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Weigand 

Deutsches Wörterbuch 



Zweiter Band 
L bis Z 






Deutsches Wörterbuch 



von 



Fr. L. K. Weigand 



Fünfte Auflage 

in der neusten für Deutschland, Österreich und die Schweiz 
gültigen amtüchen Rechtschreibung 



Nach des Yerfassers Tode vollständig neu bearbeitet von 
Karl von Bahder Herman Hirt Karl Kant 

a. 0. Prof. a. d. Univ. Leipzig a. o. Prof. a. ä. Univ. Leipzig Privatgelehrtem in Leipzig 

Herausgegeben von Herman Hirt 



Zweiter Band 

L bis jLt 



0-' 



Verlag von Alfred Töpelmann 
(vormals J. Ricker) Gießen 1910 



Das zweite Quellen -Verzeichnis 
befindet sich am Schlüsse dieses Bandes 



idm^ 



Lab 



Labyrinth 



Lab, n. (-[e]s, PI. -e): Mittel zum Ge- 
rinnenmachen. Mhd. lap n., Iahe f., ahd. Iah, 
mnd. laf n. Verw. mit mhd. liheren, ahd. lihe- 
rön «gerinnen» (s. geliefern), auch mit ältex-nhd. 
Luppe, Luppe, Lippe f., Lijrp n. (mnd, lip) \ 
«die Milch gerinnen machender Saft», mhd, 1 
koeseluppe, -lüppe, ahd, chesüuppa f., sowie! 
mhd. lüppe n., ahd. luppi n. «tödlicher Saft, 
Vergiftung, Zauber, Zauberei», got. luhjaleisei 
f. «Giftkunde, Zauberei», ags, lybh n. «Arznei, 
Gift», anord. lyfn. «Heilkraut, Arznei». Falls , 
zu letzterm air. luih «Kraut, Strauch, Pflanze» 
gehört, wäre es nicht mit L. verwandt. ABL. 
laben, v.: durch L. gerinnen machen, bei 
Schottel 1663 lääben, im 15. Jh. leheii (Diefenb. 
gl. 128 c). ZUS. Labkraut, n.: die Pflanze 
craliura verum. Im 16. Jh. Im Berner Ober- 
lunäChäslahkraut, benannt, weil Blüten, Kraut 
u. Wurzel als Lah dienen. Labmagen, m.: 
der als Lah dienende Magen junger saugender 
Wiederkäuer usw., 1642 bei Duez. 

Laban, m. (-s): schlaffer Mensch, bes. in 
der RA. langer L. Nordd. Auch ins Dan. ge- 
drungen. Daneben schles. Labänder, eis. Laher 
«großer, unverständiger Mensch». Wohl auf 
den Namen Laban zurückgehend unter Ein- 
wirkung des folgenden lab- «schwach, schlaff». 
Vgl. aber auch Schröder Streckf. 42. 

labb(e)rig, adj.: gehaltlos, fade (von 
Flüssigkeiten). InNorddtschld. weit verbreitet. 
Von labbern, v.: (seemännisch) schlaff werden, 
ndl. labberen, labben. Dazu auch Labbe f. 
(s. labern). Vielleicht mit Lappen verwandt 
(s, d, und labern). 

Labe, f. (ohne PI.): Belebung zu frischerm 
Dasein. Mhd. labe, ahd. laba f. laben, v., 
mhd. laben, ahd. lahon, laben «waschen, er- 
quicken», aus lat. laväre «waschen, baden». 
ABL. Labung, f., mhd. labunge, ahd. la- 
bunga f,; Labsal, n. {-[e]s, PI. -e), unüblich 
f., mhd. lahesal n. 

Laberdan, m. (-s, PI. -e): gepökelter 
Kabeljau. 1687 bei Hohberg 2, 605^; 1644 
bei Duez 27 Laperthan, nd. labherdän, aus 
ndl. lahberdaan, abberdaan f., 1598 ahberdaen, 

We ig and, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. IL Bd. 



auch slahherdaen, dazu engl, haberdine, afrz. 
habordean «Labberdan». Ursprung unbekannt, 
weder von der Stadt Äberdeen in Schottl., noch 
dem baskisch. Landstrich Lahowdain [tractus 
Laburdamcs) bei Bayonne (lat. Laburdum). 

labern, v. : einfältig reden, schwätzen (md., 
auch bei Wieland); leckend trinken (schles.). 
Von md. nd. Labbe (PI. -n) f. «Lippe, Mund», 
eig. «Hängelippe» (1691 bei Stieler), s. Laffe. 

labet in l. sein, l. werden: das Karten- 
spiel verloren haben, verlieren und dafür den 
Strafeinsatz setzen müssen. 1673 bei Chr. 
Weise Erzn. 169 Labeth sein, 1675 bei Abele 
künstl. ünordn. 4, 268 Laheten spielen, 1678 
bei Krämer Labet iverden, Labetspiel. Aus 
frz. la bete (ital.-lat. bestia f.) «Tier, Dumm- 
kopf», im Kartenspiel «Strafsatz, Spieleinsatz 
des Verlierenden» (in der frz. EA. faire la 
bete «einen dummen Streich [gleichsam den 
Dummkopf] machen, das Spiel verlieren und 
so den Strafsatz tragen», eig. «das Lasttier 
machen»), 

Labkraut, Labmagen, s. Lab. 

laborieren, v.: mit Mühe arbeiten, bes 
chemische Arbeiten verrichten; an etw. leiden 
womit behaftet sein. 1617 im t. Michel 26 
1418 sich l. «sich mühen, tätig sein» (Lilien 
cron 1, 236^, 456), aus lat. laböräre «arbeiten 
leidend, krank sein». Laborant, m. (-en 
PI. -en): chemischer Arbeiter, 1694 bei Neh 
ring, aus lat. labörans (Gen. -antis), Part 
Präs. von laböräre. Laboratorium, n. {-s. 
PI. -rien): Arbeitsstätte des Chemikers, Apo 
thekers usw., 1562 bei Mathesius Sar, 265** 

Labyrinth, n. (-[e]s, PI. -e) : Irrgebäude, 
Irrgarten usw.; unentwirrbare Sache, Bei 
Zwingli 2, 2, 245 f., 1561 bei Maaler und noch 
bei Wieland Idris 138 Mask.; Labrinthumb 
bei H. Sachs 3, 191 aus gr.-lat. labyrinthus, 
gr. XaßüpivGoc m., das wohl aus der Sprache 
der vorgriechischen Bevölkerung stammt, ab- 
geleitet von karisch-kretisch Xctßpuc «Doppel- 
axt», dem Symbol des kretischen Zeus. Eig. 
wohl nur Bezeichnung des Palastes der alten 

ki-etischen Könige. ABL. labyrinthisch, 

1 



Lach 



Lack 



adj., im 16. Jh. (bei Paracelsus, Fischart Garg. 
151), aus spätlat. lahyrintJiicus. 

Lach,m.: einzelner Lachton (Goethe 39, 54). 
Mhd. lach m., noch wetterau. Lach, PI. Lach, 
Schweiz. Lach m., eis. Lach f. «Gelächter». 
Von lachen (s. d.). 

■^ Lache, f. (PI. -n): ein in einen Baum 
gehaunes Merkzeichen, Einschnitt in Nadel- 
holz zum Harzausfluß. Mhd. lache, lächene 
f., ahd. and. Iah m., latinisiert lachus m. «Ein- 
schnitt in den Grenzbaum oder Grenzstein, 
Grenzzeichen». ABL. lachen, v.: (einen 
Waldbaum) durch einen Einschnitt oder ein- 
gehaunes Merkmal bezeichnen, mhd. lächenen, 
1165 lachen (de Lang Regesta 1, 252) «mit 
Kerben als Grenzzeichen versehen». ZUS. 
Lachhaum, auch Lochhaiim m. : Grenzbaum 
mit Merkzeichen, rahd. lachten)-, lo{i)chhoum, 
ahd. lähhoum m. (Grimm Rechtsalt. 545). 
Lachstein, m.: Grenzstein, Wegestein, 1777 
bei Adelung, spätmhd. läken-, lochstein. 

-Lache, f. (PI. -n): Pfütze, Tümpel. Mhd. 
lache, ahd.Zac/ta f. «Sumpf, Pfütze, Kotwasser», 
aber auch ahd. laccha (in cruntlaccha f. 
«Quelle»), bayr. im 15. — 16. Jh. lake (ZfdA. 
14, 171), jetzt Lacken f., 1562 bei Mathesius 
Sarepta 196^ Lake f., noch bei Krämer 1678, 
Rädlein 1711 Lacke f. neben Lache; dazu 
andd. in Ortsnamen laca, mnd. lake f. «seichte 
Stelle, Sumpf», ags.laku f. «Pfuhl», engl, lake 
«Landsee, Pfütze». Als Mask. 1561 beiMaaler 
Kaatlach und vielleicht schon ahd. lach m. 
Unsicher bleibt, ob L. aus lat. lacus m. «der 
See, (Quell-) Wasser, Röhrtrog, Bassin, Wanne» 
(ähnlich wie Weiher aus lat. vivärium) entl. 
ist, womit sich ein germ. Stamm vermischt 
hätte (ags. lagu, lago m. «See, Wassei*»). Eher 
zu leck, lecken (s. d.). Entl. abg. loky f. «Lache», 
^ Lache, f.: das Lachen (Klopstock öfter, 
Wieland, Voß), jetzt nur noch in eine L. 
aufschlagen, mhd. lache f. Von lachen, 
V.: Freude worüber in gewissen Gesichts- 
muskeln und schnell aufeinander folgenden, 
kurz abgebrochnen, stoßartigen Ausatmungen 
kundgeben. Schwachb. mhd. lachen, ahd. lachen, 
afries. hlakia, abgel. von glbd. starkem ahd. 
(h)lahhan (Prät. hloc), asächs. hlahan (Prät. 
hlög, Part, hlagan), mndl. lachen (Prät. loech, 
noch nndl. Part. Prät. gelachen), got. hlahjan 
iyx&i.hlöh), ags. hlehhan, hlihlian (Prät. hlöh\ 
engl, laugh, anord. hlceja (Prät. hlö), schwed. 
le (Prät. log), dän. le (Frät. loe). Urverw. 
mit gr. KXüjcceiv aus *klökj- «glucken». ABL. 
lächeln, v., mhd. lecheln (hinterlistig freund- 



lich sein), wovon mhd. lechelcere, lechler m. 
«Lächler». Lacher, m., 1556 beiFrisius 1162^. 
lächerig, adj.: zum Lachen gestimmt oder 
geneigt (1561 bei Maaler); zum Lachen rei- 
zend, lächerlich (l. 1537 bei Dasypodius, leche- 
rieh bei Luther 6, 82 W.). lächerlich, adj., 
mhd. lecherlich «lächelnd, zum Lachen rei- 
zend», lächern, V. impers,, 1777 bei Adelung. 

Lachgas, n.: Stickstoffoxydulgas, zum 
Betäuben verwendet. Im 19. Jh. 

■'Lachs, m. (Gen. -ses, PI. -se), Name 
des Salmes in gewissen Entwicklungsstadien 
oder in gei-äuchei-tem Zustande; bildl. für 
Geld (md., bei Bürger 426.) In eig. Bed. 
mhd.- ahd. lahs m. (PI. mhd. lehse); dazu and. 
lahs, mnd. lass, ags. leax, anord.-schwed.-dän. 
lax m. Urverw. mit lit. läsis, lasisä, apreuß. 
lasasso, lett. lasis «Lachs», lasens «Lachs- 
forelle», russ. lososi m. «Lachsforelle», tschech. 
losos, poln. ioso^ m. «Lachs». ZUS. Lachs- 
forelle, f. : der Fisch salmo trutta, im 16. Jh. 
Lachsforel (bei Gesner de pisc. 147). 

"Lachs, m. (Gen. -es), ein feiner Dan- 
ziger Branntwein. 1747 in Dethardings Übers, 
von Holbergs politischem Kanngießer S. 66, 
bei Lessing 1, 511. Der Name von der Dan- 
ziger Branntweinfabrik zum Lachs. 

Lachstein, s. ^Lache. 

Lachtaube, f.: Taube mit Lachtönen, 
die ostindische Turteltaube (1734 bei Stein- 
bach); gern lachendes Mädchen. 

Lachter, f. (PI. -n), auch n. (-S, PI. wie 
Sg.): die Klafter, bes. im Bergbau, eig. das 
Maß der ausgespannten Arme. Mhd. lachter f., 
im Bergbau schon im 14. Jh. la(c)hter, nd.-ndl. 
lachter f., aber obd. Lafter f., mhd. läfter f. n., 
im 12. JTi. läfter e f. Nicht zu Klafter. L. 
könnte zu gr. Xaiußdveiv (Stamm Xaß) «nehmen, 
erfassen», aind. läbhate «faßt» gehören. 

•'Lack, ra. (-[e]s, PI. -e): ostind. Harz- 
saft zum Firnissen; aufgetragner glänzender 
Firnis; Siegellack (1663 bei Schottel Lack, 
Lakk n., 1678 bei Krämer Siegellack m.). 
In l.Bed. 1534 bei Franck Weltb. 220 '^ Lacca 
f., 1741 bei Frisch Lack f. u. n., 1678 bei 
Krämer Lack m.; dazu ndl. lak n. «Gummi-, 
Siegellack», 1599 bei Kilian lacke «arabischer 
Harzsaft». Aus glbd. ital. lacca, span.-port. 
laca, frz. laque f., mlat. im 14. Jh. lacca f. 
«Lackschildlaus sowie der von ihr herrühi-ende 
purpurne (fleischfarbne) Harzsaft», aus glbd. 
pers. lack, aind. läksa f., prakrit *lakkhä. 

^Lack, m. {-[e]s, PI. -e): die gelbe Viole, 
Goldlack, cheiranthus cheiri. Im 18. Jh. (1727 



lack 



Lady 



bei Hübner güldener L.), nach der glänzenden 
Lackfarbe (s. ^Lack) der Blüten, 

lack, adj.: lau, abgestanden (von Geträn- 
ken). In obd. u. nd, Mundarten. Unerklärt. 

Lackel, m. (s, PI. wie Sg.) : grober oder 
ungeschickter Mensch, Zierbengel; Metzger- 
hund. Bayi'., Schwab., eis., hess. u. von da auch 
nach Norddtschld. vorgedrungen. Viell. nach 
Melac, dem Xamen des Yerwüsters der Pfalz. 

lackieren, v.: Lackanstrich geben. 1712 
bei Hübner; 1678 bei Krämer lackziren «mit 
jCacÄ; vermischen», 1676 in dessen ital.-teutsch. 
Wtbch. lacciren, aus glbd. ital. laccare. Dafür 
1691 bei Stieler lacken. Letztres wie l. auch 
übertr. «betragen, reinfallen lassen». ABL. 
Lackierer, m., 17 19 bei Kramer. 

Lackmus, n. (Gen. wie Nom.): röthch- 
blauer Pflanzenfärbestoff. 1721 bei Jablonsky 
Lacmus, aus nd. lackmüs, lackmös n., von 
nndl. lackmoes n. (wonach nlat. lacca mu- 
sica f.), zgs. aus ndl. lak n. «Lack» u. moes n. 
«Kraut, Mus, dicker Brei». Die Pflanzen wer- 
den nämlich zu Brei gekocht, der, in längliche 
viereckige Stücke geformt, getrocknet wh-d. 

Lade, f. (PI. -n)-. tragbarer Aufbewah- 
rungsbehälter in Kastenform; Sarg (Goethe 
19, 178). Mhd. lade f. «Behälter, Kasten, 
Sarg»; dazu anord. hlada f. «Scheuer, Scheune, 
Ladebühne», schwed. lada, dän. lade «Scheuer». 
Von Haden, urspr. «Vorrichtung zum Beladen». 
In Verwechslung mit dem flg. Wort bayr. La- 
den m. für Lade, sowie in der Mark Branden- 
burg Lade f. für Laden. Vgl. Kinnlade. 

Laden, m. (-s, PI. Läden)-. Vorsatz zum 
Verschluß einer Fensteröffnung; Tisch zum 
Feilhalten und Auslegen von Waren; Ver- 
kaufsraum an öffentlicher Straße. Mhd. lade, 
laden m. (PI. laden, leden) «dickes Brett, 
Bohle, Fensterladen, Kaufladen». Wahrschein- 
lich verw. mit Latte (s. d.). RA. sich an den 
L. legen «sich (wie eine zur Schau ausgelegte 
Ware) sehen lassen, prahlen» (1673 bei Grim- 
melshausen Gepräng mit dem teutschen Michel 
Cap, 13, ebenso sich an L. lassen 1541 bei 
Franck Sprichw. 2, 100 ä). ABL. Ladner, 
m.: Ladendiener, 1502 bei Diefenb. nov. gl. 
286*^; Ladnerin, f.: Ladenmädchen, 1421 
ladnereyn (ebd.). Südd. ZUS. Ladendiener, 
m.: den Kleinverkauf besorgender Diener, 1680 
bei Riemer polit. Maulaffe 16. Ladenhüter, 
m.: eine keinen Abgang aus dem Laden fin- 
dende Ware, 1660 bei Corvinus fons 1, 254^. 
Ladenschwengel, m.,verächthch für Laden- 
diener, 1808 bei Campe. 



^ laden, v. (Präs. lade, lädst, lädt, Prät. 
lud, Konj. lüde, Part, geladen): zum Tragen 
beschweren; ein Schießrohr mit Abzuschießen- 
dem beschweren, füllen (Mon. boica 2, 433 
vom J. 1449). ISIhd. laden (Prät. luot, Part. 
geladen) «aufladen, worein laden, beladen, 
belasten», ahd. {]i)ladan; dazu asächs.-ags. 
hladan, mndl. laden, afries. hlada, anord. 
hlada, got. hlapan (in afhlaßan «beladen»). 
Urverw. mit lit. kloti «hinbreiten» und mit 
anderm Präsenssuffix abg. kladq;, klasti «legen, 
stellen». Durch ^Mischung mit der Flexion 
des flg. laden (s. d.) zeigt sich vereinzelt ein 
schwaches Prät., schon mhd. selten ladete, 
mehrmals bei Schiller und Goethe, sowie 
häufiger die schw. 2. u. 8. Sg. Präs. ladest, 
ladet. ABL. Lader, m. {-s, PL wie Sg.): 
Güterverlader, auch in Zss. Ab-, Auf-, Aus- 
lader, im 15. Jh. lader (Tucher Baumeister- 
buch 105 von 1424f.), 1410 leder m. (Frankf. 
Reichscorresp. 1, 159); Gewehr, Geschütz 
Ladender, letzteres bes. auf Kriegsschiffen. 
Ladung, f.: das Aufladen sowie das Auf- 
geladne, die Last (mhd. ladunge f.); die in 
Feuerwaffen geladne Munition (1558 bei Rivius 
Büxenmeisterey 45*'). ZUS. Lad(e)stock, 
m.: Stock zum Laden des Gewehrs, 1691 bei 
Stieler, 1664 bei Duez Ladstecken m. 

^ laden, v. : wohin berufen, auffordern zu 
kommen (in Zss. ein-, vorladen). Von der 
urspr. schw. Flexion sind nur noch die 2., 3. 
Sg. Präs. ladest, ladet u. das Prät. ladete ge- 
bräuchlich, schon im 16. Jh. (bei Luther) 
mit Haden (s. d.) vollständig vermischt, daher 
2., 3. Sg. Präs. auch lädst, lädt, Prät. lud, in 
Part, nur geladen. Mhd. laden (Prät. ladete, 
latte, läte, aber auch schon luot u. Konj. 
lüede, Part, geladet, gelat, gelät, auch schon 
geladen), ahd. schwach ladon, laden; dazu 
asächs. ladoian, lathian, mndl. laden, afries. 
lathia, ladia, lata, ags. laäian, anord. laäa, 
got. lajtön «einladen, berufen» (dazu lapöns f. 
«Einladung, Berufung, Trost, Erlösung», Adv. 
laßaleikö «sehr gern»). Nach Meringer Idg. 
Forsch. 16, 144 von Laden in der Bedeutung 
«Brett», weil das Einladen durch Bretter, 
Kerbstöcke geschah. ABL. Lader, m. (-s, 
PI. wie Sg.): einer der ein-, vorladet, 1660 
bei Corvinus fons 1, 202 * Lader u. Laderin 
«Leichenbitter», im 15. Jh. lader «Hochzeits- 
bitter» (Nürnb. Polizeiordn. 76). Ladung, f.: 
Einladung, Vorladung, mhd. ladunge, ahd. 
ladunga f. 

Lady, f. (sprich ledi, PI. -s): Frau oder 

1* 



Lafette 



Laib 



8 



Fräulein vornebmen Standes in England. 1694 
bei Nehring. Das engl, lady, aus ags. hlcefdige, 
hlcefdie f. «Hausherrin», eig. «Brotherrin, Brot- 
verteilerin», von ags.hläfm. «Brot» (s. Laib) 
u. einem in anord. deigja f. «Ausgeberin, 
Verwalterin», erhaltnen Stamme. Vgl. Lord. 
Lafette, f. (PI. -n): Stückgestell des Ge- 
schützes. 1691 bei Stieler Lafet(e). 1656 bei 
Schreiber Büchsenmeisterdiscurs Lavete f., 
1617 bei Wallhausen Archeley Kriegskunst 67 
die Afuite, aus frz. l'a/füt, fiüher Vaffust (m.) 
«Schaft eines Feuerrohrs, Lade oder Gestell 
einer Kanone», von frz. füt m. «Schaft», ital. 
fusto m. «Stiel», lat. fustis m. «Knüttel, Stock». 
Laffe, m. (-n, PI. -n): alberner einge- 
bildeter Mensch. 1663 bei Schottel junger 
Laf, 1494 bei Brant Narr. 73, 29 die jungen 
Laffen, eig. «Lecker», zu mhd. laffen, ahd. 
laffan «lecken, schlürfen, schlappen», 1595 
bei Rollenhagen Froschm. 1, 2, 17, 132 Lafe f. 
«Hundemaul», md. nd. Labhet «Mund, Hänge- 
lippe». Eins mit Lappe m. (s. d.). 

Lage, f. (PL -n): Art des Liegens; in 
Reihe Gelegtes, Schicht (1626 bei Opitz Ar- 
genis 1, 428). Mhd. läge f. «das Liegen, Lebens- 
verhältnis, Beschaifenheit, Niederlage (Waren- 
lager), lauerndes Liegen», ahd. läga f. «Hinter- 
halt, Nachstellung», afries.- lege «Hinterhalt, 
Anlage». 

Lägel, Legel (öst.), n. (s, PL wie Sg.), 
unüblich f.: Fäßchen. Mhd. loegel, lägel n. 
u. l(Bgel{e), lägel{e) f., md. legel n., ahd. lägeitjla 
f.; Nebenform bayr. Lagen f. (ebenso in der 
Leipz. Stadtordn. von 1544 J. 1 *), mnd. läge f., 
mndl. leegel. Aus lat. lagena f. «Flasche», 
im Mlat. auch «Flüssigkeits- u. Trockenmaß», 
von gr. XdYÜvoc m. f. «Flasche». 

Lager, n. {-s, PL wie Sg.): Vorrichtung 
wie Ort des Liegens. Bei Luther aus dem 
Ostmd. (schon 1397 bei Haltaus 1153 lager n. 
aus dem Vogtland), aber mhd. leger n. «Heer-, 
Bett-, Kranken-, Tierlager, Grabstätte, Be- 
lagerung», auch läger (daher nhd. noch im 
17. Jh., sogar im 19. Jh. bei Rückert 1, 110 
Läger n., im PL noch bei Schiller Wallenst. Tod 
3, 13, Rückert 1, 316 Läger), adh. legar n. (das 
Heerlager heißt adh. heriherga f., heristal n.) ; 
dazu asächs. legar n. «Krankenlager», mnd, 
leg{g)er n., afries. legor, leger n. «das Liegen, 
die Lage», ags. leger n. «Stelle und Gestell 
des Liegens, Krankenlagers», got. ligrs m. 
«Bett, Beilager». ABL. lagern, v. (mit 
sein), bei Luther lagern, aber bei Opitz noch 
lägern, mhd. leger(e)n; refl. (mit haben) bei 



Luther sich lagern, mhd. sich legeren. Dazu 
Lagerung, f., 1691 bei Stieler, 1537 bei 
Dasypodius Lagerung. ZUS. Lagerbier, n., 
1716 bei Ludwig Lagerbier, mertzenbier, 
so im winter oder frühjahr gebrauet ist 
und sich lange halten kann, aber 1715 bei 
Amaranthes im heißen Sommer gebrautes 
stärker gehopftes Bier zum Halten, schon 
1469 md. lagirbir n. (Germ. 20, 50). Lager- 
statt, -statte, f., im 15. Jh. lager stat, mhd. 
leger stat f. «Ort des Liegens, Lager, Tier- 
lager, Grabstätte, Heerlager, Niederlage zu 
Verkauf»; im 17. Jh. bei A, Gryphius Lager- 
statt, 1734 bei Steinbach Lagerstädte. 

Lagune, f. (PL -n): seichter sumpfiger 
Meeresarm mit Inseln (Goethe Tageb. 1, 241), 
aus glbd. ital. laguna f., von lat. lacUna f. 
«Lache», zu lacus m. «See». 

lahm, adj,: aus Schwäche, krankhafter 
Steifheit in der Bewegung gehemmt. Bei 
Luther lam, auch lahm, mhd.-ahd. lam, urspr. 
«gliederschwach»; dazu asächs. üamo, and.-ndl. 
lam, afries. lom, lam, ags. lama, loma in 
schwacher Form, engl, lame, anord. lami 
«lahm, verkrüppelt», schwed.-dän. lam, sowie 
mit Ablaut ahd. luomi, mhd. lüeme «matt, 
schlatf », auch «nachgiebig, mild». Urverw. mit 
abg. lomiti «brechen», lomiti s^ «ermatten», 
russ. lomü m. «Bruchstück, Bruch», lomöta f. 
«Gliederreißen, Gicht», apreuss. limtwei «bre- 
chen», lett. Hmt «unter einer Last zusammen- 
sinken». VgLZMwm. J.BL. lahmen, V.: Za/tw 
sein oder werden, erst im 18. Jh. üblich, mhd. 
selten lamen (auch in erlamen «erlahmen»), 
asächs. lamon (inbilamod). lähmen, v.: lahm 
machen, mhd. lernen, ahd. lemjan (== abg. 
lomiti): dazu afries. lema, layna «lähmen», 
anord. lemja « zerschlagen » ; davon Lähmuug, 
f., 1642 bei Duez. 

Lahn, m. (-[e]s, PL -e): dünner Metall- 
draht, auch in Zss. Gold-, Silber-, Messing- 
lahn. 1711 bei Rädlein, aus franz. lame f. 
«dünne Metallplatte» (dann «dünner Draht», 
in Frankreich viel verfertigt), ital.-mlat. lama, 
aus lat. läm(i)na f. «dünnes Metall blech». 

Laib, m. (-[e]s, PL -e): nach einer Form 
gebacknes Brot. Mhd. leip, ahd. leib, leip m.; 
dazu got. hlaifs m., ags. hläf m., engl, loaf, 
anord. hleifr m. «runder Kuchen», schwed. 
dial. lev, dän. (vei'altet) lev. Urverwandt- 
schaft mit lat. llbum n. «Kuchen, Fladen», 
ist unter Annahme von Anlautsverschieden- 
heiten (s[k]l und [s]kl) möglich. Vgl. die 
Literatur bei Walde. Aus dem Germ, wohl 



Laicli 



Lama 



10 



entlehnt abg. chlebü m. «Brot», und daraus 
lit. Jclepas m. Vgl. Ladij, Lord. 

Laich, m. {-[e]s, PI. -e): Fisch-, Frosch-, 
Kröten-, Schlangensamen oder -eier. 1516 bei 
Pinicianus prompt. B2^ laych, mhd. in der 
Bed. «Laichzeit» zu Anfang des 14. Jh. laich 
(Mon. boica 36, 2, 100) und im 15. Jh. leich 
(Weist. 1, 773), dazu mhd. geleiche n. «Fisch- 
laich, Fischbrut», älternhd. Geleich, Gelaichn. 
(DW. 4^, 2978). Aufschluß über die Ab- 
stammung gibt Schweiz. Leich m. «gewohnter 
Gang, Weg, bes. von Burschen, die den Mäd- 
chen nachstreichen», im Leich «an der Reihe, 
in der Mode», ferner «Laichzeit der Fische», 
wo die Milchner den Rognern reihenweise 
nachziehen, bei einigen Arten unter Plätschern 
und Emporspringen, gleichsam einen Reigen 
aufführend. Demnach zu got.laikan «springen, 
hüpfen», laiks m. «Tanz», mhd. leichen, mnd. 
leken «hüpfen, aufsteigen», mhd.-ahd. leich 
m. n. «Spiel, Saitenspiel» zu Tanz und Ge- 
sang usw., ags. läcan «spielen, springen, 
schwimmen» usw., anord. leika, schwed. leka, 
dän. lege «spielen», anord. leikr m, «Spiel, 
Handlung, Spott», schwed, lek, dän. leg «Spiel». 
Urverw. mit lit. läigiti «umherlaufen», aind. 
rejate «hüpft, bebt, zittert, juckt», ir. Weg 
«Kalb», gr. ^XeXiIuj «mache erzittern, schwin- 
gen». Entlehnt abg. likü m. «Spiel, Tanz», 
likovati «tanzen». ABL. laichen, v.: den 
Samen oder die Eier absetzen (von Fischen, 
Fröschen usw.), mhd. im 14. Jh. 

Laie, m. (-n, PI. -n): Nichtgeistlicher, 
Ungeweihter, Unerfahrner. Älternhd. Ley{e), 
bei Luther Lei, mhd. lei(g)e, ahd. im 10. Jh. 
leigo m., im Mhd. auch «Unerfahrner in der 
Gelehrsamkeit u. in der Kunst», Aus dem glbd. 
(seit Tertulhan) lat. laicus, gr. XaiKÖc, eig. Adj. 
von Xaöc m. «Volk». ZüS. Laienpriester, 
m.: 1791 bei Roth, früher Laipriester. 

Lakai, m. {-en, PI. -en): der Livreebe- 
diente. Im 16. und 17. Jh. Lakay, Lackay, 
Lackey, Laqueie, Laquey, Lacoy (H. Sachs 
2, 388), 1541 bei Frisius 237^ Löuffer, Laggay 
und danach 1561 bei Maaler Laggey, Lagkey, 
löuffer, trdbant, 1546 im spanischen Hofge- 
sinde Karls V. unter der Abteilung Caballerisa 
d. h. Marstall zioölff Lackeyen, etliche Teut- 
schen nennen sie Trabanten (Hortleder 333); 
aber gegen Ende des 15. Jh. lackaey m. 
«Soldat zu Fuß» (Ehingen 26). Aus frz. 
laquais m. und dies aus span. lacayo. Un- 
bekannten Ursprungs. 

Lake, f. (PI. -n) -. Salzwasser an Fischen 



oder Fleisch, auch in Zss. Fisch-, Herings-, 
Salzlake. 1482 im Voc. theut. s 1* lacke oder 
saltzivasser. Auf dem Wege des Heringshan- 
dels ins Hochdeutsche aufgenommen aus md. 
1332 lake f. «Fischlake» (Germ. 20, 50), mnd. 
1360 lake f., mndl, lake «Salzbrühe an He- 
ringen». Verhochdeutscht im 15. Jh. lag f. 
(Mone Anz. 7, 302, 335) und lache (Diefenb. 
gl. 509^). Zu dem unter "^ Lache (s. d.) auf- 
geführten agerm. Stamm. 

Laken, n. {-s, PI. wie Sg.) in Bayern 
nur m. (so auch Goethe 1, 208 f.): Tuch, 
Decke. 1663 bei Schottel, 1594 bei Heinr. 
Julius V. Braunschweig 517 Laken, bei Opitz 
und noch bei Wieland und Schiller Lacken, 
schon 1482 im Voc. theut. r 8*^ lackentuch. 
Aufgenommen aus mnd. und mndl. laken n., 
asächs. lakan n. (auch Übertuch, Mantel), 
wodurch das urspr. hochdeutsche Lachen n. 
(noch schweiz.-els.), mhd. lachen, ahd. lahhan n. 
verdrängt wurde (s. Leilach). Leinwand aus 
den Niederlanden und Westfalen wurde in 
Oberdeutschland als sehr geschätzte Handels- 
ware eingeführt. Dazu ndl. laken, afries. leken, 
mengl. lake, spätanord.-schwed. lakan n. (ge- 
webtes Zeug, Decke), dän. lagen. Unerklärt. 
Vielleicht zu ir. lacc «schlaff, schwach» (aus 
*lagno-, apreuß. lagno «Hosen», gr. Xdxavov 
«dünner u. breiter Kuchen». 

lakonisch, adj.: kurz und schlagend im 
Ausdruck, 1673 bei Grimmelsh. Gepräng 
Cap. 8, nach lat. lacönicus, Adj. von Laco, 
gr. AÜKOJv m. «Lakedämonier, Spartaner», be- 
kannt durch schlagende Kürze. 

Lakritze, f. (PI, -n), auch Lakritzen, m. 
(-S, PI. wie Sg.): Süßholz; verdickter Süß- 
holzsaft. Im 15. Jh. lackericzge, lagiricze, 
lackeritz, lackritz, leckericz, licritz, spätmhd. 
lakerize, lekritze f., aus mlat. liquiricia, liqui- 
ritia f., von gr.-lat. glycyrriza, gr. ^XunOppiZia 
f. «Süßwurzel, Süßholz», von gr. yXuküc «süß» 
und ^'\Za f. «Wurzel». 

lallen, v.: mit schwerer Zunge, unzu- 
sammenhängend sprechen. Mhd. lallen, md. 
lellen-, dazu schwed. lalla, dän. lalle. Aus 
der Kindersprache wie lat. lalläre «lallen, 
trällern», gr. XaXeiv «schwatzen». Den Lall- 
silben der Kinder werden verschiedene Be- 
deutungen untergelegt. Vgl. lullen. 

Lama, n. (-s, PI. -S oder wie Sg.): das 
südamerikanische Schaf kamel; flanellartiger 
Stoff aus der Wolle dieser Tiere. 1628 bei 
Münster Cosmographey S.1702, aus d. Sprache 
der Peruaner. 



11 



Lambertsnuß 



Land 



12 



Lambertsnuß, f. (PI -nüsse): die gi-oße 
bärtige Haselnuß mit rotem Häutchen um 
den Kern. 1716 bei Ludwig, aus lanüjer- 
tische, lampertische Nuß (im 16., 17. Jh.), d. h. 
Nuß aus der Lombardei, (noch im 15. Jh. 
Lamparten [s. Langoharde] genannt). 

LambriS, f. (spr. lamhri, PI. wie Sg. und 
Lamhrien): Bretterbekleidung unten an der 
Zimmerwand, das Getäfel. 1773 bei Ama- 
ranthes, aus glbd. frz. lambris f., afrz. lambre. 
Herkunft umstritten. 

Lamelle, f. {-n, PI. -n): dünnes Blättchen, 
Plättchen, Aus lat. läniella f. «Blättchen 
Metall, Blech». Im 19. Jh. 

lamentieren, v.: wehklagen, kläglich 
tun. Bereits 1550 in der Sprache der Kirche 
lamentieren, von lat. lämentäri «wehklagen». 
Lamento, n. {-s, PI. -s): das Wehklagen, 
Kläglichtun; das ital. lamento m., von lat. 
lämentutn n. «Wehklagen». 1791 bei Roth. 

Lamm, n. (-[e]s, PI Lämmer): das Junge 
des Schafes. Alternhd. Lam, Jjamb, Lamp, 
mhd. lamp (PI. lemher), md. lamp, lam, ahd. 
lamp (PI. lamp, lempir), got.-asächs.-ags.-engl.- 
anord. lamh n., ndl.-dän. lam, ags. auch lamher, 
schwed. lamm. Vielleicht mit Schwebeablaut 
zu gr. 'iXacpoc m. f. «Hii'sch», vgl. Osthoff 
Parerga 305, oder zu lett. löps «Vieh». ABL. 
Lämmchen, n. (im PI. in traulicher Sprech- 
weise Lämmerchen), md. 1411 Zewip^riw (Diefenb. 
gl. 18*^), im 14. Jh. lemgen (rotes Buch von 
Weimar 40) u. lemmechln n.; obd. Lämmlein, 
n., mhd. lamhelin, lemhelin, md. lem(m)elin n. 
lammen, lämmern, v. : ein Lamm gebären, 
1611 bei Colerus 4, 251, spätmhd. gelamhen; 
in der l.H. des 16, Jh. lemmern (Zimm. Chr. ^ 
3, 10, 34). ZUS. 1) mit Lamm-: Lamm- 
fleisch, n., mhd. lampvleisch. lammfromm, 
adj.: fromm wie ein Lamm, bei Wieland 18, 84, 
Lammbraten, m,, bayr, auch Lamms- 
braten, 1691 heiQüeler Lammshrätlein. 2) mit 
Lämmer-: Lämmergeier, m.: der Geier- 
adler, Bartgeier, 1777 bei Adelung Lämmer- 
geyer. Lämmerwolken, PI.: rundliche, 
zarte, in Reihen geordnete Flockenwölkchen 
(J. Paul Titan 1, 89), auch Lämmerchen, 
Schäfchen genannt, 

^ Lampe, der Name des Hasen im Reineke 
Vos, ist der ahd. Mannsname Jjampo, Kurz- 
form zu ahd. Lambert aus Lantberht. 

"Lampe, f. (PI. -n): Lichtgefäß mit einem 
Dochte. Mhd. (noch selten) lampe f., aus 
glbd. frz. lampe, ital. lampa, lampana, lampada 
f., von gr.-lat. lampas (Gen. -dis), gr. KapLtidc f. 



«Leuchte, Fackel», zu Xdiuireiv «leuchten», 
ZUS. Lampenfieber, n,: Aufregung vor 
dem ersten Auftreten auf der Bühne, Um 
die Mitte des 19. Jh. Vgl. Ladendorf, 

lampen, v.: (schlaff) herabhangen. Spät- 
mhd. lampen «welk niederhängen», Oberd.- 
hess. Vielleicht zum Stamm von labbern (s, d,), 

Lamprete, f. (PI. -n): die Meerpricke, 
petromyzon marinus; (volkstümlich) bes, feine 
Speise (meist im PI.; 1809 bei Campe). Im 
15. Jh. lamprede, lampret f., mhd, lampride, 
umgedeutet lemfrid, lantfride, ahd, lampreta, 
auch lantprida, lantfrida, lamphrida f,; auch 
ags. lempedu f. Aus mlat. lampreta, lampetra f., 
eig. «Steinlecker, Steinsauger», von lat. lam- 
bere «lecken» und gr.-lat. petra f. «Stein, 
Fels», weil sich die L. mit ihrem saugnapf- 
artigen Maul an die Steine anhängt. 

Land, n. (-[e]s, PI. Länder u. [poetisch] -e) : 
vom Wasser nicht bedeckte Erde; baubare 
Erde; offne Gegend, im Gegensatze zur Stadt; 
abgegrenzter Teil des Erdbodens usw. Mhd. 
lant (Gen. landes, PI. lant, lender), ahd. lant 
(Gen. lantes, landes) n.; dazu got. land n. 
«Acker, Landgut, Vaterstadt, Landschaft», 
asächs.-ndl.-ags.-engl.-anord.-schwed.-dän.Zawd, 
afries. lond, land n. Dazu mit Ablaut schwed. 
(dial.) linda «Brachfeld», ürverw. mit air, 
land, lann, kymr. llan, kora, lan «freier Platz, 
eingefriedigtes Stück Land», bret. layi «Heide» 
(daher frz, lande, ital. landa f. «Heide, Ebene»), 
abg. l^dina f. «unbebautes Land, Heideland», 
apreuß. lindan «Tal». ABL. Ländchen, n. 
(PI. Ländchen, Länderchen), 1734 bei Stein- 
bach Ländichen. landen, v.: vom Wasser 
ans Land kommen oder bringen, mnd. landen, 
im 17. Jh. (1691 bei Stieler) ins Hochd. ein- 
dringend und das oberd. landen (noch bei 
Wieland 18, 156) verdrängend, mhd. lenden, 
ahd. lenten, anord. lenda «anlanden»; davon 
Lände, f. : Anfahrts- u. Standort der Wasser- 
fahrzeuge, ahd. lenti n. und Landung, f., 
1703 im Zeit. Lex. Länderei, f. (PI. -en): 
zusammenhängendes Wirtschaftsland, in der 
Frankf. Reformation von 1578. Ländler, 
m. (-S, PI. wie Sg.): langsamer Walzer, vom 
Volk in Oberösterreich, Steiermark, Tirol ge- 
tanzt, früher auch Länderer, Oberländer m., 
eig. «Bauerntanz aus dem Oberlandl, dem 
Lande ob der Enns». Ende des 18. Jh. länd- 
lich, adj., mhd, lantUch. Landschaft, f. 
(PI, -en), mhd, lantschaß f. (auch die Ein- 
wohnerschaft eines Landes), ahd. lantscaf, 
lantscaft f.; dazu asächs, landscepi n,, mnd. 



13 



Land 



Land 



14 



lantscJiop f. (Einwohnerschaft eines Landes, 
bes. adelige), ags. landsceap n. u. Jandscipe m., : 
engl, landscape u. landskip, afries. lond-, land- 
skap f., anord. landskapr m. (Landessitte);! 
davon landschaftlich, adj. : der Landschaft | 
angehörend, auch «mundartlich», 1734 b. Stein- ; 

bach landschäftUch, u. Landschaftsmaler, 
m. 1521 in Dürers Niederländ. Reisetagebuch 
Landschaftmaler (Dürers schriftl. Nachl. 160). | 
ZUS. 1) mit Land-: Landbau, m.: Acker- j 
bau, 1605 bei Hulsius. Landbote, m.: Ab- 
geordneter zum Landtag, (bei Schiller Deme- 
trius und 1709 bei Hübner) zum polnischen 
Reichstag, spätmhd. lantbote m. «Gerichts- 
bote über Land». Landenge, f.: schmaler 
Landstreif zwischen zwei Meeren, 1741 bei 
Frisch, 1691 bei Stieler Erdenenge. Land- 
fahrer, m., mhd. lantvarcere, mhd.-mnd. 
lantvarer m. ^Lande Bereisender, Pilger, 
Landstreicher». Landfriede, m., mhd. lant- 
vride m. «öffentliche Sicherheit», mnd. layit- 
vrede. Landgericht, d., mhd. landgerihte n. 
«Gericht über ein ganzes Landgebiet». Land- 
graben, m.: Grenzgraben, mhd. lantgrabe m. 
Landgraf, m., mhd. lantgräve m. «Graf über 
ein Land», eig. «königlicher Richter und Ver- 
walter eines Landes». Davon Landgräfln, f., 
mhd. lantgrcevinne f. Landgut, n., 1620 bei 
Albertinus Lustg. 193^, mnd, lantgüt. Land- 
haus, n., 1580 bei Sebiz Feldbau 26. Land- 
jäger, m.: Gensdarm (in der Schweiz); harte, 
lange AYurst (in der Schweiz, im Elsaß und 
sonst). Landkarte, f., 1663 bei Schuppius 
133 Land- Charte, 1664 bei Duez Landkarte. 
Landläufer, m.: Landstreicher, Yagabund, 
spätmhd. lantleuffer, lantlauffer, mnd. lantloper. 
landläufig, adj.: im Lande gäng u. gäbe, 
spätmhd. lantlöifig, -leufig, mnd. lantlopich. 
landlos, adj.: ohne Land, mhd. landelos, mnd. 
lantlös, aber bei Schiller (Maria St. 2, 3, Jungfr. 
V. Orl. 1, 2) länderlos. Landmann, m. (PI. 
-leute) : Landbebauer, mhd. lantman, PI. -Hute, 
mnd. lantman «Landgenosse», selten «Landbe- 
wohner», vgl. Landsmann. Landpfleger, m.: 
Statthalter, bei Luther. Landplage, f., 1691 
bei Stieler. Landpomeranze, f.: scherzhafte 
Bezeichnung für Provinzler. Wohl student. 
Ursprungs. Um 1820 aufgekommen. Vgl. 
Ladendorf. Landratte, f.: (im Munde der 
Seeleute) wer die See nicht liebt. Land- 
recht, n., mhd.-mnd. lantreht n. «das Recht 
eines Landes»; dazu asächs. landreht, afries. 
lond-, landriucht, ags. landriht n. Land- 
regen, n. : anhaltender, über ein ganzes Land 



ausgedehnter Regen, Ende des 15. Jh. bei 
Diefenb. gl. 137 ''. Landrichter, m., mhd. 
lantrihtcere, -rihter m. «Vorstand eines Land- 
gerichts». Landstände, PI.: die Landes-, 
Volksvertretung, 1663 bei Schuppius 14. Land- 
straße, f., mhd. lantsträ^e, afries. londstrete f. 
Landstreicher, m.: Vagabund, spätmhd. 
lantstricher m. Landstrich, m., 1678 bei 
Krämer. Landsturm, m.: Aufgebot der 
letzten waffenfähigen Mannschaft eines Landes, 
Schweiz. 1627. Landtafel, f.: Landesmatrikel 
über Eigentum und Lasten des Adels (schon 
im 14. Jh. bei Haltaus 1185); Archiv eines 
Landes, der Landstände od. eines Landgerichts 
(1777 bei Adelung, mhd. lanttafel «Landge- 
richt») ; Landkarte (älternhd., 1562 bei Mathes. 
Sar. 201^). Landtag, m., mhd. lanttac m. 
«Versammlung der Landesvertretung zu ge- 
richtlicher u. politischer Tätigkeit», seit dem 
16. Jh. nur zu letztrer. LandTOgt, m.: 
Statthalter eines Landes, mhd. lantvoget m. 
Landvolk, n., mhd. lantvolc, anord. landfolk, 
landsfolk n. «Landeseinwohnerschaft», aber 
md. lantvolc n. auch «Volk vom Lande». 
Landwehr, f., mhd. lantwer f., mnd. lant- 
?f/"e>-e «Landesverteidigung, die Verteidiger des 
Landes, Befestigung an der Landesgrenze», 
afries. landtvere f. Landwein, m., mhd. 
lantwin m. «im Lande wachsender Wein». 
Landwirt, m.: Landbau Betreibender (1777 
bei Adelung); Gastwirt auf dem Lande (1741 
b. Frisch) ; davon Landwirtschaft, f. : Land- 
bau, 1731 im ökon. Lex, Landzunge, f.: 
schmaler, sich ins Wasser erstreckender Land- 
streif, 1782 bei Jacobsson 2, 556*^. — 2) mit 
dem Gen. Landes-, Lands- : Landeshaupt- 
mann, m.: Statthalter, im 16. Jh. bei Aventin 
Landhauptman 1, 582, 12, Landshauptman 
663, 30, PI. Landshaubtleut 664, 29. Landes- 
herr, m., mhd. landes herre, (im 14. Jh. 
lantzher) und lantherre m. «Herr über das 
Land», dann «vornehmster (edler) Vasall in 
einem Land», ebenso mnd. lanthere, afries. 
landishera m. «Fürst», londhera m. «Gnind- 
herr, -eigentümer», LandeSYater,m,: (stud,) 
Kommerslied, bei dessen Absingung die Mützen 
mit den Schlägern durchstochen werden. 
1779, Das Lied begann: L., Schutz n. Bater. 
! Landsgemeinde, f.: die Versammlung 
aller Bürger eines Kantons in der Schweiz 
(Schüler Teil 2, 2), 1556 bei Frisius 256 ^ 
Landsknecht, m., zuerst in den 80 er 
Jahren des 15. Jh. (Liliencron 2, 325 von 
1493), dann im 16. bis ins 17. Jh., urspr. 



15 



Landauer 



lang 



16 



ein in kaiserlichen Landen geworbner Söldner 
bei der Neugestaltung des Heerwesens durch 
Kaiser Maximilian I, aber in Beziehung auf 
die langen Spieße der Landsknechte wurde 
der Name auch nach der Aussprache zu 
Lantzkneclit (1499 bei Lenz Schwabenki'ieg 
26% 1502 in Frankf. Reichscorr. 2, 667). 
Landsmann, m.-. Landesgenoß, 1477 clevisch 
lantsman, 1444 bei Nicl. v. Wyle 234, 6 der 
PI. lantzlüt, mhd.-ahd. lantman, PI. mhd. 
lantliute «Landgenossen, Landesedele, niedre 
Dienstmannen», zu mhd.-ahd. lantliut n. 
«Einwohnerschaft des Landes, der Heimat»; 
dazu Landsmannschaft, f., 1716 bei Lud- 
wig, als Verbindung von Studenten aus einer 
Landschaft, 1781 b. Kindleben. 

Landauer, m, (-s, PI. wie Sg.): Kutsche, 
deren Verdeck vorn und hinten zumckge- 
schlagen werden kann, in Landau erfunden. 
1782 bei Jacobsson 2, 554^ Landauer Wagen, 
vgl. Goethe 50, 91. 

lang, adj. (Komp. länger, Sup. längst): 
in einer Richtung fortgehend, d. h. sich aus- 
dehnend, von Raum, dann von Zeit. Mhd, 
lanc (ß.ek.t.langer), ahd.lang, lank; dazuasächs.- 
ndl.-ags.-dän. lang, afries. long, lang, engl, long, 
anord. langr, schwed. lang, got. laggs. Urverw. 
mit glbd. lat. lo7igus. Der Komp. lautet mhd. 
langer, longer, ahd. langero, lengiro, der Sup. 
mhd. langest, lengest, ahd. lengest. Der Akk. 
des Ntr. in adverb. Verwendung: tagelang, 
zwei Jahre L, mein Lehenlang (s. d.), eine 
Zeitlang (s. d.), früher auch mit Gen. (fünf 
ganzer Wochen l. Wieland, schon bei Luther 
3,90*" kurtzer zeit l., mhd. eines halben tages 
lanc); auch räumlich statt entlang: den Fluß L, 
schon md. M der Memil lanc Jeroschin 20384. 
Verschieden vom Adv. lang, lange «lange Zeit, 
seit langem», mhd. lange (Komp. langer, lenger, 
Sup. langest, langst), ahd. lango (Komp. langör, 
Sup. langöst); dazu asächs. lango, ags. lange. 
ABL. Länge, f. (PI. -n), mhd. lenge, ahd. 
langt, lengi, got. laggei f. ; davon längelang, 
adv., obersächs. auch der Länge lang, im 
18. Jh. (Gleim Fab. 2, 29). langen, v.:' in 
der Länge zunehmen, lang werden; sich aus- 
streckend etwas erreichen, ergreifen oder dar- 
reichen, geben, in beiden Bed. mhd. langen; 
aber ahd. langen, asächs. langön, ags. langian 
«verlangen». In der Bed. «ausreichen» 1734 
bei Steinbach das Geld langte nicht, persön- 
lich bei Schiller Picc. 8, 1 ; poetisch im Sinne 
von «verlangen» bei Goethe 8, 237 langen und 
bangen, längen, v.: lang machen (Herder 



6, 155), mhd, lengen, ahd, lengjan, lengan «in 
die Länge ziehen, verzögern», ags, lengan 
«aufschieben», anord. lengja «verlängern». 
längern, v., mhd. lengern, ahd, lengeron, von 
dem Komp, länger, länglich, adj,, 1420 
langelich, 1433 langlecht (Diefenb, gl, 388^), 
um 1480 im Voc, ine, teut, o 3^ u, 7*^ länglich, 
lengelich (Var, lenglich), längs, adv,: der 
Länge nach. Dann Präp, mit Dat, oder Gen,, 
1741 bei Frisch, frühnhd, mit Akk., 1494 
längs die hecken, ebenso 1340 lancks (Germ, 
20, 50), auch noch 1778 bei Stilling Jüng- 
lingsjahre 197 längs die Thüren (s, entlang). 
Älternhd, mit angetret, t längst, mit Gen. 
oder Dat. 1639 bei Micrälius Pommern 3, 816 
und bei Krämer 1678. Das Wort ist Gen. 
Sing, des Neutr. des Adj. lang, mhd. langes 
Adv. (zeitlich) «längst», (räumlich) «der Länge 
nach», in erstrer Bed, auch schon lenges. 
langsam, adj,: ohne Fortgang sich hinzie- 
hend, Mhd, lancsam, ahd. langsam, lancsam 
(Adv. lancsamo), asächs. langsam, ags. langsum 
«sich zu viel hinziehend, lange dauernd, lang- 
wierig, weitläufig», aber 1469 im Voc. ex quo 
auch schon «nach und nach vor sich gehend», 
ein Begriff, der von dem erlöschenden mhd. 
lancseim, md. lancseine, ahd. langseime (im 
Adv. mhd. lancseime, ahd. langseimo) über- 
ging, einer Zss. mit mhd, seine, seim, ags, 
scene, anord, seinn «träge, langsam, spät»; 
dazu got, sainjan «säumen, sich verspäten», 
mhd, smew « verzögern, aufschieben», längst, 
adv,: vor oder seit langer Zeit, bei Luther 
lengest, lengst, 1541 bei Frisius 694* langest, 
1482 im Voc, theut. s2^ langst; das Wort 
ist das mhd, Adv, langes (s, längs), das nach 
Antritt des t im 16, Jh, mit Umlaut zu einem 
Superlativ wurde, längstens, Zeitadv,: seit 
längster Zeit, auf das längste, 1638 bei Soltau 
Volksl. 1, 511, von längst (s, d,), zunächst 
ohne -s längsten 1659 bei Tscherning Ged, 
Fiühling 225, ZUS. langbeinig, adj,, mhd, 
lancbeinic. Langeweile, f., aus lange Weile, 
daher Gen. und Dat. der Langenweile, auch 
gekürzt Langweile, Gen. und Dat. Lang- 
weile, in Nachbildung u. als Gegensatz von 
Kurzweil (s, d,), 1537 bei Dasypodius lang- 
iveil, mhd, der Akk. die teile lange Helra- 
brecht 942, aber frühmhd. ze langer wile «zu 
langer Zeit» (s. Weile). Davon langweilen, 
V., im 18. Jh. (Herder), bei Goethe auch lange- 
weilen (Faust 6958, auch intrans. 9585), und 
langweilig, adj., 1429 bei Diefenb. nov. gl. 
239* lanck weilig. Langfinger, m.: Dieb, 



17 



langettieren 



Lappen 



11 



1671 beiGrimmelsh. Simpl.591. langhalsig, 
adj., 1581 bei Fischart Bienenkorb 113^ lang- 
hälsig. laughaarig, adj., 1678 bei Krämer. 
langlebig, adj., um 1480 imVoc.inc.teut.o3''. 
langmäulig, adj., abgeleitet von Langmaul, 
1540 bei Alberus dict. ff2^ schüssellecker, der 
sich zuthut, ein langmaul, geier, noch wetterau., 
dann 1662 bei Stoer304^ Langmaul, so nichts 
schiveigen kann. Langmnt, f. : lang zusehende 
Gemütsstimmung, Geduld (s. Jfwf), beiLuther; 
aber ahdi.langmuoü, lancmott, got. laggamödei f., 
abgeleitet vom ahd. Adj. lancmöt, spätahd. 
flekt. lanchmueter «langmütig». Davon lang- 
mütig, adj.: geduldig, im 15. Jh. lancmutig, 
langmuetig, ahd. lanc-, langmuotig, und Lang- 
mütigkeit, f., mhd, lancmüetecheit f. lang- 
nasig, langnäsicht, adj., im 15. Jh. lang- 
nasig, 1420 nd. lanchnesich (Diefenb. gl. 44% 
älternhd. langnaset. Langohr, m.: der Hase, 
1615 bei Colerus Hausb. 5, 25; der Esel 
(Simrock Sprichw. 113). langohrig, adj., 
1696 bei Olearius pers. Baumgarten 1, 29 
langohrig, im 16. Jh. in der Zimm. Chron. ^ 
4, 81, 14 langoret, d. i. langoricht. lang- 
stielig, adj., vulgär und burschikos «lang- 
weilig». Nach der Mitte des 19. Jh. aufge- 
kommen. Langwied(e), f. (PI. -[e]n): den 
Wagen durchziehender Baum, der das hintre 
Gestell mit dem vordem verbindet, mhd.-ahd. 
lancwit n. und f., anord. langvidr m., zgs. mit 
ahd. witu, mhd. loite, wit m. n., anord. viär m. 
«Holz», langwierig, adj.: lang während, 
1419 bei Diefenb. nov. gl. 239* langwirig, neben 
lancwerig im 15. Jh. (Germ. 20, 50), ahd. nur 
das Subst. langwirigi, langwerigi f. «lange 
Dauer», von ahd. wirig, werig, mhd. wiric, 
wirich «andauernd, dauerhaft», zu ahd. tveren, 
mhd. weren, wem «währen». 

langettieren, languettieren, v.: Bogen 
bilden, ausbogen (beim Sticken). Aus glbd. 
frz. langueter, eig. «Zungen bilden», von lat. 
lingua f. «Zunge». 1791 bei Eoth. 

Langoharde, Longoharde, m. (-;?, PI. 
-n), nach lat. Langohardus, Longobardus m., 
ahd. Lancpart; die L. saßen zuerst an der 
Niederelbe. Als Ländername bezeichnet der 
frühmhd. Dat. PI. Lancparten, dann Lam- 
parteji, der L. spätem Wohnsitz Italien, heute 
Lombardei (s. Lombarde und Lambertsnuß). 

Lanke,f. (Pl.-w): Bauchseite,Hüfte,Weiche, 
Lende, dann Seite. Mhd. lanke, lanche, ahd. 
hlanca, lanka, lancha f., desselben Stammes 
wie ags. hlanc, engl, lank «dünn, mager, 
schmal, schlank». S. Flanke, Gelenk, lenken. 

We ig and, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. n. ßd 



Lannagel, m.: Achsnagel, 1575 im Garg. 
317, s. Lünse. 

Lanne, f. (PI. -«): Deichsel zum Ein- 
hängen, an der das Rindvieh unter einem 
Doppeljoch zieht, auch Gabeldeichsel, ürspr. 
«Kette», welche Bed. das mhd. laniie, spät- 
mhd. lan f. hat. 

Lanze, f. (PI. -n): langer Kampfspieß. 
IMhd. im 12. Jh. lanze f., aus glbd. afrz. lance, 
span. lanza, ital. lancia f., von gallisch-lat. 
lancea f. «in der Mitte mit einem Riemen 
versehner Speer». Lanzette, f. (PI. -n): 
chirurgisches Messerchen, Laßeisen; Grab- 
stichel der Holzschneider. Li der 1. Bed. 
1629 bei Hulsius Schiff. 21, 83 Lanzeet, 1664 
bei Duez Lantzet f. (aber 1663 bei Schottel 
Lantzet n.), 1646 bei Moscherosch Philander 
1, 103 Lantzefe, 1678 bei Krämer Lantzette f. 
Aus glbd. frz. lancette f., dem Dim. von 
lance «Lanze». 

Lanzknecht, falsche Schreibung für 
Landsknecht (s. d.). 

Lapidärstil, m. (-s): Schreibart, die kurz 
und bündig ist wie die Inschrift auf einem 
Denkstein. 1801 bei Campe, von lat. lapi- 
därius «zu den Steinen gehörig», als Subst. 
«Steinmetz», zu lat. lapis m. (Gen. -idis) «Stein». 

Lappalie, f. (Pl.-n) : unbedeutende Kleinig- 
keit. Mit lat. Endung zu Lappe m. (s. Lappen), 
1691 bei Stieler der PI. Lappalien. 

Lappe, m. (-W, PI. -n), gekürzt Läpp: 
einfältiger Mensch, Laffe (s. d.). Mhd. läppe, 
lape, läpp m., aus dem Md. eingedrungen, von 
mnd. lapen «lecken, schlürfen», läppisch, 
adj.: hochgradig albern und abgeschmackt, in 
den Fastnachtsp. des 15. Jh. 42, 19 leppisch, 
um 1480 im Voc. ine. teut. o4* das Adv. 
lappischen. Davon läppschen, v.: sich läppisch 
geberden oder spaßen, in Mitteldeutschland, 
1734 bei Steinbach. ZUS. LapparSCh, m.: 
energielose männliche Person, die sich alles 
gefallen läßt. Bei Goethe als eine der zu 
Hanswursts Hochzeit eingeladnen Personen, 
rheinisch, wetterauisch. 

Lappen, m. (-5, PI. wie Sg.): nieder-, 
hangendes weiches Stück wovon; Zeugabfall. 
Mhd. läppe m. f., ahd. lappa f. «niederhangen- 
des Zeugstück», brustlappa f. «herabhangende 
Haut unter dem Halse des Stieres», wohl 
mehr md. als obd.; dazu and, läppe m. «Zipfel 
eines Kleides», mnd. läppe m., 1477 clev. läppe, 
nndl. lap m., ags. Iceppa m,, engl, lap (Schoß), 
anord. leppr m., schwed. läpp, dän. lap. Ur- 
verw. mit gr. \oßöc m. «Ohrläppchen». Weid- 

2 



19 



läppern 



laß 



20 



männisch sind L. od. Schrecktücher «Tücher 
zum Umstellen des Wildes», 1580 bei Sebiz 
Feldbau 563, daher die RA. durch die L. gehen 
«entkommen, verloren gehen». ABL. Läpp- 
chen, n.: BeiFchen der Geistlichen, wie schon 
mhd. läppe f. läppen, v.: dui-ch Aufsetzen 
eines Lappens ausbessern, md. im 15. Jh. u. 
mnd.-mndl. läppen, isl. lappa. Lapper, m.: 
Flicker, 1678 bei Kramer, mnd. u. mndl. lapper 
m., davon Lapperei, f. : Lumpenwerk, nichts 
werte Kleinigkeit, im 16. Jh. bei Aventin 4, 
328, 2 Läpper ä, Lapperey, 1586 bei Fischart 
Bodin. 749 Lepperey, mnd. lapperie f. lappig, 
adj.: lumpig, 1628 bei Opel u. Cohn 30 jähr. 
Krieg 413, 7 lappächt, 1642 bei Duez lappicht, 
erst im 18. Jh. lappig. 

läppern, v.: in kleinen Zügen trinken. 
1551 bei Scheidt Grob. V. 1888 leppern, 1562 
bei Mathesius Sar. 35 *> lippern, 1575 im Garg. 
253 läppern, 1673 bei Weise Erza.69 lappern, 
Iterativ zu mnd. lapen «lecken, schlürfen» 
(s. Lappe). In md. Mundarten l. auch in 
der Bed. «in kleinen Teilen ansammeln oder 
ausgeben», 1691 bei Stieler lippern, daher 
Läpperschulden, PI.: kleine Schuldposten, 
1793 bei Jacobsson 6, 273^ Lapperschuld. 

läppisch, läppschen, s. Lappe. 

Lapsus, m.: Irrtum, Fehler, ist das glbd. 
lat. lapsus m. 1837 bei Petri. 

-lar, an Ortsnamen, ahd. -lär, zu einem 
Wortstamme, der in dem ahd. Kollektiv giläri 
n. «Wohnung, Gemach» vorliegt (s. Gelärr). 

Lärche, f. (PI. -n): der nur im Sommer 
grüne Nadelholzbaum lat. larix. Mhd. larche f., 
1541 bei Frisius 506 * Lerch f., aus glbd. lat. 
lärix m. f. (Gen. -eis). 

Larifari, n.: leeres Gerede, albernes Ge- 
schwätz. Im 17. Jh. bei Abr. a S. Clara, 
offenbar aus trällernden Gesangstönen ge- 
nommen, wie löri fä bei Uhland Volksl. 950, 
da la, re, fa Tonbezeiclmungen der ital. Solmi- 
sation des Guido von Arezzo sind, so im 
15. Jh. bei Fichard Archiv 3, 204: da sungen sie 
(Brader Konrad und eine Nonne) die messe 
terribilis La re fa re ut in excelsis. 

Lärm, m. {-[e]s, selten PI. -e): lautes 
Geschrei; anhaltendes, lautschallendes Getöse. 
Am Anfang des 16. Jh. lerman, lernten, zu- 
nächst als Schlachtruf (Soltau Volksl. 1, 176 
von 1502, Uhland Volksl. 515, 518), den die 
deutschen Landsknechte von den französ. 
Söldnern übernahmen (frz. a lernte, avant 1493 
bei Liliencron 2, 311, ital. a li arme, a l'arme 
bei Hulsius 1605, d. h. «zu den Waffen!», 



lernte blasen 1562 bei Mathesius Sar. 133% 
subst. der allerma 1507 bei Wilwolt v. Schaum- 
burg 90 f., Lärmen m. bei Maaler 1561, dann 
«Auflauf, Aufruhr» [Lernten m. bei Luther 
3, 131*), «Getöse überhaupt» (1592 beiEmmel 
nomencl. D 6^ Lermen, R 2^^ Lernt), noch bei 
Goethe 50, 39 und Schiller 12, 285 Lärmen m. 
Eins mit Alarm (s. d.). ABL. lärmen, v., 
1663 bei Schottel lermen, lannen. ZUS.Jjärm- 
glocke, f.: Sturmglocke. 

Larve, f. (PI. -n)-. verhüllendes Gesicht 
von Pappe usw.; Puppe der Insekten (1776 
bei Hübner). In der 1. Bed. schon im 14. Jh. 
larfe, larffe f. (Germ. 20, 51), aus lat. larva f. 
«Gespenst, Maske». 

lasch, adj.: schlaff, matt. 1741 bei Frisch, 
schon mnd. im 15. Jh. lasch, las; dazu anord. 
löskr «schlaff». Gleichen Stammes wie laß (s.d.). 
Dazu air. lese «faul». 

Lasche, f. (PI. -n): angesetzter Streifen, 
an- oder eingesetztes Zeug- oder Lederstück 
(bei Kirsch 1718). Nd. lasche, mnd. las, 1477 
clev. lass, 1599 ndl. lassche; aber md. lasche m. 
«herabhangender Fetzen, Lappen vom Fleisch 
eines Zerhaunen (Jeroschin 14580), 1691 bei 
Stieler Lasche f. «wundgeriebnes Stück Haut»; 
dazu engl, lash «Schnur», isl. laski m. «spitzes 
Zeugstück». ABL. laschen, v.: mit Laschen 
versehen (1599 ndl. lasschen); derb ausprügeln, 
gleichsam hauen daß die Fetzen fliegen, viel- 
leicht auch gekürzt aus glbd. ostmd. kalaschen. 

Läse, f. (PI. -n): irdnes bauchiges Gefäß 
mit Schnauze. Ostmd., 1663 bei Schottel 
Laße f., bei Frisch 1, 623 Loose (obersächs. 
vom J. 1622); dazu mnd. lät(e) (Diefenb. gl. 
630=1 von 1424) und 1782 bei Jacobsson 2, 560 ^ 
Laßkanne f. als obd. Eig. «Auslaßgefäß», 
von lassen (s. d.). 

Laserkraut, m,: die Doldenpflanze lat. 
laserpitium, woraus der stinkende harzige, lat. 
laser n. genannte Saft fließt. 1723 bei Kirsch. 

lasieren, v.: mit Lasur (s. d.) überziehen. 
Mhd. läsüren. 

laß, adj. (Komp. lasser, Sup. lassest): aus 
eigner Schuld zurückbleibend gegen andre, 
ohne Regsamkeit vmd Kraft zur Tat. Mhd. 
u. ahd. lag «träge, matt, spät»; dazu asächs. 
lat, mnd. lat, late «träge, spät», afries, let 
«träge, böse», ags. Icet, anord. latr, got. lats 
«saumselig, träge». Über den Sup., ahd.laggost. 
legist und lezist, s. letzt. Urverw. mit lat 
lassus «abgespannt, müde, faul». ABL. Laß 
heit, f., mhd. lagheitt läßlich, adj.: schlaff, 
bequem, mhd. leglich; aber in der Bed, «nach 



21 



Laßeisen 



Laster 



22 



laßbar, duldbar, annebinbar, tolerant», abgel. j 
von lassen, mhd. Ice^lich «was gelassen, unter- 
lassen wird» und unlce^Iich «nicht erlaßbar». 
Vgl. lässig. 

Laßeiseu, n.: Messerchen u. dgl, zum 
Aderlassen. Spätmhd. (1400) laßisen n. «das 
Eisen zu den kleinen Einschnitten in die Haut 
zum Blutlassen beim Schröpfen». 

lassen, v. (Präs. du lassest, läßt, er läßt, 
Prät. ließ, Konj. ließe, Part, gelassen, Imp. 
laß): zum Zurückbleiben bestimmen; nicht 
behalten; nicht behindern; nicht tun usw.; 
einen gewissen Anblick, ein Aussehen ge- 
währen (Geliert Fab. 1, 8 nun läßt der Hut 
erst schön!, diese Bed. aus der altern md. 
«sich benehmen, sich geberden» und mnd. 
läten «aussehen»). Mhd. lägen und durch 
Zusammenziehung län (dessen Präs. ich län, 
du last, Icest, er lät, Icet, Prät. lie, Part, gelän, 
län), ahd. lägan (Präs. lägu^ lägist, lägit usw., 
Prät. liag, Koaj. liagi, Part, gilägan): dazu 
asächs. lätan (Prät. let, liet, Part, gilätan), 
mnd. läten, afries. letan, ags. Icetan, engl, let, 
anord, lata, schwed. lata, dän. lade, got. letan 
(Prät. lailöt). Die urspr. Bed. ist «nachlassen, 
ablassen»; dazu laß (s. d.). Urverw. mit gr. 
Xri&eiv «müde sein» (Hesych), alb. l'd, Ti^ «lasse, 
verlasse, entlasse» usw., l'op «mache müde», ; 
todem «werde müde», l'oda, l'oädtd «müde». 
Die alte Partizipialform lassen- (mhd. lägen), 
statt gelassen, zeigt sich in Verbindungen 
mit einem Inf., z. B, ich habe es ihm sagen 
lassen. Bei Infinitivverbindungen steht der 
Akk. wie der Dat. in Wendungen wie laß 
mich ivissen, oh du bleibst, ich ließ ihm wissen, 
daß er (Goethe 43, 322), iven hob ichs merken 
lassen? (Schiller Kabale 4, 7 in der 1. Ausg.), 
ich lasse ihm merken, daß (Lessing antiquar, 
Br. 2, 225) ; dagegen stets mit dem Dat. {mir 
= von mir oder an mir) doch ließ ich mir 
nichts merken Goethe 26, 285. Jem. etioas 
sein lassen schon mhd. mit zweifacher Kon- 
struktion: lät mich den schuldigen sin Xibel. 
1071, 4, in der Hohenems-Laßbergischen und 
der Berliner Hdschr. lät mich der schuldige sin. 

lässig, adj.: träge. Mhd. leggic, fmhmd. 
lagcic (Germ. 20, 51). Abgel. von laß (s. d.). 
Davon verschieden ist lässig in fahr-, nach- 
lässig (s. d.), mhd. Icegic (vom Weine, der 
ausgeschenkt wird), das zu lassen (s. d.) ge- 
hört. ABL. Lässigkeit, f.: Trägheit, im 
15. Jh. lassichayt bei Diefenb. nov. gl. 368^. 

Last, f. (PI. -en): Beschwerendes; auf 
Schiffen = 2 Tonnen oder 4000 Pfd. (PI. wie 



Sg.). Mild, last m. (auch als Gewichtsmaß), 
md. last f., ahd. Mast, last f. m. (PI. lesti, 
daher älternhd. PI. Laste); dazu mnd. last f. 
(Gewicht von 1550 Pfd.), afries. hlest, ags. 
hl(2st n., engl. last. Zu Haden (s. d.); anord. 
hlass n. «Fuder, Fuhi-e» mit regelrechtem 
SS aus tt, während in Last das t wieder neu 
angetreten ist. Aus dem Germ. ital. lasto, 
franz. laste m. «Schiffslast», lest m. «Ballast». 
RA. Einern etwas zur Last legen, aus der 
Kaufmannssprache, wie auch belasten. Die 
alte Buchführung geschah mit dem Eechen- 
brett, wo der Gläubiger die Schuld durch 
Rechenpfennige vermerkte. Vgl. Borchardt- 
Wustmann. ABL. lastbar, adj.: Lasten 
tragend, des Lasttragens gewohnt, bei Luther. 
lasten, v.: diückend schwer sein, 1778 bei 
Klopstock 2, 8, aber trans. mhd. testen «als 
Last wohin legen, belasten», 1495 in der 
Kölner Gemma U4"^ lasten, in Zss. belasten 
(1678 bei Krämer, mhd. belesten «belästigen») 
und entlasten (mhd. entlesten, 1495 in der 
Kölner Gemma h 3*^ ontlasten). lästig, adj., 
spätmhd. lestec, lestic «lastbar, lastend»; davon 
Lästigkeit, f., 1777 bei Adelung. ZUS. 
Lastschiff, n., 1541 bei Frisius 611 b. Last- 
tier, n., 1716 bei Ludwig. Lastträger, 
m., bei Luther 2. Chron. 34, 13. Lastvieh, 
n., 1642 bei Duez. Lastwagen, m., 1594 bei 
Frischlin nomencl. Cap. 123 Lastivag. 

Lastädie, f.: Schiffsfracht, Ballast, (1791 
bei Roth) Ort des Warenausladens, mnd. 
lastädie «Schiffszimmerwerft, Ballast», ebenso 
mndl. 1599 lastagie, mlat. lastadium, lasta- 
giuni, vielleicht urspr. «der Platz, wo die 
Schiffe den Ballast ein- oder ausladen», ahd. 
ladastat, mhd. lästat f. «Ladeplatz für Schiffe». 

Laster, n. (-s, PI. wie Sg.) : Ehrverletzen- 
des; Gewohnheitssünde (1541 bei Frisius 902*). 
Mhd. laster n. (selten m.), ahd. lastar n. 
«Ehrenkränkung, Schmähung, Schande, Fehler, 
Makel»; dazu asächs. lastar n. «Tadel, Schmä- 
hung», afries. laster n. «Verletzung, Beschä- 
digung», anord. löstr m., schwed.-dän. last 
«Fehler, Tadel». Eine mhd. Hdschr. des 12. Jh. 
bei Schmeller- 1, 1523 hat noch deutlich 
lahster, entspr. ags. leahter m. «Schmach, 
Fehler, Krankheit», mndl. und vereinzelt mnd. 
lachter «Schimpf», ndl. lachter «Tadel». Mit 
Ausfall des h vor t (vgl. Mist) von ahd. lahan 
(Prät. luag bei Otfrid), asächs. lahan (Prät. 
log), ags. lean «tadeln» (Prät. log). Urverw. 
mit altir. locht «Fehler», zweifelhaft, ob auch 
mit lat. logui «reden», vgl. Walde. ABL. 



23 



lästig 



Latwerge 



24 



lasterhaft, adj., 1537 bei Dasypodius laster- 
haft, 1556 bei Frisius Dict. 148* lasterhafftig; 
davon Lasterhaftigkeit, f., 1678 bei Krämer. 
lästerlich, adj., mhd. laster-, lesterlich, ahd. 
lastarlih. lästern, v., mhd. lästern, lestern, 
ahd. lastaron, lasiiron «an der Ehre kränken, die 
Ehre nehmen», and. lastron «lästern». Davon 
Lästerer, m., mhd. lasterm-e, lesterer, ahd. 
last(e)räri m., als Schimpfname der Dorf- 
schläehter seitens der Stadtfleischerzunft 1777 
bei Adelung; Lästerung, f., im 15. Jh. bei 
Diefenb. gl. 106* lesterunge, ahd. lastrunga,\ 
ags. lealitrung f.; ZC7S. Lästermaul, n. und 
Lästerzunge, f. bei Luther. 

lästig, Lastschiff usw., s. Last. 

Lasur, m. (-s, PI, -e): der Blaustein, 
lat. lapis lazuli, und die daraus gewonnene 
Farbe, und Lasür, f. (PI. -en): die leichte 
Übermaluiig mit Lasurfarhe, dann mit durch- 
sichtiger Farbe überhaupt. Mhd. läsür, läzür 
n. und läsüre, lägüre f., aus mlat. lazurium, 
lasurium,lasurum n., vi.dies ausd.Pers.(s.J.2^Mr). 
ABL. lasüren, adj.: durchsichtig blau, im 
15. Jh. läsürin. ZUS. lasürhlau, adj.: 
hochblau, mhd. läsürhlä, dessen Neutr. subst. 
Lasürhlau, n.: das Ultramarin, lasür- 
farhen, adj.: schön himmelblau, mhd. läsür- 
var. Lasurstein, m. : 'Blaustein, im 14. Jh. 

laSZlT, auchlasciy, adj.: üppig, unzüchtig. 
1801 bei Campe, aus glbd. lat. lascwus. 

Latein, n. (-s): die Sprache der alten 
Römer; auch fremde, unverständliche Sprache, 
so in Jägerl. in bezug auf die unverständ- 
lichen Ausdräcke der Jägersprache. Mhd, 
latin n. neben lattne, latm f., dieses aus lat. 
latma (nämlich lingua f. «Zunge, Sprache»), 
jenes aus lat. latmum, Neutr. des lat. Adj. 
latinus «zur Landschaft Latium, worin Rom 
lag, gehörig». ABL. lateinisch, adj., mhd. 
latinisch, ahd, latmisg. latinisieren, v.: 
lateinisches Aussehen geben, 1691 bei Stieler, 
aus spätlat. latinizare «in Latein übersetzen 
oder umwandeln». Latinist, m. {-en, PI. 
-en): gelehrter Kenner und Erforscher des 
Lateins, mhd. latiniste, aus mlat. latinista m. 

Laterne, f. (Pl.-n): Leuchte. Mhd. laterne, 
latern, auch lanterne f., aus gleichbed. lat. 
laterna, älter lanterna f., das von gr. \a|Li-n-Tr)p m. 
«Leuchter» ausgegangen ist. 

Latifundium, n. (PI. -ien): sehr großer 
Grundbesitz. Aus glbd. lat. lätifundium n, 
(von latus «breit» und einer Ableitung von 
fundus «Grund und Boden». 

Latrine, f, (PI. -n): AlDort, Senkgrube, 



Aus glbd, lat, lätrina f. eig. «Reinigungs- 
anstalt». Erst in n eurer Zeit. 

latsch (mitä), adj.: schlaff und nachlässig 
gehend (Goethe 16, 114), 1691 bei Stieler. 
Auch substant. Latsche, m. (-n, PI. -n), 
Latsch, {-es, PI. -e) : schlaffer Mensch. Lat- 
sche, f. (PI. -n) auch Latsch, m. {-es) : Schuh 
ohne Hinterleder od. mit nieder-, abgetretnem ; 
nachlässiges unordentliches Frauenzimmer; 
Person unfesten, unentschiednen Charakters, 
1691 bei Stieler Latsche f. latschen, v.: 
schleppend und nachlässig gehen oder tun, 
1691 bei Stieler, aber 1663 bei Schottel lat- 
schen «auf eine Seite gehen», von let in let- 
fußer, schuchdbtreter Voc. theut. von 1482 s 7^, 
auch Schwab. Latte, Lattel m., Lät feige f. 
«kraftloser, einfältiger, fauler Mensch» neben 
glbd. Latsche, im 16. Jh. Latsch «Tor, Narr» 
Zimm. Chron.- 3, 461, 13. Vielleicht verw. 
mit laß, letz (s. d.). Vielleicht gehört es 
aber zu norw. ladda «schlürfen, latschen», 
tusseladd, askeladd, eigentlich «einer, der 
schwerfällig oder plump geht», ladd «Über- 
strumpf, Haarsocke». Vgl. Falk-Torp, lat- 
schig, adj., 1778 bei Hermes Sophiens Reise 
6, 586 lahtschig, 1691 bei Stieler latschicht. 

Latsche, f. (PI. -n) -. die Krummholzkiefer, 
Legföhre, lat.pinus montana, 1795 beiNemnich 
Latsche, Latsche, bayr.-tirol. 

^ Latte, f. (PI. -n): von der Dicke eines 
gewöhnlichen Brettes geschnittenes langes 
schmales Holz. Mhd, late, latte, ahd. lata, 
latta f.; dazu and, latta, ags. Icett f., läppe, 
engl, lath. Verwandt mit Laden (s. d.) und 
weiter mit air.slat, 'kjmr.Uath «Rute, Latte». 
Aus dem Germ. frz. latte, ital. latta, span.- 
port. lata f. «Latte». ABL. latten, v.: mit 
Latten belegen, mhd. und mnd. latten. 

"Latte, f.: junger schlank aufgeschoßner 
Baum, s. Lode und Sommerlatte. 

^Lattich, m. {-s, Pl.-e): der Garten-, Kopf- 
salat. Mhd. latich{e), latech{e), latuch, leteche 
f., ahd. ladduch{a), latoch f., mnd. lattuke, lat- 
tike, aus glbd. lat. lactüca f., ital. lattuga f. 

^Lattich, m. in Huflattich, lat. tussilago, 
1469 lattich im mrhein. Voc. ex quo, ahd. 
leticha, letacha f., spätahd. hüfleticha f. Aus 
glbd. mlat. lapatica f., lapatium n., zu lat. 
lapath(i)um n., gr. XdiraGov n. «Ampfer». 

Latwerge, f. (PI. -n): durch Einkochen 
dicker Saft. Bereits im 14. Jh. latwerge, 
sonst mhd. latwärje, latwerje, auch lactwärje, 
-werje, electuärje, lectuärje, lectquerge f. Wie 
ital. lattovaro, lattuario m., afrz. lectuaire, aus 



25 



Latz 



Lauer 



26 



spätlat, electuarium n. «dicker Heilsaft», von 
gr. ^KXeiKTÖv n. «Arznei, die man im Munde 
zergehen läßt», eig. «auszuleckende Arznei», 
zu ^KXeixeiv «auslecken», 

Latz, m. (-es, PI. -e, öst. Lätze) : klappen- 
artiger Kleidungsteil vor Brust od. Unterleib 
(im 15. Jh.), eig. durch Schlingen befestigtes 
Vorstück der Kleidung, Schnürstück, denn 
spätmhd. latz m. «Schlinge, Band, Fang- 
schleife» (noch tirol.-kämt.-schwäb. Latz m., 
schweiz.-els. Latsch m. «Schlinge, Schleife»), 
entl. aus afrz. laz «Schnürband», nfrz. lacs, ital. 
laccio, span.-port. lazo, prov. latz m. «Schnur, 
SchHnge»,von lat.laqueus m. «Strick, Schlinge». 

lau, adj.: weder kalt noch warm. Bei 
Luther Offenbar. 3, 16 law, mhd. lä (Gen. 
läwes), ahd. läo; dazu anord. hlyr, Meer «lau, 
mild» (vom Wetter). Urverw. mit lat. calere 
«warm, heiß sein, glühen», lit. süti «warm 
werden». Vgl. Walde. ABL. Lauheit, f., 
im 13. — 14. Jh. läheit, im 15. läbheit, läweheitf., 
wofür ahd. läwi f. Lauigkeit, f.: das Lau- 
sein, eig. wie bildlich, 1537 bei Dasypodius 
läwigkeyt, mhd. läwecheit, md. lewikeit f. 
laulich, adj., 1691 bei Stieler, das Adv. mhd. 
Iceiceliche, im 15. Jh. läwelich. ZUS. lau- 
warm, adj., 1470 lowarm. 

Laub, n. {-\e]s, selten PI. -e u. Läuher): 
Blattwerk der Holzgewächse; in der Spiel- 
karte die Farbe Grün od. Schuppen, frz. pique 
(1594 bei Frischlin Nomencl. Cap. 177 Laub). 
In urspr. Bed. mhd.-ahd. loup n. (PI. mhd. loup 
u. löuher, ahd. louhir); dazu asächs. löf n., 
mnd. löf (PI. lovere u. love), ndl. loof, aft-ies. 
läfn. «Laub», ags. leafn., engl. Zea/" «Blatt», 
anord. lauf n. «Laub», schwed. löf, dän. löv, 
got. lau/s m. «Blatt» (PI. lauhös). Urverw. 
(mit Schwebeablaut) mit lit. läpas m, «Blatt», 
gr. \^TToc n., XoTTÖc m. «Schale, Hülse», X^ireiv 
«schälen». ABL. laubig, laubicht, adj., 
1539 bei SeiTanus laubig, 1537 beiDasjpodius 
laubecht. ZUS. Laubfleck(eu), m.: Sommer- 
sprosse. 1561 bei Maaler. Schweiz.-elsässisch. 
Laubfrosch, m.: laubgrüner Frosch, mhd. 
loupvrosch, ahd. loupfrosc (Ahd. Gl. 3, 273, 47 
loupfros). Laubgang, m., bei Schiller 11, 
209. Laubhütte, f.: Hütte mit loupgrüenen 
esten {Tristan 597), 1483 bei Eychman \ Z^ 
laubhutt, bei Luther 3. Mos. 23, 42 Laubhütte, 
2. Makk. 10, 6 Lauberhütte u. Lauberhütten- 
fest, gekürzt 1. Makk. 10, 21 Lauberfest. 
Laubrüst, m.: Laubhüttenfest, -feier der 
Juden, bei Luther auch Laubrust Ps. 81, 4 
u. Joh. 7, 2, jetzt veraltet, md. im 13. Jh. 



laubrus (Hahns Pass. 267'», 96), im 15. Jh. 
laubproist (Diefenb. gl. 518^), entstanden aus 
mhd. laubprost «Laubbruch, Laubfall, Laub- 
fallszeit», von mhd. brüst m. f. «Bruch», zu 
bres^ew «brechen». Laubsäge, f.: feine Säge 
zum Ausschneiden laubförmiger Zierstücke, 
1791 bei Roth. Laubtaler, m,: großer franz. 
Taler mit einem belaubten Lorberzweige auf 
der Rückseite, seit 1726 geprägt. Laubwerk, 
n., 1517 bei Trochus L6* laubwerg. 

j Laube, f. (PI. -n): Laubhütte; Garten- 

1 haus; Galerie um den obern Stock eines 
(Bauern-) Hauses, Gang in diesem Stockwerke, 

I bedeckte Halle. In 1. Bed. seit dem 16. Jh. 
nachweisbar (1537 bei Dasypodius 178^ taube, 
bei Luther Sommerleube, aber schon ahd. 

I louba vel hutta, tabernacula ex raniis facta 

; Ahd. Gl. 2, 386, 39), in 2. Bed. mhd. hübe 
(PL hüben, löuben), ahd. louba, loupa f., nrhein. 

i löve (Karlmeinet 208, 39) ; aus germanischem 
laubja entlehnt lad. laupia f. «Emporkirche», 
ital. hggia f. «Galerie», frz. löge f., wozu loger 

i V. «wohnen» logis, hgement m. «Wohnung». 
Da die Bedeutung «Galerie» älter ist, so 
gehört es nicht zu Laub, obwohl durch 
Volksdeutung angelehnt, sondern zu anord. 
loptn. «Zimmerdecke, der daiüber befindliche 
Bodenraum», schwed.-dän. loft. Dazu noch 
abg. lubinü m. «was aus Baumrinde gemacht 
ist», russ. lubü m. «Bast», Ht. lüobas m. 
«Baumrinde», lubös, PI. «bretteme Stuben- 

, decke, Boden», apreuß. lubbo «Brett, Zimmer- 

I decke», vielleicht auch lat. liber m. «Bast». 

I Vgl. Walde. 

Lauch, m. (-[e]5, PI. -e) : eine Art Zwiebel- 
gewächse (bes. Porree). Mhd. louch, ahd. 
louh m.; dazu mnd. lök, ndl. look, ags. leac, 
engl, leec, anord. laukr m.; aus dem Germ, 
entl. abg. lukü m., finn. laukka. Gr. Xuyoc 
f. m. «junger, biegsamer Zweig» stimmt zwar 
lautlich, liegt aber in der Bedeutung recht fern. 
^ Lauer, m. (-s, ohne PI): Nach-, Trester- 
wein, Wassermost. 1470 laiver, mhd. Iure, 
ahd. Iura f., aus glbd. lat. löra f. Daneben 
mit Umlaut 1586 bei Ruland 368 Leur (noch ■ 
Schwab, leier und bayr. Leuer), mhd. liure, 
ahd. lürra (für lürja), von lat. lörea f. «Lauer». 
"Lauer, m. (-m, PI. -w): schlauer hinter- 
listiger Mensch. Fast nur noch in der Rx4. 
der Bauer ein Lauer. Älternhd. Laur, mhd. 
Iure m. Zu lauern (s. d.). 

^Lauer, f. (ohne PI.): heimliches Auf- 
passen, Hinterhalt. Mhd. Iure, lür f. Von 
lauern, v.: worauf heimlich aufpassen, mhd. 



27 



Lauf 



Lauheit 



28 



lüren; dazu ndl. bei Kilian loeren «mit den 
Augen blinzeln, auflauern», engl. ?oz^;er «düster 
blicken», lurk «auflauern», mengl. louren, luren 
«sich tückisch zurückhalten», schwed. Iura, 
dän. Iure «schlummern, aufpassen, betrügen», 
vgl. Schweiz, leürachtige äugen, von grossem 
schlaaff der einen ankompt, und wil sich aber 
yemerdar darvor hüten bei Maaler 1561. Her- 
kunft unsicher. ABL. Lau(e)rer, m. : Auf- 
passer, Späher, bei Luther Luc. 20, 20. lauer- 
sam, adj.: zum Lauern geneigt, lauernd, im 
18. Jh. bei md. Schriftstellern (Musäus). 

Lauf, m. {-[e]s, PI. Läufe): geschwinde 
Fortbewegung; (weidm.) Laufglied des Wildes 
(1561 bei Maaler); Rohr des Schießgewehres 
(Ende des 15. Jh.); Folge melodischer Töne, 
Läufer (15. Jh.). In der 1. Bed. mhd. louf 
(PI. löufe), ahd. louf (PI. -a) m. ; dazu andfrk. 
loup, mnd. löp(e), ndl. loop, afries. hlep, ags. 
hliep m., engl, leap, anord. hlaup n., schwed. 
löp, dän. löh. Von laufen (s. d.). Vgl. Lauft. 

Laufbahn, s. laufen. 

Läufel, f. (PI. -n): die äußere (grüne) 
Schale mancher Baumfrüchte, z. B. der Nüsse 
usw. 1512 bei Keisersberg Bilgersch. 208* 
louffel, 1540 bei Alberus dict. Y 4* und Gg 1 * 
leyff f., fränk, Lauf f., mit ableitendem t 
ahd. louft, löft f. «äußerste Nußschale, Baum- 
rinde». Wohl urv erw. mittschech.-poln. lupina 
f. «äußere grüneFruchtschale, Hülse, Schote», 
lit. lupinai m. PI. «Obstschalen», und mit 
Schwebeablaut gr. Xotröc m. «Schale, Rinde, 
Hülse, Haut». ABL. läufein, v.: von der 
Hülse befreien, z. B. Nüsse, Erbsen usw., bei 
Keisersberg Bilg. 208* leufflen, Postill 2, 51* 
löuffen, im mrhein. Voc. ex quo von 1469 
uyß (aus) leyfften. 

laufen, v. (Präs. laufe, läufst, läuft, Prät. 
lief, Konj. liefe, Part, gelaufen): sich, geschwind 
fortbewegen. Mhd. loufen (Prät. lief, auch 
Huf, Part, geloufen), ahd. (h)lou(f)fan (Prät. 
liaf, auch Huf Hof, Part. gi(h)laufan); dazu 
asächs. hlöpan, ndl. loopen, afries. hläpa, ags. 
hleapan, (engl, leap «hüpfen, springen»), anord. 
hlaupa, schwed; löpa, dän. lobe, got. hläupan. 
Als Nebenform vom 14. bis ins 19. Jh. Prät. 
loff (älter luf luff, alem. lüff) und Part, ge- 
loffen (noch bei Wieland, Goethe, Heine). 
Vielleicht urverw. mit lit. klupti «nieder- 
knien, straucheln», klauptis «niederknien», 
gr. KdXiTri f. «Tral>». Vgl, Brugmann Ber. 
d. Sachs. Ges. d. Wiss. 1897, 23, Zupitza 118. 
J.BL. Läufer, m. {-s, PI. wie Sg.): laufender 
Bote (mhd. loufmre, löufcere, ahd. loufäri), als 



Figur im Schachspiel 1664 bei Duez, aber noch 
im 19. Jh. Laufer; Rennpferd (mhd., dazu 
anord. hlaupari m.); als Bezeichnung des 
Kamels (laufer im 14. Jh., noch bei Wieland 
8, 324); junges nicht mehr saugendes Schwein 
(1731 im Öcon. Lex. 1355, läuffei im 16. Jh. 
bei Birlinger Augsb. Wb. 408^); rasch auf 
einander folgende auf- oder absteigende Töne 
(im 18. Jh. bei Wieland Abderiten Beb. 3, 
Kap. 5); schmaler Teppich, läufig, adj.: 
brünstig (von Hunden 1537 bei Dasypodius 
leüffig), mhd. löufec, löufic «gänge, gangbar, 
weltläufig, bewandert», läuflsch, adj.: brün- 
stig, 1691 bei Stieler. ZUS. Laufbahn, f.: 
Bahn zum Laufen, im eig. Sinne bei Duez 
1642, übertragen bei Adelung 1777. Lauf- 
feuer, n.: in einer Linie gestreuten Schieß- 
! pulvers laufendes Feuer (bei Kramer 1719), 
j längs der Ausdehnung eines Heeres laufendes 
I Gewehi'feuer (1757 in Eggers Kriegslex. 2, 38). 
I Laufgraben, m.: Belagei'ungsgraben, in dem 
man sich der Festung ungesehen nähert (1617 
I bei Wallhausen Corpus mil. 115, 210). Lauf- 
! paß, m. : Paß zu Entlassung und Sichfort- 
, begeben, bei Campe und Schiller Turandot 5, 2. 
RA. einem den Laufpaß gehen ; älter dafür 
Laufzettel, m., 1696 bei Chr. Weise Comö- 
dienprobe 104; jetzt «Zettel, der durch eine 
Reihe von Händen läuft». 

Lauft, m. (-[e]s, PI. Laufte): Lauf, aber 
nur noch in der Bed. «Laufglied des Wildes» 
bei den Jägern (1485 Weisth. 2, 61 der Plur. 
leuffter) und im PI. Zeitläufte «geschwind auf- 
einanderfolgende Vorgänge, Ereignisse der 
Zeit». Mhd. louft, ahd. hlauft, louft m. «Lauf», 
schon im 8. Jh. vom «Zeitlauf», spätmhd. der 
PI. leufte neben löufe «Zeitläufte». Mit ableit. t 
von laufen (s. d.). Davon läuftig «gewandt», 
noch nordd., auch in weitläuftig , spätmhd. 
löuftic, louftic «bewandert, gewandt». 

Lauge, f. (PI. -n) : mit Auszug aus Pflanzen- 
asche getränktes Wasser; überhaupt künstlich 
bereitete Salzauflösung. In der 1. Bed. mhd. 
louge, ahd. louga f.; dazu mnd. löge, ndl. loog, 
ags. leah{g) f., engl. He, lye; den Gi-undbe- 
griff zeigt anord. laug f. «warmes Bad», lauga 
«baden, waschen». Vielleicht urverw. mit lat. 
laväre «waschen, baden», wohl stammverw. 
mit ^Lohe. Entl. russ. lüga f. «Lauge». Mhd. 
hagenhuocheniu löge «hainbüchene Lauge» ist 
auf Prügel angewandt. ABL. laugen, v.: 
mit Lauge behandeln, bei Stieler 1691 laugen, 
obpfälz. laugnen, 1465 leugenen. 
Lauheit, Lauigkeit, laulich, s. lau. 



29 



Lanne 



laut 



30 



Laune, f. (PI. -n) : eigenwillige Gemüts- ' 
Stimmung, üble wie gute. Mhd. lüne f. «Mond», 
dann «die verschiedne Gestalt, in der der , 
wechselnde Mond uns erscheint, die Mond- 
phase, u. weiter jede Konstellation d. h. jede 
verschiedene Stellung der Steme gegenein- 
ander in ihrem angenommenen Einfluß auf 
die Schicksale des Menschen», weiter «die 
Veränderlichkeit des Glückes», und endlich 
«die wechselnde Gemütsstimmung des Men- 
schen», ahd. lüne in nhvilune «Neumond», aus 
lat. lüna f. «Mond». Im 16. bis 18. Jh. auch 
M., z. B. 1540 bei Alberus dict. Qql^ <i-der 
laun odder die laum>, bei Luther 8, 108^ 
Laun m. neben Laun f. 7, 226^, 1691 bei 
Stieler und noch 1745 bei Ludwig Laun m. 
In der Bed. «heitere, scherzhafte Gemüts- 
stimmung» nach glbd. engl, huniour bei Les- 
sing 4, 339, Herder IV, 182 f., Wieland 4, X. 
Ein andres Wort ist ndl. luim f. Vgl. Franck 
s. V. ABL. launen, v.: verdrießlich, launen- 
haft sein, mhd. lünen «wechselnd gestalten», 
dann «wechselnder Gemütsstimmung sein». 
launig, adj.: übler Stimmung leicht nach- 
gebend (im 15. Jh. liunig, md. im 14. Jh. 
vorchtlünig «blödsinnig»); voll heitrer Laune 
(bei Lessing 7, 35). launisch, adj.: von 
übler Gemütsstimmung, 1420 lewnisch, 1482 
im Voc. theut. 1 3^ und nd. im 15. Jh. lünisch , 
«mondsüchtig». ZUS. launenhaft, adj., bei 
Wieland 6, 203. 

Laus, f. (PI. Läuse) : an Menschen u. Säuge- 
tieren schmarotzendes Kerbtier, mhd. -ahd. - 
mnd. lüs f. (PI. mhd. liuse, ahd. liusi) ; dazu ndl. 
luis, ags. lüs (PI. lys), engl, louse (PI. lice), 
anord. lüs (PI. lyss f.), schwed.-dän. lus. Dazu 
akymr. leu-eseticc «von Läusen zerfressen», 
nkymr. Heuen, körn, lowen, bret. Ionen «Laus». 
J.BL. lausen, V.: Läuse absuchen, mh&.lusen; 
RA. einen (früher einem) mit Kolben, mit der 
Kolbe lausen «mit (Kolben-) Schlägen oder 
auch derben Verweisen züchtigen», schon im 
14. Jh. man sol narren mit Kolben lüsen. 
Lauser, m,: Geizhals, Knicker, bei Luther 
Sir. 14, 3. lausig, adj., im 15. Jh. über- 
tragen bei Luther. ZtfS. Läuse-, Laus- 
kamm, m., 1716 bei Ludwig Lausekamm. 
Laus-, Läusekraut, n.: Kraut zu Läuse- 
salbe, zur Vertreibung und Tötung der Läuse, 
im 14. Jh. bei Megenberg 420, 16 läuskraut. 
Lausewenzel, m.: schlechter Tabak (bei 
J. Paul, Freytag u. a.). 

lauschen, v.: still, heimlich aufhorchen 
(1741 Frisch), älternhd. «lauern» (bei Luther). 



Hervorgegangen aus der Vermengung zweier 
sionverw. Stämme, einerseits 1421 luschen «ver- 
borgen sein», mnd. luschen «heimlich auf Wild 
lauern», mhd. loschen, ahd. losken, losgen, 
loschen «verborgen sein, verborgen (heimlich) 
mit Spannung worauf merken» vielleicht ver- 
wandt mit laustem (s. d.); anderseits älternhd. 
laußen «lauschen:», mhd. lügen, ahd, Zw^e« «ver- 
borgen sein oder liegen», dann «heimlich be- 
obachten, lauern». Dazu ags. lütayi «sich 
beugen, fallen», lütian «verborgen liegen, 
lauern», got. lutön «betragen», litits «heuch- 
lerisch» und weiter abg. luditi «betiügen» 
ludü «töricht» (entlehnt lit. l'üdnas «betrübt) 
Unverw. mit älternhd. lauschen «lohen, lodern 
flammen» (Mathesius Sar. 50 '^, Hochzeitpred 
1584 35^), mhd.lüscheti. ABL. Lauscher,m 
1691 bei Stieler. lauschig, adj.: gern lau 
sehend (bei Stieler 1691 lauschicht); versteckt 
(erst im 19. Jh., noch nicht bei Campe). 

lausen, lausig usw., s. Laus. 

laustem, v. : das Ohr spitzen, scharf auf- 
horchen. Mhd. lüstern «horchen, lauern», ahd. 
(h)lüstren, spätmhd. lüstern, bei Moscherosch 
Patientia 47 laustem, mnd. lästeren, ndl. lui- 
steren «hören, gehorchen». Daraus dän. lystre, 
schwed. lystra. Noch alem.-hess,-luxemb.-göt- 
ting.-westf., auf der Eifel u. im Westerwald. 
Wie asächs. hlust f. «Ohr, Aufmerksamkeit», 
ags. hlyst f. «Gehör», hlystan «aufhorchen, 
hören», engl, list «horchen», listen, anord, 
hlust f. «Ohr», hlusta «aufhorchen», mhd. 
lusmen, lusnen, lüsnen «horchen, lauschen», 
abgel. von dem in ^losen (s. d.) steckenden 
agerm. Stamme Mus, urverw.mit abg. sluchü m. 
«das Hören», slysati «hören», (Ht, klausä f. 
«Gehorsam», klausiti «hören»?), air. cliias «Ohr». 

Laut, m. (-[e]s, PI. -e): was für das Ohr 
vernehmlich ist, insbes. hörbare Äußerung 
durch die Stimme. Mhd, lüt m. «Stimme, 
Ton, Schrei», entstanden aus dem folg. Adj.; 
dafür ahd. (h)lüta f., noch weidm.-bayr. Lauten 
f. «Stimme des Hundes beim Bellen», 

^laut, adj,: vernehmlich für das Ohr; 
weithin hörbar. Mhd. lüt (auch «für das 
Auge wahrnehmbar, klar, deutlich»), ahd, 
(h)lüt; dazu asächs. hlüd, ndl. luid, afries. 
hlüd, ags. hlüd, engl, loicd. Im Adv. mhd. 
lüte, ahd. (Ji)lüto, asächs. hlüdo, ags. Müde. 
Eigentlich Participialbildung wie traut, alt, 
kalt (s. d.), aber wohl nicht urverw. mit 
aind. grutäs, gr. kXutöc, lat. inclüius «be- 
rähmt» (vgl. Leumund), sondern zu gr. KXaieiv 
«weinen, klagen», Verbaladj. kXuutöc, 



31 



laut 



lax 



32 



-laut, Präp. mit Gen, u. auch Dat.: nach 
Wortinhalt. Aus nach Laut, mhd. 1374 nach 
lüt «nach Inhalt», 1398 nach lawt und sag 
mit Gen., aber bereits im 15. Jh. lüt des 
artikels. Luther setzt als Präp. noch das 
ältere lauts; mhd. als Adv. lütes, im 14. Jh. 
lautes «mit lauter Stimme». 

lautbar, adj.: hörbar; ruchtbar (2. Makk. 
1, 33), bekannt. Nicht mehr übhch. Mit 
Laut (s. d.) zsgs., mhd. lütbcere, ahd. Adv. 
lütbäro «öffentlich». Verschieden davon ahd. 
liutbäri, mhd. liuthar «öffentlich bekannt», 
von ahd. Hut m. n. «Volk, Leute». 

Laute, f. (PI. -n): länghch bauchiges be- 
saitetes Tonwerkzeug, insbes. zu Gesangbe- 
gleitung. Mhd. schon im Evangelium Nicodemi 
(Germ. 20, 51) laute f., aber erst im 15. Jh. 
als lüte f. geläufig, mndl. um 1400 lüte f., 
aus glbd. frz. luth m., afrz. im 13. Jh. leut, 
prov. laut, ital. liüto, liüdo, span. laüd, portug. 
alaüde m., von arab. al-'üd «Laute». Dazu 
Lautenist, m. (-ew, PI. -en): Lautenspieler, 
im 16. Jh. lautmist, lautenist, von glbd. mlat. 
lutanista, lutinista m., dafür spätmhd. luten- 
slaher m. «Lautenschläger». 

lauten, v.: laut sein, tönen, erschallen 
(mhd. luten, ahd. Muten, lüten); in Worten 
oder Schrift kund, werden (bei Luther). 

läuten, V.: laut machen, lauten machen, 
insbesondre Hinundherschwingendes (Glocken, 
Schellen usw.) tönen machen; (von Tönendem) 
tönend sich hören lassen, im Hinundher- 
schwingen tönen (auch unpers. es läutet). 
Mhd. Hüten, md. lüten, ahd. hlütjan, hlüttan, 
lüttan sowohl «ertönen lassen» als «tönen»; 
dazu assichs.hlüdjan in ahlüdjan «aussprechen», 
ags. hlydan «tönen, schreien, lärmen». 

lauter, adj.: ungemischt mit Fremdem, 
rein; adv. nichts als (bei Luther). Das Adj. 
mhd. lüter (auch «lediglich, bloß»), ahd. 
(Ji)lüt(t)ar, asächs. hlüttar, ndl. louter, afries. 
Mütter, ags. hlütor, hluttor, got, Mütrs, mit 
vor r unverschobenem t. Das Adv. mhd. 
lüter «deutlich, ganz», asächs. Müttro «auf- 
richtig», ags. Mü{t)tre «hell, klar».' Entweder 
nach Berneker Idg. Forsch. 10, 152. Zupitza 119 
zu tschech. kliditi «reinigen», klouditi «sauber 
machen», russ. kl'udz f. «Ordnung», tschech. 
klid «Ruhe» oder zu gr. KXüJeiv «spülen», 
KXübujv m. « Woge, Wogenschlag», alat. cluere 
«reinigen», leit. sluota «Besen», slaucU «fegen, 
wischen», lit. slüoju «fege, wische», sluota f. 
«Besen». ABL. Lauterkeit, f., md. lüterkeit, 
dafür mhd. lüterheit f. und ahd. Müttri f.. 



got. Mütrei f., Mütripa f. läutern, v.: lauter 
machen, mhd. liutern, ahd. {h)lütaren, bei 
Notker liuteren, ags.Müttrian; davon Läute- 
rung, f., um 1480 im Voc. ine. teut. oS*' 
leuterung in eig. Bed., 1403 bei Diefenb.- 
Wülcker luterung «Klarstellung», mhd. Hute- 
runge f. «Erläuterung, Erklärung». 

lautlich, adj.: den Lauten gemäß, in der 
Sprache der Grammatiker des 19. Jh., aber 
im 15. Jh. lütlich, lütelich «sonorosus». 

LautTerschiebung,f. : Verschiebung von 
Konsonantenreihen, zuerst 1822 bei J. Grimm. 

Laya, f. (PI. Laven, Goethe 30, 3): feurig- 
flüssiger Auswurf des feuerspeienden Berges. 
Im 18. Jh. aus glbd. ital. lava f., neapoli- 
tanisch «die Straßen überflutender Regen- 
bach», von ital. lat. laväre «waschen». 

Lavendel, m. (-s) : die Pflanze lavandula. 
Mhd. lavendelie) f. m., aus mlat. lavandula f., 
ital. lavendola f., von glbd. ital. lavanda f., 
abgel. von lat.-ital. laväre «waschen». 

lavieren, v.: hin und her segeln ohne 
Aufgeben der eigentlichen Richtung; in Über- 
trag. Bed. 1791 bei Roth. 1571 bei Hey den 
Plinius 325 lautren, bei Weckherlin 1, 511, 80 
laveeren, aus mnd. laveren (schon bildlich), 
ndl. laveren, früher loeveren, woher auch glbd. 
frz. louvoyer, abgel. von Luv (s. d.). 

Lavör, Lavoir, n. (-s, PI. -e): Hand-, 
Waschbecken. 1669 im Simpl. 88, aus jetzt 
veraltetem ndl. lavoor, von glbd. frz. lavoir 
m., zu lat. laväre «waschen». 

Lawine, f. (PI. -w) : vom Berg abrollender 
Schneesturz. Im 18. Jh. hochd. aus glbd. 
lad. lavina f., das auf mlat. lablna f. «Erd- 
fall» (7. Jh.) zurückgeht, von lat. läbi «herab- 
gleiten, fallen». Die Nebenformen Lauwme 
(Goethe 19, 291 u. 294, Wieland Göttergespr. 
94), Lauine (Goethe 16, 366) nähern sich dem 
glbd. Schweiz. Laui, Läui, Lauwi, Läuwi f. 
(PI. Lauenen, Lauwenen usw., immer mit be- 
tonter erster Silbe, im 16. Jh. Leuwenen, 
1302 latinisiert PI. lowinae, im 17. Jh. Lou- 
winen, Löüwinen, quasi leaenae, daher wort- 
spielend noch in "Schillers Berglied Löwin f., 
in erweiterter Bed. 1541 bei Frisius 500^ 
Herdlouwe f. «Erdfall»), tirol.-steir. Lahn f., 
bayr.. Lauen, Läun f., mhd. lene f. «Lawine, 
Sturzbach», leun f. «Tauwetter», ahd. lewina, 
lowin f. «Gebirgssturzbach». 

Lawn-Tennis, n.: Ballspiel. In neurer 
Zeit aus glbd. engl, lawn-tennis, zgs. aus lawn 
«Rasen» u. tennis «Ballspiel». 

lax, adj.: unbestimmt, schlaff. Im 18. Jh. 



33 



Lazarett 



lel)en 



34 



aus lat. laxus «weit, schlaff», laxieren, v.: 
abführen, dünnen Stuhlgang verursachen oder 
haben. 1571 bei Eot, von lat. laxäre «weit 
machen, erweitern, öffnen, lüften», dafür 
älternhd. purgieren. 

Lazarett, n. {-s, PI. -e): Krankenhaus, 
bes. für Soldaten. Im 16. Jh. in der Zimm. 
Chron.2 1, 612, 17 Lazart, 1595 bei Welser- 
Werlichius Augsb. Chr. 8, 109 gemeiner Statt 
Brechhauß, welches man au ff Italiänisch 
Lazareth nennet, 1618 bei Schönsleder La- 
saret, Siechhauß. Aus glbd. ital. lazzeretto m., 
span. lazareto, abgel. vom Namen des Lazarus 
(Luk. 16, 20 ff.), dem (als Heiligen) im Mittel- 
alter ein außerhalb der Mauern von Jerusalem 
gelegnes Haus zur Aufnahme Aussätziger ge- 
weiht war, daher auch mlat. Lazari «Aus- 
sätzige», im Garg. 244 ein Lazaritund Leproß. 

Lebehoch, n. (-s, PI. -s), eine Imperativ- 
zusammensetzung, Anfang des 19. Jh. von 
Rüdiger für Vivat (s. d.) gebraucht, bei 
Campe 1809 als neu bezeichnet. 

Leben, n. (-s, PI. wie Sg.), der Inf. lehen 
als Subst., mhd. leben n. (auch «Lebensweise»), 
ahd. lehen n., rad. auch lehen m., an der Stelle 
des in dieser Bed. abgestorbenen mhd. und 
ahd. lip m. n. (s. Leih). ZUS. lebelang in 
unser lehelang oder unser Lehen lang (s. lang), 
schon bei Luther dein lehenlang (5. Mos. 28, 33) 
und dein Lehen lang (1. Mos. 3, 17), auch ge- 
kürzt unser lebelang (Luc. 1, 74). Vgl. lehens- 
lang. Lebensart, f.: die Weise zu lehen 
(bei Krämer 1678); das feine Betragen (bei 
Wieland 15, 173). Lebensbaum, m., Name 
mehrerer Bäume mit immergrünen Blättern, 
bes. thuia occidentalis (1795 bei Nemnich). 

Lebensbeschreibung, f., 1678 bei Krämer. 

Lebensgeist, m., bei Stieler 1691, der PI. 
Lehensgeister häufig schon im 17. Jh., mhd. 
im 14. Jh. die leipleiclien gaist «vitales Spiri- 
tus». Lebensgröße, f., 1669 im Simpl. 58. 
Lebenskunst, f., 1798 von Fr. Schlegel 
geprägt als Schlagwort für die allseitige und 
künstlerische Ausbildung der Persönlichkeit. 
Vgl. Ladendorf, lebenslang, adj., zusam- 
mengesetzt wie fingerslang (mhd. vingers lanc), 
1691 bei Stieler; das Adv. lehenslang ist der 
Akk. Sg. des Ntrs. des Adj., schon im 16. Jh. 
bei Schweinichen 1, 91. Davon lebens- 
länglich, adj., 1691 bei Stieler. Lebens- j 

lauf, m., 1664 bei Duez. Lebenslicht, n., I 
bei Stieler 1691, das Dim. Lebenslichtlein bei , 
A. Gryphius 1, 133 (1698). lebenslustig, 
adj., (Goethe 25, 1, 74). Lebensmittel, n., \ 

We ig and, Deutsches Wörterbn eh. 5. Aufl. H. Bd, 



gewöhnlich im Plur. (schon im 17. Jh. bei 
Schupp 556). Lebenswandel, m., bei Stie- 
ler 1691. Lebensweise, f. (bei Herder, 

Klinger, Goethe). lebenswierig,adj.: lebens- 
länghch, im 18. Jh. (vgl. langwierig). Lebens- 
zeichen, n., bei Lohenstein Cleopatra 72. 
Lebenszeit, f., 1678 bei Krämer, 

leben, v.: als empfindendes Wesen dasein, 
mit innerlich bewegender Kraft und zugleich 
durch dieselbe sein. Mhd. lehen, ahd. leben, 
md. leven; dazu asächs. leion, mnd. libhian, 
ndl. leven, afries. lihha, lifia, ags. libhan, lifian, 
engl, live, anord. Ufa (auch «übrig sein»), 
schwed. lefva, dän. leve, got. lihan «leben». 
Zu bleiben (s. d.) und Leib (s. d.); der bei 
leben zu gründe liegende Begriff ist der des 
Übrigseins (wohl nach dem Kampfe), dann des 
Daseins überhaupt, des Fortdauerns. ABL. 
lebendig, adj.: Leben habend, mhd. lehendec, 
lemptic, lemtic, ahd. lehentig, vom Part. Präs. 
lebend, mhd. lebende, ahd. lehenti. Urspr. 
auf der 1. Silbe betont, aber schon um die 
Mitte des 16. Jh. auf der 2. Silbe, noch 
schwankend bei Opitz 2, 122 Du bist tod 
lebendig, ich bin lebendig tod, wie bei Brockes 
329, 168 und 335, 21 (Kürschner), auch Stieler 
sagt 1691 in der Lehrschrift 18 ohwol das 
Wort lebendig die Länge auf der ersten Sylbe 
ordendlich hat und die folgende beyde kurz 
seyn, so kan man doch auch die erste kurz, 
die zweite lang und die dritte wieder kurz 
aussprechen, ja man setzet auch ivol die letzte 
in den Verschen lang; um 1750 ist im Hochd, 
die Betonung der 2, Silbe durchgedrungen. 
Sie ist aber nicht natürlich entwickelt, son- 
dern dadurch zustande gekommen, daß man 
die nicht mehr gesprochene Schreibung leben- 
dig beibehielt, lebhaft, adj.: frisch, munter 
(1640 bei Comenius 274), mhd. ^ebeAa/if «Leben 
habend, lebendig», davon im 15. Jh. lebehafftick 
und 1691 bei Stieler Lebhaftigkeit f. lebig, 
adj.: lebend, südwestd., mhd. lehic in lanc- 
lebic. leblos, adj.: ohne Leben, ohne Lebens- 
kraft, ohne Äußerung von Lebensregsamkeit, 
mhd. lebelos «matt». ZÜS. Lebemann, m., 
zuerst 1794 bei Ernst Langbein. Vgl. Laden- 
dorf. Später öfter bei Goethe. Lebewesen,n., 
1575 im Garg. 94 lehwesen. Lebewohl, n., 
bei Campe aus Bodmer. Lebtag, m. in 
mein Lebtag, gekürzter Plural: «Die Tage 
(Zeit), welche ich lebe, Lebenszeit». Bei Luther 
all mein Lehetage 3 es. 38, 15, all ewr lehtage 
5. Mos. 6, 2, mhd. lehetac m., häufig im Plur. 
lehetage, «Lebenszeit», auch «Lebensunterhalt», 

8 



35 



-leben 



lecken 



36 



Nach Heynatz 1796 wird es aus der Schrift- 
sprache immer mehr verbannt. Lel)zelt, f., 
meist im Plur. Lebzeiten: Die Zeit, welche 
man lebt, die Lebensdauer, der Sg. 1575 im 
Garg. 60 u. noch bei Goethe 20, 6, der PI. in 
jhren Lebzeiten 1587 im Faustbuch75 Br.Leb- 
Zlicht, f. (ohne PI.): Lebensnahrung, Lebens- 
unterhalt. Md. im 15. Jh. lehezuhtt, zsgs. mit 
mhd.-ahd, zuht f. in der Bed. «Nahrung», ver- 
derbt Lehsucht f. (vgl. Leibzucht). 

-leben in Ortsnamen Thüringens, der Prov. 
Sachsen u. Schleswigs. Thüi-. im 15. Jh. -leiibin, 
-leibin (das rote Buch von Weimar 54. 87 u, ö.), 
in Dänemark -lev. Wohl zu bleiben, eig. «Über- 
bleibsel, Erbe». 

Leber, f. (PI. -n) : Körperteil. Mhd, leber(e), 
ahd. libara, lebara f. ; dazu and. lebera, rand.- 
ndl. lever, afrs. livere, ags. Ufer f. (Leber, leber- 
artige Stücke geronnenen Blutes), engl, liver, 
anord. lifr f., schwed, lefver, dän. lever, aschw. 
lyr aus *liburi. Gewöhnlich zu gr. r\nap n., 
lat. iecur n., aind. jäkrt n. «Leber» gestellt, 
doch bleiben dabei lautliche Schwierigkeiten. 
Vgl. Zupitza 12. Genau entspricht arm. leard, 
bei dem inlautendes p regelrecht schwand. 
Nach der Anschauung der Alten, die viel- 
leicht auf den Orient zurückgeht, war die 
Leber der Sitz des Zorns und der Leiden- 
schaften. Ebenso bei uns. Daher (bei Goethe) 
die L. befreien «seinem Zorn Luft machen», 
frei von der L. wegreden, eig. «seinem Zorn 
Luft machen», es kriecht einem etwas über 
die L., es läuft einem eine Laus über die L. 
ZUS. Lebererz, n.: leberfarbenes Erz und 
(1546 bei G. Agricola 478) leberfarbener Eisen- 
stein. Leberfleck, m.: leberbrauner Haut- 
flecken, 1666 bei Comenius Sprachenthür § 286. 
Leberkraut, n. Name mehrerer Pflanzen, 
die gegen Leberverstopfung oder auch, wie 
das Steinleberkraut, gegen Leberschaden heil- 
sam sind, mhd. leberkrüt n. Leberreim, m., 
eine Art vierzeiliger Epigramme aus dem 
Stegreif, benannt nach dem Anfang Die Leber 
ist vom Hecht und nicht von einem . . ., im 
17. Jh. üblich, aber schon 1712 bei Hübner 
«heutiges Tages wenig geachtet». Leber- 
Stein, m.: rötlichbrauner leberfarbener Salz- 
ton; erdharzartiger Kalkstein, mhd.. leber stein. 
Leberwurst, f.: Wurst aus klein gehackter 
Leber, mhd. Leberwurst, ahd. lebaratvurst f. 

Lebermeer, n.: sagenhaftes geronnenes 
Meer, in dem die Schiffe stecken bleiben. 
Mhd. lebermer, ahd. lebirmere n., zu mhd. 
liberen «gerinnen» (s. geliefern). 



lebhaft, lebig, s. leben. 

Lebkuchen, m.: dünner Honigkuchen. 

Mhd. lebekuoche, lepkuoche, mnd. levekoke m., 
lebe- vielleicht im Ablaut stehend zu mhd. 
leip m, «Brot», s. Laib. Vgl. Lebzelt. 

Lebtag, Lebzeit, Lebzucht, s. leben. 

Lebzelt, m. {-[e]s, PI. -e), auch Leb- 
zelten: Lebkuchen, mhd. lebezelte, lebzelte, 
lezelte m., im voc. opt. X, 127 libenzelten, zsgs. 
aus leb in Lebkuchen (s. d.) und Zelte (s. d,). 

lech, adj.: durch Eitzen Flüssigkeit durch- 
lassend (bei Comenius 1642, Kramer 1719 und 
Steinbach 1734, noch hessisch, kämt.); (rhein.) 
schmachtend (gleichsam rissig) vor Durst und 
Hunger (Kehrein 260, ähnlich 1579 bei Mathe- 
sius Postilla 3, 54^). Im Hochd. durch die 
nd. Form leck (s. d.) verdrängt. Von leclien, 
V. : austrocknend rissig werden (Jerem. 14, 4); 
verlangend schmachten (Bürger 194); in beiden 
Bed. mhd. lechen mit schwachem Prät., ahd, 
im starken Part. Prät. zelechen «zerlechzt, 
leck»; dazu ndl. 1599 bei Kilian leken, anord. 
leka (mit starker Flexion Prät. lak, Part. 
lekinn) «tröpfeln, rinnen», engl, leak «leck 
sein». Vgl. Lake, lechzen, ''^' ^lecken. Davon 
Lecher, m.: Lechzender (Bürger 78). 

lechzen, v.: heiß schmachtend verlangen, 
vor Schmachten fast vergehen, mhd. lechezen, 
lechzen, spätmhd. lehazen, durch Abi. mit -azen 
(ahd. -aza7i) Verstärkungswort von lechen (s.d.). 

Leck, m. n. {-[e]s, PI. -e) : Flüssigkeit durch- 
lassender Ritz oder Spalt. Bei Ludwig 1716, 
aufgenommen als Schifferausdruck aus nd. 
leck m., ndl. lek n., 1599 bei Kilian leke. 

leck, adj.: durch Ritzen Flüssigkeit durch- 
lassend. 1660 bei Fleming 557. Aus nd. leck; 
dazu ndl. lek, ags. hlec «leck», anord. lekr. 
Vgl. lech. Vielleicht verwandt mit ir. legaim 
«löse mich auf», kymr. llaith «feucht». Vgl. 
Zupitza 215. 

^ lecken, v. : mit der Zunge worüber auf- 
nehmend hinfahren. Mhd. lecken, ahd. lecc{h)dn ; 
dazu asächs. leccon, liccon, nid. 1599 bei Kilian 
licken, lecken, lacken, ags. liccian, engl, lick, 
got. in biläigön «belecken». Urverw. mit gr. 
\eixeiv «lecken, belecken», Aixvoc «lecker, nasch- 
haft», Xixveüeiv «belecken, benaschen», lat. 
lingere, ligüylre «lecken», air. llgim «lecke», 
abg. lizati, lit. laiztti, liezti «lecken», arm. 
lizum., aind. rehmi, lehmi «ich lecke». Aus dem 
Germ, wahrscheinlich entl. ital. leccare, prov. 
liquar, lichar, lechar, franz. lecher. ABL. 
Lecker, m.: Leckender, dann Feinschmecker, 
mhd. lecker «Tellerlecker, Schmarotzer», dann 



37 



lecken 



Legat 



38 



«Possenreißer, sittenloser Mensch», ahd, lec- 
chari m. Davon Leckerei, f., mhd. leckerie f. 
«Weise eines Leckers, Lüsternheit», lecker- 
haft, adj., im 15. Jh., lecker, adj. : gaumen- 
kitzelnd, fein von Geschmack, mhd. lecker; 
davon Leckerli, n. (-s, PI. wie Sg.) : Zucker- 
gebäck, in der Schweiz. .^i[7/S'. Leckerbissen, 

m., zu Anfang des 16. Jh. leckerhiß m., bei 
Luther Jen. 4, 507 ^ Leckerhislin n. ; Lecker- 
maul, n. 1650 bei Moscherosch 2, 108 (das 
Dim. Leckmeuligen n. 1586 bei Mathesius 
Syrach 2^ 96^), dafür mhd. leckermunt m. 

"lecken, v.: mit den Füßen ausschlagen, 
springen, hüpfen. Bei Luther mhd. lecken; 
bei Lessing 10, 131 lacken, bei andern auch 
locken. Vielleicht verw. mit gr. XdZ, \dfbr]v 
adv. «mit den Füßen stoßend», aber nicht 
mit got. läikan «springen, hüpfen», anord. 
leika «spielen». 

■^lecken, v.: tropfenweise ablaufen; Flüs- 
sigkeit (durch Ritzen) durchlassen. Bei 
Sehottel 1663, aus nd. lecken, ndl. lekken, für 
das hochd. lecken (s. d. und leck). 

* lecken, v.: mit Flüssigkeit (aufschöpfend 
und) gießend netzen. Mhd. lecken, ahd. lecchan 
(Prät. lacta, lahta) «netzen, benetzen», ags. 
leccan «bewässern». Vgl. lecken. 

Lecker, lecker usw., s. '^lecken. 

Leder, n. {-s, PI. wie Sg.): gebeizte und 
gegerbte Tierhaut; was daraus verfertigt ist, 
z. B. Schwertscheide, daher die EA. vom 
Leder zieken (spätmhd.). Mhd. leder, ahd. 
ledar n. ; dazu mnd. ledder, ladder, ndl. leder, 
afries. leder, lider, ags. leäer, engl, leather, 
anord. ledr n., schwed. -dän. läder; urverw. 
altir. lethar, kymr. lledr «Leder». ABL. 
Lederer, m.: Lederbereiter, Gerber, mhd. 
ledercere, noch bayr.-öst. ledern, adj., mhd. 
liderm, md. lederln, ledder n, ahd. lidirm; 
von Menschen 1781 bei Kindleben u. schon 
1673 bei Weise Erzn. 8. ledern, v.: mit 
Leder versehen, mhd. lidern; dann prügeln, 
gleichsam gerben, wie engl, leatker. 

ledig, adj. : von Beschwerendem, Hemmen- 
dem u. dgl. frei; unverheiratet. In beiden 
Bed. mhd. ledec, ledic, auch lidic; dazu mnd. 
leddick, laddick, mndl. ledeck, ndl. ledig, leeg, 
afries. letkock, nfries. liddig, anord. lidugr «frei, 
ungehindert», schwed.-dän. ledig «ledig, leer», 
schwed. auch «beweglich, biegsam, unbe- 
hindert». Nicht sicher erklärt. Vielleicht zu 
ahd. lit in ahlid «Ab-, Hingang», ü^lit, ü^gilit 
«Ausgang», danach urspr. «freien Gang habend», 
d. h. «frei von Gefangenschaft, Schuld oder 



diu ckender Verpflichtung» und dann aus dem 
ßechtsleben in der altern Sprache weiter ent- 
wickelt «unbehindert, unverheiratet, unbesetzt, 
leer», im Adv. «bloß». ABL. ledigen, v., 
besonders in ent-, erledigen, mhd. ledegen, 
ledigen, lidigen, um 1100 ledigon «frei, los- 
machen». Ledigkeit, f., mhd. ledecheit, 
ledekeit, ledikeit f. lediglich, adv., mhd. 
ledeclicke «ohne Hindernis, ohne andres, völlig». 

Lee, n.: die Seite unter dem Winde d. h. 
woher der Wind nicht kommt. 1787 b. Kramer. 
Ndd. Seeschifferausdruck ohne Flexion (spr. 
Le-e) «Ort, wo die See vom Winde nicht 
bewegt ist, SeestiUe herrscht», mnd. leke, 
engl, lee, schwed. lä n. «Seite der Seestille», 
dän. lä, ly n. «Schutz», dann «Schutz vor 
dem Winde zur See», anord. hie n. «Schutz, 
Schatten», ags. kleow , kleo n. «Schutz, Zu- 
fluchtsort», asächs. hleo m., klea f. «Schii-m, 
Obdach», mit Ablaut zu lau s. d. ZUS. 
Leebord, n.: die linke Seite des Schifi'es, 
Backbord, 1782 bei Jacobsson. LeekÜste, 
Leeseite, f.: die Seite, auf die der Wind 
hinweht, 1782 bei Jacobsson. leewärts, adv., 
bei Ludwig 1716 liei^ärts. 

leer, adj.: nichts enthaltend usw. Mhd. 
lcer(e), md. ler{e), ahd.-asächs. ^äri, ags. (ge)- 
leere. Unbekannter Herkunft. J.SL. Leere,f., 
bei Dasypodius 1537. leeren, v. : leer machen, 
mhd. Iceren, ahd. in ir-lären, asächs. in a-lärian. 
Leerheit, f.: das Leersein als Zustand, 1482 
im Voc. theut. s 7 * lekrkeit. 

Leer, n. (-[e]s, PI. -e), auch Leere, f. 
(PI. -n), sehr häufig Lehr geschrieben: Mo- 
dell, Muster. 'In der Sprache der Hand- 
werker. Schon mhd. lere f. «Maß, Modell». 
Zu Lekre. Das neutrale Geschlecht weist auf 
eine Kürzung aus Lekrmaß oder dergleichen. 

Lefze, f. (PI. -n) : Lippe. 1534 bei S. Franck 
Weltb. 217b f. Lepfftze. Zu Anfang des 15. Jh. 
lefcze (Diefenb. nov. gl. 225*), auch ahd. ein- 
mal lefza (Akk. PI. von lefz m.), mit z statt 
S, denn mhd. lefse f. neben mhd. -ahd. lefs, 
leps m., auch umgestellt mhd. lesp m. Oberd. 
für md.-nd. urverw. Lippe (s. d.). Die gleiche 
Stammsilbe zeigt sich in ahd. leffiir, anfrk. 
lepor m. «Lippe» u. in lat. labrum n. «Lefze, 
Lippe» gegenüber Idbium n. = Lippe. 

legal, adj.: gesetzmäßig, rechtskräftig. 
Im 17. Jh. aus glbd. lat. legälis (von lat. 
lex f. «Gesetz»), daraus franz. loyal, wovon 
mhd. leal «treu, innig». 

^ Legat, m. {-en, PI. -en): päpstlicher Ge- 
sandter, Botschafter. Mhd. legät{e), spätmhd. 

3* 



39 



Legat 



Lehne 



40 



auch leat{e) va.., ndl. 1599 bei Kilian legaetm., 
aus lat. legätus m. «Gesandter», von legäre 
«jem. wohin (als Gesandten) senden». Le- 
gatioil, f. (PL -en): Gesandtschaft. 1669 im 
Simpl. 216. Aus glbd. lat. legätio f. Davon 
Legatiönsrat, m. 1791 bei Eoth. 

"Legat, n. (-[e]s, PI. -e): Schenkung durch 
Vermächtnis. 1678 bei Kramer, aus glbd. lat. 
legätum n., von legäre (s. ^legieren). 

Legel, in Österreich gestattet für Lägel. 

legen, v.: liegen machen. Mhd. le(g)gen, 
lecken (Prät. legte, leite, Iahte, Part, geleget, 
geleit, geiaht), ahd. leggan, legen; dazu asächs. 
leggjan (Prät. lagda, legda), afries. ledza, ndl. 
leggen, ags. lecgan, engl, lay, anord. leggja 
(Prät. lagäa), schwed. lägga, dän. lägge, got. 
lagjan. Factitiv von liegen (s. d.); dazu abg. 
lozq, loziti «legen». 

Legende, f. (PI. -n): Heiligenerzählung 
(mhd. legendef.); Erzählung, Bericht (1471 bei 
Liliencron 2, 6*); unbeglaubigte Erzählung 
(bei Goethe, in der Umdeutung Lügende schon 
bei Luther 8, 36 ^ Jen.) ; Umschrift oder Rand 
der Münze (1782 bei Jacobsson, Legenda 1712 
bei Hübner). Aus mlat. legenda f. «Buch der 
täglichen gottesdienstlichen Lesestücke», urspr. 
der lat. Plur. legenda «das zu Lesende» zum 
Ntr. Part. Fut. Pass. legendus von legere «lesen». 

leger (spr. lezär), adj.: leicht, ungezwun- 
gen. 1791 bei Roth. Von glbd. frz. leger, von 
lat. levis «leicht». 

■^legieren, v. : vermachen, durch Ver- 
mächtnis schenken. Im 16. Jh. (Zimm. Chron. 
1, 130, 2, 8. Franck Germ, chron. 44^), aus 
lat. legäre «durch Testament vermachen», von 
lat. lex f. (Gen. legis) «Gesetz» usw. 

'-'legieren, v.: Gold, Silber usw. mit ge- 
ringerm Metalle durch Zusammenschmelzen 
vermischen. 1709 bei Hübner, aus glbd. ital. 
allegare (al- lat. ad «zu», -legäre von ital. 
lega f. «gesetzlicher Gehalt der Münzen», von 
lat. lex f. «Gesetz», ad legem «nach Gesetz». 

Legion, f. (PI. -en) -. große Menge, urspr. 
altrömische Kriegerschar von 4000 bis 6000 
Mann, lat. legio f., von legere «lesen, sammeln». 
Bei Luther Marc. 5, 9, Murner Geuchm. V. 83, 
schon md. leyo f. (Myst. 1, 203, 17). 

legitim, adj.: gesetz-, rechtmäßig; recht- 
mäßig geboren, ehelich, echt. Aus lat. 
legitimus «gesetzmäßig», von lat. lex f. «Ge- 
setz». ABL. legitimieren, v.: ein unehe- 
liches Kind ehelich machen (1571 bei Rot); 
seine Vollmacht zu etw. vorzeigen (1709 bei 
Hübner). Legitimität, f. (PI. -en), Schlag- 



wort seit dem Wiener Kongreß 1819. Vgl. 
Ladendorf. Legitimation, f., 1791 bei Roth. 

Lehde, f. (PI. -n): wüst liegender Grund 
mit Wildwachs. 1719 bei Fleming 256^ Lade, 
1731 bei Zincke öc. Lex. 1358 Leede, 1741 bei 
Frisch Leede, Le(h)de. Aus mnd. legede f. 
«Niederung», ostfries. legte, ndl. leegte, laagtet, 
1599 bei Kilian leeghde «niedriger Boden, Tal»; 
vom Adj. leg, das zu liegen gehört. 

Lehen, n. (-s, PI. wie Sg.), Lehn, n. 
(-[e]5, PI. wie Sg. oder -e): nur zum Ge- 
brauch oder unter der Bedingung der Rück- 
gabe, des Rückfalles Übergebenes. Mhd. lehen, 
ahd. lehan, lehin n.; dazu asächs. lehan n., md.- 
nd. -afries. len, ags. Icen, (engl, loan aus dem 
Nord.), anord. län n., schwed. län, dän. laan. 
Genau entspricht aind. reknas n. «ererbter 
Besitz, Eigentum». Zu leihen (s. d.). ABL. 
lehnbar, adj., mhd. lehenhcere «geeignet zum 
Besitz eines Lehens». ZUS. Lehngut, n., 
mhd. lehenguot n. Lehnrecht, n., mhd. lehen- 
reht n. Lehnsherr, m., mhd. lehenherre m. 
Lehnsmann, m., mhd. le(he)nman, 1639 bei 
Zincgref Apophth. 1, 44 Lehman. 

Lehm, m. (-[e]s, PI. -e): gelbe Erdart 
aus Ton und Sand. Diese md. u. nd. Form 
ist im 18. Jh. (bei Hederich 1729, Steinbach 
1784, Frisch 1741 Lehm) für obd. Leim, 
Leimen üblich geworden (noch bei Wieland 
Oberon 8, 41, Herder 1, 365, Goethe 34, 1, 6). 
Schwachb. bei Luther Leime (Hiob 10, 9), 
mhd. leime, ahd. leimo, and. lemo, md. im 
15. Jh. lerne m.; starkb. mhd.-ahd. leim, md.- 
mnd. lern, ags. läm m. (engl, loani «Humus»). 
Urverw. mit lat. Immsm. «dünner Schlamm», 
Unere «streichen». ABL. lehmen, adj., md. 
im 15. Jh. und mnd. lemen, 1477 clevisch 
leemen, 1729 bei Hederich lehmern, aber mhd. 
und ahd. leimin, ags. leemen. lehmicht, 
lehmig, adj., im Voc. opt. 1501 M 3^ leemich, 
um 1480 im Voc. ine. teut. o8* laimig, 1540 
bei Alberus dict. Aa2^ leymicht, ahd. leimic. 
ZUS. Lehmgrube, f., mhd. leimgruobe f. 
Lehmwand, f., 1734 bei Steinbach; Leimen- 
wand bei Goethe 1, 152. 

^ Lehne, f. (PI. -n): Gitter- oder Ge- 
ländergang (Galerie) an einem Gebäude, Ein- 
fassung (Geländer) zum Daranlehnen; erhöhte 
Vorrichtung zum Stützen des Oberkörpers, 
der Arme an einem Sitze (bei Luther l. Kön. 
10, 19); Berghang, besonders sanft ansteigen- 
der (1741 bei Frisch, stammverw. mit got. 
Main- «Hügel», anord. hleini. «Felsvorsprung»). 
In 1. Bed. mhd. lin(e), lene, ahd. (}i)lina, lena f. 



41 



Lehne 



Lei 



42 



(ahd. auch «Lagerstatt, Polsterbett», vgl. das 
urverw. gr. kXivti f. «Lager, Ruhebett»), Siehe 
Hehnen. ZUS. Lehlistulil, m.: Stuhl mit 
Lehne, bei Duez 1664 neben Lehnestuhl. 
-Lehne, f.: der Achsnagel, s. Lütise. 

"Lehne, auch Lenne, f. (P1.-h) : der (nörd- 
liche) Spitzahorn, acer platano'ides. 1793 bei 
Xemnich 1, 26 Lenne, Lehne, Lamme, 1741 
bei Frisch Löhn (aus Chyträus 470), nach 
dem glbd. dän. Jon n., schwed. lönn{.\ dafür 
mhd.-ahd. lin-, limbouni m. (noch bayr. Lein-, 
Leimhaum, Lein-, Leimahorn), anovd. hlynrm.., 
ags. hlyn, hlin; urverw. mit glbd. russ. Menü, 
poln. klon, tschech. klen m., lit. klevas m. 
«Ahorn», akymr. celin, mlat. clenus. 

*Lehne, f. (PI. -n): das weibhche vrilde 
Schwein, die Bache. Weidmännisch. 1580 bei 
Sebiz Feldbau 569 Leen, im 15. Jh. liene, 
liehe f., 1354 in lyenenbusch (Baur Amsb. 
Urk. S. 500, 811): aus älter-mlat. leha, woher 
auch franz. laie, älter lee f. 

•* lehnen, v. intr. : auf Halt Gebendes von 
der senkrechten Richtung abweichen, in 
schräger Stellung sich stützen. Mhd. lenen, 
älter linen, ahd. (h)linen; dazu asächs. hlinon, 
ags. hlinian, hleonian. Mit -lehnen (s. d.) 
auf einen gemeingerman. Stamm hli zurück- 
gehend und ui'verw. mit lat. clinätus «ge- 
neigt», inclinäre «neigen», triclmium n. «Lager 
für drei», gr. xXiveiv «lehnen, beugen», KX,ivr| f. 
«Ruhebett», K\Tcia f. «Lager, Lehnsessel, Zelt», 
KX.1TÜC f. u. kXitoc n. «Abhang, Hügel», kXiuo n. 
«Neigung, Lage», kXiuoE f. «Leiter», ii-. clöen 
«schief», lett. slinu, slit «anlehnen, stützen», 
lit. slieji( «lehne», sUj^s «schief geworden», j 
sleivas «krummbeinig», slaitas m. «Bergab- 
hang», aind. gräjati «lehnt, legt an», cräjate 
«lehnt sich an, befindet sich». Weiteres bei 
Walde. Vgl. Leite, Leiter. 

'lehnen, v. trans.: auf Halt Gebendes von 
der senkrechten Richtung abneigen machen. 
Bei Luther lehnen, im 16. Jh. auch länen, 
md. lenen, mhd. leinen, ahd. leinan, ags.hlcenan. 
Aber mhd. auch inti-ans., und damit beginnt 
eine Yermengung mit •* lehnen (s. d.), die im 
17. Jh. die Foi-m leinen auf obd. Schrift- 
steller beschränkt. 

'^lehnen, v.: nur zum Gebrauch oder zu 
Rückgabe dargeben oder nehmen, leihen. Mhd. i 
leh(e)nen, lenen, ahd. lehanon «als Lehen geben, j 
belehnen, leihen»; dazu and. lehnon, ags. löenan, 
engl, lend «leihen, verleihen». Von Lehen. 

Lehnwort, n., von neuera Grammatikern 

Lehr, s. Leer. [geschatfen. , 



Lehre, f. (PI. -n), mhd. lere, ahd.-asächs. 
lera, md. lär{e) f. ; dazu ags. lär f., engl, lore 
(Kenntnis). Entl. schwed. lära, dän. läre. 
Von lehren, v.: wissen machen, zunächst 
vortragend, unteiTedend, hinweisend. Mhd. 
leren (Prät. lerte, md. larte, Part, geleret, md. 
gelärt, Inf. veremzelt larn), ahd. ler{r)an; 
dazu asächs. ler{j)an, ndl. leeren, afries. lera, 
ags. Icßran, (entl. anord. lce,ra), got. laisjan, 
Fakt, zum got. Prät.-Präs. lais «ich weiß». 
Dazu lernen, List. Wahi-scheinlich bedeutet 
got. lais «ich bin auf der Spur gewesen», 
und es gehört zu den unter Gleis behandelten 
Wörtern. Urspr. steht lehren mit Akk. oder 
doppeltem Akk., d. h. der Person und der 
Sache (Ps. 25, 4), doch taucht schon asächs 
(Heliand 2170), sowie mhd. im 14. Jh. (AM 
Blätter 1, 94, 151) vereinzelt für den Akk, 
der Person der Dativ auf und im 18. Jh 
setzen unsre besten Schriftsteller sowohl den 
Akk. (Schiller 11, 166, Goethe 50, 7, Les 
sing 3, 339) als den Dat. der Person (Les 
sing 8, 88, Goethe 6, 102). ABL. Lehrer, m. 
mhd. leroere, lerer, ahd. lerari, got. laisareism. 
davon Lehrerin, f., bei Diefenbach Wb. von 
1470 S. 110 lererin. lehrhaft, ad^'.: geschickt 
zum Lehren, 1691 bei Stieler: geschickt zum 
Lernen, im 15. Jh. bei Diefenbach gl. 189^. 
Lehrling, m., 1648 bei Zesen Ibr. 446. ZTJS. 
Lehrhuch, n., bei Luther 8, 22* Lerebuch. 
Lehrgedicht, n., 1657bei HarsdörflPerGespr.^ 
2, 84. Lehrgeld, n., im 15. Jh. lergelt. 
Lehrjahr, m., 1363 bei Mone 3, 158 der 
PI. lerjäre. Lehrjimge, m., spätmhd. ler- 
junge neben lereknahe, in der st. Form 1561 
bei Maaler Leerjunger. Lehrmeister, m., 
mhd. leremeister: davon Lehrnieisterin, f., 
mhd. leremeisterinne. lehrreich, adj., 1678 
bei Krämer. Lehrsatz, m., 1657 bei Hars- 
dörffer Gespr.- 2, 179, bei Zesen Dögens 
Baukunst 1648. Lehrstand, m., 1562 bei 
Mathesius Sar. 66^. Lehrstuhl, m., mhd. 
lerstuol. 

-lei: Art, in allerlei usw. Mhd. lei(e), leije, 
leige f. «Art und Weise», ein nur mit vorge- 
setztem Zahlwort oder Pronomen oder nach 
einem vorgesetzten Adv. stehendes Subst., aus 
afrz.-prov. ley «Art und Weise» (a ley «nach 
Art und Weise»), nfi-z. loi, span. ley f. «Ge- 
setz», von lat. lex f. «Gesetz». Fast alle 
Verbindungen mit -lei erscheinen, yvie aller- 
hand (s. d.), im Nhd. als aneinander geiückte 
Gen. des PI., die mhd. noch getrennt stehen. 

Lei, f. (PI. -en): Schiefer, Schiefertafel. 



43 



Leib 



Leiche 



44 



Am Mittel- und Niederrhein. Auch in Eigen- ! 
namen (Lorelei). Mhd. lei(e) f. «Fels, Stein, 
Schieferstein», im Annolied 540 leigef. «Stein- 1 
weg. Weg», asächs. leia f. «Fels, Felsplatte», 
mndl. leie, 1477 clevisch leye f. «Schieferstein, i 
Weg». Unerklärt. ZUS. Leiendecker, Lei- 
decker, m.: Schiefer-, Dachdecker, 1386 bei 
Laurent Aach. Stadtrechn. 336, 6 leyendecker, j 
1664 bei Duez Leyedecker. ! 

Leil), m. (-[e]s, PI. -er): das Leben (nur 
noch in beileibe!, den L. verlieren, es geht 
ihm an den L.); das Stoffliche am Tier und 
Menschen im Gegensatz zur Seele, im engern 
Sinn im Gegensatz zum Kopf. Mhd. lip m. n. 
«Leben», dann «die lebende Stoff masse. Kör- [ 
per», ahd. Hb m. n. «Leben», md. lib, Uph, 
lifm. n.; dazu asächs.-afries.-ags.-anord. Uf n., 
engl, life «Leben», schwed. lif, dän. liv. 
Gleichen Stammes wie leiben in bleiben (s. d.), 
und mit Abi. leben (s. d.). Der Plur. bei 
Luther Leibe, bei Maaler 1561 Leib, mhd.- 
ahd. libe, erst im 16. Jh. Leiber (Ringwaldt 
Eckart C 2). Die pleonastische RA. Leib und 
Leben im 16. Jh. (Luther, S. Franck). ABL. 
Leibclien,n.: kleiner Körper (1691 bei Stieler 
Leibgen, mhd. libel{in); Wams ohne Ärmel 
(1664 bei Duez Leibichen, 1652 bei Laurem- 
berg 4, 674 Leibchen, dafür bei Maaler 1561 
Leible, 1650 bei Moscherosch Phil. 2, 18 
Leybel). leiben, v.: leibliches Dasein haben 
(1562 bei Mathesius Sar. 47^ leiben und leben, 
vgl. mhd. 1353 Üben und lebtage); dem Leib 
angenehm sein, (1517 bei Keisersberg Evang, 
18% was wohl leibet, seelet übel Schottel 566; 
trans. «zu einem Leibe vereinigen» 1540 bei 
Alberus dict. 2»). leibhaft, adj., mhd. 
liphaft «Leben habend», dann «persönlich», 
ahd. libhaft «lebend», leibhaftig, adj., mhd. 
Uphaftic, md. libhaftig «Lehen habend, lebens- 
fähig, persönlich», leibig, adj.: wohlbeleibt, 
feist, 1482 im Voc. theut. s 6^. leiblich, 
adj., mhd. liplich «fleischlich, persönlich» (Adv. 
spätmhd. lipliche),ahd. K&ZfÄ« lebend, lebendig». 
ZUS. a) mit Leib- : Leibarzt, m. : Arzt eigens 
für die Person eines Fürsten, bei H. Sachs 
16, 29. leibeigen, adj.: mit dem Leibe 
einem andern zugehörend, spätmhd. 1431 
Upeigen, 1420 (bei Haltaus 1239) mit dem libe 
aigen, 1362 eigen vom lip, sonst mhd. nur 
eigen; dazu Leibeigenschaft, f., spätmhd. 
1431 lipeigenschaft. Leibfarbe, f.: Fleisch- 
farbe, mhd. lipvarwe; Uniformfarbe, Livree 
(1732 bei Haller 87); Lieblingsfarbe. Leib- 
garde, f. : Schutztruppe um die Person eines 



Fürsten oder Generals, 1691 bei Stieler, 1602 
bei Kirchhof mil. disc. 215 Leibgeioardi. 
Leibgedinge, n.: auf Lebenszeit zur Nutz- 
nießung Ausbedungnes, Leibrente, mhd. lip- 
gedingen. Leibpferd, n., 1580 bei Wurstisen 
Basler Chron. 139. Leibrente, f.: Rente auf 
Lebenszeit, Ende des 14. Jh. (Magdeb. Fragen 
152). Leibrock, m., um 1480 im Voc. ine. 
teut. m4* librock. Leibspruch, m.: Lieb- 
lingsspruch, 1678 bei Krämer. LeibstÜck, n. : 
Kleidungsstück für den Oberleib, 1678 bei 
Krämer, 1641 bei Schottel 356 Leibstücke; 
Lieblingsmusikstück 1691 bei Stieler. Leib- 
wache, f.: Wache für die Person eines 
Fürsten oder Generals, 1648 bei Zesen Ihr. 128. 
Leibzucht, f.: Unterhalt auf Lebenszeit, mhd, 
lipzuht f. «das worauf die Witwe für ihren 
Lebensunterhalt, d. h. Nahrung und Kleidung, 
angewiesen ist, (vgl. Lebzucht). — b) mit 
Leibes-: Leibeserbe, m.: leiblicher Erb6, 
1641 bei Schottel 356 Leibserben. Leibes- 
strafe, f.: Lebensstrafe, 1602 bei Kirchhof 
mil. disc. 35 Leibstraf; Körperstrafe, 1532 in 
der Oarolina 197 Leibstraff. LeibCSÜbung, 
f., 1577 bei Fischart podagr. Trostb. 6 5*^ 
Leibsübung. 

Leich, m. (-[e]s, PI. -e): Tonstück mit 
Variationen. In neurer Zeit entlehnt aus 
mhd. leich, ahd. lei(c)h m. «gespielte Melodie, 
Gesang von ungleichen Strophen»; dazu ags. 
läc n. «Spiel, Wettkampf», anord. leikr m. 
«Spiel, Behandlung, Spott», schwed. lek, dän. 
leg «Spiel», got. laiks m. «Tanz», zu got. 
laikan, ags. läcan «springen, tanzen», anord. 
leika, schwed. leka, dän. lege «spielen», mhd. 
leichen «hüpfen, aufsteigen». Urverw. mit 
lit. läigiti «wild umherlaufen», laigo «tanzt». 
Vgl. Bezz.Btr. 25, 75. Entl. abg. likü «Reigen», 
likovati «tanzen». Noch thür. in d. Bed. «Spiel, 
Spielplatz»: Kugelleich «Kegelpartie, Kegel- 
bahn», Bosselleich «Kegelbahn», das Leich 
abstecken «die Bahn beim Ballschlagen». 

Leichdorn, m. {-s, PI. -e und -dömer): 
erhöhte, etwas mehr als linsengroße Pleisch- 
verhärtang mit dornartiger Mitte. Mhd. lihtorn 
im Voc. opt. 40^, 36, 9, in der Kölner Gemma 
1495 JS?- lichdoren, in der Straßburger 1508 14* 
lichdorn, mnd. likdorn, ndl. 1598 bei Kilian 
lijckdoren, isl. likporn, schwed. liktorn m., 
dän. ligtorn «Hübnerauge», eig. «Dorn im 
Körper», zu mhd. Itch (s. Leiche). 

Leiche, f. (PI. -n): toter Menschenköiper 
(in neurer Zeit in edlerm Sinne auch) Tier- 
körper; Geleite und Grablegung eines Toten 



45 



Leiche 



Leid 



46 



(im 15. Jh.). Die schwache Form Leiche ist ' 
seit dem 16. Jh. (vereinzelt schon md. und 
frühmhd. liehe f., bei Luther Nom. Sg. Leiche 
Jes. 14, 19, Akk. Sg. Leichen Tob. 12, 12, 
noch bei Goethe Faust 3752 der Dat. Sg. 
Leichen) an die Stelle des starkb. älternhd. 
Leich f. (bei Luther mit dem PI. Leiche) 
getreten, mhd. lieh f. «Leib, Körper, Ober- 
fläche des Leibes, Haut-, Gesichtsfarbe, Leibes- 
gestalt, Aussehen, zu begrabender Toter», ahd. 
lih f. n. «Leib, Fleisch»; dazu asächs. Uk n. 
«Fleisch, Körper», afries. (als erstes Wort in 
Zss.) lik n. «Leib», ags. lic n. «Körper, 
Leichnam», anord. lik n. «Leib, toter Leib», 
schwed. lik n. «Leiche», dän. lig, got. leik n. 
«Fleisch, Leib, Leichnam»; das N. Jjeich noch 
bei Rachel 6, 572 Wetterau. mit t Leicht f. 
«Leichenbegängnis», n. «Sarg», schon 1537 
bei Dasypodius Leicht f. und im 15. Jh. in 
lichtkare n. Diefenb. gl. 230° (s, Leichkar). 
Vgl. -lieh und gleich. Verwandt sind wohl 
apreuß. laygnan, air. lecco «Wange», vielleicht 
auch (mit Nasalierung) aind. Ungarn n. «Kenn- 
zeichen, Abzeichen, Merkmal». Aus dem 
Germanischen entlehnt sind wohl abg. lice n, 
«Antlitz», zülo-likü «boshaft» usw. Nach 
Ehrismann Btr. 20, 53 gehört L. zu ahd. gileih 
«Gelenk». Vgl. noch Btr. 30, 298. ZUS. 
Leichenl)egäugnis, n., 1452 Ujchehegengnis 
(Germ. 28, 373). Leichenbitter, m.: Ein- 
lader zur Leichenbegleitung, 1664 bei Duez. 

Leichenfledderer, m. {-s, PI. wie Sg.): 

Gauner, der die nachts im Freien Einge- 
schlafenen beraubt. Wohl aus dem Rotwelsch. 
Leich enstein, m., 1590 bei Ringwaldt Eckart 
a3^ Leichstein. Leichentuch, n., 1678 bei 
Krämer. Leichhuhn, n.: der kleine Kauz, 
Totenvogel, der nach dem Volksglauben durch 
sein Geschrei in der Nähe einer Wohnung einen 
Todesfall verkündet (Hölty 43 H.). Leichkar, 
n. (-S, PI. -e): Behälter der Leiche, Sarg, 
noch in Hessen, mhd. lichkar n. «Sarg», zu 
mhd. kar, ahd. char n. «Gefäß, Behälter», got. 
kas n. «Gefäß». Leichnam, m. (-s, PI. -e), 
im altern Mhd. lebender oder toter Menschen- 
körper, ebenso mhd. lichname, Itchnam und 
licham(e), ahd. (im 10. Jh. hie u.da) lich(i)namo, 
gewöhnlich Itchamo m.; dazu asächs. llkhamo, 
afries. likkoma, lichama, licma, ags. Uc-hama, 
Hc-homa, anord. likami. Ukamr m., schwed. 
lekamen, dän. legeme. Der zweite Teil ist das 
nur in Zss. vorkommende ahd.-asächs. hämo m. 
«Hülle, Kleid»; dazu ags.hama, ham m. «Hülle», 
anord. hamr m. «Haut, Balff, äußre Gestalt», 



schwed.-dän, ham «Haut, Balg», got.gahamön 
«ankleiden» (s. Hemd). Leichnam ist gleicher 
Bildung wie ags. fl(ßSC-honia m. «Menschen-, 
Tierkörper», urspr. «Fleischhülle», wohl ein 
Ausdruck der Dichtersprache. 

leicht, adj.: von Gewicht gering; in Be- 
ziehung auf Kraftanwendung unerheblich. 
Mhd. ltht{e), md. licht, auch Hecht, ahd. lihti 
(bei Notker liehte); dazu ndl. licht, afries. 
licht, ags. UM, leoht, engl, light, anord. lettr, 
schwed. lätt, dän. let, got. leihts. Aus Henhtaz 
und verw. mit gr. ^Xaxüc «klein, gering», lit. 
lengvas, lengvüs «leicht», zu denen auch Lunge 
(s. d.) gehört, vgl. engl, lights «Tierlunge». 
Eine nicht nasalierte Wz. in lat. levis, abg. 
ligükü «leicht». Weitres bei Walde u. Btr. 
30, 298. ABL. leichtern, v. : leichter machen, 
mhd. lihtern (auch «leichter werden»), ahd. 
lihteron, vgl. lichten. Leichtigkeit, f., mhd. 
lthtec(li)eit,lihtikeiti. (meist «Leichtfertigkeit, 
Leichtsinn»), leichtlich, adj., mhd. lihtelich, 
ahd. Uhtlih, afries. Uchtelik, Adv. mhd. Uhte- 
liche, ahd. Uhtlihho. ZUS. leichtfertig, 
adj., mhd. lihtvertec, -vertic; dazu Leicht- 
fertigkeit, f., mhd. lihtvertec{h)^it f. «leichtes 
Hinwegsetzen über Anstand und gute Sitte». 
Leichtfuß, m.: leichtsinniger Mensch, bei 
Campe 1809; dazu leichtfüßig, adj.: leicht 
zu Fuß, im 15. Jh. bei Diefenb. gl. 326 » 
lijchtvoesig, lyechfüisßick , mnd. UcMvotich. 
leichtgläubig, adj., bei Dasypodius 1537 
und Luther 8, 146 W. leichtgläubig. Leicht- 
sinn, m., 1691 bei Stieler: dazu leicht- 
sinnig, adj.: unbedachtsam, 1678 bei Krämer 
(auch Leichtsinnigkeit «Unbesonnenheit»), im 
16. Jh. in der Bed. «fröhlich» (H. Sachs Fab. 
238, 112, Rollwagenb. 80, 12 K., Prisius 1556 
S. 264%aber schon 1541 Lychtsinnigkeit^.152^). 

Leichte, f. (PI. -n)-. Tragriemen beim 
Schubkarren. Aus dem nd. lichte, mnd. 
lichte i. «Band, Riemen». Zu leichten «leicht 
machen», s. lichten. 

Leichter, m., s. Lichter unter -lichten. 

Leid, n. (-[e]s, ohne PI.): Schmerzgefühl 
worüber, Betrübendes. Mhd. leit (Gen. -des), 
ahd. leid n.; dazu asächs. IM, afries. leth, led, 
ags. lad n. Anord. aber leida f., schwed. leda, 
dän. lede. Das Wort ist das substantivierte 
N. des Adj. leid (s. d.). In den RA, einem 
ein Leids, kein Leids, tvas Leids tun hängt 
der Gen. Leids ab von dem Pron. ein, kein, 
tvas. leid, adj.: unheb, widerwärtig, träb, 
schmerzlich zumute, mhd. leit, ahd. leid (im 
Adv. mhd. leide, ahd. leido) ; dazu asächs. led. 



47 



Leidecker 



leihen 



48 



ndl. leed, afries. led, ags. lad (engl, loath «ab- 
geneigt»), anord, leidr, schwed. led «unange- 
nehm, vei'haßt», dän.led «häßlich, abscheulich», 
entl. ital. Iaido «häßlich», laidare «kränken», 
frz. laid «häßlich». In der Redewendung 
mir ist, wird leid mischen sich Adj. u. Adv., 
mhd. mir ist leit u. leide, ahd. uns ist leido. 
L. gehört wahrscheinlich als ^-Partizip zu der 
Wz. von ahd.leives «leider», gr.\oi|uöc m. «Pest». 
Leidecker, s. Lei. 

Leiden, n. (-5, PI. wie Sg.): bestimmtes 
Schmerzgefühl. Mhd. liden n., der subst. Inf. 
von leiden (s. d, ^). ABL. Leidenschaft, f., 
von Zesen für frz. passion gebildet (1647 in 
der Sofon. 1, 128, im Reimzeiger des Helikon 
1649), bei Stieler 1691 als neu bezeichnet u. 
noch von Dornblüth 1755 bekämpft; dazu 
leidenschaftlich, adj., 1778 bei Hermes 
Soph. 3, 274. Leidenswoche, f. : Karwoche, 
erst in der 2. Hälfte des 18. Jh. (Schiller an 
Goethe 1, 101). 

^leiden, v. (Prät. leidete, Part, geleidet): 
leid werden (es leidet ihm), mhd. leiden, ahd. 
leiden «leid, widerwärtig, verhaßt sein oder 
werden», leidön «in Leid versetzen», asächs. 
ledon «leid tun», ags. lädian «verhaßt sein». 

"leiden, v. (Prät. leidete, Part, geleidet): 
leid machen (in verleiden, inhd. verleiden), mhd. 
leiden, ahd. leidan, anord. leida «verleiden». 

^leiden, v. (Prät. litt, Konj. litte, Part. 
gelitten): geschehen lassen; Einwirkung zu- 
lassen; Schmerzgefühl worüber haben. Mhd. 
liden (Prät. leit, Plur. Uten, Part, geliten, noch 
bei Luther Prät. leid), ahd. erst im 9. Jh. 
lidan «über sich ergehen lassen, ertragen», 
dann (wie auch afries. litha, lida) «über Einen 
Kommendes, Schmerzliches, Trübsal erfahren», 
ursprünglicher aber im 12. Jh. ndrhein. und 
dann md. liden «gehen, vorübergehen», denn 
im frühem Ahd. hat das starkb. lidan in 
ar-, ir-, giltdan (wie got. lei]^an in af-, bi-, 
guleipan, asächs. lidan, mndl. lijden, ags. lidan, 
entlehnt anord. lida) die Bed, «einen Weg 
nehmen, gehen» (vgl. leiten). Ahd. ar-, ir- 
lidan aber bedeutet «vorübergehen», dann «er- 
tragen, leidend aushalten», mhd. erliden, nhd. 
erleiden. Nicht mit Leid zusammenhängend, 
vgl. AfdA. 21, 205, sondern zu awest. raep- 
«sterben», eig. «weggehen». Vgl. Btr. 30, 254. 

leider! Interj.: mehr als betrübend! zu 
bedauernswert! Mhd. leider, ahd. leidör, leidir, 
afries. leider, zuerst Adv. als Komp. des Adv. 
leid (s. d.). 

leidig, adj.: Leid, Betrübnis, Schmerz 



verursachend. Mhd. leidec, leidic, ahd. leideg, 
leidig «in Leid versetzt, betrübt, in Leid ver- 
setzend, betrübend, Leid bringend, schmerzend, 
widerwärtig». Von Leid (s. d.). 

leidlich, adj.: nicht eben bes. schmerz- 
lich, wohl erträglich, gern erträglich. Um 
1480 imVoc.inc. teut. m4'^ lidlich «tolerabilis», 
1532 Carolina Art. 73 in der Bed. «erträglich 
mittelmäßig, mäßig»; mhd. lidelich «leidend 
für köi-pei'liche Leiden empfänglich, geduldig» 
Verschieden davon ist mhd. leitlich «leid voll 
schmerzlich», ahd, leidlih «widerwärtig, haß 
lieh, verabscheuenswert», asächs. ledlik, ags 
lädlic «widerwärtig, abscheulich». ABL 
Leidlichkeit, f., 1741 bei Frisch, Unleid 
lichkeit 1691 bei Stieler. 

Leidwesen, n.: tiefe Betmbnis, trauervolle 
Mißstimmung, 1601 bei Albertinus Kriegsleut 
Weckuhr 109. Zsgs. aus Leid und Wesen 
«Art zu sein. Zustand». 

Leiendecker, s. Lei. 

^ Leier, f. (PI. -n): Saiteninstrument, 
mittels eines durch eine Kurbel gedrehten 
Rades gespielt; jetzt aber wie lat.-gr. lyra. 
1540 bei Alberus dict. Vv4* u. tt4^ leier, 
noch bei Stieler 1691 Leire, Leir, mhd. Itre, 
ahd. lira f., mit i durch das Romanische 
(ital. lira f.) aus gr.-lat. lyra, gr. \üpa f. 
«Leier», J.BIy. leiern, v. : die ireier spielen; 
eintönig singen oder sprechen, dann etwas 
unerträglich hinziehen, zögern, in allen diesen 
Bed. schon mhd. liren; Leirer, m., mhd. 
Urer m. «Leierspieler». ZUS. Leierkasten, 
m., seit Anfang des 19. Jh. (Eichend, Taug. 11). 

"Leier, f. (PI. -n): Kurbel zum Drehen. 
1482 im Voc. theut. s 6^ Leyr oder armprost- 
winde. Von der Kurbel an dem Saiteninstrument 
übertragen u. demnach eins mit Leier. ABL. 
leiern, v., 1782 bei Jacobsson 2,606 ^ ZUS. 
Leierfaß, n. : liegendes Faß zur Bereitung 
von Butter durch Drehung einer Kurbel mit 
Schaufel, Schweiz, nach Adelung 1777 Leyer f. 

leihen, v. (Prät. lieh, Konj. liehe, Part. 
geliehen): gegen die Verpflichtung der Rück- 
gabe geben oder nehmen. Mhd, Wien, auch 
liuhen, limven (Prät. lech, Plur. lihen, Part. 
gelihen, auch gelühen, geluhen, geluwen, darnach 
1540 bei' Alberus dict. L4* Part, gelawen, 
gelauwen) «gegen Rückgabe dargeben, als 
Lehen geben» (doch md. einmal auch die 
Bed. «auf Borg nehmen»), ahd. lihan (Prät. 
leh, Plur. liwun, Part. (far)lihan, (far)liwan); 
dazu asächs. lihan (Konj. Prät. farlihi, farliwi, 
Part, farliwan), afries. lia, ags. Ie07i, anord. 



49 



Leikauf 



Lein 



50 



Ijä (Prät. ledi), got, leihan «leihen», sis leilvcm 
«für sich leihen, borgen». Urverw. mit lat. 
UnqHere «lassen, zurücklassen, hinterlassen», 
reliquus «übrig», gr. Xeliteiv «verlassen», Xonröc 
«übrig», lit. liekii «lasse» (Inf. llkti), abg. 
otülekü «Überbleibsel, Kest», arm. Ikhaneni 
«lasse», sind, rii^dkti «läßt, läßt übrig, räumt», 
rikthäm n. «Nachlaß, Erbschaft», riktäs und 
^ekus «leer». Bei Luther auffallenderweise 
das schwache Prät. leihete (2. Mos. 12, 36), 
aber Part, gelihen. ZUS. Leihhaus, n., 
1663 bei Schottel 490 Leihehaus. 

Leikauf, m. (-[e]s, (PI. -kaufe): Gelöbnis- 
trunk beim Abschluß eines Handels, Ti'unk 
oder Schmaus zur Feier und Bezeugung (Be- 
festigung) eines eingegangnen Kaufes. Mhd. 
lUkouf m., im 14. Jh. leitkouf, daher noch 
1678 bei Krämer Leuthkauff, aber schon um 
1300 likouf {Freiherger Stadtr. 95, 25 Ermisch), 
1803 leichauf, mnd. lU-, ll-, Mk-köp, daraus 
entl. dän. lidkjöh, aschwed. lipköp. Zgs. mit 
mhd. lU, ahd. lid m. n. «starkes Getränk, Obst-, 
Gewürzwein»; dazu asächs. lid n., afries. Uth, 
ags. liß n., anord. lid n., got. leipii- (für gr. 
ciKepa n.), verwandt mit gr. ä\eicov n. (aus 
*aleitivon) «Weingefäß», lit. Mus m. «Regen». 
Vgl. Leutgeb, Weinkauf. 

Leilach, n. (-[e]s, PI. -e[n\), auch Lei(n)- 
laken {-s, PI. wie Sg.): Leintuch, Bettuch. 
Im 15. Jh. leilach, mhd. lUachen, Mach, ahd. 
lilahhan n., mit geschwundnem n vor l; denn 
daneben noch im 16. Jh. (Alberus dict. Jl^ 
u. mS'') leinlach, mhd. Unlachen, linlach n. 
Dazu mnd. lin-, lilaken. Zgs. aus Lein (s. d.) 
u. mhd. lachen n. «Laken» (s. d.). Ebenso 
noch wetterau. Leituch n. «Bettuch» für Lein- 
tuch. Vereinzelt ist mhd. lilachen gekürzt aus 
lichlachen, ahd. lihlahhan n. «Laken, worauf 
der Körper ruht» (s. Leiche). Bei H. Heine 
1, 341 im Reime die Nebenform Leilich. 

^Leim, m. (-s, PI. -e): klebrige Masse 
zum Haften. Mhd. u. ahd. lim m.; dazu and. 
lim m., mnd. lim m. n.,ndl. lijm, ags. lim m., 
engl. Urne «Leim, Kalk», anord. lim n. «Binde- 
mittel, Leim, bes. Kalk», schwed.-dän. lim. 
Gleichen Stammes wie Lehm (s. d.). RA. 
auf den L. gehen, eig. vom Vogel auf die 
Leimrute; jetzt sich betrügen lassen. ABL. 
leimen, v.: mhd. limen, ahd. limjan, liman 
«mit Leim bestreichen, durch Leim und dann 
überhaupt fest zusammenfügen»; «betriigen» 
(in der Umgangssprache, urspr. den Vogel 
leimen), 1847 in der Gaunersprache «lügen». 
leimicht, adj., 1540 bei Alberus dict.Eel^ 

Weig and, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. IL Bd 



leimecht, im 15. Jh. bei Diefenb. gl. 623* limetht. 
leimig', adj., im 15. Jh. ^migf (Diefenb. 623*). 
ZUS. Leimrute, f., mhd. limruote f., mnd. 
limrode. Leimsieder, m., 1777 bei Adelung; 
in übertr. Bed. «zögernder Mensch ohne Tat- 
kraft». Leimstange, f.: Stange, die mit 
Leimruten zum Vogelfang besteckt ist, mnd. 
limstange. RA. mit der Leimstange laufen 
«nach Mädchen stellen wie der Vogelsteller 
nach Vögeln» (Simpl. 262), dann «sich wie 
ein verliebter Geck, wie ein Narr gebaren» 
(1594 bei H. J. v. Braunschweig Schausp. 525), 
vgl. mnd. limstenger «Geck, der Mädchen 
nachläuft». Leimtiegel, m., mhd. limtigel. 

"Leim, Leimen, s. Lehm. 

Leimahorn, Leimhaum, s. ^Lehne. 

-lein, hochdeutsche Verkleinerungssilbe 
des Substantivs. Bei Luther noch -lin, mhd. 
-{e)l%n, ahd. -{{)lin. Dafür md. -chen, nd. -ken 
aus -ikin. Vgl. -el. 

Lein, m. (-[e]s, PI. -e in dem Sinne von 
Leinarten): aus gesponnenem Flachsbast ge- 
wobnes Zeug, Leinwand (3. Mos. 19,19, Schiller 
11,309); Flachspflanze; Flachssame. Mhd. ^w 
m. «Flachs, leinenes Kleidungsstück», ahd. 
lin n, «Flachs, Leinwand»; dazu asächs. lin n. 
«Linnen», ndl. lijn «Flachs, Leinsamen», ags.- 
anord. lin n., schwed.-dän. lin, got. lein n. 
«Leinwand». Unsicher, ob urverw. od. entl. 
aus glbd. lat. linum n.; dazu gr. \ivov n. 
(dazu ein Dat. Sg. XTxi u. Akk. Xixa «Lein- 
wand, Leinentuch»), lit. Unat PL, abg. Imü m., 
air. lin «Flachs». ABL. leinen, adj.: aus 
gesponnenem Flachsbast gewoben, mhd. -ahd. 
lintn, asächs.-and. linin, afries. linnen, ags. 
linen; das substant. N. des Adj. ist Leinen, n.: 
Leinengarn, Leinenzeug, bei Luther (Joh.20,5), 
nd. 1420 linen Diefenb. gl. 332% asächs. linin n, 
«leinenes Tuch» (vgl. Linnen). Mit dem Adj. zgs. 
Leinengarn, n., d. i. leinen Garn, 1712 bei 
Hübner Leinen-Garn; Leinenzeug, n., d. i. 
leinen Zeug (so 1664 bei Duez), 1678 bei 
Krämer Leinzeug. ZUS. Leinöl, n.: Öl 
von Flachssamen, im 15. Jh. leinöl, dafür 
mhd. linsätöl n. Leinsaat, f., mhd. linsät f. 
Leintuch, n. : flächsenes Tuch, spätmhd. 
lintuoch n. «Leinwand», wetterau. Leituch. 
Leinwand, f., mit Anlehnung an Gewand(s.ä.) 
aus Leinwat, mnd. im 14, Jh. lynen-, line-, 
lennewant, mhd.-ahd. Unwät, ags. linwmd f. 
(leinenes Kleidungsstück, leinenes Tuch), bei 
Luther Linwand f. u. Linwad m. f., noch bei 
Castelli 1709 Leinwad neben Leimvand u. bis 
heute in Bayern Leinwat. Vgl. Wat. Davon 

4 



51 



Leinahorn 



leiten 



52 



leinwauden, adj., im 17. Jh. (Chr. Weise 
Comöd. 316). Leiii(e)weber, m., mhd. lin- 
weber, md. im 14. Jh. llnenweber m., daher 
mit ausgestoßnem n noch Leineweher. 

Leinahorn, Leinbaum, s. '^ Lehne. 

Leine, f. (PL -n): langer dünner Strick; 
Leit-, Zugstrick. Mhd. Ime, spätahd. lina f. 
«Seü, Tau», bes. «Schilfszugseil, Schlepptau»; 
dazu mnd. Une f., ndl. lyn, ags. Une f., engl. 
line, anord. lina f., schwed. lina, dän. Une. 
Abgel. von Lein (s. d.), eig, «die aus Flachs 
gedrehte», wie gr. Xivaia, \ivea f. «Leine, 
Strick» von \ivov «Lein, Flachs» u. wie lat. 
Unum sowohl «Lein» als «Faden, Schnur, 
Strick» bedeutet. ZUS. Leinpfad, m.: ge- 
bahnter Weg am Ufer der Flüsse zum Fort- 
ziehen der Wasserfahrzeuge mittels Leinen, 
mhd. lin{e)pfat m. Leinreiter, m.: Reiter 
oder Lenker von Zugpferden beim Fortziehen 
von Wasserfahrzeugen (Schmeller" 1, 1480). 

Leis, m. (Gen. wie Nom. u. -ses, PI. -sein]) : 
geistliches Lied. Noch im 17. Jh., später er- 
loschen. Mhd, leise neben starkem leis m., 
gekürzt aus glbd. mhd. kirleis(e) m., s. 1, 1184. 

leis(e), adj.: kaum hör-, merkbar. Mhd. 
lis{e), ahd. nur im Adv. liso «nach und nach, 
langsam»; dazu mnd.-rnndl. lise «leise», ndl. 
lijs m. f., das Subst. dazu, dän. lise «Linde- 
rung», flüher «Ruhe, Gemächlichkeit, Faul- 
heit», schwed. lisa, nnorw. Usa. Daneben 
stehen Formen mit Nasal mhd.-alem. lins, 
fläm. Ie7is, lins «matt, schlaft'», entl. dän. lens, 
schwed. läns «leer». Verw. mit linde (s. d.), 
ags. lips, liss f. «Milde, Gunst». ZUS. Leise- 
treter, m., in den Fastnachtsp. des 15. Jh. 
254, 15 leistreter. 

Leist, m. (-es) : Klub. Schweiz. Von leisten. 

^Leiste, f. (PI. -n): Gegend der Biegung 
zwischen Hüfte und Scham. Erst im Nhd. 
Wohl als «Schamleiste» ausgegangen von der 
Grundbedeutung von -Leiste (s, d., ähnlich 
wie Leiste f. «Zwerchfell» beiDasypodius 1537, 
«Schwiele» bei Stieler 1691, «Buckel, Höcker» 
um 1480 im Voc. ine. teut. o7^ leisten die 
einer uff dem ruck hat, gibbus). ZUS. Leisten- 
bruch, m., 1777 bei Adelung, aber schon 
1561 bei Maaler das Adj. lystbrüchig. 

"Leiste, f. (PI. -w): Einfaßstreifen, woran 
sich hinziehender schmaler Körper. Mhd. liste, 
ahd. lista f. «bandförmiger Streifen, Einfaß- 
streifen, Saum, Borte»; dazu mnd. liste f. m., 
ndl. lijst f., ags. liste f., engl, list, anord. lista f., 
schwed.-dän. list, dän. liste «Streifen, Kante, 
Leiste». Vielleicht zu litus n. «Strand, Ge- 



stade». Vgl. Walde. Aus dem Germ. entl. 
ital, lista, frz. liste f. «Streifen» (s. Liste). 

Leisten, m. {-s, PI. wie Sg,): hölzerne 
Musterform, worüber der Schuster arbeitet. 
Im 15. Jh. bei Diefenb. gl. 91^ leyste, aber 
mhd. und ahd. starkbiegend leist m., noch 
wetterau.-bayr. usw. starkflekt. Leist m. ; dazu 
mnd, lest, leste, ndl. leest f., dän. lest «Schuh- 
macherleisten», engl. last. Die eig, Bed, ist 
«Fußspur», mhd. leist m. «Spur», ags. last, 
Icest m. «Fuß-, Rad-, Wagenspur», got. laists m. 
«Spur, Ziel», anord, leistr, schwed. last m. 
«Fuß, Socke», noch bayr. Leist f. n. «Geleise, 
Radspur»; gleichen Stammes wie Gleis (s. d.). 

leisten, v.: durch die Tat dartun, Mhd.- 
ahd. leisten, frühmhd. einmal lesten «ein Ge- 
bot befolgen und ausführen, ein Versprechen 
erfüllen, eine Pflicht tun»; dazu asächs. lestjan 
«Folge leisten, vollbringen, handeln», afries. 
Idsta, lesta «erfüllen, vollziehen, üben», ags, 
Icßstan «vollführen, halten, aushalten, aus- 
dauern», engl, last «währen, dauern», got. 
laistjan «folgen, nachfolgen», eig. «in die Spur 
treten». Von got. laists m. «Spur» (s. Leisten). 
ABL. Leistung, f., mhd, leistunge f, «Ein- 
lager» (zu mhd, eine giselschaft leisten «als 
Geisel einreiten, das Einlager halten»). 

