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Full text of "Der Dichter in Dollarica; Blumen-, Frucht- und Dornenstücke aus dem Märchenlande der unbedingten Gegenwart"

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WOLTOGEN 



GIFT OF 
ERNST A. DENICKE 




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Der Dichter in Dollarica 



l-iiiiiiiihiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii-i 



Verlag von F. Fontane & Co., Berlin -Grunewald 
Es erschien von 

Ernst von Wolzogen 

, Romane 

Ecce ego — Erst komme ich 

Die Großherzogin a. D. | Die Entgleisten 

Der Erzketzer. 2 Bde. 

Novellen 

Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte 

Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten 
Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen 

Boheme 
Da werden Weiber zu Hyänen | Heiteres und Weiteres 

Erlebtes Erlauschtes Erlogenes 

Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien 

Geschichten von lieben süßen Mädeln 

Verse 

Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravüre 
Wolzogens) 

Theater 

Der unverstandene Mann (Komödie) 

Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komödie) 

Lumpengesindel (Tragikomödie) 

Die Maibraut 

(Ein Weihespiel in drei Handlungen) 

Essays usw. 

Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebens- 
beschreibung 
(Neu herausgegeben von E. von Wolzogen) 
Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch) 
Linksum kehrt schwenkt — Trab! 



Eheliches Andichtbüchlein 

Herausgegeben von Ernst Ludwig und Elsa Laura 

von Wolzogen 

Buchschmuck von J, Martini 



Der 

Dichter in Dollarica 



Blumen-, Frucht- und Dornenstücke 

aus dem Märchenlande der unbedingten 

Gegenwart 



von 



Ernst von Wolzogen 



Zweite Auflage 




Berlin 1912, F. Fontane & Co. 



" 



<? 



Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909 
gegen Nachdruck geschützt 



Die erste und zweite Auflage dieses Buches 

ist in 2220 Exemplaren gedruckt und wurde 

im Jahre 1912 herausgegeben. 



Altenburg 

Pierersche Hofbuchdruckerei 

Stephan Geibel & Co. 



IIIIIIII I IIII I IIIIIIIIIIIIIIII M IIII I III I IIIIII M IIIIIIIIIII I IIII 



The Germanistic Society of America 



to whom I am deeply indebted for the 
opportunity of seeing America, may kindly 
accept this document of how I saw America 
as a token of my sincere gratitude, and may 
humour it as genially as it was conceived. 



420575 



Ulllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll'l 



■ ■■ ■ ■ ■■ ■ ■■ ■ ■■ ■ ■■■ ■■ ■■ ■ ■ ■ ■■■ ■■■■■ ■■ ■■■ ■ ■■! 



Zur Verständigung. 



]ch gehöre zu den Menschen, denen das vorwitzige Ab- 
y urteilen und nichtige Klugschwätzen eilfertiger Reisender 
über fremde Ränder, Völker, Einrichtungen und Sitten 
durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun gleichwohl 
verleiten ließ, nach einem Aufenthalt von nur drei 
Monaten, dennoch meine Reiseeindrücke aus den Ver- 
einigten Staaten zu Papier zu bringen und sogar in 
Buchform herauszugeben, so muß ich wohl meinem Unter- 
fangen selber einen Passierschein schreiben, damit ernst- 
hafte Leute ihm nicht von vornherein den Zutritt in den 
Bereich ihrer Aufmerksamkeit verweigern. 

Ich wurde als Gast der Germanistic Society of America 
zu einer Reihe von Vorlesungen und Vorträgen an neun- 
zehn Universitäten und Colleges , sowie in zahlreichen 
deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang 
November 1910 bis Mitte Februar 191 1 in den östlichen, 
nördlichen und mittelwestlichen Staaten auf. Die oft 
gerühmte großartige und herzliche Gastfreundschaft nicht 
nur meiner deutschen L,andsleute, sondern auch der für 
deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung 
interessierten akademischen Kreise des I^andes, sorgte in 
überaus umsichtiger Weise dafür, daß wir — denn meine 
reizendere Hälfte begleitete mich samt ihrer tatbereiten 
L,aute — in all den zahlreichen großen und kleinen 
Städten, die wir berührten, möglichst viel und möglichst 
Eigenartiges und Bedeutsames von dem wunderreichen 
I^ande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im allge- 
meinen, und zwar mit gutem Recht, geneigt, die pro- 
grammäßigen Vorführungen, die liebenswürdige Komitees 
hastig vorbei sausenden Ehrengästen zuliebe von den 



VIII - Zur Verständigung. 



Sitten und Gebräuchen der Einwohner veranstalten, 
nicht gerade für die sichersten Quellen ernsthafter Be- 
lehrung zu halten und sich vergnüglich ins Fäustchen zu 
lachen, wenn der also Gefeierte hinterher dankbaren und 
kindlichen Gemüts all dies freundliche Geflunker für 
bare Münze nimmt und daraufhin mit wichtiger Kenner- 
miene seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstver- 
ständlich wurde ich wie jeder andere prominente Reisende 
schon bei der Einfahrt in den Hafen von New York von 
den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie mir 
Amerika gefiele; selbstverständlich begleitete mich diese 
unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbst- 
verständlich machten die Herren Reporter, je nach ihrem 
Witz und ihrer stilistischen Begabung, aus meinen ver- 
legenen, dürftigen Antworten in ihren Interviews, was ihnen 
gut dünkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach 
meiner Ankunft gefragt, ob ich gedächte, ein Buch über 
Amerika zu schreiben, und habe diese Zumutung damals 
mit ehrlichem Erschrecken weit von mir gewiesen. So 
lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der täglich 
und stündlich in buntester Abwechslung am Auge vorüber- 
hastenden, einander überstürzenden Erlebnisse und Be- 
gegnungen stand, erschien es mir auch wirklich ein un- 
mögliches Unterfangen, diese Eindrücke auch nur be- 
schreibend zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel 
weniger darüber ein Urteil von einigem Wert zu formu- 
lieren. Daß ich nicht völlig die Tinte würde halten können, 
daß vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch 
das Fenster des Expreßzuges ein paar Feuilletons heraus- 
springen würden, lag ja freilich bei meiner berufsmäßigen 
Zugehörigkeit zur Schreiberzunft nahe; aber den Mut 
und die I^ust zu einer erschöpfenden Bearbeitung meiner 
Reisebeute gewann ich doch erst allmählich in der stillen 



Zur Verständigung - . IX 



Beschaulichkeit meines fruchtbaren Darmstädter Poeten- 
winkels. Ich schrieb erst einmal kunterbunt alles zu- 
sammen, was mein Gedächtnis und meine Notizen 
mir von Gehörtem und Geschau tem bewahrten, und 
was mir schon drüben weiteren Nachdenkens wert er- 
schienen war. Und dann schleppte ich mir einen Stoß 
guter Bücher über die Vereinigten Staaten zusammen, 
verglich die darin niedergelegten Anschauungen einge- 
borener und ausländischer Kenner des Randes und be- 
währter Beobachter mit den Kindrücken, die ich selbst 
empfangen, und erst nach Beendigung dieser klärenden 
Vorarbeit begann ich mich für berechtigt zu halten, dem 
großen Publikum, das bei einer gerechten Beurteilung der 
neuen Welt interessiert ist, meine Meinung aufzutischen. 
Es versteht sich wohl von selbst, daß ich mir trotz 
dieser gewissenhaften Vorbereitung durchaus nicht ein- 
bilde, mein Urteil könnte neben dem eingeborener gründ- 
licher Kenner des I,andes oder ernsthafter wissenschaft- 
licher Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; 
darum habe ich schon im Titel meines Buches den 
Nachdruck auf den Dichter gelegt. Ein Dichter ist, 
wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden 
darf, „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt". Sein 
Schauen ist freilich ein anderes als das des gelehrten 
Forschers: während dieser geradlinig rückwärts oder 
voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift 
des Dichters Auge über den ganzen Horizont rund um und 
erfaßt dennoch im Vorübergleiten eine ganze Menge be- 
deutsamer Einzelheiten der nächsten Umgebung. Sein 
Geist liebt es, Brücken zu schlagen vom Kleinsten zum 
Größten. Mögen diese Brücken oft auch luftig genug, 
mehr aus bunten Regenbogenfarben als aus soliden Balken 
zusammengezimmert sein, wertlos ist darum die dichterische 



X Zur Verständigung. 



Betrachtungsweise gewiß nicht; denn oft ahnt er mit dem 
sicheren Instinkt des schöpferischen Geistes große, bedeut- 
same Zusammenhänge, die dem scharfen Auge des Forschers 
verborgen bleiben, weil dem sein Gewissen nicht erlaubt, 
bei seinen Feststellungen unbekannte Größen in Rech- 
nung zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition 
und den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme 
ich für mich in Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit für 
dichterische Freiheit zu beanspruchen. Ich gehöre nicht 
zu den Leuten, die sich durch glänzende Äußerlichkeiten 
leicht blenden lassen, auch nicht zu den mißtrauischen 
Duckmäusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich 
angelegen sein lassen, drüben in dem merkwürdigen 
Lande der unbedingten Gegenwart, wo es irgend anging, 
die Meinung gescheiter, mir zuverlässig erscheinender 
Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen 
zu vervollständigen, zu klären und zu berichtigen. Dabei 
ist es mir nun allerdings überaus häufig begegnet, daß der 
Sachverständige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande 
war, den Sachverständigen A., der 27 Jahre im Lande war, 
für einen ausgemachten Esel erklärte, und daß der Sach- 
verständige C, der 50 Jahre im Lande war, zur Ent- 
scheidung aufgerufen, beiden als elenden Grünhörnern 
jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun 
eine alte Erfahrung, die jeder mit einem klaren Blick 
begabte gebildete Reisende schon bestätigt gefunden 
haben wird, daß sich der Eingeborene eines Landes oft 
gerade der auffallendsten Eigentümlichkeiten desselben 
nicht bewußt ist, weil ihm eben der Maßstab zur Ver- 
gleichung fehlt und weil ihm naturgemäß das Gewohnte 
als das Selbstverständliche erscheint. Ebenso verliert 
auch der Einwanderer, je länger er in dem neuen Lande 
weilt, desto mehr den Blick für seine Besonderheit. Ihm 



Zur Verständigung. XI 



dünkt vieles Neue bedeutsam, weil er es unter seinen 
Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiß, daß man 
drüben in der alten Heimat vielleicht schon längst über 
den betreffenden Zustand hinaus gekommen ist, während 
ihm Dinge, die dem Fremden als höchst eigenartig auf- 
fallen, nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil 
sie für ihn Alltäglichkeiten geworden sind. Aus diesem 
Grunde können selbst des flüchtigen Besuchers erste 
Eindrücke von ganz erheblicher Bedeutung werden. Es 
ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle 
Dokumente als wissenschaftlich beweiskräftig anzunehmen, 
denn mit Hilfe der Statistik kann man bekanntlich ebenso 
wie mit Hilfe der Etymologie alles Beliebige beweisen, 
und daß behördliche Urkunden auch nicht immer direkt 
aus göttlicher Inspiration hervorgehen, dürfte wohl zuge- 
geben werden. Es bleibt also unter allen Umständen für 
das dichterische Schauen ein weites Feld ersprießlicher 
Tätigkeit übrig. Und der Forscher, der den Seher verachtet, 
gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im Kalender 
die Iyaterne zu Hause läßt, auch wenn dicke Wolken das 
freundliche Gestirn dauernd verfinstern. 

Ein wie schwieriges, unter Umständen sogar lebens- 
gefährliches Unterfangen es sei, auch mit dem ernst- 
lichsten Bemühen um Gerechtigkeit über Jung- Amerika 
zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung 
erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drüben taten. 
Ich habe, was wohl niemand einem Poeten verargen wird, 
ernsthafte Dinge ernst und minder bedeutsame Äußer- 
lichkeiten lustig behandelt und mich auch selbstver- 
ständlich nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungs- 
weise der heiteren Wirkung zuliebe keck zu übertreiben 
und nötigenfalls sogar ein Weniges dazu zu lügen, in der 
sicheren Erwartung, daß der amerikanische Humor, der 



XII Zur Verständigung. 



ja bekanntlich in der grotesken Übertreibung sich am 
besten gefällt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen 
finden würde. Darin scheine ich mich jedoch gründlich 
getäuscht zu haben, und Henry F. Urban, der humoristische 
Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft genaue Kenner 
seiner Bewohner , dürfte doch wohl recht haben mit 
seiner Behauptung, daß der richtige Dollaricaner keinen 
Sinn für Satire habe, wenigstens nicht sofern sie sich auf 
ihn selbst und sein I^and bezieht. So erklärt sich auch 
die für uns merkwürdige Erscheinung, daß dieses so 
humorbegabte und zu derben Spaßen aufgelegte Volk 
noch keine politischen Witzblätter besitzt. Der Dollari- 
caner sieht eben fortwährend vor seinen Augen die Wüste- 
nei sich in üppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstädte 
aus elenden Ansiedlungen sich quasi über Nacht ent- 
wickeln, eine luxuriöse Tipptopp-Kultur urplötzlich, wie 
den glänzenden Schmetterling aus der unscheinbaren 
Puppe, aus dem Chaos herausschlüpfen — da ist es frei- 
lich begreiflich, daß sein Herz von unbändigem Stolze 
auf sein Wunderland und auf die Tatkraft seiner Be- 
wohner geschwellt ist. Dieser schöne Stolz geht nun aber 
so weit, daß er jeden für einen verleumderischen Schurken 
erklärt, der nicht alles und jedes für vollkommen und 
unvergleichlich hält, was die Vereinigten Staaten her- 
vorbringen, und daß er nicht nur dem ausländischen 
Beobachter, sondern auch seinen eignen I^andsleuten jede 
kritische Anwandlung fürchterlich übel nimmt. Die 
englischen Zeitungen haben sich vornehmlich an meine 
Spaße und Übertreibungen gehalten und mich wie gänz- 
lich humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten 
festgenagelt und darum ihrem Publikum als unwissenden, 
leichtfertigen Verleumder hingestellt ; meine ehemaligen 
deutschen I^andsleute aber haben sogar Entrüstungs- 



Zur Verständigung-. XIII 



meetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der 
auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, daß sie im 
allgemeinen an körperlichen Vorzügen hinter den Yankees 
zurückstehen, und daß sie nicht verstanden haben, sich 
rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen Ein- 
fluß zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmäßiges 
Übergewicht, sondern auch als hervorragendste Kultur- 
träger rechtens zu beanspruchen gehabt hätten. Für 
diese Missetat haben mich zahlreiche deutsch-ameri- 
kanische Blätter, vornehmlich minder beträchtliche Pro- 
vinzorgane, mit den liebenswürdigsten Schmeichelnamen 
bedacht, unter denen wohl , krummer Hund' noch der 
mildeste war, und zahlreiche Privatpersonen haben mich 
brieflich ihrer vorzüglichsten Tiefachtung versichert und 
mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die 
Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. 
Nun, ich darf mir wohl erlauben, diese seltsamen Blüten 
patriotischer Entrüstung nicht allzu tragisch zu nehmen, 
da außer solchen robusten Kundgebungen mir doch auch 
zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zu- 
gingen, welche im Gegensatz zu jener Knüppelpolemik 
durchweg aus den oberen geistigen Regionen herstammten. 
Ich habe übrigens die in jenem Aufsatz über die Yankee- 
rasse, der so viel böses Blut gemacht hat, niedergelegten 
Ansichten in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches 
begründet und erweitert. Es versteht sich von selbst, daß 
ich jedem dankbar sein werde, der mir beweist, daß ich da 
und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir 
zur Pflicht machen, Irrtümer zu berichtigen, soweit 
etwaige Neuauflagen die Gelegenheit dazu geben sollten. 
Zusammenfassend betone ich also noch einmal, daß 
dies Buch weder wissenschaftlichen Wert beansprucht, 
noch etwa ein Führer für Reisende sein soll, dagegen 



XIV Zur Verständigung. 



auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben 
beabsichtigt. Es ist für uns Europäer von größter Wichtig- 
keit, uns klare Vorstellungen von diesem I^ande ohne 
Vergangenheit zu verschaffen, das für uns einen Spiegel 
unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten 
Staaten zu reisen bedeutet für den wißbegierigen Europäer 
soviel, wie es für die Unschuld vom L,ande bedeutet, zur 
Kartenschlägerin zu gehen, nur mit dem Unterschiede, 
daß das, was wir drüben über unsere Zukunft erfahren, kein 
plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. 
Je mehr wir mit unserer Vergangenheit aufräumen, je rück- 
haltloser wir uns von dem reißenden Strome der modernen 
Entwicklung mit forttragen lassen, desto sicherer werden 
sich unsere Zustände und unser Charakter amerikanisieren ; 
und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der 
Gegenwart so genau wie möglich betrachten, und darum hat 
jeder, dem eine gute Beobachtung und ein gesundes Urteil 
zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, über 
Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt. 
Ich kann dies Vorwort nicht beschließen, ohne meinen 
verehrten Gönnern und neugewonnenen lieben Freunden 
da drüben, vornehmlich der Germanistic Society, den 
örtlichen Veranstaltern meiner Vorträge, den leitenden 
Persönlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden 
so umsichtigen und eifrigen Managern meiner Rundreise, 
den Herren Professor Rudolf Tombo jun. und Paul C. Hol- 
ter, meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen für die 
herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem 
Schaffen zuteil werden ließen, wie für die große Mühe, 
die sie so erfolgreich aufwendeten, um mir in der kurzen 
Zeit diese reiche Fülle von Eindrücken zu verschaffen. 

Darmstadt, im Oktober 1911. 

Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen. 



iiii i iii i iiiiiiiiiiii in iiiii i ii iii iiiiiiiiiii i i n i i iii i iii i iiiiiii 



3nfialfsverzeichnis. 



Zur Verständigung VII 

1. Als Mauernweiler in Dollarica 1 

2. Die Yankeerasse' 20 

3. Der Yankee als Erzieher 32 

4. Das Universitätsleben in der Union 41 

5. Öffentliche und private Moral 64 

6 Liebe und Ehe 79 

7. Die Dienstbotenfrage 94 

8. Die Kochkunst der Yankees 110 

9. Künstlerische Kultur 122 

10. Vom Theater im Yankeelande 135 

11. Die amerikanische Presse 149 

12. Von der demokratischen Gesellschaft 169 

13. Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht . 186 

14. Die Landschaft 207 

15. Dollaricas infamster Schurke 220 

16. Baedekereien für Amerikafahrer 232 

17. Was können wir von Amerika lernen? 250 

18. Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel 273 

Bücherverzeichnis 284 

Namen- und Sachregister 285 



iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniliiiiiii 



n ii n iiiiiii n i i i i ii i i ii in i m i iii i ii i n ii ii ii i i ii ii i m i m i n i n 

#ls Mauernweiler in Dollarica. 



Ein rechtschaffener „teutscher Tichter" schlägt drei 
Kreuze vor dem Gedanken einer Auswanderung nach 
den Vereinigten Staaten. Nikolaus I,enau, der seinerzeit 
aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen Rot- 
häute hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retour- 
schiff benutzt, und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen 
lassen von dem I^ande, in welchem die Vögel keine Iyieder 
und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine Behauptung, 
die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. I^ilien- 
cron mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dolla- 
rica eingehen, weil sie gar keine Miene machte, ihm von 
ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben. Ich vermute, 
daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine 
Prüfung auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen ge- 
strandeten Offizieren und sonstigen mit Bildung oder 
hohen I^ebensansprüchen beschwerten, zu grober Hand- 
arbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern 
zunächst einmal auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht 
mit den Hintergedanken eines galanten Räubers, sondern 
nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate im 
Iyande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und be- 
reichert heim und bescherte uns, als Frucht seines fleißigen 
Studiums, sein schönes und gerechtes Buch ,,Das I,and 
der Zukunft". Dafür war aber auch Polenz kein solch 
närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn 
ihm ein fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachti- 
gallen in Kaktushainen schlagen und Affen auf Iyinden- 
bäumen herumklettern zu lassen. Paul Iyindau, der weit-, 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 1 



Als Mauernweiler in Dollarica. 



witz- und wortgewandte, ist durch das I^and geflitzt und 
hat eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetter- 
lingen im Vorbeifliegen mit ,, gewandter Feder" feuilleto- 
nistisch aufgespießt; gelegentlich der großen Weltmessen 
von Chicago und St. Iyouis ist auch sonst wohl noch der 
und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, 
um mit mehr oder minder leichtsinniger Wichtigkeit den 
Maßstab seiner kleinen Person an die Ungeheuerlich- 
keit der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle, 
durch starke Kindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst 
seitdem einige hervorragende Deutsch- Amerikaner mit 
Hilfe der Professoren der germanistischen Fakultäten und 
Unterstützung etlicher für deutsche Kunst und Wissen- 
schaft eingenommener amerikanischer Mäzene die Ger- 
manistic Society of America gegründet haben, ist es mög- 
lich geworden, richtigen deutschen Dichtern und Ge- 
lehrten, ohne Rücksicht auf Geldverdienst und etwaige 
lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im 
fernen Westen, das Märchenland der absoluten Gegen- 
wärtigkeit, zu zeigen und andererseits diese seltsamen 
Tiere dem amerikanischen Volke lebend vorzuführen. 
Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders 
Krüger, Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber 
dieser Zeilen dazu gelangt, ihren deutschen I^andsleuten 
drüben, sowie den für deutsche Geistesart interessierten 
Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten 
der Gegenwart zu bringen. 

Ich habe im I^aufe von etwa acht Wochen an neunzehn 
Universitäten und Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen 
Vereinen gesprochen. Ich habe dabei teils aus meinen 
Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre deutscher 
Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persön- 
licher Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder 



Psychologie des Publikums. 



mich über das Theater der deutschen Gegenwart ver- 
breitet, oder endlich mit Unterstützung meiner Frau die 
Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes be- 
handelt. Und daß ich diese kleine Singefrau mit hatte, 
war sehr gut. Denn wo immer sie in die Zupfgeige griff 
und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ, da 
leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die 
gewohnten Redensarten eines höflichen Dankes bekamen 
einen echten Herzensklang. Sie haben mir ja auch die 
Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach getaner 
Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Ge- 
walt da behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug 
hatten. Das soll nun nicht etwa heißen, daß ich mich über 
eine laue Aufnahme oder über Unverständnis zu beklagen 
gehabt hätte. Ganz im Gegenteil : man muß bei uns schon 
bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der 
dankbaren Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch 
sehr bald, daß ich diesen lebhaften Beifall vornehmlich 
meiner rezitatorischen Leistung sowie dem Umstände zu 
verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines 
Wesens vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theater- 
mann habe ich die Kunst gelernt, unterhaltende Pro- 
gramme zusammenzustellen, und auf die Psychologie der 
Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der 
Grund, weshalb mir's drüben so gut gegangen ist. Ich 
wußte schon vorher genug über den Geschmack des 
amerikanischen Publikums, um ungefähr beurteilen zu 
können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben 
möglich wären und welche nicht. Und da mußte von 
vornherein vieles von dem als unmöglich ausgeschlossen 
werden, womit ich mir hier meine wertvollsten Erfolge 
geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt 
erst feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der 

l* 



Als Mauernweiler in Dollarica. 



Erotik sind bei den Angloamerikanern ebenso von der 
öffentlichen Besprechung und künstlerischen Gestaltung 
ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die Deutsch- 
Amerikaner, die lange genug drüben gelebt haben, sind 
immerhin von diesem Puritanertum soweit angesteckt, 
daß die Grenzen des künstlerisch Erlaubten bei ihnen 
nicht weiter gehen als etwa beim deutschen Familienblatt 
älteren Stils. Du lieber Himmel — und ich bin der Ver- 
fasser des ,, Dritten Geschlechts", der ,, Geschichten von 
lieben süßen Mädeln" und gar ,,des Erzketzers" und habe 
niemals einen Beitrag zur ,, Gartenlaube" oder zum „Da- 
heim" geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl aus- 
nahmslos an jedem meiner Vortragsabende ein paar 
literarisch gebildete, vorurteilslose L,eute unter meinem 
Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören 
lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich 
und nützlich machen, den des Deutschen beflissenen 
Studenten englischer Zunge und besonders den aus allen 
Bildungsschichten zusammengewürfelten Deutsch-Ameri- 
kanern. 

Mit den Versen gab's wenig Schwierigkeit. Meine 
Balladen und Hymnen auf die moderne Technik mußten 
ja in dem Lande der technischen Hochkultur zünden, und 
auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das 
meiste verstanden; aber mit der Auswahl von Prosa- 
stücken hatte ich meine liebe Not, und bei meinen Streif- 
zügen durch die deutsche Iyiteratur der letzten dreißig 
Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst 
dem gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei 
einer meiner L,ieblingsfiguren etwas länger verweilte oder 
den Versuch machte, ein bißchen in die Tiefe zu bohren, 
bemerkte ich, wie sich alsbald ein suggestives Gähnen 
durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll ge- 



Humoristische Lichter. 



spannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich 
mich denn beeilen, mit einer scherzhaften Anekdote oder 
einer satirisch zugespitzten Bemerkung die entflatternde 
Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so vieler 
anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin 
noch auf einem kindlichen Standpunkt, daß sie, und 
zwar nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten, durch- 
aus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem Zwecke 
in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der 
Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze 
machen, wenn er sein Publikum fesseln will. Kein Redner 
wird jemals in diesem L,ande Erfolg haben, der nicht 
zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten 
Gegenständen humoristische leichter aufzusetzen. Ich 
habe eine feierliche Universitätssitzung mitgemacht, bei 
welcher der Präsident der Universität eine ausgezeichnete 
Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben hielt. 
Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Über- 
ziehern und Galoschen da, aber sobald der Vortragende 
eine drollige Wendung gebrauchte, einen freundlich heiteren 
Zug aus dem Lieben des Gefeierten erzählte, oder gar eine 
witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die frie- 
rende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem ameri- 
kanischen nationalen Drama, der Blood and Thunder- 
Show, muß die erbauliche Abwechslung zwischen Iyeichen- 
aufhäufung unter Revolvergeknatter und sentimentaler 
Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom 
obligaten Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen 
Abständen von derben Clownspässen unterbrochen werden, 
um dem guten Volke schmackhaft zu bleiben, und der 
bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie 
ihm der ,, Tristan" gefallen habe, achselzuckend erwiderte: 
„Nu, mer lacht", könnte hier leicht manches Gegen- 



Als Mauernweiler in Dollarica. 



stück finden. Das ist nun etwa nicht als besonderes Schand- 
mal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der 
Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber 
genau denselben Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls 
als erheiternden Zeitvertreib. Die geistige Erhebung 
durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig 
zu genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen 
Form; sein Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröb- 
lich Sinnfälligen, an der handgreiflichen Moral oder Ten- 
denz. Da in Amerika noch nicht viele Leute und auch 
diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen 
ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbst- 
verständlich, daß es dort im Verhältnis zur Einwohner- 
zahl sehr viel weniger ästhetisch interessierte Menschen 
gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute können 
von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, 
als sie ja zum weitaus überwiegenden Teil von gänzlich 
amusischer Herkunft sind. Die deutschen Amerikaner, 
die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus 
machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geistes- 
kultur aufrecht zu erhalten, setzen sich zusammen aus 
den Überresten der achtundvierziger Emigranten und 
ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten 
mit akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrer- 
innen, als Ärzte, Künstler usw. eine Lebensstellung ge- 
funden haben, und endlich aus einigen nicht allzu zahl- 
reichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und 
Gewerbe hier ihr Glück gemacht haben und daher im- 
stande waren, ihren Kindern eine höhere Schulbildung 
zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine 
sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künst- 
lerischen und literarischen Bestrebungen zu widmen. 
Sie scheiden sich mehr nach Landsmannschaften oder 



Was sie alles komisch finden. 



Gesellschaftsschichten als nach geistigen Ansprüchen. 
Man darf also nicht erwarten, für irgend welche wissen- 
schaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den 
Vereinigten Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes 
und anspruchsvolles Publikum zu finden, wie etwa in 
unseren deutschen literarischen Gesellschaften, kauf- 
männischen oder auch selbst sozialdemokratischenBildungs- 
vereinen. Man kann aber sicher sein, überall unter seinen 
Zuhörern eine Anzahl fein gebildeter und verständnis- 
voller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine kleine 
Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann 
aber, wenn man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes 
geben und die Kleinen und Armen im Geiste nach Mög- 
lichkeit durch Konzessionen an ihr Unterhaltungsbe- 
dürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen 
freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher 
Heiterkeit kalt überlaufen. Im Hörsaal der Universität 
zu Rochester wollten sich Studenten deutscher Abkunft 
halb tot lachen über die von mir berichtete traurige Tat- 
sache, daß Iyiliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse 
Kugeln in den L,eib bekommen habe, von denen ihm alle 
paar Jahre eine im Operationssaal der Universitätsklinik 
zu Kiel herausgeholt wurde ! Und in der High School von 
Youngstown (Ohio) kreischten die Boys und Girls vor 
Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von 
der Großmutter Schlangenköchin übersetzte. Über die 
Fischlein, die die böse Hexe mit einem Stock im Kraut- 
gärtlein fängt, und gar über „The black and tan Doggie, 
that burst into a thousand pieces" (das schwarzbraune 
Hündlein, das in tausend Stücke zersprang), bogen sie 
sich krumm vor fachen, und meine Frau, die sie gerade 
durch diese Ballade zu Tränen zu rühren gedachte, war 
blaß vor Schrecken, — hat sie aber dann doch zu packen 



8 Als Mauernweiler in Dollarica. 

gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige 
Einfalt des deutschen Märchenstiles so siebenfach ver- 
siegelt ist. 

Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den 
Auspizien einer hochangesehenen Gesellschaft reist, so 
bekommt man eine deutliche Vorstellung davon, wie 
angenehm und erhebend es sein muß, als Fürstlichkeit 
durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die 
Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man 
nämlich in den Vereinigten Staaten behandelt, sobald 
man offiziell als großes Tier, als illustrer Gast gemanagt 
wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das 
einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich 
kaum des Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch 
schon die Reporter auf den I,eib rücken. In der kurzen 
Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und Ausruhen 
gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, 
denn die einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so 
weit auseinander wie etwa Berlin und Neapel!) muß man 
mehrere Interviews über sich ergehen lassen, bei denen 
einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der 
größere Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. 
Dann tritt das Komitee wieder an, um einem die Sehens- 
würdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu bemerken ist, 
daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, 
bis hinauf an die kanadische und hinunter an die vir- 
ginische Grenze eine Stadt genau so reizlos und uninteres- 
sant ist wie die andere (mit vielleicht einziger Ausnahme 
von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler 
noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man 
die berühmtesten Bauten meistens schon im Original in 
Europa gesehen hat. Erfreulich werden diese Besichtigungs- 
fahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der 



Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. 



Citys hinaus ins L,and führen und man einen schönen 
Tag erwischt. Architektonisch interessante Villenviertel 
mit reizenden Schmuckgärten wie bei uns gibt es freilich 
kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind selbst 
die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, 
mit denen auch sehr wohlhabende Amerikaner glücklich 
und zufrieden sind, eine Wohltat zu sehen. Nachdem 
der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden 
ist, geht es zum Iyunch, und der ist eigentlich immer er- 
freulich und gemütlich, gleichviel ob man in eine wild- 
fremde Familie, in ein feines Restaurant oder in einen 
exklusiven Klub geladen ist. Denn die amerikanische 
Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen 
ausgeübt werden, ist über alles I v ob erhaben. Und wenn 
bei solchen Gelegenheiten das Menü nur nicht zu ameri- 
kanisch und die Gastgeber keine Teatotalers sind, so kann 
man sich seines L,ebens freuen, ohne durch steife Förm- 
lichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu 
werden. Nicht selten ist bereits mit dem Lunch eine 
kleine reception verbunden, d. h. nach dem Essen 
treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, 
wenn der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freund- 
schaft und Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell 
ist, in den zumeist winzig kleinen Stuben an, um Bekannt- 
schaft zu machen. Das ist die mildeste Form der ,, recep- 
tion". Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt 
ein Stündchen herum und hat im Fluge einen oberfläch- 
lichen Bindruck von dem Verkehrskreis des Gastgebers 
gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich interessante 
Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee 
geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven 
gemacht hat, so darf man sich zu einem Ruhestündchen 
zurückziehen, andernfalls geht es ohne Gnade und Barm- 



10 Als Mauernweiler in Dollarica. 

herzigkeit weiter im Programm. Man wird zur Besich- 
tigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der 
Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe 
oder was es auch immer sei, mit Vorliebe auch zu dem 
Gouverneur des Staates oder doch mindestens zum Bürger- 
meister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß 
so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines 
Landes ist, das in den meisten Fällen größer als das König- 
reich Bayern, in einigen Fällen sogar größer als ganz 
Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte Zu- 
gänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art 
dieser großen Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung 
davon, wer man ist, aber sie beteuern, über die Bekannt- 
schaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs Liebens- 
würdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittler- 
weile wird es dann Zeit, sich zum dinner in füll dress zu 
werfen. Dabei geht es ohne mehrere Toaste niemals ab, 
denn der Amerikaner redet gern und hervorragend gut, 
und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammen- 
nehmen, um diesem nationalen Talente gegenüber mit 
seiner Antwort zu bestehen. Hat man den Abend frei, 
so ist solch ein dinner um 7 Uhr eine erquickliche An- 
gelegenheit ; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche 
Unsitte, stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche 
Masse von Speisen und ebenso viel verschiedene, in der 
Schwere sich steigernde Weinsorten eingepumpt zu be- 
kommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich 
auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des 
Menüs, sondern nur wegen der nationalen Sitte, die 
Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem Dessert zu 
öffnen. Toastmaster und Chairman regulieren den Strom 
nach parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste 
erschöpft ist, beginnt erst der echt amerikanische 



Nervös sind sie nicht. 1 \ 



Hauptspaß, indem der Toastmaster noch unter den be- 
sonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten 
oder berüchtigten Anwesenden eine ganze Anzahl zu 
Improvisationen reizt. Selten daß einer auf solche Reizung 
nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit 
jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges 
oder gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. 
Schlimm ist es, wenn man unmittelbar nach dem Essen 
seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht selten vor- 
kommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das 
auch passiert ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne 
vom Vorsitzenden zugeraunt wird, daß man doch ge- 
fälligst nur eine Stunde lang sprechen möge — über ein 
Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu er- 
ledigen wäre! Diese beneidenswert robusten Neuweltler 
nehmen eben als selbstverständlich an, daß ein Mensch, 
der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche 
Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen 
bereit sein müßte, sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir 
schwächlichen Ostleute zu jeder geistigen Leistung Samm- 
lung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht zu 
verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch 
ganz gleichgültig, wie das L,okal ausschaut, in dem er 
seine Kunst genießt oder seine Bildung bereichert; offene 
Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und 
klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde 
Kegel- unter und probende Gesangvereine über dem Lokal 
genieren ihn nicht im mindesten. Ich ging an einem 
Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit 
offen stand; im Korridor trappten laut schwatzende und 
lachende Studenten auf und ab, aber weder der vortragende 
Professor noch die eifrig nachschreibenden Hörer ließen 
sich dadurch auch nur im geringsten stören. In St. L,ouis 



12 Als Mauernweiler in Dollarica. 

waren die L,eute, die mein Auditorinm in Stand setzen 
sollten, ausgeblieben. Infolgedessen war das Iyokal so 
schmutzig von Kohlenruß, daß ich einen weißen Hand- 
schuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das 
elektrische L,icht versagte ; wir saßen also bei einigen Not- 
lampen im Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte 
vom bitteren Luiden und Sterben eines schwindsüchtigen 
Mädchens unter der rhythmischen Begleitung zweier 
melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich 
nahe daran, aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber 
schien durch diese stimmungsmordenden Umstände nicht 
im mindesten berührt zu werden. Der Vorsitzende bat für 
diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es 
gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit 
bewundernswerter Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen 
ist, um für sein Geld Kunst zu genießen oder Weisheit zu 
schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den 
widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten 
kommen. Und seine Nerven parieren ihm so absolut, daß 
er imstande ist, durch einfachen Willensakt während des 
zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden 
Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören. 
Die große reception, dieser Schrecken aller Schrecken 
für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische 
„Hetz", pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes 
in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der 
Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man 
kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren 
und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochen- 
lang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar 
eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm ein- 
fallen wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere 
Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt 



Nicht vorstellen! 13 



fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d'hote- 
Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen 
und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu 
schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller," so 
riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz 
zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut 
und mit gequetschtem Nasen tone die impertinent zweifelnde 
Frage zurückgibt: ,,Aoh, is that so?" Der Amerikaner 
hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten L,euten bekannt 
zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren 
ihn brennend, und fürlyeute mit schönen Titeln und langen 
Namen aus Buropa hat er eine besondere Schwäche, aber 
niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vor- 
stellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesell- 
schaft nur miteinander bekannt werden, indem man von 
dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander 
vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen 
Veranstaltungen auch die berüchtigten receptions. Jeder, 
der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesell- 
schaftlichen Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten 
Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcher recep- 
tion zu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnot- 
peinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in 
musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte 
mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales 
und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte 
davon entfernt. Mir zur Seite trat ein Gentleman- Usher 
und an die Seite meiner Frau eine Lady-Usher (Usher 
= Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie 
wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften 
nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe, 
einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die 
Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen 



14 Als Mauernweiler in Dollarica. 

wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. ,, Erlauben 
Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber 
(sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten 
Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Be- 
gründer, denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem In- 
dianerdorf, das damals auf dieser Stelle stand, den ersten 
Ivaden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kau- 
tabak und Schießpulver eröffnet." 

,,How do you do, Mister Uolsogen?" gurgelt Mister 
John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speck- 
wampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit 
einem Pumpenschwengel zu hantieren. ,, Komme Se mal 
zu mir, da wer' ich Se mal was Scheenes ßeigen; und 
bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Anti- 
quitis gleicht." (Antiquitäten gern hat). 

Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit 
kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich 
mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein, 
mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, 
und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich 
glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche 
die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur 
mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten. 

,,Move on, please!" sagt der Usher und schiebt das 
imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit 
Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder 
so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddle- 
daddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der 
Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert 
und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, 
bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen 
Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungezieferver- 
tilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar wert. 



Great reception. 15 



Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende 
Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie 
ist so schrecklich betrübt (so awfully sorry!), daß ihre 
Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist ver- 
gangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenom- 
men von der deutschen Literatur. Sie habe viele von 
meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen 
entzückenden ,, Herrgottsschnitzer von Oberammergau" 
und meinen reizenden ,, Hüttenbesitzer" und überhaupt 
beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps. 

Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese 
genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich 
zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität 
auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse. 

Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) 
quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddle- 
paddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine 
Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir 
bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Locken- 
schmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll 
geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, 
Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der be- 
rühmte Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort 
geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits 
George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay 
(welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in 
Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender 
Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. ,,Froh, 
Sie zu treffen, Baron", beginnt der große Gelehrte, mir 
kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht 
viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den 
Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche 
Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der Volks. 



16 Als Mauernweiler in Dollarica. 

seele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang 
eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des 
Hofbräu- Ausschankes in der Französischen Straße in 
Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik 
durchaus obenauf, up to date wären und überhaupt 

,,Move on, please!" ruft der unerbittliche Usher, und 
der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissens- 
durst und läßt sich ohne Murren weiterschieben. 

Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die 
Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen 
in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich 
im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tat- 
sächlich den ,,Kraft-Mayr" gelesen haben, es kommt die 
Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine ,, Gloria- 
hose" in ihrer Klasse übersetzen läßt — lauter Menschen, 
mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen 
zurückziehen möchte — es hilft nichts: „Move on, please!" 
kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam 
und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Men- 
schen, alte und junge, Zierden der Alma mater und 
feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und uner- 
hebliche Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter, 
und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebig- 
keit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß sie 
s o glücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten 
später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, 
und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen. 
Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige 
Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die 
Hand einschlagen und die Affäre mit dem sterotypen 
,,How d'ye do?" möglichst rasch erledigen, oder aber 
kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen. 
Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student 



Ausgestanden ! \ J 



mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein 
deutsches L,iteraturgeschichtsbuch mit der Bitte über- 
reicht, ihm da etwas hineinzuschreiben. 

,, Stehe ich drin in diesem Leitfaden?" frage ich den 
glatten Jüngling. 

„Ich bin betrübt, nein zu sagen," lächelte er verlegen, 
und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein, 
daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei. 

Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen 
sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und 
bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbst- 
verständlich das entsetzliche Eiswasser oder den unver- 
meidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige 
der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und 
Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception" glücklich 
geworden seien. Die sind, mit uns völlig einig darüber, 
das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von 
der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen 
Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber 
trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines 
importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres 
eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis 
Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren 
sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen 
vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und 
Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer 
des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen 
anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren 
Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder 
B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen 
und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in 
Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine 
Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 2 



"[8 Als Mauernweiler in Dollarica. 

dürfen: ,,Da und da traf ich den berühmten X. und schüt- 
telte Hände mit ihm." Der Präsident der Vereinigten 
Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen 
Neuj ahrsreception Tausenden von Menschen die Hände 
zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß er so 
froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich 
nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine 
eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen 
haben. Ich glaub' s gerne, daß er das nötig hatte, denn der 
mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei 
denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trink- 
sprüche zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er 
im Iyaufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenk- 
mäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preis- 
bullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, 
dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische 
Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren 
Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der 
kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, 
auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen 
in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es 
doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten 
Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pan- 
toffeln. Für unseren unglücklichen Repräsentations- 
prinzen gab es das alles nicht, er war von früh bis in die 
späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung 
war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern 
imponiert hat. 

Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten 
Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in 
Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?" 
Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika 
aus?" Denn das ist, wenigstens für den offiziell herum- 



Die reizende Reporterin. 19 



gezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da 
drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und 
sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen 
ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühn- 
heit aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner 
den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der 
Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen 
Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht, 
kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!" 

In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen 
Reporterin interviewt. Selbstverständlich: ,,How do 
you like America" usw., und dann kam die verfängliche 
Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?" Da 
kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräu- 
lein, in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht." Und 
nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen 
mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen 
Blick zu mir empor — ich werde diesen rührenden Blick 
nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen 
willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich 
nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt 
unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem 
großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, unge- 
zogene, starke, unanständig gesunde Jugend ist. 



K " Illlllllliniii mi i imiiimmm iii»miimmim 

2* 



Illllllllllllllllllll Hill IUI IUI Hill llllllllllllllllllllllllllll 



Sie Tankeerasse. 



£s ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß 
sich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas all- 
mählich durch energisches Umrühren eines überaus bunt- 
scheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse 
vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber 
drüben war, gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe 
und mir von jenem zukünftigen form- und farblosen 
Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit offenen 
Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen 
in den Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten 
Theoretikern sich nichts weis machen läßt, der muß zu 
der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit Ausnahme 
der südlichsten Staaten) nur Yankees *) und Fremd- 
völker gibt. Der Yankee aber ist ein reiner 
Großbritannier oder, wenn man will, eine 
Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, 
in welcher das keltische Blut stärker ver- 
treten ist als im altenBngland. Durch die neuen, 
eigenartigen Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahr- 
hunderten die Auswanderer aus den britischen Inseln in dem 
neuen Weltteil gestellt wurden — drei Jahrhunderte voll 
harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge — 
haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des 
angelsächsischen und des keltischen Blutes aufs heftigste 
herauskristallisieren und der neuen, gut durchgemischten 

*) Das Wort Yankee kommt von einer mißhörten indianischen 
Aussprache des Wortes »english« her und wurde in den Befreiungs- 
kriegen den Amerikanern von den Engländern als Spottname angehängt. 



Angelsachsen und Kelten. 



21 



Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden Charakter 
aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees 
ist sein Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen 
des Zwecks, seine nüchterne Beschränkung auf das Nächst- 
liegende, Nützliche, Erfolgversprechende; dagegen ist 
auf den keltischen Einschlag zurückzuführen sein leicht- 
herziger Optimismus, sein wagemutiges Spielertempera- 
ment, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte 
Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als 
Spieler, Säufer und Raufbold einigermaßen berüchtigte 
Irländer spielt in der Weltgeschichte gewiß keine be- 
sonders sympathische Rolle, aber der englische Puri- 
taner aus Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit 
üblerer Geselle. Mit den argen Schwächen des Iren konnte 
seine katholisch gefärbte Phantastik, sein kindlich liebens- 
würdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die 
sittenstrenge Iyebensführung und die ehrenhafte Ge- 
schäftstüchtigkeit des Puritaners doch noch lange nicht 
hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, boshaften Feind- 
schaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne 
und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. 
„Der Herr ist mit uns", war das Feldgeschrei der Pilger- 
väter — aber dieser Herr war eben ein grimmiger Spezial- 
gott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden 
Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige 
Spezialgott begeisterte sein auserwähltes Volk dazu, die 
Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen auszurotten 
und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn 
drüben nicht anfangs die Menschen so rar und die Hände 
so notwendig gewesen wären, hätten diese europäischen 
Berserker gerade so eifervoll wie die Dominikaner der 
Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten 
und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten 



22 Die Yankeerasse. 



sie sich damit, alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, 
alle vornehmen Menschen geschäftlich lahm zu legen und 
aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Kin amerikanischer 
Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer 
Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten 
war. Bei schwerer Strafe im Nichtbeachtungsfalle war 
jedem Bürger vorgeschrieben, wie er sich zu kleiden und 
zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu 
denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich 
wären diese Menschen niemals die Begründer des größten 
demokratischen Freistaates der Welt geworden, wenn 
nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten, 
allmählich einen nach dem anderen von ihren starren 
Grundsätzen fallen zu lassen. Die Kolonie Rhode-Island, 
von einem abtrünnigen, grimmig verfolgten Prediger, 
dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste, 
welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche 
Grundsätze einführte, und gerade sie gedieh so sicht- 
barlich besser als die Puritanerkolonien, daß die frommen 
Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln 
begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher 
hat der angelsächsischen Rasse der praktische Nutzen 
über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, nüchterner 
Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, 
sich trotz ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare 
Träumereien und eigensinnige Prinzipienreiterei zu ver- 
lieren. Das englische Denken ist durchaus maller of 
fad, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, 
die mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handels- 
herren großen Stiles und kaltblütige Geschäfts- Politiker 
zu werden. Für das Klima des nördlichen ameri- 
kanischen Kontinents waren darum auch die Angel- 
sachsen die denkbar geeignetsten Besiedler Die rote 



Rassestolz. 23 

Urbevölkerung war trotz ihrer Kriegstüchtigkeit, trotz 
ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber ver- 
loren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und 
darum hilflos abhängig von der Natur, die für die natur- 
feindlichen Puritaner nur ein Objekt zur Ausbeutung 
durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung 
keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu bei- 
getragen, die unsympathischen Charaktereigenschaften 
der angelsächsischen Rasse zu verwischen. Das feurige 
Temperament der Kelten besiegte die englische Steif- 
heit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der 
Vereinigung jenes Geschlecht von waghalsigen Drauf- 
gängern, von willensstarken Optimisten, dem allein das 
große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, durch die 
Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den 
üppigen Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und 
sich selbst zu einer Herrenrasse aufzuschwingen, der alle 
übrigen von Europa nachdringenden Völker sich ebenso 
bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen 
Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankee- 
tums liegt ohne Zweifel in seinem unbeugsamen Rasse- 
stolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, daß er 
sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel 
weniger in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen 
anderen Rassen, die seinen riesigen Kontinent bevölkern, 
vermischt. Für die lateinischen Eroberer Südamerikas 
und auch der südlichen L,änder des nördlichen Kontinents 
hat es immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, 
sich liebespielerisch mit Frauen anderer Hautfarbe ab- 
zugeben. Und was ist dabei herausgekommen? Kreolen, 
Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes 
Gesindel, das für jede höhere Gesittung verloren ist, 
zuchtlos, widerstandsunfähig, in Leidenschaften verlottert 



24 Die Yankeerasse. 



oder in Trägheit versumpft. Solches Menschenmaterial 
ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch 
friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, 
denn Mischmasch-Menschen nehmen eben 
keine Vernunft an; das Beispiel so mancher süd- 
amerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann 
dagegen hat sich selbst in den Zeiten, als die Frauen 
der größte Luxusartikel im Lande waren, niemals mit 
Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte 
ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei 
aufzuheben in einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde 
doch noch die einzige Möglichkeit gewährte, die Plan- 
tagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder des 
heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis 
auf den heutigen Tag für die größte Schande, die ein 
Weißer auf sich laden kann, sich geschlechtlich mit 
den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu 
vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem 
er auch die aus Buropa herübergekommenen anderen 
weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die Juden, 
ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und 
Franzosen als Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß 
heißt er alle Völker der Erde vorläufig noch gastlich 
willkommen, weil eben noch recht viel Platz in seinem 
riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, 
so lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nütz- 
lich machen, gut gebrauchen kann. Er gewährt diesen 
Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an allen Vorteilen 
seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts 
dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines 
Landes so viel aneignen, als ihnen irgend möglich ist, 
aber er weiß sie überaus geschickt von den einfluß- 
reichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durch- 



Töchter im Tauschhandel. 25 

aus nicht tibermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter 
zu freien oder seine schönen Töchter ihnen ins Haus 
zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter 
des Milliardärs Jay Gould — nicht etwa einen herunter 
gekommenen deutschen oder polnischen Adeligen, sondern 
einen reichen und kerngesunden jungen englischen Lord 
heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren 
Bitern aus allen Rändern der Union entrüstete Protest- 
kundgebungen, ja sogar offene Drohungen, daß das 
Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern werde. 
Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen ver- 
öffentlichten Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der 
reine Leib und die starke Seele der freien Tochter Amerikas 
sei viel zu schade, um an die Sprößlinge entarteter Herren- 
geschlechter Buropas verhandelt zu werden. Man sieht 
aus diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse 
sich bereits gegen das eigne Stammvolk zu kehren beginnt. 
Wie erbärmlich leicht werden bei uns in Deutschland 
Rassen- und Standes Vorurteile vergessen, wenn sich eine 
Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten 
Wappens durch die Mitgift einer jüdischen Braut auf- 
zufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin heiratet — 
der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen — so 
tut er es sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geld- 
heiraten in unserem Sinne unter den Yankees äußerst 
selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, den Töchtern 
bei Lebzeiten der Bitern einen Teil des Vermögens in 
Gestalt einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des 
Verdienens und das Zutrauen, das jeder junge Amerikaner 
zu seinen Fähigkeiten und zu seinem Glück hat, macht 
tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, 
und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die 
Aufrechterhaltung einer kräftigen Rasse durch natürliche 



26 Die Yankeerasse. 



Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte Stellung der Frau spielt 
selbstverständlich unter den günstigen Bedingungen für die 
Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die 
Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch 
von den rauhen Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, 
wie ein Kätzchen verhätschelt worden. Niemals wurde 
ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals wurde 
ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit 
begegnet, immer sah es der Mann als eine gern geübte 
Pflicht an, seine Kräfte bis aufs äußerste anzustrengen, 
um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, schön 
zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. 
Die Folge dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee- 
Frau, wenigstens körperlich, zur schönsten der Welt ent- 
wickelte. Allerdings wird diese Schönheit, vornehmlich 
was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten Euro- 
päern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmieg- 
same Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber 
unbestreitbar verdient sie den Preis von allen Frauen der 
Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes und die edle, 
schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in 
ihrem aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar 
der Pariserin mindestens sehr nahe. Da sich diese schöne 
und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu mehr als zwei 
Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, 
und man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr 
schlanke, bewegliche, muntere und hübsch angezogene 
alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. Übrigens 
hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige 
Körperkultur, besonders für peinlichste Reinlichkeit mit- 
gebracht, und diese Erbschaft ist auch den Männern zu- 
gute gekommen. Die Arbeit, die die ersten Kolonisten 
zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch 



Kongreß deutscher Mißgeburten. 27 

leisten müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der 
stete Kampf mit Hitze und Kälte, mit wilden Tieren und 
Menschen, mit den bösen Fiebern der Sumpfgegenden, 
mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das 
widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ 
nur die Stärksten mit dem lieben davon kommen. Diese 
unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von Muskel- und 
Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch 
auf eine gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist 
es durch Gesetz streng verboten, Kranke oder gar Krüppel 
aus der alten Welt an den Gestaden der neuen landen 
zu lassen. 

Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika be- 
suchte ich ein beliebtes Kaffeehaus in Berlin. Es war die 
erste größere Versammlung deutscher Menschen, die mir 
nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder 
vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, 
nein, geradezu erschüttert über den Anblick von so viel 
Garstigkeit. Diese Speckwampen, diese Bierbäuche, Kahl- 
köpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und ver- 
pickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, 
gierigen oder ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten 
also meinen lieben Ivandsleuten! Und mit diesen in ihrem 
schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, 
geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käs- 
bleichen, blaßäugig blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, 
feuchthändigen und dickbeinigen Jungfrauen hatten sie 
bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs zu 
erzeugen ! Herzzerkrampf end schauderhaft ! Gewiß war 
es ein tückischer Zufall, der mich gerade bei meinem 
ersten Ausgang auf diesen Kongreß von Mißgeburten 
stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer 
noch von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte 



28 Die Yankeerasse. 



in ihrer körperlichen Erscheinung Zeugnis ablegt, und 
erst neuerdings in der kultiviertesten Oberschicht und in 
der Generation, die bereits die Segnungen einer nach 
englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer 
Vernunft- und naturgemäßen Lebensweise genossen hat, 
sich deutlich zu verschönern beginnt, das scheint mir 
leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten Staaten 
ist der Deutsche und besonders die Deutsche der ersten 
Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu 
unterscheiden. Dem deutschen Einwanderer wird es, 
auch wenn er zu Wohlhabenheit und angesehener gesell- 
schaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht 
schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der 
Haltung und die guten Manieren des gebildeten Yankees 
anzueignen. Und die deutsche Auswanderin lernt nur in 
sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint im 
höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder 
dieser Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig 
schlanken, körperlich glänzend gepflegten Yankeekindern. 
Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, den Kindern 
die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätz- 
barer Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt 
zu kommen, daß sich alle übrigen Weltteile, alle übrigen 
Völker nicht im entferntesten mit der unerhörten Vor- 
züglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen Yankee- 
rasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind 
die englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, 
als es seinen Eltern jemals möglich wird. Es kommt dazu, 
daß das amerikanische Leben, die ganze Art der Er- 
ziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordent- 
lich schärft. Da können nun die deutschen Kinder nicht 
umhin, Vergleiche anzustellen und sich darüber ihre Ge- 
danken zu machen ; zudem lassen es die Yankeekinder an 



Die Kinder der Einwanderer. 29 

boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, 
wie ein Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der 
bei irgendeinem Unternehmen mitzutun zauderte , weil 
sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die Achsel 
zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum 
kümmern, was der olle Dutchman sagt." (,,/ would'nt 
care, what that old Dutchman says.") So wird es selbst- 
verständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in ihrem Äußeren 
zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem 
Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt 
sich naturgemäß bei den geistig beweglichsten Kindern 
am stärksten. Es ist erstaunlich, wie rasch durch solche 
Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern un- 
ähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über 
ihren Vater hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem 
amerikanischen Barbier unter die Finger geraten sind, so 
ist der smarte Yankeejüngling mit der aristokratischen 
Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald 
fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen 
Möbeln herum, und er trifft mit tödlicher Sicherheit die 
messingene Spuckvase in der entferntesten Ecke des 
Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann 
seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird 
ihr doch so unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner 
zigeunerischen Ziehmutter. Die Yankee-Miß führt in 
ihrer kecken Selbständigkeit ein so beneidenswertes 
Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es 
nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen 
und Füßen dagegen sträuben müßte, sich von einer törich- 
ten Mutter gewaltsam zu einem ängstlich daher stolpernden, 
unmotiviert kichernden und errötenden, Sittigkeit und 
Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu 
lassen. 



30 Die Yankeerasse. 



So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen 
Rasse die körperlich und geistig bevorzugtesten unter 
den Kindern der fremden Einwanderer mächtig zur An- 
passung an. Die zweite Generation, vornehmlich der 
deutschen Einwanderer, weist schon recht zahlreiche 
Exemplare auf, die von echten Yankees kaum oder gar 
nicht zu unterscheiden sind — und dennoch verhält sich 
der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern 
gegenüber in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. 
Er sieht die Deutschen sehr gern in seinem L,ande, er 
schätzt sie hoch als ehrliche, anständige Menschen, die 
der politischen Korruption einen zähen Widerstand ent- 
gegensetzen, die mit ihren geschickten Händen, ihrem 
Fleiß, ihrer Geduld zu allen feineren Handwerken vor- 
züglich geeignet und mit ihrer Klugheit und Gewissen- 
haftigkeit für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee zu 
langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und 
Wissenschaft ganz hervorragend brauchbar sind — und 
dennoch gibt er ihnen seine Töchter nicht gern zur Ehe! 
Nicht anders ist es mit den Angehörigen der romanischen, 
slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie 
hocken alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen 
der Großstädte, oder in kleineren Ansiedlungen auf dem 
I^ande dicht beieinander und bleiben, obwohl mit allen 
Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten aus- 
gestattet, fremde Einsprengsel in dem gastlichen L,ande. 
Die Juden z. B. haben es ebenso wie in Europa zum großen 
Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. Sie entwickeln 
unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und 
Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Iyerneifer. 
In der Presse, in der Literatur, im Theater, in der Rechts- 
anwaltschaft und im ärztlichen Beruf haben sie, geradeso 
wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne 



Antisemitismus ? 31 



ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu 
einem weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch 
haust die große Masse derselben noch immer im Ghetto 
beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn man 
ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, 
erstaunt die Brauen hochziehen und gar nicht wissen, 
was das sei ; nichtsdestoweniger findet man auf den gesell- 
schaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher Juden 
kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den 
vornehmsten Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges 
werden Juden überhaupt nicht zugelassen! 

Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massen- 
auswanderung, als auf dem nordamerikanischen Kontinent 
noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert waren, 
für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, 
und alle neu zuströmenden Iyandsleute hätten zwingen 
können, sich dort gleichfalls anzusiedeln, dann hätten die 
Deutschen einen starken Staat im Staate bilden können 
und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn 
sie sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese 
Gelegenheit ist endgültig verpaßt. Aber damit sie in 
den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht aber- 
mals verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Iyandsleute, 
und lernt von den Yankees, was das unerschütterliche 
Kraftbewußtsein einer starken, gesunden Rasse vermag 
und wie man seine Rasse rein erhält! 



IIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIJ 



iiiiiiiiiiiiiiiiiiii i iiii i n iiii n iiiiiiii i iiiiii iiiii im ii 

2)er Yankee als Erzieher. 



C7\ie alte Erfahrung, daß junge Eltern sehr häufig bessere 
^ Erzieher ihrer Kinder sind als ältere und reifere, 
findet im Yankeelande eine auffallende Bestätigung. 
Die Yankees sind eben als Rasse und die übrigen Bürger 
der Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, 
noch so tief befangen in dem glückseligen Taumel des 
Kraftüberschusses, daß sie ihre klügsten wie ihre dümmsten 
Streiche mit der gleichen schönen Begeisterung verüben 
und mit reizender Naivität dem eigenen Verdienst gut- 
schreiben, was sie oft doch nur glücklichen Umständen 
zu verdanken haben. Der leichte Erfolg, der den kraft- 
vollen und rücksichtslosen Ausbeutern jenes jungfräu- 
lichen Kontinents voll ungehobener Naturschätze zu teil 
wurde, hat die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos 
wie Kinder gemacht, und diese Kindlichkeit ist bis auf 
den heutigen Tag die liebenswürdigste Eigenschaft des 
neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an 
morgen, grundsätzlich nicht an übermorgen, kennt keine 
Gefahr, erschrickt vor keinem Hindernis und tröstet sich 
über alle Schwierigkeiten hinweg mit dem Gedanken: 
Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen t 
Weist ein Außenstehender auf offenbare Schwächen hin, 
so erwidert der Yankee gut gelaunt: ,,Nun ja, Sie mögen 
recht haben; aber Sie sehen ja, wir leben auch so, und 
wir leben recht gut!" Man läßt sich alle Unbequemlich- 
keiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man 
an ein jähes Auf und Nieder von Überfluß und Mangel, 
von absoluter geistiger Öde und raffinierter I^uxuskultur 
wie an die schroffen Übergänge von eisiger Kälte zu glü- 



Junge Völker und Kinder. 33 

hender Hitze gewöhnt ist. Aus dieser Quelle entspringt 
der siegessichere Optimismus und die heiße Vaterlands- 
liebe des amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz 
selbstverständlich alles Amerikanische als das Beste, das 
Größte, das Schönste in der Welt, und das jünglinghafte 
Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso 
charakteristisch für die Nation, wie ihre Vorliebe für 
unsinnige Kraftproben, närrische Wetten, sensationelle 
Schaustellungen und lärmende Vergnügungen. Der Yankee 
bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis in sein 
hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen 
wie Buben, alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, 
sind alltägliche Erscheinungen. 

Es versteht sich von selbst, daß so geartete erwachsene 
Menschen für das Denken und Empfinden der Kindes- 
seele weit mehr Verständnis haben müssen, als das gesetzte, 
bequemlich würdevolle Alter der Kulturvölker unserer 
alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden 
die vorsichtige Kritik und damit sehr häufig auch den 
steten mißmutigen Zweifel gelernt hat. Die geistige Über- 
legenheit hört auf, ein glücklicher Erziehungsfaktor zu 
sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und 
in diese Gefahr gerät sie ja in unserer alten Welt 
leider nur zu leicht. Wenn es andererseits richtig ist, 
daß der Einfluß der Kameradschaft die Jugend besser 
zu erziehen vermöge, als das Beispiel des Alters, so 
sind zweifellos junge Völker uns als Erzieher über- 
legen. Der Yankee vergöttert sein Kind. Erstens einmal, 
weil es überhaupt ein rarer Artikel ist, und zweitens, 
weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner 
auf die Welt gekommen zu sein. Man sollte eigent- 
lich meinen, daß eine so stolze, exklusive Rasse wie 
die der Yankees darauf aus sein müßte, die Reich- 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 3 



34 Der Yankee als Erzieher. 

tümer ihres Landes und die vielen glänzenden Leben s- 
aussichten lieber ihrer eigenen zahlreichen Nachkommen- 
schaft zuzuführen, als sie den einwandernden , ihrer 
Meinung nach doch unendlich minderwertigen Fremd- 
lingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der 
Yankee dieser nahe liegenden Erwägung zum Trotz 
Neumalthusianer ist und folglich selten mehr als zwei 
Kinder hat, so erklärt sich das aus der eigenartigen Stellung, 
die die Frau im nördlichen Amerika einnimmt. Sie war 
in den ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisations- 
arbeit infolge ihrer Seltenheit ein Gegenstand des be- 
neideten Luxus und der unterwürfigen Verehrung. Der 
glückliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle 
Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefährtin die Möglich- 
keit zu gewähren, ihre Schönheit, ihre geistige und körper- 
liche Beweglichkeit bis ins Alter zu pflegen. Die Ansicht, 
daß es für den Mann die denkbar größte Schande sei, der 
schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die 
Kolonisten ja schon aus der britischen Heimat mit, und es 
ist begreiflich, daß sie unter den besonderen Verhält- 
nissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande noch 
verstärkt und sogar unvernünftig übertrieben werden 
mußte. So wurde also auch das Wochenbett unter die 
schweren körperlichen Leistungen gerechnet, die ein 
Mann seiner Frau nicht öfters zumuten dürfe, als der 
Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt 
erforderten. So ist es erklärlich, daß bis auf den heutigen 
Tag Anglo- Amerikanerinnen, die ihren Stolz darin suchten, 
viele Kinder zu haben, äußerst selten sind. Die wenigen 
vorhandenen Kinder profitieren natürlich am meisten 
bei diesem Zustand. Bei der ungemein bevorzugten 
Stellung der Frau und bei den günstigen Lebensaussichten, 
welche nicht nur das begüterte, sondern auch das auf 



Kinderzucht. 35 



seine Arbeit angewiesene Mädchen in den Vereinigten 
Staaten hat, erklärt es sich, daß die Geburt eines Knaben 
durchaus nicht höher eingeschätzt wird, als die eines 
Mädchens. Eine vernünftige Säuglingskultur herrscht 
als gute englische Erbschaft über den ganzen Kontinent. 
Die Eltern sind von einer rührenden Geduld und Nach- 
sicht den Kleinen gegenüber. Ein Kind zu schlagen gilt 
als unerhörte Roheit. Kinderzucht in unserem Sinne 
wird drüben wohl nur noch von manchen der eingewanderten 
Fremdvölker, vornehmlich in deutschen Familien ver- 
sucht, aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten 
werden sehr bald durch den Vergleich belehrt, daß sie es 
nicht nötig haben, sich in dem freien Eande eine unwürdige 
Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern 
erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich 
respektlos und unerträglich ungezogen, wogegen die 
Yankee-Eltern das starke Hervorkehren des Eigenwillens 
in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hüten, 
deren Selbständigkeit zu unterdrücken. Sie geben sich 
die erdenklichste Mühe, ihren Verkehr mit den Kindern 
auf den Ton der Kameradschaft zu stimmen und behandeln 
die unverschämten Gernegroße, sobald sie aus dem Alter 
der süßen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit 
ihnen wie mit Puppen spielen kann, wie Erwachsene. 
Infolgedessen emanzipieren sich die Kinder auch sehr 
frühe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den untersten 
Ständen, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die 
lächerlichsten Knirpse oft schon zu selbständigen Unter- 
nehmern, zu fixen kleinen Handelsleuten macht. 

Die öffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten 
(diese deutsche Bezeichnung hat man allgemein über- 
nommen), sowie Volksschule ( Populär- School), Grammar- 
School, High-School und Colleges oder Universitäten. 

3* 



36 Der Yankee als Erzieher. 

Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist Er- 
ziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder sämt- 
licher eingewanderter Fremdvölker sofort für die Schule 
eingefangen werden, so bekommen auch die jungen, frisch 
importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen 
Juden, Syrer und Chinesen zunächst einmal den Grund- 
satz eingetrichtert, daß alles Amerikanische von un- 
zweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die Verfassung der Ver- 
einigten Staaten wird als höchste Leistung idealen demo- 
kratischen Bürgersinnes auswendig gelernt. (Sie ist übrigens 
tatsächlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klar- 
heit, Sachlichkeit und edler, vernünftiger Menschlichkeit.) 
Die kurze, krause und an erziehlichen Heldenbeispielen 
nicht eben überreiche Geschichte des Staatenbundes 
gilt als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Ge- 
schichte der übrigen Welt dagegen als unbeträchtlich. 
So vernünftig und so schön nun auch dieser heiße Eifer 
in der Förderung der Vaterlandsliebe ist, so verführt er 
doch naturgemäß leicht zu ebenso gröblichen Fälschungen 
und Unterschlagungen von Tatsachen, wie bei uns etwa die 
konfessionell gefärbten Darstellungen der Kulturgeschichte. 
In einem sehr verbreiteten und hochgeschätzten Schul- 
buch, „History of the American Nation" von Andrew C. Mc 
L,aughlin, Geschichtsprofessor an der Universität von 
Michigan, das ich mir zu meiner eigenen Belehrung an- 
schaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte 
Spalten umfassenden Index das Stichwort „German" 
gar nicht vor! Der große und rühmliche Anteil, den die 
eingewanderten Deutschen sowohl als Kämpfer in den 
nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den 
verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird völlig mit 
Stillschweigen übergangen und nur der Baron Steuben 
flüchtig als nützlicher militärischer Drillmeister erwähnt! 



Lügner und Duckmäuser. 37 

Das ist ein etwas starkes Stück und will gar nicht dazu 
stimmen, daß die Pflege der Wahrhaftigkeit und Auf- 
richtigkeit von dem Yankeevolke als vornehmster Grund- 
satz der häuslichen wie der öffentlichen Erziehungskunst 
laut verkündet wird. Man darf es wohl den Amerikanern 
glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande 
gewesen ist, um es durch die eigene Beobachtung genügend 
bestätigt gefunden zu haben, daß es ihrer Erziehung 
gelinge, feige Iyüge und Heuchelei den Kindern schimpf- 
licher erscheinen zu lassen, als selbst gefährliche Streiche 
des Übermuts und sogar Ausbrüche der Roheit. Der 
erwachsene Amerikaner lügt zwar, wenn es sein Vorteil 
erheischt, ärger als ein Gascogner und nimmt es, nament- 
lich dem Staate gegenüber, auch mit seinem Eide durchaus 
nicht genau — seine Lügenkünste werden sogar, wenn er 
Geschäftsmann und Politiker ist, als smartness bewundert 
— aber das amerikanische Kind fühlt sich nicht so leicht 
zur Lüge veranlaßt, weil es nicht in steter Furcht vor 
Prügeln und sauertöpfischen Mienen aufwächst. Auch 
die Schule läßt keinerlei Duckmäuserei aufkommen und 
straft z. B. den Angeber mit Verachtung, anstatt ihn 
aufzumuntern. Die ganze Pädagogik geht darauf aus, 
das Ehrgefühl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. 
Sie ist außerordentlich verschwenderisch mit Preisen 
und schmeichelhaften Belobigungen und sie straft vor- 
nehmlich durch Beschämung. Dadurch, daß sie die 
Leistungen körperlicher Tüchtigkeit kaum minder hoch 
einschätzt als die geistige Befähigung, schafft sie auch 
für die minder Begabten, aber wenigstens körperlich 
gewandten und mutigen Schüler eine Möglichkeit, ehren- 
volle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schüler, die 
sowohl in den Athleliks wie in den Wissenschaften Hervor- 
ragendes leisten, kommen im Laufe der Schuljahre in 



38 Der Yankee als Erzieher. 

den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen und 
Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Bücher- 
preisen und dergl., und diese Trophäen aus der Schul- 
zeit machen noch in höherem Alter den größten Stolz 
der Inhaber aus. 

Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republi- 
kanern Disziplin beizubringen, denn die Abneigung gegen 
jeden Zwang liegt ihnen im Blute. Dazu pflegen sie im 
Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller 
und lebhafter, ungebärdiger und eigenwilliger zu sein, 
als die Kinder der meisten anderen Völker. Man stelle 
sich eine junge L,ehrerin (die Lehrkräfte sind zum über- 
wiegenden Teil weibliche) einer großen Klasse von tob- 
süchtigen Buben und ausgelassenen Mädels gegenüber 
vor. Schlagen darf sie nicht, auch wenn sie körperlich 
imstande wäre , diese wilden Rangen zu bewältigen. 
Wüstes Anschreien ist auch verpönt; wie soll sie also mit 
einer solchen Gesellschaft fertig werden ? Georg v. Skal 
erzählt in seinem Buche ,,Das amerikanische Volk" ein 
hübsches Beispiel, wie solch eine schon fast verzweifelte 
junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde. 
Sie erklärte nämlich der radaulustigen Gesellschaft, sie 
habe es satt, sich die Schwindsucht an den Hals zu ärgern, 
sie möchten sich gefälligst allein regieren; sie gebe ihnen 
anheim, sich einen Präsidenten, einen Vizepräsidenten 
und was sonst für Beamte notwendig seien, aus ihrer 
Mitte zu wählen und mache dann diese selbstgewählte 
Regierung für Aufrechterhaltung der Ordnung verant- 
wortlich. Und siehe da, der angeborene common sense, 
d. h. der Instinkt für das Vernünftige, brachte diese 
schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung 
von oben dazu, den besten und gesittetsten Schüler der 
Klasse zum Präsidenten und den stärksten und gewalt- 



Schülerverbindungen. 39 



tätigsten zum Vizepräsidenten zu erwählen. Der erstere 
suchte durch vernünftige Überredung einzuwirken, und 
der Vizepräsident, als Haupt der Exekutive, verprügelte 
eigenhändig die unbotmäßigen Elemente dergestalt, daß 
sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fügen. Die 
junge Iyehrerin durfte sich bald einer Musterklasse rühmen. 
Die Selbstverwaltung spielt überhaupt eine große Rolle 
im amerikanischen Schulwesen. Schülerverbindungen aller 
Art werden nicht wie bei uns unterdrückt, sondern im 
Gegenteil begünstigt. Die Iyehrer unterweisen diese 
Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen 
Formen und wachen nur darüber, daß keine unziemlichen 
oder unsinnigen Ausschreitungen stattfinden. Der schlimme 
Anreiz zur frühzeitigen Nachahmung eines studentischen 
Saufkomments fehlt den Schülern der amerikanischen 
Mittelschulen vollständig, da ein solcher auf den Universi- 
täten nicht existiert. Und so läuft die Haupttätigkeit 
aller Schülerverbindungen auf Sport und Spiel, vornehm- 
lich auf die Nachäff ung des politischen Uebens im kleinen, 
auf Übung im Redenhalten und Debattieren hinaus. 
Der Erfolg ist denn auch der, daß der junge Amerikaner 
des Durchschnitts zum mindesten die rethorische Phrase 
außerordentlich geläufig beherrschen lernt und daß die 
hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vor- 
züglichen Rednern und schlagfertigen Debattern heran- 
bilden. Der Iyehrplan ist in den Elementarschulen durch- 
aus auf das Praktische gestellt; es wird scharf gedrillt, 
viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder 
Mensch an Elementarwissen zum lieben unbedingt not- 
wendig braucht, wird zuverlässig den im allgemeinen 
äußerst hellen und lernbegierigen Köpfen eingetrichtert. 
Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine höchst 
wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen 



40 Der Yankee als Erzieher. 

Einwanderer durch deren Kinder erziehen läßt. Selbst- 
verständlich erlernen diese die englische Sprache sehr 
viel rascher und gründlicher als die Eltern und werden 
dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu 
Lehrmeistern ihrer Eltern in bezug auf Körperkultur, 
Hygiene und Manieren. Jedes Kind, das nicht sauber 
gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, 
wird seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das 
Nötige zur Behebung solcher Mängel sofort vorzunehmen. 
Die heimgeschickten Kinder fühlen sich so beschämt 
durch diese Maßnahme, daß sie es in den meisten Fällen 
auch bei Eltern, die einem Volke angehören, dem die 
Pflege des Drecks ein Gegenstand religiöser Überzeugung 
ist, durchsetzen werden, daß um der Schule willen Seife, 
Zahnbürste, Kamm usw. mit der der angelsächsischen 
Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In be- 
sonders schwierigen Fällen begleiten wohl die Lehrerinnen 
die armen Kinder solcher Schmutzfanatiker heim und 
reinigen und bef licken sie selbst vor den Augen der Eltern ; 
oder die Angehörigen besonderer sozialer Hilfsvereine 
unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. 
So lernen sich unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern 
schämen und bringen es noch auf ihre alten Tage über 
sich, dem Weidwerk auf den eigenen Köpfen nachzugehen 
und die ehrwürdige Patina des wärmenden Drecks, den 
sie aus Europa oder Asien über das Weltmeer mit hinüber 
gebracht haben, den ungemütlichen Idealen moderner 
Hygiene zu opfern. 



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2)as Universitätsieben in der Union, 



\öfer sich über die tiefsten Wesensunterschiede der ameri- 
f V kanischen und der europäischen Kultur klar werden 
will, der möge sich nur ordentlich umsehen auf den Stätten, 
wo die geistigen Werte in gangbare Münze umgesetzt und 
die großen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt 
werden, nämlich — auf den Hochschulen. Wer in Deutsch- 
land akademischer Bürger gewesen ist, dem muß zunächst 
unfehlbar der große Unterschied zwischen hüben und 
drüben in der äußeren Erscheinung der Studenten und 
Studentinnen auffallen. Abgesehen davon, daß selbst- 
verständlich der groteske Typus des Studiosus Süffel, des 
bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den auf- 
geschwemmten, kreuz und quer zerhackten Backen, sowie 
auch die des hochmütig blasierten ultrapatenten Korps- 
studenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach dem 
Typus unseres heißbeflissenen Jüngers der Wissenschaft 
um, nach den stubenbleichen Brillenträgern, den ver- 
träumten oder frühzeitig zergrübelten Denkerköpfen, 
deren Alter schwer bestimmbar und deren ungeschicktes, 
weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres 
Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch 
steht. Drüben sieht man nur frische, derbe Jungens und 
Mädels; die ersteren häufig noch bärenhaft tolpatschig, 
die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der früheren Reife 
ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede 
der Herkunft machen sich nur in der Kleidung bemerkbar 
und in der größeren oder geringeren Zierlichkeit der Glied- 
maßen und Verfeinerung der Manieren. Im Ausdruck 
der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleich- 



42 Das Universitätsleben in der Union. 

artigkeit. Die Studierenden der beiden ersten Semester 
werden Freshmen genannt, der zweite Jahrgang Sopho- 
mors, der dritte Jahrgang Juniors, der vierte Jahr- 
gang Seniors. Alle zusammen sind die Undergraduates, 
und was nach dem Graduieren, d. h. also nach 
dem Baccalaureats oder sonstigem Staatsexamen, noch 
weiter studiert, Postgraduales; als äußerliches Kennzeichen 
führen sie verschieden gefärbte Knöpfe auf ihren Oxford- 
baretts oder gestrickten Wollkappen. Von der High- 
School kommen sie zwischen 17 und 19 Jahren zur Uni- 
versität oder in die Colleges; aber nicht, wie bei uns, tut 
nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der 
strengen Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern 
nur einen bedächtigen Schritt vorwärts von einer strengeren 
zu einer freieren Schulgattung, denn auch auf der Uni- 
versität und im College sind die jungen I^eute einer Dis- 
ziplin unterworfen, die ihre persönliche Freiheit immerhin 
beschränkt. Sie wohnen in sogenannten Dormitories 
( Schlaf häusern), wo sie, je nach ihren Mitteln, einzeln 
oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten 
nehmen sie gemeinsam in einer großen Halle ein, wo sie 
für billiges Geld eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur 
Wasser zu trinken bekommen. An denjenigen Hoch- 
schulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind 
für die Mädchen besondere Schlafhäuser und meist auch 
Speisesäle vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, 
d.h. Sporthallen, und besondere Spielplätze; dagegen 
häufig gemeinsame Klublokale, wo sie Tanzvergnügungen 
abhalten, Iyiebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder 
Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie 
nur in ihren Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwester- 
schaften (Fraternities und Sororities). Diese letzteren 
nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein. Sie be- 



Studentenverbindung-en. 43 



zeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern 
mit Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die 
Anfangsbuchstaben eines Wahlspruchs sind, den sie meist 
mit drolligem Ernst als ein großes Geheimnis bewahren. 
Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen 
können sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- 
oder Schwesternschaft leisten, denn diese Vereinigungen 
besitzen eigne Häuser, in denen sie, zum Teil sogar recht 
luxuriös, wie Gentlemen und Ladies der besten Gesell- 
schaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die 
bescheidensten dieser Verbindungshäuser sind mit allen 
modernen Bequemlichkeiten behaglich und gediegen aus- 
gestattet. Man sieht also auch aus dieser Erscheinung 
wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei 
immer wieder von dem natürlichen Drange des Menschen 
nach aristokratischer Absonderung durchbrochen wird; 
nur, daß es in der großen Republik ein selbstverständ- 
liches Gebot anständiger Gesinnung ist, Vorzüge der Ge- 
burt und des Besitzes nicht durch anmaßendes Wesen 
gegenüber den vom Glück weniger Begünstigten zum 
Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich jemals 
beobachten können, daß arme Studenten und Studentinnen, 
die sich durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Hand- 
langerdienste mühsam durchschlagen müssen, vor den 
Mitgliedern der reichen Verbindungen unterwürfig kriechen, 
oder daß jene sich diesen gegenüber einen überheblichen, 
unkameradschaftlichen Ton herausnähmen. In allen ge- 
meinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest 
zusammen, und der Stolz auf ihre Alma mater äußert sich 
bei allen festlichen Gelegenheiten, namentlich bei den 
sportlichen Wettkämpfen mit anderen Hochschulen, in 
einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hoch- 
schule hat einen besonderen Cheer, d. h. Hochruf, nach 



44 Das Universitätsleben in der Union. 

Rhythmus und Melodie verschieden. Und mit diesem 
Cheer werden die beliebten Professoren und die sport- 
lichen Siege gefeiert, bei den großen Wettkämpfen muß 
er gleich dem Kriegsruf wilder Völkerschaften zur An- 
spornung des Kampfeifers dienen. Wer einmal — etwa gar 
in dem berühmten Stadion der zwanzigtausend Menschen 
fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem 
Fußballmatch zwischen Harward und Yale beigewohnt hat, 
wird zeitlebens den Bindruck nicht vergessen. Jede der 
beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in den 
Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Märsche 
zum besten gibt und während des Spiels jede bedeutsame 
Wendung, jede gute Augenblicksleistung des Einzelnen 
mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der beiden Musik- 
korps sind Angehörige der betreffenden Parteien auf- 
gestellt, welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den 
College- Cheer intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, 
meistens gänzlich unrhythmisch und unmusikalisch, den 
Tusch der Bläser dirigieren. Und dann fallen in diesen 
Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die 
anwesenden früheren Studierenden der betreffenden Uni- 
versität und deren ganzer Anhang von Freunden und 
Verwandten im Publikum ein, und das mit einer Be- 
geisterung und einem Kraftaufwand, daß dem unbe- 
teiligten Fremdling darüber Hören und Sehen vergeht. 
Man springt auf die Bänke, man schwenkt Taschentücher 
und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen 
sich bei den Schultern und schütteln und stoßen sich, um 
einander aufmerksam zu machen auf spannende Momente 
oder sich zu größerer Begeisterung für die Sieger auf- 
zurütteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem 
Spiel nichts versteht, eigentlich nur einen in eine Staub- 
wolke eingehüllten Knäuel grotesk bekleideter Jünglinge, 



Sportliche Wettkämpfe. 45 

der sich balgend auf dem Boden wälzt, wobei ein Indivi- 
duum dem andern die Rippen eintritt, mit den Fäusten 
den Wind ausbläst (to blow the wind out) oder die schweren 
Sportstiefel unter die Nase feuert, bis sich einer mit dem 
eroberten Ball unterm Arm aus dem wüsten Menschen- 
salat herausarbeitet und in weiten Sprüngen, wie ein 
junger Hirsch, unter dem betäubenden Jubel von zwanzig- 
tausend bis zur Tollheit begeisterten I^andsleuten über 
den Kampfplatz stürmt. 

In diesen Wettspielen der höchst kultivierten 
Jugend Amerikas erlebt man staunend bei dem 
traditionslosesten aller Gegenwartsvölker eine höchst 
eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schönheit 
und Anmut der nackten Griechen fehlt freilich völlig bei 
dieser unförmlich wattierten, mit L,ederkappen und Faust- 
handschuhen ausgerüsteten Yankeemannschaft, aber die 
leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese 
Kraft- und Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer 
nationalen Angelegenheit macht, kann auch im alten 
Hellas und im alten Rom nicht hinreißender gewesen sein. 
Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim 
Ballspiel das Nasenbein oder sonstige Extremitäten ge- 
knickt wurden, so stolz wie die Spartanerin, deren Knabe, 
ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten bis aufs 
Blut peitschen ließ. 

Diese hohe Wertschätzung der körperlichen Tüchtig- 
keit, die übrigens keineswegs nur auf das männliche Ge- 
schlecht beschränkt ist, trägt sehr viel dazu bei, dem 
amerikanischen Studentenleben sein durchaus eigenartiges 
Gepräge zu verleihen. Ich habe mir des öfteren erlaubt, 
amerikanischen Studenten gegenüber meinem Zweifel 
Ausdruck zu geben, daß diese Helden der Arena, diese 
Champions der Ballschläger, Ruderer, Wettläufer und 



46 Das Universitätsleben in der Union. 

Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer wissen- 
schaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmäßig die 
Antwort bekommen, daß meine Zweifel durchaus un- 
begründet, vielmehr unter den hervorragenden Athleten 
häufig auch die tüchtigsten wissenschaftlichen Begabungen, 
zum mindesten aber die fleißigsten Büffler zu finden 
seien. Weit weniger sichere und selbstbewußte Antworten 
dagegen erhielt ich, wenn ich amerikanische Studenten 
nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar nach ihrer 
Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hieß es 
meist: „Ach, darüber zerbrechen wir uns vorläufig den 
Kopf nicht. Wenn wir unser Kxamen gemacht haben, 
schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti 
oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung 
in Aussicht." Bin anderer sagt: ,,0, ich trete einfach in 
das Geschäft meines Vaters ein, da brauche ich keine 
andere Weltanschauung als die eines Gentlemans." Da 
die englische Sprache keinen präzisen Ausdruck für Welt- 
anschauung kennt, so ist es überhaupt sehr schwer, einem 
jungen Amerikaner begreiflich zu machen, was man damit 
meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen Volkes 
sitzt ihm so tief im Geblüt, daß er kaum begreift, wie man 
sich von Zweck und Wert des Gebens, von der Vortrefflich- 
keit der bestehenden Weltordnung verschiedenartige Vor- 
stellungen machen könne. Er fühlt nicht den mindesten 
Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu üben, 
weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie inner- 
halb seiner jungen Erfahrung überall bestätigt findet, daß 
für einen Bürger der Vereinigten Staaten überall Raum 
und Gelegenheit zur erfolgreichen Betätigung seiner 
Kräfte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung 
ist unzweifelhaft gesund für L,eib und Seele — aber für 
die wissenschaftliche Erkenntnis ist sie nichts weniger 



Der letzte Schliff. 47 



als förderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem 
Gegebenen bleibt eben kein Platz für den fruchtbaren 
Zweifel und für die Unersättlichkeit des Forschers. Den 
amerikanischen Studenten im allgemeinen interessiert 
nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare praktische 
Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt 
aller amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Ele- 
mentarschule an, darauf eingerichtet ist, dem jungen 
Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach seine natür- 
lichen Instinkte sich freudig drängen, so sind auch die 
Universitäten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu züchten, 
sondern ihre Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen 
den letzten Schliff, das refinement der höheren Kultur und 
den Fachstudien jene Vertiefung zu geben, die sie im 
praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische 
Student glaubt an sein Lehrbuch und schwört auf die 
Worte seines Lehrers. Er lernt fleißig, ohne sich von 
Zweifeln beirren zu lassen, und beschränkt sich auf die 
Fächer, die ihm für seinen künftigen Beruf als notwendig 
vorgeschrieben sind. Überflüssige Wissenschaften nimmt 
er nur eben so mit, sofern er die Eitelkeit besitzt, als 
Schöngeist zu glänzen, und um sich von den Damen seines 
Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den 
Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch 
keineswegs der Ehrgeiz, den Prometheusfunken schöpfe- 
rischen Instinktes, der etwa in den jungen Köpfen seiner 
Hörer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen 
und die Methoden selbständiger wissenschaftlicher 
Forschung diesen zukünftigen Bahnbrechern nahezu- 
bringen. Er begnügt sich meistens damit, sein Fachwissen 
der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und 
Aufgabenstellen dafür, daß sie sich dies Fachwissen 
gründlich einprägen. Er ist daher in weitaus den meisten 



48 Das Universitätsleben in der Union. 

Fällen nach unseren Begriffen selber gar kein Gelehrter, 
sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein 
Experte, ein Korrepetitor. Unter den überaus zahlreichen 
Professoren deutscher Abstammung, die es drüben als 
Universitätslehrer zu großem Ansehen gebracht haben, 
finden wir daher so manchen, der sich niemals wissen- 
schaftlich betätigt hat und als einfacher Töchterschul-, 
Real- oder Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen 
sich solche bescheidene Handlanger der Wissenschaft 
drüben als gute Pädagogen, bei denen die Kinder gern 
und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu Hoch- 
schullehrern aufzurücken. Anstandshalber pflegen sie 
dann einen Leitfaden, ein Kompendium oder eine populäre 
Darstellung ihres speziellen Wissensgebietes zu verfassen. 
Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten der Professoren 
durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. 
Die meisten halten sich an ein L,ehrbuch eigner oder fremder 
Erzeugung und pauken dies gewissenhaft den Schülern 
ein. Schüler bleiben die Studenten ja in der Tat, bis sie 
ihren akademischen Grad erreicht haben. Der Freshman 
birgt in seinem Schädel keineswegs jene beängstigende 
Masse verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhanden- 
sein der deutsche Schüler im Abiturientenexamen nach- 
weisen muß. In den philologischen Fächern, namentlich 
in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen 
eines deutschen Untersekundaners; in den modernen 
Sprachen, in Geschichte und Geographie weiß er vielleicht 
so viel, daß er bei uns das Einjährigenexamen bestehen 
könnte, und in den Realien etwas mehr. Wer also eine 
humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum 
unserer Obersekunda und Prima erst auf der Universität 
durch; die übrigen werfen sich von vornherein auf das 
Fach, aus dem sie später ihren Beruf zu machen gedenken. 



Technik und Wissenschaft. 49 

Es gibt besondere Drillanstalten für Juristen, für Medi- 
ziner, für Theologen — die letzteren werden von den 
einzelnen Denominationen (Sekten) auf eigne Kosten 
unterhalten. Am stärksten besucht und am glänzendsten 
ausgestattet sind die Institute für die technischen Berufe, 
die chemischen und physikalischen L,aboratorien, die 
Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Samm- 
lungen für den Anschauungsunterricht der Geologen, 
Zoologen, Landwirte, Architekten usw. usw. Weitaus die 
meisten Universitäten sind im Grunde nichts anderes als 
technische Hochschulen, an welche eine philosophische 
Fakultät, eine juristische, medizinische oder theologische 
Fachschule angegliedert sind, ganz ähnlich wie ja auch 
bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen über 
Nationalökonomie, Literatur und Kunstgeschichte, über 
Philosophie und dergleichen, die allgemeine Bildung be- 
reichernde Gegenstände gehalten werden. Es ist ja sehr 
begreiflich, daß vorläufig noch die weitaus überwiegende 
Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika 
sich nach den Berufen drängt, welche noch auf lange Zeit 
hinaus die größte praktische Bedeutung haben werden. Für 
Hoch- und Tiefbauingenieure, Elektrotechniker, Maschinen- 
konstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker gibt es 
selbstverständlich in dem Riesenkontinent mit den großen, 
noch unerschöpften Möglichkeiten der Ausbeutung viel 
mehr zu tun, als für die Vertreter der reinen Geisteswissen- 
schaften. Man hegt trotzdem eine an Ehrfurcht grenzende 
Hochachtung für die seltsamen Idealisten, welche, anstatt 
ihre Schöpfkellen unter die zurzeit noch üppig sprudelnden 
Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit trans- 
zendenten Betrachtungen stillen, und statt nach blanken 
Metalladern nach Regenwürmern graben. Es gibt auch in 
Amerika wunderliche Käuze, die imstande sind, sagen 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 4 



50 D as Universitätsleben in der Union. 

wir über das Alpha privativum im Griechischen dicke 
Wälzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Gebens der 
Erforschung irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte 
zu opfern, an dessen Aufhellung keinem modernen Men- 
schen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar solche 
Käuze — sie sind übrigens fast alle Deutsche — sehr gul 
und ist besonders stolz auf ihren Besitz — aus demselben 
Grunde, aus welchem man unerhörte Summen aufwendet, um 
allen möglichen alten Trödel aus Buropa neben wirklichen 
Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und öffentlichen 
Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der 
Alten Welt beweisen, daß man sich in der Neuen den I^uxus 
der Reliquienverehrung auch leisten könne und daß man 
keineswegs den Übeln Ruf verdiene, ein Volk von Empor- 
kömmlingen zu sein, das nur für materielle Dinge Achtung 
und Verständnis besitze. 

Es ist charakteristisch, daß es drüben Privatgelehrte 
wohl überhaupt nicht gibt. Wer wirklich gelehrte Studien 
treibt, seien es auch solche, deren praktischer Wert nicht 
ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer Universitäts- 
stellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur 
als sorgfältig unter Glas verwahrte Rarität. Es gibt also 
auch kein gelehrtes Proletariat, und das scheint mir denn 
doch ein Vorzug zu sein, um welchen wir das junge I^and 
nur beneiden können. Jeder akademische Bürger ist 
imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule 
erworben hat, später praktisch zu verwerten. Der Staats- 
beamte braucht nicht seinen Eltern bis in seine 30 er Jahre 
hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt, der Rechtsanwalt, 
der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde findet, 
braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern 
sich nur einen Stoß zu geben und die Annehmlichkeiten 
einer östlichen Großstadt mit der L,angenweile eines wild- 



Postgraduates. 51 



westlichen Standquartiers zu vertauschen, so wird er 
auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben 
Geschäftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernünftiges. 
Seine Bildung braucht ihm dabei nicht hinderlich zu sein. 
Handel, Industrie und Landwirtschaft schicken ihre 
Söhne scharenweise auf die Universitäten, um sich dort 
allgemeine Bildung und nützliche Spezialkenntnisse zu 
erwerben. Das für die eigentliche wissenschaftliche 
Forschung in Betracht kommende Studentenmaterial 
bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Übrigens 
finden diese Leute, die sich dann wohl meist der aka- 
demischen Lehrtätigkeit widmen wollen, als Postgraduates 
auch in Amerika reichlich Gelegenheit, ihre Studien zu 
vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt weder an hervor- 
ragenden Kapazitäten in fast allen wissenschaftlichen 
Fächern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal 
sind überaus reich ausgestattet. Sollte aber ihr wissen- 
schaftlicher Eifer sich auf Gebiete werfen, die in der Heimat 
noch zu wenig angebaut sind, so finden sie sicher Mäzene, 
die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermöglichen, 
wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten. 
Bs kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die 
Frische und Freudigkeit, die uns bei der amerikanischen 
akademischen Jugend so vorteilhaft auffällt, die glück- 
liche Folge der Klarheit und Sicherheit aller Verhältnisse 
drüben ist. Der junge Mensch kommt nicht als über- 
füttertes Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er 
hat nicht seine schönsten Jugendjahre an eine erzwungene 
Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht einzusehen ver- 
mochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch 
ohnmächtiges Zähneknirschen wider ein verhaßtes System 
und deren lebendige Vertreter; er kommt mit echt jugend- 
lichem Vertrauen seinen Lehrern entgegen und braucht 

4 * 



52 Das Univcrsitätsleben in der Union. 

sieh nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu quälen: 
wozu büffelst du nun eigentlich noch immer weiter? 
Wird dir dein Wissen auch ein sicheres Auskommen ge- 
währen, oder wird die einzige Vergeltung für dein höheres 
Streben darin bestehen, daß du einst als abgetriebener 
alter Karrengaul an der Staatskrippe ein dürftiges Gnaden- 
brot findest? Wenn schon jeder gewöhnliche Amerikaner 
durch das Bewußtsein, daß ihm alle Wege offen stehen, 
zur höchsten Anspannung seiner Kräfte angefeuert wird, 
so muß dieser Auftrieb natürlich noch viel stärker sein bei 
den jungen Auserwählten der Nation, die ja den Wettlauf 
um die höchst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen 
näher an diesem Ziele beginnen. Der nicht akademisch 
gebildete Amerikaner schaut mit stolzer Verehrung zu 
jedem jungen Harvard-Yale-Columbia-Cornellman wie zu 
einem höheren Wesen auf, denn er weiß, daß diese 
strammen Burschen einst die Richter, die Ärzte, die Gesetz- 
geber seiner Kinder sein und daß ohne Zweifel geniale 
Erfinder, Kulturförderer großen Stils, auch wohl Präsi- 
denten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. 
Die hohe Wertschätzung des akademischen Wissens 
findet vielleicht ihren schönsten Ausdruck in der Bereit- 
willigkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte L,eute aus 
einfachsten Verhältnissen fürstliche Stiftungen für wissen- 
schaftliche Zwecke machen. Sobald eine Universität in 
Verlegenheit ist, woher sie das Geld beschaffen soll für 
notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer Biblio- 
theken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr 
Rektor, dort Präsident genannt, nur ein paar notorische 
Millionäre der Stadt oder des Staates aufzusuchen, und er 
kann sicher sein, binnen kurzem die nötige Summe zu- 
sammenzubringen. Unsere Großindustriellen spenden ihre 
Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schöne 



Der Professor im öffentlichen Leben. 53 

Orden zu bekommen ; drüben sind sie zufrieden, wenn ein 
Collegegebäude, ein Laboratorium, eine Klinik ihren Namen 
trägt. Der Holzhändler Cornell hat die nach ihm genannte, 
jetzt hoch berühmte Universität von Ithaka ganz und 
gar aus eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und 
dieses Beispiel hat so eifrige Nachahmung gefunden, daß 
heute schon die wissensdurstigen jungen Leute selbst der 
unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere 
Heimat zu verlassen brauchen, um höheren Studien obzu- 
liegen. Es gibt jetzt schon eher zu viel als zu wenig Uni- 
versitäten und Colleges*). Die große Wertschätzung 
akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes äußert 
sich manchmal auch in einer Weise, die uns einigermaßen 
naiv erscheint. Die Amerikaner haben alle Resultate der 
wissenschaftlichen Forschung der ganzen Welt fertig 
herüber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast aus- 
schließlich auf deren praktische Verwertung hinaus; 
folglich erscheint dem gemeinen Mann jeder Professor 
als ein moderner Hexenmeister, dessen Zauberkünsten 
alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische 
Lehrer in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie 
in Europa. Während z. B. in England der Gelehrte noch 
mehr wie bei uns in seinem Wirkungskreis als Lehrer und 
stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird er in den Ver- 
einigten Staaten als sachverständiger Berater und tätiger 
Mitarbeiter zu allen öffentlichen Angelegenheiten heran- 



*) Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer 
zu umgrenzen. Professor Münsterberg von Havard definiert ihn dahin, 
daß sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universität 
dagegen mit dessen kritischer Würdigung und mit exakter Forschung 
beschäftigen soll, doch fließen die Grenzen schon deshalb oft ineinander, 
weil eben an den meisten Universitäten auch noch nicht viel von selb- 
ständiger Forschung und wissenschaftlicher Systematik zu finden ist. 



54 Das Universitätsleben in der Union. 

gezogen. Kr schreibt fleißig für die Tageszeitungen, er 
hält populäre Vorträge, er beteiligt sich an der Politik und 
wird gern von der Regierung zu wichtigen diplomatischen 
Betätigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew 
D. White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl 
weg direkt auf einen Gesandtschaftsposten berufen wurde. 
Man sieht also nicht im Gelehrten einen weltfremden, 
in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der Tat, 
dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig 
erweitert haben muß. 

Kine schöne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes 
Teil dazu beiträgt, die geistige und leibliche Gesundheit 
der studierenden Jugend zu fördern, ist die, daß man die 
Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstädte mit landschaftlich 
schöner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altbe- 
rühmten Universitäten von Boston, New York, Philadel- 
phia, Baltimore, Washington und Chicago sind alle Hoch- 
schulen auf dem Lande. Der Campus, d. h. das Gelände 
der Universität, befindet sich außerhalb der Ortschaften, 
mit Vorliebe auf Anhöhen, die die ganze Gegend be- 
herrschen, und auf denen noch ein üppiger alter Baum- 
wuchs der schändlichen Waldvernichtung der ersten An- 
siedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng 
aneinander gedrängt, sondern in den wohlgepflegten 
Parkanlagen weit zerstreut, so daß die Studierenden auf 
dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich 
Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller 
Art Sport ist selbstverständlich überall reichlich gegeben, 
wie man sich denn überhaupt einen Studenten, der nicht 
rudert, Ball spielt, wettläuft usw. gar nicht vorstellen 
kann. Die kleinen Städte bieten so gut wie keine Ab- 
lenkung oder gar gefährliche Versuchung für die jungen 
Leute. Was sie brauchen an edler geistiger Zerstreuung, 



Akademische Vergnügungen. 55 



an künstlerischer Anregung, das schaffen sie sich selbst 
in ihren Vereinen für Musikpflege, ihren Liebhabertheatern 
und festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- 
und Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbar- 
schaft der Universität herum und verdienen sich ein 
hübsches Geld mit Konzerten, das sie nicht selten dazu 
verwenden, hervorragende Sänger und Virtuosen kommen 
zu lassen und ihren Kommilitonen vorzuführen, ja wohl 
gar hauptstädtische Theatertruppen und Sinfonie- 
Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer und bevor- 
zugten Schüler der Berkley-University von Kalifornien 
alljährlich in den Sommerferien in den Urwald, leben dort 
wochenlang in Zelten und Blockhütten, die zum Teil im 
Geäst der riesigen Mammutbäume (Sequoia gigantea) 
errichtet werden und betreiben während dieser Zeit die 
Einstudierung und Aufführung dramatischer Festspiele 
unter freiem Himmel. Bohemian Jinks nennen sie diese 
Freilichtspiele (etwa ,, zigeunerische Luftsprünge" zu über- 
setzen), für die sie aus eignen Kräften Dichtung, Musik, 
Kostüme und Darsteller liefern. Während dieser heiligen 
Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens 
verbannt, und es werden daher nach antiker Weise bei den 
Spielen die Frauenrollen von jungen Männern dargestellt. 
Im übrigen sorgt die an den meisten Hochschulen be- 
stehende Coeducation (kurz Coed genannt) dafür, daß die 
jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern 
die guten Manieren im geselligen Verkehr nicht verlernen. 
Die Studentinnen pflegen ihr eignes Gesellschaftshaus 
mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom 
zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch 
umgekehrt die jungen Herren die Studentinnen zu ihren 
Unterhaltungen heranziehen. Fast jeder Student hat 
wohl unter den Kommilitoninnen sein best girl, mit dem er 



56 Das Universitätsleben in der Union. 

„geht", wie man bei uns sagen würde. Diese Kamerad- 
schaften sind aber durchaus harmloser Natur, haben 
nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit der collage des 
französischen Studenten und verpflichten auch keines- 
wegs zu standesamtlichen Folgen. Amerikanische Pro- 
fessoren wissen nie etwas von sittlichen Gefahren 
dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen 
schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen 
Niveau wissenschaftlichen Geistes der Rücksichtnahme 
auf die weiblichen Studenten zu. 

Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel 
besser als an den gemischten Universitäten. Ich wüßte 
nicht, wo ein junges Mädchen mit starkem Bildungsdrange 
in der Welt besser aufgehoben wäre, als z. B. in Wellesley- 
College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser 
Frauenakademie durchblättert, erstaunt man über die 
schier fabelhaften Bildungsmöglichkeiten, die hier den 
Töchtern der Neuen Welt geboten werden. 17 männliche 
und 137 weibliche Professoren, Dozenten und Assistenten 
lehren an dieser überaus reich dotierten Hochschule. Um 
aufgenommen zu werden, muß die junge Dame im Eng- 
lischen 3, in Geschichte 1, in Mathematik 3, I^atein 4, 
einer zweiten Sprache 3, einer dritten Sprache 1 und in 
Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die 
Anzahl der Punkte bedeutet nämlich die Anzahl der Jahre, 
die der Schüler, bei durchschnittlich 5 wöchentlichen 
Stunden, auf den betreffenden Gegenstand verwendet 
haben muß, und durch ein Abgangszeugnis oder ein 
Examen muß er beweisen, daß er diese Zeit befriedigend 
ausgenutzt habe. Um einen Begriff von der Reichhaltig- 
keit der wissenschaftlichen Speisekarte zu geben, will ich 
hier nur die in der germanistischen Abteilung ange- 
kündigten Vorlesungen aufzählen: 



Wissenschaftliche Speisekarte für Damen. 57 

I. Elementarkursus, Grammatik, Übungen im 
Sprechen, Lektüre, Auswendiglernen von 
Gedichten. 
2 — 4. Vorbereitungskurse für deutsche Literatur- 
geschichte. 

5. Repetitions- und Erweiterungskurs für Gramma- 

tik und Stil. 

6. Freie Reproduktion. Bühnendeutsch. Übungen 

im mündlichen und schriftlichen Ausdruck. 
Kritische Betrachtung deutscher, in Amerika 
erschienener Texte. 

7. Übungen im schriftlichen Ausdruck im An- 

schluß an die Literaturgeschichte. 

8. Geschichte der deutschen Sprache. 

9. Umrisse der deutschen Literaturgeschichte 

(Götter- und Heldensagen). 

10. Goethes Lieben und Werke. 

11. Das Drama des 19. Jahrhunderts. 

12. Der deutsche Roman. 

13. Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis 

Hans Sachs. 

14. Literaturgeschichte bis Goethe. 

15. Mittelhochdeutsch. 

16. Die romantische Schule. 

17. Lessing als Dramatiker und Kritiker. 

18. Schiller als Philosoph und Ästhetiker. 

19. Goethes Faust. 

20. Schillers Leben und Werke. 

21. Stilübungen. 

22. Gotisch. 

23. Die deutsche Lyrik und Ballade. 

24 u. 25. Studien zur modernen deutschen Sprache. 



58 Das Universitätsleben in der Union. 

Demgegenüber stehen 45 Vorlesungen über englische 
Sprache und Literatur, 21 über Geschichte, 29 über Hygiene 
und körperliche Ausbildung, wobei Tanzen, Schwimmen, 
Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind. 
Ferner 18 Vorlesungen über lateinische Sprache und 
Literatur, 11 über reine und 5 über angewandte Mathe- 
matik, 18 über Musik, 29 über Philosophie und Psychologie, 
19 über Soziologie und Nationalökonomie, 6 über Astro- 
nomie usw. usw. Die jungen Mädchen dürfen aber keines- 
wegs nach ihrem Belieben an all diesen Herrlichkeiten 
naschen, sondern der Studiengang ist ihnen vorgeschrieben, 
und sie können nicht zu den höheren Offenbarungen vor- 
dringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, 
daß ihnen die niederen Grade geläufig sind. Damit sie 
aber frisch und bei guter Laune bleiben, haben sie reichlich 
Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser zu tummeln 
und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im 
Freien und auf der eignen niedlichen Bühne des Shake- 
spearehauses nach Herzenslust zu vergnügen, auch nach 
dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren, so 
oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen 
Damen aus reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities 
angehören, ihre eignen Häuser innerhalb des Campus, die 
als griechische Tempel oder als Cottages sich darbieten. Das 
Gebäude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hübsch 
das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die 
technischen Fächer sowie auch Medizin, Juristerei und 
Theologie existieren nicht an dieser Akademie, die sich 
also darauf beschränkt, den jungen Damen eine huma- 
nistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung 
zu vermitteln. Wenn die Qualität der Lehrenden auch 
nur einigermaßen der landschaftlichen Schönheit der Um- 
gebung und der Vortrefflichkeit aller praktischen Bin- 



Typus der Studentin. 59 



richtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das 
gegenwärtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung ver- 
wirklicht. Und Wellesley ist nicht einmal die einzige An- 
stalt dieser Art, sondern es gibt deren noch mehrere, die 
nicht minder reich ausgestattet und stark besucht sein 
sollen. Unter den Studierenden sind Töchter fast aller 
Bevölkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der 
Typus der derb gesunden, ein bißchen starkknochigen, 
rundlichen Farmer- und Bürgertöchter der städtischen 
Mittelschicht vornehmlich in den Universitäten mit Coed. 
Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den 
Töchtern der vornehmeren Kreise vorgezogen. Es ist 
auffallend, wie selten selbst unter diesen letzteren die 
spezifisch amerikanischen Schönheiten sind. Das kommt 
daher, daß die Amerikanerin die Schönheit als einen Beruf 
für sich betrachtet, als ein Kapital, das unter allen Um- 
ständen sich reichlich verzinst. Die jungen Schönheiten 
suchen ihre Erfolge ausschließlich auf dem Parkett des 
Salons, und die nötige Fertigkeit zur Lieferung des seichten 
Salongeschwätzes, mit dem sich drüben die elegante Welt 
der Amüsierlinge begnügt, kann man sich allerdings ohne 
die Kenntnis antiker Sprachen und ohne philosophische 
Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, daß das 
amerikanische Salongeschwätz kaum auf der geistigen 
Höhe des englischen, dagegen noch beträchtlich unter der 
des französischen und deutschen Konversationstones der 
sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann man 
von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskamerad- 
schaft zwischen Mann und Weib besteht, ohne weiteres 
voraussetzen, daß man mit ihnen wie mit gebildeten 
Menschen reden dürfe — und man wird sich selten ent- 
täuscht sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen 
daran liegt, ihren strebsamen Töchterchen, ohne sie gerade 



60 Das Universitätsleben in der Union. 

zu Gelehrten zu machen, eine solide weltläufige Bildung 
zu verschaffen, täten gut, sie auf die amerikanischen 
Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von 
dort nichts anderes mitbringen sollten, als einen abge- 
härteten geschmeidigen Körper, vernünftige L,ebens- 
anschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten 
Dingen, so würde das immerhin wertvoller für sie sein, als 
was die üblichen Pensionate der französischen Schweiz 
oder die Klosterschulen für die vornehme Welt ihnen zu 
bieten pflegen. 

Mir persönlich scheint überhaupt das ganze amerika- 
nische Unterrichtssystem, und besonders das der Uni- 
versitäten, gerade für uns sehr viel Nachahmenswertes zu 
enthalten. So will es mich ungemein vernünftig bedünken, 
daß die Zügellockerung der strengen Schuldisziplin zwischen 
dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. 
und 20. Jahre erfolgt, und daß dann die überschäumende 
Kraft des ungebärdigen Jünglings bezw. des lebens- 
hungrigen Mädchens nicht sofort in eine schrankenlose 
Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit 
echtem Wohlwollen und Verständnis für die Jugend 
geleitet wird. Bs ist überaus bezeichnend, daß, wie die 
kürzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete Umfrage bei 
einer großen Anzahl bekannter führender Deutscher be- 
wiesen hat, außer den späteren Philologen und einigen 
ganz wenigen Staatsmännern und Theologen, fast sämt- 
liche Gefragten ihre Gymnasialzeit für die schrecklichste 
Erinnerung ihres Gebens erklärten; wogegen umgekehrt 
in Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf 
seine Schüler- und Studentenzeit als auf die schönste 
seines Gebens zurückblickt. Mögen unsere höchsten Lehr- 
anstalten immerhin mit Fug und Recht sich für die besten 
Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie außer 



Das deutsche System. 61 



acht gelassen werden, daß von den Tausenden und Aber- 
tausenden von Abiturienten, die alljährlich unseren Uni- 
versitäten zustreben, doch nur eine verhältnismäßig 
kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in 
sich trägt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche 
Universität die denkbar beste Anleitung zum eignen 
Forschen geben; um dieser wenigen Auserwählten willen 
aber wird die gewaltige Überzahl mehr auf das Praktische 
gerichteter Geister, aus denen zwar keine schöpferischen 
Gedanken, wohl aber viel nützliche Lebensarbeit heraus- 
zuholen wäre, durch ein System vergewaltigt, das not- 
wendig in ihren Augen ein zeitlebens verhaßtes Schrecknis 
bleiben muß. Dieses System züchtet Nörgler und Hasser, 
es ist auch schuld daran, daß jener garstige Hochmut sich 
in den Köpfen der Auserwählten einnistet, der die herr- 
schenden Klassen in eine dumme Volksfeindschaft hinein- 
treibt und gänzlich schiefe Iyebensanschauungen in ihnen 
groß zieht; es ist aber auch schuld daran, daß so viel 
hoffnungsvolle Jugend auf den Universitäten verbummelt. 
Sollte nicht schließlich ein junges Geschlecht von frohen, 
für die höchsten Berufe der Gegenwart gut ausgerüsteten 
Akademikern auch unserer Nation von größerem Werte 
sein, als die jetzige Überfülle an wirklichen und ver- 
unglückten Gelehrten? Ich bin überzeugt, daß wir durch 
eine teilweise Amerikanisierung unseres Systems von 
unseren alten Vorzügen nichts einbüßen würden. Methodik 
und Systematik der exakten Forschung werden, ebenso 
wie das künstlerische Element im wissenschaftlichen 
Betriebe, stets eine Besonderheit des deutschen Uni- 
versitätslehrers und Studenten bleiben, einfach weil die 
Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die 
Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine großen 
Philosophen, Dichter, schöpferischen Forscher hervor- 



(32 Das Universitätsleben in der Union. 

gebracht, weil ihr Schulsystem zu diesem Zweck nichts 
taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als Volk, 
bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten 
Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition 
und bei der starken Inanspruchnahme aller geistigen 
Kräfte durch rein praktische Aufgaben überhaupt noch 
gar keine Möglichkeit gehabt haben, nach jener Richtung 
Begabung zu entwickeln. Eine selbständige Wissenschaft 
und eine nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, 
wenn aus den verschiedenartigen Völkerschaften der 
Vereinigten Staaten wirklich eine neue Rasse geworden und 
die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan sein wird, 
daß alle feineren Geister für die Beschäftigung mit den 
vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird als- 
dann viel Spreu hinweggefegt werden, aber an dem System 
des Hochschulbetriebes schwerlich viel geändert werden 
müssen. Die wissenschaftlichen I^eistungen der Stu- 
dierenden werden selbstverständlich gleichen Schritt halten 
mit denen der Lehrenden. Der einzige amerikanische 
Philosoph, dessen Ruf bisher durch die ganze Welt ge- 
klungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein hohes 
Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner 
vornehmen Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, 
fruchtbaren Gedanken; für Amerika ist Emersons Philo- 
sophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die beliebten 
demokratischen Vorurteile lächelnd beiseite schiebt. Es 
wird aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen 
Vorurteile nur noch bei der Masse zu finden sein werden, 
und wo die Freiheit der wissenschaftlichen Kritik sich 
überhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt gebieten läßt, 
auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst können 
wir von dem amerikanischen Volke verlangen, daß es 
große Künstler und originale Denker hervorbringe. In 



Bildungsdrang des Volkes. 63 

den regsamsten Köpfen, in den tiefsten Gemütern dieses 
Volkes ist schon jetzt eine große Sehnsucht lebendig nach 
jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr 
nur die Resultate europäischer Arbeit nützlich verwenden, 
sondern selber Finder neuer Wege und Setzer neuer Ziele 
werden können. Das beweist der ungeheure Zulauf, welchen 
die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vor- 
träge der Wanderredner und besonders gemeinnützige 
Institute, wie die Sommerschule in Chautauqua finden, 
wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel wissensdurstige 
Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andächtig 
den Vorträgen der besten Gelehrten ihres Randes lauschen. 
Wir Europäer werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahr- 
hundert oder noch länger unseren Vorrang des weisen 
Alters behalten und der mächtig emporstrebenden Neuen 
Welt die Leitsätze für ihre eigne wissenschaftliche Fort- 
entwicklung liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, daß 
man von der Jugend immer lernen kann! Wenn wir das 
tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber schwer- 
lich jemals überflügeln können. Wir werden an ihr alsdann 
keinen verhöhnten oder beneideten Feind, sondern viel- 
mehr einen guten Kameraden besitzen, der uns in gleichem 
Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben Höchstzielen 
wahrer Kultur nach. 



iiiiiiiin im im iiiiiiiiii iiiiiiiiiininiiiiiiiiiiiiiiiniiiiii 



I . llllll l llllllllllll ll ll l lll l llll l lllll l l ll ll l ll ll ll llllll ll ll llll l llllll 

Öffentliche und private Moral. 



