Wolfenbätt^ 
Cod. 67. 9. Aug.. 184 Bl. 8" 14. Jh., Bl. 2'-— 130' (»gl. v. HeiHi 
manns Katalog IX, 134); Zürich, Kantonsbibliothek Cod. 14S> 
131 Seiten 8° 14. Jh. aus KloKter Bheinau, unvollständig (Kap. 
bis 15 fehUn). 

Die Papierhss. de.< Bdew aus dem 15. Jh., soweit bekam 
seien summarisch aufgezählt: Berlin, Ms. germ. quarto 173 £S 
2—148: 194 Bl. 3—105'); 1121 Bl. 1—131; 1135 Bl. 7—10, 
(aus dem Kloster Buxheim); oct. 379 ( unvoUstandig ). An^efO{ 
SM Ms. germ. fot. 1155 Bl. 1—71 aus dem IH. Jh. — Ber 
Stadtbibliothek (vgl. F. Vetter in Germania 1877, 357). — Bresla 
Universitätsbibliothek Hs. I 8" 27 von 1402 (vgl. Anzeiger f. Kun\ 
der dtsch. Vorzeit I [1832] 282), — Eichslätt, Seminart 
hibliothek (nach gütiger Mitteilung von Prof. Dr. Schlecht in Freising^ 
- Einsiedehi Nr. H23 und 708 Bl. 122— 1>4. — Engelber 
Cod. 340 (Gottwald a. a. 0. 240). — St. Florian, SHfk 
hibliothek Cod. XI. i^ß Bl. 57—146 (rgl. Czerngs Katalog l&Tl 
114). — St. Gallen, Stiftsbibliolhek Nr. 961 und 995. — Goth 
Hm-zogl. Bibliothek Cod. 138^ Bl. 127^70 (am St. Klara in Nüm 
berg). — Heidelberg, Universitätsbibliothek Cod. Pal. germ. ^ 
Bl. 1—81; Cod. Pal. germ. 474 Bl. 1—77 und 570 Bl. 1—lOi 
(vgl. K. Bartsch« Katalog 9 ff., 144, 154). — Kalmar, 
coangel. Pf arr hibliothek Nr. 321 Bl.11—123 (beschrieben im Jahr 
buch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsass-Lothringens XQ 
[1903] 20 ff.). — Konstanz, Gymnasialbibliothek Nr. 29 a 

•) Enthäh Bl 199'-— S12^ das Leben de» ««ligin Ehbeth van BemU 
lüttrtr, Mtmtrläasigtrar Vrrsion (aUmantütehl, als der von Birlinger in A 
mannia IX, 376 ff. X, Slff. ISS ff. aaeh einer Strtu&hurger und Inndm^ 
Ha. eilitrte TtJ't. Ich gedmke e» in Bdidt nach diestr und der Maihinfft 
Ht. HI 1. 4" 8. Bl. ari4—301 mitzuteilen. In der Berliner Hs. Hfhl Bl, S13—i 
Mermeine Bearbtitung von Ruyshroek» ,Zierde der gtisiUchen Hochxeit'. Still 
aus dem Bdew hat Bormann in v. d. Hagenn Germania II, 173 ff. « 
iiirtntlieM. 



Die eiiiaelneii Handucliriften. 15* 

dm Konstamer FVamiakanerkloskr. — Maihingen III 1. i° 

Bl. 193—304; 1. i" 25. itus Kloster KircJüie'm. — Mainz, 

SminarbibliotJtefc zwei Hss., beschrieben von F. H'. E. Roth in 

Otmattia 1892, 283 f.; die oben S. 10* eriräknle Hs. der Sladt- 

hibliitthdc in Mainz enthält im ersten Teil dwi Bdew ( alemannisch ) 

m Uli. — Melk, Stiftsbibliothek Cod. 72 Bl. 1—174 und Cod. 

17S Bl. 1 — 281, beide in bayerischer Mundart (vyl. Catalogus codd. 

m.in bibl. mun. MeiUcemis I [1889] 142 ff., 258). — Die StaaU- 

läbliothek in München zählt ausser dem oben angeführten Cgm 174 

wirf abgesehen non den kleineren Bruchstücken noch zwölf Hss. des 

BSchleins: (gm 352 Bl. 1—96; 403 Bl. 106—71; 405 Bl. 1—106 

nw Wessobrunn; 406 Bl. 59—153; 746 Bl. 127—234 aus Tegem- 

m; 759 BL 1—102 aus St. Ulrich in Augsburg (vgl. Strauch 

in Zfdph 1903, 236 f.); 765 BL 114—240 aus Fölling; 820 

Bl 1—146; 3900 foL BL 27—09; 4275 unmllständig; 4308 aus 

\im 17. Jh.; Clm 15604 BL 218 ff. awi Kloster Rot am Inn. — 

EXürnberg, Sfadtbibliothfk Cent. VI, 43" BL 122—85; Cent. VI, 

wSI Bl 1 — 248 iius dem Dominikanerinuenklosler St. Kathwina in 

KSirnbtrg, alte Signatur Iv (vgl. den Bibliothekskahdog des Klosters 

Waü Jostes, Meister Eckhart und seine Jünger [Oollectanea Fribur- 

PfiNÄo IV] 1893, 133); Cent. VI, 85 BL 1—131. — Paris, 

f Bibliothi'jue nationale Ms. allem. 303 (vgL Huet a. a. 0. 138).— 

ft*th, Ungarische Landesbibliothek Cod. germ. 15 bezw. 14 in 12° 

\ ftgi. A. Hartmann, Deutsche Meisterliederhss. in Ungarn 1894, 2). 

I - Prag. Univer.iitätsbibliothek Cod. XVI G. 25 Bl 225—343 (vgl 

I Sn-opeum 1859, 56 f.). — Baigern bei Brunn, Stiftsbibliathek 

\Mi. TheoL 360 BL 4—121 aus dem Kloster St. Katharina in Nüm- 

■in^ (vgl. Neuer Anzeiger für Bibliographie und Bibliotkeksrnssen- 

m^ftimi, 353 ff.). — Stuttgart, Kgl. Landesbibliothek Cod. 

Bwfl. et philos. fol. 19 Bl. 1 — 47 mit einem gereimten Eingang in 

mli Zeilen von dem Schreiber: aoh h&eter vatter Jbesu Crist . . . 

Wtgl. K. Bartsch, Beiträge 366); 4" 57 BL 1 ff.; 4" 98 BL 28 

Kit 80, beschrieben von K. Helm in seiner Ausgabe lies Eeangelium 

^icorfewi, LH. Verein 224 (1902) IX. — Wien, Bibliothek des 

peWtenrti/fci .Vi-. 57 Bl 84—180 (vgl. Hübler, Catalogus codd. 

fm9, 58 ff.); lioßibliothek Nr. 2974, nicht vollständig (Tabula^ 

eod. tte. II, 165). — Wärzburg. Uniiersitätsbibliothek M. eh. 9. 

f7 (rgi. Archiv des hist. Vereins für den üntermainkreis IV, 3, 

m). — Zürich, Stadtbibliothek Cod. C 108* Bl 1—122. 

Nach der Vorschrift Seuscs in seiner Schlussermahnung an die 



16* Einleitung. I. Die Überliefenmg. 

Abachreiber (325,22 f.) sollten nur die hundert Betrachtungen aus 
dem Bdew gesondert abgeschrieben werden dürfen. Trotz der dem 
Zuwiderhandelnden angedrohten göttlichen Rache finden sich doch in 
sehr vielen Hss}) Bruchstücke des Büchleins^), so in den fol- 
genden: Berlin, Ms. germ.4'' 125 Bl. 25—26; 8 ''42 Bl. 43—60; 
8^ 69 Bl. 194-200; 8« 364 Bl. 115—28. — Büdingen, Fürsü. 
Isenburgsches Archiv 4 Bl. Perg. 14. Jh. (vgl. Zfda X [1856] 
290). — Einsiedeln Nr. 645 Bl. 16—69, 16. Jh. — Engtet- 
berg, Cod. membr. 94^ Bl. 8 — 9. — Frauenfeld , Kantons- 
archiv Hs. Y 80 Perg. 14. Jh. (vgl. Katalog der Thurgauer 
Kantonsbibliothek 1887, 489). — St. Gallen, Stiftsbibliothek 
Nr. 955 S. 251; 982 Bl. 127—67; 986 S. 135—63; 1142 S. 490 
bis 624. — Göttingen, Ms. Theol. 292 Bl. 231—32. — Heidel- 
berg, Cod. Pal. germ. 617 Bl. 273—85; Cod. Salemit. IX, 16 
Bl. 36—38. — Karlsruhe, Cod. St. Georg. Pap. Germ. 91 Bl. 30. 

— Kloster7ieuburg, Stiftsbibliothek Cod. 1226 Perg. 14. Jh. 
Bl. 26—29 (vgl. Anzeiger f. Kunde d. dtsch. Vorzeit 1861, 310 ff.). 

— Kolmar, Stadtbibliothek Nr. 268 Bl. 174—76. — Krems- 
münster, Stiftsbibliothek Cod. VI. 184 (vgl. J. Bach im Theol.. 
Literaturblatt 1868, 210). — München Cgm 58 Perg. 14. Jh^ 
Bl. 206^8; 215 Bl. 166—97; 354 Bl. 139—46; 412 Bl. 1—29; 
437 Bl. 101—6; 488 Bl. 1—28; 831 Bl. 56—63; 843 Bl. 125—30; 
4880 Bl. 261—69. — Muri-Gries Cod. 239 Nr. 103 Bl. 1—6, 
10—11. — Nürnberg, GemMn. Museum Nr. 18525 Bl.98—13ff. 

— Stuttgart, Cod. theol. et phil. 8^ 19 Bl. 34—44; 8^ 24 Bl. J/". 

Besonders häufig wurde das 21. Kapitel des Bdew: Wie 
man sol lernen sterben etc. separat abgeschrieben — meist von 
280y7 an — und mit eigener Einleitung als Sferbebüchlein verbreitet *) 
so z. B. in folgenden Hss.: Dresden, Kgl. öff'entl. Bibliothek 
M 277 Bl. 89—106 (vgl. Schnorr von Carolsfeld, Katalog II, 
516 f.). — Heidelberg, Cod. Pal. Germ. 105 Bl. 76—90. — 
Karlsruhe, Cod. St. Georg. Pap. Germ. 97 Bl. 7—33 (von 1560). 

— Maihingen 111 1. 4' 23. Bl. 284—96; 1. 4"" 32. Bl. 80—90. 

— München Cgm 234 Bl. 177—22; 622 Bl. 156-62; 763 
Bl. 37-44; 835 Bl. 56-^74; 841 Bl. 72-89. — Nürnberg, 
Stadtbibliothek Cent. IV, 36 Bl. 152-58; VI, 43''; VII, 88. 

^) Wo nicht anders bemerkt sind es Papierhss, des 15. Jh. 
') Besonders häufig Kap. 13 über das Leiden. 
^ Vgl, die Anm. zu 278^20. 



Die einzelnen Handschriften. 17* 

Von der Erlaubnis, die hundert Betrachtungen, welche 
den dritten Teil des Bdew bilden, separat abzuschreiben und zu ver- 
Mm (325,23), wurde reichlich Gebrauch gemacht ^). Sie finden sich 
in folgenden Hss,: Bamberg, Kgl. Bibliothek N. 178 Ed. Vlll 
BL50—1OO (15.116. Jh.). — Engelberg Nr. 155 Perg. 14. Jh. 
BL 9 — 23. — Freiburg, Universitätsbibliothek, Deutsches Gebet- 
buch 15. Jh. S"" BL 37 ff. — Karlsruhe, Cod. St. Georg. Perg. 
G&rm. 41 Bl. 15 ff.; Cod. St. Pet. Pap. 9; Cod. Licht. 37 vom 
IL Jh. (nur der Anfang); Cod. Licht. 99 ; Cod. Wonnenth. 16 
tmie. Jh. — Kolmar Nr. 271 Bl. 25—38 (aus Unterlinden). 
-- Maihingen III 1. 4"" 5. Bl. 137-^43; 1.4^ 4L Bl. 250—58; 
18' 12. Bl. 155—88. — München Cgm 455 Bl. 126—48; 763 
Bl.69—75; 851 Bl. 1—17. - Nürnberg, Stadtbibliothek Cent. V 
App. 81 Bl. 23—39; Cent. VI, 86. 



Die bisher angeführten Hss. des Bdew sind sämtlich in hoch- 
ifutschem Dialekt geschrieben. Bas Erbauuungsbuch war aber auch m 
Mittel- und Niederdeutschland nicht weniger beliebt und 
abreitet und wurde namentlich im 15. Jh. sehr oft ganz oder 
teilweise abgeschrieben. Eine Hs. in mitteldeutscher (hessischer) 
Mundart, Perg. von ca. 1400, aber nur fragmentarisch erhalten^ 
findet üich im Fürstl. Hohen zoller nsc/ien Museum zu Sigmaringen, 
fl«. W (vgl. Lehner, Verzeichuia der Hss. 1872, 21); ferner zwei 
^okhe zu Gi essen, Universitätsbibliothek, Cod. 778 Bl. 2—216, 
firg. 14. Jh.; Cod. 852 Bl. 22 — 94, und eine in der Bibliotheca 
PhiUippica zu Cheltenham Nr. 647 Bl. l—()7 (vgl. U, Priebsch, 
l^eutsche Hss. in England I [1896] 60 f,). Zahlreiche nieder- 
deutsche und niederländische Hss. des Bdew oder von Teilen 
^tmlben in Amsterdam, Ebstorf Flensburg, Greifswalde, 
^ftngy Hamburg, Hildesheim, Kopenhagen, Münster, 
^Idenburg^ Osnabrücky Rostock^ Upsala, Wolfenbüttel 
^ftschreibt sehr sorgfältig Borchiing in seinem 1. — 3. ^ Reisebericht^ , 
^'(ichrichten der Göttinger Geselli^chift der Wissenschaften ^ Beiheft 
^^08, 85, los, 127, 178 f., 243, 254 ff., 289, 299, 309, 315; 1900, 



') Dies geschah besonders unter dem Titel: yKurs oder Tagzeiten (nd, 
9ffiden) von der ewigen Weisheit, mit Verteilung der Betrachtungen auf die 
fintdnm Tage und Hören, tote auch hei Diepenhock* 416 ff. 

FT. Senn«, Dtfutich« Sohriften. 2* 



18* Einleitung. 1. Die Überlief er uug'. 

26. 38, 40, 127, 158, 175, 194; 1002, 44, 85, 214 '). Dazu Jtornm. 
noch folgende: Berlin, Ms. geitn. fol, 76; qttttrto 172 Bl. 1 — Sf 
553 Bl. 1—63; 1253 Bl. Iff.; oct. 340 Bl. 1—147 aus der Am» 
waldtschen Sammlung (vgl. Jahrbuch des Vereins für nd. Sprach 
forsckung 1883, 132 f.); 349 Bl. 12—16 (vgl. Jahrbuch a. a. 0.)_ 
380 BL 1—26; 393 Bl. 50—87. — Bonn. Universitäts&iblwthi 
Cod. 390 vom 16. Jh. — Brüssel. Kgl. Bibliothek Nr. 2841 
(vgl. Jahrbuch a. a. 0. 132 Anm. 2; ebd. ist eine Leidener Hs. dt 
16. Jh. mtiert). — Cues, Hospitaibibliolhek M 115 Bl. 1—67 
(Beschreibung unter V). — Darmstadt, Grossherzogl. Bibliothtk 
Cod. 1847 Bl. 71—155 (vgl. unter VI); Cod. 1956 (vgl. Germania 
1887, 343). — Greifswald, Ms. theol. N. 8 Bl. Gl~86 
14. Jh. — Heidelberg, Cod. Träbner 44 Bl. 49 ff.; 1474 Bl.74 ff, 
— Sigmaringen, Fürstl. Museum H". 45, 48 und 49, alle de» 
Perg. vom 15. Jh. 

Zum Schlosse sei noch auf einige verlorene hezw. verachoUm 
Hss. des Bdew hingewiesen. Die verbrannte Stadtbibliothek in Straw 
bürg enthielt deren mehrere, vgl. Witter l. c (s. oben S. 4* Ä. 1) 19 f^ 
unter B 139, 140, 147, 148; G. Hänel, Catalogi liborum mss. 1830, 
468 f. und K. Schmidt in Theol. Stud. und Kritiken 1843, 851 
Weitere Notizen im Zentralblatt für Bibliothekswesen 1900, 421 ut 
in Germania 1886, 336 f. Auf ,Catalogue ofthe libranj of Dr. Kloa 
of Franckfoii a. M.' 1835 verweist Strauch, Äüg. deutscfie Biogr, 
XXXVn, 179 (vgl. ders.. Marg. Ebner XVII, Ä. 2). 

IT. Handschriften des BOchleins der Wahrheit. 

Die oben aufgeführten Hss. des Exemplars AK H ÜfytntiS* 
enthalten auch das Bdw ; sie sind alle ausser BW und m für diiS{ 
Ausgabe herangezogen worden. Abgesondert findet sich dieses Back 
lein, dti« wegen feines schwerverständliche», Inhalts nicht so häu^ 
abgeschrieben irurde wie die Übrigen Schriften Seuses, in folgenden Hss,. 

B= Berlin, Kgl. Bibliothek, Ms. germ. quarto 191, Pap\ 
und Perg. 398 Bl. (150'K220 mm), 14. und 15. Jh., ans Dam 
Sudermanns^) Besitz, früher in einem Strassburgei- Kloster; i 



') Zu beachten iatwas B archUng, 1. Reisebericht ISOsagt: 
aas den Werken Seine« sind tcohl häufiger, als man annimmt, unter den (wr 
schitdeiieten Titeln versleckt." 

'') Sadtrmann ist geboifn am 3i. Februar löBO eu Lattich, war tangi 
Jahre Hofmeiittr bei verschitdmten Grafen und Herren in Deiüsehland, seit ISS 
in Slrain-hur^, wo er nacli /Ö.7 J slarh ; Schrenh/eldlann; gfintlicheT LitderdichtU 



Die eimeliiL'n UandBchrifteii. 19* 

lm*.-'nnte, von mehreren Hunden geschfiebetu mystische Sammdks., 
dertn eimelw Släcke (I — XLVIII rot numeriert) erst später ^M- 
Mmmeni/ebundfn teiirdtn. Mundart: nlemanntsch-elsässigch, Haupt- 
inhalt: Bl. llr — llS' Predigten und Lehren von Bruder Heinrich, 
Btichtiger zu Schönernteinbach ( JJotnimkanerinnenkloster im Elsass); 
hl. 115' — 18^ von dem Sterben des Genannten, au/gezeichnet durch 
mnm Nachfolger Johann von Mentze*) (Mainz); Bl. 132^—202' 
Prtdigten und Traktate von Tauler, Eckhari, Heinrich son Löwen k. a.*); 
81. 205—16 12 Perff.-BL 14. Jh., mgst. Traktat dex Bruder Konrad 
Kn Weissenburg, betitelt „Der Baumgarten", teilweise gedruckt in 
t. der Hagern^ Germania II, 303 — Kl (vgl. dazu P reger II, 51 f. 
wi Strauch in Afda IX, 121); Bl. 219'-—S7'' Bdw »lit gutem 
Ttil; Bl. 237' — 70' Legetiden (von der seligen Schererin, f 1409 
i» Strassburg, und von der seligen Krüppelgredtn, Klausnerin zu 
Ktmtantinopel, Barlamn und Joeaphat, St. Petemeüe) ; Bl. ^S^ bin 
W?- WM dem Baum göttlicher Lieb und Tugend; Bl. 352'~-9V 
Spräche eon Mgatikem (darunter Gregor, Augustinus, Bernhard, 
Diem/tius; die der deutschen sind bis auf wenige^ von Pfeiffer 
Germania III, 235—43 abgedruckt [vgl. dazu Preger II, 110 f. 
\i Strauch a. a. 0. 127 A. 1}); Bl. 391'— 'M^- drei Predigten 
Bruder Kon r ad von Esslingen, Provinzial Wolfram*) und Lese' 
lur yikolaus von Köln (^ von Stritssburg), nach der Adelhouser 
(htmik im Freib. Diöz.-ArcJiiv 1880, 189—93 veröfentlicht. 

C = Kohnar, Stadtbibliothek Nr. 2G0, Pap. 137 Bl. 4" 
(!ä0>:220 mm) 15. Jh., alenmnnisch-elsässisch, am Unterlinden; 
itf Schreiber bis Bl. (iO scheint derselbe zu sein wie bei A^ 

trnagtl, liai deidaeke Kirchtnlifd I, 666 ff. V, 546—676). Die 
Ton ihm gemmiaeiun ll/is. der dtuUchtn Mystiker harnen in die 
t/i. Bibliothek nach Berlin ; Vtreeic/iiiix dcrselhtn und voti Sudermanna Schr^fttn 
a. Aiugahm vm Tauler, Bui/sbroek; Eckhari, Seus') bei A. F. H.Schntide r, 
■ Literatur der Schwenkfeldttcken Liedtrdiehter bi» Daniel Sudermann, 
. £eriiu mm, 12 ff. 17 f. 
•) Ein Brief von ihm if 1467) in der Nürnberger Ha. Cent. VII, 20, 
Vfi. auek K. Schieler, Joh. Nider 1886, 354 und Joh. Meyer, LeheH der 
fkkineiuteiMbaehfT Sehiceetem (Tübingen, Univere.-Bibl. U». Md 4öfi). 

"i Bl 303' unten steht aehtrer festHich: ditz bBcli ist brflder . . iuliaua 
k*ta«u(cT teiuehea oritens i?l. 

'i Au/faB*ttdenceier sind gerade die Sprüche rf« Johannen Puterer (vgl. 

Hu 33,1 ArnnJ übergangen. Ich werde tie bei anderer Gelegenheit mitteilen. 

') WM idenUteh mit br&der Wolfram öiuer proftncifti, der in den Vilen 

«« Ti$»fed. Vetter 67,11 genannt im. In der Freifmrger ffn. heitnl tr Wolfart. 



20* Einleitung. I. Die ÜterlietVrung. 

(h. oben S. 9*). Enthält Bl. 2'—2i' Bdw; Bl.25'-—49' Kl Bfi 
(11 Briefe); Bl. 49''— 57' Predigt Lectulm; 57'~60' dr»i Bri^ 
«US dem Gr Bfb: Surge aqiiilo, Quotnodo potest und Nemo poU 
(XV, XVU, XVIII); Bl. 61'—13G'- von anderer, späterer Hm 
geschriebette Briefe und Predigten von dem Dominikaner Johann 
Nider (f 1438), götlicbur kvnste meUter, seinen geisUivhen Kiruient 
{Nonnen) geechriben nnd gelert zii den zitCD, ak er leezmeiBter') 
waz. Es sind 23 Stücke, meist mit tuteinisckeni l'ün-pruch (Egreden 
de terra, Exaudiat dominus orationes, Fylia conlide, Ädorna tha: 
lamuDi usw.), eon Sense beeinfiutst, aber ohne seinen Geist*). 

Eine spätere , felderhajh Abschrift des Bdw enthüll Codi 
nscet. 303 (4" 15. Jh., ans dem Kloster Oggelsbeuien) in Stutt 
gart Bl. 153 — 75, in welchem neben anderem sich auch Stück f c* 
Tauler, Eckhart, Merswin (Rutfsbroeks ,Zierde der geistlichen Hock 
zeit' bearbeitet, vgl. Strauch in Zfdph 191/7, 124} und der Trakt» 
von den drei Fragen finden. Ein kleines Bruchstück ist in Bt 
lin f Ms. gerin. qunrto 125 Bl. 75 — 7(!, 

V. Handschriften des Brlerbttchletni. 

Von den bisher beschriebenen Has. ist das vierte Büchlein e 
Exemplars in AKRWfNmPSS^ VC, in Nw freilich in eigentümliche 
t'crquickung mit dem Gr Bß>, gegeben. Abschriften einzelner BrüJ 
firuleti sich dann und wann, doch ohne besonderen kritischen Wti 
aoinSt.Gallen, Cod. 10(17 Bl. 235— 41 Brief III, IV, VI, VIl 
München, Cgm 456 Bl. 54—00 Brief VI; H43 Bl. 12(r und m 
bis 125'- Stacke au? Brief IX, III und II; Muri-Grits, Cod. 21 
Nr. lOS Bl. fi—10 Brief III und 1; Nürnberg, Cent. VII, i 
Bl. 197—20] Stücke aus Brief III und IV. In einigen anderen Ht 
sind Briefe dr.s Kl BJb unter die des Gr Bfb gemischt, s. unter Vi 

VI. Handsohrirten des Grossen Briefbaches. 

ht die Überliefemn'/ der Schriften des Ej-emplars eine i 
t/rossen ganzen geschlo-^sene nnd tinhtHUch'-, da sie von Seuse seiht 



') Xider lear 1428—37 Profasor an thr UnivereiW und Lektor oh i 
OrihmachUte zu Wien. 

') Der 11. Brirf urf an Weihnaditen eu Nürnberg gaehrieben (Bl, WO* 
da» wdnt auf 1427 oder liJib hin. Von obigen Brieftn Nidurg weies Sehiiti 
in siiner wnfangrticken Biographit (vgl. auch aeinm Arlikel im 
IX', 34Sff.) nicht». Bneff Nider» ßnde» »ich aiu-h in Nürnberg Cent. 
20, wohl auch Cent. VI, W*, ein eimeiner in Cgm 312 Bl. 141—43; vgl 
Jotle» a. n. 0. XXI A. 1. 



Hie einzeluen HimJscIirifteii 



21* 



1 



gtgen Ende feines Lebens rfoidiert und zur Htniusifnbe bestimmt 
levrdeti Mnd, so wird bei den Schriften (Gr Bfb und Predigten), 
dtren Art drr Kopieruntf und Verbreitung mehr oder weniger dem 
Zm/aä nnheim gegeben war, das Bild ein viel mannigfaUigeres und 
ica kritische Verhältnis komplizierter. Van den Briefen enthalten 
iie einen Hs». nur einige Nummern, andere elwn ein Dutzend, wehrrre 
?3— 2C; im einzelnen ist grosse Vnriiition, doch laust die Atifeinander- 
fölge und Textgeft^ltting der Briefe auf ein einheitliches Schema in 
ier Anordnung titid auf eine Ureortage schliessen. Zur Erleichterung 
itt Chemicht ist am Schlüsse dieses Abschnittes eine Tabelle het- 
jtgtben, durch welche der Inhalt dei- Hss. des (Ir Bfb und zu- 
jirt'cA dessen Verhältnis zum Kl Bfb statistisch dargestellt wird. 

Die einzelnen lixe., von denen bisher der Forschung (Denifle, 
Prtger) nur der kleinere Teil bekannt war, sind folgende: 

b= Berlin, Ms. germ. oct. ß9, Pap. 308 Bl. jmxUSmm, 
(OB mehreren Händen am Ende des 14. und im 15. Jh. in aleman- 
'tikh-tlaässischem Dialekt geschrieben, aus Daniel Sudermanns Besitz, 
die H». mit vielen Bandglosaeti versehen hat, früher einem Strass- 
Hr Nonnenkloster') gehörig. Hauptinhalt: Bl. 2' — 35' asketischer 
Lehren einer ,erleuchteten, grossen dotteafreundin', worin 
rj iler Täweler, der von beröwe, von biele zitiert werden, mit 
itistischem Einschlag ähnlich der Gottesfreundliteratur , uncoll- 
idig überliefert; Bl. 3S-—1W Prolog zum Gr Bfb, 18 Briefe 
Predni Lectidus, meist unter der Aufschrift (rot): eine gute 
ligc; Brief XII ist nach derselben Vorlage doppelt abgeschrieben 
,S.i3$J, Nr. II und XX sind unvollständig; Bl. 112'— 35'' Traktat 
,hohen Berge' (vgl. Denifle, Taulers Bekehrung 1879, 10); 
il 135'— 49' und 364'— 73^ Auszuge aus Seuses Vita, BL 194' bis 
'üXf iius dem Bdeie; Bl. iS.V' — Sfi" Predigt des Lesemeisters bei den 
Bar/iltsfm bflcoirlin'); Bl. 166'-— 78'- Brief IV aus dem Gr Bfb; 
BL 18ir—91'- Traktat von der Messe; Bl. 20(1'— 20G' Stücke aus 

') Der Umeiand. dax» b im BritfAudifili (439,11 Katberina slatl Angnesc 
•tkrtibt. iitüt a-ohl auf da» ßnfninikantrinnenklasUr St. Katharina hin irgl. 
ou-A dii Anm. tu Vita 23,1), leas tHtderunt die Fermulanj/ nahe legt, dass dan 
*» in h 6btrlie/rrte Teetameni der Minne t Brief XX VIII) an dataelb» Kloattr 
$tw<mdt tforden ixt. 

*) Konrad BÖmlin iB'inAlini, Franiiskaaer, yeh. um 1380, trat in 
EMÜitgm in den Orden, I409 Lektitr su SehwOh.-Haü, 1449 ea Hrilbronn ije- 
iM^n. Vgl. aber ihn K.Brehm im Diöt.-Ä'-chlf für Sehwaben 1904, ISü ff. 
Hidtdu Prtdifflm Bitnling ßndm sich auch in Berlin, Ms. germ. ifuarlo 194; 
Karleruht. Cod. St. Sias. 76. 



22* Einleitung. I. Die Überliererung. 

TuuUrs Predigten; Hl. nS^—'^d" mystische üprüche (Bl. 221': * 
von berowe); Bl. 230' — ^5' Leben der sei. Margareta po« Ypert 
ff 1237), nach dem Lateinischen des BrudeiS BygeroB 1391 geschrieben; 
Bl. 248^ — 60" Testament der Mintie oder Minneregel (vielleicht 
Sei4se). 

Die Briefe Seuses nach b finden sich in Abschrift von Suder- 
tnanns Band nebst der Predigt Lectvlus und vielen anderen Stärken 
aus Tauler, Eckhart und späteren Mystikern in der Berliner ffst. 
Ms. tferm. qtiarto 344; derselbe hat sie darnach in einem Sammel- 
werk unter dem Titel: Güldene Benrttbrieff vieler Alten Qottseeligen 
Kirchen Lehrer : Ale Johann Thaiilere, Heinrich Seiissen, Johan CreStzera 
vnd mehr Anderer: In etliche Theil abgeteilt vnd den vhraltea 
Schrifften durchausz gemäez gantz vnverfälscht an dasz Liecht ge- 
geben. D. S. Anno 1622 (34 Seiten 4"), herausgegeben*). 

C = Kalma r Nr. 266, oben unter IV beschrieben, entl^ 
drei Briefe, davon Nr. XVII unvollständig. 

= Cues, Hospitalbibliothek Ms. 115 (früher D 41). Pap. 1H 
Bl. foL, 15. Jh., niederrheinischer Dialekt. Beschreibung (ungenatti 
bei J.Marx, Verzeichnis der Hss.-Snmmlung des Hospitals zuCuesl90i 
Ulf Inhalt: Bl. 1—67'" Bdew; Bl. 67'*^8l'^ vom Leiden CkriOi 
iuc: Elegit Buependium anima mea . . . (teilweise eine NachahmiMi 
des Bdew und der Vita Seuses); Bl. 83"-— 113^ 26 Briefe des ^l 
Bfb mit Prolog und vorausgehettdetn Register, in 36 Kap. eingeteilt 
Br. XVn uiul XX unvollständig; Bl. 113"— 18" Predigt LectuluS 

d = Darmstadt, Grossherzogliche Bibliothek Cod. 1847, Pap^ 
342 Bl. 8^ (!Ol>xl45 mm), 15. Jh., iiiederrheinisch. Beschreibung 
von F. W. E. Roth in Germania 1687, 341 f. Enthält Bl. 206'— 69* 
24 Briefe, davon X, XVII, XX, XXI nicht vollständi</. 

g = St. (fallen, Stiftsbibliothek Nr. U70, Pap. 319 Seiten 
(135.^200 mm), 15 Jh., alemannisch. Beschreibung in Scherrer* 
Katalog 363 f. S. 13-71 Traktat Audi filia iiber das hl. Sakn 



•\ Der Tiltl luieb A. V. H. .Schneider u.a. 0. 15.- vgl. auch DtnifU 
in Zfda XIX, 3t7,37U, deuten An</aben durch obigtv sugleie/i rrgiinU und V 
liehtigt nnd. Ein Exemplar des Druckes i.it in n'olfeitbmtel : er enthnU m 
den ernten Tri!, eben Seuses Briefe (mehr schtiM nicht erschitntH tu w<i^ 
Mir liegt »in Exemplar der Dniversitiltbibliothtk T&bingm vor, mit fatgenik 
Titel: Der Erste Theil, Inholtend EÜicb schone »uHzerleBene Brieff auch I 
Predigten, welche Herr UBinrich Senme vor ohngefchr dritthalbhundert Jäh 
an Geisllicho Jaiiglruweii g^iclirieben vnd get'ertiget hat . . . abgetchiieben ds 
D. S. (■ohne Ort und Jahr). 



Die einzeloen Haudechriften. 23* 

rf<r üi Hm. oft beyeijnel (no in Berlin, Kurlsruhe, Kolmiir, Mnihingen, 
Nümbery, Stuttgart, Zürich); S. 82'— SS' Brief Habitahit (IV); 
S. 127—39 und 150 der Proltxj und weitere 10 Briefe, von denen 
dir meinten aber unvollständig sind, wie überhaupt g manche Spuren 
rinfT gewissen Überarbeitung (teils Kürzung, teils Veruäsetrung) 
an sich trägt; S. 13'J und 149—50 zwei PredigiexserjHe'), Inc.: 
••) Jesutn qneritis Nazarennm . . . disü wort sprach der engel . . . 
hl Delicie mee . , . mir ist gar wunueklich . .; S. 140 — 49 Predigt 
Ifclultig, stark gekargt. 

h = Cod. Heidelberg. 358, 38, Pap. 326 BL, 16. Jh., in 
ukieä/iischer Mundart. Beschreibung in Bartschs Katalog 206. 
Bl.3'~14' Bruderschaß der ewigen Weisheit: Bl. 15'— m* 26 Briefe 
mt dem Prolog (Bl. 21'), davon aber XVII, XX und XXVI in 
Bezettiimt des Kl Bfb und zwischenhineiu Bl. W — 19' die Er- 
tÜtury ton der Verehrung des Namens Jesu und der Morgengruss 
ßSß— 396,5) ; Bl. SO'— 84' Vocatum est und Sprüche (396,20 bis 

mß). 

n=: Cgm bl9 und N = Nürnberg Ce>tt. VII, 90. Über 
mitRiiB. 8. oben S.7*. HVr haben m ihnen eine ziemlich fehlerhafte, 
einem späteren Abschreiber herrührende Zusammenschweissung 
Kl und Gr Bfb, in der iVeise gearbeitet, ilass auf Brief I — /// 
<fe< ersteren 14 Briefe des letzteren folgen, dann wieder sieben des 
irtkren (IV — X), darauf als 25. Brief Vocalum est mit den Sprächen, 
tk Nr. 26 Pone me (XI vom Kl Bfb) mit der Erzählung vom 
Jmtn Jesu und Morgengruss^ Die Inferiorität dieser Überlieferung 
)er der in den anderen Hss. des Gr Bfb liegt auf der Hand 
wird unier B (S. 39^ ff.) auefiihrlicher nachgewiesen werden. 
n = Nürnberg Cent. VI, 55, Pap. 344 Bl. 4" (15ox205mm), 
!ä. Jh., (Bl. 219' : 1447), bayrischer Dialekt, aus dem St. Katharinen- 
ieOer in Nürnberg, alte Signatur E XXX VI (vgl. Jostea a. a. 0. 
^f.). Mystische Sammelh»., darin Bl. 1' — 37' Augustins Hand- 
*fhUin deutsch; Bl. 37' — 66' innerliche Hede der Seele mit dem 
\tr;en und des Herzens mit der Seele; Bl. 67' — 76' Bede Richards 
» St. Viktor mit dem Herrn nach seiner gegenwärtigen euigen 
fofie; Bl. 97' — 201' Von dem Leben der geistlichen Schwestern; 



n Dait me von Stute slammrii, wofür ihre ümg^ung epreehen ki)nnte, 
flieh, aber niekl s*hr wahrtchdnlich. An Auhtoritäleii werden Auguetin, 
wd, Chrytoetomu», Grtgw und Ämhrosiu» litiert. 
*) BritfMihi auf. tat mU einfm StUek aus der ersten Prtdigi verbunden. 



24* Eiulpitutif,'- I- t»ie Ülierlieferuiit'. 

Bl. 2-^6'— 9u' -JO Briefe iU.s Qr Bfb, die aber sämtlich stark 6. 
arbeitet, teils gekürzt, teils erweiiert, teils umgestellt sind; tli-r zireit« 
Teil non Itegtmm muiidi steht nach Nr. XXVI, der erste mich Xj 
in Nr. II, XI, X VII fehlt ein grösseres Sfiiek. 

H=z Breslau, DomkayitdsbibUothek, n. oben S. (i*. Enthält 
Bl. 'M4'-'-—79'* 23 Briefe mit Prolog, davon «her XIV Ejttltet in 
der Rezension </«t Kl Bfb. 

% = Stuttgart Cod. theol. et phil. qunrto (i7, Pap. 84 Bl. 
145x2u5 mm, 15 Jh.'), in alemannisch-elsässischer Mundart. Vont 
ersten Blatt ist die untere Hälfte weggerissen und «wischen 10 und 
n fehlt ein Blatt. Inhalt: Bl. 1"—G2^ Prolog und 35 Briefe, 
in Abschrift ■') vm F. Pfeiffer in Cod. Vindob. Suppl. 2779 BL 
158—244 (beendigt 24. März 1851), vgl. oben S.S'; Bl.62^—7C* 
Predigt Leciulus, nach deren Schluss: Explicit über Deo graciu 
Amen; Bl. 77''— 84'' von späterer Hand i/eschrieben und »nchti-äglich 
angeheftet drn Predigten Taulers, Frankf. Ausg. If, 323f. 3<J7 ff. 
111, 133 f. 

s' = Stuttgart Cod. theol. et pkit. od. 10, Pap. 176 Bl. 
lOUxlöO mm, 1.5. Jh., iiiemunnisch-schteäbisch. Bl. 17" — 49' untf 
ISO'— 37' sechJi Briefe aus dem Gr Bfb; BL 92 ff. Meister Eckharts 
Wirtschaft zu Köln; Bl. f25ff. von zwei Predigern und «»«*, 
Müüerin; Bl. 127 ff. von 12 Meistern iu Paris; Bl. 133'— 35' 
Klagsprüche des leidenden Mennchen (397,9 ff.}. 

U = Überlingen Nr. 22, s. oben S. '.I*. Bl. Hb' -25- 14 Brief», 
davon Nr. II nur zur Hälfte. 

Z = Zürich. SladtbibUothek Hs. G 96. Pap. 139 Bl. 
(145x210 mm), 14. ,'15. Jh., alemannisch -schuäbisch. Beschreibung 
der Hs, bei Vetter, Ein Mystikerpaar 59 f. A. 62; P 
Zfda XX, 374 f. , vgl. seine Ausgabe des Minnebüchleins (s. S.537} 441 
A. 1. Enthält: Bl. f 41' 21 Briefe des Gr Bfb mit Prolog, dav(m. 
Nr. XI und XVII unvollständig, II in zwei getrennten Hälften (dit 
zweite erst nach XIX); Bl. 63'— 7.5' Minnebüchlei 
nach dieser (einzigen) Hs. von Preger (zugleich mit den nicht von 
Seuse stammenden Gebeten Bl. 75' — tfO') und in dieser Ausgabe n&i 
gedruckt. Weitere Stücke aus der Hs.: Bl. IMf^Utp Brief eint» 
Gotte-sfreumUs, 118'— 21* ein göt lere des Talers (schwerlich echt!), 
121'— 22' Brief Taulers (?), 122'— 22' Sprüche sind bei Prege. 



') Dtntßt Z/da XIX, 367 nimmt wohl mit Unrtcht das 14. 
') FTi« dir ährigfn fiüditig uad at^tnau gemacht. 



-' ' •=V"K 



Die einzelnen Handschriften. 25* 

MjfstiklU, 411 f. ediert. Bl. 13^—3^ ist ein Brief einer Gottes- 
freundin, in verderbter Form gedruckt bei Tauler 1543 f. 329". 

Endlich sind noch zu erwähnen einige Hss. von geringerer 
Bedeutung, welche nur den einen oder andern Brief aus dem Gr 
ifl enthalten: Berlin, Ms.germ. quarto 125 BL 74 — 75, St,0 allen 
Nr. 965 S. 134—35 (vgl. Simon a.a.O. 17) und Cgm 447 Bl. 
^""—217" haben ein Stück aus Br. XI Audißli; Berlin, Ms. germ. 
juarto 149 BL 75''— 77"^ Br, XII Nigra sum (des süsen bredige), 
Bl 125''— 27" Br, XXVI Pone me; Ms. germ. quarto 182 BL 30 
bU 40 Br. XXVI, III und II (von aüen aber nur ein Stück und 
miigeänderter Einleitung). — St. Gallen Nr. 1014 (vgl. Scherrers 
Katalog 386 f) S. 89 — 116 Br. X Bevertere, aber nur den Anfang 
da^an, der mit dem Traktat ,von rechter, wahrer, sicherer Ända4:ht^ ^) 
zmmmengefügt ist. — Göttingen, Ms. Theol. 292 (vgl. oben S. 10*) 
bl, 137^-^47^ Br. XII Nigra sum in ziemlich fehlerhaftem Text 
(ob g* bei der Edition 439,9 ff. benützt). — Die verbrannte Strass- 
hur g er Hs, F 128 enthielt 23 Briefe in der Reihenfolge von s, 
ds vorletzten aber den Br. Exivi (XXIII), der in s fehlt (P reger 
in Zfda XX, 375). 

Die folgende Tabeüe soll die Überlieferung de,s Gr Bfh in den wichtigeren 
^99,j namentlich die Aufeinanderfolge der einzelnen Briefe veranschaulichen. 
^ iiigleich im Kl Bfh enthaltenen sind gesperrt gedruckt, die beigegehene 
2aW (in runder Klammer) zeigt ihre Reihenfolge an. Eckige Klammer bedeutet, 
^ der betreffende Brief in der Hs. in der Rezension des Kl Bfb enthalten 
w^ der Asterisk, dass ein Teil desselben fehlt, Brief XK VIII (Testament 
^ Minne) ist, weil nur in b sich findend, weggelassen. Zu bemerken ist noch, 
^h Bl. 61* und 66 *• eine Notig hat, womach Br. XXI (In omnibus) und 
^^VI (Pone) falsch eingereiht sind; ersterer sollte eigentlich nach XIX (Chri- 
«<>«), letzterer nach XXV (Mihi autem) stehen. 

*) Kommt häufig in Hss, vor, so in Berlin, Ms. germ. 4" 174: Karls- 
»•»Ae, Cod. St. Pet. 19; Kolmar !}6S; Cgm 457; Nürnberg Cent. VI, 43^ 
'ol. :i74r steht am Rande: Eberhart Madach [Dominikaner prior in Nürnberg 
i*^-:i6, vgl. Schieler a. a. O, 73 ff.]): VI, 100. 



26* 



Einleitung. I. Die Überlieferang. 



Übersieht Ober die Überlieferung des Grossen Briefbuehs. 



Britfe 


i 

i b 


C 


c 
1 


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1 

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1 

L 


I. David Rex . 


2 




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3 


4 




1 


1 




1 




II.Regnum m. 
























1 


W . . . . 


17* 




2 


1 


2* 


4 


[1] 


4* 


2 


2 


2 


2* 


IIL Surrexi . . 


18 


— 


3 


2 


3 


6 


6 


9 


3 


3 




3 




IV.Habitabit 




























(2) . . , . 


19 




4 


3 


1 


6 


[2] 


6 


4 


4 






V, Sonet vox . . 


3 




5 


4 


4 


7 


5 


10 


6 


6 




1 


VI, Vineae. . . 


4 


— 


6 


6 


6* 


8 


7 


17 


6 


6 




1 


VII. Trahe me . . 


5 




7 


6 




9 


8 


7 


7 


/ 


— 


9 . 


VIII. Gmtate , . 


6 




8 


7 


6* 


10 


9 


18 


8 


8 


3 


4 


IX. (Juam düecta 


7 




9 


8 


7 


11 


10 


19 


9 


9 


6 


* 




X, JRcvct^tTt . 


8 




10 


9* 


8* 


12 


11 


8 


10 


10 




• 
6* 




XLAudifiU . . 


9 


n 


10 


11* 


13 


12 


2* 


11 


11 


1 


7 




XIL Nigra 8 um 


























(3) .... 


10 




12 


11 


10* 


14 


IS] 


11 


12 


12 


I 


XIILAbsalon (6) 




— 


13 


12 




16 


[20] 


16 


.13 


13 


1 
1 


XIV.Exultet (6) 






14 


13 




16 


[19] 


12 


[14] 


14 


1 


X V, Sarge aquüo 


11 


1 


15 


14 




17 


13 


13 


15 


16 


— 10\ 

1 


XVLIn exüu L . 


12 




17 


16 




18 


14 


6 


16 


16 


— 11 




XVILQuomodo 




























pot. (4) . . 


— 


2* 


16* 


16* 




125] 


[18] 


14* 




17 


1 




X VIIL Nemo polest . 


13 


3 


18 


17 




— 




15 




18 


1 

, — 


XIX. Christus 




















1 1 
1 f : 


f actus (7) , 




,19 


^^^ 




ly 


121] 


1 


17 


19 


4 


— 1 


XX. Annunciate 




1 






















(8) , . , . 


14* 




20* 


18* 




[2S] 


[23] 






20* 




1 


XXL In Omnibus 
























' 


(9) . . . . 


1 


21 


19* 




a 


[23] 




18 


21 




1 

1 


XXILEstoieperf. 
























(10), . . . 


1 




20 




20 


[24] 




19 


22 


i 

1 


XXI IL Exivi a patre 


15 ^— 24 


22 




24 


16 




— 




u 




XXIV. Nos autem . 


16 \ — \ 26 


23 




21 


17 




20 


23 




12 




X X V. Mihi autem . 


1 — 23 


21 


9 




15* 


20 


21 


1 
24 — 


13 




XXVLPoneme(ll) 


— — 1 2fß 


24 




[il 


[251 


3 


')*) 

»v«* 


25 . 




XX VII. Cum esseni 


~r 








a3 


m^im 




23 









Die einzelnen Handschriften, ^7* 

TIL Handschriften der Predigten, Das JtUnuebttclilein. 

A'«r die erste Predigt Seuses ist in reichlivher Weine überliefert, 
icas icoht mit dtr benonderm Wertschätzung zusammenhängt, deren 
sie »ich bei ihm selbst (131,28/.) und bei anderen üottesfreunden 
erfreute; sie begegnet üfter» (eo in bCcgs) unter den Biiefen und 
rrschaint gleichsam als au diesen gekörig. An der Verbreitung der 
übrigen Predigten lag Seuse wohl icentg, und duher sind sie nur 
tnangelhtift erhalten. Dabei tritt die auffallende Erscheinung su- 
tage, dass für Predigt 2 — i fast nur mittel- und niederdeutsche 
Hss. in Betracht kommen. Es lässt sich dies wohl nur damit er- 
ktären, di'ss einerseits das Nach- und Abschreiben homiletischer Er- 
teugnisse der mystischen Literatur im 14. und 15. Jh. in Mittel- und 
Siederdeutschland (Siederrhein) ganz besonders im Schwünge war, 
andererseits die überragende Kraft und AitktoriUit Taulers als 
Prediger diejenige Sevses in den Hintergrund gedrängt hat. Schon 
frühzeitig wurden die Uomilien des letzteren — immer von der ersten 
abgesehen — mit denen Taulers vermengt. Es ist wohl möglich, dass 
eine sgstematische Durchforschung und stilhitische Untersuchung der 
Tttulfrüberlieferung neite Predigten Seuses zutage fördert oder 
wenigstens eine bessere Basis für die Textesrezenaierung der be- 
kannten schafft; diese Arbeit lässt sich aber nur im Zusammenhang tnit 
mer kritischen Taulerausgabe unternehmen. 

l. Die Predigt Lectulus ist in folgenden Hss. tnthalten: 

b = Berlin, Ms. germ. oct. 69 Bl. 93'— UV (s. oben S. 31"). 

h» = Basel. Universitätsbibliothek Hs. B XI 23, Peig. 22f! 
Bl. 16", 14. Jh, Beschreibung bei W. Wackernagel, Altdeutsche 
Predigten 547/. Enthält S. 314—69 die Pr. Lectulus, welche nach 
dieser Vorlage bei Wackernagel a. a. 0. 552 — 61 abgedruckt ist. 
Die S, 172 — 314 vorangehenden Gebete zu den Tagzeiten und zur 
Kominunion ßei Wackeriuigel 561 — 83) verraten nicht Seuses Stil, 

C = Kolmar 266 BL i9'-57' (s. oben S. 19'/). 

e =Cues, Ms. 115 Bl. IVr'—lä" (s. oben S. 22f). 

S = St. Gallen, Ms. 070 S. 140—49 (s. oben S. T^ f,). 

m = Cgm 819 und H = Nürnberg Cent. Vit, 90 haben nur 
ein Stück aus d^r ersten Predigt (vgl. S. 495 u. ob. S. 23* A. 2). 

n'= Nürnberg Cent. VI, 43", Pap. 298 Bl. 4", 15. Jh., 
bayerischer Dialekt, aus dem Kloster St. Katharina in Nürnberg. 
Bl.t-r.2 TralAat rom hl. Sakrament (vgl. oben S. 22*); Bl. 53-136 
Bu4:h con wahren Tugenden Alberts des Gr.; Bl. 160—67 Stücke 
oiu </<TM Benner Hugos von Trimberg; Bl. 248 — 56 Pr, Lectulus. 



1 



28* Einleitung. L Die Überlieferung. 

S = Stuttgart, Cod. theol et phil quaHo 67 Bl. 62^— 76"^ 
(s. oben S, 24*). Abschrift von Pfeiffer in Cod. Vindob. Su-ppl. 2779. 

Weiter findet sich die Predigt Lecttdus, meist mt minder- 
wenigem Text, in folgenden Hss.: Bamberg Nr. 178 Ed. VIII 6 
(Katalog von Leitschuh J, 3.30 f) BL 1 — 22. — Berlin, Ms. 
germ. quarto 149 Bl. 77^—84% 174 Bl. 138'''-48%' 580 Bl. 1—8; 
1094 Bl, 102^ — 10^ niederdeutsch (vgl. Jahrbuch für nd. Sprachf. 
1884, 36). — München Cgm 447 BL 86—92; 456 BL 90—116. 
Münster, KgL Bibliothek Nr. 501 Bl. 7 — 28, moderne Abschrift 
eifier älteren Vorlage (vgl. Katalog von Ständer 110). — Nürnberg 
Cent. VI, 43*^ BL 135^ — 45'', im Verlaufe aber stark abireichend. 
— Stuttgart, Cod. theol. et phiL foL 155 BL 264—72 (aus dein 
Dominikanerkloster in Bottweil; vgl. atich iJenifle Bvga XI). — 
Zürich, Stadtbibliothek Hs. B 223/730 enthält ein Bruchstück der 
Pr. Lectulus (vgl. Wackernagel a. a. 0. 259, 552, 558 ff.)- — 
Die Strassburger Hs. A 88, welche ebenfalls die Predigt hatte 
(vgl. K.Schmidt in Theol. Stud. und Krit. 1843, 856), ist verbrannt. 

2. Die zweite Predigt ,Miserunt Judaei^ (Echtheit zweifelhaft !) 
ist handschriftlich fast nur mittel' und niederdeutsch erhalten: 

b^ = Berlin, Ms. germ. oct. 329 f Pap. 348 BL, 15. Jh., nieder- 
deutsch, aus dem Klostrr der Franziskanei'tertiaren in Aachen. 
BL 114 — 56 Collacien von Joh. Brinckerink ; Bl. 118 jf. Stücke aus 
M. Eckhart; BL 274 "• —82«' Pr. Miserunt. 

g''^ = Gi essen, Universitätsbibliothek Nr. 850, Pap. 239 BL 

foL, 15. Jh. (Bl. 239*': 1460), mittelfränkisch. Beschreibung in 

V. Adrians Katalog 251 f. BL 1-167 der Seelentrost; BL 194 f. 

229 ff. Predigten von Tauler; BL 205 — 29 Marcus von Lindawe 

aber die zehn debote; Bl. 235*" — 39*' Seuses 2. Predigt. 

r = JJs. der Gyninasialbibliothek in Rostock, unsigniert 
8 BL 4 ^, 15. Jh., niederdeutsch. Beschreibung und Abdruck im Jahr- 
buch f. nd. Sprachforschung II (1877) 11— W. 

DieseMe Predigt ist nd. auch in Brüssel, BibliotJieque royale 
Cod. 14688, Perg. 14. Jh. BL 93*' — 118*'; genaue Beschreibung der 
Hs. bei Borchling, 1. Ileisehericht268ff., und von Priebsch in 
Zfdph 1904, 58ff. — Ein Auszug aus der Predigt Einsiedeln 
Cod. 708 Bl. 6*^—8*' (alemannisch). 

3. Die dritte Predigt ,Exivi a patre' (ob echte') war bisher nur 
in dem Taulerdruck von 1543 bekannt mui ist darnadi S. 518 ff. 
abgedruckt. Nachträglich iiurde ich auf die Taulerhs. Cod. Vindob. 
2739, Perg. 14. Jh. niederrheinisch, aufmerksam, welche die Predigt 



Da» HandschriftenTcrliSItiiis. An und Weise dieser Auscalie. 29* 

Exivi Bl. 79" — 87"* enthält; eine Kollation dieser Hu, folgt in den 
Nachträgen. Jn dernelbeti Hs. Bl. S?"* — 92" ßiidet sich unter Seme» 
Na$MH die vierte Predigt ,Iterum relinquo'; henätzt wurde eine Ab- 
idirift von J. Haupt in der Wiener Hs. Suppi. :^7i) Bl. 247-— SO* 
(cijl. obai S. 5*). 

4. Da» Mianebächlein ixt allein in z = äs. der Züricher 
Staätbit>li</lhek- C 96 Bl. 63'-75'- überliefert (s. oben S. 24'). 



1 



II 



B. Das Handschriften Verhältnis. Art und 
Weise dieser Ausgabe. 

L Das Leben Seuses. 

Fiir den Prolog des Exemplars, der der Vita vorausgeht, 
litid haiiptmchlich AÄ'KS benüiist, in zweiter Linie auch RVW 
uni 1 = erste Druckaungabe Seuses, Au(/sburg 1482; die letztgenannten 
f/«. und der Druck weisen sämtlich sehr eerderbten Tejct auf. 

Für die Herstellung eities guten Textes der F/i«') sind vor 
"Im AA'KMPS, .^bsidiär auch B'NRS'UWf zu benützen. Von 
-I md M sind die Varianten vollständig in den kritischen Apparat 
"i'Jpiiommen, um ein genaues Bild von diei/en Hsn. zu geben, von 
A' die meisten, von A'PS die bedeutsameren, von den übrigen Hsfi. 
nid von «, die sämtlich von Fehlern und Verderbnissen wimmeln, 
hmnlm nur in einzelnen wichtigeren Fällen die Lesarten verzeichnet 
"^tritai. Übrigens ist bei den ersten Kapiteln — das gilt auch für 
'iit folgenden Schriften Seuses — ein ivichlicherer Varianteimpparat 
l'rijtgelien, der in der Folge auf das Nötigste beschränkt wird. 

Weitaus den besten, wenn auch nicht fehlerfreien Text bietet A, 
vdthe Hs. daher zugrunde gelegt ist. A zunächt stehen in bezug auf 
^it Gült der Überlieferung K und S, dann folgen A'MP mit schon 
fhr ritten Fehlem und Lakunen. A zeigt verhältnismässig die nächste 
yerwandtschaft mit S, S mit P, ohne dass jedoch auf direkte Äh- 
l>^«gylceit zu schliessen wäre; APS bilden eine zusamntengthörige 
Gfvppe, wie eine Anzahl gemeinsamer Lesarten und auffallender 
Awila*gungen zeigen (z. h. 40,13.28; 5«.Ö; 72,30; 83,14; 12t>,5; 

'I Hiete Autgabe xöhit nur 53 Kapitel, Deniflf 56, Diepmttroek fl/" und 
[ *r tntr Druck 59. Die betten Bss. markieren bei 8,4; äü,U: I40,16 ttear 
* Äbeatt, abm- *«n neues Kapitel; «ii goklies wird «ontt immer durch eigene 
flw»cir[/l gekefimeichn't. 



30* Einicilimg. I. Die Überliefemnsj. 

145,18; 158,24 usw.). Femer stehen unter sich in gewisser Beziehung 
die H«8. A und Ä', K und M, SP und M, besonders aber M und Ä\ 
die eine Reihe, allerdings meist minder wichtiger Lesarien gemeinsam 
haben; in der Hauptsache gibt A' die Texigestalt von A wieder, wit 
es auch den Prolog des Exemplars enthält, der in M fehlt. 

Wie man sieht, ist das Hss.-Verhältms ein kompliziertes und 
daher auch nicht möglich, in allen Fällen eine sichere Entscheidung 
über eine bestimmte Lesart zu Ireffen; eine gewisse Bürgschaft ftif^ 
die Zueerlässigkeit des Textes bieten die Gruppen AA'K, AKP, 
KMP, besonders auch A'KMa. gegenüber von APS, Jedenfalls tat 
CS aber in dieser Ausgabe gelungen, den Text gegenüber Denifle an 
nicht wenigen Stellen zu verbessern. 

Eine gesonderte Betrachtung fordert die Hs. M. Sie zeigt 
zahlreichen Stellen tiefgreifende Änderungen, Auslassimgen und 
Zusätze*), welche unmöglich alle von blosser Schreiberwillkür Ä«r-i 
riüiren können und somit dazu nötigen, die Entwicklungsgeschichtt 
lies Vitatexfes zu untersuchen. Diese Verschiedenheit von M gege» 
aber den übrigen Texteszeugen — ich nenne sie A-Gi-vppe nach 
Hauptrepräsentanlen — hat Anlass zu einer heftigen Kontroverai 
ztoischen Preger*) und- Denifle^) gegeben. Ersterer behauptet«^ 
A und seine Trabanten stellen die erste, M die letzte, für dat 
Exemplar bestimmte Redaktion der Vita dar, letzterer, dem sich 
wesmUtchen auch Strauch*) anschloaa, trat mit Entschiedenheit fÜ 
die Priorität von M ein. 

Es kann nun aber, vollends auf Grund des durch diese Au»- 
gäbe erschlnssenfn reichere?» Materials, kaum mehr einem Zweifel 
unterliegen, dass die Pregersche Hypothese durchaus verfeMt ist, 
Wentt zwei Redaktionen der Vita ztt unterSchäden sind, so Jtniwl 
man in M nur die erste sehen ; das hat Denifie, der überhaupt ^m 
eine gründlichere Kenntnis der Hss. verfügte, siegreich nacftgewiei 
Ausschlaggebend ist allein schon der Umstand, dass sämtliche Uli 
der Vita, welche das Exemplar enthtäten oder wenigstens vorauasetBti 
(im ganzen ca. 20), samt den Drucken die Rezension von A i 
weisen; es wäre aber doch ein merkwürdiger ,Zufall' zu nent 
wen7i gerade dfis für das Exemplar bestimmte Leben Seuses 

') Diudben tnnd weder hti Deni/li noch b»i Fiegtr fs. folgtndi 
Anm.) voUetSndig aufgtfährl. 

') Zfda XX (1876) <Ofijf.; Oetch. d. d. MytUk II, 5/0/. 
'^ ^da XXI (1877) 126 ff.! Settae XVIJt—XX. 
■) Afdtt IX, 13S-40. 



j Das HandacbritleDTcrhÄltuis. Art tind Weise dieser Aiingabe. ^l* 

halit flesseiben gemten, das nickt für die Veröffentlichung vorgesehene 
dagegen in das ,gereckte' Exemplar ( Vita iß) gelangt icäre^). Weitere 
Gründe werden im folgenden Erwähnung finden. 

Ist es nun aber unumgänglich notwendig, amunekmen, das» 

Seuse feine Biographie zweimal redigiert habe'i' Vor allem ist zu 

sagen, dn*s der Text von M bisher zienüich äbeischätsst wurde; er ist 

weder so alt noch so gut, wie Deniße und Preger meinten*). Eine 

vBrüfung des Variantenapparates zeigt, da^s der Schreiber von M 

kAl ,^ort und fort den grössten Fleins" *) aufgewendet hat, nondern 

jSkk zafülose Nachlässigkeiten zu Schulden kommen liesg. Oft hat 

br bei schwierigeren mystischen Partien den Sinn nicht mehr ver- 

tUmtdtn, wie die« bei sfpäteren Abschriften gewdhidich dsr Fall ist 

ff» z. B. 164,12; 165,17; 167,5; 168,15. 24; 170,12. 19; 174,23; 

175,*' usw.), häufig macht er Änderungen und Zuslitze, um das 

Yentändnig zu erleiditern (z. B. 8,3; lO.llf; 21,6; 46,5 f. 60,6; 

I e8j2/. ; 67fif 10; 70,7 usw.), wobei aber öfters etwas gattz Un- 

' — '-'-fe«*) und Sinnloses herauskommt (so 12,10; 16,9; 27,15; 

(,J7; 77,21; 83,20 ff.; 105,26; 108,9; 111,3 umc); Überhaupt ist 

» Tendenz zur Erwaterung d. h. Verfluchung und Verwässerung 

nTe.eUs hervorsUchend (z. B. 50,8; 57,4; 59,33; 66,4f.; 70,3; 

IK; 75,14f.; 77,25; 86,23f.: 87,22ff. usw.). Man sieht sich 

f Irrund von alte dem zu der Annahtne genötigt, dass in M bezw. 

litwr Vorlage nicht so fast die Hand eines Abschreibers, als die 

t Bearbeiters tätig war. 

Daneben weist aber M manche Spuren hiJheren Alters auf in 

fcritom gegenüber der A-Gruppe, die nach Ausdruck und Inhalt 

t «Aj susonisches Gepräge tragen, da.'ts sie nicht als Interpolationen 

*^uh9H werden können"). Bei 15,4 und 82,11 f. Hesse sich der 

baftUl eines Satzteils allenfalls durch Homoioteleuton erklären, nicht 

tr bei 122,lf. und 159,13 f. Es ist kein Grund abzusehen, warum 

f Seuxe bei einer zweiten Redaktion sollte gestrichen habe?t; 

') Dit Vtrntutung Fregere 11, 342 ff., Seitee iti durch den Tod gthindirt 
•*«, 'tin vkHeiliges Werk m einem Bande tu viitinigen, und lin Schreibrr 
w* doM Mufanig die falgche Vita in das Extmplar aufgtnumnen, int dach 
' |«««fci iMd data tchon durch den Prolog hinrrichend tcidtrhgt. 
*) Vgl dagtgen da» vwiiehtigere üneil Strauch» a. n. O. 140. 
^DtnifU, Zfda XXI, 131. 

) SanuitfT gehört auch 5ä,39 die AHseteuitg eines nrurn KapUtb mit 
"pvtndm Überschriftt Wie er «ch aioig hielt. 
■) Irh habi^ tlie»eibeii in < > gtsettl. 



32* Einleitung. I. Die Überlieferung. 

mindestens ebenso plausibel ist die Annahme, dose schon im Arche' 
typus der A Gruppe die Auslassung durch ein Schreiberversehen 
geschah. 

An einer Anzahl von Stellen hat M Sonderlesarten von ge- 
ringerer Bedeutung, die zwar gegenüber van Aund seinen Anhängern 
ursprünglich sein können, aber keineswegs sein müssen und es meines 
Erachtens auch nicht sind, da sie sich ungezwungen aus der 
schon konstatierten Art des Abschreiber-Bearbeiters erklären lassen 
(so 12,14; 50,27; 51,10; 62,15; 80,22; 86,25; 88,9; 99,3; 100^0; 
103,10 f.; 118,24; 126,20; 135,32; 143,32 f.; 158,25; 168,3; 172,6; 
177,23; 179,32; 180,1). 

Von besonderer Wichtigkeit ist die Lesart von M 18,11/.: 
daz (nämlich das Gebet Anima mea) er do schreib an dem nacb- 
genden briefb&chlin (vgl. auch A^ in den Varianten) und der Zu- 
satz 155,7: als an dem nüwen briefb&cb(l)iD, daz hie ze hindroflt 
och stet, aigenlich ist geschriben. Der M-Text kann an diesen 
Stellen, tvie auch Preger^) sah, nicht von erster Redaktion her- 
rühren, denn er setzt ja das abgeschlossene Exemplar voraus, aber 
auch nicht der zweiten, endgültigen Redaktion bei V erÖffentUchwng 
des Exemplars angehören, denn sonst wäre es unerklärlich, warum aOe 
anderen Hss,, von M und teilweise A^ abgesehen, berichten, Seuse , 
habe den Morgengruss nur an „etliche^ neue d, ä. gekürzte Briefe 
büchtein geschrieben (18,12). Diese Na^ihricht muss aber richtig 
sein, denn keine alte Hs. enthält den bezw. die Zusätze (vgl. Anm» 
zu 393,6). So bleibt nur die Annahme einer Interpolation übrig, 
die auch von Denifle^) und Strauch^ gemacht wurde und zu de0^ 
Charakter von M gut pa^st. Dies gibt uns aber das Recht, auch 
den ungeschickten Zusatz in M 175,21 : als da vor gesait ist eis 
eine spätere Einfügung zu betrachten. 

Einem Schreiber- Bearbeiter, der sich solche Eingriffe in def^ 
Text erlaubt, wird man auch Auslassungen zumuten dürfen. Vita 63,ld 
ist in M der Name Anna tveggela^sen und der Satz entsprechend 
geändert, 64, 1 — 65,3, enthaltend die zweite der Anna geworderi^ 
Offenbarung samt der Rosenvision, fehlt. Mit Sicherheit ist hierauf 
weder auf erste noch auf zweite Redaktion zu schliessen: SeuS^ 
konnte ebenso gut nachtragen als tilgen % Immerhin spricht meh^ 

M Zfda XX, 407,409; Mystik II, 311 f, 

«) Zfda XXI, 128,137, 

«) -4. a. 0. 139, 

*) So auch Strauch a, a, 0, 



D»8 HuKlucliriftünverhtiltiiü. Alt iiml Weise -lieBer Äiisii-abr. 



33* 



fir Denifif» Auffassuni/, du es Ja, nenn ihr Schri/Mel/er auf die 
nxh Ufiendf Anna Jiückiticht nehmen woUle, yenvgt hätte, ikrtn 
Samen toeg zulassen ; zudem ist Kap. H7 — mich in M — eine Anna 
•/mannt, ivelehe lenhrscheinlich mit der in Kitp, '4'i erwähnten identisch 
i4. Ater auch De7nßes Annahme, M veirate hier die erste Redaktion, 
ht nicht Bioinffend, denn es konnte auch der Schreiber von M den 
Text an der ernten Stelle ändern und an der xueilen die beiden Hr- 
iMunge» streichen, ohne dass wir den Grund hiefür eu erkennen 
»rmöchten; cielleichl geschah das letztere deshalb, weil in Kap. 34 zwei 
SMiche Ersählungen folgen. Ganz tihnlifh liegt der Fall auch in 
houy auf den in M fehlenden Passm von dem ,neuen Büchlein', dos 
in den Rhein fiel tffl,f> — t3J, und bei den kleinen .Ittslnssungen 
äI.Ü— < und S5,18—VJ. 

Am tiefsten einschneidend und für unset-e Frage am wichtigeteti 
*d die Abweichungen von M in Vita IHO.lff. und 177,1 ff. Am 
Ort bringt die He. statt der allgemeinen Andeutung, dam 
so schwer verleumdete Unschuld sich liermtsgesteUt habe, die 
konkrete Xachricht, der Ordenageneral und der Provimial von 
tnltmia hätten die Sache genau untersucht und alles als böswillige 
YtHeumdung erkannt usw.; ausserdem ist die folgende, 10 Zeilen 
nfiuftendt Ersühlung von der Erscheinung eines Freundes, der jenem 
'früAir unrecht getan, gestrichen. Auch hier stehen wir vor der Alter- 
lative. Streichung des interessanten Zusatzes in A, oder spätere Ilin- 
fJiyuHg in M anzunehmen. In der Tat möchten Denifle^) und 
!^lrauch*) den Zusatz der ersten, Preger') der zweiten Redaktion 
twfisfn. Aber wahrscheinlich ixt keine der beiden Annahmen richtig. 
f'.inmal finden wir in jenen Worten Seuses «onst so leicht erkennbaren 
Stil jiicht wieder, die Aund rucksweise klingt fremdartig*) und sehr 
nichterti, sodann ist Preger zuzugeben, dass Sense, wenn er einmal 
tiM Ehrenrettung durch die höchsten Instanzen des Ordens in 
tni-Jctntn Worten niederschrieb, sie schwerlich in der zweiten Redaktion 
Kitder getilgt hätte. Daher empfiehlt sich auch hier wieder die An- 
nahme, dass ein Unbekannter die Interpolation gemacht und die 
Änderung vorgenommen hat. Seuse selbst hat sich wohl in bescheidener 
Xvrilckiuiltnng mit allgemeinen Andeutungen begnügt, — seine Un- 



') Z/da XXI, 130 f. 
') ia. U. iSBf. 

■) Zfda XX, ifJH: Mystik II, 3Hjr. 
') Atuk Strauch a. a. 0. ßnäel die Leg 
'■ Guekuiaek weit anaithrndn: 



I A paerl/ieher und filr 



&»•«■ 



, DmIwiM SebriflMi. 



34* Einleitung. I. Die Überlieferung'. 

xchuld id ja ^^orausfietzung der yanzen Erzählung! — nach seinem 
Tode aber hat ein mit den Verhältnissen l^ertrauter , vielleicht ein 
Ordensgenosse im Ulmer oder Konstanzer Konvent, die Notiz ein-, 
gefügt. Anregung d/izu mochte ihm die Bemerkung (126,13/,) üher 
das Kommen der Ordensobereti (nach Konstanz) geben, die von selbst 
dem Leser die Frage nach dem Atisgang der Untersuchung auf die 
Zunge legte; die anschliessende Erzählung über die Erscheinung eto 
verstorbenen Freundes konnte dann als entbehrlich wegfallen. 

Wer den Text zu Beginn von Kapitel 51, wo über die 
G Ott eser kenn tnis gehandelt wird, nach der A-Gruppe und M 
mit einander vergleicht, erkennt unschwer, dass hier eine einschneidet 
Änderung in ganz bestimmter Tendenz vorgenommen worden ist. 
Während in M nach dem Vorgange Bonaventuras, der hier ah 
Quelle dient (vgl. den Nachweis in den Anmerkungen zu 176,11 ff»), 
und Meister Eckharts^) dargetan ivird, dass Gott das j^rimum cognitm 
sei und dieser Gedanke den ganzen Abschnitt beherrscht, wird in A 
der Frage nach dem Ersterkannten ausgewichen und- der Ged/inke!h 
gang in recht gezwungener Weise dahin gewendet, dass Gott nicht 
in die zerteilten Wesen aufgehe, sondern der Enthalt aller Diny 
sei ^). Kein Zweifel, dass der Text in M besser fliesst und deti Ein' 
druck der Urspriinglichkeit macht. Daher meint Denifle% dat 
Hervorgehen des Textes von M aus A lasse sich in keiner WeifC 
begreifen, wohl aber umgekehrt; anfangs habe sich Seuse fast sklavisch 
an das fünfte Kapitel des Itinerariums gehalten, später aber, ab 
er daranging, die Vita zur Veröffentlichung vorzubereiten und (& 
schwierigen mgstischen Partien dem Provinzial Bartholomäus vorlegt 
{Prolog 5,18ff.)y habe er den Text ^so gut es ging^ geändert, weH 

') Vgl Denifle in seinem Archiv II, 619 f.; 587,21: 600,15: 605,6, 
^) Vgl Denifle, Zfda XXI, 131 f. Der Versuch Pregers II, SIT 
nachzuweisen, dass zwischen A und M kein wesentlicher Unterschied bestehe 
und dass die letztere Hs. und Bonaventura Gott nicht für das IJrsterkanM^ 
halten, verrät so wenig Kenntnis der scholastischen Terminologie, dass er aJb 
ganz verfehlt nicht weiter zu berücksichtigen ist. Vgl auch Denifles scharfe 
Zurückweisung im Archiv II, 620 A. 1, 687, Dass die Lehre der älteren ^ansii*^ 
kanerschule von der ,cognitio in rationibus aeternis^ mit der thomistischen Lchr€ 
nicht harmoniert, — die Herausgeher des Itinerariums fs. Anm, zu 176,6), SchoUim 
p, 487 ff , suchen vergebens Bonaventura und Thomas in Einklang zu bringen — 
hat neuerdings lichtvoll und überzeugend M. Grabmann, Die philosophiwke 
and theologische Erkennt nisUhre des Matthaeus vwi Aquasparta (= Th%dU 
Studien der Leogesellschaft H, 14) 1906, 65 ß\ gezeigt (S. 60 f über Bonaventura)* 
Vgl auch Krebs, Meister Dietrich (s. S. 3:!^8) 124 ff. 
'•') Zfda XXI, 131 ff. 



Das Handschriftenverhältaiis. Art und Weise dieser Ausgabe. 35 

jepie Lehre der im Orden streng vorgeschriebenen ^) thomistischen 
Doktrin widersprach. 

Die Lösung des Problems ist sicher eine ansprechende, tve^in" 

gleich nicht alle Bätsei schwinden. Anfallend bleibt dann immerhin, 

warum Seuse bei seiner „ängstlichen Furcht** (Denifle) nicht besser 

dafür sorgte, dass die Spuren der anstössigen Lehre verschwanden , 

und wie er überhaupt dazu kam, in dieser wichtigen Frage von 

Thomas, den er so hoch schätzt und dessen Gegner er so sehr tadelt 

(Vita 180,16 f,. Hör, 151 f.), abzuweichen^). Doch wird man die 

Möglichkeit nicht leugnen können, dass er trotzdem jene Theorie, die 

sieh auf die Auktarität des grossen Augustinus stützte und von einer 

Reihe von Theologen seiner Zeit, vor allem von seinetn Lehrer Eck- 

hart, vertreten wurde, adaptierte und in seiner mystischen Spektdation 

anfänglich zum Ausdruck brachte. Viel schwerer wird man zu der 

Annahme greifen, — und sie bliebe allein noch übrig — dass etwa 

auch hier der Interpolator von M, der die Notiz 130,1 ff. einfügte, 

8ewi€ Hand im Spiele hatte, indem er sich angetrieben fühlte, den 

Tejrf der Vita nach Bonaventuras Itinerarium, von dem Seuse so 

flötzlich abweicht, zu ändern und zu ebnen. 

Das Resultat dieser Untersuchung ist demnach folgendes: wohl 
wr in bezug auf den Anfang des 51, Kapitels kann man mit ziem- 

*) Auf dem Generalkapitel von 1278 wurden die Dominikaner streng auf 
*« Lthrt des fd. Thomas von Aquin verpflichtet und zugleich eigene Inquisitoren 
^fgttteÜt, durch welche die NichtnThomisten bestraft , aus ihrer Prooine aus- 
9*iiouen und jeden Amtes enthoben werden sollten (MOPH III, 199). Ähnliche 
^»Ummungen wurden öfters wiederholt, so auf den Generalkapiteln von 1279, 
^ 1309j 1313, 1329, 1342, 1344 usw., ein Beweis, dass sie nicht immer genau 
f^thaUen wurden und dass die antithomistische Strömung auch im Prediger^ 
^dtn tUcht unbedeutend war. Meister Eckhart und Dietrich von Freiberg, die 
^olzdem hohe Ordensstellungen bekleideten, sind Zeugen dafür. Übei- des letzteren 
^rienntnislehre , welche ebenfalls antithomistisch ist und, wenn auch von 
«»<fef«i philosophischen Grundlagen ausgehend, doch in der Hauptsache mit der 
^alteren Franziskanerschule zusammentrifft, vgl. Krebs a. a. 0, l'^3 ff., 
^*ff., 203*; ebd. 220* auch über den Traktat von der Minne (bei Preger 
^ it9ff.). 

^ Als Gegeninstanz wird man weniger betonen dürfen (vgl, Denifle 
ö fl.0. 134 A. 2), dass Seuse kurz vorher (17 2,1 ff,) den Weg der Gotteserkenntnis 
P^ crtüturas auf aristotelisch-thomistische Art beschreibt, und dass auch das 
^^ßff, angeführte Beispiel vom Licht und von den Fledermausaugen der Lehre, 
^ göttliche Wesen sei das primum cognüum, nicht recht entspricht. Ein der- 
^^ti Ineinander spielen augustinischer und aristotelischer Gedanken findet sich 
<w»cÄ in itm System Bonaventura.?, bei Matthäus von Aquasparta n. a. (vgl. Grab' 
»'»n« a,a, Q. öTjff., 60 f.). 



\ 



36* Einleitung. I. Die Überlieferung'. 

licher Wahrscheinlichkeit von eifier doppelten Redaktion der Viia 
reden; einen grösseren Umfang hatte diese scJiwerlich^), Doch mri 
bei dieser Annahme der Ausdruck „Doppelredaktion*" besser ver- 
mieden *), denn auch die Rezension von M war von Anfang an für 
das Exemplar bestimmt^): Vita 18,11 f und 155,7 {s. oben S. 32*) i$t 
von dem Briefbüchlein die Rede, 96,2 wird das Leben als erstem 
Buch, nämlich des Exemplars, bezeichnet, und es fehlt auch nicht der 
Hinweis auf die Bilderausstattung desselben (193,24). 



II. Die übrigen Sehriften des Exemplars. 

1. Das Bdew hat eine verhältnismässig sehr alte, gute, aber i 
doch nicht ganz einheitliche Überlieferung, Von den benutzten JSTä | 
(x, S. 196) ist der Konformität halber auch hier A zugrunde gelegt m 
obwohl wir in EE^Z einen älteren und besseret Text vor uns haben; 
in rein sprachlicher Hinsicht stimmt jedoch A mit diesen Hss, foit 
vollständig überein. Relativ den besten Text hat Z, dctö auch dk 
Autorenzitate am Rande am genauesten verzeichnet, dann feigen^ 
E und E\ Diese beiden Hss, weisen Korrekturen von einer äUerei^ 
und Jüngeren Hand auf, welche nicht immer mit voller Sicherheit e» 
unterscheiden sind, Z nur solche aus sjniterer Zeit ; die sicher jängerm 
und unrichtigen Korrekturen sind im Variantenapparat nicht berück^ 
sichtigt. In E^ und F, welche miteinander verwandt sind, zeigt Hdk 
häufig ein willkürliches Eingreifen des Schreibers; E^ hat daneben . 
aber auch oft sehr gute und alte Überlieferung. Verwandt sin^ 
feriier F und F^, E^F und F\ namentlich aber A und K, denen 
sich noch manchnuxl cl anscMiesst, AKol, welche das Bdew in der 
Form repräsetitieren, wie es in das Exemplar aufgenommen wurdSm 
stehen durch zahlreiche Änderungen, Auslassungen und sonstige 
Korruptelen allen übrigen Hss,, welche das Büchlein separat übef^ 
liefern, als eigene, minderwertige Gruppe gegenüber, weis zu defn 
Schlüsse berechtigt, dass der Vorlage von A keine sehr gute Abschrift 
f= X) des BdeWy das schon ca. S5 Jahre vor der Redigierung d0^ 



^) Höclisteiis wäre noch 159,13 f. an ein Kingreifen Seuses seihst zu ifonÄ?**^ 
^) ÄXAch Denifle redet wiederholt nur hypothetisch davon (Seuse 

Zfda XXI, 137), 

*) Unrichtig sagt Denifle, Seuse XIX: „w steht fest, dass das 

in M von Seuse nicht für das Exemplar bestimmt war.^ Dagegen mit 

F reg er, Mystik II, 321 f. 



I>ii8 HftDilachrifteuvcrliSIiuia. Art und Weist dieafcr Äusgalie. 37* 

larif nerfnsit war, zugrumle Ici/^); und zwar musn X in 

■ Beziehunff zu der in Töss geachriebeHen Hs. E ge^tandm 

dae zeiijt das äfiers vorkommeiidv Zusnmmetitreffm von A 
'f AK und E, AKx und E, neben d^m jedoch auch die Ver- 
tuen AF und AI! betnerkemweri xinri. In ZweifelufSllen wird 
ich hei HezenMerwiff den Textex in der Hegel auf jene Hss.- 
w zu stützen habe», bei der Z vorkommt. Es gelingt auf diese 
öfters einen zuverlässigeren Text gu erzielen, als ihu Denifle hat, 

■ und E' bevorzugte. 

2. Dna dritte Büchlein (Bdw), weniger kopiert und daher 
tr verdorben, ist ziemlieh gut überliefert. Führerin ist A, und 
itser H«. bezw. ihrer VorInge scheinen alle übrigen abzustammen ; 
ndt tiitd besonders A und li, A und K, A und S, AB und S. 
Ha Varianten eon CXSfm, welche voll Fehlern »ttcken, »ind mir zum 
iäntUn Teil angeführt. Gegenüber JJeniJIr. der geringeres Material 
bte, ist der Text nn manchen Punkten verbessert. 
H. Beim Bfh gilt so ziemlich dasselbe, wie beim Bdu: A über- 
oU$ übrigen Hss„ von denen VKPS manche, N Ü H'fm a. sehr 
Verderbnisse aufweisen, weit, und nur sehr selten muss eon 
tbgtgangen werden. Verwandt sind unterei minder //emmders .1 
S, C und S, AC und S, K und U. m und N. 
4. Di« Zuaätze zum Bfb') sind in mangelhafter iVeise über- 
t, und zwar weichen die Hss., welche das Exem/ilar enthalten 
h/j, lind a öfters ab eon denen, welche sie in Verbindung mit 
hBfb bieten (Shms'). Der letzteren (rrujij/e wird meistens, 
itlieh bei den Sirrüchen, der Vorzug zu geben sein. Denifle 
rie e» scheint, nur x und m benutzt. Zur Grundlage sind 
df genommen, weil diese Hss. die älteren Sprachf armen und 
lannifchen Dialekt am meisten bewahrt haben. 



III. Das Grosse Briefbach. 

Nach ö'dHWfi Zeugnis hat seine geistliche Tochkr Elsbvth 
' an» .allen" Briefen, die er ihr und andern seinen geistlichm 
(TU i/esandt, ein Buch gemacht; er ."elbst nahm einen Teil der 

'\ Au/falimii in dire aÜndingn, da Seutt nach l'rolog 4,1 ß'. Obrr Schreiber- 
rrlmiitf, spttirll im Bdmt; hhujl und von Mine" Banitlimtgfn um lin ,ge- 
'f Eiimplar btrielittt. Mim ivird 'iber von rinem miltfl-aUerlicHen Schrift- 
* W«< aOtH grotet Akribiti erwartfii diir/mi. 
1 ygl dif Anm. S. 393. 



'iS* Einleitung. I. Die Überlieferung. 

Briefe, kürzte sie und machte ein neues Büchlein (873,22: diz kleia 
ding) von elf Briefen daraus, dds er als vierten Teil dem Exemplar 
einverleibte; die Briefe, welche ihm zur Aufnahme nicht taugUek 
schienen, vernichtete er (Prolog zum Exemplar 4,18 ff.; Vita 18,12; 
Kl Bß 360,1 ff., 373,22 ff.). 

Ist nun wirklich das ursprüngliche, ungekürzte Brief buch der 
Stagel unwiderruflich verloren, oder ist es in irgend einer Form e^ 
halten geblieben? Über diese Frage ist vor 30 Jahren zwiseki» 
Denifle^) und Preger^) eine heftige Kontroverse ausgefoehUB 
worden, die zwar kein völlig sicheres Resultat herbeiführte, derm 
Verlauf aber doch unzweideutig erkennen Hess, auf welcher Seite sick 
der grössere Scharfsinn und die umfassendere Kenntnis des haut' ^ 
schriftlichen Materials befand^). In seinem ersten Aufsatz hatk 
Denifle ausgeführt, dass das ursprünglicfie Brief buch nicht, wie mm 
glaubte, verloren sei, sondern sich im wesentlichen in der Stutigarltr 
Hs. Cod. theol. et philos. 4^ 67 (^ s, s. oben S. 24*) erhalten finita H 
während das von Preger 1867 herausgegebene Brief buch des Cgm 8tt 1 
(s. oben S. 7*, 23*), das dieser für die endgültige, von Seuse für dm "^ 
Exemplar bestimmte Redaktion ansah, sich nur als ein ungeschiMm ^ 
Konglomerat aus Briefen des ungekürzten und gekürzten Briefbuchm *1 
darstelle. Dem gegenüber suchte Preger nachzuweisen, dass dir i 
Si<igelsche Sammlung gar nicht erhalten sein könne, da Seuse naek 
seine)} eigenen Worten (373,27 ff.) sie vernichtete; derselbe hoklf \ 
mederholt eine Auslese aus ihr veranstaltet : die erste besitzen wir noA 
in s (das „alte^ Brief buch), die zweite in den 11 Briefen des erski^ ' 
Druckes (das „neue^ Briefbüchlein), die dritte, für das vierteilig^ 
Sammelwerk bestimmte, die aber durch einen Zufall nicht in ioM 
Exemplar kam, in m. 

Das neu^ Material, da^ in vorliegender Ausgabe der Forschung 
unterbreitet wird, ergibt mit Sicherheit, dass Denifle in allen wesffHp* 

') ..Zu Seuses ursprünglichem Brief buch,'' Zfda XIX (1876) 346—7$» 
^Ein letztes Wort über Seuses Brießücher,'' ebd. XXI (1677) 89—138. Fffc 
auch Seuse XXV IL 

«) ..Die Briefbücher Susos^ Zfda XX (1S76J 373—416. Die Abh€mS^ 
lang in Gesch. d, d. Mystik II, 331 ff. bringt nichts Neues von Bedeutung 
ebensowenig die persönlichen Erklärungen der beiden Gegner in Äfda Uly 211 — 1 

^ Strauch, Afdn IX, i56* hält Denißes Ansicht für glaubhafter^ 
AÜg. dtsch. Biogr. 37,179 schliesst er sich derselben rückhaltlos an. Vett€ 
a. a. 0. 59 f. meinte, es habe nicht bloss ztvei, sondern mehrere BriefbUcher 
abweichender f^^ihenfolge und Ausirahl der Stücke gegeben, die „Kürzung^ dmrc^ 
Seuse sei nur entschuldigende Fiktion eines spiUeren. 



r>M Uaii(lEchri(t£ii Verhältnis. Art und Weise dieser Ausgabe. 39* 

liekfH Punkten da« BicJitige genekett hnt, Preyer dotjfijeH wie »Vi bezug 

auf dif Vita so auch hier sich nuf falscher Fährte hefund. Was 

zKHQchai das Heitif mUr neue (ijekürzte) Büchlein mit 11 Briefen 

anlangt, so kann es keinem Zweifel mehr unterlitym, dnsu tvir darin 

die Iftste, in guiiz ttestimmter Tendenz^) benrheiteie und in das 

Eiem/tlar auft/eiwtnmene Auswahl Setises cor uns hahrn. Gegenüber 

dem Zeugnis der Hu»., welche dasnelbe sämtlich ausser m und N in 

tinhtiÜicher Form bieten u»d als viertes Buch dem Bdw anfügen, 

mken die Pregerschen Erkfärungscenmehe und Kombinationen *) i« 

luthU zusammen, m, wozu n/s Dopjielgängeriu die fast identische 

Hl. S kommt (s, oben S. 7* ), kann dagegen unmöglich als Schluss- 

ttdaktion Seusei* gellen und ist überhaupt gar keine Originalarbeit ^). 

Di« Entstehung dieser Kompilation lässi sich unschwer begreife». 

Ütr Münchner fiezw. Nürnberger Bearbeiter hatte eine Hs. cor sich, 

m welcher airf das Kl Hfb das ungekürzte ( und wohl auch die 

1 Prtdigt Ltctulus) folgte, — solche Hss. haben wir noch in B und V 

I ~ fr H/ihm da.i erstere ganz auf, von dem letzteren aber nur die- 

I 'r^gen Briefe (14), leelche ein abiceicketides Motto trugen und fügte 

(K aaeh Br. 111 (Nigra num) ein frgl. oben S. 23*). Dieses Ver- 

fihrtn hatte notwendig Ungleichheiten in den Überschrifli-n und eine 

.itihe unnütter Wiederholungen 2ur Folge*). 

1 DU Vtiri-tde »p'i'cfit von ttna- Itre, jeder Brief ist mit einer ni/eiien 
fUnchrift ctTtehrn, die KurEUtig, Zusammensettunff untt Äbfntyt der Brieff 
Ut nocA taehtiehen Getiehtupankten {». ü. 43* A. S) beteerksleliigt. Alt« Vita 
JS,1I/. ffrAl hemir, data Abnehriften des Kl BJ'b schon vor der Sehluss- 
niikiini 4** Extmplar» im Umlauf irarcn. 

1 Hfda XX,41fi: MusUk 11, 342 f. Vgl. dagegen iiamtntlich ll'Uifti', 
Zlia XXI, 136. 

'i IHc einsetnen Argumente Pregers , der iifUr» angtjch'ckl Ofieriert, 
laaiirhin hi*r nicht mthr uiidtrlegt tu werden: Drnifle hat dies fast in aUrn 
AWw fieyreieh getan, tgl. hefondtis Zfda XIX, 300f. XXI, 103ff. llOff. 

Dir» eehuH dir tinieuehtendt Krktaiung Drnifles, Zfda XXI, Wo. 

^ treilere Xolizen übtr dir lifscliaßenheit des Textes in m N. Der 

« dtrettbe wie im Kl Bfli, Die 11 Briefe de* letiieren sind, tornn 

Khr rtrdtrht, in der Rezension eon A, doch hat der Kompilator nicht 

, leo es ihm pattmd seMm, eineelnr Wörter und Phrasen aus dem 

Sfh tu äbemthmen, bette, rinselnes utiezulaiitrH, val ts dort nicht stand; 

t Beispiele hat schon Denifle, Zfda XXI. llOff. aufmcrklam ge- 

io ist Sö,t3 (ich tiiiere Pregtr nach Üriltn und Zeilenl in den Uer- 

GrBfl' tll,Vi: L'!f,l steht liegcheidenheit etatl inrkeit = J.?0,&; 30,1 

~ 43/,l().- 61,17 waz will. leren = 467,17: 0:1,10 on seinem gebet 

«WI; SJ^ goükhen = «V?-- «-'.^ g<"«8 ^nialiol =M«^S; TO.lü fehlt 

.S'dmAui = 4St),t8. Am Sehlues ron Brief II, III, XXII, XXIV (nach 



40* Einieituiig. I. Uie Überlieferung. 

Dem geijetiüber tceisen s luid die dnmit zusammen zustellenden 
Hss. bCcdgg^hnRs^Uz untrüffliche Merkmale tiuf, an denen loir m 
die Singelscke Sammlung erkennen können. Per Prolog (405,1 ff.) 
redet nicht von einer Auslene wie heim Kl Bfb (3G<t,äff.), son/lei 
weist deutlich auf die Originalhritfe hin '); esfelilen die yedaktionel/en 
Zusätze, welche Brief IV, V, VI ( Anfang undSchluss)im Kl Hf herhalten 
haben*), samt — doch ausgenommen hÜs' — der Erzühbmg con dtt 



Pftgtrl isl ein lateiniacher Spruch: hec nobie cnncednt ille, qui pusua eet pro noUi 
l'iiltr ähnlich) angefügt. Die rfdnttiontlh BeiMfkung fi4,4~~T iBriff (^uomot 
polMt, vffh diese Ausgabt 371,3^ ''of-A "«* tcelchtr Preger iZfda XX, 40Si 
Myalik II, 339f.) für seine Hyjmtiiee« KaiHfnl *chl/lgt, hnt Itenifle, Zfda 
XXI, IJSff, aberitugend als mnsehifbsel dfs Kiimpilators nachgtwi 

') Es ist Seiuea Geteohnheit , i'n deii Vorreden und aoast bei ff«- 
Irgenheit sich über die Entstehung seiner Schriften auszulasten (vgl. Dei 
a. a. 0. lOfJf.i; irie das gtkärwte Rfb au iitande kam, erzählt er sogar dreimali 
liier aber haust et rinfaeh : die (briefB) SAnte ... Tsl das nieht ein deutlieh» 
Fingertrig, datt tcir keine von b'euse veranstalttle Sammlung vor uns habent 
Er pflegt sich sonst auch nicht ein, sondern der dieuer der ewi^-im wisheit a^ 
itfimtu. liats ein Satt in beiden Prologen fast identisch ist, darf ' " '--^ 
sondtra auffallen, dctm Seuss hat auch Verse der Slagel eiiiirlnen Absekrifit* 
des neuen Bfb lugrselxt, und einige davm unter die tu Bild 1 und iü gehört 
Sprüchr aufgeniimmen. I'regti- räumt übrigens selbst die Möglichkeit der i 
lehnung ein (Zfdn XX, 380). 

') Brief XVII KJuumodo poteidj des GrBfb (vgl. Kl Bf b IV) erfordert 
i/tsonderte Betrachtung. Er terfällt in twei deutlieh gssrhiedme Teile, die n 
ins unter einem Motto, doch durch rote Initiale und Absat» getrennt (i£a,tO) 
fiei eiTiandsr stehen, während C e d nur den erstell, n t nur den neeitm TA 
enthalten. Im KlBfb sind die swei Stücke mit Hr. XVIII (A'tmo igtest) t 
tammtngisehmolsrn und haben eine historische Einleitung erhalten, aus »elchn 
hervorgeht, dass alle drei Teile an dieselbe Adrcssalin, wenn nueh nicht alle M 
gleicher ZeÜ geschickt worden waren. Da na» im Gr Bfb mr der tmeitea At 
teitung VOR Br. X VII dieselbe Einleitung steht, vttnn auch ausführlicher und m 
clutrakttristischen Zügen bereichert r Jß8,/0— <iW,9(, teie im Kl Bfb (370,1— 
so sieht Preger <Zfda XX, 3S0: Mgslik II, 33af.l darin einen uniriiglicha 
Seiceis der Rtdigierung durch Stuse selbst. Doch ixt dir Argumentation fliW 
beweiskräftig und schon von I'enifle fZfda XXI, 90ß.) genügend iridn-ltg 
worden. Warnta soUjene Einleitung nicht schon in Stagtls Sammlang gttlandM 
haben f Es ist aneitnehmen, dass Sease den xweitm Teil zugleich mit dem vatt 
an dieselbe Nonne sendete ; deshalb hat jener auch krin eigene« Motto, nms tom 
bei allen Briefen Seusrs der l'aü ist. n allein {S. im Variantenappiital 1 
458tl0> kann dagegen nichts beictisen. du diese Tis. überhaupt einen sehr ttm 
und oft villißrilch bearbeiteten Tc.rt enthält.- nueh bei 4U1,19 selten n Ml4> 
unmoticisrienctito den Beginn eines neuen Briefes an. Eher noch känhU A 
ftir »ich unrrrstKtidliche Er "fri Heijinne der Uriilhlui-g (ifiS.ldi auffallen, ab 
mellticht hat die Slagrl hier geändert. 



l'iia Quiidi-L'liriftvuTerhallDiH, All iiail Weise dieetr Ä-Ua^abe. 41*^ 

Vn-rhruuff des Samrns Jesu, Morgengrits» und Sprüchen, und über- 
haupt ergibt sich dfU Gi' Bfb ') bei genauer Vergleichung unzwei- 
deutig als die Vorlage zu erkennen, »(ich der die 11 Briefe des 
Ki Hfl) gekürzt und zusnmmengeslellt ifordeti sitid^). Ein Blick in 
_ die TabeOe S. Hfi* (vgl. auch die S. 25* vorangehende Notiz) zeigt, da"« 

■ Üi Aufeinanderfolffe der Nummern des <Jr Bfb in den Hss,, zu 
I 4«w auch die ehemalige Strasshurger Hs. F 128 {s. oben S, 25*) 
■n sleUen wäre, — die nur wenige Briefe enthaltenden Manuskripte 
HfamMm nicht in Betracht — im wesentlichen konstant ist; nur gegen 
HEcUuas macht sich ein leichtes Schwanken gellend. VerhäUntsmäBsig 
Hm) besten scheint die Abfolge des Originals in s repräsentiert. Es 
Hvl eine interessante Beobachtung und zugleich eine Probe für die 
^mBichtigkeit obiger Beweisführung, dass die Art, wie die Briefe des 

^1 'i leb fftbrauehe diese Set*ichnung, nicht wie TJeniJle „vnyekil-rttea- Bi-itf- 

^B kal, Hvä (Ttr nt'cAt sieher missen, ah alle BiieJ'e dtr Slagelachfn Sammlung 
?J thhm sind. Zudem mag der eine oder andere noeli nachträglich data ge- 
J Wnmi stin: so ist Nr. XXVII lair .*» drei S}>ätereH Hss., XXVIII (die 
irl Mthtit prtittumirrlj nur in einer überlit/crt. 

'I *) E* ist ron Inlcrrste Seusrs Vorgehen hierbei tu beobuchtfn. Er kärtt 

■r-t >kkt bhi», sondrm macht dann und mann auch kleinere ndsr grösser^ ZusMte 
'\ i'fi Brir/ IV—VIEinleitungeti, s. S. 40*1, verdeullie/U ditreh Vtrlausehung 
^L ■»« JHsA-Hck» durch einen anderen, bringt hleint stüistieche Vtrbesnerungen 
^K «. Die Sprache im Gr Bfb ist Sftera origineller, kräftiger, weniger gefeilt, 
^1 ii Kl Bfb glatter, weniger iiersflnlieh. Infolge der Kürsung icird der Gedanken- 
H l»f oitr laicAl immer klarer, z. B. int S68,S7 ff. : 370,16: ilS3,17 ohne die Vor- 
V V tann rrrständlieh. Im eintelnen entsprechen sich die Briefe im Kl and 
m (irBß ia folgender Weise (die betreffenden Partien des Kl Bfb sind immer 
'm funiKgtsttlll und die Briefe des Gr Bfb mit römischai Ziffern btteiehnet): 
H Ikrguiua mundi besteht am II 1. Teü {Stiü.lU— 362,19^410,10— 413,17) and 
^tbuwi .Sluek von III Surr rxi iSG2,äO— 32 = 418,ß -419,10); der 2. Teil von 
^^AifNHn ainndi im Gr Bfb, der ganr spesielle lialsMäge für eine Nonne ent- 
^BlllL ist im Kl Bfb übirgangeu, ihn nie eigenen Brief ansusehen (Preger in 
^I^iId XX, 375), ist aber kein genügender Grund. — 2. Habitabil ist aas seetis 
^m-nthiedtntn Teilen suaammertgesetst : a) 363,4— 364,16 = IV Uabitahit ; 
■^1 364,1S-3S = V 8onet 423,18—424.22; c) 364,29—360,2 = VI Vintae 
■«;U~3S. dt 360,3— I(J= VIII auslote 430,5—13: e) 365,11—366,6 — X 
ÄWtoTB i3(i. 4-437. 13.- f) 36U.7—^ = KI Audi ^7,31—439,7. — 3. Mgra sum 
^■M »<u XII stark gekürzt. — 4. In Br. Qutmodo polest entspricht 369,4—871,32 
^Bh »mntUchtn XVII und 371,33—372,25 XVIII Nttnu polest. — 5. Exulttt 
^■^ XtV. - 6, Abealiin= XIII (tisndich erweitert). — 7, fChristusI, 8. (Annun- 
^g>su> iMd 9. fln nntnibwii geben die Vorlage Br, XIX— XXI unwesentlich 
■••^•J« wieder. — 10. Eslole besteht aus ev>ei Teilen: al 389,24 ^3m,37 
im = XXU 471,3—472,11; b) 3al,l-10 = XXIV Noa autim 476,7—24. - ]L Pone 

■ ««^AXK/ 4IM Schlms ovniieri. 



12* ifiinleitung. I. Die Uberliefening. 

O Bfb aufeinanderfolgen und wie die einzelnen kombifiiert sitid, 
leutlich erkennen lässt, dass Seuse eine Sammlung vor sich hatte, 
velche die Briefe so ziemlich in gleicher Reihenfol-ge und Anzahl wie 
enthielt^). 

Man wende nicht mit P reg er '^ ein: Stagels Samndung ist ja 
mi Seuse vernichtet worden, wie kann sie dann erhalten sein ? Wir 
umnen doch nicht annehmen, dass Ehbeth ohne sein Wissen und 
Wollen eine Briefsammlung veröffentlichte! Darauf ist zu sagen, 
lass die Absicht einer Veröffentlichung in den Worten des Prologs 
licht notwendig gefunden werden muss; sie haben einen guten Sinn, 
cenn Elsbeth die Briefe auch nur für ein Kloster bestimmte^ 
bbrigens ist ein eigentliches Verbot, die Briefe anderen mitzuteilenf 
tuch flicht gegeben worden, die Bedenken Seuses gegen eine weitere 
Verbreitung (7,9 ff\, 118,24 ff\) bezogen sich zunächst nur auf das, 
vas er von seinem eigenen Leben, seinen Übungen und Leidefi erzählt 
xatte, und davon enthält da^ Gr Bfb nicht viel. Dass sich Seuse 
n seiner Meinung, das ursprüngliche Briefbuch sei bis auf den ins 
Kl Bfb übernommenen Beat vernichtet, getäuscht hat, ist richtig und 
mmerhin auffällig. Aber die Tatsachen verlangen die Annahme: 
'S muss noch ein zweites Exemplar des Briefbuches, sei es in der 
Hand der Stagel oder einer Gesinnungsgenossin (vgl. 113,24 ff",), 
xistiert haben, das erhalten blieb. Völlige Aufhellung des Rätsels 
vird uns wohl nie gelingen. 

Vgl. die vorige Äntn. Warum im Kl Bfb von Nr. JT— VI eine andere 
Ordnung beliebt ist, ist leicht ersichtlich. Kr war dem Lehrzweck angemeesen, 
gleichartiges zusammenzustellen: Br. 1 — V behandeln geioissermassen die Anfangs- 
gründe des geistlichen Lehens. Das Wort ..alle'' im Prolog (4,19) ist nicht n^ 
pressen ; es wäre auch kaum möglich gewesen, dass Elsbeth alle, möglicherweise 
ceit zerstreuten Briefe Seuses in Abschriften zusammenbrachte. Dass uns nu^ 
in „Bruchstück'' (Denifle, Seuse XXVIII) der Sammlung erhalten sei, i^^ 
laraus aber nicht zu folgern (vgl, auch Preger II, 333), Die in die Yit^ 
^erarbeiteten Briefe sind selbstverständlich nicht in die Stagelsche SamnUut^ 
lufgenommen worden : dafür tvaren manche von ihnen nicht geeignet und ^-^ 
nusste genügen, sie auf jene Weise ror dem Verlorengehen gu befvahren. 1)09^ 
Hr. XX Ännuntiate in allen Hss. des GrBfb unvollständig ist, dürftt ledigUc^ 
Schuld der Abschreiber sein, die den Schluss, weil völlig gleichlautend mit d$s^ 
Kl Bfb, wegliessen. 

*) Zfdn XX, 370 f. 379 ;\Mystik II, 332 f. 

•) iSo Denifle, Zfda XXI, 93. Ganz verkehrt ist es zu sagen, d^^ 
Erwcihnung des ..neuen" Bfb setze voraus, dass ein „altes"^ existierte und 
iannt war (Preger, Zfda XX, 369 A. 1: Mystik II, 333). .yNeW heisst 
loch nur mit Bäcksicht auf seine Entstehung aus Stagels Sammlung, von d^^ 
"ieuse dreimal ei-täklt. 



DsK UandDchrifteuTui'UMüiiti. AiL uuJ \Vt.'ise dieser Aus^julie. 43^ 

Wag dag Handschrifttnverhältni» in bezug auf das 
tr Bfb betrifft, »o ist es nicht leicht, ein klares Bild hiereon und 
hte »icherr Grundiaije fär die TextgesUdtung zu yemnneii, und dies 
tsbeaondere deshalb, weil fast bei jedem Brief die Zahl der ihn 
iberlieffrnden IIss. sich ander.i zusammensetzt und weil es nn einer 
•ntUeh fährenden Ha. fehlt. Sämtliche Texteszeugen sind com 
AreketypuK schon ziemlich weit entfernt, und heiner derselben ist frei 
I zahlreichen Verde rbiu'fisen and Auslassungen. Verh^tnissmässig 
«m beste» ist z, dann folgen b u»k/ s, hierauf chßü, Ods^; recht 
»ehlfchlett Text haben mK, g zeigt viele starke Eingriffe des Schreibers, 
Und n ift icegen seiner zahlreichen Erweiterungen und Streichungen 
tktr eine Umarbeitung als Abschrift zu nennen. Nach dem Gesagten 
ist auch der kritische H'ert der einzelnen Hss. zu bemessen. Kine 
ftmigsf Sicherheit für richtige Lesart gibt dan Zusammentreffen von 
t und b. Verwandt sind folgende Hss.: b und C, b und c,.b und s, 
i md U ; d und s; g und n; h und R, h und s; m und N, n und z; 
»nd»'; Oundz; bhs, bhBs, bmN, dmN, hmN, hBs. hlts\ hRss\ 
JHz. Die Variatiten sind bei Brief 1 und III fast voüstätuiig an- 
f^hen, bei II die meisten, von IV an musste mit Biicksicht auf 
itH üaum eine bedeutende Einschränkung eintreten, indem nur mehr 
die wichtigeren, für die Textgeschickte bedeutsamen Abweichungen 
mtiert wurden. 

In sprachlicher Hinsicht ist z zugrunde gelegt, weil diese Hs. 
irmöge ihres Alters und ihrer Mundart dem Original am nächsten 
B dürfte; doch nind nicht alle Inkonsequenzen der Schreibung 
^tixch kopiert, für das und dz ist stets daz geschrieben und 
«ei«Ae/i waz ( Belat.) und was ( Verb.) unterschieden. Bei den 
Britfen, welche in z nicht stehen, ist s bevorzugt unter Berücksichtigung 
«n h und U. bei Br. XXIII b und bei XXVII s\ 



IT. Die Predigtet! und <Ias Miunebiichlein. 

l. Die Überlieferung der ersten Predigt (Lectulue) ist keine 
te^mders gute; auch die relativ beste Hs. b', welche zur Grund- 
logt genommen ist, hat nicht wenig Fehler. Als zusammengehörig 
tnnii-m sich namentlich b und b'', ä* und s, b a7id C, b und c, 
C und i: g und *, n' K»rf s, ferner bCc. bb'C, gnh. g zeigt he- 
gegen Schluss starke Kürzung. Von den Varianten sind 
die wichtigsten verzeichnet. 



4 



44* Einleitung. I. Die Cberlieferung. 

2, Bei der Predigt Miserunt wie bei den beiden folgenden ist 
wegen d^s unzulätiglichen Materials nicht immer ein sicherer Text zu 
erzielen. Für die ersfere ist in sjyrachlicher Hinsicht die mittel- 
fränkische (hessische) Hs, g^ benutzt, die aber in sachlicher Beziehung 
wegen ihrer zahlreichen Interpolationen weniger Vertrauen verdient, 
Sie ist zu verbessern durch b^, und namentlich durch die Gruppe b^r. 
Für die Predigt Exivi stapid nur d^r schlechte Abdruck in der Tauler- 
ausgäbe von 1543 zur Verfügung, d^r hier mit einigen Konjekturen 
und mit Ausgleichung und Reduzierung der inkonsequenten und ver- 
wilderten Schreibungen iviedergegeben ist; vgl. jedoch oben S. 28* f. Für 
die vierte Predigt haben wir eine ältere Hs, nieder rheinischen Dialekts, 
die aber d/is hochdeutsche Original noch stellenweise durchblicken 
lässt, und den Taulerdruck. Über den Zusatz in letzterem vgl. die 
Bemerkung S. 536, 

3. Das Minnebüchlei.n ist bis jetzt nur in z gefunden 
worden, wornach es schon Preger 1896 edierte (s. S, 537). Für 
den mitunter mangelhaften Text hat der erste Herausgeber wenig 
getan, es ist hier durch vorsichtige Konjektur an einigen Stellen eine 
Besserung versucht worden. Ausserdem ist der Text nicht wie bei 
Preger diplomatisch genau abgedruckt^ sondern wie beim Gr Bfb 
leicht retouchiert. Dass die in Pregers Edition 466 — 71 angehängten 
(iebete nicht von Sewie stammen, wird später gezeigt werden, 

y. Bemerkungen zur Orthographie des Textes^). 

Der Einheitlichkeit halber, und zugleich, um diese Ausgabe für 
philologische Zwecke möglichst brauchbar zu machen, ist beim Exemplar 
die Schreibart der vorzüglichen Hs. A, obwohl sie sich nicht immer 
konsequent bleibt'^), möglichst beibehalten worden. Wo geändert ist, 
sei es um das V'eratändnis zu erleichtern'^) oder weil ein offenbarer 
Schreibfehler oder eine falsche Lesart vorliegt, wird die Lesart von A 

') Dir folgenden (irundsätte sind tunlichst mit den mn der ^deutschen 
K ommiHHion** dtr Kgl. Freuasisdun Akadnnie der Wissenschaften für die Her- 
ausgabe der „deutschen Ttxte des Mitt .lalters^ aufgestellten in Übereinstimmung 
gebracht worden. Vgl. Heft 1 der „7'ex/t": Friedrich von Schwaben, hrsg. von 
Jellinek Umj4 S. VL 

') Anmentlich in der Anwendung von s, ss^ z, zz harscht starkes Schwanken. 
Heim Text des lidew zeigen sich sowohl bei Vokalen (z. /A o, oi), als hei Kon- 
sonanten ( htiujigere Dopplung!) Abweichungen gegen früher, 

•') Aus diesem Grund ist in einigen wenigen Fdllm waz (Verb,) in was 
geändirt, wo es nahe mit waz [Helat.) zusammensteht. 



Bilder und Sprüche des Exemplars. Seuses Verhftltnig zur Kuust. 45* 

hn Variantenapparat verzeichiet. Von der Regel etner genauen 

Wiedergabe von A ist jedoch femer in folgenden Fällen abgewichen 

worden: statt der Schreibung e, welche die Hs. bis auf einigemal 

festhält, ist stets ö gesetzt; u und v, i undj sind nach dem Lautwert 

verteät; Abbreviaturen^) sind aufgelöst, Eigennamen gross geschrieben 

und unllkürliche Grossschreibungen bei anderen Wortern beseitigt, 

Worttrennung und -Zusammensetzung sowie Interpunktion nach 

modemer W^eise geregelt. Bei der Ansetzung neuer Abschnitte habe 

ich mich möglichst an die § Zeichen in A gehalten, jedoch öfters auch 

nach Denißes Vorbild bei längeren Auslassungen Unterabteilungen 

gemacht. In Sperrdruck ist gegeben, was in der Hs. rot geschrieben 

oder unterstrichen ist. Zu bemerken ist noch, dass zwischen ü und ü 

in A nicht immer mit Sicherheit unterschieden werden kann; es ist 

m diesen Fällen die nach der Analogie wahrscheinlichere Lesart 

^twäUt. 

Vorstehende Grundsätze sind im wesentlichen auch bei den nicht 
im Exemplar stehenden Schriften in Anwendung gebracht worden, 
jedoch mit etwas mehr Freiheit in bezug auf Beseitigung inkonse- 
JM^wfer Schreibungen. Das einzelne ist schon unter III und IV gesagt. 



C. Bilder und Sprüche des Exemplars. 
Seuses Verhältnis zur Kunst. 

Aus Aiüass der Redaktion des Exemplars hat Seuse dasselbe 
'"'^ Bildern und Sprüchen ausgestattet, icelche den Zweck habeti, 
•»POrt dieser falschen niederziehenden Welt wieder auf zu dem minnlg- 
^^^^m Gott reizlich zu ziehen^ (4,27 f), Sie sollen den Eindruck der 
''or/^ verstärken, das Unsichtbare und Unaussprechliche, soweit es 
möglich istj der Anschauung und dem Verständnis naherncken (vgl, 
^^^M). Nicht als ob Seuse die mystische Spekulation selbst in Linien 
^i^d Farben hätte bannen wollen — „wie kann man bildloses bilden?'" 
f^ägt er selbst (191,6), und erklärt seine „entworfetien Bilder*" und 
"^bildeten Worte*^ der blossen Wahrheit ferner und ungleicher, als 
«» schwarzer Mohr der schonen Sonne ist (193,32 f), — sondern 
*^ stellen teils die mystischen Erlebnisse in symbolischer Weise dar, 

xpa ist in Crisius, Jhs in Jesua aufgelöst, wie die Hs. auch manch- 
^ ausführlich schreibt. 



4ö* Einleitung. I. Die Überlieferang*. 

teils halten sie die in dsr Beschauung gezeigten Phantasiebilder fest. 
Eine Ausnahme macht nur das elfte Bild, welches, auf Bitten der 
St<igel wohl schon früher entworfen (190,27 ff.), den Ausgang der 
vemiinftigen Kreaturen aus Gott und ihren Wiedereingang in Ober" 
aus sinnreicher Weise veranschaulicht , und von Seme selbst im 
53, Kapitel der Vita erklärt wird. 

Der Entwurf der Bilder und allem nctch auch die Ausführung 
stammt von dem Autor selbst, denn sie sind von höchst origineller 
Erfindung und ganz organisch aus den Einzelheiten des Textes, den 
sie illustrieren, hervorgewachsen, tragen auch in allem den Stempd 
seiner reichen und edlen Phanta^ne. 

Bilderhandschriften des Exemplars sind uns in AKEWB\ 
teilweise auch in P, erhalten^), wozu noch die Druckausgaben v<m 
1482 und 1512 kommen. Die Ausführung der Bilder im einzelnen 
zeigt entsprechend der mehr oder minder grosseti Gewandtheit und 
Sorgfalt der Illuminatoren manche Unterschiede, wenn auch der 
Uaupf-charakter der Komposition gewahrt bleibt; von den beigeg^nen 
Sprüchen fehlt i7i den jüngeren Hss, ein Teü (namentlich die laiei' 
nischen), noch mehr in den Drucken. In der vorliegenden Ausgabe 
sind aus den vier Haupthss. AKRW die bezeichnendsten Bilder a^ 
gewählt und nachgebildet'^); alle aus der ältesten Hs. A zu nehmen 
ging nicht an, weil hier verschiedene Bilder sehr roh ausgeführt und 
mangelhaft erhalten sind. Die folgende Beschreibung und H^iedef' 
gäbe der Sprüche besieht sich jedoch zunächst auf Hs. A *), wo das Ot> 
ginal Seuses wohl am treuesten wiedergegeben ist; die wichtigeren ' 
Abweichungen von K und den anderen Manuskripten sind verzeichnet, 
ebenso die bedeutsameren Varianten zu den Sprüchen. Übrigens ist 
bei den letzteren in A der Text vorzüglich und nur an ganz wenigen 
Stellen zu verbessern. 

1. Bild (Abb.l S. 2 nach K) in A Bl. 1" vor dem Prolog. Oben 
üteht: Disü bild bewisent der''^ Ewigen wisbeit mit der sele geisch- 



«) die K 

^) Denifle kannte davon nur K und B; er gibt in seiner Ausgabe jwctüe 
genaue Beschreibung der Bilder und Sprüche erster er Hs. Beprodueiert sind 
bis jetzt von den Bildern der Hss. nur Nr. 11 nach K bei Denifle^ Nr. 1 
nach Bbei A. Salz er, Geschichte der deutschen Literatur 1904 ff., Beilage 61m 

*) Durch ein Versehen ist bei einem Teil leider ein zu kleiner MaesMäk^ 
genommen worden, so dass die Details nicht alle leicht erkennbar sind. 

^) Div einzelnen Bilder sind in der Hs. von alter Hand mit Ziffer I- 
(Bild ö' und sind als eines gerechnet) numeriert. 



Bilder uiid .'^prücbv des [■^vt^m^ltLr 



i VerliSltnis znr Kmiet. 47* 



getnalielscbaft") ( roll. Links David f nbt-r dir Mrejfent/pn 
\teM je ihr i\ame) mit folgenden Sprüchen: Iniciom sapiencie 
domini (Pt. 110,10; SimcA 1.10; vgl. Bdiw ■2H7,7i. Ein anvang 
etlicbn wisheit ist got flisecblich dieoen in vorchtlicher behilt- 
Techf.'' Salomoo: Der sunnen bild ist nit'') ho tin, siu vbertriffet 
l.rteriien seliin ( Weish, 7,29; vgl. 4(Hl.&f.). Unter David Die 
ige wislieit mit deu Spriicheit: läH, concupiecJs B&pienciam etc.') 
irach l,:iH) Kind mins, begerst du der getliclien wisheit, tto be- 
ll die tugent der gerelitikeil ; unter Salonioii Der diener der Ewigen 
BJieit, nrfjen dem «teht: hanc amari. Diz hau ich geminnet vnd 
gesftchet von minen jungen tagen vnd han mir si vserkorn ze einer*) 
mhel ( Weish. 8,3; vgl. 2iM,liff.). Unten links Job mit den 
'orten: Sapiencia non iniienitur in terra suauiter uiuentiuni (Job 
i3f.). VVer Bincs libes mit Zartheit wil pflegen, der endarf sich 
■ Ewigen wisbeit minn') niemer angeuemen. Der weit ralnne 
B er lan, der die Ewigen wisbeit ze einem liep wil iiau; rechts 
illotilez: Sapientie est ordinäre (Aristot., Metaph. 1,2 Ö82al7f.). 
tr diser wisbeit wil pflegen, der eol ordnen alles sin leben (eyl. 
Wol. HIOJ. Hie einzelnen Personen tragen Spruchbänder, auf denen 
I deutuchen (nicht die lateinischen) Sprüche stehen. Die tmge 
tilhiit (mit Kiinigamfintel und Krone, die ii'eltsckeibe wit Sonne, 
hd und Sternen nuf der Bntut haltend, ogl. 103,17) und der 
Im«- (im Dominihnnerhabit, den Namen IHS auf der Brust, bart- 
ifeo ttet» in A.'J, ohne den Kram von Hosen, den er in K und 
)irägt) ■•'ind in ganzer Figur, die vier übrigen Personen im Brust- 
U; batid und Salomon tragen die Königskrone, Job und Arisfotelea 
itige Mütze. In KB^RWol steht die ewige Weisheit rechts, Seuse 
it, die Spruchbänder fehlen zum Teil, im übrigen xind die .ih- 
ickungen unbedeutend. 

' 2.Bitd<Abb.2S.19nachW)inABl.i^\ Vorher. Mfht: Dis 
Vf/etA bilde bewi^et eins wolannahenden menschen raizzlich gesttche 
^ getlicbem tröste (rot): nuf dem Bilde selbtt: Er hat mich vnd 
in miuneklicb vmbuangeii, dez stan tcb aller creaturen ledig vnd 
I mit in vnbehangen. Du" Bild stellt Seuse dm- — über ihm 
b: der diener der Ewigen wisheit — in sitzender Stellung, auf 
■•» Schosse umarmen sich die ewige Weisheit in kleiner Figur und 
i IHtfurs Seele, die nach mittelalterlicher Art als nacktes Kind 

■) i^eraalielichAfft mit der gel goistlicheu B'Il '•) nil frhli B' W -■) cW. 
Hl KU ■') aiaem K meiucm fi> ') minii fthh KR 



48* Einleitunjf. I. Die Oberlieferang. 

abyebildet ist,'^) Hechts und links stehen zwei Engel (in W 
einet' rechts und fünf kleinere oben, s. Bild), die auf den Di 
hinzeigen; in K tichweben sie in der Luft und haltete einen Kt 
von Hosen um Seuses Haupt. 

3, Bild (Abb. 3 S. 52 nach W) in A Bl 22^ Oben steht: 
nagend bild meinet eins wolzftnemenden menschen f bigen dorpi 
^rot). Das Bild stellt dar, ivie Maria, auf einer Bank sitzend, 
ias Kind Jesus dem knieenden Seuse (über ihm steht: der dien< 
2r trägt von jetzt an den Rosenkranz, der sein. Haupt wie 
Heiligenschein umgibt) zu trinken geben, Rechts von den Figt 
^teht: wer sin vichlichkeit mit strengen wirigen ^) f bangen hat 
bin geleit, dem wird von got erlobet sins libes pflegnAs in on 
lieber messikeit. In K ist das Bild durch eigene Zutaten des Mc 
'^gotischer Baldachin, prächtiger Thronsessel, reiche Gewänder, alli 
Hausgeräte mit realistischer Beobachtung dargestellt) verschöneri 

4. Bild (Abb. 4 S. 65 nach A Bl. 28"), Doppelbild, vor . 
iteht: Dis nagende bilde mit dem reselohtem ringe betätet menge 
iden, in den ein warer gotesfr&nd mfiss beweret werden (r 
Oben Seuse (überschrieben: der diener) mit dem Kransse und 
ien roten Malzeic/ien an den Händen ufid Füssen (vgl. 
Erklärung 64,24 ff.) inmitten seiner Ordensbrüder (links und rn 
'e drei Dominikaner), ein Engel ihn umarmend; links oben eine 
ien Wolken reichende Hand mit Kreuznimbus, die göttliche Vorsehi 
'dextera Dei) bedeute}id% Unten Anna in nomvenartiger Kleide 
cnieend, mit einend Kreuzchen in der Hand, von einem Engd n 
)hen auf den Diener hingeunesen. In K steht das Bildchen 
4nna vor dem andei*en. 

o. Bild (Abb. 5 S. 129 nach K) in A Bl. 57r Oben : Diz nage 
jrbermklich bilde zeget den strengen vndergang etlicher vserwe 
fotes frönden *) (rot). Auf dem Bild selbst stehen folgende Spri 
Über deren Zuteilung zu den Figuren die Abbildufig zu vergleic 
at) : Liplichü ^biing dv tut wc, aber eines gelassen menschen vo 
^ndergang tasentstunt me. 

Wer in sinem bitern liden ane bimelscben trost och mAss 
laz ist grosse jamer vor allem**) pin. 



") der diener fehlt KKW *) wirdigen B^W <?) der gawse Vorepi 
ehli K ^) aUer KPRW 

^) Vgl. Krths, Die Mystik in Adelhausen (s. Änm. zu 113,14) 82. 
^ Vgl F, X. Kraus, Gesch. d. christl. Kunst I (1895) 117 ff. 



Bilder and Sprücbc dvn Ezemplarü. 



s VerhälliiiK r, 



• Kuuat, 



49* 



, 6ot von himel der bat mich gelagseo, des lid ich Bwarlich") 
||-alie maese. 

Da bist wordeo ein äffe vnd ein tore, vnd an den eren Bwerzer 
B ein more. 

I Ein beser lieger vnd ein falscher trieger von*) bilHcb liden 
|wan er bat es verBchuldct wol. 

I Mit eeeicb vnd mit') gallen, wellen wir in trenken mit eehallen*'), 
U Einen hingeworfenn geheimen sol nieman klagen, wan sul in 
Lmtier lassen gnagen. 

L Eilt ffietfich Bol man hin werfen den hundeu vf den mist, wan 
■kIos vnd vnsuber ist; dz fQstüch eol sich uit weren, es sol sich 
E biUicb lan mennlich serzerren. 

I In <ier Mitte links: frater eram leonum et socius strueionum '), 

mmler Job (3o^9; vgl. Hör. 114): Min bröder waren mir grimm 

■b vnd minO gesellen vngehiir») strussen. Das Bild stellt dar, 

KjStuse von bdsen Geistern und durch Verleuniduitg dtr Menschen 

Wiii^t wird. Er steht in d^r Mitte, die Kapuze bin über die Augen 

igezögen und die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, 

\Geister in allerlei äpukgestoUnii (Affe, Habe, Schwein u. s.w.) 

. und speien Feuer und Schwefel auf ihn, einer bedroht ihn 

einem Bohrer (vgl. tl 1,14 ff.), ein anderer mit einem Pfeile 

l^2f.); rechte oben befindet sich die verriegelte Himmelstür, 

'TrosUosigkeit bedeutend, links in der Mitte ein mit spitzigen 

H besckUigenes Krem (vgl. Kap. LG), auf dem der Name I H 8 

tgraben ist und Don dem zwei Geissein mit je drei Zacken herab- 

fm (43,4ff.); in K sitzt auf dem Kreuz noch eine Eule. Am 

' dejt Dieners nagen und zerren allerlei Tiere: Hund, Löwe, 

pw, Schlange, Skorpion. Rechts befinden sich mehrere Personen '): 

'. Dominikanerinnen, von denen eine einen Kessel trägt und dem 

r mit einem Schwamm Esaig reicht, ferner drei Männer fltomini- 

; odtr ein Mönch und zwei Laien?); mehrere con den Personen 

Im i»t( dem Finger auf Sevse. Unterhalb davon zwei Fiichse, 

ll« W» kUinrg Tier zernagen, und ein Hund mit dem Fusstuch 

Maid (58,6 f.). 

H. Bild (Abb. <! S. 141 nach H) in A Bl. 62-. Vorher liest man: 



•) WacA ««r&rlich iit vnd tum größten Teil htrausradirrl A *) von 
S ') mit/thU A -*) schal Ä acbaUe KP ') der tat. Spruch frUl EPS 
n ftkU A ») /ort gam inrgradiert A 

') in K, Vit t» scheint, ncei Dominikanfr und drei Dominikanerinnen. 

H. BtiKD, Dtntish* flobrirun. 4' 



50* Einleitung. I. Die Überlieferung'. 

Disv«) nagenden*) bild gebend ze vereten die tröstlichen vnderlibi, 
die got sinen lidern vnderwilent lat werden (rot). Maria mit 
Königsmantel und Krone auf dein Haupte, das Kind auf dem Arm, das 
eine Paternoster schiur oder einen Rosenkranz in der Hand hält — in S 
hat Maria eine Rose — erscheinen Seuse (überschrieben : der diener), 
der dakniet und die Arme ausbreitend zu Jesus spricht: Ach zartes 
herzentrat. Auch rechts herüber, teilweise noch über Maria stehl 
HERZTRUT. Links ein Engel stehend, in den Wolken ein weiterer 
kleiner Engel mit einer Harfe (in K zwei Engel mit kleiner Orgd 
und Psalterium), 

7. Bild (Abb. 7 S. 147 mich K) in A BL 6'5^• ChriHus erscheint 
als gekreuzigter Seraph dem knieenden Seuse, über dem der dienert 
steht. Vorher die Horte: Diz nagend bild lert den menschen, wie 
er nuzzberlich sol liden (rot). Bei d^m oberen der drei Flügelpaan ; 
ist geschrieben : lern liden cristförmklich, beim mittleren : trag lidea '■ 
gedulteklich, beim untern : enpfah liden willeklich, zwischen Christia : 
und Seuse: Ach herr, 1er mich, dazach knnne liden nach dinem - 
aller liebsten willen. Das Kreuz ist in W und ol, wie in der spät' 
mittelalterlichen Kunst häufig, ein Rosenstrauch mit ausgebreiUiff^ 
Asten (vgl, auch Bild 12). Es ist nicht unmöglich, da^ss das Büi, 
welches den Grundgedanken der Mystik: die NachfoUße Christi synh 
bolisch zusammenfasst , von der Darstellung der Stigmatisation des 
hl. Franz von Assisi^) beeinflusst ist. Eine moderne Düsseldorfer 
Nachbildung (Stahlstich) s. bei Den ifle, Das geistliche Leben H880, 
Titelblatt, 

H. u. .9. Bild (Abb. 8 S. 150 nach W, 9 S, 151 nach K) in A Bl. 67% 
zwei zusammengehörige Bilder: Seuse empfängt himmlische Tröstung 
und wird als geistlicher Ritter investiert. Vorher die Worte: Diz*) 
nagenden bild bewisent aller gotlidender menschen himelschen troet 
in zit vnd ir gross erc vnd loblich wirdekait, die su son besizen in 
in ewikait (rot). Auf dem oberen Bild Seuse (überschrieben: der 
dienen*), neben einem Stuhle stehend und von einem Engel umarmt, 
rechts ein kleinerer Engel auf einer Leiter mit einer Harfe (K: Hand-^ 
orgel), ferner zwei weitere mit Buch wmi Geige, ganz oben die ei€ig0 



«) die K ^) radiert A n K fügt hinzu : der ewigen wiszhait 
'0 die K «) fehlt K 

') Vgl, IL Thode, Franz von Assist und die Anfänge der Kunst diT* 
lienaissance in Itidim ^1904, 144 ff., der 10 italienische Darstellungen dM0 
wunderbaren Vorganges aus dem 13. Jh, aufführt. Die spätere Kunst bis 160^ 
hält den durch Giotto (f ^337) gescfuiffenen Typus fest. 



Bildor und Sprüche des KxempiarB. SeaHe» VerhUtniH zur Kuawl. 51* 

Weisheit (Christus) mit Marin in Brmtbild. llW'X. wetic/ien in un- 
htdeulaiden Einzelheiten iib. Auf dem hildn die Sprüche: Der von 
der Ewigen wiBlieit pnd von dem") hsiligen engel''} ist vmlivangen, 
den mag enkein scbedlicb viigelück nieiner erlangen. 

Mit himeUcher süzikeit, gütlicher wisheit vnd engelschlicher 
urtlieit ergezzet got bIo diener alier ire widerwertikeit. Auf dem 
liiiteren Bild rric/it Christus die ewige ileinheit (BriisthUd; in 
JJ' und H wird ein Engel daraus), von Wo/kennimöus umgehen, 
im knieenden Seuse (über ihm steht ivieder: der diener'') einen 
lütig. drei Engel bringen Schuhe, lütterkteiii, ('iirtel und eilte Krone, 
fKhts oben blasen zwei Engel die Posaune, ein dritter schlägt die 
Pauke. Unterhalb ein Schild mit Topfhelm; das Feld ist weiss 
inrf rot und mit einem Kranz von Boxen geziert, d-irüber ateht I H S '). 
JbcAte hieeon zwei Bitter auf Pferden mit einem Fähnlein, das 
in/ulU mit IBS gezeichnet ist, hinter ihnen ein Knappe, Dazu 
f^tSrtn die Sprüche: Ritterlichii klaid vnd ere son eä eweklich 
Ben, die sieh hie dur got lidens vnd midens nit land verdriessen. 
Wer sieb gütlicher ritterschaft nimet an, der aol in allem liden 
liiR mannes herz in vnverzagter wise han. 

Um den Schild herum steht: Dz wies felil betütet'') luterkeit, 
In rot gedultekeit. 

Garn unten am Band« ist in A notiert: äü obren bild hörend 
mit. l/arnach hätte der Illuminatot- die Bilder falsch gruppiert; 
I auch in den andern Hss. ist die Beiheufolge dieselbe. Zum 
fmtändnis des zweiten Bildes vgl. Kap. 2u und 44. 

tu. Bild (Abb. 10 S. 154 nach K) in A Bl. t!8": Die Ewige wia- 
toil m königlicher Gestalt tnit Szepter (in K auch Reichsapfel) hält 
r dem weit auegebreiteten Mantel') eine Anzahl Personen: links 
if ( rAersckrieben : der diener), rechts seine geistliche Tochter, 



•) den B'Ütr üj eugeln B'RW •:) fehlt K "i betlit«t fthU AP 

") Phanlattüch i»l es, fi-tnn t. J. Mont auf Grund diente Bilde» Stune 
IMitmeieitr und Auktontäi in der Heraldik aiuiehl (Diäs.-Arehh von 
S [16931 ÖJ; XV [1807] 14i}). 
^ Dae Bild seheinl bteii\ftusgt von der Idee and Darnttllung der Sehuti- 
ifi Maria (vgl. 317,14. 647,28 ff.), die gerade im 14. Jh. in Domini- 
tutn aufkam, ogt. IC. Krebe in „fVeibuiger Münnlerblätfer*' 1(1906), 
I, Gtteh. der ehrittl. Kuitet II, 1 (1897) 433/.; Paltttr f 
Gant im Einktang diimit sieht, data in A auf Bild 9 und 10 die ewige 
il in «•eAtieher Farm, liorllos und mit gelbem Hnar darnest 
l auf Bild in deutlich Maria daraus. 



y 



52* Einleituug. I. Die Überlieferung. 

ü/ier der Elisabef) (rot) uteht, im iJoiiiinikatterirmenlmbit, auf gfnem 
Throne sil3eiid und von einem Engel gekrönt; neben ihr ein Bueh^)i 
Seme'^uiid Elsheth hallen einen Kram von Rosen, iimerhalh dessen 
IHS*) steht, rechts von ihnen sind ein Mönch und eine Nonne det 
Dominikanerordens, unterhalb eine bürgerlich yekleidete Frau mit 
zwei Mädchen (diese beiden fehlen in K) und drei Mäniur, icelcii 
sämtlich nach den von der Strigel ausgeteilten Namen IHS die Bänät 
ausstrecken. Links oben ein kleiner Kngel mit einrm Buch '), i 
noch einer rechts den Mantel haltend. In B^R Ha fehlen vemchiedeni 
Einzelheiten (Thron der Elsbeth, Kranz'lu. s. w.). Vor dem Bildt 
stehen die\Worte: Diz nagend bild z&iget, wie ein äberuollee her» 
gotee das selb ocli gern gemainsameti vil andren menschen (rot); 
auf demselben: In minen getlicben scbirm") wil ich eii nemen, die 
minen nameu JesDB in ir begtrd wen tragen, 

11. Büd (Abb. 11 S. 195 nach A Bf. 82-), da" wichtigste von aäat% 
den mystischen ü'eg darstellend. Einleitend die Worte: Diso nageBd& 
bild bezeichuent der blossen gotheit iewesentheif*) in persenlicber 
driheit vnd aller oreatnren üb vnd wideringeflosBenbeit vnd zegent 
den ersten begin eins annabenden menschen vnd sinen ordenlichen 
durprucb dc2 sünemens vnd den allerhehsten vberswank Vberwesticher 
volkomenheit (rot). Linkv üben drei einander umschlirssende Ringt 
(vgl. l!)l,25f.) und eine Art Triptgchon mit der Überschrift: Dl» 
ist der ewigen gotheit wisloses Abgrunde, daz weder anrang li 
noch kein ende. .4ms der Einheit des göttlichen W'esfns geki^ 
die drei giittlichen Persmien hervor, in ganzer Gefiolt dargettd 
Unks Gott Vater bärtig, in der Mitte der hl. Geist mit d^ Taubtf 
die anderen Per.?onen umfassend als die Liebe, die aus beiden t 
geht, rechts der Sohn gesenkten Blickes, womit d^s Leiden nnged* 
ist. Dazu die. Worte: Diz ist der persnncn driheit in wesenlichc 
einikeit, von dem erielanr gelob seit. Als erstes geschöpßieh 
W^ese» folgt der Engel: Disfi figur ist der ussfluzz engelscblicbei 
natur; daneben ein Dämon, abwärts schiessend, weichet- den Engels- 
sture symbolisiert. Darauf als zweites Gi'schiipf der Mensch 



--I') fehlt K '\ »chrin A •') getrennt gtechriebtn K, ic frhit B' 

') Bedeutet offenbar di> von ihr gemachte Sammlung der Tüseer V'ilen 
Vgl. 97,Sff. 

) Üidtuitt wohl StMts Scimfitn; vgl. 394,S3. 
') Abbildung ?Mch K bei Dmijte 302. 



Bilder und Sprüche des Esemplara, Seuaee Verblihnia / 



53« 



lengeaialt^) : Diz ist men»cb1icbü geecbaffenlieit gebildet nach 
fifcr §ntbeit. Jetsi »cheiden sich die Wege: die einen wenden nick 
zu der Luxt der Welt und. gehen mit ihr zugrunde, daher rechts 
mäeii ein Innzendes Liebespaar (ein Ritter mit dem Schwert um- 
jirtet hält eine modisch gekleidete Frnu an der Hand; in K Jüng- 
i\iuj und Mädchen), über welchem steht: Diz") ist der weit minne, 
d* Dimt mit jamer ein ende, und hinter ihnen der Tod in teiif- 
tiicher Frntse mit der SeiMf ") (über ihm steht: Üiz ist der t3t'), 
— A"e anderen kehren sich zu Gott und gelangen auf dem Wege 
der Reinigntig, Erleuchtung und Einigung zur höchsten VoUkommen- 
luil. Deshalb die mit einer Kette gefesselte (versinnbildet Bezähmung 
iiT Leidenschaften), knieende Nonne mit demSpruch: Minen') ker wÜ 
iit IT got netnen, wan diz ist gav ein kurtzes leben, und die daneben 
grosser Figur, die von Pfeilen und Schceiiern eerwundet, 
Schlange und Skorpion (in K auch von ein^n Hunde) bedrängt, 
d*r Betrachtung des Leidens Christi hingibt; sie hält mit der 
Hand ein grosses Kruzifixbitd und spricht: Ach lÖg, wie 
mäs sterben vnd mit Cristns gecrntzget werden! Durch Meiden 
Leideil kommt die Seele zur rechten (Jelassenheit, dargestellt 
ein« weibliche Gestalt, welche mit herabgesunkenem Haupte, 
iloasenifn Augen und schlaffen Armen in einem hohen Lehnstuhl 
') und SU der die Worte gehfiren: Gelassenheit mich heroben 
»ü, wa min'') ie waz ze vil. Der Weg führt weiter über das schon 
mtiknie Krusifixbild zu einer Halbfigur , ebenfalls wie fchlafend und mit 
ienbhängenden Armen dai-gestellt. welche den Zustotid der Besc hauung 
tminnhildet: Die sinne Bint mir entwürcket, die hoben kreft sint 
»benrtrket. Die folgenden Bildchen stellen die mijstische Vereinigung 
ifu: a) die Seele im Schosse der Gottheit: Hie ist der geist in 
gnwangcn vnd wirt in der driheit der personen funden; b) in der 
UcAjte» Beschauung, in den Abgrund des göttlichen Wenens starrend 
vAdoch tne in einem „Ausschlag" (vgl. 193,10. 189,13): Ich hin 



ÜMn K »1 bloeg der tod B'KItW <■) Einen B'i( ''i miniie /• 

9' Keb N imin ül Genet.^des Mtinigm) 

■t Bcnc. alg Nunnt dnrgtslellt, iiahl deshalb, Keil dm Bild auf BilUn 

'jd, aUo zunächst für Nonnen, entKor/cn vurdc. 

■) IM* Darstrilimg iM ritJleieht von einem Bilde der Tott>Uamet/Ut 
'. dtrt» Eitttiekiittg man geieöhnlich mit der grossen Pexl den 14. Jh, 
in Zatavtmenliang bringt: rgl. Kraus II, I, 44bjf'. 

^ Bei diner und der fotgmden iSgur ist in K und noch mehr in ander 
dk Pointe tiemlieh ceridicM, rj!. das Bild'hH Dfnifle. 



J 



54* Einleitung. I. Die Überlieferang'. 

in got vergangen, nieman kan mich hie") erlangen (cgL Gr Bfb478/L 
c) nla letztes Ziel: „des Geistes Überfahrt^^ (193,11), wo in C 
der Beyinn und das Ende eins wird: In dem inschlag ban ich a 
ding vergessen; wan es ist grundlous vnd vngemessen. 

Das ganze figurenreiche Bild, dessen kurze Erklärung St 
selbst gibt (191,30 ff.), veranschaulicht somit geschickt den We\ 
gang der Mystik im einzelnen Individuum; der Weg ist durch i 
kräftige rote Linie, welche die Figuren verbindet und jeweils in 
Gegend des Herzens in ein Ringlein (der „Seelengrund^^, vgl, 192,4 
einmündet, bezeichnet. Aber nur in A ist der Entwurf noch l 
und scharf erhalten, schon K und noch mehr spätere Hss, ha 
wesentliche Bestandteile weggelassen *); in den Holzschnitten der bei 
Drucke ist die Bedeutung der Figuren und Spräche kaum mehr 
enträtseln. 

12. Bild (Abb. 12 S. 255 nach A Bl. 109''), Einziges zum Ä 
gehöriges Bild, eigentlich eine Verbindung zweier Bilder, die in 
d^nn auch getrennt sind. Einleitend die Worte: üiz nagenden bi 
meinent ein süsses traten mit himelschen worten aller tmrigen hei 
(rot). Oben Christus am Kreuz, dessen Fuss ein Rosenbaum < 
s^priesst; oberhalb des linken Querbalkens ein geflügelter bärtiger Ki 
wohl Gott Vater darstellend (in K deutlich ein Engelskopf). Li 
unten steht (in K kniet) Seuse (überschrieben: der diener*); rti 
auf dem Baum das Kind Jesus, Rosen auf den Diener werj 
(vgl. 102,18 ff.). Dazu die Verse: 

Alles liden wenden tfit^ der Jesus treit in sinem mAt. 

Kosen wil ich brechen^ vnd vf sü liden trecben. 

Jesas min herz verwandet hat, gezeichenf) da min Jesas sti 

Zum unteren Bild zwei Engel mit Spruchband : Wer sui 
lieb von got wil han, der sol in lait von billich stan. Lidens 
er tragen vil, der gottes früntschaft haben wil. Es ist Christus 
Schmerzensmann^ dargestellt, neben der Geisselsäule stehend ( 
198,24 ff. und Amn. ebd.); Seuse (überschrieben: der diener**), 
einer Bank sit-zend, berührt mit der Rechten die Wunden Ch 



«) hie fehlt KW t) u. d) fehlt K ^^ bezaichnet K 

'; So fehlt in W der Engehsturz, die J'lgareit stehen sehr dicht 
einander^ die Linie if<t verwirrt und seihst unterbrochen: ähnlich auch in B^ ui 

■) Diese drei Verse hat Stuse wohl aus den Sprüchen der Stagel \ 
nommen, vgl 39b,Uf. 8 f. 401^3 f. 

=h Ein in der mittelaUerliche.H Kunst häufiges Motiv, vgl. Kraus 
t, 306 f; Peltzer 16:? ff. 



Bflder iind Sprüche des Exemplar». Scuscs Verhältnis zur Kunst. 55* 

(tgi 199,8) und greift mit der Linken in ein P salter ixim (vgl. 250,18 
AHm,)f dcts ihm ein Engel übergeben, Rechts sitzen zwei weibliche Personen 
(eine dopon Nonne ?), über denen steht: Daz sint zwei lidendü menschen 
(vgl 253,19, 198,17 f.). Das obere Bild ist in W und in den beiden 
Drucken etwas abgeändert schon beim Schluss von Kap, 34 der Vita, 
dm bei der dctzugehörigen Erzählung gegeben. 

Ausser den bisher beschriebenen zwölf grosseren Bildern finden 
nch in mehreren Hss., namentlich in den älteren und teilweise auch 
in den Drucken, noch einige kleinere, meist als Initialenverzierungen. 
Es ist zu vefynuten, d(fss auch diese auf Seuses Hand zurückgehen. 
Bei Beginn des Prologs zum Exemplar (3,2) eine schöne gemalte 
Initiale I und in dieser zwei Engel mit Wappenschild, auf dem IHS 
ikk (AKB^Wol), ähnlich wie auf dem 9. Bild; beim Anfang der 
Vita (7,2) eine Initiale E mit Brustbild Seuses, betend und um das 
üaupt den Rosenkranz (AK, in W einfacher); zu 17,5 der Name 
IHS mit Goldfarbe gemalt (AB' KR); 96,5 Initiale C mit Pelikan 
die Jungen nährend (AK), vgl. 99,2 ff. ; 155,14 bei Beginn des 
'f^kulaUvef^ Teils der Vita ein Adler mit ausgespannten Flfigeln in 
itr Initiale S (AKol); 196,2 bei Anfang des Bdew der Name IHS 
und Brustbild Seuses (wie oben) in der Initiale E (AKW; in a 
l)(irAtellung der Verkündigmuj Maria); 200,14 Initiale H mit einer 
nackten menschlichen Figur = die Seele (A); 326,4 (Bdw) Initiale E 
rot und blau (A W ; in K wie bei 196,2, in W und ol Bild der Ver- 
sündigung Maria); 360,2 und 10 (Bfb) je eine farbige Initiale 
('iKW; in B und TL Bild des Dieners mit Buch und Abtsstab (!)). 
Mimrdem haben W und die beiden Drucke zum Schluss des 34. Kapitels 
fkr Vita ein kleines Bild: Anna in der Burg betoid (vgl. Anm, 
*•« m,2). 

Was das Technische und Künstlerische der Bilder anlangt, so 
^^d sie in AB^PRW in der bei der deutschen Buchmalerei des au^^- 
9(kenden Mittelalters so beliebten laviert4in Federzeichnung^) ausgeführtj 
^fi roh und unbeholfen^ sehr mangelhaft in Perspektive und Anatomie, 
'^^r doch flott im Vortrag, naiv und treuherzig, von bemerkenswerter 



I *) Vgl. darüber Janitschek, Geschichte der deutschen Mahrei 1890, 

^^^S-; R. Kautesch, Einleitende Erörterungen zu einer Geschichte der 
^*^chen Uandschrifienillustration im sp^i leren Mitt einher 1694: Klein- 
*«*»iid<, Zur süddeutschen Buchmalerei ds späten n Mittelalters^ in der 
^^mmhrift: ,JHe christliche Kunst' IT (190516) 2Mfff. 269 fi. 



5G* EinleituiiK- I. Die Überliefern ng. 

Gewandtheit im Ausdruclc der Seelenstimmungen und in der Gharakieri 
siervuij der Personen. Zur richtigen BeuritHltmg ist wichtig, im Äugt 
zu behalten, daas die Bilder nicht Srifistzireck sind, sondern 
dem Bestreben dienen , sum Wort die Illustration zu liefern. Im 
einzelnen sind manche Unterschiede zwischen den verschiedenen Hut. 
Am nächsten steht dem Original A, in welcher Hs. die Bilder noch am 
meisten archaistisch sind ; die Farbe ist sehr matt und unschön, Teilt 
der Zeichnung sind mitunter selbst unkoloriert gelassen. Stäkritisei 
betrachtet stellen sich die Darstellungen irohl am nächsten zu der ta 
1350 zu Konstanz entstandenen „Armenbibel"*). R und H' ver- 
einfachen das Detail, geben den Gestalten mehr Rundung and Fiill^ 
nnd wirken kräftiger durch lebhafte Kolorierung. Ähnlich ist 
auch bei den bemalten Holzschnitten des ersteht Druckes ") (Av^thurti 
Anton Sorg J482); die des zweiten Druckes (Augsburg, Hans Othmar 
1512) sind zwar sacklich dieselben, haben aber künstlerisch rid ge* 
Wonnen : sie sind in den mittlerweile aufgekommenen neuen Stil ifflt^ 
gearbeitet und kÜnnen daher der Bemalung entbehren. R. Muth< 
meint, es lasse sich fast mit Sicherheit sageji , dass der KünstUfi 
welcher die Umarbeitung vornahm, Hans Burgkmair war. 

Eine besondere Stellung nimmt K ein (vgl. oben S. 5*y.y, W 
woU von einem Berufsschreiber und -Illuminator*) hergestellte Prachtht 
bringt die Bilder noch mehr miniaturenartig und unter Benützm, 
der älteren Manier der Deckmalerei, in kräftigen, leuchtenden FaiiH 
(viel Gold). Hier allein nwcht sich auch die realistische RichUW{ 
die in der ersten Hälfte des 15. Jh. in der Buchmalerei Oberdeuti^ 
lands sich regt und zum Durchbruch gelangt, in etu-a geltend, 
s. B. beim dritten Bild (s. o. S, 48'), ferner in dem zierlichen Rankem 



'} Hrtg. von Laib und Sehwart 1867, ''iSSÜ. Zur richtigen Dati 
rang vgl. Sehr eibert Einleitung eu F. Htile, Btblia pauperum ISOH, 39,!tl 

») Vgl H. Malker, Die deuUche SUcheriüustration der GolMk i 
iyahrenaüsnnce 1887 I. 31 Nr.lGS; II Tnfd 70 »nd 71 ( Reproduklien 
I. und 10. Hilde»). 

•) A. a. O. I, 166 Nr. tt83. 

'I VermHtlirh i»t n drrsrtbe, der auch an der Ausachnnloknny der 1 
Siedler Has. -JSS und 765 tätig war. Auf Bl. SO drr trsteren steht: Auno sd 
1462 .Tohannes Salier presbiter me fecit, auf drvi ersten Blatt der htittrti 
1483 heiiali me fecit. ^itileicht igt t» da- im Konslanger RaUlmch 1471 tw 
iiniitffn Malern und Goldtehntiedett eingetragene maieter Hans (Ph. Suppe. 
Komtamtr gMchickll. Beiträge II fWUO} t6:>,>. Ein bisehö/ticher JVo 
»omtnt Gehhard Saltler ist 148ä btteagt (J. Eisdriu, GmvMclitt nnd . 
sohrfibung van Koneiana 1851, 3S6i. 



Bilder iiud Sprüche des ExeuijilaiB, SeuBe» VürlillMiia zur Kuiial. 57* 

litr obtn erwtihntcn Initialen , besonders aber auf dem zugei/ebetien 
Vidmimgsbilt/e bl. 4 fein Engel, zwei Wappenschilder haltend, unten 

tth und Hirsch, in den Ranken hübsche Dröleries). 
Die lüuatrierung von Seuses Sammelwerk eröffnet uns ehun 
ck auf ein interesnantes, noch nicht genügend erforschtes Gebiet: 
iit öeziehungen zwischen deutscher Mystik und deutscher 
Kunet'). Wenn Mgsttk und Kunst eerwandt sind, und sie sind 
lienn beide richten sich vorzugsweine an dasselbe Seelenvermögen, 
Phantasie, künstlerische Konzeption und visionäre Schauung 
gleichmässig innere Gestaltungskraft und eine ausgeprägte 
ividiKilität voraus, — so teird eine gegenseitige Beeinflussung not- 
die Folge sein und auch bei Seuse ^ wird sich dies irgendwie 
\i^n lassen. Dnd in der Tat , wenn bei irgend einem der 
;hen Mystiker, so bei ihm, dem phantnsieroUsten und poetischesten 

') Di* neuttte SpeiiaHileratur : Ä. Peltier, DtuUche Myntik und dtut- 
UKunat 1899, und E. Hintee. Der ?:v\ßa»g der Mystiker auf die äU«e 
• Maleraehule, Breelauer Disn. 1901 : der», in Wratdeutsche Ztitsehrifl 
12 ff. (Besprechung vm Hchtiblfr-Äldtnhotc», OetchichU der Kölner Maltr- 
t 1902), befrirdigt icenig: ihrt Vtrfoistr ioMStn richtiges Verständnis der 
^fiUk, wie Hberhaiipt historinche Schulung sehr vermiesen (vgl. Über Peltter 
tu Khar/t Urieil finkrs in Alemannia 19(11, 129; 1903, ZTBff.). Immer noch 
'"«ncerl igl das schöne Kapitel bri Schnaaae, GttcläehU der bildenden 
i'toil« IIB Mitlelaller VI (1S61) 27—60. In der imitrilimm Fragr, ob die 
<i(illufrrundt (auch Srvst.') auf die Kölner MalereehuU (Wilhelm von Herle, 
I Wjmrich u. a.) an der Wende des 14. Jh. einen Einfluai ausgeilht, 
I die Bemerkungen von Kraus II, 1,360 f. wohl da» richtige treffen 
3tSff, ist die Sache sehr übertrieben). Wie alle grossen EreehHnungen 
K Oibiete dee religiösen Lebens hat sicher auch die milltlallsrliche Mystik, 
I die edelsten in ihren Bann eng und ihre Empfinduagewelt be- 
^idenden Kunst Anregungen gegeben, die allerdingt oft mehr nach- 
I tlatittisch aitfzutOhlen sind. J-'iir Matthias GrUnw^ald hat den 
' mystischen Ideen jüngst in muslrrhqfter Weise Er. Schneider 
l. tur Aügem. Zeitung 19l>i Nr. :1S4 und 336 naehgemiesen (die knieende 
Wkengestatt auf dem Isenheimrr Allarwerk ist nicht Maria in Juxtaposition, 
h Pütter 64,174 noch annimmt, sondern Personifikation der „minnenden 

* alt Braut Christi). 
') Sieht die eingthendm, aber nicht immei' ilberzrugenden Amffühntngtn 

r oaff., Rintee ISff.Sftf. Vglaueh Kraus II, 1 439: ..Was 

• man aUe* für dir Anschauung der Zeit und der Kilnutlej- aus Heinrich 
"vWnm,"- 



J 



58* Eiuli'iluiife-, I. lÜL' OlurliBfeiiiiig. 

unter ihnen. Smtse toar eine kiinsUensch empßndtndi' Nntur. SA 
reichbegahter, für alles Schöne so emi>J'äiit/licher Geint fiegnügl ^ 
nicht mit nebelhaften Phantasieyebilden , er atelll sowohl das in ^ 
Verzückung Gesc/imite wie die innig meditierten Begebenheiien d 
Ueilsgeschichte, besonders des Leidens Christi, plastisch greifbar ■ 
unsere Augen; mitunier „glaubt man geradezu Beschreibungen e 
Gemälden zu lesen" *). Ebenso spricht sich seine malerische Begabu 
in der Freude an bildlichen Üaratelhoigen aus. Seiner Andacht K 
er „in bildreicher IVeisc' (103,15) genugtun: schon in der Jugti 
lässt er die ewige Weisheit in minniglicher Gestalt^) auf Pergnmi 
malen und nimmt das Bild mit auf die hohe Schule, um es tägU 
anzusehen (l(l3,lGff.), veranlasat die Ausstattung seiner Kapelle i 
Bildern und Sprächen der Alträter (f>0,12,ff.. 104,1 ff.) und andet 
andächtigen Materien (Name Jesu, liosenbavm des zeitlichen Leidi 
und Baum der welllichen und göttlichen Minne, vgl. 39ti,21ff.}, w 
sendet eine Kopie der erstgenannten an Elsbeth Stagel (107,lj 
Er kennt genau ilte Einzelheiten der künstlerischen Technik M 
redet gerne davon (00,16. (14,11 f. 333,17 f.; Hör. 00, 150), schÜSi 
die Himmelswonne mit dem Brunnen des Lebens^) und den einzeh 
Chören der Heiligen (242,3 ff., 243,24 ff.), den Etigelatam (21,G^ 
die Madonna mit dem Kinde (267.14ff., vgl. 15,lOff.; Hör. U 
in so lebhaften Farben und mit soviel Anmut und Holdseligkeit, <i 
man meinen könnte, er habe Bilikr der alten Kölner oder ßämiad 
Malerschule oder der Sienesen und Florentiner des 14. und 15, ^ 
namentlich seiites Ordensgmossen Fra AngeUco da Fiesole'), ■■ 
Augen gehabt. Das Leiden Christi stellt er, Kapitelssnal, Kreuzg\ 
und Chor der Kirche seines Klosters zur via dolornsa machend i 
die einzelnen Stationen des Leidenstcege^ in Betrachtung miterl^ 
in so dramatischer Lebendigkeit sich und uns vor, dass man 
Fug bei ihm die Idre der Kreuzwege, deren Darstellung dock i 



') Strauch in AUff. dUch. Bioijr. H7.176. 