Leite, f. (PI. -n): Berghang. Mhd. Ute, 
ahd. Uta f. ; dazu ags. hlip n., anord. hliä f. 
«Bergseite». Verw. mit gr. k\itOc f., kXitoc, 
kXitoc m., lit. slaitas m. «Abhang, Hügel», ir. 
cliathan «Seite, Brust» und gleichen Stammes 
wie lehnen (s. d.). 

leiten, V.: führen. Wn^.leiten, Bh^.lei{t)tan, 
im 12, Jh, ndrhein. leiddin; dazu asächs, ledian, 
ndl, leiden, afries, leda, ags. lädan, engl, lead, 
anord. leida, schwed. leda, dän. lede. Fakt, 
zu ahd. lidan «gehen» (s. '^leiden), also urspr. 
Bed. «gehen machen». S, auch Btr, 30, 254, 
ABL. Leiter, m,, mhd. leitcere, leiter, ahd. 
leitari m. «Führer, Anführer» ; davon Leiterin, 
f., mhd. leitcerinne, md. leitirinne und mehr 
nd. leiderinne f. Leitung, f., bei Dasypodius 
1537, mhd. leitunge in verleitunge f. ZUS. 
Leitartikel, m., als Übersetzung des engl. 
leading oder leading article, zunächst (etwas 
vor 1840) leitender Artikel. Dann 1848 Leit- 
artikel. Vgl. Ladendorf. Leitfaden, m. 
(-S, PI, wie Sg. u. -fäden) : Faden zum Leiten; 
schriftlicher Abriß eines wissenschaftlichen 
Gegenstandes, um sich in diesem zurecht u. 
durch ihn hindurchzufinden (bei Lessing 3, 159 
vom J. 1751), benannt nach dem Faden der 
Ariadne im Labyrinth. Leitfaß, n.: Faß 



53 



Leiter 



Lenz 



54 



zum Herbeiführen des Wassers bei Feuers- 
brünsten usw. (1470 frankfurtisch leite faß), 
fi-ühmhd. leitva^ n. «Tonne, Faß zum Ver- 
führen einer Flüssigkeit», zgs. mit mhd. leite f. 
«Leitung, Fühi-ung, Wagenladung, Faß zum 
Verführen von Flüssigkeit», ahd. leita, leiti f. 
«Leitung». Leithammel, m.: zum Anführen 
einer Herde abgerichteter Hammel, 1540 bei 
Alberus dict.XS^ Leydhamel. Leithlind, m.: 
der an einem langen Riemen (mhd.leitrieme m.) 
geführte Jagdhund, der die Fährte des Wildes 
aufsucht, mhd. leilhunt, ahd. leitihunt m. Leit- 
motiv, n., von einem Anhänger R. Wagners 
Ende der 70 er Jahre geprägt und bald zum 
Schlagwort geworden. Vgl. Ladendorf. Leit- 
stern, n. : leitender Stern, nach dem man sich 
auf einem Wege zu Wasser und zu Lande 
richtet, Polarstern, mhd. leite-, leitsterne m. 
(auch bildl.) ; daznmnd.leidestern, engl.loadstar, 
lodestar, anord. leiäarstjarna, dän. ledestjerne. 
Leiter, f. (PI. -n)-. staffelartiges Steig- 
werkzeug. Mhd, leiter, leitere (auch Wagen- 
leiter), ahd. hleitar(a), {h)leitra, leiter a f., 
md, im 16. Jh. Letter (Adrian Mittheil. 184); 
dazu mudl. le{e)der, ndl. ladder, leer, afries, 
hleder, hladder, ags. hlm{d)der f., engl, ladder. 
Stammverw. sind got. hleipra «Zelt», lat. 
clitellae «Saumsattel». Für die Verbindung 
u. das Verständnis dieser Worte vgl. Meringer 
Idg. Forsch. 16, 120. S. a. Btr. 30, 291. ZUS. 
Leite rhaiim, m.: die beiden langen Seiten- 
hölzer der Leiter, mhd. leiterhoum, ahd. hleitar- 
houm m. Leiterkarren, m.: Karren mit 
Leitern auf beiden Seiten, 1691 bei Stieler. 
Leiterwagen, m., 1678 bei Krämer. 

Leitfaden, Leitfaß usw., s. leiten. 

Leitkauf, öst. noch für Leikauf. 

Lektion, f. (PI. -en): Vorlesung; Lern- 
stück; Lernaufgabe; (bildlich) scharfe Zu- 
rechtweisung (1663 bei Schuppius 7). In der 
1. Bed. bei Luther Apostelg. 13, 15, md. im 
13. Jh, lectiön f. «Vorlesung des Evangeliums 
u. Lesetextes beim Gottesdienste», auch lectiei., 
zugleich «Schulunterricht, Schulaufgabe», auch 
lecze, letzge, letze, ahd. lectja, lecz(i)a f. ; dazu 
got. laiktjö f. (biblischer Leseabschnitt), aus 
lat. lectio f. «das Lesen, Vorlesen», zu lat. 
legere «lesen». Noch wetterau. Letzt, Lex f. 
« Schulaufgabe». 

Lektüre, f. (PI. -n) : das andauernde Lesen 
eines Gegenstandes wie dieser selbst, Lesestoff. 
Zu Anfang des 18. Jh. aus frz. lecture f., aber 
schon im 16. Jh. bei Fischart Garg. 274 Lectur 
f. aus mlat. leciura f., zu lat. legere «lesen». 



Lemming, m. (-s, PI. -e): kleme nordi- 
sche Wühlmaus, mus lemmus. Aus glbd. 
dän. lemming, anord, Icemingr, lömundr m. 
Bei Nemnich 3, 654. 

LemÜre,f.(Pl.-n): abgeschiedne Seele. Aus 
glbd. lat. lemures PI. Bei Goethe Faust 11512. 

Lende, f. (PL -n)-. Köi-perteil hinter und 
über dem Hüftknochen. Mhd. lende, ahd. lenH, 
lendi f.; dazu and. PI. lendin «Nieren», afries. 
lenden, PI. lendena, lenderna «Lendengegend», 
ags. PI. lendenu «Nieren», anord. lend f, «Lende», 
Verw. lat. lunibus m. «Lende» (aus *londhuos), 
abg. l^dvija f. «Lende, Niere». ZUS. Lenden- 
l)raten, m., mhd. lendebräte, verkürzt lem- 
präte, ahd. lentipräto m,, ags. lendehräd f., 
lendenbrMa m. lendenlahm, adj., 1691 
bei Stieler. 

lenken, v.: durch mittelbares oder un- 
mittelbares Wirken die Veränderung der Rich- 
tung bestimmen. Mhd. lenken (Prät. lancte) 
«biegen, wenden, richten», md. auch lengen 
(zugleich intrans. «sich biegen»). Zu Lanke 
(s. d. und Gelenk). ABL. lenkbar, adj., 
bei Campe aus Voß. Lenker, ip., 1691 bei 
Stieler (ebenso Lenkerin), lenksam, adj., 
bei Wieland 1, 198 vom J. 1772; davon Lenk- 
Samkeit, f., bei Kant 3, 84 vom J. 1766. 
Lenkung, f, 1691 bei Stieler. 

Lenöre, s, Eleonore. 

Lenz, m. (-es, PI. -e): Frühüng. Mhd. 
schwachb. lenze (Gen. -en), ahd. lenzo m. (Gen. 
-in) neben starkem lenzin m.; dazu mnd. Unten, 
nd. lente m., ags. lenden, len(g)ten m. (engl. 
lent «Fastenzeit»). Aus ahd. lengizin, mit 
-niänöth «Lenzmonat», daneben ahd. u. fi-üh- 
mhd. langeg, langi^ ra. «Frühhng», woher noch 
bayr. Läng{e)ß , Längßen, Längßing neben 
Länz(ing), kämt. Langaß, Langiß, Schweiz. 
Langsi m.; dazu alem. im 16. u. 17. Jh. die 
Kollektivbildung Glentz n. (auch m.), im 14. Jh. 
glenze, gelenz n. Zgs. mit lang (s. d.); der 
zweite Teil in ahd. lengizin entspricht viel- 
leicht (wie in got. sin-teins «täglich») aind. 
dinam n. «Tag, Zeit», abg. dini m., Kt. dienä f., 
apreuß. deina, lett. dina f. «Tag», ir. denus, 
«spatium temporis», lat. in nnn-dinae f. «der an 
jedem neunten Tag gehaltne Markttag». Durch 
die gekürzte Form lentz (15. Jh. Voc. ine. 
teut. o7^) entwickelte sich die starke Flexion 
(bei Luther 4, 42 ^ der Dat. Sg. Lentz), die 
im spätem 18. Jh. die Oberhand gewann, aber 
die schwache Form (Gen. Dat. Akk. Lenzen), 
noch bei Brockes 1, 159, Wielaad 21, 188, 
Schubart 2, 82, Rückert 2, 309. ZUS. Lenz- 

4* 



55 



Leopard 



Letter 



56 



monat, m., ahd. lengizinmänöth. Die von 
Karl d. Gr. eingeführte Bezeichnung für März. 

Leopard, m. {-en, PI. en): das Raubtier 
felis leopardus. Mhd. lebart{e), liehart(e), 
leopard, md. auch leparte, ahd. lebarto m., 
aus glbd. lat. leopardus m., von lat. leo m. 
«Löwe» und pardus m. «Parder» (s. d.). 

Leopold, Mannsname, älternhd. Leujjold, 
mhd. Liupolt, ahd. Liupald, aus älterm Liut- 
pald, zsgs. aus ahd. Hut m, n. «Volk» (s. Leute) 
und Adj. pald (s. feaZ«^) «kühn, tapfer». 

Lepra, f. : Aussatz. Aus glbd, gr. X^upa f., 
1813 bei Campe. Vgl. Aussatz. 

Lerche, f. (PI. -n): der Peldsingvogel 
alauda. Früher mit langem Vokal, 1556 bei 
Frisius Nomenciator 55^ Leerch, mhd. Wrche, 
lereche, ahd. ler{a)hlia f. Entst. aus der vollem 
Form frühmhd. lewerch, spätmhd. lovirke; 
dazu mnd. lewer(i)J{e, nndl. lewerik u. (an leeuw 
«Löwe» angelehnt) leeuw(e)rik, leeuwerk (auch 
ndhess. Löweneckerche), fries. liurk, nordfries. 
läsk f., ags. läwerce, Wwerce f., schott. laverok, 
engl, lark, anord. Icevirki m., aschwed. larikia, 
schwed. larke, dän. lerke «Lerche». Herkunft 
dunkel. Falk-Torp setzen*laiiüazaköii als germ. 
Grundform an. RA. eine L. schießen «kopfüber 
stürzen», eig. «wie eine Lerche herabstürzen». 

lernen, v. : geistig auffassen. Mhd. lernen, 
fiühmhd. Urnen, ahd. Urnen, lernen, lernön; 
dazu asächs. (mit geschwundenem r) linön, 
afries. Unia, lerna, ags. leornian, engl, learn. 
Wie lehren (s. d.) abgel. von got. Prät. Prs. 
lais «ich weiß», eig. «wissend, gelehrt wer- 
den». In Verbindung mit dem bloi3en In- 
finitiv (ohne zu: er lernt singen) schon ahd.; 
in der Bildung des Perf. und Plusquamperf. 
ich habe lesen lernen steht der Inf. lernen 
statt des Part. Prät. gelernt, nach dem Vor- 
bild der Verba dürfen, können usw., deren 
altes nait dem Inf. gleichlautendes starkes 
Part. Prät. man aus Mißverstand für den Inf, 
nahm. Lernen in der Bed. «lehren» schon 
mhd. (md.) im 14. Jh. (ZfdA. 9, 287). ZUS. 
Lernbegierde, f., nach Heynatz Antib. 2, 228 
(1797) «von neuern Schriftstellern gebraucht». 

Lese, f. (PI. -n): das Aufsammeln, bes. 
der Weintrauben, 1716 bei Ludwig; auch in 
Komp. Ähren-, Blumen-, Weinlese. Von 
lesen, v. (Präs. ich lese, du lie{se)st, er liest, 
Prät. las, Konj. läse, Part, gelesen, Imp, lies): 
nacheinander sammelnd nehmen; durch Son- 
dern von und aus Anderem sammeln; Buch- 
staben zu Sinn und Bedeutung sammeln, 
d. h. zu Wörtern und diese zu Rede ver- 



binden. Mhd. lesen (Präs. lise, Prät. las, 
Plur. läsen, Part, gelesen, zuweilen Prät. lären, 
Part, geleren, gelarn), ahd. lesa^i (Präs. lisu, 
lisist, lisit, Prät. las, PI. läsun, Part, gilesan, 
zuweilen gileran) in allen obigen Bedeutungen; 
dazu nur in der Bed. «sammeln», asächs-ags. 
lesan, ndl.lezen, engl.lease, anord. lesa, schwed. 
läsa, dän. läse, got. lisan. Urverw. mit lit. 
lesit «picke auf». Aus der urspr. Bed. «sam- 
meln» entwickelte sich die Bed. «Buchstaben 
zu Sinn und Bedeutung sammeln» durch das 
bei unsern Vorfahren übliche Aufnehmen und 
Aufsammeln ausgestreuter mit Runenzeichen 
zu Los und Weissagung versehner Stäbchen 
(s. Buchstabe). Zugleich wird aber die doppelte 
Bed, von lat. legere eingewirkt haben. ABL. 
lesbar, adj., 1678 bei Krämer, Leser, m., 
mhd. lescere, leser «Vorleser, Lehrer, Wein- 
leser», ahd. Zesan «Traubenleser», leserlich, 
adj., 1691 bei Stieler, für älteres leslich (1678 
bei Krämer), mhd. lesenlich. Lesung, f., 1537 
bei Dasypodius. ZUS. Lesart, f., 1745 bei 
Bodmer; bei Bürger 131 ^ (B.) Leseart. Lese- 
buch, n., 1777 bei Adelung, bei Goethe noch 
«Buch, das sich leicht liest». Lesefrucht, f., 
bes. im PI, büdlich bei Platen (1839) 288. 
lesenswert, adj., 1716 bei Ludwig. Lese- 
stunde, f., 1777 bei Adelung. Lesezeichen, 

n.: Inter^Dunktionszeichen (1809 bei Campe); 
Buchzeichen (bei J. Paul Titan 1, 137). 

Letten, m. (-s, ohne PI.) : Tonerde, Töpfer- 
ton. Mhd. lette, ahd. letto m., daneben mhd. 
lieteme, ahd. liet(e) ; dazu isl. ledja f, «Schlamm, 
Kot». Vielleicht mit Schwebeablaut zu lat. 
lutum n. «Kot, Lehm, Ton, Tonerde», ir. loth 
«Schmutz». In md. Mundarten Lettich m., 
1540 bei Alberus dict. r3^ lettch, bei Waldis 
Esop 4, 38, 52 lättich. ABL. letten, adj, : aus 
Tonerde bestehend od. gemacht (Goethe Pro- 
metheus 2. Akt), letticht, lettig, adj., bei 
Krämer 1678 lettigt, finihmhd. lettich, ahd.lettig. 

■^Letter, m. (-s, PI. wie Sg.): Lesepult 
auf dem Chore der Kirche; der Chor oder 
die Emporkirche selbst. In der 1. Bed. 1413 
letter, 1383 ledter, mit tt aus et, denn mhd. 
(md.) lecter, ledere, lector, ahd. lector, lectur, 
lectar m., aus mlat. lectorium n. «Lesepult 
in der Kirche». In der 2. Bed. «Empor- 
kirche» md. um 1200 lecter m. S. Lettner. 

"Letter, f. (PI. -n)-. der Druckbuchstabe; 
aus Metallraischung gegossner Druckerbuch- 
stabe. 1663 bei Schottel, aus glbd. frz. lettre i., 
von lat. litter a, litera f. «Buchstabe», woher 
schon mhd. (md.) litter f. 



57 



Lettner 



Leamnnd 



58 



Lettner, m. (s, Pl.wieSg.): die Empor- 
kirche, der Letter (s. d.). Mhd. lettener, 1429 
lectner m. (Lesepult auf dem Chore der 
Kirche), aus mlat. ledionarium n. «Buch mit 
den beim Gottesdienste nötigen Lesestücken». 

letz, adj.: link, verkehrt. Obd. Mhd. 
letze, lez, ahd. lezzi; in md. Mundarten latsch 
(1664 bei Duez letsch). Verw. mit laß (s. d. 
und latsch). 

^letzen, v., in verletzen. Noch ältemhd. 
letzen, mhd. letzen (Prät. lazte, lezte) «laß 
machen, aufhalten, hemmen, hindern, schä- 
digen, kränken, endigen, begrenzen, wovon 
ausschließen, berauben», ahd. lezjan, lezzan 
(Prät. lezida, lazta) «aufhalten, beum-uhigen, 
quälen, schädigen»; dazu asächs. lettian (Prät. 
letta, latta), ndl. Letten, afries. letta, ags, lettan, 
engl, let, anord. letja (Prät. latta) «zurück- 
halten, hemmen, hindera», got. latjan «träge 
machen, aufhalten». Zum Adj. laß (s. d.). 

"letzen, v.: erfreuend aufrichten, laben. 
Mhd. letzen (s. -^ letzen in andrer Bedeutungs- 
entwicklung) «zu Ende bringen, befreien, eine 
Freundlichkeit wofür erweisen (eig. eine letze 
«ein Abschiedsgeschenk, Abschiedstrunk, Ab- 
schiedsmahl»), erfreuend aufrichten, erfrischen, 
refl. sich ergötzen, sich etwas zugute tun». 
ABL. Letzung, f.: Abschiedsmahl (Stieler 
1691), Erquickung. 

letzt, superl. Adj.: kein andres Ding der- 
selben Art weiter nach sich habend. Im 
15. Jh. letzt (Voc. theut. 1482 sl^ u. 8*), 
letczt und zugleich bis gegen Ende des 17. Jh. 
letst, welche Formen, vorzüglich die erste 
(letzt), aus dem Nd. ein- und durchgedrungen 
sind, denn schon asächs. lezt (lezto), lazt (lazto), 
vollständiger letist; dagegen mhd. lest neben 
dem ältermhd. le^^ist, ahd. laggost, legist, 
legtest und lezist, lecist; dazu asächs. auch 
lasto, mnd. latest, last, gewöhnlich lest, ndl. 
lest, afries. letast, lest, ags. legtest (Adv. latost, 
latest) neben Icetemest (mit doppelter Super- 
lativenduncr), engl. last. Das Wort ist der 
Sup. von mhd.-ahd. lag, asächs. lat «zurück- 
bleibend, saumselig, spät» (s. laß). Der Komp. 
zu dem gleichsam wieder als Positiv betrach- 
teten Wort, letztere, ist nhd., 1626 bei 
Zincgref Apophth. 1, 62, Moscher. Phil. 2, 101. 
ABL. letzthin, adv., bei Wieland, Lessing. 
letztlich, adv., 1581 bei Fischart Bienk. 148^. 

Letzte, f., in: auf die L., zu guter Letzt. 
Bei Luther 5, la L. f. «Ende», 3, 493^ «Ab- 
schiedsmahl», 2, 514* zur L. «noch einmal 
vor dem Aufhören», 1593 bei H. J. v. Braun- 



schweig 193 zu guter L, 1618 bei Sandrub 56 
(Ndr.) au ff die letzt. Nebenform von mhd. letze 
f. «Hindeining, Ende, Abschied, Abschiedsge- 
schenk» zu mhd. letzen (s. ^letzen). 

Leu, m. {-en, PI. -en), dichterisch für 
Löwe {s. d.), bei A. Gryphius, P. Fleming 140 
und Brockes Löu, bei P. Gerhard und 1678 
bei Krämer Leu, schon mhd. leu m. 

Leuchse, f. (PI. -n): Stemmleiste eines 
Leiterwagens. Bayr.-schwäb.-schweiz. Anfang 
des 15. Jh. bei Diefenbach gl. 590^ liuchsen, 
lewchsen, 1482 im Voc. theut. s7^ leuchse; 
thür. Lise, rhein.-hess. Liehse f., Lisse, Liese 
1753 bei Zincke öcon. Lex. 1683. Wohl ur- 
verw. mit glbd. tschech. lisne, poln. lu§nia, 
russ. Ijusnjä f., oder sind diese entlehnt? 

Leuchte, f. (PI. -n): durchsichtiger ge- 
schlossener Lichtbehälter zum Leuchten. Ln 
15. Jh. leuchte, mhd. liuhte, md. lüchte f. 
zuerst «Helligkeit, Glanz», dann «Leucht 
apparat», ahd. liuhta f., zunächst «Glutpfanne», 
besonders zum Leuchten. Von leuchten, v, 
licht machen, Licht von sich geben und ver 
breiten. Mhd. liuhten, md. lüchte^i, ahd 
liuhtan] dazu asächs. liohtian, leohtan, ags 
leohtan, got. liuhtjan «leuchten». Vgl. licht. 
ABL. Leuchter, m.: Lichtgestell, mhd 
liuhtcere, ndrhein. im 14. Jh. lüchterm. ZÜS 
Leuchtgas, n., seit den 20er Jahren des 
19. Jh. Leuchtkäfer, m.: Johanniskäfer, 
1794 bei Nemnich. Leuchtkugel, f., 1716 
bei Wolif Mathemat. Lex. 782. Leuchtturm, 
m., 1757 in Eggers Kriegslex. 2, 57. 

Leuer, f. bayrisch für ^ Lauer (s. d.). 

leugnen, v.: (die Wahrheit wovon) in 
Abrede stellen. Bei Luther leugnen, 1561 bei 
Maaler löugnen, im 16. u. 17. Jh. auch laugnen, 
laugen (noch ha\Y.-öst.laugen),Tahd.lougen(e7i), 
spätmhd. auch leuken, ahd. loug(a)nen; dazu 
asächs. lögnian, mnd. lochen(en), loken, ndl. 
loochenen, ags. Ugnian, got. laugnjan «leugnen» 
u. galaugnjan «verborgen sein», anord. leyna 
«verbergen». Von ahd. lougna f. «Verneinung, 
Leugnung» anord. laun f. «Heimhchkeit», glei- 
chen Stammes wie lügen (s. d.). 

Leumund, m. (-s, ohne PI.) : laute öffent- 
liche Meinung von jemand. ^Mhd. liumunt, 
gekürzt liumut, liumet, liumat, liumt, liumde, 
leumde usw., md. Ifanunt, ahd. {h)liumunt, 
liument m.; daher im altem Nhd. Leumuth 
(1591 bei Fischart Bodin. 305^), Leumd m., 
Leumde f. (bei Schottel, Stieler, vereinzelt 
schon ahd. liumunt f.), umgedeutet Leut- 
mundt m. (1562 bei Mathesius Sar. 1^). Zu 



59 



Leute 



Lexikon 



60 



got. hliuma m. «Gehör», hliup n. «Zuhören, 
Aufmerksamkeit, Stille», anord. hljömr m. 
«Laut, Ton», hljöd n. «Gehör, Ton». Urverw. 
mit lat. cluere «heißen», gr. kXüeiv «hören», 
k\4.oc n. «Ruhm», air. clunim «höre», clü 
«Ruhm», cloth «berühmt», abg. sluti «ge- 
nannt werden, berühmt sein», slovo n. «Wort», 
slava f. «Ruhm», aind. grömatam m. «guter 
Ruf, Berühmtheit» (genau = L.) von grävas n. 
«Ruhm». Die Silbe -munt entspricht lat. 
-mentuni, gr. -lua (Gen. -iuotoc). S. verleumden. 

Leute, PI.: Personen aus dem Volke, 
bes. dem gewöhnlichen. Mhd. Hute, ahd. liuti, 
asächs. liudi, afries. liode, liude, ags. leode, 
anord. lyäir «Leute», Plur. «Leute», von mhd.- 
ahd. Hut m.n. «Volk», auch «einzelner Mensch» 
(daher noch obd. Leut n. «einzelne Person»), 
md. lüt TV. n., and. liud m., afries. liod, ags. 
leod f. «Volk» und leod m. «Mann, Fürst», 
anord. lydr, Ijödr m. «Volk», norw. Zt/d «Leute, 
Versammlung». Verw, (oder entl.) ist abg. 
Ijudü m. «Volk», PI. Ijudije «Leute», lett. l'au- 
dis, PI. «Menschen». Nach Schrader RL.808 
zu gr. lXei)Qepoc «frei» oder mit der urspr. 
Bed. «Masse der Erwachsenen, herangewach- 
senes Geschlecht», zu ahd. liotan (in arliotan 
«hervorsprießen»), asächs. liodan, mnd. loden, 
ags. leodan, got. liudan «wachsen, sprossen», 
wozu auch got. -laiißs «gewachsen, groß» 
(Gen. -dis) in samalaußs «gleich groß», jugga- 
laups m. «Jüngling» gehört. Weiter dazu gr. 
dXeuö- «kommen» in ^\euco|uiai, fi\u6ov. ZUS. 
leutescheu, adj.: scheu vor den Leuten, 1691 
bei Stieler leutscheu. Leutpriester,m.: Welt- 
priester, Pfarrer, im Gegensatz zum Ordens- 
geistlichen, mhd. liutpriester m. leutselig, 
adj.: dem Volke, bes. Niedern freundlich zu- 
geneigt u. wohlgefällig, mhd. liutscelec (s. selig) ; 
davon Leutseligkeit, f., mhd. Uutscelecheit f. 
Leutspiel, n. (wetterau. f.): Volksmenge, 
1776 bei Hahn Aufmhr zu Pisa 132, s. Spiel. 

Leutgeb, m. {-en, PI. -en): Schenkwirt. 
Obd. Mhd. litgehe m., spätmhd. (öst.) leutgehe, 
zgs. aus mhd. lit m. «Obstwein» (s. Leikauf) 
u. mhd. gehe (in Zss.), ahd. geho m. «Geber». 

Leutnant, m. (-s, PI. -s, -e)-. Unterster 
Offizier als «Stellvertreter des Hauptmanns» 
1522 bei Mumer luth. Nan- 2113 lietenant, 
1536 bei Liliencron 4, 149'' leutinande,A,bbl^ 
vom J. 1552 leutenampt, 1546 bei Schertlin 
Briefe 91 leuttenant, 1556 bei Frisius 761^ 
lufenant, Schweiz. Lütenant (1545 Lütinampt), 
aus irz.lieutenant m. «Stellvertreter», von frz. 
Heu m. «Platz, Stelle» und tenant «haltend». 



dem Part. Präs. von tenir «halten». Dafür im 
16. Jh. auch Locotenent (Liliencron 3, 430^ 
von 1525), von lat. locus m. «Platz, Stelle» 
und tenens, Part. Präs. von tenere «halten». 

Levante, f. (ohne PI.): das Morgenland, 
besonders die asiatische Türkei. 1703 im 
Zeit-Lex. «als allgemein gebrauchtes Wort». 
Von Venedig ausgehend. Eig. Ostgegend, im 
15. Jh. bei Wolkenstein 17, 20 levant f. «Ost- 
wind». Aus ital. levante f. «Osten, Morgenland, 
Ostwind», eig. «Sonnenaufgang», subst. ge- 
bi'auchtes Part. Präs. von ital. levare «heben, 
erheben», refl. Zeuarsi« sich erheben, aufgehen» 
(von der Sonne). ABL. Levantiner, m.: 
Morgenländer, leväntisch, adj.: morgen- 
ländisch, 1716 bei Ludwig. 

Levit, m. {-en, PI. -en): Priestergehilfe; 
in der Kirche des Mittelalters Vorleser des 
Evangeliums (1506 bei S. Brant 202^ Z.). 
1487 bei Brack e 6^ levit «Mann vom Stamme 
Levi-», aus gr.-lat. levita, gr. XGu'iTricm, «einer 
vom Stamme Levi» (hebr. Lewi), dem heiligen 
Priesterstamme der Hebräer. RA. Einem die 
Leviten lesen «lange Verweise erteilen, eine 
Strafpredigt halten», im 15. Jh. bei Mone 
Schausp. 2, 280, 2362 die leviten lesen, 1449 
in der Mayhinger Hdschr. von des Teufels 
Netz 10476 ain leviten lesen, im 17. u. 18. Jh. 
häufig Einem den Leviten lesen (Duez 1664), 
urspr. wohl «das Gesetz lesend vorhalten», 
mit Anspielung darauf, daß die Leviten alle 
sieben Jahre das Gesetz vorlesen mußten 
(5. Mos. 31, 9—11): Leviten ist vielleicht 
Kürzung aus Leviticus, mlat. Benennung des 
3. Buches Mosis, das die Verordnung für die 
Priester und Leviten enthält. 

Levköie, öst. Levkoje, f. (PI. -n)-. die 

Pflanze matthiola, Stockveil. Zu Anfang des 
18. Jh. (Günther 218 Levgoyen), aus glbd. 
ital. leucojo m., von gr.-lat, leucoion n., gr. 
XeuKÖiov n. «das weiße Veilchen», zgs. aus 
gr. XeuKÖc «licht, weiß» und lov n. «Veilchen». 

Lex, s. Lektion. 

Lexikon, n. (-.?, PI. -s, Lexika): Wörter- 
buch. Im 17. Jh. Aus glbd. gr. XeEiKÖv n. 
(zu ergänzen ßißXiov n. «Buch»), dem sub- 
stantivierten N. des von gr, \il\c f. «Rede, 
Wort» abgeleiteten Adj. XetiKÖc «ein Wort 
betreffend». Davon lexikalisch, adj.: zum 
Wörterbuche gehörig, wörterbuchartig, 1801 
bei Campe, aus neulat. lexicalis adj. ZUS. 
Lexikograph, m. {-en, PI. -en): Verfasser 
eines Wörterbuches, 1791 bei Roth, aus gr, 
XeEiKÖ-fpacpoc adj. «ein Wörterbuch schreibend», 



61 



L'hombre 



licht 



62 



zu gr. Tpäqpeiv «schreiben». Lexikographie, 

f. : Wörterbuchschreibung. 

L'hoiwhre, bayr. für Lomber (s. d.). 



Lib^ll, 



{-s, PI. -e): kleine Schrift; 



Klaop-, Schmähschiift. In den Fastnachtsp. 
991, 11 und 1495 in der Kölner Gemma N l'' 
libel, in der Gemma von 1505 o5*' lihell; in 
der Bed. «Buch» schon ahd. lihel (Gen. libelles), 
lihol, livol m. Aus lat. libellus m. «kleine 
Schrift, Klage-, Bittschrift», Dim. von lat. 
liber m. «Buch, Schrift», eig. «Bast». 

Libelle, f. (PI. -n): die Wasserjungfer, 
ein Insekt. Bei Goethe 1, 62 vom J. 1776. 
Aus dem in der Naturgeschichte dem Tiere 
beigelegten lat. Namen lihella f., Dim. von 
lat. libra f. «Wage, Wasserwage»; im Mlat. 
ist lihella Name des Jocbfisches. 

liberal, adj.: freisinnig; mild gesinnt. Im 
16. Jh. in der Zimm. Chron." 3, 229, 5 lieberal 
«freigebig», die Bed. «politisch freisinnig» 
seit den Befreiungskriegen 1815, ausgehend 
von Spanien. Vgl. Ladendorf. Substantiviert 
bei Goethe 42, 2, 237. Aus dem lat. Adj. [ 
liberälis «die Freiheit betreffend, edelgesinnt, j 
gütig, freigebig», von lat. Über «bürgerlich 
frei, frei in Denken und Rede». Im 18. Jh. 
liberalisch «sich viel hei'ausnehmend», aus 
der obersächs. Mundart bei Weiße Op. 3, 122; 
in der Bed. «freigebig» 1620 in den Schausp. 
der engl, Komödianten 57 Tittm. Libera- 
lität, f., aus lat. liber älitas f. «freisinnige 
Denk- und Handlungsart», im 16. Jh. in der 
Zimm. Chron.- 2, 331, 26 liberalitett «edle 
Denk- und Handlungsweise», 1571 bei Rot 
Liber alitet «Freigebigkeit». 

-lieh, Adjektiv -Suffix, urspr. mit dem 
Begriff der Angemessenheit, Ähnlichkeit, der 
Art und Weise. Älternhd. auch -leich, mhd. 
-lieh, -lieh, ahd. -lih, asächs. -Itc, ndl. -lijk, 
afries. -lik, ags. -Uc, anord. -ligr, vereinzelt 
-likr, got. -leiks: im Adv. mhd. -liche{n), ahd. 
-lihho, asächs. -lico, mndl. -llke, nndl. -lijk, 
ags. -llce, engl, -ly , anord. -liga, got. -leikö. 
Auch gekürzt in solcher, icelcher (s. d.). Wird 
zu mhd. lieh, ahd. lih f. «Leib, leibliche Gestalt, 
Aussehen», got. leik n. «Fleisch, Leib» (s. 
Leiche und gleich) gestellt. Vgl. noch Schmid 
ZfdA. 49, 525 ff ■ 

Licht, n. (-[i?].s, PI. -er, in der Bed. «Kerzen» 
-e): das Leuchten, Helle, Glanz; leuchtender 
Körper; Kerze. In diesen Bed. älternhd. Liecht, 
mhd. lieht, md. liecht, licht, ahd. Höht, lieht n. 
(die Kürzung des Diphthonges ie taucht schon 
ahd. im 10. Jh. vereinzelt in der Form liht 



auf, auch andrhein. liht); dazu asächs. Höht, 
mnd. licht, lecht, ndl. licht, afries. liacht, ags. 
Uoht, engl, light, got. liuhap n. «Licht, Hellig- 
keit», mittels der Ableitungssilbe -ap von dem 
gleichen Stamme wie anord. Ijös n., schwed. 
Ijus, dän. lys «Licht», asächs. Homo, ags. 
leoma, anord. Ijönie m. «Glanz», got. lauh- 
muni f. «Blitz» lauhatjan «leuchten», ags. 
lixan «leuchten», ahd. löhazzen «blitzen» u. 
liehsen adj. «hell» (vgl. auch Leuchte, licht, 
Lohe). Urverw. mit lat. lux f. (Gen. lucis) 
«Licht», lucer e «leuchten», lümen n. «Licht», 
lüna f. «Mond», gr. Xuxvoc m. «Leuchte», 
öi|ucpiXÜKri f. u. XuKÖqpuuc n. «Zwielicht», \€uköc 
«glänzend, hell, weiß», air. loche (Gen. lochet) 
«Blitz», abg. luca f. «Strahl», luna f. «Mond», 
lit. laukas «weißfleckig an der Stirn oder am 
licib» (vom Rindvieh), apreuß. lauksnos «Ge- 
stirne», arm. lois «Licht» (Gen. lusoy), awest. 
raocatdh n. «Glanz», raoxsna «leuchtend, 
glänzend», raoxsnu- m. «Glanz, Licht», aind. 
röcäte «leuchtet», rukmäs m. «Goldschmuck», 
rokäs m. «Licht», röcanäs «leuchtend, hell». 
ABL. Lichtchen, n. (PI. Ltthtchen und 
Lichterchen, Lessing 12, 522), Lichtlein, n., 
1678 bei Krämer Liechtlein. ZUS. Licht- 
bild, n., 1777 bei Lavater Aussichten 2, 135. 
Lichtblick, m.: Blick des Sonnenlichts 
(Goethe 39, 269 1. H.), bildlich (4, 75); anders 
mhd. liehtblic m. «Blitz». Lichtdruck, m.: 
besondre Art des photomechanischen Druck- 
verfahrens, 1866 erfunden. Lichtmesse, f.: 
das Fest der Reinigung Maria und der Dar- 
bringung Christi im Tempel (2. Febr.), mhd. 
liehtmesse f., md. auch s. Marien liuchmisse 
genannt, weil in der römisch-katholischen 
Kii'che an diesem Tage die Kerzen für das 
ganze Jahr geweiht (daher md. auch lichtunhe 
f. «Lichtmesse») und mit Anspielung auf die 
Worte des auf den Tag festgesetzten Evan- 
geliums ein Licht, zu erleuchten die Heiden 
(Luk. 2, 32) in feierlicher Prozession umhei'- 
getragen werden; dazu and. Hohtmissa f. 
Lichtputze, f., 1642 bei Duez Liechtbutze. 
Lichtschere, f.: Lichtputze, um 1480 im, 
Voc. ine. teut. p 1^ liechtscher. lichtscheu, 
adj., 1537 bei Dasypodius liechtscheüch. Licht- 
SChneuze, f.: zangenartige Lichtputze, bei 
Luther 2. Mos. 37, 23 Liechtschneutze. Licht- 
strahl, m., 1691 bei Stieler. Lichtzieher, 
m.: Kerzenmacher, 1678 bei Krämer. 

licht, adj.: leuchtend, hell. Älternhd. 
liecht, mhd. lieht, md. liecht, licht, ahd. Höht, 
lieht (Komp. liohtöro, Sup. liohtost); dazu 



63 



-licht 



lieb 



64 



asächs. Höht, luud. licJit, lecht, afries. Macht, 
licht, ags. leoht, engl, light, dafür got. (von 
liuhap «Licht» abgeleitet) liuhapeins; im Adv. 
mhd. liehte, ahd.- asächs. liohto, ags. leohte. 
Gleichen Stammes wie Licht (s. d.). Beim 
Bauen heißt im Lichten «im Innern», ohne 
die Mauern. Im 17. Jh. ABL. lichten, v.: 
licht machen (z. B. einen Wald lichten), Uli 
bei Adelung; unabhängig von mhd. liehten, 
ahd. liehten «licht werden, leuchten, tagen», 
und mhd. sich liuhten «sich lichten». Davon 
Lichtung, f.: Waldblöße, im 19. Jh. ZUS. 
lichtblau, adj.: hellblau, mhd. liehtblä. 

-licht, Adjektivsuffix, gebildet aus -lieh 
(s. d.) mit t nach Analogie der Adj. auf -icht 
(s. d.), daher auch -lecht, noch bei Claudius 
3, 26 süßlecht «süßlich». 

^ lichten, v. : licht machen, werden, s. licht. 

■lichten, v.: leicht machen, z. B. ein 
Schiff l. «ausladen», eine Kasse, ein Faß, 
Vorräte l. «leeren». 1691 bei Stieler ein 
Schiff L, aus nd. lichten «bleicht machen» (s. 
leicht). Dafür oberd. das Schiff leichten, 
leichteren 1678 bei Krämer, leichten 1648 bei 
Hulsius Schiff. 15, 25, leichtern 15, 20. Da- 
von Lichter, Leichter, m. (-s, PI. wie Sg.): 
kleines Schiff zum Eniladen größerer Fahr- 
zeuge. 1709 bei Hübner S. 51 Lichter, 1716 
bei Ludwig Lichter neben Leichter m., aus 
glbd. nd. lichter m., dazu engl, lighter. 

^lichten, v.: vom Boden in die Höhe 
heben, die Anker l. «vom Grunde heben und 
fortschiffen». 1703 im Zeit-Lex. den Anker L, 
dafür obd. 1678 bei Krämer die Ancker leichten, 
ebenso bei P. Fleming 590. Aus nd. lichten, 
mndl. ligten «leicht machen», dann «aufheben» 
(s. -lichten). Anders schwed. lyfta «den 
Anker lichten», zu anord. lypta «m die Höhe 
heben», mhd. lüften «in die Luft heben, auf- 
heben», engl, lift «aufheben, lüften». 

''lichten, v.: rupfen, in: den Flachs aus- 
lichten «ausrupfen». Veraltet. 1538 bei Sebiz 
Feldbau 503 auslichten, 1538 bei Herr Colu- 
mella 19* vßliechten, bei Keisersberg Evan- 
gelibuch 221 Vßliechtung, mhd. lühten «zupfen», 
md. 1445 lichten «Schweine kastrieren». Mit 
ableitendem t von älternhd.-mhd. liechen (Part. 
gelochen) «ziehen, zupfen, rupfen» (bes. vom 
Ausziehen des Flachses und Ausraufen des 
Haares), ahd. linhhan, liohhan in Zusammen- 
setz. (Part, er-, zilohhan) «ausreißen, rupfen», 
mnd. lüken, afries. lüka «ziehen, zücken», 
ags. lücan «jäten », got. uslükan «herausziehen», 
noch bayr. liechen, schwäb. liehen, Schweiz. 



lüchen, leuchen «Flachs oder Heu ausraufen». 
Zur Herkunft vgl. Locke. 

Lichter, m., s. ^lichten. 

lichterloh, adv. vom Feuer: lebhaft auf- 
wallend. Aus den absolut gesetzten Genitiven 
Sg. lichter Lohe «mit heUer Flamme», 1535 
bei Luther Predigt von den Engeln C 1 * 
liechter lohe, 1562 bei Mathesius Sar. 218* 
Hechter und roter loh brennen, 1664 bei Duez 
liechterloh, liechtenloh, liechteloh, 1650 bei 
Moscherosch Philander 1, 390 adjektivisch in 
liechten-loher Flamme. S. Lohe. [s. licht. 

Lichtmesse usw., s. Licht. Lichtung, 

Lid, n. (-[e]s, PI. -er) : Deckel, Verschluß 
(s. Augenlid). Früher Lied geschrieben (schon 
Weist. 1, 529 liedt). Nhd. noch in Ofenlid n. 
«Ofentür», Fensterlid n. «schiebbarer Fenster- 
teü, Schiebefenster» (Lid bei Luther, Lied 
bei Musäus Volksmärchen 5, 224, Fensterlied 
bei Opitz 3, 12), älternhäi. Kannenlied n. «Deckel 
der Kanne» (Fischart Garg. 138). Mhd. lit n. 
«Deckel an einem Becher, einer Truhe», md. 
lit, let, led, lith «Deckel, Klappe, kleine Tür, 
in Angeln sich bewegendes Tischbrett zum 
Feilhalten, Ladentisch», vensterled n. «in 
Angeln hangender Fensterladen» (Germ. 20, 
48 f.), ahd.. lit, lith, lid n. «Deckel»; dazu 
mnd. lit, afries. hlid, lid n. «Deckel», ags. 
hlid n. «Deckel, Tür», engl, lid «Deckel», 
anord. hliä n., schwed. lid «Tür, Türöffhung», 
dän. led «kleine Tür, Heck». Zu asächs. 
ahlidan «sich erschließen», ags. hlldan «decken, 
bedecken, schließen», fries. ÄHdm «verdecken». 
Weiteres bei Falk-Torp u. Zupitza 119. 

lieb, adj.: freundhch zugeneigt, herzge- 
winnend, das Herz erfreuend. Mhd. liep, 
ahd. Hub, Hob ; dazu asächs. Hof (Gen. liobes), 
lief, lef, mnd.-mndl. lief, afries. liaf, lief, ags. 
leof, engl, lief, anord. Ijüfr, got. Hufs (Gen. 
Hubis). Im Adv. mhd. liebe, ahd. liubo, liebo. 
Gleichen Stammes wie Glaube, erlauben, ge- 
loben, Lob (s. d.). ürverw. mit lat. lubet, 
libet «es gefällt, beliebt», lubens, libens «gern, 
willig», lubldo, libido f. «Begierde, Lust, Wol- 
lust», (vielleicht aus dem Germ. entl. abg. 
Ijubü «lieb», Ijuhy f. «Liebe», Ijubiti «lieben»), 
aind. lübhjati «begehrt heftig», löbhas m. 
«Begierde». Substant. Lieb, n.: der u. die 
Geliebte, mhd. liep n.; hervorgegangen aus 
ahd. Hup, Hub, asächs. Hof n. «Herzensfreude, 
Hocherfreuliches, Liebes»; dazu das Dim. 
Liebchen, n.: die Geliebte, 1445 zu Frank- 
furt a. M. liebchin n., im 15. Jh. bei Diefenb. 
gl. 235^ liebechin, 1593 bei H. J. v. Braun- 



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lieb 



Lied 



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schweig 249 Liehichen, 1650 bei Moscberosch 
Phil. 1, 72 Liebgen, ndrhein. in der 1. Hälfte 
des 16. Jh. Ufikin, ndl. 1598 bei Kilian liefken n., 
dafür im 18. Jh. auch Liebelein, n. (Hölty 
175), 1540 bei Alberus dict. BS*^ Lieblin n. 
«Herzgeliebte», mhd. liehelin n. Der Sup. 
des Adj. als Subst. Liebster, m. (mit Art. 
der Liehste), u. Liebste, f. : vor allen Ge- : 
liebter (Matth. 12, 18, P. Fleming 157), Herz- 
geliebte (Fastnachtsp. 1293, Fleming 491), 
Ehegatte (1663 bei Schuppius 231), schon 1464 
die süssen liebsten als kirchl. Gedächtnistag 
am 18. April, im 18. Jh. auch Herr Liebster 
und Frau Liebste (Geliert 3, 270 u. 404). 
ABL. Liebe, f.: herzliche Zuneigung, mhd. 
liebe, ahd. liuM, auch liupa f.; dazu and. liubi, ' 
ags. lufu f., engl. love. Liebde, f. : Liebe, nur 
in Titulaturen Deine, Eure Liebden, IMSewrer i 
liebde, 1478 bei X. v. Wyle 351, 5 als die fürsten ' 
unser landen (Schwaben) bisher pflegen haben 
ain andern zesckryben üwer lieb, heben yetz 
etlich schriber an flemisch dar für zeschriben 
üwer liebde: gebildet nach md. im 14. Jh. 
leift f., mnd. levede. Hefte, lefte f. «Liebe». 
lieben, v., mhd. lieben, ahd. liubon «lieben», j 
Hüben «lieb oder angenehm sein, gefallen». 
Hüben «angenehm oder Heb machen, Freude, 
Liebe erweisen», aber ags. lufian, engl, love 
«lieben»; dazu das Frequentativum liebeln, 
V.: seine Liebe bezeugen (1540 bei Alberus i 
dict. y4^), flüchtig lieben (im 18. Jh. bei' 
Stolberg, Bürger, Goethe), lieblich, adj., '■ 
mhd. lieplich, mä. lieblich, liblich, ahd. liublih; 
dazu asächs. liof-, liobUc, afries. liaflik, ags. i 
leoßic, got. liubaleiks. Im Adv. mhd. liepliche, 
ahd. linplihlio, ags. leofllce. Davon Lieb- 
lichkeit, f., im 16. Jh. bei Fischart 3, 279 K., 
anders mhd. 1394 lieplichait f. «gütlicher Ver- 
gleich». Liebling, m., 1648 bei Zesen Ibr. 
254; dazu im 18. Jh. Lieblingin, f., bei 
Lessing, Hölty, Yoß. Liebschaft, f., mhd. 
liep-, liebschafl f. «Liebe» und lieb(e)schaft f. 
«Liebesverhältnis». — ^Z7>S. 1) mit dem Adv. 
lieb: Liebhaber, m., mhd. liephaber m. 
«Liebender, Freund, Anhänger», ausgegangen 
von lieb haben, mhd. liep haben: davon Lieb- , 
haberin, f., im 15. Jh. liebhaberinne, md. im 
Anfang des 14. Jh. liebheberinne f., und Lieb- 
haberei, f.: Vorliebe für etwas, 1777 bei 
Adelung. — 2) mit dem Subst. Liebe: a) mit 
Liebe-, Lieb-: Liebäugel, n., Name mehrerer 
Pflanzen, z, B. des Borretsch, der Hundszunge, | 
der gelben Lupine, 1793 bei Nemnich Lieb- • 
äugel, 1616 bei Henisch Liebüuglin «buglossum 

Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. II. Bd. 



agreste». liebäugeln, V. : um oder mit Liebe 
äugeln, im 16. Jh. bei Agricola Sprichw. 61**, 
dafür bei Henisch 1616 liebaugen. Liebe- 
diener, m.: Schmeichler, 1716 bei Ludwig, 
schon 1663 bei Schuppius 548 Liebesdienerin f. 
«Schmeichlerin». liebCTOU, adj., bei Klop- 
stock Mess. 2, 85. liebkosen, V.: zu Liebe 
zärtlich sprechen, eig. zu LAebe sprechen 
(Zimm. Chron. 2, 158, 6, s. kosen), mhd. liep-, 
liebekösen, mnd. levekosen neben levereden, 
Gegensatz ahd. argchoson «übelreden»; davon 
Liebkosung, f., um 1480 im Voc. ine. teut. 
p 1 ^ liebkosung. lieblos, adj., mhd. liebelos. 
liebreich, adj., 1576 bei Mathesius Luther 
109 1». Liebreiz, m., 1648 bei Zesen Ibr. 170, 
Lihbreiz für Cupido 1645 in der adr. Rose- 
mund 240. liebreizend, adj., I64l bei 
Schottel 134. — b) mit Liebes- (zuerst im 
15. Jh. bei Eberhard v. Cersne 3351 liebestat 
«Liebestat» nachweisbar): Liebesbrief, m., 
1648 bei Zesen Ibr. 519. Liebesdienst, m., 
1739 bei Liscow Sat. 130. Liebeserklä- 
rung, f., bei Lessing 4, 201. Liebesgott, m., 
bei Opitz 2, 84. Liebeshandel, m., i678 
bei Krämer der PI. Liebshändel. Liebes- 
lied, n., 1711 bei Rädlein. Liebesmahl, n., 
1734 bei Steinbach. Liebestrauk, m., bei 
Opitz 2, 185. Liebeszeichen, n., bei Opitz 
2, 117. — 3) mit dem Gen. Sg. des Substantiv. 
Infinitivs Liebens-: liebenswert, adj., 1678 
bei Lohenstein Ibr. Sultan 2, 153. liebens- 
würdig, adj., bei Opitz 2, 48 Liebens würdig, 
bei Ludwig 1716 liebenswürdig. 

Liebstöckel, n. m. (-s, PI. wie Sg.): die 
4 — 5 Fuß hoch wachsende Pflanze ligusticum 
levisticum. 1540 bei Alberus dict. EE 3^ lieb- 
stöckel, im mrhein. Voc. ex quo 1469 lieb- 
stuckel, um 1450 bei Mynsinger 56 liebstickel, 
50 laubstickel, 1482 im Voc. theut. t2'' lub- 
stickel, mhd. lubestechil n., lübestecke m., ahd. 
lubistechal, lupistechil m. n. und lubistechem.: 
dazu mnd. lubbestock, ags. lufestice m. (an- 
knüpfend an ags. lufu f. «Liebe»). Mit An- 
lehnung an lieb und Stocket (Stöcklein), früher 
an mhd. lüppe, ahd. luppi n. «stark wirkender 
Pflanzensaft, Zauber» (s. Lab), und an Stecken 
(ahd.steccho m.) od. an ahd. stechal m.«Becher, 
Kelch», aus mlat. levisticum für lat. ligusti- 
cum n., d. i. urspr. aus Ligurien (Genua usw.) 
stammende Pflanze. 

Lied, n. (-[e]s, PI. -er): Singgedicht. Mhd, 
liet n. (Gen. liedes), ahd, liod n.; dazu ags. 
ZeoJ5n. «Lied», anord. Ijöd: n. «Gesangstrophe», 
got. liupön «singen», liußareis m. «Sänger», 



67 



liederlich 



Lind 



68 



awilivp n. «Danksagung». Lat. laus, laudisi. 
«Lob», ir. lüad «Gespräcli, Eede», die man 
verglichen bat, stimmen nicbt im Auslaut. 
Die Verbindung mit abg. Jjutü «wild», gr. 
XOcca f. «Wut» (aus *lutjä) ist ansprechend, vgl. 
Btr. 30, 299. Urspr. L. wohl « Gesangstrophe » ; 
was wir Lied nennen, bezeichnete man im 
Anord. mit dem PI. Ijöd und ebenso im Mhd. 
meist mit dem PI. liet ABL. liedein, v.: 
Lieder, Liedchen singen od. dichten, 1774 bei 
Klopstock Gelehrtenrep. 272. ZUS. Lieder- 
buch, n., mhä.liederhuochn. Liedertafel, f., 
als Name von Männergesangvereinen, der 
erste 1808 von Zelter in Berlin gestiftet mit 
Anspielung auf Artus' Tafelrunde. 

liederlich, adj : allzu leichthin nach Halt, 
Sinn und Tun. Mhd. liederlich «leicht und 
zierlich in Wuchs, Bewegung» usw., dann 
«leicht, unwichtig, gering» (Nicl. v. Wyle 
81, 6), endlich «unachtsam, leichthin, leicht- 
fertig, locker an Sitten». Mit Bezug auf die 
letzte Bed. umgedeutet auf Luder (Stieler 
1691), daher im 18. Jh. lüderlich geschrieben. 
Dazu ags. lyäre «schmutzig, schlecht» und mit 
Ablaut lotter (s. Lotterbuhe). Nach ühlen- 
beck Btr. 26, 302 urverwandt mit abg. Ijutü 
«wild», gr. \ücca f. «Wut». Von andern zu 
gr. d\eu9epoc, lat. liher «frei» gestellt unter 
Ansatz von idg. *leuth. Beides unsicher. ABL. 
Liederlichkeit, f., spätmhd. Uederlicheit f. 
«Unachtsamkeit, Leichtsinn», auch «Freigebig- 
keit». Liederjahn, Liederian, m. (-(e]5, 
-e), zgs. mit Jahn «Johann». Ostmitteldeutsch. 

Liedlohn,m. : Dienstboten-,Taglöhnerlohn. 
Mhd. lit-, lidlön m. n., entweder zgs. mit dem 
in den altdeutschen Gesetzen latinisiert vor- 
kommenden litus, lidus, lito m, «höriger 
Diener», oder, da Liedlohn im 16. Jh. auch 
vom Ehrensold des Arztes u. a. steht, zu ahd. 
lit «Gang, Weggang» (in ahlid «Abgang», 
ü^lit, ü^gilit «Ausgang», s. ledig), eig. «der 
nach Beendigung der Arbeit gezahlte Lohn». 

liefern, v.: aus seiner Gewalt zu Händen 
geben. Im 15. u. 16. Jh. li(e)bern und li(e)fern, 
lüfern, um 1400 lievern, mnd.-mndl. leveren, 
aus gleichbd. frz. livrer, ital. liverare, livrare, 
von lat. liberäre «frei, los machen, entledigen», 
zu lat. llher «frei». Vgl. Livree. Davon 
Lieferant, m. {-en, Pl.-ew), 1714 bei Wächtler 
Jjivrante. Lieferung, f., zu Anfang des 
16. Jh. lieherung, lyhrung, lieferung. 

liegen, v. (Prät. lag, Konj. läge, Part. 
gelegen, Imp. liege) : auf seiner größten Fläche 
oder Seite ruhen. 1482 im Voc. theut. sS** 



liegen, aber bei Luther und noch im 17. Jh. 
ligen, mhd.ligeii, frühmhd. likken, ahd.lig(g)an, 
md. lihen,llen,lm; dazu asächs. liggian, mnd. 
und mndl. liggen, afries. liga, lidsa, lidzia, 
ags. licgan, engl, lie, anord. Uggja, sehwed. 
ligga, dän. ligge, got. ligan. Urverwandt mit 
lat. lectus m. «Bett», gr. \exoc n., XeKxpov n. 
«Lager, Bett», ä\oxoc f. «Ehefrau», \exuu f. 
«Wöchnerin», Xöxoc m. «Hinterhalt, Versteck», 
\eKTo, \e2aTo «er legte sich, lagerte sich», 
air. lige n. «Bett», abg. lesti «sich legen» 
(Präs. l^gq), loze n. «Bett». Vgl. Lage, Lager, 
legen. ABL. Liegenschaft, f.: liegendes 
Gut, zu Anfang des 19. Jh. gebildet. 

Liesch, n. {-es, PI. -e), auch Liesche, f., 
eine Blütenkolben tragende Grasart. Schweiz,- 
oberhess. Spätmhd. liesche, ahd. lisca, lese f., 
«Rietgras, Farn» (ZfdW. 3, 271); dazu mnd, 
lesch «Ried, Schnittgras, Schilf», mndl. liessch, 
nndl. U{e)s, lisch n. Aus dem Germ. entl. 
ital. lisca f. «Halm», frz.. laiche f. «Riedgras». 
ZUS. Lieschgras, n., 1741 bei Frisch. 

Liese, Frauenname, aus Elisabeth (s. d.). 

Lift {-[e]s, PI. -e u. -s): Fahrstuhl, Auf- 
zug. In neurer Zeit aus glbd. engl, lift von 
to lift, s. ^lichten. 

Likör, m. (-S, PI. -e): Gewürzbranntwein. 
1776 bei Wagner Kinderm. 6 Liqueur, aus glbd. 
frz. liqueur m., von lat. liquor m. «Flüssig- 
keit», zu lat. liquere «flüssig sein». Daher in 
der altern Heilkunde (Pai'acelsus usw.) Liquor 
«heilender Saft», 1710 bei Nehring liqueur. 

lila, adj. (ohne Flexion): fliederblau, blaß- 
violett. 1791 bei Roth Lilak, 1801 bei Campe 
Lilas (spY.lila) «Fliederfarbe». Aus frz. lilas, 
port. lila, ital.-span. lilac m. «span. Flieder, 
Syringe», aus pers. nilä «blau» über axah. lilak. 

Lilie, f. (PI. -n), die Blume lilium. Mhd. 
lilje, ahd. lilja f., liljo m. Aus dem PI. lilia 
des lat. Mium n. Mhd. auch gilge, gilje f. m., 
noch bayr. Gilgen f., eis. jilge, nach glbd. ital. 
giglio m., rätorom. giglia f. Vgl. Btr. 22, 219. 

Limöne, f. (PI. -n): Zitrone. In der 1. H. 
des 16. Jh. (Bock 380). Aus glbd. ital, li- 
möne m., frz. limon m., von pers. ZfmM%«Zitro- 
ne(nbaum)». ABL. Limonade, f. (PI. -n): 
Zitronensaft mit Wasser und Zucker, 1709 
bei Hübner Limonade, 1687 bei Hohberg 
Landleben 1, 329 Limonada f., aus frz. limo- 
nade, ital. limonata f. 

Lind, n.: Baumbast zum Flechten. In 
der Wetterau. 1540 bei Alberus dict. Gg4^ 
lindt n., 1485 in den Weist. 3, 455 lint, im 
Voc. ex quo 1469 lynt, haste, mhd. 1400 lint 



69 



lind 



link 



70 



«Biudebast»; dazu mnd.-ndl. lint m., «Band, 
Borte», anord. lindi m. «Band, Gürtel». Von 
Linde (s. d.), zunächst wohl «Bast der Linde». 

lind, adj.: weich, weich und wohltuend 
auf die Empfindung wii'kend, ohne Stärke 
und Beschwernis. Mhd. linde, lint «leicht 
nachgiebig und empfänglich, weich, zart, 
mild», ahd. lindOi); dazu asächs. Inti, ags. Me, 
engl, lithe (biegsam). Im Adv. mhd. linde, 
ahd. lindo, ags. Me. Aus dem Germ, viel- 
leicht entl. span.-i^ort. lindo «schön, prächtig», 
ürverw. mit lat. lentiis «biegsam, geschmei- 
dig». Vgl. Walde. Vom Komp. linder abgel. 
lindern, v., im 15. Jh. bei Steinhöwel Esop 
323 ; dazu Linderung, f., bei Luther 4, 338^ J. 
Liudigkeit, f., mhd. lindecheit f. 

Linde, f. (PI. -n): der Waldbaum tilia. 
Mhd. linde, ahd. linta, linda f.; dazu and. 
lind{i)a, ndl. liyide, ags. lind f., engl, lind^ 
linden, anord.-schwed.-dän. Ziwd f. «Linde»; im 
Ahd., Ags. und Anord. auch «Lindenschild» 
aus Lindenholz gearbeitet oder aus Linden- 
bast geflochten. Urverw. sind russ. lutie n. 
«Lindenwald», klruss. iiite «Lindenbast» und 
wohl auch gr. ^Xcirri «Fichte». Über Ver- 
wandtschaft mit lat. linteii' «Kahn» s. Walde. 
S. a. KZ. 40, 557. ABL. linden, adj.: aus 
Lindenholz, Lindenbast, mhd. lindin, lintin. 
ZfS.Lindenbaum, m., 1537 bei Dasj^podius. 

Lindenl)latt, n., mhd. UndenUat n. Linden- 
blüte, f., 1546 bei Bock 65*' Lindenblüet. 

Lindwurm, m. (-[e]s, PI. -würmer): ge- 
flügeltes schlangenartiges Ungeheuer. Slhd. 
lintivurm (neben lintdrache, lintrache), ahd. 
lindummi, anord. linnornir m., zgs. aus ahd. 
lint, anord. linnr m. «Schlange», und Wurm 
(s. d.), mhd.-ahd. insbes. «Schlange, Drache» 
bedeutend. Im 15. Jh. auf das Krokodil 
bezogen (Voc. ine. teut. p 1 ^, Brack 1489 h 6^). 
im 17. Jh. erlöschend (noch 1678 bei Krämer) 
aber in den 70 er Jahren des 18. Jh. (z. B. 
1777 bei Stolberg 1, 167) wieder belebt. 

Lineal, n. (-s, PI. -e): Richtscheit zum 
Ziehen gerader Linien, 1482 in Voc. theut. 
1 1 ä' lynial, um 1480 im Voc. ine. teut. p 1 ^ 
linial, 1468 bei Diefenb. nov. gl. 236^ lineal. 
Aus mlat. lineale n., dem Neutr. des lat. Adj. 
lineälis «in Linien bestehend, mit Linien 
gemacht», von lat. linea f. «Linie». 

-ling, Ableitungssilbe zur Bildung männ- 
licher Subst., mhd.-ahd.-mndl. -Unc, ags.-engl.- 
nndl.-dän.-schwed. -ling, anord. -lingr. Hervor- 
gegangen aus der Ableitungssilbe -irig (s. d.), 
die im Ahd. an abgeleitete Wörter mit -al. 



-il, -ul trat und mit diesen Silben verschmolz. 
Davon -lingiu zur Bildung weibl. Subst., 
erst in der 2. Hälfte des 18. Jh. bei Dichtern. 
Das genitivische -lingS zur Bildung von 
Adverbien, die eine Beschaflenheit anzeigen, 
wie etwas geschieht, zuerst 1411 (Frankf. 
Eeichscorr. 1, 197), auf nd. Einfluß beruhend, 
dafür mhd. lingen, älternhd. gekürzt 'ling, 
ahd. -lingun; dazu mndl. -linghe, nnd\. -ling{s) 
ags. -linga. S. Baumgartner ZfdW. 3, 53. 

Linguist, m. (-en, PI. -en) : Sprachkenner, 
-forscher. 1593 bei Helber 13 und 20. Von 
lat. lingua f. «Zunge, Sprache». 

Linie, f. (PI. -n): Ausdehnung eines 
Punktes in die Länge, Zeile; ^/j^ od. ^/^^ ^oll 
(1716 bei WoliF mathemat. Lex.); Äquator 
(1709 bei Hübner); Schlachtreihe des Heei-es 
od. der Flotte (ebd., 1757 in Eggers Kriegslex.); 
die Feldtruppen im Gegensatz zur Landwehr 
(seit 1813); Abstammung (im 16. Jh., nach 
der Darstellung von Stammbäumen); ausge- 
spanntes langes dünnes Seil, L^ine (Moser 
patr. Phant. 1, 123). In der 1. Bed. mhd. 
linie, ahd. linia, ahd.-and. Unna f. Aus lat. 
Unea f. «Leine, leinener Faden, Linie», von 
lat. Unum n. «Lein» (s. d.). ABL. -linig 
in gerad-, krummlinig, 1775 bei Adelung. 
lin(i)ieren, v., im Voc. ex quo 1469 lingeren, 
von \a.t. Inieäre «nach der Richtschnur richten». 
ZUS. Linienscllilf, n.: Schlachtschiff erster 
Größe, 1782 bei Jacobsson, dafür bei Frisch 
1741 ein Schiff von der Linie, 1695 bei 
Ziegler Schauplatz 464^ Haupt- Schiff, 905 ^ 
Capital- Schiff. 

link, adj., Gegensatz von «recht» nach der 
Hand genommen. Mhd. Unc, lenc, im Ahd. 
lenka f. «die linke Hand». Liden Stud. 46 ver- 
gleicht aind.hwga- «lahm». Durch dieses Wort 
wurden alle andern Ausdrücke derselben Bed. 
verdrängt, mhd. tenc, lerz (ndrhein. lorz, lurz), 
lere, lirc. Iure, winster (ahd. u. and, wimstar, 
anord. vinstre), got. hleiduma, mnd. lucht, locht 
(gew. im Komp. luchter, lochter, engl. left). 
Eine alte Nebenform ist ahd.-ndi-heia.-mndl. 
u. nndl, slink; daraus vielleicht entl. afrz, 
esclenque, esclenche «linke Hand», vgl. Körting. 
Im 15. und 16. Jh. die durch ge- verstäi-kte 
Form gelink (Bibel von 1483 Richter 5, 26), 
glinck (Voc. theut. 1482 1 2'*. ABL. Linke,f.: 
linke Hand (ahd. lenka f.) ; Gesamtheit der zur 
linken Hand des Präsidentenstuhles Sitzenden 
(im 19. Jh.). linkisch, adj., 1470 im mlat- 
hochd,-böhm, Wb, 250 linkesch. links, adv,, 
der Gen, Sg. von link, um 1480 im Voc. ine. 



71 



Linnen 



literär 



72 



teut. nl^ Uncks, 1628 bei Opitz 2, Vorr. 8^ 
linckes. ZUS. Linktatze, f.: Person, die 
die linke Hand statt der rechten zu gebrauchen 
pflegt, 1691 bei Stieler neben (thür.) Link- 
tatsche, dafür 1556 bei Frisius 1184^ Lincke- 
tuß, 1561 bei Maaler Lingüuß. linkwäl'ts, 
adv., 1736 bei Hederich Unckwerts. 

Linnen, n. (-s, PI. wie Sg.): Leinwand, 
Leinentuch. 1741 bei Frisch. Nd. Form für 
Leinen (s. d.), die im 18. Jh. nebst dem Adj. 
linnen durch den westfäl. Leinwandhandel 
ins Hochd. kam, mnd. linen, asächs. adj. Umn. 

Linoleum, n, (-s): Korkteppich. 1860 in 
England erfunden. Nlat. Bildung aus llnum n. 
«Lein» u. oleum n. «Ol», 

Linse, f. (PL -n)-. platte Schotenfrucht, 
dann bildlich (1712 bei Hübner Lmsewgr/rtser). 
Mhd. linse, lins, linsin, ahd. linsi, linsin f., 
mit abg. leßta, lit. lensis «Linse» durch un- 
bekannte Vermittlung, nicht unmittelbar, aus 
lat. lens. Vgl. Hoops Waldbäume 462. 

Lippe, f. (PI. -n), nd.-md. Form für obd. 
Lefze (s. d.), die durch Luthers Bibelüber- 
setzung ins Hochdeutsche drang. Md. lippe 
(Jerosch. 309), mnd.-mndl. u. 1477 clev. lippe f., 
afries.-ags. lippa m., engl. lip. Urverw. mit 
lat. labium n. «Lippe», pehlewi lap «Lippe». 
Aus dem Germ. entl. frz. lippe f. «dicke Unter- 
lippe». J.SI/. lippig, ad j. in Zss. dicklippigusw., 
1691 bei Stieler groß-, klein-, dünnlippicht. 

Lips, Mannsname, aus Philips, Philippus. 

liquid, adj.: flüssig, klar, ganz gewiß. Im 
17. Jh. (1694 beiNehringj,aus glhd.lai.liquidus, 
von lat. liquere «flüssig sein». Dazu liqui- 
dieren, v.: (einen Schuldposten) klarmachen, 
beweisen, abbezahlen, in Rechnung bringen, 
1617 im Teut. Michel 26, von mlat. liquidare 
«offenbar machen»; davon Liquidierung, f., 
1711 bei Rädlein. Liquidation, f.: Klar- 
machung und gerichtliche Sicherstellung einer 
Schuldforderung, Schuldabrechnung, Kosten- 
berechnung, 1703 bei Wächtler, aus spätmlat. 
liquidatio, f. «Richtigmachung, Verzeichnis», 

lirumlarum, Interj. zur Bezeichnung des 
Klanges der Bauernleier, auch subst. Ntr., 
1595 bei Rollenh. 1, 1, 6, 230 Lyrum Lerum n. 

Lisiere (spr. -iä), f. (PI. -n) : Saum, Rand. 
Aus glbd. frz. lisiere f. 1834 bei Petri. 

Lispel, m.: leiser Ton (bei Klopstock u. 
danach häufig bei den Dichtern des 18. Jh.). 
Von lispeln, V.: in leisen Tönen sprechen, 
leise tönen. Ln 15. Jh. bei Diefenbach gl. 66'' 
lispeln «beim Sprechen mit der Zunge an- 
stoßen», 1522 bei Murner luth. Narr. 2809 



(123 Seh.) lißhlen «flüstern», von mhd. lispen, 
ahd, lispan «mit der Zunge anstoßen, leise 
reden», im 15. Jh. am Niederrhein mit noch 
bewahrtem Anlaute wlispen (Diefenb. nov. 
gl. 47% mit Versetzung Part.-Präs. wilspende 
Diefenb. gl. 77*), zu dem ahd. Adj. lisp, lisb, 
ags. wlisp, wlips «mit der Zunge anstoßend, 
stammelnd». Vgl. wispeln. 

List, f. (PI. -en) : künstlich angelegte Täu- 
schung zu unvermerkter Erreichung eines 
Zweckes. Mhd.-ahd. list m. (md, auch f.) 
«Weisheit, Schlauheit, Kunst, Kunst zu täu- 
schen, täuschende Verschlagenheit, unheim- 
liche Zauberkunst»; dazu asächs. list f. «Ein- 
sicht, Lehre, Verschlagenheit», afries. list, lest 
f, «Kenntnis», ags. list m. f. «geistige Gewandt- 
heit, Schlauheit», engl, list «Klugheit, Schlau- 
heit», anord.-schwed.-dän. list f. «Kunstfertig- 
keit, Scharfsinn», got. lists m. (nur im Akk. 
PI. listins) «List, listige Nachstellung». Nebst 
lehren (s. d.) und lernen (s. d.) zu got. Prät, 
Präs. lais «ich weiß». Aus dem Germ. entl. 
abg. listi f. «Betrug, List», Ustiti «betrügen», 
ebenso ital. lesto «geschickt, klug, listig, ge- 
wandt», Span, listo, franz. (aus dem Ital.) leste 
«gewandt, flink». ABL. listen, v., mhd. ahd. 
listen «List üben, schmeicheln», nhd. nur in 
Kompos. helisten, überlisten, mhd. überlisten. 
listig, adj.: «schlau», mhd. listec, listic, ahd. 
listig (Adv. listigo) «weise, schlau, kunstreich», 
got. listeigs «hinterlistig». 

Liste, f. (PI. -n): Verzeichnis, besonders 
streifenartiges. 1616 bei Wallhausen im No- 
menclator des Kriegsmanuals Liste, noch im 
18. Jh. Lista f., aus ital. lista (frz. liste) «Liste, 
Streifen», von ahd. lista f., mhd. liste f. «band- 
förmiger Streifen, Leiste» (s. d.). 

Litanei, f. (PI. -en): Bitt- u. Klagegesang 
zur Versöhnung. 1420 littanie, mhd. letanie f., 
aus gr.-lat. litänia, gr. Xixaveiaf. «das Flehen, 
Bitten», zu XiTaveüeiv «bitten, flehen». 

Liter, m. n. (-s, PI. wie Sg.): 7iooo Kubik- 
meter. Aufgenommen durch Reichsgesetz von 
1868 aus glbd. frz. litre m. (in Frankreich 1799 
eingeführt), von mlat. litra, gr. Xnpa f. «Ge- 
wicht von 12 Unzen». 

literär, adj., veraltet für literarisch (s. d.), 
aus glbd, frz. litter aire, von lat. llterärius 
zum Lesen und Schreiben gehörig, zu lat, 
litera f. «Buchstabe», PI. llterae «Schrift, 
Schriften, schriftliches Denkmal, Wissenschaft». 
literarisch, adj.: zur Bücherkunde gehörig, 
wissenschaftlich, schriftstellerisch, 1759 bei 
Lessing 6, 197, von lat. llterärius. Literat, 



73 



Litewka 



Lob 



74 



m. (-en, PI. -en) : Gelehrter, der Schriftstellerei 
Ergebener, 1571 bei Rot Literat. Aus lat. 
Uterätus «schriftkundig, wissenschaftlich ge- 
bildet, gelehrt». Literatur, f. (PI. -en): 
Wissenschaftskunde, Bücherkenntnis, Schrif- 
tentum, Gesamtheit der schriftlichen Geistes- 
erzeugnisse, 1571 bei Rot Literatur, von lat. 
literätüraL «Buchstabenschi-ift, Sprachkunst»; 
damit zgs. Literatürgeschiclite, f. bei 

Goethe 29, 148, dafür 1773 bei Lessing 9, 2 
Litterär-Geschichte, 1799 Eichhorns Literar- 
geschichte u. 1805 Geschichte der Literatur. 

Litewka,f. (Pl.-en): blusenartiger Waffen- 
rock. Aus poln. litewka, eig. «die Litauerin». 
In neurer Zeit im Heere. 

Litfaßsäule, f. (PI. -n): Anschlagssäule. 
Nach Litfaß, der solche Säulen zuerst aufstellte. 

Lithograph, m. {-en, PI. -en): Stein- 
drucker. Aufgekommen nach der 1799 von 
Aloys Senefelder in München gemachten Er- 
findung der Steindruckerei, der Erfinder selbst 
bediente sich des Ausdrucks Steindrucker- 
kunst. Lithographie, f. (PI. -n): Stein- 
druckerei, Steindruck, lithographieren, v. 
Alle zsgs. aus gr. X.i0oc m. «Stein» u. Ypücpeiv 
«eingraben, zeichnen, schreiben». 

litterär usw., frühere Schreibung für 
litirär usw. (s. d.). 

Litürg, m, [-en, PI. -en) : den Gottesdienst 
leitender Geistlicher. Aus gr.-lat. Uturgus m. 
« öffentl. Diener, Staatsdiener», gr.XeiToup-föcm. 
«gemeinnütziger Arbeiter», zsgs. aus dem gr. 
Adj. X^iToc «das Volk betreffend, öffentlich», 
und einer Bildung von gr. ep-fov n. «Werk, 
Arbeit». Liturgie, f. (PI. -en): vorschrifts- 
mäßige Ordnung des Gottesdienstes in Ge- 
beten usw., aus kirchenlat. liturgia f. «Kirchen- 
dienst, Amt der heil. Messe, heilige kirchliche 
Handlung», von gr. XeiToup-fia f. «Staatsamt». 
1728 bei Sperander. liturgisch, adj., nach 
kirchlich-mlat. liturgicus, gr. Xeixoup-fiKÖc adj. 
1791 bei Roth. 

Litze, f. (PI. -en): dünne runde Schnur. 
Mhd. litze f. (vereinz. litsche) «Schnur, Schnur 
als Schranke, Gehege, Tuchleiste», über das 
Roman, (ital. liccia f. «Spen-seil, Schranke», 
liccio m. «Aufzug beim Weben», span. lizos 
«Aufzug an Geweben», frz. lice f. «Turnier- 
platz») von lat. Ucium n. «die Enden des Auf- 
zuges, Faden des Gewebes, Faden». 

Liutgard, Frauenname, ahd. Liutgart. 

Liyree, f. (PI. -n): Bedientenkleidung mit 
Abzeichen. Aus frz. livree, ital. livrea, span. 
lihrea f. «Kleidung, die der Herr, zunächst 



der König bei gi'oßen Hoflagern seiner Diener- 
schaft gab, eig. Geliefertes», zu liefern (s. d.). 
Das frz. L. kam erst im 17. Jh. zu uns neben 
älterm Liberey (Franck Chron. 228, noch 1749 
bei Hagedorn neue Fab. 55 j, im 16. bis tief 
ins 18. Jh. Liverey (noch bei Schiller Räuber 
2, 2 ia der Bed. «Leibfarbe»), Livrey (noch 
1815 bei ühland und bei Heine Livrei), 
1580 bei Fisch art Hütlein 840 Lieferei, im 
15. Jh. lieher ey, Uhr ei f. «Abzeichen an der 
Kleidung» (selbst hoher Personen). Die Schrei- 
bung Livree erst in der 2. H. d. 18. Jh., 
Liveree schon 1641 bei Garzoni Schauplatz 
699% Liberee bei Abr. a. S. Clara (f 1709). 
zrS'.Livreehedienter,m.i777bei Adelung, 

aber 1788 bei Haas teutsch.-franz. Wb. 2, 94 
Liebereyhediente. 

Lizentiät, m. {-en, PI. -en) : wer auf Hoch- 
schulen, bevor er zur Doktorwürde der Fakul- 
tät gelangt ist, die Erlaubnis hat, seine Wissen- 
schaft auszuüben oder zu lehren. Bei Liliencron 
4, 488^ vom J. 1549 Licentiate m.,^aus mlat. 
licentiatus, Part. Perf. Pass.von mlat.licentiare 
«Erlaubnis oder Freiheit wozu erteilen». 
Lizenz, f. (PI. -en): Erlaubnis, Bewilligung, 
Freiheit worin; Erlaubnisschein. 1617 im 
Teutschen Michel 49 Licentz, aus lat. licentia f. 
«Erlaubnis zu tun, was man will», vom lat. 
Adj. licens «frei zur Tat», eig. Pai-t. Präs. 
von licet «es ist erlaubt, steht frei». 

Lloyd, m. (-s), als Name großer Handels-, 
Schiffsversicherungs- und Dampfschiffahi'tsge- 
sellschaften, auch von Zeitungen, stammt von 
dem Engländer Lloyd, der am Ende des 17. Jh. 
in London ein später in die Börse verlegtes 
Kaffeehaus errichtete, wo Handelsherren und 
Schiffsmäkler alle Seeversicherungen abschlös- 
sen: nach L. benannte man 1726 die Londoner 
Schiflahrtszeitung, dann im 18. Jh. eine große 
englische Handelsgesellschaft. 

Loh, n. (-[e]s, ohne PI.): günstiges, bei- 
fälliges Urteil, Auszeichnung durch Beifall. 
Mhd. lop n. m. (Gen. lohes), ahd. loh n., md. 
loh, Iah, lof; dazu asächs.-ags. lofn. m., afries. 
lof «höh, Ruhm», anord.-schwed. lofn., dän. 
lov «Erlaubnis, Zustimmung, Lob, Lobge- 
dicht». Gleichen Stammes wie lieh (s. d.), 
glauben, erlauben, vgl. mhd. tirlob, urlop, 
ahd. urhch neben urloup «Erlaubnis». Eig, 
«Das Liebe, das Geschätzte». Ob lit. l'aupse 
«kirchlicher Lobgesang», TaMp^m^i «lobpreisen» 
verwandt sind, ist zweifelhaft. ABL. lohcn, 
V., mhä. lohen, ahä.lohön, lohen; dazu asächs. 
loMn, ags. lofian «lohen, preisen», anord. lofa 



Loch 



locken 



76 



«loben, gestatten», entl. afrz. loher «spotten», 
lohe «Spott». Lober, m.: der Lobende, Lob- 
preisende (Spr. Sal. 27, 21, Goethe Faust 3637), 
frühmhd. lohäre, ahd. lohari m. lobesam, 
lohesan, adj.: zu lobend, preis würdig, mbd. 
lohesam, -san, ahd. lohosam (Adv. lohosamo), 
md. (am Rhein) lovesam, -san, ags. lofsum. 
löblich, adj., älternhd. löhelich, mhd. loh{e)- 
lich, ahd. loh{e)Wi. ZUS. 1) Mit Loh: Lol)- 
gesailg, m., mhdi.lopgesanc neben lohesancm.; 
dazu ahd. lob(o)sang, asächs.-ags. lofsang, 
anord. lofsöngr m. lobhudeln, v.: durch 
Lob plagen, übertrieben loben, von Kluge 
ZfdW. 7, 40 aus dem J. 1778 nachgewiesen, 
aber noch nicht bei Campe. Loblied, n., 
mhd. loheliet n. lobpreisen, V. (Prät. loh- 
preisie, Part, gelohpreist und im 18. Jh. ge- 
lohpriesen, alles unüblich) erst bei Wieland 
2, 324 vom J. 1766 u. nach lohsagen u. lohsingen 
gebildet. Lobrede, f., 1664 bei Duez. Lob- 
redner,m., 1734 bei Steinbach, dafür b. Kram er 
\%19, Lohsprecher. lobsagen,v., 1494 bei Brant 
Narrensch. 59, 31 loh sagen, lobsingen, v., 
mhd. (md.) loh{e)singen. Lobspruch, m., 
im 15. Jh. lopsprucJi m. — 2) Mit dem Gen.- 

Sg. Lohes-: Lobeserhebung, f., 1673 bei 
Weise Erzn. 55. — .3) Mit dem Gen. des 
subst. Inf. Lohens-: lobenswert, adj., bei 
Opitz 2, 48 lohens wertli, dafür 1537 bei Dasy- 
podius lohsivert. — 4) Mit dem Verb lohen: 
lob würdig, adj., 1605 bei Hulsius; 1537 bei 
Dasypodius lohicirdig. 

■"^Locb, n. m.: Hain, Busch, in Wald- und 
Ortsnamen, s. Loh. 

"^Loch, n. (-[e]s, PI. Löcher): worein 
gehender unterbrechender leerer Zwischen- 
raum, Höhlung, Höhle usw.; Gefängnis; After 
(bei Keisersberg Herr Kunig 83^). In der 
1. u. 2. Bed. mhd. loch n. (PI. loch, löcher), 
vereinzelt luch (PL lücher), ahd. loh n. (PI. 
loh, locher, Zmc/wV) «Verschluß, Höhle, Öffnung»; 
dazu ags. loc. n. «Verschluß», engl, lock «Schloß, 
Schleuse», anord. lok n. «Schluß, Deckel, 
Ende», got. luks in usluks m. «Öffnung». Zu 
mhd. lüchen «schHeßen, zuschließen», ahd. 
lühhan in hilühhan «zuschließen, verschließen», 
asächs.-ags. lücan, afries. -anord. lüka «schlie- 
ßen», got. (gra)ZMÄ;an«einschließen,vei-schließen», 
Aus dem Germ. entl. afrz. loc «Schloß, Klinke», 
nfrz. loquet, ital. lucchetto m. «Klinke». Anßer- 
germ., aber unsichere Beziehungen bei Falk- 
Torp s. V. lukke. ABL. lochen, v. : ein Loch 
worein schlagen, bohren, mhd. lochen. LÖch- 
lein, n., mhd. löchelin, ahd. lochiUn n.; 



LÖChel, n., mhd. bei Megenberg löchel, ahd. 
luhhili n.: LÖchelchen, n., 1701 bei Weise 
überfl. Ged. 227 Löchlichen; LÖcherchen, 
PI., bei Brockes ird. Vergnügen 2, 465. Von 
dem Plur. Z/örAer sind abgeleitet: löchericht, 
löcherig, adj.: Löcher habend, mhd. loche- 
reht, um 1480 im Voc. ine. teut. p. 2^ locherig. 
löchern, v., in durch-, zerlöchern, mhd. 
löchern. ZUS. Lochbeutel, m.: Tischler- 
meißel zum Löchermachen, 1712 bei Hübner 
Loch'Bedel (s. ^Beutel). Locheisen, n.: ein 
Eisen zum Stoßen oder Schlagen eines Loches. 

lochen, v.: einen Waldbaum durch einen 
Einschnitt oder ein eingehauenes Merkmal 
bezeichnen, sowie Lochhaum, Lochstein (Grenz- 
stein), s. •* Lache. 

Lochtaube, f.: Wald-, Holztaube, 1557 
bei Heußlin Vogelb. 248» u. bei Maaler 1561 
Lochtmih, 1556 bei Frisius 942* Holtztanh, 
Lachtauh. Von Loch m. «Wald» (s. Loh). 

Locke, f. (PI. -n): sich ringelnder Haar- 
büschel. Das Fem. erst 1711 bei Rädlein, 
hervorgegangen aus dem schw. M. Locke 
(Keisersberg Schiff d. Pen. 64°, Opitz Hercinie 
1630 S. 51, schon md. Plur. locken Passional 
294, 70 H.) neben älterm Lock m. (bei Duez, 
Schotte!, Stieler iind noch 1783 bei Schiller 
Fiesko 2, 15), mhd. loc m. (PI. locke, locke), 
ahd. loc(h) m. ; dazu and.-afries.-ags. loc, anord. 
lokkr m. Möglicherweise gleichen Stammes 
wie mhd. u. bayr. liechen «ziehen, zupfen» 
(s. ^lichten). Vielleicht urverwandt mit gr, 
XuYOöv, XuYi^eiv «biegen, krümmen», Xüyoc f. 
«biegsamer junger Zweig», lit. lugnas «bieg- 
sam». ABL. löckeln, v.: in Löcklein [mhd. 
löckel{in) n.] biegen, 1678 bei Krämer löckelen. 
locken, v.: in Locken biegen, ahd. lochön. 
lockicht, lockig, adj., mhd. lockeht, 1741 
bei Frisch lockig. 
Pocken, s. Locke. 

"locken, v.: verführerisch anziehen oder 
kommen macheu. Mhd. locken, lücken, lucken, 
ahd, lokön, lokken, lucchen; dazu mnd.-ndl. 
locken, (ags. giloccian «demulcere»), anord.- 
I schwed. lokka, dän. lokke «locken». Verw. 
i mit lit. lugoti «bitten», kaum aber zu lat. 
lacio «locke», vgl. Walde. ABL. Lockung, f., 
mhd. lockunge, ahd. lochunga f. ZUS. Lock- 
pfeife, f.: die die Vögel zum Fang anlockende 
Pfeife des Vogelstellers, 1662 bei Stoer 319^, 
Schottel S. 531. Lockspeise, f., 1640 bei 
Comenius Lockspeiß. Lockspitzel, m., zur 
Verdeutschung des frz. agent provocateur 
1888 vom Züricher Schriftsteller Kai-1 Henkel 



77 



locken 



Loge 



78 



gebildet (s. Spitzel). Lockvogel, m., 1512 \ 
bei Mumer Schelm, 5, 20. 

löekeil, Y.: hüpfen usw., s. 'lecken. 

locker, adj.: unfest zusammenhangend; 
sittlich unfest (1777 bei Adelung). In 1. Bed. 
1640 bei Comenius 407 locker, bei Krämer 
1678 locker neben lack, hicker, 1562 bei 
Mathesius Sar. Ql^lucker, 1482 im Voc. theut. 
t2* loger, 1561 bei Maaler lucker «mild, 
gütig, zu lind, fahrlässig». Von glbd. älterm I 
luck (s. d.). ABL. lockern, v.: locker 
machen (Steinbach 1734); locker werden; 
locker leben (Weiße Op. 2, 192, Ausg. 1764 
S. 269). Lockerheit, f., im IS. Jh. bei 
Lavater in der Bed. «Ungebundenheit im 
Denken und Handeln». 

Lockpfeife usw., s. -locken. 

Lode, f. (PI. -n): junger schlank auf- 
geschoßner Baum, eig. einjähriger Schößling. 
Früher auch LoMe, Lotte, Lote, Latte, bes. ' 
in Sommerlatte, mhd. sumerlate, -latte, ahd. 
sumarlota, -la{t)ta f. «SommerschößKng»; da- 
zu mnd. lode, lade, 1477 clev. laide, mnld. 
loote f. «Jahresschößling». Zu ahd. liotan, 
got. liudan «wachsen» (s. Leute). 

Loden, m. (s, PI. wie Sg.): grobes Tuch, 
hangendes Tuchstück. Mhd. lode m. (auch 
«Zotte, hangender Haarbüschel», so noch bei 
Luther Tischr. 358 '^), ahd. lodo, ludo m.; da- 
zu and. lotho «Lodenkleid», mnd. lode, «Fetzen, 
Lappen», ags. loäa m. «grober WoUentuch- 
umwui'f, grober Mantel», anord. loäi m. «rauhes 
zottiges Überkleid», schwed. ludd, dän. lod, 
laad «feine Wolle, wolliges Haar». Nicht zu 
anord. loäinn «zottig», da dies zu got. liudan 
«wachsen» gehört, sondern wohl zu gi-. Xücioc 
(aus *tvlatjos) «rauh, haarig». 

lodern, v.: emporflammen, flackernd auf- 
lohen. Bei Luther Joel 2,5 loddern, 1586 bei 
Mathesius Syrach 1, 48^ lodern, im 15. Jh. 
md. ludern (Diefenb. gl. 238^). Dieses md, 
Wort ist im 17. Jh. durch die Dichter empor- 
gekommen. Entweder zu dem in Lode vor- 
liegenden Verb got. liudan «wachsen» oder 
zu mhd. lode «Zotte», s. Loden. Beides wegen 
der mangelnden Vorgeschichte unsicher. ZUS. 
Loderascii e, f.: weiße leichte Flugasche, bei 
Luther Weish. 2, 3 Lodderasche. 

^LÖflfel, m. (-S, PI. wie Sg.): aus einer 
breiten Vertiefung bestehendes Schöpfgefäß 
mit Stiel; (nach der Ähnlichkeit weidmännisch) 
Ohr des Hasen (mhd., Gesamtabenteuer 2, 
65, 400). In der 1. Bed, mhd. leffel m., auch 
löffel, laffel (aber noch bei Luther u. 1691 bei 



Stieler Leffel), ahd. leffil, lepfl m.; dazu mnd. 
lep(p)el, ndl. lepel, isl. lepill m. Zu md. laffen, 
nd. lapjpen, ahd. laffan «lecken, schlürfen», ags. 
lapian «trinken, schlüi-fen», urverw. mit lat. 
lamhere «lecken». RA. Über den L. harhieren 
«betrügen», älter «rauh behandeln», wie die 
Dorfbader taten, die einen L. in den Mund 
steckten, um eingefallne Wangen glatt zu 
machen. Im 18. Jh. studentisch. ABL. löffeln, 
V.: mit dem Löffel schöpfen oder essen (bei 
Zwingli 2, 1,400); sich löffeln, studentisch für 
«nachtrinken». ZUS. Löffel gans, f.: Reiher 
mit löfi'elartigem Schnabel, Pehkan, 1557 bei 
Heußlin Vogelb. 172 ^ Löffler, Löffelganß. 
Löffelkraut, n.: Kraut, dessen langgestielte 
unterste Blätter fast löfi"elartig gestaltet sind, 
cochlearia (1588 bei Tabernämontanus). 

'Löffel, m.: (-S, PI. wie Sg.): läppischer 
Mensch, buhlerischer Schöntuer, Schon im 
17. Jh. veraltet, aber noch schweiz.-vorarlb., 
eis. laffel, sowie in Rotzlöffel m. ,«sich vor- 
drängender, zu junger Mensch» (bei Luther 
1, S*» Eotzleffel, bei J. M. MiUer Walther 265 
Rotzlaffe). STpätmhä.leffel «läppischer Mensch», 
1494 bei Brant Xarr. 62, 3 löffel, 1540 bei 
Alberus dict. y2^ Laffel. Von Laffe (s, d.). 
ABL. löffeln, V.: buhlerisch, schöntuend 
liebhaben (1574 bei Höniger Narrensch. 98^ 
löfflen), im altern nhd. «sich wie ein Narr 
betragen, einen zum Narren haben» (H. Sachs 
5, 226). Davon Löffelei, f.: verliebtes Ge- 
baren, (1590 bei Ringwaldt laut. Warb. 283) ; 
Löffler, m.: Näscher in der Liebe (1575 bei 
Fischart Garg, 398 Leffler). 

Log, bayr. Logg, n. (-[e]s, PI. -e): Schiffs- 
meilenzeiger, d. i. Werkzeug, um die Weg- 
länge eines Schiffes zu messen. 1782 bei 
Jacobsson 2, 625 Lock n. m., 6, 467 Logg n. 
Aus engl. Zo^«^Ießlot, Meßstange», eig. «Block, 
Holzstück», das auf anord. lag «umgestüi'zter 
Baum» zurückgeht. L. soll aber in techni- 
1 schem Sinne arab. lauh «Tafel» wiedergeben. 

Logarithmus, m. (PI. -men): eine Art 

Verhältniszahl. Als Erfinder wird Lord Napier 

angesehen, der 1614 in Edinburg einen «Ka- 

, non der Logarithmen» herausgab. Neulat. 

logarithmus m., zsgs, aus gr. Xöyoc m. «Wort, 

i Rede, Vernunft, Rechnung, Verhältnis (Pro- 

I portion)» u. öpiöiLiöc m. «Zahl». Davon lo- 

garithmisch, adj. 

Loge (spr. loze), f. (PI. -n) : verschlossener 
Sitzplatz im Schauspielhause (1694 bei Neh- 
ring, 1703 im Zeit. Lex, loges, aus glbd. frz. 
löge f.) ; Versammlungsort sowie Versammlung 



79 



Logik 



Lohflnk 



80 



der Freimaurer (1737 entstand in Hamburg 
die erste Loge in Deutschland , nach engl. 
Vorbild). Schon im 13. Jh. kölnisch loitsche 
«Zelt» (Hag-en Eeimchronik 4017). Aus afrz. 
löge f. «Hütte, Zelt», ital. loggia f. «bedeckter 
Gang, Galerie», prov. lotja, port. loja f., 
mlat. laujna, lauhia, lobia, logia, logea f. 
«offener Säulengang, Galerie», entl. aus dem 
Germ. (s. Laube), logieren, v.: wohnen, 
herbergen, beherbergen, mhd. loschieren, 
ndrhein. losgeren, md. loglrn «sich lagern, 
herbergen», loschiern, lotschieren «Herberge 
bereiten», aus glbd. frz. loger, mlat. logiare. 
Logis (spr. lozi), n.: Wohnung, 1716 bei 
Ludwig Logis, 1645 bei Mandelslo Reise- 
beschr, 1, 10 Logie, schon mhd. logts n., aus 
glbd. frz. logis m., mlat. logicium n., woher 
mhd.im lA.3h..logizieren«sich.\agevn». S.Losier. 

Logik, f. (PI. -en): Denklehre. 1664 bei 
Duez Logic, Logick, der PL Logiken bei 
Leibniz 1, 377 Guhr.; schon mhd. im 14. u. 
15, Jh. löicä, löike, löyk, löic f., aus glbd. 
gr.-lat. logica f., dem subst. F. des gr.-lat, Adj. 
logicus, gr. Xoyiköc «zur v^ernunft gehörig», 
von gr. XÖYoc m. «Wort, Rede, Vernunft». 
Dazu Logiker, m.: ivOg'iÄ Vortragender, der 
Logik Kundiger, 1664 bei Duez u. 1711 bei 
Rädlein Logicus, 1801 bei Campe Logiker. 
logisch, adj., bei Campe 1801. 

LogOgriph, m. (-.s, PI. -e): Wort-, Buch- 
stabenrätsel. 1663 bei Schottel 985 Wort- 
griflein, LogogripJms. Aus frz. logogriphe, 
neulat. logogriphus m., zgs. aus gr. Xöyoc m. 
«Wort» und ypi^poc m. «Fischernetz», dann 
«künstliches Geflecht, dunkle Rede, Rätsel». 

^Loh, niedriges Holz, Busch, Hain, Wald. 
Noch bayr.-hess. und weidmännisch, sowie in 
Wald- und Ortsnamen, z. B. Hohenlohe (d, i. 
zum hohen Lohe «hohen Walde», mhd. Hohen- 
loch). Mhd. loch, 16 m. n., ahd. loh m. n.; 
dazu mnd. lo(Ji) n. f., im 15. Jh. luge, in Orts- 
)iamen auch -loch, -löge, -läge, -loy, nndl. in 
Ortsnamen -loa, ags. leah f., engl, lea und in 
Ortsnamen -leigh, -ley, -ly. Urverw. mit lat. 
lücus m. «Hain, Wald», lit. laukas m. «das 
freie Feld», aind. lökas m. «freier Raum, Welt». 

"Loh, f. (PI. -en): nasse, sumpfige Boden- 
stelle ; Sumjjf wiese. Noch bayr., auf dem Fich- 
telgebirge, holst. Um 1480 im Voc. ine. teut. 
nl^ lo, m2^ lau «Sumpf, Sumpfboden», 1453 
lou (Mon. boica 18, 473), mhd. lä f. «Lache, 
Sumpfwiese». Unerklärt. 

^Loh, n.: Rinde zum Gerben, s. ^Lohe. 

loh, adj.: flammend. Bei Klopstock, Schiller 



(Teil 971). Im 18. Jh. entwickelt aus dem 
Subst. ^Lohe, angebahnt durch lichterloh (s. d.). 

Lohde, s. Lode. 

^Lohe, f. (PI. -n): aufwallende Glut; rot- 
gelb aussehender Brand an Weizen, Gerste, 
Hopfen bei allzu trockner Witterung. (1753 
bei Zincke öcon. Lex.). In der 1. Bed. älternhd. 
Lohie) m. (bei Opitz) neben Lohe f. (bei 
Luther), mhd. lohe, 16 m., md. auch f., «auf- 
schlagende Flamme, flammendes Leuchten», 
neben mhd. louc m. (Gen. louges), frühmhd. 
louch, ahd. long m., lauga f. «Flamme»; dazu 
asächs, logna f., mnd. lochene, logene, loche f., 
ags. lig, leg m., anord. logi m., log n. «Flamme». 
Gleichen Stammes wie leuchten, Licht (s. d.). 
ABL. lohen, V. : glühend aufwallen, empor- 
flammen. Mhd. lohen, ahd. lohjan «aufflammen, 
flammend leuchten», nebst dem abgeleiteten 
Intensivum mhd. lohezen, lohazzan, got. lau- 
hatjan «leuchten, blitzen»; dazu ahd. lougazzan 
«feurig sein, in Feuer brennen». 

"Lohe, f. (ohne PI.): Baumrinde mit Beiz- 
stoff zum Gerben. 1482 im Voc. theut. 1 1 ^ 
loe, lohe, aber mhd.-ahd. 16 n. (Gen. lowes), 
mnd. lo, lowe n., ndl. looi, noch bayr.-hess. usw. 
Loh n. Vielleicht zu Lauge. ABL. lohen, v. : 
mit Lohe gar machen, 1472 lauwen. LÖher, 
LÖhermeister, m.: Loh- oder Rotgerber, 
noch hessisch Löher, Löwer, 1678 bei Krämer 
Löhrer, 1540 bei Alberus dict. aa3* löer u. 
CCl*^ lör, im 15. Jh. I6er, mhd. 1247 loher 
(Gudenus cod. dipl. 1, 598, 247), im 14. und 
15. Jh. lower, louwer, mnd. loer, lower, lorer m, 
ZUS. Lohbeize, f.: das Beizen mit Lohe-, 
die Lohgrube. 1741 bei Frisch, lohgar, adj.: 
mit Gerberlohe ausreichend zubereitet, 1602 
bei Kirchhof Wendunmuth 2, 227. Loh- 
gerber, m., im 15. Jh. bei Diefenbach gl. 
114^ loghenoer aus nd. Quellen. Lohkäse, m., 
Lohkuchen, m. : in runde , oder viereckige 
Form gepreßte Gerberlohe, im 16. Jh. Low- 
Keß (Fronsperger bei Frisch), Lohe-Kuchen 
1731 bei Zincke öcon. Lex. LollUlÜhle, f.: 
Mühle, welche Baumrinde zu Lohe stampft, 
1519 lowmühl (Weisth. 5, 666), mnd. 1448 
lomole f. Lohrinde, f. : zu Lohe abgeschälte 
Rinde, mhd. lörinde f. 

Loheiche, f.: die Roteiche, quercus robur, 
entweder zu Loh (Wald), daher auch Loch- 
eiche, oder zu '^Lohe, weil ihre Rinde zum 
Gerben benutzt wird, 1731 bei Zincke öcon. 
Lex. Lohe-Eiche. 

Lohfink, m. {-eti, PI. -en): der Blutfink, 
Dompfaff", 1731 bei Zincke Lohe-Fincke, wohl 



81 



Lohn 



Lorgnette 



82 



zu ^Lohe, wegen der hochroten Farbe des 
Halses und der Brust. 

Lohn, m. (-[e]s, PI. Löhne), selten n. 
(Lessing 2, 240) : Vergeltung nach Verdienst, 
Dargabe für eine Leistung. Mhd. Ion m. n. 
(PI. loßne), daneben löne, län, luon, ahd. Ion, 
laon m. n. (PI. lona); dazu asäcbs. Ion n., 
ndl. loon m., afries. län n., ags. Iea7i n., anord, 
laun n., schwed.-dän. lön, got. Imm n. Verw. 
mit lat. lucrumn. «Gewinn», Laverna «Diebs- 
göttin», gr. diToXaüeiv «genießen», Xeia (der. 
Xäia) f. «Beute», abg. lovü «Jagd, Fang», 
loviti «jagen, fangen», altir. lüag «Lohn». Vgl. 
Walde. ABL. lohnen, V., mhd. Ionen, loenen, 
ahd. lonon; dazu asächs. lönön, afries. länia, 
ags. leanian, anord. launa. Im Ahd.-Mhd. 
verbunden mit Dat. d. Pers. und Gen. d. 
Sache, im Asächs. mit Dat. d. Pers. und Akk. 
d. Sache, daher im Nhd. mit Dat. d. Pers. 
und Akk. d. Sache, aber andrerseits auch 
mit Akk. d. Pers., während sich der Gen. 
d. Sache noch in dem impers. es lohnt der 
Mühe erhalten hat. Löhner, m.: Lohn- 
empfänger, Lohnarbeiter, Taglöhner in der 
Bibel von 1483 2. Mos. 12, 45 löner, mhd. 
loner m. Löhnung, f.: Arbeitslohn (Moser 
Osnabr. Gesch. 2, 108), Sold der Soldaten 
(1664 bei Duez). ZUS. Lohndiener, m., 

bei Campe 1809, dafür bei Frisch, Adelung 
Lohnlakeij, aber 1691 bei Stieler Lohidienerin. 
Lohukutsche, f., 1741 bei Frisch. Lohn- 

kutscher, m., 1777 bei Adelung, 

lokal, adj.: örtlich, dem Orte gemäß. Im 
18. Jh. (bei Lessing 8, 34 in Localfarhe), aus 
dem lat. Adj. localis, frz. local «örtlich», von 
lat. locus m. «Ort». Lokäl, n. (-[e]s, PI. -e): 
die Örtlichkeit, der wozu hergerichtete Raum, 
bei Schiller 10, 236 Local, aus locale, N. des 
lat. Adj. localis. Lokalität, f. (PI. -ew): 
Ortlichkeit, aus lat. locälitas f. 1801 bei Campe, 
1821 bei Goethe 42, 2, 47. I 

Lokomotive, f. (PI. -n): Dampfmaschine ! 
zur Fortbewegung von Wagen, mit den Eisen- 1 
bahnen in den 30 er Jahren des 19. Jh. ein- j 
geführt aus glbd. engl, locomotive, von lat. i 
locus m. «Ort» und movere «bewegen». | 

Lolch, m. (-[e].s, PI. -e): der Schwindel- 
hafer, dann die Kornrade. Im 16. Jh. Lulch, ' 
Lolch (bei Tabemämontanus) , mhd. lulche | 
(Voc. opt. Xr. 43, 125), Ende d. 12. Jh. lülch 
(ZfdA. 9, 395, 72), im 12. Jh. auch lolli n. 
Aus lat. lolium n. «Schwindelhafer, Trespe». 

Lombard, m. (-s,Pl.-en): Leihbank, Pfand. , 
1664 bei Duez Lomherd m., aus frz. lomhard m. | 

Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aofl. ü. Bd. 



«Leihhaus», eig. «einer der Geld auf Zinsen 

ausleiht», von dem Volksnamen Lombard, 

\ weil, bereits im 13. Jh., die Lombarden (Kauf- 

' leute aus Mittel- und Oberitalien) in Frank- 

' reich nach verliehenen Freiheiten Handel und 

; Wucher treiben durften und deshalb Leih- 

' häuser (frz. maison de Lomhard) emchteten. 

ABL. lombardieren, v.: vei-pfänden. 

j Lombarde, m. (-n, PI. -n): Einwohner 

der Lombardei, aus der Lombardei Gebürtiger, 

urspr. Kachkomme der Langobarden (s. d.), 

im 15. Jh. Lumbart (Diefenbach gl. 336 *j, 

im 14. Jh. Lombarder, dafür mhd. Lamparte, 

Lamparter m. Aus ital. Lombardo, von lat. 

Longobardus. Lombardei, f., im 15. Jh. 

Lomhardy, Lumbardie , (mhd. Lampardie). 

i lombardisch, adj., im 14. Jh. lombardisch, 

mhd. lampartisch. 

Lomber, n. (-s, PI. wie Sg.), eine Art 

] Kartenspiel (Zachariä Schnupftuch 3, 334), 

aus frz. Vhombre, mit dem Spiel aus Spanien, 

wo hombre m. «Mensch, Mann», von lat. 

homo m. «Mensch». 

Lompeuzucker, s. Lumpenzucker. 
Lorbeer, m. (-s, PI. -en): der Baum 
laurus nobiüs. Mhd. lörber, ahd. lörberi n. f. 
; «die Frucht (Beere) des Lorbeerbaumes»; 
' erst im Nhd. als M. auf den Baum selbst 
und seine Zweige und Blätter übertragen 
(Lorhör als Baum 1580 bei Sebiz Feldbau 367, 
, L. als Zweig 1660 bei P.Fleming 224), während 
j das F. (bei Duez Lorbeer, bei Stieler, Stein- 
! bach usw. Lorbeere) die Bed. der Frucht 
behält. Der Lorbeerbaum hieß mhd. lorber- 
boum, gewöhnlich aber lorboion, ahd. lorbaum 
m., aus glbd. lat. laurus f. ZUS. Lorbeer- 
kranz, m., bei Murner Aeneas (1559) 117 
; lorberkrantz. Lorbeerzweig, m., mhd. 
lörberzwi m. n., meist lörzivl n. 

Lord, m. i-s, PI. -s): HeiT von hohem 
Adel in England. Das engl, lord, schott. 
laird, aus ags. hläford m. «HeiT», eig. «Brot- 
herr», zsgs. aus ags. hläf va.. «Brot» (s. Laib) 
u. weard m. «Wart, Schutzhen', Herr». 1703 
im Zeit.-Lex. Vgl. Lady. 

^Lore, Frauenname, gekürzt aus Eleonore 
(s. d.). Diminutiv Lorchen. 

"Lore, Lori, f. (PI. -en, -is): niedriger 
Eisenbahnwagen. Aus engl, lowry. 

Lorenz, Mannsname, aus lat. Laurentius. 
Lorgnette (spr. -mj-), f. (PI. -n): Stiel- 
brille. Bei Wieland Amadis 1, 254. Aus 
frz. lorgnette f., von frz. lorgner «heimlich 
betrachten». 



83 



Lork 



löschen 



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Lork, m.: Kröte, s. Lurch. 

"^Los, n. (Gen, -es, PI. Löser): die Nachge- 
burt beim Vieh (hess.) : Exkremente beim Wild 
(1687 bei Hohberg 2, 740^ Loß n.), zu losen 
«los werden» u. -Losung (s. d.). Vgl. Gelos. 

•Los, n. (Gen. -es, PI. -e): bezeichnetes 
Stäbchen u. dgl., das zur Entscheidung, zum 
Ausschlag in einer Angelegenheit geworfen, 
gezogen wii'd; durch Losziehen oder -werfen 
zuteil Gewordnes; Entscheidung durch Zu- 
fall. Bei Luther Los, im 17. Jh. bei Duez, 
Schottel usw. Loß, bei Krämer 1678 Loos 
(übHch in der 2. H. d. 18. und im 19. Jh.), 
mhd. log n. (seltner m.), ahd. (Ji)l6g n. m. 
«Mittel (mit einem Zeichen versehnes, auf den 
Zufall hin geworfnes und wieder aufgenomm- 
nes, später nur gezognes Stäbchen) zu Schick- 
salsbefragung, zur Erforschung des Götter- 
willens, der Zukunft, dann durch Schicksals- 
befragung Angefallnes, ein zugeteiltes Eecht, 
Erbteilung»; dazu asächs.-afries. hlöt m., ags. 
hlyt m., hlot n., hlet, liliet m., engl, lot «Los», 
anord. lilaut n. «Los, Anteil, das Opferblut, 
aus dessen Bewegungen beim Strömen und 
Tröpfeln ins Opferbecken die Zukunft ge- 
deutet wurde», got. hlauts m. «Los, Erbschaft»; 
daneben ahd. (]i)lu§ m. «durchs Los zuge- 
fallner Anteil, Landan'teil», anord. Jilutr m, 
«Teil, Ding, Sache», hluti m. «Teil». Zum 
Verbum mhd. liegen, ahd. (h)liogan «das Los i 
werfen, losen, wahrsagen, zaubern, durchs 
Los zuteilen oder erlangen», asächs. hliotan, ' 
ags. hleoian, anord. hljöta «erlosen, erlangen», | 
daneben anord. hluta «durchs Los bestimmen». 
Herkunft unsicher. Vgl. Schrader KZ. 30, 
475, Zupitza 119. Aus dem Germ. entl. frz. 
lot m. «Anteil», lotir (afrz.) «losen», (nfrz.) 
«Teilung machen», loterie f. «Los-, Glücks- 
spiel», ital. lottom. «Glückstopf, Glücksspiel». 
Vgl, Lotterie. ABL. losen, v.: das Los 
werfen oder ziehen, durchs Los bestimmen 
oder verteilen, mhd. logen (noch selten, aber 
im 15. Jh. nach Absterben des Zeitworts 
liegen rasch geläufig geworden). S. ^ Losung. 
ZUS. Lostag, m.: Tag, der das Geschick, 
namentlich die Witterung nachfolgender Tage 
und Zeiten vorhersagt. In Oberdeutschland. 
1651 bei Colerus Hausbuch Prodroraus 115 
Lüßtage die sechs Tage nach dem Dreikönigs- 
tage, welche die Witterung des kommenden 
Jahres bestimmen. 

los, adj.: nach Zusammenhang oder nach 
Verbundensein getrennt, unfest, ungebunden, 
der Verbindlichkeit enthoben, außer Verbind- 



lichkeit gegen jem. Auch mit Gen. verbunden, 
schon mhd. (Tristan 292, 33), noch bei Schiller 
Jungfr. V. Orl. 1, 2. Mhd.-ahd. lös «frei, ledig, 
befreit, beraubt» (seltner alleinstehend, meist 
in zgs. Adj. auf -los, Adv. mhd. -lose, ahd. 
-loso)', dazu sowohl für sich stehend als in 
Zss. asächs. lös, afries. las, ags. leas «frei 
wovon, ledig, leer», anord, lauss «frei, lose, 
verfallen, nicht mehr gültig, schwach», got. 
laus «los, leer, vergeblich, nichtig». Zu ver- 
lieren, Verlust (s. d,), gr, Xüuj. Anders ZfdW, 
11, 56. Vgl. lose. ZUS. losgehen, v.: ab- 
gehen, sich trennen wovon (1664 bei Duez); 
anfangen (1716 bei Ludwig), losziehen, v.: 
sich auf, gegen jem. in Bewegung setzen, 
tadeln, schelten (1654 bei Olearius). 

^löschen, v. intr. (Präs. lösche, lisch[e]st, 
er lischt, Prät. losch, Konj. lösche, Part, ge- 
loschen, Imp. lisch): aufhören zu leuchten, 
zu brennen, zu sein. Fast nur noch in den 
Zss. aus-, er-, verlöschen. Mhd. leschen (Präs. 
lische, Prät. lasch, Part, geloschen), einmal 
löschen, ahd. lescan (nur in ar-, irlescan), 
and. lescan. Nicht sicher erklärt. Vgl. IF. 
18, 433, KZ. 40, 563. Kluge stellt es nicht 
unwahrscheinlich zu liegen, also aus *legska-. 
Eine ähnliche Bildung in gr. X^cxn «Herberge». 

"löschen, v. trans. (Prät. löschte, Part. 
gelöscht, Imp. lösche): machen, daß etwas 
erlischt oder zu brennen aufhört. Fakt, zu 
^löschen. Bei Luther lesschen, 1561 bei 
Maaler löschen, aber daneben im 17. Jh. (Duez, 
P. Fleming 118, Logau) und noch bis ins 18. Jh. 
leschen, mhd. leschen (Prät. leschte, laschte, 
laste), ahd. lescan (Part, in arlaskit, irleskit), 
asächs. (a)leskian. ABL. Löscher, m.: einer 
der löscht (im 15. Jh. lescher m.); Lösch- 
horn (bei Campe 1809), Löschung, f., 1561 
bei Maaler. ZUS. Löschblatt, n., 1664 bei 
Duez LeschUatt. Löschhorn, n.: horn- 
förmiges hohles Gefäß an einer Stange zum 
Löschen der Lichter, 1517 bei Trochus PS'^ 
leschehorn, mnd. 1417 loschehorn bei Diefen- 
bach n. gl. 200^; scherzweise von einer großen 
Nase, schon um 1500 bei H. Folz (Weim. 
Jahrb. 2, 120). Löschpapier, n., 1664 bei 
Duez Leschpapier. 

^löschen, v.: (ein Schilf, dessen Ladung, 
Ware) ausladen. Seemannsausdruck, aus glbd, 
nd.-ndl, lossen, dän. losse, schwed, lossa. 1716 
bei Ludwig. Schon mnd. 1368 lossen «ent- 
laden, ausladen», eig. los «leer machen» (s. 
los); ndl. lossen, schwed. lossa bedeuten zu- 
gleich «lösen, losmachen». 



85 



lose 



Lot 



86 



lose, los, adj.: von Lug und Trug voll; 
heimlich zu Tnig und Schaden gesinnt, arg- 
listig, böse, bis zu Verächtlichkeit schlecht 
und gering (Hieb 30, 8); mit Verstecktheit 
vergnüglich listig (1673 bei Weise Erzn. 34); 
mit Verstecktheit, mit Witz verbunden mut- 
willig scherzend, anmutig-schelmisch. Ge- 
wöhnlich als Abzweigung des Adj. los (s. d.) 
in sittlichem Sinne aufgefaßt, «der Tugend 
bar und ledig, wahrheitsleer», mhd, los «locker, 
veränderlich, mutwillig, fröhlich, anziehend, 
anmutig, leichtfertig, durchtrieben, arglistig, 
verschlagen, falsch schmeichelnd», ahd. los j 
«haltlos, leichtsinnig-, voll Lug und Trug», 
asächs. in den Zss. löswerk n. «Übeltat», ! 
lösword n. «böse Rede, Schmähwort», mndl. 
loes, ags. leas «falsch, lügnerisch». Vielleicht 
aber zu got. Huts «heuchlerisch», ZfdW. 11,57. i 
Der Form nach ausgehend vom Adv. mhd. 
lose «leichtfertig», auch «anziehend-lieblich»; j 
lose als Adj. in derBed. «sittenlos» bei Luther 
1. Sam. 1, 16, in der Bed. «locker» um 1480 
im Voc. ine. teut. p2^f. 

■^ losen, V. : aufhorchen, worauf hören, zu- 1 
hören. Noch alem, Mhd. losen, ahd. (h)lose7i, j 
losön «zuhören, horchen»; dazu ags. hlosnian 
«aufhorchen, lauschen». Zu gr. k\üuu «höre» 
usw., vgl. laustem. 

'losen, V.: das Los ziehen usw., s. "Los. i 

lösen, V.: losmachen; durch Verkauf wofür 
an Geld erhalten (im 15. Jh.). In der 1. Bed. 
mhd. loßsen, md. lösen, ahd. losan, auch «mit 
Geld lösen, bezahlen für etwas»; dazu asächs. 
lösian, löson «lösen, wegnehmen, entgehen», 
afries. lesa, ags. lysan, anord. leysa, got. laus- 1 
Jan «trennen, befreien, von jem. einfordern», 
im Pass. «vereitelt, entkräftet werden». Von ■ 
dem Adj. los (s. d.). ABL. LÖser, m. (3. Mos. 
25, 26), mhd. Icesmre, loeser, ahd. Josäri m. 
«Erlöser». LÖSUng, f., mhd. loesunge, ahd. j 
lösunga f. «Erlösung». ZJJS. Lösegeld, n., 
bei Luther 2. Mos. 21, 12. 

Loser, Luser, m.'{-s, PI. wie Sg.): Auf- 
horcher; (weidmännisch) Ohr des Wildes (1795 
bei Nemnich; Luser, Löset 1763 bei Heppe 
Jag.) Mhd. loscere «Horcher, Lauscher», ahd. 
losari m. «Hörer, Zubörer» zu ^ losen. 

Losier, n. (-s, Pl.-e) : Wohnung auf irgend- ' 
eine Zeit. Bei Büi'ger 196 Sommerlosier, 1691 
bei Stieler Losir and Loschir, bei Opitz 2, 
226 Losier. Veraltet. Von frühnhd. losier en 
(Zimm. Chron.- 2, 268, 18 u. o.) füi- logieren. 

Lostag, s. -Los. 

^Losung, f. (ohne PI.): Erlös, Geldein- 



nahme im Kleinvei'kauf; dann (übertragen) 
die Kasse für diesen Erlös. Zu löse7t (s. d.). 
In der 1. Bed. 1573 bei Fischart Flöhhaz 375 
Lossung, bildlich schon in den Fastnachtsp. 
des 15. Jh. 386, 8; mhd. lösunge f. «Kaufgeld». 

"Losung, f. (PI. -en): Auswurf des Wildes 
durch den After. 1741 bei Frisch, dafür 1782 
bei Jacobsson Lösung. Das weidm. losen und 
sich lösen bedeutet vom Wilde: «den Kot 
dui-ch den After gehen lassen (los lassen), 
sich vom natürlichen Auswurf befreien», zu 
mhd. Icesen, md. lösen «losmachen, befreien» 
(s. lösen). Vgl. ^ Los. 

^Losung, f. (PI. -en): Erkennungszeichen 
der Waffengenossen untereinander, gewöhnlich 
durch ein AVort (2. Makk. 13, 15), auch durch 
andre verabredete Wahrnehmungen (Richter 
20, 38); dann überhaupt Wahrzeichen (1531 
bei Franck Chron. 39^), Merkwort, Stichwort 
(Fischart Garg. 169). Wie im 15^ Jh. Los 
(s. d. -) die Bedeutung des lat. tessera f. 
«Parole» angenommen hat (1474 bei Lihencron 
2, 10, 7 loß), so auch das zugehörige Wort: 
losung «tessera», 1537 bei Dasypodius und 
schon spätmhd. im 15. Jh. losung (Lexer 1, 
1960); dazu mnd. lose f., mndl. loze, lose f. 
«Losung». 2njS. Losungswort, n,, 1760 
bei Heilman Thucydides 963, dafür 1749 bei 
Lessing 1, 402 Lösungswort. 

^Losung, f. (PI. -en): unter die Grenz- 
steine gelegte Zeichen der Feldscheider und 
Steinsetzer, z. B. Steinchen, Kohlen, Eier- 
schalen, Glas, in Blei eingediückte Zeichen usw. 
1777 bei Adelung, dafür 1741 bei Frisch Los- 
Zeichen, die Marck-Losung. Loszeichen be- 
deutet bei Stieler 1691 «als Los, d. h. zum 
Losen gemachtes Zeichen», bei Maaler 1561 
Loßzeichen «das Wahrzeichen». Da man in 
älterer Zeit durchs Los Land anwies, so geht 
Losung hier auf mhd. lögunge f. «Loswerfung, 
Teilung durchs Los», ahd. logunga f. «das 
Losen» (ZfdA. 15, 40*», 323) zurück. 

LÖß, m. (-es): gelblichgraue Erdart, ge- 
mischt aus Lehm, Kalk, Sand und Glimmer- 
blättchen. Im Rheinland von Basel bis Bonn 
und danach in der Geognosie (1839 bei Oken 
1, 634). Vgl. dazu 1561 bei Maaler Löse, f.: 
«das ort ze underst im schiff, da sich aller 
wüst und unflat oder wasser hinzeucht und 
versamlet», 1664 bei Duez «die Losetj oder 
Grundsuppe eines Schiffes». 

Lot, n. (-es) : Blei, überhaupt schmelz- und 
gießbares Metall; (Pl.-e): das an einer Schnur 
befindliche Blei zum Messen der Meerestiefe 

6* 



87 



Lote 



Löwe 



88 



bei Schiffern, zur Prüfung der senkrechten 
Linie bei Maurern und Zimmerleuten; als 
Gewicht V^.^ Pfund. Mhd. 16t n. «Blei, gieß- 
bares Metall, Metallgemisch zum Löten, Senk- 
blei, aus Metall gegoßnes Gewicht, (bleiernes) 
Gewicht»; dazu mnd. Zo^, ZotZe n.« Blei, Kugel, 
Senkblei, Gewichtsstück, Gewicht von •'/., Unze, 
als Münze Yie ^^^- alterWährung od. 2 Groten», 
ndl. lood n., clev. 1477 lo7jt, loit «Blei, Gewicht», 
afries.Zäd n. «bestimmtes Gewicht», ags. leadn., 
engl, lead «Blei», (entl.) schwed.-dän. lod. Ob 
L. mit air. luäide «Blei» urverw. od. daraus 
entl. ist, bleibt unsicher. Aind. löhäni «röt- 
liches Metall» bleibt besser fern. Vgl. Btr. 
17, 437, ZfdA. 42, 163. Vgl. Kraut ABL. 
loten, V.: das Rieht- oder Senkblei brauchen, 
1777 bei Adelung, schon mnd.ZofZen. löten, v.: 
mit geschmolznem heißen Metall haften machen 
oder fest verbinden, mhd. loeten, mnd. loden. 
lötig, adj.: ein Lot wiegend, vollhaltig, in 
Zss. z. B. vierzehnlötig «14 Lot wiegend», dann 
bei Bestimmung des reinen Metallgehaltes 
«14 Lot reines Metall enthaltend». Mhd. loetic, 
loetec, mnd. lodlch «vollwichtig, vollhaltig». 
ZUS. Lötkolben, m., 1642 bei Duez Löth- 
kolb. lotrecht, adj.: senkrecht; LÖtrohr, 
n., beide 1777 bei Adelung. 

Lote, s. Lode. 

Lothar, Mannsname. Ahd. Hlothari, Lud- 
heri (daher der Familienname Luther), mero- 
wing.-lat. Chlodacharius, zgs. mit lilud- = gr. 
k\utöc «berühmt» u. ahd. hari, heri n. «Heer» 
s. Ludwig. 

Lotse, m. (-W, PI. -n): des Grundes kun- 
diger Schiffsführer bei der Ein- und Ausfahrt 
aus dem Hafen. 1716 bei Ludwig Loots, Loths, 
1693 bei Kramer ital.-deutsch. Wb. 847 ^ Loots- 
mann. Aus nd.-ndl. loots, mnd. im 14. Jh. 
loofsnian, ndl. loodsman, aufgenommen aus 
engl, loodsman, mengl. lodesman,« Steuermann», 
ags. lädnumn m. «Wegweiser, Führer», von 
ags. lad f. «Weg, Kurs», engl, load «Gang»; 
im 15. Jh. ebenso mnd. leidsage «Lotse, eig. 
Wegsager» (Lappenberg Hamb. Rechtsalt. 1, 
816). Vgl. Kluge ZfdW. 9, 119. Vgl. Pilot. 
ABL. lotsen, V.: als Lotse ein Schiff führen. 
Bei Musäus Volksm. 4, 80 einlootsen (bildl.). 

Lotterbank, f. : Bank zum Liegen in den 
Bauernstuben Bayerns (Schmeller- 1, 1541), 
auch bloß Lotter f. Lotterbett, n.: Faul- 
bett, Ruhebettlein, Kanapee, Sofa (bei Wieland, 
J. Paul), im 15. Jh. lotterbet, zgs. mit südd. 
lotter adj. «unfest, locker», dann «abgespannt, 
matt, schlapp» (s. d. folg.), wovon auch lot- 



tern, V.: schlaff sein (1588 bei Tabernämon- 
tanus 740), schlendern. 

Lotterbube, m.: nichtswürdiger Land- 
läufer, Gaukler. Spätmhd. loterhuohe m. eig. 
«umherziehender Possenreißer», dann «dem 
liederlichen Leben ergebner, bestimmungs- 
los umherziehender Mensch», zgs. mit mhd. 
loter, lotter, adj. «unfest, locker», dann «locker 
in Sinn und Wandel, gaukelhaft, leichtsinnig, 
leichtfertig, falsch, bösartig», ahd. lotar «leer, 
gehaltlos». Älternhd. dafür Lotter, mhd. 
loter, lotter m. «lockrer, leichtfertiger Mensch, 
Taugenichts, Possenreißer, Gaukler, possen- 
hafter Spruchsprecher zu Unterhaltung und 
Schmarotzerei»; dazu mnd. lodder, loder, lode- 
rer m. «Taugenichts, Possenreißer, Spielmann, 
Gaukler», mndl. lodder m. «liederlicher Kerl, 
Lump», ags. loddere m. «Bettler», a.noYd.lod- 
dari m. « Spielmann », entl. afrz. lodier, loudier m. 
«Faulenzer, Taugenichts». Gleichen Stammes 
wie liederlich (s. d.). 

Lotterie, f. (PI. -n) : Glücksspiel in Losen. 
1700 bei Chr. Reuter Graf Ehrenfried 8, 8 
Lotterie f. (Glückstopf), aus dem seit Anfang 
des 16. Jh. bezeugten ndl. loteiije f. (1598 bei 
Kilian «Ziehung der Lose»), 1562 bei Mathesius 
Sar. 236* der Niderlender loth, das sie im 
topff und in jr loterey legen, und den Zettel 
ein loth heissen, (s. '^Los), vgl. Niete. 

Lotto, n. (-S, PI. -s), auch Lottospiel, n. : 
Zahlenlottei'ie. 1715 bei Amaranthes. Aufge- 
nommen aus ital. lotto m. «Glückstopf, Glücks- 
spiel» (s. ^Los), 

Louisdor, m. (-s, PI. -s u. -e), ein fran- 
zösisches, zuletzt etwa 16,50 Mk. geltendes 
Goldstück. 1694 bei Nehring. Eig. Louisd'or, 
d. i. «Ludwig von Gold, goldner Ludwig». 
Zuerst geprägt 1640 unter Ludwig XIII. 

Löwe, m. (-n, PI. -n): der sog. König der 
Tiere; Schlagwort für tonangebende Persön- 
lichkeit nach engl. Hon seit 1828, vgl. ZfdW. 
9, 290. Bei Luther Lewe, Lew und Law, 
noch 1664 bei Duez Lew, 1561 bei Maaler 
Löuw, 1537 bei Dasypodius Low, mhd. lewe, 
auch leoive, leuwe (gekürzt leu), lömve, im 
14. Jh. bereits auftauchend löwe, md. lo{u)we, 
lawe, ahd. leo, lio, lewo, bei Notker louwo m.; 
dazu andfrk. leo (nur im Gen. PI. leono), mnd. 
lo(u)we, lauwe, lewe, mndl. le(u)tve, leu, ndl. 
leeu(iü) m., ags. leo m. f., engl. Hon (nach dem 
frz. Hon, wie schon mengl. liun, Houn), anord. 
leö m., leön n. und m., Island. Ijön n. Aus 
glbd. gr.-lat. leo (Gen. leonis), gr. \dujv m. 
(Gen. X^ovToc). Doch lassen sich die Formen 



89 



loyal 



Luft 



90 



nicht alle daraus erklären, trotz Btr, 13, 384. 
Entl. sind auch lit. l'ävas, l'evas, abg. livü m. 
«Löwe». Lit. l'ütas «Löwe» ist ein anderes 
Wort. ABL. Löwin, f., bei Luther und noch 
1664 bei Duez Letvin, mhd. lewin{ne), lewen, 
lö(u)tvin, ahd. letvin, louwin und lioin, lionna f. ; 
dazu mnd. loivimie,lauwinne (Diefeub.gl.321 ^), 
in der Kölner Gemma 1495 leutvinne, clevisch 
1477 leivynne, nndl. leemvin, afries. lauwa, 
anord. leöna f. «Löwin». Vgl. auch Latvine. 
ZUS. Löwenanteil, m. : der größte Anteil. 
Zurückgehend auf eine Fabel des Asop, auch 
bei Luther erzählt. LÖweufuß, m.: die 
Pflanze alchemille, wohl wegen der Form 
des Blattes so benannt, 1546 bei Bock 198^ 
Leicenfuß. Löwenmaul, n.: die Pflanze 
antirrhinum, benannt nach der mit einem 
offnen Löwenrachen verglichnen Blume, 1519 
bei Phrisius. Löwenzahn, m.: die Pflanze 
leontodon taraxacum, 1538 bei Eößlin 173* 
Lewenzan (« der bletter halben mit den spitzen 
zenen» Bock 1546, S. 100^); dagegen im eig. 
Sinne schon mh^Jewenzan m. «Zahn des Löwen». 

loyal, adj.: gesetz-, pflichtmäßig, gut-, 
treugesinnt (Wieland 29, 171 Gruber). 1712 
bei Hübner (vom geschulten gehorsamen 
Pferd). Aus frz. loyal, von lat. legälis ge- 
setzlich, zu lat. lex f. (Gen. legis) «Gesetz». 
Loyalität, f. nach frz. loyaute f. 1834 bei Petri. 

Luch (mit ü), f. (PI. Lüche): sumpfige 
Wiese, in der Mark Brandenburg. Mnd. lUch 
(Gen.-ges) «Sumpf, Bruch». Ausglbd.sorb./wÄ. 

Luchs, m. (Gen. -es, PI. Luchse): das 
Eaubtier lynx. Mhd.-ahd. luhs m. (PI. mhd. 
lühse); dazu and. lohs, mnd.-ndl. los (daraus 
dän. los), ags. lox, mit anderm Stamm schwed. 
lo (PI. lodjur) m. Urverw. mit gr.-lat. lynx, 
gr. X-üyS (Gen. A.uyköc) m., lit. lüsis m., apreuß. 
luysis, arm. lusanun «Luchs»; abg. rysi m. 
«Panther», russ.rysi «Luchs» sind zu trennen. 
ZUS. Luchsauge, n.: scharfes Auge zum 
Ausspähen, 1567 bei Junius 28 '^ Luchsenaug 
(schon ahd. luhsiniu ougen bei Notker). 

luck,lück, adj.: unfest zusammenhangend, 
locker. Mhd. lücke, luck, älternhd. lack, 1540 
bei Alberus dict. u4* lück, im 17. Jh. aus 
der Schriftsprache durch das abgeleitete locker 
(s. d.) verdrängt, aber noch bayr. lugk, Schweiz. 
lugg, eis. luck, westerw. lück. Unerklärt. Viel- 
leicht zum folg. 

Lücke, f. (PI. -n): Öffnung, wo Schluß sein 
sollte; unterbrechende Leere. Noch älternhd. 
Lücke (1664 bei Duez) neben Lücke, mhd. 
lücke, lucke, ahd. lucka, lu(c)cha f. «Lücke, 



Loch ». Gleicher Abstammung wie Loch (s. d.). 
ABL. lückicht, lückig, adj.: lückenhaft, 
bei Luther 2. Chron. 32, 5 lückicht, 1678 bei 
Krämer lückigt, 1741 bei Frisch luckig. ZUS. 
Lückenbüßer, m., bei Luther 6, 533 '^ J., 
von die Lücken büßen «ausbessern, zumachen» 
(Nehemia 4, 7), s. büßen. 

Luder, n. (-s, PI. wie Sg.): Lockspeise, 
Lockaas (mhd.); Fleischfülle an Säugetieren 
(1777 bei Adelung, obsächs.); (durch den Ge- 
ruch Tiere anziehendes) verwesendes Tier- 
fleisch (l741beiFrisch); lockres, wüstes Leben, 
Schlemmerei (mhd.); zum besten haltendes 
Gespötte (spätmhd. im 1 5. Jh. sein lüder treiben) ; 
durchtriebne, verlockende Weibsperson (im 
16. Jh. Zimm. Chron." 1, 512, 34). Mhd. luoder, 
md. lüder m.«Lockspeise (bes. der Jagdfalken), 
Verlockung, Nachstellung, Hinterhalt, an- 
ziehendes verführerisches Weltleben, Schlem- 
merei». Unerklärt. Vgl. Idg. Forsch. 16, 111. 
Entl. viell. frz. leurre «Lockspeise». ABL. 
Luderchen, n.: durchtriebne Person, in 
scherzendem od. kosendem Sinne, bei Goethe 
3, 89. ludern, v.: ködern, dann lustig und 
locker, ausschweifend, wüst leben, mhd. ^MO(^er?i, 
md. lüdern (auch «Possen treiben»). ZUS. 
Luderlehen, n., 1691 bei Stieler. 

Ludolf, Mannsname, ahd. Hludolf. Zsgs. 
aus hlud (s. Lothar) und ahd. wolf m. «Wolf». 

Ludwig, Mannsname. Mhd. Ludewtc, spät 
Ludweig, md. auch Lodetvig, ahd. Hludwig, 
Ludoivig, merowing.-lat. Chlodovichus, Chlodo- 
vius, Ghlodoveus, daraus afrz. Lodhutvigs, dann 
Chlovis, Loyis (woher bei Wolfram v. Eschen- 
bach Loys), später Louis. Zsgs. aus hlud 
(s. Lothar) und mhd.-ahd. wie, asächs. wlg m.., 
ags. tvig n., anord. vtg n. «Kampf, Krieg». 
Bei Bürger 409 Ludetvig für Louisdor (s. d.). 

Luft, f. (PI. Lüfte): die frei bewegliche, 
durchsichtige, gasförmige Masse, die den Erd- 
körper umgibt. Bei Luther Lufft f., aber 
älternhd. noch häufig m. (wie noch bayr., 
ebenso im gemeinen Leben des 19. Jh. «der 
junge Mensch ist ein rechter Luft» im Sinne 
von «Lüftling»), mhd. luft m., md. luft f., 
ahd. luft m. f. ; dazu asächs. luft f. m., mrhein. 
im 11. Jh. luht (Germ. 9, 24), ndrhein. im 
13. Jh.,- mnd.-nnd.-nndl. lucht f., ags. hjft m. 
f. n., anord. lopt. loft n., dän.-schwed. luff m., 
got. luftus m. «Luft». Wohl eins mit anord. 
loptn., schwed. lopt «Zimmerdecke, der darüber 
befindliche Bodenraum», dän. loft «oberster 
Raum, Zimmerdecke, Stockwerk». Weitre 
Verbindungen bei Falk-Toi-p. ABTj. LÜft- 



91 



Lug 



Lügner 



92 



Chen, n., bei Lessing 1, 57. lüften, v.: der 

freien Luft aussetzen, frische Luft zulassen 
(1663 bei Schottel); in die Luft d, h. vom 
Boden in die Höhe heben, emporheben, mhd. 
lüften «erheben, (im 15. Jb.) eine Ausnahme 
vom Gesetz gewähren, gestatten» (vgl. lüpfen 
und '^lichten), luftig, adj.: aus Luft be- 
stehend, in der Luft dem Zugang der Luft 
ausgesetzt, leicht wie die Luft, flatterhaft, 
mhd. luftec, luftic, lüftic «lufterfüllt, luftartig, 
locker, los aneinander», ahd. luftig «der Luft 
angehörig», noch 1776 bei Goethe 11, 64 (1. H.) 
lüftig, vgl. 12, 355 (63, 2). Luftikus, m.: 
Lüftling, im 19. Jh.; in gleicher Bed. Luft m. 
(Simpl. 2, 296, 5 Kz.). LÜftliug, m.: leicht, 
leichtsinnig hinlebender Mensch. 1786 bei 
J. M. Miller Walther 100 f. Lüftung, f., im 
Simpl. 1, 449 Klr. Lufftung, aber spätmhd. 
im 15. Jh. lüftunge. luftunge f. «Gestattung, 
Erlaubnis». ZUS. Luftballon, m., gebildet 
gleich nach der Erfindung der Luftschiffahrt 
1782 durch die Brüder Montgolfier, bei Wie- 
land 30, 119 Luftballon, 30, 149 Lufthall. 
luftdicht, adj., bei Campe 1809 als neues 
Wort verzeichnet. Luftkreis, n., bei Er. 
Francisci Lufft-Kreys, Nürnb. 1680. Luft- 
loch, n., 1541 bei Frisius 41^ Lnßloch; mhd. 
das Dim. luftlöclielm n. «Pore». Luftpumpe, 
f., 1719 bei Kramer luftpump, 1654 von 0. v. 
Guericke erfunden. Luftröhre, f., mhd. 
luftroere f. Luftschiif, n., schon 1735 bei 
Stoppe Parnaß 514; dazu LuftSChiffer, m. 
und Luftschiffahrt, f., beides bei Wieland 
30, 35. Luftschloß, n., 1691 bei Stieler, 
aber schon 1541 bei Franck Sprichw. 1, 147^ 
ein schloß in den lufft bawen. 

Lug, m. (-[e]s, PI. -e): absichtliche Un- 
wahrheit, nur in Liig und Trug (1541 bei 
Frisius 212^). Mhd. lue (Gen. Inges), ahd. 
lug m. Zu lügen (s, d.). 

Lüge, f. (PI. -n): absichtliche Unwahr- 
heit. Mhd. lüge, md. luge, ahd. lugi, lukki f.; 
dazu mnd, logge f., ags. lyge m., engl, lie, 
anord, lygi f. Daneben älternhd. Lügen, 
Lugen f. (noch 1777 bei Weiße Op. 3, 85 
Lügen), mhd. lügen(e), lugenie), md. logen(e), 
lögene, ahd.-asächs. higina, and. higena, mnd. 
log(g)ene, ndl. leugen, logen, ags. lygen f., ferner 
got, liugn n. «Lüge». Aus dem Germ, entl, 
ital. (mundartl.) luchina f. «falsche Erzählung». 
Zu lügen (s. d.). ABL. lügenhaft, lügen- 
liaftig, adj., mhd. lüg(e)-, lughaft, lügen-, 
lügenhaft und lügen-, Ingenhaftic, md. lögen- 
haftic; dazu Lügenhaftigkeit, f., 1537 bei 



Dasypodius Lugenhafftigkeyt. ZUS. Lügen- 
geist, m., bei Luther, mhd.lugengeist. Lügen- 
maul, n., 1537 bei Dasypodius Lügen-, Lugen- 
maul. Lügenschmied, m.: großer Lügner, 
1664 bei Duez. lügenstrafen, v., bei Luther, 
spätmhd. lugensträfen, aus Lügen strafen 
«einem eine Lüge vorwerfen» (noch älternhd.), 
lugen, V.: aufsehen, aufpassen, wonach 
sehen, spähend schauen. Noch obd.-schweiz. 
luegen (daher bei Schiller Teil 1, 1). Mhd. 
luogen, md. lügen, ahd. luogen; dazu mit ab- 
weichenden k (n- Assimilation?) asächs. lökon, 
ags. löcian, engl, look «schauen, sehen». Im 

17. Jh. aus der Schriftsprache verschwindend 
(1664 bei Duez als veraltet bezeichnet), aber 
durch die Rittergeschichten am Ende des 

18. Jh. wieder aufgenommen. Herkunft unklar. 

Vgl, Idg. Forsch. 5, 813. ZUS. Luginsland, 

m.: vorspringender Wartturm, im 16. Jh. bei 
Aventin 4, 971, 27 L. lueginsland m., wie lugen 
Ende des 18. Jh. neu aufgekommen. 

lügen, V. (Präs, lüge, lügst, lügt, Prät. 
log, Konj, löge, Part, gelogen): eine absicht- 
liche Unwahrheit sagen; absichtlich Unwahres 
vormachen, heucheln. Bei Luther liegen, 
ebenso bei Schönsleder 1618, Moscherosch, 
Schuppius, Grimmelsh,, Schottel 1663 und 
noch 1722 bei Preyer, aber im 17. Jh. drang 
zur Unterscheidung von liegen (s. d., mhd. 
ligen) in Gedanken an Lug und Lüge lügen 
durch (Gueintz, Harsdörfier, Logau 2, 148. 
8, 174, Stieler 1691), vereinzelt schon in einem 
St. Galler Weistum des 15. Jh. (Weist. 5, 
170, 13); das Präs. lautet bei Luther leugst, 
leugt, Imp. leug (entsprechend mhd. liuge, 
liugest, liuget, Imp. liuc), und so noch 1758 
bei Gottsched Kern d. deutsch. Sprachk. 157, 
leugst bei Klopstock Mess. 107, Lessing 1, 16. 
2, 222, aber 1741 bei Frisch lügst, lügt. Mhd. 
liegen (Prät. louc, PI. lugen, Part, gelogen), 
mitunter liugen, md. Ugen, ahd. liugan, liogan; 
dazu asächs. liogan, mnd. legen, leigen, ndl. 
liegen, afries. liaga, liatza, ags. leogan (Prät, 
leah, PI. lugon), anord. Ijnga (Präs. lyg, Prät. 
laug und lö, Part, loginn), got. liugan. Urverw, 
mit abg. lügati «lügen», lüza f. «Lüge», liizi 
und lüzmü «lügnerisch» (vgl. mhd. lüge, lücke, 
ahd. luggi, lucci, asächs. luggi «lügenhaft, 
lügnerisch») und mit air. logaissi, Gen, «der 
Lüge». S. noch Btr. 30, 299, 

Lügengeist, lügenhaft usw., s. Lüge. 

Lügner, m. (-s, PI. wie Sg.): mit Ab- 
sicht Unwahrer. Bei Luther Lügener, mhd. 
liigenmre, lügener, md. lugenere, ahd.-and. 



93 



Lnhme 



Lumpen 



94 



luginari, mnd. logenere m., von ahd.-asächs. 
lugina (s. Lüge). ABL. lügnerisch, adj., 
1691 bei Stieler. 

Luhnie, s. Lumme. 

Luise, Fraueuname. Aus frz. Louise, dem 
Fem. von Louis (s. Ludivig). 

Luke, f. (PI. -n) : bloß mit einem Laden 
oder einer Falltüre verschließbare Öifnung 
an einem Gebäude, z. B. im Dache, oder für 
Geschütz und Treppe auf einem Schiffe. 
1716 bei Ludwig Lücke, 1595 bei Hulsius 
Schiff. 1, 46 Luycken «große Türen». Aus 
mnd. luke f. «Boden-, Kellerluke», ndl. luik n. 
«Fensterladen» (bei Kilian luycke «Deckel, 
Herdluke»), dän. luge, schwed. lucka f. «Fall- 
türe, Laden, dann mit Laden oder Falltüre 
verschließbare Öffnung», isländ. lüka f. «die 
Tür woran». Gleichen Stammes wie Lücke 
und Loch (s. d.). 

^ lullen, V. : mit Lippen und Zunge saugen, 
1517 bei Keisersberg Brösami. 2, 23^ lullen, 
nd. lullen «saugen», ndl. lullen «aus einer 
Röhrkanne saugen». Daneben dial. ludein, 
so daß lull vielleicht aus ludl entstanden ist. 
ABL. Luller, m.: Sauglappen für kleine 
Kinder, Lutschbeutel. 

"lullen, V.: einschläfernd leise tönen oder 
singen. 1663 bei Schottel; dazu glbd. ndl.lollen, 
lullen bei Kilian 1598, engl, lull, zu ndl. lul, 
lol «Ton, Klang». Wohl lautnachahmend, 
eigentl. lulu singen. Vgl. aber tschech. lulati, 
serb. Ijuljati «in Schlaf singen» u. a. Der 
Kindersprache gehört an l. «Harn lassen». 

lumni, adj.: locker, schlotterig, weich. 
Älternhd. (1528 bei Gersdorff Wundarzn. 46 
und Stieler 1691) und noch schwäb.-hessisch. 
Entsprechend Schweiz, luem, lüeni «weich, 
matt, schlaff', zahm», bayr. luemicJit, lueniig 
«kraftlos, schlapp», mhd. lüeme, md. lüme, 
ahd. luomi «matt, sanft, mild», mhd. lüemen 
«erschlaffen», verwandt mit lahm (s. d.). 
ABL. himmeln, v.: schlaff, welk sein, schlaff 
herabhangen, 1517 bei Keisersberg Evang.120^ 
lumlen, noch mrhein.-schwäb. lummlicllt, 
adj.: abgespannt, welk, schlotterig, älternhd. 
(1517 bei Keisersberg Evang. 152* und 1537 
bei Dasypodius lumlecht). lummer, adj.: 
schlapp, schlotterig, in Bayern und am Mittel- 
rhein; dazu lummericlit, lunimerig, adj.: 
welk, schlaff, 1669 im Simpl. 106 lummericht 
Dazu älternhd. im 16. und 17. Jh. lumpen 
«schlaff hangen, schlaff gehen» (Grimms Wb. 
6, 1294 und Diefenbach - Wülcker 745). Vgl. 
Lümmel. 



Lumme, Luhme, f. (PI. -n) ■■ die Polar- 
ente, colj^mbus arcticus, 1741 bei Frisch 
Lamme. Aus glbd. dän. loom, schwed. lom m., 
anord. lömr m. Vgl. Palk-ToriD. 

^Lunimel, m. (-s): Lendenfleisch. Älter- 
nhd., noch Schweiz, lummel m., hess. /«»mier f. 
«Kierenbraten», 1664 bei Duez Lümmel u. 
«Lungenmus». Mhd. lumhel(e), ahd.-and. lum- 
bal m., mnd. lummelen «Teile der Eingeweide», 
vielleicht Nieren ; dazu ndl. bei Kilian lemmer 
«Lendenfleisch». Mit mhd. lumhe m. «Lende, 
Weiche» aus lat. lumhiis m. «Lende», lum- 
hulus und lumbellus m. «kleine Lende». 

"Lummel, f. (PI. -n): Messerklinge. Mhd. 
lämel, Imnel n. f., mnd. lemmelen n., ndl. bei 
Kilian lemmer «Klinge», aus lat. lamella, 
lamina f. «Metallblatt». Noch alem.-hessisch. 

Lümmel, m. (-s, PI. wie Sg.): unge- 
schlachter Mensch. 1565 b. Kirchhoff , Wendun- 
mut 296^ Lümpel m., 1654 bei Olearius pers. 
Rosenthal 1, 4 Lümmel, ebenso bei Schottel, 
Duez, Stieler, 1652 bei Scherffer Ged. 410 
Limmel, 1663 beiSchuppius Lemmel, Limmel. 
Gewöhnlich zu nd. lummel m. «Weichling, 
fauler Schlingel», ndl. lummel m. «einfältiger, 
grober Mensch» gestellt, abgeleitet von lumm 
(s. d.). ABL. Lümmelei, f., 1678 bei Krämer 
Lümmeley. lümmelhaft, adj., bei Krämer 
1678 liimmelhafftig, 1659 bei Butscbky Kanzl. 
236 Ummelhaft. lümmeln, v.: sich wie ein 
Lümmel betragen, 1691 bei Stieler. 

lümmeln, lummer usw., s. lumm. 

Lump, m. {-en, PI. -en, und seit Adelung 
starkfl. Gen. -s, PI. -e): armseliger Mensch in 
abgerissner Kleidung, erbärmlicher Mensch 
von niedriger Gesinnung. 1675 im Alamod. 
Interim 197 Lumpe m., 1678 bei Krämer 
Lumpe f. «schlampiges Weibsbild», 1641 bei 
Weckherlin F. 1, 507, 126 Lump m. Hervor- 
gegangen aus mhd. lumpe m. «Zeugfetzen, 
Lumpen» (s. d.). Eine scherzhafte Weiter- 
bildung ist Lumpäzius, m. (1840 bei Heine 
Über Börne 275), nach der Wiener Posse 
Lumpaci-Vagahundus von Nestroy 1831. ABL. 
lumpen, v.: wie ein Lump leben, nachlässig, 
liederüch, schwelgerisch leben (bayr.-schweiz.) ; 
ferner in sich nicht lumpen lassen «sich nicht 
für einen Lump ansehen lassen, sich anständig 
und freigebig zeigen», 1691 bei Stieler, in 
gleicher Bed. 1620 in den Schausp. der engl. 
Komödianten 57 sich gar nichtes lumpen. Im 
Ndl. des 16. Jh. (bei Kilian), wie noch heute, 
loynpen «verächtlich behandeln, hudeln». 

Lumpen, m. (-s, PI. wie Sg.): zerrissnes 



95 



Lunge 



Lunte 



96 



Zeugstück oder Kleid, Zeugfetzen. 1537 bei 
Dasypodius 379^ Wischlumpen m. und 1605 
bei Hulsius Lumpen m., sonst älternhd. Lumpe 
m. bei Luther 7, 270 ^ und noch bei Hagedorn 
Od. 160, mit scbwacher Flexion (Gen. -«, 
PI. -n), spätmhd. lumpe m.; md. 1711 bei 
Rädlein Lumpe f., ebenso bei Klopstock gram- 
mat. Gespräche 108, ndl. lomp. f., bei Kilian 
lompe. Unerklärt. Vgl. Btr, 29, 334. ABL. 
Luniper, m.: Lumpenkrämer, Trödelwaren- 
händler, Flicker, 1691 bei Stieler, jetzt veraltet; 
dazu Lumperei, f. : lumpiges Wesen, lumpige 
Sache, Wertloses, 1650 bei Moscherosch Phil.l, 
415 Lumperey. lumpiclit, lumpig, adj., 
1551 bei Scheidt Grob. V. 4666 lumpecht (von 
der zerschnittnen schlottrigen Kleidertracht 
des 16. Jh.), 1596 bei Hulsius ZM?wpec/i%, 1664 
bei Duez lumpicht, 1658 bei Schoch Stud. 2, 1 
(36, 35 Neudr.) liimpich, 1678 bei Krämer 
lumpigt und lumpig. ZUS. Lumpengesin- 
del, n., 1552 bei Liliencron 4, 537^ Lumpen- 
gsind, 1655 bei Abele Gerichtshändel 452 
Lumpeng esindlein. Lumpenhändler, m., 
1654 bei Logau 1, 2, 94. Lumpenhund, m., 
1650 bei Moscherosch Phil. 1, 379. Lumpeu- 
kerl, V., 1734 bei Steinbach. Lumpen- 
paCK, n., 1675 bei Weise kl. Leute 220, 
Lumpenpjackt bei Günther 382. Lumpenvolk, 
n., 1649 bei Harsdörffer Gespr. 8, 342. Lum- 

penzeug, n,, 1691 bei Stieler. Lumpen- 
zucker, m.: Zucker, der in Stücken in den 
Handel kommt, der gemeine Kochzucker, 
1712 bei Hübner 1393, aus ndl. lompen «Stück- 
zucker», dem PI. von ndl. lomp f. «Stück», 
eig. «Lumpen». Md. und nordd. jetzt gew. 
Lompenzucker. 

Lunge, f. (PI. -w): Eingeweide der Brust 
zum Ein- und Ausatmen. Mhd. lunge, lungel{e), 
ahd. lunga und lungunna, lunginna f.; dazu 
and. lungannia, mnd. lunge, ndl. long, afrs. 
lungen{e), ags. lungen f., engl, lungs (PL), 
anord.-schwed. lunga n., meist PI. lungu, dän. 
lunge. Verw. mit mhd. lunger, ahd.-asächs. 
lungar «rasch, munter, rüstig, kräftig» (s. 
lungern), mhd. lingen, ahd. lingan « rasch vor- 
wärts gehen» (^.gelingen), bair.-östr. ivMn^ m. 
«Trieb vorwärts zu kommen», die sich zu 
Wt.lengvüs, lengvas «leicht», ai.ZagrMs «leicht» 
(s. d.) stellen. Die urspr. Bed. demnach wohl 
«die leichte», wie russ. legkoje «Lunge» zu 
legkij «leicht», engl, lights «Tierlunge» zu 
Hght «leicht», portug. leve, katalan.-prov. leu 
«Lunge» zu port. leve, prov. le^i (lat. levis) 
«leicht». ZUS. Lungenkraut, n.: heilsames 



Kraut gegen Lungenkrankheit, 1516 bei Pini- 
cianus prompt. A 7^, dafür mhd. lunchwurz f. 
(ZfdA. 6, 382). Lungenmus, n.: aus klein- 
gehackter Kalbslunge bestehendes Gericht, 1587 
bei Dasypodius, dafür mhd. lung{el)muos n. 
Dazu schwed. lungmos, dän. lungemos. 

lungern, v.: auf etwas gierig sein (Bür- 
ger 255 V. J. 1787), sich müßig umhertreiben, 
um etwas zu erschnappen, faulenzend um- 
herstehen. Aus dem Md. u. Nd., schon mnd. 
lungerie f. «müßiges Umhertreiben». Vom Adj. 
mhd.lunger, ahd.-asächs. lungar «rasch, munter, 
rüstig», ags. Adv. lungre «schnell, alsbald, 
sehr, durchaus» (s. Lunge). ABL. Lungerer, 
m., bei Musäus Volksm. 2, 114 (leckerhaft Be- 
gieriger wonach), 

Lüning, m. (-s, PI. -e): Sperling, bes. 
Haussperling. In Norddeutschland. lid.lüning, 
lünk, mnd. lunink, and. hliuning, 1477 clev. 
luymjnck, mndl. luninck m. Vielleicht zu 
ags. hlinaß, hleonapm. «Wohnstätte». Anders 
Idg. Forsch. 8, 284. 

LÜnse, f. (PI. -n): Achsnagel vor dem 
Rade. 1595 bei Rollenh. Froschm. 1, 2, 12, 94 
lünß, 1678 bei Krämer Luntze f. Aufgenom, 
aus md. (1414) lunse, mnd. luns{e), lünse, 
lusse, lüsse, and. lunis, clev, 1477 lunse, ndl. 
luns, lens f, «Achsnagel»; dazu ags. lynis m. 
«Achse.» Abgeleitet von ahd. lun(a) f. «Achs- 
nagel», mhd. lun, Ion, lan (daher nhd. Lan- 
nagel) und lune, löne (daher nhd. Lehne), 
1664 bei Duez Lünne, 1678 bei Krämer Lunne, 
Lonne, noch wetterau. Lun f. Andere Wei- 
terbildungen sind mhd. lüninc, ahd. luning m. 
«Achsnagel» und in gleicher Bed. älternhd. 
Löhner m. (1566 bei Mathesius Luther 160^), 
spätmhd. Inner, laner m, Wohl verw, mit aind. 
anis m. (aus alni-) «Zapfen der Achse, Achs- 
nagel, Lünse, Teil des Beins über dem Knie». 

Lunte, f. (PI. -n) : Zündstrick, Zündlappen ; 
(weidmännisch nach der bi'ennend roten Farbe) 
der Schwanz des Fuchses, des Luchses (1763 
bei Heppe Jag.). In urspr. Bed. bei Luther 
1, 246^^ Lunte f. «Lumpen, Fetzen», 1517 bei 
Trochus Rl'' lunten «Lampendocht», 1575 
bei Fischart Garg. 317 «Zündstrick für Feuer- 
geschütze», 1602 bei Kii'chhoff mil. discipl. 177 
Lunde f., 1664 bei Duez Lunte, Lunten, 
Lonten m., 1678 bei Krämer Lunte, Londe m.; 
entspr. ndl. lont f. (bei Kilian lonte), engl, lunt, 
(entl.) dän. lunte, schwed. lunta f. «Zündstrick». 
Wohl zu nd. slunte, ndl. slenter «Fetzen», RA. 
Lunte riechen, 1664 bei Duez Lunten riechen, 
den Lunten riechen «mercken u. gewahr wer- 



97 



Lunze 



Lüster 



98 



den, was andre einem tun wollen», nach dem 
scharfen Geruch der glimmenden Lunte, der 
den unsichtbaren Schützen verrät, 1663 bei 
Schottel er reucht lunten, mndl. lont ruiken. 

Lunze, f.: Eingeweide, bes. vom Wild. 
Weidmännisch, Bei Luther. Vielleicht aus 
*lungeze zu Lunge. 

lunzen, v.: leicht und leise behaglich 
schlummern, besonders über die gewöhnliche 
Schlafzeit oder außer derselben. Mhd. lunzen; 
davon älternhd, im 16. Jh. Lunze f. «faules 
Weibsbild, Beischläferin» noch kärnt.-schweiz. 
Lunze f. «träge Person, Bettlägerin», kärnt.- 
sehweiz.-els. Lunzi m. «nachlässiger Mensch». 
Unerklärt. 

Lupe, f. (PI. -n): Vergrößerungsglas zum 
Halten. 1801 bei Campe Loupe, aus frz. loupe f. 
«kreisförmige Geschwulst unter der Haut, 
sogenannte Wolfsgeschwulst», dann nach der 
Ähnlichkeit von dieser «die (kreisförmige, 
auf beiden Seiten erhaben geschliffene, ein- 
gefaßte) Glaslinse zum Halten», von lat. 
lupa f. «Wölfin». 

lüpfen, lupfen, v.: ein wenig in die 
Höhe heben. Obd. lupfen (auch bei Wieland 
u. Goethe), mhd. lupfen, lüpfen «in die Höhe 
heben», intr. «sich erheben, sich schleunig 
bewegen». Herkunft dunkel. Im Nhd. ver- 
mengt u. verdrängt durch glbd. lüften (s. d.). 

Lupine, f. (PI. -n): Wolfs-, Feigbohne. 
1731 bei Zincke öcon. Lex., aus glbd. mlat. 
lupina f., lat. lupmus m. u. lupinum n., von 
lat. lupus m. «Wolf». 

Luppe, Luppe, f. : Mittel zum Gerinnen- 
machen, s. Lab. 

Lurch, m. {-es, PI. -e): Kröte. 1663 bei 
Schottel Lorch; bei Frisch 1741 u. bei Bürger 
327 (aus dem Nd.) Lork. In erweitertem Sinne 
1836 bei Oken 6, 419 Amphibien oder Lurche. 

Lurre, f. (PI. -n): falsches Vorgeben, Lüge. 
Nd. 1743 bei Kichey, wo auch Lurrendreyer 
«Betrüger, der einen falschen Vorwand fein 
zu drechseln weiß». Dazu ndl. lorrendraajer 
«Schmuggler, Betrüger», schwed. lurendräjare 
«Schmuggler», dän. lurendreier «hetrngerische 
u. listige Person». In der ndl. RA. ienian 
einen loer draajen «einem eine Nase drehen», 
soll loer auf asächs. *ludera «Fetzen, Lumpen» 
und das ganze auf die Verfälschung des Tau- 
werks beim Seiler zurückgehen, eig. «Lumpen 
drehen» statt «guten Stoffes», dann «betrügen». 
Vgl. Falk-Torp. 

Luser, s. Loser. 

Lust, f. (PI. Lüste): heftiges Verlangen; 
We ig and, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. n. Bd. 



sinnliche Begierde (bes. biblisch im Plur.); 
angenehme Empfindung mit Streben nach 
dem Gegenstande; auch der Gegenstand und 
die Äußerung dieser Empfindung. Bei Luther, 
Fischart, Moscherosch, Harsdörffer und noch 
obd. M., mhd. lust m. und f. (PI. lüste), md. 
lust f. (PI. luste), ahd. lust f. (PI. lusti, selten 
lustd) ; dazu asächs.-afries. lust f., ags. lust m., 
engl, list, lust, anord. lyst f. und losti m., 
got. lustus m. Die schwache Form Lüsten m. 
im 16. Jh. bei Alberus usw. und noch in 
Mitteldeutschland, loste im mrhein. Voc. ex 
quo von 1469, noch wetterau. Loste m. Viel- 
leicht urverw. mit aind. lälasa- «begierig», 
dbhi-lasati «begehrt», gr. XiXaiecGai «begehren», 
\duu, Xu) «ich will», lat. lascivus «ausgelassen, 
lustig». RA. Die Lust büßen: sein Verlangen 
befriedigen (bei Luther Ps. 78, 29 f. u. o.). 
ABL. Lustbarkeit, f., mhd. lustb^cerecheit, 
md. lustberkeit f. «Freude, Wohlgefallen», zum 
spätmhd. Adj. lustber «Wohlgefallen erregend, 
reizend». lüsteu, v. imp. [mich lüstet), mhd. 
lüsten, lusten, ahd. lustjan, lusten, asächs. 
lustjan «verlangend erfreuen» (nur unpers.). 
lüstern, adj., bei Luther; dazu Lüstern- 
heit, f., 1691 bei Stieler. lüstern, v., 1678 
bei Krämer Ulster en, im 15. Jh. bei Diefenb. 
gl. 387 ^ lustern. Lustierung, f. : Erlustigung, 
ergötzlicher Zeitvertreib, 1540 bei Alberus 
dict. Qq3'' lusteerung f. lustig, adj., mhd. 
lustec, lustic «Wohlgefallen erregend, anmutig, 
angenehm, heiter, vergnügt, begierig»; davon 
Lustigkeit, f., 1470 lustigkeit, mhd. lustekeit, 
md. lusticheit f. Lüstling, m., im 17. Jh. 
Harsdörffer bei Schottel (1663) Sll^ Lüstling. 
lustsani, adj., nur noch altertümlich bei 
Uhland, mhd. lus(f)sam, ahd.- asächs. lustsam 
«anmutig, lieblich», got, lustusams «ersehnt». 
ZUS. Lustgarten, m., bei Luther Pred. 
Sal. 2, 5, Franck Weltb. 1534 S. 232 *, Lust- 

haus, n., spätmhd. lusthüs n. Lustreise, f., 
1641 bei Schottel 355. Lustseuche, f. : krank- 
hafte Begierde nach fleischlicher Lust (bei 
Luther 1, Thess, 4, 5), dann die Franzosen- 
krankheit (bei Drollinger 60 vom J, 1726), 
Lustspiel, n,: Komödie, 1536 auf Bücher- 
titeln (s, Gottsched nötiger Vorrat 1, 75), 
Lustwald, m., 1537 bei Dasypodius, 1527 
in Städtechron. 29, 42, 6. Lustwandel, m.: 
Spaziergang, ein von Zesen (adriat. Rosen- 
mund S. 269) gebildetes Wort, ebenso wie 
lustwandeln, v.: spazieren gehen (ebd. S. 2 1 8). 
Lüster, m. {-e, PI, wie Sg.): Glanz, 
Schimmer; feines Schmelzglas; Kronleuchter 

7 



99 



lutherisch 



Lyzeum 



100 



(1773 bei Amarantlies ^ «Wandleuchter, hinter 
dem sich ein Spiegel befindet»); schillernder 
woUner oder baumwollner Zeugstofi^. Aus 
glbd. frz. lustre m., von lat. lusträre «hell 
machen». 

lutherisch, adj.: von Doktor Martin Luther 
(s. Lothar). Oft bei Luther (seit 1520 ZfdW. 3, 
183). Der Ton liegt auf der 1. Silbe (Fischart 3, 
301 Kz., SchiUer Pikk. 2, 2, Wallenst. Tod 
3, 4); die Aussprache lutherisch beruht auf 
dem latinisierten Namen Lutherus und wird 
im dogmatischen Sinne gebraucht, die luthe- 
rische Kirche, aber die Lutherische Bibel. 

lutschen, V.: anhaltend saugen. In Mittel- 
deutschland, 1781 bei Kindleben; \)^y\'.luzeln. 
ABL. Lutscher, m.: püppchen artiger Saug- 
lappen kleiner Kinder; in gleich. Bed.Lutsch- 
heutel, m. (1781 bei Kindleben). 

Lutter, m. (-s) beim Branntweinbrennen 
der durchs erste Feuer abgezogne Spiritus, 
der im zweiten Feuer geläutert werden muß. 
1777 bei Adelung. Von lauter (s. d.). 

Ititzel, adj.: klein, wenig. Schon im 16. Jh. 
veraltend; jetzt nur noch hie u. da mundartl., 
sowie in Orts-, Flur-, Berg-, Flußnamen. Mhd. 
lützel (das N. auch als Subst. u. Adv.), ahd. 
lu{z)zil, liuzil; dazu asächs. luttil, mnd. luttel, 
ags. lytel, engl. Utile, mit abweichendem Vokal 
u. davon zu trennen anord. lUill, got. leitils. 
Zurückgehend auf mhd. lütze, lüz, nnd. lütt 
«klein, gering, wenig», asächs. lut, Hut, ags. lyt 
«wenig», wovon abgeleitet ahd. luzzen, mhd. 
Hitzen «gering machen, herabsetzen» u. ahd. 
luzzic, luzig, asächs. luttic, mnd. luttik, nnd. 
lüttik, lüttje, afrs. litik, littec «klein, wenig, 
gering». Weiter dazu got. Muts «heuchlerisch» 
und weiter abg. luditi «täuschen» (entl. lit. 
l'üdnas «traurig, betiübt»). 

LuY, f. (PI. -en): Windseite des Schiffes, 
d. h. die Seite, woher der Wind kommt. 
1741 bei Frisch Lof, Luf. Aufgenommen 
aus glbd. mnd. löfm. «Windseite», ndl. loefL, 
(entlehnt) engl, loof, dän. luv. Gekürzt aus 
ndl. loef zijde «Luvseite». L. bed. eig. ein 
großes Ruder an der Seite des Schiffes. Es 
gehört zu mengl. Zö/' «großes Ruder», älterndl. 
loef, loeve «Pinne, Pflock» u. weiter zu ahd. 
laffa «Ruderschaufel», air. lue «Steuer» (aus 
*lopet), abg. lopata «Schaufel», lett. läpsta f. 
«Schaufel, Spaten, Schulterblatt». 

Luxus, m.: Prunkliebe, Praehtaufwand. 
Schon im 17. Jh. üblich. Das lat. luxus m. 
«üppige Fruchtbarkeit», dann «übermäßige 



Pracht», luxuriös, adj.: üppig, pmnkvoll, 
1703 bei Wächtler, aus glbd. frz. luxurieux, 
lat. luxuriösus, von lat. luxuria f. «Üppig- 
keit, Prunksucht». 

Luzerne, f. : Schneckenklee. 1777 bei Ade- 
lung Lucerne. Aus der schon im 16. Jh. 
sich findenden frz. Benennung luzerne f. (in 
der Provence und Languedoc). 

Luzifer, m. (-s): Morgenstern, Teufel. 
Schon mhd. Lucifer vom obersten Teufel, 
dem Fürsten der Hölle, aufgenommen aus 
kirchenlat. Lucifer (das Adj. lucifer «Licht 
bringend» als Substantiv) «Morgenstern und 
dann der vom Himmel gefallne Morgenstern 
(Jes. 14, 12) in Anwendung auf den Teufel». 

Lymphe, f. (-«): Blutwasser. 1712 bei 
Hübner Lympha, aus lat. lympha f. «Wasser». 
Daher lymphatisch, adj., bei Herder und 
Goethe 36, 118, nach lat. lymphäticus. 

lynchen, v.: eigenmächtig an ertappten 
Verbrechern Volksrache üben. Mitte des 19. Jh. 
entlehnt aus glbd. amerikanisch-engl. lynch, 
benannt nach dem Farmer John Lynch, der 
gegen Ende des 16. Jh. in Nordkarolina von 
den Kolonisten mit unumschränkter Macht 
ausgestattet wurde, die Raubzüge flüchtiger 
Sklaven und Verbrecher zu unterdrücken. 

Lyra, f. (PI. -en u. -s) -. Die Leier der alten 
Griechen u. Römer. Gr.-lat. lyra, gr. Xüpa f. 
(s. Leier). Lyrik, f.: Gefühlsdichtung; Ly- 
riker, m.: lyrischer Dichter, Liederdichter; 
lyrisch, adj.: sangmäßig, den Seelen-, Ge- 
mütszustand, die Empfindung dichterisch wie- 
dergebend (1774 bei Sulzer). Im 18. Jh. nach 
dem gr.-lat. Adj. lyricus, gr. \upiKÖc (zum 
Spiele der Lyra gehörig, von ihr begleitet), 
nach dessen Substantiv. M. lyricus Lyriker, 
sowie nach dem subst. F. lyrica Lyrik ge- 
bildet wurde, beide erst im 19. Jh., z. B. 
1834 bei Petri. 

Lyzeum, n. (-s, PI. Lyzeen): Gelehrten- 
schule. Das gr.-lat, lyceum, gr. Aukciov n., 
worunter man einen außerhalb Athens auf 
der Morgenseite der Stadt gelegnen, nach 
dem nahen Tempel des Apollon Lykeios be- 
nannten öflentlichen Ringplatz (Gymnasium) 
mit bedeckten Gängen zum Lustwandeln ver- 
stand, in welchem Raum Aristoteles lehrte. 
Daher im Mittelalter Name von Anstalten, 
in denen die Aristotelische Philosophie in 
scholastischer Form gelehrt wurde, und seit 
dem 16. Jh. Name der Lateinschulen (1594 
bei Frischlin Nomencl. Cap. 77). 



101 



Maat 



Macht 



102 



M 



Maat, m. (-S, PL -e, -s): Genosse, Ge- 
fährte, Schiffsgehilfe. 1720 im Eobinson 1, 422. 
Aus glbd. mnd. mät{e), nd. maat, ndl. 1598 
maet, engl.mafe; entsprechend mhd. grewm^^^e, 
ahd. gimazzo m. «Tisch genösse», von mhd,- 
ahd. maz n., got. mats m. «Speise»; dazu 
ndl. maatgenot m. «Mahlgenosse», anord, 
mötunautr m. «Tisch-, Schiffsgenosse», daher 
entl. frz. matelot m. «Matrose». 

Maatjeshering (bayr. auch Matjes-): 

Jungfernhering. Aus dem Ndl., wo die ältre 
Form maagdekensliaring lautet, mnd. madikes- 
hering, also zu Magd. 1741 bei Frisch mai- 
kenshering «Hering noch ohne Rogen u. Milch». 

Machändelbaum, m.: Wacholder. 1663 
bei Schottel, 1642 bei Duez Maggandelhamn, 
im 15. Jh^nachandelenhaum (Diefenb.-Wülcker 
747), aus nd. machandel, macholder für obd. 
Wacholder, mnd. machandelenhöm , wachan- 
delenhöm neben wachanderenheren a. a. 0.). 

Mache, f.: Handlung des Machens, des 
Bearbeitens, (1700 bei Chr. Weise neue Pro- 
ben 213 u. 238); die verfertigte Arbeit (Les- 
sing Nathan 3, 9); (omd.) Fett als Speisezutat, 
mhd. mache in kittelmache f., ahd. macha f. 
«Getreibe, Anschläge», heilichmacha f. «Hei- 
ligung». Von machen, v.: durch Kraftan- 
wendung hervor-, zur Wirklichkeit bringen, 
gestalten, zurichten; (volkstümlich mit einer 
Richtungsbestimmung) gehen, reisen (schon 
bei H. Sachs); (kaufmännisch in etwas m.) 
Handel treiben. Mhd. machen, ahd. mahhon ; 
dazu asächs.ma/cöw« bauen», mnd.-ndl. maÄen, 
afries. makia, ags. macian, engl. make. Nach 
Meringer Idg. Forsch. 17, 147 ist die urspr. 
Bed. «(Lehm, Teig) kneten, formen». Daher 
sind verw. gr. luafic f. «geknetete Masse, Teig», 
\kdZa f. (aus *magja) «Teig, Gerstenbrot», 
lactcceiv «dmcken, kneten», lat. mäceria f. 
«Lehmmauer», mäceräre «weich machen, ein- 
weichen», aber, ma^'aii «schmieren». Im Deut- 
sehen auf den Hausbau beschränkt, mit den 
Bedeutungen «bauen, zusammenfügen». Daher 
Gemach (s. d.). Reflexiv sich m.: eine Rich- 
tung einschlagen, dann zu etwas werden, 
schon mhd. sich m. Es macht warm, kalt usio. 
(Wieland kom. Erz. S. 24, 353), dem frz. il 
fait chaud, il fait froid nachgeb. Bewerk- 
stelligung auszudräcken steht m. mit bloßem 



Lif. (schon mhd.), bisweilen mit zu vor dem 
Inf. (1641 bei Weekherlin 2, 50, 63). ABL. 
Machenschaft, f. : die Handlungsweise, bes. 
üble, zunächst südd., Schweiz. 1754. Macher, 
m., auch Mächer (bei Luther 8, 150^ Mecher), 
mhd. macher, ahd. {ga)mahhari, machäre m.; 
dazu Macher^i, f., 1691 bei Stieler und 
Macherlohn, m. n., spätmhd. im 15. Jh. 
mach(er)lön m. n. Machimg, f., ältemhd. 
Machung, mhd. machunge, ahd. machunga f., 
heute nur in Zss. wie Bekanntmachung. ZUS. 
Machwerk, n., 1777 bei Adelung. 

Macheier, m. (-s): Art grobes Wollen- 
zeug, vielleicht Mohär (s. d. u. ^Mohr), 1801 
bei Krünitz, 1571 im Schweiz. Id. 4, 56, mnd. 
im J. 1330 belegt. 

Machlnatlön, f. (PI. -en): listiger An- 
schlag, Ränkeschmiedung. Germ. 29, 353 Nach- 
weis von 1621. Aus lat. mächinätio f. «kunst- 
mäßige Einrichtung einer Maschine, um sie 
in Bewegung zu setzen, listige Unternehmung». 

Macht, f. (PI. Mächte) : Körperkraft, Ver- 
mögen etwas zu tun, besonders überwiegendes; 
(jetzt veraltet, aber 1. Mos. 49, 3) Zeugungs- 
kraft, Zeugungsvermögen (s. Gemächt). Mhd. 
mäht f. (auch Anstrengung, Menge von Men- 
schen oder Kriegern, Heeresmacht), PI. mehte 
und am frühesten mähte, ahd.-asächs. mäht f., 
PI. mahii; dazu afries. macht, mecht, ndl. magt, 
ags. m{e)aht, mceht, miht, engl, might, anord. 
mättr m. (entl. makt, mekt f., schwed.-dän. 
magt), got. mahts f., Verbalabstraktum zu 
got. magan, nhd. mögen (s. d.), wie das ur- 
verw. abg, mosti f. «Macht» zu mosti (Präs. 
mogq) «vermögen, können». Biblisch 1. Kor. 
11, 10 als Übersetzung des gr. ^Eouci'a f., in 
der Vulgata potestas f. «Vermögen, Macht», 
im Sinne von «Schleier oder Decke über das 
Haupt», gleichsam «Zeichen der Unterwerfung 
unter die Macht des Mannes». ABL. mächtige, 
adj., mhd. mehtec, mehtic, mahtich, ahd.-asächs. 
mahtig; dazu afries. mechtich, machtich, ags. 
meahtig, mcßhtig, mihtig, engl, mighty, anord. 
mättugr, gotmahteigs. ZUS. Machthaber, 
m., bei Haltaus vom J. 1553. machtlos, adj., 
mhd. im 14. Jh., mnd.mahtlds; dazu Macht- 
losigkeit, f., im 18. Jh. Machtschildlein, 
n.: vor der Brust des höchsten Priesters 
hangendes Schildchen als Zeichen seiner Ho- 

7* 



103 



Mack 



Magd 



104 



heit (Sirach 45, 13 MacMschiltlin, nach 2 Mos. 
28, 25 f. u. 39, 8 f.). Maclltspi'UCh, m., 1595 

bei Rollenhag. 1, 2, 20. Machtyollkommen- 

heit, f., 1449 bei Janssen ßeichscorr. 2, 106, 
1385 Städtechr. 1, 240, 25 mechtevolkonienheit L 
Machtwort, n., 1691 bei Stieler. 

Mack in Hack und Mack: allerlei g-eringe, 
schlechte Leute durcheinander ; dann ein D urch- 
einander von allerlei Schlechtem. Eig. «Klein 
Gehacktes u. durcheinander Gemengtes», Hack 
und Mack bei Grimmelsh. 4, 463 Kz., nd. schon 
im 15. Jh. S. Mickmack. 

Madam(e), f. (PI. -n, auch -s): Frau, als 
Anredewort und Ehrenname für verheiratete 
Frauen. Im 16, Jh. eingedrungen (1593 in 
Stöbers Alsatia 1858 S. 92 madam, bei Gil- 
husius Grammatica 1597 S. 56 Ma Dame), 
frz. madame urspr. «meine Frau» (s. Dame). 