WVe deutschen Zeitungskorrespondenten in den Ver- 
j& einigten Staaten beklagen sich allgemein darüber, daß 
sie gezwungen seien, ihre Berichte den Vorurteilen der 
deutschen Zeitungsleser zuliebe zu färben und so dazu 
beizutragen, daß diese Vorurteile in Deutschland nicht 
aussterben. Daß sie Unglücksfälle nur kabeln dürfen, 
wenn sich über zehn Tote ergeben haben, ist ja eine ganz 
weise Beschränkung, aber daß sie sich genötigt sehen, 
immer nur sensationelle Fälle von wüster Korruption in 
der Politik, in der Rechtsprechung, im Gebaren der 
großen Truste, offenbare Verrücktheiten und groteske 
Reklamemanöver auf den Gebieten des Erfindungswesens, 
des Handels und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, 
sowie schließlich gröbste Familienskandale aus der Welt 
der Milliardäre zu berichten, das ist doch recht bedenk- 
lich. Selbstverständlich sind gerade die guten Bürger 
jeder Nation überzeugt, daß die allgemeine Ordnung der 
Dinge, die öffentliche wie die private Moral in ihrem 
I,ande besser sei als in irgend einem anderen ; aber es tut 
doch nicht gut, diese natürliche Neigung zur Ungerechtig- 
keit durch die Presse, als durch das berufene Organ der 
öffentlichen Aufklärung, zu unterstützen ; denn die Unter- 
schätzung fremder und noch dazu rasseverwandter Völker 
kann unter Umständen doch recht üble Folgen haben. 
Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren 
gut aufgemacht und aufmerksam zugehört hat, wenn er 
wohlunterrichtete I^eute drüben die Verhältnisse be- 
sprechen hörte, gestattet, mein bescheidenes Teil zur 



Geschäftspolitiker. 65 



Aufklärung über die wichtige Frage der öffentlichen und 
privaten Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen. 

Die Korruption in der Politik ist ein öffentliches Ge- 
heimnis und wird von niemandem geleugnet. Sie ist eine 
notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl der republi- 
kanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung 
des Landes und besonders des Umstandes, daß sich alle vier 
Jahre verfassungsgemäß ein Wechsel in den Personen der 
Machthaber vollziehen muß. Daß jeder neue Präsident, 
Gouverneur, Bürgermeister usw. seine guten Freunde und 
Verwandten in die einträglichsten und einflußreichsten 
Stellungen zu bringen versucht, ist menschlich begreiflich, 
und man braucht sich darüber nicht weiter zu entrüsten ; 
aber die ebenso selbstverständliche Folge, daß der poli- 
tische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf 
fortwährend in Atem gehalten wird, macht es dem vielbe- 
schäftigten Staatsbürger natürlich unmöglich, den poli- 
tischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern. Er 
muß notgedrungen diese Betätigung Reuten überlassen, die 
daraus einen Lebensberuf machen. Und so ergibt sich 
mit Notwendigkeit die Existenz der Geschäftspolitiker. Da 
selbstverständlich diese, die sogenannten Bosse, nicht vom 
Staat oder von der Gemeinde besoldet werden können, 
so schaffen sie sich ihre Einkünfte dadurch, daß sie sich 
für die Unterstützung bei Wahlen, für die Erlangung 
von öffentlichen Ämtern, von Privilegien und Kon- 
zessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl 
ohne weiteres ein, daß sich nicht die Blüte der Nation, 
sondern nur machthungrige und geldgierige Streber zu 
diesem politischen Agenturgeschäft hergeben, und daß 
diese I^eute nicht das geringste Interesse daran haben, 
dem intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandi- 
daten zum Siege zu verhelfen, sondern demjenigen, der 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 5 



56 Öffentliche und private Moral. 

am meisten zahlt. Da es nur zwei große politische Par- 
teien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle 
vier Jahre die Chance eines völligen Systemwechsels 
durch den Sieg der Gegenpartei gegeben. Dann werden 
alle kommunalen Ämter, die ganze Beamtenschaft, vom 
Präsidenten bis zum Ofenheizer im Weißen Hause, an 
die Anhänger der siegreichen Partei vergeben. Wer den 
richtigen Boß am besten geschmiert hat, bekommt das 
Amt. Es ist klar, daß bei solchem System Staat und 
Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte 
für noch schlechtere einzutauschen, und daß die öffent- 
liche Moral dadurch schändlich verdorben wird. Trotz 
alledem wird auch bei uns niemand leugnen wollen, daß 
die Vereinigten Staaten bisher noch immer tüchtige, zum 
mindesten doch anständige Präsidenten gehabt haben, 
und daß in die obersten Stellungen wenigstens sehr 
selten oder nie ganz minderwertige Personen gelangt 
sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn 
man den hochentwickelten common sens, den gesunden 
Menschenverstand der führenden angelsächsischen Rasse 
in Betracht zieht. Der anständige Geschäftsmann und 
die höher gebildeten Klassen überhaupt kümmern sich 
um das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar 
nicht und ertragen mit dem glücklichen Gleichmut und 
dem guten Humor der Yankeerasse die tausenderlei 
offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die 
durch die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, 
daß die Bosse irgend etwas im Schilde führen, was gegen 
den guten Ruf des Staates, gegen die Sicherheit des 
Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der 
Verfassung geht, so tun sich ein paar einflußreiche Leute 
von tadellosem Leumund zusammen — die führenden 
Deutschen sind immer bei dieser Anstandspartei zu 



Achtung vor den Gesetzen? 67 

finden — und klären durch geeignete Maßnahmen die 
Massen der Wähler über den Unfug auf, der verübt werden 
soll. Und siehe da : immer gelingt es der Wucht der öffent- 
lichen Meinung, wenigstens die gröbsten Schandtaten zu 
verhindern, die unmöglichsten Kandidaten beiseite zu 
schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren 
und anerzogen; die Verfassung der Vereinigten Staaten 
wird als ein unübertreffliches Werk genialer Einsicht 
verehrt, und alle Gesetze, die das souveräne Volk durch 
seine Erwählten in den Einzelstaaten machen läßt, werden 
für vorzüglich gehalten. Das ewig verdrossene Nörgeln 
an den Gesetzen und öffentlichen Einrichtungen, jenes 
höchste Vergnügen des deutschen Bierbankpolitikers, 
kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze 
und fügt sich sogar in Unannehmlichkeiten, wenn man 
einsieht, daß anders die Ordnung nicht aufrechterhalten 
werden kann. Im übrigen aber tut doch jeder, was ihm 
beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht 
in seinen Kram passen. Man weiß, daß die Polizei nicht 
von ihrem Gehalt, sondern von den Schmiergeldern so 
rosig fett und robust wird; man weiß, daß sogar die Binde 
vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter 
zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht 
selbst an den schreiendsten Mißständen schweigend vor- 
bei, weil es sich so bequemer leben läßt, und weil der 
Gentleman sich nicht gerne die Hosenränder beschmutzt 
und daher den Pfützen lieber in weitem Bogen ausweicht. 
Solange sie seine persönliche Bewegungsfreiheit und 
seine geschäftlichen Unternehmungen nicht empfindlich 
stören, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und 
gönnt den zahlreichen Mitbürgern, die von den Mängeln 
dieser Gesetze leben, also den Politikern, Advokaten, 
smarten Geschäftsleuten und geistvollen Hochstaplern, 

5* 



68 Öffentliche und private Moral. 

ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten Maehthabern 
der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten 
Königen der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des 
Petroleums können ja überhaupt die Gesetze nichts an- 
haben, wie es sich erst jüngst wieder in dem vorsichtig 
weitmaschig abgefaßten Urteil des obersten Gerichts- 
hofes in Sachen des Öltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz 
großen Herren, in deren Macht es steht, die Bundesarmee 
gegen mißliebige Nachbarn mobil zu machen, oder in 
einer Anwandlung schlechter Raunen unzählige Betriebe 
lahmzulegen, Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot 
vom Munde wegzureißen, mit denen hütet sich natürlich 
nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der Einzel- 
staaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen 
sich aber die kleineren Machthaber irgendwie lästig, so 
versteht man ihnen selbst in dem Falle beizukommen, 
daß die Behörde gegen sie ihre Pflicht vernachlässigt. 

Ein hübsches Beispiel solcher demokratischen Selbst- 
hilfe erlebten wir in St. Iyouis. Durch wochenlange 
Trockenheit war die Rauchplage daselbst unerträglich 
geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouri- 
tale herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne 
lachte frühlingsheiter vom wolkenlosen Himmel herab. 
Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt einfuhr, 
verblaßte plötzlich die Sonne zu einem fahlgelben trans- 
parenten Fettfleck in einer Wand gleichmäßig grauen, 
schweflig riechenden Nebels, der selbst die nächsten Gegen- 
stände nur in verschwommenen Umrissen erscheinen ließ. 
In den Häusern herrschte eine erstickende, verbrauchte 
Luft, weil man kein Fenster öffnen konnte, ohne daß 
sofort eine dichte Rußschicht, wie von einer schwer 
blakenden Öllampe, sich auf alle Gegenstände im Zimmer 
legte. Wenn man über die Straße ging, waren Kragen 



Energische Selbsthilfe eines Damenklubs. 69 

und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens 
sein Bad einließ, so schwamm eine schwarze Rahm- 
schicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll von 
Entrüstungsartikeln über diesen schmachvollen Zustand. 
Überall erschollen laut die Stimmen der Sachverständigen 
mit Vorschlägen zur Beseitigung des Übels. Man er- 
innerte sich plötzlich wieder, daß es im Staate Missouri, 
ebensogut wie anderswo, vorzügliche gesetzliche Vor- 
schriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle 
angewiesenen Industrien zur Anbringung von Rauchver- 
zehrungsvorrichtungen und ähnlichen Maßnahmen von 
erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrik- 
besitzer hatten aber bisher keine IyUst gehabt, sich in 
Unkosten zu stürzen wegen dieser ärgerlichen Gesetze, 
denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der Stadt in er- 
freulich reiner L,uft. Und wenn der Wind einigermaßen 
günstig wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den 
in der Iyuft herumfliegenden Kohlenstaub band, so konnten 
ja selbst die L,eute, die in der Stadt wohnen mußten, ihre 
jungen genügend mit Sauerstoff füttern. Es mußte wohl 
immer noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichts- 
organen gelegentlich gute Trinkgelder zu verabfolgen, 
als die vorschriftsmäßigen Umbauten zu bestreiten. Da 
geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, daß ein 
vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache 
in die Hand nahm. Um ein möglichst großes Damen- 
publikum für ihre Zwecke herbeizuziehen, kündigten sie 
mit gehöriger Reklame ein Konzert meiner Frau an. 
Vierzehnhundert Frauen und Mädchen aus den besten 
Kreisen wurden hierzu zusammengetrommelt und nach 
Schluß der musikalischen Darbietungen ersuchte die Vor- 
sitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um 
sich über die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. 



70 Öffentliche und private Moral. 

Es war alles so gut vorbereitet, daß in kurzer Zeit ein 
leitendes Komitee und eine große Anzahl von Offizieren 
und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus ge- 
wählt und die notwendigen Mittel zur Ausführung des 
Planes gezeichnet waren. Diese kleine freiwillige weib- 
liche Polizeimannschaft übernahm es nämlich, mit Iyist 
oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit Weich- 
kohlenfeuerung einzudringen und nötigenfalls Tag und 
Nacht Patrouille zu gehen und Posten zu stehen, so 
lange, bis alle Mißachter der Gesetze zur gerichtlichen 
Verantwortung gezogen, gebührend bestraft und die vor- 
geschriebenen Maßnahmen gegen den Rauch tatsächlich 
ausgeführt waren. Das Mittel soll einen durchgreifenden 
Erfolg gehabt haben, denn vor energischen Frauen kapi- 
tuliert der Yankee immer. 

Die Zuversicht, daß aus allen Schwierigkeiten und 
Übelständen, wenn auch vielleicht erst im Moment der 
höchsten Gefahr, und wenn sie bis zur Unerträglichkeit 
gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die 
Rettung kommen muß, erhält dem Volke seinen opti- 
mistischen Gleichmut. Selbstverständlich erzeugt die 
Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor Paragraphen 
oder Untertänigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergräbt 
sogar recht bedenklich die Disziplin, ohne die schließlich 
keine Ordnung irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten 
ist. Die Warnungs- und Verbotstafeln, mit denen bei uns 
zu Iyande unser ganzes lieben von der Wiege bis zum 
Grabe von den Behörden so rücksichtsvoll eingezäunt 
wird, kann man sich drüben fast völlig sparen, da sie 
doch keine Beachtung finden würden; aber wo der ge- 
sunde Menschenverstand einsieht, daß Vorsicht, Unter- 
ordnung, Geduld und Rücksicht auf den Nebenmenschen 
am Platze sind, da übt er sie auch ohne Warnungstafeln 



Disziplin im Straßenverkehr. 7 t 

und ohne Einschüchterung durch säbelfuchtelnde Schutz- 
leute aus. Dem Europäer fällt z. B. die ausgezeichnete 
Disziplin im Straßenverkehr der Großstädte sehr an- 
genehm auf; nie hört man wild aufeinander los fluchende 
Kutscher im Wagengedränge; nie werden Schutzmanns- 
ketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; 
mit einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den 
Straßenkreuzungen den kolossalen Verkehr. Ohne Murren 
findet sich alle Welt mit der Einrichtung ab, daß um 
6 Uhr abends alle Geschäfte geschlossen werden. In den 
Straßen- und Untergrundbahnen, in überfüllten fokalen 
jeder Art macht jedermann bereitwillig Platz, so gut es 
geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in der Neu- 
yorker Subway. Da es um die Zeit des Geschäftsschlusses 
war, so waren die Wagen mit sitzenden und stehenden 
Menschen so voll, daß der berühmte Apfel nicht mehr 
zur Erde fallen konnte. Da drängte sich auf einer Station 
im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen 
Schaukelpferd herein. Die Männer auf der hinteren Platt- 
form schufen der Frau mit kräftigen Ellenbogen Platz, 
die ganze Menschenmauer geriet ins Schwanken, man 
trampelte sich gegenseitig kräftig auf den Zehen herum, 
die hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukel- 
pferdes stießen einigen Passagieren in die Bäuche oder 
gegen die Kniescheiben — und dennoch zeigte sich nie- 
mand gekränkt oder nervös gereizt. Mit ein paar gut- 
mütigen Scherzen ging man über die Unannehmlichkeiten 
hinweg; bei uns wäre ein Sturm der Entrüstung los- 
gebrochen. Auch der eiligste Geschäftsmann wartet ge- 
duldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei 
ist, und niemals wird ein höher Gestellter versuchen, für 
sich Ausnahmemaßregeln durchzusetzen. Auch die strengen 
Polizeivorschriften im Interesse der öffentlichen Hygiene 



72 Öffentliche und private Moral. 

werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem ver- 
nünftigen Menschen klar ist. 

Höchst merkwürdig ist die Art, wie der Yankee öffent- 
liche Fragen löst, die anderwärts der Polizei die aller- 
größten Schwierigkeiten machen und über die sich Juristen, 
Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die 
Köpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der 
Yankee nämlich einfach dadurch, daß er erklärt, sie 
existierten gar nicht. Der Prostitution z. B. ist im Ge- 
setze überhaupt nicht Erwähnung getan, und in den 
Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten 
Männern nennt man die Prostitution verschämt ,,das 
soziale Übel" (the social evel), aber in der Öffentlichkeit 
erwähnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals, 
weil die jungen Mädchen nichts von seiner Existenz 
erfahren sollen, und weil man annimmt, daß der Ameri- 
kaner überhaupt viel zu anständig sei, um irgendwelcher 
heimlicher Notbehelfe für die Forderungen seines Trieb- 
lebens zu bedürfen. Dessenungeachtet weiß selbstver- 
ständlich jeder erwachsene Mensch, daß die Zahl der 
Prostituierten, der freien wie der kasernierten, auch in 
den Vereinigten Staaten ungeheuer groß ist. Die Polizei 
hat dafür zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von diesen 
Damen nichts merkt; sie hat also nicht nur die öffent- 
lichen Häuser, sondern auch jede einzeln flanierende 
Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die öffent- 
lichen Gerichtshöfe sich sehr viel mit der Bestrafung 
von Prostituierten beschäftigen müßten, so könnte es 
nicht ausbleiben, daß das Publikum auf diese Dinge auf- 
merksam würde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grund- 
satze des Totschweigens unverbrüchlich treu blieben. 
Folglich duldet es die Behörde wissentlich, daß die Polizei- 
organe sich von den Übeltäterinnen dafür bezahlen lassen, 



Die Prostitution. 73 



daß sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und daß die 
Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse 
dafür entrichten, daß sie sie vor Konflikten mit Be- 
hörden bewahren. Selbstverständlich erhalten solche 
Häuser keine polizeilichen Konzessionen, noch gibt es 
irgendwelche offizielle Kontrolle der freien Prostitution. 
In den Adreßbüchern figurieren jene Damen als Ladne- 
rinnen, Näherinnen, Masseusen und dergleichen, und 
die zahlreichen Freudenhäuser werden von den er- 
findungsreichen Bossen mit fingierten Personen be- 
völkert, und zwar vornehmlich mit — wahlfähigen 
Männern ! Man bedient sich zu diesem Zweck der Namen 
längst verzogener oder gar verstorbener Persönlichkeiten. 
Durch dieses schlaue Manöver wächst bei den Wahlen 
dem Boß für jede Gefangene einer solchen Lasterstätte 
ein Wahlzettel für seine Partei zu. Eine Folge dieser 
unerhörten Heuchelei ist auch die, daß die Bestrebungen 
des internationalen Vereins gegen den Mädchenhandel 
in den Vereinigten Staaten wirkungslos bleiben. Dieses 
schmachvollste aller Geschäfte, der weiße Sklaven- 
handel, blüht im Gegenteil in den nordamerikanischen 
großen Hafenplätzen wo möglich noch üppiger als 
in denen Südamerikas. Die dunkeln Ehrenmänner, die 
sich mit diesem schmutzigen Geschäft befassen, aus- 
schließlich galizische, ungarische und rumänische Juden, 
führen der Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die 
Finger sehen, ansehnliche Summen zu. 

Es ist jüngst ein Roman über diese Zustände erschienen : 
„ The House of Bondage, by Reginald Wright Kaufmann". Es 
dürfte wohl das erstemal sein, daß in dem L,ande der puri- 
tanischen Heuchelei ein solches Thema von der Dichtung 
erörtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine 
literarische Qualität anbetrifft, nicht entfernt mit Else 



74 Öffentliche und private Moral. 

Jerusalems „Der heilige Scarabäus" messen, und es ist 
bezeichnend, daß der mutige Verfasser selbst mit dem 
größten Eifer betont, er habe in diesem Werke nichts 
weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit 
berichten wollen. Im Anhang des Buches sind all die 
behördlichen Aktenstücke abgedruckt, welche die Grund- 
lage zu den Behauptungen des Verfassers gegeben haben. 
Ich habe bis jetzt nicht gehört, ob die Zeitungen an- 
gesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus 
ihrer traditionellen heuchlerischen Reserve herausgegangen 
sind, oder ob sich gar die Behörden zu einem energischen 
Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die 
niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Ein- 
buße an ihren Einkünften erleiden würden, so ist das auch 
kaum anzunehmen. Aber einen schönen Erfolg hat der 
Verfasser trotzdem dadurch erreicht, daß der junge Herr 
Rockefeiler sein Werk in alle unter den nordamerikanischen 
Einwanderern vertretenen Sprachen übersetzen und in 
vielen Tausenden von Exemplaren unter den unteren 
Volksschichten, deren Töchter ja hauptsächlich gefährdet 
sind, verteilen ließ. So kann wenigstens nicht mehr 
Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mädchen dafür 
verantwortlich gemacht werden, wenn sie in die Schlingen 
der gewissenlosen Vogelsteller geraten. 

Für uns Europäer ist es schwer begreiflich, daß in 
demselben L,ande, in welchem jeder gesellschaftliche 
Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte in den Zei- 
tungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlaf- 
zimmer vor den Reportern sicher ist, aus Anstands- 
rücksichten in der gesamten Tagespresse kein Wort über 
ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung 
des berühmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben 
werden darf. Wir haben hier den für uns überaus seltsamen 



Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit. 75 

Fall, daß selbst der indiskreteste und von Amts wegen 
quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der Jour- 
nalisten aus Patriotismus eine verblüffende Selbstver- 
leugnung übt. Die verehrten Pilgerväter schon haben 
das Dogma aufgestellt, daß in den Vereinigten Staaten 
die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert sei. 
Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puri- 
tanertums zuliebe wird noch heute der Yankee als ein 
untadelhafter Gentleman hingestellt, der mit einer jungen 
Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen 
oder auf einer einsamen Insel wohnen könne, ohne mensch- 
liche Begierden zu verspüren. Der Yankee steckt es 
lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht sagt, daß seine 
smarten Geschäftsleute die größten Gauner der Welt 
seien; aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schrift- 
steller dürfen es nicht wagen, einen Yankee als Verführer 
der Unschuld hinzustellen. Die schärfsten Sozialkritiker, 
die realistischen Romanschriftsteller, müssen dieses natio- 
nale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem 
Heimatlande unmöglich machen wollen. Eine segens- 
reiche Wirkung dieses starr festgehaltenen Vorurteils ist 
unzweifelhaft die, daß es im Yankeelande eine porno- 
graphische Uiterätur überhaupt nicht gibt, daß die schlüpf- 
rigen französischen Schwanke der Bühne ferngehalten und 
der Import von pikanter Lektüre, Bildern und dergleichen 
höchstens auf ganz versteckten Schleichwegen stattfindet. 
Es muß auch unbedingt zugegeben werden, daß der 
zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine 
starke körperliche Betätigung im Sport, verbunden mit 
dem Fehlen ungesunder Reizungen durch schlechte Lek- 
türe dem jungen Mann, zumal der gebildeten Oberschicht, 
eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen be- 
wahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Maße 



76 Öffentliche und private Moral. 

vorhanden sein dürfte. Es ist richtig, daß kein Yankee 
sich durch gewandtes Erzählen von Mikoschwitzen gesell- 
schaftlichen Ruhm erwerben kann, und daß man selbst 
in intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluß des 
Alkohols schwerlich jemals die Sauglocke läuten hört. Es 
ist auch richtig, daß ein junger Mann von guter Familie, 
der ein junges Mädchen aus seinem Gesellschaftskreise 
kompromittiert und sitzen läßt, der Ächtung seiner 
Standesgenossen verfällt -^- aber dennoch kann man 
nicht aus ehrlicher Überzeugung das Verhalten des Ameri- 
kaners der Erotik gegenüber unbedingt zur Nachahmung 
empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von 
Heuchelei zu fördern, die den weniger vom Glück be- 
günstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt, und 
außerdem die Poesie der Liebe schwer schädigt. Wie in 
allen gesellschaftlichen Fragen, so wird nämlich auch in 
bezug auf die Erotik das demokratische Prinzip nur 
allzu gern vergessen. Der starke Schutz wall der weib- 
lichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um 
die Angehörigen der eignen Kaste errichtet. Derselbe 
wohlerzogene begüterte junge Mann, der die größte Frei- 
heit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen 
seines Kreises auch bei stärkster Versuchung nicht miß- 
brauchen würde, macht sich doch schwerlich ein Ge- 
wissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine fesche Maniküre, 
Typewriterin oder sonst eine hübsche Angestellte aus 
dem Geschäft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, 
und das wird ihm in seinem Kreise auch keineswegs übel- 
genommen, wenn er nur von seiner Liebschaft kein großes 
Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein Mäd- 
chen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise 
einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in der- 
jenigen Gesellschaft, die sich die beste zu nennen beliebt, 



Beurteilung des freien Liebesverhältnisses. 77 

dieselbe niederträchtige Doppelmoral wie in der alten 
Welt, wo die chevaleresken Brüder mit geschliffenen 
Säbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwes- 
tern Wache halten, aber vielleicht selber auf das schmach- 
vollste mit dem Glück und der Ehre anderer Mädchen 
umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankee- 
anschauung ist vielleicht nur der, daß drüben der Ruf 
des verfluchten Schwerenöters dem Manne nicht so wie 
bei uns zum Vorteil gereicht, und daß ein Mädchen aus 
den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den 
höheren geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der 
höheren Gesellschaft aufgenommen zu werden, falls es 
sich nur ladylike zu benehmen versteht; dagegen fällt 
der Vergleich zu Ungunsten des Yankee aus, wenn man 
die Gefühlsroheit in Anschlag bringt, die in der Be- 
urteilung des freien Liebesverhältnisses drüben herrscht. 
Der Yankee hat für die illegitime Freudenspenderin nur 
die rohesten Worte seiner Sprache übrig. Selbst der 
Ausdruck Sweetheari hat einen verächtlichen Nebenklang 
bekommen. Die amerikanische Moral bekreuzt sich ent- 
rüstet vor dem „Verhältnis" des Deutschen oder vor der 
,, Collage" des französischen Studenten. Die amerikanische 
junge Dame würde die selbstlose Hingabe des leidenschaft- 
lich liebenden deutschen „Gretchens" oder der französischen 
Grisette nicht nur für shocking, sondern besonders für ent- 
setzlich dumm halten; denn sie ist gewohnt, möglichst 
viel zu fordern und möglichst wenig dafür zu gewähren. 
In einem amerikanischen Roman oder Theaterstück ist 
folglich die poetische Verklärung eines freien Liebes- 
verhältnisses völlig unmöglich. Ein Autor, der dergleichen 
wagen würde, und sei er selbst ein Mann von anerkannter 
Bedeutung, würde nicht nur den Absatz seines Buches 
schwer schädigen, sondern sich auch gesellschaftlich un- 



78 Öffentliche und private Moral. 

möglich machen. Ob bei dieser Anschauung die Heilig- 
keit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu entscheiden, 
sicher nur dünkt es mich, daß die Heiligkeit der I^iebe 
viel dabei verliert. Manche Äußerungen dieser einseitigen 
christlich - pfäffischen Moralauffassung erscheinen uns 
Europäern ja geradezu komisch. So kann z. B. ein Bank- 
defraudant, wenn er Glück hat, sein geraubtes Schäfchen 
ganz gut drüben ins Trockene bringen und unter Um- 
ständen sogar sich wieder zu allen bürgerlichen Ehren 
emporarbeiten; landet er aber gleichzeitig sein Iyiebchen 
in Hoboken, so muß er gewärtig sein, daß er sofort vor 
die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu heiraten, 
oder umgehend nach Europa zurückzukehren. Auf jedem 
Ozeandampfer wachen scharfe Yankeeaugen über dem 
Benehmen der paarweise Reisenden, und wer da nicht 
einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der 
kann sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehe- 
bescheinigung ersucht zu werden. Sollte es der Yankee- 
rasse gelingen, die puritanischen Unmenschlichkeiten aus 
ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem die 
Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen 
gegenüber zu bewahren, die den größten Teil ihrer Jugend 
jetzt schon als Begleiterscheinung der körperlichen Rein- 
lichkeit und der vernünftigen Erziehung auszeichnet, so 
dürfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen der alten 
Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber 
müssen wir uns doch erlauben, diese gern betonte mora- 
lische Überlegenheit mit einem großen Fragezeichen zu 
versehen. 






iiimiiiiiiiuii 



niiiiiiiiiii M i i iiiiii i i i iiiiiiiiii m i i iiiiiiiiii i iiiiiiiiiiiiiii m i n ii HUMUM 



leiebe und Ehe. 



Q'o viele Kabel auch zwischen Alt- Europa und der neuen 
JkD Welt gelegt sind, so viele Geschäfts- und Familien- 
beziehungen die Völker diesseits und jenseits des Ozeans 
miteinander verbinden, so herrschen gerade über manche 
wichtige grundlegende Verhältnisse die gröbsten Miß- 
verständnisse. Was wissen wir Deutsche z. B. vom 
Familienleben, von leiebe und Ehe der Yankees? Wir 
lesen in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sen- 
sationellen Heiraten zwischen Milliardärstöchtern und 
europäischen Aristokraten, von Millionenerbinnen oder 
Gattinnen von Industriekönigen, die mit Chauffeuren, 
Friseuren oder Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit 
moralischen Schauder die ungeheuerlich hohen Ziffern, 
welche die Statistik über die Scheidungen in den Ver- 
einigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen 
Erscheinungen schließen zu dürfen, daß die Yankees 
über die Heiligkeit der Ehe äußerst frivol denken und 
ihre Töchter nur als Ware, als Tauschobjekt für gute 
gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen betrachten 
müßten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche 
mit einem starken Vorurteil gegen die koketten, herz- 
losen und anspruchsvollen Yankeemädchen nach Dol- 
larica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen 
und aus nächster Nähe die Frage der leiebe und der Ehe 
im Yankeelande zu studieren, der dürfte doch bald zu 
einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen wird 
ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den 
Sitten und Gewohnheiten der paar Hundert Multimillio- 



80 Liebe und Ehe. 



näre und denen der überwältigenden Mehrheit des übrigen 
Volkes zu unterscheiden. Es brauchte nicht erst der gute 
und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit 
zu offenbaren, daß Frauen desto unglücklicher, unzu- 
friedener und zu törichten Streichen geneigter sind, je 
reicher sie werden; das ist eine uralte Weisheit, die wir 
bei uns zu Lande ebenso oft bestätigt finden können, 
wie irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multi- 
millionärs, die ganz in gesellschaftlichen Interessen auf- 
geht, ihre Nerven in einer sinnlosen Hetze von Ver- 
gnügen zu Vergnügen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, 
von bloß spielerischer bis zu wirklich angreifender Tätig- 
keit aufreibt, dabei drei- bis viermal täglich die Toilette 
wechselt, unsinnigen Moden zuliebe ihre Gesundheit aufs 
Spiel setzt und jede ihrer I^aunen rücksichtslos befrie- 
digen kann, die muß natürlich, falls sie nicht einen un- 
verwüstlich guten Kern besitzt, ihre Nervenüberreizung 
irgendwie büßen. Die tollen Streiche ihrer L,aune, ihre 
frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur Folge- 
erscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der 
zerrütteten körperlichen Grundlage erwuchs wie der 
Schwamm aus einem faulen Balken. Ebenso begreiflich 
ist es, daß die Männer jenes Kreises, sobald der auf- 
gehäufte Dollarberg ihnen bis über die Nase steigt und 
sie zu ersticken droht, bedenkliche Kongestionen nach 
dem Kopfe bekommen, die zunächst dazu zu führen 
pflegen, daß sie ihre anerzogenen demokratischen Grund- 
sätze vergessen und mit ihrem Überfluß das einzige zu 
erreichen trachten, was drüben für kein Geld zu haben 
ist, nämlich einen Abglanz feudaler Herrlichkeit. Da 
sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fürsten- und Grafen- 
kronen auf dem Kopfe herumlaufen können, ohne sich 
lächerlich zu machen, so kaufen sie diese schönen Dinge 



Spekulationsheiraten. 81 



ihren ehrgeizigen Töchtern und füttern ihre Eitelkeit 
mit dem Bewußtsein, mit dem ältesten Adel Buropas 
wenigstens verschwägert zu sein und als Großpapas 
Prinzlein und Komteßlein auf ihren Knien schaukeln 
zu dürfen. Und dennoch ist gerade für die Vereinigten 
Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Mädchen- 
schacher. Man darf getrost behaupten, daß in keinem 
L^an de der Welt den Töchtern eine größere Freiheit der 
Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten 
Staaten, und daß auch nirgends das Spekulieren der 
jungen Männer mit einer fetten Mitgift weniger im Schwang 
sei. Es ist nämlich durchaus nicht Sitte, den Töchtern 
eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute machen 
hiervon eine Ausnahme. In der überwältigenden Mehr- 
zahl der Yankeefamilien, von den untersten bis zu den 
obersten Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber eben- 
sowenig daran, sich selber als Rentier zur Ruhe zu setzen, 
so lange er noch imstande ist, einen Brief zu diktieren 
und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Er- 
wählten seiner Tochter in den Jahren seiner besten Kraft 
in Gestalt eines Kapitals eine faule Haut zu unterbreiten, 
auf der Schwiegersohn und Tochter sich behaglich räkeln 
dürften. Die jungen Leute mögen sich im stillen auf die 
fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber 
sich gefälligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres 
Lebens nach ihrem eignen Verdienst gestalten. Dieser 
höchst vernünftige und gesunde Grundsatz führt zu der 
selbstverständlichen Folge, daß drüben viel mehr aus 
Liebe geheiratet wird, als bei uns. Außerdem wird aber 
auch viel früher geheiratet, weil schon die Kindererziehung 
darauf ausgeht, eine frühe Selbständigkeit der Charaktere 
zu erzielen, und weil die Lebensverhältnisse heute wenig- 
stens noch so sind, daß ein junger Mensch, der etwas 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 6 



82 Liebe und Ehe. 



gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel früher als bei 
uns zu einem leidlich anständigen Einkommen gelangen 
kann. Hin junger Mann am Anfange der Zwanziger, 
der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau er- 
nähren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden 
der Ehe und der Häuslichkeit zu verzichten, denn er 
kann sich ja ein Mädchen suchen, das auch in einem 
praktischen Beruf tätig ist und ein selbständiges Ein- 
kommen daraus bezieht. Wer in der teuren Großstadt 
noch nicht imstande wäre, von seinem Einkommen eine 
dürftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet weit 
draußen in den weniger besiedelten Staaten doch viel- 
leicht einen Platz, wo er mit demselben Einkommen 
ein ganzes Haus nebst Dienerschaft sich leisten kann. 
Die vernünftige Erziehung, bei der die beiden Geschlechter 
stets auf dem Fuße der Gleichberechtigung und der guten 
Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl 
ein wenig Vererbung aus den Zeiten puritanischer Sitten- 
strenge erhalten den jungen Mann gesund und keusch in 
seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das 
normale und schönste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen 
in einem Alter, in dem der junge Europäer sich auf seine 
frivole Weiberverachtung besonders viel einzubilden pflegt. 
Es kommt auch wohl noch dazu, daß, wie gesagt, ein sehr 
großer Teil aller jungen I^eute in gottverlassenen Gegen- 
den seine Existenz zu begründen beginnt, wo er keinen 
menschenwürdigen Ersatz für die eheliche Gemeinschaft 
zu finden hoffen darf. Und schließlich gibt es in Amerika 
noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den 
heiligen Ehestand durch eine bei uns kaum in den unter- 
sten Volksschichten allgemein eingeführte Sitte. Es gilt 
nämlich in der Yankeefamilie als ganz selbstverständlich, 
daß der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie selb- 



Rückzahlung der Erziehungskosten. 83 

ständig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elter- 
lichen Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees 
so vernünftig ist, die geschäftliche Behandlung prak- 
tischer Fragen auch in den intimsten Beziehungen zwischen 
Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht für 
gefühlsroh zu halten, so erwägt man im Familienrate in 
aller Gemütsruhe, wie viel jedes einzelne Kind im Ver- 
hältnis zu den Aufwendungen, die für seine Erziehung 
gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise 
den Eltern zurück zu erstatten habe. Man hört selten 
davon, daß sich ein übel geratenes Kind dieser Zahlungs- 
pflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel weniger davon, 
daß die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern 
und erwachsenen Kindern unter solcher Geschäftspraxis 
leide. Die Eltern spannen vielmehr ihre Kräfte aufs 
äußerste an, um ihren Kindern eine möglichst gute Aus- 
bildung zu geben, weil sie wissen, daß sich das aufge- 
wendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und 
die Kinder werden durch diese geheiligte Sitte von früh 
an in ihrem Pflichtbewußtsein und in ihrer selbstlosen 
Schätzung des Familienlebens gestärkt. Während also 
unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos ein- 
gebildeten Selbstsüchtling erziehen, der sich kein Ge- 
wissen daraus macht, den Eltern noch Jahre auf der 
Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um 
den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann 
nur zu verkaufen geneigt ist, wenn ihn der Suff und die 
Weiber an Leib und Seele schon bedenklich mürbe gemacht 
haben, kann sich die amerikanische Sitte und Erziehungs- 
kunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Männer- 
material für den heiligen Ehestand stets frisch und in 
reichlicher Quantität auf Lager zu haben. Von nicht 
zu unterschätzender Bedeutung dünkt mich auch der 

6* 



84 Liebe und Ehe. 



Umstand, daß die englische Sprache keinen Unterschied 
von Du und Sie kennt, indem nämlich das Fürwort thou, 
also das eigentliche du, nur noch in der Poesie und im 
Gebet angewendet wird, während you — gleich Ihr — 
schon seit Jahrhunderten ausschließlich als Anrede bei 
Hoch und Niedrig in den intimsten wie in den fremdesten 
Beziehungen verwandt wird. Es fällt also auch im Ver- 
kehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das 
förmliche Sie bei uns errichtet, und der Übergang zwischen 
einer bloßen guten Bekanntschaft in höflichen Formen 
zur Freundschaft oder Liebe markiert sich äußerlich gar 
nicht. Die jungen Männer und Mädchen, die durch ge- 
meinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaft- 
lichen Verkehr der Eltern schon in der Kindheit auf 
kameradschaftlichen Fuß gekommen sind, behalten übri- 
gens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen, 
bis ins heiratsfähige Alter bei. Ein junger Mann kann 
mit Dutzenden von jungen Mädchen seines Kreises auf 
diesem kameradschaftlichen Fuße stehen; ein junges 
Mädchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins 
Theater, morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer 
Bootfahrt, übermorgen von ihrem Freunde Tom zum 
Baden abholen lassen, ohne daß die ganze Freundschaft, 
Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darüber 
die Köpfe zusammensteckt und ein eifriges Getuschel 
beginnt. Die Verkehrsformen zwischen den jungen Leuten 
sind allerdings nach den Begriffen einer ehrsamen deut- 
schen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu 
leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der 
besonderen Art, wie die junge Amerikanerin ihre Lieb- 
lingsbeschäftigung, den Flirt, ausübt, wenig erbaut sein. 
Deutsche junge Mädchen, die schon als Erwachsene hin- 
über kommen, finden auch meist diesen Ton und diese 



Unverbindliche Kurmacherei. 85 

Verhältnisse wenig nach ihrem Geschmack. Selbst wenn 
sie Talent zur Koketterie haben und darin rasche Fort- 
schritte machen, so ärgert es sie doch, daß sie nie wissen, 
wie sie mit den amerikanischen jungen Männern eigent- 
lich daran sind, weil sich der Unterschied zwischen einem 
frivolen Kurmacher und einem Anbeter mit ernsten Ab- 
sichten viel weniger leicht bemerkbar macht, als bei 
uns. Der junge Amerikaner der höheren Schichten kann 
jahrelang ohne irgendwelche Konsequenzen Freund- 
schaften mit Töchtern seines Kreises unterhalten, und 
dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz überraschend 
irgendwo anders her zu holen. Kr wird sich auch nicht 
groß darüber wundern, wenn eine seiner Freundinnen 
seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und ihn urplötzlich 
mit der Frage überrascht: „Was meinst du, Jim, wir 
könnten doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken ?" 
Der jungen Amerikanerin geht auch ganz die heimliche 
Angst deutscher junger Mädchen ab, als ob der freie 
Verkehr mit jungen Männern zu einer Überrumpelung 
in einer schwülen Stunde führen könnte, denn sie weiß 
ganz genau, daß der junge Mann, der einen solchen Ver- 
trauensbruch begehen würde, der lebenslangen Ächtung 
in seinem Kreise verfallen würde. Sie weiß ebenso genau, 
daß ihr Freund, falls sein Temperament ihm keine Ruhe 
läßt, außereheliche Freuden bei den leichten Mädchen 
geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens 
auch nicht besonders übel nehmen. Aus solchen An- 
schauungen und Gewohnheiten erklärt es sich, daß in 
den Vereinigten Staaten der Typus Don Juan, der. kecke 
Herzensbrecher, gefährliche Schwerenöter und verfluchte 
Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Männlich- 
keit darstellt, weder dem Geschmack der Männer, noch 
dem der Frauen nach, sondern daß dieses Ideal viel- 



86 Liebe und Ehe. 



mehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschützer weib- 
licher Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle 
Launen seiner Schönen lächelnd erduldenden und stets 
dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie der Liebe, 
wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, fällt durch solche 
Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblings- 
gestalt der deutschen Dichtung, das unbedenklich dem 
Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos sich hin- 
gebende und schwärmerisch sich aufopfernde junge Mäd- 
chen würde nach amerikanischer Auffassung nur eine 
leichtsinnige Person oder eine dumme Gans sein. Und 
dem männischen Mann, dem rücksichtslosen Eroberer, 
dem Schrecken und der süßen Sehnsucht deutscher 
Frauenherzen, würde einfach der Charakter als Gentle- 
man abgesprochen werden. Bezeichnenderweise kommen 
diese Typen in der amerikanischen Literatur auch gar 
nicht vor. ,,Das süße Mädel", wie Schnitzler und ich es 
novellistisch verherrlicht haben, findet auch durch die 
Hintertür der Übersetzung keinen Einlaß in die ameri- 
kanische Poesie. Von meinem Roman „Das dritte Ge- 
schlecht" liegt seit Jahren eine ausgezeichnete ameri- 
kanische Übersetzung vor; sie findet aber keinen Ver- 
leger, weil die darin gepredigte Philosophie der Liebe 
shocking ist. Überaus lehrreich war für mich die Bekannt- 
schaft mit einem modernen Thesendrama „The easiesf 
way" (der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen 
jungen Dramatiker Walter, der drüben als ein kühner 
Pfadfinder gilt. Das freie Verhältnis eines reichen Ge- 
schäftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittel- 
punkt der Handlung. Das Mädchen hat eine tiefe Sehn- 
sucht nach der bürgerlichen Anständigkeit und dem be- 
hördlich approbierten heiligen Ehestand. Der Verfasser 
jedoch scheint es als selbstverständlich anzusehen, daß 



Die Liebe in der Öffentlichkeit. 87 

solche gefallenen Mädchen niemals die Kraft finden 
können, einem faulen, eiteln Genußleben zu entsagen. 
Er läßt ihren Aushälter mit seiner trotz aller Großmut 
doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das 
Mädchen im Sumpf zu Grunde gehen. Für amerikanische 
Begriffe war es, wie gesagt, schon eine ungeheure Kühn- 
heit, solch ein illegitimes Verhältnis überhaupt auf die 
Bühne zu bringen. Erträglich wurde diese Kühnheit für 
das Theaterpublikum drüben nur durch den moralischen 
Standpunkt, den der Verfasser einnahm. Sein grausamer 
Schluß entsetzte freilich die zarten Gemüter nicht wenig; 
aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die verlogene 
Sentimentalität einer Kameliendame, als der aus Mitleid 
und tiefem Verständnis für alles Menschliche geborene 
ehrliche Realismus der modernen europäischen Dichtung. 
Wie im Theater und in der Literatur, so spähen wir 
Deutsche auch in der Öffentlichkeit vergebens nach den 
uns vertrauten Äußerungen der Verliebtheit. Liebes- 
pärchen, welche in dunkeln Ecken von Biergärten Hand 
in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem Glase 
trinken, von einem Butterbrot abbeißen, oder etwa gar 
im Eisenbahncoupe wie angeleimt dicht nebeneinander 
hocken und sich fortwährend zärtlich tätscheln und heim- 
lich drücken, dürften wohl drüben zu den Unmöglich- 
keiten gehören. Kaum daß man einmal auf den Bahn- 
höfen Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich 
küssen sieht. Ob deswegen die Amerikanerin weniger 
zärtlich oder gar feurig sei, als europäische Frauen, wage 
ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer 
Amerikanerin verheiratet, noch habe ich bedauerlicher- 
weise jemals ein Verhältnis mit einer solchen gehabt. 

Der Sinn für Romantik in der L,iebe geht jedoch den 
Amerikanern keineswegs gänzlich ab, was man daraus 



Liebe und Ehe. 



erkennen kann, daß abenteuerliche Entführungen viel 
mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo 
sonst. Aber freilich, was will eine Entführung in dem 
Lande der Freiheit groß bedeuten! Die Eltern lassen ja 
ihren erwachsenen Kindern fast durchweg freie Wahl; 
ihrer Erlaubnis zur Heirat bedürfen die Töchter in den 
meisten Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und 
auch dann ist es sehr leicht, einen gesetzlichen Dispens 
zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge Mädchen hei- 
raten bloß, weil ihnen das Entführtwerden so viel Spaß 
macht. Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da 
man mittags durchbrennen und sich abends schon als 
Ehepaar den erstaunten Eltern präsentieren kann. Man 
braucht bekanntlich drüben nicht drei Wochen zu hängen 
oder in der Kirche aufgeboten zu werden, sondern man 
holt sich einfach von der zuständigen Magistratsperson 
einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, so- 
bald man beschwört, daß keine gesetzlichen Hinderungs- 
gründe vorliegen. Mit diesem Schein geht man zum 
nächsten besten Pastor und läßt sich auf der Stelle trauen, 
bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben. 
Glücklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder 
auseinander kommen. Zwar sind in betreff der Schei- 
dung die Gesetze in den einzelnen Staaten sehr viel 
verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer 
in seinem Staate auf Schwierigkeiten stößt, der verfügt 
sich eben in einen weitherzigeren und bequemeren Staat 
und riskiert höchstens, daß er sich dort einige Zeit auf- 
halten muß, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze 
genießen darf. Es könnte wunder nehmen, daß dieselben 
Yankees, die vielfach noch sehr puritanisch streng über 
die Ehe denken, die Scheidung so überaus erleichtern; 
der praktische Erfolg hat aber gelehrt, daß hier, wie so 



Die Scheidung;. 89 



oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten 
Weg gewiesen hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die 
besonderen Verhältnisse des jungen Landes begünstigen 
das frühe Heiraten; da nun aber ein despotisches Ein- 
greifen des elterlichen Willens durch die demokratischen 
Grundsätze ausgeschlossen erscheint, so kommen die 
Ehen fast allein durch die Leidenschaft mehr oder minder 
unreifer Menschen zustande, welche durchaus noch nicht 
fähig sind, sich über ihre eigenen sittlichen Kräfte, noch 
über die Kämpfe und Hemmungen, denen sie in ihren 
besonderen Lebensverhältnissen entgegengehen, ein Ur- 
teil zu bilden. Es werden sich folglich sehr viele dieser 
jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Wäre nun 
diesen unglücklich Gepaarten ein Loskommen voneinander 
unmöglich gemacht oder auch nur beträchtlich erschwert, 
so würde bald das ganze Land überschwemmt sein von 
verärgerten, zähneknirschenden, entmutigten Menschen, 
welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe 
bedeuten würden. So aber weiß jeder beim Eingehen 
seiner Ehe: Habe ich mich gröblich getäuscht,, nun dann 
ist's auch weiter nicht schlimm; eine Scheidung kostet 
nicht den Kopf, und das nächste Mal kann ich es ja besser 
treffen. Selbstverständlich wird die leichte Scheidungs- 
möglichkeit aus bloßer Veränderungssucht viel miß- 
braucht werden, aber sicherlich nicht so viel, wie ängst- 
liche Gemüter sich vorstellen mögen, denn die liebe Ge- 
wohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen 
zu bändigen. Das Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl 
des Mannes, besonders bei einer allgemein ritterlich ver- 
anlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und zur 
Häuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umständen 
einen starken Schutzwall wider den rücksichtslosen Leicht- 
sinn auf. Übrigens ist die Gefahr der unglücklichen Ehen 



90 Liebe und Ehe. 



auch schon dadurch herabgemindert, dai3 die ganze 
Yankeerasse nüchterner denkt als wir und sich daher 
über Liebe und Ehe auch weniger Illusionen macht. Das 
Denken ist überhaupt dieses Volkes Sache nicht, es wird 
daher um so stärker von der Tradition beherrscht, ist 
auch von den Einflüssen der Erziehung, der Schule ab- 
hängiger und darum in seiner Masse viel gleichartiger 
an Charakter und Gemüt als wir. Durch diese Gleich- 
artigkeit fällt von vornherein der bei uns häufigste Grund 
der Ehestörung fort. Hyperästhetische, dekadente Männer 
oder verzwickte Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei 
uns als schreckhafte Beispiele schwierigster Ehegesponse 
herumlaufen, dürfte man drüben nur sehr selten an- 
treffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehe- 
mann für die Frau bequemer als der deutsche. Er fühlt 
sich durch ihre nach unseren Begriffen oft unverschämten 
Ansprüche nicht weiter gekränkt, weil ihm die Verehrung 
für das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es 
dünkt ihm ganz in der Ordnung, daß einer für das Ver- 
gnügen, mit einer hübschen und eleganten Frau prahlen 
zu dürfen, einen gehörigen Preis zahlen, d. h. bis an sein 
Lebensende sich mächtig anstrengen muß. Wie der Mann 
das viele Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich 
gleichgültig, denn für ihr gesellschaftliches Ansehen macht 
es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder mit Juwelen 
handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider In- 
dustriekapitän, Beamter, Anwalt, Arzt oder Künstler ist. 
Der gesellschaftliche Rang des Gatten hängt vielmehr 
davon ab, ob er einer mehr oder minder alten Familie 
angehört, die schon lange Wohlstand und Ansehen genießt, 
oder ob er ein Emporkömmling ist, von dem man in der 
guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiß. Eine ge- 
scheite und reizvolle Frau kann die gesellschaftliche 



Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft. 91 

Stellung ihres Mannes wesentlich verbessern, indem sie 
mit Kreisen in Fühlung kommt, die über denen stehen, 
aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie hält es 
darum auch für ihre vornehmste Pflicht, sich ihre Schön- 
heit zu erhalten, ein elegantes Haus zu machen und 
feinere L,eute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche 
gesellschaftlich geschickten Frauen gemütlos und geistig 
beschränkt sind, dann können sie natürlich auch den 
geduldigsten Mann durch ihre törichten Ansprüche zur 
Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug 
genug, sich gerade dann, wenn sie die ärgsten Zumutungen 
an seinen Geldbeutel und seine Geduld stellen, die größte 
Mühe zu geben, ihn bei guter Laune zu erhalten. Die 
kleinlich eifersüchtige, keifende, den Hausschlüssel ver- 
weigernde deutsche Philisterfrau aus den ,, Fliegenden 
Blättern'' wird man drüben nicht oft finden; dagegen 
ist die putzsüchtige, mit dem Scheckbuch des Gatten 
täglich die Warenhäuser heimsuchende und ihre Zeit in 
nichtigen Vergnügungen und spielerischer Vereinstätig- 
keit verzettelnde Hausfrau sicher noch häufiger zu finden 
als bei uns. Hs wäre aber doch wohl ungerecht, 
deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die Fähigkeit 
zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzu- 
sprechen. Man hört sogar nicht selten von jungen Mäd- 
chen aus wohlhabenden Familien, die mit ihrem Er- 
wählten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich 
unter rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durch- 
schlagen. Auch versteht es die Amerikanerin in be- 
schränkten Verhältnissen beinahe so gut wie die Fran- 
zösin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich 
gut anzuziehen und ihren Körper trotz der Arbeitslast 
frisch zu erhalten. Die Frau, die nur unter furchtbarem 
Getöse die Haushaltungsmaschine in Gang zu halten 



92 Liebe und Ehe. 



versteht, immer seufzt und stöhnt, nie angezogen ist, 
und, sobald sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr 
Äußeres, ihre kleinen Talente und ihren Bildungstrieb 
vernachlässigt, die soll drüben angeblich nicht existieren 
— auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des 
Farmers ist eine I^ady, der niemals der Mann schwere 
Feldarbeit zumuten würde, und ihre Töchter spielen 
Klavier und besuchen die höheren Schulen. Die arbeitende 
Frau des Mittelstandes mag zwar nüchtern und uninter- 
essant sein, aber sie teilt doch meistens die glücklichste 
Eigenschaft ihrer Rasse, nämlich die leichte Anpassungs- 
fähigkeit an die verschiedenen Glücksumstände. Es wird 
nicht oft vorkommen, daß eine Frau ihren Mann, wenn 
er plötzlich zu großem Reichtum gelangt, in einer vor- 
nehmeren Gesellschaftsschicht durch schlechte Manieren, 
schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren 
sollte. Das Talent zur I,ady scheint wirklich der Weib- 
lichkeit der ganzen Rasse eigen zu sein, und es macht 
sich selbst bei jenen armen Geschöpfen noch angenehm 
bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu 
Freiwild für die illegitimen Begierden der Männer be- 
stimmt hat. Einige gefällige Amerikaner veranstalteten 
zum Vergnügen des Gefolges unseres Prinzen Heinrich 
seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime Abend- 
gesellschaft — für jeden der Herren war ein gefälliges 
Chorusgirl eingeladen worden. Und das Benehmen dieser 
leichten Mädchen war so anmutig, der Ton der Unter- 
haltung so gesittet, daß die Herren glaubten, einer Ein- 
ladung in ein feines Töchterpensionat gefolgt zu sein 
und gar nicht genug Rühmens von dieser liebenswürdig 
kaschierten Frivolität machen konnten. 

Man mag diese unzweifelhaften Vorzüge als Äußer- 
lichkeiten gering einschätzen und ihnen gegenüber die 



Heiratslust ein Gesundheitszeugnis. 93 

Gemütstiefe, die Pflichttreue, die enthusiastische Opfer- 
freudigkeit und edle Mütterlichkeit der deutschen Frau 
als das Größere und Ausschlaggebende hinstellen, man 
mag sogar die l,iebesfähigkeit des Yankees in Zweifel 
ziehen, aber man darf nicht leugnen, daß durch Gesetz, 
Sitte und Herkommen für den heiligen Ehestand drüben 
besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich 
einem Zweifel unterliegen, daß die allgemeine Heirats- 
lust der Jugend einem Volke das sicherste Gesundheits- 
zeugnis ausstellt. 



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2)ie Dienstbofenfrage. 



