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Full text of "Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit : ein Beitrag zur Culturgeschichte"









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EIN BEITRAG ZUR CULTURGESCHICHTE 



VON 



HERMANN KOPP. 



EESTEß THEIL: 

DIE ALCHEMIE BIS ZUM LETZTE^^ VIERTEL 
DES 18. JAHRHUNDERTS. 



-^^C:^- 



HEIDELBERG. 

CARL WINTER' S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG. 

1886. ■ 



Alle Rechte vorbehalte 



^>^ 



V r r e d e. 



Vor etwas mehr als 20 Jahren war meine verehrte 
Freundin, Frau Henriette Feuerbach veranlafst, sich 
mit dem Leben und den Schriften Georg Forster 's in 
selbstständiger Weise zu beschäftio'en. Ihr lasren die 
damals nur theilweise veröffenthchten Briefe G. Forst er 's 
an S. Th. Sömmerring vollständig vor; Sie machte mich 
darauf aufmerksam, dafs diese Briefe einiges für die Ge- 
schichte der Alchemie Interessante enthalten. Damals 
nahm ich von den gerade hierfür in Betracht kommenden 
Briefen Abschriften, in der Absicht zu versuchen, ob sich 
darauf hin ein Beitrag zur Kenntnifs Forster 's arbeiten 
lasse, und falls mir Dies gelinge die Erlaubnifs zur Ver- 
öffentlichung desselben von den Nachkommen Sömmer- 
ring' s — den Besitzern jener Briefe — zu erbitten. — 
Um nicht noch einmal auf die Benutzung dieser Abschriften 
zurückkommen zu müssen, will ich gleich hier bemerken, 
dafs von Herm. Hettner „Georg Forster' s Briefwechsel 
mit S. Th. Sömmerring", zu diesem Zweck von dem 
Enkel des Letzteren ihm zugestellt, vor nahezu 9 Jahren 
(Braunschweig 1877) herausgegeben worden ist und nach 
Hettner 's Vorwort „soweit er sich erhalten hat, voll- 
ständig mitgetheilt" werden sollte. Dies ist jedoch wenig- 
stens für Das, was in diesem Briefwechsel für Forster' s 
Beziehungen zur Alchemie von Bedeutung ist, nicht ge- 



2095£r.2 



— IV — 

schehen; selbst gröfsere Theile von Briefen sind, vielleicht 
weil sie dem Herausgeber nicht verständlich waren, einfach 
weggelassen. Der Absicht, dafs der Briefwechsel, so weit 
er sich erhalten hat, vollständig bekannt werde, entspricht, 
dafs ich das von Hettner Mitgetheilte nach meinen Ab- 
schriften vervollständige und aufserdem — Hettner' s Aus- 
gabe ist auch sonst keineswegs eine sorgfältige zu nennen 
— in Einzelheiten berichtige. 

Die Arbeit, zu welcher ich damals Lust und einiges 
Material hatte, rückte nur sehr langsam vor. Sie hat mich 
selten während etwas längerer Zeit anhaltend beschäftigt, 
oft für kürzere Zeit als erholende Abwechselung zwischen 
anderer Arbeit, und dabei waren die Fortschritte um so 
langsamer, als sich mehr und mehr eine Vertiefung der 
Fundamentirung nöthig machte. — Für die Darlegung 

der Betheiligung Forst er 's und Sommer ring 's an rosen- 
kreuzerischer Alchemie um 1780 in Kassel mufste ich mit 
dem Treiben der Rosenkreuzer in jener Zeit besser bekannt 
sein, als ich es vor 20 Jahren war. Damit kam ich lange 
nicht voran; Das gelang mir in einigermafseu ausreichender 
Weise erst später, wo sich mir etwas reichlichere Quellen 
und bessere Hülfsmittel boten. — Bei dem Interesse, 
das ich namentlich für Forst er 's alchemistische Bestre- 
bungen hatte, lag es mir nahe, mich auch mit ihm etwas 
selbstständiger bekannt zu machen. Ich stand, als ich im 
Anfang der 70er Jahre daran ging, unter dem Einflufs der 
von Gervinus vertretenen Auffassung dieses Mannes; was 
ich in Forst er 's Briefwechsel las machte mir einen dazu 
nicht stimmenden Eindruck. Das veranlafste mich, die 
Forster- Literatur etwas vollständiger kennen zu lernen, und 
*^'^ sah ich, dafs dem durch Gervinus in seiner 1843 ver- 
^^"entlichten Charakteristik Forst er 's ausgesprochenen hohen 



Lob des Letzteren bereits eine sehr abweichende Beurthei- 
kmg durch Andere entgegengestellt worden war. Die An- 
sicht, zu welcher ich bei späterer eingehender Bearbeitung 
dieses Gegenstandes kam, ist von der durch Gervinus in 
seiner wie zu glauben ich Grund habe überhasteten Publi- 
cation dargelegten sehr verschieden. Gerne hätte ich noch 
mit dem von mir hoch verehrten Mann, dem ich für mir 
geschenkte und bewährte freundschaftliche Gesinnung zu 
aufrichtigstem Danke dauernd verpflichtet bin, darüber dis- 
cutirt; wenn ich jetzt nach bestem Wissen einem dem 
seinigen widersprechenden Urtheil Ausdruck gebe, so weifs 
ich, dafs ich damit in des Hingeschiedenen Sinn handle. 
Aber das eben Gesagte wird es erklärlich sein lassen, dafs 
ich mein Urtheil vollständiger und eingehender begründe, 
als es in dem vorliegenden Buche zu thun ich unter an- 
deren Umständen für angemessen gehalten hätte. 

Zur Berichterstattung über die Beschäftigung Forst er 's 
und So mm erring' s mit Alchemie war es nöthig. Einiges 
über die letztere anzugeben: wie sie aufgekommen und zu 
Verbreitung gelangt war, wie es um sie zur Zeit der Be- 
theiligung der Genannten an ihr stand. Dafür hatte ich 
das Material, welches mir bereits für die Abfassung der 
speciellen Geschichte der Alchemie in dem 1844 erschienenen 
IL Band meiner Geschichte der Chemie zur Verfügung ge- 
standen hatte, und dasjenige, welches mir noch nachher 
benutzbar geworden war. Seit 1843, in w^elchem Jahr 
ich das Manuscript dieser Specialgeschichte abgeschlossen 
hatte, habe ich auch Das, was mir als für die Geschichte 
der Alchemie erheblich vorgekommen ist, notirt oder ex- 
cerpirt. Es ist natürlich, dafs sich innerhalb so langer 
Jahre bei einiger Aufmerksamheit ziemlich viel ergiebt, 
was früher gemachte Angaben berichtigt oder bis dahin 



— VI — 

meines Wissens nicht Beachtetes betrifft. Von Zeit zu 
Zeit habe ich diese Notizen und Excerpte gesichtet, auch 
eine oder die andere Partie unter Benutzung von bereits 
Bekanntem und unter Weiterverfolgung Dessen, auf was 
ich nun hingewiesen wurde, ausgearbeitet. So entstanden 
mehr monographisch gehaltene Stücke, in welche später 
noch mir sich Bietendes eingeschaltet werden konnte. Ein- 
zelne Stücke habe ich auch in Einem Zuge gearbeitet: so 
z. B. bald nach der Veröffentlichung (1875) des III. Stücks 
meiner Beiträge zur Geschichte der Chemie, wie die haupt- 
sächlichsten Kepräsentanten der Chemie bis in die 2. Hälfte 
des vorigen Jahrhunderts zu der Alchemie standen, was 
einmal eingehender darzulegen, als Dies sonst für die Ge- 
schichte der Alchemie geschehen ist, mir defshalb als wich- 
tig erschien, weil der während einer Reihe von Jahrhun- 
derten durch bedeutende Chemiker der Alchemie gewordenen 
Anerkennung ein ganz wesentlicher Antheil daran zuzu- 
schreiben ist, dafs der Glaube an diese eingebildete Kunst 
sich so lange erhalten und so festsetzen konnte; zu anderen 
Zeiten Thurneysser's Leben u. A. Für solche zu einigem 
Abschlufs gebrachte Stücke ergab sich wie von selbst eine 
Reihenfolge, in welche sich Anderes, noch Unfertiges, später 
einfügen konnte. Wie sich in dieser Art die Sache ge- 
staltete, versprach sie ziemlich umfänglich zu werden, so 
dafs ich schon defshalb nicht daran denken durfte, sie bei 
einer Neubearbeitung meiner Geschichte der Chemie in den da 
die Alchemie speciell behandelnden Abschnitt aufzunehmen. 
Darüber, ob die Geschichte der Chemie gleichsam ver- 
pflichtet sei, als ihr zugehörig alles die Alchemie Betreffende 
zu behandeln, bin ich aber seit geraumer Zeit anderer An- 
sicht, als früher. In meiner Geschichte der Chemie, 
ßtl. II, S. 141 f., meinte ich noch, in einem derartigen Buch 



— VII — 

sei auch darzulegen, „welche Schicksale das Streben nach 
solchen Zwecken hat, die, aus der Chemie hervortretend, 
diese Wissenschaft einst beherrschten, und untergingen, als 
unerreichbar anerkannt wurden, nachdem sich die Chemie 
von ihnen losgesagt hatte. Die Richtung, welche durch 
Verfolgung eines solchen Zweckes bestimmt wird, ist immer 
noch eine Dependenz der Chemie, auch wenn sie den Total- 
zustand dieser V^^issenschaft nicht mehr charakterisirt; sie 
kann zuletzt als Auswuchs der Chemie erscheinen, aber ihre 
specielle Geschichte darf nicht vernachlässigt werden, wenn 
die Chemie aller Zeiten im Ganzen wie im Einzelnen ge- 
schildert werden soll". Schon seit vielen Jahren bin 
ich der Ansicht, dafs keineswegs die gesammten die Alchemie 
betreffenden Acten in das Archiv der Chemie gehören, son- 
dern dafs man zwar für eine weit hinter uns liegende Zeit 
die Nachrichten über die Chemie in dem Archiv der Al- 
chemie zu suchen hat, das letztere aber selbstständig noch 
in der Zeit existirt, in welcher die frühere Verknüpfung 
zwischen Chemie und Alchemie gelöst ist und die in Betreff 
der letzteren erwachsenden Acten nur ganz selten und mehr 
nebenbei noch etwas für die erstere Interessantes enthalten. 
Die Geschichte der Chemie mufs für die Anfänge dieses 
Zweiges des Wissens die Alchemie, so wie diese in weit 
entfernter Zeit betrieben wurde, berücksichtigen und sie 
kann sich allerdings dadurch veranlafst sehen, auch über 
die Beschäftigung mit Alchemie in späterer Zeit zu berichten. 
Sie wird jedoch dadurch nicht unvollständig, dafs sie unter- 
läfst, das Letztere zu thun. Seit langer Zeit ist die Al- 
chemie für die Chemie nicht mehr von Bedeutung, wohl 
aber als eine sehr verbreitete und hartnäckige Verirrung 
für die Culturgeschichte. Die Alchemie steht für diese Zeit 
und namenthch in der jetzigen den Chemikern nicht näher 



— VIII — 

als allen Anderen, welche dafür Interesse haben, ob zu ge- 
wissen Zeiten Viele sich Bestrebungen hingaben, die auf 
ein Phantom gerichtet und verderbliche waren; die Che- 
miker von heute wissen von Alchemie nicht mehr als An- 
dere, und der Besitz der jetzt erlangten chemischen Kennt- 
nisse ist in keiner Weise dafür erforderlich, sich über die 
Betreibung der Alchemie und darüber, was dabei für die 
Alchemisten herauskam, zu unterrichten. Für die Cultur- 
geschichte ist es wohl von Interesse, füi- die Geschichte der 
Chemie ganz bedeutungslos, dafs und wie noch Männer wie 
G. Forster und S. Th. Sömmerring sich mit Alchemie 
beschäftigten. So erschien es mir als angezeigt, für die 
Ausarbeitung meiner Notizen über die Alchemie in älterer 
und neuerer Zeit unter Einschlufs Dessen, was die beiden 
eben Genannten betrijfft, ins Auge zu fassen, dafs dieselbe 
einen Beitrag zur Culturgeschichte abgeben könne. Für 
ein grofses Bauwerk sind viele Steine erforderlich, und dafs 
jeder derselben sorgsam bearbeitet sei von Vortheil; mehr, 
als Einen Stein für das umfängliche Gebäude der Cultur- 
geschichte zu bieten, beansprucht das vorhegende Buch nicht. 
Dieser Absicht entsj^rach, in diesem Buch nach einzelnen 
Richtungen weniger, nach anderen mehr zu bringen, als 
ich in einem für die Darlegung der Geschichte der Alchemie 
an sich bestimmten gebracht haben würde. Ich habe in 
es Vieles nicht aufgenommen, was in der speciellen Ge- 
schichte der Alchemie im IL Band meiner Geschichte der 
Chemie steht, und auch manches mir seitdem zuerst oder 
genauer bekannt Gewordene habe ich weggelassen: u. A. 
ausführlichere Angaben darüber, was wir über die früheste 
Beschäftigung mit Alchemie in Aegypten wissen, weil sie 
für die Betreibung dieser Kunst in Europa nur von geringem 
directem Einflufs war, und manche Einzelheiten, darüber 



— IX — 

z. B. wie ein oder ein anderer im Übrigen unbedeutender 
Alchemist sich die Erreichung des Zieles als möglich dachte; 
dafs ich hierin noch weiter hätte gehen können, erkenne 
ich gerne an. Ich habe anderseits eingehender die Be- 
ziehungen zwischen alchemistischem Treiben und anderen 
Strömungen behandelt, wie sie für eine einzelne Wissen- 
schaft — die Heilkunde z. B. — oder sonst — in der Rosen- 
kreuzerei 2. B. — vorgekommen sind. Ich betrachtete es 
als nützlich, an einzelnen Persönlichkeiten es deutlicher 
werden zu lassen, Männer welcher Art an die Alchemie 
glaubten und dafür, bei Anderen diesen Glauben zu wecken 
und zu unterstützen, von Einflufs sein konnten; die aus- 
führliche Besprechung L. Thurneysser's im I. Tb eil, G. 
Forster's im IL Theil erschien mir unter diesem Gesichts- 
punkt als angemessen. Es mufste mir daran liegen, eine 
Vorstellung von der Verbreitung der Alchemie in früherer 
Zeit zu vermitteln. Dafür genügt nicht die Versicherung, 
dafs das Interesse an der Alchemie und die praktische Be- 
schäftigung mit derselben früher und in den letzten Jahr- 
hunderten besonders in Deutschland sehr verbreitet gewesen 
sei. An eine Aufzählung genügend Vieler, für welche Das 
der Fall war, ist selbstverständlich nicht zu denken; sind 
es doch überwiegend nur Solche, die nach ihrer äufseren 
Stellung hervortraten oder nach Dem, was sie wissenschaft- 
lich geleistet haben, oder dadurch, dafs sie es zu einem 
gewissen Ansehen in der Goldbereitungskunst gebracht 
hatten, — sind es doch überwiegend nur solche Wenige, 
füi' welche die Beziehungen Derselben zur Alchemie an die 
Öffentlichkeit gekommen sind, während die übergrofse Zahl 
Derjenigen, die in Zurückgezogenheit dieser Kunst sich er- 
gaben, unbekannt geblieben ist. Und wenn auch manch- 
mal (bei der Besprechung der Hermetischen Gesellschaft 



— X — 

z. B.) eine Gelegenheit sich bietet, ersehen zu lassen, clafs 
zu einer bestimmten Zeit viele Männer aus den verschiedensten 
Ständen sich auf Alchemie eingelassen hatten, — auch Das 
vermittelt noch nicht jene Vorstellung in dem der Wirk- 
lichkeit entsprechenden Umfang, und es kommt aufserdem 
allzu selten vor. Ich wufste, hierfür einen Anhaltspunkt 
zu bieten, nichts Anderes als zu versuchen, v^enigstens 
einen annähernden Begriff von der Reichhaltigkeit der al- 
chemistischen Literatur zu geben; dafs so viele alchemistische 
Bücher herauskamen und — oft in wiederholten Auflagen — 
Käufer fanden, zeigt wohl am Deutlichsten, die Anzahl 
Derer, für welche sie bestimmt waren, müsse eine sehr 
grofse gewesen sein. 

Unter Festhaltung des Gedankens, über die Alchemie 
zusammenzustellen, was die Geschichte derselben im Grofsen 
und Ganzen kennen lehrt und für die Cult Urgeschichte be- 
achtenswerth ist, schritt von Zeit zu Zeit die Ausarbeitung 
des mir benutzbar gewordenen Materials vor. Recht viel 
bereits Bekanntes war in sie aufzunehmen; für es habe ich 
die Literatur gewöhnlich nicht oder nicht genauer ange- 
geben und verweise dafür auf Joh. Friedr. Gmelin's Ge- 
schichte der Chemie (3 Bände; Göttingen 1797 — 1799) und 
Karl Christ. Schmieder's Geschichte der Alchemie (Halle 
1832), welche letztere vollständigere und leichter zu findende 
Auskunft gewährt. Dafs diesen beiden Werken für das 
vorliegende Buch viel entnommen ist, habe ich hier aus- 
zusprechen. AVo ich aber frühere Angaben berichtigt oder 
vervollständigt oder für die Geschichte der Alchemie bisher 
unberücksichtigt Gebliebenes gebracht habe, fehlt der lite- 
rarische Nachweis, auf was sich Das stützt, nicht. 

Für das verhältnifsmäfsig Wenige letzterer Art — ich 
darf aber doch sagen, dafs es an sich nicht gerade ganz 



— XI — 

wenig ist — habe ich verhältnifsmäfsig viel durchlesen. 
Nicht ganz so viel darauf hin, dafs ich von mir aus in 
einem oder einem anderen Buch etwas mich Belehrendes 
zu finden hoffte oder auf eines durch ein anderes hinge- 
wiesen wurde, als man wohl danach denken könnte, dafs 
manchmal Büchern, die meinem Lesekreis sehr entfernt 
liegen, Etwas entnommen ist. Ab und zu ist mir von 
guten Menschen, die mein Interesse für alles die Alchemie 
Betreffende kannten, eine Beihülfe durch Angaben geworden, 
da oder dort finde sich so Etwas; herzlich dankbar war 
ich stets für jede derartige Mittheilung, zeigte sich auch 
dafs das zu Findende mir bereits bekannt war, und auf- 
richtig habe ich immer bedauert, dafs solche Menschen so 
rar sind. Das Meiste, was ich durchlesen habe, konnte 
ich nur aus Bibliotheken erhalten. Dafs ich von der Be- 
rechtigung, die Heidelberger Universitäts-ßibliothek zu be- 
nutzen, nach Möglichkeit Gebrauch gemacht habe, ist selbst- 
verständlich. Die Einsichtnahme in Vieles wurde mir durch 
andere Bibliotheken ermöglicht. Grofse Erleichterung für 
mein Arbeiten — auch durch Angabe der Werke, die be- 
stimmten Richtungen an gehörig für mich benutzbar seien 
— haben mir namentlich zwei Bibliotheken gewährt: die 
Universitäts-Bibliothek zu Giefsen, auf welcher ich von dem 
Ende der 1830er Jahre an gelernt habe, auf einer Bibliothek 
zu arbeiten, und auch nach meiner Übersiedelung nach 
Heidelberg nie als ein Fremder betrachtet worden bin, und 
die Hof-Bibliothek zu Darmstadt, die aufser ihrem Reich- 
thum an Rosenkreuzer-Schriften mir auch manches Andere, 
was sonst schwer zu erhalten ist, zugänglich gemacht hat; 
den Vorständen dieser beiden Bibliotheken : dem verstorbenen 
Professor Dr. Noack zu Giefsen und Herrn Geheimerath 
Dr. Walt her zu Darmstadt bin ich zu aufrichtigstem Danke 



— XII — 

verpflichtet. Aufserdem habe ich in Anspruch genommen 
die Stadt- und die üniversitäts-BibHothek zu Breslau, die 
öffentliche Bibliothek zu Dresden, die Stadt-Bibliothek zu 
Frankfurt a. M., die Universitäts-Bibliotheken zu Göttingen 
und zu Halle, die Bibliotheken der Loge Ruprecht zu den 
fünf Rosen und der Museums-Gesellschaft zu Heidelberg, 
die Üniversitäts-Bibliotheken zu Leipzig und Rostock; auch 
den Vorständen dieser Bibliotheken sage ich für mir er- 
wiesene Freundlichkeit und erth eilte Auskunft meinen herz- 
lichen Dank. — In nicht wenigen Fällen mufste ich, um 
für die Entscheidung einer Frage zn versuchen was sich 
etwa noch erfahren lasse, mich an Einzelne wenden, und 
ich bin auch Denen, die mir da behülflich waren, besten 
Dank schuldig; Keinem mehr als dem von mir am Meisten 
mit Anfragen belästigten und stets dazu, das Mögliche für 
die Beantwortung derselben zu thun, wohlwollendst bereiten 
Herrn Hofrath Dr. Mor. AI. von Becker in Wien. 

Nach und nach kamen die einzelnen Stücke der Arbeit 
zu einiger Abrundung, manche auch bei der Ausarbeitung, 
bei welcher sich ja gewöhnlich noch auszufüllende Lücken 
und zu weiterer Verfolgung veranlassende Punkte ergeben, 
zu gröfserer Ausdehnung, als ich für sie vorgesehen hatte; 
ein solches Stück war auch die Aurea catena Homery welche 
ich 1880 meinem Freunde Friedr. Wohl er zu dem Tage, 
an welchem er sein 80. Lebensjahr vollendete, als Gratu- 
lations-Schrift widmete. Vor einigen Jahren waren auch 
die einzelnen Stücke unter einander in Verbindung gebracht 
und lag nahezu das Ganze fertig vor, auch der Beitrag 
zur Bibliographie der Alchemie im Wesentlichen so, wie er 
jetzt als Anhang zum H. Theil steht, aber nur unter Be- 
nutzung eines Theiles des mir für ihn disponibel gewor- 
denen, aus einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Einzel- 



— XIII — 

Notizen erwachsenen Materials zusammengestellt; es fehlte 
kanm mehr, als die Ausarbeitung der auf die Beschäftigung 
mit Alchemie in unserm Jahrhundert bezüglichen Notizen. 
Da kam mir Etwas dazwischen, und dann ging ich wieder 
an eine -mich schon lange beschäftigende Arbeit, die ich 
gerne noch zum Abschlufs bringen möchte. Die Alchemie 
blieb zurückgelegt, und wenn ich mir auch noch gewohn- 
heitsgemäfs sie Betreffendes notirte, was zu meiner Kennt- 
nifs kam, war doch nicht abzusehen, ob oder wann ich sie 
zur Veröffentlichung abschliefsen werde. Ich kann nicht 
in Abrede stellen, dafs mir manchmal, namentlich in un- 
beschäftisrten Tasten w^ie sie Ferienaufenthalt auswärts 
bringt, die Erinnerung daran eine bittere war, wie viel 
Zeit ich im Ganzen auf diese Arbeit verwendet hatte und 
dafs die letztere, bliebe sie so wie sie war, einmal mit 
anderem unvollendet Hinterlassenem dem Vulcano anheim- 
fallen würde. 

