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Full text of "Die Aerzte in Russland bis zum Jahre 1800"

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l»f. med. e. »iieJüc^: 

*ai. Oslr. jr. Prosp. ZI. 



ÄEBHE IN BIISSLAND 

bis zum Jahre 1800. 

Ein Beilrag zur Geschichte der Europäisirung Russlands 
A. BRÜCKNER. 



ST. PETERSBURG, 

Kaiserliche Hofbaohhandlnng H. Schmitzdorff 

(R. Hsmmerschmidt)- 

1887. 

>1» 



AosBOjeHO KoaaypoK). C-neTepöypn, 24-ro ÄBrycTa 1887 r. 



^/2o^ 




Büdhdnioktrei A. Tagow, MenehtMhjuiakaia 20. 






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Xzilialt. 

Mto. 

I. Einleitung 1 

II. Allgemeine üebersicht 8 

m. Engl&nder 16 

IV. Holländer 25 

y. Franzosen, Italiener, Griechen, Ungarn, Polen 30 

VI. Deutsche. 1. Ausländer 98 

YII. Deutsche. 2. Balten 49 

YKI In Russland geborene Ausländer 58 

IX. Russen 61 

X. Schluss 69 



Die Aerzte iu Russlaod bis zum Jahre 1800. 



Dasgrösste war's, dass, wenn sie Krankheit niederwarf, 
Kein Mittel da war, keine Salbe, kein Gebräu, 
Kein Brod der Heilung, sondern aller Arzenei 
Entrathen sie verkamen, bis sie dann von mir 
Gelernt die Mischung segensreicher Arzenei, 
Die aller Krankheit wilde Kraft zu stillen weiss. 

Aischylos^ der gefesseltt Prometheus. 
V. 476^482. 

L 

Einleitung. 

In der Q-eschichte der Medicin pflegt die Q-eschichte der 
Aerzte so weit abgehandelt zu werden, als die hervorragend- 
sten unter ihnen wissenschaftliche Entdeckungen gemacht, diö 
Heilkunde durch neue therapeutische Methoden gefordert haben. 
Auch hier, wie in der politischen Q-eschichte, giebt es eine Art 
Heroencultus, und es stellt sich uns eine Gallerie berühmter 
Männer dar. Hippokrates, Celsus, Galenus, Paracelsus, Par6, 
Farnel, Harvey, Sydenham, Boerhave, Haller, Bichat, Hahne- 
mann, Rokitansky, Virchow, Skoda, Oppolzer u. s. w. absor- 
biren die Aufmerksamkeit der Historiker. Sie sind gewisser- 
massen als der Generalstab der Armee der Aerzte überhaupt zu 
bezeichnen. Das Gros ihrer weniger berühmten Kollegen bleibt 
im Wesentlichen unbeachtet. Nur etwa in Baas' „Geschichte 
des heilenden Standes** (1876) kommen diese letzteren zu ihrem 
Kecht. 

Und in der That verdienen neben den Koryphäen der medi- 
cinischen Wissenschaft die Praktiker gewöhnlichen Schlages 
mehr Beachtung, als ihnen bisher in der Geschichtslittoratur 
zu Theil wurde. Die ersttTen und die letzteren ergänzen ein- 

1 



ander. Die Entdeckungen der grosser Mediciner, der bahn- 
brechenden Naturforscher kommen erst durch die Yermitte- 
lung der minder berühmten Aerzte der Gresammtheit, der lei- 
denden Menschheit zu Gute. Die Entdeckung vom umlaufe 
des Blutes, die Ausbildung der pathologischen Anatomie, die 
Fortschritte der Untersuchungsmethode — Auscultation, Per- 
cussion, Palpation u. s. w. gingen von Einzelnen aus, aber 
diese epochemachenden Momente in der Geschichte der Medicin 
sind erst vermittelst der praktischen Ausübung durch unzäh- 
lige Jünger der grossen Meister Gemeingut geworden. 

Sowohl die sociale Stellung der Aerzte als ihre Zahl weisen 
im Laufe der Jahrhunderte sehr tiefgreifende Wandlungen auf. 
Es ist für die Bedeutung des ärztlichen Berufs entscheidend, 
ob die Aerzte dem Priesterstande angehören oder der Klasse 
der Sklaven entstammen oder ob sie einen besonderen Stand 
bilden. Die mönchischen Aerzte des Mittelalters operirten 
unter weniger günstigen Bedingungen als die berufsmässigen 
Mediciner der neuesten Zeit; die Schamanen bei den Tungusen 
oder Wotjaken haben einen anderen Wirkungskreis als die 
Doktoren bei civilisirten Völkern. Die oft schädlichen Haus- 
mittel der Heilkünster und Heilkünstlerinnen im Volke unter- 
scheiden sich wesentlich von der auf wissenschaftlichen Princi- 
pien basirenden Pharmakopoe auf höheren Kulturstufen. Mit 
der Gesundheitspolizei, mit der Qualität und Quantität der 
Aerzte hängen die Mortalitäts- und Morbilitätsverhältnisse in 
den Massen eng zusammen. 

Die historische Forschung hat bisher diesen Erscheinungen 
nur geringe Beachtung geschenkt. Sowohl in Bezug auf die 
Statistik der Aerzte, als in Betreff der Veränderungen auf 
dem Gebiete der Mortalität und Vitalität steht die Geschichts- 
forschung noch in ihrem Anfangsstadium. Man ist wohl im 
Allgemeinen geneigt anzunehmen, dass die Entwickelung der 
Kultur den Menschen überhaupt eine längere durchschnittliche 
Lebensdauer gewährleiste, dass in dem Kampfe gegen Krank- 
heit und frühzeitigen Tod den Massen bessere Waffen als früher 
zur Verfügung stehen, dass demnach in vielen Fällen und bei 
unzähligen Gelegenheiten eine grössere Wahrscheinlichkeit des 
Sieges bestehe; aber die Historiker haben seltsamerweise noch 
weniger als die Mediciner das Bedürfniss empfunden, durch 
Sammlung und Combiuation statistischer Daten der Sache auf 



den Grund zu gehen, einen etwa auf diesem Gebiete sich er- 
weisenden Fortschritt exact, ziffermässig darzustellen. Auch 
eine entgegengesetzte, pessimistische Auffassung begegnet uns 
wohl zuweilen. In einer Zeit, da die Erkenntniss der Gefahr, 
welche der Gesundheit und dem Leben von Bacillen und 
Bacterien droht, zugenommen hat, mag man wohl leichter zu 
der Annahme gelangen, dass manche Institutionen, welche mit 
den Errungenschaften der Civilisation eng zusammenhängen, 
wie die kolossalen stehenden Heere, das Zusammenwohnen 
ungeheurer Menschenmassen in grossen Städten, die Anforde- 
rungen der Schule, die Arbeiter Verhältnisse in der Grossindustrie, 
die Stubenluft, in welcher Gelehrte und Bureauarbeiter ihr 
Dasein zu verbringen pflegen — die Vitalität in einem früher 
unbekannten Masse bedrohen und schädigen. 

Die Frage aber, ob eine physische Degeneration der 
Menschheit im Allgemeinen, oder ob das Gegentbeil stattfinde, 
ob die Bedingungen für Gesundheit und Leben im Ganzen und 
Grossen sich mit der Zeit, im Laufe der Jahrhunderte günstiger 
gestaltet haben oder nicht, dürfte denn doch in hohem Masse 
der Beantwortung werth sein. Es handelt sich um die Vor- 
aussetzung alles menschlichen Daseins überhaupt. Da mag man 
denn Grund haben den diese Frage berührenden Erscheinungen 
eine gewisse Beachtung zu schenken. 

Auf praktischem Gebiete thut es Jeder ebensowohl wie die 
Gesammtheit, ohne zu einem klaren Bewusstsein von djer 
Tragweite des eigenen Thuns für die in grossen Zeiträumen 
sich vollziehenden Geschicke der Menschheit zu gelangen. 
Wenn der Einzelne in KrankheitsföUen einen Arzt zu Bathe 
zieht und die von ihm empfohlenen Mittel anwendet, wenn 
sociale Körperschaften und Regierungen Gesundheitsanstalten 
gründen, das ärztliche Personal zu vermehren suchen, allerlei 
die öffentliche Hygiene betreffende Vorschriften erlassen, wenn 
ein neues Verfahren der Heilkunde, wie etwa die Entdeckung 
antiseptischer Mittel oder die Schutzpocken als ein segensreicher 
Fortschritt betrachtet wird, so liegt einem solchen Thun und 
Urtheilen die Voraussetzung zu Grunde, dass ein Kampf gegen 
Krankheit und vorzeitigen Tod sehr wohl möglich sei und eine 
sichere Aussicht auf Erfolg darbiete. 

Während man unbedingt zugeben muss, dass alles Handeln 
seinem Wesen nach im Allgemeinen zweckmässig ist, wäh- 

1* 



rend man nicht leugnen kann, dass in den soeben angeführten 
Erscheinungen unzweifelhaft ein optimistischer Zug sich wahr- 
nehmen lässt, so erscheint denn doch bei dem gegenwärtigen 
Stande der Forschung das Problem von der Geschichte der 
Morbilität und Mortalität als ungelöst. Die Frage ist kaum in 
klarer, bestimmter Weise aufgeworfen, geschweige denn be- 
antwortet worden. ') 

Die Lösung des Problems ist nur durch monographische 
Behandlung der Geschichte einzelner dahineinschlagender Er- 
scheinungen möglich. Da es für frühere Zeiten an statistischen 
Daten über die Zahl der Kranken fehlt, da wir für frühere 
Jahrhunderte keine Mortalitätsziffern besitzen, so kann man 
nur aus dem Studium der allgemeinen Bedingungen, denen der 
jeweilige Stand der Morbilität und Mortalität entspricht, mit 
einiger Wahrscheinlichkeit auf einen Rück- oder Fortschritt in 
dieser Hinsicht schliessen. Wenn wir z. B. erfahren, dass eine 
Bevölkerung eine so geringe durchschnittliche Wohlstandsstufe 
einnimmt, dass sie schon bei einer unbeträchtlichen Steigerung 
des Kornpreises ausser Stande ist sich die erforderlichen Lebens- 
mittel zu verschaffen, so werden wir es für in hohem Masse 
wahrscheinlich halten müssen, dass die Zahl der Opfer des 
Hungertyphus in einem solchen Volke eine grössere sein werde, 
als bei einem reichen Volke, und dass der Ausspruch eines 
französischen Gelehrten „Aisance est vitalit^^ hier seine Bestä- 
tigung finden müsse. Brechen epidemische Krankheiten aus, 



*) Mit scheinbarer Sicherheit spricht Alex, von Oettingen in seiner 
„Moralstatistik'* die Ueberzeugung von einer stattfindenen physischen Dege- 
neration der Menschheit ans, und zwar soll dieselbe gerade in den Kultur- 
centren besonders in die Augen fallen. So z. B. heisst es S. 48 (d. zweiten 
Auflage) bei Besprechung der angeblichen „schamlosen Entartung der Ehe 
und des Familienlebens'*: „liier predigen die Tiiatsachen gewaltig und 
offenbaren als Symptome die innere Krankhaftigkeit des Gesammtleibes. Der 
Organismus der Menschheit ist zu Tode krank, quält sich in mannigfaltigem 
Siechthum"; S. 241: „Der Gesellschaftskörper droht bei lebendigem Leibe 
buchstäblich zu verfaulen"; S. 322; „Die gesammte Progenitur geht einem 
physischen und n:oralischen Verkrtippelungsprocess entgegen"; 8. 385: „Die 
Berliner Volksseele altert schon und wird von Jahr zu Jahr hintUlliger" 
u. dgl m. Es zeugt von grosser Stumpfheit der Historiker, dass diese Be- 
hauptungen, welche allerdings der Begründung entbehren, nirgends Wider- 
spruch oder Zustimmung gefunden haben, während hier doch ein eminent- 
historisches Problem berülirt wird. 



9 



SO werden Länder, in denen die öffentliche Gesundheitspflege 
rationell betrieben wird, im Allgemeinen weniger decimirt 
werden, als Locale, in denen Wohnung, Nahrung, Lebensweise 
der Massen den Regeln der Hygieine nicht entsprechen. In 
einer Armee ohne Feldlazarethe werden die Kranken und Ver- 
wundeten eher zu Grunde gehen, als wenn solche Anstalten 
vorhanden sind u. dgl. m. 

Allerdings müsste die Geschichtsforschung neben dem Hin- 
weis auf die soeben angeführten Wandlungen in günstigem 
Sinne auch die Reihe entgegengesetzter Erscheinungen einer 
eingehenden Untersuchung unterwerfen. So z. B. stellt Häckel 
in seiner „Schöpfungsgeschichte** den Satz auf, dass alle 
gesunden und kräftigen jungen Männer heutzutage die Aus- 
sicht haben durch Zündnadeln, gezogene Kanonen und andere 
dergleichen „Kulturinstrumente" gemordet zu werden, während 
alle kranken, schwächlichen, mit Gebrechen behafteten Jüng- 
linge zu Hause bleiben, heirathen und sich fortpflanzen. Es 
wäre also die Frage zu prüfen, ob Häckels Pessimismus, welche 
eine Degeneration der Menschheit in Folge der Kriege in Aussicht 
stellt, in den Thatsachen seine Bestätigung findet oder nicht. 
Derselbe Forscher spricht die Befürchtung aus, dass die „me- 
dicinische Züchtung" für die Vitalität indirect ein Schaden sei, 
indem allerdings Krankheiten durch Arzeneien aufgehalten , die 
Tage der Kranken verlängert würden, es aber auch geschehe, 
dass je länger man das Leben der kranken Aeltern mit Hülfe 
der ärztlichen Kunst hinziehe, eine desto zahlreichere Nach- 
kommenschaft von ihnen die unheilbaren Uebel erben könne 
u. s. w. *). Nur durch exacte historische Forschung, durch 
Massenbeobachtung kann ermittelt werden, in wie weit diese 
Aufstellungen des berühmten Naturforschers der Zukunft der 
Menschheit in der That ein ungünstiges Prognostiken zu stellen 
vermögen. 

Wenn man nun annehmen darf, dass die Bedingungen des 
jeweiligen Standes der Mortalität und Vitalität im Laufe der 
Zeit bedeutenden Wandlungen unterworfen gewesen sind, wenn 
man auch zugeben mag, dass diese Wandlungen entgegenge- 
setzter Art gewesen sein mögen, so dass im Zusammenhange 
mit den allgemeinen Entwickelungsphasen die Bedingungen für 



') Häckel, Schöpfungsgeschichte S. 122 



Gesundheit und Leben nicht blosj günstig, sondern zum Theil 
auch ungünstig gewesen sind, so liegt die Frage nahe, ob sich 
nach grossen Zeiträumen auf diesem Gebiete ein Plus oder 
Minus herausstellt. Auf ein solches Facit kommt Alles an. Ehe 
aber die Summe gezogen werden kann, musa jeder der Fac- 
toren oder mindestens eine möglichst grosse Anzahl von Fac- 
toren im Einzelnen festgestellt worden sein. So sind denn, um 
die ganze Frage ihrer Lösung näher zu bringen, recht zahl- 
reiche Thatsachenreihen einer eingehenden Untersuchung zu 
unterwerfen. 

Einen Beitrag zur Erforschung einer dieser Thatsachen- 
reihen soll die folgende Abhandlung liefern. 

Es handelt sich um eine Darstellung der Geschichte der 
Aerzte in ßussland in den drei Jahrhunderten von 1600 bis 
1800. Die frühere Zeit kann nicht Gegenstand der Betrachtung 
sein, weil es bis zum 16. Jahrhundert so gut wie gar keine 
Aerzte in Bussland gab. Die neueste Zeit, d. h. das 19. Jahr- 
hundert, bleibt vorläufig ausgeschlossen, weil das Quellenmate- 
rial für eine derartige Untersuchung, wenn auch in verschie- 
denen Formen vorhanden, so doch nur zum Theil zugänglich 
und nicht ausreichend vorbereitet, gesichtet ist. 

Dagegen verfügten wir für das 16., 17. und 18. Jahrhun- 
dert über zwei Quellenwerke, welche eine eingehende Unter- 
suchung des Gegenstandes ermöglichen. 

Im Jahre 1813 bis 1817 erschien zu Moskau W. M. Rich- 
ter's dreibändige „Geschichte der Medicin in Russland." Der 
Verfasser, 1767 zu Moskau geboren, war von 1790 an Professor 
der Geburtshülfe an der Moskauer Universität und hat eine 
ganze Reihe von speciell medicinischen Schriften herausgege- 
ben, auch in anderen Abhandlungen Fragen aus der Geschichte 
der Medicin behandelt '). Sein Werk zeichnet sich durch licht- 
volle Anordnung und durch litterarisches Geschick aus; die 
Quellenkenntniss ist so ausgedehnt, als dieses bei dem damaligen 
Stande der Geschichtswissenschaft in Russland irgend sein 
konnte. Es standen ihm ungedruckte Quellen, Archivalien zur 
Verfugung und er hat sie gewissenhaft benutzt. In den Bei- 
lagen zu seinem Werke hat Richter eine beträchtliche Anzahl 
sehr werthvoUer Actenstücke veröffentlicht. Dieselben werden, 
so wie Richter' s Zusammenstellungen überhaupt, stets ihren 

') S. d. Notizen über Richter in dessen Hauptwerke Bd III. 366—372. 



Werth behalten und noch oft späteren Forschern, welche sich 
mit diesem Gegenstande beschäftigen, nützen. 

Der Geschichte der Aerzte in Bussland hat Richter eine 
besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Er stellte Verzeichnisse 
von Aerzten in den einzelnen Regierungsperioden zusammen, 
erforschte die Personalien aller in den Quellen erwähnten 
Aerzte, Apotheker und Chirurgen u. s. w. 

Es ist sehr zu bedauern, dass Richter sein grundlegendes 
Werk nur bis zu der Thronbesteigung des Kaisers Peter III. 
hat fortführen können. Gerade die Regierungszeit der Kaiserin 
Katharina 11., welche in der Geschichte der Medicin in Russ- 
land eine Epoche bildet, und während deren gerade das ärzt- 
liche Personal im ganzen Reiche in einem sehr starken Zu- 
nehmen begriffen ist, hätte Richter als Zeitgenosse vortrefflich 
dargestellt. Es giebt von ihm nur eine lateinische Abhandlung 
über die Verdienste Katharina's um das Sanitätswesen in 
Russland (1792). 

Das zweite Werk, welches uns bei Behandlung unseres Ge- 
genstandes zur Verfügung stand, ist Jacob Tschistowitsch's 
„Geschichte der ersten medicinischen Schulen in Russland" 
(russisch), St. Petersburg, 1883. Obgleich der vor Kurzem ver- 
storbene Verfasser, Professor an der medicinischen Akademie, 
nahezu ein Vierteljahrhundert an seinem umfassenden Werke 
gearbeitet hat, obgleich ihm ein sehr ausgedehntes Actenma- 
terial zur Verfügung stand, leidet sein Buch, welches nur die 
Geschichte des medicinischen Unterrichts im 18. Jahrhundert 
behandelt, an bedeutenden Mängeln, auf welche ich an einer 
andern Stelle aufmerksam gemacht habe *). Tschistowitsch ist 
seinem Stoffe nicht gerecht geworden und steht als Gelehrter 
wie als Schriftsteller nicht enfernt so hoch wie Richter. Gleichwohl 
hat er eine grosse Fülle von Thatsachen zusammengetragen 
und namentlich ist eine der Beilagen zu seinem Buche, ein 
alphabetisches Verzeichniss der Aerzte in Russland im 18. 
Jahrhundert (S. LXVI— CCCLXVI) ein werthvolles Hilfsmittel 
bei Behandlung des Stoffes. Allerdings leidet auch dieses Arzt- 
lexikon an einer auffallenden Ungleichmässigkeit der Behand- 
lung, an einer einseitigen Benutzung des Actenmaterials, aber 
es liefert eine grosse Anzahl von Angaben, auf deren Ver- 
werthung es uns in der folgenden Abhandlung ankam, 

•) Russische Revue Bd XXVI, 202—219. 



8 



n. 

Allgemeine Uebersicht. 

Verhältnissmässig spät treten in Bnssland eigentliche Aerzte 
auf. In der Zeit der ersten Beziehungen Busslands zu Byzanz, 
in der Periode der Cliristianisirung Busslands hätte letzteres 
ein ärztliches Personal aus Griechenland beziehen können; in- 
dessen begegnen uns in den Quellen keinerlei Angaben darüber. 
Gelegeütlich hören wir wohl, dass etwa die Mönche des Höhlen- 
klosters zu Kijew Kranke aufgenommen und verpflegt hätten. 
Aber von einer eigentlichen berufsmässigen Heilkunde erfahren 
wir nichts. Die frühesten Nachrichten von der Anwendung 
mancher Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten beziehen 
sich auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es gab eine 
ArtVolksmedicin, und Richter hat, nach den Quellen, einVer- 
zeichniss solcher „Hausmittel", wie sie in Bussland üblich 
waren, zusammengestellt. Aber diese Angaben stammen im 
Wesentlichen aus dem 16. Jahrhundert, da das Auftreten aus- 
ländischer Aerzte auf die Art der Behandlung von Kranken 
im ganzen Lande einen gewissen Einfluss hatte üben können. 

Die selbst von Bichter ausgesprochene Ansicht, dass das 
Volk in Bussland in früheren Epochen sich durch einen beson- 
ders günstigen Gesundheitszustand ausgezeichnet und daher im 
(:ilTunde des ärztlichen Beistandes nur wenig bedurft habe, muss 
als eine vage Vermuthung, als eine in der Luft stehende Be- 
hauptung angesehen werden. Dieser Ansicht widerspricht das 
lange, von Bichter mit grossem Fleisse zusammengestellte 
Verzeichniss der verheerenden Seuchen, von denen die Bevöl- 
kerung Busslands heimgesucht wurde und deren in den Quellen 
erwähnt wird. Die kurzen, meist allgemein gehaltenen Notizen 
in den Chroniken, lassen auf entsetzliche Verheerungen durch 
Epidemien schliessen, von deren Natur wir schon darum so 
gut wie gar keine Kunde haben, weil es keine oder so gut 
wie keine Aerzte gab. 

Einer der Abgeordneten, welche Wladimir (der Heilige) , 
ehe er sich zur Annahme des Chris tenthums entschloss, in alle 
Länder ausgesandt haben soll, um sich über die verschiedenen 
Boligioiion zu orientiren, sei, so wird erzählt, ein Arzt ge- 



9 

wesen *). Aber erstlich erscheint der ganze Bericht von der 
Aussendung solcher Kundschafter als mythisch, und zweitens 
erfahren wir nichts von der Thätigkeit der betreffenden Per- 
sönlichkeit als eines Arztes. Es lassen sich nur Vermuthungen 
darüber anstellen , dass es im 11. Jahrhundert in Russland 
Aerzte gegeben haben könne, da wir aus dieser Zeit von Kran- 
kenhäusern Kunde haben. Ein Mönch, Alympius, soll gegen 
das Ende des 11. Jahrhunderts die Herstellung eines Kranken 
durch Anwendung eines Heilmittels bewirkt haben. Von einem 
andern Mönch, dem heiligen Agapyt, erfahren wir, dass er 
als ein „uneigennütziger Arzt" bezeichnet worden sei. Die Er- 
wähnung eines Armeniers, welcher sehr geschickt gewesen sei, 
den Puls zu fühlen verstanden und den Tod eines Kranken 
auf Tag und Stunde zu bestimmen vermocht habe, lässt auf 
die Möglichkeit schliessen, dass es sich hier um einen wirk- 
lichen Arzt gehandelt habe, der vielleicht Hippokrates, Galen 
und Celsus gelesen hatte *). Ebenso fragmentarisch sind die 
Nachrichten über etwaige Aerzte im 12. Jahrhundert. So z. B. 
erfahren wir, dass, als ein Bojar sich durch einen Sturz vom 
Pferde schwer beschädigte, ein Fürst Georgij Wassilje witsch, 
den Kranken besucht und Aerzte mitgebracht haben sollte, 
ohne dass wir über die letzteren etwas Genaueres wüssten. 
Ein Mann, Namens Peter der Syrier, soll der Arzt des Fürsten 
von Tschemigow, Nikolai Davidowitsch gewesen sein (Anfang 
des 12. Jahrhunderts), ohne dass wir von seiner medicinischen 
Thätigkeit etwas erführen'). Ueber die als „der schwarze Tod" 
bekannte Seuche, welche im 14. Jahrhundert auch in Russ- 
land die ftirchtbarsten Verheerungen anrichtete, haben sich 
zahlreiche Angaben erhalten , aber nirgends wird dabei der 
Aerzte in Russland erwähnt, obgleich u. A. selbst ein (J^ross- 
fürst, Ssemen der Stolze, ein Opfer dieser Krankheit wurde. 

Wie in mancher andern Hinsicht, so auch in der Geschichte 
der Aerzte in Bussland, bildet die Regierung des Grossfürsten 
Joann III. (1462 — 1605) eine Ej)Oche. Bei Gelegenheit der Ver- 
handlungen über die Vermählung des Grossfürsten mit der griechi- 
schen Prinzessin Sophie, kam ein Arzt, Namens Leon, ein 



*) Richter I. 164—167. 
•l Kichter I 172-175 
') Richter I. 185— 18S. 



10 

Jude von Geburt, nach Kussland. Gleich darauf (1490) er- 
krankte der Sohn des Grossfürsten an einer Art von Gicht 
an den Füssen. Leon versprach dem Grossfürsten den Kranken 
zu heilen; wenn ihm dies nicht gelinge, war der Arzt bereit, 
den Tod durch Henkershand zu erleiden. Der Prinz starb, und 
Leon wurde in der That öffentlich hingerichtet. •) So die erste 
zuverlässige Nachricht von der Thätigkeit eines Arztes in Buss- 
land. Die Geschichte der Aerzte in diesem Reiche beginnt mit 
einer Epi«ode, welche auf den specifisch orientalischen Cha- 
rakter dieses Sfendes schliessen lässt, mit einem Act der Bru- 
talität, wie solehe Dinge heutzutage sich in Persien, Birma 
oder in centralafrikanischen Reichen zutragen können. 

Aus der Zeit der Regierung des Grossfürsten Wassilij Joan- 
nowitsch (1605 — 1634) sind zwei Aerzte bekannt; beide behan- 
delten den Herrscher während dessen letzter Krankheit. Der 
eine, Nikolai Lujew, war, wie wir aus dem Gespräche des 
Grossfürsten mit ihm erfahren, aus fremden Ländern nach 
Russland gekommen, ohne dass wir Genaueres über seine Her- 
kunft wüssten; der andere, Theophil, war ein Deutscher; sein 
Landesherr, der preussische Herzog Albert, reclamirte seine 
Rückkehr aus Russland im Jahre 1516 durch seinen damals 
in Moskau befindlichen Gesandten, Dietrich von Schomberg; 
Theophil scheint indessen Russland nicht verlassen zu haben, 
da wir ihm hier noch im Jahre 1637 begegnen*). 

Eine bedeutend grössere Anzahl von Aerzten kam während 
der Regierung des Zaren loann IV. nach Russland, so ein 
Italiener, Namens Amolph, ein Deutscher, Eliseus Bomelius, 
mehrere Engländer, wie Standish, Richard Elmes, Robert 
Jacob, eine Anzahl von Feldscheerern, der Apotheker James 
Frencham "). Unter Feodor und Boris kamen u. A. der Eng- 
länder Marcus Rydley, der Franzose oder Italiener Paul Citadin, 
der Deutsche Caspar Fiedler, der Ungar Christophorus Riet- 
lenger, die Lübecker David Vasmer und Heinrich Schroeder, 
der Doctor Willys u. A. "). 