Mädclien, n. (-s, PI. wie Sg.) : Kind oder 
unverheiratete Person weiblichen Geschlechts ; 
Geliebte (1705 bei Philander von der Linde 
gal. Ged. 69 mein Mägdgen) ; Dienstmagd (1704 
Menantes gal. Ged. 203 Mädgen u. Hofmägden). 
Verkleinerungsform von Magd (s. d.), md. 
meidichln, mey dielten im 15. Jahrh. meytgin, 
medigen, metgen, medchin (Diefenb.-Wülcker 
747), 1517 bei Trochus G5^ -medichen, im 
17. Jh. Mägdigen (Olearius pers. Rosenthal 
5, 12), Mägdgen (Simpl. 2, 184, 11 Klr.), 
Mägdchen (bei Logau und noch bei Lessing), 
aber von Thüringen und Obersachsen aus- 
gehend seit Mitte des 17. Jh. Mädgen (1658 
bei Schoch Studentenleben 64, 9 Neudr., 1691 
bei Stieler), Mädchen (bei Geliert, Rabener). 
Dazu nd. mädeken, mäken n. Der PI. Mäd- 
chens bei Lessing Minna 2, 7, schon 1654 bei 
Olearius pers.Rosenth.2,297lfägr(iz5rews; mrhein. 
PI. Mädcher, ndrhein. 1517 medtger (Jasper 
Laet vanBorchloen pronosticatioB2^). ABL. 
mädchenhaft, adj. (b. Wieland, Bürger). 

Made, f. (PI. -n): fußlose Insektenlarve. 
Das F. (bei Luther, Duez) aus md. maden f.; 
denn mhd. made m., ahd. mado m.; dazu 
and. matho, ags. maäa, got. mapa m. «Made, 
Wurm» u. mit k erweitert mnd. med(d)eke 
(daraus entl. dän. mad{d)ike), mengl. maddock, 
mawke, engl, matvk, anord. madkr, schwed.- 
norw. mark, makk, dazu auch Schweiz, mettel 
«Regenwurm». Vielleicht verw. mit Motte 
ABL. madig, adj., mhd. madic, bei Luther 
5, 372* madicht. ZUS. Madeiisack, m.: der 
menschliche Leib, bei Luther als Kraftwort. 

Mädel, n. (-S, PI. wie Sg.): Mädchen; 
Geliebte (im 18. Jh. bei Büi-ger, Goethe). 



1671 bei Abele künstl. Unordnung 3, 133 Mädl 
neben Mäidel 1, 52, aus dem obd.-mhd. im 
14. Jh. meidel, maidel n. (noch bei Goethe 
Maidel), md. 1538 bei Serranus u 2^ medlein, 
1648 bei Werkherlin 2, 389 Mädlein u. 1, 447 
Mädlin. YonMagd (s. Mägdlein u. Maid). Der 
PI. Mädels bei Goethe, Schiller, Schubart usw. 

Madrigal, n. (-s, PI. -e): Art 4 — 16 zeiliger 
sinnreicher zärtlicher Gedichte. Dichtungs- 
art und Name aus Italien gegen Ende des 
16. Jh. (1596 bei Haßler Neue Teütsche gesang 
nach art der Welschen Madrigalien, 1593 bei 
H. J. von Braunschweig 226 das Dim. Madri- 
galken), ital. madrigale, früher mandriale, ma- 
drittle, frz. madrigal, span. mandrial, madrigal 
m., eig. «Hirtenlied, Schäfergedicht», zu ital. 
mandra, mandria f. «Herde», von gr.-lat. 
mandra f. «Viehherde», gv. indvbpaf. «Hürde». 

Magazin, n. (-s, PI. -e) : Vorratshaus, Vor- 
ratskammer. 1582 bei RauwolflF Reise 27 Ma- 
gazsin, entl. aus glbd. ital. magazzino m., 
frz. magasin, span. {al)magacen m., von arab. 
mächzan« die Scheune, die Warenniederlage». 

Magd (mit ä), f. (PI. Mägde): Jungfrau 
(seit Mitte des 17. Jh. nur noch altertümlich); 
Dienerin, bes. niedrige nach dem Gesindever- 
trage. Bei Luther Magd, mhd. mag(e)t, f. 
(PI. meg{e)de) «Jungfrau, dann dienende Jung- 
frau, Dienerin, unfreies Mädchen», im 14. Jh. 
maigd, meigt, daraus meit, mait (s. Maid), 
1394 mät (aus Mainz, noch md. Mäd, in der 
Bed. «Dienerin»), ahd. magad, magid f. (PI. 
magadi, magede) «Jungfrau»; dazu asächs. 
magad f. «Jungfrau, Dienerin, Weib», and. 
ekmagath «^aumnjm-phe», airs.megith, maged, 
ags. mceg(e)p, got. magaps f. «Jungfrau». Da- 
von als Dim. abgeleitet mhd. magedin, magetin, 
megedin, megetin, verkürzt meidin, meitin, 
ahd. magati(7i) n. «Jungfrau, Mädchen», ags. 
mcegden, mceden n., engl. maid{en). Got.magaps 
gehört zu got. magus m. «Knabe, Knecht», 
(ahd. in magazogo m. «Erzieher»), asächs.- 
ags. magu m. «Knabe, Sohn, Knecht, Mann», 
anord. mögr m. «Sohn», wohl nicht zu air. 
macc «Knabe, Jüngling, Sohn» (noch in Eigen- 
namen wie MacCuUoch, Macdonald), sondern 
eher zu ir. mug (Gen.moga) «Sklave, Diener», 
kymr. meu-dwy «Klausner», eig. «servusdei», 
körn, maw «Diener», awest. mayava- «un- 
verheiratet». ABL. mägdehaft, adj., 1691 
bei Stieler. Mägdlein, n., bei Opitz Mägde- 
lein, mhd. magetUn, megetUn, bei Luther 
Matth. 9, 24 Meidlin (s. Mädel), magdlich, 
adj.: jungfräulich edel, nur noch altertümlich 



105 



Magdalena 



magniflk 



106 



(bei Bürger), mhd. magetUch, megetlich, zsgez, 
meitlich, meidelich, ahd. magedlich. Magd- 
tum, n.: Jungfrauschaft, Jungfrauenstand, 
Jungfrauenalter (4M0S.3O, 4), ralid.ma(7e(<)i^?eom 
m. f. n., zgs. meit{t)uom, md. magetüm, mege- 
tüm, «Jungfrauschaft», dazu mnd. magedöni, m., 
anord. meydömr m. 

Magdalena, Frauenname. Asächs. Magda- 
lena, aus gr.-lat. Magdalene, bibl.-gr. Mayba- 
Xrivri «die aus Magdala Gebürtige», einer am 
Westufer des galiläischen Meeres gelegnen 
Stadt; daher ahd. Maria Magdalenisga. Ge- 
kürzt Lene, das Dim. Lenchen. 

Mage, m. (-W, PI. -n): Seitenverwandter, 
Nur noch in ScTiwertmage «Verwandter von 
männlicher Seite» und S'piZZrwag'e «Verwandter 
von weiblicher Seite», rahdi.siüertmäc, -magern. 
und spinnelmäc, im 15. Jh. spilmäc m., das 
Schwert oder der Ger (daher mhd. germäc m.) 
zur Bezeichnung der männlichen, die Spindel 
oder Spille zur Bezeichnung der weiblichen 
Linie. Mhd. mäc, mäge, ahd.-asächs. mag, 
afrs. mich, ags. mag m. «Bluts-, Seitenver- 
wandter», anord. mägrm. «Verwandter durch 
Heirat, Schwiegervater, Schwiegersohn, Schwa- 
ger», norw. maag, schwed. mag «Schwieger- 
sohn», adän. maag «Schwager, Schwieger- 
sohn». Vielleicht zu got. magus, f. «Magd». 
Vgl. Btr. 30, 302. 

Magen, m. (-s, PI. wie Sg. und Mägen, 
bereits im Garg. 253) : der in der Bauchhöhle 
befindliche häutige Sack zu Aufnahme und 
Verdauung der genoßnen Nahrungsmittel. 
Bei Luther Magen (schon um 1480 im Voc. 
ine. teut. p 4^ magert), mhdi.mage (Gen. magen), 
ahd. mago m. ; dazu mnd. mage f.m., ndl. maag, 
ags. maga m., engl, maw (Gekröse, Magen), 
anord. magi m., schwed. mage, dän. mave; 
aus dem Germ. entl. ital. magone m. «Kropf 
der Vögel». Vielleicht verw. mit ir. men 
«offner Mund» (aus *makno). Vgl. Zupitza 134 
und Btr. 28, 65. ZUS. Magenbitter, m.: 

Schnaps zur Magenstärkung. Magenkrampf, 
m., 1777 bei Adelung. MagCupflaster, n., 
1691 bei Stieler (aber bereits im Garg. 271 
Magenpflästerer). Magen wnrst, f., 1541 bei 
Frisius 412». 

mager, adj,: verhältnismäßig schwach an 
Fleisch; fettlos. Mhd.-mnd.-ndl.-dän.-schwed. 
mager, ahd. inagar, ags. mceger, anord. magr, 
dän. auch maver. Urvei-w. mit (oder entl. 
aus) lat. macer «mager», gr. faaKebvöc «lang, 
schlank», luaxpöc «lang». J.B L.Magerkeit, f., 
spätmhd. magerheit, magerkeit f. magern, v. : 



mager werden, noch schweiz.-els., mhd. mage- 
ren, ahd. magaren, jetzt nur in Zss. abmagern. 
magern, v.: mager machen, noch schweiz.- 
els., mhd. megeren, ahd. magarran, magaren, 
dafür bei Stieler 1691 und bei ßückert magern. 

Magie, f.: Zauberei, schwarze Kunst. 1586 
bei Fischart Bodinus 198 fg. Magy f. aus 
gi'.-lat. magia, gr. laateiaf. «Zauberei». Ma- 
gier, m. (-5, PI. wie Sg.): Zauberer (bei 
Goethe, Schiller), eig. persischer Priester und 
Weiser, aus dem PI. (magi) des glbd. gr.-lat. 
magus, gr. luctYoc m., von apers. niagav-, Eigen- 
name eines Priesterstammes. 1773 bei Wie- 
land Aspasia Mage m. magisch, adj.: zauber- 
haft, 1566 bei Paracelsus Wundartzney 698, 
nach dem glbd. gr.-lat. Adj. ma^tCMS, gr.|uaYiKÖc. 

Magister, m. (s, PI. wieSg.) : Lehrmeister; 
Lehrer der freien Künste, seit der Reforma- 
tionszeit von philosophischen Fakultäten er- 
teilte Gelehrtenwürde (1594 bei Frischlin 
Nomencl. Cap. 77, im 15. Jh. von theologischen 
Fakultäten verliehen); höherer Stadtschul- 
lehrer, dann Schulmeister überhaupt (bei 
Hagedorn, Hölty). Aus lat. magister m. «Vor- 
gesetzter, Lehrer» (s. Meister), woher schon 
ahd. das glbd. magister m. 

Magistrat, m. {-[e]s, Pl.-e) : Stadtrat, Stadt- 
obrigkeit. 1509 bei Brant Layensp. A 3% aus 
lat. ■maf/fsfrä/Msm. «obrigkeitliches Amt». ZUS. 
Magisträtsperson, f. (Goethe 41, 1, 159). 

Magnat, m. {-en, PI. -en): Großer des 
Reiches. 1669 im Simpl. 445, aus dem glbd. 
mlat. PI. magnates, von lat. magnus «groß». 

Magnat, m. (-en, PI. -en): Eisen und eisen- 
haltige Körper anziehender Eisenstein. Mhd. 
magnes, magnet{e) m., aus lat. magnes m., 
gr. XiBoc MaYvrjxric m. «Magnetstein», eig. 
Stein aus der thessalischen Landschaft Mag- 
nesia». Dazu magnetisch, adj., 1566 bei 
Paracelsus Wundartzney 703 magnetische An- 
ziehung, nach dem gr.-lat. Adj. magneticus. 
magnetisieren, v., bei Wieland 48, 97 u. 
110 Gr., ans hz.inagnetiser. Magnetismus, 
m. (Goethe, Schiller), bei Klopstock gi-amm. 
Gespr.llO Magnetissem, aus irz.magnetismem. . 
ZUS. Magnetnadel, f., 1691 bei Stieler. 

magniflk, adj.: großartig, prächtig, herr- 
lich, 1710 bei Elisab. Charl. v. Orleans 3, 180 
magnifiq, aus glbd. irz.magnifique, lat. magni- 
ficus. Magnifizenz, f., (PI. -en)-. Hoheit, 
Herrlichkeit, dann Titel des Rektors und des 
Kanzlers auf Universitäten, auch des regieren- 
den Bürgermeisters einer freien Stadt. In 
urspr. Bed. im 16. Jh. (Zimm. Chron.^ 4, 



107 



Magsamen 



mahlen 



108 



299, 29 und bei Rot 1571), als Titel 1617 im 
Teutschen Michel 49. Aus lat. magnificentia f. 
«Großartigkeit» usw. 

Magsame(ll), m. (-7is, PI. -w): der Same 
des Mohns, dann die Mohnpflanze. Mhd. 
mäge(n)säme m. (s. Mohn, Mohnsamen). Bayr.- 
schweiz.-els. und am Rhein. 

Mahagoni, n. (-s) und Mahagoniholz, 

n.: das feine, braunrote, sehr harte Holz des 
Baumes swietenia mahagoni aus Mittel- und 
Südamerika. Im 18. Jh, aus engl, mahogany, 
das wohl nach einer westindischen Benennung 
gebildet ist. Das Holz, um 1700 als Ballast 
von dem SchiiFskapitän Gibbons nach England 
gebracht, ließ kurz nachher dessen Bruder Dr. 
Gibbons zuerst zu Tischlerarbeit verwenden. 

Mahd, f. (PI. -en): das Mähen; das Ab- 
gemähte; das Abgemähte eines Tages. Mhd. 
mät (Gen. mädes, PI. tnät und mceder) n., 
auch f., «das Mähen, Heuernte, das Gemähte, 
Heu, Wiese», ahd. mäd n.; dazu ags. mcep n., 
engl, math in after-niath «Grummet», ferner 
mhd. niäde f. «der Schwaden beim Mähen» 
(bayr. Mahden m., westerwäld. Mahde m., 
wetterau. Gemahde m.), mnd. mede f. «Heu- 
land», Verbalabstraktum zu mähen (s. d.), 
wie urverw. gr. äiutriToc m. «das Abmähen, 
Ernte, Erntezeit» u. diuriTÖc m. «eingeerntete 
Frucht, abgeerntetes Feld» zu h\xäv «mähen, 
ernten». Vgl. Grummet, Omet, Matte, Ge- 
mahde. Mähder, m. (s, PI. wie Sg.): der 
Mähende, mhd. mädcere, mäder, mceder, md. 
meder; ah.di.mädäri, mnd.mederm. mähdig, 
adj. in ein-, ziveimähdig: ein-, zweischürig. 

mähen, v., mit der Sense im Striche ab- 
schneiden. Mhd. mcBJen, daneben mceiven, 
meuwen, mcegen, meigen, mei{h)en, mcen, md. 
mewen (noch wetterau. meive), ahd. mäen; 
dazu mnd. mei(g)en, megen, ndl. maaien, 
afries. nur me^/i «er mäht», &g^.mäwan (Prät. 
meoid), engl- moiv «mähen», anord. mä «ab- 
nutzen», (entl.)schwed.meja, dän.met'e «mähen». 
ürverw. mit gr. diaflv (s. Mahd), lat. meiere 
«mähen, ernten», ir, methel, akymr. medel 
«Abteilung von Schnitten». ABL. Mäher, 
m.: Mähder (s.d.), im 15. Jh. meher, mewer 
(Diefenb. gl. 359 '^^ u. meiger (Weist. 4, 198), 
daneben im 15. Jh. md. mewe m. (die syben 
fryen künste, Kasseler Hdschr. Bl. 151*^), 
mnd. meier, meiger m. 

^Mahl, n. (-[e]s, PI. -e u. Mähler): öffent- 
liche Versammlung. Veraltet, schon mhd. nur 
in Ableitungen u. Zss. mahel, mal (s. Gemahl, 
vermählen), ahd. mdhal n. «Gerichtsstätte, 



-Versammlung, -Verhandlung» (mlat. in den 
afränk. Gesetzen mallum und mallus), dazu 
ags. mä?, möel n. «Rechtssache», anord. mä? n. 
«Rechtssache, Vertrag», schwed. mal, dän. 
maal «Stimme, Sprache», neben got. maß, n. 
«Versammlungsplatz, Markt», ags. mceäel n. 
«Versammlung», samt dem Verb. got. mapljan, 
ahd..mahalen,B,gs.madelian, anord. m^?a«öifent- 
lich reden». Die Grundformen sind agerm. 
*mäpla- (woY?iVismahl)n.*maäld- (woraus ma??), 
die (aus*ma(^)J5Za-) vielleicht zn got. gamöltan 
«begegnen», engl, to meet «gehören». Vgl. Walde 
s. V. macula. S. auch Btr.30,72. ZUS. Mahl- 
SChatz, m. (Geliert Lustsp. 185 und 188), 
mhd. mahelschaz, malschaz, daneben (ange- 
knüpft an rahdi.mehelen «verloben, vermählen») 
mehelschaz m. «die Verlobungs-, Brautgabe», 
besonders «der Verlobungsring», urspr. «das 
Kaufgeld für die Braut». Mahlstatt, Mahl- 
Stätte, f.: öffentliche Gerichtsstätte unsrer 
Vorfahren, Gerichtsort, Versammlungsstätte, 
mhd. mahelstat, mälstat f. (auch Richtstätte), 
ahd. mahalstat f. «Gerichtsstätte». 

^Mahl, n. {-\e\s, PI. -e u. Mähler): ein 
Essen, im edeln Ausdruck; ein feierliches Essen, 
mhd. mal n. «Gastmahl, Mahlzeit», urspr. «auf 
den Zeitpunkt Aufgetragnes» (mhd, gesaztiu 
mal PL «Essen zu bestimmter Zeit», ZfdA. 8, 
96, 6), also eins mit ^ Mal. Dazu ags. mcel n., 
engl, meal «Mahlzeit», anord. rnäl n. «(die zu 
etw. geeignete Zeit, dann) Mahlzeit, Hoch- 
zeitsmahl». ZUS. Mahlzeit, f. : größres Essen 
zu bestimmter Zeit; regelmäßig nach bestimmter 
Tagesabteilung sich wiederholendes Essen, 
spätmhd. mälzit n., 1495 in der Kölner und 
1505 in der Straßburger Gemma malzyt f. 
«convivium», dazu mnd. mältid, ndl. maaltijd f. 

mahlen, v, (Präs, mahle, mahlst, mahlt, 
Prät. mahlte, Part, gemahlen): durch Drehen 
zwischen Steinen, Walzenwerk usw. in kleine 
Teile zerreiben. Bei Luther malen. Frisch 
1741 unterscheidet malen auf der Mühle und 
mahlen mit dem Pinsel, umgekehrt Stieler 
1691 mahlen «molere» und malen «pingere», 
was durch Gottsched allgemein üblich wurde. 
Duez 1642, Schottel 1663, Steinbach 1734, Ade- 
lung, Campe schreiben beide Wörter mahlen. 
Die schwache Form des Präs, du mahlst, 
er mahlt 1753 bei Gottsched, dafür noch 
1734 bei Steinbach wie bei Stieler 1691, 
Schottel 1663 mähist, mahlt; das schwachflekt. 
Prät. mahlte bei Gottsched u. (neben seltnerm 
muhl) bei Steinbach, dafür im 17. Jh. bei 
Schottel und Stieler stark muhl (noch heute 



109 



mählich 



Mähre 



110 



mundartlich). Mlid. mal{e)n (Präs. mal, meist, 
melt, Prät. muol, Part. gemal(e)n, aber 1497 
auch schon im Prät. maelte Weist. 2, 569), 
ahd. malan; dazu asächs. malan, mnd. malen, 
melen, T\d\.malen(Frätmaalde), anord.-schwed. 
mala (Prät. möl, Part, malinn), dän. male, 
got. malan. Urverw. mit glbd. lat. molere, 
gr. luüWeiv, lit. mälti (Präs. wa^w), abg. mleti 
iVr'B&.meljq), air.wteZmi «mahle», axmen.mal'em 
«ich zerstoße», alb. miel «Mehl». Gleichen 
Stammes sind malmen, Malter, Melil, Mühe, 
Mühle. RA. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, 
mhd. der ouch e zuo den miilen kumt, der melt 
ouch e (Schwabenspiegel Nr. 312, 10 Wacker- 
nagel). ABL. Mahler, m.: auf der Mühle 
Mahlender, in dem Kinderruf an den Müller 
und den von den weißbestäubten Flügeln 
Müller genannten Kohlweißling Müller, Müller, 
Mahler! Westmd. 141 7 ma^er «Mahlgast» (Weist. 
5, 612, 17), and. maleri, ndl. maier, isl.malarim. 
«Müller». ZUS. Mahlgang, m.-. Abteilung 
in einer Mühle, die Vorrichtung zum Mehl- 
mahlen enthaltend, 1741 bei Frisch. Mahl- 
gast, m., spätmhd. malgast. Mahlgeld, n., 
mhd. mal{e)gelt n. Mahlmühle, f. : Getreide- 
mühle, spätmhd. maZmwZe f. Mahlsteuer, f.: 
Steuer von Gemahlenem. 1820 in Preußen 
eingeführt. Mahlstrom, m. : der stromartige 
Seestrudel an der norwegischen Küste, 1777 
bei Adelung, dän. malström aus ndl. maal- 
stroom m. Nach Falk-Torp ist hier mahl aus 
holl. waal «Wirbel» entstanden. Mahlzahn, 
m.: Backzahn zum Mahlen oder Zermalmen 
der Speisen, 1777 bei Adelung. 

mählich, adv.: in bequemer Ruhe und 
Langsamkeit, nach und nach. Nur noch im 
gewählten Stile bei Dichtern. Als Adj. 1445 
mächleich bei Diefenb. gl. 324% im Liber ord. 
rer. von 1429 Bl. 19 "^ mcelich, 1482 im Voc. 
theut. 1 8* melich und gemelich «langsam»; als 
Adv. spätmhd. im 15. Jh. mechUche(n), 1420 
md. melich (Schröer Vocabular. Nr. 2601), bei 
Luther 4, 44*^ mehlich u. 1. Mos. 33, 14 meilich, 
1664 bei Duez meylich, aber noch 1734 bei 
Steinbach mächlich. S. allmählich u. gemächlich. 
Zu Gemach gehörig. 

Mähne, f. (PI. -n): lang herabhängendes 
Hals-, Kammhaar. 1642 bei Duez M., 1541 
bei Frisius 495* Mäne, 1587 bei Dasypodius 
Möne f., der Umlaut erklärt sich aus älter- 
nhd. meny Voc. theut. 1482 t8^, menin f. 
Zimmer. Chron.- 1, 567, 31, mänin f. 1563 
in Gesners Tierbuch, noch Schweiz. Mäni, 
Mähni f. Mhd. man(e) f. und m. (auch älter- 



nhd. Man m. 1571 Heydn Plinius 202, Mahn 
m. Rachel Sat. 1, 332, wetterau. Mö7i m.), 
ahd. mana f.; dazu mnd. man m., afries. mona 
m., mndl. mane f., ndl. maan, ags. ma7iu f., 
engl, mane, anord. mön f., schwed.-dän. man 
«Mähne». Abgeleitet sind isl. maMi, schwed.- 
dän. manke m. «der obre dicke Hals der Last- 
tiere», sowie ahd. menni, asächs. meni n., ags. 
mene, myne m., anord. men n. «Halsschmuck». 
Urverw. mit lat. monile n. «Halsband», gr.- 
dor. iLiövvoc, )aäv(v)oc «Halsband», kelt.-gi". 
ILiavidKric m. «goldnes Hals- und Armband der 
Kelten», air. muin, muinel «Nacken», muince 
«Halskette», abg, monislo n. «Halskette», ai. 
mäni- (?) m. f. «Perlenschnur, Geschmeide», 
manjä f. «Nacken». 

mahnen, v. : (antreibend) gedenken machen, 
erinnern, auffordern, mhd. manen, ahd. manön, 
zuweilen manen (auch monen in ahd. /arw«)?«en, 
md, vermonen); dazu asächs. manon, afries. 
monia, ags. manian, (entl.) spätanord.-schwed. 
mana, dän. ynane. Urverw. mit lat. monere 
«ermahnen», lit. izmantti «verstehen», aind. 
mänäjati «ehi't, erweist Ehre», awest. man- 
« denken, bedenken», ir. huanaib muintib 
«a monitis». Y gl. 3Iimie. J.5L. Mahner, m., 
1541 bei Frisius 560^ Maner. Mahnung, f., 
mhd. manimge f. ZUS. Mahnbrief, m., um 
1480 im Voc. ine. teut. n 3^ manbrieff. Mahn- 
zettel, m., 1675 bei Weise kl. Leute 86. 

Mahr, m. (-[e].9, PI. -e): diückender Nacht- 
geist, Alp. 1691 bei Stieler Mar m., Mare f., 
1664 bei Duez Maar m., mhd. mar(e) m. i., 
ahd. mara f. ; dazu mnd. mar m. f., nnd. mär, 
mör f., mndl. mare f., nndl. nachtmaer, -merrje, 
ags. mara m., engl, nightmare, anord.-schwed. 
mara f., dän. mare «Nachtalp». Dazu air. 
mör(rygain «lamia», eig. «Alpkönigin», (ur- 
verw. oder entl.) poln. mora, tschech. müra f, 
«Alp», russ. kikimora f. «Gespenst». Halb 
aus dem Germ. entl. frz. cauchemar, m. «Alp- 
diücken» [cauche- aus lat. calcare «treten, 
pressen»). Nicht sicher erklärt. Vgl. Btr. 
23, 351; 24, 530; Schrader RL. 27. 

Mahre, s. Mur{e). 

Mähre, f. (PI. -n): Stute; schlechtes, eleu-* 
des Pferd (1691 bei Stieler); liederliche Weibs- 
person (schon ahd. in merihun sun, mhd. 
merhensun «Hurensohn»). In der 1. Bed. bei 
Luther Sil-. 33, 6 Mere (aus dem Md.), um 
1480 im Voc. ine. teut. q 1* mehre, aber älter- 
nhd. und noch bayr.-öst. Merch, mhd. merh{e), 
ahd.-and. mer{i)ha f.; dazu mnd. mere, ndl. 
mer{r)ie, afries. merrie, ags. 7nere, mlere f.. 



111 



mähren 



Majestät 



112 



engl, mare, anord. merr f., schwed.-dän. märr 
«Stute». Feminine Bildung zu mhd. marc n. 
«Roß, Streitroß» (Gen. -kes), auch march (Gen. 
-hes), md. im 14. Jh. u. ndrhein. im 13. Jb. mar, 
ahd.marahn., dazu ags.mearhm. (Gen.nieares), 
anord. marr m. «Pfei-d». Urverw. mit (oder 
entl. aus) akelt. marka «Pferd» (Pausanias 10, 
19, 4), air. marc, kymr. march m. 

mähren, s. mären. 

Mährte, s. Märte. 

Mai, m.[-[e]s, PI. -e[w], dichterisch schwach- 
fiekt. Gen. -en): der fünfte Monat im Jahre; 
der Blütenmonat, die Blütenzeit. Aus Maie, 
schon 1482 3Iay, mhd. mei{g)e, meije, ahd. 
meio m., aus glbd. lat. Mäjus. Dasselbe 
Wort in besondrer Anwendung auf die im 
Mai frisch grünenden Birken, Weiden usw. 
ist Maie, m. (-«, PI. -n), in der 1. Bed. jetzt 
f. (PI. -n): grüner Festzweig, Festbaum mit 
grünem, büschelförmigem Wipfel; (im Forst- 
wesen) ein durch den alljährlichen Safttrieb 
entstandner Zweigschoß (1777 bei Adelung 
Maym.); Blumenstrauß (1541 beiFrisius 362^ 
Meyen m., noch obd. Maien m.). In der 
1. Bed. bei Luther PI. Meigen, bei Duez 1664 
Mey m., 1693 bei Kram er 690 ^ Mayen m., 
bei Stieler 1691 Meye f., bei Ludwig 1716 
Maye f., bei Voß Maie f., mhd. im 14. Jh. 
maye m. «Maibaum», auch ital. maio, frz. mai 
m. «Maie». ABL. maien, v. imp.: Mai 
werden, grünen, mhd. meien, meigen. ZUS. 
Maibaum, m., 1664 bei Duez Meyhaum, bei 
Günther 595 Mayenhaum. Maihlume, f.: 
die im Mai blühende glöckchenartige Blume 
convallaria, 1514 bei Keisersberg Schiff d. 
Pen. 125^ maiblümlin, spätmhd. im 15. Jh. 
meiUüme (Altd.Wälderl, 152); aber bei Luther 
Weish. 2, 7 Meyenblume «im Mai blühende 
Blume», 1482 im Voc. theut. t5^ mayenplum 
«umbilicum Veneris», Maifeier, f., seit 1890 
sozialistisches Schlagwort für den Weltfeier- 
tag am 1. Mai. Maiflsch, m.: die Alse, 
clupea alosa, mhd. mei(en)viscli (von 1382). 
Maiglöckchen, n.: Maiblume, im 18. Jh. 
Maienglocke. Maikäfer, m., 1517 bei Trochus 
H6* megenkefer, 1664 bei Duez Meykäfer. 
Maikraut, n.: der im Mai blühende Wald- 
meister, asperula odorata, erst nach 1830; 
früher das Schellkraut chelidonium (1546 bei 
Bock 43^ Meienkraut). Maitrank, m, und 
Maiwein, m., erst nach 1830. 

Maid, f. (PI. -e), dichterisch für Mädchen, 
älternhd. Meid, Meyd (Duez 1664, aber 1642 
Meidlein), mhd. meit aus maget f. (s. Magd). 



Mais, m. (Gen. -es): türkischer Weizen, 
Welschkorn. 1534 bei Franck Weltbuch 231 ^ 
Maytz, bei Münster Cosmogr. (1628) S. 1697 
Mays u. S. 1737 Mais, aus frz. mais, span.- 
ital. maiz m., ein mit der Pflanze, die Columbus 
nach Europa brachte, überkommnes Wort von 
Haiti, wo es mahis gelautet haben soll. 

Maische, f. (PI. -w): das geschrotne u. 
angebrühte Malz beim Bierbrauen u. Brannt- 
weinbrennen. 1741 bei Frisch Maisch m. «der 
noch nicht lautre Wein, Most», 1687 bei Hoh- 
berg 1, 486* Maisch m. «die gequetschten 
Trauben bei der Mostbereitung», ebenso mhd. 
im 14. Jh. maisch m. «Traubenmeische», 1422 
mey seh «mulsum, Met», dann übertragen auf 
das Bier- u. Branntweinmalz mnd.mesch, 1691 
bei Stieler Meische f., 1777 bei Adelung Meisch, 
Möschva.., 1783 bei Sacohsson Meesch, Maisch, 
Meisch, Meusch m.; dazu engl, mash, mengl. 
mask (im maskefat «Maischfaß»), ags. mcesc 
(in mcesc-, mäxivyrt f. «Maischwürze»), entl. 
dän. mask, schwed. mäsk m. «Maische, Malz». 
Kaum zu mischen (s. d.), obgleich 1557 bei 
Waldis Esopus 4, 19, 68 mey sehen «mischen, 
darunterschlagen» (von Eiern unter Speisen), 
engl, mas/i« zerquetschen, mischen, maischen», 
mengl. maschin «mischen». Wohl aber ur- 
verw, mit abg. mezga f. «Saft, Baumsaft». 
meischen, v,: Biermalz od. Bi'anntweinmalz 
mit heißem Wasser begießen und umrühren 
zum Ausziehen des Zuckers u. Schleimes, 1691 
bei Stieler meischen, 1731 bei Zincke öcon. 
Lex. möschen, 1783 bei Jacobsson meeschen, 
maischen, meischen, möschen. ZUS. Maisch- 
bottich, m., 1731 bei Zincke öcon. Lex. 
Meusch-, Möschhottich , mnd. masckhudde. 
Maischfaß, n., 1741 bei Frisch im «Wein- 
berg, die zerstampften Beere nach der Kälter 
zu führen», mengl. maskefat. 

Maiß, m. {-es, PI. -e): Holzschlag, Holz- 
abtrieb; abgetriebner Platz im Wald. Mhd. 
im 14. Jh. maig m. «Holzabtrieb», spätmhd. 
meig m. «eingemeißelter Zierat», von älter- 
obd. u. noch bayr. maißen, mhd. meigen, ahd. 
meigan, got. mäitan «hauen» (s. Meißel). 

Maitresse, s. Mätresse. 

Majestät, f. (PI. -en): Hoheit, Herrlich- 
keit ; Königs-, Kaiserwürde. Bei Luther 1, 456 * 
Maiestet, mhd. majestät f. m., spätmhd. auch 
majestcet, aus lat. mäiestas f. «Größe, Hoheit», 
dann auch «Anrede an den Kaiser» (Horaz 
epist. 2, 1, 258 mäiestas tua), von lat. mäius 
«groß». Davon majestätisch, adj., 1573 
in Luthers Tischi*. 412*^ mayestätisch. ZUS. 



113 



Majolika 



Makrele 



114 



Majestätsbeleidigung, f., 1741 bei Frisch. 

MajestätsTerl)reclien, n., bei Wiel. lO, 335. 
Majolika, f. (PI. -en): bemaltes glasiertes 
Gefäß aus feinem Ton (Goethe 34, 1, 296 von 
1797). Von der Insel Majorca verpflanzte 
sich diese urspr. arabische Kunstfertigkeit im 

15. Jh. nach Mittelitalien, wo sie den Namen 
majolica f. erhielt. Bei Stalder 1812 Schweiz. 
Majoliker-, 3fajoläcJien- Geschirr. 

Major, m. (-5, PI. -e): Befehlshaber eines 
Bataillons usw., der zunächst höhre Offizier 
über dem Hauptmann und Rittmeister. Im 

16. Jh. (1577 bei Henricpetri Generalhistorie 
181) aus glbd. mayor des spanischen Heer- 
wesens, 1617 im Teutsch. Michel 10 als Mode- 
wort (im 17. Jh. sMchMajeur), statt der frühern 
Benennung Oberstwachtmeister, die als Höf- 
lichkeitsform noch im 19. Jh. gebraucht wurde. 
Span, mayor m. von lat. maior « größer». ZUS. 
Majörsecke, f., bei Ladend. Beleg von 1873. 

Majoran, Meiran, (so öst. ausschließlich) 

m. (-S, PI. -e): die Gewürzpflanze origanum 
majorana. Mhd. im 14. Jh. maiorän m. (Voc. 
opt.Nr.43, 133), später auch mayor an, matjeron, 
meyrone, meyron, spätahd. maiolan (vgl. ZfdW. 
6, 188), aus der mlat. Benennung majorana f., 
einer Umbildung des gr.-lat. Namens der Pflanze 
amaracus m. f., amaracum n. und (mit An- 
knüpfung an maior) maioracus m., gr.d|udpaKoc 
m. und djacxpaKov n. Im Mhd. (vielleicht im 
Gedanken an meie, meige «Mai») umgebildet 
in meigramme m., noch bayr. Maigram m. 
Ndl. 1598 bei Kilian maioleyne, magheleyne, 
margheleyne, frz. marjolaine f., engl, marjoram 
«Majoran». Im gewöhnlichen Leben betont 
man seit dem 17. Jh. Majoran, Meiran. 

Majorat, n. {-[e]s, PI. -e): das Vorzugs- 
recht des Ältesten, dann das nur auf den 
Ältesten vererbhche Familieugut. Im 17. Jh. 
aus glbd. mlat. majoratus m., von lat. maior 
«größer, älter». ZUS. Majorätsherr, m. 

majorenn, adj.: großjährig, mündig. In 
lat. Form 1703 bei Wächtler. Aus glbd. 
mlat. major ennis, von lat. mäior «gi-öJ3er, 
älter» u. annus m. «Jahr». Davon Majoren- 
nität, f., 1703 bei Wächtler nach nlat. ma- 
jor ennitas f. (Nehring 1694). 

Majorität, f. (PI. -en): die Stimmenmehr- 
heit. 1791 bei Roth. Aus mlat. majoritas f. 
«überwiegende Größe», von lat. mäior «größr». 

Majuskel, f. (PI. -en): großer Buchstabe. 
Aus mlaX.majuscula (näml. litera «Buchstabe»), 
dem F. des lat. Adj. maiusculus «etwas größen>, 
Dim. von mäior «größer». Vgl. Minuskel. 

Weig and, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. n. Bd. 



Makadam, m. n. (bayr. nur n.) {-s, PI. -e): 
eine nach dem von Mac Adam (1756 — 1836) 
erfundnen System gebaute Landstraßendecke. 

Makel, m. (-s, PI. wie Sg.) : verunreinigen- 
der Fleck, unschön Machendes. Mhd. bei 
Frauenlob von Adams Sündenfall. Aus lat. 
macula f. «Flecken, Schandfleck» (vgl. ^3£al). 
Bei Frisch 1741 F., bei Stieler 1691 Ntr. ZUS 
makellos, adj., 1776 bei Maler Müller 2, 184. 

^mäkeln, v.: kleinlich tadeln, bekritteln. 
1769 bei Herder krit. Wälder 2, 12 mäckeln, 
aus glbd. nd. mäkeln, das sich durch Beob- 
achtung des Feilschens u. Kritteins der Makler 
aus '^mäkeln entwickelt hat (bei Goethe26,176 
markten und m.). ABL. Mäkelei, f., bei 
Schiller (an Goethe 5, 15) Mäckeley. Mäkler, 
m.: Krittler, nd. mäkeler. 

^mäkelu, makein, v.: den Unterhändler 
machen, Maklergeschäfte treiben. 1691 bei 
Stieler mäkelen, aus glbd. nd. mäkeln, ndl. 
makelen, bei Kilian 1598 maeckelen, zu nd. 
7naken «machen». Mäkler, Makler, m. 
(-5, PI. wie Sg.): Unterhändler. 1691 bei 
Stieler Mäkler neben Mäker (auch bei Schottel 
1663 Mäkker), 1663 bei Schupp 206 Makeler, 
1647 bei Olearius pers. Reis. 3, 14 Meckler, 
1650 bei Moscherosch Phil. 1,B84: Mackler; dazu 
1477 clev. makelare, mekeler, mnd. mekeler, 
makeler, ndl. 1598 maeckelaer, auch obd. 1470 
mecheler m. «Unterkäufer, Mäkler» u. mechelei. 
«Kupplerin». Von machen, mnd. maken nebst 
maker, meker m. «Macher» (s. d.). 

Makkaröui, PI.: gerollte Nudeln. Aus 
glbd. venez. PI. macaroni, ital. maccherone m. 
«Fadennudel», von ital. maccare «quetschen, 
kneten». Im 18. Jh. Vgl. Makrone. 

makkaroniscll , adj., in makkaronische 
Poesie: Poesie in lateinischer Sprache, ver- 
setzt mit Wörtern einer andern Sprache, 
die lateinisch gebeugt werden. Name (nach 
den macaroni, der Leibspeise der Italiener, 
vornehmlich der Landleute, s. Makkaroni, 
daher 1582 bei Fischart Garg. 31 Nuttelverse 
d. h. «Nudelverse») und Poesie aus Italien, 
wo der Paduaner Typhis Odaxius (Tifi degli 
Odasi t 1488) als Erfinder dieser Dichtart 
sein Carmen macaronicum herausgab. Die 
erste Anwendung in Deutschland 1494 bei 
Brant Narr. 52, 34 u. 1527 bei Mumer Ketzer- 
kalender (Scheibles Kloster 10, 207), das erste 
makkaronische Gedicht bei uns ist ein 1546—50 
gedichtetes Pasquill (Gödeke Gr.^ 2, 511). 

Makrele, f. (PI. -n) : der Heringe fressende 
Seefisch scomber scombrus; im Binnenlande 

8 



119 



mampfen 



Mandelkrähe 



120 



lieber Elefant. Bei Pfeffel poet. Yers. 9, 100 
vom Jahre 1803 Manimuih m., 1838 bei Oken 
7, 1182 Mammont, nicht Mammuth. Aus russ. 
maniont, wie der Russe Lndloff das Riesentier 
1696 zuerst benannt hat nach der einheimischen 
Bezeichnuncr der Jakuten und Tuncrusen. 

mampfen, v.: undeutliche Laute hören 
lassen, eig, mit vollem Mund, Bei Klopstock 
2.gi'amm. Gespräch. Vgl. mummeln, mump fein. 

Mamsell, f. (PI. -s, -m). Im 18. Jh. 
(Geliert 3, 13, Lessing 1, 384) nach frz. Sitte 
ehrende Bezeichnung junger bürgerl. Mädchen, 
gekürzt aus frz. mademoiselle f. «Fräulein», 
eig. «mein Fräulein». Jetzt «Dienstmädchen, 
das über den andern Mädchen steht, Leiterin 
des Milch- u. Hauswesens auf Gütern». 

^nian, Pronomen der 8. Person, durch 
das ohne Bezug auf ein bestimmtes Subjekt 
ausgesagt werden soll, was zugleich von 
mehreren Personen gelten kann. Ebenso steht 
schon im Mhd. der man, ein man u. bloßes 
man, im nächsten Satze darauf bezügliches 
er, im Ahd.-Asächs.-Ags. man, eig. «irgend- 
ein Mensch». Im Got. ist das Subst. manna 
nur mit der Verneinung ni «niemand» pro- 
nominal gebraucht. Ebenso frz. on, afrz. om 
«man», aus afrz. hom, lat. Iiomo «Mensch». 

"^man: nur, aber. Bei H. von Kleist zerbr. 
Krug 7, aus dem nd. Volksmunde, mnd. men, 
man «nur, sondern», dän.-schwed. men «son- 
dern, aber», entstanden aus asächs. neivan 
«außer», mhd.-ahd. ni-^van «nichts als, nui-». 
ivan ist Ntr. eines Adj. ivan «fehlend». 

manch, adj.: der eine und andre, bes. von 
vielen. Bei Luther manch nach dem Md., mhd. 
manec, manic, manc, daneben maneg, manig, 
umgelautet menic, menig, md. manich, manch, 
ahd. manag; dazu asächs. manag, maneg, mnd. 
mannich, mennich, ndl. menig, afries. manich, 
monich, ags. manig, monig, mcenig, engl, many, 
anord. mangr, gew. margr, got. manags «viel», 
im Mhd. schon der heutige unbestimmte pro- 
nominale Begriff, ürverw. mit abg. münogü 
«viel», air. menic «häufig». Vgl. mannig, 
Menge. ABL. mancherlei, eig. zusammen- 
gerückte Gen. PI. (s. -lei), mhd. maniger leie(n), 
im Voc. ex quo 1469 mancherley. manchmal, 
adv., eig. Akk. Sg., bei Luther (Mark. 7, 3). 

Mandarin, m. {-s u. -en, PI, -e[wj): chine- 
sischer höhrer Staatsbeamter. 1694 bei Nehring. 
Aus glbd. port. mandarin m. (woher auch ital. 
mandarino, frz. mandarin), von aind. mantrin- 
«Ratgeber» zu mantra- «Rat», aber offenbar j 
angelehnt an lat. mandäre (s. Mandat). \ 



Mandarine, f. (PI. -n): kleine Apfelsine. 
Vielleicht zum vorigen. In neuster Zeit entl. 
aus glbd. frz. mandarine. 

Mandat, n. (s, PI. -e) -. Bevollmächtigung, 
obrigkeitliche Verordnung. 1504 bei Liliencron 
2, 496, 101. Aus lat. mandätum n. «Auftrag, 
kaiserlicher Befehl», von lat. mandäre «auf- 
tragen, anbefehlen, bestellen». Mandatar, m. 
(-S, PI. -e): Bevollmächtigter, 1571 bei Rot 
Mandatari, aus lat. mandätärius m. 

Mande, f. (PI. -n): Korb ohne Henkel. 
Md. u. nd. 1691 bei Stieler Mand, Mann m., 
mnd.-mndl. u. 1477 clev. mande f., 1495 in der 
Kölner Gemma F2^ mande u. C8'' mandekijn, 
in der Hagenauer 1510 mun, 1540 bei Alberus 
Manne, mrhein. u. wetterau. Mahne f., auch 
Mahnde, westerwäld. Mahnt, aachen. Mange f. ; 
dazu ags. mand, mond f., engl, mand, maund 
«Handkorb». Aus dem Germ. entl. irz. manne 
(pikard. mande) f. «Korb». 

^Mandel, f. (PI. -n), östr. auch m. {-s, PI. 
-[%]): aufgesetzter Haufen von 15 Getreide- 
garben; Zahl von 15 Stück. In der 1. Bed, 
bei Luther Mandel m. (Ruth 3, 7) u. 1562 bei 
Mathesius Sar. 238*^ als Ntr. (auch bei Müller 
Siegfr. V. Lindenb. 1, 117 und Gotter Esther 
2, 6), im 15. Jh. mandel, mantel, aber schon 
mlat. 1242 mandala f. (aus Cambray); in der 
2. Bed. 1504 bei Liliencron 2, 509, 136 u. mnd. 
im 15. Jh. mandel, md. 1517 bei Trochus C3* 
als M. od. N. Dunklen Urspr, ABL. man- 
deln, V. intr.: Getreidemandeln ergeben (bei 
Voß); trans. in Mandeln setzen (1697 bei Be- 
sold Thesaurus 1, 660). 

-Mandel, f. (Pl.-w): die Frucht des Mandel- 
baums; dann nach der Ähnlichkeit die Hals- 
drüse (1574 bei Fischart Onomast. 391, aber 
mandelgeschwer Diefenb. gl. 586"^ aus Peypus 
nomencl.von 1530). Innrs-pr.'Bed. mhd.mandel 
f. m. (auch älternhd. Mask.), ahd.-and. mandala 
f., aus glbd. lat. amandula neben alt. amygdala, 
gr. d|nuY&ä\Ti f., woher auch ndl. amandel m., 
prov. amandola, ital. mandola, frz. amande f., 
engl, almond. ZUS. Mandelbaum, m., mhd. 
mandelboum m. Mandelherg, m.: zucker- 
hutartiges Backwerk von Mandeln, bei Roth 
1791. Mandelkern, m., mhd. mawde/Ä;ern(e)m. 
Mandelmilch, f., mhd. mandelmilch f. 

Mandelkrähe, f. : die blaue Krähe, coracias 
garrula. 1753 bei Zincke öcon. Lex. Der Name, 
weil der Vogel zur Erntezeit, wo die Mandeln 
(s. ^Mandel) auf dem Felde stehen, in Scharen 
zu uns kommt und sich gern auf diese setzt. 
Daher auch Gartenkrähe (bei Zincke). 



121 



Maudoline 



Manier 



122 



Mandoline, f.(Pl.-w)= kleines lautenai-tiges 
Tonwerkzeug mit 4 u. mehr Metallsaiten. Im 
18. Jh. Mandoline (Schiller an Goethe 1, 115), 
Mandolin, aus frz. mandoline f., von glbd. frz. 
mandole f. (neben alt. mandore), ital. mandola, 
mandora, im Volksmunde umgestaltet aus frz. 
pandore, ital. pandüra, pandöra f., wie span, , 
handola neben pandurria f. Diese aus glbd. 
gr.-spätlat. pandura, gr. TravboOpa f. 

Manege (spr. -eze), f. (PI. -n) : Reitbahn. 
Über glbd. frz. manege f. aus ital. maneggio. 
1791 bei Roth. j 

Manen, PI. : Geist, Seele eines Verstorbnen, 
im 18. Jh. bei Schüler u. Goethe, aber bei Opitz 
1, 109 in lat. Form, aus glbd. lat. manes PI. 

mang, adv. u. präp.: unter, zwischen. Nd. 
u. md. 1645 bei Zesen Ibrahim 1,477. Md. im 
14. Jh. manc u. imnanc (mit Dat.), im Sachsen- 
spiegel VoiT. 252 mang, mnd. mang, mank, 
manke(n)t, afries. mo7ig, asächs. an gimang «da- 
zwischen, darunter» (eig. Akk. von gimang n. 
«Schar, Haufen»), entspr. ags. on-(gre)wa??ör, ge- 
mang, amang, engl. among «darunter». S. mengen. 

Mange, f. (PI. -n) u. ^Mangel (östr. nur 
so), f. (PI. -n): GlättroUe für Wäsche, urspr. 
große, mit Steinen beschwerte Walze, in den 
Fabriken selbst von Pferden gezogen u. doppelt 
aufeinandergehend, zum Plätten, Glätten und 
Glänzend machen der Kattune u. Linnen (so 
noch 1755 bei Richey). Mhd. mange f., im 
12. Jh. mango m. «Maschine zum Schleudern 
von Steinen im Kriege», aus glbd. mlat. manga, 
mango, mangana f., älter manganum n., manga- 
nus m., von gr. \idff avov n. «Wurfmaschine». 
Durch niedei'schnellende Steinkästen schleu- 
derten diese Kriegswerkzeuge das Steinge- 
schoß ab (s. die Abbildungen bei Schultz höf. 
Leben " 2, 376 ff.), nach ihnen benannte man die 
mit Steinkästen beschwerten Glättmaschinen, 
-rollen, -walzen für Weberwaren, im dritten 
Viertel des 15. Jh. in Nürnberg mang f., u. 
später die Glättrolle für Wäsche, 1664 bei Duez 
Mange od. Mangelpreß f., 1715 bei Amaranthes 
Mangel u. Mandel f., was noch dial. fortlebt. 
ABL. mangeln, v.: mit d. Glättwalze glätten, 
1716 bei Ludwig mangeln u. mandeln, 1664 
bei Duez mangen, mangeln, mnd. mangeln, spät- 
md. im 15. Jh. mangen. 

-Mangel, m. (-5, PI. Mängel): das Fehlen. 
Mhd. mangel m. neben seltnem manc,mang m. f. 
(auch Gebrechen), mangeln, v.: nicht da 
sein, nicht haben, so daß ünvollkommenheit 
entsteht, mhd. mangel{e)n «Mangel leiden, 
entbehren, vermissen», ahd. mangolön, ndl. 



mangelen neben mhd. mangen, ahd. mangön 
«ermangeln, entbehren» und ahd. mir mengit 
«mir mangelt». Wohl urverw. mit lat. wancMS 
«verstümmelt, verkiüppelt, gebrechlich», lit. 
menkas «gering, schwach, nicht ausreichend», 
aind. jnm^fei/s «schwankend, schwächlich». Vgl. 
Zupitza 135. ABL. mangelhaft, adj., 1497 
mangelhafft (Weist. 2, 569). 

Mangfutter, n. : Futter aus untereinander 
gemengtem Getreide. 1691 bei Stieler. Zgs. 
mit Mang m. (bei Stieler), auch mengl. mang, 
mon^ «Mischung». Mangkorn, n,: gemengtes 
Getreide, 1457 thür. gemangkorn (Weist. 3, 623, 
zu mhd. gemanc m. «Gemenge»), mangalkorn 
Weist. 1, 677, mnd. mankkorn n. Vgl. meyigen. 

Mangold, m. (-s, PI. -e): das Rübenge- 
wächs beta vulgai-is, mhd. man{e)golt m. Un- 
erklärt. Ahd. kommt als Eigenname J/awagfo?d, 
Manigold, von ahd. manag «viel» u. waltan 
vor. Doch ist unklar, wie sich der Pflanzen- 
name dazu verhält. Entl. in ital. Mundarten 
komask. menegold, piemont. manigot. 

Manichäer, m. {-s, PL wie Sg.) : Schuld- 
fordrer. Studentenausdruck, 1707 bei Menantes 
588 Mahnichäer. ümged. aus lat. Manichoeus m. 
«Anhänger des Mani, der in Persien eine heid- 
nisch-christliche Sekte stiftete und 276 getötet 
wurde». Die Manichcei, mhd. Manachei, waren 
noch im Mittelalter als Ketzer verhaßt u. den 
Heiden u. Juden gleichgeachtet (vgl. Berthold 
V. Regensburg 1, 402, 15). 

Manie, f. (PI. -n): Wut, unbezwingbare 
Sucht wonach. Im 18. Jh. aus gr.-lat. mania, 
gr. laavia f. «Raserei, Wut, Gier», von gr. 
luaivecöai «rasen, wüten». 

Manier, f. (PI. -en): Behandlungs-, Hand- 
lungs-, Lebensart; gute Lebensart (1663 bei 
Schuppius 606); die dem Künstler eigentüm- 
liche Art zu arbeiten (1774 bei Sulzer, auch 
tadelnd im Gegensatze zur Natürlichkeit). 
Mhd.mawi'eref. «Weise», md.manire, ndrhein. 
im 13. Jh. maneir f., ältemhd. auch monier 
(Teuerdank 93% Ringwaldt 1. Wh. 98), munier 
(Franck Weltb. 228^). Aus frz. maniere, ital. 
maniera f. «Art u. Weise», eig. «Handhabung, 
Benehmen», vom lat. Adj. manuärius «zu den 
Händen gehörig», zu lat. manus f. «Hand». 
Die urspr. Bed. «Bewegung der Hände, Ge- 
bärdenspiel» noch in der Kölner Gemma 1511 
Jö"! gestus, eyn manijr off (od.) eyn ghelaet 
ABL. maniriert, adj.: gekünstelt, ver- 
künstelt (bei Kant und Winckelmann, auch 
maniert 111 A. bei Sulzer), manierlich, adj.: 
wohlgesittet, höflich, in der Kölner Gemma 



115 



Makro- 



malen 



116 



der Flußfisch cyprinus nasus, die Nase (Weist. 
2, 62 Ende des 15. Jh. macrele). In der 1. Bed. 
mhd. im 14. Jh. macrel (Voc. opt. Nr. 40, 39), 
aus mud, mackerele, ndl. 1598 mackereel, mlat. 
im 12. Jh. macarellus m., afrz. im 13. Jh. 
maquerel, nfranz. maquereau m. «Makrele». 

Makro- in einigen Zss., die Ende des 18. Jh. 
auftauchen; ist das gr. juaKpöc «groß». 

Makrone, f. (PI. -n): Zuckergebacknes aus 
Mandelteig. 1700 bei CastelU der PI. Macka- 
ronen. Aus glbd. irz.ynacaron m., von venezian. 
macarone «gerollte Nudel» (s. Makkaroni). 

Makulatur, f. : Schmutz- oder Packpapier. 
1516 bei Pinicianus GS*^ maculatur. Früher 
auch n. (Lessing 6, 10 u. 11, 662), bei Schottel 
1664 Macultur u. bei Stieler 1691 Makeltur n. 
Aus mlat, niaculatura f., von lat. inaculäre 
«fleckig machen, beflecken», zu lat. niacula f. 
«Flecken» (s. Makel). 

^Mal, n. (-[e]s, PI. -e und Maler): Er- 
kennungszeichen, Ziel-, Grrenzzeichen; Zeit- 
punkt. Mhd.-ahd. mal n. «ausgezeichneter 
Punkt dem Orte wie der Zeit nach, Zeichen, 
Zeitpunkt, Abschnitt u. Wechsel der Zeit», 
im Mhd. auch «Zielpunkt, Zierat (bes. an der 
Rüstung), Grenzzeichen, bestimmte Essenszeit, 
Mahlzeit, Gastmahl (s. -Mahl), Erkennungs- 
zeichen, Merkmal, obrigkeitliches Merkzeichen, 
Stempel, Fleck» (s.'Mal); dazu asächs. mä^ n. 
«Zeichen, Bild» (in hötidmäl), ags. mcßl, mal 
n., anord. mal n. v<Maß, Zeichen, Zeitpunkt, 
Zeit, Mahlzeit, Zeichen auf der Schwertklinge, 
Schwert», schwed. mal, dän. maal, got. mel n. 
«Zeitpunkt, Zeitteil, Zeit», im PI. mela «Buch- 
stabenzeichen, Schrift». Kaum zu der Wz. 
me« messen», da die urspr. Bedeutung «Punkt, 
Fleck» ist. Viel eher zu lat. macula f. «Flecken», 
vielleicht auch zu ^Mahl, also aus *medl6m. 
Literatur bei Walde. An die Bed. « Zeitpunkt» 
schließen sich die Verbindung, wie ahd.mwewto 
male «einmal», ze andermo male «zum zweiten 
Mal», ze male «zumal», im Dat. PI. ze drin 
malen «dreimal» und manigen malen «manches 
Mal», mhd. eines mdles «zu einem Zeitpunkte, 
einstmals», e mäles «ehemals» (der Gen. ab- 
hängig von der Präp. e), sint dem male «sinte- 
mal», im 15. Jh. (Voc. theut. 1482) funfmalen, 
viermahl (Dat. PI.) u. gekürzt acht-, hundert- 
mal, nhd. dermalen (eig. Gen. PI.). ABL. 
mali^ in einmalig, bildete sich erst im 17, Jh. 
ZUS. Malstatt, f.: Zielstatt, Ziel (Bürger 
121), 1482 im Voc. theut. t5> malstatt, mal, 
zyl, zyhnaß, (lat.) meta «Bauplatz (zu einer 
Pfarrkirche)» 1483 bei Mone Anz. 7, 309. Ver- 



schieden von Mahlstatt (s. d.). Malstein, m.: 
Grenzstein (spätmhd. im 15. Jh.); Gedenk- 
stein (bei Luther 3. Mos. 26, i). Malzeichen, 
n.: Kennzeichen, Denkzeichen, Wundmal (bei 
Luther Gal. 6, 17). 

^Mal, n. (-[e]s, PI. -e u. Maler): Flecken, 
verunstaltende Stelle. 1469 im Voc. ex quo 
mal, fleck, (lat.) menda, mhd. u. ahd. mal n, 
(davon ahd. anamäli f., frühnhd. anmal n., 
noch Schweiz. Ammal n. «Narbe, Flecken, 
Muttermal»), ist eins mit Mal n. «Zeichen» 
(s. ^Mal), ist aber verdrängend eingetreten 
für das in seinem ürspx'ung völlig verschiedne 
m.h.d.-ahd. meil n. «Flecken, Mal», bes. «Wund- 
mal, sittliche Befleckung, Sünde», got. mail 
«Runzel», noch th-ol. Mail n. «Mal, Makel», 
ags. mal n., engl, mole «Muttermal» neben 
dem Fem, mhd, meile, ahd, meila, noch bayr, 
Mailenf. «Fleck, Mal», Vielleicht nach ZfdA, 
42, 62 zu got. maitan «hauen» aus *maitl6-. 

Malachit, m. [-[e]s, PI. -e): Berggrün, 
kohlensaures Kupfererz. 1562 bei Mathesius 
Sar. Vorr. a7% aus glbd. mlat. malachites, gr, 
luaXaxixric m,, von gr, juaXdxri f, «Malve» (s, d,), 

Maläria,f.: Sumpffieber. Nach dem Ital. ge- 
bildet, eig. «schlechte Luft». Erst in neurerZeit, 

maledeien in vermaledeien: arg ver- 
wünschen, Mhd, vermaledii gen, im 15. Jh.) 
auch maledi(g)en, 1571 bei Rot maledeien, aus 
lat, maledwere «schmähen», eig, «Übles sagen. 
Böses anwünschen», woraus auch ital.maledire, 
frz. maudire. Vgl. benedeien. 

MaleflZ, n. {-es, PI. -e): Kriminalver- 
brechen, im altern Nhd. insbes. Zauberei, 
Hexerei. Mhd. malefiz n,, aus lat. maleficium n, 
«Übeltat, Frevel, Zauberei». 

malen, v, (Prät, )iialte, Part, gemalt): aus- 
bildend darstellen, mit Farben bestreichen, 
in Farben darstellen. Über die Schreibung 
s, mahlen. Mhd, malen «Zeichen machen, 
färben, bunt verzieren, mit Farben zeichnen, 
schminken, im Geiste entwei'fen, aufzeichnen, 
verzeichnen, schreiben», ahd, mdlön, malen 
«zeichnen, malen, nachbilden»; dazu asächs. 
mälon «mit dem Schwerte zeichnen, ver- 
wunden», and, mälon «malen, färben», (entl,) 
anord. mala «ausmalen, beschreiben» u. mcela 
«malen», got. meljan «schreiben». Von ahd. 
mal ü. «Zeichen», got. PI. mela «Schriftzeichen, 
Schrift» (s. ^Mal). RA. einem etwas malen 
«was er nicht wirklich haben kann», 1511 bei 
Keisersberg Granatapfel 90*^. Den Teufel an die 
Wand malen «Unheil prophezeien», 1520 bei 
Keisersberg NarrenschifF 77=^. ABL. Maler, 



117 



maliziös 



Mammnt 



118 



m., mhd. mäloere, mäler, md. mit Umlaut 
meler, ah.d.mcdari, mnd. maier, ynelerm.; dazu 
Malerei,f., 1595 beiAvrer4,2369,33 K.u.1641 
bei SchottelSlO aus AYeniin Mahler etj, nd. 1417 
melerie Diefenb. n. gl. 291 ^ ; Malerin, f., mhd. 
'niälerin(ne)i. (auch sich schminkende weibliche 
Person), u. malerisch, adj., 1691 bei Stieler. 

maliziös, adj.: boshaft, tückisch. 1728 bei 
Sperander malitios, 1703 bei Wächtler malicieu- ': 
sement, aus glbd. lat. malitiösus, frz. nialicieux, ! 
von lat. malitia, frz. nialice f. «Bosheit, Tücke». ! 

Mallepost, f. (Pl.-e«): Brieffelleisen, Brief- 
post. Aus frz. malle, ital.-span.-port. mala f. 
«Felleisen», von ahd. mal{a)ha, mhd. malhe f. 
«Ledertasche, Mantelsack, Reisesack», urverw. 
mit gl". Vio\'(6c m. «Sack von Rindsleder». 

malmen, v.: in kleine Teilchen zerreiben, 
üblicher zermalmen. Bei Luther zumalmen, 
1, 520* malmen u. Dan. 6, 24. Em md. Wort, 
das sich an got. malma m. «Sand», mhd. melm 
m. «Staub, Sand», md. Mulm m. «zerfallne 
Erde» u. mahlen (s. d.) anschließt; dafür mhd. 
zermaln, zermüln «zermalmen». 

Malstatt usw., s. ^Mal u. ^Mahl. 

Malter, m. n. (-s, PI. wie Sg.): großes 
Getreidemaß, in Preußen u. Sachsen 12 Scheffel, 
in Baden 1^/2 HektoKter, in Hessen 4 Simmer 
od. etwa 200 Pfund begreifend. Eig. soviel 
Getreide zum Mahlen als ein Mann eine Stiege 
hinauftragen kann (Reichssatzung von 1441 
bei Frisch), od. auch die Tracht, die der Mühl- 
gast auf einmal mahlen läßt (Schmeller- 1, 
1593). Mhd. malter, malder, ahd. malter n.; 
dazu and. maldar n. Von mahlen (s. d.). 
Übrigens bezeichnete mhdi. malter, mnd.malder 
D. auch eine Zahl von 30, 32 od. 64 Stück, 
im altern Nhd. ein Holzmaß von 2 EUen im 
Quadrat (Frisch 1741). 

malträtieren (öst. maltrai-), v.: mißhan- 
deln. 1791 bei Roth. Aus glhdAvz.maltr alter. 

Malyäsier, m. (-5) : köstlicher süßer Wein 
von der Stadt Napoli di Malvasia auf der 
Halbinsel Morea. ^Ihd.'malfasier, im 15. Jh. 
malmasier, im 14. Jh. vereinzelt malmasy, vgl. 
engl, malmsey. Der Ton liegt auf der zweiten 
Silbe des viersilbigen Wortes, im Volksmund 
aber auf der letzten des dreisilbig gesprochnen 
Wortes, wie schon bei Günther 646, Schei'ffer 
458, Zesen Helikon 2, 3, 9, Opitz 1, 162. 

Malye, f. (PI. -n): die Rosenpappel. 1546 
bei Bock 138* Malva, aus glbd. lat. malva, 
gr. laaXdxn f. 

Malz, n. (-es, PI. -e): zum Bierbrauen, 
Branntweinbrennen, Essigsieden durch Er- 



weichen zubereitetes Getreide. Mhd. -ahd. 
malz n.; dazu and.-engl.-anord.-schwed.-dän. 
malt, ndl. mout, ags. mealt, malt n.; aus dem 
Germ. entl. frz. malt m. «Malz», finn. maltas, 
abg. mlato, apreuß. piivamaltan. Gleichen 
Stammes wie ags.meltan, engl. me?^ «schmelzen, 
weich werden, sich auflösen» (urverw. mit 
gr. |u^\b€iv «erweichen, schmelzen machen», 
aind. mardati «reibt, zerreibt», mrdüs «weich, 
zart, träge»), wozu das mhd.-ahd, Adj. malz 
«hinschmelzend, kraftlos», anord. ynaltr «ver- 
fault, verdorben» (vgl. schmelzen). Anders 
Btr. 20, 40. ABL. malzen, auch mälzen 

(nicht öst.-bayr.), v.: Malz bereiten, zu Malz 
dörren, mhd. malzen, melzen; dazu and.meltian, 
anord. melta «malzen». Mälzer, m.: das 
Malzgeschäft besorgender Brauknecht, spät- 
mhd. malzer, nielzer, and. malteri m. ZUS. 
Malzdarre, f. : im Brauhaus Hürde od. Raum 
zum Dörren des Malzes, 1741 bei Frisch. 

Mama, f. (PI. -s): Mutter. Mit der Auf- 
nahme französischer Sitte im 17. Jh. üblich 
geworden u. allmählich aus der Kindersprache 
ins gemeine Leben gedrungen, 1711 bei Räd- 
lein Vorr. 11 u. 1716 bei Ludwig Mama! aus 
glbd. frz. maman, span. mama f. Aber 1691 
bei Stieler Mamma u. Mamme mit deutscher 
Betonung auf der ersten Silbe. Denn schon 
früher als Naturlaut der lallenden Kinder 
mamme, mam, memme «Mutterbrust» im 15. Jh. 

, bei Diefenbach gl. 345«, 1578 bei Fischart 
3, 205, 65 Kz. Memm, bei Rot 1571 Mäm u. 
bei Heupold 1620 Mam «Mutter», 1536 bei 
Rebhun Susanna 3, 3 lieh memmelein, entspr. 
lat. mamma f. « Mutterbnist, (als Ausdnick 
kleiner Kinder) Mutter» (s. Memme). 

Mameluck, m. {-en, PI. -en) : von christ- 
lichen Eltern geborner, aber im mohammeda- 
nisch. Glauben erzogner Leibwächter (Sklave) 
des ägyptischen Sultans ; Glaubensabtrünniger ; 
Schandbube, Treuloser, Heuchler. In 1. Bed. 
1497 bei Harff Pilgerfahrt 156, 22 mamme- 
loicke m. (diese ägyptische Leibwache ent- 
stand im 13. Jh. u. wurde 1811 vernichtet); 
in 2. Bed. 1519 Mamalugk (ZfdA. 5, 261) u. 
1539 bei Alberus wädder Jörg Witzeln; in 

' 3. Bed. bei Luther. Aus ital. mammalucco m., 
von arab. mamlük «Sklave». 

1 Mammon, m. (s) -. Reichtum an irdischem 
Gut. Bei Luther Matth. 6, 24 u. Luk. 16, 9 ff.) 
aus chaldäisch mämön, mammön, hebr. matmön 
«Schatz, Reichtum». Im Got. mammöna nach 

■ gr. Gen. lua^ijuvä. Dat. |ua|nujva, luafinujvä. 
Mammut, n. (-[e]s, PI. -s u. -e): m-welt- 

8* 



123 



Manifest 



Mann 



124 



1495 E 6* manierlich, in der Straßburger 1508 
f 2» manyrlich; davon Manierlichkeit, f., 
um 1500 manierlicheit (Diefenbach gl. 222^). 

Manifest, n. (-[c]s, Pl.-c): Staatserklärung, 
öflfentliche Recbtfertigungsschrift. 1648 bei 
Kemnitz scbwed. Krieg 1, 162^, aus glbd. mlat. 
manifestum, subst. Ntr. zum Adj. manifestus 
«handgreiflich, offenbar», von lat,wa)ms«Hand». 

Mann, m. (-[e]s, PI. Männer und bei Zäh- 
lung von Kriegern usw. Mann, aber in der 
Bed. «Vasallen» Mannen^. Mensch (noch in 
man, jedermann, jemand, niemand); Person 
männlichen Geschlechts in gesetztem, reiferm 
Alter; Verheirateter; Person männlichen Ge- 
schlechts in überwiegender Naturkraft oder 
geistiger, sittlicher Kraft ; Vasall, Lehnspflich- 
tiger. Mhd. man (Gen. man u. mannes, PI. man, 
manne u. («Lehensleute») mannen, im Voc. von 
1429 manner, md. im 15. Jh. menner, mender), 
ahd. man m. (Gen. man u. -nes, PI. man); dazu 
asächs. man, afries. man, mon, ags. man(n), monn, 
engl, man, anord. maär (Gen. manns, PI, menn, 
meär), schwed. man, dän. mand, got. manna m. 
(Gen. mans, Akk. PI. mannans u. mans). ür- 
verw. mit abg. mc^zi «Mann», aind. manu-, 
mänusa- m. «Mensch», Mänus als Name der 
Stammvater der Menschen u. erster Gesetz- 
geber, wie nach Tacitus Germ, 2 Mannus als 
Name des Urmenschen u. Vaters dreier Söhne, 
der Stammväter der Germanen, ABL. manu- 
l)ar,adj.: mannesfähig, heiratstähig, mhd,'maw- 
hoere «zeugungsfähig von weiblichen Personen», 
von männlichen manbar erst 1489 bei Schannat 
Fuldischer Lehen-Hof S. 331, 451 ; dazu Mann- 
barkeit, f., 1537 bei Dasypodius Jian&ar/ce?/^. 
Männchen, n.: kleiner Mann (1654 bei Ole- 
arius pers. ßosenthal 7, 14 Männichen); das 
männliche Tier (bei Hagedorn 2,156 Männchen, 
1664 bei Duez Männlein, bei Luther 2. Mos. 
12, 5 Menlin, mhd. im 14, Jh. männel n.); 
RA. Männchen machen «aufrecht auf den 
Hinterfüßen sitzen oder stehen» (1682 bei 
Tänzer Jagdgeheimnis 13); bei den Buch- 
druckern Männchen auf Männchen, wenn die 
Seiten der neuen Auflage eines Buches buch- 
staben- und zeilentreu mit denen der alten 
übereinstimmen (1494 bei Brant Narr. 103, 86 
mennlin umb mennlin). mannen, v.: einen 
Mann nehmen, heiraten, mhd. mannen, noch 
Schweiz, mannhaft, adj.: fest, standhaft 
wie ein Mann, tapfer, mhd. manhaft, auch 
manhaftic, ältenihd. manhafftig (Amos 2, 16); 
dazu Mannhaftigkeit, f., mhd. manhafti- 
keit f, Mannheit, f,: Mannestüchtigkeit, mhd. 



manheit f. männiglich, Pron.: jedermann. 
Nur noch bei Dichtern und im Kanzleistil. 
Mhd. männeglich, manne-, mennegelich, ahd. 
mannogilih, manniglich neben glbd. mannolih, 
mannilih, mhd. manlich, menlich. Aus mannö 
(Gen. PI. von man «Mann») und gilih «jeder» 
(s. gleich und jeglich), eig. «der Männer jeder». 
Männin, f.: vom Mann Stammende, seine 
Angehörige. Außer den Zss. Amt-, Haupf- 
männinnsw. nur noch altertümlich. Bei Luther 

1. Mos. 2, 23 Mennin, mhd. meninne, mennin f. 
(auch Mannweib), männisch, adj.: einem 
Mann angemessen (Schiller Mach. 1, 5). Mhd. 
mennisch «menschlich», d. h. als Mensch aus- 
sehend (s. Mensch), 1482 im Voc. theut, vi* 
«mannhaft,männlich», Männlein,m,: kleiner 
Mann, Zwerg, mhd. mennelin, ahd. mannilin, 
älternhd. auch Mändlin, Mendlein n. (s. Männ- 
chen), mannlich, adj,: kräftig und mutig 
als Mann, männlich, adj.: einem Manne 
geziemend, dem Charakter des Mannes gemäß ; 
männlichen Geschlechts (im 15. Jh. bei Diefenb, 
gl. 622^); stumpfschließend, vom Reime, nach 
frz. rime masculine (1657 beiHarsdörfferGespr. 

2, 240 mannliche Reimen, dafür 1571 bei Pusch- 
mann Meistergesang A 6^ stumpffe Reymen). 
Mhd. manlich, menlich, ahd. manlich «dem 
Manne geziemend, tapfer». Davon Männlich- 
keit, f,, spätmhd, im 15, Jh, manli{ch)keit f, 
«Tapferkeit», Mannschaft, f. (PI, -en): Ge- 
samtheit von Männern, insbes, zu Kriegs- 
zwecken usw, (Luther 1, Sam, 24, 3), mhd, 
manschafti. «Lehnshuldigung,-treue, -pflicht», 
im 14, Jh, «Gesamtheit der Mannen eines 
Herrn», Mannsen, n, (-S, PI. wie Sg.): 
Mannsperson (Goethe 1, 141, bei Rädlein 1711), 
auch kollektiv «die Männer» (1707 bei Schmidt 
Rockenphilosophie 4, 27), gekürzt aus älterm 
manns nam (Städtechron. 1, 374, 4 von 1427), 
Mannsname (Luther 2. Mos. 34, 23). — ZUS. 
a) mit Mann- : Mannlehen, n. (-s, PI, wie 
Sg,): in männlicher Nachkommenschaft ver- 
erbendes Lehen, mhd. manlehen n, 3Iann- 
weih, n,: Weib mit männlichen Benehmen 
oder männlicher Kraft (J, Paul Titan 3, 136); 
Zwitter (1653 bei Harsdörffer lust- u. lehrreiche 
Gesch. 2, 154). b) mit Manns: Manns- 
bild, n,: Mann, mhd. mannes bilde n. «Ge- 
stalt eines Mannes», dann «Mannsperson», bei 
ljui\\%v Mansbilde n. mannsdick, adj.: vom 
Umfange eines Mannes, bei Campe 1809. 
Mannsgeräte, n. : männlicher Anzug (Luther 
5. Mos. 22, 5). mannshoch, adj., bei Goethe 
13, 1, 142 (das Subst. mans hoechte f. «Manns- 



125 



Manna 



mantschen 



126 



höhe» zu Ende des 15. Jh. bei Hai-fF Pilger- 
fahrt 142, 34). Mannsmensch, m.: Manns- 
person, bei Voß Id. 6, 36 aus nd. Mamisminscli, 
-minscJie. Mannsperson, f., 1512beiReuchlin 
klare Verstentnus 3* maus per son. manns- 
toll, adj., mhd. mannes toi (Liedersaal 2, 
587, 91). Mannstreu, f.: die Pflanze eryn- 
gium, 1500 mansirihv bei Branschwyg Destil- 
lirung, benannt nach der Wirkung der Wurzel, 
welche zur Stärkung der Mannheit oder Zeu- 
gungskraft des Mannes gebraucht wurde. 
MannSYOlk, n., 1677 bei Butschky Pathmos 
304 das Mannes Volk. Mannszucht, f. 1551 
bei Schmeltzl Saul 5, 62 (Ndr.) Manzucht. 

Manna, n. (-s): ein gelber süßlicher Baum- 
saft (der Manna-Esche), der in kleinen durch- 
sichtigen Köi'nchen in Kalabrien und Sizilien 
gesammelt wird, in der Sinai- Wüste aber der 
dicke rötliche Saft, der aus den Spitzen des 
Strauches tamarix mannifera fließt. Mhd.-ahd. 
niannä n., ags.-got. manna, aus biblisch-gr.-lat. 
manna, von arab. mann, eig. «Geschenk, Gabe». 

mannbar, Männchen usw., s. Mann. 

mannig, adj., seltene Form für manch (s. d.) 
bei Goethe 1, 178; sonst nur in Zss. mannig- 
fach, adj., md. im 14. Jh. manicvacli. nian- 
nigfalt, adj., nur noch dichterisch, mhd. 
ma7iec-,manicvalt,ahd.manag-,7nanigfaU(AdY. 
ahä.majiacfalto, mhd. manecvalde) ; dazuasächs. 
managfald, ags. manigfeald, anord. margfaldr, 
got. managfalps «vielfältig»; dazu mannig- 
falten, v.: vervielfiütigen (bei Herder alt. 
Urkunde 1, 57), mhd. manecvalten, ahd. manac- 
falton und manacfaldan. mannigfaltig, adj ., 
mhd. manec-, manicvaltic, mayiicveltic , md. 
manicJivaldech, ahd. manag-, manac-, manig- 
faltig «vielfältig»; dazu Mannigfaltigkeit, f, 
mhd. mamcvaldicheit, -valtekeit f. [s. Mann. 

männiglich. Männin, Mannlehen usw. 

ManOTer, n. (-s, PI. wie Sg.): künstliche 
Wendung, Heer-, Schitfsschwenkung, Heeres- 
übung, Kunstgriif. Im 18. Jh. (bei Goethe 
Br. 3, 239 manoeuvres, 20, 178 Manöver) aus 
frz. manoeuvre f. «Hand, KunstgTÜf» usw., zgs. 
aus lat. manus f. «Hand» u. opera f. «Arbeit». 
manövrieren, v., im 18. Jh. (Goethe 33, 289 
manöuvriren) nach frz. munoeiivrer. 

Mansarde, f (PI. -n): Dachstube. Aus 
irz.mansarde f., urspr. «gebrochnes Dach», 1712 
bei Hübner «frantzösisches Dach ä la Mansarde», 
1717 bei Nehring Mansarde, benannt nach dem 
Erfinder, dem französischen Baumeister Fran- 
9ois Mansard (1598—1666). 

manschen, s. manischen. 



Mansch^ster, m.(-s): baumwollner Samt. 
Im 18. Jh. Erfunden in Manchester in England 
und zuerst dort gewoben, niansch^stem, 

adj.: aus Manschestersamt, 1778 in Stillings 
Wanderschaft 148. 

Manschette, f. (PI. -w): Handärmel, Hand- 
krause. 1703 bei Wächtler, aus glbd. frz. 
manchette f., von frz. manche f. «Ärmel», aus 
lat. manica f. «Ärmel», zu lat. manus f. «Hand». 
RA. Manschetten haben «Furcht haben», 1798 
bei Laukhard Schiida 1, 302, urspr. nach dem 
behutsam ängstlichen Auftreten des geputzten 
Manschettenträgers, die Manschetten zittern 
ihm, 1781 bei Fischer Burschiade 16. 

Mantel, m, (-s, PI. Mäntel): weites am 
Halse zusammengehaltnes Überkleid; verhül- 
lende Überdeckung woiliber; vorspringender 
Mauerteil über dem Kamin (1687 bei Hohberg 
1, 33^); Form zum Einguß (Schiller Glocke 
339, 1757 bei Eggers Kriegslex. 1, 500); von 
einem zusammengefalteten Stücke Tuch im 
Handel der vordere Teil, der durch die Pi-esse 
ein schönres Ansehen erhält und, um das 
Ganze geschlagen, zur Schau ausgelegt wird 
(1777 bei Adelung). Mhd. mantel, mandel m. 
(PI. mentel), md. auch «Schirm für Belage- 
rungswerkzeuge»,im 15. Jh. md. ma/z^iZ «äußere 
Bekleidung eines Gebäudes», ahd. mantal, 
mandal, mantil m.; dazu mnd.-ndl. mantel, 
afrs.-ags. mentel, anord. möttull m. Aus mlat. 
mantellus m., lat. manteUum, mantelum n., 
von Span. -lat. ma7if MW n., mantusm. «Mantel», 
woher auch span.-ital. manto, ital. mantello, 
frz. manteau m. RA. den M. nach dem Winde 
kehren, schon mhd. ZUS. Mantelkind, n.: 
uneheliches durch spätere Heirat legitimiertes 
Kind, eig. dadurch, daß die Mutter es bei 
der Trauung unter den Mantel nahm, 1686 
bei Speidel Speculum 2, 247, mnd. mantelkint. 
Mantelsack, m.: länglicher runder Reise- 
! sack zunächst zum Mitführen des Mantels zu 
I Pferde, 1514 bei Keisersberg Schiff d. Pen. 11 ^ 
'• mandelsack. Mantelstück, n. : von einem 
Tuchstück der Teil, an dem sich der Umschlag, 
i der Mantel befindet; (bildlich in der Wetterau) 
das Beste von Wertvollem. 

Mantllle (spr. -ilje), f. (PI. -n): leichter 
dünner Frauenumhang zum Staate. 1715 bei 
Amaranthes Mandille. Aus glbd. frz. man- 
tille f, von span. waw^t7Zaf «Schleiertuch der 
spanischen Frauen über den Kopf bis zum 
Gürtel», zu lat. mantum (s. Mantel). 

man(t)SChen, V.: durcheinander mengen, 
, bes. flüssige Speisen. 1691 bei Stieler wawsc/ie», 



127 



Manufaktur 



Maria 



128 



1711 bei Rädlein mantscJien, 1508 bei Alten- 
staig menschen, wohl nasalierte Nebenform 
von matschen (s. d.). ABL. Man(t)sclier, 
m., bei Stieler; Man(t)SClierei, f., 1778 bei 
Hermes Sopb. Eeisen 1, 420. 

Manufaktur, f. (PI. -en): Anstalt im 
Großen zur Anfertigung von Zeugwaren, Ge- 
wirken, Gewinden. 1663 bei Schuppius 58; 
dazu ndl. im 16. Jh. manufacture. Aus frz. 
und engl, manufacture f. «kunstgerechte Hand- 
arbeit und Werkhaus zu derselben als einer 
Ware», zgs. aus lat. manus f. «Hand» und 
factUra f. «Zubereitung», von facere «machen». 
Manuskript, n. (-[e]s, PI. -e): Handschrift, 
besond. eines Druckwerkes. 1703 bei Wächtler, 
aus mlat. manuscriptum n. «mit der (eignen) 
Hand Geschri ebnes». 

Mappe, f. (PI. -n): Papier-, Schriften-, 
Zeichentasche. 1741 bei Frisch die Umhüllung 
der Landkarten, früher die Landkarte selbst 
(1568 bei Mathesius Historia Christi 1, 95^ 
Mappe, 1571 bei Rot Map «Tischtuch, Land- 
tafel»), 1663 bei Schott el Charta davon man 
das geschriebene wieder abieschen kan. Von 
mlat. mappa mundi, frz. mappe-monde, ital. 
mappamondo «Weltkarte», zu lat. mappa f. 
«Vortuch bei Tische, Sei-viette». 

Marbel, Marbel, m. {-s, PI. wie Sg.): 
kleineSchnell-, Spielkugel der Kinder, Schusser. 
In Thüringen (1793 bei Reinwald) u. Schwaben, 
auch bayr. Marwel. Urspr. «Schusser aus 
Marmel (Marmor)», von Marbel, Marmel (1711 
bei Rädlein), spätmhd, märbel, marbel, älter 
marmel, mermel m. «Marmor». 

Märchen, s. Märe. 

Marder, m. (-s, PI. wie Sg.): das kleine 
Raubtier mustela; in neurer Zeit auch über- 
tragen Briefmarder. Mhd. marder, auch mader 
u. mart m. (noch md. Mard n.), ahd. mard&r m. ; 
dazu mnd. mar^(e), ags.mearß, anord.mördr m., 
schwed. märd, dän. maar{d). Aus dem Germ, 
sind ivz.mart,martre, ital. jnar^ora, pro v.marte, 
span.-port. marta f. «Marder», entl. Urspr. 
dunkel. Vgl. aber Bezz. Btr. 15, 130 u. Falk-Toi-p. 
J.BL.mar(Iern,adj.: aus Marderfell gemacht, 
mhd. marderin, merderm, märdertn, mederin. 

Mär(e), f. (PI. -n): Gerücht, Nachricht 
wovon; Erzählung einer Begebenheit, einer 
erdichteten Begebenheit; Erdichtetes. Nur 
noch altertümlich. Mhd. moRre f. u. n. «münd- 
liche Äußerung, Rede, Kunde, Erzählung, 
Dichtung, Ereignis», ahd. märi f. u. märi n. 
«Berühmtheit, Gerücht, Nachricht», afries. 
mere n. «Kunde». Vom Adj. mhd. mcere, ahd. 



märi «glänzend, herrlich, berühmt, bekannt»; 
dazu asächs. märi, ags. mcere, anord. mcerr, 
got. mers (in wailamers «gut berufen»), in 
altgerm. Personennamen -merus, -meris, -nia- 
rus, -marius, bei lat. Schriftstellern, slaw. 
-merü in Vladimerü «Waldemar», könnte aus 
dem Germ, stammen; urverw. dagegen sind 
kelt. -marus in Eigennamen wie Viridomarus, 
air. 7när, mör «groß», gr. -inujpoc in ^YX^ciiuiupoc 
«speerberühmt». Vgl. Btr, 15, 431. ABL. 
Märchen, n. (-s, PI. wie Sg.): Erzählung 
einer erdichteten Begebenheit od. zusammen- 
hängender Begebenheiten, bes. wunderbarer, 
Md. 1414 mergin «fabula», bei Diefenb. gl. 221 ^, 
bei Trochus 1517 Xl'^ enigma, ein retelmer- 
chen, bei Günther 499 Schivänck und Märchen, 
in der Bed. Dichtung als Gegensatz zu Wahi'- 
heit 1700 bei Elis. Charl. 2, 186 Mergen n.; 
davon märchenhaft, adj., bei Goethe 24, 154. 
Märlein, n., bei Luther Luk. 24, 11 Merlin, 
mhd moer{e)lin n. «Märchen, Erdichtetes. 

Marelle, f.(Pl.-%): Weichselkirsche, 1678 
bei Krämer, gekürzt aus Amarelle (s. d.). 
Vgl. Marille und Morelle. 

mären, v.: mischend rühren; schwätzen 
(1707 bei Menantes 238 beschwätzen). Mittel- 
deutsch, Mhd, mer{e)n «Brot in Wein oder 
Wasser tauchen und einweichen, es so essen, 
dann einbrocken, mischend, umrühren», mnd, 
nieren «Brot in Wein tunken»; 1466 inmeren 
«einbrocken» (Diefenb, nov. gl. 219*), noch 
wetterau. usw. einmähren «Backmehl mit 
Sauerteig mischen zur Gärung, um Brotteig 
zu bereiten»; bildlich 1429 im Lib. ord. rer. 23*^ 
einmeren «etw. einrühren, anstiften», Anf. des 
15. Jh. einmeren «beabsichtigen» (Diefenb. 
gl. 303*). Nach Heyne erst von Märte (s. d.) 
gebildet. 

Margarete, Frauenname. Mhd. Marga- 
rete, aus gr .-lat. Mar gar eta,Yon lat.margaritaf. 
und margaritum n., gr. |uapYapiTr)c m. «Perle», 
woher mhd. margarite, md. selten margarete f. 
«Perle», auch als Ehrenbezeichnung der Jung- 
frau Maria und der heil. Elisabeth, got. tnari- 
kreitus m. «Perle». Gekürzt Margret, Grete, 
Dim. Grefchen. 

Margen, auch Merg^ll, f. (PI. -en): Mäd- 
chen, Magd. Ostpreußisch. Im 17. Jh. bei 
Prätorius preuß. Schaubühne 113 P. Von lit. 
mergele, von lit.-altpreuß. mergä «Jungfrau». 

Marginale, n. (PI. -lien) : Randbemei-kung. 
Im 17. Jh. Das N. des nlat. Adj. margfmaZts« den 
Rand betreffend», von lat. margo m. f. «Rand», 

Maria (Gen. -s), Marie (Gen. -ns, PI. -w): 



129 



Marille 



Mark 



130 



Frauenname. IVHid. Maria, Mar ja, Mar je (Gen. 
-len, -Jen, Mergen), ahd. Maria, Marja (Gen. 
-tun, -jun), got. Maria, Marja, auch Mariam. 
Aus kirchlich gr.-lat. Maria, Maria, gr. Mapia 
u.in derSeptuagintaMapid,u,von hehr. Mirjä^n. 
ZUS. Marienbild, n.: Bild der Jungfrau 
Maria, der Mutter Jesu. Bei H. Sachs Maria- 
UM, Mergenbild. Marienfaden, m. und 
Mariengarn, n.: fliegender Sommer, nach 
der spinnend gedachten Jungfrau Maria be- 
nannt. Marienglas, n.: Gipskristall, 1777 
bei A.die\axio{s.Frauenglas). Mariengras, n.: 
weißer Klee, bei Adelung. Mariengroschen, 
m.: 8 Pfennige geltende Silbermünze mit dem 
Bilde der Jungfrau Maria, vom 16. bis ins 19. Jh. 
in Niedersachsen und Westfalen. Marien- 
käfer, m.: das rote schwarzpunktierte Käfer- 
chen coccinella,bei Adelung 1 777, auch J/an'ew- 
Mlbchen genannt. Marienpantoffel, m. und 
MarienSChuh, m.: die Pflanze cypripedium 
calceolus, 1777 hei Adelung Mnrienschuh, 1741 
bei Frisch Marienpantoffel, im 15. Jh. Marien 
schuchlin bei Diefenb. -Wülcker. Marien- 
rose, f. : die Pflanzen Ijchnis dioeca u. alba, 
Anfang des 15. Jh. Maria rosen bei Diefenb. 
nov. gl. 177'°, das dim. Märgenrößlin 1546 bei 
Bock 47^, Marienröslein 1712 bei Hübner. 

Marille, f. (PI. -w): Aprikose. 1605 bei 
Hulsius dict. Marille u. Morelle, 1644 bei 
Duez 30 Merille, Mellele, 1534 bei Cordus 
Marelle. Wahi-scheinlich umgestaltet aus glbd. 
ital. armellino m., u. dies aus armeniacum 
{inalum «armenischer Apfel»). Vgl. Marelle. 

Marine, f. (PI. -w): Seemacht, Flotte. 1712 
hei Hübner; 1708 bei Wächtler «das Seewesen, 
Seeverfassung». Aus glbd. frz. marine f., von 
dem substant. F. des lat. Adj. marlnus «das 
Meer angehend», zu lat. mare n. «Meer». 

marinieren, v.: in Essig mit Gewürz 
einmachen, eig. einen Seegeschmack geben. 
1678 bei Krämer mariniren, aus glbd. frz. 
mariner, ital. viarinare «einsalzen», von lat. 
viarlnus (s. Marine). 

Marionette, f. (PI. -«): an Drähten ge- 
zogne Theaterpuppe mit beweglichen Gliedern. 
1703 bei Wächtler. Aus glbd. frz. marionettet 
(bei Duez 1664 marionnette «Gaucklerspuppe»), I 
eig. «^lai-iechen», von frz. Marion. 

^Mark, f. (PI. -en): Grenze; Grenzland,' 
-proviuz; Unterabteilung eines Gaues; abge- 
grenzter Grund und Boden als Bezirk ; Gleich- 
berechtigten gemeinsam gehöriges geschloßnes 
Wald-, Weidegebiet. jVIhd. marke f., auch 
niarc(h) in den obigen Bed., ahd. marc(h)a f. 1 

Weig and, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. n. ßd. 



«Grenze»; dazu asächs. marca f. «Gebiet», ndl. 
markte) «Grenze, Grenzland», afrs. mer{i)ke f. 
«Grenze, Bezirk», ags. mearc f. «Grenze, Ziel, 
Gebiet» (engl, mark, marcli), anord. mörk f. 
(Gen. markar) «Wald» (große Wälder bildeten 
im Altertum oft Yölkerscheiden), schwed.- 
dän. mark, got. marka f. «Grenze». Urverw. 
mit lat. margo m. f. «Rand, Ende, Grenze», 
awest. mardzu- «Grenze», npers. marz «Land- 
strich», ir. mruig, hruig «Mark, Landschaft», 
kymr.-korn.-bret. hro «Gegend, Bezirk». Aus ♦ 
dem Germ. entl. ital. marca, span. marcha, 
frz. mar che f. «Grenze». ABL. Märker, m. 
(-S, PI. wie Sg.): aus emev Mark «Gebürtiger, 
Markbewohner; Berechtigter an einer Mark, 
einem Markwalde. Mhd. merker m. Dazu 
Märkerding, n.: Rüge-Gericht der versam- 
melten Märker (in der 2. Bed.), Forst- und 
Waldgericht, im 15. Jh. merkerding, zgs. mit 
mhd.-ahd. dinc n. «Gericht». Markung, f. 
(PI. -m): Grenzbestimmung, Grenze (spätmhd. 
markung, ahd. marcliunga f.); abgegrenztes 
Gebiet (im 16. Jh. bei Götz v.Berlichingen 225). 
Y gl. marken. ZCS. MarkgenoSSe, m.: Mit- 
berechtigter an einer Mark, einem Markwalde, 
1741 bei Frisch. Markgraf, m.: Fürst einer 
Mark, eines Grenzlandes, mhd. marcgräve, ahd. 
marcgrävo m. urspr. «königlicher Richter und 
Verwalter eines Grenzlandes»; davon Mark- 
gräfin, f., mhd. marcgrävinne, marcgrcevinne, 
im 12. Jh. marchgrevin f., und Markgraf- 
schaft, f., mhd. marcgräfscliaft f. Mark- 
scheide, f. (PI. -n): Grenzscheide, bes. zweier 
Zechen, mhd. marcscheide f.; davon Mark- 
scheider, m.: der eine Zeche abzugrenzen 
versteht, in der kursächs. Bergordnung von 
1554 Marckscheider, 1564 in der frier. Berg- 
ordnung 4, 4 Markschieder, Mitte des 14. Jh. 
im Iglauer Bergrecht S. 86 Tomaschek mar- 
scheider, S. 69 marckscheider. Markscheide- 
kunst, f.: Kunst, eine Zeche durch Vermes- 
sung über und unter der Erde abzugrenzen, 
die unterirdische Geometrie, 1686 Voigtel 
Marckscheide-Kunsf. Markstein, m. : Grenz- 
stein von Grund u. Boden, mhd. u. ahd. marc- 
stein m., and. marksten m. 

''Mark, f. (PI. wie Sg., schon mhd. Tristan 
8217 zwomarc): ein Gold- oder Silbergewicht 
von 24 Karat Gold, 16 Lot Silber (eine feine 
M. «eine Mark reines unvermischtes Gold od. 
Silber»); als Rechnungsmünze bis 1873 in 
Hamburg Mark Banko gleich 15, m Lübeck 
M. Courant gleich 12 preuß. Silbergroschen; 
im Reichsmünzgesetz vom 9. Juli 1873 die als 

9 



131 



Mark 



Markt 



132 



Rechnungseinheitsmünze bestimmte, ^/„ preuß. 
Taler oder 35 Kreuzer rhein. betragende Silber- 
münze, von welcher 90 ein Pfund wiegen. 
Mhd. marke, meist marc, frühmhd, march f. 
«ein halbes Pfund Goldes oder Silbers», dann 
Geld nach diesem Gewichte, um 1430 ein mark 
äa^ ist sechsunddrissig Schillinge Weist. 1, 511 
vom Untermain, 1477 clev. marck «12 Schil- 
linge»; dazu afries. merk f. «Gewicht von 
16 Lot», dann «Münze» anord. mörk f. «ein 
halbes Pfund Silber» (daher entl. ags. marc n.), 
mlat. im 9. Jh. marca f. aus dem Germ, 
entnommen. Eig. mit obrigkeitlichem Zeichen 
versehner Metallbarren, zu ahd. marcha f. 
«Bezeichnung, Aufschrift» (s. Marke). 

^Mark, n. (-[e]s, PI. ungewöhnlich -e): 
innre fette Masse der Knochenhöhlen; innre 
lockre Masse der Stämme, Äste, Stengel usw. 
(mhd. im 14. Jh.) ; saftiges Innres der Früchte 
(bei Frisch 1741); (nhd. bildl.) Nahrhaftes u. 
Bestes wovon (1. Mos. 45, 18); starke innre 
Kraft (Luther 6, 82'>). In der 1. Bed. mhd. 
marc n. (Gen. -ges), frühmhd. march, ahd. 
mar(a)g, mar(a)c n. (Gen. niar(a)ges); dazu 
and. marg, mnd. march, merch, ndl. marg, 
merg, afries. merg, merch n., ags. merg, mearh, 
mcerh n. m., engl, marrow, anord. mergr m., 
schwed. märg, dän. marv. ürverw. mit glbd. 
abg. mozgü m., apreuß. musgeno, aw. mazga-, 
aind, majjän- m. ABL. markicht, markig, 
adj.: voll Markes (beides 1691 bei Stieler, 
dafür ahd. marghaft, marachaß); kräftig (bei 
Wieland 6, 242 markig, bei Schiller 3, 580 
markigt), marklos, adj.: ohne Mark, ohne 
Kraft (bei Schiller Räuber 2, 2). 

markant, adj.: hervorstechend, auffallend. 
Aus glbd. frz. marquant, Part, von marquer, 
s. markieren. 1834 bei Petri. 

Markart, s. Markolf. 

Marke, f. (PI. -n): Handlungs-, Waren- 
zeichen; Rechenpfennig u. dgl. in Vertretung 
des Geldes beim Spiele ; Zeichen, Kennzeichen. 
Im 17. Jh. (1712 bei Hübner Marque) aus 
glbd. frz. marque, ital.-span. marca f., die aus 
dem Germ. entl. sind. Vgl. markieren. Das 
altgerman. Wort mhd. marc n. (Gen. -kes) 
«Zeichen», ahd. marcha f. «Bezeichnung, Auf- 
schrift» (dazu mnd. mark n,, ndl. 1598 marck, 
ags. mearc f., engl, mark, anord. mark n. 
«Zeichen») lebt noch in bayr. March n. und 
wird von Krämer 1678, Stielerl691 undLudwig 
1716 als Mark n. noch angeführt. 

marken, v.: abgrenzen, bezeichnen. Ahd. 
marc{h)ön «abgrenzen, bezeichnen, bestimmen. 



abschätzen», mhd. in he-, vermarken «durch 
Marksteine abgrenzen», nd. marken «kennzeich- 
nen», bes. Waren, ags. mmma^( «bezeichnen»» 
Von ahd. marcha (s. ^Mark u. Marke). 

Märker, s. ^Mark. 

Marketender, m. (-s, PI. wie Sg.): mit 
ins Feld ziehender Soldatenwirt. 1572 bei 
Fischart Großm. 14 Marckedenter, 1578 bei 
Fronsperger 113 Margedenter , bei H. Sachs 
Fab. 161, 15 Marckadant, bei Hortleder 705 
Mercatenter im kaiserlichen Heer 1547, aus 
ital. mercatante, m ercadante m. « Handelsmann », 
zu ital. mercato, lat. mercäiiis m. «Markt, 
Handel». Die volkstümliche Form Marketäner 
schon 1664: hei Daez als Mar ckedenner. ABL. 
Marketenderin, f., I74i bei Frisch. 

Markgenosse, Markgraf, s. '^Mark. 

markieren, V. : bezeichnen, kennzeichnen, 
stempeln; mit Nachdruck hervorheben. 1703 
bei Wächtler marquiren , aus frz. mar quer y 
von marque f. (s. Marke). Das Part. Prät. 
markiert: in scharfer Zeichnung hervor- 
stechend, von Gesichtszügen usw. 1834 bei Petri. 

Markise, f. (PI. -n) : rollbare Fensterdecke 
zum Schutz vor Sonnenschein, benannt nach 
der Marquise Pompadour (Rüdiger Zuwachs 
5, 146). 1773 bei Amaranthes^ Marquise. 

Markolf, m. {-s, PI. -e): der Nußhäher, 
Waldschreier, im mrhein. Voc. ex quo von 
1469 marckolffe, mnd. im 15. Jh. markolf, mndL 
1490 marcolf. Es ist der auf den Häher über- 
tragne ahd. Mannsname Marcholf Marculf, 
in der Bed. «Spötter» 1519 bei Murner Geuch- 
mat 3721 marckolff. Ähnlich heißt im Reineke 
Vos 15 u. 1777 der Häher Marquart (daher 
Markart in Goethes Reineke Fuchs), dies ist 
der ahd. Mannsname Marahwart, Marcwart, 

Markomänne, m. (-n, PI. -n), Name 
eines deutschen Volksstammes, zuerst bei 
Cäsar de bellö Gallico 1, 51 Marcomani. 

Marks, ndd. Form für Mark, entstanden 
aus dem Gen. 

Markscheider usw., s. ^Mark. 

Markt, m. (-[e]s, PI. Märkte): öffentliche 
Zusammenkunft von Kleinverkäufern und 
Käufern an bestimmtem Platz u. bestimmter 
Zeit zu Verkauf und Kauf; Platz, wo der 
Markt gehalten wird; Marktflecken; Markt- 
ware (Goethe 16, 15), Marktstück (bayr.-thür.). 
In diesen Bed. mhd. ynark{e)t m. (im 14 Jh. 
auch merket, margt, marcht mit dem PI. 
märgte, märcht, im 15 Jh. mark mit dem PI. 
merke, thür, im 15 Jh. mart), ahd. )warc(/i)a^ m. 
«Handelsmarkt, Marktplatz»; dazu and. mar- 



133 



Marmel 



Mars 



134 



hat m., ndl. markt, afrs. market, merket, engl. 
market, anord. markadr m., schwed. marknad, 
dän. marked. Aus lat. mercätus m. «Handel, 
Markt», von lat. mercäri «Handel treiben», 
zu lat. merx f. (Gen. -eis) «Ware», woher 
auch ital. mercato, frz. mar che m. «Markt». 
ABL. markten, v.: den Markt beziehen, 
Markt halten, Handel treiben zu Verkauf od. 
Kauf (noch bayr.); durch Handel Geld ein- 
nehmen (bei Luther 1, 142 b); bis ins Kleinliche 
handeln, feilschen (1557 bei Montanus Weg- 
kürzer Kp.8). Mhd. marketen «Handel treiben», 
1482 im Yoe. theut. t6^ marckten, älternhd. 
auch marken. ZUS. Marktflecken, m. : Ort 
mit dem Rechte, Markt zu halten, Anfang d. 
14. Jh. bei Ködiz 87, 24 marktfleck. Markt- 
helfer, m.: Gehilfe beim Packen und Fort- 
schaffen der Marktgüter, 1756 im Leipziger 
Avanturier 1, 47. Marktmeister, m.: Auf- 
seher über das städt. Marktwesen, im 13. Jh. 
»larcmeister bei Diefenb.-Wülcker. Markt- 
platz, m., 1716 bei Ludwig. Marktpreis, m., 
1731 bei Zmcke öcon. Lex. Marktschiff, n.: 
Schiff auf einem Fluß, um die Besucher des 
Wochenmarktes hin u. her zu führen, mhd. 
mark{e)t-, merktschif n. Marktschreier, 
m. : auf Märkten umherziehender, seine Ware 
od. Geschicklichkeit laut anpreisender Mann, 
Scharlatan, 1663 bei Schuppius 422 Marck- 
schreyer; dazu Marktschreierei, f. und 
marktschreierisch, beide 1734 b. Steinbach. 
Marktstück, n.: auf dem Markt gekauftes 
u. von diesem hergegebnes Geschenk. Markt- 
tag, m.: mhd.mark{et)tac m. MarktYOgt, m.: 
Marktmeister, 1701 Leipziger Stadtordn. 432. 

Marmel, m. (-s, PI. wie Sg.): Marmor. 
Bei Luther Marmel, bei Neukirch 1, 27 u. o. 
Marmol, mhd. marmel, merniel, ahd. marmul, 
einmal murmul m., mndl. marm&r. Aus lat. 
marmor n., gr. |udp|uapoc m., welches letzte 
zuerst Stein, Felsblock überhaupt bedeutet. 
Vgl. Marmor, Marbel. ABL. marmeln, 
adj.: marmorn (s. d.), mhd. marmelin, mer- 
melin. ZUS. Marmelsäule, f., bei Luther 
Mamielseule, mhd. marmel-, mermelsül f. 
Marmelstein, m., mhd. marmel-,mermelstein, 
fiühmhd. marmilstein; dazu ags. marm{an)- 
stän m.; dazu marmelsteiuern, adj., mhd. 
marmel-, märmelsteinin. 

Marmelade, f., (PI. -w): mit Zucker ver- 
dickter und in flache Schachteln usw. ge- 
gossener Saft von Früchten, 1626 bei Hulsius 
Schiff. 6, 27. Aus glbd. frz. marmelade f. 
(eig. Quittenmus) und dies aus span. merme- 



lada f., von gr.-lat. melimelum, gr. luieXi.uriXov n. : 
«Honigapfel, Quitte» (gr. ,u^\i n. «Honig» und 
ufjXov n. «Apfel»). Die Quitten kochte man 
nämlich mit Honig, wie später mit Zucker, 
zu einem dicken Safte ein. 

Marmor, m., (-s, PI. wie Sg.): harter, weiß- 
glänzender Kalkstein. Bei Luther Tob. 13, 21 
Marmor und um 1480 im Voc. ine. taut. y4^ 
das Adj. marmorsteinen ; dafür mhd. marmel, 
ahd. marmul (s. Marmel). Aus glbd. lat. 
marmor n., gr. indpuapoc m. ABL. mar- 
morn, ad., ahd. marmorin, marmerin, dafür 
mhd. marmelin, älternhd. marmeln (s. d.). 
marmorieren, v. : nach Marmorart bemalen, 
1728 bei Sperander marmoriren, bayr. mar- 
iveliern (s. Marbel), aus lat. marmoräre «mit 
Marmor überziehen». 

marode, adj.: nachzügelnd, abgemattet, 
entkräftet. Aus der Soldatensprache des 30- 
jähr. Krieges. 1664 bei Duez Marrodehruder, 
Freybeuter, 1669 im Simpl. Merode-Bruder. 
Nicht, wie dort angegeben, von dem aus dem 
30-jähr. Krieg bekannten Obersten v. Merode, 
sondern aus dem frz. militärischen Ausdruck 
marode f. «unerlaubte Plünderung durch Nach- 
zügler», von frz. maraiid, im 15. Jh. marault m. 
«Bettler, Taugenichts». Marodeur (spr. -c>r), 
m. (-S, PI. -e): plündernde Nachzügler, aus frz. 
marodeur m. marodieren, v.: als Nach- 
zügler (unter dem Scheine der Entkräftung) 
zuiückbleiben, um unerlaubterweise zu plün- 
dern oder Beute zu machen, 1757 in Eggers 
Kriegslex., aus glbd. frz. maroder, marauder. 

Marone, f. (PI. -n) -. die große edle Kastanie. 
1687 bei Hohberg 1, 579. Aus ital. marronem., 
franz. marron m., spätgr. udpaov n. 

Maroquin (spr. -fce), m. {-s, PI. -5-): nar- 
biges, gefärbtes Ziegenleder, Saffian. 1783 bei 
Jacobsson. Aus glbd. frz. »irtro^^m m. (1664 bei 
Duez niarroqiiin), eig. marokkanisches Leder. 

Marotte, f. (PI. -w): Nai-rheit, Grille; 
Lieblingstorheit. Bei Goethe an Schiller 5, 9. 
Aus glbd. frz. marotte «Puppe, Spielzeug, 
Steckenpferd», ursp. «Nan-enzepter mit einem 
Puppenkopfe», von fi'z. Marion «Mariechen», 
1 dann «kleines Mädchen» (vgl. Marionette). 

Marquis (spr. markl), m. (Gen. u. PI. 
wie Nom.) : ein Adelstitel in Frankreich, urspr. 
Markgraf. Mhd. markis m., aus frz. marquis, 
ital. marchese m., von mlat. marchensis m. 
«Markgi-af», eig. Adj. zu dem aus dem Germ, 
überkommenen mlat. marc{h)a f. (s. ''^Mark). 
Marquise, f. : Markgräfin, aus frz. marchise f. 
1 Mars, m. f. (Gen. -es, PI. -ein]): Mastkorb. 

9* 



135 



Marsch 



Marter 



136 



1734 bei Steinbach f., 1741 bei Frisch m., aus 
mnd. marse, merse{. «Mastkorb, Schiffsmast», 
mndJ. me{e)rse f., «Ware, Warenkorb, Korb». 
Aus lat. merces «Kaufwaren». ZTJS. Mars- 
segel, n. : das zweite über dem Mars befind- 
liche Segel des großen Mastes, 

^Marsch, m. {-es, PI. Märsche): Gang 
des Soldaten auf Befehl; Tonstück zur Be- 
gleitung dieses taktmäßigen Ganges. 1641 bei 
Harsdörfi"er Gespr. 2, 180 und 1663 bei Schottel 
Marsch «Heerzug, Zugordnung», 1644 bei 
Duez 205 der ieutsche Marsch, «germanicus 
gradus», 1631 bei Zincgref Apophth. 2, 27 
mar che «vom Trommler geschlagnes Marsch- 
stück», aus frz. marche «Gang, Tritt», eig. 
«Reise», woher schon mhd. warscÄe f. «Reise». 
S. marschieren. 

"Marsch, f. (PI. -en): fi-uchtbare Niede- 
i'ung an den Ufern des Meeres oder der 
Flüsse, bes. als Weideland benutzt. 1663 bei 
Schottel, aus dem Nd., mnd. mersch, ma(r)sch 
f., ostfries. ma(r)sk, 1477 clev. marsch; dazu 
mndl. mersche, maersche f. «Weideland», ags. 
mersc m., engl, marsh «Sumpf». Von mndl. 
mare, maar i. «Meer, großes Wasser, Kanal», 
asächs. meri, got, marei f. «Meer» (s.d.), ags. 
mere m. «Meer, großes, stehendes Gewässer, 
Sumpf», wie mlat. mariscus m. «Sumpf» zu 
lat. m,are n. «Meer». ZUS. Marschland, n., 
1663 bei Schuppius 683. 

marsch! Befehlswort zum Marschieren, 
gleichsam «vorwärts!» 1741 bei Fi-isch. Der 
frz.Imp. marche! «geh vorwärts!» von mar eher 
(s. marschieren). 

Marschall, m. (-s, V\.-älle): Würde des 
höchsten Hofbeamten oder Feldherrn; Stab- 
träger (Führer) bei öfi"entl. FeierHchkeit (sächs.- 
thür.). Im 17. Jh. Marschall u. Marschalck 
(bei Schuppius 243 u. 257), mhd. marschalc, 
älter marschalch, ahd. marahscalh m. (zsg. 
aus ahd. mar ah n. «Roß, Pferd», s. Mähre, 
und ahd. scalh, scalc m. «Diener, Knecht», 
s. Schalk), spätahd. auch marischal, marschal, 
marscal, latinisiert in den altd. Gesetzen (Lex 
salica u. Leges Alamannorum) mariscalcus m. 
«Pferdeknecht», dann «über eine Anzahl (bei 
d, Alemannen 12) Pferde gesetzter Diener», end- 
lich seit der Zeit d. sächs. Kaiser «ein vornehmer 
Hofbeamter, dem die Sorge für das heimische 
wie das fremde Gefolge zu Pferd u. dessen 
Herberge oblag, aber auch häufig Führung 
und Schutz der Nachhut im Kampfe als Be- 
fehlshaber der reisigen waffenfähigen Mann- 
schaft des Hofes, beim deutschen Orden der 



nächste Beamte nach dem Großkomtur, im 
16. und 17. Jh. der Reiteroberbefehlshaber» 
(1596 bei Fronsperger Kriegsb. 1,54* u. 1594 
bei Frischlin nomencl. 474 Feldmarschalck 
«magister equitum»), 1618 bei Weckherlin 
1, 131, 19 F. Marschalck als Übersetzung des 
frz. marechal m. «Obergeneral», das, selbst 
aus dem Ahd. entl., unter dem überwiegenden 
Einflüsse des französ. Heerwesens im 17. Jh. 
wiederum Form u. Bed. des deutsch. Wortes 
bestimmt hat. Ital.mamca?com. «Hufschmied» 
ist ebenfalls aus dem Ahd., maresciallo m. 
«Marschall» aber aus dem Franz. übernommen. 
ABL. Marschallin, f., mhd. marschalkin f. 
«Frau des Marschalls». ZUS. Marschall- 
amt, n., mhd. marschalcambet, -ampt n. 

marschieren, v.: in gemeßnem regel- 
rechten Schritt gehen, insbes. militärisch. 
1617 bei Wallhausen Corpus mil. 54, aus frz. 
mar eher «mit dem Fuße pressen, treten, gehen». 
Unsichrer Herkunft. 

Marschland, s. Marsch. 

Marseillaise (spr. -säjäz-), f.: die franz. 
Revolutions-, jetzt Nationalhymne. 1792 ge- 
dichtet. Eig. «das Lied von Marseille-». 

Marssegel, s. Mars. 

Marstall, m. (-s, PI. -stalle): zahlreiche 
Pferde enthaltender Stall eines hohen Herrn 
oder eines ansehnlichen Gemeinwesens, Mhd, 
mar{ch)stal m. «Pferdestall», zsg. aus ahd. 
mar ah n. «Pferd» (s. Mähre) u. stal «Stall». 

Märte, f. (PI. -n): Mischmasch, kalte 
Schale. Omd. 1691 bei Stieler Märte, Märde. 
Mhd. meräte, ahd. meräta, mer{e)da f. «Speise 
aus Flüssigem mit Brotbrocken gemischt, 
Abendmahl», neben glbd. mhd. mer(o)t, merod, 
ahd. merod, mered m. Nach Heyne WB. 
unter Mährte aus lat. merenda «Vesperbrot, 
Zwischenmahlzeit» durch die Klostersprache. 

Marter, f. (PI. -%): Blutzeugnis; Bedrängnis 
bis aufs Blut, Qual. In beiden Bed. mhd. 
marter(e), martel f. (auch Kreuz als Zeichen 
des Leidens Christi), ahd, martyra, martira, 
martera, martela f., aus dem kirchlichen gr.-lat, 
martyriwn, gr. luapxüpiov n. «Blutzeugnis für 
die Wahrheit der christlichen Religion», von 
gr. ludprup m. f. «Zeuge», (kirchlich) «Blut- 
zeuge» (s. Martyr). ABL. Märterer, m.: 
Blutzeuge, bei Wieland u, Uhland Märtrer, bei 
Luther Marterer, mhd. martercere, merterer, 
martelcere, marteler, merteler, ahd. martirari, 
martereri m., s. Märtyrer. Marterl, n. (-s, 
PI. wie Sg.): Gedenkzeichen an einen Un- 
glücksfall (tirol.-kärnt.). martern, v.: foltern. 



137 



Martha 



Maser 



138 



bis aufs Blut quälen, mhd, marter{e)n, marteln, \ 
ahd. martirön, martarön u, martolon «zum 
Märtyrer machen, quälen». ZTJS. Marter- 
"WOChe, f.: Karwoche, mhd, niarterwoche f. 

Martha, Frauenname, ahd. Martha, got. 
Marpa, aus dem biblisch-gr. Namen Map9oi, 
von aramäisch märtä «Herrin». 

martialisch, adj. : kampfmutig od. kriege- 
risch wild. 1601 bei Albertinus Kriegsleut 
"Weckuhr 2, 163^; 1571 bei Rot marfial; aber 
im 16. Jh. bei Paracelsus m. «auf den Planeten 
Mars bezüglich». Nach dem lat. Adj. martiälis 
«zum römischen Kriegsgotte gehörig». 

Martin, Mannsname, volkstümlich Märten, 
ältemhd. Merten, aus dem mlat. Namen Mar- 
tinus «Kriegerischer», von Mars (Gen. -tis), 
dem Namen des römischen Kriegsgottes. ZUS. 
Martinsgans, f.: auf Martinstag (11. Nov.) 
fällige Zinsgans, daim Gans, die am Vorabende 
des Martinstags als Festbraten verzehrt wird, 
bei H. Sachs [2, 4, 90^] die Mertens Gans, 1575 
bei Fischart Garg. 71 Martinsganß. 

Martyr, m. (-s, PI. -e): Blutzeuge. Bei 
Luther Martyr, ahd. martyr, and. martir, 
mhd. marter, merter, ags. martyr, martyre m., 
aus kirchlichem gr.-lat. martyr m. f. «Blut- 
zeuge», gl". ludpTuc, udpxup m. f. «Zeuge, 
Zeugin». ABL. Märtyrin, f.: Blutzeugin, 
Dulderin, neben Märtyrin im 16. Jh. Mär- 
tyrer, m. (-S, PI. wie Sg.): Blutzeuge, dann 
Schmerzensdulder, neben Märtyrer im 16. Jh. 
aufgekommne gelehrte Form für ältr. Marter er 
(s. d.), 1534 bei Franck Weltbuch 105 Martir er, 
ahd. martirari m. Märtyrerin, f., bei Klop- 
stock und Wieland. Märtyrertum, n. bei 
Goethe, Märtyrthum bei Schiller Maria Stuart 
1, 6, ahd. martartuom. 

Marunke, f. (PI. -n): Art kleiner gelber 
Aprikosen; große gelbe Eierpflaume. Thür.- 
obsächs.-schles. In der 2. Bed. 1598 bei Golems 
Hausbuch 5, 22 Maruncke, 1795 bei Nemnich 
Maronke, Malonke. Versuch einer Erkläning 
bei Schröder Streckf. 51. 

März, m. (-[e]s, PI. -e, ehedem und noch 
dichterisch Gen. -en, PI. -eti) : der dritte Monat 
im Jahre. Erst um die Mitte des 18. Jh. März, 
älternhd. Merz (Gen. und PI. Merzen), mhd. 
merz(e) m. (Gen. u. PI. merzen), im 15. .Jh. 
auch martze, ahd. merzo, marceo m., mnd. 
merze, marze, merte m., aus lat. Martins (mit 
Ergänzung von mensis m. «Monat») «der dem 
Kriegsgott Mars geheiligte Monat». Von Karl 
d. Gr. lenzinmänoth «Lenzmonat» genannt. 
ZUS. Märzbecher, m.: die Pflanze narcissus 



pseudonarcissus, 1731 bei Zincke öcon. Lex. 
Merzenheclier, 1561 bei Cordus Merzenhlunie. 
Märzenbier, n.-. im März gebrautes Lager- 
bier, mhd. merzbier n. Märzveilchen, n., 
1542 bei Fuchs Kräuterbuch Merzenveil. 

Marzipan, n. (-s, PI. -e): Zucker- und 
Mandelbrot. 1510 bei Tucher Haushaltbuch 78 
marczapan, 1513 bei Murmellius pappa 4* 
Martins panis, marcipaen, 1518 bei Pinicianus 
prompt. D 3^ martzepan, in den Leipziger 
Stadtrechnungen (mscr.) 1540/41 fol. 137 marci- 
pan, aus glbd. ital. marzapane m., span. maza- 
pan, frz. massepain m. Ältemhd. Mask. (1593 
bei Colenis Hausb. 3, 25 Martzipan, 1664 bei 
Duez MarzepaJm), 1678 bei Krämer und 1711 
bei Eädlein Marzepan als Ntr. Über die 
Herkunft vgl. Kluyver ZfdW. 6, 59. 

Masche, f. (PI. -n) -. Schlinge im Stricken 
usw. ; Schleife von Band oder Schnur (Mode- 
tracht des 18. Jh., 1715 bei Amaranthes). In 
der 1. Bed. mhd. masche, ahd. masca. masga f.; 
dazu and. maska f., masko m., mndl. maesche, 
nndl. maas f., ags. masc, max n., engl, mesh, 
anord. möskvi m., schwed. maska, dän. maske. 
Urverw. mit lit. mäzgas m. «Knoten», megsti 
(Präs. mezgü) «mit dichten Maschen stricken». 
yLBL.maschig, adj., 1691 b. Stieler maschicht. 

Mäschel, m. (-s): männlicher (auch weib- 
licher) Hanf. Obd. Vgl. Fimmel. 

Maschine, f. (PI. -n): die Hauptarbeit 
vemchtendes Triebwerk. 1716 bei Ludwig Jf. ; 
1675 bei Weise klügsten Leute 274 Machine, 
aus frz. machine f. «Kunstgerüste, Triebwerk», 
von glbd. gr.-lat. machina, gr. .urixavr) f. «künst- 
liches Hilfswerkzeug». ABL. Maschinerie, 

f.: Gesamtheit ineinander greifender Maschinen. 
1791 bei Roth. Maschinist, m. {-en, PI. -en): 
Arbeiter an Maschinen (Goethe 42, 2, 104). 

Masemätten, PI.: Geschäfte, Diebstahl 
mit Einbruch. 1737 in der Gaunersprache, 
aus hebr. missah nmittan «nehmen u. geben», 
einer RA., die füi* «Geschäft» schon im Alt- 
babylonischen vorkommt. 

Maser, f. (PI. -n), oberd. m. {-s, PI. wie 
Sg.): knon-en-, ademartige oder flammige 
Zeichnung von Natur im Holz, dann so von 
Natur gezeichnetes Holz selbst. Mhd.maserm., 
ahd. masar, masor m. «Knorren, Auswuchs 
\ am Holze (an Ahorn, Birken, Kirsch-, Nuß- 
bäumen u. dg].), Becher aus Holz mit Masern»; 
dazu ags. maser «Knoten im Holz» (engl. 
mazer «großer Becher» ist afrz. wiasere «Schale 
aus Ahomholz», das dem Germ, entstammt), 
anord. mösurr m. «Ahorn», schwed. mastir 



139 



Maske 



maßen 



140 



«masericMes, knorrichtes Holz», entlehnt afrz. 
mazre, madre «Ahorn», mit Adj. mazelin, mlat. 
viaserinns. Herkunft unsicher. Btr. 15, 519 
unwahrscheinlich zu gr. äop «Schwert» (aus 
Ahornholz) gestellt. Vielleicht zu gr. |Liib\u)i|; 
m. «Strieme» (aus *möslöps). Vgl. Idg. Forsch. 
13, 137. ABL. masericht, maserig, adj., 
mild, im 12. Jh. maserocht. masern, v.: 
Holz mit maserartiger Zeichnung versehen; 
refl. knoiTige Auswüchse bekommen, 1777 bei 
Adelung, s^täiahd. maseron «knorrig werden». 
Masern, PI. : Kinderkrankheit mit Ausschlag 
und roten Flecken, 1579 in Sibers Junius 31., 
1741 bei Frisch auch Masein, urspr. md. und 
nd. (dafür oberd. TJr schiächten, Fleckein) ; dazu 
ndl. 1598 maselen, ynaseren. Entsprechend 
mnd. masele, massele f. «roter juckender Haut- 
fleck, Pustel, Ausschlag, Grind», mhd. masel, 
ahd. masala f. «Blutgeschwulst». 

Maske, f. (PI. -w): falsches unkenntlich 
machendes Gesicht, unkenntlich machende 
Verkleidung. 1628beiZincgref Apophth. 1,329, 
bei Moscherosch, Grimmeishausen, Krämer 
usw. Masque, 1616 bei Albertinus Lucifer 292 
mascara, bayr.-schwäb. Maskere-, dazu ndl. 
1598 masche, mascke, nndl. und engl, masker. 
Aus frz. masque m., ital. maschera, span. 
mascara f., mlat. um 700 (in den langobard. 
Gesetzen) masca f. «Larve, Maske», von arab. 
mäs-chara «Possenreißerei», woher schon mhd. 
talmasge, ahd. talamasca f., mndl. talmasche 
«Larve, Schreckgesicht, Schreckgestalt». Mas- 
kerade, f. (PI. -n): Mummenschanz, Mum- 
merei, 1691 bei Stieler M., 1648 bei Weck- 
herlin 2, 450 Mascarade, 1593 bei H, J, von 
Braunschweig 248 Mascarada, aus glbd. frz. 
mascarade, ital. mascherata f., von ital. masche- 
rare «maskieren», maskieren, V.: vermum- 
men, 1716 bei Ludwig maskiren, 1669 bei 
Grimmeishausen Simpl. 304 vermasquiren. 

*Maß, f. (PI. wie Sg.): bestimmtes Wieviel 
einer Flüssigkeit, ^/g^ Eimer bayrisch, ^/g^ Ohm 
hessisch, aber auch von Beerenobst, Hülsen- 
früchten usw. Mhd. mäge f., seit dem 14. Jh. 
auch mä^ «das Wieviel einer Linie, eines 
Raumes, eines Gewichtes, einer Kraft, die 
bestimmte, zugemeßne Menge wovon, die 
Mitte zwischen zuviel und zuwenig, Vermei- 
dung des Zuviel, Mäßigung, anstandsvolle Be- 
scheidenheit, die Art und Weise», im 15. Jh. 
Schenkniaß (bei Rosenblüt, Altd. Blätter 1, 
402, 1, 17), ahd. mäga f. «das Wieviel einer 
Linie, eines Raumes, einer Ausdehnung u. dgl.», 
und in dieser Bed. noch nhd. bei Gryphius 



Trauersp. 1663 S. 366 und Goethe Faust 3769 
Maß f. Samt messen (s. d.) urverw. mit lat. 
modus m. «Maß, Art und Weise». 

"Maß, n. (-es, PI. -e) : das Wieviel in Raum, 
Gewicht, Zeit, Kraft; ab-, zugemeßne Menge; 
das, womit man die Größe im Räume mißt; 
Meßgefäß zu flüssigen und trocknen Dingen; 
der Inhalt dieses Meßgefäßes. Hervorgegangen 
aus einer Verschmelzung von mhd. mä^e f. 
(s. ^Maß) und mhd. (md.), ahd. mej n. «Maß- 
gefäß, Ziel, Art und Weise», daher geläufig 
bei Luther Mas n., mhd. im 13. Jh. waj n. 
« Meßgefäß »(Kaisei'chronik 3384 in derHeidelb. 
Hds.), dann auch «Inhalt des Meßgefäßes, Art 
und Weise»; dazu ndl. maat f. «Maß», anord. 
mäti m. «Art und Weise». 

Massäge (spr. -äze), f. (PI. -n): Heilver- 
fahren durch Kneten, Knetkur. Aus glbd. frz. 
massage m., abgel. von masser «kneten, mas- 
sieren-», u. dies wohl von arab. mass «betasten, 
berühren». In den 80er Jahren etwa entl. 

massakrieren, v.: niedermetzeln. 1643 
bei Harsdörfi'er Gespr. 3, 378 massacriren, aus 
glbd. frz. massacrer, ital. massacrare. 

Masse, f. (PI. -n) -. große verbundne Menge. 
Mhd. masse f. «ungestalteter Stofi", Menge, bes. 
dichte», wie Metallklumpen, ahd. massa f. 
«Stoff», aus lat. massa f. «Klumpen, zusammen- 
hangende Menge». ABL. massenhaft, adj., 
1809 bei Campe als neues Wort, massig, adj., 
1839 bei Immermann Münchh. 3, 189. ZUS. 
MaSSemÜhle, f.: in Thüringen Mühle zum 
Zermahlen der Porzellanerde, massenweise, 
adv., bei Goethe 1, 285 masseniveis. 

Maße, f. (PI. -w): messende Größe, Maß- 
einheit (im Bergbau); bestimmte räumliche 
Ausdehnung (l.Kön.6, 25; Hiob 28, 25) ; rechtes 
Maß mit Vermeidung des Zuviel (ilf. halten 
Sir. 33, 30 u. noch bei Goethe); Art u. Weise 
(Luther 3, 363 b). Auch in den Wendungen 
mit Maßen, über alle Maßen, älternhd. mit 
maße (Jer. 10, 24), vher die mas (1. Mos. 41, 49), 
vher alle mas (2. Kor. 4, 17), mhd, über mag; 
ferner in den genetiv. Verbindungen dermaßen, 
einiger-, gewisser-, solchermaßen, älternhd. auf 
gewisse Maße Schuppius 686; in gewisser 
Maaße Kant 8, 35, in solcher Maße Goethe 
27, 307. Mhd. mäge, ahd. mäga f. (s.Maßl). 

maßen, konj. : nach der Maße daß, indem, 
weil. Veralteter Ausdruck des Kanzleistils. 
1650 bei Harsdörffer Schauplatz lust-u. lehr- 
reicher Gesch. 1, 79, eig. Dat. PI. von Maße f. 
«Art U.Weise», schon mhd. mägen Adv. «mit 
Maßen, mäßig» u. auch der Dat. Sg. mäge. 



141 



Maßgabe 



Mast 



142 



Maßgabe, f. (PI. -n), 1727 bei AlevMaßgah. 
maßgebend, Part. Präs. von (das) Maß geben, 
um 1480 im Voc. theut. ni^ maßgehen. 

Maßholder, m. (s, PI. wie Sg.) : die Ahorn- 
art acer campestre. Mit Anlehnung an Holder 
(Holunder), 1537 bei Dasji^odius MaßhoJder- 
haum, 1539 bei Serranus Maßholder, aber mit 
betonter erster Silbe mhd. ma^alter f., daneben 
maplter, masolter und im 14. Jh. schon tnas- 
holter (Voc. opt. S. 47, 41, 55), ahd. mag(g)altra 
u. andre Formen (vgl. ZfdW. 2, 217) f., wor- 
aus durch Lautangleichung (It zu II) Maß- 
eller f. und (mit volkstümlicher Anknüpfung 
an Eller f. Erle) Maßerle f., beide Formen 
1731 bei Zincke öcon. Lex. Der zweite Be- 
standteil -der wie in Äfolter, Holunder, JVach- 
Jiolder; der erste ahd. mag^al- weist auf ui*- 
germ. vmtl, wogegen and. mapulder «Ahorn» 
(mapuldrin «ahornen»), ags. mapulder, mapul-. 
mapoltreow , engl, mapletree, maple, anord. 
möpurr m. «Ahorn», auf mapl zuiückgehen. 
mapl könnte unter Einwirkung des anlaut. 7n 
aus matl entstanden oder das zu erwartende 
ahd. maffal zu ma^^al geworden sein. 

mäßig, adj.: das Zuviel vermeidend; von 
untergeordneter Beschaffenheit (1734 bei Stein- 
bach); in Zss. «angemessen». Mhd. nue^ec, 
mm^ic, md. mepg «enthaltsam, von mäßiger 
Größe, klein, wenig, gemäß, angemessen, an- 
standsvoU», ahd. mägig «Maß haltend, von 
mäßiger Größe»; dazu ndl. ma(a)tig. ABL. 
mäßigen, v., mhd. mmzigen «abmessen, mäßi- 
gen», refl. «sich enthalten» (im 16. Jh. Zimm. 
Chron.^ 2, 591, 37); dazu 3Iäßigung, f., im 
15. Jh. messigunge (Diefenb. gl. 364<=). 3Iäßig- 
keit, f., mhd. mä^ikeit, md. me^ekeit f. 

massiT, adj.: groß und schwer (massen- 
haft), gewichtig, dicht, fest, derb; (bildlich) 
plump, ungeschliffen, zu derb. 1691 bei Stieler. 
Aus frz. massif «dicht, gediegen, stark», von 
lat. massa f. «Masse». 

Maßleid, m. (-s): Essensüberdmß, Wider- 
Aville gegen Speise aus Übergenuß, dann über- 
haupt Überdruß aus Übergenuß. In Schwaben 
und Baden. Mhd.-ahd. ma^leide f., anord. mat- 
leidi m. Zgs. aus ahd. mag n., anord. matr m., 
got, mats m. «Speise» u. mhd. leide, ahd. leida f. 
«Leid, Abneigung». ABL. maßleidig, adj.: 
satt, überdrüssig, unwillig, verdrießlich, obd., 
1537 bei Dasypodius maßleydig. 

Maßlieb (-[e].s, PI. -e), n., gebräuchlicher 
Maßliebchen, n., auch Maßliebe, f.: Xame 
mehi-erer Wiesenblumen, bes. des Gänse- 
blümchens, bellis perennis. 1419 maßleben bei 



Diefenb. nov. gl. 303^ 1517 bei Trochus L 2^ 
maßlib, 1691 bei Stieler Masliehgen, 1588 bei 
Tabemämontanus Maßblümlein, Madliehlen, 
ndrhein. 1495 in der Kölner Gemma W 4^ 
matelief, mndl. mateliefhloem , nndl. made-, 
matelieve, 1546 bei Bock 61^ «Maßliehen, im 
Bistumb Speier Massüsselem (im Register 
Maßliehlin); dazu aach. Mäsößche, nrhein. 
Matsößche, nd. 1420 7nede zuete bei Diefenb. 
gl. 541°, in der Deventerer Gemma 1500 yneed- 
soete, ndl. mayzoetje, endlich bei Diefenb. gl. 
541 c mayhvijß. Unerklärt. Vgl. KZ. 34, 380. 

Maßnahme, f. (PI. -n): Yerfahnmgsart, 
1839 bei Immennann Münchhausen 2, 78, eine 
junge kaum vor 1830 entstandne Bildung; da- 
für bei Wieland Maßnehmung f. Maßregel, f. 
(PI. -??), bei Lessing 2, 67 vom J. 1755; dazu 
maßregeln, V.: gegen einen Mißliebigen Maß- 
regeln der Verwaltung ausüben, die im Rechte 
nicht begiündet sind, Schlagwort seit etwa 
1840. Vgl. Ladendorf. Maßstab, m.: Stab, der 
ein Maß angibt, im 15. Jh. bei Tucher Bau- 
meisterb. 67, 2 moßstab; bildl. 1691 bei Stieler. 

MaSSOnei, f. (PI. -en): geschloßne Tisch- 
gesellschaft (Lessing 10, 303 f.). Altertümlich. 
Mhd. masseme, we5se?;fe f. «Hausgesinde eines 
fürstlichen HeiTn, Gefolge, Hofstaat, ritterliche 
Gesellschaft», aus glbd. mfrz. ma{i)snie f., von 
frz. maison f. «Haus», aus lat. mansio f. «Woh- 
nung, Herberge». 

"^3Iast, m. (-[e]s, PI. -en): Schiflsbaum zum 
Tragen der Segelstangen samt Segeln und der 
Taue. Mhd. mast m. Schiflsbaum», «Fahnen-, 
Sperrstange, ahd. mast m. «Mastbaum»; dazu 
clev. 1477, ndl. mast, ags. mcest, engl, mast, 
(entlehnt) anord. mastr m., schwed.-dän. mast 
«Schiffsbaum». Urverw. mit lat. malus m. 
«Mastbaum» (aus *mazdos). Dazu auch nir. 
maide «Stock», air. matan «Keule». Vgl. Walde 
s. V. u. Idg. Forsch. 22, 75. Aus dem Germ. entl. 
frühmlat. mastus, port. masto, mastro, span. 
mastil, prov.-afrz. mast, nfi'z. mät m. Der Plur. 
bei Fleming, Lohenstein, ühland 279 Mäste, 
1691 bei Stieler Masten. ABL. -mastig in 
ein-, dreimastig: einen Mast, drei Masten 
habend. ZUS. Mastbaum, m., mhd. mast-, 
)nashoum, ahd. mastpoum m. 3IastliOrb, m., 
1578 bei Fronsperger Kriegsbuch 218'', 1510 
nur Korb, dafür mhd. keihe f., mnd, marse f. 
(s. Mars). Vgl. Kluge ZfdW. 8, 34. 

2 3Iast, f. (PI. -en): Fettmachung; Futter 
zum Fettmachen. Mhd. mast m. f. n. «Fett- 
machung, Futter, Frucht, ergiebig gemachtes 
Land», ahd, mast «Mästung, Mastfutter»; dazu 



143 



Mastix 



Matrikel 



144 



ags. mcest m., eng-l. ynast «Eichel-, Buchecker- 
mast der Schweine». Urverw. mit aind. me- 
das n. «Fett», mir. mät f. «Schwein», mast, 
adj.: g-emcästet, fett, wohlbeleibt (Schiller 
Räuber 4, 5), 1544 bei Eyff Spiegel der Ge- 
sundheit 16^ mast, ahd. mast «iett», dafür mhd. 
gemast, gemest{et), ags. gemcest «gemästet». 
ABL. mästen, v. intr. : fett werden, als Mast 
anschlagen, mhd. mästen; dazu Mastung, f., 
im 15. Jh. mastunge f. mästen, v. trans.: 
fett machen, mhd. niesten (auch bildlich), ahd. 
niastan, ags. mcestan ; dazu Mästung, f., mhd, 
im 12. Jh. mestunge, spätahd. mastunga f. 
mastig, adj.: überaus wohlgenährt, 1541 bei 
Frisius 593^. ZUS. Mastdarm, m. : der After- 
darm, im Voc. ex quo 1469 niastdarm, sonst 
spätmhd. masäarm, im 16. u. 17. Jh. Maß- 
darm (Zimm. Chron.'^S, 423, 16; Froschmeus., 
Krämer 1678) wie mhd. magganc m. «After», 
zu mhd. maß n. «Speise». Ein verhüllender 
Ausdruck für mhd.-ahd. arsdarm m. Mast- 
OChse, m.: fettgemachter Ochse, ahd. mast- 
ohso u, mestohso m. Mastschwein, n., mhd, 
mastswln u. mest(e)sivmn. 

Mastix, m.: Harz des in den Mittelmeer- 
ländern "wachsenden Strauches pistacia len- 
tiscus. Im 16. Jh. bei Frisius u. Maaler Mastix, 
mhd. im 14. Jh. mastix m., aus glbd. mlat. 
mastix m,, gr.-lat. mastice, gr, luacxixn f, Spät- 
mhd. aber auch masting m. (Heilmittelbuch 
von 1400 in der Gießner Hdschr. Nr. 992 Bl.l 20 *), 
im 15. Jh. mastig, mastick, mast, mnd. mastic, 
mastich (Diefenb. gl. 350^), noch bei Luther 
Hesek.27, 17 u. 1664 bei Rachel 4,55 Mastichm. 

Masürka, (öst.-bayr.) Mazurka, f. (PI. 
Masurkas): Nationaltanz der Masuren, der 
Bewohner des polnischen Herzogtums Maso- 
vien. Schon um 1740 am Hofe Augusts HI. 
von Polen und Kursachsen, dann von neuem 
um 1840 in Mode gekommen. 

Matador, m. (-s, PI. -e): tüchtigster, her- 
vorragender Mann (Hagedorn poet. Werke 1, 
206) ; Haupttrumpf (Günther 786). Zu Anfang 
des 18. Jh. aus span. matador m, «Totschläger, 
Töter» (in Stierkämpfen), von span.-port,-prov, 
matar «schlachten, töten», lat. mactäre «töten», 

Matapfel, m.: Prinzapfel, eine Art fester 
Äpfel. 1798 bei Nemnich. 

Match (spr. matsch), m, (öst, auch) n, 
{-es): Wettkampf zwischen zweien. In neurer 
Zeit aus glbd. engl, iiiatch. 

Mater, f. (PI. -n)-. Matrize (s. d.). ABL. 
matern, v., Matrizen machen. 

Material, n. (-s, PI. -ien): Rohstoff, Gerät, 



Bedarf wozu. 1582 bei Rauwolff Reise Vorr. 
S. 6 materialien, bei H. Sachs. Fastn. 79, 173 
materialia. Aus dem subst. Ntr, (materiale) 
des lat. Ad}. 'mäteriälis «zum Stoffe gehörig», 
von lat, mäteria f, «Stoff», ^C/S. Material- 
handlung, f., Kaufmannsgeschäft mit Mate- 
rialwaren. Material wäre, f,, gewöhnlich 
im PL : Rohware, wie Gewürze, Kaffee, Farben 
usw., Haushaltungswaren. Materialist, m. 
{•en, PI. -en): Händler mit Materialwaren, 
Gewürzhändler (1579 in Sibers Junius, 1599 
bei Hulsius Schiff. 3, 19); Anhänger des Mate- 
rialismus, Geistesleugner (Wieland 11, 100,, 
Amaranthes^ 1773), 

Materie, f, (PI. -n): Stoff; Inhalt, Gegen- 
stand; Eiter. Whä.materje, materge, materif. 
«Stoff, Gegenstand», im 14, Jh. «Eiter», im 
12. Jh. matter ja, aus lat. mäteria f. «Stoff»,. 

materiell, adj.: stoffHch; körperlich; sach- 
lich, inhaltlich. Bei Lessing 5, 375. Aus glbd. 
frz. materiel, von lat. mäteriälis (s. Material). 

Mathematik, f. : die Größenlehre. 1562 bei 
Mathesius Sar. 204^ u. 1558 bei Rivius Büxen- 
meisterey 3, Titel, aus gr.-lat. mathematica f., 
gr. |ua0ri|uaTiKr| (nämlich T^x^r) «Kunst»), dem 
Fem. des gr. Adj. luiaeriiuaTiKÖc, von ,udörma n.. 
«das Gelernte, Kenntnis, Wissenschaft», PI. 
luaörnuara «Zahlenlehre u. Meßkunde» (Feld- 
meßkunst), zu juaOeTv «lernen». Mathema- 
tiker, m., aus dem subst. Adj. lat. mathe- 
maticus, gr. inaOriiuaTiKÖc, woher auch mathe- 
matisch, adj., 1555 bei Boner Plutarch 154^. 

Mathilde, öster.-bayr. auch Matilde, 
Frauenname. Ahd. 3Iathilda u, Mathilt, eig, 
Mahthilt (s, Mechthild), latinisiert Alathildis. 
Zsg, aus ahd, mäht f, «Macht» u, ahd, hiltja, 
hilta, asächs,u.ags.Mf/, arxord.Mldr f. «Kampf». 

Matjeshering, s. Maatjeshering. 

Matratze, f. (PI. -n): mit Roßhaaren od. 
Seegras, urspr. mit Wolle gefülltes u. durch- 
nähtes Unter- oder Ruhebett. Um 1480 bei 
Steinhöwel Äsopus 42 Öst. matraczen PL, 
mhd. m,at{e)raß, matreiß m. n f., aus glbd. 
frz. waferrts, jetzt matelasm., ital. materasso m. 
und materassa f., mlat. matratium n. (daher 
das nhd. tz), span.-port. almadraque m., von 
vulgärarab. niatrah «Lager, Matratze». 

Mätresse, f. (PL -n)-. Geliebte, Bei- 
schläferin. 1639 bei Zincgref Apophth. 2, 132 
Maitresse, 1644 bei S. Bürster 193 Madreze, 
aus frz. maitresse f, «Herrin, Beischläferin», 
von frz, maitre m, «Herr, Meister», aus lat. 
magister m. «Lehrer, Meister». 

Matrikel, f. (PL -w): Einschreibebuch der 



145 



Matrize 



Matthias 



146 



Gesellschaftsglieder, d. Einkünfte eines Amtes ; 
Aufnahmeschein auf einer Hochschule. 1579 
in Sibers Junius Matrickel als Schulausdi'uck, 
bei Comenius 1640 u. Duez 1664 Matrickel 
u. Matriad, aus lat. tiiätricula f. «öfientliches 
Verzeichnis», dem Dim. von glbd. Vdt.mätrix f., 
eig. «Mutter, Gebärmutter, Stamm», zu lat. 
mäter f. «Mutter». Matriknlärlbeltrag, m. : 
Beitrag der deutschen Staaten zum Keichs- 
haushalt. Aus dem alten Reich übernommen. 

Matrize, f. (PI. -n): Form, in der die Let- 
tern (Druckbuchstaben) abgegossen werden; 
Prägestock usw. 1711 bei Eädlein Matritze, 
Matrise, aus glbd. frz. matrice f., urspr. «Ge- 
bärmutter», dann «das, worin etwas erzeugt 
wird», von lat. matrix (s. Matrikel). Abge- 
kürzt unter Einfluß des lat. mater «Mutter» 
Mater. 1791 bei Roth. 

Matrone, f. (PI. -n) : ehrwürdige, alte Frau. 
1516 Matron (Germania 29, 353), aus lat. mä- 
tröna f. «vei-heiratete Frau, bes. von vor- 
nehmen Stande», von lat. mäter f. «Mutter». 

Matröse, m. (-n, PI. -n): Schiffsmann, 
Schiffsknecht. 1616 bei Wallhausen Kriegs- 
manual Matrose, 1636 bei P. Fleming 104 
Madrose, aus glbd. ndl. iiiafroos, woher auch 
dän.-schwed, matros, von frz. niatelot, afrz. 
matenot m. «Matrose», das aus nALwaatgenotm.. 
«Mahlgenosse», anord. mötunautr m. «Tisch-, 
Schiffsgenosse» entlehnt ist (s. Maat). Dafür 
mhd. niarncere, »larner m. «Schiffsmann», aus 
mlat. marinarius, frz. marinier m. 

^Matsch, m. {-es, PI. -e): das Verlieren 
des Kartenspiels, dann des Billard- u. Kegel- 
spiels; matscll! Spiel verloren! Im 18. Jh. 
Matsch im 16. und 17. Jh. aber Martsch 
(Fischart Garg. 42, Opel-Cohn 30jähr. Krieg 
327 Martzsch). Aus dem glbd. ital. Spiel- 
ausdruck far od. dar marcio «einen Matsch 
machen, alle Stiche im Kartenspiel verlieren», 
vom ital. Adj. marcio «faul, verfault, ver- 
dorben», matschen, v.: jem. matsch machen, 
ihn im Spiel gänzlich besiegen, im 17. Jh. 
martschen (im Simpl, 384), marschen (Opel- 
Cohn 30jähr. Ki-ieg 319, 1 von 1634), ital. 
marciare. Daher bayr.-schweiz. mä(r)tschen, 
kämt. ma(r)t sehen, «quetschen». 

"Matsch, m. (-es): wässerige, breiige 
Masse, 1731 bei Schnabel Insel Felsenburg 
Von-., verschieden von ^M. matschen, v.: 
in etwas Flüssigem, Weichem herumwühlen. 
Mundartlich, Nebenform zu manschen, mat- 
schig, adj.: breiig, halbflüssig, bei Campe. 

matt, adj.: (vom König im Schachspiel) 
Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. II. Bd 



zuglos und damit überwunden; an Kraft er- 
schöpft ; fast bis zurWirkungslosigkeit schwach 
oder unkräftig; nicht poliert (bei den Metall- 
arbeiten); wenig Absatz findend (Börsenspr). 
Das mhd., mnd., mndl. Adj. mat, urspr. eine 
Art Interj., taucht zuerst in der 2. H. des 
12. Jh. auf u. zwar als Ausdruck (Zm'uf) im 
Schachspiele, dann auf dieses anspielend u. 
bald in allgemeinem Begriffe. Aus dem rom.- 
frz.-prov. mat, ital. matto, span.-port. mate, 
mlat. mattus, von dem arab. mät «er ist ge- 
storben», verbunden mit pers. schäh «König» 
in dem arab.-maurischen Schachspielausdruck 
schäh mät «der König ist gestorben (tot)». 
Als Subst. Matt, n., 1575 bei Fischart Garg. 42, 
aber fiühmhd. mat m. «das Matt im Schach- 
spiel» (wie Span, mate m.), dann «Erschöpfung». 
Vgl. Schach u. schachmatt. ABL. Matt- 
heit, f., im 18. Jh.; Mattigkeit, f., 1574 
bei Horscht Geheimnisse der Natur 4, M2^. 

^ Matte, f. (PI. -n): üppiges Grasland, 
Wiese. Alem. Mhd. ma{t)te, im 15. Jh. bei 
AVolkenstein matze f., ahd. mato in mato- 
screcch m. «Wiesenhüpfer, Heuschrecke»; dazu 
1475 clev. mate, andfrk. mada, mnd. mede u. 
mathe, f., nndl. mat n., afries. mede, mengl. 
medewe, mideive, engl, meadow, mead, ags. 
mced, mcedwe f. Vielleicht von mähen (s. d.), 
als die zu mähende, gegenüber der Weide wiese. 

^Matte, f. (Pl.-n): grobe,von Stroh, Binsen, 
u. dgl. geflochtne Decke. Mhd. matte, im 15. u. 
16. Jh. auch matz(e), ahd. matta f.; dazu mnd. 
matte f., ndl. mat n., ags. meatte f., aus glbd. 
lat. matta f., woher auch ital. matta, frz. 7iatte f. 

^Matte, f. (PI. -n): zersetzte geronnene 
Milch. Md. früh im 15. Jh. matte(n), maden f. 
(Diefenbach gl. 205% nov. gl. 152^, 1540 bei 
Alberus dict. ggd^ kees math, nndl. mat(te) f., 
dafür thür. Jlatz m. Dasselbe Wort erscheint 
im Rom., irz.ma(t)te «geronnene Milch», maton 
«Käsekuchen», katal. matö «Rahmkäse», ital. 
mattone «Backstein», lombard.?mf^a «schlechter 
Käse», span.-port. nata «Rahm» gleichsam die 
auf der Milch liegende Decke, wahrscheinlich 
aus lat. matta f. (s. "Matte). 

Matthäus, Mannsname, md. Matheus, von 
gr.-lat. MatthcBUS, biblisch-gr. MaxGaioc. Schon 
bei Luther gekürzt Matthes, vgl. 'Matz und 
Matthias. RA. Es ist Matthäi am letzten 
«es ist gar aus, zum (schlimmen) Ende ge- 
kommen» (1775 bei Bürger Ged. 185), eig. im 
Evang. Matthäi am letzten Kapitel, das mit 
den Worten «der Welt Ende» schliei3t. 

Matthias, Mannsname, md. Mathias, aus 

10 



147 



Maturität 



Maul 



148 



gr.-lat. Matthias, biblisch-gr. MarBiac, wohl 
von hebr. Mattitjäh. Tirol, gekürzt Hies, 
davon tirol.-bayr. das Dim. Hiesel. 

Maturität, f. : Reife. Ausglbd.lat.mä^Mri- 
tas f., von mätürus «reif». ZUS. Maturitäts- 
prüfung, f., 1813 b. Campe Maturitätsexamen. 

^ Matz, m. : zersetzte Milch, s. ^ Matte. 

^Matz, m. {-es, PI. -e n. Mätze): Rufname 
des zahmen Stares (bei J. Paul, Zss. Starmatz), 
des Kanarienvogels usw.; einfältiger, lächer- 
licher Mensch (auch in Zss. Plauder-, Spiel-, 
Tändelmatz). In letzter Bed. im 17. Jh. gern 
31. von Dresden (Simpl. 434) od. M. von Zeitz 
(Engl. Comöd. 1 Cc 8) ; als allgemeiner Name 
1575 im Garg. 261. Gekürzt aus Mathes, Mat- 
thäus (s. d.) u. aus Mathis, Matthias; so heißt 
z. B. die Kirche zu St. Matthias in Breslau im 
16. Jh. bei Hans v. Schweinichen 3, 14 zum 
St. Matze. Ein andrer Mannsname Matz ist 
ahd. Ma{z)zo, Koseform zu ahd. Madalfrit, wie 
Götz zu Gottfried. Vgl. ^Metze. ABL. Mätz- 
chen, n.: Kosename für Vögel; Narrenspossen. 

Matze, f. (PI. -n) u. Matzen, m. {-s, PI. 
wie Sg.) : dünner aus "Wasser u. Mehl bereiteter 
Osterkuchen der Juden. 1482 im Voc. theut. 
t 7 * matz m. u. z 4^ matzenkuch m., 1429 iuderi 
maczs (Diefenb. gl. 64^*), aus jüd. mazzo, hebr. 
mazzäh f. «ungesäuertes Brot». 

Matzfotz, f. (PI. -en): feiger, weibischer 
Mensch (Nicolai bei Lessing 13, 384). 1629 bei 
Adrian Mitteilungen 314 Mathes Fotz. Ein 
niedriger Ausdruck, zgs. aus Matz d.i. Mathes, 
Matthäus (s. '^Matz), u. dem 1482 im Voc. theut. 
i 5* verzeichneten fud, fotz «vulva» (s. Hunds- 
fott). Gleicher Bildung u. Bed. ist Matzpompe 
1691 bei Stieler. 

mau, in der nordd. Umgangsspr. : schwach, 
kläglich, nur in der RA.: das ist mau u. mir 
ist mau; m. ist wohl urspr. Nachahmung des 
Katzengeschreis, vgl. mauen. 

Manche, f., s. ^Mauke. 

maudern, v.: kränklich, verdi-ießlich sein. 
Obd. 1580 bei Sebiz Feldbau 116 sich maudern. 
Wohl zu mauen. ABL. maud(e)rig, adj.: 
verdrießlich. 

mauen, v.: schreien wie eine Katze (Schiller 
Wallenst.Lager9); (von Kindern) verdrießHch, 
weinerlich sein. Schon mhd. im 14. Jh. mäiven, 
mnd. mawen, mauwen. Ein lautmalendes Wort. 
Vgl. maunzen, mauzen, miauen. 

Mauer, f. (PI. -n) -. steinerne Wand. Mhd. 
mür{e), miure, ahd. müra, muri f.; dazu asächs.- 
ags.mwr, ndiX.m.uurm., afrs.müre f., anord.wmrr 
m., schwed.-dän. mur. Aus glbd. lat. mürus 



m. Got. dafür waddjus f. ABL. mauern, v., 

älternhd. mauren, mhd. müren, mlat. murare. 
Vgl. Maurer. ZUS. Mauerbrecher, m.: 
Kriegswerkzeug zum Einstoßen einer Mauer; 

1556 bei Frisius 1177'' Maurenhrächer, aber 
ahd. der PI. mürprehhun, and. mürhraka f. 
Mauerpfeifer, m.: die auf Mauern, Felsen 
usw. wachsende Pflanze sedum acre mit pfef- 
ferartig beißendem Safte, im 15. Jh. im Hortus 
sanitatis muerpfeffer, 1482 im Voc. theut. t 7** 
mauwr Steinpfeffer. Mauerschwalbe, f.: die 
in Mauerhöhlen nistende Schwalbe hirundo 
apus, 1664 bei Duez Mawerschwalbe, dafür 

1557 bei Heußlin 217^ Murspyr m. Mauer- 
specht, m. : die an Mauern kletternde Specht- 
art certhia muraria, 1557 bei Heußlin 228^ 
Murspecht. Mauerstein, m., mhd. mürstein 
m. Mauerwerk, n., mhd. münoerc n. 

^ Mauke, bayr. auch Mauche, f. : lähmende 
Fußkrankheit des Pferdes (u. Rindes). Aus 
mnd. mtike f., 1477 clev. muycken; mhd. aber 
müche f., noch bayr. Mauche f. Unerklärt. 

^ Mauke, f.: zeitiges Gelb werden u. Dorren 
der Blätter am Weinstock, der nur kurze dünne 
Schosse treibt und endlich eingeht. 1796 bei 
Nemnich. Vielleicht übertragen von ^Mauke. 

^ Mauke, f. (PI. -n)-. grüne Blattlaus. 1687 
bei Hohberg 1, 625 Maucke. 

* Mauke, f. (PI. -n): heimlicher Ort zum 
Aufbewahren (des Obstes). Md.-rhein. und 
Schwab. Mauke, obrhein. im 16. Jh. Mauch f.; 
dazu nd. modek, mök n., ^nuke f. (Schambach 
136ff.), ndl. im 16. Jh. muyk, älter unverkürzt 
muydick, mu(e)deke. Schles. auch Maute f., bayr. 
Mauten f. «Vorrat von Obst, Eßwaren», aus 
ahd. mütta f. «Vorratskammer», wozu sich nd. 
modek, randl. mudeke als Dim. stellt. S. Mutich. 

^Maul, n. (-[e]s, PI. Mäuler): Maulesel. 
Längst veraltet, aber 1781 von Voß (Odüßee 
6, 68 u. 0.) erneut, ohne Beifall zu finden. 
Häufig bei Luther. Mhd. mül m. n. u. müle m. 
(PI. mül(e), miule), ahd. mül m.; dazu ndl. 
muH, ags. mül m. Aus glbd. lat. mUlus m. 
ZUS. Maulesel, m.: Bastard von Hengst u. 
Eselin, im 15. Jh. mülesel, ndl. muilezel m.; 
studentisch einer der nicht mehr Gymnasiast 
und noch nicht Student ist (Beleg von 1822 
bei Kluge Studentenspr.). Dazu Mauleseliu, 
f., 1541 bei Frisius 566 «^ Mauleßlin. Maul- 
pferd, n.: Maultier, bei Luther 1. Mos. 36, 24. 
Maultier, n.: von Esel u. Stute erzeugtes 
Tier, 1505 in der Straßburger Gemma b7° 
multyer, in der Hagenauer 1510 mulfhier. 

^Maul, n. (-[c]ä, PI. Mäuler): Öffnung des 



149 



Maulbeere 



Maus 



150 



Kopfes zum Einnehmen der Nahrung. Von 
Menschen unedel. Mhd. mül{e) n. (PI. 1314 
müler) und im 14. Jh. bei Megenberg maul 
(PI. mäuler), md. auch müle f., ahd. müla f.; 
dazu ndl. muH n., afrs. müla m., anord. müli m., 
got. in faürmüljan «das Maul verbunden». 
Unerklärt. ABL. Mäulchen, n.: kleines 
Maul; zärtlicher Kuß von Lippen auf Lippen. 
In beiden Bed. 1664 bei I)uez Mäulichen. 
maulen, v.: unwillig, unzufrieden das Maul 
hängen lassen, 1578 bei Fischart Ehzuchtb. 
D 6* maulen, 1519 bei Murner Geuchm. 4201 
mulen, älternhd. mit Umlaut maulen, meulen 
1642 bei Duez, sich meulen bei H. Sachs 
(letztres auch in der Bed. «das Maul brauchen, 
schelten» bei Luther u. in den Fastnachtsp. 
des 15. Jh.). mäuli^, adj., in Zss. dick-, groß-, 
hartmäulig. ZUS. Maulaflfe, m.: dummer, 
alberner Gaffer, eig. wer in dummer Ver- 
wundrung od. Erwartung mit aufgesperrtem 
Maule gafft od. verweilt. In den Fastnachtsp. 
des 15, Jh. 539, 18 maulaffe, schon mhd. im 
13. Jh. mundaffe m. RA. Maulaffen feil haben 
«gaffen», 1640 bei Colerus Hausapothek 249, 
wie mhd. tören veile vüeren. maulfaul, adj.: 
wortfaul, bei Goethe 1, 126. Maulheld, m., 
1777 bei Adelung. Maulkorb, m.: Korb 
vor dem Maule gegen Fressen od. Beißen, 
1517 bei Trochus Q5^ muelkorh. Maulrose, 
f. : Gartenmalve, wetterauisch. Maulschelle, 
f.: schallender Schlag mit der flachen Hand 
auf das Maul; auch Name eines Backwerks. 
In 1. Bed. 1559 bei Dasjpodius Maulschelle, 
scherzhaft bei Luther Tischr. 808'' Maulschel- 
lium n. (s. Schelle). Maultasche, f.: Maul- 
schelle, bei Luther 5, 341 ^, H. Sachs Fab. 349, 55. 
Maultrommel, f.: einer Trommel ähnlich 
brummendes eisernes Tonwerkzeug, das zwi- 
schen den Zähnen gespielt wird, 1664 bei Duez 
Maultrummel, 1582 im (j!diXg.\22 Maultrumme. 
Maulvoll, n.: soviel ein Maul in sich fassen 
kann, 1654 bei Logau 1, 9, 8. Maulwerk, n., 
1691 bei Stieler. 

Maulbeere, f. : die Frucht des Maulbeer- 
baums, mhd. mülher n. f., im 14. Jh. maulper, 
aus ahd. mür-, morheri n., wie ndl. moerhezie f., 
ags. mör-, mürherie f. (engl, mulberry) von 
lat. mörum n. «Maulbeere», mörus f. «Maul- 
beerbaum». ZTJS. 3Iaulbeerbaum, m., mhd. 
im 15. Jh. mülberhoum, im 12. Jh. mülboum 
neben mürboum, ahd. mül-, mürpourn m., and. 
mUlböm, ags. mörbeam. Vgl. Lorbeer. 

Maulwurf, m. (-s, PI. -würfe) : die Scher- 
maus, 1571 bei Heyden Plinius 277 Mauhrurff, 



bei Luther Maulworff, schon 1429 maullworiff, 
bei Maaler, Dasypodius, Altenstaig Maulwerff, 
1505 in der Straßburger Gemma B3° moll- 
iverff, molwerff, 1562 bei Mathesius Sar. 317'' 
Moldwurff, 1540 bei Alberus dict. bl^ Molt- 
werff, aus mhd. moltiverf(e) m. (daneben mult- 
iverf, mülwerf, mühvelf, im 14. Jh. bei Megen- 
berg mauhverf) u. müwerf m., ahd. multwurf 
u. müwerf, mnwurf, müwerfo m., and. muwerf. 
Urspr. «Erdwerfer, Erdaufwerfer», zu ahd. 
molta f. «Staub, Erde», got. mulda f. «Staub» 
(s. Molte) ; müwerf dagegen, das sich zu ags. 
müga, müha, müwa m. «Haufen» stellt, bed. 
«Haufen werf er». Ähnliche Benennungen sind 
spätmhd. u. älternhd. moUwurm (noch ost- 
preuß.; dazu nd. mohoorm^ 1795 bei Nemnich 
Molhnaus, thür. Motwolf, 1574 bei Fischart 
Onomast. 64'' Multer, Molle, mnd. mul, mol m., 
noch westfl. moll m., ndl. mol f.; dazu mengl. 
mole neben moldwerp, latinisiert in den Reiche- 
nauer Glossen PI. muH. Vgl. Schermaus. 

maunzen, v.-. miauen; kläglich tun. 1575 
im Garg. 88. Mit eingeschobnem n für mauzen. 

Maurer, m. (-s, PI. wie Sg.): der eine 
Mauer machende Handwerker; Freimaurer 
(seit dem 18. Jh.). Mhd. mürcere, mürer, 
maurer, ahd. mürari m., mlat. murarius. Von 
31auer (s. d.). Mit Umlaut 1642 bei Duez 
masson, Mäwrer, bei Luther Menrer, im 15. Jh. 
myrer (Diefenb. gl. lll''), thür.-obsächs. Meier. 
ZUS. Mau(r)erkelle, f., 1678 bei Krämer 
Maurerkelle. 

^Maus, f. {V\. Mäuse): Arm-, Fußmuskel; 
Muskelballen unterhalb des Daumens in der 
Hand. Mhd.-ahd. müs f. (PI. ahd. müsi) ; dazu 
mnd. müs, ndl. muis, ags. müs f., anord. müs, 
dän.-dial. müs. Eins mit ^Maus (s. d.), nach 
einem von dem Tiere herg-enommnen Bilde, 
vielleicht der mausähnlich beweglichen Er- 
höhung, benannt. Auch im Gr. fiOc m., lat. 
musculus m. «Muskel» (s. d.), eig. «Mäuschen», 
abg. mysica «Arm», aind. muskäs «Hode, weib- 
liche Scham», urspr. «Mäuschen». 

^Maus, f. (PI. Mäuse): das kleine diebische 
Säugetier lat. mus. Mhd.-ahd. müs f. (PI. mhd. 
miuse); äa.z\ianä.mUs(falla), ndi[.muis,ags.müs, 
engl, mouse, anord. müs f., dän. mus. Urverw. 
mit glbd. lat. müs m. f., gr. laOc m., abg. mysi f., 
alb. ml, arm. mukn, aind. müs m. f. «Maus». 
RA. Da beißt die M. keinen Faden ab, «da 
fehlt nicht das mindeste, dagegen gibt es keinen 
Widerspruch», eig. «da ist nichts verletzt». 
Es ist Maus wie Mutter «Kind wie Eltern», 
bei Luther Tischr. 51 '' wiewol Mauß als Mutter 

10* 



151 



Maus 



Maut 



152 



ist; 21. ist eine alte Bezeichnung des weiblichen 
Geschlechts, jMW^e Mauße «Mädchen» Brief der 
Herzogin Sibylla v. Sachsen vom S.Dez. 1550, 
nd. meisge n. u. bei Goethe Misel n. «junges 
Mädchen». Vgl. auch Muskel. ABL. Mäus- 
chen, n.: kleine Maus (1734 bei Steinbach, 
PI. Mäusger 1650 bei Moscherosch Phil. 1, 90); 
längliche Friihkartoffel, Dazu mäus-cheu- 
Still, adj.: still wie eine Maus, 1710 bei Ama- 
ranthes Proben der Poesie 470 mäusgenstill, 
1668 bei Abele Gerichtshändel Vorr. mäusel- 
still, lllöheiLndwigmäusestill, 1711 bei Räd- 
lein mausestille, niuttermausestille, 1678 bei 
Krämer mausstill, mausen, v. : Mäuse fangen ; 
(wie die mäusefangende Katze) schleichend, in 
der Stille und gewandt stehlen (bei Luther 
Tischr. 385* u. Alberus dict. 1540 B 2^, bei 
H. Sachs auch Mauß f. «die Hölle der Schnei- 
der»). Mhd. müsen «Mäuse fangen, spähend 
schleichen (daher Duckmäuser, s. d.), listig 
sein, betrügen». Mäusleiu, n., mhd. miuse- 
Itn n. ZTJS. Mäusedorn, m.: die an den 
Blattspitzen mit Stacheln versehne Pflanze 
ruscus aculeatus, 1546 bei Bock 347* Meüß- 
dorn. Übersetzung von gr.-lat. myacantlios, 
gr. luudKavGoc m. Mäusedreck, m.: Kot- 
klümpchen der Maus, spätmhd. müstrek, spät- 
ahd. müsdreck. mäusefahl, mausfahl, adj.: 
blaßgrau wie eine Maus, 1716 b. Ludwig mäuse- 
fahl, bei Brockes ird. Vergn. 9, 374 mausfahl. 
Mäuse-, Mausefalle, f., 1540 bei Alberus 
dict. 11 2* meußfall, 1482 im Voc. theut. il^ 
mauß fall, mhd. müsvalle, spätmhd. in den 
Meisterliedern der Kolmarer Hdschr. S. 394, 23 
musefall, ahd.-anä.müsfallat mäusefarhen, 
mäusefarbig, adj., 1555 bei Steinhöwel Eso- 
pus85 mauß färb, 1530 meusfarh (Diefenbach 
gl. 372^), ahd. müsfarwi. Mäusefraß, m.: 
das Abfressen der Mäuse und die dadurch 
bewirkte Beschädigung, 1777 bei Adelung. 
Mäusegift, n.: Gift für die Mäuse, 1642 bei 
Duez Mäußgifft, 1457 bei Mone Ztschr, 12, 
152, 9 mußgifft, mvßgifft. Mausekatze, f.: 
gut mausende Katze, 1716 b. Ludwig. Maus(e)- 
kopf, m.: Spitzbube, 1602 bei Kirchhoff mil. 
discipl. 1 20 Mäußkopff, 1 669 im Simpl. 67 Mauß- 
kopff. Mäuseloch, Maus(e)loch,n., 1435 bei 
Dangkrotzheim 107 müseloch, 1540 bei Alberus 
dict. 11 2* meußloch. Mäuseuest, n., 1482 im 
Voc. theut. t7^ maußnest, md. im 15. Jh. müse- 
nest (Diefenb. gl. 373 b). Mausohr, n.: die 
Pflanze myosotis, das Vergißmeinnicht, 1482 
im Voc. theut. t7^ maußor (verdruckt maßor), 
im 14. Jh. bei Megenberg mäusoerl, ahd. müs- 



öra n., nach den behaarten, dem Ohr einer 
Maus vergleichbaren grünen Blättchen be- 
nannt. Übersetzung des glbd. gr.-lat. myosotis, 
gr. luuocuuTic f., zgs. ausgr. |uöc m. «Maus» (Gen. 
ILXuöc) u. ouc n. «Ohr» (Gen. iLtöc). mausc- 
tot, bayr. maustot, adj. : völlig tot wie eine 
mit kräftigen Schlage getötete Maus, d. h. ganz 
ohne weitre zuckende Lebensregung, 1646 bei 
Moscherosch Phil. 2, 205 tnaus todt, 1658 bei 
Schoch Studentenleben 72, 9 mause todt. 

Mauschel, m. {-s, PI. wie Sg.): Jude, 
jüdischer Händler, als Spottname, 1670 bei 
Abele künstl. Unordn. 2, 250 Mauscherl, 1622 
bei Opel-Cohn 30jähr. Krieg 426, 12 Mauschel- 
Brüder. Gebildet nach dem hebr. Namen 
Mose (Moses), in jüdischer Ausspr. Mansche, 
Mösche (als Anrede des Handelsjuden 1667 in 
Gepflückte Fincken S. 20 Mauschi, bei Ayrer 
Fastnachtsp. 4, 2425, 3 Mosch, 2426, 3 Moscha). 
ABL. mauscheln, v.: wie ein Schacherjude 
handeln od. sprechen, 1622 bei Opel-Cohn 424, 4. 

Mause, Mauser, f.: Federwechsel des 
Vogels, Häutung der Schlange, Schalenwechsel 
des Krebses; Zeit dieses Wechsels. Mhd.mff^e f. 
von Vögeln, Amphibien u. behaarten Tieren. 
Md. Mauser, Mauster f. Von mausen, v. refl.: 
die Federn, Haut, Schale wechseln, mhd. sich 
mü^en von Vögeln, mü^en «wechseln, tauschen», 
ahd. müpn, gimüpn, andfrk. gemütön (nd. 1425 
muthen Diefenb. gl. 374*) «ändern, verändern, 
wechseln», aus lat.mwMre« ändern, wechseln». 
Md. sich mausern (1727 bei Aler sich mäusern), 
sich maustern (1737 bei Picander 4, 402). Vgl. 
miltern. Dazu mausig, in sich mausig machen 
«sich keck äußerlich hervortun, ohne daß etwas 
Rechtes dahinter ist od. doch zu sein scheint», 
1541 bei Franck Sprich w. 1, 84* sich maußig 
machen. Zimm. Chron.^ 1, 483, 2 mach dich nit 
mausig! Eig. «die Federn wechselnd, sich neu 
herausputzend», zu sich mausen «sich hei'vor- 
tun, sich auftun» (1664 bei Duez). 

Mausoleum, n. {-s, PI, -leen): prächtiges 
Grabmal, 1703 bei Wächtler aus glbd. gr.-lat. 
Mausoleum, gr. MaucubXeiov n., eig. «das turm- 
artige Grabmal, das dem karischen König 
Mausolos (t 353 v, Chr.) in Halikarnaß von 
seiner Gemahlin Artemisia errichtet wurde. 

Maut, f. (PI. -en) : Abgabe von Wai-en u. 
Gütern bei ihrem Übergang aus einem Landes- 
gebiet in das andre, Zoll (1664 bei Duez Mauth 
«Zoll an einem Wasser»). Bayr.-öst. Mhd.müt^e) 
f. (im 15. Jh. mautt «M.antsiätte>->), ahd.mütai. 
(in Urkunde von 837); dazu ags. möt «Zoll», 
anord. müta f. «Bezahlung zum Schadenersatz, 



153 



mauzen 



meditieren 



154 



Geschenk für geleistete Gefälligkeit od. zur 
Bestechung» (daher schwed. niutor f. pl. «Geld 
zu Bestechungen», muta «bestechen»), got. 
mfffaf. «Zoll». Auch abg.m^/to« Zoll». Ferner 
mit ß aus t um 1480 im Voc. ine. teut. p7^ 
waMSsew, maMie«theolonium» (ebenso b.Htipfuff 
1515), spätmhd. 1423 muog^e f. «Mahllohn, 
Mahlmetze», die der Müller vom Getreide als 
Bezahlung nimmt (das di-eißigste Korn), 1553 
Muoß f., noch bayr. 3£ueß f. n. Die Herkunft 
des Wortes ist unsicher. Ahd. müta dürfte 
aus dem Got. stammen, da das Wort bayr. ist. 
Got. möta aber kann zu gamötjan «begegnen» 
gehören. Vgl. Meringer Idg. Forsch. 18, 211. 
J.BL. mautbar, adj.: zollbar. Mautner, m. 
(-5, PI. wie Sg.): Warenzoll-Einnehmer; 1482 
im Voc. theut. t?'' mautner, aber mhd. müter, 
mauter m., entspr. got. mötareis m. «Zöllner». 
ZUS, mautfrei, adj.: zollfrei, 1741 bei Frisch. 

mauzen, v.: miauen. 1630 bei Lehmann 
florileg. 413, 23 mautzen. Iterativ zu viauen 
(s. d.), mit Nasal maunzen (s. d.). 

Max, Mannsname, Kürzung von Maxi- 
milian. Mit rom. l (ital. MassimiUano, frz. 
Maximilian) aus spätlat. Maximinianus, dem 
Geschlechte des Maximinus Angehöriger. 

Maxime, f. (PI. -n): Grundsatz, Bestim- 
mungsgrund. 1663 bei Schuppius 26 Maxim, 
um 1621 bei Opel-Cohn 30 jähr. Krieg 105 
Maxima. Aus frz. maxime f. «Grund-, Lehr- 
satz, Regel», raVäX. maxima f. (nämlich regula) 
«höchster Grundsatz», bei den Mathematikern, 
dem subst. Fem. des laLmaocimus «der größte». 

Mayonnaise (spr. -äse), f. (PI. -n): pikante 
Brühe aus Eigelb u. Olivenöl zu kaltem Fleisch 
oder Fisch. Im 19. Jh. aus frz. mayonnaise f., 
angeblich nach der Eroberung Mahons durch 
den Herzog vonRichelieu(l756) aufgekommen. 

Mäz6n, m. (-S, PI. -e) : Beschützter, Gönner. 
Bei Hagedorn 1, 64; 1536 bei Witzel anno- 
tationes 1, Vorr. a 2 ^ Mecenat m. Nach Vir- 
gils und Horazens Gönner, dem römischen 
Ritter G. Cihiius Mäcenas. 

Mazurka, s. Masurka. 

Mechanik, f. : Bewegungslehre der Körper; 
Maschinenlehre; Einrichtung einer Maschine. 
1721 bei Jablonski Mechanic. Aus gr. ^rixaviKri 
f. (nämlich Tex^n «Kunst»), lat. ars mechanicai. 
(franz. mecanique, älter niechanique t) «Kunst, 
Maschinen durch Berechnung u. Anwendung 
der Naturkräfte zu erfinden u. zusammenzu- 
setzen». 3Iechäniker, m. (-s, PI. wie Sg.), 
auch Mechänikus, m. : Verfertiger von Ma- 
schinen u. Instrumenten (1694 bei Nehring 



Meclianicus)', Kenner der Mechanik. Aus gr.- 
lat. meclianicus, gi\ lurixaviKÖc «kunstreich, ge- 
schickt, erfinderisch», von gr. \xr\xavr\ f. «Werk- 
zeug, Maschine» (s.d.). mecllänisch, adj.: 
triebwerks-, handwerks-, gewohnheitsmäßig. 
1566 bei Paracelsus Wundartzney 120 mecha- 
nische Übung. Aus glbd. lat. mechanicus. 
Mechanismus, m. (PI. Mechanismen) -.Trieh- 
werk, 1712 bei Hübner, nach glbd. frz. mecha- 
nisme (jetzt mecanisme) m. 

Mechthild(e), Frauenname, veraltet für 
Mathilde (s. d.). Mhd. Mechtilt, ahd. Mehtilda, 
Mechthilt, mit Umlaut (e) durch Einwirkung 
des i in hilt. 

meckern, v, : schreien wie die Ziege u. der 
Bock; (im 18. Jh.) in rascher Wiederholung 
stockend sprechen. In der 1. Bed. 1691 bei 
Stieler meckern, dafür 1668 b. Schottel meeken, 
1601 bei Eyering Sprichw. 2, 130 meeken, 1482 
im Voc. theut. t 7 ^ mechtzen, um 1480 im Voc. 
mc.te.Vii.'^l^ meckatzen, 1702 bei Abr. aS.Clai-a 
Judas 1, 23 gmecketzen. Von mhd. mecke m. 
«Ziegenbock», als Spottname. Wohl lautnach- 
ahmend. Vgl. gr. |uriKäc0ai «blöken, meckern», 
mlat. miccire. Ähnlich vom Roß 1618 bei 
Schönsleder v 6^ mikeren «wiehern». 

Medaille (spr. medalje), f. (PI. -n) : Schau-, 
Denkmünze. 1603 bei Albertinus guld. Sendt- 
schreiben 1,6 Medalie,\hlb im Gai'g.l81 Medeii., 
1562 b.Mathesius iiar. 81^ der Fl Medeyen. Aus 
glbd. frz. medaille f., u. dies aus ital. medaglia f. 
Aus mlat. medalia f. «halber Denar, kleine 
Münze» (das ani * metallea «Metallmünze» be- 
ruht) stammt mhd. medele, melle, ahd. medili f. 
«Heller». Medaillon (spr. medaljq), n. (-s, 
PI. -s): große Schaumünze (1710 bei Nehring); 
rundes od. ovales Bild (Campe 1801, Goethe 
21, 324); Behältnis für ein Bildchen usw., aus 
frz. medaillon m., u. dies von ital. medaglione m. 

median, adj.: mittelgroß, in Mediän- 

Oktav, n.: Mitteloktav, von der Buchform; 
Mediänpapier, n.: Papier in Bogen von 
Mittelgröße, 1709 bei Castelli Medianpapier. 
Spätmhd. 1428 median f. «die Medianader», 
die fast in der Mitte des Armes liegt, mlat. 
mediana f. Aus lat. mediänus «in der Mitte 
befindlich», von glbd. lat. medius. 

mediatisieren, v.: einen reichsunmittel- 
baren (immediaten) Standesherm unter die 
Oberherrschaft emes andern Staates bringen, 
im Reichsdepatationsrezeß von 1803. Aus frz. 
mediatiser, von mlat. mediatus «mittelbar». 

meditieren, v.: nachsinnen, 1571 bei Rot, 
aus lat. meditäri. 