Im Spätherbst vorigen Jahres traf mich ein schwerer 
Schlag. Als Stütze dafür, mich aufrecht zu halten, be- 
durfte ich zu meiner Berufsthätigkeit einer anderen Arbeit, 
als die bis dahin mich beschäftigende war; an dieser woll- 
ten die Gedanken noch weniger haften, als vorher, wo mein 
Befinden nicht gut gewesen war. Da nahm ich die Al- 
chemie wieder vor, für welche und an welcher ich oft und 
gern in heitereren Zeiten gearbeitet hatte. Ich habe das 
Ganze noch einmal durchgesehen. Manches gestrichen, was 
mir jetzt entbehrlich schien oder der Stimmung, in welcher 
ich es wieder las, zu wenig entsprach, Manches der letzteren 
Art auch stehen lassen, wenn ich es nicht durch Anderes, 
eben so gut in den Zusammenhang Passendes zu ersetzen 
wufste; ich habe die über das Vorkommen von Alchemisti- 
schem in unserem Jahrhundert berichtende Partie ausge- 



— XIV — 

arbeitet, die seit dem Zurücklegen des Manuscripts gemach- 
ten Notizen berücksichtigt und namentlich den Beitrag zur 
Bibliographie der Alchemie innerhalb der mir noch zulässig 
erscheinenden Grenzen vervollständigt, w^elchen ich von 
Anfang an nicht als lediglich eine trockene Aufzählung von 
Büchertiteln enthaltend angelegt hatte. 

So kam das Buch zu Stande, zu welchem ich jetzt die 
Vorrede schreibe. Ich habe über die Entstehung desselben 
ausführlichere Mittheilung gemacht, damit eine Erklärung 
dafür gegeben sei, wenn auch jetzt noch vielleicht das 
Ganze mehr wie ein Aggregat einzelner Stücke, nicht wie 
in Einem Gusse hervorgebracht sich darstellt. 

Auch w^enn das Buch den Vortheil der letzteren Ent- 
stehungsweise für sich hätte, dürfte es schwerlich Das bieten, 
dafs nach der Disposition des Inhalts Alles, was man in 
ihm nachschlagen möchte, sicher und leicht zu finden wäre. 
So wie es ist, und trotz Dem, dafs ich es an" Hin- und 
Herverweisungen nicht habe fehlen lassen (wo bei einer 
Verweisung der Angabe einer Seitenzahl die des Theiles 
fehlt, ist immer die in dem nämlichen Theil stehende Seite 
gemeint), dürfte für es ein Register noch nöthiger sein. Ich 
habe dasselbe mit der Sorgfalt bearbeitet, die der Verfasser 
eines in dieser Art angelegten Buches Denen, welche es be- 
nutzen wollen, schuldig ist. Das Register vervollständigt 
übrigens in einem gewifsen Grade das in dem Buch selbst 
Gesagte; wo an einer Stelle des Buches eine Angabe ohne 
Eingehen auf Das, was ihr zu Grunde liegt, gemacht ist, 
kann das Register darauf hinweisen, wo sich Belege für die 
betreffende Angabe finden. 

Heidelberg im März 1886. 

Hermann Kopp. 



Inhalt des I. Theils. 



Einleitung S. 1. 

Erinnerung an den Ursi^rung der Alchemie und die Verbreitung derselben nach 
und über Europa S. 2. Alchemistiscbe A'^orstellungen über die Darstellung des 
Steins der Weisen S. 6, und über die Wirksamkeit dieses Präparates im mehr 
oder weniger vollkommenen Zustand S. 9. 
Was den Glauben an die Möglichkeit der künstlichen Erzeugung von Gold und 
die Existenz des Steins der Weisen, das Ausharren in dem Suchen nach dem- 
selben unterstützte : 

Die Aussprüche anerkannter Autoritäten bis um die Mitte des achtzehnten 
Jahrhunderts S. 10: Geber's S. 12, Avicenna's S. 15, des Vincentius 
Bellovacensis S. 16, des Albertus Magnus S. 16, des Thomas von 
Aquino S. 17, des Arnald von Villanova S. 19, des Roger Bacon 
S. 22, des Raymundus Lullus S. 24, des Basilius Valentinus S. 29, 
des Paracelsus S. 33 (G. Agricola's Zweifel S. 40; über die Paracel- 
sisten als Vertreter der Chemie im Allgemeinen S. 41), des Libavius S. 45, 
Sennert's S. 48, van Helmont's S. 49, Glauber's S. 50, Boyle's 
S. 53, Homberg's S. 56, Kunckel's S. 58, Becher's S. 65, G. E. Stahl's 
S. 69, Boerhaave's S. 75 und Anderer S. 78); 

die Bestimmtheit der Angaben über die äufseren Eigenschaften des Steins 
der Weisen S. 81, über die Einwirkung desselben auf unedle Metalle S. 82 
(Berichte hierüber von van Helmout S. 82, von Helvetius S. 83; An- 
gaben bezüglich der Existenz von künstlich dargestelltem Gold S. 87 und 
durch Ausübung der Alchemie erlangter Reichthümer S. 93) und auf den 
menschlichen Körper S. 95, und über noch andere Wirkungen dieses Prä- 
jiarates S. 103; 

das Beispiel von PHirsten und anderer hoher Obrigkeit nach den Be- 
ziehungen derselben zur Alchemie und zu Alchemisten S. 104: von welt- 
lichen Fürsten u. A. des Königs Heinrich VI. von England S. 105, des 
Markgrafen Johann von Brandenburg S. 106, der Deutschen Kaiser Ru- 
dolf IL, Ferdinand III., Leopold I. S. 106, der Kurfürsten Joachim IL 
und Johann Georg von Brandenburg S. 106 (Thurneysser S. 107), der 
Herzoge Julius von Braunschweig, Friedrich und Johann Friedrich 
von Württemberg S. 126, der Kurfüi'sten August Christian I. und 
Christian IL von Sachsen S. 126 (Setonius S. 127), des Herzogs Fried- 
rich I. von Sachsen-Gotha S. 128, des Königs August IL von Polen, 



— XVI — 

Kurfürsten von Sachsen S. 129 (J. F. Böttger S. 130), des Kurfürsten 
Maximilian IL Emanuel von Bayern und des Königs Friedrich I. von 
Preufsen S. 134 (Caetano S. 134), des Königs Friedrich IL von Preufsen 
S. 138, des Herzogs Ernst August von Sachsen- Weimar S. 139, des Herzogs 
Karl von Braunschweig S. 140, von geistlichen Fürsten S. 140, u. A. der 
Kurfürsten Johann Philii)p von Mainz und Johann Philipp von Trier 
S. 141 (J. G. Stahl S. 142), der Staaten von Holland und West-Friesland 
(Becher's Sand-Bergwerk) S. 144; 

die juristische Überzeugung von der Möglichkeit der Metall Veredlung und 

der Darstellbarkeit des Steins der Weisen S. 147 (das angebliche Leipziger 

Gutachten von 1715 S. 150). 

Der Glaube an die Wahrhaftigkeit der Alchemie wurde im Allgemeinen nicht 

erschüttert durch das Bekanntwerden alchemistischer Betrügereien, wie sie schon 

frühe und später häufig vorkamen S. 156 (alchemistische Surrogate edler 

Metalle S. 159; in welcher Weise angeblich künstliche Production edler Metalle 

ausgeführt wurde S. 162; die s. g. Vermehrung edler Metalle S. 166), wie sie 

namentlich von Alchemisten, die für Fürsten arbeiteten, vielfach ausgeführt, 

aber auch, wenn erkannt, von den Letzteren hart bestraft wurden S. 168 (über 

die Art der Bestrafung S. 168; Ph. Sömmerring und seine Genossen S. 169; 

Mamugnano o. Bragadino S. 173; Joh. Hector v. Klettenberg S. 174; 

wie der Herzog Friedrich von Württemberg mit betrügerischen Alchemisten 

verfuhr S. 180; Krohnemann S. 185 u. A.). 

Der Glaube an die Alchemie erhielt sich bei Fürsten trotzdem, dafs die 
von ihnen begünstigte Kunst statt des erhofften Gewinnes bedeutende Ver- 
luste brachte, S. 186, und es fanden sich auch immer Alchemisten, die auf 
der Fürsten Kosten zu arbeiten bereit waren, trotz der ihnen unter solchen 
Verhältnissen drohenden Gefahren, S. 190. Ernsten Gefahren waren auch 
aufserhalb der Hofkreise vermeintlich erfolgreiche Alchemisten ausgesetzt 
S. 197 (u. A. Sendivogius S. 198), deren Mehrere denn auch nur mit 
gröfster Vorsicht der Verpflichtung genügt haben sollen, Thatsachen für die 
Wahrhaftigkeit der Alchemie sprechen zu lassen, S. 199 (z. B. Philale tha 
S. 200, Laskar is S. 200). Anderseits sollten solche Alchemisten verpflichtet 
sein, die Lösung der Aufgabe ihrer Kunst so geheim zu halten, dafs sie 
nicht zur Kenntnil's Unwürdiger komme, S. 201. Erfolgreiche Beschäftigung 
mit der Alchemie wurde als durch höhere Einflüsse und durch Frömmigkeit 
bedingt betrachtet S. 204; ihr standen im Weg die Unverständlicheit der 
dafür veröffentlichten Anleitungen S. 215 und die Schwierigkeit, in den Be- 
sitz deutlicherer Vorschriften zu gelangen S. 221. 
p]rschütterung des Glaubens an die Alchemie: Verurtheilung oder ungünstige 
ßeurtheilung derselben durch Einzelne vom vierzehnten Jahrhundert an, 
während anderseits noch ausgezeichnete Gelehrte sich gläubig zu ihr verhielten 
S. 224 (im vierzehnten bis sechszehnten Jahrhundert Papst Johannes XXII. 
S. 225, Trithcmius S. 22G, Ph-asmus, Melanchthon, Erast, Palissy 
U.A. S. 228; im siebzehnten Jahrhundert Kircher, Rolfinck S. 230, ander- 
seits Bacon von Vcrulam, Spinoza, Ijoibnitz S. 231), und zunehmender 



— XVII — 

Verfall des Glaubens an die Alchemie im achtzehnten Jahrhundert auf Grund 
des Widerspruchs gegen sie Seitens der wissenschaftlichen Chemie S. 234 und 
besserer Beachtung, dals das Ende der Beschäftigung mit ihr Verarmung ist 
S. 235, und anderer nachtheiliger Folgen derselben S. 237. Anscheinend nahes 
Ende des Glaubens an die Alchemie und der, immerhin noch ziemlich häutigen 
Beschäftigung mit ihr S. 239. 

Längere Anmerkungen : 

I zu S. 5: Alchemie im nördlichen Deutschland jm elften Jahrhundert S. 240. 

II zu S. 68: Beurtheilung der Alchemie in J. J. Becher 's Pö7/c-7ioj902>Äi« S. 241. 

in zu S. 98: Trismosin's Äureum vellus, und entsprechend betitelte andere 

alchemistische Schriften S. 242. 
IV zu S. 180: Zur Geschichte des Johann Hector von Klettenberg S. 244. 
V zu S. 185: Über die angebliche Fixirung und Härtung des Quecksilbers 

S. 248. 
VI zu S. 208: Elias in der Alchemie S. 250. 

VII zu S. 212: Vergleichungen von Religiösem mit Alchemistischem S. 252. 
VlII zu S. 231: Fr. Bacon's Ansichten über Alchemie S. 254. 
IX zu S. 235: Über die angebliche Grabschrift des Ulrich von der Sulz- 
burg S. 255. 
X zu S. 236: Über G. C. Beireis' Beziehungen zur Alchemie S. 25(5. 
XI zu S. 238: Die Alchemie auf der Bühne S. 258. 



-H-^-JI^-^H-- 



über anderthalb Jahrtausende hindurch ist behauptet und geglaubt 
worden, dafs Gold und Silber künstlich hervorgebracht werden können, 
und ist das Streben Unzähliger darauf gerichtet gewesen, zu wissen 
in welcher Weise Das zu Stande zu bringen: die s.g. Alchemie mit 
Erfolg zu betreiben sei. Die Gewinnung dieser Erkenntnifs, die — 
wäre sie noch als möglich anzuerkennen — so wie früher auch jetzt 
als eine der Chemie zuständige zu betrachten wäre, ist nicht etwa 
nur als ein naturwissenschaftliches Problem aufgefafst und Dem ent- 
sprechend von einer verhältnifsmäfsig kleinen Zahl von Forschern 
angestrebt worden, sondern in weitesten Kreisen, von Leuten jeglichen 
Berufes und Standes, auch von Solchen, denen die zu ihrer Zeit er- 
langten chemischen Kenntnisse ganz fremd waren, wurde versucht, 
herauszubekommen, wie Gold zu machen sei. Noch bis in das vorige 
Jahrhundert war der Glaube, dafs Dies möglich, und die Beschäftigung 
damit, wie es zu bewirken sei, in verschiedenen Ländern und nament- 
lich in Deutschland so verbreitet, dafs daran wohl zu denken ist, 
wenn für die Beurtheilung der Bildungsstufe, zu welcher ein Volk 
zu einer gewissen Zeit gelangt war, nicht nur in Betracht gezogen 
werden soll, welche Wahrheiten da anerkannt waren und welche 
nützliche Bestrebungen sich Bahn brachen, sondern auch, welche 
irrige Vorstellungen noch herrschten und welchen nur auf Einbildung 
beruhenden Unternehmungen man sich noch hingab. Die Zahl Derer, 
die noch nach anderen Kichtungen hin in Irrthum befangen waren, 
an Zauberei und Geistererscheinungen z. B. glaubten, mag auch zu 
Zeiten, in welchen die Alchemie besonders viele Anhänger hatte, eine 
noch gröfsere als die der Letzteren gewesen sein ; aber unvergleichlich 
viel mehr Menschen sind auch damals darauf ausgegangen, sich be- 
Kopp, Die Alchemie. I. 1 



2 Ursjn'ung der Alcbcmie. 

züglicb der Mittel, die künstliche Erzeugung von Gold zu bewirken, 
genauer zu unterrichten, und haben sich mit Versuchen zur Lösung 
dieser Aufgabe praktisch beschäftigt, als die Zahl Derer war, welche 
Bekanntschaft mit der Zauberei oder der Geisterkunde in entsprechend 
eingehender Weise sich anzueignen oder gar selbst Zauberei zu treiben 
oder Geister zu beschwören versuchten. Die Geschichte der Alchemie 
gehört defshalb nicht ausschliefslich in die Geschichte der Chemie, 
wenn gleich die Erwerbung der Anfänge chemischer Kenntnisse ganz 
wesentlich aus der Betreibung der Alchemie hervorgegangen, bez.-w. 
durch sie unterstützt worden ist. Die Geschichte der Alchemie hat 
während langer späterer Zeit wenig oder keine Bedeutung mehr für 
die Berichterstattung über die Fortschritte der Chemie, wohl aber 
hat sie Bedeutung für die Vervollständigung des Wissens, wie lange 
sich Vorurtheile und auf ihnen beruhende Beschäftigungen bei einem 
oder dem anderen Volk in einer für das Bemessen des Culturzustaudes 
desselben nicht unerheblichen Weise erhalten haben. 



Erfahrungen, dafs aus Substanzen, in welchen ein Gehalt an 
Gold oder Silber nicht unmittelbar erkennbar ist, durch geeignete 
Behandlung derselben doch das eine oder das andere Metall erhalten 
werden kann, scheinen den Ausgangspunkt dafür abgegeben zu haben, 
dafs man an die Möglichkeit glaubte, die genannten edlen Metalle 
aus Substanzen, die Nichts davon enthalten, künstlich darzustellen. 
Beobachtungen, dafs durch Einwirkung gewisser Substanzen auf ein 
s.g. unedles Metall eine in die Augen fallende Eigenschaft des letzteren 
zu der eines edlen Metalls abgeändert werden kann: die Farbe des 
Kupfers z. B. sich durch angemessene Behandlung desselben mit 
gewissen (zinkhaltigen) Substanzen in Goldgelb und mit anderen 
(arsenhaltigen) in Silberweifs überführen läfst, unterstützten diesen 
Glauben in der Ilichtung, dafs die Umwandlung eines unedlen Metalls 
in ein edles künstlich bewirkt werden könne. Eine weitere Stütze 
dafür, an die Möglichkeit der künstlichen Erzeugung von Gold und 
Silber zu glauben, gewährte die Aristotelische Lehre, dafs in den 
verschiedenen Körpern nicht die Materie sondern nur die Eigen- 
schaften der Materie verschieden seien, und wie nach ihr der Übergang 



Frühestes Bekanntwerden der Alcliemie. 3 

eines Körpers in einen anderen sich als denkbar ergab. — Mit der 
Erfassimg des Glaubens an die Möglichkeit der künstlichen Erzeugung 
der edlen Metalle ging aber von frühe an Hand in Hand das Streben, 
diese Möglichkeit zu realisiren, und die Kundgebung von Behauptungen, 
sie sei bereits realisirt, sie lasse sich in dieser oder jener (aber immer 
unverständlich beschriebenen) Weise realisiren. 

Das Land, für welches am Frühesten solches Streben, solche 
Kundgebung sich bezeugt findet, ist Aegypten, und bis in das vierte Jahr- 
hundert unserer Zeitrechnung wenn nicht in eine noch etwas weiter 
hinter uns liegende Zeit scheinen die Zeugnisse dafür zurückzugehen. 
Einige Unsicherheit bleibt nämlich in so fern, als die ältesten Docu- 
mente, welche für Aegypten Beschäftigung mit der Aufgabe, edle 
Metalle künstlich hervorzubringen, ersehen lassen, Verfasser haben, 
über deren Lebensverhältnisse — speciell auch was die Zeit be- 
trifft, in welcher sie lebten — wir nichts Genaueres wissen. Was 
der Inhalt derjenigen Schriften, auf welche als ältere die anderen Be- 
zug nehmen, an Anhaltspunkten für die Zeitbestimmung bietet, läfst 
schliefsen, dafs die Abfassung der ersteren Schriften so weit wie an- 
gegeben zurückgehe. Undeutlich wie diese und die an sie sich an- 
schliefsenden, in Aegypten oder doch von Männern, welche in diesem 
Lande ihre Bildung erhielten und der Alexandrinischen Schule an- 
gehörten, in Griechischer Sprache abgefafsten Schriften*) sind, — Das 
lassen sie doch erkennen, dafs in ihnen es sich um die künstliche 
Erzeugung von Gold und Silber, namentlich auch um die Metall-. 
Veredlung: die künstliche Umwandlung unedler Metalle in die ge- 



*) Ich habe in den beiden ersten Stücken meiner Beiträge zur Geschichte 
der Cliemie, Braunschweig 1869, im Anschlufs an die Darlegung, Avas über den 
Ursprung der Alchemie und die Herkunft und Bedeutung des Wortes Chemie 
vorgebracht worden und nachweisbar ist, das mir bis dahin über die oben 
erwähnten alchemistischen Aufsätze bekannt Gewordene zusammengestellt, von 
welchen sich Sammlungen auf verschiedenen Bibliotheken in Handschriften linden, 
deren Inhalt noch nicht vollständig veröft'eutlicht ist. In neuerer Zeit sind 
solche Handschriften wieder studirt und benutzt worden von G. Hoff mann 
für den von ihm verfafsten Artikel „Chemie, Name" in dem von Ladenburg 
herausgegebenen Handwörterbuch der Chemie, Bd. II (Breslau 1884j, S. 516 ff. 
und namentlich von M. Berthelot für sein Buch Lcs origincs de Valchimic 
(Paris 1885;. 



4 Bezeichnungen der Alchemie und ihres wichtigsten Präparats. 

nannten edlen handelt. Eines von Solchen, welche sich zur Meister- 
schaft in der Kunst erhoben haben, darzustellenden Präparates, das auf 
unedle Metalle einwirkend diese Umwandlung vor sich gehen lasse, 
wird da schon erwähnt unter einer Bezeichnung, welche der später 
so allgemein gewordenen: Stein der Weisen ganz entspricht; auch 
unter einer anderen, welche nachher aus der Griechischen Sprache in 
die Arabische übernommen und dem Idiom der letzteren angepafst 
eine zweite dann gleichfalls sehr gebräuchhch gewordene Benennung 
jenes Präparates: als das Elixir, sich herausbilden liefs, (Aus der 
späteren Zeit, in welcher über Metallveredlung in Lateinischer Sprache 
geschrieben wurde, stammt die dann gleichfalls häufig vorkommende 
Bezeichnung des nämlichen, den unedlen Metallen namentlich auch die 
Farbe eines der edlen gebenden Präparates als Tinctur; oft wird 
da auch dieses Präparat das Magisterium in der Bedeutung: das 
Meisterstück genannt.) "Wenn ich hier erwähne, dafs in den im 
Vorhergehenden besprochenen Schriften als der eigentliche Urheber 
der Kunst, edle Metalle hervorzubringen, eine mythische Persönlichkeit: 
Hermes — manchmal als. der Dreimal - Gröfste: Trismegistos 
bezeichnet — genannt wird, so geschieht es zur Erinnerung daran, 
dafs hierauf die uns noch oft vorkommende Bezeichnung der Kunst 
als der Hermetischen, der auf die Verwirklichung des für sie 
als möglich Vorausgesetzten und auf die Lösung von anderen zum 
chemischen Geheimwissen gehörigen Aufgaben gerichteten Bestre- 
bungen als Hermetischer Arbeiten beruht. In jenen Schriften 
selbst wird schon frühe diese Kunst als Chemia o. Chymia be- 
nannt, welches Wort — in verschiedenen Sprachen mit unwesentlicher 
Abänderung — jetzt den in früherer Zeit als ein Hülfsmittel für die 
Lösung des Problems der Metallveredlung angesehenen und aus den 
hierauf gerichteten Arbeiten hervorgegangenen Zweig der Natur- 
wissenschaft bezeichnet, welcher die Kenntnifs von der Zusammen- 
setzung der Körper zum Gegenstand hat; in der an die Übermittelung 
dieser vermeintlichen Kunst weiterhin durch die Araber erinnernden 
Form: Alchemie hat sich die Bezeichnung des Strebens und an- 
geblichen Wissens, wie Gold und Silber künstlich hervorzubringen 
seien, in Europa frühe eingebürgert und dann erhalten*). 