Man nimmt wahr, dass die Berührung Russlands mit Eu- 
ropa in Folge der Entdeckung des Seeweges nach dem Weissen 



•; Richter I. 232—234. 

•> Richter L 275 flf. 
'•) Richter L 294-314. 
") Richter I 313 -396- 



r • 



m « 



11 

Meere durch die Engländer im Jahre 1663 auch in dieser Hin- 
sicht Fruchte trug. Auch macht sich die Neigung der russi- 
schen Regenten, Joann's IV., Grodunows, des Pseudodometrius 
bemerklich, Eussland dem westeuropäischen Einflüsse zu er- 
schliessen. Diese Richtung wird denn auch später trotz man- 
cher Schwankungen in der russischen Politik eingehalten, so 
dass auch im 17. Jahrhundert, trotz der um das Jahr ' 1612 
eintretenden nationalen Reaction gegen den fremdländischen 
Einfluss die Zahl der Aerzte stetig zunimmt. Und da* es noch 
lange währte, ehe man an die Ausbildung russischer* Aerzte 
denken konnte, war man darauf angewiesen, ausländische Me- 
diciner nach Russland zu berufen. 

So kamen denn: unter Michael Feodorowitsch (1613 — 1646) 
u. A. der Holländer Valentin Byls und Hieb Polidanus, der 
Engländer Arthur Dee, der Deutsche Wendelinus Sybelist, 
femer Reinhard Pauw, Hartmann Q-ramann,- Johann Belau, 
Peter Chamberlaine, eine beträchtliche Anzahl von Wundärzten 
und Apothekern "); unter Alexei Michailowitsch (1646—1876) 
Andreas Engelhardt, Samuel CoUins, Johannes Costerus von 
Rosenburg, Laurentius Blumentrost, Stephan Daniel von Gaden, 
unter FeodorAlexeje witsch (1676 — 82) Stockmann, Grutmensch, 
Pfeiffer, Sommer u. s. w. "). 

Sehr rasch steigt sodann die Zahl der Aerzte noch weiter 
während der Regierung Peters des Grossen. Noch ehe der 
letztere seine epochemachende Reise nach Westeuropa antrat, 
welche u. A. auch die Uebersiedelung einer beträchtlichen An- 
zahl von Medicinem nach Russland zur Folge hatte, begegnen 
uns in Moskau bedeutende Aerzte, wie Carbonarius, Pelarino, 
Zacharias van der Hülst u. A. Sodann wurden allein im Jahre 
1697 nicht weniger als fünfzig Chirurgen für die Armee und 
die Flotte berufen"). In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahr- 
hunderts kamen ferner u. A. Nikolaus Bidloo, Johann Mel- 
chior Glüssing, Robert Areskin, Antonius Sevasto, Georgius 
Policala, Gottlieb Schober, Antonius de Theyls, Matthäus 
Mineat , Johann Hermann Lestocq , Johann Pagenkampf , 
Johann Christoph Rieger, Johann Lerche u. A. Unter Elisa- 



") Richter IL 22—109. 125—134. 
»') Richter n. 265-379. 
") Richter II. 382-433. 



12 

beth wirkten u. A. die Brüder Kaau-Boerhave, der Grieche 
Condoidi, Johann Schilling, Treugott Gerber, Poletika, Moun- 
sey u. s. w. **). Die Regierung Elisabeths ist für das Medi- 
cinalwesen in Russland hochbedeutsam durch die Gründung der 
Moskauer Universität, bei welcher sich eine medicinische Fa- 
cultät befand, durch die Absendung von jungen Russen ins 
Ausland zum Zweck der Ausbildung für den ärztlichen Beruf 
u. s. w. Hatten schon früher die in der Zeit Peters gegründeten 
Hospitalschulen die Möglichkeit eines medicinischen Studiums 
in Russland dargeboten, so steigerte sich diese Möglichkeit 
um die Mittö des 18. Jahrhunderts durch die Anstellung einer 
Reihe von Professoren der Medicin an der Hochschule in der 
alten Hauptstadt und durch die Vermehrung der Hospitäler, 
Apotheken u. s. w. 

In diesem Sinne hat sodann die Regierung Katharina 's 
weitergewirkt. -Es erfolgt gleich zu Anfang dieser Regierung 
die Gründung des Medicinalcollegiums ; die Zahl der Reise- 
stipendiaten, welche sich in Westeuropa dem medicinischen Stu- 
dium widmen, ist im Steigen begriffen; es findet im Jahre 
1768 die erste Doctorpromotion in Russland statt *^); der be- 
rühmte Verfasser des Buches „Von. der Einsamkeit", Zimmer- 
mann, vermittelt den Eintritt einer grossen Anzahl deutscher 
Aerzte in russische Dienste, u. s. w. '^). Unter den Aerzten 
dieser Zeit begegnen uns bedeutende Persönlichkeiten, wie 
Orreus, Lerche, Tode, Rogerson, Weikard, Wilie, die Gebrüder 
Asch, Richter, Ssamoilo witsch, Schafonskij, Jagelskij, der Ba- 
ron Dimsdale und u. A. m. 

In welchem Masse die Zahl der Aerzte in Russland im Zu- 
nehmen begriffen ist , ersieht man aus folgender Zusammen- 
stellung, welche sich auf die Zeit von 1600 bis 1800 bezieht 
und in welcher insbesondere der Zeitraum von 1730 bis 1800 
Beachtung verdient. 

Es begegnen uns Aerzte in folgender Zahl, in folgenden 
Zeiträumen : 



*^) Richter III. s. d. ganzen Band. 
") Tschistowitsch, Beilagen CCXLV. 

") s. Marcard, Zimmermannes Yerhältuiss zu der Kaiserin Katharina II. 
Bremen, 1803, 



13 



bis zum Jahre 

1600 12 

1600 bis 1650 ! . ! , . . , ! 22 

1650 „ 1690 28 

1690 „ 1730 125 

1730 „ 1740 46 

1740 „ 1750 58 

1750 „ 1760 76 

1760 „ 1770 94 



1770 „ 1780 124 

1780 „ 1790 . . / 229 

1790 „ 1800 236 



Ein flüchtiger Blick auf diese Tabelle, deren Einzelheiten 
auf Genauigkeit keinen Anspruch machen, belehrt uns darüber, 
dass insbesondere die Regierungsj)eriode Peters des Grossen 
und ferner diejenige Katharina II. ein rasches Anschwellen der 
Ziffer der Aerzte aufweist. Während Peter in erster Linie für 
das Sanitätswesen im Heere und bei der Flotte Sorge trug 
und hier das ärztliche Personal zu vermehren suchte, fasste 
Katharina II. ihre Aufgabe viel weiter, indem sie für das Volk 
zu sorgen wünschte. Vergegenwärtigt man sich den persön- 
lichen Antheil, welchen die Kaiserin, wie an anderen Angele- 
genheiten, so auch an der Berufung der Aerzte nahm und er- 
innert man sich des oft wiederholten Vorwurfs, dass Katha- 
rina angeblich gar keinen Sinn für die weniger eflfectvollen 
administrativen Fragen gehabt habe, so wird man auch hier, 
wie sonst oft bei eingehenderem Studium der einschlagenden 
Erscheinungen, den Eindruck gewinnen, dass die ungünstigen 
Urtheile über Katharina, welche angeblich Alles nur um des 
Ruhmes willen gethan haben soll, ungerecht seien. 

Die Ziffern der obenmitgetheilten Tabelle können auf Ge- 
nauigkeit keinen Anspruch machen, weil man es für möglich 
halten muss, dass die Verzeichnisse der Aerzte, welche Richter 
zusammenstellte und das Arztlexikon Tschistowitsch's, welche 
die von uns verwertheten statistischen Materialien '•) enthalten, 

*•) Wir haben die Verzeichnisse von etwa 500 bis 600 Aerzten nach den 
obigen Quellen graphisch darzustellen versucht und zwar insoweit es mög- 
lich war, die Dauer der Wirksamkeit jedes Arztes in diesen graphischen 
Darstellungen ftlr jedes Jahr zu veranschaulichen gesucht. Auf Grund solcher 
in einem LinicMinetz gezogener Streifen hat dann für jedes Jahrzehnt eine 
Addition, welche die Arztfrequenz ausdrückt, gemacht werden können. Die 
Technik der Sache hat manche Schwierigkeiten dargel)oten. 



an Un Vollständigkeit leiden. Man darf vermuthen, dass, ins- 
besondere iih 18. Jahrhundert, mehr Aerzte thätig waren, als 
diejenigen, von denen wir durch die Vermittelung der obigen 
Quellen Kunde haben. Selbstverständlich werden die allermei- 
sten Aerzte irgend eine officielle Stellung eingenommen und 
in dem Actenmaterial eine Spur hinterlassen haben. Immerhin 
mag es aber auch solche Mediciner gegeben haben, welche 
in den von Tschistowitsch benutzten Geschäftspapieren nicht 
erwähnt sind. Ein solcher muthmasslicher Fehler in unserer 
Statistik der Aezte ist aber, seiner Natur nach, von unter- 
geordneter Bedeutung und thut dem Gesammtergebniss unserer 
Untersuchung keinen Eintrag. Ist es uns gelungen, durch jene 
Zahlencolonne darzuthun, dass der Process der Europäisirung 
Russlands auch in dem Sanitätswesen dieses Reiches zum Aus- 
druck gelangt, so wird ein solches Resultat durch die obener- 
wähnten Lücken im Material nicht bloss nicht alterirt, sondern 
jene Ziffern, welche sich herausstellen, erscheinen, namentlich 
für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als Minimalangaben, 
so dass die thatsächliche Steigerung der Arztfrequenz noch 
stärker sein mag als unsere Zusammenstellung ergiebt. Die 
Möglichkeit eines Fehlers nach der andern Richtung hin er- 
scheint ausgeschlossen. 

Wir bedauern auf die Weiterführung unserer Tabelle bis 
auf unsere Tage verzichten zu müssen. Es fehlt uns das Ma- 
terial für eine solche Zusammenstellung. Zwei Ergebnisse einer 
solchen etwa noch zu bildenden Ziffernreihe dürften unzwei- 
felhaft erwartet werden können. Es ist selbstverständlich, dass 
die Zahl der Aerzte in Russland heutzutage unverhältniss- 
mässig grösser ist als vor einem Jahrhundert, dass das Mass 
des Anschwellens der Ziffer, welche die Arztfrequenz ausdrückt, 
im Laufe der letzten Jahrzehnte ein stärkeres ist als in dem 
vorhergehenden Jahrhundert. Darf man auf Grund approxima- 
tiver Schätzungen annehmen , dass gegenwärtig im ganzen 
Reiche einige tausend Aerzte thätig seien, während es sich 
selbst zu Ende des 18. Jahrhunderts nur um ein Paar hundert 
Aerzte handelte, so stellt sich eine solche Differenz, auch wenn 
man den Unterschied der Bevölkerungsziffer berücksichtigt , 
als sehr beträchtlich dar. Im Laufe des letzten Jahrhunderts 
hat sich Russlands Bevölkerung etwa verdreifacht, während 
die Zahl der Aerzte auf das Zwanzig- bis Dreissigfache, also 



16 ^ 

in einem unverhältnissmässig stärkeren Grade gestiegen ist. 
Mögen aber die auf diesem Gebiete während des 19. Jahr- 
hunderts stattgehabten Wandlungen noch so beträchtlich sein, 
so beanspruchen die betreflfenden Vorgänge im 16., 17. und 18. 
Jahrhundert denn doch eine grössere Beachtung, insofern die 
Anßlnge des Sanitätswesens , weil völlig neu und bahnbre- 
chend, wichtiger erscheinen als die nothwendige Ent Wickelung 
desselben im laufenden Jahrhundert. Der Schritt , welchen 
Brussland in dieser Hinsicht im Zeitalter von Joann III. bis 
zu Katharina II. that, ist wichtiger als die Weiterbewegung 
auf der einmal eingeschlagenen Bahn. Der Unterschied zwischen 
einem Zustande ohne alle Aerzte und einem solchen, wo es deren 
ein Paar hundert giebt, ist grösser als die Differenz zwischen 
Hunderten und Tausenden von Aerzten. Sich in dieser Hinsicht 
wie in mancher andern an Westeuropa anschliessen bedeutete 
mehr, als mit der Entwickelung anderer Staaten einigermassen 
gleichen Schritt halten. War das Thor nach der Culturwelt 
hin einmal geöffnet, so musste noth wendigerweise die Frequenz 
durch dasselbe auch später steigen. Die schwere, träge Masse 
unhistorischen Daseins des conservativen orientalischen Staats- 
körpers in Bewegung bringen war schwerer als dieselbe wei- 
terwälzen. So erscheint denn die Aufgabe, welche wir in Be- 
treff einer Geschichte der Arztfrequenz zu lösen versuchten, 
belangreicher als die Vervollständigung des Arztverzeichnisses 
bis auf die neueste Zeit, wenn auch letztere an und für sich 
wünsch enswerth wäre. 

Ein zweites Ergebniss der Fortführung unserer Aufgabe 
bis auf unsere Tage würde bei dem Vergleich Russlands mit 
anderen Staaten darin bestehen, dass ßussland vorläufig in 
Bezug auf die Arztfrequnz weit hinter anderen Staaten zurück- 
steht. Während man gegenwärtig in Italien auf 2280 Men- 
schen einen Arzt rechnet, kommt in Russland ein Arzt auf 
18000 Einwohner; ja es giebt Gegenden in Russland, wo das 
Verhältniss ein noch viel ungünstigeres ist, wie z. B. die ent- 
legeneren Gouvernements im Osten, Norden, Südosten. Wäh- 
rend in England auf 3118 Menschen ein Feldscheer kommt, ist 
das Verhältniss in Russland wie 12400: 1. In Preussen rechnet, 
man durchschnittlich auf je 22000 Einwohner ein Krankenhaus; 
iu Russland kommt eines auf 175000 Personen u. dgl. m. 



16 

So hat denn noch jetzt in Bezug auf die Arztfrequenz viel 
zu geschehen, um Kusssand mit den Staaten Westeuropa's 
auf eine Stufe zu stellen. Ein sehr bedeutender Theil der Be- 
völkerung ßusslands darf heutzutage ebensowenig auf ärzt- 
lichen Beistand rechnen, wie die ganze Bevölkerung ßusslands 
vor drei bis vier Jahrhunderten. Aber dass der Process des 
Ausgleichs zwischen Russland und dem höhercultivirten Westen 
in dieser Beziehung wie hinsichtlich anderer Erscheinungen 
begonnen habe, ist aus den obenangeführten Zifi'ern zu ent- 
nehmen. Ebenso ist es klar, dass der in Russland in Betreff 
der Gesundheitspflege sich vollziehende Fortschritt ausschliess- 
lich der Berührung Russlands mit Westeuropa verdankt wird 
und dieser Verkehr Russlands mit der Welt auf dem Gebiete 
des Wissens und Könnens an Intensität zunimmt. 



III. 

Engländer 

Fragen wir nach der Nationalität der Aerzte in Russland 
im Laufe der letzten Jahrhunderte, so treten uns auch in die- 
ser Hinsicht während dieses Zeitraums sehr bedeutende Ver- 
änderungen entgegen. Die wichtigste der letzteren besteht da- 
rin, dass es lange Zeit gar keine russischen Aerzte gegeben 
und dass die Zahl der letzteren im Laufe des letzten Jahrhun- 
derts stetig zugenommen hat. 

So ergeben sich für eine eingehendere Betrachtung zwei 
Hauptgruppen vonAerzten: Ausländer und Russen. Jede dieser 
Hauptgruppen bietet dann noch weitere Unterabtheilungen dar. 

Fassen wir zunächst die ausländischen Aerzte ins Auge, 
so nehmen wir hier in Betreff der verschiedenen Nationalitäten 
sowohl eine gewisse Reihenfolge als auch sehr beträchtliche 
Differenzen in Bezug auf die Zahl der den einzelnen Nationa- 
litäten angehörenden Aerzte wahr. 

Wenn wir von ganz unbedeutenden Gruppen solcher Na- 
tionalitäten absehen, welche nur durch eine geringe Zahl von 
Männern in dem ärztlichen Stande Russlands vertreten sind, 
so ergeben sich insbesondere drei Nationalitäten, welclie in 
Botracut kommen und in einem gewissen Sinne auf einander 
folgen: es sind die Engländer, die Holländer und die Deutschen. 



17 

• 

Die Nationalität der sehr wenigen Aerzte, welche in ßuss- 
land vor der Mitte des 16. Jahrhunderts thätig waren, ist 
meist unbekannt, Richter' s Vermuthung, dass in Folge der 
Beziehungeui welche zwischen Bussland undByzanz bestanden, 
bereits in frühester Zeit griechische Aerzte nach Bussland ge- 
kommen seien, wird durch keine Thatsachen bestätigt. Wir 
hören von einem Juden, von einem Armenier u. dgl. Der Arzt 
Theophil, welcher uns in der ersten Hälfte des 16. Jahrhun- 
derts in Bussland begegnet, ist trotz seines griechischen Na- 
mens, wie aus den oben mitgetheüten Angaben zu ersehen' ist, 
denn doch wohl ein Deutscher getvresen. 

I^äg^en bilden einige englische Aerzte, welche in der zweiten 
Hälfte des 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderts nach 
Bussland kamen, in der That eine G-ruppe. 

Man weiss, welche grosse Bedeutung die Entdeckung des 
Seeweges zu der Mündung der Dwina durch die Engländer im 
Jahre 1663 hatte. Bildeten bis dahin dia Beziehungen Buss- 
lands zu anderen Staaten eine seltene Ausnahme, so entspann 
sich nach dem Jahre 1663 zwischen Bussland und England ein 
regelmässiger Verkehr, welcher für die Kulturentwiokelung 
Osteuropas von den tiefgreifendsten Folgen begleitet war. Es 
kamen in recht bedeutender Anzahl Engländer nach Bussland. 
Es waren insbesondere commercielle und industrielle Interessen, 
welche sie zu der Beise in das bis . dahin fast völlig unbe- 
kannte Land veranlassten. Nahezu ein Jahrhundert lang spiel- 
ten die Engländer in dem auswärtigen Handel Busslands die 
Hauptrolle. Auch der diplomatische Verkehr zwischen den 
beiden Staaten war wesentlich auf die Begelung der Handels- 
verhältnisse gerichtet. Durch die Engländer lernten die Bussen 
mancherlei Bedürfriisse, welche ihnen bis dahin völlig fremd 
waren, kennen. Den mancherlei Luxuswaaren, welche auf eng- 
lischen Schiffen über Archangelsk nach Moskau kamen, sind 
denn auch die englischen Aerzte beizuzählen. 

Fast unmittelbar nach der Ankunft des kühnen Seefahrers 
Chancelor in Bussland, d. h. schon im Jahre 1667, als Jen- 
kinsQn seine erste Beise nach Bussland machte , kamen mit 
ihm zugleich mehrere Aerzte, darunter Standish und Bichard 
Elmes. Aus den diplomatischen Correspondenzen zwischen Joann 
IV. und Elisabeth von England erfahren wir, dass der erstere 
die Königin ersucht habe, ihm Aerzte zu empfehlen. Sie sandte 

2 



18 

dem Zaren u. A. einen Hofarzt, Namens Robert Jacob. Der- 
selbe scheint das besondere Vertrauen des Zaren genossen zu 
haben, da wir u. A. erfahren, dass er, als Joann sich mit einer 
Engländerin vermählen wollte, die Lady Mary Hastings, eine 
Verwandte der Königin Elisabeth, in Vorschlag brachte. In 
verschiedenen an den Zaren gerichteten Schreiben ersucht Eli- 
sabeth den Zaren den Doctor Jacob in Ehren zu halten. Nach 
dem Tode Joannes IV. verliess dieser Arzt Kussland, kam aber 
ein Paar Jahre später abermals ins Land und scheint sich ins- 
besondere als Frauenarzt hervorgethan zu haben *•). In die 
erste Zeit der englisch-russischen Beziehungen fallt auch die 
erste Einrichtung einer Hofapotheke in Russland und auch 
hiebei nimmt ein Engländer, James Frencham, die wichtigste 
Stelle ein *®). Im Jahre 1594 kam sodann, ebenfalls von der 
Königin Elisabeth empfohlen, Marcus Rydley nach Russland; 
er nahm die Stellung eines Leibarztes des Zaren Feodor Joan- 
ne witsch ein. Auf den Wunsch der Königin und wahrschein- 
lich, weil Rydley selbst nicht länger in Russland bleiben wollte, 
wurde er schon im Jahre 1598 wieder entlassen, wobei der Zar 
in einem an die Königin gerichteten Schreiben erklärte, dass 
wenn künftig englische Aerzte, Apotheker und andere Gelehrte 
nach Russland zu kommen wünschten, dieselben sich einer 
guten Aufiiahme, einer reichlichen Versorgung und einer freien 
Entlassung zu erfreuen haben sollten *'). Der Doctor Willys, 
welcher im Jahre 1699 von der Königin Elisabeth nach Russ- 
land gesandt wurde, scheint mehr die Rolle eines Diplomaten, 
als diejenige eines Arztes gespielt zu haben. Er hatte den Auf- 
trag , die Beziehungen Russlands zu Polen regeln zu helfen "). 
Der Leibarzt des Königs Jacob I. von England, Arthur Dec, 
entschloss sich im Jahre 1621 als Leibarzt des Zaren Michael 
Feodorowitsch in russische Dienste zu treten. Schon sein Vater, 
ein berühmter Mathematiker, hatte 1588 einen Ruf nach Russ- 
land erhalten, aber, obgleich ihm ein sehr hoher Lohn — 2000 
Pfimd — in Aussicht gestellt worden war, denselben ausge- 
schlagen. Arthur Dee scheint am russischen Hofe besonderes 
Vertrauen genossen zu haben ; auch wissen wir von sehr an- 



••) Richter I. 298-310. 

»«) Richter I. 310—314, 396—402, 448—455. 

»») Richter I 310— 321. 

"j Richlcr 1 383—390. 



19 

sehnlichen Belohnungen, welche er erhielt. Er blieb zwölf Jahre 
in Bussland '•). 

Eine grosse Berühmtheit genoss seiner Zeit Samuel Collins, 
welcher sich einige Jahre hindurch (1652 bis 1666) am russi- 
schen Hofe als Leibarzt des Zaren A.lexei Michailowitsch auf- 
hielt und, wie man aus einer von ihm verfassten Schrift über 
Bussland *•) ersieht, sich der besonderen Gunst des Zaren zu 
erfreuen hatte. Seine auf verschiedene naturwissenschaftliche 
Grebiete gerichtete schriftstellerische Thätigkeit fallt in die 
Zeit nach seinem Aufenthalte in Bussland. Seiner Schrift über 
Bussland ist eine Abhandlung über die in Bussland vorkom- 
menden Pilze und Schwämme mit Abbildungen beigefügt '*). 

Aus diesen Angaben ist zu ersehen, dass die englischen 
Aerzte in dem Jahrhundert von loann lY. bis Alexei Michai- 
lowitsch in Bussland eine hervorragende BoUe spielten und in 
der Geschichte der Medicin in Bussland eine bedeutende Stel- 
lung einnahmen. Sie kamen aus einem Lande, welches in jener 
Zeit zwar keine eigentliche Grossmachtstellung einnahm, aber 
sich auf dem Gebiete des Handels und der Industrie, der 
Kunst, Wissenschaft und Litteratur hervorthat. Es ist das 
Zeitalter der Königin Elisabeth, die Epoche Shakespeares; 
in diese Zeit fallt die Gründung des ausgedehnten Kolonial- 
systems der Engländer; am Schlüsse dieser Periode stehen die 
beiden englischen Bevolutionen '•), welche der Entwickelung 
des Staatsrechts in der Welt wesentlichen Vorschub geleistet 
haben. Man darf annehmen, dass die englischen Aerzte, welche 
meist schon vor ihrer Beise nach Bussland in ihrer Heimath 
sehr angesehene Stellungen eingenommen hatten und sich durch 
Kenntnisse und Erfahrung in ihrem Fache, sowie durch allge- 
meine Bildung auszeichneten, in Bussland ein belebendes, an- 
regendes Element werden dargestellt haben. Leider haben sich 
nur ganz wenige Angaben über die persönlichen Verhältnisse 
dieser englischen Aerzte, ihre Praxis, ihre Beziehungen zu den 
Monarchen und den Grossen in Bussland erhalten. Indessen wird 



»•j Richter U. 30-42. 

*') Die Schrift führt den Titel „The present State of Russia in a Letter 
to a friend" und erschien im Jahre 1671. Sie ist sehr selten. 

••) Richter U 276-281. 

'*) Die Hinrichtang Enrrs I. hat bekanntlich der russischen Regierung 
als Vorwand gedient, die Privilegien der englischen Eaufleute in Rnssland 
aufzuheben. 

2* 



20^ 

man es für wahrscheinlich halten können, dass der Verkehr 
mit ihnen für Männer wie loann IV., Boris Godunow, Michail 
und Alexei von grosser Bedeutung, eine Art Schule gewesen sei. 

Hatten die Engländer etwa ein Jahrhundert lang auch als 
Aerzte eine Art bevorzugter Stellung eingenommen, obgleich 
es auch in dieser Zeit Mediciner anderer Nationalitäten gab, 
so treten jetzt die Vertreter anderer Völker, u. A. Holländer 
und Deutsche mehr und mehr als Mitbewerber um die ärztliche 
Praxis in Bussland auf. So nahmen denn im Zeitalter Peters 
und im Laufe des 18. Jahrhunderts die englischen Aerzte keine 
besonders wichtige Stellung ein. Sie werden der Zahl nach 
von den medicinischen Repräsentanten anderer Nationalitäten 
weitaus übertroffen. Grleichwohl begegnen uns in Russland auch 
in dieser Zeit einige englische Aerzte , deren Persönlichkeit 
und Stellung Beachtung verdienten, und von denen wir einige 
namhaft machen wollen. 

Eine ausgezeichnete Stellung nahm in der Zeit Peters des 
Qrossen Robert Äreshine ein. Er stammte aus einem vornehmen 
Q-eschlecht in Schottland, hatte in Oxford studirt und war Mit- 
glied der „Royal Society**. Nach seiner Ankunft in Russland 
im Jahre 1706 war er zunächst Arzt des Fürsten Menschikow 
und alsbald Vorsteher der Apothekerbehörde; sodann wurde er 
Leibmedicus des Zaren (1713) und endlich (1716) zum „Ar- 
chiater des Russischen Reichs und Präses der ganzen medici- 
nischen Facultät^ ernannt. Als Leibarzt des Zaren begleitete 
er diesen in den Jahren 1716 — 1717 auf dessen grossen Reise 
nach Deutschland, Holland und Frankreich. Es ist kein Zwei- 
fel, dass Areskine bei dieser Gelegenheit eine diplomatische 
Rolle gespielt habe. Als Schotte und Jacobit unterhielt er Be- 
ziehungen zu den Gegnern König Georgs I. von England. Peter 
hielt es für angemessen, bei der damaligen Spannung, welche 
zwischen Russland und England herrschte, mit den Schotten 
und Jacobiten zu unterhandeln. Es gab Unterredungen zwischen 
Areskine und LordMarr in Paris, femer Beziehungen zwischen 
Areskine und einem Hauptagenten der Jacobitenpartei, Harry 
Stirling u. s. w. "). In den Diplomatenkreisen zu St. Peters- 

'*) S. manche Details in Herrmann's Edition „Zeitgenössische Berichte 
zur Geschichte Russlands. Peter der Grosse und der Zarewitsch Alexei. Nach 
und aus der Correspondenz F. C. Weber's". Leipzig, 188). S. 193, 143, 
196, 148. 