Es war in Philadelphia. Mir gegenüber im zweiten 
Stockwerk eines netten, epheuumrankten Familien- 
hauses war ein jnnger Nigger mit Fensterputzen be- 
schäftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Flügel- 
fenster, sondern ausschließlich jene greulichen englischen 
Schiebefenster, welche ein behagliches Hin ausschauen, 
ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer rasch 
vorüber brausenden Straßensensation fast unmöglich 
machen. Denn die Fenster sind fast durchweg so niedrig 
über dem Fußboden angebracht, daß die bewegliche 
untere Hälfte einem ausgewachsenen Menschen kaum 
bis zur Brusthöhe reicht. Wenn man also hinausschauen 
will, so muß man, um nicht etwa das Übergewicht zu 
verlieren und kopfüber hinauszupurzeln, schon auf den 
Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei 
etwaigem schlechten Funktionieren der Sperrfedern ge- 
köpft zu werden, unter die gläserne Guillotine stecken. 
Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem Fenster- 
brett gemütlich gemacht; das eine Bein hing auf die 
Straße hinaus, obwohl es empfindlich kalt an diesem 
sonnigen Januartage war. Während er sein Handwerks- 
zeug, Schwamm, Trockentuch und Iyederlappen, be- 
dächtig auf dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich 
eins, blickte cfie schmale Seitenstraße hinunter und die 
breite Avenue hinauf (denn es war ein Eckhaus). Da 
doch vorläufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte 
er sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter 
Stirn aufwärts. Er dachte offenbar angestrengt über das 



Der schwarze Fensterputzer. 95 

Problem nach, wie er wohl, ohne sein kostbares lieben 
zu gefährden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit 
dem Oberkörper rückwärts hinausgelehnt und nur mit 
einer Hand am Fensterrahmen in der Mitte sich fest- 
klammernd, die obere Scheibe von außen reinigen könnte. 
Da er zu diesem waghalsigen Turnerstückchen sich nicht 
aufgelegt fühlte, so schüttelte er seinen dicken Wollkopf 
und versuchte, wie weit er mit ausgestreckter Hand über 
sich emporreichen könnte. Die Fingerspitzen langten nur 
gerade ein weniges über die mittlere Rahmenleiste hinaus ; 
das genügte ihm aber vorläufig. Br ergriff seinen Eappen 
und wischte am äußeren unteren Rande der Mittelleiste 
ein wenig Staub hinweg. Darauf erhob er sich und be- 
fummelte im Stehen die innere Seite des hinaufgeschobenen 
Fensters. Er ließ sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne 
deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als 
die innere obere Scheibe seiner Meinung nach genügend 
sauber war, nahm er wieder auf dem Fensterbrett Platz 
und ließ sein linkes Bein, dessen zierliches Plattfüßchen 
mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder 
ins Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untätig 
vor sich hingeträumt hatte, unternahm er den Versuch, 
die innere Fensterhälfte herunterzuziehen, um nunmehr 
das Glas von außen zu bearbeiten. Es dauerte sehr lange, 
bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu 
bringen, und als er es endlich glücklich los hatte und nun 
versuchte, die schwere Glasscheibe auf seinem rechten 
Knie so zu stützen, daß ein genügend großer Spalt offen 
blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, 
fand er alsbald, daß er sich dadurch in eine höchst un- 
bequeme Eage begeben und besonders seinem zarten 
Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also stöhnend 
und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich 



96 Die Dienstbotenfrage. 



mit dem Ärmel über den Schädel und fletschte zornig 
sein anmutiges „G'frieß" gegen die Scheibe hinauf — 
gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der Kom- 
mode böse sind, an der sie sich gestoßen haben. Plötzlich 
verklärte sich seine intelligente Schimpansenphysiogno- 
mie. In der Ferne ließ sich Militärmusik vernehmen. 
Bum, bum, tschindara ! Master Kinkywoolly wurde ganz 
Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus 
wie möglich und spähte die breite Hauptstraße hinunter. 
Etwas ganz besonders Herzerhebendes mußte da los sein, 
denn mein Nigger klatschte begeistert in die Hände und 
zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreißend, die lachen- 
den Zähne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls 
mein Fenster hoch, kniete auf den Boden nieder und 
reckte den Hals hinaus, um mir den seltenen Anblick 
eines militärischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen. 
Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, 
etwas ganz spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und 
Strolche vorweg, dann eine uniformierte Kapelle und 
dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger Parademarsch, 
inszeniert von einem politischen Boß und ausgeführt von 
einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Re- 
publikaner gesetzten Alters, wohl genährt, sauber und 
glatt rasiert, alle mit den gleichen gelben Gamaschen, 
denselben Schlipsen, denselben Hüten und denselben 
Bambusstöcken mit vernickelten Griffen, die sie wie die 
Gewehre aufrecht an die Schulter gedrückt trugen, wie 
ehemals unser Militär bei dem Griff ,,faßt das Gewehr 
an". Ein gerade zu Besuch anwesender Eingeborener 
erklärte mir, daß die Parteikasse die Ausrüstung an 
Gamaschen, Schlipsen, Hüten und Spazierstöcken stelle 
und diese öffentlichen Umzüge ansehnlicher, sichtbarlich 
satter und zufriedener Mitbürger von Zeit zu Zeit ver- 



Straßendemonstrationen. 97 

anstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie gut es sich 
unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhört 
fetter schwarzer Schutzmann, der an der Straßenkreuzung 
postiert war, führte vor Vergnügen über diesen gelungenen 
Aufzug einen veritablen Cakewalk nach dem munteren 
Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster putzendes 
Niggerlein jauchzte vor Vergnügen über solchen grotesken 
Anblick und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er 
ein tanzendes Zirkuspferd zwischen den Schenkeln hätte. 
Offenbar gehörten der cancanierende Schutzmann und 
der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der 
Demonstranten an und fühlten sich durch den erhebenden 
Parademarsch ihrer Vertrauensmänner in ihren patrio- 
tischen Gefühlen angenehm gekitzelt. — Bis der letzte 
Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbst- 
verständlich der farbige Jüngling gegenüber nicht daran, 
sein Fenster wieder vorzunehmen. Dann aber griff er 
tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und hielt es nach- 
denklich in der Hand, während seine schwarzen Sammet- 
augen sich bekümmert an den dummen Fensterrahmen 
hefteten, der so gar keine Miene machte, von selber zu 
ihm herunter zu kommen. Plötzlich kam wieder lieben 
in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly 
drehte den Kopf über die Schulter und äugte höchst ge- 
spannt die Avenue hinauf. — Wahrhaftig, noch eine 
Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt, paar- 
weise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der 
Bambusrohre mit Nickelknöpfen schulterten sie ihre 
Regenschirme. Die schwarzen Herren waren auf dem 
Wege zum Oberbürgermeister, um feierlich bei ihm vor- 
stellig zu werden, daß er die fromme Ouäkerstadt be- 
schützen möge vor dem Satansgreuel der Salome von 
Richard Strauß, deren Aufführung in Philadelphia eine 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 7 



98 Die Dienstbotenfrage. 



fremde Opern truppe angekündigt hatte. Es wäre eigent- 
lich passend gewesen, daß der fette schwarze Schutzmann 
an der Straßenkreuzung bei dieser Gelegenheit den Tanz 
der sieben Schleier aufgeführt hätte. Aber er schien zu 
Richard Strauß und seiner Kunst noch nicht Stellung 
genommen zu haben, denn er ließ die Parade ohne sicht- 
liche Gemütsbewegung vorüberziehen und sorgte nur 
dafür, den Wagen verkehr derweil zu bändigen. — Mein 
Fensterputzer stierte blöd der schwarzen Prozession nach, 
bis sie um die Ecke verschwunden war; dann führte er 
mit seinem kalt gewordenen Spielbein einige Freiübungen 
aus und war eben dabei, tatsächlich seinen Schwamm 
ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den 
Versuch einer flüchtigen Wäsche von außen zu wagen, 
als es vom nächsten Kirchturm zwölf schlug. Der 
Schwamm flog ins Becken, das Bein über das Fenster- 
brett und der schwarze Jüngling davon zum schwer ver- 
dienten Ivunch. Ich vermute, daß er am nächsten Ersten 
um eine Lohnerhöhung eingekommen ist. 

Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers dürfte 
einigermaßen typisch sein für den Eifer, mit dem häus- 
liche Dienstleistungen in den Vereinigten Staaten ver- 
richtet werden. Gewiß arbeitet ein frisch von Europa 
eingewandertes Hausmädchen fleißiger und gründlicher, 
dafür ist es aber auch sehr viel anmaßender und sehr 
viel schwieriger zu behandeln als der Niggerboy, der 
doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn 
er ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirk- 
lich die Frage aller Fragen, nicht nur für die Hausfrau 
des amerikanischen Mittelstandes. Die ganz reichen Leute 
freilich leisten sich einen englischen Butler (Haushof- 
meister), einen französischen Valet de chambre, einen 
italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassi- 



Pflichten und Rechte des Dienstpersonals. 



scher Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und 
etliche appetitliche irische Mädchen. Für Geld, d. h. für 
sehr viel Geld ist natürlich auch eine aristokratisch luxu- 
riöse, gut gedrillte Dienerschaft in den Vereinigten Staaten 
zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem 
Vermögen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere 
armen Schlucker von Regierungspräsidenten, General- 
majoren, Oberpostdirektoren und beliebten Schriftsteller 
besitzen, können sich eine perfekte Köchin und noch ein 
tüchtiges Stubenmädchen dabei schwerlich leisten. Denn 
eine Köchin, die etwas Eßbares zu kochen imstande ist, 
dürfte unter ioo Mk. Monatslohn nicht zu haben sein, 
und 10 Dollars muß man sogar für einen frisch impor- 
tierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese 
Damen bereits ein paar Monate im Lande, so daß sie 
sowohl von der Sprache wie von dem Wesen ihrer staats- 
bürgerlichen Rechte einigen Begriff haben, so ■ machen 
sie mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen 
Paragraphen, welche genau ihre Pflichten und Rechte 
festlegen. Darin ist bestimmt, daß sie außer dem Sonntag, 
an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzu- 
räumen haben, noch an einem Wochentag ausgehen, 
ferner das Parlor (Wohnzimmer) bei Besuchen ihrer 
Freunde und Verwandte mitbenutzen und selbstverständ- 
lich ohne Kündigung abziehen dürfen, sobald es ihnen 
beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit 
verrichten diese Damen grundsätzlich nicht, dazu müssen 
extra Nigger, Chinesen, Polacken oder dergleichen Kropp- 
zeug gehalten w r erden. Verlangt die Hausfrau irgend- 
welchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipu- 
liert oder landesüblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr 
das Fräulein achselzuckend: ,,ThaVs not my business, 
Ma'm" — und fertig. Ein Mädchen, das für die Küche 



100 Die Dienstbotenfrage. 



angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem 
Hausherrn einen Knopf annähen; und ein Hausmädchen 
wird sich auch im Falle der höchsten Not schwerlich 
herbei lassen, ein Kind aufs Töpfchen zu setzen. Einer 
geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel 
zu putzen, wäre ungefähr gleichbedeutend mit schwerer 
körperlicher Mißhandlung. Eine junge deutsche Dame, 
die einen amerikanischen Landsmann geheiratet hatte, 
erzählte mir, daß sie, um den Schwierigkeiten der Dienst- 
botenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhäng- 
liche Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in 
der Familie gewesen war. Nach drei Wochen bereits 
habe sie ihr die Stiefelbürste vor die Füße geworfen und 
erklärt, daß sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche 
entwürdigende Zumutung noch länger gestellt würde. 
An einer Frauenuniversität, an der ich eine Vorlesung 
gehalten hatte, wurde mir das einzige für männliche 
Gäste reservierte Zimmer zum Übernachten angewiesen, 
in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden 
pflegte, wenn er zur Kirchenvisitation kam. Ich ent- 
deckte im Badezimmer ein schön poliertes Mahagoni- 
kästchen, und als ich es neugierig öffnete, fand ich darin 
ein komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof mußte 
sich also auch höchst eigenhändig seine Stiefel putzen, 
da es im Gebiete der Damenuniversität natürlich keinen 
öffentlichen Wichsier gab. Daß gerade gegen die ehren- 
hafte Betätigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil 
besteht, ist um so merkwürdiger, als der freie Amerikaner 
niederen Standes es sonst durchaus nicht für unter seiner 
Würde hält, seine Karriere als Inhaber eines Straßen- 
wichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heu- 
tigen Multimillionäre in diesem Geschäft den Grundstock 
ihres Vermögens legten! 



Karriere besserer Dienstmädchen. 101 

Deutsche Dienstmädchen gibt es schon lange kaum 
mehr; die meisten der Damen, die so anfingen, fahren 
heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn wenn sie 
auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten 
und einigermaßen nett anzusehen waren, wurden sie mit 
Wonne von besser situierten Landsleuten geheiratet. Auch 
die einstmals als Hausmädchen besonders beliebten Irinnen 
trifft man heute höchstens noch in sehr vornehmen Hotels 
in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer 
sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer 
7 $, also gegen 30 Mk. pro Tag! Selbstverständlich 
denken seine Töchter nicht daran, in Dienst zu gehen, 
auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und 
gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwärtig sind 
Ungarinnen besonders gefragt, und wer eine solche dralle, 
hochgestiefelte Pußtadirne nicht erschwingen kann, der 
nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin oder der- 
gleichen vorlieb. Wer aber dem ewigen Ärger und der 
ewigen Angst, ob er morgen noch auf die Unterstützung 
seiner Perle zu rechnen oder abermals den Gang aufs 
Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner Konstitution 
nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfühlig ist, 
um Menschen seinesgleichen, freie Mitbürger in unwür- 
diger Abhängigkeit zu erhalten, der verzichtet überhaupt 
auf häusliche Dienstboten. Und zu diesen vernünftigen 
Leuten gehören fast alle Männer, die das Glück hatten, 
eine Frau zu erwischen, die von Küche und Haushalt 
etwas versteht, und der eine rege Betätigung im eignen 
Heim mehr Freude macht, als das fade Gesellschafts- 
leben und die Hetze von Verein zu Verein, von Ver- 
gnügen zu Vergnügen. 

An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim 
Spaziergang durch eine der reizenden ländlichen Uni- 



102 Die Dienstbotenfrage. 



versitäten des Nordens eine meiner neuen Bekannt- 
schaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. 
Es war ein hochgewachsener, schlanker junger Herr in 
den Dreißigern, der in einen höchst eleganten Sealskin- 
pelz gehüllt, einen glänzend gebügelten Zylinderhut auf 
dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder 
Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zähnen — 
einen eleganten Kinderwagen mit Inhalt vor sich her- 
schob ! lebhaftes Interesse für seinen glücklicherweise 
schlummernden Sprößling heuchelnd, begrüßte ich den 
Herrn Professor. Er mochte mir wohl anmerken, daß 
mir begriffsstutzigen Europäer seine väterliche Be- 
tätigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme 
und erklärte mir aus freien Stücken den Zusammenhang. 
„Look here" , sagte er, „wir sind jung verheiratet, wir 
haben nur ein kleines Haus und ein kleines Einkommen; 
wir können uns keine Dienstboten halten — außerdem 
ziehen wir es vor, in unserer zärtlichen jungen Ehe un- 
beaufsichtigt zu bleiben und wollen uns nicht den halben 
Tag den Kopf darüber zerbrechen, wie wir aus unserer 
Mary oder Jane die größtmögliche Arbeitsleistung heraus- 
ziehen könnten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mit- 
bürgerin zu nahe zu treten. Wir haben nur eine alte 
Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die gröb- 
lichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen 
einmal die Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller 
ausräumt und die Müllkasten vor die Tür stellt; alles 
andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute früh z. B. 
habe ich zunächst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentral- 
heizung geschürt und Kohlen nachgefüllt, dann habe ich 
Kaffee gekocht, da meine Frau nicht ganz wohl ist, und 
das Frühstück für uns beide hergerichtet. Dann habe 
ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer 



Der Professor als Mädchen für Alles. 103 

Haustür und auf dem Trottoir Schnee geschippt und 
darauf mich wieder in einen Gentleman verwandelt. Da 
es darüber für die Kirche zu spät geworden war, habe 
ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft 
meines vorläufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauch- 
opfer im Sonnenschein zu verrichten. Zum Uuncheon 
behelfen wir uns mit kalter Küche, und wenn meiner 
Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein 
Dinner im Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und 
eine Konservenbüchse gewärmt habe. Vor dem Schlafen- 
gehen schütte ich dann noch einmal im Keller Kohlen 
auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was 
die Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu 
funktionieren." 

,,Sehr schön," sagte ich in ehrlicher Anerkennung. 
,,Aber das nimmt Ihnen doch sehr viel Zeit weg. Und 
wenn Sie nun früh morgens eine Vorlesung haben, was 
machen Sie dann?" 

„Well, dann stehe ich eben eine Stunde früher auf," 
lachte er vergnügt, „und gehe abends eine Stunde früher 
ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich habe immer acht 
Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist, 
kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr 
als eine Stunde am Tag. Wir haben es noch nie bereut, 
die Wirtschaft mit den Dienstboten überhaupt erst gar 
nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch 
nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. 
Wie haben schon einmal 50 Ueute eingeladen gehabt." 

,, Nicht möglich! Wie haben Sie denn das angestellt?" 

,,0, sehr einfach. Wir besitzen Service für 12 Per- 
sonen, also waren wir 12 Personen zum Uunch. Natür- 
lich haben wir kein Eßzimmer, in dem 12 Personen bei 
Tische sitzen könnten, es mußte sich also jeder setzen, 



104 Die Dienstbotenfrage. 



wo er gerade Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, 
eine Serviette und ein Besteck, und darauf wurden die 
Schüsseln, eine nach der anderen, herumgereicht — alles 
auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht es 
schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natürlich 
hatten wir dabei Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Mädchen, 
sondern zwei meiner Studentinnen; die machen das viel 
intelligenter und netter. Nach dem Bssen kamen dann 
die übrigen 38 Personen — die wurden aber nur mit 
geistigen Genüssen traktiert. Ich las ihnen etwas vor, 
und eine meiner akademischen Aushilfskellnerinnen spielte, 
von meiner Frau begleitet, einige Flötensolos. Außerdem 
konnten wir sogar noch mit der berühmtesten Schönheit 
von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der 

Durchreise befand, aufwarten!" 

Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten 
vernünftigen Amerikaner von ähnlicher gesellschaftlicher 
Position und Vermögenslage. Wir waren einmal bei der 
Dekanin einer Frauenuniversität zu einem intimen Diner 
geladen. Während des Essens stieß mich meine Frau 
unter dem Tisch mit dem Fuße und richtete meine Auf- 
merksamkeit durch ihre Blicke auf die bedienende Maid, 
die in ihrem weißen Kleid, mit dem weißen getollten 
Häubchen auf dem üppigen Blondhaar allerdings eine 
Sehenswürdigkeit darstellte. Wir drückten der Gast- 
geberin erst auf Deutsch, und als dies durch warnendes 
Räuspern abgelehnt wurde, auf Französisch, dann auf 
Italienisch unsere Bewunderung für dieses nicht nur un- 
gewöhnlich hübsche, sondern auch ungewöhnlich intelli- 
gent aussehende Hausmädchen aus. Da aber fing die 
ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schöne Blondine 
bekam einen roten Kopf und hastete in größter Ver- 
legenheit hinaus. Und nun wurde uns anvertraut, daß 



Demokratischer Stolz. 105 



dieses reizende Servierfräulein eine junge akademische 
Kollegin von Fräulein Professor sei, nämlich — die Privat- 
dozentin für Sanskrit! 

Das Merkwürdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun 
nicht so sehr der Umstand sein, daß es in der neuen Welt 
bereits Privatdozentinnen für Sanskrit gibt, welche oben- 
drein auch noch sehr hübsch sind, als vielmehr, daß in 
diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande 
zwar die gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit 
scheuen und sich in der liebenswürdigsten Weise gegen- 
seitig in ihren häuslichen Schwierigkeiten aushelfen, 
während gerade die untersten, auf körperliche Arbeit 
angewiesenen Stände die Lohnarbeit im Hause geradezu 
als eine Schande anzusehen scheinen. Obwohl es in dem 
Lande, wo die Dienstboten so hoch entlohnt werden wie 
nirgends in der Welt und mit zarter Rücksicht wie die 
rohen Eier behandelt werden müssen, damit sie nicht 
gleich wieder fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob 
anschnauzende Hausherrn wie bei uns wohl überhaupt 
nicht geben dürfte, ziehen doch die Mädchen die un- 
angenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden 
Laden- und Bureaudienst dem bequemen Schlaraffen- 
leben als Haushaltsangestellte vor. Gehorchen zu sollen 
ist eben für den Amerikaner die furchtbarste Zumutung, 
die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie 
er es absolut nötig hat. Sobald er sich ein paar Dollar 
zurückgelegt hat, sucht er sich selbständig zu machen. 
Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes, 
der auf der Straße Ansichtspostkarten, Popcorn oder 
Kaugummi verkauft, fühlt er sich zehnmal stolzer und 
zufriedener, als in der bequemsten häuslichen Stellung, 
in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen hat. 
Es kommt noch dazu, daß dem Bürger der Neuen Welt 



106 Die Dienstbotenfrage. 



nicht nur jedes Gefühl für die Schönheit und Würde 
des sich Einfügens in ein patriarchalisches Abhängig- 
keitsverhältnis von Herr und Knecht, von Meister und 
Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jeg- 
liche Liebe zu dem Handwerk etwa, in das einer hinein 
geboren oder für das einer bei uns erzogen wird. Im 
Grunde genommen sind die Menschen drüben alle Spieler 
und Glücksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, 
was sich ihnen gerade bietet, und treiben es nur so lange 
— until a better job turns up — , bis sich eine bessere Sache 
bietet. Jeder junge Mensch drüben fühlt sich einfach zu 
allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und 
sich in den weißen Anzug eines New Yorker Straßen- 
kehrers stecken lassen müßte, so zweifelte er darum doch 
keinen Augenblick daran, daß er berufen sein könnte, 
übers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungs- 
gesellschaft in Oklahama zu sein und auf der Höhe seines 
Lebens in den Senatspalast von Washington einzuziehen. 
Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem Lande; 
selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Drama- 
tiker, bin ich nicht sicher, ob er nicht übers Jahr Flug- 
maschinen fabriziert oder Truthähne en gros züchtet. 
Daher kommt es, daß auf dem Gebiete der persönlichen 
Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine 
fachmännische Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit existiert. 
In Madison (Wisconsin) ließ ich mir einen zerbrochenen 
Zeiger an meiner Uhr durch einen neuen ersetzen. Als 
ich nach Hause kam, stellte sich heraus, daß der neue 
Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhr- 
macher, der ihn eingesetzt hatte, war vermutlich vor- 
gestern noch Verkäufer in einer geräucherten Fisch- 
warenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir 
eine Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff löten lassen. 



Unstetigkeit des Handwerks. 107 

Man schickte mich von Pontius zu Pilatus über fünf 
Instanzen hinweg; endlich, in einer Silberwarenfabrik, 
erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten 
und Hin- und Herreden über Wetter und Politik, einen 
seiner Arbeiter zu ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. 
Ich bekam auch wirklich schon nach ein paar Minuten 
meinen Stock zurück. Der äußerst geschickte Silber- 
arbeiter hatte das losgelöste Monogramm allerdings mit 
dem Lötrohr befestigt, dabei aber den oberen Rand des 
Stockes zu Kohle verbrannt. Und als ich mit dem re- 
parierten Gegenstand daheim anlangte, mußte ich die 
Entdeckung machen, daß das Monogramm endgültig ver- 
loren war, nachdem es 14 Tage lang doch wenigstens 
noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt sich 
eben in diesem grossen Lande nicht gerne mit Kleinig- 
keiten ab. Was mit der Maschine nicht gemacht werden 
kann, das wird schlecht oder gar nicht gemacht, weil 
der Amerikaner seine Menschenwürde so überaus hoch 
einschätzt, daß er die Handarbeit und gar das persön- 
liche Dienstverhältnis verachtet. Darum strengt er auch 
seinen hellen Verstand auf das äußerste an, um immer 
mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine be- 
sorgen zu lassen und die unumgänglichen Handarbeiten 
tunlichst zu vereinfachen. Weil die Dienstboten so rar, 
so teuer und so überaus bequem sind, lieben sie z. B. das 
Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast aus- 
schließlich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, 
mit denen man zwar nicht schneiden kann, die dafür 
aber auch durch einfaches Durchziehen durch heißes 
Wasser und Abtrocknen zu säubern sind. Da es nun aber 
Messer mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann 
es selbstverständlich auch keinen Braten geben. Das 
Roastbeef und das Geflügel macht man durch Zerreißen 



108 Die Dienstbotenfrage. 



zwischen Gabel und Messer einigermaßen mundgerecht. 
Im allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich 
in einer breiförmigen Gestalt her, sodaß sie nur einfach in 
den aufgesperrten Rachen hineingeschaufelt zu werden 
brauchen; man spart damit auch viel kostbare Zeit. 

Vorläufig findet ja noch ein starker Zustrom von 
slawischen, südeuropäischen und westasiatischen Völker- 
schaften statt. So lange diesen noch nicht der Knopf 
aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer Bedeutung 
als selbstherrliche Bürger der glorreichsten Republik der 
Welt nicht bewußt sind, geben sie sich ja noch teils aus 
Hunger, teils aus angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, 
Hausmädchen und dergl. her. Aber, wie gesagt, immer 
nur bis der bessere „Job" auftaucht, dann gesellen sie 
sich alsbald der stolzen Klasse der selbständigen Unter- 
nehmer zu. Wenn nun aber einmal das I^and voll ist, 
so daß es seine Tore vor den Einwanderern zusperren 
muß — wer soll dann all die häusliche und sonstige, 
niemals völlig aus der Welt zu schaffende Handarbeit 
verrichten ? Ich legte diese kniffliche Frage auch meinem 
hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew D. White, 
dem früheren Botschafter in Berlin, vor. Kr wiegte be- 
denklich seinen schönen weißen Gelehrtenkopf, und dann 
gab er mir verschmitzt lächelnd zur Antwort: ,,Ja, sehen 
Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten. Wir sagen: 
es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, 
so oder so. Warum sollen wir uns die Köpfe unserer 
Enkel zerbrechen?" 

Hm! allerdings — man hat schon Bronzemesser ein- 
geführt und auf Braten verzichtet; man kann sich ja das 
Bett, das man jetzt schon allgemein abends selber auf- 
decken muß, auch morgens selber machen; man kann 
auch seine Frau hinten zuknöpfen, ohne an seiner Mannes- 



Schwierige Frage an die Zukunft. 109 

ehre Schaden zu leiden, aber man kann schließlich doch 
nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen, Kinderkriegen und 
Sterben im eignen Heim gänzlich und unter allen Un- 
ständen verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten 
setzen doch wenigstens unter gewissen Verhältnissen die 
Hilfe von beuten voraus, die nicht gerade akademische 
Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu besitzen 
brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Ameri- 
kaner erst einmal selbständige Unternehmer geworden 
sind? 

Ich muß gestehen, mein beschränktes Europäergehirn 
ist, so oft es über diese Frage nachgedacht hat, schließ- 
lich immer wieder zu demselben Schluß gekommen: 
Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten 
Staaten haben die Sklaverei mindestens 
ioo Jahre zu früh aufgehoben! 



LIIIIIIIIIIIIIIIIIIII-» 



im i i iiii n i i i n iiiiiiiii i ii i m m i n nu ll un i i iini iiii i i iiiii i n 

Die Kochkunst der Tankees. 



WAa ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Köchinnen 
j& beschäftigt habe, dürfte es angebracht sein, im An- 
schluß ein wenig in die amerikanische Küche hinein- 
zuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, daß 
der Weg zum Herzen des Mannes durch den Magen führe, 
dürfte es noch sehr lange dauern, bevor Dame Dollarica 
sich in der kulinarisch gebildeten Männerwelt einer auch 
nur annähernd ähnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame 
Marianne oder die Commare Italia oder die nahrhafte 
Tante Austria. In Dingen des guten Geschmacks tut es 
eben der Reichtum allein nicht, sondern die große Ver- 
gangenheit einer aristokratischen Kultur, und inner- 
halb dreier lumpiger Jahrhunderte entwickelt sich keine 
neue Rasse von Fressern zu Speisern. Wie lange ist es denn 
überhaupt her, daß sich die Besiedler der neuen Welt des 
Segens sicherer behaglicher Häuslichkeit erfreuen? Viele 
der jetzt üppig blühenden Großstädte sind ja erst ein 
paar Jahrzehnte und nur ganz wenige über ein Jahr- 
hundert alt. Der wüsten Raubbau treibende angel- 
sächsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstge- 
zimmertem Blockhause hauste, briet sich über dem offenen 
Feuer am Spieß seinen Fetzen Fleisch und manschte sich 
aus den ihm zugewachsenen Zerealien irgend etwas zurecht, 
was einer genießbaren Speise vielleicht entfernt ähnlich 
sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche 
Zuwanderung sich hob, fanden die mit der Kochkunst 
einigermaßen vertrauen Frauen — unter den Britinnen 
sind sie nicht besonders häufig — eine Männerwelt vor, 



Süß muß es sein ! 



die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt 
wurde. Erst in neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten 
willige und splendid zahlende Abnehmer für alle L^uxus- 
produkte der alten Welt wurden, begannen auch bewährte 
Meister der Kochkunst über den Ozean zu ziehen; aber 
die traten selbstverständlich nur in den Dienst der vor- 
nehmsten Hotels, der teuersten Restaurants und der 
Milliardäre ein und konnten folglich nicht für die breite 
Masse des mäßig begüterten Bürgertums erziehlich wirken. 
Die amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, 
weil ihnen im Vergleich zu ihrer barbarischen Küche 
natürlich die Speisekarte der Kulturvölker lauter über- 
raschende Offenbarungen bietet. 

Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offen- 
bart sich denn auch in Amerika nirgends deutlicher als 
auf dem Gebiete der Küche. Das Haupterfordernis der 
Eßbarkeit ist für den Yankee die Süße. Alles, was süß 
ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist 
es mir trotz größter Mühe nicht gelungen, irgendwo in 
den Vereinigten Staaten ein Mundwasser aufzutreiben, 
das nicht schauderhaft verzuckert gewesen wäre. So ist 
Süßigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem 
Schlaf entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten 
Frühstück geht der Genuß von Früchten: Orangen, 
Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge 
von Streuzucker mit dem I^öffel hervorgegraben werden. 
(Nebenbei gesagt: das Fruchtessen vor dem Frühstück 
ist die einzige nationale Speisesitte , die ich Europäern 
zur Nachahmung empfehlen möchte. Die wundervoll 
saftige Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist 
höchst erfrischend und bekömmlich.) In einem üppigeren 
Haushalt ist schon der Frühstückstisch reicher gedeckt 
als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak, Hammel- 



112 Die Kochkunst der Yankes. 

kotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster 
Art werden von den Männern bevorzugt, während die 
Frauen und Kinder eine große Auswahl der zum Teil 
wunderlichsten Bier- und Mehlspeisen zur Verfügung 
haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, 
Hafer, Reis, kurz: alle erdenklichen Getreidearten er- 
scheinen in der Form von Grütze, Graupen, Flocken, 
Fäden oder papierdünnen Schnipfeln, roh, gekocht oder 
geröstet und werden größtenteils mit Rahm und sehr 
viel Zucker angerührt. Dünne Eierkuchen werden mit 
übersüßen Fruchtsäften übergössen, und der Toast sowie 
die meist gleichfalls süßen Semmeln mit Fruchtgelees 
und Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe für den 
Genuß von Süßigkeiten von Tagesanbruch ab ist aber 
durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder oder auf 
die wohlhabenden Klassen beschränkt, sondern sie ist 
ganz offenbar eine nationale Raserei. 

Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafes im 
Wienerischen Sinne. Als ich daher einmal auf dem Broad- 
way ein Wirtshausschild mit der Aufschrift „Coffeehouse" 
erblickte, stürmte ich begeistert in das Iyokal. Es war 
eine große reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, 
ohne Tische und Stühle, nur den Wänden entlang zogen 
sich Holzbänke, die durch Zwischenwände in einzelne 
Sitze eingeteilt waren, und auf diesen trennenden Seiten- 
wänden waren genügend breite, rund geschnittene Bretter 
angebracht, um eine Tasse und einen Teller darauf- 
stellen zu können. Am Kopfende der Halle befand 
sich ein riesiges Büffet, auf dem die herrlichsten 
Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitz- 
blanke vernickelte Samovars für Tee und Kaffee. 
Das Publikum dieses eigenartigen Kaffeehauses bestand 
aber ausschließlich aus Droschkenkutschern, Chauffeuren, 



Icecream und Zahnarzt. 113 



Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau 
betrat das L,okal. Kaffee gab es reichlich und anständig, 
und den ganz vorzüglichen und für New- Yorker Ver- 
hältnisse sehr billigen Schaum- und Fruchttorten, Apfel- 
kuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses 
robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermäuliger 
Schuljungens zu. 

Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das 
Roastbeef oder der hochfestliche Turkey (Puter), sondern 
der Icecream, das Gefrorene. Icecream wird Winters 
und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt 
von Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream 
besänftigt die ungebärdigen Säuglinge; Icecream gilt 
als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar ; er kehrt bei 
großen Diners mehrmals im L,aufe der Speisenfolge als 
Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpönten 
Alkohol und bewirkt, daß die Amerikaner sich der besten 
Zahnärzte der Welt erfreuen — denn das schroffe Durch- 
setzen siedheißer Suppen und glühender Breie mit Kis- 
wasser und Icecream können selbst die besten Gebisse 
nicht vertragen. Der Schmelz springt ab, und die vom 
ewigen Zuckerschleimstrom umspülten, schutzlosen Zähne 
sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen 
hat jedermann fortwährend den Zahnarzt nötig, und man 
braucht sich nicht zu wundern, Kanalausräumer und 
schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu sehen 
wie die köstlichste Maimorgenstunde. 

Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hin- 
gewiesen, wie durch den Mangel an Dienstpersonal die 
Küche und die Tafelgewohnheiten beeinflußt werden. 
Ich bemerkte, daß durch den Mangel an scharfen 
Messern mit schwer zu putzenden Stahlklingen ein Braten 
zu einer schwer zu bewältigenden Speise geworden sei. 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 8 



114 Die Kochkunst der Yankees. 

Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten, 
Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsrücken oder Schlegel 
so gut wie gar nicht auf den Tisch. Das nationale angel- 
sächsische blutrünstige Roastbeef, drüben jedoch nicht 
so, sondern Prime rib of Beef genannt, muß man von 
der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzu- 
stemmen versuchen, wenn man nicht vorzieht, den ganzen 
Fladen in den Mund zu nehmen und mittels der Gabel 
oder der Finger durch die Zähne zu ziehen. Übrigens 
sind diese Ochsenrippenstücke neben den sehr üppigen 
und teuren Rinds- und Hammelsteaks das einzige ge- 
bratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft zubereitet 
zu sein pflegt, während Kalbskoteletten und Schnitzel 
meistens ungenießbar sind. Als niedliches Kuriosum 
möchte ich erwähnen, daß ich einmal bei einem Sonntags- 
diner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten bekam ! 
Geflügel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird 
zu unwahrscheinlichen Dimensionen herangezüchtet. Ich 
habe Hennen gesehen, die so hoch waren wie ein Storch 
und so fett wie ein Mops; aber das Fleisch dieser abnorm 
großen Tiere ist dafür auch wenig zart, und die Keulen 
besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als 
das Brustfleisch; es wird beim Braten braun und mürbe, 
während das weiße Fleisch trocken und charakterlos 
bleibt. Meistens wird einem aber der Genuß selbst eines 
wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, süß- 
liche Mehltunke verkümmert. Da das Tellerabwaschen 
die Geduld des feinnervigen Küchenpersonals auf eine zu 
harte Probe stellen würde, so muß man sich, wenigstens 
in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- 
oder Abendmahlzeit einschließlich des Kompotts auf ein 
und denselben Teller packen. In dem Boardinghouse 
bester Art, in dem wir in New- York wochenlang lebten, 



Tafellreuden im Pensionat. 115 

bestand die sonderbare Sitte, daß nach der Suppe warme 
Teller mit einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumen- 
dicke und -länge, verabfolgt wurden, selbstverständlich 
in einer seimig-süßen Sauce versteckt. (Übrigens sind die 
Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen 
Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet 
man nur unter den Fluß- und Süßseefischen.) Nachdem der 
Fischbissen verschluckt, beziehungsweise mißtrauisch auf 
den hohen Rand geschoben war, wurde der ganze Tisch voll 
kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten ver- 
wischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bou- 
letten, Rouladen und dergleichen ähnlich, in irgendeiner 
mehlweißen oder kapuzinerbraunen Schmiere halb ver- 
sunken, das unvermeidliche Chicken, dazu verschiedene Ge- 
müse, unter denen grüne Erbsen, L,ima- Bohnen und Blumen- 
kohl die genießbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei 
Aufmachung, in der Schale im ganzen gebacken — man 
bricht sie auf und schält sie mit dem Teelöffel heraus; 
recht empfehlenswert — oder als Brei, oder kloßartig, 
oder gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die be- 
liebten Sweet Potatoes, Gebilde von Gurkenausdehnung, 
vor denen ich Fremdlinge eindringlichst warnen möchte, 
denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und 
schmecken leider auch so ähnlich. 

All diese Genußmittel, noch um diverse eingekochte 
Früchte vermehrt, arrangiert man sich nun nach Ge- 
schmack und Talent auf seinem Fischteller, und man kann 
von Glück sagen, wenn einem die Gräten nicht in die 
grünen Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehöhlte 
Kartoffelpelle und die Hühnerknochen nicht in den falschen 
Hasen geraten. Echte Hasen gibt es überhaupt nicht. 
Der Ersatz dafür, und überhaupt das einzige einheimische 
Wild, ist das hasenfarbige Rabbit (Kaninchen), das die 



116 Die Kochkunst der Yankees. 

Natur da drüben aus Kautschuk verfertigt zu haben 
scheint — möglicherweise wird es aber auch aus Abfällen 
der Schuhfabrikation künstlich hergestellt. Alles übrige 
Wild haben die begeisterten Freischützen in den kulti- 
vierteren Staaten schon längst abgeschossen — bis auf 
die Ratten und die Klapperschlangen. Hat man die 
eßbaren Bestandteile der wüsten Speisenaufhäufung auf 
seinem Universalteller herausgefuttert, so bilden die Über- 
bleibsel ein ästhetisch reizvolles Stilleben. Sind sie end- 
lich entfernt, so erscheint als eiserner Bestand jedes ameri- 
kanischen Menüs sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf 
dem einfachsten bürgerlichen Mittagstisch der Salat, der 
niemals in einer Schüssel herumgereicht, sondern immer 
fertig auf winzigen flachen Tellerchen einem vorgesetzt 
wird. Mich wundert, daß noch kein Yankeedichter diesen 
Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie des 
amerikanischen Kochkünstlers orgiastische Triumphe. 

Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, 
was nicht in solch einem amerikanischen Salat zu finden 
wäre. Den Grundstock bilden ein bis drei große grüne 
Blätter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu ent- 
stammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig 
und Öl geschüttet und auf dieser Unterlage ein mehr oder 
minder kühner Aufbau von allem möglichen und unmög- 
lichen Süßem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem, 
Weichem, Flüssigem, Genießbarem und Ungenießbarem 
vollzogen. In einem feinen Hause, in dem sich die Haus- 
frau selbst auf ihre Kochkunst viel zugute tat, wurde 
beispielsweise eine solche Salatdichtung mit außerordent- 
lichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augen- 
schein und der Zunge nach ungefähr folgendermaßen 
analysieren möchte: zwei Blätter Salat mit je fünf Tropfen 
Essig und Öl, darauf eine Scheibe frische Tomate, eine 



Amerikanischer Salat. [17 



viertel Scheibe Ananas, etwas weißes Hühnerfleisch, 
einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Brbsen und 
Karotten, ein Klecks Butter, mit Streuzucker durch- 
gerührt, ein Teelöffel Schokoladencream und eine Rum- 
kirsche als Turmknopf oben drauf. Totaleindruck auf 
Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt — wie mein 
Freund, der Rechtsanwalt in Landau, sagen würde — 
wie Öl und Werg ! Diese kulinarische Offenbarung erfolgte 
aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen Herrin ihren 
Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder 
gebildeten Familien ist man natürlich weniger wählerisch 
und verwendet zur Salatbereitung die nächstliegenden 
Gegenstände, also in erster Reihe die mehr oder minder 
traurigen Überreste früherer Mahlzeiten, soweit sie eß- 
baren Naturprodukten einigermaßen noch ähnlich sehen. 
Fehlt es aber zum Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, 
so kann man dazu auch einen klein geschnittenen Spazier- 
stock verwenden, da die Spazierstöcke drüben außer 
Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die 
Reste in Gedanken stehen gebliebener Gummigaloschen, 
die die Trüffel täuschend ersetzen, zumal, wenn sie vorher 
in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem Zucker 
kandiert werden. Salat von Fischgräten, Kalmus und 
Bananen, mit roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, 
soll auch sehr gut sein; ich habe ihn aber nicht gegessen, 
sondern nur nach einer besonders anregenden Mahlzeit — 
erträumt ! 

Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen 
zum Nachtisch reicht, wird regelmäßig ein derbes Stück 
Käse beigefügt; zu welchem Zwecke, weiß ich nicht. Als 
ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, 
steckte ich den Käse instinktiv in die Westentasche ; ich 
hielt ihn für ein Stück Radiergummi, den ich in meinem 



118 Die Kochkunst der Yankees. 

Geschäft immer brauchen kann. Befindet sich Obst auf dem 
Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich, 
fülle auch womöglich seinen Pompadour damit an, denn 
alles Obst ist in Amerika von ganz vorzüglicher Qualität — 
und man weiß j a nie, wie's kommen mag ! Was meine Person 
betrifft, so muß ich gestehen, daß ich mich während der 
ganzen Boardinghouse-Periode kümmerlich vonAustern und 
Hummern genährt habe, denn die sind von unvergleichlicher 
Güte, Größe und Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das 
einzige amerikanische Produkt, das man — neben Stiefeln — 
als billig bezeichnen kann. Europäer von noch nicht ge- 
nügend fortgeschrittener Perversität möchte ich jedoch vor 
den Clams warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschel- 
art, deren penetranter Nachgeschmack einen besseren Neu- 
urastheniker zum Selbstmord verführen .könnte. 

Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind 
übrigens sehr selten, und ihre Begierde wandelt andere 
Pfade wie die des europäischen Genießers. Im vor- 
nehmsten Hotel in Buffalo „Zum Irokesen" sollte ich 
zum erstenmal die Bestimmung eines geheimnisvollen 
Utensils kennen lernen, das mir schon in vielen Hotels 
und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa 
einen halben Meter hohes, zylindrisches Silbergerät mit 
einer oben herausragenden, durch einen derben Quer- 
balken betätigten Schraube. Ein einsamer Speiser ließ 
sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung so- 
gleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung ver- 
setzte. Offenbar war dieser wuchtige Geselle mit dem 
römischen Imperatorenkopf ein Genießer höherer Grade. 
Nach längerer Zeit brachte man eine große verdeckte 
silberne Schüssel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt 
wurde. Zwei Kellner trugen dann jenen rätselhaften 
schweren Silbergegenstand herbei und schraubten dessen 



Billige Speisehäuser. 119 



obere Hälfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit feier- 
licher Miene den Deckel der Silberschüssel auf und spießte 
von den beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen 
Vögeln (Enten waren es meiner Meinung nach) einen auf 
und pfropfte ihn mit Mühe in jenen Zylinder hinein, 
worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die 
Schraube mit Anstrengung beider Hände betätigt 
wurde. Aus einer Ausflußöffnung am Boden des Gefäßes 
rann dickes, schwärzliches Blut in eine vorgehaltene 
Schale. Dieses Blut wurde mit allerlei Gewürzen ange- 
rührt und schließlich als Sauce über den anderen halb 
rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische Gericht ver- 
zehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Iyukull. 
Ich erinnere mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. 
Zu verwundern wäre es weiter nicht gewesen, da der 
Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit Eiswasser, 
Tee oder Kaffee hinunter zu spülen pflegt. 

Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erst- 
klassigen Hotels und Restaurants zu speisen, und der 
sich mit der Yankeeküche gewöhnlichen Schlages nicht 
zu befreunden vermag, fährt am besten, wenn er sich in 
eines der zahlreichen, meist billigen und einfach ge- 
haltenen Speisehäuser begibt, die seine heimische Küche 
pflegen. Man kann in dem teuren New York, und wohl 
auch in den meisten der ganz großen Städte, französisch, 
deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chine- 
sisch und koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen 
italienischen fokalen, in denen es noch einen trinkbaren 
Wein gratis gibt, ist in New York wenigstens kein 
Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants 
ebenso schmerzlich wie Wiener Cafes vermißt. Ich meine, 
hier wäre noch eine Kulturmission für die Einwanderer 
der österreichischen Kronländer zu erfüllen. Wenn ich 



120 Die Kochkunst der Yankees. 

drüben irgendwo ein Stück Rindfleisch mit Beilage, wie 
bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen hätte, ich 
hätte es knieend verzehrt und hernach stehend die öster- 
reichische Nationalhymne gesungen. Und die Einführung 
des Berliner Systems Kempinski, nämlich eine große Aus- 
wahl von Gerichten in tadelloser Qualität zu einem sehr 
billigen Einheitspreis zu geben, könnte eine Revolution des 
Ernährungswesens drüben hervorbringen. Bis dahin muß 
der deutsche andachtsvolle Genießer mit heißer Liebe 
seine wohlhabenden L,andsleute umbuhlen, denn es sind 
drüben fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt 
ihres gesellschaftlichen Ehrgeizes auf eine gute Tafel im 
heimatlichen Stil verlegen. 

Beim richtigen Yankee scheinen es übrigens nicht die 
Geschmackswarzen zu sein, welche ihm den Genuß beim 
Essen vermitteln, sondern vielmehr die Kinnbacken und 
die Speicheldrüsen. Das Kauen und das Schlucken an 
sich macht diese einfachen Naturkinder glücklich. Wer 
zum erstenmal nach den Vereinigten Staaten kommt, 
kann sich nicht genug darüber wundern, hier einem Volke 
von Wiederkäuern zu begegnen. In der Straßenbahn, in 
den Geschäften, in den Vergnügungslokalen wie auf der 
Straße sind die Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation 
in unausgesetzter Bewegung, und ein Widerschein von 
Zufriedenheit überstrahlt von dieser Kinnbackenbetätigung 
aus die Gesichter. Junge hübsche Ladnerinnen kauen, 
wenn sie mittags zum Lunch gehen und wenn sie vom 
Lunch ins Geschäft zurückkehren. Die Soldaten kauen 
beim Exerzieren; sie würden sicher auch kauend ihre 
Schlachten schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten 
Absichten kaut, wenn er seine Liebeserklärung macht, 
und seine Erwählte erwidert errötend: ,,Mum mum mum 
— tschap tschap, sprechen Sie mit Mama." Und der 



Das Volk der Kauer. 121 



gewaltige, 125 Kilo schwere Schutzmann rennt kauend 
dem Dieb nach und packt ihn beim Kragen mit dem 
Ausruf: ,,Dscham dscham — ich verhafte Sie — mum 
mum — im Namen des Gesetzes!" Bin Stückchen ge- 
zuckerter Gummi (Chewing GumJ zwischen die Backzähne 
geschoben, beglückt alle diese I^eute wie den Seemann 
sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Täuschung 
ein, in der besten aller Welten zu leben. Wäre Cartesius 
als Yankee zur Welt gekommen, er hätte sicher sein be- 
rühmtes „cogito ergo sum" abgewandelt in: „Ich kaue, 
folglich bin ich." 



iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinminj 



n ii i iii i i ii i ii ii ii ii iiiiii i i i iiiii m iii ni iii ii iiiii ii ii i iiiiiiiiiii i ii n 



Künstlerische Kultur. 



Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter 
r Geister hat das neue Volk in der Neuen Welt, wie es 
scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen Schönheitssinn 
zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse 
imponiert, was viel gekostet hat, das muß nach den Be- 
griffen des Durchschnittsamerikaners auch schön sein. 
Es ist mir als höchst bezeichnend aufgefallen, daß 
selbst hochgebildete Leute enttäuschte Gesichter machen, 
wenn der Fremde, der zum erstenmal durch New York 
geführt wird, sich weder durch die berühmten Wolken- 
kratzer, noch durch die Verschwendung herrlichen echten 
Materials an öffentlichen Prachtbauten, noch etwa durch 
die glänzende elektrische Lichtreklame für ästhetisch 
besiegt erklärt. Allerdings vermögen diese himmelhohen 
Kasten mit den unzähligen Fensterlöchern unter Um- 
ständen schön zu wirken. Wenn man zum Beispiel vom 
Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der Dämmerung 
oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so können sie 
einen traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der 
einen Maler toll und einen Dichter selig zu machen ver- 
mag. Kinige von diesen Ungeheuern, wie vornehmlich 
das Gebäude der Manhattan-Iyebensversicherungsgesell- 
schaft, sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, 
und kein Mensch von Geschmack wird die ideale Schönheit 
der neuen Staatsbibliothek in weißem Marmor oder die 
Genialität des neuen Empfangsgebäudes der Pennsyl- 
vaniabahn bestreiten. Auch die lustigen Spielereien der 
beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur als mechanische 



Planloses Durcheinander. 123 

Kunststücke, sondern auch als witzige Erfindungen und 
farbiger Augenschmaus höchst amüsant. Aber all diese 
Schönheit, Größe und künstlerisch idealisierte Zweck- 
mäßigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan organisch 
eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen 
lauter Banalität und entschiedene Garstigkeit hinge- 
streut. Die Umgebung ist es, die in weitaus den meisten 
Fällen die Wirkung der Schönheit des einzelnen zerstört. 
Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem 
durch die geographische L,age bedingten überaus vernünf- 
tigen und klaren Plane angeordnet wurde, und immerhin 
der puritanischen Schönheitsfeindlichkeit der Neuengland- 
staaten weniger unterworfen war, scheint doch der künst- 
lerische Instinkt gefehlt zu haben. Paläste stehen neben 
öden Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene 
niedrige Baracken; entzückende, grünbewachsene gotische 
Kirchen findet man eingeklemmt zwischen Metzger- und 
Grünkramläden, öffentliche Gebäude von edlen Pro- 
portionen und mit prächtigen Fassaden neben wüsten 
Kasten für Bureau- und Werkstattzwecke, an deren 
Straßenfronten scheußliche rotgestrichene Feuertreppen 
im Zickzack hin und her laufen. 

Selbst in der Fünften Avenue, der Straße der prunk- 
vollsten Iyäden und der Residenz der Milliardäre, finden 
sich noch genug solcher barbarischen Scheußlichkeiten 
unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die Neben- 
straßen, wo die kleinen Einfamilienhäuser stehen, zeigen 
selbst in den besseren Gegenden ein höchst langweiliges 
Einerlei. Auch die nüchternsten modernen Städte Deutsch- 
lands, wie Mannheim und Karlsruhe, fallen den amerika- 
nischen gegenüber immerhin noch angenehm auf durch 
ihre strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, während 
die enorm reiche Kommune New York bis heute noch 



124 Künstlerische Kultur. 



nicht einmal eine anständige Pflasterung und Straßen- 
reinigung durchzuführen vermochte. Der Fahrdamm der 
Fünften Avenue besteht aus Iyöchern, zwischen denen hier 
und da aus Versehen ein Stück Asphalt liegen geblieben 
ist. Oberflächliche Reparaturen werden in der Weise aus- 
geführt, daß man mitten auf der Straße zur Freude der 
Gassenbuben in diesen Iyöchern Feuer anzündet; dann 
schmilzt der Asphalt ringsherum, und das I^och bekommt 
wenigstens abgerundete Ränder. Wem der Arzt eine Vi- 
brationsmassage gegen Trägheit der Unterleibsorgane ver- 
ordnet hat, der braucht nur auf dieser Fünften Avenue — 
oder besser noch auf den gepflasterten Hauptstraßen des 
nordöstlichen Teiles von Philadelphia — eine halbe Stunde 
spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei der 
Zirbeldrüse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen. 
Es ist merkwürdig, daß derselbe Amerikaner, den das 
wüste Durcheinander in der Außenseite seiner Städte so 
wenig zu genieren scheint, doch fast durchweg einen so 
guten Geschmack in seiner Kleidung und Wohnungs- 
einrichtung zeigt. Allerdings ist für die Herrenkleidung 
England, für die Frauenkleidung Paris richtunggebend, 
allein die dortigen Muster werden doch für den amerika- 
nischen Geschmack einigermaßen abgeändert, und was 
dabei herauskommt, ist meist zweckmäßig und apart. 
In der Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee außer- 
ordentlich konservativ, und der Kolonialstil ist immer noch 
maßgebend. Das moderne deutsche Kunstgewerbe hat 
kaum noch irgendwo Einfluß ausgeübt; dafür sieht man 
auch nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittel- 
stande, so stillos zusammengewürfelte Einrichtungen wie 
in der Wohnung des zurückgebliebenen deutschen Spieß- 
bürgers. Man hält zäh fest an der guten englischen Tradi- 
tion und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung 



Abenteuer mit Schaukelstühlen. 125 

der Wohnräume als auch die unaufdringliche Schlichtheit 
der Formen, Harmonie der Farben, die zusammen den 
Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen. 

Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe für Schaukel- 
stühle. Ich habe Zimmer angetroffen, in denen überhaupt 
kein einziger Stuhl fest auf seinen vier Beinen stand, und 
wo eine besondere equilibristische Begabung dazu gehörte, 
um beispielsweise seine Stiefel zu schnüren oder seinen 
Koffer zu packen; denn wenn man seinen Fuß auf solch 
ein ungemein niedriges Möbel setzt, so kippt es nach vorn 
und rutscht gleichzeitig nach hinten, so daß man also auf 
einem Bein dem flüchtigen Stuhl nachhüpfen muß, bis 
er an der Wand einen Stützpunkt gefunden hat. Oder 
man placiert seinen aufgeschlagenen Koffer auf die Iyehnen 
zweier gegeneinander geschobener Rockingchairs und 
beginnt vergnügt das Packgeschäft. Sobald der sich 
füllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze überschreitet, 
neigen sich die stützenden Stühle nach innen, der Koffer 
klappt zu und rutscht zwischen den Iyehnen durch; es 
ist sehr amüsant, unter solchen Umständen seinen Koffer 
zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekannt- 
schaft mit einladend aussehenden Sitzmöbeln gemacht, 
die nicht nur vor- und rückwärts, sondern auch seitwärts 
schaukelten. Auf diesen heimtückischen Mokierstühlen 
kann man sich ebenso famos für das Kamelreiten trainieren, 
wie auf den einfachen Rockers für die Seefahrt. Vermutlich 
haben die immer praktischen Amerikaner auch diesen 
Nebenzweck im Auge. 

So nett und gemütlich nun auch eine solche amerika- 
nische Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch 
uns deutschen Erzindividualisten recht bald langweilig, 
weil sie eben überall dieselbe ist. Ich spazierte einmal 
mit einem jungen deutschen Gelehrten die Common 



126 Künstlerische Kultur. 



Wealth Avenue in Boston hinunter — nebenbei bemerkt 
eine der schönsten Straßen, die mir überhaupt in Amerika 
aufgefallen sind. Es befinden sich hier nur vornehme 
Familienhäuser, die als besondere Eigentümlichkeit große 
Spiegelscheiben im Erdgeschoß aufweisen. Man kann also 
von der Straße aus in das Treppenhaus und das Parlor 
hineinsehen. Ich freute mich des schönen schmiede- 
eisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden Homes 
von der Straße abschloß, der prächtigen Türen und anderer 
reizvoller Einzelheiten. Da unterbrach mein Begleiter 
meine Lobeshymne mit den Worten: „Was wollen Sie 
wetten? Unter den zwölf nächsten Häusern von hier 
aus finden wir mindestens sechs, in denen wir durch die 
Fenster genau dieselbe innere Einrichtung konstatieren 
können/' Und richtig, so war es auch. Aber nicht nur 
in sechs, sondern in neun von diesen Häusern stand überall 
in derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Säule mit 
demselben Blumenkübel darauf und derselben Palme 
darin, genau an derselben Stelle derselben Wand befand 
sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende 
Sofa mit den Porträts der Eltern oder Großeltern darüber 
usw. usw. Immerhin kann man sich diese ermüdende 
Uniformität gefallen lassen, da sie doch wenigstens einen 
guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbürgt. 
Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich 
nur in den Palästen ungebührlich rasch reich gewordener 
Emporkömmlinge — gerade wie bei uns. 

Merkwürdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in 
den meisten seiner Vergnügungen und künstlerischen 
Betätigungen doch noch recht unkultiviert zeigt, in anderer 
Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack 
und hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der 
Malerei, in der Photographie, im Buchgewerbe. Während 



Die Nacktheit in der Plastik. 127 

die amerikanischen Museen zum weitaus größten Teile 
noch das sehr zweifelhafte Kunstverständnis ihrer frei- 
gebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander 
von Kitsch und Kunst bieten, begegnet man in den Aus- 
stellungen moderner Künstler einer sehr respektablen 
Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden Entwick- 
lung der Plastik kann selbstverständlich in einem Lande, 
das die Scheu vor der Nacktheit in der Kunst längst noch 
nicht tiberwunden hat, keine Rede sein. Ich habe mir 
sagen lassen, daß auf der Weltausstellung in Chicago zum 
erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauen- 
körper als Karyatiden zu sehen gewesen seien ! Ein biederer 
Farmer war von diesem völlig neuen Anblick dermaßen 
gefangen, daß er überhaupt für nichts anderes in der 
ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die 
Augen starr in die Höhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt 
und dabei kopfschüttelnd vor sich hinseufzte: ,,0/z good 
Lord, what tits, what tits!" 

Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete alle- 
gorische Figur, die sich in der Öffentlichkeit zu zeigen 
wagt, einen heftigen Kampf mit der Geistlichkeit und 
den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, 
wenn außer etlichen anständigen Porträtstatuen, natura- 
listischen Kriegergruppen und Reitermonumenten von 
bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten nichts 
zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir 
persönlich in den Weg gekommen ist, war das Krieger- 
denkmal in Easton (Pennsylvania) : auf einer sehr hohen 
schlanken Säule ein moderner Militärtrompeter; und im 
Schalltrichter seines Instrumentes erglühte nachts eine 
elektrische Birne! 