155 



Medium 



Meer 



156 



Medium, n. (s, PI. -ien)-. Mittler. Das 
N. des lat. Adj. medius «mitten», durch den 
Spiritismus im 19. Jb. aufgekommen. 

Medizin, f. : Heilmittellehre, Arznei-, Heil- 
kunde; Arznei, Heilmittel. In der 1. Bed. 1550 
bei Albei-us Fab. 48, 29 Mediän f., in der 2. Bed. 
1495 in der Kölner Gemma N7^ medicyn, in 
beiden Bed. 1477 clev. medicijn f. Aus lat. 
medicina f. (näml. ars «Kunst, Wissenschaft») 
«Heilkunde», dem subst. Fem. des Adj. medi- 
cinus «zur Heilung gehörig», von lat. medicus 
m. «Arzt», mec?m «heilen», medizinal, adj.: 
zur Arznei gehörig, aus glbd. lat. medicinälis; 
damit zgs.Medizinälge wich t,n.: Apotheker- 
gewicht, u. Medizinälrat, m. Mediziner, 
m. (-S, PI. wie Sg.) : die Heilkunde Studieren- 
der, bei Lessing 1, 64; aber frühmhd. medi- 
cinäre m. u. 1477 clev. medicijnre m. «Arzt». 
medizinieren, v.: Arznei gebrauchen, 1717 
b. Nehring, mlat. medicinare; 1703 b. Wächtler 
«heilen, kurieren», mediziuiscll, adj., 1694 
des getreuen Eckarths medicinischer Maul- 
aife. Medikament, n. (s, PI. -e): Arznei, 
1571 bei Rot, aus lat. medicämentum n. Medi- 
käster, m. (-s, PI. wie Sg.) : Quacksalber, bei 
Goethe 43, 185, aus frz. medicastre m. 

Medum, m. (-&•): bestimmte Abgabe von 
Gut. Kurhess., auch Medom. Mhd. medeme m. 
«auf einem Grundstück haftende Naturalab- 
gabe», asächs. medom m. «Kostbarkeit, Gabe» 
(nur im PI. meämos), ags. määum m. u. anord. 
meiäm f. (nur im PI. meictmar) «Kostbarkeit, 
Schmuck», got. mäißms m. «Gabe». Abge- 
leitet von got. maidjan «verändern», urverw. 
mit lett. mietöt «austauschen», alat. moitäre, 
\a.i.mütare «verändern, verwechseln», gr.-sizil. 
imoiToc m. «Dank, Vergeltung, Erwiderung». 
Eine verengerte Bed. liegt vor in mhd. meidem 
m. «Hengst, Wallach» (s. Meiden). 

Meer, n. (-[e]s, PI. -e): das große, das 
Land umgebende Wasser; große von Land 
umgebne Wassermasse; (im Nhd. auch bildl.) 
überaus große Menge. Bei Luther Meer, mhd. 
mer n., selten fnere, ahd. mari, meri m. n. u. f.; 
dazu asächs. iiieri f., ndl. meer n. (aber meir n. 
«der See»), ags. mere m, (auch stehendes Ge- 
wässer, Sumpf), engl, mere u. mer-, anord. marr 
m., schwed.-dän. mar-, got. marei f. «Meer» 
u. mari-saiws m. «der See», afries. mar m. 
«Graben, Teich». Urverw. mit lat. mare n. 
«Meer» (gr. äpidpa f. «Graben, Abzugsgraben»), 
air. muir «Meer», lit. mär es PI. «Haff», abg. 
morje n. «Meer», vielleicht auch mit aind. 
märjädä f. «Meeresküste, Grenze» u. miras m. 



«Meer, Grenze» (unbelegt), falls mind. aus 
*marja-. Vgl. Brackwasser, Marsch, Moor 
u. See. Das hohe M., md. im 14. Jh. da^ Mhe 
mer «die tiefe, weite (offne) See». ZUS. Meer- 
busen, m., 1605 bei Hulsius dict., dafür 1533 
bei Boner Thucydides6^ Meerschoß. Meer- 
enge, f., 1678 bei Krämer. Meerflut, f., 
1616 bei Henisch, ags. mereflöd m.; 1739 bei 
Brockes ird. Vergnügen 6, 554 Meeresfluth. 
Meerkalb, n.: der gemeine Seehund, phoca 
vitulina. Mhd. merkalp, ahd. merichalb n., 
Übersetz, der lat. Benennung vitulus marinus 
(der Name, weil dieses Meertier wie ein Kalb 
brüllt). Meerkater, m.: Männchen der Meer- 
katze (Goethe 14, 114). Meerkatze, f.: lang- 
geschwänzter Affe, mhd. m,er(e)katze, ahd. mer- 
kazza f., clev. 1477 merkat f., weil das Tier 
über das Meer, aus Afrika, zu uns gebracht 
worden ist u. einen langen Schwanz wie eine 
Katze hatte. Meerkuh, f.: die Walroßart 
trichechus Manati, Anfang d. 15. Jh. merkue 
(Diefenb. gl. 241*), and. merikö f. «Meerkalb, 
Seehund». Meerlinse,!: die auf dem Wasser 
schwimmende grüne Entengrütze, lemna, 1482 
im Voc. theut. vi** merlinse. Meerochse, m. : 
Walroß, wie Meerkuh (s. d.), mhd. merohse m., 
auch w^emn^n. Meerpferd, n. : das Flußpferd, 
hippopotamus, spätmhd. merphert. Meerret- 
tich, m.: die Pflanze cochlearia armoracia, 
insbes. ihre Wurzel. Bei Herr Columella 1538 
Meerrettig, 1546 bei Bock 280* Meerrhetich, 
mhd. merretich, ahd. meriratich, merratih m., 
wahrscheinl. «Sumpfrettich» von Meer «Sumpf, 
Graben». Vgl. Hoops Btr. 23, 559. Verkürzt 
im 15. Jh. mirrich, mirch (Diefenb. gl. 484**), 
merrich (nov. gl. 313^), daher noch wetterau. 
Mirch, hess. Merchhorn. Vgl. Kren. Meer- 
schaum, m.: Schaum vom Meer, Algen (1482 
im Voc. theut. v2* merschewm, 1477 clev.»«eer- 
schiiym, s. Diefenl^ach gl. 21 ^); Art Speckstein, 
die man seit Anfang des 18. Jh. zu Tabaks- 
pfeifenköpfen verarbeitet, benannt nach Aus- 
sehen u. Gewicht, indem man sie für ver- 
härteten Schaum des Meeres hielt. Vgl. ZfdW. 
7, 292. 1734 bei Steinbach Meerschaum m. u. 
das Adj. meer schäumen, aber schon 1574 bei 
Fischart Onomast. 37 Mörschaum «lapis spon- 
giae». Meerschwein, n.: der gemeine Del- 
phin, mhd. merswin, ahd.-and. meriswin, ags. 
mereswln n. (wohl wegen seines Speckes), entl. 
frz. marsouin m. «der Braunfisch». Davon 
Meerschweinchen, n.: das als Haustier ge- 
haltne Nagetier cavia cobaya, frz. cochon d'Inde, 
1612 bei F. Platter 344 B. Meerschwinle, 1687 



157 



Megäre 



mehr 



158 



bei Hohberg 1, 93 Meer-Schiveinlein, 1673 bei 
Weise Erzn. 167 Meerschtveingen, so genannt 
weil das Tier im 16. Jh. über das Meer, aus 
Südamerika, zu uns gekommen ist und ein 
Grunzen wie ein junges Schwein hören läßt, 
auch sonst ihm ähnelt. 1541 bei Frisius 413* 
hed. Meerschivetjn «das Stachelschwein». Meer- 
Spinne, f.: Garnele, Seekrebs (mhd. mer- 
spinne); Black-, Tintenfisch (1541 bei Fi-isius 
790* Meerspinn), benannt wegen der Ähnlich- 
keit mit der Spinne. Meerweil), n.: fabel- 
hafte Frauengestalt im Meere, mhd. nierwip n. 
«Sirene, Wassernixe», ags.mereivtfu. «riesiges 
im See lebendes Weib», dafür and. meri- 
}»mwa f. «Sirene». Meerwolf, m.: Seehund, 
Walroß (1556 bei Frisius 1894^ Meencolff); 
lachsartiger Fisch (spätmhd. merwolf). Meer- 
wunder, n.: Meerungeheuer, Ungetüm des 
Meeres; seltsame, aufs höchste angestaunte 
Erscheinung (um 1480 bei Steinhöwel Esopus 
44 Ost.). Mhd. merivunder n. «wunderbares 
Seetier», auch «wunderbares halb tierisch ge- 
staltetes Meerweib od. so gestalteter Meer- 
mann». Meerznnge, f.: zungenähnlicher 
Plattfisch, Seezunge, 1795 bei Nemnich, Meer- 
zwiebel, f.: das Zwiebelgewächs Scilla mari- 
tima, 1546 bei Bock 342^ Meerzivihel f., mhd. 
im 14. Jh. merzwifal, merzwival m.; der Name, 
weil die Pflanze an den sandigen Küsten des 
mittelländischen u. atlantischen Meeres wild 
wächst (daher mlat. cepa maris), woher sie 
als Zier- u. Arzneipflanze zu uns kam. 

Megäre, f. (PI. -n): Rachegöttin (1781 bei 
Schiller 1, 240); böses Weib. Aus gr.-lat. 
Megaera, gr. Meyaipa eine der Erinnyen. 

Mehl, n. (-[e]s, PI. -e, Melilarten): zu 
Staub Geriebnes. Bei Luther Melh, mhd. 
mel n. (Gen. niehves), im 14. u. 15. Jh. auch 
melb, ahd.melon.iGeii.melawes); dazuasächs. 
nielo, mndl. mele, afrs. mel, ags. melu n. (Gen. 
melwes), engl. meal, anord. mjöln. (pat.»ijölvi), 
schwed. mjöl, dän. m{i)el. Zu mahlen (s. d.). 
Entsprechend alb. i»je/«Mehl», gr. luotXeupov n. ; 
weiter sind verw. kymr. hlaivd (aus *mläf), lit. 
miltai, i^reuß. meltan «Mehl», w eißruss. molotü 
«Mischmehl». \ g[. Melber. ABL.mehlicht, 
mehlig, adj., 1691 bei Stieler mehlichf, 1546 
bei Bock Kräuterb. 27 1^ melbicht, 1494 bei 
Brant Narr. 34, 31 melbig (staubig). ZUS. 
Mehlhaum, m.: Name mehrerer Bäume we- 
gen des mehligen Aussehens od. der mehl- 
artigen Früchte, mhd. melboum (lentiscus, 
ornus), 1546 bei Bock 27 Mälbaum (umb des 
u-eiß färbigen laubs ivillen) «Vogelbeerbaum», 



in Ostpreußen (1785 bei Hennig), Schlesien 
und Österreich der Hagedorn mit mehligen 
Früchten, den sog. «Mehlfäßchen». Mehl- 
sack, m., mhd. melsac m. Mehlspeise, f., 
1678 bei Krämer. Mehltau, s. Meltau. 

mehr, adj.: stärker an Eaum, Zahl, Wert, 
überhaupt an Inbegrifi"; adv.: in stärkerm, 
höherm Grade; noch dazu; wiederholt; ferner- 
hin; sonst schon. Urspr. Komp. des Begriffes 
«groß», dann des Begriffes «viel». Als Adj. 
mhd. mer{e), ahd. u. asächs. mero, afrs. mära, 
ags. mära, engl, more, anord. meiri, schwed. 
mer{a), dän. mer{e), got. maiza «größer, mehr» 
{-iza ist Komparativendung wie in got. batiza 
«besser»); ferner mhd. als indekl. Ntr. mit od. 
ohne Gen. u. dann als Adv. merie), me, ebenso 
ahd.-asächs. mer, afrs. mä(r), ags. mä, anord. 
meirr «mehr». Dem Begriffe nach zum Positiv 
ahd. michil, got. mikils «groß» (s. michel); 
der Form nach gleich aii: möa, mäo «größer», 
Komp. zu dem Stamme nie-, mö- in got, 
mers, s. Märe. Vgl. Btr. 13, 441. Mehr, n.: 
größre Zahl gegen eine kleinre, bes. Stimmen- 
zahl (Wieland Abderiten 1781 1, 41, Schiller 
Teil 2, 2), das Ntr. des Adj. mehr als Subst. 
verwandt, schon in der Gerichtssprache des 
15. Jh. daß mer «die Majorität», mhd. daß 
mer er (merre) teil. ABL. mehren, v.: größer 
machen an Raum, Zahl, überhaupt an Inbe- 
griff, bei Luther mehren, mhd. meren, ahd. 
merön auch reflexiv; Schweiz, «stimmen, meist 
durch Handaufheben, votieren» schon 1400 
meren (Schweiz. Id. 4, 371) «durch Mehrheit be- 
stimmen od. wählen»; dazu Mehr er, m.: Ver- 
mehrer, Vergrößrer, mhd. merer m., namentl. 
im Titel des deutschen Königs als Übersetzung 
des von den römischen Kaisern geführten Bei- 
namens Äugustus (s. August), 1315 in den 
Mon. Boica 35, 2, 39 (Ludwig der Baier) ze 
allen Zeiten ein merer des reiches. Mehrung, 
f., mhd. merunge, ahd. merunga f. mehrer, 
adj.: größer, weiter, mehr, eine erneute Stei- 
gerung des Komp. mehr, mhd. merer und 
merre, merre, ahd. meroro, meriro «gi-ößer». 
mehrerlei: mehr als eine Art (s. lei), 1786 bei 
Engel Ideen zu einer Mimik 2, 146 mehrerlei/. 
Mehrheit, f.: größre Zahl gegen eine kleinre, 
1719 bei Kramer, sonst bis auf Adelung un- 
bezeugtes Wort, aber schon ahd. einmal bei 
Notker merheit f. mehrst, Sup. von mehr, 
weniger üblich als meist (s. d.), bei Goethe, 
Schiller, Bürger, schon mhd. mer{e)ste (s. 
mehr er). ZUS. mehrenteils, adv.: dem 
größern Teile nach, 1595 bei Sastrow Her- 



159 



Meiden 



mein 



160 



kommen 1, 332 merenteils, eig. zwei Gen. Sg., 
im Markbuch von Altenstadt in dex' Wetterau 
unterm 4. — 14. Oktober 1637 noch getrennt 
mehren theills; dafür 1691 bei Stieler me/irerw- 
theils, 1509 bei Keisersberg Marie Himelfart 16^ 
merertheüs. mehrfach, adj., 1809 bei Campe. 
mehrmal, adv. (Schiller 4, 250), 1654 bei 
Logau 3, 5, 48, urspr.,2'M mervial 1517 im Teuer- 
dank 98, 156; mehrmalen, adv., 1525 bei 
Luther hyml. Propheten 2, A3*, jetzt ver- 
altet, eig. zu mehrmalen (Germania 28, 374 
von 1525, noch bei Lessing 9, 396), 1470 bei 
Wyle 298, 35 zu meren malen; mehrmals, 
adv., 1561 im Amadis 1, 274 (131 K.). Mehr- 
zahl, f.: gröi3re Zahl im Verhältnisse zur 
kleinern (1809 bei Campe); gramm. statt PI. 
1641 bei Schotte! die mehrere Zahl. 

Meiden,, m. (-s, PI. wie Sg.) : verschnittnes 
männliches Pferd. Veraltet, noch Schweiz. Mei- 
den, Meider m. «Zuchthengst». Mhd. meidem., 
meiden m. «Hengst, Wallach». S. Medum. 

meiden, v. (Prät. mied, Part, gemieden): 
ausweichend fernlassen, ausweichend unter- 
lassen. Mhd. miden (Prät. meit, PI. miten, 
Part, gemiten), ahd. midan (Prät. meid, PI. 
mitumes, riiidun), urspr. «verborgen sein, sich 
wovor verbergen», dann «sich fern halten in 
Hinsicht worauf»; dazu asächs. miäan (Prät. 
med, PI. mitun) «von jem. lassen, unterlassen», 
afrs. mitha (in formitha), ags. midan (Prät. 
mäd, PI. midon, Part, miden) «verbergen, ver- 
hehlen, verschweigen, unterlassen, sich ver- 
stellen». Gleichen Stammes wie missen. 

Meier, m. {-s, PI. wie Sg.): Wirtschafts- 
vorsteher eines Land-, Feldgutes; der erste 
unter den männlich. Dienstboten einer größern 
Landwirtschaft; auf einem Gute Sitzender mit 
Zinspflicht gegen den Gutsherrn. In Bayern 
und Niederdeutschland. Überaus häufig als 
Familienname, u. von da wieder zum Appella- 
tivum geworden in Zss. wie Angst-, Piepmeier. 
Als jüdischer Name geht M. auf hebr. me-ir 
«erleuchtend» zurück. Mhd. mei(g)er m. (mit 
obd. Schreibung auch mai(g)er) «mit der Ober- 
aufsicht des Hauses, Gutes Betrauter, Oberster 
der Hörigen auf einem Landgute, freier Pächter 
eines solchen», ahd. meior, meiur, and. meier 
(Gutsverwalter) m., aus d. subst. gebrauchten 
lat. Komp. maior «der Größre, Höhre», wor- 
aus auch franz. maire m. Im frühen Mittelalter 
entsprechend der major domus «Hausmeier» 
der fränkischen Könige. ABL. Meierei, f.: 
Meierhof, 1580 bei Sebiz Feldbau 37 Meyerey, 
aber spätmhd. meigerte, meierey f. «Amt des 



Meiers». ZUS. Meierhof, m., frühmhd. 
meierhof m. 

meiern, v.: foppen, anführen, betrügen. 
Norddeutsch. Vgl. ahmeiern. 

Meile, f. (PI. -n): größtes Längenmaß, das 
in Deutschland gewöhnlich 2 Stunden oder 
12000 Schritte nach früherer Rechnung, nach 
neuer 7,5 km zählt. Mhd. mil(e) f. (PI. mtle, 
auch milen), ahd. mtla, milla f. ; dazu ndl. mijl, 
ags. mil f., engl, ynile, anord. müa f., schwed.- 
dän.9Wi7. Aus iBX.mÜia (PI. von mille «tausend») 
d. i. mUia passuum «1000 Schritte od. eine 
röm. Meile». ZUS. Meilenstein, m., 1741 bei 
Frisch. Meilenstiefel, m.-. im Märchen vor- 
kommender Stiefel, der mit jedem Schritt eine 
Meile macht (J. Paul Hesp. 3, 206). Meilen- 
zeiger, m.: Meilenstein (Adelung 1 777), Meilen- 
tabelle (Günther 664). 

Meiler, m. (-s, PI. wie Sg.): mit Erde, 
auch Stroh od. Reisern bedeckter Holzstoß, 
durch dessen Verbrennen der Köhler die Holz- 
kohlen gewinnt. Mhd. meiler, thür. im 15. Jh. 
miler, 1560 bei Spangenberg Jagteuffel V2*' 
Mieler, 1741 bei Frisch Milder als nsächs., 
mnd. u. nnd. müer m., (entl.) dän. mile, schwed. 
mila f., aus dem Deutschen entl. tschech. milir, 
miler, poln. mielerz, nlaus. milar m., oblaus. 
miloivkai. «Meiler». Kämt, im \1 . 3h. Meiller 
m. «eine Anzahl (44) aufgeschichteter Roheisen- 
stangen», schon mhd. meiler m. (aus Leoben 
in Kärnten). Dunkler Herkunft. Vielleicht 
aus lat. miliarium n. «Anzahl von tausend», 
dann also «tausend aufgestapelte Holzstücke». 

^mein! halb fragende, halb Verwunderung 
ausdrückende Partikel (SchillerRäuber4,3.5, 1, 
Goethe Faust 2332). 1650 bei Moscherosch 
Phil. 1, 86. Wetterau. u. bayr. mein, daher 
mhd. mm vorauszusetzen. Gekürzt aus Be- 
teuerungs- u. Versicherungsformeln wie mein 
eyd Scheidt Grob. 2876, meinBluthessmg2,BM, 
meiner Treu Schiller 14, 223, meiner Seele 
Wieland 19, 247, dafür verhüllend meiner Six 
{inein Six Arnim Werke 1, 158) oder Anreden 
wie mein Lieber. 

"mein, alter Gen. Sg. von ich (s. d.), ver- 
längert meiner. Mhd.-ahd.-asächs.-afries.-ags,- 
anoi'd. min, got. meina, mit Verlängerung md. 
im 13. u. 14. Jh. miner, im 14. Jh. oberd. meiner 
(bei Luther gedenck meiner u. gedenck mein); 
ferner ndrhein. im 12. Jh. minis (Rother 4427), 
mnd. mines, myns, mndl.-nndl. mlns. 

^mein, besitzanzeigendes Pronomen der 
1. Pers. Mhd.- ahd,- asächs.- afries.- ags. min, 
anord. mlnn, got. meins. Gebildet vom Lokativ 



161 



Meineid 



Meißel 



162 



*mei, gr. |.ioi mit Suffix -no-. ZUS. meiner- 
seits, adv., 1616 bei Ludwig meinerseits, 
zwei Gen. Sing, mit angetretnem adverb. s. 
meinesgleichen, erstarrte Gen. (s. gleich), 
1519 bei Murner Geuchm. 42 myns glich. 

Meineid, m. {-[e]s, PI. -e)-. wissentlich fal- 
scher Eid, eidlich gegebne u. dann gebrochne 
Zusicherung. WaA. yneineit, ahd. meindd m.; 
dazu and.-afrs. mewef/t, 'aA\.meineed,2ig's,.mänää, 
anord. meineidr m., schwed.-dän. mened. Im 
Ahd. u. Mhd. auch meine)' eit. Zgs. mit dem 
Adj. mhd.-ahd. mein(e) «falsch», mnd.-afrs. wen, 
ags.wäw, mmne «falsch, verbrecherisch», anord. 
meinn «schädlich», als Subst. ahd.-mhd. mein 
n. m. «Falschheit, Verbrechen, Missetat, Frevel», 
auch «Schädigung, Unglück», asächs. men, ags. 
man n. «Unrecht, Verbrechen», anord. mem n. 
«Schaden, Beschädigung, Unglück», schwed.- 
dän. men «Schaden»; urverw. mit lit. mainas m. 
«Tausch», abg. mena f. «Veränderung». Wei- 
teres Idg. Forsch. 18, 271. Bedeutungsent- 
wicklung wie in Tausch zu täuschen. ABL. 
meineidig, adj., mhd. meineidec, -eidic. 

meinen, v.: woraufhin denken, im Sinne 
haben; gesinnt sein gegen; in Herz und Sinn 
zugeneigt denken an, herzliche Zuneigung 
fühlen gegen, lieben (mhd., und im 18. Jh. 
wieder belebt) ; beabsichtigen ; den Sinn haben, 
bedeuten; andeuten, zu verstehen geben; im 
Sinne haben, aber ungewiß, ob übereinstim- 
mend mit der Wirklichkeit od. nicht. In die- 
sen Bed. mhd. meinen, ahd. mein[j)an, später 
vereinzelt meinön; dazu asächs. menian «im 
Sinne haben, bezwecken, bedeuten, erwähnen», 
ndl. meenen, afries. mena, ags. mcenan (auch 
klagen), engl, mean, aber spätanord. meina 
im 15. Jh. aus dem Deutschen entl., schwed. 
mena, dän. mene. Urverw. abg. meniti (Präs. 
menjq) «meinen, bezeichnen, bedeuten, er- 
wähnen». Auch gr. iLievoiväv «im Sinne haben, 
gedenken usw.» gehört dazu. Vgl. Idg. Forsch. 
12, 152 u. noch Btr.26,303. ABL. Meinung, l, 
rxihd. meinunge f. «Sinn, Bedeutung, Gesinnung, 
Absicht, freundhche Gesinnung, Liebe», ahd. 
meinunga f. «Sinnesansicht». Die öffentliche 
Meinung 1798 bei Wieland 31, 304 nach frz. 
opinion publique, dafür 1691 bei Stieler ge- 
meine Meinung, 1541 bei Frisius 613*' yeder- 
mans meinung. Vgl. Ladendorf. 

meinethalben, zusammengerückte Dat. 
PI. mit t u. wegen des vorausgehenden n ge- 
schwundnem w, mh.d.minenthalben, minthalben, i 
vollständig von minenthalben, urspr. von minen 
halben, von mhd. halbe f. «Seite» (s. halb);\ 

Weigand, Deutsches Wörterbnch. 5. Aufl. n. Bd. 



im Ahd. setzte man den Akk. Sg. mina halbun 
«meinethalben, meinerseits». Daneben meinet- 
halb, mhd. minenthalp, im 15. Jh. minthalb, 
eine wohl durch Einwirkung von glbd. mhd. 
minhalp (eig. Akk. Sg.) entstandne Kürzung 
von minenthalben. meinetwegen, 1659 bei 
I Butschky Kanzl. 608 meinet tvegen, bei Luther 
von meinet wegen u. (Werke J. 6, 116^) von 
meinen wegen, wie mhd. von dinen wegen. Dat. 
PI. von mhd. wec m. «der Weg», meinet- 
willen, 1561 bei Maaler umb meinetwillen, 
, bei Luther Matth. 5, 11 umb meinen willen; 
dafür md. im 13. Jh. durch nnnen ivillen, mhd, 
durch den willen min «um meinetwillen». 

meinige, adj. Bildung im Sinne des Posses- 
sivpronomens mein, immer mit Art., 1593 bei 
Helber 27 (Ndr.), vgl. seinig. 
Meiran, s. Majoran. 
^Meise, f. (PI. -n)-. der kleine Singvogel 
i parus. Mhd. meise, ahd. meisa f.; dazu mnd. 
mese f. u. Dim. meseke n. (auch md. Mehse f, 
1599 bei Colerus), ndl. 1598 meese, jetzt mees, 
j ags. mäse f., engl, mit Umdeutung tit-mouse, 
j anord. meisingr m. (daraus entl. frz. me sänge f. 
'«Meise»), schwed. mes, norw. meis. Dazu 
kymr. mwyalch «merula, turdus» aus *meisalko, 
< körn, moelh, bret. moualch «Amsel» u. viel- 
i leicht lat. merula f. «Amsel». Vgl. Walde. 
I -Meise, f. (PI. -n): Tragreff zum Tragen 
auf dem Rücken. Noch Schweiz. Meise und 
hvijY.Mais f. «Tragreff», westfi. iV/ese f. «Korb». 
Mhd. meise, ahd. mei(s)sa f. «Tragkorb, Trag- 
reff»; dazu mnd. mese, meise f. «Maß für 
trockne Sachen», anord. meiss m. «Korb», 
norw. meis «Korb, Weidengeflecht als Trag- 
gerät», älterdän. mees, schwed. -dial. mes, meis 
«Rückenkorb». Nach einigen urverw. mit lit. 
mäisas m. «gestricktes Heunetz», lett, maiss 
«Sack», apreuß. moasis «Blasebalg», abg. mechü 
m. «Fell, Schlauch, Sack», aind. mesä- «Widder, 
Fell», awest. maesa- m. «Schaf». Besser stellt 
Lid^n Btr. 15, 512 das Wort zu anord. meita 
«abhauen, schneiden, s. Meißel. 

^Meißel, m. (-s, PI. wie Sg.): schmales 
Eisen mit einer Schneide zum Abstoßen, Aus- 
höhlen usw. von Stein, Holz u. a. Mhd. im 
12. Jh. mai^el, ahd. mei^il m.; dazu anord. 
meitill m. (entl. schwed.-dän. meisel). Von 
mhd. meinen (noch bayr. maißen), ahd. meiran, 
got. mäitan, anord. meita «hauen, schneiden». 
S. Maiß u. Steinmetz. Davon meißeln, v., 
mhd. meißeln. 

^Meißel, f.: Scharpie. MM. meisel m., da- 
neben wei^el m., noch bayr. Maißel, Waißel m. 

11 



163 



meist 



Melde 



164 



Von ahd. mei^an (s. ^Meißel), gleichsam «das 
Abgestoßne, Abgeschabte». 

meist, Sup. zum Komp. mehr (s. d.). Als 
Adj. mhd. u. ahd. meist, asächs. mest, mndl. 
meest, ags. mcest, engl, most, anord. mestr, got. 
maists «größt» (-ists ist Superlativsuffix wie 
in got. hatists «best», ahd. heg^isi), oberd. u. 
md. vom 15. — 18. Jh. die Nebenform meinst; 
als Adverb das Ntr. im Akk. Sg. ahd. meista, 
mhd. meiste, u. unflekt. ahd. -mhd. meist (am 
meisten, höchstens, ganz besonders, möglichst), 
ags. mcest, got. maist (aufs meiste, höchstens). 
Das Adv. am meisten zuerst im 15. Jh., meistens 
1654 bei Logau 2, 3, 58. ZUS. meistbieteud, 
adj., 1712 bei Hübner 134 subst. der Meist- 
bietende, meistenteils, adv., zwei Gen. Sg., 
1664 bei Duez; ndl. 1598 meestendeels; dafür 
mhd. meisteil, zwei Akk. Sg. 

Meister, m. (-s, PI. wie Sg.) : Vorgesetzter, 
Vorsteher (meist in Tj^'s,. Bürger-, Hoch-, Jäger-, 
Bottmeister); Lehrer (in Luthers Bibelüber- 
setzung, jetzt nur noch in Zss. Schreib-, Schul-, 
Sprachmeister); der Größte, Kunstverstän- 
digste, Tüchtigste, Geschickteste wox'in; Werk- 
u. Lehrherr. Mhd. meister, alem. mit Nasal 
meinster, md. mester, ahd. meistar, maistar m. 
«Lehrer, Erzieher, Werkmeister, Künstler, 
Aufseher, Vorsteher, Oberhaupt», mhd. auch 
«Vorbild, gelehrter Dichter büi-gerl. Standes, 
Meistersänger, Handwerksmeister, Gemeinde- 
vorstand, Stadtmeister, Herr über jem., Be- 
sitzer»; dazu asächs. mestar, ndl. meester, ags. 
magister, moegister, anord. meistari m., schwed. 
mästare, dän. mester. Aus lat. magister m. 
«Vorgesetzter, Vorsteher, Lehrer», woher auch 
frz. maitre, afrz. maistre, ital. maestro m., engl. 
master, mister. S. Magister. ABL. meister- 
haft, adj., 1691 bei Stieler, meisferhafftig 
1541 bei Frisius 432^. Meisterin, f., mhd. 
meister in{ne), ahd. meisterina, meistrinna, da- 
neben meistra f. meisterlich, adj., mhd. 
meisterlich, auch meinsterlich, ahd. meistarlich, 
im Adv. meisterlicho, mhd. meisterliche «den 
Anforderungen der Kunst entspr. meister- 
los, adj., mhd. meisterlos. meistern, v., 
mhd.meistern, a\em.meinstern «den Oberbefehl 
führen, leiten», dann «kunstreich schaffen, ein- 
richten, lehren, erziehen, erziehend strafen», 
ahd. meist{e)rön «vorstehen, beherrschen, an- 
ordnen»; davon Meisterer, m., ahd. maist{a)- 
rari m. «Vorgesetzter, Vornehmster, höchster 
Beamter». Meisterschaft, f., mhd.meister-, 
auch meinst er Schaft, ahd. meistar scaft f. «Ge- 
lehrsamkeit» u. «höchste Kunst». ZUS. Mei- 



sterrecht, n., mhd.meisterreht n. Meister- 
sänger, ursprünglich Meistersinger, m.: 

deutscher Dichter bürgerlichen Standes, der 
das Dichten zunft- u. schulmäßig ausübt, wie 
es um den Anfang des 14. Jh. begann u. im 
16. Jh. auf seine äußerste Spitze gelangte, im 
15. Jh. meistersenger m.., dagegen mhd. (gegen 
1290) meister singer va.. «Singer (Dichter) eines 
Liedes, das allen als Muster dienen kann, in 
seiner Kunst ausgezeichneter Dichter». Diese 
Dicht- u. Sangübung heißt Meistersang, mhd. 
meistersanc m. od. Meistergesang, im 15. Jh. 
meistergesanc m. Meisterstück, n., bei Lu- 
ther 6, 38 W. meyster stuck. Meisterwerk, n., 
1691 bei Stieler; in der Bed. «Handwerk eines 
Meisters» in den Nürnb. Pol.-Ordn. des 15. Jh. 
S. 26. Meisterwurz, f.: die Pflanze impera- 
toria ostruthium, spätmhd. im 15. Jh. meister- 
wortze f.; der Name daher, daß sie, wie 1587 
Lonicerus 207^ sagt, der fürnembsten Kreuter 
eins, so zu vielen Gebresten dienlich, u. 1546 
Bock 164^ das gantz geicechs ist scharffer 
natur, vber alle wurtz. 

Melancholie, f. (PI. -n): Schwermut, 
Trübsinn. 1355 im md. Schachbuch 276, 35 
melancoli f., von gr.-mlat. melancolia, gr. 
lueXöfxoMa f. «Trübsinn», eig. «Schwarzgallig- 
keit», nach alter Anschauung Krankheit durch 
die sich ins Blut ergießende u. verbrannte 
Galle, zgs. aus gr. \xi\a.c «schwarz» u. x<^^oc 

m., xoXn f. «Galle», melancholisch, adj.-. 

schwermütig, trübsinnig, im 16. Jh. (Maaler 
1561, Luther bei Mathesius Hist. Luth. 1576 
S. 143^), von gr.-lat. melancholicus, gr. iLieXa^- 
XoXiKÖc «schwarzgallig, voll schwarzer Galle». 

Melanie, Frauenname, aus gr.-lat. Melania ; 
gr. |Lie\avia f. «Schwärze», zu |u^\ac «schwarz». 

Melasse, f. (PI. -n) -. brauner Sirup, Zucker- 
hefen. 1773 bei Amaranthes'' Melasse «Zucker- 
honig». Aus glbd. frz. melasse f. u. dies aus 
Span, melaza von lat. mel n. «Honig». 

Melber, m. {-s, PI. wie Sg.): zünftiger 
Mehlhändler. Bayr. Mhd. 1347 melbcer, 1414 
melber m., abgeleitet von ]\[ehl (s. d.). 

Melchior, Mannsname, mhd. Melchior, eig. 
«König des Lichtes», aus hebr. melech m. 
«König» u. ör m. «Licht». 

Melde, f. (PI. -n): die Pflanze atriplex. 
1546 bei Bock Milte(n), spätmhd. melde(7i), 
milde, milten, malt{e), molten, multe, im 14. Jh. 
bei Megenberg molt, spätahd. melda, malta, 
molta, muolta f.; dazu mnd.-mndl. im 14. Jh. 
melde f., Sig^.melde f., aschwed. wä7d i.,molde m., 
schwed. miill, molla, dän. meld. Wohl urverw. 



165 



melden 



Meltau 



166 



mit glbd. gr. ßXixov n. (für *^\itov) od. mit 
dem unter ^ilfM^Z behandelten Wort für «Staub». 
Die weißlich od. weißgrau bestäubten Blätter 
sind d. Melden eigentümlich. Vgl. ZfdW.2,223. 

melden, v.: mitteilend kundgeben. Mhd. 
melden «verraten, angeben», dann «ankündigen, 
nennen», ahd. melden u. meldön «verraten»; 
dazu Sisächs. vieldön «anzeigen, verraten» (and. 
meldari m. «Ankündiger»), ags. meldian «an- 
klagen, sprechen». Von ahd. ?HeMa f. «Verrat», 
ags. meld «Erklärung», die vielleicht gehören 
zu lit. vielas m. «Lüge», gr. |ue\eöc «vergeblich, 
nichtig», ai-m. mef «Sünde», ir. mellaim «be- 
trüge», mell «Sünde, Fehler». ABL. Mel- 
dung, f., mhd. meldunge, ahd. meldunga f. 
«Verrat», im 15. Jh. «Verkündigung»; dazu 
ags. meidung f. «Verrat». 

melieren, v.: mischen, untereinander 
mengen. 1703 bei Wächtler, aus frz. meler, 
afrz. mesler, prov.-span.-port. mesclar, ital. 
mescolare, mischiare «mischen», von mlat. mis- 
culare, einer Abi. von \a,i. miscere «mischen». 

Melioration, f. (PI. -en): Verbesserung 
des Ackers. Aus glbd. lat. meliörätio. 1703 bei 
Wächtler Meliorationskosten. 

M^lis, m.: eine Sorte Hutzucker, geringer 
als Raffinade. 1712 bei Hübner 1893 Meliß- 
zucker, mnd. 1560 melins zucker, aus irz.sucre 
melis, mlat. saccharum melitense «maltesischer 
Zucken) von Malta [grAat.-itai.Melite), aus des- 
sen Zuckerrohrpflanzungen früher d. Melis kam. 

Melisse, f. (PI. -«) = Bienenki-aut. 1516 bei 
Pinicianus prompt. A5'^) meliß, aus glbd. 
gr.-mlat. melissa f., von gr. luAicca f. «Biene», 
zu |l16\i n. «Honig». 

melk, adj.: Milch gebend, melkbar, mhd. 
melch, melk, ahd. melch (noch obd. melch), 
nhd, auch in Zss. alt-, frisch-, neumelk-, dazu 
mnd. melk, ags. melc, meolc, engl, milch, anord. 
mjoJkr neben mjaltr «Milch gebend». Von 
melken, v. (Präs. melke, milkst, milkt u. ge- 
bräuchlicher melkst, melkt, Prät. melkte, molk, 
Konj. mölke, Part, gemelkt, gemolken, Imp. 
melke): durch drückendes Streichen der Euter 
von Tieren Milch ziehen; Milch geben (bes. 
im Part. Präs. melkende Kuh, im 15. Jh.). 
Das Prät. im IQ. Jh. malck, mhd. male, malch, 
1690 bei Bödiker 100 mulck und molck, das 
Part. mhd. gemulken, gemulchen, bei Luther 
Hiob 1 0, 1 gemolcken ; neb en der starken Flexion 
seit dem 17. Jh. eine schwache: Prät. melkte 
(1663 bei Schuppius 422), Part, gemelkt (bei 
Voß, Bürger). Mhd. melchen, spätmhd. melken, 
ahd. melchan; dazu mnd.-nndl. melken, mndl. 



milken, afries. melka, ags. melcan, isl. mjalta, 
im Anord. durch m(j)olka (Ableitung von 
mjolk f. «Milch») ersetzt, wie im engl. milk. 
Entsprechend glbd, lat. mulgere, gr. diu^Xyeiv 
(d|uoXYeüc m. «Melkeimer»), lit.. milsti (Präs. 
melzu) abg. mlesti (Präs. mlüzq), air. hligim 
(ich melke): entsprechend awest. mardzaiti, 
aind. mrjäti «er wischt, streift, reibt ab», 
alb. mjel' «melke». Vgl. Milch, Molke. ABL. 
Melker, m., um 1480 im voc. ine. teut. p 7 » 
melcher,melcker; Melkerin, f., ehd.melckerin, 
1470 md. malkeryn. ZUS. Melkfaß, n., bei 
Luther Hiob 21, 24. Melkkübel, m., mhd. 
melkkübel m., ahd. das Dim. melecchuhilin, 
melcubelin n., and, melchkubilln. 

Meinecker, m.: einer der besten Rot- 
weine Böhmens (Schiller Wall. Lager 11), der 
bei der Stadt Melnik (an der Moldaumündung) 
wächst, wo Kaiser Karl IV, Reben aus Bur- 
gund hatte anpflanzen lassen. Gebräuchlicher 
ist 3Ielniker m, 

3Ielodie, f. (PI. -n): Singweise; Wohlklang. 
Äiterahd. Melodey, mhd. melodie f.; dafür ahd. 
suoßsanc und scönisanc m. Aus gr.-spätlat. 
melödia f. «angenehmer Gesang», gr. ineXiubia f, 
«Gesang, Singweise», von gr, lu^Xoc n, «Lied» 
und ujbri f. «Gesang». ABL. melÖdisch, adj.: 
wohlklingend, bei Klopstock. 

Melodrama, n. (-s, PI. -en)-. Schauspiel 
mit Musikbegleitung. 1777 bei Job. Christian 
Brandes Ino M. in einem Aufzuge. Nach 
frz, melodrame, ital, melodramma m,, zgs, aus 
gr. |uAoc n. «Lied» u. bpaua n. «Schauspiel», 

Melone, f. (PI. -n) -. kürbisähnliche Frucht 
der urspr. südasiatischen Pflanze cucumis melo. 
Zu Anfang des 15, Jh, melöne f, (Diefenbach 
gl. 355*), UQQmeUn (Diefenb. nov,gl,250*), 
um 1480 im Voc. ine. teut. p 6^ melaun. Aus 
glbd, ital, mellone, frz, melon m,, von gr,-lat. 
melo m. neben ynelopepo m., gr. lueXou^-rrujv m. 
« Apfelpfebe» (s. Pf ehe), benannt nach d. Apfel- 
od. Quittenapf elg estalt, zu gr. infiXov n. «Apfel». 

Meltau, m.: grau-weißer mehlähnlicher 
klebriger aus Pilzen bestehender Überzug auf 
Pflanzen im Sommer. Bei Luther Melthaw, 
mhd. miltou, ahd. militou m,, noch wettei-au. 
mildä,ohsäGhs.mtltau; dazu and. milidoun., ags. 
mele-, mildeaw n, m., engl, mildeiv. Die 1, H. 
des Wortes, an Mehl angelehnt, nicht zu got, 
milip n. «Honig», anord.milska f. «süßes Misch- 
getränk» (urverw. mit lat. mel, gr. m^Xi n. «Ho- 
nig»), denn d, Honigtau (mhd. honectou) unter- 
scheidet sich durch sein wasserhelles gelbliches 
Aussehen, sondern wahi-scheinlich zu mahlen, 

11* 



167 



Membrane 



Mensch 



168 



MeJil, wie mhd. niüehom (Diefenb. gl. 324% 
13.— 14. Jh.) neben melboum «Mehlbaum» (s. d.). 

Membrane, f. (PI. -w): Haut; Pergament, 
Handschrift auf Pergament. Mhd. membräne f., 
got. maimbrana m. «Pergament», aus lat. mem- 
&räwaf.«Haut, Pergament» (woher biblisch-gr. 
ia€|aßpdva f.), zu lat. memhrum n. «Körperglied». 

Memme, f. (PI. -n): Feigling. 1541 bei 
Luther 7, 426*) f eltflüchtige Memme. Eig. 
Mensch, der zu nichts anderem als zum Kinder- 
warten taugt (1669 bei Prätorius Glücktopf 436 
Memme oder Muhme), M. bed. ursprünglich 
«Mutterbrust», dann «Mutter». 

Memoiren (spr. -odren), PI: Denkwürdig- 
keiten, historische Aufsätze mit Hervorhebung 
d. eignen Erlebnisse des Verfassers. Bei Goethe 
41,2, 269 ; bei Herder u. Schiller Memoires. Aus 
glbd. hz. memoires, PI. zu memoire va.. «Denk- 
schrift», von lat. memoria f. «Gedächtnis, Er- 
zählung, Geschichtsbuch» (woher mhd. memörje 
f. «Gedächtnis»), zu lat. memor «eingedenk». 

memorieren, v.: aus wendiglernen, 1571 
bei Rot. Aus lat. memor äre «in Erinnerung 
bringen», von lat. memor «eingedenk». 

Menagerie (spr. -azeri), f. (PI. -n) : Haus, 
Bude, Garten zum Halten u. Sehenlassen 
wilder Tiere. 1712 bei Hübner. Aus glbd. 
frz. menagerie f., eig. «Vieh-, Hühnerhof, Tier- 
garten», von frz. menager m. «Haushalter», me- 
nage m. «Haushalt, Wirtschaft», afrz. mesnage, 
von mlat. mansionaticum n. «Haushaltung», zu 
lat. mansio f. «das Bleiben, Wohnung, Haus». 

Menge, f. (PI. -n): Vielheit, große Zahl. 
M.hd.menige,men{e)ge, auch menie u. menigtn, 
ahd. managtin), menigif.: dazu asäichs. ynenigi, 
ags. men{i)gu, got. managei f., von mhd. manec, 
ahd. manag (s. manch, mannig). 

mengen, v.: unter- und durcheinander 
kommen machen. Mhd. mengen, aufgenommen 
aus dem Md. u. Xdd., md. mengin, mengen, 
mingen, asächs.meng'mn, ahd. nur einmal fränk. 
chimenghide «gemengte, vermischte»; dazu 
nndl. mengen, afries. mengia, ags. men(c)gan, 
engl.mingle. Dazu die Präp. mang (s.d.), ferner 
md. im 14. .Jh. gemanc m. «Gemenge», asächs. 
gimang, ags. gemong n. «Gemenge, Haufe, 
Schar». Wohl urverw.mit Wi.minMti «kneten», 
ahg. m^kükü «ivfe\chj>. Vgl. Zupitzal35. ABL. 
Mengsei, n. (-s): Gemengtes, 1597 bei Colerus 
Hausb. 4, 185 mengsall, 1731 bei Zincke öcon. 
Lex. 1872 Mangsel, 1680 bei Hofimannswaldau 
VLeldenhr.lO Mengsein.; da.znc\e\ .1417 mengsei, 
ndl. 1598 menghsel n. 

Mennig, m. (-s, Pl.-e): aus Blei gewonnene 



gelblichrote Farbe. 1482 im Voc. theut. t8^ 
menig, 1420 memgre (Diefenb. gl. 362^), spätmhd. 
mini[g), minge, spätahd. »imgr n. u. Dat. miniin 
(Ahd. Gl. 2, 681, Ij. Aus lat. minium n. «Berg- 
zinnober, Mennig» (nach Properz2, 3,11 span.). 
Mensch, m. {-en, PL -en), im allgemeinen 
Sinne; dagegen n. (-es, PI. -er): kräftige Weibs- 
person, (ländlich-derb) Geliebte, (dann verächt- 
lich) unzüchtige, leichtfertige Weibsperson. Im 
allgemeinen Sinne älternhd. Mensch{e) m. n., 
mhd. mensch{e) m. n., frähmhd. mennisch{e), 
menniske, ahd, mannisco, mennisko, mennisgo, 
mennischo m.; dazu asächs. wewm,sco m., mnd. 
minsche, mensche, ndl. mensch m., afries. man- 
niska,menneska,menska, minscham. «Mensch», 
ags. m,ennisc n. «Menschheit, Volk». Eig. das 
subst. gebrauchte Adj. mhd. mennisch, ahd. 
mennisc, as'ä.chs.mannisc,mennisc, ags.mennisc, 
anoi'di.menskr, got. manwis/cs «menschlich», von 
ahd.-asächs.-ags. man, got. manna m. «Mensch, 
Mann» (s. d.). Kluge ZfdW. 2, 44 leitet es von 
Mannus (Germ. 2), dem angeblichen Stamm- , 
vater der Germanen, ab. Im 16. Jh. beginnen 
sich der Mensch und das Mensch zu scheiden, 
indem sich das letztere mehr und mehr auf 
den Begriff der weiblichen Person beschränkt 
(bei Luther 5, 264% Sastrow 1, 22 und 286 
Mensch[e] n.), im 14. Jh. «Dienender oder 
Dienende, Knecht, Magd» (die Bed. «Dienst- 
magd» bis ins 18. Jh.), im 16. Jh. bei Schwei- 
nichen Kamynermensch u. (Kammerfräulein), 
in der Zimm. Chron. - 4, 159, 42 mentsch n. 
«Beischläferin»; die stai'ke Biegung tritt statt 
der frühern schwachen seit dem 17. Jh. auf: 
PI. Menscher 1624 bei Opitz Poeterey 25, da- 
nach Gen. Sg. Mensches, Dat. Mensche bei 
Adelung. ABL. Menschheit, f., mhd. menscÄ- 
(h)eit f., frühmhd. mennisgheit, mennischeit, 
«Wesen und Leben eines Menschen, Gesamt- 
heit der Menschen, Mannbarkeit», vihd. mennisg- 
heit f. «menschhche Natur», menschlich, 
adj., mhd. menschlich, frühmhd. mennisch-, 
menneschlich, ahd.manisc-, menisc-, mennisclih, 
im Adv. mhd. menschliche(n), ahd. mennisc- 
licho; in der Bed. «schonungsvoll, barmherzig» 
1691 bei Stieler; dazu Menschlichkeit, f., 
mhd. menschlicheit f., in der Bed. «Mitgefühl, 
Erbarmen» 1642 bei Daez«humanitas». ZUS. 
Menschenalter, n.: Zeitalter, 1663 bei Schup- 

pius 780. Menschenfeind, m., 1540 bei Al- 
berus dict. r2^. Meuschenfresser, m., bei 
Opitz 3, 288 Amst., dafür mhd. menschenvrä^m. 
Menschenfreund, m., bei P.Fleming 9 u. 118. 
Menschenfurcht, f., bei Geliert 2, 184. Men- 



169 



Mensur 



Merks 



170 



SChengesehlecht, n., bei Klopstock, Herder. 
Menschenhand, f., mhd. menschenhant f. 
Menschenkenner, m., bei Wieland, Schiller. 
Menschenkind, n., mhd. menschenkint n. 
Menschenleben, n., im 15. Jh. Buch der 
Beispiele 68, 1. 3Ienschenliebe, f., 1734 bei 
Steinbach, menschenmöglich, adj., bei Wie- 
land, im 17. Jh.(163l) menschnöglich, im 16. Jh. 
menschlich u. müglich Berlichingen 76, Schert- 
linBriefe80.MenSChenpflicht,f.,beiGleim3, 
372. Menschenrecht, n., bei Schiller 6, 38. 
menschenscheu, adj., Simpl. i, 82 Klr.subst. 
Menschen- Scheu m. Menschenschlag, m., 
bei Kant 10, 73 von 1788. Menscheuscele, 
f., mhd. menschensele f. Menschensohn, m., 
bei Luther Job. 12, 34. Menschentum, n., 
1654 bei Logau 1, 8, 69. Meuscheuwerk, n., 
bei Luther Ps. 17, 4. 3Ienschwerdung, f., 
im Alsfelder Passionsspiel 7709 mentschwer- 
dunge f. (Zusatz aus dem Anfang des 16. Jh.). 

3IensÜr, f. (PI. -en): abgemeßne Entfei'- 
nung der Fechtenden beim Zweikampf; Zwei- 
kampf. Student. 1813. Aus lat. mensüra f. 
«das Messen, Abmessen». 

3Ientor, m. (-s, Pl.-e/t): Ratgeber, Hof- 
meister, Prinzenerzieher, 1757 bei Hagedorn 1, 
191, benannt nach Mentor, dem Geleiter des 
jugendlichen Telemach. 

Mentl, öst. Menü, n. (-s, PI. -.s) : Speisen- 
folge; Tischkarte. Aus frz. meiiu ra. «Tisch- 
karte», eig. «die kleinen Teile», von lat. mi- 
nUtus «klein». Noch nicht bei Petri 1834. 

Menuett, n. (-[e]s, PI. -e) : ein ursprüng- 
lich französischer Tanz von langsamer feier- 
licher Bewegung. 1711 bei Rädlein Menuett, 
aus frz. menuet m., von dem noch im 18. Jh. 
vorkommenden frz. Adj. menuet «dünn, fein, 
klein», zu lat. minütus «klein»; also gleichsam 
«Kleinschrittanz», nach den kleinen Schritten 
{pas) benannt. Dieser Tanz wurde zuerst 1653 
am französischen Hofe eingefühi't u. war unter 
Ludwig XIV. und Ludwig XV. sehr beliebt. 

3Iergel,m. (-.s, PL wie Sg.): fette, düngende 
Erdart. Mhd. mergel, ahd. mergil m.; dazu 
mnd. mergely ndl.-clev. 1477 mergel, (aus dem 
Deutschen entl.) schwed. märgel, dän. mergel. 
Aus glbd. mlat. margila f., Dim. von glbd. 
mlat. marga f. (nach Plinius bist. nat. 17, 4 
urspr. keltisch). ABL. 4nergeln, v.: mit 
Mergel düngen, mhd. im 14. Jb. ynergeln, 
dazu mnd. mergelen, 1309 myrgelen (Höfer 
Urk. 79), ndl. 1598 marghelen. 

^mergeln, v.: kraftlos machen, bis aufs 
Blut und zur Ermüdung plagen, auch refl. 



Älternhd. mergeln (1531 bei Franck Chron. 
131»), 1586 bei Pape Bettel- und Gartteufel 
N 1 ^ sich mörgeln. Von Mark, aber z. T. 
an Mergel angelehnt, vgl. ZfdW. 10, 49. 

Meridian, m. {-s, PI. -e): die Mittagslinie, 
der Mittagskreis, d. h. die den Äquator und 
die beiden Pole durchschneidend gedachte 
Linie, in der für jeden darin liegenden Ort 
der Erde die Sonne am Mittage um 12 Uhr 
steht. Bei Nehring 1717 Meridian, aus lat. 
merldiänus «mittägig», substantivisch (mit Er- 
gänzung von circulus m. «Kreis») «Mittags- 
kreis», von lat. merldies m. «Mittag». Schon 
mhd. meridiän f. «Mittagszeit, Mittagshöhe». 

Merino, m. {-s, PI. -s): das feinwollige 
spanische Schaf; feiner geköperter Wollen- 
stoff. Aus span. merino m, in Spanien seit 
alter Zeit einheimisches feinwolliges Schaf, 
in Kursachsen 1765 u. 1779 eingeführt (daher 
unter Elektoral, d. h. kurfürstlich, die feinste 
Wolle verstanden wird), von span. merino 
«dicht, kraus». 

merkantilisch, adj.: kaufmännisch, kauf- 
mannsmäßig. Bei Goethe 27, 334. Von frz. 
mercantile «kaufmännisch, Handels- (z. B. Mer- 
kantilwesen n. «Handelswesen»), das auf lat. 
mercäri «handeln» zurückgeht. 

merken, v.: mit etwas zum Kennen ver- 
sehen; an oder aus Zeichen auffassen oder 
schließen, mit dem Geist auffassen und fest- 
halten. Mhd. merken, älter merchen (Prät. 
markte, marhte, nierhte, merkete), md. auch 
mirken, ahd. merchen (Prät. marhta); dazu 
mnd. merken, marken «mit einer Marke ver- 
sehen, aufmerken», afries. merkia, ags. mear- 
cian «mit einer Marke versehen, bezeichnen», 
anord. merkja «kenntlich machen, unterschei- 
den, wahrnehmen, bemerken», schwed. märka, 
dän. merke. Abgeleitet von ahd. marcha f. 
«Bezeichnung» (s. ^ Marke). ABL. merkbar, 
adj., 1691 bei Stieler. Merker, m., mhd. 
merkcere, merker m. «Aufpasser», bes. bei 
Liebesverhältnissen, dann einer, dem Poesien 
zur Prüfung vorgelegt wurden, ndrhein. mir- 
kere. merklich, adj., mhd. merk{e)lich «wohl 
zu beachten, bemerkbar, deutlich, wichtig», 
auch «tadelsüchtig». ZUS. 3Ierkmal, n. {-s, 
Pl.-e), 1618 bei Sandrub 68 ilf ercÄ;maÄL 3Ierk- 
WOrt, n.: Stichwort der Schauspieler. Bei 
Tieck. merkwürdig, adj., 1678 bei Krämer; 
dazu 3IerkwÜrdigkeit, f., 1716 bei Ludwig. 
3Ierkzeichen, n., 1596 bei Hulsius dict. 

3Ierks, m.: Fähigkeit des Merkens, Ge- 
dächtnis, Denkzeichen. In den Mundarten weit 



171 



Merle 



Messer 



172 



verbreitet. Wohl Gen. von Merk «Merkzei- 
chen, Marke». Um 1480 im Voc. ine. teut. n S''. 

Merle, f. (PI. -w): Amsel. Bayr. Im 15. Jh. 
merl{e) f., mhd. das Dim. merVin n., aus glbd. 
ital. merla f., von lat. merula f. «Amsel». 

meschällt, adj.: schlecht, garstig, boshaft, 
schändlich, 1714 bei Wächtler mechant, aus 
frz. mechant «elend, schlecht, boshaft», aus 
lat. minus cadens «schlechter fallend». 

meschügge, adj. : verrückt. Judendeutsch. 
Aus glbd. hebr. meschugga. 

^Meß, n. (Gen. Messes, PI. Messe): ein 
Hohlmaß für Früchte, Wein usw.; Holzmaß 
(etwa eine Klafter). Obd., auch fränk. Mhd.- 
ahd. me§ n. «Flüssigkeits- od. Getreidemaß». 
Von messen (s. d.). 

-Meß, ^ Messe, f. (PI. -n): Speise- und 
Wohnraum der (See)offiziere. Aus engl, mess 
«Gericht, Speise, Tischgesellschaft», mengl. 
me{e)s, von afrz. mes, nfrz. mets, ital. messo 
m., von lat. missum «das aus der Küche Ge- 
schickte, das Aufgetragne». 

^ Messe, f. (PI. -n): die hohe feierliche 
Handlung des Piiesters in der kathol. Kirche, 
den wahren Leib und das wahre Blut Christi 
in den Gestalten des Brotes und Weines Gott 
zu opfern, als unblutige Erneurung des Opfers 
Christi ; die bei dieser Handlung vorgeschrieb- 
nen Gebete u. Gesänge; großer mit besondren 
Vorrechten und Freiheiten versehner Waren- 
verkehr durch ausgebreitete Zusammenkunft 
von Verkäufern und Käufern an einem Ort 
und während längrer Zeit, großer Jahrmarkt 
mit Von*echten ; Geschenk von einem solchen 
Warenverkehr, Meßgeschenk. Mhd. mess{e), 
misse, ahd. messa, missa f. «kirchliche Messe, 
Feiertag von Heiügen», im 14. Jh. (1329 bei 
Böhmer cod. dipl. 505, aus Frankfurt a. M.) 
«bevorrechteter Markt, Jahrmarkt», weil man 
einen solchen schon früher mit einem kirch- 
lichen Feste gern verband. Dazu ags. mcesse, 
messe f., engl, mass «kirchhche Messe» (Fest, 
in Christmas), anord. messa f. «kirchliche 
Messe, Festtag von Heiligen». Aus dem, seit 
dem 4. Jh. üblichen lat. missa f. «Entlassung, 
zuerst und vorzugsweise die der kirchlichen 
Versammlung, dann die Abendmahlshandlung», 
ferner «die obige feierliche Opferhandlung 
des Priesters», endlich «Fest». Das lat. Wort 
ging hervor aus lat. ite, missa est (nämlich 
concio) «geht, sie (die gottesdienstliche Ver- 
sammlung) ist entlassen», oder bloß missa est, 
womit in der alten Kirche die durch Unter- 
richt noch nicht völlig Gereiften vor der öffent- 



lichen Abendmahlshaudlung entlassen wurden, 
da sie an dieser nicht teilnehmen durften 
ZUS. Mess(e)diener, m.: der bei der Messe 
den opfernden Priester mit Stimme und Hand 
Unterstützende (Schiller M. Stuart 1, 4), vgl. 
Meßner. Meßgewand, n.: das Priestergewand 
bei der Messe, mhd. mess{e)geivant n. Meß- 
opfer, n.: kirchliche Messe, 1678 bei Krämer. 
Meßtag, m., mhd. messetac m. «kirchlicher 
Festtag, Kirchweihe», im 15. Jh. «Jahrmarkt». 

messen, v. (Präs. messe, missest, mißt, 
Prät. maß, Konj, mäße, Part, gemessen, Imp. 
miß): (trans.) mittels einer bekannten Größe 
die Ausdehnung, den Umfang oder die Menge 
von etw. bestimmen; (refl.) die eignen Kräfte 
od. Eigenschaften mit denen andrer vergleichen 
oder im Wettstreit versuchen (1760 bei Heil- 
mann Thucydides 620, schon bei Luther 2. Kor. 
10, 12 «sich prüfend schätzen», im Sinne von 
«sich vorziehen», wo got. sik mit an); (intrans.) 
ein gewisses Maß haben (1777 bei Adelung). 
In der 1. Bed. mhd. me^^en (auch zielen, zu- 
teilen, gestalten, vergleichend betrachten, über- 
denken, präfen, Prät. mag, Plur. mägen, Part. 
gern eggen), ahd. meg(g)an (auch wägen); dazu 
asächs. metan, ndl. meten, afries. meta, ags. 
metan (auch wofür halten, schätzen), anord. 
meta (nach Wert bestimmen, abschätzen), 
schwed. mäta, got. mitan. Urverw. mit lat. 
modius m. «Scheffel», modus m. «Maß», medi- 
täri «überlegen», gr. in^becGai «erwägen, Sorge 
tragen», lu^bovxec PI. «die Bei'ater, Herrscher», 
lu^bi^voc m. «Scheffel», luexpov «Maß» (aus *med- 
tron), air. midiur «ich urteile, schätze», arm. 
mit «Sirin, Gedanke», aind. mastis «das Messen, 
Wägen», vgl. Walde. Daneben eine Wm-zel 
me-,met-. S.Maß, Meß, Metze. J.BL. Messer, 
m. ['S, PI. wie Sg.): der Messende, mhd. 
meggcere, megger, ahd. meggari m. ZUS. Meß- 
kette, f. : Kette des Feldmessers zum Messen, 
1580 bei Sebiz Feldb. 471. Messung, f., spät- 
mhd. meggunge f. 

Messer, n. {-s, PI. wie Sg.): Schneide-j 
auch Stechwerkzeug, aus Klinge und Heft 
bestehend. Mhd. meg(g)er, frühmhd, meggir, 
ahd. megers, vollständiger meggires, meggiras, 
älter meggirahs, meggarahs, meggisahs u. mag- 
sahs n., noch ndrhein.im 12. Jh. megses (Rother 
2517) ; dazu and. mezas, d. i. met-sas (in mezas- 
köp «Messerkauf»), mnd. messet, metset, mest, 
mezces, mes, ndl. mes, ags. meteseax n. Eig. 
Schneidewerkzeug zum Zerlegen der Speise, 
zgs. aus ahd. magn. «Speise», eig. «das Zuge- 
meßne, Zugeteilte» (PI. meggi; dazu asächs. 



173 



Messing 



Metaphysik 



174 



mat n. und meti ru., afries. mete, met, meit m., 
ags. mete m., PI. mettas, engl, meat, anord. 
matr m. und mata f., got. mats m. «Speise»), 
und ahd. sahs, ags. seax, anord. sax n. «Messer, 
kurzes Schwert» zu Hieb und Stich (das Messer 
aber war in der Urzeit zuerst ein scharfer 
Stein), urverw. mitlat. saxum n. «Stein, Fels», 
und weiter mit lat. secäre «schneiden», secuta f. 
«Sichel», secüris f. «Beil». ZUS. Messer- 
schmied, n:., mhd. me§§ersmit m. 

Messing, n. (s, PI. -e): aus Kupfer und 
Zink gemischtes Metall. Mhd. messinc m., auch 
missinc, meschinc, rnöschinc, mnd. missink; 
dazu ags. mces{t)ling n., anord. messing, mas- 
sing, mersing f., schwed. mässing, dän. messing. 
Nach Weigand mittels -ine von glbd. mhd. 
messe n. (älternhd. u. noch schwäb.-schweiz. 
Meß, Möß, Mösch), neben mhd, messe, mässe f. 
«Metallklumpen, bestimmtes Maß an Metall», 
aus lat. massa f. «(Metall)klumpen» (s. Masse). 
Doch wird dies jetzt bestritten. Eher wird M. 
auf den Namen der Mossynoiken zurückgehen, 
eines Volkes am Schwarzen Meer, das nach 
(Pseudo-) Aristoteles zuerst M. dui-ch Zusam- 
menschmelzen von Kupfer mit Zinkerz her- 
stellte. Aus dem Germ, stammen "goln.mosiqflz, 
tschech. mosaz «Messing». Vgl, Idg. Forsch. 
17, 31. ABL. messingen, adj., spätmhd. im 
15. Jh. messingien), neben mhd. (von messe n, 
abgeleiteten) messin, mösstn, möscMn. mes- 
singisch, adj.: aus Messing (Mischmetall) 
bestehend, 1482 im Voc.theut. v 2^; dann bildl. 
von der Sprache, nd. u. hd. gemischt (ndd. 
Missingsch), z. B. messingisch i-eden, 1777 bei 
Adelung. Es liegt kein Grund vor, an eine 
Umgestaltung aus meißnisch zu denken, wie 
Scheffler ZADSV. 1906, 45 annimmt. 

Meßkette, s. messen. 

Meßner, m. (-s, PI. wie Sg.): Kirchen- 
diener, Küster. ^lh.di.i)ies{se)n(2re,mesner, ahd. 
mesinäri m,, im 14. Jh, im Voc. opt. S. 36**, 52 
mensner m. Nicht von '^ Messe, sondern aus 
mlat. mesenarius, üblicher mansionarius m. 
«Türhüter des Tempels, der Kirche», von 
lat. mansio f. «das Bleiben, Wohnung, Haus». 

Meßopfer, s. ^Messe. 

Meste, f. (PI. -n): */g Malter haltendes 
Fmchtmaß; Gefäß od. Kasten zu Salz, Mehl usw. 
Mitteldeutsch. In derl.Bed. 1327imBreslauer 
Urkundenbuch hgb. v. Korn 1, 122, 26, in der 
Bed. Salzgefäß als Maß des Salzmannes im 14. Jh. 
Mit dem im Md. öfter vorkommenden s für 5 
statt me^te von ahd. meg^an «messen» (s. d.). 

Mestize, m. {-n, PI. -n) : in Amerika Misch- 



ling aus Weißen und Indianern. Bei Goethe 41, 
1, 217, an SchiDer 4, 182. Aus span. mestizo m. 
«Kind von Eltern verschiedner Rasse», urspr. 
auch verschiednen Standes, von mlat. mixti- 
cius, lat. mixtus «vermischt». 

Met, m. (-[e]s, PI. -e): ausgegorner Honig- 
trank. Noch bayr., ostpreuß. 1678 bei Krämer 
Meeth, 1642 bei Duez Meth, bei A. Gryphius 
1, 635 Methe, 1588 bei Tabernämontanus Meth, 
1537 bei Dasypodius Matt, mhd. met{e), md. 
me((T)(le, ahd. metu, meto, medo, mito m. ; dazu 
mnd.-ndl.-afries. mede, ndl. mee, ags. medu, 
meodu, engl, mead, anord. mjödr m. (Gen, 
mjaäar, Dat. H;z(fi),dän.-schwed. mjöd n. «Met». 
Urverw. mit abg. medü m. «Honig, Wein», lit. 
medüs m. «Honig» (lit. midiis «Met» wohl aus 
dem Got. entlehn tj, gr. ,u^6u n. «berauschendes 
Getränk, Wein», altir. med «Met», awest.madav- 
n. «Beerenwein», aind. mädhu n. «Honig, be- 
rauschender Honigtrank». Aus dem Germ. 
ST^äÜat.medus m., woraus ah-z.mies, miez «Met». 

Metall, n. (-S, PI. -e): von Gestein und 
Erde geschiedner schmelz- u. dehnbarer Körper. 
1482 im Voc. theut. v 3* metall n. «Erz», mhd. 
1314 metalle n., auch f. (Frauenlob 30,33, 3); 
dazu 1477 clev, metail. Aus gr,-lat. metallum, 
gr. lu^xaXXov n, urspr. «Grabe, Stollen in der 
Erde», dann «das darin Gefundne», endlich 
«Erz, Metall». ABL. metallen, adj,, im 
15, Jh. mrhein. metaeln (Diefenb. gl. 359''), 
1639 bei Micrälius Pommern 1, 254 u. 1678 
bei Krämer metallin. metallisch, adj., 1531 
bei S. Franck Chron. 376% nach glbd. gr.-lat. 
metallicus, gr. iLieraWiKÖc. 

Metamorphöse, f, (PI. -n): Um-, Ver- 
wandlung in eine andre Gestalt (Goethe 3, 89). 
1703 bei Wächtler Metamorphosis, aus glbd. 
gr. laexaiaöpqpujcic f., zgs. aus |a6Td,eig. «zwischen», 
in Zss. oft eine Veränderung ausdrückend, und 
laopqpeTv «gestalten», von luopqpr) f. «Gestalt, 
Form». ABL. metaniorphosieren, v. 
(Goethe Nat. S. 6, 92). 

Metapher, f. (PI. -n) -. uneigentllicher, bild- 
licher Ausdruck, z.B. «Sohn des Waldes» für 
Jäger, «die Rosen der Wangen» für die Röte 
derselben. Bei Goethe 8, 73. Aus glbd. gr.-lat. 
metaphora, gr. luexaqpopci f. eig. «das Weg-, 
Anderswohin-, Übertragen», von lueraqsepeiv v., 
einer Zs. von ^exä (s. Metamorphose) u. qp^peiv 
«tragen», metaphorisch, adj.: uneigentlich, 
bildlich, durch die Blume (d. h. Anspielung) 
in der Rede verdeckt. Nach gr. luexaqpopiKÖc 
«übertragen», dann «uneigentlich». 

Metaphysik, f.: Wissenschaft von den 



175 



Meteor 



Mettwurst 



176 



letzten Realgründen der Erscheinungswelt, 
Wissenschaft des Übersinnlichen. Der Ton 
ruht bei Uz (1768) 1, 36f. und Zachariä poet. 
Schriften 1, 205 auf der vorletzten. Aus gr.- 
mlat. metaphysicaL, aber gr. lueTaqpuciKd, subst. 
PI. Ntr. des Adj. iiieTaqpuciKÖc «über die Natur 
der Dinge hinausgehend, übersinnlich», zgs. 
aus faerd (s. Metamorphose) u. dem Adj.qpuciKÖc 
«natürlich» (s. Physik). ueTaq)uciKd zuerst von 
einer Schrift des Aristoteles gebraucht. Meta- 
physiker, m., bei Herder z. Philos. 4, 121, 
aus gr.-mla,t.7netaphysicus,s^ätgr. luexaqpuciKÖc, 
wonach auch das Adj. metaphysisch, bei 
Herder z. Philos. 7, 271. 

Meteor, n. (-s, PI. -e): Lufterscheinung 
(Goethe Faust 7034). 1703 bei Wächtler Mete- 
oron, 1630 bei S. Bürster 12 ein metheorum, 
aus gr. luex^ujpov n.,dem Ntr. des Adj. inexeiupoc 
«in der Höhe, in der Lvift befindlich». Meteo- 
rologie, f.: Witterungslehre, Wetterkunde, 
b. Goethe Nat. S. 11, 72, aus gr. uexeuupoXoYia f. 
«Rede oder Lehre von Körpern u. Erschei- 
nungen in der Luft», meteorologisch, adj. 
(Goethe Nat. S. 12,77), nach gr. uexeujpoXoxiKÖc 
«zur Lehre von den Lufterscheinungen gehörig». 

Meter, n. m. {-s, PI. wie Sg.): ^40000000 
des mittlem Umfangs der Erdkugel, die Grund- 
einheit des seit 1799 französisch., durch Reichs- 
gesetz von 1868 in Deutschland eingeführten 
Längenmaßes, annähernd 1''/^ Elle, aus frz. 
metre m., von gr.-lat. metrum, gr. inexpov n. 
«Maß», dann «Kubikmaß für trockne u. flüssige 
Dinge» (vgl. messen). In Preußen u. im Reich 
amtlich Ntr. ; öst.-bayr. auch m. In der Um- 
gangssprache ist d. Mask. weit vei'breitet, u. 
es dringt wie bei Liter u. den andern neuern 
Maßbezeichnungen entschieden vor. 

Methode, f. (PI. -n) -. Verfahrungsart ; Lehr- 
art, Lehrgang. Bei Thomasius Einl. 164. 1703 
bei Wächtler u. im Zeit. -Lex. Aus gr.-lat. 
methodus, gr. in^Boboc f. «das Nachgehen, Ver- 
folgen einer Idee, Weg und Art einer Unter- 
suchung», von gr. iLiexd «nach, hinterdrein» 
u, öböc f. «Gang, Weg», methodisch, adj., bei 
Lessing 1, 179, nach dem gr.-lat. Adj. metho- 
dicus, gr. fieeobiKÖc. 3Iethodist, m. (-en, 
PI. -en) : eig. wer methodisch vorgeht. Urspr. 
Spottname eines von Wesley in Oxford 1729 
gegründeten religiös -asketischen Freundes- 
bundes junger Leute. 1744 im Ketzerlex. 

Metier (spr. metje), n. (-s, PI. -.s): Hand- 
werk, Gewerbe. 1714 bei Wächtler. Das frz. 
metier m,, afrz. mestier, aus lat. ministerium 
n. «Dienstleistung». 



Metonymie, f. (PI. -n): Namenvertau- 
schung, insofern die Namen gewisse Verhältnis- 
begrifie ausdrücken, z. B. die Arbeit der Stiere 
statt Getreide, den Schiller lesen füi- Schillers 
Schriften, Lorbeer und Ölzweig gleich Sieg und 
Frieden. In der neuern Sprachwissenschaft 
eine besondre Art metaphorischerBedeutungs- 
übertragung. Aus gr.-lat. metönymia, gr. iiiexuu- 
vu|uia f., zgs. aus gr. |uexd (s. Metamorphose) 
und einer Ableitung von gr. övo^a n. «Name». 
metonymisch, adj., nach dem gr.-lat, me^öwt/- 
micus, gr. |uexujvu,uiKöc. 

MMrik, f. (PI. -en) -. Verskunst, Verslehre 
(Schiller an Goethe 5, 170). Aus glbd. gr. 
|n€xpiKri f.(nämlichxexvrif. «Kunst»), dem subst. 
Fem. des Adj. luexpiKÖc, von in^xpov n. «Maß», 
dann «Vers-, Silbenmaß». Metriker, m. (-s, 
PI. wie Sg.) : wer die Verskunst versteht und 
zu üben weiß. Aus gr.-lat. Adj. metricus, gr. 
^€xpiKöc, wonach auch metrisch, adj. Me- 
trum, n. (-S, PL Metra, Metren): Versmaß, 
aus glbd. gr.-lat. metrum, gr, in^xpov n,, wo- 
her schon ahd, metar, meter n. «Versmaß, Vers», 
meterltch «metrisch». 

Metropole, f. (PI. -n) -. Mutterstadt, Haupt- 
stadt. Aus gr.-lat. nietropolis, gr. inr|xpÖTTo\ic f., 
zgs. aus gr.|nr|xrip f. «Mutter» u. itöXic f. «Stadt». 
3Ietropollt, m. (-en, PI. -en) : gr.-kathol. Erz- 
bischof. Aus gr,-lat. metropolita m, « Bischof in 
der Provinzialhauptstadt», gr. larixpoiroXixric m. 

^ Mette, f. (PI. -n) : katholische Fmhmesse, 
Mhd. metten{e) u. mettin(e), metti f., ahd. im 
10. u. 11. Jh. mattina, mettina f., zunächst in 
bezug auf die gottesdienstlichen Verrichtungen 
und Chorgesänge der Ordensgeistlichen ge- 
braucht, der erste der sieben kanonischen 
täglichen Gottesdienste. Aus mlat. mattina, 
lat. mätUtina f. (nämlich höra f. «Stunde») 
«Früh-, Morgenstunde», dem subst, Fem. des 
lat. Adj. mätütinus «früh», woraus auch ital. 
mattino m., mattina f., frz. matitim. «Morgen». 

-Mette, f. (PI. -n): fliegender Sommer- 
faden, Marienfaden. Bei Klopstock Od. 2, 207, 
Voß Luise 3, 17, aus dem Nd., wo Mettken- 
Sommers , Metjensommer , Sommer - Mettjens 
«das Mariengarn» bezeichnet, Mefj , Mette, 
Mettke, ein nd. weibhcher Name, ist Abkürzung 
von Margarete und Mechthild. 

Mettwurst, f.: Wurst aus gehacktem 
Schweinefleisch. In Nordd. Mnd. metworst, 
metteworst (Diefenb. nov. gl. 239*' von 1417), 
ndl. metworst, von mnd. met n. «das reine 
Schweinefleisch ohne Speck», asächs, meti m, 
«Speise» (s. Messer). Seit alter Zeit auch in 



177 



Metze 



Meute 



178 



Oberdtschld. gekannt (FiscbartGarg.77u.120). 
Vgl. noch Idg. Forsch. 11, 265. 

^ Hetze, f. (PI. -n): ein kleinres Trocken- 
maß, 7] 6 Scheffel, jetzt 5 1. Mhd. metze m., 
ahd. im 10. u. 11. Jh. mezzo m.; dazu mnd. 
mette, matte f., ags. mitta f., md. u. nordd. 
Fem., aber noch bayr.-öst. Metzeil, m. [s, 
PI. -n): Wie got. mitaps f. «Getreidemaß»,} 
von messen (s. d.) u. zu \at. modius «Scheffel». I 

■^ 3Ietze, f. (PL -n) : Dirne, Hure. 1784 bei ' 
Schiller Kabale 2, 6 Mätze, aber 2, 7 u. 5, 7 
Mäze. Mhd. im 14. Jh. metzie) f. «Mädchen» 
(noch bei Luther), im 15. Jh. «Mädchen ge- 
ringem Standes, leichtfertiges Frauenzimmer», 
dann im 15. u. 16. Jh. «Hure». Eig. Koseform 
für Mechthüd, Mathilde, mhd. Metze, Metza, 
Matze, Matz, im 11. Jh. Matza. 

^3Ietze, f.: der Teil des zu mahlenden 
Getreides, den der Müller als ISIahllohn für* 
sich nimmt, früher der 30. Teil. Im 16. Jh. 
Metze, Mitz(e), im 15. Jh. micz, mycz f.; dazu 
nd. matte f., eins mit mnd. matte, mette f. 
«Metze» als Getreidemaß (s. ^ Metze). 

metzeln, v.: schlachten, dann (bei Ade- 
lung) wiederholt und ungeregelt schneiden. 
Spätmhd. im 15. Jh. metzel{e)n «schlachten, 
Fleisch aushauen», dann bei Luther «nieder- 
hauen». Kaum zu ahd. mezzön «schlagen, 
hauen», s. Steinmetz, sondern aus mlat. (und 
daher ital.) macellare «schlachten», von lat. 
macellum n. « Pleischmarkt», dann «Fleisch- . 
bank». vlSL. Xetzel^i, f. (PI. -en ) : 1777 bei 
Adelung. ZUS. Metzelbank, f.: Schlacht- 
bank, im 15. Jh. metzelhanck (Diefenb. gl. 341 ^). 
Metzelsuppe, f. : Mahlzeit beim häuslichen 
Schweineschlachten,Wurstsuppe, 1639 bei Zinc- 1 
gref Apophth. 1, 217 (Worte Geilers von | 
Keisersberg). 

metzen,v.: (Vieh) schlachten. Schwäbisch. 
Kaum zu ahd.mezzön « Stein behau.en » (s. Stein- 
metz), obgleich noch älternhd. metzen (noch 
bei Hoffmannswaldau Ged. 4, 10), sondern zu 
metzeln. Metzge, f. (PI. -n), schwäb.-elsäß.. 
Metzig, f. (PI. -en) : Schlachtstätte, Schlacht- , 
haus, Fleischbank. Obd. Mhd. metzje, metziget, \ 
im 14. Jh. metzge, im 15. Jh. metzig, Schweiz, i 
im 13. Jh. auch mezzia,mezzeie{. metzgen,v.: ! 
(Vieh) schlachten u. aushauen, spätmhd. metz- 
Jen, metz(i)gen; dazu nd. matsken «schneiden, 
hauen, fetzen» (1768 im brem. Wb, 3, 137). 
Metzger, m. (-s, PI. wie Sg.): Schlächter,! 
Fleischer. Obd.-frk. Mhd.-md. metzjcere, metz- 
jer, metziger m., im 15. Jh. metzger, metzker, 
daneben Schweiz, im 14. u. 15. Jh. metziner, , 

Weigand, Deutsches Wörterbach. 5. Aufl. II. Bd. 



mezziner, metzmer (auch übertragen 1293 in 
Langensteins Martina metzjere m. «schinden- 
der, zerfleischender Folterknecht, Henkers- 
knecht»); dazu 1477 clev. mettzighe7\ Wohl aus 
mlat. matiarius «Wurstler». ZUS. 3Ietzger- 
meister, m., mhd. metzgermeister. 

Metzler, m, (-s, PI. wie Sg.); Schlächter, 
Fleischer. 1482 im Voc. theut. t7^ metzle); 
kottler [«KutÜer», von Kutteln PI. «Gedärme»), 
mhd. metz{e)ler, ahd. mezalari, mezilari, meze- 
larim., aus lat. macellarius m. « Fleisch wai-en- 
händler», später «Fleischhauer, Fleischer», von 
lat, macellum n. (s. metzeln). 

meucheln, v.: heimtückisch handeln; 
hinlerlistig morden. In 1. Bed. bei Luther (bei 
H. Sachs «heimlich naschen»), in 2. erst aus 
neurerZeit nachweisbar (1803 bei Seume Spa- 
ziergang 343), aber schon ahd. in Meuchler 
(s. d.) n. müchilswert n. «Dolch zu heimlichem 
Morde». Der Grundbegriff des Heimlichen, 
Versteckten zeigt sich auch in folgend. Wörtern 
des gleichen Stammes: 1540 bei Alberus dict. 
z 4^ ich mauchel «ich stehle weg», mhd. miuchel- 
gadem n. u. mouchelzelle f. «Gemach zum Ver- 
stecken», vermüchen «heimlich auf die Seite 
schaffen und verstecken», mocken «versteckt 
liegen», ahd. muhhan, mühhon «wegelagernd 
anfallen», mühhari m. «heimlicher ümher- 
schwärmer, Wegelagrer», müheo m. «Wege- 
lagrer, Straßenräuber», im 15. Jh. mäuch-, 
meuck-, maucklinger m. «Sadduzäer, Mucker» 
(s. d.), ferner mundartl. Schweiz, manchen 
«heimlich naschen», müchen «verstohlen um- 
hergehen, sich heimtückisch benehmen», eis. 
mücheln «verhehlen», bayr. mauchseln «heim- 
lich, in bösen Absichten herumschleichen». 
Urverw. air.formüigthe «verborgen, versteckt», 
ru-mügsat «sie verbargen». ABL. Meuche- 
lei, f.: Heimtücke (1581 beiFischartBienk.21^ 
Meichelei); Meuchelmord. Meuchler, m.: 
Meuchelmörder, mh.i.miucheler,mvcheler, ahd. 
mühhilari m.; davon meuchlerisch, adj., 
1582 bei Nigrinus papist. Inquisition 117. 
meuchlings, adv.: meuchelmörderisch, bos- 
haft, hinterlistig, bei Luther meuchlinges, mhd. 
miuchelingen, md. um 1400 müchelingen. ZUS. 
Meuchelmord, m., 1589 (Gödeke Grundr.- 
2,502,52); davon Meuchelmörder, m., bei 
Luther Apostelg. 21, 38 u. S. Franck Cronica 
der Türekey 1530 B 2.^; meuchelmörde- 
risch, adj., im 17. Jh. bei Grimmeishausen 
(2, 717, 1 Klr.). Meuchelrotte, f., bei Schüler 
M. Stuart 1, 1. 

3Ieute, f. (PI. -n): 50—60 u. mehr Hetz- 

12 



179 



Meuter 



Miere 



180 



hunde zur Hetzjagd. 1746 bei Döbel Jäger- 
Practica 2, 97"', aufgenommen mit den Ge- 
bräuchen der französ. Parforcejagd aus glbd. 
frz. meute f., eig. «Jagdzug» (s. Meuter). 

Meuter, m. (-.9, PI. wie Sg.), bayr. : Aufrubr- 
stifter (1734 bei Steinbach); Bandit, Meuchel- 
mörder (Schiller Fiesko 1, 9). Von älternhd. 
meuten « Aufruhr anstiften », Meute f. « Aufruhr » 
(clev. 1477 meute), aus frz. meute, afrz. muete f. 
«Aufstand, Erhebung, Jagdzug, Koppel», lat. 
*movitai. «Bewegung», zu lat. movere «bewegen». 
Meuterei, f. : Aufruhr gegen die Obergewalt. 
1517 im Teuerdank 95, 17 Mewtrey, 1512 bei 
Diefenb.-Wülcker3/e?/^erei/, b. Luther 8,210 W. 
Mütterey, 1507 bei Janssen Reichscorr. 2, 738 
mutery. Meuterer, m. : Aufrührer, im 16. Jh. 
bei Grötz v.Berlichingen95 Meütterer. meute- 
risch, adj.: aufrührerisch, 1691 bei Stieler. 

Miasma, n. (-s, PI. Miasmen): in der Luft 
verbreiteter Ansteckungs-, SeuchenstoflF. 1712 
bei Hübner. Das gr. ,uiac|ua n.« Verunreinigung, 
Befleckung», von (amiveiv «verunreinigen». 

miau! interj., vom Katzenschrei. 1664 bei 
Duez maw, miaw, 1515 im Eulenspiegel 87 Br. 
mmvau. miauen, v., 1664 bei Duez miawen, 
daneben miauten (Musäus Volksm. 5, 129), auch 
frz. miauler. S. mauen, maunzen, mauzen. 

mich, s. ich. mich ist gleich gr. diueY^- 

Michael, Mannsname. Mhd. Michahel, 
aus biblisch hebr.-lat. Michael, hebr. Michael 
«wer wie Gott». Aber mhd, auch zsgez. 
Michel, nhd. Michel. RA. der deutsche Michel 
als Bezeichnung eines gutmütigen, aber un- 
beholfnen u. beschränkten Menschen, 1541 bei 
Franck Sprichw. 1, 24 '^ u. 2, 49 ** der teutsch 
Michel, seit den Befreiungskriegen 1813—15 
als Benennung der deutschen Nation. ZUS. 
Michaelstag, Michelstag, m.: der kirch- 
liche Festtag zu Ehren des Erzengels Michael 
am 29.9., mhd. sancte Michels tac. Auch Mi- 
chaelis, Michaeli, eig. Gen. u. Dat. von 
lat. Michael, 1423 in den Weisth. 1, 487 nach 
Michaelis. 

michel, adj.: groß. Noch lothring.u.ostfrs. 
michel, sowie in Ortsnamen wie Michelstadt, 
ahd. Michelunstat, Michilinstat , eig. zi dero 
mihhilun sfat «in der großen Ortschaft». Mhd. 
michel, ahd. mihhil, asächs. mikil, mnd. michel, 
ags. micel, engl, mickle, anord. mikill, got. 
mikils «groß»; dazu anord, Adv.wj'ö7i;«inhohem 
Grade, sehr», urverw. mit lat. magnus «groß», 
magis «mehr», gr. m^töc, Fem. lueYotXri «groß». 

Micke, f. (PI. -n) : gabelförmig zusammen- 
gestellte Hölzer u. ähnliches. Nordd. Dazumnd. 



micke f. «Instrument zu Feuergewehren, Lunte, 
Linie, Richtung», mndl, micke «gabelförmiger 
Pfahl», ndl. mik «Pfahl». Unerklärt. 

Mickmack, n.: ein Durcheinander; zwei- 
deutiges Wesen (Goethe 3, 326). Auch Mick 
undMack bei Goethe 5, 1, 102. Das zweite Glied 
s. Mack. Mick ist entweder Ablautsform od. 
gehört zu nd.mikke «Brocken, Bißchen, kleines 
Kind, kleines Brot, Kram», ndl. mik «feines 
MehJ, feines Brot», vielleicht aus lat. mica f. 
«Krume, Brocken». Aus dem Deutschen entl. 
frz. micmac m. «unsaubrer Handel, Lumperei». 

Midder, n. (-5, PI. wie Sg.): Drüsen am 
Kälberhals, Kalbsmilch, Brös-chen. In Nord- 
westdtschld. 1768 im brem. Wtbch. Zweifel- 
haft, ob zu mnd. middere, afrs. midrede, midri- 
there, mithridri «Zwerchfell», and. niidgarni 
«Fett», ahd. mittigarni n. «Eingeweidefett», 
ags. midgern, micgern «Fett». 

Mieder, n. {-s, (PI. wie Sg.): ärmellose, 
über dem Hemd getragne, durch Fischbein 
steife, eng anschließende Bekleidung der weib- 
lichen Brust u, des Leibes. Bei Steinbach 1734, 
Frisch 1741 M., im 15. Jh. bei Diefenb. gl. 226^ 
Schwab, iebermieder, mit md. u. oberd. i statt ü, 
denn noch bei Ludwig 1716 u. Stieler 1691 
Müder, im Voc. von 1429 miieder, mhd. üher- 
müeder u. muoder n., ahd. müder (Ahd. Gl. 
3, 358, 9; 3, 377, 32); dazu afrs. möther n. 
«Brustbinde der Frauen». Mhd. muoder bed. 
auch Kleidungsstück des Oberleibs d. Männer, 
früher die natürliche Bedeckung des mensch- 
lichen Leibes, die Haut, u. urspr. den Leib 
selbst, ahd. muoder n. «Leib einer Schlange». 
Hiernach zeigt M. dieselbe Begriffsentwicklung 
wie Leibchen, Brüstchen, Korsett, ist also Ab- 
leitung von Mutter (vgl. gr. .urjxpa f., lat. 
mätrix f. «Mutterleib, Gebärmutter»). 

Mieke, Koseform für Maria, dann als häu- 
figer weibl. Bauernname (Wieland A madis 1 8, 8) 
Bezeichnung eines Bauermädchens (Geliert 1, 
131), auch Rufname der Katze (s. Mieze). 

Miene, f. (PI. -n): Gesichtszug. 1734 bei 
Steinbach M., 1648 bei Kemnitz schwed. Krieg 
1, 249 ** u. 1663 bei Schupp 124 Mine; dazu 
ndl. 1598 mijne. Aus frz. fnine f. «Haltung, 
Aussehen, Geberde, Gesichtsausdruck», das 
seit dem 15. Jh. nachweisbar, aber dunklen 

Ursprungs ist, ZUS. Mienenspiel, n., 1787 
bei Gotter 1, 271. 

^ Miere, f. (-n): die Ameise. Nordd. Nd. 
nitre; dazu nndl. mier, mndl. miere f, engl. 
mire, mengl. müre (mit Ablaut), anord. maurr 
m., dän. myre, schwed. myra f., krimgot. um 



181 



Miere 



Milbe 



182 



1560 miera. Anklingend gr. MÜpiunE m., ßöpuaS 
(Hesych), lat. formtca f., ir. moir}), kymr. mor, 
ahg.viraviji f., russ. muravej m., arm. mrdzimn, 
mrdziun, aw est. maurvaj- m. «Ameise», npers. 
mör, •Amä.vmnrdsm., mmrf f. «Ameise». Wie 
der Zusammenhang herzustellen ist, ist un- 
sicher. Vgl. noch Walde. 

^ Miere, f. (PI. -w)' ^^® Pflanzen roter 
Hühnerdarm (anagallis arvensis) u. Vogelkraut 
(stellaria media). Die erste 1574 bei Fischart 
Onomast, 218* Mür, die zweite im Hortus 
sanitatis (15. Jh.) myer, 1540 bei Alberus dict. 
FF 2*^ u. 1546 bei Bock 145^ Meier, mnd. mir. 

^Mies, n. u. m. (-S, PI. -e): Moos. Noch 
obd. (eis. auch in der Bed. «Sumpfland»). Mhd. 
mies, ahd. 7nios m. n.; dazu ags. meos. Ah- 
lautend zu lfoos(s.d.).ZC7S^. Miesmuschel, f., 

1777 bei Adelung. 

^Mies,Mies-cheii,Miesekatze,s.Me^^e. 

mies, s. miß. 

^ Miete, f. (PI. -n) : MUbe in Käse, Mehl usw. 
In Niederdeutschland, 1728 bei Brockes ird. 
Vergnügen 3, 491 Miete, 1583 bei Thurneisser 
magna alchymia 1, 15 Meitte, dann bildl. für 
etwas Geringes, Nichtswertes im altern Nd. 
u. Mhd. (16. Jh.) 3Ieit{e), Mit zur Verstärkung 
der Negation [nicht ein Meit). Mndl, mijte f. 
«Milbe», dann «kleine schlechte Kupfermünze», 
ags. mite f. «Milbe», engl, mite (auch geringe 
Kupfermünze), ahd.wi5a f. «Mücke», auch mnd. 
mitse «kleine Mücke», zu ahd. meigan, anord. 
meita, got, maitan «schneiden», also eig, «Nage- 
wurm». Aus dem Germ. entl. frz, mite, span, 
mita f, «Milbe», frz, «auch kleine Kupfermünze». 

-Miete, f. (PI. -n): regelmäßig aufge- 
schichteter Haufen Stroh, Heu od. Garben; 
Fruchtgrube mitkegelförmigerErdbedeckung. 
Nordd. In der 1, Bed. 1741 bei Frisch u. 1768 
im brem.Wb.lfife, ndl. 1598 mijte f., mlat.mita, 
aus lat. meta f. «kegelförmiger Heuschober». 

^Miete, f. (PI. -n): Lohn od. Gegenleistung 
für verti'agsmäßige Dienstleistung oder Be- 
nutzung; auf einem Vertrage beruhendes Ver- 
hältnis zwischen dem Benutzenden u. dem zur 
Benutzung Gebenden. Mhd,wMe<(e),ahd.wtato, 
mieta, meta f. «Lohn, Bezahlung, Gabe an 
jemand»; dazu asächs. meda «Lohn», airs.mede, 
mlde, meide, meithe, ags. med, engl, meed, da- 
neben ags. meord, meorä, meard f., got. mizdö f. 
«Lohn», so daß Ausfall eines -s anzunehmen 
wäre(bestrittenvonWoodIdg.Forsch. 13,121). 
Urverw, mit gr, mcOöc m. «Lohn, Miete», abg. 
mf^J« f. «Lohn, Belohnung, Vergeltung», awest. 
mlzda- n. «Lohn», npers. muzd «Lohn», aind. 



mldhäm n. «Wettkampf, Kampfpreis», ABL. 
mieten, v., mhd. mieten, ahd. miaten, mietan 
«lohnen, bestechen, in Lohn nehmen», asächs. 
median «bezahlen». Mieter, m. (-s, PI, wie 
Sg,): der zur Miete wohnt, 1691 bei Stieler, 
mhd. mietcere m. «Mietling», ahd. metari m. 
«wer gern gibt, der Mildtätige». Mietling,m., 
mhd. (md.) miet{e)linc m. ZUS. Mietmann, 
m. (PI. -leute): AJjmieter, 1664 bei Duez, mhd. 
mietman (PI. -Hute) «Lohnarbeiter, Tagelöhner». 
Mietzins, m., 1691 bei Stieler. 

3Iiez(e), auch Mies, f., Kosename fär Maria 
(bayr, Miez) und Minna (Schiller 4, 184, 188 
Miezchen),ndi\. ilfte(/e «Mariechen», dann nordd, 
u.md. «trauliche Benennung der Katze», ähnlich 
gebildet wie die traulichen Bezeichnungen Tetz 
u. Spatz von mhd. her u. spar «Bär u. Sperling». 
Auch bei Shakespeare Macbeth 1, 1 heißt die 
Katze Gray-malkin, Gray-malken, d.h. «grau 
Mariechen», denn Malkin ist kosendes Dim. 
von Mary «Marie». Vgl. Hinze (eine Kose- 
form von Heinrich) als Name des Katers in 
der Tierfabel. Dazu das Dim. Miezchen, n, : 
Kätzchen, bei Voß AWegro 2G0 Mies-chen. Davon 
verschieden bayr. Mitz, Mutz f. «Katze», 
wetterau. mit Nasal Minsch, Munsch f., die 
an ital, miccia, muccia, muscia, span. miza, 
miz f. «Katze», ital. miccio, muccio m. «Kater» 
anklingen. Vgl. Micke. 

Mignon {s^wminjq), m. (-s, PI. -s): Lieb- 
ling. 1703 bei Wächtler. Bei Goethe im Wil- 
helm Meister Name eines lieblichen weiblichen 
Wesens. Das frz. mignon m, «Liebling, Schoß- 
kind», nicht sicher erklärt. 

Migräne, f.: einseitiges Kopfweh. 1727 
bei Hübner in frz. Form. Das fi'z. migraine f., 
aus m\&i.hemigrania, hemigranea, von gr. f^i- 
Kpavia f. «Schmerz des halben Kopfes» {r\\i.\- 
«halb» u. Kpaviov n. «Schädel»), 

Mikroskop, n. {-es, Pl.-e): Vergrößerungs- 
glas, eig. «Werkzeug, kleine Dinge groß zu 
sehen», von gr. luiKpöc «klein» und cKoireiv 
«schauen, spähen», 1709 bei Hübner Micro- 
scopium n. ABL. mikroskopisch, adj., bei 
Schlosser Antipope 167. 

Milan, m. {-s, PI. -e): Gabelweihe, falco 
milvus, 1777 bei Adelung Milane f. u. Milan 
m. (Gen. -en, PI. -en). Als Jagdvogel des 18. Jh. 
aus frz. u.prov. mi^an, span. mi7ano m. «Hühner- 
geier», von lat. miluus m. «Gabelweihe». 

Milbe, f. (PI. -n): kleines achtfüßiges In- 
sekt im Mehl, alten Käse usw. Mhd. milwe, 
spätmhd. milbe, frühnhd. milewe, ahd. mil(i)wa 
f., mnd. mele, eig. «das zu Mehl oder Staub 

12* 



183 



Milch 



Miliz 



184 



mahlende Tier», zu mhd. milwen «zu Mehl 
od. Staub machen», Verw. mit got. malö f., 
anoi'd. 7nölr, schwed. mal, dän, möl m. «Motte», 
von got. malan (s. mahlen); dazu ahg.moU m. 
«Motte», arm. mlukn «Wanze». 

Milch, f.: die in Brust od. Euter abge- 
sonderte, nahrhafte weiße Flüssigkeit; dann 
auch ihr Ähnliches, wie weißer Pflanzensaft 
(im 12. Jh., s. Wolfsmilch), fließender Same 
des männlichen Fisches (um 1480 im Voc. ine. 
teut, q2^) usw. In urspr. Bed. mhd. mil{i)ch, 
ahd. miluh f.; dazu and. miluk, mnd.-ndl. melk 
(mnd. auch «Samen der Fische»), afrs. melok, 
a.gs.meolc,meoluc, milc, engl, milk, anord.mjölk, 
schwed. mjölk, dän. melk, got. miluks f. Entl. 
abg. mleko n. «Milch», ürverw. mit air. melg 
n. «Milch», blicht (aus *mlkti-, entsprechend 
anord. mjaltr) u. auch mit lat. lac (Gen, lactis), 
gr, fäXa (Gen. YdXaKxoc) n. «Milch». Die urspr. 
Form war wahrscheinlich *delakt, die im Germ, 
u, Kelt, durch Anlehnung an melken zu *melak 
geworden ist. Vgl. Tdg. Forsch. 22, 92. Vgl. 
melk, ynelken, Molke. ABL. milchen, v.: 
Milch von sich geben, 1691 bei Stieler, anord. 
mjölka. milchen, adj.: aus Milch bestehend 
(1561 bei Maaler milchin); milchweiß (dafür 
im 17. Jh. bei Lohenstein milchern). Milcher, 
Milchner, m. (-s, PI. wie Sg.): Männchen 
der Fische, bes. zur Laichzeit, mhd. im 14. Jh. 
milcher, im 15. Jh. milchener; dazu nndl. melker 
(aber mndl. milker «Same des männlichen 
Fisches»), milchicht, milchig, adj., md. 
im 15. Jh. milchecht (Diefenb. gl. 315^), 1741 
bei Frisch milchig. ZUS. Milchhart, m.: 
erster weicher Bart, 1678 bei Krämer. Milch- 
brot, n.: Brot aus Teig mit Milch, 1741 bei 
Frisch. Milchhruder, m.: der mit einem 
die Milch einer Amme gesogen hat, 1556 bei 
Frisius 245'', dafür milchfridel um 1480 im 
Voc. ine. teut. q 2 % ahd. spunnibruodar. milch- 
farben, adj., bei H. Sachs 12, 313 milchfarh, 
mhd. milchvar. Milchhaar, n.-. erstes weiches 
Barthaar, 1642 bei Duez. Milchlamm, n.: 
noch an der Mutter saugendes Lamm, b. Luther 
1. Sam. 7, 9 das Dim. milch Lemblin. Milch- 
rahm, m., mhd. im 15. Jh. milchräm, im 13. Jh. 
milchroumm. Milchstraße,f.: vonunzähligen 
Sternchen milehartig aussehende Straße am 
Himmel, 1654 bei Logau 2, 3, 20 Milchstraß, 
dafür im 15. Jh. milichweg, milchiveg (Diefenb. 
gl. 255 c, nov, gl, 188 3). Milchsuppe, f., mhd. 
milchsuppe. Milchtopf, m., mhd. milchtopf. 
milchweiß, adj., mhd, milcMoig. Milch- 
zahn, m., 1575 im Garg. 440 Milchzan. 



mild(e), adj.: aus herzlicher Gesinnung 
zugeneigt; gern u. freundlieh gebend; ange- 
nehm weich (1483 bei Melber n3^, vom Wetter 
Voc. ine. teut, q 3b um 1480), In den beiden 
ersten Bed, mhd.milte, milde (auch «freigebig»), 
ahd.milti; dazu asächs. mildi «freundlich, frei- 
gebig», afrs.-ags. milde, anord. mildr, ndl.-engl.- 
schwed.-dän. mild, got. milds in unmilds «lieb- 
los». Zu gr. |ua\eaKÖc «weich, zart, sanft, 
lässig», ludXeiuv m. «Weichling», aind. märdhati 
«läßt nach, wird lässig». Daneben Formen, 
die auf idg, d im Auslaut weisen u, andre, 
die auf -d od. -dh zurückgehen können. Vgl. 
Walde unter mollis. ABL. Milde, f., mhd. 
milte, milde, ahd, milti f, (neben miltida, got. 
mildipai. «Erbarmen») «Herzensgüte, Freund- 
lichkeit, Freigebigkeit» (diese Bed. noch bei 
Lessing Nathan 2, 9), anord. mildi f. «Frei- 
gebigkeit», mildern, v,, vom Komp. ge- 
bildet, spätmhd. im 15. Jh. miltern; davon 
Milderung, f., 1466 milltrung (Städtechron. 
5, 120, Anm. 1). Müdigkeit, f., mhd. milte- 
c{li)eit, mildekeit f. «freundliehe, herzliehe Ge- 
sinnung, Gnade, Zärtlichkeit, Freigebigkeit». 
ZUS. mildherzig, adj., 1678 bei Krämer; 
davon Mildherzigkeit, f., 1716 bei Ludwig. 
mildtätig, adj., 1691 bei Stieler; dazu Mild- 
tätigkeit, f., 1741 bei Frisch. 

Milieu (spr. miljo), n. (-s, PI. -s) : Lebens- 
luft, Wirkungskreis, Umwelt. Schlagwort seit 
den 70 er Jahren des 19. Jh., das aus glbd. frz. 
milieu m., eig. «Mitte» unter Einfluß einer von 
Taine begründeten u, von Zola verfochtnen 
Theorie entlehnt wird. 

Militär, m. (-S, PI. -e): Krieger, Soldat 
(Schiller an Goethe 6, 30). Militär, n, (-s): 
der Wehi'stand, die Gesamtheit der Soldaten 
(Goethe 43, 1, 268), Aus frz. militaire m, in 
beiden Bed., die, aus dem Adj. militaire her- 
vorgegangen, seit Mitte des 18. Jh. sich in 
Frankreich verbreiteten, von laLmllitäris «den 
Kriegsdienst betreffend», zu miles m. (Gen. 
militis) «Soldat», militärisch, adj., 1694 
bei Nehring militärisch, vom Adj. lat. mili- 
täris, frz. militaire. Militarismus, m, (Gen, 
wie Nom,): Vorherrschen des Soldatenstandes. 
Schlagwort seit den 60 er Jahren des 19. Jh. 
Vgl. Ladendorf. 

Miliz, f. (Pl.-ew): das Kriegswesen; Kriegs- 
mannschaft, bes. die bloß für den Krieg zu- 
sammenberufne u. eingeübte. In der 1. Bed. 
1694 bei Nehring, in der 2. Bed. 1703 bei 
Wäehtler. Aus glbd, frz. milice, ital. milizia f., 
vonlat.mfZi^mf,«Ki-iegsdienst, die Soldaten», zu 



185 



Mille 



Mine 



186 



niUes m. «Soldat» (s. Militär). Schon got. mili- 
tön «Kriegsdienste tun» aus glbd. lat. mfZt'Mre. 

Mille, n. (unveränderlich): das Tausend. 
Aus glbd. lat, mille. In neurer Zeit. 

Milliarde, f. (PI. -n): tausend Millionen. 
Aus glbd. franz. milliard m., von lat. mille 
«tausend», wie auch die folgenden Wörter. 
1773 im Orthogr. Handbuch Milliard. Milli- 
gramm, n.: 7iooo Gramm, u. Millimeter, 
n., auch m.: \'iooo M^ter, durch Reichsgesetz 
von 1868 bei uns eingeführt, aus frz. milli- 
gramme m, und millimetre m. (s. Gramm u. 
Meter). Million, f. (PI. -en): das Tausend- 
maltausend, 1575 im Garg. 420, u. 1586 im 
Bodin. 407 Million f., aus ital. milione m., eig. 
«Großtausend», das im 13. Jh. 10 Tonnen 
Goldes, die Tonne zu 100000 Stück Landes- 
münze gerechnet, bedeutet, und so 1448 als 
milion in den Städtechron. 10, 170, 3 ff . er- 
scheint. Davon Millionär, m. (-S, PI. -e): 
Besitzer einer Million; überaus reicher Mann, 
aus frz. millionaire m. 1813 bei Campe. 

Milz, f. (PI. -en): die braun- od. violett- 
rote Blutgefäßdrüse in der Bauchhöhle. 1663 
bei Schottel u. 1664 bei Duez f. (durch Ein- 
wirkung des Nd., mnd. milte f., ndl. milt f.), 
aber bei Opitz, Lo'gau, Lohenstein, 1642 bei 
Duez Mask., bei Dasypodius, Alberus, Fischart 
u. noch bei Moscherosch Phil. 2, 28 u. Krämer 
1678 Ntr.; mhd. milz{e) n., ahd. milzi n.; dazu 
mnd.-afries.-ags. milte n., ndl.-dän. milt (engl. 
mt7^ «Milch der männl. Fische»), anord. milti n., 
schwed. mjälte, aus dem Germ. entl. ital. milza, 
span. melsa f. Das sicher ui-alte Wort findet 
keine genaue Entsprechung in den verwandten 
Sprachen, vgl. lat. lieti, gr. ciT\r)v, air. selg, 
mbret. felch, lit. bluznis, apreuß. blusne, abg. 
slezena, aind. plihan-, aw. spdrdza-. Über Ver- 
suche, diese u. die germ. Worte zu vereinigen, 
s. Idg. Forsch. 23, 158 u. 25, 160. ZXJS. Milz- 
brand, m., 1798 Adelung. Milzsucllt, f., 1642 
bei Duez; milzsüchtig, adj., mhd. milzsühtic. 

Slime, m. (-W, PI. -n) : Nachahmer im Ge- 
bärdenspiel; Schauspieler; bei den Griechen 
u. Römern ein kleines dramatisches Spiel als 
dichterische Schilderung der Wirklichkeit. Im 
18. Jh. aus glbd. gi'.-lat. mfmus, gr. fxijjioc m. 
Nach dem davon abgel. Adj. gr.-lat. nnmicus, 
gr. miaiKÖc büdete sich das Adj. mimisch, 
u. aus dem Fem. jenes Adj. gr.-lat. mimica 
(nämlich arsi. «Kunst») das Subst. Mimik, f.: 
Gebärdenspiel als Kunst. 

Mina, Mine, Frauenname, Koseform für 
Wilhelmine (s. d.), oft u. gern in den davon 



vei'schiednen Namen Minna (s. d.) verwandelt. 
Das Dim. ist Minchen. 

minder, adj., Komp. des Begriffes «klein, 
wenig»: geringer an Raum, Zahl, Wert, über- 
haupt an Ausdehnung oder Inbegriff. Mhd. 
minner, minre, im 13. Jh. Schweiz, auch schon 
minder (mit d, das sich zwischen n u. r ent- 
wickelte), ahd. minniro; dazu asächs. minniro, 
ndl . minder, afrs. minnira, anovd.rninni, seh wed.- 
ä'm.mindre, got.minniza. Im Adv. mhd.-ahd.- 
mndl.-afrs. min, anord. minnr, miär, got. mins. 
Urverw. mit lat. minor «kleiner», minimus 
«kleinst», minuere «mmdem», gr. imvüeiv, |uivO- 
öeiv «mindern», uivuvOa «ein klein wenig», körn. 
m?»o?<; «verkleinern», abg. mmjy'i« klein er, ge- 
ringer», aind. minäti «er mindert». Das nn 
des gei-m. Wortes wohl aus nw. S. mindest. 
ABL. Minderheit, f., bei Campe, 1787 bei 
Kramer minderkeit, aber schon ahd. bei Notker 
minnerheit {. mindern, v.: kleiner machen, 
mhd. minnern, minren, spätmhd. minder(e)n, 
ahd. minniron: dazu Minderung, f., mhd. 
minnerunge, ^^&imhdi.mind{e)rung{e), ahd.mi»- 
nirungai. ZUS. minderjährig, adj.: mino- 
renn, noch nicht in dem Alter stehend, um 
sich im bürgerlichen Leben selbst vertreten zu 
dürfen, 1509 bei Brant Laiensp. A 1 ^ u. 1512 in 
den Reichsordn. 84^ minderjärig. Minder- 
zahl, f. : Gegensatz von Mehrzahl, bei Campe, 
dafür schon im 15. Jh. die minner (yninder) zal. 

mindest, Sup. zum Komp. minder (s. d.). 
Bei Opitz, Logau, Gryphius, Lohenstein, Hage- 
dorn Od. 197 minst, zuerst 1691 bei Stieler 
mindest, bei Günther 60 mindst, xa\id.min{ne)st, 
ahd. minnist; dazu asächs. minnist, ndl, minst, 
afrs. minnust, minnest, anord. minnstr, schwed. 
minst, dän.mindst, got. mvinists: ungewöhnlich 
1482 im Voc. theut. v3^ minderster «kleinster». 
zum mhidesten adv., 1711 bei Rädlein und 
1561 bei Maaler zum minsten, mhd. ze (zem) 
minsten, ahd. zi minniste. mindestens, adv., 
1711 bei Rädlein. 

Mine, f. (PI. -n): unterirdischer Gang im 
Berg- u. Festungsbau, Erzgrube, Sprenggrube. 
1601 bei Albertinus Kriegsleut Weckuhr 2^, 
1616 bei Wallhausen. Aus glbd. frz. mine, 
ital.-span.-port.-mlat. mina f., wahrscheinlich 
vom kelt. Stamm mein-, meinn- «rohes Me- 
tall», von dem auch die folgenden Wörter ab- 
geleitet sind, ir. mein(n) f. «Erz, Metall», kymr. 
mwyn m. «Metalb, mwynglawdd «Bergwerk». 
minieren, v.: einen Schacht, Stollen graben, 
untergraben, 1617 b. Wallhausen Corp. mil. 208 
miniren, aus glbd. frz. miner, span.-port. minar, 



187 



Miniatur 



Minne 



188 



ital. miliare ; dazu Minierer, m., 1668 bei 
Böckler Kriegsschule 1027. Miner, f. (PI. -«): 
Berggut, Mineral (Goethe, Kant, Wieland), 
im 16. Jh. bei Paracelsus Miner n., 1562 bei 
Mathesius Sar. 42*' Miner ertz, 1490 bei Mone 
Zschr. 2, 285 miniere, aus aspan, und mlat. 
miner a, frz. miniere f., span. auch miner o m. 
«Bergwerk». Mineral, n. (-s, PI. -e u. -ien): 
Berggut, Erz; jedes starre od. tropf bar flüssige 
anorganische Naturprodukt, das einen Teil der 
festen Rinde des ErdköqDers bildet. 1582 im 
Garg. 294 Mineralien, aus ital. minerale, span.- 
port. mineral, franz. mineral m. «Erz», mlat. 
(13. Jh.) minerale n., PI. mineralia. ABL. 
mineralisch, adj., 1608 b. Graseccius gründt- 
licher Beschreibung des Sant Petersthals . . . 
von dessen ursprüngl. Quellen, mineralischen 
Geystern. ZUS. Mineralreich, n., 1777 bei 
Adelung. Mineralög, m. [-en, PI. -en) -. Berg- 
gutskennei'. Steinkundiger, bei Goethe Nat. S. 
9, 190 Mineraloge m., dafür 1783 bei Jacobsson 
Mineralogist, ital.- span. mineralogo m., dessen 
erster Teil das rom. minera (s. Miner), der 
zweite aus dem Griech. hergenommen ist (vgl. 
Ärchäolog); Mineralogie, f., 1788 bei Jacobs- 
son, ital.-span. mineralogia, frz. mineralogie f.; 
mineralogisch, adj., 1793 bei Jacobsson, 
span. miner alogico, frz. mineralogique. 

Miniatur, f. (Pl.-ew) : Klein- u. Feinmalerei 
in Wasser- u. Gummifarben. 1678 bei Krämer. 
Aus ital. miniatura, woher auch frz. miniature 
f. «kleines Gemälde wie es in Handschriften 
vorkommt», von \a.t.miniäre (woraus b. Krämer 
miniiren) «mit Mennig färben, schreiben od. 
zeichnen», zu lat. minium n. «Mennig» (s. d.). 
ZUS. Miniaturausgabe, f. : kleine Ausgabe 
eines Buches. 

minimal, adj.: sehr klein. Nlat. Bildung 
von Isii.minimus «sehr klein». In neurerZeit. 

Minister, m. {-s, PI. wie Sg.): höchster 
Staatsbeamter. Im 18. Jh. (1710 bei Nehring) 
geläufig geworden, aus glbd. frz. ministre m. 
(seit dem 17. Jh.), von lat. minister «dienend, 
Gehilfe, Ratgeber. Ministerium, n. (-s, PI. 
-rien): Staatsregierung, höchste ßeamtenge- 
samtheit in dieser oder einem ihrer Zweige 
(1717 bei Nehring); Gesamtheit der Geistlich- 
keit in einem Staat od. großen Orte (1703 bei 
Wächtler), aus lat. ministerium n. «Dienst- 
leistung, Dienerschaft», ministeriäl, adj.: 
der Staatsregierung angehörig (auch in Zss. 
Ministerialrat usw.); ministeriell, adj.: vom 
Ministerium ausgehend, staatsamtlich; regie- 
rungsfreundlich. 1801 bei Campe m. «amtlich». 



Aus mlat. Adj. ministerialis, frz. ministeriel. 
Ministrant, m. (-en, PI. -en) : der dem Prie- 
ster am Altar Dienende, Meß-, Kirchendiener 
(Schiller 11, 253), aus lat. ministrans, Part. 
Präs. von ministräre «bedienen». 

Minna, Frauenname, ahd. Minna, mhd. 
Minne. Es ist das abstrakte Subst.ahd.miwwa f. 
«Liebe», mhd. minne auch als kosendes, schmei- 
chelndes Anredewort «Liebchen» (s. Minne). 

Minne, f. (PI. -n, Goethe 3, 21): herzliche 
Zuneigung, insbes. die geschlechtliche. Mhd. 
minne, ahd. minna, minja f. «Gedenken, Ge- 
dächtnis an, Gedächtnistrunk, Erinnerungs- 
geschenk, herzliches Gedenken, herzliche Zu- 
neigung (wie Liebe), sowohl überhaupt (Gern- 
haben), als auch im besondern religiöse, freund- 
schaftliche u. geschlechtliche, später sich be- 
schränkend auf diese u. zwar allmählich nur 
auf sinnliche u. zuletzt, als sich in dem Ritter- 
dienst des Mittelalters der edle Begriff zu 
dem des sinnlichen Genusses schwächte, auf 
die sinnlichste geschlechtliche Hingebung, so 
daß das Wort um 1500 als ein unanständiges 
ganz gemieden wurde u. nebst seiner Wort- 
sippe außer Gebrauch kam»; nachdem aber 
1758 u. 1759 die Sammlung von Minnesingern 
durch Bodmer u. Breitinger erschienen war, 
wurden Minne, minnen, Minnelied usw. als 
edle altertümliche Ausdiiicke durch die jungen 
Dichter des Göttinger Musenalmanachs von 
1773 u. 1774 wieder in Umlauf gesetzt, zu- 
nächst durch Bürger, Joh. Martin MüUer, Joh. 
Friedr. Hahn. Dazu asächs. minn(j)a, ndl. 
min(ne) f. «Liebe», anord. minni n. «Andenken, 
Erinnerung, Gedächtnis, Gedächtnistrunk», u. 
weiter got. gaminßi n. «Andenken», munan 
«meinen, denken» u. viele andre. Vgl. noch 
Btr. 30, 251. ürverw. mit lat. memini, remi- 
niscor «ich erinnre mich», gr. fa^iuova «ich ge- 
denke», |LU|avricK6iv «sich erinnern», lit. miüti 
«gedenken» usw. Ygl.mahnen. J.ßL. minnen, 
V.: lieben, mhd. minnen (auch wofür erkennt- 
lich sein, beschenken), ahd. minn(e)6n, asächs. 
minniön, ndl. minnen. Das Wort hatte gleiches 
Schicksal wie Minne (s. d.). minniglich, 
adj., mhd. minnec-, minniclich neben minnelich, 
ahd. minneglich neben minnalih, nhd. 1773 von 
Voß (Ged. 2, 24) wieder gebraucht. ZUS. 
Minnelied, n.: Liebeslied, mhd. minneliet n. 
Minnelohn, m., mhd.minneldn m. n. Minne- 
sang, m., mhd. minnesanc m. n. Minne- 
Sänger u. Minnesinger, m.: Sänger d. h. 
Dichter der Liebe (bei den Deutschen etwa 
1170 — 1300), mhd. minnesenger, minnesiyiger m. 



189 



minorenn 



miß- 



190 



Minnesold, m., bei Bürger im Göttinger 
Musenalmanach 1774 S. 164, früher im 15. Jh. 
bei der Hätzlerin 2, 68, 422, aber mhd. minnen- 
solt m. Minnespiel, n., mhd. minnespil n. 

minorenn, adj.: minderjährig, unmündig. 
1694 bei Nehring, aus mlat. minor ennis, von 
lat. minor «kleiner, jünger» u. einer Bildung 
von lat. aimus m. «Jahr, jünger an Jahren», 
vgl. majorenn. ABL. Minorennität, f.: j 
Minderjährigkeit, Unmündigkeit, 1694 bei Neh- 
ring, aus spätmlat. minorennitas f. 

Minorit, m. {-en, PI. -ew): Franziskaner- 
mönch, nach fratres wiwores «geringreBx-üder» 
zum Zeichen der Demut, daß gleichsam einer 
dem andern die Füße wasche (vgl. Joh. 13, 14). 

Minorität, f. (PI. -en): Minderzahl von 
Stimmen, Stimmenminderheit (Goethe 1. H. 
23, 262). Aus mlat. minoritas f. «Minderheit», 
von lat. minor «kleiner, weniger». 

Minstrel, m. (s, PI. -s): enghscher u. 
schottischer Sänger. Bei Wieland u. Herder 
z. Lit. 7, 364. Mengl. mynstrelle, minstral m. 
«Sänger, Spielmann», auch «Diener», wie afrz. 
menestrel, prov. menestral «Handwerker, Mu- 
siker, Künstler», aus mlat. ministerialis «Be- 
diensteter» (s. Ministerium). 

Minute, f. (PI. -w): ^go ^^^^^^ Stunde; 
kleiner Zeitteil. Spätmhd. (1418) minüf{e) f. 
Mit verändertem Geschlecht aus glbd. mlat. 
minütum n. (daher ital.-span. minuto m.), urspr. 
Ntr. des lat. Adj. minütus «klein, winzig» (eig. 
Part. Perf. Pass. von minuere «kleiner machen»). 

3Iinze, f. (PI. -n): die Pflanzenart mentha. 
Mhdi. vnnz(e), ahd. minza f.; dazu and. minta, 
mnd.-ags. minte f., engl. mint. Aus glbd. gr.- 
lat. mentha, gr. .uiv6a, |uiv9r| f. Daneben spät- 
ahd. münza, munza, mhd. münze, nhd. Münze, 
deren u nicht klar ist. 

mir, s. ich. 

Mirabelle, f. (PI. -w) : kleine runde wachs- 
gelbe od. rötlichbraune Pflaume. Im 18. Jh. 
(Goethe 4, 26) aus glbd. frz. mirahelle, ital. 
mirabella f., span. mirabel m., scheint abgel. 
zu sein von Mirabel «Ort in Mittelfranki-eich». 

Mirakel, n. {-s, PI. wie Sg.): Wunder, 
Wunderwerk. Mhd. u. nd. im 14. Jh., sowie 
clev. 1477 miräkel n., aus glbd. lat. miräculum 
n., von mlräri «sich wundern». 

Misanthrop, m. (-en, PI. -en): Menschen- 
hasser. Im 18. Jh. (1703 bei Wächtler Misan- 
thropus, bei Lessing Misanthrop, bei Klopstock 
Wingolf 3 Misanthrope). Wie frz. misanthrope 
m. aus gr. [uicdvOpuuTToc «menschenhassend, 
menschenscheu», von luiceiv «hassen» u. äv- 



epuuTToc m. «Mensch». Misanthropie, f.: 

Menschenhaß, bei Herder, Wieland, wie frz. 
misanthropie f. aus glbd. gr. luicavGpuuiria f. 
misanthropisch, adj.: menschenhasserisch 
(bei Goethe), wie frz. misanthropique nach 
glbd. spätgr. luicavGpujTTiKÖc. 

mischen, V.: ohne Ordnung durcheinander- 
kommen machen. Mhd. mischen, obd. auch 
müschen, muschen, ahd. miskan; dazu mnd. 
mischen, ags. miscian, engl. mix. Sehr wahr- 
scheinlich mit der Herübernahme der Wein- 
kultur entl. aus glbd. lat. miscere, obgleich 
es rein formal auch urverw. sein könnte. Vgl. 
AfdA.42,26. Yg\. Maische. ABL. mischeln, 
V.: (obd. schon im 16. Jh.) die Spielkarten 
mischen, mhd. mischein «stellenweise ein- 
mischen», ahd. miskelön, wohl aus mlat. mis- 
culare, woher ital. mescolare, frz. meler, älter 
mesler «mischen». Mischling, m., 1621 bei 
W. Spangenberg Anmutiger Weißheit Lust- 
garten 221. Mischung, f., mhd. mischunge, 
ahd. miscunga f. ZUS. Mischehe, f.: Ehe 
zwischen Angehöi'igen verschiedner Konfes- 
sion. Mischmasch, m., 1664 bei Duez Misch- 
masch m., 1575 im Garg. 269 Mischmesche n, 

Misel, n., (PI. -s): Mädchen, ein Lieb- 
lingswort des jungen Goethe, eig. elsäss. Dim. 
von müs «Maus». ABL. miseln, v.: liebeln, 
Goethe Br. 3, 23. 

miserähel, adj.: bejammernswert, erbärm- 
lich, elend, armselig. Im 17. Jh. (1643 im 
Sprachverderber 20, bei Schuppius 666) aus 
glbd. frz. miserable, von lat. miseräbilis, zu lat. 
miseräri «bejammern», miser «erbärmlich». 

Mispel, f. (PI. -w): Die Frucht des Mispel- 
baumes, die erst eßbar ist, wenn sie morsch 
wird. Mhd. mespel, mispel, auch tiespel (noch 
bayr.-östr. Nespel), ahd. mespila u. nespela, 
nespil f., aus lat. mespilus f. u. mespilum n. 
«Mispel, Mispelbaum», gr. (u^ciriXov n. «Mispel», 
woher auch ital. nespola, span. nispola, nespera, 
a.irz.neple, nfrz.we^e f. «Mispel». ZUS. Mis^el- 
haum, m., mhd. mispel-, nespelhoum, ahd. 
nespilboum m. 

miß-, partikelhaft bei Substantiven, Ad- 
jektiven u. Verben, den Begriff des Fehlenden, 
Verfehlenden, NichtzutreÖenden, Unrechten, 
mit Verkehren ins Üble verbundnen Fehlers 
mitteilend. Bei den verbalen Zss. trennt heute 
die Umgangssprache zuweilen das miß- ab, z.B. 
verstehen sie mich nicht miß, was aber nicht 
als gut gilt. Im Part, steht normaler Weise 
das ge- nicht, doch hört man neben mißbilligt 
auch gemißbilligt u. mißgebilligt. Die Formen 



191 



mi£. 



miß- 



192 



ohne ge sind im allgemeinen vorzuziehen. Bei 
Luther, Schottel, Stieler, Gottsched usw. mis-, 
mhd. misse-, niis-, ahd. missa-, missi- (auch 
and.); dazu asächs.-ndl.-afrs.-ags.-anord. mis-, 
schwed. miss-, got. missa- den Wechsel, Unter- 
schied u. das Falsche, Mangel, Verneinung be- 
zeichnend, urverw. mit air. mis- «mißver-, 
kehrt». Selten als selbständiges Wort noch 
im Ahd. das Adj. missi «verschieden», mhd, 
mis «mangelnd, entbehrend», mis{se) f. «das 
Fehlen, Mangeln», als Adv. mnd. mis(se) «fehl, 
sein Ziel nicht eiTeichend, ermangelnd», anord. 
ä miss «aneinander vorbei» (engl, amiss «vor- 
bei»), got. missö «gegenseitig, wechselseitig, 
einander»; urverw. mit ahg.mite, mitusi Adv. 
«abwechselnd», aind.mi^/jis «gegenseitig», mi^M, 
•mithujä «verschieden, falsch». Nach Btr. 7, 173 
aljer steht ahd.-got. missa- für *mißta, altem 
Part, zui" Wurzel miß, die dem Verb meiden 
(s. d.) zugrunde liegt. Vielleicht stecken zwei 
verschiedne Worte in miß-. An nd. mis, miß 
«vergebens, nicht geraten» (1722 bei Freyer 61, 
1663 bei Schottel 1118^ u. 1132*) schließt sich 
unter Einfluß des in der Gaunersprache üblichen 
miß, missa «bös, schlimm» (Grolmann49*) das 
in Norddtschld. gebräuchliche Adverb mies 
«schlimm», mißachten, v. (Part. [ge]miß- 
achtet), md. im 14. Jh. misseachtin; Miß- 
achtung, f., 1691 bei Stieler. mißarten, v. 
(Part, mißartet), 1678 bei Krämer, miß- 
behagen, V. (Part, mißbehagt), 1482 im Voc. 
theut. V 4^, dafür mhd. missehagen; subst. 
Mißbehagen, n., 1641 bei Schottel 501, 

mißbehaglich, adj., 1691 bei Stieler. miß- 
bilden, V. (Part, mißbildet), 1691 bei Stieler; 
Mißbildung, f. ebd. mißbilligen, v. (Part. 
[ge]7Hißbilligt), 1691 bei Stieler. Mißbrauch, 
m., bei Luther 5, 4b^, im 15. Jh. bei N.v. Wyle 
350, 24 miszbruhe PL, dafür ahd. missebrücheda 
f.; mißbrauchen, v. (Part. [ge]mißbraucht), 
im 15. Jh. missegebrüchen, misbrüchen, ahd. 
misbrühan; mißbräuchlich, adj.: 1691 bei 
Stieler. Mißbündnis,n., bei Lessing Em.Gal. 
1,6. mißdeuten, v. {Fart.lgelmißdeutet, auch 
mißgedeutet), 1641 bei Schottel 501 aus Luther. 
Mißerfolg, m., 1809 bei Campe. Mißernte,f., 
bei Campe, mißfallen, V. (Part, mißfallen), 
mhd. missevallen, mnd. misvallen; subst. Miß- 
fallen, n., mhd. missevallen n.; mißfällig, 
adj., im 15. Jh. mißvällig. mißfarbig, adj., 
1583 bei Thumeisser magna alchymia 2, 124 
miß f erbig, 1482 im Voc. theut. v4* mißvarb. 
Mißform, f., im 16. Jh. beiParacelsus; miß- 
förmig, adj., bei Voß Oden 2, 6, 3. 3Iiß- 



geburt, f.: das Mißgebären (1654 bei Logau 2, 
Zug. 120), das Mißgeborene (1541 bei Frisius 7 *). 
mißgelaunt, bei Gotter (1802) 3, LXXV. 
Mißgeschick, n., 1741 bei Frisch. Miß- 
geschöpf, n., bei Lessing 7, 136. Mißgestalt, 
f., 1716 bei Ludwig; mißgestalt, adj., 1641 
bei Schottel 501; mißgestalten, V. (Part. 
mißgestaltet),heiyf\(i\axidil, 102. Mißglaube, 
m. [-ns): unrechter, böser Glaube, 1418 misz- 
glaube. mißglücken, v. (Part, mißglückt), 
im n.Jh.heiC&nitzdö mißgelücken; das Subst. 
mißglück n. schon im 15. Jh. mißgönnen, v. 
(Part, mißgönnt), 1557 bei Waldis Esopus 4, 95, 
328. mißgreifen, V., mhd. missegrifen «fehl- 
greifen; Mißgriff, m., mhd.missegrifm. Miß- 
gunst, f., 1509 bei Janssen Frankf. Reichs- 
corr. 2, 781; mißgünstig, adj., im 16. Jh. 
bei Bullinger Reformationsgesch. 3, 327. miß- 
handeln, V.: zu übel behandeln (Part, [ge]- 
mißhandelt), mhd. missehandeln ; unrecht tun, 
sich vergehen (Part, mißgehandelt, bei Luther 
l.Mos.31,36), mhd. sich missehandeln «sich im 
Handeln verfehlen»; dazu Mißhandlung, f.: 
üble Behandlung, mhd. im 14. Jh. misse- 
handelunge f. Mißheirat, f., 1777 bei Ade- 
lung, frz. mesalliance. mißheilig, adj., mhd. 
mishellich, fortgebildet aus ahd. missahelli, 
mhd. missehel «nicht übereinstimmend», das 
sich anschließt an ahd. missahellan «im Tone 
nicht zusammenstimmen», mhd. missehellen 
«uneins sein» (vgl. einhellig) : Mißhelligkeit, 
f., im 15. Jh. mißhelligkeit f. mißhören, v. 
(Part, mißhört), bei Goethe Faust 3431, schon 
1555 bei Wickram Rollwagen 31, 28 K. 3Iiß- 
jahr, n.: unfruchtbares Jahr, 1641 bei Schottel 
501. mißkennen, v. (Prät. mißkannte, Part. 
mißkannt), bei Haller, Wieland. Mißklang, 
m., 1777 bei Adelung; mißklingen, v., 1748 
bei Klopstock 1,41. Mißlauue, f., bei J.Paul 
und Voß; mißlauuig, adj. bei Goethe 23, 61. 
Mißlaut, m., 1466 mißlüt bei Diefenb. nov. 
gl.4^ 138^. mißleiten, v. (Vavt. mißleitet), 
bei Lessing 8, 107. mißlich, adj.: in Be- 
ziehung auf den Ausgang, den Erfolg, zu un- 
gewiß, zu gewagt, mhd. misselich, mislich «ver- 
schieden, verschiedenartig, mannigfach, mög- 
licherweise verschieden ausgehend, ungewiß, 
zweifelhaft, wankelmütig», ahd. missa-, missi- 
Ith «verschieden, mannigfaltig, ungleich»; dazu 
asächs. misllk, afries. mislik, ags. mis(se)lic, 
anord. misUkr, got. missaleiks «verschieden»; 
im Adv. mhd. mis{se)liche , ahd. missilicho, 
a^ächi,. misliko, ags.mislice «auf mannigfache 
Weise, verschiedenartig». Mißlichkeit, f., 



193 



miß- 



Mist 



194 



1691 bei Stieler. mißliebig, adj., 1777 bei 
Adelung, mißlingen, v. (Prät. mißlang, Part. 
mißlungen), Gegensatz von gelingen (s. d.), 
mhd. misselingen. 3Iißmilt, m.: üble, ver- 
drießliehe Stimmung, 1777 bei Adelung, dafür 
ahd. missi)nuot{i) «Kleinmut», zum abd. Adj. 
missimuoti «kleinmütig», mhd. missemiiete, 
md. missemüte «verscbieden gestimmt, miß- 
gestimmt, uneinig»: niißmntig, adj., 1641 
bei Schottel 501, älter bei Luther mismütig 
(noch bei Wieland, Goethe), mißraten, v. 
{Frät. mißriet, Fart. ynißraten): abraten (mit 
haben), 1561 beiMaaler: an eine falsche Stelle 
geraten, fehlgehen, unerwünscht, übel aus- 
fallen (mit sein), mhd. misseräten; unrechten 
und Übeln Rat geben (mit Jiaben, Part, miß- 
gerafen), mhd. misseräten. mißredeil, v.: 
zuwider und übel reden, mhd. missereden. 
mißschaffen, v. (Pnät. mißschuf, Part, miß- 
geschafen), bei Wieland 11, 126. mißschil- 
dern, v. (Part, mißgeschildert), bei Lessing 7, 
136. Mißstaud,m.(-[e]s, PI. -stände), 1531 bei 
Frangk 2^ missestandt. mißstimmen, v. 
(Part, mißgestimmt), bei Schiller 2, 846 u. 364; 
3Iißstimmimg, f., bei Schiller 1, 160, aber 
das Aäj. miß stimmig schon 1654 bei Logaul, 
6, 70. mißtun, V. (Part, mißgetan, bei Luther 
missethan): unrecht, wider Ordnung und Ge- 
setz tun, mhd. missetuon, Part, missetän, ahd. 
missatuon, Part, missetän, afries. misdua; vgl. 
Missetat. Mißton, m., (-[e].s, Vl-töne), 1734 b. 
Steinbach: mißtönen, v. (Part, mißgetönt), 
1508 b.Keisersberg Predigen 51^. mißtrauen, 
V. (Prät. mißtraute, Part. [ge]miß traut), mhd. 
missetrüwen, -trimven, -tromven, ahd. missa- 
truen : subst. 3Iißtrauen, n., mhd. missetrüwen 
n. neben missetriuive f.: mißtrauisch, adj., 
1642 bei Duez mißträwisch, 1711 bei Rädlein 
mißtrauisch, dafür ältemhd. 1537 b.Dasypodius 
mißtrawig, 1678 bei Krämer mißtrauig. Miß- 
tritt, m., mhd. mi.ssefn^^m. «Fehltritt, Fehler», 
neben mhd. missetreten «fehl treten». 3Iiß- 
vergnücren, n., I7il bei'Rädlein; mißver- 
gnügt, Part., 1716 bei Ludwig, das Zeitwort 
mißvergnügen 1678 bei Krämer. 3Iiß Verhält- 
nis, n., 1777 bei Adelung. Mißverstand, m., 
1524 bei Diefenbach-Wülcker, 1528 bei Luther 
4,1^; mißverständlich, adj., 1809beiCampe. 
Mißverständnis, n., I7ll bei Rädlein: miß- 
verstehen, V., 1711 bei Rädlein. Mißwachs, 
m., mhd. missewahs m. mißwillig, adj., bei 
Goethe 5, 1, 106: mißwoUen, v.: zuwider' 
und übel wollen, bei Goethe 20, 300. Miß- i 
wuchs, m., bei Goethe Nat. S. 6, 277. ' 

Weigand. Deutsches Wörterbuch. 5. Anfl. II. Bd. 



missen, v.: nicht haben, entbehren. Mhd. 
missen, ahd. missan, auch,«(mit der Waife) ver- 
fehlen, nicht treffen»; dazu ags. missan, engl. 
miss, afrs.-anord.wima «vermissen, verfehlen». 
Von dem im ahd.-got. missa- «miß-» fs. d.) 
vorliegenden Stamme. 

Missetat, f. (PI. -en): ungesetzmäßige, 
strafbare Tat. Mhd. missetät, ahd. missität f.; 
dazu»anfrk. misdät, afries. misdede, ags. mis- 
dijed. got. missadeds f. Vgl. miß- u. mißtun. 
ABL. Missetäter, m., mhd. missetceter, afries. 
misdeder m. 

3IissiÖn, f. (PI. -en)-. Sendung; Sendung 
zu Bekehrung; Bekehrungsgesellschaft. Inder 
1. Bed. 1571 bei Rot, die 2. Bed. im 18. Jh. 
Aus lat. missio f. «Sendung», von \at. mittere 
«senden». Dazu Missionar (östr. nur so), 
3Iissionär, m. {-s, PI. -e): Sendbote zu 
Bekehrung, Glaubensbote, beide Formen bei 
Herder und Wieland, 1703 bei Wächtler Mis- 
sionarius, aus glbd. mlat. missionarius, frz. 
missionaire m. 

Missiv, n. i-s, Pl.-e), 3Iissive, f. fPl. -n): 
Sendschreiben, als Ntr. auch verschließbare 
Schriftentasche zum Verschicken. Mhd. mis- 
sive f. «Sendbrief, Beglaubigungsschreiben», 
aus glbd. mlat. missiva f., zum mlat. Adj. 
missivus «sendbar», von lat. missus, Part. 
Perf. Pass. von mittere «senden». 

Mißpickel, m. (-s): Arsenikkies, Arsenik- 
schwefeleisen. 1557 bei G. Agricola Bergw. 83 
ein gnüß oder mißpiickell, das kein ärtz hatt 
( handschriftl. Mispickel, Mispückel u. Mist- 
puckel), 1562 bei Mathesius Sar. 39^ Miß- 
pickel (als taube, leere Bergart die kein euglein 
metal in sich helt), 140 ** Mispütl oder Mis- 
pickel. n-elches etliche Katzensilber nennen, 
aber 1594 bei Frischlin nomencl. Cap.lll Mist- 
pückel «venae nodus», danach wäre der zweite 
Wortteil Bühel, Buckel (s. d.), der erste die 
Vorsilbe miß- (s. d.) und die ursprüngliche 
Bed. «übler, falsche!', trügerischer Knollen». 

Mist, m. ( -es) : Menschen-, Tierkot u. -harn, 
mit Streu vermischt zur Düngung. Mhd. und 
ahd. mist m., mit der Ableitung ahd. mistina, 
mistunnea f. «Mist», noch fränk. Misten f. 
«Misthaufen, Mistplatz, Hofraum»; dazu and. 
mist m., mnd. mes m., ndl. mest, mist, nfrs. 
mjox «Mist», afrs. mese f. «Harn», ags.meohx, 
meox, miox, mix n. «Mist» u. mixen f «Mist- 
haufen», got.maihstus. Gleichen Stammes wie 
mnd. migen, ags. migan, anord. miga «harnen», 
u. urverw. mit lat. mingere, mejere, gr. öuixeiv 
«harnen», lit. m^zn «ich harne», miezu «ich 

13 



195 



Mistel 



mit 



196 



miste, dünge», lit. mieslai pl. m. «Dünger», 
axux. mizem «ich harne», awest. maezatYi, aind. 
tnihati «er harnt». Vgl. Jdg. Foi-sch 4, 106. 
ABL. misten, v., mhd. misten «düngen, 
ausmisten», ahd. miston «düngen». ZUS. 
Mistbeet, n., 1716 hQ\lj\xdiw\gMisthett. Mist- 
fink, m,: der Bergfink, welcher im Winter 
in Höfen seine Nahrung sucht (1793 bei Nem- 
nich); schmutziger unsaubrer Mensch (1572 
bei Fischart Prakt. Großm. 11), auch bezüglich 
der Gesinnung (1499 in der Straß burger Terenz- 
übersetzung 130''). Mistgabel, f., mhd.w^s^ 
gdbel, ahd. mistgahala f. Misthaufen, m., 
mhd. misthüfe, -houfe m. Mistkäfer, m., 1642 
bei Duez. Miststätte, f., spätmhd. im 15. Jh. 
miststatt f. 

Mistel, f. (PI. -n) : die auf Bäumen schma- 
rotzende dickblätterige Pflanze viscum. Mhd. 
mistel, ahd. mistil m. (noch bei Frisch 1741 u. 
Nemnich 1795 Mask., aber vereinzelt schon im 
16. Jh. Fem.); dazu ags.-schwed.-dän. mistel m., 
engl, mistle «Mistel», anord. mistüteinn m, 
«Mistelzweig, Mistel», auch mlat. vdstus für 
glbd. lat. viscus m. und viscum n. Nach Falk- 
Torp zu Mist, weil die M. nur dadurch ent- 
steht, daß ihr Same von Vögeln gefressen und 
mit deren Exkrement auf Bäume gebracht 
wird. ZTJS. Misteldrossel, f. : Mistelbeeren 
fressende Drosselart, 1795 bei Nemnich. 

Miszelläneen (östr. mit runds), PI.: ver- 
mischte Aufzeichnungen, Aufsätze oder Schrif- 
ten, Vermischtes. Erst im 18. Jh. (1716 bei 
Ludwig Miscellanea, 1788 Miscellanien) aus 
\a,t.miscellänea «aus allerlei Speisen gemischtes 
geringes Gericht der römischen Fechter» (Ju- 
venal 11, 20), dann in neurer Zeit, «eine in 
Allerlei bestehende Schrift», eig. Ntr. PI. des 
Adj. miscelläneus «gemischt, vermischt», ab- 
geleitet von miscellus (s. Miszellen). 

Miszöllen, PI. : Aufzeichnungen oder Auf- 
sätze vermischten Inhalts, Vermischtes. Nach 
Campe erst durch v. Archenholz, der 1795 
Miscellen zur Geschichte des Tages herausgab, 
für Miscellaneen eingeführt. Aus lat. miscella, 
Ntr. PI. des Adj. miscellus «gemischt», von 
lat. miscere «mischen». 

mit, Präp. mit Dat., urspr. Adv., das Ver- 
hältnis der Verbindung, der Gemeinschaft, des 
Zugleichseins bezeichnend. Das Adv. lautet 
mhd. wi^(e) (daher noch bei Fleming 41 5 mitte), 
ahd. miti, asächs. midi, ndl. mede, afries. mithi, 
mithe, ags. mid, anord. med, in Zss. got. im^-; 
die Präposition mkd.-ahd.mit (im Hildebrands- 
lied 19 miti), md.-ndl. met, asächs. mid{i), afrs. 



mith, ags. mid, anord. med, schwed.-dän. med, 
got. 7nip. Urverw. mit gr. laexd (als Adv. 
«zugleich, zusamt», in Zss. eine Gemeinschaft, 
Teilnahme ausdrückend, als Präp. «zwischen, 
unter, nach ... hin»), ferner mit awest. mai,, 
aind. smät « zusammen, samt, mit». ZUS. Mit- 
arbeiter, m., 1678 bei Krämer, mitbringen, 
v.,b. Luther. Mitbruder, m., um 1480 imVoc. 
ine. teut. q3^, mnd. medebröder. Mitbürger, 
m., mhd. mitehurgcere, md. miteborgere, mete- 
bürgere, mideburger m. miteinander, adv., 
mhd. mit einander, auch mit einandern, 1482 
im Voc. theut. v4^ miteinander. Miterbe, m., 
mhd. mit{e)erbe m. Mitesser, m.: mitessende 
Person (1678 bei Krämer); mitzehrendes ver- 
meintliches Würmchen in der Haut (1691 bei 
Stieler, wonach man die Würmchen als in die 
Glieder des Menschen gezaubert ansah, damit 
sie, namentlich bei Kindern, die Nahrung weg- 
zehrten), mitfahren, v., mhd. mite vam. 
mitfühlen, v., I69l bei Stieler. Mitgabe, f. : 
das als angehörig, eigentümlich Mitgegebene 
(um 1480 im Voc. ine. teut. q4* mitgab); das 
Heiratsgut (md. im Anfang des 14. Jh. mete- 
gabe). Mitgift,f.: das mitgegebene Heiratsgut, 
1421 im Liegnitzer Urkdbch. 324 metegifft f., 
1444 im Henneberg. Urkdbch. 7, Nr. 173 mite- 
gift, mnd. medegift. Mitglied, n. : Teilnehmer 
einer Körperschaft, bei Luther 1, 290^, Reim- 
chron. des Herzogs Ulrich 81 Mitgelid; dazu 
ndl. medelid. mithalten, v. : an einem Spiel 
teilhaben, 1490 in den Nürnb. Pol.-Ordn. 88. 
Mithilfe, f., um 1480 im Voc. ine. teut. q4^ 
mithilff. mithin, adv. und dann konj.: zu- 
gleich daraus folgend, bei Leibniz unvorgreifl. 
Gedanken 20, in der Bed. «gleichzeitig» schon 
1541 bei Frisius 594*». Mitlaut, m. u. Mit- 
lauter, m. (-s, PI. wie Sg.): Konsonant. Im 
16. u. 17. Jh. mitlautender Buchstab (1531 bei 
Frangk Teutscher Sprach Art 3% dafür um 
1522 bei Tekelsamerll Mitstimmer, 1691 bei 
Stieler Mifklinger), 1748 bei Gottsched Mit- 
lauter, 1777 bei Adelung Mitlaut. Eine Über- 
setzung des lat. consonans f. (nämlich litera f. 
«Buchstabe»); das Adj. consonans wird schon 
um 1480 im Voc. ine. teut. q4'' durch das 
Adj. mitlaut verdeutscht, wie ebenda lat. con- 
sönäre durch mitlauten. Mitleid, n.: Sehmerz- 
gefühl aus Teilnahme, zuerst im östlichen 
Mitteldeutschland im 17. Jh.(1677beiButschky 
Pathmos Register, 1700 bei Philander v.d. Linde 
erusth. Ged. 156), nach Sympathie gebildet; 
Mitleiden, n., mhd. miteliden n. (mnd. mede- 
liden) neben mitelidungei. «gemeinsames Leiden, 



197 



Mithridat 



Mittel 



198 



Teilnahme am Schmerzgefühl anderer», der als 
Subst. gebrauchte Inf. mitleiden, mhd. mite 
liden: Mitleidenschaft, f.: das gemeinsame 
Leiden oder Leidensgefühl, 1678 bei Krämer; 
mitleidig, adj.: an Leid teilnehmend oder 
es mitfühlend, im Anfang des 15. Jh. bei 
Diefenb. gl. 136 <^, md. im 14. Jh. mitlidic. 
Mitmensch, m., 1777 bei Adelung, mit- 
nehmen, y., bei Luther; in der Bed. «arg 
schädigen, übel behandeln» 1597 bei Colerus 
Hausbuch 4, 17, dafür bei Luther Tischreden 
35*' mit sich nehmen, mitsamt, Präp. mit 
Dat., mhd. mit samt und zusammengeschoben 
mitsament,-sam{e)t. Mitschuld, f., bei Schiller 
Teil 1, 4, aber in bezug auf Geld Verhältnisse 
der PI. Mitschulden schon 1691 bei Stieler: 
mitschuldig, adj., bei Lessing 2, 135; Mit- 
SChuldner, m., mhd. im 14. und 15. Jh. 
miteschuldener m. Mitschüler, m., 1678 bei 
Krämer, mitspielen, V., mhd. mite spiln mit 
Dat. «im Kampfspiel derb umgehen mit jem.» 
( Parz. 759, 4), daher nhd. «übel verfahren mit 
jem.», b. Luther4, 150^: Mitspieler, m., mhd. 
mitespielcere m. mitteilen, v., 1482 im Voc. 
theut. v5^ mitteylen, mhd. mite teilen «zuteil 
werden lassen, zu eigen abgeben», vandi.mede- 
delen, die Bed. «Kenntnis wovon geben», 1495 
bei Reuchlin Demosthenes 1. Olynth. Rede S. 8 
Poland; davon mitteilhar, adj., bei Goethe 
29, 144; mitteilsam, adj., 1809 bei Campe als 
neues Wort; Mitteilung, f., 1541 bei Frisius 
181 ^ mitunter, adv., 1691 bei Stieler mit 

under. Mitwelt, f., b. Schillers, 190,27. mit- 
wirken, V., mhd.suhsiaiith'ischmitewirken n. ; 
Mitwirkung, f., 1663 bei Schupp 182 Mit- 
tvürckung. Mitwisser, m., um 1480 im Voc. 
ine. teut. q5^; mnd. medewete m. 

Mithridat, m. (-[e]s, PI. -e): eine Art 
Latwerge als Gegengift (Geliert Fab. 1, 41), 
1541 bei Frisius 554^ Mitridat, benannt nach 
lat. antidotum Mithridätis «Gegengift des Mi- 
thridates», des Königs von Pontus, der jenes 
Gegengift zusammengesetzt (Juvenal 14, 242) 
und, um sich vor etwa von seinen Feinden, 
den Römern, ihm beigebrachten Giften zu 
sichern, zu sich genommen haben soll, wo- 
durch sein Körper an Gift so gewöhnt wurde, 
daß es bei ihm nicht mehr wirkte, weshalb 
er sich, als er von Pompejus überwunden 
worden war, mit seinem Schwerte tötete. 

Mitlaut, Mitleid usw., s. mit. 

Mittag, m. {.[e]s, PI. -e): die Mitte des 
Tages, die Zeit des höchsten Standes der Sonne; 
die Gegend dieses Sonnenstandes, Süd (bei 



Luther); Mittagsmahlzeit (in zu M. essen). 
In der 1. Bed. mhd. mit[te)tac, ahd. mittitac, 
md. mittach u. als erstarrter Akk. mittentac, 
mittendag; dazu mnd. middach, ndl.-schwed.- 
dän. middag, afrs. middei, ags. middcRg m., 
engl, midday, anord. miMagr; daneben nicht 
zgs. mhd. mitter tac, ahd. mitti tac, mitter tag, 
asächs. middi dag, anord. midr dagr. Über das 
Adj. mitti, s. mitte. ABL. mittags, adv., eig. 
Gen.Sg., beiLuther, mittägig, adj., spätmhd. 
mittegig (Diefenb. gl. 358^), ahd. mittitagig. 
mittäglich, adj., mhd. fnittagelich, ahd.mitti- 
tagalih. ZUS. Mittag(s)esseu, n., 1425 bei 
Diefenbach gl. 450^ eyn mittagiß esßen, An- 
fang des 15. Jh. mittagessen (ebd. 357''). Mit- 
tag(s)brod,m. Im 18. Jh. Mittagskreis, m.: 

Meridian, 1561 bei Maaler, dafür 1643 bei 
Harsdörfer Gespr. 3, 32 Mittaglini. Mittag(s)- 
mahl, n., bei Luther Mittagsmalh, um 1480 
im Voc. ine. teut. q 3 ^ mittagmal. Mittag(s)- 
sonne, f., I69l bei Stieler. Mittagstisch, 

m., 1777 bei Adelung. Mittagswind, m.: 
Südwind, bei Luther, um 1480 im Voc. ine. 
teut. q3* mittagtvind. 

Mitte, f. (PI. -n) : gleich weite Entfernung 
von bestimmten Enden. Mh.d.mitte, ahd.mittif.: 
dazu ags. niidde f. «Mitte», schwed. medja, 
midja, dän. midje (dafür got. miduma, ahd. 
mittamö f., eig. Superlativbildung zum Adj.). 
Die ältere schwache Biegung noch bei Goethe 
28, 281. Abstraktes Subst. zum Adj, mitte, 
mhd. mitte, ahd. mitti, nhd. erloschen und nur 
noch im Volksmund; dazu asächs. middi, ndl. 
mid, afries. midde, medde, ags. midd, engl. 
mid-, anord. miär, (dän. adv. midi), got. midjis; 
urverw. mit glbd. lat. medius, gr. luecoc, awest. 
maiäja-, aind. mädhjas, arm. mej, ferner abg. 
mezda f. «Mitte», mezdu Adv. «zwischen», gall. 
medio-, air. mide «Mitte». 

mitteilen, s. mit. 

Mittel, n. (-S, PI. wie Sg.): Mitte; was die 
Mitte ausmacht; zwischenbefindlicher Gegen- 
stand ; Wirkendes zur Erreichung eines Zweckes, 
Hilfsmittel (Reichstagsabschied 1523 § 18), Heil- 
mittel (1618 bei Sandrub 74, 36 Ndr.); (im 
PI.) Besitztum, Vermögen (1654 bei Logau 1, 
8,46, bei Schupp 116). Mhd. mittel, n. «Mitte, 
Mittelpunkt, Mittelding, Vermittelung, dann 
was dazwischen ist, besonders trennend (sunder 
mittel «unmittelbar»); dazu mnd. middel n. m. 
«Mitte, Zwischending, Mittel», ags. middel m. 
«Mitte», engl, middle. Das Substantiv. Neutr. 
des Adj. mittel (s. d.). ABL. mittelbar, adj., 
1641 bei Schottel 308% ebd. 308** auch un- 

13* 



199 



mittel 



Mitternacht 



200 



mittelhar. mittellos, adj,, 1809 bei Campe. 
mittein, v., nur noch in Zss. aus-, er-, ver- 
mitteln (s.d.), lühd.ndtteln (um die Mitte stellen, 
ein Mittel sein, vermitteln», 1482 im Voc.theut. 
V 4** mittelen «halbieren» (noch 1663 bei Schot- 
tel). mittels, (bayr.-öst. auch) mittelst, 
Präp. mit Gen., eig. adverbialer Gen. Sing. 
von Mittel (mit Antritt eines -t), im 17. Jb. 
bei P. Fleming 462 und Schupp 620 mittels, 
schon im 16. Jh. in mittels als Adv. mit der 
Bed. «inzwischen», 1581 bei Fischart Bienk. 
119^ in miteis; dafür mhd. übermitteg, über- 
mitz mit Gen. oder Akk. «vermittelst». ZUS. 
Mittelsmann, m.: Vermittler, mhd. mittel- 
man (Mon. boicaSS, 11 von 1289). Mittels- 
person, f.: vermittelnde, zwischenhandelnde 
Person, 1696 bei Chr. Weise Comöd.v.Esaul96. 
mittel, adj.: mitten befindlich. Wa.di. mittel, 
ahd. mittil mit dem spätahd. Sup. mittelöst-, 
dazu afries.-ags. middel, engl, middle, in Zss. 
asächs. middil-, anord. meäal-. Von mitte 
(s. d.). Nebenform ältemhd. mitter, mhd. mitter 
(Sup. mitterest, mittrist), ahd. mittar (Sup. 
mittaröst), z. B. 1593 bei Helber 24 (Ndrck.) 
die Mitter Teütsche {Sprache). ZUS. Mittel- 
alter, n.: das mittlere Lebensalter (1684 bei 
Scriver Seelenschatz 206, Weine von einem 
Mittel-Älter 1731 im Öcon. Lex. 2609); als 
Übersetzung des im 18. Jh. (z.B. von Haltaus 
1729) gebrauchten nlat. medium aevum, 1792 
bei V. Weber Sagen der Vorzeit 2, 7, dafür 
1777 bei Wieland 18, 9 das mittlere Zeitalter, 
1774 bei Lessing 9, 443 die mittlem Zeiten. 
mitteldeutsch, adj., die Sprache des mitt- 
leren Deutschlands bezeichnend, im 19. Jh., 
schon 1593 bei Helber 25 (Ndrck) die Mitter 
Teütschen, 1639 bei Micrälius Pommern 1, 35 
die mittelländischen Teütschen, im 14. Jh. bei 
Behaim Evangehenbuch XVIII dag mittelste 
dütsch. Mittelding, n., bei Luther 5, 121^. 
Mittelfarbe, f., mhd. im U. Jh. mittelvarbt 
Mittelfinger, m., mhd. mittelvinger m. (Bert- 
hold 2, 193, 36) neben mittler m. im 14. Jh., 
nd. im Id. Jh. middelere m.; dazu a.gs. middel- 
finger m. Mittelgebi rge, n., 1 777 bei Adelung. 
Mittelglied, n., bei Herder, Schiller. Mittel- 
gut, n., bei Lessing Nathan 2, 5. mittel- 
hochdeutsch, adj., seit Jacob Grimm die 
oberd. Sprache vom 12. — 15. Jh. bezeichnend. 
Mittelklasse, f.: bürgerlicher Mittelstand, 
bei Wieland 33, 119. Mittelland, n.: in der 
Mitte liegendes Land, Binnenland, bei Goethe 
25, 1, 288; mittelländisch, adj.: zwischen 
Ländern mitten inne gelegen, binnenländisch, 



1642 bei Duez, das Mittelländisch Meer 1605 
bei Hulsius, dafür 1550 bei Münster Cosm. das 
mittelländig Möre, eine Übersetzung des mlat. 
mare mediterraneum , im 15. Jh. mittelmöre 
(Diefenb. gl. 353 «), 1562 bei Mathesius Sar. 2» 
Mittelmeer. Mittellinie, f., 1678 bei Krämer 
Mittellinie. Mittelmaß, n., 1580 bei Sebiz 
Feldb. 478, älternhd.-mhd. mittelmäg(e) f.; 
mittelmäßig, adj., mhd. mittelmcegic; Mit- 
telmäßigkeit, f., 1482 im Voc. theut. y 5^ 
mittelmessigkeit. Mittelmeer, n., s. mittel- 
ländisch. Mittelpunkt, m., 1628 bei Münster 
Cosm, 2 Mittelpunct, mhd. der mittel punct 
«der mittlere Punkt» (Mystiker 2, 273, 6). 

Mittelschlag, m., bei Kant 10, 52. Mittel- 
schule, f.: (südd. u. öster.) die Gymnasien 
usw., die zwischen der Volksschule und der 
Hochschule (Universität) in der Mitte stehen. 
Im 19. Jh. Mittelstand, m.: mittlerer Zu- 
stand, 1641 bei Schottel 373; bürgerliche Mittel- 
klasse, Beleg von 1695 aus Schlesien ZfdW. 9, 
312. Mittelstraße, f., bei Luther 5, 235^, 
die goldene M. nach lat. aurea mediocritas, 
Ende des 18. Jh. Mittelstück, n., 1691 bei 
Stieler. Mitteltreffen, n., 1760 bei Heilmann 
Thucydides 278, 974. Mittelweg, m., md. im 
14. Jh. mittelwec m. Mittelwort, n. (PI. 
-Wörter): Partizipium, d. h. die Form des 
Verbs, welche adjektivischer Natur ist, also 
ein mittleres (in der Mitte liegendes) Wort 
zwischen Verbum und Adjektiv, 1641 bei 
Schottel 472. Mittel zeit, f.: das Mittelalter 
(s.d.), bei Goethe; die Zeitdauer, welche einer 
Silbe zukommt, die je nach ihrer Stellung im 
Verse lang oder kurz sein kann, wie es scheint 
von Voß gebildet, dafür 1663 bei Schottel 824 
die mittlere Wortzeit, bei Heynatz Mittelsilbe, 
bei Klopstock über Sprache und Dichtkunst 16 
zweizeitige Wörter oder Silben: davon mittel- 
zeitig, adj. 

mitten, adv.: in der Mitte. Mhd. mitten, 
adverb. gesetzter Dat. Plur. des Ad}, mitte (s. d.). 
Ahd. siuant thar mitten untar in (Ottfrid 5, 
12, 14). Vgl. inmitten. 

Mitternacht, f. (PI. -nachte): die Mitte 
der Nacht d. h. 12 Uhr; die Himmelsgegend, 
in der man sich die Sonne zur Mitte der Nacht 
im Gegensatz zur Mitte des Tages denkt, Nord 
(1429 im Liber ord. rer. 2^, im 14. Jh. in der 
Meinauer Naturlehre 9 von der mitter naht). 
In urspr. Bed. mhd. (zumal md.) mittemacht, 
mndrhein.-mnd.-ndl. middernacht f. Ein er- 
starrter Dat. Sg. von dem Fem. des Adj. mitte 
(s. d.) u. Nacht, hervorgegangen aus Verbin- 



201 



Mittfasten 



Mode 



202 



düngen wie mhd. ze mitter naht, nach mitter 
naht, ahd, ze mittero naht, in mitteru naht. Der 
Nom. Sg. lautete ahd. mittiu naht (vgl. Mittag), 
lat.medmwoa;; daneben ahd.miY<inaAf,spätmhd. 
bis ins 17. Jh. mittnacht, nd. noch heute mid- 
nacht f., ags. midniht f., engl, midnight, anord. 
midncetti f., schwed.-dän. midnat. ABL. mit- 
ternächtig, adj.: zur Mitternachtszeit (1777 
bei Adelung); nördlich, 1647 bei Rompier Reim- 
getichte Vorr. 19, dafür im 16. Jh. mittnächtig 

(1541 bei Frisius 115*). mitternächtlich, 
adj.: zur Mittemachtsstunde, bei Klopstock 
Mess. 4, 799, dafür im 16. Jh. in der Zimm. 
Chron.^ 2, 491,21 mitnechtlich; nördlich, 1777 
bei Adelung, mitternachts, adv. 

Mittfasten, PL: der dritte Mittwoch nach 
dem Aschermittwoch als Mitte der Fastenzeit. 
Mhd. ze mitter vasten, auch mittervasten (noch 
ha.jv. Mitter fasten f.), dsknnmit{te)-, mittenvaste 
u. mittelvaste f., mnd. im 14. Jh. midvasten, 
ags. midfcesten n., zgs. mit dem Adj. mitte (s.d.). 

Mittler, m. (-s, PI. wie Sg.): Zwischen- 
person zur Versöhnung, Vermittler; der mit 
Gott oder überhaupt einem höhern Wesen 
Versöhnende (bei Luther 1. Tim. 2, 5). In 
der l.Bed. mhd. mitteler, im 12. Jh. mitelare, 
mndrhein. im 12. Jh. middelere m. Als Über- 
setzung von lat. mediätor m. von mittein (s. 
Mittel) abgeleitet. 

mittlerweile, adv., aus dem Dat. Sing. 
mittler Weile, 1517 im Teuerdank 43, 146 
mitler weyl, 1575 bei Fischart Garg.257 mitler- 
weil, dafür bei Luther l.Makk. 6, 55 mitler zeit. 

Mittsommer, m.: Mitte des Sommers. 
Wohl nach glbd. engl, midsummer. Tim die 
Mitte des 19. Jh. 

Mittwoch, m. [s, PI. -e), im mittlem 
Deutschland auch Mittwoche, f. (P\.-en): die 
Mitte der Woche, d. h. der vierte Wochentag, 
ürsprüngl. Fem., mhd. schwach mit{te)woche, 
mitweche, auch mit{ti)che, miteche, dann aber 
nach Vorbild der übrigen Wochentage Mask., 
ST^äimhä. mitttvoch(^e), anch mit tich(e), mitteche: 
ahd. mittwocha f., älter am Ende des 10. Jh. 
mittawecha f., zgs. aus ahd. mitti (s. mitte) u. 
wecha, wehhaf. «Woche»: dazu mnd. mid(de)- 
weke m., nnd. midweken f. Dafür westfl. 
Gunsdag, mnd. Chidens-, Godens-, Guns-,Göns- 
dach, mndl. Woensdach, Goensdagh, afries. 
Wernisdei, Wernsdai, ags. WödnesdcRg, engl. 
Wednesday, anord. Öäinsdagr, schwed.-dän. 
Onsdag, der dem obersten Gott ahd. Wuotayi, 
nd. Wuodan, Wödan, ags. Wöden, anord. Ödinn 
«geheiligte Tag», \a,i.dies Mercurii. Der Gen. 



Mittwochs als Adv., älterahd. 1539 bei Alberus 
Widder Witzeln G5* des Mitwochens, mnd. 
im 14. Jh. des middeweke(ne)s. 
mitunter, Mitwelt, s. mit. 
Mixtür, f. (Pl.-en) : Mischtrank als Arznei. 
Wad.mixtüre f. «Mischung, Gemisch», aus glbd. 
lat. mixtilra f., von miscere «mischen». 

Mnemonik, f.: Gedächtniskunst (Herder 
z. Relig. 5, 284, von 1774). mnemönisch, 
adj.: die Gedächtniskunst betreffend (Herder 
z. Rel. 6, 2, 47), gebildet nach dem gr.-lat. 
Adj. mnemonicus, gi: livrinoviKÖc «zur Er- 

1 innerung gehörig, das Gedächtnis betreffend», 
von |uvriiuujv «eingedenk, sich erinnernd»; M. 

I aus dem Fem. des Adj. (lavrinoviKr), nämlich 
T^Xvn f. «Kunst»). 

Mob, m. (-s) : Pöbel. 1840 bei Heine 6, 212. 

! Aus engl. mob. 

' Möbel, n. (-S, PI. wie Sg., im 18. Jh. meist 

I Möbeln, auch Möbels) : Hausgerät zu größrer 
Bequemlichkeit, zum Vergnügen, zur Ver- 
schönerung usw. Im 17. Jh. (1694 bei Neh- 
ring Meuble, 1668 bei Böckler Kriegsschule 
1027 Meubles) eingebürgert aus frz. meuble m. 
«Stück, Hausgerät», von glbd. mlat.mobile n., 
eig. Ntr. des lat. Adj. möbilis, «beweglich, be- 
hend» (zu movere «bewegen»). Bei den rö- 
mischen Juristen sind die res mobiles die ganze 
bewegliche Habe (s.Mobilien). Schon im 15. u. 
16. Jh. in den Weistümern des Mosellandes 
mubel, rnilbel, möbelm. «fahrende Habe »(Weist. 
2,242 U.246 von 1477, WMfeeZLuxemb.Weist.597 
aus dem 15. Jh., mubelguter 466), aus afrz. 
nwble, meuble n. Dazu möblieren, v.: einen 
geschlossnen Raum mit Hausgerät versehen, 
im 17. Jh. bei Nehring meublieren, aus glbd. 
frz. meubler. 

mobil, adj.: beweglich (Goethe 33, 51): 
marsch-, zugfertig (Goethe 29, 91), daher m. 
machen in militärischem Sinn. Aus glbd. frz. 
mobile, von lat. möbilis «beweglich». Mobil, 
n.: Bewegendes, Bewegungskraft, bei Herder 
Ideen 2, 179 f., aus dem N. mobile des lat. 
Adj. möbilis. Mobiliar, n. {-s, PI -e): Ge- 
samtheit an beweglicher Habe, insbes.anHaus-, 
Stubengerät (Goethe 30, 121), aus einem neu- 
lat. mobiliare n. Mobllien, PI.: die beweg- 
liche Habe (in der Schweiz Fahrhabe), 1648 
bei Kemnitz, schwed. Krieg 1, 250^ u. 1668 bei 
Schuppius 102, aus glbd. mlat. mobilia, PI. von 
mobile (s. Möbel). 

Mocke, f. weibliches Schwein, s. Mucke. 

Mode, f. (PI. -n): Zeitsitte, Kleidersitte. 

Bereits im 17. Jh. völlig geläufig (1652 bei 



203 



Model 



mogeln 



204 



Lauremberg 2, 53, bei Logau 3, Zugabe 57), 
zu frühest in der Formel ä la mode (1646 bei 
Moscherosch 2, 3, alamode 2, 4, a la modo u. 
alamodo 1628 bei Opel u. Cohn SOjäliriger 
Krieg 412), Aus glbd. frz. mode f. (seit 15. Jh.), 
entl. aus lat. modus ra. «Maß, Art u. Weise», 
im Mlat. «Sitte, Brauch». Yg\.modisch, Modist. 
ZUS. Modefarbe, f.: Farbe, die gerade in 
der Mode ist; (jetzt) ein helles Braun (so schon 
bei Goethe Farbenl. 1, ^ 845. Modekrank- 
heit, f., 1809 bei Campe. 
Model (öst. nur so), Modul, m. {-s, PI. 

wie Sg., -n und mundartl. Mödel): Maß bei 
Säulenordnung; Form wozu, Musterbild, Vor- 
bild, Muster. Mhd. model n. m. «Maß, Form, 
Torbild, Modell», ahd. mor/^Zn. «Formel», aus 
lat. modulus m. «Maß, Maß für die Anlegung 
der Säulen u. ihrer einzelnen Teile u. Verzie- 
rungen», Dim. von modus m. (s. Mode). Vgl. 
Modell, modeln, v.: formen, gestalten; Fi- 
guren (Bilder) eingraben (1741 bei Frisch); 
(refl.) sich ändern. In der 1. Bed. mhd. mo- 
delen, von mlat. niodulare, lat. moduläri 
«messen, abmessen, gehörig einrichten». 

Modell, n. {-s, PI. -e): Musterform. Im 
17. Jh. (1668 bei Böckler Kriegsschule 1027) 
entl. aus glbd. ital. modello m., von lat. modulus 
m., woher schon fiüher Model (s. d.). model- 
lieren, V,, 1747 bei Woltf mathem. Lex.^ 
niodelliren, nach ital. modellare «abformen». 

modeln, s. Model. 

Moder, m. (-.s): gegen den Zutritt der 
freien Luft mehr od. minder abgeschlossnes 
in Feuchtigkeit Verwesendes. Md. im 14. Jh. 
moder m. «in Verwesung übergegangner Köi'- 
per», 1429 im Liber ord. rer. 2*^ moter «fauler 
Schlamm, Kot», 1478 möder PI. «Sampf-,Moor- 
gelände»; dazu mnd. modder, nnd. mudder, 
ndl. modderm. «Schlamm », engl, wof/ier «Boden- 
satz, Hefe». Von md. (13. u. 14. Jh.) mot n. 
«Schlamm, Torferde», im 16. Jh. Modt, Mott 
m., ahd. itiotto «rancor» (ahd. Gl. 2, 155, 26), 
mxidi. modde, mudde, 1477 clev. modm., mengl. 
mudde, engl, tnud «Schlamm». Vielleicht zu 
aind. mtitram n, «Harn», awest. mvpra- n. «Ex- 
kremente, Unrat». Vgl. noch Btr.26,303. ABL. 
mod(e)rig, adj., 1741 bei Frisch moderig, 
1691 bei Süeler moderichf, 1477 clev. modderich 
«kotig», modern, v.: zu Moder werden, 1654 
bei Logau 3, Zugabe 27, mhd. in vermoderen. 

modern, adj.: neumodisch, nach dem 
neusten Geschmack. 1728 bei Speranderworferw 
«neu, von gegenwärtiger Zeit, auf die jetzige 
Zeit gerichtet», 1717 bei Nehring alamode 



moderne «nach der neuen Art», aber schon 
im 16. Jh. modernisch (1566 bei Paracelsus 
Wundarznei 236, von 1528). Aus frz. moderne, 
ital. moderno «heutig, neu», von spätlat. mo- 
dernus «jetzig, heutig»; dieses Adj.kommtvom 
lat. Adv. wioc^o «eben, jetzt», modernisieren, 

V.: modern machen, im 18. Jh. (bei Wieland 
49, 36 Gruber), aus glbd. frz. moderniser. 

modifizieren, v.: dem Maße nach be- 
stimmen, mäßigen (ein Maß setzen); anders, 
u. zwar näher bestimmen, beschränken. 1728 
bei Sperander; aus lat. modificäre «gehörig 
abmessen, mäßigen», von lat. niodificus «ab- 
gemessen», einer Bildung von lat. modus m. 
«Maß» u. einer Ableitung Yonfacere «machen». 
Modifikation, f., 1728 bei Sperander, 1446 
bei Janssen Reichscorr. 2, 93 modificacien PI., 
aus lat. modificätio f. «Abmessung». 

modisch, adj.: der Mode (s. d.) gemäß. 
1691 bei Stieler, früher al{a)modisch (1629 
Ellinger über den heuttigen allmodischen oder 
a-la-modischen Kleider teuffei). Modist, m. 
(-en, PI. -en): Verfertiger von u. Händler mit 
modischem Putze; Freund modischen Putzes in 
seiner Kleidung; Putznarr. Im 19. Jh. aus dem 
jung. frz. modiste m. «Putzmacher, Modewaren, 
Putzhändler». Dazu Modistin, f. Verschie- 
den hiervon 1421 modiste m. «Kunst- u. Muster- 
schreiber», glbd. mit 1423 u. 1424 kindelerer 
(Kinderlehi-er), 1531 bei Frangk Orthographia 
C2* Modisteii odder Stuelschr eiber, noch 1715 
bei Weismann 1, 238* u. 2, 261^ modist m. 
«Rechen-Schreiber, logographus», eig. Kenner 
der modi scribendi, wie bei Frisch Modisten 
«Musikanten», d. h. Kenner der musikalischen 
modi (Tonarten), u. noch schwäb. Modist m. 
«Musiklehrer» (Schmid 388). 

Modul, s. Model, modulieren, v.: den 

Ton, Gesang od. Harmonie, durch verschiedne 
Tonarten führen. 1571 bei Rot modulirn, aus 
lat. moduläri «abmessen, gehörig einrichten», 
von modulus m. (s. Model). Dazu Modula- 
tion, f., 1571 bei Rot. 

Modus, m. (Gen. ebenso, PI. wie Sg. od. 
Modi): Redeweise, ein Kunstausdruck der 
Grammatik beim Verbum. Lat. modus m. «Art 
u. Weise», von Quintilian im 1. Jh. n. Chr. 
schon in der heutigen Bed. gebraucht. Im 
17. Jh. schlechthin durch Weise f. verdeutscht 
(1641 bei Schottel 413); Bedeweise scheint 
erst um 1820 aufgekommen zu sein. 

mogeln, v.r beim Spiel betiügen. Studen- 
tisch (1781 bei Fischer kom. Burschiade 34), 
aus der Gaunersprache entnommen (wo mohel 



205 



mögen 



Möhre 



206 



sein «beschneiden» bedeutet, also «urspr. die 
Karten durch Beschneiden kennzeichnen »J. 
Davon Mogelei, f., studentisch 1813 belegt, 
Mogeler, m., aus dem J. 1795. 

mögen, v.(Präs. mag, PI. mögen usw., Prät. 
mochte, Konj. möchte, Part, gemocht, s. u.): 
das Geeignetsein, urspr. die Kraft zu etwas 
haben, daß dies sei od. geschehe; Freiheit, 
Geneigtheit (Lust) wozu haben. Bei Luther 
m. neben miigen, nihd. mugen, miigen, spät- 
rahd. auch mögen, mögen (Präs. mac, 2. Pers. 
niahtu. mähst, magst, PI. miigen, mugen, morgen, 
megen, mögen, spätmhd. mögen, Prät. mohte, 
mähte, Konj. möhte, mehfe, Part, spätmhd. 
gemiigt, bei Luther Weish. 17, 9 mocht], ahd. 
mugan, älter magan (Präs. mag, 2. Pers. mäht, 
PI. magun, miigumes, mugun, Konj. megi, mugi, 
Prät. mahta, mohta, Konj. mahti, mohti); dazu 
asächs. Präs. 7nag (PI. mugun, Prät. mahta, 
mohta), mnd. mögen (Präs. mach, PI. mögen. 
Prät. mochte), ags. Präs. mceg (2. Pers. meaht, 
PI. magon, Prät. m.eahte, mcehte, mihte), engl. 
ma?/ (Prät. might), anord. »ne^ra (Präs.«?ä, Prät. 
mättd), dän. »ma (Prät. u. Inf. maatte), got. 
magan (Präs. mag, PI. magun, Prät. mahta). 
L'rverw. mit abg. )/(0S^2' (Präs. mogo^ «ver- 
mögen, können» (lit. magoti «helfen, nützen» 
ist aus dem Slav. entl.), air. do-for-magar 
«augetur», gr. ufixoc n., larixavri f. «Hilfsmittel». 
Vgl, Macht. In Verbindungen mit dem bloßen 
Inf. ohne zu, z. B ich hätte es nicht sagen 
mögen (bei Luther Dan. 6, 20 usw. mügen) 
ist mögen kein Inf., sondern Rest einer alten 
starken Partizipialform. ABL. möglich, adj., 
mhd. müg(e)lich, md. mugelich, mogelich, noch 
im 17. u. Anfang des 18. Jh. müglich (Duez, 
Stieler, Freyer); dazu mnd. mogelik, 1477 clev. 
mogelick, mndl. moghelick; davon 3IÖglich- 
keit, f., mhd. mügelicheit, md. mugelichkeit, 
mnd. mogelicheit f. 

Mohammedaner, m. {-s, PI. vvie Sg.): 
Bekenner der Glaubenslehre Mohammeds. Von 
dem Mask. eines nlat. Adj. Mohammedanus, 
Muhamedanus od. Mahometanus (frz. Moho- 
metan), abgel. von Muhamedus, Muchammedus, 
Mahommetus, dem latinisiert, arab. Namen des 
Stifters des Islam jMM/iamwa(Z« der sehr Gelobte, 
stets zu Lobende», dem Part. II von hämida 
«loben» (schon mhd. im Sinne eines Gottes 
der Sarazenen Mahumete, Mahmete, Mahmet, 
nach frz. Mahomet). mohammedanisch, adj. 