21 

bürg wusste man mancherlei von den Umtrieben Areskine's 
zn erzählen. Er scheint sogar in der Action gegen Georg I. 
weiter gegangen zu sein als dem Zaren lieb sein konnte. Es 
war kein Wunder, wenn zwischen Areskine und dem hanno- 
verschen Residenten P. C. Weber, welcher zugleich die englischen 
Interessen zu vertreten hatte, eine arge Spannung bestand"). 
Areskine 's wissenschaftliche Stellung gewährte ihm die Mög- 
lichkeit, zwischen Peter und den grossen Instituten in Paris 
zu vermitteln. So z. B. veranlasste er, dass Peter in Paris 
einer Staaroperation beiwohnen konnte; so gab er der fran- 
zösischen Akademie den Wunsch Peters zu erkennen, in die 
Zahl der Mitglieder dieser gelehrten Gesellschaft aufgenommen 
zu werden u. dgl. m. Von Areskine 's ausgebreiteten litera- 
rischen und wissenschaftlichen Kenntnissen zeugt seine 4209 
Bände zählende Bibliothek und sein grosses Kabinet von Con- 
chylien und Mineralien, welche beide nach seinem Tode der 
Petersburger Kunstkammer einverleibt wurden. Er bekleidete 
den Posten eines Vorstehers des Kunstkabinets und eines Auf- 
sehers der Bibliothek bei demselben. Ein grosses Verdienst 
erwarb er sich, indem er die Kaiserliche Oberapotheke vor- 
trefflich ordnete und in Stand setzte. Manche Zeitgenossen, 
wie z. B. John Perry, De-la-Vie und Alexander Gordon haben 
über die Persönlichkeit des hervorragenden Mannes ein höchst 
günstiges Urtheil gefällt. Dem Zaren hat er sehr nahe ge- 
standen. Als er 1718 in Olonez starb, vermachte er eines seiner 
Güter ") in Russland der ältesten Tochter Peters, Anna, seine 
Vorräthe an Leinwand und Spitzen, sowie seine reiche Samm- 
lung von chinesischem Porzellan der Gemahlin Peters, Katha- 
rina. Peter ehrte ihn durch ein überaus prächtiges Leichen- 
begängniss '®). 

Eine glänzende Carriöre machte James Mounsey, ein Schotte 
wie Areskine; er kam 1736 nachltussland, machte als Militär- 
arzt den türkischen Feldzug (1737 und 1738), wie später den 



**) S. n* A die Berichte des französischen Consuls De-la-Vie im Magazin 
d. Kaiserlichen Historischen Gesellschaft, Bd. XXXIV. S. 344—345. Richter, 
ni 119, stellt diese Umtriebe Areskine's in Abrede. 

**) Bei Tschistowitsch COCLXIX. „Gaschte^ (jetzt Gostilizy). Bei Richter 
m. 121. „Habschel**. Bei De-la-Yie Magazin der Histor. Gesellschaft, XL, 
S. 3, nies principanx villages anx princesses filles da Czar.^ 

'*') Die eingehende Schildemng desselben bei Richter UI. 122-— 124. 



22 

Krieg in Finnland (1740 — 1741) mit und behandelte u. A. im 
Jahre 17B6 in Jarosslawl die Gemahlin des dort in der Ver- 
bannung lebenden Herzogs Johann Ernst Biron. Durch seine 
glücklichen Kuren gelangte er zu einer gewissen Berühmtheit, 
so dass er 1760 Leibarzt und Director der medicinischen Kanz- 
lei wurde. Er behandelte die Kaiserin Elisabeth während ihrer 
letzten Krankheit. Sodann war er der Leibarzt Peters IIL, 
welcher ihm die Stellung eines Archiaters verlieh. Der unge- 
wöhnlich bedeutende, ihm von Katharina IL bewilligte Ruhege- 
halt zeugt von dem Ansehen, das er genoss"). 

In der Greschichte des Medicinalwesens Russlands nimmt 
Mounsey auch insofern eine bedeutende Stellung ein als er im 
Jahre 1762 eine Instruction für alle Aerzte im Reiche und 
einen Q-esetzentwurf über die Rangordnung der Aerzte aus- 
arbeitete. 

Eine sehr hervorragende Rolle spielte, wenn auch nur kurze 
Zeit, der Baron Thomas Dimsdale. Ein russischer Magnat, der 
Baron Alexander Tscherkessow , welcher das besondere Ver- 
trauen der Kaiserin genoss und die Gründung des Medicinal- 
collegiums veranlasste (1763), regte die Frage von der Pocken- 
impfung in Russland an. Tscherkessow hatte in Cambridge 
studiert, dort ein lebhaftes Interesse für das Studium der Me- 
dicin gewonnen. Er kam auf den Gedanken, den Baron Dims- 
dale, zu einer Reise nach Russland zu veranlassen, um sowohl 
an der Kaiserin Katharina IL selbst, als auch an dem Grossfürsten 
Paul die Operation der Pockenimpfung zu vollziehen. Dims- 
dale 1712 geboren und einer Quäkerfamilie entstammend, hatte 
sich schon in England um die Verbreitung der Schutzpocken- 
impfung verdient gemacht. Ueber seinen Aufenthalt in 
Russland im Jahre 1768 hat er Memoiren hinterlassen"). Er 
erhielt für die Reise nach Russland 1000 Pfund. Er schildert 
ausführlich, wie der Graf Panin, sodann die Kaiserin und der 
Grossfürst Paul ihn zuvorkommend empfangen hätten, wie die 
Impfoperation vorbereitet und ausgeführt wurde und wie die 
Kaiserin ihm bei dieser Gelegenheit ihr volles Vertrauen ge- 
schenkt habe. Dimsdale erhielt die Freiherrenwürde, kostbare 



31 
S<1 



') S Richter m, 476—477, und Tschistowitsch CX)XXXni-OCXXXV. 

') Die französische Handschrift befindet sich im Reichsarchiv. Eine 
russische, von Slobin angefertigte Uebersetzung ist im II. Bande des Maga- 
zins der Historischen Gesellscliaft S. 270-322 abgedruckt 



23 

Bildnisse der Kaiserin und Pauls. Eine lebenslänglich ihm aus- 
gesetzte Pension von 600 Pfund scheint nach seinem Tode 
auch noch seinem Sohne ausgezahlt worden zu sein. Von In- 
teresse ist Dimsdale's Erzählung, wie das Beispiel des Hofes 
auf die gesammte russische Aristokratie gewirkt habe, so dass 
das Impfen zu einer Art Modesache wurde. So musste denn 
Dimsdale, nach seinem Aufenthalte in Petersburg auch noch 
nach Moskau reisen, wo er als Impfarzt einen sehr ausgedehn- 
ten "Wirkungskreis fand. Nach Petersburg zurückgekehrt und 
im Begriff, die Reise nach England anzutreten, entschloss sich 
Dimsdale noch zu bleiben, weil Katharina, welche an einer 
Entzündung erkrankt war, von ihm behandelt zu werden wünschte. 
Nach mehrmonatlichem Aufenthalte in Bussland kehrte Dims- 
dale wieder nach England zurück. Im Jahre 1781 musste er 
abermals nach Petersburg kommen, um die Enkel der Kaise- 
rin, Alexander und Konstantin, zu impfen. Die Erzählung von 
seinem persönlichen Verkehr mit Katharina und dem Gross- 
fürsten Paul ist von grossem Interesse "). 

Ein langjähriger Augenzeuge des Treibens am russischen 
Hofe war John Rogerson, welcher schon im Jahre 1766 nach 
Russland kam und Jahrzehnte hindurch hier weilte. Er wurde 
im Jahre 1769 Arzt bei Hofe und war sodann stets in der un- 
mittelbaren Umgebung der Kaiserin Katharina. Aus mancher- 
lei Bemerkungen in den Memoiren und Briefen jener Zeit 
erfahren wir, wie viel Gemüth, gute Laune, Geist und Witz 
in dem Verkehr zwischen der genialen Kaiserin und ihrem 
Leibarzte herrschte. Katharina verhielt sich aller ärztlichen 
Kunst gegenüber sehr skeptisch und machte sich häufig über 
die Aerzte lustig. Auch über politische Fragen pflegte sie sich 
mit Rogerson zu unterhalten, wie sie denn u. A. ihn, als Eng- 
länder, in Veranlassung des Verlustes der amerikanischen Ko- 
lonien aufzog, gelegentlich im Gespräch mit ihm der russisch- 
englischen Beziehungen erwähnte u. dgl. m^ Wie sehr Roger- 
son überhaupt in den Kreisen der russischen Aristokratie 
beliebt und angesehen war, erfahren wir aus seinen Bezie- 



") Es ist in hohem Masse auffallend, dass Tschistowitsch in seinem Arzt- 
verzeichnissc Dimsdale's nicht erwähnt. Eine kurze Darstellung des Vor- 
ganges beim Impfen der Kaiserin Katliarina II. s. in meinem Buche ühor Katlia- 
rina II S. 538 539. 



24 

hungen zu den Grafen Woronzow. Eine durch Jahrzehnte sich 
fortsetzende Reihe von Briefen, welche ßogerson an den rus- 
sischen Gesandten in England, Grafen Ssemion Somanowitsch, 
richtete, und welche vor Kurzem veröflfentlicht wurde '*), darf 
als eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der letzten 
Regierungsjahre Katharinas , der Zeit Pauls und der ersten 
Jahre der Regierung Alexanders bezeichnet werden. Ueber die 
persönlichen Verhältnisse Rogersons erfahren wir daraus nicht 
sehr viel; indessen ist doch auch hier und da seiner Bezie- 
hungen zu den allerhöchsten Personen, seiner Güter u. dgl. 
erwähnt. 

Andere englische Aerzte, welche während des 18. Jahr- 
hunderts längere oder kürzere Zeit in Russland gewirkt haben, 
sind weniger hervorragend in ihrer Stellung gewesen, und es 
ist wohl nicht Zufall, dass sich nur ganz wenige Nachrichten 
über ihre Thätigkeit erhalten haben. Immerhin mögen einige 
derselben hier Erwähnung finden. So z. B. nahm ein Englän- 
der, Richard Lee, bei der verwittweten Zarin Praskowja Feo- 
dorowna, Schwägerin Peters des Grossen, die Stellung eines 
Hofchirurgus ein**); so unterrichtete Lewis Colderwood an der 
Moskauer Hospitalschule sehr erfolgreich und war Hofarzt un- 
ter Anna*'). So kamen während der Regierung der Letzteren 
James Grieve, Francis Deese und Thomas Humphrey nach Russ- 
land und waren als Militärärzte während des Türkenkriegs 
thätig. Eine Anzahl von englischen Aerzten tauchte in der 
letzten Zeit der Regierung Katharina IL auf: Brown, North- 
Vigor, James Wilie, HoUoway, Hunt, Cayley, Stuart u. s.w., 
ohne dass wir über ihre Thätigkeit irgend Erhebliches mitzu- 
theilen wüssten. 



»*) Archiv d. Fürsten Woronzow Bd. XXX. 

") Richter III, 189 Tschistowitsch erwähnt Loo's nicht. 

**} Tschistüwitscli CLXXL Boi Richter nichts über ihn. 



26 



IV. 

Holländer. 

Nicht ohne Grund hatte der Leibarzt des Zaren Alexei Mi- 
chailo witsch, Samuel CoUins, in seiner Schrift über 'Russland 
darüber geklagt, dass die Holländer überall als Nebenbuhler 
der Engländer aufträten. Kaum hatten die Engländer die Fahr- 
strasse zur See in den Norden Russlands entdeckt und regel- 
mässige Handelsbeziehungen mit E.ussland angeknüpft, so er- 
schienen auch holländische Kaufleute in Russland. Und es ge- 
lang den letzteren im Laufe des 17. Jahrhunderts den Engländern 
den Rang abzulaufen. Während der zweiten Hälfte dieses Jahr- 
hunderts spielten die Holländer im auswärtigen Handel Russ- 
lands die Hauptrolle. In Moskau lebte ein holländischer Re- 
sident, welcher in aller Weise die Interessen seiner in Russland 
lebenden Landsleute wahrnahm. Auch die diplomatischen Be- 
ziehungen zwischen Russland und Holland waren lebhaft. 

So war es denn nicht zu verwundern, wenn es auch eine 
bedeutende Anzahl holländischer Aerzte in Russland gab. Wir 
machen einige derselben namhaft. Doctor Valentin Byls kam 
im Jahre 1616 nach Russland. Seine Stellung während der 
Regierung Michail Feodorowitsch's war so günstig, dass er bis 
an seinen Tod (1633) in Russland blieb. Doctor Hiob Polidanus 
wurde im Jahre 1616 aus Holland nach Russland berufen und 
mit Auszeichnung und Freigiebigkeit empfangen. Es scheint, 
dass Heimweh im Jahre 1621 seine Rückkehr nach Holland 
veranlasst habe; indessen kam er im Jahre 1627 zum zweiten- 
mal nach Moskau und starb hier nach Verlauf von einigen 

Jahren '^). 

Einer weniger guten Aufiaahme hatte sich Quirinus Brem- 

burg zu erfreuen , welcher 1626 nach Russland kam, ohne 
einen Ruf dorthin erhalten zu haben. Er trat mit einer ge- 
wissen Anmassung auf, pries sein Wissen und Können und 
reichte ein einigermassen wunderliches , von Ruhmredigkeit 
strotzendes Gesuch um eine Anstellung ein ••). Er erreichte sein 



") Richter H, 22—29 

") Richter 11. 4S ff. theilt die recht interessanten Actenstücke, welche 
aus Bremhnrg^s Feder stammen, im Auszuge mit. 

2* 



26 

Ziel nicht. Olearius erzählt folgende Episode, welche dem Auf- 
enthalte Bremburgs in Kussland ein Ende machte. Er hatte 
in seinem Zimmer ein Gerippe hängen. Als er einst „als ein 
Mensch von lustigem Gemüthe", wieOleariusihn nennt, in sei- 
nem Zimmer sass und die Laute spielte, glaubten die draussen- 
stehenden Strelzy durch einen Spalt in der Thüre wahrneh- 
men zu können, dass das Skelett sich nach der Musik be- 
wege. Der Zar und der Patriarch erfuhren davon und schickten 
Leute hin , um den seltsamen Thatbestand zu constatiren. 
Diese bestätigten die Aussage der Strelzy; die Russen waren 
allen Ernstes gesonnen, den „Baibier", wie Olearius den Qui- 
rinus Bremburg nennt, zusammen mit seinem Todten zu ver- 
brennen. Um einem solchen Schicksale zu entgehen, ersuchte 
Bremburg einen angesehenen deutschen Consul, welcher bei 
Hofe Einfluss hatte , das Gerücht zu widerlegen und den 
Nutzen der Skelette bei dem Studium der Medicin zu erläutern. 
Die Bewegungen des Skeletts wurden durch den Zugwind er- 
klärt •'). Quirinus Bremburg kam mit heiler Haut davon, aber 
diu russische Regierung nahm die Veranlassung wahr, den un- 
gerufenen Ankömmling ausser Landes zu verweisen. 

Auch ein anderer Mediciner aus Holland, Reinhard Pauw, 
welcher mit einem Empfehlungsschreiben des Prinzen Heinrich 
von Nassau-Oranien nach Moskau kam (1637), hatte keinen 
ErfoJg. Er erhielt zwar eine Anstellung mit entsprechender 
Besoldung, indessen wurde er wenige Jahre später, wie es 
scheint, in Folge einiger missglückter Kuren wieder entlassen *°). 
Personen, welche nicht ausdrücklich von der russischen Re- 
gierung angeworben, sondern auf eigene Initiative ins Land 
kamen, erhielten häufig selbst dann keine Anstellung, wenn 
sie sich der Protection hoher Herren erfreuten, wie denn z. B. 
auch ein Doctor Matthias Demius trotz eines Empfehlungs- 
schreibens des Prinzen Moritz vonOranien unverrichtetersache 
nach Holland zurückkehren musste**). 

Man weiss, wie viel Anregung das holländische Element in 
Russland den höheren Kreisen der russischen Gesellschaft wäh- 
rend der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts darbot. Der hol- 



'») Olo^irius, Ausgabe v, 1663, S. 185—186. 

*') IlioliUT II. 79—84. 

*•) RiclitcM- IE. S. 118—119. 



27 

ländische Resident Baron von Keller stand in freundschaftlichem* 
Verkehr mit dem Fürsten Wassilij Wassiljewitsch Golizyn, 
welcher in der Zeit der Regentschaft der Prinzessin Sophie 
die Stellung eines ersten Ministers einnahm. Er bewirtliete 
wiederholt den Zaren Peter in seinem gastlichen Hause. Die 
Erzählungen des russischen Diplomaten Dolgorukij , welcher 
1687 auf seiner Reise nach Paris in Holland geweilt hatte, 
mögen dazu beigetragen haben, dass Peter den lebhaften Wunscli 
empfand, das Land selbst kennenzulernen. Holländische Schiifs- 
baumeister, wie Brant und Timmermann, sind in dieser Zeit 
Peters Lehrer gewesen. Li diesem Zusammenhange erscheint es 
beachtenswerth, dass ein Holländer, Zacharias van der Hülst, 
mehrere Jahre hindurch Peters Leibarzt gewesen ist*'). Aus 
Patrick Gordon's Tagebuche und anderen Quellen wissen wir 
mancherlei von der angesehenen Stellung, welche van der 
Hülst, welcher übrigens schon 1694 starb, in der Gesellschaft 
und bei Hofe einnahm *'). 

Die Reise, welche Peter im Jahre 1697 nach Westeuropa 
unternahm, hatte in erster Linie den Zweck, die russische 
Flotte zum Kampfe gegen die Türken dadurch in Stand zu 
setzen, dass Peter und dessen Genossen die Schiffsbaukunst 
gründlich erlernten, das nöthige Material für den Schiffsbau 
erwarben und eine grosse Anzahl von Technikern, Offizieren, 
Matrosen und — Wundärzten zum Eintritt in russische Dienste 
veranlassten. Das Hauptreiseziel waren die Niederlande. Hier 
verweilte Peter besonders lange. Hier wurde eine sehr grosse 
Anzahl von Chirurgen für die russische Armee und die rus- 
sische Flotte angeworben. Ein beträchtlicher Theil dieser 
Männer bestand aus Holländern. Es waren u. A. folgende : 
Jan .Dierchse Haskus, welcher sechs Jahre auf der hollän- 
dischen Flotte gedient hatte und in Ostindien gewesen war, 
Jacobus Plaatman aus Amsterdam, welcher vierzig Jahre auf der 
Kriegsflotte gedient und weite Reisen, z. B. nach Westindien 
unternommen hatte, Rembrant Huyson, Hubertus van Hoghen, 
Coenradt Nuyts, Peter Schiot, Goris von der Hoeghen, Abraham 
van Huysum, Gottfried van Wessen, Gerritt van der Weer, 
Dietrich van der Hülst, Willem van Eych, Hermann von der 



") Richter II. 392. 

") Mancherlei Notizen finden sich n. A. auch in üstijalow*s Greschichte 
Peters des Grossen. 



28 

Noot, Jan Eavestyn u. A. Man muss annehmen, dass Männer 
von gründlichem Wissen, von grosser Erfahrung, Leute, welche 
die Welt gesehen hatten, in den holländischen Kolonien in 
Amerika und Asien gewesen waren, in Srussland ein belebendes, 
anregendes Element werden dargestellt haben. Indessen ist über 
die Stellung und Thätigkeit dieser holländischen Chirurgen in 
Bussland so gut wie nichts bekannt geworden. 

Ganz anders verhält es sich mit der Wirksamkeit eines 
Mannes, welcher als praktischer Arzt wie als Lehrer auf dem 
Gebiete der Medicin in Russland längere Zeit hinduroh eine 
hervorragende Stellung einnahm. Es ist Doctor Nicolaus BidloOy 
welcher im Jahre 1702 nach ßussland berufen wurde und hier 
bis an seinen im Jahre 1735 erfolgten Tod unermüdlich thätig 
war. Bidloo's Vater war ein berühmter Anatom und nahm die 
Stellung eines Professors an der Universität Leyden ein. Sein 
Oheim, welcher zu Amsterdam lebte, genoss den Ruf eines 
hervorragenden Botanikers. Nachdem Nicolaus Bidloo als 
Leibarzt Peters einige Zeit gewirkt hatte, was bei den vielen 
Reisen des Monarchen in der ersten Zeit des Nordischen Krie- 
ges mit vielen Beschwerden und Mühseligkeiten verbunden 
war, äusserte er den Wunsch sich einer andern Thätigkeit zu 
widmen. Er veranlasste im Jahre 1706 die Gründung eines 
grossen Militärhospitals in der alten Hauptstadt, und diese 
Anstalt ist zugleich als die erste medicinische Schule in Russ- 
land von der allergrössten Bedeutung für die Verbreitung medi- 
cinischer Kenntnisse im Reiche geworden. Als Leiter dieser 
Anstalt erwarb sich Bidloo die grössten Verdienste. Auch sonst 
zeichnete sich Bidloo durch vielseitige Bildung und Talente 
aus. Er war Musikkenner, hatte ein lebhaftes Literesse für die 
Schauspielkunst, verstand sich darauf Gartenanlagen und Bau- 
risse zu entwerfen, Wasserkünste anzulegen u. dgl. m. Solche 
Männer konnte Peter gebrauchen. Kein Wunder, dass der 
persönliche Verkehr des genialen Herrschers mit Bidloo ein 
sehr lebhafter war, dass der erstere bei dem letzteren oft und 
gern verweilte, bisweilen halbe Nächte mit ihm verplaudernd *♦) 
In dem Moskauer Hospital hat Bidloo eine grosse Anzahl von 



«41 



^) Mancherlei Angaben über Bidloo finden sich in ßergholz' Tagebuch, 
welches in Büschings Magazin f. Gesch. and Geogr. Bd. XX. ff abge- 
druckt ist. 



29 

jungen Aerzten gebildet. Den bei der Anstalt thätigen Doc- 
toren wurden Chirurgen, diesen Subcbirurgen und endlich Lehr- 
linge beigesellt; man lernte in Moskau unter Bidloo's Leitung 
die lateinische Sprache, die Zeichenkunst, medicinische Hilfs- 
wissenschaften **). Professor Tschisto witsch hat in seinem 
Werke über die Geschichte der mediciniachen Schulen in Buss- 
land eine Fülle von Einzelheiten über Bidloo's Thätigkeit mit- 
getheilt und u. A. auch dargethan, wie dieser Mann, gleich 
ausgezeichnet als Gelehrter und Lehrer, wie als Administra- 
tor, es verstanden habe, gegen alle Schwierigkeiten, welche 
sich der Entfaltung seiner Hospitalschule entgegenstellten, 
anzukämpfen *^). Bidloo that das Mögliche, indem er selbst- 
verständlich die Krankenhäuser und Schulen seines Heimath- 
landes, Hollands, zum Muster nahm. Es war der ausgezeich- 
neten Persönlichkeit Bidloo's, seiner Humanität, seinem päda- 
gogischen Tact zu danken, wenn es, solange er an der Spitze 
des Moskauer Krankenhauses stand, nicht an Schülern fehlte. 
Das änderte sich, sobald die Verwaltung der Schule nach 
Bidloo's Tode, in andere H!ände überging. Bidloo war in Moskau 
eine überaus beliebte Persönlichkeit und erfreute sich einer 
aussergewöhnlichen Popularität. Er gehört unbedingt zu den 
grössten ärztlichen Notabilitäten, welche jemals in Bussland 
thätig gewesen sind. 

Auf seiner Beise nach Holland (1697) hatte Peter der Grosse 
zu Leyden den berühmten Anatomen Boerhaave kennengelernt. 
Zwei Neffen Boerhaave's, Hermann Kaau - Boerhaave und 
Abraham Kaau - Boerhaave sind sodann während der Begierung 
der Kaiserin Elisabeth längere Zeit als Aerzte in Bussland 
thätig gewesen. Als Lestocq im Jahre 1748 in Ungnade fiel 
und verbannt wurde, ernannte die Kaiserin den Doctor Her- 
mann Kaau-Boerhaave zu ihrem Leibarzt; er bekleidete diese 
Stelle bis an seinen im Jahre 1753 erfolgten Tod und erfreute 
sich allgemeiner Beliebtheit. Abraham Kaau-Boerhaave, welcher 
das Unglück hatte im Alter von 21 Jahren im Jahre 1736 
sein Gehör völlig einzubüssen, erfreute ^iich einer so grossen 
Berühmtheit als Gelehrter, dass ihn die Kaiserliche Akademie 



**) Richter lU. 15 ff. 

'*) m. Abhdlg. über Tschistowitsch's Buch in der Russischen Revue 
Bd XXVI. S. 214. 



30 

der Wissenschaften in St. Petersburg, noch als er im Haag weilte 
(1744), zu ihrem Mitgliede ernannte. Im Jahre 1747 kam er 
nach ßussland, wo er den Lehrstuhl der Anatomie und Phy- 
siologie an der Akademie einnahm und zugleich bis an seinen 
im J. 1758 erfolgten Tod als praktischer Arzt thätig war, 
wobei ihn, wegen seiner Taubheit, ein Gehülfe als Dol- 
metscherunterstützte. Seine literarisch- wissenschaftliche Thätig- 
keit war sehr ausgebreitet "). 

Es gab im 18. Jahrhundert noch einige andere holländische 
Aerzte in Eussland, wie z. B. Duca Botmann, welcher zu 
Anfang der Jahrhunderts auf der russischen Flotte diente, 
Jean Hovy, welcher als Leibchirurgus den Zaren Peter auf 
vielen Reisen begleitete und noch in der ßegierungszeit 
Peters II. und Anna's thätig war **), Paulus Guyongyossi a 
Pettenij, welcher in der Zeit Elisabeths an der Moskauer 
Hospitalschule wirkte und sich zugleich mit sprachwissen- 
schaftlichen Studien beschäftigte *•), ferner Stahlberg, Tüchard, 
de öorter u. A. *°). Auch unter den in ßussland wirkenden 
Apothekern gab es Holländer, so z. B. Classen, welcher lange 
vor dem Engländer Frencham als Apotheker in ßussland wirkte, 
Johann Godseni, welcher 1616 zugleich mit dem bekannten 
holländischen Diplomaten Massa nach ßussland kam, Gabriel 
Sauls (in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts) u. A. 



V. 

Franzosen, Italiener, Griechen, Ungarn, Polen. 

Zwischen ßussland und Frankreich bestanden bis zum 18. 
Jahrhundert keine irgend lebhaften diplomatischen oder Han- 
delsbeziehungen. Peters Besuch in Paris im Jahre 1717 hat 
darin Einiges geändert. Sodann standen ßussland und Frank- 



*') Richter III. 424—436 

") Richter HI. 178—180 

*») Tschistowitsch CLIV-CLV. 