') Wohl ffans ähnlich icie «uf Bild 1 t». ". S. 4T*i. 

•) Vgl datu auch die Vinon da- Brli con I.iehenbtrij zu T6k*, Vitm 3U 

') Der Vergleich Angtlkoa mit S»use lifgt naht, vgl. Itenifte XIF, 
Über den „mj/etiichen Maler" par t-xctUenee handeil auegittiebnel Sehrdr 
ZtiUchrift für chrigtl. Kuunt 189S, 193 ff. u. B, Vgl das Urltü M»«ch\ 
in Stimmm aus Maria Lanch ISffT I, 40H: „Aiigdicos WtrU sind die hOl 
m^MiiiKhc Po*sie der Farbig, n» wie dit .Sehrt/Ieu Sunn» und riiiAi.w die Mjf 
dtl Gemütes xind." 



I BilUer uad Sprticlio de» Eitunplars. StiusM Vtriiältnia zur Kuust. 59* 

nd. Jh. auftaurht, vorgebildet sehen dnrf^). Endlklt lint er, 
MM kümstlerixchen Drantje folgend nach dem Vorbilde früherer 
(»(•Apr^ aeim Schriften treibst mit BU^^ern mtsyentnttet, die, weim 
\^ituch in fielem mit dem Apparat herkömmltc/ier Anschauungen 
itüen find eich mitnnter wohl auch direkt an Vorbilder anlehnen^ 
{A als Games für originelle Schöpfungen gelten dürfen. 

Ein persönliches Verhältnis Seuses zt>r Kunst ist somit un- 

'itbnr. Nichl ebenso leicht ist die Frage zu beantworten, üb er 

\cHd riner Weise auf die Kunstübung seiner und der folgetiden 

tini)twirkt hat. Es ist bereits su denSprüchen H98,10f darauf 

iteiesen worden, dass zahlreiche in der ehemaligen Dominikaner- 

zu Konstanz, dem Jitzigen Inselhotel, aufgefundene Fresken 

14. Jh., Martyrien darstellend und die Hand eines tüchtigen 

verratend % neuerdings in Beziehung zu Seuse gebracht 

fdeu sind. Vielleicht mit einigein Recht; aber beueinen läast sich 

r freilich nichts, und Jedenfalls ist Sense nicht selbst dabei als 

'SbendtT Künstler tätig zu denken, wie Peltzer^) annehmen mischte. 

meowenig werden wir ettras darüber ausmachen können, ob sein 

Irt oder Beispiel für die Kunstpflege in den mystischen JJwnini- 

itrintienkH/Ktern AUmannietiS, wie sie für Unterlinden, KUngenttd. 



[ 'i Viii Pttiter S4ff., im einttlum itohl Su irtit gehctiä. I>if eiste Ei-- 
mm»g dtt Krmticege tcheinl bei dem Dominibantr Alvaras von Gordiwa 
h*30 ndtr 1430») tu sein (vgl. Katholik 1895 I, S2H; ThuratoH, The 
IMdm ii/ the Croae, London 1906). Sehr wahrtcHeitdich sind die Kreuurrge 
flhur Verbindung von bibli»ehen fasttinnsetenen mit VorwOrfen der mytli- 
Ir Kontemplatiim entetandm (Kraus II, 1,30S). 

L *] So uigtn namentlich iwei Wienbadttitr und Heidtlbcrger Uta. in. XII 
m. XIII) de» Libtr Sctvioi der AI. Hildegard zahlreiche Miniaturen, meist 
PMm der Mystikerin darsteUeitd. Aunführliche Seschreibuag bei A. BOn 
ntlhäuaer, Bit Miniaturtn der Univeraitätabibliolhek zu Heiddbtrg I 
fo 75 f.: Pttizer 34 ff. febd. 41 f. über eint Sililer/u. der Werke Elisabeth» 
WSehönauK 

, ') Bf mtlire>'tn Sildern ist oben schnn darauf hingtvitaen morden (Mantel- 
wft Mari'l, der Tod und dn« tfinmnde Paar, Christus als gekreuzigter Seraph 
malt Schmtriensmann, das Krevi als Mosenbauvil. 

k 



') über ueilere Spuren von Wandgemälden in der Kirche (Kreutigungs- 
an drr nördlichen Leilnernische, teilweise erltalti^) und im Kreusgang 
M. Wingenroth in ZcHsehrift für Qeeehiclde des Oberrhevt» N. F. SO 
433 ff. 
') A. a. t>. 101. 



60* EiulLituiig. 1. Die Übt-rlieferung. 



1 



Adethausen und itantentlich Töne bezogt ist^), non Bedtutumj 
Dagegen wird man den Anteil Semes an der Anregung und Bi 
fruchtung , welche die mittelalterliche Kunst durch die symboUsehH 
Vorgtelluttgen der Mystik"^ empfing, ziemlich hoch einschätzen dürft 
denn gerade er hat sie in so ungemein zaiier und poesievoUer Am 
ausgebildet und angewendet : ao die Vorstellung von der ewigen Weü 
heit, die bald auf Christus bald auf Gott Vater, in gewissem Shim 
auch auf Maria^) bezogen wird, eon der mitmenden Seele als Brat 
Christi, die Symbolik der Forben (besonders rot, grün, weiss, geü 
vgl. r,4,7. 199,2. 244,2 usw.), Blumen (Rosen *), Lilien, Veikhet 
vgl. 33.10 f., 59,8 ff., il4, 7 ff., 25 ff., 102,10 ff., 224,21 ff.) und Edei 
steine (242,8 f. 252,25. 271,20); auch die Übertragung hiiß»ch9 
Anschauungen in das Religiöse, z. Ü. bei Schilderung des liinn 
(242,8ff. 432,26 f. 457,1 f.), und die sinnige Naturbetrachtung 
Mystikers ist in diesem Zusammenhang zu eriPähnen. Ganz besondti 
aber dürfte das biblisch begründete Bild von der geistlichen Riite% 
schaß, das bei Seuse Lieblingsmotiv ist (egl. 55,19 ff., 149,4 ff., 205,7 ff'. 
352,14 ff., 370,22 ff., Hör. 29, Hl, 122). durch ihn seine VolkstUmiieli 
keit wie seine Einführung in die Kunst gefunden haben. Anfang 
wurde es in Literatur und Kunst wie bei Seuse noch mehr ii 
Sinne einer speziellen Berufung aufgefasst, später aber auf jeA 
Christenleben übertragen. „ Von der deutschen Mystik lässt sich m 
direkte Verbindungslinie ziehen bis auf Dürer (vgl, dessen Kupfa 
stich von 1513: Ritter, Tod und Teufel) und Erasmus (vgl, sei 



') Vgl PrUter 70 ff., dtr aber auch hier wie öfter» zu weit geht. Ül 
Töte eiehe bmondtrs die Monographie von J. B. Bahn, Bauten und WaMl 
gtmäldr in Töas (= Mittmlungen der antiquar. Oadlsehaft in ZSrteh XX. 
B, 3) 1906. Der Kreiiigang war mit l/iblüchen Frenken aui dem Ende 
IS, und Artfang dts IG, Jh., «um Teil aber auch aas früherer Zeit, 
— VöBig aae der Laß gegriffen igt m, wmn F. J. Mont im DiöB.-Ärtk 
von Schwaben X VI (1696) 120 meint, dass einigt plastische Figuren Mbcn 
Südportal dts Überlinger Miinstere (Johannes der Täufer und Sebastian [i 
Judas!}) nach den Angahtn Seuses gemacht worden sein. 

'J Vgl. Fellttr iöfiff. Freilich ist nicht au vergesse», daes 
derselben ihren eigentlichen Nährboden in der kirehlichtn Liturgie haben. Dt 
ist die F<ie*it der Farben- und Blamensprache durch die Schriften der deutsei 
Slysliher, besonders Seuses, aufs höchste ausgebildet unrden (vgl. Kra us II, 1^44 

") Vgl. oben S. 61' Anm. 2. Dittte Inrinanderspieten ist der allegorieeh 
Auelegung des Wrisheitsbuches und der Lilurgi» der Kirche geldujig. 

'} Pell st r :iOä iragl die Vermutung, dass Seitse taersl das Motiv 
Rose als Sinnbild des Iteidens und des liosrnbaams als Symbol de» Krm 
in die deuisehr Kunst eingeführt habt. 



Mder nnri Sprllche duH ExempUrs. Spuren VerhSItoii' zur Kunal. 61* 

,EiKhiridiott militis christimii' lö02, deutsch und illuntnert so» Urs 
Graf 1520*),'- und — /äye« wir hinzu — schon zu der Darstellung 
itr „Streiter Vkristi" auf dem Kölner Dombild und Oenter Altar. 
VieUacht ist Seuse überkaujit der erste, der das Motiv künstlerisch 
I tmtertet hat (in stimm 9. Bild). 

I Anregung hat Setisea Ulustrierung des Exemplars auch der 

wkutKhen Holzschneidekunst des 15. und 16, Jh. gegeben, wie 

mtAon bei Besprechu)tg der allen Drucke ausgeführt wurde. Ausser 

miwni Bildern ßnden sich mehrfach zu Devotionsztoecken hergestellte 

ftinftiattdrucl-e, welche steh an Seuses Werk anlehnen'). So stellt 

I («n btmnlter Holsuchiiitt, um 1470 zu Au(/siurg oder Nürnberg ent- 

finnjen, das Christkind dar, in einem Korbe Rosen tragend und mit 

Spruchband, auf dem pariencia steht; unterhalb eine fünfzeilige 

Cnttrschrift, die mit geringer Änderung den Sprächen beim 12. Bild 

StuKcs, von dem die Komposition ja sichtlich beeinßusst ist, tntspricht 

leb wil Fosen ttrecheo . . . Wer snnder lieb . . . Liden boI er haben 

.. vgl. 398,4—9); ein Exemplar davon im Kgl. Kupferstich- 

wf zu Berlin. Leicht variierte Kopien dieses Hokschnittes mit 

itmüben Versen befinden sich zu München und Nürnberg (Ger- 

tamacA^Ä Museum); von letzterer ist noch der Holzstock, früher dem 

Klarissenklnster SSflingen bei Ulm gehörig, vorhinden ^). Noch naher 

hrükrt sich mit dem 12. Bild ein um 1470/80 in Schwaben, leahr- 

^tinlich in Ulm bezto. Sößingen, entstandener bemalter Holzschnitt, 

fc twei Exemplaren zu Stuttgart (Landeabibliothek) und Nürriberg 

{birmanisches Museum *f erhalten: Seuse knieend mit dem Kranz 

( lind dem Monogramm IMS, rechts oben Maria (tkzw. 

üt jtwige Weisheit'} mit Krone, Szepter und Reichsapfel, unten der 

Bind mit dem Fit.^sfiich, links das Jesuskind auf einem Rosenbaum, 

•) P. Wrbtr, BeürSge sa Dürers Wellanschauung (Studien lar deut- 
•■bii Kitnttgt-ickichU U. 331 1900, äO. Elid. 18 ff. etngtliatdf liUrarisvhe und 
^MhiMorisehe SaehwHfungm. Eine <ntire«ia»U Stelle au« Tatiltr b$i 
^'Ui,r im f. 

')Gmaut Begchrtibungdtr folgenden fünf Holimchnitte bei W. L.Sehrei- 
*'', Uanad de Vamateur de la gravure aur boi» et aar mital au XV' Hiele 
^iVSli 234/. .\>. 821—33: 11 (1S93I 176 f. Nr. 1698, 1699. 

'l Vgl. Katalog der im Gei-m. Museum tu Nürnberg vorhandenen Hole- 

l {18931 15; Abirildung S. in und bei (Esuenuiein), die Sduehnittt 
*« I4.utid 16. Jh. im Germ. Mtunim 1874, Tafel 86,2. 

') Dietet Exemplar wie der eben ertcühnl' Holenlock war früher im Be- 
•l« eoii ^rofetaor Basiter in Ulm. 



1 




62* Einleitung:. I. Die Überlieferung'. 

Rosen auf Seuse werfend, unten das Wappen von Ulm. Als Ut 

Schrift trägt das Devotionsbild die Verse: 

Der selig hainrich f&s ze costentz gebom am bodmersee 

Nam die ewig wysshait zfim gmahel gaistlicher ee 

Sein gespons tet im den namen verwannden 

Amandas hiesz sy in nennen in allen lannden 

Sein leben wz er in irm dienst vertzeren 

Des frödt sich vlm die sein grab vnd hailtnm halt in erei 

Abbildung nach dem Nürnberger Exemplar bei Essenwein (s, S. 

Anm. 3) Tafel 92 und darnach in verkleinertem Massstab bei De\ 

(Titelbild). Derselbe Holzschnitt, aber mit lateinischen Versen \ 

est heinricns constancia quem generauit Snsz etc.), ist in Berlin '! 
Weiteres soll später, wo von der Ikonographie Sensen gehan 

tvird, Erwähnung find-en. 



Vgh Schreiber a. a. 0. II, 176. Nach Kärcher (Freib. D 
Archiv 1866, 215), der sich aa^ eine brief liehe Mitteilung Sigharts bei 
befand sieh im Dominikanerinnenkloster AUenhohenau — dorther stammt i 
die Hs, J?*, s. oben S. 7* — ein fünf Fuss hohes Bild Seuses, wie er in t 
Vision den Hund mit dem Fusstuche erbUckt. Bei Murer^ Helvetia sa 
314 ein Holzschnitt mit (ihnlichem Bild wie das oben guletzt genannte, doch 
anderen Sprüchen und im Hintergrund das Konstanzer Predigerkloster, 



—•-^•^ <• 



Zweiter Teil. 



Seuses Leben und Werke ')< 



A. Jugend- und Lemjahre zu Konstanz und Köln 

(ca. 1295— 1327). 

L Oebnrtsjahr und -Ort, Abstammung. 

Nur weniges ist uns über den äusseren Lebensgang Seuses, 
^f^ondere über seine Geburts- und AbstammungsverhäUnisse über- 

') Verzeichnis der Literatur (Detaüunter^uchungen werden zutreffenden 
Oru angegeben): i. Biographien bezw. Monographien: F. Bricka, 
^99ai sur la vie, les ecrits et la doctrine de Henri Suso, Thhse^ Strasbourg 1654^ 
^ P' (unbedeutend); W, Volkmann, Der Mystiker H, Suso, Programm DuiS' 
^91869, 63 S.: F. Vetter, Ein Mystikerpaar (s, Anm. zu 96, 7; beachtens- 
^^frte Anmerkungen); R, Seeberg , Ein Kampf um jenseitiges Leben, Lebens- 
^ eines mittelalterlichen Frommen (Seuse) in protestantischer Beleuchtung, 
^^>rptu 1889, 148 S, (im literarhistorischen Teil gut, in der Beurteilung vor- 
*w^«wmm«i^, gekürzt unter dem Titel: „H, Seuse, Der Gottesfreund** auf- 
t^Mwmen in R. Seeberg, Aus Religion und Geschichte, Gesammelte Aufsätze 
itd Vorträge, I (1906) 188—246; Th, Jilger, Heinrich Seuse aus Schwaben, 
I B^ü 1893, 160 S. (populär -erbaulich). — 2, Chrössere Abhandlungen 
m Sammelwerken, A ufs ätze und enzyklopädische Artikel: Acta Sanctorwm 
2i. Jan, II (Antwerpen 1643) 652 — 89 (ganz nach Surius, daher ohne selb- 
ständigen Wert); H. Murer, Uelvetia sancta. Lucern 1648, 315 — 46 (ebenfalls 
nach Surius, doch mit eigenen, nicht immer zuverlässigen Zutaten); Fr. St ei II, 
Ephemerides Dominicano-sacrae I (Dilingen 1691) 145—64 (mit Vorsicht zu 
henütsen!); Quitif et Echard, Scriptores Ordinis Praedicatorum I (Paris 
1719) 653 — 59, II (ebd, 1721) 821 (wertvoll, meist kritisch und quelle ntnüssig); 
Ä. Tour an, Uistoire des homme^ illustres de Vordre de S\ Dominique II 
(Paris 1746) 435 — 60 (erbaulich): A. Weif ermann, Nachrichten von Ge- 
kkrten uno. aus Ulm, Ulm 1798, 499—508; K, Schmidt, Der Mystiker 
H. Suso, TheoL Studien und Kritiken 1843, 835—92; ders, in Memoires de 
tAcadimU roydle des aciences moraleti et politiques de V Institut de France, 



64* Eiiileitiiiig. IJ. (?euseö Lebeu und Werke. 

liefert, und nun dam wenigen können wir nur mit Mühe das t 
verläasiye heraustesett. Ein einfaches Mouchleben setzt eben die Fei 
der Geschichtsschreiber weit weniger in Bewegung als die Tatt 
derer, die on/" der Höhe der Metischheit wandeln. Kein seiner 2 
angehäriger oder ihr nahestehender Gkroriint ') nennt i'eineti NanM 

l, II tavanis elrangert 18411, 396—486 (mit dem deutschen AafeaU btiiai 
identiiehi: St. Bormann, Über den MyslUcer H. Saeo, c, d. Hagmt G* 
mania II, 172— ht: Fr. BUhringtr, Die deuUchen Mj/atiker dt» li.\ 
15. Jh. (Bit Kirchr Chi-iUi und ihre Zeugen II, 3), Zürich 7855 (Ü. Ä 
SiuUgaii 1877) S37—44I (»ehr brauchbare, ivartne Darstellung); K. Grtit\ 
in Eath. St-hiceitirblätter II 11860} 65 ff., 137 ff., 399 ff.; i 
Mystik im Prtdigerorden 1861, 71ff., 219ff. 3Q3ff.: J. Bach, Meisler i 
hart, 1S64, 164— 7U: E. Böhmer in OiwbrechU Damaris 1S6B, SSl—i 
L. Karchtr, H. Suao, Abhandiung aber Ort und Zeit »einer Geburt, Fr 
Diot.'Arch. 111(1866) 187—320: W. Preger, Vorarbeitet! tu einer Geeelikk 
der deutsche« Mystik, ZtHschr.f. historische Theologie 1869, HS — 37 (kritiii 
Unttrsuchutiu der Lebmsdaten) : dtrs., Gesch. der deutschen Mystik II (M 
309 — 415 (viel wertcoÜta Material neben manchem Anfechtbaren, vgl. die Krilä^ 
von Strauch, Afda IX (1883) 138— U, und Denifle, Deutsche i»t-2 
1883, 201ff.); Fr. Btvan, Three friends nf God (TauUr , Xikotami v 
Basel, Stiso), London 1887, 301—88 (witsenschnfaich wertlos »nd tmdsnäl^ 
Seh. (Sehunr ?;, H. Smto, ein Originalbild diesem grossen schwäbischen MystÜm 
Didt.-Arch. von Sehwahtn III (1886) 41, 4y w.o. (erbaulich, kritisch » 
A. Baumgarlner im Kirchenlexikon V (1888) 1721—29; Ph. Sir 
in Allff. deutsche Biographie 37 (1894) 169- 79 (treffliche Zusammtnfam 
H. Suao the MysHc, in Tht Church (^uaterty Bet^eic 61 (1905t 164—81 fi 
unsugangliehj ; Cohrs in Realeniyklop. f. prot. Thtol. XIX' (1907) 173" 
(mat^elhaft). Zu vergleichen sind auch die Einleilungm in den Äitsgt 
von Denifle und Thiriol (s. u.l und die (aber nicht vollatSndige und 
verlntsigt) AuffOhrung dir Literatur bei U, Chevalier, Bipertoirt des »tna 
hisl. du tnoyen^gr, I Bio-BibUogr., 3. id. Paris 1906, 2101 f. Auf MH«m IM 
beruht ea, uienn Kobertiein, Deutuchs Nationallileratur V*, 447 Jxm. { 
und Strauch a. a. O. 179 eine popvlSrr Darstellung de« Lebens Seuset > 
Denifle in ,Jlte und Nine WtW, Einsiedeln 1883/4, Heft 10 u, 11 angeben! 
handdl sich um eine kure» Biographie Heinrich Seue» Dtniftts. 

') Der Dominikaner Joh. Meyer au» Zürich (1433— 8&), eifriger Samt 
und fleisiiger Chronist seines Ordens — über ihn jetzt tusammenfassend P. Alht 
in Ztitaehr.f. Gesch. des Oberrheins 1898, 355—63; 1906, 504—10: vgl. Bild 
in Freib. Diöe.-Arch. 1906, 391 f. — weiss an verschiedenen Stellen, ko er t 
Stute spricht, so im ,Chronicon df Praedicatoribus' (Mone, QueUensammtung 
3311. im ,Libm- de illustribus niris ordinis fr. Fraedicat. (d)d. II, 157), \ 
,J.tbm da- 33 ernten Meister de» Predigerorden^ (Adel/tauser Sammitband 
Frtdiurgtr Stadtarchiv Bt. 303, nach gütiger Mitteilung von Herrn ArcM 
Dr. P. Albert), und in der Vorrede der Töaser Viten (ed. Vetter 4 ff.), mj 
uie nichts tu berichten, leas er nicht aus Seuses Schriften geschöpft haben h 



Geburtiijahr aud -Ort, Ahgtaramnng. 



65* 



4if Vrkutidrn uiui Bächetve/iäUe dir Ktöstrr^), in denen er 
find durch die Ungunst der Zeit fast ganz verloren gegangen. 
wrf wir zur ErvifrMuj der Lebensdaten Semes in der Haupt- 
\ au/ seine eigenen Schriften angewiesen, die nher weit mehr liae 
t Seelenleben als die äusseren Umstände beiUcksichÜgen, und 
, hm dem Mangel einer streng chronologisckett Ordnung nur 
t sichere AithiUtspunkte Ineleti, Da und dort, nnmentlivh in 
Vorrede zur Ümckaungahe von 1512 und Im den nur mit Vor- 
2u benutzenden Hngiagrapheii M iirer und Steill, ßtukn sich 
ergänzende Sotiscn. 

use erzäiill selbst ( Vita 44,4 f.), dass er am St. Benedifctm- 
'Hl, März) in ,diese elende Welt' geboren norden sei; das Jahr 
wir nicht. Die Attsic/Uen der Neueren, um von äUeren, 
\ren Meinungen'^) abzusehen, schwanken zwischen 1295^) and 
!■*}, beide Zahlen rund genommen. Der erstem Ajisatz hat mehr 
Peinlichkeit für »ich, das ergibt sich aus Bücksehlüssen aus 
I datierbriren Ereignissen in Üeuses Leben'"). Wenn er, irie 
r gezeigt werden soll, um 1324 nach KiUn übersiedelte und um 
e Zeit durch Eckhart von seinen quälenden Zfeeifeln, die nach 
r Bekehrung (im IS. Jahre, vgl. 8,4 f.) gegen Kl Jahre gedauert 
l (63,2), befreit wurde, so werden wir ungefähr 1295 ala Ge- 
fahr anzunehmen haben ; doch nind l^if Jahre Spielraum zu 



>) Du* Aiciiio de» Sonilamfr Prrdigcri-lositrs iar in den lie/oitnaliniis- 
n («I. 15'/7> rrriorin gegangen (vgl. MoHt, (^wllrnnaiamluitg IV, äSt): 

■ SitUolheh jinden »ich Sparen nach in äett tieanMiger Jahren de» 19. Jh. 
,roB Zeppelin in Sthrifttn dea Verein»/. Gmch. die Bodeaetea FI,S4i. 

■ iit nur da» Kopialbueh dt» l'redigerklonUr» erhalten {im Siadiarchir), 
tr Seu»ai Nam:n mu »einen Lthttiten nicht nrnnt legi. Kornbtck in 

de» Vereins /. Xuiiat u. Allerlum in Ulm n/id (Iherschteahen WHI, 
W. 
1 Lärrarhi»torikef wie Altamura, Bellarmin, Dupin, Care u.a. 
I St»**» l'od Irits um mos a« und lanttn Ihn schon 1323 mit Thoma» 
l)Mn tur Kaniinitation ttnrgtachktgen merden, teil» rricken »ie ihn Aber 
Xach ttHer handuchrifÜichen Noiit von 1516 in ejnn' Ausgabe, 
i^ienbroek /vgl »ein Sueo lt< A li heia»», wäre tr »chm ISf^) gehören. 
*SSo Weyeimann, Vulkmaun, Frtgfr, Jlenifte (Seuet XIII: 

) tSSfd und laoO-': Da» geifiÜ. Leben XXI: ..um 1396"), Sethtig. 
») Mmrtr, stein, (Juilif und Kehard, Schmidt, Bf.hringfr, 
k, Kareher. Vttttr. Strauch. 

) Die Vtrruoke l'regtr», Vt/rarbtitm IHff., avu der Abfa»tungSMtit 
r Scheißen auf da» Gebartnja/^ Sea»ei< tu .leliltrxsen, sind hinfiUti//, 
fc Jim« Thitierttngen al» unriehtig rnnriae». 

; lUntitbc äcUilliL'D. 5' 



lassen (wohl 1293 — 95). Damit stimmt dann auch, wenn Murer^) thi 
1365 (richtiger 1366) im Alter von 70 Jahren, Joh, Meyer^ ,ga 
alt an den Jahren^ sterbest lässt, und eine Notiz aus dem 15. Jh 
in Clm 15312 Bl. 84"* besagt: decrepitas obiit anno domini 1366 

Die Frage fiach Seuses Geburtsort^) hängt enge mit dei 
nach seiner Abstammmig ztisammen. In dsr Vorrede der Druck 
ausgäbe von 1512 f. i* ist benchtet, er habe eigentlich Heinricl 
von Berg geheissen, sein Vater sei ein adeliger Herr von Berg im 
Hegau gewesen, seine Mutter, deren Namen er selbst aus Verehrwij 
für sie annahm, hiess Seüsserin, Murer*) und St ei 11^) wissen «ä 
erzählen: um da^ Jahr 1295 vennählte sich ein Herr von Berg odn 
Berger aus Konstanz mit einem Fräulein von Saussen aus Überlingaif 
beide aus altefn und vor^iehtnem Geschlecht; um 130() wurde ik 
berühmter Sohn geboren y der in der Taufe den Namen HeinriA 
erhielt. Darüber hinaus erfahren wir bei späteren Schriftsteilem*) 
nichts weiteres von Belang. 

Obwohl die angefnJD'ten Nachrichten ziemlich spät sind, so darf 
doch wohl die überei)istimmende Angabe, d^4is Seuse aus elftem adeligen 
Geschlecht von Berg stamme und dass seine Mutter eine gebürtige Stu 
oder Süs (so die ältere alemannische Namensform) war, für glauh 
würdig gelten. Zweifelhaft aber bleibt, ob der Wohnsitz der Elten 
und Geburtsort des Sohnes Konstanz oder Überlingen ist. Von dei 
zahlreichen adeligen Geschlechtern von Berg, die im 13. und 14. Jh 
in Schwaben und in der Schweiz a massig waren'^, ist am ehestem 



^) Helvetia s, 346. Die Zahl 70 ist jedoch mit Rücksicht auf Ps. 89, i 
nicht zu pressen. Ein lap»u8 memoriae ist es, wenn Murer 315 Seuse äH 
um 13(X) geboren sein lässt. P reger, Vorarbeiten 128 meint^ er habe die Zal 
1295 als Geburtsjahr in einer alten Quelle gefunden, 

^ Kurze Chronik des Predigerordens, Tübinger UniversiiätsbibliMSi 
Ifs. Md 456 des 15. Jh. (aus Ineigkofen; s. obeti S, li^ A, 1), 

^) Ich habe über Seuses Abstammung und Geburtsort ausführiieh « 
Hist.'pol. Blmei' ISO (1902 II) 46—58, 106—17 gehandelt; hier eine kitri 
Zusammenfassung mit einigen Nachtrögen. 

') Helvetia s. 315. 

^) Ephemerides I, 146, Steill fügt am Schlüsse hinzu: Haec ex M8 
Antiq. Adelhus., was sich wahrscheinlich auf eine (jetzt verlorene ?) Schrift h 
,Joh. Sieger, der zu Adelhausen lebte, bezieht. 

") So bei Surius in der Votrede seiner lateinischen Übersetzung Seusti 
li u celinus, Constantia lihena na 1667, 280 : Quetif et Kchard I, 663 tm 

') So in Württemberg rw Berg ()A. Ehingen, Ravensburg, Tettnang^ \ 
der Schweiz zu Berg am Irchel, bei Arbon und bei Weinfelden, Im He§i 
— von den Grafen von Heiligenberg, die Sevin, Kaiset* Baibarts J^^nrnh 



Ctljurtajtthr und -Ort, AbBiaramung'. 67* 

m dm Konsttime.r Patriziergescklecht von Berg zu denken, 
Ihar Herren van Berg »mxen, wie es scfifint, ursprünglich nla Mini- 
tkrtalen das Biacho/s con Konstanz zu Burg bei Weinfelden im 
Kanton Thurgau, nach d«r Mitte d&< 18. Jh. aber zog Ulrich von 
Birg wie manche andere LaiidfdeUent« in die Stadt, Aitgehünge 
dt» üeschlechlcs .ipietcn in der grossen Xniiftheire<jung des 14. Jh. 



EMiagm I900, 71 ohit Oiimd mit Satte in B*sithung brint/l, wird ahm- 
n — ui%d in VbrrlUigtn ilasl nich ein adeligts Gtachlechl von Berg 
■htceUrn. — Nach *w«i BerielUfa au« dem Hominikanerordensarchiv 
teelche der Rtgmaliurgtr Predigtrkonvent im 18. Jh. (den einen 1TÖ4, 
im nndrm venig früher) an den Ordensgeneral beew. an dag Gmrralkapiiel 
röfftnlticM in Analecla Ordinis Pratdieatoram Vlll [19001 "ÖIp flSfi; 
inungin ZtiUthr.f. kath. Thtol. 1H03, 3GU Jf./, würde Seufr von einem Gitt/m- 
pKÜtcht ron Brrg und Saasaiberg abstammen. Es wird nlimlieh darin gesagt, 
Valer Seuats (UeoricaB comeB de Monte el Sanaeaberir, quibasdam Subu 
I Jährt 1300 am Tage des Apostels Thiimag (Sl. fJez.l gtslorben und 
>» Kraugaag des llegensburger Kloster» begrabm, die i'htrreste aber IIJUO in 
ti lagen. Alf>trt<i»taptllt älierlragen und in einem Grabe mit dem bekannten 
ner Joh. HeroU {f 1468) bestattet wordm sein. An einer benachbarten 
Unk habe man eine Intehn/t (nicht mehr erhalten) mit einer Notit über die 
Teten angebracht. Ich glaube nicht, dass mit diesem sehr sjiSlen Ziugnia 
*fmJ »hro« antu/angen ist. Es steht mit dem Prolog der Ausgabe vim 1&12 
iwJ anderen Berichten durchaus im Widerspruch. Schon das Datum 1300 
Tietl Misatrauen, dsnn damals var tlruse, dem der Vater nach seinem Tode 
•ndHnwN sein soll (Vita 23, :iiff.). erst ein jiaar Jahre all. .S'tine Jr'amiiir 
(rtiTri* auch scha-eriieh dem Hoehadtt an. Es gah femer gar kein Grafen- 
pifUtda ,rim Berg und Saustnhei'g' : die Burg .Sausenberg (ä^ji Std. südwestlich 
"* Xidlheim im Breisgau) var im Jksilte der Markgri^rn ron Baden-Hach- 
•"P <ad eist 1306 nannte sich ein Zu>eig des Geschlechtes infolge Teilung de» 
imiia Haehberg-Sausenherg wler Hachberg-Röttel-n (s. die Hegesten der Mark- 
Ftfat em Sadm und Hachbrrg, I bearbeitet von R. Fester l'MO, h SOff. 
iililer ton Knobiach, Ohrrbadisches Oesehlechtrrlmeh I [18981 504f.). 
i*i^tinl gunt, als ob jene Nachitchl durch einen findige« Gehhrten aus dem 
^emn Sausrnhtrg (Susrnberg ss Borg des 8uso, vgl. A, Soein, Mhd. Namen- 
*"* taiia, imi: Krieger, Topograjih. Wlbch. von Baden II', 7.*»Jfl heraus 
i"i/iiiüen trorden irär*. Maji mag auch die Vermutung wagen, dass Markgraf 
Situich II enn Hachltry, der um 1333 in den Veulschorden trat und 1300, 
>Hf uw, starb (rgl. I-'esler a.a.O. h 11, 94) im Regrnshurger Dominikaner- 
bestatlet aurde und dass sein Grab spHltr Anläse eu jener Legende 
f''. Hier »'i ange/figl, dass dax neue Material, das Denifle «ach einer 
Uäteümg Strauchs in Dcutuch' Lit.-Ztg. tSHl, 64: Afda IS, 143: Allg. 
dMi. Biogr. ä7, V9 aufgefunden haben soUtt, sieh, wie er mir selbst 1901 
if die '•bmgenaniilc'i, in ihrer Bedeutung anfangs «ehr ithersehätilen 
itiehtt b'schrSiikt, 




()8* EinleituDg. IS, Seuses Leben und Werke. 

zu Konstanz wiederholt eim Rolle^). Konrad dictus Tuchscherer 
de Beryey 1286 bezeugt'^), war vielleicht Seuses Vater, — manche 
Patrizier verschmähten es nicht, ein vornehmeres Handwerk, wie das 
der Tuchmacher, hezw. Tuchhandel zu betreiben. In Ulrich ton 
Berff, Chorherr bei St Johann in Ko7istanz, der 1298, 1301 und 
13()7 urkundet ^), dürfen wir wohl einen Olieim des Mystikers seheti *). 
Damit ist mm auch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit gegebeUf 
dass Seuse selbst in Kofistanz geboren ist. Das älteste Zeugnis, das 
wir besitzen, die Unterschrift des oben S, 62* beschriebenen Ulmer 
Holzschnitts von ca. 1470 besagt deutlich: hainrich fÜ8 ze costents 
geborn am bodmersee. Im Ernste kann wohl nur Überlingen 
Konstanz die Ehre, Geburtsort Seuses zu sein, streitig machen, und 
in dsr Tai haben nicht wenige, nachdem früher Konstanz in der 
Vorderhand gewesen war, den eingehenden Darlegungen Kärchers^ 
folgend, wenn auch teilweise mit Reserve, sich für erstere Stadt 
entschieden ^). Doch sind die Beweise schicerlich stichhaltig, Kdrcher 
legt mangels älterer Nachrichten das Hauptgewicht auf das fiegatwe, 
bereits als unhaltbar nachgewiesene Moment, dass sich in Konstanz 
kein Geschlecht von Berg nachweisen lasse, ferner auf drei in Dheat' 
lingen aufbewahrte Seusejwrträts, welche die Aufschrift treten, dass 
der Dargestellte ebendort (um 1300) geboren sei, und auf die Lokal' 

*) *SVi7 1:^70 öfters in Konstanz urkunäUch bezeugt; vgL die Zusammen 
stellang in Hist.-pol. Bl. a, a. O. 51 ff., 56 ff. und dazu Reg. ep. Conet U 
n. 5S14, 6032 (1363 und 1367 Konrad von Berg), n. 6317 (Johann vm Btr§ 
[de Monte], KUriker, öffentlicher kaiserlicher Notar), n. 6440, 6441 (tST* 
Bruder Uuhert von Berg [de Monte], ep. Hossensis, Weihbischof Heinrichs lÜ 
von Konstanz). Nicht hieher werden gehören : f rater Johannes de Berg eoncersm 
(1319) und F. Thomas de Bergen (1361), beide im Necrologium des l^Veiburger 
Dominikanerklosters verzeichnet (Freib. Diöz.-Arch. XVI, 42). 

2) Württemb. ÜB IX, 79; Fürstenb. ÜB V, 198: K. Beyerle, Die 
Konstanzer Ratslisten 1898, 63 f. Das Haus derer von Berg lag (1360) in der 
Paulsgasse und hiess ,zur Taschen^, vgl. K, Beyerle, Grunde igentumsverhäU' 
nisse im mittelnlterl. Konstanz II (1902) 375 f.; Marmor, GeschichÜ. Toitf 
graphie von Konslam 1860. 180, 

») Cod. diplom. Salem. II, 638; III, 129; Reg. Ep. Const. II n. 3208,3219: 
Freib. Diöz.-Archio 1903. 137 f. In der Urkunde von 1301 werden sein V4r- 
storbener Vater Marguard, seine Mutter Mechthüd und seine Schwester Mar^ 
fjnreta genannt, 

*) Dies ist auch die Ansicht Beyer les, Freib. Diöz.- Archiv 1903,137^ 

'') S. den oben S. 63* Anm. 1 zitierten Aufsatz; vorher schon tfhnlich im 
Freib. kath. Kirchmhlatt 1866, 362 f., 371f., 381 f. 

') So nnmentUvh Denifle, Preger, Strauch. 



Geburtsjahr um! -Ort, Äbstauiuiunt-, 



69* 



ition, iBflche das Haus Nr. 493 in der nett 1HS9 no (/mannten 
ftisitt tils sein Geburtshaus beseichne. AHein jene Bilder yehüren 
I 18„ frühestens 17, Jh. an und haben somit ganz ijeHnge Auk- 
die Trndilion aber für da« angebliche SusohauH '), (Ais eor 
Jnhren mit Hilfe der bndischen BegieruHy pietätcoU rentouriert 
und immerhin eine Sehenswürdigkeit der Stadt bildet, ist mit 
'heil kfinnt über 100 Jahre zurück zu rerfolgen, ja ihr Vcr- 

wird von Serin') ganz in Abrede gestellt. 

Es fileibt aber, wenn auch Seuse selbst allem nach zu Konstanz 

ift, doch die Möglichkeit offen, dass Seuses Mutter aus Übcr- 

%m ttammief wie auch Murer und, Steitl berichten. Dann würde 

'id um ungezwungendateu erklären, ivit man dazu kam, Üherlingen alx 

tat Beuses, der »ich nicht nach dem Vater, sondern tiach der 

irr nannte, zu hezachnen. Zicnr lässt sich der Familieniuime 

Säs') im späteren Mittelalter in den Gegenden am Bodensee und 

•\ Näherei Hüit.-p'A. BL a. a. O. 113f. Das im ällfutea Teilt Überlingens 

me Uavis knnn nach dem Urtril Sachverst/Indiifer aeintm Kerne nach xoht 

lai U. Jh. stifilclireichm : vgl. F. H. Sraug, Sunstdenktnäler des ffrOMS' 

^UDM Bndea I (IBüT) 666f.: H. Sfviii , (''hm-linger Häutrrlmeh 1890, HO. 

't Kaiser llntbarls Kronhof 72. 

'l Ihr illttren H$s., leetehe dtm aUmaniiischea Sprachgebiet angehören, 

ilifH durchtreg Stt», Sfise, orfer auch SnB(ei, Heinrieh von ^iirdiingtii: Jer 

I iSirauth, M. Eimer XXXI, 22) und der Süsse lLI,S6f.). Dem Süsn 

riciu in aekie'lbiseiirhayrisehtr Mundart Sense, dem Siis — Satis. Erstere 

I in heanudera durch die Augsburger Ausgabe von 1483 verbreitet leoi'den 

durch henifie mieder in Aufnahme gelirimmen; Saeo isl das latinisierte 

und homml schon im 14. J/i. vtir (sti in dem später su trwälinenden 

eon 13fi6i. Her Personenname Sa» (siis,) scheint nach Fnrstemanu, 

Uehes yamenbaeh J* (1900) 1373 tu dem akd. siisim, staöa», «thd. süsc», 

nhd. sausen tu gehören; ein Susi) findet sieh tuersl im U. Jh. iTradi- 

Carbsimses ed. Wigand 1843, 244). Ebenso pfiegie auch Ssase selbst 

nwm Kamen ahtuUiten: nach dem Prolog von lälS — die Änekdnt« scheint 

fhudiKttft ülierüt/ert — munterlc er bei «etn«n Predigten seine Zuluirtr und sieh 

ulbri auf mit den Worten: Merckt oaS, Mona der sellM will seitascii, oder: Nu 

•oIm iruax. in luflst seüspu ; wenn er das l'o/t strqfen inolile, sprach er: 

th laGn d«r seüas »euBen, daa euch die orea seUseu j oder, tcenn er sich nicht 

fitniiti, itttan SU sagen: Der geÜBX getar da nit seäBep, Vielleicht liegt auch 

X,31- eüeeut iil in di(^ Löhi eine derartige Anspielung vor. Ohm Grand 

SIeill, Wegermann und Kär eher den Samen mit dem mhd. siiet« 

vgl. auch die Vbtrsehrift der Vita 7,1 «ach M: der wnder 

Auf einer Veneechslang von G und S scheint es tu britthtn, wenn in 

'S. oben S, 8') gey s, und hei Zillard, Kurte Chronica des Uomini- 

I, Jtütngtn JÖ96, 47,b3 {dach vergleic/ie am .fchlusse die Errata und 




70^ Einleitung. II. Senses Ijeben und Werke. 

Oberrhein verschiedentlich nachweinen \ doch scheint auch in Übe\ 
lingen eine Familie dieses Namens existiert zu haben, d<( sich < 
einem Anniversarienverzeichnis des dortigen Pfarrarchivs 1523 et 
Jahrtag für Snsanna SäseriD, ihre Vorfahren und Nachkommet 
notiert findet^). Kaum wird man, tcie Sevin ( s. oben S, 66 
Anm. 7 ) will, die eine halbe Stunde westlich von Überlingen gelegen 
Sassen- bezw. Siessenmnhle hier hereinziehen dürfen, d<i die Ableitun* 
dieses Natnens ganz unsicher ist^). 

II. Jugendzeit, Eintritt ins Kloster, Bekehrung. 

Die Eltern des jungen Heinrich *) von Berg waren, tcie er sdbsi 
erzählt (2H,21ff,, 142,17 ff.), sehr ungleichen Charakters; schrofft 
Gegensätze standen einander gegenüber, wie wir es im Mitteklttt 



Strauch, M. Ebner 364) Geiss geschrieben ist; es ist aber auch möglich, dm 
eine Konfundiei'ung mit dem Wiener Professor und I>r. tfieoh Johannes Gtva^ 
(Geiz)^ f 1440, vorliegt, der verschiedene asketische Schriften verfassie (die Hti 
721 und 756 in Giessen enthalten Collationes super Ave Maria und Sermwii 
von ihm). 

>) So in Wil hei St, Gallen (St. Galler ÜB III, 360,426 [1320 des Süsei 
mtili/; IV y 663), in Strassburg (vgl, Anm, zu 74,2) und Basel (Suser, ÜB III 
142 f,; IV, 173,261): vgl, auch Socin a. a. 0. 443, Über die in einem Brie) 
Heinrichs von Nördlingen (Strauch XXIX, 37 f.) vorkommende Sussin ze Hoch 
stetton vgl. die Anm, zu 74,2. 

*) Genaueres Hist,'pol. Bl. a, a. (), 109 Anm. 2. 

•'•) Von einem Personennamen Sns, oder von ahd, siosza, Weidepiais 
Vgl, Bück, Oberdtsch. Flurnamen 1880, 269: ders. in Schriften d. Ver, , 
Gesch. d. Bodensees XI, 113; Krieger a. a. O. 1132, 

*) Schwerlich echt ist der Name Johannes, der sich in manchen Hs 
des Hör. (so in Clm 18608, 18737: Cod. Mdlic. 106 usw,) und namentlit 
in den Hss. der altfranzösischen Übersetzung dieser Schrift ( (juetif ei Kchard 
653: Theol. Stud. und Krit, 1843, 852), dagegen nur ganz vereinzelt i 
deutlichen Hss. (s, oben S. 6*: vgl. S. 69^ Anm. 3) findet, - - Der Naf 
Aman d US, ,Liebetraut^ oder ,Herzentr(iut^ (vgl, 140,7), ist nicht, iß 
vielfach geschieht (K drehe r 206: Vetter 21: Strauch 169 usw.) fl* 
Klostei'name aufzufassen — die Dominikaner pflegten damals bei der Profe* 
den Namen nicht zu ändern, — sondet^i gncissermassen als Seuses nom de guen 
als Mystiker, deti er nach seiner Erzählung in der Jugend von der ewigf 
Weisheit selbst erhielt (Hör. 216: in ea vinionis gratia quodam novo et mystic 
nomine ab ipsa [Sapieutia] vocatus frater Amandus; vgl. tbd. 17,222), Es wät 
sonst nicht zu erklären, dnss der Xam*' weder in einvr deutschen Hs,, 7wchh 
Heinrich von Nördlingen oder Joh. Meyer oder in iSeuses Epitaph vorkomm 
somiern nur in zahlreichen Hss. des Hör, (vgl, Strange o; Quetif ei Echard 
653, 656 f.: Clm 7819, 14604 usw.): düae achövften ihn eben ein f eich a\ 




Ja gen (i /dt, Einlvitl ii 



, Bekehrung. 



71* 



4 selten antreffen ')■ Der Vater irnr durchaus ueltlich gesinnt, 

Mutter (Uigegen eine ,heiliije' Frau, ,m't deren Herz und Leih 

Wunder') wirkte bei ihrem Lehen'; sie imr .voll Gottes' und 

gerne darnach .heilig*, d. h. ihren Übungen der Frömmigkeit 

Askese i/etebl, ollein des Mannes rauhe Gemütsart war dem 

«hgrneigl, und so ßel ihr manches Leiden su ; sie war ,nlle ihre Tage 

title grosse Leiderin'. Beide Eltern starben wohl, ehe der Sohn, 

m dem nur noch con einer Tochter'), die Klosterfrau war, die 

k ist (70,17 ff.ß, das rolle Manttesalter erreicht hatte. Auf aeinen 

/•l und Charakter hat die Mutter massgebenden Einflua» ausgeübt; 

übermächtige religiöse Gefühl, das die edle Frau einst ,minnesiech' *) 

•.hie und um Karfreitag vor Teilnahme an den Leiden dts Ge- 

vagteti »terben Hess, das lieheswarme, weiche und sinnige Gemüt 

dem Zug ins Elegische ist als ihr Erbteil auf ihn äbergeganffen. 

\'thl glaublich ist es daher, wenn berichtet wird"), er habe sich 

ttr nach der Mutter Geschlecht genannt; schon 1338 hezw. 1347 

«t ihti Heinrich von NördNngen '^ schlechtweij ,den Süssen', und 

tr dem Stichwort .der Siine' ging später die Vita (vgl. 7,1) hesir. 

Exemplar in die H'elt. 

Den con Jugend mf kränklichen (56,16 f., 280,1 f., Hör. ff3, 

<J Knaben, der wohl für einen uvltlichen Beruf nicht recht taitgen 

■Jite (vgl. 146,11), bestimmten die Eltern für das geistliche Leben 

I hrachten ihn im Älter von 13 Jahren den Domimkanem in 

Iwftans als Novizen. l>as idyllisch am Aasßiiss des Rheins ans 



tlr.T dts Hör., trie auch r. B. Xolür« nm .Sc/.hisw des ß-ifhes in Cht 
Blind 13375 draÜieh seilten, liiuittrtß'end ixl es, irenit der Frolog von 
l! tagt, Staat habt den Namen Amandi*» liti Lebetiieit geheim gehalten, tirr- 
^ tdtrst nach Htintm Tode in aeinrn Offenbarungen gründen wurdrn. Abtr 
Ittnd ja in dem 1334 publüierte» Horotiigium! £in B'iminikaner Amandas 
12X (BaaUr ÜB III, 1511 u. 13113 iah Pruvintiai von Tciil.mi», vgl. 
'Ijf'r, Vorarbeiten 3(l> btitugt. 

') Ein inUreetaTitta Bcispitl m-tählt Stiine Hm: llii. 
■} Das Wart wuuder (24,4) ist nicht biichnläblieh tu fansen, snuilern 
iU «hA a^r daa 14S,3S ff. trtfihlle Vorkommnis (vgl. auch i/7,4. Iü2,4>. 
*J Murer 315 »piHcht viin mthriren Kindern, schwerlich als suverl listiger 



*) Gant daisttbe wird 

Iff.l und nott ElieabHh n 

•) Pnu(oj dl» Druckes i 

■) IMtge obtn S. tiä' A 



von lUli eoa Sure- in Tim (Vit- 
1 Ksalingen lu Wiitr ertähll. 



ed. y-llir 



72* Einleitung. II. Seuses Leben und Werke. 

dem Bodensee gelegene InselUosfer^) (vgl. 48ßf,) war foiHan die 
längste Zeit seines Lebens seine Heimat, und die Handschriften des 
Hör, ^^) bezeichnen ihn mit dem offiziellen Titel als frater Henricus 
Su8o (bezw, fr. Amandas) ordinis praedicatoram conventas (oder 
domuB) ConBtantiensis. Der Predigerorden stand damals in Deutsch- 
land auf dem Höhepunkt seines Ansehens und seiner Ejcjfansivkrafif 
und übte als der vornehmere, die Wissenschaft ex profes>o pflegende 
Zweig der Bettelorden auf die Söhne adeliger Familien immer fuxA 
eine nicht geringe Anziehung aus'^; im Innern des Ordens ßtilich 
begann die ursprüngliche Zucht, welche fast das gatize 13. Jh. stand- 
gehalten hatte, sich zu lockern, und es zeigten sich manche bedenkliche 
Spuren des Niedergangs. Das Konstanzer Kloster machte hierin 
keine Ausnahme*). Es hat Sense später bittere Seelenpein verursaehtf 
als ihm gesagt wurde, seine Kitern hätten bei Gelegenheit seiner Auf- 
nahme ins Kloster, die sonst nicht vor dem 15. Jahre geschehe* 
durfte, ein grösseres Geschenk gemacht (62,23 ff., vgl. die Anm. dazuh 
Wir wissen nicht, ob dabei wirklich eine Unordnung vorkam — der 
Kontext spricht schwerlich dafür, — jedenfalls aber spiegelte sein» 
aufgeregte Seele ihm vor, es sei Simonie gewesen, und er litt gegem 
zehn Jahre schwer darunter, bis ihn Meister Eckhart durch rer- 
niinftige Belehrung von seinen Skrupeln befreite. 

Die ersten fünf Jahre des Klosterlebem verflossen ohne eiit^ 
Aussergewöhnliches ; wie der rückwärtsschauende Asket in strenger^ 
wohl allzu strenger Selbstbeurteilung erzählt ( Vita 8,4 ff. ; Bdew Kap. 1; 
Hör. 15 ff. 56)^ trug er zwar ,geistlichen Schein^ d. h. das Orden»' 
gewandy das nach aller Anschauung , rechtlich betrachtet, an sich 
schon den Mönchscharakter verlieh '*), aber sein GetniU blieb ,vnr 
gesammelt*, er begnügte sich mit dem Geuöhnlichen, ohne sich besondere 
sittliche Anstrengungen zuzumuten. Doch seine ideal angelegte Nat^ 
fand bei dieser Halbheit auf die Dauer kein Genüge; er war in 
seinem Innern stets unruhig und unbefriedigt , ein unbestinntite$ 

') 1^36 fjegrüudety llbiCt ron Kaiser Joseph II aufgehoben, seit Ibli 
JnselhoteV. 

-) Vf/i. oben iS. 70* Anm. 4. 

•') Vf/i. Fiiihe, ViKjedruckti Domiuikanerbrieft des 13. Jh.^lisOl, 10, 

*) Vtß. Vila IfyJJfiJf. Nö,:J3ß'. Savh Hör. JJ 'jiugcn manche Mönche 
nach dir Noii in die JStndi. um Bekannte zu besuchen : die discursus iiiutiles 
evaiij^elizaTitiiiin tadelt ASeusc scharf ( l. c. 174). Weiteres über die Zuatändt 
im Predigerardvn unter B L 

•') 1'///. 7.'. Sc her er, Kirchenrecht 11 {lüUl) b03. 



Dirr Dienst der ewigpn WeislieiL 7 

« und Dürsten noch etwas Qrossem, das die gunse Seele aus- 
beutete ihn iintihläs»iij '). Die innere Umwandlung, ps^c/iolof/isch 
lange vorbereitit, pertlichtetf fich in seinem 18. Lebensjahre, 
vm VHS"), «14 dem durchgreifenden Entschlma (der geewinde 
6,14), sein Leben forUm ohne Bückhnlt in ikn Dienitt OoUes 
<^tUtn. Durch einen ,verbory0Hen liehtreivhen Zwj mn doH' 
I er «ich märhtig geHärkt, durch Kampf und Askese hindurch 
der .höchHen Kumt rechter (Ifhssenheit' (5.H,/lf. J5 ) zii ringen. 
er führte seinen Vorsatz aus, ohieohl dem Anfänger Zweifel 
flog Gelingen tntti fremde Einreden, seihst Spott, nicht erspart 
m (8JilJf. Hör. IS f.) und er unter seinen Klostergenossen 
» ijieichgestit/imten Freund fand, der sein Streben hätte unterstützen 
in {9,äl>f.). Mit rfer AbUgung einer Lebensbeichte (43,13f. 
K/.> begann er seine ,Vita nuova', die er in all ihren Phasen 
rückhaltloser Offenheit und unnachahmlicher Zitrtheit schildert. 

III. Der Dienst der ewigen Weisheit, 

Dir Keligiosität Senses nach seiner DeMtrung nalim eine ganz 
ni^ristische, ihm eigentilnUicIie Ausprägung an. Wir sehen in 
n Anfang an zwei verschiedene, sckeinliiir sich widersprechende 
ituHgen neben einander herlauj'en: die gefühlmnässig-schuHinneriKche 
die itxketifch -selbs Uf ui'ile r euch e. 

,Er halle von Jugend auf ein niiunereiches Herz', bekennt er 
$ich seibst. (11.27, vgl. 13,14 f.. Dar. 16). Seiner lebhafte» 
asie genügte es aber nicht, Gott nur im allgemeinen als das 
idrrdatf und Schünheit sich vorzustellen, es verlangte ihn nach 
R Üymbol, oder bester einer Personißkation der göttlichen Voll- 
ntuheiten, die ihm greifbnr nahetrelen und mit der er in Verkehr 
n konnte. Er fand diese in der „ewigen Weisheit". In seiner 
tfKap. 3) und noch deutlicher im Hör. (15 ff,) berichtet er, wie 
I dieser Vorstellung kam und welche Entwicklungsstufen sie bei 
I durchmachte. Angeregt von dtn ,Lihri Sapientiales' des alten 
menles, besonders dem Buch der Weisheit, den Sprüchen Salomos 
Jem* Sirach, deren Ausspräche über die „ewige Weisheit" seit 

*) tiif Ertätilitiig ti,iff. rrinntrt im dirjenir/e iler hl. Oertruil im I.rgalux 
m pittatüt, Hwlat. Girtrud. ac Mtc/ithitd. 1 (W/ö) 103ß. 

*) Unriehlig Sirbtrg 136: ..seine Brkehru'ig gesrliali am St. Aiineslag% 
NO 31. Jan. V113~. Abu '» ttanätll sictt hiei- < Vila 10.11 f.l um riiie 
1, äif ,tn »einem Anfanii', d, h. in ilrr rrtttn Zeil nnch der Behthrung 



74* Einleitung. 11. SeuBug Lebfii iinil Wt-rke. 

altera von der Ideologischen Spekulation nicht bloss auf die Eiget 
•fchafUn Gattes, sondern auf eine eigene göttliche Hgpostnse 
Logog, gedeutet und in der kirchlichen ägml/olik und Liturgie du 
Mittelalters vielfältig in diesetn Sinne eeruendet wurden (vgl. oboi 
S. 51* A. 2 u. S. CO* A. 3), fnsste er sie zunächst ganz allgemein oü 
den Inbegriff alles Schönen und Liebenswürdigen, iilentifiziertd i 
aber dann fortschreitend mit dem ,ausqmllendtn Ursprung der blostm^ 
Gottheit' (14,30 f.), d. h. mit dem göttlivhen Wesi-n an und für 
darauf konkret mit der persönlichen, menschgeu-vr denen eiligen K«V 
hat : Christus, ohne jedoch die allgemeinere Auffassung ganz aufsu* 
geben, und lässt auch, wie es in der Liturgie geschalt bezw. gestAttHj 
die Bezugnohne auf Maria dann und wann miteinfiiessen. 

Seine Seele rang nach bildlichem Ausdruck seiner inneren A\ 
Schonung und begehrte die Geliebte zu sehen; sie zeigte sich t 
wirklich seinen .inneren' Augm in bedeutungsvollen, der hl. 8dt 
entnommenen Bildern: sie leuchtete wie der Morgenstern und s 
wie die aufgehende Sonne, bald erschien sie ihm als schöne Jungfru 
bald alu edler Jüngling, bald als weise Meisterin, bald als statlUd 
Minnerin, und sprach zu ihm gütlich: „Sohn, gib mir dein Hertf^ 
(14,10 ff. Hör. 20 f. 57). Die Worte Pavli von Christus als ,6(^ 
Kraß und Weisheit' (l Kor. 1,24), ,in dem (die Schätze der W^ 
heif und Wissenschaft verborgen sind' (Kol. 3,3), wiesen ihn t 
auf die zweite göttliche Person hin, durch deren leidend« Mensehhü 
er zur Gottheit vordringen solle (Hör. 21,25; Bdew 203,6ff.). / 
Sinnbild der eirigen IVeisheit iii letzterem Sinne erschien ihm t 
Name Jesus (40<),2tiff.), und ihm widmete rr einen bis ins ktetH 
geregelten Kult, der in der ,Brudcrschaft der ewigen Weisheif • 
weitere Kreise verbreitet wurde (Kap. 45; 393,8 ff.). Ihineben fük 
er aber doch stets die Idee der ewigen H'ei.'-heit auf ihren Vrsprti 
und Quellpunkt, das Wesen Gottes als den ,grundlosen Abgrund (a 
üartheit, Schönheit, Herienlust und Lieblichkeil' (14,29 ff. Hor.i 
zurück. Einen unauslöschlichen Eindruck machte es auf ihn, auf 
am St. Agnestog erstmals in einer Verzückung rorubergehend jt^ 



'l Aus dtr iirilehtigrn SrhiWcrung der Vita Imt Herdtr den Vm 
zu Ktinmn KChSntn (itdkhU „JMe nniji- Weükeif (ahgedrueH bfi Diep. Sl- 
•jriiommcH. Eingehenden f^ueUmnacliteeis hat H. Kühler grlirjirl i 
<ltr Kgt. tächs. (it»eÜachaft dtr Wies.' 168'., li>b—3i (dtr Au/sais cnrnUit 
Kühl»» Kinneren Schriften 111 119001 1U7-31) und fettgteleUt, das» ifoi 

ds» Urtext, »ondem Muin; Hrheiia >. Sliiß. ticniita und das G«d 

verfemst hat. 



Der Dienst der ewigen Weisheit. 75* 

Zustand des Sichselbstverlierens und der mystischen Einigung mit 
fM erlebte (Kap, 2, Hör. 22), auf den alle Mystik hinzielt. 
Was er da sah, kann er nicht beschreiben: es war formlos und 
weisdos* — die Vision war also mehr eitie intellektuelle als eine bild- 
liche^) (vgl. Hör. 22: in hoc fontali principio nee forma erat nee 
raateria) — und doch war es alles Entzückens voll; er konnte nur 
^ch selbst vergessend einstarren in den glanzreichen Widerschein der 
(jottheit. Als die Erscheinung zu Ende war, sank er erschöpft wie 
ohnmächtig zu Boden, seine Seele und Ge^nüt aber waren voll ,himm- 
Men Wunders', und latige Zeit blieb ihnen der fühlbare Eindruck 
iacon *). 

Die Liebe zur ewigen Weisheit ist fortan die überirdische Atmo- 
sphäre, in der Sense schwebt, „Diener der ewigen Weisheit*^ die 
istAende Bezeichnung, die er sich gibt. Was nur je irdische Minne 
ff« Lobsjyrüchen erdenken kann, häuft er auf dieselbe: sie ist sein 
Herzeiitraut (27,4. 140,7), seines Herzens Kaiserin (15,17), sein 
fröhlicher Ostertag, des Herzens Sommerwonne, seine liebe Stunde 
(37,1 f., Bdew 223,28 ff., Hör. 58 ff.), mit ihr glaubt er sich vermählt 
Vit Franz von Assisi mit der Armut (vgl. Hör. 217), und strömt 
rfm Jubel seines Herzens über diese Gnade In Worten voll stürmischer 
Begeisterung aus (Kap. H; Hör. 215 f., vgl. P reg er II, 362 f.). Er 
v)idmi ihr, besonders in den Tagen seiner ^blühenden Jugend^ (110,4), 
^0 sein Antlitz noch von frischer, blühende^' Farbe war (110,14), 
änen Dienst voll rührender Zärtlichkeit *^), wie es ganz seiner poetisch- 
'^mantischen Anlage, seiner ritterlicti-adeligen Erziehung entsprach, 
^^^d fühlte sich darin unaussprechlich selig; seifte tägliche Lebens- 
^rdnung, seine ,kindlichen Andachten^ (110,3), seine Naturbetrachtung 
"nd unter diesen Gesichtspunkt eingestellt. So trenn er ein neues 
^^^trnnd anlegt, oder sich zu Ader iässt oder die Tonsur erneuert 
i 110,4 — 25), wenn er Lieder singen oder Saitenspiel erklingen hört 
^^^}Sff,), unterlässt er nicht sie zu ,meineti' und um ihren Segen 
V« hitten; das YV eltall mit allen Geschöpfen ruft er zu ihrem Lobe 
''"/(Sursom eorda! Kap, i)). Zu Ehren der ewigen Weisheit reifasst 
^f ein eigenes Gebetlein lateinisch und deutsch als ,Morgengrtiss^ 
USfl2f,, 395,18 ff.), dessen \ er breitung er sich angelegen sein lässt, 

'j Vgl. Anm. zu 34:2,:i()ff. 

*i Zum Vergleiche ist sehr lehrreich die dichterisvh-sgmholische Schilde- 
^ng dtr Ekstase hei liiehard von St. Viktor, Bvnjainin Maior IV, ^3 (ange- 
M bei Krebs, Meisler Dietrich /s. Anm. zu 328,17} 133 A, 4). 

^) Ililbsdie Schilderung bei Bö hr inger 304 — 6^. 



76* Einleitung. II. Seuse« Leben nnd Werke. 

f^etzt sie in holder Sjmlerei als Tischyenossen vor sich hin, dass sie 
ihm Speis und Trank segtie (Kap. 7)j erbittet con ihr am Neujahr 
wie die Jünylinye in Schwaben ein Kränzleiyi (Kap. 8), und setzt 
am ersten Mai als seinen geistlichen Maibaum das Kreuz mit allerlei 
lüumemier geschmückt (Kap. 12). Er lässt sich auch die eunge 
Weisheit in minniglicher Gestalt, tvie sie Himtnel und Erde in ihrer 
(wewalt hat, auf Pergament malen, nimmt das Bild mit auf d-ie hohe 
Schule nach Köln und bringt es uneder zurück in ,seine Kapelle^ 
in der P redig erkir die zu Konstanz, in der er gewohnlich seiner An- 
dncht pflegte (103,14 ff.). Wie er in einem eigenen prächtigen An- 
dachtsbuche, dem BiicIUein der ewigen Weisheit, das Lob seiner 
(reliebten verkündete, soll später Ertvähnung finden. Seine Liehen- 
Inbrunst ging sogar so weit, dass er einmal in seifier Anfang«s^ 
mit einem eisernen Griffel sich den Namen Jesus als bleibendes Unlr 
zeichen in die Brust eiiigrub^), ,gleichwie weltliche Liebhaber dm 
Namen ihrer Dame am Kleide tragen^; unvertilgbar blieb er da Um 
zu seinem Tode, nur zwei vertrauten Frewnden und Elsbeth Stagd 
offenbarte er d<t^ Geheimnis (Kap. 4; 143,32 ff. 393,12 f.; Hör .76,221; 
Minmb. 538,5 f). 

lY. Senses Kasteiungen. 

,Zur Minne gehört ron altem Hecht Leiden^ Jeder Minner id 
auch ein Märtyrer' (13, 15 f.), das war Seuses Überzei4gung, der auck 
hierin die Idee des mittehtlterlichen Frauendienstes ins Religiöse übet' 
ir(igt% Der ewigen Weisheit zu lieb int er daher bereit, alles, auch 
d<ts schwerste zu leiden (34,13 ff.. Hör. 18,65). Und er wartet nicki^ 
bis Leiden von selbst kommt, sondern beginnt bald nach seifier Be- 
krhrum/ damit, seinen ^wilden Mut\ den ,verwöhnien, widerspefisOgen 

*» Ähnliches trird erzählt von der hl. Jindegundis (f 567) und Edäkt 
fV^M^ «y« Znchler, Askesv und Mönchium IV (1897) 45^: ders.y Ik» 
Knuz Christi Iblö, :J47 : ron Christina Ebner y rf/l. Lochner, Ze&M und 
(resichte der Chr. K 1^1'^, 11: ferner von Veronika Giuliani (f 1727\ tf/^ 
Stimmen aus Maria-Laach W0;'> II, ::^S4. 

-» Vgl. Hör. 8!: militiae species amor est: /. c. 11 f.: litore qnot coBchia^ , 
tot sunt in amore ilolori's . . . Revolve innuniora et stupenda, qaac legisti et. 
andivisti, quac prohpiuior Iiuius roundi aniatons ex amore vanissimo sa^tinaenut , 
Noiinr in^t'iuisoebas, cum ad notitiam tuam ])ervenit iuvenem quendam tibi noteB; 
in tantum fiiisse fascinntnm. ut ob amorem nuiu^ puellae fermm quoddam 
siiae inlixum portaret? Man fühlt sich unicillkürlich an die LiebestOi 
r/r/<7iv vnn I.irhtenst.in erinuti, der sich um seiner Dame tciihn einen 
ah hackt <. : 




i 



Seiise« Kft5l«iiiiigen. 77* 

(.«ü', seine ^eieitdige Natur'. 7iiil dey er sich äicrhtdett fii/Uie ('J.l'J. 
iS. 39^ ff., 108,18 ff., Bihw 2(M),20), durch ein erfinderischfs Syntem 
«H ÄbUitungeii und Kristftungen zu bezwingen und zu unterjochen. 
l)ie Eintfrabung dex Xametui Jesu in die Brust iet schon efwähnt 
it»räfH. Seine Zunge hielt er in strengster Hut, ao dims er inner- 
Ml, Ho Jahren bei Tische nie das StiUschteeigen brach (Kap, 14); 
ith« Jahre blieb er in seinem Kloster tibgeschieden i^on iilter Welt 
(i2^iiif., 103,5 ff.), trug lang ein hürenes Hemd und eine eiserne 
Kfttt Hin den Leib, schlief des Nitc/tts wohl 1(1 Jahre in einem enge», 
fit Söget» besetzten Unterkleid, die Arme in Schlingen gespannt 
«(kr die Hände in lederne Hundschuhe gesteckt, die mit spitzigen 
Utmngsiiften versehen waren (Knp. 15). Acht Jahre tntg er ein 
wi Khar/en Nägeln und Nadeln beschlagenes hiihernes Kreuz unter 
dm Kleide auf dem Kücken, und nahm mit demselben wie auch mit 
rintr eigens präparierten Geissei häußg Disziplinen (Kap. IG). Un- 
yfitkr acht Jahre schlief er auf einer nlten Türe oder in einem 
'«¥M Stuhle sitzend, ohne hinreichende liedeckung im Winter, icärmte 
'ich iftgen 25 Jahre nie am Konventsofen und mied olles Bad, ass 
limijr Zeit nur einmal lies Tages und brach sich nicht nur, wie im 
'Jrdtt> zu gewissen Zeiten üblich, das Fleisch, sonilern auch Fisch 
ml Eier ab (Kap. 17), enthielt sich zwei Jahre des Obstes (25,8 f.), 
trank viele Zeit keinen Hein ausser am Ostertag (46,19 f.) und er- 
hivbtr eich nur ein gaiiz kleines Mass Wasser (Kap. J8). Nach der 
MtUe, die sehr früh am Morgen stattfand'), trachte er, auf blossein 
Silin im Chore stehend bin zu Tage (47,8 f.). Vom 18. bis 40. Lebens- 
Jokrr trieb Seuse diese ,marterlichen Übungen'^, an deren Glmth- 

'' Üu» ,Ofßciunt noclumum' mardr nicht übtrall für gUie/ien ZtH ab- 
friallm fiim MitItrnnckI oder 1—3 Stunden später, vgl. Mörtier, Sialoire 
*• nailita grnfraax dr Vordre de» frrrte prichews 1 [Paria JH03} öSlf.). In 
' Kmtaiu variierte man, wit ee tcheint (vgl. 47,3f.), nach der Jahreetett. 

'[ A* irtrd kaum gelingen, wie ei Prrger, Vorarbeiten 1^4ff., l30ff., 
■ Mim*« eemvxht hat , jene Kattei-ungen in Siune^ J.tben chronologiseh tu 
.ffrea. iJesu »intl dit Ztitangabm zu unhiatimmt; etwas Sehematieiercn mai/ 
^t* trohl mitanrerlat^lm. Aai 69,30/. dürfle tu fotgem »ain, dose Sense die 
"Wn ifhn .Jahn nach seiner Bekehrung (cn. 1313— S3) in Konstant btitb. — 
^ijiitb -jUivh'f odir ähnlicher Abtötuni/tn, wie Sfuse eie ähtt, bimnen aue dtr 
'^liUfengeatKichle und auch aus der deutschen Mystik m Menge beigebracht 
'irden; tgl. s. B. Zöekler, Askese II>, bälff. 457: Aers., Kreui Christi 
%379: Oreith 3ölf. 383,31^6,414 (aus Katharinental und TBse); Pes, 
Mieea tuieeliea VIll (ITSSt 107,156,307 u. ö. (aug Untertindln); Srehs, 
■r, ChrisUna Khner 1S73 paesitii; Strauch, M. Ebner 
tegl. Anm. S. 302 ff. I. Auch Mechlhild ron Magdeburg uidPtetf tich 




78* Einleitung. II. Scuses Leben nnd Werke. 

Würdigkeit wohl nicht zu zweifeln ist^), und wir glauben es ihm gerne, 
wenn er erzählt, dass er sich dadurch viele Krankheiten zuzog 
(01,17. 45,18 ff,) j und daas zuletzt seine ganze Natur verwüstet und 
verdorben war, so das» nichts mehr übrig blieb, als sterben oder da* 
von lassen (52,8 f. 55,3). Das Resultat seiner Kasteiungen aber 
fasst er in den Satz zusammen, dass alles nur ein ,guter Anfang' 
und ein , Durchbrechen sei^ies ungebrochenen Memchen^, gewesen sä, 
worauf erst die yhohe Schule der rechten Gelassenheit^ folgen ioOe 
(53,1 ff., 3,10 ff.). 

Die Beurteilung von Seuses strengen Abtötungen wird wohl stäs 
je nach dem Standpunkte eine verschiedene sein. Wer die ko^yerticki 
Askese prinzipiell veru-irft oder sie wie z. B. Seeberg^ nur unUr 
dem Gesichtswinkel der Beformaforen betrachtet, wird notwendig zu 
einer mehr oder weniger schaffen Verurteilung gelangen. Doch dürfte 
es in unserem Falle richtiger sein, Seuse zunächst aus seiner ZtU 
und seinem Charakter heraus verstehen zu lerneti; manches wird »ci 
dann begreifen lassen, zum Teil wohl auch entschuldigen. Die A^ 
Übung von Busswerken, mitunter selbst in einer für unseren «i^ 
feinerten Geschmack abstossenden Form, lag ganz im Geiste dt» 
Mittelalters und galt als ein Teil der für jeden pflichtmässigen Nadh 
folge Christi y nicht als Selbstzwecky sondern als Mittd zu dem Zweck, 
die lolikommene Herrschaft über die sinnliche Natur und dadurch 
die wahre sittliche Freiheit zu erlangen. Seuse selbst spricht siA 
wiederholt deutlich genug darüber aus (30^3 ff'., 41, 4f., 106,1 f., 107,16, 
I0tij8ff.. Bdiw '^89,2 ff., Bfb473,Wff., Hör. 171). Das augustinisek 
,per Christum hominem ad Christum Deum^ (vgl. 34,9 ff ., 168,10» 
ISfj:iff.^ Iidi*w 2(f3,S jf/',^ Hör. '^5)y Losungswort der ganzen mtlidr 
altrrUchen Mi/stik^), com hl. Bernhard in seinen Homilien zum Hohü^ 



vom 'Jf),—4fi. Lt'bvnjfjahrf schweren Ahtiitungen (ed. Gall Moni 94/.). Ühr 
Kastauntfrn dtr Amichonten in dtr Wüste s. unten. 

■> A'fi(7* einer Ändeutnntf .^:iJ ist das Berichtete sogar nur ein Teü. 

■» u':f.s Till dcrs, in liealenzt/khp. f. pratest. Theo!. II \ 138. Bitk^ 
(/(ii/c'iMi B oh ring er 31;'»/. K. I'Uehitjer^ l'ber die Selbstverleugnung v^ 
den Htiuptrertniirn der dentiivhtn Mgatik des Mittelalters ^ Gymn.'-ProgrQfM^ 
Brity I^^i* und J^iHK bthnndeli nur Kekhart. Jauler und einige spätere MfStikir* 

'*) Auch Kekhart dtnkt trotg seines ^upranuturalismus nicht anden (^ 
Vhiß\r;}i*A4ß., 4(H'.:f.', J>enso I'nuhr f Behgt htiFitbigrra.a.O., 2.Td)» 
/•.V«f^ reiche Stimuduntj von ::> teilen «m.v deutschen Mystikern bei Deniflt^ IH* 
ueistl, Lthtu i*t rf\ Vtßl. auch dit AusfiihrMnotn von I) enit'le über .»Auübti 
tingen der Kathtdisrhen I.threr l>i\' Luther Hhtr dii Kasteiungen und die BÜ^ 
ÄTt/i.»M" in .Lttthrr lud Luthertunr 1- iji*it4» ot>l—7t: (StiitjK. iif»er die deuiad^ 



! Kiieleiuiitjeu. 79* 

•itiir mit gli'tkeniier Beyeiste>-ung vorgetmyen und amgeleift, hat der 

tkmäbische MijHtiker mit dem ihm eigenen jitgendlichen Fewf und 

nnge*tüm, das am liebsten nach dem änssersten grtift, nufgenovmten 

md ihm nachgete/it, nicht bloss in sinniger Meditation der vin dolorosa 

te ErlQsers (Kap, 13; vgl. Bdew Knp. 14), sondern in grausamer 

W'iridichkeit. Wer wollte leugnen, dass er durch Übei-maas gefehlt 

kal,auch wenn man dfn Maisstnb mititlalUrlichet Ethik anlegtY Aber 

H trotz seiner übertriebenen Askete alt geworden und teilt seine Ver- 

ig, die er spälrr selbst bereut haben mag, mit andern Frommen vor 

nach ihm '). Und es enlirnffnet unsere Kritik, wenn wir sehen, 

tr Elsbeth Stngel gegenilbi-r, die seine Strenge nachzuahmen sucht, 

mtersagt, weil sich nicht alles für alle schicke (107,7 f.), und 

Leitung seiner anderen geistlichen Töchter eine zarte Dis- 

itm und rühmenswerte Klugheit in bezug auf die Askese zeigt 

.Llff-, :i88,21f; 469,25/'., Hör. 43,222). In jenem Briefe an 

fJi ^ibt er uns auch den Schlüssel zum Verständnis ceincs eigenen 

tdonungiilase}* Vorgehens: die Altväter der Wüste, deren asketische 

Sprüche er an die Wänd^ seiner Kapelle malen Hess (60,12 ff'., 

^'JJiöJ/'.), deren Lebensbeschreibungen er täglich las und meditierte 

r«r. II6), haben es ihm angetan, sie will er nachahmen (vgl. 107, 21 ff.), 

Collatiotien Cassians sind seine Richtschnur, der ,sHmmws philo- 

m' Arsenius sein Vorbild (Hör. 9, 41, 152, 172 ff.). Wir können 

Nachahmung der alten Anackoreten in Seuses Abtötungen fast 

\ für Zug nachweisen^). Es gab im 14. Jh. im Dominikalter- 

tfm, wie später noch genauer zu zeigen sein wird, gegenüber dem 

►t grassierenden Laxismus eine streng reaktionäre Richtung, welche 

'$ Rückkehr zu den alten Idealen, die bei Gründung des Ordens in 

mung gewesen waren, betonte und mit dem altchristiichen Mönchs- 

mche verwandte Züge aufweist^ Auch Sei*se hat zu ihr 

^M^', /n-nrr Thomas* ns-3eehfrg, Dngmengeach. des Mitlelalters 1S8S, 
*/«■<* /fir da/i AOgemtine Linsenmaitn, Lehrbutb der Maraltheol. ia7K, 

So :. S. mit dtni hl. Bernhard (vgl. Amn. ta im,t7. ö3l,Sf.). 
So für da» Meidtn des Bades, du KnthaUgamkeit in Speite und Tränt, 
Naehtmaehett, da» »ileend Schlafen, das Wnhueii im gam enger Zelle, die 
dttreh Hilit und Kälte, h/irenff Hemd und ei»rme Kelle, die Ab- 
Skutuag ron den Mensehrn. Vgl. die ZanammensUllimg bei Lucius- Anrieh. 
Anfänge da Hriligentititas I9(J4, 367 ff., und eur Bturteilnng C. Butler, 
Laueiae Hiatory nf Palladius (Text and Studie» VI, 1) I«,'«, IttSff. 
') Ihren Aundruck hat ditst lliehtung namentlich auch in der Croniea 
Prardinaorum de» fintttagno dr la Flnmmn (rm 1343, hrsg. in MOPH 



^ 



80* Einleitung, fl. Öeusea Leben und Werke. 

yeh'ört und in seiner Jugendzeit ihr im Übemia^ gehuldigt. In 
reiferen Jahren sind seine Ansichten gemässigter. Freilich, schreibt er 
an Elsbeth, sollen die weichlichen Menschen zu diesen neuen Zeiten 
jene strengen Übungen bei anderen nicht verwerfen oder in arger 
Weise beurteilen, denn sie wissen nicht, was inbrünstiger Bimst mä 
göttlicher Kraft erzeugen mag, zu tun und zu leiden um Gottes willen 
— wiewohl manch grosser Heilige sich hierin übersehen habe, — aberei 
sei doch besser, vernünftige Strengheit zu üben als unvernünftige, tmi 
weil die rechte Mitte schwer zu finden, sei es geratener, ein wmij 
darunter zu bleiben, als sich zu viel hinüberzuwagen ; schaue jeder 
Mensch auf sich selbst und merke, was Gott von ihm will (107^14 f.)! 

y. Visionen und Ekstasen. 

Es ist nicht verwunderlich, da^s Seuses ernstes Bingen und 
Streben durch jene inneren Tröstungen und Einsprachen, Vision» 
und Ekstasen belohnt wurde, denen wir im Lebeti fast aller Mgstikr 
begegnen. Anhebend mit jener schon erwähnten Verzückung OM 
St Agnestag schildert uns die Vita eine reiche Fülle ausserordent- 
licher Erscheinungen und Erlebnisse mystischer Natur ^), nicht selUn 
in reizvoller, hochpoetischer Weise. Hieher gehört jenes schöne G$- 
sieht, wie das Chnstuskind als ,minniglicher Schüler^ dem Dientr 
vorsingt und in einem Körbchen Erdbeeren bringt (31,15 ff.), M 
,unsere Frau^ mit dem Kinde ihm zu trinken gibt (49,4 ff. 28ff.)f 
ferner die Vision von der Investierung als geistlicher Ritter (55,21 ff^jt 
von der Begnadigung seiner geistlichen Tochter (101,7 ff.), der HM- 
gung des himmlischen Hofes an Maria (111,17 ff\), die Rosenviäon 
(64,21 ff.), die Erscheinung ,unserer Frau^ mit dem Kinde als ,Her2en' 
trauV (139,34 ff.) und die Vision Christi als gekreuzigter Serajfh 
(144,25 ff. )y die himmlische Messe an Weihnacht (386,3 ff.). Bald sieht 
er auf seinsm Herzen y wo er den Namen Jesus eingegraben, ein goldenit 
Kreuz strahlen (17, 3 ff.), schaut seinen eigenen Leib durchsichtig 
wie Kristall (vgl. Amn. zu 1^>3,2 ff\) und die ewige Weisheit seii^ 

II j 7, lbiii7) gefunden, der zahlrciclie Beispiele aus den Vitae patrutn und A* 
Collationen Cassians anführt und zeigt, wie die ersten Brüder des Predigt 
ordeiui nach dem Vorbild der Altväier sich kasteit hätten. Ähnlich auch «€Ää* 
in den Vitae fratrum Ordini.s Fracdicatorum des Gerard von Vracheto (f 1371)f 
hrsg. in Mi) VII /, 1896), die Seuse jedenfalls kannte, 

M Ilieher gchitren all*' jene St dien, wo die Ausdrücke ,abge8ehiedener Ei^ 
blick', junsäglicher Umfangt, .lichter Schlaf \ ,Kntsinku7ig* oder ,Vergangenht^ 
oder ,'Ruhe dtr niusserm) Sinne^ ystilhs Jxiihlein^ und f'ihnliche vorkommen. 



\'i8ionen iiml KkHta»'D. 

wie in unsäglicher Wonne umaitne» und ihr ,Minnespiel' mit ihr 

tiben (20,12ff.), /tat oft mit (len Engeln ,himmli»che Kurzweil- 

wird von ihnen in seinem Leide r/etröstet, kört überirdiivhen 

\mmg uml Mitstk (17,25f., 18,23 ff., 10, J f., 3l,tiff. 2Hff., 

tUöff.. Ii4,19ff.. tiif.lÖff., S9,Gff., 109,17 ff., lli,9ff. mir.). 

linviai verrät er Elgbetk, icas «■ bisher noch keinem Menschen ijesagt, 

ibrr Btek jetzt doch za nagen gedrängt fühlt '), da»» er in seinem 

isifmvj zehn Jnhre lang iüglich iwtimat die gettfUiche Freude det 

Juhtin' geh'tbt (173,13 ff.), später, nach seinem grossen Leiden, c« 

rV ihm in bleibender ü'eise zuteil geworden, doch so, dass man 

imerlich nichts «m ihm merkte (175,22 f.; vgl. 341,17 ff.). Oft hat 

tr auch Visionen zakiinjtiger und verborgener Dinge, erhält Kennt- 

iDie es im Himmel, in Hülle und Fegfeuer auxsrhe (22,21 ff'.), 

\ntä sieht in reger Kommunikation mit den Seelen des Purgn- 

toriums und den Verklärten des Himmels, deren nicht wenige, dar- 

uitfr Meisler Eckhort und Johanne" der Fuoterer, Meister Diirtholo- 

«iHWü PO« Bolsenkeim, sein eigener Vater und seine Mutter, Elsbtth 

Stoi/d, und verschiedene nndere Freunde und Behinnte ihm er- 

Kktitten (22,2Sff., f!,7 ff., 23,21 ff'., 143,11 ff., 194,23 ff., 128,1 ff'., 

^8ff., 130,9 ff., 144,12 ff., 148,20 ff.). Jedes wichtigere Vor- 

muüa m seinem Leben , vollends entscheidende Wendepunkte des- 

bi (40,28 f., 52,10ff., 53,9 ff., C,3,10ff'., ö32,14ff.) sind durch 

ivntn und himmlische Offenbarungen, die ihm selbst oder Gottes- 

d -Freundinnen Über ihn zuteil werden (22,Hff'., 44,16 ff., 

iSff.. 59,7 ff., 63,14ff'., 04.3 ff., 70,3 ff., lo2,6ff., 115,14 ff.}. 

So wird ihm auch neues Leiden programmatisch eorher- 

't (^4,2lff., ^,3ff., 117,29ff.), in visionärem Schaiu» 

Arung aber das Leiden (58,24 ff ., 85,24 ff., 90,18 ff.. 93,3 ff\} 

' Weisung über Abfassung und Veröffentlichung seiner Schriften 

im (6,7 ff:, 7,19. 198,15 ff., 253,17 ff., 322,21 ff., 373,29 tf., 

r. 13 f.). 

Auch Wandergeschichten, i» denen Sense aktiv oder passiv 
I fioī tpiell, obgleich nicht viele und nicht in so krasser Aus- 
rvng wie bei manchen Hagiogroplien des Mittelalters, feiner 
1 al« meist in den Dominikanerinnenviten des 14. Jh., werden 
Uft. So wird ein Maler in auffallender Art von seinem Augen- 
hi ytheÜt (60,35 ff.), ein Mann durch eine himtnlische Stimme 

Ähntieh rfdet i*r hl. Btrnhard, um andere jw betthrtn, von srinm 
*nt Erfahrungm und Geheimiiieatn. ..wie ein Mann, der lu spreclirtl hangt 
dach nicht n-liweigcu kann" {termo 74 in Cant. n. 1). 
U. S ( B • * , DiuMcb* 8<:liFln«D. G' 



82* Einleitung. II. Peuaea Leben uml Werkp. 

vom Selbstmord zurücktfe/talten (13H,7ff.). der Wein teunderk 
vermehrt (140,25 ff.), dem Konvent in der Kot uiterwnrttt Gt 
gebracht (25,14 J"., 146,0 ff), dem ermatteten Dimer ein Rösdl 
zum Reiten gesendet (13S,S2ff.), seine Feinde werden durch jäh 
Tod beHraft (70,13 ff:, 128,23 ff ., 148,8/.). Man wird n 
fehl gehen, wenn man die misten diese)' yorkommniise u?iter 
Gattung der „(tnmutigen Klosternocellen"') einreiht, welche in yleitk 
oder ähnlicher Form zu Dutzenden in den Klöstern von Mund 
Mund liefen und in der hagiographischen Litenitur, die ja Lieblinf 
lekttlre jener Kreine war, nacherzählt wurden\ Senne ist naiä^ 
auch in diesen Dingen ganz Kind seiner Zeit, aber im eigentUekk 
Sinne iviindersächtig wie et-tea Gänarius von Heinterbach, Thtm 
von ChantimprS und sein Ordensgenosse Gerard von Frachelo ") 
er nicht; in dem Falle des blutenden Kruzifi.ceg hat er sogar 
betnerkensw&'te Probe nüchterner Auffassung gegeben (67,Hi\ 
vgl. auch 60,28 f., 141,7 ff.). 

Auch über die Visionen, Ekstasen und Offenbarungen urU 
Seuse, wo er als geistlicher Lehrer und Führer darüber redet, i 
aüe ernsten Mystiker*) mit gesunder Zurückhaltung und Vorsiel 
jene süssen Gaben seien nicht notwendig — nicht darauf, soHd4 
auf die Reinheit d-es Lebens und die Vollkommenheit des WiUl 
komme es an, — aber auch durchaus nicht zn verachten; bei ih\ 
Beurteilung sei grosse Vorsicht anzuwenden, da man sieh Uü 
täuschen könne, den richtigen Massstab gebe die hl. Schrift U 
Lehre der Kirche (183,16ff., l97,Wff.. 385,l2ff., mimend 
Pr. Kxici 524,21f. [wenn echt]; Hör. 13f.). Je inteliektwA 
d. h. bildloser, geistiger eine Vision "), desto edler sei sie und 

■l Michail, Geteh. das dluch. FuUa II! {1903} 169. 

') Zahheieht Belehr he! Krel/t a. a. 0. 9tß., 113f.,- OäHter, Ltf 
ttenatudien 190G, 162ß. (IliJ A. 3. u. 4 übtr die Wemvermfjirungl. 

*) Vgl. oben S. TS* Änm. 3. Auch Reichert in »emer A« 
(MOPH 1,2) nmnt Omard IriehtglSuUg, ja gtradteit abtrgläubiseh. 

') So namentlich David buk Äuffsburg, De eompo». III, 2 h. G: alju 
solatione«, sicut nun sunt uecessariae saluti , nie etiaiu auspectue üuiit et 
fftlsae et flctae et lieceptoriai-, ut viniones, revelalionea, prophetiae, seneualM oU 
tationcp, luiraculorum operiLtiones, maxime muderniH temporibiis, licet quutdo^ 
vertie reperiantur, ued in paueis. Vgl. avch II, 34 ; III, 6T n.3; Michael a. a. 0. t 

*) Die Visionen a-erdrn »eil Augaitin in kürpfrlieht, imaginüre und iä 
ItktutUt eingrteüt, vgl. Anm. zu lS3,fiff..- Denifle 377 A. 7: Kirchm 
VIII', aaSi; Xir. tfXJS/.: Joly, Fsijchologk dir Hriligtn, deUtHh 
I^l 1904, USff., J4nf., und heeondem das Irrßliche Werk von Poull 
Des gräcf* d'iiralton, Tiaili dt theolngii mgstique, 6, id. Pari* 1906, 



der Kontemplation, welches hi dem miiielhsm Schnumi der blossen 
Vkeit lügt, desto näher (183,6 f., 342,26ff., 391.2. 476,2ff., 
f^9). Man wird diese Grundsätze auch auf die im Leben Äpwws 
t berichteten aunaerordentlichen Erecheinungen anwenden dürfen. 
im «ich diese nun freilich keinesweife in Bausch und Bogen als 
mkhaftg Halluzinntionen eines übe/reisten Gehirns" ') ausgeben 
die Ehrlichkeit der Berichterstattung und die Lauterkeit von 
»f Absicht i»t von keiner Seite bestriltai. — «o ixt doch hei aäer 
(TW, die ilem Historiker geziemt, wo er ein Gebiet betritt, liei 
»ich Ntftur und Übernatur berühren, zu betonen, dass das Psychisch- 
'icke in jenen Zuständlichkeiten eine nicht geringe Holle >y>ielt 
'manchen wohl auch pathologischen Ckiir<ikter an sich trägt, „E» 
int Seusee eigene, aber h&here Natur zu sein, die in dieser Weise 
wbrieht, Trost und Erleuchtung sucht und gewinnt . . . Die Lauter- 
der himmlischen Erscheinungen, die Süssigkeit der Gesünge, dies 
I, was ihn so wnnderhtir ergreift, — was ist dien anderes, als 
1 lUr heimlich« Dichter «nd Sänger in ihm, der geweckt worden 
und nun in ihm spieil'f Aber auch im Inhalt sind diese Nachi- 
tht* ganz der Beßex der Taggesichle: es ist immer d^:r Susu, 
erscheint und spricht, das heisst, die Jenseitigen sprechen ganz 
mnen Ideen und Vurstellungen . . Sogar diemomentanen Stimmungen, 
■hrungen, Leiden reflekÜeren sich in diesen Zuständen und ßnden 
ihnen ihre Tröstungen, Heilungen, ihren Ersatz"^. Und das ist 
\t iiaffäUig, denn Seuses durch fortgesetzte Kränklichkeit ohnehin 
terst empfindliche Natur musste durch die übermässige Askese 
ttiidig in einen Zustatut abnoi-mer Reizbarkeit versetzt wenlen; 

•) l'tittr, Myslik^ipriar H4. Gewigg sayt Denifle mit Rtehl (Smutt 
lY): ,iwr aÜ* Vininnm für Eraugnüse nnrr krankhaften VluiHlasie und 
I9utionen an»irM, mu»» auch die yanee- Gtsehichte der Mi/zitik ah rln« 
lM*iUf«tehichle ansehen-. Aber Im eimilnrn Falle tm'rd man M lang 
'Märtiehe L'reachen erkennen mäe/tn, als sich der übematäriiehe Eittfiues 
!■ Änttii an den Simonen nicht Ülxraeugend nachweiatn lägst (Schaut im 
rAtnUx. XII', 1010). Und es ist I.insenmannt Wort (Tbtsl. (Juartal- 
Kß m<3, 6.W ru beachten: „dem hohen und äbemaläriichen Charakter der 
Uekin mUtelaltei-Uehen Mji»tih wird dndureh noch kein Abbruch getan, dass 
fiiimten frommer Frrsontn o/t genug die Merkmale d*s subjektiven mansch- 
W« Olauhens und \'a-iitäHdnisses im sieh tragen''. Vgl. auch die treffenden 
W< liti ZSckler, Askese I', iOf. und Michael a. a. O. ÜOäff. Über 
iBttUung der neueren Psyehologie und Physiologie bu den mi/slischai Er- 
' i^wtilta pgl. nammllich ./. Bessmer, Störungen im Stelenlebfn 1904, 92 ff.; 
ift Jamrs. Tbr varieties of rtliii'owi erperience, London '' lÜOä, 
') BShrin;irr 322 f. 



84* 



Einleituuir. tl. yeiiBe» Leben nnd Werke. 



Uias er in der fietrichtiing mit (/lühendeii Affekien erwogen, was m 
Phantasie mit leuchkiiden Farben ihm vori/evtall, leicht ward es tir 
in der Stille der Nackt — die meinten Visionen stellen sieh JrU 
am Morgen mich der Mette ein ') — im Chor d«r Kirche oder ät 
seiner Kapelle knieenden Mystiker, dsr ja gnm in der Sphäre da 
Übernatürlichen lebte und ausserordtmiliche Erscheinungen erwartflt, 
zur Wirkiickeit '}. Ein rein innerer Vorgang wird gleichsam dialogiidt 
gespalten und gestaltet sich in der dtvmatisch veranlagten DicMtl» 
seele zum äusserett Geschehnis, zum Ge^>räch und Verkehr mit 
Himmlischen^. Untcahr werden aber diese Erscheinungen dadvf^ 
noch lange nicht, dass wir rf«» Anteil der Natur darin festsltÜMi 
man kann mit Görres*) sagen: „wie vieles immer diesen GesicklK 
aus der Persönlichkeit beigetreten, doch hat in ihnen eine Gotteskri^i 
gemrkt.' tibrigens gibt uns Seuse selbst in der Vorrede zum bdil 
einen werteollen Fingerzeig zur Auffassung seiner Visionen, wetm 
sagt (197,32 f.): ,die GesicJite, die hier stehen, geschahen nicht 
leiblicher [\'eise, sie sind allein ein ausgelegtes Gleichnis' (Hör. It 
visioneR in Bequentibas oontentao uon sudI omnes accipiendae BecUD< 
literam, licet inoltae ad literam contigerint, egiI est figurata locatio)« 
Ea stellt nichts im Wege, diese Erhlürun;/ auch auf manche Vinione» 
der Vita anzuwenden *). 



') ygl oben S. 77' Anm. 1. 

*) So trltläii Krehga. a. 0. 7ftff., 103 niMprei-henä vtraehndme l'Ui 
«im Adtlhau»m und anderen Domiiiiknnerinnmkl'istrm. Atteh Oörrti (Vi 
rede bei Dir]>. 124) ileulft dn« Vita 49,38 ff. r^eahlU Vorlcommnie i 
(iihnliehes gt»chah in Töas drr Adtlhfid von Fraumbierg, 
öifiiff.: vgl. auch Güntir a. a. 0. 166). Lucius o.a. 0.34liff..360ff.fat 
all« auaserordentliehf» Ertigttisie und Visionm im Lrbm der AUrältr ai» Hau 
nnatianen auf, dnriu gichfrlteh Muwelt gehend — richtiger urttilt Bvth 
a. a. 0. 192ff., — im tintflnm bringt er manchts brauehbore Materiat 1 
Vergleichung hei. Seuae mag mtch in dieser Beziehung van den Vitae patr 
beeinjluest eein, e. S. in beiug auf die dämonischen Infeslationm. 

*) Vgl. M-chael a. a, 0. 21(1, wo «Hfl Beispiel atu dem Legalua t 
pietalif drr hl. Gertrud angeführt tcird. JBeachtetmcerl ilt die niichleme Auti 
rung Ee&haits 634, 3ff. 

*j Vorrede in Dirpettbrocki Aueg, 134. 

'j So urteilt aui:h A'cu*m Ordmsgcnosne 
>>56) mit der Begründung: ille eniin per figumt. 
visioniiinque locutboem scribeodi tnodus plurimm 

apud spirituiUea invaluit, ut> Tiilcre est in Tbointi Kempensi, Catbariiia de i 
Birgfitta äuecs, Alano a Bupe aliie<jufl Mtictis viris ac femiiiie. 



Erhard (f/uitiiet Echard, 
im cültognii cum D«o et C 
i saeculiH XIV et XV praeseit 




$tiiiiienK>ng xu KonstaiiK und Köln. fiö* 



/wi Leiten der Mi/vliker ist es etwas ganz gewöhnliches^), </f/sn 

WfB dea iiuieien Tröste» und der fühlbaren Gnade ubweckseln 

ml Perioden der Trockenheit und tiefsten Niedergeschlagenheit. Auch 

tiaut machte diese Erfahrung '), Im 21. Kapitel seines Lebens erzählt 

er ton seinen innerliciien Leiden (vgl. auch HöG,25Jf.. Hör. 1'^ ): 

miiU Hrun Jahre war er von Ghubenssweifeln heimgesucht, acht Jahre 

pSÜe ihn ungeordnete Traurigkeit, zehn Jahre glaubte er sich wegen 

tnistischtr Aufnahm.: ins Klonter itufewig verloren *) (s, oben S, 72*). 

int nicht anzunehmen, das» diese Feinen ununtei'brochen die an- 

itne Zahl von Jahreti dauerten — das würde mit anderweitigen 

fsben nicht stimmen, — aber sie traten immer wieder von Zeit 

Zeit auf. Hieher gehören auch die entsetzlichen Anfechtungen 

\ Quälfreien, denen er von Seiten der bösen Geister auegesetzt zu 

\ glaubft ßl,I3f., 1HI,7M'., S70,12ff., 458,21 ff., vgl. 70,6 f., 

J-iff.). H'»c kSmun es seiner Erzählung jetzt noch nachfühlen, 

A« Freude ihn beseelte, als er dieses Durchgnngsstadium der via 

rgatiea ') hinter sich hatte. 

TI, Stndien^ang zu Koustanz nnd K31n. 

H'rV kehren nach diestm Ej-kurs iiber die religiöse Entwick- 
Seunes, welcher manches zeillich später Liegende der Übersicht- 
en halber vorausnehmen musste, zu seinem äusseren Lebensgang 
]ck. 

Es igt bekannt, welch hohen Wert der Dominikanerorden von 
fcij auf die u'issensc/tafllichen Studien legte ^), wie er dieselben 
\ teeige Bestimmungen regelte und den Studierenden ihre Attf- 

1 VffL t. B. Joljf a. a. 0. 65. 

*) Die rolfftruagen, dit Schmidt Mä, Volkmann 34 und Stehenj 
it fir den Charakter Seitteg daraus stehen, ginrt nicht MUtreffetid; vgl. 
'/I* 838. 

*> Eine ahnliche An/rchlung hallt Jüttt Sckalthaein eu Tösg, Viten 7 1,13 ff. 

') Vi' Ui/ttiker reden von einer Tteinii/unij dir Seele und des Geistes 
tifo paesifa' und vurgleichen die Grügtt dieser Leiden mit der Hält enptin 
Untex. Vlir. LfJBlf.: Schräm [s. Anm. tu 497,31/.} I, S79ff., 399ffJ. 

») V^ «her das Stuäienuitsen der Uaminikantr : Jienifle im Arehiv I, 
: Preger, Vor<trheitm Uff.: Bnar im Frcib. Diüt.-Areh. ISOl, 4ff.; 
tk, Kirthengeteh. Deateehlanda IV, iöbff.: Douuie, Setai sur Vorgtini- 

dea i!»des liane furdec des fr'eres Preehears au XIII et XI i' siielt, 

tSS4; Mortitr a. a. O. I, Miff.; H. Felder, Geich. der irwsen- 
L .Sluditn im Franti»kanerorden 1304, 'eo tim-h die farntifle EnliHck- 
tks lytdij/erordens beriieksichtigl itl. 



J 



86* Einleitung. IT. Seuses Leben und Werke. 

gäbe durch mancherlei Privilegien und Ammihmen von der strengen 
Ordetisregel erleichterte. Die Kenntnis der ,grammaticalia% d. k 
des Latein, der Logik und Bhetorik, war beim Eintritt in den Orden^ 
wenigstens in der früheren Zeit, eigentlich vorausgesetzt^); andernfalU 
musste einer sich erst in der Klosterschule genügend darin ausbilden^ 
ehe er zu den höheren Studien — anfangs nur Theologie, seit dtr 
zweiten Hälfte des 13, Jh. auch Philosophie — übergehen durfte. 
Diese begannen aber nicht gleich nach dem in der Regel einjährigm 
Noviziate ^), sondern es wurden vorher noch zwei Jahre der Erlernung 
des ydivinum officium' (Chorgebet) und der ^reguläres observanUatf 
(Ordsnskonstiiutionen) gewidmet^). Darauf folgte das achtjährigi 
philosophisch-theologische Studium, zuerst drei Jahre ^ogicalia^ (ariu) 
und zwei Jahre ,naturalia% im wesentlichen auf Grund der Schriflm 
des Aristoteles über Logik, Natuiphilosophie und Metaphysik, .(tofw 
drei Jahre Theologie, einen einjährigen Bibelkurs und zweijährig 
Studium der Sentenzen des Petrus Lombardus umfassend^). Mittd' 
punkt des theologischen Unterrichts war die hl. Schrift % LeitHfrn 
die im Orden offiziell vorgeschnebene Lehre des Thomas von AgtA^ 
(s, oben S. 35*), dessen Wei'ke (öfters zur Erklärung der Sentenzen 
noch beigezogen wurden ^. Mit diesem geschilderten Studiengang vost 
die Bildung der gewöhnlichen Ordensmitglieder abgeschlossen, und m 
konnten, twchdem der Befähigungsnachweis geliefert war, zu (fcf 
eigentlichen Ordenstätigkeit, der Predigt und Seelsorge übergekm^ 
Die Priesterweihe sollte nach der Ordensvorschrift nicht vor dtm 
25, Lebensjahre empfangen werden'^. 

Es scheint, dass Seuse jene achtjährigen Studien in Konstanz 
selbst hat nwchen können, wenigstens ist wahrscheifUich, dass «fcl 



') Comtit, im Archiv /, 4/OA?. vgl. M O i' H IJI, 17: Fe Idera a,0, 336 f. 

^ Consta. (Archiv I. 201, 203). 

*) Cap. gen. 1305, 1311, 13 IQ (M O P II IV, 12 f., 52, 58), Ich fi*t^ 
nur die in die Jugendzeit ^Seuses fallenden Beschlüsse an unter Übergehung i^ 
früheren und später en, und berücksichtige nur die Siudienordnung, me si$ «*^ 
in der zweiten Hälfte des 13, Jh. herausgebildet hatte (vgl. Felder a, a, O. Mf^ 
und für die Folgegeit in Geltung blieb, 

*) Cap, gen, 1305, 1309, 1312, 1315, 1325 (MO 1*11 IV, 13, 38, 66,9^ 
<sJ, 157)^ Für das einzelne vgl, Felder a. a, 0, 525 ff, 

*) Felder a, a. 0. 491 ff.: Saul, Die biblischen Studien im Prediger^ 
Orden, Katholik 1902 II, 269 ff. 

•*) Das Generalkapitel von 1313 (MO PH IV, 65) schreibt vor, dass 90 
minus tres vel quatuor articuli de doctrina fratris Tliomae gelesen werden miUsei^ 

Cap. gen, 1242, 1311 (MO PH III, 23: IV, 51). 



IJtuiliengDng zu Konataux nnil Küln, g^* 

SU sauer Üeit daselbut wie in einigen andern südiieutschen Prediger- 
mnten ein .Studium pnrtiailare' oder .provinciiile' befand '); miiglich 
aber auch, dass er die Theologie oder eitlen Teil derselben in 
}$sburff absolvierte*), Jas eine bedeutendere Ordenssekute besass. 
Für dir Talentvolleren gab e« jedoch in dem „grossnrtigen 
wl»y»Utn'*) der Dominikaner nach eine weitere Gelegen/teit zur 
^Idung. Diejenigen, welche gut gesittet waren und begründete 
ung gaben, dass sie später als Lehrer tüchtiges leisten würden*), 
ften ein ,studium generale' oder .sollemne' besuchen, deren jede 
)im eines besnss. Hier blieben die Studierenden (studenies) ije- 
Uick wieder drei Jahre"); es wurde Schriftkunde und Studium 
tekaUtstischen Theologie auf breiterer Grundlage beirieben, in Ver- 
eng mit praktisclien Übungen (Disputationen). Das deutsche 
tralsfudium war seit etwa 1248 in Köln") und blieb auch da- 
4, als die deutsche Provim 130H in die Provinzen Teutonia und 

*) Xaeh den in Rom. Quartnhchr. 1H97, SSrff. edinlen Abiin der I'rom'- 
\apiUl eon Teutonia 1H9S, t4(X> und 1403 u;ar um die Wende de» 14. Jh. 
^üuffans tin Studium der Theologie. 

1 Die» die Annahme I-rfgrr«, Vorarbeiten 130: Mystih II, 36ä. Im 
t 1325 Importen sieh die Thfologle gludierenäea jungen Dominikaner r'n 
Uiburg grgen den dortigen I'rior und Kurden eur Strafe von der Schult 
rn; Se lut ßndct sich nicht unter den namvnltich aufgeführte» Miieelätern 
OPBIF, IGO). — Einen interesmutea, uiita-em Veraldndni^ £um Teil ver- 
nehrfaeh talyrieeh gehaltenen RüekhUck auf seine Studienzeit (dam 
■tndiu ttd Btudioin pergeret, Biir. 149) gilt Seuse Hör. 149 f., vgl. Itl9ff. 
Viaion stoti Sehulrn, in der ersten werden die artes liberales 
werden genannt die aetrolo^i, physici, geometxici, muHici) 
tt, die iteeite i»t die scola theologicae veritatia. In dieter sind Sehöler 
Lthrir In drei Klastrn geteilt igana wie es in Wirklichkeit au dm theolO' 
ka Fatiultälen var. vgl. Felder a. a. 0. SSSff.), aber das Büd iet ein 
'f itfritdigendie : viile btlreibrn die H'issenschaft nur, um Ehrrnsfellefi tu 
V«! — die» gab »eit Endf de» 13. .Jh. im Dominikanerorden unatiggtsetet 
Bojwi Anlass, vgl. Monier a. a. 0. II llHOü) lS4f., 3Sö/., «?#., 547 ff.: 
mdtrt die Würde eines jiratdicator generali*' war angestrebt, — andere 
m aicA in Spiitfindigkriten und ersannen opinionum noviUteH mirabiles, 
ntf dir reine Lehre des di)CtJ>t egregina (roea Bine Bgiina, soi sioe nube, 
kr Thona» n<m AqHtnl mistachtet and hekämpft wurde. Nur .Schiller 
' tbrrttn Klasse hatten die richtige Art studendi saaram acriptiiram, indem 
•ithf nur uaeh Wissen, sondern auch nach dtr Vultkummenheit und Liebe 
(reUitrrtlcn; dies sind auch die geeignetsten für l'rälaluren und Lehrstühle. 
") G. Kaufmann, Gesch. der deutschen Universitäten I tlSfibi äOH. 
'1 Cap. gen. 1306, 1317, 1333, ISäö (MOFE IV, 13, iu:i, 148, 161 f.). 
'1 Caf. gen. 1337 (MOI'H IV, J7B). 
") Vgl. Uenifl», Gesch. der Universinilea I (lö65) StfTj: 




Einleitung. 11. Seiiaps Leljeii liiiii Werke. 



1 

[-reis aM 



Snxonia geteilt wurde, für die emtgeninitite. in deren Ilmki 
der Komtamer Konoent Itnj. 

Es ist ein riihMiches Zmtgtiis für Seiises wissemckafUiche 
fähigwuf, dass auch er unter den wenigen Erkorenen tmr, die t. 
Köln ouf die Hochschule gesclüekt wurden. Er ertoähnt seim 
Aufenihnli daselbst <in mehreren Orten (143,10. 19, rgl. 103,21. 152,^. 
Wann die Übersiedlung tfeschak, int nicht sicher, doch lässt 
ffro»se Begeisterung für Afeister Eckhart schliessen, dnss er ihn «üJ 
erst kurz vor seinem Tode (1337) kennen lernte, sondern einige Jak 
zu seinen F^sen sass, und dies führt uns etwa nuf dan Jahr 13i 
Sein Leben der Askese setzte Seuse auch in Köln fort, doch rfa 
er jetzt nicht mehr allein, er fand einen gleichgesinnttn Frevnil, i 
dem er einige Jahre zusammenlebte und bis über den Tod hin» 
verbunden blieb (143.19 f.). In dieselbe Zeil fällt auch der H 
seiner Mutter (Katfreitag 1326 oder 1327). Sie erschien ihm dornt 
tote er erzählt, in verklärter Gestalt und tröstete ihn in seinem Leu 
(143,10 ff.); ihr Bild lebte als das einer Heiligen in seiner Sede fo 

Von einschneidender Bedeutung für seine EntmcMung als Tkt 
löge und Mystiker ivurde seine Bekanntschaft mit Meister Eckhv. 
und dfts SchülerverhäUnis, in das er tu diesem gefeierten Lehi 
an dir Schule zu Köln trat. Mng er auch schon früher dessen Idi 
am seinen Schriften gesogen haben oder ihn bei einem AufenthiM\ 
Obenleutschland vorübergehend persönlich kennen gelernt haben, jed 
falls datiert hauptsächlich aus der Kölner Studienzeit seine liohti 
geisterung und treue Anhänglichkeit an den Meister '). Wäre es uns ni 
durch lindere Zeugnisse verbürgt, wir könnten es allein schon owS« 
ermessen, welch machtvollen Eijidruclc Eckhart durch seim Lü 
und sein heiliges Leben auf ideal gesinnte jüngere Urdensmit^it 
ausgeübt haben inuas; zu der kleinen, aber um so treueren Oentee 
von Anhängern, die er besass'^, — eon einer Schule Eckharls la 
man nur im weiteren Sinne sprechen ") — gehörte neben Tat 

') Alt rin Nachhall »einer Stimmung eu Köln mag dit Schilderung gtl 
die Sru»« Hör. 164 vo» dfr drittnt Klasxf der Theologie .'^udiermdni (t. i 
S. SI* Änm. 2) gibt: tertii prupe magi»tnim cnogederant et aqiKun BapJGBl 
aalutsris ex ore eiut« bibeatee ioebriabaDtur in tantnm, iit eeipaoa et oi 
atiornm obliTiscereatur, et corde et unimo, nciili» hc facie aursuni tenderBotj 
i|uodiiiiimodo in »byssum divinai- speculationis bc duk-ediuis iiimierai et abMl 
ad divina conlemplaiida rapcrentur. 

•) Vgl. die Vorrede tum ftfw tripartitiim im Archiv II, 533,5ff. 
l'rtgtr I, 354f. 

•) n»nifle im Archie II, .•>2:i. 



■ Staileugnag zu KunKtanx uiid Riiln. g])* ^^^J 

pwRtfirA auch Seuse. Obwohl nicht blind gegen die Schwächen set'tie» ^^^H 

^'Btukeits nennt tr dock deti Verewigteii in der \'itn nie nnders als den ^^^^| 

^iftn' oder .heiligen' Meisler (22,28 ff. ß3,4. 90,12), und redet mit 

Smter Wäi-me von dem ,edlen Tranke' seiner ,ai>ssen Lrhre' (99,12. 14). 

Wir dürfen annehmen, dasn Sense den Pruzem gegin Eckhart, der 

m Anfang des Jahres 1326 ') angestrengt wurde und seinem Leben 

(inin so tragischen Aasgang gab, vielleicht auch densen Tod (1337^, 

1» fiöln miterlebt hat. Seine Anhänglichkeit an den Meinter ver- 

aochte all dies aber nicht zu erschüttern. Bald nach seinem Tode 

irickirn ihm derselbe nach seiner Erzählung (22,28Jf.) in ,überH-hwäng- 

liehtr Herrlichkeit', ,in Gott vergottet', und charakteristisch ist seine 

idli/nrt inif die Frage des Jüngers, welches die beste Übung sei, 

m zur Vereinigung mit Ootf su gelangen: sich selbst mit tiefer 

'i^assenheit entsinken, alle Dinge von Ootf, nicJit ron der Kreatur 

ntlimttt nnd ttich in stille G eduldigkeit setzen gegen alle 

JSil/ischen Menschen. 

V In xein Heimatkloster ist Seuse irnhrecheinlich 1337 zuräck- 

■lArf. Vorher wird er, wie es Sitte war% einen einjährigen prakH- 

Hm Lehrkurs zur unmittelbaren Vorbereitung auf das Lehramt 

^btmacht haben. Man kann die Fragt! aufwerfen, warum der so 

^tSglich befälligte Dominikaner nicht wie andere hervorragende 

Uitgllrder seines Ordens nach Paris gesandt wurde, um daselbst die 

Xogisterwürde zu erwerben*)'? Liegt der Grund in dem Misstrauen, 

iat man gegen den Schüler deK der Häresie verdächtigen Meisters, 

Ar aus seiner Verehrung für ihn kein Hehl mochte, hegen mochte':' 

A'j iit möglich. Jedenfalls war es aber auch seine eigene asketische 

Sichtung, die ihn der weiteren Verfolgung der wissen-'ichaftlichen 

Laufbahn abwendig machte. Aus den interessanten Bekenntnissen 

"» Hör. 157 ff., 173 ff. geht hervor, dass er sich im Verlauf seiner > 

Studien, namentlich während des philosophischen Kurses stark an- 

Jttkdt fühlte durch die Art und Weise, wie er viele seiner Genoasen 

iite Wi»senschfift nur aus ehrgeizigen Motiven betreiben sah. Eine 

f*) VgL A, Pummerer, ller gegentBärliiji Stand dtr Bckhartforschung, 
iWcr i'j Lebeiuguny , Programm der ,'^'tellii 7MlUtitiu in l-'tldk'reh 
soff. 
'> A. a. U. 33 f. 
*) Cap. gen. 1306 tMHI'H IV, Vi). 
*t Nafb drm Prolog ron IÖ13 sollte .Smx^ nuf der ll'-cligeliuk nt Köln /f) 
trawior {= Maffister) der hl. .Schrift trcrdm, alirrr die viiige Wcixlieil inden-i-i 
Ähnlich Murer, Steilt «. n. 




90* Einleitung. II. Seuses Leben und Werke. 

Zeitlafig drohte ihn dieses unlautere Strebertum selbst zu erfasun\ 
abir seine tiefer angelegte Natur riss sich los und trieb ihn zu mm 
entgegengesetzten Extrem, einem Leben strengster ZurOckgezogeniuA 
gleich dem der Anachoreten der Wüste, hin (vgl. oben S. 79* *). Er 
verliess die Schulen, qnas ab aliis salubrius regi') aestimabat (EarJ5)f 
und gab sich ganz der spiritnalis philosophia hin, welche schon auf 
Erden einen Vorgeschnack den Himmels zu geben imstande iä 
(Hör. 73). 

yn. Das Bachleln der Wahrheit')* 

In die Kölner Studienzeit fallen noch andere für Sense 4^ 
Ueutsame Ereignisse seines Lebens. Li den Jahren 1326 und 13X1 
ist seine erste ^) Schrift, das Büchlein ihr Wahrheit entstanden, wdckt 
Eckharts Einßuss noch am stärksten zeigt. Zwar hat Preger^ 
aus dem Prolog desselben gefolgert, dass Seuse es erst nach voU- 
endetem 40. Jahre (also ruich 1335) verfasst habeti könne, damabj 
als er seine Kasteiungen aufgab, um in die höhere Schule der vdär 
kommenen Gelassenheit eingeführt zu werden. Aber die Beweisführung 
ist nicht stichhaltig, da d£r Begriff der Gelassenheit im Bdw wd 
in der Vita sich nicht deckt: hier ist die praktische Bewährung der 

^) Hör. 173: ccpit ad honores ac promotiones pluB quam oportoit aspinn 
temporales. 

*) Den Anstoss gab nach Hör, 173 eine Vision, in welcher er auf d§t 
Wort des Altvaters Arsenius: fons et origo omnium bonorum homini spiritoili 
est in cella sua iugiter commorari (vgl. Vita 104,8 f.) verwiesen umrde^ Ä 
wird hinzuzudenken sein, dass Seuse sicJi damals entscMeden jener Michiiui§ 
im Dominikanerorden atischloss, welche die allzu starke Betonung der Wisse»' 
Schaft und besonders der Philosophie (mundana philosophia, Hör. 174) A 
Preisgabe der ursprünglichen Ideale des Ordens verpönte, wie dies iehe» 
Gerard von Fracheto getan (s, oben S. 79* A, 3, vgl. Felder a. a, 0, 46^ 
und Th. Wehofer im Jahrbuch f. Philos. u. spekuh Theoh XI [1897] 17ii' 

") Dieser Ausdruck lässi schli essen, dass bei Seuse toirklich die EryDer* 
bung des Magister grades in Frage kam: ,magister regens^ hiess der an <Ur 
Spitze des Lehrkörpers einer theologischen Fakultät stehende Lektor (Felätr 
a. a. 0. 538). Vgl. auch Hör. 154: praelationes ac rogimina. 

*) Über die Abfassungsverhältnisse und -Zeit des Bdw, Bdetc und BiHf* 
habe ich ausführlicher im Hist, Jahrbuch 1904^ 176—90 gehandelt, 

^) Ich sehe hier von dem dritten Teil des Bdew (die hundert Betraehr 
tungen) ab, der vielleicht vorher entstanden ist. 

«) Vorarbeiten 126 f.: Mystik II, 329 f., 359. Denifle XXVI, Se»' 
brrg 49, 138 ff. und Strauch, Allg. dtsch. Biogr. 37, 170 lassen das Büc^ 
lein zwischen 1327 und 1329 rerfasst sein. 




hu» Büt'liIeiD äet WabrLeit. 

kld in Heimfiichtingen und Widerwärtigkeiten, dort nher, wenn 
\ nicht nuxuclUieitdich, die mystische Vereinigung der Seele mit 
\ gemeint; dass aetne Mortißkationen alle schnn zu Ettde Heien, 
Seuee im Bdiv nirgends. Näherhin bestimmt sich die Abfassung»- 
iks lidw nach der dex Bd«ir: es miins vor dem letzteren verfasst 
, denn Bor. 14, ho Sense über die Ent4ehunij des Bdew Auf- 
tos gibt, sagt er: tiniens, De iatud quoqne »imiliter piiim opoe 
HD (aemnloram) dentibuB dilaeeraretnr, Viit<r der angegriffenen 
rift kann, sotfeil wir wissen, nur das Bdw gemeint sein. Nun ist 
r dag Bdew, icie später nachgewiesen wird, 1327 j28 entstanden, also 
\t da» Bdw vorher fallen, und zwar, da im sechsten Knpitel 
itee Eckhart in einer Weise eingeführt ist, dass miin ihn nur 
gestorben denken kann (354,5 f.: ich han vernomen, daz ein 
er meister ei gewesen), ist der Schlnss nach des Meisters Tod 
\ 1327 terfagst. Die vorausgehende Hauptjmrtie (Kap. l~r>)_ 
de lonkrscheinlich schon vorher während Eckharts I'rozess, in dem 
tieh ja um ähnliche Fragen handelte, wie sin in dem Hiichhin 
werden, niedergeschrieben. 
Seinem Inhalt nach ist das Bdw eine in Dinlogform (der 
er fragt, die [ewige] Wahrheit antwortet) gekleidete Ausein' 
•Htzung über die höchsten Fragen der Mystik: Gott und Gottes 
n, seine Einheit und Dre^rsönlichkeit, Schöpfung und Mensch- 
ditng, Vereinigung der SeeU mit Gott hienieden und im Jenseits, 
iheü und sittliches Betragen des Menschen '). E.i ist die einzige 
fift Beuten, wenn man von Kap. 46—53 der Vitn absieht, welche 
tx professo mit der spekulativen Mystik hefasst, nach Denifles*) 
hI ths schwierigste Büchlein unter den Schrijten der deutschen 
Üker. Besonders das fünfte Kapitel leidet n» Dunkelheit und 
■Verständlichkeit. Seuse ist im Bdw nicht der pruktisch gerichtete 
der aus der Fülle des Herzens redet, vielmehr wiegt der 
lehrhafte 7'on vor und lerrüt den noch im Schulyetriebe 
\ätn Anfänger. Die Ausirahl der behandelten Fragen ist 
■ die polemische Tendenz bestimmt: das Büchlein richtet sich 
ulick zunächst gegen die Begharden und Brüder des Jreien 
*«'), welche einerseits den Wesensunterschied zwischen Galt und 

') Kmt genauen- Analyse und Enlurkktiiny </"' Lehre des lliiw hri 
1 tr 11, 386-400. 

•) StuH XKV. 

*) YgL Anm. su S3,liff. Wtittrrt Ober diree Srklrn bei Ja 
»f* da fanl/iiieme pofiutaire av moyen-äge, Paris 1875, 47 ff.; Dilaet 



J 



92* EinMtiiritf. IL Stiiaes U-hm und Werke. 

der Seele in der Beschauuni/ panthtistiach verfiüchtigen, rtnderefteiü 
in falscher Anffassmy der Wiedergeburt dem mit Gott OetiiAn 
alles erlauben und so in Libertintsmus auarirten. Vorübergehend 
(340,3 ff.) acheint Seuse auch eine rigoristiscJie Bichlung der AskiM 
(die FraticeUeit?) sit hckämpfen, welche die Nachfolge Christi > 
üusserlich, nicht im Geiste auffa^sie und die Liebe hintametste. 
nechnten Kapitel nimmt er seinen verehrten Meister Eclfhtirt, jedoA 
ohne seinen Nnmeti z« nennen, gegen die Begharden (daz wiUe) 
in Schutz, indem er in takttmlier Weise deren Berufung auf eimelw 
unvorsichtige und paradoxe Sätze jenes als unberechtigt aitmit 
und ihnen gegenüber die gesunde kirchliche Lehre entwickelt'). Mam 
wird in Bücksicht darauf kaum sagen können, Seuse tmye im Bdw 
Kckharts Lehre vor'), denn den materiellen Inhalt der angefockitUi 
Sülze macht er sich keineswegs zu eigen. Übrigens ist das Andenid 
an den Meister in dem Bvchlein durchweg noch ein sehr früeh» 
und lebendiges. 

Das Bdw fand in gewissen Kreisen — zweifetJos divselbtn, 
welche gegen Eckhart so gehässig vorgegangen waren ~ 
i/iinstige Aufnahme. Es darf uns das nicht überraschen: EckM 
war eben gestorben, aber sein Prozess war noch nicht entschiei 
und die Erregung der Gemüter dauerte fort, da taucht Seuses Sckrij 
auf, ganz im Sinn und Geist des Meisters, wenn auch ohne 
Extravagamen und von untadelhafter Orthodoxie, sie rühmt ji 
als den ,hohen Meister' und scheint Ihn zu verteidigen oder we> 
zu entschuldigen, — was WuTider, wenn der Schüler in das Vi 
hängnie des Lehrers hineingezogen wird M«d sich harte Ankiogi 
gefallen lassen muss? Verschiedene Andeutungen über Anfeim 

Et»ai nur Ir my:tiiclsme gpictilatif «n Atlemagne au XFV eiiele, Pari» U 
77/.; H. Haupt in Unainntgklop. f. prot. Thwl. //', 533f., lli; 401 
VittleicM hat Haupt Steht (IIi; 470/.), ieenn er meinl, m maehe dm 1 
druck, alH ob bei Seuse nicht so fatt eint eigentliehe Sekte, ah eine kraiAM 
Itiehtuag und ein Vheraehviang der mgetitehtn KdigioeiKil Überhaapl I 
kämpft wfrden. 

') yähere» im Kommentar tu S. 364^-57. 

') rreger. VorarhtiKn 137. Wenn derai-ll'e, Mystik II, 360, 
Stuee sitee eieh durch leine V'ertndiyumj Eekharte in Oegmsaft ruf pSfi 
liehen Ymlammungehulle von 1339, mclc/te eine VtiieidigH«n oder BitUg» 
der verurttiltfn S6ttr Kckharts verbiete, ti> erweiin lich diett Anaicht bei < 
fri>he-rm tiatieeung dri Büchlein/i alu utiiiehtig. rie heriiht iihnehin auf ei- 
falschen Auslegung de» Texitn. 



DiiB Büchlein der Walirheit, 



Verfolgutu/en in der Vita (5,11 f., 68,17 f.) und im Hör. (13 f.') 

'fK äck kaum auf etwas anderes ah auf jtne WiderwäHiykeiien 

\en, tcelche die Veröffentlichung des Bdw Sense zuzog. Es wird 

• Zeitpunkt auch mit jenem zusommenfalirn, iro ihm im Traum- 

ejb der verstorbene Meister Eckhart und seine selige Mutter 

nen und ihm Mahnung und Trost gaben: er solle sich in stille 

ydigkeit setzen gegen alle wölfischen Menschen, Gott werde ihn 

\mr Widerwärtigkeit verlassen (23,11/. 143,12/.). 

Die Anfeindung verdichtete sich sogar zw einer formellen An- 

vor dem Oedenafornm. Settse erzählt im 23. Kapitel seines 

w; zu einer Zeit sei er auf die Anklage zweier ,Vornehmen' 

Ordensbrüder in höherer Stellung) hin vor eine Ordensversnmm- 

in den Siederlanden zitiert worden. Es wurde ihm unter ,viden 

■«n Sachen' nnmenÜich das vorgeworfen, er mache Bücher*), 

btieR stünde falsche Lehre, von der aÜfS Land verunreinigt würde 

hetzerischem Unfiat. Man setzte ihm mit harter Bede scharf zu 

droht« schwere Strafe an, ,mewohl ihn Gott und die Welt darin 

iuldig wtisste' ; er litt .grosse Unehre und Schmach' (fi9,8f.), aber 

iner eigentlichen Bestrafung scheint es nicht gekommen zu sein. 

Ordenskapitel, auf dem Seuses Sacke perhandelt vnrde, kann 

Versammlung des ganzen Ordens (Generalkapitel) oder der 

IM Teutonia, zu der auch die Niederlande (Brabont) gehörten, 

WM »em'); auch bei Provinzirdkapiteln hntten nämlich die ,inqui' 

iw haereticae pramfutis' amresend su sein*). Von den in der 

txm 1327 iiis 1.334 — dieser terminus ad quem ist anzunehmen 

K der Datierung des Hör., n. unter B III — in den Nieder- 

m abgehaitenen Ordensversamnüungen *) ist das für unsern Fall 

') Sni»f fährt Mtr tin« «e/tf «vhar/e Spracht gtgen stine (and Eekhaiin) 
er, er muxate Kitten, das« der Ordmsgmm-dl Hugo von Vaucemain, dtm 
I Üchhft widmete, kein Gegner df mystischen Richtung »ei. 

*] Aach w«in Sfusr zartfit nur rine 6'chrift (das Bdvl vtrfasH hallt, 
U AwA verallgtmeinernd gesagt Verden, fr maeht kelntrisckr ,Bücher' (so 
rkhtig l'rtger II, 33U gegen DtHiflt XXVI)! vielUicht handelte es 
tbv auch noch um eint ander' xtnt unbtknnnlt (lairinitehr ?) Schrift. 
'\ Vfß. Aam. SU 38,3. 

•) Cap. gen. Iä7ä, 1385 (MO PH III, 161, 3SHh 

*) Vl30 Gatei'alkapilel tu Maaatriehl; 1337 Proviaiialkap. su Antwerpi^, 
V Utrecht. Die Prorineialkap. und -Pi-iortn werden nach dem Vergeichnis 
Vey<r« f» Cod. BruÜ. E III (V Bl. 136 f. sitieit (Publikation durch 
WnLoi tithl bevor; mir uland rin- Abschrift von Prof. L. Baur in 
ttn nr Vfrfügung). 



94* Einleitung. II. Seuses Leben und Werke. 

zutreffende sehr wahrscheinlich das Provinziddkaipitd von Antwerpen 
1327 ^). Provinzialprior von Teutonia war damals (1326 — 31) Hein- 
rieh de Ligno *), iDid die Provinz befand sich, wie aus verschiedenen 
Anzeichen hervorgeht, in Unordnung und Verwirrung. In einem 
päpstlichen Schreiben^) vom 1, August 1325 wird beklagt, dassUnr 
friede und Parteiungen unter den deutschen Dominikanern herrschen 
und dass Geicalttätigkeiten und Missbrauch der Amtsgewalt gegen 
sittenstrenge Untergebene vorgekommen seien (quod quamplares fratrei 
laudabilis conversationis et vitac graves ab eorum saperioribns BOot 
perpessi iactaras etc), und es tvird daher eine Visitation und Re- 
formation der Provinz Teutonia angeordnet, zu der auch der bekannte 
Mystiker Nikolaus von Strassburg als Vertrauensfnann beigezoqen 
wurde. Der eigentliche Grund jener Wirren lag aber darin, dass 
der Orden in Deutschland in eine strengere und laxere Sichtung 
gespalten war; wenn nicht alles trügt — das spärliche Quellen* 
material erlaubt es nicht, in d^r Sache ganz sicher zu sehen, — so hat 
es sich auch bei dern Prozess Eckharts um einen Zusammenstoss beider 
Richtungen gehandelt. Es ist aus den Akten erwiesen, duss bei demr 
selben Neid, Parteigehässigkeit und niedeHrächtiges Denunziantentum^) 
inn- und ausserhalb des Ordens eine Hauptrolle spielten; den Feinden 
Eckliarts gelang es sogar, den päpstlicfien Kommissär Nikolaus, der 
Eckharts Angelegenheit zunächst in einem diesem günstigen Sinne 
entschieden hatte, in dessen Schicksal zu verwickeln und bei dem erzr 
bischöflichen Gerichte in Köln seine Exkommunikation als ,Begünstigef 
der Häresie^ zu erwirken, welches Urteil aber vom Papste bald dar' 
auf wieder aufgehoben unirde'"*) (erste Hälfte von 1327). In dis 
unmittelbare Folgezeit, als die Verwirrung in der Provifiz Teutonia 
noch fortdauerte, fällt auch das Vorgehen gegen Seuse. Wir werdet 

^) Entsprechend der späteren Datierung des Hör, entschieden iid 
DenifU 98 für datt Generalkap, zu Brügge 1336', V reg er, Mystik II, 33tl 
360 und Seeherg 144 für das Promnzialkap, von Hersogenbusch 1335, 

-) Nach dem eben zitierten Verzeichnis J. Meyers; vgl, auch Jund 
a. a. 0, 287 ff . Vreger, Vorarbeiten 34 hat fälschlich de Lingo. 

8) Veröffentlicht von Denifle im Archiv IV, 314 ff., von HauvilW 
in Analecta ÄrgeiUinensia I (J9C0) 83 Jf. 

') Ztrei sittlich anrüchige Dominikaner, fr* Hermann de Summo ud 
Wilhelm (de Xidecken) traten hauptsächlich als Ankläger gegtn Eckhart atfy 
vgl, V u mm er er a. a. 0. 23 ff, 

'•) In einer Beschwerdeschrift tratm sich deshalb vifr Fraticellen, dai imM 
Wilhelm von Occam, gegen I*apst Johann XXII auf, vgl. P reg er I, 483f, 
Denifle in Zfdn XXIX, 2fiO: Pummerer a, a, O. 28, 32 f. . 

r 




iler Diilze^e Kntmtnux und des Donutiikantrorilptiij. 95* 

fehlgreifen, wenn wir die tief erliegende Ursache desselben wie 

■.hart in dem Ham und der Aimeiguiig') gegen den unbequemen 

iritualen") sehen; die Atikloge wegen heterodoxer Lehrmeinung war 

Ir V&neand und auch tatsächlich nicht zu enteisen, denn sonst 

H 8euse wohl nicht straflos ausgegangen. Immerhin dürfen wir 

kb einen Nachklang der gegen Eckhart, und Seuse gerichteten 

inndlungen auffassen, wenn das Generalkapitel zu Toulouse 1$28 

Imimunyen gegen einige (aliqaj) Ordensbruder erlässt, welche in 

n Predigten vor dem Volke quaedam Bubtilia behunddn, iriix 

Volk leicht in Irrtum führen könne, und auch den Lektoren 

ikärft, in ihren quaestioues und lectiones nicht i^olch i/efäkrliche 

ji vorzutragen ^. 



B. Seuse als Lektor und Prior, 
^ftstellerische und seelsorgerliche Tätigkeit 
(ca. 1327—1348). 

lllgemeiue Verhältnisse der Diözese Konätaoz uud des 
Uominibanerordens. 

schon erwähnt, itsl Seitut vermutlich im Jahre 1327 nach 
Itlim zurückgekehrt, sei es vor oder nach Jenem Kapitel, auf 
so hart behandelt wurde. Auf dem Heimweg — die Prediger 
I stets zu Fuea reisen in Begleitung eines ,GeselU-n' (socius), 
•Anm. zu ('iii,lll — befiel den geplagten Mann schwere Krankheit, 
ihn dem Tode nahe brachte (68,27 ff.); damals mag sich auch 
so ergreifend erzählte Begegnung mit dem Mörder am Ufer des 
abgespielt haben (Kap. 26). 

'. Sor. 13/.: aemnli, qiii nunc quoqiie sicut olim invidia stimaiante 

t Ucet bona depravare aiit penitus annuUfire non degietunt, dWina 

lautes Bupentitiosa flguenta, et sanctas revelationes fantastieas 

tonimque gvtitn pstnini eaae dicunt narratdrium faliuloBum . . . 

idu adinycationea topieas Tel propoBitiones dabias seiiimnliir 

B dcmonetratioDeB certas. 

^ SpirÜitalM (niVa, philosophia, homo U9U>.) ist rm Liehlini/taitsdruck 

Zfdn XXIX, 363: I'ummtrer 




96"^ Einleitung. II. Seuses Leben und Werke. 

In der Hehnat traf Seuse recht unerquickliche VerhäUniise 
an ^). Nach dem Tode des Bischofs Heinrich von Klingenberg (1306) 
war die Glanzzeit des Bistums Konstanz vorüber, es geriet immer 
mehr in Schäden und die Verweltlichimg zog immer weitere Krei»; 
die zwiespältigen Bischofftwahkn wollten nicht enden. Itisbesandm 
war es auch der unselige Kampf zwischen Ludwig d-em Bayer und 
der Kurie, der seinen Wellenschlag in die Bodenseestadt mrf, 
Bischof Rudolf III von Montfort (1322 ^3i) hielt bis zum Jahre 
1332 zum Papste, d<m er seine Erhebung verdankte^ während siek 
die Stadt und ein Teil der Geistlichkeit (namentlich die Franziskaner) 
auf Seite Ludwigs schlugen, weshalb 1326 wie über andere Reich»' 
Städte so auch über Konstanz das Interdikt verhängt wurde; von da 
an war der öffentliche Gottesdienst zwölf Jahre lang eifigestdlt, eim 
Massregel, die notwendig das kirchliche Leben aufs schtverste schädig» 
musste. Der Bischof änderte im Laufe dss Jahres 1332 seine /wff- 
tische Gesinnung, unterwarf sich 1333 dem Kaiser und empfing po» 
ihm die Regalien, was die Verhängmig des Bannes auch über ifc» 
zur Folge hatte% Nach seinem Tode fand 1334 eine Doppelwakl 
statt; der Kandidat der Majorität, Nikolaus von Frauenfeld (1334^44), 
trug, vom Papste bestätigt, den Sieg davon. Dem überlegenen B^ 
Werber Albrecht von Hohenberg kam Ludwig der Bayer mit Wa^f»r 
gewalt zu Hilfe, aber ohne viel auszurichten; von Mai bis August 1334 
hielt er sich am Bodensee auf und belagerte 14 Wochen lang wt^ 
geblich das feste Meersburg, in das sich Bischof Nikolaus einge^ 
schlössen hatte^. 

Die Dominikaner standen von Anfang an treu zum PapfAej 
doch flicht ohne Ausnahme^ me verschiedene Verordnungen der Generd" 
kapiU'l von 1325 — 30 gegen Brüder der Provinz Teutonia zeigtet 
welche die päpstlichen Erlasse nicht ausgeführt hatten % Im IwMfif^ 
des Predigerordens war wie bei anderen Orden seit Ende des 13. J^' 



') Vgl, sum folgenden besonders K, Müller , Der Kampf Ludwigs d, ^ 
mit der Kurie I (1879) passim; Heg, Ep. Const. II; J. Knöpfler^ KaÜM^ 

m 

Ludwig d, B. und die Ueichstädie in Schwaben, Ehass und am Oherrhetn^ •• 
besonderer Berücksichtigung der städtischen Anteilnahme an des Kaistrs KoMfi 
mit der Kurie, in ,For8chungm zur Gesch. Bayerns' XI {1903) Iff., 103 ff. Ex^ 
gute Übersicht der hirchenpolitischen Ereignisse zu Konstanz gibt K, Beyerl^ 
im Freih. Liöz.- Archiv 1904, Iff, 

-) Heg. Ep. ConsU II n. 4336, 

^ A. a. (). II n. 4435. 

^) MOPH IV, 160f. 16S, 178f. 197, Vgl, auch Preger II, 290f.i 
Pflugk'Harifung in Zeitschr, f, Kirchengesch, XXI (1900) 217 ff. 



Aflg. VMhKUnisse der Jiiöyaee Konstimz nnil dw l'oiniiiilianerordeus. 9' 

Ertchlaffunij eingetreten, die sich in der foiyendtn Zeit in be- 
tiicher Ü'eiae str.if/erte^); Missbräuche, unter denen Missachtvng 
UösterUchen Disziplin, Beihebnltunij und Erwerb von Privrtt- 
itn*), leichtsinniges Schuldenmilchen und VernachlässiyuHg der 
n. Haschen nach Ehrenstillen und Privilegien ulier Art, in 
nkiöatcrn Üppigkeit und ZuchUosigkeit '} eine Hauptrolle sjnelen, 
n sogar teilweise einen raschen Verfall herbeizuführen. Die 
Hflen Seusfs sind voll von Klagen darüber, die schwerlich iiber- 
m. Im sechsten Kapitel des Bdew und noch eingehender 
A^ ff. { Aufschrift : Planctus') BUper extiDcto fervore devotionis 
Irersis personie ntriusqoe sexas moderni teiiiporis) »chUdtrt er 
Kloslerwesen seiner Zeit in Fomi einer Vision unter dem Bilde 
alten, zerftUenen Stadt mit ruinösen Mauern und Gräben, voll 
• Tiere in Menac/iengestalt. Obwohl die Zahl der Outen an sich 
achtet immer noch eine grosne sei (Hör. 4l^: licet [electi, inste 
I inter alios oouvereantes] in magno adhuc nnmero inveniantur 
Doi gtatD et religione ac aetate ntriusque sexue), so Überwiege 
iceit die Zahl derer, die u-eltUche Herzen unter geistlichem Ge- 
t tragen, denen Verstösse gegen Gehorsam, Armut und Keusck- 
heinahe zur Gewohnheit, ja zur Ehrbarkeit geworden seien, und 
ihre Vergehen durch sophistische Auslegttnij und Deutung der 
•egtln zu brsehiinigen auchen. Eine Gegenbewegung gegen jene 
Ordnungen machte sieh zwar schon bald von innen heraus geltend, 
der rätnischen Provinz eon seilen einiger eifriger Refortnfreunde, 
ton dei% Laxeren SpirituaUu (auch ,spigolistae' oder ,de spiritu') 
nt wurden, an denen aber das Generalkapitel von 1321 nichts 

1 Vgl. auch ohen S, 72*, 94*. Eine quellfiimäteigr Schilderung der Zu- 

and der Beformvermeke unter dem Ordensmeii'ter Herväas (131S—S3) 

trtitr a.a. 0. II. ädSJf. 

*) Dan (Itnfralkapitel von 1318 (MOI'H IV, 108) klagt: cum ynasi 

: commmutas pereat elc. 

't Statt tieltr Belege rerweiee ich auf das Leben Llutgarts von WitUchen 

i(, tjttiinigatamlung III, iSOf.), die Sariiei- Predigten von ea. 1350 (bei 
eiernagel a. a. 0. 6S3ff.J und Seuerg Sriefr (namentlich Gr Bfb II, 
TIU, XJV, XVII-X.IX, XXVIIl. 

*) Wir beßndirt uns in der Zeit der Riform- und Streiitchriften : Alvaru 
fo terfanat* 1333 eetnen Traktat ,l}r. planctu tcdesiar', Konrad von Mri/en- 

133718 eein Gedicht ,FIanctM tcclesiac in Gn-maniam' (Au.iiüije von 
I im Hi«t. Jahrb. 1901, 63Jß.), ersterer als Anklinger de» Papste», 
als aolcher Ludwig» d. B., heide aber alf lUfifm/reunde aus ivaitner 




98* Einloilunf;. II. Seasc-s Leben iiii<I Werte. 

ctla ihre mit gewissem Eigensinn festgehaltenen Sonderheiten in (Jebm 
und Fasten, die leicht zu einer Spnltunfj im Orden föhren konnten, 
aitszusetiMn wuaste '). In Deutuchland standen auf Seite der strengere» 
Richtung nmnentlich auch (.lie. Gottenfreunde und Mgstiker, tne Etl> 
hart, Tau/er, Seuse '), Nikolaus von Strassburg, die aber gerade rf«*' 
wegen, wie irir bereits sahen, von den laxeren Elementen geilte alt- 
,freie Geister' und Häretiker (vgl, Anm. 2u fS3,}iff.) gebrandmarit' 
und verfolgt wurden. Im Jahre 1325 (vgl. oben S. 94*) regte der 
Ordensgenerol Bamabaa bei Papst Johann XXII eine Reform ikf* 
Provinz Ti'Utonin an; der Promnzial Heinrich de Ligno nppellitrti 
dagegen an den Papst, der ihn aber 1331 seines Amtes enthob ml 
der Proeim in dtr Person des Franzosen Bernard Carrcrim 
Generalmkar gab, der im gleichen Jahr zum Provimial gacäliä' 
wurde^). Papst Benedikt XU be^chied 1333 den Ordimimeütir, 
Hugo nach Ävignon, um mit ihm über Abschaffung verschiedeiUf: 
Missbräuche im Orden zu beraten *). Zu einer durchgreift 
Aktion kam es aber damals nicht, und als vollende die PestjaKrt 
(1348—50) die Zmhi und Ordnung allmthalhen auflösten \ varM 
das Übel noch ärger. 

Der allgemeine Niedergang des kirchlirhen Lebens, die unktü 
vollen kircfienpolitischen Verltältnisse in der ersten H/ilfte des 14. JA 
dazu eine Reihe erschütternder Naturi-reignisse seit den dreisagH 
Jahren"): Erdbeben, Überschwemmung, Heuschreckenplage, MiaswacH 
und Seuchen, mit ihretn reichen Gefolge an sozialem Elend alUf 



•) MOPH IV, IJT ,- vgl. Morticr a. a. 0. II, ^56 ff. 

') In der Jvh. Mtytrsehtn Chronik der (rmeralmrister drx Prrdig^ 
ordms steht hrim 15. General Barnahan (1334—33) dir Bemtrkung: \n X 
zitten lebUn vil heiliger brfiiler, den von. bertzen wc tett der ab^ujig der ob 
vantK dea orduaa und duz mans nit reformierea niocbt, under den was byMi 
VenturinuB, tl. SÜsr, Johannes Tauler, meister Eckard etc. (nach dem 
hamer Cod. PhilUpp. 33H0 S. p- siliert bri Priehseh u. a. 0. I, SO). 

*) Notie in Joh. Mtyers Liste drr I'roointiak, ha Jundl n, a, 0, i 
(diich steht hier fäUehlich Tarrerim, s. dagegen MUPH IV, 311): < 
A'. Müller a. a. 0. I, 168/. Sit. 

•) Reichert in Rüm. i^narlaischr. 1897, 389 mit Beleg aue dem m 
kiinisrh(n Akten. 

<•) Vgl. dif Klagen des GmeralkapiteU von 1353 (MOPH IV, MSj 

") ZtisarnrnetieteUungen bei Pregtr tl, 2.99; III, 9S: StraueH, . 
Langmann Ifüf; Grauert, Meintet- .Joh, von Taleili; in de» Sitzungshtriel 
der Mmtehner Akadmii, phil.-^ist. Kl. 1901, SUdff. 



AUg. Verbriltnusc der lliöEesc Eoiifltanz und des DniuiiiikatierurdeuB. 99* 

') haben hekanntUck einen Hauptanstoss zur Verbreitung des 

tischen Lehens tjejfben und die lümpföntflichkeit dafür in vielen 

ten geweckt. Eine tiefe Erregung ging damaln durch die Geinter, 

atlgptifche Prophezeinngen wurden ausgestreut, Diele glaubten das 

le der yi'elt nahe*): in dieser Not der Zeit zogen sich ernstere 

lüter gerne in dns innerste Heiligtum der Seele ziniick, um hier 

Feuer idealer Begeisterung und eines mystischen Gnadenlebens 

listen und zu nähren. Von diesen Gottes/r euiiden "), wie sie sieh 

)en, nicht im Sinne eines freikircklichen Geheimbundea, xondern 

innigen Zueammenscftlusse'' aller Gleichgesinnten zw gegenseitigen 

•eung und Erbauung, ging eine geistige Befruchtung zunächst 

Uöslerliche, dann aber auch in Laienkreise aus, von ihnen inirden 

religiöeen Bedürfnisse der liefer Angelegten befriedigt, sie erzeugten 

mggtisch-asketiscke Literatur in der ans Hers redenden deutschen 

tttersprache, ihr Leben teurde zum Sitlemiiiegel ffir den vielfach 

•ItUchen Klerus*). 

Unter der Schar dieser iVackeren steht als einer der Edelsten 
: Von dem, was er in langer, mühsamer Sdbstzucht für sich 
errungen, teilte er als abgeklärte Persönlichkeit die goldenen 
"Sehte in Wart und Schrift an andere aus. Allein unter dem 
tichtspunkt der Seelsorge gefassi, hat er eieihicht die gesegnetste 
khamkeit unter den um bekannten Mystikern entfaltet ; als Schrift- 
fr con gewolltem und bewiisstem Können uitd anziehender Eigenart 

') Eine sehr h/lujigt Ersdninang int wirtgchafilicher Riiekganij und Ver- 
mg (If Kläater; eablreichr Bthge für den Oberrhein birirn di' Reg. Ep. 
1 II partim.- naueiller a. a. (I. 1, CLXIlff.; Mone, y«eCen*»nim- 
<S U, 38 A. 1 : III, 117. Bctüglich dta Konstanstr rrtdigtrklosttra vgl. 
kl46,t4f., für Taxe: Rrg. Ep. Connt. II ». 4703 , n. t77 (tSU); n. ö430, 
* (ISS8). 

*t Ffl Prefftr II, äOO: IH, 92; Graurrl a. a. O.äÜlS-: Vtlter, 
Uitrpaar 51 A. 6. Stuif spricht untderhnlt von ,mundue senetetua' (Hör. 9, 
tJj von ,appropinquans muniii Urminus' fSor. 50, 105, lOS: der Auadntck 
1« lieh abtr gekon in der Käo S, Dominici, vgl. liominiliantrhrtiüa- 4. Auy. 
tt IV). 

'\ Vgl. Anm. eu 34,10. Bei Srutf inl die Brstichnung gnni allgemein für 
»Fntmm*n (t. B. auch die Martt/rer, vgl. 117,31 ff.), nammtlich aber für dit 
Ikätjw drr mystiichen Devotion gtbrnucht. Ein herrUche» Lob der Gottts- 
»it Bor. JA: electi, qni iiiata et pie ioter alios uouTersantes ... in iiiedii) 
linni praToe et perversoe, velut lumiiiaria lucentin iu lioc maniio caliginoso 
t" Hiü. 2,15J, terbo ritae proiimoA quoque illuminntit et inäammant etc. 

'1 VgL LinstnmanH , Der ithinehe Charakter M. Kckharla, l'ruiiromm 
6*«ffOi 1S13, 31). 



I 



100* Einleitung. IL Seuses Leben und Werke. 

erzielte er auf begrenztem Gebiete Erfolge, wie nach Thomas von 
Kempen wohl kein zweiter im ausgehenden Mittelalter, 

IL Sense als Lektor in Konstanz. 

Nach Konstanz zurückgekehrt widmete sich Seuse zunächsi 
noch einige Jahre mehr internen Aufgaben des Klosters und schrift- 
stellerischer Tätigkeit. Wir dürfen als sicher amiehmen, dass er 
seiner Ausbildmig entsprechend im heimatlichen Konvent als Lektor 
verwendet wurde^); denn die Ordensstatuten schreiben vor, dass kein 
vom Generalstudium Zurückkehrender zum Prior — das wurde Seuse 
später — gewählt werden dürfe, bevor er flicht zwei, bezw. drei 
bis vier Jahre das Lektoramt verwallet habe ^. Jedes Kloster musstt 
einen Lektor haben, dessen Amt es war, die gesamte wissenschaft- 
liche Ausbildung nicht bloss der eigentlichen SUidenten, sondern der 
Klostergemeinde überhaupt zu leiten; denn auch die älteren BeligioaeHi 
seihst d-er Prior, sollten so viel als möglich dem Unterricht, da' in 
Vorlesungen (gewöhnlich über die hL Schrift) und Disputation^ 
bestand, beiwohnen. Dem Lektor stand für die Abhaltung pofi 
Eepetitionen und zur Überwachung der äusseren Studienordnung eif^ 
ymr/gister studentium* zur Seite; entsprechend seiner wichtigen um 
angesehenen Stellung genoss er verschiedene Privilegien: Entbinduni 
von der Missionsarbeit, teilweise auch vom Chorgebet, eigene Zelle ustc 
Über Seuses Schicksale in Jenen Jahren sind toir nur unvoll 
kommen unterrichtet. Verschiedenen Andeutungen im Uor. (112 f. 
vgl, 132 f.) ist zu entnehmen, dass schwere Heimsuchungen über iht 
kamen^): ein teurer Vericandter, sein einziger zeitlicher Trost stirbt 
die , Wölfe' rauben zwei seiner Obhut anvertraute Schaf lein, dii 
Feinde stürmen mit Beschimpfungen und giftigen Verleumdung^ 
gegen ihn an, sein blühendes, mit grossem Fleiss von Jugend auj 
bebautes Arbeitsfeld wird ihm entzogen, die ,cathedra honoris* ufn 
fjestürzt*). Die letzteren Worte können m, E, nur darauf bezogt} 

') Das direkte Zeugnis, das man bisher aus V'ita 39,18 entnahm, indet 
man leser = Lektor las (statt lesscr = Aderlasser), fdllt jetzt weg. ÜbrigM 
nennt ihn Joh, Meyer ,lector et prior^ (Mone a. a. 0. /T, US). 

^ Cap, gen. 132U 1324, 1320 (MOPII IV, 133, 162, 165). Ober da 
Lektoramt im allgemeinen vgl. Preger, Vorarbeiten 9; Hauch a.a. 0. Jl 
469 f.; Felder a. a. 0. 368 ff., 367 ff . 

•') Darauf bezieht sich wohl auch Vita 87,14 ff. 

•) llur. 113: etenim nemus viriditate folionnn vonuHtum cum magno laboi 
et studio a puoritia mea i)lantaverani, cathedrae honoris contentivum, de qi 



1 Vas 

Wäea, do88 Si 



l>(i« Büchlein der ewigen Wcisbeit, Horulogium etc. 



101» 



dnaa Sßuse infolge verleumderischer Auklagen des Lektorats, 
zwiacken 1389 und 1334, entsetzt murde: das ,a pueritia' ge- 
]mtr und gehegte ,nemus eenuatttm' ist die yVissensckaft , die 
lAedra honoris' die Lehrkamel des Lektors. Als Nachklang der 
•K Erfahrung, die Seuse damals mnchtf, dürfen wir es ansehen, 
rr Hör. 54 die ewige Weisheit angehende Haifchläge darüber 
lÜfn täe^t, wie sich ein Prälat oder Vorsteher bei Anklage gegen 
läoäkrie Brüder verhalten solle: oft zeige es sich bei genauerer 
Untersuchung, dass gerade die Ankläger die Schuldigen seien, welche 
FiAfcr der Vorgesetzten vorschützen, um selbst der verdienten Strafe 
IKtgeheu '). 

I. Das Bachlflin der ewigen Weisheit, Uorologlnm Sapieiitfae 

und MinueliUchlein. 