*) Spät erst, vom sechszehnten Jahrliundcrt an kommt für die Alchemie 
noch eine andere, uns im Folgenden öfters begegnende Bezeichnung: Spagirische 



Verhreitung der Alchemie. 5 

Mehrfach war im Vorstehenden auf die Araber in so fern hin- 
zuweisen, als Diese auf die Formung von Kunstausdrücken Einflufs 
ausgeübt haben, welche für die Beschäftigung mit der Metallveredlung 
als gebräuchlich gewordene in Betracht kommen; des Antheils, welcher 
diesem Volksstamm an der Verbreitung der Alchemie zukommt, ist 
aber hier noch ausdrücklich zu gedenken. So viel wir wissen, wurden 
die Araber in Aegypten, welches Land sie gegen die Mitte des 
siebenten Jahrhunderts eroberten, mit der Alchemie bekannt, und 
verbreiteten sie Bekanntschaft und Beschäftigung mit ihr über die 
Länder, die sie nachher in Besitz nahmen: längs der Nordküste 
Afrika's und dann auch nach Spanien, in welchem Lande sie frühe 
im achten Jahrhundert sich festsetzten. Wahrscheinlich über Spanien 
kam die Kenntnifs der alchemistischen Lehren in der denselben durch 
die x\raber gegebenen Ausbildung (vgl. 13 f.) den christlichen Abend- 
ländern Europa's zu*). Die Alchemie fand in diesen Ländern einen 
günstigen Boden; üppig wucherte die Beschäftigung mit ihr hier, 
nachdem sie (schon im elften Jahrhundert) bei den Arabern bereits 
stark zurückgetreten war. In dem dreizehnten Jahrhundert war sie 
in Spanien, in Frankreich, Italien, Deutschland und England in 
Blüthe, und dafs sie zum Ertrag wirklicher Früchte gediehen sei, 
wurde da als sicher betrachtet. Die Ausbreitung nützlicherer Lehren 
und Bestrebungen begleitend drangen dann auch alchemistische in 
noch andere Länder Europa's vor, Belege dafür, wie verbreitet 
bereits in dem dreizehnten und dem vierzehnten Jahrhundert die 
Bekanntschaft mit Alchemie und das Interesse für die letztere bei 
allen civilisirten Völkern Europa's war, werden sich uns in dem 
Nachfolgenden genugsam ergeben; doch sei hier schon bemerkt, dafs 
Manches, was als Zeugnifs dafür aus der angegebenen Zeit erbringend 
noch in neueren Schriften über die Geschichte der Alchemie ange- 
führt worden ist, einer späteren Zeit angehört**). 



Kunst in Gebrauch. Dieser Ausdruck soll von ciiato Trennen o. Scheiden und 
in'lüpM Vereinigen abgeleitet sein, zur Andeutung, dafs es auf die Scheidung 
zusammengesetzter Körper und die Herstellung solcher aus den Bestandtheilen 
derselben ankomme. 

*) Vgl. Anmerkung I am Ende dieses Theils. 
**) So z. B. sind die Verse über Alchemie, welche unter den Überschriften 
Bemontrances oic la complaintc de Natur e ä V Alcliymistc errant und Rcponse de 



6 ' Über die Darstellung des Steins der Weisen. 

In dem dreizehnten Jahrhundert findet sich bereits eine im 
Wesentlichen so, wie sie nachher bei den Alchemisten stets in Ansehen 
blieb, ausgebildete Vorstellung darüber vor, auf welche Art der die 
Metallveredlung bewirkende Stein der Weisen darzustellen sei. Dafür 
müsse vor Allem das richtige Rohmaterial, die s. g. 3Iateria prima 
— auch als Jungfernerde, Jungfernmilch und mit ähnlich geschmack- 
vollen Kunstausdrücken, später öfters schlechthin als das Subject be- 
zeichnet — bekannt sein, welches ausfindig zu machen das Schwierigste 
an der ganzen Sache sei. Aus ihm solle gewonnen werden Etwas, 
was als Mercur der Weisen aber auch noch vielfach anders bezeichnet 
wurde, namentlich als der Drache oder der grüne Leu (der rothe Leu 
scheint als etwas, dem grünen immerhin Aehnliches betrachtet worden 
zu sein, manchmal aber auch als Etwas, was erst aus dem letzteren 
hervorgehe; übrigens sind die Alchemisten weder bezüglich aller Einzel- 
heiten in Betreff der Darstellung des Steins der Weisen noch bezüg- 
lich der Benennungen dafür in Betracht kommender Substanzen über- 
einstimmend, wie Dies ja auch so leicht und oft der Fall ist in Be- 
richten Verschiedener über Etwas, was überhaupt nicht wahr ist, und 
wenn es sich um Angaben über Substanzen handelt, die nicht existiren). 
Diesem Stofl' solle ein anderer, gleich geheininifsvoller zugemischt werden: 
Gold der Weisen o. philosophisches Gold (der letztere Stoff scheint 
manchmal auch als die Lilie benannt worden zu sein, welcher Ausdruck 
jedoch auch noch Anderes bedeutete). Die Mischung solle in einem 
Glasgefäfs von passender Form, dem s. g, philosophischen Ei bei ange- 
messener Temperatur digerirt werden, wo sie allmälig schwarz (zum 
Rabenhaupt) werde, später aber weifs (zum weifsen Schwan); jetzt etwas 
stärkerer Hitze unterworfen sublimire, wie Einige lehrten, die soweit 
glücklich bearbeitete Substanz in dem Glasgefäfs (der weifse Schwan 



VAlchymisU ä Naturc mit dem seit dem Anfang des vierzehnten Jahrhunderts in 
Frankreich hcliebt gewesenen Boman de la rose wie einen Theil desselben 
bildend Verbreitung gefunden haben, als einen Beweis dafür abgebend, dafs da 
damals schon die Alchemie etwas Populäres gewesen sei, unter der Voraussetzung'^ 
betrachtet worden, sie seien von Jean de Meun (Meung o. Mehun, nach der 
Geburtsstadt Desselben) verfafst, welcher gegen 1300 den von Guillaume do 
Lorris um 12'10 begonnenen Roman de la rose vollendete. Diese Verse, von 
wekJion einzelne im Nachfolgenden in Erinnerung zu bringen sind, stammen 
aber aus dem sechszehnten Jahrhundert; vgl. Brunet's Manuel du libraire et 
de Vamateur de livres, T. Ill, raris 18G2, 2). 1G7Ü. 



über die Aufsuchung der Materia prima. 7 

fliege auf), während Andere davon, dafs Dies geschehe, Nichts zu 
meklen wufsten. Mehr Übereinstimmung ist darüber vorhanden, dafs 
die so wie angegeben erhaltene weifse Substanz bei noch längerem 
und stärkerem Erhitzen lebhaftere Farben annehme (den Pfauen- 
schweif oder Regenbogen zeige) : gelb und dann glänzend roth werde, 
wo man denn glücklich zum Schlufs der Arbeit gekommen sei und 
die Darstellung des Steins der Weisen vollendet habe. 

Solches wurde gelehrt und geglaubt, nicht etwa nur im Mittel- 
alter sondern auch noch in uns viel näherer Zeit. Unzählig Viele 
haben an der Darstellung des Steins der Weisen sich versucht, aber 
wenn überhaupt der Anfang aller Dinge schwer ist, so bewährte sich 
Das für diese Darstellung ganz besonders: die richtige il/rt^emt j^nma 
wollte sich für weitaus die Meisten nicht finden lassen, und Diejenigen, 
welche glaubten sie zu haben, waren auch nicht besser daran, denn 
sie erhielten bei der Bearbeitung der Substanz, welche je Einer als 
das richtige Rohmaterial ansah, das gewünschte Präparat auch nicht. 
Wiederholt wurde aber das einmal Vorgesprochene gläubig von Allen : 
die Materia prima sei eine ganz gemeine Substanz, man müsse sie 
nur zu suchen und zu finden wissen. Angedeutet, zum Greifen deut- 
lich angedeutet sollte die richtige Substanz in vielen alchemistischen 
Schriften sein, wie die Verfasser derselben wenigstens behaupteten, 
die übrigens gewifs Alles, was sie wufsten, auch sagten, aber leider 
nicht Alles, was sie sagten, auch zuverlässig wufsten, sondern darüber, 
welche Substanz die richtige sei, nicht besser unterrichtet waren als 
ihre Leser. In Räthseln wurde diese so kennenswerthe Substanz an- 
gezeigt, allegorisch wurde auf sie hingewiesen, aber glattweg genannt 
wurde sie von einer vertrauenswürdigen alchemistischen Autorität 
nie*) — die offene Mittheilung eines solchen Geheimnisses, dessen 



*) Allerdings giebt es auch recht viele alcheniistischc Schriften, in welchen 
die angebliche Materia prima deutlicher bezeichnet oder geradezu genannt ist 
(eine Anzahl derartiger Angaben ist im II. Theil meiner Geschichte der Chemie, 
Braunschweig 1844, S. 226 if. zusammengestellt und da sind auch über einige 
Processe, wie der Stein der Weisen aus einzelnen Substanzen, Quecksilber oder 
Vitriol z. B., darzustellen sei, etwas eingehendere Mittheilungen gemacht), aber 
die Verfasser dieser Schriften waren nicht alchemistische Autoritäten ersten 
Banges, und davon, dafs sie Etwas verschwiegen haben mufsten oder überhaupt 
kein Vertrauen verdienten, konnten sich die nach ihren Vorschriften erfolglos 
Arbeitenden überzeugen. Vor dem Vorwurf, unrichtige Angaben zu enthalten, 



8 Über die Aufsuchung der Materia inima. 

Ei'kenntnifs den von Gott dafür besonders Auserwählten vorbehalten 
bleiben müsse, galt als sündhaft — , und gefunden wurde diese Sub- 
stanz auch nie. Letzteres lag "nicht etwa daran, dafs die Alchemisten 
innerhalb eines allzu engen Kreises nach der 3Iatcria prima suchten ; 
im Gegentheil, sie unterwarfen der Probe, ob sich nicht das Richtige 
ergebe, so ziemlich Alles. Durchprobirt wurde, was auf der Erde 
vorkommt, was die Erde in ihren Tiefen birgt, was auf die Erde 
herabfällt oder als auf sie herabfallend betrachtet wurde. Darauf, 
ob nicht das Untersuchungsobject bei vorschriftsmäfsiger Bearbeitung 
den Stein der Weisen oder ein mit wenigstens ähnlicher Wirksamkeit 
ausgestattetes Präparat ergebe (es ist alsbald daran zu erinnern, dafs 
man aufser an den vollkommenen Stein der Weisen auch an un- 
vollkommenere aber doch Etwas von seiner Kraft besitzende Kunst- 
producte glaubte), wurde durchprobirt, was dem Mineralreich zu- 
gehört, durchprobirt wurden verschiedenste Pflanzen und Pflanzen- 
säfte, durchprobirt wurde, was das Thierreich an Se- und Excreten 
bietet, auch das Ekelste, und zwar Dieses mit Vorliebe, Mit weniger 
Vertrauen wurde Milch darauf bearbeitet, ob sie nicht die richtige 
Materia prima sei, als Speichel, und oft dafür in Arbeit genommene 
Substanzen waren Fäces und der Harn von Menschen ; schon im fünf- 
zehnten Jahrhundert zählte der Graf Bernhard von Trevigo in 
seiner später als Opuscule tres-excellent de la vrayc philosopliie naturelle 
des metaiüx gedruckten Schrift auch urine et fiente d'Jiomme in der 
überlangen Liste von Substanzen auf, mit welchen allen er es versucht 
habe. Etwas kam bei einigen wenigen von solchen schmutzigen 
Arbeiten heraus, wenn auch nicht der Stein der Weisen oder ähnlich 
Wirkendes. Ein früher den Chemikern Interesse bietendes, in Be- 
rührung mit der Luft gebracht sich entzündendes und defshalb als 
Pyrophor bezeichnetes Präparat wurde gegen das Ende des siebzehnten 
Jahrhunderts zuerst in Paris durch Homberg, den Leibarzt des 



war natürlich eine Schrift geschützt, wenn in ihr die Materia prima verschwiegen 
war, und (hifs Dem so sei, wurde nianclimal reclit naiv liervorgehoben. In einem 
1786 zu Wien gedruckten, schon vor der ausfülirlichercn Besprechung in der An- 
merkung VI am Ende des II. Theils des vorliegenden Buches manchmal zu be- 
nutzenden Katalog für Geld abschriftlich zu erhaltender Manuscripte ist z. B. 
auch (S. 21) verzeichnet „Ein Prozefs über eine nicht genannte Materie, sonst 
aber mit allen Umständen und Handgriffen beschrieben". 



über die Ausführung der Metallveredlung. 9 

Herzogs Philipp IL von Orleans bei Versuchen erhalten, die auf 
Veranlassung eines vornehmen Herrn zu dem Zweck angestellt wurden, 
aus Menschenexcrementen ein geruch- und farbloses Oel darzustellen, 
welches Quecksilber zu Silber umwandeln solle. Bekannter als dieses 
Präparat ist der Phosphor, den zuerst (1G74) in Hamburg ein Al- 
chemist Brand bei Versuchen erhielt, aus Menschenharn eine Flüssig- 
keit darzustellen, welche Silber zu Gold umzuwandeln vermöge (der 
seiner Zeit berühmte Chemiker Kun ekel, der ohne weitere Kenntnifs 
von diesen Versuchen, als welcher Art das Ptohmaterial für die Be- 
reitung der sonderbaren neuen Substanz gewesen sei, die Darstellung 
der letzteren auffand, ist oft als der Entdecker derselben genannt 
worden). 

Besonders angenehm mag nun auch den Alchemisten — den 
Philosophen, wie sie sich gewöhnlich nannten — das Arbeiten mit 
derartigen Materialien nicht gewesen sein, aber über den Ekel half 
hinweg, was überhaupt zu beharrlicher Bearbeitung der mannigfaltigsten 
Substanzen bestimmte : der Anreiz, welchen die Möglichkeit glücklichen 
Erfolges ausübte, das Vertrauen, dafs der Stein der Weisen mit den 
ihm zugeschriebenen Eigenschaften existire und also auch zu erhalten sei. 

Wohl mufste die Aussicht locken, sich selbst einen Adepten 
nennen zu dürfen, d. h. im Besitze des Geheimnisses zu sein, aus was 
und wie der Stein der Weisen sich darstellen lasse: das Präparat, 
welches bei der s. g. Projection auf unedles Metall, d.h. in kunst- 
gerechter Weise mit erhitztem Quecksilber oder mit geschmolzenem 
Blei oder Zinn o. A. in Berührung gebracht eine unverhältnifsmäfsig 
groise Menge — nach der Versicherung alchemistischer Autoritäten 
das Vieltausend- und selbst vielbillioncnfache Gewicht von dem des 
angewendeten Steins der Weisen — des unedlen Metalles in bestes 
Gold umzuwandeln vermöge. Solche Wirkung komme allerdings nur 
dem zu gröfserer Vollkommenheit ausgearbeiteten Präparate zu ; aber 
wenn ein Alchemist bescheiden genug war, einzusehen dafs ihm viel- 
leicht nicht der höchste Preis seiner Bemühungen zu Theil werden 
möge, so war für ausdauernde Bethätigung seines Eifers doch schon 
der Gedanke stimulirend, die Gewinnung eines Accessits sei auch nicht 
zu verachten: die Erkenntnifs, wie der Stein der Weisen wenigstens 
in demjenigen unvollkommeneren Zustand zu gewinnen sei, in welchem 



10 über die Ausführung der Metallveredlung. 

auf unedle Metalle einwirkend er diese zu Silber werden lasse. Sollte 
auch üas nicht glücken — so dachten Viele — , den eigentlichen 
Stein der Weisen zu gewinnen, welcher universal auf alle unedlen 
Metalle veredlend einwirkend jedes derselben in fast unbegrenzter 
Menge zu Gold umwandle, so sei doch Hoffnung dafür, ein s. g. 
Particular ausfindig zu machen: die Bereitung eines Präparates, 
welches auf ein oder auf ein anderes unedles Metall einwirkend eine 
gewisse Menge des letzteren zu einem der edlen Metalle oder Silber 
zu Gold werden lasse (zeitige, war der übliche Ausdruck^ — 
Und nicht blofs sollte die Alchemie in edlem Metall die Mittel ge- 
währen, sich zu verschaften was nur immer des Menschen Herz er- 
freuen kann, sondern auch diejenige Korperbeschaffenheit, welche zu 
frohem Geniefsen von allem Diesem befähigt; der Stein der Weisen 
galt auch für die Universalmedicin, die Panacee, und für das Lebens- 
elixir. Die Besitzer des Steins der Weisen sollten also in ihm auch 
das Mittel haben, lange, selbst beliebig lange gesund und kräftig zu 
bleiben. 



Die Überzeugung, dal's die von der Alchemie in Aussicht ge- 
stellten Erfolge wirklich zu erlangen seien, und die dadurch gebotene 
Verlockung zu Versuchen, dieser Erfolge theilhaftig zu werden, wurden 
durch Verschiedenartiges unterstützt, was hier in eingehender Weise 
darzulegen ist. Ausführlicher ist über Einzelnes, dessen bereits kurz 
gedacht wurde, und über Anderes zu berichten, um ersehen zu lassen, 
auf was es beruhte, dafs die Beschäftigung mit Alchemie eine so 
lange Zeit hindurch sich erhaltende und so verbreitete sein konnte, 
wie sie es gewesen ist. 

Der Glaube an die Möglichkeit der Metallverwandlung und spe- 
ciell der Metallveredlung*), an die Existenz und die Wirksamkeit des 



*) Weil in dem Folgenden einige Male darauf Bezug zu nehmen ist, mag 
an dieser Stelle daran erinnert werden, dafs alchcmistische Arbeiten zwar vor- 
zugsweise darauf hinausgingen, Gold künstlich entstehen zu lassen, namentlich 
andere Metalle in den Zustand des Goldes zu befordern oder vorwärts zu 
bringen, manchmal aber auch in der Itichtung angestellt wurden, Materie, die 
in dem Zustand des Goldes gegeben war, aus diesem Zustand herauszubringen 



Stellung berühmter Chemiker u. A. zu der Alchemie. 1 1 

Steins der Weisen blieb lange Zeit hindurch ein fester auf Grund 
von Dem, was anerkannte Autoritäten darüber ausgesprochen hatten 
oder auch haben sollten; denn so lange ein unter einem berühmten 
Namen als dem des Verfassers verbreitetes Werk als acht galt, wirkte 
es dafür, an das in ihm Gelehrte glauben zu lassen, auch wenn es 
untergeschoben war gerade so, wie wenn es wirklich von dem ge- 
nannten berühmten Mann ausgegangen wäre. Es würde kaum zu 
begreifen sein, wie der Glaube an die Möglichkeit der Metallveredlung 
und di^ Bewerkstelligung der letzteren mittelst des Steins der Weisen 
ein so allgemein verbreiteter sein konnte, wenn man nicht Kenntnifs 
davon nehmen wollte, in welcher Weise viele Jahrhunderte hindurch 
gerade Diejenigen, welche als die hauptsächlichsten Repräsentanten 
der Naturkenntnifs und namentlich des chemischen Wissens ihrer Zeit 
auch als vorzugsweise competente Beurtheiler des so eben hervor- 
gehobenen Gegenstandes anzusehen waren, sich über denselben ge- 



(Das nannte man schlechthin: das Gold zerstören, oder auch: das Gold aus 
seinem Wesen setzen), bez.-w. Gold in den Zustand anderer Metalle zurückzu- 
führen (diese Leistung wurde manchmal alsReduciren bezeichnet). AYie diese 
Veränderung des Goldes zu bewirken sei ist in besonderen Schriften besprochen 
worden, z.B. in des Hessischen Bergbeamten Joh. Christian Orschall zuerst 
1684 zu Augsburg veröffentlichter Schrift „Sol sine veste, Oder dreyfsig Experi^ 
menta dem Golde seinen Purpur auszuziehen, welches Theils die Destructionem 
auri vorstellet, mit angehängtem Uiiterricht, den schon längst verlangten Eubin- 
Flufs oder rothe GlaCs in höchster Perfection zu bereiten". An sie glaubten für 
ihre Zeit bedeutende Chemiker: so z. B. gegen das Ende des siebzehnten Jahr- 
hunderts Boyle, wie später zu berichten sein wird, und Kunckel, welcher in 
dem I. Theil seines Laboratorium chymicimi anerkennt, dal's das Gold in dem 
mittelst desselben gefärbten Rubinglas aus seinem Wesen gesetzt sei, und in dem 
III. Theil dieses Werkes in einem eigenen Capitel die Frage, „ob das Gold zer- 
stöhrlich sei", bejaht, in einem anderen davon handelt, „wie das Gold aus seinem 
Wesen könne gesetzt wei'den". Aber auch noch gegen das Ende des achtzehnten 
Jahrhunderts war in einer damals bei den Verehrern höheren Geheimwissens 
hochgeachteten rosenkreuzerisch-freimaurerischen Schrift: dem im II. Theil des 
vorliegenden Buches zu besprechenden „Compafs der Weisen" versichert, dafs 
Solches möglich sei; das grol'se Geheimnil's, „das Gold also zu zerstören, dafs es 
kein Gold mehr ist", kenne allerdings nur ein in das höhere Wissen so Einge- 
weihter, dafs er vermöge, einen Kanonenschufs aufzufangen (in einer Anmerkung 
des Herausgebers dieser Schrift wird bei dem lebendigen Gott versichert, dafs 
jeder in dem Geheimbund zu dem entsprechend hohen Grade Gelangte im Stande 
sei, mehrmals in einem Tage die wunderl)are Zerstörung des Goldes auszuführen). 



12 Geber. 

äufsert haben oder geäufsert haben sollten. Defshalb ist es nöthig, 
dafs hier angegeben werde, in welcher Weise solche Männer Dieses 
thaten, und dabei dürfen einige Angaben darüber nicht unterlassen 
werden, welcher Art diese Männer waren. 

Wir haben daran zu denken, dafs während mehr als tausend 
Jahren das ganze chemische Wissen nur als Alchemie zusammen- 
gefafst war: nur um Defs willen, dafs es der Lösung des Problemes, 
wie edle Metalle künstlich hervorzubringen seien, diene, und dafs Das, 
was später in richtigerer Einsicht als die Aufgabe der Chemie be- 
trachtet wurde: die Erkenntnifs der Zusammensetzung der verschiedenen 
Körper, damals nur Gegenstand der Beachtung bei den Chemikern 
war, weil es ein wesentliches Hülfsmittel für die Lösung jenes Problemes 
abgebe. Dafs während jener langen Zeit Seitens der Repräsentanten 
der Chemie die Wahrhaftigkeit der Alchemie anerkannt wurde: d. h. 
dafs diese zu leisten vermöge, was von ihr erwartet wurde und was 
sie zu leisten verspreche, ist selbstverständlich. 

Es war bereits S. 3 f. zu erwähnen, dafs schon bei den in Griechi- 
scher Sprache über Chemie schreibenden Schriftstellern der Aegyptischen 
Schule — Schriftstellern, deren Reihe in dem vierten Jahrhundert 
n. Chr. wenn nicht noch früher zu beginnen scheint — die künst- 
liche Hervorbringung edler Metalle, namentlich die künstliche Um- 
wandlung unedler Metalle in edle, dann auch die Bereitung eines 
diese Umwandlung in glattester Weise bewirkenden Präparates es ist, 
was in ihren — abgesehen von Anderem — durch eine uns unver- 
ständliche Nomenclatur undeutlichen Schriften gelehrt werden soll. 