Mohär, m. (-S, PI. -e): Zeugstoff aus dem 
Haar der Angoraziege, Haartuch. Aus glbd. 
engl, moh/iir (s. ^Mohr u. Machaier). 



mohl,auch moll, adj.: überreif (von Obst), 
im Innern faul. In obd. und nd. Mundarten 
weit verbreitet u. daher nicht entl. aus frz. 
mol «weich» (jetzt mou), sondern zu ahd. 
molawen «tabere», u. weiter vielleicht zu lat. 
niollis «weich», aind. mrdüs <^ weich, zart, mild». 
Dazu mollig (s. d.). 

Mohn, m. (-S, PI. -e) : die Pflanze papaver, 
dann ihr Same (vgl. Magsame[n]). 1470 md. 
mön m., aber noch bei Brockes, Frisch u. 1769 
bei Lessing 8, 255 Mahn, mhd. 7nän, mähen, 
mage{n), ahd. mägo m. (noch bayr. Magen, 
Mähen m.); dazu and. mäho m., mnd. man m., 
aschwed. valmughi, schwed. vallnio m. «Mohn», 
dän. valmxie. Wohl urverw. mit glbd. gr. uriKuuv, 
dor. uÖKOiv f., abg.-russ. makü ra., poln. und 
böhm. mak, preuß. moke, vielleicht aber ein 
altes Lehnwort, vgl. Hoops Waldb. 474. ZUS. 
3Iohukopf, m., 1482 im Voc. theut. t4*> 
magenkopff, mhd. mänkoph, ndl. maankop m. 
Mohnöl, n., mhd. mäg{en)öl n. Mohnsaat, 
f., 1482 im Voc. theut. t5* mahensat, mhd. 
mägesdt f. Mohnsame, m., im mrhein. Voc. 
ex quo 1469 maynesam, mhd. mäge(n)säme m. 

^Mohr, m. {-[e]s, PI. -e): eine Art dicht- 
u. festgeschlagnen Zeuges von Seide, Halb- 
seide usw., glatt od. mit Wässerung, 1715 bei 
Amaranthes Mohr oder Moor, entweder gantz 
seiden, oder halb Cameel-Haaren. Aus glbd. 
frz. moire f. (daher moire «gewässert»), entl. 
aus engl, mohair (s. Mohär) u. dies aus arab. 
»mcÄfy^ar «Zeugstoff aus Ziegenhaai-». Vgl. Ma- 
cheier. ZUS. Mohrhand, n.: glattes Seiden- 
band mit wolkiger Wässerung, 1 798 b. Adelung. 

* Mohr, m. {-en, PI. -en) : von Natur schwar- 
zer od. schwarzbrauner Mensch. Mhd. mör{e), 
ahd. m&r m., aus lat. Maurus m. «schwarz- 
brauner T'reinwohner Nordafrikas». ABL. 
Mohrin, f.: die Schwarze, Schwarzbraune, 
mhd.moprinne, moerin f. ZUS. 3Iohrenhirse, 
f.: eine orientalische Pflanze, sorghum vulgare 
Pers., auch Sorgho, Durrha, Neger-, Guinea- 
korn genannt. 1797 bei Nemnich Mohrhirse. 
31ohrenkopf, m,: ein rundes Biskuitgebäck 
mit Schokoladenguß. Mohrenland, n., mhd. 
Mör(en)lant n. 

Möhre, f. (PI. -n): die gelbe Rübe, daucus 
carota. 1562 bei Mathesius Sar. 33* MJiöre, 
1663 bei Schottel Mohr, Möhr, 1678 bei Krämer 
Morre, Mohre, mhd. mor(c)he, mörhe, more, 
ahd. mor{a)ha, moreha f. «eßbare rübenartige 
Wurzel, gelbe Rübe»; dazu ags. more, morui'., 
engl, more «Möhre». Urs-erw. mit glbd. serb. 
mrkva, rass. morkovi, gr. ßpÖKova (Hesych) Ntr. 



207 



Mohrrübe 



Moment 



208 



PI. (aus *wraÄ) «wildwachsendes Gemüse». Vgl. 
Hoops Waldb. 466. Vgl. Mohrrübe, Morchel. 

Mohrrübe, f.: jMöhre, Ostmd. 1598 bei 
Colerus Hausbuch 2, Z 3* Mohrübe. Mohr- 
aus, mhd. more, viorhe «Möhre» (s. d.). 

Moir^ (spi-, nioare), m. n. (s, PI. -s): ge- 
wässertes, geflammtes Seidengewebe, 1834 bei 
Petri Moire. Aus frz. moire, s. ^ Mohr. 

mokant, adj.: spöttisch, sich lustig ma- 
chend. Aus dem frz. moquant, dem Part, von 
frz. nioquer, s. u. mokieren, v. refl.: sich 
worüber aufhalten od. spöttisch lustig machen, 
1703 bei Wächtler sich m., aus glbd. frz. se 
moquer de, afrz. nioquer «verspotten», aus dem 
Pikardischen aufgenommen; dazu prov. moc/iar 
«verspotten», span. mueca, aspan. moca f. «Gri- 
masse, Verspottung». Unerklärt. 

Molch, m. (-es, PI. -e): eine Art Eidechsen. 
Bei Luther u. schon zu Anfang des 15. Jh. 
molch (Liber oi'd. rei-. 1429 Bl. 15*^, Diefenb. 
gl. 551 ^), mhd. mol(J ahd. mol u. molm, malm, 
molt m.; dazu anil.-mnd. mol m. Unerklärt. 

Mole, f. (PI. -n), bayr.-öst. auch MolO, m. 
(-S, PI. Molen, -los u. -li): Hafendamm. Aus 
glbd. ital. woZo m. Nicht sicher erklärt. 1791 
bei Roth Molo. 

Molekül, n. (-[e]s, PI. -e): unmeßbar 
kleiner Körper; Verbindung von Atomen. Aus 
glbd. frz. molecule f., von lat. möles f. «Masse». 
In der neuern Chemie. 1813 bei Campe. 

Molke, f. (PI. -n): das sich im Gerinnen 
der Milch abscheidende Wasser. 1588 bei 
Tabernämontanus 338 u. 1664 bei Duez Molche 
f., bei Maaler, Schottel u. noch bei Geliert 
7, 131 Molken n. (1716 bei Frisch u. 1734 bei 
Steinbach sogar Mask.), mhd. molchen, molken, 
mulchen, mulken n. «Milch u. was aus Milch 
bereitet wird», dann «Käsewasser» (ahd.cMsi- 
wa^^ar), vereinzelt im li.Jh.mulchen f. (Weist. 
1, 4), noch Schweiz. Molchen n.; dazu mnd. 
molken n. «Milch u. das aus Milch Bereitete», 
nd. molken f., ags. molcen n. Zu melken (s. d.). 
ABL. molkicht, molkig, adj., 1678 bei 
Krämer molckigtneh'iiMolckigkeit. Molkerei, 
f.: Milchwirtschaft, im 19. Jh., wahrscheinlich 
in Norddtschld. aufgekommen, dafür im 16. Jh. 
bei Fischart Glückh. Schiff" Schmachspr. 108 
melkery. ^f7»S'. Molkendieb, m.: Schmetter- 
ling, eig. Milchdieb, 1470 md. molken diep 
(Diefenb. gl. 411^), nd. mulkentöwer (Brem. 
Wtbch., zu mnd. tover(er) m. «Zaubrer»), auf 
der Vorstellung beruhend, daß Hexen od. Eiben 
in Schmetterlingsgestalt Milch stehlen oder 
bezaubern. Molkenknr, f., 1809 bei Campe. 



' Moll, m. (-es, PI. -e) : ital. glatter u. mit 
erhabner Arbeit gewirkter Mohr (s. ^Mohr), 
dann übertragen auf eine Art breiten woUnen 
Zeuges (s. Molton). 1783 bei Jacobsson. 
Aus glbd. ital. molle m.., eig. Adj. m^lle (lat. 
mollis) «weich», mit Ergänzung von drappo m. 
«Seidenzeug». 

"Moll, n,: Tonart mit weichem Dreiklang 
(kleiner Terz), seit dem 16. Jh. (bei Ringwaldt 
Eckart l?** im Bmoll), entstanden aus mlat. 
be molle «der Ton b» (im Gegensatz zu be 
durum, dem Ton h), mhd. hemolle u. bedüre, 
von lat. mollis «weich» u. dürus «hart». 

moll, adj., s. mohl. 

Molle, f. (PI. -n): Holzgefäß, Mulde, Back- 
trog. Nd. für Mulde (s. d.), 

mollicht, mollig, adj.: weich, locker: 
behaglich. 1562 bei Mathesius Sar. 45* mol- 
licht, mhd. molwec. Wohl von mohl, moll ab- 
geleitet (s, d.). Die Bedeutungsentwicklung 
zu 2 z. T. unter Einfluß der Studentensprache, 
wo es 1831 belegt ist. 

Molluske, f. (PI. ->t): Weichtier. Bei 
Goethe 1, 317 Molluska f. Aus glbd. ital. mol- 
lusco, frz. mollusque m., von lat, mollis «weich», 

Molm, s. Mulm. Molo, s. Mole. 

molsch,mulsch, adj.: mürbe, weich, auch 
mohl (s. d.). 1777 bei Adelung molsch, mulsch 
als ober- u. ndsächs., 1691 bei Stieler mollisch, 
im 16. Jh. u. noch heute obd. mölsch. Gleichen 
Stammes wie mollig (s. d.). 

Molte, f.: fein zerfallne Erde, Staub. Bei 
Rückert Weish. d. Brahm. 9, 46, 6 Molde, noch 
bayr. Molt(en) m. f. Mhd. molte. molde f., 
molt{e) m., ahd. molta f., molt m.; dazu ndl. 
moude, afries.-ags. molde f., engl, mould, anord. 
mold. schwed. mull, dän. muld «lose Erde, 
Pflanzen-, Pruchterde», got. mulda f. Eig. Fem. 
des Part, von mahlen (s. d.). Vgl. Maulwurf. 

Molton, m. (-S, PI. -s): eine Art weichen 
woUnen oder baumwollnen Zeuges. In der 
2. Hälfte des 18, Jh. (1773 bei Amaranthes) 
aus frz. molleton m., von frz. mollet «weich, 
zart», zu lat. mollis «weich». S. ^Moll. 

Moment, m. {-[e]s, PI. -e)-. Augenblick, 
Zeitpunkt, 1663 bei Schupp 131, schon mhd. 
mömente f.; n. {-[e]s, PI. -e): Bewegung zum 
Ausschlag, Ausschlags-, Entscheidungskraft, 
das worauf es ankommt, wesentlicher Um- 
stand, bei Herder, Goethe, Schiller (1712 bei 
Hübner momentum, in der Mechanic die Kraffl 
eines Görpers, vermöge deinen er sich von 
einem Oi't zu dem andern fort beweget). Aus 
lat. momentum n. «Bewegung, kurzer Zeit- 



209 



Monade 



Mond 



210 



verlauf, kleinster od. kürzester Zeitteil, Ent- 
wicklung, Entscheidung, Ausschlag, Entschei- 
dungskraft, Geltung (woher frz. moment m. 
«Augenblick»), von lat. movere «bewegen».! 
momentan, adj.: augenblicklich, schnell 
vorübergehend, bei Lessing 6, 513, aus glbd. 
lat. Adj. mömentäneus. 

Monade, f. (PI. -n): die Einheit; absolut 
einfache Substanz fdurch Leibniz eingefühi't, 
bildl, bei Zachariä Od. u. L. 408) ; sehr kleines 
Aufgußtierchen (bei AI. v. Humboldt Mona- 
dine f.). Aus gr.-lat. monas f. (Gen. -dis), 
gr. iLiovctc f. «Einheit», bei Philosophen «das i 
Einfache, Unteilbare», von gr. luovöc «einzig». 

Monarch, m.(-e%, Pl.-en): Alleinherrscher, 
Alleinhen-. Im 16. Jh. b. Luther, S. Franck usw. 
Moyiarcha mit dem Fl. Monarchen (1531 bei 
Hedio Joseph, a 2*^), 1605 bei Hulsius Monarch. [ 
Aus glbd. mlat. monarcha, gr. laovdpxric m., i 
von gr. laövoc «einzig» u. einer Ableitung von j 
äpx€iv«der Erste sein, herrschen». 3Ionarchie, ; 
f. (PI. -«): Alleinherrschaft, in den Fastn. 1310 
nionarchey, 1538 bei S. Franck Chron. d. Teut- 
schen 16^ Monarchey, 85*^ Monarchi, 1540 in I 
der Confessio Augustana 22* der PI. Monar-\ 
chien, aus glbd. gr.-lat. monarchia, gr. ]uovapxia 
f. (dafür ahd. einherödin., von ÄerofH «höchste 
Würde»), monarchisch, adj., im 16. Jh. 
bei Fischart 3, 353, 9 Kz., nach gr. luovapxixöc. ' 

Monat, m. ('S, PI. -e) -. der nach der ein- : 
maligen Umlaufszeit des Mondes um die Erde 
von u. bis zu seinem Stande zwischen Sonne 
u. Ende (29 Tage, 12 Stunden, 44 Min. u. ' 
2'/io Sekunden) od. vielmehr der nach einem 
Zwölftel des Sonnenjahres (d.h. nach 30 Tagen, 
10 Stunden u. 20 Min.) bestimmte Zeitraum. 
1482 im Voc. theut. v6^ monat u. im 14. Jb. 
in den Gesta Romanorum 152 der PI. monade, 
aber mhd. mänot (Gen. mänödes), spätmhd. 
monot, mönet, möneit, ahd. niänöd m.; dazu 
and. mänuth m., mnd. män{e)t, ndl. maand, 
afries. mönath, ags. mön(a)ß, engl, nionth, 
anord. mänadr, schwed. mänad, dän. maaned, 
got. menöps m. Von mhd. niäne, spätmhd. 
möne, ahd. niäno, got. we/ia m. «Mond» (s. d.). i 
ABL. monatlich, adj., 1482 im Voc. theut. 
V 6**; spätmhd. mänet-, mönetlich, ahd. manod-, \ 
mämtUh, and. monohtlic. 

Mönch, m. (-[e]s, PI. -e): Klostergeist- 
licher; dann (nach einem der Mönchskappe 
ähnlichen schwarzen Fleck oben auf dem | 
Kopfe) eine Grasmücken- u. eine Meisenart 
(1795 bei Nemnich Mönchsmeise); mit unge- 
schwärzten od. äußerst schwach geschwärzten 
Weigand, Deutsches Wörterbuch, ö. Aufl. ü. Bd. 



Lettern bedruckte, also gleichsam kahle Stelle 
eines Druckbogens (benannt nach dem kahl- 
geschornen Kopfe, der Platte des Mönchs, 
1575 bei Fischart Garg. 410); verschnittnes, 
zur Begattung untauglich gemachtes männ- 
liches Tier, vorzugsweise ein solches Pferd 
(spätmhd. münch, munch); Benennung ver- 
schiedner Werkzeuge, wie eines Stempels zum 
Stoßen im Hüttenwesen (1580 bei Ercker 
Beschreib, d, Bergwerksaiien 40% die Ringe, 
in die mittels des Stempels eingetrieben wird, 
heißen Nonnen), ferner eines in die Höhe 
stehenden Zapfens zum Ablassen u. Schließen 
des Teiches (1716 beiHohbergS, 2, 296^) usw. 
In der 1. Bed. md. im 16. Jh. 31. (Scheidt 
Grobian. 4432), um 1400 monnich (Magdeb. 
Blume 1, 94), im mrhein. Voc. ex. quo 1469 
monch, älternhd. Münch (noch mundartl.), mhd. 
münech, mün(i)ch, mun{i)ch, ahd. munich m.; 
dazu mnd. monek, mon{i)k, ndl. monnik, afrs. 
munik, monik, ags. mmmc, munec, engl, monk, 
anord. munkr m., schwed.-dän. munk. Aus 
gr.-lat. monachus, gr. luovaxöc m., dem subst. 
Mask, des Adj. novaxöc «allein, einsam lebend», 
von luövoc «einer, allein». RA. jem. einen M. 
stechen (Lessing 1, 271) «höhnisch die Faust 
weisen», wobei der Daumen zwischen den vor- 
dem Fingern heraussieht, bei Glaser Gesind- 
teufel (Leipzig 1564) D8''. ABL. mönchen, 
V.: kastrieren, mhd. mün(e)chen, md. tnonchen. 
Möncherei, f.: Mönchsleben, bei Luther 1, 
315^ Müncherey u. Tischr. 262^ Möncherey, 
dafür mhd. municheie f. mönchisch, adj., 
mhd. münichsch, md. munchisch. Mönchlein, 
n., mhd. münechlin, münichelin n. MÖnch- 
tnm, n., bei SchiUer 7, 57, ahd. munichtuom. 
ZUS. MÖnchsbogen, m.-. Druckbogen mit 
bleicher Schrift, 1712 bei Hübner. Mönchs- 
kappe, f.: Mönchskutte, b. Fischart Garg. 400, 

mhd. münchkappe f. Mönchskloster, n., 
1642 bei Duez Münchskloster. Mönchsleben, 
n., mhd. niünechleben n. MÖnchsschrift, f. : 
eckige Schrift der Mönche im Mittelalter, bei 
Wieland 9, 237. 

Mond, m. {-[e]s, PI. -e): der Nebenplanet 
der Erde, dann im Nhd. Nebenplanet über- 
haupt (Lessing 1, 177); Zeit eines Mondum- 
laufs, Monat (um 1400 in der Magdeb. Blume 
2, 1, 74 mond, PI. mondin, u. in gleichem Sinne 
schon mhd. mäne, spätmhd. mm). In der 
1. Bed. häufig im 16. u. 17. Jh. u. noch bei 
Wieland 18, 310 Mon, bei Zesen Mahn, mhd. 
män{e),mon{e) u. (durch Mischung mit manöt 
«Monat») mänöt, mänet, später mänt, mönt, 

14 



211 



Mond 



Mouisnms 



212 



schwachb. niände, monde m. (woher im 17. Jh. 
Monde m., bei Luther u. noch im 18. Jh. die 
schwache Flexion des, dem, die Monden), ahd. 
niäno m., woneben als jüngre Bildung mhd. 
mceninne,mäninne,m(enin, ahd. man?w f.; dazu 
asächs. mäno m,, mnd. män{e), niäntm. f., ndl. 
maan, afries. möna, ags. möna, engl, moon, 
anord. viäni, schwed. mäne, dän. maane, got. 
me7ia m. Urverw. mit lit.menuo «Mond, Monat» 
(Gen. menes'o), menesis «Monat», abg. messet m. 
«Mond, Monat», arm. amis, alb.wwaj« Monat», 
aii". mt (Gen. nns) «Mond», lat. mensis m. 
«Monat», gr. lurivri f. «Mond», |uriv m. «Monat» 
(äol.-ion. jLieic), awest. mäh' m. «Mond, Monat», 
aind. mäs(as) m. «Mond, Monat». ABL. 
mondlich, adj.: dem Mond eigen (Goethe 
1, 178), mondförmig (Voß Ovid Nr. 58, 8). 
ZUS. mit Mond-, sowie mit dem starken Gen. 
Sg. Mondes- u. dem schwachen Gen. Monden-. 
Mondailge, n.: fehlerhaftes, in seiner Seh- 
kraft mit dem Mond zu- u. abnehmendes Auge 
bei einem Pferde, 1777 bei Adelung; das Adj. 
monäugig 1741 bei Frisch, mnd. niänogisch, 
dafür im 16. u. 17. Jh. monisch, mönisch (mhd. 
mcenisch), auch monig u. wie noch jetzt im 
Volksmunde mönig. Mondfinsternis, f., 1676 
bei Er. Francisci Lusthaus der Ober- u. Nieder- 
welt 480. Mondflecken, m., ebd. 406. mond- 
förmig, adj., 1760 bei Heilmann Thucyd. 204. 
Mondjahr, n.: das Jahr nach der Anzahl der 
Mondumläufe berechnet, aus 12 bis 13 Mond- 
monaten bestehend, 1716 bei Ludwig, aber 
1711 bei Rädlein Mondenjahr, 1691 bei Stieler 
Mondsjahr. Mondkalb, n.: in der Gebär- 
mutter entstandnes fleischiges klumpiges Ge- 
wächs, ungestalte plumpe Mißgeburt, nach 
alter Anschauung dem widrigen Einflüsse des 
Mondes zugeschrieben, bei Luther 7, 79^ Mon- 
kalh, engl, mooncalf, dafür mnd. män{en)kint, 
bei Luther 3, 357^ Monkind; der Name ist von 
der Mißgeburt der Kuh auf die menschliche 
übertragen. J. Grimm vergleicht dazu mhd. 
wag^erkalp, ahd. wagarchalp n. «Wassersucht», 
grleichsam von Wasser unförmlich schwellen- 
der Leib. Mondlicht, n., 1676 bei Francisci 
a. a. 0. 519 Mond-Licht, 1734 bei Steinbach 
Mondenlicht. Mondnarr, m.: mit einer zur 
Zeit des Mondwechsels u. zwar beim Eintritte 
des Vollmonds wiederkehrenden Verrücktheit 
behafteter Mensch. Mondschein, m., 1678 
bei Krämer, mhd. mänscMn, im 14. Jh. mönien)- 
schein, bei Opitz 2, 198 Mondenschein, bei Drol- 
linger 147 Mondesschein. Mondsucht, f.: zu- 
u. abnehmendes Nachtwandeln nach Zu- u. 



Abnahme des Mondenlichtes, 1734bei Steinbach 
Mondsucht, lll6h. Ludwig Monsucht; mond- 
süchtig, adj., 1676 bei Francisci a. a. 0. 522, 
aber bei Luther und noch 1716 bei Ludwig 
monsüchtig, 1429 im Liber ord. rer. 23^ mon- 
suechtig, 1414 bei Diefenbach gl. 339^ mane- 
suchtig, in dem Begriffe mit lat. lünäticus, 
gr. ce\riviaZ:ö|uevoc stimmend. Mondviertel, 
n., 1716 bei Wolft' math. Lex. 1129 Monds- 
viertel. Mondwechsel, m. : Eintritt des Mon- 
des in seine verschiednen Erscheinungen von 
7 zu 7 Tagen oder auch in die nämliche Er- 
scheinung von 4 zu 4 Wochen, 1716 b. Ludwig. 

Moniten, Fl.: Münzen, Geld. 1781 bei 
Kindleben, Aus lat. nioneta f. «Münze» (s. d.). 

Monismus, m. (Gen. wie Nom.): Einheits- 
lehre, Lehre, die alle Erscheinungen auf ein 
einziges Prinzip zurückführt. Gegensatz Dua- 
lismus. Im 19. Jh., z. B. 1834 bei Petri. Neu- 
bildung von gr. luövoc «allein», s. Monade. 
Dieses gr. inövoc steckt noch in folgenden Zss. 
Monogamie, f.: Einehe, Ehe eines Mannes 
mit einer Frau. Aus glbd. gr. |uovoYot|uia (zgs. 
mit füjjLia einer Bildung zu xaiu^iw «heirate»). 
1791 b. Roth. Monogramm, n. (-[e]s, PI. -e): 
Namenszug, Buchstabenverschlingung. 1710 
bei Nehring Monogramma. Zgs. mit Ypd|U|Lia n. 
«Buchstabe» zu -fpdqpeiv «schreiben». Mono- 
graphie, f. (PI. -n): Schrift über einen Gegen- 
stand, eine Person, zgs. mit Ypa<pia von Ypäqpeiv. 
1813 b. Campe. MonÖkel, n. {-s, PI. wie Sg.): 
Augenglas für ein Auge, Einglas. Aus glbd. 
frz. monocle u. dies aus lat. monoculus «ein- 
äugig», zgs. aus mon- (aus gr. iliövoc) «ein» 
u. oculus m. «Auge». Erst in der neuern Zeit. 
Monolog, m. (-[e]s, PI. -e): Allein-, Selbst- 
gespräch. Bei Lessing 1, 184. Aus gr. |uovo- 
XÖYOC adj. «allein-, d. i. vor oder mit sich 
sprechend», zgs. mit -Xo^oc von Xiyeiv «lesen, 
sprechen». Monopol, ri. (-s, PI. -e): Recht 
des Alleinhandels, Alleinhandel, 1521 in Reichs- 
ordn. 113^ der PI. Monopolien, aus gi-.-lat. 
monopölium, gr. uovottiüXiov n. «Recht des 
Alleinhandels und zum Alleinhandel berech- 
tigter Ort», dessen -rnuXiov von gr. irujXeiv 
«verkaufen»; davon Monopolist, m. {-en, 
PI. -en): Inhaber od. Anhänger eines Mono- 
pols, wofür 1532 in Reichsordn. 188^ Movi- 
polier m. Monotheismus, m. (Gen. wie 
Nom.) : Verehrung eines Gottes. Aus gr. luövoc 
«allein», Öeöcm. «Gott»u. der Endung -ismus. 
1834 bei Petri. monoton, adj.: eintönig, ein- 
förmig, bei Goethe 2, 143, aus glbd. gr. juovö- 
Tovoc, dessen -xovoc von gr. xeiveiv «spannen»; 



213 



Monster- 



Mops 



214 



Monotonie, f.: Eintönigkeit, Einförmigkeit, 
1703 bei Wächtler, aus glbd. gr. ^lovorovia f. 

Monster-, in Zss. wie Monsterkonzert, 
Monsterpetition «sehr groß, riesig», stammt 
über engl, monster «Ungeheuer» aus glbd. lat. 
iuo^istrum n. Erst in neurer Zeit. 

3Ionstränz, f. (PI. -en): Gehäuse zum 
Aufbewahren u. Zeigen der geweihten Hostie. 
Im 15. Jh. monstrancie, monstrancz{e) (1404), 
monstrantz (1482), aus glbd. mlat. monstrantia 
f., von monstrans (Gen. -tis), Part. Präs. des 
lat. Verbums monsträre «zeigen». 

Monstrum, n. {-s,V\.-s,-stren,-stra): Miß- 
gestalt, Ungeheuer, Ungetüm, Scheusal, 1571 
bei Rot. Das lat. monstrum n., urspr. «Wahr- 
zeichen der Götter als naturwidrige Erschei- 
nung», von lat. nionere «mahnen, warnen». 
monströs, adj.: mißgestaltet, ungestalt, un- 
förmUch, bis zum Abscheu ungeheuer, 1717 
bei Nehi'ing hwnstros, aus lat. monströsus, frz. 
MOnstrueu.r « wider-, unnatürlich, scheußlich ». 

Montag, m. (-S, PI. -e): der zweite Tag 
der Woche. Mhd. man-, mcentac, md. man-, 
laöntag (im 15. Jh. Dientag), ahd. mänetag m.; 
dazu mnd. män( en)dach, ndl. maandag, afrs. 
mönendei, mönadei, ags. nwnandceg, engl, mon- 
day, anord. mänadagr m., schwed. mändag, 
dän. mandag. Das Wort bewahrt in sich die 
alte Form Mon (s. Mond) u. wurde nach lat. 
dies LUnae «der der Mondgöttin geheiUgte 
Tag» gebildet (vgl. ital. lunedl, frz. lundi m. 
«Montag»). RA. der hlaue M., s. blau. 

Monteur (spr. -ör), m. (-s, PI. -e): Ar- 
beiter, der Maschinen aufstellt. Aus glbd. 
frz. monteur in neurer Zeit, montieren, v.: 
zu- u. einrichten, ausrüsten; militärisch mit 
der Dienstkleidung verseben oder völlig be- 
kleiden. In 1. Bed. mhd. muntieren, in 2. Bed, 
1643 im Sprachverderber 41 montieren, 1678 
bei Krämer muntiren, 1669 im Simpl. 830 
iHondiren. Aus frz. monter «steigen», dann 
«erhöhen, befördern, beritten machen, aus- 
statten», ital. und mlat. montare «zur Höhe 
steigen» usw., von lat. mons m. (Gen. -tis) 
«Berg». ABL. Montierung, f. (PI. -en): 
Ausrüstung (1712 bei Hübner); Dienstkleidung 
des Soldaten, 1694 bei Nehring. MontÜr, f. 
(Pl.-en): Ausrüstung, Dienstkleidung des Sol- 
daten, urspr. des Kavalleristen, 1703 im Zeit. 
Lex. aus frz. monture f. «Reitpferd». 

Monument, n. (-s, PI. -e): Denkmal. 1550 
bei Alberus Fab. 20, 72. Aus glbd. lat. monu- 
mentum n., von lat. monere «erinnern». 

Moor, n. {-[e]s, PI. -e): Sumpf land, von 



I Natur wässriges Kotland. Aus dem Ndd,, 
I mnd. mör m. n., md. im 15. Jh. more, 1492 
' bei Liliencron 2, 328, 36 mor, 1691 bei Stieler 
Mor (m.), aber mhd.-ahd. muor n., im 16. Jh. 
Mür, Mur u. noch bayr. Muer n., auch mnd. 
mür. Dazu ags. mör m. «Bodenfeuchtigkeit, 
I Lache, Sumpf», engl, moor «Sumpf». Ab- 
1 lautend mit Meer (s. d.), ahd. im Muspilli 56 
bed. muor geradezu «Meer», andrerseits nd. mer 
«Sumpf, seichtes Wasser». ABL. moorig, 
( mooricht, adj., 1777 bei Adelung mohrig. 
^MOOS, n.: Geld. In den Dial. weit ver- 
breitet. Jetzt bes. stud., eig. rotwelsch (1750). 
Aus späthebr. maot, jüd. maös «kleine Mün- 
j zen, Geld». 

-Moos, n. (-es, PI. -e): Art zarter Pflanzen 
mit unkenntlichen Blüten, lat, muscus. Mhd.- 
ahd. mos n. «Moos», aber auch überhaupt 
«die Erde moosarticr überziehendes Gewächs, 
Moosboden, Sumpf land» (in letzter Bed. noch 
obd., z. B. Dachauer Moos); dazu mnd. mos n. 
«Moos», mndl.-ags. mos n. «Moos, Sumpf», 
engl, moss, anord. mosi ra. «Moos, Sumpf», 
schwed. mossa, dän. mos «Moos», schwed. 
mosse, dän. mose «Torfmoor, Sumpf». Ur- 
verw. mit lat. muscus m. «Moos», gr. laüa? m. 
«Miesmuschel», abg. müchü «Moos», lit.musai 
j pl. ra. «Schimmelpilz». Dazu abl. Mies (s. d.). 
Entl. frz. mousse f. «Moos». ABL. moosen, 
V.: Moos ansetzen, sich mit Moos überziehen, 
m\id. vermosen, miesen, moosicht, moOSl'g, 
adj. mit Moos bewachsen; sumpfig, versumpft. 
In beiden Bed. mhd, moseht u. mosec, mosic; 
dazu ahd. mosalih «dem Sumpfe angehörig». 
ZUS. Mooskolben, m.: das im Sumpfe wach- 
sende Kolbenrohr, typha latifolia, 1561 bei 
Maaler. MoOSkuh, f.: Rohrdommel, weil sie 
den Schnabel in den Sumpf steckt u, dabei einen 
dem Brüllen des Rindes nicht unähnlichen 
Ton hören läßt, 1557 bei Gesner Vogelb, 207 ^' 
Moßkü, dafür 1618 bei Schönsleder Mosochs, 
um 1480 im Voc. ine. teut. 96** moßkalb. 
3l00Sr0Se, f., 1777 bei Adelung. MoOS- 
SChnepfe, f. : in morastigen Gegenden lebende 
Riedschnepfe, bei Adelung, 

Moppe, f. (PI, -n): Ohrfeige (nordd.); 
Gebäck (übertr, wie Ohrfeige, Maulschelle). 
Gehört zu dem unter .l/ojjs behandelten Stamm. 
Vgl. auch Schweiz. Möpp{i) n. «Mund, Mäul- 
chen». Daher moppeln, v. (nordd.): ruhig, 
aber anhaltend essen, eis. moppten, möpplen 
in übertr. Bed, «gern haben». 

Mops, m. (-es, PI. Möpse): dummer ver- 
drießlicher Mensch; Art kl. Hunde mit stumpfer 

14* 



215 



moqnant 



Mord 



216 



breiter Schnauze u. verdrießlichem Aussehen. 
In der 2. Bed. 1706 in Hazards Lebensge- 
schichte 47; in der 1. Bed. bei Günther 466 
vom J. 1722. Daneben nd. u. obd. Moppel m. 
Aufgenommen aus glbd, nd. mops, ndl. mop{s) ^ 
m., gleichen Stammes wie obrhein. im 15. Jh. 
mupf, muff m. «Verziehung des Mundes, i 
Hängemaul» (s. '^Muff, ^Muffel), bayr. u. nd. \ 
muffen «verdrießlich das Maul hängen», engl. , 
map «ein schiefes Gesicht machen, Gesichter! 
schneiden», mope (mengl. mo|?pe) «dummer' 
träger Mensch, Träumer». Die Hunderasse 
ist eine kleine Art Bulldogge u, kam aus 
den Niederlanden (daher engl, dutch mastiff), 
1707 bei Menantes Allerneueste Art usw. 571 
Bisher will Solland noch mit seinen Mopsen 
kramen, doch scheinen sie nun auch verlegtes 
Gut zu sein. J.BL. mopsen, v.: einen ärgern; 
etw. stehlen; (refl.) sich langweilen, mopsig, 
adj.: mürrisch; durch sein Benehmen lästig. 

moquänt, s. mokant. 

Moral, f.: Sittenlehre; gute Lehre, Nutz- 
anwendung; Sittlichkeit. In der 1. Bed. Ende 
des 17. Jh. bei Thomasius Einleit. z. Sitten- 
lehre 147 Morale f., aus frz. morale f., das 
nach dem im 16. Jh. gebräuchlichen lat. Aus- 
druck philosophia moralis gebildet ist. In 
der 2, Bed. 1550 bei Alberus Fabeln 11, 259 
u. 18, 276 3Iorale n., im 18. Jh. aber M. f. 
(Geliert 1, 324). Aus dem lat. Adj. mörälis, 
Ntr. möräle «die Sitte betreffend», von lat. 
mos m. (Gen. -Ws) «Sitte»). Davon moralisch, 
adj., 1678 bei Krämer, moralisieren, V., 
im 16. Jh. in der Zimm, Chron."^ 4, 215, 40 
moralisierter Spruch, aus frz. moralise. Mo- 
ralist, m. (-en, PI. -n), 1703 bei Wächtler, aus 
frz. moraliste, ital. moralista m. Moralitat, , 
f., mhd. möräliteit f. «Sittenlehre», aus afrz. 
moraliteit, lat. mörälitas f. 

Moräne, f. (PI. -n): Gletschergeröll, Glet- 
scherwall, im 19, Jh. aus frz. moraine f., das 
1779 von Saussure aus der Bauernsprache von 
Chamonix eingeführt wurde, s. Mur. 

Morast, m. (-[e].s, PI. -e u. -äste): schlam- 
miges Erdreich, schlammvolle Gegend, Mit 
angetretnem t 1614 bei Hulsius Schiff, 12, 22 
u. 1628 bei Opitz 1, 70 Morast, 1633 bei Opitz 
Marast, aber 1594 bei H. J. v. Braunschweig 
551 u, 1599 bei Schütze Preußen 9 Moraß m. 
Aus mnd. moras, das nebst ndl. maras, moeras, 
mndl. marassch, engl, morass, mengl. mareis 
aus dem Rom. stammt: afrz. mar esc, nfrz. 
marais m. «Sumpf», abgel. von lat. mare n. 
«Meer», dann« Ansammlung von Wasser, Teich». 



J.ßly, morästig, adj., 1664 bei Duez,morassig 
1628 bei Münster Cosmogr. S. 1717, mnd. 
morastich. 

Moratorium, n. {-s, PI. -rien): Schrift- 
stück, durch das eine Zahlungsfrist gewährt 
wird; Fristgewährung, Stundungsbefehl. Jetzt 
bes. in der Kaufmannssprache. In 1. Bed. 
im 17. Jh. Gebildet von lat, morätörius 
«säumend, verzögernd», 

MÖrbraten, m.: Lendenbraten bei Wild 
u. Schweinen. Nd, Eig. der mürhe Braten. 
Entstellt in Mohrbraten, z, B, 1763 bei Heppe. 

Morchel, f. (PI. -n): der eßbare Erd- 
schwamm phallus esculentus. Mhd. mor(c)hel f. 
«Speiseschwamm», aber auch «gelbe Rübe», 
ahd. morhila, morhela f. «die Waldrübe, pa- 
stinaca silvatica»; dazu mnd. morke «Morchel». 
Im ersten Teil steckt wohl mhd. morhe f. 
«Morchel, Möhre» (s.d.), noch ältemhd. Morche 
f. in der Bed. «Morchel». In dem l sieht 
Kluge got. walus «Stab», ags. walu «Schwiele, 
Knoten». Daneben mhd, im 14. Jh. mauroche, 
maurache, nhd. im 16. Jh. Morach, Moroch, 
noch bayr. Maurachen f., Mauracher m., 
Schweiz, Morache, Moroche f,, Morach m, 
«Morchel», die noch nicht recht erklärt sind. 
Entl. glbd. frz. morille f. 

Mord, m. {-[e]s, PI. -e): gesetzwidrige 
vorbedächtig absichtliche Tötung, Mhd, mort 
m. n,, ahd, mord n,; dazu asäcbs,-ags.-anord. 
mord n,, mnd. mort m,, mndl, mort, ndl, moord 
m., afr. morth, mord n., schwed.-dän. mord n.; 
daneben die Weiterbildung as, (aus dem ags.) 
morder n. «Qual», ags. mordor n. «Mord» 
(auch «Todesstrafe, Todsünde»), engl, mur der, 
got. maürpr n. Urverw. mit lat. mors f. 
(Gen. -tis) «Tod», mori «sterben», mortuus 
«tot», gr. ßpoTÖc (für *|upoToc) «sterblich», 
di|aßpoToc «unsterblich», ir. marh, kymr. martv 
«tot», ahg.mreti (FvÄs. ndr(i) «sterben», mrütvv 
«tot», morü m. «Tod, Pest», sümrütl f. «Tod», 
lit, niirtis «Tod», mirti «sterben», arm. meranim 
«ich sterbe», mard «Mensch», awest. mirjeiti 
«stirbt», mdr9ta- «tot», apers. martija-, aw. 
masja- «Mensch», ainä.mrtäm n. «Tod», mrijäte 
«er stirbt», mrtäs «tot», märtas «sterblich», 
amrtas «unsterblich», mrtjüs m. «Tod», Aus 
dem Germ, entl, frz, meurtre m. «Mord», nebst 
nieutrier m. «Mörder», während das mhd, Adj. 
mort «tot» dem glbd, frz, mort entstammt. 
ABL. morden, v,, mhd. morden, mürden, 
spätmhd. morden, ahd, murdjan, murdran 
murthiren: dazu afrs, morthia, mordia, got, 
maürprjan. Mörder, m., mhd, mordcere, mor- 



217 



Morelle 



Morgen 



218 



der m., dafür ahd. nmrdreo, ags. myrpra, engl. 
murderer, got. manamaürprja m, (Menschen- 
rnörder); Mörderin, f., mhd. niordcerinne, 
morderin(ne) f.; mörderisch, adj., im 15. Jh. 
in den Städtecbron. 5, 317, 4, dafür mhd. u. 
älternhd. mordisch, mördisch; mörderlich, 
adj., 1677 bei Butschky Pathmos 458, im 
16. Jh. das Adv. mörderlichen (Eckenlied 171), 
dafür mhd. morttich, älternhd. mordlich, mörd- 
lich; Mördergrube, f.: Höhle als Aufent- 
halt von Mördern, 1482 im Voc. theut. v 6"^ 
mordergrub, 1466 bei Tucher Baumeisterb. 
233, 35 mördersgrub, dafür mhd. mortgruohe f. ; 
Mörderhand, f., 1691 bei Stieler. mordio: 
Ausruf über Mord, dann Angst- u. Notruf, 
dieselbe Bildung wie feurio, feuerjo (s. d.), 
mhd. mort als Klage- u. Alarmruf (wehe!), 
mit angehängter Interj. mordajo, morda jö 
(Diocletian 2721), mordejö (Grimm Gramm. 3, 
219), im 15. Jh. mordigö, mordigauw, 1522 
bei Keisersberg Postill 3, 17^ morden io, im 
16. Jh. in der Zimm. Chron." 1, 595, 48 mordio. 
ZUS. Mordbrand, m.: Brandstiftung mit 
der Absicht des Mordens, mhd. mortbrant 
m.; Mordbrenner, m., mhd. mortbrenner, 
md. mortburnere m. MordgeMChichte, f., 
1691 bei Stieler. Mordgewehr, n., 1745 
bei Drollinger 83. Mordgier, f., bei Luther 
7, 174^; mordgierig, adj., mhd. mortgiric, 
iruher mortgir. Mordslierl,m.: außerordent- 
licher Kerl, 1839 bei Immermann Münchh. 

2, 35, bei Kluge Studentenspr. 108 von 1831. 
Mordkind, n.: auf Mord Trachtender, bei 
Luther 2. Kön. 6, 32. Mordlust, f., 1680 
bei Lohenstein Soph. 49. mordsmäßig, adj., 
1664 bei Duez mordmäßig. Mordschlacht, f. : 
mörderische Schlacht, bei Schiller Wall. Tod 

3, 15. Mordtat, f., 1642 bei Moscherosch 
Philander 1, 428, schon afr. morth-, mordded, 
ags. morßdced f. Scherzhaft umgestaltet in 
Moritat. In Zss. hat Mord-, gew. Mords- 
jetzt eine sehr verstärkende Bed. angenommen, 
wie in Mordskerl, mordsmäßig, Mordsiveg. 

MorÖlle, f. (PI. -n): (nordd.) eine Art 
großer schwarzer od. dunkelroter saurer Kir- 
schen; die Herzkirsche, zunächst die schwarze ; 
(südd.) Aprikose, 1664 bei Duez Morell f. 
«saure Kirsche». Wahrscheinlich nicht von 
ital. morello «schwarzbraun», afrz.morel (jetzt 
moreau) «mohrenfarbig», sondern statt Marelle, 
Marille (s. d.). 

Mores: Anstand, gute Sitte, in äL lehren, 
M. lernen, erstres 1531 bei Franck Laster 
d. Trunkenh. F 1^ u. 1542 bei Waldis Streit- 



ged. 2, 16, letztres 1571 bei Rot. Der lat, 
PI. mores von mos m. «Sitte», 

Morgüna, s, Fata Morgana. 

morganatisch, adj., in morganatische 
Ehe: Ehe zur linken Hand des Mannes, d. h. 
die mit einer nicht Ebenbürtigen eingegangne 
Ehe, aus der die Kinder den Namen der 
Mutter führen und im eigentlichen Hauserbe 
des Vaters oder auch im Lehen nicht folgen 
können, urspr. eine Ehe auf (bloße) Morgen- 
gabe, mlat, matrimonium ad morganaticam. 
Den Ausdruck morganatica (mittels des lat, 
Adj,-Suffixes -aticus abgeleitet von ahd. morgiaw 
«Morgen») bildeten die Lombarden des Mittel- 
alters statt langobard. morgincap «Morgen- 
gabe» (s. d.), daraus im 18. Jh. morganatisch. 

^Morgen, m. {-s, PI. wie Sg.): Anfang 
des Tages, bes. mit Sonnenaufgang; die Tages- 
zeit bis zum Mittage; Gegend des Sonnen- 
aufgangs, Ost (seit dem 15. Jh., häufig bei 
Luther). In den beiden 1. Bed. mhd. morgen, 
ahd. morgan m,; dazu asäch. morgan (auch 
«der andre Tag»), ndl. morgen, afrs. morn, 
ags. morgen, mer(i)gen, engl, morning, anord, 
morginn, morgunn, myrginn, merginn, schwed, 
morgon, dän. morgen, got. maürgins m. Wohl 
urverw. mit lit.brSksta «es tagt» (für*mreksta), 
apibreskis «Morgendämmerung», mirgeti «flim- 
mern», märgas «bunt», vgl, KZ. 34, 23. Andre 
Auffassung b. Zupitza 136, RA, Guten Morgen 
als Gruß, mhd, guoten morgen, gekürzt aus 
mhd. got gebe dir guoten morgen, heute morgen 
«am Morgen des heutigen Tages» bei Luther 
2, Sam, 2, 27, urspr. Dat, Sg, mhd. morgene, 
morn(e), ahd. morgane «am Morgen», dann 
«am folgenden Tage» (s. '^morgen), ebenso 
anord. morgni, morni «frühmorgens», ABL. 
morgendlich, adj.: demMorgen angehörend, 
ihn betreffend, mhd. morgenlich, ahd. morgan- 
lih, ags, morgenlfc. morgens, adv,, mhd, 
morgen{e)s, ebenso steht adv, des Morgens, 
eines Morgens, mhd. des morgens, gekürzt 
smorgens, ahd. des morganes. ZUS. Morgen- 
gabe, f.: das ansehnliche Geschenk, das der 
Mann am Morgen nach der Brautnacht der 
jungen Frau (als pretium od. munus virgini- 
tatis) zu eigen gibt, bisweilen vorher fest be- 
dungen, mhd. morgengäbe (auch Geschenk der 
Frau an den Mann), ahd, morganegiba, morgan- 
geba f.; dazu mnd. morgengave, ags. morgen- 
gifu, anord. morgingjöf f., dän. morgengave, 
langobard. morgincap, morgincaph. Morgen- 
land, n. (PI -länder): biblisch das von Palä- 
stina ostwärts liegende Land (bei Luther); 



219 



Morgen 



Mörser 



220 



jetzt das außereuropäische Land gegen Osten, 
die asiatische Türkei, die Levante, der Orient, 
1605 bei Hulsius dict. 99^; davon Morgen- 
länder, m., bei Luther 3, 179*, H. Sachs 
Fastn. 71, 56; morgenländisch, adj., 1716 
bei Ludwig, Morgenlicht, n., mhd. morgen- 
lieht, ahd. morganlioht, ags. morgenleoJit n. ; 
Morgenluft, f., 1494 bei Brant Narr, 95, 
45. Morgenregen, m. : frühmorgens fallen- 
der Kegen, bei Luther, ags morgenregn m. 
Morgenrot, n., mhd. morgenrdt m. n., ahd. 
morgenröt{o) m., hervorgegangen aus dem Adj. : 
morgenrot (ahd. morgenrdt), wovon Morgen- 
röte, f., mhd. morgenroete, ahd, morgenrota i 
f. Morgensegen, m. : Morgengebet, mhd, ] 
morgensegen m. Morgenstern, m.: der 
Planet Venus als vor Sonnenaufgang leuchten- 
der Stern (mhd. morgensternie), -sterre, ags, 
morgensteorra m,, anord, morginstjarna f.); 
Streitkolben mit strahlenförmig hervorstehen- , 
den Nägeln u, Spitzen, seit dem 16, Jh, (1602 ; 
bei Kii'chhof mil, diso. 29), entl, dän, morgen- 
stjerne, mhd. nagelkolbe m. Morgenstunde, 
f., mhd. morgenstunde, asächs. moraganstunda f. 
morgenwärts, adv.: ostwärts, 1639 bei Mic- 
rälius Pommern 1, 38, bei Luther von morgen 
Werts, gegen morgen werds. Morgenwind,! 
m.: Ostwind, 1678 bei Krämer. Morgen-! 
zeit, f., 1691 bei Stieler, Morgenszeit 1642 
bei Duez; dazu asächs. morgatitid, ags. morgen- 
tid f., anord. morgintidir f, pl, 

^Morgen, m, {-s, PI, wie Sg,): größres j 
Maß für Bodenflächen, in Preußen 25,5 Ar, i 
urspr, soviel Land, als man mit einem Gespann 
in einem Morgen, dann soviel als in einem , 
Tage pflügen konnte, Mhd, - mnd, morgen, 
ahd, morgan (PI, morgana) m., mlat, durch \ 
diurnalis , jurnalis , jornalis wiedergegeben, | 

■^morgen, adv.: an dem nächstfolgenden! 
Tage nach dem gegenwärtigen, Wci^.morgen{e), j 
morn{e), ahd, morgane «am folgenden Tage», | 
mnd, morne, ndl, morgen, adv, gebrauchter j 
Dat. Sg, von '^Morgen, ahd, auch in morgan, 
got, in maürgin und du maürgina, anord, 
ä mergun, engl, to-morrow. Ähnlich frz, 
demain «morgen», lendemain m, «der morgende ! 
Tag», aus lat. mane «der Morgen, frühmorgens». 
ABL. morgend, adj.: auf den gegenwär- 
tigen Tag nächstfolgend, im 15. Jh. morgen adj, \ 
(Diefenb, gl, 155**), mit d bei Luther morgend, ' 
dafür mhd, mor{ge)nic, ahd, morgenig, 1691 ! 
bei Stieler morgendig, alem, seit dem 15, Jh, j 
mornderig. morgig, adj,: morgend, im 15, Jh, i 
bei Diefenbach nov. gl, 117**, aus morgenig 



gekürzt, jetzt selten; in der Bed, «einen 
Morgen enthaltend» 1716 bei Ludwig ein 
morgiger Äcker (s. ^Morgen). 

Mor[i]nell, m. [-s, PI, -e), auch Mornelle, 
f, (PI, -«): der Kiebitz, eine Art Regenpfeifer. 
1777 bei Adelung. Aus glbd. span. m,orinelo 
m., vielleicht von span. moro «mohrisch» 
(s. ^Molir), nach der dunkeln Farbe des Vogels. 

Moritz, Ost, auch Moriz, Mannsname. 
Aus lat. Mauritius. 

Morphinist, m. {-en, PI. -en): ein Mor- 
phiumsüchtiger. Von Morphium, n. {-s): 
Alkaloid des Opiums, als schlaf bringendes 
Mittel verwendet. Gebildet von dem Stamm 
des lat,-gr, Morpheus, gr. Mopqpeuc «Sohn des 
Schlafs, Gott der Träume», 

morsch, adj,: mürbe, zerfallend. 1482 
im Voc, theut, tö** mursch, 1562 bei Mathes, 
Sar. 200* morsch, 1548 bei ßyff Hausapothek 
39^ murs, 1691 bei Stieler mors, mürs, aber 
schon im 14. Jh, md, das Verb zermorscheib 
«zermalmen»; dazu nd. mursch, murs, ndl, 
mors.yon dem Stamm des älternhd,-spätmhd, 
mürsen «zerstoßen, zermalmen» (s. Mörser), 
mhd, murz m, «Stummel» u, mürbe (s, d,). 

Morselle, f. (PI. -n): Gewürzzuckertäfel- 
chen. 1643 im Sprachverderber 34 Morsellen, 
1678 bei Krämer Morselle (ital. ynorsella) f., 
1664 bei Duez Morsell m., 1712 bei Hübner 
Morschellen. Schon mhd. mursel, morsel n. 
«Stückchen, Bissen, Leckerbissen», wie anord. 
morsel, mossel n,, aus glbd. afrz, morsel, morcel 
(nfrz, morceau), ital. morsello, mlat, morsellus 
m,, von lat, morsus m. «Biß». 

mörseln, v.: im Mörser zerstoßen. Bei 
Goethe 13, 277. Abgel. von Morsel (s. Mörser). 

Mörser, m. (-s, PI. wie Sg,): halbkugel- 
artiges tiefes Gefäß aus Metall oder Stein, 
um harte Körper mittels einer Keule (des 
Stößers) darin zu zerstoßen; einem Mörser 
ähnliches kurzes grobes Wurfgeschütz (im 
15. Jh. bei Beheim Wien. 68, 11 morser m.). 
In der 1. Bed. mhd. morsar, morser, mörser 
u. morsel, morsel (noch nhd. Morsel, schwäb.- 
alem. u. hess.-thür. Mörschel), ahd. morsari, 
morsali und mortari m.; dazu (entl. and. 
morsari m.), mnd. morter, motter, morten, ags. 
morterem.., engl. mortor, iMoxA.morter,mortel 
n,, schwed. mortel, dän. morter. Aus glbd. 
lat, mortärium n, (vgl. Mörtel), woher auch 
frz, mortier m. Vielleicht aber ist ahd. morsari 
eine Umdeutschung des lat. Fremdwortes, mit 
Bezug auf ein allerdings nur spät belegbares 
mhd. mürsen u. zeruiürsen, md, zer-, zumor- 



221 



Mörtel 



Motte 



222 



sehen, noch Schweiz, morsen, mürsen, vmrzen 
«zerstoßen, zermalmen», 1482 im Voc. theut. 
V 8^ mursekolb m. «Mörserkeule» (vgl. morsch). 

Mörtel, m. (-S, PI. wie Sg.) : mit grobem 
Sande vermischter Mauerkalk. 1537 bei Dasy- 
podius Mörtel, 1482 im Voc. theut. v 7 * mortel, 
mhd. morter, zufrühest mortere m., daher noch 
im 16. u. 17. Jh. Marter m. Aus lat. mortärium 
n. «Mörser» (s. d.), dann der Inhalt desselben. 
Vgl. Zement u. Speise. ZUS. Mörtelkelle, 
f., 1537 bei Dasypodius. 

Mosaik, f. (PI. -en): eingelegte Bildnerei 
von bunten, mittels eines feinen Kittes ver- 
bundnen Stein-, Glas- u. Holzstückchen. 1712 
bei Hübner Mosaique, 1664 bei Duez mosa- 
isches Werck, aus frz. mosaique f., u. dies 
aus ital. musaico m. (seit Anfang des 14. Jh. 
aufgekommen), von glbd. gr.-lat. müsivmn, 
gr. fiouceiov n., dem subst. Ntr. des Adj. luouceToc 
«den Musen u, den ihnen gewidmeten Künsten 
angehörig, sie betreffend» {s. musivisch). 

MÖSCh, m. (-es, PI. -e): der Sperling. 
Westfl.-köln.-luxemb., auf der Eifel. Köln. 
im 15. Jh., ndrhein. im 14. Jh. u. mnd. im 
11. Jh. musche m., clev. 1477 musch; dazu 
mndl. musche, nndl. mos{ch) f., auch in Sieben- 
bürgen Mäsch f. Wie frz. mouche f. «Fliege, 
Mücke» auf lat. musca f. «Fliege» zurück- 
gehend, das hier ähnlich angewendet wird 
wie Mücke in Grasmücke, Schweiz, grasmusch. 

Moschee, f. (PI. -n): muhamedanisches, 
türkisches Bethaus oder Tempel. 1708 bei 
Wächtler u. im Zeit. Lex. Mosquee, 1712 bei 
Hübner Moschee. Aus glbd. frz. unosquee, ital. 
moschea f., von arab. mesdjid «Anbetungsort». 

Moschus, m. (Gen. wie Nom.): durch- 
dringend u. nervenstärkend riechender dicker 
Saft aus dem zwischen Nabel u. Vorhaut be- 
findlichen Sacke bei dem Männchen des Mo- 
schustieres, 1703 bei Wächtler; im 17. Jh. 
Musch m. (bei Lauremberg u. Lohenstein), 
wie frz. musque, musc (seit 14. Jh.), aus spät- 
lat. muscus, spätgr. ,uöcxoc in., von glbd. pers. 
musk, aus aind. muskäs m. «Hode». Dafür 
früher Bisam. 

Moskito, m. (-S, PI. -s): Stechmücke. 
Aus glbd. span. mosquito, abgeleitet von lat. 
musca f. «Fliege». Erst im 19. Jh., z. B. 
1834 bei Petri. 

Most, m. (-[e]s, PI. -e): aus Trauben od. 
Obst gepreßter Saft, der durch Gärung zu 
Wein wird. Mhd. most (PL möstlß]), auch 
muost (in muostmesse f. «Herbstmesse»), ahd. 
most m. (auch unvermischter, nicht mit Wasser 



gemischter Wein); dazu ndl. most, ags. must, 
engl. must. Entl. aus glbd. lat. mustum (näm- 
lich vinum «Wein») n. zu mustus «jung, neu, 
frisch, ungegoren». 

Mostert, Mostrich, m. (-[ejs, PI. -e): 

Mostsenf, d. h. mit Most angemachter Senf. 
1777 bei Adelung Mostrich, 1711 bei Rädlein 
Mösterich. Nachbildung des ital. (prov.-span.) 
mostarda i'., frz. moutarde f., von lat. mustum n. 
«Most». Treuer dem fremden Worte blieb 
spätmhd. musthart, mostert, älternhd. Mostart, 
noch rhein. Mostert; dazu mnd. mostert, mu- 
stert, mostart, mndl. u. 1477 clev. mostart, 
ndl. mostaard, mosterd, engl, mustard, anord. 
mustarär m. 

Motette, f. (PI. -n) : Singstück urspr. mit 
Zugrundelegung eines Bibelspruches. 1556 
bei Frisius 1366*» Mutet f., 1566 bei Mathesius 
Luther 210f. Moteten, Muteten (vom J. 1530), 
aus ital. mottetto, frz. motet m., von mlat. 
motetum n., das einen «Kirchengesang» be- 
zeichnet u. auf mlat. muttum n., ital. 7)iotto m. 
(s. Motto) zurückgeht. 

Motion, f.: Leibesbewegung (1703 bei 
Wächtler); Antrag (1791 bei Roth, nach engl. 
motion); Flexion. Aus lat. 7nötio f. «Bewe- 
gung», zu movere «bewegen». 

Motiv, n. {-[e]s, PI. -e): Bewegungs-, Be- 
weggrund, Antrieb, Triebfeder. Bei Para- 
celsus de Magnete u. 1571 bei Rot Motif, 
wie frz. motif, ital. motivo m. aus mlat. mo- 
tivum n. «Ursache, Antrieb», subst. Ntr. des 
mlat. Adj. motivus «Bewegung verursachend, 
aufregend, anreizend», von lat. mötio f. «Be- 
wegung». motiYieren, v.: mit Gründen 
belegen u. unterstützen, begründen, bei Les- 
sing 7, 205, nach glbd. frz. motiver. 

Motor, m. (-S, PI. -en): Triebkraft, Kraft- 
maschine. Das lat. mötor m. «der Beweger». 
In n eurer Zeit. 

MÖtt, n., s. Mutt. 

Motte, f. (PI. -n): eine Wollzeug, Pelz, 
Getreide usw. zernagende kleine Raupe; dann 
(im 17. Jh.) der aus ihr hervorgegangne kleine 
Nachtschmetterling. In der 1. Bed. bei Luther 
M. f., 1482 im Voc. theut. v7a mott, in der 
1. H. des 15. Jh. mothe, 1417 mutte, 1421 
ndrhein. matt (Diefenb. gl. 584*', nov. gl. 365*). 
Ins Hochd. eingedrungen aus mnd. mutte, 
mndl. ytiotte f.; dazu ags. moppe u. mohäe f., 
engl, moth, anord. motti m. Unsicher, ob zu 
Made (s. d.). Dafür obd. Schabe, mhd. milwe 
f. (s. Milbe), got. malö f. «Motte». ZUS. 
Mottenfraß, m., 1777 bei Adelung; dazu 



223 



Motto 



Mucks 



224 



mottenfräßig, adj., bei Luther Jac. 5, 2 
mottenfressig. 

Motto, n. (-S, PI. -s) : Sinn-, Denk-, Wahl- 
spruch. 1717 bei Nehring «Motto, kleines 
wohlangebrachtes Wort». Aus glbd. ital. motto 
m., wie frz. niot m. «Wort, Spruch» u. span.- 
port. mote m. «geheimnisvolles Wort», aus 
mlat. muttuni n. «Wort», von lat. mütlre, 
muttire «mucksen, leise reden», aber mlat. 
motire «erinnern, erklären». 

mouillieren (spr. mulj-), v.: erweichen; 
ein j nachklingen lassen. Aus glbd. frz. 
mouiller, u. dies zu lat. mollis «weich». 

moussieren, v. : brausend schäumen (vom 
Schaumwein, kohlensauren Wasser usw.). 1 790 
bei Goethe Faust 2269 mussiren. Aus frz. 
mousser «schäumen», von frz. mousse, prov. 
mossa f. «Moos», dann «Schaum», entl. aus 
ahd. mos «Moos». 

Möwe, Ost. auch MÖTe, f. (PI -n): Wasser- 
vogel, lat.larus. 1777 bei Adelung Möive neben 
Mewe, 1664 bei Duez 3fewe oder Mew f., 
wird außgesprochen gleich als Me-we od. Mev, 
1602 bei Hulsius Schiff. 3, 47 Mewe, 1598 bei 
Hutter diction. harmon. 793 Mehe f., 1557 bei 
Heußlin Vogelb. 174^ f. Meb u. Mew m. mit 
dem PI. Mehen, Mewen. Aus mnd. meve f., 
asächs. meu m. (ahd. Gl. 1, 342, 48), woher 
schon ahd. meh (ebd. 1, 801,20); dazu mndl. 
meeuwe, ndl. meeiiw f., ags. mcew, meu m. 
[meg Ahd. Gl. 4, 460, 11), engl, mew, anord. 
mär m. (PI. mävar), dän. maage, schwed. 
mäse m. (vgl. in den ahd. Glossen 1, 340, 15 
larus, mesu, mesa). Vielleicht urverw. mit 
aind. mecakas «dunkelblau, dunkelfarbig», 
s. Btr, 26, 303. Aus dem Germ. entl. afrz. 
moue, ■pikard. mauwe, nfrz. mouette f. «Möwe». 

mucheln, mücheln, v.: schimmlicht, 

modrig, wie verdorben riechen (das letztre 
1777 bei Adelung, das erstre 1809 bei Campe); 
(jetzt auch) verdrießlich sein. Alternhd. im 
16. u. 17. Jh. muchen, milchen, müchenzen, 
müchzen. Vgl. muffen, müffzen. 

Muck, m.: vereinzelter schwacher Laut, 
den die Stimme halb unterdmckt hören läßt, 
nur in RA. wie keinen M. sagen, ohne Ruck 
und M. 1741 bei Frisch. Von mucken (s. d.). 

^ Mucke, f. (PI. -n): weibliches Schwein, 
Mutterschwein. Westmd. Muck, 1550 bei Al- 
berus dict. x P muck f., 1741 b. Frisch Mocke, 
spätmhd. mocke u. mückin f. Viell. urspr. 
kelt., denn gäl. muc, kymr. moch «Schwein». 

"Mucke, f. (PI. -n): unfreundliche, eigen- 
sinnige, auch versteckte Laune; Anfall när- j 



rischer, übler Laune; (bildl. 1711 bei ßäd- 
lein) Schwierigkeit. 1551 bei H. Sachs Fastn. 
38, 81 der PI. Mucken; dazu mnd. mucke. 
Bild]. Anwendung des Tiernamens Mücke in 
der umlautlosen Form, wie ähnlich Grille, 
Schnake (s. d.). Aber vielleicht ist mucke 
urspr. die md. u. nd. Form des vereinzelten 
mhd. muoche f. «verdrießlicher Gedanke» (bei 
Neidhart 81, 31 we waz hat er muochen!). 

Mücke, f. (PI. -n): das geflügelte Insekt 
mit stechendem Saugiüssel, lat. culex. Alter- 
nhd. Mucke (bei Luther), noch bayr.-öst. 
Mugken, Mucken, mhd. mucke, mücke, mugge, 
mügge, ahd. mucca, mugga f.; dazu asächs. 
muggia, mnd. mugge, ndl. mug f., ags. mycg m., 
engl, midge, anord. my n., schwed. mygg{d), 
dän. myg. Am Ober- u. Mittelrhein wird die 
Fliege so genannt, dagegen die eig. Mücke 
Schnake (s. d.). Stammverw. mit alb. mi-Zd f. 
«Fliege», abg. mucha f. «Fliege», musica f. 
«Mücke», lit. muse f. «Fliege», lat. musca f. 
«Fliege», gr. |uma f. «Fliege». Die germ. 
Formen weisen wohl auf *mmvö. ZUS. 
Mückenseiger, m.: übelwollender Kleinig- 
keitskrämer, Luther 5, 193^, nach Matth. 23, 24. 

mucken, v.: einen halblauten, vereinzelten 
Ton ausstoßen (2. Mos. 11, 7); in halblautem 
Tone u. mißvergnügter Geberde heimliches 
Murren äußern (bei Luther u. mnd. mucken, 
in der Neuzeit auch refl.), heimlich reden 
(1663 bei Schottel). In der 1. Bed. eins mit 
spätmhd. mugen, moken «brüUen, brummen, 
vom Rindvieh» (Diefenb. gl. 369*^, vgl. muhen, 
mucksen). Bei der 2. Bed. zeigt sich Mischung 
mit der unter meucheln besprochnen Wort- 
sippe, mhd. mocken «versteckt liegen», bei 
H. Sachs 14, 28, «schleichen, lauern, heimlich 
tun», noch hajr. mocken u.mockeln «nur leise, 
verstohlne Bewegungen machen oder Laute 
von sich geben, aus Furcht, Trägheit, Hinter- 
list, bes. aber aus Ärger od. Verdrießlichkeit». 
Davon Muck (s. d.). Mucker, m.: heimlich 
Redender, 1691 bei Stieler; Heimtücker (1768 
bei Weyße kom, Opern 1, 240); scheinheiliger 
Frömmler (im ersten Viertel des 18. Jh. als 
Bezeichnung der Pietisten in Jena aufge- 
kommen, vgl. Ladendorf, in der Nachlese zu 
Günthers Ged. 217, bei Hoffmannswaldau Ged. 
7,247, Liscow 186); dazu Mucker^i, f. : schein- 
heilige Frömmelei, b. Wieland 8, 32 (von 1775); 

Muckerin, f., 1777 bei Adelung, muckisch, 

adj.: mürrisch, übelnehraisch, tückisch, bei 
H. Sachs Fastn. 26, 363, noch md. u. nd. 
Mucks, ra.: Muck (s. d.), 1691 bei Stieler. 



225 



müde 



mnffig 



226 



Von mucksen, v. inlr. u. refl. : mucken (s. d,), 
dessen Iterativ es ist. 1673 bei Weise Erzn. 12 
mucksen, 1663 bei Schotte! murksen (das maul 
aufthun, aber keine Stimme hören lassen), 1664 
bei Duez mucksen, 1727 bei Aler muchsen, 1678 
bei Krämer muckzen, schon ahd. irmuccazan, 
irmukkizen «mucksen». Eins mit muchtzen . 
(brüllen od. brummen, vom Rindvieh), 1561 
bei Maaler, 1468 muckzen bei Diefenb. nov. ' 
gl. 258^, 1420 md. muchczin (Schi-öer vocab. , 
24^, 1752), im 15. Jh. möczen (d. i. mökzen) \ 
bei Diefenb. gl. 77 ^ j 

müde, adj.: von Mühe an Kraft nieder- i 
gedrückt u. so zu fortgesetzter Tätigkeit un- 
lustig, ruhebedürftig; zu etwas nicht mehr 
geneigt. Mhd. müede, muode, md. müde, ahd. 
muodi; dazu asächs. mödi, mnd. mode, ndl. 
moede, Sigs.mede, anord.wö<fr, dän.wofZ«müde». \ 
Verbaladj. von ahd. muojan «mühen» (s. d.), ' 
urspr. «sich gemüht habend». ABL. müden, 
V., mhd. niuoden «müde vperden» u. müeden, 
md. müden, ndrhein. möden, ahd. muoden t-müde 
machen, ermüden». Müdigkeit, f., mhd. 
müedecheit, md. müdicheit, müdekeit f., der i 
gebräuchliche mhd. Ausdruck war müede f., ! 
md. müde, ahd. mwod?, an ord. ?n«(ti, ältemhd. 
Müde f. 

■'Muff, m. (-[e].s, PI. -e), öst. u. preuß. auch 

Muffe, f.: walzenförmiges hohles Pelzwerk 

i 
zum Warmhalten der Hände im Winter. 1664 | 

bei Duez (dem md. u. oberd. Sprachgebi-auch ' 
gemäß) Muff m., 1663 bei Schottel Muffe f., ' 
1691 bei Stieler auch Muffel m., 1734 bei 
Steinbach Muffer m.; dazu ndl. rno/", moffel f., 
engl, muff, isl. muffa f. Abgeleitet wie 1664 i 
bei Duez Muffel ra. n., frz. moufle f. «Faust- : 
handschuh» aus mlat. (im 9. Jh.) muffula f. i 
«loser wärmender Pelzärmel, Fäustling», das 
wahrscheinlich aus dem Germ, stammt, zu j 
mhd. mouwe, mnd.-mndl. mouwe, afrs. mowe f. \ 
«weit u. lang herabfallender Putz- u. auch ! 
Wärmärmel, der lose an den Arm geschoben 
u. an den Rock geheftet wurde» (noch jetzt 
nd. mowe, m/iue, ndl. mouw f. «Ärmel»). 

"^Muff, m. (-[e]s): Schimmel; Geruch nach 
u. von Anbrüchigem, Dumpfigem, Modrigem, 
Fauligem. In der 1. Bed. 1663 bei Schcrttel, 
in der 2. Bed. 1691 bei Stieler. Dazu ndl. 
wm/" «schimmelig, dumpfig». Aus dem Germ, 
stammen ital. muffa f., mlat. mufa f., port. mofo 
m. «Kahm, Schimmel», ital. muffo «schimme- 
lig», muffare «schimmeln», span. moho m. 
«Schimmel», auch «Moos», frz. moufetfe, mo- 
fette f. «Moderdunst». Vgl. '^muffen u. ^muffig. 

Weigand, Deutsches Wörterbueli. 5. Anfl. 11. Bd 



^Muff, m. {-[e]s, PI. -e): Maulhänger; 
mürrischer Tadler, Murrkopf, 1691 bei Stieler, 
als Spottwort der Holländer gegen die Nieder- 
sachsen 1741 bei Frisch. Es ist das zu Ende 
des 15. Jh. u. im 16. Jh. gebräuchl. oberrhein. 
mupfmuffm. «Verziehung des Mundes, schiefes 
Maul, Hängemaul, Flunsch» (als höhnische Ge- 
berde hinterrücks). S. Mops, ^Muffel, "^muffen. 

Muffe, f. (PI. -n): Verbindungshülse an 
zwei zusammenstoßenden Röhren, 1783 bei 
Jacobsson, eig. nd. Form von ^Muff. 

^Muffel, m. {-s, PI. wie Sg.): Geschöpf 
mit dicken herabhangenden Lippen. Von 
'^Muff. Aus dem Deutschen entl. frz. mufle f. 
«maulendes, mürrisch. Gesicht, Maul, Schnauze», 
norman. moufler «maulen», pikard. mou feter 
«die Lippen verziehen». 

-Muffel, f. (PL -n): irdenes Gefäß von 
der Form der Hälfte einer der Länge nach 
mitten durchgeschnittnen kurzenWalze, kleine 
gewölbte Deckschale beim Schmelzen von Erz 
usw. Schon im 16. Jh. bei Parcelsus Muffel, 
1546 bei Agricola 485 Muffel f. Aus mlat. 
muffula f. «Muff zum W^armhalten der Hände, 
wegen der Ähnlichkeit der Form (s. ^Muff). 

muffeln, v. : mit vollen Backen kauen; 
zahnlos od. wie ein Zahnloser kauen; (verächt- 
lich) kauen. In der 1. Bed. 1551 bei Scheidt 
Grob. 3994 u. 4405 ; 151 1 bei Keisersberg Has 6 ^ 
muff{e)len «kauend die Lippen bewegen»; in 
3. Bed. 1691 bei Stieler muffeln, noch mundartl. 
muffeln. Wie glbd. mumpfeln (s. d.) stammend 
von mhd. muntvol m. «Mundvoll», 1477 clev. 
monfel «Bissen», noch in westmd. 'Ma. Muffel 
m. «Bissen», schwäb. Mump fei u, ndl. mond- 
vol f. « Mundvoll». Ähnlich md. Haffel, schwäb, 
Hamfel aus vahd.Jiantvol f.«HandvolI», wetterau. 
Anvel m. u. schwäb. Ar fei aus Armvoll m. 

^muffen, muffen, v.: anbrüchig, dumpfig, 
modrigjfaulig riechen. 1691 bei Stieler muffen, 
spätmhd. u. ältemhd. muffeln; dazu nd., 1477 
clev.-nndl. muffen. Von Muff. Vgl. auch 
müffzen. 

^muffen, v.: verdrießlich das Maul hängen, 
maulen, murren, brummen. Bei H.Sachs 4,240 
der subst. Inf. muffen, aber schon mhd. (1399) 
muffeln «brummen» u. gemüffe n. «Brummen 
aus Verdruß, lautes Murren». Aus dem Germ, 
entl. venezian. muffo «schwermütig, verdrieß- 
lich», span. mohino «verdrießlich, boshaft». 

■^ muffig, adj.: schimmlig, dumpfig u. an- 
brüchig nach Geruch u. Geschmack. 1691 bei 
Stieler muffig und müfficht, dafür 1781 bei 
Kindleben müfflich. Von -Muff. 

15 



227 



muffig 



Mühle 



228 



"nillfflg, adj.: maulhängrisch, maulend, 
brummig, mürrisch, auch wohl mit dem Be- 
griflfe des Vei'stocktseins. 1776 bei Goethe 
Stella 1, 1, dafür bei H. Sachs Fab. 7, 236 
muffisch. Von '^Muif. 

Muifniaff, m. {-s, PI. -e)-. brummiger, 
mürrischer, unfreundlicher, stets mit kurzen 
Worten scheltender Mensch. 1582 bei Fischart 
Garg. 140 Mnffmaff. Mit Ablaut zu ^Muff 
gebildet, wie mhd. do sungelt unde sanc (Parz. 
104, 3), die glunken glankent (Minnes.3, 289% 4) 
u. ähnlich wie Gickgack, KU ff klaff, Eling- 
klang, Singsang, Wirrwarr usw. 

müffzeil, V.: anbrüchig, dumpfig, modrig, 
faulig, übel riechen. Bayr. muffezen, md. 
miiffzen {1171 bei Adelung das Part, müfzend, 
dafür im 17. Jh. müchzend, müchenzend), 1734 
bei Steinbach müffinzen. 

Mufti, m. (-S, PI. -s): türkischer Ober- 
priester u. zugleich Oberrichter. 1703 bei 
Wächtler. Das arab. mußt, eig. «Rechtsgut- 
achtenabgeber, Gesetzausleger ». 

muh, den Ruf der Kuh u. des Ochsen 
ausdmckende Interjektion. Mhd. mwc/i (Weist. 
1, 440). ABL. muhen, v.: brüllen, vom 
Rindvieh, im 15. Jh. muhen, mugen, niöhen u. 
muwen, mowen (Diefenb. gl. 77** u. 369^), im 
Liber ord. rer. 1429 müen. Ein lautnach- 
ahmendes Wort wie glbd. lat. nmgire, gr. 
InuKöcGai. Vgl. mucken. 

Mühe, f. (PI. -n): beschwerende Anstren- 
gung. Mhd. müeje, spätmhd. mü{e), md. mmoe 
u. mü[he), ahd. muoM, mühi f. «drückende Be- 
schwerde, Last, beschwerende Anstrengung». 
Von mühen, v.: beschwerend anstrengen. 
Bei Luther mühen, mhd. (trans. u.refl.) müejen, 
müegen, müe(we)n, md. mühen, müwen, möwen, 
ahd. muohe7i,muogen,mühen,muoan(in girnuoan), 
muon «drückend beschweren, beschwerend an- 
strengen, plagen, Verdruß machen»; dazu 1477 
clev. moeyen «betrüben», ndl. moeijen «be- 
schweren, beschwerlich fallen», anord. myja, 
w^grja «niederdrücken». Wahrscheinl. urverw. 
mit gr. |au)\oc m. «Anstrengung, Mühe», lat. 
möles f. «Last, Masse», lett. maiites «sich 
dringend bemühen». Vgl. Walde. ABL. von 
Mühe: Mühsal, n. {-s, PI. -e) u. f. (PI. -en): 
niederdrückende, abspannende Beschwerde u. 
Anstrengung, mhd. muogesal, müesal, md. 
mü(he)sal n., im 16. Jh. Müsall f. (s. -sal); 
davon mühselig, adj., bei Luther Mt. 11,28 
müheselig, mhd. müesalig, im 11. Jh. muosalig; 
Mühseligkeit, f., 1541 bei Frisius 40" Mü- 
säligkeit. mühsam, adj., 1509 bei Brant 



Laienspiegel Vorr. 8; Mühsamkeit, f., 1678 
bei Krämer. ZUS. mit Mühe: mühelos, adj., 

bei Voß Odyss. 4, 565. mÜheTOll, adj., 1787 
bei Gotter Ged. 1, 167. MÜh(e)waltung, f., 
1648 bei Zesen Ihr. 1, 215, 1646 bei Mosche- 
rosch Phil. 4, 81. 

Mühle, f. (PI. -n): Räderwerk zum Zer- 
malmen, zum Zerschneiden harter Körper, 
insbes. zur Bereitung von Mehl aus dem Ge- 
treide ; ein Bretspiel auf 3 gleichseitigen Recht- 
ecken, von denen das erste (kleinste) durch 
das zweite und dieses durch das dritte ein- 
geschlossen wird, mit 9 gegen 9 Damensteine, 
von denen 3 in einer Reihe im besondem eine 
Mühle genannt werden (1651 bei P. Fleming 
425, aber vgl. Fickmühle). Mhd. mül{e) u. 
spätmhd. müline, müllin, md. mul{e), mol{e), 
ahd. viuli{ii) f. «Mühle zum Zermalmen des 
Getreides»; dazu mnd. mol[l)e, ndl. molen, 
afrs. mole f., ags. mylen m., engl, mill, anord. 
mylna, schw. mölla, dän. mölle f. Mit den 
verbesserten römischen Mühleinrichtungen, 
bes. den Wassermühlen, aufgenommen aus 
glbd. spätlat. mollna f., das nebst lat. mola f. 
«Mühlstein, Mühle», molere «mahlen», gr. 
\x\)\y\ f. u. |LHj\oc m. «Handmühle, Mühlstein» 
urverw. ist mit mahlen (s. d.). Der ältre 
deutsche Ausdruck für Mühle war ahd. quirn, 
churni, mhd. kürn{e), kurn f.; dazu and.- afrs. 
quem, ags. civyrn, cweorn f., engl, quem, 
anord. kvern, schwed. qvarn f., dän. kuern, 
got. qairnus (in asiluqairnus m. «Mühlstein, 
Eselsmühle»), urverw. mit lit. glrnos Plur., 
abg. zrüny f. «Mühle», aind. grävä m. «Stein 
zum Somapressen», ir. brö «Mühlstein, Hand- 
mühle». ZUS. Mühlarzt, m.: Mühlbau- 
kundiger, 1582 bei Fischart Garg. 296 Mülarizt, 
ebenso in der kurpfälz. Zimmerleutordnung 
1579 B2^. Mühlbach, m., spätmhd. gegen 
1450 mülibäch m., ahd. (nur als Ortsname 
nachweisbar) mulihah. MÜhlbursche, m. 
{-n, PI. -n): Mühlknappe, 1777 bei Adelung. 
Mühlgast, m.: Mahlgast, Mahlkunde einer 
Mühle,iml6.Jh.beiLöhneyßRegierkunst312^ 
Mühlknappe, m., 1691 bei Stieler, dafür 
spätmhd. mülekneht m. Mühlrad, n., mhd. 
mülrat,\üd.mule[n)-,mohiratu.Mxih\^^\%\,ri.: 
das oben beschriebne Bretspiel, 1741 bei Frisch, 
Mülenspiel 1691 bei Stieler. Blühlstein, m., 
mhd.mül{iy,mülnstein, md.mulen',moletistein, 
ahd. muli(n)stein, and. mulinsten m. Mühl- 
weg, n.: bestimmter Weg zur Mühle, mhd. 
mülwec m., md. 1471 mohv eck (K.iTchen7.mshnch. 
von Grüningen bei Gießen S. 15, 39). Mühl- 



229 



Muhme 



Mumie 



230 



werk, n., mild, miil-, muhverc n. (spätmhd. 
auch Erzeugnis einer Mühle, z.B. Papier usw.). 

Muhme, f. (PI. -n): Vater- oder Mutter- 
schwester; Seiten verwandte; (übertr.) Kinder- 
wärterin. In der 1. Bed. ist das Wort, die 
Dichtersprache ausgenommen, durch das im 
18. Jh. aus dem Franz. kommende Tante (s. d.) 
verdi-ängt, aber noch hajr. Muem f. «Mutter- 
schwester». Mhd. niuome, md. müme, ahd. 
muorna, moma f. «Mutter seh wester», im 14. Jh. 
auch «Schwägerin», im 15. Jh. überhaupt 
«weibliche Verwandte», zu Ende des 15. Jh. 
bei Keisersberg im bes. «weibliches Geschwister- 
kind»; dazu mnd. möme, möne, niUne, clev. 1477 
moyne, mndl. moeme f. «Tante», entsprechend 
anord. niönaf. «Mutter». Mit andrer Endung 
clev. 1477 u. mndl. moeye, nudl. moei f. «Tante» 
(wie ahd. muoia in holzmuoia f. «Waldmütter- 
chen,Waldweibchen», gr. laaia f. «Mütterchen»), 
ahd. muotera, mnd. medder, modder, clev. 1477 
moddere, afrs. modire, ags. modrige, möddrie f. 
«Mutterschwester »(übereinstimmend mit glbd. 
gr. luriTpuid f., vgl. lat. matertera f.), mndl. 
moede f. «Tante». Gleichen Stammes wie 
Mutter (s. d.). Das Ags. bewahrt das ent- 
sprechende faäu f. «Vaterschwester». 

Mühsal, mühsam usw., s. Mühe. 

Mulatte, m. {-n, PI. -n): Mischling von 
Weißen u. Negern. 1716 bei Ludwig Mulatt m. 
Aus span.-port. mulato m., urspr. «Abkömm- 
ling von Hengst u. Eselin, Maulesel», adj. Ab- 
leitung von lat. mülus m. «Maultier». 

Mulde, f. (PI. -w): langrundes, etwa einer 
halben, der Länge nach geteilten Walze ähn- 
liches ausgehöhltes Gefäß, Back-, Mehl-, Fleisch- 
trog; (bergmännisch im 18. Jh.) Vertiefung in 
den Flötzen, dann Talsenkung. Spätmhd. 
mulde,molde,muoUe (St. Galler Ordnungen 193) 
f., auch für Milch (Michelsen Mainzer Hof 40), 
mnd. molde, molle, malde f. Gekürzt aus glbd. 
mhd. niulter, niuolter f., 1482 im Voc. theut. t8*' 
wm/c/i^er (Melkkübel), ahd.fnuolt{e)ra{. «Mehl-, 
Backtrog», mulhtra f. «Melkgelte», entl. aus 
lat. mulctra f. «Melkkübel». Die Form der 
Mulde ist urspr. der des alten länglichen 
Melkgefäßes ähnlich. 

^Mull, Müll, m. n. {-[e]s): lockre Erde, 
Stauberde, Schutt. 1777 bei Adelung Mull n., 
bei Zelter an Goethe 2, 8 Müll, aufgenommen 
aus dem Nd., mnd. mul{l) n., ndl. mul f., ent- 
sprechend hochd. Molt(e) (s. d.), spätmhd. 
gemül(le) n. «Staub, Auskehricht» (s. Gemüll). 

^Mull, m.n. (-[e]5, PI. -e): weißer dünner 
BaumwollenstofF, urspr. aus Ostindien, 1783 



bei Jacobson Mul, gekürzt aus engl, mulmul, 
ind. malmal «feiner Musselin». 

Müller, m. (-S, PI. wie Sg.) : der eine Mühle 
besitzt od. bedient. Mhd. im 14. Jh. müller, 
rad. midier, moller, möller, älter u. üblicher 
mhd. mülncere, mülner, md. mulner e, molner, 
•dhd. mul{i)nari m. (daher noch 1691 bei Stieler 
Müllner); daznand.mulineri, mnd.molre,mölre, 
moller, anord. mylnari m. Wohl unmittelbar 
entl. aus mlat. molinarius m. «Müller». ABL. 
Müllerin, f., spätmhd. mülnerin, niüllerin, 
md. mollerin f. ZUS. MÜUerhursche, m.: 
Mühlbursche, dafür mhd. müllerkneht m. 
Mülleresel, m., 1561 bei Maaler. 

Mulm, m. (-[ejs) : von Y/ürmern zu Staub- 
mehl zerfressnes od. auch verwittertes Holz 
(1691 bei Stieler Mulm, 1663 bei Schottel 
Mulm m. u. Gemülm n., andl. 1598 molm); aus- 
gewittertes Erz (1710 bei Hertwig Bergbuch); 
Holzfäulnis (1783 bei Jacobsson); lockre weiche 
Erde (Voß Landbau 2, 204); wie zu Mehl 
Auseinandergefallnes (Goethe 12,90). Gleichen 
Stammes wie mahlen, Mehl, Malte (s.d.). ABL. 
mulmicht, mulmig, adj., 1691 bei Stieler 
mulmicht, mulmicht, bei Voß Ovid Nr. 9, 42 
u. Landbau 16^ mulmig. 

mulsch, adj.: (von Obstfrüchten) innen 
angefault, mohl, feig (s. d.). Sachs, u. ndd., 
obd. mölsch, molsch, melsch. Vielleicht zu 
gr. luaXaKÖc «weich». 

mulstern, v.: schimmlig, faul werden. 
Ndd. ABL. mulsterig, adj. : faulig, stockig, 
im 18. Jh. 

multiplizieren, V.: vervielfältigen, d. h. 
eine Zahl sovielmal nehmen, als eine andre 
Zahl anzeigt. 1514 in Böschensteyns Rechen- 
buch A4^. Aus lat. multiplicäre «verviel- 
fältigen», von lat. multus «viel» u. plicäre 
«falten». Multiplikation, f., 1664 beiDuez, 
aus lat. multiplicätio f. 

Mumie, f. (PI. -n): einbalsamierter einge- 
trockneter Leichnam der Vorzeit. 1534 bei 
Franck Weltbuch 185=^ Mummea f., 1565 bei 
Paracelsus Wundartzney 43 Mummia mit dem 
PI. Miimmien S. 55, 1574 bei Fischart Onomast. 
74* Mumie f. Wie ndl. mummie, momtnief., 
engl, mummy, aufgenommen aus ital. mummia, 
afrz. mumie, nfrz. momie f., aus glbd. arab. 
mümija, von pers. (u. dann arab. u. türk.) 
mütn, möm «Wachs». Die Perser u. Babylonier 
überzogen ihre Toten mit Wachs (Herodot 
1, 140, Strabo 16, S. 746). Die frähre Ver- 
wendung der Mumie als Arznei (noch bis 1834 
in öst. Apotheken) beruht auf der Benutzung 

15* 



231 



Mumme 



Mumpitz 



232 



des Asphalts (pers.-arab. ebenfalls müni) im 
antiken Orient als Heilmittel, u. da die Ein- 
balsamierung der ägyptischen Leichen zum 
Teil mit Asphalt bewirkt war, benutzten die 
Araber im 9. Jh. zunächst den in den Mumien 
gefundnen Asphalt als Arzneimittel u. dann 
die Köi*perteile selbst (s. Wiedemann in Ztschr. 
d. Ver. f. rhein.-westf. Volkskde. 1906, S. 1). 
ABL. mumienhaft, adj., bei Goethe 24, 277. 

^ Mumme, f. (PI. -n): ein starkes, sehr 
dickes, dunkelbraunes, süßliches Hopfenbier. 
Schon 1492 in Städtechron. 16, 391, 2 mumme 
als Braun Schweiger Bier genannt. Die Angabe, 
daß Christian Mumme es 1489 erfunden habe, 
findet sich erst bei Adelung 1798. Bei Fischart 
Garg. 86 als M. der Braunschweigisch Mumm. 
Aus dem Deutschen ndl. im 16. Jh. mom(nie) f., 
engl, mum, mom, mundartl.-schwed. mumma f. 

^Mumme, f. (PI. -n): verlarvte Person, 
Verkleidung. Bei Frisch aus Straßburger 
Pol.-Ordn. des 16. Jh.; dazu 1477 clev. mumme, 
1495 in der Kölner Gemma M3° momme (in 
mommenaensicht), mndl. momme, nndl. mom f.; 
dazu spätmhd. mumme f. «Brummerin» (von 
einer Kuh). Von mummen, v.: brummen, un- 
deutlich reden; sich verhüllen, verlarven. In 
der 1. Bed. nur älternhd., z. B. bei Luther 
6, 317^, 1691 bei Stieler «unverständlich dumpf 
sprechen», 1663 b.Schottel mummen, mummelen 
«ein Lautwort, mum mt^wi sagen» (s.wMmwete); 
in der 2. Bed. ebenfalls im 16. u. 17. Jh. (1575 
bei Fischart Garg. 72), jetzt nur in Zss. ein-, 
vermummen (letztres refl. bei Fischart Dicht. 

2, 243, 65 Kui-z, das Part, vermumpt 1557 bei 
Sleidan übers, v. Stamler 1 23 **). Y gl. Mummer ei. 
ZUS. mit Mumme: Mummenschanz, m.: 
Maskerade, ü. h. Tanz od. Lustbarkeit ver- 
larvter Personen. Spätmhd. mummen hieß im 
14. — 16. Jh. ein Glücksspiel mit Würfeln, 
schanz f. «der Glückswurf» (s. Schanze), mum- 
schanz od.mummenschanzt im 16. Jh. ein Wurf 
in diesem Glücksspiel (H. Sachs Fastn. 6, 34), 
der dann in Fastnachtszeiten von umherziehen- 
den Masken dem Hauswirt u. seinen Gästen 
angeboten u. ausgeführt wurde (Zimm.Chron.^ 

3, 265, 2 momschanz); daher ging das Wort 
in die Bed. «Vermummung, Maskerade» über 
(1595 im Froschmeuseler 3, 3, 8), kam aber 
im Anfang des 18. Jh. außer Gebrauch, Campe 
verzeichnet es als «veraltet u. jüngst von Veit 
Weber Genuswechsel wieder erneuert» (daher 
bei Goethe 3, 165 M. 15, 1, 22 F.). Mummen- 
Spiel, n.: Maskerade, bei Goethe 28, 156. 

^ Mummel, m. (s, PI. wie Sg.) : vermummte 



unheimliche Gestalt. 1537 bei Dasypodius 
Mumel f., 1605 bei Hulsius Mummel « Gespenst », 
schon bei Keisersberg Postill 8, 80 ** i^f^^mw^e^ 
(hier u. im Evangelibuch 23^ Mummelspiel, 
1420 mnd. mumelinx-hovet «Larve, Maske» 
(Diefenb. gl. 319^), Von mummeln, v.: die 
Stimme bmmmend, in dumpfen Lauten hören 
lassen, undeutlich sprechen, mm-meln; ver- 
mummen, unheimlich einhüllen; (auch) kauen 
wie ein Zahnloser (daher Mummelgreis, m., 
bsi Busch Mummelgreis), vgl. mumpfeln. Ite- 
rativ von mummen (s. d.). In der 1. Bed. 1508 
in der Straßburg. Gemma q4'' u. bei Luther 
W. 6, 235 mummelen; dazu mnd. mummelen 
«in den Bart brummen, heimlich reden», 1495 
in der Kölner Gemma 04^ u. mndl. mommelen; 
aus dem Deutschen entl. isl. u. schwed. mumla 
«murmeln, muiTen, brummen», dän. mumle; 
in der 2. Bed. im 16. u. 17. Jh. gebräuchlich, 
jetzt nur in Zss. ein-, vermummeln (1560 bei 
Melanchthon corp.doct.christ.743 vermümlen). 

-Mummel, Mümmel, f. (PI. -n) u. Müm- 
melclien,n.: die weiße od. gelbe See-, Wasser- 
lilie, nymphaea alba u. lutea. Auch Mummel- 
kraut n. Bei Nemnich 1794 weiße und gelbe 
Mummeln, bei Voß 5, 150 Mümmel u. Idyll. 
12, 21 Mümmelchen, aus dem Ndd., mnd. müm- 
melken. Wohl eins mit ^Mummel, denn den 
Seelilien, die auch Wassermännchen u. Nix- 
blumen heißen (Nemnich), haftet wegen ihrer 
Bez. zu den Wassergeistern etwas Unheimliches 
u. Gespenstiges an; mehrere Seen, die das Volk 
von Nixen bewohnt dachte, heißen Mummelsee. 

mummen, Mummenschanz, s. Mumme. 

Mummeröi, f. (PI. -en): Vermummung; 
Mummenspiel. 1521 bei H. Sachs Fastn. 6, 281 
u. 1524 bei Luther 2, 477*^ Mummerey, in der 
Zimm, Chron.^ 1, 574, 2 Mumerei, 2, 391, 5 
Monier ei; dazu mndl. rnomwerye. Von älternhd. 
Mummer m. «Vermummter» (1575 bei Fischart 
Garg. 167), mnd. mummer, mndl. mommer, ab- 
geleitet von mummen (s. d.). 

mumpfeln, v.: im Munde hin- u. herbe- 
wegend mühsam kauen,wie zahnlose alte Leute. 
1570 bei Agricola Sprich w. 312'' mümpflen 
neben mumpfenlhAl bei Franck Sprichw. 2, 10**; 
dazu md. u. nd. mumpeln, ferner mndl. mom- 
pelen neben mondpelen «leise, heimlich reden, 
murmeln», 1477 clev. mumplen «als heimliches 
Gerede erzählt werden», vgl. muffeln u. mum- 
meln. Zu älternhd. Mump fei f. «Bissen», mhd, 
muntvol m. 

Mumpitz, m.: Schwindel, Unsinn. Zuerst 
um 1850 in Berlin, aus dorticren Börsenkreisen 



233 



Mumps 



Mund 



234 



weiter verbreitet. Angeblich nacli dem Namen 
eines damaligen Börsenjobbers gebildet, aber 
wahrscheinlich hervorgegangen aus obhess. 
Mombotz m. «Gespenst, Schreckgestalt», zgs. 
aus Mumme (s.d. ^) «verlarvte Person» u. mhd. 
hutze m. «Poltergeist, Lai-ve» (s. Butzenmann). 
Vgl. Ladendorf. 

Mumps, m. : Entzündung der Ohrspeichel- 
drüse, auch Ziegenpeter, Bauermvefzel genannt. 
Auch engl, viumps. 

^Mund, m. (-[e]5, PI. Munde, Münde, (öst.) 
Münder) : Öffnung des Kopfes zum Einnehmen 
der Nahrung u. zum Sprechen; Öffnung einer 
Höhlung (mhd.). In der 1. Bed. mhd. munt m. 
(PI. münde, seltner ynunde), ahd. mund m. (PL 
mundo); dazu asächs. mndm., mnd, munt m. f., 
nA\.mond, afrs. müihu.mund,7nond, ags. müßm. 
(auch Eingang, Türe), engl.mouth,anord.müdr, 
schwed. mun, dän. mund, got. mimßs m. Wohl 
urverw. mit lat. mentum n. «Kinn», kymr.-ir. 
wm«^ «Kinnbacken». Dazu noch aus dem Germ, 
ahd. (ga)mindil, ags. mW, anord. mel, aschwed. 
wf? «Gebiß am Zaum». Vgl. Walde, Der Plur., 
den man im allgemeinen meidet, lautet bei 
Voß Ovid Nr. 36, 258 u. bei A. W. Schlegel 
Jul, Cäsar 3, 2 Munde, bei P. Fleming 356 u. 
Claudius 3, 33 Münde, 1508 bei Tauler 107^, 
Schlegel Heinrich V. 3, 1, Chamisso 6, 113 u. 
md. Münder. ABL. Mündchen, n., 1678 bei 
Krämer Mündgen, 1477 clev. montken, mndl. 
mondeken n. ; dafür mhd. mündeliin) n. mun- 
den, V. : VFohl zu Mund gehen, gut schmecken, 
1575 bei Fischart Garg. 61 (in übertragner 
Bed. 106). mündlich, adj., im Adv. md. 
muntliche u. spätmhd. müntlich, das Adj. bei 
Luther 3, 529^. ZUS. Mundart, f.: Volks- 
sprache einer Landschaft, Dialekt, 1640 bei 
Zesen im deutschen Helikon I, 3. Abt., 1641 
bei Schottel 22. mundfaul, adj.: redefaul, 
bei Campe 1809. Mundfäule, f.: als Krank- 
heit 1588 bei Tabernämontanus 339; Rede- 
faulheit, scherzhaft bei J. Paul Titan 3, 183. 
mundfertig, adj.: redegewandt, bei Goethe 
Nat. S. 4, 1 19. Mundkoch, m. : Koch bloß für 
die herrschaftliche Tafel, 1691 bei Stieler, aber 
schon 1575 bei Fischart Garg. 106 Mundköchint 
Mundleim, m.: Leim aus Hausenblase, durch 
Netzen mit dem Munde klebend, 1562 bei 
Mathesius Sar. 47^. Muudloch, n.: Aus- u. 
Eingangsöffnung einer Höhlung, auch im Berg- 
bau, im 15. Jh. muntloch, schon ahd. muntloch n. 
«Krater eines Vulkans». Mundraub, m.: 
Entwendung von Nahrungsmitteln zum so- 
fortigen Genuß. Eig. ein Seemannsausdruck. 



1795 bei Röding. muudrecht, adj., bei 
Goethe 7, 236. Mundschenk, m. {-en, PI. 
-en), 1618 bei Schönsledei-. Mundstück, n.: 

Mundwerk, in Luthers Tischreden 7''; Teil 
eines Musikinstruments, den man in den Mund 
nimmt, 1618 bei Schönsleder, mundtot, adj.: 
der Gewalt, sich selbst oder andre zu vei'- 
treten, verlustig, 1663 bei Schottel 466^, also 
von -Mund abgeleitet, dann aber umgedeutet 
auf ^Mund, einen mundtot machen (nicht zu 
Worte kommen lassen). MundTOll,m.: soviel 
Speise, daß davon der Mund voll ist, mhd. 
muntvol m. aus der munt vol,yvie mhdi.hajitvolt 
aus diu hant vol. S. muffeln, mumpfeln. Mund- 
TOrrat, m., als Verdeutschung des Fremd- 
wortes Proviant, 1777 bei Adelung. Mund- 
werk, n. : Rede, bei Luther 4, 404^ ; Redegabe, 
1562 bei Mathesius Sar. 285*. 

^Mund, f.: Schutz, gesetzlich obliegende 
Sorge für eine Person, die rechtlich nicht allein 
für sich handeln kann. Schon im 17. Jh. ver- 
altet, mhd.-ahd. munt f. (PI. ahd. munti, mhd. 
münde) «Hand, Schutz, Bevormundung»; dazu 
afrs. mund, mxtnd m. «Vormundschaft, Vor- 
mund», ag's.wiMHd f. «die flache Hand, die Hand, 
Gewalt über eine unselbständige Person,Schutz, 
Schirm», anord. mund f. «Hand», mundr m. 
«Kaufpreis der Braut u. die dadurch erworbne 
Vormundschaft über sie», ndl. in mondhaar, 
mombaar, momber m. «Vormund» (eig. «der 
die Hand schützend über einen hält», zu ahd. 
heran «tragen, halten», entsprechend mhd. 
munthor, ahd. muntboro, asächs. mundboro, 
ags. mundbora m., daher afrz. mainbour, mam- 
hourg «Vormund, Vogt»). Von Grimm zu lat. 
manus f. « Hand » gestellt. Anders Idg. Forsch. 
Anz. 15, 104. ABL. Mündel, m. {-s, PI. wie 
Sg.): der vaterlose od. verwaiste Unmündige 
unter gesetzlich bestelltem Schutze des Vor- 
munds. Selten als Ntr. bei Lessing 4, 143; 
von dem weiblichen MmJeZ wird nhd. bisweilen 
das F. gebraucht. Am Ende des 14. Jh. md. 
der Plur. mundelin, 1467 im Cod. dipl. Sax. 
reg. II, 3, Nr. 1098 mundelein, 1595 in der 
Leipziger Vormundschaftsordn. Mündlein, aber 
schon mlat. im 8. Jh. mundilio m., im 16. Jh. 
bei Schweinichen 2, 174 Mündel; erst nach der 
Mitte des 18. Jh. wird das Wort geläufig. Dazu 
mnd. mundete, airs.mondele; in gleicher Bed. 
nhd.Mündling (Stolberg 4, 225), mhd. im 14, Jh. 
mundelinc m., daneben 1338 mündeling, monde- 
imgf«Vormund»,ahd.mMn(Miw5rm.,entl.schwed.- 
dän. myndling. mündig, adj.: dem Alter 
nach fähig, sich gesetzlich selbst zu vertreten, 



235 



Münde 



Münze 



236 



majorenn, mhd. mündic, md.miindic; dazu mnd. 
mundich, mndl. niondigh, entl. schwed. - dän. 
niyndig. Mündigkeit, f., 1691 bei Stieler. 

Münde, f. (PI. -n) : Ort, wo ein Fluß usw. 
mündet. 1 663 bei Schuppius 25 1 , bei Voß Horaz 
Sat. 2, 2, 23 ; dazu mnd. in Ortsnamen -munde, 
afrs. mutha f. «Mündung, Öffnung»; 'münde 
in Ortsnamen hat mehrfach mhd. 'gemünde, 
ahd. 'gimundi verdrängt (ahd, gimundi n. 
«Quelle, Mündung» ist Kollektiv von ^Mund). 
Von münden, v. : sich ergießen, vom Wasser 
in seinem Laufe; sich zum Ausgange öffnen, 
von einer Höhle usw. Bei Campe 1809, aber 
schon ahd. munden «sich ineinander ergießen» 
(von Flüssen), abgeleitet von Mund (s. d.). 
Dazu Mündung,f., 1711 bei Rädlein Mundung 
«an einem Geschütz», ebenso 1716 bei Ludwig j 
Mündung, \lhl bei Eggers Ki'iegslex. 1, 751 
Mündung eines Stroms; dazu ndl. mx>nding u. '■ 
entl. schwed. mynning, dän. munding. j 

mundieren, v.: bereinigen, ins Reine 
schreiben. 1643 im Sprachverderber 28 miin- \ 
diern. Auslat.mM?if?äre«reinigen»,vonlat.Adj. | 
»mwfZus «sauber, rein». DavonMundiernng,f. i 

Munds, m. (-es, PI. -e) -. Kuß aaf den Mund. ! 
Westerw. M., nass. F., dafür Schweiz. Mündschi ' 
n,, bei J. Gotthelf Müntschi. Von mundsen, i 
V.: auf den Mund küssen, westmd., dafür j 
Schweiz, mündschen, abgeleitet von ^Mund.\ 

Muni, m.: Zuchtstier. Schweiz. Von 
Schweiz, munnen «brummen». 

Munifizenz, f.: Freigebigkeit. 1694 bei 
Nehring. Aus lat. münificentia f., von müni- 
ficus «gern Geschenke machend» von lat. 
münus n. «Geschenk» u. einer Ableitung von 
facere «machen». 

Munition, f.: Kriegsvon-at, Schießbedarf. 
1534 bei Liliencron 4, 73 % 1553 bei H. Sachs 
Fastn. 47, 258; dazu mndl. munitie f. Aus frz. 
munition, ital. mnnizione f. «Vorrat, Bedarf», 
von lat. münUio f. «Befestigung, Befestigungs- 
mittel», zu lat. mümre «verschanzen» usw. 

munizipal, adj.: die Stadtobrigkeit, Ge- 
meinde betreffend. 1703 bei Wächtler. Aus 
lat. münicipälis, von münicipium n. «Frei- 
stadt mit römischem Bürgerrecht». 

munkeln, v.: leise, heimlich reden (1533 
bei Luther 6, 88* im tunckeln munckeln)\ in 
der Weise eines dunkeln Gerüchtes wovon 
sprechen (1599 bei Schütze Preußen 243); 
ältemhd. auch «heimlich naschen ». Dazu mnd. 
munkelen, ndl. 1598 monckelen «leise, heimlich 
reden». Iterativ von ältemhd. muncken « heim- 
lich sprechen, auch mümsch, verdrießlich tun» 



(H. Sachs Fastn. 12, 293, Mathesius Sar.20*), 
mndl.monken; gleichen Stammes wie die unter 
mucheln behandelte Wortsippe. ABL. Munke- 
16i, f., 1573 in Luthers Tischreden 261 ^ 

Münster, m. u. n, (preuß. u. bayr. nur so) 

('S, PI. wie Sg.): Stifts-, Hauptkirche, Dom. 

Bei Goethe, in derWetterau usw. M., wie mndl, 

monsier m., aber mhd. münster, munster n. 

«Klosterkirche, Kathedrale», ahd. monastri, 

munistri n. «Kloster»; dazu ags. mynster n. 

«Kloster, Stiftskirche», engl, minster, anord. 

munstari n. «Kloster, Kirchengebäude». Aus 

gr.-lat. monasterium, gr. ^ovacTrlplov n.«Kloster, 

Ort wo man einsam lebt» (von gr.^övoc« allein»). 

munter, adj.: rege zum Sehen; regsam zu 

Streben u. Tun; angenehm lebhafte Stimmung 

äußernd; angenehm lebhaft gestimmt; wach. 

Älternhd. u. mhd. munder, munter «lebendig, 

in reger frischer Lebenskraft sich äußernd, 

wach, wachsam », ahd. munfar, munder «eifrig, 

wach, lebhaft, behende», gehört zusammen mit 

got.WM?icZört «das Augenmerk auf etwas richten», 

mundrei f. «Ziel» (entsprechend ahd. muntri, 

mundri f. «rege Strebsamkeit, Eifer»), gleichen 

Stammes mit ahd. mendan, asächs. mendjan 

«sich freuen», ahd, mendi f, u, mandunga f, 

«Freude», Urverw. mithLmandriis« munter, 

j keck», mundriis (amnnter, lebhaft», ahg.mqdrü 

j «klug», awest. mqzdra- «verständig, weise», 

1 aind.medhiräs «Yerständig». Dazu weiter wohl 

i gr. laavedveiv «lernen», lett. miiodu «erwecke, 

j erwache». ^Biv,muntern,v,:wmn^er machen, 

I 'äUernhd.muntern, mhd, mundern, 'ahd.vmntran, 

I heute nur noch in Zss. auf-, ermuntern (letztres 

auch in der Bed, munter werden bei Goethe 

1 6, 221). Munterkeit, f., 1678 bei Krämer. 

i ^ Münze, s. Minze. 

^ Münze, f. (PI. -n) : geprägtes Metall, Geld- 
stück; Haus zur Prägung des Geldes. Mhd, 
mww^ef, «Geldstück, Münzstätte, Münzrecht», 
ahd. munizia) f., muniz m. «Geldstück»; dazu 
and, munita, mnd, munte, monte, ndl, munt f., 
ags. mynetn., engl.mint, anord.mynt f., schwed, 
wi?/w#,dän,?Höw^, Aufgenommen aus lat. wtonefa f. 
«Münzstätte (weil am Tempel der J^wwo Moneta 
die römische Münze war), Geldstück». ABL. 
münzen, V.: Geld schlagen ; (bildl.) auf jem. 
zielen od. anspielen (1691 bei Stieler, mit Bez. 
auf die seit dem 16. Jh. geprägten Gedächtnis- 
münzen, die oft satirisches Bildwerk mit ver- 
steckten Andeutungen enthielten). In urspr. 
Bed. mhd. münzen, ahd. munizon; dazu asächs. 
muniton, mnd. munten, ags. mynetian, mlat. 
monetäre. Münzer, m,: Geldschläger, mhd. 



237 



Mur 



Musche 



238 



münzcere. münzer, ahd. munizäri, munizzeri m. 
(auch Geldwechsler, Wechselmäkler) ; dazu 
asächs. munitari, mnd. munter, ags. mynitere, 
anord. myntari m., aus lat. monetärius m. 
«Münzmeister». ZUS. MÜnzamt, n., 1716 bei 
Ludwig. Münzfuß, m.: die obrigkeitliche 
Bestimmung des Gewichts a. Gehalts der gang- 
baren Münze, 1741 beiFrisch. Münzmeister, 
m., mhd. münzmeister. Münzwardein, m. 
[s, PI. -e): Münzprüfer, 1741 bei Frisch. 

Mur(e), f. (PI. -en) -. Sand u. losgebrochnes 
zerstückeltes Gestein, das von den Höhen in 
die Talebnen niedergerollt (die trockne Mur) 
od. auch von Wetterbächen herabgeschwemmt 
worden ist (die nasse J/wr). Baji-.-tirol. Gleichen 
Stammes wie mürbe, morsch. In die roman. 
Sprachen gedningen, span. moro« m. «Hügel- 
chen», frz. woraine f.« Steingerölle»(s. Moräne), 
ital. wor« f. «Haufe abgehauner Zweige» usw. 

Muräne, f. (PI. -n): aalähnlicher eßbarer 
Seefisch. Mhd. im 14. Jh. muren f., aus glbd. 
gr.-lat. muraena, murena, gr. ^vpaiva f., von 
^üpoc m. «eine Art Meeraal». 

niürb(e), adj.: bis in die kleinsten Teilchen 
zerfallend; im Munde leicht zerfallend. Mhd. 
mür(iü)e, mür, im 14. Jh. mürh, md, mur(iv)e, 
mur, später auch morwe (nach wetterau. wor&), 
ahd. mur{u)wi neben glbd. maro, marawi, mhd. 
mar (Gen.-wes): dazu clev. 1477 u.mndl.wion^e, 
ags. mearu. Gleichen Stammes wie morsch 
(s.d.) u. urverw. mit air. meirh «weich», gr. 
luapaiveiv «aufreiben»; dazu auch (mit Stamm- 
erweiterung) lat. marcere «welk, schlaff sein» 
u. a. bei Walde. ABL. Mürbe, f.: Eigen- 
schaft des Mürbseins, mhd. mür, ahd. mur(u)wi 
neben mar(a)wi f. 

murksen, s. abmurksen. 

^Murmel, f. (PI. -n): Schnellkügelchen. 
Nass. usw., dafür thür. Marbel (s. d.). Ahd. 
murmul m. «Marmor» neben marmul «Marmel». 

"Murmel, m. i-s, PI. wie Sg.): Gemurmel, 
Murren. Bei Luther Apostelgesch. 6, 1 u. noch 
1605 bei Hulsius, dann veraltend. Mhd. mur- 
mel m. neben mtirmer «Gemurmel, Gemurre», 
im 12. Jh. murmur m. «Kampfgetöse», entl. aus 
lat. murmur n. «Gemurmel», murmeln, v.: 
unvernehmlich sprechen in durcheinander sich 
verlierenden Tönen; sanft rollend rauschen. 
Mhd. murmeln, murmeln, murmern, md. auch 
mormeln, ahd. murmulön, murmurön, später 
murmerön, aus der lat. Kirchensprache entl. 
von lat. murmuräre «murmeln, brummen, 
murren, rauschen». 

Murmeltier, n. {-s, PI. -e) -. das langen 



Winterschlaf haltende schwärzlichgraue Nage- 
tier arctomys marmota. Mhd. im 14. Jh. murmel- 
tier, im 15. Jh. murmurtier (Diefenb. nov. gl. 
186^), murmulthier (Voc. ine. teut. o3^), volks- 
mäßig-deutsch umgebildet aus frähmhd. mür- 
mendin n., ahd. murmenti n. u. muremiinto m. 
(noch Schweiz. Murmende, Murmeten, Dim. 
Murmetli, hdji: M^irmenteln., 1519 im Land- 
buch von Schwyz 77 Murmotten), wie glbd. 
lad. murmont entl. aus lat. mürem montis (mus 
montanus) «Bergmaus», woher auch mit volks- 
tümlicher Anlehnung an das aus lat. murmu- 
räre hervorgegangne afrz. marmouser, nfrz, 
marmotter «murmeln»), frz. marmotte f., ital. 
marmotto m., marmotta f. «Murmeltier». 

Murner, m. (-s): der Name des Katers 
(1595 im Froschmeuseler 1, 2, 2) u, der Katze 
(1625 im Eselkönig 18), schon Luthers Gegner 
Thomas Murner wui'de als schreiender u. 
kratzender Kater bildl. verspottet. Von murren 
(s. d.), mit Anspielung auf das Brummen u, 
Heulen des Katers. Davon auch Kater Murr 
bei Hotfmann. 

murren, v. : unzufrieden brummen. Im 
15. Jh. murren, morren CDiefenb. gl. 372^); 
dazu mnd. murren, ndl. morren, ags. murcian, 
murcnian, anord. murra, schwed. morra, dän. 
murre. Lautnachahmend wie lat. murmuräre. 
ABL. mürrisch, adj., bei Luther Jes. 42, 4, 
daneben älternhd. bis ins 18. Jh. mürrisch, 1574 
bei Horscht Geheimnisse der Natur 4, P7^ 
mörrisch (schles.), ZUS. Murrkopf, m., bei 
Lessing Em. Gal. 1, 5, dafür in Nürnberg Murr- 
kater, was nordd. auch eine drohende Wetter- 
wolke bezeichnet. 

Mus, n. (-es, PI. -e, selten Müser, nicht 
öst.-bayr.): dicker od. dicklicher Brei; leib- 
licher Unterhalt (Muß und Brot bei Wieland 
11,58 u. schon 1476 in Weisth. 5, 697). Mhd. 
muos, md. müs, ahd. mms n. «gekochte Speise, 
breiartige Speise, Essen, Mahl, L'nterhalt»; 
dazu asächs.-afrs.-ags. mos n. «Speise». Verw, 
mit ahd. ma^ n., got. mats m. «Speise» (s. 
Messer). Weiter gehören wohl dazu alb. man 
«mäste», maim «fett», ir. warne «Speise», mess, 
kymr. mese/i «Eichel» u. aind. mdtsjas m., aw. 
masjö m. «Fisch », vgl. Btr. 22,190. Vgl. Musteil. 

^Musche, f. (PI. -n): feile Weibsperson, 
Dirne. Bayr.-schwäb.-wetterau. Da schles. 
Mu(t)sche f. « LiebkosuDgswort für ein Mädchen 
ist» u. nd. Mutze f. «Mädchen u. Hure», so 
ist das Wort zurückzuführen auf spätmhd. 
(15. Jh.) mucze, mutz(e) f. «weibliches Geburts- 
glied» (noch bayr.-hess. Mutz f., 1598 bei Forer 



239 



Musche 



Muskat 



240 



Fischbuch 87^ Mautz f., bei H. Sachs [2, 4, 891»] 
Maunfz f., aber schon 1276 im Augsburger 
Stadtbuch 124,4 niussensun m. «Hurensohn»), 
entspr. ital. muzza, viozza f. «weibliches Glied». 

"Musche, f. (PI. -n): Schönheitspfläster- 
chen der Frauenzimmer. 1681 bei Abr. a. S. 
Clara Lesch Wien 9 MiiscM, Judas 4, 47 Musch 
und Mucken im Gesicht; ndl. moesje n. Mit der 
Mode, solche schwarze Taflfetpflästerchen ins 
Gesicht u. auf die Brust zu kleben, aus Frank- 
reich überkommen, frz. niouche f. «Fliege, 
Schminkpflästerchen»,voQlal.W2<sm f. «Fliege». 

Muschel, f. (PI. -n): weiches Wasserschal- 
tier u. dessen Schale. Mhd. muschel, ahd.-and. 
muscula f., aus lat. musculus m, «zweischalige 
Muschel», eig. Mäuschen (s.7lf?(6M). musche- 
lig, adj., bei Goethe 30, 171 muschlig. ZUS. 
Muschelhut, m.: (zum Zeichen der Pilger- 
fahi't über das Meer) mit einer Muschel an 
der aufgekrempten Seite geschmückter Reise- 
hut, bei Campe 1809. Muschelkalk, m.: 
mittlere Abteilung des Tertiärsystems. 

muscheln, v.: undeutlich reden, heimlich 
betrügen. Schweiz.-els.-hess. 'E'ig. musch sagen, 
wie 1589 bei Frischlin Susanna 399. 

Muse, f. (PI. -n) : Göttin der Gelehrsamkeit, 
der Wissenschaft u. schönen Künste, insbes. 
den Dichter begeisternde Göttin. Im 17. Jh. bei 
Opitz 1, 22, P. Fleming 89. Aus glbd. gr.-lat. 
Müsa, gr. MoOca f. ZUS. Musenalmanach, 
m. : Jahrbuch gesammelter Gedichte, zuerst auf 
dem Titel des von Boie u. Gotter zu Göttingen 
herausgegebnen Musenalmanach für das Jahr 
1770 nach dem Muster des seit 1765 zu Paris 
erschienenen Älmanach des Muses. Musen- 
Sitz, m.: Hochschule, 1743 bei Drollinger 317. 
Musensohn, m.: Literat, Dichter (im 17. Jh. 
bei Opitz 2, 652 Triller); Student (1691 Stieler). 

Muselman, m. {-en, PI. -en) u. Musel- 
mann (-[e].s, PI. -männer, bei Goethe Tan- 
cred 2,1 Muselmannen): Mohammedaner. 1691 
bei Stieler Musulmann. Aus ital. musulmano 
m., frz.-span. musulman, mlat. Musulmanus, 
von pers.-türk. muslimän, welches allerdings 
PI. ist zu arab. muslim, dem Part, von salima 
«er war unverletzt», in 4. Konjug. «er war 
zur ünverletztheit, zum Frieden eingegangen, 
untergab sich einer Herrschaft zum Gehorsam, 
untergab sich Gott». Davon auch arab. isläm 
«Hingebung in Gottes Gebote», s. Islam. 

Museum, n. (-S, Fl.'Seen): Bücher, Natura- 
lien-, Kunstsammlung, Sammlung von Alter- 
tümern. 1712 bei Hübner. Aber schon 1703 
bei Wächtler «eine Studierstube» (wie noch 



Goethe Faust 530). Aus gr.-lat, müseum, gr. 
inouceiov n. «Musentempel, Musensitz, Oi't für 
gelehi-te Beschäftigung», eig. Ntr. des Adj. 
luouceioc «den Musen angehörig, ihnen ge- 
widmet», von Moöca f. «Muse». 

Musik, f. (PI. -en): Tonkunst, Tonstück. 
Mhd. müseke, müsic, ahd. müsica f. mit be- 
tonter 1. Silbe, wie im 17. Jh. bei Opitz 2, 158. 
212 u.o. Musik, Müsic u. noch wetterau.-schles. 
u. neuerdings wieder z. B. bei Liliencron, 
während die seit dem 17. Jh. (P. Fleming 456) 
übliche Betonung der 2. Silbe auf Einfluß des 
frz. musique f. beruht. Aus gr.-lat. müsica, gr. 
luouciKri f. (nämlich T^x^ri f. «Kunst») «Musen- 
kunst, Tonkunst» (auch «Dicht-, Redekunst»), 
eig. F. des Adj. iuouciköc, von MoOca f. «Muse», 
dann «Gesang, Lied, Tonspiel». Die türkische 
Musik rührt von den Panduren (s. d.) her, 
welche in der 1. H. des 18. Jh. als die ersten 
damit durch Wien u. ins Feld zogen. Musi- 
kalien, PL, 1777 bei Miller Siegwart l", 274 
u. 2, 392. musikalisch, adj., bei Gödeke 
Grundr.^ 2, 27 vom J. 1519, gebildet nach dem 
nlat, Adj. mtisicalis, frz. musical. Musikant, 
m. (-en, PI. -en), 1593 bei Herz. Julius von 
Braunschweig 231. MÜsikus, m. (PI. -ker): 
Musiker, 1557 bei Waldis Leben Esopi 165, 
H. Sachs 4, 234. Musiker erst im 18. Jh. 
bei Voß Luise 3, 2, 304. musizieren, V., 
1580indenMitteil. d.Ver.f.Gesch. d. Deutschen 
in Böhmen 9, 78, bei F. Platter 282 zum J. 1557. 

MuSlV- od. muSlYisch: zu Bildwerk ein- 
gelegt, in Musivarheit (1710 bei Nehring) od. 
musivische Arbeit, 1678 bei Krämer musaische 
Arbeit, 1664 bei Duez mosaisches Werck, aber 
schon mhd. muosen, muosieren, md. mUsen, 
müsieren «als Mosaik einlegen, musivisch ver- 
zieren». Aus dem gr.-lat. Adj. müsivus, gr. 
jLiouceioc (s. Mosaik). 

Musj 6, m., volksmäßig statt frz. wions'i'eMrm. 
«Herr», 1778 bei Maler Müller Fausts Leben 70. 

Muskat, m. {-[e]s, PI. -e), Muskäte, f. 
(PI. -n): die Muskatnuß. Mhd. musc{h)ät f., 
auch muschäte] dazu mnd. musc(h)aten, aus 
mlat.wmscafaf.(hinzugedaclitlat.?m;rf. «Nuß»). 
Daneben mhd. muschät m. aus mlat. muscatum 
n.« Muskatnuß», eig. «Moschusgeruch», weshalb 
ital. moscado m. «Bisam». Mlat. muscata aber 
j ist das F., wie muscatiim das Ntr. des mlat. 
Adj. muscatus «nach Moschus riechend», von 
spätlat. (4. Jh.) muscus m. «Moschus» (s. d.), 
ZUS. Muskätblume, Muskäthlüte, f. : das 

als feinstes Gewürz ehedem für die Blume od. 
Blüte des Muskatnußbaums gehaltne, im 



241 



Muskateller 



mnssen 



242 



fiischen Zustande karmesinrote, netzförmige 
Gewebe, das unter der die ISkJuskatnuß um- 
gebenden Schale hart anliegt. Mbd. muschät- 
hluome u. muscäthlüete neben muscäthluot f., 
im mrhein. Voc. ex quo 1469 muscadcnhlyume, 
mnd. muschatenhlome, 1517 bei TrochusKS^ 
muscatenbluet Muskatnuß, f.: der Kern 
der Frucht von myristica moschata, mbd. 
muscätnug f. 

Muskateller, m. (-s): sehr süßer, gleich- 
sam Muskatgesehmack habender italienischer 
Wein. 1537 bei Dasypodius. Mbd. um 1300 
vniscatel m., aus glbd. mlat. muscatellum n. 
(nämlich vimim «Wein»), dem JS'tr. des mlat. 
Adj.muscateÜMS «muskatartig», abgeleitet von 
muscatiis (s. Muskate), wober auch ital. mosca- 
tello, moscadello m. «Muskateller». 

Muskedönuer, m. (-s, PI. wie Sg.): Sol- 
datenflinte mit kurzem weitem Rohr, Donner- 
büchse. 1777 bei Adelung. Bei Claudius 3, 97 
Musquedonner, volksmäßig mit Anlehnung an 
Donner umgebildet aus Musqueton (Krämer 
1678), Miisketon f. (Rädlein 1711), von glbd. 
frz. mousqueton m., ital. moschettone m., ab- 
geleitet mit dereine Vergi'ößerung anzeigenden 
Silbe -on von frz. mousquet, ital. moschetto m. 
«Muskete» (s. d.). 

Muskel, (öst. nur) m. (-5, PI. -n), im gew. 
Leben auch f. (Wieland Idris 3, 88) : Fleisch- 
lappen des menschlichen u. tierischen Körpers, 
durch sein Ausdehnen u. Zusammenziehen die 
Bewegung der Körperteile ermöglichend. 1715 
in Speuers Übersetzg. von Browes Myographia 
nova Muscul, 1741 bei Frisch Muskel, aber 1 
schon ndl. 1598 nmsckel, aus glbd. lat. mus- 
culus m., eig. «Mäuschen» (Dim. von mus m. f. ' 
«Maus»); der ältre deutsche Ausdruck für 
Muskel ist Maus f. (Goethe 19, 64) u. Mms- 
lein n., schon mbd. mus f. u. miuselin n. Vgl. 
muskulös. ABL. muskelig, adj., bei Voß. 
ZUS. Muskelspiel, n., 1787 bei Gotter. | 

Muskete, f. (PI. -w): Soldatenflinte. 1575 I 
bei Fischart Garg. 284 u.1597 bei Gilhusius { 
Grammaticall4J/MSce^ef. «eine schwere Hand- j 
feuerwafFe», aus frz. mousquet, ital. moschetto, 
Span, mosquete m. «Feuergewehr», afrz. mo^i- 
schete, mlat. muschet{t)a f. «Wurfgeschoß, 
Bolzen», urspr., wie mlat. musc(h)etus m. «eine 
kleine Art zur Beize dienender Sperber», von i 
lat. musca f. «Fliege», weil die Brust dieser 
Sperber gesprenkelt, gleichsam mit wie Fliegen 
aussehenden Flecken gezeichnet ist. Daß aber 
Namen von zur Jagd gebrauchten Stoß- od. 
Raubvögeln auf Waffen angewandt werden, ; 

Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. II. Bd. 



zeigen auch Falkau7ie, Falkonet, Terzerol(s.(\.). 
Musketier, m. (-5, PI. -e), 1597 bei Gilhusius 
Gramm. 114 Muscetirer, 1617 bei Wallhausen 
Coi-p.mil. 2 Musquetierer, 1741 bei Frisch M., 
dafür 1575 bei Fiscbart Garg. 420 Musceten- 
schüfz, gebildet nach glbd. frz. mousquetaire, 
ital. moscheltiere m. 

muskulös, adj.: muskelig, muskelstark, 
fleischig. Im 18. Jh. aus frz. musadeux, vom 
glbd. lat. AA^.musculösiis, zu \a.i.musculusra. 
«Muskel» (s. d.). 

Mu£,n. : unausweichliche, unerläßliche Not- 
wendigkeit. Die 3. Pers. Sg. des Präs. von 
müssen (s. d.) subst. gesetzt, schon in der 1. H. 
des 16. Jh. auftauchend. 

Muße, f. (ohne PI.): freie, arbeits-, ge- 
schäftslose Zeit, Geschüftslosigkeit. Mbd. 
muoge, md. mn^e, ahd. muoga f. «angemessne 
Gelegenheit, Freiheit, Möglichkeit wozu», dann 
«freie Zeit, Unbeschäftigtheit, Untätigkeit»; 
dazu and. möta, mndl. moete f. Das Subst. 
zu müssen (s.d.). J.5L. müßig, adj.: arbeits-, 
geschäftslos, untätig, frei von Wirksamkeit. 
Mhd. müegec, mä.mü^ec «Muße habend, ledig, 
los, übei'flüssig, unnütz», ahd. muopg, Adv. 
muo^igo. Damit zgs. Müßiggang, m., mhd. 
im 14. Jh. müe^ecganc m.; Müßiggänger, m., 
mhd. müegec-, müssiggenger m., insbes. «wer 
kein Gewerbe od. Handwerk zu treiben braucht 
u. von seinen Renten leben kann, ein Gescbäfts- 
loser». müßigen, v., in sich müßigen eines 
Dinges: sich dessen enthalten. Mhd. wwe^e^en, 
müe^igen tr. «müßig (ledig) machen, erledigen, 
befreien», im 15. Jh. refl, «sich die Zeit wozu 
nehmen», auch «sich eines Dinges enthalten». 

Musselin, m. (-5, PI. -e): Nesseltuch. 1714 
bei Wächtler Mmisselin. Aus glbd. frz. mousse- 
line f., Span, muselina f., ital. mussolino m, 
neben mMSSoZom.,abgel. von vcAai.Mussula, syr. 
M(a)uzol, Mozul, arab. Mauzil, Maussil, dem 
Namen der am Tigris liegenden Stadt Mosul, 
wo dieses Tuch zuerst (aus feiner, durchsich- 
tiger, weißer Baumwolle) verfertigt wTirde. 

müssen, v. (Präs. muß, mußt, PI. müssen, 
müßt, Konj. müsse, Vvät. mußte, Kox\j. müßte, 
Fart. gemußt u.müssen): gezwungen sein, nicht 
anders können. Mhd. müe^en (Präs. muog, 
muß st, PI. müegen, Konj. müege, Prät. muose, 
muoste, Konj. müese, müeste, daher noch im 
17. Jh. Prät.muste, Konj. müste), alaä. muo§an 
(Präs. muo^, muost, PI. muopin, Konj. muo^i, 
Prät. muosa, Konj. muosi) «Raum, Freiheit, 
Möglichkeit, wozu haben, selbstverständlich, in 
der Ordnung sein», dann «wozu un ausweichbar, 

16 



243 



müßigen 



Mut 



244 



durch Notwendigkeit bestimmt werden», (in 
Optativsätzen) «mögen, dürfen»; dazu asächs. 
mötan (Präs. möt, möst, PI. mötun, Koni, möti, 
Prät.inösta, Konj. mösii) «statthaben, können, 
mögen, dürfen», ndl. ynoeten «müssen, sollen», 
afi-s. möta (Präs. möt, Prät. moste) u. ags. 
mötan (Präs.mö^, Prät.wiös^e) «dürfen, können, 
mögen, müssen», engl, most «ich muß», got, 
gamötan (Präs. gamöt, Frät. gamösta) «Raum 
haben». Dazu doch wohl goi.gamötjan, asächs. 
mötian, airs.meta, ags.metan, engl.mee^, anord. 
mößta, schwed. möta, dän. möde «begegnen y, 
anord. möt n. «Begegnung, Zusammenkunft», 
dän. mod u. i mod, welches die urspr. Bed. 
haben dürfte. Weitre Beziehungen sind unklar. 
Ob zu messen (lag. Forsch. 18, 211) zu stellen, 
ist zweifelhaft. Bei Falk-Torp wird arm. mut 
«Eingang», matcim «sich nähern, sich dar- 
bieten» verglichen. Das Part. Prät, zeigt sich 
erst im 16. Jh. (1574 bei Ölinger Gramm, 1-31 
gemüesset, im 17. Jh. geniust); in Verbindung 
mit andern Verben, z. B. er hat sagen müssen 
(schon bei Luther Hiob 31, 31), ist müssen 
Part, in gleicher Form wie bei den übrigen 
Präteritopräsentien. 

müßigen, v.: wozu unausweichlich nö- 
tigen. Nur noch im Kanzleistil. Im 15. Jh. 
müssigen (Tucher Bäumeisterb. 208, 5). Von 
müssen (s. d.). 

Mußteil (öst.), Musteil, m. (-[e]s): die 
der Witwe bei der nach Ablauf von 30 Tagen 
nach ihres Mannes Tode (der Zeit tiefer Trauer) 
eintretenden Teilung mit den Erben zufallende 
Hälfte von dem, was in Haus u. Hof, überhaupt 
in den Gebäuden des Verstorbnen an Speise, 
zu Speise Dienendem (z. B. an gedroschnem 
wie ungedroschnem Getreide usw.), Getränken, 
gemästeten Schweinen, dann an Mohn, Rüb- 
samen u. Hanf vorhanden ist. Nicht dazu 
gehören Gerste (mit Ausnahme der gemalzten), 
Heidekorn, Hafer u. Hopfen. Aus md. müs- 
teüe f. im Sachsenspiegel 1, 24 u. 3, 74, ent- 
sprechend mnd. müsdele f. «Musteilung», zgs. 
aus md.-mnd.wms n. «Mus, Speise» u. md.-mhd, 
teile, ahd. teila f, «Teilung, Zugeteiltes», mnd. 
dele f. «Teilung», welches hier mit seinem 
Schwinden u. Ei-löschen in das üblichre Teil 
m. n. übergeht. 

Muster, n. (-s, PI. wie Sg.): Zeige-, Probe- 
stück; Vorbild; Bild, Zeichnung in Zeug, Band 
usw. gewebt, darauf gedruckt. Im 15. Jh. bei 
Nicl. V. Wyle 79, 29 mustre f. «Probe», 1494 
bei Brant Narr. 48, 29 muster n. «äußres Aus- 
sehen, Gestalt», 1396 in den Städtechron.4,108, 



Anm. 2 munster n. «Münzstempel», um 1440 
ebenda 350, 6 monster, munster «Musterung, 
Heerschau»; dazu nd.WMn.9fer n., ndl. monster 
n. «Muster». Aus ital. mostra f. «das Zeigen, 
die Probe, Probestück, Vorbild, Mustrung des 
Heeres», von vixl^i.monstra f. «das Sehenlassen, 
Zeigen, Probe, Muster, prüfende Heerbesich- 
tigung,beweisende Urkunde», zu iBX.monsträre 
«zeigen», imMlat. auch «Soldaten prüfend be- 
sichtigen». ABL. musterhaft, adj., bei 
Adelung 1798. mustern, V.: streng prüfend 
besichtigen (zunächst im Heer); mit einem 
Muster versehen (Zeug, Band usw.). In der 

1. Bed. 1449 in den Städtechron. 2, 251, 18 f. 
mustern, mustren; dazu nd. munstern, ndl. 
monsteren, 1477 clev. monstren, gebildet nach 
glbd. ital. mostrare, von lat. monstrare) ; in der 

2. Bed. bei Goethe 49, 1, 206. Davon Muste- 
rung, f., 1499 in den Städtechr. 11, 611, 13 
m^istrung f. «Heeresprüfung». ZUS. Muster- 
bild, n., bei Goethe 27, 76. Musterkarte, f., 

1777 bei Adelung, Musterreiter, m.: Hand- 
lungsreisender, um 1820. Musterrolle, f., 

Stammrollen der Soldaten. Beleg von 1618 im 
AfdA.4,176. Musterschutz, m.: gesetzlicher 
Schutz eines Waren- od. Formenmusters. 1876. 
Mut, f. (-[e]s, ohne PI.): starke Seelen- 
bewegung wozu, insbesondre die wagende; 
(überhaupt) Seelenstimmung. Mhd.-ahd. muot 
m. (md. müt^ «Seelenstimmung, worauf ge- 
richteter Sinn», d. i. «Verlangen, Begehren, 
Sinn, Seele, Geist, Gesinnung», dann (erst 
im 13. Jh.) «wagende Kampflust, wagende 
starke Seelenstimmung, Entschlossenheit, trot- 
ziger Eigenwille»; dazu asächs. möd, muod m. 
«Gemüt, Inneres, Herz, kühner Mut», mnd. 
möt, müt m. (selten f.), ndl. moed m., ags. 
möd n. «Geist, Gemüt, Gesinnung, Tatkraft, 
Eifer», engl, mood «Stimmung, Laune», anord, 
möär m. «heftig bewegter Sinn, Zorn», schwed. 
mod «Gemütsstimmung, Mut», dän. mod «Mut», 
got. möps m. «Unwille, Zorn». Urvei*w. mit 
gr. fjfivic f. «Zorn», |uaiec9ai «begehren», |uai|Liäv 
«heftig verlangen», abg. me in sümeti (Präs. 
sümejq) «wagen». Vgl. noch Btr, 22, 229. 
Die fem. Zss. mit -mut (mhd. -müete, -muot{e), 
md. müt{e), ahd. -muoti, got. -mödei f.), z. B. 
Demut, Lang-, Sanftmut, sind ableitend aus 
Adj. gezogen, die mit dem von Mut abgelei- 
teten ahd. Adj, -muoti, got. möds zgs. wurden, 
von denen dann wieder die Adj. auf -mutig 
(mhd. müetec, -müetic, md. mütic, ahd. -muotic, 
-muotig, z. B. demütig-, frei-, groß-, lang- 
mütig) als Abi. erscheinen. ABL. MÜtchen, 



245 



muten 



Mutter 



246 



n>, 1673 bei Weise Erzn. 176 sein Mütgen 
kühlen, s. Mütlein. mutig, adj., mhd. niuotec, 
muotic, md. mutig, ahd. nur in muotigi f. 
«Gemütsaufregung» nachweisbar; dazu asächs. 
mödag «zornig», ags. madig «aufgeregt, mut- 
voll», anord. möäugr «wild, zornig, finstrer 
Gesinnung», scbwed.-dän. niodig, got. mödags 
«zornig». Mütlein, n., bei Luther 3, 123 '^ 
sein Mütlin killen, mhd. müet(e)lm n. «kleines 
Verlangen», mutlos, adj., 1649 bei Spee 
güld. Tugendbuch 251; Mutlosigkeit, f., 

1777 bei Adelung, mutmaßeil, v.: nach 
dem Sinne bemessen, vermuten (1537 bei 
Dasypodius müfmassen) , 1367 in einer eis. 
Urkunde mütmössen «nach Angemessenheit, 
ungefährem Anschlage bestimmen» (Jacob 
Wencker disquisitio de ussburgeris S. 97 als 
Anhang zu seiner dissertatio de pfalburgeris, 
Straßburg 1698), spätmhd. mutmaßen «ab- 
schätzen», abgel. von dem 1373 aus dem Ober- 
elsaß bezeugten Subst. mütmässe f. «Teilung 
nach Angemessenheit od. ungefährem Über- 
schlage, Absehätzung», zgs. mit mhd. mäge f. 
(s. ^Maß); davon mutmaßlich, adj., 1716 
bei Ludwig, dafür 1537 bei Dasypodius müt- 
massig; Mutmaßung, f.: Vermutung (1537 
bei Dasypodius), 1471 midhnossunge f. «ab- 
teilende Schätzung» (Haltaus 1381). Mut- 
wille, m.: die ungezügelte Lust u. deren 
Befriedigung zum NachteU andrer, die Nei- 
gung andern zu schaden od. sie zu necken 
(1741 bei Frisch), in mildrer Bed. kindlicher 
Übermut, Leichtfertigkeit (bei Adelung, Wie- 
land j, mhd. muotwille m. (Gen. -en, im 14. Jh. 
auch -ens, daneben die starke Form Mutivil 
bei Luther 1, 296^, Gen. -s, Fischart Ehz. 71, 
noch bei Goethe, Wieland, Musäus usw. Muth- 
will m.), ahd. muoticillo m. «Wille nach Seelen- 
stimmung, eigner freier Antrieb wozu», dann 
«böse Willensfreiheit, leichtfertige Bosheit», 
älternhd. «Verlangen nach sinnlicher Lust u, 
Vergnügen», dazu mnd. mötwille m. «freier 
Wille, Belieben», mutwillig, adj., mhd. 
muotwillec, -willic, dessen Bdd. sich nach 
denen des Subst. richten. 

muten, v. : begehren, nachsuchen, z. B. die 
Übertragung eines Lehens (im 16. Jh.), im Berg- 
bau die Anlegung einer Fundgrube (1557 bei 
G. Agricola Bergb.62 muten), im Handwerk das 
Meisterrecht (Frisch 1741). Mhd. muoten, md. 
muten, ahd. muotön u. muoten «verlangen, um 
etw. anhalten». Von Mut. ^5L. Mutuug, f., 
spätmhd. im 15. Jh. muotunge, mütunge f. «Be- 
gehren»; ZUS. Mutgeld, n.: Geldgeschenk an 



die Handwerkskasse beim Meisterwerden, auch 
Mutgroschen, m., 1741 bei Frisch; Mut- 
jahr, n.: das Jahr, in dem ein Handwerker 
das Meisterrecht mutet u. am Meisterstück 
arbeitet. 1783 bei Jacobsson. Mutscheiu, 
m.: Bescheinigung, daß ein Lehen od. eine 
Fundgi-ube geynutet ist. 

mutern, mütern, v.: die Schale wech- 
seln, von Krebsen. Pomm. mutern, brandenb. 
muten (Frisch 1741), dessen andfrk. Form 
mütön (in gemütön «umwandeln, ändern») 
dem ahd. mil^ön, nhd. mausen, mausern (s. d.), 
ndl. muiten «sich mausen» (von Vögeln) ent- 
spricht. Vgl. Mutterkrehs. 

mutieren, v. : die Stimme wechseln. Erst 
im 19. Jh. Aus lat. mutäre «wechseln, ver- 
ändern» umgebildet. 

mutmaßen, s. Mut. 

mutschieren, v.: mit Beibehaltung des 
Gesamteigentums die Nutzungen teilen, auch 
wechselsweise die Regierung desselben. 1691 
bei Stieler. Md. im 14. Jh. mütscharn «-als 
Gesamteigentum durch Übereinkunft teilen», 
von md. mütschar f. «Teilung von Gesamt- 
eigentum durch Übereinkunft», urspr. wohl 
«Teilung od. Auseinandersetzung nach Ver- 
langen», weü Zss. aus md. viüt, mhd. muot m. 
«Verlangen, Begehren» (s.Mut) u. mhd. schar f. 
in dem urspr. Sinne von «Teilung, Abteilung, 
Zuerteilung» (s. ^Schar). ABL. Mutschie- 
rung, f., 1641 bei Schottel 342 Mutschierung, 
Muischarung, md. mütscharunge f. 

Mutt, Mütt, n. (-[e].9, PL -e): größres 
Getreide- u. überhaupt Trockenmaß, auch 
Flüssigkeitsmaß. Bayr. Mutt n. m. f., Schweiz. 
Mütt n. (1556 beiFrisius827*>), eis. Myt (ver- 
altet), hess. Möttn. (1592 Möth), mhd. müt(te), 
mut(te) n.m., ahd. mutti n., mutto m. «Schefi'el»; 
dazu and. muddi n., mnd.-mndl. mudde n., 
nndl. mud{de) f. Aus lat. modium n., modius 
m. «Getreidemaß, Schefi'el». 

^Mutter, f. (PI. Mütter): Gebärerin; Ge- 
bärmutter, daher in übertr. Bed. hohler Körper, 
der ein darein passendes Ding aufzunehmen 
od. zu formen hat (Schrauheii-, Schriftmutter). 
Bei Luther M., mhd. muoter, md. müter, 
müder, möter, möder, ahd. muoter, muatar f. 
(auch früh schon von der Gebärmutter) ; dazu 
asächs. mödar, nd. moder, mör, ndl. moeder 
u. (niedrig) ynoer , afrs. möder, ags. mödor, 
engl.mother, anord. mödir, schwed.-dän. moder, 
got. dafür aipei f. ürverw. mit glbd. lat. 
mäter, gr. nr]Tr\p, dor. höttip, air. mathir, 
abg. mati (Gen. matere), lit. moiina {mote, 

16* 



24- 



Mutter 



Mutz 



248 



Gen. moters «Ehefrau»), apreuß. müti, mothe, 
alb. tnotr9 (Schwester), arm. mair, awest. 
mäta- (Akk. mätardni), aind. niäta (Akk. mä- 
täram). Vgl. Muhme. ABL. Mütterchen, 
n., 1741 bei Frisch Miittrigen, md. Mutterchen. 
Mütterleiu, d., mhd, mUeterlm, muoterlin n. 
mütterlich, adj., mhd. müeterlich, muoter- 
lich, ahd. muoterlih, im Adv. mhd. müeter-, 
muoterliche, md. müterUche{n); Mütterlich- 
keit, f., mhd. muoterlicheit f., 1482 bei Melber 
Q 1* muterlichkeit. mutterlos, adj., mhd. 
muoterlos. muttern, v. refl. : nach der Mutter 
arten, 1603 bei Hayneccius Schulteufel 4, 7 
sich müttern, 1621 bei Spangenberg anmüt. 
Weißheit Lustgarten 281 sich muttern. ZUS. 
mutterallein, adj.: (selbst von der Mutter 
verlassen) ganz allein, im 16. Jh. bei Aventin 
4, 165, 23 mueterallain, bei Th. Platter 107 B. 
mütters alein, dafür mhd. muoter eine «von 
der Mutter entfernt allein». Mutterhe- 
SCh werde, f. (Pl.-n): ein vermeintlich aus der 
Gebärmutter herrührender Schmerz, mutter- 
halh, adv,: von mütterlicher Seite, mhd. 
muoterhalp (s. ^halb). Mutterkind, n.: 
Menschenkind, mhd. muoterkint n.; Lieblings- 
kind, 1649 bei Spee Trutznachtigal; Schoßkind, 
verzärteltes Kind, 1652 bei Rist Parnaß 206. 
Mutterkirche, f.: Stamm-, Hauptkirche 
eines Kirchspiels, md. 1378 müterkirche f. 
Mutterkorn, n.: zapfenartig lang ausge- 
wachsner veilchenblauer od. schwarzer Korn- 
kern (Roggenkern), eine Pilzbildung, 1721 bei 
Jablonski, so genannt, weil solches Korn, jedes- 
mal 3 Kerne eingenommen, von den Weibern 
für ein bewährtes Mittel gegen Mutterbe- 
schwerden gehalten wurde. Mutterkraut, 
n., 1485 bei Diefenh. gl. dbl^ muterkrut, urspr. 
die Pflanze matricaria u. dann auf andre Pflan- 
zen übei'tr.; das Ki-aut hat seinen Namen, weil 
es gesotten od. in seinem Safte die monat- 
liche Reinigung der Frauen befördert, also 
die Gebärmutter reinigt. Mutterkuchen, 
m.: die Nachgeburt, 1741 bei Frisch. Mutter- 
land, n.: Geburtsland (bei Wieland, Herder, 
Kant) ; Stammland, im Gegensatz zu den Kolo- 
nien. Mutterleib, m., mhd. muoterlip m. 

Mutterliehe, f., 1691 bei Stieler. Mutter- 
mal, n.: Mal von der Mutter her, mit dem 
man geboren ist, 1557 bei Wickram Goldfaden 
A4'». Muttermilch, f., 1641 bei Lehmann 
Florilegium 1, 198. muttemackt, adj.: so 
nackt wie aus Mutterleibe gekommen, mhd. 
muoter nacke(n)t; dazu mndl. moedernact, ver- 
stärkt mutterfadennackt (Herder Fragm. 2, 228). 



Mutterpferd, n.: Stute, 1664 bei Duez. 
Mutterschaf, n., 1691 bei Stieler, Mutter- 
schäßein 1652 bei Rist Parnaß 399. Mutter- 
SChwein, n.: Sau, mhd. muoterswm n. 
mutterseelenallein, adj.: (von jed. Mutter- 
seele, jedem Menschen verlassen) völlig allein, 
ein stärkrer Ausdmck als mutterallein, 1777 
bei Adelung, mutterseelallein bei Weiße kom. 
Opern 3, 175. mutterscligallein, adj., ver- 
stärkender Ausdruck für mutterallein, indem 
das eingetretne selig auf das Verwaistsein 
durch den Tod der Mutter deutet, also urspr. 
gleichsam «ganz allein u. verlassen selbst durch 
die verstorbne Mutter verwaist» (s. selig), 
1727 bei Aler. Muttersöhnchen, n.: von 
der Mutter verzogner Sohn, 1711 bei Rädlein 
Muttersöhngen, 1572 bei Fischart Pract. 12 
Mütersönlein,aheY mnd.modersone m. «Mutter- 
sohn, unehelicher Sohn». Muttersprache, 
f.: die gleichsam von der Mutter angeborne 
Sprache, bei Luther 3, 58^; dazu nd. 1424 
modersprake (Korrespondenzbl. f. nd. Sprachf. 
1887, 56). Mutterwitz, m.: der von der 
Mutter angeborne Witz, 1679 bei Lohenstein 
Lobrede auf Hofmannswaldau 131**, Günther 
Ged. 519 u. 783. 

2 Mutter, f. (PI. Mütter): dicker Boden- 
satz von Wein od. Essig, Hefe, 1618 bei 
Schönsleder 06*'; dazu nd. moder, ndl. 1598 
moeder, modder, nndl. moer f. Eins mit Moder 
(s. d.), mnd. modder «Schlamm», aber umge- 
deutet auf Mutter als Grundstock des gärenden 
Getränkes. 

Mutterkrebs, m. : Krebs mit Eiern unter 
dem Schwänze (1809 bei Campe); schalenloser 
Krebs, d. h. Krebs zur Zeit des Schalen- 
wechsels (im Mai, Juni), 1741 bei Frisch 
Mütterkrebse u. Müter m. «Krebs der in der 
Mutliegi», nd. Muter ^nsich muternder Krebs», 
von mutern (s. d.), weiter urageb. Butterkrehs. 

^Muttich, Muttig, m. {-[e]s, PI. -e): 
fauliger, schleimiger Grund in Wasser, Moor- 
erde; Modergeruch. Nur mundartl. in Mittel- 
deutschi., 1540 bei Alberus dict. A A 2 "^ mutich, 
Zz 2^ mutch, schleimicht erden im see. Abgel. 
von md. (13. u. 14. Jh.) mot n. «Schlamm, 
schwarze Torferde, Moor», woher Moder (s.d.), 

-Muttich, Muttig, m. (-[e]s, PI. -e): ge- 
heimer Vorrat, heimlicher Geldschatz. Noch 
obd., hess., westerwäld. 1483 mudeke; dazu 
mndl. muydick (s. ^Mauke). 

Mutwille, s. Mut. 

Mutz, m. (-[e]s, PI. -e): am Schwänze 
völlig gestutztes od. überhaupt ein gestutzt 



249 



Mütze 



mysteriös 



250 



aussehendes Tier; als Schelte kleiner (ge- 
stutzter) Mensch, dummer Mensch. Im 16. Jh. 
vom gestutzten Roß bei Paracelsus Chirurg. 
Schriften 309 C u. Fischart Garg. 206. Von 
"^mutzen (s. d. u. Mutzen). 

Mütze, f. (PI. -n): eine Art bequemer 
Kopfbedeckung, bes. beim männl. Geschlecht 
(aber Schweiz. Mutz m. «weibliche Kopfbe- 
deckung»). Spätmhd. im 15. Jh. mutze, mut- 
z{en), mytze, musae, niocze, mötcze (Diefenb. 
gl. 25^. 364*' u. nov. gl. 254*»), im mrhein. 
Voc. ex quo 1469 u. clev. 1477 mutsche f., im 

13. Jh. unverkürzt almutz n., im 14. Jh. ar(e)- 
muz n.; dazu m.nd. fnalmuse, nialmutze, mndl. 
almutse f. «Chorkappe», mnd. mutze, müsse f. 
«Chorkapuze der Ordensgeistl.», dann «Haube 
als Frauentracht». Am Niederrhein u. in Nord- 
u. Mitteldtschld. aufgekommen aus mlat. al- 
mutia,armutiai., almucium,almutium n. «Chor- 
kappe (mit einer Kapuze versehnes mantel- 
artiges Staatskleid des Ordensgeistl.), bis auf 
die Schultern herabfallende Kopfbedeckung 
des Geistlichen, Chorhut »,. welche Kopftracht 
die Laien frühe nachahmten. Das mlat. Wort 
stammt wohl von arab. al-mustakah «woiter 
Rock». Vgl. Justi ZtdA. 45, 420. 

Mutzen, m. (-s, PI. wie Sg.): mit Ärmeln 
versehnes kurzes, d. h. bis auf od. über die 
Hüften reichendes Oberkleid, vorzugsweise 
bei dem weibl. Geschlecht auf dem Lande. In 
Franken u. Schwaben Mutzten) m., tiro\. Mutze, 
Mutza f., henneberg. u. wetterau. Motze m. 
Alternhd. war Mutz{e) m. «ein kurzer Ärmel- 
rock, Reitrock der Männer» (1594 bei Frischlin 
Nomencl. Cap. 140 Mutz, 1585 schwäb. Mutzen 
m. bei Birlinger 431^, noch 1711 bei Rädlein 
Mutze f.). Vgl. anord.mofr m. «Kopfbedeckung 
der Frauen aus weißem Linnen». Desselben 
Ursprungs wie Mütze; vgl. ZfdA. 45, 420. 

^mutzen, v.: beschneiden, abschneiden, 
kürzen, stutzen. 1538 bei Herr Columella84^ 
m. (vom Stutzen des Hundeschwanzes), im 

14. Jh. gemützert «geschlitzt, mit Einschnitten 
versehen» (von MänneiTÖcken), mnd. mutzen 
«abschneiden, stutzen». Jetzt nur noch in 
vermutzen. In abgel.Bed. «putzen, schmücken», 
ältei-nhd. u. mhd. mutzen, mutzen, mnd. mutzen, 
s. aufmutzen. Vielleicht aus dem Rom. entl., 
ital. mozzo «verstümmelt, stumpf», mozzare u. 
smozzare «verstümmeln», frz. morisse «stumpf», 
die auf lat. muticus (neben mutüus) «gestutzt, 
verstümmelt» zurückgehen sollen. Viell. aber 
umgekehrt die romanischen Wörter aus dem 
Germanischen. 



"mutzen, v.: unfreundlich, verdrießlich 
sein in halblauten vereinzelten Tönen mit 
müiTischem Stillschweigen, brummen, 1669 
im Simpl. 477, noch beim j. Goethe 3, 12. 
Aus muclizen, muckzen (s. mucksen), wie Blitz 
aus mhd. hlicze, schmatzen aus schmackezen. 
Schweiz. Mutz m. «vereinzelter kaum od. doch 
nur leise hörbarer Laut des Unwillens», neben 
Mucks m. (s. d.). ABL. mutzig, adj. 

Myriade, f. (PI. -n)-. ein Zehntausend; Un- 
zahl. Bei Klopstock Mess. 1, 8. Aus gr. laupmc 
(Gen. -boc) f., von iiiupioc «sehr viel, unzählig». 

Myrrhe, f. (PI. -n): eine Art gewürzhaften 
Harzes aus Arabien. Bei Luther Myrrhe, mhd. 
mirre f., im 14. Jh. auch mirr{e) m., ahd, 
myrra, mirra, murra f.; dazu asächs. myrra, 
ags. myrre, myrra f. Aus gr.-lat. myrrha, 
murr[h)a, gr. }j.v()^a f. «arabische Balsamstaude 
u. würzhaftes Harz derselben», von arab. murr 
«bitter» u. dann (wegen des bitterl. Geschmacks) 
«Myrrhe», zu arab. marra «bitter sein». 

Myrte, f. (PI. -n): der südeuropäische 
urspr. orientalische Baum myrtus. Im 15. Jh 
mirden f., dafür mhd. mirtelboum, im 11. Jh, 
mirtilboum u. mirtelstüde f., mirtel «Myrtel 
beere», ahd. mirtalahi u. mirtilboumahi n 
«Myrtengesträuch», engl. w?/rf?e «Myrte». Aus 
gr.-lat. myrtus, gr. (uupToc f., von pers. mürd 
«Myrtenbaum». ZJJS. Myrtenkranz, m.: 
Brautkranz der Jungfrau, bei Günther 622; 
im J. 1583 soll eine Tochter Jakob Fuggers 
zum erstenmal in Deutschland Myrte getragen 
haben, bis dahin war Rosmarin der bräutl. 
Schmuck; das Sinnbild der Jungfräulichkeit 
liegt von altersher im Kranze. 

mysteriös, adj.: geheimnisvoll, rätselhaft. 
Aus glbd. frz. mysterieux, von gr.-lat. myste- 
Hmw, s.d.folg. 1791 bei Roth. Mysterium, n, 

{-s, PI. -rien): Geheimnis; Geheimlehre; Ge- 
heimdienst. Im 17. Jh. aus gr.-lat. mysterium, 
gr. luucTripiov n., abgel. von gr. laücxric m. 
«der Eingeweihte», i^iueeiv «in religiöse Ge- 
heimlehren einweihen», zu gr. nOeiv «sich 
schließen, verschließen», mystifizieren, v.: 
hinter das Licht führen, d. h. durch Benutzung 
d. Leichtgläubigkeit zum besten haben, foppen, 
im 18. Jh. aus glbd. frz. mystifier, nlat. mysti- 
ficare. Mystik, f.: Geheimlehrre, die aus 
innrer Auschauuncr u. Versenkung ins Gemüt 
erwachsende geheimnisvolle religiöse Weisheit, 
im 16. Jh. bei Fischart 1, 147 Kz. theologia 
mystica (Gegensatz scholastica). Mystiker, 
m. (-S, PI. wie Sg.): Geheim wisser, Anhänger 
der Mystik, aus lat. mysticus. mystisch, adj.: 



251 



Mythe 



Nachachtung 



252 



geheimnisvoll, durch geheimen Sinn dunkel, 
1706 bei Ludwig engl.-teutsch. Lex. 457^, nach 
lat. tmjsticus. Mystizismus, m.: Geheimnis- 
glaube, Hang zu u, Erfülltsein von Wunder- 
glauben u. Geheimnissen, aus glbd. frz. my- 
sticisme m., von gr.-lat. mysticus, gr. laucxiKÖc 
«geheim, geheimnisvoll». 

Mythe, f. (PI. -n): erdichtete Erzählung 
aus dunkler Zeit, Götter-, Heldensage. Aus 
gr.-lat. mythus m. «Sage, Göttersage», gr. 
iu09oc m. «mündlicher Vortrag, das Erzählen, 



Erzählung, erdichtete Erzählung aus alter 
dunkler Zeit», mythisch, adj.: sagenhaft, 
sagengemäß, fabelhaft, aus glbd. gr.-lat. my- 
thicus, gr. .uuGiKÖc. Mythologie, f.: Sagen- 
geschichte, Sagenkunde, Götterlehre (Erzäh- 
lung von Götterfabeln), aus grAai.mythologica, 
gr. luuöoXoYia f. «Sagengeschichte», von laOGoc 
u. einer Abi. von Xdyeiv «erzählen». 1791 bei 
Roth, mythologisch, adj.: der Göttersage 
u. Götterlehre angehörig, nach gr.-lat. mytho- 
logicus, gr. inueoXoYiKÖc. 



N 



na, mit leisem Zweifel fragende od. auch 
als Zuruf eintreffender Erwartung gebrauchte 
Partikel. In der 2. Anwendung 1575 im 
Garg. 402. In ihr scheint sich die von Notker 
am Schlüsse u. in der Mitte verneinender 
Fragesätze gebrauchte ahd. Fragpartikel na 
erhalten zu haben, die mit der einfachen ahd. 
Verneinungspartikel ni (s. nicht) eng verw. 
u. von der Verneinung (als solche bieten na 
die Fragmenta theotisca Matth. 13, 17) in die 
Andeutung der zweifelnden Frage überge- 
gangen ist. Über weitre Formen des Pro- 
nominalstamms ne- vgl. Walde unter etiini. 

Nahe, f. (PI. -n): die hohle um die Achse 
laufende Walze im Rade. Mhd. nahe, ahd.- 
and. naba f.; dazu mnd. nave m. f., ndl. naaf, 
naae, aaf, ave, ags. nafu f., engl, nave, anord. 
nöf (Gen. nafar) f., schwed. naf, dän. nav. 
ürverw. mit apreuß. yiabis «Nabe, Nabel», 
lett. waba «Nabel, am Pfluge das Querholz der 
Femern», aind. näbM- f. u. näbhja- n. «Nabe», 
pers. wä/"« Nabel», lat. umho m. «Schildbuckel», 
umbillcus m. «Nabel», gr. ö|uq)a\öc m. «Nabel, 
Schildbuckel». S. Nabel. 

Nahel, m. (-s, PI. Nabel): die narben- 
artige rundliche Vertiefung mitten auf dem 
Bauche. Mhd. nabel u. schwach nabele (PI. -n), 
ahd. nabalo, nabulo, nahüo m. ; dazu mnd. navel, 
naffel, ndl. navel, afrs. navla, ags. nafela m., 
engl, navel, anord. nafli m., schwed. nafle, 
dän. 7iavle. Von Nabe (s. d.), wie Achsel von 
Achse. Urverw. mit glbd. air. imbliu u. imlec, 
aind. näbhüas, gr. öf-iqpaXöc m., lat. umbillcus 
m. Dazu auch aw. nabä-nazdista- «der nächst 
verwandte» u.wä/a- m. «Nabel». 4BL. nabeln, 
V., bei Bürger u. Voß genabelte Schilde. ZUS. 
Nahelbruch, m., 1588 bei Tabernämontanus 
72. Nabelschnur, f., 1716 bei Ludwig. 



Naber, Näher, m. (-s, PI. wie Sg.): der 
Bohrer. 1440 bei Diefenb. gl. 579* näpper, 
um 1500 nebler, näper ebd. 578°, aus mhd. 
nabeger, nebeger, offenbar mit Anlehnung an 
Nagel umgebildet nageber, negeber, nagber, 
1455 neilebar, u. zugleich a\ii Bohr umgedeutet 
negebor, negbor (Diefenb. nov. gl. 362% vgl. 
nhd. Nagelbohr), ahd. naba-, nabu-, nabiger, 
vei'setzt nagaber m. «Bohrer», urspr. «Spieß 
(ahd. ger), spitzes Eisen zum Bohren der Nabe» 
(s. d.). Dazu and. navuger, mnd. neveger, never, 
mndl. evegher, eggher, ndl. avegaar, ags. nafo-, 
nabogär, mengl. nauger, engl, auger, anord. 
nafarr, schwed. nafvare, dän. »lauer «Bohrer». 
Aus dem Germ. entl. ital. naverare, frz. navrer, 
prov. nafrar «durchbohren, verwunden». 

Nabob, m. (-S, PI. -6f): pi-achtliebender 
reicher Mann. 1770 bei Wieland 31, 63 Gr. 
Nabob, (1710 bei Nehring Nabab (nach frz. 
nabab). Aus engl, nabob «Beamter, der sich 
in Ostindien große Reichtümer erworben hat», 
eig. Befehlshaber im Reiche des Großmoguls, 
von hindostan. nawwab = arab. nuwwäb, PI. 
von wäi& «Stellverti'eter, Statthalter», zxxnäba 
«jemandes Stelle vertreten». 

nach, Adv. u. Präp. m. Dat.: urspr. «in 
die Nähe od. in der Nähe zu, in der Richtung 
zu»; dann «in der Nähe u. zwar im besondern 
im Rücken von, nah auf den Vorgang von»; 
endlich «nah od. durch Nähe od. auch durch 
Folge in derselben Richtung, in möglichst 
angestrebter Übereinstimmung mit». Mhd. 
nach, ahd. näh; dazu got. nelv mit Akk. u. neJva 
mit Dat. «nah, dicht bei, dicht an». Zugrunde 
liegt das Adj. nahe (s. d.). 

Nachachtung, f. (PI. -en): Befolgung, 
fast nur im Kanzleistil in der Verbindung 
zur N. 1741 bei Frisch. 



253 



nachäffen 



Nachdruck 



254 



nachäffen, v.: wie ein Affe nachahmen. 
Im 16. Jh. bei Fischart Barf. 3167, nachäffen 
in Luthers Tischr. 268^. 

nachahmen, v.: nach Maßgabe ähnlich 
sich ausdrücken od. darstellend wiedergeben. 
Bei Luther 4, 121 ^ nachomen, 4, 264^ nacli- 
ömen, 1562 bei Mathesius Sar. 80* nachamen, 
1626 bei Zincgref Apophth. 1, 447 nachahmen. 
Eior, «nach visieren, nachmessen», von mhd. 
amen, cemeti «ein Faß durchmessen», dann 
bildl. überhaupt «ermessen» (noch bayr. ahmen 
«mit dem Visierstabe den körperlichen Raum 
eines Fasses untersuchen, visieren»), 1540 bei 
Alber US dict. Eel^ ich om «ich unternehme 
andrer Handlung u. Sitten auszudrücken»; zu 
mhd. äme, öme f. m. n. «Maß, Ohm» (s. d.). 
Älternhd. mit Dat. der Pers. od. der Sache, 
in Luthers Tischr. 67^ auch mit Akk. der 
Sache, bei Goethe mit Dat. der Pers. u. Akk. 
des nachgebildeten Gegenstands, seit dem 
18. Jh. ist auch der Akk. der Pers. üblich 
geworden. Vgl. 1769 Herder krit.Wälderl, 120 
Einen nachahmen, heißt, ivie ich glaube, den 
Gegenstand, das Werk des andern nachahmen; 
einem vachahmen aber, die Art und Weise 
von dem andern entlehnen, diesen oder einen 
ähnlichen Gegenstand zu behandeln. ABL. 
Nachahmer, m., 1739 bei Liscov 97. Nach- 
ahmung, f., bei Schottel Nachahmung (1629). 

nacharten, v.: leibliche od. Seeleneigen- 
tümlichkeiten sich aneignen von jem., 1592 
bei Emmelius Bl'', mhd. arten nach einem. 

nachäugeln, v.: zärtlich blickend nach- 
sehen (Hölty 60, 42 H.); im Äugeln nachahmen. 

Nachbar, m. (-« u, -s, PI, -n): der nah 
Wohnende; der zunächst od. nah, überhaupt 
angrenzend seinen Platz, seine Stelle, seinen 
Raum hat (Tisch-, Kirchen-, Feld-, Garten-, 
Grenznachbar usw.) ; berechtigt. Ortsanwohner 
(Ortsnachbar). Bei Luther Nachbar, wie schon 
im 15. Jh. bei Diefenb. gl. 618% daneben im 
15. bis ins 18. Jh. (Aler 1727) Nachbaur u. mit 
eingeschobnem t im 15.-^17. Jh. Nachtbaiir, 
-bar, mhd. im 14. Jh. nächbüre m., sonst meist 
mhd. schwach nächgebüre u. stark nächgebür 
(auch entstellt im 13. u. 14. Jh. nahtgepaur), 
md, näkebür, ahd, nähgabür u. nähgibüro m.; 
dazu and. näbUr, mnd. naber, neber, neiber, 
mndrhein. naber, naper, ndl. nabuur, ags. 
neah-, nehgebür, nehhebür, engl, neighbour, 
anord. näbüi m. «Nachbar», schwed.-dän. 7iabo. 
Zsg, aus mhd, nach, ahd. näh «nahe» u. '^Bauer 
(s.d.), eig. «der naheMitbewohner»; aber schon 
bloßes mhd. gebür{e), (nhd. Gebcmer), ahd. 



gibur{o) (urspr. «Mitbewohner») drücken den 
Begriff «Nachbar» aus. ABL. Nachbarin, f., 
rad. 1343 näkepürinne f. nachbarlich, adj., 
1578 im Titel von Fischarts glückh. Schiff 
nachparlich, 1525 bei Baumann Quellen 2, 103 
nachpurlich, als Adv. 1495 in der Köln. Gemma 
naebuerlich, 1508 in der Straßburg. Gemma 
nachburlichen. Nachbarschaft, f., spätmhd. 
nächbür Schaft, nachtperschaft f. «Gesamtheit 
der Nachbarn». 

nachbeten, v.: ein Gel)et nachsprechen 
(1741 bei Frisch); etw. ohne eigne Prüfung 
nachsprechen, bei Adelung 1777, Lessing 8, 186. 

Nachbier, n. (-s, PI. -e): Bier, welches 
durch das erste Aufschütten von Wasser auf 
ausgebrautes Malz gewonnen wird, deshalb 
auch Treberbier, Afterbier (1722 bei Beier 
Lex. 225^), Dünnbier genannt. 1582 im Garg. 
85 Nachbier, Dünnbier. Vgl. Kofent. 

Nachbild, n.: nach einem Vorbilde ge- 
machtes (1691 bei Stieler); Nachwirkung einer 
Licht- od.Farbenerscheinung im Auge (Goethe 
Nat. S. 5, 1, 338). nachbilden, v.: nach einem 
Vorbild od. Muster bilden, b. Luther Jes.40, 18. 

nachdem, adv.: nach dieser Zeit; konj.: 
nach der Zeit daß; nach Maßgabe daß, nach 
dem Verhältnisse daß. Im 15. u, 16. Jh. noch 
getrennt nach dem, als Adv. im Boccaccio 238, 7, 
als Konj. temporal bei Keisersberg Granatapfel 
Eb, modal 1482 im Voc. theut. x 1^. Statt des 
Dat. steht in der altern Sprache der Instru- 
mentalis, mhd. nach diu «in bezug darauf», 
ahd. näh diu «danach, wonach, demnach». 

nachdenken, v. mit Dat. (Fastnachtsp. 
des 15. Jh. 233, 3) od. der Präp. über mit Akk., 
dafür vereinzelt mhd. denken nach mit Dat. 
«mit Gedanken nachfolgen, zurückdenken an». 
J.Bi^.nachdenklich,adj.: nachsinnend (1716 
bei Ludwig); mit Nachdenken verbunden (1677 
bei Butschky Pathmos 930) ; zum Nachdenken 
anreizend, tiefsinnig (1654 bei Logau 1, 4, 76); 
bedenklich (1664 bei Duez). 

-^Nachdruck, m. (-[e]5, PI. -drücke): noch- 
maliger, wiederholter Druck (z. B. beim Wein- 
pressen, auch der Nachdruckwein, 1537 bei 
Dasypodius A'ac/ifrMt'Ä;); dann abstrakt «wieder- 
holter fördernder Druck, erhöhte Kraft» (1510 
bei Janssen Frankf. Reichscorr. 2, 809 nach- 
truckh); Nachschub, Reserve im Kriege (bei 
Luther 4, 405*^); (mit dem PI. -drucke) un- 
berechtigter Abdruck eines Gebildes u. dgl., 
unrechtmäßiger Abdruck einer gedruckten 
Schrift (1663'^bei Schuppius627), ABL. nach- 
drücklich, adj.: mit erhöhter Kraft, 1654 



255 



Nachdruck 



nachhängen 



256 



bei Logau 3, 1, 39, dafür bei Opitz Argenis | 
2, 111 nachdruckend. 'j 

-Nachdruck, m. (-es): das Wiederkäuen | 
(vom Rotwild). Weidmännisch, 1763 beiHeppe | 
Nachtruck. Umgebildet aus Nachrück, Nach- 
nick, wie Indruck aus Itrück m. «das Wieder- 
käuen», von ahd. itaruchan «wiederkäuen», ' 
das mit lat. ructäre «rülpsen» verw. ist. 

^nachdrucken, v.: eine gedruckte Schrift 
unrechtmäßig abdrucken, 1518 bei Aventin 1, 
47, 11. ABL. Nachdrucker, m., 1616 Henisch. 

^nachdrucken, nachdrücken, v.: wie- 
derkäuen (vom Rotwild). Weidmännisch 1763 
bei Heppe nachtrucken. Umgebildet aus nach- 
rücken, s. ^Nachdruck. 

nachdrücken, v.: nochmals, wiederholt 
drücken, besonders fördernd, nachhaltig, bei 
Luther nachdrucken u. nachdrücken, in der 
Bed. «nachdrängen» 1517 im Teuerdank 91, 36 
nach drucken u. 82, 41 nach trucken. 

nacheifern, v., bei Luther Rom. 11, 11 
nach eivern. 

nacheinander, adv., 1482 im Voc. th. x 2^. 

Nachen, m. (s, PI. wie Sg.): mulden- 
artiges Wasserfahrzeug, Kahn. Mhd. nache, 
ahd. yiacho m.; dazu asächs. naco m., ndl. aak f. 
(auch 1495 in der Kölner Gemma J 1 "■ aych, 
wettei'au. Ache m.), ags. naca m., anord. nökkvi 
m. «Boot». Gew. zu lat. nävis f., gr. vaOc f., 
aind. näus f. «Schiff» gestellt, mit Übergang 
von w in k wie in queck = lat. vlvus. Es 
kann aber auch aind. nägas m. «Baum» genau 
entsprechen. Vgl. Liden Stud. 34 u. Btr. 26, 
304. Vgl. Naue. 

nacher, Präp. mit Dat.: nach (in Bezeich- 
nung der Richtung auf einen benannten Ort). 
Im 16. Jh. als Adv., gekürzt aus nachher, u. 
dann als Präp., so noch bei Schiller Piccol, 5, 2. 

Nacherhe, m.: ein nach Abgang des Haupt- 
erben eingesetzter Erbe, Substitut eines Erben 
(im bürgerl. Gesetzbuch). Md. (im 14. Jh.) 
nacherhe, mnd. näerve. 

Nachernte, f.: Nachlese nach der Haupt- 
enite, bei Luther Jes. 17, 6. 

Nachfahr, m. (-en, PI. -en), Gegensatz 
von Vorfahr (s.d.) «Nachkomme, Nachfolger». 
Bei Goethe; mhd. nächvar m. 

Nachfahrer, m. (s, PI. wie Sg.): wie 
Nachfahr. Bei Goethe u. J. Paul, 1482 im 
Voc. theut. x2* nachfarer. 

Nachfolger, m. (s, PI. wie Sg.): auf 
einen andern folgender, bes. der Zeit nach od. 
nach Vorbild. Mhd. nächvolgcere, -volger m. 
(im 15. Jh. auch «Anhänger, Mitbeteiligter, 



Verfolger»), ahd. nähvolgäri m. Im Mhd. auch 
nächvolgcerinne f., nächvolge f. u. nächvolgen, 
ahd. näh folgen. 

Nachfrage, f.: Frage wonach, im 15. Jh. 
nach frag f. (Weist. 1, 217). nachfragen, v. 
mit Dat., im 15. Jh. nachfragen (Weist. 1, 146). 

nachgeben, v.: zulassen, einräumen (Fast- 
nachtsp. des 15. Jh. 542, 4); intr. sich fügen 
(bei Opitz); geringer sein (1557 bei Waldis 
Esopus4,2,84); locker sein (Goethe 46, 213). 

nachgeboren, part. : nach dem Tode des 
Vaters geboren, mhd. nächgehorn (Voc. opt.). 

Nachgeburt, f. (PI. -en): die nach der 
Geburt von der Mutter abgehende häutige 
schwammige Masse. 1581 bei Ryff Hebammen- 
buch 59, früher Nachhurt f. (1541 bei Frisius 
785 '') u. 1470 dy andere gehurt (Diefenb. gl. 
523°,nov.gl.333''), dem \a.t. secundaeV\.gemÄ&. 

nachgehen, v.: hinterhergehen, folgen 
(mhd. nach gän); (in übertragner Bed.) nach- 
kommen, befolgen (im 15. Jh. nachgeen); sich 
hingeben, etw, betreiben (bei Luther Spr. Sal. 
12, 11). nachgeh ends, adv.: nach der Zeit, 
nachher, 1539 bei Boltz Terenz28^, nachgends 
Zimm. Chr.^ 3, 96, 2. 

nachgerade, adv.: nach u. nach, allmäh- 
lich. 1716 bei Ludwig. Aus dem glbd, nd. 
nä gerade (1652 b. Lauremberg thom Leser 16), 
nägrade, eig. «nahezu schnell, nicht ganz schnell, 
allmählich», zum Adv. mnd. gerade «sofort, 
schnell». Mißverständlich im Brem. Wbch. 
von Grad m. «Stufe» abgeleitet (nä grade 
«stufenweise»), daher ndl. na geraaden, naar 
geraaden u. 1776 bei Wagner Kinderra. 37 nach 
öradew, ähnlich nach Gerade Felsenburg 4, 307. 

nachgiebig, adj., 1777 bei Adelung, von 
nachgehen (s. d.). ABL. Nachgiebigkeit, f., 
bei Adelung. [Bei H. Sachs. 

nachgrübeln, v.: grübelnd nachsinnen. 

nachhaltig, adj.: längre Zeit wirksam. 
Bei Campe 1809 als neu u. aus Goethe an- 
geführt. Von dem veralteten Nachhalt, das 
zu nachhalten «längre Zeit wirken» gehört. 

nachhängen, nachhangen, v. (Prät. 
hing nach, Part, nachgehangen): eifrig nach- 
trachtend sich hingeben. Mhd. schwachflekt. 
nach hengen «nacheilen, nachjagen, nach- 
trachten », zunächst aber, wie noch nachhängen 
als weidmännischer Ausdruck «dem Hirsch 
aufsuchend nachspüren, indem man dem Leit- 
hunde das Seil locker hangen läßt», dann 
vom Jagdhunde (1508 bei Keisersberg Pred. 5* 
nachhengen) «eifrig nachspüren»; denn mhd. 
hengen bed. «dem Rosse die Zügel, dem Jagd- 



257 



nachher 



Nachschlüssel 



258 



hunde das Seil hangen lassen». Das starke 
nachhangen hat sich erst später in den Be- 
griff eingedrängt. 

nachher, adv.: nach dieser Zeit. Ge- 
wöhnlich auf der zweiten Silbe betont, aber 
in Verbindung mit dem Gegensatz vorher 
rückt der Hauptton ziir Hervorhebung auf 
das erste Wort der Zss. 1734 bei Steinbach, 
nachher u. nachhero. Vgl. nacher. ABL. 
nachherig, adj., 1777 bei Adelung. 

nachholen, v.: etwas Versäumtes nach- 
träglich einbringen, 1691 bei Stieler. 

Nachhut, f. : Nachtrab eines Heeres, mhd. 
nächhnote f. [nächklanc m. 

Nachklang,m.: nachtönender Klang, mhd. 

Nachkomme, m. (-n, PL -h): der in der 
Zeitfolge später Lebende; der der Abstammung 
nach später Lebende. Mhd. nächkome (auch 
Nachfolger), md. näkome, nnkume m., dafür 
ahd. aphtarquemo, dann afterchomo m. Zsg. 
aus dem Adv. nach (s. d.) u. ahd. -quenio, 
'Chomo, mhd. -kome m. «der Kommende» 
(s. kommen). ABL. Nachkommenschaft, 
f., 1663 bei Schuppius 731. Nachkömmling, 
m,, mhd. nächkomelinc, nächkumelinc, mnd. 
näkomelink, 1290 näkummeling (HöfersUrk.49, 
19), zgs. mit ahd. -quemalinc «der Kommende», 
chumelinc, chomeling m. «Ankömmling». 

Nachlaß, m. {Gen.-sses, F\. -lasse): Hmter- 
lassenschaft (1716 bei Ludwig, mnd. nalät); 
teilweise Erlassung, Nachsicht (1727 bei Aler); 
das Erschlaffen, Aufhören (1634 b. Bürster 61). 
nachlassen, v., spätmhd. nächlägen «ver- 
lassen, aufgeben, vernachlässigen, versäumen». 
nachlässig, adj.: nachlassend, d. h. ohne 
rechte Tätigkeit aus Mangel an Aufmerksam- 
keit u. Sorgfalt, 1460 bei Jansssen Frankf. 
Reichscorr. 2, 147 nachlessig, mnd. nalatich; 
dazu Nachlässigkeit, f., bei H. Sachs 1, 472, 
16 Nachlessigkeit, dafür spätmhd. im 15. Jh. 
nächUege f. [Krämer. 