In die Zeit zwischen 1327 dis 1334, die Seuse zurückgezogen 
Konstanz zubrachte, fällt die Abfassung zweier seiner Haiipt- 
fiften: des Bücfileins der eicigen Weisheit und des Horologium 

Über die Entstehungsgeschichte des erateren Werkes spricht sich 
Wf im Prolog zu d^iselben und zum Hör. aus. Darnach bilden 
Grundstock die hundert Betrnchtungett, welche jetzt den dritten 
t aumtachcH. Diese wurden ihm einstmals ,eittt/eleuchtei', als er 
gemhnlich nach der Mette das Passionsdrama geistig durchlebte 
ia3G,14; Bdew 106,2 f., 314,19 f., Hör. 12). Das war um 
' Zeit, wo er sich die Marter mit dem näijelbeechlagenen Kreuze 

•Ol vt honorem iu<? recepturuiu sperabuin, iluinque iuri t«iii|iU8 ndeaset, Dt 
(merer lalmre, cathedra siihvertiliir et neraus in aUeriug cniiiailBin rfidigitur 
hium et Isbor nninis petditiir nc Huis intentiiH fmstratiir. 

') Praeliliis vel rector frnlnini l.n cudj bis, licet in miaiiuo gradn, discBB 
bb non atatim Adhibere fidein hii>, i[ui ccteroK deferre cuUHueverunt etc. 
Igtr, i'ararbtitea I2lff.: Mi/stik 11, ä36g. älil: Setberg, 92/. a. a. 
fctMn aun dimrr und der in voriger ÄHmfrkung iitierten Slellr, Seuae sei 
Hit Prior geinram und auf dem Grnrralltapitel tu Brügge 1336, auf dem 
■il NaptTH nicht genannter Frior von Konatans nhsotfirrl iitirde (MtiPH 
i iiü), abgteetil worden. Ir.h glauhf mit Unrecht, denn jtnt StelUn ßndvn 
■ilmr itteithuug auf das Lektorat eine fiel bewere ErktHrung; ferner .itellen 
Wvrtt Vila Uößff. die Erkebumj i-im Pr/Ilalm — 1343/4 irurdr Seusr 
k, tgL Anm. «u 145,14 -- aU rluias Nrtif« für ihn hin, und endlirh inl 
ta»»i glaublich, dass »r 13<ili unter drm Ordmgmfisliir Hugo, hei dem er 



1 




102* Einleitung. II. Seuses Leben und Werke. 

bereitete (42^6 ff. *). Er übte nun täglich diese hundert Betrach- 
tujirgen mit ebensoviel ProstrationeUy schrieb sie auch deutsch nieder 
und teilte sie anderen frommen Personen (GoUes/reunden) mit 
(197y5ff,y Hör. 12), Im Laufe der Zeit schloss sich an die Be- 
trachtungen eilte Beihe von weiteren Erwägungen und Erleuchtungen, 
aus denen er den ersten und zweiten Teil des Bdew zusammenstdUe. 
Seuse versichert, dass alles in Gegenwart der fühlbaren Gnade, gleich- 
sam at4S göttlicher Inspiration und Nötigung niedergeschrieben worden 
sei'^, und dass er das Konzipierte stets genau daraufhin geprüfi 
habe, ob es mit der hl, Schrift und der Väterlehre in Einklang siehe 
(197, 12 ff,, 199,16 f., 323,30 f.. Hör. 10—13). Aus Furcht jedoch, 
es möchte der neuen Schrift ebenso ergehen wie detn Bdw, wollte er 
dieselbe anfangs geheimhalten oder gar vernichten; doch die ewige 
Weisheit habe dies durch deutliche Zeichen und Offenbarungen ver- 
hindert, und Maria mit dem Kinde in einer Erscheinung die UiU 
teilung der Schnft an alle gottliebenden Seelen angeordnet (Hör. U)* 
Die Abfassungszeit des Bdetv^ fällt vor diejenige des Hor,i 
welches sicher 1334 geschneben bezw. vollendet ist. Zur genaueren 
Datierung ist eine Stelle ans dem 21, Kapitel beizuziehen *), wo die 
ewige Weisheit dem Diener, der vom Tode noch nicht gern hören 
ivill, sagt: Sibe^ danDan riechent (mehren sich) ietzent die anbereiten, 
erscbrokeDÜchen tode, dero die stette und klöster voll sint (279,33 ff*', 
vgl. 287,15 f.. Hör. 168). Man wird diese Worte schwerlich andere 
als von einer Seuche verstehen können; die starken Ausdrücke trärei^ 
sonst kaum erklärlich. Nun wissen die Chroniken der Zeit in (fc* 
Jahren 1327 bis 1334 nur von einer einzigen Seuche zu berichten'' 



^) Dass diese Marter gerade com 32,^40, Jahre dauerte (Preger, Vof' 
arbeiten 124: Mystik II, 3^6), lässt sich nicht heiceistn, es kann auch etv^ 
früher gewesen sein. 

*) Ilor, 12: supernae inspiratioiii hoc adsciibite, qnae, ut testis est inft* 
I)eu8, me die noctuque quiescere non permisit, douec eins coactioni acquicTi» 
L, c. 13 : iiotandum, quod originale hiiius operis certis temporibus et non ni' 
in praesentia magnae gratiae councriptum fuit. Non enim predictus disdpohi 
. . . videbatur ibidem habere modum agentis vel dictantis sed modum quemdaf 
divina patientis. 

») P reg er (Vorarbeiten 124 f.; Mystik II, 318, 30 1) lässt es iwisck» 
1327 und 1335 entstanden und 1337 8 vertiff entlicht sein. Denifle XXV wd 
tSt rauch, Ällg, dtsch, Biogr. 37 f 170 geben kein genaues Datum innerhA 
der drei^siger Jahre an. 

') Hör. lo6 ist diese Stelle iceggelassm, wohl weil eine Ansjtielung (H( 
lokal- und zntgcschichtliche Vei'hältni^se für r(fumlich und geiilich ferm 
Stehende keinen Wert hatte. 



Das Büchlein der ewigen Weisheit, Horoiogium etc. 103* 

Johann von Winterthur erzählt als Augenzeuge von einer pestartigen 
Krankheit, welche im März 1328 besonders in Ober- und Mittel- 
deutschland grosse Verheerungen anrichtete, und er hebt gerade jene 
Punkte besonders hervor, auf die es beim Vergleich mit Sense an- 
kmmt: das rasche, unvorbereitete Hinscheiden vieler ohne die Sakra- 
mk der Kirche ^). Damit haben wir 7iun ein Mittel an der Hand, 
Ue Entstehungsgeschichte des Bdew getiauer zu skizzieren. Die 
hndert Betrachtungen sind 1327 oder schon früher efitstanden, 
nach und nach folgten mit längeren Unterbrechungen (bei Kap, 5, 
vgl 198,12 f. Hör. 13, und Kap, 16, vgl 322,21 ff,) bis März 1328 
Kap, 1—20; der Schluss des Werkes samt dem vorläufig ausgelassenen 
16. Kapitel wird im Frühjahr 1328 noch rasch zu Ende geführt 
nrdm sein, da 279,13 ff. die folgenden vier Kapitel programmatisch 
(angekündigt werden. Die Publikation des Büchleins ist möglicher- 
^ftlH erst später erfolgt^. 

Das Bdew gehört seinem Inhalt nach der praktischen Mystik 
% es ist eine allgemein verständliche Erbauungsschrifi (ein gemeinü 
lere 5,19; 197,28), bestimmt für , einfältige Menschen, die noch haben 
(Gebresten abzulegen^ (198,11). Namentlich sind Klosterleute und unter 
iieun wohl in erster Linie Nonnen^ Seuses geistliche Töchter, ins 
^e gefasst (vgl. Kap, 6, bes, 218,1 ff,). Schon der Titel der Schrift : 
der Ewigen Wisheit büchli (324,3 f.) drückt den Fortschritt aus, 
^r in ihr gegenüber dem Bdw liegt: Sache der Weisheit ist es, das 
^hen zu ordnen (cgi. Hör, 210 und oben S. 47*), nachdem die 
,(U!ige Wahrheit* (327,25) den Verstand erleuchtet hat. Der Zweck 
^Büchleins ist nach Seuses Angabe'^), ,die göttliche Minne, die in 
^if'^er jüngsten Zeil in manchem Herzen zu erlöschen beginnt, in 



*) Chronicon ed. Wyss 1656, 104 f.: anno, quo Imperator Ludovicus secundo 
"• Ilalia demorabatur, pestilentia ingeus in Germania orta tarn excessive saeviebat 

■ 

^ popalo tempore quadragesimali, quod quandoque una die in civitate Basiliensi, 
ubi tUDc praesens eram, L fnnera reperta fuerant tumulanda. In Mainz seien 
'^Uch 200 — 30(J Menschen gestorben; in Winterthur und anderwärts habe der 
^us nicfU hingereicht, um die Sterbsakramente zu spenden und viele seien 
intersehen!' gestorben. 

^ Ich verkenne die Schwierigkeit nicht, welche in der Annahme liegt, 
ISS Seuse so rasch hintereinander das Bdw und Bdew verfasst habe, aber die 
eweisgründe scheinen mir durchschlagend. 

*) Genauer Hör. 9 : divina sapientia ... in praesenti opere intendit princi- 
liter non qaidem informare iiescientes . . . s(!d reaccendere extinctos, frij2:idos 
(ammare, movere tepidos, indevotos ad devotioncm provocare ac «omno nogli- 
itiae torpentes ad virtutum vigilautiam excitare. 



104* Einleitung. II. Seuses Leben und W'erke. 

etlichen wieder zu f-nUütideti' (324,4 /•; vgl. die Anm. dmu uud\ 
300,5ff.J. Diesen Zweck zu erreiclien werden in 2i Kapitdn Üii 
kräfVgMeH Motive mtwicke/t. Entsprechend dem 203,8 ß. ni»- 
gesprocheiie» Satze ,pvr Chrixhit» hornigem (pn»mm) ad CkristaM 
Deum' bildet den Hauptinhalt ') die Betrochtung des Leidem da 
Erlösers; um diesen Kern schliessen sich Eru'äguttgen über die GrÖat 
der Sünde, die Trüglichkeit der Welt und den Adel der Gotl»- 
mi7ine, die Sirnfgerechtigkeit Gottes, Gedidd im Leiden, 
und Hölle, die ,reine Königin vom Himmelreich' und ihr ,unsäglichll 
Herzleid'. Der zweite Teil des Buches gibt ganz konkrete Enntihnungtitf 
,wie man soll lernen sterben', ,wie man innerlich leben soll', über i«K 
Empfang der Kommunion und die Pflicht des immerwährenden Gatten 
lobes. Um die Darlegungen lebendiger und anregender zu gestaiM 
(vgl. 197,36 f., Hör. 10), int die Lehre in Form eines Ztdegesprikh»^ 
zwischen der ewigen Weisheit und ihrem Diener gegeben; es » 
auf diese Art zugleich die innigste persönliche Verbindung ztevsth 
der nnima fidelis und ihrem Bräutigam Christus hergestellt. 
Recht hat man das Bdew die ,achönste Frucht der deutschen MgstA 
genatmt^). Es lässt sich an innerem Wert neben die HomÜien t 
hl. Bernhard, die Seuse wiederholt zitiert und verwertet (egl. besotultt 
254,20 ff.), oder neben die Imitatio Christi des Thomas von Ken^ 
stellen. Zutreffend urteilt Preger') daräber: „so viel Seuse t 
von anderen entlehnen mag, er prägt allem seine Eigenart auf; t 
ist alles von seiner zarten Empfindung durchwoben, von seiner iiwi^j 
keit vergeistigt, von dem milden Feuer seiner Liebe durchglühte 
„In herrlicher Weise offenbort sich in dieser Schrift ein in Lid 
an seinen Erlöser hiiigegebeties Gemüt und eine durch eigene Erfahvi 
gereifte Gotlesweiskeit, die ernst und milde zugleich, mit einen» Ruf* 
das aus dem innersten Herzen kommt, irim dem Unfrieden i 
Frieden führen will, und mit Worten voll Gei^t und Leben, 
Licht und Schönheit Sinn und Hers ergreift und in ihre Kni 
zieht," Man wusste im ausgehenden Mittelaller ihren ü'ert auch i 
schätzen; das Bdew war in der zweiten Hiilfte den 14. und im 15. « 



') Oute Analyst und liarwtrlluny der I.thre hei l'rrger II, 3i6- 
*) Übel- die Jiialogfoi-m in der mitItlaUerliehtit grisütehen Literatur 

W. WacbtrHaffcl, dtucb. drr deutsch. Lit. P (16791 4l'!i. Jnm. 4ä. 
dort ausgeaprtiekent I'»>-fnu(«n^, Stase ttaht die Gapräehtfat'm vitüeithi 

dem Lueidariu« entie/mt, ist dureham probletnaitseh. 

") Deni/le XXI. ^ 

•) ift/tiik II, 3S9, aae. i 



Dai BlicLlciii der ewigen WeiBheit, Ilorulnfriuui i'tc. 

geUsensie deutsche Andficiitsbiich , tci'e die imgeinein r/rosse Ünfil 
Ssa. zeifft^). 

ii'ohl Htc/it sehr lange ttach Vollenduny des Bdew machte «ich 
M an eine Übertraguttg dfr Schrift ins Lateinische % Verschiedene 
fBnde miigen ihn dazu bewogen haben: der Mutuch, auch in 
ttiogisehen Kreisen ^), besonders in Mönchsklöstern, mehr Beachtung 
finden und Gutes zu stiften, die Absicht, durch die grössere 
läm/on des lateinischen Ausdtvch und durch Vorlage bei der 
\kfUn Ordenainstam gegen Ar^riffe und Verleumdungen mehr ge- 
\Uzt zu sein, nicht euUtzt auch die echt mittelalterliche Enrägung, 
1« .deutscher Zunge' gar zu viel verloren gehe von der Ursprung- 
Ifi» Ki-aft und Wärme der Worte, ,die in der lauteren Gnade 
tfangen werden', niedergeschrieben aber ,erka/tett und verbleichen 
t die abgebrochenen Bösen' fl9if,14ß'.). Aus der Bearbeitung ist 
\t2u ein neues Werk geworden, das gegenüber dem deutschen eine 
rke Vermehrung des Stoffes aufweist und auch einen neuen Titel: 
irologium Saplentiae*) erhielt. In einer Vision sah näinlirh 

') Oben S. II* ff. Kind ca. IW, mit den Bntrhatückt» ca. ISO Hau. auf- 
kn. Ik manrhrn Haa. dta Ewemplara Kurde ^at Bdew ausutlaiien, vml 
Ml «n Abnehriflat ttark vrrbreitet war.- vffl. oben S. T'ff. 

•) VrraUtte AnniehUn aiie die de* Suriua, da» Uur. mi die frtie Über- 
mg dea Bdtui ins Lateininche darck Hntn Unbfitannleit, von Qtiltif und 
ard t, 664/., das Büehlrin sei wsprünglieh laUini»ch verfangt, vitn 
p,' Tff., •S'cAmiil 661 »nd Votkmunn 33, die Abweichuiigen dee lat*i- 
itn Wrriu fnm deuUchm aeien Vn-derbniaur und InMrpolationtn der Alt- 
ibv, brauchen nicht mehr inidrrUgt ev werdr». 

'l Vgl. Hör. 67 : sMignat üiniplice« illitprati et indocti ... et ddü sulitilia 
HC* ac veritatis Tiam celeris demonetrantes . . K;a agite, noiifratreB et Bodalea ! 
'1 Xach drn 34 Standen dta Tatian /tat das W«rk 24 (18 + 6) Kapittt. 
■ ifle XXIJI liffll ea für tcahrselielnlich, data sich Seuae beim Hör, in 
t auf Tilrl und Auaieahl dea Stoffes an ein fremdea Sfuatir angelehnt 
JfAfli'M, daag der Titel von dem ,JIornlori%itm devotionia circa ottam Ghriati' 
Dominikanera Berthold aua dem Anfang dea 14. Jahrh. etUlehnt ist (dasdbe, 
m und Bfter gedruckt fHain SäSfl 99], ist ehenfidia eint Obrraeltung einea 
bthm Originale, drr Vcrfaaaer wahracheinlich identisch mit dem Bearbeiter 
' ättmma cunfraaorwm' des Johannes von i'reiburg, vgt. Dictterle in 
ilv. f. SirchtngeachkhttSe 101061 67 ff.; Fink ein Alemannia 1902, 163 ff.): 
iUiehbsaUht k'iue Abhängigkeit. Itaa Hur. devotionia Kuidt apHter öfters 
im Hör. Snpienliat rericecltaelt. Clm 5609 s. XV Bl. i—66 tnthäU 
Bar. Seusta unter dem Titel: Bar. nurtum divinae sapirntiae; in Catal. 
3,3$ ist aber fälschlich ein Johannes de S. Lamparto (=: Jnh.von I-Veiburg^) 
fsrfasser angsgrben. Vgl. eum Tilrl avrh <ii-rlrnd, Lvg. die, piet. IV, 5,36 
l, 312, 4u4J. 



A 



lOG* Einliütun^. II. Seuses Lehen tind Werke. 

Seuse seiv Werk unter dem Bilde eines ktttistreichen, mit den xchönskn 
Hosen geschmückten Uhrwerks, dessen Cymbalschläge die Herzen »il 
himmlischem Klange nach oben zogen (Hör. i)f.). Manche Dinp, 
die Seuse in dem populären Werkchen zu sagen sich nicht getraiAt 
oder nickt für passend hielt, hat er hier eingeschoben, no namenUith 
Betrachtungen über das Kloster- und Studienwemn seiner Zeit (3. obtn 
8.67* f., 97*), über den kirchenpolitischen Kampf zwischen Ludtdgiitm 
Bayer und der Kurie '), auch mnncherUi mehr oder weniger verstedctt 



') Ein interensanier Exkurs Hol: 51—04, der in der kirchenpoUtiidu» 
Sirdtlitiralur der Zeit Beachtung rerdtml (vergl. auch Prtgtr, Myttik II, 
2Sif, : der», in Abhnndl. der baytr. Akademie der Wisseimckaften, plUl.-hiat. öi 
XIV l tan} 46). Eh ist eine Alkgorie, oh Vigion eines homo Pei lUtrguUlU 
mii folgetidrta Inhalt : im Wetten der civitas ohristiana iriil ein Widder fitwl- 
mig da- Bayer) mit ewei Hdmerii auf, eine eiKti-ne Krone auf dem Ha»^ 
(Krünung Ludwige mit der eisemtn Krone tu Mailand am äU Mai ISSßh 
dem TU oder mehr £Vchae folgen, die rhenfalU Kronen erhalten (die iialHnisehM 
Ghibetlinenf) : viel* treten aus furcht oder Leidettechoft oder Einfeti i 
Oeietts auf »eint Seite. Trote Bedrängung, Verbannung uxtr. durch denWiäi»t 
leinten manche vom iiopulu» Dei Widerstand, indem sie Gott mehr fürehli* <Jl 
die Mensehen, und sie unleretSlst der dux fitioruiu Dei, loci eiusdem suprewH 
^bernator, rir utique per omnia laudnbitia et mn^iänimuB iustiüacqnc ) 
tPapgt Johann XXII: er war den })rmiiniknne>-n htsonder» gewogen und ü 
colli Generalkapitd und Ordensmeieter öfters dem Gthete der Brüder empfM», 
vgl. MOFH IV, Uli: V, 363.- Mortier a. a. U. II, 514, Ö34/,) ; 
«itcAi der Widder ihn mit seineti Hörnern ooin Throne fu stosien (Erk 
de» Petrus von Corvara als Nikolaus Veum Oegen)iapet). Dabegibt er aieh n 
printeps totioB nmlütudinis (Friedrieh der Schönt tnrn Österreich), betört m 
arglosen Sinn durch EinßOslerungtn, sieht ihn auf »eine Seilt und gewinnt so M 
l'rintipat f Trausniteer Vertag ev/iechen Ladung und IVirdrich vom 13. Märt U 
besK. Vertrag von Müjichen rom 5. Sept. 1326). Die Not drr Getreuen wdeAd, i 
der Widetei- mit gewaltiger Heertsmacht gegen »eine Gegner oustieht (H6mtft 
Ludwigs 1337— 29) : sie nehmen Zußuclit mm Gebet, und siehe: der WidderlH^ 
plßtglieh zur Erde (Fiasko de» Bümersugs), eine» seiner Homer terbrieM (SM 
tnll den Gegenpapstes, August 1330) : et cxiude coepit iiotestoH eiua defioere et dHt 
«jere de die in diem. — Ans der Schilderung geht hervor, das» .Seaee sntflf 
anderen Mystiker a fvgl. Preger II, 391ff.) ein »charfrr Gegner Ludmigi » 
treuer Anhänger der Kurie irar: er folgte also der Parole leinet Ordtnt ■ 
der Tradition de» oberrheinischen Adels, der eumeiet auf Seitin des Habtbu 
»fand. JJie Angatii, dasK Ludwigs Macht von 1330 an immer mehr dahinackt 
irißl eigentlich nicht zu: trotz des itisserfolgs in Italien war ai 
Deuixchland nicht ungünstig, iiammtlieh die »üddeutrhen StOdten hiilttn N 
zu ihm (vgl. Knöpf ler a.a. U. 3tiJ/'.; Assmann, Handbuch der Allgemein' 
Gtschiehte II, 3, neubearbeittt von Viereck Woe, Vmjf.l. Man kann dii SeUn 
uorie leohl nur dann erklärlich finden, teenn man annimmt, das» sie tu J9 
Zeil gesrhrifbin wurdet), wo Ludloig sieh mit dtm (irdanken trvg (Noo. 1333 I 



Das Bii(.')jlein fler ewigen Weisliciti Unrnlot'iiuii de. 107* 

iuiscetizen an Vorkommtime stines eigenen Le/ienn(i^. obenS.lOOf.*), 
ir hindert Belrachtmigen nind der Kürze halher weggelassen (Hör, 12), 
|ni ScfUuss i>( ein neiies Kapitel (11, 7j eingefügt mit der Üöer- 
\rift: Qnaliter roalti fideles possint sapientiam divinam desponaare 
iL, das in deutscher Betirl/eitting als ,Bruderi<chirft der ewigen Weis- 
iceite Verbreitung fand (s. unten S. 1 16*f-). Der darin (Hör. 223t 
<täiinte CnrSQS de aeterna Sapientia, den Amgabm des Hör. (jedoch 
Ü der von Strange) gewöhnlich beigedruckt, ixt ein Uel/ei»forinul(ir 
\k Art der Hören des Breviere., aus Psabneu, Hymnen (Jesua 
Ws memoria) und Lektionen bestehend und zum Gebrauche der 
nhrer der ewigen Weinheit bestimmt. Vermutiich stammt auch das 
tgebene Officium Miseae de aeferna Sapientia eo» Seuse. 

Was Sense vom Bdew bezeugt, dass es im Zustande höchster 
»bang des Oeniätes geschrieben sei, gilt auch für das Hör., ja 
diesem noch tnehr. Fast jede Seite zeugt dafür; Öfters weiss 
^e glühende Begeisterung kaum mehr in Worte zufassen (vgl. oben 
75*^. Seuse zeigt sich auch im Hör. als SchriJ'tsteller von be- 
enden Gaben, der nicht seinen stilue simples, sermo imperitUB et 
tBB (Hör. 10) hätte zu entschuldigen brauchen. Etwas frostig 
|ti-( es uns nur dann und wann, wenn er mit scholastischen 
Mauedtäcken operiert; im übrigen ist die Sprache überaus gt- 
dt vnd bilderreich, voll Rkgthmus, and oft bricht der Beim 
or. Der Inhalt ist wie in den Werken Bernhards ganz durch- 
kt Fon Worten und Sentenzen der hl. Schrift und voll von An- 
limgm auf liturgische Texte der Kirche, die nw dem Kenner 
io^atn. Kein Wunder daher, dass das Werk die weiteste Ver- 
häng fand, cor allem in den Kreisen der Gottesfreuude. Am 
September 1339 schreibt Heinrich con Nördiingen von Basel aus 
Hargareta Ebner, er habe ein Tauler gehöriges Buch, das man 
OrolngiotD Sapientiae ze latin, an den Prior eon Kaisheim zum 
gesendet, sie möge es sich von ihm Irihen und ebenfalls 

; iugututm seine» Vttters Heinrich von Kiedurbager» Mui-ücl/julrcten. 
t hiermm kam gam unerKarUt — in der Tat sind tili- Beweggrändt 
t auch nicht klar, rgl. die rersrhicdenm Hgpolhe/ien hei Aistnanu 
. 137 A. 9 — und mumle bei den Grgnrrn drs Kaisrrs den Eindruck 
ufnt, dam stinr .^'trllung erschütirrl sei (rgl. K. Maller a. a. 0. 1, 335).- 
4bliehe ßtlagemng Mtertburgs com Mai bis August 13m (vgl. oben S. H6*> 
r, »ein Antrhim /« erhiihen. Zu diesrr jioiitischtn Situatiiin, 
n der trelm llttfie di-s Jalirt» JHS4 grgrbtn lear, passen Seuses Worlr am 
I, mitr rW noih nachher ßadm tcir in dm drmsigrr Jahren eine, ähnliche , 
p ISiS milnidi liBnnten sie unmöglich ijeschritbm sein. 



108* Einleitung;. IL Seases Leben und Werke. 

kopieren^). Es u>urde überhaupt Lieblingslektüre in den Klöstern 
des ausgehenden Mittelalters^ und zwar nicht nur in Deutschlanm 
sondern auch in den Niederlandefi, Frankreich, Italien und Englancz 
ivie die sehr grosse Zahl der Hand^schriften und eine Beihe ro 
Übersetzungen beweisen'^). 

Seuse hat das Werk seinem Ordensgeneral Hugo von Vauce 
main gewidmet, der, auf dem Generalkapitel zu Dijon 1333 ertcählf, 
den Orden bis zu seinem Tode (1341) leitete^. Er übersandte es 
ihm mit einer schwungvollen Zueignung im Prolog (Hör. 11 f.) zur 
Prüfung und Begutachtung*). Wir dürfen daraus wohl schliesienf 
d-ass Seuse in den Augen seiner Vorgesetzten vollständig rehabilitiert 
war; dies dürfte übrigens schon bei Neubesetzuiig des Provinzialais 
von Teutonia 1331 (v<jl, oben S. 98*) der Fall gewesen sein. Der ter- 
minus a quo für die Vollendung des Hör, ist di'mnach das Jahr 
1333. Einen sicheren Anhaltspunkt für die Bestimmung des Eni- 
termin.^ gibt uns eine Bemerkung Setcses im Prolog (Hör. 11 f»)' 
Er redet hier nämlich von den literae exhortatoriae des Ordensgenerah 
Hugo, worin dieser filios dilectos admoDitione paterna ad pacem et 
fraternam caritatem, ad disciplinae rigorem et fervorem devotionii, 
ad conformitatem Christi Jesu ac omnium virtutum perfectiooeiii 



') Strauch, M. Ebner XXXV, 82 ff,, vgl ebd. S. 362 ff. Wir sind ht 
rechtigt, obengenanntes ,Orologium* mit Seuses Hör. zu identißzierefi, wie Ofte^ 
Preger, Vorarbeiten 65, i^ö; Mystik II, 3L>3f. gezeigt hat, Denifle XXIIIf» 
war in diesem Punkte zu vorsichtig (vgl, auch Strauch in Afda IX, liSi 
M. Ebner 363 f.): die voti ihm notierten ,meditationes' über Tod, GrtritM 
und Hölle evier Kren^munsterer Hs,, die aus einem ,Orologium SapieniiM^ 
stammen sollen, sind in Wirklichkeit aus dem ,Tractatus de spiritualibus flWCCTJ»- 
onibus^ des Fraterherrn Gerhard von ZiUphen, s, meinen Nachweis im flilt 
Jahrb. 1904, 177 f. 

-) Über die Übersetzungen später. Eine neue kritische Ausgabe an 
Hör, würe tcünschenswert , da die Edition St rang es (Köln 166 1 ) viele Mängt 
hat. Ich verzeichne für einen künftigen Herausgeber eine Anzahl guter Per 
gamentftss, rf«w 14. Jh.: München (Jim 14604, 15 747, 24811; Erlangen Nr. 565 
Göttingen, Ms, Theol. 151 ; Basd B VIII 4: Nürnberg, Stadtbibl Cent. V, 76 
Wien, Cod. 3605, 3961; Heiligenkreuz C 166. Weitere Hss. hei Quetif un 
Echard I, 656 und bei Haenel /. c. passim. 

«) Vgl, MO PH IV, UW, 220, 279: Quitif und Echard I, XVI 
5bOf. 655; Denifle im Archiv II, 217 (Hugo wurde 1320 magister theologi* 
in Paris : vgl. Hör. 11 : von, qui honore uiagisterii theologicae scientiae polletii 

*) Ülyrigens durfte kein Dominikantr ein Werk veröffentlichen, 5<9i 
,fraires periti\ die der Gnieral odtr Provinzini aufstellte^ es geprüft hatt 
(Cap.gen, 1256, 1316: MO PH III, 78; IV, ,93). 



Dm BäclüeiQ iler ewigen Weislitil, llorolugiiim et^. J09'' 

we, und miseroB quoque huius mandi sectatorea, ut hunc tnim- 

fagitivurn ac rallacem deserant et ad veram ac aetern^m est- 

am veniant, durch Wort und Beispiel der Ordensbrüder einladen 

Diese yi'orte sind nun aber, wie ich im Hintorischen Jahrbuch 

4, lätff. im einzelnen nachgewiesen habe, nichts anderes als eine 

rSngle, teilweise KörÜich herUbergenommene Inhaltsangabe der 

Encyklika Hugos, die auf dem Generalkapitel von 1333 (in 

PßnguHeoche ) eflnasen wKctfe'). Mit den folijnnden sechs Rund- 

Hben (1334, 1336, 1337, 133i>, 1340, 1341") zeigt Seuse da^ 

I keine Jiekannlschaß. Damit ist der Beweis geliefert, drns er, 

r da» Uor. i'oUendete bezw. den Prolog daen schrieb, die erste 

iklika Hugos und nur diese vor Augen hatte, dass also der Ab- 

w rf«s Werkes zwischen Mitte 1333 uttd 1334 fällt. Berück- 

Ügtn wir weiter die in Kaji. 5 voi-ausgesetzte politische Situation 

S. 106* Anm. 1), so merden wir mit Fug den Zeitpunkt der 

htdung auf die erste Hälfte oder Mitte 1334 ansetzen^ 



Dem Bdeic und Hör. stellt sich in/ialtlich eine Icleinere, zeitlich 

genau fixierhnre Schrift an die Seite, welche vielleicht auf 

r t«lbsi zurückgeht oder doch sehr wahrscheinlich in irgend einer 

•htmif zu ihm steht: das Minnebüchlein (Te^rt S. 537-54). 

Pret/er in einer Züricher Hs. aufgefunden und 1896 erstmals 

f (g. S. 537) enthält es in drei Kapiteln in Form 0()M geistlichen 

frachen innige Gebete und Betrachtungen über das Leiden Christi, 

tntsprechend dem Titel das ,wahre Minnebuch' (537,12; vgl. 

]^) genannt wird, und über die Schmerzen Mariens. Ob die 

ikende Schrift wirklich von Scuse herrührt, ist schwer zu sagen. 

Beweis der Echtheit hat Freger, Mystik II, 344—47, und in 

V Ävsgahe S, 441 — 54 zufahren gesucht. Seine Argumente las-ten 

noch vermehren uikI Verstärken, doch ist zu aüem Anfang zu 

«, dnsK die in der Hs, unmittelbar folgenden Gebete (Pregers 

ttgabe S. 466 — 71) sicher nicht von Seusc rerfnsst sind, wie schon 

'I C«<ir,H-*( in MOPll V. i>äO—&4. 

■) aOI^H y, 364—73. 

'i l)amil faüen aMck di» Datirrungivrrtache Pregers, Vnrarheilm 
-^(j-aieehm 1334/8 ahi/rfatti') und Mystik II, 3ä7, 3Ü1 (,l33T'(i voll- 
""' ütni/lr XXiy/. imgis kam gniauen' Oatkrnmj zwhrheii 1.133 
' 'Wl. Mntieh .Strauch, Altg. dlscli. Ilwgr. 37, 171. 



4 



110* Einleitung. II. Seuses Leten und Werke. 

aus ihrem ganz abweichenden Stil (auffallende Häufung der EpUhet 
und Bilder usw.) hervorgeht^); sie gehören überhaupt nicht zm 
Minnebüchlein. Die Hauptargumente für die Echtheit des leteieret 
sind folgende. Aus Vita 109,11 f. kann man sc/Uiessen, dass Seusi 
nicht nur ein Büchlein (Bdew) ,von dem minniglichen Gott^ gemacht 
hat, und auch die Idee und der Titel des Minnebüchleins lässt siek 
in Bdew 209,11 (vgl. Hör. 33) angedeutet finden^. Das Zusammen- 
treffen der Schrift mit den entsprechenden Abschnitten des Bdew 
und teilweise auch mit Briefen Seuses bis aufs Detail des Ausdrueh 
und auf Lieblingswörter des Mystikers ist sehr häufig und eklatant 
(vgl. die Nachweisufigen im Kommentar meiner Ausgabe genauer 
als bei Preger). Wir finden ferner in der ganzen Schrift denselben 
Rhythmus der Sprache mit dem durchbrechenden Beim, dieselbe poeti- 
sche Anschaidichkeit und tief innige Empfindung (vgl. name^iüich den 
Eingang des dritten Kapitels 548,4 ff.), wie in sicher echten Schrifkn 
Seuses, und das alles in ganz einheitlicher Form, ohne die Unter* 
schiede, die bei einer blossen Nachahmung wohl zutage treten würden. 
Fügt man endlich hinzu, dass, wie S. 537, 543, 554 angegeben o^ 
das Einleitungs- und Schlussgebet des ersten und das abschliessenit 
Gebet des dritten Kapitels sich wörtlich mit den Lektiofien des van 
Seuse verfassten ,Cursus^ (s. oben S. 107*) decken — ob die lateinische 
oder deutsche Form früher ist, lässt sich kaum entscheiden — i^ 
dass gleich zu Anfang (538,3 ff.) allem nach auf Seuses Vermählunj 
mit der ewigen Weisheit und das Eingraben des Namens Jesu in die 
Brust (Vita Kap. 3 und 4) hingewiesen wird, so scheint die Bew»^ 
kette geschlossen zu sein. Und doch stehen der Annahme der EchtheS 
schwere Bedenken von Seiten des Stils und Wortschatzes entgegen: 
die Ausdrucksweise ist nicht so prägnant und packend, wie etwa iif 
Bdew, sondern hat etwas Schwerfälliges und Langatmiges (vgLz.B* 
die vielen koordinierten Sätze mit do), es kommen ungetvohnte Konsti'uk' 
tionen cor (z, B, 541,5. 542,7) und finden sich manche Worter, ito 



M ^'och einige weitere Gründe stehen entgegen: die Gebete beMtehenii^ 
nicht blo^is auf das Leiden Christi^ sondern sind zum Teil siemlich aJIgemeki 
gehalten : sie haben fast alle die Anrede jHerr Jesu Christe*, während vorher 
das ,Herr* fehlt: endlich würde das dritte Kapitel hei Annahme der Eehtkmi 
unrerhfiltnismässig Idnger als die beiden andern. 

^ Tn den Vitac fratrum des Gerard von Fracheto, ed. Reichert 217 id 
erzählt, dass in jeder Zelle eines Dominikanerklosters ein Bild des Ch" 
kreuzigten an die Wand gemalt war : iitpote über vitae expensuH et libcr de 
arte rtinoriH Dei. 



Suusc» (.eideii iimi Heimaucbiinuren. Seine setlrtorgerliclii' Tül.igkeit. Hl'' 

K sonst nicht gebraucht*). Schwerlich kann man diese Verschieden- 
<ft dndurch erklären, dass mo» die Schrift für ein JugendtCerk 
WS ausgibt. Eher noch wird die Annahme etwas für sich haben, 
r (w sich um eine Inteinische, von Seune selbst verfasste Vorlage 
Mt — «0 erklären sich omh die lateinischen Anfungsuiorte der 
tlnen Abschnitte um besleti, — die von rinem geistesverwandten 
älrr (oder cielUicht van Elsheth Slagel'^) unter Benützung s^ner 
riflen deutsch bearbeitet wurde"^. 

Senses Leiden und HeimsQchuugen. Seine seelsnr^erliche 
Tätigkeit. 

Der Zeitjiunkt, wo Seuse eon seinem Lehramt, das ihn itn 
Ifer zurückhielt, entbunden wurde und das Hör. zum Abschluss 
"Wife (1334), wird wohl so zirmlieh mit demjenigen zusammenfallen, 
»^ er sich innerlich angetrieben fühlte, das Leben der Abgeschlossen- 
*a/ aufzugeben und sieh au^schlieselich der Sorge um das Seelenheil 
A» NäcMtrn SU widmen (63,9 ß'.). Er erreichte nun sein 40. Lebens- 
ki»; da» Hie bei anderen Mystikern so auch hei ihn einen Wende- 
funit bildet ^.- er lä^st i-on den strengen Ablöliingen ab, um in die hohe 
Schule drr coUkominenen Gelassenheit einzutreten, die vor allem darin 
liateht, fremde il'iderwärtigkeit *), Verschmähung und Verfolgung 

') Z. B. 63S.lä ferwürtzt; 539,13 gulllich läs Adjeklio .- 539,17. 543,12. 
nintilulbeii; ä41,8 hemog; 511,11. 14 pfeller, -lieh; 643,13. 645^. 

wwse (vgl. dagtgm :>73,6. 320,1(1}: Höß entachöpfen ; 5*5,15 kleckeii, 

i; 546,6 erbimnen; 54H.15 wäff, 550^) wiifen; 647,11 berlichi; 5i7,3.'i 
AI» tachliehe Divtrgtns von aUerdings nicht grostfr Bedeutung 

M noU^tn, dose noc/t Minneb. 546,36/. Maria unter dem Krfuzr beinaht, 
I Bdno äli9,21f., XiO,32ff. wirtlich ohnmächtig irurdr. Die Meinung war 
ioMM Z*il aber diue* Punkt bei den Theologen geleilt. 

■) Darnach ist die S. 53T gemachte Bemerkung stt prüLititren. Deniftr 
1 XII hiai die Echtheit für urtifrlhafl (vgl. ders.. Das grisil. Lehm *18S0, 
i: .mÖglichfriDeise von Seasi* ; *1896, X: ,kaum von Seuse selbst veffaast'l. 
dam drr Zürieher Bs. beiliegenden Bri^e vom 9. Juli 1879 hebt er ähnliche 
W( wie die oben genannten hfrvor und vermalel, das Minnebächlein sei 
( Vmtirlitilung rint» lateiniecken Schrifichens, von rinem Schiitt-r Seuses und 
•rtw» Geiste gesehrieben. 

*) SohtiMeehthild von Magdeburg, liugabrotk und anderen. W. Wacher- 
'f *i MM in Zfda VI, SÖS die Meinung turück, als küantf der bekannte 
*•( tNi» Sehtfabinalttr auf Seutes Lebensänderung eurückgehen. Eine Spur 
fnfmi^ gieh erst in Hebels t'acelien und Kirchhofn Weiidurtmut. Vgl. 
«* J. ffdr-riHann, SehwabenspitgH 1901, 30. 

') MA {'»reehl nimmt Preger, Vorarbeiten 124ff. an, erst nach dem 
', Uhrv^ahr* seien äussere Leiden aber Sense gekommen. So exklun'v können 



J 



M 



112* Einleitung, n. Seusea Leben und Werke. 

mit Geduldj ja mit Freudigkeit aufzunehmen (Kap. 19, vgl, oh 
S. 90f*). Erst wenn er dies gelernt, kann er den geistlichen BitU 
schlag empfangen (55,10 ß'.). Dreierlei Leiden besonders werden Sei 
vorauscerkündigt: Untergang seiner weltlichen Ehre, Untreue und Lii 
losigkeit seitens der Freunde, innere Trostlosigkeit und Verlassenk 
Und sie kommen auch wirklich über den armen Mann in einer Men 
und in allen Formen, so dass sie ihm etwas Alltägliches in seim 
Leben werden und er ihr Ausbleiben als etwas Ungewöhtüid 
empfindet (82,22 ff.). Mit ergreifenden Zügen erzählt er in ä 
Vita eine Reihe seiner schmerzhaften Erfahrungen: er wird fl 
Diebstahls der wächsernen Exvotobilder in einer Kapelle und ö 
Betrugs mit einem blutenden Kruzifix beschuldigt (Kap. 23), m% 
seine eigene Schwester, die in Sünde fisl, unter Schmerz und Schan 
ins Kloster zurückbringen (Kap. 24). kommt zur Pestzeit als angi 
licher Brunnenvergifter in Todesgefahr (Kap. 25), hat ein gefäl 
liches Abefiteuer mit einem liaubmörder im tiefen Walde zu besteh 
(Kap. 26 )f wäre bei einer Pastorationsfahrt einmal beinahe im Rh 
ertrunken (Kap. 27 ), wird wiederholt auf den Tod krank (Kap. 
und 30); adelige Herren wollen ihn töten, weil er ihre Töchter u 
Geliebten zum geistlichen Leben verfuhrt (Kap. 28), desgleichen o 
ungeratene Sohn eines Chorherrn, weil er sich durch ihn finanziell i 
nachteiligt glaubt (Kap. 43); er muss von seinen Klostergenossen Schmd 
ung und Beschimpfung leiden (Kap. 29; 145,23 ff.) ^ von anderen ül 
Nachrede erfahren wegen seines Verkehrs mit den Sündern (Kap, 39 
Das Schlimmste aber geschah ihm von einem teuflischen Weibe, das i 
der Unzucht beschuldigte (Kap. 38) und dadurch weithin in Verr 
brachte. Durch diese Flut von Leiden hindurch ward Seuse e 
,gelassener' , ,durch geübter^ Mann; Friede und Freude in allen Dinff 
war ztdetzt der Gewinn, den er aus allen Heimsuchungen zog (130,16 ff 
Die meisten der erzählten Leiden hängen mit der intensiven sei 
sorgerlichen Tätigkeit zusammen, die Seuse in jenen Jahren zu entfaW 
begann (vgl. 1 14,19 ff'.). (Heichsam nur zufällig wird um von seini 
Pastorationsfahrttn erzählt (vgl. 87,31 f., 117,17. 120,18 f., 153, U 
auf denen er von Konstanz aus in die Schweiz (109,31 f., 138^26 f> 
in das Elsass (75,10. 81,6), den Rhein hinab bis nach Aach 
(153,10 f.) und in die Niederlande (78,22) kam. Wir werden d 
eifrigen Mann einen grossen Teil des Jahres auf der Wandersch 

aber seine Worte nicht gemeint sein; vgl. 23,11 f., 64,26. 68,17 ff., 143^13; H 
112 ff. Nur im Unterschied von den selhstgewdhlten Leiden, die jetzt aufhör 
i<ind die ffemden Heimsuchungen ao betont. 



Seuse« Leiilen und Heimsucliunfit 



eelHiirnedkhe Tätigkeit, HS* 



■Anken hohen, teobei er, wie es der Beruf seines Ordens mit steh 
»kte, dem Volke in Stadt und Land predigte (v<jit. 112,24. 149,7). 
A Kar er nicht eigenüich ein Prediger und Seelsorger für die 
um, wie ein Berthald von Uegensburg, seine Domäne imr die 
eelpnntoration, für die er ein wahres Charisma gehabt zu haben 
tüU, Er verkehrte dabei in hohen und niederen Krdsen (117,'J. 
\,4ff-)> »•'' fClosterleuten und Laien, teeiss ebenso die Tirfyemnkenen 
Hockenden Herzenstünen zu gewinnen (Kap. 26; llt!,2Jf., 110,7 ff., 
l^liff.) wie amerwählte Seelen zur Beschaulichkeit anzuleiten. 
I zartem, mildes ff m« tnusste besonders für die Frauen ettvas 
lohendes haben, und an sie hat er sich me Heinrich mn Xörd- 
vorzugsweise und mit grösslem Erfolge gewendet. Seiner be- 
en Anlage kamen aber, auch die Verhältnisse seines Ordens 
m, dessen Aufgabe es unter anderem war, die seiner Obhut 
Wsteüten Frauenklfister, welche geroile in Oberdeutschlund besonders 
•tich waren*), seelsorgerlich zu leiten. Nachdem sich der Orden 
I die Übernahme der schweren Bürde, welche nicht selten die 
n Kräfte absorbierte und die Pflege der Wissenschaft beetn- 
iktigte, lange gesträubt hatte, wurde ihm die ,cura monialium' 
th Papst Kleniens IV 1207 definitiv übertragen^). Die Prediger 
men »ich nunmehr mit allem Ernste der Angelegenheit an, und 
■ Karen es in der Hegel die gelehrten Brüder, Magistri und 
i der Theologie, welche mit der geistlichen Leitung der viel- 
I hochgebildeten '), zum guten Teil aus adeligen Häusern stammen- 
' Nonnen betraut wurden^ Es ist durch Denifles^) Vnter- 

') In d'r Proeins Tiulonia wnivn en zu Beginn des 14. JH. 70 Donini- 
m^nen- und 46—48 Dvminikanrrklöeter (Archiv II, G43I. Dir ohnthin 
IK kok* Konaaltahl (M) der Nonnen in den eituthten Klnslem irurde oft 
MAritlM; tu u:aren t» in Öterthach tä86 J30 (Freffrr II, 366), in Töts 
I Hfirf J366 ea. Km Schwestern (Itfg. Ep. CmuU II n. 177, n. 5433). 

•) F^. Mortier a. a. 0. I, 3ilff., SSiff.; Dtniflt im Archiv II, 
\f.: L.itaur im Frtib. Diöc.-Arehie 1901, lHg. 4H. 

' *) Beispitlt bitten die Vilen in Menge. Viele Nonnen konnten lateinisch 
Ittr/auten asHtitthe Schriften. Vgl. Preger II, 254. 

') VgL in der InsIruktinH dei l'rniiintiaU Htrtnami von Minden (138ß 
tO) bftüglir.h der cura monialium die Vorschrift : providet*, ne refectione 
Mit (lororc«) Tcrlii Ilei, aed sicut eruditioni ipsanim convenit, per fratres 
Ho» uepiUB pr&edicetur (Archiv II, HöOJ. Die Dominikaner rerioeiUen aber 
iir Begtt nicht ttdndig am Situ der Nonnenklöster, sondern hemchten die- 
i« PIKT BMI Zeil cu Zeit . für den tägltchen Gotttsdiensi Kar gewöhnlich 
VälgeietUcher alt Kaplan mneitrlU. 
'I Ärekir II, 641ff. 

StutCt Oeulirlio ^.JiiiriDi.. 8* 




114* Einleilnug. II. Sensea Leben uni5 Werke. 

nuchunyen HfirgtsleUt, dass dieser Ums/and sehr viel zum Au/kot 
der mystische» P redigtweise in Deutschland beitrug. In Prediglitf- 
und Kollationen (\gl. Anm. zu 47,21) machten die Dominikaner die 
lionnen in deutscher Spruche mit der scholastischen und mgstischett 
Spekuhtion bekannt und hemiihten sich mit vielem Erfolge, dieselben 
nicht nur zu genauer Befolgung der Ordensregel anzuhalten, sondern 
iiuch ihrer Frömmigkeit ein gediegenes Futidament zu geben. Di« 
Probleme der Mystik wurde die erlesene und begierig aufgenommene 
Kost der Gottesfreundinnen in den Klöstern und Beginenhäusern. 
Wie andere Predigerkonvente hotte auch derjenige zu Konsian» 
eine Anzahl Nonnenklöster des gleichen Ordern zu leiten '). In seinm 
.termini' (vgl. Anm, zu 119,10) lagen im 14. Jh. die Dominikanerinnen' 
klöster zu Katharinental bei Diessenhofen, zu Meersburg. Buchkür» 
und in der Nähe davon Löwental, Münsterlingen, Habstal, Engtnt 
Siesseti bei Snulyau, und drei Klöster zu Konstanz selbst, genannt 
Wil, St. Peter an der Brücke und Zoßnyen % In mehr ah «im 
dieser Klöster wird auch Seuse zeitweilig geu-irkt haben. Näherm 
über das innere Leben erfahren wir aber nur ron Kathari 
wo im 13, und 14. Jh. eine Pßanzschtäe der Mystik war; hin 
scheinen in der Tat die Spuren seiner Tätigkeit in den LebensbÜdtnt 
einzelner mystischer Nonnen noch erkennbar zu sein "), Auck i 
weiter entlegenen Klöstern hatte Seuse Beziehungen, vor allem i 
Töss*) bei Winterthur, wo seine bedeutendste SchtUerin Eisbeth Stag4. 



') Binchof Oerhard von Konstant terkäadete 1318 »eintr GeUtlie) 
dant alle ScIitrtxUrti dts Augitstinerurdena der SnUorgt der Prtdigrr 
untrrsirhen (Reg.Ep. Conti. II. 471 n. Tfii. 

») Vgl. Quitif und Echard I, X; König im Frab. IHöt.'AnM 
Xin, 209 (aacli dfr StaHiiih den J. Meyer): L. Säur ebd. 1901, 33,4 
64, 56, 70, 81/. 

•) Bits aaek die Annahmt Baihiolds, LH.-Gtieh. der SehutiJi ÜX 
Slä, und schon Murtre 349. Es iil aber ei* heaehten, dass tcohl die mnft 
dtf in den Viten von Katharinental (ed. Birlinger in Alemaimia tS6 
ISa—Si; Auscügt bei Mut er 349 ff.) vorkommenden Nonnen cur Stuse IttU 
An StHSt f-innent Eltbeth Heimburg und EUbäh eon Mo/eJi, Adelkad Pfif» 
liart (aus Konalant) und Anna cdti Ramsieag (verkehrt mit Eekhart, w« JSStI) 
in beeuij auf die Andachten, Kasteiangen. Visionen und die sinnig« lf<A 
bttraehlung der h'chwettern leigt sieh manche Ähnlichkeit mit Sense, f 
Adelheid ist greagt (16U>: atnurs herreu fmud lietten haimlicbi und minn e& 

') Vgl, die Anm. zu flft',/ und die dort lilicrle Literatur, ferner Grti 
!i»Slf.,363ff.i Vetter, Mystiierpaar 13ff., 53 ff.. E. Schiller , Das myslm 
Leben der (M-dauschwrslim lu Töss, Bemer Bits. lltOS (nur alt MaltridÜi 
Sammlung brauchbar). In den Töasrr Yiten finden sieh i'iel« AntUogien 



^eusEH Leiden imd Heims uuhimgcti. 



eclHorgerliche Tätifrlieit.. 1 Ift* 



H.S.12i*ff.)UbU, eennutlich auch zuÖtenbach') bei Zürich, Adel- 
, ArtMÄfM*) bei Freiburg und JJnterliuden'^ zu Kolmar, — lauter 
Statten deji beschaulichen Lebens. Wie viele Verdienste Seune um die 
(fcwl zu findende Blüte der Nonuenrnysttk hat, kennen wir nicht aus- 
machen. Beachtenswert ist, dass die von seiner geistlichen Freundin 
üiabeth cerfii»ste Viteasammlung von Töss eine Reihe ähnlicher literari- 
kUt Produkte veranlasst oder wenigsUnn beeinflusst hat, die zwar 
rfiw Vorbild an Tiefe der Auffassung nicht erreichen, aber doch 
m ihrer desamtheit einen reizvollen Einblick in die reliyidstn Ideale 
»fli/ Stimmungen Jettes Kreises frommer Frauen gewähren. Adolf 
I üarnnck^) hat mit Be2Ug darauf das Wort gesprochen: „Welcher 
I äiHoriker mit hellen Sinnen wird an diesen Früchten der Mystik 
mkänahmslos oder ach»elzuckenii vorbeige/ten können, welcher Christ 
i nicht mit herzlicher Freude aus dem Quell lebendiger Ansckau- 
, der hier gesprudelt ist, schöpfen, wer wird nicht zuversichtlich 
k IJenchichtsforscher bezeugen, das« eine evangelische Reformation 
I JäOft (1300?) ebenso unmöglich gewesen wäre, wie sie um 15(K> 
treitet tear"')'^ 
Von Seuses Methode der Pastoration me überhaupt von seinem 
WfeeAr mit den Goltesfreundinnen können wir uns auf Grund der 
Vtlungen in der Vita, seiner Briefe und Predigten ein deutliches 
l machen. Weit über die schwiihifchen Lande hin und in den 



n Kykt 



•4 L^en (vgl. dU Zu»ammenHellany hei tivhilhri. Doch ist auch hier 
en, dau rieb der Hchaegtem «c/ion geatoiben waren, als Seits» nach 
f kam: jidmfall» kann man nicht gagtn ino Greith in Kath. SehwäzerH. 
', 74} dann rr di% myetiteht Schute da/ielbtt .geschaffen^ habt. Chronologisch 
tinglith i»l, aa» Greith a, a. 0. Itü meint, diiss Sevse Itl Jahre lang 
MaUr der Prinzeenti Eluheth von Ungarn (f 1336) tu TUss tear. 
') Vgl. Murrr 315, Nach der Tradition katn Seuse •ifters i 
wUotter nach Zürieh, also mohl auch nach Öimbach: Elaheth r 
iJ aiimerl gant an ihn (vgl. Prtger II, 364). 
*\ So die Annahme Kärehers 188. 

') Vgl. Ingold, Nntice sur l'fgline et h eonvcnt dm doinin 
r iBH, 33. 
*) Dogmengtschichte IIP (1S97I .W4. 

^ CKarakUrisUk und Klassifititrimg der myatischen Vitrnlilrratur von 

m/U in Lü. Hundaehau 1879, 136/. und A/da K 260: vgl. auch 

f'kitgtr, Di* OotUitfreundt J879, 337 ff. Üher das AllgemHnt handeln gut 

\ff*htil, Oeschiehle des dtseh. Volkes III, 167ff.: Pi-tger II, 363ff. und 

»tadicl di* ößers tilitrU Schrt/t von Krths über Adelhausen, die auch 

I" PAw eoR TSss, Katharinenlal, Unterlindeu und Kirchberg tum Vergldeh 

in den richtigen literarhistorischen Zusammenhang sIeUt, 



116* Einleitung. 11. Seuses Leben und Werke. 

ayistossenden Gegenden besass er eine grosse Zahl begeisterter Jüni^ 
rinnen, „geistlicher Töchter*^ oder „Kinder*^, teils in der Welt, tne 
aber in den Klöstern und Klausen (vgl. 116,23 f,, 140,17 ff.). Manc 
adelige Tochter hat er durch Wort und Beispiel für dtzs geistlic 
Leben gewonnen und bewogen, die väterliche Burg mit der Klosti 
zelle zu vertauschen (83,12 ff.). Stet^ fasst er die Beziehung a 
Seele zu Gott unter detn Gesichtspunkt eines geistlichen Liebesverhä 
nisses — charakteristisch für das Zeitalter des Minnesangs, 
von der falschen, trügerischen Minne der Welt, die mit Lieb (Freue 
anfängt aber mit Leid endet ( 455,21 ), toill er hinführen zur treu 
Liebe Gottes, die hienieden anfängt und immer und immer tvähr 
zu Christus dem himmlischen Bräutigam (137,11 ff.). Dünkte ihn j 
dass sein Lieby das er zu minnen gab, besser sei als alle Lieb die»^ 
Welt (139, 23 f.). Eine wundersame Macht muss die Persönlichkeit diei^ 
Mannes ausgeübt haben. Wir erkennen dies aus der unbegrenzten, fc 
schtcärmerischen Anhänglichkeit, mit der seifte geistlichen Töchter an ih 
hingen : sie schauen ihn in ihren Gesichten, emjjfangen Offenbarung* 
über seine Schicksale und Lei den , empfindeii selbst seine Schmerz 
mit, werden durch himmlischen Befehl an ihn gewiesen (44,14], 
51,17 ff., 117,9 ff'.). Seine Auffassung von dem seelsorgerlich 
Beruf war auch die idealste: er dünkt sich einen Kärrner Gotte 
der aufgeschürzt durch die Lachen fährt, um die Menschen aus dt 
tiefen Lache ihres sündlichen Lebens wieder an die Schöne zu brifige 
(385,24 ff., 467,32 ff,). In ihm vereinigte sich vieles, was anstehe 
musste: reiche Lebens- ufid tierzenserfahrung, die in die Tiefen va. 
Leid und Freude geschaut hat, Reichtum an Liebe und innerer Ten 
nähme — sein mildes Herz war sprichwörtlich (vgl. 117,1), — A7mj 
heit und Milde in den Anforderungen gegen andere bei grösster Streng 
gegen sich .selbst, unverdrossener Eifer, der nicht ablässt, auch tcen> 
es auf den erstell Anlauf nicht gelingt. 

Man hat öfters fälschlich angenommen % dass Seuse unter dt 
Gotfesfreunden einen besonderen Bund, die „Bruderschaft de 
ewigen Weisheit^ gestiftet habe, und berief sich zum Beweis 
dafür auf die Begeht der genannten Bruderschaft, welche sich teii 
im Anschluss an das Exemplar in den beiden ältesten Drucken 
(etwas gekürzt) und in manchen Hss.^ teils separat in verschiedem 



») So z. B, Kärcher n6f.: Schmidt 857 f. 

-) 14S:if. 103^—1 10 r; 1512 f. 146*— 51^; Diep.* 4if6—604. 



SoüBes Briefe und Predigten. 117* 

Hw, ßndtn^). Allein jene Annahme hing zusmnmtn mit der früheren 
iTTtämlichen Anschauunff, als ob die Gotte,i freunde eineti Geheimbund 
«i( Kpnrniistischer Tendenz gebildet hätten^). Sie hat auch an dem 
Texte dtr ,Brudefscha/t' keinen An/iiill.*i»inkt. Die deutsche Fassung 
dtrselben ist, wie eine Reihe oun Hss. und die Drucke anheben '), 
nur eine frfie Übertragung eines Kapitels des Hör. (II, 7 ; vgl. oben 
i.lin^), die tpokl erst im 15. Jh. gefeitigt wurde und allem nach 
nickt von Seuse stammt. In divse Ausgabe ist sie daher nicht auf- 



V. Benses Brifre und Predigten. 

Seuees Briefwechsel ist ganz in den Dienst der Seelsorge gestellt: 
'ftttr durch miindlicke Unterweisung bei seitten geistlichen Töchtern 
iigonnen, setzte er brieflich fort; nur selten sind persönliche Ver- 
^Unisne darin berührt, rein weltliche Dinge gar nie. Wir haben es 
i^ieth Singel zu verdanken, dass uns eine Anzahl von Seuaes Briefen 
frhalten aind, und zwar nicht nur die in die Vita verarbe.iteten, die 
»ich nickt olle mehf mit Sicherheil ausscheiden lassen, sondern auch 
tine ausführlichere Sammlung von ungefähr 27 Kummern (das 
»npfüngliche Briefbuch der Siagel), und ein von Seuse selbut 
ifiütrr verunstalteter und ale viertes Buch dem Exemylar ein- 
wlHbter Auszug von II Briefen. Über das Verhältnis des Gr und 
Kl Bfb zu einander i»t schon oben S. 37* ff. das Nötige gesagt worden. 
DiV 1} Briefe, welche Seuse selbst redigiert hat, erscheinen in dieser 
infgabe zum erstenmal in ihrer ursprünglichen Gestalt publiziert'); im 
&tm}itiir »ind dieselben stark gekürzt, mit Stücken aus anderen Briefen 
iomhiniert und so geordnet, dass darin in gedrängter Form eine 
fttUtändige Jjehre' (Hlil>.'J) von der Bekehrung bis zur höchsten 

') Z. B.ia Ui. K, R, S\ WJ, h fit. oben S. 6* f., 9", SS"}, ferner in <U„ ll^n. 
« tHuien M S77 Bl. 83—89. Htiddb»r,j, Cod. Pal. gervi. 57() Bl. 104—10: 
Svbmht, Cod. Lichttnt. oy ; Maihingtn III 1. 8" Sil : München Cgm 405, 
l^.m.- Niii-nbtrg Cent. V app. Bl Bl. 3—22; Cent. VI, 44 Bl. 196—303; 
CbB. vi, si Bl. 131—44. StmÜkli* Es», gehüren dem 16. Jh. an. 

') Vgl die Anm. tu 34,10; Btnifle Ü37f. und oben Ä .99*. 

'i In dmt hritek von 1482 sieht f. 103": Das heruai'b gefcLribeu «l^t 
** in *e teÜUche braucht von der weiszheit bfli-he. in latPin. 

'I In Pregtre Amgab» (Ibti?) «tW difstlbeu in der Eeeenaion ilr/i 
f^ 9fgebm, vgl. oben A'. ~'i", 26". 



118* Einleitung. 11. Seuses Leben und Werke. 

Stufe des rnysii sehen Lebens geboten wird^). An Elsbeth sind sieht 
drei Briefe: ^Hgra sunt (Nr. Xllbezw, III), Annuntiate (XXbef^i 
VIII) und Pone nie (XXVI hezw. XI) gerichtet% letzterer jedot 
nicht an sie allein, sondern als eine Art Zirkularsekreiben ziigleic 
an andere Nonnen in Töss (vgl. auch die Anm, zu 479,13), Übe. 
die Adresse der anderen Briefe Uisst sich nichts Genaueres sagen, 
sie sind wohl sämtlich an Nonnen gerichtet und setzen zum Teil sehr 
verschiedene Charaktere und Verhältnisse voraus; Nr, I, III, T/, 
VIII, IX, XI, XXI, XXIV, XXV sind für mehrere bestinmt, 
Nr, XVII und XVIII für dieselbe Empfängerin (vgl. S. 40* Anm. 2). 
Die Echtheitsfrage braucht bei der weitaus grössten Zahl auch jener 
Briefe des Gr Bfb, von denen nicht Stücke in das Kl Bfb auf 
genommen worden sind (Nr, 1, VII, IX, X V, X VI, XX V), schwerlich 
besonders erörtert zu werden, denn sie tragen fvach Ausdruck und 
Inhalt das Gepräge der Susonischen Autorschaft an der Stirm» 
Zweifel dagegen kann man hegen bei Nr, XXIIl Exivi, Nr. XXV 11 
Cum essem parvulus und namentlich bei Nr, XX VIII, dem hier 
erstmals edierten Testament der Minne (Minneregel), Brief XXÜI 
ist eigentlich eine Predigt ^) und weicht in seiner aphoristischen Fort^ 
und sei^nem stark mystischen Inhalt von den übrigen Briefen ab; doch 
ist es wohl möglich, dass Seuse einmal eine seiner Predigten im Auszug 
als Brief versandte. Zudem ist das Stück in sechs Hss, in eng^r 
Verbindung mit echten Briefen übeiiiefert. Wir sind also tPoU 
berechtigt, die Echtheit anzunehmen. Dasselbe gilt für Nr. XXYIl 
worin detaillierte Vorschriften für das Verhalten einer jungen Honne 
in einer zu Seuses Art wohl passenden Fonn gegeben fverdef^' 
Schwieriger ist die Frage zu entscheiden bei dem Testament dif 
Minne, Gewiss ist es ein sehr interessantes Stück, von einer Gefühls- 



^) Brief I—V befuindeln die Anfangsgründe des geisiUchefi LeheMi i^ 
kehr von der Wdtf J^^estigkeit gegen die Versuchungen, Geduld im Leidifh 
Br. VI die V^orbereitung auf das Sterben, VII gibt Vorschriftefi für ^ 
Vorsteherin, VIII — X enthalten Verhaltungsmassregeln bei mystischen Et^ 
fahrungen, XI empfiehlt Verehrung des Namens Jesu und eifriges Gehet üJ^ 
, Krone aller Übung''. Vgl. auch oben S. 39*—4:ti^. 

-) Vetter, Mystikerpaar 62 findet mit Unrecht einen Widerspruch 
zwischen 393,8 und 194,14 fi',, denn das jungst an ersttrem Ort ist nicht zeiÜM^ 
sondern lokal gemeint, in Hinsicht auf den an letzter Stelle im Bfb stehende^ 
Brief Pone tne. 

•') Vgl. namentlich die charakteristischen Eingangs- und Ubergang$ 
fitrmeln (473^0. 10, 474,1. 7) und den nur in U überlieferten Schluss (476,1 
bis 19). 



Seosea Briefe «od Predigten, 



119" 



iciirme und amr dichterisch gehoUenen Dar^tfllumj, wie sie in der 
myiHechen Korrespondenz kaum ihrenyleicken findet., und zHyt sehr 
titli Anklänge an Seuse, altein die Bedenken gegen die Echtheit von 
»ilen des Gesnmtcharakters, des Stäes und [i'ortifchatzes sind so 
>tin-k, dnne wir es hei einem non liquet bewenden lassen müssen^). 
w nicht von Seuse selbst, so ist der Brief jedenfalls ton einem 
ihm nahestehenden Mgstiker verfamt. 

Ihrem litcrarit-chen Charakter nach sind die Briefe Seuses, 



} Leider Kurdt vern&unit, S. 4S6 eine dicsbezffyliehe Bcmtrkawg mu 

"atktn. J>as« dtr Brief »thr »lark an Seane erinnert, litgt auf der Hand: 

■ All Aimerkungm tat die starke, teilweise wöriticite Benütiung von Brief 

j nU, XII, XU' und XXVI des Gr Bfb und sonstige Anlehnuttg an 

mSta» SchriflsH nachgaoUsrn. Die Entlehnungen sind nicht bloss äasser- 

aitgektiht, »ondem organisch mit dem Ganren verbunden, Ks ist sthtner 

la vrralihtn, m« ein »o hochbegabter, dichterisch veranlagter Mystiker, als 

I «rfcA«B sieh der Schreiber des Briefes ausweist, der in hohem Alter, unmittelbar 

I Tode siebend, tum tetilenmal seinen gtislUehen Töchtern aekreibt 

wd ihntn die Summe stimr Lehren sieht, dasukam, die Briefe eines andern 

(" ttark tu plündern ! Man ist an mittelalterlichen Plagiaten tnanches gewähnt, 

«htr hier stehen wir vor einem psycholoifischtn Rätsel, Und doch virbittta 

thitm Beäenien, die Echtheit ohne weilrres amunehmin (Professor Dr. 

Straueh-Balle hat mich durch giltigf briefliehe Meinungsäusserung in deii 

ISedtnien bestärkt). Dtr gance To» des Briefes ist überscbwänglicher, s&ss- 

UrÄ», als man es bei A'euse gewohnt ist, and näheii sich der Art Heiniichs 

I *•■ SSrdlingm : milunler wird der Stil tändelnd, spielerisch und durch 

' Ührrmass des Gefühls unklar. Der Wurlsckals erigt eine lieihe von 

ücktn, die mir sonst liei Seuse nicht ßndm, s. B. dSH.lS minnendiep ,- 

/. iiiii'esatl« wise (klingt mehr Taultrisch .') ; 469,^ gefüllich; 493,6 quit/ 

b minnenfiDg'erUü ,- wohl späterer Sprachgebrauch sind: 467,13 lutopeD und 

I, 4i/U,J gemHUe, 433,13 wettelöf ; das unedle Bild von der griebe (491,301 

b Stuses Feinheit nicht gut an fduclt vgl. Hermann viin Fritdar 63,29 und 

Hfftrs Aam. S. 431), die Ausdrücke i93,Gf. sind zu stark und su un- 

■ f-ir ihn. Bedenklicher ist noch der viermalige Gebrauch der Phrase (der 

I wl winli^) nin gottes und der junekfrowen (466,7. 469,ä. 24. 493,3), die nicht 

mtieli ist (über da» Vvrkommen des Ausdrucks ,der megde kint^ und tlhn- 

l W. Grimm, Goldene Schmiede XLVlIlf: Jostes, Die Waldenssr 

ii eorlutherischf Bibrlübersetsung ISeS, 37; ders., Dir Trpler Bibrlüber- 

l löse, aiff.J. Auch was 4S7,lSJf. über den Empfang der Kummunion 

ist. findet sieh sonst nicht bei Smtst, dagegen ähnlich wohl bei Tauler, 

itniflt Bvga XXXIVff. Man kBvnte darauf hinrceisen, daas die 

n Sritfe Stusts aus jUngeren Jakren stammtn und daher markiger und 

r sind, dieser leiste dagegen die Abnahme der geistigen Kraft in Stil 

tt ium Ausdruck bringt . Aber schicclirb sind damit die Unterschiede 

etid trUari. 



120* Einleituiig. IL Seuses Leben and Werke. 

wie namentlich Strauch^) und Steinhausen'^ hervorgeholt 
haben, nicht Briefe im modernen Sinne des Wortes, sondern gei^ 
liehe Sendschreiben y religiöse Ansprachen in Briefform, Als altes 
lins erhaltene eigentliche Brief Sammlung in deutscher Sprache A( 
die Korrespondenz Heinrichs von Nördlifigen mit Margareta Ebn^ 
zu gelfe7i. Von diesen Btiefen heben sich Seuses Schreiben ab dun 
verhältnismässige Annut an persönlichen Beziehungen und durch et 
weit geringeres Mass an kulturhistorischem Einschlag, stehen abi 
hoch über ihnen und nehmen ihrer Empfindsamkeit und Übe 
schwänglichkeit gegenüber ein durch Tiefe und Echtheit der Empfindun 
durch anmutige, hochpoetische Sprache, die „oft von wunderban 
Schönheit''^) ist (tgl. z, B. Brief XII, XIV und XV des Gr Bfb 
Ihr hoher Wert ist tätigst anerkannt utid gebührend gepriese 
worden*). Preger'^) sagt mit Recht: es sind Pastor albriefe, tc 
sie besser das Mittelalter nicht hervorgebracht hcU, voll seelsorgerlicht 
Weisheit, die uns Betvunderung abnötigt. In hohem Grade besit 
Seuse darin die Gabe der Unterscheidung d^r Geister, die jedem di 
zu raten weiss, was nach seiner Individualität und Lage das Hei 
samste ist: er warnt vor Halbheit und straft die Lässigen, ermunte 
die Zagen, tröstet die Leidenden und Sterbende^i, hält die Ungeduldige 
zurück, jubiliert über die Bekehrten, gibt weisen Bat für d^n Gt 
brauch der mystischen Gaben. Einige Male macht er auch gam 
konkrete und ins einzelne gehende Vorschriften für das Verhalten 
seiner geistlichen Töchter (Brief II zweiter Teil und XXV JI im 
Gr Bfb). Es sind intime Schilderungen des Seelenlebens von hohem 
psychologischem Reiz, utid seine Worte haben hier eiyie noch grössere 
Eindringlichkeit als in seinen anderen Schriften. 

Von Seuses P redigt tat igk ei t^') sind nur spärliche Beste 
erhalten. Ohne Zweifel hat er auch als Volksredner seine hohe^ 



') Marg. Ebner LXIIf, 

') Geschichte den deutschen Briefes I (1869) 14 j\ 

•) Steinhausen a. a. 0. 14. 

*) Vf/l. namentlich Preger, Briefe 20ß.; Mystik II, 366 ff.; Denifi 
XXVIf : 'Seeberg 64f.; Böhrinyer 425—31: Thiriots franz. Ühn 
Setzung (s. u.) /, LXVIf. 

'•) Briefe M). 

•^) Vgl. über Seuse als Frediger besonders Bö Jtr in ger 431—36; Cr HC 
Gesch. der disch. Prcdif/t im Mittelalter lS79j 397 ff. ; Linsenmayer, Gesc* 
d$r Pndiijt in Deutschland usw. 18S6, 433-36. Sehr mangelhaft lUstoriH 
orientiert ist F. U. Albert, Gesch. der Predigt in J)eutf<chland III (1896) 16üj 



Seuacs Briefü und Predife'teii. 121* 

GiiIkii nicht verieugnet und icar beim Volke beliebt und kochungexehen '); 
äieiit keine einzige vor der Menge gehaltene Predigt ist uns über- 
Sr/til. Uns wir besitzen, sind einfache, in NonnenklÖslern ge- 
hdkne und von den Zuhörerinnen aufgezeichnete Hotnilien, die ähn- 
lichen Inhalt wie die Briefe haben: Aufforderung zum Verlassen 
<iir Weit, zitm Absterben feiner selbst und zur gänzlichen Hingabe 
1 Gott. Sie richte» sich nicht an die Gesamtheit, sondern an das 
taiulne Indiciduum, das sie belehrten, antreiben, trösten wollen. Am 
ii\ti.tten praktisch gehalten ist die erste Predigt, welche auch die 
müeite Verbi-eitung gefunden hat, während in der dritten das mystische 
\B(inmt eorwiegt. Nach der formalen Seite hin entbehren die Predigten 
<■ streng logischen Gliederung der Gedanken, zwischen Text und 
besteht nur ein loser Zusammenhang, eon Schriftstellen ist 
Srlich Gebrauch gemacht; im übrigen aber eignen auch ihnen die 
^lutigen Vorzüge der Susonischen Diktion: warme Innigkeit und 
hthrndigkeit der Sprache. Im ganzen kann man es als eine der 
Tauterischen ähtUiche Art bezeichnen, die uns in den Uomilien ent- 
Stgtntriti, obwohl Seuse, wenn wir nach den geringen Fragmenten 
urleilm dürfen, Taider an rednerischer Kraft und allseitiger Kentttnis 
und Beimchtung d(» Lebens nicht gleichkommt*). 

Die mangelhafte Überlieferung der Seiise-Predigte» ist schon 
öifii .S. 27* f. erwähnt worden. Erstmals wurden die Eier in dieser 
Aiugabe stehenden unter denen Taulers 1543 gedruckt, aber erst in 
irr lateinischen Obet'tragjing eon Seuses Werken durch Surius (Köln 
~U6ö5J erscheinen sie unter seinem Name». Die Echtheit der ersten 
Wr*digf ,Ltctidm noster fioridus' ist gesichert, da Seuse sie selbst in 
r Vita 1.31,29 zitiert'^), und auch bei der eierten ,Iferum relinquo' 
T — von dem Anhang in der Taulerausgabe abgesehen, vgl. 
< Bemerkung S. 53(1 — nicht ernstlich daran zweifeln dürfen, da 
t einer Bs. dre 14. Jh. unter Seuses Namen geht (vgl. S. 28* f.) 
i 532,14ß'. eine auch in der Vita Kap. 19 vorkommende Erzählung 
fifdiTgegefien (sC), Bei der zweiten f,Miserunt Judaei') und dritten 

') S*iH Andenken lehlt im Volke fort, vgl. die ahm S. i>9' A. 3 cilierlcn 
Muldof«H, vomach er neine lUdt mit dnii Sauten dee Winde» m virgleiche» pjleglt. 
*l Linginmaycr a.a. 0.43li ui-Uii! zu günttig aber Senat, ictnn er 
■ atff TauUr Metlt. Vgl. auch Prtger 111, Ulf.r Uenifte, Tauters 
^Anmg 72ß. 

'< Mine mijKtUche Predigt Über dtmtlhen beliebten l'ixt in einer ilam- 
<^ir ä». tititrl Horchling, rraltr lUifthtrichl 131,(f.: vgl. aueh Schulze 
^ZKhr./.Eirchtngeseh. Xt. 610 , Traktat Veglus). 

■) LitiUrt» Argamtnt war» für sich allein allerdings hui<n beirtigend. 



I 

J 



122* Einleitaug. II. SeiiseB Leben und Werke. 

(,Exm a patre') Predüft Jedoch kalten nich die Gründe pro 
contra xo ziemlich die Wai/e: sie zeigen wohl manche Berührungen 
mit der niertent Prediijt und mit anderen Schriften Seuses 
den Nachweis in meinem Kommentar), aber es findet sich in 
manches FremdarUye im Inhalt und Ausdi-uck, und auch mit Prtr> 
digimi Taulers ist die Ähnlichkeit nicht unbedeutend. Es wird dahn 
geraten sein, die Frage in suspenso zu lassen, zumal auch eine hani 
schriftliche Bezeugung für Seuse fehlt'). Diepenbrock' f><l4^9. 
hat nach Taaler 1543 f. 141^—42'*' (Frankfurter Ausg. n,309ff.}i 
als Kr. r eine weitere Predigt ,Lnznriis mendicnns' auf den erat» 
Sonntag nach Trimtatls; dieselbe ist aber offenbar unfcM, da «» 
sich im ersten Teil als ein Auszug aus Kap. fi den Bdew (219,13 
bis 222,17) und im zweiten als Bearbeitung des Briefes II (Hegmm 
mnndi) aus dem GrBfb erweist^. Eine sechste Predigt: ,Ego » 
jiontor bonuü' auf den zweiten Sonntag nach Ostern, bei Tauler f, 
!}S~_(j(j« (Frankf. Ausg. II, 51 ff.; vgl. Diep.' 597 Änm. 1), hm 
ebenfalls auf Echtheit schwerlich Anspruch erheben, da sie m 
Überarbeitung des siebten Briefes aus dem Kl Bfb ist, mit i 
fägung einer Einleitung^). 



') Denifle, TaitUr» BekthruMj SU mcml, iHe eu-citt Prediyt nd noA 
li'lil und Inhalt Taulerigch, auch weür die folgende l'redigl lEgo nitx clantaMtii 
(lö43f. aS-*) auf die Predigt Mi»ei-uni surück. Ob aber äitse Vtatotitm, 
ist? Ute EMeitungtn manchrr Taala-predtgte» sind interpoliert oder 
haupt erst »päter gefertigt. 

*) Nicht au»geachlng»tn ist Jedoch, da»s ein in der Mitte stehtndet U 
BrucliitäeL wil/ekannlrr Herkunft, schwungvoll und durehteeff gerätnl, auf St 
euräclcgeht. Ich lasse e» dnher hier abdrucken (Tauler f. 141'*): Dainmb, lia 
kiniler, verlawet die weit lilosz, «tan sie ist bo gar trüwelofixr ir «oUniti 
tinreinigkeit, ir rat iHt liofTart and ^citzigkeit, ir dieiist ist sUesx, ir In i 
kranck, ir bli'm ist aohon, ir fimcht ist stanck, ir sicberheit i»t TeiratiniKi ! 
hülf ist Vergiftung, ir vt^rheiHcbeo ist liege», ir halten i«t triegen. Ffir ft 
gibt sie reflw, schände für ere, falachlieit fdr Lreüw, für rf.icheit gibt üc g 
tinndt, fflr ewig leben den ewigi-n todt, dann wer in diser leit erkuiat liut' 
weit, da er got mit rorlnist, wenn es dann koml ans (fchcideu, ao mft 
derben alle<r) bnden. Et gedenkt nicht, wie lustig es da aei» nag, da ti 
jar ist ein tag; bei das es ist zu scinl?), uldB(r) da eine nacht iat t&aia 
und niiuiner hoI werden morgen, vnr diaer nacbt stet uns wul kS sorgen. 

") Hier einige ireilere Noiiiren über verschiedene fredigttn, die tek« 
.Veu« t» Anspruch genommen trord'" tind. Nielti .Seuse» Stil ttigt (iw 1 
Jostes a. u. (I. 103 — 6 auf einer F'rtibarger iSvhu'riz) Hs. publititris 1 
Coneditc atuid . . habent bochzit und Wirtschaft , . (dimtlbe in 
Ähtchrift in Berlin, Ms. gtrm. quarto 344 Bl. 31b— 2fJ: nach riner Nötig A 
in »einer ,Harmo»ia' f. QT- gtdruikll, dir der Herausgebrr mit Rtstre* ihm I 



Verkehr mit anderen Mystikern. Elsbeth StageL 123* 

Tl. Verkehr mit anderen Mystikern. Elsbeth Stagel. 

Wir werden anzunehmen haben, dass Seime mit ehier Reihe 
migeniAssischer Mystiker , die fast alle seinem Orden angehörten, be- 
kannt und befreundet war. Ausser Eckhart ist aber nur einer in 
seinen Schriften mit Namen genannt: der ,heilige Bruder^ Johannes 
der Fuoterer^) von Strassburg (23,1, 13 ff.), der 1325 als Mit- 
^lied des Basler Predigerkonvents ^mchgewiesen ist und aus angesehener 
Strassburger Familie stammt; genaueres über ihn wissen wir nicht, 
und von seinen Predigten sind nur unbedeutende Spruche erhalten, 
die van seiner Bedeutung keine Vorstellung geben (vgl. Anm. zu 23,1). 
Dm SeuM auch mit Tauler befreundet war tmd dass sich ihre 
Lebenswege mehr als einmal kreuzten y ist so gut tcie sicher. Wahr- 
^heinlich haften sie einander schön beim Studium in Köln kennen 



w»>«n möchte. — Dia Predigt Audi lilia . . hör tohter min . . In den heiligen 
Mtertagen nach metten . . (der Anfang aus einer Mainzer Hs, von F, W, E. 
Uihin Germania 1892, 200 f. gedruckt, vgl. auch Denifle, Luther T, 309, 
375; dieselbe Predigt steht in zwei Nürnberger Hss. : Cent. VI, 46^ Perg, 14. Jh. ; 
Ctnt. VII, 20 Pap, 15. Jh.; identisch ist damit wohl die bei Borchling , 
1. Reisebericht 100 ff. 315 zitierte Predigt einer Hamburger Hs, ; eine Predigt 
w Versen über denselben Text im Besitze Eoths, vgl. Germania 1892, 285) 
f^nert in ihrem schwungvollen Eingang mit der pnlchfigen Naturschilderung 
w^ an Seuse, ist aber in der Fortsetzung, die vom Klosterleben handelt, wesent- 
^h nüchterner. — P reg er I, 217: II, 28 ff, will in dtn Traktaten V—VII 
^^Pfeiffer, Mystiker I, 361 ff, Seuses Art ßnden: Strauch in Afda IX, 
^^Ä/. schreibt sie aber nach genauerer sprachlicher Vergleichung me der Heraus- 
?'W mit Hecht David von Augsburg zu. — J)ie , Predigt unserer liehen Frau 
"» Bruder Heinrichs Person auf dem Hofe zu Köln^, ivelche in sehr vielen Hss, 
^rkommt (gedruckt in Pfeiffers Germania III, 242), ist nicht, wie z. B. hei 
^Qckernagel, Altdtsch. Pred, 377 angenommen wird, von iSeuse, sondern 
^on Heinrich von Löwen, vgl, Preger II, 131; Strauch in Alemannia 
'^-V/, 16. -— Über zwei Predigtfragmente in der St. Galler Hs, 970 s, oben 
•^■.^^•. — Ch. Th. Murr, Memorahilia hihlioth. puhl. Norimberg, II (1788) 
^^ notiert eine Hs. der Nürnberger Stadthihliothek (aus der Biblioth. Ebneriana, 
^fiiher Imhofiana) N, 67 Pap. 4°, entlKiltcnd ,Concione.s de tempore, dt sanctis 
^ (jmdragesimale Henrici Stisofiis 0, Pr,^. Die Angabe dürfte wohl auf einer 
^fnetchslung beruhen; die Hs. selbst ist in der Nürnberger Stadthihliothek nicht 
wAr zu finden. Übrigens bemerkt auch B. Braun in seiner Ausgabe des 
l'ff. 1724, LI, (rottfr. Olearius verzeichne in seiner Bihl, Script, ecclesiast. I, 
?7 Sermonen de tempore, de sanctis et quadragesimale von Suso, und er fügt 
nzu, van diesen Predigten befinden sich zwei Hss. aus dem 14, Jh. mit he- 
tchtiichrn Fragmenten in der Imhofschen und Thomassinscheii Bibliothek zu 
hiiberg. 

*) Denifle 36,336 hatte ihn aufamjs, von K. Schmidt verleitet, Tucrtr 
)annt, aber die sichere Lesart ist Fuoterer, 



124* EinleituD^^. IT. Seuses Leben und Werke. 

gelernt ^), und wenn Seuse ,7iach seiner Gewohnheit^ öfters nach StrasS' 
bürg fuhr (81,6), so wird er dort wohl auch mit Tauler zusammen- 
getroffen sein. Das Hör. Sciises besass Tauler, me schon erwähnt 
(S, 107* f.), bereits wenige Jahre nach seiner Abfassung. Freund und 
Gesinnungsgenosse unseres Mystikers war auch Heinrich von Nord- 
lingen, der geistliche Berater der Margareta Ebner, von dessen 
Verhältnis zu Seu^e später noch die Bede sein wird. Als Charakter 
wie an Geist und allseitiger Bildung steht Heinrich nicht so hoch 
wie Seuse, er war eine allzu weiche und etwas oberflächliche 
Natur'). 

Die folgenreichste Bekanntschaft, die Seuse in den Jahren seiner 
seelsorgerlichen Tätigkeit machte, war die mit der begabten, ihm kon- 
genialen Dominikanerin Elsbeth Stagel^ zu Töss, die bisher 
wiederholt schon zti ei^ähnen war. Wahrsclteinlich trat er um 
1336/7 mit ihr in Verkehr, denn damals lagen seine strengen Kastei- 
ungen schon einige Zeit hinter ihm (vgl. 1(>7,J9J.). Elsbeth stammte 
aus altem, angesehenem Züricher Geschlecht^). Sie war noch eim 



») Vgl. Preger III, 93 ff. 

*) Strauch, M, Ebner LXXIff. Ute Offenbarung der Christina Ebner ji 
über einen gewissen Heinrich , dessen Name mit dem Taulers in den Himmd ^ 
geschrieben sei (Lochner 34), bezieht sic?^ sicher auf Heinrich von Nördlingei^ A 
nicht auf Heinrich Seuse; vgl. Strauch a. a. 0. LX; Denifle, TauUn ^ 
Bekehrung ^öff'. J)er Irrtum findet sich auch in der Vorrede zur TauUf' ": 
ausgäbe von 1643 ^ die wohl von Canisius stammt (s. u. C V). j 

^) Vgl. Anm. zu 96,7 und ausser der dort zitierten Literatur Fregtf - 
Bnefe 15 ff.; Schiller a. a. (). 11 ff. Bei Murer heisst sie SteigUn und St^ J 
lein, bei Steill und Zittard Steiglehi und SteigUn. Ausser dem, was Seuse ti^ i 
Elsbeth berichtet, wissen wir so gut wie nichts von ihr. J. Meyer holt i0^ 
Tösser Viten in der Nürnberger Hs. Cent V, 10 ein Lebensbild der Stngelwef 
ausgeschickt {gedruckt bei Vetter 3 — 11), bringt darin aber durchaus luk$ 
neue selbständige Nachricht. j| 

*) Das Geschlecht der Stagel (weibliche Form: Staglin; ,stageV bedtutä i 
wohl Steinbock, das Wappen des Geschlechtes führte den Kopf tines sokht^ ■ 
vgl. Vetter, Mystikfrpaar 10,52) erscheint seit dem 13. Jh. häufig in Ü& 
künden (vgl. Züricher ÜB III— V passim) und iciederholt auch in Verbindmut 
mit den Klöstern. Töss und Otenbach (vgl. die Angaben bei Vetter a. a. 0.69)t 
und erlosch im 15. Jh. Elsbtths Eltern und Brüder sind, wie schon o6#* 
S. 11* f. erwähnt, in einem wahrscheinlich von ihr selbst gemachten Eintrag tP* 
einer Engelberger, früher Tösser Hs. des Bdew dem Gedächtnis empfokktß* 
Der Vater Kudolf, am Bindermarkt wohnend, Ratsherr^ empfing 132S 
Herzog Leopold von Österreich die Fleischbank in Zürich su Lehen für 
und seine Nachkommeti gegen 10 U 9 seh. jährlichen Zinses, vgl. Zürick0^ 
Stadtbücher des 14. und 15. Jh., hrsg. von Zeller-Werdmüller I {1899} 



Verkelir mit anderen M,T8[Jkerii. Ebheth SteRel. ] 25* 

Juiyt ungeübte Schwester' (98,9 f.), als sie steh hochgemuten Geistes 
m die Theosophie Eckkirt» vertiefte (97,10ff. 99,10 ff.). Da xie 
ach darin nickt zurecht/aKd, schrieb sie an Seuse, dm sie wohl bei 
dum Besuche in Töi^ kennen gelernt hatte, und bat um Aufklärung; 
tr erklärte sich auf ihre Bitte bereit, ihr geistlicher Führer zu 
«frden (08,1 — 101,28). Es entwickelte sich nunmehr zwischen den 
kiden gUichge«innten Seelen ein edles Freundschaftsverhälttiis, dos 
4mh wiederholte Besuche Seuses in Tiiss (109,31. 394,2. IS f.) 
und durch lebhafte Korrespondenz (97,19. 98,1. äl- 99,1. 10. 100,13. 
m,4. 107,1.7.18. 109,3 f. 114,10. 17. 130,28. 155,20. 194,10. 393,8; 
y. oben S. 118*), gelegentlich auch durch Übersendung von Ideinen 
Üftchenken (vgl. 107,1. 368,28. 443,19 ff.) genährt wurde und bis zu 
Elsbeths Tod, der wohl um 13ßo'), oder schon etwas früher anzu- 
utztn ist, dauejie. Seuse entwirft im zweiten Teil seiner Vita ein 
anziehendes Bild von der Persönlichkeit seiner geistlichen Tochter, 
Sie hatte nach ihm einen ,heiligen Wandel eon aussen und ein 
»nglitches Gemüt von innen' (96,6 f.) und ,wohnte als ein Spiegel 
«C*r Tugenden unter dtn Schwestern' (97,1). Mit alter Entschieden- 
wandte sie sicit der asketischen und mystischen Richtung zu und 
ife in allem ihren geistlichen Vater, an dem sie mit unbegrenzter, 
i»e ans Schwärmerische streifender (igl, 394,2ff,) Verehrung 
nachzuahmen. In der harten Schule des Lebens gereift warnte 
I» aber ehrnso vor d^n Gefahren übertnossi/jer Spekulation wie 
indiskrtter Kasteiutig und wies sie auf den Weg der Nachfolge 
[Öfwfi durch Demut, Busse und Selbstverleugnung (98,1 ff. 11)7,7 ff.). 
\Knl nachdem die gelehrige Schülerin sich in den Elementen des geist- 
iÜchen Lebens genugsam geübt hatte, hielt er es an der Zeit, sie in 
üt theoretische Mystik einzuführen, damit sie sich ,wie ein junger 
Jiifer mit den wohlgewachsenen Fittichen der obersten Kräfte ihrer 
iidt in die Hi'ike des besehaulichm Adels' erschwinge (156,3 ff.). 
^'ilo Kap. 4ti — 53 enthalten im u-esenilichen die Unterweisungen, 
^ tr ihr darüber gab. 

Elsbeth war geistig sehr regsam und wie manche Dominikaner- 
timen hochgeliildet — sie verstand Latein und übersetzte die ihr von 

' i. 1. Auch ihre Brildfr FrirdHch, Otto und Rudolf und andere Glitder 
■ QttchUehle» (Johann, Heinrich, Peter) sind im 14. Jh. u-iederholt beeeugl 
|(9l. Vtltir o. a. 0.: Zäricher .Stadthüchtr I und II [s. Begisterj). 

Sa Murer 346: Bucelinus 399. Preger, Britfr 1!>; Mystik 11, 
i( ton nnrichtigm VorauKsel Zungen nun nuf den Anfang der fi>nf.Tig*r 
pi*v, ryL dagft/im Vitier, Myltikerpanr .W. 



126* Einleitung, n. Seuses Leben und Werke. 

Seuse übersandfeti lateinischen Sprüche in deutsche Verse (S97,5ff,) — 
und hatte auch lebhaftes literarisches Interesse. Sie zeigte dies nicht bloss 
als eifrige Sammlerin und Abschreiberin asketischer und mystischer 
Traktate (96,18 ff.) und als verständnisvolle Gehilfin Seuses ,bei Voll- 
bringung^ seiner Büchlein (109,7 ), ihr Verdienst ist auch, wie schon 
erwähnt, die Sammlung seiner Briefe, und auf sie geht die Idee 
und der Kern seiner Biographie zurück. Wenn er nämlich zu ihr 
zu Besuch kam, so wussie sie ihm mit weiblicher Klugheit die Ge- 
schichte seines geistlichen Lebens zu entlocken; was sie durch solch 
,gött/iches Kosen^ (113,23) von ihm erfuhr, schrieb sie heimlich auf, 
bis er eines Tages des ,geistlichen Diebstahls' inne ward, die Au»- 
folgung der Aufzeichnungen verlangte und das Erhaltene verbrannte. 
Als er des anderen Teiles der Aufzeichnungen, den Elsbeth vermuüick 
zur Aufbewahrung anderswohin gesandt hatte (vgl. X13,24ff.), auch 
habhaft wurde und ihm dasselbe Schicksal bereiten wollte, wurde ü 
,durch himmlische Botschaft von Gott' verhindert (7,9 — 8,2). Vidi 
Jahre lagen die Memoiren bei ihm verschlössest, bis er sie nidU 
lange vor seinem Tode überarbeitete, ergänzte und als erstes Bud 
des Exemplars der Öffentlichkeit übergab. 

Ausser den geiiannten literarischen Werken ,ist von Elsbetln 
Hand noch eine Originalarbeit, eine Sammlung mystischer LebeM- _ 
bilder aus Töss, erhalten, die Seuse in seiner Vita (97,1 ff.) rühmend ^ 
hervorhebt. Wir haben darin wohl die erste schriftstellerische Leistung 
d-er Stagel zu sehen, die vielleicht schon vor ihrem Bekanntuierdeii 
mit Seuse begonnen wurde ^). Das Werk — es ist erst 1906 iw« 
F. Vetter vollständig herausgegeben worden, vgl. Anm. zu 96,7 — 
enthält ungefähr 40 Lebensbilder von meist verstorbenen Schwestern 
seit Gründung des Klosters (1233) bis gegen 1340, ufid ist teä$ 



^) Abgeschlossen aber ivurde sie wohl erst später, denn es scheinen sÜ 
in den Viten einige Beminiszenzen an Seuses Schriften zu finden (Anft0^\ 
der Viten: Estote perfecti eic. (Mt. 5j4S), wie heim X, resp. XXII Brif' 
SeuseSj der wohl an Elsbeth gerichtet sein kann: Vitefi 52,29 besses fttttWtJ 
vielleicht von Gr Bfb 443,9 ff. beinßusst; V Um 87,21 f, der Zweck der SammlMa§, 
fihnlich tvie in Seuses Bdeir 324,3 ff. angegeben). Die Ausführungen Pregifl 
Briefe 16 f. über die Ahfnssungszeit der Sammlung (ca, 1340) mögen 
Stichlich das Bichtige treffen, wenn auch seine Voraussetzungen sum Teü 
richtig sind. Ob die Legende der Prinzessin Ehbeth von Ungarn (bei retltfi 
9^ — 120), die nach dem von J. Meyer medirgegebeneti Epitaph (ebd. 121) r 
31. Okt. 1336 nach 28jährigcm Klosterleben starb (die chronologischen AngeSk 
scheinen aber nicht ganz übereineustimme^i), eben falls von der Stagei wrft 
ist, l^sst sich nicht sicher nagen, vgl. Vetter a. a. O. XVIII f. 



I 



Die Jahre dee Eiiis (!*<»— W)- i^eiiae ala I'rior. 127* 

S tigentn Wahrmhmangen Elsbeths, teils nach mündlichen und 
Mißlichen Berichten anderer nbgefa»st; unter den gleichartigen Pro- 

duÜemeichnet e» sich durch gewandtere Darstellung und tiefere Auf- 
faaung aus und gibt ein anschauliches Bild von dem kochentteickellen 

rtijgiönen Leben jenes Klosters. „ Wir finden in diesen Schilderungen 
jugendliche Gestillten voll frischaufknospemler Gottesminne, lernen 
fine Reihe adeliger Witwen kennen mit den ofl ergreifenden Er- 
hkrungen ihres Vorlehem. Wir vernehmen von den hohen Eigen- 
Kkafteu einer Anna von KUngnau und einer Jtitzi Schitlthess , rou 
JrH besonderen Tugenden eitler Bell von Liebenberg, von der chor~ 
mi predigteifrigen Gutta von Schönenberg und Margareta Fink, die 
vir tin irdischer Engel unter den Schwestern wandelte. Wir wandern 
mt den Schwestern ins ,Weykhaus', wo xie ihren Flachs sfiannen 
t«ä dabei fröhliche Lieder sangen, ins Schreibzimmer, wo unter Leitung 
^ats Sueo viele Schwestern ßei.isig waren, Bücher abzuschreiben oder 
telbst abzufassen, in den Chor, wo Schwester Metzi von Klingenberg 
iit Mesiyesänge mit herrlicher Stimme und tiefer Hükrung sang, ins 
Siechhous' mit seinem erfinderischen Reichtum nn Liebeswerken, Das 
rührendste und ergreifendste Bild deutscher Mystik zu Töss, lieblivh 
Vit ein junger Maienmorgen, fieckenlos wie eine Lilie, aber ist ElsbeÜi 
'<n Ungarn, das i'on seiner Stiefmutter ins Kloster gestossene Königs- 

vui' '). 

TU. Die Jahre des l^xila (1339—46). Seuse als Prior. 

Bis Ende des Jahres 1338 war Seuse, von seinen Pastorations- 
t Miesionsfahiien abgesehen, in Konstanz geblieben. Aber nun 
I unruhige Zeiten infolge des schärferen Vorgehens Ludwigs des 
Die Erkiärung der ünuhhängigkeit des deutschen König- 
I com Papste durch den Kurverein zu Eetise (16. Juli 1338) 
ntf Ludwigs Stellung bedeutend, so d(is.i er es wagen konnte, auf 
\ Reichstag zu Frankfurt (6. August 1338) die 'päpstlichen An- 
leA« auf Übertragung der kaiserlichen Gewalt zurückzuweisen und 
Wich die fernere Nichtbeachtung der Exkommunikation und des 
fnierJikL- , sowie die allgemeine Wiederaufnahme des 'öffenüicheu 
iftes bei strenger Strafe zu befehlen. Dir. Bürgerschaft 




'. t'inke, Geiietisebt und klrrikaU GttehichUnuffasnung, Jane Ai 
r. Lamprrcht 1867. 17: vgl. auch Hiit.-pol. Bl. IS63 1, ä;!. 
'} Vgl. tarn /oliirnd'it K.Mäli.r a. a. 0. 11 t IStHil ?Bf..- A/igmin 
l O. //?/. 



U 



128* Einleitung, ü. Seuses Leben und Werke. 

zahlreicher Reichsstädte unterstützte nein Vorgehen tatkräftig, l 
Konstanz wurde der Geistlichkeit bis Oktav von Epiphanie (13. Januar 
1339 Frist zur Wiederabhaltung des Gottesdienstes gewährt; sie ga^ 
dann auch zum grössten Teil gegen den Willen des Bischofs dem Druck 
der Bürgerschaft ncwh. Über die Schicksale des dortigen Prediger 
klosters sind wir durch den Chronisten Heinrich von Diessenhofen^l 
der als Domherr zu Konstanz die Ereignisse miterlebte, genau unten 
richtet. Die Konstanzer Dominika/ner fügten sich, von vieren a^ 
gesehen, welche, dem Prior ungehorsam, ^profanierten', dem Oebai 
des Rates nicht und mussten daher die Stadt auf zehn Jahre «?#/• 
lassen; acht derselben fanden in Diessenhofen unweit Konstanz, wok 
bei den befreundeten Dominikanerinnen zu Katharinental (s. oben 
S. 114*), die übrigen ausserhalb der Stadt im Schottenkloster ein Unter- 
kommen. Die Diessenhofer Verbannten führte der neugewählte Bischof 
Nikolaus Pf ef erhart (1346—51) am 25. Apnl 1346 bei seinem feier- 
lichen Einzug in die Stadt mit zurück, und sie durften in ihre» 
Inselkloster unbehelligt bleiben, obwohl sie das Interdikt weiter be- 
obachteten und bei verschlossenen Türen zelebrierten, während die 
vier genannten ,schismatischen^ Brüder weiter öffentlich die Messe 
mngen. Doch scheinen sich die papsttreuen Dominikaner wegen dieser 
unerträglichen Sjyaltung nach einiger Zeit zu den Brüdern, wdci$ 
im Schottetikloster ivaren, zurückgezogen zu haben. Am 15. Jannaf 
1349 kehien sämtliche Prediger nach zehnjähriger Abwesenheit Ä 
ihr Kloster zurück. Doch dauerte da^selbH die Spaltung des Konvente 
immer noch fort, bis am 4. April 1349 die Bürgerschaft von Konstant 
(ftif ihr Ansuchen com Bischof Absolution empfing und das InterdtU 
(fi(f gehoben wurde. 

Welclies in diesen wirren Zeiten Seuses Schicksal war, enizi^ 
sich zum grössten Teile unserer Kenntnis. Als entschiedener GegMf 
dcif Kaisers war er natürlich auch unter den Verbannten. Aus ein^ 
Briefe Heinrichs von Nördlingen *) erfahren wir, dass dieser, fl& 
er am 21. Dezember 1338 nach Konstanz kam, Seuse nicht mekr 
dort antraf. Vielleicht war derselbe einsttceilen ausgezogen^ wtw fif 
seine Mitbrüder ein Obdach zu suchen ^). Ob er sich die fotgeniee^ 
Jahre miter den acht Brüdern in Diessenhofen oder bei der ZM 



') Bn Böhmer, Fontes I\\ 16 ff, 30, 50, 63, 66, 71. Vgl. die Z)•^ 
Stellung hei K. Müller a.a. 0. II, 94, 99 ff. 23h 248/.; Pflug k-Haritun§ 
o.a. O, 186 ff. ; A. Ha ah er in Wiirtt. Vierteljahrsh.f. Landesge^c?^. 1906, 3l7l 

Bei Strauch, M. Ehner XXXI, 21; vgl. ehd. 8. 356 f. 

^) So die ansprechende Vermutung Pregem, Vorarhoiten 61 f. 



Die Jahre des Exils (1339—46). Seuse als Prior. 129* 

^ereff die im SchoUenkloster sich befanden, aufTiielt, lässt sich nicht 
icher entscheiden ^). Vielleicht spricht für erstere Annahme die Tat- 
ff che, dass er nach der Erzählung der Vita (145,14 ff,) in jenen 
fahren — es muss wegen der dabei encähnten Teuerung 1343 oder 
'344 gewesepi sein, vgl. Anm. zu 145,14 — zum Prior gewählt 
vwrde. Über die Filfirung dieses Amtes erJahren wir nur, dass die 
Brüder sich in der Erwartung nicht täuschten^ die sie in jener 
'chweren Zeit auf ihn gesetzt hatten: trotz seiner offenkundigen 
^eschäftsunkenntnis (146,5 f) war auch da^ Zeitliche unter ihm gut 
besorgt, sodass er sogar alle Schulden des Klosters abbezahlen konnte 
(U6,16f). 

Wenn Seuse sich zur Zeit des Exils in Diessenhofen aufhielt, 
*o ist er icohl auch 1346 mit den übrigen Brüdern nach Konstanz 
^'ückgekehrt. Konstanz ist wenigstens allem Anschein nach der 
Schauplatz jener furchtbaren Heimsuchung, die durch Verleumdung 
«MM schlechten Weibes wohl im Jahre 1347^) über ihn kam. Bis 
in die toeitr. Ferne, wohin vorher seine ,vomehme Heiligkeit^ (120,9 f) 
frsehoUen war, wurde die leide Märe getragen und sein guter Euf 
zugrunde gerichtet; selbst seine besten Freunde wandten sich von ihm 
öi; unter ihnen sehr wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit auch 
Beinrich von Nördlingen (vgl. Anm. zu 124,15). Noch dauerte das 
}Ungeheure Wetter des Leidens' {130,1) forty als man Seuse, wo/U 
^it Rücksicht auf die Ehre des Ordens, in ein anderes Kloster ver- 
^^e. Möglicherweise ist er mit dem durch das Generalkapitel von 
^onl348^) abgesetzten Konstanzer Prior identisch. Wie er erzählt 
(l'^6,13f.J, war er bereits ,anderswo wohnejid^ als der Ordensgeneral 
^^ der Provinzial von Teutonia miteinander in die Stadt kamen, 
^0 Seuse verleumdet worden war, und die Angelegenheit untersuchten. 
Natürlich stellte sich Setises Unschuld heraus (vgl, oben S. 33'^ f.). 
Ein Generalkapitel des Dominikanerordens fand nun in der ganzen 
Zeit von 1330 — 1370 in Konstanz nicht statt. Es 7nuss sich also um 
fin ausserordentliches Kommen des Generalmeisters, oder, was wahr- 
scheinlicher, um das Provinzialkapitel gehandelt haben, das 1354 in 



') Preger, Vorarbeiten 134; Mystik II, 364,368 nimmt zu zuversichtlich 
0$ ergiere an. Aus der Erzählung Vita 146,8 ff. — der Chorherr vor am 
mUm Morgen sehr rasch zur Hand — könnte man vielleicht auf Konstanz 
'< Aufenthaltsort schliessen, 

*) Vgl. Preger, Vorarbeiten 135 f. Das I)ntum ist aus dem gleich zu 
yriihnenden Brief Heinrichs von Nördlingen zu erschliessen, 

^ MOFH IV, 324. 

n. SeuRC. Deutsche Schriften. 9* 



130* Einleitung. 11. Seuses Leben und Werke. 

Komtanz tagte ^), und bei dem sich ausnahmsweise auch der oberste 
Leiter des Ordens einfand. Durch die furchtbare Pest, die von 
1848 — 1350 wütete ^), mochte die Sache in den Hintergrund gedrängt 
worden sein; bei dem Kapitel von 1354 bot sich aber Gelegenheit, 
darauf zurückzukommen. Damals trat eben der Provinzial Johann 
von Zweienbergen von seinem Amte zurück und Seuses Gönnep 
Bartholomäus von Bolsenheim übernahm die Leitung der Provinz 
Teutonia'% Ordensgeneral war 1352 — 67 Simon de Lingonis*). 



C Seuse in Ulm (ca. 1348 — 1366), sein Tod 
und Nachruhm. Übersetzungen und Ausgaben 

seiner Werke. 

I. Senses Wirksamkeit in Ulm. 

Wir wissen nicht, ob Seuse, als er um das Jahr 1348 tm 
Konstanz versetzt wurde, gleich nach Ulm übersiedelte; doch ist diu 
wahrscheinlich ^). Im Anfang des Jahres 1348 hatte der dortiy 
Predigerkonvent, der ebenfalls wegen Beobachtung des Interdikts 1339 
vertrieben worden war^), nach Ulm zurückkehren können'^), Cbrigent 
zeigt die Erzählung in Kap. 25 der Vita, wornach Seuse zur Zeit det 
schwarzen Todes in einem Dorfe am Rhein beinahe dem unheimlick^^ 
Verdacht der Brunnenvergiftung zum Opfer gefaUeti wäre, dass if 

*) Vgl, die Liste Joh. Meyers (s, oben 8. 93* A, 5.). 

•) Die jähen Todesfälle, welche I:i8,23ff. erwähnt werden, mögen dawiU 
im Zusammenhang stehen, 

») Vgl. Jan dt a, a, 0. 289. 

*) Quvtif et Echard ly XVII: MOPH IV, 339 n, 16; V, 290. 

^) Eine handschriftliche Notiz von 1518 (vgl. oben S. 66* A. 2) sagt, Se^ 
habe lange in Ulm geirohnt. Murer 346, Bucclin 299 und Weyerman* 
503 lassen ihn dagegen erst wenige Jahre vor seinem Tode nach Ulm gelang^'. 
Der Ulm er Dominikaner Edix Eabri (Hist, Suevorum J, 114; vgL Sulg$fti^ 
Annales Zwiefalt, I [1698] 276; Steill I, 163) meint, Seuse habe 1339 in IM 
Zuflucht gesuchty sei dann mit den dortigen Dominikanern vertrieben woräHHf^ 
18 Jahre sei dn^ Kloster leer gestanden und der Mystiker erst 1367 mit «MHi 
Ordensgniossen nach Ulm eurückgekehrt ! 

•) Heinrich von Diessenhofen 32. 

^) Als Ulm vom Banne absolviert wurde (29. Jan. 1348, vgl. Ülmtr W 
II, n. 311). 



i 




Seuses Wirksamkeit, in 01m. 131* 

Jttst noch seine PredigUoanderungen fortsetzte ' ). Über scth 
und seilte Tätigkeit in Ulm sind uns nur lehr späriiche NacJi- 
i(w äbeilieferl. Gereift und geldulert durch die letzte nchwere 
Msuchung. und belohnt mit ,innerh'chein Herzensfriedfn, stiller 
■ und liihtreichen dnaden' (130,17 f.) sollte er hier in Jiuhe 
I Lebensabend Ireschliessen. Dasi^ er in Ulm noch einnuil Prior 
•den sei*), ist- eine unbewiesene Annahme, und ebeiutotcenig fie- 
|de( die Nachricht, welche, wie ca scheint, zuerH bei Touron^ 
^cht, und darnach in die Darsteüungen von Schmidt, 
Vetter u. a. übergegangen ist, dags er 1363 auf dem 
tralkapitel ron Magdeburg neuerdings wegen Ketzerei nngeklagt 
Un Ml*). Eitie glaubwürdige Trndition'") berichtet in unmutige 
von seiner Freundn-hafl und seinem innigen Verkehr mit 
Itt«' eon Hibra (wohl ^= Biberach a. R.), der unter Abt Ulrich II 
' — 71) Cellerarius in dem luihe bei Ulm gelegenen BenediHlner- 

') Die Karlsruher Ug. Cod. St. ftearg. Pap. Germ. 75 von 1448 Bl. 4—ä 

Lüngins Kntaiog SU und A. K^Uk-, Verteichnia alldmluchr H»s., 

um Sirvert 18!H), 3S,I überliefert Brflder heinriche »tBeen gebet ainH Innl- 

ligers Ton ITIm (= Bdite 303,i g.l. 

*) Kärchtr 19b, 213 nach der Untemchrift rints Überlingtr Siuae- 

t». Wahrscheinlich licyt eine Yerictehfilwig mil dem Dimer Dominikaner 

ich drr Prioi' vor, der 1351 und J3ö3 bezeugt int f Ulmer ÜB II n. 367, 

tber einem in Ulm anglasigen Geschhr.hte iPi-Iol, Priel) angthSrt. Von 

Datninikanerjtrioren in jenen Jahren sind tu, belegen: 1347 Konrad von 

Krtn'n iUlmer US II n. 494); 1364 und 1365 Konrad Traber (tbd.n.66S; 

j£j). Cmgt. II n. 5886) : 13H? Johann Dyemt, rjerwimf ,der .^ehi-iber' 

ÜB II n. 1386). In dem erbaitent» Kopialhiieh des KloHrrs 

itn S. 66' A. II tcird Sruee» Name erst im ir>. Jh. («. anlen >S'. läT') gi- 

Cbrr die Geaehichtr des Slottnv handeln Kornbeeh a. a. O. 

66" Ä. I> 11—21; E. Nahlinii, Ulm unter ffn.so' Karl IV lyos, 

\ff., mg., 177 ff, 266 ff., 305f. 

•) Hittnir» fit. ts. S. 63' A. 1) II, 456. 

*J h dm Akten dt* Kapileh (MOPH IV, Sgl ff.) finde) sieh keine Spur 

*) Dtr Stricht findtt »ieh euertt in den tingedraekien Ännales Wiblingani 
jUebände, noch jettt m Wiblingta) des Priors Mrinrad Btuehlinger, 
I im/ da» Fragment tinar Vita dt» »tilgen Walther, das in Aiideehg 
.hrt werde, beruft; gekärst in dem gedruckten Auszug aus demselbeH 
,Tfmplum honorir tii't virorum honoris monachorum Wildingensium' 
JH^wfiur^ 170:i. Da» Seuse und Wallher betreffende aus dm Aimatcs teilt 
im t>iöt.-Ai-chie wmi Schieaben XVII (1899) ß6f. mit; vgl. auch Braig, 
OtmehieUt von Wihlini/en lf>34. DOf und J. Hartmann in BliJtter 
•t. Kirckmgeseh, 1900, 0.^ f. In den Annales findet sich ein Bild: 
und Wallher im Gtsprächi: auf frvletn i'elde, mit Ulm im Hintergrund. 



4 



n 



13^* Eiuleitmig. 11. i!^eu8C!s Leteu qu<I Werke. 

kloster Wiblingeii war. Die beideti Freunde hätttn sich mit Eriauh 
ihrer Vorgenetzten manchmai am Ufer der Hier zu frotmnem Zwi 

gegprüch zusfiiHinengefunden '). 

Kf. Redaktion des Exemplars. 

Eine Haupinrbeit Seusfn in seiner letzleti Lebenszeit war 
liedaktion und einheitiic/ie Ztisrrmmenfassunff seiner der HaaptschrifUmi 
der Vita, des Bdew, Bilw und Bfb, Seine Biographie lag, 
auch vielleicht schon etita^ üherarbeilet, doch im wesentlichen in d^ 
Form vor, die sie schon Johre zuvor durch seine geistliche Freund 
Elsbeth erhalten hatte (vgl. oben S. 1^0*). Das Bdew und ,etbdi 
mehr seiner Bücher' (4,2), d. h. wohl das Bdw und Bfb (s, 
S, 39* Anm. 1), waren ,in fernen und nahen Landen' (4,2, vgl. 87ßt 
124,tOff.) verbreitet worden, jedoch durch die Schuld nachlättig» 
Schreiber oft in verstümmelter and fehlerhafter Form (4,3 ff.), 
lat/ Seu^e aber Kehr viel daran, ein ,gerechtes Exemplar', ein Muik^ 
buch seiner Schriften zu hinterlassen ,nach der }Veise, teie m 
des ersten von Gott einleuchteten' (4,6 f.). Daher machte er 
daran, den Text zu revidieren und die vier Schriften zu e 
Korpus zusammemustellen, das er mit einem besondfren Prolog 
und mit eigenhändigen Zeichnungen ausstattete. Der Zeitpunkt dii 
redaktionellen Arbeit lasst sich annähernd bestimmen. Seuse ilbt^. 
gab nämlich, um sich gegen Angriffe, wie er sie Jriiher erfahrt^ 
zu schützen, den spekulativen Teil der yitu (Kap. 4t> — 53) dem 
wohlgeginnten Protinzinl von Teutonia Bartholomäus von Bolsenh^ 
zur Prüfung und Begutachtung. Als dieser das H'erk bilUgtt «i 
Seuse ihm auch die übrigen Teile {du getnain lere ö,?2) eorUf 
wollte, starb der Meister. Derselbe sei Ihm aber, so erzählt d 
Mystiker, da er in Verlegenheit war, was zu tun sei, nach seiw 



') Supra nienun coavenieotes sacra miscebBtit colloqaia, laudeH c 
diTioaa, uoek^iiia perDactabant i;uudiB, aecreU uanifuHUliant rovelst« dirinil 
tuitu ftuimonitn «iiuvitate ac duicedine, ut coelicalas non terrigenaa d 
(aua ßtuchtingeri Annale»). Die Anlthnung der Ereählung an den Berieht 
&reff. M., Zlial. II, 33 ff. (vgl. Bree. Mom. 10. l<'rhi: Leelh IV et V) «Aw 
gtiatlichen ünterrfdungen des M. Benedikt mit sw'ntr Sehtculer Scholaniilu 
einem Benediktiner «ruhl bekannt sein tnusstt, epringt i» die Augen. L 
*timmt tutainrnfn, data Seuer nach HeuchUngerg BertcM seinen tVrund * 
tfiaai Glauben» mit Abraham und wegen enne'- Liebe tu geisttichrii JMt 
mit Benedikt vtrfflichcH habe, 

') Ohne triftigen (Jrtmd hat Vttl-r. Mynlibrrpaar 5* seine Eck 
in Zweifel gesogen. 



Settoktidu des E:(eRiplara. ISS" 

1» einem ,lichtnichen Gesicht' erschienen und hnbe ihm icinid- 
fftiH, er soUe die Schrift allen gvtherzit/e/i Menschen, die in rechtet- 
^finuny darnach ein Verlangen trügen, mitteilen (5,12— 6,10), Nun 
i>t Heister Barfholommts nach zuverlässigen Berichten 1362 gestorben 
^'ijl. Anm. zu 5,18), iclr haben demnach die Bedtiktion und Ver- 
'frntlkhung de« Exeniplm-s auf 1362 besw. 1362/3 amusetzen. 

Die Aufzeichnungen der Stagel über Sewtes Leben haben also 
ri bei diesem Anluss durch seine eigene Hund die definitive Form, 
der nie nns jetzt vorliegen, erhalten. Sense hatte aus begreiflicher 
■heu, die Geheimnisse seines Seelenlebens bei Lebzeiiin der Ojf'etit- 
hkeil preiszugeben, ursprünglich die Absicht, seine Biographie bis 
<eh seitum Tode liegen zu lassen; allein die Befürchtung, sie möchte 
aus Missgunst oder Nachlässigkeit unterdrückt werden, und die 
'ung, mehr vor Angriffen und Verunglimpfungen gesichert zu sein, 
er sie selbst seinen Obern vorlege, heicogen ihn, sie fchon früher 
■öfftnllichen (4,29 f.). Er überarbeitete daher jene Aufzeich- 
und legte ,in der Person' der Elshtth, die nicht lange vorher 
war, ,etunuf guter Lehre' hinzu (S,2f.). Die letztere Be- 
\g dürfte sich namentlich avj' Kap. 46 — 53 beziehen, welche in 
wm eines Oesprüchs zwischen Seuse und seiner geistlichen Tochter die 
^nttruieisung in der eigentlichen Mystik enthalten. Im einzelnen lässt 
leA aber der Umfang der Bearbeitung und Ergänzung nicht mehr 
wtimmen: manchmal liegen iiwar die Fugen der Komposition noch 
lto«(ry/, S. 134* Anm. 2), auch lassen sich zahlreiche Briefe, welche 
Stagel hineingearbeitet hat, noch herausschälen \ aber in den 
Fällen sind Seuses Zusätze und Änderungen con Elsbeths 
nicht mehr zu unterscheiden^), 

') Vfl. dii Naehweüungfn von F.ci/er, Afila J, 36:.': Z/dn XX, 377 

»i/lt, Xfda XXI, äif. 
*} Spätre hiwzugiifügt »tnrf jtdtnfaVt di-; Von-edii dfr Vila, Kap. SU 
( läi» hitr ertählt» Vigion hatlr wahrselmvUch Elsbrthj, ferner dm- 
t von Kap. 38 und S3. Ich möchtr als sehr teahrgcheinlich annehmen, 
8**f4 Stdakiitrn ttärher eingtgriffm hat, als n auf dm ersten Blich 
t ÜJ/erattinder l'itn»eigl»ic/i g«tnfcintr Stil, sei» äethetincher Sinn und 
I tkroloffische Dwchbildaiig, leomil die Darstellatig in den T(is»er Viten 
t» MfcAt konkarrirrrn kann. Aucli legt sich jene Annahme nahe, wenn 
r VtrhaUnü, in dem dag Kl Hfb tum Gr Jifh steht ivgl. oben S.41' 
I, ins Auge fassen. Lrhrreieh ist es aueh tu sehen, tei» verschieden im 
die Geschiehle von dem Hunde mit dem fusetuch im Gv Sfb (■I43,4ff.j 
I Oer Vita föSySjT-) erz-lhll med, obwohl tele nicht wisnen, oh die Stagel 
Itdtiehlf direkt au» B%-ief XII hfBbergenommen hnl: dort ein getn'ifves 



I 






J 



134* Einleitung. II. Seuses Leben und Werke. 

Das Werk ist, vom Prolog abgesehen, in zwei, bezw. drei Teil 
eingeteilt: dsr erste (Kap. 1 — 32) beschäftigt sich ausschliesslich m. 
Sense selbst und schildert meist sein Leben vor dem Bekanntwerde 
mit Elsbeth ; dsr zweite Teil (Kap. 33 — 45 bezw. 53) beginnt mit ,di 
Uieficrs geistlicher Tochter* und gibt an der Hand von Seuses Lebe 
eine Art Anleitung zum vollkommenen Leben. Besonders von diese) 
Teile gilt, was Seuse im Prolog zum Exemplar (3,2 ff.) sagt, dai 
seine Vita in ,bildgebender Weise^ erzähle von einem anfangendem 
zunehmenden und vollkommenen Metischen. Die eigentliche mystisch 
Lehre wird in den letzteti Kapiteln, welche gewissermassen eint 
eigenen dritten Teil bilden und von Seuse jedenfalls stark überarbeit 
sind^), entwickelt Schon aus dieser Inhaltsangabe erhellt, dass d\ 
Vita keine Autobiographie im modernen Sinne des Wortes ist; sii 
berücksichtigt fast nur die innere Entwicklung des Helden und zu- 
qunsten des asketischen Zweckes ist die sachliche Gruppierung statt 
der chronologischen bevorzugt^). Wir werden dies aber, wie DenifU^ 
mit Becht sagt, so wenig bedauern dürfen^ als dass Angelico da 
Fiesole seine Gestalten nicht nach streng aftatomischeti Verhältnism 
gezeichnet hcU; Seuses minnereiches Herz lernen wir am besten da 
kennen, wo es sich ganz frei und ungezwungen ergiesst. BückhaltUi 
und mit gewinnender Naivetät enthüllt er darin seine gans» 
Seelengeschichte in einer Anschaulichkeit, die alle abstrakte Charah' 
teristik weit hinter sich lässt und gibt mis eignen Typus der Äf^ 
schauung, die er sich von der Entwicklung eines ,geistlichen Menschen* 
gebildet. „Nicht leicht wird ein anderer gefunden werden, der dii 



tSichgehenlassen, hier knappe tcirkungsvolle Zusammenfassung , stilistische Av^e 
feilung, überhaupt Seuses reife schriftstellerische Kunst 

*) JJer Elsbeth werden diese Lehren Kohl meist in Briefform zugekwKm€' 
sein. Dem steht nicht entgegen, dass es öfters heissi: er (der Diener) htm 
sie (die Tochter) ,sprach' (löö,l3. 16. 170,37. 171,6.25. 172,1 usic), denn sol^ 
Formeln kommen auch in unzireifelhaften Briefen trar (e. B. 99,1. 107^, 130,2!^. 
und gehören wohl erst der späteren Redaktion an. 

•0 Vgl^ Vetter, Mystikerpaar 66, 61; Seeberg 136 f. Unvergtändliä 
ist z. h. 20,24, da erst im Kap. 15 von der betreffenden Kasteiufig erzählt wifdi 
auch 104,7—9 wird nur durch Vergleich mit Hör. 173 f. verständlich. Sow^l^ 
sich Zeitangaben in der Vita Jinden, sind sie allgemein gehalten oder durtk 
ein ,irohV oder ähnliche Zusätze verallgemeinert. Das mahnt gur VoreitH 
damit vortilige Schlüsse^ wie sie dann und wann bei Freger vorkamzM^ 
(vgl. auch Strauch, Afda IX, 143), vermieden werden. Zuweitgehend iHi 
es dagegen, trenn Vetter a. a. (). 61 in den Zeitangaben lediglich ^phn 
tatiti sehen Schematismus^^ oder auch „späteren Zusatz^ sehen möchte, 

=) Seuse XVIIL 



Redaktion ^es Exemplars. 1S5* 

Erforschung seines innersten Seelengrundes dem einig ermassen kundigen 
Forscher so leicht gemacht hat, wie diese durch ihre unverfälschte 
Lauterkeit bis in ihre tiefste Verborgenheit durchsichtige Natvr*^^), 
K, Schmidt^ und nach ihm Vetter^) und Bächtold*) haben 
die Ltbemgeschichte Seuses bei aller Anerkennung des hohen sittlichen 
Ernstes, der darin waltet, und ihres poetischen Schwunges als „eines 
der phantastischsteti Erzeugnisse des Mittelalters*^, W, Scherer ^) als 
»m heiliges Seitenstück zu Ulrich von Lichtensieins unheiligen Liebes- 
wwoiren^ bezeichnet. Es lässt sich über solche Urteile nicht streiten, 
da sie von einem zum voraus eingenommenen Standpunkt aus gefällt 
find, allein wir werden Preger^) wohl mehr Recht geben, der sie 
^änes der schönsten christlichen Lebensbilder und fast einzigartig in 
ihrer Ausprägung^ nennt''). 

In der deutschen Literaturgeschichte dürfen Seuses geistliche 
Memoiren auch deshalb ein besonderes Interesse in Anspruch nehmen, 
veilsie wohl das erste Beispiel einer vom Helden selbst verfassten, bezw. 
autorisierten und herausgegebenen Autobiographie in deutscher Sprache 
Äwi*). Sie stellen sich zugleich in einen grossen literarhistorischen Zu- 
immenhang, der von den' Confessiones Augustins über die Historia 
^lamitatum Abälards und die Vita nuova Dantes zu Goethes Dichtung 
vnd Wahrheit führt^). An Augustins genialer Selbstschilderung im 
kesmdem hat sich auch Seuse wie so viele andere gebildet und die 
Irrgänge seines Herzens aus den Wegen der , Ungleichheit^ zum Friedeti 
in Gott in beumsster Anlehnung an sie geschildert (vgl. besonders 



•) Gör res bei Diep*. 117. 
^ Theol. Studien und KriU 1843, 864. 

*) Mystikerpaar 22. In einigen Teilen der Vita will Vetter 22, 57 die 
'"Spuren einer dritten Hand finden, auf deren liechnung namentlich die ,wundtr- 
^^igm und schwärmerischen^ Erzählungen des ersten Teiles kämen. Allein 
^ider der handschriftliche Befund noch der Inhalt selbst gibt einen Anhalts- 
punkt für eine derartige Annahme. 
*) Lit.-Gesch, der Schweiz 215. 
5) Gesch. der dtsch. Lit. 1883, 236. 
*) Briefe 18; Mystik II, 268. 

^ Vgl. auch das schöne Urteil hei Schnaase a. a. 0. VI, 41 f. 

») Vetter a. a. 0. 25: Strauch, Allg. dtsch. Biogr, 37, 172: Seeberg IX. 

•) Vgl. Kraus a. a. 0. II, 2,1, 8 ff. und namentlich F. von Bczold, 

Über die Anfänge der Selbstbiographie und ihre Entwicklung im Mittelalter, 

Erlangtr Rektoratsrede 1893. Beachtungswert ist S. 5 f. der Hinweis, dass 

auch in den Mänchsromanen der Vitae patrum, welche der Verherrlichung und 

Empfehlung der Askese dienen, vieles in autobiographischer Form gegeben ist. 

ieust mag. auch hiervon Anregung empfangen haben (vgl. oben S. 79* f.). 



136* Einleitung. 11. Seuses Leben und Werke. 

Bdew Kctp. 1; Hör. 15 ff.; Minneb. 548,29 ff.). InhnltUch stellt sich 
dcis Werk des Bettelmönches am dem 14. Jh. jedoch nähei' zu jener 
mystischen Offenharungs- und Vision^literatur, die seit dem 12. Jh. 
auftaucht und die ritterlich-höfische Kultur mit ihrem Mimiedienst 
und SchönheitsbedürfniSj ihrefi weichen Stimmungen und ihrem Formtn- 
sinn wieder si)iegelt^)y freilich in Strahlen, die gebrochen sind durch 
das Prisma der religiösen uluffassung. Zur Steigerung und Ver- 
tiefung des persönlichen Innenlebens,- zur Veredlung und Verfeinerung 
des religiösen Gefühls selbst bis zum Süsslichen und Weichlichen, hat 
diese Literatur, deren Trägerinnen fast ausschliesslich Frauen oder 
doch wenigstens frauenhaft etnpfind^nde Seelen sitid, ungemein viel 
beigetragen. Es ist gewiss bezeichnend, da^ss auch die Lebenserinne- 
rungen Seuses nicht zuerst von ihm selbst, sondern nach seinen Ge- 
spräclien und Briefen durch seine geistliche Tochter Elsbeth Steiget 
gesammelt und niedergeschrieben worden sind, und dass er selbst erst 
später nach Überwindung tnanc/ier Bedenken auf ihre Idee eingingt 
Im zweiten Teile der Vita (Kaj). 33) Iwt Seuse zugleich seiner 
geistlichen Freundhi ein Denkmal gesetzt. Es scheint, dass sie nicht 
lange vor der Redaktion des Exemplares starb (vgl. oben S. 125*), 
nachdem der geistliche Vater sie noch einmal besucht hatte (394,12 ff,). 
Nach ihrem Tode erschien sie ihm, wie er erzählt (194,22 ff.)^ in 
einer Vision ,in schneeweissetn Gewand wo/d geziert mit lichtreicher 
Klarheit coli himmlischer Freude^ und zeigte ihm an, da^s sie nun 
,in die blosse Gottheit vergangen^ sei. Elsbeth hat in Seuses Lebe» 
eine so grosse Holle gespielt, dass beids von einander so wenig zu 
trennen sindy als Margareta Ebner und Heinrich von Nördiingen. 

III. Seuses Tod und Nachruhm. Ikonographisches. 

Datum und Ort von Seuses Tod sind in zuverlässiger Wevic 
überliefert. Er starb am 25. Januar ISdd zu JJlm^) und wurde in 

») Vgl. ir. Scher er, a. a. 0. 239: „die Schriften der Mystiker und 
ihrer frommen Verehrerinnen loaren die lettte Zuflucht de^ hitfischen GeiftfS! 
Zartheit und Formenainn waren nur noch hier zu Haus/' 

Vgl Bezold a. a. 0. 18. 

*) Siehe die im Text gleich darauf zitierte Notiz aus Clm 7819; die gJeiehf* 
Angaben in Hff. S (s. oben S, 8*) BL 233^ von einer Hand des 16, Jh.: ft 
ist zo wissen, dnz der selig brüder heinrich süs ist von diser zit gescheiden in 
dem iar da man zalt von xps gcburt MCCC und LXYl in dem confent ze ulm 
und lit och da begraben und stat die iarzal uf sim grab und starb uf converao 
sancti pauli apostoli ; ähnlich auch in dei- Hs.f (s. S. 1*) BL 1^ (f 1366 in die «»• 



Sciises TnJ iiml NnclirnLm. Ikuiiograiiliisches. 



137* 



■ Ar Predigtrkirche daselbst (Jetzt evangelische D reif altigkeitskir che) 
~l<p-fiīi; das Grab befand sich nach der (Jimer Tradition und nach 
•ilbnZeitpm'ssen in der Kirche selbst'), neben dem Altar des JJominikarter- 
lifäiffeH Peiru» von Verona (f 1252), keinenfnlU, wie einige Spätere ^) 
mtiaUn, int Kreuzgmuj des Klosters. In einer Münchner Hs. des 
Ihr., am 7819 BL 24a' Oeßndel sich. i>i>n einer Hand des 15. Jh. 
Mtiert, die O rabschrift des frater AmaDdns Sewez: Ohiit venerabiÜB 
liater frster Heinricus Subo Anno dnmini MCCCLXVI aiense JaDuarii 
die XXV obdormivit in domiDU propter quod gandeamus in evis 
dilecto'). Wir haben darin zugleich einen deutlichen Beweis für 
die Verehrung, die er schon zur Zeit seines Todes in Ordenskreiaen 
und darüber himius genoss: man sah ihn bald alUjemein nls Heiligen 
nii, und der Titel ,beatus' wird ihm im 15. Jh. wiederholt gegeben, 
iieiti Andenken erlosch auch in Schwaben und speziell in Ulm in der 
Folgezeit nicht*). Laut Eintrag im Kopialbuch der Ulmer Domini- 
er Bl. 228 stiftete noch nach der Mitte des 15. Jh. eine Frau 
ifirina H'eltzlerin, H'itwe des Ulridt Wdtzlin, Hof Vizekanzlers 
I Kaiser Iriedrich III, ein ewiges Licht vor das Grab des 



. Pauli) und Itd J. Meifr, Chrotucon lU Praed. (Mone I, UM), 
t tU aiiuli: vir. ord. l*raed. (ä)il. IT, 137) u. ,Lrben dir 33 «'««« Meisler' 
I* 8. W* J. t). Wfnn Meger in den zu-ti Ulttgenannten Wrrktn States Tud 
<^f ^nl l'auhu bekrrtlug' anaetet, ihn aber doch am lö. Januiir alrrhcn ISesI, 
t Utjfi levht nn lapaiu ealami vor; auch in der 'IHiiecsr Konalans und im 
lliminikanerorden ftitrti man conversio Pnali am 35. Januar. Sri L.Albertas, 
I>i cirii iUuttr. urd. Praiä. l. V/.SM. M urur 3*li; Sieill I, 164: Buee- 
' äoO u. a, wird IMS al$ Todeigalir angugtbtn, oh infolge falscher Über- 
[H/t/aBfl Mirr uiidrrtr Sertchnung dee Jahresanfanges iCalculas t^orentinue 
H Jahrrtlirgiriii am S5. Milrz postnumerando?), Idssl sieh nirht leicht «i(- 



') J. Meyrr im .Ltlirii der 33 ersten Meister'-, int erlicb begraben in 
*Iin;iiiw küchen zu li|m; Clm 16311' ». XV Bl. ftJ-*.- sepultua in eecleMa 
läic»toniiii iiutU ultan' Bniict.i petri martyris; Ausgabe dr« H<t. Paris 1611 
: HpiiltOB *nr« sllore t. Pelri m. ; ebenso die Ulmer Tradition bei Weyer- 
htr Petersallar befand sich ,in der £c/ie hei der RitlM<n Br- 
ornbeck a. a. O. 17). 
*) Wie es scheint, gutrsi Mar er 34ti. 
'} Vorher gehen die Wurtt Nota veraciter Kiütiipliium oou)pÜaloriB',LuiQ8 
läri idt» Hör.). Die Abkürzangrn sind aufgrliiat. Vgl. auch dir Noiiz aus 
ä». S eben Ä'. 136' Arm. 3. 
'J Vgl. auch oben H. 
)üder äet 16. Jh. 



Notiie 




über ülmri' hetir. SöjUnger 






138* Kiiileitun^. H. Seuaes Lebeu und Werke, I 

sdiyen Heinrich Sense '). Aber schon vorher war .fein Nnme durch seiiA 
Schriften über Deutschlands Grenzen hhutnvgedrungen. Besonderä 
in den Kreisen der Fraterherrn war er hochverehrt. Als d^r Windtfi 
heimer Prior Joh. Vos (f 1424) beim Konzil zu Konstanz icetlt» 
besuchte er mit anderen ,Devoten' roll Andifckt die Zelle den Mystiken 
,der auf Antrieb d-es hl. Geistes rfns Horologium yesckricben"). Papt 
Gregor XVI bestätigte nach eingeholter Information im Jahre IS3| 
seine Verehrung und gestattete die Feier des Festes im Dominikoftsu 
orden am 11. Mäis^). i 

Das Grab Seiises i.it i^eit mehr als drei Jahrhunderten r*i 
nchollen. In d^t Jahren 1617 — 21 wurde das Schiß' der Predigmk 
kirche, das schon lange vorher baufällig gewesen war, niedergerisa^ 
und in veränderter Gestalt wieder aufgebaut; nur dtr gotische Cht, 
und die südlich an ihn angebnute Sakristei nebst einem anstossendn 
klänen gewölbten Raum (Kapelle) blieben vom alten Bau übrig. Dun 
diesen Umbau und durch spätere Auffüllungen und Verändenuign 
des Terrains infolge der Fettungsbauten ist die Örtlicbkeit so e 
umgestaltet woi-den, dass kaum eine Hoffnung auf Wiederauffim 
des Grabes besteht. Widerspruchsvoll ist die Erzählung Murert*]^ 

') Laiupas mite flepulchnini beati Henrici äUsz nutrietidn eat ob rennt 
tiiiLij iliuti patri« et prn benefactoribuB per modam participaCioaie ardere data 
et donata a Domina Catharina WeltElerio, qoe conventiii dodit 46 flor. p 
contiDualioue. De hoc uon liabentur literae (Kornbeck a. n. 0. 17/.). 

-) J. Busch, Chronicon Windeshan. rd. Grubt (Gnehiehlnquellai i 
Pi-oeins iS'aehsen XIX 1806) e. 41 p. 357. Von einun andtrrn Wii 
J-Yattr tpiril äi* Naehahmung von Seunt-s Kasteiunsm htricMet, rbd. c. 108, 

') Vgl. Stadler, BtiUgenlfx. II (1861) 641. Stiist reitrde ,ji«- f 
cvltm' aeliggntproehen ohne eigentlichen Progesn. 

'1 Btli!.».346r der Leichnam Srusts nei 16 IH beim Umbnu der Kirche H 
den Werileiiten im Krtutyang gr/unden iroiden, der Biirgtrmtiiiter tol 
litfuhten da» Grab wiedti- in nflilittaen, ahrr ein Kathnlili (der tpiitere ÜK" 
Werknifiiter Leonhard Bitcltmllkr) habe ein Stück dts ManteU abge^diiuM 
teovon er iMurrr) auch einen Teil besHse. Der Bericht, cum der Jahrlätti 
gant äbgetehtn, kann Kchon deshalb nicht ttimmen, weil Seiuf nicht tn Krtä 
gang, sondern in der Kirche begrabm icar. Murer itl auch »ongt untuvtrtdUi 
(vgl.Denifte in Z/da XIX, 348 A. 1). Ober die Veihandlungm dt«J\ ' 
lees vgl. IVeycrmann 503ff. lAantUge aus drr Korretjiondem i 
Hitchof und Halt; Git/el im Diöt.-Archiv on Schwnben II, fiS/. «I 
KUrchtr 191/., 304. Di* Vermittltr machten neilrna der Kalholittn i 
Dekan de« Chorherrnsti/ts Wtngen Georg l-'bdrrlt und der ICaUherr Jah* 
Adam Kitidrn. Buchiniller erklärte bei Meiner Vernehmung durch den S 
man habe geinmeit (altu ror aber 60 Jahren) tttiir einen Leichnam gt/imi 
aber nicht im Krtuegang, sondern in der alten Kirchs, der Habit » 



Scustia Trid unil Xadinihm. Ikano^aphUcheB. 139* 

fiwmck 1613 der Leichtuim Setises wohlhe/ialten und lieblich duftend 
/t/iindm iconfen sein soll. Die Hemii/iuit^di des Konstnnzer Bischofs 
Inrrn Johann foh Prnssherg im Ja/ire 1668, genaueren darüber su 
trftthren und ilen angeblich gefundenfn Leichnam aufgeliefert zu 
erkalten, sc/tlvgen fehl. Ebenso erfolglos waren die Nachgrabungen, 
fttehe eeraiislaltet wurden, als Ulm im spanischen Erbfulgekrieg 1702 
ttrübergekend nm den Bayern und Franzosen besetzt wnr'). Als 
lS9ti in dem neben dei' Sakrintei gelegenen Räume, der ohne 
rruad schfin Susokoj/elle genannt wurde, aiUäsalieh der Einrichtung 
Heizanlage Grabarbeilen lomahm und unter dem Bilde eines 
totniniktriiera, dos sich um Schlussstein des Oewölbes befindet, Gebeine 

'undiTH wurdett, tauchte die Meinung auf man sei auf Semes 
\rabstätte gestossen. Dans diese Annahme nicht richtig sein kann, 
schon aus dem Gesagten hervor, und sie ist nuch von sachver- 
Madiger Seite sofort in überzeugender H"e/*e zurückgewiesen worden'). 
Über Aussehen und Gestalt Seuses ist nichts überliefert und 

»sowenig besitzen wir ein beglaubigtes Porträt van ihm; dass die 

trstHlungen nvf den Bildern des Exetnplars fceiiw Portrillähnlichkeit 
bntef», bedarf in Anbetracht der Art und Zeit ihrer Entstehung 
Wws Beweises. Einiges ikonographisehen Material zu Seuse wurde 
fcfc>M oben S. ßi*f beigebracht, wozu nachzutragen ist, dass Mone') 

1/ ein weiteres Ejremplar eines brmfilten Sensefiolzschnittes auf- 

■•«»«, dt Leichnam aber rcitecxt und ohne liehlichtn Grrueh. AuJ' Antrag 
f aa.ngtli*chen (fritütchkat, von dtr ein (futacJUim eingtholt murdc, »ehlug 
V fiel itcM Billgesaeh dt» Biachafg nb. 

'1 Vgl. W lytrmaun bOäf. und W. Braun in sriner Aaagabe des 
y. llJM) IL. Der Kurfflr»t Max Emmanuel nun Bnyem aehrifh am 
*. FOr. 1704 an den Slsc/wf von K,mstam Marquard Kailolf von ICoth 'i< 
"mr AngtSrgtnheil {vgl. Gie/el <i. n. 0.691. Auch IITG, id» rinr KaptlU 
* Ktrehe ahgffieoehtn ward«, eulUn dir Kalhotiktn uachgcgrahtn liitli<n 
'^lytrmann äOT.l. 

*1 Vffl. namentlic/i ,Drutschis VoUi»l'lall' vom 1!/. August JS9ii. Mit 
Kht sahen Grüneisen und Mauch (Uims Kumttebtn im MUielaiiei- 
I, 13) in dem Bild ein PorirUt ü'tasis und nannU tetiterer (Mut. des l'treiiis 
iiMst u. Alt. is:4, 24) jenen gmoMbten Kaum SusokapeOe. Daa Bild, einen 
HiMiifincr darsttlUnd mit IltiUgmsc/irin, einer .Somic M^f' der Brasi und 
fc* Mir Hostie in drr itehlm Band, dürfte viel richtiger auf Thomas mii 
• t» betithen »ein .• es gah in drr 'Tal in der 2*redlgtrkirche eine ,capMt 
■ de Aquiao' (Komb eck a. a. '). 171. 
') Qnethnnammtung 11, Iö7 Ahm. TJnx Bild ixt in die Basler Üb. 
IX' S von Meyers I.iber de dlunli: viria II. I'r einykleht. 



140* Biiildtuni,'. I[. Sfuse« Lebpu uml Werke, 

7tterksam macht, mid dass mich Weifermann 507 ein Bild: Seui9 
mit dem Muitogyamm IffS auf der Brust, unten den Hund mit 
dem Ftisstuch und im Hintergrund Ulm darstellend, zu Augsburg' 
bei Götz d?" Glttube.r in Kupfer gtf^tochen wurde. In Überlingen btt 
finden sich noch drei von einander wenig verschieden« Seiiseportröfa '^ 
sämtlich Ölgemälde (Brustbild), welche Sense in der gewöhnliche» 
Weise als Mann i'on mittlerem Alter, bärtig, mit gewinnenden ZügeHj 
auf der Bnist das bekannte Monogramm und um das Haupt einen 
Kram i-on Rosen, darstellen. Keines der Bilder geht aber über dnt- 
17. Jh. hinaus, künstlerisch sind sie wertlos. Ahnlich verhält es sich 
mit mehreren kleineren Seusebildern, welche sich noch jetzt im Domini- 
lämerinnenkloster Zofingen zu Konstanz befinden, wo die Verehnatf 
Sense» sich durch die Jahrhunderte erhalten hat; im Hintergrund 
befindet sich auf einigen derselben das Konstamer Predigerklostef. 
Ein Zeichen der hohen Wertschätzung, die man im Orden für Seuu 
hegte, obwohl er noch nicht kanonisiert war, ist auch der Umstand, 
dass auf den seit dem 15. Jh. Mufig sich findenden Dominikaner- 
Stammbäumen unter wenigen deutschen Ordensmitg/iedern auch sfl'iM 
Figur angebracht ist% Am interessantesten ist wohl ein bis jetzt uwü- 
beachtetes Ölgemälde, das sich in der Sammlung des Herzogs ««' 
Urach auf dem Schlosse Lichlenstein befindet (Nr. 43). Seuse ilt; 
darauf in ganzer Figur mit Ueüigenschein auf Goldgrund gema^ 
bartlos, mit energischen Zügen, in der rechten Hand einen KroM 
von Kosen, in der linken einen Griffel, mit dem er sich auf du 
entblössten Brust den Namen IHS eingegraben hat. Das Bild stamm 
aus der Ulmer Schule des ausgehenden 15, Jh. und ist etwas hand», 
werksmässig ausy^ührt. 

In der modurnen religiösen Kunst wird Seuse geu-iiliniick 
gebildet, nie er vor der himmlischen Weisheit kniet und das Mowf 
gramm IHS auf der Brust trägt (ähnlich wie auch Bernarü 
non Siena'% 

') Zwei im KuHurhutoriachfu Mu»eum, einrt (dnt l/rsterhaltm«) im B< 
gifte ton Stadtpfantr Hr. pon RäpiiUn. Es ist vohl mäglich, das» dem Mab 
da» Bild bti Murrr i». ahm S. 6'.'.'* A. 1) als Vorlage gedient hat. Vgl. 
die Bilder auch meine liarUgungin Hinl.-pol. hl. 1S02 II. 114/.: Ritr 
l!>7ff.! Pregtr II, 3i9 A. 2; Peltif lOti. 

') Einen solchen SUimmhaum voit 1473 {HoUichntW htschrüibt Sehn 
a. a. <}. II, SOef. Nr. 17J6. In der filnflen Reihe nach Thomas ron Aguii 
vor Margareta von Ungarn atehl Sets heinricus huäbp. Vgl, auch Pflttn 

') Kraus a.a. 0. il, ],434. 



Charakteristik von Seuses Person und Werken. Seine Lehre. 141* 

IT. Charakteristik Ton Senses Person nnd Werken. Seine Lehre. 

Blicken wir noch einmal zurück avf das einfache und doch so 
reiche Leben Seuses und suchen wir uns ein einheitliches Bild von 
seiner Persmüichkeit und seinen Werken zu machen^). Der alles 
beherrschende Grundzug seines Wesens ist die Liebe, der Reichtum 
mjMinnef (11,27 ), der nicht nur das eigene Limre erwärmt und ent- 
sendet j sondern auch nach aussen überquillt^ um andere zu beglücken. 
Seine ganze Eeligiosität ist von dieser Liebe gestaltet und durchgossen, 
in seinen Schriften weht ein johanneischer Geist. Darum heisst er 
mch mit Recht AmandfiSy der Liebetraute. Seuse hat aber seine 
U(he nicht bloss in lyrischen Ergüssen ausgeatmet, sondern nach 
dorre s^ schönem Wort episch sein Leben in ihr gefasst und dieses 
Lefen zu einem grossen Epos der Gottesliebe ausgedichtet Nach all- 
^meinem Urteil ist er der liebenswürdigste und anziehendste unter 
ien deutschen Mystikern. Auf seinem Leben liegt der herzerquickende 
Sonnenschein einer reinen, kindlichen Natur voll innerer Harmonie 
deines unerschütterlichen Glaubens an Gott und die Menschen. Mit 
^dch liebreicher Geschäftigkeit müht er sich ab, alles mit der Wärme 
2« durchquellen und zu durchströmen, die ihn selber beseelt/ Wie 
^Hsser andere zu trösten und aufzurichten ^ ob ihm auch da^ eigene 
Berz verblutet! Man spricht von einer Mystik des Leidens^): 
Sense ist einer ihrer edelsten Vertreter in Tat und Wort. Seine 
Udme Vita ist unter dem Gesichtspunkt des Leidens geschrieboi, 
«w wahre ,Hisioria calamitatum^ ; sie zeigt, wie die mystischen 
^dengaben aus dem Mysterium des Leidens ßiessen. Vielleicht ist 
nie schöneres über die läuternde und stählende Kraft des ,christ' 
förmigen^ (145,4) Leidens geschrieben worden, als im 13. Kapitel 
des Bdew, wo Seuse uns den Schatz des Leidens auf seh li esst ; es sind 
icahrhaft ^goldene Worte, die nicht nur vom Standpunkt des mittel- 
alterlichen Mönchtuins dieses Beiwort verdienen"*). 

Als zweiter Grundzug in der Lidividualität des Mystikers lässt 
Mich das tiefe Gemüt bezeichnen, das eine hervorstechende Eigenschaft 

*) Zur Charakteristik Seuses vgl. besonders I* reg er II y 371 — 74; 
Iiöhrinffer436—4t: Görres bei Diep. 117 ff, : Strauch in Alig. disch. 
Biogr, 37 j 171 f. 

s) Bei Diep. 1:20, 

•) Vgl. Linsenmann in Theol. Quart alschr. 1SS:J, 65:2: P, W, 
r<w» Keppl^r, Das Probletn des Leidens in der Moral -1904. 16ß\74; Joly 
fl. o. O, 193 ff.; Böh ring er 405—7 , Ho rnack , Dogmengesch. IIP, 39^. 

*) Strauch a. a, 0, 171. 



142* Einleitung:. II. Seuses Leben und Werke. 

des deutschen und speziell des schwäbischen StammescharaJcters ms(, 
Den schwäbischen Dichtern von der Hohenstaufenzeit bis auf unsere 
'Tage eignet jenes sinnige und sinnende Mitgefühl mit Natur tiud 
Menschen, jene Herzens- und Blutwärme, die anzieht und sich ath 
gezogen fühlt, gepaart mit Phantasie und poetischer Gestaltungskraft 
und mit jener eigentümlichen Schwermut, die in der Tiefe der deut- 
selten Volksseele wohnt^). Freilich wird die Empfindung auch manch- 
mal zur Empfindsamkeit, das Weiche bekommt eitlen Anflug von 
Sentimentalität. So ganz auch bei Seuse. Nicht ohne ein gewisses Hoch- 
gffühl scheint er sich einen Sohn der schwäbischen Erde (TJi), 
Schwaben sein Land zu nennen (26,3). Er ist wie seifie MuUer 
ein Schwabe par excellence. Man hat mit Recht gesagt ^), dass dieur 
unvergleichliche Mann des Gemütes in bezug auf die Überfülle i$t 
Herzenszartheit und den lyrischen Schwung seines Denkens «urf 
Fiihlens eigentlich nur einen Nebenbuhler hat — Franz vofi Asm. 
Mit diesem teilt er auch die Liebe zur Natur, das sinnige L^ 
und Weberin in ihr. Auch im kleinsten Kreatiirlein sieht er eitit 
Staffel, Gott zu nahen (455,18 f.), einen Abglanz von Gottes Schotir 
heit. Lenzeswonne und Maienzanber, Vogelsang und Blumendufit 
die Schönheit des gestirnten Himmels und die Majestät des GewitUrs 
bringen ihm Entzücken^); ,aller Tierlein und Vögelein und Goittf 
Kreatiirlein Mangel und Trauern* geht ihm an das Herz und vt 
sucht ihm abzuhelfen, wie er nur immer kann (85,13 fi^.). Fiww 
ynan schon d^en Satz aufgestellt hftt, erst die Eenaissafwe habe die 
Natur entdeckt, so ist das nur in beschränktem Masse ricJitig; oueh 
die deutschen Mgstiker, vor allem Sense, haben ihren Anteil an dir 
Erschliessung der Natur für das Geistesauge, wenn auch zugegebe» 
werden tniisSy dass ihre Palette noch ziemlich farbetiatyn ist und do-^ 
die Natur nicht an und für sichy sondern nur als Spiegel der Voll- 
kommenheiten Gottes ihr Interesse fesselt^). 

In der Stärke ron Seuses Charakter liegt aber doch in gewiss^ 

*) Vgl. e, li. die Charakteristik Hartmanns von Aue bei Saran, H, v. A^ 
nls Lyriker 1889y 96 f. : ferner R. Kraus s, Schwab. Lit.-Gesch. 1(1897) 11 f 

-) A. M. Weiss, A])ologie des Christentums IIP (1897) 836. 

^) Vgl. statt vieler Belege (namentlich die Briefe sind voll prilchii§(f 
Xnturhildir), besonders 17,17 ff., 17:2,7 ff.. 304,13 ff., 406,15 ff., 409,14 ff., 426^ f 
Nor. 56, 70, 137, 199. 

*) Vgl A.Biese, Die Entioicklung des Naturgefühls 1889, 197; Zroui ' 
a. «. 0.11,3, 1, 19 ff. über Seuses XaturgefiÜd besonders Hintge (s.obt» 
'S. fi7* A. 1) 36 ß. und Dnlgnirns, Th' Crerman mystics, in Dublin Review 
44 (hS5ty) 96. 



ChüTsktariHlik v 



* Pef^im Bßd Werkeil. Seine Lehre. 



pH mich »nieder mnt Schwäche: die Gefahr, der Gefiihlsichwäi'meret 
wtrfalUn. In der Tut i-e.itnhsen wir bei ihm, wenigstem in seiner 
Utreti Zeit, miluiUer den Hiichtemen Sinn, die Abgeklärtheit und 
\A^ä8aige Haltung, und milttsen zuweilen ein alhustarkes Schwelgen 
Se/ählen und Empfindungen, ein Schwanken zwischen entgegett- 
atlen Stimmungen, eitte gewisse Ängstlichkeit und Verzagtheit, ein 
rtgliges Jammern konstatieren. Aber doch wiirden wir ihm Unrecht 
l woiUen ißir daritus, wie Seeberg^) tut, einen harten Vorwurf 
(M ihn schmieden. Wenn man bedenkt, dass Seune in seinem 
im Wesen eine geradezu Jungfräuliche Zartheit zeigt, dass seine 
)ferliehe Kraft durch übertriebene Askese geschwächt war. nament- 
^aber, dang dnm Mittelalter, und vollends eine so unmittelbare 
iftr wie Seuse, an der auch giir nichts Gemachtes und Geziertes 
I »larke Gefühlsäuseerungen liebte, — so werden wir eerstehen 
\' «ntw/iutdigen. In tlem schwachen Körper wohnte doch eine 
tcke Seele. Seuse ist eben in aOem, auch in dei- ,complexii) 
ilitorum' seines Charakter.^, ein echter Sah» des Mitteloltrrs, einer 
r reinsten Vertreter'). 