Ungleich deutlicher in der Beschreibung einer grofsen Anzahl 
von chemischen Operationen und der dabei resultirenden Körper sind 
die nur in Lateinischer Übersetzung bekannten, als von einem Araber, 
dessen Name zu Geber latinisirt worden, verfafst geltenden Schriften, 
von welchen — speciell bezüglich des als Summa perfectionis ma- 
gisterii betitelten Hauptwerkes — Das mindestens gewifs ist, dafs sie 
so, wie wir sie jetzt haben, schon im dreizehnten Jahrhundert im 
Abendlande vorlagen, wenn auch grofse Unsicherheit in Betreff des 
Verfassers und der Herkunft dieser Schriften vorhanden ist (ich habe 
darüber, was wir über Geber und seine Schriften wissen bez.-w. 
nicht wissen, in dem HL Stück meiner Beiträge zur Geschichte der 
Chemie, Braunschweig 1875, S. 13 ff. ausführlichere Nachricht ge- 



Geber. 13 

geben). In diesen Schriften ist die, übenviegend auf Grund der 
Berücksichtigung des physikalischen Verhaltens der Körper und zur 
Erklärung dieses Verhaltens aufgestellte Aristotelische Lehre aner- 
kannt, nach welcher Eine Urmaterie in viererlei, durch bestimmte 
Fundamentaleigenschaften charakterisirten Grundzuständen: den als 
Erde, Wasser, Luft und Feuer bezeichneten in die Zusammensetzung 
verschiedener Körper eingeht; die Körper werden als aus diesen s. g, 
Aristotelischen Elementen bestehend betrachtet. Aber es wird noch 
eine andere, speciell chemische Lehre dargelegt, welche die erste all- 
gemeinere Theorie bezüglich der chemischen Zusammensetzung der 
Körper und namentlich Einer Classe derselben, der Metalle gewesen 
ist, Jahrhunderte hindurch unverändert in Geltung blieb und für 
später entwickelte und bis weit in das vorige Jahrhundert in der 
Chemie beibehaltene Anschauungen die Ausgangspunkte enthielt. Nach 
dieser letzteren Lehre fügen sich aus Aristotelischen Elementen durch 
innige Vereinigung derselben Substanzen zusammen, die unter sich 
Verbindungen zu bilden vermögen, für welche die Eigenschaften und 
besonders die chemischen durch den Gehalt an diesen Substanzen; 
Grundstoffen im chemischen Sinne, bedingt sind. Wäre einem Chemiker 
neuerer Zeit zu verdeutlichen, als in welcher Beziehung zu den Ari- 
stotelischen Elementen stehend diese Grundstoffe angesehen wurden, 
so würde die Vergleichung der ersteren mit den jetzt als Elemente 
bezeichneten unzerlegbaren Substanzen und die der letzteren mit s. g, 
zusammengesetzten Radicalen eine ziemlich passende sein. Ein solcher, 
als Sulphur (Schwefel) benannter Grundstoff wurde in allen durch 
Einwirkung des Feuers veränderbaren Körpern und speciell in den 
Metallen als das diese Eigenschaft Bedingende angenommen, und die 
Farbe der Metalle wurde gleichfalls als auf dem Gehalt an diesem 
Grundstoff und der Art desselben beruhend betrachtet; ein zweiter 
Grundstoff sei mit dem Sulphur zu den Metallen vereinigt: der als 
Mercurius (Quecksilber) benannte, welcher der Träger anderer Eigen- 
schaften der Metalle sei: des Glanzes, der Dehnbarkeit, der Schmelz- 
barkeit, der Befähigung zur Amalgamation mit gewöhnlichem Queck- 
silber. Der als Sulphur und der als Mercurius benannte Grundstoff 
wurden nicht als identisch mit dem gemeinen Schwefel und mit dem 
gemeinen Quecksilber angesehen, aber als vorzugsweise in den letz- 
teren Körpern enthalten; man dachte sich jene Grundstoffe etwa als 



1 4 Geber. 

in der Beziehung zu diesen Körpern stehend, als in welcher stehend wir 
jetzt Kohlenstoff und Steinkohle betrachten. Übrigens könne in einem 
oder dem anderen Metall das Sulphur oder der Mercurius rein oder un- 
rein, fein oder grob, so oder anders gefärbt sein. Die Verschiedenheit 
der Metalle beruhe darauf, dafs in ihnen die zwei Grundstoffe von 
verschiedener Art und nach verschiedenem Verhältnifs vereinigt ent- 
halten sind. In den edlen Metallen seien die Grundstoffe sehr rein 
und der Gehalt an Mercurius überwiegend. — Bei Anerkennung 
dieser Lehre war die Umwandlung eines Metalls in ein anderes und 
speciell auch die eines unedlen Metalls in ein edles als etwas wohl 
Ausführbares zu beurtheilen; man brauchte ja nur die in demjenigen 
Metall, von welchem man ausging, enthaltenen Grundstoffe auf den 
erforderlichen Grad von Reinheit zu bringen und das angemessene 
Verhältnifs zwischen ihnen herzustellen, so raufste ein anderes Metall: 
(las gewünschte edle Metall resultiren. Das Zinn sollte nach der von 
Geber dargelegten Lehre die Grundstoffe etwas reiner aber nament- 
lich verhältnifsmäfsig mehr Mercurius enthalten als das Blei; wie 
etwas Thatsächliches wurde angegeben, dafs durch Zusatz der ge- 
hörigen Menge Quecksilber zu Blei und Schmelzen Dessen, was so 
entsteht, das Blei sich zu Zinn umwandeln lasse. Wenn Das geglaubt 
wurde, so mufste es auch als ganz glaubhaft erscheinen, dafs sich 
durch geeignete Verfahrungsweisen die Zusammensetzung des Blei's 
oder die des Kupfers oder eines anderen unedlen Metalles auch zu 
<ler des Silbers oder des Goldes corrigiren, eines der ersteren Metalle 
in eins der letzteren umwandeln lasse. Wie man Das bewirken, die 
s. g. unvollkommenen Metalle zu s. g. vollkommenen machen könne, 
war nach Geber's ausdrücklicher Aussage die eigentliche Aufgabe 
des Theiles des Wissens, über Avelchen er schrieb. Er war auch der 
Meinung, dafs das Kupfer, welches in mehrfacher Beziehung sich dem 
Gold und dem Silber nahe stelle und die Färbung jedes dieser beiden 
Metalle leicht annehme, zu der Umwandlung in edles Metall be- 
sonders geeignet sei (est bonae conversionis et paiici lahoris). Die 
Agentien, welche (zinkhaltige Substanzen) die Färbung des Kupfers 
zu Goldgelb und (arsenhaltige Substanzen) die Färbung dieses Metalles 
zu Silberweifs abändern, bringen jedoch keine beständige, der Be- 
handlung des gefärbten Metalles mit Feuer u. A. widerstehende 
Wirkung hervor. Als Medicinen der ersten Ordnung werden bei 



Avicenna. 15 

Geber solche Agentien bezeichnet, welche an unedlen Metallen nur 
Veränderungen bewirken, die nicht beständige sind; behauptet wird 
aber, dafs es auch Medicinen der zweiten Ordnung gebe, welche ein- 
zelne Eigenschaften unedler Metalle in dauerhafterer Weise zu denen 
eines oder des anderen edlen Metalles abändern, und dafs es eine 
Medicin der dritten Ordnung — sie wird auch als der Stein oder das 
grofse Elixir bezeichnet — gebe, welche Dies für alle Eigenschaften 
thue: unedles Metall zu wahrem Silber oder Gold umwandle. Die 
Angaben über die Darstellung der Medicinen höherer Ordnung sind 
aber leider nicht so verständlich, wie die auf die Medicinen erster 
Ordnung bezüglichen. 

Die nämliche, die Zusammensetzung der Metalle betreffende Lehre 
und die gleiche Anwendung derselben zur Begründung der Möglich- 
keit der Metallverwandlung bez.-w. Metallveredlung findet sich auch 
in anderen von Arabern verfafsten Schriften : namentlich in einer dem 
berühmten Arabischen Arzt Avicenna (980 o. 985 bis 1037) mit 
Unrecht zugeschriebenen, welche in der: De anima in arte alchimiae 
betitelten Lateinischen Übersetzung in dem Mittelalter bei den christ- 
lichen Abendländern als eine Ilauptquelle naturwissenschaftlicher Er- 
kenntnifs galt und öfter und mehr benutzt bez.-w. citirt wurde, als 
die vorbesprochenen Schriften Geber' s, auf welchen übrigens in dem 
Buch de anima wiederholt Bezug genommen ist (ich habe dieses 
wegen des Ansehens, in welchem es in dem Mittelalter stand, für 
die Geschichte der Naturwissenschaft wichtige, jetzt selten gewordene 
und kaum mehr berücksichtigte Buch in dem IIL ^tück meiner Bei- 
träge zur Geschichte der Chemie ausfüiudicher besprochen). In der 
da vorgebrachten Discussion, ob die Alchemie etwas Reelles oder nur 
etwas Imaginäres sei, fällt die Entscheidung zu Gunsten des Ersteren 
aus, und es wird anerkannt, dafs ein die Metallveredlung bewirkendes 
(als das Elixir, das Magisterium oder der Stein bezeichnetes) Präparat 
wirklich darstellbar sei. 

Die nämliche Lehre war dann, mindestens von dem dreizehnten 
Jahrhundert an, den christlichen Abendländern bekannt und sammt 
der die künstliche Hervorbringung edler Metalle aus unedlen be- 
treffenden Consequenz anerkannt; und die Behauptung, dafs ein so 
zu sagen mit Einem Schlage diese Wirkung auf unedle Metalle 
äufserndes Präparat, der Stein der Weisen existire, wurde nicht nur 



16 Vincentius Bellovacensis. 

SO, wie sie bei den Arabern vorgebracht worden war, wiederholt, 
sondern mit zunehmender Überbietung bezüglich der die Darstellbarkeit 
und die Wirkung dieses Präparates betreffenden Angaben. Alle 
bedeutenderen Autoritäten auf dem Gebiete der Naturwissenschaft 
in dem dreizehnten Jahrhundert sprachen sich zu Gunsten der Al- 
chemie aus, machten dadurch für dieselbe Propaganda; und auch 
Männer, die zunächst auf anderen Gebieten des Wissens sich Ansehen 
erwarben, trugen dazu bei, den Glauben an die Wahrhaftigkeit der 
Alchemie zu unterstützen und zu verbreiten, oder mufsten wenigstens 
ihren Namen für Schriften hergeben, die in digsem Sinne Einflufs 
ausübten. 

Am Wenigsten ist der Vorwurf, selbstständig Übertreibung der 
hinsichtlich des von der Alchemie zu Leistenden ihm zugekommenen 
Angaben begangen zu haben, dem Vincentius aus Burgund zu 
machen, welcher dem Dominicaner-Orden zugehörte, Prinzen-Erzieher 
am Hofe Ludwigs des Heiligen war und sich später in das 
Kloster zu Beauvais, dem er zuständig war, zurückzog, wo er 1256 
0. 1264 starb und nach welchem er als Vincenz von Beauvais 
(Vincentius Bellovacensis) benannt worden ist. Der als Speculum 
naturale bezeichnete Theil seines als Speculum majus betitelten grofsen 
Werkes, das seiner Zeit seine Gelehrsamkeit documentirte, enthält 
in der oft nur sehr losen Aneinanderreihung von Excerpten aus ihm 
bekannt gewordenen Schriftstellern auch solche, welche die vorbe- 
sprochene Lehre von der Zusammensetzung der Metalle seinem Leser- 
kreise bekannt machten; es wird die Behauptung vorgebracht, dafs 
das als lapis oder elixir bezeichnete Präparat bei der Projection 
auf ein verflüssigtes Metall dieses secundum proprietatem umwandle; 
es wird nicht bezweifelt, dafs per artem alchimiae transmutantur 
Corpora mineralia a propriis speciehus ad alias, praecipue metalla, 
und dafs cdiae multae artificum operationes, propter rerum träns- 
mutationes ad alcJiimiam pertinentes, erforscht seien. 

Viel weiter ging in seinen Behauptungen auch ein uns zunächst 
in Betracht kommender, ungleich berühmterer Zeitgenosse des Vin- 
centius nicht. Albert von Bollstädt war um 1193 in Lauingen 
an der Donau, im Bayerischen Schwaben, geboren; er studirte in 
Padua, trat 1223 in den Dominicaner-Orden ein, lehrte und predigte 
an verschiedenen Orten Deutschlands, namentlich wiederholt in Köln. 



Albertus Magnus. 17 

wohin er auch, nachdem er 1245 bis 1248 in Paris gelehrt hatte 
und nachdem er 1256 nach Itahen gereist war, zurückkehrte; er war 
1260 bis 1262 Bischof von Regensburg, trat 1269 wieder in das 
Dominicaner-Kloster in Köln ein und starb da 1280. Albertus 
Magnus, wie dieser Gelehrte in Anerkennung seiner wissenschaft- 
lichen Gröfse bald genannt wurde, glaubte gleichfalls an die Mög- 
lichkeit, Metalle künstlich hervorzubringen, und auch dafs ein Metall 
zu einem anderen umgewandelt werden könne, wenigstens dafs die 
Kunst eine solche Umwandlung befördern und bewirken könne, dafs 
aus einer Art von Metall, durch die derselben innewohnenden Natur- 
kräfte, eine andere werde. Aus dem in dem unzweifelhaft von ihm ver- 
fafsten Werk De rebus metaUicis et mineralibus Gesagten geht Dies mit 
Bestimmtheit hervor; seiner Ansicht nach schafft die Kunst nicht aus einer 
Metallspecies geradezu eine andere, sondern sie lälst durch Aufbrechen 
des bisherigen Bestandes Eines Metalles, Reinigen des vorhandenen 
Schwefels und Quecksilbers und gute Vereinigung derselben cjnn materia 
mefaJIi ein anderes Metall sich herausbilden; aus dem Silber als 
dem dem Gold am Nächsten stehenden Metall lasse sich leichter Gold 
darstellen, als aus jedem anderen Metall, denn dafür brauche man nur 
die Farbe und die [specifische] Schwere des Silbers abzuändern, und 
Das zu thun sei nicht schwierig. Er glaubte auch an die Darstell- 
barkeit des alle Metalle mit der schönsten Goldfarbe ausstattenden 
'Elixirs und beschrieb, nach Dem was er bei Anderen darüber an- 
gegeben fand, wie dasselbe zu bereiten sei. Aber er warnte auch vor 
nur scheinbaren Umwandlungen unedler ]\Ietalle zu edlen; ich komme 
darauf zurück. . Doch mehr als das eben genannte äclite Werk 
Albert's, welches darüber, wie er über Alchemie dachte, Auskunft 
giebt, wirkten dafür, dafs er als ein Bürge für die Wahrhaftigkeit 
der Alchemie betrachtet wurde, ihm untergeschobene, mit Unrecht 
seinen Namen tragende rein alchemistische Tractate — der Libelltis de 
alcliimia, die als ComposHuni de contpositis betitelte Schrift u. a. — , 
in welchen Das, was er selbst über die ■\Ietallveredlungskunst ermittelt 
und bewährt gefunden habe, mit gröfster Bestimmtheit angegeben ist. 
Unter Albert's Schülern war der berühmteste Thomas von 
Aquino, welcher im Jahre 1224 o. 1227 auf dem Schlosse Rocca- 
sicca bei Aquino im Neapolitanischen aus dem Geschlechte der nach 
dem letzteren Orte sich nennenden Grafen geboren war, gegen den 

Kopp, Die Alcliemie. I. 2 



18 Thomas von Aquino. 

Willen seiner Aeltern 1243 in den Dominicaner-Orden eintrat und 
darob fast zweijährige Gefangenschaft zu erdulden hatte, der Freiheit 
wiedergegeben von 1245 an in Köln und Paris Theologie und Philo- 
sophie studirte, von 1248 an hauptsächlich in Paris aber auch in Rom 
und Bologna, zuletzt in Neapel lehrte, und 1274 im Cistercienser- 
Kloster Fossanuova bei Terracina starb; um Defs willen, was er als 
Gelehrter war, wurde er als der Doctor angclicus oder auch univer- 
salis benannt, und um der Anzeichen der Heiligkeit willen, die für 
ihn bezeugt wurden, ist er durch den Papst Johann XXII. 1323 
canonisirt worden. Noch vor wenigen Jahren*) ist zu der Befolgung 
und Verbreitung seiner Art des Forschens und Leinens eindringlichst 
vermahnt und dabei hervorgehoben worden, dafs auch die von ihm 
und den seiner Zeit in gleicher Richtung Strebenden ausgesprochenen 
Ansichten über naturwissenschaftliche Gegenstände mit Dem, was man 
jetzt über die letzteren wisse, vielfach in Einklang stehen. Dafür 
sowohl als dagegen, dafs Dies auch für Thomas' Urtheil über die 
Alchemie gelte, liefse sich anführen, wie er in unzweifelhaft oder wahr- 
scheinlich ihm angehörigen Schriften über diesen Gegenstand sich aus- 
spricht**). Mehrere Schriften, welche — zum Theil schon frühe im 



*) In der Epistola encyclica des Papstes Leo XIII. vom 4. August 1879 
{La civiltä Cattolica, Serie X, Vol. XI, Firenze 1879, p. 513—550). 

**) Darauf, dafs Thomas' Äufserungen hezüglich der Möglichkeit der 
künstliclien Hervorhringung der edlen Metalle sich widerspi-echen, ist schon 
früher aufmerksam gemacht worden; ich will hier wenigstens anzeigen, was für 
die Beurtheilung, oh Dem so sei, als hauptsächlich heachtenswerth erscheint. 
Als diese Möglichkeit hestreitend ist aufzufassen, was er in dem Commentar zu 
L. II sententiarum (des Petrus Lomhardus) in Quaest. III, artic. 1 (in der 
zu Venedig 1745 — 1760 veröffentlichten Ausgahe seiner theologischen Werke 
T. IX, p. 109) sagt, und in gleichem Sinne ist wohl zu nehmen, was seine 
Quaestiones de potentia in Quaest. VI, artic. 1, § 18 {T. XIV, p. 173) hahen; 
anderseits läfst, was Snmmae tJieoIogicae sccunda secnndae in Quae.'^t. LXXVII, 
artic. 2, § 1 [T. XXII, p. 393 s.) hat, nur die Deutung zu, dafs doch an- 
erkannt wird, alchemistisch gemachtes Gold oder Silher sei für den Verkauf 
ehen so gut wie natürliches. Noch entschiedenere Aussprüche zu Gunsten 
der Alchemie finden sich in dem Commentar zu des Aristoteles Schrift 
ühcr Meteore, welcher meines Wissens gewöhnlich den Werken des Aqui- 
naten zugerechnet wird, wenn auch (vgl. Piossi's in der nachfolgenden An- 
merkung angeführtes Werk p. 240) schon früher und noch si)ilter — doch ohne 
dafs ein l)estimmtes liesultat erzielt worden wäre ^ in Betracht gezogen worden 
ist, oh dieser Commentar hez.-w. Avelche Thcilc dcssellfcn wirklich von Thomas 



Thomas von Aquino. 19 

vierzehnten Jahrhundert — unter seinem Kamen verbreitet Ovaren: 
der Thesaurus alchymiae secretissimus, die Secreta alchymiae mag- 
nalia, der Tractat de esse et essentia mineralmm u. a., liefsen aller- 
dings den Aquinaten so dastehen, als ob er nicht nur zuversichtlich 
an die Wahrhaftigkeit der Alchemie geglaubt sondern sich auch auf 
Grund seiner Vertrautheit mit dieser Kunst befähigt gefühlt habe, 
Anderen Anweisung zu erfolgreicher Ausübung derselben zu geben; 
aber die Dominicaner, welche den Vorwurf der bald nach Thomas' 
Zeit kirchlich verpönten Beschäftigung mit Alchemie von dieser Zierde 
ihres Ordens abzuwälzen bestrebt waren, hatten wohl Recht, wenn 
sie diese Schriften als untergeschobene zurückwiesen*). Diejenigen, 
welche sich für die Alchemie interessirten, waren jedoch anderer An- 
sicht; sie betrachteten diese Schriften als ächte, und ihnen galt da- 
nach, wie in den letzteren mit angeblicher Kenntnifs der tiefsten Ge- 
heimnisse der Alchemie von dieser gehandelt wird, während langer 
Zeit auch Thom.as von Aquino als ein unverwerflicher Zeuge dafür, 
dafs die Alchemie Das realisiren könne, was von ihr gehofft wurde**). 
Darüber aber besteht kein Zweifel, wie bezüglich der Alchemie 
und des von ihr zu Leistenden A mal d von Villanova dachte oder 



von Aquino verfafst seien; was in dem Commentar zum III. Buch Lectio IX 

am Schlüsse derselben (Bici Thomae Aqninatis Tomiis tertius, complectens 

expositionem in quatuorlibros meteorormu Aristotelis, Venetiis 1593, f. 48'"^ 

und was in dem Commentar zum IV. Buch Lectio I im Anfange derselben ('/'. 48^'^ 
liat, enthält die bestimmte Anerkennung, dafs die künstliche Hervorbringung von 
Metallen und die Umwandlung eines Metalles in ein anderes durch die Alche- 
misten bewirkt werden könne. 

*) Das that noch in der ]Mitte des vorigen Jahrhunderts der Dominicaner 
J. Fr. Bern. Mar. Rossi, unter Bezugnahme darauf, wie schon ein um lo28 
gestorbener berühmter Deutscher Dominicaner, der Meister Ekkhart geurtheilt 
hatte (/. Fr. Bern. Mar. de Buheis de gestis et scriptis ac doctrina Sancti 
Thomae Aquinatis disscrtaiiones criticae et apologeticae, Venetiis 1750, p. 245). 
**) Der später zu besprechende Libavius hat im Anfang des siebzehnten 
Jahrhunderts in seinen auf Alchemie bezüglichen Schriften nicht selten an Sol- 
ches, was Thomas gesagt liabe, erinnert, und in seinem Tractat de lapide philo- 
sophorum (der in dem 160(3 veröft'entlichten II. Theil seiner Coinmeniariorum 
alchemiae steht) unter den Belegen für das von ihm Vorgebrachte auch auf mehr 
als 2 enggedruckten Folioseiten angebliche Aussprüche des Thomas von Aquino 
zusammengestellt. Xoch in unserem Jahrhundert ist dafür, dafs wenigstens die 
meisten der unter Thomas' Namen verbreiteten alchemistischen Schriften Avirk- 
lich von Diesem verfafst seien, Schmieder (Geschichte der Alchemie, Halle 
1832, S. 137 ff.) eingetreten. 