") Zweier holländischer Aerzte, welche durch Handelsgeschäfte und 
Wucher reich wurden, erwähnt Weikard in einem Schreiben an Zimmer- 
mann; Marcard, Zimmermannes Verhältnisse zu der Kaiserin Katharina II. 
Bremen. 1803. S 126. 



31 

• 

reich eine Zeitlang im Kampfe gegen Friedrich 11. zusammen. 
Nachher trat wieder ein kühles Verhältniss ein ; in der Zeit 
der französischen Revolution gab es sogar eine arge Spannung. 
Gleichwohl war während des ganzen 18. Jahrhunderts der 
Kultureinfluss Frankreichs auf Russland an Intensität im Stei- 
gen begriffen. Die höheren Stände der russischen Q-esellschaft 
wurden im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu 
Halbfranzosen. Die Zahl der in Russland lebenden Franzosen 
war bis gegen das Ende dieses Jahrhunderts nicht besonders 
erheblich und stieg erst in der Zeit, da die E^iigranten in der 
Revolutionszeit vorzugsweise in Russland ein Asyl zu suchen 
begannen. Dagegen sind die Reisen der Russen nach Frank- 
reich von grosser Bedeutung für die Ausdehnung des geistigen 
Horizonts der russischen Aristokratie geworden. 

Die Zahl der französischen Aerzte, welche in Russland 
einen Wirkungskreis fanden, ist sehr gering. Auch treten uns 
in dieser Gruppe keine besonders hervorragenden Persönlich- 
keiten entgegen. Wir beschränken uns daher auf kurze Andeu- 
tungen über diesen Gegenstand. 

Erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts kommen die 
ersten französischen Mediciner nach Russland. Der Arzt Paul 
Citadin, welcher schon zu Ende des 16. Jahrhunderts sich in 
russischen Diensten befand und wegen dessen der König 
Heinrich IV. an den Zaren Feodor loanno witsch ein Schreiben 
richtete, soll nämlich kein Franzose, sondern ein Italiener 
und aus Mailand gebürtig gewesen sein. Richter hält daher für 
wahrscheinlich, dass dieser Arzt nicht Citadin, sondern Citta- 
dini geheissen habe **). Da er aber am französischen Hofe 
Verwandte und Freunde gehabt haben soll und nach Frank- 
reich zurückzukehren wünschte so mag die Frage von seiner 
Nationalität um so eher offen bleiben, als sich sonst keine 
Nachrichten über die Thätigkeit dieses Mannes in Russland 
^erhalten haben. 

Auffallend erscheint es, dass unter den im J. 1697 haupt- 
sächlich von dem Admiral Cornelius Cruys für den russi- 
schen Dienst angeworbenen Chirurgen uns so sehr viele 
Franzosen begegnen, obgleich die Unterhandlungen mit diesen 
Militärärzten in Holland gepflogen wurden. Da sind u. A. 



*•) Richter I. 323. 



32 

Philippe Morantier de Laram^e, welcher bei dem Herzog von 
Savoyen gedient hatte und erst vier Monate vor seinem 
Eintritt in russische Dienste nach Amsterdam gekommen 
war, Joseph Scaylier, welcher als Chirurg in Spanien, Frank- 
reich, Bom und Venedig thätig gewesen war, lean Ingon, 
welcher auf der englischen Flotte, Pierre Mourgues, welcher 
in Holland gedient hatte ; femer Philippe Sanisson, Jacques 
Brien, Pierre Marteilhe, Pierre Germain, Etienne Neaux, 
lean öouy, Miliaud, Sanfouches u. s. w. Die meisten dieser 
Männer hatten auf der holländischen Flotte gedient und 
waren nun bereit, nach Russland auszuwandern oder wenig- 
stens einige Jahre in der russischen Armee zu dienen. Indessen 
haben sich über das Leben und Wirken dieser Männer keine 
Nachrichten erhalten *'). 

Ein hervorragender Gelehrter war Duvernoy, 1691 in Mont- 
b61iard geboren, Doctor der Tübinger Universität. Er wurde 
1725 als Anatom und Physiolog an die St. Petersburger Aka- 
demie berufen, wo er über ein reiches Material an Menschen- 
und Thierleichen verfügte und erfolgreiche Studien auf dem 
Gebiete der vergleichenden Anatomie machte. Dass er während 
seines bis zum Jahre 1741 währenden Aufenthaltes in Russ- 
land zugleich als praktischer Arzt thätig gewesen sei, erscheint 
um so wahrscheinlicher, als er, nachdem er sich im 
Jahre 1741 nach Württemberg zurückzog, sich dort noch 
einige Zeit der Praxis widmete *^). Im Jahre 1741 kam der 
Chirurg Fussadiö nach Russland. Er erhielt einen Dienst bei 
Hofe im Jahre 1746. Später war er Leibarzt des Grossfürsten 
Paul und endlich, im Jahre 1770 erster Leibchirurgus »*). 
Poissonnier wurde im Jahre 1769 als Leibarzt mit einem sehr 
hohen Gehalt angestellt, doch ist von seiner späteren Thätig- 



") Der französische Consul de-la-Vie kam 1715 nach Russland. In seinen 
von der Historischen Gesellschaft zu St. Petersburg herausgegeben Berichten 
ist keines einzigen dieser ein Paar Jahrzehnte früher in russische Dienste 
getretenen französischen Aerzte erwähnt. Das Verzeichniss s. b. Richter II 
428—433. 

") Tschistowitsch CLXIlT-CLXin. 

") Richter III. 494. Dimsdale erwähnt seiner (Magazin d. Hist. Ges. H. 
312), indem er bemerkt, Fussadiö sei stets bei Paul gewesen, von dessen 
Geburt an. 



33 

keit nichts bekannt **). Die beiden Aerzte, Ignace Fran9ois 
Dijols aus Montpellier und Adolphe Lefleur, kamen im J. 1787 
nach Bussland und hatten ihren Wirkungskreis im Innern des 
Kelches, der erstere in Kursk, der andere in Polozk. Jean 
Guömart Delavapierre gehörte zu den von dem Terrorismus in 
Frankreich ins Ausland vertriebenen Emigranten. Er kam 
1791 nach Bussland und trat in die Dienste russischer Magna* 
ten, zuerst des Fürsten Trubezkoi, dann des Fürsten Q-olizyn 
u. s. w. Von Fousanier de Lagarenne's Thätigkeit, welcher 
1796 nach Bussland kam, ist uns nichts bekannt. 

/ Auch die italienische Kolonie in Bussland lässt sich mit 
der Bedeutung der Holländer, Engländer und Deutschen nicht 
vergleichen. Es begegnet uns unter den ausländischen Aerzten 
in Bussland eine Anzahl Italiener, indessen findet sich unter 
diesen keine eigentlich hervorragende Persönlichkeit. Es haben 
sich über die Thätigkeit der italienischen Aerzte nur ganz 
kurze Notizen erhalten. 

Wenn wir jenen bereits oben erwähnten Paul Citadin aus- 
nehmen, welcher, wie bemerkt wurde, vielleicht der Gruppe 
der italienischen Aerzte beizuzählen ist, so ist der früheste 
italienische Arzt in Bussland Calcani aus Venedig, welcher 
1697 von den russischen Gesandten Lefort und Golowin zum 
Eintritt in die russischen Dienste veranlasst wurde ••). Arrunzio 
Giovanni Azzariti aus Apulien wurde, nachdem er seine medi- 
cinischen Studien in Padua absolvirt hatte, von einem russi- 
schen Diplomaten, Sawwa Bagusinskij, im Jahre 1721 ftir 
das medicinische Lehrfach in Bussland angeworben. In der 
Zeit der Begierung der Kaiserin Anna nahm Azzariti als 
Militärarzt an dem türkischen Kriege Theil; er wurde wegen 
eines Dienstvergehens abgesetzt und verlor sogar das Becht 
der Privatpraxis in Bussland, wo er indessen bis an seinen im 
Jahre 1749 erfolgten Tod blieb *'). Ebenso wenig ist von 
Baeni zu sagen, welcher 1730 in russische Dienste trat, von 
Giambattista Vandini, welcher gegen Ende der Begierung 

") Tschistowitsch CCLIV spricht von 5000 Rbl. jährlich, 1 Rbl. damals 
ist mehreren Rubeln heute glelchzuachten, daher ist diese Angabe zwei- 
felhaft. 

"j Richter TL 420. 

") s. d. Einzelheiten, welche übrigens kein besonderes Interesse darbie- 
ten, bei Tschistowitsch S. LXVII-LXIX. 

3» 



34 

Elisabeths nach Bussland kam, hier keinen rechten Erfolg 
hatte und seine Thätigkeit sehr bald einstellen musste, von 
Mira, welcher aus Lucca stammte und in der Zeit Katharina II. 
in russische Dienste trat, wobei er sich einer gewissen Protec- 
tion von Seiten Potemkins erfreute, von den Flottenärzten 
Spedicati und Debout, von Ballioli, Stae, Domenicis, Mü- 

salo u. A. 

Eine unvergleichlich grössere Bedeutung haben die griechi- 
schen Aerzte in Kussland. Sie sind an Zahl den Italienern 
überlegen, und einige von ihnen haben Bussland sehr wesent- 
liche Dienste geleistet. Fast alle Griechen, welche nach Russ- 
land kamen, um hier als Mediciner zu wirken, haben in 
Westeuropa studirt, und zwar die meisten derselben in Italien, 
andere in Deutschland, Holland u. dgl. m. So ist denn ihre 
Nationalität nicht immer eine stark ausgeprägte zu nennen. Sie 
sind Kosmopoliten. Am Wenigsten erinnert der Habitus dieser 
griechischen Aerzte an jene weit zurückliegende Epoche, da 
das mittelalterliche Byzanz die Hauptkulturquelle für ßussland 
darstellte. Sie repräsentiren nicht irgendwie ein orientali- 
sches Element, obgleich sie dem türkischen Beiche entstam- 
men. Ihre wissenschaftliche und literarische Thätigkeit lässt 
sie als Zöglinge Westeuropa's erscheinen. Wo anders als in 
den Hochschulen des Westens hätten auch diejenigen, welche 
Konstantinopel, Thessalonien, Macedonien u. s. w. ihre Heimath 
nannten, sich für den ärztlichen Beruf ausbilden soUen? 

Vermuthlich ist ein gewisser Markus, welcher sich als Arzt 
im Jahre 1623 am Hofe des Q-rossfürsten Wassilij loannowitsch 
befand, ein Grieche gewesen. Er war aus Konstantinopel nach 
Bussland gekommen und der Sultan Soliman verlangte, dass 
man ihn dorthin zurückreisen lassen sollte. Da indessen jener 
Arzt eben zu dieser Zeit in Nowgorod den Fürsten Alexander 
Wladimirowitsch Bostowskij behandelte, so wurde das Ansuchen 
des Sultans Soliman damals abgelehnt *•). Mehr wissen wir 
von diesem Arzte nicht. 

Im Jahre 1690 kam der aus Cephalonien gebürtige, in 
Psidua ausgebildete Doctor Jacob Pelarino nach Bussland. Er 
hatte einige Jahre als Leibarzt bei dem wallachischen Fürsten 
Schtscherban Kantakuzen in Bukarest gedient, entschloss sich. 



h» 



) Richter U. Beilagen S. 177—178. 



36 

einem Hufe nach ßussland zu folgen, blieb aber nur kurze 
Zeit hier und ging sodann als venetianischer Consul in die 
Levante. Es ist erwähnenswerth, dass Pelarino zu den ersten 
Medicinern gehörte, welche die Einimpfung der Pocken zu 
verbreiten suchten»*). 

Eustachius Placicus, ein Grieche, in Konstantinopel gebo- 
ren, hatte längere Zeit in Polen undDanzig gelebt, ehe er im 
Jahre 1706 in Eussland als Arzt bei der Apothekerbehörde 
angestellt wurde. Von seiner Thätigkeit in Brussland ist nichts 
bekannt *°). Bedeutender war der in Venedig geborene Grieche 
Antonius Sevasto, welcher in Padua studiert hatte und 1708 
auf Grund eines mit dem russischen Gesandten in Polen, Für- 
sten Dolgorukij, geschlossenen Vertrages nach Bussland kam. 
Er verwaltete längere Zeit das Petersburger Landhospital und 
wurde 1738 in die Ukraine gesandt, wo damals bei den ge- 
gen die Türken im Felde stehenden russischen Truppen die 
Pest wüthete. Er verfasste sehr eingehende Berichte über diese 
Epidemie in lateinischer und in italienischer Sprache**). Geor- 
gius Polikala, ein in Italien geborener Grieche, fungirte einige 
Jahre als Arzt bei dem russischen Gesandten in Konstanti- 
nopel, Tolstoi; sodann kam er 1711 nach Bussland und wurde 
von Peter dem Grossen zum Leibarzt Katharina's ernannt. Als 
im Jahre 1721 der Nystädter Frieden geschlossen wurde, musste 
Polikala nach Konstantinopel reisen, um der türkischen Be- 
gierung von diesem Ereigniss ofiicielle Mittheilung zu machen. 
Im Jahre 1725 zog er sich nach Italien zurück*'). 

Eine hervorragende Persönlichkeit scheint Doctor Michael 
Sehende von der Beck gewesen zu sein, welcher im Jahre 1723 
als Oberarzt am Petersburger Landhospital angestellt wurde. 
Er war aus Macedonien gebürtig, hatte in Padua studiert und 
in österreichischen Diensten gestanden. Nachdem er sodann als 
Leibarzt beim Wallachischen Fürsten Maurokordatos thätig ge- 
wesen war, kam er nach Bussland. Seine zahlreichen Schriften 
zeugen von grosser Gelehrsamkeit und Vielseitigkeit. Er stellte 
u. A. die literarischen Verhältnisse Busslands dar, pries die 



") Richter U. 386—390. 

•") Richter III. 124—125 Bei Tschistowitsch ist seiner nicht erwähnt. 

••) Richter UI. 126 flf. 

") Richter m« 131—133. Tschistowitsch weiss von Polikala nichts. 



36 

Verdienste Peters des Grossen um die Civilisation. Auch seine 
medicinisohen Schriften verschafften ihm ein gewisses Ansehen. 
Von Interesse ist seine Liebhaberei für Alterthümer und Nu- 
mismatik. Man erzählte, dass Biron, welcher die reiche Münz- 
sammlung Schendo von der Bech's zu erwerben wünschte, die 
Verbannung desselben nach Sibirien veranlasste, so dass der 
Unglückliche erst nach Birons Sturz seine Freiheit wieder- 
erhielt«'). 

Matthias Mineat, welcher 1707 in russische Dienste trat, 
war zuerst Militärarzt in der Armee, sodann im Admiralitäts- 
hospital. Seine Obliegenheiten bestanden u. A. auch in gerichts- 
ärztlichen Sectionenund darin, dass er die in russische Dienste 
tretenden Mediciner einer Prüfung zu unterwerfen hatte. Seine 
Thätigkeit währte Jahrzehnte hindurch, so dass er noch an 
dem türkischen Kriege (1736 — 39) Theil nehmen konnte, wo- 
bei er bei der in der russischen Armee grassirenden Pest 
eine sehr nützliche Thätigkeit entfaltete und einen eingehenden 
Bericht über die Epidemie verfasste «*). 

Ein Quasigrieche war Anthonius de TheylSj welcher in Kon- 
stantinopel geboren und sich zur griechischen Beligion be- 
keimend, in Padua studirt hatte und sodann als Arzt bei dem 
russischen Diplomaten, Baron Schafirow fiingirte, worauf er 
(1714) nach ßussland reiste. Hier wusste er sich ein gewisses 
Ansehen zu verschaffen, was daraus zu entnehmen ist, dass er 
im Jahre 1736 nach Bidloo's Tode zum Oberarzt an dem Mos- 
kauer Hospital ernannt wurde. Hatte aber Bidloo, wie wir oben 
bemerkten, als Leiter der Hospitalsohule, sehr erfolgreich ge- 
wirkt, so erschien de Theyls, von dessen Charaktereigenschaften 
sich sehr ungünstige Angaben erhalten haben, dieser Aufgabe 
nicht gewachsen, so dass das Institut herabkam, und de Theyls 
nicht lange in diesem Amte verblieb. Gegen das Ende seines 
Lebens bekleidete er den Posten eines Stadtphysikus in Moskau «'). 

Im (3-egensatze zu de Theyls war der Grieche Panaiota Con- 
doidi, welcher zuerst als, Militärarzt in der Armee Münnichs 



") Richter III. 172-177. 

•*; Tschistowitsch OCXXIX-XXXI. 



" ) Tschistowitsch CLVII-CLIX. Da ein grosser Theil des Tschistowitsch'- 
schen Baches der Geschichte der Moskauer Hospitalschale gewidmet ist, so 
finden sich auch im Hanpttheil viele Angaben über de Theyls 



37 

und später als Director der medioinischen Kanzlei thätig war, 
eine ungemein beliebte Persönlichkeit. Insbesondere um das 
medicinisclie Schulwesen hat sich Condoidi grosse Verdienste 
erworben*^). Er veranlasste die Uebersetzung wichtiger medi- 
cinischer Werke ins Russische und die Absendung einer be- 
trächtlichen Anzahl junger Küssen ins Ausland zum Zweck 
der medicinischen Ausbildung ••). 

Eine geringere Bedeutung hatten andere griechische Aerzte, 
wie z. B. Oheladius (1716 ff.)» Bimachi (1710 ff.), Diamantus 
Demetrii Petala a Bryll (1764 ff.), dessen werthvolle medi- 
cinische Bibliothek nach seinem Tode in den Besitz der medi- 
cinischen Kanzlei überging, Anastasius Nika (1766 ff.), die 
Brüder öorgoli, Krutta, Skiadan u. A. 

Ganz unbedeutend ist die Anzahl der ungarischen Aerzte. 
Von Christophorus Bietlenger, welcher in der Zeit Boris Go- 
dunow's thätig war, bemerkt ein Zeitgenosse, er sei „ein wohl- 
versuchter Mann und ein guter Medicus und vieler Sprachen 
kundig^. Auch sonst giebt es 2ieugnisse von seiner grossen 
Gelehrsamkeit, ohne dass wir über seine Thätigkeit in Russ- 
land etwas Genaueres wüssten"'). Einige aus Ungarn stam- 
mende Mediciner kamen im 18. Jahrhundert nach Russland, 
so z. B. Fabri, Keresturi, Pekken. Indessen hat sich nur der 
letztere besondere Verdienste um die neue Heimath erworben, 
insofern er die erste russische Pharmakopoe und ein populär- 
medicinisches Buch für's Haus herausgab ••), welches später 
auch in russischer Ue])ersetzung erschien '°). 

Auch die polnischen Aerzte sind kaum erwähnenswerth. Es 
ist zu beachten, dass trotz der stetigen nahen Beziehungen 
Russlands zu Polen während der letzten Jahrhunderte, trotz 
des starken Einflusses, welchen die kleinrussische Intelligenz 
auf Russland übte, nachdem sie selbst dön polnischen Anre- 
gungen so viel verdankt hatte, bis in die letzten Jahre des 
18. Jahrhunderts uns gar keine polnischen Aerzte in Russland 
begegnen. Dann erst — offenbar hängt dies mit den letzten 



") u. A. Tschistowitsch 8 227 und 266. 
") Richter ffl. 439—440. Note 
") Richter I. 372—374. 
*•) Richter Hl. 488-489. 
'") Tschistowitsch CCL. 



38 

Theilungen Polens zusammen — , in der letzten Zeit der Re- 
gierung Katharina 's und nach der Thronbesteigung Pauls beginnt 
der Eintritt polnischer Mediciner in russische Dienste, ohne 
dass wir über die Thätigkeit dieser Männer (z. B. Fokkelmann, 
Konopka, Lawrinowitsch, Justinianus Savy, Jassinskij, Plos- 
sinskij u. A.) irgend Nennenswerthes zu sagen wüssten. 



VI. 

Deutsche. 

1. Ausländer. 

Waren es im 16. Jahrhundert und auch wohl noch in der 
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Engländer und Holländer, 
welche das Hauptcontingent zu dem ärztlichen Personal in 
Bussland stellten, so gelangte im Laufe des 17. und noch mehr 
im Laufe des 18. Jahrhunderts das deutsche Element zu immer 
grösserer Bedeutung. Um sich das, wenn möglich auch in 
Ziffern auszudrückende Uebergewicht der deutschen Aerzte 
zu vergegenwärtigen, muss man den Versuch machen, diese 
deutschen Aerzte in verschiedenen Gruppen zu betrachten. 

Die wichtigste dieser Gruppen wird von denjenigen Aerzten 
gebildet, welche direkt aus Deutschland nach Brussland berufen 
wurden und hier kürzere oder längere Zeit thätig sind. 

Eine zweite Gruppe bilden die Aerzte, welche den Ostsee- 
provinzen entstammen. Es gab deren auch vor der Annexion 
Esthlands und Livlands durch Peter den Grossen; indessen fassen 
wir diese Gruppe im 17. und 18. Jahrhundert zusammen, ob- 
gleich die im 17. Jahrhundert nach Russland aus den Ostsee- 
provinzen einwandernden Aerzte im Grunde ebenso aus dem 
Auslande kommen, wie diejenigen, deren Heimath das eigent- 
liche Deutschland war. 

Zu einer dritten Gruppe gehören diejenigen Deutschen, 
welche in Eussland geboren, sich dem ärztlichen Berufe wid- 
meten und zwar in den meisten Fällen in Deutschland oder 
in anderen Ländern Westeuropa's studirten. Da nun, insbeson- 
dere im 18. Jahrhundert, die Zahl der in Russland lebenden 
Deutschen besonders beträchtlich war, so ist auch die Zahl, 



39 

wenn man so sagen darf, deutschrassischer Aerzte nicht unbe- 
deutend. 

Zu diesen drei Q-ruppen deutscher Aerzte wäre dann noch 
eine weitere zu rechnen, ohne dass eine genauere Betrachtung 
derselben möglich wäre. Bei der Un Vollkommenheit des zu be- 
arbeitenden Materials ist nämlich die Herkunft von über 80 
Aerzten, von deren Thätigkeit wir sonst Kunde haben, unbe- 
kannt. Aus den Familiennamen der meisten dieser Aerzte und 
aus anderen Umständen kann man auf ein hohes Mass Wahr- 
scheinlichkeit einer deutschen Nationalität bei den meisten die- 
ser Aerzte schliessen. 

Diese vier öruppen deutscher Aerzte bilden zusammen eine 
Majorität aller bis zum Jahre 1800 in Eussland uns begegnen- 
den Aerzte überhaupt. Drücken wir das Verhältniss in Procen- 
ten aus, so ergeben sich folgende Ziffern. Von gegen 600 Aerz- 
ten überhaupt sind mindestens 175, also fast 40 Procent, wäh- 
rend des 17. und 18. Jahrhunderts aus Deutschland berufen 
worden. Dazu kommen dann die Balten, die Deutschrussen und 
die Deutschen, deren Nationalität nicht sicher festgestellt wer- 
den kann, mit allermindestens zusammen 20 Procent, so dass nahe- 
zu zwei Dritttheile aller Aerzte in Bussland bis zum Jahre 
1800 sich als deutsches Element herausstellen. 

Ein so starkes Ueberwiegen dieses letzteren Elements er- 
scheint keineswegs überraschend. Die unmittelbare Nähe Deutsch- 
lands, die grosse Bedeutung der deutschen Universitäten auch 
hinsichtlich des medicinischen Studiums, die hervorragende 
Bolle, welche die Deutschen auch schon vor 1800 in Bussland 
als Kaufleute, Q-e werbtreibende, als Vertreter der Intelligenz 
spielten, der Anschluss der Ostseeprovinzen an Bussland zu 
Anfang des 18. Jahrhunderts, die politischen Beziehungen 
Busslands zu den deutschen Staaten — alle diese Umstände 
reichen hin, um den starken Procentsatz der deutschen Aerzte 
zu erklären. 

Verweilen wir zunächst bei der ersten Gruppe der deutschen 
Aerzte, nämlich bei den aus Deutschland berufenen Medicinern, 
indem wir uns auf die Erwähnung der hervorragendsten Per- 
sönlichkeiten beschränken und nur ganz kurz auf die allge- 
meinen dahin einschlagenden Erscheinungen hinweisen. 

Im J. 1600 sandte der Zar Boris Godunow einen Agenten, 
Namens Beinhold Beckmann, welcher bereits früher wiederholt 



40 

als Vertreter russischer Interessen [Reisen nach Westeuropa, 
u. A. nach England unternommen hatte, in den Westen, um 
insbesondere deutsche Aerzte zum Eintritt in russische Dienste 
zu veranlassen. Aus der Instruction, welche Beckmann erhielt 
und welche sich im Archiv befindet, ersehen wir, dass der 
eigentliche Bestimmungsort seiner Reise Lübeck war und dass 
er den Auftrag hatte, unterwegs, in Riga, Königsberg, Danzig 
und Rostock, sich nach solchen Aerzten zu erkundigen, welche 
im Rufe einer vorzüglichen G-eschicklichkeit und einer vieljäh- 
rigen Erfahrung ständen, um sie sodann zu einer Uebersiede- 
lung nach Russland zu bereden. Namentlich in Lübeck hoffte 
die russische Regierung diesen Zweck zu erreichen. Beaohtens- 
werth ist, dass Beckmann den Auftrag erhielt, falls etwa der 
Ausführung des Vorhabens von Seiten der Vorgesetzten der Stadt 
Lübeck sich Hindemisse entgegenstellen sollten, die zu beru- 
fenden Aerzte auch wider den Willen der Bürgermeister und 
Rathsherren zu engagiren und sie sogleich mitzunehmen, unter 
den von Beckmann angeworbenen Aerzten begegnen uns zwei 
Mediciner aus Lübeck, David Vasmer und Heinrich Schroeder, 
ohne dass wir über ihre spätere Thätigkeit in Russland etwas 
erführen '*). 

Bei Gelegenheit der holsteinischen G-esandtschaft, welche in 
der Regierungszeit des Zaren Michail Feodorowitsch nach Russ- 
land kam, und welche insbesondere durch das Erscheinen des 
berühmten Buches von Olearius über Russland eine grosse 
Bedeutung hatte, kam im Gefolge der Gesandtschaft Doctor 
Hartmann Gramannj aus Thüringen stammend, nach Russland. 
iJr hatte sich bei Gelegenheit der Reise 1638 mit einer Reva- 
lenserin verheirathet und war daher, als er im Jahre 1639 
einen Ruf nach Russland erhielt, um so eher bereit dahin 
überzusiedeln, wo er denn auch ein Paar Jahrzehnte hindurch 
thätig war'*). Gramann gehörte zu denjenigen Aerzten, deren 
Olearius mit dem Bemerken erwähnt, dass ihre Kunst dem 
Zaren Michail sehr viel Zutrauen zu der Heilkunde einflösste, in- 
dem er, der jfrüher um keinen Preis Arzeneien einzunehmen pflegte, 
alle Vorschriften der Mediciner gern befolgte. Gramann behan- 



") Richter I. 364r-377. 

") Die spärlichen Nachrichten tiher Gramann hei Richter H. 88-91. 



41 

delte den Zaren auch während dessen letzter Krankheit. Ole- 
arius bemerkt, der Zar habe in seinem Dienste „deutsche Bai- 
bier, Chirurgos , Oculisten, Bruchschneider, Chymicos und 
Apotheker" '»). 