Der dritte Grundzug in Seuse-i Charakter, von dem vorigen 
ich untrennbar, ist sein romantisch-ritterlicher Geist, 
hier Mystik ist dies nichts Neues, Auch der wundersame Seilige 
tAt»isi ist ganz durchdrungen von den ritterlichen Anschauungen 
l Kreuzfahrerzeit, die er ins Religiöse überträgt und in lyrischen 
IRK» zum Ausdruck bringt'). Selbst Frauen wie MecMhild von 



') NamiitUeh S. Sl ff. seines Werkt». Seebfi-g äbertreibt öJUrs und tat 
iiloriecheit Dingen »icht gtnüf/end wicntirrt. Er meint, Stiise habe e» nicht 
k guthloMentn Einheit tiate grossen Charakttrs gebracht (S.S7) und ßnäel 
ir .lehwilchh'ehe tiniickt Stimmung" hei ihm (3. 143).' Bau konfeasiontJU 
mtut »1 gant unnötig stark hereingezogen. Wenn S. Hl ganc butondem da» 
pUlrn Settact grgen seine Schwestur gctndtlt wird, dass er nämlich tutrtt 
^ttnin Schmers und die Zerstörung seiner Ehre denke (Vüa 71,ä4ff.}, 
Uh dabei nickt berücksichtigt, das» die Atusserung de» Schmtrjts im Mittel- 
w eine andtre war als hei modernen Menschen. Vieh Belege da/Or bietet 
wßapptrt, i'btr den Atudruek de» geistigen SehmerBt» im Mittelalter, 
mKM/tm der Akad. der Wis». au Wim, phU.-hi»t. Klasse V (18041 73 ff. .- 
Ibm«A A.Schulti, Das höf. Leben II, 412: Schönbach, Hartmann 
|u«< HS. Auch Maria lins» man stit dem 13./14. Jh. unter drm Kreuze 
I «* lautem Klage- und Jammergeschrei ergehen (Minntb. S4ß,]6. 547,10; 
'im X!f^ff. £70,10.- vgl. Zappert a. a. 0. 137/,). 
, ■) ^a'- 'f"'«» a.a.O. V" (JS9S) SJ»; Eöhringer 440^ Strauch 

I. 176. 
[ ») Vgl. beeonder» G. Schnurfr, Krnns von As^isi ;«)5, l^iiff. 





144* Einleitung. II. SeiiBcs Leiieu uud Werke. 

Mof/debufi/ Ulla Gertrud d. Gr. zeiijen unter religiöser Hülle männlid 
kriegerischen Geint und ihre Schriften stehen unter dem Zeichen d( 
höfischen Kultur'). Noch weit mehr in( dies hei Se.use der Fii 
Er verleugnet mich in keinem Stücke — selbst nicht in seinem Liri 
lingmusruf: waffent — seine adelige Geburt und Erziehung. Mit 
darf mit Strauch') sagen: „Die ritterliche Zeit spiegelt eich i 
Setise besser wieder als bei irgend einem anderen Dichter der Ef 
gonenzeit; der Glanz des BitteHums strahlt fast noch ebeimo ki 
Im ihm leie in dessen schönsten Zeiten, die damals schon vergnnffi 
waren'. Sein ganzes Leben hat Sense als geistliches Rittertum nig 
gefasst, als Lehensdienst im Solde einer himmlischen Herrin, 
ewigen Weisheit*). Von derselben ritterlich-romantischen Auffaititi 
ist auch seine Marien Verehrung*) beseelt, die bei ihm eine griii»m 
Rolle spielt als bat den anderen deutschen Mystikern. Er 
von Jugend auf treuen ,Dien»f' der ,zarten, geblümten, rosigen Magi 
(taUes Mutter' (110,29 f.), und zeichnet im Bdeic die ,süsse Königi 
des himmlischen Landes' (243,1 f.) mit derselben ^kindlichen Innigkti 
und mit dem gleichen engelsreinen A^ekl" *), w/e etwa später Stephai 
Lochner seine Madonna im Rusrnhag oder Fra Ängelicn seine Madoniü 
della Stella malt. Er beweist dadurch, wie tief und i-ein er dl 
Ideal edler Weiblichkeit er/asst hat. Aus dem Marienkult eni 
auch sein ritterliches Benehmen gegen die Frauen überhaupt: um dt 
Gottesmutter willen bietet er allen Frauen, selbst dem ännlirh^ 
Weibe, gerne Zucht und Ehre (49,11 f., vgl. 133,9f. 2fi5,18/.). 
W. Wackernagel'^) hat Seuse einen „Minnesänger 
Prosa und auf geistlichem Gebiet" genannt und andere Liter 
historiker'') haben dieses tretende Urteil übernommen. Er iit 

') Vgl. tu Mtchtliild .Vlrau c h in Allg. dueh. Siogi: 31, 166; Miehm 
a. a. 0. 191; gu Gurtrud H*i)tlal. I, 670 und Miehnel IHH. Kerner PtUti 
a. n. (f. 184 f. 

*) Allg. dtech. Biogr. 37, 17b. 

") Vgl. oben S. 60', 75' und dniu IFriM a. n. 0. I* (1894) 722ff. 

*.l Stutt folgt darin nur der Tradüion »eines Ordeiui, vgl. Greilh33Sf 
Haurk, Kire/itngftch. Deutiehlands IV (1903) 395f. Die HauplMttUn *i 
17,19ff, 3»,8ff., 3H,30ff., 41,iaff., 89,Sff.. 110,39ff., Ii7,12ff., 343,1 ff. und^ 
Konder* Itd^ui Kap. 16, IT, 19, SO (Hör. 137—48). Im Sinnt du hl. Ktmkal 
nennt Snuir Maria Hne ,gnädige Mittlerin und Sßhnerin' tmtchen den Mm 
und der einigen Weisheit <364,lf.), dar .mitttUone Mittel allr Sünder' (mS^, 
f'hfT die Identifitierung Marias mit der ewigen Weiiiheit e, nhrn .S". SO*. TO*. 

") Dtnifle 413 Ä. 1. 

') Geirk. dei- denUchen Lit. /', 430. 

') So namenllie/i tV.Sc/iert,- o.a. 0.:.:18. 



CharakteriHlik lon Seuae« Pereou iind Werken, Seine Lehre. 145* 

iir^K Poet, (jetiHuer ausgedrückt der Lt/riker unter den deutschen 
ifyiiiktrn ') und mehr Dichter als mancher seiner verseschmiedetideu 
BWj«ffos*e»; (M der Geschichte der deutschen Nationalliteratur Ver- 
ität rr lUiher auch einen Ehrenplatz*). Seine geistliche Liebe ist 
min Fonnen gekleidet, welche an die weltliche Liebeslyrik erinnern; 
ist iiohl auch kaum zu bezweifeln, ditse er wie das hößsclie Epos "j 
auch den Minne^sang, der in Schwaben ja ganz besonders zu Hause 
V, gekannt luit und von ihm beinßuast wurde *). In jenen j'eurigen 
orten, womit er die Junge, wohlgeborene Tochter', die ihr Herz 
■tppige Minne verstrickt hafte, für Gottes Minne zu gewinnen sucht 
W,loff,), spricht gleichzeitig der Minnesänger und der Mönch. 
Ober seine Rede ist noch jetzt ein wunderbarer Zauber gebreitet, der 
gtj'angen nimmt. Mehr noch als bei Mechthild von Magdeburg klingt 
Sprache wie Musik, nie ist sie abstrakt und nüchtern, sondern 
■ lebensfrisch, farbenreich und schwungvoll, voll treffender Ver- 
und Bilder, nicht selten auch ron prägnanter Kürze, voll 



') JÜtniJlc, Taulers Bthtbrung Ö5 sagt stoar, venu man nun nalie^u kim- 
netl Seuee eum TJnteischied von den übrige» äeuteehm Myetiktrn als dtn 
fltr dtr diehlerischtrt Hichtung der Mystik beeeiekne, so sei es an da- 
diMM Urteii Sa korrigieren, denn TaMler sei nicht weniger poetisch als 
d an Beiehtum der Phantasie könne sich Seuse mit Tauler nicM messen. 
i u itt sehr fraglieh, ob Denifle imstande ist, die allffemeine Auffassung 
ttosstn: er hat sein Urteil in seiner Seuseausgahe auch nicht unederhoU. 
r ist gtteiss nicht in gleichen Masse Momaatiker uiui Lyriker uu'e Sense, 
k*i[rt nicht dessen Kraß, das gante Leben poetisch su verklären und in 
«cA gsluAtner Sprache darrustctitn, seine Bilder sind äsllirlisch Keniger 
h mkJ nicht so abgerundet. 

') Vgl. e. S. seiius learme Würdigung bei Scher er a. a. O. ä38f. und 
rrt Vogt in B. Paula Grundriss der german. Philal. II' (19(11) 357 f. 
l'OHcA, Ällg. dtsch. Bingr. 37, 176 nmnt Seuse geradezu den „letslen 
^tachdeuiachm Dichter, mit dem die Periode abschliesst", und Vogt 
ii. 0.357 meint, Seusss Vita sei wo/il das poesitvoOste Prosadeukmal der 

tmodt. 

1 Vgl. die An», ru 56,5f. 113,16 und nammtlich Rar. 18 (schon S. 76' 
i liüerlt. Cl'tr Kenntnis der Artussagi in geistlichen Kreisen vgl. Schein- 
(A, Üarfmattn von Aue 446 f. 

'\ J/itsBT Einflnsa verrSt sich besonders in seinen Natarschilderungen, in 
I Ytrkindung nrin iVühling und Liebe, Winter und Trauer, in dem Apparat 
r Btider und Vergleiche ( Vögel, Blumen, Tant und Spiel uate.). Bei Vita 
7jf. arird man an die geistlichen 'Tagelieder erinnert. Der bekannte term. 
m, fir Abfassung und Vortrag Igriseher Poesien: Bbgen und eagea begegnet 
ferlmlt M Seuse (15,6. 6e,ti. 610,61. 

n. Saaia, ßnUohi SsbrirtEB. 10* 



1 



,-lJ 



I 

146* Einleitung. U. Seuses Leben und Werke. 

Salz und Sinnigkeit ^). Senses Werke bezeichnen einen Höhepunkt 
der deutschen mittelalterlichen Prosa; das alemannische Idiom ist 
darin in seiner ganzen Biegsamkeit und Fülle angewandt ohne alle 
Manieriertheit und Künstelei , in naiver, unbewusster Schönheit'). 
Man hat schon oft rühmend hervorgehoben, loelche Bedeutung det^ 
defftscheti Mystikern zur Ausbildung einer guten deutschen Prosr^ 
zukamy und wie sie es verstanden haben, auch das Abstrakteste i^ 
deutscher Zunge treffend wiederzugeben^), Sense hat seinen woi 
gemessenen Anteil an diesem Verdienste. Nicht als ob er eigentiit 
ein sprachschöpferisches Genie gewesen, allein er hat es wie ke^g:^ 
zweiter verstanden, auch die feinsten Nuancen des Empfindungslebe-^^i^ 
treffend und plastisch in einer anmutigen laui bilderreichen Sprac^^ 
auszudrücken, welche in der Seele des Hörers oder Lesers unwillkürl£cA 
ähnliche Envpfindmigen auslöst. Als Virtuose des religiösen GefUJUs 
hat er das Wort seinen innersten Anschauungen und Empfituluttpen 



*) Vgl seine schönen Wortspiele, z. B. 174,9 f., 221,1 f,, 234,13 ff,, 249;i2f,, 
269,10 f,, 299,0 f., 312,31 f., 431,23 f., 433,17, 455,21 ff., 462,t 5 f,, 463,21, 478ßf,; 
ferner den häufigen Gebrauch von Sprichwörtern und Sentenzen, so e, B, ISßff*^ 
384,12f,, 407,19, 420,19, 424,13. 441,12/,, 445,18, 460,9f., 462,5/., 463,17/., 
23/,, 464,26, 483,16. ö 15,20, 535,19/ Birling er /ührt in Alemannia 1877, 
56/, 14 Sprüche aus dem Bdetc an. In Seuses Rede bricht nicht selten dit 
Heim durch (z, B. 224,16 ff,) und Assonanzen sind sehr häufig; er Uebt « 
namentlich, den Schluss eines Abschnittes, z, B, in den Briefen 437,13. 458,6 ft 
460,29/, 477,5 durch Reim zu bezeichnen. Über den Gehrauch des Beimts •» 
den deutschen Preditjten des Mittelalters vgl, Wackernagel, Altdeutsek 
Fred. 324/ 

-) Seuse selbst schätzt seine schri/tslellerische Kunst und die Ausdruck»' 
fähifjkdt des Deutschen gering ein (Bdew 199,14 ff, ; vgl. oben S, 105*); das LaU^ 
stand ehrn den Theologen im Mittelalter immer hoch über den Vulgärsprach0» 

^) Vgl, namentlich P/ei//er in seiner Ausgabe der deutschen Theclogi^ 
und in Germania III, 409: Wackernagel, Lit.-Gesch. /', 423; Fregtf 
in der Ausgabe des Minneb, 132 ff. Über Seuse speziell: P reg er a,a, 0.437f»t 
B ö h r i n g er 441 : Seebe rg 71 /, Auf Einzdunt-^rsuchung kann hier nkM 
eingegangen wirden. Ga/enübcr Kramm in Z/dph XVI, Iff. hat DenijU 
im Archiv II, 42-1/ davor gewarnt, die Verdeutschung der scholastischen Kw^ 
ausdrücke durch die Mt/fftiktr allsuhoch anzuschlagen. Zu gründlicher UnUf* 
sachung sind bis jetzt aber kaum die ersten An/änge gemacht (vgl, ainA 
Jostes n. n. (). [s, S. l.'f* l VIII /.). Auch ist noch nicht er/orscM, toeldbOl 
Antfil die Predigt der Beitelniönche und die Mgstik an der Überführung iä 
deutschen S/trache aus der rittvrlich'hofischen Welt in die bürgerlich^ theologiitk 
Sphäre im sptftercn Mittelalter gehabt hat (vgL den Bedeutungswandel k. 
Wörtern wie guot, milt, tuginthn/t usw.). 



Charakteristik von Seuses Person und Werken. Seine Lehre. 147* 

f(/ebildet %ind mitunter auch in 7ieuen Formen denselben dienstbar 

mcht *). 



Nicht sehr viel ist über Seuses Lehre zu sagen^). Durch 
i^che Zergliederung und systematische Zusammenfassung laufen 
e gottinnigen Gedanken Gefahr, den lieblichen Zauber, der über 
ausgegossen ist, zu verlieren. Seuse will mehr nachempßoiden 
genossen, als verstandesgemäss aufgefasst sein. Seine spekulativen 
'anken entwickelt er in den letzten acht Kapiteln der Vita und 
Bdw, seine Grundsätze über das asketische wnd mystische Leben 
iuiers im Bdew, in den Briefen und Predigten. Um ein zu- 
menhängendes, methodisch durchgeführtes System handelt es sich 
ihm weder in der spekidativen noch in der praktischen Mystik, 
keiner von beiden Beziehungen kann er eigentlich originell oder 
nhrechend genannt werden : er trägt das von Väterzeiten her Über- 
h'te und durch die Scholastik systematisch Bearbeitete mit grosser 
Mi vor und macht kaum einen Versuch, darüber hinauszukommoi, 
ue ist in allem der getreue Gefolgstnann seines Ordenslehrers 



') Einzelne Beispiele bei Prep er a, a, (), 43b, Surius in der Vorrede 
^tr lateinischen ühersetsung (Köln 1655, 5) urteilt über Seuses Sprache: 
•wo eiiis Germanicus magnam habet gratianij adeo ut Latino sermone eam 
^(qui non potuerim. W, von Scholz als moderner Dichter schreibt in der Vor- 
\^ seiner Auswahl (s, u.) S. IX f.: „Ein Dichter spricht ^ ein starker Beweger 
Hnr schönen, anschaulichen, gedanklich nicht zersetzten^ reichen alten Sprache^ 
Mann, der zu dieser Sprache von Geburt an begabt ist, dem selbst Gedanken 
ft naturgetnäss leuchtende Anschauung, Vision werden . . . SuSo ist vielleicht 
n ganzer Erzühlungskänstler : er sieht als Erzähler über das einzelne Erlehnis 
ht weit hinaus. Aber das weiss er mit Kunst aufzurollen. Wo die ruhigere 
Mlung zum Ereignis zusarnmendrcingt, da fosst ihn im lebhaften Vergegen- 
rtigen der Rhythmus de.s Geschehens selbst. Sein Aietn geht rascher, seine 
ize werden knapper, seine innere Anschauung reiht hart Moment an Moment'* 
l. Knp, 26 der Vita). Wie vid die Modernen in sprachlicher Hinsicht an 
i deutschen Mystikern lernen können, zeigt z. B. P. Ernst, Der Weg zur 
^fli. ästhetische Abhandlungen WOd, 

^ Seuses Lehre etitwickeln, frdlich zum Ttil nicht immer richtig, weil 
".genügende Kenntnis der Scholastik: F reg er II, 375—415: Schmidt 
-85; Böhringer 365— 4:H; Volkmann 4<S—6:?: Greith 303— S5, 
itrre Aufschlüsse findet man in Denifles ireß'Uchem Kommentar, Eine 
' Entwicklung der Hauptgedank(n der ikutsrhvn Mystik, die auch auf Seuse 
endbar ist, bei Krebs , Meister JJietrich 1:?T — 34 . T h omasi us-Se cbcr g 
0, 290-315. 



148* Einleitung. IL Seuses Leben und Werke. 

Thomas von Aquin ^), den er aufs höchste verehrt (vgl. oben S, 3o 
87* A. 2). Daneben ist er freilich auch Schiller Eckhartt*^, aüei 
er folgt dem Meister nur so weit, als die strenge kirchliche Lehr 
mit sei)ien Aufstellungen harmoniert^), und vermeidet sorgfältig un 
mit Glück die Klippen, an denen jener gescheitert. Von Pantheismu 
oder Quietismus kann bei Seuse keine Rede sein; er hält in seinei 
Weltbilde die Immanenz und Transzendenz Gottes fest und verteidig 
den Begharden gegenüber den wesentlichen Unterschied zwischen Goi 
und der Menschens^ele auch in der höchsten Beschauung (vgl. 3 50 ,21 ff 
354,13ff.). 

Li einer Hinsicht ist Seuse jedoch durch und durch origind 
in der Art, tvie er die mystische Lehre vor allem auf sich selb- 
angewandt und sich zu einem durchgeübten Geistesmann herangebilc: 
hat. Er wirkt mehr durch das, ivas er selbst war, als durch d^ 
was er tat und lehrte. Seuse ist auch der einzige deutsche Mgstih^i 
von dessen Persönlichkeit wir uns ein ganz klares, scharfumrissea 
Bild machen hönnen. Weit mehr als bei Eckhart und Tauler, vo 
denen wir überhaupt nicht sicher wissen, ob sie auch pi-aktischt 
Mystiker waren, steht bei Seuse die mystische Devotion, das innere 
Erleben im Vordergrund und beeinflusst auch seine Spekulation*), 
Auch wo er sich mit mehr theoretischen Fragen befasst, hat er stets 
praktische Ziele: Unterweisung der fortgeschritteneren Gottesfreunde 
oder Polemik gegen irrtümliche Atiffassungen, im Auge, Sein Ver- 



« » 

^) Über die strittige Stelle zu Beginn von Kaj>. 51 der Vita, wo Seus€ 
in der Frage der Gotleserkenntnis sich zuerst der ältei-en FranziskanerschuU 
und Eckhart angeschlossen zu haben scheint, vgl. oben S, 34* f, 

*) Stdrker benutzt ist Eckhart namentlich in Kap, 5Ü der Vita ; vgl, aucf 
Bdw Kap. 1 und 6, Vita 170,7 f. ist der pseudoeckhartische Traktat ,Schicest^ 
Katrei* bezic, seine Quelle benutzt; vgl. dazu auch Krebs, Meister iJietrici 
U4 A, 1. 

°) Daher betont Seuse in den Prologen seiner Schriften ('5,4?i. 197,15 ß 
328,2 ff., Hör, 13) immer ganz besonders die Zusammenstimmung mit der ^eüig^^ 
Schrift^ (svriptura sacra im weiteren Sinne gebraucht, vgl, die Anm, zu 107,20)* 

*) K, Müller in Zeitschr.f, Kirche ngesch. VII (1885) 116 ff. (vgl. aud^ 
ThomasiuS'Seeberg a, a, 0, :J91; Deniflc im Archiv II, 526 f.) betOfU 
mit Hecht, dass Pregers Darstellung, tcelche sich vornehmlich, ja fast au^ 
schliesslich für die dogmen- und lUerargeschichtUche Seite der Mystik intertssiertt 
den eigentlichen Kernpunkt derselben sticht treffe: das eigentümliche in dit 
deutschen Mystik sei nicht die „Lehre^, in der sie sich zugestandenertnastm 
ganz auf dem Boden der Scholastik bewege, sondern die mystische Devation im 
weitesten Sinne des Wortes. Das trifft ganz besonders auf Seuse zu. 



Charakteristik von Seuses Person und Werken. Seine Lehre. 149"' 

hältm zu Eckhart und Tauler pflegt man gewöhnlich in die Forfnel 

:us(mmen2ufassen, dass Eckhart die Mystik vormegend von der Seite 

der Erkenntnis, Tauler von der Seite des Willens, Seuse aber von 

der Seite des Gefühls erfasst habe ^). Wie alle Vergleiche so hat 

auch dieser seine Schwächen, wenngleich er in der Hauptsache zweifellos 

das richtige trifft An spekulativer Kraft steht Seuse Eckhart jeden- 

falk nicht gleich, obwohl seine Begabung auch nach dieser Seite hin 

nicht unterschätzt werden darf^, an Gemütsinnigkeit und dichterischem 

Sinne steht er über Tatäer, der ihn aber seinerseits an Klarheit und 

jh'aktischer Erfassung aller Verhältnisse des Lebens, wie an edlem, 

eindringlichem Pathos übertrifft. Wie bei jenen beiden Koryphäen 

(kr deutschen Mystik bildet auch bei Seuse die areopagitische Form 

der Mystik, die durch die Viktoriner erneuert worden war, das 

Knochengerüst seiner Spekulation, aber mehr noch als sie belebt 

und erfrischt er dieselbe durch die bernhardinische Art der Frömmig- 

Wf, die in der bräutlichen Liebe zu Jesus gipfelt^). Der Grund- 

jedanke seiner Mystik kann 7Ücht besser und bündiger ausgedrückt 

werden, als er es selbst tut mit den Worten (168,9 f): ,ein gelassener 

Hemch muss entbildet werden von der Kreatur, gebildet werden mit 

Christo und überbildet in der Gottheit*, 

Seuses Gelehrsamkeit geht nicht über das im Zeitalter der 
Scholastik gewöhnliche Mass hinaus^), Seinai Aristoteles hat er 
'ßt Elidiert und zitiert ihn gerne als jhohen' oder ,weisen* Meister 
^^"^1,12, 177,15, 388,3, 428,1). Als Kronzeuge seiner Spekulation figu- 
^'•^rtder ,lichte' Dionysius (190,4. 390,1. 471,6). Er kennt und be- 
'^''izt auch Boethius, unter den Kirchenvätern besonders Augustin 
f^'id Gregor d. Gr,; unter den mittelalterlichen Theologen haben ihn 
'^omentlich der ^süsse Herr Sankt Bernhard' (254,17) und ,das 
^l^m Licht, der liebe Sankt Thomas, der Lehrer' (180,16 f.), zum 
^^'tl auch Bonaventura (vgl, Vita Kap. 51) heeinßusst. Noch 



^) Vgl. Wackernagel, Altdeutsche Pred. 4ol ; P reger II, 373 : G reit h 
''^V"..' Strauch, Allg. dtsch, Biogr, 37, 176, 

-) Unrichtig sagt Schmidt bSOf,: „Seu.sc konnte haum zu einem Ge- 
timtken kommen, der nicht unter sichtbanr Gestalt seiner Phantasie erschien . . . 
Iffii'um will ihm auch d<i8 Philosophieren nicht gelingen.'" 

*) Vgl, besonders K. Müller. Kirchen gesch. II, 1 (hs97) 38 f.; Loofs, 

Leitfaden der iJogmengesch, ^1906, ti3()f. : Ilar nach , iJogmengesrh. Iir\ 396 f, 

.*) In naturwissenschaftlichen ( rgl. z. B. l'^,6f., 99,:Jff.. ii(>6,:*4f.) and 

hi^orischen (vgl. die Legenden von J. Chrgsostomus, Paulus und Ljnatius, 

Vita Ö0f2^ff.: Bfb 392,!^ l ff,) Dingen zeigt er dir ganze Kaivdc'it seiner Zeit, 



150* Einleitung. IL Seuses Leben und Werke. 

viel weniger cds bei irgend einem anderen deutschen Mystiker könnet 
hei ihm vorreformatorische Tendenzen, eine ,evangelische Grundrichtung 
nachgewiesen werden^); er ist ganz und gar katholisch und mit alle^ 
Fasern auf dem Boden mittelalterlichen Kirchen- und Christentum 
festgewachsen. Wenn er manche Formen der kirchlichen trömmigke 
verinnerlicht und ihnen die Glut seines Lebens eingehaucht hat ^, «. 
ist das sein persönliches Verdienst, das ihn aber in keiner \Ve^ 
über seine Zeit hinaushebt, 

T. Nachwirkung Senses in der Literatur. 

Seuses Werke waren nicht bloss zu seiner Zeit, sondern a-94 
in den folgenden Jahrhunderten sehr beliebt^) und viel gelesen; 
haben dementsprechend auf die spätere geistliche Literatur einen tttc 
unbedeutenden Einfluss ausgeübt, der freilich im einzelnen oft schice 
nachzuweisen ist*). Manche Verfasser von asketischen Traktaten uttt 
Briefeti, sowie Prediger des 14, und 15. Jh, haben Seuse benutzt 
und oft fnehr oder weniger wörtlich Teile aus ihm herüber genommen % 



^) Die Versuche hei Volk mann 30 f,; Albert a. a, 0, Uly 100 ff, ; 
Lechler, Wiclif I (1873) lüO f. sind hinfällig; vgl. dagegen JDenifUBdS 
A,5; Schmidt 892: Seeberg4Sf.;Thomasiu8-Seeberg a. a. 0. 299 A, i- 

2) Vgl I' reg er II, 372, 

=) Vgl. die Schreiber notiz in Hs. M (s. oben S. 10*) : ich han den Sysseo 
lieb von hertzen und eine ähnliche Bemerkung von einer Hand des 16.116. Jh 
auf dem letzten Blatte eines Exemplars des Druckes von 1462 (in der K^* 
Landtsbibliothek zu Stuttgart): man soll das mit gülden pnchstaben schreibei 
prueder . . . (das folgende teils unleserlich, teils ioeggeschnitten). 

Vgl, Strauch in Allg, dt seh. Biogr, 37, 178: „es wäre eine danken J^ 
werte Aufgabe, dieses Nachwirken einmal im Zusammenhange zu vmfdlgcf*' 
Auf Vollständigkeit kann es hier nicht abgesehen sein. 

'^) Benützungen von geringerer Bedeutung seien hier summarisch auj 
geführt : die Verfasserin des Traktates ,Buch der göttlichen Liebe* in der Et'* 
Siedler Es. 762 (vgl Simon a. a. O. [s. oben S. ö* A. 1] 31 ff.) hat SeuS^ 
Vita und Bdew mehrfach benutzt ; in einer asketischen Schrift über G$duld '* 
Leiden, Kolir.ar Hs. 332 und Zürich, SiadtbibL Hs. C 127 (beide 15. Jh}, 
ßndffn sich Stücke aus dem Bdew ; in der Maihinger Hs. III 1. 4^ 3. ist i^ 
l^assionshetrachtungen einiges aus Vita und Bdew verwoben, und ähnlich auch »* 
Cod. Nori?nh. Cent. IV, 30; die 100 Betrachtungen sind benütgt beere, nax^ 
geahmt in Cod. Berol. germ. oct. 42 und Cod. Norimb. Cent. VI, 63 und VII, Si 
(lOff Artikel, von Lesemeister Gerhart zu Unttrlinden 1426 gepredigt); in der 
Maihinger Hs. 111 1. 4" 8. Bl. 179—94 ein Brief mit dem Motto ,Habitchii 
lujms' ähnlich demjenigen von Seuse. Auf weitere Benützungen Seuses (n Ha. 
zu Berlin, Cnes, >/. Güllen, Nürnberg ist schon oben S. 22*, 26* und 26* auf' 
merksam gemacht worden. 



Nachwirkung Seuses in der Literatur. 151* 

Die Benützung von Bdew 232,16 f. und Brief Audi fili 437,16 ff. 
durch Rulman Merswin^) ist im Kommentar zu diesen Stellen 
erwähnt; in dem Schürebrandtraktat (ed. Strauch 50,14), der zur 
GotiesfreundJiteratur gehört, werden die zwei angeredeten Nonnen 
auf die Schriften der hl. Kirchenväter und der ,erleuchteten Gottes- 
freunde' Tatder und Seuse hingewiesen *). Die schöne Parabel von 
der Ewigkeit (das Vöglein, das alle hundertausend Jahre ein kleims 
Körnlein vom Berge abbeisst), wohl erstmals durch Seuse in die 
Literatur eingeführt, findet sich bis ins 18. Jh. sehr häufig in ver- 
schiedener Variation in poetischen und prosaischen Werken (vgl. den 
zu 239,12 ff. zitierten Aufsatz R, Köhlers), Möglicherweise ist 
auch der Gebrauch des Wortes ,Fusstuch* (^8,7 u. ö., vgl. das Register) 
zur Bezeichnung des geduldigen Leidens ohne allen Widerspruch 
durch ihn aufgekommen ^). Der unbekannte Verfasser eines Lehr- 
<!fstems der deutschen Mystik (bei Greith 96 — 202), welches teils 
ms älteren Theologen, teils aus verschiedenen deutschen Mystikern 
des 14. Jh. zusammengefügt ist, hat aus Seti^es Vita und Bdw grössere 
Abschnitte wöHlich entlehnt, ohne seinen Namen zu yiennen *). Ehen- 



^) Dass das Buch von den neun Felsen^ das bis neuestens vielfach Seuse 
^^fschrieben und in die Ausgaben seiner Werke aufgenommen wurde ^ vicht 
'■'>n ihm stammt ^ braucht jetzt nicht mehr bemesen zu werden, ,^Soivohl der 
fimertn Form wie dem inneren Geiste nach herrscht zwischen ihm und den 
^kten Schriften Seuses ein wesentlicher Unterschied, und zwar ein so fjcvjaUiycr^ 
^t smschen Seuse und Bulman Merswin^' (Denifle XII). iJem letzteren ist 
strotz der Bestreitung durch Bieder (Der Gottesfreund vom Oberland, Hne 
Erfindung des Johanniterbruders Nikolaus von Löwen 19fJÖ, 98 ff.) allem nach 
immer noch zuzuschreiben (vgl, gegen Bieder namentlich Strauch in Zfdph 
^^^ 121 ff.). Über Komposition und Quellen des Traktates vgl, die eindringen- 
^ Untersuchungen Strauchs in Zfdph 1902, 235—311, 

*) In dem noch ungedruckten Gottesfreundtraktat: Leben zweier heiliger 
^iosterfrauen in Bayern (Margareta und Katharina) Jindet sich eine Vision, 
*ti der beide Frauen mit roten Bosenkränzen geschmückt erscheinen (Strauch 
^ Healenzykl, f. Protest, Theoh XVIP, 210,15 f: vgl, ebd, 212,23 ; 216,40), und 
'Mich im Zweimannenbuch ed. Laudiert 1S96, 12,10 und in einem Briefe 
^^-i Gott^sfreundes bei Bieder a. a. (K 109*, 42; offenbar isf Seat-e {vgl. die 
Stellen oben S. fiO*) Vorbild gewesen, 

^) Es findet sich z. B. in den Viten von Tnss <s. oben S. I2ti'" A, Ij, in 
Ittiysbroeks ,Buch von zwölf Tugtnden^ (vgl. Böhringcr ülo) und hei higolt 
(Goldenes Spiel ed, Schröder 15,10 L 

*) Bei Greith 123, 126, 129 ff., 152 ff., 174. Cbn- diisr Kompilation, die 
Greith viel zu hoch eingeschätzt hat, vgl. M. Pahncke , Untersuch ungtn zu 
den deutschen Predigten M, Kckharts. l)iss. llalU 1905, 6 ff. ; Knhs. 



152* Einleitung. II. Seuses Leben und Werke. 

falls noch ins 14. Jh. gehört d-er süddeutsche Prediger, dessen Sammel 
werk: Sermones de tempore et de sanctis, das im 15, ufid 16. Jh 
häufig gedmckt und fälschlich Albert dsm Gr. zugeschrieben wurds 
einigetnnl Seuf^es Hör. zitiert^). 

Es ist bekannt, dass die asketische Literatur am Ausgang de^ 
14. und im 15. Jh. an Originalität und Tiefe gegenüber der voran 
gehenden Periode bedeutend abnimmt; sie gebraucht zwar noch viel 
fach Wendungen der deutschen Mystik und benützt deren Erzeugnisse 
aber ohne imstande zu sein, ihrem hohen Gedxinkemchwung zu folgen 
und ihre poesievolle Redeweise nachzuahmen. Der Basler Minor^ 
Otto von Passau zeigt sich in seiner Schrift: yDie 24 Alten od ^ 
der goldene Thron', die er für Gottesfreunde verfasst hat (ca. 138^ 
inhaltlich von den deutschen Mystikern nicht unberührt, aber er ziti ^ 
sie nicht '^). Die Abhandhnig seine.^ Ordensgenossen Markus ^- 
Lindau (f 1392) über die zehn Gebote^ die ebenfalls vornehmt r'i 
die Gottesfreunde berücksichtigt uml in Nonnenklöstern riel gele^ 
wurde, streut einige Male Zitate aus dem Hör. ein ^). Wärmer stm 
die Beziehungen des Dominikaners Joh. Nider (f 1438) zu Seme, 
zwar nicht so sehr in seiner Erbauungsschrift : ,Die 24 goldenen 
]Tarfen% wiewohl er ihn auch hier in der Vorrede und sonst einigt 
Male zitiert, als vielmehr in den schon oben S, 20* erwähnten an- 
gedruckten geistlichen Briefen an Klosterfrauen, die einen recht herz- 
liehen Ton anschlagen *), und in einer ebenfalls, wie es scheint, bis 
jetzt unbekannt gebliebenen Anweistmg für seine geistlichen Kinder? 
yWie sie sich der ewigen Weisheit vennählen sollen^ (in der Karl^' 
rnher Hs. Cod. St. Georg. Genn. 103 Bl. 138—54 [von 1572, au^ 

]\[t^i.st*r Dietrich 217*, :J:^l*. Eim- bessere und vollständigere Hs, in Zurief* 

Stadihihl. C WS'\ 

^) Vgl. Crui'l n. a. 0. 3<i:J : J. i ns e um (i yr r a. a. 0. 401 ff. 
') Vgl. Strauch in Allg. dlsch. Biogr. i*4, 741 ff : Deutsch in Real' 
enzyklop* f. prntcst. Theol. XIV \ f):i7ff. 

•') Vgl. Cruel a. a. O. 40 J : Gcffckvu. Der Bilderkatechismus dtf 

i:>. Jii. isö:k ijjff. 109 f. 

') iJicsclhen sind icohl nacfi Schönnistfinhaih im El sass gerichtet, wenigsUm 
irird in den ron ./. Mei/tr henrheiiitcn Sc.Jiöm-nsteinhav.her Viten (s. oben S. 19* 
A. Ji g^'sagtf Xidt'r hnhe an die SchtiKsfirn, deren ]'icanus er war (vgl. auch 
Schirltr a. (i. 0, 141 ff.), r/f/c' Brirfe geschrivhcn, die noch in einem Budu 
crha/fcu seitn. iJtr <cht Senstsc/n' Ausruf .Waff'rtr kehrt in den Briefm 
mt'hnunls irif.der. Zirii an Scusv tr.innernde liriefv htzir. Predigten von Nidtr 
ührr d'e Texte ,Xif/ra sum' und ,OscuUtur mr in (U)d. Xorimh. Cent, VII, 2X^ 
Bl 105- VJ. 



Nac-hwirkune Seusea in d^r Literatur. 153* 

Klwter Urnpring], v(/l. Lffnghts Kotftlog 79), die ersicktiich 
Bnw nachahmt '). Der Geist S»«omaeher Denotion, den Nider in 
im FraMeniUöstem seinen Ordens anzufachen nuchte, findet sich in 
zweiUn Hälfte des 15. J}>. iw anziehender Foiin ganz besonders 
der Abtisfin den Klansnenklosters (Bickenkhster) zu Villingen, 
iSuula Haider aus Letttkirch (f U98). Die edle Frau, eine 
titr M^stikerin, hemnyebHikt in de>- Schule der El^Acih von Beute, 
ihren Andachten, Vinionen und Offenbarungen, über die tde 
mdjge Aufzeichnungen hinterlassen haf). stark von Seuse be- 
Auch ein schönes geistliches Lied der Äbtissin eon Frauen- 
Katharina ton Senuhingen (1518), weist Erinnerungen an die 
'^Oüre des My*tikers auf^). 

Bcfonilers lebhaft u!(ir die Verehrung für Seuseg Person und 
\trke auch in den religös angeregten Kreisen der Niederlande (vgl. 
S. 138*). Zwar hat die Forschung das Ver/iältnis der nieder- 
iMtwAeM Mgstik zur oberdeutüchen noch Kenig aufzuheUen vermocht, 
"wi persönliche Berührung und Ideenaustausch, sei es milndlick 
B" durch Übersendung von Briefen und Schriften, lässt sich nwhr- 
ii konstatieren. Der grosse flämische Mystiker Buysbroek 
liHlf ist sicher von Eckhart beeinflusst worden; vielleicht hat er 
t Meister selbst noch in Köln gehört und 6« dieser Gelegenheit 
ri TaaUr und Seuse kennen gelernt. Bei seinen Fahrten in die 
"MedanJe (s- oben S. 112*) maij der schwäbische Mi/stiker auch 

') Et wird im nntelffn dwv/ii/efährt, wir die Nonnen du geiMichta 
^pptlin' au* aÜfrlei Btamm wriudra sollen (vgl. dazu Vita Kap. 8 und 12). 
^fmaiUrh Hamm! tin* in derselbtii Ui. Bl. 3U9—i07 btfindlickt Bearbeitung 
Bndtnek»/) der etoigen Wäakeit, in die vtrschirdenes aus der Viia und 
i"* Sehri/Ieti Stusis hineingtarb^H ist, ehenfalU von Nidcr. 

') Aufgeao'nmen tn dir Chronik des Bickenl-losterg, hr/g. von Glntt 

.Vtrmt 1611 1S83. Vgl. darin S.^äf. dii Vision vom Rosenstrauch, 41 ff. 

ftdnmg der aeigen Weühsit (nach Art von Seiuea .Bruderschaft'), 67 Er- 

'iiUnjf Marias: 112, 1S8, 130, 13ii, 14t) eimetne Htminisafneen an S^use. 

'l S*i Orrilh aasff.: Damarit ISÜii, 33ä. Die Vnse: Du hast die ro« 

ISeket, JesDs, mi-in herzenstraut etc. irklfiren sich am besttn autt S*H»r, — 

I Gtil t r hat Schriflm Setue» gekannt und btniiUl (vgl. Jitaleiisykiop. /. 

A Thtot. IV, T9St. Im übrigen ist aber seine Richtung diejenige Gtreona, 

If rfiV dcmttchen Myiiiker finssen ihm eher Migelraucn ein : er meint, die 

'AWrr SeuMtB über die bräutUchr Vereinigung der SrMt mit Chrittu» lönuteu 

fir i/t PhoHlaii* gtfnhrlieh werden (Pred. und Leren f. IT, Mititrt bei 

ekSehmidt. Uietoirt iitirairt de VAUact 1 (1879} 4371. — Einige weitere 

Über VtHrreituiig Seuxei im lö. Jh. bii L. KtUer. Itie Reformation 

dir atterm Stformparleirn 18S6, 3H4f. 




154* Einleitung. II. Seuses Leben und Werke. 

jenen, der so manche verwandte Züge in seinem Leben aufwei'<t ' 
bemicht liaben. Die mystischen Grundgedanken sind bei beiden dt 
selben, wenn auch jeder sie in eigentiimliclier Art auffasst un 
darstellt; selbst Beminiszenzen^) aus Seuses Werken fehhn nici 
ganz bei Ruysbroek, der verhältnismässig erst spät Schriftstellerisc 
auftrat Der Mystiker Johann von Schönhof en (f 143 1) z 
Grönental schrieb einen ,PrologVrSf zu den ,Centum meditation^ 
Dominicae passionis* Seuses, der aber inhaltlidi nur eine Ihischre 
bung und Erweiterung der deutschen Vorrede Seuses (314,11 ff. 
darstellt^). Unter den Frater her rn*) ist besonders Gerhard Groo> 
zu lunnen, der den Gläubigen Seuses Hör. und Bdew warm zw 
Lektüre empfahl ^) imd das erstere Werk auch in seinem erst unlä)k/8t 
entdeckten flämischen Traktat ,De simonia ad begutta^^ zitiert % Auch 
Thomas von Kempen, der in seinen Lehreti im wesentlichen mit 
der oberdeutschen Mystik übereinstimmt, hat allem nach Seuse ge- 
kannt und benutzt^). Unter den angeblichen Verfassern der Imi- 
tat io Christi figurierte auch Seuse^)! 



^) Z. B. in dem Verhältnis zu seiner Mutter, in der Abfassung der 
iSchriften infolge höheren Antriebs und in der Bekämpfung des üppigen Klotier' 
lebens und der ^ freien Geister* ; vgl, die Belege bei Böhringer 443 ff., 454, 476. 

^ So findet sich in dem ^Buch von zwölf Tugenden^ (Ausgabe i?a»/*- 
broeks von Da cid II I^ 104), dessen Echtheit allerdings bestritten vird, d** 
Stelle Bdeio i^l4,lff. Vgl. auch S, 151* A, 3, 

«) Er findet sich z, B, zu Triei; StadtbibU Hs. 496 Bl. 74; Bantber^ 
Kgl Bibl. Cod. Q VI 73 Bl. 8 und ist nach einer Pariser Hs. bei QuHif * 
Echard /, 658 abgedruckt. 

*) Die Littraturgattung der ^geistlichen Minnebriefe* pflegten die Brüä^ 
des gemeinsamen Lebens gerade so lebhaft wie Seuse, vielleicht auch v<^ 
ihm angeregt ; freilich ist der Inhalt meist nüchterner und praktisch^ 
Vgl, W. Moll-Z uppkcy Die vor reformatorische Kirchengeschichte der Xied^ 
lande IT {1895) 34U. 

'") In einem Briefe von 1380, hrsg. von P reg er in Abhandlungen (/« 
Münchner Akademie, phil.-hist. Klasse XXI (1894) 35. 

") Bei Langenberg , (Quellen und Forschungen zur Geschichte d^ 
deutschen Mystik 1902, 32. 

"') So die Angabe des tüchtige^i Thomaskenners Pohl im KirchenU^ 
XP, 1677. Da Thomas selten Autoren zitiert^ sind Belege schwer zu gebefi 
doch vgl. seine naiv-kindliche Andacht zum Kinde Jesu, seine Vei'ehrutig dfi 
Passion Christi^ seine Ausführungen über das jSpiel der Liebe^ in den ,Sermont 
de incarnntione, vita et passinne JJomini^ {Analyse hei Böhringer 726 f 
734 ff.). Die Germanismen des Thomas und seine BtTührungen mit den de\k\ 
sehen Mystikern behandelt Denifle in /Asv.hr. f. kath. Theol, 1883, 697—}0( 

^) Vgl. Eahricius, Jiihlioth. tat. medii aeri II (1754) 222, 



Nach Wirkung' Sensen in der Literatur. 155* 

Hie Mystik laust sich als Unter Strömung der rfliffiösen 
Btmjung auch lins yame IG. Jh. hindurch in der katholischen 
utiä protestantischen Kirche verfolgen. In der letzteren ist Sense 
nilerdings, vielleicht von einigen Sekten abgesehen^), irohl kaum he- 
hannl — erst die Pietisten zeigen wieder Berührung mit ihm, — 
wäirmd Tauler von Anfang an eine Hauptrolle spielt; in der 
iatholischen Kirche dagegeti, wenigstens in germanischen Ländern, 
ial jener seine Beliebtlieit nie ganz eingebüssi. Es Ist nicht sufälUg, 
dim Sevse im 16. und 17. Jh. auch innerhalb des Jesuitenordens, der 
eon seinem Stifter her einen mystische» Zug besa^*), bekannt und 
Ttrthrt 'car; wenn eine Zeitlang In demselben Orden eine antimystische 
Strömung die Oberhand gewann, so rührt dies daher, diiss man 
färelttetr, der quietisUschen Sekte der Alumbrados Vorschub zu 
Uiäen, beztp. der Begünstigung derselben angeklagt zu werden, was 
UiUächlich selbst den Ordensgeneralen Ignatius und Franz rfe Borja 
mi/eniossen war"). Unter de» deutschen Seuseverehrern ist haupt- 
iärüich Petrus Canisius (f 1597 ) anzufahren, der inmitten eines 
asketischen Kreises zu Köln aufgewachsen war*) und mit Männern 
nw dfn Karthäuseni Surius (Übersetzer Taulers, Seuses und Biiys- 
\ntkt) und Landsberg (Herausgeber der hl. Gertrud) verkehrte. Er 
Vranalaltete 1543 zu Köln eine wertvolle neue Taulerausgabe ^), 
» 'Irren Eitäeitung er wiederholt auf Seuse Bezug nimmt; den 

) Ch. E. Luthnrdl, Gtseh. der chnsll Ethik II (1893) 5.<) fS/trt — 
idimrUch mit Rreht — die Wurztht der teiedei-lättferise/itn BeweguTiit auf die 
^"Oichf Mi/ttik euräck. Thomas Milager «n mit Saso und btsondem mit 
ic etrtraut ffttutatn. 
') Vgl. t, B. Holt, Die geistlivhen Übungen des Ignatius «. L., eine 
fykdlogisehe Studie (Sammlung gemeinverstflnäl. Vorträge und Schriften aus 
'• Ötbift der Theol. und lidigiorngtiehichte, Heft 41) 190ä. 

■) Vgl. F. X-ltfusih, Her Index der verbotenen Bücher I 1 18fi3) 6S9. 
*■ Jfsuitmgeneral Evrrard Mercurian verordnete 1576: Neque Bpiriluales 
un, iini inatituto Doetro minue conveniunt, nnatris peimittautur, ituales sunt 
tolenw, BnslirocbiUB, Henr. Suao, Rosetnin, Henr. Her» {lies Herp), Ars scr- 
radi Duo, Kajiu. Lnllas, Gertrudia opera et MeubtildiH et alia hiiiusmodi. 
«Ü vi^ro hnram librorum uspiam servetur in noatria collegÜB sisi ex P. Pro- 
86Dtpntift i Friedrich , Beilrögr cur Gegehicble dex .Jfiititenordcns 

til. 

•) Vgl. ¥. Drevi, P. Canisius, dei- erste deuttehe Jeeuit (Schiiften des 
ftrtint f. SeformaliOTUgesch., Heft 36) 1S03, 6 f. 

*) Drall rr der Herausgeber lear, ist nicht gant sicher, aber sehr trahr- 
sdMitlieA, vgl. P. Canisii Epietulat et Acta ed. Brauttsbtrger I (ItlS'J) 93: 
Ad, 79 — V3 ist die Vorrede der Tauirrausgabe abgeilritckl. 



156* EinleituBg. n. Seuses Leben und Werke. 

yCurstis de aeterno Sapientia^ schätzte er besofiders hoch *). Dei 
edle Jesuit Friedrich Spe (f 1635) zeigt sich „im Leben unc 
Dichten nahe mit Sense verwandf^^. Die empfindsame Jesuslieb 
seiner yTrutznachtigaV und die treuherzigen Unterweistingen seines 
jGüldenen Tugendbuchs' knüpfen gerade in dem Besten j was st^ 
bieten und wo sie sich von dem verderbten Geschmack der Zeitgenosse 
abwendeyi, an die Tradition der älteren deutschen Mystik an. Viel^ 
namentlich der Gedankengang, die Parabeln und die Sprache 
letzterem Werke erinnern unwillkürlich an die Art Taiders u 9 
Seuses'^). S2)e ist ein zartbesaiteter Sänger der Gottesminne, «^ 
sinniger Naturbetrachter wie jener. Auch die pietistischen uni 
mystischen Dichter des 17. und 18. Jh., zu denen er überleitet, trn 
Angelus Silesius (Johann Scheffler*), Daniel Suderfnann^), Knarr 
V071 Rosenroth, Spener, Frank, Tersteegen u. a. bieten manche Be* 
rührungspunkte mit ihm, wie überhaupt mit den Ideen und Be- 
strebungen der deutschen Mystik ^"). Endlich hat am Ende des 18. Jh. 
Herder mit feinem Gefühl den poetischen Gehalt der Mystik 
Seuses erfasst und sein Lob der ewigen Weisheit in einem schwung- 
vollen Hymnus ernexiert (s. oben S. 74* A. 1). Im 19. Jh. ist durch 
die Romantik, die in ihm Fleisch voyi ihrem Fleische erkannte, 
die Aufmerksamkeit weiterer Kreise wieder auf den schwäbischen 
Mgsfiker gelenkt worden. 



*) Braunshcrger, Entstehung und Eniivichlung der KatechistMn d^ 
P. Caniaiuit lt>93y 126f. 

^ Strauch in AUg. dtsch, Biogr, 37 j 17b. 

^) (r. Balkfy Spes Trutznnchiigal {Deutsche Dichter des 17. Jh. XIIX 
/cs;p, XXXIV. Vgl auch Diel, Fr. Spe ^1901, 51 f. und die mir nicht Mtd 
gtingliche Schrift von 11. Schachner j Xat Urbilder und Naturbetrachtung ^ 
den Dichtungen Fr.s v. Sjte, G gmnas.-Programm von KremsmünHer 1906. 

F<//. die Vorrede Kllingers zu seiner Ausgabe des ^Cherubinische 
Wandersmnnn* 1695 j XXXl^III. Ob Seh. Suso gekannt hat, ist dama^ 
zircifclhaß ; er erwähnt ihn nicht unter den miitcJ alterlichen Mystikern, die ^ 
studierte. Im siebten Sonett (Elli ng er S. 149) erinnert die Klage des Ve* 
dawmten an Bdeir 2b5,7, aber dies genügt nicht, am Abhängigkeit zu konstatiere^ 
Seh. kann auch aus einem anderen Erbauungsbach (einem Sterbchächlein^ vg< 
AniH. zu ?7cS,5ry) geschöpft habjn. 

•') Vgl. oben S. Iti* A. f.\ Seine Lieder bringen mitunter direkt Texte da 
Mystiker, namentlich Taubers, in \'erse : an Scase erinnert Nr.iSö7 bei Wacktf* 
n a // el Bd. V. 

'') Vgl. A. Hitschh Gesch. des Pietismus III ( ISS4) 63 ff.: „Jesusliik 
in Poesie and Prosa^. 



Übersetzungen und Ausgaben von Seuses Werken. 157* 

TL Übersetrangen und Ausgaben Yon Seuses Werken. 

Der Beliebtkeit, welche Seuses Schriften von Anfang an genossen, 
Spricht ihre weite Verbreitung durch zahlreiche Hss, und Druckaus- 
ben und durch Übertragung in fast alle europäischen Ktdturspra- 
m^). Auf die von Borchling beschriebenen und auf weitere 
ederdeutsche und niederländische Hss. des Bdew bezw. des 
•r. ist schon oben S. 17* f. aufmerksam gemacht worden^). Zum 
brauch bei der Privatandacht wurden die hundert Betrachtungen 
ien Niederlanden allgemein verwendet ^). Die Allegorie vom Kampf 
Widders und der 70 Füchse gegen die Söhne Gottes aus dem Hör, 
oben S, 106* Anm. 1) musste im Jahre 1572 bezw. 1573 sogar 
u dienen, in einem Flugblatt gegen die Spanier — der Widder ist 
rzog Alba — Stimmung zu machen^). 1627 wurde die Vita Seuses 
Antwerpen in niederländischer Sprache herausgegeben^).' 

Eine altenglische Übersetzung eines Auszugs aus dem Hör, 
>. Jh.) in sieben Kapiteln (The seueo poyntes of trewe loue or 
)logium Sapientiae) hat K. Horstmann in Anglia X (1888) 
H—89 ediert; derselbe Auszug wurde um 1490 bei Caxton in 
estminster gedruckt. Der erste englische Dtmck^ des ,Horloge de 
^Itience^ erschien schobt 1483 '^), eine Übertragung von Diepenbrocks 
H^gabe durch Rychard Eaby zu London 1867, 2. A. 1868% Eine 
'mische Übersetzung des Hör. aus de^n 15. Jh., wohl in einem 
irffittinerkloster etitstandeyi und zum Gehrauch bei der Tischlektüre 
'Mmnt, hat C. J. Brandt unter dem Titel ,Gudelig Visdoms bog 
dnMk oversaetelse^ etc. in der Sammlung ,Dansk Klosterlaesning^ zu 

^) Leider ist es ohne Einsicht in die Hss. und die oft seltenen Drucke 
v:ht immer möglich^ genau zu unterscheiden^ oh es sich um eine Übersetzung 
<« Bdew oder des Ho-r. handelt; meist ist das leietere der Fail. 

*) In Cod. 8224 der Bihl. des Arsenals in Paris (Catal, VI, 444) ist eine 
ifdtrl, Übertragung des Hör. von ca. 1380. 

*) Vgl. oben S. 17* A. 1. und Mei/hoom, Susos honderi artikelen in 
'fderlandj Archief voor Nederlandsche Kerkgeschiedenis I (188fJ) 173 ff. Ein 
fiterer Beleg bei Langenherg a. a. O. 109, WO. 

*) Pr&phetie Een wonderlike ende gt sieht etc., gcdrukt hut/ten Noonriis 
''3: tgl. Graesse, Tresor de.<t l irres rares et precieux VII^ 450. 

^) Het Leven van den Salighca Ihnrictis Suso door Johann van Heren- 
l 233 S. in 12^. 

''') Notizen über Hss. der englischen Übersetzung des Hör. bei (J ue t if 
^chard I, 658; Oudin 1(j66. 

'^)Grae88e V, 50 verzeichnet einen weiteren Druck s. a. 

'') Vgl. die Rezension von J. Bach im TheoL Literaturblatt I8(j8j 209. 



158* Einleitung. IL Seuses Leben und Werke. 

Kopenhagen 1865 herausgegeben. Zivei Birgitthiennnen, Karen Jew 
Tochter und Kirstin Hans* Tochter, übersetzten da^ Hör. um loO{ 
unter dem Titel: , Wecken* gottseligeyi Geistes^ ins Schwedische^] 

Bedeutsamer ist, dass das Hör. schon im Jahre 1389 unte 
dem Titel firloge de Sapience^ als Werk eines frere Je/ian de Sonbs 
haube ^= Schwäbelt) von einem unbekannten lothringischen Minorite 
Magister der Theologie, zu Cha^stelneuf ins Französische Hberseit 
wnrd£ (de latin en ronmans donnee). Die gereimte Vorrede ^ erzäl^ , 
dass die Übersetzutig auf \Vu7isch des Maistre Dirnen che de Por 
Lizentiaten des bürgerlichen urul kanonischen Rechtes, gefertigt um 
am 28, April 1389 vollendst worden sei. Dieselbe wurde van einem 
Karthäuse}'mönch zu Paris 1493 bei Verard ctJs eige)ie Arbeit heraus- 
gegeben und König Karl Vlll dediziert; Neudrucke ebd. 1499 und 
1530. Die Suriussche Bearbeitung der Werke Seuses wurde von 
Fr. N. Le Cerf ins Französische übersetzt und zu Paris 1586 und 
1614 gedruckt^, eine Übertragung des Bdew und Bdw nach 
Surius von dem Kanonikus D. de Vienne erschien Paris 1684 und 
1701. Die Übersetzer Chavin efe Malan et Üartier (La vie et IfS 
epHres de H. de Suzo, Paris 1842) wnd Cartier (Oeuvres du J. 
Hetiri Suso, Pans 1856) arbeiteten nach der italienischen Ausgabe 
des Dominikaners Igmtzio del Nente (Vita ed opere »pirituali dd 
beato Enrico Susone, Firenze 1642, Roma 1663, Padua 1675, Paru 
1697, Orvieto 1861), die aber selbst wieder nach Surius gefeiiifi 
worden war^). Weit brauchbarer als diese sehr fehlerhaften Aus- 
gaben ist die neue Übersetzung dss Dominikaners G. Thiriot 
(Oeuvres mystiques du b, Henri SusOy 2 Bds Paris 1899), icekhe 
die Deniflesche Ausgabe zugrunde legt — für die bei Deniße fehlet^ 

*) Hrsij. ron Ji erf/str/hn in der Sammlung der ,Svenska Jh^omskrifl' 
siWffkapet^ ; vgl. IL Schuck in II. Pauls Grundriss der gernu Phüol. I^ 
(1901) 93^: Krogh-Tonning, Die hl BirgiUa ron Schwtfden 1907, 129 f> 

-) Zum grössUn Teil gedruckt hei Quet if et Kchard I, 663 und (WH 
K. Brunn er in Mitteilungen der hndischen hvst. Kommission n.^20 (BeHagi 
zur Ztschr. f. Gesch. des Oherrheins lti98, 7o). Bei (Juitif a. a. 0. und bfi 
Brunn er 51, 70^ 7 5 f. 78 Nachweise über Hss. zu Paris und andtrwärts. 

•') 'fouron a, a. (>. II, 549 führt noch die Übertragung eines DovM 
kaners, Lgan 17 U5 an. 

') Graesse \\ 50 und Chevalier (s. tS. 04*) ^lOlf. fahren weiter an 
(h'ologio delln sojnenza aus dem Französ. übersetzt, Ven. de Luere 1611 ; Sc^ 
li u r ri, I ila dtl h. Kurien S., \ 'erona 10:^5 : Lorenzo Mar er a^ Hintoria i 
la vida g milagros de los b. frag II. S\. Barcelona 1024. Stücke von Sem 
fnthtflt Thomas de liocaberti , Alimento espiritual, Barcelona 1668. 



Übersetzungen und Ausgaben von Seuses Werken. 159* 

l^nefe des Gr Bfb ist Preger benützt, für die Predigten Diepen- 
i/'ock — und der ei}ie gute Einleitung vorangeht. 

Ins Lateinische wurden die deutschen Schriften Seuses schon 
^'rtilo. Jh. von einein Karthäusermönch übertragen; das Werk befand 
<ich nach Joh. Meyer ^) in den Bibliotheken der Predigerklöster zu 
^^nsel und Nürnberg, ist aber jetzt verschwunden. Nach dem Drucke 
'on 1512 übersetzte sie in freier Weise auf Wunsch des Abtes 
Ludwig Blosius der Karthäuser Laurentius Surius (H. Susonis 
Opera), Köln bei Quentel 1555; er gab auch vier Predigten ^lach 
1er Taulerausgabe von 1543, das unechte Büchlein von den neun 
Fdsefi, den Cursus und das Officium de aeterna Sapientia bei. Neu- 
Irucke der Ausgabe erfolgten Köln 1588, 1615 und Neapel 1658. 
Die Suriussche Ausgabe wurde durch Anselm Hoffmmn, Köln 1661, 
nieder ins Deutsche zurückübersetzt. 

Von den deutschen Ausgaben sind die beiden ältesten die 

nkon öfters zitierten Drucke: Augsburg 1482 bei Anton Sorg^, 

108 + 146 BL (die Vita ist besonders beziffert) fol. (Panzer I, 124 

yr.l44) und ebd. 1512 bei Hans Othmar 228 Bl. fol. (Panzer 

1 338 Nr. 710). Beide enthalten das Exemplar mit den Nachträgen, 

& Bruderschaft der ewigen Weisheit und die neun Felsen, der zweite 

l^ruck ausserdem ein längeres Vorwort und Nachwort des Druckers. 

Uw die Ausstattung mit Holzschnitten s. oben S, 46^ ff. Die erste 

Misgabe ist allein nach von dem bekannten Ulmer Dominikaner Felix 

Fobri besorgt^), und zwar, wie schon Denifle^) gegen Preger"") 



*) Notiz in seinem Lehen der Mutter Seuses j das er den Viten von Tüss 
^^gtgeben hat, ed. Vetter 96, 26 ff. 

') Schlusswort des Druckers f. 146 r : Gedruckt viid vollendet ist dicz 
^fidi (des geleicb nocb bessers den laien nit kund ist sein leben ze bessern, ge- 
^t der Seüsse) von Antonio sorg etc. Ein Extruplar aus der Kapiielshihliothek 
^«* Waldsee (früher einem Waldseer Nonnenkloster [Klause] (jehörig)^ stand 
•t in dankenswerter Weise längere Zeit zur Verfügung. 

^ Vgl. die Vorrede von 151:2 f. :J'': so das (buch) on Ordnung hin vnd her 
festrowet gewesen ist, so hat der wird ig Icszmaister brfider Felix Fabri zä Ulm 
das mit fleisz züsamen gelesen vnd in Ordnung gesetzt in lateinischer sproch. 
Da Fabri schon 1502 starb, so kann sich seine Beihilfe wohl nur auf dm Druck 
'^» 1482 bezogen haben. Was die Schlusswortc hedadtn, ist nicht recht klar: 
wahrscheinlich liegt ein Irrtum des l)r uckers vor. Mar er 315 und Wtyer- 
lann 203 (vgl. auch liealenzykl. f. protesi. Theol. \"-\ 723) sprechen, offenbar 
^hl^cht unterrichtet, von einer Übersetzung des Lehens Seuses aus dem Lafeini- 
hen ins Deutsche. 

*) Zfda XIX, 347 ff: 

'-) Briefe 2 ff.; Zfda XX, 413 f. 



160* Einleitung:. II. Seuses Leben und Werke. 

nachgewiesen hat und aus dieser Ausgabe noch deutlichem erhellt 
nach einer späten und schlechten Hs. (vgl. oben S, 9*). Die zweite ist 
obwohl Meister H. Othmar den Sorgschen Druck herunterzusetze 
sucht (f, 218*', 220^ )y nur ein durch neue Fehler vermehrter Abdruc^ 
der ersten. Eine Gesamtausgabe der deutschen Schriften Seuses wur^^ 
erst wieder im ersten Drittel des 19. Jh. versucht, als man unt:^ 
anderen Schätzen des Mittelalters auch die deutschen Mystiker wieUe, 
am Tageslicht zog. Melchior von Diepenbrock (nachmals Karditvii 
und Fürstbischof von Breslau, f 1853) veröffentlichte eitie solcie 
unter dem Titel: Heinrich .Susos, genannt Amandus, Leben und 
Schriften, nach den ältesten Hss. und Drucken mit unveräputerim 
Text in neuerer Schriftsprache herausgegeben, Regensburg 1829, 
H837, H854, ^1884. Die Ausgabe ist nach den beiden ältestm 
Drucken bearbeitet unter Hinzuziehung des Cgm 362 und einiger 
jüngerer Münchner Hss. für die Vita und das Bdew; es ist auch 
die Bruderschaft der ewigen Weisheit und das Neunfelsenbuch darin 
aufgenommen. Für ihre Zeit verdienstlich ist sie icissenschafüich t?a» 
keiner Bedeutung, da Diepenbrock für die Verbesserung des TexUi 
fast nichts getan hat^). Immer noch sehr beachte^is- Mid lesenswert 
ist die ausführliche Einleitung, welche Josef von Gör res dazu gt" 
schrieben hat (4. Aufl. S. 25 — 136) ; er handelt darin geistreich und 
mit brillantem Stil über die kirchenpolitischen und religiösen Verhält 
nisse d^s 14. Jh., über Wesen und Bedeutung der Mystik, und gibt eim 
schöne Charakteristik von Seuses Person und Werken^). Ganz wertlos 



*) Vgl. auch Denifle X. 

•^) Vgl. darüber J. Galland, J. von Görres 1676, 479 ff.; A. WihUlU 
J. von Görres als Literarhistoriker 1899 ^ 71 ff. Der Brief Diepenbrocks (V9» 
IS. Mörz 18^7) f worin er auf Veranlassung Clemens Brentanos Görres utn <*• 
Geleit^wort fiir seine Ausgabe ersucht, steht bei Gör res j Gesammelte Britftlll 
(1674), 294 ff. Nach Empfang der Einleitung schreibt er am 37. Sept. 10 
enthusiastisch an Gön-es: ,. Welche Freude macht mir dieser herrliche ÄttfitiMi 
und welche wird er dem bessern Publikum machen! Es ist icundersam, wk 
alles lebendig wird, und sich organisch gestaltet und sein tiefstes Leben atf* 
schliesst vor ihrem Blick, und wie trefftfnd ihre Hand das Erschaute md^ ^ 
kann. Sie sind kein Poef, kein Philosojjhy kein Theolog, sondern dcLS Dr§ieiM 1 
aus allen, und Theologie, Philosophie und Poesie ist lebendig innetooknend ift j 
Ihnen in Geist, ,swh' und Leib, zu einer Persönlichkeit sich gestaltend'* (a.tu(Ki 
359). Der Historiker J. Er. Böhmer rühmte besondtrs die Schilderung d^e] 
kirchrnpolifischtn Vcrhöltnisse durch Görres und schrieb in einem Briefe: sJü. 
scimn Anschauungm ist tine Grossartigkeit und ein Tiefbliek, wovor ich tr* 
staune. Wer von den leihenden könnte sich einer solchen Ditnnationsgokt 
riihmrn, wie rr sif Itesitzti^" (J. Janssvn, Böhmers Leben I [1868] ^63 f^ 



Übersetzungen imd Ausgraben von Seuses Werken. 161* 

f<tdie 1863 in Wien erschienene Ausgabe: Amandus des seligen, (je- 
innnt H. Suso, Lehen und Schriften, drei Bändchen (I Büchlein 
^on den neun Felsen, II Bdew, III Leben und Lehren Susos). 
WmenschafÜicheJi Anforderungen entsprach bis jetzt nur Denifles 
Bearbeitung: Die deutschen Schriften des seligen Heinrich Seuse aus 
iem Predigerorden, nach den ältesten Hss, in jetziger Schriftsprache 
\eruusgegeben von P. Fr. Heinrich Seuse Denifie aus demselben 
Jrden, erster (einziger) Band München, M, Huttier 1880, XXX und 
iii Seiten. Sie bietet nebst einer gediegenen literarhistorischen Ein- 
eitung die Schriften des Exemplars vollständig samt de)i Nachträgen 
hzu. Der zweite Band, der nach dem Tode des grossen Gelehrten 
^f 10. Mai 1905) sicher nicht mshr erscheinen wird ^), sollte Forsch- 
ungen über Seuses Leben und Lehre, den Text des ungekürzten 
Briefbuchs, der Predigten, d^s Hör. und der Bruderschaft der ewigen 
Weisheit, anhangsweise auch den fiursus de aeterna Sapientia^ und 
Aw Minnebüchlein bringen. Denifle hat in seiner Ausgabe, um Seu^e 
ilem allgemeinen Verständnis zu erschliessen , mit viel Glück eine 
sprachliche Erneuerung versucht, dabei sich aber doch „durchaus und 
zmr fast sklavisch*''^) an die Hss. angeschmiegt. Benutzt sind für 
(/en Text die besten Denifle bekannten Hss., vor aUem A (in Pfeiffers 
Akchrift), ferner KMIi Um, für das Bdew E und E^, für das B<lw 
^uch b; Varianten sind jedoch nur bei einzelnen wichtigeren Stellen an- 
Udjeben, Was der Au^sgabe^) einen bleibenden Wert verleiht, ist namen t- 
U die im Komment-ar gegebene Erklärung der schwierigeren mystischen 
^t^llerij in welcher der enge Xusamtnenhang zwischen Mystik und 
Scholastik deutlich ans Licht gestellt wird und Denifle überha/ipt 
^mtmngistrnler Gelehrsamkeit seine umfassenden Kenntnisse ausbreitet, 
tine populäre Auswahl aus Seuse nach Diepcnbrock mit (iörres 

^n diesr Ausfiihrunyeti fanden alu^r den Tadel des Ch-meng und Christian 
^rtnl ano : vgl, Görrea* Verieidigunfj in einem Brief vom 1:J. ^fifrz 183(J an 
^nf Tochter Sophie (^ich siimme überall für die frische, grüne Wahrheit, ohne 
aOf Furcfav in Ges, Briefe I (IböS) 314, \\\ von Scholz in der \\)rrede 
»einer Ausgabe (s. oj KIV bezeichnet Görres* Einleitung als „inhaltlich teihreis 
ffTTj gedanklich unklar^, sagt aber doch, dass sie in ,Ahrem stünnischen Sprach - 
'k^ihmus, ihren melodisch steigenden und fallenden Perioden, ihrer aus unserem 
Uten Wortschatz erworbenen T^iille."' ein grosser Genuss für den Leser sei, 

^) Noch vor einigen Jahren äusserte Denifle die, fnilich utojnstisrhe 
hfnung, noch einmal zu Seuse zurückhehren zu können. 
*) Seuse XXX. 

^ Vgl. aber dieselbe auch iStrauch in J)fsch. Lit.-Ztg. is^l, S3jl'.: 
. Grab mann, P. U, Denifle 190ö. 11 f. 
H. Sense, Deatsche Schriften. W" 



162* Einleitung. ET. Seuses Leben und Werke. 

EMeitiuiy und mit den Holzschnitten des ersten Druckes hat jüng^ 
W, iwn Scholz lierausgegeben (Heinrich Stiso, eine Auswahl a 
seinen deutschen Schriften [= Die Fruchtschale Bd. XIV], Münch^^f 
und Leipzig 1906, XCI und 219 S.); eiyie ähnliche Auswahl in zto^/ 
Bänden soll im Verlage von E. Diederichs in Jena erscheinen. Eü^ie 
rollständige kritische Ausgabe Seuses im Urtext blieb nach Deniftes 
Veröffentlichung immer noch ein dringendes Bedürfnis; namentlick 
Strauch^) hat das zu wiederholten Malen betont. Mit Setises 
Sprache wird man sich erst dann in erspriesslicher Weise beschäftigen 
können. In dieser Beziehung, z, B.für Untersuchungen Hber Sprach- 
schätz und Syntax verspricht er grössere und sicherere Ausbeute, ab 
etwa Berthold von Regensburg, Meister Eckhart und andere hervor' 
ragende Prosaiker des IS. 114, Jh., für die wir wohl niemals so zu* 
verlässige Texte bekommen werden wie für Seuse. Van dem Original' 
text sind aber bis jetzt nur ganz geringe Bruchstücke nach verschiedene!^ 
Hss, an zerstreuten Orten veröffentlicht'^); die Absicht eine Seuse^ 
ausgäbe als ztveiten Band der ,Bihliothek älterer Schriftwerke def 
deutschen Schweiz', herausgegeben von Bächtold und Vetter, durch 
Letztgenannten besorgen zu lassen, wurde nicht ausgefUhrt. So soß 
vorliegende Edition die Lücke ausfüllen. - 

Drucke von einzelnen Schriften Seuses seien zum Schlüsse sunh 
niarisch aufgezählt: das Leben Susos wurde 1744 zu Dillingen g^ 
druckt, das ,Buch von der ewigen Weisheit' in ,verbesserier Schrifl' 
s^prache' 'on Rauche nbic hier, Augsburg 1832 herausgegeben; das Bdiit 
und die Bruderschaft der ewigen Weisheit sind gekürzt enthalten tK 
,Der ewigen wiszheit betbüchlein% Basel 1518^), neugedruckt DiUingm 
15^7 und NeU'Ruppin 1861*^); ein , Manual oder Handbüchlein det] 
e tri gen Wet/szheif^ (Abriss des Lebens Seuses, Unterweisungen 
Gebete) erschien 1622 zu Konstanz bei J, Sprenger. Die Suder^. 
mannsche Ausgabe von 22 Briefen (1622) ist oben S. 22* zitii 



») Afda IX, 13^: AUg. dtsch. Biogr. 37, 179. 

Vgl. oben K 7*f,; 14* Anm, 1, ferner die Anm. zu 211,1, 236^1. 
495f1. ö(j9J. ö:J7, Einzelne Stücke aus dem Bdeio 7iach F hei t\ K, Gri§i 
haher. Alte ungedruckte deutsclie Sprachdenkmale 1644, 36 — 47 (deisselbe 
in (irieshaher. Vaterländisches t84:i, 292— 303) ; aus dem Gr Bfh nodb-j 
in Z/da XIX, 360 ff. XXI, 103 ff. 

^) Well er Nr. 1094. Exemplare des Druckes s, B, in MainM, 
Inhliothek (vgl. Zfdph 1894, 66 K Zürich, Knntonshihliothek ; AuseÜge dm 
hei Hasak\ Der christliche Glauhe des deutschen Volkes heim Sehhust 
Mittelalters 1866. ihSI ff. 

*) (r messe 17, 7, 531. 



Übersetzungen und Ausgaben von Seuses Werken. 163* 

Vo)i dem Horologlum sind folgende Äusfjahen x\i nennen: 

'lieälkste s. l. et a. (Paris 1470?), nachgedruckt Paris 1479 ; ferner 

(Ii( Ausgaben zu Venedig 1492 j 1536 ; Köln (Joh. Landen) 1496, 

im, 1503, 1509; Nürnberg 1479, 1724; Paris (J. Petit 1511, 

tbd. 1578 unter den Exercitia S. Gertrudis; Neapel 1658^). In 

neuerer Zeit ivurd^ das Hör. herausgegeben von Reg. Braun 0. Pr,, 

Kolli 1724 und von Jos. Strange ebd. 1861; beide Ausgaben sind 

'(bei' recht mangelhaft und sollten durch eine neue kritische ersetzt 

icerden (vgl. oben S. 108* A. 2). Die ,Cenium meditationes' sind 

inti^ser in den meisten Ausgaben des Hör. da und dort in Andtzchts- 

bkhern, z. B. im Precordiale devotorum, Strassburg 1489 ^, gedruckt. 

Das jOfficium de aeterna Sapientia' erschien Paris 1578 und Luxem- 

Imj 1605. 



') Obige Notizen nach (rrat'ssp V, ;Vy.- Murr, Metrtornhilin IJ,.?4^; 
ii. Braun, Hör. XXIII ff. 

') V*jL Gr ieshaher, Sprachdenkmale 5. 



Erste Abteilung. 

Seuses Exemplar. 



B. Seate, Denttcbe Schriften. 




^^flc^^i^ 



|A2'J DIz ist d«r prologn^. dae ist i\6 vorred dlsa büclies. 



In disem exemplar stand geschriben vier gfttii büchhi. 



Da: 



frsi seit fiberal mit bildgebeiider wise von eini anvaheuden lebeue 

und Kit logenlich ze erkennen, iu weler ordcDhafti ein rebt an- 

i fuliender mensch boI den usBern nnd den inren menschen richten 

nah gotes aller liepsteu willen. Und wan giitü werk ane allen 

iwirel me wisent and dem menschen neiswi rebt sin herz erlupbeut, 

nie denn wort allein, 60 t>eit es für sich an bin mit gUehnuegebender 

"iae von inengerley bailigen werken, dii in der warheit also ge- 

ii'baben. Es eait von aim zflaemenden meuscben. wie er mit 

miden and mit lidenn und iibenne einen durpruch sol nemen durch 

, m selba unerstorben vichlichkeit hin zi\ grosser löblichen heilikoit. 

g och etlichii menschen sind, dero sin und müt na dem aller 

J nebsten nnd besten ze ervolgen ringet und in aber underschaides 

■^ebristet, da von sü veriert nnd ver^^'iset werdent, hier umb git es 

In/ göten nnderschaid warer und valscher vernünftekeit nnd lert, 

^wie man mit rehter ordenhal'ti zu der blossen warheit eins seligen 

rolkomeu lehetts sol kamen. 

Duz ander büchli ist ein gemeinii lere, nnd sait von betrahtung 
iiniiers berren marter und wie man sol lernen inrlJch leben und 



A = B*. Btrlm 4" 840 (- ÜtroaKliarg B 139); A' - SlriMsburg On.Bibi. 
Z. 75; B' - Bei-tin fol.e&S: Ä- Einsitdeln 710: M- Cgm 36Si iV = Närti- 
btry Cma. VII. 90; P - Purü Bibl. iiat. 323; R-Bralau Domkap.BiM. ; 
S -^ Stuttgart AKtt. 15: S' - Stuttgart Theol. et jJÄfl. 381 .- (/ = Überlingen 
22; W WolfenbätUl 78. & Aug. ; f l-YeHiurg Un.Bibl. 453 ; a - 1. Dritck 
1483. — In MKP fthlt der Prolog. Vor dtmaMen in AKBWB'a ein Bilä 
(Abb. 1 nach K Bl. 39'): David, Salomoii, der Bitner fSeugel. die Ewige 
W^sheit, Job und ArietoUles mit Sprüchen. 

I Rotr (fhertehri/t : liie Iahet an des sfiaen leben und ander gute leer A' 
Um iet der prologua dias liQclia und die vorred desa dienerg der Ewigen 
■wwihnlf. darin gar vil trost nnd uoderwiHtiaiig' Funden wirti Einefl gediehen g&iBt- 
Uebeo menschen U red S den Imchlins, du» da heisHet der Seltsj^e {süsa*.' 
W)aW 2 An X" 7 naiawen A'a reht fehlt EA'U 2il lemen| Ktcii A' 



4 Prolog des Exemplars. 

selklich sterben und des gelich. Wan aber daz selb buebli ur 
etlicbü me siner bucher nn lange in verren und in nahen lande 
von mengerley unkunnenden schribern und schriberin ungantzlic 
abgeschriben sind, daz ieder man dur zfi leite und dur von nai 
nach sinem sinne, dar umb hat sA der diener der ewigen wishe 
hie zA samen gesezzet und wol gerihtet, daz man ein gereht exen 
plar vinde nach der wise, als sü ime dez ersten von gote 
luhten. 

Daz dritt buchli, daz da heisset daz büchli der warheit, de 
mainung ist: wan bi unsren ziten etlichü ungelertü und doch ver 
nAnftigu menschen die hohen sinne der heiligen scfarift von den 
lerern verkerlich faain genomen nah ire selbs eigem und wilden 
gründe, und sü och also hein angeschriben, und nüt nach der meinnnge 
der heiligen schrift, so wiset es hie den menschen in den selben 
hfihsten sinnen mit underscheid uf den rechten weg und uf die [2^] 
ainvaltigen warheit, du dar inne von got nach oristanlioher nemnng 
gemeinet ist. 

Daz vierd buchli, daz da heisset daz brief buchli, daz m 
geischlichA tobter och zesamen brachte uss allen den briefen, die er 
ir und andren sinen geischlichen kinden hat gesendet, und si ein 
bfich dar us hate gemachet, uss dem bat er genomen enteil den) 
brieven und hat es gekurzet, als man es hie na vindet. Dez knrzen 
büchlis mainung ist, daz es ein underlibi geb und ein lihtrung eim 
abgescheiden gemüte. Und du himelschen bilde, du hie vor und 
na stand, sind dar zi\ nüzz, daz ein g&tlicher mensch in sinem 
usgang der sinnen und ingang dez gemütes alle zit etwaz vinde, 
daz in von diser valschen niederziehenden weit wider uf zft dem 
minneklichen got reizlicb ziehe. 

Es ist och ze wussen: do die quaternen diss ersten sinnen« 
riehen bäches heinlich beschlossen lagen vil jaren und dez dieners 
todes beiteten, wan er sich in rechter warhoit ungern dur mit bi 
sinem lebenne keinem menschen wolt offnen, ze jungst do seit in 
sin bescheidenheit, daz ze disen ziten nah dem gegenwärtigen lof 
der abnemenden menscheit besserr und sicherr weri, daz daz bucH 
mit gotes urlob wurdi geofnct sinen obren, die wil er lepti und i 
Hieb wol uf ellü stuk diser warheit versprechen könde, denn ii 



2 etlicher S 6 reht A^aW 11 f. von der lere in verkerlich h. g. JK 
12 ergem A 16 meinung ASA^E 20 sinen fehlt SI{ 23 underiilm] 

KURaW 29deBA'aIiW 81 dur nüt iC 32 doJehHKUa 34 bem 
:>'KU sicher SA^ sichrer KT 35 sinem AW 



Prolog des Exemplars, 

■m tode, ob Joch daz also gevieli, daz etlicbü UDveratandnil men- 

!!D, der rede nit ze ahten iBt, daz dii hier uinb in verkerlicher 
: valgch arteil dar über wurdin gebende, die ain guten meinung 
iaue Dit w61tiu an sehen, ald die vi>n ir grobbeit kein besBere 
I selber kunneii verBtan. Wau es möbti wol also Bin ergangen, 
es Da sinem tode deu lawen and gnadloBen weri worden, die 
n erbet dar mit hetiu gehabt, daz es fürba/, got ze lob begirigeo 
BHcbcD wen gemeinsamet, und tnüsti also uuuuzberlich Bin ver- 
Bgen. Ocb möhti sin geBcheben, daz es blinden an der bekantnnst 
den argen an dein gemtite dez erBteu weri wurdeu, die es von 
gebi-eetlithen uugunBt hctin under gedruket, ala och me ist 
lebeo. Dar umbe erbaldet er »ich mit ainer götHcben kraft 
BÜndert itBSer disem bfteh die aller höbsten sinne und die aller 
eakfiten materiell, die iene bie Bttind, und gab sie selb dez 
ze überiesene einem hohen ineister, der waz von got mit 
lenrichen tagenden wol begäbet und waz an g&tlicbcr kunst 
I bewerter [3 '] maister. Dar zö waz er über tüteches land in 
dier orden gewaltige preUt. und hieBS maister Bartholo- 
Dem enlwnrt er es demüteklich, und er überlaz es mit 
ganzen wolgeyallen eines herzen und meinde, es weri allea 
: als ein togenlicher süzzer kerne uss der heiligen scbrift allen 
^eeehenden menücfaen. Dar nach do du gemain lere ward zb 
n geeezzet, nf daz daz ieder mensch dan ein hie fundi, und er 

7 dorch micb(!) EU 14 ga\i fehlt KU 23 f. zh d. wart gesclzet A^ 

13 sinne hier mit ÖfttTS = /rnnleiUtae, Sfriiche, Austiirüehe, Thesen, Ab- 

Sammlungen van Viüereteileii und Släteultsutt aut schotaHtiiichan 

! m^ürhtn Autoren (Setilenien. auch .Summen fftnannl) sind stit litm 

fjl. »thr häitfig ; vgl. Denifii in ALKGM I, 58b. 18 Bartholomaau von 

Ml. Ohtr ihn s. Dtnifie 8 A. 1 u. ALKGM II, 334: Prtger, Vor- 

33/.; Jundl, Histoirt du panthiisme populaire au mogtn äge. Porig 

I aw». . Pnintignon im Frtibayger Diöiuanarchiv X VI, 11/., IS, iU; QuÜif 

■ t, Striptortf nrdiais Praedicatontm 1(1719), 6ST ; Sftill, Ephemeridtg 

■no-aacrae I 11691), :i3. Er stammte atm einem angetehtncn, frähtr 

^kUrdiof«, atit dem in. Jh. im Breisgaa antnetigen Adelsg&eMeeM 

von Knobloch. Oberbadisches GeichleclUrrbach I [1898], 140f.), war 

Ir im SlriUBburgtT Preiligerkloittei; Prior in Freiburg (fi, Mayiiter der 

\fgit in Pari« and magtstcr gaeri palatii apostolici. lag 1361 in Paria dit 

tem fMOPH /!' [1999], 337J und vertBaltete vm 1354 bin ea »einem 

13G3 (Nekroloj/ium det Feeihurger Dominikaiierkloflerii, Poingignon 

tt.43 a. Ad^httueer Chronik den Joh. Meyer a. u. ". i;-) das Prnvintialat 



6 Prolog des Exemplars. 

im daz gemein och wolt han gezfiget, do zukte der minbekli 
disen edeln maister von binnan. Do der diener veniam, 
tot waz, do ward er gar sere betrübet, wan er nit wäste, ^ 
dar mite ze tun was. Also kom er sin mit vil grossem er 
die ewigen wisheit und bat si^^ daz si in in der sacbe dez 
bewisti. Dar na rieiswen do ward er erhöret, und der vor] 
maister der erschain im vor in ainer liehtricher gesiht und 
kund, daz es gotes guter wille were, daz es färbaz würdi g 
samet allen gfitherzigen menschen, da mit rehter meinnn 
jamriger belanguug sin hetin ein begeren. 

Swer nn gern ein gfiter seliger mensch wurdi und gotes 
heinlichi gern heti, oder den got mit swerem liden gemeine 
als er gewoniich phliget ze tftne sinen sundren fründen, den 
dis buch gar ein tr6stlichü behulfenheit Es git och gfitb< 
menschen ein liehtrich wisnnge ze götlicher warheit und vernä 
menschen einen richtigen weg zu der aller höhsten selikeit. 



1 erzöget K 2 cliseui S do er die rede vemam A^ 4 
7 [der] erschein -4* W 10 jomrigem belangen A^R 12 sweren lide: 



Erstes Buch. 

Seuses Leben. 



Erster Teil 



Hlenhet an daz erste tail dizz bflches, daz da haisset der Sdse, 

Es waz ein brediger in tiitsciiem lande, von geburt ein Swabe, 

ia nam gescliriben sie an dem lebenden bi'ieh, Der bat begird, daz 

er wurde nnd bit^ase ein diener der ewigen wisheit. Er gewan 

&kDDtsami eins beiligen erlabten menseben, der ein vü erbetseliger 

lidtuder nienscb waz in diser weli Der mensch begert von im, 

hl er ir etwaz seiti vun lidene usser eigenr enpfindunge, dar abe 

ir lidendes herz ein kraft mÖhti nemen; und daz treib si vil ziteB 

ime. Wenn er ztt ir (com, do zoch si im ns mit heinlichen 

nAsgen die wise sines anvanges und fürgangs nnd etliefa ubunge und 

, liden, die er bat gehabt, du seit er ir in gotlicher heimlichi. Do 

Eti 7on den dingen trost und wisung befand, do schreib ei es alles 

las, ir selb nnd och andren [3'j menschen ze einem hehelfen. und 

(et daz versloln vor ime, daz ev mit dnr von wüste. Dar na neiswen, 

b do er diser geischlichcn däpstal innen ward, do straft er si dar 

Dinbe, nnd mßste im es her us geben. Er nam es und verbraud 

es alles, daz im do ward. Do ime daz ander teil ward und er im 

in glicber wise och also wolt hau getan, do ward es understanden 

mit bimelscber hotschaft von got, du im do geschah, du daz waute. 

1 Bote Obergehriß: Ais ist Am sflaen leben P Assit principio aaiicta 
Hnia meo Item der wmier saea; darunter: Hie vahet — Söse; am imttrn Rand: 
Dkz bflch von di-m dlner der ewigen wiHzhayt M duz leben eins predigera 
der do bies güse N daz da — Sftse fehlt A' 5 heil, fehlt A' 5f. erber 
setiger PM erher selig lidendcr A' 7 enger M dar nmb Ma 9 körnende 
wa^ A' 11 du] do M lä tüle« fehlt S 13 an] in P 14 tfit J/ er] 
<« A} neiHwi A^ 17 [du] ward P ucli ward M 18 in fem A' 

19 bkimoUcher M d6 Im da/ M 

3 Vffl. Hör. 127: eviug nomen sil i» Ubro vitae (Jt. iji.- Dmn. 13,1; 
Phü. 4.3 wuj B Etibtth Slagel. Ä'«i«w rjeütliehc Tochter : vgl. Kap. 33. 



8 Leben Seoses, Prolog und Kap. I. 

Und also bleib dis nagende un verbrennet, als si es den meren tei**. 
mit ir selbes banden bäte gescbriben. Etwaz guter lere wart od 
na ir tode in ir person von im dar zft geleit. 



Der erst anvang dez dieners beschab, do er waz in dem 
zebendem jare. Und do er dero selben jaren fünfü geischlici^ee 
scbin bat getragen, do waz dennocb sin geinüte ungesamnet; eht j^ 
got bebftte vor den meisten gebresten, du sinen lünden mohfeo 
swecben, so dabte in, dez gemeinen m6bti nit ze vil werden. Hier 
inne waz er docb von got neiswi bewaret, daz er ein angenügde in 
im vand, wa er sieb bin kerte zu den dingen, du ime begirlioh 10 
waren, und dubt in als es weri neiswaz anders, daz sin wildez ben 
friden sölte, and was im we in siner anrüwigen wise. Er bäte alle 
zit ein widerbissen und konde docb im selb nit gebelfen, unz das 
in der mute got dar von entledgot mit einem geswinden kere. Si , 
namen wunder ab der geswinden endrunge, wie im gescbeben weri, U 
und spracb eine dis, der ander daz, aber wie es waz, daz rftiie 
nieman, wan es waz ein verborgen liebtrieber zug von got, und der 
wurkte geswintlicben den abker. 

I. Kapitel. 
Ton den vorstrlten eins anvahenden menschen. 

Do im dise indruk von got bescbab, do erbüben sich bald 
etlicb vorstrite in ime, mit dien in der fient sines heiles wolt bai 
verierret. Und die waren also: daz inrlicb triben, daz im von go* 
waz worden, daz vordret von ime einen lidigen vonker von alle» 
dem, daz im ein mitel möhti bringen. Dem widerstund dA aa- 
vehtung mit einem inscbicssenden gedank also: „bedenk dich bai, 
es ist Übt an ze vabene, es ist aber mülicb ze volbringen." D* 
iure ruf der bot für gotes kraft und sin hilf, der widerruf meiade, 
es enwer kein zwivel an gotes gewalt, es weri aber zwivellich, ob 



1 also fehlt P 3 [in — im] darzu geschriben M Ainen ^ 4 fi* 
ÜberscIiHft: von dem gotlichen intruck Cap. I N; die übrigen Hbs, haben Uf 
kein neues Kapitd. 9 imgemugd M 12 entfriden P alle /eÄft A* 

17 der fehlt M 18 acker A' 22 erstriteii P mit dien fMt A^ dem Ö 
24 vordret] vertreip P vorker M 25 mitte A^ 28 inrüffe A^ [der! 
bot (bat A'^ für PA'\Va got P 



Leben .SeuHen. Kiip. I. 9 

er welle. Üez ward er och hewiset kiiiitlicli, wan daz hat der milt 

got beweret mit sjoeii gQten geheisseu usser siuem götlichen muude, 

das er nerlichen [4''] helfen welie allen den, die es in einem namen 

an vahent. Do dii gnade in disem atrite an ime gesigte. do kom 

t ein vieotlicher gedank in fründes bilde und riet im also: „es mag 

g6t sin, da Holt dich besron, aber du solt uit ze vast dur binder 

komen. Vah es an also messeküch, daz du es mngist volbringen, 

da solt vast e»tsen und tiinken und dir selb ^ütlieh tiin. nnd solte 

dich da mite vor sfindea hüten. Bis wie göt du will in dir selb. 

Ol nnd doch also raegseklieb, daz die lüt von ussnen keinen gruBen ab 

ilir tieoien; nach der litten rede: ist daz herz {;üt, so ist es alles 

gftl. Du macht mit den Uiten avoI frolich sin, und doch ein gilter 

menseli sin; endrü menschen wen och ze himelrich komen, die doch 

nil liein ein so übiges leben." Hie mite und dez EjHch wart er dn 

j 15 gar vast angevohten; aber die betrogen rete widerwarf du ewig 

wislieit in ime also: „swer den belen visoh, der da heissct ein al, 

lii dem sweif wil liaben und ein heilige» leben mit lawkeit wil an 

"ihea, der wirt in baiden betrog:en; wan so er wenet haben, so ist 

n endninneu. Wer och einen verwenteu widerspenigen lip mit 

ftairtheit wil überwinden, der bedarf göter sinnen. Der die weit wil 

I lallen und doch got Tolkomenüeh dienen, der wil unmüglicber 

' ikgea phlegen und gottes 1er selb felschen. Dar umb, wilt du ab 

lusen, so lass och ze frumen ab." In disem gevehte waz er neiswi 

lang; ze jungst gewan er ein getürstekeit und kerte sich vermügent- 

^Jicb vun den saclien. 

Sin wilder mf\t nsm des ersten menges sterben von dem er- 
ecbcne, daz er tet von fipiger geselschaft, Etwen überwand in 
idü natnr, daz er zfi in gie dur ein lihtrung sines gemütes, und be- 
»chah gemeinlich, daz er frSliche dar gie und trurige von in gie; 
^1 «an du red und kurzwil, die sü fftrten. waz im unlustig, und aber 
da «ine waz in unlidig. Underwilent, so er zf^ in kom, so äptan 
sä in mit s6lichen worten. Eine sprach also: „waz sonder wise 
tiasl du dich an genomenV Der ander sprach: „ein gemein lelien 



1 er /thU PH och] oIbo M 1 f. wan es der mute gotte« beweis i*A' 
S betrart M 5 fränd.] A-om<]ei< f 7 also an P 9 hCidiI P 10 gmew] 
rrgmug P 11 e« fthll S 12 wol frei, »n loit d. I. S IS ain mit 

udrni ni-, wenn Oie wih K hiiud MaXRW 16 rede KA^ rflder(I) P 

16 in ime] iiiinne K 17 Awanx MR 21 voUekUch PK i. wil dienen 
wa Tolk. d- A' 23 och| es P doch A' 31 du sine rede P 32 niscn 
aa an dich K 



-J 



10 Leben Seuscs. Kap. U. 

weri daz sicherst.** Der dritte seite: „es nimet niemer gftt ei 
Und also gab in eine dem andern. Er sweig als ein stumbe 
gedahte: „wafen, zarter got! Es ist nät bessei* denn fliehen. H> 
du na dis red nit geh6red, so könd si dir int 'geschaden.^ 
ding waz im do ein pinliches liden, daz er nieman hate, den 
sin liden klagti, der daz selb sQchti in der sielben wise, als [4^ 
gerufet waz. Dar umbe gie er eilend und lieblos und enzoh 
mit groser gezwungenheit, daz im dur -im: waii; ein grfissü süse 



IL Kapitel. 

Yon demV Übernatürlichen abzug, der Im do ward. 

In sinem anvang do geschah eins males, daz er kom in 
kor gendc an sant Agnesen tag, do der convent hat enbisse: 
mitem tag. Er waz da alleine und stund in dem nidren ge 
dez rehten chores. Dez selben zites hat er sunderlich gedrenge 
swerem liden^ daz im ob lag. Und so er also stat trostlos 
nieman bi im noh umb in waz, do ward sin sei verzuket in 
libe neiss ussdem libe.> Da sah er und horte, daz allen zui 
unsprechlich ist: es waz formlos und wiselos und hate doch 
formen und wisen frödenrichen lust in ime. Das herz waz | 
und doch gesatet, der müt lustig und wol gefuret; im waz wAns 
gelegen und begeren engangen. Er tet nüwen ein steren in 
glanzenrichen widcrglast, in dem er gewan sin selbs und 
dingen ein vergessen. Waz ez tag oder naht, dez enwust er 
Es waz dez ewigen lebens ein usbrechend& süssekeit nach ge 
würtiger, stillestender, riiwigen enpfintlicheit. Er sprach dur 
„ist dis nit himelrieh, so enweis ich nit, waz himelrich ist; 
alles daz liden, daz man kan gewörten, enmag die fr&de nit 
billich verdienen, der si eweklich sol besizzen.** Diso übersw» 
zug werte wol ein stunde neiss ein halbe; ob du sei in den 
belibi oder von dem lip gescheiden weri, des enwust er nit. E 



4 uiircd M G in ir [selben] >vi8 M wiz A 7 erzoh M Ij 
s. u. an sant agnesiin tag do beschach daz er kam gand in den chor M \ 
sund. ^. A^ 17 ueiszwi A^ 18 weselos P 21 vergangen K vngi 
AA" 23 ein fehlt M 24 Eh] er A^ 25 stillender A^ 27 gewart 
mag ASa 2fl neiss] ald K 30 das iV 

12 21. Januar, l«f. Vgl II Kor. U,3f, 



Leben Seusefl. Kup. III. H 

vider zu im selb kom, do wnz im in alter wise ale einem menseben, 
der von einer andren weit ist komen. Dem lip geschah als ne von 
dem karzen ogenblik. daz er nit wände, da/, keinem menschen ane 
lien tod in so kurzer frist so we molit geschehen. Er kom wider 

ineiswi mit einem grundlosem süfzen, and der lip seig nider gen 
fcr erde wider einen dank als ein mensch, dem von nnmaht wil 
Itbretten. Er erschrei inrlich und ersüfzet ingruntlich in im selb 
iBil sprach: „owe got, wa waz ich, wa bin ich nu?" und sprach: 
,ach lierzkliches gut, dieu stunde enmag von minem herzen niemer 

linnft komen." Er gie da mit dem übe und ensah noch enniarkte 
umesdig nieman nüt an ime; aber [5'] sin sele tnid müt waren 
inwendig vol himelscfaes wundei-s; die himelscben blike giengen nnd 
wdergiengen in siner innigosten inrkeit, und waz im neiswi als ob 
«r ia dem lüfte swebti. Die kreft siner sele waren erfüllet dez . 

Wtnssen bimelsmakes, als so man ein gfit latwergen usser einer bühsen 
«intet und du bühs dennoch dnr n;t den gflten smak behaltet. 
Diser himelscher smak bleib im dur na vil zites und gab im ein 
bioflsch senung nah got. 

III. Kapitel. 
" Ifie er kam in die geistlichen genialtelscliart der ewigen wlsheit. 

Der lot. uf den sin leben dur na vil zites geribtet was mit 
inrlicher ubange, waz ein steter fliz/, cmzlger gegen würtikeit in 
BiDneklicIier vereinung mit der ewigen wisheit. Aber wie daz des 
fntcn gewnnni einen anvang, daz mag man merken an siuem 
häthhn der wisbeit in lutsch und in latln, du got dur in bat ge- 
m«chet. 

Er batc von jngent uf ein minneriches berz. Nu erbütet sich 
da enig wisbeit in der heiligen scrift als minneklich als ein lütseligi^ 

i ile» bCBcliach dem I. A' 6 einem menschen PMS'W 8 sprach 

/(Ab M 10 dem frltlt A^ ood] noch Ä' 15 lectuaricii AA' electuarium 

«fS'«' 16 dnr na /Ml M 17 bleib [im] M 20 gehü. fehü M 21 dnr 

am fthlt P 2*2 doK waz ^1/ gegcaw.] wirdeksit M 24f. viaea bücblauhen 

15 electaarinm, Utwnrje, latwerje fLexer I, lB40f.) =: diek HngekoetiUr 
it^ vtrtehiedtner Beil- itnd WOrikräater, ah Salbe in einer Büchne oder in 
Avffjfttn/ann aufheteahrt: vgl. M. Heyne, Fflnf BBcher deutlicher BnutialUr- 
limer III (19fl3), IM f. 25 Büchlein der ewigen Weisheit und Nor " 

Sapientiae. 




12 Leben Seuses. Kap. in. 

minnerin, da sich finlich nf machet, dar umb daz 8i menlich w^ 
gevalle, und redet zartlieh in fröwlicbem bilde, daz si ellA herz^ 
gen ir geneigen muge. Underwileut seit si, wie betrogen anc^ 
minnerin sien und wie recht minneklich und stet aber si sie. £r 
von wart sin junger niut gezogen, und geschah im von ir, als so ^ 
pantier sinen süssen smak us lat und du wilden tier dez waldea 
ime zühet. Dis reizlich wise hate si gar dik und ein minnekliei}i 
luderen zu ir geischlichen minne, sunderlich an den bucbern, dik d 
heissent der wisheit bucher. Wenn man du ze tisch laz, und ei 
denne derley minnekosen horte dar ab lesen, so waz im vil wol ze 
mute. Hie von begond er ein elenden han und gedenken in sinem 
minnerichen mute also: „du soltest reht versuchen din gelük, ob dir 
disü hohü minnerin möhti werden ze einem liebe, von der ich ab 
grössü wunder hör sagen, wan doch din jungez wildes herz ane 
sunder liebi nit wol mag die lengi beliben.^ In den dingen oam 
er ir dik war, und viel im minneklichen in und geviel ime wol in 
herzen und in mute. 

Es geschah, so er momendes aber dar ze tisch gesass, so r&fte 
si US der wise Salomon und sprach also: „Audi, fili mi! H6r, 
kint mins, den hohen rat dins vater! Wellest du hoher mione 
pflegen, so solt du zu einem minneklichen lieb die zarten wisbät 
nemen, wan si git iren minnern jugent und mugent, edli und rieh* 
tum, ere und [5^] gefür, grossen gewalt und einen ewigen namen. 
Si machet in minneklich und lert in wesen hoflich, lob vor deo 
luten, rftm in den scharen; si machet in lieb und werd got und deo 
lüten. Dur si ist daz ertrich geschafen, dur si ist der himel ge- 



2 frolichein PA'W 4 siiit SaN 5 also 31 8 lüder Jtf suDderÄP 
in d. b. P 9 zö tusche (.!) JPaW 10 diT minn der lay koseu M 11 eUetd 
Ma W 14 horte F herz also wildez M 15 die lengi fefUt P 16 dik 
fddt A' 18 dar fehlt A'aNW do röfte im [us] ^* 19 mi etc. Kß 

22 lugend u. m. M 24 Si — 25 scharen nach 26 lüten M 25 go£ T« 

d. 1. P 26 beschaffen P [ist] der A"^ 

6 f. Zuerst hei Aristoteles, Eist. Antm. JX, 6 (p, 612 a,12 98.) erwokid, 
dann im Physiologus (Fr, Lauchert, Ge^ch, des Phys, 1689, 19, 176/., 199 fj^ 
bei VinBenz von Beauvais, Spec. nat. XX, 99 und bei Seuses Zeitgemossn 
Konrad von Mcgtnherg (j 1374), Buch der Natur ed. Pfeiffer 1861, W 

9 Als „ Weisheitsbücher'' (Libri sapientiales oder morales) wurden im MiM 
alter sämtliche Lehrschriften des Altm Testamentes bezeichnet^ besonders dj 
Libri Salomonis quinque (Sj)richto., Höh, Lied, Pred., Weish,, Siraeh 

19—13,2 Weisheit K, 7 u. 8, besonders 8,2. 10. 18. Sprichw. K. i— ^, h% 
3,19. 4.L 



Leben SeuRea. Kup. m. 

htael und daz abfand andergründet. Der si hat, der ^t ge- 
iriich nnd Bchlaffet rftwklich und lept sicherlich." Do er die 
h(D rede also bort lesen vor ime. do zehand gedabte sin sendes 
rz also: „owe. wel ein lieb daz ist! Wan ni&hti mir du ze teil 
mlen, wie wer ich denn so recht wol beraten!" Daz widerzugen 
bdä bilde, nnd gedaht also: „aol ich minnen, da?, leb nie gesach, 
I ich enweiss, »az es ist? Es ist besser ein bandvol mit besizene 
BD ein husvol allein mit wartcne. Der hob zitnbret nnd weh 
inel. der gewinnet nnderwilent bungermal. Disü herii mionerin 
irigöt lieb ze haben, liessi si ire diener de?, libes wol und zärtlich 
legen. \n eprichet ei also: „gQtu niQrsel und starken win und 
nge« schlaffen, wer de?, wil pflegen, der endarf sich der wisbeit 
inne nietner an genenien," Wa wurden ie keinem diener so hertü 
H für geworfen"? Daz widersprach ein götlicber gedank also: 
Ibt minne von altem recht höret zu liden. Nu ist docb enkein 
iriier, er sie ein lider, noch kein minner, er si ein martrer. Dar 
rit ist nit nnbillich, der so boh minnet, ob im etwen ein wider- 
Migeg begegent. Nim her für alles daz ungehik nnd verdrossen- 
H, daz die weltminner müssen erüden, es ei in lieb ald leid." 
1 disem nnd derley insprechene ward er denne aber vestklicb ge- 
hfcet ze volbprteue. Des gelich beschah im vile. Etwen hat er 
In willen, underwilent licRS er sin herz aber nf zerganklich 
Ine. So er denne bin und her gesftchte, so vand er ieraer etwaz, 
■ der gant7.e ker sines herzen widerspracli, von dem er denn ward 
ff wider getriben. 

I Gins tages las man in ze tische von der wisbeit, da von ein 
R ingmotlieh bewegt ward. Si sprach also: „sam der scbAne 
pboDi blüget nnd als der hohe liban unverschniteu smaket nnd 
k der nnvermiscbet baisam röchet, also bin ich ein blandes, wol- 
hhendes, un vermischtes Heb an urdruzz und ane biterkelt in 
ndloseT minneklicher süzzekeit. Aber alle ander minnerin hein 
M wort und bitem Ion. ire herzen sint dez tndes seginan, ire 



2 schaffet KP lept] gBt S loft P 3 diso fehlt >V hört leaeii also Jtf 
At «hand K i wel] wie KaW S Joch also M 7 wux <1bz ist P 
M] bobe i* 10 ze fehll .S 12 den eniiarf A' bedarf MW U als» 
.Jf 17 e).wrn] iergent A' widerwerlikcit P 20 denne fthlt K 

/tut A' en-terket M 26 in] im MaW, fehlt K 27 gmolJieh 

)t M 38 liubuiu M lilian A^ 80 undniee A 32 herzen] herrcn A 



7 Vgl. Prrdig. 4,6. 
* 24.18. 30. SJ. 



11—13 Vgl.Sprichw.i 
32 Vgl. Pred. 7^7. 



W. :'l,]r. 



27 ff. Vgl. 




14 Leben Seoses. Kap. III. 

bend sint iseDhalten, ire red gesüstü [6 '] gift, ire kurzwile erenrok 
Er gedahte: „wafen^ wie ist dis so war!*" und sprach frilich iu I 
selb: „gewerlieb; ez müs recht sin^ si müs rebt min liep sin, i 
wil ir diener sin/ Und gedahte: „ach got, wan mfibti ich d 
lieben nüwan einest gesehen, wan möhti ich nüwan einest zu 
red komen! Ach wie ist das liep gestalte daz so vil lastlicfae 
dingen in im hat verborgen? Weder ist es got ald mensch; fron 
oder man; kanst ald list; oder waz mag ez sin?*^ Und als verr er 
si in den usgeleiten bischaften der schrift mit den inren ogen ge- 
sehen mohte; do zogte si sich ime also : si swepte buh ob ime in 
einem gewülkten throne, si luhte als der morgensterne nnd schein 
als du spilndü sunne; iru kröne waz ewikeit; ire wat waz selÜLeit, 
irü wort süzzekeit; ire umbfang alles lustes gnuhsamkeit. Si wu 
verr und nahC; höh und nider, si waz gegenwärtig und doch ver- 
borgen ; si liess mit ir umb gan, und moht si doch nieman begriffen. 
Si reichete über daz obrest dez böhsten himels und rftrte daz tiett 
des abgrundes ; si zerspreite sich von ende ze ende gewalteklich und 
richte ellü ding us susseklich. So er iez wände haben ein sehte 
jungfrowen, geswind vand er einen stolzen jungherreu. Si geharrt 
etwen als ein wisü meisterin, etwen hielt si sich als ein vil weiden- 
lichä minnerin. Sie bot sich zu im minneklich und grfizte in fil 
lechelich und sprach zu ime gutlich: „PrebC; fili, cor tann 
mihi! Gib mir diu herz, kind mins!** Er neig ir uf die faflN 
'Und danket ire herzeklich uss einem demütigen gründe. Dis ward 
ime do, und nit me mofat im do werden. 

Dar na ge wonlich , so er also gie verdahte nah der allei 
lieplichosteu; do tet er ein inrlich frage und fragte sin minnesftchendei 
herze also: „ach herz mins, lüg, wannen flässet minne und elH 
lütselikeitV Wannen knmt ellü Zartheit, Schönheit; herzlust od 
lieplichi ? Kunt ez nit alles von dem usquellenden Ursprung da 
blossen gotheit? Wol uf dar, herz und sin und mftt, dar in im 
grundlos abgründ aller lieplichen dingen ! Wer wil mir nu werrea' 
Ach, ich umbvach dich hüt nach mins brinnenden herzen begirde! 
Und denne so trukte sich in sin sele neiswi der ursprünglich usftoi 



1 gesüssestc S 2 wafeu fehlt M 4 wan fehlt MaW 5 an f 
sehen M 9 mit [den] K 11 gewilketen trone gewolketen <^ 14 d» 
fehlt S 16 rillte -4* 17 erspreite P 18 wolt haben oder wonde haben a 
22 lech.] lübklich (?) P 26 f. aller liepsten MW 30 us wellenden M 81 n 
ufl" wol Mfi KaW 33 Ach fehlt S 

• 

16-18 Wdsh. S;L 22f. Sprichw. :i3,26. 




Lebfu Seuscs. Kap. IV. 15 

in dem er bevaud geiechlicb allez, daz gcbon, lleplich 
begirlicb waz; daz waz alles da in unsprechlieher wise. 
Hie mite Itoin er iu ein gewoobeit, wenn er loblieder horte 
ider Büzzü geitenspil erklingen oder von zitlichem Heb bort^- 
:n ald singen, so wart im sin [6^] herz und mCit geewintlicb 
ig geiiiTt mit einem abgescheiden inblik in sin lieplichostes lieb, 
WD dem alles liep flüsset. Wie dik daz minneklich Hep mit minne- 
wdoenden ogeii, mit uazergpreitem grundlosen herzen sie umbvangen 
! in daz minnenrich herz lieplich gedruket, daz weri unsäglich, 
geeebaeh hie von dik reht, als so ein mäter ir sugendez kindli 
ander den armen u( der schösse stende: als daz mit sinem 
te Dnd bewegte eines liblis gen der zarteuden luöter enbor vert 
1 sias herzen frÖde mit den lechlichen geberden erzöget, also fbr 
herz dik in sinem libe gen der ewigen wisheit lustrieben gegen- 
ttikeit in einer enpäntlichen dnrfloBsenheit. So gedabt er denne: 
re herr. weri mir nn ein künegin gemehelt, dez gasti sieb min 
\; owe, nn bist du mins herzen keisrin und aller gnaden geberin! 
dir han ieh ricbtumg gnüg, gewaltes als vil leb wil. Alles des, 
ertricb bat, wfilt ieh nit me haben!" Und alsus betrabteude do 
1 ein antlöt so fr&licb, siuü ogen so gütlich, sin herz ward 
lierende and alle sin iuren sinne diz singende: „Snper ealn- 
; etc., ob allem glükd, ob aller scbonheit, du mins herzen glük 
BOboDfaeit; wan gelükt bat mir mit dir gevolget und alles gflt 
iefa in dir und mit dir l 



IV. Kapitel, 
er d«n mlnnekllchea aamen Jesus of sin herz zetchente. 

In den selben ziten ward neiswaz unmeziges türes in .sin sei 
idet, daz sin herz in gütlicher minne gar inbrünstig macbete, 
tages, do er sin hevand in ime und sere wart kaiende in göt- 
r minne, do gie er in sin celle an sin heinlicbi und kam in 
iininnekHcta betrabtunge und sprach also: „acb, zarter got, wan 

2 «U /thit Ä' i Bingen i>der — hört M, fehit ASPKA'aNUW 

npr. A 9 m /Mi M. 10 also, als %o M kint P 13 Karten 
d' 13 der lieplichen c^cb&rd M den lieplichcn geberden aW 16 gssti] 
P 18 de», (laz dB! Uta 20 anlWt] hen M 24 dir terste»j\ 

K 29 enpfand Pa 31 ein] Bin M wan feM Ma 

2] ff. i'^il, Wtish.7,10f. 



* 



16 Leben Seuses. Kap. IV. 

kfind ich etwas minnezeichens erdenken^ daz ein ewiges minnezeiehen 
weri enzwischan mir und dir ze einem Urkunde, daz ich din and 
du mins herzen ewigu minne bist, daz kein vergessen niemer me 
verdiigen möhti!*' In disem inbrunstigen ernste warf er yoman 
sinen schapren uf und zerlies vornan sinen büsen, und nam einen I 
grifel in die band und sach sin herz an und sprach : „ach, gewaltiger 
got, nu gib mir hüt kraft und macht ze volbringen min begirde, 
wan du mAst hüt in den grund mins herzen gesmelzet werden. ** 
Und vie an und stach dar mit dem grifel in daz flaisch ob dem 
herzen die richti, und stach also hin und her und uf und ab, nni ] 
er den namen IHS eben uf sin herz [7'] gezeichent Von den 
scharpfen stieben wiel daz blfit vast uss dem fleische und ran Aber 
den lip abe in den büsen. Daz waz ime als minneklich an ze 
sehent von der fürinen minne, daz er dez smerzen nit vil ahtete. 
Uo er dis getet, do gie er also verserte und blutige uss der cell 
die cancell under daz cruciiixus und knäwet nider und sprach: „eya, 
herr mine und mins herzen einigä minne, nu Ifig an mins heneo 
grossen begirde! Herr, ich enkan noch eumag dich nit fürbaz in 
mich gedruken; owe herr, ich bite dich, daz du es volbringest md . 
daz du dich nu fürbaz in den grund mins herzen drukest und dinen 9j 
heiligen namen in mich also zeichnest, daz du uss minem henei 2 
niemer me gescheidest. *^ Er gie also minnewnnt vil zites, nu 
neiswen über lang, do genas er, und beleih der nam IHS eben nf 
dem herzen stende, als er begeii; hate, und waren die bfichstabea 
umb sich wol als breit als du breiti eins geschlichten halmes, und ' 
als lang als ein gelid des minsten vingers. Er trüg den namn i 
also uf sinem herzen unz an sinen tod, und als dik sich daz hene ^ 
bewegte, als dik wart der nam bewegt. In der nuwi waz es gar \ 
schinber. Er trug in in der heinlichi, daz in nie kein mensch gesak, 
denne eine sin gesell, dem zöget er es in gfitlicher heinlichi. So 
in dur na üt widerwertigs an gie, so sah er daz minneklich minne- 
zeichen an, so ward im du widerwertikeit dest lihter. Sin bcBü* 
etwen in einem minnekosen gesprochen: „Herr, lüg, die minner diatf 
weit die zcichent irü liep uf ir gewant, ach minne minü, so hil 
ich dich in daz frisch blfit mins herzensafes gezeichent.** 



1 ininiu'z.] miimklich(!) M die] sin M 8 noch hüte P demÄi 
« stach den griffel da mit in d. f. M 11 sin fMt S und von A^ 13 an« 8\ 
17 und min.s — 18 Herr fehlt S ewigü MA^ 22 also gie er M 19^1 
wimt P 25 <Kil ein P als du b. — 26 lan^ fahU K 28 An MA^\ 

20 k«'iu fehlt M in nach mensch A^ 



Leben Seuses. Kap. V. 17 

Eins males na meti, do er von sinem gebet kooi, do ^ie er 
\ sin cell und sass also uf sinen stül, und nani der altveter biich 
nder sin hobt zii einem kässin. In dem entsank er im selb und 
lacht in, daz neiswaz lichtes us drungi von sinem herzen^ und er 
ögte dar: do erschein uf sinem herzen ein guldin krüz, und dar 
in waren verwürket in erhabenr wisc vil edelr stein, und die luhten 
zeroal schon. Also nam der diener sin kapen und schlAg si über 
daz herz Und meinde, daz er daz usbrehend klar lieht gern heti 
bedeket, daz ez nieman mohti han gesehen. Do braunen die us- 
'driogent glenz als wünneklich, wie vast er sü barg, daz es nit half 
von ire kräftigen Schönheit, 

V. Kapitel. 

[<'] Ton dem vorspil götliches trostes, mit dem got etlichii 

anyahendd menschen reizzet. 

'* So er nah siner gewonheit nach der mettin in sin kapeil kern 
nnd dar eins rüwelis willen in sinen stfil gesass — dis sizzen waz 
kurz nnd weret nit länger, denn unz daz der wahter kunte den 
Dfgenden tag, — und denne giengen im och uf sinü ogen, und viel 
geswind of sinü knü und grftzte den ufbrechenden lichten morgen- 
sternen. die zarten küngin von himelrich, und meinde: als du kleim'i 
vogelü in dem sumer den lichten tag grüzent und in frolich enphahent, 
also in der frolichen begirdc grfr/t er die liehtbringerin des ewigen 
tages, und sprach denn du wort nit einvalteklich, er sprach sü mit 
rinem süssen stillen gedone in siner sele. 

' Eins males sass er also der selben zit in siner rfiwe, do bort 
er neiswaz in siner innewendekeit als lierzklich erklingen, daz alles 
rin herz bewegt wart, und du stimme sang mit einer luter süsser 
Teilung, under dannen do der morgenstern uf gie, und sang disü 
^^rt: „Stella Maria maris ho die processit ad ort um, der 

1 na meti fehlt K nach der nietti M 2 sinem M :3 in im s. ASF 
5 im uff P 6 [die] erluhten P B nsbrechend SP IHf. mit — roizzct 

/^ M etlichen andehtigcn m. A^ 15 SoJ do Ä" 17 daz fehlt M 

^1 grnszten A' und [in] M enph.J sahcnt A' 22 also |in| K 2:3 nit| 
^t(r) M 24 srnfieii fehlt A^ stillen suzzen M 27 hiW.vftlift M 2H dannen] 
em P 29 ad ortum fehlt P 

2 altveter, vgl. Kap. 35. 5 In.AKJiB^ ein Ideiue.s IJild: dtr Xame 
HS mit f/rossen goldenen Buchatahiii in farbiger Uinrahmuny. 2J> Aus 

m 9. Jiesponsorium der Maiutin am Fest Maria Gehurt f^. SeptJ, nach dem 
ym irtiUantrr officium. 
}{, Sc OS«, Httotiche Schrifteu. 2 



18 lii'ben Seiiscs. Kap. V. 

merslern Maria ist liüt her lür gezogt/* Di» gesang erhal als iibe 
natürlich wol in ime, daz im alles sin gemüt verflöget ward, u\ 
sang mit ime frulich. Do sü es mit einander huglieh us gesungc 
do ward im ein unsäglicher umbvang, und in dem ward zu in 
gi'si>rochen also: ^so du mich ie minneklieher umbvahest und ie ür 
nintorilicher küssest, so du in miner ewigen klarheit ie minnekliclie 
und ie lie[>lieher wirst umbvangen." Also gicngcn im die ogen ul 
die trehen waletan im daz antlut abe, und grftzte den ufgeudeu 
morgensternen nah siner gewonheit. 

Dar na uf den grnzz gie der ander morgengröz och mit einer 
venje der zarten ewigen wisheit mit dem lobrichen gebetlin, daz er 
schreib an etliehü nüwc briefl)uehli, uml vahet an: Anima mea 
desideravit etc. Hier uf gie denne der drite grflz mit einer 
venje dem höhsten minnerichstem geiste von Seraphin, der in der 
aller hitzigosten fürinen minne uf flammet gen der ewigen wisheit, 
dar umb daz der hizzige geist sin Iierz inbrünstig in götlicher minne 
nincheti, also daz es in im selb brunni und ellü menschen durch ginii 
minnerichü wort und lere enzunti. Dis waz do sin teglicher 
morgengruz. 

Einest an der vasnaht hat er sin gebet gezogen^ unz daz der 
wahter den lajr blies. Also gedaht er: ,,sizz enklein, e daz dn den 
lichten morgensternen \S^] enpfahest". Und do im also ein vii kleiu 
<lie sinne in ein rnw kamen, do erhttben die himelschen jonglinp 
mit hoher stimme daz schön resi)ons: llluminare, ill um innre 
Jerusalem etc., und daz erklang als unmesseklieh süzz enmiteo 
in siner sele. Do sü kummc ein vil wenig gesungen, do wart ixt 
himelschen gedönes du sei als vol, daz sin der krank lip idt »^ 
nioht erliden. und giengen im du ogen uf, und daz hei*ze gieng tter 
und Aussen die inbrünstigen trehen über abe. 



1 für] fit! S Disj (iaz P 4 uiislilig(!) .1/ 5 und lie] M w 
luiitrrlicliir P U) d. a. irruz *^s' mit e. v. och .1/ 12 an etliehe njDBti 
liiu'hlaeh uf do sHircib an dem iiucligcndtMi briet'lturiiliii M an dem nagende 
iiuwcii l»ri«'tl»iuldiii A^ V.\ ctr. fehlt Kl' h'wr us ASJ' 16 inbritautigtf 
vKV iiihn'instly:«'!- liitziiror miiiiiv J' 18 wurt| wfrck P 20 verlogen P 

2i daz| ilni J' 2:") daz fehlt .V disz K 29 aho] al M 

12 in'iwc 1». — iiekiirzte lirivfftücfdiin. 14 venje, venia = l'roslrathi 
(auf (he rechte Seite des J\t">rj)er.s\ vgl. Coiist. FF. (hd. Praed. iJigt. I C ', 
lt. t:^'i I. 24 'J. liespnnsorinin der Matutiu an h'fn'/th<mie nach dem iJomin, 
Jinricr fJs. fi(Kl). 




Lüljeii fteuse^i. Kiiji. V. 



\l<> er einest ulsn sass der selben zit, do was im vor in einer 

e er neiswar verfiiret weri iu ein ander lajul. Also dnht 







enycl gar gütlieh vor im stünde /.e sincr rehten liaud. 
iener vert geswind uf und iinimvahct den ;,'eininiiten eiigel, 
ftl.ll 1' -2 -.'efiirt M 4 v.Tr A vnr P -tiint S 






20 Leben Seurscs. Kap. V. 

und uinbschlüsset in und trukt in an sin sele, so er iemer minnek- 
lichest konde, daz reht kein mitel was enzwischen in zwein, dez in 
duhte, und hub uf mit kleglicher stimme und mit weinenden ogeu. 
und sprach us einem vollen herzen: „owe, eugel mine, den mir der 
minneklieh got ze trost und ze hfit hat geben^ ich bite dich dar die ^ 
minne, die du ze got hast, daz du mich nit lassisf Do entwürt 
der engel und sprach also: „getaret du got nit getruwenV Lttg, 
got der hat dich also lieplicli unibvangen in siner ewikeit, daz er 
dich niemer wil gelassen.** 

Und eins males nach einem lidendeu zite do geschah eios ic 
morgens frft, daz er och umbgeben waz mit dem himelschen ingesinde 
in einer gesiht. Do begert er von ire einem klaren himelfärsten. 
daz er im zogti, in weler wise gotes vcrborgnu wonung in siner 
sele gestalt were. Do sprach der engel zfi im also: „nu ttt einen 
frolichen inblik in dich und lag, wie der minneklieh got mit diner V^ 
minnenden sele tribet sin minnespil.** Geswind sah er dar und sah, "j 
daz der lip ob sineni herzen ward als luter als ein kristalle, und :^ 
sah enmiten in dem herzen rftweklich sizen die ewigen wisheit in i 
minneklicher gestalt, und bi dem sass des dieners sele in himelscber j 
senung; du waz minneklieh uf sin siten geneiget und mit sinen 4| 
armen umbvangen und an sin götlich herze gedruket, und lag also 
vei-zogen und vei'sofet von niinnen under dez geminten ^te» 
armen. 



[9*^J Er hate im selb ernüwrct etlichü band, und do ward lU» 
der engel naht, do waz im vor in der gesiht, wie er horti engelsck- 
liches gesang und süzzes himelsches ged6ne. Da von ward im il* 
wol, daz er alles sines lidens vergass. Also sprach ire [d""] einezfc 
ime: „sih, als du gern hörest von uns daz gesang der ewikeit, al«^ 

1 umbschüssi;t M 2 dez) daz P 8 der fehlt S 10 eiii«ai.', 

dem 6' 12 ire) orst(!) P einen KA^ 14 einem A 17 ward /«Alt i^ 
18 ensach «V ruwekl. fehlt M 22 verzoy:en nnd fehlt M imd 

minnen A" 24 Ks K 27 ainü .1/ 28 als gern du von uns h, 

ainikeit M 

2'.^ In AKJiWB^cc ein Bild: die ewiye Weisheit and des Diener« .V« 
umarmen sich auf seinem Schoss (Abb, :? nach W Bh 14*'). 24 I 

Kap. 15. 25 Vorabend des FesUs aller Kngel ( Michaelittfe^tJ, dae 

:Jlf. Sept. (jeftiert wurde 



^ 





lA-boil 



Ki>p. ' 



21 



Pen wir von dir gern daz gesang von der ewigen wislieit." Und 

Ps^ach über dur na alßo: „die ist des gesanges, daz die nserwelti'n 

tieiligen werdeut frölicli singende an dem Jnngsten tage, so sii an 

schfiwent, dnz sä in iemer werendei- fr6de der ewikeit aint 

5 liestelel." 

Kr bäte dur uu einest an ire liobzit vil stunden in semlicber 

fflliownng ir fr6den verzeret, iind do es nabele dem tago, do kom 

n .iungiing. der gebarete dem glich, als oh er were ein hiinelscher 

spilinan von got zfi im gesendet. Mit dem kamen ueiswi nienger 

Miiolzer jnngling in .ijlichei' wise und geberde als der vorder, denne 

1 daz der erst etwaz wirdekeit Imte vor den andren, als ob er 

«i-ri ein furstengel. Der selb jungling kom als recht wol gemiitek- 

I lieh zfi ime und nieinde, sfi weriu dar nmb her all von got zll im 

Ipfendet. daz ^ii im söltin in stnem llden himelsch fröd machen, 

IkhI £|>racb. er Rfilti sinü Itdeu nz den sinnen werfen und inen gesel- 

fiAift leisten, und er müsti mit in och himelschlieb tanzen. Sü 

' EUgvii den diener bi der band an den tanz, und der jungling vie an 

I fid rr&lii-bex gesengeli von dem kindlin Jesus, da/, spricbet also: In 

nlci Jubilo ete. Do der diener borte den geniinten namen Jesus 

süsseklieh erklingen, do ward sin lierx und sinne alse reeiit 

frenifit, daz ime verswand, ob er ie liden bat gehabt. Nu 

t er mit fröden, daz sn taten die aller liöbsten und die aller 

r frieiteii 9|ininge. Der vorsenger der kond es ids gar wol mren, und 

dfT sang vor und eü na, und sungcn und raniteten mit jubilierendem 

Der vorsenger macbete die repetitio wol drivalt: Ergo 

etc. Dis tanzen waz nit gescbaten in der wise, als man 

P diser weit tanzet; ez waz neiswi ein bimelscber uswal und ein 

in daz wild abgründ der götlieben togenbeit. Die und 

■ himelsches trostes ward inic unzallicli vil in den selben jaren. 



1 gern v.in dir SM [vi.»] di-r MA^ ew 
4 iii fthll M 8 einest fthll A' 

na] »irenif »hniu; K, feldt Jf 7 tr5<l ^t 

y IH üch mit in M 20 u. sin 



n ftiat M 3 frStich 

huliz. iiiijs nachtz 3f 

t^'iiiifii und i^caoiidet M 

II .1/ 21 k- f^hll A' 



■ivierwi HA'fö' regieren KaU 24 jiibi- 
c- fehtt M 11 diaer] «ier i'M 

Vgl. H'iffmann v. t'uUenhhtH, lii dulei Jiililo, ein Btitrag tur Gt- 

|«tmii« df druUcbtn Pon-ie, S.A. 1861. Bf. 4tl—6u.- i'h. Waektr, taget, Tia» 

e Kirchnilicä II, 4a:iff. Hit Übc.-llrfvrnng ,le- Müthlittiei üt vtn- 

• -■ Uoffma'"' Uietrt tinc nitdtrländi'cl-e I'faKung des IS. Jli. mit d-m 

I Krijo merilii in der rrsten Slf'/'/n: 



1 



22 Leben Seuses. Kap. VI. 

und aller meist xfi den ziten, so er mit grossem liden waz umbgebei 
und dö wurden im denne dest lichter ze lidene. 

Einem heiigen menschen waz vor in einr gesiht, do er ühc 
alter waz gegangen mess sprechen, daz er wurdi luter mit einr irc 
Zierde einr durlühten minne. und sah, daz dii götlich gnade her al 
towete in sin scle, und daz er ward eins mit gote. Do kamen 
hinder in stende gar vil lutseliger kinden mit brinnenden [10'] kerzen 
zft dem alter, eine na dem andern. Sü zerspreiten Ire arme nud 
umbviengen in. ein ieklicher sunderlich, so sü iemer lieplichest kondcn, 
und trukten in an ire herzen. Sü fraget von wunder, wer sü werin 
ald waz sü meindin? Sü sprachen: ,,wir sien üwrü gcswisteroit 
mit lobe und fröde in ewiger selikeit, und sien bi üoh und hüten 
üwer ze allen ziten.** Si sprach: „ach lieben engel, waz meinet, 
daz ir den herren so reht minneklich heind umbvangen?" Sa 
sprachen: ^do ist er uns als herzeklich liep, daz wir vil tüues mit : 
im haben, und wüssist, daz got unsaglichü wunder würket in ^iner 
sele, und waz er got ernschlich hat ze bitcne, dez wil im got niemer 
versagen." 



VT. Kapitel. 
Von etlichen Visionen. ^ 

Do in den selben ziten hat er gnr vil vision künftiger und 
verhorgenr dingen und gab im got neiswi ein enptintlich kuntsanii. 
als verr es denn moht sin, wie es in himelrich und in helle und in 
vegfür stünde. Es waz im gewonlich, daz vil seien im vor erschinen? 
so Sil von diser weit geschieden, und im kund taten, wie es iß ' 
ergangen weri, wa mit sii ir bfisse hetin verschuldet und wa wi^ 
man in gehelfen inöhte, oder wie ir Ion vor got weri. Under deö 
andren erschein im och vor der selig meist er Eghart und def 



1 irrosM-n A 7 Ihtzcii ihin-hstrichen, darunter kerzen M heiifO 

ASPA' 8 sül (hl ASA' 12 init] an M lobe \\n^ fehlt F \h M 

so S 17 irnstliclies Z^ bictene .1 dez] dz l^M 22 gab im got] 

i^owan M 2'i bimelr. |uiul| P 24 vil üowonl. M vor im M 25 in] 
iin(!) M 2G \v fi'hlt A^ 27 von L'-ot S 28 do erscbein S 

28 Ecklicirt .sfarh bald nach seiner Krhlärnntj com 13. Vehrnar i-W*« 
/// dassclfiL Jahr f(dJf wohl auch die Vision. 



\m\\g brildei' Jnlians der Ffitrer von Straebiirg, Von lU-ni ineieter 

wnnl er bewiset. tiaz er waz in iiberswenker giinlifhi. in die 

irk hlos vergütet waz in gote. Also begertr der iHcner zweiev ding 

II im zc wÜBseiie; da/, ein waz: wie dfi monsclien in got stiinilin. 

»ilii iler nehsten warlielt mit rehti-i- gelafiscnhi-it ane allen faleeli {;erit 

piii:: >vmn. Dez wart ime evüüpet, <iaz dero menschen ingenonien- 

Wil JQ die wigelosen abgrändkcit nieman niöhti gewÖrten. Er traget 

akt fiirbaz also; ein inenscU. der gern dar zQ kemj, waz dem dii 

fdrderltchest Übung weri? Ün sprach er: „er sol im seil) nnh f'm 

lD»ll)Rheit mit tiefer gelasHetilieit entsinken, und ellü ding von gut 

der creulur nemeii, und sicli in ein stille gedultkeit sezzcn 

ft{ei) »llen wullineu menschen ^ 

Der ander bnidei Joiians iIli /ogk im ihIl in dei geiilit die 

nnncdicheii icbonbeit, mit dei &m seh vcikleiet nae nnd \nn 

I begert u och, da/ ci im ein frag n/ nliti Du fug » »•* nlsii 

If fraget nelu under [10'] allen ubungLn du wen, du einem men 

n aller wtr'^t teti mid im allei uuzest wen '' Do hfih ei ut und 

mich da/ mit wetuiiders und uiizeis di m mensch' n wen, denn di 

[(fr men-tth ni „-elasBenheit von fiot im stlbci gedulleklich nb rin-igi 

pnuilalsi gnt dm .irot Ikem 

■510 eigne vater du di.i wAt kiiit zi iinl «iz gt«f-Ln tlei 
fi^them im vor na «iiieni t de und / )plt im mit unim )injeilniiiii 
|>ullikBin angHtlalic^ legUir und wo. mit n du iIIli um ist h itc 



1 



1 liejlig] nelit; S fütrc 
"' 3ii J. i sind ann'chligl 
§p»irti:ii ,U 8 deml ira A' 
«f fraget A''" ■*' IT 'Vi 

«Um] ilnr JA' durch (I) K 



AKl-MA^U furer.V 

dun ru«i»t.L-ni M 

n siclj HI.U1 in aJu 

■9 AE IS iiiiU — 

22 mit] in .1/ 



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5 mit der 



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21 (I.T 



l Johannes >ler Fiilerer gflt-irl einer ungeielieniii, nichliialri-'irhcit A'Inms- 
trJ-^iuilie .in ; ;4l3S/3tf »ml tUlli2 wird Clames F&Urer mu der A'iJr«c/.i.ci-- 
fi in den Hat ytvähU iSlrassb. ÜB \'H, 69-', 895). ■ 1307 sind Wilhetni J-'. 
^ A^mtin. II, ■^ Altxandtr !■'. cu/iontcus am St. ThiimaekapHel url:uii<lHi-h 
a.l}.3T7t. Johanne» !•: rrncktinl 1335 fthd. III, 3JL') tilsMit- 
atltr l'rtdigtrkonvriiU ; der ISüli ynanvte lehd. \'II, 'iö^t gleifJi- 
tK'liurgcr Sa'ipi'ior uiird ir-IU ein V-nraiidler von »Am gtirentii m-in. 
fmfiiU m^iriitLher Pndigtfti von ..Bruder Jnhan» der fSttrur ein hitdi'itr" 
m in ittr Strlinrr Handnelii-ift ,U-. germ. gnart. 191 <XV.JIk' BI. iSTi'; 
Si*. .%?■', ätü)''. ISit sitmlieh migcachiekl tusninineni/ttlellleii ft'tiriiclit 
alHr keinen it,grijf eon Ks Brdiuluii// als Brrdirjer ; Bt. ^iÜS' nennt *lr 
= UiiinimiiaticrlnutnkhiKltr Sl. Kolhiiriuu iu Sirmxl'nry ut» Ort 




M 



24 Leben Seuscs. Kap. VII. 

verschuldet; und seit im usgesclieidenlieh. wie er im helfen sohi 
Und dnz tet er. Und er zogte sich im dur na und seit im, daz e 
lidig dur von waz worden. Sin heilgü rofiter, mit der hei'zen unf 
übe got wunder würkte bi ir lebene, dii erschein im och vor in 
einer gesiht und zogte ime den grossen Ion, den si von got enpfangen 
hate. Des glich beschah im von unzallichen vil seien; und hier ab 
nam er do lust, und gab im vil zites einen bildrichen afenthalt in 
der wise. die er do ffirte. 

VII. Kapitel. 
lu weler Ordnung er ze tiseh gie. 

So er ze tisch solte gan, so knuwet er nider mit inrlicher he- 
trahtung sines herzen für die ewigen wisheit, und bat die vil ge- 
tnilich, daz si mit ime ze tische giengi und mit im enbissi, und 
sprach zfi im nlso: „aller süssester Jesu Criste, ich lade dich mit 
grosser begirde mins herzen und bite dich, als du mich milteklicb 
spisest, daz du mir och hüte din zarten gegen würtikeit verlihest.'* 
So er über tisch gesass, so saste er den geminten gast der reinen 
seie eben für sich zu einem gemassen und sah in vil gütlich an; 
etwen neigte er sich uf die siten sines herzen. Zö einer ieklichea 
trabte, die man im für saste, bot er nf die schnssel gen dem himel- 
sehen hüswirt, daz er im sinen heiligen segen dar über teti, and 
sprach dik in einer minnericher frnntlichcit: „ach zarter gemasse, 
nu isse mit mir. herr mine, nu grife vor dar und iss^ mit dinem 
knchtl'* Und derley minnekosendü wort hat er gen ime. 

So er trinken wolte, so hfib er den köpf uf und bot im in 
och vorhin, daz er trunki. Er trank do ob tisch gewonlich fünf 
trünke und tet die uss den fünf wunden sines geminnten hcrren; 
wan aber |11'] wasser und blüt uss der götlichen siten ran, bicf 
unibe tet er disen trunk zwivalt: den ersten muntvol und deo 
jüngsten noss er in der minne dez minnerichsten herzen, so die 
ertrich geleisten mag, und in der inhizigosten minne dez hohsten geistefi 
von Seraphin, daz die mit sineni herzen wurdin völleclich geteilet 

1 usbcsrlicid. M 2 er irzoigte P^l'« 4 vor naiswie M 5 voi 
irot fehlt A^ 6 Dos] dis S 7 doj deime P 10 8:ie essen P 13 [im 
enb. P 14 siirucb also z. i. P 17 gesass feUit A^ 18 för sich eben Ä 
22 ininneklichcii .1/ 25 uf nach hub er -V 26 do fehlt MA^ 28 wti 

J\'h1f M blüt u. Wasser F den A^'P HO miniiricben M 31 hitzigosteB 1 
:V2 wurd M voll, fthlt M 



Leben ^Seusfs. Kuji. VII. 25 

l'ic Spiee, du im uit Uiiplig wax, bot er ze tiuiken geu dem minnewutiileu 
knea mit ^bteiu globeii, aar. »i iin denne nit möliti genclmdeii. 

Er sAfate last an op^e. und daz wolt im got nit gestntcn. Im 
iu vor in einer geBiht. wie im einr Imti einen apfel und sprach : 
'.nim hin. da/, ist daz. da du lust au sQcbst," Do sprach i?r: 
.Dein, alle iniu lust lit an der minneklicben ewigeu wislieit." Do 
meiiide er, änz weri nit war, er eflliti sinen luet ze vif an dem ops, 
l'nd dez erscliamt er sieb iu im selb, und was zwei jar. daz er uie 
ieiiies opses enbetss. Do dfi zwei jar mit belangiing hin kamen 
KmiHi in dem nagenden jare daz ops erseseen waz, daz dem convent 
nil npses ward, und er mit mengem strite sich selber überwand, 
||«z er kein sunderlieit ob dem tieclie wolt haben mit opae. du bat 
CT gnt, weri es sin wiiie. daz er es t'BSe, daz er denne den cunveut 
tllen npses beriete. L'ud daz geschalt. Do mornend ward, do kom 
Um frömdü person und braelite dem unnvent ein gfit teil nüwer 
Pfenning, und wolt nit enbern, wan kofti liberal nüwan epfel dur 
Und daz geschah, also daz sA vil /jtes guQ^ baten, und also 
er daiikberlich ops wider ze essen. 
Da/, gross ops teilt er in vier teil: du diu ass er in dem 
liHnieii der heiligen drivaltekeit, daz vierde teil in der minne, als 
liii bimelsch mflter irem zarten kindlin Jesus ein epfelli gab ze essen. 
Itiz selb teil ass er unbesehniten, wan es du kindeKi also unbe- 
Khiiilten pflegent ze essene. Von dem winnahttag nnz etwi lang 
na so ass er nit daz vierde teil: er bot es in siner betrahtunge 
itT Harten mCiter. daz si'i es ir lieben jnngen sfinlin gebi, so wolt 
fr äia in den worten enbern. So er underwileut ze geawintliehen 
»f die spise oder trank viel, dez erscbamt er sieb vor sineni erberen 
pinaseen; und so er diser Ordnung keiner ob tische weri ab ge- 
Mngen. m gab er im selber büss dar i'ilier. 

Eh kom einest eiu f^tttev mensch von einr andren stat zu ime 
"id seit ime. daz got iu einer gcsibt zft im beti gesprochen also: 
.«eilest |11'] du ein ordeiiliehes tischsizen haben, so gang zfi 
wiiipm diener. und bnispi dir alle sin wisc sagen." 



I mJiUK'iitleii i' L' v-e»c1]. molilc P 4 Imti itiii<-r MA' :> uiin] 

til- 7 diii] PS A' ••> hjiil as P 10 vcrsezaeii MA' 11 sdb.T 

/•Uf M 12 ■uiirlerhei't .-l 13 uiti fi/ill S 13 f. dem c. alle» opaee A' 
iß tTtHTn ASP duj' uiul> P 18 dauklicfi willer ohe M 21 uirteu ffhit M 

Xk/MI .V -^ finmASKA' |<'ff/. 22,17) 3B Winf\ fehll Ä iX lieltl 

lil m K sfMjirnrfien liet [alnn] ,1/ :(:-( Bin] ilic > 



d 



26 Leben Sensos. Kap. VIII. 

VIII. Kapitel. 

Wie er hegie daz ingend jor. 

Als ze Swaben in sinem lande au etlichen steten gewo 
ist an dem ingendem Jare, so gand die jungling dez nahtes ii 
unwisheit und bitent dez genieiten, daz ist, sü singend lieder 
sprechent schönü gediht und bringent es zu, wie sü nu'igeni 
hof lieber wise, daz in ire liep schapel geben. Daz viel s 
jungen minnerichen herzen also vast in, so er es horte, daz er 
der selben naht für sin ewiges liep gie und bat och dez gemt 
Er gie vor tag für daz bilde, da du rein mtiter ir zartes 1 
die schönen ewigen wisheit uf ire sclioss an ire herz hat gedr 
und knüwete nider und hüb an ze singen in stillem süssen ge 
siner sele ein sequenci der müter vor an, daz si im erlopti 
schapel ze erwerbenc von ir kinde, und da er es nit wol köndi, 
si im da hülfe, und ward im dik als ernst und als not ze we 
daz im die heissen trehen über ab waletan. So er da us ges 
so kert er sich denn gen der herzlieben wisheit und neig ir i 
uf die füsse, und grftzte sie von dem tiefen abgründe sines h( 
und rftmde si mit lobe an sehöni, an adel, an tugenden. an zart 
an friheit mit iemer wercnder wirdekeit über alle schön jungfn 
diser weit, und tet daz mit singenc, mit sagene, mit gedenken 
mit begirden, so er iemer best konde. und wünschte denn, da 
in geischlicher wise aller minner und minneklicher herzen ein 
lofer weri, und aller lieplicher gedenken, worten und sinnen 
orthaber weri, dar umbe daz er die wirdigen gnü minneklicli 
ire unwirdigeni diener kond geloben. Und sprach denn ze ji 

:3 i,^<'\v(m -1^ 4 «l»'z fehlt M 5 unwisheit korritjürt aus unw 

heit A unwissenlicit P 11 [hat] c^edrukti .1/ 15 als not u. a. en 
19 tujrent 3A 2\ mu\ mit sair. 1* 25 entliaber I* wiiriloklicl 

2G wirdigen A^ 

IJ tr. Übjtr die ahmanniaclicn Volhsfjehrüuvhe in der Ntujahrsnacht. 
(las Ansingen dt r GrUehtai ( früher ..Kntnzstnffen" genannt ^ noch jetzt 
Holle spielt, vgl. K. II. Mcf/er, liadisr.lies l'olkshhen im liK Jahrhundert 
2(0Jf., 4Uo. Dt'Z gemeiten biten um das Angenehmr^ die LieU 

bitten (von üfomcit schön, stattlich, li'.lf) : (irimm IJ]V IV\ <J37:/ff.: Si 
ier ir-\ 4.1! f. Denifle -10: um Kränz lein singen, schapel Kranz ron lil 
oder I wie hier) hünsilich'.'r Kranz, Hand oder Diadem (oft mit Perlen bt 
um die tStirne geschlungen, als Sclimucl' für Jungfrauen. Frauen and .Mö 
vgl. Lerw IL HöU : 1) W VI IL :>lnüf. ; A. Srhnlt:, Bas hüf, Leben /-, :>U 






Kii]i. IX, 



»Iso; ,ach, du bist doeli, liep, min frilicher ostertay, iniiis herzen 
^nwrwunne, mhi liebii stunde; du bist dnx lieb. äa?. miii jimge/ 
Ijcw «Hein miniict und meinet, und alles zitlicli lieb dnreh dich 
hl verschmähet- Dez lasa. herzonlrut, mich gciiieasen, und tass 

i laich faÄt ei» 8cha|)el von diu erwerben! Ach uiiltes herz, ttl es 
ifirr ilin g&tlielien tagende, dur diu nntiirlichen güti, und lass mich 
liit an dieem insendem jare nit ler von dir gnn! Eya. wie slundi 
fB dir. 8Ü8S*i [12'] eüssekeit? Gerlenk, daz eine Hin lieber knelit 
m ron dir seit und Bprichet. daz in dir nit eic nein und ja, in 
liirgie DÜwan Ja und Ja. Dar unibe, mius herzen minnt?, Iifit mir 
lilil ein liepliches ja diner hinielschen gäbe, nnd als den toben 
niiriDem ein liepliehes schapel wirt gegeben, also müss miner sele 
W zo einem gl\ten jare etwaz Hunderlicher gnaden ald nüwes liehtes 
i'on diner 8ch5nen hant geboten werden, zartii trütii min wisheit!" 

'Ife und dez gelich begond er do und gie nienicr ungeweret dannen. 



Von den Worten Sursuiu corda. 

Er wart gefraget, was sin gegenwurl' wei'i. so er iiiess sang 
ipd er ror der stillen messe ilie prefation an bttb: Sursum 
'rdn! Wan du wort nach gemeiner hellung sprechet ze tütscb 
!": Surstiin, süsent uf in die höhl elli'i herzen zä gote! Du wort 
DCngeu im als recht begirlieh uss sinein munde, daz dii menschen. 
1 es hortan. einen snnderu andaht dar ab m&btin hau genomen. 
an frage entwürt er mit einem innekücben süfzen und sprach 
»: „wenn ieb dn selben lobrichü wort Sursuni corda saug in 
f iDesse, so geschah gcmeinlieh. da/, min her/ iin<l scle zeiHussen 
n g5ilichein jamcr und begirde, die min herz ucs im selb an der 
rode vcrfl6gteii; wan es erlidhen sich dennc gewonlieh drierley 
"h uftragender meinungcn. Etwen kom einü. ctweu zwo,' elweii 
•JIp drie. in den ich ward nl'geswenket in got nnd dur mich allf 
Bfitnren. 



a und meinet /Mi M 6 j-rnil ^iiii.l AsP lu 

ei' II lieiii-l luiniitclicheK A' colieii i' la licpl. /e/.« .1/ 
K werUi'Ti «eh, i' 15 iiieuier) der minner 0) ^ 

it P 23 ilur all nach t^enomen M '24 inrlieliea M 
1' und *i:li! fehll P zi-rttix PM 2«l TiiiiiuiiiL'Pn F 

9ff. Paulus, ti Kor. LV.i. 



Usehäncii 
21 sAsenii 

2ti trowöii- 



28 Leben Seuses. Ka[). IX. 

„Du erst inluhtend meinunge was also: ich nam far minü 
inru ogcn mich selber nah allem dein, daz ich bin, mit lib und sele 
und allen minen kreften, und stalte umb mich alle creataren, die 
got ie geschttf in himelrich und in ertrich und in den vier elementen^ 
ein iekliches sunderlich mit namen, es weri vogel des luftes, tieir 
des Waldes, visch des wassers. lob und graz dez ertricbs und da^ 
unzailich grien in dem mere, und dar zti alles daz klein gestaplaeh, 
daz in der sunnen glänz schinet, und ellü du wassers tröpflu. du 
von tow ald von sehne ald von regen ie ge vielen ald iemer me 
gevallent, und wünschte, daz dero ein iekliches heti ein süsses uf-io 
tringendes seitenspil, wol gereiset uss mines herzen innigostem saffe^ 
und also uf klanktin ein nüwes hochgemutes [12^] lob dem geminteo 
zarten gote von ewen ze ewen. Und denne in einer häglichen wise 
zertaten und zerspreiten sich die minnerichen arme der sele gen 
der unsäglichen zal nller der creaturen, und waz sin meinonge, sAUft 
alle frfitig dar inne ze machen, recht als so ein frier wolgemüter 
vorsenger die singenden gesellen reizet, frölich ze singene und ire 
herzen ze got uf ze bietene: Sursum cordal" 1 

„Du ander meinunge waz also/ sprach er, „ich nam her Mr 
in minen gedenken min herz und aller menschen herzen und binder- W 
dahte, waz lustes und fröden, waz liebes und frides die gebrochent, 
<lie iru herzen got allein gebeut, und da wider, waz schadeu ofld 
lidens, waz leides und unrtlw zergaugkliehü minne in treit ire unter* 
tanen. und rufte denn mit grosser begirde zu minem und zu deo 
selben herzen, wa su sind, über ellü ende diser weit: „wol uf, ir^ 
;revangnü herzen, uss den engen banden zerganklicher minne! Wol 
uf, ir schlafenden herzen, uss dem tode der sünden! Wol uf, ir 
üpigen herzeu, uss der lawkeit üvvers tregen, hinlessigen lebeos! 
Habent üch uff mit einem gantzen ledigen kere hin zu dem roinnek- 
lichcn ^ote: Sursum cor da!" Ä 

„Dil dritte meinunge waz ein früntlicher rflf aller g&twilligcr 

nn<c»»lasenr menschen, du verierd gand in in selber, daz sft weder 

i 

1 I am Kunde (i'ot i A luaiiun«: 1* -J ^esjt-iilt ilf 5 warin K 

7 klein J'ehli A^ irosstüppe S stüplacli M 8 troppfen P 10 daz fthli M 
12 kleiiken uüwrs fehlt s IS in eirH»r| niemer (!) Ä" hfigl.] frolichea 5 
14 zorbreiteii .4' minriekliolion vor niinncr. durchstrichen A 15 und — men. 
fehlt M H> all.' fihlt M 18 iis \zv] b. P uf fehlt M 19 II am Bimü 

• mti A a. zwo niannnge V '2i) in min herz A^ 22 allein] aller ding Jf 
iUi fehlt A' 25 wol nf wol ut" M wol — 26 minne fehlt A^ 29 äff 

u.:h 6' uff fehlt P niinnekl.] Iiimclsclien P 31 111 a, Raiul (rnt) A 

rrnntlicln's iTiffen P 32 verierd] vierde di 1* 



Lttbcn Seiises. Kau. X. 2i^ 

an got noh an der creatiir hein, wan ir herz hin und her mit der 
zit zerströwet ist. Den rftft ich und mir selb uf ein getürstiges 
wagen unser selbs mit einem ganzen abker von uns und von allen 
creaturen." 
5 Und dis waz sin gegenwurf in den worten Sursum cor da. 



X. Kapitel. 
Wie er begie die liehtmiss. 

An iinser frowen tag zfi der liehtmiss bereit er vorhin drie 
tag mit gebete ein kerzen der himelschen kindbeterin, und du kerz 

was gewunden mit drin strängen also: der erste in der meinung ire 
reinen, jnngfr6wlichen luterkeit, der ander ire grundlosen diemutikeit. 
der dritte ire mftterlichen wirdekeit, du drü si allein hate under 
allen menschen. Dis geischlieben kerzen bereit er vorhin alle taj: 
mit drin Magnificat. So denn der tag kom der kerzwihi, frü, e daz 

loieman ze kilcben giengi, so gieng er für fronalter und wartet da 
in siner betrahtunge der kindbeterin, wenn sü kerne mit irem 
bimelgcben horde. Do su nahte der ussren porte der stat, so fur- 
lnf[13'] er in sines herzen begirde su alle, und lüf ir engegen mit 
dem gezo;re aller gotesminnenden herzen. Er viel in der Strasse 

*• für gi und bat si still haben mit ir gezoge ein wili, unz daz er ir 
eins gesungi. Er hob denn uf und sang mit geischlichem stillen 
?ed6ne, daz der mund gie und es docli nieman horte, die prose: 
In?iolata etc., so er iemer minneklichest konde. und nei^ ir von 
gninde, so er daz sang: beningna, o beningna, und bat si» 

^ daz si die milten güti an einem armen siinder erzogti, und stund 
denn uf und volgete ir mit siner geischlichen kerzen in hegirde, daz 
w die brinnenden flammen des gotlichen lichtes in im niemer liessi 
erligchen. Dar na so er denn zu der schar aller niinnenden herzen 
kom, dien hüb er denne an daz gesang: Adorna etc., und ermant 

BÜy daz 8Ü minneklich den heilant cnpfiengin und begirlich sin kind- 

2 vtTstrowet *S f^estrowct P zerstöret .1' ;) leben und wa^^en *y alikei 
inuiiz P uns selben M 8 zu fehU F 10 bewundrn P 1 L in*] in .V 
12 den dritten ASKMA^ 18 ^Hc fehlt A' 19 viel nider A' 20 unz 

md K 24 so] do AS 26 an im o. ^f 2B in der beir. M 29 dierii 
lenn M so afS^ 

23 f. Aiis dei' 1, Vesper von Maria Lidttmess cJ. Vthrtiar) mich dem 
'jominikanerbrevier. 29 Antiphon bei der Kerzcnprozei^Hon an Licht incss. 



30 Leben Stuses. Kap. XI. 

beterin urabfiengiii; und ffirteu si also mit lobe und gesange un 
ztt dem tempel. Dar na trat er mit herzenbegirde dar, e daz d 
kindbeterin bin in kemi und hern Simeon den sun gebi, und kniiuc 
für si und hftb sinü ogen und hend uf und bat si, daz si im de 
kindli zogti und im daz och ze küssen erlopti. Und do si im (h 
gütlich bot, so zerspreit er sin arme in du endlosen teil der wit « 
weit, und enpfie und umbfie den geminten einer stunde ze tuse 
malen. Er geschowete sinü hübschü oglü, er gesah sinü klei : 
liendlü, er ergrüzte sin zartes mündli, und ellü sinü kintlichü gelid 
dez himelschen hordes dursah er, und hüb denn uf sinü ogen ui 
orschrei von wunder in sinem herzen, daz der himeltrager so groi 
und so klein ist, so schön in dem himelrich nnd so kintsch in ertric/j 
und begie sich denne mit im. als er im es denne ze läne gab, tnii 
singen und mit weinen und mit geischlichen Übungen, und gab in 
denn geswinde siner müter wider und gie mit ir hin in, unz daz es 
alles volbraht ward. 



XI. Kapitel. 

Wie er begie die yasnaht. 