Nachlese, f.: das Nachsammeln, 1678 bei 

nachmachen, v.: nachlDilden, nachahmen, 
1541 bei Frisius 428 ^ 

nachmals, adv.: in spätrer Zeit, im Gegen- 
satze Yon vormals. Md. im 14:. Jh. nächmäl(e)s, 
dafür 1482 im Voc. theut. x l** nachmalen u. 
noch im 18. Jh. nachmalen. Davon nach- 
malig, adj., 1727 bei Aler. 

Nachmittag, m.: die Zeit vom Mittag 
bis zum Abend. 1618 bei Schönsleder, aber 
schon 1575 im Garg. 74 Nachmittag sonn f. 
Aus nach mittag (1540 bei Alberus dict. d 4^). 
Davon nachmittägig, adj., 1541 bei Frisius 
Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. II. Bd. 



677^. nachmittäglich, adj., 1639Comenius 
Sprachenthür Nr. 574. nachmittags, adv., 
1777 bei Adelung, des Nachmittags 1716 bei 
Ludwig, adv. Gen.; dafür früher der Dativ 
nachmittag 1556 bei Frisius 1017*', 1750 bei 
Geliert schwed. Gräfin 4 Nachmittage, aus 
nach Mittage, im 16. Jh. nach mitemtag Zimm. 
Chron."- 4, 280, 3, mhd. nach mittem tage. 

Nachnahme, f. (PI. -n): die Erhebung 
eines Geldbetrags bei einer Postsendung, so 
daß diese nur gegen den darauf lastenden, 
dem Absender zu erstattenden Betrag aus- 
gehändigt wird. 

Nachrede, f. (PI. -n): Nachwort, Schluß- 
wort (1482 im Voc. theut. xl^); das Gerede 
hinter einem, mhd. nächrede f. «nachteiliges 
Gerede, Verleumdung», mnd. närede f. 

Nachricht, f. (PI. -en)-. Mitteilung zum 
Darnachrichten, Anweisung (1608 in den öst. 
Weist. 6, 458, 23) ; dann Mitteilung einer Be- 
gebenheit usw. zur Kenntnisnahme, 1678 bei 
Krämer Nachricht i'., 1664 bei Duez Nachricht 
m. u. Nachrichtung f., mnd. närichtinge f. «Be- 
kundung, Nachricht». ABL. nachrichtlich, 
adj., 1691 bei Stieler, im Kanzleistil. 

Nachrichter, m. {-s, PI. wie Sg.): Scharf- 
richter, Henker, gleichsam der nach dem zum 
Tode verurteilenden Richter das Urteil voll- 
ziehende Richter, lnih^.nächrihterra. «Scharf- 
richter», auch «Gerichtsdiener, Scherge». 

Nachruf, m. {-es, PI. -e): die einem Ge- 
storbnen gewidmeten Worte in Rede oder 
Schrift, 1648 bei Zesen Ibrahim 1, 392. 

Nachruhm, m. (-s) : Ruhm bei der Nach- 
welt, 1641 bei Schottel 502. 

nachsagen, v.: Gehörtes od. Gesehenes 
weiter erzählen; hinterrücks tadelnd vor- 
werfen. Bei Luther. 

Nachsatz, m., grammatisches Gegenteil 
von Vordersatz, 1641 bei Schottel 27. 

nachschlagen, v.: in Geschlechts-, d. h. 
Verwandtschaftseigentümlichkeiten ähnlich 
werden; in einem Buche aufsuchen (1691 bei 
Stieler). In der 1. Bed. im 16. Jh. nach- 
schlagen u. nachschlahen , mhd. im 14. Jh. 
nach slahen, gemäß dem mhd. slän nach, 
ahd. slahen nach; vom Zeitwort slahen ab- 
geleitet ahd. slahta, mhd. slahte f. «Art, Ge- 
schlecht» (s. d.), von diesem Subst. aber weiter 
mnd. slachten «arten» (auch slachten nä), daher 
bei nordd. Schriftstellern seit dem 16. Jh. nach- 
schlachten statt des obd.-hochd. nachschlagen. 

Nachschlüssel, m.: nachgemachter, Diebs- 
schlüsse], 1593 bei Colerus Hausbuch 1, 16. 

17 



259 



Nachschrift 



Nacht 



260 



Nachschrift, f.: das hintennach Geschrie- ! 
bene, Postskriptum u. Kopie, beides 1678 bei 
Krämer, gerichtlich von der Replik u. Triplik 
schon in der Kammergerichtsordnung 1521 
(Reichsordn. 98*). 

Nachschub, m. {-s, PI. -schuhe) : das Nach- 
schieben u. Nachgeschobnes zur Ergänzung od. 
Förderung, 1402 b. Janssen Frkf.Reichsk. 1,699. 

nachsehen, V.: hinter einem her- od. drein- , 
sehen (mhd. nach sehen); etwas geschehen 
lassen, ohne es streng zu beurteilen od. gar 
zu rügen (1595 bei Ayrer Dram. 1, 105, 23); 
untersuchend durchsehen (1678 bei Krämer). 
Der Inf. als Subst. Nachsehen, n. in das I 
Nachsehen haben «den bloßen Nachblick auf' 
etwas Verlornes», 1515 im Eulenspiegel Cap. 19. ' 

nachsetzen, v.: hintennach setzen (15. Jh. ; 
bei Diefenb. gl. 450^); hintan-, zurücksetzen 
(1541 bei Frisius 676^); nachjagen, verfolgen: 
(1631 bei Bürster 15, aber schon mhd. im , 
14. Jh. nächsetzig «nachstellend»). 

Nachsicht, f.: das Hingehenlassen, Scho- 
nung, Geduld, 1711 bei Rädlein; (kaufm. 1678 [ 
b. Krämer) Zahlungsfrist; nachprüfende Unter- i 
suchung (ebd.). ABL. nachsichtig, adj., | 
1798 bei Adelung. . 

nachsinnen, v. : -nachdenken, mhd. nach \ 
sinnen. i 

Nachsommer, m.: Spätsommer, 1691 bei 
Stieler. ' 

Nachspiel, n.: dem Hauptspiel folgendes; 
Schauspiel, 1691 bei Stieler; in übertr. Bed. 
1789 bei Wieland Lucian 6, 58. 

nächst, Sup. des Adj. nah (s.d.); Adv. zur j 
Bezeichnung der größten Nähe öi'tlich od. zeit- 1 
lieh. Bei Fischart Flöhh. 1257 nächst, bei ; 
H. Sachs negst, bei Luther nehest, im 17. Jh. 
meist nechst, mhd. nce(he)st u. näh(e)st, näst, 
md. ne{h)st, ahd. nähist, nähöst. Schon im ! 
Ahd. steht nach dem Adv. der Dat.; als Präp. 
mit dem Dat. erscheint das Wort md. im 13. Jh. i 
bei Ebernant v. Erfurt 2273 nehest, sowie mnd. - 
näst, negest, nest. Nächste, m. (-n, PI. -n) : 
Mitmensch. Im biblischen Sprachgebrauch, j 
bei Luther der Neheste, ahd. nähisto m. «der 
Nächste, bürgerliche Nachbar, Verwandte», 
dafür got. nehundja m. «der «Nächste» (vgl. 
ahd. nähunt Adv. «nah, in der Nähe»). Bei 
Luther Esth. 1, 19 auch Nehest e f. u. in der 
Bed. «Nachbarin» 2. Mos. 11, 2 Nehestin f. 
nächstens, adv.: in der nächstkommenden od. 
doch sehr naher Zeit, 1691 bei Stieler nechstens. 

nachstellen, v.: nachfolgen (mhd. nach 
stän); zurückstehen, nachgesetzt werden (1691 



bei Stieler); auf etw. gerichtet sein, trachten 
(bei Luther Römer 9,31, schon mhd. stän nach). 

nachstellen, v.: nachtrachten, bei Luther, 
mhd. stellen nach, urspr. vom Jäger u. Vogel- 
steller, der Schlingen, Netze u. Fallen stellt, 
so bei H. Sachs 5, 156, 33. 

Nacht, f. (PI. Nächte): die Dunkelheit 
nach Sonnenuntergang, die Zeit von Sonnen- 
imtergang bis gegen Sonnenaufgang; tiefe 
Dunkelheit. Mhd. u. ahd. naht f. (PI. mhd. 
nehte u. naht(e), ahd. naht mit Dat. PI. nahtum 
u. nahtim); dazu asächs. naht, afrs.-ndl. nacht, 
ags. niht, neaht, neht, engl, night, anord. nätt, 
nött, schwed. natt, dän. nat, got. nahts f. 
Verw. mit glbd. lat. nox f. {-ctis), gr, vüS f. 
(Gen. -KTÖc), ir. innocht «diese Nacht», lit. 
naktis f., apreuß. naktin Akk., abg. nosti f., 
alb. natd, aind. naktis f. «Nacht». ABL. nächt, 
adv.: in vergangner Nacht, gestern abends, ge- 
stern, spätmhd. nächt, rad. im 13. Jh. nechte, 
erstarrter Dat. Sg. (mhd. nehte, ahd. nahti); 
in gleicher Bed. nächten, adv., erstarrter 
Dat. PL, mhd. nehten, nähten u. nehtint, md. 
nechten(t). Mit genetiv. s auch nhd. nächtens 
(Rückert 2, 204, Heine 1, 140) im 16. Jh. nächtens. 
nachten, v. : Nacht werden, dunkel werden, 
mhd.nahten, ahd.7iahten (egnahtetiiwirdl^achh). 
nächtig, adj., bei Goethe, um 1500 nechtig, 
nächtig (Diefenb. gl. 382*), mhd. in Zss, nehtec, 
im 12. Jh. nahtig. nächtigen, v.: übernachten, 
1839 bei Immermann Münchh. 1, 142, dafür 
1809 bei Campe nächten (aus der Volksspr.). 
nächtlich, adj., im 16. Jh. nächtlich, 1482 
im Voc. theut. xl^ nachtlich, ahd. nahiUh. 
nachts, adv.: bei Nacht, mhd.-ahd.-asächs. 
nahtes, ags. nihtes, mhd.-spätahd. im 11. Jh. 
auch des nahtes, nhd. des Nachts, dann mhd. 
u. ahd. eines nahtes «in einer Nacht», nhd. eines 
Nachts, adv. stehende Gen. Sg., nach Analogie 
des adv. Gen. Sg. tages gebildet, zumal da im 
8. Jh. tages indi nahtes «bei Tag u. bei Nacht» 
verbunden steht, ebenso ags. dceges and nihtes. 
ZUS. nächtelang, adj.: Nächte hindurch 
dauernd, mhd. nahtlanc, ags. nihtlang Adj. 
«die Nacht hindurch dauernd», anord. Adv. 
nättlangt u. nättlengis «die Nacht hindurch». 
N achtessen, n.: Abendessen, mhd. nahteggen n. 
Nachteule, f., im 15. Jh. nachtule (Diefenb. 
gl. 380*), 1530 bei Peypus nachtäul, bei Luther 
Nachteule. Nachtfalter, m. : Nachtschmetter- 
ling, 1777 bei Adelung. Nachtgeschirr, n., 
1678 bei Krämer. Nachtglcichc, f., 1716 bei 
Wolff math. Lex. 27, dafür mhd. ebennaht f. 
Nachthütte, f.: Hütte zur Bewachung eines 



261 



Nacht 



nachtreten 



262 



Gartens, Feldes, bei Luther Jes. 1, 8. Nacht- 
lager, n.: Lager zum Übernachten, Nacht- 
quartier, 1678 bei Krämer, im 16. Jh. Nacht- 
läger n. Nachtlicht, n., mhd. nahtlicht, 
ahd. nahtlioht n. Nachtmahl, n.: Mahlzeit 
am Abend, mhd. nahtmäl n.; im besondern 
das Sakrament des Altars, wegen seiner Ein- 
setzung «in der Nacht» (l.Kor. 11, 23), 1535 
bei Schwarzenberg Cicero 154<^ (s. Abendmahl). 
Nachtmütze,!'.: Schlafmütze, 1691 b. Stieler, 
Nachtrabe, m. : die gemeine Eule, strix ulula 
(mhd. nahtrahe^n), -rappe, ahd. nahtrdban m., 
verkürzt ahd. naht(h)ram, mhd. nachtram, 
nhd. Nachtram m.; dazu and. nahthram, ags. 
niht-hrcefn, nihthremn m., engl, nightraven, 
anord. nätthrafn m., dän. natravn); der Nacht- 
reiher, ardea nycticorax (1557 bei Heußlin 
Vogelbuch 182* Nachtrabe, Nachtram); die 
aschgraue Nachtschwalbe, caprimulgus (1556 
bei Frisius 187'' Nachtraam). S. d. folg. 
Nachtschatten, m.: die Pflanze Solanum, 
zuerst die schwarzbeerige Art (daher der 
Name), mhd. nahtschate, ahd. nahtscato m. 
(auch in der urspr. Bed. «nächtlicher Schatten, 
Schatten d. Nacht»); dazu mnd. nachtschadein), 
-scheden m. Auch die Nachtschwalbe heißt 
Nachtschatten, Nachtschade, Uli bei Adelung. 
Vgl. dän. natskade «Nachtrabe», sch.wed.natt- 
sÄ:a<a «Fledermaus», nachtschlafend, part. 
in bei nachtschlafender Zeit, mhd. bi naht- 
släfender zit, mnd. in nachtsläp ender tlt, auch 
in sldpender tidt des nachtes. Nachtseite, f. : 
die von der Sonne abgewendete Seite eines 
Planeten, im Gegensatz zur Tagseite, bei 
J. Paul Werke 59, 38; in übertr. Bed. bei 
Goethe l.H.49,71. NachtstÜck, n.: Bild einer 
nächtlichen Szene, 1691 bei Stieler. Nacht- 
Stuhl, m., 1561 bei Maaler. Nachttopf, m., 
1734 bei Steinbach. Nachtyiole, f.: die nur 
bei Nacht duftende, wohlriechende Blüte der 
hesperis matronalis, u. diese Pflanze selbst, 
1721 bei Jablonsky. Nachtwache, f.: das 
Wachen bei Nacht (1482 im VoC. theut. x 1»); 
ein Teil (3 — 4 Stunden) der gleichmäßig ab- 
geteilten Nacht (bei Luther Matth. 14, 25, 
ahd. nahtwahha f. «bestimmte Nachtzeit zum 
Gebet in Klöstern»); das bestellte öfi"entliche 
Aufachten zur Sicherheit des Ortes während 
der Nacht (md. im 14. Jh. nachtwachte, ahd. 
nahtiimhta f.); die zum öö'entlichen Aufachten 
während der Dauer der Nacht Bestellten 
( spätmhd. nachtwache, nachtwacht f.). Nacht- 
wächter, m. : nachts öflentliche Wache Hal- 
tender, bes. der zugleich die Stunden ansingt 



od. ausruft, auch dabei anbläst, spätmhd. im 
15. Jh. nachtiv achter , ahd. nahtwahtari m. 
nachtwandeln, v.: nachts im Schlafe wan- 
deln, ohne sich dessen bewußt zu sein, bei 
Schiller Macbeth 5, 1; Nachtwandler, m.: 
Schlafwandler, 1716 bei Ludwig, dafür im 
17, Jh. bei P. Fleming 115 Nachtivanderer m. 
Nachtweide, f.: Wiese zur Weide des Rind- 
viehs während der Nacht, im 15. Jh. nacht- 
waid f. (Weist. 6, 250, § 6). Nachtzeit, f., 
mhd, nahtzit f. Jetzt bei der Bahn die Zeit 
von 6 Uhr abends bis 5,59 morgens. 

Nachteil, m. (-s, PI. -e) : Minderung in Be- 
ziehung einer Vollkommenheit, als Minderung 
erscheinendes Übel, Schaden, Beeinträchtigung. 
Md. im 15. Jh. nochtheil, öst, im 14. Jh. nächtl, 
wohl als Gegensatz zu älterm Vorteil (s. d. ) 
gebildet. ABL. nachteilig, adj., md. im 

15. Jh. nochteylich (Michelsen Mainzer Hot 
zu Erfurt 25). 

Nachtigall, f. (PI. -en): der Singvogel 
luscinia. Mhd. nahtegal(e), spätmhd. nahti- 
galile), ahd. naht-, nahte-, nahtigala f., im 

16. Jh. häufig Nachtgall (Dasypodius, Maaler) 
neben Nachtigal (1549 bei Eber u. Peuer Voc. 
D 1^, Froschmeus. A4*); Nachtigall (H.Sachs 
6, 368); dazu and. nahtigala, mnd, naht egal, 
ndl. nachtegaal, ags. nihtegale f., engl, nightin- 
gale (im Ahd. u, Ags. auch die Nachteule als 
zur Nachtzeit schreiender Zaubervogel). Mit 
erhaltnem alten i (wie in Bräutigam) zgs. 
aus Nacht (ahd. naht. Gen. nahti) u. ahd. gala f. 
«Sängerin», von ahd.-ags. galan, anord. gala 
«singen» (s. Galt), also = «Nachtsängerin». 

Nachtisch, m.: das nach der Mahlzeit 
Aufgetragne, Dessert, 1541 bei Frisius 784^. 

Nachtlager, nächtlich usw., s, Nacht. 

Nach trab, m. {-[e]s, PI. -e): der den 
Heerzug im Kriege schließende Heeresteil. 
1534 bei Franck Weltbuch 46% aber schon 
im 15. Jh. nachtraber m, «einer vom Nach- 
trab», im PI. «der Nach trab». Vgl. noch 
ZfdW. 1, 31. S. Vortrab. 

nachtrachten, v. : eifrig wonach streben ; 
in böser Absicht nachstellen. Bei Luther u. 
H, Sachs. 

Nachtrag, m.: ergänzende Nachholung, 
1734 b. Steinbach, nachtragen, V.: hinterher 
tragen, bei Luther; grollen, 1691 bei Stieler, 
aber schon mnd. nadragen, nachträglich, 
adj,: nachgeholt, 1809 bei Campe. 

nachtreten, v. : den Tritten eines Voran- 
gehenden folgen, 1541 bei Frisius 175*' nach- 
trätten (md. im 13. u. 14. Jh, nach treten «nach- 

17* 



263 



nachts 



nafzen 



264 



stellen»); unselbständig nachahmen, 1691 bei 
Stieler. Nachtreter, m,: nachfolgender Be- 
gleiter, Herren dien er, 1541 bei Frisius 175^ 
Nachträtter: in übertragner Bed. 1691 b, Stieler. 
nachts, Nachtschatten usw., s. Nacht 

Nachwehe, f. (gewöhnlich im PI. -n): 
Schmerzen nach einer Krankheit (Keisersberg 
Evangelibuch 31 Nachwee PI.), im bes. nach 
der Geburt (1715 bei Amaranthes); unange- 
nehme Nachempfindung, üble Folgen (1508 bei 
Keisersberg Predigen 79^ Nachiveegen PI.). 

Nachweis, m. (-es, PI. -e), erst 1840 bei 
Dahlmann Gesch. v. Dänemark 1,37 zu belegen. 
nachweisen, v.: anzeigen, daß u. wo etwas 
vorhanden ist, 1691 bei Stieler, aber mhd. nach 
wisen «den Weg nach einem zeigen». 

Nachwelt, f. : die später lebende Mensch- 
heit, 1648 bei Zesen Dögens Baukunst, dafür 
1641 bei Schottel 502 nachgeborne Welt. 

Nachwuchs, m,: das Nachwachsen u. Nach- 
gewachsne (J. Paul bei Campe), insbes. nach- 
wachsende Generation (1789 bei Wieland Lu- 
cian 4, 368). 

nachziehen, v. intr.: nachfolgen; traus. 
hinterherziehen. In beiden Bed. mhd. nach 
ziehen. Nachzug, m.: Nachtrab des Heeres 
(Eückert Hamasa 1, 88), 1525 bei Baumann 
Quellen 1, 547; davon Nachzügler, m.: 
hinter dem Heer zuiückbleibender Soldat, 
bei Goethe 33, 12. 

nachzotteln, v.-. lässig hinterdrein gehn, 
1617 bei Ulenhart Lazarillo de Tormes 67, 
dafür spätmhd. nach zoten. 

Nackedei, m. (Gen. wie N., PI. -s): nacktes 
kleines Kind. Zu nackt. Nordd. Bei Fletsch. 

Nacken, m. (-s, PI. wie Sg.) : Halsteil unter 
dem Hinterkopfe, 1508 in der Straßburger 
Gemma r5* nacken, bei Luther u. noch im 
17. Jh. bei Logau u. Schuppius 284 JVacfce, mhd. 
u. md. nacke u. stark nac (Gen. -ckes), ahd. 
(h)na(c)ch m. «Hinterhaupt, Nacken» (PI. -a); 
dazu mnd. nacke, necke, afrs. hnekka, ndl. nek, 
ags. hnecca m., engl, neck, anord. hnakki, hnakkr, 
schwed. nacke m., dän. nakke. Dafür bayr. 
die Kollektivbildung gnack n., vgl Genick. 
Vielleicht urverw. mit air. cnocc «Hü^el», da 
auch ahd. hnach durch lat. cacumen glossiert 
wird u. bayr. -Ost. nock m. «kleiner Hügel» 
bedeutet. Vgl. (aenick. 

nackt, nackend, adj. : unbekleidet, un ver- 
hüllt (bes. an der Oberfläche). Mhd. nacke(n)t 
(spätmhd. wac^, 1505 in der Straßburger Gemma 
r S** nackend- md. im 13. Jh. nacken), ahd. nah- 
hut, nachot, naccot; dazu mnd. naket, naken. 



ndl. naakt, Sihs.nakad, naked, naken, aga.nacod, 
ncBcad, engl, naked, anord. nökkvidr, nöktr, 
nakinn, schwed. naken, dän. nögen, nagen, got. 
nagaps. In den Ma. teils verkürzt, wie nd. nach, 
teils weitergebildet, md. u. schwäb. nackig, im 
17. Jh. nackicht, nackigt, Ende des 15. Jh. in 
Harffs Pilgerfahrt 145,4 nacketich, mnd. naken- 
dich. Urverw. mit glbd. lat. nüdus aus *no- 
guedos, air. nocht, lit. miogas, abg. nagü, aind. 
nagnds; abweichend in der Lautform, aber 
kaum zu trennen awest. mayna-, gr. t^Mvöc. 
ABL. Nacktheit, f., spätmhd. im 15. Jh. 
nackenheit (auch 1514 bei Keisersberg irrig 
Schaf A6^ nacÄ:/ie?^), 1664 bei Buez Nackigkeit, 
1691 bei Stieler Nackig-, Neckigheit. 

Nadel, f. (PL -n) : kleines spitzes Werkzeug 
zum Zusammen- u. Anheften: schmales nindes 
stechendes Blatt, z. B. an dem Wacholder, der 
Tanne usw. (1741 bei Frisch, 1719 bei Fleming 
t. Jäger 36 ^, finiher Tangel) ; Magnetnadel (mhd. 
nädel); kleiner Kristallspieß (Bergmännisches 
Wtbch. Chemnitz 1778); Spitzsäule, Obelisk 
(1452 bei Muffel Rom 28). In der 1. Bed. mhd. 
nädel{e), md. nalde, später nölde, ahd. nddela, 
näd(i)la u. nälda f.; dazu asächs. nädla, mnd. 
natel, mndl. naelde, nndl. naald, afrs. nedle, ags. 
ncedl, nepl f., engl, needle, anord. näl, schwed. 
not, dän. naal, got. nepla f. Eig. «Werkzeug 
zum Nähen», von nähen (s. d.). Vgl. noch 
gr. vfjxpov m. «Spindel». ABL. Nadler, m.: 
Nadelmacher, mhd. tiädelcere, nadler, näldener, 
mnd. natteler,nätteler,netelerem. ^£75. Nadel- 
büchse, f., 1711 bei Rädlein, Nadelbüchslein 
1691 bei Stieler. Nadelgeld, n.: das einem 
Frauenzimmer für Anfertigung u. Anschaffung 
von Nadelarbeit, als Kleidung, Putz usw., aus- 
gesetzte Jahrgeld, 1678 bei Krämer. Nadel- 
holz, n.: Nadeln tragendes Holz, 1740 bei 
Zedier 23, 328 Nadelnholz. Nadelöhr, n., mhd. 
nädel-, näldencere n. Nadelstich, m., über- 
tragen b. Schiller Fiesco 2, 2, Nadelwickler, 

m.: ein die Nadeln der Fichten zusammen- 
spinnender Nachtschmetterling, phalaena tor- 
trix piceana, 1777 bei Adelung. 

nafzen, v.: nickend schläfrig sein, (nickend) 
leise schlafen. Schwab.; bayr. naffezen, öst. 
napfezen, napfitzen, um 1480 im Voc. ine. teut. 
r 1 ^ naffatzen, im 15. Jh. auch naphizen, mhd, 
nafzen, ahd. hna/fezen, naphezen. Intensivbil- 
dung zu glbd. schwäb.-kärnt. napfen, ags. hnap- 
pian, hnceppian, engl, nap « schlummern, nickend 
schläfrig sein», norw. nap «Schlummer, Schläf- 
chen», ablautend zu mhd. nipfen «nickend leise 
schlafen, schlummern»; dazu nipp,nippen (s.d.) 



265 



Nagel 



nagen 



266 



und schwed.-dial. tiopa «schlummern», nop 
«Schlummer». 

^ Nagel, m. (-S, PI. Nägel): Horndecke an 
den Spitzen der Finger u. Zehen. Mhd. nagel 
(PI. nagel[e], negel[e]), im 15. Jh. zsgz. nayl, 
näl, wie frühndrhein. nael, ahd. nagal, nagil m. 
(PI. nagala, negüi); dazu asächs. nagal, ndl. 
nagel, afrs. 7ieil, ags. noegel m., engl. 7iaü, alle 
sowohl von der oben bezeichneten Horndecke, 
als auch von dem im folg. Artikel bezeichneten 
metallnen oder hölzernen Stift; nur das anord. 
unterscheidet nagl m. (Gen. nagls, PI. negl), 
später auch nögl f. (Gen. naglar) «Finger- u. 
Zehennagel » u. 7iagli m. « eiserner Nagel », ebenso 
dän. negl u. nagle, ürverw. mit den den Begriff 
jener Horndecke ausdrückenden abg. nogütim. 
«Nagel, Kralle», noga «Fuß», lit. 7iägas m 
«Fingernagel», nagä «Pferdehuf», apreuß. 7ia- 
gutis «Fingernagel», nage «Fuß», gr. övut m. 
(Gen. -xoc) «Nagel, Klaue, Kralle, Huf (aber 
auch Haken)», lat. unguis m. «Nagel, Klaue, 
Kralle (dann Haken)», ir. i/^gra «Kralle», kymr. 
ewin, aind. nakhäs m., nakhäm n., nakhäras m. 
«Nagel, Kralle» u. «^^Är?s4^im «Fuß», npers. 
näyun. ZUS. Nagelblüte, f. : weiße Fleckchen 
in den Nägeln der Finger, im Volksglauben 
als Glückszeichen angesehen[die Nägel blühen), 
1741 bei Frisch Nagelhlüt, dafür 1664 bei Duez 
Nagelblühen n. Nagelkraut, n.: die fiiiher 
zur Heilung von Nag'elgeschwüren gebrauchte 
Pflanze illecebrum paronychia (1777 Adelung), 
auch die ehedem zur Vertreibung der schmer- 
zenden Nagelwurzeln angewandten Pflanzen 
draba verna (1793 bei Nemnich) u. hieracium 
pilosella (1530 bei Rößlin 135^, Maaler 1561). 
Nageimage, m. (-n, PI. -n): Verwandter im 
7. Grade, mhd.nagelmäc m.; derName entstand 
daher, daß die Verwandtschaftsgrade nach den 
Gelenken vom Kopfe bis zu der Spitze des 
Mittelfingers abgezählt wurden, mit dessen 
Nagel als dem 7, Grade der Verwandtschaft 
diese aufhörte. Mnd. nagelmach, -mage m. auch 
«Verwandter von der Mutterseite». Nagel- 
probe, f. : das Umstürzen des namentlich beim 
Ausbringen einer Gesundheit ausgetrunknen 
Triakgefäßes auf den Nagel des Daumens der 
linken Hand zum Zeichen, daß auch nicht ein 
Tropfen zurückgeblieben sei, der auf diesen 
Nagel falle, von Adelung aus der Hoftrinkord- 
nung des Kurfürsten Christian II. von Sachsen 
(t 1611) nachgewiesen, als altskandinavische 
Trinkersitte in Ficklers Übers, der Hist. des 
Olaus Magnus (1567) 359 erwähnt, vgl. auch 
Fischart Garg. \2^^stürtzs umb, Streichs, klopffs 



Nägelin un d Brant Narr. 1 1 *, 1 1 3 f. N agel- 
"WUrzel, f.: der hintre im Fleisch steckende 
Teil des Nagels als dessen Wurzel, 1691 bei 
Stieler, dafür mhd. nagelwurz f., wie noch 
1741 bei Frisch. 

^ Nagel, m. (-5, PI. Nägel): der zum Ein- 
schlagen gemachte, an dem einen Ende dicke 
od. breite gerade metaUne od. hölzerne Stachel, 
der zum Anheften od. Daranhängen dient. 
Ein u. dasselbe Wort mit Nagel (s. die Belege 
dort). ABL. Nägelchen, Nägelein, n.: 

kleiner Nagel, um 1480 im Voc. ine. teut. o 4* 
nagelin (Var. nagely), bei Diefenbach gl. 126*' 
negelchen. S.Näglein, Nelke, nageln, v., mhd. 
nagelen, negelen,ahd. uagalen; dazu asächs. neg- 
lian, got. ganagljan (annageln). ZUS. Nagel- 
bohrer, m.: Handbohrer zum Vorbohren für 
den einzuschlagenden Nagel, 1691 bei Stieler 
Nagelbarer, 1727 bei Aler Nagelbohr, statt 
des alten Ausdnicks Näber (s. d.). nagel- 
fest, adj.: fest durch einen Nagel od. Nägel 
(s. Niet), 1586 bei Diefenbach-Wülcker; dazu 
anord. nagl{a)fastr , schwed.-dän. nagelfast. 
Nagelflllh, f. : eine Fluh, Felswand, worin die 
Trümmersteine, welche sie bilden, im Bruche 
wie die Köpfe großer Nägel hervorstehen, 1777 
bei Adelung A^a^e?^MÄe f. Nägelmal, n.: Ein- 
druck, Narbe von Nägeln, b. Luther Job. 20, 25 
Negelmal. nagelneu, adj.: neu wie ein frisch 
aus der Schmiede gekommner Nagel, spätmhd. 
nagelniuwe (neben mhd. viurniuwe «feuer- 
neu»), verstärkt funkelnagelneu (s. funkelneu). 
NagelSClimled, m., 1678 bei Krämer; dafür 
spätmhd. nageler m. Nagelschnecke, f., die 
Stachelschnecke murex brandaris, 1664 b.Duez. 
nagen, v. (Prät. nagte, Part. Prät. genagt): 
mit den Zähnen in Teüchen nach u. nach los- 
od. abschaben; (bildL, schon mhd.) anhaltend 
nach u. nach woran still verzehrend wirken 
od. empfunden werden. In der 1. Bed. mit 
starker Flexion mhd. nagen (Präs. negt, Prät. 
nuoc, Part, genagen, noch bei H. Sachs Prät. 
nueg, im 17. Jh. bei S. Bürster 92 u. 187 Part. 
genagen), ahd. nagan, aber älter giiagan (auch 
in bignagan, noch 1691 bei Stieler beknagen), 
daneben ohA.ginagan, mh.d.g(e)nagen, ältemhd. 
u. noch bajr.- Schweiz, gnagen; den urspr. 
Anlaut zeigen auch heutiges ndrhein. u. ostfrs. 
knagen, 1495 in d. Kölner GemmaU2*' knaghen, 
1477clev.u.iml5.Jh.westf].Ä«agrenbeiDiefenb. 
gl. 499*^, and. cnagan, mnd. gnagen, knagen; 
dazu mndX. cnaghen, nnä\. knagen, ags. gnagan 
(Prät. gnöh, PI. gnögon, Part, gnagen, gncegen), 
engl, gnarv, anord. gnaga (Prät. stark gnög u. 



267 



Näglein 



nähren 



268 



schwacli gnagada, PI. gnnguäum), daneben naga 
(Prät. schwach nagada), scbwed. nagga, dän. 
nage. Die schwache Flexion, die sich im Ndl, 
u. Nd, (schon mnd.) zeigt, erscheint im 16. Jh. 
auch hochd. (1578 bei Clajus Gramm. 99). Viell. 
urverw. mit abg. msti (Präs. niza^ «hinein-, 
durchbohren» u. nozi m. «Messer, Schwert», 
lett. nazis «Messer», gr. vücciu «steche, stoße», 
doch bleibt der Anlaut g-, k- unerklärt. Vgl. 
necken. RA. Am Hungertuche nagen, s. Hunger- 
tuch. ABL. Nager, m., 1678 bei Krämer. 
ZUS. Nagetier, n., 1777 bei Adelung. 

Näglein, n. (s, PI. wie Sg.): die als fei- 
nes Gewürz gebrauchte getrocknete unaufge- 
schloßne Blütenknospe des urspr. ostindischen 
Baumes caryophj'llusaromaticus, benannt nach 
der Ähnlichkeit mit einem kleinen Nagel (s. d. ^) ; 
dann die ähnlich gestaltete u. ähnlich gewürz- 
haft duftende Blüte od. Blütenbüschel von 
sj'ringa vulgaris (in Mitteldeutschland u. der 
Schweiz), im 16. u. 17. Jh. auch die Nelke od. 
Grasblume, dianthus (1546 bei Bock 218 Nege- 
lein). In der 1. Bed. ahd. negelli (Ahd. Gl. 3, 
51, 66), mhd. negel{l)m, im 14. Jh. negellein, 
nägellein, md. nagelkm, verkürzt neü[i)km, 
neilichin n., woraus mit Geschlechtswechsel 
nhd. Nelke f. (s. d.), genauer «Gewürznelke», 
zum Unterschied von den Grasblumen od. Gras- 
rosen, die bei Luther 4, 178^ Nelichen, 1517 
bei Trochus L l^NegelkoiUumen heißen, ndl. 
nagelbloem. 

uah(e), adj. (Komp. näher, Sup. nächst): 
durch geringen, nicht bedeutenden Raum od. 
geringe Zeit wovon getrennt. 1440??aAe(Diefen- 
bach gl. 465*'), mhd.näch (üekt.näher), gekürzt 
nä, ahd. näh; dazu asächs. näh, mnd.-ndl. na, 
afrs. nei (statt nech), m, ags. neah, engl. nigh. 
Im Komp. mhd. nceher, näher, zsgz. när, spätahd. 
nähere, mnd. naer, när, nager, neger, ags. near; 
im Superl. mhd. nceh(e)st (später ncechst) u. 
nähest, kontrah. ncest, nest, näst, ahd. nähist, 
nähost, Bsä,chs.7iähist, mnd. näst, narest, nagest, 
negest, neist, ags. next. Das Adv. lautet mhd. 
nähe, gekürzt nä, ahd. näho, asächs. näh, ags. 
neah, neh, engl, nigh, near, anord. wcBr(i),schwed. 
näria), dän. när, got. neh{a). Viell. zu lit. nokti 
«reifen». Vgl. Zupitza 66, Btr. 24, 530. Vgl. 
nach u. Nachbar. 

^Nähe, f. (PI. -n), das von dem Adj. nahe 
abgel. Subst., mhd. noehe, nähe, ahd. nähii., md. 
nehe, gekürzt ne u. ohne Umlaut nä, mnd.näheL 

"Nähe, f. (PI. -w): plattes größres Wasser- 
fahrzeug, bes. zum Übersetzen von Menschen, 
Tieren, Fähre. Am Neckar u. Rhein, hess. 1460 



md. nehe f., 1578 bei Golius Cap. 34 Nähe; 
südlicher Naue f. (s. d.). 

nahen, v.intr.u.refl.: nahekommen. Mhd. 
nähen u. ncehen, ahd. nähan intr. u. refl. (urspr. 
nahe bringen), md. nehen, negen, neken; dazu 
asächs. nähia?i, ags. genehwian (sich nähern), 
anord. wä, schwed. nä, dän. naa, got.sik nehjan. 

nähen, v.: mittelst Nadel u. Fadens ver- 
binden. Älternhd. nehen, neen, näyen, neyen, 
mhä.ncejen (Pr'ät.nce[je]te,näte,'P&Yi. gen(ß[je']t, 
genät), nceiven, ncegen, neigen, ncen, md. nejen, 
newen, nehen, ne{ge)n, ahd. näjan, näivan, 
nä(h)an; dazu mnd. nei(g)en, neggen, noien, 
ndl. naaien. Urverw. mit lat. nere «spinnen», 
dann «weben», nenien n. «Gewebe», gr. v^eiv 
«spinnen», vf||uan. «Gespinnst, Faden», vfjxpov 
n. «Spindel», ir.swä^/ie «Faden »,SMä<Aa<«Nadel», 
lit. nttis f. «Stäbchen mit Fäden verbunden 
zum Heben u. Niederziehen des aufgezognen 
Garnes auf dem Webstuhle», dwi7iitis «Zwil- 
lich», trinitis «Drillich», abg. niti f. «Strick», 
mstof. «Faden», russ. j^iV? f. «Faden». Weitres 
bei Walde. Vgl Nadel, Naht. ABL.Mher, 
m., 1505 in der Straßburger Gemma B 3^ neyer 
«Schuhmacher», md. im 15. Jh. newer, 1642 
bei Duez iV^äer (Schuster, Schneider), 1691 bei 
Qtieler Neher ; dazu Näherei, f. u. Näherin, f., 
1470 nägerin, negerin (Mone Ztschr. 13, 159), 
älter Nähterin (s. d.). ZUS. Nähkissen, n., 
1590 bei Diefenb.-Wülcker Neheküssen. Näh- 
niädchen, n.: Nähterin, 1727 bei Aler ^äe- 

Mägdlein. Nähmaschine, f. Im 19. Jh. Näh- 
nadel, f., 1605 bei Hulsius. Nähschule, f., 
1715 bei Amaranthes. Nähsteln, m., erst 
nach dem 1. Viertel des 19. Jh. 

nähern, v.: näher bringen; refl. näher 
kommen. Mhd.ncehern intr. «näher beisammen 
stehn», sich W(»Äer%(mitDat.)«näher kommen». 
ABL. Näherung, f., 1482 bei Melber X6* 
neherung; mathematisch 1716 bei Wolff. 

Näherrecht, n.: das nähere Anrecht, Vor- 
zugsrecht, insbes. das ius retractus, zufolge 
dessen der Käufer eines Grundstücks dies gegen 
Erstattung des Kaufpreises an den Verkäufer 
wieder abtreten muß. 1691 bei Stieler, dafür 
1657 bei Speidel Speculum 277 Naherkauffm., 
afrs. niarkap, mnd. naköp m. 

nahezu, adv.: beinahe. Bei Wieland 82, 
140, noch getrennt bei Goethe 32, 193 u. 13, 233 
nahe zu. 

nähren, v.: mit Speise od. dem nötigen 
Unterhalt versehen u. dadurch erhalten; über- 
haupt unterhalten u. befördern; (refl.) seinen 
Unterhalt verdienen. 1711 bei Rädlein n., im 



269 



nahrhaft 



Name 



270 



16. u. 17. Jh. ae{h)ren, bei Luther veeren, mhd. 
ner{e)n, älter nerigen, ahd. nerjan, nerren 
(zgs. giner Jan) «gesund machen, heilen, am 
Leben erhalten, retten, schützen, an Leben u. 
Leib fortdauern u. gedeihen machen; dazu 
asächs.-ags. nerian, mnd. «ere«,afrs. nera, anord. 
ncera, schwed. nära, dän. näre, got. nasjan 
«genesen machen, heilen, retten». Dazu noch 
mit Ablaut anord. nöra «erfrischen, ernähren», 
norw. nöre «anzünden, Feuer anmachen», Eig. 
Kausativ zu genesen (s. d.). ZUS. Nährboden, 
m., erst im 19. Jh. Nährstand, m. : der Stand, 
der sich mit Hervorbringung u. Verarbeitung 
der Naturerzeugnisse beschäftigt, Ackerbauer 
u. Handwerker, 1562 bei Mathes. Sar. 66^ lehr, 
wehr und nehrstandt. Nähr vater, m. : Pflege- 
vatei-, bei Campe mit Belegen aus dem 18. Jh. 

nahrhaft, adj.: Fortdauer u. Gedeihen an 
Leben u. Leib gebend. 1678 bei Krämer, nahr- 
hafftig 1663 bei Schuppius 185, aber 1429 im 
Bürgermeistereibuch von Frankfurt a. M nar- 
haftig «auf Nahrung, Erwerb ausgehend». Zgs. 
mit mhd. nar f. «Heil, Rettung, Unterhalt, 
Nahrung, Kost», ahd. nara f. «Rettung, Er-, 
Unterhaltung», das wie nähren zu ahd. nesan, 
ganesan (s. genesen) gehört. Daneben 1537 bei 
Dasypodius neerhafft, das da neret, 1691 bei 
Stieler nehrhaft, von nähren abgeleitet. Nahr- 
haftigkeit, f., 1540 bei Alberus dict. aa2^ 
narhaftigkeit. 

^nährlich, adj.: notdürftig, spärlich, 
knapp; das Adv. auch in der Bed. «kaum». 
Das Adj. im 17. Jh. bei Rachel 1, 190 u. noch 
in Thüringen, spätmhd. ncerlich, md. nerlich 
u. yiehirlich (Zfd A. 8, 470) ; das Adv. nährlich 
bei Bürger Lenardo Strophe 22 u. noch in md. 
Ma., 1540 bei Alberus dict. aa 2^ nerlich «spär- 
lich», p 1 'J närlich «kaum», im 15. Jh. bei Osw. 
V. Wolkenstein nerlichen «genau, gründlich», 
ebenso bei Luther 4, 241 ^ nehrlich. An näher 
(Komp. von nahe) angelehnt, aber wohl urspr. 
zum asächs. Adj. naru, ?«arp «enge, bedrängend, 
drückend, Pein erregend», Adv. wara?üo «enge», 
ags. nearu (Adv. nearive) «zur Beklemmung 
schmal, beengend, zu knapp, bedrängnisvoll», 
engl, narroiü «enge, schmal, klein», Adv. nar- 
rowlyoieiig, schmal, knapp, mit genauer Not», 
ags. nearu f. «Einengung, Klemme, Bedräng- 
nis», afrs. nara «Bedrängnis», spätahd. narwo 
ra. «Klammer, Türschnalle» (s. Narhe). 

^nährlich, adj.: sich durch Erwerb näh- 
rend, mhd. nerlich; Lebensbedarf gewährend, 
nahrhaft, 1537 bei Dasypodius neerlich. Von 
nähren (s. d.). 



nahrlos, adj.: zum Leben unergiebig od. 
erwerbslos, 1716 bei Ludwig. ABL. Nahr- 
I losigkeit,f., 1777 bei Adelung. Zgs. mit mhd. 
I nar, ahd. nara f. (s. nahrhaft). 
j Nahrung, f. (PI. -en): Ernährung (Luther 
l.Mos. 6, 21); zur Ernährung dienender Stoff 
(mhd. narung(e), nerunget); Lebensunterhalt 
(1514 bei Keisersberg dreieck. Spiegel Cc 1*) 
u. Gewinnung desselben durch ein Gewerbe 
(1. Mos. 47, 3). Mhd. narunge kommt von mhd. 
nar, ahd. nara f. (s. nahrhaft), dagegen nerunge 
von nähren (s. d.). ZUS. nahrungslos, adj., 
1659 bei Butschky Kanzl. 273. Nahrungs- 
mittel, n., 1641 bei Schottel374. NahruugS- 
SOrge, f., 1678 bei Krämer. 

Naht, t (PI. Nähte): Linie des Zusammen- 
genähtseins mittelst Nadel u. Fadens, sowie 
derselben Ähnliches ; Art des Zusammennähens. 
Mhd. nät (PI. ncete), ahd. yiätt, im Mhd. auch 
« Stickerei, Zusammenheftung od. Zusammen- 
schnüning knopfloser Kleider»; dazu mnd. 
nät, ndl. naad f., (entl. schwed. nät, dän. naad). 
Von nähen (s. d.), entsprechend gr. vf|cic f. 
«Spinnen». ABL. Nähter,m., mhd. im 12. Jh. 
nätere, ahd. nätare m. «Schneider», unge- 
bräuchlich; davon Nähter 6i, f., 1727 bei 
Aler Näderei, u. Nähterin, f., mhd. nceterin, 
im 15. Jh. neterin f. 

naiT, adj.: mit ansprechender Natürlich- 
keit unbefangen u. unverstellt. Zuerst nach- 
weisbar 1711 bei Elis. Charl. v. Orleans 3, 266 
naif, in die Literatur eingeführt durch Bodmer 
(1746 im Mahler der Sitten 2, 624) u. Geliert, 
der naif (Schriften 1, 339 u. 4, 84) u. das Naive 
schreibt. Aus frz. naif« natürlich, naturgetreu, 
einfach, ungezwungen, unbefangen, aufrichtig», 
neben natif «gebürtig, angeboren», von lat. 
nätivus «geboren, angeboren, natürlich», im 
Mlat. auch «aufrichtig, offenherzig», zu lat. 
ndtus m. «Geburt». Subst. Naive, f., Schau- 
spielerin, die jugendl. Rollen spielt. Naivität, 
f.: natürliche Einfachheit, Offenherzigkeit, un- 
gezwungnes Wesen, bei Lessing 4, 196, ausglbd. 
frz. natvete f., von lat. nätlvitas f. «Geburt», 
im Mlat. auch «Aufrichticrkeit, Offenherzigkeit». 
Vgl. Nativität. 

Name, m. (-ns, PI. -n): das einem lebenden 
Wesen od. einem Dinge zur Unterscheidung 
von andern zukommende Wort. Bei Luther 
Nanie, im 17. Jh. oft Namen, mhd. nam{e), 
ahd. namo m. ; dazu asächs. namo m., ndl. naam, 
afrs. noma, ags. nama, noma m., engl, name, 
anord. nafn n., schwed. namn n., dän. 7iav7i n., 
got. namö n., urverw. mit lat. nömen, gr. övo^a, 



271 



Name 



Narbe 



272 



air. ainm, akvmr. anu, abg. inie (Gen. imene), 
apreuß. emmens, arm. anun (Gen. anvan), alb. 
em9n, amd.-siw. näman-. Den Gen. Namens ver- 
drängt schon im 16. Jh. die ältre Form warne«. 
ABL. namen, v.: nennen, benamen (Voß 
Ged. 3, 202), mhd. namen, ahd.-asächs. namön, 
afrs. nama, agä. naniian; heute veraltet; dazu 
mit Ablaut mhd. nuonien, henuomeu «namhaft 
machen», ndl. »oewe« «nennen» (s.d.). nament- 
lich, adj.: va.it Namen ausdrücklich benannt, 
im 18. Jh.; adv.: ausdräcklich hervorgehoben, 
besonders, vorzüglich, 1691 bei Stieler nah- 
mendlich. Mit eingefügtem t aus name^dich, 
mhd. namelich, Adv.namenliche{n) (s.iiämlich). 
namhaft, adj.: mit Namen genannt (im 15. Jh. 
Städtechron. 1, 407, 13 u. 5, 278, 11, als Adv. 
schon ahd. namahafto); einen l)ed. Namen 
od. Ruf habend, beiühmt (mhd. nam(e)?iaft, 
ahd. yiama-, namohaft) ; beträchtlich, nennens- 
wert (1579 in den öst. Weist. 6, 143, 22); dazu 
namhaftig, adj., mhd. namhaftic, spätahd. 
namhaftig «berühmt», nämlich, adj. in der 
nämliche: eben derselbe, md. um 1300 der, 
dirre (dieser) nemelwhe od. nameliche u. pleo- 
nastisch der selbe nemeliche (wie des Nach- 
drucks wegen bei Wieland Danischmend 
Bch. 8 dieselbe nehmtiche Tänzerin), 1495 in 
Reichsordn. 17* mit nemlichen ivorten, 1515 
bei Pleningen Sallust 6*, 1727 bei Aler der 
nemlich, bei Lessing Minna 5, 9 dieser nehm- 
liche, bei Wieland, Herder, Schiller der nehm- 
liche auch b. Goethe Nat. S. 9, 1 88 das Nämliche ; 
Gottsched eifert 1758 in den Beobachtungen 
S. 202 gegen diesen pronominalen Gebrauch, 
dessen Einführung in Sachsen er in die Jahre 
1742 u. 1745 setzt, in denen man ihn von den 
Kaiserwahlen in Frankfurt a. M. mitgebracht, 
u. der nun ganz gewöhnlich geworden sei. 
Hervorgegangen aus mhd. namelich, nemelich 
(noch im 16. Jh. nemlich) «mit Namen ange- 
geben od. l)ezeichnet, ausdrücklich benannt», 
ahd. namoUch, namilich «mit Namen bestimmt». 
Das Adv., das im Nhd. zur Einleitung eines 
erläuternden Satzes od. Zusatzes im Sinne von 
«das heißt» dient, um 1522 bei Ickelsamer S. 2 
nämlich, sonst im 16. u. 17. Jh. nemlich, im 
17.11. 18. Jh. nehmlich, bed.in der älternSprache 
bis ins 16. Jh. herab «im eig. Sinne des Wortes, 
ausdrücklich u. nachdrücklich, mit nament- 
licher Hervorhebung, vorzugsweise», mhd. 
nem(e)liche n. nam(e)liche , namenlichen , im 
16. Jh. nemlich, nämlich, nämlich, namsen, 
V.: mit einem Namen belegen (1541 bei Frisius 
584* nammsen), nennen (Zimm. Chron.- 3, 



131, 3), Schweiz.; dazu mhd. genamzon, ge- 
nemzen «namentlich bestimmen, ausbedingen». 
Vgl. benamsen. ZUS. namenlos, adj., mhd. 
namelös «ohne Namen, wesenlos», noch bei 
Klopstock, Herder, Voß namlos (in der Bed. 
« unaussprechlich, unsäglich»), die heutige Form 
zuerst 1727 bei Aler Nahnienloß m. Namens- 
bruder, m., 1797 bei Hölderlin Hyperion 1,130. 
Namenstag, m.: der Tag, dessen Kalender- 
name zugleich jemandes Taufnarae ist, 1654 
bei Logau 2, 4, 33. Namensvetter, m., bei 
Pfeflel poet. Versuche 4,1 54 von 1 792. Naniens- 
ZUg, m., bei Goethe Tasso 1, "4. 

Nanking, m. (-s, PI. -s): sehr dichter 
glatter in China u. Ostindien aus einer von 
Natur (rötlich-) gelben Baumwolle verfertigter 
Zeugstoff. 1793 bei Jacobsson 6, 628 Nankin, 
benannt nach der chin. Stadt Nanking. 

Nanne, m.: Vater. Schles. Wohl altes 
Kosewort der Kindersprache. 

Napf, m. (-[e].s, PI. Näpfe): rundliches 
Gefäß. Mhd. napf, naph m, (PI. naphe, näphe, 
nepfe), frühmhd. auch napfe, ahd. (h)napf, naph 
m. (PI. -a, 'i) «hochfüßiges Trinkgeschirr, 
Trinkschale, Becher», im Mhd. auch «Speise- 
napf», erstim 15. Jh. der heutige weitre Begriff; 
dazu and. das Dim.hneppin n., mnd.-ndl. nap m. 
«Napf», ags. hncep(p), hncepfm. «Becher». Aus 
dem Germ. entl. afrz. hanap (davon hanepier 
m. «Hirnschale»), ital. {a)nappo, frühvulgär- 
lat. hanappus m. «Trinkbecher». Das Wort 
könnte mit Ablaut zu Humpen gehören. Vgl. 
noch Btr. 26, 304. ZTJS. Napfkuchen, m., 
in einem A^ap/"gebackner hoher runder Kuchen, 
1740 bei Zedier 23, 608. 

Naphtha,n. (-s) u. f.: dünnflüssiges wasser- 
helles Erdöl. 1741 bei Frisch. Das gr.-lat. 
naphtha f., gr. vdqpöa f. n., aus chald. naphtha, 
arab. naft, von arab, wa/a^« aufwallen, sich ent- 
zünden». Davon Naphtalfn, n. (-s): im Stein- 
kohlenteer enthaltner Kohlenwasserstoff'. 

Narbe, f. (PI. -n): kleine Vertiefung als 
sichtbares Zeichen einer dagewesnen Verlet- 
zung; die Haarseite des gegerbten Felles (1426 
bei Schmeller närbe f., ndl. nerf); die Gras- 
decke des Erdbodens (1780 bei Moser osnabr. 
Gesch. 1, 96); weißer runder Fleck auf dem 
Eidotter (1777 bei Adelung); botanisch, Ende 
des Pistills (Goethe Nat. S.6,62). In der l.Bed. 
im 15. Jh. narbe, mhd. narwe f., md. nar{e) f., 
narv:e m., spätahd. im 12. Jh. narwa f.; dazu 
mnd. nar{w)e m. (selten f.), entl. schwed. narf, 
dän. narv «Haarseite von Fellen». Eig. «Ver- 
engung, Stelle, wo verengt ist», denn das Wort 



273 



Narcisse 



Narwal 



274 



gehört zu ahd. nanvo m. «Klammer, Schnalle 
zum Schließen der Tüi-» (noch hayr.-öst.Narb(e), 
Arb f.), asächs. naro, ndl. naar, ags. nearu, 
engl, narrow, «eng», d. h. zusammengepreßt, 
-gezwängt (s. ^nährhch); viell. ui-verw. mit lit. 
nerti «hineinschlüpfen, untertauchen», Hari(n)ti 
«eine Schlinge machen», lett. ums, nare «Klam- 
mer, Schraubenzwinge». Kaum gehört dazu 
lat, nervus m. «Sehne». Vgl. Walde. ABL. 
narben, v. intr.: zu einer A'ar&e werden, eine 
Narbe od. Narben ansetzen, 1691 bei Stieler; 
dazu mhd. sich nericen «sich enge machen, 
sich verengen»: trans. (auch närben): narbig 
machen, 1741 bei Frisch, uarbicht, narbig, 
adj.: eine Narbe od. Narben habend, 1663 bei 
Schottel narbicht, 1741 bei Frisch narbig. 

Narcisse, s. Narzisse. 

Narde, f. (PI. -n): ostindische Art des 
Bartgrases (andropogon nardus od. spica nardi), 
sowie das aus der ährenartigen Blüte gezogne 
wohlriechende Öl; der Bergbaldrian (Valeriana 
celtica, 1777 bei Adelung) usw. In den beiden 
1. Bed. mhd. narde, ahd. narda f., neben mhd. 
Jiardas, nardi m., ahd. nardo m.: dazu ags. 
nard m. «Xai-denbalsam», ^ot. nardusva. Aus 
gr.-lat. nardus, gr. vdpboc f., pers. nard, närd. 

Narkose, f. (PI. -n): Betäubung. 1712 bei 
Hübner Narcosis, aus glbd. gr. väpKuucic f., von 
vapKÖeiv «starr machen, betäuben», narko- 
tisch, adj.: betäubend, schlafwirkend, im 
16. Jh. beiParacelsusdecaducis2, ^6 narcotiscli, 
nach gr.vapKuuTiKÖc«starr machend, betäubend». 

Narr, m. (-en, PI, -en): im WiderspiTiche 
mit dem gesunden Verstände Handelnder; 
possenhafter Mensch (Fastnachtsp. des 15. Jh. 
258, 5, als Hof- u. Schalksnarr schon Ende des 
12. Jh.). Bei Luther N., aber noch bei Wieland 
18, 319, Goethe 1, 142. 21, 113, Rückert 2, 187 
Narre, mhd. narre, ahd. uarro m. «Verrückter, 
Widersinniger», mnd. narre; entl. ndl. nar, 
schwed. narr m., dän. war «belustigender Possen- 
macher, Tor». N. ist ein eig. hd. Wort dunkler 
Herkunft, nicht überkommen aus einem mlat. 
näriom. «Nasenrümpf er, Spötter», Mankönnte 
es zu Schnurre (s. d.) stellen od. zu lit nafsas 
m. «Zorn». ABL. Närrchen, n., in mildem 
Sinne, 1691 bei Stieler, nerrlein in den Fast- 
nachtsp, des 15. Jh. 121, 17. narren, v.: intr. 
als od. wie ein Narr handeln. 1494 bei Brant 
Narr. S, 113% mhd. in er-, vernarren, ahd. in 
irnarren «zum Narren werden»; trans. (auch 
narren): zum Narren haben, am Narrenseil 
fuhren, bei Luther narren, nerren, im 15. Jh. 
narren (Hätzlerin S. LXXIH, 48), 1515 bei 

Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. 11. Bd 



Keisersberg Evangelibuch 116 narren «jem. 
einen Narren schelten». Narretei, f. (PI. -en) : 
Narrensposse, 1618 bei Schönsleder Narrethey, 
1603 bei Albertinus Sendtschreiben 2, 158*» 
Narrthey, gekürzt aus Narrenteiding (s. d.). 
Narrheit, f., mhd. narrhait (Vintler 4261) 
u. nar{re)keit, -kait, ahd. nar{ra)heit f. nar- 
richt, närricht, adj.: närrisch, bei Luther 
5. Mos. 32, 21 nerricht, 1537 bei Dasypodius 
narrecht, mhd, narreht, im 15, Jh, narret bei 
Diefenb, nov. gl, 20'' (noch obd.). Närrin, f., 
in den Fastnachtsp. des 15. Jh. 673, 34 nerrin. 
närrisch, adj,, mhd. nerrisch, närrisch, 1494 
bei Brant Narr. 10, 27 närsch, in den Fast- 
nachtsp. des 15. Jh. 843, 3 als Adv. nersch. 
ZUS. Narrenhaus, n.: Irrenhaus, 1575 im 
Garg. 138; das Dim. schon im 15. .Jh. narren- 
heusleinn. «Dreh- od. Drillhäuschen» als spöt- 
tisches Gefängnis für Diebe, Lästerer usw. 
Narrenkappe, f.: Narrenkapuze mit seh eUen- 
behangnen Eselsohren, od. einem hahnekamm- 
förmig ausgezackten roten Tuchstreifen, im 
15. Jh. Narrenposse, f., 1678 bei Krämer 
Narrenbossen m., gew. im PL, 1658 bei Schoch 
Studentenleben 36, 38 Ndr. Narrenpossen, 1663 
bei Schupp 742 Narrenbossen; seit dem 18, Jh, 
üblich Narren spossef. (Lessing 12, 264), zuerst 
1746 bei Schnabel Insel Felsenburg 4, 463 
Narre nspossen. Narrenseil, n.: Seil, woran 
man ehedem den Narren band u. führte (im 
15. Jh.), daher die RA. einen am Narrenseil 
führen : «ihn zum Narren halten, zum besten 
haben» (Fastnachtsspiele des 15. Jh. 122, 30). 
Narrenspiel, n., mhd. narrenspiel. Narren- 
teiding, m., (bayr.) n.: Narrengeschwätz, 
Narrenwerk, Narrheit, zgs. mit mhd. tage-, 
tege-. teidinc n. m. f. «Verhandlung, zunächst 
gerichtliche» (s. verteidigen), bei Luther Narren- 
teiding (Ephes. 5, 4, noch bei Tieck 1, 211), 
daneben, da man die Herkunft des zweiten 
Wortteils nicht mehr fühlte, Narrentheidung 
(1581 bei Kirchhof Wendunmut 325% noch bei 
Goethe Faust5798),1537 bei Dasypodius^arre»- 
teding, 1541 heiFri^iuiiSlS^ Narre ntüding, mit 
Schwinden des n 1556 bei Frisius 1190^ Narren- 
tädig, weiter gekürzt 1685 im Simpl. 1, 199 
Kell. Narrenthey, s. Narretei. 

Narwal, m. (-s, PI. -e): das See-Einhom, 
monodon monoceros. 1717 beiNehring, dafür 
1563 in Forers Fischbuch 90^ Rhinocerwallm. 
Aus schwed.-dän. narhvalm., anord. nähvalrm. 
(woher ebenso engl, narwhal, frz. nanvalm.), 
zgs. mit schwed. hval, anord. hvalr m. «Wal- 
fisch» (s. d,); der erste Wortteil ist dunkler 

18 



275 



Narzisse 



nassanern 



276 



Herkunft, man hat ihn schon im 17. Jh. (Thom. 
Bartholin de unicornu 1645) von isl. war, nä, 
anord. när m. «Leichnam» abgeleitet, wegen 
der bes. im Alter auffallenden weißen od, 
gelblichweißen Hautfarbe des Tieres. Anord. 
när entspricht goi. naus m. «Toter», abg. warn 
«Leiche», apreuß. nowis «Kadaver, Rumpf», 

Narzisse, f. (PI. -w): die Blume narcissus. 
1561 beiMaalerA^arcmewf., 1546 beiBock287*> 
Narcissenrößlin (d. i. -röslein). Aus gr,-lat. 
narcissus m., gr, vdpKiccoc m, f, 

Nasal, m. (-5, PI, -e) od. Nasallaut, m. : 
Nasenlaut, d. h. durch die Nase tönender Laut, 
wie z. B. n in frz. an, vin, on usw. ; auch über- 
haupt das w, 1801 bei Campe. Aus dem subst. 
(mit Ergänzung von liier a f. «Buchstabe») 
gebrauchten spätmlat. Adj. näsälis, von lat. 
näsus m. «Nase». 

naschen, v.: lüstern feinschmeckend od. 
leckerhaft heimlicher Weise genießen, im Mhd. 
auch schon in Bez. auf verstohlne Liebesfreuden. 
Mhd. naschen, selten neschen, ahd. nascon; 
dazu schwed. (s)naska n. «naschen», wird zu 
got. hnasqus «weich, fein» (von Gewändei'n), 
ags. hnesce «zart, weich, weichlich», engl, nesh 
gestellt; dazu vielleicht aind.Art'Äwasasm. «Teile 
des zerriebnen Kornes, Schrot, Gries», lit. 
knisu «wühle, grabe». ABL. Näscher, m., 
mhd. nescher, nascher, ahd. nascerem.; davon 
Näscherei, f., 1517 bei Trochus F 6^ neschery, 
1618 bei Schönsleder ?v^ascÄere?/,u.Näscherin, 
f., mhd. nescherin. naschig, adj., 1514 bei 
Keisersberg hell. Lew 30 neschig; dazu Nä- 
schigkeit,f., 1663 bei Schuppius 406. nasch- 
haft, adj., 1691 bei Stieler; dazu Nasch- 
haftigkeit, f., 1741 bei Frisch. ZZ7S. Nasch- 
markt, m., Fastnachtsp. des 15, Jh. 1104, 
Nasch werk, n,, 1643 bei Moscherosch Cura 
parentum 87, 

Nase, f. (PI. -n): das Geruchswerkzeug; 
(bildl.) Verweis (im 17. Jh. bei Schuppius); 
Hindernis, Schwierigkeit (schweiz.). In urspr. 
Bed. mhd. nase, ahd. nasa f,; dazu mnd, nese, 
nase, mndl. nese, nose, ndl. «ew-.s, afrs. nose, 
nos{i), ags, nasu, nosu, näs-, engl, nose, anord, 
nös f, (PI. nasar, nasir), schwed,-dän. näse, 
norw,dial.nös f. «Maul, Tierschnauze», Urverw, 
mit glbd. lat. näsus m., näris f. (Nasenloch, 
Nase), abg. nosü m., nozdri «Nasenlöcher», 
lit. nosis f., nasrai m. «Rachen», aind. näsäf., 
apers. näham, awest. n&tdha (Dual). \§\.Nüster. 
näseln, v. : durch die Nase sprechen, im Part, 
Präs. spätmhd. neselnder, niselnder, ahd, nes- 
lendir, neselenter, nesilenter, niselender. S. 



nieseln, naslg, adj., in Z&s.hreit-, stumpfnasig 
od, näsig, 1470 md. nasicht, 1691 bei Stieler 
nasicht, näsicht. ZUS. Nasenbein, n. : Nasen- 
knochen, mhd. «ase&em, Nasenflügel, m,: die 
untern auswärts gebognen knorpligen Seiten- 
wände der Nase, 1712 bei Hübner, Nasenlaut, 

j m,, 1801 bei Campe, Nasenloch, n., mhd, 
nas{ey, nasenloch n. Nasenquetscher, m. : 

I Sarg mit plattem Deckel, 1797 beiHeynatz, da- 
für 1777 bei Adelung Nasenquetsche f. Nasen- 
stüber, m.: Schneller mit einem Finger an 
die Nase, 1640 in Zesens Helicon 1, 6*^ Nasen- 
stöber, Nasenstieher, 1658 bei Schoch Stud. 17, 
15 Nasenstüber (Ausg. v. 1668 Nasensteuber). 
Nasentuch, n. : Schnupftuch, rhein. im 15, Jh. 
naesenduch (Diefenb. gl. 875 °), mnd. nesedök n. ; 
dazu das dim, Naßtiichlein 1575 im Garg, 107. 
naseweis, adj,: voreilig die Nase in alles 
steckend, unüberlegt u, unbescheiden urteilend, 
vorlaut, vorwitzig, überklug, 1494 bei Brant 
Narr, 110% 47 naßwiß, im 16. u. 17. Jh. nas-, 
nase{nyveis, hervorgegangen aus mhd. nasewise 
«kundig mit der Nase», d. h. mit feinem Gerüche 
begabt, zunächst vom Spürhund, dann auch 
vomMenschen; subst. NaseweiS,m., im 16.Jh. 
bei Fischart 2, 220 Kz. Naßweis. Dazu Nase- 
weisheit, f., 1678 bei Krämer Nasweisheit, 
1711 hei^ädlemNasenweißheit. nasführen, 
V.: an der Nase führen, (bildl.) absichtlich 
vergeblich Hoffnung machen u. so täuschen, 
1790 bei Goethe Faust 3535. Nashorn, n. {-s, 
V\. -hörner): das Rhinoceros, 1606 bei Gesner 
Icones animalium quadrupedum 61 Naßhorn, 
1663 bei Schönsleder Nasenhorn. 

naß, adj, (Komp, nässer u. nasser, Sup. 
nässest u. nässest): von Flüssigkeit durch- 
drungen od. überdeckt. Mhd.-ahd. na^ (Gen, 
-§§es); dazu asächs.-mnd.-ndl.Ha^, got, in natjan 
«benetzen» (s, netzen). Kaum zu aind. nadt f. 
«Fluß». Etwa aus *wnatu. zu lit. vanduö m. 
«Wasser», lat. unda f, «Woge», Subst. Naß, 
n., mhd. na^ n. «Flüssigkeit, Feuchtigkeit». 
ABL. Nässe, f., mhd.ne^^e, ahd. na§(§)i,neggi, 
mnd. nette f. naSSen, v. intr.: naß werden, 
mhd. nagten, ahd. nagten, nässen, v. trans.: 
naß machen, 1640 in Zesens Helicon 1, N 1*, 
aufgekommen neben netzen (s,d,); intr, Feuch- 
tigkeit von sich geben, 1691 bei Stieler. näß- 
lich, adj.: ein wenig naß, 1716 bei Ludwig 
nässlicht, als Adv. 1482 im Voc. theut, x2'' 
naßlich. ZUS. naßkalt, adj., 1809 bei Campe, 
nassauern, v.: nicht bezahlen, essen u, 
trinken ohne zu zahlen. Berlinisch, eine humo- 
rische Weiterbild, von berl, naß «arm», per 



277 



Nast 



Natur 



278 



naß, vor naß «umsonst», Nassauer «armer, 
geldlüser od, geiziger Mensch, der nicht zahlt» 
(Trachsel Berlin. Wörter 38). Schon im 15. Jh. 
steht naß für «betrunken», später dann auch 
für «Abenteurer, gerieben, verschlagen», vgl. 
DW. 7, 423. Anders ZfdW. 2, 346. 

Nast, m. (-[e]s, PI. -e): Ast u. Astwurzel- 
knoten. 1618 bei Schönsleder, 1525 bei Bau- 
mann Queller 1, 634, noch hess.-fränk.-bayr.- 
schwäb.-els. Mit vorgetretnem n aus Ast. 

Natälie, Frauenname. Von lat. nätälis m. 
«Geburt, Familie», od. vom Adj. nätälis zur 
Geburt (insbes. des Heilands) gehörig. 

Nation, f. (PI. -en): das Volk als Gesamt- 
heit; die Menschen einer großen Staatsgesamt- 
heit. 1446 bei Janssen Frankf. Reichscorr. 2,91 
nacion, ebenso 2, 253 von 1467, Liliencron 2, 
425^ von 1499 nation f. Aus glbd. lat. nätio f. 
(Gen. -nis), urspr. «Geschlecht», woher auch 
frz. nation, ital. nazione f. national, adj.: 
einem Volke eigentümlich, bei Herder, Goethe 
(in Zss. schon 1526 in Reichsordn. 1 30 * ^af/o«a^ 
Versammlung) gebildet nach frz. national, da- 
neben nationell b. Goethe 34,1,188; national- 
liberal, adj., 1867 in Hannover auftauchender 
Name für eine politische Partei; National- 
ökonomie, f.: Volkswirtschaftslehre, zuerst 
1805 in Deutschland auftauchend in dem Werk 
des Grafen Soden «die N,». nationalisieren, 
V.: in ein Volk einbürgern, 1725 bei Gottsched 
Vernunft. Tadlerinnen 1, 11, nach glbd. frz. 
nationaliser. Nationalität, f. (PI. -en): Volks- 
eigenheit, Volk'stum, bei Goethe 27, 97, aus 
glbd. frz. nationalite f. 

Nativität, f. (PL -en): Geburt, Geburts- 
stunde; der das Lebensschicksal vorbedeutende 
Stand der Gestirne zur Geburtsstunde eines 
Menschen. Im 16. Jh. Nativitet t in der astro- 
logischenBed.(Zimm.Chron.-2,110,38,Mathes. 
Sar. 52^), mhd. nativitas f. «Geburt», aus lat. 
nätwitas f. «Geburt», von lat. nätivus «ge- 
boren, angeboren» (s. naiv). 

Natron od. Natrum, n. (-s) : mineralisches 
Alkali od. Laugensalz. 1721 bei Jablonsky. 
Aus gr.-lat. nitrum, gr. vixpov n. «natürliches 
mineralisches Laugensalz». 

Natter, f. (PI. -n) : Art kleinrer Schlangen, 
coluber. Mhd. näter(e), ahd.nät{a)ra f.; dazu 
asächs. nädra, ags. nm{d)äre, anord. naära f., 
nadr m., got. nadrs m., mit Abstoßen des 
Anlautes n mnd.-ndl.-engl. adder (s. Otter f.). 
Urverw. mit glbd. ir. nathir, kymr. neidr, auch 
lat. natrix f. m. «Wasserschlange» (angelehnt 
an näre «schwimmen»). ZUS. Natterhals 



od. Natterwendel, m.: der Dreh-, Wende- 
hals, jynx torquilla, 1558 in Heuslins Vogel- 
buch 553. Natterwurz, f.: die Pflanze poly- 
gonum bistorta, spätmhd.-ahd. naterwurz f., 
mnd. naderivort; sie hat ihren Namen wegen 
der schlangenartig gedrehten od. gekrümmten 
Wurzel. Natterzunge, f.: die Pflanze ophio- 
glossum vulgatum; versteinerter Fischzahn 
als Zierat. Beides spätmhd. im 15. Jh. 

Natur, f. (PI. -en): urspr. Beschaifenheit, 
Wesen eines Dinges; Gesamtheit der Eigen- 
schaften alles Geschaffnen; Gesamtheit der 
geschaffnen Wesen, die sichtbare Schöpfung 
(1558 bei Heuslin Vogelbuch 163 das Buch 
der Natur) ; die in dieser sichtbaren Schöpfung 
wirkende Kraft (1541 bei Franck Sprichw. 
1,148* u. schon mhd. bei Heinrich von dem 
Türlin Krone 8167 f.). Mhd. natür{e), selten 
natiure (nach frz. nature) u. nattuore, nataur, 
ahd. natura f. «angeborne Art, Beschaffenheit». 
Aus glbd. lat. natura f., urspr. «Geburt», von 
7iätus «geboren», natural, adj.: der Natur 
angehörig, nur in Zss. wie Naturalbesoldung 
«Besoldung an Naturerzeugnissen, Frucht u. 
dgl.», Naturallieferung usw., von glbd. lat. 
naturalis. Naturalien, PI.: Naturkörper, 
-erzeugnisse, 1675 bei Weise kl. Leute Na- 
turalia, der PI. Ntr. des lat. Adj. naturalis. 
Naturalismus, m.: Schlagwort für eine bes. 
Kunstrichtung, die bes. von Zola künstlerisch 
u. theoretisch vertreten wurde. Vgl. Laden- 
dorf u. ZfdW. 8, 15. naturalisieren, v.: in 
den einheimischen Staatsverband aufnehmen, 
das Bürgerrecht geben, 1663 bei Schottel 1278 
(von fremdsprachlichen Wörtern), aus frz. 
naturaliser. Naturalist, m. (-en, PI. -en): der 
Naturkundige (1616 bei Albertinus Narren- 
hatz 193 L.); wer eine Kunst od. Wissenschaft 
nur als Autodidakt betreibt (1778 bei Maler 
Müller Faust 15, 5, in der Fechtkunst 1742 bei 
Trichter); der Natur- oder Vernunftgläubige 
(1777 bei Adelung). Aus frz. naturaliste m. 
Naturell, n. (-5, PI. -e): natürliche, eigen- 
tümliche Anlage, Gemütsgabe, 1711 bei Räd- 
lein, 1696 bei Elis. Charl. v. Orleans 2, 69, aus 
glbd. frz. naturel m. natürlich, adj., mhd. 
natür-, tiatiurlich, ahd. natürlih, im Adv. mhd. 
natürliche, ahd. natürlicho, von Natur. In 
der Bed. «unehelich» seit dem 15. Jh., ent- 
spi-echend frühmlat. filius naturalis (von Ver- 
wandten im 16. u. 17. Jh. auch «leiblich»); 
«ungekünstelt, einfach, offen» im 18. Jh. bei 
Hagedorn, Geliert. Natürlichkeit, f., mhd. 
naiür-, natiurlicheit f. ZUS. mit Natur: 

18* 



279 



Naue 



neben 



280 



Naturbursche, m., urspr. in der Bühnen- 
sprache als Rollenfach (1841 bei Düringer 
Theaterlexikon 786). Naturdichter, m., 
1782 bei Herder Geist der ebräischen Poesie 
1, 110. Naturforscher, m., 1691 bei Stieler. 

Naturforschung, f., ebd. naturgemäß, 

adj., 1645 bei Harsdörffer Gespr. 5, 30, dafür 
1643 bei Zesen Sprachübung 22 naturmäßig, 
1586 bei Fischart Bodinus 39 naturgemäßig. 
Naturgeschichte, f., 1777 b. Adelung neben 
Naturhistorie, historia naturalis. Naturge- 
setz, n., 1691 bei Stieler. naturgetreu, 
adj., im 19. Jh. (1833 bei H. Heine die romant. 
Schule, Werke 5, 268). Naturkind, n., bei 
Schiller 10, 441. Naturkraft, f., 1777 bei 
Adelung. Naturkunde, f., 1691 bei Stieler; 
naturkundig, adj., 1534 bei Franck moriae 
eucom. 29*, naturkündig bei Luther 3, 220*. 
Naturlchre, f., 1691 bei Stieler. Natur- 
mensch, m., 1774 bei Herder älteste Urk. 

1, 28. Naturnotwendigkeit, f., 1785 bei 

Kant Grundleg. z. Metaphysik d. Sitten 97. 
Naturprodukt, n., l'"85 bei Herder Ideen 

2, 280. Naturrecht, n., 1738 bei Hayme 
jur. Lex. Naturreich, n., 1732 bei Brockes 
ird. Vergn. 4,499. Naturspiel, n., 1691 bei 
Stieler. Naturtrieb, m., 1777 bei Adelung. 
Naturvolk, n., 1774 bei Herder älteste Urk. 
1, 83. naturwidrig, adj., bei Schiller 10, 9. 
Naturwissenschaft, f., bei Christ. Wolff 
vern. Ged. von Gott g 631. naturwüchsig, 
adj., zuerst 1833 bei Leo Stud. z. n. Naturlehre 
d. Staates S. 1 nachweisbar. Vgl. Ladendorf. 

Naue, f. (PI. -n) auch Nauen, m. (-s): 

Schiff, insbes. Fracht-, Lastschiff; plattes 
größres Wasserfahrzeug, Fährschiff; Schweiz, 
kleinres Schiff, Fischerboot (Schiller Teil 1, l). 
Bayr.- Schwab. Mhd. näwe, nöwe u. ncewe, 
neire f. (auch nau m.) «kleinres Schiff, bes. 
Fährschiff», im 15. Jh. naffe, näffe f. «Kahn». 
In der Bed. «Fracht-, Lastschiff», ahd. vernaiva 
f., im 14. Jh. eis. nöge, im 15. u. 16. Jh. nafifen), 
näff, na(u)we, naue f. u. nave ra., auch noch 
Schweiz. Nauive m. «gi-ößres Lastschiff mit 
breitem Boden». Mit Wechsel des iv u. h 
am Neckar u. Rhein Nähe f. (s. d.). Entl. 
aus lat. nävis f. «Schiff"». 

Naupe, f. (PI. -w): Anfall von heimlicher 
Bösartigkeit, von Gemütswunderlichkeit; ver- 
drießliche Schwierigkeit. 1570 bei Fischart 
Nacht Rab 57. Noch obd. (nüpen, nuppen), 
hess., luxemb., westerw., auf der Eifel. Eins 
mit Noppe (s. d.). [(Städtechron. 2, 12, 4). 

nans, gekürzt aus hinaus, schon im 15. Jh. 



naut, s. aut u. nicht. 

Nautik, f.: die Schiffahrtskunde. 1801 bei 
Campe, uautisch, adj.: schiffahrtskundig, 
zum Seewesen gehörig. Nach dem gr.-lat. 
Adj. nauticus, gr. vauxiKÖc «schiffmännisch, 
zur Schiffahrt gehörig», aus dessen subst. F. 
vauTiKri f. (nämlich T^x^n f. «Kunst») Nautik, 
zu vauc f. «Schiff». 

Nebel, m. (-s, PI. wie Sg.): unmittelbar 
an und über der Erdoberfläche schwebende 
Wasserdämpfe, die die Luft mehr od. weniger 
undurchsichtbar machen; bildl. für trügerisch 
Verhüllendes (schon mhd.). Mhd. nehel, ahd. 
nebul m. ; dazu asächs. netal, mnd. nevel, neffel, 
anord. in Zss. nifl- «Dunkelheit», ags. nifol 
«dunkel, finster». Urverw. mit lat. nehula f., 
gl". v€cpe\r| f. «Wolke, Nebel», veqpoc n. «Ge- 
wölk, Finsternis», air. nel, kymr. niwl «Wolken, 
abg. nebo n. «Himmel», lit. dehesis m. «Wolke» 
(für *nehesis), aind. näbhas n. «Nebel, Dunst, 
Dunstkreis, Luftraum». Alliterierend bei Nacht 
und Nebel, 1344 bi nacht und bi nebel Weist. 
1, 331. Vgl. Mst. ABL. nebelhaft, adj., 
1691 bei Stieler. nebeln, v. impers., mhd. 
nebelen, nibelen (s. nibeln). neb(e)licht, 
neb(e)lig., adj., um 1500 nebelecht, neblig 
(Diefenb. gl. 377^^), 1482 im Voc. theut. x3'' 
nebelig, 1429 niblich (auch in der Zimm.Chron.' 
3, 305, 36 nibelig, 1561 bei Maaler u. 1618 bei 
Schönsled. niblig), ahd. nebulgiu (F. zu nebulig). 
ZUS. Nebelfleck, m., bei Schiller 11, 188. 
nebelgrau, adj., 1777 bei Adelung. Nebel- 
kappe, f.: unsichtbar machende Kappe (mhd. 
nebelkappe f.); die Person oder nur das Ge- 
sicht verhüllende und unkenntlich machende 
Kappe (im 15. Jh.); vor Kälte und Nässe 
schützende Kapuze (1561 bei Maaler Nabel- 
kapp), Nachthaube (Wielaud Klelia 5, 495). 
Nebelkrähe, f.: die asch- oder nebelgi-aue 
Krähe mit schwarzem Köpf und Schwänze, 
sowie schwarzen Flügeln, mhd. nebelkrä f. 

neben, adv.: zur Seite; präp, mit Dat. u. 
Akk. : zur Seite von, seitwärts nahe an. Mhd. 
neben{e), auch nebent, gekürzt aus e(n)neben, 
ahd. neben u. ineben (urspr. in eben «in gleicher 
Linie»). Als Präp. im Ahd. nur mit Dat., 
im Mhd. auch mit Akk. (im 12. Jh.) u. Gen.; 
ebenso asächs. an eban mit Akk., ags. on efen, 
on emn (auch onefen, onemn) mit Dat. u. Akk., 
engl, anent «neben». ZUS. nebeuaus, adv., 
1512 bei Keisersberg Bilgerschaft 120^ neben 
uß. nebenbei, adv., mhd. enebene bi, nebent 
bi. Nebenbuhler, m., 1678 bei Krämer, 
dafür 1663 bei Gryphius Seiten-Buhl m., bei 



281 



nebst 



nehmen 



282 



Zesen Mitbuhler. nebeneinander, adv., 

1522 bei Pauli Schimpf 38 Ost. nebenher, 

adv., 1691 bei Stieler. Nebenmensch, m., 
bei Luther 3. Mos. 6, 2. Nebensache, f., 
1641 bei Schottel 502; nebensächlich, adj., 

1691 bei Stieler. Nebensatz, m., bei Herder 
Fragm. 1, 90. Ncbcnstunde, f. : Mußestunde, 
1691 bei Stieler. Nebenwort, n.: Neben- 
bemerkung, 1663 bei Schottel 640^: gramma- 
tisch, Verdeutschung von Adv., von Gottsched 
eingeführt. In der altern Sprache wui-den 
in gleichem Sinne Zss. mit eben gebildet, z. B. 
Neienerbe (Miterbe), mhd. ebenerhe, ahd. ebin- 
erbo m., Nebenchrist (Mitchrist), mhd. ebeii- 
kristen, ebeiikrist, ahd. ebenchristäne m. 

nebst, Präp. mit Dat.: zugleich mit (u. 
dabei gleichsam zur Seite von). Eine Weiter- 
bildung von neben, zunächst nebens als Adv. 
1512 bei Keisersberg Bilgerschaft 73% 171^ 
u. als Präp. 1663 bei Gryphius P. Squentz 14, 
dann mit Antritt von t nebenst, als Präp. im 
17. Jh. von mittel- u. nordd. Schriftstellern 
häufig gebraucht (z. B. Zesen Ibrahim 216), 
durch Ausfall des n nebest (1616 bei Selenus 
Schachspiel 8, Gryphius Lustp. 166 P.) und 
nebst (1658 bei Weller Annalen 2, 47). Ebenso 
mnd. neven, neffen, im 16. Jh. neffens, neffenst 
als Präp., ndl. 1598 bei Kilian beneffens. 

Neck, m.: der Nix (s. d.), bei Dichtern 
des spätem 19. Jh., nach schwed. nek, näk 
(1844 bei Heine neue Ged. [1, 284E.] Necken- 
lilie), bei Kopisch Nöck. 

necken, v. : mit kleinen empfindlichen Be- 
leidigungen reizen, durch kleine mutwillige 
Handlungen od. mutwillige Worte reizen od. 
nur plagen. Md. im 14. Jh. necken «durch 
mancherlei Plage reizen u, beunruhigen», intr. 
«die Eßlust reizen», 1477 clev. naggen «be- 
unruhigen, quälen, reizen», obd. einmal in 
den Fastnachtsp. des 15. Jh. 80, 83 «peinigen»; 
dazu md. im 13. Jh. nacliaft (nac-haft) «listig, 
im Bösen gewandt» und .naclieit (nac-heit), 
nackeit f. «List, Hinterlist, Bosheit, Lust im | 
Antun von Bösem». Erst im 18. Jh. beginnt 
das Wort von Mitteldtschld. aus häufiger zu 
werden (1734 bei Steinbach, 1741 bei Frisch). 
Wohl zu nagen, vgl. norw.-dial. nagga «nagen, 
beißen, plagen, ärgern, schmerzen», schwed. [ 
nagga, dän. nage. ABL. Neckerei, f., bei 
Lessing 7, 55. neckisch, adj., md. im 13. Jh. 
neckisch «boshaft, böslich», necksen, v.: 
necken, beim j. Goethe 3, 106 (Briefe 2, 291) 
aus md. Mundart, Intensivbildung zu necken. 
"^Neffe, m. (-«, PI. -w): Schwestersohn, 



Bruderssohn. Mhd. -mnd. neve, md. auch nebe, 
ahd.we/b, nevo m. meist «Schwestersohn», dann 
«Bruderssohn, Mutterbruder, Enkel (auch bei 
Luther), Geschwisterkind, Vetter, Verwandter 
überhaupt»; dazu ndl. neef m. «Enkel, Nefie, 
Vetter», ags. nefa m. «Sohns-, Schwester-, 
Bruderssohn», anord. nefi m. «Neffe, Groß- 
nefle. Verwandter». Urverw. mit lat. nepös m. 
(Gen. nepötis) «Enkel, Nefie», gr. dveviJiöc m. 
«Geschwistersohn, Verwandter», ah: nia (Gen. 
niad) «Schwestersohn», alit. nepotis, nepatis, 
nepuofis m. «Enkel, Neffe», ahg.netiji m. «Neffe», 
aw.-apers. napät- «Abkömmling», aind. näpät- 
m. «Nachkomme, Enkel». Vgl. Nichte, Niftel. 

-Neffe, f. (Pl.-n): Blattlaus, 1788 b.Krünitz 
42, 701 grüne Neffen u. Kohlneffen, ein md. 
Gärtneraasdinick, wohl aus glbd. gi-.-lat. aphis. 

Negation, f. (PL -en): Verneinung, Ver- 
neinungswort. 1571 bei Rot. Aus lat. negätio f. 
«Verneinung», von negäre «nein sagen, ver- 
neinen», negativ, adj,: verneinend, aus glbd. 
lat. negativus. Subst. NegatlY, n.: (in der 
Photographie) das Bild auf der Platte, das alles 
verkehrt zeigt. In neurer Zeit, negieren, v.: 
verneinen, leugnen, 1571 b. Rot, aus lat. negäre. 

Neger, m. {-s, PI. wie Sg.): Schwarzer, 
d. h. Mensch von schwarzer Hautfarbe, wul- 
stigen Lippen, stumpfer Nase u. krauswolligem 
Haar. Negro 1606 bei Hulsius 7. Schiffahrt, 
Neger Uli bei Adelung. Aus glbd. frz. negre, 
span.-ital. negro m., von lat. niger, span.-ital. 
negro «schwarz». 

Neglig^ (spr. neglize), n. (-s): Haus-, 
Morgen-, Nachtkleid. 1755 bei Lessing 2,16 
Neglischee, aus glbd. franz. neglige m., von 
frz. negliger, lat. negligere «vernachlässigen». 

nehmen, v. (Präs. nehme, nimmst, nimmt, 
Konj. nehme, Prät. nahm, Konj. nähme, Part. 
genommen, Imp. nimm): an und zu sich be- 
wegen; in seine Gewalt kommen machen; in 
ein Verhältnis des Verbunden-, Zusammen- 
seins 'mit sich kommen machen; refl. sich be- 
nehmen (Lessing 1, 531, Schiller Karlos 2, 7). 
Mhd. nemen (Präs, nim, md. neme, Prät. nam, 
PI. nämen, Konj. nceme, Part, genomen, ge- 
numen, Imp. nun u. frühmd. nem), daher im 
16. Jh. u. noch 1678 bei Krämer nemmen, ahd. 
neman; dazu asächs. - ags. - got. niman, afrs. 
nima, nema, anord. nema (auch wie dän. nemme 
«auffassen, lernen»). Wahrscheinlich urverw. 
mit gr. v^iueiv «aus-, zuteilen, weiden lassen, 
(im Medium) in seiner Gewalt haben, wofür 
nehmen oder halten», vdjioc n. «Weidetrift», 
lat. nemus n. «Waldtrift, Hain», abg. iniati 



283 



Nehrung 



Neige 



284 



(Präs. imq) «nehmen, gi-eifen», lit. imti (Präs. 
imu) «nehmen», nämas m. «Haus». Vgl. Idg. 
Forsch. 18, 238. Auch lat. emo «kaufen» wird 
dazugestellt. Vgl. Walde. ABL. Nehmer, 
m., mhd. nemer, ahd. nenieri m. 

Nehrung, f. (PI. -en) -. an der preußischen 
Ostseeküste lange schmale Landzunge, die 
eine Bucht fast als Binnenmeer abschließt. 
1584 bei Henneberger Beschreib, d. Landes 
zu Preußen 333 Neerung, 1639 bei Micrälius 
Pommern 1, 6 Näring f., aber bei Jeroschin 
im 14. Jh. Nerge f. (die kui'ische Nehrung) 
u. noch 1599 bei Schütze Preußen 76^ ^er^fg f. 
Also nicht aus «Niederung», sondern, da die 
Nehrung ein enger Landstreifen, lat. angustia 
terrae ist, viell. eine Ableitung von asächs. 
naru «eng» (s. nährlich). 

Neid, m. (-[e]s): gehässige Gesinnung mit 
innerlich quälender Gemütsstimmung über 
andern zuteil Werdendes oder Gewordnes, 
besonders wenn eigne Begierde nach diesem 
sich regt od. lebhaft ist. Mhd. nit m. (Gen. 
-des, PI. -de) «feindselige Gesinnung, Kampf- 
grimm, Haß, Groll, Eifersucht, Mißgunst, 
Neid», ahd. nid m. (PI. -a u. -i); dazu asächs.- 
and. niih, nid «Wetteifer, Anstrengung, Feind- 
schaft, Haß», mnd.-mndl. nit, ndl. nijd, afrs. 
nith, nid m. «Haß, Neid», ags. niß m. «Streben, 
Anstrengung, Feindseligkeit», aber anord. nid 
n. «Hohn, Beschimpfung», norw. nid «Schande, 
Verdx-uß, Arger», dän. nid «Neid», got.tieip n. 
«Neid». Dazu air. nith «Not, Bedrängnis». 
Man stellt noch dazu (mit anderm Wurzel- 
auslaut) got. naiteins f. «Lästerung», ganaitjan 
«lästern, schmähen», ags. ncetan, ahd. nei^^an 
«plagen, quälen», die zu lett. naids «Haß», 
naidigs «feindselig», nist (Präs. nidu) «hassen», 
gr. öveiboc n. «Schimpf, Schmähung», aind. 
nidä «Spott, Schmach» gehören. Lat. niti 
«sich stemmen, stützen» ist nicht verwandt. 
ABL. neiden, v., mhd. niden (selten schwach, 
fast immer starkflekt. Prät. neit, PI. niten, 
Part, geniten u. md. geniden), aber ahd. mit 
schwacher Flexion nidön u. nidän «hassen, 
beneiden». Neider, m., mhd. nidcere, nider m. 
«Hasser, Neider», neidig, adj., mhd. nidec, 
nidic, ahd. nidig, nidic «feindselig, eifersüchtig, 
mißgünstig», mnd. nidich. neidisch, adj., 
md. im 13. Jh. nidisch, seit dem 15. Jh. über 
ganz Deutschi, verbreitet; dazu neidschen, 
V.: gehässig u. kleinlich quälen, insbes. nei- 
discher Weise, beim j. Goethe 2, 385 u. 3, 448, 
clev. 1477 nijtschen «beunruhigen, kränken, 
quälen». ZC/S. Neidhammel, m.: neidischer 



Mensch (vgl. Streithammel), 1654 bei Olearius 
persian. Rosenthal 1, 7, aus md. Mundart 1565 
bei Mathesius Psalm 130 Bl. 11 1» Neidthemel m. 
Neidhart, m.: recht neidischer Mensch, im 
13. Jh. nithart (Renner 14126), erscheint als 
appellativischer Gebrauch des mhd. Manns- 
namens Nithart (gemeint ist der Dichter Neit- 
hart von Reuental), ahd. Nidhart, als Adj. ags. 
nipheard «kühn im Kampfe». Neidkragen, 
m.: neidischer, auch geiziger Mensch, bei 
Platen, dafür 1795 bei Bronner Leben 1, 197 
Neidhals, neidlos, adj. : nicht neidisch (Klop- 
stock Mess. 11, 543); keinen Neid erregend 
(1691 bei Stieler). Neidnagel, m. {-s, PI. 
-nägel): im Fleische des Nagels an Finger 
od. Zehe unten festgehaltner Nagelsplitter; 
über dem im Fleische steckenden Teile des 
Nagels losgerißnes, aber unten haftendes ein- 
reißendes schmales Hautstückchen. 1691 bei 
Stieler Neidnagel u. Neidhaken, 1664 bei Duez 
Niednagel oder Nägelstroh; dazu ndl. 1598 
nijdnaghel m. neben nijdvel n. (Neidfell, Neid- 
haut) u. nijdvleesch n. (Neidfleisch), nach dem 
gemeinen ndl. Volksglauben, wie Kilian an- 
gibt, daß der, dessen Haut neben dem Nagel 
sich löst, von jemand mit neidischem Blick 
angesehen werde, deshalb auch frz. envie f. 
«Neid u. Neidnagel». Umdeutungen sind ndl. 
1598 nijpnagel, nijpvel, nijpvleesch, bezogen 
auf ndl. nijpen «kneipen», wie bei Adelung 
und Campe Nietnagel abgeleitet von nieten 
«diücken, schmerzen», ferner nd. nödnagel m., 
das in seiner Grdbed. «Not (Qual) verur- 
sachender Nagel» mit dem im 16. Jh. (Diefenb. 
gl. 489*) vorkommenden ndl. dwanghnagel 
(Zwangnagel) stimmt. 

Neige, f., mhd. neige f. «niederwärts, selbst 
bis auf den Grund gehende Biegung, Senkung, 
Endschaft», im 15. Jh. «letzter Inhalt eines 
Gefäßes» (1482 im Voc. theut. x2* naig). Von 
neigen, v. (Prät. neigte, Part, geneigt): von- 
der senk- oder wagerechten Richtung vor- 
u. niederwärts abweichen machen, (dann refl.) 
davon abweichen. Mhd. neigen in beiden Bed., 
auch refl., ahd. {h)neigan, asächs. hnegian, ags. 
hncegan, anord. hneigja, dän. neie (sich neigen), 
got.hnäiwjan «niederbeugen, erniedrigen», ist 
das Faktitiv zu dem starken mhd. nigen (Prät. 
neic, PI. nigen, Part, genigen), ahd. (h)nigan, 
asächs. hnigan, ags. hnigan, anord. hniga, got. 
hneiwan «sich niederwärts biegen, sich neigen, 
sinken». Dazu nicken. Urverw. mitlat. cönivere 
(Perf. cönixi) «die Augen schließen, blinzeln», 
mc^äre «winken». ABL. Neigung, f : Hand- 



285 



nein 



Nery 



286 



long des Neigens (1691 bei Stieler); geneigte 
Eichtung od. Lage (1571 bei Rot); Zuneigung, 
Gelüsten (mbd. neigunge f.); Gnade, Huld, 
Gunst (1663 bei Scbuppius 731); freundschaft- 
liche u. liebevolle Gesinnung (1620 bei Alber- 
tinus Lustgarten 142). 

nein, adv. u. interj.: Gegensatz von ja. 
Mhd.-ahd. nein; dazu asächs.-mnd.-mndl. nen. 
Zsgez. aus ahd. ni ein, asächs. ne en «nicht 
eins». Got. entspricht ne, ags. wä, nö, anord. 
nei «nein», (dän.-schwed. nei aus neigi); ur- 
verw. mit lat. ne «daß nicht», ne- (in nefas 
«Unrecht»), gr. vn-, air. ni «nicht», abg.-lit. 
ne «nicht», aind. nä «nicht». Vgl. un. 

Nekrolog, m.(-s, PI. -e): Totenverzeichnis; 
Lebensbeschreibung eines Verstorbnen. Seit 
1790 aufgenommen aus franz. necrologe m. 
«Namen- und Totenliste der auf bestimmte 
Tage zu verehrenden Personen in geistlichen 
Stiftern, Klöstern», von glbd. gr.-lat. necro- 
logium, gr. veKpoXÖYiov n., zgs. aus gr. veKpöc 
m. «Leichnam» u. einer Ableitung von Xeyeiv 
«darlegen, rechnen». Nekromänt, m. {-en, 
V\.-en): Totenbeschwörer, Totenbefrager, aus 
glbd. gr. veKpö|uavTic m., einer Zss. mit luctvxic 
m. «Weissager, Prophet». Nekromantie, f.: 
Totenbeschwörung u. -befragung zu Wahr- 
sagung, 1571 bei Rot Necromancei, 1586 bei 
Fischart Bodinus 257 Necromancy, aus glbd. 
gr.-lat. necromantia, gr. veKpoiuavTeia f., zgs. 
mit gr. |aavT€ia f. «Weissagung, Wahrsagerei». 
Vgl. Nigromantie. 

Nektar, m. (-s): Göttertrank, Götterwein. 
Nedar 1619 bei Weckherlin 2, 238 F., aus 
glbd. gr.-lat. nectar, gr. veKTop n. 

Nelke, f. (PL -n): Gewürznäglein; die 
Pflanze dianthus, besonders die Gartennelke 
dianthus caryophyllus (in Kurhessen aber der 
Goldlack). Hervorgegangen aus älterm Näg- 
lein (s. d.), in der 1. Bed. im 15. Jh. neigin, 
nelchin, nelekin (Diefenb. gl. 101°), 1664 bei 
Duez Nelcken, ebenso in der 2. Bed. 1598 bei 
Colerus Hausb. 2, Y3% bei Luther Nelichen, 
im 15. Jh. nelchin (Diefenb. nov. gl. 76*). 

nennen, v. (Prät. nannte, Konj. nenn{e)te, 
Part, genannt): mit Namen bezeichnen. Mhd. 
nennen (Prät. nante, Part, genant, genennet), da- 
neben nemmen (Prät. namte, Part. genem(me)t) 
u. niemen, ahd. namnan, nemnan, nemman, 
nennen (Prät, nemnida, namta, nanta, Part, ga- 
namnit, ganemnit, ginemmit, ginennit, ginant) ; 
dazu asächs. nemnian, afrs. namna, nanna, 
ags. nemnan, namnian, anord. nefna, schwed. 
nemna, dän, nävne, got. nanmjan. Von Name 



(s. d. u. das Zeitwort nameti). Die veralteten 
Formen VrAt. nennte noch bei Schiller 4, 115, 
Part, genennet Lessing 2, 373, genennt Wie- 
land Suppl. 1, 138. ABL. Nenner, m.: (gram- 
matisch) der Nominativ (s.d.), 1482 bei Melber 
R4^; (mathematisch) die die -tel ausdrückende 
Bruchzahl, 1529 bei Adam Riese, 1514 in 
Böschensteyns Rechenbuch 4*. Nennung, 
f., spätmhd. im 15. Jh. nennunge f. Nenn- 
wert, m., bei Campe 1809 als neu. Nenn- 
wort, n.: Hauptwort, grammatisch, 1593 bei 
Helvicus, für lat. nömen, dafür ahd. namo ra. 
Nepotismus, m. (Gen. wie Nom.): unge- 
rechte Begünstigung der Verwandten, Vettern- 
wirtschaft, wie sie den Päpsten zugeschrieben 
wurde. Abgeleitet von lat. nepös «Enkel, 
Verwandter», nlat. «Verwandter des Papstes». 
1703 im Zeit.-Lex. 
I nergeln, nörgeln, v.: quälend od. doch 

: belästigend, auch mäkelnd Mißvergnügen, Un- 

j willen worüber anhaltend in Worten u. Tönen 

! äußern, mit fortdauernder Belästigung reden, 

'. bitten, klagen, zänkisch tun. In Nord- und 

Mitteldtsschld., auch schwäb. im Ries, Schweiz. 

j 1734 b. Weber närgeln, 1759 b. Lessing 12, 130 

1 nergehi, 1777 bei Adelung nörgeln, aber kur- 

hess. u. obsächs. nergeln, nirgeln «undeutlich 

sprechen, brummen», 1711 hei Rädlein nürgeln 

«grunzen». Verw. mit nd.-ndl.WMrÄ;en «murren», 

mnd. u. noch westf. nurren «knurren», älter- 

ndl. norren «zänkisch brummen» u. nerren 

(s. d.). ABL. Nergel^i, Nörgelei, f., 1790 

bei Bahrdt Gesch. seines Lebens 3, 179 Nörgelei. 

Nörgler, Nörgler, m., 171 1 bei Rädlein. 

nerren, v.: einen hellen knurrenden Ton 

hören lassen. Im 15. Jh. ner(re)n (Diefenb. nov. 

gl. 319* vom Hunde). Tonnachahmendes Wort. 

Nerv, m. (-en u. -[e]s, PI. -en): Sehne, 

Flechse, Muskelband (1538 bei Herr Columella 

84b ^g^ff m., 1541 bei Frisius 288^ Nerven, 

noch bei Gellertl, 271 u. Kömer Zrinyl, 1); 

(bildl.) Spannkraft, Kraft (1562 bei Mathesius 

Sar. 230*, sowie bei Schiller, Herder, Kant); 

Bogensehne, Saite (1571 bei Rot, noch bei 

Klopstock u. Voß); von dem Gehirn od. dem 

Rückenmark ausgehendes Faserbündel als 

Leiter der Empfindung und Bewegung (im 

16. Jh. bei Paracelsus, z. B. 1565 Wundartzney 

S. 23 Nerven, 1575 im Garg. 246 der optische 

Nerf). Im 17. u. 18. Jh. häufiger das F. Nerve 

(1678 bei Krämer). Aus lat. nervus m. «Sehne, 

Flechse, natürliches Band der Glieder». ABL. 

nervig, adj.: muskulös, kraftvoll, 1741 bei 

Frisch: nervicht 1716 bei Ludwig. nervÖS, 



287 



Nerz 



Nestel 



288 



adj.: nervig, kräftig (bei Lessing 10, 299, noch 
1813 bei Campe nervig); in gereiztem Nerven- 
zustande befindlich (bei Goethe Nat. S. 11, 281, 
aber erst seit 1830 recht gebräuchlich) ; aus lat. 
nervösus «nervig» unter Einwirkung von frz. 
nerveux. Vgl. Ladendorf. Davon Nervosi- 
tät, f., zuerst 1849 (Beleg a. a. 0.). ZUS. 
Nervenfieber, n., 1777 b. Adelung, Nerven- 
kranklieit, f., 1741 bei Frisch. 

Nerz, NÖrz, m. (-[e]s, PI. -e) : der kleine 
Fischotter od. Sumpfotter, Wasserwiese], mu- 
stela lutreola, dann sein geschätzter Pelz. Im 

15. Jh. nortz (Nürnb. Pol.-Ordn. 189), 1561 bei 
Masler Nertz,Nörtz, mlat. woer^'a, aus ahg.nortci 
«Taucher», serb. norac, poln. nurek m., russ. 
norka f. «Sumpfotter», apreuß. naricie «Iltis». 

Nessel, f. (PI. -n): die Brennen u. Jucken 
der Haut verursachende Pflanze urtica; dann 
(aber erst mhd.) der Ähnlichkeit wegen die 
Pflanze lamium. Mhd. neg^el{e), ahd. ne§(g)ila 
f.; dazu mnd. ne{t)tele, ndl. netel, ags. netele f., 
engl, iiettle, schwed. nässla, dial. nätla, dän. 
neide. Weitergebildet von ahd. nag^a f., norw.- 
dial. -nata, gotländ. natä «Nessel». Ürverw. mit 
ir. nenaid «Nessel», lit. nendre (aus *nenadre) 
«Schilfrohr». Mit abweichendem Auslaut lit. 
nöter e, apreuß. noatis, lett. nätres «Nessel». 
Vgl. Netz. ZUS. Nesselgarn, n.: aus Nessel- 
fasern gesponnenes Garn, 1562 bei Mathesius 
Sar. 14*. Nesselsucht, f.: Hautkrankheit 
mit sog. Quaddeln oder Nesselmälern, das 
Nesselfriesel, 1705 bei Elis. Charl. v. Orleans 
2, 385 Neßelsucht. Nessel tuch, n.: urspr. 
aus Nesselgarn gewebter Zeugstoff", jetzt baum- 
wollner Batist u. Musselin, 1678 bei Krämer. 
Nesselvogel, m.: der Schmetterling papilio 
urticae, der kleine Fuchs, dessen Raupe auf 
Brennesseln lebt. 1796 bei Nemnich. 

Nest, n. (-es, PI. -er): Lagerbau usw. von 
Vögeln, Insekten, Würmern, sowie von man- 
chen Säugetieren für die Brut od. die Jungen 
u. zum Aufenthalte; (dann bildl.) Lager (schon 
mhd.) u. Wohnstätte der Menschen (Luther 
4. Mos. 24, 21), bes. geringer Wohnort (im 

16. Jh. bei Götz v. Berlichingen 2, 74). In 
urspr. Bed. mhd. nest, nist, ahd. nest n. ; dazu 
mnd.-ndl.-ags.-engl. nest. ürverw. mit glbd, 
lat. nidus (aus *nizdos), ir. nett «Nest», kymr. 
nyth «Nest, Wohnung», abg. gnezdo n., lit. 
lizdas m. «Nest», arm. i«"si«Lage, Sitz, Resi- 
denz», aind. mda- m. n. (Lagerstätte für Tiere, 
auch Wohnung). Vgl. Walde. Dafür got. 
suis m. «Sitz», von sitan «sitzen». ABL. 
Nestling, m. {-s, PI. -e): das Nestjüngste, 



Nestküchlein, Vogel, der noch nicht flügge ist 
1664 bei Duez, 1477 clev. nestlyng m. ; bildl 
vom Kinde, mhd. 1399 nestlinc, dafür in Rhein 
hessen Nestert (gebildet wie Bankert, s. d.) 
ZUS. Nestbuttich, m. {-s, PI. -e) u. Nest 

bützel, m. (-S, PI. wie Sg.) : das Nestjüngste 
in der Wetterau, von nd. Butt m. «kui'zes 
dickes Kind», bayr. Butt m. «Person, Tier 
oder Pflanze von kleiner, kurzer, dicker Ge- 
stalt», mhd. hutze m., bützel, pützel n. «Wicht- 
lein, Wichtel, Zwerglein» (s. hutt). Nestei, 
n.: im Neste liegen gelaßnes od. hineingelegtes 
künstliches Ei, damit das Federvieh weiter 
dazulege, b. Luther 3, 388^ Nestey, vom künst- 
lichen 1716 bei Ludwig. Nestflüchter, m. 

u. Nesthocker, m.: Bezeichnung für die 
verschiednen Vögel, je nachdem die Jungen 
gleich das Nest verlassen können od. nicht. 
In der neuern Zeit in der Naturgeschichte. 
Nesthäkchen, n.: das Nestküchlein, obsächs., 
dafür 1715 bei Günther 996 Nest-Heckel n., 
1781 bei Salzmann Krebsbüchlein 54 Nest- 
höckchen, 1716 bei Ludwig Nesthöckelchen, 
henneberg. Nesthückele n., Schweiz. Nesthöck 
m. u. Nesthockern n. Nestküchlein, n. : das 
Nestjüngste, das von einer Brut zuletzt aus dem 
Ei gekrochne, kleinste u. zarteste Nestjunge, 
dann das Letzgeborne von Geschwistern. 1741 
bei Frisch, mnd. nesthüken n. Nestquak, m. 
(-[e]s, PI. -e): das Nestküchlein, 1664 bei Duez 
Nestquack, u. Nestschreier (s. quaken). 

Nestel, f. (PI. -n) u. m. (-S, PI. wie Sg): 
Schnur od. Riemen, gew. mit einer Art Nadel, 
Stift od. Beischlag an dem einen Ende zum 
Einsenken, Durchstecken od. Einschnüren ver- 
sehen, Bandschleife. Mhd. nestei m. f., ahd. 
nestilo m. u. nestila f. (woraus entl. mlat. 
nastila, nastula, nastola f., ital. nastro m.); 
dazu 1477 clev. nastel, nestei, and. nestila f. 
«Binde, Haarband», ndl. nestei m., afrs. nestla 
m., westfrs. nest «Nestel», anord, nist{i) n. 
«Heftnadel am Kleid», norw. nest «lose Naht», 
dial. neste «Spanne, Haken», älterdän. nest{e) 
«Spange» und ahd. 7msta f. «Verknüpfung, 
Haken zum Einhängen d. Schlinge». Gleichen 
Stammes wie ahd, nuska, nusga f. u. nuskil m., 
mhd. nusche f. u. nüschel m. «Mantel- u. Gürtel- 
schnalle», and. nusk(i)a f. «Spange». Wohl 
ürverw, mit lat. nödns m. «Knoten». Vgl, 
Walde. RA. Den oder die N. knüpfen «mit 
Zauberei zeugungsunfähig machen» entweder 
durch Verschnüren an heimlichem Orte (Hölty 
20, 25 f,) oder durch einen heimlich an einer 
der Hosennesteln des Ehemanns angebrachten 



289 



nett 



neu 



290 



zauberischen Knopf (Knoten), 1586 b. Fischart 
Bodinus 218 f. ABL. nesteln, V. : mit Nesteln 
schnüren, binden, mhd. nesteln u. nesten, spät- 
ahd. nestilen, and. nestüon, mndl. nestelen, 
nastelen «fest umwinden, fest knüpfen, fest 
schnüi-en»; dazu anord. nista «zusammen- 
heften», schwed, wäsfa, dä,n.7ieste (befestigen), 
ags. nestan «spinnen». Nestler, m.: Nestel- 
macher (spätmhd. im 15. Jh. nestler, noch 
bayr. Nestler u. Neßler), Nestelkrämer (1678 
bei Krämer). ZUS. Nestelloch, n.: mit 
Metall eingefaßtes Schnürloch zum durch- 
stecken der Nestel, 1664 bei Duez. 

nett, adj.: sauber blinkend (1575 im Garg. 
152 u. 154 nett); bis ins kleinste mit genauer 
Angemessenheit sorgfältig u. fein (1663 bei 
Schottel 7iet, schon 1643 im Sprachverderb. 32 
neety, ohne Abbruch u. Zutat genau u. be- 
stimmt (1641 bei Harsdörifer Gespr. 2, 167 net, 
Yg]. netto); dazu ndrhein. im 15. Jh. bei Diefenb. 
gl. 8** net inde proper, 1477 clev. we^^ «schmuck», 
ndl. 1598 net. Aus dem frz. net adj., prov. 
net «rein, hell» usw., ital. ne^^o, span. neto, von 
lat. nitidus «blinkend, glänzend, glatt, schön, 
schmuck, zierlich», zu lat. nitere «blinken, 
glänzen». ABL. Nettheit, f., bei Campe 1809. 
Nettigkeit, f., 1678 bei Krämer, dafür 1747 
bei Bodmer Lobged. 36 Nette f. 

netto, adv.: rein u. genau, d. h. nach Ab- 
zug alles Abzuziehenden u. ohne weitern Ab- 
zug. In unsrer Kaufmannssprache seit dem 
frühen 17. Jh. (1662 bei Schurtz Buchhalten), 
aus ital. netto (s. nett). 

Netz, n. (-es, PI. -e): Gestrick mit offnen 
durchsichtigen Maschen zum Fange von Tieren; 
dann diesem Gestrick Ähnliches. Älternhd. 
Netze, mhd, netze n. (PI. netze, -r, -n), auch 
«Haarnetz, Fliegennetz, Netzhaut um die Ein- 
geweide», ahd. nezzi n. (auch Netzhaut); dazu 
asächs. net(ti), mnd. nette n., ndl.-ags.-engl.- 
anord.-dän. net n., schwed. nät, got, nati n. 
«Netz»; daneben afrs. nette, nitte f. «Netz- 
haut», u. im Ablaut anord. not f. «großes 
Netz»; dazu vielleicht Nessel (s. d.). Wohl 
ui-verw. mit lat. nassa f. «Fischreuse, Netz». 
Vgl. Walde. ZD'S. Netzhaut, f.: netzförmige 
Haut, insbes. im Auge (1721 bei Jablonsk}' 1 
Netzhäutlein). 

netzen, v. trans.: 7iaß machen. Mhd. ! 
netzen (Prät. netzete, nazte, Part, genetzet, 
genazt), ahd. nezzan, nazzen, mnd, netten, got. 
natjan «benetzen». Von naß (s. d,). 

neu, adj.: erst oder noch nicht lange der 
Gegenwart angehörig. Mhd. wm?i;e, gekürzt niu, 

Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. li. Bd 



mi.nüwe (daher im 16. Jh. naw, in md.Ma. nau, 
z. B. auch in Naumburg), ahd. niuwi; dazu asächs. 
niuwi, and. nigi, mnd. ni{g)e, nigge, ndl. nieuw, 
afrs. nie, ags.niwe, neowe, engl.new, anord. nyr, 
schwed.-dän, ny, got. niujis. Urverw. mit glbd. 
lat. novus, gr. v^(F)oc, ir. nüe, agall, yiovio in 
Namen wie Noviodunum «Neuburg», abg. novü, 
lit. naüjas, arm. nor, aw. nava-, aind. näv(j)as. 
Adv. Ausdrücke: aufs neue: wiederum, 1540 
bei Alberus dict. HH2* yff ein neives, 1559 
bei Ryff Chirurgey 98*' auff das neiv, aber in 
der Bed. «als etwas neues» bei Luther 7, 410** 
auffs new. von neuem, 1501 bei Reuchlin 
Cic, Tusc. § 1 von newvem, 1495 bei Reuchlin 
Demosth, 1. olynth. Rede S. 3 (Poland) von 
Nauiven. ABL. neuen, v.: in er-, verneuen, 
mhd. niuwen, md. nmven, ahd. niuwön, ags. 
mwian, in Zss. mhd. erniuwen, ahd. irniuwon, 
mhd. verniuwen, md. vernütven. Vom Komp. 
ist abgeleitet neuern, V.: in er-, verneuern, 
mhd. niuwern, gekürzt niuren, in Zss. mhd. 
erniuwern; davon Neuerer, m. 1776 b. Herder 
Phil. u. Gesch. 13, 59, u. Neuerung, f., mhd. 
niuwerunge, md, nüwerunge f. neuerlich, 
adj. : in der jüngsten Zeit geschehen, bei Wie- 
land 8, 413; adv.: jüngst bei Lessing 12, 256, 
in der Bed. «neu, ungewöhnlich» 1691 bei 
Stieler. Neuheit, f., 1573 bei Fischart 3, 
48, 46Kz., md. im 14. Jh. nmceheit (Mystiker 
1, 60, 4), dafür älternhd. Neue f. (noch bei 
Voß Br. 2, 49), 1537 bei Dasypodius Newe, 
mhd. niuwe, md. nüwe, ahd. niuwi f Neuig- 
keit, f. : Neuerung, Neuheit (md. nüwekeit f., 
bei Luther Newigkeit, Neukeit, im 17. u. 18. Jh. 
auch Neurigkeit) ; neue Begebenheit od. Nach- 
richt (1689 bei Lohenstein Arminius 1, 25** 
u. 1261*). neulich, adv., mhA.niuweliche{n), 
niultch, md. nüivellcli{en), nUUch, ahd. niwi- 
Ucho; das Adj. erst im 16. Jh. Neuling, m., 
zu Anfang des 15. Jh. neuiing bei Diefenb. 
gl. 383 c. ZUS. Neubau, m. (PI. -bauten), 
1740 bei Zedier. NeubrUCh, m.: neu zu 
Feld od. Wiese angebrochnes Land, mhd. 1316 
nevpruch. neudeutsch, adj., im Gegensatz 
zu altdeutsch, 1631 bei Zincgref Apophth. 2, 81 
auff neuw-teutsch. neuerdings, adv. : jüngst, 
kürzlich (1781 bei Müller Siegfr. v. Linden- 
berg 1, 161, dafür bei Wieland 12, 7 ganz neuer 
Dinge); von neuem (1782 bei Schiller 2, 376). 
Gleicher Bildung wie allerdings (s. d. ). neu- 
gebacken, neubacken, Part., im 14. Jh. 
neupacken (Nürnb. Pol.-Ordn. 197), in über- 
tragner Bed. 1673 bei Weise Erzn. 67, 113. 
neugeboren, Part., bei Luther newgeborn, 

19 



291 



nenn 



neutral 



292 



mhd. niuweborn, ahd. niwiboran. Neugier, f., 
um 1700 «die Gier etwas Neues zu machen», 
1751 bei Lessing 1, 106 «die Gier etwas Neues 
kennen zu lernen»; daneben Neubegier, 1735 
bei Stoppe Parnaß 3. Neugierde, f., 1680 
bei Francisci Lufft-Kreys 1234 Neu-Gierde 
«die Sucht Neues kennen zu lernen»; daneben 
Neubegierde, 1735 bei Stoppe Parnaß 336. 
neugierig, adj., 1557 bei Waldis Esopus 4, 
95, 294 newgirig, daneben neubegierig 1673 bei 
Weise Erzn, 3; eine ältre genetivische Neben- 
form ist 1653 bei Zincgref Apophth. 3, 179 
news-gierig, ndl. 1598 nieuwsghierigh, noch 
mark, nüsgirich (Frommann 4, 267, 149), brem. 
nijsgirig u. mit Übergang des sg in seh nd. 
nischirig, md. nenschierig. Im Mhd. hatte man 
dafür das Adj. niu(we)gerne (noch appenzell. 
nügern), zgs. mit mhd. gerne, ahd. gerni «be- 
gierig, worauf erpicht» (s. gern), u. im Ahd. 
das Subst. niugerni, mhd. niugerne f. «Neu- 
gier», neuhochdeutsch, adj.: hochdeutsch 
vom Ende des 15. Jh. an, insbes. aber seit 
Luther, ein Ausdruck Jacob Grimms (Gramm. 
1-, XI). Neujahr, n., im 16. Jh. das new jar 
(mit Flexion des Adj.), aber 1540 bei Alberus 
dict. B 1^ newjar «Neujahrsgeschenk», ebenso 
1518 bei Keisersberg Baum der Seligkeit 6** 
nüwejar (PL), genauer 1663 bei Schuppius 402 
Neu- Jahr- GescJwncke n. u. 1605 bei Hulsius 
Newjahrgab f. Neulicht, n.: Neumond, im 
mrhein. Voc. ex quo 1469 nüliecht n. neu- 
modisch, adj., bei Lessing 2, 400 vom J. 1748. 
Neumond, m., bei Luther Newemond, 1414 
eyn nüe mänt u. sonst im 15. Jh. im mönt, 
neivmon (Diefenbach gl. 383''), spätahd. niu- 
mäne m. Neurod, n. {-es, PI. -e): frisch od. 
auch später als andres angerodetes u. so ur- 
bar gemachtes Land. In Mitteldeutschland 
(s. Rod) für mhd. niu{ive)riute u. niu-geriute 
n., 1371 neuraut Neuzeit, f., bei H. Heine 
14, 184 (Hamb. 1861 f.); dazu neuzeitig, adj., 
1775 bei Heynatz Briefe 5, 113. 

neun: Zahlwort, alleinstehend auch noch 
althergebracht im Nom. u. Akk. neune, im 
Dat. neunen; der Gen. älternhd. neuner, noch 
im Adv. neunerlei (s. -lei). Mhd.-ahd. niun, 
md. nun, spätmhd. neun, vereinzelt mhd.niwan, 
niwen, newen, ahd. niwan (Otfrid 2, 4, 3), 
flekt. mhd.niune, ahd.niuni, Ntr. nmnm; dazu 
asächs.-afrs. nigun, mnd.-ndl. negen, ags. nigon, 
engl, nine, anord. niu, schwed. nio, dän. ni, 
got. nur der Gen. niune erhalten, krimgot. 
nyne. Urverw. mit lat. noveni, gr. iwia, air. 
nöi-n, apreuß. neivlnts (der neunte), lit. devvii, 



abg. dev^ti, armen, inn, aw. nava, aind. ndva 
«neun». Subst. Nenne, Neun, f.: die Neun- 
zahl, mhd. niune f. (ein Hasardspiel). ABL. 
Neuner, m.: das Zahlzeichen 9 (1691 bei 
Stieler); aus neun Bestehendes (im 15. Jh. 
Schweiz, nüner m. «9 Heller geltendes Münz- 
stück»); aus 9 MitgUedern bestehendes Kol- 
legium (im 14. Jh. nüner, neuner). neunte: 
Ordnungszahl, mhd. niunde, niunte, niwende, 
(1309) neunte, md. nünde, ahd. niunto, tiiundo; 
dazu asächs. nigundo (F. auch niguda), afrs. 
niugunda, ags. nigopa, engl, ninth, anord. 
nlundi, got. niunda, übereinstimmend mit glbd. 
gr. Ivaxoc, apreuß. newints, lit. dewintas, abg. 
dev^tü; dazu neuntehalb: 8V2, mhd. tiiunde- 
halp. Neuntel, n., gekürzt aus Neunteil (1562 
Mathesius Sar. 30* Neuntheil): der neunte 
Teil, md. 1477 nüntel (Weist. 2, 242). ZUS. 
Neunauge, n. : der aalförmige Flußfisch 
petromyzon fluviatilis, die Flußpricke, mit 
einem Saugmaule u. an jeder Seite des Halses 
7 Atmungsöifnungen, die wie Augen aussehen 
u. mit den zwei wirklichen als 7ieun Augen 
genommen wurden, mhd. niunouge, ahd. niun- 
ouga n.; dazu ndrhein. im 12. Jh. nünöga, 
mnd. negenöge, ndl. 1598 neghenooghe, (entl. 
schwed. nejonöga, dän. negenöie). neunfach, 
adj., 1541 bei Franck Sprichw. 1, 40^, dafür 
mhd. im 14. Jh. newnfächtig. neunfalt, adj., 
mhd. niunvalt, md. nünvalt; neunfältig, adj., 
1482 im Voc. theut. x4* neun faltig, 1440 md. 
nünfaltig, rfeldig. neunhäutig, adj.: durch- 
trieben, 1685 im Simpl. 1, 47 Klr. neun- 
mal, 1540 bei Alberus dict. Qq 2*. Neuu- 
töter, m. : d. kleine Raubvogel lanius collurio, 
weil er nach dem Volksglauben neun Tiere 
tötet, ehe er eins verzehrt, anders 1557 bei 
Heußlin Vogelb. 237* Nüntöder oder Nün- 
mörder wirt er geheissen , daß er alle tag 
neun vögel töden sol. neunzehn: 19, mhd. 
niunzehen, ahd. niunzehan, niunzen; dazu and. 
nigentein, afrs. niugentine, ags. nigontlne, engl. 
nineteen, anord. nitiän; davon neunzehnte, 
mhd. niunzehende, auch niunzehendest, aber 
ahd.niuntozehanto. neunzig: 90, mh.d.niunzec, 
niunzic, ahd. niunzug, niunzog, ags. nigontig, 
engl, ninety (s. -zig) ; davon neunzigste, mhd. 
niunzegest, md. nünzigist, ahd. niunzogösto. 

Neurasthenie, f. : Nervenschwäche. Von 
gr. veöpov «Nerv» u. äcG^veia «Schwäche». Seit 
neurer Zeit aus den Krankenbüch. vordringend. 

neutral, adj.: dem sächlichen Geschlecht 
angehörig; parteilos, keiner Partei zugetan. 
In der 2. Bed. wohl schon im 15. Jh. entl. 



293 



Neutrum 



nichts 



294 



(1618 bei Schönsleder geläufig) aus lat. neu- 
trälis (in gramm. Sinne), im Mlat. c parteilos», [ 
von lat.neuter (s.Neutrum). ueutralisiereu, : 
V., aus mlat. neutralisare , frz. neutraliser. ! 
Neutralität, f.: Parteilosigkeit, 1446 bei] 
Janssen 2, 93 f., aus mlat. neutralitas f. j 

Neutrum, n. {-s, PI. -tren, -tra): sächliches ' 
Geschlecht, Wort sächlichen Geschlechts. Das ^ 
lat. neutmm n, «sächliches Geschlecht», d. i. 
weder männliches noch weibliches, also unper- \ 
sönliches Geschlecht, 1768 in Bodmers Gramm. ■ 
«das hermaphrodite Geschlecht», ist die mit 
Auslassung von genus n. «Geschlecht» subst. 
gesetzte sächl.Form von lat. neuter, d.i. ne-uter i 
«nicht (ne) einer von beiden (uter), keiner von , 
beiden», im Ahd. erklärt noh thizi noh thag \ 
(weder dies noch das). 

nibeln, v. impers. : fein (nebelartig) regnen. 
In Schwaben, Franken, der Wetterau usw. 
Mhd. nibelen, nebelen (s. nebeln), daneben in 
der trans. Bed. «in Dunkel (Nebel) hüllen» 
mhd. nibelen, ahd. nibuljan. Von Nebel (s. d.). 

Nibelung', m.: urspr. sagenhafter Ge- 
schlechtsname, dann auch ehedem oft vor- 
kommender Mannsname. Mhd. Xibelunc, ahd. 
Nibulunc, Nibilung, anord. Niflungr, d. h. 
«Kind des Nebels, der Finsternis, Sohn der 
nebligen Unterwelt». 

Nicht, n. (-[e]s): das beim Schmelzen des 
Zinks als weiße od. graue ßauchflocke auf- 
steigende feine Pulver, auch Zinkweiß, Zink- 
blame, weißer Galmei u. Galmeiflug genannt. 
1578 bei Lonicerus Kräuterbuch 360* «idas 
Nicht, Galmeyflug», 1562 bei Mathesius Sar. 
135 "^ weiß und grau Nicht, welches die gelerten 
Onichitin und die Deutschen nichts nennen, 
so den Augen gut ist (als Arznei), 154* nucht, 
schon bei Luther nicht ist in die Äugen gut. 
Entl, u. gekürzt aus gr.-lat. onychitis, gr. 
övuxiTic f. «eine (innerlich dem Onyx ähnliche) 
Art Galmei»; aus Mißverstand der Benennung 
Nicht bildete sich dann die schon bei Lonicerus 
vorkommende lat. Benennung nihili, dann , 
nihil. Vgl. Nichts. 

nicht, unsre Verneinungspartikel. Mhd. 
niht «nichts, nicht», südd. ni(u)t, neut, md. 
ni[ch)t u. nüwit, nUwet (woraus hess. naut), 
aus ahd. niwiht «nichts», yieowiht «nicht(s)», 
daneben niewiht, bereits im 8. Jh. neoiht u. 
im 11. u. 12. Jh. niuht, neuht, ni{e)ht, ni{e)wet, 
mwit, niet. Dazu asächs. neowiht, niowiht 
«nichts, durchaus nicht», mnd. nicht «nichts, 
nicht», ndl. niet, afrs. nawet, na{u)t «nicht», 
ags. näwiht, nöwiht, nä{u)ht, nöht «nichts, [ 



nicht», engl, noughi «nichts», not «nicht», aber 
got. ni waiht n. u. ni waihts f. «nichts». Ahd. 
neowiht (Gen. -tes) besteht 1) aus der Ver- 
neinungspartikel ahd.-asächs.-afrs. ni, ne, mhd. 
ne, en, ags.-anord.«e, got. ni, die übereinstimmt 
mit lit. ne, abg. ne, lat. ne-, aw. na, aind. na 
(s. nein), u. 2) aus ahd. eowiht, i[e)weht, iwit, 
ieht, mhd. iht «irgend etwas, irgend ein Ding», 
zgs. aus eo, io «irgend einmal» (s. je) u. ahd. 
wiht n., got. waiht n., waihts f. «Geschöpf, 
Wesen, Ding» (s. Wicht). Schon im 8. Jh. 
steht ahd. neowiht «nichts» adv. in der Bed. 
«durchaus nicht» als Verstärkung der ein- 
fachen Verneinung ni, ne, an deren Stelle 
es zuerst im 12. Jh. tritt, ein Gebrauch, der 
allmählich so zunimmt, daß ne für das Hoch- 
deutsche gegen Ende des 15. Jh. ganz erlischt. 
Daß aber das Wort urspr. subst. war, zeigen 
noch die Verbindungen mitnichten [mhd. mit 
nihtiu (Instrumental), mit nihte, verstärkt mit 
nihte niht u. verkürzt mit nihten], u. zunichte, 
mhd. ze nihte, ahd. zi niw^hti u. zi niowihtu 
(Instrument.), spätahd. ze niehte, ferner auch 
der von nicht abhängige Gen. in Sätzen wie 
hier ist meines Bleibens nicht, Elis. Charl. v. Orl. 
3, 401 daß ich morgen der Zeit nicht haben 
werde. Vgl. Niete, nie, nein, noch, nur. 

Nichte, f. (PI. -n): Bruders-, Schwester- 
tochter. Ndd., im 17. Jh. ins Hochdeutsche 
aufgenommen (1678 bei Krämer), innd. 7iichte, 
nichteke, nichtele u. nifte f. «Bruders-, Schwe- 
stertochter, auch Enkelin», 1477 clev. nychte, 
im mrhein. Voc. ex quo 1469 nyecht «Mutter- 
schwester», ndl. 1598 ni{e)chte, nndl. nigt f. 
«Enkelin, Nichte, Blutsverwandte, Tante». 
Das Wort ist eins mit ahd. nift f. «Enkelin, 
Stieftochter», das fem. Bildung zu Neffe (s. d.) 
ist u. dessen Dim. Niftel (s. d.) im 18. Jh. 
von Nichte verdrängt wurde ; dazu afrs. nift f. 
«Nichte», ags. nift f. «Nichte, Enkelin, Stief- 
tochter», anord. nipt f. «nahe Verwandte, 
Schwestertochter»; urverw. mit lat. neptis, 
lit, neptis «Enkelin», ir. necht, aind. naptt f. 
«Enkelin, Tochter». 

nichtig, adj.: ohne Wesenheit, ohne Be- 
stand, ohne Wert seiend. Von nicht (s. d.). 
1509 bei Brant Layenspiegel J4*. ABL. 
Nichtigkeit, f., 1483 bei Eychman n 8* 
nichttigkeyt, md. im 14. Jh. nihtekeit f. 

^Nichts, n.: Zinkweiß, 1594 bei Frischün 
Nomencl. Cap. 13 Nichts «Hüttenrauch», aus 
gr.-lat. onychitis f., s. Nicht. 

-nichts, unbestimmtes Substantiv. Zahl- 
pronomen, ohne Biegung. Mhd. im 14. Jh. 

19* 



295 



Nick 



Nickel 



296 



niht{e)s (gekürzt yiichs, nüts, nütz), vereinzelt 
noch bis zum Anfang des 18. Jh. nichtes; 
in Verbindung mit einem subst. gebrauchten 
Adj., das urspr. im Gen. steht, dann aber 
als ein mit nichts übereinstimmender Kasus 
angesehen wird, bei Luther Briefe 1, 547 
nichtsredlichs. Das Wort ist durch Kürzung 
hervorgegangen aus der nachdiücklichen Ver- 
bindung mhd. nihtes niht «ganz u. gar nichts», 
dessen 7iiht ausgelassen wurde, so daß der 
bloße Gen. nihtes, aber mit der Bed. des 
ganzen stehen blieb. Doch ei-hielt sich bis 
in die 2. H. des 17. Jh. im Hochd. nichts 
nicht u, im Ndd. bis heute niks nig (s. nix). 
Verkürzungen von nihtes niht sind mhd. nichs 
nich, niuts niut, spätmhd. nihtzit, niuschenf, 
nichzen, nist, nichs, nütz, im 16. Jh. nihtzit, 
nichtzet,nitzit,nützet, neuscht, nichst (Adventin 
4, 1050, 28 Var.), in md. Ma. nischt. Als Subst. 
Nichts, n., bei Luther 8, 6'' ein lauter nichts. 
nichts desto minder, 1508 bei Keisersberg 
Pred. 5^ nichts dester minder, im mrhein. 
Voc. ex quo 1469 nicht da mynner (lat. nihi- 
lominus), aber ahd. ni thes thiu min, ni thiu 
min, ohne den Instrumental, diu auch neowiht 
min u. mit Gen. niawihtes min. nichts desto 
weniger, 1507 bei Wilwolt v.Schaumburglll 
nichts dest weniger, im 16. Jh. bei Alberus 
nicht desta weniger. ZUS. nichtsnutz, adj., 
1678 bei Krämer nichtsnütz; als Subst.Nichts- 
nutz, m. (-es, PI. -e): Taugenichts, 1482 im 
Voc. theut. x5''. nichtsnutzig, adj., 1626 

bei Zincgi-ef Apophth. 1, 300. nichtssagend, 
Part., 1675 bei Tobler Thomson 3, 70. nichts- 
wert, adj., bei Adventin 4, 819, 16 nichtswert, 
1556 bei Frisius 1380*^ nichts wärt, nichts- 
würdig, adj.: ohne Wert, 1654 bei Olearius 
Lokmans Fab. 13; niederträchtig, ehrlos, 1716 

bei Ludwig. Davon Nichtswürdigkeit, f., 
1691 bei Stieler. 

Nick, m. (-[e]s, PI. -e): nickende Kopf-, 
Augenbewegung. 1663 bei Schottel Nikk m., 
vielleicht schon mhd. nie m. in sunder nicke 
(Plur.); dazu 1598 ndrhein. mcÄ, miad..nick m. 
(Blinzeln der Augen). 

^Nickel, m. (es, PI. wie Sg.): vermummte 
Schreckgestalt. Im gemeinen Leben auch 
Nickels m. Kürzung von Nikolaus (Nickel als 
Personenname schon im 15. Jh. bei Wolken- 
stein 38, 1). Am Vorabende des auf den 6. Dez. 
fallenden Gedächtnistages des finih als heilig 
verehrten Bischofs Nikolaus zu Myra in Lyzien 
schreckt eine als heilig. Nikolaus im Bischofs- 
ornat erscheinende od. auch sonst feierlich ver- 



mummte Person in den Häusern die Kinder, 
indem sie diese prüfend fragt, ob sie fromm 
sind, u. ihnen dann entweder Nüsse, Obst, 
überhaupt Eßwaren u. eine Eute beschert, 
od. sie in den schwarzen Sack zu stecken u. 
mit fortzunehmen droht. 

"Nickel, m. (-S, PI. wie Sg.): kurzer un- 
ansehnlicher Mensch; zwergartiges Pferd. In 
der l.Bed. 1562 bei Schmeller, hervorgegangen 
aus dem Gegensatz klein Nickel zu großer Hans 
(bei Luther 1,236*), vgl. Nicolaus, die seihen 
geraten selten wol 1522 bei Pauli Schimpf 338 
Ost.; auch mit dem NebenbegrifF des Eigen- 
sinns, daher scherzhaft von eigenwilligen 
Mädchen, 1755 bei Rabener 3, 18, bei Lessing 
1, 355 von 1748. In der 2. Bed. «kleines 
unansehnliches Pferd», 1663 bei Schottel, noch 
bayr. u. nd., zeigt sich Beziehung zu mndl.- 
ndl. negge f. «kleines Pferd, Zwergpferd», 
auch engl, nag «kleines Pferd», dann über- 
haupt «Pferd». 

^Nickel, m. (-S, PI. wie Sg.): leichtfertige 
Weibsperson, Buhldirne. 1691 bei Stieler. 
Als Schmähwort gegen einen Mann 1578 bei 
Fischart Ehzuchtb. Q8*; auf lud erliche Weiber 
angewandt wohl mit Beziehung auf Nickel m. 
«kleines Pferd», zumal da engl, nag «kleines 
Pferd» u. auch «gemeine Buhldirne» bed., in 
Anspielung darauf, daß reiten auch für «die 
Stute od. die Kuh bespringen» steht. 

* Nickel, m. u. (bayr. nur) n. (-s, PI. wie 
Sg.): ins Stahlgraue fallendes silberartig weißes, 
sehr strengflüssiges, aber hämmer- u. streck- 
bares Metall; Zehnpfennigstück aus N. (seit 
Einführung der deutsch. Reichswährung 1873). 
In der 1. Bed. gegenwäi-tig vielfach Ntr. nach 
der latinisierten Benennung niccolum n., urspr. 
aber M., schwed. nicket m., wie der scbwed. 
Mineralog Axel Fredrik von Cronstedt dieses 
Metall, das er in der 2. H. des Jahres 1751 
entdeckte, unterm 16. 2. 1754 nach weitern 
Untersuchungen benannte, indem er denNamen 
Kupfernickel, schwed. kopparnickel m., kürzte, 
da diese Erzart (^niccolum sulphuraium) den 
größten Gehalt von dem neuen Metall zeigte. 
Ähnlich wie der Kobalt (s. d.) nach dem 
neckenden Kobold benannt wurde, erhielt der 
oft in Gemeinschaft mit ihm vorkommende 
Kupfernickel (1741 bei Frisch Kupfer-Nickel, 
«eine kupferrötliche Kobold- ArU) seinen Namen 
von Nickel m. «Kobold, auch von den Hexen 
gebrauchter Name des Teufels», weil die Berg- 
leute aus diesem Erze vergeblich Kupfer zu 
gewinnen suchten. 



297 



nicken 



nieder 



298 



nicken, v.: eine voi*- u. niederwärts, dann 
wieder aufwärtsgehende Kopf- oder Augen- 
bewegung machen. Mhd, nicken u. nücken, 
mnd. nicken, nucken, ahd. nicchen, Iterativ 
von neigen (s. d,), wie hucken von biegen, 
schmückest von schmiegen; daher zuerst die 
Bed. «sich neigen machen, beugen, nieder- 
drücken», dann «sich neigen >. 

Nickfänger, m. (-s, PI. wie Sg.) : spitzes 
Messer, mit dem der Jäger Hirschen u. Rehen 
den (Ge)nickfang, den Stich ins Genick gibt, 
1734 b. Döbel Jägerpract. 3, 105 * Genickfänger. 

nid, Präp. mit Dat., nur noch eis. u. Schweiz. 
nid dem Wald (Schiller Teil 1, 4), Nidwaiden 
der nördl., tiefer gelegne Bezirk des Kantons 
Unterwaiden. Mhd. nide Adv. «unter, nieder», 
ahd. nida Präp. mit Dat.«unter(halb)», s.nieder. 

nie, adv.: zu keiner Zeit. Mhd. nie, md. 
ni, ne, ahd. nio, neo, zgs. aus der einfachen 
Verneinung ni (s. nicht) u. eo (s. je); dazu 
asächs. neo, nio, nia, afrs. nä, ags. nä, got. 
ni aiw (Akk. Sg. von aiws m. «Zeit»). 

nied, adj.: niedlich (in derWetterau); ange- 
nehm (schweiz.). Es ist das ahd. niot, niet m. 
cBegehren, Freude», als Adj. gesetzt in der Bed. 
«Verlangen erweckend, angenehm», ^.niedlich. 

Niedel, m. f. (Gen. Niedien): Milchrahm 
u. daraus Bereitetes. Obd. Schon im J. 1500 
nydel f., im 17. Jh. daneben Neidel u. Nudel. 
Dunkler Herkunft. 

nieden, adv.: m der Tiefe, unten; auf 
dieser Erde. Nur noch dichterisch. Bei 
Luther 6, 176^ nidden, mhd. niden(e), ahd. 
nidana, kölnisch 1263 nieden (Höfers Urk. 
S. 15 benieden); dazu asächs. niäana, mnd. 
nedd€ne,a.gs.neodan «von \mteni>(eng\.beneath), 
anord. nedan «von unten her, unten», schwed. 
nedan, dän. neden. Mittels der Endung -ana 
gebildet von ahd. nida «nid» (s. d.). 

nieder, adj.: tiefer liegend, unterwärts 
befindlich, -niedrig von Art u. Stand, Mhd. 
nider{e), ahd. nidari, nidiri (Komp. nidarör, 
Qmp.nidarost); dazu and. nithiri «der untere», 
mnd. ned{d)er, ndl. neder, afrs. nithere, nedere, 
neer, engl, nether, mit komparativischer Bed. 
ags. neopera, nipera, engl, nether, anord. nedri 
(Sup. nedstr), schwed.-dän. nedre. Das Adj. 
ist eine jüngre germ. Bildung aus dem Adv. 
nieder «von oben nach unten, in die Tiefe, 
in der Tiefe», mhd. nider, md. nidder, neder, 
ahd. nidar (auch Präp. mit Dat.), asächs. nidar, 
mnd. nedder, ndl. nede^--, afrs. nither, nieder, 
ags. nißer, anord. nidr, urverw. aind. nitaram 
«abwärts». Mit andrer Abi. abg. nizü «ab- 



wärts, unten». ABL. niedem, V. (refl. bei 
Schiller 1, 239), mhd. nider[e)n, ahd. nidarren 
(aus * nidar Jan), nidiran; dazu andfrk. geni- 
theron, ags. geniderian «niedrig machen, er- 
niedrigen»; davon Niederung, f.: Erniedri- 
gung (bei Luther, ahd. nidarunga, mnd. nede- 
ringe f.), dann niedrig Liegendes (1691 bei 
Stieler), Tiefland (1777 b. Adelung), niedrig, 
adj., bei Luther nidrig, 1537 bei Dasypodius 
niderig, mnd. neddrig; davon niedrigen, v., 
bei Luther nidrigen, md. 1452 niderigen (Mi- 
chelsen Ratsverf. v. Erfurt 20), mnd. nedergen, 
u. Niedrigkeit, f., bei Luther. Zf7<S. nieder- 
deutsch, adj.: norddeutsch, 1521 bei Schade 
Satiren 3, 68, 24 nider dütsch (vom Volk, 1581 
bei Fischart Bienenk. Titel auff Nider Teutsch 
(von der holländisch. Sprache), aber schon um 
1480 im Voc. ine. teut. r 3* Nider teutschelant. 
niederdrücken, V., mhd.nider drücken,Part. 
md. im 13. Jh. nider gedrucket «demütig». 
Niedergang, m., mhd. niderganc m. «das 
Niedersteigen, Untergang der Sonne, West». 
niedergeschlagen, Pai-t.: niedergebeugt, 
entmutigt, traurig, bei Luther Ps. 145, 14. 
Niederkleid, n. : Hose, Unterhose (b. Luther), 
mhd. niderkleit n. «Kleid für den Unterleib», 
mnd. nedderkleif. niederkommen, V.: ins 
Kindbett kommen, gebären (l535b.Schwarzen- 
berg 149"^ niderkumen), mhd. nider komen 
«herabkommen, zu Bette gehn», mit Gen. 
kindes nider komen «gebären»; dazu Nieder- 
kunft, f. : Entbindung, 1683 im Neuen teutsch- 
franz. Wbch. 232*. Niederlage, f., mhd. 
niderläge f. «das Niederlegen, Sichniederlegen, 
Aufenthalt, Ruhe», im 15. Jh. «das Besiegt- 
werden im Kampfe u. Aufbewahrungsort von 
Waren» (in der Bed. Privileg des Stapelrechts u. 
Warenmarkt schon im 13. Jh. nd. ned(d)erlage 
bei Haltaus S. I4l7f.). Niederland, n., mhd. 
Niderlant n. «das untre Land, das Land am 
Niederrhein», auch «Niedersachsen, Nieder- 
schwaben, Niederbayern», mnd. Nedderlant 
«Niedersachsen», im 16. Jh. in der Zimm.Chron.- 
1, 514,29 der PI. Niederlande (die holländischen 
Pronvinzen) ; davon Niederländer, m., mhd. 
Niderlender m. «Bewohner des Unterlandes», 
im 16.Jh. «Holländer» (Zimm.Chr.^l, 273, If.), 

u. niederländisch, adj., mhd. im 14. Jh 
niderleyidisch «aus dem Unterland gebürtig», 
im 16. Jh. «holländisch» (Zimm.Chr.^ 3,235,38) 
niederlassen, v., mhd.niderlägen, ahd.7iidar- 
lä^an tr. u. refl. «herunter lassen, sich nieder- 
bewegen», auch im Mhd. refl. «sich ansiedeln»; 
davon Niederlassung, f.: Ansiedlung, 1691 



299 



niedlich 



Niere 



300 



bei Stieler. niederlegen, v., mhd. nider legen, 
ahd. nidarlegjan «zu Boden legen, nieder- 
werfen»; ein Amt usw. aufgeben, 1664 bei 
Duez. niedermachen, v.: niedermetzeln, 
1644 bei Bürster 27. niedermetzeln, V,, 
1727 bei Aler, dafür im 17. Jh. niedei-metz{g)en. 
niedersäbeln, v., 1647 bei Olearius pers, 
Reisebeschr. 5, 15, niederschießen, v.: tot 
schießen, 1559 bei Murner Eneis f 8^. Nieder- 
schlag, m., mhd. nideislac m. «Totschlag, 
Niederlage; das aus einer Flüssigkeit sich 
Niederschlagende, zu Boden Fallende», 1666 
bei Comenius Sprachenthür §27; die aus der 
Luft sich niederschlagende Feuchtigkeit, bei 
Humboldt Kosmos 1, 359. niederschlagen, 
V., mhd. nider slähe^i «zu Boden schlagen, 
schlachten, lagern, sich lagern»; (bildlich) 
«unterdrücken, vernichten», bei Luther; «ent- 
mutigen» (Hiob 15, 24 nider schldhen), s. nieder- 
geschlagen. Niedertracht, f.: Niedrigkeit 
der Gesinnung, bei Goethe an Schiller 6, 220. 
niederträchtig, adj., mhd. nidertrehtic 
«niedrig geschätzt», älternhd. im 16. Jh. 
t niedergesenkt, niedrig, unscheinbar» (noch 
bei Goethe 3, 54), «den Sinn auf Niedriges 
gerichtet, unterwürfig» (noch bei Schiller 1,21); 
(im 18. Jh.) «gemein, verworfen» (1755 bei 
Rabener 1, 107), in obd. u. md. Ma. «herab- 
lassend, leutselig»; dazu Niederträchtig- 
keit, f., im 16. Jh. «Unterwürfigkeit, Demut» 
(1541 bei Frisius257% noch bei Wieland 20,47); 
im 18, Jh, «Niedrigkeit, Gemeinheit der Ge- 
sinnung» usw, (1741 bei Frisch). Nieder- 
Wat, f.: Niederkleid, bei Luther 3. Mos, 6, 
10 u. 16, 4 Niderwad u, Niderwand (s. Lein- 
wand), mhä. niderwäf f., von wät f. «Kleidung». 
niederwärts, adv., mhd. niderwert, -wart 
M. -wertes, ahd. nidarort (aus nidarwert) u. 
nidarortes. 

niedlich, adj.: durch Klein-, Fein-, Zart- 
heit, Sauberkeit gefallend; leicht empfindlich 
(hess.). Bei Luther n. «Verlangen erweckend, 
wünschenswert, erfreulich zum Genüsse» 
(Sprüche Sal. 9, 17, Dan. 10, 3 u. so von deli- 
katen Speisen noch bei Wieland 16, 243), 
«zierlich, fein, hübsch» (Luther 8, 373* J.); 
im Adv. ndrhein. gegen Ende des 12. Jh. nit- 
liche, asächs. niudltco «eifrig», md. 1403 nieth- 
lichen «eifrig, freudig» (Schannat dioecesis 
Fuldensis 319), ags. neodllce «sorgfältig, eifrig, 
gern». Von ahd. niot, niet m. «lebhaftes Ver- 
langen, eifriges Streben», mhd. niet in gegen- 
niet m. «Gegenstreben», noch im Schmal- 
kaldischen es hat mich ein Niet nach etw. 'nich 



habe große Lust wonach», auch adj. 7iied (s.d.); 
dazu asächs. niud, afrs. niod m. «Begehren, 
Verlangen». Das Wort gehört zu dem unter 
<7enaM behandelten ahd. ^anßan« stoßen». ABL. 
Niedlichkeit, f., 1691 bei Stieler, in der 
Bed. «Wohlschmeckendes, Delikatesse», 1654 
bei Logau Zugabe D 43 der PI. Nietligkeiten . 

niedrig, s. nieder. 

niemals, adv.: zu keinem Zeitpunkte, zu 
keiner Zeit. Im 16. Jh. bei F. Platter 157 B, 
meniolß, neben niemal (1634 bei D. v.d. Werder 
Ariost 4, 38, 8, noch bei Goethe u. Schüler), 
niemalen (1639 bei Micrälius Pommern 1, 9, 
noch bei Schiller, Immermann, Freytag). Zgs. 
aus nie (s. d.) u. Mal (s. d,), mit genetiv. -s, 
während niemal Akk.-Bildung u, niemalen aus 
dem Dat. PI. gebildet ist. 

niemand, zählendes Pronominalsubst.: 
nicht jemand, kein Mensch. Mhd. nieman, 
niemen (bis ins 16. Jh.), md. niman, neman, 
nimin, ahd. neoman, nioman, entstanden aus 
nie eoman (s. nicht u. jemand); dazu asächs, 
neoman, nioman, mnd. nem^en, afrs. naminon, 
nemmen, nimmen; dafür got. ni manna u. ni 
mannahun. Mit angetretnem Dental seit dem 
14. Jh. mhd. niemant,nieniand, werkürziniempt, 
niemd, md. nimant, ndrhein. im Karlmeinet 
nemant, mnd. nemant, nemenf, numment, afrs. 
nement, nimment. Der Gen. lautet ahd. nio- 
niannes,mh.d.nieman(ne)s, im 15. Jh. niemands; 
der Dat. ahd. neo-, niomanne, mhd. niemanne, 
niemande, nieman, im Nhd. gew. unflekt. nie- 
mand, seit dem 17. Jh. (1673 bei Weise Erzn. 
153) niemanden u. im 18. Jh. stai*k niemandem; 
der Akk. ahd. neomamian, mhd, nieman(nen), 
im Nhd. niemand (1518 bei Keisersberg) u. 
niemaiiden (1734 bei Steinbach); im Nom. 
häufig mit angefügtem s, mhd. seit dem 14. Jh, 
niemans, im 15. Jh. nyemantz, noch bei Aler 
1727 niemands. In der Verbindung n. anders: 
«sonst niemand», mhd. wtewewander.9, ist anders 
Gen. Sg. Als wii-kliches Subst. Niemand, 
m., mhd. her Nieman, mit angetret. s im 16. Jh. 
der Niemands (Zimm. Chron,'^ 3, 159 37), 

Niere, f, (PI. -n): rotbrauner, gebogen 
bohnenförmiger, zur Harnabsonderung die- 
nender Körper in der Bauchhöhle, beim Men- 
schen in der Lendengegend. Unter nd. Einfluß 
dringt seit dem 18. Jh. (Rädlein 1711, Ludwig 
1716) das F. durch, aber älternhd. u. noch 
bayr. M., mhd. nier(e), ahd. nioro m. (im Ahd, 
auch «Hode»); dazu mnd, nere f,, ndl. 1598 
niere f., nndl. nier f,, anord. nyra n., schwed. 
njure m., dän. nyre. ürverw. mit gr, veqppöc 



301 



nieseln 



Nigromantie 



302 



m. «Niere, Hode», lat, nefrönes (pränestinisch), 
lanuvinisch nehrundines «Nieren, Hoden». 
ZUS. Nierenbraten, m., 1556 bei Frisius 
785* kelheriner Nierbraten, im 15. Jh. bei Myn- 
singer 46 die nyevprautten «Nieren». Nieren- 
stein, m., mhd. im 14. Jh. niernstain. 

nieseln,v.: näseln, durch die A^ase sprechen 
(Wieland 20, 197, älternhd. im 16, Jh. nislen, 
nüseln, nuseln, vgl. näseln) ; nebelartig regnen 
(md. u. Ost.). 

niesen, v. (Prät. nieste, Part, geniest) : mit 
krampfhafter Zusammenziehung der Atmungs- 
muskeln die Luft durch die Nase heftig aus- 
stoßen. Älternhd. schwache Flexion (Part. 1581 
bei Fischart Bienk. 119** genießt), aber mhd. 
niesen starkb. (Präs. niuse, Prät. nos, Part. 
genorn), ahd. niusan, niesan; dazu mnd. wese?/, 
neysen, ndl. 1598 niesen, nndl. niezen u. fniezen, 
schwed. nysa, dän. nyse «niesen», anord. hnjösa 
(Prät. hnaus «niesen, aus Mißvergnügen od. 
Verachtung heftig Luft durch die Nase blasen», 
in letzterem Sinne auch anord. fnysa u. fnoesa, 
daneben hnöri, hneri, hneyri m. «das Niesen», 
ferner engl, sneeze, mundartl. neese, mengl. 
nesen, fnesen, snesen, ags. gefnesan «niesen», 
neben fneosung f. «das Niesen». Wohl urverw. 
mit russ. njüchatt «riechen, schnupfen». Vgl. 
Idg. Forsch. 10, 154 und Bezz. Btr. 25, 95. 
ZUS. Nieswurz, f.: die Pflanzen helleborus 
u. veratrum, mhd.-spätahd. nies(e)wurz f., zgs. 
mit mhd.-ahd. würz f. «Kraut»: dafür bei 
Luther 8, 21 1 '^ Niesewurtzel, 1546 bei Bock 154 
Nießwurtzel neben Nießwurtz m. f. (das M. 
noch in Norddtschld.); der Name daher, daß 
die gepulverte Wurzel, namentlich von vera- 
trum album, seit alter Zeit ein starkes Mittel 
zum Niesen ist (Plinius bist. nat. 25, 23 u. 21). 

Nießbrauch, m. {-es): das vollständige 
Nutzungsrecht eines fremden Eigentums. Wie 
es scheint, im 17. Jh., u. zwar nach dem glbd. 
lat. Eechtsausdruck ususfrudus gebildet (1691 
bei Stieler Nießbraucher m., lat. usufructu- 
ariusm. «der den Nießbrauch hat»). Zgs. aus 
Brauch m. «Verwendung wovon» u. älternhd. 
Nieß m. «Ertragnahme, Genieß», mhd.niegm. 
«Benutzung, Nutzen», von mhd.niegen, älternhd. 
Hießen, das im 17. Jh. durch genießen (s. d.) 
verdrängt wurde. Für Nießbrauch im 19. Jh. 
auch Nießnutz, m. 

^ Niete, (öst.) f. (PI. -n) u. Niet, m. n. 
{-[e]s, PI. -e, bei Musäus Volksm. 4, 96) : der 
zum Zwecke des Haftens an einem od. beiden 
Enden um- od. breitgeschlagne Nagel od. Stift. 
Mhd. niet{e)m.J., nd.nedn., von ahd. hnlotan 



in bihniotan «befestigen», anord. Äwjöda (Prät. 
hnaud, Part, hnoäinn) «stoßen, auf Eisen 
schlagen, hämmern». ABL. nieten, v., mhd. 
nieten «mit dem Hammer durch Breit- od. 
Krummschlagen eines Nagels od. der Nägel 
befestigen», mnd. neden. ZUS. nietfest, adj. 
in niet- und nagelfest 1716 bei Ludwig, nd. 
ned- un nagelvast, von dem, was in Gebäuden 
befestigt ist u. daher in ihnen, namentl. bei 
etwaigem Besitzwechsel, verbleibt (schon in 
den Colmarer Statuten bei Scherz- Oberlin 
Sp. 1125 alles das, was nicht niet oder nagel 
hat). Vgl. Wiede. 

'^ Niete, f. (PI. -n): beim Glücksspiel ge- 
zognes, nichts od. eine Null enthaltendes u. 
also ohne Gewinn herausgekommnes Los. 1741 
bei Frisch, 1732 bei Weichmann Poesie d. 
Niedersachsen 4, 12. Nach dem Aufkommen 
des Lotteriespiels in holländ. Weise zu Anfang 
des 18. Jh. von Hamburg aus aufgenommen 
mit Geschlechtswechsel aus glhd.ndl.niet m.n., 
das urspr. das «Nichts» u. dann eine «Null» 
bed. (s. nichts). 

Nietnagel, s. Neidnagel. 

Niftel, f. (PI. -w): der durch Nichte 
verdrängte hochd. Ausdruck. Mhd. niftel{e) 
f. «Schwestertochter, Geschwisterkindsbase, 
Mutterschwester, Blutsverwandtem, ahd. niftila 
f. «Enkelin, Nichte», Dim. von ahd. nift f. 
«Enkelin, Stieftochter» (s. Nichte). Daneben 
spätmhd. nevin, nefin (als F. zu Neffe gebildet) 
u. niegin f. (Nürnb. Pol.-Ordn. 60 aus dem 13. 
bis 14. Jh.). ZUS. Niftelgerade, f. (PI. -n): 
das, was beim Tod einer Frau aus der von 
dieser beseßnen beweglichen Habe, der Gerade 
(s. d.), an die noch nicht ausgestatteten Töchter 
od. in Ermanglung solcher an die nächsten 
noch nicht ausgestatteten weibl. Verwandten 
von der Seiten der Verstorbenen, die Nifteln, 
fällt. 1624 Niftelgerade (Wehner juris ob- 
servat. liber 215*). 

Nigromantie, f.: Geisterbeschwörung, 
schwarze Kunst, Zauberei. Älternhd. Nigro- 
mancei, mhd. nigromanziie) f.; dazu mndl. 
nigromancie, anord. nigromantia f. Aus lat. 
nicromantia f. (s. Nekromantie) durch eine auf 
Mißverstand benähende Verwechslung des gr. 
veKpöc «Toter» mit lat. niger, ital. negro 
«schwarz»; dies veranlaßte weiter die mhd. 
Ausdrücke swarzeg buoch «Geisterbeschwö- 
rungs-. Zauberbuch» u. diu swarze kunst (s. 
Schwarzkunst), auch der Gedanke an den 
hellemor (Höllenmohr, Teufel) als den Meister 
aller Zauberei wirkte mit. 



303 



Nihilist 



-ms 



304 



Nihilist, m. {-en, PI. -en) : der dem Nichts 
huldigt, nichts glaubt, 1804 bei J. Paul Vor- 
schule 1, 50, gebildet von lat. nihil «nichts», 
seit Mitte des 19. Jh. als Name der Anhänger 
der sozial-revolutionären Partei in Rußland. 
Vgl. Ladendorf. 

Nikola(ll)s, Mannesname, aus gr.-lat.Mco- 
laus, gr. NiKÖXaoc. Vgl. ^ -Nickel. 

Nikotill,n. {-[e]s): das Alkaloid des Tabaks. 
Aus glbd. frz. nicotine f., benannt nach Nicot, 
dem frz. Gesandten in Lissabon, der den Tabak 
1560 an Katharina von Medici sandte. 

Nilpferd, n.: Flußpferd, hippopotamus. 
1777 bei Adelung. Benannt nach seinem häu- 
figen Vorkommen im Nil. Dafürmhd.im 14. Jh. 
wa^gerphert, im 15. Jh. merphert, merroß u. 
(noch 1734 bei Steinbach Meerpferd). 

Nimbus, m. (PI. -sse): Heiligenschein, 
Strahlenkranz, großes Ansehen. Aus lat. nim- 
hus m. «Sturzregen, Wolke, Nebelhülle», spä- 
ter «Heiligenschein». 1791 bei Roth. 

nimmer, adv.-. zu keiner Zeit mehr, zu 
keiner Zeit; nicht mehr in der Zeit, nicht 
•länger, nicht wieder. In der 1. Bed, mhd. 
ni{e)mer, nimmer, md. nimir, nummer, nom- 
mer; in der 2. Bed. mhd. nie mere, niemer(e), 
dann nimmere, nieme-, nimme, md. numme, 
nümme, nomme, jetzt volkstümlich fast nur 
obd., aber noch häufig bei Schiller (Teil 3, 1 
usw.). Aus ahd. niomer, niemer «zu keiner 
Zeit in der Gegenwart u. namentlich der Zu- 
kunft», aus ni eo mer (s. nie u. mehr), ebenso 
mnd. nummer, number, numert, selten nimmer, 
mndl. nemmer, afrs. nammer, nemmer, nimmer. 
ZUS. nimmermehr, adv., durch nochmaliges 
mehr verstärktes nimmer, mhd. niemer mer{e), 
nimmerme(r), md. nimmirme «nie wieder»; 
dazu mnd. numher-, nimbermer, afrs. nammer- 
mar, nimmermer. nimmersatt, adj.: uner- 
sättlich, im 18. Jh. (1735 Ehe eines Mannes 
371, vgl. ahd. diu hella ne wirdet niomer sat 
bei Notker); subst. Nimmersatt, m. (Gen. 
wie Nom. u. -[e']s, PI. -e): 1678 bei Krämer, 
schon mnd. Nummer sat m. (Reineke Vos 4679). 
Nimmerstag, m.: der nie eintretende Tag, 
1662 bei Stoer 356^ auff S.Nimmarstag 1555 
bei Wickram Rollw. 72, 24 K., auff Nimmerles- 
Tag, auff Nimmermehr s- Tag 1 664 bei D aez 28 ^; 
mhd. niemertac, nimmertac «keinen Tag». 

Ninne, f.: Wiegenkind, Wiege. Md. im 
15. Jh. als Wiegenlied süse, liebe ninne bei 
Piderit Weihnachtssp. 607; dazu mndl. sUsa 
ninna ; noch schles. Ninne, aach. Nina f. «Wiege », 
nd. Ninneken «Wiegenkind». Auch im Rom.: 



ital. ninna f. «Wiegenlied, Kind», port. ni?iha f. 
«Wiege», span. nifio m. «Kind», lad. ninnar 
«einwiegen». 

^Nipp, m.: Schläfchen, kurzer leichter 
Schlummer, mhd. 1340 nipfm. Von nippen, 
v.:- (behaglich) schlummern, 1663 bei Schott el, 
mhd. nipfen «(nickend) leise schlafen». Vgl. 
nafzen. 

^ Nipp, m. : Schluck, bei Voß. Von nippen, 
V.: kaum berührend mit ganz kurzer Öffnung 
der Lippen trinken, 1673 bei Weise Erzn. 120. 
Ndd. Wortform, mnd. nippen, dafür obd. 1578 
nupfen (Beyers Übers, v. Frischlins würtemb. 
Hochzeit 251), 1660 nüpffen (Corvinus fons 

1, 508*), 1691 bei Stieler nippen u. nipfen, 
nüpfen, noch bayr. nipfen, nepfen, henneb. 
nöpfen; dazu als Iterativ jnä.u.hsijr.nuppeln 
«saugen, lutschen, die Lippen bewegen wie 
kleine Kinder beim Saugen». Dunkler Her- 
kunft, vielleicht besteht Zusammenhang mit 
mnd. nibbe, nebbe f., 1477 clev. nyb «Schnabel», 
ags. nebb n., engl, nib «Schnabel», ags. nipele, 
engl, nipple «Brustwarze». ZUS. Nippflut, f. : 
niedrige Flut, eig. Flut, die nur nippt. 

Nippsache, f. (PI. -n): kleiner zierlicher 
Putztand, aus glbd. frz. nippe f. (gew. Plui*. 
nippes), das seit dem Ende des 17, Jh. in 
Deutschland eindrang. 

nirgend, schon in der 2. H. des 18. Jh. 
fast nur nirgends, adv.: an keinem Orte. 
Bei Luther nirgend, mhd. niergen, mitunter 
niergent, 7iirgen, md. nirgen, nergen(t), nieren, 
nirne, im 15. Jh. auch nyerten (Hätzlerin 2, 
4, 10) u. ?nV^e?ids(HansRosenplüt, altd. Blätter 
1,410,14,4); dazu andfrk. nie wergiyi, mnd. 
ner{ge)ne, nergende, nergent, nergens{t), ndl. 
1598 nerghe7is, nndl. nergetis. Zss. aus der 
einfachen Verneinung ni {s.7iicht) u. ahd. iower- 
gin, mhd. iergen (s. irgend). ZUS. Nirgend- 
heim, n., scherzhaft von N.: nii'gend seßhaft, 
ohne Heimat, 1582 bei Fischart Garg. Titel. 

Nirwana, n., entl. aus aind. nirväna, eig. 
« das Verwehen », das End ziel der Lehre Buddhas, 
das Erlöschen der Leidenschaften, das Auf- 
hören jedes Daseins. Durch das Bekanntwer- 
den mit der indischen Philosophie im 19. Jh. 
aufgenommen, z. B. bei Schopenhauer Werke 

2, 487 (Frauenstädt). 

-nis, (Gen. -nis u. -nisses, PI. -nisse): Ab- 
leitungssilbe zur Bildung weibl. u. sächl. Subst., 
mit dem Begriff der Tätigkeit od. Handlung, 
des Zustands, des als ein Selbständiges Hervor- 
gegangenen u. Daseienden. Wie im Mhd. so 
im 16. Jh. bei Luther, Clajus, Helber, im 17. Jh. 



305 



Nische 



Nix 



306 



bei Moscherosch, im 18. Jh. bei Bürger, Voß 
-nis, aber schon im 15. Jh. (1482 imVoc.theut.), 
dann bei Gramm, des 16. Jh. (z. B. Ickelsamer) 
u. im 17. — 19. Jh. als gew. Schreibung -niß. 
Mhd. F. u. seltner N. -Jiis(se), daneben -nus(se), 
-nüsse; ahd. F. -nissa, -rdssi, -nessi, früher 
-nassi, -nussi, am frühesten 'issa, -ussa, -ussi, 
u. N. -nissi, -nisse, -nessi, früher -nassi, -nussi; 
dazu asächs. F. -nessi, -nissi{a), -nissea, -nus- 
si{a\ auch N. -nussi, mndl. F. -nesse, nndl. 
-nis, afrs. F. -nese, ags. F. -nes, -nis, -nys, 
später auch -nesse, -nisse, engl, -ness, anord. 
fehlend, got. M. -assus. In dieser Endung ist 
n nicht urspr,, sondern erst später damit ver- 
wachsen, u. zwar dadurch, daß die Endungen 
-ass, -iss, -uss an das ableitende -n alter 
Verba auf -wo« (got. gudjinön «Priester sein», 
gudjinassus ra. «Priesteramt», ßiudanön «herr- 
schen», piudinassus m. «Königreich»), an die 
auf ahd. -an ausgehenden Part. Prät. starker 
Verba u. an die auf n auslautenden od. auch 
auf -an endigenden Adj., dann an ahd. auf 
-an ausgehende Subst. häufig antraten u. so 
den Sprachgeist zu jenen -7iass, -niss, -nuss 
mit dem unorganischen n verleiteten, so daß 
schon im Ahd. die Schreibung zwischen funta- 
nissa u. funtannissa f. «Erfindung», hreinissa 
u. hreinnissa f. «Reinheit» usw. schwankt. 

Nische (spr. f), f. (PI. -n)-. Blende, Wand- 
vertiefung zur Aufstellung von etwas, vor- 
nehmlich eines Bildes. 1678 bei Krämer (wie 
bei Rädlein, Ludwig u. Frisch) Nitsche, 1691 
bei Stieler Nische, aber schon ndrhein. im 
14. Jh. nysche. Aus glbd. frz. niche f. u. dies 
aus ital, nicchia f. Unbekannter Herkunft. 

Nischel, m, {-s, PI. wie Sg.): Schopf, 
Kopf. 1674 bei Weise überflüss. Gedanken 2, 
892 Nüschel u. 1695 in der Comödienprobe 288 
Nieschel, 1697 im Schelmuff'sky 118 Nischel, 
aus der Volkssprache Ostmitteldeutschlands, 
ebenso in Jülich Nüschel m. «das Vorderhaar 
am Kopf», auch Schweiz. Nischel m. «Maul, 
Schopf, Kopf». 

Niß, f. (PI. Nisse): Lausei. Mhd. -ahd. 
wtj f. (PI. mhd. -e), seit dem 15. Jh. auch 
niße f. (Diefenb. gl. 323 "); dazu mnd. nete, 
nit, 1477 clev. 7iete, ndl. neet, ags. hnitu f., 
engl, nit, anord. gnit f., jetzt isl. nitr f., schwed. 
gnet f., dän. gnid. Urverw. mit gr. kovic f. 
(Gen. -boc) «Laus-, Floh-, Wanzenei», russ.- 
poln. gnida, ir. S7ied, kymr. nedd, alb. pdni, 
tschech, hnida f. «Lausei». Ein andres Wort 
ist glbd. lit. glinda, lat. lens f., Gen. -dis). 
Vgl. noch Lid^n Stud. 84, Zupitza 120. ABL. 
We ig and, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. n. Bd 



nissig, adj.: Nisse in den Haaren habend 
(1539 bei Serranus nißig, 1537 bei Dasypodius 
nissechtig) ; armselig, schäbig (bei Luther 8, 
277*'). ZUS. Nißkamm, m.: enger Kamm, 
mhd. ni^kamp, ni§kam, nd. netekamm m. 

ni stein, v.: das Nest bauen; raschelnd (wie 
beim Nestbau) worin sich bewegen od. tätig 
sein; sich dicht an jem. machen (Goethe 8, 23, 
viell. für nesteln). In der 1. Bed. im 15. Jh. 
nistein (Diefenb. gl. 380^); dazu mnd.-ndl. ne- 
stelen, ags. nistlan, nestlian, eng], nestele; auch 
übertragen in einnistein, bei H. Sachs 4, 438. 
In der 2. Bed. 1604 bei Decimator Gewißens- 
teufel 50. Von Nest (s. d.), wozu auch Nistel n. 
«Stoff zum Nesterbau», 1662 bei Stoer 836*». 

nisten, v.: das Nest machen od. bauen; 
den festen Sitz einrichten. In beiden Bed. 
mhd. nisten, ahd. nisteri in l.Bed. Übertragen 
auch in einnisten, 1552 beiLiliencron4,535,18'', 
refl. 1618 bei Weckherlin 1, 185, 92 F. 

Niveau (spr. niwS), n. (-S, PI. -s): eig. 
Wasserwage (1791 bei Roth), von frz. niveau 
(s.u.), dann «wagerechter Stand, gleiche Höhe, 
gleicher Stand, Preisstand». niTCllieren, v.: 
mit od. nach der Wasserwage abmessen ; wage- 
recht od. gleich machen. 1728 bei Sperander. 
Aus glbd. frz. niveler, span. nivelar, von frz. 
niveau, span. nivel, ital. livello, lihello m. «Blei-, 
Setz-, Wasserwage», aus glbd. lat. libella f., 
dem Dim. von libra f. «Wage», dann im bes. 
«Blei-, Setz-, Wasserwage». 

Nix,m.(-es,Pl.-e): Wassergeist. Bei Luther 
Tischr. 213* Nix m. «Wassergeist» schwach- 
flekt., aber mhd. nicke s,nikhus, md. im 12. Jh. 
nihhus, niches n., ahd. -and. nihhus m. «Kro- 
kodil» (Wasserungeheuer) ; dazu mnd.neckerm.. 
«Wasserelf», mndl. nicker, necker m. «Wasser-, 
Meergott», nndl. niZcÄrerm. «böser Geist, Teufel», 
ags. nicor m. «Flußpferd, Wasserungeheuer», 
engl, nick «Teufel», anord. nykr m, «Wasser- 
gespenst in Gestalt eines Pferdes, Flußpferd», 
dän. nök, schwed. näck m. «Wassernix». Viell. 
altes Part. Perf. zu amd.nij, gr. v(Ieiv«waschen», 
da die Wasserdämonen gern aus W^ellen tau- 
chend in See od, Fluß badend gedacht werden. 
ABL. Nixe, f. (PI. -n): weibl. Wassergeist, 
Wassernymphe, im 16. Jh. Nixe neben Nixin, 
Nicksin, mhd, wag^ernixe (sonät merwip n., 
mermeit f.), ahd. nicchessa f, ZUS. Nixen- 
blume, f.: gelbe Seeblume, Seelilie, nymphaea 
lutea, 1794 bei Nemnich, dän. nökkeblomster 
(Nixblüte), schwed. näckblad (Nixblatt); die 
kleine Nixblume, hydrocharis morsus ranae, 
Froschbiß, 1777 bei Adelung. 

20 



307 



nobel 



Nonne 



308 



nobel, adj.: vornehm, adlig. Im 17. Jh. 
(1697 im Schelmuffsky 104 als Subst. im PI. 
Nobels), aus glbd. frz. noble, lat. nöhilis. 

Nobiskrng, m. (-s, PI. -krüge): Schenke 
od. Wirtshaus des Teufels, Hölle, Unterwelt; 
(in Niederdtschld.) abgelegne Schenke, Grenz- 
wirtshaus. Im 16. Jh. (Luther Tischr. 418 ») 
aufgenommen aus mnd. nobeskröch, ndl. (1598) 
nobiskroech , zgs. aus mnd. kroch, krüch m. 
«Wirtshaus, Schenke» (s. -Krug) u. mhd. abis, 
abyss(e) m., von gr.-lat. abyssus m. «Abgrund», 
dann «Hölle», mit vorgesetztem n wie ital. 
nabisso neben abisso m. «Abgrund, HöUe», das 
sich aus der häufigen Verbindung in abisso 
entwickelt hat. Daher 1597 bei Gilhusius 
Grammatica 97 Obiskrug, 1644 bei Bürster 125 
Obißhauß. Daß das Mittelalter die Hölle als 
ein Wirtshaus schildert u. den Teufel als Wirt, 
zeigt auch Langensteins Martina 60 ''f., und 
ganz mit gr.-lat. abyssus übereinstimmend ist 
im Mhd. da^ abgründe Ausdruck für die Hölle, 
die nach christlicher Vorstellung tief im Ab- 
grund der Erde lag. 

^ noch, Zeitadv. : sofort wie vorher; außer 
dem, wie vorher, u. zu diesem hinzu; bis jetzt. 
Mhä.noch (auch «gleichwohl, dennoch»), ahd. 
noh; dazu asächs. noh, mnd. noch(t) (auch 
«dennoch»), afrs. noch, ndl. nog, got. nauh. 
Wahrscheinlich aus nu «jetzt» u, -h, das dem 
lat. -gue, gr. xe, aw.-aind. da «und, auch» ent- 
spricht. Vgl. aber Idg. Forsch. 18, 219. 

^noch, verneinende Konj.: und nicht, auch 
nicht. Mhd. noch, ahd. noh; dazu asächs. noh 
u. nek, mnd. noch, afrs. noch, nach, ndl.-got. 
nih (dieser urspr. Vokal noch im ahd. nih-ein, 
asächs. nig-en «kein» s.d.). Zgs. aus ni «nicht» 
u. -h, -uh «und» (s. ^noch), so daß got. nih 
mit lat. neque, nee «und nicht» völlig über- 
einstimmt. Aufeinander bezüglich (korrelativ) 
steht noch — noch (Wieland Oberon 5, 47, Schil- 
ler Karlos 2, 10), jetzt weder — noch (s. weder), 
mhd. noch — noch, ahd. -asächs. noh — noh, got. 
nih — nih, entsprechend lat. nee — nee. 

nochmals), adv. : noch einmal, aufs neue. 
1711 bei Rädlein nochmal, 1673 bei Weise 
Erzn. 30 nochrtidhls, Ende des 16. Jh. bei Wedel 
Hausbuch 18 nochniahlen; aber in der Bed. 
«noch jetzt wie vorher, nach wie vor» 1663 
bei Schupp 452 nochmal, 1548 bei Stumpff 
Schweiz. Chron. 1, 103* nochmals. ABL. noch- 
malig, adj., 1777 bei Adelung nochm,ahlig. 

Nock, n. {-[e]s, PI. -e): äußerstes über 
das Segel ragendes Ende der Rahe. 1777 bei 
Adelung (1783 bei Röding auch «die beiden 



obern Enden eines viereckigen Segels»). See- 
mannsausdruck, aus glbd. ndl. nok (eig. «Dach- 
first, Mastspitze»), woher schwed. näck, dän. 
nok{ke). S. Btr. 26, 304 u. Falk-Torp. 

NÖck, m.: Nix. Aus dän. nök (s. Neck). 
Bei Kopisch. 

Nocke, f. (PI. -n) u. Nocken, m. (-5, PI. 

wie Sg.) : Knödel (Mehlkloß) kleinrer u. feinrer 
Ai't. 1715 bei Amaranthes der PI. Nocken; 
das F. in Österreich, das M. in Bayern. Viell. 
aus ital.gnocco m. «Mehlkloß», vgl. aber Körting. 

nölen, v. : langsam reden u. handeln, nicht 
von der Stelle kommen. Ndd., md. nelen. 
Wohl aus glbd. nd. nötelen.i netelen. Dazu ndl. 
neulen «brummen» aus neutelen. Entl. dän. 
nöle, schwed. nöla. 