2* 



20 Arnald von Villanova. 

clafs wenigstens das hierüber in Schriften, welche unter seinem Namen 
verbreitete waren, sich Findende von ihm selbst ausgesprochen worden 
ist. Unentschieden blieb, ob die Heimath dieses Arnald, welche 
Demselben den ihm gewöhnlich zugelegten Beinamen abgab (der eigent- 
liche Name soll A. Bachuone gewesen sein) Villanova in Catalonien 
oder Villeneuve in der Gegend von Montpellier gewesen ist; ungewifs 
auch, in welchem der Jahre zwischen 1235 und 1248 er geboren 
war. Aber hiervon abgesehen ist man über seine Lebensverhältnisse 
ziemlich gut unterrichtet. Er studirte in Montpellier und in Barcelona, 
lehrte dann auch zunächst an dem letzteren Ort und wurde bald als 
Arzt berühmt; er machte, als er 1285 zu dem erkrankten König 
Peter III. von Aragonien berufen worden. Diesem eine den Tod des- 
selben betreffende Prophezeiung, welche eintraf*) (der König starb 
gegen das Ende des Jahres 1285), und gab auch sonst, durch an- 
stöfsige Lehrmeinungen, der Geistlichkeit Aergernifs, welshalb er von 
der Inquisition verfolgt und von dem Erzbischof von Tarragona in 
den Bann gethan wurde; er flüchtete nach Paris, wo er wiederum 
in den Ruf, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, und auch in den 
eines Goldmachers kam, wendete sich auch von da vertrieben zunächst 
nach Montpellier, wo er während einiger Jahre die Heilkunde lehrte, 
und ging später nach Italien, wo er sich namentlich in Rom, Bologna, 
Florenz und Neapel aufhielt, und zuletzt, 1296, nahm er seinen 
Aufenthalt in Sicilien, wo er bei dem (1296 bis 1337 über Sicilien 
herrschenden) König Friedrich IL in grofsem Ansehen stand. Dafs 
Arnald im Punkte des Glaubens mindestens sehr verdächtig war 
und sich auch in einem Tractat de spurcitiis psrndo-rcUgiosorum 
gegen die Geistlichkeit hart ausgelassen hatte, hielt den in Avignon 
residirenden Papst Clemens V., als Dieser an Blasengries-Bildung 
erkrankt war, nicht ab, den ihm vom genannten König empfohlenen 
Arzt in Anspruch zu nehmen; Arnald folgte der Aufforderung, nach 
Avignon zu reisen, kam aber — die Zeitangaben schwanken zwischen 



*) Was für eine andere seiner Prophezeiungen: dafs die Welt im Jahre 1335 
untergehen werde, nicht der Fall war. Diese letztere Prophezeiung war einer 
der Hauptpunkte, um deren willen er kirchlicher Censur verfiel; andere waren 
seine Behanjjtungen, dafs die ]);lpstlichen Bullen nur Menschenwerk seien, und 
dafs die Betliätiguug der Barmherzigkeit mehr werth sei als das Beten und 
selbst das Messchöreu. 



Aruald von Villanova. 21 

1312 und 1314 — auf der Reise in Folge eines Schift'bruches ums Leben. 
— Dafür, dafs er in den Ttuf eines Goldmachers komme, hat Arnald 
auch in seinen Schriften bestens gesorgt, und er brachte es dahin, 
dafs er von den Alchemisten als eine hochstehende Autorität für ihre 
Kunst anerkannt wurde (er ist übrigens auch, doch mit Unrecht, 
noch in neuerer Zeit als der Begründer der praktischen Chemie ge- 
nannt worden). In seinen zahlreichen alchemistischen Schriften, in 
welchen er auch die Lehre der Araber bezüglich der Zusammen- 
setzung der Metalle vorbringt, giebt er sich als Einen, welcher die 
Meisterschaft in der Alchemie erlangt habe. Alchemistisch angefertigtes 
Gold ist zwar, wie er in der Schrift de vinis bemerkt, nicht voll- 
kommen identisch mit dem natürlichen, aber der Unterschied tritt 
doch nur nach Einer Richtung hervor, die für's Gewöhnliche nicht in 
Betracht kommt; wo es sich um einen als Arzneimittel schätzbarsten 
Trank handelt, dessen Wirksamkeit auf den verborgenen Kräften des 
angebUch darin enthaltenen Goldes beruhen soll, sagt Arnald, die 
Alchemisten können zwar die Substanz und die Farbe des Goldes 
hervorbringen aber ihrem Fabrikat nicht diese Kräfte des natürlichen 
Goldes verleihen. Den Stein der Weisen, die Bereitung und die 
Wirksamkeit desselben mufste er offenbar aus eigener Erfahrung 
kennen, so genaue Angaben hierüber enthalten seine, namentlich die 
als Rosarius pMlosophorum , FIos fJornm, Kovion Inmcn u. a. be- 
titelten alchemistischen Schriften. Die Araber hatten mehrfach dis- 
cutirt, ob mehrere als wunderwirkender Stein zu bezeichnende Präparate 
existiren; Arnald wufste mit Bestimmtheit, dafs es nur Einen Stein 
giebt aber von zweifacher Natur, je nachdem er unedles Metall zu 
Silber oder zu Gold umwandelt. Er mufs mit dem Stein der Weisen 
quantitativ gearbeitet haben; der Bosarius hat die Angabe, dafs 
1 Theil des Steins auf 100 Theile Quecksilber einwirkend das Ganze 
zu Gold oder Silber umwandelt, welches jede Probe besteht. Der 
Stein, welchen er anwendete, mufs jedoch nicht immer von gleicher 
Wirksamkeit gewesen sein; man hat auch eine, noch im Anfang des 
siebzehnten Jahrhunderts von Libavius re roducirte Angabe Arnald's, 
nach welcher 1 Theil des da auch als Meuicin (vgl. S. 14 f.) bezeich- 
neten Steins 1000 Theile sorgfältig gereinigtes Quecksilber zu so 
gutem Sill)er oder Gold umwandelt, dafs je 1 Theil des neu hervor- 
gebrachten edlen Metalles 1000 Theile unedlen Metalles zu Silber 



22 Roger Bacon. 

bez.-w. Gold werden lassen kann. Dal's der Stein der Weisen da die 
Bezeichnung als Medicin auch im eigentlichen Sinne dieses Wortes 
mit Recht trägt, wird deutlich werden, wenn wir später von den 
heilkräftigen Wirkungen dieses Präparates etwas speciellere Kenntnifs 
nehmen. 

Ich habe mich bei Arnald von Villanova etwas länger auf- 
gehalten, weil seine Behauptungen, bei dem Ansehen in welchem er 
stand, ganz besonders dazu angethan waren, den Glauben an die 
Alcheniie zu stärken und zur Beschäftigung mit ihr anzulocken. Aus 
gleichem Grund ist der an wissenschaftlicher Bedeutung den Arnald 
überragende Roger Bacon hier etwas eingehender zu besprechen. 
Dieser merkwürdige Mann war wahrscheinlich um 1214 in der Gegend 
von Ilchester in der Grafschaft Somerset im südwestlichen England 
geboren; er studirte Theologie und was damals mit dem Studium dieser 
Wissenschaft verknüpft war in Oxford und Paris; am letzteren Ort 
erwarb er den Doctorgrad in der Theologie und zudem auch Kenntnifs 
von einer damals nur von sehr Wenigen eingeschlagenen Richtung: 
der der experimentalen Forschung. Etwa um 1250 kehrte Bacon 
nach Oxford zurück. Dann in den Franciscaner-Orden eingetreten, 
wurde er von harten Verfolgungen getroffen, von 1257 bis 1267 in 
Paris unter strenger Aufsicht, von 1278 (in welchem Jahr seine 
Lehren auf einem zu Paris abgehaltenen allgemeinen Ordenscapitel 
der Franciscaner verdammt wurden) an während längerer Zeit in 
Oxford in Haft gehalten. Wie lange diese dauerte — wie es scheint 
nicht über 1292 — , ist ungewifs, und auch, wann er starb (wahr- 
scheinlich 1294). Bewundernswerth steht er, welcher als Doctor 
mirabilis bereits von seinen Zeitgenossen benannt wurde, in der That 
Diesen gegenüber da. In einer Zeit, wo der Autoritätsglaube Alles 
beherrschte, wo auch in den Naturwissenschaften vollständige Kennt- 
nifs des von anerkannten Autoritäten Ausgesprochenen und weitere 
Verfolgung der Consequenzen, welche aus diesen Aussprüchen abzu- 
leiten sind, als die höchste Stufe wissenschaftlicher Leistung galt, 
stellte Bacon dem Wissen "uf Autorität hin und dem Wissen durch 
Speculation oder Argumentation aus für wahr gehaltenen Sätzen eine 
dritte Art der Erkenntnils bewufst an die Seite: das Wissen auf 
Grund experimentalen Forschens in dem Sinne, dal's unter dem 
letzteren die überlegte Anstellung von Versuchen verstanden ist. In 



Roger Bacon. 23 

einer Zeit, in welcher man noch allgemein an Magie glaubte*), be- 
iirtheilte Bacon (namentlich in seiner Epistola de sccretis opcrihus 
artis et naturae et de mdlitate mcujiae) den Aberglauben seiner Zeit 
richtig und hob er hervor, dafs viele auf natürliche (mittelst eines 
Magnets z. B.) aber dem grofsen Haufen unbekannte Weise zu be- 
wirkende Erscheinungen von diesem — namentlich wenn Zauberformeln 
dazu gesprochen und ähnliche Gaukeleien aufgeführt werden — als 
durch übernatürliche Kräfte hervorgebracht betrachtet werden. In 
Vielem erhob sich Bacon über Das, was zu seiner Zeit anerkannt 
war, auch aufserhalb des naturwissenschaftlichen Gebietes, und die 
Selbstständigkeit seiner Ansichten, der darin sich äufsernde Wider- 
spruch gegen die Autorität war der Grund, wefshalb er verfolgt 
wurde. Und dieser Mann glaubte an die Wahrhaftigkeit der Alchemie 
und daran, dafs dieselbe uns Unbegreifliches hervorbringen könne, 
wie an Unzweifelhaftes. Weniger tritt dieser Glaube hervor in dem 
schon länger bekannten, als Opus iiiajus betitelten Werke Bacon 's 
mehr in den erst nach der Mitte unseres Jahrhunderts durch den 
Druck veröffentlichten Werken : dem Ojius minus und dem Opus 
tertinm, und ganz in diesem Glauben verfafst und dem letzteren bei 
Anderen kräftigste Unterstützung gewährend sind die unter den 
Alchemisten seit lange verbreiteten, die Goldmacherkunst ex pirofcsso 
behandelnden Schriften : Speculiim alchimiae, Brcrc hreviariio)) de 
doiio Bei u. a. Da wird die die Möglichkeit der Metallverwandlung 
begründende Lehre der Araber bezüglich der Zusammensetzung der 
Metalle vorgebracht, da die künstliche Herstellung edler Metalle als 
die eigentliche Aufgabe der Chemie hingestellt, speciell des als 



*) Die Magie mit Dem, was sie als Specialitäten in Betreff des AVetter- 
machens, der Nekromaiitie u. A. einscliliel'st, war damals ein wenigstens in 
Spanien — in Salamanca nämlich, dessen Hochschule um 1250 gegründet war — ■ 
in eigens dafür bestimmten Universitäts-Vorlesungen gelehrter Zweig des Wissens. 
Vigehat olim in Hispania liaec ars, pnhlicequc clocehatur i)i SaJcanantica aca- 
demia: nunc vero puhlicis legibus subJata csi, bezeugt der 1576 verstorbene 
Cardanus im 19. Buch seines (1550 zuerst veröffentlichten) Werkes de subtilitate 
(jj. 773 der Lyoner Ausgabe von 1554), in welchem Buch — ebenso wie in dem 
18., da wo von der Besprechung der (schwarzen) magiae malcfkae sich weg- 
wendend er dazu, einiges auf die magiam utilem (die Meifse) Bezügliche darzu- 
legen, übergeht — der Verfasser recht Interessantes über Zauberwirkuugen 
bez.-w. über Leichtgläubigkeit noch aus seiner Zeit mitgetheilt hat. 



24 Kaymundus Lullus. 

olcJmnia practica bezeichneten Theiles dieses Gebietes des Wissens 
(es wird nämlich von Bacon auch eine alclmnia speculatka in dem 
Sinn unterschieden, dafs die letztere rein naturwissenschaftlich, nicht 
um der praktischen Anwendung der zu gewinnenden Erkenntnifs halber, 
(Je rerum generatione ex elementis u. A. zu forschen habe), da die Dar- 
stellung des Steins der Weisen — des Elixirs — besprochen und wie dieses 
Präparat eine viel gröfsere Menge eines unedlen Metalls (1 Theil des 
ersteren 1000 X lf*ÖO und noch mehr Theile des letzteren) sofort zu Gold 
umzuwandeln, auch als lebenverlängerndes Mittel zu wirken vermöge. 
Aber das Weitestgehende bezüglich des Steins der Weisen und 
der raetallveredlenden Wirksamkeit desselben wurde in Schriften ge- 
lehrt, welche als von Raymundus Lullus verfasst verbreitet waren 
und von dem vierzehnten Jahrhundert an bei den Alchemisten im 
höchsten Ansehen standen. Dafs der Verfasser wenigstens eines Theiles 
dieser alchemistischen Schriften, deren Zahl ungebührlich grofs war, 
— namentlich der als Testamentum, als Codicülus, als Epistola accur- 
tationis lapidis (welche Epistel an den König Robert Bruce von 
Schottland gerichtet gewesen sei) betitelten Schriften — wirklich der 
Raymundus Lullus gewesen sei, welchem nachgerühmt worden ist, 
dafs er neue Bahnen in der Grammatik, der Dialektik, der Onto- 
logie gebrochen habe, und der die Philosophie reformiren wollte, — Das 
ist früher fast durchgängig und ist noch in neuerer Zeit angenommen 
worden. Dieser Raymundus Lullus war 1235 oder in einer 
diesem Jahre nahekommenden Zeit aus edler Familie zu Palma auf 
Majorca geboren. Im Heere und am Hofe des Königs von Aragonien 
führte er ein lockeres Leben, bis seine glühende Leidenschaft für die 
schöne Ambrosia de Castello dadurch, dafs Diese ihm einen 
Brustkrebs enthüllte, abgekühlt wurde; hierdurch aufs Tiefste er- 
schüttert und zudem durch eine nächtliche Erscheinung des gekreuzigten 
Erlösers auf den Pfad der Bufse hingewiesen weihte er sich nun 
einem gottgefälligen Leben, studirte in der Heimath und auswärts 
eifrig, trat in den Franciscaner-Orden ein und suchte neben Förderung 
der Wissenschaft in seinem Sinne Das zu realisiren, was er auf Grund 
göttlicher Eingebung als die Aufgabe seines Lebens betrachtete: das 
Christenthum unter den Muhammedanern durch Anregung von Kreuz- 
zügen gegen sie und durch Predigen des Evangeliums bei ihnen zu 
verbreiten. Da der Erfolg der in ersterer Richtung angestrebten Be- 



Eaymundus LuUus. 25 

mühungen seinen Wünschen nicht genügte, versuchte er in der letzteren 
Kichtung selbst zu wirken; zu drei verschiedenen Malen verkündete 
er den Ungläubigen an der Nordküste Afrika's die christliche Lehre, 
aber schon die beiden ersten Male übel aufgenommen erlitt er das 
dritte Mal 1315 bei Bugia die Steinigung, in deren Folge er starb. 
Lullus wurde in Palma l)estattet; dafs er in angegebener Weise den 
Tod gefunden, fand sich 1611 bei der Eröffnung seines Grabes bezeugt, 
wo an dem Schädel des Begral^enen vier von der Steinigung her- 
rührende ^Verletzungen gesehen wurden. Aber unter seinem Namen 
cursirten auch alchemistische Schriften, welche in einer dem angegebenen 
Todesjahr nachfolgenden Zeit verfafst sein sollen: eine als Experhnenta 
betitelte ist als im Jahre 1330 abgeschlossen datirt, ein Tcstamentum 
novissimimi hat nach dem am Schlüsse desselben Stehenden Ray- 
mundus Lullus in der Kirche der heiligen Katharina, dem Castell 
gegenüber, zu London unter König Eduard's Regierung im Jahre 1332 
geschrieben (darin spricht der Verfasser auch davon, dafs er 1330 
in Mailand das Meisterstück der Alchemie in der ganzen Vollendung 
desselben zu Stande gebracht habe), und eines Buches de merciiriis 
wird erwähnt, in welchem Raymundus Lullus selbst angebe, dafs 
er es in Italien im Jahre 1333 geschrieben habe. Die letzteren 
Schriften wurden von Einigen , welche die Aechtheit anderer und 
namentlich der vorher erwähnten anerkannten, als untergeschobene, 
vielleicht von einem etwas jüngeren Alchemisten ähnlichen Namens 
verfafste betrachtet, als gleichfalls ächte dagegen von Anderen, 
welche der Ansicht waren, dafs Lullus keineswegs in Folge der 
Steinigung 1315 den Tod gefunden sondern mindestens bis 1333 
gelebt und geschrieben habe, was dann weiter noch annehmen liel's, 
er sei viel später als 1235 geboren. Aber darauf hin, dafs der ächte 
Raymundus Lullus — der Bodor illuminatissimus, wie ihn seine 
Bewunderer nannten — sich in mehreren der vielen ihm unzweifelhaft 
zugehörigen Schriften entschieden gegen die Alchemie ausgesprochen 
hat, ist auch von Einigen behauptet worden, dieser Mann sei über- 
haupt nicht Alchemist gewesen, und alle als Producte seines Geistes 
oder seiner Erfahrung geltenden alchemistischen Schriften seien nur ihm 
untergeschoben*). Solche Bedenken, wie sie durch das im Vorher- 

*) Ich liabe in der eingeheiulereii Darlegung der verscliiedenen Ansichten 
über die Beziehungen des Ravmund Lull zu der Alchemie in dem III. Stück 



26 Raymundus Lullus. 

gehenden Erörterte veranlafst werden konnten . störten jedoch die 
Alcheniisten des vierzehnten Jahrhunderts und der nachfolgenden 
Zeit in keiner Weise in ihrer Überzeugung, die unter dem Namen 
des Raymundus Lullus ihnen zugekommenen Schriften seien wirk- 
lich von dem vorbesprochenen berühmten Manne verfafst, in ihrer 
Verehrung des Letzteren als eines Meisters der alchemistischen Kunst, 
auf welchen als einen Gewährsmann für die Wahrhaftigkeit derselben 
so oft und so vertrauensvoll Bezug genommen worden ist, dafs etwas 
eingehendere Angaben über ihn hier nicht zu unterlassen waren. 
Gläubig wurde hingenommen, was in diesen Schriften gelehrt und 
behauptet ist. Die Alchemie wird da dargelegt als der Theil des Wissens, 
welcher zur Aufgabe habe, neben der Reinigung und Vervollkommnung 
mineralischer Substanzen überhaupt und der Herstellung der Gesund- 
heit namentlich die Umwandlung der unedlen Metalle zu edlen zu 
bewirken. Auch da fufst die Möglichkeit der Metallvervvandlung darauf, 
dafs alle Metalle aus denselben als Sulphur und Mercurius bezeichneten 
zwei Grundstoffen bestehen. Die Veredlung der unedlen Metalle wird 
durch den Stein der Weisen bewirkt und zur Darstellung des letzteren 
wird ausführlich eine Anweisung gegeben, die uns unverständlich ist 
und von welcher auch die Alchemisten früherer Zeit anerkennen 
mufsten, dafs sie schwer verständlich sei. Mit der gröfsten Bestimmt- 
heit, wie wenn alles Vorgebrachte auf eigener Erfahrung des Ver- 
fassers dieser Schriften beruhte, wird diese Anweisung gegeben und 
von den Wirkungen des Steins der Weisen gesprochen. Alles bis 
dahin Dagewesene wird durch das in diesen Schriften Stehende über- 
boten: namentlich durch die Behauptung, dafs der nach der da ge- 
gebenen Vorschrift dargestellte Stein der Weisen auf ein viel gröfseres 
Gewicht Quecksilber einwirkend das letztere zu Stein der Weisen 



meiner Beiträge zur Geschichte der Cliemie (Braunschweig 1875) S. 105 eine 
neuere Sclirift eines Spaniers angeführt, welche die obige Ansicht verficht (Fern. 
Weyler y La vi na' s Baimundo Liäio juzgado pof si mismo; Palma 1866). 
Ich weifs nicht, ob sich mir noch einmal eine andere Gelegenheit bieten wird, 
diese Angabe zu vervollständigen: die nämliche Ansicht vertritt auch Kamön 
JjuU (liaimuHclo LulioJ considerado como alquimista, por D. Jose Ramon de 
Luanco; Barcelona 1870 (vgl. Magin P.onet y IJonfill's Rede über die Ge- 
schichte der Chemie in früherer Zeit in JHscursos leidos ante la Real Acadcmia 
de ciencias en la recepciön jmüUca del Sr. 1). Manuel Säenz Dicz; 3Iadrid 
1883, I). 87). 






Raynnnulus Lullus. 27 

werden lasse und diese s. g. Multiplication des metallveredlenden 
Präparates mehrfacher Wiederhohing fähig sei. Als von Raymundus 
Lullus ausgesprochen ist verbreitet und geglaubt worden, dal's ein 
bohnengrofses Stückchen des zur Vollkommenheit ausgearbeiteten 
Steins der Weisen auf 1000 Unzen Quecksilber geworfen diese zu einem 
rothen Pulver, auch noch Stein der Weisen, umwandle, bei Anwendung 
von je 1 Unze der resultirenden Substanz auf 1000 Unzen Queck- 
silber sich noch bei dreimaliger Wiederholung der Procedur ein 
Gleiches ergebe, bis dann die Kraft des ursprünglichen Präparates 
so weit herabgemindert sei, dafs 1 Unze des nun erhaltenen Productes 
auf 1000 Unzen Quecksilber geworfen dieses zu Gold umwandle, 
welches besser sei als das Gold aus den Bergwerken*). Wer Solches 
behauptete, Der konnte auch den von den Alchemisten so bewunderten 
und oft angeführten Ausspruch thun, das ganze Meer, bestünde es 
aus Quecksilber, vermöge er in Gold zu verwandeln (Marc t'mgerem, 
si mercurius cfiset). Dazu kamen noch die, später auch in der vor- 
liegenden Schrift zu berührenden Angaben über die wunderbaren 
arzneilichen Wirkungen des Steins der Weisen; dazu auch noch An- 
gaben, wie man Edelsteine und Perlen künstlich bereiten, wie man 
liämmerbares und unzerbrechliches Glas darstellen könne, und der- 
gleichen: wahrlich genug, die Begierde Vieler zu reizen, sich solchen 
Wissens theilhaftig zu machen, und durch Erregung der Begierde 
wie durch die Bestimmtheit der Behauptungen daran glauben zu lassen, 
dafs das in Aussicht Gestellte auch erreichbar sei. 

In den dem dreizehnten zunächst folgenden Jahrhunderten treten 



*) Darüber, in welchem Gewichtsverliältnirs imd wie oft die s. g. Multipli- 
cation aixsführbar sei, enthalten verschiedene dem Raymundus Lullus bei- 
gelegte Schriften verschiedene Angaben. Was oben angeführt wurde und was 
das Testamentum in dem als Practica überschriebenen II. Theil über diesen 
Gegenstand hat, ist gemäfsigt im Vergleiche zu Dem, was in einer als Compen- 
diiim animae trausmutationis artis metallorum betitelten Schrift (so wie sie u. a. 
in der Kölner Ausgabe des Testamentes von 1573 diesem angefügt ist) steht: 
1 Drachme des vollkommenen Steins der Weisen wandle 100000 Drachmen 
Quecksilber zu einem mit allen Eigenschaften der ersteren kostbaren Substanz 
ausgestatteten Pulver um, von welchem 1 Drachme in gleicher Weise auf 100000 
Drachmen Quecksilber einwirke, und diese Multiplications- Operation könne 
hundertmal wiederholt werden, bis endlich ignis lapidis sit extinctus, et conver- 
tatiir materia in metaUum perfectnm, et non fiat ex illo pitlcis plus. 