So denne du vasnah t nahete, des abendes, so man alleluja leit 
und die unwisen lüt diser weit an vahent verlassen ze sine, so vic 
er an in sinem herzen ein himelsch vasnaht zesamen tragen. Unc 
du waz also. Er betrahtet dez ersten den kurzen schedlicben lus 
diser liplichen [IS""] vasnaht, und wie etlichen umb kurzes lie| 
langes leid volget, und sprach einen Miserere dem werden gote f& 
alle die sünde und unere, du im in dem selben verlassen zit geschihi 

1 siinjre P '^ hin] liif .V licrrn] lieti I\ den] irn M geben J 
o och daz *y 5 f. «;. daz gebot 6 teilj tal P 9 grüszet A^ cllü/eW/ -'' 
10 dursah] <laz sähe P 11 in fehlt M Vi\ es] des A^ mit sin^n - 

J4 irab fehlt .1' 15 mit ir gW S gie denn M 20 nn\\T8en A unwi»ei 

unwurschen A' di'rlossen ^^ 21 hhwQWh fehlt M 22 dez ersten /eÄft 3 
24 so lanireb 1. P 25 (ien . . zit(?n P 

19 \'on der Vesper am Samstag ror Scptuagesima bis Ostern hört dm 
AUelujfi auf: man nannte dies das A, legen (a. claudcre, dimitteref sepelire), 3f^^ 
unter waren an Sept. nach der Non symbolische Feierlichkeiten damit ©er 
banden. Vgl. Gmtefendj Zeitrechnung /, :'> : Ducange ed. Henschd J, ISt 

20 ff. Das Fastnacht treiben ist im südlichen Baden j von der Baar hitt zm 
JJodensee, noch jetzt besonders lebhaft, vgl. E. H, Meyer a, a, 0. JO^'J 

24 Ps. :'tO, ah hirchlichcs Bnssgebet nft gebraucht. 



LeWn r't» 



Kiiii. XI. 



31 



\'>f vasiialit hiesf er dtr cehnren vasnaiit, wan bi!i nit beaeers er- 
^pDnent, Di'i Miider vasaaliC woz ein betrolitange (los vorBpils der 
i'wikdt, wie got mit einen userwelten rründen dennoli in discm 
Mmigeni libe mit liimeUclicm trostn »pilt. iiud uam denn her fl'ii' 
' mit ibnklterem lobe, wiiz im de/, wcirdcn wns, und liess im mit 
;r<)i »ol ein. 

In dem sell>cii aneviiliendei] zitc w:trt im ocIj einest ein geimth- 
licbii vnsmilit von gut, nnd du wn?. also. Ki' w:i/ an der vasnnlit 
VW der conplel in ein warmes stübli {refranjjien, da/, er sieh wolte 
m mniieti, wnii in IVnr und linn^ret in. Aber im tet nit nl» we als der 
tur]<t. den er leid. L'nd do er da )>i(Ii lleise.b essen mid gftten win 
trinken und er hun;;rigc und lursti^ was. do ward er von innen 
gcruret, und gie halde us und liegond »ich selb erbarmen, nnd ward 
tng ^and eins ber/en innekllcli HÜfzende. Des selben nahtes was 
or in einer j;esihlc, da/, er weri in einer siecbslubcn. Also 
tWt i^r tissrenthalb der »tnlien neiswen singen ein himelecbes geeang, 
Ulli daz gedöne erklang als süsseklicb, da/, nie kein natitrlicliu 
ir|)f 80 BÜsseklieli »{iraclt, und was dem glieh, als ob ein /well- 
'jwjes sehCilerli da sungi alleine. Der diener vergase aller liplieber 
nt Inset dem süssen gcdöne, und sprncb mit begirliebem 
Wn: „acb. wnz ist da/, dii singetV Ich gehorte doli uf ertrich nie 
*' «iis« gedöne!" Do entwürt im ein stolzer jungling, der stund 
epr.ieli also: „du solt wüssen, da/, dise wolsiagender knabe 
''Billiget, nnd da/, er dieb meinet mit sinem gesang." Do sprach 
dimier; „nwe. gesah mich gotl Aih bimelscber jungling, heiss 
n*^ singen!' Er san;; aber, dnz es in dem lut't höh eraclial. und 
ing tvnl drit himelsebn lieder us und ns. Do daz gelang ns wnz, 
kom der seil) wolsingender knah. de/, in duhte, bin in dem lulle 
dtai vensterlin der stuben. und but dem jungling ein hübsches 
'Inli, daz wa/. vol mter friiliten, und die waren glich roten zitigeu 
lltern, und waren gross nmb sich. Der jungling aiim die zeiiieu 
"") dem knallen und bot [1-i'j sü dem brfider mit fröden nnd 
'pQCfa: nl'i'kge. geselle nnd geswislergil. dis n)ten l'ruht hat dir diu 
fruDi und diu himelscher hcrr gesendet, der wunneklich knab und 

1 Hesfipfes] iiuder< ■■■ 5 \\-.\h\ waz A 7 ;iiin.'hteiiifeii Jl/ lü Imngrut 
liöl f IJ <Tlinil .V lleisoli «Uli •: .S' 17 natürl. fefäl .V 21 iia 

ia i:\t M Do — üT iiihI m fehlt K 26 'lern] li.m A' liöhe luft S 
3i Hclli/e/i/l M ile^t in ihiUe /fhlt A' 28f. hin in xt d. v. ia 
ilufte a.T -I. * ao Iriil.t .1/ 31 Der Jana], fehl I M :il dai neiulin P 
B conplpl, compUlarinm ist das kirrklichf Abeiutgchel. 



32 Lehen Seu«OH. Kap. XJI. 

sun dez liimclscheu vaters, der dir och gesungen hat. Ach, wie bat 
er dich so recht liep!" Do ward der brftder enzündet und rot ander 
sinem antlut von fröden, und enptie daz körbli begirlich und sprach : 
„eya, wol minem herzen! Dis ist mir ein liebü sandunge von dem 
minneklichen himelschen knaben; des sol sich min herz und min 
sei iemer gesten.*" Und sprach do zft dem jungling und zft dem 
andern himelschen gesinde, daz dawaz: ^ach lieben fninde, ist nit 
billich, daz ich disen himelschen gnadenrichen knaben lieb habe? 
Ja^ gewerlich; ich sol in von billich lieb haben, und waz ich wästi, 
daz sin aller liepster wille weri, daz wölti ich iemer tun!** Und 
kerte sich hin zu dem vor genanten jungling nnd sprach: „sag mir, 
liebe jungling, han ich nitrehtV" Der jungling lachete gutlich and 
sprach: Ja, du hast recht! Du solt in billich lieb haben, wan er 
hat dich furbaz gemeinet und geeret denn vil ander menschen. Dar 
umb hab in vil lieb. Und sag dir: du müst liden und mt^st och 15 
i^iirbaz mc liden denn vil ander menschen. Dar umbe bereit dich 
dur zttl*^ Der diener sprach: „ach, daz wil ich von herzen ^ern 
tftn, und bite dich, daz du mir gehelfest, daz ich in gesehe und daz 
ich im gedanke siner schönen gäbe." Do sprach er: „nu gang her 
zrt dem vensterlin und tft einen ogenblik!" Er tet daz venster uf, 
— do sah er vor dem venster stau den aller zartensten, minneklichsten 
Schüler, der mit ogen ie gesehen ward. Und do er zft im wolte 
dringen dur daz venster us, do kcrt er sich lieplich umbe gen ime. 
und neig ime gütlich mit einem früntlichen gesegnen und verswand 
vor sinen ogen. Also zcrgie du gesiht. Do er wider zft im selb 
kom. do danket er gote siner gftten vasnaht, du im waz worden. 




XII. Kapitel. 

Wie er begie den meigen. 

All der nacht des ingendeii meyen vie er an gewonlich und , 
.saste einen geistlichen nieyen^ und erete den etwi lang alle tag einest 
Under allen den schonen zwiern, du ie gewfthsen, kond er nit 

2 recht fehlt S iS gestoiij iicfrowen P 10 i4:eni tun P 12 ba] 
hat .4^ 10 nie fehlt M menschen andn'i .V 19 goben P 23 und 

do .1/ ;31 allen fehlt M 

20 ft. Das Maietifittc/^eitj Maibaumsetsen ( Ernchten eines mit Blumm 
und Ji ander tt (jeschmiickten Tannen- oder Birkenba umes oder 'Zweiges vor dt» 



Lebeu Seu.*«es. Kap. XI F. :;3 

i^lichers vinden dem schönen meyen, denn den wunneklichen ast des 

ieiligen cruzes, der blander ist mit gnaden und tagenden und aller 

-Schoner gezierde, denn alle meyen [M""] ie wurden. Under diseni 

ineyen nam er VI venjen, und hat iedü venje in ire betrahtung 

5 ein begird eins zierens dez geischlichen meyen mit den schönsten 

dingen, du denn der sumer niobte für bringen. Und si)rach und 

saDg in siner inrkeit vor dem meyen mit <lem hymnus Salve 

CTux sancta also: ^gegrüzet sist du, hymelscher raeye der ewigen 

wisheit, uf dem da gewahsen ist du fruht der ewigen selikeitl 

I. Dir ze ewiger gezierde für alle roten rosen büt ich dir hüte 
ein herzkliches minnen ; 

IL für alle kleine vyol ein diemutiges nigen; 

III. für alle zarten lilien ein luterliches umbvahen; 

IV. für allerley schon geverwten und glenzenden blfinien, die 
^ kein beide ald anger, wald ald owen, bome ald wisen in disem 

schönen meyen hein fürbraht ald ie wurden ald iemer werdent, 
büt dir min herz ein geischliches küssen ; 

V. für aller wolgemöter vögelin gesang, daz sü uf ie keinem 
Qieyenrise frilich hein gesungen, büt dir min sei ein grundloses loben ; 

^ VI. und für alle die gezierde, so ie kein meye in der zit ward 
gezieret, erhebt dich min herz hüte mit einem iicischlieheii singene, 
Qöd bite dich, daz du, gesegneter meye, mir helfest, daz ich dich in 

[ fer kurzen zit also gelobe, da/ icli dich, lobondü fruht. eweklich 
^erd niessende." 

* Und alsus w^ard der nicy begangen. 



1 ;j^licher [vinden | den seh. m. ^f li n. mit tutenden .^."1/ :> denn 

^i'U' ie] nie S und disen m. A' i liat| bat ^1^ 5 de/, fehlt M 

^'^ mn\ M 15 ald owen] und A' 1(5 w] iemer P H) frolicli .v 20 und 
M M war 31 20 f. y-ez. wart S 

^dm der Geliebten f iat inlernalionale JSitte : nftcrs ircrden (lurk (/rosse Mm- 

^'^(ime im Dorfe errichtet. Für Alemannivn vf/l. E. H. Meyer a. a. (). :J:il [?.. 

^; Schriften de^ Vereins für Gofchicltte d-s Bodetis'-e.s VI i IS7;'}), 14? f. 

'i^fr. 11^ 7 (p, 225): iunc (sc. prima die inensifi maiii comnicfKtn est, tt inaxiiiu 

ffi jfartibus Sueoiae terrae Altnaniuej qiiod adtdesccntes de uoctc sih:<(s /Ktmtt, et 

iHore^ viriditate foliorum venustas precidunl et ßorihiis ornaias prcic forihus 

(ocantj tdn se putant habere amicatij in s-ignum amicitiae et fidcUtatii<. Li dem 

Maibaum ein Bild des Kreuzes zu sehen, war dem Mittela/ttr sehr (/clüafif/. 

rgl. die Lieder vom ^^geistlichen Maien^' ha Hoffmann rou Falhrshtien. has 

deutsche Kirclienlied * 1661, 122 ff., und Predvjien (J eilers rnu Kaisersbcni 

über den ^Baum des hl. Kreuzes." 7 llymnns vom l'\st Krcuzerfmdung 

i3. Maif. 

71. Seuse, Deatsche Schriften. .'> 



34 TiObon Scuses. Kap. XIII. 



XIII. Kapitel. 

Von dem eilenden krdzgang, den er mit Cristus uam, do i 

in US fftrte in den tod. 

Got der hat in an der ersti vil zites verwennet mit hiinelsc 
tröste, und waz dar inn so gar verliket: waz die gothcit an h 
daz waz im lustlich, so er aber unsers herren marter solte betra 
und sich dar in mit nachvolge solt geben, daz waz im swer 
bitter. Dez ward er eins males von gote herteklich gestrafet, 
ward in ime gesprochen also: ^weist du nit, daz ich daz tor 
dur daz alle die waren gotesfnind mussent in dringen, die zft rec 
selikeit son komenV Du mftst den durpruch nemen dur min gelil 
nienscheit, solt du warlich komen zft miner blossen gotheit." 
diener erschrak und waz im ein swerü red. ledoch begond ei 
in sin gemerk nemen, wie wider es ime waz, und vie an ze lerni 
daz er vor nit konde, und gab sich gelassenlich dar in. Hie 
er an, daz er alle nehte na der meti an siner «ewonlichen stat, [1 
daz waz in dem capitel, sich erl)rach in ein cristförmig mitli 
alles des, daz sin herr und sin got Cristus vor hate geliten. 
stftnd uf und gie von winkel ze winkel, uf daz daz im ellü trak 
enpfieli, und daz er munder und waker in des lidens enpfintlicb 
belibi. Er vie es an mit ime an dem jüngsten nahtmale und 
sich mit ime von stat zfi stat, unz daz er in brachte für Pvls 
Ze jungst nam er in vor gorihte also verteilten, und gieng mit 
US den eilenden cruzgang, den er tet von dem rihthus unz ui 
den galgen. Und den kri'iz<rang begie er also: 

:J zii dem tod P 4 mit dem li. t. «V 5 dar an M so feh 

vrrl)likt M 7 iiacl»vol«iOii FKA' 8 w - \van\ fehlt K 13 sv 

irn>ssu M 16 daz er fehlt A^ a. iu*hte tet M sine P 17 df 

iu d. c. ^ich erbrach M 18 daz] so P 19 und zfi w. A^ 22 bra* 
beiralite A^ 

10 i'ber die Bezeichnung gfotest'nnid s, Denifle ti5 A. 1 und namen 
dl treffliche Zusawmenfasimng von Strauch in Reahn%syklo^iädi€ für prt 
Thcohf/ic Xr//3 (J905), :JOif. An Joh. hyJ4f,, Ps. 138,17 u. Jak. 
unknüpfnd, ist gf. zatiärhst Epitheton für Kvangdifiten und Apositly i 
nhtrhatipt fitr il eilige und fromme, und wird von den Mystikern des 14. 
scht'hfer formuliert als Ideal des durch Christas zur Freumlsehaft und li 
Schaft Gottes erhobenen Menschen, Kiue Verwendung des Ausdrucks in 
kinhlicheiu iSinn (bei den WaUlensern) läuft daneben her» 



Leben Seuses. Kap. XJII. 35 

So er kom au die swellen des capitels, do knuwet er nider 
und küste die ersten ffisstapfeD, die er tet, do er also verteilte sich 
nmb gekerte und in den tod wolte gan, und vieng denne an den 
salraen von unsers herren marter: Deus, Dens mens, respice etc., 
5 und gie dur mit zft der tür us in den kruzgang. Xu wurden der 
gagsen viere, dur die er mit ime wart gende: 

Die ersten gassen gieng er mit ime us in den tod in der be- 
inrde, daz er baide, frunden und zerganklichem gute wölti us gan 
and liden im ze lobe trostloses eilende und willig armüt. 
10 Zfi der andren gassen hat er einen fursaz sich ze gebene in 
einen hinwerf nah zerganklicher ere und wirdekeit, in ein willeklicb 
veremeht von aller diser weit mit der betrahtunge, wie er och waz 
worden ein wurm und ein hinwerf aller menschen. 

An dem anvang der dritten gassen knüwet er aber nider mit 

15 einem knss der erde in einem frien ufgebene alles unnoturftiges ge* 

maches und Zartheit dez libes in du ser sines zarten libes, und leit 

inr ginu ogen, als da stat, wie ellü sinu kraft erdorret und sin natur 

ertodet. Und so su in vor an hin also jemerlich triben^ so gedaht 

; er, wie billich da von ellü ogen ernassen söltin und ellü herzen 

^fterrtfzen söltin. 

So er denn kom an die vierden gassen, so knüwet er nider 

enmitten in den weg, als ob er knüweti vor dem tor, da er mftste 

ftr in US gan, und viel denne engegen für in und kuste daz ertrich 

Qnd ruft in an und bat in, daz er nit ane in in den tod giengi, daz 

^er in mit im liessi, wan er reht an ime müste hin gan. Und bildet 

<laz, go er iemer eigenlichest konde, in sich und sprach dazgebetli: 

Ave rex noster, fili David etc., und Hess in denne für gan. 

Dar na knüwet [lö""] er änderest nider also gekerte gen dem 

tore und enphie daz krüz mit dem vers: crux ave, spes 

Konica etc., und liess es och für gan. Denn knüwet er nider gen 

I <i<?r zarten mftter, die man in grundlosem herzeleid da hin für in 

ftrte, und nam war, wie kleglich si sich gehftb und der heissen 

1 die] doli M do] so jV 2 ersten] eriden -4' 5 wurden] woren P 
^ eüeude] ende K 12 daz <>cli M IH als ein wiiiin A^ 16 ser] sele A^ 
1" 4a stat] die stück P kraf A 19 nassen M 22 in dem we<r M 

2« irebett PK 27 liess fehii P 28 anderwerbe SP :^1 laid M 






4 P#. 4>/. 13 Ps. ;?y, ;. 17 f. Ps. ^>i, 15 ß\ 27 Antiphon 

^ der Proz^Mton am Palmsonntag/ nach Dornt nikanerr Uns. 29 Strophe 

*** dtm tfchönen Hymnuft W.dlla rtgit< jtrodeunt de.s Vcnantiua Fortunaius 
'«» KrtHgerfindung und in der Paasionszeit gesntifjenj. 



36 Leben Scuses. Kap. XUI. 

\ trehen und eilenden sufzen und ir trureklichen geberde, und meiiK 
sü mit einem. Salve Reginn und kuste ir lYistapfen. 

Dar na stund er gcswind uf und trat sinem berren bald i 
unz daz er an sin siten kom. Und daz bild waz im etwen 5 
gegenwürtig, rebt als ob er liplicb an siner siten gicugi, und jredal 
also, do der kung David von sinem kungrieb was Verstössen, \. 
do die frümsten ritor an siner siten umb in giengen und im früntl i 
bchulfen waren. Hie gab er uf sinen willen, waz got mit im te 
daz daz sin balb stet were. Zc hindrost nam er die epistel her 1" 
die man in der karwüchen liset uss dem wissagen Isaias^ du sprich 
Doniine. quis credidit auditui nostro etc., du als eigenli 
sin usfüren in den tod begrifet. Und mit der gie er ze des kores ti 
in und gie die Stegen uf uf die canzell. So er also kom under <Ia 
krüz, da im eins males die bundert betrabtunge sins lidens wunieD 
da knüwet er nider in dem anscbowene dez abziebens siner kleidei 
und des grimmen annegelens sins berren an das krüz; so nam ei 
aber ein disciplin und negelt sieb mit berzklicber begierde zA siiieir 
berren an sin kruzz und bat in, daz sinen diener weder daz lebei 
nob der tod, nocb lieb nocb leid niemer von ime gescbeiden möliten 

Nocb einen andern inrlicben kruzgang bat er, und der wa 
also : so man daz Salve Regina ze conplet sang, so saste er in siner 
! berzen in betrabtunge, als ob du rein mtiter nob zu der seihen z. 
bi ir liebes kindes grab in muterlicber trurkeit ires begraben kinde 
were, und daz es zit were, daz si wider bein gefiiret wurdi, un 
er si wider bein füren sölte. Also macbet er in sinem berzen dri 
venjen, mit dien er si in betrabtunge wider bein fftrte: 

Uie ersten ob dem grabe, so man an vie den grüz Salve lU 
gina; so neig ir sin sele, und enpfie si in geisehlieber wise und( 
sin arme und klagte ir zartes berze, daz do in der selben zit so vi 
waz biterkeit, versmebt und totlieber trurkeit, und trost si mit eine' 

l eil. süfzenj elloiidoz schrien .1/ maiitd FMA^ 4 unz] iiml 

in im P 5 ob fehlt A^ 8 s. willen in j^otz wilion. waz got MA^ 10 < 
da sp. M 11 düfeJilt P \'^ stieer M is yWowQv fehlt A^ 18 t'. [da 
leben n. [der] tod M 19 mohte FM 20 und fehlt S 21 ze der c. ^ 
2:5 in] ir .1/ 27 T aiit Bande frot) A 'M^ waz sd vol S trurk.] bittr 
kait M eiiM.'in tVlilt 8 

6tt. // Knii. 75, /.'>.//. 11 Is. r,3,l. 13 f. \'(jh Proloff den Bdn 

21 Die Antiphon iSalve Reniiui wird im Domiuiknnerorden seit v. 1230 fThiO 

i^uartuhrhr. 7906, 7i.//. ' alle Tatje nach der Komplet in Prozession gesungn 

H'obei der Ilrhdomadar die li rüder mit Weihwasser besprengt; vgl, Vita 47,1 



Loben Seuses. Kap. XIV. 37 

ennanene. wie si dar iiinbe [16*] nn weri ein kungin der wirde- 

keit, unser zftversiht und unsrü siissekeit, als an dem gesang stet. 

So er si denn brahte under daz tor ze Jerusalem^ so furtrat 

fi si an dem wege und löget wider gen ire, wie ellendeklich si 

^ koin ingcnde also blutrusig dez lüzzigen blütes, daz uf si hate ge- 

rmpfet. daz von den ufgebrochnen wunden ab floss ires durgeminten 

kindes, und wie si gelassen und berobet waz alles ires trostes; und 

denn enptie er si aber mit einer inner herzklicben venje in den 

Worten: Eya ergo advocata nostra etc. und meinde, si sölti 

!'-• sich wol gehaben, wan si nu were unser aller ein wirdigü fursprechin, 
und hat si, daz si in der minne dez eilenden anblikes irü erbarm- 
herzi«;ii ogen zft ime kerti und ime den werden sun na disem eilende 
lieplicli ze schowen gebi, als der rfif des gebetes begert. 

Aber die driten inrun venje machet er vor der ture des huses 

1*9 ant Annen ir mftter. da si in ward gefiiret in ir leide, und tet 
•laz mit einem genadene und bevelhene in ire miltekeit und in ir 
mtiterhehen süssekeit mit den andehtigen Worten: clemens, o 

1 pia. dulcis Maria, und bat si, daz si sin eilenden sei en- 
piiengi an siner jüngsten hinvart und ir beleiterin und schirmerin 

'*'were vor den bösen vienden dur du himelschen tor hin in die 
''wijron selikeit. 



XIV. Kapitel. 
You der niizzeu tugeude, du da heisset swigeii. 

Der diener hate ein triben in siner inwendekeit, daz er niohti 
-■ konien zu gtltem fride sines herzen, und duchte in, daz im swigen 



1 mi (larmube S im fehlt P 3 IT (tm Rande (rot) A 4 wider 
/'■/'/■' .1/ .5 lilötruusig SPM G irciniiitrn j* 8 inner herz.| inrklicht'n 
^'■V H Kvai fehlt M 10 wmliirü fehlt M VI u. inu- do l* 113 gcrt M 
^■1 ni (im Hunde (roiß A 15 s. Annen ir swoster ASPKMays^Uf sant 
i-i'ubf ir ?w«»<ter A^ 2:i da fehlt A^ 

2 Salcf lieffina : vita, duhedo et .s-y/r.v nostni. S) Im Salrc lief/iud. 
f \'i(.Ehd.: et Jen um ^ hetiedicttim frurtiim renlris iui. nohis post hoc exilinm 

'jstcitde. 15 Es JUHfis (»ßhdtar „Matter^ statt ,,6'chwester'^ (so alle IIss!) 

fiiUfiu . denn von einer Schwester Marias Kainens Anna iceiss die Lerjend' 
niehtit. ])ie St. Annenverehrantj war im 14. a. lö. dh., hctuniders auch tu 

iJentMchland^ ftehr verbreitet: vf/l. E. Srhamnkell, JJer Kultus der hl. Anna an» 

A'iJff/amj des Mittelalters itSM7, 



38 lieben Seuses. Kap, XIV. 

fürderlich dar zfi weri. Dar umbe hielt er sinen mund in sölich 
httte, daz er inrend XXX jaren siu swigen ob tisch nie gebrac 
denn ze eim einigen male, do er von einem capitel für mit > 
brüdem und sü aasen in dem schife, do gie er im abe. 

Uf daz daz er siner zungen liberal dest baz gemeistern mok 
und nnt ze vil mit rede usbrVichig were, do nani er in siner 1 
trahtunge drie meister, ane dero sunder urlob er nit reden w61 
und daz waren die lieben heiligen: unse vater sant Demi nie i 
sant Arsen ins und sant Bern hart. So er reden wolte, so ^ 
er in der betrahtunge von eime zft dem andern und bat urlob vi 
sprach: Jube domine benedicere! Und wenn du red mol 
beschehen ze rehter zit und stat, [Iß""] so hat er von dem erste, 
meister urlob; so du red im von ussnan enkeinen anhang gab 
so hat er von dem andern; und so si im inwendig enkeiu un 
lidkeit brahte, so duhte in, daz er ire aller drier urlob hete. 
und denne redde er. So daz nit waz, so duhte in, daz im ze 
swigen were. 

So man ime zfi der i)ort rftfte, so fleiss er sich diser vie 
dingen: des ersten, einen ieklichen menschen gütlich ze enpfahen 
daz ander, kurzlich us ze rihten; daz dritte, trostlich ze lassen; da 
vierde, unbehenket wider in ze gene. 

1 dar zu fürd. M 2 iiireiidj in PM nie j^fcbr. ob t. P 3 einij^'e 

fehlt M 5 dest] beste S Vd so im PA' U si fehlt A' 15 ir drir 

aller M 16 So dis M 19 monschen fehlt M 20 zß einer kurzwile 
21 niibolieiikend M 

3 Ordtnsva'sammJung, eniiader aller Pronnziah mit dem General d-* 
Ordentf ( Generalkajnteh oder aller Priortn einer Proving (Prorinzialkapilei 
Sit' wurden jährlich ahgdialien, und zwar das Generalkapiitl in der Pfing^ 
oh'tav, das Vrovinzialkapitcl 7iach den Konstitutionen von li>2S an Micha t 
(:J9. Sept.), nach deti Konstitutionen Jlaimunds von Pennaforte (123^!4fif ^ 
unbestimmter Zeitj doch meist an Maria Gehurt (ti. Sept,): vgl, Preger, Voi 
urheiten 7 und Reichert, Feier und Geschäftsordnung der Pror, Kapitel des DomiH' 
kanerordens des 13. Jh., Römische (^uartalschrift 190,3, 101 ff. Die Akten dt' 
Gcneralkap, sind herausgegeben von Reichert: Monumenta ordinis frairtt» 
Praediratorum historica, t. III— \ lS96ff.j die Akten der deutschen Provinzinl' 
kap. sind bis auf kleine Bruchstücke tKinke in Rom, (Jiutrtalschrift 1894, 
'j74ff., Reichert ehd, lbi97 , ^S7 ff.) verloren gegangen, 9 Arscniti» d, Gr. 

t 149 als Einsiedler in Ägg/den (vgl. ASS Jul, IV, 617 ff.), ron Seuse hocl 
r erehrt. Kr erzählt Hör. 173—75, wie er von übertriebenem Streben find 
Wissenschaft und Ehren sich zur Lebensweise des „sttmmus philotophn 
Arsenius" bekehrt habe. 11 Bitte um dif Benediktion vor den Ltktitme 

des Breviers und heim Tischrfehet. 



LHiL'U M-Ufes. Klip, XV. 



XV. Kai.itci. 

Von kcätgnng de» lihes. 

Er hate cur ein leMii'li iisitiir in sincr j(i{^einli?. Uu 

pmk ir selbe« beviinlcii und er ULiikle, da/, er mit im selben iilier- 

lultn was, daz wns im biter und swere. Er sfichtc mengen list 

Mil croBs bfisscn, wie er den lip inachcti undertenig dem geiste. 

Ei» burin bemde und ein isnin lietßii trftg er nuiswi Innge, nnit da?. 

äii blftt wart von im zem brunnea gende, i\a/. er es meiste ab legen. 

iEr hiess im heinlich ein hcrin niderkleid maclieii nod in daz nider- 

Nd ricmen, da waren in geschlagen fi'int'zeg und hundert spi/.iger 

ä«!, die waren m&echin nnd scbarpf gevilct, und waren der« uiigel 

u alle zit gen dem Heisehe gekeret. Er macliete daz kleid gar 

;e ttnd vornan zesameu gerigen, dar unibe daz es sieh deet nelier 

U den lip fi^gti nnd die spizigen nage! in daz Heisch drungin. nnd 

iBctiek- es iu der höhi, daz es im unz an daz gnibli her nl" gie; 

Her iune schlief er des nahtes. In dem gumcr, so es beiss waz 

li er vil mild von dem genc und krank waz worden, ald so er 

n l«ser waz und er denne in den erbeiten also gevangen lag und 

iilsigewi'irm alsi.» pingete, so lag er underwilent und gri'in und 

[ramet in im selb und wände sich von niiten umb und uinb. 

*l<<in wurm tßt, m man in mit spizigcn nadleii stiebet. Im waz 

dik, al« üb er in eint>m anbesliufen legi von angscfalichi des ge- 

"irme«; wa» so er gern lieti geschlafen ald so er entschlafen waü, 

"ugen Sil nnd bissen in wider strit. Kr sprach etwen zf\ gut mit 

llcm herzen: „nwe, zarter got, wel ein sterben dis ist! Wen die 

ald starki'i üer tädent, der kunt geHwinde ditr von; so Hg 

» l'le ander disen ungenemen würmuii nnd stirb und kan doch nil 

2 Cbtrrch-ifl fehU S 3 Ueplich .V 4 im sdlM-ii| ir /' zi- 

*bLj1' 6lip/f/(i(3f 8 mag M 10 spitzer P ffmfzcg ii. I..| 

iMnJb [,. M 11 messio M iri^vUet] eenegtlt !• 15 uiu fthU M 

\m P 16 df- fehlt P 17 K| vil S vou dem sen^ ffhlt M hM] 
IJ' 16 lesser ASPA^ laaser KMaü lasMer / tDciiifle: Legtr = Leit'.r!) 
vrfMl M 20 in sich und in im ücll) .V 31 naifd l'A' -23 uldj 

A' ^ itigeuj «unifen M 25 wul S]' 26 ^»winde] halde 7' schirr M 
fitem Djig. ijTiwiirmc M 

18 C'lfT Aderlmt m Klötteru ,i,„ I)omiiiika„a-'>rtU» imiit j.Jhiiifli, 
Ktiftäuliaiten, ALKGÜ I, -Am: V, Ö40) sithi Slranch, Marij. Kbntr 
A. «» AT, 46 u. Thirint 1. 1}4 A. ^: M. Hn/fe, Itownllrrhimtr III, 
r. i'al auch Sewr Vita K 3ti. 



^ 



40 Leben Seuses*. Kap. XV. 

ersterben." Du nehte wurden in dem winter niemer so laii:,^ 
der [IT'] suraer so heiss, daz er dur von liessi. Und daz er 
diser marter dest niinr underlibi gewönne, do erdaht er noch ei 
er band umb sin kelen ein teil eins gürteis und an daz machet 
mit listen zwen lidrin ringe ; da schlofte er sin hend in und besch 
die arm dar inne mit zwein marhenschlossen. und die Schlüssel 
er für daz bet uf ein bret, unz er ze meti uf stund und sich se 
entschloss. Sin arme waren also in den banden ietwedrent an 
kelen utwert gespennet, und hat du baut also versichert, und a 
du cell ob im gebrunnen, er enmöhti im selber nit haben gehul 
Dis treib er, unz im die hend und arme waren vast zitrend won 
von dem spanene; do erdaht er ein anders. 

Er hiess im machen zwo lidrin hantelen, als die erbei 
pflegent ze tragene, so sü dorne gewinnent, und hiess im eir 
Spengler dar an machen moschinu spizzigü steftlü umb und un 
und leite die des nahtes an. Er tete daz dar umbe, ob er in d 
schlaffe daz herin niderkleid wölti von im werfen oder in keii 
ander wise im selber behulfen sin in dem gnagene, daz im tet < 
gewürmme, daz in denn die steften in den lip stechin ; und daz 
scliach och. Wenne er im selb mit den henden wolte helfen, so 
er schlaffende mit den spizzigen steften in busen und krazte si 
er machet als grülich krczzc, als ob in ein ber under sinen spizi 
klawen heti zerkrawet. Daz erswar denn in dem fleisch an 
armen ald umb daz herz, und so er über vil wuchen genesen v 
so gewürset er sich denn aber, und machete nüwe wundan. 
marterlich nbung treib er wol XVI jar. Dar na do sip adren 
natur erkeltet und verwüstet waz. do erschein im vor in einr gc 
an dem pfiugstage ein himelsches gesinde, und kunten ime, da: 
got nit leiiger wolte von ime haben. Do Hess er dur von und 
warf es alles in ein abfliessendes wasser. 



1 crstrib.] stelx'ii (I) M 4 an daz fehli P 5 schlofte] be^l« 
<) nialonslossfu S luaren schl(is>en K nial-^lbsser V marrhschlossen M i 

wedtM' >itc S ietwederLalb .1/ 9 uswcit jV i[;:espannen PM 10 

linnunn .1/ molit .1/ 11 vast waren M wordru ./V//// P J 

ß/ih A^ liantijuclM'ln S liantschfich Mccfs^ 15 nicssinfi M stefft 

stielt .1/ st.Hhclin P 17 von im] hin .1/ 18 nai>cnt MA^ 20 behelf« 
21 sclihitV. fehlt P >to(!holn J' in dou bfisen SPM 22 gekreta 
*2:i «'rkniwet .y zerkrnnimot I* zerkratzet -4^ 2G materlich A XXI 
üdren] andren A' 27 sin natur M 29 sot fehlt A^ von im wolt 
:J() .in fehlt M 



Leben Seuses. Kap. X.\'I. 41 

XVI. Kapitel. 

Ton dem scharpfeu krüz, daz er trüg uf siueiu ruggeu. 

Vor allen andren Übungen hat er einen begirliclien inval, etwaz 
Zeichens an sinem libe ze tragene eines enpfintlichen mitlidens dez 
pinlichen lidens sines gekruzgeten herren. Also machet er im selb 
ein hültczin krüz, daz >vaz in der lengi als eins mannes spang und 
iiate dez sin [17'] ordenlichen breiti, und schlug dar in XXX isniner 
naiiel in sunderlicher mainunge aller siner wunden und siner fünf 
minnezeiehen. Daz krüz spand er uf sin blossen rnggen enzwischen 
lu iiie schulteren uf daz fleisch, und trog daz tag und naht steteklich 
WH jar dem gekruzgeten herren ze lobe. Dar na in dem jüngsten 
jare schlug er och siben nadlen dar in, also daz die spizze dur daz 
krüz etwi verr drungen und dar inne stekend bliben; und daz 
ander teil brach er hinnen ab. Diser spizziger nadlen verwunden 
'15 % er ze lobe dem nahtringenden herzleide der reinen gotes mftter. 
to ir herz und sele zu der stunde sines jcraerlichen todes so gar 
<lQnvundete. Do er dis krüz dez ersten uf den blossen ruggen ge- 
spien, do erschrak sin menschlichü nature dar abe, und meinde, er 
mohti es mit mitü erliden, und nam es her abe und widerleite 
'^'enklein die scharpfen na^el an einem steine. Du unmanJich zagheit 
;rerow in balde, und machet su alle andrest wider spizzig und scharpt" 
mit einer viln, und nam es wider uf sich. Es riflet im uf dem 
ruggen, <Ia es beinoht was. und machet in blfitig und verseret. Wa 
er sass oder stund, da waz ime, wie ein i^elhut uf inic lege: so in 
■^ ienian rürrt unverwenet ald in stiess uf daz gewant, daz verserte in. 
Dhz im dis pinlich krüz dest lidiger were, do ergrftb er hinnan uf 
daz krüz den lieben namen IHS. Mit discm kurz nam er vil zites 
alle tag zwo disciplinen in sölicher wise: er schlug hinnen mit der 
fii.st uf daz kruze. so trungen die uagel in daz fleisch und gesteketen 
9CI dar inne, daz er sü mit dem gowande nuist her us zukcn. Die 
schieß uf daz krüz tet er als togenlich, daz es nieinan wol moht 
irernerken. Die ersten disciplin nam er, so er mit betrahtuiig komen 



2 uf s. r. trug /' 5 hoiTfii] hrrzcii (!) M ü si»rani! 1' 7 dez, 

dz rM ^in /^/*^^ ^ ^ maiiunge P 10 luu-lir u. t-Ag M 12 od\J\hU A' 
jjiijrel A^ 1-i er fehlt K hin ab P IG ii. ir st'lr P 17 rucken Mos P 

19 l»i nute P 21 bero r audrest fvhU M andt^nverbe P 23 da] daz SA^ 
VM-iiioht roll anderer (alter) Huud A 25 [in] stiess .1/ 26.28 hiudman 

.^/M/ -7 ilis am Rande M M Wt < r uf d. kruz .V uit wol il/ 



42 Leben SeuseH. Kaj). XVI. 

waz zu der sul, da der schon lierr als grülich gegeislet ward, uv^, 
bat in, daz er mit sinen wunden die sinen heilti. Die andren u^. lu 
er, so er fiirbaz under daz kruz komen waz, und dar an geneg^^/f 
ward, und negelt sich zft inie, nieraer von im ze scheiden, l » 
dritten disciplin nam er nit alle tag, er tet es, so er im selb ze tj7 
Zartheit oder ungeordenetes lustes hate verhenget an trinken, an 
essen ald solichen sachen. 

Er hate sich ze einer zit misshütet, daz er zwain jungfroweu, 
do [IS^^J SU oflfenlich in der gemeinde bi im sassen, ire hende in 
sin hende hat genomen ane alle böse geverde. Du unbehütekeit ro 
gerow in geswinde. und meinde, der ungeordnete lust müsti gehütet 
werden. Do er von den jungfrowen gie und in sin kapeil an sin 
heimlichen stat kom, do schlftg er sich umb dis missetat nf daz 
krüz, daz imc die spizigen nagel in dem ruggen gesteketen. Er tet 
sich selb och umb die missetat ze banne, daz er im selber nit wolte li?; 
erloben, na meti hin in daz capitel an sin gewonlichen stat rin» 
gebctes ze gene zfi dem reinen himelschen ingesinde, die im an der 
selben stat in betrahtunge gegenwürtig waren. Dar na neiswen, do 
er sich gentzlich wolte versünen umb dis missetat, do waget er sich 
hin in vil blnklich, und viel dem rihter vor an ze fflssen und nam 3^ 
vor ime ein disciplin mit dem krnze, und gie do ietwedrenthalb urab J 
und umb vor den heiligen und nam XXX disciplinen, daz im dal 
blüt den ruggen ab ran. Und also erarnet er den lust vil bitterlich 
den er hat gehabt unordenlich. 

So man meti hate gesungen, so gie er in daz capitel an sin 
heinlichi, und nam da hundert gestrachter venje und hundert 
knuwender, ein ieklich vcnjc mit sunderlich betrahtunge; und die 
taten im vil we von doz krüzes wegen, wan wenn er daz krüz also 
strenklich an sich gespien und naher an den lip getreib, als der 
einen reif tribet, als er ze der zit pflag ze tfme, so viel er nider nf 8 
die erde und nam die hundert venjen, und von dem nidervallene 
so «gesteketen in ime die na«;el. und so er dennc uflFstftnd, do znkt 

4 |zcl ^cscheidrii A^ i» sü| die A^ 10 hof^Q fehlt A^ ifcbenli* P 
11 \\\ fikll M 14 krüzl ortrich F 15 zu bau umb d. m. P li> hin 

fdiU A' 17 i^csiiidr M 18 stat fehlt P U) wolt ^räntziich .1/ 20 in 
ft'hfi iM' bhikl.l belienklich P |vur] an zc tuzz .1/ 20 1. vor im 

Dam er A^ 2() >trjicker P 28 vil \\v iiiie S 20 stctteklich A^ iiohe jP 
M iiidrr vall M ^2 in fvhff A' doj und .4* 

2() f. l '///. Jidcir Vorrede und J. Teil t die ICO Bvtntchtunf/tnL Gestreckte Ktnte 
int die iifjLiüUche Pro.stnition im Unterschied vom blossen Kniefall (vgl, oben 16,14 f. 



1 



Lebeu SeusoH. Kap. XVI. 43 

er 81 denn her wider us, und aber von dem nidervallene stachen 
sü nuwü löcher^ und daz waz im gar pinlich; weune sü niiwan an 
einer stat beliben in im stekende, so waz es lidig. 

Vor diser übunge hat er ein ander. Er hat im selber ein 
ö geisel gemachet uss einem riemen ; den schuf er ime beschlaben mit 
m&Bchinen spizzigen steften, die waren scharpf als ein grifel, und 
giengen die zwen spiz ietwedrent für den riemen, also daz ein 
ieklicbes drispizig was^ mit welen ort es den lip trefe^ daz es 
wanden machete. Hier us machet er ein geisel, und stund vor meti 
10 of and gie in den kor für gotes fronlicham, und nam da stark [IS""] 
disciplinen. Und daz tet er neiswi lang, unz es die brfider innen 
wurden, do lies er dur von. 

Au sant Clemens tag, so der winter an vahet, tet er einest 
ganz biht. Und do es heinlich wart, do beschloss er sich in der 
Ideell, und zoh sich bloss us unz an daz heriu niderkleid; er nam sin 
geisel her f&r mit den spizigen dornen, und schlAg sich selben über 
den lip and umb die arme und du bein, daz daz blfit von obnen 
nider ab ran, als so man eime schrepfet. Es waz sunderlich ein 
knunber steft an der geisel, der waz gestalt als ein heggli, waz der 
^greif fleiscbes, daz zarte er da hin. Hie mit schlög er sich als 
^wt, daz im dft geisel in drü stuk zersprang, und im ein stuk in 
der haut bleib und die spizz umb die wende fören. Do er also 
Wütende da stund und sich selber an sach, daz waz der jemerlichest 
*Dblik, daz er in dik gelichte in etlicher wise der geschöwde. als 
do man den geminten Cristns freischlicb geislete. Er wäret von er- 
kermde über sich selb als reht herzklich weinende, und knüwet nider 
^ko nakende und blfttige in dem frost und bat ^ot, daz er sin 
^ind vor sinen milten ogen dilgeti. 

Dar na an der pfafenvasnaht gie er aber als och vor undei 
des eonventes tisch in sin cell, und do er sich blos ab gezoh, de 
P^^ er im selb gar grimm schleg, daz sin blüt den lip ab floss. 
So er noh vaster wil schlahen, do kom ein l)ruder, der hat daz ge- 

l denn her fehlt S 1 f. st. di ime S S l»eliben fehlt M stekoion .1/ 
»chöt] hiesg M 6 Hpitz. meschinen A^ stjicheln l* 9 f. uf vor m. 3[ 
*7 und umb d. bein SMA*^ 18 schraffet P sunderl. — 19 stet't) ein sunde' 

*^^l P 19 daz waz waz daz /' 2;^ uf stvuido A^ jemerlich J' 

® Anschlich S31 25 f. ermberinde A 29 och fehlt P 

l'^ U3, Nor. 14 BeicfU über das f/mise Lelnii. 29 Sountof/ Kst^ 

*^ f^uintfuagesima, Fctstnachissonntagi, auch Herren- oder rfaffenfi^tnach- 
^^nnt, f, Orotffend, Zeitrechnung i, öd. 



44 Lehen Seuses. Kap. XVII. 

schelle ueiswa gehöret, und er müste hören. Er nam ezzieb uu 
<altz und bereib sin wunden dur mit, daz eines smerzen dest ra 
wurdi. 

An sant Henedictus tag, an dem er in die eilend weit wan 
^eborn, gie er under dem inbiss in sin capell ; die beschloss er un< 
zoh sich US als och vor. Er nam die geisel her für, und vie an z( 
scldahent. Also ward im neiswi ein schlag uf den lingen arm unc 
traf die ader, du da heisset mediana, neiss ein ander dur bi. De 
du als vast troifen ward, do sprang daz blfit her us, daz im der 
runs des blutes flos über den ffiss ab dur die zehen uf den estrich 
und da swebte. Ime geswal der arm behendelich gross und ward 
blawvar. Hier ab erschrak er, und getorst nit me schlahen. In 
der selben zit [19'] und an der selben stunde, do er sich selber 
also schlug, was ein heiligu jungfrow, du hiess Anna, du waz an 
ir gebet an einr andren stat uf einer bürg. Der waz vor in einr 
gesiht, daz si wurdi hin gefüret an die stat, da er die disciplin nam. 
Do si die herten schleg an sah, daz erbarmet si als übel, daz 81 
hin zu im trat, und do er den arm hat uf erhebt und sich wolte 
?ichlahen, do undergic si ime den schlag, und der ward ir uf ir arm, 
als si duhte in der gesiht. Do si zft ir selber wider kom, do vand 
si den schlag gezeichent mit swarzcn totblüten an dem arme, als d 
du geisel getrofen hate. Si trfig du kuntlichen Wortzeichen mit 
irrossom smerzen vil zites. 



XVII. Kapitel. 

Von sinem geliger. 

In den selben ziten ward im neiswa ein eltü hingeworfnü tür; 
die Icit er in siner cell an sin betstat under sich, und lag dar ufc 
ane alles betgewand. Ze einer behulfenheit sin selbes hat er eil 
vil tünnes mctli uss ror gemachet: daz leit er uf die türc, und das 

1 crlioiHt A^ 4 er nacli weit .1/ tVir her K 8 ueissj oder ÄJ 

j tropheiid itn»i)tt'on) MA^aV 12 torst M 18 zu im hm zö S 19 unde 

uie — 20 in] -1' 19 uf (hii arm 1* 20 selhcr zfi ir 8 23 grossen J 

2H tur waz hin ireworffeii V 27 sin P 29 vil tünnes] nüwes KU t 

ü.hlt M Hl et zun ^S' 

4 4.''/. Mär:. 8 \'ena mediana, die mittlere Blutader am inner^ 

J'J//' nhof/eii. im MittdaUor hüiififj zum Aderlass henätzl, .v. M. Höfler, DeuUtdt 

Knnikk'jHfiiuuiunhuth ISUlf. 4(Jti, 41S. 



Lebeu 8euses. Kap. XVII. 45 

erwand im an den knüwen. Under sin hobt für ein kiissi leit er 
eh seckli gefüllet mit erwisstro, und dar uf ein vil kleines küsseli. 
Er hate enkein betgewand liberal, und als er des tages gie, also 
lag er des nahtes, ane daz daz er die schü ab zoh; und einen 

ötiken mantel tet er umb sieb. Alsus gewan er ein jemerlich geliger, 
wan daz hert erwisstro lag im knollobt under dem böpt; do stach 
in daz kruz mit den scharpfen nagel in den ruggen ; er hate be- 

; «hlossnü band an den armen und daz herin niderkleid umb die 

i baffen; do waz der mantel gar svvere und du türe hert. Er lag 

■10 also verjamert, daz er sich nit geleichen mohte als ein bloch: wenn 
er sich wolt umb kercn, so geschah im we, wan so er schlaferlich 
Mnder sich uf daz krüz üt vaste viel, so drungen im die nagel hin 
in in daz gebcin, und denne Hess er mengen siifzen zii got. In 
dem winter beschah im von frost gar we, wan in dem schlafe so 

Ä er die füsse wolt streken nah gewonheit, so wurden sii bloss uf der 
tnr ligende und erfruren ime; so er su denn zu im hin under zoh 
nnd also hüb ungestreket, so ward daz bliit wütende in den bein: 
iaz tet im vil we. Im wurden die füsse vol gesühtcs : do geswullen 

' ime du bein, als ob er wassersiihtig w61ti werden. Du knü waren 

• Wötig und verseret, [lO""] die huflFcn vol schnatan von dein herin 
niderkleid, der rugg was von dem kruz verwundet; der lip waz öde 
v^on masslosi, der mund türr von turstiij:er not, die hend zitreden 
von kraftlosi. Und alsus in diser marterlicher wise vertreib er sin 
tag and nahte. 

* Dar na endert er die übunge, die er hate mit der tür, und 

2oh in ein kleines celleli und machet den stul, da man uf sass, im 

^Ib ze einer betstat; der was schmal und als kurz, daz er sich 

dar ufe nit mohte gestreken. In diseni loche und uf der türe bleib 

er ligende wol VIII jar mit sinen gewonlichen banden. Do hat er 

ein gewonheit, daz er na conplet in dem winter, so er in dem 

jonvent was, in kein stuben noh über des convents oven dur keiner 

2.6 erüwsstro A enveisstro aSP arbszstro A' liiibcrstro ccf.s^ :> het an 
t*in M und] denn M 7 in «Icn rugj^en nach kn'iz M liato fthU S 
i «chafferlich A^ 18 [in| in MÄ^ 15 ?^terckon S nacli <1« r gew. ^f 
5 niKl«-r] wider 3/ 17 ungestr.] im ^a'strcket -4' in «loiii baiu .V IS do| 
?s M und A^ 20 schnattra K 22 der nmiid - not fr/dt M waz türr P 
Tteni P 28 diser] der P 2'y mdet A^ 2«> f. im seil» nath betstat M 
'< nit molite dar uff S 

24 Der Zusatz hei Diepenhroch {- 1S,'J7, :U) : * /6.s/, 776' > ßiuhfi sich nur 
t dem Druck vo^n 1512 fol. IS*" und fehlt in allen llandschriflen. 



46 Leben Seiincs. Kap. XVIII. 

wermi willen nie kam wol inrend XXV jaren, wie kalt es wa«, gs 
ffigtin (lenne ander sacheu. In den selben jaren meid er ellä bad, 
beidü wasserbad und sweisbad. dnr angemach sines zartsftchende^ 
libes. Er was vii zites, daz er sumer und winter nüwan einest ao 
dem tag ass, nnd nit allein mit dem vastene ane fleisch^ mer dor 
zft ane viscli und ane eyer was. Vil zites ftpte er sich an sölioher 
arniAt; daz er enkeincn pfenning wolt enpfahen noch handien, weder 
mit urlob noh ane urlob. Neiswi vil zites sah in an sölichä Inter- 
keit, daz er sich selb niene an dem libe wolte krazen noh an rüren, 
denn allein an henden und fassen. 



XVIII. Kapitel. 

Ton dem abbreeheue des trankes. 

Er vie einest an die wetunden übunge, daz er im selb ein vil 
klein massc uf saste ze trinken; und daz er der masse dest minr 
vermisti^ baidii innen und usse, do scbflf er im selb umb ein k6pfli j 
uf die selben masse, und daz trag er mit im, so er us gie. In 
grossem tnrste was es im nüwan ein erkülen des türren mundes, ab 3 
der einen siechen menschen in siner hizze labet. Er waz vil zito^ 
daz er liberal enkeinen win trank denn allein an dem ostcrtag; dem 
hohen tage tet er es ze eren. So er etwen als turstig waz und in iil 
selber von strenkheit sinen turst weder mit wasser noh mit wine wolt . 
{)üzen, und er denn vil jemerlich uf zA got sah, do ward im einest J 
von got incrlich geentwürt [20'] also : „lüg du, wie ich stand turstige I 
in sterbender not mit enklein ezzichs und gallen, nnd waren dodi 1 
alle küleu brunnen des ertrichs min eigen!" d| 

Es geschah ze einer zit vor den winnahten, daz er gar ver- 
rüchet hate uf alles liplich geroach, und nam an sich drie fibnnge 

1 iniTiidl in PM XXX A' 2 fügte P fhgii A' 3 usserbad A^ 
«luroh gemach imd ungeiiiach S 4 f. liz nach einest M 5 nit — 6 was] 

waz an Haiscli, liii fisch, an aiger dar zu 3/ 10 und an fassen SMA^m 
12 ÜUrschnft fehlt S dem fehlt F 14 uf — masse fehU K 15 imi 

n. uss .1/ nmh fehlt S 19 fiberal fehlt M 22 zu got uff S 23 iunek- 
lich (!) M 2)5 f. in sterb. not tnrstige 6" 24 gallen wart ich ^trenkct Ä^ 
25 dis APA'a 

8 an s<-hcn mit sacldichem Snhjdd und ptrsönlichem Objekt - etitew «0 
und NO scheinen, gut dünken: vyL Grimm I>\V /, 466: IL Irischer, Schwülb. 
Wötierh. i, :Ji',!f. 25 Der Zusatz hei JJiepenhrock (* 37 : * 174) ftkU ni 

^dlen JIs8. und steht zuerst in der Ausgabe von JoJ2 fol, iö«*. 



Leben Seuses. Kap. XVIIL 47 

ane die gemeinen, die er lange hate gehabt. Du erst was, daz er 
na der meti vor dem fronalter uf den blossen steinen also stende 
Weib unz ze tage, und daz waz urab die zit, so die nehte aller 
kngest sind und man vil frü meti lute. Du ander waz, daz er an 

5 kein warm stat gie weder tages nob nahtes^ noch kein wermi von 
der glöt au die hende ob dem alter wolt nemen ; und geswullen im 
die hende groslichen, wan es der selben zit aller keltest waz. Na 
coDplet gie er also kalte uf sinen stül schlaffen^ na meti stand er 
vor dem alter uf blossem stein unz ze tage. Du drit Übung waz, 

10 daz er im selb allez trank ab brach dur den tag, wie übel in turste, 
denn eht des morges ob tische, und denn so turst in nüt. So es 
aber begond abenden, so turst in als reht übel, daz ellü sin nature 
na trinkene mng; und daz verhüb er alles mit mengem bitterlichen 
ßmerzen. Der mund ward ime als türr von innen und ussnan als 

15 einem siechen, der an einer suht lit. Do zerschrant im sin zunge, 
diz 8i dur na me denn in einem jar nie kond verheilen. So er ze 
conplete also turre da stiind und man daz wichwasser nah gewonheit 
nmb gab, so tet er mit begirde den türren mund uf, und ginet wite 
gen dem sprengwadel uf daz gedinge, ob im en kleines tropfli 

io witters uff sin türren zungen vieli, daz si da von joh en wenig 
erkult würdi. So er denn ze collacion oder ob tische also turstige 
den win von im saste, so hub er etwen sinü ogen uf und sprach : 



1 jrehabtj iu:et«ni r 4 iiuti lutc] hat iiietti K (3 an <1. hend«- fehlt ^f 
^ Hiieii] ainen K fl blosstMi stWin-n J' 10 soll» fehlt K |abj l»rach /' 
11 «'ht fehlt P 13 incnpfon A 15 zerschand M zerspit'lt P 17 f. gab 

«a^A wichw. M 20 joh] doch il/, fehlt 1* 21 f. den win also durstig«»! M 

5 f. Zur Krwärmung der 1^'ingtr hei der Mtfsse wurde im kalten Winter 

^'» Gefäüx mit Kohlen auf den Altar (/enteilt ; vgl. Caerem, Ord. Praed. II, 1 a. 

il'öti2 (Thiriot /, 74): ./. Sauer, Sgnibolik de^ Kirchen geh üudeti J^aJ, 211. 

17 Vgl, oben Anm. zu 36yJl. 21 CoUatio (collazie, collacie : Lerer /, 

M'5) ixi die schon hei den alten Orden iReg. /SV. Benedict! c. 4:i* : Chrodegang, 

''(</' can. c. 21) und ehenso hei den Dominikanern ühliche Bezeichnung für die 

Endliche Tiachlesung, bei der viel die Collationes Patrum (Unterredungen 

*Ä den Viltem) des Johannes Cas,sian gehraucht wurden : in der Folge erhielt 

^V Abendmahlzeit selbst^ oder der Trunk hti derselben, besfmdcrs an luistiagen 

''« hominikanerorden vom 14. Se/tt. bis Ostern ausser den Sonntagen^ ferner 

'^flt Freitage und sonst einige Tage des Jahres: vgl. Constitutiones. ALKGM 

i, 19t*\ Vf u36) dai Kamen Cnllatin. Statt der Lesung konnte auch unier 

leiinng des Lektors oder Priors ein Vortrag oder J)isjtuiation über theologische 

fotogen oder eine Besprechung über geistliche Dinge stattfinden; in Frauen' 

kh'tstern oder Beghinenhäusern hielt der Beichtvatfr oder ein anderer Geist- 



48 Lehen Sense.'*. Ka]). XVIII. 

«owe, himelscher vater, iiim hin zc einem opfer mins herzen sap 
dis kül trank, und trenk din klnd dur mite in dem turste, als er 
stund turstige an dem kn'ize in sterbender not." Etvven gie er über 
den brunnen in dem grossen turste, und sah daz klinglent wasser 
an in dem überzineten kesselin, und sah denn uf ze got mit Lerzk- 
lichem süfzene. Etwen so er als gar überwunden waz, so sprach 
er gar von ingrunde: „owe, ewiges gilt, dincr verborgen gerihtenl 
daz [20""] mir der breit Bodense so nah ist und der luter Rin umb 
und umb mich Üüsset, und mir en einiger trunk wassers so tür isti 
Wel ein jemerlich ding daz ist!" l 

Dis zoh sih uf daz zit, so man lisct daz ewangelium. wie 
unser herr wasser in win verkerte. Do sass er des selben suimen- 
tages ze naht mit jamer ob tische, wan im ward daz essen mit 
grossem turst uit ze liebe. Do man den tischsegen gelas, do ilte 
er geswinde in sin capell, wan er enmolit sich von überwundem l 
lidene nit me enthalten, und brach us und flos hin mit bitterUchen 
trehen und sprach: „owe got, du erkennest allein herzliden und 
herzennot: wie bin ich in dis weit so recht erbetselklich geborn. daz 
ich in aller genügdc so reht grossen gebresten mtlss lidenl" Do 
er in diser klag stund, do waz im in siner inwendekeit, wie neiswas i 
in sin sele sprechi also: „hab guten müt, got der wil dich sehio" 
fröwen und trösten; nüt enwein, frume riter! Gehab dich woll* 
Du wort erhügten neiswi sin herz, daz er uf hüb und nüt moht 
genzlich weinen, und aber von smerzen moht er nit genzlich frölich 
sin, denne mit dem, daz im die trehen ab vielen, do zwang in - 
neiswas inrliches ze lachene uf ein gütlich künftig aventüre, du im 
küizeklich von got werden solte. Also gie er ze conplete. Der 

1 Uli II M 2 dvm\ (h'\) M 4 «lern fehlt M 7 von gniiidf ■? 

8 so| als «rar M \{in fehlt P 11 Dis| daz Ä^ daz cw. list S 12f.nii» 
joimT nach sass er /' 1:5 [ze naht] <»b tische mit j. M . 14 so erossoiu ^ 
15 moht SM 18 hertzt; imit A' li) mu^s fehlt S 2^ daz] des A' 26 iw- 
iich P innrklich M gotlich fehlt P 

liclur (ierariifjt' Konferenzen. Die Kinrichtunij irard besonders t'n iV'oitHf"' 
Lhtstern von grosser Tiedentiuuj für die Fi^rderung der Mystik : zahlreicht 
Predigten oder Traktate Kchharts (vgl. Pfeiffer ö4o; Wackernagel, Alidcuiitcht 
Predigten and Gebete 187 0^ 15Ü, IH), Taulers und Stnses sind auf diese Wiü^ 
entstanden. Vgl. JJucange s. r.: Dtnifle in ALKGM II.(i41ß\; Wackentag^ 
a. a. (}, :i07\:iiitf.: Lecog de la Marche, La chaire fran{:aise au moyen dgt 
- hssa, :J1J f. 8 f. J)as Dominikanerkloster, jetzt In^elhotel in Konsta^^ 

liegt auf einer kleinen Insel am Ausfluss des [Rheins aus dem BodeMti, 
1 1 f. :J. Sonntag nach Eptphanie. 



Leben Seuacs. Kap. XVIll. 



49 



ind sang mit zitrendem herzen, and in dem duht in als wie er 
idier alles tünee lidens sAlte ergezzet werden. Und daz gesehah 
clikurzlicb dur na. Und in der selben naiit hüb es an enteil also: 
ui waz vor in einer geHiht. wie unse frow kernt mit dem lieben 
iDdlin Jesus in der gestalt, als do er uf ertrich waz und aibenjerig 
az. Es brahle in der band ein krugli mit frischem wasser; daz 
rügli waz überglcstet nnd waz enklein grOsaer den en conventkopf. 
bo nam ünse frow daz krügli in ir band nnd bot es im, daz er 
i^. Er nam e» nnd trank mit grosser begirde und erlaste sineii 
nt na wnnsche. 

Er gie do einest aber veld, und uf einem schmalen stige do 
kom im gende ein arniü erberü frowe. Do dii frowe nahe zö im 
ta, do weich er ir ab dem truchen wege und trat neben sich in 
t nessln nnd Hess so fiir gan. Du frowe kerte sich nmb und 
iracli also: „lieber herr, waz meinent ir hie mite, daz ir. erbere 
in und [iriester, [21'] mir armen froweo als demüteklich wicbend, 
id ich iich vil billicber solti han gewichen?" Do sprach er: „ey, 
ft6 frowe, min gewonheit ist, daz ich allen frowen gern zuht und 
B blit dar der zarten gotes mQter willen von himelrieli," Si hi"ii) 
irn ogen und ir hende gen dem hiniel und sprach also: „nu liil 
h die selben erenwirdigen frowen, daz ir von diser weit niemer 
ccheident, ftch bescheh ttwas sunder gnaden von ir, die ir an 
p allen frnwen erent". Er sprach: „dez helf mir dii rein fruw 
Üitmelrieh!" 

Es geschah kürzlich hie na, daz er ua gewonheit in grosser 
■igile mengerley trankcs einen turstigen mund ab tische hat ge- 
igen. Do er des nabtes nider kom, do kom für in stan in einer 
l^hte ein himelschas fröwliches bilde, nnd das sprach vA im also: 

fbia es, du möter, du dici in der vordren naht hat getrenket 
dem krüglin, und mein, wan dich »h übel türstet, so wil ich 
erbermde dich aber ti-enken," Do spiaeh er vil bluklich zu ir: 



1 mit iBcbeii uud luit z. li. S ä dat luioli liärslich S Und jihU A^ 
10 na] mit M 11 Biege KP X2 armä/c/i/i Af erlierü] er- 
19 rutu"'ich /' und tral neben Kiub in ZtHe li nach kerte sieh 
f ASP 16 a]f dcuicit. J'ihll ASP eiitwichuut M 17 uud ich — ge- 
ll /tMl A.SP ttiitwichen Jtf 17 f. ach frow li.'bii M IS mStter 
P von hiiufilr. willen .tf 21 ewirdige P 22 guad AM 23 dez] 
25 geschah aber VurzL M 28 fröwl.| frölirhz ;i/, fehlt ASP das 
29 g^trpnhet hat A'' 31 j^etrencken i' ir) im ASP 



50 LiibL'tj Senses. Kap. Will. 

^nch reinü frnht, du ha^t docb nit in der faant, da mite du micbi 
miigist treoken." Do entwürt ei nnd sprach: „ich wil dich trenkev 
mit dein heilsamen tränke, dnz von mlDem herzen tlügset." Do er- 
Pi-hrak er, dag er nit konde geentwürten, wnn er sich des als nn* 
wirdig erkande. Do sprach ei gar gütlich zfi ime: „wan sich der 
hinielecher hört Jesus als lieplich in din her/, hat gesenket, und das 
selb din türrer mund als sur hat erarnet, so sol es dir ze gunderm 
trost von mir werden," Und sprach: „es ist nit ein lipliches trank, 
es ist ein heilsames geischliches trank warer luterkeit." Do lie^ 
es zö gan und gedaht in im selb: „nn solt du rebt gnflg trinkeo, 
daz du dinen grossen turst ivol mugist erloschen." Do er wol hat 
getrunken des himelschen trankes, do bleib im neiswas in dem 
munde als ein tu kleines weiches kn511eli. daz was wiss, als du 
himelbrot geschafen was; daz bchflb er in dem munde neiswi lan; 
ze einem waren Urkunde. Dar na enbrast er an ein herzklichefl 
weinen, und danket gote und siner lieben mflter ire grossen gnaden, 
die er von in hate enpfangen. 

Der selben naht erschein nnee frow einer gar heiligen petyi 
vor, dii was in einer andren etat, und seite der, In weler wige i 
in [21^] heti getrenket. und sprach zä ir also: ^gang hin und sag 
mins kindes diener von mir, als man vindet geschriben von dem 
hohen lerer, der da hoisset Johannes Chrysostomus, mit dem 
gnldin mande: do der ein schökr was und vor einem altar knäwete, 
da du himclsch möter och in der form eins hülzin btldes ir kind 
uf ii- schösse mCiterlichen tränkte, do hiess daz mflterlich bild iP 
kint ein willi nf halten, und Hess den vor genanten schftler och VOB 
irem herzen trinken. Du selb gnade du ist im och im in der ge«bt 
von mir worden, und ze einem Urkunde der warheit so nein in 
war, duz sin lere, dii von sinem munde get, vil begirlicher nnd 
lustlicber nu fiirba?. wirt ze hörene denn vor." Do er dis erhört^! 
do hfib er uf sin hende und herz und ogen und sprach: „gelofi 

2 ii inii/ V 4 !'. als imwirdig] mit würilig- P 5 dcrj min .1/ T i 
»ur fehlt M 8 tmal. komen und vou mir w. M 9 geiachl. fehlt M 11 1 
löwehon .S' 13 kleiiKs fehlt A' weiches feldl S weiches Weinei 

14 daz — lang] v.r häb ez naian-li' lang in d. mDnde M 17 in] ir A' l8i 
». nacbtz M gar hfi). felill M 20 f. hin z3 mlns lt. d, und Mg in T 
mir P 23 der) it ÄSl-A' 2ä hiez SI'K dem S 27 |i!ü] iit ItP 
nu wlrlich [in d«r s..>siht| AI 28 der warlic-it fehlt M 30 nn fürb« W 
denn Tor M zfi hÖr. nu fürhaz wftrt .V 31 und oiich sin hurzp S 

14 Dat Mani 



Lelif« Srii«!-«. Kap. XVIII. öl 

dk ader der tieäies8eiKleii gotbeit, und i'ibeilopE sie du süss 
Ater aller gnaden von mir armen unwirdigen menscben diser 

himelachen gäbe!" Ein glicbes vindet man och an dem ersten tail 
dee hdchcB, daz da baisset Speculuni Vincentn. 

I Dieü beiligü per^oD bQb aber nn und i^pracb iti ime also: 

,noli eins sol icb ü sagen, Ir sond wiiasen, daz mir unse frow mit 
ir lieben kinde hinabt in einr geeihte für kom, und hat iiiise frow 
in ir band ein schönes trinkvas mit wasger. Daz kind und du 
frowe reddan minneklichü wort von ['icli. Also bot sü daz vass 
mil dem waeaer gen dem kindeliii und bat, daz es sinen segen dar 
äher tele. Eh tet sinen heiligen segcn Aber daz wasser, und ge- 
«ninde do ward daz wasser zc wine. Und sprach also: „ea ist 
soi^, ich wil iiiit, daz der brftder sieh me hier inne übe, daz er 
IM ane win sie; er sol im hinnaii für wiu trinken von siner ver- 
«rter oatnr wegen." Und do es im also von got geurlobet ward. 
iln trank er fürbaz win. als er ocb dur vor hate getan. 

[22"] Er waz do in den ziten vil krank worden von dem 
ibrrlaste der vordren dbungen, die er so lange hnt getriben. Ka 
erschein unser herre vor einem heiligen gotcsfründ und bäte ein 
tiBcbBen in der hant. Si sprach zft im: „ach herr, waz meinst du 
Diii der bühaenV" Er sprach: „do wil ich minen diener ar/uen, 
der ist Biecli." Also [2^'] gie unser herre zö dem diener mit der 
hiicbsen und det die uf, do was in der büchsen frisches bli'it. Des 
til6tes nani er her ns und streich es an des dieners herz, daz es 

ÜKtaal blfttig wart, und streich im do an sin bend und füsse und 
«inü gelider ellü sament. Do sprach sti zu ime: „acb. min lierr 



sie fthlt P 2 diser - 4 \iiieentii fehil M 3 gi.beu P 
S miK liebe fr. Ä' 7 hal fthlt S 9 vrort fthlt M 10 und bat fthlt M 
pt grawinde] ep stonfle A^ 12 do fehlt S 13 sich der brflder S mer 
bier) dar S sich daz |?I M U fiir] hin M 20 bfich.diii dttreh- 
am Hnniie bfime P 23 f. das Id&I P 24 is - ffi streich fehlt S 
d <lo| daz 5 2(i un fehlt A 

« Vinitnz con Btaurais, Spec. Mtl. VIJI,84 ivon einem krankm 

ÄhnlichM «Hrd freShlt vom hl. Brmhard (vgl. Vaeandard, Vit de 

jtficnuircf // [1895} 78 f.), von Lukardia vtm Oberweimar il4. Jh.; Aualeeta 

•S99, 318), in den Offenbarungen deg Alanm de Hupe (i 1476 .- 

piff, HoUayftl, St. Dominikug und der Bosenkrane 19(J3,31ff.) und andere» 

Wiaritmlegenden (A. Poncelet, Mü-amlorum B. V. Marias s. VI—XV Indtx, 

r. SoU. ia03, 241ß. 2fr. 184, 461, 614, 667>. 16 In AKRWB'a ein 

Wind: Juut und Maria tranken di'n Diener lAhh. 3 nm-b ^\' Bl. HP'K 



52 



Lelien Seiises. Kap, XVUI. 



r 

■ und ntio ^ot, wie zeichnest du in so! AM will du ime A'inix t'üaf 

I zeichen in trukenV" Er sprach: ja, icli wil sio herz und alle sjs 

H natnre mit lidenoe tniiineklichen zeichnen, und wil in denne arznea 

I and gesunt gemachen, ich wil einen menschen us im machen n; 

B allem tninem herzen." 




Uo der diener nölicli iibig leben naL'li dem usscru menschMiil 
ala lia vor enteil stat geBchriben. hat geluret von sinem ahtzehendeol 
jai-e unz uf sin vierzegst jar, und elli'i sin natur verwüstet was, d«»| 
niit me dur hinder waz, denn sterben ald über von dcriey übnnW 
lassen, do liess er dur von, und ward ime von got gezAget, duq 



1 diufl! Uie J' 2 inimiüaichfu M 
im fehlt il l> iil-iK] lippii; A' 



3 f. I 




Leben äeiitea. Kiip. XIN. 53 

"enkheit un<I die wiseu alle sament oit auders weri gewesen, denn 
an guter anvang und ein durprechen eines ungebroolien mensclieD, 
nnd meinde, er musti noch fiirbaz gedrungen werden in einer ander- 
ley wise, sölti im ieroer reht bcsclieheu. 



i XIX. KapiU-l. 

Wie er ward gewiset In die Teniüiiftigen schäle m der knnst 

rechter Gelassenheit. 

Es eaüs der diener xe einer zit nach der meti in sinem stüle, 

und in einer verdahtekeit entBiinken im die einne und duchte in in 

loiler iuren geeiht, da?, ein stoltzer juugling obnan ab her kemi und 

für in stülidi, und sprecbi zft im also: „du bist gnd lang in den 

iiidren schulen gewesen und hast dich gnüg dar inne geiibct und 

Mrt zitig wordei], Wol uf mit mir! Ich wil dich nn füren 7,t\ der 

liAhsten scbRIe, dd in diser zit ist, da solt du nu lernen mit Hisse 

liilie h&hsten kunst, du dich in g6tUchen frid sol sezzen und diuen 

heiligen anvang zft eim seligen end bringen." Des was er tVo und 

Wind nf. Der jangling nam in hi der band und fürte in, als in 

iahte, in ein vernünftiges land, da was neiswaz schSnes huses und 

c was glicb. als ob es geischlicher litten wonung weri. In dem 

kveilteD, di der selben kunst phlagen. Uo er hiu in kom, do ward 

er |[itÜißb enpfangen und lieplieb griizet von in; sü ilten hin zu 

' ivn flbreBteii [23'] meister und selten ime, es weri eine komeu, der 

»Mü och ein junger sin und w61ti die kunst lernen. Er sprach: 

,deii wil ich vor ander ogen an sehen, vvie er mir gevalle." Do 

|l«r in gesah, dn lachet er in vil gutlich an und sprach: „nu wüssent 

I du ron mir, daz diser gast wol mag werden ein frumer schftlpfaf 

r hohen kunst, wil er sich gedulteklich geben in den engen 

bnoUtal, da er inne m&ss beweret werden." Der diener verstund 

kfr verborgnen Worten dennoh nil; er kerte sich zfi dem jungling, 

läcr in hate hin in gefüret, und fragte in also: „eya, lieber gesell 

sag mir. waz ist du hfihste schule nnd ir kunst, von der du 

i Er S 10 htr ab P 11 sprach P 14 sdiflle ~ 16 IjSIisIch fi/iü 

diwrl der P nu] inne P, fehlt S 18 land fehlt A' iIb) daz M 

a trit. hns P 18 f. hu» [und — geiich] M 19 weri, dem wob 

II btut griich W 21 hiu in P 24 under ögen vor iui S 25 aacli SM 

B g*lL iu /' 27 geben ged. P 

iöff. i'ffl. ilie SehtUUnrnff Hm: 11, 1 n-il. Strange USff.K 



54 



Le\»-A 



Kiip. XtX. 



mir hast geseil?" Der juag:ling sprach also: „Du faobe scbU iili 
ir kunst, die man hie liset, daz ist nit anders denn ein genz4, vj^ 
komnii gelassenheit sin aeDiB, also daz ein mensr?) stand in s&lielNi 
enlwordenheit. wie im got ist mit im selb alil mrt einen crealnm 
in lieb ald in leide, daz er sich dez tibi^c, dait er alle zit stau 
glich in einem usgene des sinen, als es denn mensefalieh krankbei 
erzügen ma^, und allein gotes lob und ere sie ansehende, als ti4 
der lieb Cristus bewiste gen sinem himelsehen vatter." Do ds 
diener dis erhörte, dn geviel es im gar wol und meinde, er wilM 
der knnst leben, nnd rs enmöhti nüt so swer sin, daz in des mäht 
geierren ; und wolle da biiwen und vil tinmüssiges weikes babci 
Daz werte im der jungling und sprach also: „disü kunst wil haba 
ein ledig müssekeit; so man ie minr hie tut, so man in ^er warbe 
ie ine hat getan;" und meinde ein s6lich lEin, in dem der nif 
nich selb vermitelt nnd nit luter gotes lob meinet. 

Nah diser rede geswinde koni der diener zft Ime selben 
sass also stille; er begonde discr rede tief na gedenken und merk« 
daz es lutn'i warheit ist, die Cristus selber lerte. Er begoid in 
flelben mit im selben einreden nnd sprach also: „l&g inwert genol 
60 vindest du dich selb noch eigenllch und merkst, daz du ooh 
allen dineu iissren iibnngen. die du dir selb nsser dinem dg 
gmnd an tet, bist ungelassen ze enpfahene frömd widerwertib 
Du bist noh als ein erschroekens besli, daz in einem buschen t 
borgen lit und ab iedcm fliegenden blate erachriket. Also iel d 
nb ztivallendem lidene erschrikest [24'] du alle din tag; ab <1< 
anblik diner widersachen entvarwest du; so du sollest under gl 
so fli'ihst du; so du dich göltest bloss darbieten, so birgest dn die 
so man dich denne labet, so lachest, und so man dich schiltet, 
trurirtt. Es mag wol war sin, daz du einer hoben sehfll bedfirftiBl 
L'nd also mit einem inneklichen süfzen sah er nf z£i got nnd epn 
also: „eya got, wie ist mir dA warheit so bloss geseit!" und eprSi 
„owe, wenn sol ich iemer ein reht gelassenr mensch werden?" 



5 ald] und P « uf yen .U es Jehll P 9 dis] .laz .1/ 

A' er woitfl fe/tit M Vi diaü] diu S 13 setöt M 19 mit im sd* 

fthU KA' mit im selb in im selli M [eiii)rede>i P als» /«Alt &l 

20 duK fthU SM 24 Ut] ist A* och Jir M 27 fl&list [du] PA' 
dich S 28 lachesrii Ä und fehlt F 29 tnirfstu Ä 



1» 



r-ji. Lui. w.itj. 



^^^H Lelii'n Kap. 

^^^^^r XX Kapitel. 

I Ton wetönileni nndergene. 

I Du dem diener dertey usser übungeo, di im au sin leben 
ieDgtn. wurden von got abgesprocben, des wart sin vermügtü 
ilar so fro, daz er weinet« von fröden. So er hinderdabte sinii 
üengu band, nnd war. er eblich erliten und erstriteo liate, so apracb 
ta im selb also: „nu dar, lieber hcrr, nu wil ich hinnan für ein 
kng and ein fries leben ban, and wil mir wol lassen sin. Ich 
1 minen tnrst mit win und mit wasser wol büzen, icb wil un- 
^nden uf tninem strosak schlafen, des icb dik mit jamer hau 
(gert, daz mir daz gemach vor minem tod von got wnrdi. Ich 
10 mich selber gnfl lang verderbet, es ist zit, daz ich hinnan für 
jrflwe." Sfilicb vermessen gedenke und derlej invelle lüfen im 
I do nmbe in sinen sinnen, owe, und wüste aber nüt, waz got über 

Ihate gedaht ! 
, Do im mit disen ergezzlifhen gedenken neiswi meng wuchea 
wol was gewesen, do gescbacb eins males, daz er gesass in 
aein gewonlichen betstöl und kom in ein betrahtunge des war- 
iflen Wortes, daz der lideod Job sprach: militia est etc., des 
enscfaen leben ut" diaem ertrieh ist nit anders denn ein riterschaft. 
■düer betrahtnng entsunken im aber sin sinne und duht in, wie dort 
k in kemi ein snber jungling, der was gar m;in1icb gestalt, und 
hu mit ime zwen klßg riterschftb und endru kleider, du riter 
Iteot ze tragene, Er gie zb dem diener und lelt im an du riter- 
St ond sprach iü im: „bis riter! Du bist unz her kneht gesin, 
id got wil, daz du nu riter sicst." Er sah sieh selber an in den 
tetschdhen und sprach mit grossem wunder sinee herzen: „wafeii 
KI wie ist es mir ergangen, waz ist uss mir worden! Sol ich uu 
Ich pflege hinnan für vil lieber mins gemaches," und 
Kh zfi dem jungting: [24'] „sid nu got wil, daz ich riter sie, 
i ich denne loblieh in einem strite riter worden, so weri es mir 



3 ilryerlej (\) A' 4 ab gebrachen K de»] do A' vermüdfte P 

j} fu M von] vor .V So [er] Ä' 6 so] du M Ü turst] Irost (I) 

12 l.nn{,' guSg SP 13 geröwe] mit rSwe K gerflwetj A' U als 

*inen] den S sinem sinn M 22 iji fL-hlt P 23 klö;^ /Ml K 

kKhfJ ritter J' 27 BcUahen ASV 29 piläge KM vil ftMl M 




56 Leben Seuses. Kap. XX. 

dest lieber.^ Der jungling kerte sich einend ab und lachcte nnd 
sprach do zu ime: „bis ane sorge, dir sol noh strites gnfig werden! 
Wer die geischlicben ritterschaft gotes wil unverzageklich füren, dem 
sol vil me grosses gedranges begegnen, denn es ie tete hie vor bi 
den alten ziten den vernimten beiden, von der kechen riterschaft du i 
weit pfliget ze singen und ze sagen. Du wenest, got hab dir dinü 
joch ab geleit und din6 band hin geworfen, und sülest na gemaches 
pflegen: es gat noch nit also, got wil dir din6 band nit ab legen, 
er wil sA allein endren und wil so vil swerer machen, denn sfi ie 
wurden." Hier ab erschrak der diener vil übel und sprach: «EysiO 
got, waz wilt du nu mit mir beginnen? Ich wände, es heti ein 
ende, so gat es erst her för, es gat mir nu erst an die not, des 
mich dunket Ach, herr von himel, waz meinst du mit mir? Bio 
ich allein ein sünder und ist menlich gereht, daz du din rüten an 
mir armen also übest, und si an mengen menschen also sparest? tt^i 
Dis tribest du mit mir von minen kindlichen tagen, in den du min ^ 
jung natur mit sweren, langwirigen siechtagen krüzgetest, nnd wände, 
ez weri nu gnfig !** Er sprach: „nein, es ist noh nit gnüg. Da 
mfist ze gründe in allen dingen gesfichet werden, sol dir recht be- 
schehen." Der diener sprach: „herr, zog mir, wie meng liden ich 
noh vor mir habe." Er entwürt und sprach: „lüg ufwert an den 
himel: mähst du die unzallichen mengi der Sternen gezellen, so 
mäht du och dinfi liden gezellen, du dir noch künftig sint; und ab 
die Sternen klein schinent und doch gross sint, also son dinü liden 
klein schinen vor ungeüpter menschen ogen, dö doch na eigenr cn- 
pfindung dir gross werden ze tragene." Der diener sprach: „adi 
herr, z6g du mir du liden vorhin, daz ich sü wüsse." Er spradi: 
„nein, es ist dir weger, nit ze wissen, dar umb daz du nit vorhin 
erzagest. Doch under den unzallichen liden, dö dir künftig sint, 
so wil ich dir nnwen drü nemmen: 

1 ein halb ab P 2 do fehlt F 4 grossere P hie vor dct P 
5 [den] alten M von der kechen r. der M 6 f. din joch SP 8 es g»t 
— ab legen fehlt ASP 10 her ab a^P 11 nu fehlt S 13 himelrich 8 

16 manigem SÄ^ 16 vouj in M 17 crftzigost PM 19 ersftchet i 
21 noh fehlt Ä^ hab vor mir S 22 mengi der fehlt K 24 und - 26 
Bchincn fehlt P gross] klein A^ 25 f. enphintnust M 27 du fehlt UA^ 
28 vveger fehlt M ze fehlt SP vorhin nit SA^ 29 verzagint Ui^ 
den fehlt S 30 nemen S 

5 f. Erinnert an die erste Strophe des Nibelungenliedes ; es wird o^ 
wohl an die Helden der Artuffsage zu denkefi sein. 



Kiip. XX. 



57 



Dsz ein ist: da B<.'hlßgde dich Belbcn bis her mit dineii eignen 
^en nnd hortest, eo du woltest, und bittest erbermdc Aber dich 
k Ich wil dich im dir selber nemen, und wil dich ane alle wer 
I frJuiden -le bändeln geben. Da mhst du einen bcrtichen under- 
ig [25'] nemen diner fürnemekeit in etlichen blinden menschen, 
I dem truke dir »irs sol geschehen, denn von dem seharpfen krüz 
C8 verwundeten ruggen; wan in dinen vordren Übungen wurde 
io den läten gross erhaben, aber hie wirst an nnder geschlagen 
i inäHt ze nihtü werden. 

Daz ander liden ist: wie mengen bittern tod du dir selb hast 

äigetsn, so ist dir doch daz beliben von gotes verhengde, daz du 

M"8l ein aart, liebsftfhende natur; und es ivirt geschehende, da/, an 

üen steteD, da du suuderlicb lieb und tri'iw sAhst, daz du da gross 

rfiw und gross liden und nngemach wirst habende. Daz liden 

als menigvnltig, d»z dennoh du inenscben. dii dich mit sunder 

Fe meinent, miissen mit dir von erbermdc geliten werden. 

Daz dritt liden ist: du Itist bis her ein suger und ein ver- 
lor zertling gewesen, und hast in gütlicher BÜssekeit als ein viscb 
em tner geswebt. Daz wil ich dir nu zuken, und wil dich laa- 
dsrben nnd torren, daz du baide, von got nnd von aller der 
t soll gelassen werden, und mQ«t von friinden und vienden ber- 
durehtet werden. Daz ich dir es kürze: alles, daz du an vahest 
lieb ald ze trost, daz mhsn alles Kinder sich gan, und waz 
leid und wider ist, duz sol alles für eich gan." 

Der diener erschrak hier ab, daz elii'i sin natur erzitrete, und 
! nf toblicb und viel da nider an die erde in kn'izwise, and 
\ üb got mit Bchriendem herzen und mit hnwlender stimme nnd 
in, m&ht es sin, daz er in denne überhübe dez grossen jamers 
sin milten vcterliehen gut!; möhti es aber nüt sin, daz denn 
tiimelscb wille einer ewigen ordnnng an ime volbraht wurde. 
«r also gelag in den n6ten ein g&t wili, do sprach neiswas in 
tlto: .gehab dich wol! Ich wil selb mit dir sin und wil dir 



1 wlbPD .Mdi M a iLuiidiicii A 3 ja icL ivil K [dichj dir nu .? 

in jT/ 4 fromileu enplielben uud z. h. ^^eboji .V kerlichen .1/ 6 wuret 

8 linder] nider A' II doch daz dir A' verhenganst M da da 

13 simdeT il 14 (gruBs] liden M 17 ist, dar. du bisher c. r. M 

imbc P 19 ilas] dii Ä' 21 ii. von vienden A' 23 Ueh] leid (!) S 

itUen Af 26 wiiBl] für M 27 uff aS got. P liftwl.] liort«r A' 

I iln .« riB ime fthll .V 



68 Ubcii SiüiBCH. Kap. X.\. 

beU'eo, dis wttnder alles ^nedeklich überwiDden." Er ^tänd uf m 
ergrab sich in die iicnd g'ote». 

Do morneDd ward na der mess, und er in der cell sase tror 
nnd verdabte uf digii ding und in fror, wan es winter v/a», i 
sprach neiswaa in ime: „tfi uf der celle veneter, und Ifig und lernJ 
Er tet nf und lAget hin: do »ah er einen biind, der lüf enniÜteii i 
dem krüzgang und trag ein verechlisfien fässtäcli umbe in de« 
munde, und bat wunderlich geberde mit dem füstttch; [25'] er wij 
es uf, er warf es nider, und zarte l&cher dar in. Also sah er ^ 
und ersufzet inneklich, und ward in ime gesprochen: „reht also will 
du in diner brflder munde." Er gedaht in im selb; „eid es andef 
nAt mag gesin, so gib dich dar in, und Iftg eben, wie sich dazftia 
tüch Ewigende übel lat bandlen; daz tA och du!" Er gie bin a) 
nnd behielt da/ ftistüch vil jaren als sin liebes kleined, und so f 
wolte US brecfaeii mit uogedalt, so nam er es her für, daz er si^ 
selb dar inne erkandi und gen menlich stille swigeti. 

äo er etwen sin antlüt unwertlich gekeret bäte einend ab iß 
etlichen, die in trnktcn, da ward er von innen umb gestrafet B| 
ward gesprochen: ,,gedenk, daz ich, din herr, min schünes and 
nit kerte von dien, die mich an gespfizeten," Es gerow in übl 
und er kerte sich hin wider vil gütlich. 

An der cr»ti, so im ein liden begegnete, so gedaht er 
„owe got, wan heti dis liden ein ende, daz ich sin were ab komei! 
Do erschein im vor daz kindli Jesus in einer gesibt aii unser froW 
tag ze der liclitmiss, und tutraft in und sprach also: „du kaust 
nit wol liden, ich wil dich es leren. I.fig, wenne du in einem lidi 
bist, SU solt du nit sebens haben uf des gegen wiirtigen lidens erf 
daz du wenest denn ze rAw komen; dn seit dich uuder danuen. 
wil ens liden wert, bereiteu, ein anders liden gednlteklich 
enphaheue, daz hfiret dur zft. iJu solt tfln als ein jungfrow, i 
rosen briehet: so dö einen rosen ab der rosensluden gebrichet, I 

1 als M a er /Mt E 7 eirieu . - . fftzguder S 8 t&6gaitt 

10 nrd liwtitM) fehil ÄSKA^ U munde niube jrelrageo A^ munde o 

gewurfeu und gezeixet 5 Er| und Ä^ 12.14 der (den) ffizgiider .V 14 1 
sfllerx 1. ic. S liebea] selliei) A' 16 gen fehit M swige S 17 elM 
Lulben [ulij V 20 [an] Terapöitzlen P an Mpflwen .V an apot«I«u A' Sl 
andern- Hand am Banilt So. liii. (= Not* Bemhardiis) A er fehlt S 
bIho] aJa er M 2iJ dU lidea| <iz M 25 xe felill P 26 wol] volle 
2fl eitf] fin F liwreiteii fe/äl S 30 ftls feliü M 



Kiip. XX. 



5» 



fetiigl Jr Bit, si ninit in ir sinne einen füreaK, wie si noli me her 
ib gewann e. Also tfl och du: bereit dich vorhin dar zö, wenn di& 
fiflen ein end hab, daz dir geswind ein anders begegent." 

Under andren goteefründen, die im sini't kiinftigii liden vorhia 
kniii) taten, do kom zu ime ein fiimemer heiliger mensch und seite 
in, daz si an der enge! hobzit na meti gar ernstlich got Aber in 
hfli gebeten; do duhte si in der gesiht, wie si wurdi gefuret an die 
do der diener was, und sah, daz oh im nf gie ein 6eb6ne ros- 
und der waz wit und breit lunb sich; er waz einer wünnik-. 
:hen gestalt und was vol schöner roter rosen, Si lügete hin gen 
im himel: do duht si, daz du sunne schon uf giengi ane alles ge- 
wiilk mit vil glasles; in der sunnen glast stfiud ein schönes kindlin 
in crtizwisp. Also sah si, daz uss der sunnen [2fi'] gie ein glast 
gen des dieners hemen, der waz als kreftig, daz alle sin adrea 

linod Kclider enziindet wurden. Aber der rosbom neigte sieh en- 
tniscben, und heti gern mit sinen diken estcn der sunnen schin 
gen einem hereen gehindert. Da/, enmoht er nit getün, wann dii 
nbrechenden glenz waren als stark, daz sü durdrungen alle die e»te 
und luhten hin in in daz herze. Dar na snh si. daz daz kind her 

^>i8 kom geiide uüs der sunnen. >Si sprach zfi im also: ,,ach liebes 
Und, war wilt dnV" Es sprach: „do wil ich gan ztl minem ge- 
minlen diener," .Si sprach: „ach zartes kind, waz meinet der 
niDDen glast in dines geminten herzen?" Es sprach: ,,do hab ich 
iin rainneriches herz als klarlich durglestet. daz ein widerschin des 

B glattes 8ol von sinem herzen us dringen, der menschlichij herzen 
*°i minDeklieh z(i mir ziehen; und der diker rosbom. der da be- 

k Intel änü manigvaltigü liden, du im künftig sint, der enmag daz 
tft gehinderen, es niOss adelich in im volbraht werden." 
i Wan abgescheidenheit eim anvahenden menschen als nüz ist, 
io ward er ze rat, daz er bleib in sinem kloeter me denn X Jar 
ibgescbeiden von aller der weit. So er ab tisch gie, so bcschlosa 



I beilägt M mit eiiieiu f. A' 3 begebe K Q Mndetan S 6 f über 
<> p>t hetUn g. if B [du] ob im uf gtn A* 10 rot^T »rbonrr M 

13 tiodlin] knebli S 14 der] daa A' 15 enxfindet] enznket M 19 [in] 
«I * 21 f. geminten /rhU K 23 sprach zfl im also üf 25 Binem] minem K 
»! rd .SM 26 iimeküch A' 20 neues Kap. mit der Überschrift: Wie er 
^h ainig hielt M 31 <ler| dirr M 



e V-jl. dnm. 



29 ff. Viii. Hör. IT.Hf. 



60 Leben Seuses. Kap. XX. 

€r sich in einer kapell und bleib alda. Er enwolt weder an det- 
port noch anderswa mit frowen noh mit mannen einkein lang red 
haben noh sä an sehen. Sinen ogen hat er ein kurzes zil gebeo^ 
für daz su uit solten sehen^ und daz zil waren fänf füsse. Er 
bleib alle zit da heime, daz er weder in die stat noh in daz land 
komen wolte, und wolt allein siner einikeit pflegen. Disä hüt ellfi 
half in nit^ wan in den selben jaren vielen uf in gar berlichi liden, 
von den er ward als s warlich gedrungen , daz er im selb und andren 
menschen ward ze erbarmene. 

Daz im sin gevangnust dest lichter wurdi, als er sieh selber] 
du X jar ane isen hate in geschlossen nah blipnust in der capelli 
do frumt er von einem maler^ daz er im entwarf die heiligen alteo 
veter und ire sprüch und etlich ander andehtig materien^ die einen 
lidenden menschen reizent zu gedult^keit in widerwertikeit Dax 
selb wolt im got nit lassen ze lieb werden, wan do der maier hate 1 
entworfen mit koln in der capell die alten veter^ do ward er siech 
an den ogen, daz er nüt me gesah us ze strichen. Also nam er 
urlob und sprach, daz werk müsti also beliben, unz daz [26^] er 
genesi. Er kerte sich zu dem maier und fraget in^ wie lang dar 
giengi, daz er genesi. Er sprach: uf XII wuchen. Der dienerS 
hiess in die nidergeworfen leiter wider uf zu den entworfen alten 
vetem rihten, und gie die leiter uf und streich sin hende an di 
bilde und bestreich dem maier sinü wetfindu ogen und sprach: gin 
der kraft gotes und der heilikeit diser alter veter gebüt ich u, 
meister, daz ir morn des tages her wider in koment und an uwern i 
ogen genzlich genesen siend. ^ Do mornend frü ward, do kom er 
frölich und gesunde und danket got und ime, daz er genesen was. 
Aber der diener gab es den alten vetern, an der bilde er die hende 
hat gestrichen. 



1 alda] da K 4 fnzz M 5 uf daz land M 6 nit komen w. ' 
allein sin in siner ein. [pflegen] M but fehlt A^ 8 warlich MA^ 9 ■• 
erb. wart A^ 10 vanknust M 12 frumt er von] froget er noch P ent* 
wtirff P 13 ainem M 14 zu gedultiklich in in der wid. (!) M in widcrw. 
fthlt S 18 werk fehlt M 21 wider fehlt S 22 uf fehU S 24 und i^ 
der h. M 25 morn her w. i. k. dez tagz M in fehlt P 28 die] sin U 

1 Nach IT. Marer, Helvetia Sancta (Luzern 1648, 329) war Seuses Ka]^ 
„in dem Predif/er Kloster zu Cosiantz, neben dem Chor zu der rechten Ew^ 
wie man auff den Lethner gehet, ander de? Stiegen** noch im 17, Jh, zu sthei^ 
12 ff. Vgl dazu Kap. oö. 



Leben Seuses. Kap. XXL 6 t 

6ot der tet die glich do in den seihen ziten, als ob er den 
)68en geisten und allen menschen über in erlobet heti in ze pingeu. 
Unzallichen vil erleid er do von den b6sen geisten, die im mit an- 
genonmen jemerlichen bilden mit wilder freidkeit so vil leides and 
lidens an taten, baidü tag und naht, wachende und schlaffende, daz 
im yil we dar von beschah. 

Ze einer zit kam er in ein anvehtung, daz in gelaste fleisch 
ze essene^ wan er waz vil jaren ane fleisch gewesen. Do er daz 
fleisch geass und sinen last erst gebfizte, do kam in einer fesihte 
) für in stende ein ungehürä helschö person und sprach den vers : 
Adhac eseae eoram erant etc., und mit bellender stimme 
sprach er zu den, die da umb stflnden: ^dise münch hat einen tod 
venebaldet^ and den wil ich im an tfin.^ Do sA im daz nit weiten 
gestaten, do zoh er as einen grülichen negber and sprach zu im 
(dso: ,8id ich dir nu anders nit get&n mag, so wil ich dinen lip 
^h mit disem negber pingen and ze dem mund in boren, daz dir 
als we mfiss geschehen, als gross din last mit fleisch essen ist ge- 
wesen,^ and für im do mit dem negber gen dem munde. Zehand 
geswnllen im d6 kinnbein und die zene und verswal im der mund; 
• 4tt er in nit mobte af getün und wol uf drie tag weder fleisch noh 
ander ding moht essen, denne so vil er dar die zene raftst sugei>. 



XXI. KapitcL 
Yen inrliehem liden. 

Under andren sinen liden waren drü inrü liden, du im do vil 
^pinlich waren. Dero was eins unrebt invelle von dem globen. [27'] 
h viel in sinen gedank also : wie moht got mensch werden ? und 
ies gelicb menges. So er dem ieme begegente, so er ieme verierrete. 
Jd dieser anvehtung liess in got wol uf IX jar mit sehriendem 
Wzen und weinenden ogen uf zfi gote und ze allen heiligen umb 
^ kilf. Ze jungst neiswen, do es got zit duhte, do half er im genz- 
lich dur von, und ward im von got grfissü vestekeit und erlühtunge 
des globen. 



3 vil arbeit S im] in AS 5 slafeude u. wacheu<le S 9 glust S 
12 dar umb K 14.16.18 n&pper K nejrbor P ne^ebor ^1* 19 kinbacken P 
20 wol uf get. M 23 innerlichen S 28 wol uf fehU S 

11 Pm. 77,30/., vgl. IV Mos. 11,33. 



^2 Leben Scuses. Kap. XXI. 

Daz ander inrlich liden war ungeordnetü trurkeit. Im ^va 
-emzklich als swer in sinem gemutC; als ob ein berg nf sinem herze 
leg; und waz daz ein teil da von: sin geswinder abker waz g 
scharpf; daz siner leblichen natnr vil gross gedrang dur von bescbai 
Disü not werete im wol VIII jar. 

Aber daz drit inrlich liden waz^ daz er gewan anvehtung, daz 
^iner sele niemer rat würdig und eweklich müsti verdammet sin, swie 
recht er teti ald wie vil er sich übti, daz daz nihtes nit bulfi, duz 
er der behaltnen eine wurdi; es weri alles vor ns bin verloni. 
Hie mite bekämberte er sin sinne tag und naht So er solte ze kor i 
gan oder tt anders gutes tfin, so kom d& anvehtang her ffir nnd 
sprach vil kleglich: ^waz hilfet dich gote dienen? Es ist dir nu- 
wan ein flfich, din wird doch niemer rat. Lass nnwen enzit dar 
von, du bist verloren, wie da es an vahest.^ So gedaht er denn: 
^eya, ich vil armer man, war sol ich mich keren? Gan ich ml 
dem orden, so wird ich der helle ze teil, blib ich denne, sO wirt 
min doch niemer rat. Ach berr got, ward ie keinem menschen wirs 
denn mir?^ Er stflnd etwen verdaht in im selb und lies mengen 
erholten sufzen mit niderwalenden trehen; er klopfete an siu hen 
und sprach also: ^owe got, sol min niemer rat werden? Wel eiii 
kleglich ding daz ist! Müss ich hie und dort erbetselig sin? We 
mir, daz ich von miner mftter lip ie geboren ward!" 

Disü anvehtang viel im zu von ungeordneter vorte: im ward 
geseit, daz sin enphahen in den orden weri geschehen mit ander- 
tragene zitlichs gutes, dannen du sönd körnet, du da heisset sy* fl 
monia, da man ein geischliches umb ein liplichs kofet. Daz sankte 



2 emzklich] ane uuderlas S siu. herzen] im 6' 5 im] in S 7 mofl M 
9 es] er P iia fehlt FÄ' hin fehlt M 11 tun gütz M komen P 
he für ^ 11 f. und — kleglich fehlt M 12 f. dienen , daz sprach er ^ 
klaglich, ez ist dir doch mm ein fl., dir wird niemer r. M 13 in «it S «• 
zit A* 15 vil armer] gmndarmer M 19 erholten] verholten K heimlichen S 
20 also fehlt P 21 dort und hie SP 23 von fehlt M 25 dannen Ton F 

23 ff. Scuse trat schon mit 13 Jahren ( Vita 8,6) in das DomimkSMt' 
klosta- eu Konstanz^ während sonst eine Aufnahme vor dem 16, Jährt tÄ«* 
hcsondtre Erlaubnis des VrovinzialpHors verboten war (Generalkap. von lM» 
J.?6.?, 1^94, i:jl:3, MOPH III, 129, 223, 273: IV, 68). Ob wirklich Simm$ 
dabei vorkam (ein blosses Gt'schtnh wäre solche nicht gewesen, vgl. A Lti^ 
Die Simonie 1902, 15 ff. 139 ff.), wie Preger II, 349 und Seeberg 13 aw¥^mlm^ 
wird nicht sicher auszumachen sein. Dass er selbst seine Furcht eine ,1* 
geordnete*^ nennt, spricht eher für das Geff inieil. 



1 



Lelu'ii Seiises. Kap. XXII. 63 

in Btß lierz, unz er hinder dis lideii koiii. Do dis freidig liden 
^werete irol uf X jar, d&v. er sich selber in dem zit allem nie an 
fetak, denn für einen verdamiineten nieneehen. do kom er zfl [27'] 
dem hcilij^fn meister Eg:g:hart und klaget im sin liden. Der half 

dnr von, und also ward er erlöset von der helle, da er so lang 
Wai inne gewesen. 



XXn. Kapitel. 

Von dem usker »r sines nehsten heilüAiiieii beliiilfeiiheit. 

Do er vil jaren einer inrkeit liate pHegen, do ward er von got 
jetriben mit mengerlev oft'enbamnge uf ainee nehsten heil, daz er 
dem och gniig 8Ölti ein. Was im eblich grosses lidens vieli nf dis 
fhi werk, dm waz ane zal und ane mass, wie menger sei och dur 
in geliülfen wurdi. Üaz zogte got einest cini userweiten gotesfründ. 
lud hiess A 11 n a und was och sin gaischlichü tohter. Uu ward eins 
oiales in ir andabt veiztiket, und sab den diener uf ainem hohen 
fcerg mess sprechen. Si sah ein itn/.allich mengi in im und an im 
l»iigeu, und was eins nit als dan ander; ein ieklichea als vil ez 
nwgotes hate, als vil hat es och ine stat in ime, und als vil ez im 
uriicher lag, als vil hat sich och got zti im gekeret. Si sah, daz 
o ernschlich über bü ellii bat den ewigen got, den er in sinen 
fnuterlichen lienden bäte; und si begert von got, daz er ir kund 
tele, wsz dö gesibt belnti. Des ward ir von gote geentwürt also: 
t^A anmesBig znl dero kinden, du an im hangent, daz sind ellu du 
■oengclien. du iu siiier biht ald lere sind, ald in ane daz mit suiider 
'l'Sn'e ineinent. Du bat er mir als" in getragen, duz ich ir leben 
If ein gflt ende wil richten, und BÜ von minem frölichen antlät 
fiiemer gescheiden son werden, Waz im eblieh lidens hier uf mag 
**ilen. des sol er alles von mir wnl ergenet werden." 



1 Jax lid.'u M 2 wert M XI jor P ailem »u/i allein kon-iyio-t A 
^ PKA' 4 Der] Aas A' 6 so /ehU A> 8 lieilsamcn ffhli M 1 1 eb- 
U]«(]jcli.9f läf.dariDA' 14 [unä] äie h. A' uud hiesa — 15 diener] 
w der WS in siner andaht, do wart ai verzukt und sah in dem i^aist den gelben 
iuer isa wizhait M 18 in im und fehlt P 18 [ne] sUt M 18 f. ini 
tAinrklit^enL M ISinrlicliP zfi] ^n J1/ 20 |<;r] eruachl. ^' 22 also 
Itcnt A^ 26 ricblen] uf enthalten S bringen M 27 äon] bti Ä^ sont 
NdL ». J/ ehlicL] clielklichK Af 29 gevallen I'K w.d f(Ml SM 



64 Loben Seuses. Kap. XXII. 

£ daz du selb vor genand edel creatur den diener der ewigen 
wisheit erkaudi^ do gewan si von got ein inrlieh triben in ze sehen. 
Und geschah ainest, do ward si verzuket, und ward zu ir gesprochen 
in der gesiht, daz si hin kemi, da der diener waz, und in gesehi. 
Si sprach: „ich erkenne sin nit nnder der menge der br&der.^ Do 
ward zfi ir gesprochen also: „er ist gut ze erkennen under den 
andern: er hat einen grünen ring umb sin hobt, der ist umb nnd 
umb mit roten und wissen rosen vermischet under enander ak ein 
rösin schapel, nnd betutend die wissen rosen sin luterkeit nnd die 
roten rosen sin gedultekeit in menigvaltigem liden, daz er mfts er- 2 
liden. Und als der guldin sinwel ring, den man den heiligen umb 
daz hobt pfliget ze malene, [28'] als der bezeichent ir ewigen seit- 
keit, d& s& iez besessen hein in got, also bezeichent der rAsekAte 
ring menigvaltikeit dez lidens, daz die lieben gotesfrfinde mftflieiit 
tragen, die wil sü noch in der zit mit ritterlicher nbnng got dienend II 
sind.^ Dar na fürt si der engel in der gesiht hin, da er was, und 
si erkand in balde bi dem röselohten ringe, den er nmb fh 
hobt hate. 

In dem selben lidenden zite was sin gröster ufenthalt von imM i 
der himelscben engel emzigu behulfenheit. Eins males, do er mi 
komen in ein Vergangenheit der ussren sinnen, do waz im ▼or li 
einer gesiht, wie er wurdi gefiirt an ein stat, da waz gar tU dar 
engelschlichen geselschaft, und ir aine, der im aller nehst wVi i 
sprach zu im: „tdi diu hend her für und lAg!** Er bot die hui 
her für und lüget, so siht er, daz enmitten uf der band entspiMI 
ein schöne rote rose mit sinen gr&nen bletlin. Der ros ward ik 
gross, daz er die band unz an die vinger bedahte, und w«d «b 
sch&n und liehtrich, daz er den ogen grossen lust brachte. Er hatf 
die hend umb ussnen und innen, do waz es bedenthalp ein wuoNfe 
lieber anblik. Er sprach mit grossem wnnder sines herzen: ^tjfjl 
lieber gesell, waz betütet disü gesiht?^ Der jnngling sprach: ^ 
betütet liden und aber liden, und och liden und aber nnd och lUHf 
daz dir got wil geben, und daz sint die vier rote rosen an be^l^ 



1 K daz — (55,:-3 got fehlt M daz fehlt S 2 von got ßMii 

4 liin] hein Ä' ofüt fehlt A^ 10 manio^valtigen S 10 f. erL] lidea P 

12 als fthh 6' 19 den 8. 1. ziten KA^ 24 der sprach SP für her I 

20 Der] dio P 27 vr] su P die jungt-r (!) untz an die hant b. A* 28 tu 

lieht r. K .m] su P :52 und ahor — liden fehlt SPK 






es. Kap. XXJl. 



05 



n und lieden füBsen." I>e,r diener ersülzet und sprach: „ach 
I herr, <laz liden Hein luenBchcn :>]e reht we tOt, und es in doch 
llich als schon zieret, daz ist ein wunderlich gelesB von got!" 



1 




»56 lA'ben Scusos. Knp. XXIJI. 

XXIII. Kapital. 

[2tK] Ton menigvaltigeiii lidene. 

Er koni eins males zfl einem stetlin gegangen, und l)i der.si;jf 
nahe was ein hülzin bilde, ein crucifixus, daz waz mit einem hüsliu 
umbmachet, als etwa gewonbeit ist, und meinden die liite, es ge- 
schebin vil zeicben da. Dar umbe brabten sü wehsinü bild und 
vil wabses dar, und bankten es da uf got ze lobe. Do er für das 
crueifixus ward gende, do trat er hin zu und knüwet für daz craci- 
fixus. Do^er ein wili gebetete, do stund er uf und gie mit sineni 
gesellen bein in die herberg. Dis knüwen und bet^n, daz er vor i 
ilem bilde hat getan, bat gesehen ein töliterli, daz waz ein kiud 
von siben jaren. So hin wirt in der naht, do kamen diebe zö dem 
bilde, und brachen uf die tür und verstalen alles daz wahs, daz sii 
da funden. Do ez tag wart, do kamen du mere in die stat und 
für den burger, der des selben bildes pfleger was. Der fragte den i 
dingen na. wer daz gross mord beti getan. Do spraeli daz vor ge- 
nant kind: es wüsti wol, wer daz beti getan. Und do man es vaJ^t 
an kom, daz es verjebi und den böswibt zogti, do sprach es: r,e^ 
ist nieman schuldig an der missetat denn der brüder," und meinde 
den diener; „wan," sprach es, „den sach ich nehtind spate bi demi 
bilde knüwen und do in die stat gan." Dis rede des kiudes nam 
der burger in für ein warheit, und seit es fürbas umb und um^Je. 
daz der böse lumde also dur die stat wart gend über den bröder. 
und ward des swaclien dinges gezi^icn. Es ward meng bösü urteil 
über in gende, wie man in s6lti verderben und als ainen bösen man i 
schier ab der weit tfin. Do er disi'i mere erhörte, do erschrak er 
übel, wie gar er sich unschuldig wüste, und mit einem inneklichen 
snfzen sprach er hin zu gotc: „ach berr, sid ich nu liden sol und 

3 uud t't'hlt AS 4 t'. liulziu Iniselin iiberniachet M 5 t'. «jcacheli^ 
vil /A'ichcns ^V (5 f. dar nach bild SM 7 zu i^otz lob M 9 sine» 

Kcc 10 ht'iu fehlt 6'P in] an S 14 da fehlt K kam P 15 vor 
bildes ist kindes durchHn'chen M 17 woi* rz h. <:. M Yos^tev M 18^ 
sprach M 20 naht KM 23 also] all MA\ fehlt SK 

10 gt'soUen. Die reisenden PreJigerbriiUcr mussieu stets einen „«oci»*'*' 
hei sich halten trgl. Knp. :J5 ru Beginn), durften weder Wagen noch Pferde hi' 
nützen und hatlai iiterae testimoninles mitzuführcn (Constitutiones in ALKG^ 
I,:J:^4: V. c>(it : Fonlana . Consfitutiones , Dedarationes etc. O. Praed.. Koiß 
16Ü5. 340 Jf.: MOPH JII, 1:?, Vi u. öfter). 



Lolioii Soiisi's. Ka]). XXIII. t>7 

•'HISS, ^ebist du mir denn gemeiuü liden, du mir nit unerlicli werin, 
«iii wolti ich frolicli liden ; nu grifest du mir in min lierz mit dem 
JMidergang miner eren mit den sacben, da von mir aller wirst ge- 
schult/ Er bleib also do in dem stetlin, unz es verredet wart. 

Es gcsebab an ainer andern stat, daz ein gross gescbell über 

in ward gende, so vil daz du selb stat und ellü du gegin dur mit 

nrnb gie. Es waz in der stat ein kloster, in dem waz ein steinin 

hMi\ ein [29^] crucifixus, und daz was, als man seit, ein ebenlcngi 

der inasse, als Cristus was. Da fand man eins males in der vasten 

frisches hlfit an dem selben bilde undcr dem zeichen der wunden 

•filier siten. Der diener koni och mit den andren dar lofende, daz 

er daz wunder geselle. Do er daz Wut ersah, do bot er sich hin 

/ii und enpüe ez an sinen vinger, daz es alle die sahen, die dar 

unib stunden. Hie ward der ztilof aller der stat gross, und triben 

5 in dar zd, daz er must uf stau oifenlich vor der weit und mtist 

'^a^en. waz er gesehen und griffen heti. Daz tet er und seit es, 

'ioeli in der gewarsamkeit, daz er enkein urteil dar liber gab, ob 

^ weri von got dar komen oder von den menschen ; daz Hess er 

hin zu den andren. 

^' Disü mere erschulleu verr in daz lande, und leit ieder man 

'liir zu, daz er wolte. und ward für ^eben, <m* heti im selb in die 

Finger gestochen und heti daz blfit uf daz crneiiixus ^^estrichen, daz 

Jnan wandi, daz daz bild blüti von im selb, und hat einen lof ge- 

inaohet von siner gitekeit wegen, dnz er der weit dnz gut ab nome. 

^ Solich bös rede treib man von ime in andren stetten und seiten : 

'lo die burger der seihen stat innen wurden der grosen valscheit. 

'1^ miist er nahtes endrinnen von der stat, und sü ilten im na und 

^^«Itaii in han verderbet, wer er nit endrunnen : sü buten gross gelt 



2 Ulli fehlt M 8 vonj mit X 4 ahn] ald M nutz daz .1/ .5 i;ross 

-'♦'><li«ll] jrftt «roselle (!) P ^5 ;r«Mi<l«\/W/// MA^ «»'^ni A' f. dur mit — jrio| 

la mit zf schjiflVii bot M h i'in oh., jils m. sait 6M/ 9 f. in der vaston 

tach hiid»» M, nach blüt A^ 10 f. sirirr vorwnntt'ii siten .1/ V6 i\n] in 3/ 

15 nt ffhlt ^f m ireirrifteu PM nnd seit <'s fehU 6' 21 die) den M 

JHü d:u iremai-lien M 24 irritikrit P 25 nnd seiten fehlt A'^cc 28 irelt] 

:^\ s 

*:^&. JLin ganz nhniicht'fi Vorkoinmnisj wohci ztrei I'raaen J34ti zu Kon- 
•iuuz einnn Belruf/ versuchten, herichtet der Chronist Heinrich ron Diessenhoven 
Böhmer, Fontes rer. gernianic, IV [LSCt^] ßti). Urzdhluuf/en ron blutenden 
Kruzifixen sind ühru/ens im Mittelalter häufig : vgl. K. v. Dohschvtz, Christ ns- 
^ihler iTe-iic u. Unters. XVII ] t ISfUK 2S1** A. :-i. 



Ö8 Leben 8eu«es. Kap. XXIII. 

Über in, swer in brehti lebent oder toden. Üis und derley bos ired 
was vil. Wa disü mer hin erschuUen, da kripften sfi es uf für ^in 
warheit, und enpfie sin nain meng schelten und fluchen ; es w s^rd 
meng freidig urteil über in geben. Etlich waren och da in der 
bescheidenheit, die in erkanden, die sprachen, er weri unschuldig', s 
Die wurden als gremlich widerworfen, daz sü müsteu swigen und in 
lassen under gan. Ein erberü burgerin der selben stat, do du lioite 
daz pinlieh wunder alles, daz der armer man mit Unschulden erl<?id. 
do kom si von erbermde zu im in sinen nöten und gab im eineii 
rat, daz er sölti brief und insigel nemeu von der stat andei'swa bin lo 
siner unschulde, wan menlich in der stat wol wüste, daz er im- 
schuldig waz. Do sprach er: „eya, licbü frowe, weri dis liden 
alleine und keins me, daz got über mich verhengeu wölte, so wölt 
ich mich wol verbrieven; nu ist daz liden und dero glich also ril. i 
[30'] du mir teglich zfi vallent, daz ich es nittss got enphelhen and 16 
dur zft ungetan lassen.^ 

Ze einer zit für er abwert in Niderland ze einem eapitel. Da 
waz im vorhin liden bereit, wan es füren ire zwen fümemc wider 
in dar, die vil unmüssig waren, wie ßü in swarlich betrüptin. Er 
ward mit zitrendem herzen hin für geriht gestellet, und wurden vil :W 
Sachen uf in geleit, dero was einü: si sprachen, er machet! büiber. 
an den siündi falschü lere, mit der alles laut wurdi verunreinet mit 
kezerlichem unflat. Hier umbe ward er vil übel gehandict mit 
scharpfer rede und ward ime getrowet, wan wölti im gross liden an 
tun, wie in got und du weit dar innc unschuldig wüste. Au disem ^ i 
sweren gedrang gnüget got nit^ er macheti den hufen uoh merer. 
Er saute im uf der widervart siechtagen an, und gewan einen starken 
riten; dar zft erhüb sich ein sorklich geswer inwendig nah bi dem 



1 boHor MA^ 2 WaJ da M kripften uf] hej^reif mau 8U S 

4 freidig: fehlt S 5 und [die] sprachen S so die sprachen ^fA^ er] es K 
6 grimeelich ^' ü:rinilich M 7 in der 6'M 14 daz] der M 15 all tag ^^ 
17 abw. in nid.] aber in ander lant P 18 für durc/isiricfieH ut^er wider ^ 

20 zitr.] zurnigem A^ 21 dero] daz .1/ falscliu hficher M 24 fcta ffnw* 
SK 25 dar inne fehlt M 

17 ff. Wahrscheinlich das l^rovinzialhapitel zu Antwerpen 13:i7y nich^ 
das ron Herzogenbusch 1336 {Frcger, Thiriot) oder das Getieralkapitd 9G^ 
Brftgge 1336 (Dcnifle), Es hann sich nur um da^t Bdw handeln: dieses vd^ 
aber anfangs 1327 fertig^ und nach Vollendung des Bdew (1328) fürehU^* 
Seuse (Ilor, 14) y t's möchte ^auch dieses fromme Wcrk*^ von den Zähnen st» 
Gegner zerrissen xcerdcn. 



Lesben Sell8(^s. Kap. XXIII. 69 

iierzeu. Und also, baidü von inrem gedrang und ussrem laste kom 
er von nöten unz uf den tod, daz im nieman daz leben gebiess. 
>5in geselle löget in dik an, wenn im dfi sele us giengi. 

Do er in einem fromden convent vil ellendeklich ze bet gelag 

und dez nahtes von noten des grimmen siechtagen nit mohte schlafen^ 

rfo begond er mit got ein rehnnng her für nemen und sprach also : 

rsAch gerehter got, daz du min kranken natnr so gar überladen hast 

Tnit bitenn lidene^ und min herz dunvundet mit grosser unere und 

verschmebt^ du mir geboten ist, und daz ich also mit biter not, baidu 

ussnen und innen umbgeben bin ! Wenn wilt du an mir hören, milte 

vater, ald wenne dunket es dich gnüg?*' Und nam in sinen mftt 

die totlichen angst, die Cristus leid uf dem berge. In diser betrah- 

tonge kroch er ab dem bete uf den sessel, der vor dem bete stund, 

ttnd gesass also, won er enmohte von dem geswer nit ligen. Do er 

5 also ellendklich gesass, do yvas im vor in einer gesiht, wie ein 

^ssü schar dez himelschen Ingesindes kemi zu im in die kamer 

im ze tröste, und die himelschar vieng an ze singen einen himelschen 

^yen; daz erklang also susseklich in sinen oren, daz ellii sin natur 

v^vandlet ward. Do su also frölich sungen und der siech diener 

■^ 'ö trurklich do sass, do [SO""] gie ein jungling zft ime und sprach 

^ar gütlich: „war umbe swigest du, war umbe singst du och nit mit 

'io^V Du kanst doch wol den himelsang?** Do entwürt im der diener 

'^it besoftkeit sines trurigen herzen und sprach also: „ach sihst du 

^K wie we mir ist? Wa gefrowete sich ie kein sterbender mensch V 

'^1 icii singen ? Ich sing iez den leiden jamersang. Gesang ich ie 

frolich, daz ist nu ein ende, wan ich warten nu der stunde mins 

Mes'"*. Do sprach der jungling gar frölich: „Viril iter agite! 

^»ehab dich wol. bis frölich, dir wirt niti Du wirst noh ein solich 

^'eüang l>i dinen tagen tünde, da von got in siner ewikeit wirt ge- 

h»pt und menig lidender mensch getröstet." In den dingen volletan 

im sinn ogen und enbrast an ein weinen, und geswinde in der selben 

tnml zerbrach daz geswer, daz er hate in im, und ffir von ime, 

ind ^renas uf der stat. 



1 von clfin S 2 nifinaii int P 4 la^ KA^ l:i da vor .1/ 14 \V(mi 

lö ij^esasfi fehlt K von] vor .1/ 2\ ni'it och PA^ 2(5 im «ler st.] 

ü'l«»r stunden A^ 27 a^c otc A/ 28 du 20 nuido fhff M 2f> von 
fsit M .'K) voll.] \valb«t»Mi P 81 nbrast .V 

27 Ps. ."iO.fJö. 



70 liCbeu S<;iis<'s. Kap. XXIV. 

Dar iia, do er wider heiui koin, do koiu ein seliger ^^»t< 
/h ime und sprach also: „lieber herr, wie daz si. daz ir i\ 
vert nie denn hundert mile von nur siend gewesen, doch so 
uwer liden vil gegenwurti^LT gewesen, leh sah mit niinen inre 
eins tagcs den götlichen richter sizen uf sineni stule, und voi 
verhengde do wurden zwen hos geiste us ^^ehissen, und du 
üch nrabe dur die zwen furnemen, du üch daz liden an täte 
rftft ich zii got und sprach : ,,aeh niilter got, wie nialit du di 
biter liden an dinem frund erlidenV^ Er entwurt und sprael 
„do han ich in mir userweit, daz er in solieher lidender \> 
niiuem einbornen sun gebildet werde; und doch so mrtss von 
gerehtekcit daz gross unrecht, daz man im tnt, gerochen wen! 
zwein jungen toden dero, die in gepinget hend.** Daz ges(*ha 
schier dur na in der warheit, daz es vil kuntlich ward ni 
menschen. 

XXIV. Kapitel. 

Voll grossem lideuiie^ daz iuie zu viel von siner liplic 

Nwöster. 

Der diener hate ein liplieh swöster, du waz ander lyeh 
geischliches lebens. Dis fugte sieh, do der brttder andei'swii 
wonende, daz si begond us !)rechcn und sich zu schedlicher 
Schaft fügen. Eins males, do si whz usgevarn n)it der j:esel 
do misslang [31 'J ir und verviel in sunde; und von leid ui 
gemach; daz uf si gevallen was, do gie su usser ir samnui 
verluf sich, er enwüst nit war. 

Do er wider hein kom, do murmlet man du leiden men 
kom zu im und seit ime, wie es gevarn waz. Do ersteinot 
leide, und erstarb im sin herz, daz er gie als ein sinnloser n 
Er fraget, wa und war si weri; im kond nieman gesagen w 
gedabt also: „nuwes lidens ist relit al)er hiel Nu erzag ni 

:J liuniU-rtl tiisriir t!i M W vcrlicngt-n .1/ 7 üili .. . ucli] in .. 

10 iiserwolt /t//// A' l:J Juii^tm) iniiiijeii .S' «Icn») «Ion »S 14 kii 

iin'ii:ieii A 22 tng^eti K 2\^ \vai| \\;i '!) ,1/ .l«) iiuwos] iiiiii».-s •>" 
A li<l«n SMA^a vi'rza*r M 

18 Xarh Miu'cr ( Jleir, sttnctd iciJ f sitll S' i(f*t.s ^Srhicvjitrr in dem 1 
haiieriitnenJdosler kH. Peter zu Konstanz i I:J(}7 tfifiriiudet) t,etcesin st in. 

21 ft'. \'(jl. dazu den hUien Ahst hnitt des Jiritfcft \htoinodo j'Oi 
Ä/ Jifh. 



Leben Seuses. Kup. XXIV. 71 

<>b du ieiuer der ariHen verdorbncn sei mii^ist wider gehcifcii, und 

opfer reht hiit diu zitlich ere dem muten got, wirf hin alle mcnscli- 

licb scbame, und sprin^^ zfi ir in die tiefen lachen und hab si ufl"^ 

Do rlic brüder in dem kor stünden, do tet er ainen gang dur den 

') kor, daz im elln sinu varwe engie, und inie waz, wie cllü sinü lierlü 

ze berg giengin. Er engetorste zti nieman gan, wan ieder man der 

schämte sich sin; und die vor sin gesellen waren, die Hüben von 

ime. So er rat zft sinen frunden stiebte, so kertan sü ir antliit un- 

wertlich von ime. Do gedahte er an den armen Job und sprach : 

i«» ,110 niüss mich der erbarinherzig got trösten, sid ich von aller der 

weit gelassen bin." 

Kr fragte umb und umb, war er sölti. daz er der verh)rnen 
j^ele IUI ilti. Ze jungst do ward er gewiset an ein stat, da gie er 
liiii. Nu waz es an der lieben sant Angncsen tag, und waz kalt; 

1^ es waz in der naht ein gus wassers komeu, und waren die beelie 
gross. Do er über einen buch soltc springen, do viel er von kraft- 
los! in den bach. Do er mohte, do stftnd er uf, und waz siner inren 
Hut als vil, daz er der usren wenig ahtete. So er hin kunt, do 
ward si im in einem kleinen hüslin dort neisvva gezöget. Da tet er 

^' «lie eilenden trit hin, imd kom ingend und vand si da. Do er si an 
Wikte, do viel er nider uf den bank, da si sass, und geswand im 
zwirent uf einander. leso er zu im selber kom, do hfib er uf heiser- 
licli ze schriene und ze weinen und die hend ob dem hobt zesamen 
xe sdilahene, und sprach: „owe, n)in got, wie hast du mich gelani* 

'ä> 011(1 vergiengen im denn du ogen und gestund im der mund und 
geragetan im die hende, und gelag also hingescheiden in der unmaht 
»in wih. So er denn aber zfi [31 ""J im selber kom, so nam er sin 
g»*8wÜ8tergit uiider sin arme und sprach: „owe. kind mins, owe. 
5>w6ster minü, waz han ich an dir geleptl" und sprach: „owe, zartü 

^)«> l«ugfrow sant Angnes, wie ist mir diu tag so biter worden I" und 
^^^i^' denn aber da nider, und vergiengen im die sinne. 

Do stftnd sin krenkü swoster uf, und viel im ze fiisse mit 
;:rü^sen bitterlichen trehen und sprach kleglich zu im also: ^ach 



l armiMi fehlt M 4 (luij «U» .1/ 5 varwtl iiatiin' vi' wir im M 

'• -"torste SMA^ dru] der A 10 f. |der| wolt M 1.') giL^Mvas^cr M 

^'» Wh/e/,// K 20 f. Uli «reblikt.- AK 22 \o do SM -J.-) vi-ioii-ini A 

'■*^»"/f/</; ASp 27 df'ii II /'///// .1/ 2S üL-wMst.J s\vt^>t.r 1* 

U ;>i. Jan. 



72 Leben Souses. Kap. XXIV. 

herr und vater minc, wel ein kleglicher tag der waz, der mich in 
dis ertrieb ie brahte. daz ich got han verloren und üch so grossez 
lidens han gestatet! Dar umbe we und schäm und sufzen mineni 
eilenden herzen iemer und iemer noe! Ach getrüwe widerbringer 
ininer verlornen sele, swie icli üwer red und beschöwde nit wirdig 
sie, so nement doch in üwer getrüwes herz und gedenkent, daz ir 
got niene me triiwen mugent geleisten noch im glicher gewürken, 
denn an einer verworfenen sünderin und einem überladen herzen. 
Got der hat ü doch gen allen erbennklichen dingen erbarraherzig 
gemachet; wie wend ir denn mir armen hingeworfnen sünderin er- 
bermd versagen, und ich got und der weit bin ze erbarmen worden 
an diser stunde, so mich min sweren schulde so baldc und so an- 
wüssent allen menschen ze einem unwerd hat gemachet? Daz ellu 
menschen verwerfent und verpfuhzent, daz snchent ir; da sich min 
ellü menschen von billich schament, da gant ir üwerm wetundem li 
laster under ogen und sf^chent mich. Herr, ich bit üch mit einein 
iemer werenden herzleide, gestreket und geneiget under üwer fiifiße, 
daz ir got an mir armen verviillen sünderin erent und mir luterlich 
dis mord und übel vergebent, daz ich an ü und wider min armen 
sei han getan; und gedenkent, han ich an diser weit üwer ere ge-ll 
swecht und üwerm lib und leben abgebrochen, so gedenkent, du 
ir suuderlich ere und ewigen trost da von sond enphahen, und land 
üch erbarmen, daz ich du arme mfid bin, du in den strik bin ge- 
vallen, und in zit und in ewikeit daz an herzen und an sele iemer 
me erben müss, und mir selben und allen menschen ein burdi mtal 
sin, und land mich üvvren armen dürftigen hie und dort sin. Nit 
hohers begert [32'] min herz niemer me, daz ich na rehte üwer 
geswistergid iemer me geheisse ald sie, wan nüwan nah erbermde 
so land mich üwer verlornes geswistcrgit sin, und na rehte uwen j 
lünden wol erameten dürftigen. Und diser grund der ist als war in l| 
minem herzen : so man mich üwer swoster heisset ald mich leman i 
in diser wise zögan wölti, daz daz niinem herzen ein sunderlidiA ! 
biterkeit ist. und ich dike ein erbarmen über üch han. so ir da sind, 

1 wrl] wir SPKMcc i\\\ uff M 2 t'. ^loss lideii M 3 gestatet] 
;r('S(li:iftVu 'V 5 II. uwer lK's(lh)Wuiiirr S i\ lit-rz mich \\, <^. S ww^ ftkU 
KM S uiiun .1/ rrlKinulirrziireii .1/ 10 driiii fehlt M 16 u. di 

ojjr»'n .1/ cineiii fc/ilf ^f IH arnioii suthUtju. «In vei\ allen ist M 21 üwtt 
.y.V 2:J iih arm müt bin <Ii .1/ hin] ist .Vi'J/a 2ii\a'AfehltM 26 hie : 
sin uuil dort M '27 höhn .1/ 'Js.21> ircswistcr I* icnicr me] uicmer .>' 
iiO t'uiKhii /■"//// ASJ' (Inrftiiicii sin ^f o'J in in. hcrzon S sunder S 



J 



Kap, XXIV. 73 

«tax ir mich ge^enwnrteklicb i^ehend und da von liden ninsFieiit, daz 
icb an n weig^. alW daz sicli ein herz von natar scliamen snl. daz 
if h de?, nit erwerren mayent. Und ander gemeinsami enBot noh 
'iiinag ich nimiier ine von d noli mit ii gehaben, wan daz sieh i'iwri'i 
5 "Sin und nreii min erschamen und ersehreken müsaent. Disü wer- 
'■niiii ding vfil ich elin liden nnd wil sfi got fnr min lasterbercnd 
■nnil opfren, daz ir ein miltes erbarmen und ein gptn'iwes hesren IVir 
"liih arnicn minderin gen got halicnt. nnd miner armen sele widci- 
"■ hdiden helfent/ 

' Diser kleglichen rede enhviirt der brüder. do er zn iui selber 
W. also: „owe, heisscn trehcn. breehcnt iiB von einem vollen herzen, 
'Isj: sich von hei-zleid nit me enthalten mag! Owe, kind mins, owe, 
''inigii fr6d mins her/en und miner seje von minen kintlichen tagen, 
[ "Ii dem ich wände fröd und trost gefeben, kum her und laes mich 
"'''dl trnkcn an daz tot herz dins eilenden brftder! Lass mich daz 
'i'itliit mine» geswiistergids dnrglessen mit den bitren trelien miiier 
"gen. lass mich ob minem toten kind erschrien nnd weinen I Owe, 
'osend lipltch tÖde. kleines we. owe. sei nnd eren tod, grosses wcl 
t*we, leid und liden mines eilenden herzen! Ach got, owe, erbarni- 
■M'r/igi' got. was hau ich jrelept! Owe. kind mins, kum her zu mirl 
Ehl i<'h min kind uoh fluiden han, nu wil ich min klag und min 
"^finen ab lassen, und wil dich hi'it enphaben in der gnad und er- 
*ännde. als ich beger. daz mich sündigen menschen der erbarm- 
^räg got t^nphali an miner jüngsten hinvart, und wil dir gern 
»itTlich vergeben daz unmcHsig leid imd liden, daz ich han von dir 
^habt und iinz min ende haben mnss. und wil dir dtn miBsetat 
»vftklich helfen büzen und besren gen got und gen f32'] der weit." 
taz erbamiete elU'i dii menschen, dii es sahen und den jamer lie- 
pnlhalb horten, nie iibel, daz sieh nieman moht enthalten, er müsti 
leiaen. Und also mit kleglichem gehabone und giitiichcm trfistene 

Feilte er si, daz ei gflten willen gewan, sieh schier wider in 
Bsmi ze gebene. 
Dar na. do er mit unsäglicher schäm und grosser kost und 
ireitfii daz verlorn scbefli hate dem milteii gof under siner 




1 gegen "tifck Hell .V i noii mit n fflitl K ö f. wei*findö A »■■ 

i MaffP ß ich ftkU K 10 f. sIho narh lirflder .V J4 tro»t halipu m 

» lieben g. M -20 L-elopi i!i M 21 fllifl siii M 24 a 

lei-gebPti fiMi .V -.'öf. vou <\h ImW PA' 2Et ti. iiiöh mölilE' . 

— host fehlt Ä iiii.l mit ^r- k- .itid mit »rlipil.'n .1/ 



J 



74 Loben 8eiis(.'s. Kap. XXV. 

wider braht do fugte der erbarmberzige got, daz si an einer \ 
trostlicher stat ward enpbangen, denn si vor waz, und ward dar na i 
ernst so gross gen got, und ire wol bebüte heilig wandel so bestet 
in tugenden unz an ir tod, daz er ward gen got und gen <ler w( 
an ire wol ergezzet alles leides und lidens. so er ie bat ;;ehal 
So der getrüw brttder sah, daz sin liden als rebt wol geraten \\i 
dar an bat er lust und fröd, und gedahte an gotes beinlieb 
Ordnung, wie ellu ding dem guten konient ze gute, und den 
so sab er uf ze gote in grosser dankberkeit, und zerfloss im > 
herze in dem götlichen lobe. 



XXV. Kapitel. 

Ton .swerem lideiie, daz im einest zu viel Ton eini siiieni 

gesellen. 

Im ward eins males. do er ns wolt varn, ein gesell geben, < 
leybrtider, der waz nit wol besinnet. Den fürt er ungern, wan 
binderdahte, waz er eblicb unertekeit von gesellen hate erliteu; i« 
gnl) sich doch dar in, und nam in mit ime. 

Nu fttgte sieh, daz sü kamen in ein dorf vor friigem inbisj 
da was des selben tages jarmarkt, und kom gar vil allerley volg( 
dar. Der geselle waz nass worden von dem regen, und gie in ei 
hus zu dem füre und meinde. er enmöbti nienr komen, daz er .<clit 
ane in, daz er ze schaffen heti, er wolti sin da beiten. Do il» 
i)rüder erst uss dem hus kom, do stfin<l der gesell uf, und sas* 
sich ze tisch zu einem wilden gesinde und gutgewünnern. die o« 
zu dem jarmarkt waren komen. Do die sahen, daz im der win 
wol ersehoss, und uf waz gestanden und under der bofti'ir stiii 



2 trosilirln.'ii ASl'M doiiii ./'t//// .1/ :> ire w. bcbutfu bailiroii \v. 
4 uiizj l)is .1/ 5 io| liie K 16 hiiidenl.] vor «Iahte «y ebelklich 

IH fili^-to ("S s. P 21 iiiohte S'h'A^ uiriu) iii<Mlert ^[ uieiiirr A^ 22 
schjatti'iulc ö' 25 z»'| so M 

2 ll'o/// hl einem ^he.sc/tluifscuvn" d.h. utiier Kluusnv stehenden AVo« 
Oh die in einem Jirief Hcinnclis ron Xördliiif/(.'n an Martfareia Kbntr {Shw 
A\/a, .;; tS. 'Jl4i f/i.nnnnlc Sussin zu IJochstrtfen lAugtatiini-rinneniflo* 
f'fi /)iUinf/en) viue WrwandU Seusts oder f/nr r/t'.vÄen Schwester ttKir, h 
sich nicht entscheiden. Anch eine '^lra.ssffur[/'.r Patniierfamili ' dts 14. 
hifs.s SnssCj Süsse. SfiiiS' (Vf;l. Slr(t,ssh. Uli V — V ] I paffsimt. Q Röw, S. 



uiuli sich j^at'ende, do gvifen sii in aiic und spmclieti. <.'!' bcti in 
I kes vorstolii. Under tlannen do dis bösen lüt mit im« aJen 
freideJilich nmh giengcu. do konieii d&rt ber für vier neiss (üiif 
Krrfichter harscher, und valleud in och an iind sprachen, ' der hat- 
■lincb weri ein gifttrager; wan es was in den selben ziten, do daz 
) gesL-hell wo./, von der gifl. Also viengen sü in und niachetun 
irroBS gebrclit, dass menlich zft IM. Do er sah, wie es gie nnd 
diz (T gevangeii waz, do heti er im selb gern gehulf'eii, und kertt- 
ioch um und spiacb zli iu also: „haltent nl' ein wiü. und stand 
itiilt' nod land mich /.e red körnen, so wil ich i'i vergehen und sagen. 
s gevaru ist, wan es ist leider übel gevarn". Öü hielten stille. 
ind menlich loset zfi. Er hüb ur und spraeb also: „IQgeut, ir merkeut 
nir, daz ich bin ein tore and ein unwiser man, und hat man 
kein al)t uf mich. Aber min geselle der ist ein wolkuunender wiser 
1, und dem hat der orden bevoln giftaeklii, die sol er in die brunnen 
ttrKeuken hin und her unzint gen Elsas abbin, da er iez hin wil, und 
nil alles daz verunreineu mit b&ser git't, da er hin kumt. Lugent. 
mz er uh bald werde, ald er stift daz mord, üaz uiemer me geheilet: 
1 bat iez ein sekli her iis genomeu und hat es in den dorf'brunneit 
|;elaii. dar umbe daz alle die, die ber Icomcnt ze markte, müssin 
. alle die des brunnen triiikent. Hier umbe bleib ich und 
ttoll mit mit im hin us gan. w:iii es mir leid ist. Und -/.e einem 



1 apiücheuj juoLcut 6' 2 mit iiiif/eWi .¥ 3 fäifthll APA' »eis»] 
> S uu A' ne» ,y 4 verrüebtcr] verre ilört her 4' 5 wcri] ist .v 
rn^ U •■} itlsi) üS in M 13 riu tore bin £ U f. wulk. mau und 
yian mun .1/ 15 f. er Irajjien unrl ]iiii in ü. b. \etf. imd her |!) M 
mj. SKMA' 17 vergifl .1/ lö verheilet -v 21 ulk f*Mt AMA'a 

fi UthirMi tun DtegteithoBeit eraahlt (BlihtMt; Fonitg I\',öHff.}: w/Uii«ti<l 

■ Surththareu Ptat {..»ehwarttr Tod" 1347—60) wurden 'von A'ur. i5JA liie 

Jt i34l> 'ilte Juden von Kuln bin mich IMerreich hinein terliruiinl, denn datr- 

'«U batcliuläigtt nie, «ie hätten /itllimt oder durch angeatiftett ChnsUn die 

'Minen ttrgifttt. In Konstant vernchilUete man die WaseerbehäUcr der Juden. 

og das Trinkwanecr aiu dem Bodenree und verbrannte am ä. JUäi'g 134-'' 

I Jaden in ehtem eigint iitiiinmtrita Otbäude. — Margarela Ebner brgehri 

wÜMH, ob dir Juden an dem ^gemeinen Sterben- tehuldip /leien, und en uird 

in iltr Entrßckwig gtantirortel : „ts wäif iBabr- ( ifjaiic/i, Marg. Kbntr 

'fiff.l. Hin J/Vattfishaner bttehuldigle läiä in einer Predigt eint grositr 

Stratsburgur Bürger, 'ie Miien Oifl bei sich und gebraucMiu i^, nm 

Wn m eergifien tStritesb. Uli V, :;iö)l Wciltecs ». U. HSniga; l)tr 

■M Tod J8ti3, äff. 3fiff. L. L-rcHsIcin, Ge^ch. der J-'dm um llodt,- 

J87J>J. 




76 Leben Seuaes. Kap. XXV. , 

• 

airkünd, daz ich war sagen, so sond ir wüssen, daz er hat einen 
grossen bftclisak, der ist vol dero giftseklin und vil guldinr, die er 
und der orden von den Juden hein enpfangen, uf daz daz er dis 
mort volbringe." Do dis red erhörte daz wild gesind und alle, die 
<)ar umb st&nden und hin zfi waren gedrungen, do tobten si und 
«chruwen mit luter stimme: „hin bald über den morder, daz er uns 
nit endrfinne!" Eine kripfte einea «piess, der ander ein mordax. 
und ieder man als er niohte, und lüfen mit wilden tobenden siten, 
und stiessen du häser uf und kloscn und wa su in wanden vinden, 
und stachen mit blossen swerten dur du bet und stro, daz der jar- 
markt alle zfl ward lofende. Es kamen och dar fr5md erber lüte, 
•die in wol erkanden, und do si in horten nemmen, do traten sfi her 
für und sprachen zfl in, sü tetin übel an ime, er weri gar ein 
frumer man, der ungern kein s51ich mord begicngi. Do sü in nit 
funden, do liesscnt sü dur von und fürten den gesellen gevang«n it 
für des dorfes vogt, und der hiess in besliessen in ein gaden. 

Dis zoch sich wol uf den tag. Von disen nöten wüste der 
<liener nit. denn do es in zit duht, daz es vastender [33"^] inbiss 
Avere, und sich versah, daz sin geselle bi dem füre vvol ertruchnet j 
were, do kom er gende und wolt enbissen. Do er in die herbeiy^i^ 
kom, do hüben sü uf und seiten ime du leiden mere, wie es ergangen . 
waz. Do lüf er balde mit erschrokem herzen hin in daz hus, dt 
der gesell und der vogt inne waz, und bat für sinen gesellen, dai j 
man in licssi. Do sprach der vogt, daz möhti nit sin, er w61ti in j 
in ein turn legen umb sin missetat. Daz waz im swere und unli-Ä 
dig, und lüf eins hin daz ander her wider umb hilf, Do vant er 
nieman der im dez vor weri. Do er daz lange mit grosser schäme ; 
und bitterkeit getreib, ze jungst do schuf er mit sinem grosses 
schaden, daz man in Hess. 

Er wände do, daz sin liden ein ende heti, do vil es erst ane; J 
wan do er sieh mit lidene und mit schaden von den gwaltigen bat 

2 ouidiu .^PKA'a 7 nit| iit M kri))ftej nam S 8 [wilden] 

toi), stiineii und sitten S siten) sinnen P 14 fniiner] fumenier 4^ 17 den 

mitten dixff P IH vast der i. II li) truken ^ 24 moliti] mag M 

28 LTi'schuff K Bl schndeiil schiindrn aS sclianie 1* 

18 Jt'nijlc 6H8 trohl uitrichiiij : fast der Imhhs = hohe Essenszeit (SO 
'illtin li ! I : riehn^:hr: fast fuder Imlßins = Morgvnmahl an einem (fftr den Orden 
rorf;eschriclntiinf lasttatj. In dtn Konstitutionen (ALKGM I^ 198 : V, 538) 
<find die Taijo anf/cf/cltcn, au denen nur ..quadraf/esimalis cibus*^ jytiona dicta* 
^/enonnnen irrrden darftc. 



Leben Seusc«?. Kap. XXV, 7T 

erbrochen, do ward es im erst geude an sin leben. Do er von dem 
yogi gie. wol uf die vesperzit, do waz es linder daz gemein vol»; 
önd hüben erschullen, er weri ein gifttrager; und die schrüwen uf 
in als nf einen morder, daz er mit nütü getorste für daz dorf komen. 
Sd zögtan uf in und sprachen: „lüg menlich, daz ist der gitttrager! 
Kr endrünnet uns tala, er müss ertodet werden ! In hilfet enkein 
Pfenning gen uns als gen dem vogte." So er denn wolt eudrünnen- 
und abwert in daz dorf entwichen, die schrüwen noh vaster uf in. 
Ire ein teil sprachen: „wir süllen in ertrenken in dem Rine," — 
wan der ran bi dem dorf ab, — die andren rfiftan: „neina, der 
unrein morder verunreint daz wasser alles, wir süllen in verbrennen!" 
Ein angehöre gebur mit einem rüssigen Schoppen erwuste einen 
^iess und trang dur sü alle hin für und rfift also: ^hörent mich, 
ir herren alle sament! Wir kunnen disem bösen kezzer nit laster- 
liebers todes an getan, denn daz ich disen langen spiess enmiten 
dar in rihe, als man tut einer giftigen kroten, die man spisset. Also 
Und mich disen gifttrager also nekent an disen spiess rihen und 
klingen uf haben und in disen starken zun vast stossen und ver- 
sichern, daz er nit valle; lassen den unreinen toten c6rpel windtürr 
''erden, daz ellü du weit, du vür in uf ald ab gat, des morders 
fc«b ein ansehen und ime na sinem lasterlichen tode fluche, daz er 
*D diser weit und an enr weit dest feiger [34'] sie, wan daz hat 
^er grundboswicht wol verschuldet." Daz horte der eilend diener 
Diit mengem bitem schreken und mit erholten süfzen; daz im von 
•ögst die grossen trehen über daz antlüt ab runnen. Ellü du 
^engcben, du umb den ring stünden und in sahen, wurden biterlich 
•'einende, und etlichü du klopfeten von erber md an ir herz und 
flögen ir hend ob dem hopt zesamen. Aber nieman getorst vor 
^ fraidigen volg nüt sprechen, wou si vortan, daz man sü och 
*ö griffe. Do es begond nahten und er gie hin und her und bat 
^^t weinenden ogen, ob sich ieman dur got über in wölt erbarmen 



1 gebruclien aS^ enbroclien A'^ 2 f. volk komen und [li&benj eiöcli. -^ 
aJa K daland 6' dole P tala M talen A^ 7 als] oder P denn] denen K 
\ A^ 10 bi] in SM 15 enmiten] (juent -S' 17 »ifitterer A i^^ifter 

'€rf.s * nekent] uebent (!) A^ 19 toten] bösen SA^ korpper P 20 ab] 
r -P mordes SP 21 hab ein] gebain (!) M flöcben M 24 von] 
M 25 über daz wang und daz antlüt M 26 die wurden M 27 [du] 
ft, Ä" 29 fraiden M nüt] nu S nütz .1/ won sie vortan] von 

ten M 31 wolte über in SM 



78 Leben Seuses. Kap. XX VI. 

und herbcrgon, do vertreib man in herteklicli: etlieh gfttherzig frowei 
Iietin in gern behuset, do engedorstan si. 

Do der eilend lider also in des todes noten was, und ime eil 
menscblichu hilfe enpfiel und man nüwan wartet, wenn sü in a 
^M'ifen und in totin. do viel er nider bi einem zune von jamer un 
von vorten des todes, und hub uf sinn eilenden verswuUen o£:en zi 
dem himelschen vater und sprach also: ,,owe, vater aller erbermdt 
wenn wilt du mir hüte ze staten komen in minen grossen noten'; 
Owe, niiltes herz, wie hast du diner miltekeit gen mir vergessen! 
Owe vater, owe getrüwc miltc vater, hilf mir armen in disen grossen 
nöten! Ich enkau doch in minem vorhin toten herzen nit ze rat 
werden, ob mir lidiger si ze ertrinken ald ze verbrennen ald an 
einem spiess ze erstcrl)en, dcro toden ich iez mtiss einen nemen. 
Ich bevil dir hüt minen eilenden geist, und la dich erbarmen mine« 
kleglichen tod, wan su sind nahe bi mir, die mich wen todenl" 
Disü jemerlichü klag du koni für einen priester, und der lüf dar 
mit gewalt und zukte in uf uss ire henden, und fürt in hein in sin 
hus und behielt in die naht, daz im nit geschah, und half im inor- 
nent frü enweg usser sinen noten. 



XXVI. Kapitel. 
Von dem morder. 

Er koui einest von Niderland und gie den liin uf. Do bat 
er einen jun^^en gesellen, der moht wol gan; und geschah eins tages- 
daz er dem gesellen nit wol mohte gevolgen, wan er waz do vU 
müd und krank worden. Der gesell vergie sich vor an hin vor im 
wol uf ein halb mile. Er lögte hinder sich, ob er ieman sehe, Dii< 
dem er gienge dur den wald, an den er vil nach [34^^] komen wa«. 
und was spate an dem tage. Der wald waz gross und sorklicb« 
wan vil menschen dar inne ermordet wurden. Er stund stille voi 
dem wald und beitet iemans. Do kamen dort her an zwei menschen 



2 jy:ehiiset ^STM 12 tTtrcnkoii Ä' verlninnet M 13 [ze] erst. M 
19 usserj von M 24 freselleiij selben P 28 und was fehU SPM 

29 mensclienj Int ^f :K) nnd do k. M 

15 l'(jl Ps. ^>1,1^. 21 fr. JJicJtes Kap. kat eine frappante ParaM 

itn einem Abenteuer im Lehen der gleiclieeitigen Mystikerin Luitgard von WH 
ticken : r(/I. Mnne^ Quellenatammlnng zur badischen Landesgeschichie HL 463) 



Leben Seiiscs. Kap. XX VT. 79 

ind (lii gieiigen ^ar roschlich ; dcro was eins ein jungii subrii frowe. 
'iaz amler waz ein vil i,^rülicher langer man mit einem spiesse und 
•"ineni laniren messer , und liate einen swar/en sehopcn ane. Er 
'Technik ab dez vortlicben mannes ungestalt und Iftj^ete umb sich, ob 

•i'Yiemnn sebe her na gan. Do sali er nieman. Ergedahte: „owe, 
'ler ^0^ waz lütes ist dis! Wie sol icli tala dur disen langen wald 
koiiiHi, ald wie sol es mir hut erganV" Und maebet ein krüz über 
"In herz und waget es. 

Po sü in den wald kamen vast hin in, do trat du frow hin 

"iiTzii ime und fraget in, wer er weri ald wie er liiessi. Er seits. 
"^i^iprach: „lieber berr, ich erkenn ücb wol von <lez namen wegen. 
Icli bit ucb. daz ir mir bibt horent." Si hüb an und bibtet und 
sprach also: „owe, tugenthafter berr, do klag ich ü, daz mir als 
:ar übel ist geschehen. Sehet ir den man, der uns na getV Der 

► i>t ein rehter morder, und mordet die lüt hie in disem walde und 
andfrswa, und ninit in denn ir gelt und gewand, und schonet nie- 
:i'aiis iit* «Mtrich. Der hat mich betrogen und usgefiiret von minen 
•^rlhiTii tVünd'^n. und mtiss sin wip sin." Er erschrak ab diser 
rt^ilr. daz ime na geswunden waz, und Iftgte umb sich vil jemerlieb. 

''bir ienian .'^ehi ald horti. ald ob er in keinen weg möbti end- 
niimn. Do ensah nob enbort er nieman in dem vinstern walde, 
'i^iiii (kn morder im na gende. Do gedaht er: ,.i1uhst du nu also 
■iiinle. so hat er dich bald erlofcn und tödet dich; schrigst du denn, 
fc höret niemnn in diser wiisti, und bist aber tod." Und sah uf 

* ^il ellcndeklich und sprach: „ach got, wie sol es mir hut ergan V 
"we tod. owe tod, wie bist du mir so iiahel^ Do du frow gebilitet. 
'If^ ick sl hinder sich zu dem morder un^l bat in heinlieh und sprach: 
-^^51. lieber geselle, ga hin und bilit ochl Sü sind da lieime in 
-iiteiii globen gen ime: wer im gebihtel, wie sündig er ist. daz den 

'?'^tniemer well gelassen. Dar uml) tu (\s, ob dir got Job von sinen 
'^^'^en an dinem junirsten süfzen zc heU' ki>m." Do sü also runeten 
^it enander. do erschrak er voll und gedahte: ^du bist verraten!" 
^r morder sweig [35'] und gie hin für. Do der arm man sah. 

'Iaz der morder mit dem spiess gen im trat, do erzitrot und erschrak 

^flii sin natur abe und gedaht: „eya, nu bist verlorn I" wan ov en- 

*ast nit waz sü hatent geredet. Xu waz es da also g(\^rhal'en. 



10 seit AJ'A^ Si'it irs S' sagt er ir. wir er liicsz a/.s ' 1*J inir| min /' 

II. ir fi-ewaiit P 20 im kciiion w. AK in keines weir»*^ ''' *-^<> '»w<» t<»i| 
- eiftmal M iU dinen M Ho •^h im -^ ))ist du S :i(> also dr» .1/ 



80 Leben Seuses. Kap. XXVI. 

daz der Riu nebend an dem wald ab rau. und gie der äuiale \vt- 
uf dem porte und schikte es der morder also, daz der brftder niösi 
gan wassershalb und er gie waldcsbalb. Do er also gie mit zitrei 
dem herzen, do hüb der morder an ze bihten und verjah im ak 
die totschlege und du mord, du er ie begangen hate. Sunderüc 
seit er ime ein grüliehes mord, dar ab sin herz erstarb, und sprac 
also: „ich kom einest her in diseu wald dur mordens willen^ a 
ich och nu hau getan. Do kom mir zu ein erbere priester, dei 
bichtet ich. Der gieng nebent mir hie, als ir iez tünd, und do d 
biht US kom," sprach er, „do zoh ich diss messer us. daz ich l 
mir trag, und stach es dur in und stiess in von mir über daz por 
ab in den Rin." 

Ab diser rede und geberden des morders erbleichet und erto- 
det er als gar, daz im der kalte totsweis über daz antlüt und dur 
den büsen ab ran, und erzagte und erstumbet, daz im alle sin siooe 
entgiengen, und blikte ie neben sich, wenn er daz selb messer in 
in stechi und in och hin ab stiessi. Da er von angsten iez da 
nider wolt sin gevallen und nüt me mohte, do lüget er vil jemer- 
lich hinder sich als ein mensch, der gern dem tod weri endruneo. 
Und sin jemerlich antlüt daz ersah daz fröwli, und loft hin zft und 
kripft in also nidersigenden under ir arme und hüb in vast und 
sprach: „göte herr, lurtent üch uit, er tötdet üeh nit!" Der morder 
sprach: „mir ist vil gutes von üch geseit; des sond ir hüte ge- 
niessen, daz ich ü wil lassen leben. Bitent got, daz er mir armen 
morder an miner jüngsten hinvart dur üch ze staten kerne/ 

Under dez waren sü uss dem wald komen. Sin geselle sas» 
dort vor dem walde under einem bome und beitet sin. Der morder 
und sin gespile giengen für. Er kroch zu sinem gesellen und viel 
da nider uf die erde, und zitret sin herz und alle sin lip, als so 
eins der rite schütet, und lag also stille neiswi lang. Do er wider- 
kom, do stund er uf und volgie den weg. und bat got mit ernst* 
und mit einem [So""] inneklichen süfzen über den morder, daz it 
got liessi geniessen sins guten globen, den er zfl im gewan, mc 
daz er in an sinem jüngsten süfzen nit liessi verdamnet werden 



5 w fehlt M () erstarb] ersclirak 1* 11 von mii fehU 1* 13 gt* 

bärd M 20 sin] daz M [daz] ersah M 21 kripft] begreif S 22 en- 

ffthrtent üch nit, er eutiit uch nit noch tötet üch nit M 28 vil gfitx v^ 

mir M 29 und a. 8. lip fehlt M alle fthlt E 31 folget» 8 



Leben Seiises. Kap. XXVII. 81 

Dez ward im ein sölicher gegenwiirf von got, dar an or enkeiucn 

zwivel wolle han, daz er s61te der behaltnen eine wesen und von 
?ot niemer gescheiden hier umbe. 