Nomäde, m. (-«, PI. -n): mit seiner Herde 
Weide suchender wandernder Hirt ohne festen 
Sitz. 1595 im Froschm. Nomader. Aus gr.- 
lat. nomades «Nomaden», dem PI. des gi\-lat. 
Adj. nomas, gr. voinotc «ohne festen Sitz mit 
der Herde umherschweifend», von gr. v^^ieiv 
«die Herde weiden». ABL. nomädlsch, 
adj., gebildet nach dem gr. Adj. vo^ablKÖc 
zum Hirten Wanderleben gehörig u. nomadi- 
sieren, V.: als Nomade leben. 

NominatlY, m. (-s, PI. -e): grammatisch, 
Fall auf die Frage wer od. was? Nominaiiff 
bei Fischart Garg, 135; dafür Nennfall bei 
Gottsched, im 19. Jh. Hauptfall, 1641 bei 
Schottel Nennendung, noch früher Nenner (s. d.). 
Aus lat. nöminätwus m., dem (mit Ergänzung 
von casus m. «Fall») subst. gesetzten M. des 
\a.t.AdTi. nöminätwus «Nennung anzeigender», 
u. Übersetzung des gr. Grammatikerausdrucks 
övo|uacTiKr| f. (utOucic). 

None, f. (PI. -n): nach klösterlicher Zeit- 
einteilung, die Mittagszeit (eig. die neunte 
Tagesstunde, den Tag von 3 Uhr morgens an 
gerechnet), Mhd. n6n{e), ahd. nona f. «die 
Mittagszeit u. der zu dieser Stunde in den 
Klöstern abgehaltneHoragesang»; dazu andfrk. 
nöna f. u. nön, nuon (indeklinabel), mnd. nöne, 
anord. nöna f., in Niederdtschld. noch heute 
None, Naune, Noun f. «die Zeit der Mittags- 
ruhe», engl, woow, ndl. woew «Mittag»; dagegen 
nach altröm. Rechnung ags. u. anord. nön n. 
«3 Uhr nachmittags». Aus lat. nöna f. «die 
neunte», (nämlich Äora «Stunde»), 3 Uhr nach- 
mittags (den Tag von Sonnenaufgang [6 Uhr] 
angenommen), bei den Römern im Sommer 
die Stunde der Hauptmahlzeit. 

Nonne, f. (PI. -n)-. Klosterjungfrau; dann 
(nach der weißen Farbe u. dem anscheinend 



309 



Nonsens 



Nord 



310 



verhüllten schwarzen Kopfe) eine Taucherart, 
mergusalbellus (1557 bei Heußlin, 1449obrhein. 
nünnel n. «Tauchente», ital. nionachetfo m. 
«Mönchlein»), sowie der Nachtfalter bombyx 
monacha (1777 bei Adelung); (mit Bezug auf 
die angelobte Keuschheit der Nonnen) ver- 
schnittnes od. zur Begattung untauglich ge- 
machtes weibliches Tier (mhd. nunne, md. im 
15. Jh. nonne f. «verschnittnes weibl. Schwein», 
in Bayern «verschnittne Stute»; dazu md. im 
14. Jh. nunnen «kastrieren», mhd. nunnen- 
■maclier m. «Schweinschneider», vgl. Gelzen- 
leicMer) ; (anspielend auf die den Klosterleuten 
vorgewoi'fne Verletzung des Keuschheitsge- 
lübdes) Benennung verschiedner hohler Werk- 
zeuge, deren einpassende Stücke den Namen 
Mönch (s. d.) tragen, wie Kapellenring und 
Stempel im Hüttenwesen (1712 bei Hübner), 
femer der Hohlkreisel, eig. der Ring, in den 
der Fuß des Hohlkreisels gesteckt wird (schon 
1598 ndl. nonne). In urspr. Bed. mhd. nunne, 
md. auch nonne, ahd. nunna, nonna f.; dazu 
mnd.-ags. nunne, ndl. tion, engl, nun, anord. 
nunnaf. ImBeginn des 9. Jh.entl.aus Idrchlich- 
lat. (zuerst bei dem Kirchenvater Hieronymus, 
1 420, vorkommenden) nonna f. neben nonnus 
m., bei gr.Kirchenschriftstellemvövvaf.,neben 
vövvoc m. «weibliche od. männliche Person, 
der mütterliche od. väterliche Ehrfurcht ge- 
bührt», daher ital. nonna f. «Großmutter», 
nonno m. «Großvater»; dem lat. nonna ent- 
sprechend, gr. vdvva, v^vvri, vivvri f. «Groß- 
mutter, Tante», aind. nana «Mütterchen», 
ABL. Nönnlein, n., im 15. Jh. nun-, nünlein. 
ZUS. NonnenfÜrzchen, n. : leichtes kleines 
Gebäck von feinem Butterteige mit brauner 
KonfektfüllungjSchon im 14. Jh. nunnenförzlein. 
Nonnengeräusch, n.: summendes Geräusch 
in der Hals- od. Drosselvene, ähnlich dem 
Brummen des Hohl kreiseis, im 19. Jh. Nonnen- 
kloster, n., 1482 im Voc. theut. x 6'' nunnen- 
kloster, anord. nunnuklaustr n. 

Nonsens, m. (-es, PL -e): Unsinn, leerer, 
widersinniger Wortschwall. Erst in der 2. H. 
des 18, Jh., nach frz. non-sens m., d. i. lat. 
noji sensus «nicht Sinn». 

Noppe,f. (PI. -n): Wollknötchen amZeuge. 
Spätmhd.-(md.)-mnd. nop{pe) f., 1477 clev. 
noppe, mndl. nop f. Vgl, Knubhe, Knopf u. 
kämt, Noppe f. «kleine Erhöhung, Hügelchen 
auf einer Wiese». ^BI^. noppen, v.: (Tuch) 
von Wollknötchen durch Abzwicken reinigen, 
spätmhd.-mnd.-mndl, noppen. ZUS. Nopp- 
eisen, n,: kleine Zange zum Abzwicken der 



Wollknötchen, im 16. Jh. im Register zu Agri- 
cola de re metallica Nopeisen, mnd. noppiseren^ 
ndl. nopijzer n. 

Nord, m. (-[e]s): die auch Mitternacht ge- 
nannte Himmelsgegend; (PI. -e) der Wind 
daher. Mhd. nort m. n. (Gen. -des), ahd. nord, 
nort n,; dazu asächs. nord Adv. «nordwärts», 
ndl. noort, noord, afrs, north, nord n. u. Adv., 
ags. norp Adj. u. Adv., engl, north, anord. 
norär n. u, Adv., schwed. norr, nord, dän. nord. 
Unerklärt, vielleicht besteht Bez. zu umbr. 
nertro «links», wie auch in andern Sprachen 
«links u. rechts (vom Sonnenaufgang)» den 
Begriff «nördlich u. südlich» ausdrückt; dazu 
noch gr. v^pxepoc «unten». Anders Nörren- 
berg Globus 77 Nr. 23. ABL. Norde, m.: 
Bewohner des Nordens, eine Neubildung des 
jungen Goethe 2, 463(1772)u.Klopstocks(l774). 
Norden, m. (-s) : die Himmelsgegend Mitter- 
nacht ; der nördliche Teil der nördlichen Halb- 
kugel dex Erde, insbes. Nordeuropa. Mhd. 
(md.) norden n., ahd. nordan n. «die nördliche 
Himmelsgegend u. der Nordwind». Dazu das 
Adv. mhd. norden, älter nordane, ahd. nordana, 
asächs. nordan, ags. tiorßan, anord. nordan 
«von Norden her, nach od. im Norden», nhd. 
nur noch mit Präpositionen aus, gegen, nach, 
von Norden (aber als Kasus des Subst. Norden 
angesehen), ahd. fon nordana. Norder- in 
Norderbreite, f. : nördhche Breite (1716 bei 
Ludwig), u. Nordersonne, f.: die nordwärts- 
stehende Sonne, die dann nicht untergeht, 
Mitternachtssonne, zgs. mit mhd. norder Adj, 
u. Adv. «nördlich», mnd. norder Adj., anord. 
nordr Adv. «nordwäi-ts». nordisch, adj., 
1537 bei Dasypodius nortisch «nördlich», afrs. 
northesk, nordsch, norsk; 1691 bei Stieler in 
der heutigen Bed. «dem Norden angehörend». 
nördlich, adj., 1719 bei Kram er; 1691 bei 
Stieler nördlich, aus nordenlich 1482 im Voc. 
theut. x6*; dazu ags. norßlic. ZC7/S. Nord- 
kaper, m.: Name mehrerer Walfischarten, 
die um das Nordkap, das nördl. Vorgebirge 
Europas, leben. 1712 bei Hübner. Nordland, 
n.: im Norden liegendes Land, mhä. Nor(den)- 
lant n., ags, norpland, anord. norärland n.; 
davon Nordländer, m., 1678 bei Krämer u. 
nordländisch , adj., 1616 bei Albertinus 
Lucifer 313 L. Nordlicht, n. (-[e]s, -er): am 
nördl. Himmel sich verbreitender leuchtender 
Schein, zuerst 1716 von Chr. Wolffin Menckes 
acta eruditorum 357 gebraucht, dafür 1717 
bei Nehring Nord-Schein m. Nordost, m. 
(-[e]s): die Himmelsgegend zwischen Nord u. 

20* 



311 



nörgeln 



Not 



312 



Ost (auch Nordosten, m.); (PI. -e) der Wind 
dorther. Spätmhd. nordoste m., ahd. noräöstan 
n. m., älter (bei Einhard) nordostroni «Nord- 
ostwind»; dazu ags. norpeast, norpaneastan 
Adv. «von Nordosten her». Nordostwind, 
m., spätahd. nordostirwint Nordpol, ni., 
1678 bei Krämer; dafür 1664 bei Duez der 
nordische Polus, Nordspitze, Nordwirhel, 1537 
bei Dasypodius Nortspitz m. Nordsee, f.: 
das deutsche Meer, 1691 bei Stieler, mnd. 
norderse, aber mhd. im allgemeinen nortmer, 
nordermer n, «Nordmeer», ebenso ags. norpscB. 
Nordstern, m.: Polarstem, im 17. Jh. (bei 
Opitz u. Weckherlin 2, 294 F.). nordwärts, 
adv., 1678 bei Krämer nordwerts, 1612 bei 
Albertinus der Welt Tummel- u. Schawplatz 
309 gegen den Nordtwertz; dazu ags. fiorp- 
weard, norpweardes. Nordwest, m. {-[eis): 
die Himmelsgegend zwischen Nord u. West 
(auch Nordwesten, m.); (PI. -e) der Wind 
dorther, 1540 bei Alberus dict. P4*. Ahd. 
nordwestan, (bei Einhard) worcZwes^row?'« Nord- 
westwind», mhd. nortwestnort. Nordwest- 
wind, m., 1482 im Voc. theut. x6* nordt- 
Westwinde, spätahd. nortwesterwint. Nord- 
wind, m., mhd. nort-, norden-, norderwint, 
ahd. nordwint. Die von Einhard Leben Karls 
d. Gr. Cap. 29 verzeichneten ahd. Windnamen 
nordroni, öströni, sundröni, weströni (entspre- 
chend anord. norroena, vestroena f.) sind von 
norder usw. abgel. Adjektiva, anord. norrcßnn, 
austroßnn, sudroenti, vestroenn. 

nörgeln, s. nergeln. 

Norm, f. (PI. -en): Richtschnur, Kegel. 
Mhd. norm{e) f., aus lat. norma f. «Winkel- 
maß, Richtschnur, Regel», normal, adj.: 
als Norm dienend, regelmäßig, 1716 bei Wolff 
Mathemat. Lex. in Zss., aus glbd. lat. normälis, 
frz. normal, normieren, v. : nach dem Richt- 
maße richten, regeln, aus lat. normäre, woher 
schon md. im 14. Jh. normen «regeln, ein- 
richten» (Jeroschin 34). 

Normanne, m. (-n, PI. -en): (eig.) der 
Norweger. Frührer Nom. Normann. Mhd. 
Norman, frühmhd. Nortman, ahd. Nordman 
«Bewohner des Nordens»; dazu afrs. Nor(th)- 
man, ags. Norpmann, PI. Norpmen, anord. 
Nordmadr, PI. Nordmenn. 

Norne, f. (PI. -n): Schicksalsgöttin des 
altnord. Götterglaubens, der drei schwester- 
liche Nomen kennt, wie die Römer u. Griechen 
drei Parzen (s. d.). Durch Klopstock (Oden 
1, 180 M.) aus anord. nom f., PI. nornir, einge- 
führt. Dunkler Herkunft. Vgl. Falk-Torp. 



Norwegen : das Land d. Norweger (s. Nor- 
mann), ein Dat. PI. wie die auf -en ausgehen- 
den Landnamen Sachsen, Franken, Hessen 
usw., schon mhd. bei Konrad v. Würzburg 
Norwegen, im Ritterspiegel 1800 Norweien, 
sonst aber Norwege (Nibel. 682, 3), Norwcege 
(Parz. 66, 11), der Dat. Sg. Wie mlat. Nor- 
vagia, Norvegia entstand, aus anord. Nor{v)egr 
m. (gekürzt aus anord. nordrvegr m. «Nord- 
land»), woher schwed.-dän. ^orgre; anord. t;e^r 
m. «Weg, Strecke, Strich» bed. in Zss. (wie 
Jotavegr «Jütland», moldvegr m. «Erde») 
auch «Land». Die Analogie zu Schweden rief 
Nebenformen hervor wie mhd. Norweide neben 
Sweide (Diutiska 1, 67), Norweden : Sweden 
(Fastnachtsp. des 15. Jh. 1317), im 16. Jh. 
Nordweden bei Fischart 2, 81 Kz. 

Nörz, s. Nerz. 

Noß, n. {-[e]s, PI. Nößer): Stück Nutzvieh, 
bes. von Pferden, Eseln, Schafen, Rindvieh. 
In Mitteldtschld., Vorarlberg, Schweiz. Mhd.- 
ahd. nö^ n. (PI. mhd. nöj, ncB^er, ahd. nö^^er) ; 
dazu and. nötil n. «Kleinvieh», afrs. nät (auch 
auf Schwein, Hund, Hahn gehend), ags. neat n., 
engl, neat, anord. naut n. (Hornvieh), schwed. 
not n., dän. nöd. Wohl zu ahd. nio^an, mhd. 
niesen (s. genießen^. Vgl. anord. wt/^ja «melken». 
Entlehnt abg. nuta f. «Rind». 

NÖßel, n. {-s, PI. wie Sg.): ein kleinres 
Flüssigkeits- u, Trockenmaß, V2 sächsische 
Kanne. Obsächs., thür., hess; auch nd. Nössel 
u. Ossel. Mhd. noeg^elm, nö^^elm n., b. Luther 
Nössel, Nösel, 1529 bei Melanchthon Vocabula 
mensurarum 2^ u. 1575 bei Fischai-t Garg. 121 
Nössel. Dim. eines unbekannten Wortes. 

Not, f. (PI. Nöte): die zwingende Ursache, 
die jedes Verhalten außer dem durch sie ge- 
gebnen ausschließt; der Zustand des Bedräng- 
ten, gewaltsame Beengung, Beschwerung; 
drückender Mangel (1541 bei Franck Sprich w. 
1, 75^). In den beiden ersten Bed. mhd. 7i6t f. 
u. vereinzelt m., PI. noste (auch «Kampf, Ge- 
burtswehen», im Md. «Anlaß, dringendes Ver- 
langen»), ahd. not f. m., PI. -e, asächs. nöd f., 
ndl. nood m., afrs. ned, näth f., ags. nead, ned, 
nied f., engl.need, anord.yiaud, naudr f., schwed. 
nöd m., dän. nöd, got. naups f. Urverw. mit 
apreuß. nautin «Not»; dazu abg. naviti «er- 
müden», nyti «erschlaffen», air. nöine «Hungers- 
not». Weiter gehört niedlich u. das dort be- 
handelte dazu. Adj. not: nötig, in not sein, 
not tun, not haben, mhd. u. ahd. mir ist, tuot 
not (mhd. auch Komp. mir ist noeter). Als 
Adv. mit Not (mhd. mit not «mit großer 



313 



Not 



Notabene 



314 



Mühe», ahd. mit noti «notgedrungen») u. von 
nöten (öst.), vonnöten (mhd. von noeten, Dat. 
PL). ABL. nöten, v.: zwingen, mhd. noeten, 
nöten, ahd. nötjan, 7i6t(t)an; dazu and. nödian, 
mnd. nöden, ndl. iiooden, afrs. neda, ags. nldan, 
anord. neyäa, got. naupjan, im 16. u. 17. Jh. 
durch nötigen (s. d.) aus der hochd. Schrift- 
sprache verdrängt, aber obd. festgehalten u. 
daher bei Wieland, Schiller, Rückert. nötig, 
adj.: dringend erforderlich (bei Luther), mhd. 
nötec, nötic, mit Umlaut nmtic, ahd. nötag, 
nöteg «Not habend, in Not befindlich, notvoll», 
dann «dringlich», woraus die nhd. Bed. her- 
vorging; dazu and. nötago adv. «zwangsweise». 
Davon nötigen, v.: zwingen (mhd. nötegen, 
nötigen, ahd. nötegön); mit Freundlichkeit 
dringend auffordern beim u. zum Essen od. 
Trinken (bei Luther, dafür mhd. noeten u. 
obd. nöten, s. d.); dazu Nötigung, f., 1556 
bei Frisius 1221 ^ ZUS. Notanker, m.: 
großer Anker des Schiffes, der nur bei äußerster 
Not zum Auswerfen bestimmt ist, 1777 bei 
Adelung, bildl. 1781 b. Müller Sgfr. v. Linden- 
berg 2, 139. Notbehelf, m,, 1716 b. Ludwig. 
Notdurft, f.: notwendiger, unentbehrlicher 
Lebensbedarf; notwendiges Bedürfnis. Mhd. 
nötdurft, md. nötdorft, ahd. nötdur(u)ft f.; 
dazu and. nödthurft, mnd. nötroft, nötrocht, 
mndl. nooddurft, nooddurst, afrs. neth-, ned- 
dreft, ags. nldpearf, got. naudipaürfts f., (entl. 
dän. nödtorft), zgs. mit mhd. dürft, ahd. 
dur(u)ft, asächs. thur(u)ft, got. paürfts f. «Be- 
dürfnis, Notwendigkeit, Mangel am Unent- 
behrlichsten» (s. c^Mr/e/i, hedürfen). Seine Not- 
durft verrichten, verhüllend von Ausleerung 
des Leibes, 1678 bei Krämer, schon mhd. sine 
nötdurft tuon. notdürftig, adj., mhd. nöt- 
dürftic, md. notdürftig, nötdirftec. Noterbe, 
m.: notwendiger, d. h. pflichtteilberechtigter 
u. daher in einem Testamente nicht zu über- 
gehender Erbe (wie Kinder, Enkel u. in deren 
Ermangelung die Eltern), L516 b. Haltaus 1425 
(aus Bayern). Notfall, m.: eintretende Not- 
wendigkeit (im 16. Jh. bei Haltaus 1425), mhd. 
nötval m. «Unglück». Notfeuer, n,: nach 
urältester Weise durch anhaltendes Reiben 
(Zwang, Notzwang) zweier Hölzer od. durch 
Umdrehung eines Stabes in einer runden 
Scheibe od. in der Nabe eines Rades erzeugtes 
Feuer, durch das bei einer Seuche (Notzeit) 
das Vieh getrieben wird, um es von derselben 
zu heilen, mhd. nötviur n. (auch Feuersnot), 
and. nödfyr, 742 niedfyr, nd. nödßr, näd- 
füer. Nothelfer, m., mhd. nöthelfcere, -helfer. 



Nothemd, n.: durch Zauber fest u. unver- 
wundbar machendes Hemd, 1641 bei Schottel 
377, im 30jähr, Kriege von den Soldaten häufig 
getragen (Hübner 1712). notleidend, Part., 
1650 bei Moscherosch Phil. 2, 175, dafür mhd. 
nötlidec. Notlüge, f., 1593 bei Heinr. Jul. 
v. Braunschweig Buhler 4, 3 Noth-Lügen f. 
Notnagel, m.: der, wenn der zuerst ein- 
geschlagne Nagel den Stoif, z. B. Holz, ge- 
sprengt hat, als Aushelfer in der Not ein- 
geschlagne zweite Nagel; (bildl.) Aushelfer 
in einem Verlegenheitsfall (1716 bei Ludwig); 
durch Verwechslung statt Neidnagel (s. d.). 
Notpfennig, m., 1658 bei Schoch Studenten- 
leben 19, 18. notreif, adj.: bei großer Dürre 
vorzeitig reif, 1740 bei Zedier. Notschrei, m., 
bei Klopstock. Notscliuß, m., 1712 bei 
Hübner. Notstand, m., 1673 bei Lohenstein 
Ibrahim 109. Nottaufe, f., bei Luther 8, 45*. 
Notwehr, f., mhd. nötwer, mnd. nötwere, 
mndl. noodwere, afrs. nedwere, nedwiri f. «Ab- 
wehr von Gewalt», notwendig, adj. : durch- 
aus erforderlich, 1531 beiHedio Josephus 10*» 
(urspr. die Not wendend, sie zu beseitigen un- 
entbehrlich) ; notgedrungen, unaufschiebbar, 
unvermeidlich, 1537 bei Dasypodius (urspr. in 
die Not gewendet, durch sie hervorgebracht). 
Dazu Notwendigkeit, f., 1537 b. Dasypodius. 
Notzucht, f.: Frauenschändung, 1532 in der 
Carolina Art, 119, im 15. Jh. in den Weist. 
3, 892, eig. das gewaltsame Ziehen, dafür spät- 
mhd. nötzoc m. u. mhd.-ahd. nötnumft f. «das 
gewaltsame Ansichnehmen, Raub», insbes. 
«Frauenraub u. -entehrung» (ahd. numft f. 
von neman € nehmen»), notzüchtigen, v.: ge- 
waltsam entehren, b. Luther, ndrhein.im 15. Jh. 
noitzuchtigen, noitzucJiten, dafür mhd. nötzogen, 
ahd. nötzogön, im 15. u. 16. Jh. notzuchten. In 
der burschikosen Bed. «zwingen» 1774 bei Les- 
sing 13, 511. Notzwang, m.: Zwang der Not- 
wendigkeit, 1531 bei Franck Chron. 360^, im 
15. bis 17. Jh. «Gewalttätigkeit, bes. Notzucht». 

Nota, f. (PI. -s): Zeichen; kleine Rechnung. 
Aus lat. nöta, s. Note. RA. ettvas ad notam 
nehmen «sich merken». 

notabel, adj.: bemerkenswert, merkAvür- 
dig», 1716 bei Ludwig, aus frz. notabel, lat. 
nötäbilis. Davon Notabeln, PI.: die durch 
Rang u. Vermögen angesehensten Bürger des 
Staats (1787 in Frankreich). 

Notabene, n.: das Merkewohl,Merkzeichen, 
Denkzettel (Wielaud 7, 256), zunächt Interj.: 
wohlgemerkt! (1703 bei Wächtler). Aus lat. 
nöta hene «merke wohl». 



315 



Notar 



Nuance 



316 



Notar, m. (-S, PI. -e): Rechtsanwalt der 
durch landesherrliche Genehmigung berechtigt 
ist, gewisse Rechtshandlungen in Gegenwart 
von Zeugen zu vollziehen u. darüber eine 
rechtsgültige Urkunde aufzunehmen, Iml5. Jh, 
notari (Steinhövel Dekameron 19, 7 K.), mhd. 
noder, notarie, ahd. notari na., aus lat, notärius 
m, «Geschwindschreiber, Schreiber», im Mlat. 
«durch kaiserliche Gewalt bestellter öftent- 
licher Schreiber», dem subst. M. des lat. Adj. 
notärius «zum Geschwindschreiben gehörig», 
von lat. nota f. (s. Note). Notariat, n. {-[e]s, 
PI. -e): das Amt eines Notars, 1571 bei Rot, 
aus glbd. mlat. notäriätus m. 

Notbehelf, Notdurft usw., s. Not. 

Note, f. (PI. -n): Merk-, Erinnerungs- 
zeichen (1571 b. Rot); schriftliche Bemerkung, 
Anmerkung, bes. eine erklärende (1664 bei 
Duez 1,666^); ein eine Eröffnung, Mitteilung 
u. dgl. enthaltendes gesandtschaftl. Schreiben 
(nach glbd. frz. note f.); ein eine Verschreibung 
enthaltender Schein (in Banknote); kurze 
Warenrechnung (nach glbd. ital. nota f.); sing- 
od. spielbares Tonzeichen (mhd. ?iote f. «Ton- 
zeichen, Ton, gespielte Melodie», ahd. nota f. 
«Neume, die im 13. Jh. durch die viereckige 
Note verdrängt wurde»). Auch mndl. note f. 
«Merkzeichen, Anmerkung, Musiknote». Aus 
lat. nota f. «Kennzeichen, Zeichen, Merkmal, 
Buchstabenzeichen, Zeichen-, Geheimschrift, 
ein statt der Buchstaben u. Wörter gebrauchtes 
Schnellschriftzeichen» (daher notärius m. «Ge- 
schwindschreiber», s. Notar), «die erklärende 
Anmerkung, Aufzeichnung zur Erinnerung 
über jemandes Leben u. Betragen», im Mlat. 
«Tonzeichen zu Gesang». RA. Wie yiacli Noten, 
nach Noten: wie im Takt, schnell u. pünkt- 
lich, gehörig, im 18. Jh. 

Noterbe, Notfeuer usw., s. Not. 

notieren, V.: anmerken, aufzeichnen. 1418 
md. notiren, aus glbd. lat. notäre, von nota f. 
(s. Note). 

Notifikation, f.: Bekanntmachung usw., 
aus mlat. nötificätio f. notifizieren, v.: be- 
kannt machen, kundtun, eröffnen, melden. Im 
Notariatb. Frankf. 1535, aus glbd. lat. noti- 
ficäre, von lat. nötus «bekannt» u. ficäre zu 
facere «machen». 

nötig, nötigen usw., s. Not. 

Notiz, f. (PI. -en): Kenntnis, Nachricht; 
Bemerkung. 1694 b. Nehring, aus lat. nötitia f. 
«Bekanntsein, Kenntnis, Nachricht, das schrift- 
liche Verzeichnis», von lat. nötus «bekannt», 
dem Part. Perf. Pass. von nöscere «kennen». 



ZUS. Notizbuch, n., im 19. Jh., dafür 1727 
bei Aler Notirhuch. 

notorisch, adj.: offenkundig, allbekannt, 
landkundig. Beleg aus Schlesien vom J. 1618 
im AfdA. 4, 177, von lat. nötörius «anzeigend, 
kundmachend». 

Notpfennig, Notzucht usw., s. Not. 

Novelle, f. (PI. -n): kleinre romanhafte 
poetische Erzählung. Im 18. Jh. (1767 bei 
Lessing 7, 242 u. 1772 bei Wieland Don Silvio 
1, 22 nebst Anm., aber in frz. Form schon 
1759 bei Lessing 6, 158 Nouvellenschreiberin), 
aus glbd. ital. novella, frz. nouvelle f., urspr. 
F. des lat. Adj. novellus «neu», des Dim. von 
lat. novus «neu». Im 17. Jh. sind Novellen 
«Neuigkeiten» (1663 b. Schupp 380), im 16. Jh. 
Novella «neue Erzählung» (Gengenbach 262. 
658). In der Rechtssprache bed. N «Er- 
gänzungs-, Nachtragsgesetz», nach lat. novellae 
PI. «Teil des röm. Rechts, der erst nach dem 
Kodex herausgegeben wurde». 

November, m. (-s, PI. wie Sg.) : der elfte 
Monat im Jahre. Schon mhd. november, got. 
naübawibair, entl. aus lat. November m., d. i. 
der neunte Monat vom März an nach dem 
ältesten römischen Kalender, von lat. novem 
«neun». Im Ahd. bei Karl d. Gr. herbist- 
mänöth m. «Herbstmonat». 

Novität, f. (PI. -en): Neuheit. 1703 bei 
Wächtler. Aus glbd. lat. novitas (Gen. -tis) f. 

Novize, m. (-n, PI. -n) u. f. (PI. -n): der 
oder die dem Klosterleben sich Widmende 
während der Probezeit. Mhd. im 14. Jh. novize 
m., aus laX. 7iovicius m. «Neuling», das F. aber 
aus späterm klosterlat. novicia f. «Neulingin», 
eig. M. u. F. des lat. Adj. novicius «neu», insbes. 
«jüngst erst in den Sklavenstand gekommen», 
von lat. novus «neu». 

Nu, n. (ohne Biegung): der schnell hin- 
schwindende Augenblick. Schon im 13. u. 
14. Jh. md. nü n. u. f., mhd. 1393 nun n. (s. nun), 
im 16. u. 17. Jh. auch in einem Nui (1586 bei 
Mathes. Syrach 1, 55^) nach Analogie von Hui. 

nu: fragendes, aufforderndes, ausrufendes 
Adv. (bei Schiller Wallenst. Lager 6, Klinger 
Sturm u. Dr. 1, 2). Es ist die beibehaltne 
alte Form statt des heute gewöhnlichen nun 
(s. d.); mhd. nu wird bereits ganz in gleicher 
Weise gesetzt. 

Nuance (spr. nüäße), f. (PI. -w): Abschat- 
tung, Abstufung, Abstich, zunächst in bezug 
auf den feinen Unterschied von Farbenschat- 
tierungen. Bei Lessing 6, 131. Aus glbd. frz. 
nuance f., von frz. 7iuer «(mit Wolken) be- 



317 



nüchtern 



Numerale 



318 



schatten, schattieren», abgeleitet von lat. nühes 
f. «Wolke», nuancieren, v., bei Goethe 
24, 367, nach frz. nuancer. 

nüchtern, adj.: in der Tagesfrühe oder 
seit derselben weder Speise noch Trank zu 
sich nehmend; den betäubenden Genuß gei- 
stiger Getränke meidend, mäßig im Genuß 
von Trank u. Speise (mhd. nüehter); gehalt- 
u. schwunglos, abgeschmackt, geistlos (1691 
bei Stieler); leidenschaftslos, besonnen (spät- 
ahd. im 12. Jh. nühter). In der 1. Bed. mhd. 
nüehtern, nüehtarn, meist verkürzt nüehter, 
md, nuchter{ii), nuchtirn, mnd. nüchtern, noch- 
tem, mndl. nuchter, ndl. nuchter, nochter, noch 
bayr.-öst. nüechter u. in md. Ma. nüehter (entl. 
schwed. nykter); ahd. nuohturn, wahrschein- 
lich als Klosterwort aus lat. nocturnum (erster 
der täglichen Klostergottesdienste, noch im 
Morgengrauen abgehalten, von lat. nocturnus 
«nächtlich»), zumal da bei Notker Ps. 76, 5 
lat. nocturnas (vigilias) durch ahd. nohturna 
(wachun) übersetzt wird; daher erklärt sich 
die zum urspr. Fremdwort weitergebildete 
Form ahd. nuohtarnin, nuehterntn «nüchtern», 
deren Ableitungssilbe -in den Umlaut bewirkt. 
In der Stammsilbe aber hatte bei Übernahme 
des Fremdwortes Anknüpfung an einheimisches 
ahd. uohto f. «Morgendämmerung» (s. Zieht) 
stattgefunden, vor das auch sonst n tritt, wie 
Nüchtlaud aus in Üchtland, Nüchtweide neben 
Üchtweide «Weide am frühen Morgen», mndl. 
nuchte(n'), nuchtens «in der Morgenfrühe»; so 
begreift sich auch die ahd. Nebenform woÄferwMi 
«nüchtern» (Ahd. Gl. 2, 279, 50), andrerseits 
nd. im 13. Jh. enugterne «sobrius» (Diutiska 
2, 229). Mit Beziehung auf den leiblichen Zu- 
stand der für diesen frühesten Gottesdienst 
vorgeschrieben war, wird das Wort urspr. 
bed. haben «in Rücksicht auf Speise u. Trank 
nächtlich bleibend oder geblieben». ABL. 
Nüchternheit, f., am Anfang des 15. Jh. 
hd. u. nd. nuchternheit bei- Diefenb. gl. 539 •'j 
nd. im 13. Jh. enugterheit (Diutiska 2, 229), 
mnd. nuchternicheit , hd. im 15. bis 17. Jh. 
meist nüchterkeit, nüchterheit. 

Nucke, Nucke, f. (PI. -n)-. versteckte Bos- 
haftigkeit, bes. eine versteckte, unfreundliche, 
eigensinnige Laune; Schwierigkeit. In der 
1. Bed. älternhd. 1568 Nicke, 1571 Nucke, 
1663 bei Schottel Nükk m. Aus glbd. mnd. 
nuck m., nucke f., nnd. nucke, nücke, PI. nücke, 
nücken, mndl. nucke, nndl. nuk f. Von Brug- 
mann Idg. Forsch. 13, 153 zu got. bi-niuhsjan 
«ausspähen, auskvmdschaften» gestellt. 



Nudel, f. (PI. -n): schmales längUches 
urspr. walzenförmiges u. spitzige Enden haben- 
des Teigstück, roh od. als Speise abgekocht; 
Stopfnudel zum Mästen der Gänse (1663 bei 
Schottel). In der 1. Bed. 1575 bei Fischart 
Garg. 311 f. Nutel, Nottel, aber Nudelküchlin, 
1563 bei Mathesius Hochzeitpred. Aa3* Nuäel- 
pauntzen (136, 4 Neudr.), kämt. 1560 Nudl- 
pecht «Nudelgebäck». Es ist vielleicht das- 
selbe Wort wie schles. Knudel m., ndrhein. 
Knuddel m., fläm. knoedel, noedel m. «Mehl- 
j kloß» (vgl. Knödel). Aus dem Deutschen entl. 
I frz. nouilles «Nudeln». ABL. nudeln, v,: 
walgem (in obd. u. nd. Ma., schles. nudeln u. 
knudeln); stopfen (1783 b. Jacobsson nudlen). 

Nudität, f. (PI. -en): Nacktheit; nackte 
Figuren (bei den Künstlern, 1791 bei Roth). 
1727 bei Sperander «Armut, Blöße». Aus 
frz. nudite f. «Nacktheit» u. glbd. lat. nüditas f. 
umgebildet. Von lat. nüdus «nackt», 

null, adj.: durchaus ungültig. 1522 für 
null und nichtig erklähren (Lehnsurkunden 
Schlesiens 2, 365), 1711 bei Rädlein null seyn. 
Aus ital. nullo, frz. nul, span. nulo «kein, un- 
gültig», von lat. nullus «keiner», zgs. aus ne 
«nicht» u. ullus «irgendeiner». Null, f. (PI. 
-en): das (für sich nichts geltende) Zahl- 
zeichen 0. 1711 bei Rädlein Nullte), schon 
bei Fischart Nachtrab 1876 Null, 1630 bei 
Lehmann Floiilegium 262, 7 Noll, 1618 bei 
Schönsleder nulla von nulla geht auff, 1495 
in Reichsordn. 17^ soll Nulla und unkrefftig 
sein. Aus ital. nulla f. «nichts», als Bezeich- 
nung des zehnten, der schon im J. 1100 in 
Italien nachweisbaren arabischen Zahlzeichen, 
von lat. nulla (res f. «Sache»), dem F. des 
Adj. nullus «keiner». Bayr. gew. Nulla m.; 
in Oberhessen, der Wetterau, Nassau Null n., 
1685 im Simpl. 1, 112 KU. Null(en) n., 1605 
Nullo u., das subst. Ntr. des Adj. null. Nulli- 
tät, f. (PI. -en): Ungültigkeit (1488 nullitet f., 
ebenso 1521 in den Reichsordn. 98^); Unbe- 
deutendheit, Gehaltlosigkeit (bei Schiller an 
Goethe 2, 104); geltungslose Person (nach frz. 
nullite f.). Aus mlat. nullitas f. «Ungültig- 
keit in Rechtssachen», von lat. nullus. 

Numerale, n. (PI. -Ha u. -lien): das Zahl- 
wort. Das (mit Hinzudenken von lat. nönien n. 
«Name») subst. gesetzte Ntr. des lat. Adj. 
numerälis <i.z\xT Zahl gehörig», von lat. numerus 
m. «Zahl», numerieren, v.: zählen; be- 
ziffern (1716 bei Ludwig). 1562 bei Mathesius 
Sarepta 213** numeriren «wägend berechnen», 
1571 bei Rot «rechnen». Aus lat. numeräre 



319 



Nummer 



Nüster 



320 



«zählen», von numerus. Numero : Zahl als 
Bezeichnung, kaufmännisch 1693 bei Kramer 
ital-teutsch. Wb.763^ N. f., 1582 im Garg. 59 
ein Inventari mit Numei'O^ aus glbd. ital. 
numero m. 

Nummer, f. (PL -w): Zahl zur Bezeich- 
nung, 1693 b. Kramer ital.-teutsch. Wb. 763^ 
Nummer f., aus lat. numerus m. «Zahl». 

nun, adv.: zu dieser Zeit, jetzt; dann zur 
Bezeichnung eines zeitlichen, eines zeitlich- 
ursächlichen, überhaupt eines Fortschrittes 
in der Rede, fei'ner anregend, auffordernd, 
fragend (s. nu), endlich einen Übergang ver- 
mittelnd, zeitlich-folgernd. Mhd. nu, nü, nuo, 
Mitte des 13. Jh. nuon, im 14. Jh. nun (das 
im 16. Jh. durchdringt, während die Volks- 
sprache an nu festhält), ahd.-asächs. nW, ndl. 
nu, ags. nü Zeitadv. u. Konj, «jetzt, eben jetzt, 
demnach, deshalb, da nun, da», afries. nu, 
anord. nü, got. nu Adv. «jetzt, mithin». Ur- 
verw. mit gr. vOv «jetzt, heutiges Tages, dann, 
daher, also», vü, vOv «dann, also» usw., lat. 
nunc, abg. nyne, lit. nu, aw. nü, aind. nu, nünäm 
«jetzt». Wohl zu neu gehörig. Subst. s. Nu. 
ZUS. nunmehr, adv.: fortan in der Gegen- 
wart. Bei Luther Apostelg. 27, 9 nu mehr, 
im 15. Jh. bei Wyle nun mehr, mhd. nü mere 
(Iwein 4231), im Kanzleistil bis ins 19. Jh. 
nunmehro (1663 bei Schuppius 481). Davon 
nunmehrig, adj.. 1731 bei Schnabel Felsen- 
burg 1, 58 (Ndr.). 

nur, adv.: es wäre denn; nichts als, bloß, 
einzig u. allein ; möglicherweise. Bei Luther 
nur, nur (Dietz 2, 47 *), mhd. neivcere, niwcere, 
niwär, verkürzt niiver, nüwer, nuwer, newer, 
neu{e)r, niur, nuor, md. nur, nör, dann im 
15. Jh. nur, nor, nör, nar, när, mit Antritt 
von t spätmhd. niurt, neurt, nürt, md. u. mnd. 
nurt, nort, md. 1591 nurrendt, nurrend (im 
Anhang zu Fischarts Bodinus 304^, 314*); ahd. 
niwäri, asächs. ne wäri, afrs. newere, mndl. 
newaer, maer, nndl. maar, ags, «e wäre, ncere, 
eig. «es wäre nicht» im Sinne von «wenn es 
nicht wäre, es wäre denn»; dafür mhd. auch 
enwcßre, e§ enwcere, u. mit Wegfall der Ne- 
gation ej wcere, (mit danne) e§n wcer dan, 
spätmhd. ej iver denn (Liedersaal 2, 531, 981). 
In der Verbindung nicht nur . . sondern auch 
im 16. Jh. bei Th. Platter 37 B. nit nur . . 
sunder ouch. — Als Zeitadv.: nur eben, eben 
erst, im 16. Jh. (1521 b. Diefenb.-Wülcker 785, 
sowie in Luthers Tischreden 2, 81 hgb. v. 
Stangwald). 

nuseln (mit ü), v., s. Nüster. 



j ^Nuß, f. (PI. Nüsse): Schlag, Stoß, bes. an 
den Kopf. Im 16. Jb. bei H. Sachs 5, 64, 29; 
; auch F. 1680 in Jucundissimi Lebensbeschrei- 
i bung 83 eine Kopfnüsse (s. Kopfnuß). Dem 
i Sprachgefühl nach eine Anwendung von Nuß 
j der Frucht (s. 'Nuß), zumal wenn man Dachtel 
I (s. d.) u. nussen «Nüsse vom Baume schlagen, 
i dann prügeln, abprügeln» in Betracht zieht; 
! wahrscheinlich aber urspr. gleichen Stammes 
j wie ags. hneotea «schlagen, stoßen», ahd. Part. 
vernog^en «zerstoßen, zerknirscht». 
I ^Nuß, f. (PI. Nüsse) : die hartschalige Frucht 
1 des Haselstrauchs u. des Walnußbaums. Mhd. 
nug f. (PI. nüg^e), ahd. (Ji)nu§ f. (PI. -i) ; dazu 
[ mnd. not{e), nd. nut, mndl. not, ndl. noot, neut, 
j ags. hnutu f., engl, nut, anord. hnot, schwed. 
I not f., dän. nöd. Als germ. Wort urspr. von 
I der Frucht der Hasel, urverw. mit air. cnU 
j «Nuß»; lat, nux (Gen. -eis) f. «Nuß» aus *dnuk 
j könnte aus */i;wmcZ umgestellt sein. Vgl. Walde. 
I RA. In die Nüsse gehen: in den Wald gehen, 
! um Haselnüsse zu sammeln, dabei sich ver- 
I irren u. verloren gehen, dann überhaupt ver- 
j loren gehen, 1670 bei Diefenb.-Wülker 785. 
In einer N: in möglichst wenig Worte zu- 
sammengedrängt, in nuce, 1717 bei Günther 
646 Homerus, in eine Nuß verkrochen. ZUS. 
Nußbaum, m., mhd. nugboum, ahd. (h)nug- 
boum m.; davon nußbäumen, adj., ahd. wttj- 
haumin. nußbraun, adj., bei Lessing 6, 79. 
Nußbrecher, m.: Naßknacker, 1691b. Stieler, 
dafür mhd. nughreche, ahd. nugbrecha f. Nuß- 
häher, m.: eine Häherart, die gern Hasel- 
nüsse frißt, 1557 bei Heußlin Vogelbuch 182». 
Nußkern, m., mhd. nüg^ekem, ahd. nu^kerno 
m. Nußknacker, m., 1777 bei Adelung. 
Nußläufel, f.: die grüne Nußschale, 1546 bei 
Bock Kräuterbuch 2, 59^ Nußleuffel. Nuß- 
schale, f., mhd. nugschal f. 

Nüster, f. (PI. -n): Nasenloch. Bei Wie- 
land 14, 24 von 1764; dafür 1764 bei Winckel- 
mann Gesch. d. Kunst 349 u. 393 der PI. Nüsse 
«Nüstern». Aus dem Nd. (mnd. nuster f., PI. 
nusteren,nosteren, in ndl.Ma. noster, nöster m.), 
wohl zu obd. u. md.-nd. nuseln, nüseln «leise 
u. undeuthch reden» (1561 bei Maaler nüsselen) 
u. «schnüffelnd wühlen» (schon bei Keisers- 
berg nüsseln, nisseln), bayr. nusten, nüsten 
«wühlen », obd. nustern, nüstern «herumschnüf- 
feln» (schon 1530 im Fortunatus H4* nustern); 
dazu viell. russ. njuchat' «riechen, schnupfen» 
u. auch «niesen». Vgl. Idg. Forsch. 10, 153. 
Dagegen engl, nostrils «Nüstern» entstammt 
der ags. Zss. ncespyrel, nospyrel, nosterl n. 



321 



Nut 



Nymphe 



322 



«Nasenloch». Mit abg. nozdri «Nasenlöcher», 
lit. nasraX «Maul, Rachen» hat das Wort direkt 
nichts zu tun. 

Nut, f. (PI. -eri), auch Nute (nicht preuß.- 
bayr.) : in ein Holz mit einem besondem Hobel 
gemachte lange rechtwinklige Vertiefung, um 
einen andern genau einpassenden Holzteil in 
dieselbe zu schieben u. so mit jenem zu ver- 
binden. Mhd.-ahd, imot f. Es gehört zu ahd. 
Äwö, nüa, nuoha f. «Fuge, Ritze», and. hnöa f. 
«Fuge», ahd. noen, nuien «mit dem Fughobel 
aushöhlen, Fugen reißen», ahd. nuoil, nuoliil, 
nuowel, noil, mhd. nüegel, nügil, nühel, nüwel n. 
«Fug-, Nuthobel» und 1420 nügeln «Fugen 
ziehen». Viell. zu gr. Kvdeiv «kratzen, reiben». 
ZUS. Nuteisen, n. (1482 im Voc. theut. x 7^ 
nuteysen) u. Nuthobel, m. (1757 bei Eggers 
Kriegslex., nach dem Ndd. auch Nothohel): 
Hobel, womit die Nut gemacht wird. 

nutschen, v.: saugen, lutschen. 1696 im 
Schebnuffsky 24 nutschen; dazu als Iterativ 
nutschein (1586 b. Mathesius Katechismuspred. 
3, 5 nutzschein) : Schweiz, nätschen, notschen. 
Wohl lautnachahmend. 

Nutz, m. (-[e]s), was jetzt Nutzen. Schon 
im Laufe des 18. Jh. veraltet, ausgenommen 
in Eigennutz m. (s. d.), in den RA. sich etwas 
zu nutze machen (Rabener 4, 250) u. zu Nutz 
und Frommen (mhd. ze, zuo nutze, ahd. zi 
nuzzi, 1573 in Luthers Tischr. IIS^ für unsern 
frommen und nutz). Mhd. nuz, nutz m. (PI. 
nütze), md. noz, ahd. nuz m., abgeleitet von 
ahd. niogan (s. genießen). ABL. nutzbar, 
adj.: Nutzen bringend; so beschaffen, daß 
davon Nutzen zu ziehen ist. Im 15. Jh. nutz- 
bar (Beispiele d. alt. Weisen 67, 30), mhd. 
nutz(e)-, nütz(e)hcer{e). Davon Nutzbarkeit, 
f., spätmhd. nutzharkeit, md. im 14. Jh. nutz- 
herkeiti. nützlicll, adj.: nutzbringend, mhd. 
nütz(e)lich, md. nutz{e)lich, ahd. nuzlih, mnd. 
nutlich; davon Nützlichkeit, f., 1482 im 
Voc. theut. x6^ nutzlicheit.- ZUS. Nutzan- 
wendung, f.: die Anwendung einer Lehre 
oder Wahrheit zu seinem Nutzen, zur Be- 
lehrung od. Bessemng, bei Lessing 7, 35 von 
1767. nutzbringend, Part., 1510 b. Keisers- 
berg Granatapfel 181 ^ Nutzholz, n., 1777 
bei Adelung, nd, im 16. Jh. notholt (Weist. 
3, 169). nutzlos, adj., bei Herder. Nutz- 
nießung, f.: Nießbrauch, 1738 bei Hayme 



Jurist. Lex., nutz und nießung 1511 bei Lilien- 
cron 3, 58% V. 98, dafür 1643 bei Zesen Sprach- 
übung 44 Fruchtnießung. Nutzvieh, n., 1740 

bei Zedier. 

nütz(e), nutz, adj.: Nutzen bringend; 
wozu brauchbar. Mhd. nütz{e), md. nutz, ahd. 
nuzzi; dazu and. nutti, mnd. nutte, nd. nutte, 
nütt, ndl. nut, afries. nette, ags. yiytt, nyt, 
anord. nytr, got. (unjnuts (unnütz). Zu ge- 
nießen (s. d.). 

Nutzen, m. (-s, PI. wie Sg.): was man 
von etwas zum Genuß hat; was man Gutes 
wovon hat, was zugute kommt. 1630 bei 
Lehmann Florilegium 559, 11 N. m., mit Ein- 
dringen des n der andern schwachflekt. Kasus 
in den Nom. Sing., denn mhd. vereinzelt nutze 
m., noch 1743 bei Drollinger Ged. 31 Nutze 
u. 1767 bei Herder Fragm. 2, 335 Nuzze m,; 
das Wort verdrängte im Laufe des 18. Jh. 
die ältre starke Form Nutz (s. d.). 

nutzen, nützen, v.: zum Genuß haben; 
Tätigkeit worauf verwenden, um Vorteil zu 
ziehen; wozu gebrauchen; (intr.) von Nutzen 
sein. Mhd. nützen, nutzen, ahd. (nur trans.) 
nuzjan, nuzzan, nuzzon; dazu mnd. nutten, 
ags. nyttian «genießen, gebrauchen», anord. 
7iyta «benutzen, Vorteil haben von etw., auch 
von Nutzen sein, passen», schwed. nytja, dän. 
nytte. Vgl. lit. naudä f. «Nutzen». ABL. 
Nutzung, f.: Genießung, Benutzung, Nutz- 
nießung (mhd. nutzlinge, nützunge f.) ; Nutzen 
u. Ertrag, spätmhd. im 15. Jh. 

Nutzholz, nützlich, Nutznießung, 

s. Nutz. 

Nymphe, f. (PI. -n): einen Naturgegen- 
stand beseelende u. beherrschende Halbgöttin; 
dann nymphenhaftes schönes Mädchen (in der 
Schäferpoesie, 1648 b. Weckherl. 2, 400, 34 F.); 
Buhldirne (1767 bei Zachariä 1, 192); Wasser- 
jungfer, Libelle (1777 Adelung, nach Nympffe 
«Wassernixe» b. Rädlein 1711); Insektenpuppe 
(bei Adelung). In der 1. Bed. 1629 bei Opitz 
1, 153 u. oft, 1537 in Schaidenreißers Odyssea 
61 ^ der Dat. PI, noch mit lat. Endung Nymphis. 
Aus gr.-lat. nympha f. «weibliche Naturgott- 
heit niedern Ranges, Neuvermählte, Bienen- 
larve, Insektenpuppe», gr. vüncpr), das außer- 
dem «das heiratsfähige Mädchen» u. «die ge- 
flügelte Ameise» bedeutet. 



Weig an d, Dentsches Wörterbuch. 5. Aufl. ü. Bd. 



21 



323 



O! 



Obelisk 



324 



o 



o! Interj., bloßer Aus- oder Ani-uf, bes. 
beim Vokativ; dann Interj. der Verwunderung, 
Rührung, Klage, jetzt oh geschrieben. In 
beiden Anwendungen mhd. seit dem 12. Jh. 6, 
in der zweiten spätahd. im 11. Jh. ö wt; dazu 
and. in der l.Bed., afrs.o, got. ö, entsprechend 
dem gr. ili, üC», lat, o, abg. a, o, aind. ä. Die 
Person od. Sache, über die der Ausruf erfolgt, 
steht im Nom. (schon got.), im Gen. (im 15. Jh. 
Tristant u. Isalde 67, 23 Pf.), im Dat. (1626 bei 
Opitz Argenis 1, 603) od. Akk. (1620 in den 
Schausp. der engl. Komödianten 179 Tittm.). 

o! oh! oha! Fuhrmannszuruf an Pferde 
zum Stillhalten. Um 1522 bei Ickelsamer 9, 
1766 bei Weiße Lustsp. 2, 206 oha! 

Oase, f. (PI. -w): bewässertes u. daher 
bewohnbares Land in einer Sandwüste. 1817 
bei Goethe 6, 6. Aus glbd. gr. öacic, aöacic f., 
das aus dem Ägyptischen stammt (noch kopt. 
ouahe «Oase»). 

^olb, adv.: oben, über (nur noch in Zss. 
wie Ohacht, Obdach, öhherührt, oherwähnt u. 
oigenieldet, 1641 bei Schottel 503, obgenannt, 
im 14. Jh. ob genant); Präp. mit Dat: oben 
über (ahd.-mhd.); vorheri'schend vor (mhd.); 
jenseits (z. B. Österreich oh der Ens, b, Aventin 
5, 69, 25); in d. Dauer von, während (l.Makkab. 
16, 16); aus Anlaß (Fastnachtsp. des 15. Jh. 
372, 4, auch mit Gen., z. B. b. Schiller Jungf. 
V. Orl. Prolog 3). Als Präp. schon im 18. Jh. 
nur noch bei Dichtern altertümlich edel, aber 
noch volksmäßig in Ortsbezeichnungen wie 
Rotenburg oh der Tauher (auf eiaer Anhöhe 
über dem Flusse), Unterwaiden ob dem Wald 
{Obwalden, d. h. der südliche, von Kernwald 
aus höher gelegne Bezirk des Kantons, s. nid). 
Mhd.obfej, ahd. oba,ofee «oben, oberhalb, über», 
Adv. u. Präp. mit Dat., im Mhd. auch mit Akk. 
u. selten mit Gen. (Gregorius 1606). Dazu ags. 
uf(e)- in ufeweard «aufwärts», anord.c>/"«über», 
got. m/" «unter», urverw. mit engl. Mjp, schwed. 
upp, dän. op, gr. Otto, air. fo «unter», aw.-aind. 
üpa «hinzu, bei, auf». Weiterbildungen sind 
oben, ober (s. d.). Dazu noch mit ausl. Media 
lat. suh «unter», dem im Germ, asächs.-engl. 
up, ndl. op, ags. up{p), anord.-schwed. %ipp, 
dän. op «auf, aufwärts» entsprechen. 

^Ol), Konj,: die Bedingung od. Möglichkeit 
gesetzt daß, ist es daß, sei es daß, sei es; bes. 
aber Konj. der indirekten Frage oder der 



Zweifelsfrage, d. h. eines fragenden, zweifeln- 
den od. Ungewißheit ausdrückenden Neben- 
satzes. Mhd. ofe(e), (alem.-els.) eh{e), öh, früh- 
mhd. übe, ahd. ibu, ibi, dann uhi, übe, uba, 
oha «wenn, wenn auch, wie wenn, als wenn, 
ob (in zweifelnder Frage); dazu asächs. e/j 
of «wenn, ob», mnd. oft{e), eft{e), ift «wenn, 
als wenn, wenn doch, ob vielleicht, oder», 
mndl. o/"«wenn, ob», afrs. {j)ef, gef n. {j)of 
«wenn», ags. gif «wenn, wenn auch, ob», engl. 
if, anord. ef, if «wenn, ob», got. ihai «ob 
denn, etwa, doch nicht etwa, daß nicht etwa, 
daß nicht etwa» (negativ niba\i] «wenn nicht, 
außer, doch nicht etwa»). Urspr. Dat. zu ahd. 
iba f. «das Wenn, die Bedingung» (in den 
Verbindungen mit ibo, äno ibu, äne iba), anord. 
if, ef n. u. ifi m. n. «Zweifel», wozu anord. ifa 
«zweifeln». Die mit j, g anlautenden Formen 
entsprechen dem got.jabai «wenn auch, wenn 
nur, ob», vielleicht aus ja ihai (Grienberger). 
ZUS. obgleich, konj., bei Luther u. H. Sachs 
ob . . gleich, 1531 bei Franck Chron. 16* o& 
gleich, Mitte des 16, Jh. in Städtechron. 15, 
59, 19 u. 36 obgleich, ohschoil, konj., in den 
Fastnachtsp. des 15. Jh. 45, 9 oh . . schon, 1512 
bei Murner Narrenb. 10, 36 ob schon, b. Aventin 
4, 188, 7 obscJwn. obwohl, konj., 1472 bei 
Janssen Frankf. Reichscorr. 2, 276 ohe . . wole, 
bei Luther ob wol. obzwar, konj., 1586 bei 
Ringwal dt laut. Warb. Vorr. A3'' ob . . zwar, 
1644 bei Harsdörffer Gesprächsp. 1, 54 ob zwar. 

Obacht, f., 1605 bei Albertinus weibl. 
Lustgart, 24**, zgs. mit ^ob. 

Obdach, n. (-[e]s, PI. selten -dächer): mit 
einem Dach versehner, überhaupt oben ge- 
schützter Aufenthaltsort. Mhd. ohedach n, 
«Überdach, Überzug, schützendes Dach, Krone 
eines Baumes, Schutz, Unterkunft», ahd.obdach 
n. «Überdach, Halle, Vorhalle», Zgs, mit ^ob. 

Obduktion, f, (PI, -en) -. Leicheneröffnung. 
1791 bei Roth. Nach lat. obductio f. von 
ohdücere «zumachen, verschließen», also nach 
dem Ende der Leicheneröffnung benannt. 

Obelisk, m, (-en, PI. -en): vierseitige lang- 
gestreckte Spitzsäule, überhaupt Spitzsäule als 
Pracht- od. Denksäule. Im 16. Jh. bei Muffel 
Rom 27 Oheliscus, 1561 im Amadis 1, 318 Obe- 
lisse m. Aus gr.-lat. oheliscus, gr. ößeXicKoc m. 
«ägyptische Spitzsäule», Dim, von gr,öße\öc m, 
«Spieß, Bratspieß», dann «Spitzsäule», 



325 



oben 



Oberst 



326 



oben, adv., Gegensatz von unten. Mhd. 
oben{e), ndrhein. oven, ahd, ohana, eig. «von 
oben»; dazu asächs. otan{a), ags. ufan «von 
obenx. Eine Weiterbildung- von ^oh. ZUS. 
obenan, adv., bei Luther, obeuaus, adv., 
1516 bei Keisersberg Emeis 31 a. obendrein, 
adv., bei Lessing 1,15. obenein, adv., 1741 
b. Frisch, obenher, adv., 1580 b. Wui-stisen 
Basler Chron. 227. obenhin, adv., mhd. ohen 
hin «auf der Oberfläche hin, oberflächlich». 
^Ober, Präp. mit Dat.: über. Nur noch 
mundartl. z. B. bayr., selten schriftspr. (Voß 
Luise 1, 749, Goethe 33, 101). Eig. die md. 
Form des mhd.-ahd. ubar, über (s. d.), amd. 
öbar, ober, obir; dazu asächs. otar, mnd.-mndl. 
over, ags. ofer, engl, over, anord. yfer, got. 
ufar Präp. mit Dat. u. Akk. Eine Weiter- 
bildung von got. uf (s. ^ob). ürverw. mit 
gr. ÖTT^p, lat. (s)uper «über», air. for «auf», 
aw. upairi, aind. wpäri «über». 

'Ober, adj., eig. Komp. zu ^ob (s. d.). 
Mhd. ober[e), md, über, ahd. obaro, and. oioro 
(der Folgende), dazu der Komp. mhd. oberer, 
ahd. obaröro, der Sup. mhd. oberost, ober(i)st, 
md. uberst, ahd. obarost. Subst. Ober, m. 
(-S, PI. wie Sg.) : in den deutschen Spielkarten 
das nächste Blatt im Range nach dem Könige, 
entspr. der Dame (Königin) in der französ. 
Karte. 1517 bei Keisersberg Brösamlin 1, 109^ 
gekürzt aus der Obere. Dafür in der altern 
Sprache Oberbild n. (im 15. Jh. b. Sachsenheim 
Mörin 2888), Oberbube m. (1578 bei Frischlin 
Nomencl. Cap. 177 Oberbub), Obermann (bei 
Keisersberg a. a. 0.). Zu der Obere «Vor- 
steher, Vorgesetzter» (16. Jh.), Schweiz, der 
Ober «Zunftvorsteher», bildete sich im 18. Jh. 
Oberin,!: Vorsteherin, Priorin, b. J.Paul Aus- 
wahl aus des Teufels Pap. 2, 248. ZUS. Ober- 
acht, f., s. Äberacht. Oberboden, m.: Dach-, 
Vorratsboden. Bei Goethe Nat. S. 9, 110. ober- 
deutsch, adj.: süddeutsch, 1574 b.Ölinger 200, 
1593 b. Helber 24 (Ndr.) oberteiitsch (zugleich 
das Mitteldeutsche einschließend), für die süd- 
deutschen Ma. im Gegensatz zur hochdeutschen 
Schriftsprache zuerst 1690 bei Bödiker. Ober- 
deutschland, n.: das im Vergleich zu Nord- 
oder Niederdtschld. hoch gelegne Süddtschld. 
Oberfläche, f. (PI. -w): Außenfläche, 1648 
bei Zesen Dögens Baukunst; davon ober- 
flächlich, adj., in Übertrag. Sinne 1798 bei 
Adelung. Obergespan, m.: Oberster Ge- 
span (s. d.). oberhalb, adv. u. Präp. mit Gen. 
(selten Dat.), mhd. oberhalp, -halbe(n), mit 
eingeschobnem t oberthalp, spätahd. zuo ober- 



halbe «oben» (s. halb). Oberhand, f.: Ober- 
herrschaft, Übermacht, Übergewicht, mhd. 
oberhant neben obere hant, mnd. overe hant f. 
Oberhaupt, n.: Vorsteher, Herrscher, 1641 
bei Schottel 392, 1648 bei Zesen Ibrahim 38. 
Oberhaus, n. : die erste Kammer der Volks- 
vertretung, 1703 im Zeit.-Lex. Oberhemd,n., 
mhd. oberhem(e)de. Oberherr, m., mhd. 
oberherre. Oberkellner, m., erst im 19. Jh. 
1333 mhd. Oberkellner m. «oberster Keller- 
meister». Oberkörper, m., erst im 19. Jh. 
für Oberleib. Oberland, n.: Gebirgsland, im 
Gegensatz zum Unterland, dem flachen Land, 
mhd. oberlant n. oberlastig, adj., vom Schifi' 
gesagt, dessen Gesamtschwerpunkt zuweit nach 
oben liegt. Oberlehrer, m., b. Luther 5,302* 
in der Bed. oberster Lehrer, 1649 bei Zesen 
Helikon^ 7 Bedor. Oberleib, m., 1641 bei 
Schottel 392. Obermacht, f., 1727 bei Aler. 
Obermeister, m., 1541 bei Frisius 684*. 
obersächsisch, adj., b, Leibniz unvorgreifl. 
Gedanken § 32 (von der Sprache), ober- 
Schlächtig, adj.: durch das über dem Mühl- 
rade niederfallende Wasser umgetrieben, 1712 
bei Hübner; -schlächtig bed. «schlagbar, ge- 
schlagen ». Oberstübchen, n. : scherzhaft für 
Kopf. Im 18. Jh. Oberteil, m, n., mhd. Ober- 
teil n. oberwärts, adv.: oberhalb, 1691 bei 
Stieler, Lessing 9, 184. Oberwasser, n., mhd. 
oberwagger «das Wasser einer Obermühle, einer 
flußaufwärts gelegnen Mühle», daher 0. haben 
«im Vorteil sein». Oberwelt, f.: die Erde im 
Gegensatz zur Unterwelt, 1691 bei Stieler. 

Obers, n.: Sahne. Bayr.-öst., zu -ober. 

Oberst, m. {-en, -s, PI. -en), altertümlich 
Obrist (bisweilen betont Obrist, Gen. -en u. -s, 
PI. -en u. -e): Befehlshaber eines Regiments 
Soldaten, urspr. Fußknechten. 1565 in Fron- 
spergers Kriegsbuch Oberst, im 17. Jh. häufig 
Obriste, beide Formen schwachflekt. ; eig. Sup. 
des Adj. ober (s. d.), wie 1537 bei Dasypodius 
«tribunus militaris», ein oberster hauptman on 
den Imperator, der obrist Freygrefe (Weist. 
4, 662), Obrist- Richter (Goethe bei Kriegk 
Cult. 320). ZUS. Oberstleutnant, alter- 
tümlich Obristleutnant m.: der im Range zu- 
nächst unter dem Oberst stehende Befehls- 
haber, 1626 bei Londorp 2, 1314* Obriste 
Leutenant, 1646 Obristleutnant (Mitteü, d.Y er. 
f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen 10, 231), 
1617 b. Wallhausen Corpus miütare 11 obrister 
Leutenamt, urspr. im 16. Jh. des Obersten 
Leutenant, d. h. «Stellvertreter» (so 1565 in 
Fronspergers Kriegsbuch, 1552 des obersten 

21* 



327 



obgenannt 



obsiegen 



328 



leutenampt bei Liliencron 4, 557^). Oberst- 
wachtmeister, altertümlich Ohristwacht- 
meister m. : Major, heute nur noch in außer- 
dienstlich höflicher Anwendung, 1678 bei 
Krämer Ohristwachtmeister, 1664 bei Duez 
Oberster Wachtmeister, 1617 bei Wallhausen 
Corp. mil. 11 Regiments Wachtmeister. 
obgenannt, s. ^oh. obgleich, s. -oh. 

Obhut, f.: Schutz, 1641 bei Schottel 503. 

obig, adj.: oben genannt, 1669 im Simpl. 
413, als Adv. 1637 bei Diefenbach - Wülcker 
785, 786, im 16. Jh. u. noch hess.-nass Präp. 
mit Dat. «oberhalb» (1517 in Weist. 1, 595). 

Objekt, n. (-[e]s, PI. -e): Ziel der Tätig- 
keit (grammatisch, erst Anfang des 19. Jh.); 
Gegenstand (s. d.); Gegenstand von Belang, 
von Wichtigkeit. In der 2. Bed. 1571 bei 
Rot, schon im 14. Jh. ohjecht oder gegemvurf 
(Wackernagel altd, Pred. 498). Aus mlat. oh- 
jectum n. «Wider-, Gegenwurf», dem subst. 
gesetzten Ntr. von lat. ohjectus «entgegen-, 
vorliegend», dem Part. Perf. Pass, von ohjicere 
«entgegen-, vorlegen, vorwerfen»; von philoso- 
phisch-theologischen Schriftstellern der mhd. 
Zeit wörtlich verdeutscht wider-, gegenwurf, 
auch für-, Vorwurf m. objektiv, objek- 
tivisch, adj.: gegenständlich; rein sachlich, 
bei Lessing 10, 234 ohjectiv nach dem nlat. Adj. 
ohjectivus, frz. ohjectif. Damit zgs., aber im 
Sinne von «entgegen vorliegend» ObjektlY- 
glas, n. : das dem Ohjekt zugewendete konvexe 
Glas im Fernrohr, Vorderlinse. 1716 bei Wolff. 
Gekürzt Objektiv, n. (-[e]s, PI. -e). 

Oblate, f. (Pl.-w): Hostie; dünnes scheiben- 
förmiges Gebäck (mhd.); rundes aus Wasser 
u. Mehl bereitetes Scheibchen zum Siegeln 
(1711 bei Rädlein, das älteste Siegel mit einer 
roten Oblate befindet sich an einem Briefe 
von 1624). In urspr. Bed. mhd. ohlät(e) f., 
oblät n., alem.-els. oveläte, ofläte f., ahd. ohläte f. 
«das geweihte (gesegnete) Abendmahlsbrot, 
Opferbrot», eig. «als Opfer Dargebi'achtes», 
aus glbd. mlat. ohlata f. u. ohlatum n; erstres 
das (mit Ergänzung von hostia f.) subst. ge- 
brauchte F., letztres das Ntr. von lat. ohlätus, 
dem Part. Perf. Pass. von offerre (oh «ent- 
gegen», ferre «tragen») «entgegen-, darbringen», 
in der kirchlichen Sprache insbes. «weihen, 
opfern» (s. d.). Die Begriffsentwicklung von 
«als Opfer Dargebrachtes» zu «Opfer-, Abend- 
mahlsbrot» erklärt sich aus der Messe (s. d.) 
in der katholischen Kirche. Aus lat. ohläta 
auch ags. oflMe, ofläte, oflete f. « Opfer, Hostie, 
Oblatengebäck». 



obliegen, v. mit Dat.: einer Sache be- 
flissen sein (1537 bei Dasypodius, nach glbd. 
lat. incumhere); mir liegt etw. oh «es ist mein 
Geschäft, meine Pflicht» (um 1600 bei Ayrer 
Dram. 3, 1951, 15, nach lat. mihi incumhit). 
Mhd. oh ligen «oben liegen, obsiegen, über- 
winden» (auch bei Luther), ahd. oha ligan 
«darüber, obenauf liegen». ABL. Obliegen- 
heit, f. (PI. -en) : aufliegende Verbindlichkeit, 
1691 bei Stieler, dafür 1509 bei Janssen Frankf. 
Reichscorr. 2, 781 Ohligen n. 

obligat, adj.: verbunden (von Stimmen, 
die zur Ausführung eines Tonstücks unum- 
gänglich notwendig sind), 1703 bei Wächtler 
u. im Zeit. Lex. aus lat. ohligätus, Part. Perf. 
Fass.Yonohligäreinan-, verbinden», dann «ver- 
bindlich machen, verpfänden, mit einer Hypo- 
thek beschweren». Obligation, f. (PI. -en): 
Verbindlichkeit, Verpflichtung, Obliegenheit ; 
Schuldverschreibung, Schuldschein. In beiden 
Bed. 1509 bei Janssen Frankf. Reichscorr. 2, 
781 f. Ohligacion, aus lat. ohligätio f. «Ver- 
bindlichmachung, Verpfändung, Gebundensein, 
Recht des Gläubigers u. Pflicht des Schuldners, 
Pfandrecht». Obligo, n. (-s, PI. -s): Ver- 
bindlichkeit. Aus glbd. ital. ohligo m. Als 
kaufmännisch 1727 bei Sperander. 

Obmacht, f.: Oberherrschaft, 1581 bei Fi- 
schart Bienk. 130 ^. Obmann, m. (PI. -männer) : 
Schiedsrichter, mhd. oheman m. Zgs. mit ^ oh. 

Oboe, s. Hohoe. 

Obolus, m. (Gen. u. PI. wie Nom., PI. 
auch -len): kleine Münze, Scherflein. Aus 
gr.-lat. oholus, gr. ößoXöc m. «kleine Münze». 
Im 18. Jh. Oböle. Die lat. Form 1834 bei Petri. 

Obrigkeit, f. (PI. -en): vorgesetzte Be- 
hörde. Mhd. u. md. seit dem 14. Jh. oher- 
keit f. «Oberherrlichkeit, herrschaftliche Ge- 
walt», dann. «Behörde», bei Luther u. noch 
1644 bei Moscherosch Phil. 2, 45 Oherkeit, mnd. 
overicheit, 1539 bei Serranus u. bei H. Sachs 
Obrigkeit, in der Zimm.Chron."2,209, 1 Oherig- 
kait, mit Umlaut im 16. Jh. b. Schade Sat. 2, 
51, 17 Oherkeit, b. Aventin Öhrigkait, Öhrikait. 

obschon, s. -o&. 

Observanz, f. (PI. -en): Herkommen ein- 
geführte Regel. Spätmhd. im 15. Jh. ohser- 
vantz f., aus lat. öbservantia f. «Beobachtung, 
Befolgung», von observans, dem Part. Präs. 
von observäre «beobachten, worauf halten, 
es befolgen», woraus im Anfang des 17. Jh. 
observieren. 

obsiegen, v.: über jem. siegen, um 1480 
im Voc. ine. teut. r6^ obsigen, zgs. mit ^ob. 



329 



obskur 



öde 



330 



obskur, adj.: dunkel, unbekannt, 1703 bei 
Wächtler (aber schon 1571 bei Rot obscurim 
«verdunkeln, unverständlich machen»), aus 
glbd. lat. obscürus. 

Obst, n. {-[e]s, ohne PI.): eßbare Baum- u. 
dann auch Strauchfrucht. Älternhd. Obs, da- 
neben 1601 bei Eyering proverb. 1, 514 u. bei 
F. Platter 169 Ohsf (das im ersten Drittel des 
18. Jh. die ältre Form Obs verdrängte), mhd. 
o&(e)j, auch ob{e)s, md. obi^, ahd. ofeaj n. ; dazu 
mnd.oyef, mndl.oe/if, ooft, ovet, ags. ofet, ofcet n. 
(auch Hülsenfrüchte, wie mnd. ovetkorn n. 
«Gemenge von Erbsen, Wicken und Bohnen»). 
Entl. abg. ovosti m., vostije n., russ. ovosci, 
-^din.owoc m. «Obst». Herkunft dunkel. Vgl. 
Bezz. Btr.25, 158. ABL. Öbster, m.: Obst- 
händler, Obsthüter, 1777 bei Adelung, Obster 
1691 bei Stieler, mhd. obegcere, obie)§er, 1413 
öbser, noch bayr. Obßer neben Obstler, Obstler 
(1572 bei Fischart Pract. Großm. 8 Obstler). 
ZUS. Obstbaum, m., md. im 13. Jh. ob^- 
houm, spätahd. um 1100 obe^oum. Obst- 
garten, m., mhd. obe^garte m. Obstmarkt, 
m., im 15. Jh. obßmarkt. 

Obstand, m.: der Widerstand. Jetzt ver- 
altet, aber im 18. Jh. z. B. bei Lessing 2, 57. 
Umgebildet aus früherm Obstatt, Obstat, was 
das lat. obstat «er steht entgegen» ist. 1697 
bei Chr. Weise (ZfdW. 2, .30). 

obstinat, adj.: hartnäckig, eigensinnig, 
starrköpfig, 1703 bei Wächtler, aus glbd. lat. 
obstinätus, Part. Perf. Pass. von obstinäre 
«hartnäckig auf etw. bestehen». 

Obstruktion, f. (PI. -eti): Verbauung,' 
Verstopfung, 1703 bei Wächtler, aus glbd. lat. 
obstructio f., von obstruere «entgegenbauen, 
verstopfen». Seit 1879 in England obstniction 
Bezeichnung für die Verhinderung der Parla- 
mentstätigkeit durch die Iren. Seit 1897 
Schlagwort bei uns. Vgl. Ladendorf. 

obszön, adj.: schamlos, unzüchtig. 1727 
bei Sperander. Aus glbd. lat. obscoenus. 

obwalten, v. : in bezug auf etw. walten, i 
wirksam od. vorhanden sein, 1727 b. Hederich. \ 
Zgs. mit ^ob. j 

obwohl, s. -ob. I 

Ochs(e), m. {-en, PL -ew): das unver- : 
schnittne, (gewöhnlich) das verschnittne Rind ; 
(bildL, schon mhd.) dummer Mensch. In 
urspr. Bed. mhd. ohse, spät auch osse, ahd.- ! 
asächs. ohso m.; dazu mnd. osse, mndl. os, 
afrs.-ags. oxa, anord. ooci, uxi, schwed.-dän. 
okse, got. aühsus m. ; urverw. mit kymr. ych, [ 
aw. uyjan-, aind. uksa m. «Stier». Vgl. Kuh 



u. Stier. ABL. OChsen, v. : nach dem Ochsen 
verlangen ( westmd., auch ochseln, spätmhd. 
ohsnen) ; studierend anhaltend arbeiten, büffeln 
(s, d.) (student. zu Anfang des 19. Jh.). ZUS. 
Ochsenauge, n., 1488 ochsenaug; rundes od. 
ovales Dachfenster, 1691 bei Stieler; gefülltes 
Ei, Spiegeleier, früh im 16. Jh. Ochsenaugen: 
die Pflanze anthemis arvensis, Hundskamille, 
1664 bei Duez. OchsenfleiSCh, n., spätmhd. 
im 15. Jh., zgs. mit dem Adj. mhd. ohsin, vom 
Ochsen herrührend. Ochsenziemer, m.: 
getrocknetes Zeugungsglied des Ochsen als 
Züchtigungswerkzeug, 1718 bei Kirsch; 1691 
bei Stieler Ochsenzämer, dafür 1618 b. Schöns- 
leder Ochsenzen, 1664 bei Duez Ochsenzain u. 
Ochsenzahl (Ochsenzagellbl 4: b. Fischart Onom. 
234^ als Name der Königskerze). Ochsen- 
zunge, f.: die Pflanze anchusa officinalis, so- 
wie einige andre mit etwas dicken, schmalen, 
spitzigen, behaarten Blättern, in denen man 
Ähnlichkeit mit der Zunge des Ochsen sehen 
wollte, spätmhd. ohsenzunge, ahd. ohsenzunga 
f., wörtlich übersetzt aus gr.-lat. büglössa f., 
gr. ßoü-fXujccoc m., von gr. ßoOc «Rindvieh» u. 
YXujcca f. «Zunge». 

Ocker, m. (-s) : Berggelb. Daneben Oche)- 
(1693 bei Ki-amer ital.-teutsch. ^Vb.). Mhd. 
ocker, og[g)er m. n.; dazu mnd. -mndl. o{c)ker. 
Aus gi'.-lat. ochra, gr. ujxp« f. «Berggelb», von 
dem gr. Adj. iLxpöc «blaß, blaßgelb, gelblich». 
.^J7S." Ockergelb, n., 1546 bei G. Agricola 
481 f. Ochrageel, 1664 bei Duez Ockergeel. 

Odaliske, f. (PI. -n): Kammermädchen im 
Harem, b.Wieland Oberon 1 1, 44(gold. Spiegel 1, 
Cap. 9 Odulike), aus frz. odalisque f., von glbd. 
türk. ödalik, zu türk. öda «Stube, Zimmer». 

Ode, f. (PL -n): erhabnes lyrisches Gedicht. 
1618 bei Weckherlin. Aus gr.-lat. öde, öda f. 
«lyrischer Gesang, Lied», gr. dibti f. aus doibr], 
von deibeiv «singen, besingen». 

Öde, adj.: imbewohnt, leer an Menschen, 
an lebenden Wesen: (überhaupt) leer; lang- 
weilig. Mhd. oede, auch öde «unangebaut, 
unbewohnt, leer, leicht, gering, schwach, ge- 
brechlich, eitel, dumm, töricht», ahd. odi «un- 
bewohnt, leicht»; dazu asächs. öäi «leicht», 
ags. eade, yde «leicht», anord. audr «leer», 
in Zss. «leicht», (entl. dän. öde), got. auf- «un- 
fruchtbar, wüst, einsam», ürverw. mit gr. 
aucioc «leer, eitel, vergeblich», outuuc «verge- 
bens», ^TiJucioc «vergeblich». VgL Boisacq. 
ABL. Öde, f. (PI. -n), mhd. oede, ahd. odi 
u. ödhin f., dafür anord. audn f. n. u. eydi n. 
«Leerheit, Öde», got. aupida f. «Wüste». 



331 



Odem 



oj^ziell 



332 



Odem, s. Atem. 

oder, Konj. der ausschließlichen Entgegen- 
setzung, Trennung, Vergleichung. Mhd. oder, 
md. auch ader, eder, uder, obd. auch alde{r), 
ahd. odar, oder, odir, mnd. edder; unter Ein- 
fluß von aber, mit denen es sich in den Ma. 
stark berührt, fortgebildet aus glbd. weit 
häufigem ahd. o(d)do, oda, älter e(d)do, auch 
erdo, mhd. (schon im 13. Jh. zurückgedrängt 
u. im 16. Jh. ganz gewichen) od(e), vereinzelt 
ede; dazu ags. edda, oMe, anord. eäa, edr, 
got. aippau (aus *ehpau, zgs. aus *eh u. got. 
pau «oder»), asächs. eftho, afrs. ieftha, während 
engl, or, mengl. owder, aus ags. ähtvceder her- 
vorgegangen ist. Zur nachdrückhchen Be- 
zeichnung der Entgegensetzung die Verbin- 
dung oder aber, schon mhd. oder aber. Vgl. 
entweder. Vgl. Hörn Btr. 24, 403. 

Odermennig, m. {-s, PI. -e): die Pflanze 
agrimonia. Mhd. im 13. Jh. odernienie f., um- 
gebildet aus lat. agrimonia f., woher auch 
mhd. agramüni u. älternhd. Agernieng; mnd. 
adermonie. 

Ofen, m. (-S, PI. Öfen): Peuerungs- und 
Heizungsbehälter. Mhd. oven, ahd.ovan, ofan; 
dazu mnd.-mndl.-engl. oven, ags. ofen (neben 
ofnet «Kochgefäß»), anord. ofn; daneben For- 
men mit urspr. Guttural anord. ogn, schwed. 
ugn m., got. aühn- «Ofen»; urverw. mit aind. 
ukhä «Topf», lat. auxilla f. «Töpfchen», gi*. 
iirvöc m. «Ofen». Aus Formen wie aschwed. 
omn, schwed. dial. unm sind wohl apreuß. 
vwmpww «Backofen», Mmnoofe «Backhaus» entl. 
Zupitza 15, wo Literatur, trennt die Worte 
ofen u. ogn mit Unrecht. Nebenform Of m. 
im Älternhd. ZUS. Ofengabel, f., mhd. 
ovengabel. Ofenhocker, m., 1719 b. Kramer, 
dafür 1678 b. Krämer Ofensitzer. Ofenrohr, 
n., im 15. Jh. o/fenror (Pasnachtsp. 1216). 

offen, adj.: unverdeckt, unverschlossen 
usw.; aufrichtig (im 18. Jh. b. Zachariä, Klop- 
stock). In urspr. Bed. mhd. offen, md. auch 
uffen, ahd. of{f)an (Adv. offano); dazu asächs. 
opan, mnd. open, apen, ndl. open, afrs. open, 
opin, epen, ags.-engl.02?eM, anord. o/^^wn, schwed. 
f'rppen, dän. aaben. Der Form nach ein altes 
Part. Pass., wohl verw. mit auf (s. d.) ABL. 
offenbar, adj., mhd. offenbar, -beere, md. 
offen-, uffenbere, -bare, ahd. offanbdr (Adv. 
offanbäro); dazu mnd. openbar, afrs. open-, 
opin-, epenber, (entl.) anord. opinberr, dän. 
aäbenbar; davon offenbaren, v., mhd. offen- 
beeren, -baren, md. offen-, uffenberen, -baren, 
afrs. open-, epenberia, u. Offenbarung, f.. 



mhd. offenbdrunge , afrs. open-, epenberinge, 
Offenheit, f.: Aufrichtigkeit, 1777 bei Ade- 
lung, 1773 b. Wieland Agathonl2,10. Öffent- 
lich, adj., im 15. Jh. öffentlich, seit dem 16. Jh. 
mit Umlaut, mhd. offenlich, ahd. offanlih, ags. 
openllc, im Adv. mhd. offenliche, md. auch 
uffenliche u. im 13. Jh. öffentlichen, ahd. offan- 
lihho, asächs. opanUko, ags. openlwe; dazu 
Öffentlichkeit, f., erst im 18. Jh. (bei Ade- 
lung, von Heynatz 1797 noch beanstandet). 
Vgl. Ladendorf, öffnen, v., mhd. offen(en), 
im 14. Jh. öff{n)en, md. auch uffen{en), ahd. 
offinan, offanon; dazu asächs, opanon, mnd. 
open(en), afrs. epenia, ags. openian, anord. opna; 
davon Öffnung, f., mhd. offenunge, im J. 1300 
Öffnung, ahd. offenunga. ZUS. offenherzig, 
adj., 1641 bei Schottel 359; Offenherzig- 
keit, f., 1646 bei Moscherosch Phil. 4, 312 
(389 Bobertag). offenkundig, adj., 1777 bei 
Adelung offenkündig als obd. Ausdruck. 

offensiv, adj.: angreifend, adv. angriffs- 
weise. 1617 bei Wallhausen Corpus mil. 4. 
Aus frz. o/fews?/« beleidigend, angreifend», von 
nlat. offensivus «angreifend», u. dies von lat. 
offensus, dem Part. Perf. Pass. von offendere 
«an etwas stoßen, anschlagen, beleidigen». 
Offensive, f.: Vorgehen zum Angriff, an- 
griffsweises Vorgehen, aus glbd. ixz.offensive f., 
von offensiva, dem subst. F. jenes nlat. Adj. 
ZUS. Offensivkrieg, m., b. Wallhaus. a. a. 0. 

offerieren, v. : anbieten. 1538 b. Schaiden- 
reißer Paradoxa 2^ u. 1571 bei Rot. Nach frz. 
offrir, ital. offerire aus lat. offerre (statt ob- 
ferre) «entgegentragen, antragen, darbringen», 
woraus schon im 14. Jh. am Niederrhein of- 
freren «opfern» (s. Opfer). Offerte, f. (PI. -n) : 
Anerbieten, im 17. Jh. (Schupp 787) entl. aus 
glbd. frz. Offerte, ital. offerta f., dem subst. 
F. des Part, Perf. ft-z. offert, ital. offerto (d. i. 
mlat. offertus für lat, oblatus). 

Offlziäl, m, (-S, PI. -e): Amtsverwalter, 
bes. der Stellvertreter des Bischofs in welt- 
lichen Gerichtsangelegenheiten. Mhd. u, 1315 
nd. officiäl m. «Gerichtsvorstand» (voc. opt. 
36 b, 30, 5, Höfers Urk. 106 f.), aus lat, officiälis 
m. «Diener der Obi'igkeit», dem subst. M. des 
Adj. officiälis «zur Pflicht, zum Dienst oder 
Amt gehörig», von lat. officium n. «Pflicht, 
Dienst, Amt». 

Offiziänt, m. (-en, PI. -en): als Diensttuend 
Angestellter. Im 17. Jh. aus mlat. officians, 
dem Part. Präs. von mlat. officiare «bedienen», 
abgeleitet von lat. officium (s. Offizial). 

offiziell, adj.: dienstlich, amtlich. 1801 



333 



Offizier 



Ohmd 



334 



bei Campe, aus glbd. frz. officiel, vom lat. Adj. 
officialis (s. Offizial). 

Offizier, m. {-s, PI. -e) -. Befehlshaber über 
Soldaten. Im 16. u. 17. Jh. Officierer, zunächst 
in der Bed. «höhrer Beamter» (1562 bei Ma- 
thesius Sar. 117^. 218^ 0. 1564 im Script, rer. 
Siles.4, 186), seit dem 30 jähr. Kriege in heutiger 
Bed. (1616 bei Wallhausen Kriegsmanual 142 
Officirer, 1616 bei Albertinus Lucif. 147 L. der 
Plur. Offiäer), aber noch 1703 im Zeit. Lex. 
«Bedienter». Aus frz. officier m. «Beamter», 
dann «Befehlshaber über Soldaten», von mlat. 
offidarius m. «Bediensteter, Beamter», zu lat. 
officium (s. Offizial). 

Offizin, f. (PI. -en) : Werkstätte nicht hand- 
werksmäßiger Arbeit wie Apotheke, Buch- 
druckerei. 1708 bei Wächtler, aus lat.officina f. 
«Werkstätte», offizin^ll, adj.: als heilkräftig 
in der Apotheke nach obrigkeitl. Verordnung 
vorrätig, aus nlat. officinalis, von lat. officma. 

offiziös, adj.: dienstbeflissen; verdeckt 
amtlich (nicht wirklich amtlich, aber so gut 
wie amtlich). In der 1. Bed. früh im 18. Jh., 
1694 bei Nehring officios; in der Bed. «amt- 
Uch» bei Schiller 12, 514 offiziös. Vgl. Ladend. 
Aus frz. officieux < dienstfertig, -eifrig, gleich- 
sam amtlich», lat. officiösus «pflichtmäßig, 
dienstfertig»,^von lat. officium (s. Offizial). 

öiTnen, Öffnung, s. offen. 

oft, adv.: mit Wiederholung; viel nach- 
einander. Gekürzt aus ofte, wie noch bei 
Opitz, Logau, Fleming u. Lessing 12, 10 (vom 
J. 1749), mhd. oft{e), ahd. ofto, oftu (auch 
«manchmal, bisweilen»), einmal ofta; dazu 
asächs. oftip), afrs. ofta, ofte, ags.-engl. oft, 
anord, opt, schwed. ofta, dän. ofte, got. iifta. 
Viell. zu aind. vajp- «Samen ausstreuen, hin- 
werfen», Part, uptas, lit. apstas, apstüs «reich- 
lich», lat. ops f. «Macht, Vermögen, Reich- 
tum» usw. Idg. Wurzeln vop u. op, die wahr- 
scheinlich vereinigt werden können. Vgl. Btr. 
30, 318, Idg. Forsch. 18, 210. Im 16.— 18. Jh. 
auch adj. gebraucht. Der Komp. öfter, im 
16. bis 18. Jh. auch mit erneuter Steigerung 
öfterer, mhd. öfter, seit dem 15. Jh. öfter, 
frühmhd. oftar, ahd. oftor, ags. oftor, anord. 
optarr. Der Sup. öftest, ältemhd. u. mhd. 
oftest, 1429 im Lib. ord. rer. 30^ öftist, ags. 
oftost, oftust, anord. optast; bisweilen als Bil- 
dung zum Komp. 1624 bei Opitz Poet. 5 zum 
offtersten, bei Goethe 28, 207 am öftersten. 
Der Gen. des Komp. öfters als Adv. seit 
dem 17. .Jh. (Schuppius 726, bei Opitz u. Logau 
öfters). ZUS. oftmals, adv., bei Luther 



neben oftmal, im 16. bis 18. Jh. auch oftmalen. 
oftmalig, adj., 1664 bei Duez offtmdhlig. 

Oger, m. (-S, PI. wie Sg.): menschenfressen- 
des Ungeheuer. Aus glbd. frz. ogre m. Unbe- 
kannter Herkunft. Im Anfang des 19. Jh. entl. 

oh, s. 0. 

Oheim, m. (-s, PI. -e): Mutter-, Vaters- 
bruder; auch der Schwestermann von Mutter 
oder Vater. Daraus Ohm, Ohm, m. (-s, 
PI. -e), bei Schiller 12, 227. 556, Uhland Öhm. 
Mhd. oheim, oeheim, auch cehein u. schwach 
Oheime, oeheim^, md. ö(h)em, oem, schwachfl. 
öme, oeme, hoeme, mnd.-mndl. öm, ndl. oom 
«Mutterbruder», auch «Schwestersohn» und 
dann in ehrender Anrede, ahd. oheim, afrs. em, 
ags. eam m., engl, eame «Mutterbruder», 
Schweiz, im 14. u. 16. Jh. öchin (Th. Platter 63 
B.), noch heute öcM. Der 1. Teil des Wortes 
ist urverw. mit glbd. lit. avtnas, apreuß. awis, 
abg. uji, kymr. ewythr, ewa, akorn. euiter, lat. 
avunculus m., das Diminutivbildung zu lat. avus 
m. «Großvater» ist (urverw. mit got. atoö f. 
«Großmutter», anord. äe m. «Urgroßvater»). 
Der zweite Wortteil ist dunkel, das h gehört 
viell. dem ersten an, entsprechend dem c in lat. 
avunculus. Vgl. Btr. 13, 447. Ausgenommen 
im edlen Stile wurde das Wort durch das im 
18. Jh. eingebürgerte Onkel (s.d.) beinahe ebenso 
verdrängt wie Muhme (s. d.) durch Tante. 

^Ohm, m. n. {-[e]s, PI. -e), f. (PI. -en, 
aber mit vorgesetzter Zahl unverändert Ohm) : 
ein bestimmtes großes Flüssigkeitsmaß, am 
Nieden-hein Ve Fuder. Mhd. öme f., auch m. 
n., urspr. äme, daher noch bei Ludwig 1716 
u. Adelung 1774 Ahm f., 1722 bei Freyer 299 
Ohme f.; dazu ndl. aam n., engl, awm, isl. 
äma f. Aus mlat. ania f. «Gefäß, Ohm», gr.- 
lat. hama f. «Wasser-, Feuereimer», gv. ä|uri f. 
«Wassereimer». Vgl. auch ahnten, nachahmen. 
ABL. ohmig, adj., bes. in zwei-, dreiohmig 
usw., 1517 bei Keisersberg Evang. 20^ ömig, 
1664 bei Duez ohmig, ohmigt, bei Stieler u. 
Ludwig ahmig. 

-Ohm, n. {-[e]s, PI. wie Sg.): Maßeinheit 
für den elektrischen Widerstand. 1881 nach 
dem Physiker Ohm (1787 — 1854) benannt, 

Öhmd, Ohm(e)t, n. (-s, ohne PI.): Nach- 
schur des Grases, Grumt. 1538 Ohmat, aus 
mhd. ämät, ahd. ämäd n., das aus der ahd, 
Partikel ä- «übrig« (wie in ahd. äleiba, mhd. 
äleihe, 1537 bei Dasypodius Oleybe f. «Über- 
bleibsel») u. ahd. mäd (s. Mahd) zgs. ist. Da- 
neben mhd. üemet, ahd. uomät n., Zss. mit 
der ahd. Partikel uo- «nach» (wie in ahd. 



335 



ohn- 



Ohr 



336 



uoquemo m. «Nachkomme», uokunifti. «Nach- 
folge»); hieraus wohl auch Öhmd n., mhd. 
emhde, embt, empt n. Vgl. Grum{me)t. 

ohn- statt un- (s. d.), seit Ende des 18. Jh. 
als afrk. geltend u. schon 1641 von Schottel 
507 für einen Mißbrauch erklärt, häufig im 
16. — 18. Jh.; es ist, wie mndl.-afrs.-mnd. on-, 
Abschwächung des M?^-, die sich im 15. Jh. 
vom Niederrhein aus aufwärts arbeitete (1515 
bei Franz v. Sickingen onbillicJi, omvarheit 
usw.) u. später, an ohne angelehnt, ohn- ge- 
schrieben wurde. 

ohne, l) adv., einen Ausschluß anzeigend 
und dabei ein Dabeisein, eine Gemeinschaft 
verneinend, z. B. es ist nicht ohne (eig. des 
Grundes, der Wahrheit ohne, bei Luther), gern 
mit Gen. (ahd.), z. B. zweifelsohne, der Sün- 
den ohne sein; 2) präp. mit Akk., älter auch 
mit Dat. (s. ohnedem); 3) konj. ohne daß — 
(mhd. an da^, spätahd. äne da^), ohne vor 
dem Inf. mit zu (1716 bei Ludwig, noch ohne 
zu Rollenhagen Froschm. 1, 2, 14), ohne mit 
Nom. («ausgenommen», Ruth 4, 4 one du). 
Aus mhd. än(e), im 14. Jh. auch öne, ahd, äna, 
änu, äno Präp., dann Adv. u. Konj; dazu 
asächs. äno, mnd. äw(e), mndl. aen, ndl. oon, 
afrs. äne, äni, äne,-anord. an, ön, got. mit 
Ablaut inu(h) «ohne, außer». Urverw. mit 
gr. äveu, oss. änä «ohne»; vgl. auch aind. vinä 
«ohne» u. abg.wwM« hinaus», wwe« draußen». 
S. noch Tdg. Forsch. 10, 12; 14, 341, Walde 
unter sine, Grienberger 130. Vgl. un-. oline- 
das, adv., 1514 bei Keisersberg irrig Schaf S'' 
ondas, ahd. äna thag. ohnedem, adv., ohne 
dem 1683 u. 1685 im Simpl. 1, 1088 u. 1, 934 Klr. 
ohnedies, adv., 1561 b. Maaler on diß. ohne- 
hin, adv., 1768 bei Moerbeek. Ohnehosen, 
PI., Übersetzung des frz. sansculottes einer Be- 
zeichnung der Revolutionsmänner, die die 
lange Hose (pantalon) an Stelle der Kniehose 
(culotte) trugen. Vgl. Campe 1801. 

Ohngefähr, adv.: außer Ab- u. Voraus- 
sicht zukommend, zukommend man weiß nicht 
wie, mithin ohne genaue Bestimmung. Bei 
Luther on gefehr «ohne Absicht, zufällig», 
bei Maaler 1561 ongefar «annähernd», mhd. 
an gevcere (neben an gevoerde), ältemhd. on- 
gefer{e), später an gever «ohne böse Absicht», 
1426 angevär «unabsichtlich, unversehens, zu- 
fällig» (öst. Weist. 1, 87, 46), von mhd. äne 
(s. ohne) u. gevcere f. n., md. geverie) «listige 
Nachstellung, Betrug, Nebenabsicht». Die 
heutige Form ungefähr taucht bei der Ab- 
schwächung der Partikel un- zu on- (s. ohn-) 



u. ihrer Vermischung mit ohne bereits im 16. Jh. 
auf (1517 im Teuerdank 21, 2 u. 27, 25 un- 
gefer). Das Adv. wurde schon fiiih im 17. Jh. 
auch als Adj. verwandt (1628 bei Zincgref 
Apophth. 1, 226); das adv. von ohngefähr er- 
scheint 1721 bei Günther 436, das Subst. Ohn- 
gefähr, n. : das Geschehen außer Absicht u. 
Berechnung, 1654 bei Logau 2, 2, 66. 

ohnlängst, adv., altfränkisch statt un- 
längst, mhd. unlanges. Vgl. ohn-. 

Ohnmacht, f. (PI. -en) : kraft- u. bewußt- 
loser, todähnhcher Zustand. Aus mhd.-ahd. 
ämaht f., im 14. Jh. bei Megenberg omacht, 
bei Luther Ammacht neben Onmacht. Zgs. 
aus der ahd, Partikel ä- «un-» (wie in ahd, 
äteili «un teilhaftig»), die nach der Verdunk- 
lung des Vokals zu o verdeutlichend an ohtie 
angelehnt wurde, u, ahd, mäht f. (s. Macht). 
ABL. ohnmächtig, adj., mhd. ämehtec, ahd. 
ämahtig «schwach, ohnmächtig», im 16. Jh. in 
der Zimm. Chr. " 2, 580, 24 omechtig, 1452 in 
einer früher Nebel in Gießen gehörigen Hds. 
önmachtig, bei Luther onmechtig neben am- 
mechtig: in der Bed. «machtlos» im 16. Jh. 
bei Schade Sat. 2, 120, 28, 

oho ! Zui-uf des Inne-, Stillhaltens, In den 
Fastnachtsp. des 15. Jh. 895, 5. 

Ohr, n. {-[e]s, PI. -en), das Körperglied 
zum Vernehmen von Laut od. Schall; jenem 
Gliqfl ähnlich Gestaltetes (schon mhd. Öhr, 
Henkel). In urspr. Bed. mhd. 6r(e), ahd.- 
asächs. ora, mnd. ör, ndl. oor, afrs, är{e), ags. 
eare, engl, ear, anord. eyra, schwed. öra, dän. 
öre, got. ausö n. Urverw. mit glbd. lat. auris f. 
(aus *ausis, vgl. aus-cultäre «die Ohren wo- 
hin halten, zuhören»), gr, ouc n. (Gen. djxöc, 
ion. PI. oöaxa), air. ö, alb. ves, lit. atisis f., 
lett, auss, apreuß. ausins (Akk. PI.), abg. ucho 
n. (Gen. usese. Dual usi), aw. us-, usi (Dual). 
RA, es hiyiter den Ohren haben, genauer im 
16, Jh, den Schalk hinter den Ohren haben, 
d. h, «im Nacken», in den Fastnachtsp. des 
15. Jh, 850, 9 der gouch hinder unser oren. 
ZUS. Ohrenheichte, f.: (heimliche) Beichte 
ins Ohr, bei Luther 3, 274*» J. Ohrenbläser, 
m., spätmhd. im 15. Jh, örenbläser; dazu md. 
im 14. Jh. örbläsunge f. Ohrenschmalz, n,, 
spätmhd, örsma^ 1561 b. Maaler Orenschmaltz. 
Ohrenschmaus, m.: Genuß für die Ohren, 
1773 bei Wieland 26, 335. Ohrenzeuge, m., 
1691 bei Stieler. Ohreule, f.: Eule mit an 
beiden Seiten des Kopfes gleich Ohren empor- 
stehenden längren Federn, 1716 bei Ludwig, 
Ohreneule 1664 b. Duez. Ohrfeige, f. : Schlag 



337 



Ohr 



Ol 



338 



mit der flachen Hand ans Ohr (vgl. Dachtet), 
gegen Ende des 15. Jh. in Hessen örfige f. 
(Weihnachtsspiel 684 u. 694 Piderit), nndl. oor- 
vijg f., bei Kilian 1598 oorvijghe, wie es scheint 
volkstümlich umgedeutet aus glbd. ndl.oorveeg 
f., zu ndl. veeg m. «Streich, Hieb, Schlag», aach. 
fege «schlagen». Dafür mhd.-ahd. örslac, and. 
örslegi m. Ohrflnger, m.-. der kleine Finger, 
mhd.-spätahd. örvinger m., der Name daher 
da^ er in da^ ore grubilet (grübelt, Genesis 
14, 18, Anf. des 12. Jh.). Ohrgehänge, n.: 

Ohrschmuck, um 1 600 b. Ayrer Dram. 3, 21 51 , 30 
Ohrgheng. Ohrläppchen, n., orelepgin 1469 
im mrhein. Voc. ex quo. Ohrring, m., mhd.- 
ahd. örrinc m., and. öringa PI.; got. *ausahriggs 
zu erschließen aus entl. gib. abg. user^gü m. 
Ohrwurm, m.: ein lebhafter, schlanker, 
Zangen am Schwänze führender Käfer, der, 
weil er Höhlungen liebt, nach dem Volks- 
glauben gern ins Ohr kriechen soll u. deshalb 
srescheut wird, mhd. im 14. Jh. onvurm. 

Ohr, n. {-es, PI. -e): ohrartige Üöhung 
woran od. worin. Bei Luther Nadelö(h)re, 
mhd. cere (auch Henkelloch u. 1336 Loch in 
der Axt zum Einsetzen des Stieles), spätahd. 
ori n. «ohrartiges Loch, Henkelloch». Ab- 
geleitet von Ohr (s. d.). Vgl. Ose. 

Öhrn, m. (Schiller Eäuber 4, 3), s. Ern. 

oje!, hsijr. auch je!, gekürzt aus 
Jesus, s. ^je. ojemine! s. jemine. 

Okkupation, f. (PI. -ew): Besetzung. Aus 
lat. occupatio f. «Besetzung, Beschäftigung». 
Im 17. Jh. okkupieren, v.: besetzen, be- 
schäftigen, 1509 bei Brant Layenspiegel E 6% 
aus glbd. lat. occupäre. 

Ökonom, m. (-en, PI. -en): Haus-, Land- 
wirt. 1617 bei Albertinus der Welt Tummel- 
u. Schauplatz 976. Aus gr.-lat. oeconomus, 
gr. okovöiuoc m. «Hauswirt», von gr. oTkoc m. 
«Haus» u. einer Abi. von v^fjeiv «zuteilen» 
(jedem im Hause das Seine). Ökonomie, f.: 
Landwirtschaft; Haushaltungskunst, Sparsam- 
keit; gute u. zweckmäßige Einrichtung (z. B. 
eines Dramas im 18. Jh.). Bei Luther in 
der Vorrede auf Stücke Esther Oeconomey f., 
aus gr.-lat. oeconomia, gr. oiKovoiuia f. «Haus- 
wirtschaft, Anordnung fürs Ganze». Öko- 
nomisch, adj., 1663 bei Schupp 710, nach 
gr.-lat. oeconomicus, gr. oikovo|liiköc «in der 
Hauswirtschaft geschickt». 

OktäT, n. (-S, ohne PI.): Format, wenn der 
Bogen in 8 Blätter gefalzt wird, Achtelgröße. 
1728 bei Sperander. Aus lat. in octävo, von 
octävus «der Achte». ZUS. Oktävband, m. 

Weig and, Deutsches Wörterbnch. 5. Aufl. U. Bd. 



Oktäye, f. (PI. -n): der achte Ton vom 
Grundtone (diesen mitgezählt), dann beide 
Töne mit den zwischen ihnen liegenden. Li 
1. Bed. mhd. octäv f. Die große 0., die 
tiefste, weil ihre Töne vor der Notenschrift 
mit großen Buchst. (CDE usw.), die kleine 0., 
die nächstfolgende höhre, weil ihre Töne da- 
mals mit kleinen Buchst, (cde usw.) bezeichnet 
wurden. Aus lat. octäva f. «die Achte». 

Oktober, m. (-«, PI. wie Sg.): der zehnte 
Monat im Jahre. Mhd. octoher, daneben 
octeniber m. Aus lat. Octöber m., d. i. der 
achte Monat vom März an nach dem ältesten 
römischen Kalender. Im Ahd. bei Karl d. Gr. 
windumeniänöth<iiW emlesemonai:», dessen erster 
Teil aus lat. vindemia f. «Weinlese». 

Oktroi (spr. -oa), m. n.: der einem Orte 
verwilligte Eingangszoll von Schlachtvieh, 
Eß- u. Trinkwaren, Brennbedarf usw. 1694 
bei Nehring Octroi «ausschließhche Erlaubnis, 
obrigkeitlich erteiltes Privilegium». Aus frz. 
octroi m. «Bewilligung», dann «städtischer Ein- 
gangszoll», oktroyieren, v.: bewilligen, 
insbes. landesherrlich, 1694 bei Nehring, aus 
glbd. frz. octroyer, afrz. otreiier, ital. otriare, 
Span, otorgar, katalon.-proY. autrejar, von mlat. 
auctoricare für lat. auctöräre «bestätigen, be- 
kräftigen», zu lat. auctor m. «Urheber, Be- 
stätiger». Seit 1848 Schlagwort für «etwas 
(bes. eine Verfassung) gewaltsam einfühi-en». 
Vgl. Ladendorf. 

okulieren, v. : äugeln, das Auge (Knospe) 
eines Baumes, eines Gewächses in die Kinde 
eines andern einsetzen; impfen. 1694 bei 
Nehring oculiren, aus nlat. oculare statt des 
gihä. lat. inoculäre, von lat. oculus m. «Auge». 

Ökumene, f.: die bewohnte Erde. Aus 
glbd. gr. oiKouiLievri (nämüch fr\ f. «Erde»), 
dem Part. Präs. Pass. von oiKeTv «bewohnen». 
Dazu Ökumenisch, adj.: allgemein, 1580 im 
Konkordienb. in lat. Form. 1727 b. Sperander. 

Okzident, m. (-s); die Westgegend; das 
Abendland. Mhd, occident(e)., aus lat. occidens 
m. (nämlich sol m. «Sonne») «Sonnenunter- 
gangsrichtung», dann «Abendland», urspr. Part. 
Präs. von lat. occidere «niederfallen, unter- 
gehen». Vgl. Orient. 

Öl, n. (-[e]s, PI. [kaufm.] -e): fette Flüssig- 
keit, die Rauch u. Ruß entwickelnd brennt; 
dann in neuer Zeit wissenschaftlich in wei- 
term Begriife. Bei Luther Ole, Öle, noch bei 
Fleming, Brockes 1, 138 Oele. Mhd. öl{e), 
ohne Umlaut ol(e), daneben ol(e)i, ahd. ol(e)i, 
später ole n.; dazu andfrk. ölig, mnd.-ndl. 

22 



339 



Oleander 



Opal 



340 



olie (hieraus entl. dän. olje, schwed. olja), 
afrs. olie, ags. ele n., aus glbd. lat. oleum n., 
von gr. ^Xaiov n. «Baumöl» (s. Olive). Die 
unmittelbare Quelle des got. alew n. (ar- 
meniscli?) ist nicht sicher ermittelt. Vgl. 
Btr. 22, 574. Von lat. oleum stammt auch 
nfrz. huile f., afrz. oile, woher engl, oil.^^ ABL. 
Ölen, V., mhd. ölen, ol(ei)en; davon Ölung, 
f., mhd. ölunge, ol{ei)unge f. ölicht, ölig, 
adj., 1539 beiSerranus ölig, 1537 beiDasypodius 
ölechtig. ZUS. Ölbaum, m., mhd. ole-, öl{e)- 
houm, ahd. oliboum, oleopaum, ags. elebeam, 
got. alewabagms m. Ölbild, n.: Ölgemälde, 
1777 bei Adelung. Ölfarbe, f., spätmhd. 
ölfarwe. Ölgötze, m.: steifer, dummer, ein- 
gebildeter Mensch (1529 bei Agricola Sprichw. 
Nr. 186), in urspr. Bed. im 16. Jh. Holzbild, an 
dem die Öllampe aufgehängt wurde (S. Franck 
Sprichw. 2, 51 % H.Sachs 5, 65, 23, noch henner- 
bergisch bei Reinwald u. Spieß Olgötz «ein 
Pfosten, an dem man die Lampe aufhängt»), 
von Luther spöttisch auf die mit dem hl. Öl 
geweihten katholischen Priester u. Bischöfe 
angewandt. S. Götze. Ölzweig, m., mhd. 
ö7e-, olezwt u. oleizwic n. 

Oleander, m. {-s, PI. wie Sg.): Lorbeer- 
rose, Rosenlorbeer, 1546 bei Bock 346% aus 
glbd. ital. oleandro, frz.oleandre, span, oleandro, 
eloendro, port. eloendro, loendro m., das aus 
dem volksüblichen mlat. Namen lorandrum n. 
(neben mlat. lauriendrum u. arodandrum) ent- 
stand, statt des glbd. gr.-lat. rhododendron n. 
(von gr. ()6bov n. «Rose»u. b^vbpov n.«Baum»), 
dessen erster Teil man im Mlat. im Hinblick 
auf die lorbeerähnlichen Blätter (lat. laurus f. 
«Lorbeerbaum») u. dann im Rom. mit Anknüp- 
fung an lat. olea f. «Olivenbaum» umbildete. 

Oleaster, m, (s, PI. wie Sg.): der wilde 
Ölbaum, aus glbd. lat. oleaster m., mit der 
Abi. -aster, von lat. olea f. «Olivenbaum». 

Olga, weibl. Vorname, aus russ. Olga, 
das^ dem schwed. Helga entstammt. 

Ölgötze, s. Öl u. Götze. 

Oligarchie, f. (PI. -n)-. Staatsform, die 
in der «Herrschaft von Wenigen» besteht. 
1727 bei Sperander, aus gr. öXiYopxia f., von 
gr. öXiYoc «wenig» u. einer Abi. von äpxeiv 
«herrschen», oligärchisch, adj., dem gr. 
Adj. öXrfopxiKÖc nachgebildet. 

Olim, in zu u. seit Olims Zeiten, 1678 
in «Des Ratio-Status Schwätzgesichter» 1, 2, 
S. 2, aus dem lat. Adv. olim «ehemals». 

Olive, f. (PI. -n): Frucht des Ölbaums; 
olivenförmiger Zierat. Mhd. olive f. m. «Öl- 



baum», im 16. Jh. «die Frucht» (Frisius 1541), 
aus lat. ollva f. «Olive», Ölbaum neben glbd. 
olea, gr. dXaia f. 

01m, m. {-es, PI. -e): Holzmulm, -fäulnis; 
dann überhaupt durch Wurmfraß od. Ver- 
witterung Auseinandergefallnes. Aus nd. olm, 
ulm, clev. 1477, ndl. olm «Holzfäulnis», entspr. 
obd. Molm, Mulm (s. d.). Im Ahd., Mhd., 
Älternhd. u. Mndl. ist olm m. «der Molch», 
der an feuchten Orten lebt. ABL. olmicht, 
adj., ahd. olmoht «von Fäulnis angefressen». 
olmig, adj., nd. olmig, ulmig, mnd. olmech, 
1477 clev. olmich, mhd. ulmic. [Glyzerin. 

Ölsüß, n. (-es): deutsche Bezeichnung des 

Omelette, f. (PI. -%), Omelett, n. {-[e]s, 
PI. -e) : Eierkuchen. Aus glbd. frz. Omelette f. 
für ameleite u. dies viell. aus alemette, alemelle, 
alamelle, zgs. aus ä «nach Art von» u. lamelle 
«dünnes Blättchen». S. Lamelle. 1715 bei 
Amaranthes Aumelettes. 

Omen, n. (-s, PI. Omina): vorbedeutendes 
Zeichen, Vorbedeutung. Im 16. Jh. in der 
Zimm. Chron.^4, 49, 27, aus glbd. lat. ömen n. 

Omnibus, m. (Gen. wie Nom. u. -sses, 
Pl.-sse): großer vielsitziger Lohn wagen. Name 
u. Sache 1823 in Paris aufgekommen, aus lat. 
omnihus «für alle», Dat. PI. von owwt's «jeder». 

Onanie, f.: Selbstbefleckung. Benannt nach 
Onan (1. Mos. 38, 9). 1791 bei Roth. 

Onkel, m. (-S, PI. wie Sg.), für Oheim (s. d.) 
im 18. Jh. geläufig geworden u. Ende d. 17. Jh. 
zuerst in der fremden Form (1714 bei Wächtler 
u. noch b. Schiller 4, 279, 25 Oncle neben Onkle 
1, 243, Onkel 14, 129) aus franz. oncle m., von 
lat. avunculus m. «Oheim». 

onomatopoetisch, adj.: schallnachah- 
mend. Nach gr. 6vo|aaTOTTOiriTiKÖc adj. «ein 
Wort bildend, indem man einen Naturlaut 
nachahmt». Von övoina n. «Name, Wort» 
u. eine Abi. von Troieiv «machen». Früh- 
zeitig in der Grammatik. 

Onyx, m. (-[e]5, PI. -e): ein abwechselnd 
braun u. weißlich gestreifter Halbedelstein. 
Bei Luther Onich, Onych, Onicher, Onix, 
mhd. onichel, onichüs, onix m., 1466 onich 
(Diefenb. nov. gl. 271^), aus glbd. gr.-lat. 
onyx, gr. övuE m., eig. «Nagel»; der Stein 
ist daher benannt, daß seine Farbe der weiß- 
lichen des menschlichen Nagels ähnlich ist. 

Opal, m. (-S, PI. -e): milchweißer usw., 
ins Rote usw. spielender Halbedelstein. 1654 
bei Logau 1, 10, 2. Aus gr.-lat. opalus, gr. 
ö-TTciXXioc m., entlehnt aus ainä.upala- «Stein, 
Edelstein», da der Opal nach Plinius bist. 



341 



Oper 



Optimismus 



342 



nat. 37, 21 aus Indien stammt, d. h. zuerst 
dorther kam. 

Oper, f. (PI. -w): Singschauspiel. In der 
2. H. des 17. Jh. (1681 bei Leibniz 2, 456) 
aus ital, opera f., eig. «Arbeit, Werk», d. i. 
iat. opera f. ZUS. Operngucker, m., 1777 
bei Adelung, u. Opernhaus, n., 1711 bei 
Kädlein Opern-Hauß, 1697 in des träumenden 
Pasquini Staatsphantasien 94 Operen-Haus. 
— Operette, f. (PI. -n): kleines komisches 
Singschauspiel. Ende des 17, Jh. aus ital. 
(yperetta f., eig. «Werkchen». 

operieren, v.: (intrans.) wirken, 1571 bei 
Eot (von Arzneien); vorgehen, handeln; (bei 
den Ärzten) mit dem Messer behandeln. Aus 
frz. operer, Iat. operäri. Operateur (spr. -ör), 
m. (-S, PI. -e): Wundarzt. Aus glbd. frz. 
Operateur m, 1791 bei Roth. Operation, f. 
(PI. -ew): Verrichtung, Unternehmung, 1562 
bei Mathesius Sarepta leo*», 1571 bei Rot 
Würckung, außrichtung, arheyt; die Tätigkeit 
eines Wundarztes. 1727 bei Sperander. Aus 
frz. Operation, Iat. operätio f. 

Operment, n. (-[e]s): Rauschgelb (s. d.). 
Mhd. öpirment, öpriment, orpermint n., aus 
glbd. Iat. auripigmentum n. (woher auch mhd. 
orgemint, ahd. örgimint n.), von Iat. aumm n. 
«Gold» u. pigmentum n. «Farbe». 

Opfer, n. (-S, PI. wie Sg.): der Gottheit 
dargebrachte Gabe; (bildl.) mit Entbehrung 
Dargebrachtes (im 18. Jh.). In der 1. Bed. 
mhd. opfer, opher, ahd. ophar, opfar, offar, md. 
auch opper, mrhein. im 14. Jh. offer n., (and. 
in oppervano «Priesterkleid»), eine deutsche 
Neubildung von opfern, v., mhd. opfern, ahd. 
opfarön, offarön, md. oppern, offern, andfrk. 
offron, ndl. offern, ags. offrian. Bei der Her- 
leitung aus Iat. offerre, zgs. aus oh «gegen . . . 
hin», ferre «tragen, bringen (vgl. Oblate), ent- 
gegentragen, -bringen, darbieten», in kirch- 
licher Sprache «Gott schenken, weihen, opfern» 
bereitet das pf in opper Schwierigkeiten, Man 
müßte von ohferre ausgehen. Daher denkt man 
an Entl. aus Iat. operäri, das im Kirchenlatein 
«opfern» bedeutet. Der eig. deutsche Aus- 
druck für opfern war ahd. pluagan, plogan, 
ags. hlötan, anord. blöta, got. Uötan. ABL. 
Opferer, m ., spätahd. op^mn m. Opferung, 
f., mhd. opferunge, md. auch offerunge, oppe- 
runge, ahd. offrunga, offerunc, ags. offrung f. 
ZUS. Opfermann, m.: beim Meßopfer hel- 
fender Kirchendiener, Meßner, Küster, in 
Hessen und Niedersachsen Oppermann, 1482 
im Voe, theut. y 1 * opfferman, mnd. opper- 



mann, offerman m. Opferpfennig, m., mhd. 
opferpfenninc. Opferstock, m., spätmhd. 
im 15. Jh. opferstoc, mnd. opper stock. 

Opium, n. (-S, PI. wie Sg.): Mohnsaft, 
verhäi-teter Milchsaft von noch grünen Mohn- 
köpfen im Orient. 1534 bei Franck Weltbuch 
220% aus gr.-lat. opiuni, gr.ö-rriovn. «Mohnsaft», 
von gr. ÖTTÖc m. «Saft, Milchsaft der Pflanzen». 

Opod^ldok, m. n. (-s): eine Art Kampfer- 
seifensalbe, Flüssigkeit, gegen Gicht. Eine 
Wortschöpfung des Paracelsus im 16. Jh. (de 
vita longa 2, 1 1 Oppodeltoch). Von Peters (Aus 
pharmaceutischer Vorzeit, Berlin 1886, S. 137) 
als Zss. auf Opoponax (1574 bei Fischart Ono- 
mast. 371^ Opoponack), Bdellium u. Aristo- 
lochia bezogen. 

Opossum, n. (-S, PI. -s): virginische 
Beutelratte. 1628 bei Münster Cosmogr. 
S. 1702 Opassom, nach engl, opossum aus 
der Indianersprache. 

opponieren, v.: Einwendungen machen, 
sich widersetzen, 1566 bei Mathesius Luther 
168, 25 Neadr. u. 1571 bei Rot opponirn, aus Iat. 
oppönere «entgegensetzen». Opposition, f.: 
Widersetzung, Gegenpartei, 1571b.Rot«Gegen- 
satz, widerspil, gegenred», von Iat. oppositio f. 

Opportunist, m. {-eti, PI. -en): ein Poh- 
tiker der sich den Zeitumständen anpaßt, in 
Frankreich 1876 zur Bezeichnung der ge- 
mäßigten Republikaner unter Gambetta auf- 
gekommen u. bald entl.; jetzt auch oft «Ge- 
sinnungsloser». Von opportune «günstig, ge- 
legen», aus glbd. Iat. opportünus. Vgl. Ladend. 

Optativ, m. (-[e]s, PI. -e): die wünschende 
Redeweise, Wunschform. Aus Iat. modus optä- 
tlvus (einer Übersetzung des gr. Grammatiker- 
ausdrucks eÜKTVKri f.), von optätus, dem Part. 
Perf. von optäre «wünschen». 

optieren, v.: sich für etwas, namentlich 
eine Staatsangehörigkeit entscheiden. Entl. 
aus frz. opter «wünschen, wählen» von Iat. 
optäre «wünschen». Wohl erst nach 1864 
aufgekommen. 

Optik, f.: Gesichts-, Lichtlehre, 1716 bei 
Ludwig u. bei Wolfif math. Lex., 1703 bei 
Wächtler optica aus grAat.opticei., gr. ö-rrnKri f, 
(nämlich x^x^n f. «Kunst»), dem subst. F. von 
ÖTTTiKÖc «das Sehen od. Gesicht betreffend». 
optisch, adj., 1575 im Gargantua 246, gebildet 
nach dem gr.-nlat. Adj. opticus, gr. ötttiköc. 

Optimismus, m.: Schlagwort für Leib- 
nizens Lehre von der besten Welt; dann 
heitre, zufriedne Lebensauffassung. Im 18. Jh. 
Vgl. Ladendorf. 

22* 



343 



Opus 



ordnen 



344 



Opus, n. (PI. Opera): Werk, 1571 bei Eot, 1 
aus glbd. ]at. opus n. ! 

Orakel, n. (s, PI. wie Sg.) : Götteraus- j 
Spruch durch Priestermund; Ort dieses Götter- ; 
ausspruches (1777 bei Adelung). In der 1. Bed. j 
1571 bei Rot Oracl, aus glbd, lat. öräculum n., [ 
von lat. öräre «reden, beten, bitten». ABL. 
orakeln, v.: unverständliche (orakelhafte) 
Aussprache tun. Ende des 18, Jh. 

Orange (spr. -aze), f. (PI. -n): Apfelsine. 
1703 bei Wächtler (dafür 1678 bei Krämer 
Oranienapffel), aus frz. orange f. (umgedeutet 
auf or« Gold, Goldfarbe», denn früher arange), 
ital, arancia, mailänd. naranz, venez. naranza, 
rumän. närantä, span. naranja, port. laranja f., 
durch Vermittlung des glbd. byzant. vepoivxZiiov 
n., arab. naranj, pers.wararyaus omA.näratdga- 
«Oi'angenbaum». Übrigens wurde schon mhd. 
im 14. Jh. entlehnt arans, arantz m. «Orangen- 
baum» u. der PI. aranser «Orangem>, orange, 
orangefarbig, adj.: pomeranzengelb, rot- 
gelb, 1777 bei Adelung orangen, orangefarben, 
-farbig u. subst. Orange f., nach frz, orange f. 
«Pomeranzenfarbe». Orangerie, f., 1703 bei 
Wächtler, frz. Orangerie f., von frz. oranger m. 
«Pomeranzenbaum ». 

Orang-Utan, m., öst. Orangutan, m. 

(-S, PI. -e u. -s): Menschenaffe. Im 18. Jh. 
(bei Klopstock 2, 12 Oranutan, 1712 bei Hübner 
Ourangutang) aus malayisch örang hUtan {prang 
«Mensch», hütan «wild»). 

Oratörisch, adj.: rednerisch, im AfdA. 
4, 177 aus dem J. 1553 nachgewiesen. S. u. 
Oratorium, n. (-s, PI. -rien): geistliches 
musikalisches Drama zu bloß musikalischer, 
nicht szenischer Auffühimng in der Kirche 
od. im Beetsal. In der 2. Bed. im 17. Jh., 
von lat. Oratorium n. «Bethaus» (bei Augu- 
stinus), dem subst. Ntr. des von lat. örätor m. 
«Eedner» abgel. Adj. örätörius «rednerisch, 
zum Beten gehörig», wovon oratörisch. 

Orchester (spr. ork-\ n. (-s, PI. wie Sg.): 
Spielplatz des Musikchors; die Musikkapelle. 
1727 bei Sperander, aus mlat. orchestrum n. 
«Spiel- u. Tanzplatz im Schauspiel», ital. or- 
chestral, gr.-lait.orchestraf. «Platz der Sena- 
toren usw. im Vordergrunde des Schauspiel- 
hauses», gr. öpxncxpa f. «Tanzplatz des Chores 
zwischen der Bühne u. den Sitzen der Zu- 
schauer», von öpxeicGai «tanzen». 

Orchidee, f. (PI. -n): weit verbreitete 
Pflanzenfamilie. Aus glbd, frz. orchidees PL, 
von gr. öpxic m. «eine Pflanze mit hodenähn- 
lichen Wurzelknollen», denn öpxic bed.«Hode». 



Ordälien, PI.: Gottesurteil. Im 17. Jh. 
(1734 bei Frisch Ordel, 1691 bei Stieler Ordel- 
recht) aus glbd. mlat. ordalium n. (PI. ordalia), 
das aus ags. ordäl n. «Richterspruch, Gottes- 
gericht, Gottesurteib (ahd.urfeili, mnd. ordel n. 
«Urteil») gebildet wurde. 

Orden, m. (-s, PI. wie Sg.): Gesamtheit 
unter einer verbindlichen Eegel lebender Men- 
schen; ihr Ehrenzeichen. Mhd. orden m. «An- 
ordnung, Gesetz, verbindliche Regel, die sich 
unter diese ordnende Gesamtheit, Stand, geist- 
licher Orden», ahd. ordena f. «Ordnung, Reihen- 
folge», entl, aus lat. ordo m. (Gen. -dinis) 
«Ordnung, Stand», woher auch frz. ordre m. 
(s. Order). In Nachahmung der geistlichen 
Ritterorden der Kreuzzüge wurden seit dem 

13. u. 14. Jh. von den Fürsten weltliche Ritter- 
orden mit Ordensabzeichen gestiftet zur Be- 
lohnung geleisteter Dienste od. als Huldbeweis 
(im 15. Jh. bei Ehing. 27). ABL. ordentlich, 
adj.: der Ordnung, Regel, Vorschrift gemäß, 
rechtmäßig (1519 bei Murner Gäuchmatt Titel 
der hohen schul Basel des Keyserlichen rechtens 
ordentlicher lerer [Professor]). Mhd. ordenlich 
(md. auch ordelich), Adv. ordenliche u. im 

14. Jh. mit eingetretnem t ordentliche (bei 
Luther Ps. 136, 5 ordendlich), ahd. ordenlicho 
«nach der Ordnung». ZUS. Ordensband, n., 
1652 bei Rist Parnaß 1, 113. 

Order, f. (PI. -n) -. Befehl, bes. militärischer. 
1645 bei Mandelslo Reisebeschreib. Cap. 10 
Order, aus glbd. frz. ordre m. (s. Orden). 

Ordinale, n. (Gen. wie Nom., PI. -lia): 
Ordnungszahlwort. Das Ntr. des lat, Adj. 
ordinälis «eine Ordnung anzeigend», von lat. 
ordo m. (s. Orden). 

ordinär, adj: ordentlich, gewöhnlich, all- 
täglich, nicht über das Gemeine sich erhebend. 
Im 18. Jh. aus dem frz. Adj. ordinaire, dafür 
im 16. u. 17. Jh. ordinari (im Garg, 27, 1646 
bei Philander 1, 34 di ordinari Kutsche, 1650 
ersetzt durch Landkutsche «Postkutsche», bei 
Ernstinger 106 das ordinari Schiff, bei Ludwig 
1716 ordinär), aus lat. Ordinarius «der Reihe 
u. Ordnung, der Ordnung u. Gewohnheit ge- 
mäß, ordentlich», von ordo m. (s, Orden). 

ordinieren, v,: zum Priester, Predigt- 
amte weihen od. einsegnen, mhd. ordinieren 
(auch ordnen, ausinisten, anordnen), aus lat. 
ordinäre (s. ordnen). Dazu Ordination, f., 
1571 bei Rot, aus lat. ordinätio f, «Anordnung, 
Amtsbesetzung». 

ordnen, v.: in Reihenfolge, gehörig nach 
u. nebeneinander bringen; durch Wülens- 



345 



Ordonnanz 



Original 



346 



äußerung bestimmen; mit amtliclier Befugnis 
einsetzen (Apostelgesch. 14, 23. 26, 16). Mhd. 
ord(e)nen, ahd. ordinon, ordenön, entl. aus 
lat. ordinäre «ordnen, gehörig einrichten, an-, 
verordnen», von lat. ordo (s. Orden). ABL. 
Ordner, m., mhd. ordencere; Ordnung, f., 
mhd. ordenunge, ahd. ordinunga f. 

Ordonnanz, f. (PI. -en): Befehl, Vor- 
schrift, bes. von selten des Staatsoberhaupts; 
militäidsche Dienstvorschrift; Soldat zur Aus- 
richtung der Befehle eines befehlhabenden 
Offiziers (Schiller Fiesco4,7). In der 1. Bed. 
1561 bei Maaler Ordonantz, aus glbd. frz. 
ordonnance f.; dafür spätmhd. u. noch im 
17. Jh. ordinanz f., aus mlat. ordinantia f. 
«Befehl», abgel. von lat. ordinans (Gen. -tis), 
dem Part. Präs. von lat. ordinäre (s. ordnen). 

Orfe, f. (PI. -n) : der karpfenartige orange- 
farbige Fisch cyprinus orfus. Mh.d.orve,orfem., 
viell. auch f., ahd. orvo m., aus gr.-lat. orphus, 
gr. öpcpoc m. «rötlicher Meerfisch» (Plinius 
bist. nat. 32, 54). 

Organ, n. (-s, PI. -e) -. Werkzeug, Sinnes-, 
Sprachwerkzeug; Person od. Schrift, dui-ch die 
man sich in einer Sache äußert. Im 18. Jh. 
(bei Lessing, Wieland, Herder) aus gr.-lat. 
Organum n. «jedes Werkzeug» (s. auch Orgel), 
gr. öpYovov n. (auch «Sinneswerkzeug»), or- 
ganisch, adj.: Organe habend; den Innern 
gegliederten Bau, das innre gesetzmäßig ent- 
wickelte Leben betreffend. Im 18. Jh. (Geliert 
7, 25, Lessing 5, 62), nach dem gr.-lat. Adj. 
organicus, gr. öpYaviKÖc, aber schon ahd. or- 
ganisk. organisieren, v., im 18. Jh. (Lessing 
1,132, Wieland Suppl. 1,166) aus frz. organiser, 
von mlat. organizare, organisare. Organi- 
sation, f., im 18. Jh. (Lessing 4, 179), aus 
frz. Organisation f. Organismus, m. (Gen. 
wie Nom., PI. -nien) : lebendig gegliederte Ge- 
staltung, nach u. in seiner lebendigen gesetz- 
mäßigen Entwicklung gegliedei'ter Bau, bei 
Herder Ideen 2, 315, nach frz. organisme aus 
nlat. Organismus m. 

Organist, m. (-en, PI. -en): angestellter 
Orgelspieler. Mhd. organist{e) m., aus mlat. 
organista m., von lat. Organum (s. Orgel). 

Orgel, f. (PI. -n): Pfeifenwerk zur Be- 
gleitung des Kirchengesangs. Mhd, orgel(e), 
md. auch urgel(e), ahd. orgela f., neben ahd. 
Organa, orgina, mhd. (selten) Organa, orgen{e) f., 
mndl. orgene, orghel f., aus gr.-lat. Organum n. 
«jedes Werkzeug» (s. Organ), dann insbes. 
«die Wasserorgel», im 3. u. 4. Jh. n. Chr. 
«die Windorgel mit Blasebälgen», dessen PI. 



Organa «Orgelpfeifen». ABL. orgeln, v., 
mhd. orgel(e)n; davon Orgler, m., spätmhd. 
im 15. Jh. org{e)ler, urgeler, mndl. orgenere m. 
ZUS. Orgelbauer, m., 1716 bei Ludwig, 
dafür im 16. Jh. Orgelmacher. Orgelpfeife, f., 
spätmhd. im 15. Jh. orgelpfife, 1420 ndrhein. 
orgelplpe. Orgelwerk, n., mhd. orgehverc. 

Orgie, f., gew, im PI. Orgien: wilde, 
mit Ausschweifungen verbundne Gelage, im 
18. Jh. (Wieland 35, 341) aus gr. öpTia PI. «My- 
sterien», bes. Feier der wilden Bacchusfeste. 

Orginäl, n. (-s, PI. -e) : eigentüml. Mensch, 
Sonderling. Bei Goethe 45, 6. S. Original. 

Orient, m. (-s): die Ostgegend; das 
Morgenland. Mhd. Orient, Orient, orjent m., 
aus lat. oriens m. (mit Ergänzung von sol m. 
«Sonne») «die aufgehende Sonne, Sonnenauf- 
gangsrichtung, Morgenland», eig. Part. Präs. 
von orlri «sich erheben, aufsteigen». Orien- 
tale, m. (-W, PI. -n): der Morgenländer, im 
18. Jh. (Goethe 24, 99) neben Orientaler, aus 
lat. orientälis. orientalisch, adj.: morgen- 
ländisch, 1587 im Faustbuch 16, aus glbd. 
lat, orientälis ; dafür mhd. orientisch, orien- 
tieren, V. refl. : sich zurechtfinden, nach der 
Mitte des 18. Jh. aus ital. orientare, span, 
orientar, frz, orienter «morgenwärts, d, h, 
nach der Aufgangsgegend der Sonne richten 
(in Ermangelung der Magnetnadel), von da 
aus die Himmelsgegenden aufsuchend sich 
nach diesen richten», dann refl, ital. orientar si, 
Span, orientarse, frz. s' orienter «sich in die 
Himmelsgegend, überhaupt in die Gegend, in 
Lage u. Verhältnis des Ortes, zurechtfinden». 

Oriflamme, f., ehedem das Hauptbanner 
der Franzosen (Schiller Jungfr. v. Orl. Prol. 4), 
1575 Garg. 179 Oriflamle, aus frz, oriflamme, 
früher auch oriflambe, oriflant, mlat, auri- 
flamma f,, urspr. «die Fahne des Klosters 
St. Denis, von roter Seide u. an vergoldeter 
Lanze», dann «Hauptbanner eines Heeres». 
Zsg. aus frz. -or, lat. aurum n. «Gold» u. 
frz. flamme, lat. flamma f. «Flamme», dann 
«Wimpel», wegen d. zackigen Flammengestalt. 

Original, n. (-s, PI. -e): Urschrift, Ur- 
bild, Ui'geist; eigentümlicher Mensch, Sonder- 
ling (nur noch Orginal geschrieben, s. d.). 
Im 15. Jh. in der Stretlinger Chron. 88, 29 
orienal n. «Urschrift», in der 2. Bed. im 
18. Jh. bei Brockes ird. Vergnügen 1, 52, in 
der 3. Bed. bei Herder Fragm 2, 13. Aus 
nlat. originale n. (mit Ergänzung von exem- 
plar n. «Muster», daher frz. original m.), dem 
subst. Ntr. des lat. Adj. originälis «Ursprung- 



347 



Orkan 



orthodox 



348 



lieh», von \at. origo f. (Gen. -ginis) «Ursprung», 
einer Ableitung von lat, oriri «seinen Ur- 
sprung haben», original, originell, adj.: 
ursprünglich, ureigen, angeboren, mhd. ori- 
ginale, 1732 bei Haller Tagebücher 139 ori- 
ginell, aus lat. originalis, frz. original, originel. 
Originalität, f.: Ursprünglichkeit, Ureigen- 
heit, im 18. Jh. (ZfdW. 8, 82) aus frz. originalite f. 

Orkan, m. (-s, PI. -e): Sturmwind hef- 
tigster Art. Im 17. Jh. bei Hoffmannswaldau 
verm. Gedichte 14 Orkan, 1680 bei Francisci 
Lufftkreys 1185 Orcan, 1628 bei Münster 
Cosmogr. S. 1749 erschreckliche Sturmwindt 
(in Jamaica), TJracani genannt. Aus span. 
huracän, frz. ouragan, ital. uracano m., engl. 
hurrikane, ndl. orkaan m., einem karaibischen, 
nach Europa durch Schiifer eingeführten Wort 
{uragan «Ungewitter»). Vgl. noch Btr. 20, 48. 

OrlogSChiff, n.: Kriegs-, vorzugsweise 
Rang-, Linienschiff. Im 17. Jh. (1696 im 
Schelmuffsky44 Orlogs-Schiff), aus ndl. oorlog- 
schip, nd. örlogschip, dän. orlogsskih, schwed. 
örlogsskepp, zgs. mit ndl. oorlog m. n., 1598 
b. Kilian oorloghe, mndl.-afrs., 1477 clev. orloch, 
jnnd.orlog «Krieg», anord.ärlygi n. «Kampf», 
dän. orlog, schwed. örlog m. «Krieg», ahd. 
urliugi n. «Krieg» (mhd. urliuge, urlouge n.), 
zgs. aus ur- «aus» (s. er-) u. ahd. liugi, das zu 
got. liugan «heiraten», eig. «einen Vertrag 
schließen», air. luige «Eid» gehört. Daneben 
ahd. urlag m., asächs. orlag m., ags. orloeg m., 
anord. orlög n. pl. «Schicksal» aus *ur-laga. 

Ornament, n. (s, PI. -e): Verzierung, 
Zierat. Im 15. Jh. (Decameron 50, 25 Klr.), 
aus glbd. lat. ornämentum n., von lat. ornäre 
«schmücken». 

Ornat, m. {-[e]s, PI. -e): Schmuck, Amts- 
schmuck, Amtstracht. In dieser letzten Bed. 
mhd. ornät m., später auch f., aus lat. ornätus 
m. «Schmuck», von ornäre «schmücken». 

^Ort, m., älternhd. u. noch obd. n. (-[e]s, 
PI. -e u. Orter, namentl. in Fixsternörter): 
Ecke (vorstehende Spitze) ; Winkel; Anfangs-, 
Endspitze od. -punkt; (schweiz.-bayr. mit dem 
PI. Orte) LandesabteUung, Landbezirk (s. Kan- 
ton); Raumpunkt, Raum wozu; Gesamtheit 
von Wohnungsgebäuden. Bei Luther Ort m. 
mit dem PI. Ort, Ort, Orter, mhd. ort n., 
auch m. (PI. ort, örter, md. auch orde) «Waften- 
spitze, spitze Waffe» (daher noch obd. u. md. 
Ort m. «die Ahle, der Pfriemen des Schuh- 
machers», um 1700 der PI. Ort) «Ecke, An- 
fangs-, Endpunkt, Anfang, Ende, Weltgegend, 
Grenze, Rand, Saum-, Stand- od. Raumpunkt 



u. Platz», ahd. ort n. (noch nicht in der eben 
angegebnen letzten Bed.) mit dem PI. ort, 
orter; dazu asächs. ord m. «Spitze», mnd.-nd. 
örd, ort m. «Spitze, Ecke, Winkel, Anfang, 
Ende, Platz», ndl. oord m. n. «Spitze» usw., 
afrs. ord n. «Spitze, Raumpunkt», ags. ord 
m. «stechende, schneidende Waffe, Beginn, 
Schlachtordnung», anord. oddr m., schwed. 
udd, dän. od «Spitze». Germ. Grundform 
*uzda-, deren Herkunft unbekannt ist. ABL. 
ortig, adj.: winkelig, in recht-, scharf-, 
stumpfortig, 1340 md. ortig «zweischneidig», 
in Zss. 1384 vierörtig «viereckig», örtlich., 
adj., 1727 bei Aler; dazu Örtlichkeit, f., 
bei Goethe. Ortschaft, f., 1777 bei Adelung. 
ZUS. Ortband, n.: eisernes Band, Beschläge 
an der Spitze der Schwert- od. Degenscheide, 
mhd. orthant n., mnd. orthant m., schon im 

15. Jh. entstellt orpandt (Voc. 1482 y 2=^), 
daher Ohrhand 1664 bei Duez, Orhand bei 
Klopstock. Ortbrett, n.: Brett am Ende 
einer Fläche, Eckbrett, Seitenbrett, bei Luther. 
Ortfeder, f.: Feder am Flügelende, 1716 
bei Ludwig. Ortscheit, n. (-[e]s, PL -e): 
das an jedem Ende des über der Deichsel 
hinten liegenden Holzes (der Wage) einge- 
hängte bewegliche scheitartige Holz, an das 
die Zugstränge od. -riemen der Zugtiere be- 
festigt werden (s. Sillscheit), im 15. Jh. ort- 
schyt, -scheit. Ortspule, f.: härtester Feder- 
kiel am Ende des Flügels, 1777 bei Adelung. 
Ortstein, m.: Eckstein, dann Grenzstein an 
der Ecke od. dem Ende einer Mark, mhd. 
u. ahd. ortstein m. «Eckstein». Zsg. mit dem 
Gen. Sg.: ortskundig, Ortsrichter, m., 

Ortssinn, m., erst im 19. Jh. 

^Ort, n. m. (-[e]s, PI. -e): ein Viertel 
manches Gewichtes, Maßes, mancher Münze. 
In gleicher Bed. schon mhd. ort n., im bes. 
^4 Gulden; dazu mnd. ort, nnd. örd n. m., 
ndl. oord n. m. «vierter Teil einer großem 
Münze, eines Maßes». Eins mit ^ Ort «Ecke^ 
Winkel»; die Bed. «Viertel» ging von den 
viereckigen durch ein Kreuz in vier Orte 
(Ecken) geteilten Münzen aus. ZUS. Orts- 
gulden, m.: V* Gulden, 1673 bei Weise 
Erzn. 218 Orthsgülden, bayr.-öst. Örtler, im 

16. Jh. Örterer m. Ortstaler, m.: ^ji Taler, 
1664 bei Duez. 

orthodox, adj.: rechtgläubig. 1716 bei 
Ludwig, 1722 bei Günther 463; 1703 bei 
Wächtler orthodoxus, aus gr.-lat. orthodoxus, 
gr. öpGöboHoc, zgs. aus gr. öpööc «gerade, 
recht», u. -botoc von srr. böEa f. «Meinung». 



349 



Orthographie 



Ostern 



350 



Orthodoxie, f.: Rechtgläubigkeit, 1703 bei 
"Wächtler, aus gr. öpGoboEia f. 

Orthographie, f. : Rechtschreibung. 1478 
bei Nicl. v. Wyle 350, 27 ortographie, aus glbd. 
gr.-lat. orthographia, gr. öpGoYpacpia f., zgs. 
aas gr. öpGöc «gerade, recht» u. einer Abi. 
von Tpäqpeiv «schreiben», orthographisch, 
adj., im 16. Jh. bei Fischart Nachtrab 1215, 
gebildet nach gr.-nlat. orthograpMcus , frz. 
orthographique, ital. ortografico. 

Ortolan, m. (-s, PI. -e): die Fettammer. 
In der 1. H. des 18. Jh. bei Brockes, aus 
glbd. ital. ortolano m., von lat. hortulanus «den 
Garten Qiortus) betreffend». Der Vogel hält 
sich nämlich gern in Gärten u. Weinbergen auf. 

Ortscheit usw., s. ^ Ort. 

Ortsgiilden usw., s. -Ort 

Öse, f. (PI. -n): Öhr, insbes. die Draht- 
schlinge am Kleide zum Einhaken des Krapfens; 
das Ohr des Metallknopfes. Md. im 15. Jh. 
ose, ndrhein. im 15. Jh. oyse, oze, ese (Diefenb. 
gL 36°). Gleichen Stammes wie Öhr, aber 
das m'spr. s bewahrend (s. Ohr). 

Oskar, Mannesname, ags. Ösgär, ahd. 
Änsger, ins Asächs. spielend Ansigär, Ansgar, 
Asger, zgs. aus Ger (s. d.) u. anord. äss m. «Gott» 
(PI. cesir «die Äsen, Lichtgottheiten»), ags. öS, 
ahd. ans- (nur in Personennamen, s. Anselm). 

Ost, m. {-[e]s): die Himmelsgegend des 
Sonnenaufgangs; (PI. -e): der Wind aus dieser 
Himmelsgegend. In der 1. Bed. 1440 ost 
(Diefenb, gl. 400^), dazu md. öst m., afrs. 
aest, oest n., ags. east m., engl, east (woher 
frz. est m.), dafür anord. austr m. (Gen. austrs). 
Osten, m. (-s) : die Himmelsgegend d. Sonnen- 
aufgangs; nach dieser Himmelsgegend gelegner 
Teil der Erde. In beiden Bed. mhd. Osten n., 
spätahd. östan, Osten m. n. «Sonnenaufgang als 
Himmelsgegend». Urverw. mit lat. auröra f., 
gr. fidjc f., aöpiov «morgen», lit. ausrä f. 
«Morgenröte», aind. usas n. «Morgendämme- 
rung». Dazu das Adverb- mhd. 6sten{e) «öst- 
lich, ostwärts», ahd. ostana, asächs. östan(a), 
ags. eastan, anord. austan «von Osten her», 
schwed.ös^aw, ään.östen-, auch ahd. fon ostana, 
md. von östin, nhd. nur noch m aus, gegen, 
nach, von Osten (aber als Kasus des Subst. 
Osten angesehen). Ferner das Adverb ahd.- 
asächs. ostar, mhd. öster «im Osten», anord. 
aMS^r «nach Osten hin», nhd. noch in Osterland 
ru Vgl. ZfdW. 7, 61 ff. ABL. Östlich, adj., 
1656 b. Olearius pers. Eeisebeschr. 4, 15 ostlich. 
ZUS. Ostsee, f.: das baltische Meer, 1557 
bei Waldis 4, 59 Ostse, mhd. (md.) u. mnd. 



öster sei. ostwärts, adv., im 17. Jh. (ZfdW. 
7, 123), im 16. Jh. bei Adventin 4, 224, 33 gegen 
ost Werts. Ostwind, m., im 15. Jh. östwint 
(Diefenb. nov. gl. 353 '^), 1482 imVoc.theut. y 2^ 
ostenwindt, mhd.österwint, dafür ahd. ostronim. 
(mitErgänzungvonwin<),vomahd.-asächs.Adj. 
ostroni, ags. eastern, anord. austroßnn köstlich». 

Ostentatiön, f.: geflissentliche Schau- 
stellung, Prahlerei, Ruhmredigkeit. 1571 bei 
Rot, aus glbd. lat. ostentätio f., von ostentäre 
«zeigen, sehen lassen», ostentativ, adj.: 
prahlerisch. Aus einem nlat. glbd. ostentativus. 
Erst in neurer Zeit. 

Osterluzei, f.: die Pflanze aristolochia 
clematis, Hohlwurz. 1546 bei Bock 67 Oster- 
lucei, 1482 im Voc. theut. p 1 '^ osterluzi, mit 
Anlehnung an Ostern (s. d.), um wenigstens 
zum Teil dem fremden Worte deutschen An- 
strich u. damit Volksverständlichkeit zu geben 
(vgl. Liebstöckel, Orengel), aus mlat. aristo- 
locia, gr.-lat. aristolochia, gr. äpicxoXoxia f., 
von äpicToc «best, stärkst» u. einer Abi. von 
Xöxioc «die Geburt, die Gebärende betrefi"end», 
weil die Pflanze für das beste Mittel zur 
Förderung der Geburt gehalten wurde (s. 
Dioscorides de materia medica 3, 4). 

Ostern, PI.: das Fest der Auferstehung 
Christi. Mhd. dster{e)n, ahd. östarun, öst{o)ron 
PI., selten im Sg. ahd. ostra, mhd. öster, östir f.; 
dazu ags. eastre n., eastro PL, engl. Easter, 
nach Beda de temporum ratione Cap. 15 von 
der ags. (Frühlings-)Göttin Eostre, mit Über- 
tragung des altgewohnten heidnischen Wortes 
(easturmonath) auf das zur selben Zeit ge- 
feierte christliche Fest. Eostre ist urverw. 
mit aind. usra «Morgenröte» (s. Ost). Vgl. 
Kluge ZfdW. 2, 42. Der Plural wurde darum 
die übliche Benennung des christlichen Oster- 
festes, weil dieses früher 4, vom J. 1094 an 
3 Tage dauerte. Aus dem PI. hat sich der 
Sg. Ostern f. n. gebildet, schon mhd. (1294) 
Ostern f., im 14. Jh. als Ntr. Übrigens ge- 
hört der deutsche Name des Festes Süd- u. 
Mitteldeutschland u. den Angelsachsen an; 
denn glbd. got. paska f., asächs. pascha, pasca, 
mnd. pasche, nnd. päsken, nndl. paasch f., 
afrs. pascha, anord. päskar m. pl., schwed. 
päsk m., ään.paaske, sind aus gr.-lat. pascha 
n. f., hebr.-gr. Tidcxa n. entl. ABL. Öster- 
lich, adj., mhd. österlich, ahd. östarlih. ZUS. 
Osterahend, m.: Vorabend des Osterfestes, 
mhd. österabent m. Osterhlume, f.: Name 
verschiedner zur Osterzeit blühender Blumen, 
wie der Küchenschelle, gelben Schlüsselblume, 



351 



Österreich 



Ozon 



352 



1429 osterplueni (Diefenbach nov. gl 348^). 
Osterei, n., spätmhd. Osterei n. (Ziusei zu 
Ostern). Osterfeiertag, m., spätmhd. oster- 
firtae m. Osterfest, n., bei Luther. Oster- 
lamm, n.: das bei den Juden vor Ostern 
zum Andenken an den Vorübergang des die 
Erstgeburt in Ägypten schlagenden Würg- 
engels als ein Opfer geschlachtete u. gegessene 
Lamm, mhd. osterlamp n. Ostermesse, f., 
1509 bei Tucher Haushaltbuch 75 ostermeß. 
Ostermonat, m., mhd. östermändt, ahd.ostar- 
mänoth, ags. eastermönap m. Ostermontag, 
m., 1880 bei Nie. v. Basel 335 ostermendag. 
Ostertag, m., mhd. ostertac, ahd. ostertag m. 
Osterwoche, f., mhd. österwoche f. Oster- 
zeit, f., mhd. osterzit f. n. 

Osterreich, im jungem Nhd. auch ge- 
kürzt Ostreich, mhd. Österriche das südöst- 
liche Keichsland (Herzogtum an der Enns, 
ahd. 996 Östirrichi die Markgrafschaft zwischen 
Enns u. Raab; sonst ist ahd. östarrichi n. nach 
Osten hin gelegnes Reich, Ostfranken, Deutsch- 
land östlich vom Rhein, auch das Morgenland. 
Zgs. mit dem Adv. ahd. ostar «östlich» (s. Ost) 
u. ahd. richi n. «das Reich». Ebenso mhd. 
Österlant ^Östevreich», ahd. ostarlant n. «das 
Morgenland». J.Bi^. - Österreichisch, adj., 

im 16. Jh. 

Ostsee, Ostwind, s. Ost. 

Otmar, Mannsname. Ahd. Otmär, von 
ahd. märi «berühmt» u. ahd. 6t, asäehs. öd n. 
«Besitz» (s, Ällod). 

1 Otter, m. (-S, PI. wie Sg.), auch f. (PI. -n): 
am u. im Wasser lebendes, von Fischen sich 
nährendes Säugetier mit Schwimmfüßen. Mhd. 
otter, ahd. ottar m., seit dem 17. Jh. durch 
Verwechslung mit dem folg. Wort auch Fem. 
(1663 bei Schottel, 1691 bei Stieler); dazu clev. 
1477 mndl. wie nndl. otter m., ags. oter m., engl. 
otter, anord. otr m., schwed. utter, dän. odder. 
Urverw. mit gr. öbpoc m., übpa f. «Wasser- 
schlange», lit. üdra f., abg. vydra f. «Fisch- 
otter», aind.McZra-m. «Fischotter», eig. «Wasser- 
tier», zu gr. übu)p n., aind. udän- «: Wasser». 

"Otter, f. (PI. -n): kleine Schlange. Durch 
Abstoßen des anlautenden N (vgl. Naher, 
Nachen) hervorgegangen aus Natter (s. d.), 
das im 15. Jh. die Formen noter, notir zeigt; 
Otter zuerst bei Luther u. Dasypodius 1537, 
Franck Weltb.216% dafür bei H. Sachs Fast- 
nachtsp. 1, 145 Atter, 1691 bei Stieler Adder, 
Atter, mnd. a(d)der u. eddere, mndl. ader f., 
engl, adder. ZUS. Otterngezücht, n., bei 
Luther Otterngezichte n. 



Ottilie, Frauenname. Ahd. Ötil{i)a n. 
Odil(i)a, Ödala, Verkleinerung zu Ota, Oda, 
der Koseform der mit Ot-, Od- gebildeten 
Frauennamen wie Odburg, Otgard usw., von 
ahd. 6t, asäehs. öd n. «Besitz» (s. Ällod). 

Otto, Mannsname. Ahd. Otto u. ödo, Oddo, 
mhd. Otte, Koseform zu den mit Ot-, Od- 
gebildeten Namen Otfrid, Otmar usw., von 
ahd. öt, asäehs. öd n. «Besitz» (s. Ällod). 

Ottomane, f. (PI. -n)- breites niedriges 
Sopha ohne Lehne. In d. 2. H. d. 18. Jh. (bei 
Wieland Oberon 5, 52 u. Schiller Karlos 2, 8) 
aus glbd. frz. ottomane f., von dem frz. Adj. 
Ottoman, ital. Ottomano «osmanisch, türkisch», 
das auf arab. Othman, den Namen des 1326 
verstorbnen Stifters des türkischen Reiches, 
zurückgeht. 

Ouvertüre, f. (PI. -n): Einleitungsstück, 
bes. der Oper, ^^orspiel. Aus frz. Ouvertüre f. 
«Eröffnung», aus lat. apertüra f. «Öffnung», 
von aperire «öffnen». 1727 bei Sperander. 

OVäl, adj.: eirund, länglichrund. Im 17. Jh. 
(P. Fleming 160) aus dem mlat. Adj. ovalis 
«eiförmig», von lat. övum n. «Ei». Subst.: 
Oväl, n., 1678 bei Krämer, aus ovale, dem 
Ntr. jenes Adj. 

Oxhoft, n. {-[e]s, PI. -e): Vk Ohm, bes. 
von Wein, Branntwein. Im 18. Jh. (1721 bei 
Jablonsky Oxhaupt) aus nd. oks-, oxhöfd n., 
mnd. im 16. Jh. hukeshoved, huxhoved, das 
wie ndl. oxhoofd n., im 16. Jh. ocks-, oghshood, 
schwed. oxhufvud n. u. dän. oxehoved auf 
dem seit dem 14. Jh. nachweisbaren glbd. 
engl, hogshead (eig. Schweinekopf) beruht. 
Umgedeutet 1691 bei Stieler Ochsenhaubt n. 

Oxyd, n. {-es, PI. -e): Verbindung eines 
Metalls mit Sauerstoff, insbes. wenn dieselbe 
nicht saure Eigenschaften hat; Metallkalk. 
Im 18. Jh. aus glbd. frz. oxide n., von dem 
gr. Adj. öHöc «scharf», oxydieren, V., aus 
frz. oxider, eig. «säuren». 

Ozean, m. {-s, PI. -e) -. das Weltmeer, Im 
17. Jh. b. S. Dach 277 Ost. Ocean, b. P. Fleming 
113 Ozean; aber schon mhd. occene m. (aus 
mlat. occeanus m.) als örtlich bestimmtes Meer. 
Aus gr.-lat. öceanus, gr. djKeavöc m., b. Homer 
«der die Erdscheibe umfließende Weltstrom», 
später «das große äußre Weltmeer», wofür 
ahd. wendil- u. endihneri n, 

Ozon, n. (-s): eigentümlich veränderter 
Sauerstoff, aktiver Sauerstoff. 1839 entdeckt 
u. wegen des eigentümlichen Geruches «das 
riechende (Gas)» gr. 6Zov von öZeiv «riechen» 
benannt. 



353 



Päan 



Packeis 



354 



Päail, m. (-5, PI. -e): feierlicher Gesang, 
aus \a.t.-gr. paean, gr. uaidv m. «feierlicher an 
den Apollo gerichteter Gesang». Bei Ramler. 

Paar, n. (-[e]*, PI- -ß, bei vorgesetzter 
Zahl wie Sg.): zwei als zusammengehörig in 
eins begriffne Dinge; zwei zusammengehörige 
Gleiche (ein P. Tauben, erst spätmhd., bes. 
spätmd.); (klein geschrieben) an Zahl wenig 
(eitip. Taler, erst nhd. z. B. bei H. Sachs 3, 62) ; 
(als Adj.) durch 2 teilbar [eine paare Zahl, 
p. oder unpaar). Mhd.-ahd. pär adj. « gleich», 
mhd. pär n. «zwei von gleicher Beschaffen- 
heit». Aus lat.jjar adj. «gleich, ähnlich». RA. 
Zu Paaren treiben, im 18. Jh. umgedeutet 
aus zum parn, harn bringen, eig. «zur Krippe 
treiben», s. Barn. Nach Kluge' zu mhd. ber(e) 
m. «sackförmiges Fischnetz». ABL. Pärchen, 
n. (-S, PL wie Sg.): zwei durch Liebe verbundne 
Wesen. Im 16. Jh. paaren, V. jetzt meist 
refl. 51CÄJ?. «sich vereinigen», 1 464 j?arew «sich 
zu zweien zusammenstellen oder zusammen- 
fügen» (Schmeller^ 1, 401). ZTJS. paar- 
weise, adv.: zu zweien. 1716 bei Ludwig. 

Pacht, f. (PI. -en), seltner mundartl. m. 
(-[e]s, PI. -e): Vertrag zur Nutzung einer 
Sache gegen Gegenleistung; diese vertrags- 
mäßige Nutzung selbst; das Geld dafür. Aus 
md.-nd. pacÄ^ f. Die streng hochd. Yorm pfacht, 
noch 1691 bei Stieler, erlischt im 18. Jh. gänz- 
lich, lebt aber noch in Schweiz. Pfacht, Facht 
«Vertrag, Satzung». Mhdi. pfaht{e) f. «Recht, 
Gesetz, durch das Gesetz bestimmter Rang, 
Stand, Vertrag, Pakt, Pacht», auch pfaht m. 
«Zins, Pacht», khdi.* phahta fehlt, dafür ahd.- 
mhd.^Äa^. Dazu rxmdi.pacht f. m., udil.pacht f., 
alle entl. aus m\BX.pactum n., pactus m. «Über- 
einkunft, Vertrag, durch Vereinbarung er- 
richtetes Gesetz oder Recht», dem subst. N. 
des Part. Perf. (pactus) von lat.pacisci «über- 
einkommen, einen Vertrag schließen». Das 
Geschlecht schwankt seit alter Zeit, b. Schottel 
1663 S.281 u. 1372 M. u.F., ebenso bei Weiße 
Op. 3, 172, Lessing 7, 254, Goethe 1, 200; 46, 
253 f., Moser patr. Phant. 2, 128. 129. Im 
18. Jh. u. zu Beginn des 19. Jh. vorwiegend 
M., jetzt ist unter nd. Einfluß das F. ziemlich 
durchgedrungen. Vgl. Pakt. ABL. pachten, 
V.: durch einen Vertrag ein Grundstück mieten. 
1691 bei Stieler; nd. Form, 1477 cley. pachten, 

Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. n. Bd. 



mhd. dagegen pfahten «durch Vertrag be- 
stimmen, festsetzen» (noch schweiz.-schwäb, 
fachten «aichen» aus mhd. pf echten «prüfen, 
messen, aichen»). Von mlat. pactäre «einen 
Vertrag schließen, mieten»; davon Pachter, 
(öst.-bayr. nur) Pächter, m. (s, PI. wie Sg.), 
erstres 1691 bei Stieler, letztres erst Ende des 
18. Jh.; dazu ndl. pachter; Pachtung, f., 
1691 bei Stieler, spätmhd. (15. Jh.) pattung 
«Vertrag, Kontrakt». ZUS. Pachtgeld, n., 
1691 bei Stieler. Pachtgut, n., 1683 b. Wide- 
hold, mndl. pahtgoed, mhd. 1372 pfahtguot n. 
Pachthof, m., mndl. pahthof. Pachtschil- 
ling, m., 1777 bei Adelung, pachtweise, 
adv., 1716 bei Ludwig. Pachtzins, m., 1691 
bei Stieler. 

Pachülke, m. (-n, PI. -n): Helfer, Knecht. 
Bei den Buchdruckern, auch obsächs. Aus 
poln, pacholek m. «Bursche, Bedienter». 

^ Pack, (öst.-bayr. nur) m., n. (-[e]s, PI. -e, 
Packe): für sich durch Bindemittel auf- u. 
zueinander Verbundnes, zum Tragen usw. 1642 
bei Duez, bei Logau 2, 9, 69. Aus nd. pack n. 
Dazu 1477 clev. pac «Last, Bündel, Kleider- 
bündel auf dem Pferde bei Reisen», engl. 
jsacÄ; «Paket, Pack, Ballen, Bündel», Der Stamm 
ist auch rom., vgl. glbd. ital, pacco m., frz. 
paquetm., sein Ursprung aber dunkel. Anord. 
baggi m. «Packen, Bündel» soll die Quelle 
sein. Vgl. die Literatur bei Körting. ABL. 
Päckchen, n, (-s, PI. wie Sg.), 1711 bei 
Rädlein. Dazu ndl. pakje. 

'Pack, n. (-[e]s, gemeines Volk, ist An- 
wendung von ^Pack, zumal da dieses auch 
vom Gepäck des Heeres vorkam (s. Stieler 
Sp. 1409) ; dieselbe Bedeutungsentwicklung bei 
Bagage (s. d.), 1678 bei Kramer Pakaschi f., 
1709 bei CasteUi Packasche, 1711 bei Rädlein 
Packasche, Bagasche, noch jetzt Pakäsche 
«Lumpengesindel» in Norddtschld., z. B. wal- 
decksch, magdeburg., ostpreuß. Dazu mnd. 
pack n. (Reineke Vos 6090). Bei Goethe 16, 
52 M., 50, 165 N.; bei Lessing 1, 357 Packt n. 

Päckan, m. {-[s], PI. -[s]: tüchtiger An- 
greifer ; kühner Hund. Bei Voß Luise Packän 
betont. Eig. Imp. von anpacken. Schon im 
17. Jh. in der Bed, «Häscher» (bei Stieler). 

Packeis, n. : das dicht zusammengeschobne 
Eis des Polarmeeres. 

23 



355 



Packen 



paille 



356 



Packen, m. (-.s, PI, wie Sg,), Nebenform 
von ^Pack, entwickelt aus dem schwachen 
Packe, vgl. mnd. packe f. «Packen, Bündel». 
Schon im 16. Jh. ein kaufmännisches Wort. 

packen, V.: etw, zusammentun u. verbinden, 
daß ein Pack (s. ^Pack) entsteht; zugreifen u. 
festhalten; (refl.) sich eiligst fortmachen, sich 
troUen (mnd, sik paken), schon im 16. Jh. 
geläufig, 1550 bei Alberus Fab. 16, 44. Entl. 
in 1. Bed. aus nd.pacÄ:ew «packen»; dazu ndl. 
pakken, Uli clev. packen (in den Reisesack 
aufs Pferd einordnen), mhd. (md.) 1369 hacken. 
In 2. Bed. erst zurückgebildet aus anpacken, 
ndl. aanpakken, 1719 bei Kramer. Von ^Pack. 

Packer, m. (s, PI. wie Sg.) : wer Fracht- 
gegenstände, Waren, Möbel packt; schwerer 
Hetzhund, bes. auf Sauen ; auf dem Schwarz- 
wald eine Art Uhrenhändler (vgl. Fischer 1,566). 
Von packen. 1691 b. Stieler Sp. 1408 in 1. Bed., 
aber schon mlat. (15. Jh.) paccarius m. von 
paccus (s. ^Pack). Packerei (Pl.-ew): Gepäck. 
Mittelst -ei von die Packer, einem alten PI. 
von ^Pack (1691 bei Stieler) gebildet. 

Packesel, m.: Esel, zum Packe tragen. 
Übertragen, wie in der RA. den P. machen 
«sich zu allem hergeben», 1781 b. Kindleben. 

Packfong, (öst. auch) Pakfong, n, (-s): 
Art Neusilber. Aus chines. pack fong «Weiß- 
kupfer». 1813 bei Campe. 

Packpapier, n.: grobes starkes Papier 
zum Verpacken. Aus mndl.-ndl. packpapier. 
1642 bei Duez. 

Packträger, m.: Gepäckträger, Dienst- 
mann. 1711 bei Rädlein Packtträger. 

PädagÖg(e),m.(-ew,Pl.-ew): Erzieher. Aus 
gr.-lat. paedagögus, gr. iraibaYUJYÖc «Kinder-, 
Knabenleiter, Erzieher», zgs. aus gr. irmc m. f.. 
Gen. TTaiböc «Kind» u. äyujyöc m. «Führer, 
Leiter», von äYeiv «führen, leiten», 1478 bei 
Wyle 199, 1, 1571 bei Rot. Pädagogik, f.: 
die Kunst der Erziehung. Im 18. Jh. entl. 
aus gr. TraibttYUJYiKri (nämlich tIxvy] «Kunst»), 
dem subst. F. des von TraibaYoiYÖc abgeleiteten 
Adj.-rrmbaYUJYiKÖc «erziehlich», pädagogisch, 
adj., im 18. Jh. gebildet. Pädagogium, n.: 
Erziehungsanstalt. Aus gr. iraibaYuuYeiov n. 
«Lehrsaal», einer Abi. von irmbaYUJYÖc. Schon 
1571 bei Rot. 

Padde, f. (PI. -n) -. Kröte, Frosch, ist nd. 
padde ; dazu mnd. padde f., mndl. padde, pedde 
f., ndl. pad(de) «Kröte», mengl. padde, engl. 
paddock, anord.-schwed. padda f., d'än. padde. 
Im 16. Jh. belegt. Herkunft dunkel. Uhlen- 
beck Btr. 22, 199 vergleicht gr. ßdxpaxoc m. 



«Frosch», zu dem es eine Art Kurzform sein 
könnte. Anders Falk-Torp. Vgl. Schildpatt. 

paddeln, v.: ungeschickt gehen, nament- 
lich im Wasser. Bei J.Paul. Yonglhdi.padden 
(1691 bei Stieler, nd. padjen), eig. «hüpfen wie 
eine Padde» (s. d.). 

Paddock, m. (-s, PI. -s): eingezäunter 
Raum für Pferde ; Gehege. Bei Reuter Strom- 
tid2, Kap. 27. Aus engl, paddock «-Faxk, ein- 
gehegter Raum». 

Päderastie, f.: (unsittliche) Knabenliebe. 
Aus glbd. gr. iraibepacxia f., zgs. mit gr. iraib- 
« Knabe» (von rraTc m.) u. einer Abi. von Spaiaai 
«liebe». 1791 bei Roth. 

paff! Interj. des ausbrechenden Schalles. 
Auch haff, wie 1641 bei Schottel 519; bei 
Schiller Fiesko 3, 4 haff. Nd. immer pa/f, 
ndl. paf. Lautnachahmend. Dazu piff u. puff 
mit Ablaut. RA. paff oder haff sein: voll- 
ständig überrascht sein, wie bei einem plötz- 
lichen Schusse, paffen, V.: stark Tabak 
rauchen (1781 bei Kindleben), eig. «den Laut 
paff von sich geben», wie 1691 bei Stieler 
haffen, paffen «bellen». Ähnlich spätmhd. 
(eig. ndrhein. u. mndl.) haffen «bellen», 1556 
bei Frisius 866'' haffen «bellen». 

Page (spr. päze), m. (-n, PI. -n): Edel- 
knabe, junger Adeliger zum Dienst am Hof 
fürstlicher Personen. 1639 bei Zincgref 1, 85 
als neumodisch, 1678 bei Kramer; aber 1691 
bei Stieler, 1716 bei Ludwig nach der Aus- 
sprache Pasche. Aus glbd. irz. page (span.j?agre, 
■^ovi.pagem, ital. paggio). Herkunft unsicher. 

Pägina, f. (PI. -s): Blattseite bei Papier, 
einer Schrift usw. Im 17. Jh. aus glbd. lat. 
pägina f. paginieren, v.: mit Seitenzahlen 
bezeichnen. Im 17. Jh. 

Pagode, f. (PI. -n): Götzenbild des in- 
dischen, chinesischen Göttertempels (in dieser 
Bed. öst. auch m.); dieser Tempel selbst; 
kleine Figur mit beweglichem Kopf. 1709 
bei Hübner. Über glbd. frz. pagode f. von 
^ort. 2^agoda, u. dies entl. aus maiayisch pagödi 
(aus ind. hhagavatl «mit Glück begabt, er- 
haben», einem bes. in spätrer Zeit vorkommen- 
den Beinamen des Wischnu u. Name eines auf 
der Westküste Indiens häufig vorkommenden 
Götzenbildes). 

pah! Interj. der Ablehnung, Geringschät- 
zung, Gleichgültigkeit. Erst im 18. Jh. belegt, 
vielleicht aus frz.-ital. j9aÄ, hah. 

Päias, Paiatz, in Norddtschld., dasselbe 
wie Bäias, s. Bajazzo. 

paille (spr. palj), adj.: strohgelb. 1801 



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Pair 



Palaver 



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bei Campe. Aus frz. paille f. «Stroh» (von 
lat. palea f. «Streu»). ZUS. paillengelb, 
in einem Kindervers hat die Katze paillen- 
gelbe Vorderfüße. 

Pair (spr. pär), m. (s, PI. -s): unmittel- 
barer Kronvasall, nach Geburt oder Würde 
Mitglied des höchsten ßeichsrats usw., in 
England des Oberhauses. 1703 bei Wächtler. 
Aus frz. pair m. «der Gleiche, Ebenbürtige, 
unmittelbarer Kronvasall» usw. Dies ist das 
subst. frz. pair adj. «gleich, ebenbürtig» aus 
lat.^ar (s. Paar). Päres nämlich nannten sich 
im Mittelalter die unmittelbaren Vasallen eines 
Königs, weil sie (in Beziehung zu diesem) 
untereinander gleichen Standes und gleicher 
hoher Würde waren, vornehmlich aber in 
Sachen des Lehnverhältnisses nur von ihres- 
gleichen gerichtet werden konnten. ZUS. 
Pairskammer, f. : Oberhaus von Pairs. 1 791 
b. Roth Kammer der Pairs. Pairsschub, m.: 
Ernennung neuer regierungsfreundlicher Mit- 
glieder der ersten Kammer, um dadurch Re- 
gierungsvorlagen in dieser durchzubringen. 
Schlagwort seit etwa 1862. Vgl. Ladendorf. 
DerVorgang geht auf englischesVorbildzui'ück. 

Paket, n. {-[e]s, PI. -e): kleinrer Pack, 
Päckchen (1703 im Zeit.-Lex. P. «ein Bündel 
Briefe»). Früher meist Packet geschrieben, 
so 1618 bei Schönsleder. 1554 bei F. Platter 
219 B. Entl. aus glbd. frz. paquet, s. ^Pack. 
Auch verkürzt Pakt (im 18. Jh.) u. davon 
Päktchen (bei Goethe 19, 78 u. ö.), jetzt ver- 
altet. ZUS. Paketboot, n.: schnelles Post- 
schiff für Pakete, Reisende, bei Elisabeth 
Charlotte v. Orleans 567. Entlehnt aus engl. 
packetboat, woher auch frz. paquebot m. 

Pakfong, s. Packfong. 
^Pakt, m. (-[e]s, PI. -e, [preuß.-bayr. nur] 
-en, namentlich in Ehepakten) : Vertrag, Bünd- 
nis. Im 16. Jh. bei Hedio Joseph. Antiq. 224^ 
(vgl. AfdA. 4, 178), entl. aus \a,t. padus m., wor- 
aus früher Pacht (s. d.). ABL. paktieren, v., 
1571 bei Rot. 
^Pakt, s. Paket. 

Paladin, m. {-[e]s, PI. -e): Palast-, Hof- 
ritter; tapfrer Ritter zu Dienst und Schutz 
(Schiller Picc. 2, 4). Im 18. Jh. entl. über 
frz. paladin m. aus ital. paladino m., urspr. 
«einer aus der Zahl der zum Schutze des 
Thrones dienenden vornehmsten Ritter am 
Hofe» (bei Karl d. Gr. nach der Heldensage 12). 
Aus \dX. palätlnus «kaiserlich», subst. «kaiser- 
licher Palastdiener», mlat. «einer der Großen 
des kaiserlichen oder königlichen Palastes». 



abgel. von lat. palätium n. «Palast» (s. d.). 
Schon einmal spätuahd. als paletin m. «schützen- 
der Palastritter» entlehnt. 

Paläis (spr. -la), n. (Gen. u. PI. gleich 
geschrieben, aber -las gesprochen): Palast, 
königliches od. fürstliches Schloß. Bei Eli- 
sabeth Charlotte von Orleans 6, 313, 1703 bei 
Wächtler. Entl. aus glbd. frz. palais m. von 
lat. palätium n. (s. Palast). 

Paläst, m. {-[e]s, PI. -laste) : schloßartiges 
fürstliches Wohngebäude; großartiges Pracht- 
gebäude zum Wohnen. Seit dem 15. Jh. bis 
auf Gottsched u. Adelung vielfach mit II ge- 
schrieben, 1477 clev. pallas. Mit angetretnem 
t wie in Papst (schon bei Konrad v. Würz- 
burg 1287) aus mhd. palas n. m. «größres, 
ein Hauptgemach (einen Saal, eine Halle) ent- 
haltendes, gewöhnlich einzeln stehendes, häufig 
prächtiges Gebäude in der Burg», dann auch, 
weil in jenem Hauptgemache meistens gespeist 
wurde, bloß s. v. a. «Speisesaal». Gegen Ende 
des 11. Jh. entl. aus frz. palais m., u. dies 
von \sbi. palätium n. «Prachtgebäude für Kaiser 
und Hof, für einen Gott», urspr. der von 
Romulus angebaute Hügel zu Rom (mons 
palätlnus), auf dem später Kaiser Augustus 
u. seine Nachfolger ihre Wohnung hatten. 
Vgl. Pfalz. Der Ton wechselt schon mhd., 
nhd. findet sich Palast bei Hölty, u. Voß Anm. 
zu Luise 2, 82 will daher Pallast schreiben. 

Palästra, f. (PI. -stren): Ring-, Fecht- 
schule. 1727 bei Sperander «ein Ort, da die 
Jugend in höflichen Sitten u. Gebärden unter- 
richtet wird». Aus gr. iraXalcxpa f. «Ring- 
schule, Schule» von iraXaieiv «ringen». 

palatäl, adj.: dem Gaumen angehörig, 
Gaumen-. Aus nlat. palatalis, adj. von lat. 
palätum m. «Gaumen». ZUS. Palatallaut, 
m.: Gaumenlaut, wie k, g, ch in Kind, gern, 
ich. In der neuern Sprachwissenschaft. 

Palatine, f. (PI. -n), auch Palatm, m. 
(-[e]5, Pl.-e): Halskragen, Halspelz für Frauen. 
Vielfach Pälatin betont. 1739 bei Amaranthes. 
1744 bei Zachariä Renommist 2, 149 Ntr., 1727 
bei Sperander ein Palatin. Aus glbd. frz. 
palatine f. von palatin m. «Pfalzgraf», nach 
Frisch 1712 benannt, weil die Mode von einer 
Hofdame der Herzogin Elisabeth Charlotte von 
Orleans, geb. Pi-inzessin von der Pfalz an den 
Hof Ludwigs XIV gebracht wurde. 

PaläTer,n. (-s, PI. -s): Ratsversammlung der 
Neger in Afrika. Über engl.jsa^aver «Geschwätz» 
aus port. palavra f. «Wort, Rede», das auch 
von den Negern gebraucht wird. In neurerZeit, 

23* 



359 



Pale 



Palme 



360 



Pale, f. (PI. -n) : Schote, bes. Erbsenschote. 
palen, v.: Erbsen u. dgl. aus den Schoten 
machen. Nd. 1809 bei Campe. Daneben pwZe» 
«zupfen, rupfen, bohren, wühlen». 1776 bei 
Hermes Soph. Reise 3, 242. Unerklärt. 

Paletot {s^wpaletö), m. (-s, PI. -s): Über- 
zieher. Ex'st spät im 3. Jahrzent des 19. Jh. 
aus glbd. frz. paletot m., dies steht für paltoc 
u. stammt aus ndl. paltrok «Faltenrock». 

Palette, f. (PI. -n) : länglichrundes Farben- 
brett des Malers, das er mit durchgestecktem 
Daumen beim Malen hält, Malerscheibe für die 
Farbe beim Malen. 1719 b. Kramer Palitte f., 
1678 Palite, 1618 bei Ayrer 3117, 28 Politte; 
aus glbd. ital. paletta f., eig. «Schippe, Feuer- 
schaufel» (frz. palette f.), Dim. von ital. pala 
«Schippe, Schaufel» aus \at. päla f. «Spaten, 
Grabscheit, Schaufel ». 

Palier, s. Polier. 

Palimpsest, m. n. (-[e]s, PI. -e): nach Ab- 
reibung od. Abkratzung der frühern Schrift 
wieder beschriebne Pergamenthandschrift. Aus 
grAskt. palimpsestus, eig. Adj. «wieder aufge- 
kratzt, abgekratzt», zgs. aus gr. -irdXiv «wieder, 
von neuem» u. gr. \\)r\cTÖc adj. «gerieben, ge- 
schabt», von ipdeiv «reiben». 1834 bei Petri. 

Palindrom, n.(-[e]s, Pl.-e): Rätsel, dessen 
Lösung ein Wort ist, das vor- u. rückwärts 
mit Sinn gelesen werden kann, z. B. Rehe — 
Eber, Gras — Sarg. Aus dem subst. N, des 
gl*. Adj. iraXivbpoiLioc «zurücklaufend», zgs. aus 
-rrdXiv «zurück» u. -bpo|uioc von bpaiuieTv «laufen». 
Spät im 18. Jh. 

Palinodie, f. (PI. -w): (poetischer) Wider- 
ruf. Aus gr. irdXiv «zurück» u. -ujbia, einen 
Abi. von abeiv «singen». 1727 bei Sperander; 
1703 bei Wächtler Palinodia. 