Während der Kegierung des Zaren Alexei Michailowitsch 
kam Doctor Andreas Engdhatdt (1666) nach Kussland, wo er 
zehn Jahre verblieb, worauf er auf die Bitte des Kurfürsten 
von Brandenburg wieder entlassen wurde. Im Jahre 1664 wurde 
er aufgefordert, ein Gutachten darüber abzugeben, ob in Folge 
von besonderen Constellationen, insbesondere des Erscheinens 
eines Kometen eine Pest erwartet werden könne oder nicht, 
welche Frage er in zwei ausführlichen Schriftstücken einge- 
hend erörterte und bejahte. Bei dem Stande der damaligen 
Wissenschaft und den damals herrschenden astrologischen Lieb- 
habereien erscheint dergleichen nicht auffallend. Dass Engel- 
hardt in Bussland besonderes Vertrauen genoss, ist aus dem Um- 
stände zu ersehen, dass der Zar Feodor Alexejewitsch ihn im 
Jahre 1676 abermals zum Eintritt in russische Dienste veran- 
lasste. Er starb 1682 zu Moskau^*). 

Johann Coster von Bosenburg aus Lübeck war in den Jahren 
1667 ff. Leibarzt des Zaren Alexei Michailowitsch. Er genoss 
auch als Schriftsteller auf medicinischem Gebiete grosses An- 
sehen. Er war als bejahrter Mann nach Bussland gekommen 
und verliess es einige Jahre später, indem er nach Keval zog, 
wo er 1686 starb. Beutenfels erwähnt seiner als des ausge- 
zeichnetsten der damals in Bussland lebenden Aerzte. Er nahm 
lebhaften Antheil an den Angelegenheiten der protestantischen 
Gemeinde in Moskau '•). 

Hervorragender als alle die genannten deutschen Mediciner 
war Doctor Laurentius Blumentrost^ aus Mühlhausen in Sachsen 
(1619) gebürtig; er kam 1668 nach Bussland und genoss hier 
ein grosses Ansehen. Er galt als der Erfinder einer Beihe von 
Arzneimitteln, welche lange Zeit hindurch angewendet zu 
werden pflegten. Bichter bemerkt, dass noch zu Anfang un- 
seres Jahrhunderts in manchen vornehmen Familien zu Mos- 



^') S. einige Notizen über Gramann bei Fechner, Chronik der evange- 
lischen Gemeinden in Moskau I. 220, 223, 239, 26ö. 
") Bichter II, 265-276. 
") Fechner I. 353, 365. 3^ 



42 

kau Blumentrost's Recepte als kostbare Handschriften aufbe- 
wahrt und gezeigt zu werden pflegten. Als Blumentrost's Le- 
ben während des Aufstandes der Strelzy im Jahre 1682 in 
Gefahr schwebte, verdankte er seine Rettung wesentlich der 
persönlichen Intervention der Prinzessin Sophie '"). Er genoss 
das persönliche Vertrauen dreier Zaren, Alexei's, Feodor's und 
Peter's. Seine Söhne, deren weiter unten erwähnt werden wird,' 
haben in Russland eine zweite Heimath gefonden und sich 
zum Theil ebenfalls um die Fortschritte der Heilkunde in die- 
sem Reiche verdient gemacht "). 

Eine eigenthümliche Stellung unter den deutschen Aerz- 
ten in Russland während des 17. Jahrhunderts nahm Lauren- 
tius Hifihaber ein. Er kam als junger Manu, noch vor Vollen- 
dung seiner medicinischen Studien in Deutschland, als Gehülfe 
des Doctors Blumentrost nach Moskau. Hier hat er nicht eigent- 
lich als Arzt eine Carriöre gemacht ; dagegen that er sich durch 
Veranstaltung dramatischer Aufführungen und durch diploma- 
tische Dienste hervor, indem er einen russischen Gesandten, 
Meneses (1672), auf einer grossen Reise bis nach Rom in der 
Eigenschaft eines Legationssecretärs begleitete und auch später, 
bei anderen Gelegenheiten, zwischen Russland und dem Westen 
vermittelte. Wir verdanken seinen Briefen und sonstigen Auf- 
zeichnungen, welche erst in neuester Zeit bekannt geworden 
sind , eine Fülle von werthvoUen Angaben über Russlands 
Verhältnisse in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Im 
Jahre 1675 erhielt er eine Anstellung als Arzt, ohne dass es 
ihm gelang, Leibarzt des Zaren zu werden. Er musste sich mit 
einem untergeordneteren Posten begnügen. Der Sturz des Gön- 



'•) Neuerdings hat Herr Zwjetiyew die in verschiedenen Quellen er- 
wähnte Erzählung von dieser Episode, deren auch ich in meiner Geschichte 
Peters des Grossen, S. 253, erwähnt hatte, in Zweifel gezogen. Indessen be- 
findet sich im Dresdener Archiv ein Schreiben Georg Goossens* an den 
KurfSrsten Johann Georg II . von Sachsen^ welches ich eingesehen habe und 
in welchem ausdrücklich dieses Vorganges erwähnt wird. Goossens bittet 
den Kurfürsten, seinem Schwager, dem Doctor Blumentrost auch fernerhin 
seinen. Schutz angedeihen zu lassen. 

") Manche Einzelheiten über Blunientrost, insbesondere über die Schwie- 
rigkeiten, welche sich zu Anfang seiner Laufbahn entgegenstellten, finden 
sich in dem Werke über Rinhuber, Relation du voyage fait en 1684 par 
L. Rinhuber? Berlin 1883. S. mein Buch, Bilder aus Russlands Vergangen- 
heit. Leipzig, 1887. I, 217 ff. 



43 

ners aller Ausländer, des Bojaren Matwejew, veranlasste ihn 
bald darauf in den Westen zurückzukehren. Als er im Jahre 
1684 wiederum kurze Zeit in Moskau weilte, waren es nicht 
ärztliche Berufsgeschäfte , sondern weitgehende auf geogra- 
phische Entdeckungen und andere wissenschaftliche Studien 
gerichtete Ziele, welche ihn zu dieser Heise veranlassten. Der 
Fürst Wassilij Golizyn, mit welchem Binhuber in dieser Zeit 
vielfach verkehrte, suchte den vielseitig gebildeten und rüh- 
rigen Mann zu längerem Aufenthalte in Bussland in der Ei- 
genschaft eines Arztes zu veranlassen, indessen kehrte dieser 
nach Deutschland zurück ^•). 

. Zu sehr grossem Wohlstande brachte es in Bussland der 
aus Schlesien gebürtige Chirurg Sigismund Sommer^ welcher 
über dreissig Jahre (1663 ff.) in Moskau lebte. Er erfreute 
sich so grosser Beliebtheit, dass, als er im Jahre 1684 sich 
nach Deutschland zurückzog , ein besonderer Delegirter der 
russischen Regierung dahin abgesandt wurde, um ihn aufs 
Neue nach Bussland zu berufen. Er kam allerdings wieder 
nach Moskau und starb hier im Jahre 1690^*). 

Als ein Beweis, dass es damals an Chirurgen in Russland 
fehlte, dient der Umstand, dass im Jahre 1678 ein Beamter 
der Apothekerbehörde, Wilhelm Grordsen, nach Deutschland 
geschickt wurde, um mehrere Chirurgen und einen Augenarzt 
nach Russland zu berufen; es kamen auch einige durch Gord- 
sen angeworbene Chirurgen, ohne dass unter ihnen eine bedeu- 
tendere Persönlichkeit sich fände. Es ist indessen beachtens- 
werth, dass derselbe Gordsen zu demselben Zwecke im Jahre 
1695 abermals nach Deutschland gesandt wurde "^). Das Be- 
dürfiiiss nach Wundärzten ward in dieser Zeit noch stärker 
emjpfiinden als früher, weil der türkische Krieg in Sicht war. 
In Peter's Zeit wurde die Anwerbung von Ausländern über- 
haupt energisch betrieben. Es kamen 1695 einige Wundärzte 
aus Schweden, eine Anzahl Deutscher. Im Jahre 1697 — 98, bei 
Gelegenheit der grossen Gesandtschaftsreise Lefort's, Gk)lowin's 
und Wosnizyns wurde denn abermals eine beträchtliche Anzahl 



") S. meine Biographie Rinhubers in der Historischen Zeitschrift, Nene 
Folge, Band XVI. 

") Richter II, 371—373. 
*") Richter U, 373-375. 



44 

deutscher Chirurgen angeworben. Etwa ein Dritttheil der da- 
mals insbesondere durch den Admiral Cornelius Cruys zum 
Eintritt in den russischen Dienst veranlassten Wundärzte wa- 
ren Deutsche, ebenso zwei Augenärzte, welche bereits früher 
nach Moskau gekommen waren *^). 

Eine nicht unbedeutende Bolle spielte in den letzten Jahren 
des 19. Jahrhunderts ein aus Wien berufener Arzt, Q-regorius 
Carbonarius von Bisenegg, welcher, als übereifriger Katholik, 
in sehr lebhaften Beziehungen zu den Jesuiten stand, wodurch 
er bei der russischen Eegierung Anstoss erregte, so dass ihm 
alle fernere Correspondenz mit Wien verboten wurde*'). In der 
deutschen Vorstadt bei Moskau genoss Carbonari ein grosses 
Ansehen, wie wir u. A. aus Korb's Memoiren und G-ordon's 
Tagebuche erfahren. Er machte den Asowschen Feldzug mit 
und gerieth bei Gelegenheit der Schlacht bei Narwa in schwe- 
dische Gefangenschaft; erst im Jahre 1704 erlangte er durch 
die Vermittelung des Kaisers Leopold seine Freiheit, worauf 
er wieder nach Bussland ging. Hier praktizirte er noch bis 
zum Jahre 1714 und zog sich sodann nach Deutschland zu- 
rück •«). 

Von anderen in der Zeit Peters des Grossen nach Bussland 
berufenen Aerzten (z. B. Glüssing, Brescius, Grimberg, Doh- 
nell u. A.) ist nicht viel Nennenswerthes zu sagen. Loch, aus 
Danzig, war Leibarzt der Gemahlin des Zarewitsch Alexei; 
Christian Balthasar Wiel war der Hausarzt des Fürsten Men- 
schikow; Johann Termond, ein Arzt, welcher drei Jahrzehnte 
hindurch in Bussland praktizirte, war zugleich ein vortreff- 
licher Gesellschafter und Peter, welcher den Verkehr mit dem 
heitern Manne gern hatte, pflegte oft halbe Nächte mit ihm 
zu verbringen**); Paulson war Hofchirurgus und behandelte 
den Zaren während dessen letzter Krankheit •*); er, wie Schultz, 



") Richter II, 421-435. 

'*) Eine Fülle von Bemerkongen über Carbonari findet sich in Gordon's 
Tagebache. Anch Zwjetajew hat in seinem vortrefflichen Werke „Zur Ge- 
schichte der ausländischen Bekenntnisse in Russland"*, Moskau 1886, man- 
cherlei werthvolles Material über ihn beigebracht. 

") Richter II, 382—386. 

") Richter H, 416 ff. ffl, 177-178. 

**) Offenbar muss er damals noch sehr jung gewesen sein, da er erst 
780 starb. Richter III, 180. 



45> 

welcher u, A. als Hausarzt beim Fürsten Menschikow ange- 
stellt war, wirkte Jahrzehnte in Bussland. Beide starben erst 
in der Zeit der Begierung Katharina ü. 

Ein bedeutender Gelehrter war Doctor Gottlob Schöber, ein 
Leipziger; er trat bei Gelegenheit des Aufenthaltes Peters des 
Grossen in Dresden im Jahre 1712 in russische Dienste. Im 
Jahre 1717 erhielt er den Auftrag, die warmen Quellen am 
Terek auf ihre Heilquellen hin zu untersuchen ; bei dieser Ge- 
legenheit beschrieb er die Gegend nördlich vom Kaukasus über- 
haupt, entdeckte auf seiner Bückreise Schwefelgruben, sam- 
melte eine Fülle von Angaben über die physikalischen, bota- 
nischen, agronomischen und geographischen Verhältnisse Buss- 
lands, welche er auch in einem in lateinischer Sprache verfassten 
Werke verarbeitete. Als Stadtphysikus von Moskau hatte er 
mancherlei Beisen in die Umgegend der alten Hauptstadt zu 
unternehmen, um dort herrschende Epidemien zu beobachten. 

Einer der berühmtesten Anatomen seiner Zeit war Josias 
Weübrecht aus Württemberg; 1726 an die Petersburger Aka- 
demie berufen, hat er hier durch die Anfertigung einer sehr 
grossen Anzahl von anatomischen Präparaten und durch öffent- 
liche Vorlesungen über Anatomie und Physiologie sich uin die 
Verbreitung naturwissenschaftlicher und medicinischer Kennt- 
nisse in Bussland grosse Verdienste erworben. Die Anzahl 
seiner Schriften war sehr bedeutend. Er starb im Alter von 
46 Jahren im Jahre 1747. Die Beschreibung eines in Peters- 
burg herrschenden Fiebers hatte ihm im Jahre 1736 den Doc- 
tortitel der Königsberger Universität eingetragen ••). 

Nicht sowohl in der Eigenschaft eines Arztes oder Gelehr- 
ten als vielmehr in der Bolle eines Hofinannes und politischen 
Agitators hat der aus Celle stammende Johann Herrmann 
Lestocq eine gewisse Berühmtheit erlangt. Er kam 1713 nach 
Bussland und begleitete bald darauf als Wundarzt die Zarin 
Katharina auf ihrer Beise nach Holland. Bekanntlich war er 
dann als Leibarzt der Prinzessin Elisabeth einer der Haupt- 
urheber der Staatsumwälzung im Jahre 1741. Während der 
Begierung Elisabeths, welche in erster Linie ihm den Thron 
verdankte , machte er sich durch allerlei Bänke und durch 
Einmischung in politische Angelegenheiten missliebig und ver- 



••) Richter m, 206-210. 



46^ _ 

lor seine Freiheit und sein grosses Vermögen im Jahre 1748. 
Erst im Jahre 1761 erlangte er seine Freiheit wieder. Bei 
manchen Schwächen und Charakterfehlern gehört er durch seine 
vielseitige Bildung, seine Sprachkenntnisse, seine stets gute 
Laune und Au%elegtheit zu Scherz und Witz zu den anzie- 
hendsten Illustrationen der Hofgeschichte Busslands im 18. 
Jahrhundert. Dass er, wie es scheint, niemals den Doctortitel 
erwarb, dagegen in den örafenstand erhoben wurde, charak- 
terisirt seine Stelliing und die historische KoUe, welche er mit 
einer gewissen Entschlossenheit, aber nicht ohne einige Unbe- 
sonnenheit spielte. Dass man ihn in der Zeit seines G-lanzes 
zum Director der medicinischen Facultät in Bussland ernannte, 
kam dem Medicinalwesen des Beiches nicht zu Gute, da ihm 
sowohl die tüchtige Specialbildung als auch das Geschick und 
die Lust zu administrativen Geschäften abging. Die Last der 
Arbeit trugen seine Gehülfen, der Holländer Kaau-Boerhave 
und der Grieche Condoidi »'). 

Johann Pagenkampf, Leibchirurg Katharina I. und Pe- 
ters IL, machte sich später als Frauenarzt bekannt und über- 
setzte ein bedeutendes gynäkologisches Werk in die russische 
Sprache •*). 

Während der Begierungszeit der Kaiserin Anna hat Johann 
Christoph Bieger aus Preussen einige Jahre an der SpitÄe der 
medicinischen Verwaltung gestanden. Er war vom Grafen 
Ostermann unter ausnehmend günstigen Bedingungen zum Ein- 
tritt in russische Dienste veranlasst worden, machte sich aber 
durch Bänkesucht und Eigennutz in hohem Grade unbeliebt. 
Er scheint sich zu einem Werkzeug des Terrorismus Biron's 
hergegeben zu haben, sah indessen alsbald seine Stellung er- 
schüttert, so dass eine Urlaubsreise, welche er nach Deutsch- 
land machte, einer Flucht ähnlich sah*'). 

Dagegen entwickelte Doctor Johann Friedrich Schreiber aus 
Königsberg als Gelehrter wie als Arzt eine um so erfreulichere 



•') Richter III, 210 ff. 420 ff. Allerlei übrigens unbedeutende Vorkomm- 
nisse in der Zeit der Yerwaltungsthätigkcit Lestocq's bei Tschistowitsch 
CLII-CLV. 

"j Richter III, 211. Es zeugt von grosser Nachlässigkeit Tschistowitsch's 
dass in dessen Arztverzeichniss Pagenkampf nicht vorkommt. 

••) Richter III, 246 ff. Tschistowitsch beschäftigt sich an mehreren Stellen 
seines Buches selu- eingehend mit Rieger. 



47 

Thätigkeit. £r hatte eine gründliche und vielseitige Bildung 
erhalten, längere Zeit in Leyden studirt, war mit dem berühm- 
ten Albrecht Haller innig befreundet gewesen, als er sich endlich 
entschloss, einem Rufe nach Russland zu folgen. Hier hat er 
zuerst während des Türkenkrieges unter Anna in der Armee 
gedient u&d dabei in der Zeit, als die Pest wüthete, sehr we- 
sentliche Dienste geleistet. Besonders fruchtbar und segensreich 
war Schreiber 's Thätigkeit in der Eigenschaft eines Lehrers 
der Anatomie und Chirurgie an der St. Petersburger Hospital- 
schule, wo er in demselben Geiste wirkte, wie Bidloo an der 
Hospitalschule in Moskau gewirkt hatte. Ein grosses Verzeich- 
niss von medicinischen Schiften des unermüdlichen Mannes 
zeugt von der grossen klinischen Erfahrung und dem echt 
wissenschaftlichen Sinne desselben. 

Es wären von deutschen Aerzten etwa noch zu nennen: 
Jacob Johann Lerche, welcher, aus Preussen gebürtig, 1731 
nach Russland kam, wählend des Türkenkrieges 1736 ff. und 
in der Zeit der Pest 1770 — 71 wesentliche Dienste leistete und 
bis an seinen Tod (1780) in Russland blieb, ferner einige Pro- 
fessoren der Medicin an der 1755 gegründeten Moskauer Uni- 
versität, wie Karstens, Erasmus, Hoffmann, Fischer von Wald- 
heim, Reuss, Hillebrandt, deren manche sich durch eine grosse 
Thätigkeit als Fachschriftsteller auszeichneten; Johann Schil- 
ling, welcher u. A. die Kaiserin Elisabeth in ihrer letzten 
Krankheit behandelte, Carl Friedrich Kruse, Leibmedicus der 
Kaiserin Katharina U. und Mitglied der Akademie der Wissen- 
schaften, Andreas Rinder, welcher übrigens, als die Pest in 
Moskau auftrat (1770) den grossen Fehler machte, die Natur 
der Krankheit nicht zu erkennen, einen Irrthum, welchen sein 
College Kuhlemann theilte, während andere Aerzte, wie z. B. 
Martens, Meltzer u. s. w. sich grosse Verdienste um die Be- 
kämpfung der Airchtbaren Epidemie erworben und iEiuch wohl 
durch Beschreibung derselben sowohl der damaHgen medicinisch- 
wissenschaftlichen Welt als der späteren Geschichtsforschung 
nützten, Johann Martin Minderer, welcher als Militärarzt wie 
als Yerwaltungsbeamter eine sehr umfassende Thätigkeit ent- 
faltete und viele Andere. 

Wir haben oben in der allgemeinen üebersicht der Aerzte 
in Russland gesehen, wie die Zahl der letzteren insbesondere 
in der Zeit Katharina 's sehr stark im Zunehmen begriffen ge- 



48 

wesen sei und wie dieser Umstand auf eine energische Thätig- 
keit der Administration in diesem Punkte schliessen lasse. Die 
oben mitgetheilte Zahlentabelle zeigt, dass insbesondere in den 
achtziger Jahren ein bedeutender Aufschwung in dieser Hin- 
sicht stattfindet. 

In diese Zeit fällt die Anknüpfung der Beziehungen der 
Kaiserin zu dem berühmten Arzte Johann Georg von Zimmer- 
mann, welcher durch seine medicinischen Schriften und andere 
"Werke, insbesondere durch sein Buch „Ueber die Einsamkeit" 
in den aller weitesten Kreisen bekannt war. Katharina stand 
in den Jähren 1786 bis 1791 mit ihm in lebhaftem Briefwechsel. 
In demselben «o) wurden nicht blos Zeitfragen, politische Bege- 
benheiten, neuerschienene Bücher u. dgl. einer Besprechung 
unterzogen: es handelte sich auch um die Beschaffung deut- 
scher Aerzte für das russische Reich*. Zimmermann selbst konnte 
sich nicht zu einer Uebersiedelung nach Russland entschliessen, 
obgleich Katharina ihn wiederholt dahin einlud. Dagegen ver- 
mittelte er die Anstellung von über zwanzig Aerzten in Russ- 
land und dieser Geschäfte ist denn auch häufig in der Corre- 
spondenz der Kaiserin mit Zimmermann erwähnt. Insbeson- 
dere scheint der Fürst Potemkin, welcher gerade damals Süd- 
russland verwaltete, eine beträchtliche Anzahl von deutschen 
Aerzten in dieser seiner Statthalterschaft angestellt zu haben. 
So z. B. kam Friedrich August Meyer aus Hamburg nach 
Chersson, wo er eine Zeitlang die Stellung eines Chefs des 
Medicinal Wesens in Südrussland bekleidete, ferner Ernst Meins- 
hausen, Stein u. A. 

Was den Doctor Georg Nikolaus Weikard anbetrifft, wel- 
cher zuerst mit Zimmermann befreundet war und hierauf gänz- 
lich mit ihm zerfiel, so nahm dieser Sonderling die Stelle eines 
Hofarztes ein, ohne dass sein Wunsch, Leibarzt der Kaiserin 
zu werden, in Erfüllung ging, da Rogerson diese Stelle be- 



*^) Katharioas Briefwechsel mit Zimmermann erschien als Beilage zn 
Marcard^s Buche „Zimmermanns Verhältniss zu der Kaiserin Katharina IL", 
Bremen, 1803. Es ist eine gegen Weikard gerichtete Streitschrift. Die Briefe 
der Kaiserin erschienen ferner in der Ssmirdin'schen Edition der Schriften 
Katharina's und in dem XlU. und XXYII. Bande des Magazins der Histor. 
Gesellschaft S. meine Abhandlung in der „Russkaja Starina*' 1887. Mai und 
Juni. 



49 

kleidete und Katharina volles Vertrauen zu dem letzteren hatte. 
Weikard behandelte u. A. den G-ünstling Lanskoi in dessen 
letzter Krankheit •*). 

VII. 

Deutsche. 

2. Balten. 

Man weiss, welch' grosse Anstrengungen russischerseits ver- 
hältnissmässig früh gemacht wurden, um sich der Ostseepro- 
vinzen zu bemächtigen. Es mochte nicht bloss der Besitz der 
Küstenlinie sein, nach welchem Kussland strebte. Auch die 
höhere Cultur dieser Gebiete, welche stets mit Westeuropa in 
Zusammenhang geblieben waren, Hess einen solchen Erwerb 
als besonders wünschenswerth erscheinen. Weder die Anstren- 
gungen, welche man im 16., noch diejenigen, welche man im 
17. Jahrhundert machte, um dieses Ziel zu erreichen, waren 
von dauerndem Erfolge gekrönt ; erst Peter dem Grossen gelang 
es diese Provinzen zu besetzen. 

Der Verkehr, welcher bereits früher zwischen Russland und 
den Ostseeprovinzen bestanden hatte, war nicht immer ein 
freundlicher und friedlicher gewesen. Man weiss, dass in Liv- 
land im 16. Jahrhundert Anstrengungen gemacht worden sind, 
Bussland von dem Verkehr mit der Welt abzuschliessen : 
Techniker, Industrielle, Künstler, welche in russische Dienste 
treten sollten, sind an der Beise nach Moskau auf Anstiften 
des Ordens verhindert worden. 

Um so beachtenswerther ist der steigende Verkehr zwischen 
den Ostseeprovinzen und Russland im Laufe des 17. Jahrhun- 
derts. Unter den Männern, welche sich in jener Zeit zur 
Uebersiedelung nach Russland entschlossen , begegnen uns 
einige Aerzte. 

So kam in den allerersten Jahren des 17. Jahrhunderts* der 
Doctor Caspar Fiedler^ um während der Regierung des Zaren 
Boris Godunow eine vorzüglich angesehene Stellung in Moskau 
einzunehmen. Er war, wie Reinhold Beckmann meldete, als 



'*) Weikard's „Denkwürdigkeiten'*, Frankfurt und Leipzig 18Q2. Bei 
sehr überflüssiger Breite sind in diesem Werke doch recht interessante Bei- 
träge zur Zeitgeschichte enthalten, freilich in anekdotischer Form. 



50 

der vorzüglichste, berühmteste und beliebteste Arzt in Biga 
empfohlen worden. Er war übrigens kein geborener Bigenser, 
sondern stammte aus Preussen, hatte beim deutschen Kaiser, 
bei der Königin von Frankreich und dem Herzog von Kur- 
land in Dienst gestanden. In Kussland hatte er sich 
einer besonders günstigen Au&ahme von Seiten des Za- 
ren zu erfreuen, wie wir u. A. aus Petrejus' Werke erfah- 
ren; auch war er Kirchenpatron der lutherischen Kirche in 
Moskau "). Von den weiteren Schicksalen Fiedler' s ist nicht 
viel bekannt. Eine zweideutige Bolle soll er bei folgender Ge- 
legenheit gespielt haben. Als während der Begier ung des Za- 
ren Wassilij Schuiskij die anarchischen Elemente der russischen 
Gesellschaft sich unter den Fahnen einzelner Abenteurer, wie 
des zweiten Pseudodemetrius, Bolotnikow's u. A. sammelten, 
soll der Arzt Caspar Fiedler dem Zaren den Vorschlag gemacht 
haben, denBolotnikow, welcher damals in Kaluga weilte, durch 
Gift aus dem Wege zu räumen. Trotz eines Eides, welchen 
Fiedler leistete, dass er sein Vorhaben ausführen und den Za- 
ren bei dieser Gelegenheit nicht verrathen werde, trotz grosser 
in Aussicht gestellter Belohnungen soll nun Fiedler sogleich 
nach seiner Ankunft in Kaluga Bolotnikow von dem Unter- 
nehmen Mittheilung gemacht und ihm das Gift ausgeUefert 
haben»»). 

Doctor Johann Belau kam, nachdem er eine Zeitlang an 
der von Gustav Adolf ins Leben gerufenen Dorpater Universität 
als Professor der Medicin thätig gewesen war und hierauf in 
Biga prakticirt' hatte, im Jahre 1643 nach Bussland. Im Jahre 
1651 ward er zu einer Beise in seine eigentliche Heimath, 
Deutschland, beurlaubt, zog es aber vor nicht wieder nach 
Buösland zurückzukehren •*). 

Den berühmten Mediciner Johann Bernhard Fischer darf 
man mit mehr Becht als die Soebengenannten als einen Balten 
bezeichnen. Er war 1685 in Lübeck geboren, aber sein Vater 
siedelte schon 1687 als Garnisonsarzt nach Biga über, und 
hier prakticirte Johann Bernhard Fischer, nachdem er in Halle, 



") Richter I, 377—383. Fechner erwähnt seiner nicht. 
") Solowjew VIII, 181-182. 