XXVII. Kapitel. 
1 Vou wassernot. 

Er waz ainest gen Strasburg gevarn nah siner gewonheit. 
Do er wider hain wolte, do viel er in einen ungehüren giessen des 
Rines and daz nüw büchli mit im, dem der bos vient vil gever 
waz. Do er in des todes not vast abwert ran unbehulfenlich, do 
'%e der getrüw got, daz uf die selben stunde von geschiht ein 
JQDge nüwe ritter von Prüscen dar kam; der wagte sieh hin in zu 
im in daz trüb sturmig wasser, und half im us von dem jemerliehen 
tode und och sinem gesellen. 

Eins males für et us in einer gehorsami, do es kalt waz. L'nd 
io er also spislos allen den tag unzin t spate in dem kalten winde 
und frostigen weter hate gevani uf einem wagen, do kamen sü 
neiswa zu einem trüben wasser, daz waz tief und schnei, als es 
von dem regenweter waz worden. Der kneht, der in fftrte, übersah 
|ich neiswi, daz er ze nahe uf daz port kom, und warf umbe. Der 
"rüder schoss ab dem wagen und viel in daz wasser, daz er dar 
inne an dem ruggen gelag. Der wagen viel hin na und viel eben 
nf in. daz er sich in dem wasser noh hin noh her niohte gekeren 
Doh kein hilf von im selber hau, und ran also man und wagen 
Qeiswi verr abwert gen einr muH sines Undankes. Des lüf der kneht 
^ dar und ander lüte, und Sprüngen hin in in den wag und kripftan 
iB und hetin ime gern her us gehulfen ; do lag der swer wagen uf 

• 

inj nnd trukt in hin under. Do sü mit grossen erbeiten den wagen 
*l> ime brahten, do zugen si in her us also triefenden an (hiz hind. 
Ind do er her us kom, do crefror daz irewand l)ald an ime von 



2 er hie uinb M 3 hier umbe fthli MA^ ♦> Er 1:J nesollen 

M/ M 9 abwert vast P 11 ritter usz Strasburg- von prassen K hin 

N m 15 UDtz Ö'KM 17 tief] trübe P 18 der i'il)tT.s. J/ li) neiswa -S' 

^i iiin] iiii M eben] obnan M 22 weder bin S [uohj hin .1/ 23 wagen 

Iman *S' 25 in [in] SM wagen (!) P kri])ftaul erwustent X boirripfton M 

8 Sehr wahrscheinlich ist das iö'<iAs v(f/lcndetc Bdac jicmeini ((jtyen 
'rtfßtr II, 317), 11 Ein Ritter des Deufschordens, der in S'irasfihvrr/ eine 

iederlassung bestiss, 

H. Seat«, Deottchtt Sehriften. G 



32 Leben Seiist's. Kap. \.\v j...^. 

grosser keltin. Er ward zitreude von Irost, daz im die zene in ein- 
ander klaperten, und gestund also janirige still ein wili und sah u1 
ze gote und sprach also: „wafen got, wie sol ich tfln ald waz so 
ich an vahenV Ez ist spate gen der naht^ so ist einkein stat not 
dorf hie umbe, da icli mich erwarmen mug ald mich mug generen 
Mftss ich nu hie also sterben? Daz ist ein kleglicher tod!" E 
[36''] kerte sich hin und her, do sah er dort verr an einem her- 
ein vil kleines vvilerli, und da kroch er hin also nasse und frostig« 
und do waz och du naht hie. Er gie umb und umb and bat he 
berg dur got. Des ward er von den hüsern vertriben, daz sie 
nienian wolte iiber sü erbarmen. Do < begond im der frost uk 
erbeit umb daz herz gan, daz er sins lebens> begond fürten. S 
sprach mit einem luten rftf zu got: „herr, herr, du möhtist mich 
mer han lan ertrunken, so weri ich dur von komen, lieber dei 
daz ich nu von frost hie an diser strass mfiss sterben.** Die kl^ 
liehe rede erhörte ein gebur, der in vor hate vertriben, und erba 
met sich über in und nam in under sin arme und ffirte in hii 
wider in in sin hus, und also vertreib er och die naht mit erbet- 
i^elikeit. 



XXVIII. Kapitel. 
Ton einem rüwlin, daz im got eiuest Hess werden. 

Got der hat in des gewennet: wenn im ein liden ab gie. 
waz geswind ein anders da bereit. Hie mite spilt got mit i 
ane underlass, denne einest do Hess er in müssig gan; es wei 
aber nit lange. 

Er kom in dem selben müssigen zite zu einem frowenkl 
gende, und sinü geischlichü kind frageten in, wie ez umb in sti' 
Do sprach er: „ich fürte, daz es iez übel umb mich stände, u 
da von: ich bin iez wol vier wochen gewesen, daz ich wed 
lip noh an eren von nieman bin angereunet wider min alten f 

1 V. grossem frost M 2 stund SP 4 so eiiist SP 4 f. a 
noch kain d. M 5 mich [mu^] M crnereii SPM 6 sterben 
[und] do M 9 f. der herherg M 11 8Ü] in S 11 f. Do b 
fürten M Do [begond — lebens] begond er im fürten ASPKA^afUS^ 
mär K als mer S 15 ich fnn] M hie fehlt SP von frost nac 
16 die erhört M 17 hin fehlt K 18 [in] in M 21 ruglin d 
23 da fehlt PS 24 dennoht M 26 den s. ni. ziten P 



Leben Seuscs. Kap. XX VIII. 83 

ieit und fürte leider, daz min got hab vergessen." Do er also ein 
^vl kleines vvlli bi in gesass an dem venster, do kom ein brüdcr 
'ie8 Ordens und rfifte ini hin us und sprach also: „ich vvaz nu kürz- 
lich uf einer bürg, und der herr fraget ü na, wa ir werint, vil 
hcrteklich. Er hüb och uf sin haut und swür dez vor menlich, wa 
♦^r fich funde, da wölt er ein «wert dur üch stechen. Däz selb hein 
iretan ire etlich freidig harscher, sin nehsten fründe, die üch ze 
etlichen klöstern hier urabe hein gesüchet, daz sü iren bösen willen 
an üch volbringen. Dar umb sind gewarnet und hütent üch, nls 
lieb üch üwer leben sie!" Ab diser red erschrak er und sprach zu 
dem brüder: „ich wüsti gern, wa mit ich den tod verschuldet heti." 
Do sprach er: „dem herren ist geseit. ir habent im sin tohter als 
•>ch vil ander menschen verkeret in ein sunder leben, daz heisset 
der geist, und die in der selben wise sind, die heisscnt die geister 
.5 und die geisterin, und ist ime für geleit, daz daz sie daz verkertest 
vol^. dar uf ertrich lebt. Und noh [36^ J rae: ein ander freidiger 
man. der waz da und der sprnch von üch also: „er hat mir einen 
rob genomen an einer lieben frowen : si zühet nu die stuchen für 
Dnd wil mich nit me an sehen, si wil nüwan inwert sehen; daz 
äümüiis er gearnen!" Do er disü mere gehorte, do sprach er: „gelopt 
^'iejrot!'* und ilte bald hin wider an daz venster und sprach ztt 
feinen tuhtrau: „eya, minü kint, gehabend üch wol! Got hat au 
i*>ich jcedaht und hat min noh nit vergessen,'^ und seite in du herten 
nif^re. wie man im umb wolgetan i'ibel wölti Ionen. 

2 vil fehlt M 5 och fehlt P \) siiit ir ^. M 14 d<;r ^^oist - 
^m^'WX fehlt ASP geister] geist P 18 stacheu] stürtzr /* den schlogcr M 
^^ im nit me S 20 eramen M 20 ff. sprach er o:en sinon tohtran: „eya, 
nünü kint. j^ebabent (ich wol, golopt sie g-ot !** und ilt<; bald zu in an daz v. und 
"prwli: .,^or bat etc.^* M 21 widrr hin in iV -Ji nie — lonon fehlt P 
Mihi' S 

2 In den Kraue nklötftetTi mit strenr/er Khiusur durfte und darf der 

^trkdir mit der Aussenwdt nur durch ein Sjtrachgilter (rtdevcnster) (jeschehen. 

Uff. I)ie »Stelle Seigt, dass man die Gotteftfreunde öfters mit den ßer/harden 

'"'d Brinkrn (Schioestern) des ^J'reien Geisten'^ zusammenwarf, wehhe in der 

^Htn Hälfte des 14. Jh. besonders am Oherrhcin anftrattn und von der 

^'^<imUion mederhoU verfolgt wurden doIO zu Mainz, loli zu >itrasshurg, 

^^WJT. zu Köln; 13S9 drei liegharden zu Konstanz hingerichtet ^ Hegesta 

^isci}porum Constaniiensium II [1904] n. 4:>(i7>. Auch Luitgard ron Witticheu 

fwde Betrügerin und Ketzerin gescholten (Monc a. a. (). III. 443 f, und Tauler 

*ö^, d(w« die Gottesfreunde von ihren Gegnern die .,neuen Geister' genannt 

^''^ ^it dem Schimpf wot't ..Begharden" hcdacht wurden ( liöhringrr. I)ie deutsche 

-Vbk f|fi55j ogß jnit Quelletihelegen S'.w, 8i^4). 



84 Leben Soiisef«. Kap. XXIX. 

XXIX. Kapitel. 
Ton einer minneklichen rechnnng, die er einest mit got hate ^^» 

In den seihon lidenden ziten und in den selben steten, da e" :— r 
do wonte, so der diener underwilent in daz siechhiis gie, daz e rr^r 
sinem kranken libe eins gemechlis gestateti, und so er ob tisch sas -^=!s 
swigende nah siner gewonheit, so ward er geübet mit spotred uii»- d 
mit unverwnsnen worten, daz ime an der ersti vil we beschah ; nn rj 
erbarmet sich selb als übel, daz im dik die heissen trehen du \vange=^=!?n 
ab waletan, und dnz ime die trehen mit der spise und mit de^^K» 
tränke in den mund trungen. Er sfih also swigende uf zu go -^e i 
und sprach mit inneklichem sufzen : „acli got. gnüget dich nit nr^it 
miner erbetselikeit, die ich tag und naht lide, mir müss och n^ in 
spisli ob tisch mit grosser widerwertikeit vermischet werden?" TJ^is 
geschah im dik und vil. 

Eins males, do er ab tisch gie, do raoht er sich nit me exjf-xj:^ 
halten, er gie an sin heimlichi und sprach zft got also: „eya, lieber 
got und ein herr aller der weit, bis milt und tugenthaft gen mir 
armen menschen, wan ich muss hüt ain rechnung mit dir habeo» 
des mag ich nit enbern. Und wie daz sie, daz du nieman uut 
schuldig noch gebunden siest von diner grossen herheit, so gezirot 
doch wol diner unmessigen güti, daz dn ein volles herz lassest sich 
mit dir erkülen von dinen gnaden, daz nieman andern hat, dem es 
klage ald der es tröste. Herr, ich zugen-daz an dich, wan du ellü 
ding weist, daz mir daz hat gevolget von miner müter libe, daz ich 
en miltes herz han gehabt alle min tag. Ich gesah nie keinen 
menschen in leid noch in betrübde, ich heti ein herzklichs mitliden 
mit ime, und ennioht nie gern hören weder hinder den menscbeo 
noh [37'] vor in reden, daz ieman besweren mohti. Dez müssen 
mit mir alle min gesellen jehen, daz es von mir selten ie gehftret 
ward, daz ich ie keins bröders oder keins andern menschen ding 
bösreti mit minen worten, weder gen den prelaten noh ane daz, denn 

5 «gemaches M ob doni tisch ]\f mit dem fehlt M 11 brnügt3» 
nit [mit] FM 13 «pine PA' ob tisch fehlt A^ 17 bis] wie M 20 JT^' 
bumlen noch sohuldiir S noch i!:ch. fMi M 23 ztigcn [daz] JSC 261ei."» 
liebe iS' 27 f. dem m. noch vor im AI 2J» mit fehlt S 29 f. seltnen n»-^^ 
daz ich .1/ 80 dinir fMt A' 

4 siechlius, besondere Ableilunq des Klosters für die kranken Brüdtf^ - 



Leben Seuses. Kap. XXIX. 85 

ler menseben ding bessren, als verr ich mohte. So ich daz nit 
öht getün, so sweig ich ald ich floh dur von^ daz ich es nit horti. 
i menschen, du gelezzet waren an ir eren, den was ich von er- 
rmde dest heimlicher, uf daz daz sii dest baz wider ze ir eren 
nin. Dero armen getrüwe vater hiess ich, aller gotesfründen 
der fründ waz ich; ellü du menschen, du trurig ald beswerd ie 
mir kamen, du fanden iemer etwas rates, da sü frölich und wol 
rostet von mir schieden, wan mit den weinenden weinet ich, mit 
trurenden truret ich, unz daz ich si mfiterlich widerbrahte. Mir 
?t nie kein mensch so gross herzleid, so er mich nüwan dur na 
lieh an lachete, so waz es alles da hin in gotes namen, als ob 
nie weri beschehen. Herr, ich wil geswigen der menscheit, 
noh nie: aller tierlin und vögelin und gotes creatürlin mangel 
I truren. so ich daz sah ald bort, so gie es mir an min herz, 
I so ich in nit moht gehelfen, so ersüfzet ich und bat den obresten 
ten herren, daz er in hulfi. Alles daz in ertrich lebt, daz vand 
id und miltekeit an mir. Ach und du. milter herr, gestatest 
eben, von den der lieb Paulus sait und sü uamd sin valschen 
ider, ach herr, daz klag ich, daz sü in so grosser grinimkeit sich 
1 mir bewisent. als du, herr. wol weist und es offenbar gnftg 

Ach, milter herr, da/ sieh an und ergezz mich sin mit dir 
benl^ 

Do er ein gut wili sin herz also mit got erkölte. do kom er 
iswi in ein stilles rüwli und luht im in von got also: „din kint- 
hü rehnung. die du hast gen mir getan, kunt da von, daz du nit 
e zit eben war nimst dez geliten Cristus worten und wisen. Du 
It wüssen, daz got nit von dir gnüget eins gütigen herzen, daz du 
iSt. er wil noh me von dir, er wil daz och: wenn du von ieman 
irst mit Worten ald wisen berlich gehandelt, daz du daz nit jillein 
iiulteklich lidest, du müst dir selb als gar under gan, daz du nit 
fangest schlafen, e daz du hin zfi dinen widersachen körnest und 
^ du, als verr es denn müglich ist, ire wütiges herz machest 
'^^g mit dinen süssen, demütigen [37'] worten und geberden; wan 
'i^t §6licher senftmütigen demut benimesi du in swmt und messer 

1 daz n. m. — 2 daz i<'h fchU K (> beswor r 7 «laj ilaz ' .Sa 
•^^migen SPA' 10 f. gutlicli dar iiacli .1/ HJ iniltcn fvlili s 18 von — 
^^wb/e/ilf M namd] maiitf A' inciiMlc r IS) |(laz| nit S \\\ hin 

;«^'/( .v.v 

^^- ^V. Köm. J:.Klö. IS II Km-. IL. 6. dal. -J.-i. 



86 Leben Souses. Kap. XXIX. 

and machest sü unmehtig in ir schalkheit. Sih, dis ist der all 
volkoraen weg, den der lieb Cristus lert sin junger, do er spra( 
„Itt^ent, ich send ü als du sclieflü under die wolfe." Do der dien« 
zfi im selb kom, do duht in dise volkomen rat ze mülich, und wj 
ime swer, dur na ze betrahten, und noh vil swerer ze ervolgei 
Und doh gab er sich dar in und begond es lernen. 

Es geschah einest dur na, do hate ein leybröder. der waz ä- -jd 
suter, vil übermütklich mit im geredet und berlich missboten. KDo 
sweig er vil gedulteklich und wolte es da mit gnug han laaa<«ii 
gesin. Do ward er von innen vermant, er müsti noh baz tun. 1h i 
ze abent wart und der selb brüder in dem siechhus ass, do gie der 
diener für daz siechhus stan warten, wenn der convers her m 
giengi. Und neiswen, do er her us koni, do viel der diener für in 
und sprach mit demütigem tiehene: 7,eya, lieber togenthaftiger vater. ^ 
erent got an mir armen, und hab ich i'i betrübet, so vergend min 
luterlich dur got!" Der brüder gestund still und sah uf DÜt wunder 
und sprach mit einer hüwlender stimme: „wafen! wes begand ir 
Wunders? Ir getatent mir doch nie kein leid, als wenig als den 
andren; ich han üch berlich betrübt mit minen schalkhaften woriai. 
ir sond mirs vergeben, daz bit ich." Und alsus ward sin herz ge- 
stillet und kom ze fride. 

Ze aineni male do er ob tisch sass in dem gasthus, do miese* 
böte im es ein brüder mit schalklicher rede. Do kert er sich gen 
ime vil gütlich und lachet in ane, als ob er im etwas sunders klciae- 
des heti geben. Des wart der brüder in sich selb geschlagen, du 
er gesweig und sin antlüt och gütlich her wider gen im kerte. Di^ 
seit der brüder nah inbiss in der stat und sprach: „ich bin hätsl^ 
berlich ob tisch geschendet, als ich ie ward: do ich es dem dicie^ 
ob tisch berlich missbot, do neigte er sin antlüt vil süsseklich g0^ 
mir, daz ich schamrot ward; und daz bild sol mir iemer gut sin' 



4 volk.J noch koiueii P i*^ar ze m. J/ 5 dur na — swerer /eÄÄ^ 
6 lernen] liden M 9 lian nachyetrof/en A, fehlt SKM 10 sin SP innem ^ 
13 komj ifien^r s 14 tugrenthafter SFMA' 15 mirs] loir KM 16 Ktuiit t 
der g^est. M 17 hinvcUendcr S 18 wundrr S den] die S 20 mir M 
es mir A^ ver^-. durch got >> dez 3/ ich uch SP 23 aber ain ai* 
brüder M 24 f. iiin sunder khünet h. gejofeben. Do wart M 26 der brftikrl i 
er M 27 f. oh tisch als berlich M 

'i\ Luk. lOj.j. 12 converse, coiwersus = Laienbruder, 



Loben Seuses. Kap. XXX. 87 

XXX. Kapitel. 
Wie er von lidenne eins iiiales l^ain uf deu tod. 

r 

Es geschah ze einer zit, daz im in neiswi nieuger naht, s^o er 
erst Q88 dem schlaffe uf schrak^ — do vie neiswaz in im ze au 
5 Fahene den salmen von unsers herren marter: Deus, Deus mens, 
respice in me; [38'J den salmen sprach der eilend Cristus, do er 
an dem galgen des cruzes in sinen n6ten von dem hinielschen vater 
und von menlieh gelassen waz. Ab disem emzigen insprechene, so 
er erst erwachete, erschrak er übel und vort ime. Er ruft zu im 

lo an daz krüz mit bitterlichen trehen und sprach also: „owe, min herr 
und min got, sol und mfiss ich aber ein niiwes krüzgen mit dir 
erliden, so ere dinen reinen unschuldigen tod an mir armen^ und 
bis mit mir und hilf mir alles min liden überwinden I" Do daz krüz 
kam. als im vor waz gesin, do begonden im ungehürü liden, von 

15 den hie nit ze sagen ist, vil vast wahsen und von tag ze tag meren 
und worden ze jungst als gross, daz sü ersuchten den kranken mnn 
doch als gnote, daz sü in brahten uf den jüngsten ])uncten sins 
lebeos. Wan do er eins abendes ussrent des conventes was nider 
an gin bet gegangen ruwen, do hindergie in ein kraftlosi. daz in 
2i)dnhte, daz im von amaht wolti gebresten und daz er iez miisti aller 
ding vergan. Er gelag also stille, daz sich kein ader an sineni lip 
rftrte. Do dis innen ward ein gctrüwer gutherziger mensche, der 
sin do pflag, den er ztt got hate gezogen und in vil sur erarnet 
l^Äte, do lüf er dar mit leid und bitterkeit und greif im uf sin herz. 
Ädazer markti, ob kein leben noh da were. Do waz es gelegen, 
^t 68 sich als wenig rürte als in einem toten meiisclion. Des sank 
^f nider von grossem leide und hüb an mit iiidergiessendeu trehen 
'^nd jemerlicher klag und sprach also: „owe, got, des edlen herzen, 
^az dich, minneklicher got, so minneklich mengen tag hat in inie 

■ *^ fragen, daz dich so lustlich mengem wiselosem menschen trcstlieh 
kat usgesprochen mit worten und scrift in allen landen, wie ist daz 

3 daz man im K uciswi fehlt S 4 f. ze aiiiVchten(h' *S' 7 dem 

hi;ii.J Kinem S vater fehlt K 9 so crsclirak M 11 alxri iciiur -s 

12 rfinen fehlt S 16 wahsen |undj K IS uzwcMulig S \\>^('r M 1!^ Imi- 

lin J' 20 amaht I unmaht P andahtc (!) A' 22 tt". wiiideu du gt-tniueii i^ür- 

//erzitren meiischeu, du sin do ptiagen, du . . si .... (24) dl«' lül'en dar .... gritY» ii 

.... (25) ni markden (26) suuken si n '27i und ir ainü |liül>| au .1/ 

5 Py. :J1. 



^8 Leben Senscs. Kap. XXX. 

liinabt vergangen! Wel ein iil)el mcr daz ist, daz daz edel 
sol fulen. und daz es nit noli vil lenger got ze lobe und men 
menschen ze trost solte leben I" Und alsus mit erbermklicher 
und mit weinenden ogen neigte er sich ie dar und greif im uf 
herz und gen dem munde und an die arme, ob er noh lepti odei 
weri. Do waz kein bevvegde da; daz antlät war ime erbleichet, 
mund erswarzet und ellü leblichi waz da hin als eines toten mensc 
den man uf die bare hat geleit. Daz werete wol als lang, daz 
under dannen weri ein mil weges gegangen. 

Sines geistes gegenwurf, [38 ""J under dannen do er also 
gangen lag, waz nit anders denn got und gotheit, war und wai 
na ewiger inswebender einikeit; wol geschah daz. e daz er ])eg( 
also vast swachen und von im selber komen. Do vie er an ne 
in im selben ze einkosene mit got und sprach also: „ach, ev 
warheit, dero tieffu abgruntliehkeit ist verborgen allen creatu 
ich diu armer diener versieh mich, daz es nu ein ende sie unib ni 
dem min vergangnü kraft glich tttt. Nu red ich iez an miner jung 
hinvart mit dir. gewaltiger herr, dem nieman liegen noh tri( 
kan, wan dir ellü ding offenbar sint; so weist du alleine, wie 
zwischen dir und mir stat. Hier umbe such ich diu gnade, getri 
himelscher vater, und wa ich ie keinen usbruch han getan in 
unglichheit uss der nehsten warheit, ach got, daz ist mir leid 
rüwet mich von allem minem herzen, und bite dich, daz du daz 
dinem kostberen blftt verdiigest nah diner gnade und miner not 
Gedenk, daz ich daz rein unschuldig blnt han alle min tage mi 
und wirdekeit höh erhaben, als verr ich mohte, und daz mftss 
nu an miner jüngsten hinvart alle min sünde ab weschen. 
knüwent nider, daz beger ich, alle heiligen und sunderlich 
gnediger herr sant Niclaus; hütend üwer hend uf und helfen 

2 noch nit SM d sol M erbaniihertzig^er P erbarmherzlich' 
4 naiii"ton si ... yritt'eii M t> wol ain niil wey-z war g. M 12 inswe 
(Irr A inswrnk<'n(ler A 12 f. also vast l»e«rnnil M 17 vergannü A ] 
<lir fchit AS 20 mir und dir .1/ 21 ixeixeii dir bau g. A^ 25 gedenl 
20 irnrd. inilter b. AM/ 

22 nn^licbbeit (/ein lateinischen dissimiiitudn (Aug., Conf, VII^ j 
rtijittnc dissiiniliiudinis) nach(j(.hHdet ^— Entfeninng ron Gott. S. auch 
K. 1 Anfnmi und Heinrich ron Xord/uif/en, bei Si rauch, Marg, Ebner JA 
29 St. Nikolaus, nm JUtdefis.r riet verehrt, war auch Patron des Kon^i 
J'ndfgir/,lof(fcrf( : dorh n-unlc f.r iiherhaupt als Ihtfer in Not und Bedrä 
ftni/ernfm. 




II •■^euses Knii. \XX, 

herren biteii nrab eio gut eude! Afli reinü, zarlu. iiiiltü niuter 
Itia, bat mir bixt din hant, din gncdigeD hand, und an (User 
sten Stande enpfah min »el iif gnad^- in dinen schirm, wan du 
mins henten troet uud fr6de »Heine. Ach, frow und mfiter niinfi, 
maniis tuaa conimendn gpiritum meum, in din bende. in 
griedigen hende bevil ich hinaht minen geist, Kva. lieben engel, 
lenkeiit. daz min herz lacliete alle min tag, so hh üch ni'iwan 
Demmen, und wie dik ir mir in miuem eilende liend himelach 
gemaebet und mich bcind vor den vienden behütet; eya. zarten 
, uu »et es mir nii erst, an min Jüngsten not nnd bedarf hilfe. 
, nn heifent und sehirment mich vor dem grAlicben anblik miner 
fcn. der bösen geisten ! Ach. herr von himelrich. ich lolien dich, 
dn mir na an miuem tode ein so reht gnt bi^sebeideu ende und 
intnnst hast verifiwen, und var nu von hinnen mitt ganzem cristam 
ane allen zwifel und ano alle vort, und vergib allen [39 'J 
e mir ie kein leid getaten. als du vergehe an dem urilce 
( die dich toten. Herr, herr, din götlicher fronlicham. den ich 
ni der mess enptie. wie krank ich waz, der mtiss min bebiiter 
tnin beleiter sin iiin /,ö diueni gütlichen aotlüt. Und min 
IBtes biten, daz ich nu thn an miuem ende, acb 7Arter herr von 
■Jricli. daz get über minii liebd geistlicliii kind, du sich mit 
Iren trüwen ald mit bihte friintlicb in disem eilend zil mir bein 
;. Ach. erbannherzige Gristus, als du an dinem jüngsten hin- 
dene din lieben junger dinem hinielschcn vater mit trftwen beviel. 
ir selben minne sien sii dir bevnln, da/, du in och ein gftt heilig 
rerlihe^t. Xu nim ich einen lidigen abker von allen creatnrcn, 
ker mich hin zti der blossen gotheit in den ersten Ursprung der 
!D »«likeit.* 

Do er also dis und derley neiswi vil in im seihen geeinredete, 
Btgie er im selb und kam in die swacbheit. von der geseit igt. 

luillii /elUl .^ -2 \n-ni\ heud S ilin triieil. 

mi] :*i:lirin AS ö in <liii hea^i- fehlt M 7 daz mir 
fihlt S 14 vdriölieii PA' verlilieii SKAl lö und 
S IT liPH' (herrl Ä 19 lieleiler] beiialter .v riiuein] dem K 

l(k ftAU SMA^ 221. [Iiein] gekttret M 24 mit trtwen fehlt M 
*e SA^ bpfnilii it BnpfelcUt K 25 »d fdilt M heiliji gfll PM 
ler] e»-i^T sPl. M 29 ireredeto i" :« vim iI.tJ lin von P 

B pM.,3IJ,(}: Luk. 23,46: iiiteh im ÜicMicken Ahaulijiliil f Kimplrt : 
IMS luar, domine etc.i und in dtn .SIrihegebcleii i/thrauiht. 16 l.uli. 

23 f. Joh. }7,!>ff. 



90 Lesben Seuses. Kap. XXXI. 

Do er uud endrü menschen wanden, er solte vergangen sin, dar j 
neiswen do kom er wider zft im selb, daz erstorben herz begoii. 
wider leblich werden und du krenkü gelider wider zft in selber komen. 
und genas, daz er ward wider lebende als ie von erst. 



XXXI. Kapitel. 

Wie ein mensch sin liden iu lobricher wise sol got wider nf 

tragen. 

iJo der lidende diener disen langwirigen kämpf mit tiefer be- 
trahtung hinderdahtc und och gotes verborgnu wunder dar inne an 
sah, do kert ersieh eins males zfi got mit einem inneclichen süfeenl 
und sprach also: „ach zarter herr, disü vor genantn liden du sint 
uswendig an ze sehene als die scharpfen dorne, die dur fleisch and 
bein tringent; dar umbe, /arter herr, so lass usser den scbarpfefl 
dornen dero liden etwas süsser fruht us dringen einer gftter lere, 
daz wir erbetseligü menschen dest gedultklichcr liden und unser liden 
in gotes lob dest baz kunnin uf tragen." 

Do er dis neiswi vil zites von got hat begert ernschlich, do 
geschah eins males, daz er neiswi ward verzuket in sich und über 
sich selb, und in entsunkenheit der sinnen ward in im süzoklieb 
gesprochen also: „ich wil dir hüt erzogen den hohen adel mins liden*, 
und wie ein lidender mensch sol sin liden in lobricher wise de» 
minneklichen gote wider uf tragen.^ Von disen siizzen ingesprochiiett 
Worten zerfloss im sin sele in sinem libe, und in der Vergangenheit 
der sinnen [39^] von grundloser v611i sines herzen do zerspreiten n\A 
neiswi die arm siner sele in du witen ende der weit in himeln oid 
in erde, und danket und lobte got mit einr grundlosen herzklicken 
begirde und sprach also: ..herr, ich han dich unz her in minen p- 
dihten gelopt mit allem dem, daz lustlich ald minneklicli mag gesin 
in allen creaturen. Eya, aber nu so muss ich aber frolicli uf brechen 
mit einem nuwen reyen und selzenen lobe, daz ich nieme erkande, 
denne daz es mir nu bekant ist worden in dem lidene. Und dal 
ist also: ich beger von mins herzen grundlosen nl)gründe. daz elli 



3 lidor M H lobliclirr 3/ ut'| in A' 8 So AKA^ hinkwigi-u J 

1» himlrrd. fehlt S 15 daz] dar ASPMA' arbeit seligii lideiidu m. } 

17 h«Mt von iror b. .1/ 19 wart neiswio K 21 loblicher M 27 iini 

l.i< .1/ 27t. in minem fr»tiht .1/ M rs| er P erkant 1' 







;hii. \xx!. 



I^deii uud leid, dfi ich ie geleid, uud dar zh alter herzen wc- 
pdee herzleid, aller wniiden smerzen, aller siecben alizen, aller 
fingen ||;eniiiten süfzen. aller weinenden ogen trehen, aller veiiriikter 
leuächen verschmeht, aller armer dürftigen witwen und weisen ge- 
ttitKD. aller tiirstiger und hungriger menschen türre mangel, aller 
artrer vergossen blftt, aller frfilicher blünder Jugend willen brechen, 
ler gottesl'ründen wetAnden Übungen und cUü du verborgnü und' 
hobarfi lideu und leid, da ich ald ie kein erbetseliger lidender 
^ch ie gewan an lib, an gät, an eren, an ('runden nid an unra&t. 
I daz hein mensch iemer nie erliden sol unz an den jüngsten tag. 
^ dir daz sie ein ewiges lob, faimelscher vater, und dinem ein- 
pDen lidenden snne ein ewigü ere von ewan ze cwan. Und ich, 
i krmer dienet, beger hüte aller lidender menschen, die vil liht 
H liden iiit kondan rehte ti)n mit gednitigem dankberen gotes lobe. 
i getrnwer fiirweser beger ich sin, daz ich dir irü liden an Ire 
I bot loblich uf trage, in weler wise sü geliteii hein, und npfren 
|l es an ire »itat. als üb ich selbe daz alles sament nah mines herzen 
ÜHOb au minem lib und herzen allein erüten heti, nnd hüt ez hut 
'.an ire stat dinem einbomen lidenden suue, daz er eweklieh dur 
1 gelopt werde und du lidenden menschen getröstet werden, ri'i 
B nob hie in diaein jamertal ald an enr weit in dlnem gewalt, 
l „0 ir ellü mit mir lidendü menschen, sehent mich an und lo&ent. 
■ ich ü sag: wir ermn gelider süllen uns trösten und fr&wen unsere 
fe^en boptes. daz ist tlez minneklichen einliornen sunes. des, der 
■Tor geliten hat uud uf ertrich nie (40 '] göten tag gewan. LDgent, 
tweri in einem armen geschiebte nüwan ein richer werder man. 
I geschieht alles frÖweti sich sin. Ach, wirdiges ho|.t unser aller 
[er, bis uns gnedig, und wa uns gebristet rehtcr gednltekeit in 
iner widerwertikeit von menschlicher krankheit, daz volbring du 
Q dinem lieben himelschen vaterl (iedenk, daz du c-ineet ze hilf 
I eim dinem diener; do er wolte In Udene verzagt sin, do eprechd 
pt ime: „gehab dich wol und lüg mich ane! Ich waz edel und 
i ich waz zart und eilend, und waz hsb allen tV&den geborn und 
f doch vnl lidens." Hier umbe wir, dez keiserlichen herren Trumen 
erxagen nit. wir, dez wirdigen vorgengers edlen nahvolger. 



arin'i- li'leiiJiT il. M 
.■eil II. tr. P 2i des 
fehlt l' m lifliru 




1) rroli.liiT/Mi/A" 9eri-.S* I; 

15 dir] durch P "JS iimien lidrr M Irö 

■28 iii — -20 kriiukbci 



I 



92 Leben Seuse.s. Kap. XXXI. 

gehaben uns wol nnd liden nit ungern ! Wan weri nit anders nuzze 
noch gutes an lidene, wan allein, daz wir dem schönen klaren spiegt 
Cristus so vil dest glicher werden, es weri wol angcleit. Mich dunk« 
eins in der warheit: ob joch got glichen Ion wölti geben den lidendc 
und den nit lidendon nah diseni lebene, ^ewerlich, wir söltin dennoc 
den lidenden teil uf nemen allein durch der glichheit willen, \va 
lieb glichet und hüldet sich liebe, wa es kau ald mag. 

„Eya, mit waz baltheit geturren aber wir uns dez an nemen, 
daz wir dir mit ünserm lidene glich sülen werden, edelr herr? Owe, 
liden und liden, wie bist du so gar unglich! Herr, herr, du W 
allein der lider, der lidene mit schulden ursach nie gegab: owe, wer 
ist aber der, der sich des niuge gesten, daz er lidene nie kein ursach 
hab geben? Wan waz er einend ane schulde der lidenden Sachen, 
so hat er andrent daz bftsswirdig was. Hier umbe so sezzen wir 
uns, ich meine ellu du lidenden menschen, du ie gellten, zu einem 
grossen witen ringe umb und urab, und sezzen dich, zarter trater 
unschuldiger bftle, enmiten under uns in den ring dero selben liden- 
den menschen, und zerspreiten unser turstigen adren wit uf ginende 
von grosser begirde gen dir, usklinglender gnadenricher bmone. 
Lfigent wunder I Daz ertrich, daz aller meist von turri zerschrnnden 
ist, daz enphahet aller meist dez nassen regens stürmige flüsse, und 
^o wir ^ebresthaftigü menschen dir icme schuldiger [40^] sien worden, 
so wir ienie mit ufgezerteni herzen dich in uns schliessen und wellen, 
als diu götlicher mund selb hat gesprochen: wem lieb, wem leid, 
dur din lidenden hintrieifenden wunden geweschen und aller ding 
unschuldig werden aller missetat, von dem du ewiges lob und erc 
>olt von uns haben und wir gnade von dir enpfahen, wan in diner 
gewaltigen vermügentheit wirt ellü unglichheit abgeleit.** 

Do der dieuer ein gut will also stillr gesasse, unz daz sich dis 
alles in der innigosten inwcndikeit siner sele mit grossem ernst ge- 
^^ffenbaret hate, do stftnd er frolich uf und dankete got siner gnaden. 

2 claicii silionrii KA} >vh'nm'n fehlt M 4 irot joch F 6 der] des I 
7 huldct] h\\(\v\ u'V liebe] Wohor K wa| wan ö' 8 iiiitj in ASP g« 
.valtkait il/ alxr luir/t an MOiiimen M mit und siner liden (!) J 

■♦ In rr Ju herr lerfittfo fehlt M 11 mit seh.] noch .schuld M 13 einel 
halh S 14 aiKU'rthalh -S 17 huhe P 18 uf] und K 19 nsklingendi 
MA^ i:n:i<llichei' M 21 [stunniirej ein geflüsse P 8ti'u*migeD ilazz . 
22 <(liiil(liii A 25 [hin] triett. .1/ 27 irnaden K 29 unz] bis aS'^ m 
ASA' M) iiiniirosten fthlt S 



Leben Seuses. Kap. XXXll. 93 



XXXII. Kapitel. 

Wa mite got ergezzet in der zit einen lidenden menschen 

sines lidens. 

An dem frölichen ostertag, do waz dem diener eines males 
3r hüijlicb ze mute, und gesass also na gewonheit an sinem rüwiin. 
belfert er von gote ze wüssenne, waz crgezzunge du menschen 
diser zit von got söltin enpfalien, du dur in menigvalteklich betin 
Uten. Und in enr entsunkenheit luht im in von got also: fröwent 
b wol gemftteklicfa, ellü lidendü gelassnu meuseben, wan ire ge- 
Itekeit sol herlich gelopt werden, und als sü hie sind vil menschen 
erbarmen worden, also wirt sich eweklich menger mensch fröwent 
got ire wirdigen lobes und ewiger eren. - Sü sind mit mir erstorben, 
son och mit mir frölicb erstan. Drie sunder gaben wil ich in 
>en, die sind als wirdig, daz sü nieman kan gescbezzen. Einü 
: ich wil in geben Wunsches gewalt in himeln und in ertrich, daz 
*8, daz sü iemer gewünschent, daz daz geschibt. Daz ander: ich 
in minen götlichen frid geben, den weder engel noch tüfel noch 
Dsch noch kein creatur mag nemen. Daz dritist: ich wil sü als 
eklicb durküssen und als minneklich umbvahen. daz ich sü und 
ich, und wir zwei ein einiges ein iemer me eweklich sülin bliben. 
i wan langes beiten unruwigen herzen we tut, so sol für dis gciren- 
rtiges stündli eins einigen ogen])like8 lang dis liep nit gesparet 
den, denn nu an vahen und es eweklich niessen, als verr es denn 
tödemiich menscheit nach eins ieklichen Gelegenheit minr und 
mag erliden. 

Diser frölicben meren waz der diener fro, und do er zu im 
er kom, [41'] dosprang er ufund ward inneklich lachende, daz 
n der kapell, da er inne waz. lute erhal, und sprach frolich in 
selben also: „der geliten hab, der gang her für und klage! Weiss 

2 menHchen fehlt S 4 (lem| ;dneni KMa 8 eilitleii M dir 

S 9 trelassnü fehlt K 10 herzlich M 11 meiiüei* iii. ewtiiklicli A 

ch fehlt M IB himelrich PM 16 d. ander ist .1/ 18 trciiemen KA^ 

annien M ist fehlt S 19 iniiin.| iniieklicli S i>() si'i mich ^S7v' 

iten M uiiruwigem 31 fiir A 2'^ nii| im M H do ut 

M 

15 wünschen gewalt (optio omnium) Vermöt/eu a/Us Heil und Stg')t 
haffen (Lexer 111,997): vgl. Ja/:. Grimm. MtjthoL I\ IN f. 
19 t. Vgl. Joh. 17,21—23. 



94 Leben Scuses. Kap. XXXII. 

^ot, ich versprich mich selb wol, daz mich des dunket, daz ich hj 
liden gewunni uf ertrich; ich enweiss iiit, waz liden ist, ich weis 
wol, waz wüune und fröd ist: Wunsches gewalt ist mir geben, d« 
nienig veriertes herz müss manglen, waz wnl ich me?" 

Dar na kert er sich mit siner vernünftekeit zft der ewigen 
warheit und sprach also: „ach ewigü warheit, nu bewise mich diser 
verborgnen togenheit, als verr man es den gewörten mag; da war- 
heit mengem blinden menschen so gar unkund ist." Dez wanl er 
von innen bewiset also: log, dien menschen, dien reht beschihl in 
dem durpruch, den ein mensch vor an hin mfiss nemen mit einem 
entsinkene im selben und allen dingen, dero doch nit vil ist, dero 
sin und müt sind als gar vergangen in got, daz sä neiswi umb sieh 
selber mit wüssen, denn sich und ellü ding zc nemene in ire ersten 
Ursprünge. Und dar umbc hein sü als grossen lust und wolgevallen 
in einem ieklichen dinge, daz got tfit, als ob sin got lidig und raüssig 
Stande und es inen na ire sinne hab geben us ze würken. Und also 
in diser wise gcwünnent sü Wunsches gewalt in in selb, wan in 
dienent himel und erde und in sind gehorsam alle creaturen in itm, 
daz ein iekliches tttt, daz es tftt, oder lat, daz es lat. Und sölichi 
menschen enpfindent nit leid von herzen in keinen dingen; wandai 
heiss ich leid und liden von herzen, daz der wille mit wolbedahtöf 
bescheidenheit wolti erlassen sin. Wan nah dem usscm ze redenc 
so hein sii empfinden wol und wc als ander lüte, und tringet in 
etwen naher denn andren von ire entgrobten Zartheit^ es enhat ab« 
da inno nit st^t ze belibene, und nach dem usscm so blibent sü ve^ 
vor ungehabtkeit. Su werdent hie übergesast. als verr es niäglid 
ist, von ire selbs entgangenheit, daz ire fröd ganz und stet wirt ii 
allen dingen; wan in dem gütlichen wesene, da sich ire herzen han 
vergangen, ob in reht ist beschelien, enhat leid kein etat noh h 
triibdc, sunder frid und frod. Als vil dich nu eigne gebrest [41 
hin ziihet, daz du sunde tust, da von billich leid und betrübt kum 
einem ieklichen menschen, der si iibet, als vil gebrist dir noh dis 
selikeit; als vil du aber sund midest und dir selben dar inne 



Ü und warhfit fehlt A^ 9 dorn meu>clM*ii deiu M lo dun 

Inecbeii *U 12 sinno .V *j;iiv fehlt S 13 »'iiwissen il/ 16 ireu Binnen 
ir(?^^ebt'U .1/ 20 in] von .V in keinen wv.a; und dingen M 21 volbedahter 
23 enpfunden SPK 25 so fehlt PA^ 20 vor] not (!) M ' hie werd. si 
2H dal 'hi^' ■'^'-^f -^'^ nirnscbon fehlt KA^ 33 f. uf giist A' 

.{1 f. V(jl. Köm. :.%!K 



Lebeu Seasen. Kap. XXXII. 95 

'^st UDd in daz vergast, da da noh leid noh swarheit mäht haben, 
deone daz dir leid nit leid ist und dir liden uit liden ist, daz dir 
ellü ding ein luter frid sind, so ist dir reht in der warheit. Und 
daz ^'eschiht alles in der verlornheit des eigen willen ; wan sü werdent 
i« m in selb getriben mit einem jamrigen turste hin zii dem willen 
$ote« und siner gerehtikeit, und der wille gotes smakt in so wol 
nnd hein so vil gunlichi dar an, daz alles daz, daz got ober sü 
verbenget, daz ist in so lastlich, daz sü nit anders enwellen noh 
be^erent. Daz sol man nüt also versten, daz hie mite dem men- 
«chen sie abgesprochen biten und beten zft got, wan gotes wille ist, 
daz er wil gebeten werden ; es ist ze verstene nah dem ordenlichen 
Qs^ene der sinsheit in den willen der hohen gotheit, als geseit ist. 
Nu lit aber ein verborgne stoss hier inne, der mengen men- 
schen stössig machet, daz ist also: „wer weiss, *^ sprechent sü, „-ob 
^ gottes wille ist?" Lftg, got ist ein überweslichü sache, du einem 
ieklicheu ding inrlicher und gegenwürtiger ist, denne daz ding im 
Seiben sie, und wider dez willen kein ding mag beschehen noh bestan 
einen ogenblik. Dar umbe niüss den we sin, die alle zit wider 
gotes willen strebent und ire eigen willen gerne fürtin, ob sü möhtin ; 
die hein frid als in der helle, wan sü sind in betrübde und trurikeit 
alle zit. Aber da wider einem entplözten gemüte entwürt got und 
frid alle zit gegenwürteklich in den widerwertigen dingen als och 
in den wolgevallenden, wan er werlich da ist, der es alles tftt, der 
es alles ist: wie mag inen denne der lidend anblik svver sin, da 
nn innc got scheut, got vindent, gotes willen gebruchent und umb 
Jen iren willen nüt wüssentV Ich wil geswigen alles dez liehtrichen 
trostes und himelschen lustes, mit den got verborgenlicb sin lidendeu 
fruode dik uf enthaltet. Disü menschen sind neiswi reht als in dem 
biinelf42'^]rich; waz in geschiht ald nüt ^eschiht, waz got tut in 
^ allen sinen creaturen oder nüt tut, daz kumt in alles zti dem besten. 
Und alsas wirt dem menschen, der wol liden kan, sins lidens in der 
zit ein teil gelonet, wan er gewinnet frid und fröd in allen dingen, 
und na dem tod folget im daz ewig leben. Amen. 

2 leid [ist] M S siiulj si S 7 dur inne V IJ uidriil. fehlt M 
12 <lez sinsh. MA^ IB die inengeni K 14 daz ist fehlt s IG innorklich 
n- geg-enwürtig 3/ 21 f. und frid fehlt S 25 au ^ch^nt A 27 siner M 
28 ufeiithaltent K reht fehlt M 31 kau liden M :32 wol irel. idii 
ru il M ^ amen fehlt PM 

29 f. Jy. Bt-ftn, a,26. 



96 l-''>«'"" JSeuMs. Kiiii. XXXm. 



Zweiter Teil. 

Hie vahet an daz ander teil dis.s ersten büelies. 

XXXIIl. Kapitel. 
Ton dez.dieners geisehliclien toliter. 

Confide filia! Es was in den selben ziten dez dicuer». 
von dem geseit ist, ein geisehlichii tohtor bredier ordens in einem 
beschlossen kloster ze Tözze, du hiess Elsbet Staglin und hate 
einen vil heiligen wandel von ussnan und ein engelsehliches gemüt 
von innen. Der edle ker, den si nam zft gotc mit herzen und sele. 
was so kreftig, daz ir enpfielen alle üpig Sachen, da mit sich menger 
mensch sumet siner ewigen selikeit. Alle ir fliz waz stellen nah 
geischlieher lere, mit der si mShte gcwiset werden zu einem seligen 
volkomen lebene, dar na ellü ir begirde rang. Si screib au, wa ir 
ut lustliches werden mohte, daz si und endn'i menschen gefürdren 
mohte zti götlichen tugenden. Si tet als du gewirbigii binlü. du daz 
süss hong uss den menigvaltigen blnmen in tragent. 

2 IJhtr Schrift fehlt 1* »liss] (k'sz KM 7 tozze (eii weise radiert A 
tÖKse 'S' tose A' Irzze A^ Klihsibet ^S' Klsabet stcii^erliii A^ 11 steüent .V 
14 f. 7M irotl. tuy:. nach werdon mohte M <laz — L") mohte fehlt I* 15 dw 
si tet M reht als .s' H> (h.'n| «lein M 

5 Matth. Ity'j:^. 7 Tr»s>, Dowinikanfnnnenklostrr. ftiidtcestlich v^ 

Winterthur am J^lu.sfi Tötifi tjehf/cn j 1L*3'I mit Hilfe der Kyhurgtr Grtffcit 
(/ergründet, ff<lnnf/te l>ald zu grosser Blute und /rar ein Hauptsitz des myMi* 
scheu Lehens. Es irurde JöJu rom Züricher Hat aufyehohen und ist j*^ 
Fabrik. Von d-jr Literatur ist besonders b(. achtenswert G^reitftx Aufsatz t» 
Kath. Schwcizcrblätter 18(i0, 6.0 7/. 137 (K r/JO f. und H, Sulzer, Das Dointfw- 
kanerinnenkloster Töss . 1. Tnl: Geschichte. Mit i,? Tcxtillusiratianen uhi 
4 Tafeln, Zürich 1003, 4:^ S. 4" (— Mitteilungen der antiquarischen fifweft 
Sihaft in Zürich XX VI, :Jf. — Kl^hl•t]l Stairol oder Staglin, Seuses begabt 
geistliche Freundin, von der schon in der Vorride der Vita die Btde «tff 
stammt aus angesehener Züricher Familie (ihr Vater Rudolf fear JEUitsherrj 
trat wohl in d' " dreissiger Jahren des 14. Jh. zu Töss ein, lourde um 1337 m 



Leben Seuses. Kap. XXXIll. *)7 

In dem kloster, da ei wonete ander den sw&stran als ein gpiegel 
■Her engenden, do braht bi ztt mit item kranken übe ein vil gftt 
tth da ßtet an under andren dingen von den vergangnen heiligen 
fiftrm, wie seiklich die leptan und waz grosses Wunders got mit 
vnrkte, daz vil reizlicb ist ze nndabt gütberzigen menseben. 

Du selig tohter gewan kuntsami dez dieners der ewigen wis- 
it; zft dez leben und lere ward si von gote mit grossem audaht 
Iriben. Si zob im ns verborgenlicli die wise sines dnrpruchca zfl 
e und screib es an, als es da vor und hie na stet geHcbrihen, 

In irem ersten anevnug wurden ir iiigetragen vun neiswem 

le und vemünttig sinne, die vil übcrewenk waren: von der blossen 

heit, von aller dingen nibtkeit, von sin selbs in daz [42'] nibt 

kssenheit, von aller bilden bildlosekeit und von derley sinnen, 

tnit sch&nen worten bedaht waren und dem menschen lust in 

Igen. Es lag aber etwas verborgen schaden da hinder einvaltigen 

anvabenden menschen, wan im gebrast alzemal noturitiges 

Iderscbatdes. daz man dii wort mohte hin und her ziehen nf geist 

nf natar, wie der mensch gemttt waz. Disü lere waz gut in 

Und kond im aber doch nit getün. Si screib dem diener, daz 

ir dar iune ze staten kerne und si nf den rebten weg wlsti. 

idoch bat si des vordren lustes in der selben lere gelikct und dar 

le meinde si, daz er grob lere underwegen liessi und ir von den 

Iren hoben sinnen etwas scbribi. 



1 n fehlt M 3 wt^.] vor geuanlen P 8 im] in M die iibigen 
kin« darbr. M 9 geechr. HlÄt M 11) f. von nniswi hoben n. vemfinf- 
I linneti P 12 in] Bin M 15 verborgens scbudena M 16 m<?iiBchen 
M ül erliicktt P gelitbet A' 23 bobcu fthlt AS 

I bekannt und »iarh am 1360 (naeh andern schon c. S3öO). Vgl, Sbertit: 
er II, X5—69.- F. Vetter, Ein MijsUherpaar des li. Jh. (E. Slagd und 
t), Baacl ISüä t = Offtuli. Vorträge gshalten in der Sthiceii VI, 12). Ihr 
l — siv ist die erste :^ehrißaletkrin Zürieht, vgl. Biic/Uold, Literatui-- 
Axhle der Schu-eit 11)93, :il3g. — sind ausser dem Grundxtoek von .Sr««M 
md der Sammlung seiner Brie/t (Gr Bßi) die oben eitcähnien Lehens- 
abungen der Schifestem von Töss, weicht tu den betten ProdukttTi dieser 
ig gehören und loohl sah/m vor i/irtm Sekannlieerden mit Seime begonnen 
1. Bit vor kurzem utarm nur Ausmge davon bei Sturer u. Greith 
Ü.- eine rolUt&niige krititche Aitsgahe ton F. Vetter erschien 1906 
"PeuUcht Teaie des Hittelaltert, iirsy. von der Preuss. Akademie Bd. VI). 
Vgl. Prolog der Viia [7, 6, ff.). 10 ff. Aus der Lehre Metgter Eck- 

ib't Seitte im futgtnden einer Irrß'ciirltn Kritik unlenrir/i.- cgi. auch 
k im Arehic II. 6:27 f. 

»•VI*. DvolKhe Sllllri[|«i. 7 



98 Leben Seuses. Kap. XXXIII. 

Der diener screib ir hin wider also: „gütü tohter, fragest diM 
mich von den hohen Sachen uss wunder, uf daz daz es dir bekan^ 
werd und daz du kunnist von dem geist wol reden, so han ich di^ 
schier dar us berihtet mit kurzen werten. Dez darfst du dich abe - 
nit vil fröwen, wan du mäht dur mit in einen schedlichen iergan^ 
komen. Rehtu selikeit lit nnt an schönen werten, si lit an gfite^ 
werken. Fragest du aber nah den dingen dur ein lebliches eirolgeK: 
so la die hohen fragen noch underwegen und nim sölich fragen h^ 
für, die dir gemesse sind. Du schinest noh ein jnngü angeüi^%| 
swöster, dar umbe dir und dinen glichen ist nüzzer ze wiissene roj» 
dem ersten begin, wie man sül an vahen, und von übigem lebeve 
und guten heiligen bilden, wie diser und der gotesfründ, die ocb 
einen götlichen anvang baten, wie sich die des ersten mit Gristffs 
leben und lidene fiptin, waz sü eblich erliddin und wie sü sich von 
innen und von ussnan hieltin, ob sä got dur süssekeit ald dur herti* H 
keit zugi, und wenn ald wie in d& bild ab vielin. Sich, da mit 
wirt ein anvahender mensch gereizet und gewiset, fürbaz in da2 
nehst ze komen, wie daz sie, daz got dis alles möhti dem menschen 
in einem ogenblik geben; daz pfligt er aber nit ze tüne, es mtai 
gemeinlich erstritten und [43'] ererbeit werden. ^ 

Du tohter screib im hin wider also: „min begird stat nät oft 
klugen werten, si stat na heiligem lebene, und daz han ich m&ty 
reht und redlich ze ervolgene, wie we daz iemer mag getfln, essi^ 
miden, es sie liden oder sterben oder waz daz ist, daz mich zft dein 
nehsten mag bringen; daz mftss volhertet werden. Und erzageo*'^ 
nüt ab miner kranken nature: was ir geturrent heissen, daz der 
natur we tut, daz getar ich ervolgen mit hilfe der götlichen kraft 
Vahent dez ersten an bi dem nidresten und wisent hin durch, ai^ I 
man ein junges schülerli dez ersten leret, daz zu der kintheit höre^ J 
und es aber und aber fürbaz wiset, unz es selber wirt ein meiste* 
der künsten. Ein einig bet Lan ich zu üch, der sond ir mich g^ 
weren dur got, dar umbe daz ich nit allein gewiset werde von icfc, ; 
mer daz ich och gesterket werde in aller widerwertikeit, du mir 



2 von — 3 werd fehlt A" 4 bedarfst M aber fthU M 7 l5^ ] 

liclies P 8 sol. [fragen] M 11 übigem] ubungeu M übingen P 14 ebd- j 

klich M 16 ald wie] ad wie A und wie M 17 ain vahender m. K ^ 
18 mohti fehlt S dem] den AA^ 24 liden . . . miden P 32 werd gewiset K 

8 geist; rgh oben 83, 14 ff, 18 daz nehst = die höchste Stuft der 

Vollkommenheit. 



i 



Leben Seuaes. Kap. SXXI\'. yg 

me begegnen mag." Erfraget, waz du bet weri. Si sprach: 
glerr, ich hau gehöret sageu, daz der pellicanuB solicher natur sie, 
dkt er in sich selben bisset and einü jungi'i kind in dem neste von 
referlicher minne mit sineiii eigen blöt spiset. Aeh herr, und da 

D mm ich, daz ir ze glicher wise also mir, üwerm taratigen kinde, 
tä^eot lind mit geischlicher spisc üwer gflter lere fhrent, und nit ze 
verr Bitchent. denn daz ir üch selb nahe grifent; wan so es üh ie 
neher ist gewesen iu usgewürktcr wise, bo es ie enpfenklicher ist 
miner begingen sele," 

ü Der diener scraib ir hin wider also: „du zogtest mir nu kürz- 

lich neiswaz äberswenker sinnen, die du dir seih batest UBgelesen 
iiis der susf>en lere dez heiligen maister Eghards, daz du, als 
billich ist, so zärtlich handledest; und bin in grossem wunder, daz 
da na so cdelni tränke dez hohen meisters dich als turstig erzögest 

lUnn des klainen dieners grobem trank. Aber so ich es reht an sibe, 
» !pür ich mit frödcn diu grossen wizze iu der »ach, daz du als 
gwirhig bist mit frageu, wie der erst anvaug sie eins hohen siebern 
ItbenB. ald mit welen Übungen ein mensch dez ersten sül dnr zfl 



XXXIV. Kapitel. 

Ton dem ersten begin eins anvahenden menschen. 

.Der anvang eins heiligen lebens, tohter, der ist misslich: ainer 
MS, der ander [43''] so. Aber dem anvang, dem du na fragest, 
Ton dem wil ich dir sagen. Ich weiss einen menschen in Cristo, 
jd der an vieng, do rumde er des ersten siuer gewiisni mit einer 
toen bihte und waz do alle Bin flizz, wie er der biht reht getete, 
W er alle siu missetat einem wolbescbeiden bihter für leti, dar 
nbe daz er von dem bihter, der au gotee stat da sizzet, daz er 
H dem Inter und rein giengi und im alle ein sAnd vergeben wenn, 

2 pellic] veaix (!) IH 3 in dem neste fMl M 4 veterl.] natur- 
ki M 6 [also] mir tugent als üw. t. k. .S e üwer] imd P 7 ir) 
I M 10 wider) wiher A 10 f. kürzlich felilt M U uaiaweiin M 
il»inen ffhlt K 18 erster A dur zn] sB dir SA'- 29 werdent S 

2 ff. Vgl. F. Lauehei-i. Gesch. de3 Phytiologna ItiBS, 8, 170, 211 ; Knnrad 
I Megtnberg, Buch der Natur td. P/äffer 310 .■ der r^Schwanviälder Fredigtr'- 
.Jh.) bei GrüthaUr, DeiiUche Predigte I (lS4i>, 106. 25 Vgl oben 

p. IS (43,13 f.). 



100 Leben Seuses. Kap. XXXIV. 

als Marien Magdalenun beschati, do si Cristas mit niwig-ezz 
herzen und weinenden ogen sin götlich ffiss wasch, und ir got a//e 
ir s&nd vergab. Daz waz des selben menschen erster SLUvang 
zft gote.* 

Dis bilde nam du tohter vil eben in ir herze, und wolt im : 
geswind genüg sin and viel mit begirde dar uf, daz ir der selb 
diener dar zu der best weri, daz si ime ir biht teti, und meinde 
och dar inne, daz si von der biht wegen sin geischlichu tohter 
wurdi und im dest baz in götlichen trnwen bevoln weri. Nu lageD 
die Sachen also, daz du bihte nit moht mit worten bescheheu. Do ]i 
nam si alles ir leben her für, daz in der warheit rein und later 
waz, und wa si sich ie hate nach irem sinne verschuldet, daz screib 
si an an ein gross wehsin tavel, und sand im die also beschlossen und 
bat in, daz er ir aplass sprechi über ir sünde. Do er die bifattavel 
US gelass, do stund ze hindrest dar an also : „min gnediger berr, U 
nu vall ich sündiger mensch für üwer füsse und bit üch, daz ir mit 
üwerm minnerichem herzen mich widerbringent in daz götlich herz, 
und daz ich üwer kind heisse in zit und in ewikeit." Ab der tohter 
wolgetrüwendem andaht ward er herzklich bewegt und kerte sich it 
gote und sprach also: „erbarmherziger got, waz sol ich, diu diener, a 
hier zu sprechen? Sol ich si von mir stossen? Herr, daz möbti ich 
einem hündlin nit getfin; herr, teti ich daz, daz stündi vil übt dir, 
minem herren, übel. Si sucht die richheit dez herren in sinem knehte. 
Eya, zarter herr mine, nu vall ich mit ir für din tugenthajQFten fusse, 
milter got, und bite dich, daz du si erhörest. Lasse si gemessen S 
ire göten globeu, ire herzklichen getrüwens, wan si scriet ins n«. 
Wie tete du der heidinn? Ach miltes herz, lug, din grundlosü milte- 
keit ist uns als herzklich vil gerümet, und weri es noh vil me, dn 
soltist es vergeben. [44'] Eya, miltü miltekeit, ker dinü miltü ogen 
zft ir, sprich ein einiges w6rtli zft ir, sprich also: Confide fili«. ^ 



2 und mit M 5 eben war ^S' 8 j^eischl.] gotliche A' 13 an H 
MA^ 14 er [ir] 31 sünde] schulde .S' 19 liertzenandaht K 21 berr 
fehlt M 29 vil miltü m. M 30 und sprich e. e. trostlichz w. M 

1 ff. Luk. r, 37 ff. 46. 10 Elsheth ^Slagtl war zu Töss, Seuse iwAf 

scheinlich in Konstanz. 13 Wachsiafdn wurden im Mittelalter noch lon^ 

namentlich für Niederschrifitn von rorii hergehender Bedeutung^ mitunter awk 
zu Briefen verwendet : vgl. Wattenbachy Das Schriftwesen im MittMUer • 1H96, 
81 ff.: Michael j Gesch. des deutschen Volkes III (19()3), 3 f. 26 f. VpL 

Matth. 15, 2:dff. die Erzählung vom kananäischen Weibe. 80 f. MaUh. 9^3, 



Leben Seuse». Kup. XXXIV. 101 

iei loa te salTam fecit, din gAte glob bat dich behalten, und 
gtet an miner slat, wan ich han da?, min getan und han ir 
iränschet ganzen apIas aller ir sunden." 

Er echraih ir bi dem seihen boten hin wider also: „daz du 

ert hast von gote dur den diener, daz int bescheheu, und solt 

Ben, daz ea im alles Torhiii von gnt erzöget ward. Dez selben 

genB frb waz er nah sineiu gebete nider gesessen in ein stilles 

U, und in einr Vergangenheit der ussren sinnen was im vor vil 

gütlichen togni. Under dem andern ward im nfiswi ingelühtet, 

got die engelschliehen nature heti gesondert in iie fÖrmilicher 

B, und wie er iektichem also sin sunderlichen eigenschaft nah 

iderlicrher ordenlicher nsgescheidenheit heti gehen, daz er nit kan 

Ir&rtea, Do er ein gi^t wili mit den engelseh liehen junglingen 

■iBch ktirzwil hat gehabt und im sin gemüte fr&lich wa/, von 

öberflössigcn wunder, daz ein sele befunden hate, do waz im 

in der selben gesihte, wie du kemist in gende für in stan, da er 

under dem engeischlicben gcsinde, und mit grossem ernst knü- 

iBt du nider Tür in und neigtast din antUit eben uf sin herz, und 

iwetast also mit dinem geneigten antlüt nf sinem her/en ein gut 

I, daz ea die bistenden engel an sahen. Also nam der brfider 

ider sh diner getiirBtekeit, und doch do stand es dir als heilklich 

t, daz er es dir gütlich gestatet. Waz dir da uf dem eilenden 

tn Benei;:ct der himelsch vater gnaden teti, daz weist du vil 

und man sah es an dir; wan nah einer gOten wile rihtest du 

of, — do ward din antlüt so frÖlich und so gnadenricli gestalt, 

man es knntlich bmfen molite, daz dir got neiswas sunder 

len hat getan und noh tun wil dur daz selb herze, also daz got 

von gelupt und du getröstet wirst." 



:i »und ,W B es] et K IT inut^Iud M 19 sinetu) ditiem A' 
fihietesi S 

S Satse ImI dif Beicht gam kontkt nicht tilg nakramentah aufyfj'iis^t, 
lJ(n« nur alt eint Art „ fi«ieinacnartehennchafl~ (Deriifli: 149 A. S) : er tenitt 
' darum nicht die Abtolution, tondtrn lOOiucKt sie nur. Einem abtrt&eaden 
*»((r trhriftlieh ea btiehtta hat Thomas x'On Aquin vtntrteüt (S. Th. Suppl. 
*n- 3i und Pa/itl Rhmima VIII IfSOS als itii(fäüig veneor/m (Denmager, 
Mirfii'an symhottrmn " JH99 n. 9ii2i : cgi. Schant, Snkramtntenlrhre 16$3, Sdä, 
Wff. A'acA der Lehre des Ttiomna von A^uin (a: Th. I q. t 
«hart 276. 3.>/.V bildet jedes KnstlinäiiidtMiin zugleich i 
Wm.- vgl. Seheehe», Handbuch du- kalh. D"ijmnlik II (igf 
^'k im Atvhie II, 437 A. 1. 




102 



Leben Sensen. Kap. XXXIV. 



Dez selben glich etwas begcfaah do och einer g&llicheo pera^ 
M waz ein edlii jungfrow uf einer bürg und hiesa Anna, und w 
och alles ir leben ein luter liden. Mit der wurkte got eiuü gr&a) 
wunder von jagent uf unz an ir tod. E daz du [44*] den dieM( 
erkandi ald von im ie iit heti gehöret, do si ainest an ir andsa 
verznket way., do eah sie, wie in dem himelschen hofe die heilige^ 
got schowent und lobent. Do begert si von irem lieben her 
boten sant Johanseii, zu dem si Bunder gnad bäte, daz er irbi 
horte, Do sprach er vil gütlich zfl ire: „ich wil dir geben ein gflt 
bihter an miner etat, dem bat got ganzen gewalt über dich gebi 
and er kan dich wol tr&sten in dinem manigvaltigen lidene. 
fraget in, wer der weri, ald wa, ald wie er hiessi. Des ward 
alles von im bewieet. Si dankte got nnd bftb sich mornent (td 
und kern hin zu dem kloster, da si hin von gote gewiset waz, d 
fraget im na. Er kam zft ir an die port und fraget si, waz ir sacbd 
werin. Si hflh an und seile und bihtet ime, und do er horte di 
götlichen botschaft, do liess er es zti gan nnd rihte si us. 

Dil selb heiligü tohter seit ime, daz ei eins males heti gesebei 
in dem geiste einen schönen rosbom wol gezieret mit roten rosM 
und uf dem i-osbome erschein daz kindli JESUS mit einem rot 
i'osensehapelin. Under dem rosbom sah si sizzen den diener. 0* 
ktndli brach der rosen vil abe und warf si denne uf den dieaa 
daz er zemal mit roten rosen bczetet ward, Do si daz kindli fragil 
waz die rosen bezeichetin, do sprach es: „die "mengi dero rosen 
sind dli mengvaltigü liden, du im got wil zA senden, da er frilutlid 
TOD got Bol enphahen und sü gedulteklich liden." 

1 beschacb im do M tod aioer g. p. MA' geistlicihen P 
im nach heti M 7 irem] öuserm Ä^ 7 f. und boten fehh M 10 f. gtM 
Aber dich and der U 12 der] er SP U [hin] v. gote M 20 dem n 
rosbom 0) ^ 20 f. roterrosen sah. A rotröseliii seh. P 26 «ü g«t . 
zfi fefdl K 

8 I}i« hier ffertanntt Anna üit woM idtntiedt inii dtr in Kap, 10 i4iM 
aber venchieäeti ton der in Kap. 22 u. 37 efwä/tnte". Die Wot/tnbäUlrr . 
Bl. Gl', die trete liruchauegaiif vnn I4ti3 Bl. öSf und die timlt von I 
Bl. 4ii'' haben hier ci» kleinen Bild: Anna in der Burg betend. — Die bä 
bei Seu»e vorknmmendtn Anna xind wohl nicht sa idenlifiiitriH mit der in ä 
Brief Ueinriclia mn KUrdlingeH iLII, 611 vom Jährt lSi8l4H genanntem Od 
/rmndia Aniut tu Bauet: cgi. Sti-auch, Marg. Ebner 389. 

8 Der Apostel Johanne» war dtr berorsuglr Heilige in den mygtim 
Kreisen, htsonder» der NonnenklSeler, aber auch im Dominitiantrordm i 
haitpt. vgl. Greilh 332 ff. 403: Strauch, Marg. Ebner 292. 



r 



Leben Seiisest. Knp. XXXV. 



XXXV. Kapitel, 



fu den ersteu liildea und Iure eins anvahenden uienscheu, 
I and w!e sin ubun^'e son »n mit beseheidenheit. 

Do der diener des ersten an gevie nud sieh mit liihte giidg 
de gelntert, <Io machet er änr na im selb mit gedeuEien drie kreiEs, 
(der die er sich in geiechlich hüt bäte beschlossen. Der erst 
'am waz sin celle, sin capell und der kor; wenn er in disem 
des was, 80 dahte in, er weri in giUcr Sicherheit. Der ander Itreiss 
IS daz kloster alles ane allein du port. Der drit und der i 
IE dn porte, und hie bedorft er guter hfitnnst. So er uss disen 
b kreissen kam, so duht in, im weri als einem [45'] wilden 
riin, daz QBser sinem loch ist und mit gejegdo nmbgeben ist, so 
tJarT es gftter listen mit sin selbes faftte. 

Er hat im och do in sinem anvang ein heinlich stat. ein capell 
f erwclet, da er siuem andaht nah bildricher wise möhti gnög 
i .Sonderlich hat er im in siner Jugend heissen gemalet an ein 
hnit die ewige wisheit, du himel und erd in ir gewalt hat, und 
9 ei in minneklicher Schönheit und licplicher gestalt übertrifet aller 
Mtoren Schönheit, dar umbe er sj do in siner blanden jugent im 
Iben ze einem liep bäte us erkoren. Daz miuneklich bilde fQrt er 
b ime, die wii er ze schfti für, und säst es für sich in siner celle 
RBter und bükt es au lieplich mit herzklicher begirde. Er braht 
1 wider hein mid verwurkt es in die capell mit minneklicher 
nnange. 

j Waz aber endrü sinü bild do wenn uab inrem gegenwurf, als 
im und andren anvahenden menschen zil gehöret, daz mag man 

f 

I 5 im dar nach FM selb fehlt M 10 f. diaen kraiaen allen drien M 
Hin SIS 14 im Hell) M lü in sinen jungtn tagen .b' malen SPA^ 
Ut in ir g. M 18 liplicher S 19 sl fehlt M 21 a<.lmlcn P le 

Weh Jtf 26 anrah. fMt M 

f li capetl, «gl. obtn 17,1Ö. 60,1. 16 fl'. \ yl das Bild dti ewigm 

WUit uad die dazu gehSrigen Üpriicht vor dem Prolog den Lxtmplart, 
titr Gemahltchafl der eicigsn Weis/ieä handtit das dritte Kap u. Hör. 
C 21 Seitte Kurde um 13ä4 an dan GtneraMudMim df llomini- 

w nach KSln gtsehicM, iro tr Schüler Kckh<irta irar [Vyl. Kap. 4U und 



t 



J 



104 Leben Seuses. Kap. XXXV. 

merken an den gemaleten bilden und guten Sprüchen der alten vet^ 
und dero spruch ist ein teil hie na geschriben^ als sü in der ea| 
sind entworfen, und die sprechent ze tütsch also: 

Der altvater sant Arsenius fragete den engel, waz er 8.5, 
tun, daz er behalten wurdi. Do sprach der engel: „du solt üiebei 
und solt swigen und dich ze rflw sezzen." 

Dar na in einer gesiht laz der engel dem diener ab der alt- 
veter bflch also : ein Ursprung aller selikeit ist, sich selb still hallen 
und in einikeit. 

Theodorus: Luterlich sich halten git me künsten denne vast ; 
studieren. 

Abbas Moyses: Sizze in diner celle, du sol dich ellü ding 
leren. — Halte dinen ussern menschen in stilheit und den inren in 
luterkeit. 

Abbas Johannes: Der visch usrent dem wasser und der] 
miinch ussrent dem kloster. 



4 Arsenius auch am Rande AS 8 seilikeit A 10 ff. die Namen steki» 
in ASPKMA^ rot am Rand odei' vor den betre finden Sprächen (deren Zuteilung 
in einigen Hss. mitunter unklar ist, in andern ieilweist ahxceicht) Theod. 
abbas AS 12 Moyses abbas AS 16 abbas fehlt AS 

1 ff. Die von Seuse öfters genannten und so hoch geschätzten f/fß' 
Hör. 41y 45, 116 f., lo'J, 172 ff,) altveter sind die Anachoreten der Wiiste, D«' 
AltiHiterhuch (Vitaii odvr Vitas pairuin) , ein aus verschiedenen Mönch*' 
geschichten von Athanasius, Hiernnymus, Palladius (Historia Lausiaca, ^^ 
die Ausgabe von C. Buller, Cambridge lyai-) und andei'n zusammengesett^^i 
nach und nach immer mehr anschwellendes Sammelwerk (Ausg. von H. H^' 
wet/dCf Anfwerp-n ItJlö ; bei Migne Patr. Lat. 7H u. 74), war eines der g^ 
lesensten Bücher in den Klöstern des Mittelalters (Seuse, Hör, 116 : collacioM* 
ac vitas patrum, quas coiidi ; legis ac relegis), irurde frühe gedruckt (t^- 
y. Falk, Die Drnckkunst im Dienst der Kirche 1^79, 36, 86) und in Üler- 
Setzungen und Auszügen weit verbreitet (poetische Bearbeitufig des 13, Jh. hrf§' 
von Franke IbiSo, 1. Heft : Prosaauseug in mitiddeutschem Dialekt hmg, po» 
Palm, lAt. Verein 7:* [1863], in alemannischer Mundart fc. 1350J von iVct«^ 
in Zfdph wo:», 371ff.>. Seuse hat seine ASprüche aus den Verba seniomt» 
(apnphthegmata 2>alrum), bei Rosweyde in lib. III, V — VII, gesammelt, DoM 
AUvnterhuch galt ihm als „nucleus totius perfectiotiis"* (Hör. 175) und du 
Ahtöfungen der Anachoreten sind ihm bis ins einzelne vorbildlich gevtsen 
7 t'. JJnr. 17:J f. berichtet Seuse von einer Vision, wie ihm ein Kngel an 
den Vitae patrum vorlas: fons et origo omnium bonorum hatnini ifpirituai 
est, in cella jugiter commorari (cgi. Migne, Patr. Lat. 73, 801 und H«tr, 17$ 
fUge, tace, tjuicsa: haec sunt principia salutis). 



Lehen SeusM. Kap. XXX^^ 105 

ADtoniDs: Liplichfi kestuug und herzenaitdaht iiod von deii 
ilfD fliehen gebirt künschkeit. — Du sott enkein kleid tragen, an 
>m man äpkeit miig merken. — Der eret Btrit eins anvahenden 
mcben ist, sich wider frassbeit kechlich sezzen. 

Pastor: Da ensolt mit keinem menschen zürnen, nnz er dir 
dlp din rehtes oge ns brechen. 

Isidorns: Ein zorniger menBcli ist gote missvellig. wie ^rossü 
liehen er tftt. 

[45*] Ipericiug: Es ist minr HÜnde llergch eseeu, so es ze 
liilen weri, denn sinen nehsteu hinderklafen, 

l'yor: Es ist gar bos, frömd gebresten her für netnen und 
rigcn gebresten ze rnggen Blossen. 

Zacharias; üb niügg ein mensch gross verachmeht liden, sol 
fni iemer reht beschehen. 

Sestor; Da mflst vor ze einem esel werden, sottu götlich wis- 
it besizzeD. 

Seuex: Du solt unbeweglich in lieb und in leid stan, als der 
Wen beiD tut. 

Heltas: Blaichü vanve nnd ein verzerter iip und demütiger 
*au(1el zierent wol einen geiscblicben menschen. 

Hilarion: Wan sol einem ze geilen rosse und einem un- 
k*iL<cliem übe sinee ffiters ab brechen. 

Senex. Ein vater sprach: tu hin von mir den win, wan ein 
W der gele lit dar inne verborgen. 

Pastor: Der ward nie ein geischlicher mensch, der sieb noh 
%et nnd an zorne und undergene und vilrede sich nob nit kan 
ItliSBen. 

Cassianus: Als sich der sterbend Cristus an dem iTÜze be~ 
<i)te. dar nah sol unsrü bewisungc gebildet sin. 

Antonius sprach zQ einem bnlder: mensch, hilf dir selb, 
Bder« weder ich noch got wen dir niemer gehelfen. 

Arsenins. Ein frowe bat einen alten vater, der er ir gedehti 
i got; do sprach er: „ich bit got, daz er din bild nsser minem 
(raen verdiige." 



l luud] von sM 2 ensolt Win P 6 aoU M 11 prior SP 

Ziich:miis K venichiuii'chait M 15 Holtii du A 18 beiii] kein i!| M 

B.vlsrius K '26 [und] von vilr. M 27 lassen M ao sprach — brader 
k K zä einem inenscheu uime brdder S 

17 Senei !ifdc«(t( eintn mit Nnmm iikhl litkiiuntfii, AltvaUr. 



106 Leben Seuses. Kap. XXXV. 

Macharius: Ich tftn minem übe vil hertekeit au, wan 
von ime vil anvehtung haD. 

Johanne 8. Ein vater sprach: ich behüb minen willen . 
nob gelerte nie mit worten^ daz ich selb nit tet mit werken. 

Senex: Vil schöner worten ane werk ist üpig als der hon 
der vil lobes treit ane frucht. 

Nilns: Swer bi der weit vil mfiss wandeln, der mflss oel 
meng wunden enpfahen. 

Senex: Mögest du nit anders tftn, so solt du dur got dinei 
Celle hüten. 

Ipericius: Der sich kunscbklich haltet, der wird hie geerel 
und von got gekrönet. 

Apolloniu8:Du solt dem anvang widerstan und dem schlangei; 
sins hoptes varen. 

Agathon. Ein vater sprach: ich han drä jar einen stein in 
minem mund [46'] getragen, daz ich gelerneti swigen. 

Arsenius: Mich hat dik geriiwen reden, aber swigen gerovi 
mich nie. 

Senex. Ein junger fragte einen altvater, wie lang er swigen 
sölte; do sprach er: „unz daz man dich frage. "" 

Sancta Syncletices: Wirst du siech, dez fröw dich, wan 
got hat an dich gedaht ; wirst du krank, daz gib nüt dinem vastene, 
wan die nut vastend, die werdent och siech ; wirst du geubet mit dez 
libes anvehtunge, fröw dich, daz ein andre Paulus mag uss dir werden. 

Nestorius. Ein gftte brAder sprach: d& sunne überscbelD 
mich nie essende. 

Johannes. Der ander sprach: noch mich zärnende. 

Antonius: Die gröst tugent ist: mass kunnen haben in allei) 
dingen. 

Paphuucius: Es hilfet nüt wol an vahen, wan bring es denn 
zh ainem guten ende. 

Abbas Moyses: Waz dich eines Intern gemütes mag ent 
sezzen, daz solt du miden, wie gut es schinet. 

Cassianus: Ellü vollkomenheit endet da, wenn du sele mi 
allen iren krcften ist ingenomen in daz einig ein, daz got ist. 

7 yiim fehh K vil miiss] wil müssig M 20 daz fehlt FM 21 sii 
ch'c'ic» S sinclerices K aiiklendcs (!) M 24 U8 dir mnge P 30 Pafnncii 
APA' l»nfriiiciu8 M, fehlt K 32 abbas Moyses /<-/</< iL 

21 Dir Xame. lautet sonst JSyncltiica {Mujnc, Patr, Lot, ?Jf ttyö u. 6 
24 Vyl. 11 Kor. 12, 7ff. 



Leben Seuses. Kap. XXXV. lOT 

Disü bild und lere der alten veter sante der diener siner geisch- 
lichen tohter, and ei nam es in sich und kerte es uf den weg, daz. 
er meinde da mite, daz si nah der alten veter strenger wise Iren 
lip oh mit grosser kestgnng s51ti üben, und vie an, ir selben ab ze 
5 brechene und sich ze pingen mit herinen hemdem und mit seiln und 
gmlichen banden, mit scharpfen isninen nageln und dez gelieh vil. 

Do der diener dez innen ward, do enbot er ir also: „liebü 
tohter, wilt du din geischliches leben nah miner lere rihten, als du 
es an mich hast gevordret, so lasse sölich übrig strenkheit under- 

W wegen, wan es diner fröwlichen krankheit und wol geordneten nature 
nit zu gehöret. Der lieb Cristus sprach nüt: ^nement min krüz uf 
ich," er sprach: „ieder mensch neme sin krüz uf sich!" Du solt 
nit an sehen ze ervolgen der alten veter strenkheit noh die hcrten 
ubonge dines geischlichen vaters, du solt usser dem allen dir selb- 

^ och ein vabt nemen, daz du wol niugest erzügen mit dinem kranken 
übe, daz du Untugend in dir sterbe und mit dem libe lang lebest. 
Daz ist ein wirigü ubunge und ist dir daz beste.** 

Si begerte von im ze wüssene, war umbe er so streng [46^] 
ibnng heti gehabt, und er daz selb weder ir noh andren menschen 

'OwSlti raten. Do wiste er si uf die heiligen scrift und sprach also: 
»man vindet gescriben, daz hie vor under den alten vetern ire etlicb 
^in nnmenschlich und ungeloblich strenges leben fürten, daz ze disen 
Diwen ziten etlichen weichen menschen ein grüwel ist allein dur 
von hören sagen; und merkent nit, waz inbrünstiger ernst erzügen 

* 'öag mit g6tlicher kraft ze tun und ze lidene dur got. Einem s6- 
licben inbrünstigen menschen werdent ellü unmüglichü ding müglicb 
2e?olbringen in gote, als David seite, er w61te mit gotes hilf dur 
ein gantz mur dringen. Es stat och an der altvater buch gescriben^ 
<laz ire etlich in selber solich gross strenkheit nit an taten, die doch 
baide uf ainem zil enden wolten. Sant Peter und sant Johann 



5 f. und mit grül. b. PK 6 ist vil S 12 mensch] man S 15 wol 
eAit K 17 wlirdige F 19 und daz er daz h. M 23 grül M 25 ainen K 

12 Matth. 16,24. 20 Hier wie oft hat d-.r Ausdruck: (heilige) Schrift 

racra scriptura oder pagina) eine viel weitere Bedeutung als jetzt und he- 
lichntt die Väterlthre oder die theologische Wissenschaft überhaupt : vgl, 
\ Velder^ Geschichte der wissenschaftlichen Studien im Franziskanerorden bis 
n düf Mitte des 13. Jh. 1904 y 493 ff. : Michael, Geschichte des deutschen 
olkes III (1903), 48 A.1: Schönbach, Über Hartmann von Aue 1894, 192 f.. 
26 f. Vgl Phil. 4,13. 27 Ps. 17, oO. 



108 Leben Seuses. Kap. XXXV. 

wurden ungelich gezogen. Wer kan nu daz wunder alles us gerich 
denn daz der herr, der ein wundrer ist in sinen frunden, und ci 
von siner grossen herschaft wegen mit mengerley wisen wil gelop^ 
werden? Dar zu sien wir och ungelich genaturt: daz eines mengcbei? 
gute fug ist, daz füget dem andern niht. Dar umb sei man nAt dar 
fär haben, ob vil liht ein mensch sölich strenkheit nit hat gehabt, 
daz er dar umbe gehindert werd, daz er zfi dem nehsten nit mig 
komen. Den selben weichen menschen sind och solich streng übuDgen 
in andern nit ze verwerfen noch in arger wise ze urteilen; lüge 
allein ieder mensch zfi im selb und merk, waz got von im well, und ] 
sie dem gnfig und lasse ellfi endrü ding beliben. Gemeinlich ze 
sprechen so ist vil bessrer bescheiden strenkheit füren denn unbe- 
scheiden. Wan aber daz mitel mülich ist ze findene, so ist doch 
weger enklein dar under ze bliben, denn sich ze vil hin über wagen; 
wan es geschiht dik, so man der natur ze vil unordenlich ab] 
prichet, daz man ir och dur na ze vil mftss unordenlich wider geben, 
wie daz sie, daz sich hier inne menger grosser heilig bab fiberseben 
von inbrünstigem ernste. Sölich strenges leben und dfi bild, von den 
geseit ist, mugen den menschen nüzz sin, die sich selber ze zait 
habcnt und ire widerspenigen natur uf [47'] ire ewigen schaden zcl 
mütwilleklich bruchent; daz höret aber dir und dinen glichen nitxi 
Gott der hat mengerley crüzze, mit den er sin fründ kestget. Ich 
versieh mich dez, daz dir got einer anderley krüz well uf dinen 
ruggen stossen, daz dir noh pinlicher wirt, denn semlichü kestgnng 
sie; daz krüz enpfah gedulteklich, so es dir kome!" 



1 erzogen M 3 gelopt] geübt A^ 7 dem] den M 9 in andern 
menschen nit ze werfent M 11 f. am Randv Benil)ardus AK 12 besser SM 
ze füren K 13 am Bande In collationibus patrum AK mitel] miden K 
16 ze vil och fdur na] M unord. mos PM 20 wider spenigung A' 22 mit 
den] da mit M 24 Holiche A' 

2 Ps. ü7,3fi. 11 ft". Y'ffL Hern., sermo 3 in circumcis. n. 11: hoc 
rytßo timendam eat ti, qni iania ddectatione (Sc. in devotionis grntia) omniä 
facit, ne, dum sequiiur offictionemj corpus destruat per immoderatam w^fci» 
iationemj ac diinde ntccsae haheatj non sine magno spiritualia exerciiii däri' 
mtntOy circa debilitati curam corporis occtipari. Knjo .... necesse est lumiM 
discretionis . . . ; haec nimirum docet, ne quid nimis. Vgl. auch GuigOj Ep. « 
fratres de Monte Da I, 11 (inter, opp. S. Bern., Venet, 1781 ^ 111,191) 

IB ff. Joh. Cass. , CoUaiioncs Patrum II, 16. 17 iSfuae selbst htgi»{ 

diesen l^\'kler (vgl. Kap. 18 Schluss). wie ror ihm auch d$r ?d. Btmhat 
( Vacandard. Vie de S. Bernard, 1 / 1695] 45 Jf.), Franz von Assiifi, Mechthü 
von Magdeburg (ed. Gull. Morel 94 f.) n. a. 




Lebeu Seiiaes. Kap, XXXVI. JOy- 

Dar nah, do nit vil zites bin kont, do greif got die geiscblich 
Her an mit laii^wirigem giechtagen, daz eic wart an dem libe ein 
Weche dürftig unz an ir tod. Si enbot inie, wie es ir ergangen waz. 
als er ir vor bäte geseit. Er screib ir hin wider also; „liehü tobter, 
^t der bat nüt allein dicb dur mit getrofen, er hat och mich io dir 
^lezzet. wan ich nieman me Lab, der mir mit sölicbem üisBe und 
gitliclien trfin'en beiialfen sie minü bneblu ze volbringen, als du tet, 
die wil du gesund werd. Hier umbe bat der diener got getrüwÜcb 
aber dich. ni6bti es sin wille sin, daz er dir denne gesuntbeit gebi. 
Und do in got nit wolte bald erhören, do zurede er mit got eines 
f[iiotbcb«s zärnens und meinde, er enwölte von dem minneklicben 
!."ole nit tne bücLlü maclien und wulti ocb sinen gewonlicben morgen- 
grti nnderwegen lassen von unmftt, ob er dich nit wider gesund 
maebeti. Do er also in der uurüw eines herzen nider gesass in der 
kB|ie|] nah siner gewonljeit, do entsunken im naiswi die sinne und 
riuclil in, es kemi ein engelseblichü schar bin in für in in die kapell; 
die gangen im ze tröste ein bimelscbes gesang, wan sü in do in der 
■elben zit in snndern lideu wüsten, und fragten in, war umb er als 
tnuklich gebareti und nüt mit in ocb sunge. Do verjab er in sin 
Monlenlich entrihtunge, die er gen dem lieben got bäte, daz er in 
in der bete diner ge-snntbeit nit hat erhöret. Do mcinden sü, er 
w'ilte ab lassen und sölti nit also tftn, wan got heti den siechtagen 
über dich verhenget dur daz aller beste, und daz sülte din kröz sin 
io diaer zit, da mit du soltist erwerben gross gnad hie nnd manig- 
^tlügen lun in dem himelrich. Dar umbe bis gedultig, tobter minü, 
BBd nim es iif allein als ein friintlich gäbe von dem minneklicben 
.gMe." 

XXXVI. Kapitel. 
[4T'] Ton kiutlichem andaht eins jaugeu anvahenden 



Disu siechü getscbüchü tobter bat einest den liiener, do er dar 
Waz komen und st gesehen wolte in ire krankbeit, daz er ir etwaz 

3 «ieche «Ifirre dfirftige A' B gestinffel 1' 10 linld /rhll M 1 1 zumes S 

SM H machen K '20 daz] do 31 20f. in [in] JfMA' 31 disfl] diu S 

6 (f. Hitr igt wohl nicht die 'J'eiinahmf uu lUr Abfassung der Vita und 

S^ßr Sr/b, sofultrn dae Ahnchrtihtn und Vcrbreiltu den Bdtr u. Bdew ge- 

DU au» TSs» tlautmende Engelberger Hm. (ICr. 141) den Itltttrin Buch' 

H rielkichl vf Ehbeth aelbH geschriibtii. 'dl f. N<iek Tö's. 




110 Leben Seuses. Kap. XXX VI. 

Seite von götlichen dingen, da nit grossen ernst in trugin und doch 
einem götlichen geraüt lustlich wenn ze hören, und er seit ir von 
sinem kintlichem andaht und sprach also: 

Do der diener dennoch einen blünden möt hate in siner jugende, 
do hat er neiswi vil zites ein wise, so er erst geliess ze ader, daz 
er uf der selben stunde einen ker nam zu dem geminten gote nnder 
daz kruz, und böte sinen verwunten arm her für und sprach denne 
mit inneklichem süfzen: „ach herzeklicher fründ minr, gedenk, daz 
gewonlich ist, daz lieb ze lieb pfliget ze gene, so man gelassen hat 
unib gutes bl&t. Nu waist du, lieber herr, daz ich nit liebes denol 
'dich allein han ; dar umbe kum ich zu dir, daz du mir die wanden 
segnest und mir gfit bliU machest."^ 

In den selben ziten siner jugend, so er etwen hat geschorO; 
und dennoh sin antlät in schöner ufgezunter varwe waz, so gie er 
hin zfi dem schönen herren und sprach : ^ach zarter herr, wen min I 
^estalt und min mund als rösloht als aller roter rosen schin, dtf 
wölti din diener dir behalten und nieman andern geben; und svie 
^u allain daz herz an sihst und dez ussem nüt vil abtest, geiuinter 
faerr, so büt dir doch min herz ein minnezeicheU; daz ich dur mite 
zu dir und zfi nieman anders kere.^ i 

[48'] So er denn einen nüwen rok ald kapen an leite, so p^ 
er etwen hin dez ersten an sin gewonlich stat und bat den himd- 
sehen herren, der in dez kleides beraten hate, daz er im gl&kes und 
heiles dar in wnnschti und im hülfe, daz er es in sinem aller lieb- 
sten willen verschlissi. ^ 

Hie vor in siner kintheit hat er ein gewonheit: so der %c\M 
snmer kam und du zarten blümlü erst entsprungend, so enthielt er 
sich, daz er der blftmen nit wolte brechen noh handien nnz an dtf 
zit, daz er sin geischliches liep, die zarten geblümten röselochtee 
magd, gotes m fiter, dez ersten gemeindi mit sinen ersten blflmen. 
So es in zit duhte, so brach er der blumen mit mengem minnek* 
liehen gedanke und trfig sü in die celle und roachete ein schapel 
dar US, und gie hin in den kor ald in finser frowen kapeil nirf 



1 von geistlichen dingen oder gotlichen A^ 2 war M 8 herzlieberlf 
10 lieber S 16 und ni. inund fdilt M 24 dar in fehlt M 27 bloadi] 
blumen P ernst entspringent M 30 dez ersten fehlt 8 gemerndi A 
sinem MA^ 31 f. innekl. A' 82 e. minklich schapel M 

18 Vgl. I Kon. 10,7. 21 ff. Das Gläcktaünschen und Begcheiüm 

beim Tragen eines neuen Kkides ist noch jetzt in Schwaben VoiksgebraitA 



Leben Seuses. Kap. XXXVI. 1 1 1 

kDQwete fdr die lieben frowen demüteklicb^ und saste ir bilde daz 
minneklich schapel uf in der meinunge, wan si der aller schönst 
bifim were nnd daz si sines jungen herzen sumerwunne weri^ daz 
8i den ersten biAmen von ir diener nit versmabeti. 

5 Eins males do er die schönen also bäte gekrönet, do waz im 
vor in einer gesibt, daz der himel offen were, und sab die liebten 
enge! klar uf und ab varn in lichter wat. Also bort er daz aller 
sehonst gesang in dem bimelschen hofe von dem frölicben ingesinde, 
daz ie gehöret ward. Sü sungen sunderlich ein gesang von unser 

frowen, daz sprach als recht süzeklich, daz es sin sele von grosser 
Wollust zerfloste, und waz dem glich, daz man von ir singet an aller 
heiligen tage an der sequenci: lUic regina virginum, trans- 
cendens culmen ordinum etc., und ist der sin dez gesanges, 
wie du rein kungin obswebt in eren und wirdekeit allem bimelschen 

^ker. Er hfib och uf und sang mit dem bimelschen ingesinde; siner 
Kle bleib do vil bimlisches smakes und jamers na gote. 

Dar na einest do hat er ze ingendem meyen siner aller liepsten 
kimelschen frowen na gewonheit ein scbapel von rosen uf gesezzet 
nit grossem andabt, und dez selben morgens frü, won er neiswannen 

^kooien waz und müd waz, dez wolt er im selb gnügd an schlafen 
kan gestatet und [48''] wolt die jungfrowen ze der stund nit bau 
grazet. Also do es zit waz nah siner gewonheit und er uf solt stan, 
do waz im ze glicber wise, wie er were in einem himelscben köre, 
und da sang man den Magnificat gotes müter ze lobe. Do daz us 

'kam, do trat du jungfrow dort her für und gebot dem briuler, daz 
er an viengi den vers: vernalis rosula, daz sprichet: o du 
ines sumerlicbes röseli! Er gedabte, waz si da mite mcindi, und 
doch wolt er ir gehorsam sin und hüb an mit einem frölicben gemüte: 

Fernalis rosula, und zehand ire drie neis viere jungling des 



3 8. herzen jungü s. M 4 versniahen K 10 siizzeklich reht M 
^Äsin 8. 3f 11 zerfloss PM 12 sequentz M 16 himelsmakz M 20 dez] 
^ M gnfig ^'^t 22 gegrüzt SM 27 sumerroselin M 20 neis] ald K 
öw ir vier M 

12 f. lUic — ordinum, eucuset npud Dominum^ nostrorum lapsas crimi- 
I««, ist eine Strophe des Hymnus Supernat matris gaudia , repraesentet 
cclesia (von Adam von St. Viktor verfaast) : vgl. Chevalier , Repert. hymnolog. 
Vr. 19822 II, 626 f. (111,287): Mone , Lat. Hymnen 111,10: Daniel, Thes. 
ffmn. V, 109. 26 Sequenz über die Antiphon Alma redemptoris mater, 

fL Galt Mord, Lat. Hymnen des Mittelalters 1866, 129: Chevalier a. a. 0. 
r. 13879 II, 249. 



112 Leben Senses. Kap. XXXVI. 

himelschen ingesindes, daz in dem köre st&nd, viengen an n 
ze singen, dar na du ander schar ellu sament widerstritz, und s 
so wol gemütklich, daz es als susseklich erschal, als ob ellü s 
spil da erklungen; und den überschal mohte sin t&demlichü i 
nit lenger liden, und kam wider zu im selben. 

An dem nehsten tag nah unser frowen tag Assumptio, do 
im aber grössu fröd erzöget in dem himelschen hofe, und wolt 
nieman hin in dur zu lassen, der unwirdeklich dar kerne. D 
diener gern heti hin in gedrungen, do kom ein jungling und 
in mit der haut und sprach: „gesell, du hörest iez ze disen 
nit hin in; belieb hie usse, du bist in schulden, und müss vo 
missetat gebüzet werden, e daz du daz himelsch gesang n 
hören.** Und fftrt in neiswa hin einen krumben weg in ein 
under der erde, daz waz vinster und waz öde und jemerlich gi 
Er enkonde noh hin noh her komen als eine, der gevangen li 
er weder die sunnen noh den man mag gesehen. Diz tet in 
und vie an ze sftfzen und sich übel gehaben umb sin gevan^ 
Dar na schier do kom der jungling zu ime und fraget in, ^ 
möhti. Er sprach: „übel, übel!** Do seit im der jungling 
„wüssist, daz du obrest fürstin von himelrich ieze mit dir z 
umbe die schulde, dar umbe du och hie gevangen bisf Der d 
erschrak gar übel und sprach: „owe mir vil armen! waz ha 
wider si getan?" Er sprach: „do zürnet si, daz du als ungen 
ir brediest ze ire hohziten; und gester an [49'] irem grossem 1 
verseitest du diner meisterschaft, daz du nit weitest von ir brec 
Er sprach: „owe, gesell und herr mine, lüg, mich dunket, d 
als reht grosser eren werd sie, daz ich mich ze klein dar zu d 
und bevil es den alten und den wirdigen, da mich dunket, d 
wirdeklicher kunnin von ir bredien denn ich armer mensch." 
sprach der jungling: „wüssist, daz si es gern von dir hat, ur 
ir ein gencmer dienst von dir. Dar umb tu es nit me!" Der d 
vie an ze weinen und sprach zft dem jungling: „ach herzk] 



2 widerstrit SPMA'a 3 erhal S 5 lenger fehlt M 6 a.«' 
tionis Ka^ 9 e. gross jungling S begreif S 10 mit] bi 4^3/ 1; 
wi K 14 und waz jem. g. M 15 lit] ist. A^ 16 den sunnen 
man kS 19 übel und ü. 3/ 29 von ir k. S 

6 Also am 16, August. 15 In einem tiefen Burgverliese 

Lanzelot 1680: In einen turn er in warf^ Da er Kunnen noch defi mdnei 
(A, Schultz, Das höfische Lehm I- (IbSü), 44 f). 



Leben Seases. Kap. XSXM. HS 

, versün mir ea gen der reinen mftter, wan ich {;eloben dir 
piininer trflwe. daz es mir nit nie bescliilit." Der jungling lachete 
d tröste in gütlich und fhrt in usser der gevangnües wider hein 
i sprach : „ich han es an der himelfurBtin gütlichem antlüt und 
Wrteo. die si hat gen dir, geinerket, daz si wil, und hat iren zorn 
D dir ab gelan und wil ienier mftterlich trüwe gen dir han." 

Er hate do ein gewoaheit, so er iiss der celle hin ab gie ald 

n wider uf, daz er gewonlich sinen weg machete dur den kor fiir 

da; sacratnent, nnd gedaht also: swer einen herzklichen rrünt iene 

) nf KJner Strasse hat, der machet sinen weg gern enklcin dest lenger 

dnr eins lieplichen erkosene willen. 

Ein mensch begerte einer vasnaht von gote, wan er si von 
keiuer creatur haben wolte. Und in einer eutgangenheit siner sinnen 
in waz im vor, wie der lieb Cristus kemi in gentle in der gestalt, 
'alsdo er XXXjerig waz; und meinde, er wolte im sin begirde er- 
rüllen und ein himelsch vasnaht machen, und nam einen becher 
Mit wine in die band nnd bot in den drin menschen, du och da 
»ssen ob tische, einer nah der andren. Du erst seig da nider kraft- 
los, dö ander ward och enklein swach, aber du drit abtet sin niht. 
'l'ml seit im do den underscheid eins anvnhenden, zftnemenden und 
Tolkomen menseben, wie sich die misslich haltent in g6tlicber 
SDisekeit. 

Mit disem und derley gütlichen kosene nam da red ein ende. 
Si screib es alles an heinlich und sante es neiswa hin ze gehalten 
and ze verbergen in ein bescbloseen lade. Eins males do kom [49''] 
ein ^lü swester 7.h der, du es behalten bäte, und sprach also: ^eya, 
liebu swüster, waz hast da verborgens gütliches wanders in diner 
UdV L6g, mir waz hinaht vor in einem trome, daz ein Junger 
timelBeher knab stöude in diner lade, und hate der ein süsses seilen- 

tl ez mir M 7 am BamU NO bii 1= Xota Bemhardua) A 8 hiu w. 
■f Jtf 9 also fthh S 13 vergajigenlieit P cigeulieit A' 16 und üii K 
kn«) »»^ M 21 behalteu M 35 lade] laude S 26 di^ - liate ftlilt A'- 

^ia dur euiht M 

4f. AU ^langer, eicrer herre'-, ..aU er wae amb drieiig Jar" (d.h. cur 
■ öfffTttlichft WirkfumkeitJ truelieint Christas aw:h den myetiaehe» 
n Bngtltal, AdeXkaiuen, Ünlerlinden, Töa»; rgl E. Krebs, Die Myitik 
^Ftstgabe" für H. l'inke 1904) 93 A. 3. 




114 Leben Seuses. Kap. XXXVII. 

spil in sinen bandeD, daz man nemmet ein röbobli, und da macZi 
er nf geiscblich reyen, die waren als reislicb, daz menlicb dur vo, 
geiscblicben Inst und fröd nam. leb bit dich, gib es ber ns, da}. 
du bescblossen bast, daz wir endrü es oeb lesen." Si sweig und 
wolte ir nit dur von sagen, wan es ir waz verboten. 



XXXVII. Kapitel. 

Wie er üplgd menschen zu gote zoh nnd lidendü mensehen 

tröste. 

Es waz der diener einest lang zit gewesen, daz er siner geiscb- 
licben tobter nibtesnit bat enboten. Do screib si im einen brief, daz 
si wol bedürfte, daz er ir etwaz enbuti, da von ir lidendes berz er- 
lupfet wurdi, und spracb also: ein armer menscb nimet im selb 
ein tröstli dar ab, so er etlicbü noh ermr& menschen vor im sibt, 
denn er sie, und ein lidender menscb gewinnet ein gfit m&tli, so er 
höret, daz ander sin nabgebur in noh grösren nöten sind gewesen 
und in got dar us bat gebnlfen. 

Und screib ir also: dar nmbe, daz du dest gedultiger siest 
in dinem lidcne, so wil ich dir got ze lobe etwas von liden sagen, 
leb wüste einen menschen, uf den vielen von gotes verbengde ber- 
lichü liden an sinen färnemen zitlicben eren. Des selben menschen 
gutü begirde lag dar an alzemale, daz er got von ganzem grnnd 
sins herzen begerte minnen, und daz er daz selb minneklich liep 
allen menschen möbti wol gelieben und von aller ander Apiger 
minne ziehen; und daz gescbab ocb an vil personen, baidti mannen 
und frowen. Da er dem tüfel daz sin entfrömdet und es gote wider- 
brachte, daz mute den bösen geist übel, und erscbain guten menschen 
vor und trowte im, er wölte sieb an im reeben. 



1 rubobU M robobli A' roddel P 3 und frod fehlt M 4 leseBJ 

losen K 5 w. verborgen APKM verborgen waz S 10 n6t2 M niht 8 

11 dorfte K 16 geholfen hat M 20 zitl. fehlt A^ 23 f. üppiger ander 
m. M 26 einem guten m. S 

1 robobli (Lexei' II j 518: ruheblin) = Ruhehe , rebeü, rebec, orabM 

rebah^ eine kleine zweiaaitige Geige, Taschengeige, roddel (P) = rottt (Lern 

Ily 50y)f eine Art Zither oder Harfe, später identisch mit dem PsaUtriwm 

Vgl. 0. Fleischet' bei H. Faul, Grundriss der german, PhiloL III (1900), 572 f* 

A. Schutts, Das höfische Leben I'-, 654 f. 




Leben Seusea. Kaji. XXXVII. 115 

Sonderlich do kom er ainest zfi eiro kloster eins söliehen 
1, in dem die geischlicheti Iierren pflegent ir sunder wouuug 
liiu and die geischlicheu frowen ii* ordeDS och runder ze sine. In 
dem kloster da waren zwo geischlich und vil gewegen persooen, ein 
Man nnd ein frowe, an [öO'] einander verkleibet mit grosser rninne 
tnd Bt^bedlicber hainlichi; nnd daz hate der tiifel bedeket in ire 
laider blinden herzen, daz sü die missetat an sahen, ab ob es kein 
:ebre8t noli sind weri, und in von got weri getirlobet. Do der 
liener dea hainlioh gefraget ward, ob es also nii'ihti bestan in golee 
riiien in der warheit, do sprach er: „nein, mit nihtö!" und seit in, 
laz daz liebt falsch were und wider cristenlich lere, und schuf, daz 
i^dur von lieesen nnd sich luterlicb dur na hielten. 

Under dannen do er daz tet, do waz ein heiligii person, hiess 

loa, an ir andabt und ward verzuket in dem geiste, und da sah 

I daz ob dem dieuer in den lüften ein grössü sctiar tüfellicher 

irier sich samnetan, und die schrüwcn alle sament: „mord und 

»rd aber den bösen muncb!" Sü schnlten und flüeheten ime dar 

imbe, daz er sü von der selben gevelligen stat vertriben bäte mit 

iiiem rate, und swären dez alle sament mit fraidigen gebevden, daz 

ü iemer wültin uf in stellen, daz sü sich an ime gereebin, und 

'an sü im weder an Übe noh an gtite nit miibtin zi^ komcn, daz 

i in doch an der fürnemekeit aiuer eren vor der weit grösslich 

dn beschalken. Sü wultin unerlichü ding uf in trecbeu, und 

sich joeh vor ursach, wie gnot er iemer möhte, so wMtin sü 

loch mit falschen listen zfl bringen, da« es geschehe. Dar ab 

rak der beiliger mensch gar übel und bat unser frowen, daz 

le ze hilf kern! in den künftigen nöten. Do sprach du milt 

gutlich zu Ire: „sü mugen im nüt getün ane mins lieben kindes 

lengnus: waz der über in verbeuget, das ist nnd wirt sin nehstes 

sin aller bestes. Dar umb haiss in guten müt haben!'' 

2 ff. (geüchlichen] herren phlegen ainer gaiatlichen snnder wonimg und 

fr. och ir orden« besnnder sind in dem kloBter, Da waren ... M 4 z. 

nuchl. S 7 baiden K 8 im M 9 wart gefra^et M IB in dem 

H 18 hette t-ertriben PM 19 fradigen A mit einen fraid. g. M 

fehlt M S2 3ä im 3/ 24 er joob ieiuer wÖlte S 2ä z8 ii' gütlich M 

1 ff. Doypelkliigtti- verechiedtner Ordw (Benediktiner, Aagattintrchor- 
I, Prätnonatrateiuer), obwohl vom litmonigehtn Jttcht verboten (e. 33 C. 
tu q. ä), bettandta aaeh im äpäteren Mittelalter vielfach, to in SüddeuUeh- 
Mit Zwitfaitent Obermarchlal, Weignenau, Siickirijen, Königsfflden, Engel- 
St. Johann im Thurtal. .Sijlo (i. JihasB). 14 Vgl. die Aiim. su 103,2. 



116 Leben Seuses. Kap. XXXVII. 

Do si daz dem brüder geseite, do begunde er ime vil üh 
fürten die fientlichen samnung der bösen geisten und gie, als er du 
pflag ze tun in sinen gedrangen, bin uf uf den berg, da ein capell 
stat^ d& gewibet ist in der ere der heiligen engel, und gie nah sioer 
gewonheit betende ze nun malen umb die capell in der ere der IX 
kören der himelschen scharen, und bat su ernscblich, daz sü sin 
gehilfen werin wider alle sin fiende. Do mornent frfi ward, do ward 
er gefuret in ainer gaischlichen gesiht uf ein schön veld. Da sah 
er umb sich ein vil gross schar [50''] der engelschlichen jungherren, 
die im woltan helfen. Die trostan in und sprachen zö im also: „got 
der ist mit dir und wil dich niemer gelassen in kainen dinen nuten; 
dar umb lass nit abe, du zuhest dA weltlichü herzen ze götiicher 
minne!" 

Hier ab ward er gevestnet und varete genot, daz er wildes und 
zames got widerbrechti. Er hat einen fraidigen man umbgangen 
mit sinen guten worten, der waz XVIII jar gewesen, daz er nie hate 
gebihtet. Der gewan von gote gnad zfi im und bihtet im als rüweklich, 
daz sA baide wurden weinende. Der starb kurzlich dur na und nam 
ein selig ende. Er hate einest XII gemeiner sünderinn bekert von 
ire sündigem lebene. Waz er eblich von dien erlitt, daz ist unsäg- 
lich. Ir bliben aber ze jungst nüwen zwo stet. 

Eis waren hin und her in dem lande neiswi meng person, fröh- 
lich bildes, baidü weltlich und gaischlich, du waren von krankbeit 
ires gemütes berlich vervallen in süntlich gebresten. Die armen 
töhtran baten nieman, dem sü vor schäme getörstin verjeben 
ir wetündes herzleid, denn daz sü dik von angstlicher not in die 
anvehtung kamen, daz sü sich selber woltan han ertödet. Do da 



1 ime vil] sieb gar P 3 uf [uf J SK 12 du weltl. fehlt M 16 XXVI -S^ 
19 gemeine sünder S gemeiner sünder vil P 20 Ire sünd. leb.] iren Sünden S 
ebclklicb (so stet^) M 21 aber fehlt M 22 f. frolicbes A^ 25 die 
hetton M 25 f. si getörstin verjeben ir scbam ires wetfinden benlaidz M 
26 vor M 27 woltin K 

27 Selbstmord hezw. Anfechtung zum Selbstmord ist im späteren MüiA- 
alter nicht so selitti, wie es scheinen möchte. Die EreählungslittrcUuTy htscndut 
Caesarius von Heisterbach (Dial. mirac, 4,4()—46) und Thomas von Chan- 
ttmpre bieten manche Beispiele, Vgl. auch Vita K. 39: BOchlein van dif 
Gnaden Überlast 6,12^ und das bei Straucf^ Ad, Langmann 117 f,^ Inkofet 
Der Selbstmord lb86, 344 ff,, Schönbach, Über Hartmann von Aue 466 um 
Michael, Gesch. d. deutschen Volkes II (1899), ^2 A, 1 eusammengteteüi 
Material. 



Leben Seuses. Kap. XXXVIII. 117 

menscben yernamen, daz der selb diener ein miltes berz beti gen 

allen lidenden menseben, do erbaldetan sü sieb, daz su zft ime kamen, 

ein ieklieba zu der zit, so es ir an die not gie, und klagten ime ir 

angst und ir not, da mit sü gevangen waren. So er sab du armen 

o herzen in dem jemerlicben lidene, so ward er mit in weinende und 

tröste sü gutlieb. Er balff in und wägete dik sin zitlicb ere vast 

nmb daz, daz er in an sei und eren wider gebulfi, und Hess dar uf 

Valien mit böser zungen rede, was gevallen mobte. 

Unter den andren kom einü zu ime, du waz von bober geburt, 

10 und seit im in der bibte, do si als gross rüwe umb ire val gewan, 

do ersebein ir unser frow vor und spracb zu ir also: „gang hin zu 

niinem kaplan, der sol dir wider belfen." Si spracb: „owe frow, 

ich erkenn sin nit." Du müter der erbermde spracb: „lüg ber under 

minen mantel, da bau icb in in minem scbirme, und gescbow du 

l^vil wol sin antlät, daz du in bekennest; der ist ein notbelfer und 

ein tröster aller lidender menseben und [51'] der sol dicb trösten." 

Si kom bin zu im in ein fremdes land und erkande sin antlüt, als 

ä es vor in dem geist gesehen bäte, und bat in, daz er si begnadeti, 

^d seit, wie es gevarn waz. Und er empfie si milteklicb und half 

* ir wider nah allem sinem vermugen, als im du mfiter der erbermde 

hat enboten. 



XXXVIU. Kapitel, 
^on einem t11 jemerllchen lidene, daz im hier inne begegente. 

In sölicber wise kom er mengem lidendem menschen ze bilfe. 
fi Aber daz tugentlich gut werk müste er vil sur erarnen mit marter- 
"chem lidene, daz im dar uf viel. Und du selben kunftigü liden 
^gte im got vorbin in einer gesibt also: 

Er kom einest eins abendes an ein hcrberg, und do es ward gen 
^ge, do ward er in einer gesiht gefüret an ein stat, da wolt man 
'^ess singen und er solt selber mess singen, wan daz loss waz uf 
^ gevallen. Die senger hüben an die messe von den martrern: 
Mnltae tribulationes justorum etc., daz da sait von menig- 
^altigem lidene gotesfründen. Daz borte er ungern und beti es gern 
gewendet und spracb also: „wafen, wes tobent ir uns mit den martrern? 



7 o. an eren M u. an ere 6'A^ 25 tugentlich nach erarnen P, fthlt K 
32 Anfang des Introüus einer Messe von mehreren Märtyrern, 



118 Leben Seuses. Kap. XXXVm. 

War zä singent ir hat von den martrern, und es hüt enkaines martrera« 
tag ist, den wir begangen?^ Su sahen in an und zögtan mit dei^ 
vingem nf in und sprachen: „got der vindet sin martrer hut an disen^ 
tage, als er sii ie vand. Berait dich nüwan dar z& nnd sing fi^ 
dich!" Er warf die bleter dez messbüches, daz vor im lag, hw^ 
und her, und heti gern von den bihtern ald icht anders gesnng^ 
denn von den lidenden martrern; waz er warf und nmb kerte, c^ 
stund es alles vol von den martrern. Do er sah, daz es nit and^j^ 
mohte sin, do sang er mit in und sin gesang sprach gar trurklieli; 
über en kleines wili hüb er aber an und sprach: „dis ist ein selzeiri 
ding; man möhti es mer singen: Gaudeamus, von fröden, als von 
trurenden dingen, den martrern." Su sprachen: „guter gesell, da 
waist noh nit. Es gat dis gesang von martrern vor an hin, and 
dar na neiswen, so es zit wirt, so kunt daz frölich gesang hinna: 
Gaudeamus!*' ^ 

Do er wider zu im selben kom, do erzitert im daz herz ab 
diser gesiht und sprach: „owe, got, müss ich aber marter liden?^ 
Do er uf dem weg hier ab vil trurklich gebarete, do sprach sin 
geselle: „ach vater, waz wirt üch, daz ir als recht trurlich ge- j 
barent?" [51^] Er sprach: „owe lieber geselle, ich müss hie mes»*! 
singen von den martrern, ** und meinde, got der heti im kund getan, 
daz er marterlich müste liden. Und dez verstund der geselle nit 
Do swiget och er und trukt es in sich. 

Do er hin kom in die stat, daz waz zu der zit in den vinstren 
tagen vor den winnahten, do ward er na gewonheit gesüchet mit 
biterm liden als swarlich, daz in duchte, na menschlicher wise %^ 
redene, daz im sin herz in sinem libe sölti brechen, ob es keinem 
lidenden menschen ie weri geschehen ; wan du liden baten in do ab 
swarlich umbgeben, daz im nit anders entwürte denn ein unverzogen ^ 
klegliches entsezzen alles dez, daz sin ufenthalt waz nah nuzze und 
tröste ald eren, daz den menschen in der zit mag trösten. Dss 
biter liden waz also geschafen: 



1 Wtor z& — mart. fehlt M 4 f iir -4. 6 icht] etwas M ihi tt P 
11.15 Gadeamiis A 13 von den mart. M 14 naiswe K 18 hier ab ff^ 
AP da her ab M 19 wurt P 22 mart. liden müsd M 23 swaig S^ 
24 vinstxen] jüngsten M 25 wihenähtcn M 27 zerbrechen M 28 gesch-l 
gebrochen P 28 du liden du baten M 29 unverzegen P unversigeDS M 
31 ald] und M 

11.15 Auf an f/ des Introüus der Messe im Commune Virginum non üffl«^ 
rum (DominikanerriUis) und an den meisten Marienfesten. 



I 



Lehen Seuses. Kitji. SXXVllI. Hg 



r Unter andren menHi^faeii, du er gern tieti z!i got gezogen, kom 
ifl im ein trugUcher ahlistiger menscli, dii trttg ein wiilfin herz under 
einem gütigen wandel und barg daz als genote, daz es der brflder 
in vil Innger zit nie koiid gemerken. Dil ivaz vor in gross siinde 
ö nnii liister mit einem man vervallen und raerete ir miBSCtat da mite, 
dai si die geburt einem andern gab denn dem rech tschuld igen, der 
sich selb wol unechnldig seile der Bache. Dis tohter Hess er ire 
nisaetat uit entgelten und horte ir bifate, und ward im dienstberr 
mit notarftigen erberen diensten me denn die andern, nah gewonbeit 
lu geischlicber lüten dez landes, die termner heissent. Do daz lang 
zil geweret, do ward er nnd ander warhaftigü menschen knntiich 
innan. daz ei hainlich sSlichü bSgii werk treib, als ei ocb vor hate 
getan. Dar zfi sweig ev stille nnd wolle si uit gern melden; er 
I brach eich aber von ir und von ir dienste. Do si des innen ward, 
Ido entbot si ime, er s61ti nit also thn, und hrecbi er Ir ab den nuzz, 
■4eD si von im hate, dez müsti er engetten, und si wölti im ein kind 
L.daz ei bi ainem weltlichen manne hat gewunnen; dez kindes 
LbH er siti. und w&lti in also geschenden mit dem kinde, 
r sUenIhalb ze n'if wurde. 

Er erschrak ab diser rede nnd gestftnd stille uf im selb und 
[ mäfeet inneklich nnd sprach in im selben also: „äuget und not 
I [ö'i'] hein mich allenthalb umbgeben, nnd waiss nit. wa ich mich 
I hin 8ol keren; wan tfln ich daz, so we mir, tfin ich aiu uit, so we 
I mir aber, und bin also mit we und not allenthalb umbgeben, daz 
licli dar inne möhti besinken." Dez wartet er mit erschrokem herzen, 
I *« got dem töiel w61ti über iu verbeugen. Er wart ze rate mit 
Ifot nnd mit im selben, daz under den zwein Jemerlichen geteilten 
■ lo weger weri, baidii an scle und an lip, der vonker von dem 



6 <Iaz ei] unii guli M 9 notdärftigem erberem dienst, Jlf 
11 wärhat'ten M 13 getan] geliriben S 19 er] 
f 2B mit erechr. herz, fehlt M 27 jemerl. fehlt S 

10 Jtdrr Koncft bei den Bettetordai halti: ein genau beilimmtfii Gebiet 

■l'iriiini', Jeiiltrh lerminit', in dtm er alMn das Rtclit b(^aas, tu predigen und 

»amiaeln : vgl. die Krklurang des Jah. Met/er in «rintm „Amter- 

*", fVeib. Diöt.Archiv XIII (]b80), S07f. und Funtana, Congtitutionex ete. 

pM, 634 f. Terminitier tind Aimottnsammler , nach Ducange-yaore VIII, 

^/. abtr auch Xöncht^ ^qui habendis per ngro» euiqut t 

I datinantur." Beides u-ar wähl oft rfrtinigl. 

IS f. Vgl. Dan. I3,2:i. 



120 Leben Seuses. Kap. XXXVm. 

bösen menschen^ wie es joch umb die zitlichen ere iemer gefüre- 
Und daz tet er. 

Hier umb ward si so grimme über in mit ir freidigem herzen^ 
daz si lüf hin und her zu geischlichcn und weltlichen, und wolte 
von ire unmenschlichen bosheit sich selb lasterlich geschenden, dar 
umbe daz si den armen man möhti in erbeit bringen, und seite 
menlich, si hete ein kind gewunnen, und daz were dez selben bröder. 
Dar ab ward vil gross unbilde in allen den menschen, die ire werten 
gelopten, und ward daz unbild so vil dest grösser, so vil sin fur- 
nemü heilikeit verrer waz erschullen. Daz trang im dur daz inni- 1( 
gost gemarg sines herzen und sele, und gie sinkend in im selb mit 
jamer und not umbgeben und hate lange tag und streng nehte, und 
sin kurzes rüwen waz mit schreken vermischet. Er sah vil kleglich 
uf ze gote und sprach mit inneklichen süfzen also: ;,owe got, min 
jemerlichü stunde ist komen! Wie sol ald wie mag ich die eilenden 15 
not mins herzen iemer erliden? Owe got, wan weri ich tod, daz 
ich den jamer weder sehi noh horti! Herr, herr, nu han ich alle 
min tag dinen wirdigen namen gecret und vil wit und breit mengem 
menschen geliept und ze erene geben, und du wilt minen nameu in 
gross unere verwerfen V Daz ist min grössü klag ! Lüg, der wirdigc 2B| 
bredierorden der müss nu von miner person also geswechet werden; 
daz klag ich hüt und iemer me! Owe der not mins herzen! EUo 
du reinü menschen, du mich vor baten in eren als einen heiligen 
man, da von mir ein guter mät uf stönd, we mir, du sehent mich 
nu an als einen bösen trieger der weit, dar ab min herz und 8elefl| 
durwundet und durschossen wirt!" 

Do der arm lidcr in der klag waz neiswi lange und im üb 
und leben swein, do kom ein fröwlichü person zu ime und sprach also: 
„eya, guter hcrr, wcs [52''] verderbcnt ir üch so gar kleglich? j 
Gehabent üch wol! Ich wil raten und helfen, wend ir mir volgen,« 
daz üch nit wirt an üwren eren. Dar umb sint kechl** Er sah uf 
und sprach: „owe, wie wilt du daz zu bringen?** Si sprach: „da wil 
ich daz kindli under minen mantel heinlich uemen und wil es nahtes ; 
also lebend begraben ald im ein nadlen in sin hirni rihen, dar ab : 



9 rto vil 80 M 9 f. fürnemü lieil.] fümemikeit P 10 waz verrer }l 
10 i\ inrest^ inar<j: S 12 und mit uot M 13 mit fehlt M 14 iuneclichem K 
jemerlicheii S 15 [wie] mag 3/ 16 wan] und M 18 mengen K 21 alw 
fehlt M 23 [du] reinü Ä' 25 und min sei M 2G durschossen] dorstochen P 
28 frolichü AM 29 üch selb M 34 hiriili /' hiru M rihten M stechend 




Leben Seneeg. Kap, XXXVIII. 



121 



a&s» stei'heD ; und 80 daz kind her undcr kmiit, so gelit du b6s 
ellä Bament, und hlibent an üwren eren." Er sprach mit 
!nder stimme t „owe, du bösü morderiii, dinea mürdigeo herzen! 
du daz uiischaldig kindli also tÖden? Waz mag es, daz 
iiifller ein bös wib ist? Will du es also lebend begraben V 
Kein, nein, das enwell got oit, da/, daz mord iemer von mir bescheh. 
Uga, daz wirst, daz mir dar inne mag beschehen, diu ist ein 
ibnng miner zitlicben eren; und stündi eins ganzen landes weit- 
ere an mir, die wil ieb hüt alle dem werden got uf geben, 
idaz ich da7. unschnldig bl&t well also lassen verderben". Hi 
ich: „nu ist es doch üwer kind nit, waz band ir denn not dur 
mit?" und zoh ns ein scbarpfes spizzig inesser und sprach: „land 
mich es ainend ab von üwren ogen tragen, so riss ich im die keli^n 
A ald ich stich im dis messer in sin herzli, so ist es schier tod 
U'l ir koment ze rftwe." Er sprach: „^wiei "I" unreine böse tüt'el! 
Sie wes es welle uf ertrich, so ist es doch nah got gebildet und 
Dit dem kostberen Cristus unschuldigen blAt vil sur erarneC; dar 
iiub wil ich nit, daz sin junges blütli also vergossen werd." Si 
&nch mit ungedultigen worten: „wend irs nit lassen t&den, so 
|d es doch beinlicb eins morgens frfi in die kileben tragen, daz 
^eschccfa als andren verworfnen fundnen kJnden; ald ir miissent 
r gross kost und unlidkeit dur tuit haben, e daz daz knebli werd 
Igen". Er sprach: „ich getrüwen dem riehen got von himel, 
I tnieb bis her alleinen bat beraten, der berat mich och wol selb 
Ibt." Und sprach zb ir: „ga bin und bring mir daz kindli vil 
ulich, daz ich es gesehe." 

Do er daz kindli uf sin scfaoss gesaste und es an sab, do 
bet es in an, Do ersüfzet aber er als grundlosklich und sprach: 
ich ein mich anlachendes hübsches kindli t&denV Zwar nein 
I Ich wil e gern liden alles, daz [53'] dar uf mag gevallen". 
flud kerie sich zärtlich zh dem kind und sprach disü wort: „ov/e, 
in eilendes armes kindli, wie bist du so gar ein armes weisli! 
^fan din eigne ungetrüwe vater der hat din verlögent, diu murdigü 
nAter wolt dich hin werfen als ein ungenemes, hingeworfens händli. 
^D bat gotes verhengde dich mir geben, daz ich sol und mfiss din 
d daz wil ich gern tun; ich wil dicli haben von gote 




A b. m. ASPE 1 «-irrt] bSste .S U dis] dz M 
sse&tj werdent .S' 22 mit im S 32 du vil arm 
33 mördigü fehlt S 31 lifiaAii] kindelin S 



17 dem] des M 
fll, k. S [ilu] 



122 Leben Seuses. Kap. XXXVm. 

und von nieman anders, <and wan mir der lieb ist, so mäst ocb 
du min liebs kindli sin>. Ach herzenkind mins! Du sizest uf 
miner trurigen schösse und sihst mich gutlich an, und kanst docb 
nit sprechen. Ach, so sich ich dich an mit verwundetem herzen; 
mit weinenden ogen und mit küssendem munde beguss ich din 
kintliches antlüt mit dem bache miuer heissen trehen/ Do dem 
hübschen kneblin des weinenden mannes gross trehen über %m 
5glü als vast ab runnen, do ward es och herzklich weinende mit 
ime, und weineten also beidü mit einander. Do er sah daz kindli 
also weinen, do trukt er es lieplich an sin herz und sprach : „swige, 
gelükd mins! Ach herzenkind mins, sol ich dich töden, dar umb 
daz du min kind nit bist, und daz ich dich sur erarnen möss? Ach 
schönes, liebes, min zartes kind, lüg, ich enmag dir reht einkeifi 
leid tfln, denn daz du must min und gotes kind sin, und die wil 
mich got beratet eins einigen muntvols, den wil ich mit dir teilen 
dem minneklichen got ze lobe, und wil alles daz gedulteklich liden, 
daz mir iemer dar uf mag gevallen, zartes min kind!*^ 

Do dis weinlich zarten sah und horte daz grimm herz dn 
wibes, du es vor wolt han ertödet, do ward si als herzklich bewegt 
ze grosser erbermde, daz si erbrast an ein weinen und an ein 
hüwlen, daz er si mfiste stillen, wan er im vorte, daz etwer kemi 
und daz man es innen wurdi. Do si sich wol erweinete, do bot 
er ir wider daz kindli und gesegnet es und sprach also: ,nQ 
gesogen dich der minnekliche got, und die heiligen engel beschirmen 
dich vor allem übel!" und hiess es mit siner kost wol versehen 
nn siner noturft. 

Dar na neiswen do gie daz bus wip, dez kindes mftter, zty 
und als si den brftder übel hat gemasget, daz tet si noh /urde^ 
lieber, wa es im mohte geschaden, daz er hie von mengem reinen 
tugenthaften herzen ward ze erbarmen und ir [53^] von in dik 
ward gewünschet, daz si der gerehte got ab der erd nemi. Dax 
fügte sich ainest, daz siner liplichen frunden eine zu im kam und 
sprach: ryOvrej herr, dez grossen mordes, daz daz bös wip hat an 
üch begangen! Waiss got, ich wil üch an ir bederptlich rechen 

If. und wan - kindli sin M, fehlt ASPKA'afUS'^ 13 kain 5J 
15 munt vollen M 18 wainklich M 20 enbrast M 21 hiiwlen] htuien 
won er kam in vorbt M 25 m. sinen kosten P versorgen S JJO tngentl 
fehlt 6' 34 bcderklicli SM 

24 V[/l. I Mos. 48,16, 



Leben Seasea. Ka|i. XXXVIII. 



123 



•m rcli wil mich heinlich uf die langen bnigge stellen, du über daz 
■■ Wasser get, und so si etwa da her über get, so wil ich die gotes- 
V^ morderln hin ab stogsen und wil si ertrenken, daz daz gross niord 
i ire gerochen werde." Er sprach : „nein», fründ mine, daz 
eunell got nit, daz kein lebender raetech von minen wegen ertSdet 
»erde. Waiss got, der ellü verborgnü ding waiss, daz si mir mit 
dem kinde unreht hat getan; so bevil ich die sache in sin band, 
iii er si sedier töde ald leben lasse nah sinem willen, und sagen 
ia: w5lti ich min sei an ir tode übersehen, so wolti ich doch alier 
reinen frowen namen an ir eren, und w61ti si lassen genesen." Der 
man sprach vil abelHch: „mir weri ein wip ze t6den als ein man, 
äü mich also w51t beschalken." Er sprach: „nein, daz weri ein 
Mvemünftigü geburschbeiC und ein ühelstendu freidikeit. La dnr 
loa nnd lass rebt her wichen, lass alles daz liden her komen, daz 
t von mir wil geliten haben!" 

Do daz liden vast ward wahsende, do überwand in eine&l sin 

krankes gemüte, do siner not als vil waz, daz er gern im selb in 

tinem lidenne etw&z behulfenlieit und ergezznng heti gemachet. Und 

^e OS und suchte trost, snnderlich von zwein tVünden, die sich, die 

• wil er dennoch uf dem glükrad sass, gen im hateu bewiset, als ob sü 

getrüw gesellen und fründ werin; und da wolt er sftcben trost 

äaem lidenden herzen, Aeli, do lieBS in got innan werden an in 

biiden. daz in der creatur nut gantzheit ist! Wan er ward von den 

|«!ben und von ire geselleschaft berlicher nnder druket, me denn er 

iTor von gemeinem volg ie ward. Der ein gesell enpße den lideiiden 

I briider vil bertktich, und kerte sin antlut von im unwertlich nnd 

I geharte mit sinen schnidenden Worten vil schmählich; und under 

iMdren verserenden Worten, die er gen im redde, biess er in, daz 



lin über ab Jf 8 verborguft /tAft S 9 dir imcA ich darcli/itr. A 

P9 g^bTftrschajt M 16 wU von mir M gel. wU h. &'P 17 f. im selb nach 

r 21 sin getr. fründ und ges. M 23 |uüt] ganzhait mit int (!) M 

Bndergpdmkt M 26 vil hert M 28 versereten SA' redde] det S 

I Wohl die Rheinbrück» bii Konstanz. 2 t. gutesmürderin = tacri- 

tga, irtgen ihrts au emtr gollgeineihten Person verübUn Frenels. 20 glük- 

id, dat »ich drehcHdc Rad des Gläckn (Lexer I, 629), ale Bild den wtchtela- 

t Sthicksalt. Die VorgttUung sehon bti Origencs, In ps. 7(1,21 (Pilra, An. 

t 111, 109) und Boethiiis, Cona. phil. 2,2. Zar LUtraiwr: Wackerimget 

I Z/da VI, 134 ff..- Vogt in Zschr. drg Vereing f. l'olkgkunde III, 3iÖ ff. 

^F, Jüö ff. ; Wtinhold tu Sitzungsbtr. der Btrlincr AJtadcmie 1902; 

Symbolik des Kircheiigebüudes }9i>2, 2r--i ff. 




1 24 Leben Seuses. Kap. XXXVIII. 

-er im nit me heinlich were, wan er schamti sich siner geselschaft. 
Ach, daz durtrang alles sin herz, und [54'] sprach yil ellendklicb 
hin zu inie: „owe, lieber geselle, werist du von ^otes verhengde in 
4ie trüben lachen geworfen als ich, werlich, ich weri zu dir hin 
in gesprungen und heti dir früntlich her us gehulfen. Owe jamer, 
nu ^nüget dir nit, daz ich tief in der lachen vor dir lige, du 
wellest och dur zu uf mich treten! Daz klag ich dem eilenden 
herzen Jesu Cristi.^ Der gesell hiess in swigeu und sprach zu im 
vil schmachlich: „es hat hinnan für umb uch ein ende; man 8ol 
nüt allein üwer bredien, wan sol och üwrü bücher, die ir gemachet i 
heind, verwerfen." Er entwürt vil gnedklich und sah uf ze bimel 
und sprach also: „ich getruvv dem guten got von himelricb, daz 
minü biicher sülin noh werder und lieber werden, denn sü ie 
getaten, so es nu zit wirt." Sölichen kleglichen trost enptie er von 
flinem besten gesellen. 1 

Im waz in der selben stat unz an die selben zit sin notorft 
vil wol zfi gevallen von gutherzigen menschen. Und do er also 
mit disen falschen meren zä in vertragen ward, weli disen mer- 
fiagern wider in gelopten, du zugen ir hilf und fruntschaft von im, 
unz daz su von der g5tlichen warheit vermant wurden, daz sn einen ' 
bekanten widerker zu im wider namen. 

Eins males do saste er sich in ein stilles rüwli und vergiengen 
im neiswi die würkliche sinne und duht in, wie er weri in ein 
vernünftigs land gefüret. Da sprach neiswaz in dem grund siner 
sele also: „liör, hör ein trostlich wort, daz ich dir wil lesen.** Er 
bot sich dar und loset genote. Do vie es an und las du wort in 
latine, und ist daz capitel ze none an dem heiligen abent ze wio- 
nahten: Non vocaberis ultra derelicta etc; daz sprichet ze 
tütscli: „du ensolt nu fürbas nüt heissen du gelassen von gote, und 
diu ertrich sol nüt heissen daz verwüstet ertrich, du solt heissen: 



1 sicli] si M 7 ich fehlt K 10 predie M 13 sülin fehlt U 
15 sineii Ka gesellen fthli *V 18 disem v. mar M 18 f. mertageni S 
voi-siigem A^ 20 grütlichen M 24 dem] den K 26 daz] was K 27 aa 
dem h. wiuechtaboiit S 28 vocabis (!) M 29 nit nu haisseo fürbai U 

16 UnUr den Freunden^ die sich bei dieser Gelegenheit von Seuse <Ä" 
wandten, befand sich allem nach auch Heinrich von Nördlingen. DentB^ 
schreibt Ende 1.147 oder Anfang 1348 von lidsel aus an Margareta Ebneft 
^mein hertz haltet nit msr zu dem Siisen^ als es etwan tet; bit got für Mlf 
biid" (ö'trauch, Marg, Ebner LI, t>6 f. u, Anm. S. 3Ö8), 28 ff. Is. 62,4. 




Leben SeuaeB. Kup. XXXVTIl. l2& 

B will« ist in ip, und din ertrich wird gebnwen, wan der himelecli 
' hat im selb eio wolgevalleD id dir." Do es disü wort 08 
^Ks, do rie es du selbeD wort wider an aber und aber ze lesene 
toi ze vier malen. Er sprach von wunder: „liebe, waz meinest 
du, daz du mir disü wort als dike vor sprichst?" Er sprach; „daz 
Kid ich dar unibe, daz ich dich vestne gote ze getrüwen, der siner 
fnind ertrich, daz ist [54'] iren tßdemlichen lip och versehen wii 
SL siner noturft, und wa es in einend ab gat, da wil er andrent 
ifi füfren, dez sü bediirfent; also wil dir got och väterlich tftn." 
liaz geüchah alles in der warbeit als kiintlich, daz meng herz von 
Hden ward lacbent und got lobend, dero ogen dnr vor waren von 
niitliden weinende worden. 

Dem lidenden man beschah do, als so ein totes geschunden 
lierli von den wilden tieren zerzerret ist und noh etwaz smakes da 
i« heliben, als denn ze jungst die hnngrigen bremen dar uf vallent 
mit ir geselleschaft und daz genagen bein zemal enpl^zent und daz 
ugesogen mit in verfürent in den Itift: also ward er jemerlich zer- 
Iragen in verni land von derley gfltsch inenden menschen; und sfi 
taten daz mit schöner rede und mit bedahten ktagworten in er- 
logting früntscbaft, da kein trüwe waz. Hier inne so scboss im 
stnen ein ungedank in sin herz also: „ach lieber got, der von Juden 
Ud TOI) Heiden ald offnen sondern allein liddi, dem könd man etwi 
getflD; at schinent disü menschen din güiten fründe, di mich da so 
"war pingent, und dar umbe tftt es so vil deat wirs." So er aber 
ifi ini selber kom und es mit rehter bescheidenheit an sah, so gab 
er in enkein schulde, denn daz es got dur sü heti gewürket, und 
in er es also e&lti erliden, und daz got dik sin frund dnr sin 
jMnd liereitet ih dem besten. 

B Sunderlicli einest in sines gemütes lidendem gegenwurf ward 
■o in im gesprochen; , gedenk, daz Cristns nit allaiu wolle sinen 
rfebea junger Jobannes und den getrüwen sant Peter in siner reinen 
E^lescbaft han, er wolt och den bösen Judaz hi im liden, und 
m begerest ein nahvolger Cristi sin, und wilt ungern dinen Jndaz 
k?" Dez entwArt geswinde ein inschiessender gedank also : 



1 ir] ilir S 6 gesprichest 31 6 der] das: er MA' 7 doüichen i* 
'ibbftlb M Sf. nnderh&lb z. f, in, ilez e. b. M 11 f. dero o^u diu imd 
\t wntea mit lidca dem wajnent worden (?) M 13 do er als aiii M 11 nr 
tM t!i 3f smakes] markes Jf 16 benagen M 17 uBg. blät P so 

19 f. worum und erzaigun^' .1/ 30 in im fehlt S z& im M das 

34 Dez] das K duz M 




126 Leben Seuses. Kap. XXX\TII. 

^owe herr, heti ein li den der gotesMnd nüwan einen Jndas, so wen 
■es lidig; so sint ze disen ziten alle winkel vol Judaz, und wenn 
aine ab gat, so koment vier ald fünf her für.*^ Diser red wart 
von innen geentwürt also: ^ einem menschen^ dem reht ist, dem sol 
kein Judaz Judaz sin in sinem sinne, er sol im ein gotes mitwnrker 
«in, dur den er sol us gewörket werden uf sin bestes. Do Judai 
Gristus mit dem kuss verriet, [55 '] do namde in Gristns sinen frund 
und sprach: „fründ mine etc." 

Do sich diser armer man neiswi lang also geleid vil eilend- 
klich, do hangete er dennoch an einem vil kleinen tröstlin, daz allel 
sin ufenthalt waz, und daz waz, daz du trukendü burdi dennoht 
nit für die rihter und prelaten dez ordens waz komen. Dis trösüi 
zukte im och got geswinde, wan du obrest meisterschaft über allen 
orden und du meisterschaft über tütsches land kamen mit einander 
in die stat, da das bos wip den biderman hate an gelogen. Dol 
der arme man anderswa wonende disü mer erhörte, do erstarb im 
sin herz ingruntlich und gedahte: „wie die meister dem b6sen wibe 
wider dir gelosent, so bist du tod; sü legent dich in ein 861ichea 
notstal der bfisse, daz dir vil weger weri ein liplicher tod." Du 
pinlich gedrang weret XII tag und naht an einander, daz er der I 
marterlichen bfiss wartend waz, wenn sü dar kemin. 

Eins tages von menschlicher krankheit brach er us mit on- 
geberden und mit unsitiger gehabd von den nöten, in den er was, 
und in der kleglichen gehabd dez inren und dez ussern menschea 
gie er einend ab von den lüten an ein heimlich stat, da io niemal i 
sehi noch horti, und underwilent so liess er die grundlosen erholtoi 
süfzen. Nu waren ime die trehen in den ogen, denn gussen sü ber 
US über sinü wangen abe. Er enkond von angstlicher not nf im 
selb niene still bliben : nu sass er geswinde nider, denn so woat er 



2 vol] von K won M 6 mitwürken ASP 12 ribter waa komea 
und (die S) prelaten SP 13 f. allen orden und du rot durchstr.^ aber loiMbr- 
hergestellt: meisterschaft über (var tütsch. 1.) am Bande nachgetragm A 
16 biderben man SM 20 wol zwelf t. M 23 unsiniger ALSPA^ vm 
— 24 gehabd fehlt PK 26 so fehlt M erholten grundlosesten S 28 Toa] 
yor M 29 wischt M 



8 Matth. 26,50. 13 f. Der Ordensgmeral und der ProvinMial 

Deutschland (Provinz Teutonia). 16 In Ulm, wohin er um 1348 vereM 

wurde. 19 Über die Bestrafung der peccata camiSy die beaander9 ttrm§ 

geahndet tcurdeHj vgl. Konstitutionen I, 18: De graviori culpa (ALKGM I, 20B\ 
V, 647). 



1 Seiises. Kap, XXXVIII. 127 

iif und lüf bin and her in der katner als ein menscb, mit dem 
äugst und not ringet. Denn stiess im ein gedank her dur ein herz, 
Diid sprach mit zitrender, einredender stimme also: „owe got, waz 
ineinst du mit mir?" Under daunen, do er in der klegüchen nn- 
pliehd waz, do sprach neiswas von got in inie also: „wa ist nu 
diu Gelassenheit, wa ist gUchstan in lieb und in leide, daz du dik 
hA andren luten Irfilich geliept, wie man sich gotc lidklich sül 
IsKeu und uf niht beliben?" Dez entwurt er vil weinlich hin 
ffider also: „fragest du mich, wa min gelassenheit sie, eya, so sag 
(In mir, wa ist goles grundlosü erbarm herzikeit über sin frände? 
Ich gau doch bie wartende, und bin in mir selb verdorben als ein 
fertrilter man libes und gutes und eren. Ich wände, got wer! milt, 
ifh wände, er weri ein gnediger, tugenthafter herr allen den, die 
ȟb getorstin an in gelassen; owe mir, [55'^] got ist an mir erzaget! 
Owe, du milt ader, du nie erseig an erbermde, dii ist an mir armen 
enigen ! Owe, daz milt herz, von dez miltekeit ellü dii weit sehriet, 
hat mich ellendklicb gelassen 1 Er bat sinn sobönü ogen und sin 
juediges antlüt von mir gekeret. Owe du gütliches auttuC, owe du 
niltes berz, icb heti dir es nie getriiwet, daz du mich so gar hetist 
Terworfenl Owe grundloses abgründ, kum mir ze staten, wan ich 
liia vorhin verdorben! Du weist, daz alle min trost und ziiversiht 
aD dir allein lit und an nteman andcrm uf ertrich. Eya, h6rent 
mich hite dur gut. ellü lidenden herzen! Lögent, es endarf nieman 
kein anliild nemen ab miner ungebabd, wan alle die wile, do mir 
geUssenbeit allein in dem mund waz mit rede dur von ze sprechen, 
do waz mir süss dur von ze reden; owe, nu hat es alles min herz 
danrnndet und daz innigest gemarg aller miner adren und mins 
himis dursofet, daz kein gelid an minem übe niene ist, es sie dur- 
aartret nnd durwundet; wie kan icb denne gelassen sin?" 

Do er in diser ungebabt wol einen halben tag waz nnd sin 
Ürai verwüstet hate, do gesass er also stille und kerte eich von im 
Klb zft gote und ergab sich in sinen willen und sprach: „mag es 
Oders nit sin: fiat voluntas tua!" Do er also sass in einer 
igenheit einer sinnen, do duht in in einer gesiht, daz siner 

4 f. nngeliabe SM 5 im /elUt M 7 hast frötich a. 1. ?, M 11 seib 

11 f. ein verdorl>eii man der verteilt ist 5 13 tug^enthatter gned. 

14 verzagt MÄ' 17 f. ogüii von mir gekert u. r. g. a. M 2i un- 

27 iuroat S marg SPE 33 und do M 




1 28 Leben Seuses. Kap. XXXVin. 

heiligen geischliehen töbtran einü für in kemi stan^ d6 im, die wi] 
si dennoh lepte, dik hat geseit, er müsti vil liden, aber got w5lti 
im diir von helfen; und du erschein im vor und tröste in gütlich. 
Daz nam er von ir uf vil unwertlich und sprach ir an ir warheit 
Do lachet si und trat hin zu und bot im ir heiligen band nnd ( 
sprach also: ^nement hin min kristanlichen tr&we an gottes stat, 
daz üch got nit wil lassen, er wil uch helfen dis liden *nnd elM 
üwrü liden überwinden.** Er sprach: „lüg, tohter, min gedrang ist 
als gross, daz ich dir nit me mag globen, du gebest mir denn dez 
ein gftt Wortzeichen." Si sprach: „do wil üch got in allen guten !•; 
reinen herzen selb entschuldgen ; den bösen herzen entwürtent da 
ding nah ir selbes bosheit, daz einem wisen gotesfründ nit ze ahten 
ist. Und bredierorden, den ir klagent, der sol got und allen be- 
[56']scheiden menschen von üwren wegen dest gevelliger sin. Diser 
warheit nement ein Wortzeichen da mite: lügent^ got der wil üeb rt 
schier rechen und wil sin zornlich hand über daz bös herz lasset 
gau; daz üch also hat betrübet, und wil ir daz leben ab precheo 
mit dem tode; dar zu alle, die ir sunderlich in der sach mit b&se^ 
klaf hein gehulfen, an den müss es och also bald gerochen werdec^? 
dez sint sicher!** Der brftder ward hier ab wol getröstet und wart^* 
vast, wie got die sach wölti enden. 

Do gar kurzlich dur na ward, do geschah es alles in der wa' 
heit, als si hate geseit. Wan der Unmensch, der in also hat g< 
pinget, der starb, und starb eins unbekanten todes; du endrü i 
nei^wi vil, von den im aller wirst waz geschehen, die zukte d 
tod von hinnen, dero enteil unverstandenlich stürben, etlich ane bi J^* 
und ane gotes fronlicham vergiengen. Der selben menschen eL«i^ 
waz ein prelat gewesen und hat im vil we getan; der erschein itü 
vor in einr gesiht, do er erstarb, und kunte im, daz im got hi^^ 
umbe heti ab gebrochen sin leben und sin wirdekeit, und daz c^ ^ 
etwi lange müsti dur von in der büsse darben und torren. 

Do die ungewönlichen rächen und och töde, die got über sin 
widersachen als geswind sante, do die sahen ire vil menschen, dien 



9 me fMf PM dez fehlt SP 10 gut fehlt K üch] dich 5 
ich A^ ich iich M ^^ten fehlt S 13 der fehlt M IB nam er ain 
w. M 24 und starb fehlt P 27 f. waz ains e. p. M 29 do er eistiA 
fehlt M 31 in der wis und in der bus [darben und] torren M 82 gewon- 
lichen A^ 3B ire] wie A' 

1;3 Vgl. oben l:>o,21. 



i 



Lebeu Seiises. Kup. XXXVIII. 129 

dar von kund waz ami ime günstij^ waren, die loptno f^ot und 
tpraeben also: „werlich, got der ist mit di&em gbtea manne, und 
whfu wo), daz man im uniecht bat getan, und sol in Aub und in 







31 bekanten menscben von billich gewegenr nu fürbaz sin an 
lieber selilteit, denn ob got daz liden nit heti über in ver- 



2 nmnuej menschen M 2 f. ti. wir sehen .1/ 



130 Leben Seuses. Kap. XXXIX. 

Hier na do half irae der inilt got, daz sich daz ungehür weter 
dez lidens gar genedklich nider Hess und zergie, nah dem als in 
du hailig tohter in der gesiht wol hate getröstet. Er gedahte dike: 
„ach herr, wie ist daz wort so war^ daz man von dir seit: dem got 
wol, dem nieman übel!" 5 

^ Och sin geselle, der im in der sach ungeselleklicb hat getan 
^nd in och got kürzlich dur na hinnen nam, do der erstarb und 
alles mitel, daz in der blossen götlichen beschöwde gesumet bäte, 
do daz waz ab gevallen, do erschein er im vor in liehtricher gnl- 
dinr wat, und umbfieng den diener lieplich und trukte sin antlütio 
an sin wangen gutlich und bat [56^] in, daz er im vergebi, da er 
sich gen im übersehen beti, und daz ain getrüwü himelschü frunt- 
Schaft enzwischen inen zwain eweklich belibe. Daz nam der diener 
frölich uf und umbfieng in och früntlich; und also verswand er vor 
im und für in die götlichen fröde. ISj 

Dar na neiswen, do es got zit duchte, do ward der lider von 
got ergezzet alles dez lidens, so er hate gehabt, mit inrlichem 
herzenfrid und mit stiller rüwe und liehtrieben gnaden. Er lopte ; 
got inneklich umb daz minneklich liden und sprach, daz er nit alle . 
die weit dur wider heti genomen, er heti es alles erliten. Got gab 2|| 
im wol ze erkennen, daz er von disem niderschlag sin selbs adel- 
licber entsezzet ward und in got übersezzet, denn von allen den 
mannigvaltigen lideU; du er von jugent uf unz an daz selb zit ie 
hate gewunnen. 

XXXIX. Kapitel. « 

[57^] Ton inrem lidenne. 

Under dannen, do du geischlich tohter daz vorder klegllcb 
liden las und sich von erbermde wol erweinete, do bat si in, daz 
er ir och seiti, wie inrü liden geschafen werin. Er sprach: 

1 Hier ua — 15 frode fehlt j dafür folgender Zusatz: Och der prelat 
über tusch laut entschiildget in und sprach, daz er und der meister des ordeni 
hetcn da strenklich visitiert, als mau sol, und fuuden wider in niht, denn dai 
ain bo3 wih, der nit ze flohen waz, hett von dem biderben man bosschlich 
geredt, und daz moht noch beschehen, der boaen zungen weit gelosen M 8 gotL 
fehlt A' 14 fn'mtl.] frolich P 20 die] dis M da wider M 21 schlag M 
26 Überschrift fehlt K inren Ä 27 dis M kleglich fehlt SM 

24 In AKUWB^a an Bild: Seast wird von den hchtn Geistern und 
durch Verleimdung der Menschen (jepeiniyt (Abb. 5 nach K El, 84^), 




Leben Sensex. Kap. XXXIX. 



131 



Von inren liden wil ich dir zwai ding sagen. Es waz in 
orden ein ffirnemer man, aber den hat got rerbenget ein 
liden, und in dem lideoe waz dem armen brflder sin müt und 
also versunken, daz er naht und tag; gie neinen und bäwlen 
\ sieh Übel gehaben. Der hröder kam zu dem diener der wis- 
k mit grossem andabt und klagte im sin not und begeret, daz er 
f fiber in bete, daz im gehulfeu wurde. Eins morgens frft, do 
[diener dar über bat und also gesass in siner capell, do waz im 
in einer gesiht, wie der selb bös geist kemi für in stan, und 
; Waz in einem angenomen bilde geschafen als ein ungestalter 
ib mit fürinen ogen, nnd bäte einen heischen erschrokenlicben 
Ek und hate einen bogen in der band. Der diener sprach zfi 
ilgo: „ich beswer dich bi dem lebenden got, daz du mir sagest, 
i du siest ald waz dn her weUist." Er sprach vil tüfellicb: „ich 
es, Spiritus blaspbemiae, und du wirst wol innen, waz ich wil.* 
Der diener kert eich umbe zu dez kores türe, do kom der 
Rde brüder zfl der selben türe in gende und wolt in den kor ze 
k gan. Do zukte der bi!is geist sinen bogen her für nnd schoss 
fürin pfil in dez brflder herze, daz er na hiiider sieh waz ge- 
bt, und moht nit in den kor komen. Daz mflte den diener 
•] nnd strafte den lüfel hier nmbe herteklicb. Dez ward der 
srtig tüfel zornig nf in, und zukte den bogen in mit einem füri- 
ipfil als ocb vor, und wolt im es och in sin herz hau geschossen, 
k kert er sich geswinde ze unser frowen umb hilf und sprach : 
Itcnm prole pia benedicat virgo Maria, und der tüfel 
l^tpr sin kraft und verswand vor ime. Do momend ward, do seit 
jK dem lidenden brflder, er trost in und seit im, waz da wider 
und nit anders, als er es screib an siner bredien einer, du 
lan vabet: Lectnlus noster floridus. 

Under vil andren inren lidenden menschen kom eins males 
iweltlicher man zfl ime, der waz von einer frömder gegin, und 

I lür öeh M it. [gie] weinet« u. hüwlet« .... gebflb A' hftwleu] 
S 15 pl&zlommea (!) M 20 mSgt E 21 dar nmb M 22 bogen 
fl 24 geawiud umb M 28 einer fehlt M. 30 inren fehlt MA' 

10 1. Eine *eit alter» geläufige VoiateÜHng, Schon dk hl. Perpetua (Paitio 
kämpft in der Vision mit einifm „AegyjAiua, foedu» »pteit.'^ Vgl. bei 
ann ton Auf (MFr. 211 fi) und Waillier: Itellemör; Berlhold von Reg. 
38 ff.: Mecklhüd von Magdeburg 93. IG Matlh. 13,31. 