Allerdings haben die amerikanischen Künstler ihre 
Techniken vom Auslande gelernt und stark eigenartige 



128 Künstlerische Kultur. 



Glanzleistungen auch nur in den bildenden Künsten 
sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist 
ihnen bis jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert 
worden. Und selbst die einzige musikalische Spezialität, 
die sich zurzeit als echt amerikanisch ansprechen läßt, 
nämlich das Volkslied der Neger und der Ragtime (eigen- 
artig verschobener synkopierter Rhythmus für Tänze 
und derbe Couplets), ist doch auf schottischen und irischen 
Ursprung zurückzuführen. Es läßt sich aber nicht leugnen, 
daß für gute Musik heute schon ein recht großes und 
verständnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man 
bedenkt, daß an der Geschmackserziehung des amerika- 
nischen Hörers erst seit wenigen Jahrzehnten von europäi- 
schen Künstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es doch 
wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, daß man 
heute schon den „Parsival" vor einer andachtsvoll er- 
griffenen Zuhörerschaft geben kann, und daß Konzert- 
programme, die ausschließlich aus Beethoven, Brahms, Hugo 
Wolf und ähnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, 
große Scharen anziehen und begeistern. Allerdings finden 
bei einer großen Masse selbst der höheren Schichten auch 
stillose Programme, in denen ärgste Banalitäten mit 
echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall — aber 
können wir das in Deutschland nicht auch erleben? Der 
Unterschied ist wohl nur der, daß bei uns kein Künstler 
von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen würde, 
dem schlechten Geschmack des Publikums solche Kon- 
zessionen zu machen. Wir Deutschen dürfen uns rühmen, 
auf musikalischem Gebiet uns die Meistbegünstigung für 
unseren Import von Kunstwerken, Künstlern und L,ehrern 
erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen 
deutschen Musikanten aber auch arbeiten müssen, in 
welchen harten steinigen Boden haben sie oft ihre Pflug- 



Deutsche Musikpioniere. 129 

schar drücken müssen, um überhaupt erst den Boden für 
ihre Saat zu bereiten. 

Ich habe in der Person des Sängers Max Friedrich 
einen solchen Veteranen von einem deutschen Musik- 
pionier kennen gelernt. Als er vor 20 — 30 Jahren hinaus- 
zog, um den beuten des kunstversimpelten Ostens, wie 
den lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens 
Schubert und Schumann, L,öwe und Franz vorzusingen, da 
gähnte und höhnte man ihn aus. Aber er ließ nicht locker, 
er ließ sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen 
von seiner heiligen Überzeugung wegdisputieren. Ihm 
und einigen Wenigen seinesgleichen ist es zu verdanken, 
wenn heute ein ernster Künstler mit einem vornehmen 
Programm sich überall in der ganzen Union hören lassen 
kann, ohne fürchten zu müssen, von entrüsteten Cowboys 
mit dem Schießeisen vom Podium gejagt zu werden. 

Talent und Iyiebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht 
spärlich aus amerikanischem Boden hervor. Weder die 
Zuchthäusler und Abenteurer in der Zeit der Flegel] ahre 
der neuen Welt, noch die frommen Pilgerväter haben 
irgendwelche Keime zur künstlerischen Entwicklung mit 
herübergebracht. Und bis die großen Kriege durch- 
gekämpft, die Naturschätze erschlossen, das ungeheure 
I^and bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang 
gebracht worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf 
ums Dasein viel zu viel zu tun, um Muße zu künstlerischer 
Betätigung zu finden. Gegenwärtig ist diese Muße frei- 
lich schon für viele vorhanden, aber die Kunst hat dort 
noch keinen rechnen Boden, weil in der Masse des Volkes 
noch kein wirkliches Bedürfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung 
von der Wichtigkeit der Kunst als Kulturfaktor ist bis- 
her nur einer kleinen Auslese von Höchstgebildeten auf- 
gegangen, die große Masse jedoch sieht in ihr nur einen 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 9 



130 Künstlerische Kultur. 



schmückenden Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In 
der alten Welt entfaltete sich alle Kunst auf dem Boden 
uralten, oft umgeackerten und gedüngten Kulturlandes. 
Sie wurzelt in der frühesten Vergangenheit der Völker, 
in deren untersten Schichten, und ihr Wachstum stärkte 
sich an den Hemmungen, die sie zu überwinden hatte. 
Außerdem kann Kunst unmöglich von einem Volke 
hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine 
aristokratische Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre 
Künstler ist ein geborener Aristokrat, der zwischen sich 
und den Viel zu Vielen, den Banausen und Philistern, 
eine hochmütige Scheidewand errichtet. 

Die demokratische Anschauung von der Gleichheit 
der Menschen ist dem Instinkt des Künstlers ein Greuel. 
Und selbst jene naivste Betätigung schaffender Phantasie, 
die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre Gesetze, 
ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in 
uralten Zeiten königliche Sänger aufstellten. In der Neuen 
Welt aber, in der eine historische Entwicklung in unserem 
Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo immer gegen- 
wärtige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der 
Alten Welt fertig übernommen wurden, ist das Entstehen 
einer originalen Kunst vernünftigerweise auch noch gar nicht 
zu erwarten. Die Yankees, als Abkömmlinge der britischen 
Einwanderer, haben selbstverständlich eine angeborene 
Vorliebe für die englische Kunst und werden die von dort 
empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die 
Nachkommen der deutschen Einwanderer sich instinkt- 
mäßig an die deutschen Vorbilder klammern werden. 
Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird 
natürlich ihren Einfluß auf die Malerei, die eigen- 
artigen Lebensbedingungen der Neuen Welt auf die 
Architektur einen bestimmenden Einfluß ausüben. Darum 



Der neuweltliche Poet. 131 

ist es selbstverständlich, daß in diesen beiden Künsten 
zunächst eigenartige Leistungen zu erwarten und ja auch 
gegenwärtig schon vorhanden sind. Dagegen kann man 
von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt, auch 
keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum 
mindesten mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache 
gebunden, daß allein schon aus diesem Umstände der 
bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne 
weiteres begreifen läßt. Das schließt natürlich nicht aus, 
daß geborene Amerikaner ganz hervorragende Leistungen 
auf Kunstgebieten vollbringen können, deren ausländische 
Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben und deren 
inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die 
Völkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehört 
und eine wirkliche chemische Durchdringung der ver- 
schiedenen Rassenelemente stattgefunden haben wird, 
kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele ent- 
wickeln, aus der dann folgerichtig auch eine originale 
amerikanische Kunst hervorgehen müßte. 

Wie die Dinge heute noch liegen, wäre aber beispiels- 
weise ein jugendlicher Yankee, der sich freiwillig dazu her- 
geben möchte, das Hungerleiderdasein eines deutschen oder 
französischen Poeten zu führen, eine undenkbare komische 
Figur. Der poetisch begabte Jüngling fängt drüben mit der 
Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem 
soliden Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Er- 
folg, so probiert er es eben mit einem anderen. Schwer- 
lich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider den Ge- 
schmack der Zeit und der großen Masse aufzulehnen. 
Auch wenn er Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er 
sein Publikum nicht rücksichtslos damit erschrecken, 
sondern es allmählich vorzubereiten suchen. Die Be- 
schäftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen 

9 * 



132 Künstlerische Kultur. 



Dingen ist eben drüben ein vornehmer Zeitvertreib für 
Ausnahmemenschen, besonders also für solche, die keine 
Sorge um das tägliche Brot mehr drückt. Man setzt auch 
voraus, daß der Mann, der einen Beruf aus dem Dichten, 
Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentle- 
man sei, also ein gut angezogenes Mitglied der auserwählten 
Gesellschaft mit normalen Manieren und auch einiger- 
maßen normalen Gesinnungen. Es ist bezeichnend, daß 
der Name Bohemiens, der für Künstler- und Iyiteraten- 
klubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen 
recht wohlhabender Männer gewählt wird, die es sich leisten 
können, ihre festlichen Sitzungen in den vornehmsten 
Hotels abzuhalten und dazu nichts als französischen 
Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon des- 
halb drüben unmöglich gedeihen, weil es keine Kaffee- 
häuser gibt. Es kommt vorläufig auch noch selten vor, 
daß künstlerische, besonders literarische Talente aus den 
untersten Volksschichten hervorgehen, weil in denen noch 
alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet 
ist. In New York gibt es allerdings einen hervorragenden 
Dichter, der Sattler und Tapezierer ist — Hugo Bertsch 
heißt er — aber der schreibt Deutsch und ist aus 
Reicheisheim i. O. gebürtig. 

Bemerkenswert ist, daß einer der wenigen jungen 
Dramatiker, die damit begonnen haben, sich von der 
herrschenden Prüderie und Konvention freizumachen 
und die amerikanische Bühne für moderne Probleme zu 
erobern, nämlich der anderwärts von mir schon erwähnte 
Walter von unten heraufgekommen ist, gehörig gehungert 
und im Zentralpark gepennt hat, bevor er bekannt wurde. 
Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack Iyondon, 
der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer 
Färbung auszeichnet, hat als Goldgräber angefangen. 



Diktatur des Masseng-eschmacks. 133 

obwohl er eine gute wissenschaftliche Bildung genossen 
hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn gleichfalls als 
Goldgräber und betätigte sich nacheinander als Lehrer, 
Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur 
wurde. Auch Mark Twain begann als Setzer und wurde 
dann bekanntlich Lotse auf dem Mississippi. Edgar 
Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber 
wegen schlechter Aufführung von der Universität und 
der Militärakademie relegiert und desertierte aus der 
Armee, bevor er sich zu dem berühmten Dichter ent- 
wickelte. Walt Whitman, ursprünglich gleichfalls Buch- 
drucker, gewann seinen Lebensunterhalt als Subaltern- 
beamter im Ministerium. Einzig Longfellow von den be- 
kannteren Dichtern stammte aus höheren Kreisen und 
erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er be- 
tätigte sich zunächst als Rechtsanwalt. 

Es scheint also, daß auch im neuen Lande das alte Gesetz, 
daß die künstlerischen Kräfte am Widerstand erstarken, 
Geltung besitze. In dem Paradiese der absoluten Gegen- 
wart, dessen glückliche Bewohner so gern alles, was ist, 
gut finden, wie der liebe Gott sein Schöpfungswerk, haben 
natürlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwim- 
men. Die vernünftigen Kunstbeflissenen trachten aber, 
nur marktgängige Ware zu liefern, und marktgängig ist, 
was dem Unterhaltungs- und Sensationsbedürfnis ent- 
spricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika, 
folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes 
Geschäft zu machen für diejenigen, die sich auf den Ge- 
schmack des Publikums verstehen. Dieser Geschmack 
heißt aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im 
Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs 
sind nicht nur bei den ganz kleinen Leuten die beliebtesten 
Helden. Es müssen daher auch ernste Schriftsteller, z. B. 



134 Künstlerische Kultur. 



solche, die ihr soziales Gewissen auf das Gebiet des An- 
klageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf 
strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit be- 
dacht sein. Sicherlich würde die Entwicklung des künstle- 
rischen Geschmacks bei dem amerikanischen Volk, das doch 
wahrhaftig weder ängstlich noch begriffsstutzig ist, viel 
raschere Fortschritte machen, wenn nicht die Tagespresse 
die mehr als kindliche Oberflächlichkeit des Urteils in 
unverantwortlicher Weise nährte. Aber das ist ein Kapital 
für sich. 



■■■!■■»■ ummai 



r iiiii 1 1 m i n i ii iiiii ii i m ii i iii ii i m i m i m li m l im 



Vom Theater im Yankeelande, 



Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das 
amerikanische. Die Yankees haben es mit all seinen 
Iyicht- und Schattenseiten herübergenommen, nur daß die 
Qualität ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl 
noch um einiges hinter den besten englischen zurückbleibt, 
was bei dem Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu ver- 
wundern ist. Hüben wie drüben ist für das Drama hohen 
Stiles kein großes Publikum vorhanden, und darum suchen 
Bühnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, 
die große Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, 
durch Pomp und Massenentfaltung anzulocken. Für das 
moderne Gesellschaftsdrama und das feinere Lustspiel 
sind schauspielerische Begabungen besonders häufig vor- 
handen, und da die Dichtung noch in keinem L,ande eng- 
lischer Zunge — mit verschwindend wenigen Ausnahmen — 
vom Konventionellen zum Individuellen aufgerückt ist, 
so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten Schau- 
spieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten für 
das Rollenfach, in welches äußere Erscheinung, Stimm- 
klang und Temperament sie verweisen. Sie alle spielen 
also im Grunde genommen nicht nur solange ein Stück 
läuft, sondern ihr ganzes lieben lang ein und dieselbe 
Rolle. Es ist wohl allgemein bekannt, daß man drüben 
Theater mit wechselndem Repertoir bisher noch nicht 
kennt. Für jedes neue Stück wird eine Truppe zusammen- 
gestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, 
wandert die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulösen, 
sobald seine Zugkraft erschöpft ist. Wer also drüben die 
Schauspielerei zum Beruf erwählt, der muß schon über 



136 Vom Theater im Yankeelande. 

recht beträchtliche Reserven an Körper- und Geisteskraft 
verfügen, wenn er nicht der sicheren Verblödung und der 
unheilbaren Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in 
den Vereinigten Staaten ein vornehmes Schauspielhaus mit 
wechselndem Repertoir nach künstlerischen Grundsätzen 
ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New 
York von einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht 
durch die Gründung des New Theatre. Und dieser Versuch 
ist gescheitert, obwohl fast unbeschränkte Mittel und eine 
auserlesene Schar feingebildeter, sehr tüchtiger Schauspieler 
zur Verfügung stand, auch die Leitung in keineswegs unge- 
schickten Händen lag. Ich habe in diesem Theater eine Auf- 
führung von Maeterlinks „Der blaue Vogel" gesehen, die in 
bezug auf die darstellerischen Leistungen sehr gut und in 
bezug auf künstlerische Inszenesetzung sogar ganz hervor- 
ragend geschmackvoll war, und dennoch gaben die Unter- 
nehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten Spiel- 
zeit als vorläufig aussichtslos auf ! Bs wurden allerlei Gründe 
für dieses seltsame Fiasko ins Feld geführt; mir scheint 
der erheblichste und zugleich auch betrüblichste der zu 
sein, daß für das Schauspiel die Anzahl der künstlerisch 
wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein 
solches Unternehmen geschäftlich halten zu können. 
Man ist es einfach noch nicht gewöhnt in jenen Gesell- 
schaftskreisen, die für den Besuch eines den Ansprüchen 
verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage 
kommen, täglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich 
womöglich gar wegen einer Vorstellung, die vielleicht bald 
wieder vom Spielplan verschwindet, in seinen häuslichen 
Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stören zu 
lassen. Wenn es die große Oper gilt, nimmt man freilich 
alle möglichen Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber 
das ist eben die große Oper, die muß wechselndes Repertoir 



Die große Oper. 137 



haben, weil dieselben Sänger nicht alle Tage große Partien 
singen können; und außerdem gehört die große Oper auch 
mehr zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man 
seiner Stellung wegen Opfer bringen muß, als zu den bloßen 
künstlerischen Unterhaltungen. Bin vornehmes Schauspiel- 
haus mit wechselndem Repertoir würde ohne Zweifel ebenso- 
gut möglich sein wie das Millionen verschlingende Metro- 
politan Opera House, sobald es bei dem hohen Adel und den 
Großwürdenträgern der demokratischen Gesellschaft de 
rigueur wäre, auch in diesem Schauspielhaus eine Loge zu 
besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu treffen. Bis 
dahin aber und bis ein mächtig aufblühendes nationales 
Drama des Yankeetums nach einer nationalen Bühne 
schreit, wird noch viel Wasser den Hudson hinunterlaufen. 
Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz 
erheblich besser als mit dem Schauspiel, weil die Oper 
ein internationales Unternehmen ist, dem es vorläufig 
ganz gleichgültig sein kann, ob ihm einheimische Kräfte 
als Komponisten und als Sänger zuwachsen oder nicht; 
denn sie kann ihren Bedarf durch die Meisterwerke und 
Gesangssterne Europas vollkommen decken. Im übrigen 
wird die beste Oper immer da vorhandeil sein, wo das 
meiste Geld zur Verfügung ist, vorausgesetzt daß die 
Leitung nicht gänzlich unfähig ist. Mit dem nötigen Geld 
kann man sich nicht nur die besten Sänger und Sängerinnen 
der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und 
Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, 
wo die Greenbacks (Dollarscheine) so leicht das Fliegen 
lernen, wäre es möglich, ein genügend zahlreiches Personal 
von Sängern und Sängerinnen, darunter die berühmtesten 
Künstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um damit 
die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, 
die französischen französisch und die italienischen ita- 



138 Vom Theater im Yankeelande. 

Herrisch darzustellen ? ! Trotzdem das Riesenhaus immer 
voll und die Eintrittspreise für unsere Begriffe sehr hoch 
sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch 
durch die Freigebigkeit der milliardenschweren I^ogen- 
besitzer immer gedeckt wird. Es ist also selbstverständlich, 
daß keine Opernbühne Europas an Großartigkeit des 
Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es 
versteht sich also auch ganz von selbst, daß man in diesem 
Theater Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an 
äußerem Glanz, sondern auch an echter künstlerischer 
Qualität alles übertreffen, was selbst Wien, Berlin, Mün- 
chen, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu 
bieten vermögen. Andererseits treten aber freilich auch die 
großen Gefahren dieses amerikanischen Systems, bei dem 
die starke Triebfeder eines hingebenden künstlerischen 
Idealismus durch eitle Prahlsucht und Geldprotzentum er- 
setzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der 
leitenden Kräfte ein Mißgriff erfolgt ist oder diese Kräfte 
die Lust verlieren, für das viele Geld, das sie bekommen, 
wirklich ihr Bestes zu tun. Aber schließlich wird überall mit 
Wasser gekocht, und eine ununterbrochene Reihe wirklicher 
Weihefestspiele kann es eben nur unter Bedingungen geben, 
wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls un- 
gerecht und töricht von uns Europäern, die glänzenden Ver- 
anstaltungen der Metropolitan-Oper geringschätzig als eitel 
Blendwerk abzutun. Die Herren Milliardäre bekommen 
für ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst geliefert. 

Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von 
Komödienspiel erlebt habe, fand ich in einem der fünf 
jiddischen Theater an der Bowery, dem New Yorker Ghetto, 
wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu 
Tausenden beieinander hocken. „The Miners" (die Berg- 
leute) hieß das Theater, unansehnlich von außen, eng, 



David Keßlers jiddisches Theater. 139 

schmutzig und in allen Einrichtungen veraltet von innen. 
Es wird nur zwei, höchstens dreimal die Woche gespielt 
an diesen kleinen Dialektbühnen; aber obwohl es nicht 
Schabbes, war das Haus gesteckt voll. Ganze Familien 
mit Kind und Kegel im Parterre, die besseren L,eute im 
ersten Rang, die großen Glaubensgenossen, die schon 
ihr Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der 
Galerie die Arbeiter und kleinen Gewerbetreibenden, 
ärmlich und schäbig anzuschauen, mit steifen kleinen 
Hüten oder schmutzigen russischen Mützen auf dem Kopf. 
Sie sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten 
Schauspieler ihrer Zunge, David Keßler, zu sehen, der 
zugleich der künstlerische und geschäftliche L,eiter des 
Unternehmens ist. Das Stück hieß : ,, Jankel, der Schmied", 
von David Pinsky, einem jüdischen Autor, der schon 
einmal bei Reinhardt durchgefallen ist, eine naturalistische 
Kleinmalerei aus dem Leben der jüdischen Kleinbürger 
in Rußland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stück Wahr- 
heit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deut- 
schen Bühne seit Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang" 
kaum mehr dagewesen ist. Und diese heimatlosen Welt- 
wanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeits- 
tiere mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, 
Schönheit, laicht und Glanz im Herzen, die in den Zwischen- 
akten ein so wildes, mauschelndes Geschnatter voll- 
führen, daß einem die Ohren gellen, sie lauschen andachts- 
voll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese 
ihre nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, 
als den tiefen Einblick in unsäglich traurige Familien- 
verhältnisse und widrige Menschensee] en, sie nehmen all 
dies Häßliche mit gelassenem Ernst hin und begrüßen 
die derben Spaße oder auch die wenigen idyllisch gemüt- 
vollen Lichtblicke in dieser trostlosen Öde mit dankbarem 



140 Vom Theater im Yankeelande. 

Gelächter und begeistertem Beifall. Was aber wirklieh 
an dieser seltsamen dramatischen Kunst auch für den 
rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls würdig 
ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst 
des Dichters die wirklich vollendete Leistung sämtlicher 
Darsteller; denn nicht nur das Haupt der Gesellschaft, 
dieser David "Keßler, ist ein wirklich großer Charakter- 
darsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter ge- 
schaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine 
Schauspieler und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren 
Aufgaben derartig verwachsen, als ob sie einfach sich selber 
ohne jede Rücksicht auf die Optik der Bühne und die Sinne 
der Zuschauer darzustellen hätten. Im Zwischenakt machte 
ich die Bekanntschaft David Keßlers und war nicht wenig 
erstaunt aus seinem Munde zu hören, daß außer ihm gar 
keine Berufsschauspieler in seiner Truppe vorhanden seien, 
sondern daß er sich die Leute von überallher zusammen- 
gelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vor- 
zügliche komische Bpisodenspieler handelt tagsüber mit 
alten Hosen, diese schlichte sentimentale Liebhaberin, die 
so ergreifende Gemütstöne findet, ist vielleicht Dienst- 
mädchen in einer besseren jüdischen Familie, und diese 
ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten 
schwarzen Scheitel auf ihrem ehrwürdigen grauen Haar zieht 
uns beiseite und erzählt uns mit stolz aufleuchtenden Augen, 
daß sie mit ihrer Hände Arbeit ihren einzigen Sohn so weit 
gebracht habe, daß er nun schon als Advokat in dem 
fremden Lande eine geachtete Stellung einnehme und 
einer glänzenden Zukunft entgegengehe. Am Schluß des 
Stückes bricht ein tobender Beifall los, der sich sonder- 
barerweise außer in Klatschen und wildem Trampeln auch 
in gellenden Pfiffen äußert, und sobald David Keßler auf 
der Bühne erscheint, rufen ihm Hunderte von Stimmen zu ; 



Eine improvisierte Standrede. 141 

,, Speech, speech!" Der derbe vierschrötige Gesell steht 
unschlüssig mit niedergeschlagenen Augen da, und dann 
stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie 
er sich aber zum Abgehen wendet, wird von der Galerie 
her der Ruf nach Musik laut. Da macht er kehrt, stampft 
bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm in 
der Richtung, von wo der Ruf kam. ,,Wer Musik haben 
will/' ruft er in kaum unterdrückter Entrüstung, „der mag 
ins Tingeltangel gehen, hier ist nicht der Ort für trivialen 
Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische Kunst mit 
heißem Bemühen für unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich 
seit einer Reihe von Jahren und tue mein Äußerstes, um 
euch, meinen armen Landsleuten und Glaubensgenossen, 
eine nationale Kunst zu geben, wie ihr sie braucht, und wie 
ihr sie versteht. Schritt für Schritt habe ich versucht, 
euch zum Kunstbedürfnis und Kunstverständnis zu er- 
ziehen, mit dem Einfachsten und Verständlichsten habe 
ich angefangen, um euch vorzubereiten auf das Tiefere, 
das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und jetzt schreit 
ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!" 

Es dürfte selbst für den abendländischen Juden schwer 
sein, das russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man 
hört sich allmählich hinein. Ich wenigstens vermochte 
vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu folgen, und so 
glaube ich, daß ich auch den Gedankengang dieser aus 
echter Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich 
richtig verstanden habe. Ganz still und beschämt saßen die 
Zuschauer da, und die j üngeren Leute besonders hingen mit 
Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den das 
Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach 
von der Sehnsucht seines Volkes nach Kunst, nach tätiger 
Beteiligung an den höheren Kultur auf gaben der Mensch- 
heit, er wies voller Stolz auf die großen Erfolge hin, die 



142 Vom Theater im Yankeelande. 

jüdische Dramatiker, jüdische Darsteller vornehmlich auf 
der deutschen Bühne gefunden hätten. Er nannte mit 
Begeisterung den Namen Max Reinhardts, der einen der 
ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel hervorgezogen und 
zahlreichen anderen jüdischen Künstlern Gelegenheit ge- 
geben habe, ihre große Begabung von dem anspruchsvollsten 
und kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. 
Er leitete aus diesen ersten großen Erfolgen die Pflicht des ge- 
samten Judentums ab, sich mit seinen besten Kräften immer 
eifriger an der Aufwärtsentwicklung der modernen Kunst 
zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden 
und verließ unter donnernden Cheers die Bühne. 

Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, 
auf gut Glück herausgegriffen aus den unteren Schichten 
dieser in die westlichste aller Kulturen verschlagenen 
Orientalen, für ein starkes Talent zur Menschendarstellung, 
d. h. also zur künstlerischen Selbstentäußerung besitzen, 
habe ich begriffen, woher es kommt, daß in allen Kultur- 
ländern gerade das Theater von Angehörigen dieser Rasse 
überschwemmt wird. Geldgier und Ruhmsucht sind in 
diesem Falle sicher nicht die Triebkräfte; denn es gibt 
genug jüdische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnen- 
lichte des Glückes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen 
Kollegen aus reiner Begeisterung für die Kunst frieren 
und darben. Denn gleichwie diese Rasse eine Neigung 
zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum kniff liehen Problem 
stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Rätselraten 
und in raschen Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, 
die sie für die Juristerei besonders geeignet erscheinen 
läßt und ihren Handelsunternehmungen und Geldspekula- 
tionen so oft einen kühn-fantastischen Anstrich ver- 
leiht, so mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, 
auch der jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemüt 



Niedergang des deutschen Theaters. 1 43 

dieses Volkes lastete, die naive IyUst am Mummenschanz zu 
der starken Sehnsucht hinauf gesteigert haben, wenigstens 
gelegentlich durch das Mittel des künstlerischen Selbst- 
betruges über das gedrückte Ich der Wirklichkeit hinaus- 
zukommen und im Rampenlichte Könige, Helden und 
glückliche Iyiebhaber vorzustellen. Es ist überhaupt 
charakteristisch, daß gerade diejenigen Völker, deren 
Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, 
am wenigsten von der Sympathie der dort herrschenden 
Rassen gestützt fühlen, am eifrigsten und mit dem größten 
Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden 
sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und 
San Franzisco stehende Bühnen unterhalten. Die Italiener 
und die Franzosen sehen ja an der großen Oper ihre 
nationale Kunst glänzend vertreten, aber auch sie werden 
vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen 
Angehörigen der verschiedenen slawischen Volksstämme 
eifrig I^iebhabertheater spielen. Ich habe leider davon 
nichts zu Gesicht bekommen. 

Aber seltsam muß es uns Deutsche berühren, daß 
dies ungeheure Neuland, als welches Deutschland es in 
musikalischer Beziehung überhaupt erst urbar gemacht 
und vollständig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt 
der großen Oper und eines blühenden Konzertlebens 
glänzend aufgegangen ist, doch kein deutsches Schau- 
spielhaus von einiger Bedeutung mehr am Lieben zu er- 
halten vermag. Wenn man bedenkt, daß der herrschenden 
Yankeerasse mit ihren 20 400 000 Köpfen 18 400 000 
Amerikaner deutscher Abstammung gegenüberstehen, daß 
New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher 
Abstammung nach die zweitgrößte deutsche Stadt der 
Welt ist, so muß man sich baß verwundern, daß die wenigen 
stehenden deutschen Bühnen in den Vereinigten Staaten 



144 Vom Theater im Yankeelande. 

nicht nur künstlerisch immer mehr zurückgehen, sondern 
auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kämpfen 
haben. Bei längerem Hinschauen und ruhiger Überlegung 
wird diese traurige Tatsache allerdings verständlich. Die 
Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast aus- 
nahmslos das Englische schon besser als ihre Mutter- 
sprache, in der zweiten Generation haben es die meisten 
wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu bedenken, daß 
die weitaus überwiegende Zahl der Einwanderer den 
wenig gebildeten Ständen entstammt, bei denen natur- 
gemäß von einem starken Pflichtbewußtsein als deutsche 
Kulturträger nicht die Rede sein kann. Wenn nun schon 
die Väter der fremden Sprache und damit der fremden 
künstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand 
entgegensetzen, so wird dies bei ihren Kindern und Kindes- 
kindern erst recht nicht der Fall sein. Es bleibt also von 
den 18 Millionen als befähigte Genießer und berufene 
Förderer des deutschen Dramas nur ein verhältnismäßig 
kleiner Bruchteil übrig, dessen Mitglieder zudem über den 
ganzen weiten Kontinent verstreut sind. Nun wird freilich 
in sehr vielen der zahllosen deutschen Vereine nicht nur 
das deutsche Iyied, sondern auch die deutsche Poesie mit 
schönem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche 
genug, die nicht nur zugunsten eines L,iebhabertheaters, 
an dem ihre Töchter und Söhne mitspielen, sondern auch 
zugunsten einer öffentlichen Bühne tief in ihre Taschen 
zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere 
große Schwierigkeit auf: Für welche Gattung deutscher 
Dramatik soll dies Geld gespendet, dieser rührende Eifer 
aufgewendet werden? Außer den paar akademischen 
Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Höhe 
der Bildung stehenden berufsmäßigen Kritikern haben 
doch nur verschwindend wenige Deutsch- Amerikaner ein 



Repertoirschwierigkeiten der deutschen Bühne. 145 

so starkes Interesse an der Entwicklung speziell des 
Theaters, daß sie dem wunderlich sprunghaften Werde- 
gang unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu 
folgen imstande gewesen wären. Die internationale Mode 
hat lediglich das Musikdrama Wagners und seiner Nach- 
folger gestützt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, 
der Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie 
sie sonst noch heißen mögen, deren Modeglanz oft schon 
verblaßt war, bevor ernsthafte Leute sich noch über ihren 
inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das 
deutsche Theaterleben stark anregen, besaßen aber nicht 
die Kraft, zumeist auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar 
in die Ferne zu wirken. Die stärkste Auswanderung 
gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren 
um 48 herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die 
Begriffe vom deutschen Drama, die also unsere wichtigsten 
Kulturträger mit herüberbrachten, stammen noch aus 
der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum 
herrschte. Von den aufregenden Kämpfen, die in den 
letzten vier Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter 
nicht zur Ruhe kommen ließen und unseren Geschmack 
revolutionierten, hat das Deutschtum überm Ozean kaum 
einen Hauch verspürt. Was ist begreiflicher, als daß der 
Leiter eines deutschen Theaters in Amerika in der Auf- 
stellung seines Repertoirs möglichst sicher gehen will? 
Da er mit gutem Grunde befürchten muß, sein Stamm- 
publikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu lang- 
weilen, durch Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den 
Kopf zu stoßen und durch Frank Wedekind zu entrüsten, 
weil die angelsächsische Geistesenge und Prüderie bei 
langem Aufenthalt im Lande schließlich doch auch auf 
die kecksten Deutschen abfärbt, so wird er sich darauf 
beschränken, neben den Klassikern das harmlose Familien- 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 10 



146 Vom Theater im Yankeelande. 

lustspiel und das gesinnungstüchtige Thesenstück zu geben. 
Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den 
ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch- 
Amerikaner nicht zum entrüsteten Widerspruch reizen; 
sie wird ihm aber auch nichts zu geben vermögen, was sein 
Gemüt in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf 
zu denken geben könnte. Die sozialen Verhältnisse, auf 
denen das deutsche Familienstück beruht, die Konflikte, 
die durch Standesvorurteile oder durch spießbürgerliche 
Beschränktheit entstehen, auch manche T^ieblingsfiguren 
dieser Gattung, der Schwerenöter in Uniform, der Back- 
fisch, der schüchterne Kandidat usw. usw., sind ihm gänz- 
lich fremd geworden. W T ie sollten ihn Menschen und 
Verhältnisse auf der Bühne interessieren, die er in seiner 
Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings sind einzelne 
deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die 
deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine 
unglücklichere Idee konnten sie wohl nicht gut auftreiben ; 
denn was gibt es auf theatralischem Gebiete Abschrecken- 
deres und Jämmerlicheres als eine Operette, mit unzu- 
länglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Ver- 
einigten Staaten an Operettenbühnen wahrlich kein 
Mangel, und was Wien an Schlagern produziert, wird 
unfehlbar auf diesen Bühnen mit allem Pomp inszeniert 
und von den zugkräftigsten Spezialisten dieser Gattung 
dargestellt. Die Besonderheit der amerikanischen Ope- 
rettendarstellung besteht darin, daß in ihr keiner der 
Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmaßen 
ruhig halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste 
begleitet, und sobald ein flotter Rhythmus einsetzt, be- 
ginnen Chor und Solisten mit allen verfügbaren Extremi- 
täten zu zucken, zu schlenkern, zu stoßen und zu schleudern 
— kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmäßig 



Reinhardt der Retter. 147 



in Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten 
Anstrengungen ausgepumpter Lungen und heiser ge- 
schriener Stimmritzen begleitet. Wie arg nun auch dieser 
Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen 
mag, er ist einmal der herrschende geworden, und kein 
seßhafter amerikanischer Bürger wird sich eine Operette 
anders vorstellen können, denn als eine solche prunkvoll 
inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit 
Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umständen 
eine deutsche Operette bieten, die für den Mangel an 
kostspieliger Inszenierung und geschmackvoller Kostü- 
mierung keineswegs durch glänzende Leistungen des 
Orchesters und der Sänger zu entschädigen vermag? Sie 
kann nur dazu beitragen, seine Achtung vor dem 
deutschen Theaterwesen noch mehr herabzusetzen, als 
es Klassikervorstellungen mit dürftiger Ausstattung und 
mittelmäßigen Schauspielern schon zu Wege gebracht 
haben. Das Interesse für deutsches Theater und die 
Hochachtung vor der Leistungsfähigkeit der deutschen 
dramatischen Kunst kann meines Krachtens da drüben 
nur dadurch wieder erweckt werden, daß von Deutsch- 
land aus große Mittel aufgewendet werden, um Gast- 
spiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten 
Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glänzender 
Ausstattung in den deutschen Hauptstädten der Union 
zu ermöglichen. Mit zweiter Garnitur und mit abge- 
blaßten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen 
Sinn. Wenn Max Reinhardt seinen Plan verwirk- 
licht, seinen „üdipus", „Faust" und andere geniale Insze- 
nierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz sicher 
nicht nur gute Geschäfte machen und persönlich einen 
großartigen Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre 
der deutschen theatralischen Kunst wiederherstellen und 

10* 



148 Vom Theater im Yankeelande. 

für die Zukunft eine neue Möglichkeit schaffen, ein gutes 
deutsches Theater ständig drüben zu erhalten. Die Ameri- 
kaner wollen zunächst einmal verblüfft sein; es muß ihnen 
etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine 
Bombenreklame muß auch das ganze gebildete Publikum 
englischer Zunge in dies Unternehmen locken, und 
dies gesamte Publikum englischer Zunge muß vor Neid 
bersten und zu dem Geständnis gezwungen werden, daß 
es dergleichen in seinem Theater noch nicht erlebt habe. 
Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees wird das 
Solidaritätsgefühl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. 
Die Schecks für einen deutschen Theaterfonds werden sich 
zu einem Berge aufhäufen, und so gut, wie die jetzigen 
italienischen Leiter der großen Oper sich unsere ersten 
Sänger, Sängerinnen und Kapellmeister herüberkommen 
lassen, werden in Zukunft Unternehmer großen Stils die 
Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und 
Schauspieler zu kaufen. Und wenngleich die große Sen- 
sation, die das deutsche Theater in Mode bringt, von 
Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge doch 
sogar die Denkfaulheit und die Prüderie des amerikanischen 
Durchschnittsmenschen besiegen und auch kühnere Neu- 
töner unter den lebenden Dramatikern zu Worte kommen 
lassen. Wenn dann gegen den Geist des deutschen Dramas 
in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und 
ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es 
gegen Richard Strauß' letzte Opernwerke geschah, so wird 
manch ein geplagter deutscher Theaterdirektor seinen Kahn 
schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es wird sogar — 
was schließlich doch wohl das Beste dabei ist — wieder ein 
tüchtiges Stück Arbeit in der Richtung der kulturellen 
Germanisierung Amerikas geleistet werden können. 

ri iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiii iiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM Minna 



r. i m ii ii iiii i ii iiiii i iiiiii i i i iiiii i m i ii i i in i i i i iiiiiiiiiiiiii i iiiiiii i iii i ii iu 

2)ie amerikanische fresse. 



]n einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield 
y Osborn von der Columbia Universität zum Beginn des 
Wintersemesters 1910 an seine Studenten richtete, fand 
ich folgende höchst bezeichnende Worte über die amerika- 
nische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: 
,, Einen guten Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet 
der Tiefstand, bis zu welchem Ihre Morgen-Zeitung sich 
dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre Schattierungen von 
Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir 
scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine 
Zeitungen zu lesen, selbst wenn sie gewissenhaft sind, und 
zwar wegen ihres Mangels an Verständnis für die relative 
Wichtigkeit der Haupterscheinungen des amerikanischen 
Gebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über 
unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet 
einem Fußballspiel sechs Spalten und einer großen wissen- 
schaftlichen Kontroverse zwischen zwei Hochschulen 
sechs Zeilen ! Das ist der Unterschied zwischen dem, was 
sein sollte und dem, was praktisch ist. Amerikanische IyOr- 
beeren grünen für die gigantischen Industriehäuptlinge: 
wenn das Lieben eines solchen bedroht oder gar ausgelöscht 
ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes fallen, 
um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig 
ist, um seine Verdienste in das gehörige Iyicht zu setzen, 
wohingegen unser größter Astronom und Mathematiker 
dahingehen kann und vielleicht die Schale eines einzigen 
Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, 
die über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Ver- 



150 Die amerikanische Press< 



gleichen Sie einmal die Ausführungen der britischen und 
der amerikanischen Presse über einen solch leicht wiegenden 
Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren 
allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben 
sind und unser Wissen von dem Wesen des Spieles be- 
reichern können. Über einen noch viel moderneren Gegen- 
stand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse vergeblich 
nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion 
der Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen 
Politik: der britische Student findet jede bedeutungs- 
volle Rede, die in irgendeinem Teil des Reiches ge- 
halten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgen- 
blatt; er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler 
sein Material aus erster Hand und nicht, wie wir, in der 
subjektiven Darstellung des Redakteurs." 

Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten 
Amerikaners möge mir als Schild dienen gegen die empörten 
Anfeindungen amerikanischer Patrioten, die sonst sicher- 
lich meine geringe Meinung von ihrer Presse als einen 
Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. 
Jeder ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in 
der Behauptung beistimmen müssen, daß wir Europäer 
ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau der 
Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln 
zu zucken, so lange sie sich eine solche Presse gefallen 
lassen. Professor Osborns Meinung ist selbstverständlich 
auch die aller fein empfindenden und für den guten Ruf 
ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Um- 
stand, daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht 
imstande gewesen ist, eine Wendung zum Besseren zu 
erzwingen, beweist leider, daß der schlechte Geschmack 
bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der 
Stand der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus 



Lesefutter für Kinder und Unmündige. 151 

reinen Idealisten besteht, denen kein Geldopfer groß 
genug ist zur Hebung des geistigen Niveaus der L^eser- 
welt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach 
dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es 
gibt ohne Zweifel in den Vereinigten Staaten reichlich 
Journalisten, die sowohl Bildung als stilistisches Geschick 
genug besäßen, um auch einem erheblich anspruchs- 
volleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar 
nicht unwahrscheinlich, daß in dem L,ande der glänzenden 
Redner, der scharfen, witzigen Beobachter und schlag- 
fertigen Debatter mehr gute geborene Journalisten vor- 
handen sein dürften, als in manchen Iy ändern der Alten 
Welt ; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen 
Presse liegen, haben die skrupellosen fixen Reporter das 
Übergewicht, und die besten Köpfe und Federn halten 
sich entweder der Tagespresse fern, oder schrauben, dem 
Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau 
absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun 
einmal ist, erscheint sie in den Augen ernsthafter ge- 
bildeter Menschen als für Kinder und Unmündige zuge- 
schnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie schließlich 
auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied 
zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten 
Blättern und der gelben Sensationspresse modernster 
Aufmachung zu bemerken; aber das Betrübliche dabei 
ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste be- 
deutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums 
auch die besseren älteren Blätter zwingt, wenigstens in 
der äußeren Aufmachung sich immer mehr in jenem 
schlechten Sinn zu modernisieren. 

Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunter- 
zubringen, besteht darin, sie mit Illustrationen zu ver- 
sehen. Selbst unsere außerordentlich fortgeschrittene 



152 Die amerikanische Presse. 

Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck 
auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende 
Bilder herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in 
sehr seltenen Ausnahmefällen möglich sein wird, von 
Tagesereignissen im Laufe weniger Stunden flotte künst- 
lerische Handzeichnungen zu erhalten. Ks wird sich also 
für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photo- 
graphien handeln können, die durch irgend ein billiges 
Verfahren wiedergegeben werden. Was dabei für den 
guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tages- 
ereignissen mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen 
mit Magnesiumblitzen auffängt und die berühmten Zeit- 
genossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben 
wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren 
Wochenschriften. Immerhin geht es da noch mit einem 
gelinden Schauder ab, denn die verfügen wenigstens über 
ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige technische 
Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotations- 
betriebes wird aber aus einer festlich bewegten Volks- 
menge ein Chaos von Klecksen und aus der geistvollen 
Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Kari- 
katur eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, 
wenigstens in Deutschland, gottlob noch jede illustrierte 
Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und der bessere 
Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering 
einzuwickeln. 

In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir be- 
wußt, überhaupt keine unillustrierten Tageszeitungen 
mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, die noch auf ihren 
guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern 
schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und 
humoristische Beigaben zu bringen. In den ausdrücklich 
für den Geschmack der großen Masse bestimmten Blättern 



Ulustrationsunfug-. 153 



aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen Text 
mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe 
genannt, läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden 
Aufschriften und Bildern sogar ihren eignen Titelkopf 
verschwinden! Am oberen Rand der Zeitung lese ich in 
Riesenbuchstaben: ,,287 Menschen verkohlt", oder „Raben- 
mutter läßt sieben Kinder verhungern" , oder „Das Arnold- 
mädchen mit Liebhaber in Neapel gesehen" — wobei zu 
bemerken ist, daß ,,das Arnoldmädchen" die durch- 
gebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten Familie 
ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herze- 
leides wie öffentlich geohrfeigt vorkommen muß ! Dann 
folgen große Porträts der Rabenmutter mit den sieben 
Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen der großen 
Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als 
Baby, als Schulmädel, als junge Dame, ihrer Kitern und 
ihres Entführers. Falls der letztere nicht wirklich von 
einem Detektiv oder Reporter geknipst werden konnte, 
tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes 
natürlich auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, 
Telegramme über das gerade vorliegende Hauptereignis 
des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, Verbrechens- 
oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch 
noch die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier 
die Schauer- und Trauerfälle aus den anderen Teilen der 
Union und den anderen Weltteilen an. Jedenfalls bleibt 
als blamable Tatsache bestehen, daß alle die Nachrichten, 
die bei uns unter der Rubrik ,, Unglücksfälle und Ver- 
brechen" in möglichst knappen Notizen abgetan und nur 
von den Armen im Geiste mit lebhaftem Interesse gelesen 
werden, drüben an erster Stelle stehen und den meisten 
Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig 
gelten. Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters 



154 Die amerikanische Presse. 

und sommers, viele, viele Spalten und massenhafte Illu- 
strationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt schließlich 
jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde 
in irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine 
interessanten Züge in der Zeitung festgehalten zu sehen, 
und daß das der jugendlichen Eitelkeit schmeichelt, ist 
ja begreiflich — weniger begreiflich jedoch, daß die Nation 
es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, 
Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. 
Alle prominenten Persönlichkeiten, die gerade irgendwie 
von sich reden machen, werden fleißig interviewt und 
selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder harm- 
lose Indiskretionen aus dem L,eben der gerade im Brenn- 
punkt des Tagesinteresses stehenden Personen füllen 
zahlreiche Spalten, und Big Bill (der Präsident Taft) muß 
sich's gefallen lassen, ebenso burschikos angeulkt zu 
werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist 
trockene Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz 
der Illustration zu lassen, verfällt man auf die seltsamsten 
Auskunftsmittel. So war um die Weihnachtszeit 1910 
unter den Nachrichten aus dem Weißen Hause The Spinster 
Aunl Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, 
im Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig 
Iyebkuchen und andere Gutsein gebacken hatte; das Paket 
und einzelne Gutsein waren gleichfalls abgebildet! Die 
Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in Zeiten 
der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, 
die sie dann führt, zeichnet sich durch hahnebüchene 
Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr recht, um den Partei- 
gegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, gedanken- 
volle Iyeitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. 
Einen breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die 
bei uns „Hof und Gesellschaft" überschrieben zu sein 



Eitelkeitsmarkt. 155 



pflegt. Während aber bei uns nur die regierenden Häuser, 
der höchste Adel und ganz wenige große Persönlichkeiten 
der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit 
sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von 
dem Leben und Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamten- 
schaft, ihrer Multimillionäre und Modeberühmtheiten, 
sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, soweit 
sie ein Haus ausmachen. ,, Mister und Missis Habakuk 
J. Flips von 132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu 
Ehren ihrer Tochter Margaret Blossom, die ihr sech- 
zehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter den 

prominenten Persönlichkeiten bemerkte man usw." 

So geht es spaltenlang fort während der ganzen Saison. 
Wenn Damen aus der Gesellschaft für die Wohltätigkeit 
irgendeine Unterhaltung veranstalten, so bringt die Presse 
die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche 
Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt 
eine große Reise unternimmt, wenn seine Tochter als 
Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen erregt, oder sein 
Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, 
oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig 
Jahre alt wird — kurz und gut, der Markt der lieben Eitel- 
keit wird reich beschickt und trägt zu der fürchterlichen 
Papiervergeudung, als welche sich das ganze Preßunwesen 
darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann 
man unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln 
feiner Kenner in weit größerer Ausdehnung das alberne 
Gewäsch der Reporter finden, ebenso wie sich auch zwischen 
allen anderen Spalten unmittelbar neben dem sachver- 
ständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen 
gänzlich unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter 
des Salons und der blödeste Tratsch der Hintertreppe 
breit macht. Hat man in dem Wirrsal von Nichtigkeiten 



156 Die amerikanische Presse. 

doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen 
Artikel erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht 
froh durch die abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch 
Geschäftsreklamen zu unterbrechen. Schreibt da ein 
feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen wir sozial- 
politische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen Aus- 
führungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine 
Augen vor einem Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, 
dick und schwarz umrändert, die Reklame eines Apothekers 
für sein neues Abführmittel hinein; oder ich erbaue mich 
eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen 
Aphorismen zur I,ebenskunst, die ein witziger Kopf in 
fein geschliffener Form zum besten gibt (eine Rubrik 
hierfür befindet sich in allen besseren Zeitungen und 
scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende 
Bosheit über die Iyiebe durch das sich breit hereindrängende 
Inserat einer Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit 
der fett gedruckten Überschritt: ,, Wähle dir nie dein 
I^eichenbestattungsgeschäft aus persönlicher Freundschaft, 
denn wenn du das tust," geht es nun in kleinem Druck 
weiter, ,,so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm 
nicht die erste Qualität Leichenbestattung zukommen 
läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen eine Schulden- 
last auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil 
ein kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Be- 
gräbnisse zu liefern hat, selbstverständlich nicht so reich 
ausgestattet sein kann, wie ein großes von unserem Rang, 
und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es 
ja auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert 
ihnen zu billigerem Preise als irgendein anderes alles, 
was nur ein liebendes Herz zur Erweisung der letzten 
Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen kann. 
Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen 



Intellektueller Schlangenfraß. 15/ 

begraben lassen, wir haben Leute von allen Rassen, 
Glaubensbekenntnissen und Bruderschaften zu unserer 
Verfügung." Doppelstrich, — und dann geht es weiter im 
Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine 
Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten 
Besuch der Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen 
Leitartikel bewältigen, ohne peinlichst an meine ange- 
schoppte Leber, meine verdickte Galle oder mangelhafte 
Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich 
den harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, 
halten mir die eifrigen Verkäufer aller möglichen Waren 
fortwährend ihre Muster mit lautem Geschrei unter die 
Nase. 

Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen 
geschmacklosen Unterbrechungen nur mit den Gefühlen 
vergleichen, die das Telephon im Busen des modernen 
Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen 
Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine 
Liebesfeier hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser 
Aufmachung der Zeitung, daß der Durchschnittsamerikaner 
keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. 
Kr scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er 
widmet ihr alle seine freien Augenblicke, selbst während 
der Geschäftsstunden, und es ist für den denkenden Euro- 
päer höchst verwunderlich zu beobachten, wie Leute der 
verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied 
des Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen 
Schlangenfraß geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. 
Man traut seinen Augen nicht, wenn man einen ehr- 
würdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn beträcht- 
lichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die 
sogenannte humoristische Ecke seiner Zeitung studieren 
sieht. In dieser Abteilung erscheint nämlich, ich weiß 



158 Die amerikanische Presse. 

nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, tagtäglich eine 
Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im 
Stile unseres ,, kleinen Moritz". Die scheußlichen Fratzen, 
welche sich die amerikanischen Exzentrikkomiker des 
Varietes anzuschminken pflegen, fanden vielleicht ihre ersten 
Vorbilder in den tonangebenden Karikaturenzeichnungen 
der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel aus 
dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aus- 
sprüche verzeichnet stehen. Gewiß können auch solche 
grotesken Kindereien zur Abwechslung einmal einen 
anspruchsvolleren Menschen belustigen — die goldig 
harmlosen Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren 
Blättern tagtäglich diesen Infantilismus gefallen; Sonn- 
tags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in Buntdruck! 
Bin wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese 
kindliche Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man 
das unbegrenzte Vertrauen, das der amerikanische Leser 
in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, beobachtet. 
Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert 
an eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da 
eine prompte Auskunft auf alle erdenklichen Fragen 
erhält. Die Naivität der guten Leute geht soweit, 
daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse 
anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche 
Zeitungen haben eine eigne Abteilung für solche ver- 
traulichen Auskünfte, die manchmal in ganz ernsthaftem 
Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur 
zur ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. 
Ich schlage eine angesehene Chicagoer Zeitung auf und 
finde unter der Rubrik ,,Die Frau und ihre Interessen" 
folgende Anfrage aus dem Leserkreise : ,, Liebes Fräulein 
Libbey!" — das ist die Redaktrice dieser Abteilung — 
,, Schreiber dieses ist ein junger Mann, welcher in einer 



Kopfzeilen. 159 



Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit dem schönen 
Geschlecht hat. L,etzte Woche begegnete mir eine junge 
Dame, und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie 
machte mir aber nicht die geringsten Avancen. Mein 
Vater ist Besitzer einer Iyohnkutscherei in der Stadt, und 
ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge 
Dame von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung ge- 
fahren zu werden wünschen sollte, würden Sie mir raten, 
sie gratis mitzunehmen? C. A." 

Antwort: ,,Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts 
helfen." 

Ist das nicht rührend niedlich? 

Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen 
Tageszeitung sind die Head lines (Kopfzeilen). Die 
Redaktionen haben einen eignen Mann, welcher nichts 
zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit 
solchen auffallenden, kurz orientierenden Überschriften 
zu versehen, und dieser Mann wird gut bezahlt. Der 
europäische I^eser läuft anfangs blau an vor Wut 
über diese gräßlichen Head lines; er fühlt sich zum 
Idioten erniedrigt, weil man durch diese Überschriften, 
die jeden Artikel alle Nase lang zusammenfassend unter- 
brechen, im Grunde genommen doch nur ausdrücken 
will, daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er 
imstande sei, sich selber über den Hauptinhalt des Ge- 
lesenen klar zu werden. Er ärgert sich noch ganz besonders 
über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei Be- 
richten über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten 
zu Tagesfragen den Namen des Sprechers weg zu lassen. 
Da steht also z. B. fett und gesperrt gedruckt: „Sagt, Kali- 
frage nicht schuld" , und erst in dem in Diamant- oder gar 
Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man, 
daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin 



] 60 Die amerikanische Presse. 

handele, der die Mutmaßung zurückweise, daß seine 
Haltung in der Kalifrage die Ursache seiner Abberufung 
gebildet habe. — Bin Bericht über mein und meiner Frau 
Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispiels- 
weise überschrieben: „Tituliertes Paar produziert sich 
vor erlesener Hörerschaft". Oder ein Mordbericht ist über- 
schrieben: „Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet sodann 
Frau". Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, 
der anfangs mit knapper Not dem Schlagfluß entging 
vor Ärger über so viel Kinderei und grobe Geschmack- 
losigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, 
die Hinrichtung der Headlines zu segnen, denn sie be- 
deuten tatsächlich den Ariadnefaden, der allein einen 
durch das L,abyrinth der zu wüsten Haufen aufgetürmten 
Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe 
der Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste 
Tageszeitung in fünf Minuten zu erledigen, während man 
reichlich fünf Stunden brauchen würde, wenn man den 
ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also 
im Grunde eine ungemein menschenfreundliche Ein- 
richtung. 

Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein 
kleines Beispiel dafür anzuführen, was der Amerikaner 
unter journalistischer Smartness versteht. In St. I,ouis 
wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh morgens 
ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. 
Ich merkte sehr bald, daß der sympathische, bescheidene 
junge Mann keinen blassen Schimmer hatte, wer wir 
waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn nur der 
,, Baron" veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu über- 
fallen, ehe wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt 
abgespült hatten. Da in jenen Tagen die Aufführung von 
Richard Strauß' „Salome" in Chicago viel Staub auf- 



Ein smarter Reporter. 161 



wirbelte, und die L,eute von St. Louis mit Spannung 
darauf warteten, ob ihr Stadtoberhaupt die Aufführung 
dieses gotteslästerlichen Werkes gestatten werde, so 
brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich 
über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht 
über „Salome" auszufragen. Er stenographierte fleißig, und 
wir brachten, wie mir schien, ein ganz nettes Feuilleton 
zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner Beute ab. 
Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion 
angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen L,eute ein 
ganz blödsinniges Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch 
die überflüssige Belästigung entschuldigen und den Besuch 
eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion freundlichst 
empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser 
Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante 
junge Mann seinen Kollegen für einen Trottel erklärt 
hatte, ließ er sich ein Bild von meiner Frau geben und 
fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob 
ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurr- 
barte, was sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach 
dem Westen zu gehen beabsichtige, ob sie sich nicht vor den 
Cowboys dort fürchtete — und dergleichen weltbewegende 
Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe seines 
höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, 
und es wurde uns nachher von vielen I^euten bestätigt, 
daß das Publikum tatsächlich dergleichen platte Nichtig- 
keiten sehr gerne lese. Einige Tage später waren wir zu 
Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein 
reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und 
interessanten Frauen anmutig gemischte Gesellschaft 
und in der Gattin des Hausherrn eine hochgebildete, 
geschmackvolle und fein empfindende Dame. 

Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 11 



1(32 Die amerikanische Presse. 

schließen zu dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen 
Presse durchaus nicht immer einen Rückschluß zulasse auf 
mangelhafte Befähigung der amerikanischen Journalisten. 
Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht 
selten über eine sehr gute Bildung, über eine höchst ge- 
wandte Feder, einen schlagfertigen Witz, und es wäre 
sehr wohl möglich, mit denselben Mitarbeitern auch eine 
nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. In 
allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar 
vielfach überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung 
und besonders die Schnelligkeit in der Herstellung dieser, 
an Umfang unsere Tagesblätter meist weit übertreffenden 
Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und Weise, 
wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegen- 
heiten von Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen 
Gelegenheiten der Journalist zum Volksmanne großen Stiles, 
zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und Unter- 
drückten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hoch- 
achtung erfüllen. Ich brauche wohl nur die Namen New- 
York Herald und Henry M. Stanley zu nennen! Es be- 
tätigen sich eben im Journalismus nicht nur L,eute, ,,die 
ihren Beruf verfehlt haben/' nicht nur Klugschwätzer und 
Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies — 
weil sie wissen, daß aus einem Journalisten alles werden 
kann: ein Nordpol-Entdecker, ein Sherlok-Holmes, ein 
Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik ! Unserer 
deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß 
unter den hervorragendsten Journalisten englischer Feder 
sich auch zahlreiche deutsche Einwanderer befinden. 
Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks ist ein 
Deutscher ; in dem am Boston Transcript, einer in geistigen 
Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur 
für literarische Angelegenheiten entdeckte ich einen 



Ideale Möglichkeiten für die Zeitung. 153 

ehemaligen Wiener Feuilletonisten ; er schreibt jetzt, wie 
viele seiner I^andsleute im Journalismus und im Mehrfache, 
ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglich- 
keiten zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der 
Tagespresse so erschreckend niedrig ist, so sind daran 
in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger schuld, die 
sich an das gefährliche Goethewort halten: ,,Wer vieles 
bringt, wird manchem etwas bringen/' 

Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es 
aber vernünftigerweise überhaupt nicht geben; denn 
was das Herz eines Waschweibes erfreut, bedeutet für 
einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, 
was eine weltkluge Frau von reifem Verstände lebhaft 
interessiert, langweilt vielleicht einen aufgeweckten Iyaden- 
schwung zum Gähnen usw. usw. Eine Zeitung kann 
ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack, 
sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denk- 
vermögen ihrer I^eser, indem sie allgemein verständlich 
schreibt, ohne sich jedoch zu dem Geschmack und dem 
beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen 
herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse 
keine Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten 
gegenüber, die die Wogen des Gebens tagtäglich ans Ufer 
der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen die Funk- 
tionen der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle 
übel riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens 
desinfiziert und zum Nutzen der allgemeinen Moral 
chemisch verarbeitet. Die jämmerliche Iäebedienerei, 
welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der 
Masse gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres 
Kulturhemmnis, geschmacksverderbend und sogar demo- 
ralisierend. Daß sie, wie ich in den Ausführungen über 
öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz ihrer 

11* 



164 Die amerikanische Presse. 

indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten 
Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, ge- 
schlechtlichen Dingen gegenüber eine geradezu ängstlich 
prüde Zurückhaltung ausübt, verringert die moralischen 
Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten, 
wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichts- 
wissen um die Natürlichkeiten des Geschlechtslebens 
besteht, sondern darin, daß man seinen Mitmenschen 
gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine 
schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den 
Instinkt der Masse zum obersten Richter über die Moral 
und den gesunden Menschenverstand zum Minister der 
geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig 
zur Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem 
Mob eine etwas zu tiefe Verbeugung gemacht hat, dem 
setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet ihn in den 
Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr 
schwer, sich da wieder herauszurappeln. 

Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein 
warnendes Beispiel; anstatt daß nämlich, um die Gering- 
wertigkeit des täglichen Massenfutters auszugleichen, 
die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf 
nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistes- 
speise ausgingen, sehen wir sie vielmehr fast samt und 
sonders von dem bösen Beispiel der Tagespresse angesteckt. 
Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden Preis! 
Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, 
das absichtlich den Kreis seiner I,eser einschränkte, um 
zwanglos zu einer Gemeinde von Auserwählten sprechen 
zu dürfen. Weil der Hunger nach Sensation, durch die 
schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr bereits 
eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden 
ist, so glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- 



Sensationsartikel ernster Zeitschriften. 165 

und Monatsschriften Rechnung tragen zu müssen, wenn es 
auch nur mit einem einzigen Artikel wäre. Wenn man den 
Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern 
sie einem achselzuckend: ,,Ja, dieses einen Artikels wegen 
wird aber unsere Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, 
so schnappt uns die Konkurrenz die I^eser weg." Dieser 
eine Sensationsartikel, der zum Ärger geschmackvoller 
Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen Zeit- 
schrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz 
einer feinen, liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus 
dem Reiche des Schwindels, der literarischen Hoch- 
stapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der Rachsucht, 
vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. 
Während meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten 
brachte so eine angesehene Zeitschrift einen Artikel, in 
welchem behauptet wurde, daß in New York täglich 
etliche hunderttausend Stück faule Bier importiert 
würden, und daß sämtliche Zuckerbäcker ihre appetit- 
lichen Süßigkeiten grundsätzlich nur aus faulen Eiern 
herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem 
Rufe entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebens- 
gefährlichen Ignoranz der amerikanischen Ärzte, insonder- 
heit der Chirurgen. Da wurde als Beispiel erzählt, daß ein 
Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland unter- 
nehmen wollte und seine Patienten einem älteren, an- 
gesehenen Kollegen empfahl; darunter eine Dame, an der 
er eine Blinddarmoperation ausgeführt hatte, die aber 
neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere 
Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen 
keine andere Diagnose als Blinddarmentzündung stellen 
können. Schließlich sei der Zustand der Dame so be- 
sorgniserregend geworden, daß sie selber auf eine noch- 
malige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, 



166 Die amerikanische Presse. 

daß der Blinddarm, und zwar in scheußlicher Verfassung, 
noch vorhanden war. Als der jüngere Kollege dann zurück- 
kehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation 
erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: ,,Mein Gott, was 
habe ich dann da der Dame herausgeschnitten!?" Ich 
müßte mich sehr täuschen, wenn ich diesen Scherz nicht 
schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte; 
aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen 
medizinischen Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der 
Vereinigten Staaten mobil zu machen und einen erbitterten 
Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene tüchtige 
alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. 
Man sieht aus diesen Beispielen, daß sich der Sensations- 
gier zuliebe selbst die für die geistige Oberschicht arbeitende 
Presse kein Gewissen daraus macht, mit der Ehre des 
Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar 
der ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Ent- 
schuldigung dafür klingt freilich plausibel genug: „Was 
wollen Sie?" sagen einem die Herausgeber, ,,die Wissenden 
täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, die amüsieren 
sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel 
gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht 
alles behalten kann. Wenn also die ärgsten laugen wirk- 
lich einmal nicht einwandfrei dementiert werden sollten, 
so vergißt sie das Publikum doch sicher über der nächsten 
Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir 
stiften sollen?" 

Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den 
besonderen amerikanischen Verhältnissen der Schaden 
vielleicht geringer ist, als er bei uns in Deutschland sein 
würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige Menschen 
auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal 
kauft sich seine Zeitung und selbst seine Wochen- und 



Die deutsche Presse. 167 



Monatsschrift auf der Straße, und zwar heute die und 
morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also die 
politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen 
in demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute 
rot, morgen blau und übermorgen gelb — wenn er noch 
seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, ergibt die 
Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch 
das Weiß der reinen Wahrheit ! Die Gefahr der Verblödung 
durch die Presse ist also schließlich doch nicht so groß, 
wenigstens für den an sich schon freieren Geist. Gesetzt 
aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen 
Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur 
wenige Tausend noch auf dem kindlichen Standpunkt 
stehen sollten, alles, was gedruckt ist, für wahr zu 
halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor 
der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut 
umhin kann, die Intelligenz und den Geschmack der 
ganzen Nation nach der Presse zu beurteilen, die sie 
sich gefallen läßt. 

Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens 
ein Teil der deutschen Presse Amerikas, und besonders der 
führenden Blätter New Yorks, sich die redlichste Mühe 
gibt, sich über den Standard der englischen Presse zu 
erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, 
besonders über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere 
und zuverlässigere Berichterstattung, als selbst in der 
guten englischen Presse. Und was beispielsweise die 
New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an 
Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Quali- 
tät und Quantität von keiner unserer Zeitungen erreicht. 
Aber freilich: die große Mehrzahl der deutschen Ein- 
wanderer amerikanisiert sich überraschend schnell in 
Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen Neu- 



168 Die amerikanische Presse. 

gier, und so zwingt der Selbsterhaltungstrieb auch die 
deutschen Blätter, manchen betrüblichen Unfug mit- 
zumachen. Die Frage ist nun die : ist es überhaupt möglich, 
diesem rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem 
großen demokratischen Freistaat, in dem die Masse sich 
zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen hat? Ich 
habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche 
Tendenz jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristo- 
kratie aus sich heraus zu entwickeln. Nun, ich sehe auch 
die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege dazu. Die 
Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und 
stark genug ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. 
Eine aristokratische Kultur aber läßt sich eine kulturlose 
Presse nicht gefallen. Die gebildete Welt wird die Ameri- 
kaner erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn sie 
eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, 
den Geschmack der Masse zu vergewaltigen. 



iiiiiii 



r. 1 1 1 ■ 1 1 ■ i n ■ i ■ i ■ 1 1 ■ i 1 1 1 1 1 1 i i 1 1 ■ i i i ■ m i h i 

Von der demokratischen Gesellschaft 



C7\eutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten 
& zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können, 
von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern 
einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender 
Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in 
wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher 
und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie 
mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen 
der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Ge- 
bräuche, feuchtfröhliche Kneip winkel und traute Ge- 
mütlichkeit im Familienheim wieder gefunden und ihre 
Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber 
dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt 
schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr 
oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen 
Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen 
wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein, 
Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen 
Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten 
seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren 
demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als 
Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung, 
euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen 
Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren ge- 
schwollenen Beamten und aufdringlich neugierigen Polizei- 
organen grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten 
zu lassen. Kuer Dasein ist nach wie vor umzäunt von 
Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß 



170 Von der demokratischen Gesellschaft. 

und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht 
heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl 
von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil 
Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist 
ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die 
sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbst- 
bewußtseins erkauft werden. Hure gesellschaftlichen Ein- 
richtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends 
lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum 
angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und 
dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das 
sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahr- 
zehnte lang die Luft echter demokratischer Freiheit 
geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch 
werden kann." Und dann werden einem allerlei blamabel 
komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil 
über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Melde- 
formulare, welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft, 
sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts 
des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken 
schnauzender Beamten vor einer L,eutnantsuniform, die 
aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, 
der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin 
und her rennt und seine Lounge anstrengt wie ein Brigade- 
general, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; 
die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen 
die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Ein- 
beziehung der Frauen in diese Rangordnung, die um- 
ständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen 
gegeneinander — und was dergleichen niedliche Reliquien 
aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind. 

Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem 
Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit 



Die demokratische Freiheit. 171 

ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt. 
Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demo- 
kratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Re- 
publik wirklich so sehr viel freier ? Und ist es überhaupt 
möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen, 
eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigen- 
tums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne 
Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen be- 
schränken und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen 
Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische 
Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr 
energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr 
und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der 
Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington, 
sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten, 
jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die 
wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen 
Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, 
unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane 
verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle 
öfter als das Zwerchfell — aber ist das drüben so sehr viel 
besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitions- 
staates passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen 
das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich 
mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; 
in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf 
der Straße ausspucke, auf der New- Yorker Untergrund- 
bahn mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf 
dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen 
lasse ; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, 
riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das 
Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete, 
werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt. 



172 Von der demokratischen Gesellschaft. 

In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich 
keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleich- 
heit soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß 
auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle 
vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur 
bei langsamen L,okalzügen durchgeführt, die der ,, bessere 
Mensch" ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto 
hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich 
nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen, 
Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern 
in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem 
Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zu- 
schlag am Schalter der Pullman- Gesellschaf t und erwerbe 
mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön 
ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren 
Polstersessel zu benutzen und an den besonderen I^uxus- 
einrichtungen, wie Wasch- und Rauchkabinett, Speise- 
wagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reich- 
haltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier 
kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut 
gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu 
bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutsch- 
land zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außer- 
ordentlich prominent, daß mir auch diese Gesellschaft 
noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Be- 
griffen zu den erstklassigenMenschen, so lege ich noch ein 
paar Dollar zu und kaufe mir dafür ein Compartement, d. h. 
einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des 
großen Pullmann-Wagens, in dem ich über üppige Salon- 
möbel verfüge und nachts auch allein schlafen kann, 
während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein 
pele-mele, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang 
übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen 



Die alte Tante. 173 



Iytift abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man 
es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen 
Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht, 
für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben 
etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für 
seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz 
im Pullman- Wagen leistet, so wird er sich in der manier- 
lichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken 
darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden 
in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. 
Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem? 
Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers 
schufen sogar noch eine vierte Klasse für die L,eute mit 
der ganz schmalen Börse — die Eisenbahnkönige im Lande 
der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht 
daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegen- 
heiten einzuführen. Daß — in den Südstaaten wenigstens — 
die Neger in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im 
besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, 
echt demokratische Einrichtung. 

Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in 
der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kultur- 
mensch sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und 
wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die 
Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zu- 
sehen, welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir 
drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden, 
so stoßen wir in den meisten Fällen auf — d i e a 1 1 e Tante ! 
Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante, 
welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen 
einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden 
Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt 
und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr sauer- 



174 Von der demokratischen Gesellschaft. 

töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem un- 
sympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewal- 
tigen. Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritter- 
lichen Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so 
leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und 
beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie 
im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen 
werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche 
mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel 
wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir 
ein harmloses Glas Bier durch eine Iyüge zu erschleichen*), 
dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die 
Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künst- 
lerische Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und 
sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des 
Freistaates gegen die Hinfuhr ,, freier" Bücher verschließt 
und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, 
seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen, 
die s i e für anstößig erklärt ! Daß diese biedere Tante mit 
ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Ver- 
gnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich 
auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg 
besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche 
Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissen- 
schaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin 
beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten 
Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst 
mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten 
Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht 



*) „A drink with a wink" heißt das. In den Staaten, wo die 
Prohibition streng - durchgeführt ist, fordert man unter möglichst un- 
merklichem Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in 
einem undurchsichtigen Gefäß sein Bier, wobei die weiße Schaum- 
haube die Milch vortäuschen muß. 



Demokratischer Kastengeist. 175 

sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. 
Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper 
versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmensch- 
lich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, 
ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden 
Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Aus- 
weg, theatralische Vorstellungen unter dem Namen Sacred 
Concert zu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fort- 
fallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater 
in New York am Sonntag nachmittag ,, Madame Bonivard" , 
der französische Schwank von der alten Balletteuse, als 
geistliches Konzert gegeben ! 

Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen 
Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei 
ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter 
ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der 
Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen 
Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower" 
landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blau- 
blütigsten ostelbischen Junker neidisch machen könnte. 
Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Groß- 
eltern noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, 
da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und 
Landes ihre Kitern waren. Folglich rechnen sich Iyeute, 
deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen 
Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen 
sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nach- 
kommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen 
ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die 
Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht 
durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch 
strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises 
dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden 



176 Von der demokratischen Gesellschaft. 

kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten 
Vierhundert hineinzukommen, als an denHöfen europäischer 
Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie 
unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern 
Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um 
unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu 
machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors 
usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen 
über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie 
„Wer ist wer?" spielen drüben eine Rolle wie bei uns der 
, , Gotha* ' . Die guten alten Familien schütteln ihre Bekannt- 
schaften durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Um- 
ganges würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie 
auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres 
Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten 
Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer 
jüngerenPrinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden 
und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich 
aber die guten L,eute in den Theater- und Konzertsälen die 
Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren 
Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopf- 
löcher mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen 
und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem 
wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch 
sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere 
unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, 
so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, ab- 
gebildet und interviewt zu werden, weil das seine gesell- 
schaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republi- 
kaner scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für 
die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienver- 
hältnisse aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den 
besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen 



Raubritter hüben und drüben. 177 

ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann 
und mit wem nicht. Sie haben ihre leiste der möglichen 
Menschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen 
der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste 
und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von 
hüben und drüben ist also nicht gar so groß — nur daß 
die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich 
Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not, 
die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden. 
Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das 
Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als 
vermindert. Zum Brwerben von ungeheuren Vermögen 
gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, 
Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion 
Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft 
von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das 
Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes 
andere. Pluckyness ist heute noch ein höchstes L,ob für 
einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht 
ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese 
Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hoch- 
genuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen 
Memoiren des alten Gauners Drew*). Darin kommt eine 
köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen 
Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegen- 
heit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst 
minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst 
bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den 
letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst 
leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen 
und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor 
Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ 



*) „The Book of Daniel Drew" by Bouck White, 
v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 12 



178 Von der demokratischen Gesellschaft. 

er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren 
prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesund- 
heit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte 
ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver 
hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und 
man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung 
großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Funda- 
ment in die Höhe zu treiben ,, Walering the stock" die Herde 
wässern — denn das Wort stock bedeutet sowohl Aktie wie 
Herde. — Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees 
aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf 
machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Be- 
stätigung meiner Überzeugung, daß das Streben nach 
Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der 
gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen 
anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller 
stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minder- 
wertigen Schwächlingen abzusondern. 

Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker 
Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in 
den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei, 
die Partei hoch zu bringen, weil die L,eute keine Disziplin 
halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns 
bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs 
grimmigste — und dennoch verdankt sie einzig und allein 
diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegen- 
wart. Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Gene- 
rationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplin- 
halten erzogen ; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten 
aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin. 
Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker 
wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender 
Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder 



Soldatenwerbung. 179 



Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine 
persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die 
Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast 
noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie 
ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des 
stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom ameri- 
kanischen Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig 
verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem 
Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt 
vor nationaler Begeisterung — aber dienen will niemand, 
und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. 
Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbe- 
system festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schrei- 
enden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeres- 
dienst verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, 
im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges 
Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den 
Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner 
Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Ge- 
spräch einherwandeln ; und auf den Schmuckplätzen 
großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter 
ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen L,eute, 
die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese 
Werber müssen reden können wie die Versicherungs- 
agenten und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger 
Schwanke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu 
trinken — denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges 
tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu 
bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen 
die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische 
dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. 
Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im 
Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür 

12* 



180 Von der demokratischen Gesellschaft. 

wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch 
behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, muster- 
hafte hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für 
Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht 
von Kräften komme und bei guter Iyaune bleibe. Die 
Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten 
Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen 
Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein 
blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Wasch- 
gelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und 
wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungen- 
schaften ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste 
Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer 
eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden 
ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu 
kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei 
jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm 
an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche 
Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse 
und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weiß- 
brot. Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld 
zum Football- und Baseball- Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen 
und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußi- 
schen Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Ent- 
schlußfähigkeit des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und 
Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen. 
Daß die I^öhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns, 
ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat 
könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte 
beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform 
zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel 
bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz 
als der festeste Kür aß, denn ihre staubgraue Farbe macht 



Vom Söldnerheere. 181 



den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter 
völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte 
mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reit- 
platz habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken 
gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen, 
das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen 
hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. 
Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und — nach 
ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schatten- 
gleich, dann immer deutlicher und kompakter wieder auf 
dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus 
der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel 
von einer amerikanischen Armee unter Umständen über- 
haupt nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei. 

Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut aus- 
gebildete Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten 
Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über 
kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn 
es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst be- 
gehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die 
amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrations- 
fahrt um das Kap Hörn nach Japan unternahm, erkannte 
der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung 
entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen 
Marineministeriunis zu seinem nicht geringen Schreck 
das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere 
Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war ! Sie sind 
die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich 
alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer 
Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. 
Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken 
Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der 
Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien, 



182 Von der demokratischen Gesellschaft. 

beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen 
Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken 
und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben 
wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es 
eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus 
zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf 
einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzu- 
schließen sind. Nur angesichts eines solchen nationalen 
Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Ameri- 
kaner sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 
hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das 
Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opfer- 
willigkeit macht sich überall als Hemmnis für den Fort- 
schritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin 
aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, 
durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten 
werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen 
für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Ein- 
richtungen. 

Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten 
tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute 
noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der 
verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung 
der Gesetze und in der geringen Empfindung für die 
Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrecht- 
erhaltung der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin, 
daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie 
Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas 
weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer 
etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld 
für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn 
hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeug- 
nisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner 



Demokratische Tugenden. 183 

und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch 
drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich 
Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu 
kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkel- 
hafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten 
Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so 
mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem 
Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer 
sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an 
der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen 
Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan", zwischen 
Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die 
Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht 
sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk 
ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußt- 
sein des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern 
vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem 
Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das 
die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. 
Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste 
Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht 
und aller sonstigen I^aster geborener Philisterseelen. Jene 
beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen 
des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor 
jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene 
und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schim- 
pfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer 
dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den 
ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der 
Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse: 
Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum 
guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen 
Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur 



184 Von der demokratischen Gesellschaft. 

in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit, 
der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch 
Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, 
sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch 
der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil 
hat. So wird beispielsweise in dem L,ande, das für die 
genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis 
übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des 
Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge 
austreten oder seinen IyUiich einnehmen will, so legt er 
seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen 
eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen 
und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon, 
daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld ver- 
griff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für 
Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach 
seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der 
Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja 
noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herren- 
lose Automobile herumstehen, denn bei der Kostspielig- 
keit der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute 
einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der 
Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor 
der Kälte geschützt — und man hört selten oder nie davon, 
daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der 
Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage 
bandenweise in einen L,aden oder in einen Saloon einfallen 
und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, 
das ist fesch, würde der Wiener sagen ; aber von der Straße 
etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch, 
das tut nicht einmal der L,umpenproletarier. Der Kleine, 
der sich von dem Großen geschädigt und schlecht be- 
handelt fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter 



Neidlosigkeit. 185 



ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen 
Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht 
ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden 
um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser 
schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen 
haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen 
guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben — 
ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls ge- 
lingen, es so weit zu bringen. Warum nicht ? Die Bahn ist 
ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des 
Sozialismus drüben nicht blühen will. 

Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, 
einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Para- 
graphenreiter, Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Ein- 
faltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan 
einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung 
durchzumachen ? 



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Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht. 



£s war eine der klügsten Maßnahmen der Unions- 
begründer, daß sie in ihrer Verfassung die Trennung von 
Kirche und Staat aussprachen. Wie überall in der Welt, 
so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung 
Nordamerikas die Verquickung des religiösen Elements 
mit der Politik die übelsten Folgen gehabt. Die bischöf- 
liche Kirche Englands, die papistische wie die prote- 
stantische, hatte natürlich versucht, ihre Herrschaft auch 
auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und 
dadurch den unseligen Religionshader in die neue Welt 
verpflanzt. Die Pilgerväter, das heißt jene fanatischen 
Puritaner, die in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahr- 
hunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, 
hatten sich weit unduldsamer erwiesen als selbst die 
römische Pfaffenherrschaft in den spanischen Südstaaten. 
Sie wären am liebsten mit Inquisition und Scheiterhaufen 
gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen. 
Aber wie diese Pilgerväter über dem Psalmsingen und 
Ketzerriechen doch niemals vergaßen, ihre weltlichen 
Geschäfte als geriebene Kaufleute intensiv zu fördern, 
so ließ sich auch der vielgerühmte Common sence ihrer 
angelsächsischen Rasse selbst durch religiöse Inbrunst 
nicht völlig unterdrücken. Die stupiden Glaubensver- 
folgungen hatten tiefgehende Spaltungen, verbitterte 
Feindschaften zwischen den in dem jungen Kolonialreich 
doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen 
Zusammenhalt angewiesenen Bürgern erzeugt. Neuge- 
gründete Städte und Staaten wurden entvölkert, ab- 
trünnige Sektierer fanden großen Zulauf und gründeten 



Trennung von Staat und Kirche. 187 

neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkur- 
renten der alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als 
nun gar der kleine Freistaat Maine, der als erster völlige 
Religionsfreiheit eingeführt hatte, auffällig rasch empor- 
blühte, begannen doch auch den starren Puritanern die 
Augen aufzugehen. 

Und so kam es, daß nach der gewaltsamen Iyosreißung 
vom alten Vaterlande die Trennung von Kirche und 
Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz erhoben 
wurde. Im Artikel i des Anhangs zur Konstitution von 
1778 ist dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit 
kann tatsächlich in den Vereinigten Staaten jeder nach 
seiner Fasson selig werden. Die Staatsgewalt schreitet 
nur ein in dem Falle, daß die Grundsätze einer Religions- 
gemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Bei- 
spiel die Vielehe bei den Mormonen. Außerdem hat sie 
in weiser Voraussicht der Ansammlung übermäßigen 
Kirchensvermögen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser 
Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestan- 
tismus in unzählige Sekten, die aber keineswegs eine 
Schwächung, sondern vielmehr eine Stärkung des reli- 
giösen Iyebens bedeuten. Philosophisches und besonders 
kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzu- 
sprechen, dagegen besitzt es einen starken Hang zur 
Phantastik, ja auch Begeisterungsfähigkeit und Inbrunst. 
Das Volk ist in seiner Allgemeinheit heute noch kindlich 
denkunreif, und so erklärt es sich, daß die Bibel ihm noch 
durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natürlich aber 
liest jedes grüblerisch veranlagte Individuum aus dieser 
Offenbarung etwas anderes heraus. Und wer Beredsamkeit 
und Zähigkeit genug besitzt, vermag Anhänger um sich 
zu scharen und eine unabhängige Gemeinde zu gründen. 
Die Opferwilligkeit, die dazu gehört, eine solche Gemeinde, 



188 Wie der Yankee seine Rechnung- mit dem Himmel macht. 

Sekte oder Kirche (Denomination) aus eigenen Mitteln zu 
unterhalten, legt beredtes Zeugnis ab für die Stärke des 
religiösen Bedürfnisses. Freigeister in unserem Sinne gibt 
es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum 
selbst hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik ge- 
übt. Die Tradition hat die Bibelgläubigkeit der Vor- 
väter so lebendig erhalten, daß es heute noch, ebenso wie 
in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen An- 
standes geblieben ist, seinen Eifer für das Christentum 
irgendwie zu betätigen. Dieser Eifer aber tut sich etwas 
auf seine Freiheit zugute und nimmt daher oft die wunder- 
lichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen hält 
fest zusammen wie überall und gibt kein Titelchen von 
ihren Dogmen preis. Sie gründet ihre Macht auf das 
irische Element und erhält ständigen Zuwachs durch 
italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, 
wie sie ist, trägt sie dem in der demokratischen L,uft sehr 
bald auch bei den geistig minderwertigsten Einwanderern 
üppig ins Kraut schießenden Stolz auf die persönliche Frei- 
heit Rechnung und mischt sich nicht so aufdringlich wie 
in Europa in Privatangelegenheiten ; politisch dagegen ver- 
sucht sie mit allen möglichen Mitteln Einfluß zu gewinnen. 
Die bedeutsamste politische Verbindung der katholischen 
Irländer, die bekannte Tammany Hall im Staate New- 
York, übt offensichtlich eine große politische Macht aus. 
Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katho- 
lische Irländer in die wichtigsten Staatsstellungen zu 
bringen, in gefährlicher Weise zu betätigen, darüber gehen 
die Meinungen bei den Amerikanern selbst sehr weit aus- 
einander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, daß der 
nüchterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbürgerliches 
Wohlbefinden und seinen Geldbeutel angeht, sich von kon- 
fessionellen Quertreibereien übers Ohr hauen lassen sollte. 



Die Bischöflichen und die Unitarier. 189 

Obwohl der Grundgedanke des Christentums ent- 
schieden demokratisch ist, so ist doch in der demokratischen 
Republik gerade die Kirche der Boden, wo sich aristo- 
kratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten be- 
tätigen. Selbstverständlich wird in sämtlichen Kirchen 
und Betsälen Nordamerikas — man zählt gegenwärtig, 
wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer Quelle 
sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse — der christ- 
liche Grundsatz gepredigt, daß vor Gott alle Menschen 
gleich seien; in Wirklichkeit ist aber beispielsweise die 
bischöfliche Hochkirche nur für die Reichen und Vornehmen 
vorhanden. In ihren prächtigen Kathedralen kostet das 
Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das 
auf einen ersten Rangplatz in der großen Oper. Bin be- 
liebiger Mensch der minder gut gekleideten Klasse, dem 
es einfallen wollte, im vorübergehen in solch eine Kirche 
einzukehren, würde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz 
finden, sondern sich auch durch die entrüsteten Blicke 
der Stammgäste energisch hinausgeekelt fühlen. Die 
Geistlichen dieser Kirche sind feine Weltleute, verkehren 
in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre 
Karriere häufig ihren glänzenden Eigenschaften als Tisch- 
redner, Bridgespieler, Musikdilettanten und Tänzer. Die 
Kirche der geistigen Aristokratie, der wohl der größte 
Teil der akademischen Welt angehört, ist die Unitarian 
Church. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur 
den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend 
beibehalten. Sie treibt keinerlei Kult mit dem starren 
Bibelwort und sucht die Themen für ihre Sonntags- 
betrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen, 
vornehmlich bei ihrem berühmtesten Mitgliede Ralph 
Waldo Emerson. Den größten religiösen Eifer entfalten 
natürlich die kleineren Denominationen, deren Prediger 



190 Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht. 

oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. 
Die Berichte, die zuweilen nach Buropa dringen von 
Geistlichen, die ihre Gemeinde mit Schokolade und Ice- 
creme bewirten, vergnügte musikalisch deklamatorische 
Unterhaltungen oder schweißtreibende Leibesübungen ver- 
anstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die 
auf den Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und 
daher auch in ihrer Reklame dem Hange des amerikanischen 
Humors zu grotesker Übertreibung Rechnung tragen 
müssen. Am spaßhaftesten muß es wohl in den Neger- 
kirchen zugehen. Wer jemals eine Probe der geistlichen 
Gesänge der Nigger gehört hat, deren Eigentümlichkeit 
es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vor- 
stellung von Himmel und Hölle mit ganz modernen 
Zutaten, aus dem Bereich der Technik etwa, auszu- 
statten, der wird sich auch eine Vorstellung von der 
Weihe eines Negergottesdienstes machen können. Der 
Rhythmus afrikanischer Kriegs- und Geisterbeschwörungs- 
tänze sitzt diesem kindhaft gebliebenen Volke eben 
noch so fest in den Knochen, daß auch seine religiösen 
Gefühle bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte 
schwingen. 

Um einen Begriff von dem Ton dieser religiösen Nigger- 
poesie zu geben, habe ich versucht, einige solche Kirchen- 
lieder zu übersetzen, wobei freilich zu bedenken ist, daß 
die Eigentümlichkeiten des Negerdialektes schon darum 
jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns 
kein Negerdeutsch kennen. Eines dieser Lieder aus der 
Zeit der Sklaverei lautet folgendermaßen: ,,Jossua fit 
de battle ob de Jerico". 

Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho — so froh! 
Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho — 
und die Mauern purzeln um — glatt um! 



Die Negerkirchen. 191 



Kommt Brüder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, laßt uns eilen, 

da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen. 

Wir wählen uns zum Text — die Deutung, die liegt nah: 

„Der Herr rief : Moses, Moses ! — und der Mann sprach : Ich bin da !" 

Daniel! 
Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho, 
und die Mauern purzeln um, glatt um. 

Nu. oll' Pbaro von Ägypten — klüger war kein Mensch gebor'n — 
und er kriegt die Judenkinder 'ran zur Arbeit in sei'm Korn. 
Schließlich ließ der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht, 
daß der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen möcht'. 

O Daniel usw. 

Sollt er aber dies verweigern! — o verdammt — dann ging's ihm 
Auf Ägypten wollt er leeren kübelweise seinen Grimm. [schlimm. 

So geschah's. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert. 
Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfährt. 

O Daniel usw. 

Tolle Sachen dreht der Herrgott — und nicht nur in alter Zeit, 
nicht für Israel nur — Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit! 
Seine Liebe reicht für uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt 
mich meinem Massa, daß die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt. 

O Daniel usw. 

Besonders interessant ist es, daß, wie auch in den 
ältesten Zeiten des Volksliedes der europäischen Kultur- 
länder, das eigentlich sinnvolle Gedicht von einem Solo- 
sänger vorgetragen wird, während der Chor sich durch 
ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehr- 
reime beteiligt. In obigem Lied singt also der Chor: so 
froh — glatt um — o Daniel — und wiederholt am 
Schlüsse jedes Verses die außer Zusammenhang mit dem 
Inhalt stehenden Einleitungszeilen: ,, Josua, der schlug 
die Schlacht bei Jericho". 

Bin anderes Iyied, das in einen festen Rhythmus zu 
pressen ich mich vergeblich bemüht habe, lautet höchst 
charakteristisch : 



192 Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht. 

Der Vorsänger: 
der Gänsekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn — 
Mein Herr schreibt meine Zeit ein. 

Wie im Schwänze des Opossums, sind auf deinem Schädel auch 
alle Haare dir gezählt. Weißt du das nicht? 
Oder meinst du, daß der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht 
von 'nem Walfisch unterscheiden sollte können?" 

Chor: 
Sündige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen, 
denn mein Herrgott schreibt es ein. 

Vorsänger : 
Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht — 
mein Herrgott schreibt meine Zeit ein. 

Du erwarte nicht vom Nachbar, daß er deiner Seele durchhilft, 
deine Sünden müssen braten wie die Hühnchen auf dem Hofe. 

Chor: 
Also sündige lieber nicht usw. 

In einem anderen L,iede wird den armen Sündern an- 
geraten, sich ja rechtzeitig einen guten Platz in dem Auto- 
bus nach dem Himmel zu belegen, denn der Andrang sei 
gerade in diesen Tagen enorm. 

Es wäre aber ein großer Irrtum, anzunehmen, daß 
die groteske Form dieser religiösen Gesänge nur der I,ust 
der Nigger an kindischer Spaßmacherei zuzuschreiben 
sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und 
werden von den weniger kultivierten Schwarzen auch 
heutige st ags noch nicht als komisch empfunden. Die 
meisten und eigenartigsten dieser Iyieder stammen ja 
aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verängstigter 
Seelen in armen gequälten L,eibern. Und die religiöse 
Inbrunst, die aus ihnen spricht, ist mindestens ebenso 
echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie. Übrigens stellen 
diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar, 
was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie 
hervorgebracht haben, sowie auch die Negermusik die 



Die Heilsarmee. 193 



einzige originelle musikalische Neubildung auf amerika- 
nischem Boden bedeutet. 

Das weiße Gegenstück zu der halbwilden Gottes- 
trunkenheit der Schwarzen ist die Heilsarmee, die Kirche 
der Aller ärmsten und Untersten. Zeichnen sich ihre Kult- 
formen schon in Europa nicht gerade durch guten Ge- 
schmack aus, so erreicht diese Geschmacklosigkeit in 
Amerika schon geradezu kannibalische Dimensionen. Die 
Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und ver- 
fügen oft sogar über sehr gute Singstimmen und geschickte 
Instrument alisten. Außerdem paßt der rasche Rhythmus 
ihrer geistlichen Gesänge, die Vorliebe für die alttestamen- 
tarische liegende und die phantastische Ausmalung von 
Himmel und Hölle vortrefflich zu ihren schwarzen, wüsten 
Gesichtern mit den sanften schwärmerischen Augen. 
Wenn aber weiße Menschen unter einem nördlichen 
Himmelsstrich ihre religiösen Gefühle in der Form einer 
mehr als barbarischen Musikübung mit grauenhaftem 
Gesang und mißtönender Pauken- und Trompeten- 
begleitung auf offener Straße ausüben und sich in ihren 
Predigten wie ihren Gesängen eines Jargons bedienen, 
der weder für den hohen Schwung der alttestamentlichen 
Sprache noch für die schlichte Tiefe der evangelischen 
Darstellung das geringste Verständnis besitzt, so muß 
einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. 
Kein sozial fühlender Mensch wird dem idealen Zweck 
der Heilsarmee seine Hochachtung versagen ; sie allein von 
allen religiösen Gemeinschaften hat es vermocht, den natür- 
lichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen 
Verkommenheit, dem stinkenden I^aster und dem 
jämmerlichsten Elend zu überwinden; sie allein wagt 
sich mutig unter den Auswurf der Menschheit und ringt 
sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten ; 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 13 



194 Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht. 

sie speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten 
ab, sondern sie gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft 
so manchem schon gänzlich Verzweifelten, von der Ge- 
sellschaft völlig aufgegebenen doch noch zu einem 
menschenwürdigen Dasein. Der große Erfolg, den sie 
auf der ganzen christlichen Erde aufzuweisen hat, be- 
weist, daß sie sich auf die Psychologie jener alleruntersten 
Schichten, auf die sie es abgesehen hat, versteht, und daß 
die sinnfälligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer Propaganda 
anwendet, die richtigen sind. 

Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kulti- 
vierten Menschenfreund so grausam ins Herz schneidet. 
So weit haben wir es also mit unserer gepriesenen Zivili- 
sation, mit unserer Religion der L,iebe, mit unserer Auf- 
klärung durch die Schule und unserer bewundernswürdigen 
sozialen Hilfsarbeit gebracht, daß in unseren prunkenden 
Weltstädten überall noch Tausende und aber Tausende 
von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit fratzen- 
haftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeits- 
vorstellungen beizukommen ist! In den Vereinigten 
Staaten leistet zudem die organisierte Wohltätigkeit 
vielleicht mehr als in irgendeinem I^ande der alten Welt. 
Die Legal Aid Society zum Beispiel gewährt den Ärmsten 
und Unwissendsten unentgeltlichen Rechtsbeistand; die 
Bemühungen um die Besserung erblich belasteter Ver- 
brechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener 
gegen das Zurückgleiten in ihr früheres lieben haben 
großartige Erfolge aufzuweisen und zeugen von tiefer 
Menschenkenntnis und echter Menschenliebe — und 
dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer scheuß- 
lichen Bum-Bum- Reklame gerade dort noch so viel zu tun! 

Wenn man die Verbreitung und die laute Betätigung 
der Heilsarmee als Maßstab für die Gesittung eines Volkes 



Bankrott des Materialismus. 195 

annimmt, so müßte in dieser Beziehung das Volk der 
Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Völkern stehen. 
Ich meine aber, daß dieser Maßstab doch vielleicht zu 
einem ungerechten Urteil verführt : nicht im Volkscharakter 
als solchem liegt wohl die größere sittliche Verkommenheit, 
sondern diese ist nur eine Folgeerscheinung des unerhört 
raschen Emporschießens einer rein technischen Zivilisation 
und des dadurch geförderten unnatürlichen raschen 
Wachstums der Städte. In der kleinen Iyandgemeinde 
findet einer am andern Halt, und die unmittelbare Be- 
rührung mit der erhabenen Natur, mit der zu Nachdenken 
und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem 
Ärmsten edle Freuden — Seelenfrieden wenigstens — , 
während in der Großstadt alle diese idealen Güter nur 
für die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen 
verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere 
Ruhe und wird so fast unausweichlich in einen krassen 
Materialismus hineingetrieben. Je mehr sich Riesen- 
vermögen in den Händen weniger zusammenfinden, 
je mehr eine glänzende Luxuskultur sich in der Öffentlich- 
keit breit macht, desto sicherer verfällt der Besitzlose und 
dabei geistig Unkultivierte der Verrohung. Es ist das eine 
Tatsache, die ein vernichtendes Urteil über den Kultur- 
wert des technischen Fortschrittes in sich schließt. Die 
Arbeiter, die in steter Berührung mit den erstaunlichsten 
Erfindungen des Menschengeistes sind, die ihnen die 
Bändigung der Naturkräfte durch unseren Verstand und 
die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen Organis- 
mus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtäglich 
vor Augen führen, gewinnen von diesem Umgang weder 
für ihre Verstandesbildung noch für die Bereicherung 
ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was allenfalls 
dabei herausspringen kann, wäre für gut veranlagte Köpfe 

13* 



196 Wie der Vankee seine Rechnung mit dem Himmel macht. 

der Anreiz zu erfinderischer Kigenbetätigung. Eben- 
sowenig wird der Herr der Maschine, der Arbeitgeber, 
dem sie Reichtum und folglich auch Macht, Behagen und 
IyUxus schafft, von allen diesen schönen Dingen eine 
seelische Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer 
Kultur, das heißt also an Idealismus, an einem zeitig 
geweckten ästhetischen und ethischen Gewissen fehlt. 

Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich 
durch die Radauversammlungen der Heilsarmee zur Buß- 
bank locken läßt, legt also im Grunde ebenso beredtes 
Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen Zivilisation 
ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und reputier- 
liche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religiös 
drapierten Hokuspokus raffinierter Spekulanten und 
Agitatoren einfangen läßt. 

Von der öffentlichen Katzenmusik der mit der großen 
Trommel begleiteten Bußpredigten, von dem rotge- 
strichenen Bettel topf am eisernen Dreifuß, vor dem die 
wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle 
unablässig in Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen 
Marmorkathedralen mit vergoldeten Kuppeln, welche 
die Christian Science in Boston, Providence und vielen 
anderen Großstädten des Ostens errichtet hat, scheint 
es ein weiter Weg — und ist doch nur ein Katzensprung! 
Wir Europäer sehen die durch Misses Mary Baker G. Eddy 
hervorgerufene religiöse Bewegung als eine geistige Epi- 
demie an, welcher religiös veranlagte, aber denkunfähige 
Geister deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine 
Wiederherstellung urchristlicher Inbrunst mit magischer 
Wirkung erblicken. Wir zucken gleichmütig die Achseln 
über diese sogenannte christliche Wissenschaft und ver- 
weisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen 
moderner Hysterie. 



Die Kirche der Gesundbeter. 197 

Der „American Encyclopedie Dictionary" definiert 
die Grundlage dieser Wissenschaft folgendermaßen: „Die 
Christian Science lehrt die Wirklichkeit und Allgegen- 
wart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der 
Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des 
Weltalls, die Allmacht des Guten und die Unmacht des 
Übels. Christian Science will die Wahrheit der ursprüng- 
lichen Iyehre Christi wiederherstellen. In der Wahrheit 
erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; 
Krankheit ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der 
Sünde. Bekämpfe also Sünde und Irrtum, so bekämpfst 
du Krankheit und Tod." — Christlich kann man diese 
Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philo- 
sophische Begründung ist keineswegs auf Misses Bddys 
eigenem Geistesboden gewachsen. Das Neue und für 
die große Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende 
an dieser Lehre besteht darin, daß sie Christus zum 
Magier macht und die magischen Kräfte seiner Gläubigen 
durch inbrünstige Gebetsübungen dermaßen stärken zu 
können vorgibt, daß auch die Wunder zu wirken imstande 
sind, vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der prak- 
tische Nutzen der neuen Religion ist also der, daß sie an 
die Stelle von Doktor und Apotheker die Autosuggestion 
als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt 
ist erfüllt von Übeln und Schrecknissen aller Art, von 
Sorgen, Kummer, Not und Tod; der Gläubige aber be- 
hauptet, alle diese Dinge existierten nur in der Einbildung 
der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich 
durch seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; 
sie zwingen ihren Willen, nicht mehr sehen zu wollen. 
Und wenn sie es glücklich zur vollendeten Blindheit ge- 
bracht haben, dann existieren allerdings weder Schmerzen 
noch Tod mehr. Man begreift, daß eine solche Lehre in 



198 Wie der Yankee seine Rechnung- mit dem Himmel macht. 

Amerika, wo es so wenig philosophisch geschulte Köpfe 
gibt, ihr Glück machen mußte. Derselbe Optimismus 
des jugendlichen Volkes, der alles von ihm Hervorgebrachte 
für vortrefflich hält, derselbe glückliche Leichtsinn, der 
die schwierigsten Fragen dadurch löst, daß er einfach 
behauptet, sie existierten nicht (wie wir es zum Beispiel 
bei der Frage der Prostitution gesehen haben), dieselbe 
Leichtgläubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten, Somnam- 
bulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben 
auch der Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hundert- 
tausende von Gläubigen in ihre Kirche gezaubert. Das 
eigentliche Genie dieser merkwürdigen Frau liegt viel mehr 
in der praktischen als in der philosophischen Richtung. 
Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der 
praktische Erfolg. Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen 
so ungeheure Geldsummen aus der Tasche zu locken und 
mit ihrer Hilfe eine festgefügte Organisation zu schaffen 
versteht, der muß ein erwähltes Werkzeug Gottes sein. 
Bs will uns Europäern schier unfaßlich dünken, daß 
im zwanzigsten Jahrhundert unter dem angeblich nüch- 
ternsten aller Völker eine Frau zur Gründerin einer neuen 
mächtigen Kirche und von ihren Gläubigen für heilig, 
unfehlbar, ja selbst unsterblich erklärt werden konnte! 
Misses Baker Eddy war bekanntlich schon zu ihren Leb- 
zeiten zur sagenhaften Persönlichkeit geworden. Man 
wollte wissen, daß sie schon seit Jahren tot sei, und daß 
in ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren 
werde, um ihre Anhänger nicht in ihrem Glauben an die 
physische Unsterblichkeit ihrer Päpstin irre werden zu 
lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch 
ganz wirklich gestorben und begraben worden, und die 
Ärzte wußten ganz genau den Charakter ihrer Krankheit 
und die unmittelbare Todesursache anzugeben. Man 



Der Tod der Päpstin. 199 



hätte nun meinen sollen, daß mit diesem unzweifelhaften 
leiblichen Tode der magische Nymbus zerstört worden sei, 
der die Person der Päpstin außerhalb der Menschheit in 
die Reihe der Götter stellte. Aber das war keineswegs 
der Fall; denn alsbald nach ihrem Begräbnis verkündete 
eine ihrer vertrautesten Jüngerinnen, sie könne den 
Gläubigen mit Bestimmtheit versichern, daß nur eine 
verbrauchte materielle Erscheinungsform der Misses Baker 
Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter 
Iyeiblichkeit, vermutlich verjüngt, vielleicht schon in 
vierzehn Tagen wieder auf Erden wandeln. Vorsichtiger- 
weise setzte die Dame allerdings hinzu, es könnte eventuell 
auch länger dauern, vielleicht Jahre, viele, viele Jahre 
lang. 

Die Christian -Science- Kirche ist nicht mit ihrer Grün- 
derin gestorben; sie hat sogar, bisher wenigstens, den 
starken Erschütterungen ihres Ansehens standgehalten, 
denen sie durch den höchst unerquicklichen Zank der 
Auserwähltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung 
ihres verwaisten päpstlichen Stuhles und die Aufteilung 
ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt war. Für uns Euro- 
päer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur 
eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit be- 
deuten. In den Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu 
gefährlich, über diesen Gegenstand, selbst in gut gesiebter 
Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu äußern. In der 
gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer Gesell- 
schaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten 
und sonstigen geistig hervorragenden Herren bestand, 
war ich auf dem besten Wege, mich für ewige Zeiten un- 
möglich zu machen, indem ich das Thema von der Christian 
Science anschlug. Durch Augen winken und bedeutungs- 
volles Räuspern brachten mich glücklicherweise einige 



200 Wie der Yankee seine Rechnung- mit dem Himmel macht. 

wohlmeinende Mitmenschen zum rechtzeitigen Schweigen. 
Und hinterher erfuhr ich, daß mein Nachbar zur lenken 
und der bedeutende Herr vis-a-vis tiberzeugte Anhänger 
der Misses Eddy seien. 

Wie außerordentlich verhängnisvoll dieser sonderbare 
Fanatismus auch für die privaten menschlichen Be- 
ziehungen sein kann, dafür wurde mir ein Beispiel aus 
dem Bekanntenkreise eines Freundes erzählt. Ein ge- 
scheiter und tüchtiger Geschäftsmann hatte eine recht 
wohlhabende Frau geheiratet und führte eine durchaus 
glückliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der Gesundbeter 
geriet. Von da an ließ er das Arbeiten bleiben und be- 
schäftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der 
eigenen Familie. Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau 
zu sich herüberzuziehen. Die Nichtexistenz der Materie 
mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte er sich so 
aus, daß nunmehr auch der Herr für die Bezahlung der 
laufenden Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz 
eifrig betriebener Gebetsübungen merkwürdigerweise nicht 
der Fall war, so mußte seine Gattin immer mehr und mehr 
von ihrem Kapital flüssig machen, bis sie eines Tages die 
Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz 
der Materie dadurch klar machte, daß sie ihm ein Schei- 
dungsurteil vorlegte und mit Sack und Pack sein Haus 
verließ. 

Wir würden den Yankees schwer unrecht tun mit der 
Annahme, daß nur in ihrem I^ande heutzutage noch ein 
günstiger Boden für ausgiebigen Gimpelfang auf religiösem 
Gebiet zu finden wäre. Christian Science zum Beispiel 
hat auch in Deutschland zahlreiche Anhänger, und zwar 
vornehmlich in jenen erlauchten Kreisen, die auf die 
,, Kreuzzeitung" abonniert zu sein pflegen. In meinen 
Händen befinden sich zwei traurige Beweisstücke für die 



Christian Science in Europa. 201 

engen Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem 
Schwindel und deutscher Strammgläubigkeit. Annoncierte 
da in den gelesensten Blättern der ganzen Welt ein Mister 
G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepot- 
nummer 1106: ,, Woher stammt diese wunderbare Gewalt!" 
Das ganze L,and ist erstaunt über die wunderbaren Taten, 
die Herr Mann vollbringt! 

Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflößt. 
Ärzte und Prediger erzählen staunend von der Einfachheit, 
mit der dieser moderne Wundertäter Blinde und L,ahme 
mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen 
des Todes entreißt. Seine Ratschläge sind unentgeltlich 
für alle. Dieser Herr entbietet sich, seine Ratschläge 
unentgeltlich zu geben. Ärzte suchen seine außerordent- 
liche Kraft zu ergründen ..." 

Und in diesem scheußlichen Reklamestil geht es zwei 
Spalten lang fort. Zahlreiche Heilerfolge werden mit 
Namensnennung angegeben, und zum Schlüsse stellt sich 
Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von ihm 
erfundenen Radiopathie vor. ,,Die Radiopathie hilft nicht 
nur bei gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie 
nützt gegen alle Krankheiten, wenn die verschiedenen, 
magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer Formel 
präpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. 
Wenn Sie krank sind, es ist einerlei, an welcher Krank- 
heit Sie leiden, schreiben Sie Herrn Mann, beschreiben 
Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange Sie krank 
sind, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen 
die Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein 
Verfahren zu beschreiben, das Ihnen nützen wird. Dieses 
kostet Sie absolut nichts, und Herr Mann wird Ihnen dazu 
ein Exemplar des wunderbaren Buches: ,Wie man sich 
selbst und anderen helfen kann' mitschicken usw." 



202 Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht. 

Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Für das 
Postfach 1106 in Rochester liefen aus allen Teilen der 
Welt die Briefe zu Hunderten und Tausenden ein, und 
die Heilsuchenden, natürlich lauter arme, verzweifelte, 
schmerzensreiche, meist von den Ärzten aufgegebene 
Menschen, erhielten ein gedrucktes Schreiben, welches 
ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie aufforderte, 
10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofür 
ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, 
natürlich eine völlig wertlose Droge, zugehen würden. 
Die hochwichtige Broschüre voll angeblich wissenschaft- 
lichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis bei- 
gepackt. Und siehe da, Tausende und aber Tausende 
ließen sich den letzten Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten 
und machten Herrn G. A. Mann zu einem schwerreichen 
Mann. Selbstverständlich ist er in Wirklichkeit weder 
Dr. med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener 
amerikanischer Schwindler mit den eigenartigen Ehr- 
begriffen dieser interessanten Menschensorte. Um seinen 
guten Freunden auch einen Spaß zu machen, ließ er zu- 
weilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kunden- 
kreis photochemisch vervielfältigen. Und durch den- 
selben wackeren Deutschen, der diesem niederträchtigen 
Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden mir 
zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preußische 
Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison 
dem Herrn Professor der Radiopathie in Rochester Ge- 
ständnisse ablegen, wie man sie selbst seinem Hausarzt 
und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande höchster 
Verzweiflung ablegen dürfte. 

Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen 
Spaß daraus, diese traurigen Intimitäten seinen guten 
Freunden zu verraten! Angeblich soll dieser gemein- 



Aberglaube, Kirchenwahl. 203 

gefährliche Schwindler übrigens sein Unwesen heute noch 
von Paris aus fröhlich weiter betreiben. Charakteristisch 
ist es nun, daß die erwähnten, sozial so hoch stehenden 
Briefschreiber alle beide Herrn Mann gestehen, sie hätten 
es unter anderem auch schon mit der Christian Science 
versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. 
Auch wir Europäer sind noch längst nicht über den Berg 
des Aberglaubens hinweg ; der religiöse wie der medizinische 
Schwindel kommen auf beiden Seiten des Ozeans noch 
auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden 
sie ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehörigen aller 
Bekenntnisse, aller Gesellschafts- und Bildungsstufen. 
Wie weit sind wir nun im Grunde abgerückt von dem 
Glauben der Wilden an die Zauberkraft der Beschwörungs- 
tänze ihrer Medizinmänner ? Dunkle Brd teile gibt es nicht 
mehr, aber in den finsteren Höhlen der Menschenseele 
kann der unerschrockene Entdecker noch genug Fossilien 
aus dunkelster Vorzeit finden. 

Bei der völligen Gewissensfreiheit, welche die Ver- 
fassung der Vereinigten Staaten gewährleistet, und der 
großen Anzahl der Bekenntnisse, die der heilsuchenden 
Seele zur Verfügung stehen, braucht die Wahl der Religions- 
gemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschließen 
will, von keinen anderen als rein idealen Erwägungen 
geleitet zu werden; begreiflicherweise spielen aber den- 
nochNützlichkeitsgründe, allerlei komische oder betrübliche 
Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine bedeutende 
Rolle. Alle Leute, die nicht selbständig denken gelernt 
haben, und deren Zahl ist in Amerika besonders groß, 
sowie alle L,eute, die nicht von einer besonderen religiösen 
Inbrunst erfaßt sind, werden entweder einfach dem Be- 
kenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Ge- 
meinde anschließen, durch die sie wertvolle geschäftliche 



204 Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht. 

und gesellschaftliche Verbindungen zu erwarten haben. 
Da es in dem demokratischen Staat offiziell keine Rang- 
einteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede gibt, 
der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, daß sich 
immer gleich zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, 
Schranken zwischen sich und der Außenwelt zu errichten, 
so kommen die Religionsgesellschaften der natürlichen 
Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine 
dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- 
und Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstück 
zu den Klubs, die aber nur den Wohlhabenden zugänglich 
sind und die Familie ausschließen. Der selbständige 
junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert 
verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfügung 
stehen, diejenigen aussuchen, in der er auschließlich seines- 
gleichen in bezug auf Bildung, gesellschaftliche Stellung, 
Lebenshaltung und allgemeine Interessen findet. 

Es ist klar, daß der religiösen Heuchelei, dem Drucker- 
und Muckertum durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub 
geleistet wird. Wenn auch die Respektablität es erfordert, 
daß man einer christlichen Gemeinschaft angehöre, so 
erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa 
eines frommen Quäkers Sohn zu den Methodisten über- 
tritt oder die Tochter des Presbyterianers sich den Bap- 
tisten anschließt. Religiöse Überzeugung wird unter 
allen Umständen geachtet, auch wenn sie äußerlich wunder- 
liche Formen annimmt. Und so fährt schließlich das echte 
religiöse Bedürfnis bei dieser Zersplitterung doch noch 
am besten. Und die Geistlichen gar dürften in keinem 
I,ande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden er- 
leben, wie in den Vereinigten Staaten, weil ja bei der 
völligen Freiheit der Meinungsäußerung jeder Geistliche 
in seiner Person gewissermaßen eine eigene Kirche dar- 



Eine konfessionelle Christenkirche. 205 

stellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm 
seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch 
lange nicht deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter 
Seelenfänger, so mietet er sich eben einfach anderswo ein 
Lokal und versucht neue Menschen hineinzupredigen. 
Hat er deren ein Häuflein beisammen, so ist seine Ich- 
Kirche wieder lebendig. Der unfähige Geistliche, dessen 
Persönlichkeit der suggestiven Kraft ermangelt, wird 
dagegen mit Recht unter das Proletariat derjenigen un- 
brauchbaren Menschen hinabgleiten, die da brotlose 
Künste treiben. 

Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden 
Ivichtbilde schließen. Auf dem Campus der Cornell- 
University in Ithaka im Staate New York erhebt sich 
ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, 
dem feinsinnigen Gelehrten und allverehrten früheren 
amerikanischen Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. 
Das Innere zeigt eine wundervolle Holzarchitektur in 
Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedämpfte 
Farbenharmonie faßt die weitgeschwungene bunte Decke 
mit dem dunkelbraunen Holzton des Gestühls mild zu- 
sammen, und die farbigen Fenster dämpfen das Laicht, 
ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in 
mystischer Dämmerung zu ersticken. Kein Altar, keine 
blutigen Kruzifixe oder Marterdarstellungen, überhaupt 
keine biblischen Schildereien finden sich in diesem, ich 
möchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine 
einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In 
einer Seitenkapelle, die dem Charlottenburger Mausoleum 
einigermaßen ähnlich ist, ruhen in herrlichen Marmor- 
sarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhändlers 
Cornell, der seinen Namen durch die Gründung dieser, 
zu den allervornehmsten zählenden Universitäten un- 



206 Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht. 

sterblich machte. Hier ruht auch die erste Gemahlin 
Dr. Whites, und hier wird er selber seine Ruhestätte finden. 
Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet, 
sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel 
steht jedem berufenen Redner offen, dessen Denken 
und religiöses Fühlen sich irgendwie unter dem Einfluß 
christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also 
hier allsonntäglich abwechselnd eingeladene Vertreter 
aller erdenklichen Bekenntnisse, sowie auch außerhalb 
alles Kirchentums stehende bedeutende Denker und 
Redner. 

Ist es nicht bezeichnend, daß die bisher einzige Absage, 
die Dr. Andrew D. White auf seine Einladungsschreiben 
erhielt, von katholischer Seite kam? Allerdings hätten 
sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger 
gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer 
freien, Wahrheit suchenden Gemeinde geredet hätten — 
Rom aber sprach: ,,Quod non!" 



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2)ie leandschaff. 



Schließlich sieht es doch nicht tiberall in den Vereinigten 
j& Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz 
und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reiz- 
los platten Ackerbaugegend und des Schönheit morden- 
den Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen 
Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht 
durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen- 
und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis 
zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, 
um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die 
Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New 
York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist, 
liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen 
den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. 
Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence, 
glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die 
liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen 
Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und 
Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen 
Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer 
oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf 
der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in 
den Alleghanies und vollends im Adirondak- Gebiete 
mit seinem L,ake George, sowie in dem nordwestlichen 
Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake 
Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, 
des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist 
so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten, 



208 Die Landschaft. 



heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein from- 
mer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, 
Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und 
Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der 
europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit 
froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit 
Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn — es 
fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung. 
,,0 lieber Herrgott, wie gut hast du's gemeint! Pfui 
Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der 
Natur verstanden!" Das ist das Stoßgebet, das sich 
überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten 
ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die 
Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die 
Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft ange- 
paßten, von Gau zu Gau wechselnden Charakter ange- 
nommen; überall dasselbe tödliche Einerlei plattester 
Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwe- 
dischen Granit in mächtigen Brocken, die tiefeinge- 
schnittenen Meeresbuchten und hie und da sogar ein 
Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten 
Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, bunt- 
bemalten Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber 
aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken 
und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende 
Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den 
Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu 
passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen, 
fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo 
ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige 
Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck 
machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre ? Wo sind 
in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen 



Sommerfrischen. 209 



Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser 
an der Bandstraße, die verräucherten alten Räubernester 
italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten 
unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alle- 
dem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, 
da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall, 
wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern 
dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen 
Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel 
in gebührender Entfernung halten. Für die reichen 
Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-, 
Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen 
neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit 
eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream 
und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren 
selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten 
Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum 
besten geben und den auf die Grammophonplatte ge- 
bannten Caruso begleiten. 

Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu 
wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach 
einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit 
der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns 
sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräusch- 
vollen internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er 
von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals 
eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen, 
an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner f ashio- 
nablen Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und 
neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten 
Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter 
jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es 
freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 14 



210 Dte Landschaft. 



Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten, 
als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugäng- 
licher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes 
Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Ein- 
geborenen im Nationalkostüm oder das mitgenommene 
süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Aller- 
dings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern 
begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend 
und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekord- 
brechen entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe 
Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu 
vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der 
am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme 
innige Naturschwärmerei, die den großen Menschen- 
ansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus 
dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durch- 
schnittsamerikaner gilt für schön, was ihm durch Dimension 
oder Quantität imponiert und — was viel gekostet hat. 
Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräß- 
lichen Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an 
den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit 
machen und einem im Iyaufe einer Fahrt von einigen 
Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, 
etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen 
rotbunten Ochsen entgegenschreit, daß Durham Bull der 
beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst 
irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man 
ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen 
berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er : Wem die 
nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem 
der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in 
die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem 
Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter 



Kostspielige Ausrüstung des Touristen. 211 

den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr be- 
liebte ,, camping out". Aber auch dieses Vergnügen des 
Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohl- 
habende Leute leisten können, denn es versteht sich von 
selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde 
Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Trans- 
portmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr, 
Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit 
den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete aus- 
gerüstet zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt 
es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht 
einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt 
man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit 
nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, 
das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wande- 
rungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein außer- 
ordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, 
geographische und ethnographische, naturwissenschaft- 
liche und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung. 
Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem 
historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der 
Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht, 
sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene, 
Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerumpel. 

Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten 
Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt 
gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort um- 
sonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum 
Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges 
Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern 
flattern zu lassen ! (Sie machen solche bewegten elektrischen 
Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier 
giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen 

14* 



212 Die Landschaft 



Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie 
würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite 
einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegten 
Union Jack zu hissen. Und damit wäre sozusagen das 
Bis gebrochen : in wenigen Wochen würde der strahlende 
Ochse Durham das L/ob des besten Rauch-, Kau- und 
Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen; 
über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden 
in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, 
die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen 
und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Natur- 
freund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu be- 
greifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Baby- 
wäsche diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, 
da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hoch- 
zeitsreise nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen. 
Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demo- 
kraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schänd- 
lich unterbunden haben müssen ; anders ist dieser geradezu 
barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären, 
daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen 
konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den mensch- 
lichen Geschäfts- und Erfindungsgeist ! Nur der dekadente 
Europäer kann so etwas schön finden! 

Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter 
Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere 
Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall 
bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Natur- 
schauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung 
gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft, 
durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner ge- 
waltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen 
trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirts- 



Die Niagarafälle. 



häusern ! Wie sind auf dem Wege nach Raufen die Kraft- 
werke und Aluminiumfabriken — denn auch hier ist der 
Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur 
aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen — , wie 
sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Da- 
gegen dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen 
Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen 
Nest Niagara-Falls- City die trostloseste Einöde am Gestade 
des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, 
der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man 
überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Öd- 
land. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem 
schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen 
Rinnsalen. Iyange, trübe Straßenzüge mit garstigen 
Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den 
Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit 
klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammo- 
phons muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen 
Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle an- 
gelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren 
dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in 
Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senk- 
rechten Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der 
Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen 
aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch 
nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar 
lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein, 
denen ihre Kraft dienstbar geworden ist , denn im 
Winter , als ich sie sah , waren alle diese Abflüsse zu 
Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über 
dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön 
Chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die 
großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den ge- 



214 Die Landschaft. 



waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im 
Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar 
funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde 
phantastische Schneewachten und Eisgebilde die unge- 
heuren donnernden und dampfenden Wasserschleier ein- 
rahmen. I^eider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück 
gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet 
eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen, 
und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher 
als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt 
nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, 
sagen wir mal : die biedere Warthe in irgendeinem preußi- 
schen Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40 
bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hundert- 
tausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um ent- 
rüstet aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber 
darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne 
sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen. 

Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit 
keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst 
für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu 
machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein 
war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu ver- 
teidigen hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten 
für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die 
sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr 
zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht 
eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige 
Milliarden und stellt L,andschaftsregisseure mit unbe- 
schränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe 
sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß 
mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem 
langen, gewundenen I^auf von New York bis Albany schlägt 



Der Hudsonstil. 215 



er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn 
und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und 
Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und 
Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten 
Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm 
die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks 
geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so 
stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das 
eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den 
berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen 
und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen. 
Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, 
das ganze städtische und dörfliche charakterlose Ge- 
rumpel, das die Ufer des Flusses verschimpfiert, nieder- 
zureißen und durch Neubauten im Stil des Hudson- 
tales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre 
mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein 
die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der 
Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß 
eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen 
anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michigan- 
leute. Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten 
Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von 
ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen 
es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben 
sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch 
nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend nieder- 
gelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, 
um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch 
deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Land- 
schaft späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert 
worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist 
immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten 



216 Die Landschaft. 



gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der 
Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu 
getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild 
gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. 
Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, 
daß der Wille einzelner Überragender sich den Herden- 
menschen aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren 
Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt 
und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten 
sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann 
aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte 
mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die 
Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, 
und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konser- 
vatives Philisterium gezüchtet werden, damit kein indivi- 
dualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung 
störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage 
noch in einer großen demokratischen Republik nach- 
ahmen könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen 
wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten 
Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen 
Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes 
geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze er- 
lassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, 
ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen 
Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen 
streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien 
Bürger des Staates New York das gefallen lassen ? Schwer- 
lich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn 
spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf 
den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künst- 
liche Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen 
oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur 



Der Landschaftsregisseur. 217 

vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich 
niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flug- 
schiffstationen und auf den Turnierplätzen Hangars für 
Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudson- 
leute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders 
garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle 
manchen häßlichen Gerumpels reiche Mitbürger ihre 
Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen 
und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird 
man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten 
Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser, 
russische Datschen und Darmstädter Eigenheime be- 
wundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich 
von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich ent- 
wickeln. Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine 
für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten 
alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und 
wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mit- 
wirkung wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem 
Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die 
instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen 
durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, 
die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, 
schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen 
Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich 
niemals bestanden; der Künstler, den man zum I^and- 
schaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern 
und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden impor- 
tieren und schmackhaft machen, aber keinen Stil auf- 
zwingen könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen 
Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die 
Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber 
sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden 



218 Die Landschaft. 



Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen L,eute. 
Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern 
glaube vielmehr, daß sich auch im L,aufe vieler Jahr- 
hunderte der große Unterschied zwischen der alten Welt 
als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem 
Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende 
allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen 
Fortschrittstempo nicht einzuholen. 

So müßte ich also meinen Antrag, L,andschaftsregisseure 
für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos 
fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten 
Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen 
ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von 
neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körper- 
schaften der betreffenden Bundesstaaten es zur Be- 
dingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne 
nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen 
und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen 
Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl 
ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue 
San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser 
kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die 
künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die 
Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue 
Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche 
Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, 
dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das 
Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union 
sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der 
unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor 
dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem 
großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten 
Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen 



Aufgaben für deutsche Künstler. 219 

Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn 
erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, 
dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründ- 
lich aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, 
dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten 
Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich 
um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch 
Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nach- 
frage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie 
denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch 
unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik bei- 
gebracht haben, werden dann auch vielleicht berufen 
sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu 
senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische 
Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchester- 
beherrscher und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich 
es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne 
Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle 
des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, 
Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: ,, Gestiftet 
von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk 
Huber aus München-Pasing." 



i. ...... ■■■.... ■"■■■■" "■■■ '■' 



r ii iiiii iii i i iii ii iii i ii ii ii i iiii ii i i ii ii iii iii ii iiiii iii i ii n iiiiiii ii ii i iii 

2)ollaricas infamster Schurke. 



]ch bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den 
y zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend an- 
rieten, mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch 
zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein 
jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, 
stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß 
alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und 
Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, 
zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Her- 
kunft, leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele 
die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seit- 
dem ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten 
Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine 
Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger er- 
schüttert wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht 
einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, 
jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht ent- 
sprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Er- 
gebung und verehrungs würdiger Dummheit erkoren hat. 
Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist 
nämlich, gerade herausgesagt — ein Hammel, und 
zwar der Leithammel in Armour Sc Co.'s Packing Com- 
pany in den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der 
pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie ge- 
sagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine ein- 
gemenschte Bestie titulieren. Denn wer hätte es je 
für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Nieder- 
trächtigkeit beherbergen könne ? ! Nichts in dem vertrauen- 



Der Leithammel. 221 



erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die 
Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes 
Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen 
Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Ge- 
haben ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch 
rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch 
zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm 
diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu 
der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen. 
Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, 
während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, 
Tau sende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts 
ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der 
Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahn- 
zügen treffen sie aus allen Teilen der Union in den Stock- 
yards von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen 
sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu 
können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von 
Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, 
Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die be- 
quemen schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen 
entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh" der Erlösung 
von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die 
krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwe- 
stern, Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Terri- 
torien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige 
Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und 
doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn 
alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Er- 
innerung an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare 
Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Auf- 
sicht treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier 
aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein, 



222 Dollaricas infamster Schurke. 

statt lustiger weißer Iyämmerwölkchen wälzen schwere, 
schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, 
und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost 
das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschen- 
arbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die 
Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trank- 
rinne und die Futterraufe unberührt. 

Siehe, da naht sich ihnen alsBote aus dieser beängstigend 
fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit 
ein fetter Hammel in den besten Jahren: ,, Munter, meine 
lieben Kinder, munter!" beginnt er in humoristisch 
gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter 
Kreis von Zuhörern. ,,Jhr habt nicht die geringste Ur- 
sache, Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; 
oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch un- 
gebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chi- 
cago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr 
wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä ! ? 
Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf 
mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht 
lang werden, auf Bh — hähähähä — re ! Ich habe es zwar 
nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde 
mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesell- 
schaftlich angesehenen Position, aber ich will mich dennoch 
eurer hilflosen Iyändlichkeit annehmen, weil doch nun 
einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark ent- 
wickelt ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen 
Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert." — 
Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt 
gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei 
knapp nebeneinander gehen können, aber sicher ein- 
geplankt, so daß keines an den Seiten herauspurzeln 
kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist vielver- 



Der Todessprung 223 



sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer 
russischen Rutschpartie geht's auf diesen engen Bretter- 
wegen hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende 
von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein 
langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es 
klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter 
Erbsen siebt. Bin Auf- und Abschwellen wie Hagel- 
rauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie 
von gedämpften Trommeln, — als sollten durch solchen 
Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militäri- 
schen letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leit- 
hammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, 
und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales 
Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp 
mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit 
hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und 
mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in 
Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen un- 
aufhaltsam, einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu 
Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere 
Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem 
Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf 
nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, 
hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern 
Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder 
mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß — 
und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich's 
der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privat- 
kabinett bei frischem Maisschrot und duftigen IyUpinen 
wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange 
sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden 
hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick 
aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so 



224 Dollaricas infamster Schurke. 

würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das 
Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen 
verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen 
vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht 
einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Kr 
bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie 
täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich 
hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz 
drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren 
Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mord- 
arbeit zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herz- 
verfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens 
den Garaus machen. — Habe ich nicht recht, diesen 
Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den in- 
famsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu 
erklären ? 

Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, 
werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der 
Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht 
werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß 
seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen 
seien. — Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin 
fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten 
Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe um- 
wittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, 
sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein 
Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der 
Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, 
daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben 
sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf 
Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem 
jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer 
wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von 



Menschliche Niedertracht. 225 

Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen 
IvOche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, 
ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissen- 
losigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken 
bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der 
Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des mensch- 
lichen Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die 
im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden 
müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür 
scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die 
edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten 
anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nach- 
hilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher ver- 
nichtet. Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine 
Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens 
voller I^ebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, 
in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes 
Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller 
Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten 
menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch 
nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die 
Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um 
ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren men- 
schenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und Menschen- 
freunde muß man doch diese genialen Unternehmer 
nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren 
Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber 
in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleisch- 
waren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen 
will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen 
Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller 
seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit 
schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des Zweck- 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 15 



226 Dollaricas infamster Schurke. 

mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu 
steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer 
Stockyards an. 

Durch Upton Sinclaires berühmten Roman ,,The 
Jungk" (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt 
auf Armour & Co. 's Packing Company gerichtet worden. 
Ganz Kuropa ist es nach diesem Roman übel geworden. 
Es hat monatelang kein corned beef mehr gekauft, in der 
Meinung, daß in den hübschen, sauberenBlechbüchsen mehr 
Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere 
leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- 
und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, 
wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours 
aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen 
müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarz- 
seher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft 
sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und 
durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. 
Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, 
bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in 
bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und 
der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste 
Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten 
Materials. 

An einem schönen klaren Wintertage brachte unser 
Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours 
und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, 
uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, 
der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In 
der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten 
Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, 
eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel 
herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal 



Der Mittelpunkt der Hölle. 227 

das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner 
Kerl — a fine fellow — sei. Man habe ihn vorher instruiert 
gehabt, den hohen Herrn mit ,,Your Royal Highness" 
anzureden ; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, 
und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, 
einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von 
anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden 
darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr 
vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses 
Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenig- 
stens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt 
auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren. 
Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine 
heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren 
Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig ver- 
zweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die 
Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen 
schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut 
ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht 
an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich 
langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine 
schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum 
unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden 
die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem 
anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken 
um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten 
Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem 
Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und 
schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der 
anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem 
Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende 
Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den 
Todesstoß in den Hals aus. Bin dicker Blutstrom schießt 

15* 



228 Dollaricas infamster Schurke. 

heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; 
er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in 
einem Bluttümpel. Hin zweiter Mann in seiner Nähe 
hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein 
I,och im Estrich hineinzufegen ; in einem unterirdischen 
Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. 
Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, 
so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit 
dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist 
der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister 
in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine 
Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen 
Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. 
Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die 
Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden 
sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden 
Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweine- 
leichen in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und 
wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so 
sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren 
Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unter- 
schied mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und 
gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach 
dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter 
wieder in die obere Etage her auf geschwebt. Wir ver- 
lassen die Schreckenskammer und schreiten auf unserer 
erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. 
Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fenster- 
seite die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, 
Knochensägen und Iyötlampen auf ihren Posten, und 
während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das 
Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer 
Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste 



Schlachtverfahren beim Rindvieh. 229 

führt einen Bauchschnitt der ganzen L,änge des Körpers 
nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme 
heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den 
Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer 
sengt mit der Iyötlampe die etwa noch übriggebliebenen 
Borsten weg — und so fort. Am Ende des Saales be- 
schreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegen- 
gesetzter Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am 
Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, 
die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen 
zur besonderen Verwendung beiseite gepackt. 

Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in 
welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür 
werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag 
mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem 
Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des 
Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast 
sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, 
es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum 
Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt 
ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußt- 
lose Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der 
dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den 
großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein 
Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen 
wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen 
ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen 
wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem 
mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind 
von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die 
Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder 
Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, 
bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens 



230 Dollaricas infamster Schurke. 

und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeits- 
teilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie 
etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten 
durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen 
— und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen 
ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung 
ist seine Strafe. 

Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend 
in die frische I^uft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, 
auf denen vSchmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten 
Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen 
wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte 
und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen ver- 
packt wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen 
vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von 
Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei 
in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des 
Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, 
buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in 
der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden 
Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in 
weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleider- 
schürzen an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen 
Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbei- 
tende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im un- 
fehlbaren Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen ver- 
packen. Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände 
wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche 
Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge 
fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer 
erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an 
der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng 
vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre 



Der Zweck heiligt die Mittel. 231 

und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der I^eit — 
hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Ein- 
gang und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen 
Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit 
und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur 
Vollendung eines notwendigen Men sehen werkes. Der 
Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadel- 
los zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die 
Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir 
die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener 
Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschen witz und 
Menschenfleiß ihr letztes hergegeben und durch geniale 
Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller 
Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in 
vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie 
verwandelt. 



HUI ■■■■■■■■■■■■■■ 



r i iii i ii i iiiiiii u ii i iiiiiiii 



Baedekereien für Jfoierikafafirer. 



Während meines Aufenthaltes in New York geschah 
es, daß ein aufgeweckter Marschbauer, irgend so ein 
deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen mochte, 
mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die 
etlichen 30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten 
Bauerngut herausgewirtschaftet hatte, im fernen Kansas, 
Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo das 
I^and noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen. 
Der Mann war in der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich 
auf seine derbe Faust, seinen klaren Dickkopf und seinen 
deutschen Fleiß und hatte guten Grund, anzunehmen, 
daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde 
nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herren- 
leben eines Großgrundbesitzers im L,ande der Freiheit 
teilnehmen lassen können. Der Mann hatte in seiner 
biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt erzählt, 
wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän, 
der es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug 
in die Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in 
Gestalt eines seiner Offiziere mitgegeben. Der nahm 
Klaas Petersen freundschaftlich unter den Arm und führte 
ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur Subway, der 
Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des 
Hudson hindurch Brooklyn mit New York verbindet und 
dann in zwei Ästen die ganze Manhattaninsel bis in die 
ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas Petersen 
über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel 
hindurch in einen der Riesenwagen hineinbugsiert war 



Tragikomödien des Grünhorns. 233 

und nun in drangvoll fürchterlicher Enge, eingekeilt 
zwischen hinter riesigen Zeitungen verschanzten Negern, 
Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten Yankees 
stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze 
Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher 
Schnelligkeit um die Kurven schlingerte, da fing Klaas 
Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu weinen an und 
schluchzte: „Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. — " 
Und dabei blieb's; er wollte keine Vernunft annehmen. 
Mit dem nächsten Schiffe kehrte er tatsächlich wieder 
heim. 

Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das 
sich auf seinen eigenen Witz verließ und bei Brooklyn- 
Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um über die be- 
rühmte Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen 
I/andsmann aufsuchen wollte. Und er kam auch über die 
Brücke, aber er verstand nicht, was der Schaffner ausrief, 
und traute sich nicht aufs Geratewohl auszusteigen; und 
ehe er sich's versah, war er wieder auf der Brücke, denn die 
Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er 
ein Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hin- 
zunehmen, was der Herr in seinem unerforschlichen Rat- 
schluß über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also auf der 
großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage 
lang. Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen, 
da er sonst verhungert wäre. 

Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben 
magst, lieber I^eser, so laß es bleiben. Deswegen bleibt es 
doch als unumstößliche Wahrheit bestehen, daß du in 
Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu einem 
Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich 
mit der Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen 
Brett vorm Kopf in die Welt entlassen haben. Bist du 



234 Baedekereien für Amerikafahrer. 

aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx bebbert, 
sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und 
nicht zu viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist 
in das Abenteuer stürzen. Bist du ein armer Teufel, der 
drüben sein Glück machen will, so wappne dich mit Humor 
und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß die 
Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt. 
,,Let us try another chance" sagt der Amerikaner in diesem 
Falle, und das sag du auch und pfeif drauf. Willst du aber 
zu deinem Vergnügen und zu deiner Belehrung dich drüben 
umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld — 
noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seß- 
haften Menschen drüben die meisten Dinge doppelt und 
viele viermal so viel kosten wie bei uns. Für ein Seidel 
Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4 / 10 Iyiter 
hält, mußt du einen Quarter hinlegen, das ist M I. — , und 
du wirst bald dahin gelangen, diesem Quarter nicht mehr 
wehmütig nachzutrauern; denn das amerikanische Bier 
enthält zwar Wasser, Malz und Hopfen und sieht schön 
braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine verlockende 
schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht 
dir lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein 
Bier ist. Und dann wirst du auch bald finden, daß es sehr 
viel leichter ist, die schmalen, schmutzigen, zerknitterten 
Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei uns daheim 
ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du 
mußt nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du 
überhaupt Gold zu sehen bekommst. Mache dir nur ja 
nicht etwa die Illusion, als ob du an irgendeiner Stelle 
wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle 
großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der 
Knicker und Pfennigfuchser in dem L,ande der Milliardäre 
höchst verächtlich über die Achsel angesehen wird, kommst 



Unangebrachte Sparsamkeit. 235 

du auch schon aus dem Grunde nicht zum Sparen, weil die 
guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman 
gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis 
haben. Du kannst zum Beispiel nicht in einem Hotel 
zweiten Ranges wohnen und in einem Restaurant ersten 
Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten Ranges 
gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels, 
denen sich ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen 
kann, nach unseren Begriffen erster Klasse, und was 
danach kommt, ist nach unseren Begriffen gleich vierter 
Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse 
wohnen und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du 
kannst es wohl, aber du wirst bald davon zurückkommen. 
Denn das billige Essen ist auf die Dauer unmöglich, und 
zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten 
Hotel und einem anständigen Restaurant gibt es kaum 
einen Unterschied. Versuche um Gottes willen auch nicht 
mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir übel be- 
kommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in 
der breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee 
schaden. Bin werter Freund und Kollege von mir hatte 
sich von Eingeborenen sagen lassen, daß der übliche Satz 
für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen 
zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel 
bestand in einem belegten Brötchen mit einem Schnitt 
Bier, wofür er 70 Cent = M 2,80 bezahlen mußte. Ge- 
wissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und 
schob sie reinen Herzens dem waiter zu. Der starrte erst 
mit verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann 
lief er zum Oberkellner, beriet sich längere Zeit mit ihm 
und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent zwar ohne 
Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unange- 
messenen Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen 



236 Baedekereien für Amerikafahrer. 

stand es in sämtlichen New Yorker Blättern, daß der 
beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld gegeben habe. 
Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, 
lachten ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, 
lieber Iyandsmann, besonders wenn du aus München 
kommen solltest, wo die Kati schon für drei Pfennige danke 
schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner 
Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und 
daß man das Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten 
durch zehn teilbaren Ziffer abrunden muß. 

Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen 
machen und brauchst dich doch keinen Moment zu be- 
sinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren. Wenn 
du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und 
weder die Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den 
Kompotteller ableckst, so wirst du auch in der aller- 
prominentesten Gesellschaft geduldet werden. Für fünf 
Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit 
Bad, und wenn du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade 
gut stehst, kannst du für denselben Preis sie auch mit 
hinein nehmen, denn die Betten sind immer reichlich 
zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen 
wolltest, auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so 
würde man das vielleicht als einen Mißbrauch der Gast- 
freundschaft betrachten und dir einige Dollars extra 
tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach 
Amerika ? ! 

Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine 
ganz andere Rolle wie bei uns. Es ist ein gesellschaft- 
licher und geschäftlicher Treffpunkt, und die Lobby, 
d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften 
Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und 
sonstigen Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der 



In der Lobby. 237 



Barbierladen im antiken Athen und Rom und wie das 
Cafehaus in Österreich. In der Lobby befinden sich auch 
Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei 
und Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser 
haben sogar eine eigene Telephonzentrale für die Vermitt- 
lung des riesigen Gesprächsverkehrs innerhalb des Hauses 
wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was man 
dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das 
wird dir auf elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. 
Selbst in den mittleren Städten haben die guten Hotels 
selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze Anzahl von 
Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom 
Keller, wo der Barbier, die Maniküre, der Wichsier dich 
bearbeitet, bis hinauf zum Dachgarten, wo du in schönen 
warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter Be- 
leuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der 
Lobby aber und in den angrenzenden Restaurations- 
räumen laufen fortwährend kleine niedliche Pagen mit 
Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und 
quarren die Namen der Leute aus, für die ein Besuch oder 
eine Depesche da ist, oder die am Telephon verlangt 
werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann auf- 
halten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann 
man ruhig bei bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine 
Zeitung und eine Zigarre kaufen und in einem Schaukel- 
stuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet oder gar ein 
Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens 
mit seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem 
Liebchen. Bauernfänger, Detektivs und Reporter wimmeln 
in Scharen dort herum. Die letzteren holen sich drei 
Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer 
bei dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder 
neu ankommende Gast sich einschreiben muß, und stürzen 



238 Baedekereien für Amerikafahrer. 

sich auf ihn, sofern er nur irgendwie prominenz verdächtig 
oder weit hergereist ist oder sich durch einen europäischen 
Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren 
überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an 
Gesprächen der Politiker, der Spekulanten, der Welt- 
reisenden und der Klatschbasen erlauschen können, be- 
schreiben die Toilette und das Gepäck reisender Künstle- 
rinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem 
bloßen Mienenspiel aufgeregt flüsternder I y eute. 

Jeder, der es irgend af forden kann, kehrt in den 
großen Hotels ein, selbst Menschen, die man bei uns zu 
den kleinen L,euten rechnen würde, und reiche Iyeute, die 
auf dem L,ande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft 
in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, 
jahraus ein Zimmer für sich reservieren. Folglich sind 
die Hotels immer voll und amüsant für jeden, der kein 
Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und I^uxus wird 
dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten. 
Bad und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich ; 
ein Transparent leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe 
für dich in der Office sind, und was das Allererstaunlichste 
ist — jeden Abend wird dein Bett frisch bezogen, als ob 
du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur 
deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht 
M 2 extra dem Hausschneider dafür bezahlen willst, 
und die Stiefel mußt du dir im Keller oder auf der Straße 
putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst 
ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld 
heischenden Bediensteten Spießruten laufen zu müssen. 
Dem Hausdiener, der deine Koffer dir aufs Zimmer schleppt, 
gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und wenn du 
ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den 
Iyiftboy mit einem Tip. Selbstverständlich kannst du 



Das Astorhotel. 239 



auch im Office dein Bahnbillett und dein Gepäck besorgen 
lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten mit dem 
Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir 
ein sehr feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich 
sicher geleitet und für dich redet, wo du etwa mit deinem 
Englisch nicht auskommst. Der Gentleman behandelt 
dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm 
nichts in die Hand zu drücken — er steht nachher auf 
deiner Rechnung. Alles, was du im Hause verzehrst, 
bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei, deine 
Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst. 

Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrschein- 
lich bei der Ankunft in New York deine Schritte zu- 
nächst ins Astorhotel lenken, und du wirst gut daran 
tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren 
kannst, wie herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus 
es ein intelligenter, tatkräftiger Deutscher drüben 
bringen kann. In dem Hotel der GebrüderMuschen- 
heim, aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens, 
findest du nicht nur all den hier geschilderten I,uxus 
und Komfort, sondern auch für dein ästhetisches 
Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten 
Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges 
gespielt wird, und im Grillroom etwas für deinen histo- 
rischen Sinn, nämlich ein geschmackvoll zusammen- 
gestelltes Museum, das dir über lieben und Treiben der 
Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst 
lebendigen Anschauungsunterricht erteilt. — Kommst du 
aber weiter ins I^and hinein, in die mittleren und kleineren 
Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in das Fremden- 
buch einträgst, ob das Haus in europäischem oder ameri- 
kanischem Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so 
ergehen wie mir in einer kleinen Stadt Wisconsins. Ich 



240 Baedekereien für Amerikafahrer. 

wurde mit meiner Frau in einem der besten Zimmer eines 
neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt 
untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel 
in diesem Zimmer fest auf seinen vier Beinen, das vierte 
war nur angelehnt, wenn überhaupt vorhanden. Auf der 
frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck 
zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, 
der andere vom Rauch herrührend ; ein Bad gehörte selbst- 
verständlich auch zu diesem Staatszimmer, es war aber 
mehr ein Badloch zu nennen, und die W^anne darin war, 
(ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine 
Knie bis ans Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte 
man allenfalls sitzend darin Platz finden. Da wir während 
unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten eingeladen 
waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am 
anderen Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück ver- 
zehren können, wenn man es uns noch verabreicht hätte, 
was aber nicht der Fall war, da wir erst nach neun Uhr im 
Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt 
gehen und in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung 
betrug 7 Dollar, also nahezu Ji 30. — für ein Bett, einen 
Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein Quetschbad! 
Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu 
leihen. Da entgegnete mir der Clerk im Office seelen- 
ruhig: ,,Ja, warum haben Sie denn nichts verzehrt hier? 
Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar essen können, 
soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben 
nämlich amerikanischen Plan hier." Und die ganze Mensch- 
heit in der Iyobby quietschte vor Vergnügen über die lange 
Nase, mit der ich abziehen mußte. Jetzt also, lieber Eeser, 
weißt du, was american plan ist. 

Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch 
sonst welche auffälligen Eigenschaften die Auf merk- 



Kundenfang der Eisenbahnen. 241 

samkeit der Reporter auf dich gelenkt hast, so kannst du 
die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins 
Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Be- 
schreibung deines Exterieurs, eine Würdigung der Vor- 
züglichkeit deines eventuellen Schmieröls und außerdem 
deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen Folgen 
solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein 
Gentleman in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen 
Manieren befinden, der dir seinen Besuch macht und sich 
erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze Reiseroute 
auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den 
Beikarten für Pullmanwagen und Bett zu besorgen. 
Du bist natürlich baß erstaunt über diese fabelhafte 
Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und be- 
greifst, wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir 
findet. Da läßt sich ein zweiter, ebenso eleganter und 
liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt sich eben- 
falls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd 
darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war, 
dir eine sehr unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; 
mit seiner Gesellschaft würdest du schneller, komfortabler 
und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels Eösung. Da 
zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall 
mehrere Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die 
verschiedenen Gesellschaften ihre Kunden persönlich 
einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen Hotels, 
sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in 
den eleganten Offices der verschiedenen Gesellschaften 
seine Billette vorausbestellen kann. Diese starke Konkur- 
renz hat für den Reisenden das Angenehme, daß sich 
jede Iyinie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlich- 
keiten und Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn 
du also zum Beispiel geborener Berliner bist und als solcher 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 16 



242 Baedekereien für Amerikafahrer. 

Wert darauf legst, deiner koddrigen Schnauze Bewegung 
zu machen, so kannst du während deiner Reise alles be- 
mäkeln, und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst, 
den erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: ,, Wissen 
Sie, alter Freund, mit Ihrer verdammten L,inie fahre ich 
nie wieder, verstehen Sie mich!" Gegen L,ange weile oder 
Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle 
recht nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm, 
einen reisegewöhnten Amerikaner zum Beistand zu haben, 
denn die Kursbücher sind für den Uneingeweihten sehr 
schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine. 
Die einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in 
möglichst farbenfreudiger Ausstattung in den Hotels auf, 
und wenn man eine Reise vor hat, die einen über ein 
Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also 
zwölf solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche; 
man wird aber, wie gesagt, schwer klug daraus, obwohl 
sonst alles, was das Verkehrswesen betrifft, von den 
Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie 
prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe von- 
statten! Durch einen Handgriff deines Koffers wird ein 
Iyederriemchen oder ein Spagat gezogen, an dem eine 
Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine Nummer 
und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat 
dieser Marke wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet 
nichts, außer, wenn du über einen Zentner mit dir schleppst. 
An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein Mann 
durch den Zug und ruft: ,, Gepäck für Chicago!", oder was 
es nun sein mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst 
ihm dein Absteigequartier. Fertig! Gibst du zerbrech- 
liche Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli auf, so 
mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahn- 
verwaltung nicht für etwaigen Schaden verantwortlich 



Im Pullmanwagen. 243 



machen willst. Willst du das nicht, so nimmt man dein 
Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders versichern. 
Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend. 

Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du 
sicher schon so viel gehört, daß ich dir darüber schwerlich 
etwas Neues erzählen kann. Verwunderlich ist es nur, daß 
in diesem I^ande der höchst entwickelten technischen 
Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten 
können, die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So 
sind beispielsweise auch die schönsten Pullmanwagen 
fast immer entsetzlich überheizt und während des ganzen 
Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. 
Die einzige frische I,uft, die hereinkommt, ist der Zug, 
der auf der Station durch das Öffnen der Außentüren 
entsteht. Bevor du an deinem Bestimmungsort ankommst, 
nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, klopft 
deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis 
unten sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und 
du gibst ihm gern seine 20 Cent dafür, aber — die Zurück- 
bleibenden müssen deinen Staub schlucken ! Man kann 
sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise vor- 
stellen ! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natür- 
lich noch viel ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht 
werden. Ich begreife überhaupt nicht, wie europäische 
Reisende die Schlafeinrichtung der Pullmanwagen be- 
wundern können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, 
quer, sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar 
ohne Unterschied des Standes, Alters oder Geschlechts. 
Für die Ruhe soll es freilich vorteilhafter sein, die Stöße 
des Wagens in der Iyängslage abzufangen, und die Betten 
sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und 
gar hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige 
Vorhänge versteckt, deren Schlitz man, wenn man glück- 

16* 



244 Baedekereien für Amerikafahrer. 

lieh in sein Bett geturnt ist, von oben bis unten zuknöpfen 
muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und 
konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. 
Als ich den um Himmels willen bat, doch wenigstens die 
Ventilationsklappe zu öffnen, erklärte er achselzuckend, 
es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind im Wagen, 
die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen 
S. M. ,,das Kind" gibt es keinen Appell in Amerika. 
Wenn das Kind verschnupft ist mögen die Großen ersticken 
und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn du dir 
einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklich- 
keit dazu gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit 
der Genierlichkeit in Einklang zu bringen, als der An- 
fänger zu besitzen pflegt. Allerdings befinden sich an beiden 
Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige Toiletten, 
in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- 
oder ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch 
im american style ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, 
wohin mit seinen Sachen, und wie man im Nachtzustande 
über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer 
kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen 
haben das leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations 
im Toilettenraum aus und werfen einen Schlafrock drüber. 
Früher pflegten sie die Strümpfe anzubehalten und ihr 
Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten 
das und verstanden mit leichter Hand unter die Bett- 
decken zu fahren und tiefschlafenden Damen die Strümpfe 
zu erleichtern. Neuerdings rentiert sich aber dies Geschäft 
nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der Passagiere 
mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr 
Geld bei sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. 
Heutzutage hat jeder Mensch sein Scheckbuch bei sich 
und damit kann der Räuber nichts anfangen. (Wenn du 



Die Morgentoilette des Tätowierten. 245 

also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein 
erster Gang zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du 
dein Geld deponierst und dir ein Scheckkonto eröffnen 
läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, 
was amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die 
umständliche Morgentoilette eines herkulischen Gentle- 
man nach einer Nachtfahrt vergessen. Der Mann war 
sicherlich weder ein Gesandtschaftsattache, noch sonst 
ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen 
und Händen nach zu schließen, eher ein Metzger oder 
Viehhändler. Der Kerl wusch sich vom Kopf bis zu den 
Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne, Ohren, 
Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. 
Kr nahm sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte 
seinen ungeschlachten Leib mit der Liebe und Sorgfalt 
eines Künstlers, der die letzte Feile an sein Werk legt. 
Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der 
Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. — 
Übrigens geht so eine amerikanische Nachtfahrt auch 
dadurch arg auf die Nerven für jeden, der kein geborenes 
Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der Loko- 
motiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm 
vollführen, bei dem einem angst und bange werden kann. 
Sie müssen nämlich alle Augenblicke Warnungssignale 
geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen 
sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier 
Strecke ohne Unter- oder Überführung. Da wird der 
nervöse Europäer schwer den Gedanken los, daß ihm 
plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch 
seinen werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was 
recht ist, aber Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden 
und Norwegen wirklich komfortabel. 

Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du 



246 Baedekereien für Amerikafahrer. 

in den Vereinigten Staaten, wenn du den Vorzug hast, 
weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand dürfte es da 
drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann 
ist auf einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn 
sie einen Kavalier bei sich hat, so ist es seine verfluchte 
Pflicht und Schuldigkeit, alles für sie zu zahlen. Ich habe 
ein einziges Mal in Amerika einen wilden Wortwechsel 
erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war 
in einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. 
Eine gut angezogene, nette Negerin des besseren Mittel- 
standes versuchte durch die dicht gedrängt stehenden 
Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männer- 
stimme: ,,Let the ladys get out firstt" — und eine andere 
Stimme höhnte dagegen: ,,Let the Niggers get out first." 
Und nun platzten über die Doktorfrage, ob eine Negerin 
auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften 
wild aufeinander! — Merke dir auch, mein Freund, daß 
du Damen deiner Bekanntschaft auf der Straße nicht 
zuerst grüßen darfst, das würde für eine Anmaßung an- 
gesehen werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade 
haben wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein 
Weib nicht bewundernd anstarren, und sei es noch so schön. 
Hast du aber die Bekanntschaft einer Dame in Gesell- 
schaft oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie 
dich ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich 
auch nicht so zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. 
Handküsse sind nicht üblich, wohl aber ein ungeniertes 
festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe zuteil, eine 
Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so 
packst du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen 
Karren vor dir her; das ist sicher und für beide Teile an- 
genehm. Hast du dir gar Freundinnen in den besseren 
Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater 



Vom Küssen und von der Höflichkeit. 247 

oder zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen 
einladen, ohne eine Mutter oder eine Tante als Begleitung 
befürchten zu müssen. Wenn du von deinen Freundinnen 
wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen Vertraulich- 
keiten herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie 
deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen 
sei vorsichtig ; denn das Gesetz mancher Staaten betrachtet 
den Kuß als Heirats versprechen, als tätliche Beleidigung 
oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine 
beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch 
nette Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen. 

Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur 
in der Synagoge, sondern auch in der Iyobby des Hotels ; aber 
im Elevator mußt du ihn stramm herunterziehen, sobald 
eine weibliche Person über vierzehn Jahre hereintritt. Im 
übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen 
und beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es 
dir zum Grundsatz, von deinen Mitmenschen, solange 
sie dir nicht durch einen Dritten offiziell vorgestellt sind, 
keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen. 
Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der 
Straße begegnest, so hast du es auch nicht nötig, deinen 
Deckel herunterzureißen und deinen Skalp der Unbill der 
Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und 
rufst lächelnd: „Hallo, Bobby, how do you do!", worauf 
er gleichfalls winkt und ruft: ,, Hallo, Fritze, how do 
you do!" Das ist praktisch und macht einen guten Bin- 
druck ; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und 
ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, 
wie es euch geht. Auch vor Hochgestellten brauchst du 
keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; dafür verlangt 
man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete 
Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. 



248 Baedekereien für Amerikafahrer. 

Der Schatz der amerikanischen Umgangssprache ist reich 
an massiven Deutlichkeiten, und wenn du dir heraus- 
nimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es 
dir leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumen- 
lese aus diesem Wortschatz beschenkt wirst. Die Quint- 
essenz der amerikanischen Höflichkeit besteht darin, 
daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man 
seinem Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, 
dagegen in Verlegenheiten sich hilfreich beisteht. Ich habe 
gesehen, wie blinde und andere hilflose Personen sogar 
auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben 
sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim 
Bin- und Aussteigen behilflich ist und sie vor Gefahr 
bewahrt. Man bekommt auch fast immer klare und 
knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten 
Unbekannten wendet, und wenn man ein sympathisches, 
vertrauenerweckendes Äußere hat, läßt sogar ein eiliger 
stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen und 
begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen 
Dingen der täglichen Notdurft des Verkehrs darf man 
auch ruhig auf die Ehrlichkeit seiner Mitmenschen ver- 
trauen; handelt es sich dagegen um größere Summen, so 
reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif 
wie ein Schießhund. 

Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete 
dir irgendwo im neunten oder neunundzwanzigsten Stock- 
werk ein Zimmerchen mit Telephon und Schaukelstuhl und 
engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle ungemein 
gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe 
deinen Rock aus — denn das tut jeder Amerikaner, sobald 
er sein Office betritt, sei es Winter oder Sommer — , zünde 
dir eine Importierte an, verbreite deine Beine anmutig 
über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. 



Hemdärmeligkeit. 249 



Telephonieren und Briefe diktieren füllt die amerikanischen 
Geschäftsstunden von 10 — 5 Uhr vollkommen aus. Da 
die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß das 
Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch 
an der Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines 
Verhaltens aber sei und bleibe in allen Lebenslagen, so- 
lange du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl aber 
mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch 
das ganze Land. 



iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiir 



r. i iiiiiiiii ii iiiiiiiiiiiiiiii i iiiiiiiiii n iiiiiii i iiiiiiii i iiiiiiiiiiiiiiiiiiiii i ih 

Was können wir von Amerika lernen? 



C7\as L,and der absoluten Gegenwart ist für alle Kultur- 
^ Völker ein Spiegel, in dem sie deutlich ihreZukunf t sehen 
können. Der Fortschrittsgedanke marschiert drüben in 
Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor sich, 
während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer 
noch auf Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit auf- 
gerichtet hat, Berge von Vorurteilen, Abgründe von 
Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern oder zu 
überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden 
Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der 
technischen Zivilisation daran gehen wollten, unsere 
Abgründe auszufüllen und unsere Berge abzutragen — 
was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose Ver- 
flachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch 
mit historisch und philosophisch geschultem Denken, mit 
ästhetischem Bewußtsein und einer idealistischen Welt- 
anschauung ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in jenen 
Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre 
uns vor dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß 
wir unseren wertvollsten Besitz, nämlich unsere geistige 
Kultur, nicht den materiellen Errungenschaften der 
Gegenwart, sondern der fernen und fernsten Vergangen- 
heit verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des 
Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für 
unser gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so 
überaus solid auf gemauert haben. 

Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, 
als wir wissen und als uns gut ist. Seit nämlich die räum- 



Das Rekordfieber. 251 



und zeitverkürzenden Erfindungen sich zu tiberstürzen 
begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von 
Amerika her der Rekordwahnsinn in die Welt ge- 
kommen. Fast alle die großen Erfindungen, vermöge deren 
wir jetzt Wasser, Erde und Iyuft beherrschen, sind in der 
Alten Welt gemacht und hätten unter allen Umständen die 
Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des L,ebens zu 
steigern; in Amerika aber haben diese Erfindungen, der 
ungeheuren Entfernungen wegen, doch die rascheste und 
vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch auch 
stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen ein- 
gewirkt. Der Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen 
zu machen und auf allen neuen Gebieten das Voll- 
kommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung, 
und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegen- 
heit hat, sich auf dem Felde der Literatur und der 
Kunst auszutoben, stürzte sich mit Begeisterung auf den 
Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im 
Rekordbrechen zürn vornehmsten Sport. Da dieser Sport 
sehr teuer und sehr gefährlich ist, so sagt er dem Ameri- 
kaner, der ja bessere Nerven besitzt und aufregende Ver- 
gnügungen in viel größeren Quantitäten vertilgen kann, 
ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten 
Schnellzugs-, Automobil-, Wasser- und L,uftwettfahrten 
nicht im eignen L,ande, sondern begann an allen inter- 
nationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein Sensations- 
bedürfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das 
Rekordfieber in der großen Welt gewaltig geschürt. 
Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, der großartige ge- 
schmackvolle IyUxus der transatlantischen Dampfschiffe 
haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns 
hinübergelockt, und wo immer sie in größerer Menge auf- 
traten, zwangen sie durch ihren Reichtum die betreffenden 



252 Was können wir von Amerika lernen? 

Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, 
wie ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres 
Festhalten an ihren nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust 
und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen und sich fremden 
Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und Fremden- 
industrie einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies 
jetzt noch in höherem Maße durch die größere Kapitals- 
kraft ihrer amerikanischen Vettern. Während die ameri- 
kanischen Hotels sich allmählich den europäischen Stil 
aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu 
amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig 
auf den Kontinent, um zu sparen, zeigten sich also hier 
geizig; die Amerikaner dagegen sind viel großartiger und 
leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch protzenhafter. 
Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte Ver- 
gnügen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern 
auch den Stil bodenständiger Kultur, den guten Ge- 
schmack, weil sie überall die Sensation, das Äußerste, 
das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es gut zu 
bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt 
es, daß auch bei uns immer mehr das Schönste und das 
Bedeutendste, was unsere Natur und unsere Kunst auf- 
zuweisen haben, sich dem amerikanischen Snobismus 
anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vor- 
recht des Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur 
an Bayreuth, Oberammergau, die Münchener Musik- 
feste, die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen, 
die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun 
will sich aber der europäische Reichtum nicht gern aus- 
stechen lassen. Er strengt sich darum aufs äußerste an, 
es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein 
gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. 
Da ferner die tiefste Bildung und der feinste Geschmack 



Ansteckungsgefahr des Snobismus. 253 

durchaus nicht immer an den Reichtum geknüpft sind, 
so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit 
immer mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer 
schwerer, sein Bedürfnis nach Kunst- und Naturgenuß 
zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Buropas uns 
einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere 
Bildung bei uns verhältnismäßig verbreiteter seien, als 
in der Neuen Welt ; immerhin sind doch aber auch bei uns 
die Ungebildeten in der Überzahl, und diese Überzahl 
wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die 
amerikanischer I^uxus auch den untergeordnetsten Be- 
tätigungen seiner Vergnügungssucht zu geben vermag. 
In den Niederungen der dramatischen Kunst, z. B. in der 
Operette, im Vaudeville, im Variete, im Zirkus dringt der 
amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer 
mehr durch. Das Vergnügen an den Sentimentalitäten, 
Hintertreppensensationen und Clownspäßen der L,icht- 
bildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an 
den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet 
schon durchaus amerikanisch an. 

Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Be- 
zirken, wo eigentlich nur die Autorität des Wissens und 
des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das Kultur- 
niveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, 
die alles bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert 
die gesunde Stetigkeit der Entwicklung und drängt den 
Tüchtigen überall zugunsten des Fixen zurück. Als 
Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende 
Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und 
sportgewandten Männern kennen, in Begleitung reizender, 
eleganter, siegessicherer Frauen. Das erweckt in uns die 
Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die es 
in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter 



254 Was können wir von Amerika lernen? 

gebracht haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem 
richtigen Wege sein müßten, und wir beginnen folglich 
uns unserer Langsamkeit, unserer bedächtigen Gründ- 
lichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. 
Wir vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken 
dieser Eigenschaften es ist, was uns heute immer noch 
über die glänzende Scheinkultur der Neuen Welt ein 
beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den 
atemlosen Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über 
dem Ozean einlassen, so werden wir sicher den Kürzeren 
ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes sind 
nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere 
Industrie, unsere Kunst, unser Handwerk ihr Haupt- 
streben darauf richten wollten, das unerprobte Neue, 
das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle 
des Alten zu setzen, um anderen Rändern zuvor zu kommen, 
so würden unsere Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald 
nicht mehr die wichtige Rolle spielen wie heute. Der 
Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer 
kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele 
Dinge von uns zu beziehen genötigt sind, liegt haupt- 
sächlich darin, daß drüben jenes Erbinventar von Talent, 
Geschicklichkeit und Geschmack, durch Handwerksstolz 
und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt 
und verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen 
Vorzüge würden uns aber verloren gehen, wenn wir uns 
von dem amerikanischen Snobismus noch weiter an- 
stecken ließen. 

Ich habe schon bei der Schilderung des ameri- 
kanischen Zeitungswesens darauf hingewiesen, daß auch 
unsere Presse hie und da bereits recht bedenkliche Anläufe 
gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster Sensa- 
tionsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte 



Volkstümliche Bildungsbestrebungen. 255 

der minderwertigsten Leserschaft sogar der gelben Presse 
gleichzutun. Auch bei uns beweist die Erfahrung, 
daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens die 
Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem 
ordinären Geschmack entsprechend aufgeputzt ist, durch 
den Massenabsatz erheblich mehr einbringt, als das gute, 
aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von 
Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, "sondern 
einfach zusammengeklebt, d.'h. gestohlen werden, beweist 
dies ebenso wie der Massenabsatz von billiger und viel- 
fach recht minderwertiger Reiselektüre. Wir haben uns 
neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu auf- 
gerafft, gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese 
Herabwürdigung zumal der literarischen Arbeit zum 
bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir überall, 
bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte 
Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jeder- 
mann aus dem Volke für ganz billiges Geld wertvolle 
Anregung, Belehrung und gute künstlerische Unterhaltung 
zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte und 
Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall 
die Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und 
wirklich wertvolle gemeinnützige Unternehmungen, wie 
Reclams Universalbibliothek, stehen schon nicht mehr 
vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der 
Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung 
auch in weite Schichten unseres Volkes getragen, für die 
früher die Quellen des Wissens und der Schönheit uner- 
reichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir natur- 
gemäß erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten 
Staaten, obwohl auch dort, namentlich durch Gründung 
von musterhaft eingerichteten öffentlichen Bibliotheken 
und Museen, durch die University Extension und Ge- 



256 Was können wir von Amerika lernen? 

winnung von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr 
viel in dieser Richtung getan wird. Es ist also wahr- 
scheinlich, daß uns in nicht allzu ferner Zeit Amerika 
auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen 
wir uns nicht überflügeln lassen, so wird der Richtspruch 
unserer Volksbildner ebenso wie der unserer Fabrikanten 
heißen müssen: Qualität, nicht Quantität; nicht vom Neuen 
das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das 
Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, 
das Deutscheste bieten/' 

Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original, 
volkstümlich zu sein, denn wir sind ein Volk, als Rasse 
zwar auch gemischt, aber in dieser Mischung doch schon 
seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte Kuropa 
für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich inter- 
essant macht, das ist die unendliche Abwechslung und 
Differenzierung im Charakter seiner Völker. Wie die 
Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken 
wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß 
ist wie der eine Unionsstaat Texas, so verschiedene Ge- 
bilde, wie etwa das Plattdeutsche und das Oberbayrische zu 
erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der Charakter 
der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in 
der Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt. 
Eine nordamerikanische Rasse gibt es aber vorläufig 
noch lange nicht, und die Behauptung vereinzelter ameri- 
kanischer Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich 
deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte 
wohl als ein wunderliches Hirngespinst zu betrachten 
sein. Die Menschen, die sich in der Neuen Welt zusammen- 
gefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare Zeit 
hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, 
Russen, Juden, Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich 



Zähigkeit der Rassen. 257 



wie z. B. die Neger in den Vereinigten Staaten noch nach 
ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt alle Schat- 
tierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse 
aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrika- 
nischen Landstrich verraten, dem ihre Vorväter ent- 
stammten, so wird man auch den Nachkommen der weißen 
Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüng- 
liches Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht 
durch fortwährende Mischehen absichtlich darauf aus- 
gehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen. Es sind nur 
die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klima- 
tischen Verhältnisse, welche drüben innerhalb der ver- 
schiedenen Rassen einen eigenartigen neuen Typus er- 
zeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei Jahrzehnte 
lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer ge- 
wesen ist, so vermag er sich auch in seinem Wesen und in 
seinem äußeren Gebaren so stark zu verändern, daß seine 
Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so langer Zeit 
wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. 
Aber er ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen 
und beileibe kein Buschmann oder Pampas-Indianer 
geworden ! In den Vereinigten Staaten ist überdies noch 
die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren, 
dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf 
klägliche Überreste vernichtet sind. Der Deutsche kann 
drüben dem Engländer, der Jude dem Japaner, der Neger 
dem Italiener dies und jenes abgucken oder unwillkürlich 
in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Ge- 
bräuche übernehmen, aber aus seiner Haut kann er des- 
wegen noch lange nicht hinaus. Es wohnt also drüben ein 
Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine 
gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus 
den neuen Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kultur- 

v. Wolzogen, Der Dichter in Dollarica. 17 



258 Was können wir von Amerika lernen? 

ideale zu suchen. Von einem amerikanischen Volke wird 
man erst sprechen können, wenn die ungeheuren Iyänder- 
gebiete drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert 
sind, daß die Regierung auf die Aufnahme weiterer 
Einwanderer dankend verzichten kann. Aber auch bei 
verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung 
des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte 
in Anspruch nehmen. Vielleicht wird es im Jahre 3000 
eine nordamerikanische Rasse geben — denkbar aber 
auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des 
internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation 
der großen Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung 
nicht mehr möglich ist, und die ganze Änderung darin 
bestehen wird, daß die alten Rassen ihre charakteristischen 
Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante 
Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit, 
P'arbennuancen übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in 
ein- bis zweitausend Jahren wirklich schon eingetreten 
sein, dann könnte man davon sprechen, daß Amerika uns 
verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen 
Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zer- 
störenden Tendenz bemerken läßt. Die Gewissensfrage 
ist für jeden einzelnen: soll ich dazu beitragen, die Ent- 
wicklung zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen, 
oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben ? 
Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa 
zurückkehrt, so nimmt zunächst das Auge mit wonnigem 
Behagen den Eindruck der Ordnung, der Fertigkeit, der 
stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschen- 
werk in sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft 
mit ihrem üppigen Wiesengrün und ihren anmutigen 
Heckenzäunen, sei es ein französischer alter Herrensitz 
mit wundervollem Schloß, umgebet] von Weinbergen, 



Heimat. 259 



Blumen und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche 
Flachlandsehaft mit ihren peinlich nach der Schnur be- 
stellten Feldern, ihrem trauten Dörflein, so behaglich im 
Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne 
Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll 
prunkender öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar 
eine uralte, winklige, hochgieblige, vieltürmige Klein- 
stadt, noch durch alte Ringmauern und Wachttürmchen 
gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind ge- 
schützt. Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans 
schmerzlich vermißt haben und die man uns auch drüben 
nicht nachahmen kann. Das ist Tradition einer alten 
Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten 
Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des 
anspruchsvollen höheren Menschen erfreuen, sondern auch 
ethisch überaus fruchtbar sind, weil in allen diesen Dingen 
die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar werden. 
Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff 
der Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat 
gibt es ein wirkliches I,ebensglück. Wer gedankenlos nur 
der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu kommen, die 
Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da 
wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein 
leichter zu erreichen sind, und wo es weniger schwer als 
daheim sei, in weiteren Bezirken eine erheblichere Rolle 
zu spielen. Für solche I^eute ist es wohl angebracht, nach 
Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem 
trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschen- 
werke da drüben werden sie erst den Wert der Heimat 
schätzen lernen — es sei denn, daß sie zu den blinden 
Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr 
Genügen finden. Die Amerikaner, deren geistige An- 
sprüche eine vertiefte Bildung gesteigert hat, kommen ja 

17* 



260 Was können wir von Amerika lernen? 

jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur zu uns 
nach Kuropa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener 
herz- und sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne, 
die ihre vorläufig noch fast ausschließlich technische 
Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie bekommen alle 
eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, 
vor unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und 
unserer Industrie, vor der Geschicklichkeit unserer Hand- 
werker, vor der wohldisziplinierten Ordnung unserer 
Ivebensverhältnisse ; viele von ihnen bringen auch als 
Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche 
Iyiebe zu unserer Romantik mit heim — nachahmen aber 
können sie auch beim besten Willen diese unsere Vorzüge 
schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig, als in 
Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk 
mit eigner Tradition geworden sind. 

Umgekehrt sendet Buropa jahraus, jahrein eine gar 
buntscheckige Gesellschaft von L,ebensstudenten in die 
Neue Welt hinüber: alle die überzähligen Esser kinder- 
reicher Familien, unzufriedene, verärgerte, aufsässige 
und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durch- 
brenner aus allen Ständen, und diese schwierige Gesell- 
schaft lernt tatsächlich da drüben mehr, als sie irgendwo in 
der Alten W T elt lernen könnte. Der entschlußunfähige 
Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine 
liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln 
gebrauchen kann, der langsame, ängstliche Philister, der 
faule Träumer, der vornehme Müßiggänger, der hoch- 
mütige Geld- oder Wissensprotz — sie alle werden zu- 
nächst einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten 
Not darauf aufmerksam gemacht, daß die Parole in der 
Neuen Welt laute: Augen auf! nicht abwarten, sondern 
zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß arbeiten, 



Arbeit und persönliche Würde. 261 

und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du 
von Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer 
weder ein Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selb- 
ständiges Geschäft anzufangen, noch ein Handwerk, eine 
Kunst, eine Wissenschaft so praktisch zu verwerten weiß, 
daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und 
Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem 
großen Arbeitsmarkt für jede beliebige Tätigkeit zur 
Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich habe drüben 
Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen 
im L,ande waren und bei uns maturiert hatten, 
adlige Offiziere in Mengen als Kellner, Reitknechte, 
Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische 
Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für 
irgendeine Warenspezialität zu werden; zeigt er sich 
hierin gewandt, so ist der Schritt zum selbständigen Ge- 
schäftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei dieser 
Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung, 
hinter der keine offensichtliche Kraft steckt, nicht impo- 
nieren läßt. Der Yankee macht sich freilich oft lächerlich 
durch sein übereifriges Herandrängen an unsere Höfe, 
an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist 
mit Recht empört über das Bestreben seiner Empor- 
kömmlinge, die schwere Mitgift der Töchter gegen euro- 
päische Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man 
merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der 
Titel an sich ist, welcher diese faszinierende Wirkung übt, 
sondern vielmehr die mit altem Adel verbundene vor- 
nehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche 
Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten 
drüben ihr Brot suchenden, heruntergekommenen Adligen, 
da versagt der Zauber völlig. Eine Persönlichkeit, die sich 
nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder physischen 



262 Was können wir von Amerika lernen? 

Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in 
die Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleich- 
heitswurst auf. Aber auch mit philiströser Bedenklichkeit 
kennt das amerikanische lieben kein Erbarmen. Wer in 
der kecken Fixigkeit des Gebens den Atem verliert, der 
kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt 
des Fortschritts unterwegs verlassen, so muß er schon 
sehr geschickt in der Fahrtrichtung abzuspringen ver- 
stehen — nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder 
kommen. 

Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, 
daß sie selbst dem Verbrecher nicht den Rückweg 
zum anständigen lieben verlegt. Das Vertrauen auf die 
eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, daß man sich vor 
den Schädlingen der Gesellschaft nicht so überängstlich 
fürchtet wie bei uns. Denn wer etwa im wilden Westen 
sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der mußte ja immer 
gegen Räuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen 
auf dem qui-vive stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, 
daß ein einziger beherzter Mann mit einem Dutzend feigen 
Gesindels fertig werden kann. Er hat aber auch an zahl- 
reichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Iyumpen 
durch den Zwang der Arbeit und schließlich durch den 
Erfolg doch noch zu brauchbaren Menschen gemacht 
wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist, daß man 
sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm 
jedoch immer wieder Gelegenheit gibt, ein besseres lieben 
anzufangen, und wenn er dann etwas Ordentliches er- 
reicht, hält man ihm seine Vergangenheit nicht wieder 
vor. Das ist ein großer, edel menschlicher Zug, dem viele 
durch falsche Erziehung und angeborene Charakter- 
schwäche zu Verbrechern gewordene Menschen ihre Ret- 
tung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind 



Juristen und Menschenkenner. 263 

glücklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. 
Wir sind sehr geneigt, den manchmal grotesken Humor 
ihrer salomonischen Urteile zu verspotten, aber es ist 
sicher, daß diese lustigen Entscheidungen nicht halb so 
viel Unheil stiften und Erbitterung zurücklassen, als oft 
die Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst 
der barbarische Richter I^ynch hat sich wohl noch nie an 
einem Unschuldigen vergriffen, und die Abschreckungs- 
theorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg. 
Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den 
lediglich das Lieben selbst mit seinen Erfahrungen in die 
I^ehre genommen hat, ist, wenn er wirklich gesund ge- 
blieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle 
Schmökerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter 
der gesegneten Herrschaft des Kgl. Großbritannischen 
common sense haben sich ja alle besten Charaktereigen- 
schaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir 
alten Europäer werden ihnen freilich diese Charakter- 
eigenschaften nicht ohne weiteres ablernen können, denn 
ihr Optimismus, ihre prahlerische, aber tatkräftige Zuver- 
sichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben Tugenden 
der Jugend, und andere Vorzüge, wie besonders ihre 
schöne Neidlosigkeit, sind durch die Gewöhnung an Ver- 
hältnisse bedingt, die wir alten Völker ebensowenig nach- 
ahmen können wie die Jugend. 

Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von 
den Yankees noch etwas lernen können, nämlich das 
Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden ein rück- 
ständiges Volk heißen müssen, so lange wir nicht die 
Trennung von Staat und Kirche durchgeführt haben und 
so lange es noch möglich ist, daß ein Deutscher seines 
religiösen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich verfemt 
und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren 



264 Was können wir von Amerika lernen? 

nicht an der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein 
Vater, der seine Kinder nicht dem Christentum ausliefern 
will, durch Polizeistrafen und sonstige behördliche Schikanen 
drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich an- 
erkanntes religiöses Bekenntnis vorschriftsmäßige Be- 
dingung zur Erlangung öffentlicher Ämter und Ehren- 
stellen ist. In dem I^ande der absoluten Glaubensfreiheit 
ist das religiöse lieben, trotz mancher blamabeln Aus- 
wüchse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke 
religiöse Persönlichkeit, der agitatorisches Talent ver- 
liehen ist, kann eine Macht über die Seelen gewinnen, um 
die sie unsere Generalsuperintendenten und sogar unsere 
Erzbischöfe ehrlich beneiden dürften. Über das, was 
wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees 
lernen könnten, habe ich an anderer Stelle mich ver- 
breitet. Ein Volk, das Jugend in sich selber hat, versteht 
auch naturgemäß mit der Jugend besser umzugehen. 
Übrigens machen die Yankees ja andauernd praktische 
Proben auf Exempel, die unsere fortschrittlichen Theore- 
tiker schon längst aufgestellt haben, fernen wir also an 
ihren Erfolgen und Mißerfolgen. 

Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die prak- 
tischen Erfolge des großen Staatenbundes uns als Vorbild 
dienen können: dahin rechne ich in allererster Iyinie die 
politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt hat. 
Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer 
aus den britischen Inseln, sind heute der Zahl nach den 
Nachkommen der deutschen Einwanderer nur noch um 
etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es ver- 
standen, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd 
zu erhalten. Die Yankees allein haben nicht nur kolo- 
nisatorisches, sondern auch staatenbildendes Geschick 
bewiesen, während die Deutschen nicht einmal die von 



Die deutschen Kolonisatoren. 265 

ihnen gegründeten Gemeinwesen dauernd in der Hand 
zu behalten wußten. Die Deutschen haben die Staaten 
Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin, Michigan, Missouri 
ihrer Zeit förmlich überflutet. Germantown, Milwaukee 
und einige andere waren einmal ganz deutsche Städte. 
Cincinnati, Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche 
andere Großstädte zeigten vorübergehend ein Übergewicht 
an deutschen Einwohnern, und dennoch haben sie sich 
überall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt 
es noch hie und da einen deutschen Bürgermeister, aber 
er versteht kein Deutsch mehr und verdankt seine Stellung 
den politischen Bossen und nicht dem einmütigen Willen 
seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich 
nicht nur ihren Ausschuß über den Ozean geschickt, die 
große Mehrheit bildeten vielmehr tüchtige bäuerliche und 
handwerkliche Kräfte, und im Jahre 1848 gingen sogar zahl- 
reiche unserer besten Intelligenzen hinüber, die den Beruf 
zu geistigen Führern ihrer Stammesgenossen in sich trugen. 
Woher kommt es denn nun, daß trotzdem diese 18 y 2 Mil- 
lionen Menschen es zu keiner politischen Selbständigkeit 
bringen konnten ? Die Zahl j ener geborenen Führer, die sich 
am Ende der 40 er Jahre im Mississippi tal niederließen, 
und die man spottweise die lateinischen Bauern 
nannte, mag allerdings wohl der erdrückenden Überzahl 
der ungebildeten, politisch gleichgültigen Iyandsleute gegen- 
über zu gering gewesen sein — auch war der Vorsprung, 
den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, 
nicht ohne weiteres einzuholen; das Schlimmste aber 
war, daß alle diese Deutschen ein stolzes Nationalgefühl 
überhaupt nicht besaßen, und daß sie ihren Partikula- 
rismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spießbürgertum 
mit hinüberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr 
tüchtige Bauern, Handwerker und Kleinbürger ab, zeigten 



266 Was können wir von Amerika lernen? 

sich aber den besonderen Anforderungen des amerika- 
nischen Gebens nur selten gewachsen. Viele von ihnen 
waren nicht einmal fähig, sich die englische Sprache völlig 
anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. 
In Kriegszeiten übrigens haben auch diese Deutschen 
Großartiges geleistet, wie denn ja auch die von ihren 
edlen Fürsten verkauften Württenberger, Hessen usw. 
sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie 
die Iyöwen geschlagen haben. Im Sezessions- wie im 
Bürgerkrieg verdanken amerikanische Truppen deutschen 
Heerführern einige ihrer glänzendsten Siege — und dennoch 
waren und blieben diese Deutschen nur ein gern geduldetes 
und gehörig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen 
britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbst- 
verständlich nicht daran, diese bequemen Biedermänner 
in ihre großen Ehrenstellen der Staats- und Gemeinde- 
verwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durch- 
aus keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es hätten 
den deutschen Einwanderern damals zwei Wege offen 
gestanden: entweder sie mußten resolut ihr Deutschtum 
über Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner 
werden, oder aber sie mußten fest zusammenstehen, sich 
alle in einer bestimmten, von ihnen zuerst besetzten 
Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im Staate 
gründen und diesen mit rücksichtslosem Chauvinismus 
gegen das Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer 
Rassen abschließen. Die meisten Deutschen haben aber 
keines von beidem getan, sie haben sich über das ganze 
weite Iyand zerstreut und sich dann in unzähligen Vereinen 
wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus 
engeren landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen 
Eitelkeitsgründen aufs gehässigste bekämpfen. Aber auch 
der starke Zustrom aus dem geeinigten Deutschland der 



Unsere mangelhafte politische Befähigung. 267 

70 er und ersten 80 er Jahre hat keine wesentliche Ände- 
rung in diesen Verhältnissen gebracht. Diese neuen Reichs- 
deutschen hätten doch alle Ursache gehabt, ihren frischen 
Nationalstolz der herrschenden Yankeerasse entgegen- 
zustellen, aber auch unter ihnen war der politische Ehr- 
geiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohl- 
stand begründen durften, waren sie zufrieden, und selbst 
diejenigen, die durch ihre Tüchtigkeit und durch ihren 
Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten nicht daran, 
sich in das Parteigetriebe zu stürzen — die meisten wohl 
aus moralischem Reinlichkeitsbedürfnis, viele auch aus 
reiner Bequemlichkeit. Man muß also doch wohl sagen, 
daß ihnen, einige ganz wenige glänzende Ausnahmen, wie 
Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent für 
die Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vor- 
zeit haben kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit 
im hohen Maße besessen und verdankten dieser Eigen- 
schaft die glänzende Rolle, die sie während der Völker- 
wanderung und noch während der Staufferzeit in der 
Weltgeschichte spielten. Der jahrhundertelange Jammer 
der Kleinstaaterei und Pfaffenherrschaft haben aber jene 
ursprünglichen Veranlagungen vollständig erstickt. Hin- 
gegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen 
Welt aus einem I^ande, in welchem die parlamentarische 
Verfassung bereits Zeit gehabt hatte, die ganze Nation, 
bis in die untersten Schichten hinein, politisch zu erziehen. 
Zudem waren es neben den religiösen auch zumeist 
politische Ursachen, welche die L,eute zum Auswandern 
veranlaßten, und sie alle, mochten sie Royalisten oder 
puritanische Revolutionäre sein, brachten den Stolz mit 
hinüber, Bürger einer Weltmacht zu sein, deren Flagge 
siegreich und gefürchtet in allen Meeren der Erde wehte. 
Diese Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein 



268 Was können wir von Amerika lernen? 

Herrenvolk zu fühlen, sie waren sich aber auch der vor- 
nehmsten Pflicht bewußt, welches dieses Herrentum ihnen 
auferlegte — der Pflicht nämlich, ihr Blut rein zu halten. 
Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Südamerikas 
und Mexikos, die nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit 
den eingeborenen Weibern eine recht bedenkliche Misch- 
rasse zu erzeugen, existierte für die Anglo- Amerikaner des 
Nordens das rote Weib überhaupt nicht; und selbst gegen 
Mischehen mit den besten europäischen Einwanderern 
richtete das Rassenvorurteil einen starken Damm auf. 
Das ist das ganze Geheimnis der imposanten Macht- 
entwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika 
und das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei 
den Briten diesseits und jenseits des Ozeans in die L,ehre 
gehen müssen. Das Wort Chauvinismus hat einen garstigen 
Klang für unsere kosmopolitischen Doktrinäre, unsere 
edlen Friedensschwärmer und liberalen Idealisten, es ist 
aber schließlich nur ein anderer Ausdruck für Kraft- 
bewußtsein. Denn bei allen wirklich starken Rassen und 
Nationen ist der Republikaner so gut wie der Monarchist, 
der liberale so gut wie der Reaktionär Chauvin. 

Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach 
auch noch deren Kinder, besitzen nun allerdings jenen 
schönen Nationalstolz, von dem die vorigen Generationen 
noch nichts wußten. Sie lesen noch die deutschen Zeitungen 
und freuen sich der Berichte über die großartige Ent- 
wicklung des deutschen Handels, der deutschen Industrie, 
das Aufblühen seiner Weltmachtstellung zur See. Auch 
wenn sie die Zeitungen nicht läsen, würden sie von diesem 
Aufschwung einen starken Hauch verspüren,, denn sie 
können kaum in irgendeinen I^aden gehen, ohne auf die 
schmeichelhafte Inschrift : „Made in Germ an y" zu stoßen, 
und die gewaltigen Schiffe der großen Reedereien, allen 



Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen. 269 

voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen Meer- 
giganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuver- 
lässigkeit in jeder Beziehung tibertreffen, haben für die 
Hebung des deutschen Ansehens über dem Ozean mehr 
getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten 
Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten 
vier Jahrzehnten des gesegneten Friedens sich für die 
Ewigkeit zu manifestieren trachtete. Die Person des 
deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen Welt- 
eroberung durch deutsches Wissen und deutsches Können, 
genießt bei den Deutschamerikanern eine fast uneinge- 
geschränkte Verehrung, und auch das Vereinsleben hat 
durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Trieb- 
kraft bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, 
Indianapolis, Milwaukee und einigen anderen Städten 
erheben sich schöne deutsche Vereinshäuser, in denen 
nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch 
mit ernstem Eifer deutsche Musik und überhaupt deutscher 
Kulturbesitz gepflegt wird. In Cleveland haben die 
Deutschen in einem schönen öffentlichen Park eine Kopie 
des Weimarschen Schiller- Goethe-Denkmals errichtet, in 
Buffalo bemühen sie sich mit rührender Leidenschaft 
um denselben Zweck, und selbst im fernen Westen, in 
Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer rastlos 
am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen 
Leben des Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist 
begreiflich, daß die Bestrebungen einer ausschließlich auf 
ästhetische Kultur gerichteten intellektuellen Oberschicht 
in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begründung und 
Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kräfte 
noch fast ausschließlich in Anspruch nimmt, wenig Ver- 
ständnis finden können. In dieser Beziehung sind es noch 
Großväterideale, welche die versprengten Landsleute 



270 Was können wir von Amerika lernen? 

drüben pflegen und es ist charakteristisch, daß die wenigen 
leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum 
in Kunst und Literatur vorwiegend eingewanderte deutsche 
Juden sind. 

Ks hat sich also nachträglich doch noch so etwas 
wie ein deutscher Chauvinismus entwickelt — leider, 
leider kommt er jetzt um mehr als ein halbes Jahr- 
hundert zu spät, denn die Neue Welt ist fortgegeben ! Es 
hieße unseren deutschen L,andsleuten einen schlechten 
Dienst erweisen, wenn man sie jetzt noch zur Sonder- 
bündelei mit prahlerischem Maulaufreißen von uns aus 
aufstacheln wollte; das wäre töricht und geschmacklos. 
Wie würden wir es wohl aufnehmen, wenn die vielen 
Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste sind, uns fort- 
während ihre Nationalität und Rasse unter die Nase 
reiben, Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesänge 
in die Ohren schmettern und darauf bestehen wollten, 
unsere Sprache nicht zu lernen? Wir würden uns ihrer 
mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. 
Auch die Yankees, die tatsächlichen Herren der Neuen 
Welt, haben ein gutes Recht, zu verlangen, daß die Ein- 
wanderer aufhörten, Fremdlinge zu sein, indem sie sich 
bemühen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der 
Wirtsrasse aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es 
unter diesen Verhältnissen, sich stolz bewußt zu bleiben, 
daß sie die Erben einer tieferen und feineren geistigen 
Kultur als die ihrer Wirte, und daß sie dazu berufen sind, 
den Blütenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauh- 
haarigen Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinüber 
nehmen, in die Seelen der neuen I^andsleute- befruchtend 
abzustreifen. Deutsche Denkungsart, deutschen wissen- 
schaftlichen und künstlerischen Sinn, deutsche Treue, 
deutsches Gemüt in der neuen Heimat zum ausschlag- 



Heiligste Pflicht des Deutschtums. 271 

gebenden Kulturfaktor zu machen, das muß ihnen als 
heilige Pflicht bewußt bleiben. Auf diese Weise lassen sich 
immer noch Siege gegen und, was noch wichtiger ist, auch 
mit dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene 
Yankeerasse mit deutschem Geiste zu durchtränken und 
so zu unseren innerlichst Verbündeten zu machen, das 
wäre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glänzende 
Waffentaten. Inzwischen dürfen sich aber die Deutschen 
der Vereinigten Staaten auch nicht für zu gut dünken, 
von den Yankees zu lernen, und ebenso wir Deutschen 
im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch nötiger 
haben. Es ist nämlich leider nicht zu leugnen, daß wir 
trotz des großen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch 
nicht dazu gebracht haben, als Nation so respektiert zu 
werden, wie wir es unseren Leistungen entsprechend 
wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Völker 
irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter 
sich ausgemacht haben und jemand unter ihnen die Frage 
aufwirft: „Ja, was wird aber Deutschland dazu sagen, wird 
es sich das gefallen lassen?" so wird ihm mit lächelndem 
Achselzucken die Antwort: ,,Ach, die Deutschen ! Die sind 
ja so anständig, friedliebend und zuvorkommend, die 
kriegen wir schon herum." Es ist eben in der Politik eine 
zweifelhafte Tugend, sich aus Höflichkeit die Butter vom 
Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleißig bei 
den Jungen die Fehler der Jugend — in der Politik werden 
viele davon zu Tugenden, vornehmlich die goldene Rück- 
sichtslosigkeit. 

Man wird einwenden, daß jene nachahmenswerten 
amerikanischen Tugenden nicht nur in der Jugend des 
Volkes, sondern mehr noch in den freien Entwicklungs- 
möglichkeiten einer großen demokratischen Republik 
begründet seien. Ich für meine Person kann jedoch nicht 



272 Was können wir von Amerika lernen? 

glauben, daß die Staatsform wirklich diese ausschlag- 
gebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung 
hat mich gelehrt, daß die demokratische Theorie drüben, 
wie überall, an der aristokratischen Veranlagung der 
Menschennatur scheitert; ich habe zahlreiche Beispiele 
dafür beibringen können. Der innerlich freie Mensch 
kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in 
Deutschland speziell noch an unseren Regierungssystemen 
geniert, sind alles Dinge, die sich bei gutem Willen ab- 
stellen lassen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die 
Propheten, die uns als nächstes Ziel unserer politischen 
Entwicklung die Vereinigten Staaten von Europa ver- 
heißen, recht behalten werden. Aber alsdann werden die 
gesunden, stolzen Rassen immer noch ein völkisches 
Sonderdasein führen und auch ihre Kaiser und Könige 
ebenso pietätvoll konservieren können, wie ihre Eigenart 
auf allen geistigen Gebieten. Wenn aber diese Vereinigten 
Staaten von Europa ein vernünftiges, zukunftsicheres 
Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Unehren 
mit zu verdanken haben, die ihnen das I^and der absoluten 
Gegenwart als untrüglicher Spiegel der Zukunft gegeben 
hat. 



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2)as Kirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel. 



Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschen- 
werken der Neuen Welt mag wohl keines so sehr den 
Europäer staunen machen, wie der Expreßelevator eines 
Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk hält. Woh- 
nungen für kochende, Kinder aufziehende Menschen 
pflegen sich in diesen riesigen Steinkasten nicht zu be- 
finden, sondern ausschließlich Geschäftsräume für die 
Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien für Rechts- 
anwälte, für Konsulate, für alle erdenkbaren Vermittler 
eines die ganze Welt beherrschenden Austausches von 
Waren und Werten aller Art. Das Herz Amerikas schlägt 
in den kleinen, einfachen Holzhäuschen der Vorstädte 
und ländlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet 
fieberhaft in diesen gigantischen Türmen und liefert 
zwischen 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends die Hochdruck- 
spannung für den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte 
von Telephonleitungen vereinigen sich auf den Dächern, 
die unablässig von diesen eifrigsten Drahtsprechern der 
Welt in Anspruch genommen werden;" im Erdgeschoß 
unterhält eine der Telegraphen- und Kabelkompanien 
ein Zweigamt und befördert unzählige Telegramme über 
den ganzen Kontinent, wie nach allen bewohnten Gegenden 
der Erde, und der gebändigte Blitz trägt Botschaften 
voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und 
wildem Mut in alle Welt hinaus. Millionen strömen herein, 
Millionen strömen hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag 
die große Wage, auf der die Gedanken erfindungsreicher 
Köpfe mit Gold aufgewogen werden ; hier saust geräuschlos 
der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem 

v. Wol zogen, Der Dichter in Dollarica. 18 



274 Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel. 

Schlage Existenzen vernichtet; hier schwirren die Web- 
stühle, an denen die schimmernden Netze für den Gimpel- 
fang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert 
der fleißige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk 
zu Stockwerk hinauf, und mit dem Expreßaufzug, der 
erst am elften Stockwerk hält, schwingt sich das Genie über 
die Köpfe der armen Durchschnittsmenschheit in atem- 
benehmendem Tempo empor. 

In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen 
Rasse, und dieser Expreßelevator ist das bezeichnendste 
Symbol der Kultur dieser Neuen Welt. Nie und nirgends 
zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschlösser gebaut, 
wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. 
Ein gigantisches Eisengerippe schießt starr und nackt 
aus dem Boden hervor, und der Ausbau wird hoch droben 
mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt 
man alsdann die Wände von Zementguß zwischen den 
Rippen zu spannen, also gewissermaßen flüssigen Stein 
vom Dach herunter zu gießen, bis er endlich den Boden 
erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet 
wird, schwer und gewaltig, wie für die Ewigkeit bestimmt. 
Wir Menschen der Alten Welt aber haben zuerst in den 
Höhlen gewohnt, die die Natur uns zum Unterschlupf 
darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wühlen. 
Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbei- 
geschleppt und langsam aneinander gefügt, und Jahr- 
tausende, ja Hunderttausende selbst haben wir gebraucht, 
um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene 
Höhen hinaufzuführen, wo die Stickluft schwitzender 
Mühsal nicht mehr lastet, wo der frische Wind der Freiheit 
weht und der Blick sich weitet in die lichte Ferne. Die 
kühnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten, 
brachten die eisernen Träger für den Aufbau ihrer Kultur 



Kampfloser Fortschritt. 275 



gleich fertig mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die 
zuerst das große Wagnis unternahmen; denn ängstliche, 
bedächtig am Alten klebende Ofenhocker und Duckmäuser 
gingen ja überhaupt nicht über das große Wasser. Die 
Eroberer brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der 
Knall ihrer Büchsen, der Donner ihrer Kanonen war ihr 
erster Gruß an die technisch hilflosen Besitzer des neuen 
Landes. Und als die weiße Besiedlung in großem Stile 
einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts 
das A, und die Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren 
im Alphabet, verursachte keineswegs mehr einen Riesen- 
verbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff brachte einen 
neuen Gedanken von der Alten Welt herüber, und diese 
neuen Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe 
erst langsam durchzusetzen gegen den widerstrebenden 
Willen der Alten — denn es gab keine Alten in diesem 
Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da 
brachte einer die Idee der Dampfmaschine herüber, und 
alsbald erkannte man, daß die Riesengröße des Landes 
all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen Quellen 
unerschöpflichen Reichtums überhaupt erst nutzbar ge- 
macht werden würden, wenn der rasche Dampfwagen 
spielend die Entfernungen überwand. 1825 ne ^ die erste 
Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste Lokomotive 
nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen 
Boston und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 
waren schon 2818 englische Meilen Eisenbahn ausgebaut, 
und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie vollendet, die 
den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man 
wartete drüben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevölkerte 
Gegenden und große Städte die Mittel zu neuen Bahn- 
bauten aufbrachten, sondern man legte resolut die Schienen- 
stränge durch jungfräuliches Land, durch Wüsten und 



276 Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel. 

Einöden und veranlaßte dadurch, daß jene Gegenden 
besiedelt wurden, Städte und Industrien über Nacht aus 
dem Boden wuchsen. Kleinliche Bedenklichkeiten kannte 
man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit dem 
Anlegen fester, kostspieliger Bahndämme nicht lange auf, 
sondern rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es 
gehen wollte in den Boden ein und ließ die schweren Loko- 
motiven darauf los rasen; auf ein paar Menschenleben 
mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an 
denen gelegen, wenn nur die Überlebenden den winkenden 
Dollar glücklich erhaschen! 

Und wie mit den Bisenbahnen, so ging es mit allen 
anderen technischen Errungenschaften des europäischen 
Geistes. Begierig wurden sie drüben aufgegriffen und, 
sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im 
Nu über das ganze L,and verbreitet und in ihrer 
Leistungsfähigkeit durch Verbesserungen bis an die 
Grenze der Möglichkeit gesteigert. Und genau so wie 
mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch 
mit denen der geistigen Kultur: man importierte alle 
wichtigen Axiome der Wissenschaft gleichzeitig mit 
den neusten, kühnsten Hypothesen und flößte sie den 
lernbegierigen jungen Köpfen ein. Von den sieben freien 
Künsten ließ man sich reichhaltige Mustersendungen 
kommen und erwarb zum Schmucke des eignen L,ebens 
was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht 
zu beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man 
hatte auch nicht nötig, aus dunkler Angst und Er- 
lösungssehnsucht langsam eine nationale Religion empor 
wachsen zu lassen, sondern man ließ sich die Religionen 
schockweise aus den alten Rändern kommen und von 
einheimischen Köchen für die amerikanischen Seelen 
lecker zubereiten. So besaß man auf einmal Religion und 



Unbegrenzte Möglichkeiten. 277 

Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles 
dieses in einem auf der Höhe des Tages befindlichen nagel- 
neuen Zustande. Es galt für dieses absolute Gegenwarts- 
volk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit alten Vorräten 
zu räumen, alte Mauern niederzulegen, alte Münzen 
einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang für die Leute 
dieser Neuen Welt ein Weiterbauen auf etwas bedeutete, 
das die Alte Welt bereits als ein Vollendetes geliefert hatte, 
so mußte sich in den Köpfen dieser Neuweltleute die 
Überzeugung festsetzen, daß es für ihre Entwicklung 
keine Schranken gäbe. Der Himmel hängt diesen Leuten 
voll unbegrenzter Möglichkeiten. Weil sie es niemals 
nötig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen mit schmerzenden 
Knien in die Höhe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen 
die natürlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreißig 
Stockwerke per Expreß mit höchstens zwei bis drei Sta- 
tionen hinauf zu flitzen. Und da droben, im Genuße der 
schönen Aussicht und der frischen Luft, fühlen sie sich 
so pudelwohl, daß sie es gar nicht merken, wie sie in der 
Luft hängen. Es muß schon ein gewaltiges Erdbeben 
kommen, um ihnen begreiflich zu machen, daß in ihrer 
Höhe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung etwas 
ungemütlich zu werden beginnt und daß man unten 
zum mindesten sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde 
aber vermögen kultivierte Menschen der Alten Welt in 
jenen stolzen Luftschlössern niemals heimisch zu werden. 
Sie finden es fußkalt darin, weil die unteren Stockwerke 
unbewohnt sind und alle Winde frei durch das leere Eisen- 
gerippe streichen. Wir wurzeln eben mit unserer ganzen 
Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kämpfen 
einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kräfte 
gewachsen; an den Steinen, die uns in den Weg geworfen 
wurden, haben wir die Waffen unseres Geistes geschärft; 



278 Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel. 

unseren Göttern haben wir Wohnungen gebaut aus den 
aufgetürmten Leichnamen unserer Märtyrer; den holden 
Rausch unseres Frühlings haben wir uns verdient in eis- 
kalten Winterstürmen, aus Schutt und Brand die Ideale 
unserer Schönheit gerettet — aller Stolz auf unsere Gegen- 
wart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und 
klein, an der heiligen Iyiebe zu unserer Vergangenheit 
gemessen. Bin Mensch der Alten Welt, der 
keine Romantik im I, e i b e hat, ist eine Miß- 
geburt. Und wenn die Kinder der absoluten Gegen- 
wart zu uns herüberkommen, so wandeln sie wie in 
einem Museum einher : alles, was für uns lauter lebendige 
Quellen ewiger Werte bedeutet, sind für sie ausgestopfte 
Kuriositäten, patinierte Schildereien, bleiche Spiritus- 
konserven — sie gehen staunend oder lächelnd vor- 
bei und fragen hie und da: ,, Wieviel kostet das?" 

O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar 
wir ehemals so verträumten Deutschen! Wir ruhen 
keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen immer 
noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Völker- 
wanderung. Diese neuen deutschen Menschen sind aber 
die sonderbarsten Realisten, die die Welt je gesehen hat. 
Wohl sind sie modern im besten Sinne und innerlich doch 
noch ganz und gar angefüllt von den ererbten Eigen- 
schaften ihrer ritterlichen oder spießbürgerlichen Vor- 
fahren. Ihr Blut sträubt sich dagegen, reine kalte Ge- 
schäftsmenschen zu werden ; sie ringen mit ihrer rührenden 
Gemütlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch 
mit einer streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem 
mannhaften Ringen blüht der Erfolg, weil sie sich der 
Arbeit und der Disziplin verschrieben haben. Dies neue 
Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch 
einen Staat im Staate, eine Freimaurerorganisation mit 



Der Übermensch von Wallstreet. 279 

ungeschriebenen Gesetzen. Aber es ist sicherlich berufen, 
den Staat von Grund aus umzuwandeln, das Ferment der 
neuen deutschen Gesellschaft zu bilden — jener große, 
der offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von 
Ingenieuren, Technikern, Kaufleuten, exakten Forschern, 
voraussetzungslosen Denkern und rücksichtslosen Künst- 
lern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu allen 
tüchtigen deutschen Taten hergibt. Übermenschen sind 
sie darum noch lange nicht, diese neuen Deutschen, aber 
doch bereits wieder ein prächtiges Herrenvolk, unter dem 
die Ahnherrn des Übermenschen schon jetzt im Fleische 
wandeln dürften. 

Drüben glauben sie, wie es scheinen möchte, den Über- 
menschen bereits zu besitzen, und zwar in der Person des 
Spielers großen Stiles, des Millionen aus der L,uft greifenden 
und auf eine Karte setzenden kalten Geschäftsmannes. 
Hören wir ein Stückchen Yankeephilosophie aus dem 
Munde eines ihrer besten Schriftsteller, Jacklyondon*): 
,,Zu Zehntausenden und zu Hunderttausenden sitzen 
Menschen die Nächte durch und planen, wie sie zwischen 
die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen 
können; das sind die Geschäftsleute. Die Kleinen von 
ihnen, Krämer und dergleichen, greifen sich aus dem 
Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas heraus, woran sie 
verdienen können; aber die großen Geschäftsleute be- 
nutzen diese kleinen Geschäftsleute, um die Werterzeuger 
für ihre Zwecke herzurichten. Den ganz großen I^euten 
aber liegt nichts daran, den einzelnen Arbeiter auszu- 
bluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern sie 
suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von 
Arbeitern und ihre Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese 



*) Aus dem Roman »Burning Daylight», S. 159 ff. 



280 Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel. 

Art von Glückspiel nennt man ,die hohe Finanz'. Ur- 
sprünglich bestand das Geschäft nur darin, den Arbeiter 
auszuplündern; dann aber taten sich die großen Räuber 
zusammen und jagten einander die aufgehäufte Beute 
ab. Unter den Übermenschen der Geschäfts- und Finanz- 
welt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, 
kein noblesse oblige. Diese modernen Übermenschen 
sind eine Gesellschaft von Banditen, welche die erfolg- 
reiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote von Recht 
und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht 
kehren. Bei ihnen heißt es, eines Mannes Wort soll gelten, 
so lange als er gezwungen ist, es zu halten. Du sollst 
nicht stehlen, ist ein Gebot, das nur den ehrlichen Arbeiter 
angeht; sie selber stehlen selbstverständlich und werden 
von ihresgleichen der Größe ihrer Beute entsprechend 
geschätzt. Obwohl jeder Räuber stets auf der L,auer 
liegt, um jeden anderen Räuber zu berauben, so ist doch 
die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat tatsächlich 
die Kontrolle über den politischen Mechanismus der 
Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg 
zum Rauben geben, und sie verschafft diesen Gesetzen 
Achtung durch die Polizeiorgane, die Gerichte und die 
Armee. Des Übermenschen Hauptgefahr liegt in seinem 
Mitübermenschen, nicht etwa in der dummen großen 
Masse des Volkes — die kann man durch den lächer- 
lichsten Bluff zum Narren halten — die zählt nicht mit. 
Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf höherer Basis, 
aber man kann sehr wohl die Betrügereien und Vor- 
täuschungen dabei durchschauen, ohne sich sittlich darüber 
zu entrüsten. Es ist eben die Ordnung der Natur, daß die 
gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von 
den Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch 
zivilisierte Menschen berauben einander, weil sie eben so 



Spitzbüberei als guter Sport. 281 

geschaffen sind. Sie rauben, wie die Katze kratzt, der 
Frost beißt und der Hunger kneift. Der große Finanzier 
lernt sein Geschäft bald sportmäßig betreiben. Arbeiter 
und kleine I^eute beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, 
das ist ebensowenig ein Sport, wie etwa die Jagd auf die 
fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen, wie sie 
in England noch betrieben werden soll. Der große Sport 
besteht darin, den erfolgreichen Räubern einen Hinter- 
halt zu legen und ihnen die Beute wieder abzunehmen. 
Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen setzt es 
dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen be- 
sonderen Spaß hat." 

Die Übermenschen von Wallstreet tragen mit ihren 
genialen Taten allerdings dazu bei, die Physiognomie der 
Neuen Welt charakteristisch auszuprägen, besonders wenn 
man ihr Treiben so auffaßt, wie jener witzige Engländer, 
der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Ge- 
schäftsleute wie in den Vereinigten Staaten hätten sie 
drüben in England doch nicht, kaltblütig erwiderte: 
,,0 ja, die haben wir auch — aber bei uns sitzen diese 
Herren alle im Zuchthaus." Der Amerikaner hat eben 
den guten Humor, die Taten seiner großen Spitzbuben, 
wie Jack Iyondon, mit sportlichem Interesse zu verfolgen. 
Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen 
zwischen den großen Tieren, über die er sich amüsiert, 
und denen, auf die er stolz ist. Es gibt einige sehr vor- 
nehme Klubs drüben, in deren Mitgliederverzeichnissen 
man die Quintessenz des amerikanischen Genius suchen 
darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und 
Höhenmenschen. So existiert z. B. in New York der alte, 
hoch angesehene Century- Klub, in welchen nur Männer 
aufgenommen werden können, die irgendeine bedeutungs- 
volle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen 



282 Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel. 

haben. Am 26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein 
Komitee, dem ein Dutzend der weltbekannten Industrie- 
fürsten angehörte, die Gelegenheit eines festlichen Früh- 
stücks im Straßenanzug, um unserem Prinzen Heinrich 
von Preußen das Hirn Amerikas auf einer 
goldenen Schüssel darzubieten. Ungefähr 
150 Einladungen ließen sie ergehen an jene Captains 
of Industrie, wie Thomas Carlyle sie genannt hat: 
,,Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht bloß 
eingebildeten Aristokratie!" Bei diesem denkwürdigen 
Frühstück wurde nicht die Schwere des Geldsacks in 
Betracht gezogen; ausgeschlossen waren die bloßen 
smarten Geschäftsleute, die tollkühnen Spieler des großen 
Spiels; ausgeschlossen waren auch L,eute, die nur ver- 
mittels ihres hohen Ranges eine Augenblicksbedeutung 
haben; es waren vielmehr nur wirkliche Feldherrn in dem 
gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch 
Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zurHuldigung 
entboten. Dem Prinzen wurde vorher ein kleines ge- 
drucktes Heft überreicht, in dem die Eingeladenen dem 
Alphabete nach aufgeführt und die Bedeutung jedes 
Einzelnen in einer ganz knapp gefaßten Notiz erläutert 
war. Die ,, New Yorker Staatszeitung" sagte von diesem 
Frühstück: ,,Der erlauchte Bruder des deutschen Kaisers 
und mächtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen hat 
heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, L,eute 
von dem Schlag der Augsburger Fugger, Fürsten des 
Handels, Baumeister unserer Größe. Es waren nicht 
lauter Millionäre, die da saßen, aber sie gehörten aus- 
schließlich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschöpf- 
liche Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzu- 
münzen verstehen und die unseren Nationalwohlstand 
begründen halfen." 



Die wahren Exzellenzen. 283 

Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei 
der ein Fürst der Alten Welt in ähnlicher Weise gefeiert 
worden wäre. Wenn unsere gekrönten Häupter reisen, so 
bekommen sie tiberall dieselben Exzellenzen, Geheimräte, 
Spitzen der Behörden, Kriegervereine usw. zu sehen; 
zweifellos lauter wackere und verdienstvolle Staatsbürger; 
aber die wahrhaft führenden Köpfe, die genialen Organi- 
satoren, die Träger der modernen Ideen — jene Exzellenzen 
im eigentlichen Wortsinne — jene Hervorleuchtenden — 
sie finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den 
Aufwartenden. Und der Eifer der intimen Hüter des 
Thrones, der Höflinge und Büreaukraten sorgt dafür, daß 
von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz 
des Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Ge- 
dankenschwung sich keck über die Grenzen des beschränk- 
ten Untertanenverstandes erhebt. Auch drüben in dem 
Märchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der 
leiste der Eingeladenen die großen Philosophen, Künstler 
und Dichter, die Verkünder einer neuen Sittlichkeit und 
einer neuen Religion, die kühnen Um werter und ge- 
fährlichen Fackelträger — sie mußten fehlen, weil sie 
drüben noch nicht vorhanden sind, diese Kulturblüten 
schwer von dem Honig einer glorreichen Vergangenheit. 

Wann wird für Deutschland die Stunde schlagen, in 
der ein Kaiser vor seinem Volke den Tanz der sieben 
Schleier tanzt, wobei seine Majestät eine Hülle alter Vor- 
urteile nach der andern abwirft, um schließlich zum L,ohne 
das Hirn Deutschlands auf einer Schüssel zu fordern? 
Vielleicht wird diese Schüssel nicht, wie drüben in dem 
L,ande der unerschöpflichen Naturschätze, von purem 
Golde sein können — aber das Hirn wird sich sehen lassen 
dürfen ! 



iiiiiiiin 



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Einige für dies Werk benutzte und empfehlenswerte Bücher 



Dr. Otto Ernst Hopp, »Bundesstaat und Bundeskrieg- in den Ver- 
einigten Staaten«. Zwei Bände. Verlag G. Grote. Berlin 1886. 

M c. Laug hl in, »History of the American Nation«. Verlag 
Appleton & Co. New York 1903. 

Paul Bourget, »Outre Mer«. Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905. 

Georg von Skal, »Das amerikanische Volk«. Verlag Egon 
Fleischel & Co. Berlin 1908. 

Dr. Hintrager, »Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten 
Staaten?« Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904. 

Wilhelm von Polenz, »Das Land der Zukunft«. Verlag F. Fon- 
tane & Co. Berlin 1905. 

Ludwig Max Goldberger, »Das Land der unbegrenzten Möglich- 
keiten.« Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903. 

A. von Ende, »New York«. Verlag Marquardt & Co. Berlin. 



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Kamen- und Sachregister. 



Aberglaube 203. 

Adel 261, 175 ff. 

Akademische Vergnügungen 55. 

American plan (style) 240, 244. 

Angelsachsen 21. 

Antisemitismus 31. 

Arbeit 105, 107, 261. 

Armee 177 ff. 

Armour & Co. 218 ff. 

Asch, Schalom 142. 

Astor 179. 

Astorhotel 239. 

Athletics 37, 45. 

Ausgestanden! 17. 

Avenue, common wealth 126. 

Avenue, fifth 123 f. 

Baker G. Eddy, Mrs. Mary 196 

bis 200. 
Bauern, lateinische 265. 
Bayreuth 138. 
Berufstreue 106, 254. 
Bertsch, Hugo 132. 
Bibliotheken 51, 63. 
Bier 234. 

Bildungsgang des Volkes 63. 
Bildungstrieb 63, 255. 
Bischöfliche Hochkirche 187. 
Blood and Thunder-Show 5. 
Bohemian Jinks 55. 
Bohemians 132. 
Bordelle 72 f. 

Bosse, die politischen 65, 73, 96. 
Bret Hart 133. 
Brooklyn- Bridge 233. 
Bronzemesser 110. 
Buchgewerbe 126. 
Buffalo 118, 211. 

Cafes 112, 119, 237. 
Camping out 209. 



Campus 54, 205. 

Car 172. 

Carnegie 80. 

Cartesius 120. 

Century-Club 281. 

Chautauqua 63. 

Chauvinismus 28, 266 ff. 

College Cheers 43 f. 

Chicagos Schlachthöfe 218—229. 

Christian Science 196 — 203. 

Clams 118. 

Coeducation 36, 55, 82, 84. 

Common sense 38, 66, 184, 263. 

Compartement 172. 

Concerd, sacred 175. 

Confessionslose Kirche 205 f. 

Cornell 53, 205. 

Denomination 49, 188 ff. 
Demokratischer Stolz 105. 
Demokratische Tugenden 181. 
Deutsch-Amerikaner 28 f., 36, 264 

bis 271. 
Deutsche Pflichten 6, 271 f. 
Deutsche Städte 265. 
Deutsche System, das 61. 
Dienstboten 94—109. 
Dienstmädchen, Karriere besserer, 

101. 
Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte 

des 99. 
Disziplin 38, 70 f., 170, 180, 278. 
Dollarmaschine 273. 
Doppelmoral 77. 
Dormitorys 42. 
Drew, Daniel 179. 

Ehe 79—93. 
Ehescheidung 79, 88 f. 
Ehrgeiz 37. 
Ehrlich-Hata 74. 



286 



Namen- und Sachregister. 



Ehrlichkeit 182. 

Einwanderers, die Kinder des 29. 

Eisenbahn 275 f. 

Eisenbahnen, Kundenfang der 241. 

Eiswasser 17. 

Eitelkeitsmarkt 176, 155. 

Emerson Ralph Waldo 62. 

Episcopal Church 187. 

Erotik 75 ff. 

Erziehungskosten Rückzahlung der 

83. 
Eulenberg, Herbert 145. 
Europa, Vereinigte Staaten von 

272. 
Exzellenzen, die wahren 283. 
Expreßelevator 273 f. 

Fahrpläne 242. 
Familienhäuser 123. 
Fensterputzer, der schwarze 95. 
Festessen 10 f. 
Fische 115. 

Fleischverarbeitung 230. 
Flirtation 84 f. 

Forschung, wissenschaftliche 46 f. 
Fortschritt, kampfloser 275. 
Fraternitys 42 f. 
Frauenakademien 56 ff. 
Friedrich, Max 129. 
Früchte 111, 118. 
Fulda, Ludwig 2. 
Frauenverehrung 26, 34, 70, 80, 
90, 174, 246. 

Gastfreundschaft 9. 

Geflügel 114. 

Geldheirat 25. 

Ghetto 138. 

Gold 234. 

Gould, Jay 25, 176. 

Gouverneur 10. 

Germanistic Society of America 

VII XIV 2. 
Geschäftspolitiker 65. 
Geschlechter, freier Verkehr der 

84 f. 



Gesetzen, Achtung vor den 67. 
Gesetzfabrikation 173. 
Gepäckaufgabe 242 f. 
Gesundbeter 197—200. 
Grünhörner 232 ff. 
Graf, Dr. Alfred 60. 

Handwerk 30, 106 f, 254. 
Hapag 269. 
Hardt, Ernst 147. 
Harward 44. 

Hauptmann, Gerhart 139, 145. 
Hauptmann Karl 2. 
Hausfrauen 91 f, 93, 101. 
Head lines (Kopfzeilen) 161 f. 
Heilsarmee 193—196. 
Heimatliebe 171, 259. 
Hemdärmeligkeit 249. 
Heinrich, Prinz von Preußen 18, 

226, 282. 
Heirat 88. 
Heiratslust ein Gesundheitszeugnis 

93. 
Herald, New York 164. 
High School von Youngstown 7. 
Hotel 207, 236 ff., 252. 
Höflichkeitsbezeugungen 13, 170, 

247 f. 
Hölle, Mittelpunkt der 227. 
Hudson 207, 215 ff. 
Humanistische Bildung 48. 
Humoristische Lichter 5. 

Icecream 17, 113 f. 
Illustrierte Zeitungen 151 ff. 
Indianer 23. 

Industriehäuptlinge 149, 282. 
Interviewer 8, 19, 158 f. 
Inquisition 21. 

Jerusalem, Else 74. 
Judentum 30 f., 144. 
Juristen 263. 

Kastengeist 172, 177. 
Kaiser, der deutsche 269, 283. 
Kannibalische Gerichte 119. 
Karrikaturen 160. 



Namen- und Sachregister. 



287 



Kasernenleben 180. 

Kaufmann, Reginald Wright 73. 

Katholizismus 188. 

Kauer, das Volk der 120. 

Kaugummi 121. 

Kelten 21. 

Kempinskis System 120. 

Keßler, David 139 ff. 

Kindervergötterung 33 f., 244. 

Kinderzucht 35. 

Kirchenwahl 203 f. 

Kleidung 124. 

Knickebockers 175. 

Kochkunst 111—120. 

Koketterie 79, 85. 

Komisch finden, was sie alles 7. 

Kongreß deutscher Mißgeburten 27. 

Kontrakte der Dienstboten 99. 

Korruption 65 ff. 

Krüger, Hermann Anders 2. 

Kunstbedürfnis 129. 

Kunst, nationale 62, 131. 

Küssen, vom 87, 247. 

Kurmacherei , unverbindliche 85- 

Landschaftsregisseure 212 ff. 

Laughlin, Andrew C. Mc. 36. 

Legal, Aid Society 192. 

Lenau, Nikolaus 1. 

Lehrer und Lehrerin 38 ff. 

Leitartikel 154. 

Leithammel 219. 

Lesefutter für Kinder und Un- 
mündige 151. 

Lichtreklame. 122, 211. 

Liebe , die, in der Öffentlich- 
keit 87. 

Liebesheirat 25. 

Liebesverhältnis 77, 86 f. 

Liebe und Ehe 79—93. 

Liliencron, Detlev v. 1. 

Lindau, Paul 1. 

Lloyd, Norddeutscher 269. 

Lobby, die 237. 

London, Jack 132, 279 ff. 

Longfellow 133. 



Lügner 37. 

Lynch, Richter 263. 

Manieren 27, 29, 92. 

Mann, G. A. 201 ff. 

Malerei 126, 130. 

Mannszucht 117 ff. 

Mark Twain 133. 

Massengeschmack 133, 163 f. 

Materialismus 193, 250. 

Mayflower 175. 

Mädchenhandel 73. 

Mäzene 51 ff. 

Menschen, neue deutsche 278 f. 

Menschliche Niedertracht 223. 

Mischlinge 23 f. 

Mitgift 25, 81. 

Modedamen 80, 90 f. 

Monatsschriften 164. 

Moralbegriff 78, 164. 

Morgentoilette des Tätowierten 

245. 
Multimillionäre 79 f. 
Muschenheim, Gebrüder 239. 
Musiker, deutsche 128 ff. 

Nacktheit in der Kunst .127, 174. 
Neger 95 ff., 99, 173. 
Negerkirchen 188 ff. 
Neidlosigkeit 183. 
Niagarafälle 209 ff. 
Niggerlied 128, 188, 191. 
Niggerpoesie 188 ff. 
Nervosität 11. 

Oper 136 ff. 

Operette 146 f. 

Optimismus 21, 32, 108, 215, 263. 

Osborn, Prof. Dr. Henry F. 149 f. 

Orden 53, 176. 

Pagen 237. 
Papiergeld 234. 
Parsifal 128. 
Päpstin, Tod der 198 f. 
Philister 260. 
Photographie 126. 
Pilgerväter 21, 75. 186. 



288 



Namen- und Sachregister. 



Pinsky, David 139. 

Plastik 127. 

Poet, der neuweltliche 130. 

Polenz, Wilhelm v. 1. 

Politik 65 ff., 271, 264 f. 154. 

Polizei 67, 72, 74, 171. 

Postgraduates 51. 

Prachtbauten 122 f. 

Presse, deutsche 167. 

Presse, gelbe 149, 153, 161, 164, 255. 

Privatgelehrte 50. 

Proletariat, gelehrtes 50. 

Professor der 53 f. 

Professor, der, als Mädchen für 

alles 103. 
Prohibition 171, 174. 
Prostitution, die 73. 
Prüderie 4, 74, 132, 145, 174. 
Publikums, Psychologie des 3. 
Puritaner 21 ff. 
Pullman- Wagen 172 f. 243 ff. 

Quäker 204. 

Radiopathie 199 f. 

Ragtime 128. 

Rasse, amerikanische 20 ff., 256 ff., 

268. 
Rassestolz 23. 
Raubritter 179. 
Rauchplage 68. 
Reception 9, 12 ff. 
Redegabe 10 f., 39. 
Refinement 47. 
Reinheit, erotische, der Männer 

75 f., 82. 
Reklame 156, 208, 210. 
Rekordfieber 251. 
Rekrutierung 177. 
Reliquienverehrung 50. 
Renommage 33. 
Rentiers 81. 

Reporter 8, 241, 237, 160 f. 
Richter 262 f. 
Rockef eller jun. 74. 
Romantik 87 f. 
Reinhardt, Max 142, 147 f. 



Salat 116 f., 117. 
Schaukelstühle 125. 
Scheidung, die 89. 
Schlachtverfahren für Schweine 

227. 
Schlachtverfahren für Rinder 229. 
Schlangenfraß, intellektueller 157. 
Schliff, der letzte 47. 
Schnitzler 86. 
Schönheit, körperliche 26. 
Schönheiten, berufsmäßige 59, 104. 
Schule 35 ff. 
Schülerverbindungen 39. 
Schurz, Karl 267. 
Sehenswürdigkeiten 9. 
Sekten 186 ff. 
Selbsthilfe , energische , eines 

Damenklubs 69. 
Sensationsartikel 164 ff. 
Sentimentalität 87. 
Sexuelle Heuchelei 75. 
Sinclaire, Upton 226. 
Skal, Georg v. 38. 
Sklaverei 109. 
Snobismus 251 ff. 
Social evel, the 72 ff. 
Soldatenwerbung 179. 
Söldnerheer 181. 
Sommerfrischen 209. 
Sororitys 58. 

Sozialdemokratie 180, 185. 
Sparsamkeit 235. 
Speisehäuser, billige 119. 
Spekulationsheiraten 81. 
Spießertum 183, 185. 
Spione, japanische 181. 
Spitzbüberei als Sport 281. 
Sport 44 ff., 54, 281. 
Sportberichte 153 f. 
Sportliche Wettkämpfe 45. 
Staatszeitung, New Yorker 167,282. 
Stanley, Henry M. 162. 
Steuben, Baron 36. 
Stiefelputzen 100. 
Straßendemonstrationen 97. 
Straßenpflaster 124. 



Namen- und Sachregister. 



289 



Straßenverkehr 71. 
Strauß, Richard 97, 98, 148, 160. 
Studenten, arme 43. 
Studentenverbindungen 43. 
Studentin, Typus der 59. 
Subway 232. 
Süßigkeit 111 f., 117. 
Sweet Potatoes 115. 

Tafelfreuden im Pensionat 115. 
Theater, amerikanisches 135 — 138. 
Theater, deutsches 143—148. 
Theater, jiddisches 138 ff. 
Theatre, New 136. 
Tammany Hall 186. 
Tante, die alte 173. 
Tauschhandel, Töchter im 25. 
Technische Hochschulen 49. 
Technik und Wissenschaft 49. 
Telephon 237, 249, 273. 
Todessprung, der 221. 
Toleranz 22. 
Touristen 211. 
Transcript, Boston 162. 
Trennung von Staat und Kirche 

185, 263. 
Trinkgeld 235 f , 238. 
Trustmagnaten 68. 

Übermensch, der, von Wallstreet 

279 ff. 
Undergraduates 42. 
Unglücksfälle, Verbrechen 153 f. 
Uniform 180. 
Unitarier 189. 
Univcrsity Extension 63, 255 f. 



Urban, Henry F. XII. 
Usher 13, 16. 

Verbrecher, Behandlung der 262. 
Vereinsleben 6 f., 255, 266, 269. 
Verfassung der V. St. 36. 
Virginians, true 175. 
Volkslied 3, 130. 
Völker, junge, u. Kinder 33. 
Vorstellen, nicht! 13. 
Vorurteile, demokratische 62. 

Wahlmanöver 73. 
Walt Whitman 133. 
Walter, Dramatiker 86, 132. 
Wedekind, Frank 145. 
Wehrpflicht 180. 
Wellesley-College 56—59. 
Weltanschauung 46. 
Wettkämpfe 44 f. 
White, Dr. Andrew D. 108, 203, 205 f. 
Wildpret 115 f. 
Williams, Roger 22. 
Wissenschaftliche Speisekarte für 

Damen 57. 
Wohltätigkeit 194. 
Wohnhäuser, Stil der 208. 
Wohnungseinrichtung 124 ff. 
Wolkenkratzer 123, 273 f. 

Yale 44. 
Yankee 20. 

Zahnarzt 113. 

Zukunft, schwierige Frage an die 

109. 
Zwangsheirat 78. 



■■■ ""■■"■ 



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Uli 



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Wolzosr'en, Der Dichter in Dollarica. 



19 



Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem 

Wie lebt und arbeitet man 
in den Vereinigten Staaten? 

Nordamerikanische Reiseskizzen 
von 

Dr. Hintrag er 

Geheimer Regierungsrat 

Preis: broschiert M. 5,— ; geb. M. 6,50 
IL Auflage 



New Yorker Staatszeitung : 

(Aus einem mehrere Spalten füllenden Feuilleton.) 

Dr. Hintrager hat in seinem Buche: „Wie lebt und 
arbeitet man in den Vereinigten Staaten?" ein gutes 
Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den Vereinigten 
Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten 
Besuchen des Landes nicht darauf beschränkt, die 
Außenseite der Dinge anzusehen. Er hat nicht nur auf 
einer Farm injowa gewohnt, sondern dort auch einige 
Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen gründlich 
studiert, ist im Bureau eines Rechtsanwaltes tätig ge- 
wesen, hat die meisten der größeren Strafanstalten 
besucht und geprüft und juristische Vorlesungen ge- 
halten. Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben 
des Volkes getan und weiß hübsch und interessant da- 
von zu erzählen. 

Sehr gut und lesenswert — auch für Deutsch- 
Amerikaner, die über diesen Punkt wenig unterrichtet 
sind — ist das Kapitel über die Amerikanerin. Man 
fängt doch an, einzusehen, daß die amerikanische Frau 
nicht bloß das Sofakissen ist, für das man sie so lange 
gehalten hat. 



Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem 



Das Land 

der 

unbegrenzten Möglichkeiten 

Beobachtungen über das Wirtschaftsleben 

der Vereinigten Staaten von Amerika 

von 

Ludwig Max Goldberger 

Geheimer Kommerzienrat 

Preis: broschiert M. 5,— ; geb. M. 6,50 
VIII. Auflage 

Literarisches Zentralblatt, Leipzig: 

Unter der in der legten Zeit beträchtlich an- 
geschwollenen Literatur über die Vereinigten Staaten 
darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platj 
beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschöpfende 
Gründlichkeit, genaue Detailforschung ohne jede Vor- 
eingenommenheit und Gefälligkeit der Darstellung 
zeichnen dieses Werk besonders aus. Man muß selbst 
auf den Spuren des Verfassers in den Vereinigten 
Staaten gewandelt sein, um die stets zutreffende und 
mit wenigen Worten überaus anschaulich gezeichnete 
Schilderung ganz würdigen zu können, welche in diesem 
Werk vom Boden und den Menschen, von der Arbeit 
und den Werkstätten, dem Nationalreichtum, den 
Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem 
Trustwesen und verschiedenem anderen gegeben sind. 
Durch das ganze Werk zieht sich die nicht hoch genug 
zu veranschlagende Tendenz, die beiden großen Na- 
tionen menschlich und wirtschaftlich näher zu bringen . . . 



Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem 

Das Land der Zukunft 

oder: 

Was können Amerika und Deutschland 
voneinander lernen? 

Von 

Wilhelm von Polenz 
© 

Preis: broschiert M. 6,—; geb. M. 7,50 

VI. Auflage 



St. Petersburger Zeitung: 

Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder 
Verhältnisse die glänzende Beobachtungs- und Schil- 
derungsgabe, die wir in seinen Dichtungen, besonders 
in seinem klassischen Roman „Der Büttnerbauer" be- 
wundern. Mit offenen Augen hat er sich in der ameri- 
kanischen Welt umgesehen und schildert scharf und 
klar, ohne sich auf der einen Seite durch wirkliche und 
scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was 
dem Europäer fremd, sonderbar und vielfach auch ab- 
stoßend erscheint, beirren zu lassen. 

Rheinisch- Westfälische Zeitung, Essen: 

Nicht landläufige Reiseeindrücke sind es, die uns 
Polenz wiedergibt, er entrollt vielmehr vor uns ein 
treffliches, wahrheitsgetreues, interessantes Gemälde 
von kulturhistorischer Bedeutung, von den Verhältnissen, 
Sitten und Gebräuchen der heutigen Welt. 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA LIBRARY 
This book is DUE on the last date stamped below. 

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One dollar on seventh day overdue. 



MAY 2 1947 






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