**) Richter I[, 91—103. S. dort sehr umständliche Nachrichten über die 
Verhandlungen mit Belau nach dessen Abreise. 






_51 

Jena und Leyden studirt hatte, mit so grossem Erfolge, dass 
er im Jahre 1733 zum Stadtphysikus ernannt wurde. Im Jahre 
1735 folgte er einem Kufe nach Russland, wo er als Leibarzt 
der Kaiserin und Archiater, welchem die Verwaltung des Me- 
dicinalwesens im ganzen Reiche anvertraut war, mit dem für 
jene Zeit ganz ausserordentlich hohen Jahrgehalt von 7000 
Rubeln •*) angestellt wurde. Es sind wenige Aerzte in Russ- 
land gewesen, welche in dem Grade, wie Fischer, sich allge- 
meiner Beliebtheit erfreuten und sich um die Heilkunde im 
Reiche die grössten Verdienste erwarben. Karl VI. erhob ihn 
in den Adelsstand; die Kaiserin Anna schenkte ihm das Pa- 
lais ihrer verstorbenen Schwester, der Herzogin Katharina von 
Mecklenburg; nach dem Tode der Kaiserin blieb er noch eine 
Zeitlang als Leibarzt des Kaisers Joann Antonowitsch in Pe- 
tersburg, nahm aber, als Lestocq sogleich nach der Thronbe- 
steigung Elisabeth's als deren Leibarzt die allergrösste Bedeu- 
tung erlangte, seinen Abschied, worauf er noch drei Jahrzehnte 
hindurch auf seinem Grute bei Riga sich der schriftstellerischen 
Thätigkeit widmete. Die grösste Zahl seiner Werke ist me- 
dicinischen Inhalts'*). Als Director des Medicinalwesens hat 
er in der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit eine Reihe durch- 
greifender Reformen veranlasst, wie die Gründung neuer Ho- 
spitäler als Schulen für angehende Aerzte, die Entsendung 
junger Russen ins Ausland zum Zwecke der medicinischen 
Ausbildung, die Herausgabe von Anschauungsmitteln beim Un- 
terricht in der Medicin, die Beschaflfting vieler Arzneimittel, 
welche man bis dahin aus dem Auslande zu verschreiben pflegte, 
in Russland selbst u. s. w. Von der Lauterkeit und Selbstän- 
digkeit seines Charakters zeugt der Umstand, dass er in einer 
Zeit, da Biron's Terrorismus Leute, wie Rieger, der Despoten- 
laune des Machthabers dienstbar machte, seine völlige Unab- 
hängigkeit zu wahren wusste*'). 

Eine unbedeutendere Rolle spielten Nikolai Martini aus 
Riga, welcher ebenfalls während der Regierung Anna's zum 
Hofmedicus ernannt wurde, sowie andere Aerzte, welche, aus 
den Ostseeprovinzen stammend, in der Zeit Elisabeth's und 



•') Ein Rubel in jener Zeit = mehreren Rubeln jetzt. 

") Richter III, 270-280. 

") Tschisto witsch CCCXV-CCCXX. 



.J*_^' ■» 



62 

Katharina'' 8 zum Theil in den Ostseeprovinzen selbst, zum 
Theil in den eigentlich russischen Gouvernements oder auch 
in den Hauptstädten thätig waren. Im Ganzen beläuft sich die 
Zahl der aus den Ostseeprovinzen stammenden Aerzte, von 
denen wir Künde haben, auf gegen fünfzig. Indessen begeg- 
net uns weitaus die grösste Zahl derselben erst gegen das 
Ende des Jahrhunderts, in der zweiten Hälfte der Regierung 
Katharina II. Alle diesen baltischen Mediciner'*) haben ihre 
Studien auf ausländischen Universitäten, meist in Deutschland, 
absölvirt. Es kann sein, dass einer besonders starken Steige- 
rung der Zahl aus den Ostseeprovinzen stammender Aerzte in 
der letzten Zeit der Regierung Katharinas besondere Umstände 
zu Grunde liegen. Indessen kann das Anschwellen der Ziffer 
der baltischen Mediciner auch ausreichend durch die über- 
haupt in dieser Zeit sich steigende Arztfrequenz erklärt wer- 
den. Immerhin ist es beachtenswerth, dass nicht unmittelbar 
nach der Annexion der Ostseeprovinzen, sondern erst mehrere 
Jahrzehnte später das Gontingent baltischer Aerzte in einer 
recht auffallenden Weise an Bedeutung gewinnt. Es begegnen 
uns nämlich, wenn wir die Zeit von der Eroberung der Ostsee- 
provinzen bis zum Jahre 1800 in Jahrzehnte eintheilen, bal- 
tische Aerzte bis 1730 1, von 1730 bis 1740 2, von 1740 bis 
1750 3, von 17B0 bis 1760. 8, von 1760 bis 1770 10, von 1770 
bis 1780 16, von 1780 bis 1790 28, von 1790 bis 1800 30. 

Es wäre von grossem Interesse diese Zahlenkolonne bis auf 
die neueste Zeit fortzusetzen. Während die Balten, welche sich 
dem Studium der Medicin widmen wollten, früher im Auslande 
studiren mussten, änderte sich die Sachlage durch die Grün- 
dung der Dorpater Universität im Jahre 1802. Diese hat im 
19. Jahrhundert dem Arztbestande Russland ein ganz gewal- 
tiges Gontingent geliefert. Wir haben nicht die Möglichkeit, 
die Geschichte der Dorpater Mediciner, deren weitaus grösste 
Zahl Balten sind, auszuführen. Wenn man sich aber verge- 
genwärtigt, dass die Zahl der in Dorpat studirenden Mediciner 
gegenwärtig (1886 — 87) gegen 760 beträgt, so wird man er- 
messen können, von welcher Bedeutung die aus den Ostsee- 
provinzen stammenden deutschen Aerzte im Medicinalwesen 



**) Wir haben ein Verzeichniss derselben angefertigt, halten indessen die 
Mittheilung der Namen und Zahlen für überflüssig. 



63 

des ganzen Beiohes sein müssen, wenn man auch zugleich an- 
erkennen mag, dass die Leistungen der jüngeren russischen 
Universitäten, die Heranbildung russischer Aerzte in der letzten 
Zeit einen grossen Aufschwung genommen haben. 



VIII. 

# 

In Rossland geborene Ausländer. 

Ein sehr beträchtlicher Theil der aus dem Auslande beru- 
fenen Aerzte ist nicht eigentlich in jßussland sesshaft gewor- 
'den. Viele von den in russische Dienste tretenden Medicinem 
hatten sich nur für wenige Jahre gebunden und kehrten sodann 
in ihre westeuropäische Heimath zurück. Andere haben, wie 
aus manchen oben mitgetheilten Beispielen zu ersehen ist, die 
Uebersiedelung nach Bussland zum zweiten Male unternommen. 
Noch andere kamen und blieben, ohne ihre zweite Heimath 
zu verlassen. 

So konnte es geschehen, dass es in jßussland Ausländerfa- 
milien gab, welche gewissermassen Arztdynastien darstellen. 
Die Ausübung des ärztlichen Berufes bot unter Umständen so 
bedeutende materielle Vortheile dar, die Aerzte erfreuten sich 
von Seiten der Regierung und zum Theil wohl auch von Seiten 
der Gesellschaft einer so wohlwollenden Behandlung, dass ihre 
Söhne, welche in Bussland geboren ' waren, oft Lust hatten, 
sich demselben Berufe zu widmen. Und zwar geschah letzteres 
um so eher, als die Regierung in sehr vielen Fällen bereit 
war, die Studienkosten zu bestreiten, weil sie auf diese Weise 
den Bedarf an Aerzten am bequemsten decken zu können 
meinte. Es geschah sehr häufig, dass Söhne von Ausländern, 
welche als Aerzte in russischen Diensten standen, oder sonst 
irgend eine andere ofiicielle Stellung bekleideten, von der Krone 
die Mittel erhielten, um ins Ausland zu reisen und dort me- 
dioinischen Studien obzuliegen. 

Es ist von Interesse wahrzunehmen, dass solche Beise- 
stipendiaten uns schon mehrere Jahrzehnte vor der Regierung 
Peters des Grossen begegnen, was wieder einmal davon zeugt, 
dass die russischen Machthaber auch lange vor der Beform- 
epoche dieses genialen Herrschers ein Bewusstsein von den 



B4 



Vorzügen der westeuropäischen Cultur hatten und der Hilfe 
der Vertreter anderer Völker in allerlei Angelegenheiten der 
Verwaltung, u. A. im Sanitätswesen zu bedürfen meinten. 

Unter solchen von der Regierung bevorzugten für den me- 
dicinischen Staatsdienst herangebildeten jungen Leuten begeg- 
nen uns Repräsentanten verschiedener Nationalitäten; indessen 
spielen auch hier die Deutschen eine Hauptrolle. 

Weisen wir auf einige Beispiele solcher nichtrussischer 
Reisestipendiaten hin. 

Im J. 1616, also in der ersten Zeit der Regierung des Zaren 
Michail Feodorowitsch Romanow, sandte man den Sohn des 
zu Moskau ansässigen Apothekers Zacharias Arensen, Jacob, 
zu Studienzwecken nach Holland. Im J. 1620 reichte der Vater 
des jungen Mannes bei der Regierung ein Gesuch ein, man 
möge seinem Sohne die Mittel gewähren, in Holland die medi- 
cinische Wissenschaft in ihrem ganzen Umfange zu erlernen. 
Wir erfahren, dass die Bitte gewährt wurde, nicht aber, ob 
das Studium des Jacob Arensen zu irgend welchen Erfolgen 
geführt habe. Wir wissen gar nichts von den ferneren Schick- 
salen dieses ersten russischen medicinischen Reisestipendiaten. 

Aehnliches gilt von John Elmston, dem Sohne eines Trans- 
lateurs bei der Gesandtschaftsbehörde zu Moskau. Der Vater 
sandte ihn (1629) nach Cambridge, um dort Medicin zu stu- 
diren. Der König Karl I. von England schrieb im Jahre 1631 
an den Zaren Michail, er habe Sorge getragen, dass diesem 
jungen Manne auf den Rath des Gollegiums der Londoner 
Aerzte alle Hörsäle eröffiiet, alle Hilfsmittel zugänglich ge- 
macht würden, um die gehörigen Kenntnisse der Arzjieiwissen- 
schaft zu erwerben. Wir erfahren wohl, dass John Elmston 
nicht weniger als dreizehn Jahre in England studirt habe und 
hierauf als Doctor der Medicin nach Russland zurückgekehrt 
sei, besitzen aber gar keine weiteren Nachrichten von den fer- 
neren Schicksalen dieses Mediciners. 

Der Sohn des Doctors Valentin Byls, welcher letztere 1616 
nach Russland gekommen war, wurde in noch sehr jungen 
Jahren auf Kosten der russischen Regierung nach Holland ge- 
schickt, um hier zunächst eine allgemeine Schulbildung zu er- 
werben und sodann sich auch auf den ärztlichen Beruf vorzu- 
bereiten. Seine Studien währten 16 Jahre, worauf er als Doctor 
der Medicin (1642) zurückkehrte. Indessen ist auch von seiner 



66 

ferneren Thätigkeit nichts bekannt geworden, so dass wir 
nicht zu sagen vermögen, ob er den gerechten Erwartungen 
der Regierung, welche ihn so lange unterstützt hatte, entspro- 
chen habe oder nicht ••). 

Der Neffe des obenerwähnten Doctor Hartmann G-ramann, 
Michael Gramann, welcher im Hause seines Oheims zu Moskau 
aufgewachsen war, ging im Jahre 1669 auf Kosten der Be- 
gierung nach Deutschland, studirte hier acht Jahre lang Me- 
dicin und hat sodann zehn Jahre hindurch als Arzt in russi- 
schen Diensten gestanden "®®). 

In Moskau lebte um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein 
angesehener Kaufmann, Thomas Kellermann. In der Eigen- 
schaft eines russischen Gesandten unternahm dieser Mann 
mehrmals Eeisen ins Ausland, im J. 1670 nach Holland, im 
Jahre 1688 nach Wien und Venedig. Offenbar war er zu be- 
deutendem Wohls tande gelangt. Seinen Sohn Heinrich liess er 
auf eigene Kosten in Deutschland, Holland und Frankreich 
ausbilden. Sechszehn Jahre dauerte der Aufenthalt des jungen 
Mannes in Westeuropa. Er hatte allein in Leipzig sechs, in 
Strassburg drei, in Paris und Montpellier zwei Jahre, und end- 
lich in Padua mehrere Jahre Medicin studirt. Auf der letzteren 
Universität erwarb er den Doctorgrad. Als er im Jahre 1677 
nach Eussland zurückkehrte, wurde er unter günstigen Be- 
dingungen als Arzt bei der Apothekerbehörde angestellt. Er 
war Militärarzt und hielt sich Jahre lang im Süden und Süd- 
westen des Reiches auf, wo er u. A. den Hetman der Ukraine 
Ssamoilowitsch behandelte. Er starb erst im Jahre 1716 zu 
Moskau. 

Nachdem Laurentius Blumentrost im Jahre 1668 nach Kuss- 
land gekommen war, haben er und seine Söhne der neuen 
Heimath in hohem Grade genützt. Sein zweiter Sohn, welcher 
ebenfalls Laurentius hiess, widmete sich ebenfalls der medici- 
nischen Laufbahn und wurde bei Hofe angestellt. Der dritte 
Sohn Johann Deodaius, reiste 1698 mit Bewilligung Peters des 
Grossen — also doch wohl auch als Regierungsstipendiat — 
nach Deutschland, um Medicin zu studiren und disputirte 1700 
in Königsberg über eine die Militärheilkunde betreffende Dis- 



••) Richter II, 109-117. 
"•) Richter II, 289-291. 



66 

$)t\rUtiou« orwiwrb siidanu den Dootortitel in Halle, studirte 
livrutvr utvU iu l^yd^^u uud wurde 1702 in Rudsland als Feld- 
avAl wi^^ttxUt, Kr mat'ht-e eine gl&niende Carriere. Im Jahre 
17 U^ erhielt er die Stellung eines Arehiaters, d, h. eines Vor- 
5iteher« der intHÜoiui^v'hen Kanslei und der Hofapotheke. Ihm 
^x^luVle das l^ut Gat^^hina bei Petersbuj^. Seine glänzenden 
\ erh«^lt4\i5i55e toderteu sich indessen« Seine Ab^etj^omg erfolgte 
iui Jahre 17^1; sie vrunie durvh angehlioh in der Hofapotheke 
si4^u^^>hable Vuoriiuuugen motivirt; anoh sein Gut Gatachina 
>Ä UTvie euxs^«\>^n. Kr st^u^b erst 17oö, In der Zeit seiner Yer- 
>ir;i^Uuu^ vies Medioinal^RVc$>ens fanden manche dnrchgreiiende 
Kf^tvvr«ie^ statt. S^*>K\>hl seiue geisii^n Fähigkeiten, als aaeh 
s»iNi^i^* v''har^terei^>^xi3fvha::en wutüen gerühmt. Aber weder 
iii^jtjt lÄkvh Ä^ixst JeÄian^^t^ia in ^ener Zeit sind I^enstunannehm- 
Xxiiiv'^teÄ «UÄ Theil s>ehr j^iiukher Art er?i»*rt wwdec. Bei 
,Wi;i v\v', s^K^ceÄ x:i^i R:i>A^ Äag er niclt oiirse Schiild gewesen 
ss^^i^. iVi $»:iu!er ASseiJ^ir:^ ArieiriTii Willktx crd UI:^^M«chtig- 

ti^s ^4Ar\^*'>aM$ i.>?^>5s^ wxcivf^ sii.i :ir»i iw^ar ic-icü. irr. Alter 
\\*t X> J'iirjfJi itexi xi.Txixzx^Jv^'cr Stcri^izi, Er srBÜrW' in 




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67 

Korperschaft nach Bussland berief. Als die Akademie in der 
Zeit Katharina I. eröffnet wurde, ernannte ihn die Kaiserin 
zum Präsidenten derselben. Den Kaiser Peter I. hatte er auch 
in dessen letzter Ejrankheit behandelt und die Beschreibung 
der letzteren an Stahl nach Berlin und Hermann Boerhave 
nach Leyden geschickt. Von seiner naturwissenschaftlichen 
Bildung zeugen seine an die Pariser Akademie gerichteten 
Briefe über Messerschmidt 's Beisen nach Sibirien und seine 
Beschreibung der Mineralquellen von Olonez. So glänzend Blu- 
mentrost' s Stellung auch war, einer so allgemeinen Beliebt- 
heit er sich auch erfreute, so ist er doch auch gleich vielen 
anderen hervorragenden Männern von Ränken nicht verschont 
geblieben. Ihm, wie seinem Bruder Johann Deodat, ist die Be- 
gierung der Kaiserin Anna verhängnissvoll geworden. Blumen- 
trost hatte die Schwester der Kaiserin, die Herzogin Katha- 
rina von Mecklenburg, in ihrer letzten Elrankheit behandelt. 
Ohnehin mochte die Reihe von Todesfällen der höchsten Per- 
sonen — Katharina I., Peter 11. waren ebenfalls seine Patien- 
ten gewesen — Blumentrost's Ansehen als medicinische Au- 
torität erschüttert haben: jetzt, 1733, wurde er bei Gelegenheit 
des Ablebens der Herzogin Katharina von dem Untersuchungs- 
richter vernommen, musste einen genauen Bericht über seine 
Behandlungsweise vorstellen und fiel so weit in Ungnade, dass 
er nach Moskau verwiesen wurde, wobei man ihm sogar seine 
Besoldung entzog. Fünf Jahre verlebte Blumentrost in der 
alten Hauptstadt, ohne irgend eine dienstliche Stellung einzu-r 
nehmen. Da erst, während des Türkenkriegs, als man einer 
grossen Anzahl von Militärärzten bedurfte und der Archiater 
Fischer fast das gesammte Personal der Moskauer Hospital- 
schule auf den Kriegsschauplatz beförderte, wurde Blumentrost 
mit der Leitung der Anstalt betraut. In noch höherem Grade 
besserten sich seine Verhältnisse nach Elisabeths Thronbestei- 
gung. Hatte er in den letzten Jahren der Regierung an der 
Gründung der Akademie der Wissenschaften Theil genommen, 
ja, wie sein Gehilfe Schumacher erzählt, im Grunde den ei- 
gentlichen Anstoss zu diesem Unternehmen gegeben, so konnte 
er sich nun, an seinem späten Lebensabend um ein anderes 
wissenschaftliches Institut die grössten Verdienste erwerben. 
Es war begreiflich, dass man ihn, den vielgereisten Mann, 
welcher die Welt gesehen hatte, den vielseitig gebildeten Ge- 

4* 



56 

lehrten, welcher vier Sprachen, das Lateinische, Französische, 
Deutsche und Russische so weit beherrschte, dass er bequem 
in allen diesen Sprachen schreiben konnte, den berühmten Me- 
diciner, welcher mit den wissenschaftlichen Capacitäten der 
Welt in Verkehr gestanden hatte, zur Berat hung zog, als es 
sich um die Gründung der Moskauer Universität handelte. Er 
wurde Curator der neueii Hochschule, indessen starb er wenige 
Wochen nach der Eröffnung derselben"*). 

Gleich wie drei Söhne des im 17. Jahrhundert nach Russ- 
land berufenen Doctors Blumentrost sich als Aerzte der neuen 
Heimath widmeten, so waren auch alle vier Söhne des Stabs- 
arztes Röslein, Johann, Alexander, Friedrich und Andreas Rös- 
lein in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Aerzte in 
Bussland thätig, freilich ohne zu so grosser Bedeutung zu ge- 
langen, wie die Blumentrost' s. Von anderen zahlreichen Fällen, 
in denen der Sohn, dem Beispiele des Vaters folgend, die me- 
dicinische Laufbahn wählte, heben wir noch etwa folgende her- 
vor; es begegnen uns als Aerzte in Russland: det* Sohn jenes 
berühmten Rosenburg, welcher im 17. Jahrhundert nach Russ- 
land berufen worden war ; der Söhn des Döctors Zacharias Von 
der Hülst, welcher det Leibarzt Peters des Grossen während 
dessen Jugend gewesen war; der Sohn des aus Konstantinopel 
berufenen de-Theyls; der Sohn Pekken's, der Sohn des Stadt- 
physikus Lerche; ebensolche Gruppen Von Vatet und Sohn 
bilden die Meilen, Meltzer, die Thiemann, die Zuber, die EUert, 
die Ens u. A. 

Aus den Kreisen der in Russland lebenden Ausländer ver- 
schiedenör Berufsarten ging eine Reihe zum Theil bedeutender 
Mediciner hervor. So erwarb sich Heinrich Bacheracht, der 
Sohn eines Maklers, hervorragende Verdienste um das Sani- 
tätswesen, indem er u. A. das grosse Hospital zu Kronstadt 
ins Leben rief; so erforschte Baron Georg Thomas Asch, der 
Sohn eines Postdirectors, die Heilquellen Frankreichs und Eng- 
lands, fiingirte als erstes Mitglied des 1763 gegründeten medi- 
cinischen Collegiums, als dessen officieller Vertreter er in der 
gesetzgebenden Versammlung 1767 — 68 an den Verhandlungen 



) Richter II, 317-.^21, III 162-168. Reicht wichligö Angaben be 
Iscbisto^ltsch CI-CIV. 



toi 



59 

über die Gesundheitspflege betreffende Fragen lebhaften An- 
theil nahm; so machte sich der in Petersburg geborene Wil- 
liam HoUiday durch geschickte Steinoperationen bekannt; so 
war Justus Friedrich Jacob Hildebrandt, Neffe und Schüler des 
Professors der Anatomie und Physiologie an der Moskauer 
Hospitalschule, einer der hervorragendsten Professoren an der 
Moskauer Universität und war zugleich als praktischer Chirurg 
eine besonders beliebte und populäre Persönlichkeit in Moskau ; 
Wilhelm Michael Btchter^ der Verfasser der „Geschichte der 
Medicin in Bussland^, war der Sohn eines in der alten Haupt- 
stadt lebenden Predigers, Bützow war ebenfalls der Sohn eines 
Pastors , Hoffinann der Sohn eines Architekten , Joh. Fr. 
Müller der Sohn eines Schneiders, Joh. Wien der Sohn eines 
Lehrers, Anjou der Sohn eines Uhrmachers u. s. w. 

Aus allen diesen Angaben ist zu ersehen, welch' ansehn- 
liches Contingent das deutschrussische Element, d. h. die Fa- 
milien der nach Bussland übergesiedelten Ausländer dem Arzt- 
bestande im Reiche lieferten. In dem Masse als überhaupt 
Ausländer nach Eussland kamen, sich hier dauernd nie<Ier- 
liessen, hier eine zweite Heimath fanden, reducirte sich die 
Nothwendigkeit der Berufung von Aerzten aus dem Auslande. 
Man gelangte je länger, je mehr zu der Möglichkeit, den Be- 
darf an Aerzten gewissermassen aus eigenen Mitteln zu decken. 
Einem solchen Fortschritt leistete u. A. die Gründung der 
Moskauer Hospitalschule durch Doctor Bidloo am Anfang des 
18. Jahrhunderts Vorschub ; die stetige Vermehrung der Hospi- 
täler und der damit verbundenen Lehranstalten, die Errich- 
tung medicinischer Listitute verschiedener Art — Alles die- 
ses legte den Grund zu der Möglichkeit eines medicinischen 
Studiums in ßussland selbst. Im 17. Jahrhundert konnte 
von einer Möglichkeit eines solchen Studiums in Russland 
selbst keine Bede sein. Dass etwa Laurentius Binhuber in der 
Eigenschaft eines Amanuensis des Doctors Blumentrost und 
noch dazu als Hauslehrer bei ihm wohnend, in der zweiten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts Gelegenheit hatte seine in Deutsch- 
land begonnenen medicinischen Studien in Bussland unter der 
Leitung dieses tüchtigen Mediciners fortzusetzen, kann als 
eine besondere Ausnahme gelten. Die Sachlage änderte sich 
mit der Gründung des Hospitals zu Moskau im Zeitalter Peters 
des Grossen. Jahrzehnte hindurch ist sowohl diese Anstalt als 



60 

auch die Petersburger Hospitalschule im Grunde nur den Nicht- 
russen zugänglich gewesen. Bei dem unterrichte bedienten sich 
die Professoren und Lehrer, welche als Ausländer der russischen 
Sprache nicht mächtig waren, des Lateinischen; auch in dem 
Personal der medicinischen Facultät zu Moskau begegnen uns 
in weitaus überwiegender Mehrzahl Ausländer oder in Buss- 
land geborene Nichtrussen; der Unterricht in der unter Ka- 
tharina n. ins Leben gerufenen medicinischen Schule bei dem 
Kalinkin - Krankenhause zu St. Petersburg fand in deutscher 
Sprache statt *^*). Es war immerhin ein grosser Fortschritt — 
und dazu bedurfte es mehrerer Jahrzehnte — , dass zunächst die 
Ausländer, sodann auch die Bussen selbst wenigstens zum Theil 
in Bussland den Grund zu einer medicinischen Ausbildung 
legen konnten. Ja, es entstand sogar in der zweiten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts die Möglichkeit der Oreirung von Doctoren 
der Medicin. in Bussland, da* es medicinische Behörden gab, 
deren Mitglieder als Fachmänner sehr wohl die Bolle von 
Examinatoren übernehmen konnten. Der erste , welcher in 
Bussland ein Doctordiplom erwarb, war ein Finländer, Gustav 
Orreus; es geschah, wie wohl nicht ohne grosse Schwierig- 
keiten, im J. 1768 *••). Immerhin stellt sich uns in Betreff der 
Gelegenheit eines gründlichen medicinischen Studiums und 
eines endgültigen Abschlusses desselben das 19. Jahrhundert 
in einem ganz anderen Lichte dar. Die Hospitalschulen des 18. 
Jahrhunderts waren nur Vorstufen gewesen; die Entfaltung 
des medicinischen Studiums an der Moskauer Universität ent- 
spricht dem Ende des 18. Jahrhunderts; viel mehr geschah in 
den folgenden Jahrzehnten; hier treten uns die Gründung der 
medico-chirurgischen Akademie zu St. Petersburg (1799), die 
Gründung der Dorpater Universität (1802) als Hauptmomente 
der Entwickelung des medicinischen Studiums in Bussland ent- 
gegen; es folgt sodann die Gründung der Universitäten zu 
Kijew, zu Kasan, zu Charkow u. s. w. Dagegen erscheint es 
sehr begreiflich, ja ganz selbstverständlich, dass fast alle die 
Aerzte, deren wir oben erwähnten, ebenso wie die russischen 
Medioiner, denen wir uns in dem folgenden Abschnitt zuwen- 



*•') S. die Bemerkungen über diesen Punkt in Tschistowitsch's Werke 
S. 356 und 434. 

"*) S. die Details bei Tschistowitsch CCXLIV. 



61 

m 

den wollen, ihre eigentliche medicinische Ausbildung im Aus- 
lande erwarben. Wir begegnen ihnen auf den Hochschulen aller 
Länder, am häufigsten auf deutschen Universitäten. 



IX. 

Russen. 

Es galt sehr lange Zeit hindurch in Bussland für durchaus 
selbstverständlich, dass es keine russischen Aerzte geben könne. 
Selbst im Laufe des 17. Jahrhunderts, als die Zahl der aus- 
ländischen Aerzte in einem stetigen Zunehmen begriffen war, 
als die Regierung auf ihre Kosten eine Anzahl junger Männer, 
in Itussland geborener Nichtrussen, ins Ausland sandte, damit 
sie sich dort fftr den ärztlichen Beruf vorbereiteten, fiel es 
Jahrzehnte hindurch Niemandem ein, dass auch Bussen Me- 
dicin studiren, an der Ausübung der Heilkunde im Beiche 
theilnehmen könnten. 