BentdiktiOH vor der 3. Lektion der 1. A'iidtn» an Marienfeaten 
)äUktMerbncier). 29 i'tsfe Pirdigt Seu»es. 



n 



132 Leben Seuses. Kap. XL. 

der seit im also: „herr, ich han daz aller gröst liden in mir, da^ . 
ie kein mensch gewan, und mir kan nieman gehelfen. Ich hate 
na kurzlich an gote verzwifelt und waz als verzagt, daz ich miei 
selb wolt han verderbet von übrigem leide, und wolt mir selb den 
tod han an getan an Hb und an sele. So ich iez in der not bin i 
und in ein wutiges wasser wil springen, und den anlof genam nnd 
mich selb mfitwilklich wolte ertrenken, do hört ich ein stimme ob 
mir, du sprach also: „halt uf, halt uf, tft dir selb nit den schant- 
lichen tod anl Such einen bredier!"^ Und namte im den dienermit 
sinem eigen namen, den er nieme hat gehöret nemmen, und sprach: 10 
„von dem sol dir gehulfeu werden, daz dir reht geschiht.** Er waz 
fro und Hess sich selb ungetödet, und suchte in mit nafragen, als 
er geheissen waz. Do der diener sah, daz sich der mensch als 
kleglich geh Ab, do kert er sich zfi dem lider gutHch und tröste in; 
er machete im sin herz als Hht und lerte in, waz im ze tun waz. Uk 
daz er mit gotes hilf dur na in sölich anvehtung nieme kam. 

XL. Kapitel. 

Welü liden sien dem menschen aller ntizzest und got aller ^ 

loblichest 

Du heilig tohter fraget und sprach also: „ich wüsti gem^S^ 
welü liden under allen liden dem menschen du aller nüzest und 
gote aller loblichest sien?'* Er entwürt und sprach also: du Bolt i 
wüssen, daz man vindet mengerley liden, du den menschen bereitend i 
und im guten weg gebent zu siner selikeit, der in reht kan tön. 

Got verhenget etwen über einen menschen swerü liden aneÄj 
alle sin schulde, in dem lidene got den menschen eintweder wil | 
versuchen, wie vast er stände, ald waz er an im selber habe, [öS**] '' 
als man vil liset in der alten e. ald aber daz got dar inne allein I 
meinet sin götliches lob und ere, als daz ewangelium seit von des 1 
bHndgebornen menschen, den Cristus unschuldig seite und in gesehendBl 
machte. " 

Etlich liden ist och gar wol verschuldet, als dez schachere 
liden, der mit Cristo gekriizget ward und in Cristus selig machete 
von dem getrüwen ker, den er zft im nam in sinem Hdene. 

8 f. schamlichen P 16 nimmer me kam M 21 ander a. 1. weit 
liden S du fehlt M 29 meinet] nieme t A 

20 Jo/i. 0,3. 32 ff. Luk. 23,43. 




Leben Sfuse». Kap. XL. 133 

Etlicb liden hat nit selialde in der lidenden eaeh, du ime 
tone gegenwürtig ist; es hat abev etwas anders gebresthaftiges uf 
me, dar ainb got lideu über in verhengct, als vil dik besebiht, daz 
■ot übrig hofnrt drnkt und den menseben zft im selben wiset mit 
ioem aweren undergang silier übertragenheit in einer sftlicher sacli, 
■r er vi] liht denn zemal gar unBcbuldig ist. 

i Etlichü liden werdent dem menseben ton gote in der trüwe 
leben, daz der mensch dur von werd noh grüsser liden übcrhalien, 
ilfi den meuBcheu gegchibt, den got hie ir fegfür git mit siei'htagen 
Jd mit amifit ald (lez glich, daz sü des nagenden über werden, 
ild Job daz er sü lat tüfellichü menscben üben, daz sü an dem tode 
tez anblikes überbept werden, 

Etliebü menschen du lident von rehter inbrünstiger minne, als 
lie martrer. die mit ire manigvaltigen sterbene libes oder gewütes 
^etn lieben got gern zogtin ire minne. 

Wan vindet och in diser weit meng üpig und trostloses liden, 
ils die müssen bau, die der weit nah weltlichen Sachen gnüg wen 
äin; sü müssen die helle vil sur erarnen, da bi ein gotlidender 
mensch im selb wol möhti behelfen in sinem lidene. 

So sint etlichü menschen, du got inrlicb dik vermant, daz sü 
'lea rehten ker zu got nemen, wan er in gern heinlicb were, die 
•la widerstrebend mit hinlessikeit. Dfi zübet got nuderwilent mit 
lidenne: wa sü sich hin kerent und gern got endrunnin, so ist got 
'la mit zitlicbem nngeluk diser weit und bebebt aü mit dem bare, 
•iaz sü im nit mugen endninnen. 

Man vindet och du menschen, du nit lidens hein, denn so vil, 
^ sü in selber liden machent da mite, daz sü daz gross wegend, 
iüT nit ze wegen ist. Als einest: do gie ein wolgeladenr mensch 
in lidene für ein hus, da hört er, daz sich ein frow gar übel gehflb. 
Er gedahle: , gange bin in und tröst [Ö9'] den menschen in sinem 
'Mene!" Er gie bin in und sprach: „owe, liebü frowe, waz wirt 
•ich, daz ir üeh also klagent?" Si sprach: „da ist mir ein nadel 
Wfalleii, ond die kan ich niene tinden." Er kert sich nmb und 



_ 3 andere fekü ff gebrieath. A 9 ineneoli noch grözzur 1. da von 
ttri öberh. M H mainigvaltigen Ä 16 m&u SM 18 ainn Ä 19 ge- 
tlfea M 22 nnderstreliend M 23 gern [gut] Ä 29 in] mit M gar 
iä M 30 den meoscbeD] si S ireiu S 31 f. wirt üch] gebriat dir P 
t üch JJ 

iftfA Seufi: aelh/il. 




134 Leben Seuses. Kap. XL. 

gie US and gedahte: owe, du tobe mensch, hetist du miner burdine 
eine uf dir, du weinetist kein nadlen!'' Also machent etlichü zart 
menschen in selber ein liden in mengerley Sachen, daz kei 
liden ist. 

Aber daz edelst und daz best liden, daz ist ein cristfSnni 
liden, ich mein daz liden, daz der himelsch vater sinem einborne 
sun und noh sinen lieben frunden git. Daz ist nit also ze verstenc 
daz kein mensch zemal ane alle schuld sie, denn allein der lie 
Cristus, der nie sAnd getet. Mer als Cristus sich gednlteklich erzog" 
und sich hielt in sinem lidene als ein senftes lembli ander d< 
Wolfen, also git er etlichen sinen liepsten frunden och underwilei 
gross liden, dar umbe daz wir unlidigii menschen bi den selige 
menschen lernen gedultig sin und alle zit mit einem süssen herzei 
übel mit gut überwinden. 

Dis alles solt du an sehen, tohter minä, und solt nit ungern 
liden, wan swannen liden her kumt, so mag es dem menschen Dizz 
werden, ob er es reht alles sament kan von got uf nemen und es 
wider in got tragen und mit im überwinden. 

Du tohter sprach : ^daz edelst liden, von dem ir hie ze jungst 
heind geseit, da man mit Unschuld lidet, daz hein wenig meDSchen. 
Ich horti gern, wie ein verschulter gebresthaftiger mensch sin liden 
mit got mug überwinden, wan die hein zwivalt liden: sü hein got 
erzürnet und werdent von ussnan gepinget." 

Er sprach: daz wil ich dir sagen. Ich wüste einen menschen, 
der hate ein gewonheit, so er von menschlicher krankheit hate kaineo 
gebresten geübt, der bfisswirdig waz, so tet er als ein gutü wösche- 
rin, du mit irem ingedrukten und geweichten wat hin gat zu dem 
Intern wasser, und es da alles suber und rein machet mit der wisehi^ 
daz vor unrein waz: also erwand er niemer, e daz im ward def 
unschuldigen nieder trieffenden bifites Cristi, daz er ze hilfe nndze 
trost mit unsäglicher minne dur alle sünder vergoss, daz ime geisclh 
lich dez selben blütes ward ein gnuhsamer usfluss. Und in dem 
hizzigen [59"'] blute so wusch er sich und sine masen abe, er badei 
sich in dem heilsamen blutigen bedlin, als so man ein kindli badel 
in eim warmen wasserbad, und tet daz mit herzklichem andaht ii 



3 in selber fehlt M mit mengf. s. M 7 lieben] gfiten S 19 oi 
Bande von anderer Hand : nö von verschultem liden A 27 wat] gewand . 
28 wasser] brunncn M gemachet M in dem weschen S 31 dur fehU 1 
32 influes .S' 



Leheu Seiise«. KHp. XLI. 135 

Einern vfol getriiwendem kiistHnlichem globen, daz es im alle Bin 
läod B61t nnd w&U ab wescbeD und in rein machen von allen 
tcfatiUlen mit sinei- almugenden liraft. Und alens, wie die Sachen 
fielen, siner unscbnid ald einer schuld, so endetan st alle zit glich 
t dem gftten gole. 



XLI. Kapitel, 

He er etlichä Diinneiidd herzen von zitlicher minne zfi got- 
licher niinne zoch. 

In den ziten, do der diener mit eniste sich dennoh erbot, du 
« mensuhen von zUlioher minne bin z& got ziehenne, do markte er, 
liaü in sumlicben klöstern etlichii menschen waren, du geiBchlicben 
Bthiii trfigen und aber weltlichii herzen dar under baten. 

ünder dien waz einii, du hat ir herz uf zerganklicb niinue 

'iiBt gekeret, <laz da heisset spunzieren, daz da ist ein gilt geisub- 

iMicber seltkeit. Do seit er ir: wolti si ze einem rüwigem gStlichem 

jlebeii komen, daz si deune dur von liesei und die ewigen wisbeit 

Bn des iren HebeB gtat ze einem liep nemi. Onz waz ir swer ze 

Bae, wan Bi jung und frisch waz und mit derlay geselscliaft ver- 

I^Pnbert waz. Er braht si neiswen dar zö, daz si guten willen 

"gewan daz ze tüne, und do ir der gut wilie von den iren ward ab 

Hs^irciehen, do sprach er zft Ire: „tohter, Ja dur von! Ich engen 

f, tost du es nit frölich, du wirst es unfr^lich tiinde." Do si sieb 

t ffolt an sin getriiwen red keren, do bat er got ernschlieh über 

daz ei got dur von zngi, es weri mit liep uld mit laid. Eins 

ic er uf die canzell under sin gcwonlicli crucifixus und uam 

»mea blossen ruggen ein stark ilisciplin, daz im daz bißt dur 

1 trang, und bat got liber ei, daz si gezemet wnrdi. Und daz 

Whah aUo; wan do si wider hein kom, do wfibs ir geswinde ein 

K^bafenr bover uf dem ruggen, daz si hesslich ward, und niflste 

von not lassen, daz si dur got nit woltc lassen. 

Es waz in dem selben unbeschiossen kloster ein jangii, süh&nä, 

Digebornü tobter, dö mit dez selben tüfels nezze menig jar ir herz 

1 wolgetrüwen dem AS wu! getr, [dera] P 4 schulde . . . uuschulde P 
in./ehh M 9 mit entsie fthll A^ 11 semlicliru .SP 14 sponsieren A' 
rief« M gift] gät (II K 15 götl, rüw. M 17 [des] ir 1. sL M 
bekünbPrt SP 20 ii'cn] inren K 26 f, dur na trang) ab ran P 
sn~ laisen/fWf J' 32 nesze /J./f .1/ iiniswie nienie jar M 



136 Leben Seuses. Kap. XLI. 

und ir zit hate üpcklich verzeret mit allerley gesinde^ nnd du wae 
80 vast dar iiine erblendet, daz si den selben diener der wishei** 
alle zit floh als ein [60'] wildes tier, wan si vorte, daz er ir di«« 
wise, die si fftrte, ab spreche. Nu bat in der selben tohter lif^ 
lichü swöster, daz er sin glükt an ir versuchte, ob er si von dei 
schedlichen wise zft got möliti bringen. Daz duhte in ein nnmag-- 
lichü bete, und sprach, in dubti müglicher, daz sich der himel her 
ab neigti, denn daz si dur von liessi, der tod der musti ir es be- 
nemen. Si bat vil flehklich und sprach, si weri in dem globen, 
weler sach er an got ernschlich kerne, daz im daz got nit verseid. M 
Mit sölicher rede überwand si in, daz er es gelopte ze tune. 

Und wan si in alle zit floh und nit moht zfi ir rede komen, 
do nam er war eins tages umb sant Margareten tag, daz si mit den 
andren jungen swöstern waz us gegangen uf einen aker ire werk 
liechen. Er schleich hinna und umbgie den aker, daz er mit glimpf U| 
zu ir kemi. Do si war nam, daz er ir begond nahen, do karte si 
ime gar schalklich den ruggen mit einem zornlichem fürinem antlAt, , 
und rftfte vil ungestümklich hin über gen im also: „her munch, 
waz wend ir her zfi mir? Gand reht üwer Strasse von mir, das 
rate ich ü ! Lfigent, e daz ich ü wölti bihten, ich wölte mir e lassen Ü 
daz hopt ab schlahen; e daz ich ü denne wolte volgen und DÜn 
spunzieren ab lan, ich w51ti e, daz man mich also lebende begrabe. 
Dar umbe gand reht üwer Strasse, wan ir schaffent nut an mir!' 
Du gespil du bi ir aller nehst stfind, du stillet si und strafte si und 
meinde, er heti es nüwan dur gftt getan. Si für mit ir hoptetob-^ 
lieh und sprach: „lug, ich wil in nit triegen, ich wil im mit worten j 
und wisen zögen, waz ich in miuem herzen hau." Ab diser frti* ; 
diger rede und unsitiger geberde erschrak der diener, daz er schäm- Ü 
rot ward, und gesweig stille, daz er nüt sprechen konde. Dien J 
andren swöstran, die daz geschrei über in horten, waz es leid, nnd ^ 
gaben ir ungelimpf. Er gie geswinde einent ab und entweich ir 
und sah uf und ward inneklich süfzende, und wolte dur von haa 

13 war fehlt M 15 lüchen K glimpf] oren Ä" 17 gar smähklich < 
18 vil zornlicli und uiiirest. S 19 ir [her] PK von mir fehlt S 20f. d.k- ^ 
lassen ab s(.lil. SK 27 und wisen] fünf wi.s (!) M 28 uiisinniger Tl^ ] 
31 einenthalben [ab] VA^ 

13 St. Mnryaretentag wurde in der Diözese Konstanz am 15, JhU ^ 
feiert, von den Doiiiinikanern am 13, oder L^o. Juli, doch fUgten sich die OritM 
meist dem Diüzesany ehr auch; vgl. Grotefend, Zeilrechnung /, IIb; II, 5, 3$i 
Fiala im Anz. f. Schweiz. Gesch. /, ö — tS. 



Leben Seases. Kap. XLI. 137 

^an, denne daz als oeiswas inrlicbs tribens von got da beleih, 
üod daz nieinde: wer gen gote ald gen der weit üt wil schafen, 
der endarf nit als bald ab lassen. Dis geschah na dem miten tage. 
Dar na do es ward abent, na dem nahtmal, do die swöstran 

5 gemainlich in den hof wurden gende, daz sä daz nsgelochen werk 
rifletin, und du [60^] selb tohter mit in gie, und s6 für daz gasthus 
inftsten gan, da der selb diener inne waz, do bat er ire gespilen 
eine, daz sie die tohter mit etlichen listen hin in zu ime brehti, 
und si denn hin wider us giengi. Und daz geschah mit n5ten. 

V) Do si hin in kam und under dem laden bi im gesass, do büb 
er an mit inneklichen söfzen sines vollen herzen und sprach: „eya, 
8ch6nü, zartü, gotes userweltü jungfrow, wie lang wend ir üweni 
schönen minneklichen lip und Awer zartes minnekliches herz dem 
leiden täfel lassen? Ir sind doch von gote so gar gnadenrich 
gestalt in allem üwerm gelesse, daz es ein übel mere ist, daz ein 
sftlicher engelschlicher, wolgestalter, edelr mensch ieman sol ze teil 
werden, denn dem aller heresten ze einem liebe. Wer sol den 
schönen zarten rosen billicher brechen, denne der, des er da ist? 
Keina, tr&tü, minnekliohü jungfrow, tünd üwrA klaren falkenogen 
tf und gedenkend an daz schön liep, daz hie an vahet und iemer 
und iemer weret; und nement och her für, waz kumbers und un- 
truwen und laides und lidens an lip, an gut, an sei, an eren der- 
l^y menschen müssen erliden, es sie in lieb ald laid, die des pfle- 
gcnt, denn daz sü die versüsstü gift also verblendet, daz sü dez 
Pässen schaden under dannen vergessent, der in da volget in zit 
DBd in ewikeit. Eya dar umbe, du engelschliches bilde, du minnek- 
liches edels herz, ker umb dinen natürlichen adel uf den ewigen 
*<lcl, und lass dur von! Ich globen dir daz bi miner ti-üwe, daz 
^ch got ze einem lieb wil nemen und dir ganze trüwe und reht 
'i«bi hie und dort wil iemer leisten." 

Gut waz du stunde! Disü fürinü wort schussen ir glich dur 
*r herze und erweichten si also gar, daz si geswind irü ogen uf 



2 ütz 3f 3 bedarf M 6 mit ir M 8 hin in fehlt M brehtint SÄ^ 
1^ laidigen K 16 engelscher M 21 nement — für fehlt M 21 f. iin- 
^we A^a unrüwen AS unrögen F 24 vor blendet M blendet S 25 da 
^öh K 27 f. uf — adel fehlt K 31 furiiiü] frume i» 

6 Besonderes, vom eigentlichen Kloster (jetrennte,s Gebäude zur Auf- 
*•***« der Gäste. 10 In der Fensternische j der Schicklichheit halber 



138 Leben Seases. Kap. XLI. 

hAb, und Hess einen grundlosen süfzen und sprach ingmntlich m 
verwegnen getürstigen worten zfi im also: „ach herr und vate 
mine, ich ergib mich hüte an got und an üch, daz ich minem vei 
lassen üpigem lebene nu an diser stunde wil ein fries urlob gebec 
und wil na üwerm rate und hilfe mich dem minneklichen gote Z( 
eigen geben, und wil ime allein unz an minen tode dienen. ** Ei 
sprach: „daz ist ein frölichu stunde; gelopt sie der milt herr, dei 
ellü widerkerendü menschen wil frSlich enpfahen!** 

Under dannen do sä [61'] zwei heimlich mit einander also 
von gote reddan, do stflnden ire verlassen gespilen ussrend an der 
ture und verdross sü der langen rede, wan sü vorten, daz si m 
ire üpigen geselschaft abdrünnig wurde. Die ruften ir, daz si es 
ein ende macheti. Si stfind ein endrü worden uf und gie mit ime 
und sprach zu in also: „min gespilen, got der gesegen uch! und 
heind ein fries urlob von mir, baide, ir und alle unser gesellen, mit 
dien ich leider min zit han üpeklich vertriben, wan ich wil got na 
allein haben und daz a.nder alles vam lassen/ 

Die tohter vie an, alle schedlich geselschaft ze miden und sich 
abgescheidenlich ze halten; und wie dik es dar na an si versüht 
ward, ob man si möhte hin wider in daz alt leben bringen, do hall 
es nit. Si hielt sich also, daz si mit lobrichen eren und gotlicheo 
tugenden vest und stete an got unz an ir tod bleib. 

Der diener gie dur na eins males us, daz er sin nüwen tohtei 
in gutem lebene gevestneti, und ob si in keinem liden weri, das er 
si gutlich trosti, und tet im selb vil we mit gene in der krankheit, 
in der er do waz. So er dur daz tief hör also trat und die hohen 
berg uf klamm, do hüb er dik sinü ogen uf ze gote und sprach: 
„erbarmherziger got, bis ermant diner eilenden füsstapfen, die do 
tet dur menschlich hail, und behalt mirminkind!^ Sin geselle, ao 
den er sich ie erleinde, der sprach von erbermde: „es zimt wd 
gotes guti, daz meng sei durch üch behalten werde." 

Do er fürbaz gie, unz daz er nüt me mohte und gar erlegeo 
waz, do sprach aber der geselle: „eya, vater, got der s61ti wol an 
sehen üwer krankheit und solti üch senden ein rössli, daz ir geritend, 
unz ir etwa zft den lüteu kemend.** Er sprach: „nu komen sinbaid 



5 und wil — 6 geben nach dienen *S' 5 f. erzaigen und z. e. g. 1 

10 verlassen fehlt M ussen *S' ussnen K 13 niachetin M ein e. wordei 

anderweit S 21 loblichen S lebrichen P 29 mine kinde P 32 uiu 
und .1/ 33 [derj jj^cselle K 




Lebeu Seuses. Kap. XLI. 13^ 

B got, 80 getrnw ich, daz mich got diner tugent lass geniessen und 
Witt es gescbeh." AIbo l&gete der diener umb sich, do sah er zd 
ier rehten band ddrt her us von einem walde gan ein hübsches, 
ml gezßmtes und gesatletes rÖBsli alleine. Der gesell röfte mit 
„eya, lieber vater, Iftgent wie iich got nit wil lassen!" Er 
neb: „IQg, sun, nmb nud umb ut' disem braiten veld, ob ieman 
r mit gange, de/, es sie." Er lügete verr und nahe, und sab nie- 
denn daz r6ssli da lier zelten und sprach: „vater, werlich, got 
der bat üch daz gesendet; sizent uf und [131'] ritend!" Er sprach: 
HjQg, geselle, ist, daz daz rössü still stat, so es zQ uns kunit. so 
ptrüw ich got, der hab ee ze iinser notdurft her gefiiget," Daz 
Mi kam senfteklich und stand stille vor in. Er sprach: „wol her 
ip gotes namenl" und der geselle half im uf und Hess in riten, und 
|ieng er mit ime neiswi verr, unz er gerilwete. Und do sü kamen 
Unabe zö einem dorfe, do sass er abe und leite dem rösslin den zom 

I niiier uf und hiese es sin strass gan, dannan es komen were; war 

I do kemi ald wes es weri, daz kond er dur na nie ervarn. 

Do der diener kam hin. da er hin wolte, do geschah ein» 
Endes, daz er also gesass bt sinen geischlichen kinden und inen 
fete zerganklich liep und iu liepte daz ewig liep. Do sü von im 
fflgen, do waz sin herz neiswi erhizzet von siner begirlichen rede 
gdtlicher minne, wan in diihle, daz sin liep, daz er meinde und 
ären menschen gab ze minnene, als reht vil besser were denn 
A lieb dieser weit. Und do im in der betrahtunge die sinne neiswi 
bnnken, do duht in in einer geslht, er wurdi gefüret uf ein Bcb&n, 
hen beide, und gie ein stoltzer himelscber jungling bi ime und 
Ite in an siner band. Also erhüb der selb jungling in dez bröder 
e ein lied, und daz ersi-bal als frölich, daz es im alle sin sinne 
rflogte von Überkraft des süssen gedönes; und dubte in, daz sin 
h als reht vol wurdi inbrünstiger minne und jamers na gote, daz 
I herz ward varnd und wütende in dem libe, als ob es von übriger 
1 urbrcchen wi'dte, und mäste die rehten band legen uf {laz herz 
selber ze hilfe, und sinü ogen wurden als vol, daz die trehen 
If ab runnen. • Do daz lied us kom, do ward im ein bild für 
mrfen, in dem man in leren wolte daz selb lied, daz er sin nit 

1 Jugent P 4 wol gczeiutea röüselin mit luncm sat^l duz kam alltün 
a ISge -''-V IU ans zu k. M 11 gesendet ü/ 20 ir zerg. liq 

II erhitat^et SK 25 bcIiÖd fehlt K 26 liimelsclier /elUl P ime] in 
% t. !«■] !"■ »'■ 8- ^'n und mSt verflog M ^ 



1 




140 Leben Seuses. Kap. XLI. 

vergessen mohte. Also lügete er dar und sah unser frowen, wie 
ir kind, die ewigen wisheit, geneiget bäte an ire niftterliches her 
Nu stfind der anvang dez liedes dem kindlin ob sinem hobte ^ 
schriben mit schönen, wolgeflorierten büchstaben, und waz du scr 
als togen, daz si nit menlich gelesen konde; allein du mensche 
du es haten erkrieget mit übiger enpfintlichkeit, du lasen es w 
Und waz du schrift also: HEBZENTBUT. Die sehrifl las d 
diener behendeklich, und sah denn nf und blikte in denn liepli 
an und waz im denn neiswi enpfintlich, wie daz als reht war wei 
[62'] daz er allein weri daz zart herzentrut, in dem man liep a 
leid heti, und trakte in denn in den grund sines herzen, und h 
denn uf und sang mit dem jangling daz lied us und ns. Und 
der inbrünstigen herzklichen minne kam er wider zu im selben n 
vand sin rehten band ob dem herzen ligende, als er si der ud| 
«tümen bewegung ze hilfe uf daz herz hat geleit. 



[62''] Eins males waz er verr gegangen, daz er vil müd ^\ 
worden, und do er kam ze abent an ein frömd stat zu einer klose 
da sü woltan herberg nemen die naht, und waz kein win da, wed< 
in dem dorf noh in der klosen, da gie ein gütü tohter her für no 
Seite, si heti ein vil kleines fleschli mit wine, wol uf ein halb mm 
und sprach, waz aber daz hulfi under der mengiV Wan ire wäre 
wol uf XX person guter kinden mit dien, die dar waren komei 
daz sü gotes wort usser sinem munde begertan ze hörene. Er hies 
daz fleschli her für tragen über tisch, und sü baten in, daz er eine 
götlichen segen dar über teti. Und er tet es in der hohen kraft de 
minneklichen namen Jesus, und vie es an und trank, wan in turst 
nah dem genne, und bot von im, und sü trunken ellü sament. Da 
fleschli ward nider gesezzet ofi*enbarlich, da sü es alle sahen, ao 

7 abwechselnd rote und blaue Buchstaben AK, am Rande M 8 liepl 
^tlich P 13 herzkl. fehlt P 15 ze hiltV fehlt M 16 ASPKßVt 
haben hier neue Linie und grossen Anfangsbuchstaben, MA^ •keinen Absati : w 
aN W und darnach Denifle haben eigenes KapiiA mit der Überschrift : wie g" 
(las leipLieh tranck seineu freunden meret (N etwas abweicliend) vü fehlt ^ 
19 gütige S 21 waren fehlt M 23 begerton nach wort M 

15 In yiKRWJi^a ein Bild: Maria mit dem Jesuskind erscheinen dt 
Diener, der Jtsus .Jhrj-entraut^ nennt (Abb, 6 nach R Bl. 8M. 17 klc 

TTz kleine Beghinenniedcrhifoning. Die folgende Erzählung ist ein typisches B 
spiel, wie Seusc unter den Gottesfreundinnen missionierte. 21 Vgl, Joh, 6 



Kap. XLl. 



I wider in giegsen wassere oder wines, wan kein andre win da 

Sil tranken aber and aber vast ubs dem selben fleschlin, nnd 

I als begirig von im ze fa&ren gotee wort, daz dez grttliclieD 

s nieman ahtete. Ze jungst neiswen, do ^u zQ in selber kamen 




141 



golee Termugendcn kraft in der merung de?, trankes als kuntücb 
^ben, do begonden sü got loben und wolten des dieners heilikeit 
igetat geben. Dax weit er mit iiihtü gestaten und sprach: ,,kinder, 

ist nüt min getat, got der bat der rcineii geselschaft ire guten 

en lassen geniessen, und het si liplieh und geiseblich getrenket." 

1 Tnder aus wiik-r korrigiert A wnnder [in] gieN^cii (!) K 5 rermügetit. 

traft 5' S tiis t. gn. M 9 geniesaen Ä ^enoazen KM lieiilich M 



f 

I 



142 Lebeu Seuses. Kap. XLII. 



XLII. Kapitel. 

Ton etlichen lidenden menschen, dd mit sonderlicher trüw 

dem diener zn gehorten. 

Es waren in einer stat zwo fürnem personen an heilikeit^ die 
im heinlich waren. Diser zweier gotesMnden geischlicher zDgwaz 
gar ungelich. Du ain waz fürneme vor dem volge und waz begäbet 
mit götlicher süssekeit, du ander waz nüt fürneme und got üpte si 
•emzklieh mit lidene. Do die baid erstürben, do heti der diener gern 
von got gewüsset, wie.mis8[63']lich ire Ion an enr weit weri, wan 
sü hie als ungelich wisen f&rten. Eins morgens frü do erschein l 
ime du ein vor, du da als fürneme waz, und seit ime, daz si noh 
in dem fegfür were ; und do er fragete, wie daz möhti sin, do meinde 
si, daz si nit ander schulden uf ir heti, denn daz von ire fürneme- 
keit etwaz geischlicher hofart ir in viel, dem si nit gnü geswinde iu 
gie ; es solt aber schier ir liden ein end haben. Du ander, du ein li 
verdrukter, lidender mensch was, du für ane mitel ze gote. 

Dez dieners liplichü müter waz och alle ir tage ein vil groflsi 
liderin. Und daz kom von der widerwertigen unglichheit, so si und 
ire huswirt baten: si waz vol gotes und heti gern dar nah g&tlicb 
gelept, do waz er der weit vol und zoh mit strenger hertikeit di I 
wider, und hier uf viel liden. 

Si hat ein gewonheit, daz si alles ir liden in daz biter liden 
Cristi warf und da mit ire eigen liden überwand. Si verjah im vor ' 
ir tode, daz si inrent XXX jaren ze keiner mess nie gestund, i 
erweinti sich biterlich von herzklichem mitlidene, daz si mit imseni 
herren marter hate und siner getrüwen müter, und seit im och, dil ' 
si von der unmessigen minne, die si ze got hate, ainest minnesiedl 
ward und wol XII wuchen ze bet lag also jamrig und serwende ni 
gote, daz es die arzet kuntlieh innen wurden und gut bild dar ab 
uamen. | 

3 gehorten etc. A' 10 wis M do fehlt M 13 schuld PJÜ* 
17 Ez waz de8 dieners 1. m. och M orrosslfi A 21 f. vil vil liden. Si betten U 
24 nie] nie M 25 bit. von herzen mit lident M 27 ainest fehlt M 28 »er 
weinde A^ 

16 ane mitel - ohne Hindeniie^ d. h. ohne Feyfeuer. 24 ff. K. Sckmiä 

(Theoh Sind, u. Kr iL 1843, 83ti) und Böhnwjer (DeuUche Mystiker 18S5yi96) 
Jasaten die Stelle so auf als habe sie 30 Jahre lang aus I*\irc?U vor lÄrtH 
Gatten keiner Messe angewohnt ! 



Lebcu Seusex. Ea]). XLII. 143 

Si gie einest ze äugender vaeten in dnz miinster, da du ab- | ^ 
wg mit geeebniten bilden uf einen alter etat, und vor den bilden \ 
tiitJerkom Bi neiswi in enpfintlicher n'ise der gro^g smerz, den du ' 
zart mAter hate under dem krüze. Und von der not geschah dieer 
Sollen frowen och als we von erbermde, daz ir herz neiswi erkrachete 
CDfifiDilich in ir Übe, daz »i von amaht nider seig an die erde und 
»rder sah nob Rpraeb. I Do man ir hein gehalf, du lag gi siech nnz 
a den stillen fritag ze none, do starb si, under dannen do man den 
pEisiou las. 

In den selben ziten waz ir sun, der diener, ze C6Lne ze sofaftle; 
1^1 ereehein im vor in einer gesiht und sprach mit grossen frfideii: 
'*, kind mins, hab got liep und getrüw im wol, er lat din mit 
kainer [63'] widerwertikeit. Lilg, ich bin von diser weit 
ihaiden und bin uüt teil, ich sol eweklich leben vor got/ Si 
le in mflterlich an sinen mund und gesegnet in getriilich und ver- 
id also. Er vie an ze weinen und rftfte ir na: n^vre, getriiwü, 
igö mftter minü, bis mir getrüw gen gote!" Und also mit wei- 
und süfzende kom er wider zil im selben. 
In sinen jungen tagen, do er ze schfll fftr, do beriet in got 
it eins lieben g6tlichen gesellen. Eins males in einer beinlichi, 
von got vil baten gekoset, do bat in der geselle durch ge- 
ich trnwe. daz er im zogti und in licssi gehen den niinnek- 
tichen namen Jesus uf einem herzen gezeichenten. Daz tet er iin- 
^m, und doch, do er sinen grossen andabt an sah, do waz er im 
der bet gnftg, und zerliess den rok ob dem herzen und lie8.s in daz 
herzcnkleinet sehen nah aller siner begirde. Dez begnßgte den ge- 
<elleu nit. Du er es wul gesah schinberlich stau nn dem libe en- 
Hiiren uf sinem herzen, do ffir er mit slner band dar und mit sinem 
tbtliit, und streich es dar nn und leit sinen mund dar uf. Er ward 
herzklich weinende von andabt, daz im die ab walenden trehen über 
■Uz hera ab runnen. Und der diener verbarg den namen dur na, 
lu er in nie keinen menschen wolt me lassen sehen, denn eht ein 



2 »ineiu KM 8 neiswaa SA^ 6 vor Jf 8 atiUen fr.] karfiitag M 

tue P 17 mit fihlt MÄ^ IB nnd also aüfieul M zi i. a. wider M 

etton vil M 21 f. gesellicb M 2i [au] sach K 27 an] in MA' 

I woU SKA^ gMeheii AP e!it] Sth P, fehlt MA' :S2 f. ein uspin-. 

) einigen M 

Charfreitag , wo dt' 
10.19 Vyl. 10ä,ai. 




144 Lehen Seuses. Kap. XLin. 

einigen userweiten gotesfründ, dem es von got erlobet waz; der ge 
schowte in och mit glieher andaht als och dise. 

Do die zwen lieben gesellen neiswi meng jar bi einander mit 
götlicher geselschaft waren gewesen und von einander solten varn, 
do gesegneten su einander getrülich und macheten ein geding en- 
zwüschen in, wedre vor sturbi, daz im der ander geselklich truwe 
na dem tode leisti; und sölte ime ein jar alle wuchen zwo messaB 
sprechen, ein an dem mändag Requiem und ein an dem fritag von 
ünsers herren marter. Dar na über neiswi meng jar, do starb dem 
diener sin gesell vor an, und er hat vergessen umb die gelübde der 
vor genanten messen, und gedaht sin aber ane daz getrülich. Do 
er eins morgens also sass ingezogen in siner kapell, do kam der 
geselle in einr gesiht für in stan und sprach vil kleglich: ^eja, 
geselle, diner grossen untrüwe! Wie hast du min vergessen!" Er 
sprach: „ich gedenk din doch alle [64'] tag in minen messen.^ Der 
gesell sprach: „es ist dar an nit gnüg, laist mir unser gelübte omb 
die messan, daz mir dez unschuldigen blütes hin ab werde, daz mir 
daz streng für lösche, so wird ich schier gelidget von dem fegfüir.* 
Und daz tet er do mit herzenklichen trüwen und mit grossem laid 
siner vergessunge, und im ward schier gehulfen. 



XLIII. Kapitel. 

Wie im Crlstns vor erschein In eins Seraflns bilde und in 

lerte liden. 

Do sich der diener eins males hate zft got gekeret mit grogsem 
ernste und in bat, daz er in lerti liden, do erschein im vor in einer 
geischlichen gesihte ein glichnüs des gekrüzgeten Cristus in eine« 
Serafins bilde, und daz selb engelschlich Serapfin hate VI vetchen: 

2 frlicher] bc^irlichcr M discr K^[ 4 Etlicher S 6 f. entw. inj 
mit enaiuler S 7 ein jar fehlt M im [ein] jar Ä^ 16 alle tag] allwegp t 
18 jürelediget KM 24 zu got hate SM 25 und — liden feMt M 26 cristi K 
27 ff. fettachen S vetticb P vetken .V 

8 f. Am Montag eine Totenmesse (Requiem), am Freitag eine Mitea i^ 
passione. 27 ff". Im Leben des hl, Franz von Assist (Vision auf dem Berff '■. 

Alverniiij 14. tSept. 1224, vgl. Lamprecht von Regenshurg, St, Frangieken X«M i 
i(L Weinhold lü8ü, :i38l ff. 40ö:J ff. nach Thomas von Celano) kommt »Ä '■ 
zum erstenmal die Erscheinung Christi in Gestalt eines gekreuzigten Sert^ 
ror: von da ah wiederholt sie sich öfters, mit und ohne Stigmatisation. Vf/L 
auch /.v. 6",;? u. Strauch, Marg. Ebner 40,3. 



Leben Seusei. Kup. XLIII. J45 

ruit zwain vetchea bedacht es daz hobt, mit zweiii die füsse, und 
mit zwetn flog es. An den zwein nidresten vetchen Btänd geschribeii : 
(npfah liden willeklicb; an den mitlesten stfind ntso: trag liden ge- 
dalleklicb; an den obresteu stöud: lern liden cristf&rmklich. 

Die luinneklich gesiht seit er einem heiligen fn'inde, der ein 
f'i heiliger mensch waz. Do sprach si bin wider: „wüssiut für war, 
4z üch aber nüwu liden sint berait von got, daz ir crliden niiissent." 
Er fragte, welerley du liden werin. Si seile: „ir müsaent nu erhebt 
werden ze einem preisten, daz die üch deet baz mugen trefen, die 

UiDiganst gen ücb bein, und deat tiefer her ab schupfen. Dar umh 

«ment ueh uf gedultekeit, als üch in dem Seraptin gezSget ist." 

Er ersäfzet und lüget uf ein nüwes künftiges uugewiter. Und es 

fr^ieng also in der warbeit, als im der heilig mensche bäte geseit. 

Es fögte sich in den selben ziten, daz tüni jar kamen nnd daz 

UraaD sinem konvent, da er do waz, weder brot noh win gab, und 

duz der konvent waz komen in gross giilte. Die brüder wurden ze 

%te gemeinlich, daz sü in der grossen türi den diener namen ze 

priol, wie leid ald widerwertig es im waz, wan er verattlnd wol, 

. liai im da mit nüwes liden bereit waz, 

i) Dez ersten tages biess er lüten ze capitell und mante eü, daz 
^ »ant Domioicus an r&ftin, wan der heti sinen hrtidern getopt, 
"enn sü in an rüftin an den nfiten, so wdit er in ze belf komen. 
Do Sassen zwen brüder bi einander in dem capltel, nnd runete eine 
Um andern and sprach vil spotlieh zu ime; „IQga, waz torohten 



1 ddrt K 1 f. [und] mit M 3 dem mitl. ASKMaS' 4 dem 

l *T. * crisrfonnlioh M 6 gotteafrönde Ka 7 iiier fehlt M 8 fragte] 
r ijfith M 12 kiinft fthlt M 18 ald wie wid. SP 18 f. wan — ber. 
I nt fthlt ASP ai der] «r K 24 ime] in M 

Vol^ Herbst 1343 bis Juni 13U tear in Oberdeittschlund eint 

ftut TeHerung: der Bitehof vatt Konstam, Nikolaus van Kmtingen, speisle 

lf Hinem Schlote £a»ttll täglich gegtn 300U Armr. Stiege: Joh. Viiod. ed. 

t 17S, ms, 310 f.; Heinrieh c. Ditaaenhoven hei Bühmer, Fönten IV, 39, 

\i Frttb. Diös^Archiv 1874, 40; IbOl, 149; Strauch, Ad. Langinann 109. 

% SD cspitel = V'trmmmlung der Mönche eines Klosters oder Ort, wo diese 

f|fnd<t (Kapitelisaal) : vgl. Dacange s. c. 21 f. Vgl. Laeordaire. Leben 

Im. Domiiiikus, deaUch '1671, 309 nach ASS Aug. 1, 516, 6*0 (rgl. auch 

,t 0, Seauvais, Sprc. hist. XXX, 113). Dieses sog. Prioiltgium digiittatis, 

I auch bei vielen andern Heiligen vorkommt, ist in stin Officium (nach 

biaerrüusj übergegangen, vgl. Hesp. ad leci. IX: O sptn miram, quam 

I mortis horae (t ßentibus, tlum posi mortem promisitli te profi 

/mtribiu ttc. 

H. Stillt, DcniKOiB SohTmoD. 10 



1 



<eben 

'atis, I 

Do- I 



146 Lehen Seuses. Kap. XLIII. 

mannes ist dise priol, daz er uns heisset, daz wir mit unser not ; 
got konien! Wenet er, daz got den hirael uf tüg und uns her i 
trinken und essen [64^] sende?" Der ander sprach hin wider: „ 
ist nit allein ein tore, wir sien toren alle sament^ daz wir in ze pri 
namen, und wir vorhin wol wüstan, daz er unkunnent ist uf zi 
lichä ding und nüwan ufwert ze himel gaflFet.** Und ward man 
spötigu urteil über in geben. Do moment ward, do hiess er ei 
mess singen von sant Dominicus^ daz er sü berieti. So er als 
in dem kor stat verdahte, do kom der portner und rAfte im hin n 
z(ü ainem riehen korherren, der sin sunder fränd waz, und de 
sprach also zA ime: ^lieber herr, ir sind nit kündig uf zitlichu ding 
und bin hinaht von got inrlich ermant, daz ich ü helf an siner stat 
und bring üch hie XX pfund Costenzer zu ainem anvang^ und ge 
trüwent gote, der sol üch nit lassen." Er waz fro und nam da; 
gelt und hiess win und kom kofen. Und got half in und san 
Dominions, alle die wil er priol waz, daz alle rat da waz, not 
vergalt dur zft, daz sü nihtesnit soltan gelten. 

Der selb korherr, von dem geseit ist, do der an sinem todbe 
gelag, do besaste er ein vil grosses selgerete hin und her, da er gna« 
zA hate. Dar na sant er na dem diener, der do priol waz, an* 
beval dem neiswi vil guldin, daz er die anderswa under arm gote£ 
frund teilti, die ir kraft mit strenger Übung hetin verzeret. Da 
wolt er nit gern tAn, wan er vorte nahgend liden, als och geschal 
Ze jungst ward er überkomen, daz er es nam, und für us in da 
land und teilte daz gelt, als er im gelopt hate, hin und her, wa e 
getrüwete, daz es siner sele aller nüzzest weri; und tet daz m 
gAter gezügnüst und mit widerrechnung sinen obren. Hier uf ru 
im grosses liden. 



6 wol fehlt M 8 Dominico K 11 zu im also M 13 pfund] libn 
ASFA^ Cost. phenniiig M 16 prior K 17 nihtesnit] nit me S nfttx i 
gelten solten M 19 la^ SFA^ 21 arm fehlt M 25 hate gelopt S ha 
fehlt M 27 siner SMA^ hier us KA' 

13 Zu Costenzer trgänze: phennic, %cie M liest. Ein phuni (librt 
= :^0 Schilling (solidi) = Ü40 Pfennige (Silberdenare), vgl Ltxer II, 238, Üßt 
zur weiter e7i Onentierung vgl. Poinsignony Kurze Münegeschichte von Komtan 
1S70, und die Notizen über Kurs und Kaufkraft des Geldes zu Konstanz i 
14. Jh. in Freib. Ditk.Archiv 1902, 43. 19 selgerete = UtMwülige Vt 

fitgung zum Heile der Seele (remedium aniinae), besonders Stiftung von Seile 
messen und Almosen an Arme, die dafür beten mussten, dann Testament Ubi 
haupt (Lexer II,bi05f: vgl. Schönbach, Über Hartmann von Aue 44 f.). 



Leben Beuaea. Kap. XLIII. 



147 



Der heire hat einen ungeraten kepsun; der bat verzeret, daz 
mia herr hat geben, und yod einer verrftchtkett greif er du diug 
idä ime echedlich waren. Der beti gern daz selb gelt gehabt, 
I do im daz nit mohte werden, do wtderseit er dem diener und 




i 



bot im mit einem geBwornen eide, wa er in au kern, da nMt er 
t6den. Dis sorglich yientschaft koud nieman understau, wie dik 
versöcbt ward, er wolt in näwan tSden. Der armer man waz 
anbeten und in n&ten lang zit, und getorgte nit wol hin noh ber 



1 WM Jf 3 gell] g&t M 



U 



148 Leben Seiises. Kap. XLIII. 

wandlen von vorten eins ermunlcns von dem verruchten menscliei 
Er hftb siuü ogen dik uf ze gote und sprach mit inrlichen süfzei 
„ach got, waz jemerlichen todes wilt [65"^] du über mich verbengen 
Sin not waz dar umbe dest grösser, wan kurzlich dur vor ward 
einer andren stat ein erbere brfider von senilichen Sachen jemerlic 
ermordet. Der arme brüder hat nieman, der im des lidens v« 
w61ti ald get6rsti sin, von dez wilden menschen fraidekeit. Do koi 
er sin an den obresten herren, der enband in von im und brach ij 
ab sin junges starkes leben, und starb. 

ZA disem liden kam och do ein anders biter liden. Es wa: 
ein ganzü gemeinde, dien der herr groslich hat geben. Dar ar 
gnügt sü nit, und die vielen alle ut den brüder mit grossem Ungunst 
daz er in daz selb gelt och nit alles liess werden. Und ward jemer- 
lieh hier umb von in durehtet und ward von in getragen für welt- 
lich und geischlich, und kam verr in daz land in verkerlicher wise 
siner schulden, und müst undergan vor den lüten in den Sachen, Ib 
den er vor gotes ogen unschuldig waz. Disü lidendü sach, so der 
ein wil geswiget ward, so nam man si aber und aber her für, und 
triben daz menig jar, unz daz der aim man dar umb wol gesibet ward. 

In den selben ziten erschein ime der selb tote korherr vor in 
einer gesiht und hate ein schön gewand an, daz waz grün und waz 
umb und umb vol roter rosen. Und seit im, daz es wol umb in 
stunde an enr weit, und bat den diener, daz er gedulteklich liddi 
daz gross unrecht, daz man in zeh, wan got wölti in dez alles wol 
ergezzen. Er fragte den herren, waz sinü schönü kleider betntin. 
Er sprach: „die roten rosen in dem grünen velde, daz ist üwer ge- 
dultiges liden, mit dem hend ir mich gekleidet, und got wil ücb hiei 
umb mit im selben eweklich kleiden." 



1 und [von] yorhten J/ 6 brüder] man S 11 der herr] er J 

12 den brüder] in M 13 nit och M Ih und für g. SF 16 schuld / 

18 und a))er fehlt M 19 dar umb fehlt M 24 ungereht M rihi -^ 
zoch P 

19 Zum Ausdruck vgl. Luk, 22,31. 20 ff. Vgl dagu Strauch^ Äl 

Langmann 6b,34ff, und B. von der Gnaden Überlast ed. Schröder 41,36 f» 

28 In AKIiWB^a ein Bild: Christus erscheint dem Diener in SeraphimS 
gtetalt (Abb. 7 nach K Bl 93^, 



Leben Ppuaes, Kap. XLIV. 



XLIV. Kapitel. 

66'] Vfte vestklich der luuss gtriteu, dem der geischlich pris 
sul werdeu. 

An der DÜwi siueB anvanges do ct(\nd der diener uf dem einne, 
er von herzeu gerne deu ogen des miuneklicheu gotes heti wol 
illen mit fürnemer sunderlieit, aber ane liden und ane erbeit, 
füllte sich, daz er eins males üb f&r dur hrediens willen in daz 
Und do er kom in ein gemein scbef uf dem bodensew, da 
pBoe sasB ander den andren ein weidenlieher kncbt, der trfig hof- 
lolichii kleider ane, Zu dem machet er sich und fraget in, waz mannee 
er wen. Er sprach; „ich bin ein ayentürer und bring die herreu 
'if^men, daz sii bovieren, uud da stiebt man und tuvniert und dienet 
tchinen frowen; und wele es da aller best tfit, dem git man die ere 
Dnil im wirt geloreL" Er spracb: „waz ist der loni" Der kneht 
■fisi-itei „du BchSnat frowe, dii da ist, du git im ein guldin vingerli 
>ii sin band." Er fraget aber: „sag mir, lieber, waz raöse aine tftn, 
(faz im dii ere werde und daz vingerli t"' Er sprach: „wele aller 
meist streichen und gedranges erlidet und dar inne nit erzaget, denn 
Ösj er kechlich und raanlich gebaret, der vast sizet und uf sieb tat 
BUahen, dem wirt der pris geben." Er fraget aber: „acb, sag mir: 
IT nu an dem ersten anriteune kech ist, weri daz genflg?" Er 
)ncb: „nein, er mi^ss den tnrnei üb und us herten, und wurdi er 
Beblagen, daz im daz für zi^ den ogen us wüste und im daz blüt 
B nurnd und nasen üb brechi, daz mi^ss er alles liden, sol er daz 
Agewünnen." Er fraget aber: „eya, lieber geselle, getar er iht 
ffineti ald trurklich gebaren, so er als übel wird geschlagen?" Er 



2 vestUch M 8 üi den 5Ä 9 waidellicher PM U'fig fchll M 
'iufb »techent imd hovierent uuil tumierent H dienent 6'f 16 Hog 
^MU S lieber ^aelle A' 16 Btraich o. gi^dran^ M 21 anriton itf 
l'araer SK tnrae P da« tnruei A' 23 «irete d) A 24 zfl mimd und zu 
* agva und zä der aasea üb drange S niid ze iiaHuti M 

II ftTentürer := a^|' Wai/niiae austielimder Bitter iLexer I,loö); vgl. 
I« Ä',5/. Man ist hiir an die Definition van „dreHtiure" bei Hwtmann 
t A»t (Itetia 637 ff.: ävtntiwt, was itl das etc.) rrinnert, oder an Ulriehg 
I lÄehituKtein abtnteuerliche Pahrt, der jtäem Speerbrechee iinea goldwtn 
trtpraeh (vgl, den geiatvnUen Aufgatt von Schönbach in: Biogi-aphiache 
Watler. hrtg. von Settdheim II [1806], It ff.). Zur Schildening des Turnierg 
lyl. A. Schultt, Diu hüf. Ltb:m II', 106 und daa Süd ebd. 146. 



^ 



Leben Seufies. Kap, XLIV, 



sprach: ^iieiii, und daz im sin herz in sinem libe vereunki, a 
mengem tflt, er getar die glich nit tfin, als ob im üt sie; er 




frölich und weidenlich gebaren, anders er wnrdi ze spote imd v( 
dnr mit die ere und daz vingerli." Ab dieer rede ward ( 
2 der glich P den glich M \ die] siu M 



Leben Seuses. Kap. XLIV. 151 

in aicii gelber geschlagen und ward beraklich und iDiieklieh siifzende 
will sprach: „acb wirdiger herre, mfissen die riter diser weit solichü 
Üden enpfahen nmb so klaincii lun. ilcr ;iii im seih mit ist, ach got, 




'S'ttAi.i^-SiJuHii 






*ic iBt denn so billicb, daz man nmb den ewigen piis noh vil nie 
Sfbeten erlide! Owe, zarter herr, wan weri ich dez wirdig, da/, icli 
flii) geischliche riter weri! Eya, sehonü, minneklichii ewigii wislieit, 
^pro gnadennchkeit nit glich ist in allen landen, wan mAhti minor 

5 M-bait K 7 f. mohl mir ym liiner sei aiii v. w. i!j M 



152 Leben Seuses. Kap. XLIV. 

sele von dir ein vingerli [66''] werden, ach dar umbe w61ti ich lid( 
waz du iemer wöltist!" Und ward weinende von grossem ernst, d 
er gewan. 

Do er kom an die stat, da er hin wolte, da sant got nf 
gr5ss6 und berlichü liden so vil, daz der arme man na erzaget w 
an gote, und daz meng oge nass ward von erbermde über in. 1 
vergass er aller verwegenlicher riterschaft und gelübde, die er hi 
in sinem fArsazz gehabt z& got umb geischlich riterschaft, und wa 
trurig und widermutig gen got, wes er in zigi und im sölichü iid 
zu santi. Do mornent der tag uf gie, do kom ein stilli in sin se 
und in einer Vergangenheit der sinnen do sprach neiswas in i 
also: „wa nu f&rnemu riterschaft, waz sol ein str6wine riter und « 
tuchine man? Gross Verwegenheit han in liebe und denn verzag 
in leide, da mit gewunnet man nit daz ewig vingerli, dez du { 
gerest.** Er entwürt und sprach: ^owe, herr, die turney, da mi 
dir sich inne müss liden, die sint gar ze langwirig.^ Dez ward h 
hin wider geentwürt: „do ist och daz lob und ere und vingerli mioe 
riter, die von mir werdent geeret, stet und ewig.** Do ward de 
diener in sich selb geschlagen und sprach vil demuteklich: ,,herr 
ich han unreht, erlob mir allein ze weinen in minem lidene, wai 
min herz ist als reht vol." Er sprach: „we dir, wilt du wainen all 
ein wipV Du geschendest dich selb in dem himelschen hove! Wüscl 
dinü ogen und gebar frölich, daz es weder got noch mensch inoai 
werde, daz du von lidens wegen habest geweinet!" Er vie an « 
lachene und vielen im doch dur mite die trehen über die waogcn 
abe, und entbiess gote, daz er nit me weinen wölte, umb daz dai 
im daz geischlich vingerli von im wurde. 



[67^] Do der diener eins males ze Coln brediete mit großW© 
ernste, do sass ein anvahender mensch an der bredie, der sich nüwes 

4 Do er kom fehlt S 5 verzagen M 7 f. liet gehept M 9 wider- 
wertig /S' 9 f. im zu s. s. h M 16 turny K dumier P der toiner S der 
tumay MÄ^ 17 daz vingerli und daz lob u. ere S 25 dur mite fehU » 
26 er entliiess M 27 ward von im M 28 X und Diepehbrock Juiben liiff 
ein neues Kap, mit der Überschrift: wie sein antlit wart gesehen in kloAöt 
der dienor] er M kol P 

27 heew. 163,7 in ÄKRWB^a zwei Bilder: der Diener empfängt toi 
Knycln himmlische Tröstung und wird mit Bitterinsignien bekleidet (Abb, 
nach W BL yö^, Abb, y nach K Bl, 95^), 



Leben .Seiisfs. Kiip. XLV. 153 

tlgotbste gekeret. Do Bin der lidender mensch mit flisse war 
sali si mit den inren ügen, daz ain anüiit sieb begond ver- 
mdlen in ein wiinneklich klarheit, und ward ze drin malen glich 
liechlen sunnen nah ire h6fa6ten widerglaste, und ward im dar 
sin antliil als Inter, daz si sich selber dar inne schowete. Und 
diser ^sibt ward si in ire lidene gar wol getröstet und ge- 
let in einem heiligen lehene. 



XI-V. Kapitel. 

Ton dem uiiuneklichen uamen Jetnus. 

Der diener der ewigen wisheit ft'ir ainest von oberlande ah gen 
che zö unser frowen. [68'] Und do er her wider kom, do erschein 
nnse frow vor einer vil heiligen person und sprach zö iralso: „lüg, 
der diener miues kindes ist liomen, und hat siiieu süssen namen 
iems vil wit and brait mit begirde umh getragen, als in och hie 
Vor sin junger umb trügen ; und als die heglrd baten, daz si'i den 
Hamen allen menseben mit dem globen ze erkennen gehin. also hat 
«r ganzen fliss, daz er den selben namen Jesas iu allen kalten herzen 
mit nnwer minne wider enzünde. Dar nmbe so sol er nah sinem 
tode ewigen Ion mit in enpfahen/' Dar ua Iftgete der seil) beiliger 
menscb unser frowen an und sab, daz si in der haut hate ein scb&n 
kenea, dö bran als schone, daz si dur alle die weit luhte, und an 
<ler kerzen waz umb und umb geschriben der name JESUS. Also 
sprach unser frowe zfi der persone; „lüge, disü brünnendi'i kerz he- 
tütet den namen Jesus, wan er warlich erliihtet ellü herzen, du einen 
'»amen andehtklieh enpfabent und in erent und in begirlich bi in 
tWgent. Und min kint hat sinen diener im selb dar zfi us erwellet, 



1 mit. fliBsc fehlt P ö ire] inren S 11 ncli SKM och P 14 Jean» 
Mü s 22 der uamy fehlt A' 

1 ff. Da» Ltiichtfii des AntiitEea und Duyelisicktigwerden dm Leibes 
~ 'int AntiHpaliori der himmliaehen Verklärung — kommt in der myitiüchen 
'^<*iHmtitrralur Mußg vor, vgl. die Belege hei Krebs a. a. O. 7t f. und 
E SehiUer, Dan mgsi. Leben i>i T/its 1903, 49 ff. 11 Die Wallfahrt nach 

^'chtn iachvart) lU den dortigen grossen Heiligtümern ixt geil dem frühen 
Mindalter »ehr im Schirtmg: sie wurde im 14. it. 15. Jh. auch als Sühnt für 
tekirtre Verbrechen avf erlegt. Vgl. die Belege bei Strauch, Ad. Langmann 
A. IU 53,5ff.: Marg. Mner A. »« XLJV. 41 ff. . und bes. St. Beiesel, Die 
iadienfnh>t IDfjS. 12 Ehbeth Stagtl. 



154 



Ltlien Senaes. Kap. XLV. 



daz sin name dar iu begiiUeh in mengem herzen werd eDzi'iDdet d 
zft ire ewigen selikeit gefürdert." 

Do disü vor genantü heiligü tohter hat gemerket menigvitl 
klich, daz ire geischlich vater so grossen andaht und guten ^h\ 




hate zfi dem rainDeklichen namen Jesus, den er uf einem heu 
trflg, do genan si ein snnder minne diir zfl, und Id eimm gfi 
andabt do nate b\ den selben namen JestiB mit roter eiden nf i 
kleines tücbli in disev gestalt: IHS, den e\ ir selben wolle belnt 

4 Bii /Ml M u. so f^lea e. M 7 regt SP t. 
fehlt il iii - im /Ml P IHS fol AK iLs um Randt M | 



Leben Seueea. Kap. XLVI. 15& 

hgen. Und machete do dez selben nümen glicb UDzallichen vil 
CD and schöf, daz der diener die namen alle uf sin herz btos» 
and sü mit einero gotlic^beu gegen Einen geiBclilicben kinden 
und her sante. Uod ir ward kuod getan von gotc: wer den 
Imen also bi im trüge und im teglieh ze eren ein Pater noster 
Sprech, dem w&lte got hie gutlich tun und w61ti in begnaden aD 
sicer jgngeteu hinrart. 

Mit sAlicben strengen Übungen und mit gfitliehen bilden Jesu 
CnBli nnd siner lieben friinden waz der anvang diser heiligen 
n lohter gebildet. 



XLVI. Kapitel. 

[H'] Gftte onderschald enzwüschen warer und falscher ver- 

nitnftkait in etlichen menschen. 

SicQt aquila provocans ad volandiim pullos suos etc. 

Do disä beiligü tohter nah der göten 1er ires geiscblichen 

Hers nf ellü atak bildricher heilikeit wol waz nah dem nssern 

leiachen geberret als ein lindes wehsli bi dem füre, daz der forme 

I iti insigela enpl'enklich ist worden, und och dur daz spiegelich leben 

'^riiti, der der sicherst weg ist, waz ordenlicb lang zit gezogen, do 

iß— 



6 ze eren fthlt SA' 7 M aetet nach binvart kintn: als an dem 

n briefbtichin (meh, ilaz hie ze hindroat och stet, aigenlioh ist geBchriben 

Sttrengen — mit fthlt MA' 13 [in] etlicher M 14 grosm gtmalt* Initial» 

-UX 17 menschen fehlt M 18 ingeaigeU SP enphhik M 19 [waz} 

'"i' L I, ist gezogen M 

10 In AKSWB'b ein Bild: äie ewige Wdahtit halt den Binntr, stine 

Si^tithc Toekttr and andere Verehrer des Namens Jesu unter ihrem Schalt- 
I •'«nlil ,Abb. lü nach K BI. mn. — Hier tndtt der ersähltmle Teil dtr Vita 

^ft». Die folgenden 8 Kapitel enthalten theoritieche Unttrweiaungen über die 
I ^ktttn h'ragen der Myetik (die aller überBWCiikaten materien, Prolog des 

£*mplarM5,J3f.). 14 V Mos. 32,11. 17 Vgl. Alberl. M.. Dt adhatr. 

ikee.ä: Forma attimae Dcus tst, cui debtt imprimi, sicut cera sigiüo et sig- 

Vtttm gigno aignatur. Ähnlich dera, im Prol. summne theologiat, Opp. ed. 

Sirgntt XXXI, 2 und David von Augsburg, Dt ej-ieriorie ei interioris hominis 
wmposilione III, 63 n. 8 (ed. (Juaracchi 1899, 346). IB f. Vgl. das Kap. : 

•Christus unser Vorbild" bei Deitijle, iJus geistliehe Leben '1880, 143 ff. and 
Bita Kap. 1. 



156 Lebeo Seuses. Kap. XLVI. 

Fro tohter, es wen nn wol zit, daz da fürbaz in ein 
giengist, und dich usb dem neBt bütlichs trostes eins aiiralieDdi 
menscbeii uf erlupftist. Tfi als ein junger zitiger adler, da mite di 
du die wolgewahaen vetchen, ich meine diner sele oliresten krefte 
erswingest in die li6hi dez schöwiichen adels eins seligen Tolkoma 
lebens. Waist du nit, daz Gristas spracb zj\ sinen jangeru, die 
siner biltlicber gegen wurtikeit ze vast kicptan: „es ist iich funiffl 
lieh, daz icli von üch var, sond ir dez geistes enpfenklich werden"! 
Din vordren Übungen sind gewesen ein gütü bereitunge, fürbaz 
komen dur die wüsti eins viblicben unbekanten lebens, hin in i 
geheissen land eins lutren i-uwigen herzen, in dem hie selikeit 
vahot und an enr weit cweklicl] blibet. Und daz dir der höh Te^ 
nönftiger weg dest bekanter sie, so wil ich dir vor lübten mit lieil 
lieble eins gilten underschcides, wenn du den underschetd wol h 
grifi'Bt, daz dn mit nihtü mäht verierren, wie hob du iemer mildf 
sinnen fiügest. Nu merk eben: 

Man vindet zwaierlay wisen under gütacbinenden nienscfaed 
etlichu fürent ein vemfinftig wise und etlichfi ein unvernünftig. W 
ersten, daz sind du menschen, du ir Vernunft dar na rihteud, <i 
alles ir verstau und ir thu und ir lau wirt us gewürket mit relil 
bescheidenbeit nah meiuung der heiligen crisfenhait, nach gotes lol 
«nd aller andren menschen riiwigen l'ridc, mit besorgungc ire ivorl 
und wisen, daz menlicb dar inne irhalb unstSssig belibet, er lu 
es denn von sin selbes gebreslUchen giunde , als dik beschihl 
S5lichen behftten wandel und selklicb wisen ze fürene bewiset <H 
natnr und der nam [85'] der vernünftekeit. Und dis ist ein pot 
ffirmigü Inblicbä Vernunft, wan si wideriübtet in ir selb mit togft 
lieber warheit, als der himel tflt in sinem liebtrichen gestirne. Abs 
du gfttscbinenden menschen, du ein nnvernünftig wise furenl, ^ 
sind du, du nf ir selbs bilde zilent mit einer unerbrüchenr nntnrt 
und allein mit ir Vernunft na echftwlicher wise dii ding scharpfli«^ 
an sehent, und dur von übermüteklich vor unwüesenden menscbfl! 
kunnen reden in einr verahtunge alles des, daz dar nf mAhti ^ 
Valien missrallendea mit rede oder mit geteten. Der selben *'(* 

7 [ze] vast M 8 ücli] hionan S 12 eiiwelt A lH Yor lOhLl 

inhten M 17 wis M 23 lieUlie ASP 24 gehreBteiilir-h M 36 «I 

lichj solklifh P sSüclie S bewisent Jlf 2!) Tomiinftig M SO «I 
fehU M 34 f. ffirnfliiftJgs M 

7f. Joh. iii.T. yfft. data die Prtdiijt Senats: Itemni idinqun munrl 




Leben Seuaea. Kitp. XL VI. 



157 



iges liebt ist us brechende und nnt in brechende als daz fnl holtz, 

nahte« scbtnet etwaz, und tet doch niit. Also bewiset sich 

menschen iüies lieht und ueser wandcl überal dem ungelich, 

es glich sölti jehen. 
l Disü menscben hruft man etwi vil an ire frien lind nnbesorgeten 
^chen, die bü fürent; und dero nemeu wir allein einen sprnchf 
Mem man die andren alle mag schezzen. Es ist von Ire eim ge- 
•chen in einem gediht also: „dem gerebten ist einkein mitel ze 
ttben." Dise Spruch und dero glich Bchinent etwas in etlieheu 
Pgesehenden menseben, sü sind aber den wol geseheuden niit ze 
fcne, die da wol verstand, waz sü inue tragent. Und daz merkt 
p eigenlicb in dem vordren Bpmcb, der da seit, daz dem gerebten 
In mitel sie ze mtden. Waz ist uu der gereht, ald waz ist daz 
hl? Der gerebt, nah gemeiner bethtug der rede, daz ist ein ge- 
ller mensch, genomcn nah sincr geschafenheit; wan gereht bestat 
k nf im selben, es mttss naiswaz understandes haben, und daz ist 
t'der gerebt mensch. Waz ist denn mitel? Daz ist sünde, daz 
I menschen schaidet von got. Sei nu ein gerehter mensch kein 
p, daz ist kein sünd miden noh schuhen? Daz ist luter falsch 
I wider alle vernunftlkeit. Wol ist daz war, daz der gereht 
nch, als vil er und ellü ding nah ire ewigen ungewordenheit in 
Biberweslichcn gotes vernuuftkeit daz selb sind in keiner förm- 
mr anderbeit, so m^hti man im etwi getfln. Aber da in dem 
ptltigen überweslichen gründe ist der gereht mensch mit der lip- 

mensch, wan es ist kein liplichkelt in der gothcit; [85^] da 
ecb enkein mitel. Aber ein ieklicher mensch bevindet, daz er 

ald der mensch ist nesrent dem selben gründe, wan er ist hie 
mlicb und dftrt nit; und da ist er iez in siuer gebresthaftigen 



1 not] mil K 2 ist frhll M 9 aprücii PJ/ 
^in mitd schlichen, daz i. k. s. miden [noh si^liüheii] 



i imdcrHcheilz S 
24 über Wesen- 



I 



8 ,.Dem VoükammeHtn schadtt keine Sünde mehr," int ein Satg, der 

In' ctrschiedenen panthtitthch-qmetUtiechen Sekltn dt» Mülelalitrs, he». 

Uli hetttrüchen Bei/harden vnd Brüdern de» freien Get'eles ßndet ; vgl. 

I, 4H1 ff. (Nr. 15, 31, ä4 t*. *. wj Wmtere Belege bei Denifie, Iter Gottat- 

im tiberiand, SepMjdr. aus HisL-pal. Bl. 76 (1875 I), 36J\ 

r. Alle Dinge »ind der Idee nach in Gott, und dort nicht toetintUck 

timmder noch vom Wesen Ootte» unterschieden. Weiteres liber die scho- 

tehe Ideenithre in Kap. 3 de» Bdw: vgl Denifle 328, 517 f. 27 Äuam- 

'Sotlesg runde ; attsföbriieher dariiber in Kap. 6 des Bdw. 



158 Leben Seoses. Kap. XLVn. 

^eschafenheit, da er wol bedarf ellü schedlichfr mitel ze miden. 
Wölti ich DU in miner vernünftekeit ze nihtü werden and nmb mich 
selb in diser wise niht wüssen, und wölti ane allen nnderscheid min 
und gotes ellü liplichü werk würken, als ob es daz nngeschafen 
wesen wurkti^ daz weri gebrest ob allen gebresten. i 

Und alsus mag man merken, daz sölich sprüch kein reht Ter- 
•nünftigkeit inne habent in der warheit. Hie mite meinet man oit 
^b sprechen vernünftig lere ald vernünftig wolbesorget spräche ald 
gdiht, die den menschen entgrobent und in ze vernünftiger warheit 
ordenlich wisent, ob sü joch uüt menlich verstat; wan daz ist kont- j 
lieh war^ daz grober blintheit und unverwissner vihlichkeit enkan 
«ieman gnü eben gereden. 

Du tohter sprach: „gelopt sie got dez guten underscheidefl! 
Ich horti gern underscheid zwischen einer rehten vernnnft und eiser 
üoierenden vernünftkeit, und enzwischen falscher und warer ge*! 
lassenheit^ 

Der diener sprach: 

XLVII. Kapitel. 

Underscheid enzwischen ordenlicher und floierender 

yerndnftikeit. 

Na den ersten striten, die da geschehent mit dem untertrok 
:fleisches und blütes, so kunt der mensch zA einem tiefen wage, di^ 
menger mensch inne versinket, und daz ist ein floierendü vemünflö* : 
keit. Waz ist nu daz gesprochen? Ich heiss daz ein floierend veK 
Tiünftekeit, so dem menschen gerumet wirt von süntlicher grobhei^' 
und gelSset wird von haftenden bilden und sich frilich uf erswingfl^ 
über zit und über stat, da der mensch vor entfriet waz, daz er sinett 
natürlichen adels nit konde gebruchen ; so sich denne daz vemü 
oge beginnet uf tön, und der mensch geliket eins andren b 
lustes, der da lit an bekennen der warheit, an bmchene götli 
selikeit, an dem inblik in daz gegenwärtig nn der ewikeit und deil 
glich, und du geschafen vernünftekeit beginnet die [86'] ewigen vm^ 
geworden vernünftekeit enteil verstau in im selben und in alki^ 




3 wise] weit M 11 un^nssener S 14 ich — underscheid fMt 
15 florierenden SKMA'^a 19 f. ÜberschHft fehlt P 19.23 florierendü KMJ^ 
24 Waz ist — fl. (florierende KA^a) vern. fehlt ASP 25 von innan ger. Ww 
32 beginnet — 33 vemunft. fehlt A^ 38 enteil fehlt M 




Leben Seusea, Kap. XI.VII. 159 

BO bescbiht dem mensclien neiswi wundeilich, so er sieb 
[ler dez ersten ao siht, waz er vor waz und waz er du ist, und 
»indet, daz er vor waz als ein armer gotloser dürl'tig:, der zemnl 
Wind waz und im got veri- waz. Aber nu so dankt in, daz er vol 
^tes sie und daz mit sie, dnz got nit sie, mer daz got und ellii 
ding ein einig ein sien: und kripfet die saclien ze geswintlicb in 
einer nnzitigen wise, er wirt in sinem gemüte floierende als ein uf 
lesender most. der noh nit zu im selben ist komen, und vallet uf 
daz, daz er denn verstat, ald ime ane underscheid fiir geworfen ist 
von ieiuan, der daz selb ist, dem er denne allein hat ze losene und 
keinem andern, und nil denn nah sinen wolgevallenden sinnen lassen 
gcnerden ellü ding, und enpfallent im du ding, es sie helle ald 
himelricfa, töfel ald engel, in ire eigenr natur genomen, <och Criati 
gellten menschheit verahtend si>, wan sü nüwan got dar inne ge- 
kripfet bein, und die sacken sind iu noh nit ze gi'unde worden ze 
erkennen nah nuderscheide. nah ire belipnuss und nah ire Vergangen- 
heit. Dien menschen besehiht als den biulin, die daz hong machent: 
80 die zitig werdent nnd dez ersten us stürment usser den körben, 
so fliegent sü in verierter wise bin und her und enwissen nit war; 
etlichü missHiegent und werdent verlorn, aber etlichü werdent orden- 
lioh wider in gesezzet. Also geschibt disen menschen: wan sü mit 
nn^aster Vernunft got schowent al in al nah ire unvolkomenr Ver- 
nunft, so wen so dis und daz lassen vallen, sü enwässen wie. Daz 
ist wol war. es mflss alles ab, dem relit sol geschehen; sü verstand 
aber noh nit, wie der abval sol gestellet sin, und wen ungelimpflich 
die nnd daz lassen und sich nnd ellü ding got nemen, und wen dar 
m würken ane underscheid. Und dise gebrest knnt eintweder von 



S Iwax er! mi M i umi — waz fthlt SP 5 wer - 6 sien fehlt M 
■ig] ewiges £ 7 f. of ierender M 8 koitien ist MA' 11 sinen] siueui A 
«I denne nUp die ding P 13 och — 14 verahtend 8i M, fehlt ASPKÄ'tifS^ U 
Mwui] 011 S 15 noh oit in ^ iu öch null nit P 17 bygliu S jmlin K 
(«nd] ä enw. M 

10 d&z i^elb d, h. sinnlich and aufgeblaten. Sease spielt auf das „sich «V'ieni 

Orunde lainen" an, mit es bei den häretiachai Gottesfreiindm (t. B. bri 

Basel, vgl. Dettifie, Der Goittsfreiind im Oberland 35 ff.) vorkam. 

Vntmteerfung unter die Leitung eines andern (auch Laien) findet sieh aber 

ler Weist auch bei kireklichen Goltegfrtanden, vgl. Venifle a. a. 0. 51 ff. 

I3f. Die Meinung, der Gedankt ön das Leiden Christi sei ein Hindernis 

pmur Btschauung, ist ein Irrtum der Begharden, den das Kotizü von 

(1311IW verurteilte (Eefelt, KontiUeageseh. VI', 544). 



J 



160 Leben Seuses. Kap. XLVIII. 

ungelerter einvaltekeit ald aber von unerstorbenr ablistekeit. B 
wenet menger mensch, er hab es alles ergrifen, so er im selb h; 
mag US gan und sich mag gelassen; und daz ist nit also, wan e 
ist erst geschlichen über die vorgraben der unersturmter vesti, binde; 
den schirm, hinder den sich der mensch togenlich birget und nol 
nit kan under gan nah sines geistenriches wesens ordenlichen [86^^ 
entwordenheit in ein war armüt, der da enpfellet in etlicher wise 
aller fr6mder gegenwurf und du ie wesendu einvaltigü gotheit ir 
selb entwürt mit dez menschen unverwerten müssikeit, als hie na 
mit gutem underscheid wirt bewiset. 

Lag, dis ist der punct, in dem etlichu menschen verborgenlich 
meng jar hangent, daz sii weder us noh in kunnen komen. Aber dir 
sol von mir mit underscheid geweget sin, daz du nit kanst verierren. 



XLVIII. Kapitel. 
Guter underscheid under warer und falscher gelassenheit 

Es ist ze wussen, daz man vindet drierley Vergangenheit. Do 
ein ist ein ganzii Vergangenheit, als so ein ding in im selb vergat, 
daz sin nüt me ist, als der schat vergat und ze nihtü wirt Und 
alsus vergat nit dez menschen geist in siner usvart, den geist wir 
ein vernünftig sele nemmen; si blibet eweklich von irem vernünf- 
tigen adel ire gotförmigen kreften, wan got ist ein überweslichü Ver- 
nunft, na dem si vernünfklich gebildet ist. Und dar umbe so isteß 
unmuglich, daz si also ze nihtü werd, als der t5demlich lip tut, so 
er ze nihtü wirt. 

Ein endrü Vergangenheit heisset ein helbü Vergangenheit, du 
ir eigen stund und zit wil haben, als den menschen beschiht, di 
in die blossen gotheit na schowlicher Avise werdent verzuket, ab 
Paulus, ald joch ane daz, so ein mensch in entbildeter wise dik 
entwürket wirt und im selb vergat. Dis ist aber unbliplich. H^ 
Paulus her wider kam, do vand er sich den selben Paulus, einen 
menschen als ie von erst. 



1 uuerstorbem K 6 gaistriches M ^eistlichens P 8 fromdea A 
9 antwiirten M nit wurt (!) i' 15 under] und M 16 Du — 17 vergang./eWt^ 
Dil — 19 vergat fehlt A^ 19 den] dem M 20 nennent P nemet S 28 «li 
Jochime (= Johannes!) S ainbildeter K 29 wirt] wir M unbeliplich * 

9 f. iJie Erklär uny folgt besonder.^ in Kap, 52, 19 usvart au$ d0 

Leibe, d,h, bdm Tod, 28 // Kor. 12,2 ff. 



Leben Seuses. Kap. XLVm. 161 

So heisset eins ein entlenlu Vergangenheit, da der menscb mit 
nem ufgebene eines frien willens sieb got lasset in einem ieklicben 
I, da er sieh vindet, als er nmb sich selb nut wüsse und got allein 
T herr sie. Und disu Vergangenheit mag nit wol ganz bliben, die 
il Hb nnd sei bi einander sind; wan so der mensch sich selb iez 
t gelassen und wenet sin vergangen in gote nah des sinsheit, sich 
Iber niemer her wider ze nemene, geswind in einem ogenblik so 

er und sin scbalk ber wider komen uf sich selben, und ist der 
Ib, der er och vor waz, und hat sich aber und aber ze lassen. 
^r nn uss diser kranken gelassenheit wölti würken, daz wer! luter 
kb. Wol ist daz war: als vil sich der mensch entfr6mdet im 
Iben und wirt ingenomen in die Vergangenheit, als vil bestat er 

rehter warheit. 

Furbaz ist ze [87'] wissen, daz man vindet zweierley gelassen- 
it: einu heisset du vorgendü gelassenheit, du ander heisset du ^ 
gend gelassenheit. Und des nim war in einer bischaft. Ein diep 
t ein heischen in ime von der bosheit siner natur, daz er stele. 
i wider sprichet sin beschaidenheit: du solt es nit tun, es ist ge- 
J8t. Giengi nu der diep im selber us und liessi sich der be- 
laidenbeity daz weri du vorgend und du edelst gelassenheit, wan 
blibi in siner unschulde. Aber so er sich hier inne nit wil lassen 
i wil siner bossheit gnög sin, dar na, so er wirt gevangen und 
t, daz er mfiss erhangen werden, so kunt du nagende gelassen- 
t. daz er sich in den tod gedulteklich git, wan es anders nit 
g sin. Du gelassenheit ist och gut und machet in selig, du vorder 
z aber ungelich edelr und besser. 

Hier nmbe ist es nit ze wagene und sich in die gebresten ze 
sene, als etlichü torohtü menschen sprechent, daz man dur alle 
)re8ten müss waten, der zft volkomenr gelassenheit wil komen. 
z ist falsch, wan der ist ein tore, der sich mötwilleklich in ein 
»über lachen wirfet, dar umb daz er dur na dest schöner werde. 
r umb so hein die aller frumsten gotesfründ daz inne, daz sü 



1 entlechneti K 2 f. in [eiiu-mj ieglichoin nu A" 4 blibot (!) M 
ntfromendet 3/ 17 blosheit S bolbeit P qv fehlt M stelle A 21 [or] 
i M bier uinme AK darumb a 25 f. aber du vorder w. [aber] SM 
m Bande Thomas AA\ im Kontext K 31 lachen] wa.^.ser S 

4 fF. V(/l. Stuses Predigt Itenim rdiiiquo. 28 1". Vgl. die heyhardi- 

'i Sätze heiPregtr I, 461 ff. (Nr. :J1, öö, öO, lOU, V^l) und Ihfek a. a. O. 
Das Zitat aas Thomas nicht nachiceii<bar, 
. Sense, Deatiche Schriften. 11 



162 Leben Seuses. Kap. XL\in. 

sich gern ze grund Hessin und in der vorgenden gelassenheit sfe/ 
belibiu aue alles wider nemen, als vil es menscblichu krankheit er- 
zögen mag; und so daz nit geschiht, daz ist ir klag. Wol hein sn 
eins vor andren raenscben, daz sü sieb gericbtklicber kunncn von 
dem mitel entscblaben, wan in der selben klag entspringet ein nagendn 
gelassenheit, du den menschen geswind wider in sezzet; und daz 
ist, da sich der mensch noh menschen vindet und sich also got ze 
lob lidet. Und disü nagendü gelassenheit wirt och etwen nüzz von 
ir selbs erkantheit; und hie verswindet du klag als klag, und ge- 
birt sich ainvalteklicb wider in daz selb und wirt daz selb, als ie ] 
von erst. 

Weri nu, daz kein s&licher unganzer mensch im selb och hier 
inne wölti düplich behelfen und sprechi also: „da sich der mensch 
wider nimet nah dem züval und da mit etwas gebresten übet nah 
dem ussern, waz kan im daz geschaden, eht du wesentheit dezl 
menschen glich stat ane alles wider nemen?*" — da sprich ich, daz 
der sich selb nit verstat und nüt waiss, waz er [87^] sait; und dez 
hein alle wolgelert meister ein wüssen, ob eht sü kunnen verstau, 
was der nam züval ist. Wan daz heisset zftval, daz der under- 
standen Wesenheit zft und ab vellet ane des understandes zerstimng, 9 
als du varw tut an dem brete. Also ist es nit hie, wan lib und 
sei, daz sü von ire unwüssentheit heissent zftval, sind zwai weslichü 
stuke, du dem menschen wesen gebent und im nüt in zftvallicher 
wise bi sint. Dar umbe hat ein ieklicher mensch, wie nah er iemer 
verstat sich selber ze lassen und wider ze nemen, indem er tagend Ä 
und gebresten mage üben ; wan dez geistes vernihtkeit, sin vergaogen- 
heit in die ainvaltigen gotheit und aller adel und volkomenheit ist 
ze nemene nüt na Verwandlung sin selbes geschafenheit in daz, also 
daz daz selb, daz er ist, got sie, und es der mensch von siner grob- 
heit nit erkenne, ald daz er got werde und in sin selbs wesentheit 9 
ze nihtü werd, mer es lit an der entgangung und verahtunge sin 



2 nerameu M 5 entpsprin^et Ä entsprichet A^ 7 mensch fehU M 
9 als klai,^ fehlt P 15 ob eht M 17 sich der selb PM 19 am Randt 
Aristütiles A4*, im Kontext K 2'6 nüt in züv.] mit unzuv. A^ 25 wider 
zc gebent uement (!) M 

19 flf. Aristotelea^ Lehre über dt-n y^Zufall^ (accidens, oujißgßr^xög, y.HiM^ 
kommendes'*) findet sich an mihreren Orten in seinen Schriften: vgl. IndtiS 
Arist, 740 a 20ff. Obige Definition gehört eigentlich Porphyrius an (DeniM 
237 A. J). Vgl. Bdw Kap. 4. 24 Zu hat ergänze ctwaz. 



Leben Senses. Kap. IL. 163 

selbs na angeblikter wise. Und alsus in der entnomenheit verget 
»eh der geist ordenlicb^ und im ist erst hie reht beschehen, wan 
m ist got ellü ding worden, und ellü ding sind im hie neiswi got 
Forden; wan im entwürtend ellu ding in der wise, als su sind in 
:ote, und blibet doch ein ieklich ding, daz es ist in siner natur- 
icher wesentheit, daz ein unverstandnü blintheit ald ein ungeüptA 
ernanftikeit nah disem waren underscheid nit kan oder nit wil in 
re wüstes gemerk lassen komen. 

Von disem gftten anderscheide mäht du nu furbaz merken die 
aagenden vernünftig Sprüche und lere, die den menschen entwisent 
von giner grobheit und in wisent zu siner höbsten selikeit. 



IL. KapiteL 

Ein Temdnftlges Inleiten dez nssren menschen zu siner 

Inrekeit. 

Hab einen ingetanen wandel und bis nüt usbrüchig weder an 
Worten noh an wandel. 

Tft der warheit gnüg ainvalteklich, und swas dar zft vellet, 
*la bis dir selben inne unbehulfen, wan swer im selb ze vil behilfet, 
^Jem wirt von der warheit nit behulfen. 

So du bist bi den menschen, so lass vallen ellü ding, du du 
»ihst oder hörst, und halte dich allein zu dem, daz sich dir er- 
zöget hat. 

Flizz dich, daz din Vernunft in dinen [69 ""J werken hab dez 
ersten iren fürbruch, wan swa der sinnelich fürschuz ze schnei ist, 
^nan kumet alles übel. 

Wan sol den lust nüt nemen nah den sinnen, wan sol in nemen 
nah der warheit. 

Got wil uns nit beroben lustes, er wil uns nah allichkeit 
lost geben. 
' In dem kreftigosten underwurf ist du höhst erstanduug. 



10 den] dem A 13 f. in sin inrekeit 31 16 f. an w. noh fehlt K 
18 gehilfet M 19 geholfen M 20 dem m. M 24 sinnel.] sumclich A' 

1 flf. „In der höchsten Vereinigung mit Gott geht der Blick des Geistes ganz 
a«/ Gott über. Er weiss, weil ohne Reflexion und DiskurSj von sicJi seihst 
'/etcissermassen nichts, nur von Gottr Denifl^: :^3S A. L 



164 Lebeu Seuses. Kap. IL. 

Wer dem inuigosten wil sin, der mftss sich aller meBigval%- 
keit entschüten; wan möss sich sezzen in ein verrfichea uf alle^ 
daz, daz daz einig nit ist. 

Wa du natar wurket uss des sinsheit, da ist erbet, liden uod 
bedekunge der Vernunft. i 

Wenn ich mich vinde daz ein, daz ich sin sol, und daz al, 
daz ich sin sol, waz ist grösser lustes? 

Ein mensch sol in siner unbiltlichkeit und in siner unenthalt- 
lichkeit stan, dar inne lit der maist lust. 

Waz ist eins wolgelassen menschen übunge? Daz isteiuM 
entwerden. 

Swa man minnet in bild ald person, da minnet züval zäval; 
dem ist unreht. Doch so liddi ich mich dar inne, unz es abvieli. 
Es ist neiswas von innen einvaltigs, und da minnet der mensch nut 
gegenwürtikeit dez bildes, mer, da der mensch und er selbs nndB 
ellu ding eins sind, und daz ist got. 

Der sich selben liessi an begirlichen usbrüchen der sinneD, 
daz weri ein undergang sin selbes; sus ist es ein behelfen der sinnen. 

Hab ein inliden in liep und in laid, wan ein inlidender mensch 
nimet me zu in einem jare denn ein usbrechender in drin. ^ 

Wilt du allen creaturen nüzz sin, so ker dich von allen creatnren. 

Ein mensch mag die Bachen nit begrifen : sie müssig, so be- 
griflfent in die Sachen. 

Fliz dich, daz kein usbruch beschehe, der dem bilde ungelicb sie. 

Ein mensch sol war nemen der neigunge, du sich ze allen i 
dingen bietend ist in behelfwise wider der ainvaltigeu warheit. 

Wilt du dich nit liden in einvaltekeit, du wirst dich lidende 
in menigvaltekeit. 

Leb, als kein creatur me uf ertrich sie denn du. Sprich: „J 



2 verrächten M 12 in minnet bild (!) M 14 nüt] mit PA* 29 me) 
nie K 

14 Ett ist hier (vgl 16U,2S) der „Seelengrund^, das „lichte If^ünklm der 
Seelc^ (apex meiUis, abditum meniis, iniitnum ei sumwum mentis^ sciniiÜa animat) 
gemeint, von dem hei den Mystikern so käufig die Rede ist (vgl. Eckhart ll^i 
33 jr. und Denifle in Hist.'pol. Bl. 75, 765 und Archiv II, 575), Beßeichnun^ 
die auf Pseadodionys und weiterhin die Neuplatoniker zurückgehen. Vgl, aiK^ 
Grabmann, Die Lehre des h. Thomas von der scintilla animae in ihrer Bf 
deuiung )ür die deutsche Mystik im Predigerorden, Jahrbuch f, Fhüos. u, spekd- 
Theol liK,o, 413—27: Preger II, 212 J/ 19 inliden = Gelassensem. 

20 Sprich zu der Knalur. 



Leben Seuses. Kap. IL. 1()5 

I mir bist, also mag ich dir nit sin". Natur miunet natur und 
'inet sich selben. 

Etlicher menschen natur ist ze ungebrochen und der usser 
!DSch hie ussnan bliben. 

Ein vermugen sich uf ze enthalten git einem menschen nie 
mngens, denn du din»: haben. 

Ein Unordnung bringet die andren. 

Lftg, daz d6 natur sie ungeladen und [69""] der usser mensch 
förmig mit dem inren. 

Xim dez inren menschen war, dar an lit usser leben und inr leben. 

Der nehsten gelassenheit höret zä, daz man alle zit die natur 
einem zom habe. 

Ein mensch sol sich alle zit gegenwurtklich halten, daz sich dii 
tur nit verlofe. 

Du klagest, daz du noh siest ze wurklich und ungelassen und 
lidig: doch nit verzwifel: ie neher ie besser. 

Ein Wurzel aller nntngent und ein bedeken aller warheit ist 
rganklichü minne. 

Der sinnen undergang ist der warheit ufgang. 

Swenn die kreft entwürket werdent und du dement gelütert, 
s kreft stand neiswi als in irem ewigen sinne, wan sü sich dar 
it irem vermugen gerichtet hein. Alle kreft hein ein sin und ein 
irk, daz ist: der ewigen warheit gnftg ze sine. 

Es ist nut lustlich, denn daz einförmig ist dem innigosten 
unde götlicher nature. 

Wan vindet etlichü menschen^ du hein ein nahrftren gehabt 
\i dem nit gevolget; ire inrestes und ir ussrestes sind verr von 
nander, und hier inne gebristet vil menschen. 

Du natur stat iez in richlicher wise; ie me usgegangen, ie 
'irer, und ingegangen, ie neher. 

Swer zu siner richheit ist Icomen, der würket ellü sinnelichü 
H dest baz. 



15 [daz] du siest noch M 17 würzelin aller tiitrcMit (!) 3/ 20 gelürt A' 
l sinnen P sin « sine ÄKÄ^ sinde S 21 f. dar [mit] M 2:3 daz] als 3/ 
' der e. w. M 24 lustlichs M daz fehlt K 20 iiaclinnTii M 

Dan Vermögeti sich über den Dingen zu halten d. h. iihtr ,sie erhaben 
mn (Denifle 241 A 6). 29 Wohl = die Natur int j:tzt (d. h. infolgt 

'Erbsünde) ungeordnet und tippig- Denifle L^4:J A.fi: sie unterliegt nnserm 
llen, so dass wir über sie gebieten können. 



166 Leben Seuses. Kap. IL. 

Swer die natur, die wil si ist in luterkait, inbegrifet der wa. 
heit; so wirt si gerihtet, daz si dest besser usribtunge git in nsse 
keit; anders verget si in die zit und enkan keinem ding reht a 
rihtung geben. 

Luterkeit und verstentnus und tugent machent rieh in der natu 
und in dero underzukung geschibt etwen, daz du menschen entwerde 
vor allen creaturen, und da es wol geratet^ werdent neher in gewiss 

Waz ist daz, daz den menseben jaget arg wisen zu sftchei 
Daz ist gesücbd einer gnugde ; die vindet man allain in dem lassen 
mit in den argen wisen. 

Dar umb etlicbü menseben als dik in gebrestlicb betrübt vallei 
daz kunt da von, daz sü ir selbs in nahlicher wise nit alle zit w^ 
uement, uf ein ieglicb puntlin sich ze hüten vor straflieben dingei 

Siglos werden ist gotes fründen ban gewunnen. 

Blib in dir selb ; ursach ander dingen zöget sich als ein notorft 
es ist aber ein bebelfen. 

Daz ist b5s, vil sacben anvahen und kein enden. [70'] Mai 
sol vast haben, unz man merk, ob got oder natur. 

Fliz dich, daz du natur usser irem eigen gründe würke ir werk 
suuder ursach. 

Ein rebt gelassenr mensch sol sich vier ding flizen : I. Er sol 
sin gar sitig au dem wandel, daz du ding sunder in uss im fliesseo. 
II. Sitig und rftwig in den sinnen, nüt bin und her woldenieren — 
wan daz ist gar inzügig der bilden — , so wurdi den inren sinnen 
ein müssiges spacieren. III. Nüt anbaftig sin; er sol war nemen, 
daz nüt vermischetes da sie. IV. Nit wortwege, sunder lieplicM 
zfi dien haben, dur die in got wil ab würken. 

Hab ein vestes bliben in dir selb, unz daz du uss dir selb 
sunder dich selb gewürket werdest. 

Nim war, ob göter lüten beinlichi gange uss gunst ald ^ 
elnvaltekeit; des ersten ist ze vil. 

Erbütt dich nieman ze vil : da aller maist erbietens ist, da ist 

6 dero] der J/ 7 da] daz M 8 wis M 9 gesfich M Vi ^1 
in .1/ 13 uf eins ieklichen piinüiii ASP 19 gründe] gut M 21 ff- ^ 
erst, (las ander, das dritt, das vierd K, I II fehlt M 21 f. er sol och sin [g^ 
s. .V 23 wolderun S wol demeren P woldeniieren 3/ 26 venniscbi ^ 
li('l»lichen A' licplich M 32 erbütt — vil fehlt Ä"^ 

G f. (relasfienhcit in dir inntren Verlasutnhiit und Diint bringt u*^ 

irtiter in der Voükommenlteit. 



Leben Seiises. Kap. IL. 167 

etwen aller minst gevelles; dir gezimt ein ingetane demütige wandel. 
Swenn eins wider sin wesen tut, daz gezimt ime niemer woL 

Selig ist der mensch, der nut vil wisen noch Worten füret; 
ie me wisen und werten, ie me zftvellen. 
5 Hab dich inne und erzog dich dem nut glich, anders du wirst 
lideDde. 

Etlichä menschen w&rkent ns enpfindene in wol und in we; 
aber wan sol sich dar inne n&t an sehen. 

In dem undergang werdent eliü ding volbracht. Do Cristus 
rio gesprach: In manus tuas, zehand dowazes: Consummatum est. 
[ 6ot und der tüfel sind in dem menschen; der sich selb wil 

r füren ald sich selb wil lassen, der vindet den underschaid. 

Swele mensch wAlti alle zit rAwe haben, der behübi sich selb 
dar inne als wol als in andren dingen, 
fclß Swem inrkait wirt in usserkait, dem wirt inrkait inrlicher, 
denn dem inrkait wirt in inrkeit. 

Daz ist gAt, daz sich der mensch in kainer sach füre, und 
dem ist reht, dem d& ding der bilden entwürtend in dem obren. 
Es ist vil me vernünftiger menschen denne einvaltiger. Du 
ffthaissent vernünftig, da du vemunft rengniert; aber der ainvaltekeit 
voD ire müssigkait enpfellet menigvaltikait der dingen nah dez sins- 
beit genomen, und hat denn nüt soliches schowens; wan einvalte- 
keit ist neiswi sin wesen worden, und er ist ein gezöw [70^] und 
ein kind. 
^ß Swer wil, daz im ellü ding sien, der sol im selb und allen 
dingen nichtesnit werden. 

Eya, wie selig der mensch ist, der stet belibet vor manig- 
valtikait! Waz enpfindet der hainliches inganges! 
Gütü meinung vermitelt dik wäre einiinge. 
^^ Daz oge sol nüt usseliens han, es hab denn ein ustragen der 
bilden. 



1 getan M 5 ndt fehlt M 15 iiuiicli .1/ 20 trirminfti'x .1/ 2:3 er] 
«lü A\ fthlt P gezüge A^ 20 maniin^^ P 

3 wise, entsprechend dem Tanhrschen iif;<az = sich sdbst vorgesetzte 

Handlungen (Denifle ^45 A. 4 und Bvga XX VIII). 5 nüt bei den Mij- 

j'fi&ent häufig = Grund, Wesen Gottts. Sense handelt darüber im Bdw Kap. I 

undfJ, vgL auch Kap, o'J der Vita. 10 Luh. :j3JfJ: Job. W.SO, 18 In 

dem oberen^ höheren Teile des Menschen. 23 f. FAn Werkzeug und Kind 

Gottes; vgl. Echhatt 4o:i, 32; o'Jß, ;J f. 



168 Leben Seuses. Kap. IL. 

Der teil, der von Adam ist, den sol man als gern liden, als 
den, mit dem wir selig sien. 

Ein gelassener mensch bildet enkein ungeluk in sich. 

Daz der mensch noh klaget und leidig ist, daz knnt alles von 
gebiesten; wan mfis es uss triben. 

Alle, die unreht friheit fürent, die zilent uf ir selbes bilde. 

Einer gerehten unledikeit ledig wellen stan ist du ungewerlichost 
ledikeit, die man mag han. 

Ein gelassener mensch mftss entbildet werden von der creatur, 
gebildet werden mit Cristo, und überbildet in der gotheit. i 

Swer sich selben in Cristo nemend ist, der lat allen dingen 
ir Ordnung. 

Swenn ein mensch ein mensch ist worden in Cristo und ent- 
worden im selber, dem ist reht. 

So sich ein mensch mit einem inker zfi der warheit wil fftgen, IJ 
so liihtet im in du entgangenheit sin selbs und merket, daz creatar 
noch in im ist, du den vonzug enpfie. Hier inue lidet er sich selben 
und merket, daz er noh mit entwurkt ist. Sich also liden, ist iez 
ainvaltig werden. Du entgangunge gebirt ein müdi, in dem vonker 
vellet es abe. 28 

Waz ist eins reht gelassen menschen gegenwnrf in allen dingen ? 
Daz ist ein entsinken im selb, und mit ime entsinkend im ellü ding. 

Waz ist daz minst mitel? Daz ist ein gedank. Waz izt daz 
maist mitel? Daz ist, da du sele in ire namhafti ires eigens 
willen belibet. Si 

Einem gelassen menschen sol enkain stiindli vergan unangesehen. 

Ein gelassener mensch sol mit alle zit Iftgent sin, wes er be- 
dürfe, er sol lügend sin, wes er enbern muge. 

So sich ein gelassenr mensch fügen wil zfi der warheit, so 
sol er sich flizzen, daz er nem einen inbruch der sinnen, wan got Ä 



3 bildet fehlt A^ enbildet S unj^elCik] unglich M 5 gebrestem 
7—8 fe/ill M 8 man] ein mensch A^ 9 von — 10 überb. felüt K 15 ffd 
der w. wil] tTigett J/ 16 im [in] M 24 manhafti 3/ 

1 f. Damit ist jeder urif/esunde Spin'tuah'sfnus abgelehnt, 9 f. Karti 

und tnßende Zusammenfassung des mystischen Weges (via purgaUva^ iUumi' 
nativa, unitica), wie er seit Pseudodiongs gewöhnlich gelehrt wird (vgl, H. Koch^ 
Pseudodiongsius 1900, 174 ff,), 15 flf. Erklär utig s, Denifle 246 Ä. i. 

30 ff. Ucr Abschnitt kehrt in Kap. 7 des Bdir etwas abgeändert wieder. 
Vgl. Joh. 4,i^4. 




Lebeu Seuses. Kap. IL. 169 

ist ein geist. IL War nemen, ob er sich iene vermittelt habe, 

III. ob er sich selben iene [71'] für in keinem fürgrif dez sinsheit. 

IV. Und 8ül denn in dem lieht merken die gegenwürtikeit dez 
allichen götlichen wesens in ime, und daz er dez selben allein ist 
ein gezöw. 

Als vil sich der mensch keret von im selb und von allen 
geschafnen dingen, als vil wirt er geainiget und geseligot. 

Wilt du ein gelassenr mensch sin, so fliz dich, wie dir got ist 
mit im selb ald mit sinen creaturen in lieb ald in laid, daz du alle 
zit standest glich in einem usgene des dinen. 

Hab ein beschliessen der sinnen vor allen gegenwärtigen forman. 
Bis lidig alles dez, daz du uslügendü beschaidenhait us erwellet, 
daz den willen beheftet und der hügnust woUust in trait. 

Blib uf niht, daz got nüt ist. 
) Swenn du bist da, da iemen gebresten übet ald unglichheit, 

80 gib dez dinen nit dur zu und hab och nit dur zu. 

Der bi im selben alle zit wonet, der gewännet gar ein riches 
Termügen. 

Eins gelassen menschen ergezzung in der natur sol sin ein 
beschnitnü noturft in unvermisten werken, du in tragen einen lidigen 
vonker. 

So vil der mensch minr und me gelassen ist, so vil wirt er 
minr und me betrübet von den hinziehenden dingen. Und alsus 
geschah einem halbgelassen menschen: do er in der empfindung* im 
selb ze nahe lag, do ward gesprochen also: ^du soltist min als flissig 
sin und din selbs als unehtig, wenne du waist, daz mir wol ist, daz 
dich enrüchti, wie es dir giengi". 

Ein gelassenr mensch, so sich der in inburgheit sezzet mit 
iDgefürten sinnen, — so der ie minr ufenthaltes von innan vindet, 
^ im ie wirs von innen geschibt, und ie geswinder stirbet und ie 
sclineljeklicher hin durch kumet. 

Ein wites ussweifen der sinnen entsezet den menschen siner 
'Aiit. Lüg, daz du kain ustragend sach siest furende; so dieh 
^e «ichen suchen, so la dich nit vinden. Hab einen geswinden 
'uker in dich selben. 

Natürliches leben bewiset sich in bewe^lichkeit und in sinne- 



1 — 3 das ander, dan drit, das vienl A' 2 kaincii -1 4 all«'in ft-lilt M 
l U ist uit M 16 und — diu- zö fehlt S 20 unv^Tmusclioten -S" lideii- 
</en M 27 gang SP 28 der [in] SP 30 f. iiinl in .sinn, fehlt S 



170 Leben Seuses. Kap. L. 

lichkeit; der sich selb da lasset und entwirdet, in der stillheit 
ginnet übernatürliches leben. 

Etlichu menschen hein einen ufgang ane hinderniss: su bi 
aber uüt ein stetes bliben. 

Sezze dich in ein bloss gelassenheit, wan unmessigü begerun 
so der ze vil ist, hier zft möhti ein [71^] verborgen mitel werde 

Ein gelassenr mensch sölte alle siner sei krefte also gezemnie 
wenn er in sich sehe, daz sich daz al da erzogti. 

Ein gelassenr mensch blibet sin selbs müssig, als ob er un 
sich selb nüt wüsse; wan in dem, daz got ist, so sind in im el 
ding erlich berihtet. 

Hab flizz och zu dinem ussren menschen, daz der geainig 
werd mit dem inren mit underzogenheit aller vihlicher gelüsten. 

Ein gelassenr widerker ist gote dik lieber denn ein behangnn sie 

Samen din sei zesamen von den ussren sinnen, da sü sich in 
zerströwet hein uf die menigvaltekeit der ussren dingen. 

Gang wider in, ker aber und och wider in in din ainmftt, ü 
gebruche gotes. 

Hert vast und la dir niemer begnügen, unz daz du erkrieg« 
in der zit daz gegenwürtig nu der ewikait, als verr es muglieh 
menschlicher krankheit. 



L. Kapitel. 

Ton den hohen fragen, die du wolgeüptü tohter fragte ir 

geischlichen vater. 

Nah dem vernünftigen inlaitene des ussren menschen in d 
inren erhüben sich in der tohter gcist höh sinne und mcinde, ob 
noh getorsti fragen von den selben hohen sinnen. Er sprach: ^ 



3 etlichü — Sil fehlt Ä' G hier ns K 7 aUer SM 8 [daz] al 
11 erlich fehlt M 12 dincn 3/^1* 13 den inren M 17 armüt 

10 niemer fehlt M benu^en M 26 meinde] luain 3f 

3 ntVan^, nämlich su Gott : vgl. Schice^ter Katrei hei Pfeiffer 4ß4, 

5 Auch ithermästfigc Begehrung des Guten ifft schädlich; vgl, a. a, 0.464f 

1 f. Schwester Katrei 468. ^(i f.: Ich hete aller miner sele krefte geäc» 

icennt ich in mich such, so sach ich got in mir etc. scheint hier Vorlagt 

nein. Vgl. übrigens oben Wö.2()Jf. 14 Eint selbstgefällige und desha 

Gott miss fällige Stetigkeit im Guten, Denijte :^52: behagliche. 



Leben Seuses. Kap. L. 171 

wao du ordenlich dar du rehten mitel bist gezogen^ so ist na wol 
erlobet diner geistenrichen vernünftekeit, von hohen dingen ze fragen. 
Frag, waz du wellest.** Du tohter sprach : „sagent mir, waz ist got, 
ald wa ist got, ald wie ist got? Ich mein, wie er sie einvaltig 
6 und doch drivaltig?** 

Er sprach: weiss got, daz sind höh fragen. Von der ersten 

I frage, waz got sie, solt du wissen, daz alle die meister, die ie wurden, 
können daz nit us gerihten, wan er über alle sinne und Vernunft 
ist Und doch so gewinnet ein iiissiger mensch mit emzigem sfichene 

1* 10 etwaz kundsami von got, aber gar in verrer wise, dar an dez menschen 
obrestu selikeit lit. Nah diser wise süchtan in hie vor etlich tugend- 
haft heidensche meister, und sunderlich der vernunftig Aristotiles. 
Der grüblet na in dem lof der natur, wer der weri, der da ist ein 
herr der natur. Er suchte in genote [72'] und vand. Er bewert 

|pl5 088 der wolgeordneten nature lof, daz von not mfiss sin ein einiger 
fürst nnd herr aller creaturen, und daz heissen wir got. 

Von disem got und herren haben wir wol so vil kundsami, daz 
er ist ein substanzlich wesen, und daz er ist ewig, ane vor und ane' 
na, einvaltig, unwandelber, ein unliplicher, weslicher geist, dez wesen 

tt m leben und würken ist, dez istigü vernunftkeit ellü ding erkennet 
in im selb mit im selb, dez wesen grundlose lust und fr5d in im 

. ^Iben ist, der sin selbs und aller der, die daz selb in schöwlicher 

i wise messen son, ein übernatürlichü, unsprechlichü, wunnenberndü 

selikait ist. 
* Du tohter sah uf und sprach: „eya, daz ist gut ze hören, 
wan es daz herz riiret, den geist uf lupfet, sursura, höh über sich 
^Ib. Da von, lieber vater, sagent me dur von!" 






2 gaistrichen MA^ 4 ald wa ist got fehlt Ä^ ald wie ist got fehlt S 
^ mensch feM M 14 vand in M 19 und uiiwand. M 20 illigü (!) A^ 
22 die — 23 son fehlt S 

12 ff. Die Aristotelischen Gottesheweise, die Thomas^ S, c. Geiit. 1,13 und 

•^' Tk. 1 q, 2a, 3 weiter ausführt, finden sich Fhf/s. VII ;J41 b Ü4jf. : VIII 258b 

^Off.: Metaph, a 994 a 11: ^ 1040 b 17 ff. : X 1072 a 19, 1073 a 14; I. <:. 1070 a 4 

^(t9 EomtiHsche Wort (IL B 204) : sT^ xo'lpavog loxco, auf das auch Sense an- 

^piflt. Es ist hier speziell der sogen. physiko-Utenloijische oder teleolof/ische 

(fOtteshetceis gemeint, der weiter unten dargestellt tcird. Vgl, Schanz, Apologie 

fit« Christentums I^ (1903), 470 ff. ; Holfes, Die Gottesbeucisc bei Thomas ron 

Aquin und Aristot, 1896. 18 ewii^-, ane vor und aue na, vgl. Thomas, 

S. TL 1 q. 3 ff. Weitere Erklärung und Bcltg^i bei TJenifle 204 A. 1 und lUhv 

Kap. 5. 



172 Leben Seuses. Kap. L. 

Er sprach: lug, daz götlich weseu, von dem geseit ist, dazi; 
^in sölichü vernünftigu substancie, die daz tödemlieh oge nit geseh ^ 
mag iu im selb; wan sibt in aber wol in siner getat, als man eine 
guten meister spurt an sineui werke, wan als Paulus seit: „cli< 
crcaturen sind als ein Spiegel, in dem got widerlühtet.'* Und dis 
bekennen heisset ein speculieren. 

Nu lass uns ein wili alhie beliben, und lass uns speculieren 
den hohen wirdigen meister in siner getat! Lüg über dich und umb 
dich in du vier ende der weit, wie wit, wie hob der schon bimel 
ist in sinem schnellen lof, und wie adelich in sin meister gezieret] 
hat mit den siben planeten, der ein iek lieber, ane allein der mane, 
vil grösser ist, denne alles ertrich sie, und wie er gepriset ist mit 
der unzallichen mengi dez lichten gestirnes. Ach, so d& schön sunne 
ungew&lkt heiterlich uf brichet in dem sumerlichen zit, waz si denn 
eblich frnht und gutes dem ertrich git! Wie der anger schon grünet, i 
wie lob und gras uf dringet, die schönen blümen lachent, der wald 
und heid und owen mit der nahtgal und der kleinen fögelin süssein 
•gesang widerhellent , ellü tierlü, du von dem argen winter ver- 
schloffen waren, sich her für machent und sich fröwent und sich 
zweient, wie in der menscheit [72^] jung und alt werdent von wunne- s 
bernder fröd frölich gebarent! Ach zarter got, bist du in diner 
creatur als minneklich, owe, wie bist du denn in dir selb so gar 
schön und minneklich! 

Lüg furbas, ich bite dich, schow du vier dement, ertrich, 
Wasser, luft und für, und alles daz wunder, daz dar inne ist voo i 
mengerlay unglichen menschen, von tieren, von vögeln und vischen 
und mcrwunderu; daz dar inne ist, daz rufet allesament: lob and 



4 an sinen werken PÄ^ sant Paulus 6' 6 haissent wir e. sp. U 
11 den] dem M siben fMt ASPA' 17 liogelin A 18 f. verschlofen AA' 
20 log wie ASP 21 gebarent frolich M 23 wunklich M 27 daz - i«t 
fthll P 27 f. li))) u. ere und grundlos wunderlich ungeui. (!) 3/ 

2 \'(fL II Mos. 33yW. 4 Rom. 1,J(>, 6 Vgl Thomas, S. /*• 

;?yi? (j, Ibioa. 3 ad 2 : speculaiin diciUir a speculo . . , ., videre autem aliqui^ 
j/€r sptcidum, est videre causam per cffectttm^ in quo eius similitudo relucd^ 
linde speculaiio ad meditat iontm reduci vidHur, Bonaventura, Itintr, c. 3: ^ 
spt'culatione iJei in rtstigiis ituis in hoc setisibili mundo. tSeuse, Hör. 6U 
omnis creaiurae dccor, ifuid aliud est, quam qunddam spe<:ulum^ in quo shvk»a 
opificis relacet maf/tsterium '^ Tochter tSi/on ed. Schade 35 ff. , ed. Merzd^f 
(iJtr Mönch von lleihbronn 1870), 1:^9,11 Jf\ 11 Vgl. Beriholds van RegeM- 

bürg Predi(ji (cd. PJdJfer-ö'trohl /, 48 Jf'.: IL :J33 ff.) : Von den siben Planeitn 
fSonnt'y Mond, Mars, Merkur. Jupititer, Venus, Snturn). 



Leben Seuses. Kap. L. 173 

e der grundlosen wunderlichen ungeraessenheit, du in dir ist! 
?rr, wer enthaltet dis alles, wer spiset es alles? Du beratest es 
es, ein iekliches in siner wise, gross und klain, rieh und arm; 

got tust es, du got werlich got bist! 

Nu dar, fro tohter, nu hast du dinen got funden, den din herz 
g hat gesüchet. Nu sich ufwert mit spilnden ogen, mit lechlichem 
:lQt, mit ufspringendem herzen, und sich in ane und umbvah in 
t den endlosen armen diner sele und gemutes, und sag im dank 
1 lob, dem edeln fürsten aller creaturen. Sich, von diesem specu- 
ren dringet bald uf in einem enpfenklichen menschen ein herzk- 
les jubilieren; wan jubilieren ist ein fröde, daz du zung nit 
tagen kan, und es doch herz und sei krefteklich durgüsset. 

Ach Iftg, ich merk iez an mir selb, es sie mir lieb ald leid, 
: mir der beschlossen mund miner sele gen dir ist uf gebrochen, 
1 müss dir aber sagen gote ze lob neiswas miner verborgen hein- 
)i, daz ich nie keinem menschen geseit. Lüg, ich wüste einen 
dier, der waz an sinem anvang wol uf zehen jar, daz im sölichu 
webendü gnade alle tag gemeinlich zwirent von got ward, des 
rgens und des abendes, und du werte wol als lang als zwo 
ilien. Er versank die wil als gar in gote die ewigen wisheit, 
: er nut konde dur von gesprechen. Uuderwilent hat er ein minnek- 
1 einreden mit gote, denn ein jamriges süfzen, denn ein senliches 
inen, etwen ein stilleswigendes lachen. Im waz dik, als ob er 
dem luft swepti, und enzwischen zit und ewikeit in dem tiefen 
ge gotes grundlosen wundern swummi. Von dem ward sin herz 

vol, daz er underwilent sin band uf daz wütend herz [73'] leite 
1 sprach: „owe, herz mins, wie wil es dir hüt ergan!" 



6 lachidem 4^ liehtlichem M 11 du fehlt K 20 in die ew. w. M 
fiüt da yon kond K 

11 Die Definition folgt Thomas von Aquin^ In ps. 32,3 : vgl. In ps, 40 jl 
^>p. Paris 16S9y Will, 410, 519), Weitere Belege: David von Augsburg, 
compOH, 111,67; Eckhart ed. Pfeiffer Ö53y23 : Mönch von Heil.'ihronn cd. 
ndorf 58; Strauch, Marg, Ebner XVII, 97 u. A. S. ciciU : Buch von d^m 
f Mannen hei K, Schmidt, Nikolaus von Basel 18üü, 103: Viten von Kirch- 
1 ed. Roth in Alemannia 21, 105 (gnad jubilus} .- vgl. auch Denifle 2ö7 A, 2: 
bs, Die Mystik in Adelhausen 74 f.; Michail, Gtsch. des deutschen Volkes 
. 14fJ. 17 Seuse selbst. 20 Vlf/ilie hiess im Bredigerorden das 

kh zu betende Totenofficiiim (eine Xocturn n. Lauiies). Vgl. itber derartige 
^f estimmun gen Strauch, Ad. Langmann lol ( A. .7a .Yt ,S) und Marg. Ebner 
f. (A. zu 127,11). 



174 Leben Seuses. Kap. L. 

Eins tages waz im, wie daz veterlich herz in geischlicher wi? 
neiswi unsäglich ane alles mitel an sin herz zärtlich geneiget wen 
und daz sin herz eben gen dem veterlichen herzen begirlich ufgetaj 
were, und duht in, wie daz veterlich herz, die ewigen wisheif, 
minneklich und formlosklich in sin herz spreche. Er hüb uf mi 
sprach frolich in dem geischlichen jubilieren: ^nu dar, min liephches 
liep, so enblöz ich min herz, und in der einvaltigen blossheit aller 
geschafenheit umbvah ich din bildlosen gotheit. Owe, du über- 
trefendes liep alles liebes! Du gröst liebi zitliches liebes mit sinem 
liep lit dennoch liebes mit liep zerteilter underscheideuheit; owe aber 
-du, alles liebes grundlosu vollheit, du zerflässest in liebes beraen. 
du zergässest dich in der sei wesen, du bloss al in al, daz liebes 
ein einig teil nit uss blibet, den daz es lieplich mit lieb vereinet wirt." 

Du tohter sprach: „ach got, waz grosser gnaden ist daz, da 
der mensch also in jubilierender wise in got verzuket wirt! Ki 
wüsti ich gern, ob daz selb daz nehst sie oder nit?"* Er sprach: 
nein, es ist allein ein reizlicher vorlof, ze komen in ein weslich in- 
genomenheit. Si sprach: „waz heissent ir weslich ald nit weslich ?'^ 
Er entwürt und sprach: ich heiss den einen weslichen menschen, 
der mit guter steter ubung die tugent erstriten hat, daz sü im nah 
dem höbsten adel lustlich und beliplich sind worden, als der schin 
der sunnen in ir ist beliplich. So heiss ich unweslich, dem dai 
lieht der tugent in entlenter, unsteter, unvolkomenr wise lühtet, ab 
der schin in dem mane tot. Der vorder gnadenricher lust verlekert 
eins unweslichen menschen geist, daz er daz alle zit gern heti, und 
als im der gegenwurf fr6d birt, also birt im der nnderzuk unge- 
ordnet trurikeit, und wirt unwillig sich andren sachen ze geben, ab 
ich dich bewisen wil. 

Es geschah eins males, do gie der diener in dem capitelhnse, 
und waz sin herz vol götlicher jubilierender fröden. Also kom der- 
portner und hiess in gan an die port zu ainer frowen, da wolt bihten. 
Er brach sich ungern von dem inrlichen luste und enpfie den portal 



10 f. du aber M 18 ald nit weslicli feJilt A^ 23 entlenter fehliS 
entlechnetcr K entlelientcr M voUkomer M 26 also gebirt MA^ 30 gotL 
fehlt .y frode SA' 

5 IJ. h. ohne Bilder und Formen (Denifle 258 A. 2h 17 f. Wa9 imtir 

ingenomenheit zu verstehen int, wird gegen Ende des folg, Kap. erklärt, 

19 flf. Vgl, die Lehre des Thomas von Aquiny der auf Aristoteles fusst, tibcf 
die hahituelle Tagend, S, Th. 1,2 q, 49; q. 51 a, 2, 3. 



Leben Seuses. Kap. L. 175 

lerteklich und sprach^ [73^] daz si na eim andern santi, er w61ti ir 
iez kain bibt hören. Si hat ein geladen sündig herz und sprach, si 
Aeti Sander gnad zi\ im, daz er si trosti, und wolti kaim andern 
Mhten. Und do er nit wolt komen, do vie si an mit einem beträpten 
berzen ze weinen, und gic ellendeklich enweg in einen winkel sizzen 
und erweinet sich da vil wol. Under dannen do zukt im got ge- 
swinde die frölichen gnade, und ward im sin herz als hert als ein 
Üdiog. Und do er gern heti gewüsset, waz daz meindi, do ward 
in im von got gesprochen also: „lag, als du die armen frowen mit 
Einern geladen herzen hast von dir getriben ungetrostet, also hau ich 
aiinen götlichen trost von dir gezuket." Er ersüfzet inneklich und 
M^hlfig an sin herz und lüf bald hin an die port, und do er die 
frowen nit vand, do gehfib er sich übel. Der portner lüf umb und 
imb suchende; do er si vand d6rt sizend weinende und si an die 
[K)rt wider kam, do enpfie er si gutlich und tröste ir rüwiges herz 
Snedeklich, und gie von ir wider in daz capitel, und geswinde in 
tmm ogenblik do kam der milt herr her wider mit sinem gütlichen 
trost, als ie von erst. 

Du tohter sprach: „der mensch mohti liden wol erliden, dem 
BrgebisSlich jubilierende fr6de." Er sprach: „owe, es mftst dar na 
illes mit grossem liden wol erarnet werden." Aber ze jungst neiswen, 
lo es sich alles hat erlüfen und es got zit duhte, do kom du selb 
jubilierend gnade her wider und ward im neiswi in beliplicher wise, 
er weri da heim oder füri us, bi den lüten ald ane du menschen, 
dik in dem bad ald ob tische ward im du selb gnade; aber daz 
geschah in inbrüchiger wise, nüt in usbrüchiger wise. 



8 daz] es M 11 süfzet innerklicb M 14 do er rI vand] und vand 
*i S sitzent dort M und si — 15 wider kam] do nam er si und fürt si 
^<ler an die port S 16 wider in in FKa capitelhus S 20 müs M 
^1 werden, als da vor gesait ist M 22 erloffen SKA^ erlofleu PM 26 in 
^rtch. w. M 

18 Zu der Erzäftlung vgl. Meister EchhaH 553,38 ff. : were der mensche 
^^ in eime ineucke als sanctus Paulus was unde weste einen siechen menschen, 
<fer eins suppelins von ime bedörfte, ich ahie verre hcgzer, daz du liezest von 
y^me ton dem zuche unde diendest dein dürftigen in merre minne etc. Vgl. 
'iuch Thomas, S. Th, 2fi q. 18'2a. 1 ad 3 : Tauler ( Basel löi^l) f. 9ö'', 1:28*'. 
20 er = Gott. 26 Ohne dass man äusserlich etwa^t an ihm merkte. 



176 Leben Seuses. Kap. LI. 



LI. Kapitel. 

Ein usrihtunge^ wa got ist und wie got ist. 

Du gftt tohter sprach: „herr, ich han nu wol funden, daz got 
ist; aber wa got ist, daz wüsti ich gern." Er sprach: daz solt hören. 

Die maister sprechent, got der enhab enkein wa, er sie al in 
al. Nu tft du inren oreu uf diner sele und los eben. Die selben 
maister sprechent och in der kunst Loyca, wan kom etwen in ein 
kuntsami eins dinges von sines namen wegen. Es sprichet ein lerer, 
daz der nam wesen der erst nam sie gotes. Zu dem [74'] wesen 
ker dinu ogen in siner luter einvaltekeit, daz du lassest vallen disl 
und daz teilhaftig wesen. Nim allein wesen an im selb, daz an- 
vermischet sie mit nütwesen ; wan als nütwesen logent alles wesens, 
also tfit wesen an im selb, daz lögent alles nütwesens. Ein ding; 
daz noh werden sol ald gewesen ist, daz ist iez nit in weslleber 
gegenwürtikeit. Nu kan man vermischet wesen oder nutweseu nitl 



3 M hat hier auch daz nicht wa ('gegen Denifle 261 A. 7) 4 soltdno' 
8oltu PA^ 6 orcii] ogen P 7 an d. k. 3/ 8 am Rande Damasceow 
AMA^^ im Text KS 11 am Bande Anshelnius in pro8ologio(n) AMA^^ im Tai 
KS 11 f. daz vermüschet sie nüt mit weseu P 12.13 löget 4S' 13 alle» 
mit wesen P 

5 Vgl. Thomas j S, Th. 1 q, Sa, 2 ad 3: Deus iotus est in omnibna f^" 
singulis eniihus {vgl, I Kor. 15,28), 6 Bonaventura, Itinerariwn maiff 

in Deum c. 1^15 (Ausgabe in: Tria opuscula S, Bonav,, td, II Quaracchi Ifä^ 
413): aptri igitur oculos, aures spirituales admove etc. Ein Teil dieses K9f 
isty mitunter wörUichf dem Itinerarium entnommen. Belege nach zitierter Auf' 
gäbe, genauere Nachweise bei Denifle 261 ff, 8 f. Hin. 5,2 (p, 453): Damat 

cenus (De fide orthod. I, 9) igitur sequefis Moysen (Exod, 3,14) dicit, quod^^ 
esV est primum nomen Dei, Vgl, dazu Eckhart 108,28: 162,38: 262^9 ff,: 26^ 
und im Archiv II, 543,3: 578,24: ebd, und II, 436 ff, Belegstellen aus ITiOtm 
Bonaventura u, s. xc, 11 ff. Der Grundgedanke der folgenden AurfOhrtiH 

findet sich bei Ansclm, Monolog, c, 1 und zuvor schon bei Augustin^ Dt triA 
VIII, 3 n. 4 : der Wortlaut selbst ist aber fast ganz Bonaventura^ Itin, 5M 
(p, 453 ff,) entlehnt. Doch ist im Texte der A-Gruppe der Frage nach A» 
Krsterkannten, das M der ültertn Franziskanerschule (Bonaventura) undSA' 
hart folgend mit Gott rericechselt, ausgewichen. Vieüticht hat Seuse den «f* 
spnuiglichen Te.it (M), welcher der offiziell im Dominikanerorden vorgesekrif' 
Innen Doktrin widersprach, geändert, als er einen Teil der Vita dem Provintid 
liartholomaeus rorhgte : vgl. auch die Einleitung und zur Erklärung Deniß^ 
2(13 A. 3, ferner ders, in Zfda 21,131 ff, u. Archiv IL 620 f., 536, 687, 605. 



Leben Seuses. Kap. LI. 177 

^^1 bekenneo, denn mit einem gemerke dez allichen wesens. Es 
^^t nüt ein zerteilteö wesen diser ald der creatur, wan daz geteilt 
^€8en ist alles vermischet mit etwaz anderheit einer müglichkeit iht 
^e enpfaben. Dar umb so müss daz namlos g6tlich wesen in sich 

^ ^elh ein allichs wesen sin, daz ellü zerteiltu wesen ufenthaltend ist 
Halt siner gegenwtrtikait. Es ist ein wunderlichü blintheit mensch- 
licher vernanft, daz si nit mag briifen daz, ane daz si niht mag er- 
kennen noh sehen. Ir geschiht als dem ogen: so dem ernst ist ze 
lägen die menigvaltekeit der varwen, so nimt es nit war des liehtes, 

10 dar daz es daz ander alles sament siht, oder siht es daz lieht, so 
nimt es sin doch nit war. Also ist es umb daz oge ünsers gemütes : 
80 daz ein sehen hat nf dis und daz wesen, so verahtet es dez 
Wesens, daz da Aber al luter einvaltig wesen ist, dur des kraft es 
du endrA in nimet, dez nimt es nit war. Hier umbe so sprichet ein 

Uwiser meister, daz sich daz oge unser bekentnus von siner krank- 
beit halte zä dem wesene, daz an im selber aller bekantlichest ist, 
als einer fledermus ogen gen dem klaren liebte der sunnen ; wan du 
zerteiltu wesen zerspreitend und blendend daz gemute, daz es nut 
mag sehen die g6tlichen vinsterheit, du da an ir selb ist du aller 

^M\»tfi klarheit. 

Nu tft dine inren ogen uf und sih an, ob du raaht, daz wesen 
in siner einvaltigen luterkeit genomen, so sihst du geswinde, daz es 
von nieman ist und nit hat vor noh na, und daz es weder innan 
Qob von ussnan kein verwandelkeit hat, denn daz es einvaltig wesen 
ist; so merkst du, daz es ist daz aller würklichcst, daz aller gegen- 
^rtigest, daz aller volkomenst, [74''] in dem nit gebrest noh ander- 
beit ist, denn daz es ein einiges ein ist in ainvaltiger blossheit. Und 
disA warheit ist als kuntlich in crlühten vernönften, daz si kein 
anders mngen gedenken, wan eins bewiset und bringet daz ander 



lwo\ fehlt M gemerke] bekeünen 3/ nach wesens Zusatz: won so 
^>»n ain ding wil verstan, so begegent der Vernunft des ersten wesen, und daz 
JA ain aller dingen würkendes wesen J/, feJiÜ ASPKA^afUS^ 2 zert.] {ü:e- 
tifltes M wan] wa M 4 namlos — 6 gegenw.] wesen, von dem gesait ist, 
sin dtz gotlich wesen M 7 daz si nit daz prüft, daz si vor an siht und an 
^ if 13 f. nach iBt Zusatz und Änderung: wie es im doch des ersten be- 
siegest und durch daz es du ändrü in n, M 17 liedramus A 23 von in- 
nan 3/ 25 und daz aller g. M 27 einiges [ein] PA^ ist [in] ASK 

6 — 20 Jlf'ast wörtlich nach Bonav.j Hin. 5,4 (p. 456 f.) 12 f. Hin, 

l c: ipsum esse extra omne genas .... non advertit. 15 AristoteleSj 

Metaph. a 993 b 9, 21 ff. Das Folgende aus Hin, 5,5,(J (p. 457 f.). 

H. Sentt} Dtntaehe Schriften. 12 



178 Leben Seuscs. Kap. LI. 

für. Dar umbe, daz es einvaltig wesen ist, dar umb möss es v 
not daz erst sin und von nieman sin und ewig sin, und wan es d 
erst ist und ewig ist und einvaltig, da von müss es daz gegi 
würtigest sin. Es stat in der aller höhsten volkomenheit, einvaltekc 
da nüt mag zfi noh von genomen werden. 

Mäht du dis verstau, daz ich dir geseit hau von der blosse 
gotheit, so wirst du etwi vil gewiset in daz unbegrifenlich liebt de 
gotlieben verborgnen warheit. Dis einvaltig luter wesen ist du ere 
obrest sach aller sachlicher wesen, und von siner bisinder gegen 
würtikeit so umbscblüsset es alle zitlicb gewordenheit als ein anvan^ 
und ein ende aller dingen. Es ist allzemal in allen dingen und k 
alzemal uss allen dingen. Dar umb sprichet ein meister: got istak 
ein cirkellicber ring, des ringes mitle punct allenthalb ist und sii 
umbswank niene. 

Du tohter sprach: „gelopt sie got! Ich bin bewiset, als ven 
es mir denne müglich ist, daz got ist und wa got ist. Nu wisti icl 
gern, wan er als gar ainvaltig ist, wie er da mit mug drivaltig wesen' 

Er hüb aber an und sprach: ein ieklich wesen, so es i< 
ainvaltiger ist an im. selb, so es ie menigvaltiger ist an siner kref 
tigen vermügentheit; daz nit hat, daz git nit, daz vil hat, dai 
mag vil geben. Nu ist da vor geseit von dem infliessenden nnc 
überfli essen den gute, daz got ist in im selb, dez grundlosü über 
natürlichü gfitheit zwinget sich selb, daz er daz nüt allein wi 
haben, er wil es och frilich in sich und uss sich teilen. Nu müsi 



1 dar umb] da von M 2 and ewig sin fehlt PMA^ 5 mkg fehU^ 
9 bi sin der K besinder 31 bisunder A^ 10 als ein feiät S 11 Es — 1* 
dingen fehlt A^ 16 mir fehlt M 17 gar fehlt M 18 am Rande In libn 
sententiarum AM, im Text K 22 dez — 23 selb fehlt F 23 zwyget * 
24 in sich fehlt M 

6 ff. Vgl. Itin. 5,0—8 (p. 459—61), 12 Alanus ab Inauiis (Etgulae t) 

den auch Bonaventura^ Itin, 5ß (p, 461) and Thomas v, Aquin, De periU 4 
2 a, 3 ad 11 zitieren ; vgl Eckhart 96,30 und Archiv II, 571, 16 f. Der Gedank 
war geläufig, vgl, das mystische Gedicht hei P reger I, 290, 18 ff. Itin, 5, 

(p. 460) : quia enim simj)licissimum in essentia, ideo maximum in viriute, q}^ 
virtuft, quanio plus est unita^ tanto jtlus est infinita : vgl, dazu Lib. de caitf** 
prop. 17 : weitere Behge Denifle 267 A. 2 und Archiv II, 474 A. 1. 

21 — 24 Itin, 6,2 (p, 463): summiim igitur bonum summe est diffusicum ^ 
(vgl, Dionys., De diu. nom, 4,1 und Opp. S, Bonav. V, 60 n. 7), Hieher, nick 
nach oben ist die Zitierung des Petrus Lombnrdus (2 Sent, dist. 1) zu buiiH^ 
zwingen (Z. 23) ist hier = drängen, wie das folge^ide: frilich — teilen J(i§ 
(Denifte 267 A, 4), 



Leben Seuses. Kap. LI. 179 

^az sin von not, daz daz obrest gftt die höhsten und die nehsten 

^ntgiessnng liab sin selbs, und daz mag nit sin^ si sie denn in einr 

^egenwörtekeit und sie inrlich, substanzlich, persönlich^ natürlich 

Qiid in unbezwungenlicher wise noturfklich, und sie endlos und vol- 

B komen. Alle ander entgiessunge, die in der [75'] zit ald in der 

creatur sind, du kunt von dem widerblik der ewigen entgiessunge 

der grundlosen gotlichen g&theit. Und sprechent die meister, daz 

an dem usflnsse der creatur uss dem ersten Ursprung sie ein cirkel- 

liches widerbögen des endes uf den begin; wan als daz usfliessen 

10 der personen usser got ist ein förmliches bilde des Ursprunges der 

creatur, also ist es och ein vorspil des widerfliessens der creatur 

in got. 

Nu merk den underscheid der entgiessunge der creatur und 
gotes. Wan du creatur ein zerteiltes wesen ist, so ist och ir geben 
^ und ir entgiessen teilhaftig und gemessen. Der menschliche vater 
git sinem snne in der geburt ein teil des wesens^ aber nüt zemale 
daz, daz er ist^ wan er selb ein geteiltes gut ist. Wan nu daz 
knntlich ist, daz du götlich entgiessunge so vil inniger ist und edelr 
i^t nah der wise der grössi dez gfltes, daz er selb ist, und er 
** grundlosklich übertrifet alles ander gut, so mflss von not sin, daz 
oh d6 entgiessung sie glich dem wesen, und daz mag nit sin ane 
entgiessung sines wesens nach persönlicher eigenschaft. 

Kanst du nu mit einem gelüterten ogen hin in büken und 
scbowen dez obresten gutes lütersten gütekait, du da ist an irem 
^ ^mn ein gegenwürteklicher würkender anvang, sich selb naturlich 
ttöd willeklich ze minnen, so sihst du die überswenken, übernatür- 
lichen entgiessunge dez wortes uss dem vater, von des geberene 
Qnd sprechen ellü ding werdent her für gesprochen und gegeben ; 
önd gibst och, daz in dem obresten gut und in der höhsten ent- 
*?og8enheit von not entspringet du götlich drivaltekeit : vater, sun, 
heiliger geist. Und wan du höhst entgossenheit dringet von der 
obresten weslichen gfitheit, so mfiss in der gerivierten drivaltekait 



2 sin selb M 5 aller K 20 ander fehlt S 21 f. ane ain g-ies- 
«ing (!) ilf 22 persönlich AÄ^ 24 giathait M 29 sihst och] sicherlich K 
t32 obresten fe?Ut M gotheit P 

Iff. Das folgende nach Itin, 6,2 (p.463f.). 7 ff . Vgl Thomas, In 

^ ^^, d. 14 a. 2; d. 32 q. 1 : Eckhart 165,24 ff. ( Deniße 26S A. 4). 16 f. Vgl, 

^Oäkw, Dt verit. q, 4 a. 4. 18 ff, Itin, 6,2 uk 463 /.). 23 ü,^ Itin, 6,2 

(]i. 4RÄ f \ 



180 Leben Seiises. Kap. LI. 

sin du aller obrest und nebst mitwesentbeit, du böbste glibbeituiit 
selbsbeit des wesens, daz die personen bein in inneblibender ixs- 
gossenbeit nab ungeteilter substaneie, ungeteilter almehtikeit der 
drier personen in der gotbeit. 

Du tobter sprach: „wafen, icb swimm in der gotbeit als ein t 
adler in dem lüfte!" 

Er sprach: wie der götlicben personen drivaltekeit [75^] mug 
stan in eines wesenes einikait, daz kan nieman mit Worten für 
bringen. Docb als vil man dur von mag sprechen, so sprichet saot 
Augustinus, daz der vater sie ein Ursprung aller der gotbeit des ^* 
sunes und des geistes, baidü persönlich und weslicb. Dionysins 
seit; daz in dem vater sie ein usfluss oder ein runs der gotbeit, und 
der runs entgüsset sich natürlich in dem usgrfinendem worte, der 
ein natürlicher sun ist. Er entg&sset sieh och nah minnericher 
miltekait dez willen, daz da ist der heilig geist. 

Dis verborgen sinne entschlüsset uns und bewiset daz klar 
liebt, der lieb sant Thomas, der lerer, und sprichet also: zu der 
entgossenbeit dez wortes uss des vaters herzen und verounft mftss 
daz sin, daz got mit siner liehtrichen bekentnuss uf sich selber büke 
mit einer widerbögung uf sin götlicb wesen ; wan weri an der ver- r 
nunft dez vater der gegenwurf nit daz gotlicb wesen, so enmöhte 
daz enphangen wort nit got sin, snnder es weri ein creatnr. Daz 
weri falsch; aber in diser wise ist es götlich wesen uss wesen. 
Und der widerblick dez g6tlicben wesens in der Vernunft des vater 
mftss geschehen mit einer nabbildender wise einer natärlichen glich- 
heit, anders daz wort weri nit sun. Hie hat man einikeit dez 

1 aller nähst M 10 Augustinus auch am Band A LI wesenüch M ^ 
Dionysius auch am Rand AA^ 13 in dem. usgründ bi. dem worte A^ grftnen — 
dem ASP 16 und bewiset fehlt M 17 Thomas auch am Rand AMA^^ 
23 uss wesen fehlt M 

7 flf . Dtr folg, Passus bei 6'tuse ist benutzt in dem Lehr aystem eines wi- j 
bekannten Mystikers, bei Greith 1L*2 f. 10 Aug,, De trinit, IV, 20 n, 29 * 

totius divinitatis, vel si melius dicitur deitatisy principium pater est. Von dei^r- 
Scholastikern häufig zitierte Stelle^ vgl, Archiv II, ^8 A, 3, 11 Dion,, D^^ 

dir, nom. 2, oJ, 15 Die Ausgabe von 1512 f, 69^ und Diep, ^159 habet. '^ 

nach willen eine längere Interpolation, 17 Thomas, S. c, Gent, 4,11 i$t «c^ 

folgenden frei benützt. Sense spendet dem Dominikanertheologen xax' iSox^^v auc. ^*^ 
Ilorol 151 f. grosse Lobsprüche. 20 ff. Vgl, dazu bei Pfeiffer II, 680,12, 

den flicht von Eckhart (vgl, Archiv II, 676) stammenden Traktat (GIom) 
das Evangelium Johann is (Te.ct Verbesserung durch Denifle in HisL^poL B ' ^ 
76,911). 23 Vgl. die Erklärung bei Denifle 272 A. 2. 



Leben Seuses. Kap. LI. 181 

•Wesens mit anderheit der personen. Und ze einem guten urkünd 

dez selben underscheides do sprach der hobgeflogen adler sant 

Job ans: „daz wort waz in dem beginne bi gote.** 

Aber von entgossenheit dez geistes ist ze wüssene, daz du 

> substanci der götliehen vemunft ist ein bekentnust, und du mflss 

ob haben neigang nah der forme, du in der Vernunft enpfangen ist, 

nah ir ende. Dis neigung daz ist wille, dez begerung ist lust 

^chen nah dem besten. Nu merk och, daz der gegenwurf dez 

geminten ist in dem minner nut na der glichnust der forme der 

10 natur, als der gegenwurf der vernünftikeit in dem lieht dez bekent- 
nas. Und swenn dis wort flüsset uss dem usblik dez vater nah der 
fonne der natur mit personlichen underscheid, so heisset sin ent- 
giessonge von dem vater ein geburt; wan [76'] aber disü wise ab 
dem usrunse des willen und der minne nit also ist, da von du drit 

15 person, du nah der minne fluss entgossen ist, baidü von dem vater 
und och von dem usgedrukten bild uss sinem innigosten abgründe, 
dar nmb mag es weder sun heissen noch geborn. Und wan du 
minne vemunfteklich oder geischlich ist in dem willen als ein nei- 
Siuige oder ein minneband inwendig in dem minner in daz, daz er 

^'^ Dünnet, dar umbe ist zftgehörlich der driten person der Ursprung, 

^^r da ist nah der minnewise dez willen, daz er geist heisse. Hie 

^irt der mensch überbildet von dem götlichen liebte in der hein- 

Kchkeit, die nieman kan gemerken, denn der es hat enpfunden. 

Du tohter sprach: „ach herr, wie ist dis ein so uberswenkü 

^Mstanlichü lere! Aber man vindet etlichü vernünftigü menschen, 
ÖÄ sprechent daz alles abe, daz hie von pot geseit ist, und meinent, 
^er zfi dem nehsten welle komen, dem sie got ein schedliches mitel; 
^r müss entgötet werden, er müsse och entgeistet sin und alle vision 
2e ruggen stossen, und sich zfi der inlühtenden warheit allein keren, 

^die er selb selber ist." 

Er sprach: disü red ist falsch na gemeiner hellung. Dar umb 
^tand ir lidig und hör, waz cristanlichü warheit hie von haltet, 
^ah gemeiner wise ze redene, so nimet man got als einen herren 



2 f. sant Joh. fehlt M 4 daz] do K 5 gfutlichen M 8 [der] geg. M 
^^ dei] der K 11 swenn — nah der fehlt P 14 da von — 15 ist fehlt M 
1' du] disü M 24 dis] daz M 25 krist. fehlt K 28 ez mäs e. g. M 
^ Dünnet (!) M 

3 Joh. 1,1. 4 fif. Vgl Thomas, S. c. Gent. 4,19. 11 ff. Vgl, Eck- 

^^76^4 ff, 25 ff. Lehre der Brüder des freien Geistes. Einer ihrer Sätze 

^^^' hotno non est honus, nisi dhnittai deum propter deum, vgl. Preger I, 463. 



1^2 Leben Seuses. Kap. LI. 

aller der weit, der kein bossheit lat hin gau nngebuzet, noh k^ij 
gut werk ungelonet. Wer nu sünde tut, dem igt got ein vortliclier 
got, als der gut Jop sprach: „ich han got alle zit gefürtet als da 
schiflüt die grossen wellau." Wer och uf grossen Ion got dienet, der 
hat einen grossen got, der im gröslich gelonen mag. Aber ein wol- ; 
geüpter bekanter mensch, der sich gebrestlicber dingen, du got hasset, 
hat mit menigvaltigem sterbene entschutet und got von inbrünstiger 
minne alle zit dienet, der nimt got in sinem herzen nit got in deo 
vor geseiten wisen, er ist im wol entgötet; er nimt in als ein 
herzklich minneklichs lieb, da du knehtlich vorte ab gevallen ist, als 19 
Paulus seit. Also blibet dem götlichen menschen got werlich got 
und herr, und stat sin doch lidig in diser grober nemunge, wan er 
hat ein nehers begrifen. 

Wie aber der mensch [76^] engeistet sül werden, da h6r den 
underscheid. So ein mensch in sinem anevang beginnet merken?^ 
daz er ein creatur von lib und sele ist, und daz der Hb tdderolicl^ 
ist und aber du sele ein ewiger geist ist, so git si dem libe od^ 
aller siner .vihlichkait urlob, und haltet sich zft dem geist un^ 
machet den lip dem geist undertenig, und ist alles sin würker^ 
inwendig mit betrahtung gerihtet gen dem überweslichen geisU^ 
wie er den vinde, wie er den begriffe und sinen geist mit der^ 
geist vereine. Und du menschen heissent gcischlicbü, heilig''* 
menschen. Dem nu reht hie beschiht, so er sich hier ini^ 
lange zit geübet, und im der überweslicher geist alle zit vo^ 
spilt, und im doch des begrifes vorget, so beginnet der cree^ 
türlich geist sin selbes unmngentheit an sehen und mit* einer en^ 
sunkenheit sin sclbheit sich der ewigen götlichen kraft ze grvüm^ 
lassen, und sich von im selb zft dem keren in einer verahtnnge d^ 
sinsheit in des obresten wesens ungemessenheit; und in der in 
nomenheit kunt der geist neiswi in sin selbes Vergessenheit u 
verlornheit, als Paulus sprach: „ich leb nüt me ich,** und Crist 
sprach: „selig sint die armen des geistes.^ Alsus blibet der gel 



1 ungeletzet A 3 gfit lident J. M 7 von] mit M 8 nimt] minnet 
9 vorsaiten M vor genanten P 12 wan] und M 14 aber fehlt M 16 f. 5*^ 
nacli er M 20 üb er messlichen K 25 begriffene M 26 unmtiglicheit ^ 

3 Job 31^3. 1 1 Rom. 8, 16. 29 f. ingenomenheit (vgl, oben 161,12 i»*«^ 
174,17 f. ) = Absorbiertwerdffu in Gott in der höchsten Beschauung (DtnifUS^^ 
A. 3; 61:JA. 6). 31 Gal 2,20; Matth. 5,3. 32—183,2 In der höeh^^ 

Vereinigung mit Gott vergisst der Geist sich selbst und uird seiner ungewal^*^' 
Belege aus Eichard von St. Viktor bei Lenifle 27 ti A. 6; vgl, ebd. 266 A. 7. 



Leben Seiises. Kap. LT. 183 

iiah silier wesentheit, und wirt entgeistet nah besizlicher eigenscbaft 
dez sinsheit. 

Den underscheid enzwüschen luter warheit und zwifellichen 
visionefi in bekennender materie wil ich dir och sagen. Ein mitel- 
^ loses scfaowen der blossen gotheit, daz ist rehtü lutrü warheit ane 
allen zwivel; und ein ieklichü vision, so si ie vernünftiger und bild- 
loser ist und der selben blosser schowung ie glicher ist, so si ie 
edelr ist. Etlich profeten baten bildrich vision als Jeremias und 
die andren. Sölich bildrieh vision werdent noh dike gotes hein- 
10 liehen fründen, etwen wachende, etwen schlafend, in stiller rüw 
und abgescheidenheit der ussren sinnen. Und sprichet ein lerer, daz 
engelschlichti gegenwürtikeit diker erschinet etlichen menschen in 
dem schlaf, me denn in dem wachen, dar umbe, wan der mensch 
in dem schlaf von usser menigvaltiger würklichheit mer gestillet ist 
15 denn in dem wachen. 

Wenn aber ein vision, du dem menschen wirt [77'] in dem 
schlaf, wenn du mug ald sfil heissen ein warsagendü vision, — als 
in der alten e dem künig Pfarao von siben vaissen rindern und 
von siben magren tromete, und dez glich vil von tromen, daz du 

* beilig scrift seit, — wie man hie kunne underschaid der warheit 
binden, wan die tröme gemeinlich triegent und och ane allen zwivel 
nnderwilent war sagent, da solt du wissen, daz sant Augustinus 
der Seite daz von siner heiligen mfitcr, daz im du saiti, daz si die 
gäbe von got heti, wenn ir üt von got in ganzen schlaf ald in 

^kalben schlaf wnrd, so ward ir dur mitte der underschaid von innen 
Reben, daz si wol erkande, ob es allain ain gemaine trom waz, der 
Düt ze ahten waz, ald ob es waz ein biltlich vision, dar an sich 
2e keren waz. Und welem menschen got die selben gäbe git, der 
kan 8ich dest bas hier inne berihteu. Es kan nienian dem andern 

* '^ol mit Worten geben, denn der merkt es, der es enpfunden bat. 



6 am Bande Thomas in summa AA^ 6 f. u. ie hildl. 3/ 7 f. [ie] cdelr 
^^-4* 8 profeten] sprechent P 18 pharao KMA^ pharao und dez wissagen 
^el M 19 daz fehlt 31 daz daz A^ 22 Augustinus auch avi Rande A 
23 der gelte fthU M 24 f. ganzem . . . halbem SM 

6 ff. Thomas, S. Th, 2,2 q. 174 a. 2.3; vfjl. Eckhart 315,22 ß. Über die 
^^hitdmen Arten von Visionen handelt nach dem Vorgang von Augustinus 
^^ Oentsi ad lit, XII, 4 ff.) auch David von Augsburg, J)e compos. III, 66. 

11 Thomas, S. Th. 2,2 q. 172 a. 1 ad 2 und De verit. q. 12 a. 3 ad 2. 

12 D.h. Engelserscheinung. 18 / Mos. 41,1 ff. 22 Aug., Conf. VI, 13. 



184 Leben Seuses. Kap. LII. 



LH. Kapitel. 

Von dem aller h6hsten überflug eins gelepten yemünftigen 

gemütes. 

Du wisü tohter sprach: „ich wüsti nüt als gern uss der schrift^ 
als den uberswenken sin, wa nud wie eins wolgeüpten menschen 
hescheidenbeit in der tiefsten abgründkeit uf sin h5hstes zil enden 
solte, also daz geleptü enpfindung mit der scrift meinange ein 
geliches ustragCD gewunne." Dez nam er uss der scrift ein ver- 
nünftig entwärt, und du hillet nah den verborgnen sinnen in diser- 
ley wise also: K 

Ein sölicher edelr raensch, der nimet war mit einvaltiger 
müssekeit dez sinnerichen wertes, daz der ewig sun sprach an dem 
ewan^^elio: „wa ich bin, da sol och min diener sin." Wer nu daz 
wa, daz der sun nam nah der menschheit in sterbender wise an 
sinem cruze, wer daz streng wa in nahvolg nüt hat geschühet, daz i 
ist wol müglich nah siner gehaiss, daz der daz lustlich wa siner 
sünlichcn blossen gotheit werde in vernünftiger frodenbemder wise 
niessende in zit und in ewikait, als verr es denn müglich ist^ minr ^ 
und me. 

Eya, wa ist nu daz wa der blossen götlichen sunheit? DaiW; 
ist in dem bildrichen lieht der götlichen ainikeit^ und daz ist oa 
sinem namlosen namen ein nihtekeit, nah [T?""] dem inschlag ein 
weslichü stilheit, nah dem inneblibendem usschlag ein natnr der 
driheit, nah eigenschaft ein lieht sin selbsheit, nah ungeschafenr 
Sachlichkeit ein aller dingen gebendü istekeit. Und in der vinstreo *] 



6 geübten M 8 geliches] gotliches S 15 nachvolgunge SFH 
22 nah d. i. — 23 atüheit fehlt S 23 inneblib. fehlt M uschlag A 25 ge- 
bendü fehlt S 

7 f. So dass innere Erfuhrung und Lehre der Theologen übereinstu^*' 
l;^ Joh. ]JL\?6, 20 ff. Von hier an bis gegen Ende des Kapitels hat Se^ 

Eckharts Traktat vom Überschall (Ffeiffer I, 516 ff.) und Stücks aus dem fälsch- 
lich 80 genannten Liber positionum (Pfeiffer /, 6'6'6 — 71) starb benütit, Gen^ 
Nachxceitte bei Denifle 280^9:^. 21 f. Nähere Erklärung im 1, Kap, des B^' 

22 f. Vgl. Eckhart 889,3; 668,38. 6^0,24 ff. 24 Vgl. Eekhart 669,18 f. 

25—186,2 Auf der höchsten Stufe der Vereinigung mit Gott (conUmpl^^ 
in caligine; vgl. Bonav., Hin, 7 p. 470 ff. und Nota p. 475: unten 187,17: dfOiB^ 
heit) reflektiert der Geist nicht mehr über sich und über sein Denksn, #W^ 
weiss nichts mehr als Gott {Denifle 280 A. 7). Vgl. auch oben 183^1 f. undpfß 
Schluss des Kapitels. 



Leben Sensen. Kii|). LH. IS5 

wiselosekeit verget elli'i menigvaltekeil, und der geist verldret sin 
selbstieit: er vergat oa ein selb» wiirklichkcit. Und die ist dflz 
hnbfite atil und daz endlos wa, ig dem da endet aller geisteu geiste- 
keit, iiier inne alle Kit sich verlorn bau ist evägü selikeit. 

Und daz du dis dest baz merkest, so ist ze wüasene, daz in 
dem bildriclien lieht der gStlichen eiuikeit ist ein inswebendn ent- 
«pninglichkeit der pergonlicbeu entgosseubeit usg der almugenden 
ewigen gotheit; wan di'i drilieit der personen ist in der einikeit der 
Datnre, und d(i einikeit der nature in der dribeit der personen. 
Du einikeit liat ir würklicbkeit au der dribeit und du dribeit bat 
e mugentbeit an der einikeit. als sant Augustinus spiicliet 
1 dem buch von der drivaltikeit. Du dribeit der personen bat 
eschloBsen die einikeit in ir als iie natürlich wesen. dar umbe ist 
in ieklichii periton got, und na einvaltekeit der natur ist es gotheit. 
Ku lühtet dfi einikeit iu der dribeit nah undersehcidenlicher wise, 
Im dn dribeit nah dem inswebenden widcrseblage lühtet in der 
isikcit eiovalteklicb, als si es in ire beschlossen hat einvalteklich. 
Der vater ist ein Ursprung dez suneg; de?, ist der sun ein uswal, 
ton dem vater eweklich geflossen na der persone und inneblibende 
Mh dem weBene. Der vater nnd der sun entgiessent iren geist. 
I'qiI du einikeit. du dn wesen ist des ersten Ursprunges, du ist daz 
!lb nesen ire aller drier personen. Wie aber du driheit ein sie, 
Xd du driheit in der einikeit der natur ein sie. und doch du driheit 
"ser einikeit sie, daz mag man nit gewörten von dez tiefen grundes 
iDvaltekeit. 

Aihie her in dis übervernünftig wa erswinget sich der geist 
»iBtende, und etwen von endloser höhi so wirt er fliegende, denn 
on |;ruDdlo8er tiefi so wirt er swimniende von den hoben wundern 
^r gotheit, Und dennob so blibet der geist hie in geistcs srt in 
ler gebrüchlichkeit [78'] dero glich ewigen, glich gewaltigen, inne- 
^ilibenden und doch ussfliessenden personen, abgeseheiden sinde von 



31. eftisthait M BS. am Rand^ Au^uatiiius <le trinitnte AA', nur 

Aoguiintts K 11 vcnnugentheit M !5 einikeit] ainyiiKkeit M iin- 
[ "Mdenlioher P 23 und — ein sie f</iU S 28 swinende A' 30 ewigem .W 

8ff. Erklärung bei Ben^e Ml A. 1; vgl. Eckhart 526,34ff. 517,34 f. 
I0~~I2 Sieher, niehl »choii früher, daa Au,gu»tint*aeitat (De trin, I und VIIl. 
\~^ Salt letirtlic/i aaeh bri Eekhart öl7,36—S7 twirkeii slatt wirdekeit tu 
■ !■«•'',■ i>gl ebd. 368^9/. IB— 17 Eckhart 617.33 f. 337,ög. 18 ff. Eck' 

"Wr^rjf..- Archiv II, 467 ; 668,9 f. ■.'2-25 Kckhart 669,37—39. 