28 Die Alcliemie in dem 14. und 15. Jahrhundert. 

für die Wahrhaftigkeit der Alchemie nicht solche Autoritäten ein, 
wie die in dem Vorhergehenden besprochenen: Männer, welche neben 
Dem, was sie wirklich oder vermeintlich in dem Sinne der Alchemie 
behaupteten oder behauptet haben sollten, eine hervorragende Be- 
deutung in der Geschichte der Wissenschaften erlangt haben. Wohl 
wird in dem Verlauf der in der vorliegenden Schrifi zu gebenden 
Berichterstattung eines und des anderen Alchemisten zu gedenken 
sein, welcher dem vierzehnten oder dem fünfzehnten Jahrhundert 
angehörte, aber wie grofs auch die Zahl der Alchemisten in dieser 
Zeit war: es ist Keiner darunter, welcher unter dem so eben hervor- 
gehobenen Gesichtspunkte den vorbesprochenen wissenschaftlichen 
Gröfsen des dreizehnten Jahrhunderts auch nur entfernt an die Seite 
gestellt werden könnte. Grols bleibt die Zahl der sich mit Alchemie 
Beschäftigenden, auch der über diese Kunst Schreibenden noch immer. 
Es bleibt der Glaube an die Möglichkeit der Metallverwandlung, der 
an die Darstellbarkeit und die Wirksamkeit des Steins der Weisen. 
Es bleibt bei den Alchemisten in Geltung die dem ersteren Glauben 
zur Begründung oder zur Unterstützung dienende Lehre, dafs alle 
Metalle vom Gesichtspunkte des Chemikers aus als aus den zwei, 
Sulphur und Mercurius genannten Grundstoffen zusammengesetzt zu be- 
trachten seien. Aber bei der jetzt in weitere und weitere Kreise sich ver- 
breitenden Bekanntschaft mit der mehr auf das Physikalische gerichteten 
Lehre des Aristoteles über das Wesen der Körper oder doch mit 
Einzelnem aus dieser Lehre tritt auch darauf Gegründetes bei den 
Alchemisten mehr hervor: die Überzeugung, dafs die Metallverwandlung 
auch defshalb möglich sein müsse, weil dieser Lehre gemäfs das 
materielle Substrat aller Körper Ein und Dasselbe ist, in den ver- 
schiedenen Körpern man das nämliche materielle Substrat nur mit 
verschiedenen Eigenschaften bekleidet hat, verschiedene Körper, auch 
ein und ein anderes Metall, als in ähnlicher Beziehung unter sich 
und zu der in ihnen enthaltenen Urmaterie stehend anzusehen sind, 
in welcher ein Messer und ein Schlüssel, zwei ihren Eigenschaften 
und ihrem Verhalten nach verschiedene Körper, unter sich und zu 
dem in ihnen gemeinsam enthaltenen Stoff" (dem Eisen) stehen. Die 
Umwandlung jedes Körpers in jeden anderen durch angemessene 
Abänderung der die zunächst in dem ersteren enthaltene Urmaterie 
bekleidenden Eigenschaften erschien hiernach als möglich, als ein 



Basilius Yalentinus. 21> 

Wechsel des Costüms der vorhandenen Urmat ehe; ein Metall zu einem 
anderen umwandeln war ja hiernach nichts Anderes, als die Urmaterie 
der Eigenschaften, mit welchen decorirt sie das erstere Metall vor- 
stellt, entkleiden unter Neubekleidung derselben mit den Eigenschaften, 
welche die Attribute des anderen Metalles sind. An diese Auffassung 
erinnern in der Zeit, bis zu deren Betrachtung wir jetzt gekommen 
sind, mancherlei da gebrauchte bildliche Ausdrücke: wenn man z.B., 
dafs ein Metall zu Gold — dem vornehmsten Glied oder dem König 
der Familie der Metalle — umgewandelt werde, so ausgedrückt 
findet, dafs dem ersteren ^Metall der Königsmantel angezogen werde, 
oder wenn man die vermeintliche Umwandlung des in eine gewisse 
Flüssigkeit (ein Kupfervitriol enthaltendes Grubenwasser z. B., dessen 
Kupfergehalt damals noch nicht erkannt war) eingelegten Eisens 
(Mars) zu Kupfer (Venus in der Sprache der Alchemisten) so vorge- 
stellt findet, dafs in diesem Bad die hineingebrachte Materie den 
Panzer des Mars ablege und sich mit dem Kleide der Venus schmücke. 
Wenn unter den Alchemisten des vierzehnten und des fünfzehnten 
Jahrhunderts keine Männer sind, welche sich in jetzt noch aner- 
kannten Disciplinen berühmt gemacht haben, so mangelt es anderer- 
seits unter ihnen doch nicht an Solchen, die bei ihren Fachgenossen 
auch noch in viel späterer Zeit in dem Rufe sehr erfahrener und 
erfolgreicher Goldkünstler und zuverlässiger Lehrer ihrer Kunst durch 
die von Denselben verfafsten Schriften (falls man die letzteren ver- 
stehe) standen. Von diesen rein oder fast rein alchemistischen Autori- 
täten jener Zeit ist hier Eine aber auch nur Eine mit einigen 
Worten zu besprechen, und für diese Eine ist es sehr ungewifs, ob 
sie wirklich der Zeit, in welche sie selbst gesetzt sein will und ge- 
wöhnlich gesetzt wird, angehört. — In dem ersten Decennium 
des siebzehnten Jahrhunderts wurde durch Joh. Thölde, Raths- 
kämmerer und Pfannenherr (d. i. Inhaber eines Antheils an dem 
Salzwerk) zu Frankenhausen in Thüringen, eine Anzahl alchemistischer 
Schriften veröffentlicht — Vom grofsen Stein der uhralten Weisen, 
Von natürlichen und übernatürlichen Dingen, Triumphwagen des 
Antimonii sind die Titel einiger von den wichtigeren — , deren Ver- 
fasser Basilius Valentinus gewesen sei. Diese Schriften fanden bei 
den Alchemisten grofse Anerkennung, und es wurde dann die Zahl 
derselben noch um ein Erhebliches durch Tractate vermehrt, die wohl 



30 Basilius Valentinus. 

nicht alle von demselben Verfasser wie die ersterwähnten Schriften 
herrühren*). In den wenigstens relativ ächten Schriften, welche 
so weit sich urtheilen läfst ursprünglich in Deutscher Sprache ver- 
fafst sind (sie sind auch in Lateinischer Sprache veröffentlicht und 
diese Sprache ist manchmal für sie als die Original-Sprache betrachtet 
worden), giebt sich der Verfasser als einen aus Ober-Deutschland 
gebürtigten Benedictiner-Mönch des Namens Basilius Valentinus 
zu erkennen; nach Solchem, von was als für seine Zeit neu oder 
bekannt in diesen Schriften die Rede ist, wäre der Verfasser in die 
zweite Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, eher gegen das Ende des- 
selben hin, zu setzen. Von einem so benamsten Mann oder einem 
so sich nennenden Schriftsteller oder einem im Benedictiner-Orden 
diesen Namen führenden Mönch hat man aus der Zeit vor der Ver- 
öffentlichung dieser Schriften keinerlei Kunde, und aus der darauf 
folgenden Zeit hat mau bezüglich dieser Persönlichkeit nur ganz un- 
sichere Aussagen: eher Vermuthungen, die bei öfterer Wiederholung 
eine gewisse conventionelle Consistenz erhalten haben, als glaubwürdige 
Nachrichten; erst um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts wird 
ohne irgend welchen Nachweis angegeben, die Werke des Basilius 
Valentinus seien unter dem Hochaltar einer Kirche zu Erfurt ge- 
funden worden, und dann kommt 1675 die durch Nichts' unterstützte 
aber bis in unsere Zeit gewöhnlich wieder vorgebrachte Angabe 
eines Geschichtschieibers der Stadt Erfurt (Gudenus), dal's Basilius 
Valentinus um 1413 (welcher Zeit in den Werken Stehendes wider- 



*) Als eine von den unter Basilius Valentinus Namen veröifentlichten 
Schriften, welche einen Anderen zum Verfasser haben sollen, ist namentlich die 
unter dem Titel Äsolh philnsophortim in Lateinischer Sprache zuerst 1613 heraus- 
gegebene betrachtet worden. Ich erwähne ihrer hier, um über das noch manch- 
mal vorkomn)ende Wort Äzoth Einiges zu sagen. Dieser Ausdruck bedeutete 
bei den Hermetikern etwas Anderes, als was unter Azot seit Lavoisier ver- 
standen wird, -welcher mit dem letzteren, aus dem a privativum und Cfwq (das 
Leben) gebildeten Wort den Stickstoff bezeichnete; aber es läfst sich nicht an- 
geben, was. Sehr verschiedene imaginäre Ivöriier: gegen Zauberei und Krank- 
heiten wirksame Mittel und für die Darstelhmg des Steins der Weisen diensame 
Substanzen wurden als Azoth benannt und im letzteren Fall bald Etwas, was 
die Natur einer Säure habe, bald etwas aus (Quecksilber Darzustellendes, bald 
noch Anderes: in den si)äteren Jahrhunderten wohl am Öftesten eine das Wesen 
der Metallicität potenzirt entlialtende und vorzugsweise zu der künstlichen Her- 
vorliringung der edlen Metalle geeignete Substanz. 



Basilius Valentiiius. 31 

spricht) im Sanct-Peters-Kloster dieser Stadt gelebt habe. Was nach 
dem eben Dargelegten an Beweisen dafür mangelt, dals der Verfasser 
dieser Werke erheblich lange vor der Zeit der Veröffentlichung der- 
selben gelebt habe, findet auch nicht etwa einen Ersatz darin, dafs 
es Handschriften dieser Werke oder auch nur Eines derselben aus 
früherer Zeit gebe; keine Handschrift von einem dieser Werke ist 
meines Wissens bekannt, welche nach den Schriftzügen oder einem 
anderen verlässigen Merkmal mit Sicherheit einem früheren als dem 
siebzehnten Jahrhundert zuzurechnen wäre. (Dafs es jüngere Hand- 
schriften giebt, welche als Etwas von Basilius Valentinus oder 
etwas zu ihm in Beziehung Stehendes enthaltend von Erfurt und 
einem oder einem anderen Jahre des fünfzehnten Jahrhunderts — von 
1401 bis 1483 — datirt sind, kommt nicht in Betracht, da die An- 
fertigung derartiger gefälschter Handschriften behufs des Verkaufs an 
leichtgläubige Liebhaber der Alchemie in späterer Zeit oft genug 
vorgenommen worden ist.) Es liegt somit Veranlassung vor, die an- 
geblich im fünfzehnten Jahrhundert verfafsten untei* des Basilius 
Valentinus Namen gehenden Schriften als erst viel später: gegen 
das Ende des sechszehnten oder im Anfang des siebzehnten Jahr- 
hunderts verfafst, den angegebenen Namen des Verfassers als einen 
fingirten, die Publication dieser Schriften in der hier erzählten Weise 
als eine absichtliche literarische Täuschung zu betrachten, und wenn 
ich bei ausführlicherer Discusion der Basilius Valentinus-Frage 
oder -Sage in dem HI. Stück meiner Beiträge zur Geschichte der 
Chemie S. 110 ff.*) mich nicht geradezu in diesem Sinn aussprach, 
so ist der Grund dafür der, dafs nicht wohl einzusehen ist, wefshalb 
T holde — welcher dann wohl als der Fälscher zu betrachten ^Yäre — 
diese Schriften, die aufser Alchemistischem auch noch recht viel im 
Anfang des siebzehnten Jahrhunderts für die eigentliche Chemie Neues 
und Bedeutendes enthielten, in jener Form herausgegeben und nicht 
das letztere Wissen als sein eigenes veröffentlicht hätte. — Die 
Alchemisten des siebzehnten und des achtzehnten Jahrhunderts nahmen, 
wie es ja auch noch in späterer Zeit die über die Geschichte der 
Chemie oder der Alchemie Schreibenden gethan haben, diese Schriften 



*) H. Hildebrand's „Der Alchemist Basilius Valentinus" in der Ein- 
ladungsschrift des Fraucisceums in Zerbst 1876 hat die BeantM'ortung dieser 
Frage nicht weitergefordert. 



32 ßasilius Valentinus. 

als das Vermächtnifs eines im fünfzehnten Jahrhundert gelebt habenden 
Goldkünstlers ruhig hin, und bewunderten namentlich das von dem 
Verfasser in der letzteren Eigenschaft darin Ausgesagte. Wie aufrichtig 
und zugleich wie bescheiden mufste ihnen der Verfasser erscheinen, 
welcher (am Ende der „Schlufsreden") so offen und so anspruchlos 
bekannt hat: „Ich war der Anfänger, und habe grofse Mühe gehabt, 
ehe ich etwas gelernet und iwoficirt'-' ; wie sympathisch mufste ein 
solcher Ausspruch die Leser berühren, denn ach! sie waren ja alle auch 
Anfänger, hatten leider, wohl wegen noch nicht in hinlänglichem Mals 
aufgewendeter Mühe noch Nichts gelernt und von Proficiren war bei 
ihnen noch Nichts bemerklich geworden. Aber Trost und Aussicht 
auf bessere Zukunft bot, dafs an dieses Bekenntnifs des Benedictiners 
sich die dem Leser gegebene Verheifsung anschlols: „Wirst du nun 
lieifsig meine Schriften lesen, so wirst du aus meinen Parabeln der 
Xn. Schlüssel" (Das sind zwölf Abtheilungen der Schrift Vom grofsen 
Stein der uhralten Weisen) „die primam matcriam oder llercurnim 
Phüosopliorum sammt dem philosojjM&chen Saltz mercken zu finden, das 
ferment oder Sulphur Fhilosophormn hab ich dir aufsdrücklich vor- 
gemahlt". Wie glaubwürdig erschien, was der Verfasser sagte, wenn 
er (auch in den Schlufsreden) so gelegentlich bei der, leider nicht 
deutlichen Beschreibung eines alchemistischen Processes bemerkt: 
„Difs ist mein erstes Stück gewesen, Gold und Silber zu machen". 
Und mit welchem Vertrauen war dann auch hinzunehmen, was der 
Verfasser über die Ausarbeitung und die metallveredlende Wirkung 
des Steins der Weisen gelehrt hat, in verschiedenen Schriften aller- 
dings in wenigstens anscheinend sich widersprechender Weise. Aber 
er gesteht auch zu, dafs ihm die Bereitung der köstlichen Substanz 
zu verschiedenen Zeiten in ungleichem Grade gelungen sei, und er 
verdient auch danach Zutrauen, dafs er in seinen Behauptungen nicht 
so weit geht, als man es nach, dem in anderen, z. B. in Ray m und 
Lull's Schriften (vgl. S. 27) zu Lesenden wohl erwarten könnte: 
das Höchste, was er bezüglich der Leistungsfähigkeit des Steins der 
Weisen (in dem als Supplemenümi oder Zugabe betitelten Tractat) 
angiebt, ist doch nur, dafs 1 Theil desselben 30000 Theile Blei, 
Quecksilber, Zinn, Kupfer oder Silber zu gutem Gold umwandle. Er 
giebt auch Auskunft über verschiedene Particulare (vgl. S. 10), aber 
er hat aewifs Ptccht, wenn er vorzugsweise zur Ausarbeitung des- 



Pa^acelsus. 33 

eigentlichen Steins der Weisen anreizt, denn in diesem liat man auch, 
wie oft versichert wird, die Universahiiedicin. Auch in diesen 
Schriften wird die Zusammensetzung der Metalle in einer Weise ge- 
lehrt, welche die Umwandelbarkeit eines Metalls in ein anderes er- 
klärlich macht und dem Glauben daran, dafs solche Umwandlung 
bewirkt werden könne, zur Unterstützung dient; die Metalle seien 
aus den nämlichen, jetzt in der Dreizahl angenommenen und als 
Sulphur, Mercurius und Sal (Salz) bezeichneten Grundstoffen, in ver- 
schiedenem Verhältnifs derselben in den verschiedenen Metallen, zu- 
sammengesetzt: aus den nämlichen Grundstoffen, aus welchen oder 
aus zwei von welchen auch alle anderen Körper bestehen. Was diese 
Grundstoffe bedeuten, d. h. welcher Eigenschaften Träger dieselben 
seien, wird unklar in ungefährer Übereinstimmung mit Dem ange- 
deutet, was Paracelsus (wie alsbald zu erwähnen) über diese auch 
von ihm angenommeneu Grundstoffe angegeben hat. Als ein Beispiel 
für Metallverwandlung abgebend kommt auch in diesen Schriften die 
S. 29 besprochene vermeintliche Umwandlung des Eisens zu Kupfer in 
Betracht. 

In dem zweiten Viertel des sechszehnten Jahrhunderts lenkt die 
Chemie in eine neue Richtung ein, so fern das Bestreben, in dessen 
Verfolgung die chemischen Kenntnisse sich erweitern und die spätere 
und richtige Auffassung und Betreibung der Chemie vorbereitet wird, 
nicht mehr in erster Linie Das ist, die edlen Metalle künstlich her- 
vorzubringen, sondern ein anderes: die Chemie der Heilkunde dienen 
zu lassen, mit welcher letzteren nun als ganz verschmolzen die Chemie 
während eines mehr als hundert Jahre umfassenden Zeitraumes da- 
steht. — Paracelsus, welcher in der Medicin als lleformator 
dieser Disciplin auftrat, war es, welcher die Chemie in diese neue 
Richtung einlenken liefs: Philippus Aureolus Theophrastus 
Paracelsus Bombastus von Hohenheim, wie sein voller Name 
gewesen sein soll*), war 1493 bei Einsiedeln in der Schweiz geboren. 
Von seinem 1502 nach Villach in Kärnthen übergesiedelten Vater, 



*) Er selbst nannte sich einfacli Theophrastus, so z. B. auch in dem 
Buch Faragranum und zwar in den verschiedenen Redactionen, in welchen wir 
dasselbe haben; auch von Anderen wird er manchmal noch im siebzehnten Jahr- 
hundert so genannt. Paracelsus ist vielleicht eine Latinisirung von Hohen- 
heim. 

Kopp, Die Alcliemie. I. 3 



34 Paracelsus. 

der Arzt war, wurde er in Dessen Wissen unterrichtet. Es ist ungewifs, 
ob er im sechszehnten Jahr einen Anfang akademischer Studien in 
Basel gemacht habe, gewisser, dafs er in seiner Jugend sich vielfach, 
auch aufserhalb Deutschlands, herumtrieb. 1525 in sein Heimath- 
land zurückgekehrt, liefs er sich in Basel als Arzt nieder; 1527 zum 
Professor der Medicin an der dortigen Universität ernannt gerieth er 
schon 1528 mit dem Rath von Basel wegen des Urtheils, das auf 
eine von ihm auf Zahlung versprochenen ärztlichen Honorars erhobene 
Klage ergangen war, in solche Zerwürfnisse, dafs er Basel verlassen 
mufste, und nun hielt er unstet an vielen Orten Deutschlands, zeit- 
weise auch der Schweiz, sich auf, bis er in Salzburg 1541 starb*), 
— Paracelsus war von dürftiger wissenschaftlicher Vorbildung, 
aber genial und energisch. Von der zu seiner Zeit auf den ver- 
schiedenartigsten Gebieten, was Glauben und was Wissen betrifft, 
angefochtenen Unterwürfigkeit unter hergebrachte Autorität suchte er 
auch die Heilkunde frei zu machen; diesem seinem Bestreben gab er 
damit Ausdruck, dafs er bei Eröffnung seiner Lehrthätigkeit in Basel 
vor seinen Zuhörern die Werke Galen's und Avicenna's, der damals 
für schulgerecht gebildete Aerzte höchststehenden Autoritäten, ver- 
brannte. Der übermälsigen Verehrung grofser Männer früherer Zeiten 
und der Aussprüche Derselben, wie sie die Erkenntnifs beschränkend 
weil selbstständiges Forschen hindernd bis dahin geherrscht hatte, 
setzte Paracelsus (welcher übrigens vor Hippokrates Respect 



*) Die Angabe ist sehr verbreitet gewesen, dafs Paracelsus in Folge 
einer Verletzung des Kopfes gestorben sei, die der Sage nach ihm bei einem 
Gelage beigebracht worden sein soll, bei welchem es zu Thätlichkeiten gekommen 
sei. Die Angabe erschien als unterstützt dadurch, dafs nach einer Wieder- 
ausgrabung seiner Gebeine an dem Schädel ein Sprung wahrgenommen worden 
ist. Neuere Forschungen sollen aber aufser Zweifel gesetzt haben, dafs diese 
Beschädigung des Schildels erst bei der Exhumation stattgefunden hat (vgl- 
A. Bauer's: Chemie und Alchymie in Oesterreich, Wien 1883, S. 14). — Wenn 
Paracelsus wirklich jener Angabe gemäfs gestorben wäre, so würde Das aller- 
dings äufserst bedenklich zu Dem stimmen, was als von ihm gegen seine Feinde, 
die da hoffen ihn verbrannt zu sehen, geschrieben die Fragmenta medica in 
der Vorrede zu vier Büchern columnarum medicinae haben: „Vnd habent damit 
Gwcr einfalt angezeigt, dafs ihr nit verstehndt, was todts Theophrastus sterben 
soll, oder woliin Tlieoplirastus pracdestinirt ist: nit zum Fewr, nit in ewern 
willen, nit nach ewerm Begeren, sondern er wird sterben des Todts, den er jm 
aufserwehlet liat. Also wird Theophrastus sterben: Dann selig sind die, die 
aufserwehlen jhren Todt". 