Man ersieht aus diesem umstände, dass die Begierung sich 
des Unterschiedes sehr wohl bewusst war, welcher zwischen 
dem Bildungsniveau der Bussen und demjenigen der Auslän- 
der bestand. Es fehlte für die ersteren an den unerlässlichen 
Voraussetzungen für ein wissenschaftliches Studium. Den Bussen 
gingen alle Sprachkenntnisse ab. Wie hätten sie ins Ausland 
reisen, dort etwa eine Hochschule beziehen können? Die Mittel 
zu einem Studium innerhalb Busslands, zu einem medicinischen 
Studium in russischer Sprache fehlten durchaus. Die Zahl der- 
jenigen Bussen, welche die lateinische Sprache erlernt hatten, 
mochte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wenn es 
hoch kam, ein Dutzend betragen. Li der ersten Hälfte dieses 
Jahrhunderts, d. h. vor der Annexion Kleinrusslands, welche 
ausserordentlich anregend auf Grossrussland wirkte, die An- 
fange eines Schulwesens in 's Leben rief, den geistigen Horizont 
der Q-rossrussen erweiterte, war erst recht nicht daran zu den- 
ken, dass die Bussen ein6 Schulbildung erlangten, welche eine 
Vorstufe für das medicinische Studium hätte abgeben können. 
Dazu kam das Vorurtheil der Bussen gegen weltliche Bildung, 
gegen die Erforschung der Natur, gegen das Ausland, gegen 
das Beisen, die Besorgniss, durch den Verkehr mit Ketzern 
das Seelenheil einzubüssen. Auch war es ja bei dem starken 



6g 

Angebot von ärztlichem Personal vom Westen her so leicht 
und bequem, sich mit dem erforderlichen Material an Medici- 
nem zu versehen, dass keine dringende Nöthigung zur Aus- 
bildung russischer Aerzte vorlag. Wie man Ausländer als 
Translateurs in der Gesandtschaftsbehörde beschäftigte, die 
Post durch Ausländer verwalten liess, ausländische Ingenieurs 
und Bergleute bei technischen Arbeiten verwandte, so galt es 
lange Zeit hindurch für ausgemacht, dass die Aerzte nur Aus- 
länder sein könnten. An ein QoncurrenzveirJiältniss zwischen 
Ausländem und Bussen auf diesem Gebiete war nicht zu 
denken. 

So konnte es kommen, dass in der QescWchte der Aerzte 
in Eussland die russischen Aerzte ausjserordei^tlich spät auf- 
traten. Die Aerzte in Bussland begegnen uns, wie wir oben 
sahen, nicht früher als zu Ende des 15. Jahrhunderts; der 
erste medicinische Beisestipendiat, welchen die russische Ee- 
gierung ins Ausland sendet, begegne^ uns im Jahre 1620; erst 
zu Ende des 17. Jahrhunderts ist von Bussß^ als med^cini- 
schen Beisestipendiaten die Bede; iind dann vergehen noch 
molarere Jahrzehnte, bis endlich i^m die Mitte des 18. Jahr- 
hunderts Bussen an der Ausübung der Heilkunde Theil neh- 
men. Während die Geschichte der wissenschaftlich gebildeten 
Aerzte in Bussland fast vier Jahrhunderte alt ist, umfasst die 
Geschichte der russischen Aerzte kaum die letzten anderthalb 
Jahrhunderte. 

Diese Erscheinung lehrt uns, dass der Process der Euro- 
päisirung Busslands in dieser Hinsicht viel Zeit in Anspruch 
nahm, dass derselbe durchaus nicht sich auf die Begierungs- 
epoche Peters des Grossen beschränkte, dass eine lange Beihe 
von Bedingungen zu erfüllen war, ehe Bussland auf diesem 
Gebiete einigermassen gemeinsamen Boden mit Westeuropa 
erwarb. Jahrhunderte lang blieb Bussland für die Deckung 
des Bedarfs an Aerzten von dem Auslande oder wenigstens 
von den nichtrussischen Elementen abhängig. Diese Abhängig- 
keit hat in einem gewissen Grade bis auf die neueste Zeit 
fortbestanden, ist aber in einer beständigen Beduction begriffen. 

Während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war 
mancherlei geschehen, um Bussland Westeuropa näher zu brin- 
gen. Eine Beihß von Männern, welche dem Zaren Alexei Mi- 
chailowitsch und Feodor Alexejewitsoh nahestanden, wie etwa 



6» 

Morosow, Ordyn-Naschtschoküi, Rtischtschew, Matwejew, Go- 
lizyu neigte sich der Ansicht zu, dass Russland bei Westeu- 
ropa in die Schule zu gehen habe. In unmittelbarer Nähe der 
Hauptstadt befand sich die deutsche Vorstadt, mit deren Be- 
wohnern einige vornehme Russen und schliesslich, von dem 
Jahre 1690 ab, auch der junge Zar Peter selbst gern ver- 
kehrten. Es häuften sich die Beispiele der Absendung russischer 
Diplomaten ins Ausland, der Ankunft westeuropäischer Ge- 
sandter in Moskau. Die Ausländerbehörde, der sogenannte 
„Possolskij-Prikas", hatte alle Hände voll zu thun, und hier 
standen Bussen und Ausländer in einem sehr lebhaften Ver- 
kehr miteinander. Zu allem dieserm kam nun der Freisinn Pe- 
ters selbt, welcher, noch ehe er an den Regleruügsgeschäften 
Theil nahm, sich fortwährend in der Gesellschaft von Auslän- 
dem befand, sich über die Verhältnisse Westeuropas zu un- 
terrichten suchte, fär seine eigene Ausbildung sehr viel that 
und seine Landsleute in die Schule Westeuropas zu senden sich 
anschickte. 

In diese Zeit föUt die Absendung zweier junger aussen nach 
Italien zum Zweck des medicinischen Studiums. Es ist nicht 
Zufall, dass diese ersten russischen und medicinischen Beise- 
stipendiaten den Kreisen der russischen Gesellschaft entstamm- 
ten, welche dem auswärtigen Amte nahestanden. 

Peter Posnikow war der Sohn eines höheren Beamten der 
Gesandtschaftskanzlei in Moskau. Von seiner Ausbildung vor 
der ausländischen Beise wissen wir nichts. Er wurde im Jahre 
1692 nach Italien gesandt und zwar gab man ihm als Beglei- 
ter und Führer jenen obenerwähnten aus Griechenland stam- 
menden Arzt Pelarino mit, welcher sich damals in russischen 
Diensten befand. Das Beiseziel war Padua. Hier soll nun Pos- 
nikow im medicinischen Studium solche Fortschritte gemacht 
haben, dass er schon im Jahre 1696 den Grad eines Doctors 
der Philosophie und der Medicin erwarb. Die russische Ueber- 
setzung des dem jungen Posnikow ausgestellten, mehrere Druck- 
seiten umfassenden, in etwas marktschreierischem Tone gehal- 
tenen Zeugnisses der Universität Padua liegt uns vor. Es wird 
hier den hohen Gaben und umfassenden Kenntnissen des er- 
sten russischen Doctors überreiöhliches Lob gespendet; es wer- 
den die Namen der Professoren, welche ihn unterrichteten, ge- 



64 

nannt; es wird das Examen, ferner der Hergang der Promo- 
tion geschildert u. s. w. "•), 

Indessen hat sich Posnihow nicht der medicinischen, sondern 
der diplomatischen Laufbahn gewidmet. Seine Sprachkenntnisse 
veranlassten seine Verwendung im Q-efolge einer russischen 
Gesandtschaft. Er erhielt den Befehl, von Venedig nach Wien 
zu kommen, in Wien einen andern, sich sofort nach Amster- 
dam zu verfügen, und hier traf er mit Lefort, öolowin und 
Wosnizyn zusammen, in deren Q-efolge der Zar Peter selbst 
seine epochemachende ßeise nach Westeuropa unternommen 
hatte. Etwas später diente Posnikow in Wien, Venedig (1698 
und 1699) und beim Abschlüsse des Karlowitzer Friedens als 
Dolmetscher bei dem russischen Gesandten Wosnizyn. Obgleich 
sodann im Jahre 1701 in Moskau seine förmliche Anstellung 
als Doctor der Medicin erfolgte, scheint er doch nicht als Arzt 
thätig gewesen zu sein, da wir erfahren, dass die Gesandt- 
schafbskanzlei die Weisung erhielt, sich Posnikow's bei vor- 
kommender Gelegenheit zum Uebersetzen lateinischer, fran- 
zösischer und italienischer Schriftstücke in das Russische zu 
bedienen. Er scheint übrigens sehr bald darauf gestorben zu 
sein "•). 

Der Sohn eines andern angesehenen Beamten der Gesandt- 
schafbskanzlei, des Iwan Wolkow, Grigorij, wurde auf Bitten 
des Vaters im Jahre 1698 ebenfalls nach Padua geschickt, um 
dort medicinischen Studien obzuliegen. Ob diese Beise irgend 
welche Polgen gehabt habe, ist uns nicht bekannt, da sich 
überhaupt gar keine zuverlässigen Nachrichten über das fer- 
nere Schicksal Wolkow's erhalten haben •®'). 

In der Regierungszeit Peters sind hunderte von jungen 
Russen zur Ausbildung nach Westeuropa gesandt worden. Es 
handelte sich allerdings dabei in erster Linie darum Techniker, 
Handwerker, Ingenieurs, Schiflfezimmerleute u. s. w. zu bilden. 
Indessen gab es hier und da Reisestipendiaten mit wissen- 
schaftlichen Zwecken. So z. B. erfahren wir, dass im Jahre 1719 
nicht weniger als 30 junge Russen ins Ausland geschickt wur- 



"*) Richter H, Beilagen 157—167. 

*••) S. über den letzteren Punkt die Ausführungen Richters II. 408 ff. 
auf Grund handschriftlichen Materials. 
••^) Richter II. 411-415. 



66 

den, um unter der Leitung des Doctors Blumentrost Mediein 
zu studieren »«•). Indessen wissen wir nichts über die Ergeb- 
nisse dieser Studienreisen, und da bei Richter und Tschistowitsch 
auch nichts davon verlautet, so dürfen wir annehmen, dass 
der Zweck entweder gar nicht oder in sehr geringem Grade 
erreicht wurde. 

Nach Peters Tode gerieth die Absendung junger Russen 
ins Ausland zur Vorbereitung auf den ärztlichen Beruf ins 
Stocken. Erst in den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts, 
gegen Ende der Regierung der Kaiserin Elisabeth, begegnen 
uns wiederum solche Regierungsmassregeln zum Zweck der 
Ausbildung russischer Aerzte. Wir erwähnen einiger derartiger 
Beispiele. 

Iwan Poletikay ein Kleinrusse, welcher in seiner Heimath 
eine gute Schulbildung erhalten und insbesondere auf der geist- 
lichen Akademie zu Elijew die alten Sprachen erlernt hatte, 
war bereits in den vierziger Jahren auf eigene Kosten ins 
Ausland gereist und hatte in Kiel Mediein studirt. Nachdem 
er hierauf kurze Zeit seine medicinischen Studien an der Mos- 
kauer Hospitalschule fortgesetzt hatte, reiste er abermals ins 
Ausland, promovirte in Leyden zum Doctor der Mediein und 
erwies sich als so tüchtig in seinem Fache, dass man ihm an 
der Kieler Universität eine Professur anbot, welche er auch 
zwei Jahre bekleidete. Es ist unseres Wissens der erste Fall, 
dass ein Russe im Auslande eine Professur erhielt. Er kam 
hierauf im Jahre 1756 nach Russland und war hier als Arzt 
und zwar als Leiter des Petersburger Hospitals thätig. Er ist 
somit der erste russische Mediciner, von dessen praktischer 
Thätigkeit in Russland wir Kunde haben. Seine Laufbahn bie- 
tet sonst nichts besonders Bemerkenswerthes dar "•). 

Einen eigenthümlichen Verlauf nahm das Leben eines offen- 
bar sehr bedeutend begabten Grossrussen, Konstdkutm Schtschnpin, 
welcher, 1728 in dem Flecken Kotelnitsch im Gouvernement 
Wjatka geboren, zuerst eine geistliche Ausbildung im Seminar 
zu Wjatka und in der Kijewer Akademie erhielt, hierauf als 



"•) Vollständige Gesetzsammlung J^ 3058. 

"•) Tschistowitsch (CCLVill-OCLXVI) theilt eine Fülle von Angaben 
über allerlei Collisionen mit, welche Poletika, offenbar ein schwerer Charak- 
ter, mit Collegen und BeJiörden hatte. 

5 



66 

Translateur bei der Akademie der Wissenschaften fongirte, 
wobei er naturwissenschaftliche Kenntnisse erwarb und endlich 
im Jahre 1763 insbesondere zum Zweck des Studiums der Bo- 
tanik ins Ausland gesandt wurde. In Leyden fühlte er sich 
von dem medicinischen Studium angezogen; er widmete sich 
demselben und promovirte im Jahre 1768, indem er seine Doc- 
torschrift der Kaiserin Elisabeth widmete. In der liberalsten 
Weise sind dem talentvollen Manne von Seiten der russischen 
Regierung sehr bedeutende Mittel ftlr seine Studienreisen zur 
Verfügung gestellt worden. Er weilte in Italien, Frankreich, 
England, Skandinavien, knüpfte überall mit hervorragenden 
Gelehrten persönliche Beziehungen an, besuchte Hospitäler, 
botanische Gärten und sonstige wissenschaftliche Institute, 
* lernte in üpsala Linnä kennen nnd kehrte 1769 nach Bussland 
zurück. Hier war er als Arzt und Professor am grossen Hos- 
pital thätig, erhielt als ausgezeichneter Gelehrter den Auftrag, 
dem öffentlichen Examen der Aerzte und Apotheker in der 
medicinischen Kanzlei beizuwohnen, das Naturaliencabinet in 
Ordnung zu bringen und die erforderlichen Einrichtungen für 
die gerichtliche Arzneikunde in Russland zu treffen. In den 
letzten Jahren des siebenjährigen Krieges war er eine Zeitlang 
als Militärarzt thätig; hierauf scheint er sich mit besonderer 
Energie der Lehrthätigkeit an der Moskauer Hospitalschule 
gewidmet zu haben. Von Interesse ist der Umstand, dass 
Schtschepin, welcher in Moskau sich beim Unterrichte der la- 
teinischen Sprache bedient hatte, die gross ten Schwierigkeiten 
hatte, in Petersburg, wohin er übersiedelte, in russischer Sprache 
zu dociren, da, wie er klagte, die Terminologie total fehle und 
er in Folge dessen lieber zehn lateinische Vorlesungen halte 
als eine russische. Leider ergab sich Schtschepin so arg dem 
Trünke, dass seine Entlassung (1766) erfolgen musste. Er un- 
ternahm hierauf eine wissenschaftliche Eeise nach der Moldau 
und der Wallachei, wobei er ein sehr reiches Herbarium an- 
legte. Die Bearbeitung desselben vereitelte sein im Jahre 1770 
erfolgter Tod. Sowohl seine reiche medicinische Bibliothek als 
sein Herbarium und sein Naturaliencabinet gingen im Moskauer 
Brande von 1812 in Flammen auf. 

Entscheidend für die Steigerung der Anzahl russischer 
Aerzte in dem ersten Jahrzehnt der Regierung Katharina II. 
war die Entsendung von nicht weniger als zehn jungen Bussen 



67 

ins Ausland zum Zweck des medicinischen Studiums im Jahre 
1761. Im Gegensatze zu den medicinischen Keisestipendiaten 
der Begierungsepoche Peters des Grossen, von deren späterer 
Thätigkeit in der Eigenschaft von Aerzten wir nichts erfah- 
ren, sind die russischen Reisenden, welche im letzten Jahre 
der Regierung Elisabeth's ins Ausland gingen, fast ausnahms- 
los sehr tüchtige Praktiker geworden, deren spätere Laufbahn 
mehr oder weniger genau bekannt ist. Es sind darunter Tho- 
mas Tichorskij, welcher im Jahre 1770 als Arzt am Peters- 
burger Hospital und als Professor der Medioin angestellt wurde, 
Peter Pogorezkij , welcher u. A. verschiedene medicinische 
Werke aus fremden Sprachen ins Russische übersetzte, Oassian 
Jagelskij, welcher sich u. A. dadurch ein Verdienst erwarb, 
dass er, als die Pest 1771 in Moskau ausbfach, im Gegensatze 
zu manchen anderen Kollegen die Natur der Epidemie richtig 
erkannte und im Kampfe gegen dieselbe sehr energisch thätig 
war, Timkowskij, Pialkowskij u. A. 

Von anderen russischen Aerzten in den letzten Jahrzehn- 
ten des 18. Jahrhunderts wären etwa noch hervorzuheben: 
Nestor Maximowitsch, welcher als Geburtshelfer ein grosses 
Ansehen genoss, der bedeutende Anatom Protassjew, ferner 
Ssamoilo witsch und Schafonskij, welche beide u. A. sehr um- 
fangreiche Schriften über die in Moskau 1771 herrschende Pest 
verfassten, einige russische Professoren der Medicin an der 
Moskauer Universität, wie z. B. Weujaminow, Sybelin, Afonin, 
Sibirskij u. A. Einige derselben haben ihrem Yaterlande ins- 
besondere durch Uebertragung ausländischer Werke ins Rus- 
sische genützt, wodurch der Verbreitung medicinischer Kennt- 
nisse im Reiche in hohem Grade Vorschub geleistet wurde. 

Wenn wir von ganz wenigen und unbedeutend gebildeten 
russischen Medicinem absehen, welche in untergeordneten Stel- 
lungen auch wohl schon in der Zeit der Regierung der Kaise- 
rin Elisabeth an der Moskauer Hospitalschule thätig waren **»), 
so können wir den Beginn der Thätigkeit russischer Aerzte in 
Russland etwa erst von der allerletzten Zeit der Regierung 



"•) Richter erwähnt, 11. 425, ums J. 1700 zweier russischer Wundärzte 
Hobkejew's und Lebedcw's, doch darf man vermuthen, dass sie nur mehr 
Autodidakten «xior Handlangor gewesen sein werden. 



5* 



*■ 



68 



Elisabeths an datiren. In den folgenden Jahrzehnten steigt die 
Zahl der russischen Aerzte wie folgt: 



von 1760 bis 1770 . . . 


21 russische Aerzte. 


„ 1770 „ 1780 . . . 


. 26 „ 


„ 1780 „ 1790 . . . 


• 34 „ 


„ 1790 „ 1800 . . . 


38 „ „ 



Das Bestreben, den Bedarf an Arztpersonal zum Theil we- 
nigstens mit russischen Kräften zu decken, entsprach dem na- 
türlichen Verlauf der Dinge und war ein erfreuliches Zeichen 
des sich hinsichtlich der Europäisirung Kusslands vollziehen- 
den Portschritts. Indessen ist der Umstand beachtenswerth, 
dass neben diesem Bestreben, die Gresundheitspflege im Reiche 
im nationalen Sinne auszugestalten, d. h. russische Aerzte aus- 
zubilden und anzustellen, das allgemeine Bestreben, den Be- 
stand an Aerzten zu steigern sich so stark geltend macht, dass 
die Zahl der Aerzte in Bussland während der letzten Jahr- 
zehnte des 18. Jahrhunderts in einem stärkeren Masse zunimmt 
als die Zahl der russischen Aerzte. Folgende Zahlen mögen 
diese Verhältnisse veranschaulichen, oHne dass diese Zahlen 
auf Exactheit Anspruch machten. 

Bis zum Jahre 1760 ist der Procentsatz russischer Medi- 
ciner, selbst wenn wir jene obenerwähnten untergeordneten, 
halbgebildeten Elemente berücksichtigen, ein ganz unbedeuten- 
der. In dem Jahrzehnt von 1760 bis 1770 steigt der Procent- 
satz der russischen Aerzte, wie wir zu ermitteln versucht ha- 
ben, auf 23^0) um sodann im folgenden Jahrzehnt auf 207o 
und in den letzten beiden Jahrzenten des 18. Jahrhunderts 
auf 16 — 16% zu sinken. 

Und noch eine andere Wahrnehmung drängt sich bei der 
Betrachtung der Gruppe russischer Aerzte auf. Theilen wir 
dieselbe je nach der Herkunft der russischen Aerzte in zwei 
Unterabtheilungen, d. h. in Grossrussen und Kleinrussen, so 
stellt sich heraus, dass ein weitaus überwiegender Theil und 
zwar über 70 Procent aus Kleinrussland stammt. 

Dieser Umstand illustrirt in sehr drastischer Weise die 
Ueberlegenheit des kleinrussischen Elements auf geistigem Ge- 
biete in jener Zeit. Die Beziehungen Kleinrusslands zu Polen 
bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, der Verkehr Kleinrusslands 
mit West<?uropa auf dem Gebiete des Schulwesens, der Studien 



69 

der Theologie, der klassischen Sprachen u. s. w. — alles die- 
ses erklärt zur Genüge, dass Kleinrusslund vor Qrossrussland 
viel voraus hatte. Man muss es für wahrscheinlich halten, dass 
die kleinrussischen Aerzte in Betreff allgemeiner Vorbildung 
und in Folge dessen auch in der Ausübung ihres Berufs über- 
haupt durchschnittlich tüchtiger gewesen seien als die Gross- 
russen. Fast alle die von uns namhaft gemachten hervorra- 
genden russischen Mediciner sind kleinrussischen Ursprungs 
und es ist in dieser Hinsicht beachtenswerth, dass auch der 
Grossrusse Schtschepin seine bedeutende wissenschaftliche Lauf- 
bahn durch einen Aufenthalt an der Geistlichen Akademie zu 
Kijew inaugurirte. 

Selbstverständlich hat im Laufe des letzten Jahrhunderts 
ein Ausgleich des Unterschiedes zwischen Gross- und Klein- 
russland in Betreff der Gunst oder Ungunst der Bedingungen 
für die Entwickelung geistigen Lebens stattgefunden. Wenn 
wir im Stande wären, die Geschichte des russischen Arztper- 
sonals von 1800 bis auf unsere Tage zu verfolgen, so würde 
sich unzweifelhaft herausstellen, dass das grossrussische Ele- 
ment stetig erstarkt. 

Ebenso liegt es auf der Hand, dass das Procent verhältniss 
der russischen und ausländischen oder richtiger, der nichtrus- 
sischen Aerzte sich im Laufe der letzten Jahrzehnte zu Gun- 
sten der Bussen wird erheblich verändert haben. Beträgt das 
russische Element im ärzlichen Personal bis zum Jahre 1800 
noch keine 15 Procent, so wird diese Ziffer im 19. Jahrhun- 
dort in einem stetigen Steigen begriffen gewesen sein und ein 
noch weiteres Steigen in Aussicht stellen, was in der Natur 
der Sache liegt. 

X. 

Schluss* 

In verschiedenen Zügen stellt sich, wenn wir die Geschichte 
der Aerzte in Bussland verfolgen, ein Fortschritt dar. Vor 
Allem nehmen wir wahr, dass diese Geschichte der Aerzte in 
Bussland überhaupt erst mit der Annäherung dieses Beiches 
an Westeuropa ihren Anfang nimmt. Diese Berührung Bass- 
lands mit andern höherstehenden Cultnrgebieten war in allen 



70 

Stücken von unermesslicher Bedeutung, die Hauptbedingung 
einer gedeihlichen, segensreichen Entwickelung. Ihr war auch 
der Fortschritt auf dem Gebiete der allgemeinen Gresundheits- 
pflege zu danken; ohne sie hätte es keine Aerzte in Bussland 
geben können. Zugleich mit der Steigerung des Verkehrs zwi- 
schen Kussland und den übrigen Ländern wächst die Zahl der 
in Russland lebenden und wirkenden Mediciner. Es treten 
Aerzte verschiedener Nationalität auf, zuerst Nichtrussen, dann 
auch Russen, und diese beiden Gruppen sind schliesslich nicht 
sehr wesentlich von einander unterschieden, insofern die Einen 
wie die Anderen aus denselben Bildungsquellen schöpfen. Der 
kosmopolitische Charakter der Wissenschaft macht sich auch 
hier geltend. Russen wie Deutsche, Griechen wie Polen u. s. w. 
gehen nach Padua und Leyden, nach Strassburg und Paris, um 
Medicin zu studiren. Die Lehranstalten in Russland werden 
nach dem Muster der westeuropäischen Universitäten und Kli- 
niken angelegt und ausgestaltet. Der Natur der Sache nach 
müssen alle Völker hier auf einem gemeinsamem Boden stehen. 
Man ist auf diesem Gebiete solidarisch. Wer sich nicht ent- 
schliessen kann, bei den Anderen in die Schule zu gehen, ist 
eben überhaupt ausser Stande etwas zu lernen. Wenn etwa 
der Holländer Bidloo die Moskauer Hospitalschule ins Leben 
rief und förderte, so war dieses eine Verpflanzung der Grund- 
sätze und Mittel, welche bei entsprechenden Gelegenheiten »in 
Holland zu gelten pflegten. Wenn man bei der Gründung der 
Moskauer Universität den welterfahrenen Blumentrost zu Rathe 
zog, so lag darin das Bekenn tniss, dass die russischen Hoch- 
schulen im Wesentlichen sich nicht von den westeuropäischen 
unterscheiden sollten. Die Apotheken in Russland, denen wir 
schon im 16. Jahrhundert begegnen, sind genau nach dem Mu- 
ster derartiger Anstalten in anderen Ländern gegründet und 
verwaltet worden. Eine grosse Anzahl von medicinischen Wer- 
ken wurde aus fremden Sprachen ins Russische übertragen. 
Sobald es sich um die Entwickelung der gerichtlichen Medicin 
in Russland handelte, musste genau so verfahren werden, wie 
man in dieser Hinsicht in Italien und Frankreich, in Deutsch- 
land und Holland, in Grossbritannien und Skandinavien zu ver- 
fahren pflegte. 