186 Leben Seuses. Kap. LH. 

allem gewulk und gewerbe der nidren dingen, ansterende du göU 
lichu wunder. Wan waz mag grössers wanders sin, denn da blössu 
einikeit; in die sich der personen driheit in senket nah einvaltekei^ 
und da ellü menigvaltekeit wirt entsezet dez sinsheit? Und daz ist 
also ze verstene, daz dero entgossnen personen usgeflossenheit aUei 
zit ist sich wider in bietende in des selben wesens einikeit. Und 
alle creaturen nah ire inneblibenden usgeflossenheit sind eweklich in 
dem einen nah got lebender, got wüssender, got wesender istekeit, 
als daz evangelium seit In principio: daz worden ist, daz ist in ime 
eweklich sin daz leben. I 

Dis& blossu einikeit ist ein vinster stillheit und ein mussigi 
müssekeit, die nieman kan verstau wan der, in den da l&htet da 
einikeit mit ir selbsheit. Uss der stillen müssikeit lühtet rehtu fri- 
heit ane alle bossheit, wan d& gebirt sich in entwordenr widergeborn- 
heit; da lühtet us verborgnu warheit ane alle falschheit, und dil 
gebirt sich in der entekunge der bedahten blossheit. Wan hie idrt 
der geist entkleidet von dem tinbern liebte, daz im na menschlicher 
wise gevolget hate nah oflfenbarunge dero Sachen, von dem wirt er 
da enplözet, wan er vindet sich da einen andern eigenlicher, desB 
er sich vor verstand in des vordren lichtes wise, als Pdulus sprach:! 
„ich leb, nit me ich^, und wirt alsus entkleidet und entwiset in der 
wiselosekeit dez götlichen einvaltigen wesens. Daz l&htet sich eilt 
ding in ainvaltiger stillheit, und da wirt der blibender underscbeid 
der personen nah sunderheit genomen verahtet in einvaltiger wise- 
loser wise. Wan als du scrift seit: du person des vaters allein ge-: 
nomen git nit selikeit, noh du persone des sunes allein, noh des 
heiligen geistes allein, mer die drie personen inhangende in einikeit 



8 lobender P 9 in pr. erat verbum etc. K 10 sin eweklich M 
14 boBsheit] blosheit P 17 dimern K timem M 26 f. nah d. h. g. ÄSK 

9 Joh. 1,3 f, : quod factum est, in ipso vita erat. Die meisten Kirche»' 
Väter, besonders Augustinus {De Gen, ad lit. V, 14: Tract. in Joh, 1), unddii 
Scholastiker zogen den Schluss von Vers 3 (ö Yiyovev) zu V, 4 herikher, und 
sahen darin einen Hauptheweis für ihre Ideenlehre, vgl. s, B. Thomas, S. Tk 
1 ([, 18 a, 4 : S, c. Gent. 4,13. Ühtr die Geschichte der Exegese düser Stille: 
J. Maldonat, Comment. in Evang. II (Mainz * 1663), 395 ff, .• SchoHM^ Km- 
mentar snm Kv. des hl. Joh. 1865, 76. BtUgc aus EckharU kxteimsehe» 
Schriften in Archiv II, 46 If 11 ff. Eckhart 518, 13—16, 13 Vgl Ai 
51944 f. : e68,:>2f. 17 ff. Eckhart 518,25 ff. Das natürliche Liehi der >> 
nunft ivird von dem höheren Lichte der Kontemplation absorbiert (Deniße2b4A.b)o 

19 Vgl. Richard von St. Viktor, De contempl. V, 12 (8, unten 18843). 

20 Gal. 2y><). 22 ff. Eckhart 668,38 ff. 25 ff. Vgl. Eekhwi 215^ f- , 



LtbeQ Seuaea. Kap. LU. 187. 

iei weaens ist selikeit. Und dis ist wesen der personen natürlich 
oDil wesen gebend allen creattiren genedeklicli ; Dtid dis hat aller 
dingen bild in inie besclilossen einvalteklich und weslich. Wan steh 
nu dis bildrich lieht [78'] haltet weseti, so sind du ding in ime na. 
\m selbes wesentheit, and nüt na inbildender zävallikait; und wan 
es sich ellü ding labtet, dar umbe haltet es liehtes eigenschaft. Und 
alsug 80 iuhtend ellü ding in dem wesene in einer inwesender still- 
beit nah des wesens einvaltekeit. 

Daz selb vernünftig wa, da von geseit ist, da ein bewerter 
diener sol dem ewigen sune mitwonend sin, mag man nemmen die 
istigen namlosen nihtekeit: nnd da kumt der geiet uf daz niht der 
einikeil. Und du einikeit heiBset dar unib ein niht, wan der gei^t 
eokan enkein zitlicb wise finden, waz es sie; nier der geist enpfindet 
wol. daz er wirt enthalten von einem andern, denn daz er selber ist. 
Dar nnib ist daz, daz in da enthaltet, eigenlicber iht denn niht; ea 
i*l dem geiste wol niht an der wise, waz ea sie. 

Swenn nn der geist in diaer verklerten glanzenrii:hen dünster- 
lieit na sin selb» uinvüssenthelt eigenlichen hio wonhaft wirt, so 
veriürel er ellü mitcl und alle sin eigenechaft, als sant Bernhart 
«prichcl. Und daz besehiht minr und me nah dem, als der geist in 
dem libe ald von dem übe uss im selb in daz vergangen ist. Und 
ili verlornheit ein selbsheit ist von der götlichen art, du im neiewi 
dlA ding worden ist, als du scrift seit. In diser entsunkenheit en 



1 persönlich l!) M 5 itm Saude Aug^iBtinus super geuesim A 10 ne- 
nieii SP 11 f. [der] einikeit -W 12 und — niht ftlät M dar umb — U 
irtMK K 13 kau M ziüioh fehlt M 19 und — 20 epricliet fehlt A^ 
BtnurduB auch am Rand Ä 23 eo] m M 

1 Eckhart 669,3 ff. 1G~22. Über die nchnlastüchc Idemhhre vgl. JJttüfte 
Äö J. 5.- 238 A. 5; älTff. und im Archiv II, 460ff. Das Augiulinuatitat (Vt 
OtH. ad tu. II. 12; r, 31) gehSrt mu 3 ff. 6f. Eckhai-t 66!>,31f. 

Uff. Vgl. Eckkart 519,iy ff. (Z. 19 iec gu lestn aiaU iauU : einikeit = (Joll. 
An-, wfe .ifltrt, ntnnt Seuee GoU ein Nicht, vffl. oben 167,5 : Dmifl« 345 A. 5.- 
^A.5; öllff. 17 ff. Im folg. ist Bernhard, De dil, Deo 10 n. 27 vnd 38 

'"Wl«; /( eniia quodammodo perdere, lanquam qui non ws, et i 
'niir« teipeum et a leipto exinaniri, tt paene annuliari, caeleetia 

'ViOHt», non hwnanae affectinnig toUtm divinum t»t, quod gentUiir; aie 

"fjia, däficari ett .... alioquin quomodo omnia in omnibus erii Den» (I Kor,. 
'*J6>, fiin homint de hamine naicqiiam nuptrerit? Manebit qitidem sub/itantia, 
'*tf IM alia forma, alia gloHa aliaque potentia ete. .' ogl. Guigo, Ep. ad fratre» 
* «oirti Dei l. II c. 3,16 ( Opp. S. BeiHardi td. Mabilloa, Venedig 1781, III, 
^H) «nrf Eekhart 519,36 ff. Zu nnwfisseuthejt fZ. 18) vgl oben lS3,3i: 184,36 
"td Denifie 366 A. 7. 



188 Leben Seuses. Kap. LII. 

verget der freist, und doch nit genzlich, er gewinnet wol etlicb« 
eigenscbaft der gotfaeit, mer er wirt doch natürlich got nit; daz ime 
geschiht, daz geschiht von gnaden, wan er ist ein iht, geschaffei? 
uss niht, daz eweklich belibet; denne so vil sie geseit, daz in der 
Vergangenheit nah ire selbes ingenomenheit so enget ir daz zwivelidi -• 
wunder in der verlomheit, da si entsezzet wirt des irsheit in dei 
sinsheit na ir eigen unwüssentheit. Wan na gemeiner red ze sprechen, 
so wirt der ^eist mit dez götlichen liehtrichen wesens kraft gernket 
über sine naturlich vermugentheit in diss nihtes blossheit, wan si 
ist aller wisen bloss von creaturen, mer in ir selben hat si ir wisel 
eigenlich na ire weslichkeit. Disu wiselos wise ist wesen der l)e^ 
soneu; die habent es beschlossen in ainvaltiger wise na rehter dnr- 
[79']gruntlichkeit als ir nature. Dis bekentn&s, als geseit ist, ent- . 
sezet den geist; und daz geschiht in dem niht der einikeit na dei . 
nihtes ungrüntlicher wüssentheit, darbende siner eigenlichen uemliclh ■ 
keit; wan da verlürt er sich in ein sin selbs vermissen und in dB 
aller ding vergessen. Und daz geschah im do, do sich der geist u 
im selber hat gekeret von sin selbs und aller dingen gewordenlicb- 
:keit in die blossen ungewordenheit der nihtekeit. 

In disem wilden gebirge des überg6tlichen wa ist ein enpfiot-l 
lichü vorspilendü allen reinen geisten abgrüntlichkeit, und da kont 



5 nah ire] sin M zwivelich fthli 31 6 da] daz M [in] de« M 
7 am Bande Thomaz AMA\ im Text K 9 nihtes fehlt K 11 weslicht] 
Wesenheit S wislichkeit A^ 11 f. am Rande Paulus A^ 16 dnrchgrfimt- 
licher M darbender K 17 beschiht M 18 verkeret M 19 gewordo- 
heit 0) M 

6 f. Seuse unterschiebt hier den BegHjff Seele (statt Geist), 6 — 7 D. A. 
^die Seele verliert gleicJisam das Ihrige und geht über in das göttliche S*«^ 
doch ohne Verlust ihres eigenen Wesens^ (Denifle 288 A, 2) ; vgl, Bernhard^ 1 1 
10 n. 27 : 15 n. 39. 7 ff. Thomas, S. Th. 2,2 q, 176 a. 1, Von hier bis Z. 19 
ist auch Eckhart 519,31 — 620,4 benützt (Z, 36 zu lesen wise, statt wite>. 

9 si besieht sich auf diss nihtes blossheit (= da>s göttliche Wesen), nickt ü/ 
Seele oder Geist des Mensclien (so Diep, ^ 166) : bei Eckhart (Z, 34) geht i 
auf einikeit. 13 ff. Sinn: in der Entrückung vergisst und verfitissi der (Mt 

gleichsam sich selbst (nenilichkeit — Begriffe Wtsenheit), da er das unergrünMkt ■ 
Wesen Gottes zu erkennen sucht, mit andern Worten : er wird ents^tMi, entgtilt^ 
(vgl. oben 162,32 ff. und 188,6). Bichard von St. Viktor, De contempl. r,li: 
cur non rede dicatur Spiritus semetipsum non habere, quando inctpit a stmM if t ^ 
deßcere et a suo e^se in supermundanum quemdam et vere plus quam kumtt* 
num statum iransire etc. ? 20 Das Gleichnis vom Gebirgs nach II Jfot. 

19,3 bei Dionysius, Dt myst. theol 1,3. 20 f. Eckhart 618,S4f. 



Lehen Seiises. Kap. LH. ISf)- 

. » iD die togenlicben ungenantheit und in daz wild enpfrömdekeit. 

' lad daz ist daz grundlos tiefen abgründ allen creatnren nnd im 

seikr grüntlidi; daz ist och verborgen allem dem, daz er selber nir 

isl, denn allein dien, den er sieb wil gemeinden. Und die selben 

oiöeseü in gelaseeDlieli säcben und in etlicbcr wise mit itii selben 

bekennen, als du eehrift seit: „wir siilen da bekennen, als wir er- 

kaiit sien." Dis bekentntis hat der geist nit von ein selbsheit, waa 

dii einikeit zühet in in der dribcit an sieb, daz ist au sin rehteii. 

libernatärUcbeR wonenden stat, da er wonet über sich selb in dem, 

^ in da gezogen hat. Da stirbet der geiet al lebende in den. 

IDiIern der gotbeit. Daz sterben dez geistes lit dar an, daz er 

lerscbeides nit war nimt in siner Vergangenheit an der eigenlichen 

ichkeit, mer nah dem ussehlag haltet er underscheid nah der 

Mien driheit und lat ein ieklieb ding underscheidenlich sin, daz 

It, als der diener underscbeidenlich bat üb geleit an dem bücblin 

irarheit. L'nd merk noh ninen puncten : daz in der vordren ent- 

^nheit schinet uss der einikeit ein ainvaltiges lieht, und dis wise- 

I lieht wirt geliibtet von den drin personen in die luterkeit des- 

Von dem inblike entsinket der geist im selben und aller 

r eelbsbeit, er entsinket och der Wirklichkeit siner kret'ten and< 

cntwörket und entgeistet. Und daz lit an dem inschlag, da er 

sin selbsheit in daz fromd sinsheit vergangen und verlorn ist, 

itillbeit der verklerten glanzenrichen düneterbeit in der blossen 



1 togenl.) nigenlichen i!) 3fÄ' 4, gemenden A 6 als ^ bekenuen 
P am Bande Paulus AM. im Te.xl SK 7 erkimtnUBt M 13 er] 
V SO er fthlt M aller siner h. M 22 frouiJ fthU M 23 glanz- 
l M ncd [in] der .W 

1 »i = di« Sceli. 2—190,1 naeh Eckhart 518,38 — 519,19 (öla,39- 

m gnintiii.'h, statt angruntlidi J. 6f. J Kor. 13,13. 10 Eekhart 

> al sterbende. J^'g ist die Redt von äf gogen. mom mt/ttica. 

. Veit der G*ist in der höc/wten Vereififfung nicht übtr lieh 'wd geilte 
t^eklim (Daiiße 291 A. 1; S9^A.3: ö:isA.4.- S44 A. 1).- vgl Bdw 
6. Wtnn er dagtgtn wieder su sich selber kommt (= Umschlag Z. 13) und 
Utrt, «o «pirrf er »eina- eigenen ExigteuB bfinttgt und unltrschtidet drei- 
HMD wt frofl. 19 ff. IH* Lehrer der Mystik «agtn, in der höchsten 

„„tmyiiatiim sn ein Schliff, ein Schweigen, ein« Masse der Kräfit (gomnvs, 
Wtv, Kpnicrum aniniiu}, vttil dit Seele während dieser Ruhe in Gott jeder 
TtUfieit teie entrOekt und allem aussei- Gott wie abgestorbtn sei. Dabei sei 
|iv Geist und Wille in hilchster Weist und mit grSsster Leichtigkeit tätig in 
I Eiitgehva ai^f den Zug der Gnade und der Hingabe an Gott. Vgl.. 
'e291 A.S; 540 ff. Bonav., Hin. 7,3. 6 (p. 473, 476). 




190 Lehen Seuses. Kap. LIII. 

•eiuvaltigen einikeit. Und in disem entwistem wa lit du [79*=" 
h5hstü selikeit. 

Du toliter sprach: ;,eya, eya, wunder! Wie sol man hier i/y 
komen?" Er sprach: dar zfi lan ich entwürten den liehten Dio- 
nysius; der sprichet also zfi sinem junger: begerest du in die ver- 
borgen togenheit ze komen, so trite kechlich ufwert, und la vallen 
din ussren und din inren sinne und daz eigen werk diner vemnoft, 
und alles, daz gesihtig ald ungesihtig ist, und alles, daz we^en ond 
nüt wesen ist, — zu der einvaltigen einikeit, in die solt du dringes 
unwussende, in daz swigen, daz do ob allem wesen ist und ob aller i 
roeister kunst ist, mit einem blossen abzuge des grundlosen, einval- 
tigen, reinen gemütes, hin in den überweslichen widerglast der git- 
liehen vinstri. Hie müss alle haft entheftet sin, ellä ding gelasseo 
sin, wan in der überweslichen drivaltekait der fibergegöteten gotbei^ 
in dem togenlichen, überunbekanten, uberglestigen, aller höhsten gibel j 
da hört man mit stillsprechendem swigene wunder, wunder; mu 
enpfindet da nüwü abgeschaidnu unwandelberü wunder in der üb^ 
liehten dunklen vinsterheit, daz da ein fiberoffenbar liehtriche scliii 
ist, in dem da al widerluhtet, und daz die ungesihtigen vemnnft 
.fiberfället mit den unbekanten, ungesihtigen, fiberglestigen liechteB.1 



Lin. Kapitel. 

Diss bAches meinunge ein beschliessen mit kurzen einTaltigei , 

werten. 

Dfi tohter sprach : „ach herr, ir redent, baidfi uss eigem grund«. 
und uss der heiligen schrift, als gar kuntlich und cristanlich von tej 
togenheit der blossen gotheit, von des geistes usgeflossenheit nsd 
vwideringeflossenheit; mohtind ir mir die togen sinne nah fiwer ve^i 



4 f. da wil ich zu antwürten lassen den 1. D. M Dionysius auch M 
Rande A 5 sinen jungem SPM 8 ald] und M 12 widerglast — 14 
überw. /ß/*7^ A^ 17 nüwü] nuwent S nö wie P 18 vinstren dunkelbüt Jf 

4 — 20 Dionysius j De myst. theol. 1,1 (vgl. 1,3), ist hier von Seuu frd 
benutzt, wohl auch Bonaventura, Itin. 7,5.6 (p. 473 ff.), der ebenfaüs Di^ 
nysius zitiert. 10 unwussende, vgl. Bonav., Itin. 7,5 (p. 473) : ad hoc (9A 

ad transitum et exce^siim menti«) nihil potest natura, modicum patett mäm 
Stria etc. : Brevil. 5,7 : Spiritus . . . quadam ignorantia docta supra 9e iptßm 
rapitur in caliginem et excessum. Belege aus Augustinus und Richard 
•St. Viktor bei Denifle 2U2 A. L\ 



Leben Seuses. Kap. LIÜ. 191 

«tentoast etwie entwerfen mit bildgebender glichnus, daz ich es dest 
baz verstünde ! Und wölti och gern, daz ir mir alle die hohen sinne, 
die da vor witsweiflich geruret sind, daz ir die mit kurzer bildlicher 
rede zesamen vassetind, dar umbe daz sn minen kranken sinnen dest 
* beliplicher wurdin." 

Er sprach: wie kan man bildlos gebilden unde wiselos be- 
wiseo, daz fiber alle sinne und über menschlich vemunft ist? Wan 
waz man glichnust dem git, so ist es noh tusentvalt ungelicher, denn 
es glich sie. Aber doch, daz man bild mit bilden us tribe, so wil 
ich dir hie biltlich zögen mit glichnusgebender rede, als verr [80'] 
es denn müglich ist^ von den selben bildlosen sinnen, wie es in der 
warheit ze nemen ist, und lang red mit kurzen worten beschliessen. 
Na hör: es seit ein wiser meister, daz got nah siner gotheit 
genomen sie als ein yil wite ring, des mitle punct sie allenthalb 
'nod der umbswank niene. Hie sezz in diner biltlichen betrahtung: 
wer mit einem sweren stein enmiten in ein still stendes wasser vast 
warfi, da wardi ein ring in dem wasser, und der ring von siner 
kraft macheti ain andern, und der aber ein andern, und na ver- 
iftagentheit dez ersten wurfes werdent och die kreiss wit und breit; 
daz vermügen dez wurfes möhti als kreftig sin, daz es daz wasser 
^les übergiengi. Hie nim biltlich in dem ersten ringe, daz ist in 
der vermägenden kraft götlicher nature in dem vater, dd grundlos 
ist, — di birt ir gelich einen andern ring nah der person, und daz 
ist der sun, und die zwo die driten, daz ist ire beider geist, glich 
^wig, glich almehtig. Daz bezeichnent die drie kreiss: vater, sun, 
beiliger geist. In disem tiefen abgrftnde da ist du götlich nature 
in dem vater sprechent und geberend daz wort her us na persön- 
lichkeit, inne blibend na weslichkeit, du an sich nam die naturlichen 
ixienschheit. 

Wer nu daz wil bilden, der nem eins menschen forme, uss dez 
berzen innigosten gründe entspring ein glichü gestalt, also daz es 
die zit hab ein steren wider in. Disü geischlichü überweslichu 
Bebort ist ein volkomnu sach aller dingen und geisten her für ze 
bringen in ir natürliches wesen. Der obreste überwesliche geist der 



1 bildberender M 2 mir — 3 ir die fehlt F 8 bildlicher SA^ 5 be- 
ipeher A 16 sweren fehlt M 22 iind [du] i^rundl. M 31 entspringt S 
iiehü] gotlichft A^ 

13 Alanus ab Insults j vgl. oben 17bA:2. 30 ff. V(jl. dazu das von 

ffise entworfene Büd am Ende dkf^es Kapitels. 32 ff. Vgl, oben 179.öß\ 



192 Leben Seuses. Kap. Lin. 

hat den menschen geedelt, daz er im von siner ewigen gotheit luhtei 
und daz ist daz bilde gotes in dem vernünftigen gemute, daz ocl: 
ewig ist. Dar umbe usser dem grossen ringe, der da betütet die 
ewigen gotheit, flässent us nah biltlieher glichnüst kleinu ringln, da 
och bezeichen mugen den hohen adel ire vern&nftikeit 

Nu sind etlichü menschen, du nement den schedlichen vonker 
von disem vernünftigen adel, sü verkleibent daz lühtend bilde und 
kerent sich uf liplich lüste diser weit; und so sü wenent die frid 
besizzen, so kunt der grimme tod und machet sin ein ende. Abo* 
ein bekanter mensch von dem lichten fünklin der sele kert sich wider 1 
uf in daz, [80""] daz ewig ist, usser dem es geflossen ist; er git 
allen creaturen ein urlob und haltet sich allein zfi der ewigen 
warheit. 

Nim och nu eben war, wie der widerfluss dez geistes nah 
biltlieher wise in rehter ordenhafti geschafen ist. Daz erst bilde] 
ist ein lidiger vonker von der weit lasten und von süntlichen ge 
bresten, sich vermugentlich ze keren uf ze gote mit emzigem gebete, 
mit abgescheidenheit und mit tugentlichen bescheiden Übungen, of 
ein undertenig machen den lip dem geiste. Daz ander bild dal 
ist: sich willeklich und gedulteklich dar biten ze lidene die nnzil-|| 
liehen mengi aller der widerwertikeit, so im von got ald von Creator 
mag zu gevallen. Daz drit bilde daz ist, daz er daz liden dei 
gekrüzgcten Cristus sol in sich bilden und sin süssen lere ond 
senften wandel und luters leben, daz er uns vor trüg, im nah xe 
volgen, und also dur in fürbas hin in tringen; dar na mit einem I 
enpfallene dez ussern gewerbes sich sezzen in ein stillheit sins ge- 
mütes mit einer kreftigen gelassenheit, als ob der mensch im selber 
tod sie, sich selb niene ze füren noh ze meinen, denn allein Criatoi ^ 
und sins himelschen vaters lob und ere meinen, gen allen menscheBy 
baidü fi-ünden und vienden, sich demütklich und früntlich halten. \ 

Dar na kunt ein übiger mensch in ein entwürken der ussren 
sinnen, die vor in dem usbrnch gar ze würklich waren, und der geul 
kunt in ein entsinken siner obresten kreften nah ire floierender 



6 schedL] beschaidenlichen (!) M 19 dem lip M 19 f. daz ist] ichlf 
20 dar ze bietent M 21 ald [von] MA^ 25 [hin in] zu tringen P 81 ein- 
würken S 32 [in] dem M 33 flogierender S florierender KMA^a 

5 Das Gleichnis von den Hingen^ die der Stein im Wasser büdet^ atteh 
bei Eckhart lOöyli'tff, An Kmanationslchre ist dabei nicht zu denken (Demߧ 
295 A, 0), 32 ff. Vgl. oben 189,19 ff. und Detiifle 296 A. 3. 



Leben Seuses. Kap. LIII. 193 

oatürlicbkeit; in ein übernatürlich enpfintlicbkeit. Hie dringet der 
geist fürbaz in mit einer verlornheit anhaftender creatnrliehkeit, dur 
den ring in, der da betütet die ewigen gotheit, und kunt da in 
geistrich yolkomenheit. Du obrest richheit dez geistes in siner eigen 
forme lit dar an, daz er snnder gebrestlich swarheit sich uf swinget 
mit g6tlicher kraft in sin liehtrichen vernünftkeit, da er enpfindet 
himelscbes trostes emzig ingeflossenheit. Er kan du ding togenlich 
an sehen und vernünfteklich us rihten nah ire guten underscheide, 
und stat ordenlich gefriet dur den sun in [81'] dem sun. Er stat 
aber noh als in dem usschlag, nah der dingen in ire eigenr natur 
wamemender anschownnge. Dis mag heissen dez geistes übervart, 
wan er ist hie über zit nnd über stat, und ist mit minnericher 
fichowunge in got vergangen. 

Der nu im selber hie noh fürbaz kan rumen, und dem got 
groslich mit Sonderheit wil helfen mit einem kreftigen abzug, als er 
Panlus tet und noh müglich ist ze beschehen, als sant Bernhart 
spricht, so wirt der creatürlich geist von dem übervveslichem geist 
begrifen in daz, da er von eigenr kraft nit mohte hin komen. Der 
insehlag entschleht im bild und form und alle menigvaltekeit, und 
hmt in sin selbs und aller dingen warnemenden unwüssentheit, und 
wirt da mit den drin personen wider in daz abgründ nah insweben- 
der einvaltekeit in geswungen, da er gebruchet siner selikeit nah der 
Mhsten warheit. Hie fürbaz ist enkein ringen noh werben, wan 
daz begin und ende, als es hie na mit bilden ist entworfen, sind 
eins worden, und der geist in entgeisteter wise ist eins mit im 
worden. Wie aber du Vergangenheit, da si in diser zit einem 
menschen wurdi, wie du na beliplicher ald unbeliplicher wise sie 
geschafen, ald wie der menscli minr und me in der zit über zit 
Wirt in begrifen und sin selbs entsezzet und in daz bildlos ein über- 
8ezet, daz stat da vor mit gutem underscheid geschriben. 

Fro tohter, nu merk eben, daz disü ellü cntworfnü bild und 
disü usgeleiten verbildetü wort sind der bildlosen warheit als verr 



5 am Bande von späterer Hand Nota A 11 luiscliow. — 18 schowunge 
Mit F V2 mit] mir K 18 mochte K 20 wiirntmeink'r M 24 als — 
entworfen nach 26 worden M 26 f. einen ni. A i31 disü t^llu feJtlt M 

9 Joh. S,S6. 11 librrvart = transiius hei Bouaveuhira n'(jl, oben 

^yOjlO Anm,), 16 II Kor. lL\:i Jlf. : Berfuirdutiy J)c grad. htim. b. 

24 Am ScfUusa des Kapitels. 80 In Kap. 4ö n, ,>.?. 

H, S e u • e, Deaticho Schriften. 13 



194 Leben Seuses. Kap. LIII. 

and als ungeliebt als ein swarzer mor der schönen sannen, und 
knnt daz von der selben warheit formlosen, anbekanten einvaltekeit 
Du tobter sab uf andebteklicb und sprach: „gelopt sie du 
ewig warheit, daz ich von üweren wisen und leblichen worten m 
schon bewiset bin dez ersten beginnes eins anvahenden meoscheDf § 
und der ordenlicher mitel midens und lidens und ubens eins sft- 
nemenden menschen, und mit gfttem underscheide in togenliehar 
wise der aller nehsten blossen warheit. Dar umbe sie got ewekM 
gelopt ! ** 



Do disü heiligü tohter von irem [Sl""] geischlichen vataril 
adellich waz gewiset na ganzzer kristanlicher warheit mit gfttM J 
underscheid uff alle weg, die da endent in hoher selikeit, and • J 
daz wol hat ergrifen, als man es denn in der zit mag haben, do 
schreib er ir an dem jüngsten brief under andren dingen also: Bi 
dar, tohter, gib der creatur urlob und la diu fragen f&rbaz m^ loi 
selb, waz got in dir Sprech! Du macht dich wol frftwen, dai dir 
worden ist, daz mengem menschen vor belibet, wie aar es dir tat 
worden ; daz ist nu alles da hin mit der zit. Dir ist nn fEirbai irfk 
me ze tune, denn götlichen frid in stiller rftw haben, and bSBA 
ze beiten der stunde diner zitlichen Vergangenheit in die YoIkoMV-i 
ewigen selikeit. 

Es geschah kürzlich dur na, do starb da heilig tohter all 
nam ein selig ende, als och alles ir leben waz selig gewesen. 8 
erschein irem geischlichen vater na ir tode vor in einer abgeseheidatf 
gesiht, und luhte in schnewisser wat wol gezieret mit Uehtriohitfl 
klarheit vol himelscher fröden. Si trat hin zfl ime and zogts iti^ 
wie adellich si in die blossen gotheit vergangen were. Das ssk flf 
und bort es mit last und mit fr6den, und ward sin sele ab dlMf 
gesiht vol g6tliches trostes. Do er zfi im selber kom, do sAfiMt 9 
inneklich und gedahte: ;,ach got, wie selig der mensch ist, der lii||l 



4 warheit] wyszhait K wort (!; P lieplichen S 7 menschen fM M 
14 also uiidcr a. d. M 20 f. in — selik. fehlt A^ 24 von hier an sind i» 
3/ etwa 6 Zeilen grossenteils verwischt und nur schwer Userlich abgesdi. 
fehlt M 28 ab] von M 29 ersüfzet S 

24 f. D. h. in einer mehr intellektuellen, als körperlichen oder tmapifidrai 
Vision (Denifle 501 A. 1): vgl oben ISSpff, 



Zweites Buch. 



Büchlein der Ewigen Weisheit 



[82""] Hie rahet an daz ander buchli. 

Es stand ein bredier ze einer zit nah einer metti vor einem 
kruzifixus und klaget got inneklich, daz er nit konde betrachten nah 
siner martter und nah sinem lidenne, und daz ime daz als bitter 
waz; wan dar an hatte* er bis an die stunde gar grozen gebrestffl 
gehabt. Und do er in der klage stänt^ do kamen sine inren simie 
in ein ungewonlich ufgezogenheit^ und luhte im gar geswinde wA 
klarlich in also: „du solt hundert venjen machen und iedie reqe 
mit einer sunderlichen betrahtnnge mins lidennes und die betrahtonge 
mit einer begerunge, und ein ieklichs liden sol dir geistlich in g^ 
druket werden, daz selb durch mich wider ze lidenne, als verre es 
dir muglich ist." Und do er also in dem Hecht stund und sfi zellen J 
wolte, do vant er nit me denne nünzig. Do begerte er ze got also: " 
„minneklicher herre, du hattest gemeinet von hunderten, und ü ; 
envinde nit me denne nünzig.** Do wart er gewiset dennoch rf^ 
zehen, die hate er vor in dem capittel genomen, e daz er nah siner 3 
gewonheit die gelichnüs sins eilenden usfürens in den tot hetti be- j 

A = Hs. Berlin 4^ 64(j: E = Engelhtrg 141; E^ = Engelberg 15S; 
E = Freiburg Unh\Bibl 474 : F"^ und F^ = Freiburg Erzbiach. Archiv («*«< 
Signatur); H= Heidelbei-g Pal gtrm. 446: K=^ Einsiedeln 710; W= Wdff»' 
büttel 7.S. 5 Aug. : Z = Zürich Stadtbibl. C Vä : a= L Druck 14S2. j 

i 



1 Überschrifl fehlt EU^F'FUIZ 7 f. und klarl. in fehlt F 9 inttl 
inre F 18 vant — !:> do fehlt H 15 vinde E^ denne fehlt K I7il j 

dem tod F^ j 

2 ff. Vgl. Vita Kap. lo und IG: Hör. 12. 7 ufi^ezogenlieit = Vet^ 
zückung (quasi in vxtasi positus , Hör. l:J). 12 sü = die lOU Bdraehr 
tungen. 17 sins r^ Christi. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Prolog. 197 

und ander daz selb kruzifixus were komen. Und do vant 
die hundert betrahtunge sinen bittern tod von dem anvang 
daz ende gar eigenlich hatten beschlossen. Und do er sich 
begonde üben nah dem, als er bewiset waz, do wart im dft 
hertikeit verkeret in ein minneklich süzikeit. 
u begerte er, ob vil liht ieman me in dem selben gebresten 
Q hertikeit und in bitterkeit der betrahtunge dez minneklichen 
i, in dem ellü selikeit lit, daz dem och gehulfen wurdi, und 
sich hier an ftbti und nit ab liezi, unz daz er och geheilti. 
ir umb so screib er die betrahtunge an und tet daz ze t&tsche, 

im och also von gotte waren worden. 

•ar nah gewan er mengen Hechten iufiuz gotlicher warheit, 

im ein ursach waren, und stftnt in im uf ein kosen mit der 

Wisheit; und daz geschah nit mit einem liplichen kosenne 

t bildricher entwürt, es geschah allein mit betrahtunge in dem 

jr heiligen schrift, der entwürt bi nüti getriegen mag, also 

3 entwvirt genomen sint eintweder von der Ewigen Wisheit 

die si selber sprach an dem evangelio, oder aber von dien 

[83'] lerern; und begrifent eintweder du selben wort oder 

ben sin oder aber sogtan warheit, du nah dem sinne der 

i scrift geriht ist, usser der round du Ewig Wisheit hat geredet. 

>ie gesihte, die hie nach Stent, die geschahen och nüt in 

r wise, sü sint allein ein usgeleitü bischaft. 

>ie entwürt von unser vrowen klag hat er genomen von dem 

ler Worten sant Bernhardes. 

nd die lere git er also vür in vragwise, dar umb daz si dest 
iher sie, nüt daz er der si, den es an gehöret, oder daz er es 
selber hab gesprochen. Er meint dar inne ein gemein lere' 
da beidü, er und ellü menschen, mugen an vindcn, ein iek- 
laz, daz in an gehöret. 

daz fehlt F sines b. todes F 4 dar an fehlt F 7 [in] hitt. 

IC 9 daz — geheilti] er daz och der bi lerneti F 10 so] do Fl^ 

;ot also J5* 13 dero] daz F in in ^ 15 bildlicher FlI allein 

fehlt H einem vor betr. rot durchstr, A 16 betriegen F^K 

n E^Fa oder aber — 20 sin fehlt K 20 nah] usser F 21 heiL 

ger. hat F 24 f. von den sinnen F^ 26 als E^ 27 an ge- 

28 meinde E^ 29 an fehlt E' SO [daz] daz E^ an höret E^ 

2 f. Hör. 10: visiones in sequeniihus content ae non sunt omnes accipiendae 
m Uteram, licet midtae ad literam contif/erint, sed est figurata locutio, 
'gl Kap. 17. 19. 20. 26 ff. Vgl. Hör. 10. 



198 Büchlein der Ewigen Weisheit. Prolog. 

Er nimt an sieb, als ein lerer tun sol, aller menscben persoi 
nu redet er in eins sündigen menschen person, denne in eins vo 
komen menschen person^ etwenne in der minnenden sele bilde, da 
nah als dn materie ist, in einer gelichnüze eins dieners, mit dem d 
Ewig Wisheit redet. 

Es ist nahe alles in togenlicher wise us geleit; vil stat hie ii 
lerewise, daz ein vliziger mensche im selben us kiesen sol ze an 
debtigen gebeten. 

Die sinne, die hie stant, sint einvaltig; so sint dt vvort doI 
einveltiger, wan sü gant nzzer einer einvaltigen sele und gehören 
zu einvaltigen menschen, du nob babent gebresten ab ze legen. 



Es geschah, do der selb brüder die drie materien: daz lidei 
und daz nachvolgen und daz ander alles, daz da stet, bäte an ge 
vangen ze schribenne und komen waz bis dar von der rüwe: nt 
wol uf sei minu etc., do hatte er etwas stozes dar inne. Also bak 
er sich ze einem mitten tage geneiget uf sinen stftl, und in einea 
liebten schlafe waz im vor gar bescbeidenlich, wie zwei verschoW 
menschen in geischlichcm schine vor im sessin, und daz er sü gai 
berteklicben strafti; daz sü als müssig sazen und sich nit übten. De 
wart im ze versten geben, er sölte inen ein nadlun vedmen, dd im 
in die hant wart gegeben. Nu waz der vadem drivaltig und zw« 
teil waren gar klein, aber der dritte teil waz ein wenig grbux 
Und do er du drü teil zesamen wolt trejen, do wolt es ime nll 
wol ze banden gan. So sibet er nebent ime ze der rehten hanc 
vor [83^] im unsern lieben herren stan, als er ab der sul wart g^ 
nomen, und der stünt vor im als reht gütlich und als vetterlich, das 
er gedaht, ob er sin vater were. Nu nam er war, daz sin zarttfl 

2 denne] etwenne E^ 7 f. andehti^em gebet J^'F^ 9 hie nach F wort 
sinne F 12 f. liden [und] E» 13 und d. nachv. fehlt AKa 23 woU tti 
AKaZ 24 f. stan iiach band Z 25 wart] was FP^ 26 reht vor vetteii i 
und — vett. fehlt E^ 

14 f. Kap, 5. 17 lieliter schlaf = Viaion (Hör, 13: in visione), Vj 

dazu das Bild am SchlufiS von Kap. 13. 21 drivaltig, Anspielung auf i 

drei verschieden grossen Teile des Bdeiv. 24 ff. Ahnlicht Visionmij dit < 

bildlichen Darstellungen ihre ünt^lage haben, finden sich namenUi^ in i 
Dominikanerinnen viten des 14. Jh. öfters: Bttleye bei E. Krebs, Die Afy«fA 
AdeViansen i>lf. 25 sul = G eisseh äule. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Prolog. 1 99 

lip gar ein natarlich varw hatte : er enwaz nüt reht wiz, er waz 
weisseDYar, daz ist wiz und rot wol vennigchet ander einander, und 
daz ist dt aller naturlichest varw. Und nam war^ daz alle sin lip 
recht durchwunt was, und die wunden waren vrisch und blfttig, und 

gedieh waren sinwel und etlich eggeht, etlicb waren gar lang, als 
in die geislen gezerret hatten. Und do er also minneklich vor im 
8tünt und in so gutlich an sah, do hüb der brediger sin hende uf 
und streich sA an sin blutigen wunden hin und her, aud nam denne 
du drü teil des vadems und träte su geswind zesamen. Und do 

wart im gegeben ein vermugen und verstaut es also^ daz er es s61ti 
Tolbringen und daz got mit rSsvarwem kleid, daz usser sinen wun- 
den wünklich gewürkt ist, die w61te in ewiger Schönheit kleiden, 
die DU ir stunden hie mit vertribin. 

Ein ding sol man wüssen : als unglich ist, der ein süzes seiten- 

jßspil selber horti suzklich erklingen gegen dem, daz man da von allein 
b6rt sprechen, als ungelich sint du wort, du in der lutren guade 
werdent enpfangen und usser einem lebenden herzen dur einen leben- 
den munt US fliezent gegen den selben werten, so sü an daz tot 
bermit koment, und sunderliche in tütscher zungen ; wan so erkaltent 

Ort neiswe und verblichent als die abgebrochnen roseo, wan du lust- 
lich wise, du ob allen dingen menschlich herz rüret, du erlöschet 
denne, und in der türri der türren herzeij werdent sü denn enphangen. 
& enwart nie kein selten so süze: der in richtet uf ein türres schit, 
« erstumbet. Ein minnerichen zungen ein unminneriches herze en- 

ßkan als wenig verstan, als ein tütscher einen walhen. Und dar 

2 weissenwar A wis varw K 4 reht] gar 2*' 6 zerzerret E^ zerret K 
780] also r als A^ 8 denne] do AKa 10 er [es] jf*^^ 11 mit fehlt AF 
12 wünklich] minneclich E' 15 süs E 15.18 gen E'EE' 15 all. da 
Ton FF^ 20 verblaichent E^ 20 f. am Bande Gregorius in prologo HW 
Jeronimus E^Z S.Jö E^ lusteklich Z 24 am Rande Bemardus super 
Cantica E^F^HWZ Ein unminnriches herze kau ein minneriche zungen E^ 

2 wiz und rot (Eoheh 5,10), v(jl. Tochter Syon ed. Weinhold 1934 ff.; 

Bern,, sermo 28 in Cant. n. 10; Richard j von St, Viktor in Cant, c. 36. Weitere 

Mge bei Weinhold 517 und von Strauch in Afda VIII (hs82), 6. 19 Es 

iit auffallend, wie Seuse von der deutschen Sprache, die er doch ausgezeichnet 

handhabte, so gering denkt. Im Horologium ist sein Ai*fschwung allerdings 

fWcÄ höher, 24 f. Bemardus, strmo 79 in Cant. n. 1 : omnino non potest 

capert ignitum eloqui'um frigidum pectus. Quomodn eniin graece hquentem non 

inkttigitj qui graecum non novit, nee latine loquentan, qui latinus non est, et 

äa de eaeieris, sie litigua amoris ei, qui non amat, harbara en't, eritque sicut 

aes sanans aui cymhalum tinniens. 



200 Büchlein der Ewigen Weisheit Kap. I. 

umbe 60 sol ein vliziger mensch den usvergangen rünsen diser suzeu 
ler nah ilen, daz er si lerne au sehen nah dem ursprange^ do su io 
ir leblichi, in ir wünklicher Schönheit waren; und daz waz der in- 
fluz gegenwörtiger gnade, in dem si tötü herzen möhtin han erkicket 
Und swer sü also [88 '] an blicket, der mag eigenlich kumme iemer l 
dis überlesen, sin herz ranze inneklich bewegt werden, eintweder ze 
inbrünstiger minne oder ze nüwem lichte oder jamer nah gotte und 
missevallen der sünden, oder iemer zfi etlicher geistlichen begemngc, 
in der du sele denne wurt ernüwret in gnaden. 

Hie hat ein ende der prologus, daz ist du vorrede diss bucblis. t 



Erster Teil. 

I. Kapitel. 
Wie etlichü menscheii von got unwissentlich werdent gezogfen. 

Haue amavi et exquisivi a iuventute mea, et quae- 
sivi mihi sponsam assumere. 

Disü w6rtlü staut geschriben au der wisheit buche, und «int 
gesprochen von der 8ch6nen minnerichen Ewigen Wisheit und spre- 
chent ze tütsche also: „dis han ich gerainnet und us gesftchet voi 
minen jungen tagen und han mir si us erkorn ze einer gemahlen.* 

Es hate sich ein wilder müt in sinem ersten usker vergangen 
in die wege der ungelichheit. Do begegent im in geistlicher unsap' 
lieber bildunge du Ewig Wisheit und zoh in dur süz und sur, nni 
daz si in brahte uf daz reht pfad der g6tlichen warheit. Und i^ 
er sich reht hinderdahte uf die wunderlichen züge, do sprach er w 

2 [an] sehen F^ doj das F^ 3 in ir] mit A 5 enmag P^ 

7 und] oder zu einem E^ 9 sünde E^ 9 denne fehlt F^ 10 hie - 

diss (des A) büchlis fehlt F^FF'HZ ein ende hat die vorrede des bnddiü 
Wa 13 unwiss. von got F 16 an der — 17 gespr. fehlt F^ 18 ib» 
ze tusche E' [us] gesüchet E' 19 und han — gem. fehlt F 21 uf di» 

weg E^ 22 u. durch sur F^ 

I 

14 Weish. 6,5. 21 ungelichheit - dissimüüudo, vgl. Vita B6^ 

und Bern., sermo 42 de dir. n. 3. Sense spricht hier von sich selbsi, vgl dk 
ersten Kapitel der Vita, namentlich das vierte und Hör, 16 ff. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. L 201 

gotte also: „minneklicher zarter herre, min gemüte hat von roinen 
kintlichen tagen neiswaz gesücliet mit einem ilenden turste, herr, 
Qnd waz daz si, daz enhab ich noh nit volkomenlich begriffen. 
Herre, ich habe im menig jar hitzeklich nah gejaget, und enkonde 
mir noh nie reht werden, wan ich enweiz nit reht, waz es ist, und 
ist doch neiswaz, daz min herz und sele nah im zühet, und ane daz 
ich niemer in reht riliwe kan gesetzet werden. Herre, ich wolt es 
in den ersten tagen miner kintheit s&chen, als ich vor mir sah tun 
io dien kreatnren, und so ich ieme suchte, so ich ie minre vand, 
und 80 ich ie naher gieng, so ich dem selben ieme verret; wan von 
einem ieklichen inblikenden bilde hat ich ein insprechen, e daz ich 
8in genzlich versftchti, oder mich mit rflwe dar uf ergebi, also : daz 
ist nit daz, daz du da sftchest. Und dis vontriben ist mir ie und 
ie in allen dingen vor gewesen. Herre, nu wütet min herz dar nah, 
Wan es hetti es gerne, und hat wol dik als [88"] einest enphunden, 
«^az es nüt ist, herr, aber was es ist, dez ist es noh unbewiset. Owe, 
feminter herr von himelrich, was ist es, ald wie ist es geschaffen, 
'az so recht togenlich in mir spilt? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Erkennest du es nit? Es 
tat dich doch minneklich unibevangen und hat dir den weg dik 
nderstanden, unz daz es dich nu im selber allein hat gewunen. 

Der dienen Herre, ich gesach sin nie noch gehört sin nie, ich 
oweis, waz es ist. 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Daz ist nit unbillich, wan 
er kreaturen heimlichi und sin vrömdi schüfen daz. Aber nu tu uf 
inü inren ougen und log, wer ich si. Ich hin es, du Ewig Wis- 
icit, du dich in ewikeit ir selber hat uz erwellet mit dem umbvange 
ainer ewigen vürsichtikeit. Ich han dir den weg als dik under- 
tanden, als dik du werist von mir gescheiden, ob ich dich hetti 
[clazen. Du funde in allen dingen iemer etwaz widerstenes; und 



1 s.ho fehlt E' 3 hab 1? [noh] nit F' volleclich h? 4 im nu E^ 
^] DU F konde E^ 5 wais^ F^ 7 öre;*. kan w. E^ 11 inblikeu K 
^t daz ist] ich hin E^ 13 [dazj daz F suchtest K 15 es] ich E^ 

H hab E^ wol nach eiuest E^ IG was es aber E^F^a 20 doch dik F 
?DOch] und Ka noch geh. s. nie fehlt AHZ sin] si K en cc ich] und Ä 
i Entwürt — Wisheit] die ewig wisheit F^ tso s-tvtsf) 25 creature E^ 

dik fehlt F^ 30 widerstants K 

1 ff. Im folgenden sind die Conft\sf(iones dts hJ, Augustinus htnüizt, be^ 
der» Xy 6'. 



202 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. I. 

daz ist daz gewerest zeichen miner uzerwelten, daz ich sü mir selbe 
wil haben. 

Der diener: Zartü minneklichü wisheit, und bist du daz, daj 
ich so reht lange han gesüchet? Bist du daz, nah dem min mtt 
ie und ie rang? Owe, got, war umbe erz6igte8t du dich mir nit do 
vil lang? Wie hast du es so rehte lange gesparet! Wie han ich so 
mengen mülichen weg gewatten! 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Hetti ich daz do getan, 
80 erkandist du nit als enphintlich min gflt, als du es sus erkennest 

Der diener: Owe, grundloses göt, wie hastu dich nn so 
süzeklich in mir gegutet! Do ich nit waz, do gebe du mir wesen; 
do ich mich von dir hate gescheiden, do enwoltest du nit von mir 
scheiden; do ich dir endrinnen wolt, do hattest du mich so süzek* 
lieh gevangen. Eya, Ewigü Wisheit, wan möhti sich nu min hcn 
in tusent stuk uf brechen, und dich mins herzen wunne umbvahci 
und mit steter minne und ganzem lobe alle mine tage mit dir ye^ 
zerren, daz were mins herzen girde! Wan gewerlich der mensch iit 
selig, den du also minneklich vürkumist, daz du in niene reht liit 
gerüwen, unz daz er sin röwe in dir alleine suchet. 

Ach uzerweltü, minneklichü wisheit, [89'] sider ich nu an dir 
vunden han, den min sei da minnet, so versmahe nit din anntt 
kreatur; sich an, wie gar min herz erstumbet ist gegen aller diser 
weit in lieb und in leide ! Herr, sol min herz iemer ein stumbe geg« 
dir sin? Gib urlob, gib urlob, geminter herre, miner eilenden fld, 
ein wort ze dir ze sprechenne, wan min volles herze mag es nit nwf 
alleine getragen; so hat es in diser witen weit nieman, gegen de« 
es sich erküle denne gegen dir, zarter, uzerwelter, geminter herra 
und brüder! Herre, du sihest und weist allein die natur eins mioB* 
riehen herzen und weist, daz nieman mag minnen, daz er in keincf 



1 ist] ich (!) K 1 f. sü wil alleine mir s. h. E' 4 reht fehlt P9 
7 gewandelt F 8 am Bande Thomas K^HZ do] vor F^ 11 gütet * 
17 hegirde FK 18 verkumest Z last reht E^ 19 r&wen F^ tlldü 
in dir F^FF^ 21 din] min F 22 verstumbet F^ 23 iemer und iemcr JP 
24 min geminter h. E^ 25 enniag AK 28 und brüder fthU F 29 eiutf| 
AFK 

6 f. V(jl. Weish. 5,7. 8 Stuse hat wohl Thomas, S, Th. 3q.la.6hi 

nützt. 18 f. Vgl Augustinus, Confess. i, 1: quia ftcisti nos ad te, ttitifitk 

tum est cor nostrum, donec requiescat in te. 27 f. herre und brüder. Cil 

die Bezeichnimgerij in denen das Verxcandtschafts Verhältnis zwischen Gott um 
der begnadeten Seele zum Ausdruck kommt, vgl. die Zusammenstellungen I 
Weinhold j Lamprecht ron Heg. 534 f.: Strauch, Marg. Ebner 316 f. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. I. 203 

ise enkan bekennen. Dar umbe, sider leb dich nu allein 8ol minnen, 
gib dich mir noh furbaz ze erkennene^ daz ich dich och genzlich 
mionen künne. 

Entwürt der Ewigen Wisbeit: Den höbsten usfluz aller 
sen von ir ersten Ursprünge nimet man nach naturlicher ordenunge 
"cb du edelsten wesen in du nidersten ; aber den widerfluz zft dem 
prange nimt man durch du nidersten in du höhsten. Dar umb, 
t du mich schowen in miner ungewordenen gotheit, so solt du 
)h hie lernen erkennen und minnen in roiner gelitnen menscheit; 
D daz ist der schnellest weg ze ewiger selikeit. 

Der diener: Herre, so ermane ich dich hüt der grundlosen 
me, daz du dich neigtest von dem hohen throne, von dem kunk- 
len st&le des vätterlichen herzen in eilend und verschmeht drü 
i drizig jar, und din minne, die du z& mir und ze allen menschen 
ins&ij aller meist erzöigtest in dem aller bittersten lidenne dins 
mmen todes; herre, des bis eimant^ daz du dich miner sele geist- 
1 erzögest in der minneklichsten gestalte dar zft dich da unmezig 
one ie brahte. 

Entwurt der Ewigen Wisheit: So ich ie versigner, ie 
lieber von minnen bin, so ich einem reht geordneten gemüte ie 
ineklicher bin. Min grundlosü minne erzöigt sich in der grozen 
terkeit mins lidennes als du sunne in ir glaste, als der schone 
e in sinem smacke, und als daz starke vür in siner inbrünstigen 
ze. Dar umbe so bore mit andahte, wie herzeklichen durch dich 
itten ist. 



1 kan E*F erkennen K nu fehlt F 3 kiiiine gem. K^ 4 am 
nde Thomas AE^F'H alle E 6 [widerlfluz ?:' 13 und in v. F 

erzoiget F 17 aUer minneklichsten AKaKK^ du] din E^ 18 be- 
Bhte (!) K 19 ich [ie] F^ ersigeuer iV* 24 so fehlt F^ 

4 Vgl, Thomas, S, Th. 1 q, 44: ])e procisaione creaturaruvi a Deo. Sense 
mt hier die Schöpfung (gegen Den. 314 A. ^), vgl. Hör. Q5: processus ema- 
■ionis Cftaiurarum a summo verum rertice deo sccuiulum ordinem naturae 
per descensum ex perfectioribus ad inperfectiora; ähnlich Hör. iiOö, Zur 
klärung Dtnifle 295 A, 1: 519 A, 1, An Fantheismus ist nie bei Kap. ö3 
Vita u. Kap. 3 des Bdw nicht zu denken. 8 tt. Ein den Vdtern sehr 

iufiger Gedanke (vgl, Rom. 8,1?), die via rer/ia (Hör. 25) der Mystik hezeich- 
d: vgl. Äug,, Tract, 13 in Joann. n. 4: per Christum hominem ad Christum 
<m (vgl, Tract, 42 n, S ; sermo 141 n. 4, 2(J1 n. 7) : Thomas, Comp, theol. c. 2: 
isti humanitas via est, qua ad JJivinitatem pervenitur (vgh id. in Joann. 
t; Quodl, 6 a, 20). Eine Zusammenstellung aus deutschen Mystikern gibt 
iflt, Das geistliehe Leben ' ISSo, 309 ff. 



204 Büchlein der Ewigeu Weisheit. Kap. IL 

II. Kapitel. 
[89^] Wie es vor dem krtizgenne ergle. 

Nach dem jüngsten nahtinal, do ich mich uf deme berge ergab 
in daz liden des grimmen todes, do ich bevant, daz er mir gegen- 
würtig was, do ward ich von angsten mines zarten herzen und ?on 
noten alles mins libes nature hin vliezende von dem blutigen sweis. 
Ich wart vientlich gevangen, strenklich gebunden, ellendklich ver* 
füret; ich wart der naht mit streichen, mit verspoizenne, mit ver- 
bindenne miner ogen lästerlich gehandelt, vrflje vor Cayphas ver- 
sprochen und in den t5de vür schuldig ergeben. \ Unsäglich herz- u 
J leid sah man an miner reinen mfiter von dem ersten anbüke, in dem 
si mich in nöten sah, unz daz ich an daz krüze wart erhangen.J 
Ich wart vür Pylatus schamlich gestellet, valseblich gerüget, totlicb i 
verdamnet; sü stünden gegen mir mit griiwlichen ogen als die riseo 
gewegenlich, und ich stund vor in als ein lämbli senftmütklich. leb, i 
du Ewig Wisheit, ward vor Herodes in wissen kleidem torlich ver- 
spottet, min schöne lip wart so gar leitlich von dien ungezogen 
geiselschlegen zerfüret und zermüstet, min zartes hobt durgraben und ( 
daz minneklich antlüt mit Speichel und mit blftte vernmnen ; und wart 
also verteilet ellendklich und schamlich mit minem krüz us gefaretll 
in den tod. Sü schrüwen uf mich vil grüwlich, daz es in den luft 
uf trang: „nu henka, henk den bösen wiht!" . 

Der diener: Owe herr, der auvang ist als gar bitter, wie i 

* 1 OTT! t_*l_* 'll A.* 1 «Mktff i 

liden dur min herze und dur min sele gan! 

Aber herre, daz ist ein groz wunder in minem herzen: minDek- 
licher herr, ich such alles diu gotheit, so bütest du mir din men^cbeit; 
ich sflch din süzigkeit, so hebest du vür din bitterkeit; ich woH 
alles sugen, so lerest du mich striten. Ach herr, waz meinest du 
hie mitte? 



sol es ein ende nemen? Und sehe ich ein wildes tier also vor mir 
handien, ich möhte es kume erliden ; wie sol mir denne so billich di» 



] 



2 kriiz<rang K 3 deme] den FF^ 7 f. gefuret F^ 8 Id der nahtf 
8 f. im<l mit verb. E^FF^ 9 schonen ogen F claren durchstrichin Ik* 

11 reinen] lieben FF^ 12 unz] bis E^ 15 geweg.] gemeinlich F 18 ux- 
müschet F^ 20 f. us in den tod gef. F 24 vor mir also F^J^^ 25 f. dii 
liden so b. E^ 28 mir als d. m. F 29 du mir F 

18 durgraben von den Doimm. 22 Bor. :26: tolU^ ioUe, crucißge ■wte- 

ficum ! 29 f. L, c. : petenti mamillas sngere das robusta ceriamina dec4rtaft» 



:r 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. II. 205 

Entw&rt der Ewigen Wisheit: Es mag »nieman komen 
2e göüicher hocheit noch ze ungewonlieher süzikeit, er werde denn 
yoT gezogen dur daz bilde miner menschlichen bitterkeit. So man 
ane daz durcbgan miner menscheit ie höher uf klimmet, so man ie 
6 tieffer Teilet. Min menscheit ist der weg, den man gat^ min liden 
ist daz tor, durch daz man gan mftz, der zu dem wil komen, daz 
du da suchest. Dar umbe tu [90'] hin dines herzen kleinheit und 
tritte zu mir in den ring ritterlicher vestekeit, wan dem kneht ge- 
zimt nit wol Zartheit, da der herre stat in stritberlicber künheit. 
Ich wil dir minü wafenkleit an legen, w^an alles min liden müz von 
dir nah dinem vermugenne werden gelitten. 

Setze dich vorhin uf ein Verwegenheit, wan din herz müz dik 
sterben, e daz du din natur überwindest, und von angsten den 
blitigen sweis switzen von mengem pinlichem lidenne, in dem ich 
&h mir wil bereiten-, wan ich wil dinen wurzgartten mit roter blüst 
tungen. Du m&st wider alt gewonheit gevangen und gebunden 
Werden; du wirst von minen widersachen dik heimlich gevelschet 
ööd offenlich geschamget; manig valsche urteil der lüten wirt über 
dich g&nde. Min marter solt du emzeklich in dinem herzen mit 
Biüterlicher hcrzklicher minne tragen. Du gewinnest mengen argen 
rihter dins götliohen lebens; so wirt din g6tlichü wise von mensch- 
licher wise dik torlich verspottet. Din ungeübter lip wirt gegeiselt 
öiit dem herten strengen lebenne; du wirst spotlich gekrönet mit 
einem vertrukenne dins heiligen lebens. Dar nach wirst du mit mir 
ö8 gefuret den eilenden krüzgaiig, so du dins eigennen wrllen us 
gest, und dich din selbs verzihcst und aller kreatur als warlich ledig 
stast in dien dingen, die dich dines ewigen heiles mugen ierren, als 
ein sterbender mensch, so er hin zühet und mit diser weit nit me 
ze schaffen hat. 

Der diene r: Owe herr, daz ist mir ein müliches spil! Ellü 
min natur erkunt sich diser wort, herr, wie sol ich daz iemer alles 
erliden? Zarter herr, ich mftss eins sprechen: enkondest du in dincr 



1 enmag E*F 4 [uf] climmct 7''^ 8 f. ziramet F' IH sterben FF^ 
15 rotem blät F^ 18 vasche (!) A 21 irutlicheii F^ 24 heil.] i^^otlicheii F 
26 dich fehlt E^ 27 stat F in d. d. — krren fehlt FJ v^\\<r(i\\] eigenen F 
30 diss /♦'* 31 erküt sich von diser red F alles fehlt AF 

5 f. Vgl. Vita Kap. 13 m/jß',). 10 Vfjl Vtia Ko},. 44, 15 rok- 

blüst =:= Leiden (angustiae et trihulationesj Hor.:JU), 10 /.. c: inretenitas 

in ie consuetudines vincendo captivabens tt r/unsj h'gaheris. 



206 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. IL 

ewigen wisheit kein ander wise vinden, mich ze behaltenne und dlz 
njinne mir ze erzöigenne, daz du dich des grozen lidens nnd mich 
dez bittem mitlidennes hettist überhebt? Wie schinent dinä gerib^ 
80 reht wunderlich! 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Dem grundlosen abgründ 
miner t6gni, in der ich ellü ding us riht nah miner ewigen vürsicb- 
tikeity sol nieman nah gan, wan sü kan nieman begrifen. Und in 
der so waz beid&, dez und menges anders ein vermugen, daz doch 
niemer geschiht. 

Doch so wissest daz, daz in der ordnunge nu du [90^] usgefloz- ] 
nä wesen sind, daz enkein behaglicher wise enmoht werden. Der 
herr der natur nimet nit war, waz er vermag in der natur, er nimt 
war, was einer ieklicher kreatur aller gezemest ist, und dar nah so 
würket er. 

Wie moht nu der mensch baz erkennen die gfttlichen yerboMl| 
genheit, denn in der angenomenen menscheit? 

Der von ungeordneter wollust hate vröd verlorn, wie moht der 
ordenlicher ewiger vröde bewiset werden? 

Wie moht der ungeübt weg eins herten verschmehten lebcni 
getribenr werden, denne so er von got selb selber getribeill 
wurde ? 

Legist du denne in dem gerihte des todes: der den totschUg 
vür dich enpbienge, wie konde er dir mer trüwen und liebi erz6igcn, 
oder dich hin wider gereizen sich ze minnenne? 

Swen denn min grundlosu minne, min unsaglichü erbarmhen- 
keit, min klaru gotheit, min aller J&tzeligistü menscheit, brAderlicki 
trüwe, gemahellichü vrüntschaft nit beweget ze inneklicher minnc 
was solti denn daz ersteinte herz erweichen? 



■{ 



1 

— ■ i 

3 bittern fehlt F b am Rande Thomas E^ 8 mengea fekU P 

10 als nu ÄKa 11 daz fehU ÜJ'F^ behagenlicher JE* moht E'P 

12 am Rande Augustinus E'Z 13 einer fehlt E^ ist] si E* 16 be 

kennen F 20 getriben werden AKaFZ 23 dir der mer E^ trüw f^ ] 

24 hin wider fehlt F sich fehlt F dich F* 27 gemahelte F^ i 

i 

3 Rom, 11,33, 6 ff. Weitere Ämfiihrumj Hör, SO, Das ThtmaiP^ 

bezieht sich wohl auf S, Th. 3 q. 1 a. 2. 12 Das Äugustinussitat (De TrM> 

XIII, 10 n. 1), wohl aus Thomas /. c. entnomtnen, gehört bu Z, 15. 17 Fpl 

Hör. 31 : qualiter ordinatius quam per temporalem tnbulationem amissa (gaiM) 
recuperare dihuerat ? 19 L, c. : cum via, quae ducit ad vf<am, sü arU d 

semitae angusiae et ante incarnationem fuerint minus iritae etc. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. III. 207 

Vrag aller kreatnr schön ordnunge, ob ich in keiner wünk- 
ier wise min gerehtkeit mAhti behalten^ min grundlosen erbarm- 
rzkeit erz&gen, menschlich natur geedeln, min guti entgiessen, himel- 
h und ertrich versunen, denn mit minem bittern tode? 

Derdiener: Herre,gewerlich, ich beginne eigenlichen merken, 
\ es also ist; und swen nnverstandenheit nut hat geblendet und 
i hier uf reht hinderdenket, der müz dir des jehen und die 
önen mineklichen wise ob aller wise rümen. Aber einem tr&gen 
) tat daz nachvolgen we. 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Erschrik nät ab deme 
lYolgenne mins lidens; wan swem got als inr wirt, daz ime daz 
in licht wirt; der hat nüt ze klagenne. 

Mich nnzet nieman me nah ungewonlicher säzikeit, denn die, 
mit mir stant in der hertsten bitterkeit. 

E^ klaget nieman als vil bitterkeit der hülschen, als der, dem 
kant ist du iure s&zikeit dez kernen. 

Es ist halb erstritten, swer hat einen gftten gehilfen. 

Der diener: Herr, dinu trostlichen wort hein mich als ge- 
rz gemaehet, daz mich dunket, ich vermuge in dir ellü ding tun 
d liden. Dar umbe beger ich, daz du mir den hord dins lidens 
Qzlich uf schliesses^, und mir noch me da von sagest. 



III. Kapitel. 

[91'] Wie es an dem kriiz nmb In stund nah dem ussren 

menschen. 

Entwärt der Ewigen Wisheit: Do ich an dem hohen 
ie des kruzes vür dich und ellü menschen von grundloser minne 
langen ward, do wart ellü min gestalt vil jemerlich verkert. Minü 
iren ogen erlaschen und wurden verkeret; minü götlichen oren 
irden spottes und lasters erfüllet, min edels riechen waz verwan- 



1 creaturen F 6 nüt] nü ^ 7 bedenket F^ 8 ob aller wise 

H F^ einen K 18 [herr] disü F 19 eUii d. in dir Z 25 Entw. 
T\laheit fehlt AF^HK 27 f. minü kl. o. — verkeret fehlt F' 

1 flF. Die Kongraentgründe für ClirisH Menschwerdung und Leiden (nullus 
hrior et eongruentior modus, Hör, 31) gibt Sense ganz im Anschluss 
lie Scholastik (Thomas, S. Th. 3 q. 19 sqq.: Comp, theol rerit. IV, 6. 9. 19). 
9 Fhil 4,13. 



208 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. III. 

delt mit bösem smak, min suzer mund mit bitterm tränke, mi 
zartü berürde mit herten schlagen. Do gebrast mir alles ertriche 
ze einer kleinen rüwe, wan es waz min götlichs hobt von ser nsd 
Ungemach geneiget. Min gemeitü kele waz vil ungezogenlich ge- 
streichet, min reines antlut mit speichel gar verunreint, min latrn 
varw erbleichet. Sich, do ertodet min schönü gestalt als gar, ab 
ob ich es were ein ussezling, und ich es du schön wisheit nie were 
worden. 

Der diener: du so reht lützeliger Spiegel aller gnaden, 
in dem die himelschen geiste ir ogen ermeient und erwitterent, wan 
hetti ich din gemintes antlut in der tötlichen wise, unz daz ich es 
mit mins herzen trehneu wol durchgusse, unz daz ich du schineo 
ogen, die lichten wangen, den zartten mund so erbleichet und er- 
todet durschoweti, daz ich min herz mit inneklicher klag ob im wol 
erkfllti ! 

Ach minneklicher herr, din liden gat etlichen lüten als nah ze 
herzen, die kunnen dich als inneklichen klagen und mugen dich ab 
herzklichen weinen; ach got, wan könd und möht ich nu ellu min- 
nenden herzen mit klag verwesen, wan möhte ich aller ogen lichte 
trehen gereren und aller zungen kleglichu wort gesprechen, so w61t 
ich dir hüt erzöigen, wie nahe mir din eilendes liden lit! 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Es erzöiget nieman bax, 
wie nahe im min liden gat, denn der es treit mit mir an erzöigunge 
der werke. Mir ist lieber ein lediges unbekumbert herze von aller 
zerganklicher minne mit stetem vlize ze ervolgenne daz nehstenaki 
einem uswürkenne mins vorgebildeten lebens, denne ob du mich 
iemer klagtist und als mengen treben von weinenne miner marter 
rcvtist, als meng trophli wassers von himel ie geregnet; wan dai 
nahvolgen waz ein sach, dar [Ol""] umb ich den bittem tod leit, 
swie mir die trehen och gar minnklich und genem sien. . ' 

Der diener: Owe, zarter herr, sid dir denne ein lieplichcs 
nahvolgen dius senftmütigen lebenncs und dins minnericheu liden« 

2 •rel)ra]it F 3 [es] min g. höbet waz E^J' 4 waz fefdi i'' 7 [«) 
wori ein ussezzip^cr mensche /' were nach ussezling E^ ussezig K 10 «^ 
witrent E^HKZ 11 p^emintes] gemeites AK minigkliches « 14 to ^^ 
weti F 16 miiuieker (!) A 23 mit mir fehlt E^ erzoiren F^ 30innec* 
lieh [und] F 31 zart<T fehlt F' dir fehlt AK 

Gf. V<jl. Is. 53,4. 10 Hur. o3: iocttndi.'^smiit obtntibus suos gandt^i 

oculos defigere felicitate indefessa. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. IV. 209 

80 gar minneklich ist^ so wil ich na värbaz minen fliz me legen nf 
ein minnekliches nahvolgen denn uf ein weinliches klagen, wie ich 
ni beidü nah dinen worten sül haben. Und dar umb so lere, wie 
ieb mich dir sul geliehen an disem lidenne. 

5 Entwürt der Ewigen Wisheit: Brich dinen last an ver- 
lasener gesiebt and üppiger gehörde; laze dir wol schmaken von 
minnen and lastig sin, daz dir vor wider waz, leg ab dar mich Zart- 
heit dins libes. Da solt alle din rfiwe in mir suchen, liplich an- 
gemach minnen, vrömdes übel willeklich liden, verschmeht begeren, 
dinen begirden erbleichen and allen dinen gelüsten ertoden. Daz 
ist der anevang in der schule der wisheit, den man liset an dem 
ii%etanen zertenneten buch mines gekrüzgeten libes. Und lüge, so 
ein mensch getfit alles sin vermagen, ob mir dennoh ieman in aller 
diser weit si, als ich im bin? 



IV. Kapitel. 

Wie reht getrüwllch sin liden waz. 

Der diener: Herre, so ich vergisse diner wirdekeit, diner 
gäbe, des natzes and aller ding, so ruret mich dennoch ein ding als 
teht nahe, daz ist, so ich recht hinderdenk nit allein die wise ansers 

^ keiles, och die grandlosen getrüwen wise. Herr, es git menge dem 
tadem, daz man sin liebi and sin trüwe baz an der wise, denn an 
d^ gäbe verstat: ein kleinü gäbe in getrüwlicher wise tut dik baz, 
denne ein grözü ane die wise. Herr, na ist nit alleine din gäbe 
groz, och du wise danket mich als reht grandlos getrüwlich. Da 

^hsü nit allein den tot vür mich gelitten, da hast och daz aller 
Inaderste, daz aller nehste, daz verborgnest aller minne gesflchet, in 
dem man liden kiesen kan oder mag. Da hast reht getan, als ob 
du sprechist: „lügent ellü herzen, ob ie kein herz so vol minnen 



1 m. flis fürbas i'' me fehlt F 2 minneriches E^ 3 lere mich F 

4 aD di8. 1. fehlt F 5 d. lust] dinem lip ab F 7 lustlich E^ 8 f. 1. ung. 

ainnen fehlt AKaH 11 da liset AKaH 12 krützegoten E^ 13 in — 

U weit fehlt F^ 14 diser] der E^ im fehlt K 16 getrüwe E' ' 17 d. 

diener /eÄÄ AF^ 23 nit^tt F 24 dunk. mich] ist F 26 vür] durch F"^ 

och daz — 27 du hast fehlt K 25 f. daz aller h. fehlt FH 26 hund.] 

piniichost E^ 27 kiesen] sftchen F^ als [ob] F 

9 VTomdes übel = mala ülata (Hör. 33). 11 Vgl. l. c.: haec sunt 

nquam prima principia. 

H. Seuie, Deatiche Schriften. 14 



210 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. IV. 

wurde? Sehent, werin ellü minü gelider daz edelste gelid, daz s 
mir ist, daz ist daz herz^ daz wolt ich lazen durwnnden und tot^ 
und uf zerren und in kleinü stuk zermalen, daz nüt in mir nob ai 
mir belibe ungegeben, daz ir [92'] min minne erkandent.** Aei 
herr, wie waz dir ze mute, oder wez gedehte du? Du werest es 
doch wol noh naher zu komen? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Do begerte nie kein io- 
turstiger mund so bitzeklichen eins kalten brunnen noch kein ster- 
bender mensche des vrölichen lebtagen, als ich begertC; daz ich 
allen sündem gehulfe und mich inen geliebti. E hat man die Ter- : 
farnen tag her wider braht, e hat man alle ertorreten biAmen widff 
ergrunet und ellu regentröphlü wider gesamnet, e man min minna 
ze dir und ze allen menschen mug gezellen. Und dar umb so bin iek 
als gar ns gegossen von minnezeichen, daz man einer nadlen pAnffi 
nit möhti han gesetzet an minem durmarterten Übe ane sin 8unde^) 
lieh minnezeichen. 

Lüg, min rehtü band waz dnmegelt, min linggu band dar ' 
schlagen, min rechter arm zerspannen und min lingger gar ser zer- 
tennet, min rechter vüz durgraben und min lingger grüwlich diu^* 
howen. Ich hanget in ungewalte und in grozer müdi miner götlichen i 
bein, Ellü min zarten glider wurden unbeweglich gephrenget an da 
engen notstal ; min hitziges blüt gewan von nöten mengen wildei J 
uzbruch, von dem min sterbende Hb verrunnen und blfltig waz, dtf 
ein jemerlich angesibt gab. Sich ein kleglich ding: min jange^ 
schone, blüender lip der begonde valwen, torren und darben. DffI 
müde zarte rugge bäte an dem ruhen kruz ein hertes lenen. dub 
swere Hb ein nidirsigen ; alle min lip waz durwunt und dorsere^ ' 
— und daz alles trüg min minnendez herze minneklich. 



1 werin] vor au AKa daz ed. glid — 2 ist, daz fehlt F^ 2 und /«W , 
AFF^ 5 [du] Du HK es] sin 1^ 6 noh fehlt E^F noch wol P 
7 f. turstiger F 8 kalten] kulen F' 9 daz] wie E^ 10 mich] ich F 10 f. Te^ 
varndcn F^ 11 h^t fehlt F 13 zelleu K 14 ussgelesen F^ usgeseBseni!)^ 
18 {rg,r fehlt F ser fehlt AKE^ 21 lider E^ 22 notstal des krüzes AKt^S^ 
23 ufbruch AKaFF^Z 25 tiirren Z 26 ruhen /eA// AK 28 alles sament f 
minnendez fMt F 

14 f. Hör. 34: (juod non itweniebatur nee sjyatium unius puncH i« «*• 
corjtore cnicifixo. quod non dolore et amore singulari rdiiceret, 20 f. I». f«* 

er uro admodiim fesüa et viidenti quadnin eancellatione constricta; respiee ddh 
cdia corporis mtinbra^ tarn artae inelusioni mancipata. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. V. 211 

V. Kapitel. 

Wie du sele under dem krdz kunt ze einem herzklichen 
rdwenne und ze einem rollten rergebenne. 

Der diener: Nu wol uf, sei niinü, samen dich genzlich von 
Her nsserkeit in ein stilles swigen rehter inrkeit, daz du mit ganzer 
rafi nf brechest, daz du dich verloffest und verwildest in die wilden 
isti eins grundlosen herzleides^ uf die hohen velsen dez hinder- 
ihten eilendes, und schriest mit dinem versenedem herzen, daz es 
ber berg und tal hohe dur die lüfte in den himel vur alles himel- 
ihes her nf tringe, und sprich in diner [92^] kleglichen stimme 
80: „ach ir lebenden stein, ir wilden rein, ir liebten 5wen! wer 
t mir, daz daz inbrünstig vür mins vollen herzen und daz heisse 
asser miner kleglichen trehen üch erweke, daz ir mir helfent klagen 
LZ grundlos leid, leid, herzlcid, daz min armes herze so t5genlich 
eit! Owe, mich hatte der himelsche vater über alle liplich kreatur 
zieret und im selber ze einer zarten, minneklichen geniahel us er- 
riet; nu bin ich im endrunnen! Owe, ich han in verlorn^ ich han 
in einges uzerweltes liep verlorn! Owe und owe, und mincm ellen- 
n herzen iemer we, waz han ich getan, waz han ich verlorn! Ich 
in mich selber und alles himelsches her, — alles, daz wunne und 
öd moht geben, daz ist mir endrunnen! Ich sitze bloz, wan min 
tischen minner, mine waren trieger, owe mord, hein mich valsch- 
ih und ellendklich gelazen und ab mir gezerret alles daz gOf, da 
it mich min einges liep hate gekleidet. (Jwe ere, owe vrode, owe 
le trost, wie bin ich diu so gar berobet! Wan ach und we sol min 
ost iemer sin. War sol ich mich koren V Mich hat doch ellü disü 
elt gelazen, wan ich min einiges liep han gelazen. Owe und owe, 
u ich daz ie getet! Wel ein jemerliehü stunde daz waz! I^fjgcnt 
d mich speten zitlosen, sehent mich an einoii Kclilffchdorn, alle roton 



4 d. flieneT fehlt F^HK \\\u\ .«amen F verk'^rt^f.st. F J5 kn»a- 
iren AKF^ 16 und mich hu -i. F 17 in fehtt K MW ich lian rn. 
JTlorn fehlt F 18 [und] mineiii F UM. Ich han h*-v fehlt // -jo iinü 
lea, daz AKa 21 gehen moht F 21 h»:in mi'h \*:\\ liiui /' ' 25 Min 
hU AF 26 doch fthU K 

1 Kap, 5 auch in W. Wn(:h*crnfifjel- Jjt^iit/^rhtm Leheharh /* fjhtijj 
^JF., ran F. Pfeiffer nach AFZ h'arh':<tet. 2'» Xarh in-r './'fange v<rr- 

1? Vgl. Mar. 30 : memetipsum etenim //uo^i *-f o////". rttic^ifM MffnitiH' ollendi. 
21 L0. c: sedeo nuda. tidua ft de^olntn. 



212 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. V. 

rSsen, wissen lylien, und neraent war, wie schier verblichen, erdorre^ 
und erdarbet ist der bläme, den disä weit brichet! Wan ich sol no 
iemer me also lebend sterben, also blüjend torren, also junge alteo 
und also gesunder siechen. 

Owe, zarter herr, es ist aber alles klein ze wegenne, daz ich 
lide, gegen dem allein, daz ich din vätterliches antlät han erzürnet, 
wan daz ist mir ein helle und ein liden ob allem lidenne. Owe, 
daz du mich so minneklich hattest värkomen, so zärtlich mantest ond 
so lieplich zuge, owe, und daz ich des alles so gar vergass! Owe 
sterben ! Owe, menschliches herze, waz macht du erliden ! Owe hen j 
mins, wie bist du so st&blin, daz du nit alles von leide zerspringest! 
Ich hies doch hie vor sin liebü [93'] geraahel, owe, we und iemer 
we, ich bin nüt wirdig, daz ich nu heisse sin &rmä wöscherin! Idi 
engetar doch minu ogen vor bittere schäm niemer me nf erhaben. 
Min mund müz doch iemer me ein stumbe gegen im sin in lieb nkl 
in leide. Owe, wie ist mir in diser witen weit so enge! Owe gol^ 
wan were ich in einem wilden walde, da mich nieman sehi noeh 
borti, unz daz ich mich wol erschrüwe nah alles mins herzen begirde^ 
daz joch dem armen herzen so vil dest lichter wurde, wan anden 
trostes han ich nit. Owe s&nd, war z6 hastu mich bracht ! We, we^ 
valschu weit, dem der dir dienet! Wie hast du mir gelonet, daz iflh 
mir selben und aller der weit ein burdi bin und iemer mftz sin! 
Owe, gesah got die riehen künginnen, die riehen seien, die mit 
vr6mdem schaden sint witzig worden, die in ir ersten unschulde vsi 
reinikeit an lib und an mät beliben sint; wie sint die so nnwtoeit 
selig! Owe, lutru consciencie, lediges, vries herz, wie ist dir so «• 
kunt, wie es umb ein sundig, geladen, swärmütig herzstat! Ovreick 
aimes wip, wie waz mir so wol bi minem gemaheln, und loh dal 
do so wenig erkande! Wer git mir des himels breit permit, d«i 



1 



2 ist fehlt AKaFF^Z 3 sterben lebent K 6 aUein] allem P 

7 mir fehlt E' 8 verkomen Z 13 doch niU F^Z 14 getar E'F^ 16 m] 
ze JK^F"^ 17 f. horti n. sehi FJF 18 unz] bis F' nah — begirde/#iW« ^ 
20 han] enhab AK 22 iemer me E^ 23 riehen s.] reinen s, E^ 24 witflf 
8. worden E^ unschulde] Ursprung F '25 [an] mui AZ unwissentlieii ^ < 
26 so gar E^ 27 sündig gel. fehlt F 29 do fehlt F 

9 ff. Hör. 37: o moHis infelicis opiata praeseniia, ad quid retardoi? Ctf 
me non tollis ? cordis humani foriitudo praevalida, quia tanta patimio »^ 
deficio! 13 L. c: focaria^ lotricis officio deputanda. 22 Job 7J^ 

29 ff. Hör, 39 : quis mihi det membranas celi habentes latitudinemf otf^ 
mentum maris excedetis qaaniiiatem^ et calamos tot quot arbarum folia €t JMV^ 



BüehleiD der Ewigen Weisheit. Kap. V. 213 

mers tieflS ze tinkten, lob und gras ze vedren, daz ich volschribe 
min berzleid und daz nnwiderbrinklich ungemach, daz mir daz leit- 
lieh scheiden von minem geminten hat getan! We mir, daz ich ie 
reboren ward! Waz ist mir nu me ze tünne, denne daz ich mich 
dber verwerfe in daz abgründ dez leitlichen verzwiflens?** 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Du solt nit verzwiflen; 
eh bin doch dnr dich und alle sünder in dis weit komen, daz ich 
Uefa widerbringe minem himelscben vater in als grozer gezierde, 
darfaeit und laterkeit, als du si ie gewunne. 

Der diener: Owe, waz ist daz, daz da so süzeklich erklinget 
einer erstorbnen, ungenemen, hingeworfnen sele ? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Erkennest du mich 
ut? Wie bist du so nider gesigen? Oder ist dir von unmessigem 
berzleide geswunden? Min zartes kint, ich bin es doch, du zarte, 
U erbarmherzig Wisheit, du da hat daz abgr&nde der grundlosen 
ffbarmherzkeit, dt da allen heiligen nah ir abgründe verborgen ist, 
Ht uf geschlossen^ [93^] dich und jfiix ruwigen herzen miltklich ze 
^hahenne. Ich bin es, du süsse, du da arm und eilend wart, daz 
eh dich zft diner wirdekeit widerbrechti ; ich bin es, du den bittern 
od hat gelitten, daz ich dich wider lebent macheti. Ich stan hie 
leich, bifitvar und minneklich, als ich stund an dem hohen galgen 
es kruzes enzwuschent dem strengen gerichte mins vatters und 
ir. Ich bin es, din bräder, lüg, ich bin es, din gemahel! Ich han 
ig gar vergessen alles, daz du ie wider mich getet, als ob es nie 
rere geschehen, ob du dich allein nu genzklich zi\ mir kerest und 
ich nit me von mir scheidest. Wesche dich in minem minnerichen, 
osevarwem blftte, richte uf din hopte, tti uf dinü ogen, und ge- 
rinne einen guten mät! Nim hin ze einem Urkunde einer gantzen 
•tne min gemahelvingerlin an din band, din erstes kleid, scIiAhe 
in din fusse und den minneklichen namen, daz du min gemahel 
^eklich heissest und siest. 



1 timkten A 3f. we mir, daz ich daz ie ^^etet, we mir, daz ich ie fi;. 
^'F 4 ward geboren E^ 8 dich] si F 10 da ß'hlt FM' so] als AKa 
15 [du] erbarmh. F 16 du] daz AKa dsL fehlt E"^ 18 8uze wislieit, du [da] E^ 
lökhb. — 20 macheti /e^Zf E^ 25 beschehen weri E^ 30 minnerichen F 

^^fum gmmina, ut perstringere posnem dolorem .sitnulque damnum v-recuperabikf 
9^ incurri, quia düectum meum dereliqui! Zu diesen und ähnlichen formel* 
Mtften Wendungen (vgl, auch Bdetc Kap. :24 Anfang und Hör, 76) reiche Belege 
Wä Köhler, Kleine Schriften III (1900), :^i)3—31ti iS. 30() Seuse); Müllen- 
ef und Seherer, Denkmäler 11^, 152 ff. 29 f. Luk. lö,22. 



214 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. V. 

Sihe, ich han dich als reht sur erarnet ; dar umbe, were all< 
ertrich ein inbrünstiges vur und legi enmitten dar inne ein handFc 
werkeS; daz were von siner naturlichen art nit so geswind enpbeoi 
lieh der fürinen flaromen, als daz abgründ miner grundlosen er- 
barmherzkeit einem widerkerenden menschen. 

Der diener: Owe vater miner, owe brüder miner, owe alle«, 
daz min herze erfröwen mag, und wilt du mich ungeneroen sei noch 
begnaden? Owe waz gnaden, waz grundloser erbarmherzkeit! Des 
valle ich vür din y&ze, himelscher vater, und sagen dir dank von 
allem gründe mins herzen und bitte dich, daz du an sehest diDea 
minneklichen einbornen sun, den du von minnen in den bittern t5d 
gebde, und miner giozen missetat vergessest. Gedenk, himelscher 
vatter, daz du hie vor Noe gelübd und spreche: ^ich wil minen 
bogen zerspannen in die lüfte, den wil ich an sehen, und dersolai 
ein sftnzeichen enzwischen mir und dem ertriche." Eya, nu sihe iif 
an, zarter vater, wie zerspannen und zertennet er ist, daz man aOcf 
sin gebein und sin rippe m6hti zellen! Lüg, wie gerötet, ergrauet 
und ergilwet in du minne hat! Nu durschSwe, himelscher Tater, 
dins [94'] zarten einbornen minneklichen kindes hende und ame 
und fuze so jemerlich zerdennet, sihe an sinen schönen lip so ifri 
varw und durchmartret, und vergis dines zornes gegen mir! Gedenk, 
war umb heissest du der erbarmherziger herre, der vatter der et' 
barmherzkeit, denne daz du vergebest? Daz ist din name. Wen 
hast du din aller liepstes liep gegeben? Den sündern! Herr, eriit 
min, herre, er ist reht unser! Ich nmbschlnz mich hüt mit sineil 
zertanen blozen armen, mit einem inneklichen umbvang des gnmdei 
mines herzen und miner sele, und enwil von im weder lebent noek 
töte niemer me werden gescheiden. Dar umb so ere in hüt an mif 
und laze gnedklich varn, wa ich dich ie erzurnde; wan möglicher 
dühte mich den tot ze lidenne, denn dich, minen getrüwen bimet* 
sehen vater ieraer me swarlich ze erzürnenne. Wan alles liden nii^ 
vertruken, noch helle noch vegfür klage ich nit so vil und tft^ 



3 enwere E^ 3 f. nit als enpfenclich so geswinde E^ 6 einen J 
8 owe w. gnaden fehlt AKH 9 ich hüt F gnade und dank E^ 10 iUc0 
fthlt F 14 f. sin nach sönz. AK 16 zarter] müter E^ 19 hende [und] S 
20 f. rosevarweclich und so durchm. F 22 erbarmh.] mute jB* 28 f. ^ 
vatter d. erb. fehU F erbarmh.] erbermde E^ 32 helle und y. E} vai 
tÄt — 216,1 we fehlt F^ 

9 

13 ff. I Mos. 9,13. 31 f. Ergänze : was ich als Straf $ vtrdimi M« 



Bitehlein der Ewigen Weisheit, Kap. V. 215 

inem herzen DÜt so we, als daz ich dicb, minen schepher, ininen 
minen got, minen loser, ach, und alle inine vröde und herzen- 
IDDC, ie erzurude und dir kein unere ie g;etet. Owe, mfiht ich 
ir umbe dur alle himel herzleid schrien, daz min herz iu dem libe 

hjsend stuk zerBprunye, daz teti ich genie. Und so du mir min 
BBetat ie laterlicher vergibest, so es mir ie herzleider ist, daz ich 
lern grozen gftte als undankber bin gesin. 

Und du, min einiger trost, zavtü uzerweltü Ewigü Wisheit, 
e kao ich dir iemer voldanken des i'ibergüldens alles gutes, daz 

mit dinen wunden, mit diuem ser versünet hast und gebeilet hast 
1 bruch, den alle kreaturen nit mohten widerbringen! Und dar 
;be, min eingü vrfide, so wise mich, wie ich dinii minnezeichen 

allen minem libe getrage, in miner gehfigde ze allen ziten habe, 
i ellü disü weit und alles himelsches her gebe, daz ich dankber 

dem grundlosen gät, daz du mir armen verlorneu sele hast getan 
ein ron diner grandiosen unmezigen guti. 

Entwiirt der Ewigen Wisheit: Du soll dich und daz 
le mir vrilich geben und niemer wider nemen; alles, daz notdurft 

ist, daz sei von dir unberürt stan: so siut diu hemle warlich an 
I kröz genegelt; in gütii werk vrölich treten und dar inne veste 
ibeu: so ist diu lingger vflz geheftet; din unstetes gemüte und 
.mneten gedanke in mir steten und veatnen: [94'] so ist din 
rter tAz an min krüz gestecket. Din geistlich und lipticb krefte 
knät in lawkeit lomeu, sü gon nach glichniis miner arme in minem 
Inste sin zertennet nnd zerspannen. Din kranke Hb sol ze lobe 
aeu g6tlicben bein in geistlicher übunge dik ermüden und in un- 
walt« Btan, sin eigen begirde ze erfüllenne. Manig nnbekantes liden 
irenget dich zii mir an mines krilzes engen notstal, von dem da 
tr«t nach mir minneklich und bifltvar. 

Diner natur darben sol mich machen wider blüjeud; din willek- 
fies nngemacfa sol minem müden ruggen betten ; din kreftiges 

2 erlöser AKE' 3 dir kein] dekein I'Z heiu AKP^ 4 dem] minem £• 
ils fihü A gewesen E' 9 \ol gettaDkeo Z 10 vers&net [hast] £'£a 
(«oj bewise m. l."' 13 an] in F 16 grundloaeu] grosaeii F'H, fehlt F 
' Bigt AK 26 minem K und — 27 erföH. fehlt K 30 mich] dich F 
% irilligcR f 

9t. Hot. 42: li poasem nunc omnes eotlos rtpltre elatnoribitt irremedia- 
tutete. 12 rgl.Gal.6,17. 18f. Hor.l.c: nott tolum a luperfluit, 

I itiam Mterdum a licitit abtiintat. 31 Hör. 43: dtilce reelinaloi 

fuieteendum facta» per incommodomm coluntariam perpusionan. 



'A 



216 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. VI. 

widerstan den Bunden sol mir daz gemüte lichteren ; din andebtiges 
herz sol alles min ser senften, und din ufflammendes herze roia 
minnendes herz enzünden. 

Der diener: Ewigü Wisbeit, nu voilebringe minen götei] 
willen nah dinem böhsten lobe und nah dime aller liepsten willen, 
wan gewerlich din jocb ist senfte und din burdi ist liebte ; daz wAsses 
alle die; die sin baut enphunden und mit dem sweren laste der 
Bänden ie wurden äberladen. 



i 



VI. Kapitel. 

Wie betrogen der weit minne ist und wie minnelcllch aber ii 

got ist. 

i 

Minneklicbes gut, swie klein ich einen ker ns dir tun, so be- J 
schibt mir als einem rehlin, daz siner müter hat vermisset, und dw ] 
in einem starken gejegde ist und mit flübtigen wenken sich uf en^ 
haltet, unz daz es hin wider an sin stat endrinnet. Herr, ich vlühe, 
ich jage ze dir mit hitzigem inbriinstigem ernste, als der birze li 
dem lebenden brunnen. Herr, ein einiges stündli ane dich ist ein 
ganzes jar; ein tag dir vrömd gesin, daz sint tusent jar einem 
minnenden herzen. Eya dar umbe, du seldenzwi, du meienris, da 
roter rosen blüjendü stude, scblüs uf din arme, zertft und zerspreilÄ 
die geblümten este diner götlicben und menschlichen nature! Herr, 
din antlüt ist so vol gnaden, din mund so vol der lebenden worten, ^ 
aller din wandel ist so gar ein luter Spiegel aller zuht und send- 
mütkeiti du lütseliger anblik aller heiligen, wie reht selig der 
ist, der diner süzen gemahelschaft wirdig ist! ^ 

Entvvürt der Ewigen Wisheit: Es ist vil menschen dar 
zu gerüfet, ir ist aber wenig uz erwellet. 

Der diener: Zarter herr, weder sint sü denne von dir oder 
du von in versprochen? 

[95'] Entwürt der Ewigen Wisheit: Dez hab uf dini* 
inren o;^en, und nim war diser gesiht. 

2 herze sol min E^I'F^ B enzündet AK 4 nu fehlt K 6 hohste« 
— dime fehlt AK 8 sünde A» 10 aber fehlt F 12 Der diener f« 
(Z von späterer Hand) tun von dir F 13 hat fehlt Z 20 stunde Ö) ^ 
21 blugenden F 22 [der] lebender worten F 

6 Matth, 11,30. 16 f. Psalm 41,2. 19 seldenzwi, wohl An^piüw^ 

auf den Ölzweig bei der Sintflut. 26 f. Matth, 22,U, 



Büchlein der Ewigen Wei8heit. Kap. VI. 217 

Der diener sah nf und erschrak und sprach gar mit einem 
inneklichen süfzen: „owe, geminter herr, daz ich ie gebom ward! 
Weder ist mir reht oder tromet mir ? Ich sah dich vor in so rilicher 
Schönheit und in so liepliclier Zartheit; nu sich ich nit denne einen 
armen vertribnen eilenden bilgrin, der stat dort erbermklich geneiget 
nf einen stab vor einer alten zergangnen stat. Die graben sint ver- 
vallen and daz gemüre riset gar sere, denne daz noch hin und her 
die hohen spitze dez alten gezimbers höh uf gagent. Und in der 
^t ist neiswas grozer mengi, und under dien ist gar vil, die schi- 
oent als wildä tier in menschlichen bilden. Und da gat der eilend 
bilgri umb und umbe und lAget, ob im ieman die band welle bieten; 
>v?e, so sihe ich, daz in du menigi gar unwertlich vertribent und 
^00 nnmftzy die sü haut, kumm an gescheut. Aber ir etlichü und 
loch wenig bietent im die haut; so koment du andren wilden tier 
md widerzuckent daz. Also h6r ich, daz der eilend bilgri von in- 
ITond ellendklich ersäfzet und sprichet: ^o himelrich und ertrich, 
and üch erbarmen, daz ich dis stat so sur han erarnet, und es mir 
üe als reht äbel wirt erbotten, und daz die, die nie kein arbeit dar 
unb gewunnen, so lieplich hie werdent enphangen!" — Herr, dis 
»t mir vor gesin. Owe, minneklicher got, waz meinet diz? Weder 
ist mir reht oder unrecht?" 

Entwürt der Ewigen wisheit: Du gesiht ist ein gesiht 
der Intren warheit. Hör ein kleglich ding und laze es diu miltes 
herz erbarmen. Sihe, ich bin der eilend vertriben bilgri, den du 
^he; ich waz etwenne in der stat in grozer wirdikeit, nu bin ich 
cnnkliche verellendet und vertriben. 

Der diener: Owe, geminter herr, wellü ist du stat oder daz 
Volk in der stat ? 



1 uf fehlt E^FF"^ 2 min gem. h. K 5 armen fehlt E"^ 7 die 
""^en risent AK 11 hende E^F 12 in du menigi] sü in F vertribet 
^&^ 15 widerzöhent E^ 17 so reht sur AKa 18 tlaz fehlt FF^ en- 
^in AKE^ 23 hör] herr K 24 vertriben fehlt FF' 26 jemerlich AKa 

1 ff. Der folgende Passtis ist im Hör, Kap. ö (43 ff., vijl. 214) bedeutend 
Eitert unter der Überschrift: Planctus super extincto fervore devotionis in 
^^sis personis utriusque sexus moderni temporis etc. Seuse schildert im ein- 
^nen den Verfall der Klosterzucht und fügt die allegorische Vision vom Streit 
^ Widders gegen die Söhne Gottes (=■ Kampf Ludwig des Baiern gegen die 
^urie und ihre Anhänger) an, 10 Hör. 44: quaedam animalia veluti 

umstra marina in effigie humana, 20 vor gesin, nämlich in der Vision, 



218 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. VI. 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Du zergangen stat daz i 
ernsthaftes geiBtlicbes leben, in dem man mir hie vor so einberliche 
dienet, und da man inne so heiliklichen und sicherlichen lebte; da 
beginnet nu an menger stat gar ser zergan. Die graben beginnen 
vervallen und die rauren zerrisen, daz ist: du andehtig [95^] gehör 
sami, du willig armüt und abgesebeidnü luterkeit in heiliger ein 
valtkeit beginnet vergan, denn so vil man die hohen gezimber etwac 
nswendiger haltunge nah eime sehine noch spürt. Aber daz groi 
Volk, du wilden tier in menschlichen bilden, daz sint welÜichA herzen 
in geistlichem schine, die von üppiger unmftz zergankliches knmben 
mich von ir herzen vertribent. Aber daz etlichü, du mir ir hende 
butten, von den andern underzucket wurden, daz ist, daz etlicher 
menschen gute wille und anvang von der andren reten und bisenn 
bilde wirt verkeret. Der stab, uf dem ich geneiget vor in stftnt, 
daz ist daz krüz mins bittern lidens, mit dem ich sü ze allen ziten 
erman, daz sü dar an gedenken und mit ir herzen minne allein ze 
mir keren. Aber daz eilend r&ffen, daz du hortest, daz ist, daz min 
t6d hie an vahet ze rüffenne, und iemer me schriet über die, da 
weder min grundlosü minne noh min bitter t5d so vil vermugen in 
ir herzen geschaffen, ich werde von in Verstössen und vertriben. 

Der diener: Owe, zarter herr, wie schuldet daz durch min 
herze und dur min sele, daz du so reht minneklich bist, und in 
roengem herzen mit allem dinem erbietenne so reht unehtig bist! 
Ach, zarter herr, wie wilt du es aber dien bieten, die dir na in 
diner eilenden forme, in der du von der mengi verworfen biet, ir 
hende mit rehter trüw und liebi bietent? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Sweli durch mich zer- 
ganklich minne lassent, und mich mit rehter trüw und minne alleio 
enphahent und dar an stet belibent, die wil ich hie mit miner git* 
liehen minne und süzikeit mehellen, und wil in an ir t5de min bend€ 
bieten, und wil sü in den tron miner ewigen wirdekeit vor alleiD 
himelschen her erhöhen. 

2 emberlichen A 4 gar fehlt F 5 ser risen E^ 9 in menicti 
lichem bilde FF^ 12 widerzncket Fa 13 red F^ 19 [min] gmndl. m. ^ 
20 gesch. — von in] daz sü daz ungewtüme von ir herzen AKa (yon ir /fAtt £ 
23 herzem A 24 herr zarter AK 31 den] dem A 

2 Gemeint ist das Klosterleben (sanciae religionis filii ae profe§$wr€^ 
Hör, 45). Vgl, die Schilderung in Mersmns Büchlein von den neun Fd90 
ed, K, Schmidt 1659, 29 /. 10 in geistlichem schine = in habitu religio^ 

(Hör. 48). 



Btlchlein der Eivigen Weialieit, Kaj), VI. 219 

Der diener: Herr, nu ist ire vil, die meioent, sü welIeD dich 
ninDen und doch von zerganklicher minne nit lazen. Herr, sii wen 
dir gar lieb sin, und wen doch zitlicher liebt nüt deet minre han. 
EotwArt der Ewigen Wisheit: Daz ist als unmuglich, als 
iiea himel zesamen trueken und in ein klein nuzselialen beschliezen. 
Sü beECh&nent sich mit schAnen worteD, sii buwent uf den wint und 
liaibrent öf den regenbogen. Wie soll daz [96'] ewig bi deme zit- 
licben beliben. so ein zitlicheg daz ander mit mag erliden? Er trüget 
acb selber berlicb, der den künig aller küngc wenet setzen in ein 
Itemetnes gastfaus oder stoseen in ein gesundertes kneehthns. In 
lilozer abgescheidenhi-tt aller kreatnre miz er sieb halten, der den 
werden gast rebt n-il enphahen. 

Der diener: Ach süzü wisheit. wie siut sü so gar verzöbert, 
%z sü dis nit an sehentl 

Entwiirt der Ewigen Wisheit: Sü stant in tieffer blint- 
it, sü hant menig grozes rechten nach vröden, du in doch weder 
lieb noch ze ganzer vrßd niemer werdent. E in ein liep besehehe, 
begegent in zeben leid, and so sii ir begirde ie me nach gant, 
Bu ie ungenüklicher werdent verwiset. Sih, gotlosü herzen oiüzent 
:h ze allen ziten ein in vorhten und in scbreken. Daz selb kurz 
Tridli, daz inen wirt, daz wirt in als gar snr, wan es gat in zQ mit 
arbeiten, und behabent es mit grozen angslen, ach, und verlierent es 
mit grozer bitterkeit, Dii weit ist vol untrüwen, valschheit und un- 
«tetikeit; wan des nutzes ein ende ist oeh der vFunlscbaft ein ende. 
Und daz ich dir es kürze: weder rebt liep noch ganz vrode noch 
»teten herzenvrid gewan nie kein herz in der kreature. 

Der diener: Owe, zarter berre, wel ein klegUch ding daz 

iö! Owe, 80 menig edlü sele, so meng minneudes herz, so menig 

tch5n wiinklich nach got gebildetes bilde, die in diner gemahelschaft 

*>klingin und keiserin söltin sin, die himelricbes und ei'trichs gewaltig 

«Ähtin sin, daz eich die so torüeben verweirent und vernidrent! 



2 herr — 8 hau fthlf K S zitlicheit A 16 wehten £.''J-'' doch 
ttUt F 22 behaltent HZa 24 wan so F wan wa F' ist, ist Z ist, so 
(^f) ist FF^Ha 28 herz] menache F in den creaturen F 27 zarter 
/*( AKZ wel] wie /"'« 30 |die] himelr. i' 

7 zimbrenl uf d. r., im Sprichvort oft gebrauchtes Bild, t. B. Freidank 

^1 : ojl J. p. ZingerU, Die deittsclitn Sprichwörttr im Mittelalter 18114, 119/, 

21—23 Vgl. Sern., stTmo 43 dt dir. n. 3. 28 Eriamri an Walthtr von 

^ Vogtlvreidi: diu verli ig/ allenthalben ungetitiden vol (ed. Pfeiffer ' 1880, 306J. 

W«ir(, zMht lind ire ist in der uierlle löt (a. a. 0. 3(J3). 



ä 



220 Büchlein der Ewigen Weisheit Kap. VI. 

Wafen, wafen, zarter got, daz sä sich selb so willeklich Verlierern 
wau nah dinen waren Worten weger were in du grimme schidan^ 
der sei von dem übe, denn daz du dich, daz ewig leben, von de 
sei mftst scheiden, da du enkein stat vindest. Owe, ir tumben toren^ 
wie wahset üwer groz schade, wie meret üwer grözti verlust, wie 
lant ir daz 8cb6n, daz edel, daz wunneklich zit da hin gan, daz h 
kume oder niemer mugent widerbringen! Und wie gebarent ir hier 
inne so vrölich, als üch nüt dar umbe si ! Owe, miltü wisheit, wan 
wustin sü und befunden ir selbs! 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Hör wunder und jamer:l( 
dis wAssent sü, daz bevindent sü alle stunde, und lant doch da von 
nit. Sü wüssent [96^] es und wenn es doch nit wüssen. Sfi be- 
schönent alles den unganzen grund mit liehtem schine, der doch 
der blozen warheit ungelich ist, als ir vil ze jüngste bevindent, 80 es 
ze spate wirt. U 

Der diener: Ach zartü wisheit, wie sint sü so unsinig, oder 
waz meinet es? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Do wen sü ungemach 
und lidenne von mir endninnen, und vallent enmitten dar in; und 
wan sü mich, daz ewig gut, und min süzes joch nit wen tragen, soSI 
werdent sü von der verhengde miner strengen gerehtikeit mit meDger 
sweren burdi überladen, Sü vürchtent den rifen und vallent in 
den sehne. 

Der diener: Eya, zartü, erbarmherzigü Wisheit, gedenk, dtf 
nieman ane din kraft nüt enmag. Ich ensihe kein ander hilfe,* 
denne daz sü ir eilenden ogen uf zu dir bieten und vür din gne- 
digen vüsse vallen mit bitterlichen trechnen ir herzen, daz du ri 
erlüchtest und enbindest von den sweren banden, da mit sfi ge- 
bunden sint. 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Ich bin in ze allen ritcn* 
bereit ze helfenne, weren echt sü mir bereit; ich gan inen nüt ab, 
sü gant mir ab. 

Der diener: Herr, es tut we, liep sich von liebe ze scheidenne. 



1 wafen nur einmal E^ 2 waren fehlt FF^ grimme fehlt F 3 lebea) 
gUt AK 4 scheiden müst A» 7 enmügent Z 9 sü es AKa 11 dal) 
dis F des F^ stunde] samd K 17 waz radiert Z 21 strengen fehlt P 
22 am Bande Job E^F^Z 24 eya zartü] zarter herre und ewigü F 26 de* 
kein F^Z 33 scbeideuue] brechenne Z 

2 f. Vgl. Matth. 18,6, 22 Job 6,16. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. VI. 22 1 

EDtwürt der Ewigen Wisbeit: Daz ist war^ könde und 
w6It ich nit in liebes berzen alles liep lieplicb verwesen. 

Derdiener: Owe berr, so ist m&licb alt gewonbeit ze lassenne. 
Entwürt der Ewigen Wisbeit: Es wirt aber nocb vil 
6aialicher, die k&nftigen marter ze lideune. 

Der diener: Herre^ sü sint vil liebt als geordnet in in selber, 
^ es inen nnscbedlicb ist. 

Entwürt der Ewigen Wisbeit: leb waz der bas geord- 
oetest and docb der lieblosest. Wie mag daz geordnet sin, daz von 
• iber natar daz berz entribtet, den müt verwirret, daz von inrkeit 
xihet and berzenvrides beruhet ? Es brichet du tor uf, binder dien 
gitlich leben verborgen ist, daz sint die fünf sinne. Es ber5bet 
bh^eit and bringet baltbeit, gnadlosi und gottes vr6mdi; des inren 
menschen lawkeit and des assern tragkeit. 

\ Der diener: Herr, so danket nit, daz sü so vil gebindert 
werden, ob eebt daz, daz sü da minnent, ist in einem scbine eins 
geisüieben lebennes. 

Entwürt der Ewigen Wisbeit: Es wirt etwenne ein 

loter oge als sebiere geblendet von wissem melwe als von bleicber 

besehen. Sieb, wart [97'] ie kein bisiu dekeines menseben so 

QQschedlicb alse daz min bi minen lieben jangern? Da waz nüt 

ttnnützer wort , da waz nüt verlazner geberden , es wart da nit 

lioh in dem geiste an gevangen und in tiefli unendlicber Worten 

oider gelassen; da waz nit anders denn rebter ernst und ganzü 

^warheit ane alle valscbeit. Und docb so mäste in min liplicbü 

S^nwürtikeit enzogen werden, e daz sü des geistes enpbenklicb 

^eren. Waz sol da menschlich bisin bindemüs geben! E daz sü 

^on einem in gefüret werden, sü werdent von tusenten us gefürt; e 

^ einest mit lere werden gewiset, sü werdent dike mit b6sem bilde 

^erwiset. Und daz icb es kürze: als der kalt rife in dem meien 

^ie wünklieben blftst terret und veröset, also terret zerganklichü 

^inne allen götlicben ernst und geistlich zubt. Und zwiflest du 

^h üt hier inne, so log umb dich in die blüjenden schönen win- 



12 verborgen] besclozen E^ 14 usaern menschen F 15 f. werden 
Wi. L^ 16 ist nach echt daz FF^ 22 geberde F^F 23 und [in] F 
^ tusenten] vil mengem AKH 30 venvTset Ä 33 schonen blügenden Äa 

26 f. Vgl. Joh, 16 j7, Denifle 342 Ä, 2 belegt den Gedanken aus Augustiriy 
^egor^ Bernhard, Hugo von St. Viktor und Thomas: auch Seuses Predigt 
^terum rdinquo ist zu vergleichen, 33 f. wingarten = Klöster, wie nach- 

er WTirzgarte. Vgl, zum Folg. Bern., sermo 63 in Cant. w. 6. 7. 



222 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. VI. 

garten, die bie vor so wunklicb in ir ersten bläst stünden, >?ie g^ 
die verblieben und verrisen sint, daz man inbrünstiges ernstes am 
grozes andaehtes wenig me spürt. Aber daz tut den unwiderbriafc 
lieben scbaden, daz es komen ist in ein gewonbeit and in ein geisr- 
lieb erberkeit, daz da so verborgenlicb verwüstet alle geistlicb sei/- 
keit. Es ist so vil sehedlicber, so vil es anscbedlieber scbinet Wie 
ist so menge edle wurzgarte, der schon gezieret waz mit wünklicheo 
gaben, und waz ein bimelscbes paradis, in dem got lustlicb waz ze 
wonene, der nu von zerganklicber liebi ze einem unkrutgarten wor- 
den ist! Und da vor die roseu und die lylien wücbsen^ daz statu 
nu vol dornen, neslen und tistel, und da bie vor die beiligen engd 
pblagen ze wonenne, da wülent nu du swin. We, we, we an der 
stunde, so man ellü unnütze wort, alles verlorn zit, alles versamet 
gut sol widerreebnen, so man ellü unnützü wort, gesprochnn, g^ 
dabtü oder gescbribnü, beimlicb oder offenlieb, wirt vor gotte ond 11 
aller der weite offenbarlieb lesende und ir meinunge ane alles bergen 
verstende ! i 

Der diener: Acb berre, disü wort sint als gar scbarpb, es 
müs joeb wol ein ersteintes berze sin^ daz da von nit bewegt will 

Minneklicber [97^] berr, nu sint etlicbü berzen als zarter Sl 
natur, daz sü scbierer von minnen denn von vorbten gezogen we^ 
dent; und wau du, der herr der natur, nit bist ein zerstöret der H 
nature — du bist der natur ein volbringer — , da von, minneklicber 
berr, so geben diser trurigen rede ein ende, und sag mir, wie 
du siest ein niftter der scbönen minne, und wie süze aber diiiB 
minne si. 



2 und fehlt K 3 tut] bringet AK 5 da fehlt K^F 6 f. am Radt 
Bernardus Z 7 edle] schone F^ 8 und [waz] Ä 14 so — woiifthU^ 
16 und vor F 19 joch feMt E^ versteinotes /;* 21 f. am Bande Aig«" i 
Btinus Z v. m. gez. werdent denn von v. Z 22 f. zerst, [der natore] F 

7 Dasselbe Bild vom Wurzfjai'ten bei E. Stagth Viten von Tö§s 12,1^- ] 
16 Beim jüngsten Gericht (Hymnus Dies irae von Thomas von Celano ft*- 
IQoü] : Liber scriptus proferetui., in quo iotnm continetur, unde mundus w^^ 
ceturK 21 ff. Wohl nicht Augustinus ist henütetj sondern Thomas, S. 1^ 

1 q. 1 a, 8 ad 2 : cum graiia non tollat naturam sed perficiat, oportet quod irt* 
turalis ratio subserriat fidei, sicut et naturalis inclinatio roluntatis obscquitif 
caritnti. Lbrigens lautet ein scholastisches Axiom : Dens non destruit na/nroM) 
aed perficit eam. 25 Vgl. ^'irach ^^4,;?i. 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. VII. 223 

VU. Kapitel. 
Wie minnekllche got ist. 

Der dien er: Herre^ ich hinderdenk den minnezug^ als da 
riehest von dir seihen in der wisheit bfich: Transite ad me 
in es ete.^ koment zu mir alle die, die min begerent^ von minen 
l)nrten werdent ir erfüllet. Ich bin ein müter der schönen minne, 
D geist ist suzer denne honig und min erbe über honig and honig- 
Q. Edle win and süz ged6ne erfr6wt daz herze and ob in beiden 
* wisheit minne. 

Zarter herr, du kanst dich selber als minneklich und als zart- 
li erbieten^ daz ellü herzen din möhti gelasten und einen seneden 
der nah diner minne haben. Es fliezent du minnewort so leblich 
ler dinem süzen munde, daz sü menig herze als krefleklich ver- 
nten in ir bluj enden tagen, daz in inen ellü zerganklichü minne 
izklich erlasch. Eya, zarter herr, dar nah jamert min herze, dar 
b ellendet minem mute, von der horti ich dich gerne sprechen, 
i spriche, min einiger uzerwelter trost, ein einiges wörtli ze miner 
e, ze diner armen dirnen, wan under dinem schatten bin ich 
sklich entschlaffen und min herze daz wachet. 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Nu h6r, min tohter, und 
le, neige ze mir dinü oren, tft einen kreftigen inker und vergisse 
Q selbes und aller dinge. 

Ich bin in mir selben daz unbegriffen gut, daz ie waz und 
Daer ist, daz nie gesprochen wart und niemer gesprochen wirt. Ich 
ag mich wol dem herzen inrlich ze enphinden geben, aber enkein 
inge mag mich eigenlich gewörten noh gesprecbeu. Und doch, 
an ich mich, daz übernatürliches, unwandelberes gut, einer ieklichen 
reatnr gib nah ir mugentheit in der wise, als si min enpheiiklich 



3 der diener fehlt II 5 omnes, qui concupiscitis me E^F^ etc. fehlt 
Z [die] die E^F 7 und m. e. — honig fehlt F 8 erfrowent E'F"^ 
t lieblich AFF^ 13 süzen fehlt F 16 min F^a minen F 26 den 
ßen Ka 26 enmag Z gewürteu Z am Bande r)yonisius E^Z Jero- 
nus l"* 27 übemat. leben F 28 nah ir wirdekeit und ir muglicheit F 

4 Sirach 24,26. 34; 40,20. 18 Hohel. 2,3: 6,2. 20 Ps. 44,11. 
l. zum Folgendeti Kap. 4 der Vita, das Seuse auch zum Teil in die erweiterte 
rgtellung des Mar. c. 6 hereinzieht. 23 f. Deiiifle 34ü A. 3 denkt hier wohl 

Unrecht an den irinitarischen Prozess : die Erklär unq gibt vielmehr der 
^nde Satz. 27 ff. Vgl. Dioni/ti., De tiom. I)ei I, 1: De coeL hier. II, 3. 



224 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. VII. 

ist, so bewinde ich der BUDnen glast in eiu tfich und gibe dir geist- 
licheu sin in liplicben Worten von mir und miner süzen minne also: 
ich stelle mich [98'] zärtlich vür dines herzen 5gen, nu zier und 
kleide mich in geistlichem sinne und mache mich vinlich uf nah 
Wunsches gewalt und gib mir alles daz, daz zA sunderlicher roione i 
und liebi uud ze ganzem herzluste din herze bewegen kan: sihe, 
daz ist alles und alles, daz du und ellü menschen köndin erdeokcD 
von gestalt, von gezierde, von gnaden, in mir noh wAnklicher, denn 
es ieman gesprechen muge. Und diserley sint du wort, in dicD ick 
mich mag ze erkennen geben. H 

Nu hör me: ich bin von hoher geburt, von edlem geschlechte; 
ich bin daz minneklich wort dez veterlichen herzen, in dem nah 
dem minnerichen abgründe miner naturlichen sünlichkeit in siner 
blozen veterlicheit hein ein wünklich wolgevallen sinü minneklicheo 
ogen in der suzen u£9ammenden minne dez heiligen geistes. lAM 
bin der wünne thron, ich bin der seiden krön, min ogen sint so 
klar, min mnnd so zart, minü wengel so liehtvar und so rosenrit 
und ellü min gestalt so schöne und so wünklich und als dnr wol 
gestalt: und sölt ein mensch unz an den jüngsten tag in eime 
glüjenden oven sin, daz im nüwan ein anblik würde, derwereden-M 
noch unverdienet. Sich, icli bin als wünklich gezieret mit liebter 
wat, ich bin so finlich umbgeben mit geblümter missevarw der 
lebenden blftraen, von röten rösen, wizen lylien, schönen violn und 
allerley biAmen, daz aller meien schönü bläst, aller lichten owefl 
grunü ris, aller schönen beiden zartü blümlü gegen miner gezierde ■ 
sint als ein ruhe tistel. Ich spil in der gotheit der vröden spily 
daz git der engel schar vröden als vil, daz inen tasent jar eintali 
ein kleines stündli. Alles himelsches her von nüwen wundem gebent 
mir ogen und nement min war. Irü dgen sint in minü geblenkety 
ir herz gegen mir geneiget, ir sei und ir müt ane underlaz imniekil 



1 dir der s. ^1. K 7 erd. kondin AK 8 g^iade E^ denn — 9g««pr. 
fehlt F 10 zerkenncu mag g. i'* 12 wort] gut /'* 12 f. nah [dem] ^ 
22 wat] varw F^ so] als AKaF^ 25 schonen fthlt F 29 gclcnW 
AKa geblendet F 

12 if. nie nähere Erklärung gibt Seme Viia Kap, oL 19 ff. Hör, CO: 

pulchritudo quippe mea tanta est, ut 8% quis magnis cruciatibus muUis 011«** 
se e.ipontrei, ut cd ad ictum oculi me in decore tanto conspicire po99ei^ a5^ 
omni dubio labor pntemio minus adhuc responderei. 26 UtHSckr^ihmg (^ 

Hör, 61, 29 irü ogen sint in minü geblenket = oeuloa iugiier in me d^uofH 

habenty stant suspensis oultibus (h c). 



Büchlein lier Ewigen Weisheit. Kap. VII. 225 

gebäget. Wol im, der daz minnespil, den vrödentanz in bimelscher 
vrODae fln miner siteii, an miner Behauen hant in vrölicher sicher- 
lieit iemer eweklich tretten sol! Ein einges wiVHi, daz da so leb- 
tiefa ue klinget von mineni süzen munde, übertrifi'et aller engel aang, 
aller barphen klang, elM süzeD Beitenspil. £ja, IQg, ich bin als 
tnit[98']licb ze minnenne. ich hin als lieplicb ze timbvahenoe nnd 
so zartlicb der reinen niinnenden sele ze küssenne, daz ellü herzen 
nah mir s&ltin brechen. Ich bin kleinfftg nnd zAtetig und der lutreu 
sei ze allen zilen (:egenwürtig. Ich wone ir togenticben bi ze tische, 
ze bete, ze wege, ze stege; ich ker mich hin, ich ker mich her. 
Tn mir ist nüt, dnz mlBsevalle; in mir ist alles daz. daz da wol 
gefallet nah herzenwnnsch, nah sei begirde. Sich, icb bin als gar 
QU luter gät; dem dennoch in zit min ein einges trüpbli wirt, dem 
Wirt elln vröde nnd wollust diaer weit ein bitterkeit, alles göt und 
ere ein hinwerf nnd ein nnwert. Su werdent, die lieben, von miner 
anzen minne nmbgeben nnd verswemmet in daz einig ein ane ge- 
bildet minne nnd gesprochnü wort, und werdent gefriet nnd geflözet 
in daz gfit, danuan sü geflossen eint. Min minne kann och anva- 
hendfi herzen entladen von dem sweren laste der sunden, nnd in 
icinvries wolgemQtes luter herze geben und ein rein nngestrafet 
consciencl machen. Sag mir, waz ist in aller diser weit, daz die 



I wan wol im K der frödeo tanz E' tiimelscblioher Z 8 iemer 

fT" 3 f. UepUch FH 4 am Band Beraardng in Jnbilo E^F'F^Z 

und [ao] K 9 ititen) dingen K ir] in ff 9 f. ze bei ze tiach F 

u at. ze wege E' 11 [dai] daz E'FH da fehil F'Za 13 [ein] 

[El Ä 16 verBweioet [in] F 19 Blinde E^ in fehlt E'J" 20 rein 

1 TTÖdentanz, vgl, Strauch, Marg. Ebner XLVIII, 40 und Attm. 3. 383. 
8ff. Vt/l. Strophe 3 ait» dem ,.Mymnwi rythväeus de Nomine Jetu" (*n(<r 
t. S. Bemardi, cd. Mabißon Vcnetiie nni III, 797 f.): nü eanÜMV auaviui, 
t axiditur iueunäiu», nil cogitatur duiciut, quam Jetut Dei fiUua, und Strophe 
: Jaun deeu» angeUcum, in aure dulce canticum, in ore mtl mirißcum, in 
•it neetar eoelicum. Der Hyamui i»t, wenn nickt vom hl. Bernhard eelbet, 
iwh in nHntm Geitte und in »einer Schule gediclU*t: vgl TT, Brtmme, Der 
rm<M J. d. m. 1899. Aach im folgendvn sind Gedanken aiis dem JtAilue 
Inrttl. 9 t. Hm\ HU: praetau in choro, prauenn in Ihoro, in rnrnia, 

«a, IM clauttro, in foro. Vgl. dann Vita Kap. fiw (176,33 ff.j and Strophe Ä 
iJutrHu»: Jttum qtMtram in leetulo, clausa cordts cubiculo, privatim et in 
ikeo, quiteram amor« stdalo. 15 PhiL 3,8. 16f. daz einig: 6in =s &ott. 

tjp hei Strauch, Mqrg. Ebner, Anm. tu 69, 27. Hör. 63 : ipaos luo aeterno 
ulal principio. — ane gebildet minne := ohne die imaginea et »imilitudinti 
r. Mi, deren nur auf Erden tum Vtretändnis bedürfen. 



226 Büchlein der Ewigen Weisheit Kap. Vn. 

allein verwegen muge? Ellü disA weit m6ht] ein sogtan herz nfi 
widerwegen, wan der menseb, der mir allein sin herze gibet, der 
lebt wänklich und stirbet sicherlich^ und hat hie himelrieb und dort 
eweklich. 

Nu Iftg, ich han dir vil werte gegeben, und stan von dien 
allen in miner minneklichen Schönheit als unberuret, als daz firroa- 
ment von dinem minsten vingerlin, wan es 5ge nie gesach noch ore 
nie gehorte und in kein herze nie komen mohte. Doch so si dir 
dis entworfen ze einem underscheide miner süzen minne und der 
valschen zerganklichen minne. 1 

Der diener: Ach, du zarter wünklicher veltblüme, du ge- 
rointes herztrut in dien umbvangnen armen der reinen roinnenden 
sele, wie ist daz so kuntlich dem, der diu ie rehte enphant, nod 
wie ist es so selzen ze h6renne dem menschen, dem du unkunt bist, 
des herz und miit noch liplich ist! Ach herzkliches, unbegriSen-i 
liebes gftt, dis ist ein liebü stunde, dis ist ein süzes nu, und in dem 
müz ich dir uf tftn ein verborgen wunden, die min [99'] herze noh 
treit von diner siizen minne. Herr, gemeinsami in minne ist ab 
Wasser in füre: minneklicher herr, du weist, daz reht& inbrünstigt 
minne nit enmag kein zweiheit erliden. Ach, zarter einger heiri 
mins herzen und miner sele, daf umbe so begert min herz als innek- 
lichen, daz du sunderlich liebi und minne zft mir hettist, und das 
dinu götlicben ogen hettin ein sunderlicbes lustlich wolgevalleo in 
mir. Owe herr, du hast als vil minnender herzen, die dich herzek- 
liehen rainnent und die vil mit dir kunnen, owe, zarter truter herr, 1 
wa bin ich denn dar an? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Ich bin ein solichff 
minner, der in einikeit nit wirt verklemmet noch in der mengi ver- 



1 widerwegen (aus verwegen kon\) Z enmohte "FZ 7 dinem] mine« 
AK noch] und AKZ 14 den menschen den F 17 wunder F 18 M 
minne AF^ 24 f. herzkl. fehlt F 27 am Bande Bemardus super Cantic» 
E^F'F'Z 28verkleinet F^ noch — 28 f. ycrmenget fehlt F 

3 Hör. 6:2: quodammodo in praesenti gaudia inchoat, qu(U per aetei^ 
aaecida durani. 7 f. J Kor, 2j9. 9 Hör. l. c. : quasi ex abrupto pr<M* 

potius quam dicta. 11 Hohel. 5,7. 20 Hör, 63: amor mtensus $oci^ 

non patiturj non sustinet pluralitatem. 27 ff. Bemardus, sermo 69 in CaiA 

n, 2: pnmo quidem^ quod haheat in natura smplicissima spofisi divinitas quttd 
unum res^yicere multos et quasi multos unum. Nee ad multitudinem «mftat 
erit, nee ad paticitatem rarus etc. Vgl. Hör. 05 (Verklemmet = minoratur). 



Büchlein det Ewigen Weisheit. Knp. VII. 



227 



maget Ich bin mit dir allein ze allen ziten als gar bekümberet 
ind geflissen, wie ich mich dir alleiu geliebe und volbringe allee, 
tu zu dir gehöret, als ob ich aller ander dinge ledig stände. 

Der diener: Anima mea liijue facta est, ut dilectns 
ocutufi est. Wafen, wafen, wa bin ich hin verfiiretV Wie bin 
ch 80 gar verwiset, wie ist min sei so gar zerfloBsen von des ge- 
niaten vrüntlichen süzen worteo! Eva, ker dinü liechtä 5gen von 
oir. wan si hein mich gar verflöget. Wa ward ie herz so hert, 
ra wart ie sei so kalt und so lawe, die dinü süzen lebenden 
aiDnendü wort horti, du da so übermesseklich fürin sint, es müz 
Tweicben nnd erhitzen in diner süssen minneV Owe, wunder und 
TQoder ob allem wnnder, der dich also mit dien ögcii eins herzen 
ichüwet, <Iaz sin herz von minnen nit alles zerHüzet! Owe, wie 
«lig der minner Ist, der din gemahel heisset und ist! Waz mag 
sr eblich süzes trostes nnd verborgens liebes von dir enphahen! Eya, 
iiizü, zartü jnngfrow saut Agnes, der Ewigen Wisheit minnerin, 
ifh mobtest du dich dins lieben gemabels so wol gesten, do du 
ipreehe: „sin blftt hat minü wcngel rosvarwklicb gezieret!" Owe, 
Carter herr, wan were ich wirdig, daz min sele hiessi din minnerin! 
äich, were denn mugUch, daz ellü wollust, ellü vröde und minne, 
iie disü weit geleisten rnag, legi an einem menschen, den wölt ich 
niliche dar umb uf geben. Ach, [99'] gesach in got, daz er ie 
gebom wart an dis weit, der din minner heisset und ist! Hetti doch 
ein menscfai tusent übe. die s&lt er dar umb wagen, daz er dich 
k&nde erwerben. ir alle gottesvründe, alles himelsches her, und 
iJu. liebü jnngfrow sant Agnes, helfent mir in bitten, wan ich enwiste 
nie reht, waz sin minne was! Acb, berze mins, leg abe, t(i hine 



H Rande Ängustinua E^fyZ ze a. n 
f/Mt F G war AF 7 liechtü] miltco F i 

10 mäste AKaFF' 17 dich] dick K 
|fu dise w. ie geb. w. J?' 2ü du] dft E'Z 



gar fehlt E' ie kein 
22 dar uml) frhll AF 



tu hone 



nipolen 



Iff. Auffuttiitu«, Cotif. III, 11. 

■am, lanquam soluin eure«, it nie omnts, lanquam »ingulos. 
A Boktt. ä,e. 1 A.a. 0. 6,4. 10 ea = das Hert 15 Turborgeo! 

= quanta dulredine tibi quidtm sali riota, ab oculis a»lem eiinctoritm 
(tun ahneondita prrfraelur (Hör. H7 ) ! IS Mel et lac ex ort »tu» 

pl, et KaBgvui eiu» omatit getia» meaa, Antiphon au« der Malulin dt» 
* tUr hl. Affiit« (21. Jan.) nach deta Dominikaner- nud röntifchen Sre- 
35 H<w. /. c: adiuro no« omnig, o aettma« »apientiat ardenti»simi 
\, Amtm diriniffimae apongat ffh 





228 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. VII. 

alle tragkeit und Ifige, ob da vor dinem tSde dar zu mugest koroej 
daz du einer s&zen minne enphindest! Wie hasta so traklich an* 
so lawklicb da her gelebt! 

Owe, zartu, 8ch6nä, uzerweltü Wisbeit, wie kanst dn so reht 
wol ein minnekliebes liep sin ob allem dem liep diser weit! Wie 
ist din minne und der kreatur so ungelicb! Wie ist es ein so be- 
trogen ding, alles, daz in diser weit minneklich schinet und etwas 
wenet sin, so man es mit heinlicbi reht beginnet erkennen! Herr, 
wa ich minü ogen ie hin gekerte, da vand ich iemer ein ,nisi' und 
ein ^enwere daz'; wan waz da ein sch5n bilde, so was es gnadlosj 
was es sch6n und minneklich, so gebrast im wise, oder hatte es 
daz och, so vand ich iemer etwas, eintweder von innen oder von 
nznen, dem der ganze ker mins herzen widersprach. In heinlidu 
nnd in kuntscbaft fand ich, daz es sin selbs ein verdriessen uf in 
trfig. Owe aber dn, du Schönheit mit grundloser lätzelikeit, giaiH 
mit gestalt, wort mit wise, edli mit tugenden, richtfim mitgewalte, 
inwendigü vriheit und uzwendigü klarheit, und ein ding, daz ich io 
zit nie vand, daz ist: ein rehtes widerlegen nah genügde an kunnenoe 
und vermugenne und einem begirlichen wellenne eins reht minnendoi 
herzen ! So man dich ie bas erkennet, so man dich ie lieber gewinet; 9 
so man dir ie heinlicher ist, so man dich ie minneklicher yindet 
Wafen, wafen, wie bist du ein so grundloses, ganzes, luter git! 
SchSwent ellä herzen, wie die sint betrogen, die ir minne an it 
anders legent! Ach ir valschen minner, vliehent verre von mir, 
genahent mir niemer me, wan daz einig liep han ich minem herzen S 
US erkorn, da herze, sele, begirde und alle mine krefte allein gesattet 
werdent von inneklicher liebi, du da niemer zergat. Owe herr, 
könd ich dich uf min herz gezeichen, könde ich dich in daz innigoste 
mins herzen und miner ^ele mit guldinen bfichstaben gesmelzen, 
daz du niemer [100'] in mir vertilget wurdist! Owe jamer und* 
not, daz ich min herz nut ie und ie da mitte bekumberte! Wal 



2 siner] diner F 6 f. [so] betrogen JF^ 14 früntschaft F 181 an fc 
n. vermug. fehlt F^ 19 und an v. K^ reht miiin.] begirlichen F^ 2S giitf* 
fehlt E^ 25 in minem h. ÄFF^ 26 gesattet] geaamnet F^ 28 geaechcni 
geziehen F 

« 

9ft\ Hör. 68: fateor mt ... invenisse hoc, quod in proverbio dieÜMr: ^ 
caruere nisiy non sunt oculis mihi visiy . . . nam si aderat pulchrütido corpifriii 
(Uerat formoaitas mentis; subiectum delicatum nonnunquam morum imeemft 
sitione . , . peccabat : wise = Art sich zu gehen , feine Sitte (Buht) im Gtge^ 
satg zur rusticitas generis (l. cj. 16 wort mit wiae = Text und 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. VIII. 229 

babe ich von allen minen minnern, denn yerlorues zit, vervarnü wort^ 
ek 1er hand^ wenig guter werke und ein geladen gewissen! mit 
gebresten? Zarter herr^ töde mich e in diner minne, wan von 
dinen minneklichen Tuzen enwil ich niemer me gesebeiden! 
5 Entwurt der Ewigen Wisheit: Ich värkum sü^ die mich 

sAcbent und enphahe sü mit lieplicher yr5d, die miner minne be- 
gerent AUeS; daz du 5cb in zit enphinden mäht miner süzen minne^ 
daz ist als ein tröphlin gegen dem mer gegen der minne der ewikeit. 



Vm. Kapitel. 

10 Ctn narlchtnnge drier dinge, du einem minner aller meist 
nohtia an got widerstan. Daz ein ist: wie er so zomlich 
mng geschinen nnd doch so minnklich sin. 

Der diener: Ach zarter herre, nu wandert mich drier dinge 
als inneklichen vaste. Daz ein ist: daz du als überminneklich bist 
^ an dir selben, nnd du doch ein als gar strenge richter bist der 
nriteetat. Herr, wenn ich mich hinderdenk an din grimmen gerehti- 
kdt, so schriet min herz mit senlicher stimme: we, we allen dien, 
die iemer gesündent, wan wüstin sü die strengen rehtvertikeit, die 
du also swjgende wilt ane alle widerred haben von einer ieklichen 
80 Bünde, dennoch von dinen aller liebsten vrunden, sü soltin in selber 
6 die zene und daz bar us zerren, e daz su dich iemer erzurndin. 
Owe, din zomliches antlät ist so gar grimme, din unwertliches von- 
1 keren ist so unlidig, we mir, und dinü vientlichen wort sint so gar 
1^ ftrin, daz sü durchschnident durch herz und durch sele. Owe herr, 
f* beschirme mich vor dinem zornlichen antlüt, und gespar din räche 
L 8^n mir nit an ene weit. Sich, so ich allein einen arkwan hab, 
4tt da von minen verschalten gebresten din antlüt habest unwert- 
lich von mir gewendet, herr, daz ist mir so unlidig, daz mir nüt 
in diaer witen weit so reht bitter ist. Owe, herre und getrüwe vater 
^^Jöine, wie sSlti denn min herz din grüwliches antlüt iemer erliden ! 
Aeh, wenne ich reht gedenk au din entstaltes zornliches antlüte, so 
^rt min sei als gar ergremmet, ellü min kraft erzittret als gar, daz 



6 m. sfizen minne F^ 11 an ^ot fehlt A au ^. mohtln Ka 13 d. 
fiener fMt E^H 20 f. [in selber] e die zene u. d. har in lassen uz z. F 
Ä 00 reht nnl. F^ we mir fehU F^ 24 und [tUirch] Fa die sele AK 
oh g, mir E^Z 27 f. von m. unw. Z 



230 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. IX. 

ich im enkein gelich kan geben, denn als so der bimel beginn 
tanklen und swarzen und [100^] daz für in dien wnlken wütet, ni 
ein starke tonre den wölken zerret, daz daz ertrich erbidemet, m 
denn du fürin strale schüsset gegen einem menschen. Herr, niem; 
laze sich an diu swigen, wan gewerlich din stilles swigen geral 
ze jüngste ze einem grimmen tonren. Herr, din zomliches antlu 
dins yetteriichen zornes ist dennoch einem menschen, der di< 
YÜrchtet ze erzürnenne und ze verlierenne, ein helle ob aller he 
— ich wil geswigen dez grimmen antlütes, daz die b6sen an de; 
jüngsten tag mit herzleide müssen sehen. We, we nnd iemer iv 
dien, die des grozen jamers beitent sint! 

Herr, dis ist in miuem herzen ein groz wunder, und du dod 
spri ehest, daz du als minneklich siest? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Ich bin daz unwanddber 
gut und stan gelich und bin gelich. Aber daz ich ungelich schine^ 
daz kumt von ungelicheit dero, die mich ungelich mit sünde oihI 
ane sünde sehent. Ich bin minneklich an miner nature, und bii 
aber doch ein vorhtliche rihter der missetat. Ich wil von minen 
TTÜnden kintlich vorhte und lieplich minne haben, daz sü die vorbte 
ze allen ziten uf enthalt vor Sünden, und du minne mir vereine mit 
ganzen trüwen. 



IX. Kapitel. 

Daz ander : war nmbe er sich sinen Trdnden dik nah herdist^ 
enzühet, und wa bi man sin waren gegen würtkeit erkeni^ti 

Der diener: Herre, es ist alles nah herzen wünsch denn ditf- 
Gewerlichen, herre, so ein sei recht kreftlos wirt nah dir und nach 
dem süzen miunekosen diner süzen gegen würtikeit, herr, so swig«^ 
du und sprichest ein einig wort nit, daz man mug gehören. Ow^j 
min herr, sol daz nit we tun, so du, zarter herr, bist ^az einil 



3 daz daz — erbid. fehlt AK 7 din vetterliche zom AZ 10 «eke^. 
jehen F iemer me E^ 16 mit sönden FZa 17 und bin fehU K 84 be- 
kennet F 25 d. diener fehlt H 

19 ff. Hör, 72: ehetos meos in hoc mundo timoretn pariter ei afnomi Äij^ 
habere expedit, ut et timor semper animam solUcitana a naxüs r§trakat ex(ß 
aihus, et amor laetificans erigat ad supema, 28 L, e, : subtraetio ükä 

contra votum diligentia. Vgl, zum ganzen iCapitel David wm Augi^mrg^ D 
compos, IIIj 69, 23 Hör, 73 : nullum omnino dai inteUigünle n 



Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. IX. 231 

nterweltes herzli«p, und du dich denne als yrömdeklich gebarest 
nnd als stille swigest? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Mich rüfent doch alle 
kreataren^ daz ich es si. 
5 Derdiener: Owe, herr, es ist einer verseneden sei hier an 
oit g:enüg. 

Entwürt der Ewigen Wisheit: So ist ein ieklich wort, 

daz von mir gesprochen wirt, ein minnebötlin zu ir herzen, und ein 

ieklich wort der heiligen schrift, daz von mir geschriben ist, ein 

losozer minnebriefy als ob ich in ir selber hete geschriben. Sol si 

dar an nit genügen? 

Der diener: Owe, zartes, az[101 'Jerweltes liep, nu weist du 
doch wol, daz einem minnenden herzen ungenflg ist alles, daz sin 
ehiig lieb, sin einig trost nit selber ist. Herr, du bist als gar ein 

KtrailiehSy uzerweltes, grundloses liep, sich, und daz dich mir aller 
engel znngen sprechin, so tringet und ringet du grundelos minne 
alles nah dem einen, den si da begert. Ein minnendu sele neme 
dich doch vnr daz himelrich, wan du bist ir himelrich. Owe herr, 
da göltist, getdrste ich es sprechen, dien armen minnenden herzen 

H) ein klein gelöbiger sin, du da nah dir darbeut und torrent, d6 so 
mengen inneklichen grundlosen süfzen nach dir, ir einigem liebe, 
lazent, du so ellendklich nah dir uf sebent und mit herzklicher 
atimme sprechent: „revertere, revertere!" und mit in selber einredent 
nnd sprechent: „owe, wenest du, ob du in habest erzürnet, und ob 

* er dich welle lazen vam ? Wenest du, ob er iemer me dir welle 
wider geben sin minneklichen gegenwurtikeit, daz du in mit dien 
snoen dins herzen minneklich umbvahest und in din herz truckest, 
dai alles din leid verswinde ?** 

Herre, dis hörst du und weist, und swigest? 



3 f. am Rande Paulus E^F^F'^Z 5 owe, zarter herr AKa 18 wan 

** himelr. fehlt F 19 gesprechen FZ 20 tiirrent aus trurent korr, E^ 

21 grundlosen fehlt JP* 22 du do so F 26 f. ob er dir iemer me wider 
»eüe g. E^ 29 du feMi K 

3 Vgl, Rom. l^iO, 11^36, Hör, l, c. : magnitudo et puXchriiudo cuiusltbet 
cnaturae poierit pro me reapondere, 9 f. Z. c. ; quamlihet paginam (sacrae 

fcripiurae) pro liiera amoroea . . . euscipiat. Vgl. Greg, ilf., Reg. F, 46 (Mon, 
Oerm, Ep. /, 34Ö) : quid est autem scripiura sacra nisi quaedam epistola omni' 
dei ad ereaturam euam? 15 daz = etiamai (Hör. 74). 

28 Hohü, 6,12; einredent = secum confabtUantur (Hör. l c). 



232 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. IX. 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Ich weiss es und Bibe 
es mit begirlichem herzlaste. 

Du Wisheit vraget: Nn entwärt mir och einer vrage, sider 
du als togenlichen fündlest : waz ist daz, daz dem h6hsten geschaf- 
nen geist aller best smacket under allen dingen? I 

Der diener: öwe herr, daz beger ich von dir ze wissenDe, 
wan dö vrage ist mir ze hohe. 

Entwürt der Ewigen Wisheit: So wil aber ich dir es 
sagen. Dem obresten engel smakt not baz, denn minem willen 
gnüg sin in allen dingen; und wüsti er, daz min lob gelege anH 
neslan uz brechen und ander unkrut, daz were im daz begirlicbest 
ze volbringenne. 

Der diener: Ach herre, wie schiebest du mich an diser 
yrage ! Wan du meinest, daz ich mich halte ledklich und gelazenlieb 
an luste, und din lob allein suche in hertikeit als in der suzikeitfl 

EntwArt der Ewigen Wisheit: Ein gelazenheit ob aller 
gelazenbeit ist gelazen sin in gelazenheit. 

Der diener: Owe herr, es tut aber als gar we, 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Wa wirt du tugent b^ 
weret, denn in der widerwertikeit? Aber doch so [101^] wussest,* 
daz ich dik kum und beger eines inganges in min hus^ so es mir 
verseit wirt; dik wird ich enphangen als ein bilgri, und wird QQ- 
wirdeklich gehalten und schiere us getriben. Aber ich kum zu min^ 
geminten selb selber, und hab ein minnekliches wonen bi ir; aber 
daz geschiht als togenlich, daz es gar verborgen ist allen menscben^ fl 
denn allein dien, die als gar abgescheiden sint und miner weg war 
nement, die ze allen ziten uf der läge stant, daz sü miner gnade 
gnüg sien. Wan ich bin nah miner gotheit ein Inter wesentlicber 
geist, und wirde geistlichen in den luteren geisten enphangeo. 

Der diener: Zarter herr, mich dunket, du siest gar ein tSgen-* 
lieber minner; dar umb beger ich, daz du mir etlichü zeichen gebest 
diner waren gegenwürtikeit. 



5 smake i'* 6 daz] des 1'? 9 den obersten engelen F 10 lege £* 

13 diser] diner F 16 herzeleit F der fehlt E^F 21 daz daz FP 

22 und w. — 23 us getr. fehlt K 25 daz — tog. fehlt F 29 in d. L geisten 
fthlt AK in dem 1. geist F 

16 f. Dieser Sprt^ch wird in d$m Traktat von den drei Fragen fM tef^ 
sprichet: ein gelassenheit etc., bei Denifle, Tauler a Bekehrung 1879, 140) wU 
darnach in Rülman Mersicins Traktat von den drei Durchbrüchtm (JuM^ 
Histoire du panthiisme populaire au moyen-äge 1875, 217) sUiert. 



Mehlrin der Ewigen Weiaheit. Knp. IX. 233 

Entwnrt der Ewigen Wisheit: Min waren gegenwärtikeit 

[ennest dn in keiner wiae als wol als hier inne : gwenne icb mich 

Mfge und daz mine von der eele gezühe, m wirst du erst innan, 

wer ich bin ald du. Ich bin daz ewig gttt, aue daz gflt oieman 

IDt gätes hat; und dar umb, so ich mich, daz ewig gät, als gütlich 

\i als minneklich entgusse, so gütet sieb nlles daz, da icb hine 

le, da bi man min gegenwürtikeit mag erkennen, als die sonuen 

rir glaste, die mau docb an ir subetanci nüt sehen mag. Befunde 

niu ie. so gang in dich selber, und lerne die rösen von den 

len scheiden und die biAmen von dem grase us lesen. 

Der diener; Herr, gewerlieh, icb efich und vinde in mir ein 
groz unglieheit. Swenne ich stan in gelassen Ijeit, so ist min 
ll als ein sieirhe meni^ch, dem nüt uol smaket, dem ellii ding uq- 
ntig sint; der lib ist trege, der müt ist swere, inwendigü hertikeit 
Dod nswendigii ti'urikeit. Mich vordrüzet denne alles, daz icb sihe 
Dud h6re und weis, swie gut es ist, wan mir enpballet alle glimpf. 
Ich bin deune geneiget ze gebresten, krank ze widerstene dien 
Tienden, kalt und law ze allen guten dingen. Swer mich au kuniet, 
der vindet ein Ödes bus. wan der wirt ist da heime nit, der da 
bn rat git und von dem daz Ingesinde alles wolgemfit ist. 

HeiT, so aber der liebte morgeusteine nf bricbet enmitten in 
sele, so zergat alles leid, es verswindet ellü vinBtri und gat 
die lieht beitri, herr, so lachet min berz, so [102'] hüget sich 
gemäte, so vröwet sieb min sele, so ist mir als reht bohzitklicb, 
alles, daz in mir und an mir Ist, verkert sich in dJn lob. Swaz 
le swercs, mülicfaes und uiiranglichea whz. daz wirt alles übte 
eüze: vasten, wachen, betten, liden, miden nud ellü strenkeit 
genzklich vernibtet in der gegenwürtikeit. Icli gewinne denn 
»ig groz vermesHcnheit, der ich doch ab gan in gelazenheit. Du 
wirt mit klarheit und warheit und süzekeit durcbgossen, daz si 

4 wer iifh [bin] ald dn biat E^Ff fbist raditrt AV 7 min wären 

Inw. AKaF ob die a. — 8 sehen mag f»Mt AK 9 gang-] lang K 
hm fthU AK 11 f. [ein] gar AK 13 dem nöi w. Kinaket fehU AK 
illes des, daz AKaF^ 16 wan frhit AK 26 wirt dii' FF^ 

it. Domen und Grat beileutea den menschlichen, Bonen und Blumen dm 
ihtti Trott, 14 B-or. TU: cordis durüia ac spirüua trittüia genUlvr. 

■ü L. c: paterfamiliat omaea domaticos btntdictiom el hHaritaU rtplnu 
tu. 28 f. ffor. BO daiUlicher: in ta quoque hora gratiae Bjiiiäuatie 

*mendart, moru corrigere ae multa bona factre /iropono, guae gratxa 
»te, ht», minimt ad efftclum pei-dueo. 



^ 



234 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. IX. 

aller arbeit vergisset. Daz herz kan suzklich betrahten^ du zang 
höh sprechen, der lip cllA ding geriugklich an grifen^ and 8we 
n&wan sftehet, der vindet denne hohen rat alles, des er begeret 
Mir ist denne, wie ich habe Abergangen stat und zit, und stände ii 
dem vorhove ewiger selikeit. Ach herr, wer git mir, daz es nüwai 
lang werti! Wan geswind in eime Sgenblike wirt es verzucket, onc 
bin denn bloz und gelazen, etwenn gnü nah, als ob ich es nie hett 
gewunnen, unz daz es aber nach herzklichem jamer wider kamt 
Ach herr, bist du daz, oder bin ich es, oder waz ist es? 

Entwurt der Ewigen Wisheit: Du bist und hast voodii 
not denn gebresten; ich bin es, und dis ist der minne spil. 

Der diener: Herr, waz ist der minne spil? 

Entwurt der Ewigen Wisheit: Alle die wile liep bi 
liebe ist, so enweis liep nit, wie liep liep ist; swenn aber liep yoi 
liep gescheidet, so enphindet erst liep, wie lieb lieb waz. 

Der diener: Herr dis ist ein muliches spil. Ach herr, wir 
du wandelberkeit ut ab geleit an keinem menschen in zit? 

Entw&rt der Ewigen Wisheit: An vil wenig menscheii 
wan dö unwandelberkeit gehört zu der ewikeit. 

Der diener: Welü sint du menschen? 

Entwurt der Ewigen Wisheit: DA aller lutersten an 
der ewikeit du aller glichsten. 

Der diener: Herr, welü sint du? 

Entwurt der Ewigen Wisheit: Daz sint du menschet 
d& alles mittel aller genötest hein ab geleit. 

Der diener: Zarter herr, lere mich, wie ich mich nach min€ 
nnyolkomenheit hier inne säl halten. 



2 beringklich AK 3 des] daz iC 5 es] ich (!) iC 11 dis] du i 
17 unwandelbarkeit FF^ 18 am Rande Bemardus E^F^F^Z 26 nac] 
in AK 

13 ff. X. c. : hoc enim proprium amoria esse solet, ut, quanius sü, praiseni 
amabili lateat, recedente vero magis percipiaiur. 17 wandelberkeit = Weeki^ 
Mwischen fühlbarer Gnade und geistlicher Trockenheit (vicissiiudo Visitation 
Hör. l, c, ; ähnlich auch Bernardus, sermo 32 in Cant, n. 2). 18 BemanM» 

De dilig. Deo 10 n. 27; U n. 39. Vgl. auch Bdw Kap. 4 gegen Schluss. Bor. 
l. c: paucissimi; nimirum tania divinorum in homine patiicipatto staJnVte^ 
est quasi quaedam inchoatio aetemitatis. 21 Hör, 61 : hi s%uU, qm MMi 

purissimis affectibus ab infimis abstracti et longo iam usu et exereitio dmforwä 
quodammodo effecti divinis rebus continue uniuntur. 25 Z. c. : ^i JN 

secessum mentis perfectissime omne medium dividens deum et annmam tatß ak 
critate deposuerunt. 27 hier inne besieht sich auf wandelberkeit fiuile 



M Büchlein der Ewigen Weisheit. Kup. IX. 235 

■ Entwürt der Ewigen Wisheit; Du solt in dien göten 

H b^n die bösen an sehen, und in dien busen der giften nit ver- 
M ge»Ben, so enkan dir weder liberuiiitikeit in der gegen wiii-tikeit, noch 
r ifrarmütikeit in gelazenheit gescbadeii. Entnabt du von diner klein- 
1 bell dich nob nit min verzifaen nah luste, bo hab [102'] docb min 
GH gedaltig heiten nnd ein minneklicbes suchen. 

Der diener: Owe herr, langes heilen daz tfit wel 

Entwiirt der Ewigen Wisheit: Nu müzz er wol nnd we 

Ingen, swer in zit kein liep wil haben. Es genüget tiit dar an, 

10 daz man ein zit des tages mir git, er nifiz ein stetes innebliben 

hun. der gotes inrlich bevinden wil und sinn heiniUchü wort gehören 

und sin tÖgen sinne gemerken wil. 

Eyn, wie last du dinü ögen und din herze so unbednhteklich 
Bnibe gan, und du daz wünkÜch, daz ewig bilde, hast vor dir 
'Kuände, daz mit einem ogenblike niemer ab dir gewenketi Wie 
lazesl du dir dinä oren endrinnen, und ich zft dir so manig minnek- 
lich Wort spriehe! Wie vergissest du din selbes so berlich, und du 
mit dem ewigen gute so gegen wftrtikli eh umbgeben bist! Waz 
flehet dti sei in keiner nsserkeit, dii daz bimejricli so tügenlich in 
ire treit V 

Der diener: Herre, waz ist daz himelricb, daz in der seleist? 
Entwiirt der Ewigen Wisheit: Daz ist gerehtikeit und 
Trid nnd vr6d in dem heiligen geiste. 

Der diener: Herre, ich erkenne an diser red, daz du mengen 
'erbwgnen wandel hast in der sele, der ir gar verborgen ist, und 
du du die sele zühest in tögenheit und wisest wol müzklicb in die 
xinDe nnd bekantnüsse diner hohen gotheit, dii da vor allein be- 
kiSmbert waz mit diner suzen menscheit. 



1 am Rande Salomon E'F'HZ 7 herre rot diirchstr. i' 8 am 

■"«wie BemarduH E^Z 9 benaget mich nit !■' 16 bo eniir. Z 21 herre 
ftUlAR [daz] bimelr. AK 22 am Randt Paulue E'F'Z 24 rede wol £< 
H Itgenlicheit Z 

1—2 Siiach 11^. Vgl. David von Augsburg l. c. (td. QtMiaeehi 371). 
3f. Bor, I.e.: Kc U quidei» n«c üi praaentüi grattat ultra modHtn extoUa», 
"K in abufUia ultra quam expedii depnmai, 7 Vgl, Sprkhte. 13,12. 

8 Vgl. Btrnardv», ttrmu 61 in Cant, n. 1. 10 Hör. 69: unam hvntlam 

Umpi/ri». 13 f. L. e.: cur inquam vagahunda corde et oeulis ti-emutit ae 

m ßnta urbi/i terrae rotalU »lare eoratn lanla spansa pratsumü etc.? 
19 Vgl. Luk. 17,21. 22f. Rom. 14,17- 



L 



236 Büchlein der Ewigen Weisheit. Kap. X. 



X. Kapitel. 

Daz drite: war nmbe es got slnen yründen als reht übel in 

zit gestattet. 

Der diene r: Herre, so ist ein ding in minem herzen, getörste 
ich daz z& dir gesprechen? Ach, suzer herre, wan getörste ichna 
mit dinem nrlob mit dir disputieren als der heilig Jeremias! Zarter 
herr, nn z'um nit, and hör es gedultklicb! Herr, sü sprechent also: 
wie inneklich süze din minne und din vräntsehaft si, so last da si 
doch dinen vrunden under stunden gar sur werden mit mengem 
bitterlichem lidenne, daz du inen zfi sendest von versmechte tod ü 
aller der weit und von menger widerwertikeit, beidü uzwendig and 
inwendig. So ein mensch doch erst getrittet in din vrüntscbaft, 80 
ist der erste trit dar nah, daz er sich bereite und bewegenlich setie 
uf liden. Herr, dur dinü güti, waz mngen sü süzikeit hier inne 
ban, ald wie macht du es alles erliden an [103'] dinen yr&ndeD?! 
Oder gerfichest du es nit ze wissenne? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Als mich min vater 
minnet, also minne ich mine vrönde. Ich t&n miuen vründen na^ 
als ich in han getan von angenge der weit bis an disen bätigen tag. 

Der diener: Herr, daz ist, daz man klagt, und dar umb so 
sprechent s&, daz du so wenig vründen hast, wan du inen es so 
gar übel in diser weit gestattest. Herr, dar umbe ist ir och vil, 9€ 
sü dine vrüntscbaft erwerbent und sü in lidenne beweret son werdeOt 
daz sü dir abe gant, owe, und daz ich mit herzklicbem leid uaä 
mit bitterlichen trehnen mins herzen müs sprechen, daz sü denoc 
wider hinder sich gant uf daz, daz sü gelazen durch dich hatten. 
Herr mine, waz sprichest du hier zu? 

Entwürt der Ewigen Wisheit: Disü klage ist dero men- 



4 d. diener fehlt F' 6 nn fehlt AK 16 nit fMi F 17 am 

Sande Ewangelium F^Z 19 in fehlt AFa disen] den JP 20 ist och ^ 
da klagt F^ 21 es in Z 22 gest. in d. w. E^ 23 son bew. w. P 

28 am Band In coUacionibus patrum E^F-Z diso] du FF^ 

1 Kap. 10—12 auch hei Wackemagel a. a. 0. 1039—62. Kap. 10 i^ 
im Hör, 83 ff. (c. 9) in erweiterter und gros/tartiger Weise durchgeführt* 

6 Jerm. 1.9,1 f. 7 sü = die Menschen. 12 f. SifXich 2,1 f. 

17 f. Jöh. 15,9. Ergänze nach dem Hör. 87: mein (Christi) Leben war voS 
Leiden, der Jünger ist aber nicht über dem Meister (Joh. 15,18; Luk. 6,40), 

28—237,2 Joh. Cassianus, Collat. VI, 2 (Hör. 88). 



BüchieJD iler Enigeii Weisheit. Knp. XI. 



237 



«eben, da krankes globen siot nnd kleiner werke, lawes lebenes nnd 
ODgeübtes geistes. Aber du, gemintü, wol uf mit dinem mftte nsser 
dem horwe und der tiefen lacbun liplicber wollnat! Eutechlüs din 
inren sinne, tft uf dinü geistlichen ogen nnd Ifig, nim eben war, waz 
£ dn bist, wa du bist und war du borest; sieb, so mäht da giifen, 
daz ich minen vTiinden daz aller minneklicbest tön. 

Da bist nach dinem nat