Paracelsus. 35 

hatte) eine eben so ungemessene Geringschätzung Dessen, was diese 
Männer gelehrt, und der Zeitgenossen entgegen, welche die bisher in 
Geltung gewesene Richtung noch vertraten und aufrecht zu erhalten 
suchten; in roher und selbst unfläthig zu nennender Weise griff er 
die Letzteren an und vertheidigte er sich gegen die Angriffe Der- 
selben. Welche Bedeutung Paracelsus für die Entwickelung der 
Heilkunde gehabt hat, kommt uns hier nicht in Betracht; selbst der 
von ihm auf die Auffassung der Chemie und die Gestaltung der 
chemischen Lehren ausgeübte Einflufs kann hier nur ganz kurz berührt 
werden, so fern damit in Verknüpfung stand, was sein Ansehen unter 
den Alchemisten ein grofses werden liefs. Als die Aufgabe der 

Chemie — der Alchemie, unter welcher Bezeichnung damals auch 
das der eigentlichen Chemie Zuständige mit einbegriffen war — be- 
trachtete Paracelsus nicht mehr nur die künstliche Hervorbringung 
edler Metalle sondern die Erkenntnifs, wie Heilmittel zu bereiten 
seien und wie diese wirken ; seine Fragmenta medica enthalten z. B. 
den Ausspruch: „Viel haben sich der Alchimey geeussert, sagen es 
mach Silber vnd Gold: so ist doch solches hie nicht das fürnemmen, 
sondern allein die bereitung zu tractiren, was tugent vnd krefft in 
der Arzney sey", und der HL Tractat des Buches Faragrainim hat 
die Äufserung : „Nicht als die sagen, Älchimia mache Gold, mache 
Silber: hie ist das fürnemmen, mach Arcana und richte dieselbigen 
gegen den Kranckheiten". Die Chemie kommt nach seiner Lehre 
auch dadurch in engere Verknüpfung mit der Heilkunde, dais die 
erstere die Zusammensetzung der Körper zu erkennen und die letztere 
anzuerkennen hat, Gesundsein des menschlichen Organismus bez.-w. 
der einzelnen Theile desselben beruhe auf normaler, Kranksein auf 
abnormer und Heilung auf Wiederherstellung der normalen Zusammen- 
setzung. Unter Anerkennung der AristoteHschen vier Elemente, „die 
da finalifer in allen Dingen sind'", werden als chemische Grundstoffe, 
aus welchen alle Körper: alle Mhieralien und Metalle, pflanzliche und 
thierische Organismen zusammengesetzt seien, hingestellt drei, als 
Sulphur, Mercurius und Sal bezeichnete : Sulphur als das Princip des 
Veränderlichseins durch Feuer bez.-w. als der Bestandtheil der Körper, 
welcher bei der Einwirkung des Feuers veränderlich, brennbar ist, 
Mercurius als das Princip des Flüchtigseins ohne Veränderung bei 
dem Erhitzen, Sal als das Princip des Feuerbeständigseins. An diese 

3* 



36 Paracelsus. 

Lehre, welche als die de trihns principiis chymicis längere Zeit hindurch 
von Vielen anerkannt, von Vielen — und namentlich von Solchen, 
welche bezüglich der Zusammensetzung der Körper von Anderem als 
dem durch Aristoteles Gelehrten Nichts wissen wollten — auch 
bestritten wurde, ist hier zu erinnern, aber specieller auf sie einzu- 
gehen ist hier nicht. Es ist auch nicht dabei zu verweilen, wie viele 
sich widersprechende Aussagen bezüglich des von Paracelsus Ge- 
lehrten in den Werken Desselben zu finden sind, wie schwer es ist, 
zu einer bestimmten Vorstellung darüber zu kommen, welche Ansicht 
bezüglich eines oder eines anderen Gegenstandes dieser Mann — hatte 
er wirklich consequent Eine — hatte, und wie Dies wesentlich mit 
darauf beruht, dafs es unsicher ist, welche der vielen unter seinem 
Namen veröffentlichten Werke als ächte : welche als von ihm selbst 
geschrieben oder dictirt, welche als unter seinem persönlichen Einflufs 
verfafst aber doch nicht als seine Ansichten mit gleicher Verlässig- 
keit gebend, und welche endlich als untergeschobene zu betrachten 
seien*). 

Auch in Beziehung auf die Alchemie enthalten die unter Para- 
celsus' Namen veröffentlichten Schriften sich Widersprechendes. Über- 
wiegend wirkte, was solche Schriften, mochten sie mit Ptecht oder 
Unrecht als von Paracelsus verfafst betrachtet sein, an günstigen 
Urtheilen über die Alchemie und an Anweisungen für die Ausübung 
derselben zu lesen boten; während langer Zeit diente auch dieses 
Mannes Autorität dazu, den Glauben an die Möglichkeit der künst- 
lichen Hervorbringung edler Metalle zu befestigen. Übrigens ist auch 
daran nicht zu zweifeln, dafs Paracelsus selbst das Seinige dazu 
^ethan hat, in den Ruf Eines zu kommen, welcher in der Goldmacher- 
kunst sieh nicht vergeblich versucht hat**), und wo er sich in einem 



*) Für viele Schriften, welche als von Paracelsus verfafst veröffentlicht 
wurden, ist es unzweifelhaft, dafs sie uijtergeschohen sind; die Beurtheilung 
mehrerer ist noch unsicher, ohgleich noch in neuerer Zeit zugleich mit der Ver- 
vollständigung der Aufzählung der unter Paracelsus' Namen bekannt gewor- 
denen Schriften die Gewinnung verlässigerer Anhaltspunkte für die Erkennung 
der ächten versucht worden ist (Friedr. Mook's Theophrastus Paracelsus. 
Eine kritische Studie; Würzhurg 1876; vgl. John Ferguson's Bibliographia 
Faracelsiea [eine Kritik der vorgenannten Studie]; Glasfjow 1877). 

**) Als Einer, welcher wirklich in Alchemie das Höchste geleistet habe, 
Avurde Paracelsus namentlich nach dem Tode Desselben betrachtet. Bei Leb- 



Paracelsus. 37 

der Alchemie ungünstigen Sinn geäufsert hat, kann, was er da sagt, 
mehr gegen die Alchemisten seiner Zeit: dafs sie es nicht recht zu 
machen wissen, als gegen die Alchemie in der gewöhnlichen Bedeutung 
dieses Wortes gerichtet gewesen sein. Eine Beanspruchung der Meister- 
schaft in der Alchemie für ihn wäre daraus nicht abzuleiten, dafs von 
ihm die Mögliclikeit der künstlichen Hervorbringung edler Metalle 
behauptet und als eine Aufgabe der Alchemie auch die hingestellt 
wird, ein Metall in ein anderes umzuwandeln, wie auch anderseits 
eine unter seinem Namen verbreitete Schrift nicht lediglich darauf 
hin als untergeschoben zu beurtheilen ist, dals in ihr jene Behauptung 
und die Auffassung der Alchemie in diesem Sinne vorgebracht ist. 



Zeiten -weniger, denn da scheinen seine Geldmittel nicht immer im richtigen Ver- 
hältnifs zu Dem, was er brauchte, gestanden zu haben; nicht blofs gegen den 
Vorwurf seiner I'einde, dafs er wie ein Strolch umherschweife, hatte er sich zu 
vertheidigen — er that es in der „Verantwortung über etlich verunglimpfiung 
seiner Mifsgünner" in der vierten Defension „Von wegen meinees Landtfahrens'", 
unter Anderem, was ihn bezüglich des Letzteren exculpire, auch anführend: 
„Nuhn wie kan ich wider das seyn oder das gewaltigen, das mir zu gewaltigen 
vnmüglich ist? oder was kan ich der Praedestination nemmen oder geben?" — 
sondern auch gegen den Vorwurf, dafs er (wie er denselben im Prolog zu dem 
Tractat de tinctura i^hysicorum formulirt) „Bettlersweiss von einem Land zu 
dem andern vagier". Auf von ihm erfolgreich betriebene Goldmacherkunst 
nimmt auch noch nicht die Inschrift auf dem ihm in Salzburg bald nach seinem 
Tode gesetzten Grabstein Bezug — Epitaphium Paracelsi, quod Salisburgi in 
nosoeomio apiid S. Sebastianum ad templi murum erectimi spectatur lapidi i)i- 
scidjjtim, unter welcher Überschrift sie der den Paracelsus bei aller Be- 
kämpfung einzelner Lehren Desselben hochschätzende van Helmont in seinem 
Aufsatz de magnetica vidnerum curatione wiederzugeben für angemessen hielt — ; 
da wird Paracelsus nur als gi'ofser Arzt und als mildthätig gerühmt: Conditur 
hie Phüipptis Theophrastus insignis viediciiiae doctor, qui dira iUa vtiluera, 
lepram, fodagram, hydropisim, aliaque insanahilia corporis contagia, mirifica 
arte sustulit: ae bona sua in pjauperes distrihuenda collocandaque honoravit. 
Aber später, 1752, wurde ihm in der Vorhalle der Kirche an dem Leichenhofe 
St. -Sebastian in Salzburg über dem alten Grabstein ein Denkmal errichtet, dessen 
Inschrift ihn auch als Einen, qui tautam orbis famam ex auro chymico adeptus 
est, feiert. — In Jöcher's compendiösem Gelehrten-Lexicon, Leipzig 1733, S. 494 
liest man über Paracelsus: „In seinem 28. Jahre soll er den so genannten 
Stein der Weisen bekommen haben, und mit dem Goldmachen umgehen können, 
deswegen er mit dem Gelde so verschwenderisch gewest, dafs er otft nicht einen 
Heller, des morgenden Tages aber gantz frühe den Schub-Sack voller Geld ge- 
habt. — — Man sagt, er habe ein Bündnifs mit dem Teufel gehabt." 



38 , Paracelsiis. 

(Der als Coelum philo sophor um sive liier vexationimi: Kunst vnd 
Natur der Alchiraey, Vnd was darauff zu halten sey, betitelte Tractat 
z. B. enthält in dem Capitel: „Was Matery vnd Werckzeug man 
bedarff zu der Alchimey" die Anerkennung, dals „Gott hat auch 
etlichen Menschen sonderliche Verständnüs vnd listige Erkändtnuss 
der Ertz vnd Metallen gegeben: also das sie wissen ein viel nähern 
weg vnd griff, wie man Solem vnd Lunam [Gold und Silber] mag 
machen, ohne alles Bergwerck bawen vnd gar ohne Ertz probiern 
vnd schmeltzen", und in dem Capitel: „Was Älchimia für ein Tliun 
sey" die Definition: y, Älchimia ist nur ein fürnemmen, sinnen, vnd 
ein listig Gedicht, damit man die Geschlecht der Metallen verwandelt, 
auss einem Stand vnd Natur in die ander zu bringen".) Aber auch 
in anerkannt ächten Schriften wird jener Anspruch sehr bestimmt er- 
hoben. Auf den Stein der Weisen als etwas weder von Papst Leo 
(X., wenn nicht Hadrian VI., vorher Leo Florentinus genannt, 
gemeint war) noch von Kaiser Karl V. von Deutschland zu Er- 
kaufendes konnte doch nur mit der im Tractat de tinctura physicorum 
zu lesenden Prahlerei hingedeutet sein: „Meines Schatz liegt noch zu 
Weyden in Fryaul ein Kleinath im Hospital, welches weder du Römischer 
Low noch teutscher Carl mit allen ewerem Gewalt nit bezahlen möcht". 
Die da besprochene tinctura physicorum ist gut sowohl für die Er- 
haltung oder Wiederherstellung der Gesundheit als auch für die 
Lösung der Aufgabe der Alchemie als Metall Verwandlungskunst, und 
nach beiden Richtungen hin Verlässiges lehren zu können berühmt 
sich Paracelsus bei der Erörterung, dals „aus diesem Spagyrischen 
Mysterio zweyerley nutz" ausfalle: „der eine, ^Yie sie [die Tinctur] 
auf die Renovation Corporis [des menschlichen] möge gewendet werden ; 
der ander, wie sie auf die Transmutationem Metallorum soll gebraucht 
werden. Derweil nun ich Theophrastus diese beyde vielfeltig er- 
fahren hab, so will ich sie nach den zeichen der Werck beschreiben, 
vnd wie ich sie in der Prob am besten erfunden hab, fürhalten". 
Es erscheint wie die reine Menschenfreundlichkeit und wohlwollende 
Rücksicht darauf, dafs die Offenbarung von Geheimnissen an Solche, 
für welche dieselben nun einmal nicht bestimmt sind, recht schädlich 
wirken kann, wenn er im L Buch des Werkes „Von den Natürlichen 
Dingen", da wo er im 7. Capitel von dem Schwefel und speciell „Von 
den Alchymistischen Tugenden des Schweffels; Zum Ersten vom Em- 



Paracelsus. 39 

bryonischen Schweffei" handelt, die Ausübung der höchsten alche- 
mistischen Kunst und wie man mittelst ihr reich werden könne, nicht 
ganz offen lehret; „So es nicht wider Gott wer, also mein ichs, dals 
nit ein jeglicher soll Reich seyn, dann Gott weil's wol, waruuib er 
der Geyfs den Schwantz nit zu lang gelassen hat: So wer da manchem 
mit kurtzen wortten wol zu helffen. Aber dieweil Reichthumb den 
Armen verfürt, nimpt ihm Demütigkeit vnd die Zucht, verwandlet jhn 
in Hoffart vnd Übermutt, vnd macht aufs jhm ein scharff Schermesser, 
ist besser geschwiegen, vnd sie Arm bleiben lassen". Dazu stimmt 
ganz gut, was in dem als Coeliim plnlosophorum sive Über vexationum 
betitelten Tractat das Capitel: „Was von der Coagulation Mercurij 
zu halten sey" hat: „Nun wollt doch ein jeglicher gern lesen in der 
Geschrifft der Alchimey solche Stück oder Künstlin, die da leicht und 
gar ring zu brauchen weren, dardurch er mit kurtzer eyl viel Golds 
vnd Silbers machen köndt, vnd hat einen verdrul's an viel anderen 
Schrift"ten vnd Worten, die jhm nicht wollen flugs lauter vnd klar 
anzeigen vnd sagen, wie er jhm thun soll: Also vnd also thu jhm 
(wolt er gern hören), so hastu gut Lunam vnd Soleni, darvon du 
magst Reich werden. Ey lieber beyt noch ein weil, bil's man dirs 
mit kurtzen Worten, gar ohn alle müh vnd arbeit, in gemein auff- 
decken wird, dafs du es nur im Huy herzucken woltest, vnd von 
stund an aus Saturno [Blei] vnd Mermirio vnd 2|. [Zinn] Solem vnd 
Lunam machen. Es ist vnd wird so gemein nimmermehr, zu können 
vnd zu treffen, so leicht vnd gering es auch an jhm selbs ist. Es 
ist Gold vnd Silber durch einen so gar kleinen vnd ringen griff vnd 
weg der Alchimia zu machen, dafs es gar nicht noth ist oder wer, 
einigerley Lehr vnd Buch darvon zu schreiben noch zu reden, so 
wenig als vom ferdigen Schnee zu schreiben ist". Indessen wird 
doch den Lesern des VIL Buches der Schrift de natura rerum (welches 
de transmutationihus rerum naturalium überschrieben ist) und des 
Tractates de tinctura phjsicoruni bezüglich einer ganzen Reihe von 
Metallverwandlungen Belehrung geboten (mehr als, des versprechenden 
Titels ungeachtet, in dem Manuale de lapide phüosopliorum, wo der 
Stein der Weisen eher nach der medicinischen Seite hin besprochen 
wird; auch was die als Archidoxa betitelte Schrift „Vom Arcano 
lapidis pMlosophorum" enthält, ist ausdrücklich nur als auf ein 
raedicinisches, nicht als auf ein eigentlich alchemistisches Präparat 



40 Ägi'icola. 

gehend gesagt). Aber wo die UmwandJuugen besonders interessant 
sind und nutzbringend wären, sind die Vorschriften zu der Bewerk- 
stelligung derselben wiederum verzweifelt undeutlich, und wo eine 
deuthche gegeben wird, bezieht sie sich auf Solches, wie die da mehr- 
fach erwähnte Umwandlung des Eisens zu Kupfer durch Einlegen des 
ersteren in (kupfer-) vitriolhaltiges Wasser. 

Es gab damals, in dem zweiten Viertel des sechszehnten Jahr- 
hunderts, kaum Einen unter den in den Naturwissenschaften und 
namentlich dem die Chemie mit umfassenden Theile derselben be- 
deutenderen Mann, der sich entschieden gegen die Wahrhaftigkeit 
der Alchemie-, gegen die Möglichkeit der Metallverwandlung und 
Metallveredlung ausgesprochen hätte; höchstens drückte damals ein 
Solcher sich mäfsig zweifelnd aus und liefs es mehr dahin gestellt 
sein, ob man in den Bestrebungen, das Problem der Alchemie zu 
realisiren, auf dem rechten Weg sei, als dals er die Möglichkeit, 
Dies zu thun, geradezu in Abrede gestellt hätte. So verhielt sich 
z. B. ein Zeitgenosse des Paracelsus, der mit den chemischen Kennt- 
nissen seiner Zeit und speciell mit den auf Metallurgie bezüglichen 
so wohl vertraute Georg Agricola, welcher 1490 in Glauchau in 
Sachsen geboren 1518 bis 1522 Rector der Schule zu Zwickau war, 
dann zu Leipzig und nachher in Italien Medicin studirte, nach Deutsch- 
land zurückgekehrt von 1527 an in Joachimsthal, von 1531 an in 
Chemnitz die Heilkunde ausübte und an dem letzteren Ort 1555 
starb. Mit den Werken der Alten wohlbekannt blieb der in Allem, 
was zum Bergbau gehört, in der Mineralogie und der Metallurgie so 
erfahrene Mann auch in Naturwissenschaftlichem bei den Ansichten 
stehen, welche von Alten ausgesprochen worden waren. Bezüglich 
der Zusammensetzung der Körper hielt er sich (so in den Schriften 
I)e natura fossüiwu und De ortu et catisis suhterraneorum) an die 
Lehre des Aristoteles; er sprach sich (namentlich in der letzteren 
Schrift) entschieden gegen die, dem Glauben an die Möglichkeit der 
Metallverwandlung zur Unterstützung dienende Lehre aus, dals die 
Metalle aus den zwei als Sulphur und Mercurius bezeichneten Grund- 
stoffen bestehen. Darüber, ob die Metallverwandlung ausführbar sei 
oder nicht, äufserte er sich mit grol'ser Vorsicht; er wollte nicht 
darüber aburtheilen, ob die älteren alchemistischen Schriftsteller wirk- 
lich die Metallveredlungskunst lehren oder nicht, sagte er in dem, 



Charakter der Paracelsisteu im Allgemeinen. 41 

dem Werke De re mctaUica vorgesetzten Zueignungs-Schreiben, aber 
darauf, dafs die Alchemisten seiner Zeit diese Kunst ausüben konnten, 
hatte er offenbar nur wenig Vertrauen, meinte übrigens in dem Ber- 
mannus betitelten Buch, Dieselben seien von der Richtung der Araber 
sowohl als der Griechen abgekommen. Auf diesen Agricola konnten 
sich nach Allem, was in den unzweifelhaft ächten Schriften Desselben 
steht, die Alchemisten nicht als auf eine zu Gunsten ihrer Kunst 
sprechende Autorität berufen, und der Zeit nach ihm nahe Stehende 
haben ihn auch nur als Zweifler an der Alchemie, nicht als Anhänger 
derselben genannt. Und doch wurde auch er als Einer betrachtet, 
welcher zeitweise von der Wahrhaftigkeit der Alchemie überzeugt ge- 
wesen sei und dieser Überzeugung öffentlich in Schriften Ausdruck 
gegeben habe; einige unter eines G. Agricola Namen 1521 ver- 
öffentlichte alchemistische Tractate*) sind, mit Unrecht, ihm als Ver- 
fasser derselben zugeschrieben worden. 

In dem um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts entbrannten 
Kampfe zwischen den Anhängern der durch Paracelsus eingeleiteten 
neuen Richtung in der Heilkunde einerseits und den Anhängern der 
alten Richtung in dieser Disciplin anderseits waren Vertreter der 
Alchemie fast nur auf der Einen Seite: bei den Paracelsisteu zu 
finden. Diejenigen, welche unter den ehrwürdigen alten Fahnen 
des Galenos und des Aviceuna dafür stritten, dafs diese classischen 
Autoritäten auch fürderhin in dem bisher genossenen Ansehen in der 
Heilkunde stehen möchten und die Reinheit der auf so bewährte Aus- 
sprüche basirten Lehren nicht durch Aufnahme von ganz neuen und 
mit den alten sogar wirklich in Widerspruch stehenden Behauptungen 
gefährdet werden möge, waren schulgerecht gebildete, theilweise grund- 
gelehrte Mediciner, welche aber von Chemie und von Dem, was diese 



*) „Rechter Gebrauch der Alchimie, mit viel bifsher verborgenen nutzbaren 
und lustigen Künsten" und Galerazeya, sive revelator secretoriiiii, 1) Ue lapUh 
philosnphico, 2) De arahico eli.cir, 3) De auro potahüi., beide zu Köln 1531 ver- 
öffentlicht. — Einer späteren Zeit gehört Johann Agricola an, ein Arzt 
zu Leipzig und Verfasser eines da 1639 erschienenen Commentars zu des Job. 
Poppius Chjmischer Medicin, in welchem er bezeugt, in Salzburg und in Rom 
ausgeführte Umwandlungen von Zinn und von Quecksilber in Gold selbst mit an- 
gesehen zu haben. 