Aber es gab einen weiten Weg von dem Ghinesenthum, 
welches in früheren Jahrhunderten herrschte, bis zu der Be- 



71 

reitwilligkeit eines Anschlasses an Westeuropa , wie sie in der 
neaeren Geschichte Russlands mehr und mehr zum Ausdruck 
gelangt. Es ist in dieser Hinsicht ungemein lehrreich zu beob- 
achten, wie ein allgemein herrschendes Yorurtheil gegen abend- 
ländische Aerzte und Apotheker, gegen die in anderen Ländern 
üblichen Heilmethoden allmälig überwunden wird und zuerst 
von Allen, dann nur von den Tieferstehenden getheilt wird, 
während die Grossen des Beiches, die massgebenden Kreise 
sich davon emancipiren. Eine Wandlung in den Anschauungen 
hochstehender Personen musste den Gesichtskreis der Massen 
ausdehnen helfen. Wenn wir aus Olearius' Erzählung entneh- 
men, dass der Zar Michail Feodorowitsch zuerst nichts von 
Arzeneien wissen wollte und sodann durch den Verkehr mit 
Doctor Gramann sich eines Besseren belehren liess, so darf 
man vermuthen, dass in den Bojarenkreisen eine ähnliche Ver- 
änderung der Ansichten sich vollzogen habe. Das Beispiel der 
Kaiserin Katharina II., welche sich, ihren Sohn, ihre Enkel 
impfen liess, hat, wie wir ganz genau aus den Quellen wissen, 
unmittelbar auf sehr wßite Kreise des Publikums gewirkt und 
ist eine Epoche in der Entwickelung des Sanitätswesens in 
Bussland geworden. Die Initiative gehörte den Machthabem. 
Ihrer Einsicht, ihrem Beispiel war es zu danken, dass auch 
in den Massen eine fortschrittliche Bewegung möglich wurde. 
Und wenn in dieser Hinsicht auch jetzt noch viel zu thun 
übrig bleibt, so ist doch das Entscheidende bereits früher ge- 
schehen. Der Anstoss ist gegeben: die Weiterbewegung ist 
selbstverständlich. Mag auch jetzt noch der Fuss der gewal- 
tigen Gesellsohafbspyramide Buaslands in Dunkel gehüllt sein: 
dass bereits vor Jahrhunderten die Spitze derselben im Früh- 
licht der Erkenntniss erglänzte, verheisst früher oder später 
dem ganzen socialen Bau in allen seinen Theilen Durchleuch- 
tung und Erwärmung. Früher mussten die Aerzte sich des be- 
sonderen Schutzes der Machthaber erfreuen, um nicht ein 
Opfer der Volkswuth zu werden, wie u. A. jene Episode mit 
Blumentrost dem älteren zeigt, welcher der Intervention der 
Prinzessin Sophie im Aufstande der Strelzy (1682) sein Le- 
ben verdankte; jetzt drängt sich das Volk, da wo Aerzte und 
Apotheken auf dem platten Lande sich finden, freiwillig herzu, 
um selbst in ganz geringfügigen ErkrankungsfäUen Heilung 
oder Linderung zu erlangen. 



72 

Während der Hof und die höheren Klassen der Gesellschaft 
in Bussland schon im 16. und 17. Jahrhundert im Allgemei- 
nen den Aerzten mit Achtung und Vertrauen begegnen, wäh- 
rend die Stroganow's im Nordosten des Reichs — die russischen 
Rothschild 's jener Zeit — schon im 16. Jahrhundert auf ihren 
ausgedehnten Besitzungen ausländische Aerzte und Apotheker 
unterhielten'**), scheute sich das Volk vor den Medicinern und 
Pharmaceuten und gab seinem Misstrauen gegen dieselben ge- 
legentlich Ausdruck. Skelette und anatomische Präparate oder 
zoologische Objecto erregten oft den Verdacht, dass die Eigen- 
thümer derselben Zauberer seien. Wir haben die Episode mit 
Quirinus Bremburg mitgetheilt, welcher Gefahr lief vom Pöbel 
gelyncht zu werden, weil man bei ihm in der Stube ein Ske- 
lett erblickt hatte. In einer ähnlichen Gefahr befand sich ein 
deutscher Maler, Johann Detersen, in dessen Hause die Russen 
bei Gelegenheit einer Feuersbrunst einen Todtenkopf fanden: 
auch ihn wollte man mit dem Schädel zusammen ins Feuer 
werfen ••'). Olearius bemerkt, dass die Russen vor aller Ana- 
tomie, vor dem Seoiren von Leichen den grössten Abscheu 
hätten. Der Umstand, dass der Bojar Matwejew mit einem 
Arzte und einem andern Ausländer bei sich zu Hause in einem 
medicinischen Werke gelesen hatte und dabei von einem seiner 
Feinde belauscht worden war, reichte hin, um den aufgeklär- 
ten Mann einer gerichtlichen Prooedur zu unterwerfen. Ausser 
anderen Verbrechen warf man ihm auch das Lesen eines 
„schwarzen Buches" vor, durch welches er allerlei böse Geister 
oitirt haben sollte "•). Matwejew war eben als Anhänger der 
westeuropäischen Cultur, als ein durch Kenntnisse, Talent und 
Strebsamkeit ausgezeichneter Mann Vielen verhasst. Er war 
eines der ersten Opfer der Rebellion der Strelzy des Jahres 
1682. — Einem andern Opfer dieser Meuterei, dem ebenfalls 
tüchtigen und begabten Chef der Gesandtschaftsbehörde, Larion 
Iwanow, machten seine Mörder zum Vorwurf, dass man in 
seinem Hause einen Tintenfisch gefunden habe"*). An dem 



'") Fletcher's engl. Werk in russischer Ausgabe S. 46. 

•") Olearius 185-186. 

"■) Ssolowjew, Geschichte Russlands, XIII, 238-239. 

'**) Die Memoiren des jüngeren Matwejew in den „Memoiren russischer 



Männer", herausgegeben von Ssacharow, S. 24. 



7J 

Üoctor Daniel von Graden, welchen die rebellischen Strelzy in 
entsetzlicher Weise zu Tode marterten, hatten sie eben&Us 
auszusetzen, dass man in seiner Wohnung einen getrockneten 
Seekrebs gefunden hatte. Es wurde ihm vorgeworfen, dass er 
damit Zauberei getrieben haben müsse*'*). Alles naturwissen- 
schaftliche medicinische Studium galt eben in den Augen des 
unwissenden Pöbels als ein Werk des Teufels, als Sünde. 

Granz anders Peter, welcher in allen Stücken, so auch in 
BetreflF medicinischer und naturwissenschaftlicher Kenntnisse 
die grösste Wissbegier an den Tag legte. In Holland lässt er 
sich von den Aerzten, Anatomen und Naturforschem unter- 
richten; er erscheint in den anatomischen Cabinetten: er be- 
sucht mit Vorliebe die Krankenhäuser, fasst mit an bei chir- 
urgischen Operationen; besonders gern ist er als Zahnarzt thä- 
tig. Aus vielen Verordnungen und Massregeln, welche die Ge- 
sundheitspflege betrafen, ist zu ersehen, wie viel Peter gelernt 
hatte. Die vornehmen Bussen jener Zeit, welche ins Ausland 
reisen mussten, haben ebenfalls naturwissenschaftlichen Objec- 
ten gegenüber ein lebhaftes Interesse an den Tag gelegt. Einer 
derselben berichtet in seinem Tagebuche, wie er allerlei Se- 
hens werthe Dinge betrachtet habe, Missgeburten, Schlangen 
und andere Thiere in Spiritus, Käfer, Schmetterlinge, ein Cha- 
mäleon u. s. w. Mit besonderer Ausführlichkeit schildert er 
anatomische Präparate und verschiedene Sectionen, denen er 
beiwohnte. Mit Entzücken beschreibt er u. A. die kleinen 
Knochen des Gehörorgans, die Section der Leichen zweier hin- 
gerichteter Verbrecher u. dgl. m. *"). Auch hier nimmt man 
wahr, wie in der Beformepoche Peters durch die unmittelbare 
Berührung mit dem Westen ein fiischer Luftzug die Stagna- 
tion unhistorischen Daseins in Bussland ablöst. Man gelangt 
zu einem Begriff von dem Wesen der Naturwissenschaften, von 
dem Nutzen der Heilkunde; man wird geneigt, sich den Bei- 
stand der Aerzte gefallen zu lassen; ja, noch mehr, man fangt 
an ihrer dringend zu bedürfen. 

In dieser Hinsicht ist folgende, einen sehr erfreulichen Fort- 
schritt darstellende Thatsachenreihe beachtenswerth. 



'**; S. die Relation Butenant von Bosenbosch's bei Ustrjalow in dessen 
Geschichte Peters des Grossen I. 338. 

"•) S. meine Schrift „Culturhistorische Studien." I. Die Russen im Aus- 
lande S. 87—89. 



74 

Wir begegnen zuerst dem Bedürfiiiss nach ärztlicher Hilfe 
nur am russischen Hofe. Auch die Befriedigung dieses Bedürf- 
nisses ist nur dem Hofe möglich. Nur der Zar ist in der Lage, 
sich den Luxus eines Arztes zu gestatten. Auch liegt der Ge- 
danke, dass die ärztliche HilfiB Anderen zugänglich gemacht 
werdenr müsse, gänzlich fern. Es giebt nur etwa Hoförzte. Die- 
ses ist die erste Stufe. Solchen Zuständen begegnen wir im 
16. Jahrhundert und noch zu Anfange des 17. Jahrhunderts. 

Dann tritt ein weiterer Gesichtspunkt ein. In dem Masse, 
als die Kriege, welche Russland gegen Polen und Schweden 
zu führen hat, allmälich einen einigermassen europäischen 
Charakter annehmen, werden Militärärzte, Chirurgen in Dienst 
genommen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts vollzieht sich dieser 
Fortschritt. Die Zahl der Wundärzte für das Heer ist in einem 
stetigen Steigen begriffen. Namentlich die sogenannten Tschi- 
girin-Feldzüge (1676 und 1677) und das Streben, Asow zu er- 
obern, veranlasst die Regierung, Militärärzte anzuwerben. Wäh- 
rend die in Moskau bestehende Hofapotheke bis dahin so aus- 
schliesslich für den Zaren und dessen Angehörige existirte, 
dass selbst russische Magnaten in ErkrankungsföUen nicht 
anders als auf besondere Verwendung Arzeneien zu erhalten 
pflegten, entstanden nun, während des 17. Jahrhunderts, Feld- 
apotheken. So die zweite Stufe des Bedürfnisses nach Aerzten. 

An das Volk, an die weiteren Kreise der russischen Gesell- 
schaft dachte man noch lange nicht. Auch selbst Peter der 
Grosse ist nach dieser Richtung hin nicht frei von einer nach 
moderneren Begriffen tadelnswerthen Einseitigkeit, insofern es 
ihm nicht sowohl auf Aerzte für das Publikum, als so gut wie 
ausschliesslich auf Militärärzte ankam, insofern er nicht 
sowohl auf die Gründung von Krankenhäusern überhaupt, als 
vernehmlich auf die Errichtung von Militärlazarethen bedacht 
war. So hatten es denn die Aerzte lange Zeit hindurch nur 
mit dem Hofe, mit einigen bevorzugten Bojaren und mit der 
Armee zu thun. Das Publikum im Ganzen und Grossen blieb 
völlig ausser Spiel. Einen, man möchte sagen, erschütternden 
Beweis der Stumpfheit und Gleichgültigkeit gegenüber dem 
Elend der Massen liefert die Geschichte der verheerenden Pest, 
welche im Jahre 1654 des Centrum des moskowitischen Staats 
heimsuchte. Es sind in der Hauptstadt und in der Umgegend 
derselben hunderttausende von Menschen von der Epidemie 



76 

hiugerafi't worden, ohne dass man auch nur irgendwie daran 
gedacht hätte, dem unglücklichen Volke die allergeringste 
ärztliche Hilfe zu gewähren. Von allgemein sanitätspolizei- 
lichen Massregeln zum Schutze des Volkes ist in der ganzen 
Zeit dieser Krisis kaum etwas zu hören. Alle Vorschriften, 
dem Wüthen der Seuche Einhalt zu thun, sind lediglich darauf 
gerichtet das Leben des Zaren und der Angehörigen desselben 
zu schützen. Die allerhöchsten Personen, sowie der Patriarch, 
die Haupt Würdenträger — Alles entflieht aus Moskau. Man 
überlässt das Volk dem grenzenlosen Elend. Es gab damals 
Hofarzte, Militärärzte, Hofapotheken, Feldapotheken — nichts 
davon ist dem Volke zu Gute gekommen; es war für dasselbe 
nicht vorhanden "^) Der Verhältniss ändert sich erst allmälich. 
Auch mehrere Jahrzehnte nach der Epidemie von 1664 nehmen 
wir wahr, dass während in der Hauptstadt eine beträchtliche 
Zahl von Aerzten äich aufhält, der in Kijew lebende General 
Patrick Gordon sich darüber beschwerte, dass in Kijew (im 
J. 1686) noch kein Arzt sich befände und keine Arzeneien zu 
erhalten seien *".) Die Bedürfiiisse waren eben verschieden. 
Gordon, welcher durch vielfachen Umgang mit Aerzten und 
als hochgebUdeter Mann eine gewisse medicinische BUdung 
erworben hatte, musste mehr als mancher seiner russischen 
Zeitgenossen einen Arzt vermissen und es bitterer als Andere 
beklagen, dass u. A. bei den Tschigirin-Feldzügen sehr viele 
Verwundete starben, weil es an Wundärzten fehlte "*) 

Im Gegensatze zu der Indolenz, mit welcher die Regierung 
des Zaren Alexei Michaile witsch dem Unheil von 1664 zusah, 
ohne ein ärztliches Personal zu berufen oder auf gesundheits- 
polizeiliche Massregeln rationeller Art zum Schutze der Ge- 
sammtheit bedacht zu sein, ist die Regierung Katharina II., 
als 1771 die Pest in Moskau wüthete, ganz anders verfahren. 
Ein reiches Quellenmaterial, insbesondere eine Fülle von Acten- 
stücken setzen uns in den Stand, die Intentionen der Regie- 
rung bei dieser Gelegenheit zu verfolgen. Das Wichtigste war, 
dass man über ein bedeutendes ärztliches Personal verfügte. 
In jeder Weise suchte man, soweit der damalige Stand der 

'*^) s. meine Abhandlung über die Pest in Rassland 1654 in meinen 
„Bildern ans Russlands Vergangenheit" I. S. 31—57. 

'"} Gordon's Tagebuch, herausgegeben von Posselt. II. 87. 
"•) Gordon I, 528. 



7G 

Wissenschaft dazu die Handhabe bot, dem Volke zu helfen. 
Nach dem ßathe der Aerzte wurden viele gesundheit8j)olizei- 
liche Massregeln getroffen ; die Aerzte beaufsichtigten die Qua- 
rantaineanstalten, leiteten die Desinfectionsarbeiten, suchten das 
Publikum über das Mass und die Art der Gefahr, welche Je- 
dermann von der Pest drohte, aufzuklären; es entstanden meh- 
rere neue Hospitäler , in der alten Hauptstadt und in der un- 
mittelbaren Umgebung derselben; in allen Stücken handelten 
die Autoritäten in Uebereinstimmung mit den Anschauungen 
und Gutachten der Aerzte; den letzteren verdanken wir eine 
ganze Literatur über die Epidemie in Moskau im Jahre 1771. 
Genug, es stellt sich uns in dieser Hinsicht das Zeitalter Ka- 
tharina II., verglichen mit den Zuständen von 1664 in einem 
ausserordentlich günstigen Lichte dar, wenngleich man aller- 
dings wahrnimmt, dass auch im J. 1771 das Publikum, d. h. 
insbesondere die niedere Klasse, den Aerzten nicht ausreichen- 
des Vertrauen schenkte, ihre Vorschriften nur zum Theil be- 
folgte und daher sich einer grösseren Gefahr aussetzte, ein 
Opfer der Seuche zu werden '*°). 

So stellen denn der Hof, das Militär und das Publikum drei 
verschiedene Phasen der allmäligen Ausdehnung des Wirkungs- 
kreises der Aerzte dar. Man begreift, dass entsprechend der 
Erweiterung der Praxis der Aerzte ihire Zahl steigen musste. 
Aus den in der Einleitung dieser Abhandlung mitgetheilten 
Zahlen Verhältnissen ist zu ersehen, dass ßussland auch jetzt 
noch in der Arztfrequnz hinter den westeuropäischen Staaten 
zurücksteht. Schon im 18. Jahrhundert begegnen uns iu'Russ- 
land ausser den Aerzten in den Hauptstädten auch solche in 
den Städten der Provinz. Sowohl die Militärärzte als die im 
Privatdienste reicher Gutsbesitzer stehenden Mediciner mögen 
auch schon damals, wenn auch nur ausnahmsweise, die Seg- 
nungen der Heilkunde auch dem platten Lande übermittelt ha- 
ben. Eine gleichmässigere Vertheilung der Aerzte über das 
ganze Beich, in allen seinen Theilen, auch in entlegeneren 
Gebieten steht noch bevor. Man weiss, welch empfindlicher 
Mangel an Landärzten und sonstiger Hilfe in Krankheitsfallen 
sich auch jetzt noch geltend macht. Dass aber die Frage, wie 



'") S. meine Abhandlung über die Pest in Moskau 1771 in d. Russ. 
Revue Bd. XXIV, 



77 

Allen, auch den Aermsten in dieser Hinsicht geholfen werden 
könne, in der Gesetzgebenden Versammlung von 1767 zur 
Sprache kam, ist ein Beweis für den sich schon zur Zeit Ka- 
tharina's vollziehenden Fortschritt. Es ist der Baron Asch ge- 
wesen, der damals von Landärzten und Dorfhebammen, von 
der Verbreitung rationeller Anschauungen in Betreff der Ge- 
sundheitspflege im Volke sprach, Fragen aufwarf, wie sie ge- 
genwärtig z. B. in den grossen Congressen der Aerzte, wie 
dieselben auch in Russland stattfinden, mit unvergleichlich be- 
deutenderen Mitteln einer Lösung näher gebracht werden. Der 
Begriff der Volksgesundheitspflege, welcher vor ein Paar Jahr- 
hunderten völlig fehlte, steht jetzt im Vordergrunde. 

Die allerwichtigste Frage in der Geschichte der Aerzte in. 
Russland, ob nämlich seit dem Auftreten und der Vermehrung 
derselben im Lande die Morbilität und Mortalität abgenommen 
habe, dürfte nicht leicht zu beantworten sein. Das Material für 
die Untersuchung dieser Verhältnisse ist spärlich, zufallig, lücken- 
haft, aber nicht so unvollständig, dass nicht eine Bearbeitung 
dieser Frage möglich wäre. Es gehören mancherlei Vorarbeiten 
dazu und die gegenwärtige Abhandlung ist auch eine solche. 

Viel leichter ist es, auf einige Züge des Oultureinflusses hin- 
zuweisen, welchen die Aerzte in Russland sowohl bei Ausübung 
ihres Berufes als auch sonst im Allgemeinen übten. Schon das 
Ansehen, welches sie genossen, die materiellen Mittel, über 
welche sie verfügten, verliehen ihnen die Möglichkeit, Bildung 
zu verbreiten, anregend, belebend zu wirken. 

Verweilen wir zunächst einen Augenblick bei der materiel- 
len Lage der Aerzte in Russland im* 17. und 18. Jahrhundert. 

Wir sind allerdings nicht in der Lage, eine Geschichte des 
Arbeitslohnes auf diesem Gebiete darzubieten. Es wäre von 
Interesse, die Remunerationen der Aerzte in früheren Zeiten 
mit denjenigen in gegenwärtiger Zeit zu vergleichen. Es liegt zur 
Untersuchung dieser Frage ein übeiTcichliches Material vor 
und eine Beantwortung dieser Frage könnte als ein werth- 
voller Beitrag zur Geschichte der Preise angesehen werden. 
Indessen verzichten wir vorläufig auf die eingehendere Erörte- 
rung dieses Punktes. Im Allgemeinen aber haben wir den Ein- 
druck, dass die materielle Lage wenigstens einiger bevorzugter 
Aerzte in den früheren Jahrhunderten eine ausnehmend gün- 
stige gewesen sei. 






78 

Wie vortheilhaft die Stellung der Aerzte in Russland im 
17. Jahrhundert war, erfahren wir u. A. von Olearius. Der 
Doctor Arthur Dee, welcher zwölf Jahre lang Leibarzt des 
Zaren Michail Feodorowitsch war, hatte ein Jahrgehalt von 
1114 Rubeln; ausserdem erhielt er in reichlichen Quantitäten 
Speisen und Getränke, und ein Landgut in der Nähe der alten 
Hauptstadt zur Nutzniessung. Was aber die Summe von 1114 
Rubeln bedeutete, begreift man, wenn man sich vergegenwär- 
-tigt, dass in jener Zeit ein Tschetwert Roggen 40 Kopeken 
kostete, während man jetzt etwa 8 Rubel dafür bezahlt. So 
erscheint denn jene Summe von 1114 Rubeln einer Summe von 
über 20,000 heutigen Rubeln gleich. Ausserdem erhielt der 
Doctor Dee ansehnliche Geschenke vom Hofe. An der Iljin- 
schen Pforte besass er ein grosses steinernes Haus u. dgl. 
Ebenso erhielt Doctor Hartmann Gramann als Arzt bei der 
Apothekerbehörde über 1000 Rubel (2068 Thaler) Gehalt; jeder 
Aderlass bei Hofe wurde mit 100 Thalem an Gold und aller- 
lei Geschenken an Atlas, Damast, Zobeln u. s. w. belohnt. 
Die Privatpraxis brachte vornehmlich Naturalien ein: Zobel, 
Speckseiten, Branntwein u. dgl. m. 

Die Aerzte hatten eine glänzende Stellung, wurden bei 
öffentlichen Feierlichkeiten begünstigt, ausgezeichnet und wa- 
ren keineswegs mit Geschäften überhäuft. Reutenfels erzählt: 
„Die Aerzte führen, wenn sie nicht gerade einen Kranken am 
Hofe haben, ein bequemes Leben. Des Morgens erscheinen sie 
etwa in der zarischen Apotheke, um sich irgend welchen Rath 
zu holen; sonst pflegen sie der Ruhe in ihren Wohnungen. 
Ihre stehende Antwort auf die Frage, was sie zu Hause thäten? 
ist die: wir sind beim beständigen Studiren in den Büchern 
auf die Gesundheit Sr. Majestät des Zaren bedacht *''). 

Bereits oben erwähnten wir des grossen Vermögens, wel- 
ches der Leibarzt Peters des Grossen, Areskine, hinterliess. Er 
besass mehrere Güter. Bbenso waren andere Mediciner, welche 
während des 18. Jahrhunderts nach Russland kamen, glänzend 
situirt. Wir erwähnten bereits, dass der Doctor Johann Deoda- 
tus Blumentrost längere Zeit das Gut Gatschina besass. Der 
Archiator Fischer bezog eine Gage von 7000 Rubeln jährlich. 



"•) S. meine Schrift: „Die Ausländer in Russland** in d. „Culturhistori- 
schen Studien". Riga, 187Ö. S. 35—40. 



.■■^^h_.^A. 



79 

Poissonnier eine solche von 6000, Mounsey eine von 7000 Ru- 
beln. Da nun seit den Zeiten dieser Aerzte die Münzeinheit 
in Brussland sehr beträchtlich, etwa auf den vierten oder fünf- 
ten Theil zusammengeschmolzen ist, so wären diese Ziffern 
etwa mit 4 oder 6 zu multipliciren, um die Gehälter der Aerzte 
jener Zeit in heutigem Gelde auszudrücken. Es sind das Be- 
soldungen, welche denjenigen der höchsten Würdenträger im 
Lande gleich- oder nahekommen. Rogerson spricht in seinen 
Schreiben an die Woronzow's von seinen Gütern; bei Gelegen- 
heit einer Reise schenkte ihm Katharina die Summe von 
10,000 Rubeln, Dimsdale erwarb in kurzer Zeit in Russland 
ein sehr ansehnliches Vermögen, Weikard erhielt, obgleich er 
sich keiner besonderen Gunst der Kaiserin erfreute, sehr be- 
deutende Summen, ein Chirurg Sommer ebenfalls u. s. w. *"). 

Eine so angesehene Stellung brachte es mit sich, dass die 
Aerzte in der Gesellschaft eine hervorragende Rolle spielten. 
In Betreff der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erfahren 
wir über diesen Punkt mancherlei aus den Tagebüchern des 
Generals Patrick Gordon und des Secretärs der kaiserlichen Ge- 
sandtschaft Korb u. A. Auch Kilburger, welcher eine Schrift 
über den russischen Handel verfasste und einige wichtige An- 
gaben über die 1671 — 74 importirten Droguen mittheilte, wid- 
met den Aerzten und Apothekern ein besonderes Kapitel. In 
der Geschichte des Protestantismus und Katholicismus in Russ- 
land spielen die Aerzte eine grosse Rolle. Während einige Ka- 
tholiken unter ihnen Propaganda machten für die ecclesia mi- 
litans, wie z. B. der mit dem Jesuitenorden in Verbindung 
stehende Garbonari, wirkten die Protestanten unter ihnen für 
das Entstehen und Gedeihen der evangelischen Kirchen Russ- 
lands, der bei denselben zu errichtenden Schulen u. s. w. ' 

Es musste für den ganzen Habitus des geistigen Lebens in 
Russland von grosser Bedeutung sein, dass schon vor dem 
Jahre 1800 hunderte von Aerzten eine& wesentlichen Bestand- 
theil der höheren Gesellschaft bildeten. Es waren Männer, 
welche die Welt kannten, in Westeuropa ihre Studien absol^ 
virt hatten, über Sprachkenntnisse verfügten. Und dieses galt 
nicht bloss von den ausländischen Aerzten, sondern auch von 
den Russen. Der Verkehr mit Hülst, Bidloo, Termond und an- 



"*) S. u. A. Marcard a. a. 0. S. 136. 



80 

deren Medicinern war für Peter den Grossen eine Art Schule. 
Im Gespräche mit ihnen mochten die allerverschiedensten Stoffe 
zur Erörterung gelangen. Man erzählt schon von Boris Godu- 
now, dass er sich mit besonderer Vorliebe dem Genüsse der 
Conversation mit den ihn umgebenden ausländischen Aerzten 
hingegeben habe. Manche der letzteren vertraten recht vielsei- 
tige Interessen. Einige konnten der Regierung sogar auf poli- 
tischem Gebiete Dienste leisten, wie z. B. Areskine, ßinhuber, 
Lestocq, Bacheracht u. A. Von der encyclopädischen Bildung 
der Aerzte zeugt die schriftstellerische Thätigkeit einiger der- 
selben, welche sich nicht auf ihr eigentliches Fach beschränkten, 
sondern offene Augen hatten auch für andere Gebiete. So ge- 
hören Collins', Kinhubers' Schriften zu den wichtigsten Quellen 
zur Geschichte Russland's im 17. Jahrhundert; so studirte 
Schober die geographischen Verhältnisse des Reiches und die 
Productenkunde desselben; so erforschte von der Bech die Münz- 
kunde und die Alterthümer Russlands ; so war Schtschepin ein 
bedeutender Botaniker. Als Naturforscher haben sich hervor- 
gethan die Mediciner Blumentrost, Kaau-Boerhave, Messer- 
schmidt, Bernouilli , Gmelin, Buxbaum, Steller u. A. Die 
Sammlungen an Büchern und Naturalien, welche manche Aerzte 
anlegten, sind zum Theil nach ihrem Tode für öffentliche In- 
stitute erworben worden und so der Gesammtheit zu Gute ge- 
kommen. Ihre literarische Thätigkeit übte einen tiefgreifenden 
Einfluss auf weitere Kreise, indem sie wissenschaftliche und 
populäre Werke ins Russische übertrugen, Handbücher der Me- 
dicin verfassten u. s. w. Nicht bloss in den Hospitälern oder 
an der Moskauer Universität haben sie als Lehrer gewirkt, 
sondern auch in anderer Hinsicht sind sie, weit über das Ge- 
biet der Medicin hinaus, Lehrer des Volkes gewesen. 

In allen diesen Erscheinungen gelangt der Process der Eu- 
ropäisirung Russlands zum Ausdruck. Indem man Aerzte aus 
dem Westen berief, russische Aerzte im Auslände ausbildete, 
medicinische Lehranstalten nach dem Muster der in anderen 
Ländern bestehenden Hochschulen errichtete, sorgte man nicht 
bloss für eine Steigerung der Vitalität des russischen Volkes, 
sondern man förderte damit die geistige Entwickelung desselben, 
den Erwerb unverlierbarer idealer Güter. 



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