Palisade, f. (PI. -n): Schanzpfahl, Pfahl- 
werk. Avisirz.palissade, ital.jjafe^^a^a f. «Pfahl- 
werk», die von lat. pälus «Pfahl» stammen. 
Im 17. Jh. entl. 1663 bei Duez nomencl. 238 
Palissade, 1617 bei Wallhausen corp. mil. 3 
Pallisaten. Vielfach früher mit II geschrieben. 
palisadieren, v., aus frz. palissader. 1727 
bei Aler; 1727 bei Sperander verpalissadieren. 

Palisänder (öst.-bayr. nur so), Polisan- 

der, m. (-s) : geschätzte Holzart aus Amerika. 
Stammt, wie es scheint, aus der Sprache von 
Guyana. 1813 bei Campe Palixänderholz, zu- 
nächst aus frz. palixandre. 

Palladium, n. {-s, PI. -dien): Bild der 
Pallas Athene; Schutzbild, Heiligtum; ein 
Metall. Aus gr.-lat. Palladium n,, gr, TTaWd- 
biov «das vom Himmel gefallne als Untei'- 



pfand der öffentlichen Wohlfahrt in Troja auf- 
bewahrte u. verehrte Bild der Pallas Athene». 
Da Troja, solange das Bild dort war, nicht 
erobert werden konnte, so entwendeten es 
Odysseus und Diomedes. 1709 bei Hübner 
«Privilegium eines Landes, Stadt od. Zunft». 

Pallasch, m. {-es, PI. -e): langes, gerades 
Schwert, Reitersäbel. Aus glbd. russ. paläs, 
pol. palas, Ungar, pallos (daher auch afrz. 
palache, ital. paläscio m.). Im 17. Jh. entl. 
1691 bei Stieler Sp. 88 Ballasch u. P., Sp. 
191 nur P., 1639 bei Comenius § 713 palasch. 

Palliativ, n. {-[e]s, PI. -e): Scheinmittel, 
Hinhaltungsmittel, eig. Bemäntelungsmittel, 
d. h. anscheinend zur Heilung gegebnes, in 
Wahrheit aber nur hinhaltendes Mittel. Aus 
nlat. palliaUvum, nämlich remedium «Heil- 
mittel», dem subst. gebrauchten Ntr, des nlat. 
Ad^. palliativus (frz. palliatif) «scheinbar hei- 
lend», eig. «bemäntelnd» von lat. palliätus 
«mit einem Mantel bedeckt», einer Abi. von 
lat. Pallium n. «Decke, Mantel». Im 18. Jh. 

Palm, m. (-[e]s, PI. -e): Längenmaß von 
4 Zoll, eig. die flache Hand. Auch ndl. ^aZmm. 
Aus frz. palme m., ital. palmo m. «Spanne», 
u. diese aus lat. ^a^mMS m. «die flache Hand», 
als Längenmaß «die Spanne», von gr.-\&t.palame, 
gr. iTa\d|nri f. «(flache) Hand». Md. im 15. Jh. 
palme m. «ausgespannte flache Hand» (Diefenb. 
gl. 401^). Noch 1762 bei Winckelmann (vgl. 
Lessing 1 1, 204) u. bei Goethe 43, 72 Palm m. 
Auch Palme (s. d. ^). 

Palmärum: Palmsonntag (s. d.). Eig. 
dominica {in rämis) palmärum «Sonntag in 
den Palmzweigen». 1813 bei Campe. 

^ Palme, f. (PI. -n) -. ein bekannter Baum 
in heißen Ländern, lat. palma; auch über- 
tragen auf andre Gewächse, s. ^Palme. Mhd. 
palme, balme m., seltner f., palm, balm m., 
md. dianehen palme n., auch s. v. a. «Palmen- 
zweig», ahd. palma f.; dazu asächs. palma f. 
oder palmo m,, ndl. palm m., ags. palm m., 
pcelme f., engl. palm, anord. palma f., palmi ra., 
palmr m. (Palmenzweig), schwed. palm, dän. 
palme. Entl. unter christl. Einfluß aus lat. 
palma «Palme», eig. «flache Hand», benannt 
nach der Blätterform. Ein Palmzweig war 
bei den Römern Siegeszeichen u. Siegespreis. 
Daher mhd. der sigenünfte palme «die Palme 
des Sieges», jetzt bes. in der RA. die P. zu- 
erkennen. ZUS. Palm-, Palmenbaum, m. 
Mhd. palm{en)- , balni{en)boum m. , mit eig. 
nicht berechtigtem -en ; althochd. palmboum. 
Palmesel, m.: ein (noch zu Ende des 18. Jh.) 



361 



Palme 



Panik 



362 



am Palmsonntag in feierlichem Zug umher- 
geführter hölzerner Esel zur Erinnerung an 
den Einzug Christi in Jerusalem. Im 16. Jh. 
belegt, Pischart Garg. 107, Zimm. Chi'on.- 2, 
96, 25. Vgl. "Wackernagel Lit.- Gesch. 312 
Anm. 72. Palmsonntag, m.: der Sonntag 
vor Ostern. Übersetzung des lat. dominica 
palmärum, s. Pahnaruni. An diesem Tage 
wurden u. werden in der griech. u. katho- 
lischen Kirche zur Erinnerung an den Ein- 
zug Christi in Jerusalem (Job. 12, 13) Palmen- 
ziveige geweiht, u. es fanden Prozessionen mit 
ihnen statt, wofür bei uns Weidenzweige mit 
den wolligen Blüten dienten, s. -Palme. Im 
17. Jh. 1700 bei Castelli. Mhd. daiür palme-, 
babntac m., noch 1780 bei Frisch. Palm- 
ZWeig, m.: Zweig des Palmbaumes, auch 
der Palmweide (s. ^Palme), Symbol des Sieges 
u. des Friedens. Bei Luther 3. Mos. 23. 40. 

- Palme, f. (PI. -%): Weidenschoß od. -zweig 
mit den wolligen Blüten; Kätzchen, bes. der 
Weide, Erle, Hasel usw.; Knospe am Weinstock. 
Gleich ^Palme, weil man statt der Palmen- 
zweige Weidenzweige am Palmsonntag trug. 
Im 16. Jh. in 1. Bd. P. Von der Knospe des 
Weinstocks Anfang des 17. Jh. b.Colerus Haus- 
buch. ^Z7iSf.Palmweide,f.: die Salweide Salix 
caprea, deren Zweige am Palmsonntag statt 
Palmen gebraucht wurden. 1798 bei Nemnich. 
■'Palme, f. (PI. -n): Längenmaß von VsFuß, 
um den Umfang von Rundhölzern auf Schiffen 
zumessen. In Hamburg. Nebenform von PaZm. 

Pamphlet, n. (-[e]s, PI. -e): Flugschrift, 
Schmähschrift. 1760 bei Hübner. Aus engl. 
Pamphlet. Unbekannter Herkunft. 

Pamps, m.: dicker Brei, dicke Suppe. 
In Norddeutschi, weit verbreitet, auch preuß. 
Pampe f., Pampel. Dafür bayr. Pampf. Wohl 
lautnachahmend. ABL. pampfen, pampen, 
auchpampsen: stopfen, beim Essen den Mund 
zu voll nehmen. 1586 b. Mathesius Syr. 2, 129 ^ 

Pan, m. (-S, PI. -s): Herr. Aus glbd. 
poln. pan. Viel in neuem Romanen. 

Panazee, f. (PI. -zeen, öst. anch -zeeen); 
Allheil-, Wundermittel. Aus gr,-lat. ^jawacea f. 
«(erdichtetes) All heilkraut», gr. iravdKeia, dem 
subst. F. d. Adj. TravotKeioc «alles heilend», zgs. 
aus irav- «alles» u. -OKeioc von ötKeicGai «heilen». 
1595 bei Rollenhagen 1, 2, 15, 95 Panace. 

Pandekten, PL: Sammlung von Rechts- 
sprüchen. Aus gr. iravb^KTTic m. «alles in 
sich aufnehmend», im PI. «Pandekten», zgs. 
aus Ttav- «alles» u. einer Abi. von b^x^cOai 
«aufnehmen». 1694 bei Nehring Pandedae. 



j Pandlir, m. (-en, PI. -en): ungarischer, 
leicht bewaffneter Soldat. Urspr. in Slavo- 
nien ein bewaffneter Dienstmann in einer be- 
sondern nationalen Kleidung, mit 2 Pistolen u. 
einem langen türkischen Messer (Handschar). 
Früher auch Bandur. Aus ungar. pandür, 
serb. pandür m. Angeblich nach der ungari- 
schen Stadt Pandlir benannt, woher die ersten 
Panduren stammen sollen. Taucht in der 1. H. 
des 18. Jh. bei uns auf. 

Paneel, m. (-[e]5, PI. -e): bretteme Wand- 
bekleidung, Getäfel, Füllstück in einem Rah- 
men. 1727 bei Sperander Paneel, Paneelwerk, 
1741 bei Frisch P. n., aber 1777 bei Adelung 
Panele f. Aus ndl. paneel m. «Getäfel eines 
Zimmers, einer Kutsche», urspr. «Tuch od. 
Holz in einem Rahmen», u. dies, wie mhd. 
panel, banel n. «Sattelkissen», entl. aus afrz. 
panel m. (nfrz. panneau m.) «als Fach od. 
Feld eingefügtes Stück Brett, das Füllbrett 
(die Füllung der Spiegel) eines Türflügels». 
Dieses aber stammt aus mlat. pannellum n., 
Dim. von lat. pannus m. «Tuchstückchen», 
im Mlat. auch allgemeiner «Stück». 

Panegyriker, m. (s, PI. wie Sg.): Lob- 
u. Prunkredner, Von dem gr.-lat. Adj, pane- 
gyricus, gr. -rravriYupiKÖc «zur allgemeinen 
Volksversammlung gehörig», dann «rühmend, 
lobend», abgeleitet von iravriYupic «Volksver- 
sammlung», bes. bei einer Festlichkeit (aus 
TTäv «alles» u. ctYupic f. «Versammlung»). Auf 
dem M. jenes Adj., das zunächst auf einen 
schmeichelnden Lob- u. Prunkredner römi- 
scher Kaiser im 3. u. 4. Jh. deutet, beruht P. 
Diese Bildung erst im 19. Jh. Dafür früher 
(1703 bei Wächtler) Panegyrist{e) aus gr. 
-rravriYupicTric m. PanegyrlkuS, m.: Lob- 
preisung, Lobrede. 1703 bei Wächtler. Sub- 
stantivienang des Adj. panegyricus. Weiter 
ist panegyrisch «lobrednei-isch, übertrieben 
lobend» gebildet. 

Panier, n. (-[e]s, PI. -e) : Heerfahne. Das- 
selbe Wort wie Banner (s, d.). Noch im 
17. Jh. Sanier geschrieben, aber bei Luther 
stets mit p, Panir (4. Mos. 1, 52; 2, 2 usw.). 
Panier (Ps. 20, 6), was auch schon im 13. Jh. 
vorkommt. 1482 im Voc. theut. y 3* panyer 
neben hanyer c5^. 

panieren, v.: mit geriebnem Brot be- 
streuen, einkrusten, 1739 bei Amaranthes. 
Aus glbd. ixz.paner, von lat. pänis m. «Brot». 

Panik, f.: plötzlicher Schi-ecken; völlige 
Mutlosigkeit; Krach (an der Börse). Wohl 
erst in der 2. H. des 19. Jh. entl. aus glbd. 



363 



Panisbrief 



Pantheismus 



364 



frz.panique f., dem subst. F, des Adj.panique, 
von gr.-lat. panicus, gr. traviKÖc «vom Pan, 
gr. TTäv, dem Wald- u. Hirtengott der Griechen 
herrührend, ihm eigen». Die Griechen glaubten 
nämlich, plötzlicher, ohne sichtbare Veran- 
lassung entstandner Schrecken, bes. bei einem 
Heere, rühre vom Pan her u. nannten jenen 
daher bel^a ttoviköv panischer Schrecken. 
Schon 1575 im Garg. 409 ein panischer Lauh- 
plattrauschender schrecken. 

Panisbrief, m,: Brotbrief, Versorgungs- 
brief, d. h, ein Schreiben, wodurch deutsche 
Kaiser seit dem 13. Jh. dürftige Laien an 
eine geistliche Stiftung überwiesen. Zgs. mit 
lat.pänis m. «Brot». 1691 bei Stieler, 1616 bei 
Henisch. Noch b. Bürger Kaiser u. Abt V. 152 

Panne, f. (PI. -n): Unfall bei Automobilen 
Luftschiffen. Aus irz. panne, das in der Pariser 
Theatersprache einen Unfall bedeutet, zurück 
gehend aufenpanne «mit beigesetzten Segeln» 
so daß das Schiff nicht von der Stelle kam 

Panner, veraltete Schreibung für Banner. 

Panoptikum, n. (-.9, PI. -ken): Raum 
wo alles zu sehen ist, Schauhalle. Gebildet 
aus gr. irav- «alles» u. ötttiköv, dem N. des 
Adj. ÖTTTiKÖc «das Sehen betreffend», vom 
Stamm op «sehen». In "der 2. Hälfte des 19. Jh., 
wohl von Berlin ausgehend. 

Panorama, n, (-s, PI. -men): Rundge- 
mälde, Rundblick auf einem Aussichtspunkt. 
Um 1800 aus England überkommen, vgl.ZfdW. 
3, 328. Zus. aus gr. uäv «alles» u. -öpaina n. 
«Anblick, Schauspiel», von öpdeiv «sehen». 
1813 bei Campe. 

^panschen, v.: übermäßig essen oder 
trinken; eig. «sich woran den Bauch (Pansch, 
8. Panzen) füllen», d. h. voll essen od. trinken. 
Noch obd. 1765 bei Rondeau. Viell. schon 
spätmhd. pansen (Hätzlerin S. 71, 127). 

^panschen, (bayr. nur) pantscheu: schla- 
gen (bes. Kinder mit der flachen Hand auf 
den Hintern), noch obd. (bei Schiller 1, 345 
gepanscht «geschlagen», 1765 bei Rondeau 
hantschen «battre»); worin herumwühlen (na- 
mentl. im Wasser); Flüssigkeiten durchein- 
ander mischen; (Wein) verfälschen (bayr.- 
tirol.-schles. u. jetzt in der Umgangsspr. weit 
verbreitet). In letzter Bed. 1716 bei Ludwig; 
1616 bei Henisch u. 1618 bei Schönsleder Bier- 
pantscher «pantex ceruisiae». Unerklärt. Man 
könnte an eine Mischbildung von manischen 
u. patschen denken. 

^ Pause, f. (PI. -w), Pansen (so öst.-bayr.), 
m. (-S, PI. wie Sg.), auch Pauzeu : der erste 



Magen der Wiederkäuer; (in der letzten Schrei- 
bung auch) Wanst, Schmerbauch. Mundartl. 
obd. u. md. auch Pan(t)sch, Bansch. 1664 bei 
Duez Pantz, Pantsch. Schon mhd. panze m. 
«Wanst, Magen». Dazu ndi.panse(n) m. «Tier- 
magen»,panse f. «Schmerbauch», mndl.pense f. 
«Fett von Därmen» (hör. belg. 7, 13*), ndL 
pens f. «Wampe». Die Formen mit s entl. 
aus frz. panse f. «Wanst, dicker Bauch, erster 
Magen der Widerkäuer», älter pance, woraus 
mhd. panze, während die Formen mit {t)sch 
aus ital. pancia f. (spr. pantscha) «Wanst, 
Bauch» zurückgehen. Alles aus lat. pantex 
m. «Bauch, Wanst». 

^ Pause, Panze (PI. -n): Kind. Mehr 
herabsetzend. Bei Fr. Stolberg im deutsch. 
Museum 1783 Okt. S. 292. Aus glbd. nd. 
panse f. n. Mit dem vorigen eins. 

Pauslavismus, m.: Allslaventum. Seit 
den 40 er Jahren des 19. Jh. aufgekommen. 
Zgs. mit gr. -rrav- «all». Vgl. ZfdW. 8, 16. 

^Pautalou (bayr. nur so), m. (-s, PI. -s), 
auch Pantalöue (-[s], PI. -s u. -ni)-. lustige 
Maske der ital. (venez.) Komödie, s. Pantalons. 
1703 bei Wächtler P. «ein Narr, Pickelhäring». 

^Pautalou, n.: Klöpfelklavier, d.h. Klavier, 
bei dem mit Anschlag der Taste ein Klöpfel- 
chen (Hämmerchen) an die zugehörige Saite 
schlägt, von Pantaleon Hebenstreit 1697 er- 
funden u. nach ihm benannt (s. Allgemeine 
deutsche Biographie 11, 196 f.). Bei Schiller 
Kab. u. Liebe 5, 7 Mask. 

Pantalons, PI.: Beinkleider. Der im 
18. Jh. entl. PI. von frz. pantalon m. «Hose 
u. Strumpf aneinander, Beinkleid bis zui' Sohle», 
eig. das Kleidungsstück, das der pantalöne, 
die lustige Maske der italienisch. Bühne trägt 
(s. ^Pantalon). Urspr. venezianische Tracht, 
denn die Venezianer hatten den Spitznamen 
pantalöni, weil sie den hl, Pantalon bes. ver- 
ehrten, u. daher dieser Name als Taufname 
unter ihnen häufig vorkam. Bei Herder Cid 
Nr. 15 dafür Pantalons. 

Pantheismus, m. (ohne PI.): Ansicht, daß 
das Weltall Gott selbst sei. Aus dem Anfang 
des 18. Jh. (von dem Engländer Toland ge- 
schaffen, 1727 bei Hübner) herrührendes neu- 
lat. Gebilde, das als Fortbildung einer Zus. 
von gr. iräv n. «das All» (das substantivische 
Adj. TTäv «alles», s. Panazee) u. gr. Geöc m. 
«Gott» erscheint {yg\. Atheismus). Pautheist, 
m. {-en, PI. -en) : wer glaubt, daß das Weltall 
Gott sei. Wie das vorige von Toland her- 
rührend. Vgl. nlat. pantheista, frz. pantheiste, 



365 



Pantheon 



Papa 



366 



engl, pantheist (vgl. ZfdW. 8, 83), woraus 
Pantheist entl. ist. 1791 bei Roth. ABL. 
pantheistisch, adj. 

Pantheon, n. (-s, PI. -5): Tempel für 
alle Götter (der erste in Rom); die Gesamt- 
heit der Götter eines liandes. Aus glbd. 
frz. pantheon m., u. dies aus gr.-lat. pantheon, 
gr. iTdv0e(i)ov «ein allen Göttern geweihter 
Tempel» (zgs. aus uav- «all» u. Qeöc «Gott»). 
In 1. Bed. 1710 bei Nehring. 

Panther, m. {-s, PI. wie Sg.) : der afrika- 
nische Leopard; (bei den Zoologen) ein dem 
Leoparden ähnliches, aber kleineres Raubtier, 
mit einem lebhaften gelben Fell u. größern, 
dunklern Flecken, felix pardus. 'MhA.panter n., 
pantel u.pantier n. (wohl Kürzung für panter- 
tier). Aus glbd. gr.-lsit. panther, gr. -rraverip m., 
neben lat.jsaw^Mra f., woraus spätahd.^aw^eraf. 
ZUS. Panthertier, n., 1482 voc. theut. y 3». 

Pantine, f. (PI. -en) : Hausschuh, Pantoffel. 
Ndd. Entl. aus frz. ^a/m m. «Weiberschuh». 
Noch bei Campe 1813 Patin u. 1791 bei Roth. 

Pantoffel, m. {-s, PI. wie Sg. od. -n): 
Hausschuh zur Bequemlichkeit, Halbschuh; 
(bildlich) Herrschaft der (diese Hausschuhe 
tragenden) Hausfrau, in RA. wie unter dem 
P. stehen, unter den P. kommen. In 1. Bed. 
gegen Ende des 15. Jh. entl. aus ita\. pantöfola, 
pantüfola, Tpiemont. pa(n)tofle, hz. pantoufle t, 
mlat. 1482 pantofla f., STpan. pant{(flom. «Haus- 
schuh zur Bequemlichkeit, Halbschuh». Her- 
kunft unsicher. Jetzt als Zss, aus gr. -navro- 
«ganz» u. qpeWöc m. «Korkeiche» erklärt, also 
eig. «ganz aus Kork gefertigter Schuh». 1494 
bei Brant 4, 18 zur vornehmen Kleidung ge- 
rechnet, wie dies auch noch später geschieht, 
nd. um 1500 in den Fastnachtssp. d. 15. Jh. 
972, 8 pantüffel u. gekürzt tüffel, nnd. tuffel m. 
Der PI. lautet schon 1517 pantoffeln. Die RA. 
müssen daherrühren, daß der P. eine Zeit- 
lang von den Frauen getragen wurde, wie 
Amaranthes 1739 dies von Leipzig berichtet, u. 
daß man glaubte, die Herrschaft bei der Ehe 
werde dem zufallen, der bei der Trauung seinen 
Fuß auf den des andern Teiles setzte. ZUS. 
Pantoffelheld, m.: der unterm Pantoffel 
steht. Bei Gaudy. Pantoffelholz, n. : Rinde 
des Pantoffelhaums «der Korkeiche» u. diese 
selbst, weil ihre Rinde zu Pantoffelsohlen ver- 
wendet wurde. 1561 bei Maaler. 

Pantomime, f. (PI. -n): Gebärdenspiel, 
-spräche. Im 18. Jh. (1753 bei Lessing 3, 301) 
entl. aus frz. pantomime f. «eine Vorstellung 
od. ein Spiel bloß durch Gebärden, die Panto- 



mimik, die Gebärdensprache» von gr.-lat. 
pantomimus «Schauspieler bloß in Gebärden, 
Ballettänzer», dann «ein pantomimisches Stück, 
Gebärdenschauspiel, Ballett», gr. iravTÖjuiiuoc 
«der durch Tanz, künstliche Bewegung des 
Leibes, Mienen-, Gebärdenspiel einen Charakter, 
eine RoUe, ein Drama darstellende od. das, 
was ein andrer spricht, durch Gebärden ver- 
sinnlichende Künstler». Dieses zur Zeit des 
Kaisers Augustus in Italien statt des gr. 
öpxncTric m. «Tänzer, bes. der mit Gebärden- 
spiel darstellende» aufgekommne griech. Wort 
ist das substantivisch gesetzte Mask. des aus 
gr. iräc (Gen. iravxöc) «all, ganz» u. einer 
Abi. von miaeicöai «nachahmen» zusammen- 
gesetzten Adj. iTavTÖmfioc «alles od. ganz nach- 
ahmend» u. bedeutet also eig. den, «der alles 
od. ganz nachahmt». ABL. Pantomimik, f. : 
Fem. des von gr. TTavTÖ|ni)aoc abgeleiteten Adj. 
iravTO|Lii|LiiKÖc. 1801 bei Campe, pantomi- 
misch, adj. 1787 bei Schubart 2, 14. 
pantschen, s. panschen. 
Panzen, s. Pause. 

Panzer, m. (-s, PL wie Sg.): Schutzrüstung 
(metallne Bekleidung) des Rumpfes. 1540 bei 
Alberus dict. r 2^ pfantzer, 1482 im voc. theut. 
yS^ pantzer n., im 14. Jh. bantzer (voc. opt. 
S.32^,67), md. pancirn., mhd. panzier, hanzier. 
Entl. aus ital. panciera f , afrz. panchire, span. 

pancera f., mlat. pancera f., pancerium n., 
eig. «der den Unterleib bedeckende Teil der 
Rüstung», von ital. pancia, frz. pance, panse 
«Wanst, Bauch», s. ^ Panse. ABL. panzern, 
V., im 18. Jh. ZUS. Panzerhemd, n., 1561 
bei Maaler. Panzerschiff, n., in der 2. H. 
des 19. Jh. Panzertier, n.: Gürtel, Schuppen- 
tier. 1777 bei Adelung. 

Päonie, f. (PI. -n): die Pfingst-, Gicht- 

j rose. Schon spätahd. heonia, pionie u. a. (vgl. 

I ZfdW. 6, 178). Aus gr.-lat. paeönia f., gr. 
iraiuuv{a f., abgeleitet von TTaiübv, dem Namen 
des Götterarztes, weil die P. als eine vorzüg- 

j liehe Heilpflanze galt. Der Name Pfingstrose, 

! weil sie zu Pfingsten einer Rose ähnlich blüht. 
pap, interj., bei Lessing 2, 390. RA. nicht 

p. sagen «nicht das geringste sagen», bei J.Paul. 

Papa, m, (-S, PI. -s): Vater. Wie Mama 

mit der Aufnahme französischer Sitte aus glbd. 

frz. papa m. übernommen. 1691 bei Stieler; 

i 1678 bei Kramer Bäba. Daher auf der 2. Silbe 

I betont, aber schon im 18. Jh. auch auf der 
ersten, 1774 bei Goethe 16, 144 Pappe u. jetzt 
vielfach Papa. Die Lalisilbe pa dient in vielen 
Sprachen zur Bezeichnung des Vaters. 



367 



Papagei 



Pappel 



368 



Papagei, m. (-en u. -[e]s, PI. -e[n]): ein 
bekannter in heißen Ländern heimischer Vogel, 
Sittich, lat. psittacus. Älternhd. Papagey, 
Pappegey, später auch (nach dem Nd.) Papagoy 
(so 1716 bei Ludwig 1373 neben Papagey), 
1469 mrhein. papegeye (voc. ex quo), sonst im 
15. Jh. auch papegey, papagerv, dann pape- 
goMwe, mhd. 2Mpegän (bei 6ottfr.¥.Straßbui-g), 
papigänm., nd. papegoje, nd.]. papegaai. Entl. 
aus afrz. papegai m. (auch papegaut), prov. 
papagai, span.-port. popa^rat/o m., byzant. -nana- 
yäc. Daneben ital. pappagallo, rum. papagai, 
katalanisch papagall, daher als papa-gallus 
«Pfaffen- od. Bischofshahn» gedeutet, ürspr. 
sei es nur der bunte Schützenvogel gewesen. 
Vgl. Jakobs die Schützenkleinodien u. Papa- 
geienschießen 1887. Eher wohl entl. aus 
arab. hahaghä, vgl. Suolahti Vogelnamen 2. 

Papchen, n. (-s, PI. wie Sg.), gekürztes 
trauliches Dim. von Papagei. Vom Dompfaffen 
in der Anrede bei Zachariä Ged. (1761) 433. 

papelll, V.: (vom Kinde) erste Sprechver- 
suche machen. Lautnachahmend, wie hahbeln. 

Papeterie, f. (PI. -n): Schreibmappe; 
Papierwaren; Karton mit Schreibpapier. Li 
neurer Zeit (bei Charl. Niese Aus dänischer 
Zeit [1897] 426) aus irz. papeterie f. «Schreib- 
materialien» u. a. von papetier m. «Papier- 
händler», u. dies von papier m. «Papier». 

Papier, n. (-s): Stoff zum Schreiben od. 
Drucken; etwas Beschriebnes od. Bedrucktes, 
wie schriftliche Aufzeichnung (im 17. Jh.), 
Urkunde, Legitimation (Goethe 23, 134); Wert- 
papier (bei Goethe). P. taucht erst zu An- 
fang des 15. Jh. auf als pappir, happier, 
dann papier, (1440) happir, papir, 1469 im 
mrhein. voc. ex quo happier, 1482 pappir. Aus 
gr,-lat. papyrum, papyrus m. f., gr. irdTrupoc 
m. f., urspr. «das in Ägypten 8 — 10 Fuß hoch 
wachsende Zypergras, von dessen z. T. arm- 
dicken Halmen die feine Haut abgelöst wird. 
In 2 Lagen ki-euzweise zusammengeklebt u. -ge- 
preßt gibt es die Blätter, worauf man schrieb. 
Das Wort kam aus Ägypten. Daß das f 
in dem Worte urspr. ist (ie dürfte Bezeichnung 
der Länge sein) ergibt sich aus der Herkunft 
u. aus den Formen iapeier 1540 bei Alberus 
dict. Vu4'', Papey{e)r u. Bapey(e)r 1537 bei 
Dasypodius, noch wetterau.-hess.-oberpfälz.- 
schwäb.-els.-schweiz.(?) Papeier. ABL. pa- 
pieren, adj., Chron. d. d. St. 4, 28 Anm. 7 
vom J. 1372 die pappirnin Brief, 1482 im 
voc. theut. y 3^ papplrin aus mlat. papirinus, 
1540 bei Alberus a. a, 0. hapeiern. ZUS. 



Papiergeld, n., Übersetzung des frz. papier- 
monnaie, engl.paper-money. 1787 bei Kramer- 
Moerbeck. Papiermühle, f., nach Deutsch- 
land aus Italien im 14. Jh. eingeführt; die 
erste 1390 in Nürnberg errichtet, vgl. Chron. 
d. d. St. 1, 77 ff. 

Papiermache (sipr.papjemasche), n. (-s): 
hart gewordner Papierbrei, Papiermasse. Aus 
irz. papier mäche m. «Papierteig», eig. «gekautes 
Papier» (mäche Part, von mächer «kauen» aus 
lat. masticäre «kauen»). 1791 b. Roth u. nach 
ihm 1740 in Paris von Martin erfunden. 

Papillöte, f. (PI. -n): Haarwickel aus 
Papier. Aus glbd. frz. papillöte f., das zu 
papillon m. «Schmetterling» gehört. 1744 bei 
Zachariä Renommist 4, 165 (1285). 

Papist, m. (-en, PI. -en): Anhänger des 
Papstes. Schon oft bei Luther. Aus glbd. 
mlat. papista m., auch ital.-span. papista. 
ABL. Papisterei, m., bei Luther 6, 21^ 
papistisch, adj., im 16. Jh. 

Pappdeckel, s. Pappe. 

Pappe, f. (PI. -n): dicker Mehlbrei, Kinder- 
brei (bei R. Wagner 6, 161 Bappe); dicker 
Mehlbrei zum Kleben; dick u. steif aufein- 
andergeklebte Bogen Papier; dickes grobes 
Papier. 1482 im voc. theut. y d^ papp oder 
pepp oder kindtspeise, m.nd. pappe «Kindsbrei», 
mndl. (im 14. Jh.) pappe f. «Brei» (Diut. 2, 
288^), daneben md. peppe f. «Speise». Wohl 
aus dem Kinderlaut pap entwickelt, vgl. aber 
auch lat. pappa f. «Kinderruf nach Speise», 
im Mlat. «Kindsbrei». 1537 bei Dasypodius 
Bäppe «Kindsbrei», aber in Ausgaben nach 
1640 Pappen f. «Klebbrei», wie 1616 beiHenisch 
Bappe, 1618 bei 'Schönsleder Ein Papp «Kleb- 
brei», 1663 bei Schottel 1373 Papp n. «Brei 
zum Essen u. Kleben». 1571 bei Roth Pop^pew 
«Buchbinderkleister». In letzter Bed. erst im 
17. Jh. ABL. pappen, adj., bei Goethe 21, 86. 
ZUS. Papphand, m.: Bucheinband nur aus 
Pappe. 1809 bei Campe. Papp(en)deckel, 
m.: (jetzt auch) dickes Papier gröbrer Masse; 
(urspr.) Buchdeckel aus Pappe, so 1678 b. Krä- 
mer Pappendeckel, 1716 b. Ludwig Pappdeckel. 
^Pappel, f. (PI. -n): Malve, jetzt durch 
dieses verdrängt. Noch schweiz.-els. Mhd. 
papel(e) f. Herkunft dunkel. 

"Pappel, f. (Pl.-w): ein Baum, lat. populus. 
1477 clev. popel, spätmhd. popel, happel aus 
mlat. papulus (ZfdA. 3, 377*^), lat. pöpulus f. 
ZUS. Pappelbaum, m., 1470 md. papelbaum, 
mhd. pupel-,papil-,pop(e)lboum(7j{dW.6,lQl). 
Pappelweide, f. : die Felberweide salix alba 



369 



päppeln 



Parade 



370 



(171 1 b. Rädlein) u. die Schwarzpappel populus 
nigra, b. Bürger, Matthison. Das Wort bezeich- 
nete zuerst die Espe, schon 1586 b. Lonicenis 
KräuterhAB^ Poppehveide7i f., Sg. nehen Aspen. 

päppeln, V.: schwatzen, lallen, papeln(s.d.). 
Schon im 16. Jh. Lautnachahmend. 

päppeln, V.: zu essen geben, mit einem 
zärtlich umgehen, ihn sorgfältig pflegen. Mhd. 
schon im IS.Jh.glhd.pepelen. Von demunter 
Pappe erwähnten peppe «Speise». 

pappen, v.: essen (von kleinen Kindern 
gesagt); mit Pappe (s. d.) «Brei» füttern; 
mit Pappe kleben; in od. aus Pappe arbeiten 
(Kirchhof Wendunmut 1, 142). Im 15. Jh. 
nd.-md. p., papen «essen», aber doch wohl 
nicht aus lat. pap(p)äre «essen» (von Kin- 
dern), sondern ein Wort der Kindersprache, 
aus der Lautgruppe pap entwickelt. In der 
Bed. «kleben» 1616 bei Henisch u. 1630 bei 
Emmel B 5^ happen, 1642 bei Dasypod. j^opj^en. 

Pappen.stiel, m., nm- in EA. wie das ist 
kein P. «das ist keine Kleinigkeit». 1691 bei 
Stieler. Älter daiüx Pappelstiel, 1563 bei Kirch- 
hof Wendunmut 194^, also «Stiel der Malve» 
(s. ^Pappel), der nichts wert ist, vgl. 1502 bei 
Lihencr. 2,4^80 pfiff er stil «Stiel des Pfifferlings». 

papperlapapp!, interj. um etw. als bloßes 
Geschwätz od. Unsinn zu bezeichnen. Im 18. Jh. 
bei Weiße Kom. Op. 1, 23. Zu pappern, einer 
Nebenform von päppeln. 

pappicht, pappig, adj.: klebig; fade wie 
Brei. Von Pappe. Beide 1809 bei Campe. 

Pappstoffel, m. (-s): einfältiger, unge- 
wandter Mensch, Dummkopf. Mundartl. in 
Mittel- u. Korddtschld. Schles. «undeutlich 
sprechender Mensch». Wohl ein Stoffel (s. d.), 
der nur papip sagt. 

Paprika, m. (-s): spanisch. Pfeffer, Frucht 
von capsicum annuum L. In neurer Zeit über 
Ungar, aus ^Qrh.päprika f. {lat.piper «Pfeffer»). 

Papst, m.{-es, PI. Päpste): das Oberhaupt 
der römisch-katholischen- Kirche; (übertr.) 
Oberhaupt überhaupt (schon mhd.) ; (in pro- 1 
testantischen Gegenden auch) Abtritt (vom , 
päpstl. Stuhl hergenommen, davon papsten v.). j 
Die Schreibung P. ist durch den Einfluß Ade- 
lungs, der sie wegen der Herkunft des Wortes 
aus lat. ^apa verlangte, durchgedrungen, wäh- 
rend Stieler 1691 u. Frisch 1741 entschieden , 
Pabst forderten. Schon älternhd. P., doch noch 
bei Duez 1642 das ältre Bähst. Denn mhd. 
})äh(e)st (aber auch schon häpst, päb[e]st), aus 
ältermhd. häbes (auch päbis) mit ängetretnem t 
wie in Palast, ahd. nur bei Notker häbes. 

Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. II. Bd. 



Dazuanä.päuos, mndl. paeves, aber ags.päpa, 
engl. pope). Entl. aus afrz. papes (Nebenform 
von papa, wie poetes neben poeta), u. dies aus 
lat. päpa m. «Vater», dann Bezeichnung des 
römischen Bischofs (seit Ausgang des 5. Jh. 
vorzugsweise, seit 1075 ausschließlich). Die 
Ersetzung des rom. p durch b ist in späten 
Entlehnungen regelrecht, vgl. Birne, Bischof. 
ABL. päpstiseh, adj., b. Luther. Päpstler, 
m. (-S, PI. wie Sg.) : Anhänger des Papstes. 
Bei Luther, päpstlich, adj., md. im 14. Jh. 
behistlich. Papsttum, m. (-s): 1477 bäbes- 
tüm, 1482 im voc. theut. c5*' bäbsthUnib n. 
Parabel, f. (PI. -n): Gleichnisrede, -dich- 
tung; Kegelschnitt (1716 bei Wolff). Bei 
H. Sachs P. f. «Gleichnis». Aus mhd. para- 
helle f., ahd. parabola f., entl. aus mlat. para- 
' bola, parabela f. «Sprach, Wort» u. dies aus 
gr. TTapaßoXr) f. «Gleichnis», eig. «vergleichendes 
Nebeneinanderstellen» von TrapaßdWeiv «neben 
einem hinwerfen» (gr. Trapd «neben», ßöWeiv 
«werfen»), «vergleichen». Vgl. Parole. 
I parabolisch, adj.: gleichmäßig. Das Adj. 
zu Parabel (s. d.). In der Bed. «kegelschnitt- 
gestaltig» 1716 bei Ludwig. 

^Parade, f. (PI. -w): Prunkaufzug der Sol- 
daten als Tnippenschau, feierlicher Aufzug; 
schausteUender Prunk, Schaustellung; Auf- 
halten eines Pferdes. Nach Kluge 1615, 1616 
b. Wallhausen als militärisches Wort. Entl. aus 
irz.parade f. «Schaugepränge, Prunk, Truppen- 
schau; Aufhalten eines Pferdes» u. dies aus 
glbd. span. parada, vgl. auch ital. parata f., 
abgel. von span. parär, ital. paräre, frz. parer 
«zieren, schmücken». ABL. paradieren, v,: 
sich in P. zeigen, prunken. 1727 bei Sperander. 
ZUS. Paradehett, n.: Prunkbett, urspr. 
das Bett, auf dem die Leichen fürstlicher 
Personen ausgestellt wurden. 1703 im Zeit,- 
Lex. Parademarsch, m.: besondre Marsch- 
art der Soldaten, wie sie bei der Parade ge- 
zeigt wh-d. Paradeplatz, m.: Platz in einer 
Stadt, auf dem die ganze Garnison die Parade 
abhalten kann. 1716 bei Ludwig. 

^Parade, f. (PI. -n): Abwehr eines Hiebes. 
Aus gldd. frz. parade f. von parer aus ital. 
parare «ein Hindernis bieten», das aus lat. 
paräre «bereiten» stammt. Im 18. Jh. Da- 
für Fastnachtssp. des 15. Jh. 252, 18 parat n. 
«künstlicher Hieb», mhd. parat, bärät f. m. 
«List, Kniff, Betrug», entl. aus frz. barat m., 
ital. baratto «betrügerisch. Handel od. Tausch». 
Nach Heyne WB. die Grundlage unsres P., 
was aber unwahrscheinlich ist. 

24 



371 



Paradies 



Parasit 



372 



Paradies, n. (-dieses, PI. -diese): Aufent- 
haltsort der ersten Menschen vor dem Sünden- 
fall; Ort der Seligen (beide Bed. schon mhd.- 
ahd.); Wonnegarten, -gefilde (mhd.); (der Höhe 
wegen scherzhaft im Nhd.) die oberste Galerie 
im Theater (Zfdü. 13,30 Nachweis von 1731). 
Bei Luther Paradis, bei Alberus daneben 
Paradeis, Paradeiß mit regelrechter Ent- 
wicklung des mhd. i, noch heute Paradeis 
«Tomate» in Kroatien usw. Mhd. par(a)dise, 
par(a)dis, haradls n., gegen Ende des 12. Jh. 
ndrhein. M., ahd. päradis(i), asächs. paradisi 
n. Aus dem kirchl.-gr.-lat. paradlsus m., 
gi\ uapäbeicoc «der Garten Eden, Ort der Se- 
ligen» (Luk.23,43), «Himmel» (vgl. 2.Kor.l2,4, 
OflFenb. 2, 7), u. weiter aus dem Pers., bei 
Xenophon irapdbeicoc m. «Park», awest.jpam- 
daeza- m. «eine rings-, rundum gehende, sich 
zusammenschließende Umwallung, Ummaue- 
rung». ABL. paradiesisch, adj., 1727 bei 
Aler. ZUS. Paradiesapfel, m.: eine Apfel- 
art, die ihrer Schönheit u. Güte wegen als aus 
dem Paradiese stammend angesehen wurde; 
(jetzt) die Tomate. Mh.di.paria)disapfel. Para- 
diesvogel, m., lat. paradisea, weil er als ein 
nach dem Glauben stets in der Luft schweben- 
derVogel aus dem Paradiese stammen müsse. 
1557 bei Heußlin 185, 1561 bei Maaler. 

Paradigma, n. (-s, PI. -men, öst. auch 
-matd) : Musterbeispiel, bes. in der Grammatik. 
Das glbd. gi'.-lat. paradigma, gr. irapdbeiYiLia n. 

paradox, adj.: der gewöhnlichen Meinung 
u. Lehre entgegenstehend, absonderlich, wider- 
sinnig. 1716 bei Ludwig. Aus gr.-lat. para- 
doxus, gr. irapöboEoc, zgs. aus gr. Trapd «neben, 
gegen, wider, zuwider» u. einer Abi. von gr. 
böEa f. «Meinung, Lehre». Paradoxon, n. 
(-S, PI. -xa), 1703 bei Wächtler P. «eine un- 
glaubliche Meinung», aber 1571 bei Roth Para- 
doxan n., aus gr. irapd u. dem Akk. von böEa. 

Paraffin, n. {-s, PI. -e): Leuchtstoff, 1830 
von Reichenbach entdeckt. Gebildet aus lat. 
parum «wenig» u. affinis «verwandt», eig. 
also «wenig verwandt (mit andern Stoffen)». 

Paragraph, m. {-en, PI. -en): Zeichen 
eines Absatzes in der Schrift, Schriftabsatz. 
Aus mhd. paragraf m. «Zeichen, Buchstabe», 
aus gr.-lat. paragraphus m., gr. irapdfpacpoc f. 
«nebenhin geschriebnes Zeichen (bei Isidorus 
[f 636] einem S ähnlich), um eine Abteilung 
anzuzeigen», von gr. -rrapoTpdqpeiv «nebenhin- 
schreiben » (rrapä « neben », Ypdqpeiv « schreiben»), 

Paralipömena, pl: Nachträge, eig. «Aus- 
gelassenes». Das gr.-lat. paralipomena Tpl., gr. 



TTapaXemöiueva, womit die Bücher der Chronik 
bezeichnet wurden, Part. Präs. Pass. von uapa- 
Xemeiv «auslassen». Als Buchtitel hauptsäch- 
lich durch Schopenhauer bekannt geworden. 
parallel, adj.: gleichlaufend, d. h. in allen 
Punkten gleichweit nebeneinander sich er- 
streckend od. voneinander abstehend; (un- 
eigentlich:) gleichlautend, einander entspre- 
chend. Aus gr.-lat. parallelos, gr. irapdWriXoc 
«nebeneinander laufend», zgs. aus -irapd «neben, 
bei» u. einer Adjektivbildung zu gr. dWrjXuiv 
«einander, gegenseitig». 1709 bei Hübner; 1703 
h. W ächÜer parallelus «gleichstimmend». Eine 
Abi. parallelisch aber schon im Garg. 176. 
Parallele, f. (PI. -n): gleichlaufende Linie; 
ein von den ausspringenden Winkeln einer 
Festung überall gleichweit entfernter Lauf- 
graben ; Neben- u. Gegeneinanderstellung. Aus 
frz. parallele f., das dasFem. jenes Adj ektivums 
ist, mit hinzugedachtem Worte linea f. «Linie». 
1716 bei Wolff. — Parallelismus, m.: 
Nebeneinanderstellung. Aus gr,TTapa\\r|\ic|uöc, 
einer Abi. vom Verbum irapaWriMZleiv, abge- 
j leitet von -napdKK^Xoc. 1703 bei Wächtler. 
i Parallelogramm, n. (-5, PI. -e): Viereck, 
' in dem je 2 Seiten parallel sind, (verdeutscht) 
Gleiseck (zgs. mit Gleisen, der Verdeutschung 
i von Parallellinien). Das glbd. gr.-\dii.parallelo- 
\grammum n., gr. irapa\X.ri^ÖYpa|Li|uov n. 1716 
Ibei Wolff in lat. Form. 
! Paralyse, f. (PI. -n): Lähmung; Gehirn- 
erweichung. Aus gr.-lat. paralysis f., gr. 
JTrapdXucic f. «Lähmung», eig. «Auflösung», 
; zgs. aus -rrapd (s. 0.) u. \ücic f. «Lösiing» von 
1 Xüeiv «lösen». 1700 Paralysis (ZfdW. 8, 83). 
J.BL. paralysieren, v,: lähmen, unwirk- 
sam rnachen. Bei Goethe Faust 6568. 
! Paraphrase, f. (PI. -n) : erweiternde, ver- 
1 deutlichende Umschreibung. Aus glbd. gr.- 
1 nlat. paräplirasis f., gr. irapdqppacic, von gr, 
; trapaqppdZieiv «neben einem reden, zu einer 
[ Rede hinzufügen, sie erweitern», zgs, aus 
gr. irapd «neben, bei» u. qppdCeiv «sprechen». 
; 1727 bei Sperander Paraphrasis, 1791 bei Roth 
! P. paraphrasieren, v. : etwas deutlicher er- 
I klären, auslegen, umschreiben. 1694 bei Neh- 
! ring. Umgebildet aus glbd. frz. paraphraser. 
Parapluie (spr. -plU), m., (öst.-bayr. nur) 
n. (-S, PI. -s): Regenschirm. Aus glbd. frz. 
parapluie m., zgs. nach dem Muster von pa- 
rasol m. (s. d.) mit parer «ein Hindernis be- 
reiten» VL.pluie «Regen». 1715 bei Amaranthes. 
Parasit, m. (-en, PI. -en): Schmarotzer, 
jetzt namentlich von schmarotzenden Pflanzen 



373 



Parasol 



Parlament 



374 



u. Tieren gebraucht. Aus glbd. gr.-lat. para- 
situs m., gr. uapdciToc m., eig. «Neben-, Mit- 
esser», zgs. aus gr. irapä «neben, bei» u. citoc m. 
«Speise». 1727 bei Sperander Parasitus. 

Parasol, m., (öst. nur) n. (-s, PI. -s): 
Sonnenschirm. Über frz. parasol m. aus ital. 
parasole m., zgs. aus dem Imp. para «wehre, 
halte ab!» u. söle m. «Sonne». 1709 bei Hübner. 

parät, adj.: bereit, fertig. Im 17. Jh., 
z. B. 1673 bei Weise Erzn. 20. Aus la,t. parätus, 
dem Part. Perf. Pass. von lat. paräre «be- 
reiten, rüsten». 

Pärchen, s. Paar. 

pardauz, andre Schreibung für tardauz. 

Pardel, m. (-s, PI. wie Sg.) : das Raubtier 
felis pardus. Aus glbd. gi\-lat. pardalis f., 
gr. TTÖpbaXic f. Bei Luther Jes. 11, 6. 

Parder, m. (-s, PI. wie Sg.) : Pardel (s. d.). 
Bei Luther Jer. 13, 23 neben Pardel (s. d.) u. 
dem altern Pard Sir. 28, 27, mhd. stark pari 
u. schwach pard{e), ahd. pardo m. Aus glbd. 
gr.-lat. pardus, gr. ircipboc. Das -er ist wohl 
durch den Einfluß von Panther hervorgerufen. 

Pardon (spr. -q), m. (-s): Verzeihung, 
Gnade, bes. im Kriege Schonung des Lebens 
vom Feinde. 1663 bei Schupp 863, 1669 im 
Simpl. 231 perdon, später P., erstres aus glbd. 
ital. perdöno m., letztres aus frz. pardon, von 
frz. pardonner, ital. perdonäre «vergeben, ver- 
schonen», zgs. aus |jer- u. donare «geben» = 
lat. dönäre «schenken». Daraus entl. pardo- 
nieren, v.: verzeihen. Im 17. Jh. 

Parenthese, f. (PI. -n): eingeschobner 
Satz, Schaltsatz, dann auch dessen Zeichen 

od. die Klammer ( ), [ ], . Um 1530 bei 

bei Ickelsamer 47 u. 1571 bei Rot Parenthesis. 
Aus gr. -lat. parenthesis f., gr. uap^vGecic f., eig. 
«das Dazwischenstellen», von gr. -rrap-ev-Tiö^vm 
«einschieben», zgs. aus Trapd «neben», ^v «in» 
u. Tie^vai «setzen, stellen», parenthetisch, 

adj., gr. TTap-ev-öeToc «dazwischen gestellt». 

Parörga, PI.; Beiwerk, Anhang. 1727 bei 
Sperander Parergrow n. «Nebenwerk», 1673 bei 
Weise Erzn. 149 noch in griech. Schrift. Aus 
gr. Ttapct «neben» u. ^pYov n. «Werk». 

Parforcejagd (spr. -forß), f.: Hetzjagd. 
Zgs. mit frz. par force «durch, mit Gewalt». 
1727 bei Hübner. 

Parfüm, (öst.-bayr. auch) Parfum, n. 
(-[e]s, Pl.-e): Wohlgeruch verbreitende, künst- 
lich hergestellte Flüssigkeit. Entl. aus glbd. 
frz.parfumm. 1801 bei Campe, parfümieren, 
V.: mit Wohlgeruch erfüllen. Im 16. Jh. in 
der Zimm. Chron.- 2, 261 u. ö. Aus glbd. 



frz. parfumer, ital. perfumare, zgs. aus per- 
«sehr» u. lat. fümäre «rauchen, dampfen». 

pari, al pari: gleich; dem Nennwerte 
gleich, ohne Aufgeld, ohne Verlust. 1709 bei 
Hübner. Aus glbd. ital. al pari, zu lat. par 
«gleich», eig.^ari alpari «gleich gegen gleich». 
Paria, m. (-s, PI. -s): keiner oder der 
niedrigsten Kaste Angehöriger; Auswürfling, 
rechtloser Mensch. Wohl erst um die Mitte 
des 19. Jh. aus tamulisch parajan «Mensch 
vom niedrigsten Stande». 

^parieren, v.: (einen Hieb, Stich) ab- 
lenken, ihm ausweichen. 1650 bei Moscherosch 
1, 109 u. bei Gryphius Horrib. (vor 1664) 91. 
Aus trz.parer «ein Hindernis bereiten», u. dies 
aus ital. parare, von lat. parare «bereiten». 

"parieren, v.: wetten. 1703 bei Wächtler 
aus glbd. frz. parier von mlat. pariäre, eig. 
«gleich (par) machen», dann «etwas gleiches 
dagegen setzen». 

^parieren, v.: gehorchen. 1545 bei Lilien- 
cron 4, 272. Aus glbd. lat. pärere. 

* parieren, v. : (ein Pferd) aufhalten, zum 
Stehen bringen. Aus glbd. frz. parer u. dies 
aus Span, parar «aufhalten». Im 18. Jh. 

Parität, f.: Gleichberechtigung, Rechts- 
gleichheit. Aus lat. jjanYas f. «Gleichheit». Im 
17. Jh. ABL. paritätisch, adj., 1791 b, Roth. 

Park, m. (-[e]s, PI. -e, [öst.-bayr. auch] -s): 
(veraltet u. nur noch in Zss.) Tiergehölz (Tier- 
park); eingehegte waldartige Gartenanlage; 
was in einem eingehegten Raum ist, z. B. 
Artilleriepark «die Gesamtheit der Geschütze», 
eig. «der Ort, wo sie vereinigt sind». Md. 
1474 parc, 1477 clev. parc «Umzäumung, 
eingehegter Ort», wie engl. ^arÄ: u. ndl. j?ar& 
n. aus frz. parc m. «Umzäunung, Tiergarten». 
Herkunft unbekannt. Das Wort drang durchs 
Nd. nach Oberdtschld. u. in die Schriftsprache, 
bekam aber erst im 18. Jh. unter dem Einfluß 
der englischen Gartenbaukunst seine jetzige 
Bed. Eine frühre Entl. des gleichen Wortes 
s. u. Pferch. 

Parkett, n. (-[e]s, PI. -e): abgesonderter 
Raum; im Theater die Sperrsitze, die gleich 
hoch mit der Bühne liegen; getäfelter Fuß- 
boden. Aus frz. parquet, das schon alle diese 
Bed. hat. Abgeleitet von irz. parc m. «abge- 
schlossner Raum». In allen Bed. 1791 b. Roth. 

Parlament, n. (-[e]s, PI. -e): Versamm- 
lung der Volksvertreter. In diesem Sinne 
erst im 18. Jh. verbreitet aus engl. Parlament 
(1703 im Zeit.-Lex.). Nach Sperander 1727 
«ein Zeitungswort». Schon im 13. Jh. md., 

24* 



375 



Parochie 



partial 



376 



auch mhd. parlanient n. «Besprechung, Dis- 
putation, Versammlung», aus mlAt. parlamen- 
tum n., eig. «Besprechung, Unterredung, bes. 
eine feierliche», (frz. parlement m.), von ital. 
parlare, frz. parier «sprechen». Über dessen 
Herkunft s. Parole. Früher in Frankreich 
«das höchste Gericht einer Provinz» u. so 
auch deutsch, noch 1703 bei Wächtler nur 
in dieser Bed. Parlamentär, m.: Unter- 
händler im Kriege. Aus glbd. frz. parlemen- 
taire m., ahgel. Yon parlement «Besprechung». 
Erst 1813 bei Campe verzeichnet, parlamen- 
tieren, v.: unterhandeln, sich unterreden. 
Umgebildet aus glbd. frz. parlementer. 1582 
im Garg. 839. Im 17. Jh. SiUQh. parlementieren. 

Parochie, f. (PI. -n): Kirchspiel, -Sprengel. 
1703 bei Wächtler. Aus kirch.-lat. _parocMa f. 
«Sprengel eines Bischofs», neben u. statt des 
glbd. vtXiexn paroecia f., aus gr. TrapoiKia f. «das 
Wohnen an einem Ort als Fremder» (irapd 
«bei, neben», okeiv «wohnen»), dann mittelgr. 
«Bewohnung, Bischofssprengel». Vgl. P/arre. 

Parodie, f. (PI. -w): Umbildung- eines 
(ernsten) Gedichtes ins Scherzhafte, Spöttische 
unter Beibehaltung seiner Form. Aus glbd. 
frz. parodie f., u. dies aus gr.-lat. parödia f., 
gr. irapLubia f. «Nebengesang, Parodie» (zgs. 
aus irapd «neben» u. einer Abi. von üjbr) 
«Gesang», s. Ode). 1673 bei Weise Erzn. 78. 
parodieren, v., 1754 bei Lessing 4, 205. 
Aus frz. parodier «scherzhaft umdichten». 

Parole, f. (PI. -n): (Ehren-) Wort (noch 
bei Goethe Br. 31. 1. 1769); militärisches Er- 
kennungs-, Losungswort. In dieser Bed. 1617 
im teutschen Michel 12 parolla. Schon mhd. 
parol{le) m. «Wort, Rede», aus frz. parole f. 
«Wort, Denkspruch, Zusage, Ehrenwort», ital. 
parola f., aital.-prov.-aspan. parawZa, aus mlat. 
paräbola, s. Parabel. Davon auch frz. parier 
«sprechen» u. Parlament. 

Päroli, n. (-S, PI. -s): die Verdoppelung 
des ersten Satzes im Spiel (Goethe 19, 205). 
RA. Einem ein P. bieten: in gleicher od. noch 
überbietender Weise entgegentreten. Erst im 
19. Jh. aus dem Pharospiel. Entl. aus frz. 
paroli m. u. dies aus ital. paroli m. Unbe- 
kannter Herkunft. 

Paroxysmus, m. (Gen. wie Nom., PI. 
-men): höchste Steigerung eines krankhaften 
Zustandes, stärkstes Fieberschauer. 1708 bei 
Wächtler; b, Schiller Räuber 3, 2 Paroxismus. 
Das glbd. gr.-mlat. paroxismus m., gr. irapo- 
Euc|aöc m., von gr. irapoSüveiv «wozu schärfen, 
anreizen», (bei den Ärzten von Krankheiten) 



«heftig od. gefährlich werden» (zgs. aus irapri 
«neben, bei, an, hin» u. ötuveiv «schärfen». 

Part, (öst. nur) m. u. n. (-[e]s, PI. -e): 
Anteil, 1727 bei Sperander F., 1734 bei Stein- 
bach Parte f. Mhd. part{e) f., md. auch ^ari n. 
(bei Jeroschin) «Teil, Anteil, Abteilung, Partei, 
Parteiung», xidl.parti. Aus frz. pari f. «Teil», 
u. dies aus lat. pars (Gen. -tis) f. «Teil», 

Partei, f. (PI. -en): sich für sich ab- 
sondernde Gesinnungsgenossenschaft; kleiner 
Heerhaufen, der einen Streifzug unternimmt; in 
einer Rechtsangelegenheit gegenüberstehende 
Person. Seit dem 15. Jh. auch Parthey ge- 
schrieben. Mhd., bes. md. u. im 14. Jh. ndrhein. 
partie f. «Abteilung von Personen als für sich 
bestehende Gesamtheit, Partei». Aus frz. partie 
f. «Teil», dann auch «Partei», Yon partir «teilen» 
aus glbd. lat. partiri. Dasselbe Wort ist Partie 
(s. d.). Unsre heutige Scheidung ist erst im 
18. Jh. völhg durchgedrungen, aber schon 1556 
im Dictionariolum 178** Part oder partey im 
Sinne unsres «Partei». ABL. part^ien, v.: 
(refl.): sich in Parteien spalten. Schon 1318 
mhd. sich partten (Diefenb. - Wülcker 794''). 
Davon Part^iung, f. (PI. -en), 1482 im voc. 
theut. y S**. parteiisch, adj.: zu einer Partei 
haltend u. daher ungerecht. Im 15. Jh. 1488 
bei Liliencron 2, 238. parteilich, adj.: par- 
teiisch. 1513 im Sallust P 5. Davon Partei- 
lichkeit, f.: einseitige Parteinahme. 1691 
bei Stieler. Aber schon 1557 bei Sleidanus 
221'' im Sinne von «Spaltung in Parteien». 
ZUS. Parteigänger, m.: Anführer eines 
Streifkorps (Partei) od. einer aus diesem. Im 
17. Jh. 1650 bei Moscherosch 2, 880 Parteyen- 
Gänger. Parteigeist, m., öfter bei Goethe. 

Parteke, f.: kleiner Teil, Stückchen; Stück 
Brot; irdisches Gut. Oft bei Luther. Nach 
demDW. 7, 1474 das nd.Dim. von Pari «Teil», 
eig. also Parteke. Doch sind auch andre Er- 
klärungen aufgestellt, vgl. DW. a, a. 0. Par- 
tekenhengst, m.: Kurrendeschüler, der für 
ein Stückchen Brot singt. Bei Luther. 

Parterre (spr. -ter), n. (-5, PI. -s) : Erd- 
geschoß; Raum zu ebner Erde (im Theater), 
1703 b. Wächtler; Blumenbeet, 1709 b. Hübner. 
Aus frz. parterre m. «Blumenbeet, Theater- 
parterre», zgs. aus par terre «auf der Erde». 

partiäl, adj. u. Adv. : zum Teil statthabend, 
teilweise. Aus glbd. mlat. partialis von lat. 
pars f. «Teil», partiell, (aus i'rz.partiel) bed. 
dasselbe u. ist heute üblicher. Beide erst 1813 
bei Campe. 1709 bei Rühner partial «eigen- 
nützig, partheiisch». 



377 



Partie 



Pascha 



378 



Partie, f. (PI.-»), dasselbe Wort wie Partei 
u. erst im 18. Jh. durch engern Anschluß an 
das französische von ihm geschieden; in der 
Bed. wurde es auf «Teil von Dingen» be- 
schränkt, aber noch «Abteilung von Personen 
als Gesellschaft» in Jagd-, Spielpartie; ge- 
meinsame Lustbarkeit in Spiel, Jagd, Gang, 
Fahrt usw., sowie diese selbst; beabsichtigte 
Heirat u. diese selbst (im 17. Jh. bei Elisabeth 
Charl. V. Orl. 425) ; Anzahl von Dingen (Partie 
Ölsamen); Teil z. B. einer Landschaft, eines 
Gemäldes (im 19. Jh.). Im Sinne von «Partei» 
steht es noch 1812 bei Goethe 27, 228 (Miets- 
partien), eine Partie der Misvergnügten bei 
Schiller 9, 385. 

partiell, s. partiäl. 

Partikel, n. (PI. -n): (veraltet) Teü, Teil- 
chen (1517 bei Keisersberg Emeis lO''); un- 
veränderlicher, d. h. unbiegbarer Redeteil 
(Adverb, Präposition, Konjunktion, Interjek- 
tion), 1716 b. Ludwig. Aus glbd. lat.particula, 
dem Dim. von lat. pars (Gen. -tis) «Teil». 

Partiknlarismus, m. (Gen. wie Xom.): 
politische Richtung, die zugunsten der Einzel- 
staaten der Stärkung der Reichsgewalt wider- 
strebt; Kleinstaaterei, Sonderbündelei, Sonder- 
bestrebungen. Neulat. Bildung von lat. parti- 
cularis «einen Teil betreflPend», einer Abi. von 
particula, s. Partikel. Wohl erst im letzten 
Viertel des 19. Jh. aufgekommen. DazuParti- 
kularist, m.: Sonderrechter, Sondertümler. 

Partiküli^r, so öst., Partikuli^r (spr. 
-kulje), m. (-S, PI. -s): Privatmann, Rentner. 
1710 bei Nehring. Aus frz. particulier m. 
«Privatmann» vom Adj. particulier «besonder, 
eigentümlich, privat», von lat. particuläris 
«einen Teil betreffend». 

Partisan, (bayr. aachj Partisane, m. 
{-[e]s, PI. -e): Parteigänger. 1650 bei Mosche- 
rosch 1, 305. Aus glbd. frz. partisan m. u. 
dies aus ital. partigiano «Parteigänger», eig. 
Adj. «parteiisch», von pari «Teil». 

Partisane, f. (PI. -n): Spieß mit breitem 
Stecheisen, Hellebarde. 1529 bei Liliencron 
3, QOQ partusan, 1535 bei H. Sachs Fab. 42, 13 
parteson, bei Pronsp. (Frisch 2, 40°) Bartesan, 
1617 im teutschen Michel 45 partisan, 1711 
bei Rädlein partisane f. u. partisan n. Aus 
älterfrz. parthisane f. aus ital. partigiäna f. 
zu partigiano m. «Parteigänger», eig. «Waffe 
der Parteigänger». 

Partitür, f. (PI. -en) : Zusammenstellung 
aller zu einem Tonstück gehörenden Stimmen, 
Stimmenbuch. 1673 bei Weise Erzn. 202, 1678 



I bei Krämer. Aus mlat. partitura f. « Teilung, 

'Ein-, Verteilung», von lat. ^ar^in «teilen». 

Partizip, n. (-[e]s, PI. -e, -ien), Parti- 
zipium (-S, PI. -pien, -pia): Mittelform, -wort. 
Der lat. grammat. Ausdruck participium n., 

! auch «Teilnehmung», von particeps (Gen. 

I -cipis) «teilnehmend», zgs. aus lat. ^ars «Teil» 
u. einer Abi. von capere «nehmen», parti- 
zipieren, V.: teilnehmen, -haben. Aus glbd. 
frz. participer von lat. participäre. 1672 bei 
Grimmelsh, (Vogelnest) 4, 76 Kz. 

Partner, m. (-s, PI. wie Sg.): Teilhaber; 
Spiel-, Tanzteühaber, Mittänzer ( 1813 b. Goethe 
28, 22. 346). Noch nicht bei Heinsius 1820. 
Aus glbd. engl, partner, das aus dem Nd. 
stammt. 1741 bei Frisch Partenier, ndl. 
Partener «Teilhaber». Zu pari «Teü» gehörig, 

' partout (spr. -tu), adv. : durchaus, schlech- 
terdings (1801 bei Campe). Aus frz. ^ar tout 
«allenthalben, überall», zgs. axLS par tout «für 
alles». 1703 im Zeit.-Lex. in der Bed. «allent- 
halben», 1773 im Orth. Hdb. «überall, dui-chaus». 

Parvenü (öst.), Paryenu (bayr.), m. {-s, 

PI. -s): Emporkömmling (nach Campe [1801] 
von Affsprung vorgeschlagen). Im 18. Jh. 
aus glbd. frz. parvenu m., dem subst. Part, von 
parvenir aus lat. pervemre «hinkommen». 

I Parze, f. (PI. -n): Schicksalsgöttin (bei 
den Römern). Aus lat. Parca. Parc bei 
Weckhcriin 1, 29 F. 

Parzelle, f. (PI. -n): Teilchen, Acker-, 
Waldteil. Aus glbd. frz. parcelle f. vom 
volkslat. *particella für particula f. «Teilchen», 
s. Partikel. 1791 bei Roth Parcelen PI. par- 
zellieren, V.: in Teile zerlegen, in Teilen 
verkaufen. 1813 bei Campe. 

Pasch, n. (-es, PI. -e u. Pasche): Würfel- 
wurf, bei dem beide (od. alle drei) Würfel die- 
selbe Zahl Augen zeigen; (auch beim Domino) 

j Stein mit gleicher Augenzahl auf beiden Seiten. 
In 1. Bed. im 17. Jh. b. Hoffmannswaldau 4, 5; 
1711 bei Rädlein ein Pasch Würffei «un jeu de 
dez», dann 1735, auch noch 1787 b. Gotter 1,198 
Basch m. «entscheidender Wurf». Aus frz. 

passe-dix m., zgs. aus passer «überschreiten» 
u. dix «zehn», also eig. «überschreite 10», ein 
Spiel mit drei Würfeln, in dem der Wurf von 

i mehr als 10 Augen bei gleicher Augenzahl 
auf 2 Würfeln gewinnt, «das Elfern, das 
Paschen». Daher auch älterach. paschendise 
«würfeln, paschen». Das Verb paSChen: 
würfeln, ist jetzt veraltet. Schon 1477 clev, 

passen en dobbelspel «wüi-feln». 

Pascha, m. (-s, PI. -s): hoher tüi'kischer 



379 



paschen 



Fassagier 



380 



Titel. Aus türk. pascha u. dies aus pers. 
j?äd(t)saÄ «Oberkönig». 1791b. Roth. Früher 
5assa (1706 bei Wächtler). Anfang des 19. Jh. 
eine Art Schlagwort, vgl. ZfdW. 3, 324. 

paschen, v.: verbotner Weise über die 
Grenze bringen, schmuggeln. 1777 b. Adelung 
als obd. Aus der Gaunersprache 1755 paßen 
«kaufen», aber durch die Studentensprache 
gegangen (Meier 13). Nach Adelung aus frz. 
passer, iia\. passare «überschreiten», nämlich 
die Landesgrenze. Nach Weigand viell. von 
hebr. ^escÄa' f. «Übertretung, Missetat». ABL. 
Pascher, m. (-s, PI. wie Sg.). 1851 gaunerisch 
Passer «Hehler». 

pascholl, interj.: pack dich! vorwärts. 
Aus russ. poseW, dem als Imp. gebrauchten 
Part. \on poiti «gehen». Freytag Ahnen 6, 293. 

Paspel, m. (-S, PI. wie Sg.), f. (PI. -w), 
(öst.) Passepoil, m. (-s, PI. -s) : Litze, Vor- 
stoß. Aus glbd. frz. passepoil m., zgs. aus 
passe, Imp. von passer «durchziehen» u. poil 
m. «Haar», also «durchziehe das (Tuch)haar». 

Pas-quill, n, {-[e]s, PI. -e): Schmäh- 
schrift, Spottschrift. Aus ital. pasquülo m. 
«Spottschrift», u. dies aus Pasquino, einem 
Namen, den etwa um 1500 das Volk zu Rom 
der an der Ecke des Palastes der Orsini (Ursini) 
stehenden verstümmelten Bildsäule eines alt- 
römischen Fechters beigelegt hatte, an die 
man Spottschriften anzuheften pflegte. Daher 
einerseits Paßquin «Spottschrift» 1618 bei 
Schönsleder u. 1598 ndl. bei Kilian pasquil, 
^asgwm u. andrerseits 1580 bei Fischai't Binen- 
korb 212 (1588 S. 234^) Pasquill m. «von dem 
Pasquino zu Rom». Im 16. Jh. entl. 1544 bei 
Schade Sat. 2, 10 Anm., 1564 in der Zimm.Chr.^ 
3, 339 pasquilus, 1598 (1585) bei Ringwaldt 
laut. Wahrh. 250 Pasquillgesang, 350 Pasquill. 
Das M. noch bei Wagner Kinderm. 62, das 
F. 1663 bei Schupp 254 u. noch bei Hebel. 
Pas-quillänt, m. (-en, PI. -en): Schmäh- 
schriftenschreiber, Ehrabschneider. 1663 bei 
Schupp 624. 629, 1664 bei Rachel 10, 75. 

^Paß, m. (-sses): Schritt, Gang, bes. wie- 
gender Gang des Pferdes durch gleichzeitiges 
Heben u. Niedersetzen beider Füße einer Seite. 
1575 im Garg. 203. Aus frz. pas, ital. passo m, 
«Schritt, Gang» und dies aus lat. passus m. 
«Schritt». ZUS. Paßgang, m.-. Gang eines 
Pfei-des im Paß. 1716 bei Ludwig. Davon 
Paßgänger, m.: ein im Paß gehendes Pferd. 
Im 17. Jh. 1642 bei Duez, 1639 bei Comenius 
§ 453. Dazu ndl. pasganger. Älter ist dafür 
Zelter, u. für Paß Zelt (s. d.). 



^Paß, m. (-sses, PI. Pässe): Durchgang; 
zum Durchgange dienender enger Weg; die 
niedrigste Stelle in einer Bergkette, die zum 
Übergang dient. Überkommen vom Nieder- 
rhein, wo im 13. Jh. pas «Schritt, Gang, Weg» 
aus irz. pas, auch «enger Durchgang», s. ^Paß. 
1507 bei Janssen Reichscorr. 2, 699. Schon 
mlat. passus. 

^Paß, m. (-sses, PI. Pässe): obrigkeitlicher 
Freibrief zu ungehindertem Fortkommen. Nach 
ital. passo m. «Erlaubnis zum Durchgange», 
engl, pass, ndl. pas, die desselben Ursprungs 
sind wie ^Paß. 1617 bei Hulsius Schiff. 15, 49. 
Älter ist die ZUS. Paßbrief, m. Im 16. Jh. 
Paßkarte, f.: Ersatz eines Passes. 1850 
eingeführt. Paßport, m. (-[e]s, PI. -e), mit 
mnd. paßhort, mndl. pas(se)poorte, ndl. pas- 
poort entl. aus frz. passeport «Geleitsbrief, 
Reisepaß». Im 16. Jh. 

*Paß, m.: das Maß, das zutreffende Maß; 
Angemessenheit; die rechte, die gelegne Zeit. 
Nur noch in RA. wie von Paß, von Passe, nd. 
neben to passe, bayr. u. sonst zu Passe, mnd, 
van od. topas(se); zupaß, zupasse sein «wohl, 
gesund sein », mnd. to passe sin, mndl. te pas 
zyn (Kilian 1598), uhel zu paß oder krank 1618 
bei Schönsleder; zupaß, zu paß e kommen «zu 
rechter Zeit, zu Nutz, zu statten kommen, 
passen». Schon im 16. Jh. Zugrunde liegt 
mhd. im 13. Jh., (vom Niederrhein ausgehend) 
pas n. «(rechtes) Maß», mnd.^as n., nä.pas(se)f. 
«Maß, rechte gelegne Zeit» aus mndl. ^as m. 
«angemeßner Zustand, Angemessenheit, rechte 
Zeit». Desselben Ursprungs wie ^Paß. 

^Paß, m. in Paßgehen (nd.), keinen Paß 
darauf haben (wetterau.). Die Bed. entwickelt 
sich aus der von *Paß. 

^Paß, m. (-sses, PL Pässe), üblicher Paß- 
glas, n.: hohes weites Trinkgefäß mit Pässen 
«Maßstrichen» inwendig. Die Bed. nach *^Paß. 
1691 bei Stieler Paßglas. 

passabel, adj. u. adv.: erträglich, leidlich. 
1694 bei Nehring, 1598 bei Kilian. Aus glbd. 
h-z. passable xon passer «angehen», s. ^passen. 
Passäge (spr. -aze), f. (PI. -%): Durch- 
gang, -fahrt, Überfahrt; Verzierung in Musik 
u. Gesang im Schnellgang. In 1. Bed. schon 
mhd. (13. Jh.) passäsche f. «Durchgang, Weg, 
Furt», dann erst wieder im 16. Jh. aus frz. 
passage m. «Durchgang» von passer «gehen», 
s. passieren. In 2. Bed. erst im 18. Jh. 

Passagier (spr. -zir), m. (-[e']s, PI. -e, im 
18. Jh. -s, bei Schiller Räuber 2, 3): Reisen- 
der, Fahrgast. Im 16. Jh. entl. aus glbd. ital. 



381 



Fassall 



Pastete 



382 



Passagiere (daher auch im 17. Jh. Passagirer) 
von ital. passare «gehen». Dazu ndl. 1598 bei 
Kilianpassager aus glbd. irz.passager m. (1709 
bei Hübner passagers). 

Fässah, n. (-s) : das Osterfest der Juden. 
Bei Luther 2. Mos. 12, 11 (auch bei Dieten- 
berger), 3. Mos. 23, 5. Nach hebr. pesach m. 
«Fest zum Gedächtnisse der Verschonung (des 
Übergehens) der Erstgeburt bei den Juden» 
(2. Mos. 12, 23 ff.), eig. «das Übergehen», dann 
«Verschonung», von hebr. päsach «spiingen, 
überspringen, -gehen, verschonen». Aus der 
aramäischen Form pascha für hebr. pesach ist 
dann entl. gr. irctcxa n., lat. pascha, woraus 
schon fiühmhd. einmal phase n., md, pasche n. 
«Osterfest, -mahl». 

Fassänt, m. {-en, PI. -en) : Durchreisender, 
Vorbeikommender. Aus frz. passant m. «Vor- 
beigehender», dem Part. Präs. yon passer «vor- 
beigehen», s. passieren. 1716 bei Ludwig. 

Passät, m. (-[e]s, PI. -n): beständiger 
mäßiger Ostwind in den Tropen. Im 19. Jh. 
aus ndl. passaat m., gekürzt aus ndl. passäat- 
wind m., woraus PaSSätwind, m., im 17. Jh. 
Unerklärt. NachWeigand (kaum richtig) viell. 
aus ital.passäta f. «Gang, Durch-, Übergang». 

Passem^nt, s. Posament 



passen, 



als Mitspieler eines Karten- 



spiels nicht spielen (1691 bei Stieler); (davon 
dann) verziehen in Bezug auf etwas, bis es 
vorüber ist (1735 bei Günther 211, häufig bei 
J. Paul); verziehen auf etwas hin mit Vor- 
aussicht u. Aufmerksamkeit auf dieses (1598 
bei Kilian passen «achten», schon in denFast- 
nachtssp. des 15. Jh. 1130, 9, jetzt meist in der 
Zss. aufpassen). Entl. aus frz. passer «vor- 
übergehen» (s. passieren). 

"passen, v. (intrans.): angemessen sein, 
d. h. so sein, daß sich eins dem andern fügt; 
(trans.) angemessen machen (1716 bei Ludwig, 
b. Goethe 23,62, schon mnd.); (refl. sich passen) 
so sein wie eins zum andern sein muß (bei 
Lessing 11, 748). Eins mit dem vorigen. Vom 
Niederrhein her vorgedrungen, wo schon im 
13. Jh. gepassen «zum Ziel kommen, (reitend) 
erreichen», 1477 cley. passen «d. Ziel erreichen». 

Passepartout (spr. paspartü), m. (-s, PI. 
-s): Hauptschlüssel (1709 b.Hübner); stets gül- 
tige Einlaßkarte ; ein Bild schützender Papier- 
rahmen (1791 bei Roth). Aus glbd. frz. passe- 
partout m., zgs. mit passe, Imp. von passer 
«durchgehen^ u. partout (s. d.). 

Passepoil, s. Paspel 

Paßgänger, s. ^Paß. 



passieren, v.: vorübergehen, durch-, vor- 
beireisen ; als erträglich durchgehen, erträglich 
sein; sich ereignen. In l.Bed. 1525 bei Lilien- 
cron 3, 479; in 2. Bed. 1581 b. Fischart Bienenk. 
108^; in 3. Bed. schon im 15. Jh. bei Oswald 
V. Wolkenstein 116, 89 passärt, aber dann erst 
im 17. Jh. passieren (1691 bei Stieler). Aus 
frz. passer, ital. passäre, span. pasär, port. 
passar «schreiten, durchschreiten, -gehen, über- 
gehen» aus volkslat. *passare von passus m. 
«Schritt». In 3. Bed. entspricht frz. se passer. 

Passion, f. (PI. -en): das Leiden, bes. das 
Christi, Zeit vor Ostern (mhd.) ; Leidenschaft, 
Hang (1605 bei Albertinus Lustgarten 169). 
STpätmhd. passiön m., md. passie f. «Leidens- 
geschichte» aus l&t.passio (Gen. önis) f. «das 
Leiden». Dagegen P. über frz. passion f. aus 
lat. passio f. u. dies zu pati «leiden». ZUS. 
Passionsblume, f.: die (aus Amerika stam- 
mende) Schlingpflanze passiflora. 1727 bei 
Aler. Der Name daher, weil man an der 
Pflanze die Zeichen des Leidens Christi (der 
Passion) erblicken will. Passiönsspiel, n.: 
dramatische Aufführung d. Leidensgeschichte 
Christi, lat. ludus paschalis siue de passione 
Christi in den Carmina burana 95. 

passioniert, adj.: leidenschaftlich. Von 
sich passionieren «sich wofür leidenschaftlich 
erregen», aus glbd. frz. se passioner Yon pas- 
sion, s. Passion. Ende des 16. Jh. Im 15. Jh. 
«von Leiden gedrückt». 

passiv, adj.: untätig, leidend. Aus frz. 
passif, von lat. passivus «leidentlich, untätig» 
zu pati «leiden». 1716 bei Ludwig sich passiv 
oder leidentlich halten. 

Passiva, Passiven, PI. : Schulden. 1703 
im Zeit.-Lex. Paßiv-Schuld, 1710 bei Nehring 
Passiva. Das N. PI. des lat. Adj. passivus, 
s. passiv. Passiv(um), n. (-s, PI. -ve[n] 
u. -va) : Leideform (des Zeitworts). Aus glbd. 
lat. passivum (nämlich verbum «Zeitwort»). 
Erst Ende des 18. Jh. Passiv. 

Pasta, Paste (PI. -sten): Teig; Abdruck, 
Nachbildung von geschnittnen Steinen, Münzen 
usw. Aus ital. pasta f. «Teig» von gr.-lat. 
pasta f., gr. TzdcTr] f. «Brei». 1691 bei Stieler 
Past. Pastell, in Pastellmalerei «Malerei 
mit bunten Stiften», Pastellfarhe stammt aus 
ital. pastello m. «aus Farbenteig geformter u. 
getrockenter Stift zum Malen, Waid», von 
pasta (s. 0.). 1663 bei Schottel Pastel f. «Waid, 
damit man das Tuch blau färbet». In der 
heutigen Bed. erst im 18. Jh. 

Pastete, f.(Pl.-«): in Teig gehüllte Fleisch- 



383 



Pastille 



Pathos 



384 



oder Fischspeise. 1537 h.Dasyiwdius Pasteten, 
mhd. pastede, hastede, hastet (im 15. Jh.). Aus 
mlat. *pastatum n. oder *pastata f., das von 
pasta «Teig» (s. Paste) stammt. Daher auch 
glbd. frz. päte. 

Pastille, f. (PI. -n): Kügelchen, Plätz- 
chen. Aus glbd. lat. pastillus m. von pasta, 
s. Paste. Erst im 19. Jh. (eig. Apothekerwort). 

Pastinake, f. (PI. -n), (bayr. auch) Pa- 
stinak, m. {'[e]s, PI. -e): die Doldenpflanze 
pastinaca mit eßbarer Wurzel. 1678 b. Kramer 
pastinacke, 1482 pasternag m., 1A12 pastarnack, 
1470 pasterneck, frühmhd. pastenej f., ahd. 
pestinac m., pestinaga f., pastirinach. Dazu 
mnd. paster-, palsternake, nä.palsternack. Alle 
aus lat. pastinaca «Möhre». 

Pastor, m. (-S, PI. -en, auch Gen. -en, 
PI. -e, nordd. sMch Pastöre, Bürger 168): der 
Geistliche, eig. der Hirt (der Gemeinde), von 
lat. pastor m. «Hirt», im Mlat. auch «Geist- 
licher (Seelenhirt), Priester» zxxpascere «(Vieh) 
weiden, füttern, nähren». Im 14. Jh. aufge- 
nommen, seit der Reformation im allgemeinen 
nur Bezeichnung der protestantischen Geist- 
lichen. Dazu nd. pdster, ndl. pastoor, 1477 
clev. pastoir. In Nordtschld. auf der ersten 
betont, im Westen u. Nordwesten auf der 
zweiten Pastor. pastoräl,adj.: seelsorgerisch; 
auch ländlich, in Pastoralsymphonie. 1710 bei 
'^Qhx'mg pastoralis, das ra\di,i. pastoralis. Pa- 
storin, f. Im 19. Jh. — Pastorat, n. (-[e]s, 
PI. -e): Amt, Wohnung eines Pastors. Aus mlat. 
pastoratus m. «Pfarramt». 1727 b. Sperander. 

Patchouli, s. Patschuli. 

Pate, m. (-n, PI. -n): der Taufzeuge in 
Beziehung auf den Täufling, (bei den Katho- 
liken auch) der Firmpate; der Täufling in Be- 
ziehung auf den Taufzeugen. 1540 bei Alberus 
b 2^patt, mhd. im 12. Jh. hate, pate «der Tauf- 
zeuge». Das Tülvii. pater «der Taufzeuge», eig. 
pater spiritualis «der geistliche Vater», mit 
Abfall des r u. Übergang in die schwache Dekl. 
In der 2. Bed. erst im 18. Jh. Eig. nordd., wo 
es auch Pä^ heißt. Ygl.Petter. J.Pü. Paten- 
schaft, f., bei Luther 2, 269 ^ pattschaft. 
Patin, f. (PI. -nen). 1663 bei Duez 15. Dafür 
im 18. Jh. Pate, f., 1598 b. Kilian pete. ZUS. 
Patengeschenk, n.: Geschenk des Paten an 
den Täufling. 1691 bei Stiel er. Früher dafür 
Patengeld, 1595 bei Rollenhagen 1, 2, 18, 147. 
Patenstelle, f. 1809 bei Campe. 

Patene, f. (PI. -n): das (zugleich als Kelch- 
deckelchen dienende) ßrottellerchen beim 
Abendmahl. Mhd. paten{e) f. aus glbd. mlat. 



patena u. dies auch gr.-\at.pdtena, eig.pätina f. 
«Schlüssel», gr. Ttardvr] f. «flache Schüssel». 

patent, adj. u. adv.: modisch, geschniegelt. 
Eig. studentisch (1818). Entwickelt aus den 
bei Campe 1801, 1813 verzeichneten Patent- 
strümpfe, Patentknöpfe «Strümpfe, Knöpfe, die 
kein andrer nachahmen und verkaufen darf». 

Patent, n. (-[e]s, PI. -e): (eig.) ofiher, be- 
kanntgemachter landesherrlicher Brief, Befehl 
(1663 bei Schottel, noch bei Goethe 36, 69); 
Bestellungsm-kunde, 1617 bei Wallhausen 8, 
1617 im teutschen Michel 50; die einem Er- 
finder die ausschließHche Ausbeutung seiner 
Erfindung auf eine bestimmte Dauer zu- 
sichernde Urkunde, Freibrief (erst im 19. Jh.). 
Aus frz. patente {. (ital.-STp&n. patente f.) u. dies 
nach mlat. patens statt litter a patens «off'ner 
Brief». Ijai. patens «offen», Part. Präs. von 
patere «offen stehen». ABL. patentieren, 
V.: bevorrechtigen. 1813 bei Campe. 

Pater, m. (-s, PI. wie Sg. u. -tres) : Ordens- 
geistlicher, Mönch. Das lat.pater m. «Vater», 
in der Kirche frühe für pater monasterii, eig. 
«Vater des Klosters, Abt», dann «Kloster- 
geistHcher». 

Paternoster, n. (-s, PI. wie Sg.): das 
Vaterunser; die größern (das Vaterunser be- 
zeichnenden) Kügelchen des Rosenkranzes, u. 
dieser selbst (mhd.), Mhd, päternoster m. n., 
auch als Ausruf. Der Name des Gebets nach 
dessen Anfang in der Vulgata. ZUS. Pater- 
nösterwerk, n.: in beständiger Bewegung 
befindlicher Aufzug; Wasserhebewerk; Bagger- 
maschine. Benannt nach dem Rosenkranz. 
1726 bei Hübner. 

pathetisch, adj. u.adv.: starke, hohe Emp- 
findung oder Gemütsbewegeng ausdiiickend; 
kraft- u. würdevoll, feierlich. Im 17, Jh., vgl. 
Gombert 1877, S. 4. Aus gr.-lat. patheticus 
«affektvoll», gr. iraGriTiKÖc' «leidend, empfin- 
dend, gefühl-, affektvoll, mit leidenschaftlichem 
Ausdruck», von gr. traGeiv, Inf. d. Aorists zu 
TTctcxeiv «erleiden». Vgl. Pathos. 

Pathologie, f. (PI; -n)-. Krankheitslehre. 
Zgs. aus gr. irciOoc n. «Leiden» u. einer Abi. 
von \ÖYOc m. «Lehre». 1694 b. Nehring Patho- 
logia. pathologisch, adj.: krankhaft, mit 
Rücksicht auf die Krankheit(slehre). Aus gr. 
iraeoXoYiKÖc «von d. Leidenschaften handelnd». 
1801 bei Campe. Früher ein philosophischer 
Ausdruck «durch sinnliche Antriebe bestimmt». 

Pathos, n.: lebhafte Gemütsbewegung; 
leidenschaftliche Erhabenheit, eindringender 
Ausdruck. Im 18. Jh. aus gr. irdGcc n. «Leiden, 



385 



Patient 



Patsche 



386 



Ergriffensein wovon,Leidenschaft,leidenschaft- 
licher Ausdruck», von iraGeTv, s. pathetisch. 

Patient (spr.-^'i-), m.{-en, Pl.-ew): Kranker. 
Im 16. Jh. z. B. 1544 bei Liliencron 4, 242 aus 
lat. patiens (Gen. -tis) «leidend», dem Part. 
Präs. von pati «leiden». 

Patin, s. Pate. 

Patina, f.: Überzug, Edelrost. Aus ital. 
patina f. «Lackierung-». ZfdW. 5, 109 Beleg 
von 1857. 

Patriarch, m. (-en, PI. -en): Erzvater; 
Oberbischof in der morgenländischen Kirche. 
Bei Lessing Nathan 1, 5 Patriarche, mhd. u. 
md. patriarche, patriarke m. aus gr.-lat. patri- 
archa m., gr. iraTpidpxric m. «Stamm, Ui'vater», 
zgs. aas Traxpict f. «Abkunft, Stamm» u. einer 
Abi. von äpxeiv «anfangen», patriarcha- 
lisch, adj.: altväterlich, aus lai. patriarchälis 
«patriarchalisch». Erst im 18. Jh. durchge- 
drungen. 1678 bei Krämer patriarchisch. 
Bei Luther patriarchalische Kirchen. 

Patrimoniälgericht, n.: gutsherrliches 
Gericht. Zgs. mit patrimonial aus lat. patri- 
möniälis «zum Erbgut (lat. Patrimonium) ge- 
hörig». Bei Campe 1813. 

Patriot, m. {-en, PI. -en): Vaterlands- 
freund. 1579 bei Fischart 3, 299 Kz. Aus 
glbd. irz. patriotem. von gr.-mlat.patriöta m., 
gr.TrarpiüjTric m. «Einheimischer, Landsmann», 
abg. von gr. iroiTpioc «den Vätern, Vorfahren 
gehörig» zu TTaxrip m. «Vater», patriotisch, 
adj,, aus frz. patriotique «vaterlandsliebend» 
von gr. traTpiuiTiKÖc «landsmännisch», 1728 bei 
Apinus. Patriotismus, m. (Gen. wie Nom.), 
aus nlai. Patriotismus, irz.patriotisme m., ital. 
patriottismo m. «Vaterlandsliebe». 1778 bei 
Lessing 10, 272, ZfdW. 8, 84 Beleg von 1761. 

Patrize, f. (PI. -n): Reliefstempel, dessen 
Abdruck eine Matrize (s. d.) bildet u. nach die- 
sem von pater «Vater» gebildet. 1791 b. Roth. 

Patrizier, m. (-s, PI. wie Sg.): Ange- 
höriger eines vornehmen .Geschlechts, einer 
aus einem ratsfähigen Geschlecht in einer 
deutschen freien Reichsstadt, der Geschlechter. 
Schon in den Fastnachtssp. des 15. Jh. 1815. 
Aber noch im 18. Jh. Patricius. Gebildet nach 
lat. patricii PI. «die bevorrechteten Bürger des 
alten Roms», dem subst. Adj.lat.^^a^n'cms «zum 
Stande der patres Väter (von ^a^er «Vater»), 
der bevorrechtigten Bürger Roms gehörig». 

Patron, m. {-[e]s, PI. -e): Beschützer, 
Schutzherr, schützender Gönner; Schiitzhei- 
liger; der eine Pfarre od. Pfründe vergebende 
Herr (1703 b. Wächtler) ; Kerl (z. B. ein pfiffiger 

Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. 11. Bd 



P.), bei Goethe Faust 2195. Mhä. patrön{e) m., 
aber nur von Christus als dem Schutzherrn, 
im 15. Jh. auch «Schiffskapitän, -herr». Aus 
lat. patr onus m. «SchutzheiT, Verteidiger vor 
Gericht», von lat. pater m. «Vater». ABL. 
Patronin, f., in der Zimm.-Chron.^ 1, 299, 35 
patrönin. Patronät, n. {-[e]s, PI. -e): Recht 
eines Patrons, bes. zur Besetzung einer Pfarr- 
stelle. 1716 bei Ludwig M., 1703 im Zeit.-Lex. 
Patronät- Recht, nach lat. ius patronätus. 

Patrone, f. {-n, PI. -n): Muster, Modell, 
Musterform; Pulverhülse. Aus irz.patron m. 
«Muster, Modell» von mlat. patr onus «exem- 
plar», lat. patrönus. s. Patron. Daher 1561 
bei Maaler pa^ron m. «Muster», u. so noch im 
16. und 17. Jh., 1678 bei Krämer Patron m. 
«Mödel», aber Patron f. «zum Schießen», wie 
schon 1642 bei Duez Nomencl. ZUS. Patron- 
tasche, f., 1678 bei Krämer; aber 1669 im 
Simpl. 138 Pairon-Däsche. 

Patrouille (spr. -trülje), f. (PI. -n) : Streif- 
wache, Runde. Aus glbd. frz. patrouille f. 
^on patrouiller v., für patouiller von irz.patte f. 
«Pfote, Tatze», eig. «herumpatschen». 1709 
b. Hübner P. Auch Patroulle (Schiller 3, 135. 
145), Patrulle, Patrolle (1716 bei Ludwig, noch 
b. Uhland). Im 17. Jh. b. Schupp Patrollwache. 
patrouillieren, v., aus irz. patrouiller. 1716 
bei Ludwig patrolliren. 

patsch! Interj. des schallenden Schlages 
oder aufschlagenden Falles. 1691 bei Stieler 
p., hatsch. Lautnachahmend. Patsch, m. 
(-s): schallender Schlag oder Fall (1559 bei 
H.Sachs Pastn. 62, QB patsch, 1691 bei Stieler 
P. u. Batsch); Schmutz, Straßenkot (nordd. 
md., auch kämt.); Klatscherei (Goethe 5, 1, 133). 
Davon patschnaß, adj., eig. vom Straßen- 
schmutz naß. 

Patsche, f.(-w), Nebenform von Patsch m.: 
klatschender Schlag, westerw. tatsch f.; ein 
Werkzeug zu einem solchen (H. Sachs 9, 149, 
34); die (patschende) Hand (Goethe Faust 5827) 
oder der Fuß (bayr.-schles.-leipzig.); Straßen- 
schmutz usw. (1709 bei Castelli) u. daher dann 
«Not u. Verlegenheit» in RA. wie in der Patsche 
sitzen b. Rädlein 1711, in der Patschke stecken 
lassen 1673 bei Weise Erzn. 98 u. a. Davon 
Patschhand, f.: die einschlagende Hand. 
1727 bei Aler. Das Dim. Patschhändlein, 
1716 b. Ludwig, patschen, v.: (eig.) den Laut 
patsch von sich geben; (intrans.) patschend 
aufschlagen (schon im 15. Jh.), im Wasser 
herumgehen; aufschlagen, gehen überhaupt; 
(trans.) schlagen (1691 bei Stieler batschen). 

25 



387 



Patschuli 



Pause 



388 



Dazu patscheln, v., Iterativ zu patschen, 
auch vom Rudern u. da meist patscheln. 

Patschuli, n. (-s): die Pflanze pogostömon 
patchouly Pellet u. daraus gewonnener stark 
riecliender Saft. Aus glbd. ivz.patchouU m., 
das entl. zu sein scheint aus engl, patch-leaf, 
zgs. aus patch, dem einheimischen Namen der 
Pflanze in Indien u. engl, leaf «Blatt». 

patt: eine Stellung im Schach, bei der man 
nur den König ziehen kann, dieser aber dann 
in Schach kommt. Aus glbd. frz. pat. Un- 
bekannter Herkunft. 

Patte, f. {-n) : Aufschlag an der Uniform. 
Aus glbd. hz. patte f., eig. «Pfötchen». 1813 
bei Campe. 

patzig, adj. u. adv.: aufgeblasen, über- 
mütig, grob. In der Umgangssprache. In 
den Ma. fast überall. Im 18. Jh. 1711 bei 
Rädlein sich patzig machen (noch eis. hätzig), 
1575 im Garg. latzig 312, 1539 bei H. Sachs 
Fastn. 12, ^&pazet {sichpazet machn undplehen 
«blähen»), wie bayr. hatzet «derb, massiv, 
dick-, großtuerisch» aus hatzicht. Zu 'Batzen. 

Paukänt, m. (-en, PI. -en) : Teilnehmer an 
einer Mensur. Studentisch im 19. Jh. Gleich- 
sam das Part. Präs. lat. *paucans (Gen. -tis) 
von einem sind. *paucare «pauken» (s. d.). 

Pauke, f. (PI. -en): kesseiförmiges oder 
trommelartiges, mit einem Felle bespanntes, 
mit einem Schlegel geschlagnes Tonwerkzeug; 
(stud.) lauter Vortrag, Strafpredigt (im 19. Jh.). 
Bei Luther paucke f., sonst älternhd. auch 
hauche, 1482 im voc. thentpück, pawck,pawgk, 
mhd. u. md. püke, auch büke. Nach Weigand 
entl. aus lat. hücina, huccina, was aber «Signal- 
horn » bedeutet. Nach andern aus lat. sambuca 
f. «ein dreieckiges Saiteninstrument». Beides 
wenig wahrscheinlich. Falls echt deutsch, wie 
schon Grimm annahm, vielleicht zu Bauch u. 
hauchen (s. d. u. vgl. ndl. huik auch «Bienen- 
korb»), wenn man von einer Bed. «Holzklotz» 
ausgeht. ^51^. pauken, v.: die Pauke schla- 
gen; schlagen überhaupt (1673 bei Weise Erzn. 
147); (refl.) sich auf der Mensur schlagen (stud. 
1795); unterrichten (1781 bei Kindleben weil 
es ddbey ohne Schläge nicht abgeht); predigen 
(stud.). In l.Bed. mhd.püken,hüken. Pauker, 
m.: Paukenschläger; Lehrer [Ärschpauker). 
Mhd. pückcere, püker. Pauker^i, f., stud. 
für Mensur. Im 19. Jh. 

Paul, Mannsname, aus gr.-lat. Paulus, gr. 
TTaöXoc. 

Paushack, m. (■\e]s, PI. -e) : Wesen mit auf- 
geblasnen od. wie aufgebläht dicken strotzen- 



den Backen. Bei Luther W. 8, 148. Früher 
auch Baushack. Das Wort hat aber altes p, 
wie die ältermhd. Form Pfaushack beweist 
(1537 b, Dasypodius u. noch 1616 b. Henisch). 
Es ist unter Bewahi'ung des alten männlichen 
Geschlechts von Backe eins mit dem folgen- 
den. Paushacken, m. u. Paushacke, f., 

gewöhnlich nur im PI. Paushackeu: recht 
dicke Backen. Zgs. mit einem jetzt verlornen 
Verb pausen, 1716 bei Ludwig haußen, paußen 
«pausten, schnauben», 1711 bei Rädlein jpawsew 
«dick angeschwollen sein», 1512 pf außen «keu- 
chen», 1482 im voc. theut. y4^ pawsen «auf- 
geblasen sein, strotzen, lat. turgere» (ebd. 
pawsenfaß «sehr bauchiges Faß »), Anfang des 
15. Jh. püssen, 1469 im mrhein. voc. ex quo 
hassen «schwellen», spätmhd. jp/IJsew «blasend 
oder schnaubend atmen, sich aufblähend stark 
atmen». Daneben steht spätmhd. phnüsen, 
pfnüsen, mhd. sich phnüsen «sich aufblähen», 
noch tivol. pfnausen «schwer atmen», woraus 
es nach Weigand entstanden sein soll, was 
lautlich indes nicht möglich, höchstens unter 
Einwirkung sinnverwandter Wörter, die unter 
pwsfew besprochen sind. Vgl. KZ. 36, 357. ABL. 
paushackig, -häckig, adj. 

Pauschale, n. (-s), s. d. folg. Pausch- 
quantum (preuß. nur so), n. (-s, PI. -ten, -ta), 
Bauschquantum (bayr. nur so, Ost. beides) : 
die an Stelle von Einzelgebühren ti'etende Ge- 
samtabfindung. Zgs. mit Pausch, (dasselbe wie 
Bausch in der RA. in Bausch und Bogen) u. 
Quantum (s. d.). Erst im 19. Jh. nachweisbar. 
Von Pausch wird dann ein nlat. Adj. pauscJialis 
abgeleitet, dessen N. Pauschale ist. 

Pauschen, PI. : Wülste am Sattel, dasselbe 
wie Bausch. Schon mhd. husch m. «Wulst am 
Sattel». 

^ Pause, f. (PI. -n): Ruhepunkt, Stillstand 
einer wieder fortgesetzten Handlung; Inne- 
halten in der Musik, dann das Zeichen dafür. 
Mhd. püse f. «Innehalten in der Handlung». 
Mit ndl. poos, engl, pause aus lat. pausa f. 
(gespr. ^ösa) «Aufhören», von gr. Traöcic f. 
«Aufhören», einer Abi. von gr. -rraOeiv «ab- 
lassen, aufhören machen», pausieren, v., 
im 16. Jh. aus irz. pauser, lat. pausäre. Schon 
mhd. püsen «rasten». 

^ Pause, f. (PI. -n), öst. auchBause: Ent- 
wurf, Umriß, Durchzeichnung. Von pausen, 
v.,namentKch in durchpausen «durchzeichnen». 
Im 18. Jh.; auch hausen, hauschen, pauschen. 
Vermischung aus hz.ehaucher «aus dem Rohen 
arbeiten, flüchtig entwerfen» u. poncer «durch- 



389 



pausten 



peilen 



390 



pausen ». ZUS. Paus-, Bauspapier, n. : dün- 
nes Papier, durch das man durchpausen kann. 

pausten, b. Luther Hiob 6, 26 statt pusten. 

Payian, m. (-[e]s, PI. -e): AtFenart mit 
hundskopfäbnlichem Kopf, cynocephalus. 1620 
bei C. GTesner richtig beschrieben. Ältester 
Beleg im Hochd. 1551 bei Scheidt Grob. 374 
Bauian. 1586 b. Loniceras 321 * Pafyon, sonst 
Pauion. Entl. aus dem Ndl. (1598 bei Kilian 
taviaen) u. dies aus frz. bahouin (18. — 14. Jh.) 
von haboue «Maul». Nicht aus mlat. papio m. 
«Waldhund». 

Pärillon (spr. -iljq), m. (-5, PI. -s) -. Zelt- 
haus, Flügel eines Palastes; Sommer-, Garten- 
haus mit rundem Dache. Erst Anfang des 
18. Jh. entl. aus glbd. ixz. pavillon m. von lat. 
päpilio m. «Schmetterling», im 8. Jh. n. Chr. 
«ein (dem fliegenden Schmetterling ähnlich 
ausgespanntes) Zelt, Lustzelt». 1710 b.Nehring 
P. als neu, nicht bei Wächtler 1703. Ein Beleg 
(paviglion) von 1610 — 1619 bei Hechtenberg. 
Aber schon früher einmal entl., mh.d.pavilün, 
pavelün,poulün, md.paulün n. u. mhä.pavilüne, 
pavelüne, pabelüne, md. auch pauwelüne, zgs. 
mhd. j30M?Äne f. «Zelt»; 1477 cley. pauwelioen. 

Pech, n. (-[e]s, PI. [Pecharteu] -e): dick 
eingesottnes u. geläutertes Harz von Nadel- 
holz. Mhd. bech, pech n. (u, so noch älternhd., 
z. B. 1664 bei Duez u. Schottel), ganz selten 
pfich, ahd.peh,pech n. «Hölle, Pechhölle, Pech»; 
dazu and. pik n. «Pech», ags. pic n. Aus lat. 
picem, dem Akk. von pix f. RA. Pech haben : 
Unglück haben, vom Vogel, der an der Pech- 
rute hängen geblieben ist. Zum Teil mag das 
alte höllisches Pech = «Hölle» mitgewirkt 
haben, wie bei Rollenh. 3, 1, 11, 182 PecÄ «Un- 
glück;«. ABL. pechig, pechicht, adj., 1687 
bei Kramer pechigt, 1741 bei Frisch pechig. 
ZUS. Pechblende, f.: Eisenpecherz. 1778 
im Chemn. Bergm. WB. 96. Pechdraht, m., 
1678 bei Krämer Pechdratt Pechhütte, f.: 
Hütte, in der Pech gesotten wird. 1691 bei 
Stieler. RA. bis in die Pechhütte: unendlich 
lang, weit. Pechkranz, m., 1547 bei Soltau 
Volksl. 385 bechkräntz. Pechnelke, f.: die 
nelkenähnl. blühende Pflanze lychnis viscaria. 
1801 bei VoJ3 Ged. 2, 302. Pechpfanne, f : 
eiserne Pfanne mit Pech. Bei Lohenstein 
Arm. (2, 885^). pechschwarz, schon mhd. 
bechswarz, älter swarz als ein bech, schon bei 
Ovid Metam. 12, 402 pice nigrior atra. Auch 
pechkohlrabenschwarz, vgl. ZfdW. 8, 247. 

Pechstein, m.: silex piceus. 1807 bei Goethe 
Nat. S. 9, 29, 7. Pechstiefel, in der RA. 



in Pechstiefeln fangen, vgl. ZfdW. 8, 324. 
Pechyogel, m.: Mensch, der Unglück hat. 
Als Student, bei Schmeller ^ 2, 522. Vgl. oben. 
Pedal, n. (-[e]s, PI. -e): die beim Spielen 
der Orgel zu tretenden Tasten; die zu treten- 
den Züge am Klavier; (scherzhaft) Fuß (1727 
bei Aler). In 1. Bed. 1572 bei Roth. Aus 
nlat. pedale, dem N. zu dem Aäj. pedalis «zu 
den Füßen gehörig», von lat. pes, peäis «Fuß». 
Pedant, m. (-en, PI. -en): Schulfuchs, 
! Kleinigkeitskrämer. 1616 bei Albertinus Lu- 
I cifer 150 L. 1639 b. Zincgref 1, 83 petant. Aus 
I glbd. frz.pedantm. u. dies ans itsl. pedäiite ib., 
; das im 15. Jh. wie noch im Piemontesischen 
einen «Hofmeister» bedeutet. Die Ableitung 
i von einem nach gr. -rraibeüeiv «erziehen, unter- 
richten» umgebildeten ital. *pedare ist nicht 
I sicher. Pedanterie, f. (PI. -n): Kleinigkeits- 
' krämerei, peinliche Sorgfalt. 1716 bei Ludwig; 
1668 bei Schupp 5 pedanter etj. Aus irz.pedan- 
terie f., ital. pedanteria. pedantisch, adj. 
1663 bei Schupp. Aus frz. pedantesque, ital. 
pedantesco. 

Pedell, m. {-[e]s, -en, PI. -[e]n); Gerichts- 
! böte, Schuldiener, bes. Universitätsdiener. Im 
15. Jh. pedel{l), bedell, auch pedelle m. «Ge- 
richtsbote, Universitätsdiener», 1477 clev. be- 
delle m. aus mlat. pedellus, bedellus, früher 
bidellus u. dies von ahd. bital, bitel m., mhd. 
bitel «Freier, Brautwerber, Diener, Ausspäher 
u. dann Häscher» zu bitten «einladen». 
Pedest, s. Podest. 

Pegel, m. (-S, PI. wie Sg.): Maßstab, um 

die Höhe der Flüsse zu messen. Aus dem 

Nd., mnd. pegel m. « ein Merk oder Zeichen 

in Gefäßen für Flüssigkeiten zur Bestimmung 

ihres Inhaltes (Ring, Knopf usw.), dann die 

dadurch bezeichnete Teüung (Hälfte, Viertel) ; 

dann überhaupt ein Maß zum Abmessen des 

Wasserstandes»; dazu ndl. pegel m. «Aich-, 

Visierstab bei geistigen Getränken» u. daraus 

peil f. «Messung mit dem Visierstabe, Aiche, 

i Zeichen am Wein- u. Biermaß, Merkzeichen 

als Maß der Höhe u. Tiefe des Wasserstandes», 

I ags. jJcegfeZ, engl. pai'Z «Weingefäß». Aus dem 

' Mnd., dän. pägl «Nössel», schwed. dial. pel. 

Vielleicht zu vaen^l. pegge, engl, peg «Pflock, 

Pinne», die vielleicht zu lat. baculuni n., gr. 

ßctKTpov «Stock, Stab» gehören. Vgl. Walde. 

j Vgl. peilen. 

I peilen, v.: mit dem Senkblei Tiefe und 
I Grund des Wassers messen. Aus glbd. ndl. 
peilen, zuerst «visieren», d. h. «den körper- 
j liehen Raum eines Gefäßes mit dem Maßstab 

25* 



391 



Pein 



Pendel 



392 



dafüi- untersuchen od. messen», aus glbd. ndl. 
peghelen (1598 b.Kilian), ins Md. vorgedrungen, 
1482 im voc. theut. z 8* baygeln nehen prüfen, 
fißiern (visieren) «schätzen (taxieren), nach 
(Maß u.) Wert prüfen, berechnen». Selbst ins 
Schweiz, gekommen, Schweiz, heilen «mit dem 
Visierstab amtlich messen», heile f. «Kerbholz». 

Pein, f. (ohne PI.): empfindlich beun- 
ruhigendes Übel, beunruhigender, bedrängen- 
der Schmerz. Bei Luther Pein. Mhd. pin(e) 
f., pin m. «Strafe, Leibesstrafe, Qual, Pein, 
Anstrengung, Eifer», ahd. ptna, auch hina f. 
«Mühseligkeit, Drangsal, empfindlich beun- 
ruhigendes u. bedrängendes Übel, Marter»; 
dazu asächs. pina f. «Qual», ndl.pijn, aiva.pine, 
ags. pin, engl, pine, anord. pina f., schwed. 
pina, dän. pine. Durch das Christentum aus 
lat. poenat «Strafe» (gespr. pena) gekommen. 
Eine nochmalige Entlehnung s. unter Pön. 
ABL. peinigen, v., mhd. u. bes. md.pinegen, 
pinigen, pingen «strafen, quälen», eingetreten 
statt des altern mhd. u. md. ptnen, ahd.pmön. 
Dazu mnd. pmigen, afrs. plnig{i)a u. punighia. 
Davon Peiniger, m. (-s, PI. wie Sg.), spät- 
mhd., u. Peinigung, f., im 15. Jh. pinigunge, 
peynigung, pingung f. ; dafür mhd. pinunge f., 
ahd. pitiunga,phhiunga-t peinlich, adj., mhd. 
u. md. pinlich «qualvoll, schmerzlich», später 
auch «straffälhg», wovon das jnd.Adv. pinliche, 
unser Adv. peinlich. Vgl.Meyer400 Schlagworte 
85. Davon Peinlichkeit, f., mhd. pinlicheit. 

Peitsche, f. (PI. -n): schwankes, in eine 
Schnur, einen Riemen usw. endendes Werk- 
zeug zum Schlagen. 1616 bei Hemsch peitscJie, 
heitsche, peutsche, Beutsch, bei Luther (1. Kön. 
12, 11 u. 14) Peitzsche f., 1482 im voc. theut. 
y b^ peitsch, schles. im 15. Jh. peytsche, am 
ältesten im 15. Jh. picze (bei Diefenb. -Wülcker 
796). Aus poln. hie m., tschech. hie m. von 
poln. hie, tschech. hiti «schlagen». ABL. 
peitschen, v., 1642 bei Duez. 

Pek^SChe, f. (PI. -n): Überrock mit 
Schnüren u. Quasten. Bei Goethe 27, 372. 50, 1 90. 
1791 b.Roth. Aus poln. be/ciesa «Pelzoberrock». 

pekuuiiär, adj. u. adv.: die Vermögenslage 
betreffend, in Geld bestehend. Aus glbd. frz. 
pecuniaire von lat. pecüniärius zu pecünia f. 
«Geld, Vermögen». 1813 bei Campe. 

pekzieren, v.: sich vergehen, etwas ver- 
sehen. 1572 bei Rot. Aus glbd. lat. peccäre. 

pelemele (sTpr. pälmäl), adv.: durcheinan- 
der. Aus glbd. h'z.pele-mele, unbekannter Her- 
kunft. 1694 bei Nehring. 1652 bei Laurem- 
berg 3, 337 pesle-niesle. 



Pelikan, n. {-[e]s, PI. -e): Der Vogel 
pelecanus onocratalus. Mhd. im 14. Jh. pellican 
aus lat.-gr. pellicanus, gr. ireXeKciv m. 

Pelle, f. (-n): dünne Haut. Nd. 1741 bei 
Frisch. Aus lat. pellis f. «Fell, Haut, Leder», 
woher auch nd\.pel, englpeel. ABL. pellen, 
V., 1781 bei Kindleben. Damit zgs. Pell- 
kartoffel, f.: Kartoffel in der Schale. 

Peloton (sTpY. plot(^), n. (-5, PI. -s): Rotte, 
d. h. Abteilung von 20 — 40 Fußsoldaten, bes. 
daza, daß sie zugleich abfeuern. 1710 bei 
Nehring der PI. Pelotons. Aus glbd. frz.-span. 
peloton m. von irz. pelote f. «Ball, Knäuel», 
span.-port.-prov.peZoto f. «Ball», ital.pillöta f. 
«kleiner Ballen», abgel. von lat. pila f. «Ball». 

PelÖtte, f. (PI. -n): Ball, Knäuel. 1728 
bei Apinus. Aus frz. pelote f., s. Peloton. 

Pelz, m.: Haarfell, weich behaarte Tier- 
haut, auch zu einem Kleidungsstück bereitet; 
(bildl.) dichte weiche Decke von Pflanzenwuchs 
usw. Bei Luther (Hebr. 11, 37) peltz, üblicher 
älternhd. heltz (noch tief im 18. Jh. Beltz neben 
Peltz, 1741 bei Frisch nwc Beiz, während Ade- 
lung Pelz verlangt). Mhd. heilig, heilig, helleg, 
selten pelleg, auch heiz, pelz m., ahd.pellig, heilig 
«Pelzkleidungsstück, Pelzfutter» aus mlat.pel- 
licia f. (zu ergänzen vestis f. «Kleid»), dem 
subst. Fem. des lat. Adj.pellicius, pelliceus «aus 
Fellen gemacht», von pellis f. «Fell». ABL. 
pelzen, v.: des Pelzes u. dgl. durch Abziehen 
benehmen (schweiz.-els.) ; durch Schlagen auf 
den Pelz (die Haut) züchtigen (in obd. u. md. 
Ma.). pelzicht, pelzig, adj., 1691 bei Stieler 
pelzicht, 1678 h. Krämer pelzig «holzig». ZUS. 
Pelzwerk, n.: die für den Handel zubereiteten 
Felle (Pelze). 1356 mhd. helzwerc n. 

pelzen, v.: pfropfen, besonders zwischen 
Rinde u. Holz. Bis in die neuste Zeit meist 
heizen geschrieben. Mhd. heizen (auch «pflanzen, 
pflegen»), ahd. pelzön. Aus einem vulgärlat. 
*impellitäre (zgs. aus in «hinein» u. einer Abi. 
Mon pellis f. «Haut, Rinde»), also eig. «in die 
Rinde einsenken», woher prov. empeltar. 

Pendant (sipr. p^dq), n. (-s, PI. -s) : Gegen-, 
Seitenstück. Das frz. pendant m. «(Ohr)Ge- 
hänge. Gegenüberhängendes, Gegenstück», das 
subst. Part. Präs. von frz. pendre «hangen, 
hängen», aus lat. pendere, s. Pendel. 1703 bei 
Wächtler Pendanten «Ohrgehänge». 

Pendel, m. n., öst. nur n., bayr. nur m. 
(-S, PI. wie Sg.) : das Schwinggewicht, bes. an 
einer Uhr. 1716 bei WolÖ" noah pendulum n., 
das mlat.pendulum«8chwmggewicht, Perpen- 
dikel» (noch engl, pendulum in dieser Bed.), 



393 



penetrant 



perfekt 



394 



das subst. N. von lat. pendulus adj. «herab- 
hängend, schwebend», von pendere «hangen, 
herabhangen, schweben». (Daher auch frz. 
pendule m. «ühr», d. Pendüle, f. [PI. -nj.) 
1747 im Math. Lex. Pendul u. noch 1801 bei 
Campe Pendul («man spricht Pendel-»). ABL. 
pendeln, v.: hin- u. herschwingen. Ganz 
junge Bildung. ZTJS. Pendeluhr, f.: Uhr 
mit Perpendikel. 1716 bei Wolfi" Penduluhr. 

penetrant, adj.-. durchdringend. 1703 bei 
Wächtler. Aus frz. penetrant, adj., dem Part. 
Präs. zu penetrer u. dies von lat. peneträre 
« durchdringen ». 

penibel, adj.: peinlich, mühsam, sorgfältig. 
1727 b. Sperander. Aus hz. penible, abgel. von 
peine f. «Mühe», also «wer sich Mühe macht». 
^Pennal, m. {-[e]s, PI. -e u. [bayr. nur) 
Pennäler): Gymnasiast. Im 17, Jh. Pennal 
«Student im I.Semester», vgl. Meier Studenten- 
spr. 90. Urspr. das Pennal, eins mit dem folg., 
also «Federbüchse», wie um 1600 auf deutschen 
Universitäten von den altem Studenten als den 
Herrn u. Meistern (den Schoristen) spottend 
u. verächtlich der Student in den ersten Se- 
mestern benannt wurde, wahrscheinlich weil 
dieser noch gewissenhafter die Vorlesungen 
besuchte u. also die Federbüchse mit sich 
führte. Nach dem jetzt weitverbreiteten PI. 
Pennäler hat man auch einen Sg. Pennäler 
gebildet, der üblicher ist als Pennal. 

^Pennal, n. (-[e]s, PI. -e): Federbüchse; 
(jetzt auch übertragen unter Einfluß d. vorigen) 
Gymnasium. 1482 im voc. theut. y 5^^e?2wä^ 
aus mlat. pennale «Federköcher», dem subst. 
N. des mlat. pennalis adj., von lat. penna f. 
«Feder», im 6. Jh. «Schreibfeder». 

Penne, f. (Pl.-w): Herberge; (in d. Schüler- 
sprache) Schule. Aus der Gaunersprache, wo 
1750 Benne «Herberge», 1687 ein gescheide 
Bonne «ein Hauß da die Spitzbuben aus- u. 
eingehen» (Kluge 167, 79). ZUS. Pennbru- 
der, m. : Landstreicher, • Bettler, 

Pension (spr. pqzion od. penzion), f, (PI, 
-en): Ruhegehalt (im 18. Jh. 1727 b. Sperander 
«Gnadengeld»); Kostgeld in einer Erziehungs- 
anstalt (1710 bei Nehring); diese selbst (Goethe 
26, 189. 20, 29). Zuerst U45 (s. Germ, 28, 395) 
«jährliche Bezüge an Naturalien oder Geld», 
1540 b, Alberus dict. Oo 4* «Wucher, foenus», 
1571 bei Eot «Zins, Gült». Aus frz.pension f. 
«Bezahlung» von glbd. lat. pensio f., eigentl. 
«Wägung», dann «Zahlung, Mietzins», im Mlat. 
auch «Jahrzins, -lohn, Lohn», zu lat. pendere 
«abwägen». Pensionär, m. (-s, PI. -e): Kost- 



gänger, Zögling; Ruhegehalt Beziehender. 1727 
bei Sperander Pensionair e «ein Kostgänger», 
1572 bei Roth Pensionarius «ein Verzinser, 
der die Gült gibt». Aber schon im 16. .Jh. 
(Basler Chron. 1, 95 vom J, 1529) dienstman 
oder pensioner, auch 1561 bei Maaler. Aus 
frz. pensionnaire m. in beiden Bed. von mlat. 
pensionarius. Pensionat, n. (-[e]s, PI. -e), 
aus frz. pensionnat m. «Erziehungsanstalt», 
pensionieren, v.: in den Ruhestand versetzen, 
1694 bei Nehring «verzinsen», 1642 bei Duez 
«Rente tragen». Davon Pensionierung, f. 

Pensum, n. (-s, PI. -sen, -sa): Aufgabe. 
Das lat. pensum, N. des Part. Perf. pensus 
von pendere «wägen», also «das Abgewogne». 
Öfter bei Goethe, 1703 bei Wächtler, 

Pentagramm, n. (-[e]s, PI. -e): Fünf- 
winkelzeichen ^, Drudenfuß. Bei Goethe 
Faust 1396 Pentagramma. Zsg. aus gr. Tr^vre 
(in Zss. irevTa-) «fünf» u. tP^MM« «Zeichen», 

Pentameter, m. (-s, PI. wie Sg,) : der fünf- 
füßige Vers _i. vj=!. I _!. ww |_i.j_t.<-' w!_t.u v^|j.. 
Aus lat, (versus) Pentameter m. «der fünffüßige 
Vers», gl". TrevTci-iueTpoc, zgs. aus ix^vTe «fünf» 
u. dem von lu^rpov n. «Maß» gebildeten Adj. 
-|Li6Tpoc «messend». 1703 bei Wächtler. 

per, Präp.: durch, mit, gegen. Aus glbd, 
lat. per. In der Kaufmanns-, aber auch in 
der Umgangssprache in Verbindungen wie per 
Dampf, per Kassa «baar» (1694 bei Nehring), 
per express [per expressum «durch einen be- 
sondern Boten», 1727 b. Sperander ),j?er majora 
«durch die Mehrheit» (a. a. 0,), per Post (1728 
bei Apinus per posta), per Renommee bekannt 
(ebd.). Es stand also zunächst in lateinischen 
Redewendungen u. wurde dann mit deutschen 
Wörtern verbunden. Vgl. noch ZfdW. 4, 310. 

Percheron {?:\)r.perscherq), m, (-5, PI. -s): 
normannisches, jetzt schweres Pferd. Benannt 
nach der franz. Provinz Perche. 

Pereat, n. {-s, PI. -s): der Ruf «Nieder 
mit ihm». Das \dA. pereat, 3. Pers. Konj. von 
^enre «zugrunde gehen». Aus d. Studentenspr. 

peremtörisch, adj.: zwingend; endgültig. 
1579 in Scr. rer. Sil. 4, 251. Nach lat. peremp- 
törius adj. «tötend, tödlich», dann «unver- 
meidlich» von per-imere «vernichten». 

perfekt, adj.: vollkommen, abgeschlossen, 
gültig. 1558 bei H. Sachs 13, 473. Aus lat. 
perfectus, dem Part. Perf. Pass. von perficere 
«fertigmachen, vollenden, ausführen». Per- 
fekt, n. (-[e]s, PI. -e), unverkürzt Perfek- 
tum: die Zeitform der Vergangenheit. Das 
subst. N, des lat. perfectus. 



395 



perfid 



Perle 



396 



perfid, ad-.: treulos, tückisch. 1795 bei 
Goethe 22, 234 erklärt als «treulos mit Genuß, 
mit Übermut u. Schadenfreude». Aus frz. per- 
fide von lat. perfidus. 

Pergament, n. (-[e]s, PI. -e): zum Schreiben 
hergerichtete Tierhaut; eine Urkunde darauf. 
Bei Luther 2. Tim. 4, 13; ohne t Pergamen 
noch bei Goethe Faust 1108. 6611. Doch be- 
reits mhd. u. nd. pergamente, pergement(e) n. 
u. perment, permint{e), pirment, permit, perg- 
mit, ahd.j?ermiewf,urspmnglicher ohne tperga- 
min, pergimm aus m\.2ki. pergamenum, eig. «das 
pergamenische», von gr. TT^pYainov «Stadt in 
Mysien». ABL. pergamenten, adj., mhd. 
u. md. pergamentin, permiten, hirmttin. ZUS. 
Pergamentband, m.: in Pergament ge- 
bundnes Buch. 1741 bei Zedier. 

perhorreszieren (öst.-schweiz. mit rund 
s) : verabscheuen, als parteiisch verwerfen. Im 
17. Jh., aus lat. perhorrescere «durch u. durch 
schaudern, sich heftig entsetzen», zgs. aus 
lat. per «durch» u. horrescere «rauh werden», 

Periode, f. (PI. -n) : Kreislauf in der Zeit, 
regelmäßig wiederkehrendes Ereignis, Zeitab- 
schnitt; Satzgefüge (um 1530 bei Ickelsamer 45 
Periodus). Aus gr.-lat. periodus f. «Glieder- 
satz», gr. -rrepioboc f. «Um- oder Kreislauf», 
zgs. aus gr. Tiepi «um, herum» u. öböcf. «Weg, 
Gang»). Fiiiher auch M. (Herder über die neu- 
deutsch. Litt. 1, 123. 3, 34; Goethe Natw. S. 4, 
123; Schiller Xen. 280), Perioden M. (Goethe 
19, 91, wo der Akk. Sg. Perioden), gekürzt 
Periöd, m. {-en, PI, -en), bei Geliert Briefe 
(1758) S. 8. u. 17, der Akk. Sg. 76, auch stark 
(-es, PI. -e), im Leben der schwed. Gräfin von 
G . . , (1747) 1, 132 (Akk. Sg.) u. 2, 69 (Dat. 
Sg, Periode), periodisch, adj., von gr. irepio- 
biKöc, ZUS. Periödenbau, m.: der Bau, 
die Gliederung einer Periode. Im 18, Jh. 

Peripherie, f. (PI. -n) -. Kreisumfang, Um- 
kreis. 1727 bei Sperander. Aus gr.-lat. 2?«^- 
pheria f., gr. Trepiqp^peia f. «Umlauf, Kreisum- 
fang» von gr, TTepiqp^pecGai «sich henambe- 
wegen», zgs. aus -rrepl «um» u, dem Medium 
von qp^peiv «tragen». 

Perle, f. (PI. -n)-. in einer Muschel er- 
zeugtes zum Schmuck dienendes Kügelchen 
u. ähnliches; der (ihm ähnliche) helle Tropfen, 
Träne; (bildl.) Vorzüglichstes, Edelstes seiner 
Art (bei Luther Matth. 7, 6). Bei Schottel, 
Steinbach, Frisch entschieden mitP., aber 1691 
bei Stieler Berl neben Perl, bei Luther Perle, 
einmal (Hiob 28,18) Berle, 1537 b. Dasypodius 
130^ härle; mhd. berle f,, md.perle, ahd. perula, 



perala, per{e)la, her(a)la, berle, and. perula f. 
(calculus). Aus frühmlat. perula f. (im 9, Jh, 
auch perulus m.), woraus port. perola, selten 
perla, ital.-span.-prov. per?a, ivz. perle f. Wahr- 
scheinlich auf ein volkslat. pirula f. «kleine 
Birne», b, Isidor «Nasentropfen» zurückgehend; 
nach andern aus *pernula von lat. perna f, 
«Muschel», Durch Anlehnung an Beere ent- 
stand mhd. berlm n., noch 1741 bei Frisch 
Perlein. Eine ältre Bezeichnung der Perle 
ist got. marikreitus m. aus gr. inapYapixric f., 
umgedeutet zu «Meergries» in ahd. mericreo^, 
marigreog, merigriog m., mhd, mergriege m., 
asächs. merigriota, meregrita m., ags. mere- 
greot n. ABL. perlen, v. : tropfen, perlartig 
glänzen. Bei Voß Ged, 6, 210. Schon mhd. 
berlen, perlen aber in der Bed. «mit Perlen 
schmücken, schmücken», bei Frauenlob auch 
«tropfenweise gießen», perlicht, perlig, adj.: 
der Perle ähnlich (1741 h.Yrisch perlicht). Mhd, 
berieht «mit Perlen besetzt». ZUS. (mit Perl) 
Perldruck, m,: Druck mit der Perlschrift 
(s,d,), 1741 b, Frisch. Perleule, f.: Schleier- 
eule mit perlartigen Flecken auf den Flügeln, 
1763 bei Frisch Vorstellung der Vögel 7, C 2*. 
Perlgerste, f.: die runden feinen Gersten- 
graupen, die wie die Perlen gleichmäßig sind. 
1672 bei Grimmeishausen 3, 368, 12 Kz. Perle- 
gerstsüppgen. Perlgras, n.: die Pflanzen 
melica nutans u. uniflora. Die Benennung 
daher, daß am abgebrochnen Fruchthalm sich 
beim Streifen mit dem Nagel ein einer Perle 
ähnlicher Tropfen bildet. Perlhuhn, n. : eine 
Unterfamilie d. Fasanvögel, numida meleagris 
L. benannt nach der lichten Perlfleckung. 1750 
bei Klein bist, avium prodr. 111; 1772 im 
Forstlex. Perlinen. Perlmuschel, f. : concha 
perlarum. 1563 b. Forer Fischbuch 132^. 134* 
perlinmuschel, 1678 bei Krämer Perlenmuschel, 
also zgs. mit Perlein, s. o. Perlmutter, f., 
bei Goethe Natw. S. 1, 256, Kleist, Tieck u. a. 
auch N. (ohne PI.): innre Schicht der Schale 
der echten Perlmuschel. Gekürzt aus Perle- 
mutter (1561 bei Maaler) u. dies aus Perlen- 
mutter, 1587 bei Lonicerus 367*». 357^ in der 
Bed. «Muschel, in der man Perlen findet». 
Man sah jene Muschel als Erzeugerin (Mutter) 
der Perle an (daher ital. madreperla, frz. mere 
perle). Noch älter Perlinmutter, zgs.vaitperlin 
(s. 0,), wie noch 1663 bei Schönsleder. Schon 
1428 ganz in heutiger Bed. Davon perl- 
muttern, adj., spätmhd. berlinmuoterin. Bei 
Voß Id. 13, 104 (1801 Werke 2, 219) gekürzt 
perlenmutten. Perlschrift, f., auch geküi-zt 



397 



permanent 



Perücke 



398 



Perl f.: die zweite Größe der Buchdrucker- 
schrift. Perlsucht, f. : Krankheit der Kühe, 
benannt nach den dabei auftretenden Knötchen. 
Sucht ist «Krankheit», s. Schwindsucht Perl- 
ZWiebel, f.: die Pflanze allium sativum. 

permanent, adj.: dauei-nd, ständig. Im 
17. Jh. Aus glbd. frz. permanent von lat.perma- 
nens, Part. Präs. von permanere «andauern». 

Perpendikel, m.n. (-5, PI. wieSg.): Rieht-, 
Senkblei (1710 bei Nehring Perpendiculuni); 
schwingende Rute mit Gewicht an der Uhr 
(1703 b. WächÜer perpendicul, von Konstantin 
Huygens f 1677 erfunden). Aus lat. perpendi- 
culum n. «Richtblei, Bleilot» von Idd^.perpendere 
«genau abwägen», perpendikular, perpen- 
dikulär, adj.: senkrecht. Kws, \sX. perpendi- 
culäris u. perpendiculärius adj.: senkrecht». 
1703 bei Wächtler perpendicular. 

perpetuierlich, adj.: beständig, fort- 
während. Im 17. Jh. Y on perpeiuierenv. «be- 
ständig fortsetzen, in etwas verharren» (1710 
bei Nehring), das auf glbd. frz. perpetuer zu- 
rückgeht. Von glbd. lat. perpetuäre. 

perplex, adj. u. adv.: vei'wirrt, verblüfft. 
1669 im Simpl. 446. Ndl. 1632 bei Kilian. 
Aus mlat. perplexus «verworren, bekümmert, 
niedergeschlagen, verblüfft», im klass. Lat. 
«verflochten, verworren, unverständlich», dem 
Part. Perf. Pass. von lat. *perplecfere «um- 
flechten». 

Perron (spr. -rq), m. (-S, PI. -s): Bahn- 
steig. Mit dem Eisenbahnwesen verbreitet, aber 
schon früher üblich. 1834 bei Petri «Auftritt, 
Freitreppe». Nicht bei Campe, aber schon 
1727 bei Sperander «Altan, Freitreppe». Aus 
frz.perron m. «Freitreppe». Abgel. von^zerre 
f. «Stein» von glbd. lat. petra f. 

Persenning, f. (PI. -en), s, Presenning. 

persiflieren, v.: verspotten, hohnecken. 
Im 18. Jh. aus irz. persifler, eig. «auspfeifen», 
zgs. mit per, lat. per u. siffler, lat. sibüäre 
«zischen, pfeifen». Persiflage (spr. -äze), f. 
Aus irz. Persiflage m. 1786 b. Wieland Horaz 
Sat. 2, 148 N. 

Person, f. (PI. -en)-. das in seiner Eigen- 
tümlichkeit erscheinende geistige Wesen; die 
äußre Erscheinung des Menschen (Jem. von 
Person kennen); das selbstbewußte Einzel- 
wesen; ein weibHches Wesen (im 17. Jh.), viel- 
fach verächtlich; (in der Rechtssprache) ein 
gewisser Rechte fähiger Mensch oder eine 
Körperschaft (juristische Person). Mhd. (be- 
reits früh im 13. Jh.) u. md. pers6n(e) f. in 
1. Bed., vornehmlich aber von jeder der 3 Per- 



sonen der Gottheit, dann auch «Gestalt, Aus- 
sehen». Entl. wie auch mnd\. persoon aus lat. 
persona f. «Rolle, Charakter einer Person; 
Larve, Maske des Schauspielers, Person», im 
Mlat. auch «Mensch von Bedeutung od. An- 
sehen». Im 16. Jh. wurde das Wort durch 
die Übersetzung lateinischer Komödien in der 
Bed. «Rolle des Schauspielers, Maske» noch 
einmal aufgenommen. 1572 bei Rot «ein ge- 
machts angsicht, ein schempari, Butzn Antlitz». 
Daher noch die Personen auf dem Theater- 
zettel, die lustige Person bei Goethe Faust. 
Personal, n. (-[e]s, PI. -e): Gesamtheit zu- 
sammengehöriger Personen, die Angestellten, 
der Lehrkörper. 1811 bei Goethe 26, 19. 1791 
bei Roth noch Personale. Das subst. N. des 
nlat. Adj. per sonalis «persönlich» Yon persona. 
Personalien, pl.: Lebensumstände, persön- 
liche Verhältnisse. 1691 bei Stieler. Das N. 
Plur. des Adj. personalis (s. o.). Personi- 
fikation, f.: Übertragung einer Person auf 
eine Sache, Verkörperung. Im 18. Jh. bei 
Herder «Personendichtung». Aus frz. per sonni- 
fication f. von personnifier, wonach personi- 
fizieren (bei Herder ebr. Poes. 1,114) unter 
Einwirkung eines mlat. personificare «zu einer 
Person machen (facere)y>. persönlich, adj, 
u. adv.: in eigner Person, die Person angehend. 
Mhd. persönlich, im 15. Jh. auch persoenlich. 
Davon Persönlichkeit, f. (Pl.-en), im 15. Jh. 
personlicheit, Persönlichkeit (Myst. 1, 150, 37). 

PerspektlT, n. {-[e]s, PI. -e): Fernrohr. 
1624 bei Zincgref Auserles. Ged. 26 (Ndr.) 
perspectieff. Aus dem subst. N. des nlat. Adj. 
perspectivus von lat. perspectus, dem Part. 
Perf. Pass. von lat. perspicere «durchsehen, 
deutlich sehen» (zgs. ans per «durch» u. spicere 
«sehen». Perspektive, f. (PI. -n): Fernsicht, 
Ferndarstellung; Aussichten (für die Zukunft). 
Aus frz. perspective f. «Sehkunst, Fernsicht», 
dem Fem. jenes nlat. Adj. Im 16. Jh. entl. 
1531 bei Franck Chron. 253; 1575 im Garg. 195 
perspectiff, wie auch noch im 18. Jh. Perspektiv. 
Im 18. Jh. auch N., so bei Brockes 4, 287. 
perspektivisch, adj.: aus der Feme gesehen, 
verkürzt, 1644 bei Harsdörfer Gespr. 4, 164. 

Perücke, f, (PI, -n): künstliche Haarbe- 
deckung des Kopfes; Perückenträger (Goethe, 
Schiller). Noch bei Weigand * Perrücke. Im 
17. u. 18. Jh. u.noch mnndartl. Parucke,Parücke 
(bei Lessing 4, 396, 1678 bei Krämer Parucke 
neben Perrucque). 1650 bei Moscherosch 1, 271 
perucque. Aus glbd. frz. perruque f. u. dies 
aus ital. perruca, parruca (aus letzterm die 



399 



pervers 



Fetter 



400 



deutschen Formen mit a). Unbekannter Her- 
kunft. ZUS. Perückenmacher, m., 1678 bei 
Krämer Paruckenmacher. Perückenstock, 

m.: Gestell für die Perücke. 1716 bei Ludwig. 

pery^rs, adj.: widernatüi-lich verkehrt. 
1791 bei Eoth. Aus frz. pervers u. dies aus 
lat. perversus, Part. Perf. Pass. von pervertere 
«umkehren». Perversität, f.: tiefe Verderbt- 
heit. Aus glhd.frz. perversite f. von lat. perver- 
sitas f. 1801 bei Campe. 

Pesel, m. (-S, PI. wie Sg.): heizbares Ge- 
mach, die beste Stube im Hause, Hausflur, 
Häufig bei Storm, z. B. Ges. Sehr. 12, 229. 
Holst. Nd. pisel, mnd. pisel, pesel m. «heiz- 
bares Gemach, große Stube, Staatsstube». Da- 
für bayr. Pfiesel f. «stark geheizter Trocken- 
raum in Salzsudwerken». Mhä. phi(e)sel m. n., 
sihd. phiesal, phesal «heizbares Frauengemach», 
wahrscheinlich aus lat. petisüis «hängend» in 
halneae pensiles «Badezimmer mit einem von 
unten erwärmten Fußboden». 

Pessimismus, m. (Gen. wie Nom.): Nei- 
gung, alles schlecht zu finden, Schwarzseherei. 
Neulat. Bildung von lat. pessimus «der schlech- 
teste» vom Anfang d. 19. Jh. Dazu Pessimist, 
m. (-en, Pl.-en), 1834 b. Petri. Vgl. Ladendorf. 

Pest, f. (PI. -en): die morgenländische 
höchst ansteckende Seuche mit Beulen, die 
Beulenpest; tödliche Seuche überhaupt. 1582 
im Garg. 320; 1555 bei Wickram Rollw. (Kz.) 
41, 27 Pestia, im 16. Jh. in der Zimm. Chr.^ 
öfter, z. B. 1, 463, 10 Pestis. Aus lat. pestis f. 
«ansteckende Krankheit, Seuche». ZUS. Pest- 
beule,f.,1719 b.Kramer, dafür l618Pestilentz- 
heule wie schon 1642 bei Duez. Pesthauch, 
m.: verpesteter Hauch. 1807 bei Campe. 

Pestilenz, f. (PI. -en): urspr. gleich Pest, 
jetzt nur noch in deren 2.Bed. Md. im I.Viertel 
des 14. Jh. pestüencie f., im 2. Viertel pestüentz 
m., 1376 pestüents, bei Luther Pestüentz f. 
Aus lat. pestilentia f. «ansteckende Krankheit, 
Seuche» von pestis, s.Pest. pestilenziälisch, 
adj., im 16. Jh. Aus mlat. pestilentialis adj. 
«die Pest angehend, verderblich» von lat. pesti- 
lentia, s. 0. Im 15. Jh. pestilenzisch. 

Petarde, f. (Vl.-n): Sprengmörser, Spreng- 
geschoß, Feuerwerkskörper. 1617 bei Wall- 
hausen 116, 1663 bei Schottel Petarde. Aus 
glbd. frz. petard m., ital. petärdo, abgel. von 
peter «farzen», also eig. «der Farzer», ein 
scherzhafter Soldatenausdruck. 

Peter, Mannsname, mhd. Peter, Petir, ahd.- 
asächs. Peter. Daneben Petrus, ags. Petrus, 
got. Paitrus, aus gr.-lat. Petrus, gv. TT^rpoc, 



eig. «Fels». Vielfach als Appellativum wie 
dummer, fauler, hölzerner Peter (dies 1673 bei 
Weise Erzn, 58). Schivarzer Peter, ein allge- 
mein verbreitetes Kartenspiel. Vgl. Wacker- 
nagel Kl. Sehr. 3, 154. ZUS. Peterspfennig, 
n. : Gabe für den päpstlichen (St. Peters) Stuhl. 
Bei Luther Tischr. 362 d. Vgl. Ladendorf. 

Petersilie, f. (PI. -n) : die Küchenpflanze 
äpium petroselinum. Mhd. petersilie, -silje, 
-sille, petrosile f., petersil n. m,, ahd. pedar- 
silli, petrasile, pedarsil n., auch umgewandelt 
federscelli, vgl. noch ZfdW. 6, 191. Aus mlat. 
petrosilium n., für gr.-lat. petroselinum n., 
gr. irexpoc^XTvov «Steineppich», zgs. aus gr. 
TT^rpoc m. «Stein» u. c^XTvov n. «Eppich». 

Petition, f. (PI. -en): Gesuch, Bitte, Bitt- 
schrift. Md. im li. Jh. peticiön f., aus lat.petitio 
f. «Verlangen, Ansuchen, Bitten», von petere 
«bitten», petitionieren, v., ziemlich jung, 
noch nicht 1834 bei Petri. Nach frz. petionner , 
V., das 1792 als Neubildung bezeichnet wird. 

Petrefakt,m. (öst.nur) n. (-[e]s, Pl.-e[%]): 
Versteinerung. 1791 bei Roth. Eine Neu- 
bildung aus gr. TT^xpoc m. «Stein» u. lat. factus, 
Part. Pers. Pass. von facere «machen». 

Petroleum, n. (-s, ohne PI.) : stein-, Erdöl. 
1540 bei Alberus dict. Cc3^ Petroleum, Öl, 
fleust auß den Felsen. Zsg. aus gr, Tr^xpoc m. 
«Stein» u. lat, oleum «Öl». 

Petschaft, n. {-[e]s, PI. -e) : Handstempel 
zum Siegeln; der Siegelabdruck. Bei Luther 
Haggai 2, 24 Pittschafft in Pittschaff tring. Schon 
im 14. Jh. petschaft n,, unter Anlehnung an 
-Schaft umgebildet aus mkdi.petschat, hetschat, 
auch petscheit, noch 1429 pitzschet, nach der 
Mitte des 15. Jh, auch noah petczet, aus glbd, 
tschech. pecet m. u. pecet' f. 

Petschier, n. {-[e]s, PI. -e): Petschaft. 
Jetzt durch Petschaft verdrängt, aber noch 
bei Voß Luise 3, 1, 9 Pitschier n. Bei Luther 
1. Kön. 21, 8 Pitschir n.; 1539 bei Serranus 
dict. y8^, H.Sachs usw. betschier. Im 15. Jh. 
nach dem folg, Verb gebildet, petschieren, 
V.: mit einem Petschaft schließen. Im 15, Jh. 
(1429) pytzscheren. Eingetreten für mhd,(l257) 
verpetschaten «versiegeln», aus glbd, tschech, 
pecetiti. Schweiz, jetzt auch übertragen «an- 
schmieren, betrügen», u, daher bei G, Keller 
Werke 4, 140. Auch pitschieren. 

Petter, m, (-s, PI, wie Sg.): Pate, Nur 
noch mundartl., namentlich westmd. 1669 im 
Simpl, 401 Petter, 1360 md, petir m, (Baur 
Arnsb,Urk,535), 1420 nd. peter; ursprünglicher 
noch im Odenwald Pettern, mndl. im 14. Jh. 



401 



petto 



Pfalz 



402 



petern. Aus mlat. patrinus m, «Pate, geist- 
licher Vater», einer Abi. von pater «Vater». 
Obd. mit Lautverscliiebung P/e^fer, noch eis.; 
mhd. pheter, pfetter. 

petto, nur in den RA. in petto haben «in 
Bereitschaft, auf dem Herzen haben», 1801 
bei Campe in petto behalten «verschweigen». 
«Die Päpste pflegten die Namen derer, die sie 
zu Kardinälen machten, oft eine Zeitlang ge- 
heim zu halten, welches man in petto behalten 
nannte». Ital. petto m. «Brust», aus lat. pedus 
n, 1727 bei Sperander havere ä petto «auf 
dem Herzen haben», 

Petunie, f. (PI. -n): die Pflanzengattung 
petunia, die aus Brasilien stammt. 

Petz, m. (-es, PI. -e) : trauliche Benennung 
des Bären. 1531 bei H. Sachs 5, 243 betz. 
Früher auch Bätz geschrieben. Koseform zu 
Bär, wie Spatz zu Sperling. Bei H. v. Kleist 
Hermannsschlacht 5, 16 Petze f. «Bärin». 

Petze, f. (PI. -n): Hündin; Hure. Erst 
im 17. Jh., z. B. 1673 bei Weise Erzn. 128 
Pätz u. Bätz, auch vom Hunde, wie bei Voß 
Id. 8, 116 (1801 Werke 2, 140) die Bez. Un- 
erklärt. Viell. nach Weigand aus *bekze u. 
zu ags. bicce f., engl, bitch, anord. bikkja f., 
norw. bikje, älterdän. bikke «Hündin». 

petzen, pfetzen, v.: zwicken, kneifen 
(Goethe Urfaust659); (bildl.) heimlich angeben 
(namentlich in der Schülersprache, in Leipzig, 
Magdeburg- usw., 1781 beiKindleben anpetzen). 
petzen ist md. u. nd., obd. pfetzen. Bei Luther 
3. Mos. 19, 28. 21, 5 u. 1540 bei Alberus dict. 
HH3* u. Yk2^ pfetzen «einzwicken, -drücken», 
1561 bei Maaler j^/äY^'ew «rupfen u. übel reden, 
schelten» (was die obige 2. Bed. anbahnt), 
1482 im voc. theut. n2* pfotzen «stimulare», 
in der 1. H. des 15. Jh. pfetzen «mit Krallen 
packend klemmen», mhd. pfezzen «berühren, 
kitzeln». Von Weigand aus afrz. apiter «mit 
den Fingerspitzen berühren», span. apitär 
«anhetzen» abgeleitet. Kaum richtig. ABL. 
Petze, f.: Angeber, in der Schülersprache. 

Pfad, m. {-[e]s, PI. -e): schmaler betretner 
Weg. 1664 bei Rachel 6, 253. 8, 147 Ntr. 
Mhd. pfat m. (PI. -de) u. n. (PI. pfat, pfeder), 
md. pat, pfat, ahd. pfad, fad, päd (PI. pedi) m., 
auch Ntr. (PI. pfad) ; dazu ndl. päd, Sigs.poedm., 
engl, path, afrs. päd n. Weigand nahm Entl. 
aus gr. TToiToc m. «betretner Weg», was, da wir 
frühe Entlehnungen aus dem Griech. haben, 
vgl. Pf eidler, durchaus möghch ist. Viell. aber 
doch eher aus dem Skythischen, vgl. awest. 
papd- f. «Pfad, Weg». Vgl. noch Zupitza 24. 
Weigand, Deutsches Wörterbuch, ö. Aufl. IL Bd, 



Pfaffe, m, {-n, PI. -n): Geistliche!-, jetzt 
meist in verächtlichem Sinn, wie schon bei 
Luther. Auch Aventin (f 1534) in seiner 
bayr. Chron. bemerkt, es sei ein «unehrliches 
u. Schmähwort». Dagegen noch bei Keisers- 
berg (f 1510) nur in würdevoller Bed. Mhd. 
phaffe,pfaffem., mä. paffe, pfaffe, ahd.phapho. 
phaffo, pfaffo m., nd.-ndl. pape «Geistlicher», 
dann mhd. «Weltgeistlicher» (im Gegensatze 
zum Klostei-geistlichen u. Laien), auch (eben- 
falls erst mhd.) «Schriftgelehrter, Gelehrter». 
Nicht aus lat. papa, was «Bischof» bedeutet, 
sondern nach Kluge aus gr. iraTräc «geringi-er 
Geistlicher», (woher auch russ. pop), durch 
gotische od. osteuropäische Vermittlung. Vgl. 
Kluge Btr. 35, 127. ABL. Pfaffentum, n., 
bei Luther. Pfäfferei, f., bei Luther An 
den Adel 78 Pfafferei. Pfaflfheit, f., mhd. 
pfafheitt'n-die Geistlichkeit», pf äffisch, adj.: 
nach der Art der Pfaffen (verächtlich). Bei 
Keisersberg dreieckecht Spiegel 56^. ZUS. 
Pfaffengasse, f.: das Land am Rhein von 
Chur bis Köln. Nach Frisch von den Soldaten 
wegen der vielen Bistümer u. Klöster so be- 
nannt. 1529 bei Aventin 1, 196, 27. 

Pfahl, m. {-[e]s, PI. Pfähle): starkes zu- 
gespitztes, gewöhnlich rundes Holz zum Ein- 
schlagen usw. Mhd. pfäl m. (PI. pfcele, md. 
pfele), anchpföl, m.d. päl, pöl, ahd. phäl, pfäl; 
dazu and. j9ä^ m. «Pfahl, Pflock, Nagel», ndl. 
paal, afrs. päl, pel, ags. päl m., engl, pole, 
schwed. pale, dän. päl. Entl. aus glbd. lat. 
pälns m. Wohl als Wort der römischen 
Soldatensprache früh zu uns gekommen. ABL. 
pfählen, v., mhd. phcelen «Pfähle machen»; 
auf einen od. mit einem Pfahl spießen, in der 
Carolina Art. 131. ZUS. Pfahlbau, m. (PI. 
-bauten, u. danach der Sg. Pfahlbaute f.): An- 
siedelung auf Pfählen im Wasser, zuerst 1820 
im Zürchersee entdeckt. Pfahlbürger, m,: 
ein außerhalb der Stadtmauern, aber inner- 
halb der aus Pfählen u. Gräben bestehenden 
Außenwerke wohnender Bürger mit geringern 
Rechten; daher jetzt verächtlich wie Philister. 
Mhd. 1353 phäl-, phol-, pälburger m. Pfahl- 
grahen, m.: mit Pfählen besetzter Grenz- 
graben, bes. der römische in Süddeutschland. 
1409 pälgrabe (Weist. 3, 451). Älter dafür pfäl 
(1287 bei Baur Arnsb. Urk. 736, ebd. 298, 441 
von 1315 md. päl). Schon Ahd. Gl. 2, 726 
vallos, quos dicimus phäli. Pfahlmnschel, f.: 
die an Pfählen lebende Bohrmuschel. 

Pfai(ller,öst.SchreibungfürP/eid^(?r(s.d.). 

Pfalz, f. (PI. -en): Wohnung (Palast) des 

26 



403 



Pfand 



Pfarre 



404 



deutschen Königs od. Kaisers; öffentliches 
(kaiserliches) Amtsgebäude im alten deutschen 
Reich; das einem Pfalzgrafen urspr. zum 
Amtslehen gegebne, später erbliche Land, 
bes. am Rhein (später die Unterpfalz genannt), 
dann 1298 auch in Bayern (Oherpfalz). Mhd. 
phalze, pfalz{e) f. «Kaiser-, Königs-, Bischofs- 
wohnung, Gerichtshaus», auch pfallaz, md. im 
12. Jh. palize aus mhd. phälenze, pfällenz(e), 
pfälnze, md. pälenze, phällenze, ahd. phälanza, 
phälinza, fälanza, phalnze f., asächs. palenca f. 
(Haus des Pilatus), aus dem Plur. palätia des 
\at. palätium, m\at. palatium, palacium «Palast» 
(s.d.), d.h. «Kaiser-, Königs-», im Mlat. auch 
« Bischofs-, Abtswohnung, öffentliches Gerichts- 
gebäude» mit unei'klärtem Einschub eines -n. 
ABL. Pfälzer, m.: einer aus der Pfalz. Im 
18. Jh. ZUS. Pfalzgraf, m., mhd. pfalenz- 
gräve, md. pfalzgräve m. «der über einen 
königlichen und kaiserlichen Palast gesetzte 
hohe Beamte, der darin wohnende Landrichter 
u. -pfleger des deutschen Königs», dann der 
pfal(en)zgräve hiBine «der Herr der erblichen 
Pfalz bei Rhein». Davon Pfalzgräfln, f., 
mhd. phalenzgrcBvinne. 

Pfand, n. (-[e]s, PI. Pfänder): etwas zur 
Sicherheit gegebnes. Mhd. pfantn. (P\.pfant, 
pfender, auch pfände), ahd. phant (Gen. -tes), 
and. pant, afrs. pand n. Ins Nordische entl. 
anord. pantr, schwed.-dän. pant. Unerklärt. 
Nach Weigand aus afrz, pan m. «weggenom- 
mene Sache» (afrz. pawer, Tprox. panar «weg- 
nehmen»), was nicht befriedigt. Das verbrei- 
tetere Wort für Pfand ist got. ivadi, s. Wette 
u. Gage. Da dieses zu einer Wz. gehört, die 
«binden» bedeutet, u. anderseits Worte aus 
dem Osten vor der Lautverschiebung aufge- 
nommen sind, vgl. got. paida f. «Gewand», 
bayr. pfeit aus gr. ßaixri «Hirtenvolk», so 
könnte Pf. aus einem *hand, das zu binden ge- 
hörte, entl. sein. ABL. pfänden, v., mhd. 
pfenden, auch pfanten u. pfennen, ahd. nur 
im Part, gifantöt; dazu afrs. pe{i)nda; davon 
pfändl)ar, adj., jetzt an pfänden angelehnt, 
mhd. aber pfanthar von Pfand; Pfändung, f., 
mhd. Pfändung, pfendunge f., auch «das Pfand». 
ZUS. 1) mit Pfand: Pfandbrief, m.: Ur- 
kunde über ein verpfändetes unbewegliches 
Gut, Pfandverschreibung, 1322 mhd. pfant- 
hrief m. Pfandrecht, n., mhd. pfantreM n. 
«Befugnis zu pfänden». Pfandschein, m.: 
Schein über ein Pfand im Leihhaus; (schweiz.) 
richterliche Ei'laubnis zum Pfänden. 2) mit 
dem PI. Pfänder: Pfänderspiel, n.: Spiel 



um Pfänder. 1762 im Nouv. dict. Im 18. Jh. 
auch Pfandspiel. 

Pfanne, f. (PI, -en): flach vertieftes Ge- 
schirr; (übertragen) die Gelenkpfanne (im 
18. Jh.); an frühern Gewehren das mulden- 
förmige Behältnis für das Zündpulver, die 
Pulverpfanne (1663 bei Schupp. 225; daher 
die RA. etwas [eig. Pulver] auf der Pf. haben). 
Mhd. phanne, pfan{n)e, ahd. panna, phanna, 
vanna, fanna, pfanna f. ; dazu and. panna, nd.- 
afrs.-ags. j^awwe, ndl.-engl. j?a%, anord.-schwed. 
panna, dän.pande. Auch ir. panna, kymr.^aw 
«Bratpfanne». Man leitet es von \ai.patina f. 
«Schüssel» her, was wohl trotz lautlicher 
Schwierigkeiten richtig sein wird. Aus dem 
Germ, stammen ahg.panyi. u.rioxdixz.panne. 
RA. in die Pf. hauen «vernichten», eig, zu- 
sammenschlagen, wie die Sachen füi* die Pfanne, 
Im 17. Jh. 4BL.Pfänner,m. (-s,Pl.wieSg.): 
Besitzer einer Salzkote od. der darin befind- 
lichen Pfanne. Statuten der Stadt Franken- 
hausen Art. 17 Michelsen (vom J. 1554). ZUS. 
Pfannenschmied, m., mhd. {lZQZ)pfannen- 
smit m. Pfannenstiel, m.jSpätmhd.pÄawwe»- 
stil m. Pfannkuchen, m., mhd. phankuoche, 
ahd. pfankuocho m.; dazu mnd. pannekoke, 
ndl. pannekoek. 

Pfarr, m. (-en, PI. -en) : eine Kürzung von 
Pfarrer. Mundartlich in Bayern, der Wetterau 
{Parre) u. Mitteldtschl., meist nur im Nom., 
vielfach früher stark gebeugt, z. B. des Pfarrs 
(J, B. Michaelis 1, 102, 13), seinem Pfarr 
(Neue Fab. 39), dem Pfarr (GeUert Fab. 2, 13), 
Mhd. pfarre, auch pferre. S, Pfarrer. 

Pfarracker, -amt usw., s. Pfarre. 

Pfarre, f. (PI, -«): Kirchspiel, Wohnung, 
Stelle d. angestellten Geistlichen. Mhd. pfarre, 
ahd. (p)farra f. «Kirchsprengel, -spiel», md. 
parre f. auch «Pfarrwohnung, Pfarrei»; dazu 
mnd. parre f. «Amt, Bezirk, Haus des Pfarrers». 
Früher aus lat. parochia (s. Parochie) erklärt, 
was lautlich nicht angeht. Kluge leitet es 
daher ab aus einem *parra «Bezirk», das dem 
Wort Pferch (s. d.) zugrunde liegen soll, auf 
das das kirchenlat. parochia in der Bed. ein- 
gewirkt haben müßte. Ganz unsicher. ABL. 
pfarren, v.: zu einer Pfarre gehören. Im 
15. Jh. trans. einpfarren. Pfarrer, m, (-s, 
PI. wie Sg.): Geistlicher an einer Kirche. 
Frühmhd. pharrcere, pharrer, pfarrer, auch 
mit Umlaut (bes. md.) pferrer, mnd. perrer. 
ZUS. Pfarracker, m., 1629 rhein. pfarracker 
(bei Diefenb.-Wülcker 798). Pfarramt, n., 
bei Luther. Pfarrdorf, n.: Dorf mit einer 



405 



Pfarrei 



Pfeife 



406 



Pfarrkirche. 1691 bei Stieler. Pfarrhaus, n., 
im 16. Jh. Pfarrherr, m., mhd. pharrherr, 
entstellt aus pfarrer. Pfarrkind, n.: zu 
einem Kirchspiel Gehöriger. Spätmhd. bei 
Diefenb. g-loss. 414». Pfarrkirche, f.: die 
Kirche des Kirchspiels. Mhd. 1291 pfarrkirche. 

Pfarrei, f. (PI. -en): Pfarre. Vor 1741 
in keinem Wörterbuch, aber im 17. Jh. bei 
Seb. ßürster 159. Von Frisch als elsäss., von 
Adelung als obd. bezeichnet. Vgl. Heynatz 
Antibarbarus 2, 320 u. Schmeller^ 1,440. Abi. 
von Pfarr «Pfarrer» nach dem Muster von 
Probstei. Schon 1469 im mrhein. voc. ex quo 
phernerij «Pfarre», von einem jetzt ausge- 
storbnen p farner, p ferner «Pfarrer». 

Pfan, m. (-[e]s u. -en, PI. -en, selten -e): 
der Vogel pavo ristatus. Mhä.pföwe, gekürzt 
pfäm., im 13. Jh. ndvhein. päw{e), pauwe, ahd. 
pfäwo (Gen. -ivin), fäivo, phäo; dazu mnd. 
pa{u)we m., ndl. pauw, ags. päwa, pea (engl. 
peacock), anord.päi m.,päfugl, schwed.päfägel, 
dän. paafugl. Alle unmittelbar od. mittelbar 
früh aus ]&t.pävo m. «Pfau». Die starke Flex. 
des Sg. stellt sich im 18. Jh. ein, der PI. Pfaue 
bei Lessing 1, 144. ZUS. Pfauenauge, n.: 
Name mehrerer Schmetterlinge. 1776 b. Hüb- 
ner. 1777 b. Adelung «gesprengelter Marmor, 
eine Art Nachtvögel». Pfauenspiegel, m., 
mhd.pfäwensjnegel «der Spiegel, das Auge der 
Pfauenfeder», jetzt «das Pfauenauge», 1776 bei 
Hübner. Pfauenwedel, m.: Fächer aus 
Pfauenfedern, hiihuhd. 2)fawemvadel «Pfauen- 
schwanz» (als Helmschmuck eines Wappens), 
bei Liliencron 1, 387 vom J. 1444. 

pfauchen, s. fauchen. 

Pf ehe, f. (PI. -n) : eine Art großer Melonen. 
Bei Luther 4. Mos. 11, 5, 1482 im Voc. theut. 
y 7 » pfehen. Mhd. p federn n. unverschoben 
heben, ebenso ahd. pepanno, pehenun, pedeme, 
pfedemo u. andre Formen, vgl. ZfdW. 6, 192; 
dazu and. pedena f. Aus gr.-lat. j^epo (Gen. 
-önis), gr. tt^ttujv, eig. Adj. «reif», weil die 
Frucht nur ganz reif gegessen wird. Die 
deutsche Form erklärt sich wohl daraus, daß 
*pepano zu *pepanio assimiliert u. dies zu *pe- 
damo dissimiliert wurde u. daß anderseits das 
lat. Wort immer wieder einwirkte. Dieselbe 
Erscheinung bei hidmen für heben. Die oben 
geäußerten Zweifel, betreffend den Zusammen- 
hang dieser Wörter, sind unberechtigt. 

Pfeffer, m. (-s, ohne PL): die als Gewürz 
dienende Frucht des Pfefferstrauches; mit 
starkem Pfeffer bereitete Brühe (Hasenpjfeffer, 
schon mhd.); (auch übertragen) Bedrängnis 



(SchiUer Räuber 2, 8 [W. 2, 92]). Mhd. pfeffer 
m,, ahd, pfeffar, pheffer, phefer, fefer; dazu 
nd. peper, ags. pipor m. Früh entl. aus glbd. 
\a.t.piper n. u. dies aus giMrdirepi, zurückgehend 
auf aind. pippali f. «Beere, Pfefferkorn». RA. 
jem. dahinwünschen, wo der Pfeffer wächst, 
d. h. nach Indien, das Ende der Welt. 1512 
bei Murner Narrenb.77, 64. ABL. pfeffern, 
V., mhd. pfeffren, um 1100 phefferon, nd. pepern 
aus mlat. piperare von lat. pi2)er. Übertragung 
namentlich im Part, gepfeffert, z. B. eine 
Rechnung, wie gesalzen, aber auch «zotig». 
ZUS. Pfeffergurke, f.: kleine, mit Essig u. 
Pfeffer eingemachte Gurke. 1798 bei Nemnich. 
Pfefferkorn, n., mhd.phefferkom, auch phef- 
firscorn n. Pfefferkraut, n., Name mehrerer 
Pflanzen wie dictamnus albus, satureja hor- 
tensis. Mhd. pfefferkrüt n., xrmd. peperkrüt n. 
Pfefferkuchen, m. : stark gewürzter Honig- 
kuchen. 1470 pfefferküch, dafür ahd. phefor- 
zelto, S.Zelte. Pfefferland, n.: Indien. 1512 
b. Murner Narrenb. 55, 21. Pfefferminze, f. 
(PI. -n): die Pflanzenart mentha piperita. 1798 
bei Nemnich. Vgl. Minze. Pfeffermühle, f., 
spätmhd. pfeffermüle, -mole, -mol, nd. peper- 
mül f. Pfeffernuß, f. : nußförmiges Gebäck, 
aus Pfefferkuchenteig. Im 18. Jh. bei Zedier 
27, 1325, nd. pepernöfe PI. Pfeffersack, m., 
seit dem 16. Jh. übertragen für «Kaufmann», 
namentl. als Schelte, ebenso mnd. pepersackm., 
der Handel mit Pfeffer war früher sehr wichtig, 
u. daher der Name. 

Pfeidler, m. (-5, PI. wie Sg.): Hemden, 
Kleider usw. feilhaltender Händler. In Wien. 
1793 bei Jacobsson. Von mhd. pf eitel, öst. 
phaitel n. «Hemd, hemdartiges Unterkleid», 
Dim. von bayr.-öst. Pfaid f., im 15. Jh. phait, 
phayd f. n., mhd. pfeit f. «Hemd, hemdähn- 
liches Kleidungsstück»; dazu asächs. peda f, 
«Untergewand», got. j;ai(^a f. «Leibrock», früh 
entl. aus gr. ßaixri f. «Hirten, Bauernkleid», 
Vgl. Thumb ZfdW. 7, 261. 

Pfeife, f. (PI. -n) : mit einem od. mehreren 
kleinen Löchern versehne Röhre als kunst- 
losres Blasinstrument aus Knochen, Holz, Me- 
tall; Tabakspfeife (im 17. Jh. aus ndl. glbd. 
pyp f.); Luftabzugskanal in der Gießform der 
Glocke (b. Schiller). Wad.pfife f., ahd. {p)fifa 
f., md. pife f. ; dazu and. pipa f. (u. holondar- 
plpa «Holunderpfeife»), ndl.pijp f., aivs.pipe f. 
«Röhrknochen im Arme», ags. pJpe f., engl. 
pipe, spätanord. p^pa, schwed. pipa, dän. pibe. 
Aus mlat. pipa f. «Röhre» u. dies von lat. 
pipäre «pfeifen». RA. Pfeifen schneiden: die 

26* 



407 



pfeifen 



Pferd 



408 



Gelegenheit ausnützen, vgl. schneid pfeiffen, 
weil du in den rören sitzest b, Franck Sprichw. 
2, 92^. Nach jem. Pfeife tanzen. In den Fastn. 
d. 15. Jh. 747, 15. ZUS. Pfeifenkopf, m.: 
Kopf der Tabakspfeife, 1783 bei Jacobsson. 
Pfeifenkraut, n.: die Pflanze aristolochia 
sipho L'Herit., so benannt, weil ihre Blüte 
einem Tabakspfeifenkopf ähnelt. 

pfeifen, V.: auf der Pfeife blasen, mit dem 
Munde dies nachahmen, einen Pfeifenton von 
sich geben. Vyäs. pfeife, Frät. pfiff, Konj. pfiffe, 
Part, gepfiffen, im 18. Jh. auch schwach z. B. 
pfeifte b. Schiller in d. rhein. Thalia 1786 2, 30. 
Mhd. pßfen (Präs. pfife, Prät. pfeif, pfiffen, 
Part, gepfiffen, vereinzelt gepfifet), md. plfen, 
auch vom Blute s. v. a. «wie aus einer Röhre 
sausend springen». Schon in vorahd. Zeit 
(wegen der Lautverschiebung) entl. aus lat. 
pipäre «piepen», erst mlat. «pfeifen». Ahd. 
nicht nachweisbar, müßte schwach pfifon lau- 
ten, was aber bald stark geworden sein muß. 
ABL. Pfeifer, m., mhd. pßfer m. 

Pfeif holter, m. (-s, PI. wie Sg.) : Schmet- 
terling. Noch eis. Pfifolter, Pfifholter, Schweiz. 
Pflfhalter, Pipolter, Fifolter u. a., schwäb. 
haufalter, weifalter, bayr. feifalter, feurfalter, 
heifalter, weifalter, pfeif f alter. 1537 bei Dasy- 
podius u. 1539 Serranus dict. pfeiffholter m. 
mit h, im 15. Jh.pfiffolter st&tt piffalter (1440), 
14:9b pfyfalter. Durch Anlehnmig anpfeifen: 
aus mhd. vivalter m., ahd.vivaltra, vwoldara f.; 
dazu mndl. vlveltre, ags, fifealde f. Vgl. Falter. 

Pfeil, m. (-[e]s, PI. -e): Geschoß für Bogen 
u. Armbrust. Whdi.pfU m., ahd.p/"??, fil m.; 
dazu nd.-ags. pü m. Aus mlat. pilus m.., lat. 
pilum n. «Wurfgeschoß, Wurfpfeil». Echte 
deutsche Ausdrücke waren anord. ör f., got. 
arhazna f. u. Strahl. 

Pfeiler, m. (-s, PI. wie Sg.): steinerne 
Stütze. Mhd. pfilcere, pfiler m., md. pilere, 
piler, ahd. pfilari; dazu and. pileri m., ndl. 
pijler m. Aus glbd. mlat. pilare n., pilarius m. 
von lat. pila f. «Pfeiler». 

Pfennig, m. (-s, PI. -e, nach Zahlen wie 
Sg.): kleinste Scheidemünze, jetzt 0,01 Mk., 
früher ^/i2 Silbergi-. preuß., Vio Neugroschen 
Sachs., V* Kreuzer rhein. Die ältre Form 
Pfenning bis ins 18. Jh. u, auf preuß. Münzen bis 
1873. M-hd. pfenni(n)c m., Tad.penninc,pennec, 
ahd. pfenni(n)c, daneben phantinc, {p)fendinc, 
pfentinc,a\nihp(f)endic m.; dazu and. penni{n)g, 
ndl. penning, afrs. panni(n)g, penneng, pennig 
m., ags. penninc, peni{n)g m., engl, penny, 
anord. pen(n)ingr m,, schwed. pengar PI., dän. 



penge. Im Ahd. glossiert mit «denarius, no- 
misma, nummus, stater»; Tatian übersetzt lat. 
argenteus mit Pf, also «Silberdenar», u. so noch 
bis in die Neuzeit als Silber- od. Weißpfennige 
geprägt, dann mit Kupferzusatz [Schivarz- 
pfennig), u. endlich 1621 als reine Kupfer- 
münze. Aus dem Germ. entl. abg. pen^gü, 
pen^zi va. «denarius», Wi.piningas m. «Geld». 
Unerklärt. Schon Stieler 1691 leitete es von 
Pfanne ab, also «pfannenförmiges» nach Art 
der Brakteaten, Schilter 1728 dagegen von 
Pfand, wegen a\id. pfantinc, ags. pending, die 
wohl als urspr. gelten müssen u. nicht erst 
an Pfand angelehnt sind, also «was zum Pfand 
gehört». Auch dies befriedigt nicht. Vieleher 
wird eine alte Entlehnung in dem Wort stecken. 
ZUS. Pfennigfuchser, m.: Knauser, Geiz- 
hals. Wohl von fuchsen «.hetrügen» (s. d.), also 
«der um Pfennige betrügt». 1728 bei Stoppe 
Ged. 1, 131. 

Pferch, m. {'[e]s, PI, -e), früher auch 
Pferche f. (bei Colerus 1, 34^): Hürdenum- 
zäunung zur Aufnahme von Vieh im Freien. 
1540 bei Alberus Controfactur A2^ wetterau. 
Pirch. Mhd. pherrich m., ahd. pfarrich, far- 
rich, pfer(r)ich m. ; dazu ndl.^^erfc «eingehegter 
Raum», ags, pearruc, pearroc m, «Einschlie- 
ßung», Grundformen parroc u, j?amc. Fiiih- 
To\at.parricus,parcus (s. Park) « um zäunt er Ort 
für Tiere, Umhegung», aiich «Kornspeicher»; 
u, daraus rom.parc. NachBaist von s^ian.parra 
«Spalier», prov,^arran «eingefriedigtes Garten- 
land», doch ist dies selbst dunkel u, steht allein. 
Versuch einer andern Erklärung Idg. Forsch. 
18, 259, ZfdW. 2, 284. ABL. pferchen, V.: 
(eig.) einen Pferch aufschlagen, dann «mittels 
eines Pferchs düngen» u. schließlich «misten, 
eacare», so bei Luther; einengen (namentl. 
in einp)ferchen). 

Pferd, n. (-[e]s, PI. -e). Mhd. pfert (-des), 
pfärt, pferit, pfärit, ahd, (Ausgang d, 9. Jh.) 
parafrid, parefret, parevrit, parfrit, pferfrit, 
dann pherit; dazu (and. in harafridara «vere- 
darii ») mnd. perd. Aus mlat. (5. Jh.) para- 
veret^MSm. «Nebenpferd, Extrapostpferd», zgs. 
aus gr. TTapct «neben, bei» u. lat, (in der Kaiser- 
zeit) veredus m, «leichtes Pferd, Postpferd». 
Daraus wurde mlat, parafredus, woraus die 
vollem germ. Formen. Daneben gekürzt pare- 
drus, woraus die kürzern Formen. Aus der 
Nebenform palafredus stammt frz. palefroi m. 
Dieses paredrus aber viell. zu hebr. phered 
«Reittier, Pferd, Maulesel». Vgl. Gesenius- 
Buhl Hebr. Wb. (1905). Das Wort bezeichnete 



409 



Pfette 



Pflanze 



410 



urspr. das «Reise-, Postpferd» gegenüber dem 
Streitroß und siegte mit dem zunehmenden 
Wagenverkehr. ZUS. Pferdeapfel, m., bei 
Luther 5, 463 b. Pferdebohne, f., auch Sau- 
hohne: die Futterbohne vicia faba major, 1787 
b. Kramer, Ih'd^h.KiYimxpeerdshoone. Pferde- 
fuß, m. Der Teufel erscheint mit einem Pf. 
Bei Goethe Faust. Pferdekur, f. : ärztliche 
Behandlung eines Pferdes. Jetzt übertragen 
«starke Kur». Pferdelänge, f.: die Länge 
eines Pferdes. Aus dem Rennsport auch in 
übertragner Bed. vordringend. 

Pfette, f. (PI. -n): der wagerechte Quer- 
balken oben zur Verbindung der Stuhlsäulen 
des Daches. Obd.-hess.-fränk. Zuerst im 16. Jh., 
1663 bei Schottel Pfaden «Querbalken». Un- 
erklärt. Vgl. Schweiz. Id. 5, 1202 u. Idg. 

Pfetter, s. Petter. [Forsch. 19, 443. 

pfetzen, s. petzen. Pfiesel, s. Pesel. 

Pfiff, m. {-[e]s, PI. -e): das Pfeifen, der 
pfeifende Ton (1727 bei Aler); etwas wertloses 
(eig. so kurz dauernd wie ein Pfiff), 1762 im 
Nouv. dict.; kleines Getränkmaß (leipz. «ein 
kleines Glas Branntwein) ; Kniff, Trick (in der 
2. H. des 18. Jh.), entweder nach Adelung 
(1777) von dem Pf. des Taschenspielens, durch 
den er die Aufmerksamkeit ablenkt od. vom 
Lockpfiff des Vogelstellers. Junge Bildung 
vonpfeifen. ABL. pfiffig, adj.: schlau, nach 
der letzten Bed. von Pfiff. Im letzten Viertel 
des 18. Jh. belegt, z. B. 1778 b. Lessing 10, 103, 
aber wohl älter. Davon Pfiffigkeit, f., bei 
Lessing Nathan 3, 4. Pfiffikus, m.(P\. -küsse): 
Schlaukopf. Aus d. Studentenspr. Von Kluge 
ist ein Eigenname Crumfificus aus dem J. 1706 
nachgewiesen. 

Pfifferling, m. {-[e]s, PI. -e): der Pfeffer- 
schwamm, agaricus piperatus u. a. cantharel- 
lus; unbedeutende Kleinigkeit (schon im 16. Jh., 
z. B. bei Luther 3, 285^ Jen.; bei Liliencron 
2, 480 (vom J. 1502) Pfifferstil. Mhd. pfifer- 
linc (im 12. Jb.). Daneben ohd. pfifera f. Von 
Pfeffer. Der Name von dem beißenden, pfeff- 
rigen Geschmack. 

Pfingsten, f. (PI.) : das Fest d. Ausgießung 
des heiligen Geistes (Apostelg. 2, Iff.). Zeit 
bestimmend u. messend ohne Artikel auf, Ms, 
nach, von, vor, zu Pf. Eig. alter Dat. PI. Doch 
wird schon mhd. der Sg. F. diu Pfingsten ge- 
bildet, nhd. F. u. häufiger Ntr. nach Pfingstfest. 
Mhd. pfing{e)sten, ahd. [fona) fimfchustim ge- 
lehrt umgedeutet; frähvcid. pinkesten (Rother 
1546); dazu and. pitikoston f. PI. «Pfingsten», 
ndl. pinksteren. Wohl zunächst entl. aus got. 



paintekuste u. dies aus gr. irevxriKocTri (näm- 
lich ri.udpa f. «Tag») «der fünfzigste (Tag nach 
Ostern)». ZUS. Pfingstbier, n.: Bier für 
Schmausereien zu Pfingsten; ein Volksfest zu 
Pfingsten. 1575 im Garg. 75. Pfingstfest, n., 
1691 b. Stieler. Pfingstmaie, f.: Maie (s. d.) 
zu Pfingsten. Nachweis von 1732 b. Schmeller^ 
1, 1551. Pfingstochse, m.: ein bekränzter, zur 
Pfingstzeit auf die aufgetane Gemeindeweide 
geführter Stier. Daher die RA. geputzt wie ein 
Pf. BeiArnimSchaub.2,344. Pfingstrose, f., 
^.Päonie. Mhd.pfijigeströse t Pfingstweide, 
f.: Weide, die zu Pfingsten aufgetan wird. 
Ebenso Pflngstwiese, f., auch «Fest». 1697 
im Schelmuffsky 63. 

Pfinztag,m.: Donnerstag. Bayr.-öst. Mhd. 
pfinztac, 1178 phincintac. Aus gr. ir^iaTTTTri 
(nämlich riiuepa) «der fünfte Tag». Wahr- 
scheinlich durch got. Vermittlung zu uns ge- 
kommen. Vgl. Hirt Etym. 98, Kluge Btr. 35, 138. 
Entspr. 'ähg.petükü «der fünfte», aber «Frei- 
tag», weil dieSlaven mit demMontag beginnen, 

Pfirsche, f. (PI. -%), bei J. G. Miller Ged. 
34, Goethe 17, 39, Faust 6454, daneben Pfir- 
Sich(e), f. : die Frucht von amygdalus persica, 
während Pfirsich, m. (-[e]s, PI. -e) urspr. den 
Baum, jetzt aber fast allgemein auch die Frucht 
bezeichnet. Im 17. Jh. bei Spee Trutznachtig. 
90 B. noch Pfersich. 1482 im voc. theut. y 8*» 
Pfirsich, mhd. (im 12. Jh.) pfersich m.; dazu 
a,gs. 2)ersoc m. Aus \at. persicum, N. des Adj. 
persicus «persisch», also eig. «der persische» 
(nämlich «Apfel» lat. malum). Daneben mlat. 
persica, das Fem. dazu. Obgleich das Wort 
erst spät belegt ist, muß es doch wegen der 
Lautverschiebung in vorahd.Zeit entlehnt sein, 

Pfister, m. {-s, PI. wie Sg.): Bäcker. Noch 
bayr.-schwäb.-schweiz. Mhd. pfister, ahd. pfi- 
stur. Aus lat. pistor m. «Stampfer, Müller, 
Bäcker» zu pinser e «zerstoßen, stampfen». 

Pflanze, f. (PI. -n): durch Nahrungsauf- 
nahme Lebenskraft äußernder Körper ohne 
willkürUche Bewegung; Gewächs mit Stengel 
u. Kraut; junges krautiges Erdgewächs zum 
Versetzen ; ii'onisch auch auf Menschen über- 
tragen, wie Früchtchen, Kraut, z. B. in Ber- 
liner Pf (im 18. Jh., vgl. ZfdW. 6, 113). Mhd. 
pflanze f., ahd. p(h)lanza, flanza f.; dazu mnd. 
plante f., ndl. - ags. - engl, plant f., spätanord.- 
schwed. planta, dän. plante. Wegen der Laut- 
verschiebung früh überkommen aus glbd. l