42 Charakter der Paracelsisteii im Allgemeinen. 

etwa dem Grade der damaligen Entwicklung derselben nach für die 
Heilkunde leisten könne, einfach gar keine Vorstellung hatten. Sie 
fanden — und Das ist so begreiflich — , dafs diejenigen Lehren, mit 
deren Erlernung und mäfsiger pietätvoller Ausbildung sie sich be- 
gnügt hatten und noch begnügten, reichlich alles Das in sich schliefsen 
was für das Studium eines Arztes und die Pflege der Heilkunde in 
der Gegenwart und in der Zukunft zu erlernen und in gleichem 
Mafse weiter auszubilden sei, und sie fanden es unverschämt, unsitt- 
lich und verderblich, dafs darüber hinausgehende Behauptungen und 
vermeintliche Erkenntnisse vorgebracht wurden und sogar in der Heil- 
kunde zu Geltung gebracht werden sollten. Sie sahen, w^ollten sie 
die Chemie in einer für dieselbe günstigsten Weise und mithin gewifs 
unparteiisch auffassen, in dieser die Kunst, Heilmittel zu präpariren, 
beurtheilten es aber als höchst anmafsend und unzweifelhaft gefährlich, 
wenn die Apothekerkunst andersartige Heilmittel darzustellen suche, 
als die von dem Dioskorides in dem ersten Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung in seinem ausgezeichneten, eigentlich schon für sich eine 
ganz ausreichende Arzneimittellehre enthaltenden Werk und von anderen 
verehrungswürdigen alten Autoritäten beschriebenen; jetzt aber stellten 
Solche, die sich Chemiker nannten, nach ganz neuen Verfahren sogar 
neue Antimon- und Quecksilberpräparate als Heilmittel dar, und Ärzte 
wollten jetzt Solche sein, welche derartige Gifte zu innerlicher An- 
wendung verordneten. Anderseits hatten die Meisten unter den 
Paracelsisten den bedenklichen Vortheil selbstständiger Unwissenheit in 
allem Dem für sich, was ihre Gegner mülisam gelernt hatten. Nach 
der neuen Lehre war so viel Vorbereitungs-Studium für die Ausübung 
des ärztlichen Berufes, wie man bisher als erforderlich angesehen 
hatte, gänzlich unnöthig. Hatte doch Paracelsus selbst es den 
Anhängern der alten Schule mehr als deutlich gesagt, was alles 
Wissen derselben werth sei ; hatte er doch — um nur an die glimpf- 
lichsten Aussprüche dieses Mannes zu erinnern — bei der Verbrennung 
der Werke des Galen und des Avicenna (vgl. S. 34) es proclamirt, 
in seinen Schuhriemen stecke mehr Weisheit als in diesen Büchern, 
und nachher noch oft genug versichert, in seinem Genickhaar sei 
mehr Wissen als in den Köpfen seiner Gegner, und was dergleichen 
bescheidentlicher Äulserungen des Reformators der Medicin mehr war, 
mit welchen Derselbe Vielen imponirte; war doch Paracelsus eigent- 



Charakter der Paracelsisten im Allgemeinen. 43 

lieh ein Unstudirter gewesen*), und hatte doch der Nämliche sich 
Dessen öffentlich berühmt, dafs er auf seinen langen Reisen während 
zehn Jahren kein Buch angesehen habe, und war er doch von diesen 
Reisen als geschicktester Arzt nach Deutschland zurückgekommen; 
hatte er doch versichert, die Heilwissenschaft sei so klar darzulegen, 
dafs sie selbst dem ungebildetsten Manne zugänglich werde. Um der 
neuen Richtung gemäfs Arzt zu werden, brauchte man sich nicht mit 
Lateinlernen zu langweilen; Paracelsus hatte auch nicht viel von 
der Lateinischen Sprache gehalten sondern sich sogar erlaubt — was 
damals ein Unerhörtes war — in Basel in Deutscher Sprache zu 
lehren. Man konnte sich Dessen enthalten, Anatomie zu studiren, 
was damals zudem einen unbilligen Aufwand an Vorstellungsvermögen 
erforderte, denn es war um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts 
fast überall dieser Theil des Wissens nur aus Beschreibungen, nicht 
an Leichnamen oder Theilen derselben zu erlernen (es war im Wesent- 
lichen noch die Anatomie, wie sie von Galen her mit Beibehaltung 
der von Demselben aus der Zootomie in die Anatomie des Menschen 
übertragenen Irrthümer überkommen war; in Heidelberg wurde als 
Hülfsmittel für das Studium der Osteologie an der Universität das 
erste menschliche Skelet im Jahre 1569 unter Aufwendung von fünfzig 
Gulden für diese Kostbarkeit angeschafft) ; und von der Beschäftigung 
mit manchem Anderen, was als für den Arzt wissenswerth anzusehen 
jetzt ein glücklicher Weise überwundenes Voiiirtheil geworden war, 
konnte man sich auch dispensiren. Als erforderlich dafür, in der 
ärztlichen Laufbahn sein Glück zu machen, erschienen gute natürliche 
Anlagen, über deren Zulänglichkeit zu urtheilen schliefslich Jeder sich 
selbst als den Competentesten betrachten mochte; ferner ein gehöriger 
Grad von eigener Werthschätzung und die dem Selbstvertrauen ent- 
sprechende Sicherheit des Auftretens, auch in der Aufstellung geist- 
reicher Behauptungen, als welche Mangels besserer unverständliche 
gelten konnten; endlich der Besitz oder die Aneignung von Manieren, 



*) Paracelsus sagt zwar in der Vorrede zu dem Spittalbuch: „Ich hin 
in den Gärten gezogen, da man die Bäume verstümmelt, vnd war der hohen 
Schule nicht eine kleine Zierde", aber nicht, wo. Er nimmt auch in der sechsten 
Defension „gegen die verunglimpffungen seiner Milsgünner" Bezug darauf, was 
er bei Ablegung des Doctor- Eides versprochen habe, sagt aber wiederum 
nicht, wo. 



44 Behandlung der Paracelsisten im 16. Jahrhundert. 

welche nach oben wie nach unten hin gefallen und Dem, der sie hat, 
bei seinen Patienten das Vertrauen verschaffen, ohne welches die 
Kunst des geschicktesten Heilkünstlers bekanntlich erfolglos bleibt. 

Wenn auch die Lehren des Paracelsus bei Einigen Anklang 
fanden, die besser vorgebildet und ihrer ganzen Art nach achtungs- 
werth waren: die Meisten unter Denen, welche sich zunächst als seine 
Anhänger bekannten, und namentlich Viele, die in weiteren Kreisen 
von sich reden machten, besafsen überwiegend die eben angegebenen 
Eequisite, und diese halfen ihnen auch oft über die Anfeindungen 
ihrer CoUegen von der alten Schule hinauszukommen. Denn die 
Letzteren vertheidigten sich tapfer, und bei ihi-er Defensive gingen 
sie auch recht kräftig offensiv vor. Sie beschränkten sich nicht darauf, 
wissenschaftlich die Vorzüglichkeit der alten, die Unrichtigkeit und 
Verderblichkeit der neuen Lehren nachweisen zu wollen ; in zweck- 
dienlicherer Weise suchten sie der Verbreitung und Anwendung der 
neuen Lehre entgegenzuwirken. Die Vertreter der alten Richtung 
in der Heilkunde hatten fast durchweg die Lehrstühle in den medi- 
cinischen Facultäten inne; diese Facultäten waren die wissenschaft- 
lichen Behörden, deren gutachtliche Äufserungen im Allgemeinen 
mafsgebend waren für die Anordnungen der politischen Behörden. Die 
Anhänger der alten Schule hatten also eine gewisse Macht in Händen, 
und sie nahmen keinen Anstand, dieselbe gegen die Paracelsisten 
geltend zu machen. Ein Anhänger des Paracelsus, auch wenn er 
seine Zustimmung zu den Ansichten Desselben nicht öffentlich aus- 
sprach, war doch daran kennbar, Arzneien welcher Art er verschrieb, 
und namentlich waren es Antimon- und Quecksilberpräparate, welche 
als Heilmittel zu benutzen nur die Paracelsisten sich unterfingen. Im 
Jahre 156G erliefs das Parlament zu Paris eine Verordnung, durch 
welche allen zu Paris prakticirenden Ärzten bei Strafe, die Berech- 
tigung zur Ausübung der Praxis zu verlieren, die Anwendung des 
Antimons und der daraus bereiteten Medicamente verboten wurde, 
und die medicinische Facultät zu Paris that auch das Ihrige, dieser 
Verordnung Achtung zu verschaffen, indem sie einen dagegen handelnden 
Arzt für wissenschaftlich unwürdig, die Heilkunde auszuüben, erklärte 
und anderen Ärzten untersagte, sich zu Consultationen mit ihm 
herbeizulassen ; dieses Verbot der Anwendung Paracelsischer Heilmittel, 
später noch einmal eingeschärft, wurde erst 1G66 zurückgenommen. 



Behandlung der Paracelsisten im 16. Jahrlumilort. 45 

Aehnliches geschah an anderen Orten (in Heidelberg z. B. liefs die 
medicinische Facultät bis 1655 die bei ihr Promovirenden beschwören, 
dafs sie niemals Antimon- oder Quecksilberpräparate anwenden wollten ; 
dieses Versprechen wurde im angegebenen Jahr aus dem Doctor-Eid 
daraufhin weggelassen, dafs damals die Studirenden der Medicin in 
Heidelberg einmüthig erklärten, sie würden da nicht promoviren, wenn 
sie Solches, was sie nicht halten könnten, geloben sollten). Mit der- 
artigen Mafsregeln war allerdings solchen Paracelsisten nicht beizu- 
kommen, welche unter höherem Schutze standen, und es gab Viele 
unter den Anhängern des Paracelsus, die als Leibärzte von Fürsten 
Seitens der letzteren ein Vertrauen genossen, welches, auch wenn die 
Drohungen zur Ausführung zu bringen versucht worden wäre, dadurch 
keine Minderung erlitten haben würde. 

Nach Paracelsus waren im sechszehnten Jahrhundert bis gegen 
das Ende desselben die Ptepräsentanten der Chemie, wenn man von 
solchen für diese Zeit sprechen darf, fast ganz unter den Paracelsisten 
zu suchen, und aus diesem Grunde war hier Einiges darüber zu sagen, 
welcher Art Dieselben im Allgemeinen waren. Als auch in der eigent- 
lichen Alchemie bewandert zu gelten, war für sie Etwas, was dazu 
gehörte, dafs sie als in ihrer Ptichtung erfahrene Männer bei dem- 
jenigen Theil des Publicums, an welches sie sich wendeten, betrachtet 
wurden. Es ist jedoch unter den eigentlichen Paracelsisten dieser 
Zeit Keiner, welcher eine besondere Berücksichtigung an dieser Stelle 
erheischte; der Einzige, welcher eine für etwas eingehendere Besprechung 
genügende Bedeutung hätte, wäre Leonhard Thurneysser, und was 
mir über Diesen an sehr eingehender Schilderung seiner Verhältnisse 
und Leistungen vorliegt, schalte ich wohl besser anderswo in dieser 
Schrift ein. 

Ganz gegen das Ende des sechszehnten Jahrhunderts und im 
Anfange des siebzehnten kommt die Möglichkeit eines Ausgleichs 
zwischen den Anhängern der alten und denen der neuen medicinischen 
Schule in Sicht. Einzelne wenn zunächst auch nur Wenige sehen 
ein, dafs sicher auf beiden Seiten der Streitenden viel Unrecht, 
vielleicht auf beiden Seiten etwas Recht ist. Unter diesen Wenigen 
kommt uns hier namentlich Einer auch als durch seine Autorität den 
Glauben an die Wahrhaftigkeit der Alchemie unterstützend in Betracht: 
Andreas Libavius, sebürtiff aus 1588 Halle, bis 1591 Professor 



46 Libavius. 

der Geschichte und Poesie in Jena, dann Gymnasiarch und Stadt ■ 
physikus zu Rothenburg an der Tauber, zuletzt, 1607 bis zu seinem 
1616 erfolgten Tod, Director des Gymnasiums zu Koburg. So 
unparteiisch, wie es damals Einer nur sein konnte, sprach sich 
Libavius einerseits gegen die Unverständlichkeit und die Charlata- 
nerie der Paracelsisten, gegen den Mifsbrauch, welchen Diesen Zuge- 
hörige mit chemischen Präparaten als Geheimmitteln trieben', und 
gegen andere unlöbliche Seiten Derselben wie anderseits gegen die 
Unduldsamkeit aus, mit welcher die Anhänger der alten medicinischen 
Schule sich der Aufstellung jeder neuen Ansicht und der Bereicherung 
des Arzneischatzes durch neue, mittelst chemischer Operationen dar- 
zustellende Heilmittel widersetzten, und recht vernünftig legte er dar, 
dafs der Mifsbrauch der Chemie in der Medicin doch nicht die Nütz- 
lichkeit der ersteren für die letztere gänzlich aufhebe. Für ihn war, 
was er Alchemie nannte, die Kunst, heilkräftig wirkende chemische 
Präparate darzustellen. Sein bedeutendstes: das 1595 zuerst ver- 
öffentlichte als Alchcmia betitelte Werk handelt über diese Kunst 
(was nach der in diesem AVerk gegebenen Definition alchemia zur 
Zeit sein soll, läfst sich in getreuer Übersetzung als: pharmaceutische 
Scheidekunst wiedergeben), bringt aber verhältnifsmäfsig nur wenig 
über Alchemie im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes. Etwas von der 
Art gehörte damals in ein über Chemie handelndes Buch, und in das 
eben erwähnte, welches als das erste Lehrbuch der Chemie betrachtet 
werden kann, also auch; in der zu demselben gegebenen Vorerinnerung 
an den Leser macht Libavius darauf aufmerksam, dafs er darin 
auch Einiges über den Stein der Weisen auf Grund des von den 
Künstlern Gelehrten bringe, wenn gleich vielleicht weder er selbst 
noch der Leser mit der Ausarbeitung dieses Präparates zu Stande 
kommen könne, aber absurd würde es sein, wenn er mit Agricola 
alles Das leugnen wollte, was von so vielen Weisen versichert worden 
sei; maneat in niedio. Wo er dann darauf eingeht, de metallorum 
iransformatione Belehrung zu geben, führt auch er an, die Um- 
wandlung eines Metalls in ein anderes sei verhältnifsmäfsig leicht, 
da alle Metalle aus einem mercurialischen und einem sulphurischen 
Princip bestehen et distare videntur iion tarn sid)stantia, quam acci- 
deniium absolvtione ; von den Vorschriften, welche er für eine Anzahl 
von Metallverwandlungen giebt, ist eine deutlich und glaubhaft — 






Libavius. 47 

wiederum, dafs nach dem Einlegen eines Stückes Eisen in (kupfer-) 
vitriolhaltiges Wasser man nach einiger Zeit metallisches Kupfer 
findet — , und mehrere sind weder das Eine noch das Andere; zu 
den letzteren gehören diejenigen, welche die Veredlung des Silbers 
zu Gold und die von unedlen Metallen zu Gold und Silber be- 
treffen. Viel mehr eigentlich Alchemistisches, als in dem eben 
erwähnten Werk, findet sich in kleineren Schriften, welche Libavius 
später veröffentlicht hat. Als die Pariser Universität 1601 und in 
den nächstfolgenden Jahren, unter besonderer Bethätigung des Pro- 
fessors Joh. Riolanus aus Amiens, sich gegen die Alchemie, die 
pharmaceutische wie die auf Herstellung künstlichen Goldes ausgehende, 
verurtheilend ausgesprochen hatte, vertheidigte Libavius dieselbe 
auch als Metallveredlungs-Kunst und betrachtete er (so in seinem 
Examen sententiae Parisiensis scholac contra alcJii/miam latae) die 
Wahrhaftigkeit der letzteren als über allen Zweifel historisch erwiesen. 
Derselben Gesinnung gab er Ausdruck in seinem Tractat de tiatura 
metallorum, in welchem die dementia eorum, qui negant fransmitta- 
tioncm metaUorum, gegeilselt wird und er sich freut, dals Agricola, 
dieser Gegner der Metallverwandlungs-Lehre, doch gezwungen sei, 
die oft besprochene künstliche Umwandlung des Eisens in Kupfer zu- 
zugestehen; bei der Übereinstimmung der Natur der verschiedenen 
Metalle, wird da dargelegt, sei der Übergang Eines derselben in ein 
anderes weit weniger auffallend, als der von Waizen in Lolch, einer 
Rübe in einen Rettig, von Würmern in Fliegen u. A., und dafs Über- 
gänge der letzteren Art statthaben, sei doch gewifs. Doch etwas 
stark an ordinärere alchemistische Schriften jener Zeit erinnernd ist 
sein, in die Form eines Dialoges eingekleideter Tractat de mercurio 
philo so2)itor um, und keine bessere Note verdienen die Tractate de 
azotli pMlosopliorum et aqiia permanente und de lapide phüosopliomm. 
Also auch ein für seine Zeit in der Chemie so bedeutend da- 
stehender Mann wie Libavius war ein erklärter Anhänger der 
Alchemie, wenn gleich er selbst sich nicht praktisch in ihr versucht 
zu haben scheint. Man kann sich nicht wundern, dafs in der Zeit, 
in welcher Libavius anerkannt war: in den ersten Decennien des 
siebzehnten Jahrhunderts der Glaube an die Wahrhaftigkeit der 
Alchemie den Zweifel an derselben weit überwog. Diesen Glauben 
hatten in der angegebenen Zeit auch recht tüchtig gebildete Arzte, 



48 Sennert. — Sala. 

welche bezüglich des Streites zwischen den Galenisten- und den 
Paracelsisten zu einer vermittelnden Richtung neigten. So der da- 
mals berühmte (1572 in Breslau geborene, von 1602 an als Professor 
in Wittenberg wirkende und da 1637 gestorbene) Daniel Sennert, 
welcher, obgleich als im Besitz grofser Gelehrsamkeit anerkannt, doch 
die Ansichten des Paracelsus in Betreff der von Diesem ange- 
nommenen drei Grundstoffe der Körper theilte, während er sonst 
üble Seiten und viele Irrthümer dieses Mannes nicht blofs zugestand, 
sondern auch strenge beurtheilte, welcher den chemischen Arzneien 
Eingang zu verschaffen suchte und den Galenisten ihr Widerstreben 
gegen dieselben lediglich darauf hin, weil diese Präparate als Heil- 
mittel anzuwenden ihnen etwas Neues sei, verwies, während er die 
Paracelsisten dahin bedeutete, dafs sie die von der älteren medici- 
nischen Schule empirisch erkannten W^ahrheiten nicht wegwerfend zu 
behandeln sondern den neueren Ansichten gemäfs zu erklären haben. 
Auch dieser Arzt war (wie er namentlich in seinem 1619 zuerst ge- 
druckten Werke de chymicornm cum Aristofdicis et Galenicis consensu 
et dissensu erkennen liefs) von der Möglichkeit der Metallverwandlung 
überzeugt wie auch davon, dafs die oft erwähnte vermeintliche Um- 
wandlung des Eisens in Kupfer einen Beweis dafür abgebe. Um 
diesen experimentalen Beweis für die Bewirkbarkeit einer Metallver- 
wandlung, auf welchen als einen leicht zu constatirenden so Viele 
Bezug genommen hatten und damals noch Bezug nahmen, brachte 
jedoch die Alchemisten nun — allerdings ohne sofort allgemeine Zu- 
stimmung zu finden — der gleichfalls bedeutende Arzt Angelus 
Sala (über die persönlichen Verhältnisse Desselben weifs man nur, 
dafs er aus Vicenza gebürtig um seiner Pieligionsmeinungen willen aus 
Italien wegging, als Arzt in der Schweiz, in Holland und in Deutsch- 
land sich aufhielt, 1625 von dem Herzog von Mecklenburg zu Dessen 
Leibarzt ernannt noch 16o9 in Güstrow lebte), welcher gleichfalls 
Irrthümer und Prahlereien der Paracelsisten eben so strenge rügte 
als die hochmüthige Selbstgenügsamkeit der Galenisten; dieser Sala 
erkannte und sprach aus, dafs bei der vermeintlichen Umwandlung 
des in eine gewisse Flüssigkeit gelegten Eisens zu Kupfer das zum 
Vorschein kommende Kupfer keineswegs aus dem Eisen neu ent- 
standenes sondern nur aus der es schon vorher enthaltenden Flüssig- 
keit ausgeschiedenes ist. 



Vau Helmont. 49 

Durch die erste Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts hindurch 
und noch etwas länger dauert bei Denen, welche auf der Höhe des 
chemischen Wissens stehen, die Auffassung fort, dal's die Chemie 
als hauptsächlichste Aufgabe habe, der Heilkunde zu dienen. Es 
bleibt bei solchen Männern auch noch die durch Paracelsus 
(vgl. S. 35) aufgestellte Ansicht anerkannt, dal's das Gesund- oder 
Kranksein des menschlichen Organismus bez.-w. jedes Theiles des- 
selben darauf beruhe, ob gewisse in die Zusammensetzung desselben 
eingehende Substanzen in dem richtigen oder in einem anderen Ver- 
hältnils zusammenseien. Als diese, den normalen oder abnormen 
Gesundheitszustand bedingenden Substanzen werden von Vielen noch 
die drei durch Paracelsus angenommenen, als Sulphur, Mercurius 
und Sal bezeichneten Grundstoffe betrachtet; aber nicht von Allen, 
welche jener Ansicht im Princip noch zustimmen. Andere Sub- 
stanzen sah als Solches bedingend Johann Baptist van Helmont 
an: dieser für die Geschichte der Medicin und der Chemie, der Natur- 
lehre überhaupt so bedeutende Brabanter Edelmann, welcher 1577 
0. 1578 zu Brüssel geboren zu dem Zweck, Werke der Barmherzig- 
keit ausüben zu können, die Heilkunde in der Richtung der alten 
Schule studirte, von der Ausübung der Heilkunst dann, weil von 
seinen Erfolgen unbefriedigt, sich abwandte, bald aber, nachdem er 
mit der Chemie bekannt geworden war und auf diese sich stützend, 
zu derselben zurückkehrte, ein berühmtester Arzt wurde und 1644 
auf seinem in der Nähe von Brüssel gelegenen Gut Vilvorde, wo er 
von 1609 an seinen Aufenthalt genommen hatte, starb. In Betreff 
derjenigen Substanzen, die man als die letzten Bestandtheile der 
Körper anzusehen habe, verwarf van Helmont sowohl die Lehre 
des Aristoteles als die des Paracelsus (vor welchem Letzteren 
er übrigens doch grofse Achtung hatte, wie bereits S. 37 in der 
Anmerkung zu erwähnen war ; auch in dem Aufsatz Arcana Faracehi 
bekennt van Helmont, dal's er aus den' Schriften dieses Mannes viel 
gelernt habe), und entwickelte er eigene Ansichten, auf welche jedoch 
hier nicht weiter einzugehen ist. An die Möglichkeit der Metallver- 
edlung mittelst des Steins der Weisen glaubte van Helmont nicht 
nur, sondern er versicherte auch, sie auf diese Weise selbst ausge- 
führt zu haben. Er müsse glauben, sagt er in dem Arhor vitae 
überschriebenen Aufsatz, dafs es einen goldmachenden und silber- 

Kopp, Die Älchemie. I. i 



50 Glauber. 

machenden Stein gebe, weil er zu verschiedeneu Malen mit eigener 
Hand 1 Gran desselben auf mehrere tausend Gran erhitzten Queck- 
silbers in Gegenwart vieler Umstehender habe einwirken lassen und 
zur lebhaften Verwunderung Aller der Erfolg ganz so gewesen sei, 
wie er in alchemistischen Büchern verheifsen werde; er beschreibt 
(worauf ich zurückkommen werde) speci eller dreimal, was in dieser 
Art angestellte Versuche ihm ergeben haben; Paracelsus war nach 
seiner in dem Aufsatz Arcana Paracelsi ausgesprochenen Überzeugung 
wirklich im Besitze des Steins der Weisen (lapidis chrysopoei verns 
compos) gewesen. 

Unter Denen, welche die durch van Helmont eingeschlagene 
Richtung in der Heilkunde unter Verschmelzung derselben mit der 
Chemie befolgten, kommt uns Keiner unter dem hier einzuhaltenden 
Gesichtspunkt in Betracht. Von den mit der Chemie um die Mitte 
des siebzehnten Jahrhunderts sich Beschäftigenden überhaupt ist hier 
nur Einer zu nennen: der ehrliche Johann Rudolf Glauber, welcher 
1603 0. 1604 zu Karlsstadt in Franken geboren der Chemie vorzugs- 
weise praktisch oblag, von den Producten seines Laboratoriums und 
wohl auch seiner Feder genügsam lebte, seinen Wohnsitz in Deutsch- 
land, zuletzt auch in Holland öfters wechselte und 1668 in Amsterdam 
starb. Er hat sich um die reine Chemie und um die Anwendung 
der Chemie in der Pharmacie und für die Technik wohlverdient ge- 
macht, war aber zu bescheiden und wahrheitsliebend dafür, unter den 
Alchemisten zu glänzen. Unter seinen vielen Schriften sind auch 
mehrere mit bestimmt ausgesprochener alchemistischer Tendenz : sein 
Opus minerale (1651 veröffentlicht; in dem IH. Theil dieses Buches 
soll des Paracelsus Coelum pliüosopliorum sive Über vcxationnm 
erklärt und über „der Metallen transmutaüones in genere^^ Belehrung 
gegeben werden), sein (1653 erschienenes) „3Iiracuhim munäi oder 
aufsführliche Beschreibung der wunderbaren Natur, Art und Eigen- 
schaft't des Grofsmächtigeh Siihjccti, von den Alten Menstriinm uni- 
versale oder Mercurius Philosophorum genannt, dadurch die Vege- 
tahilien, AnimaUcn und Mineralien gar leichtlich in die allerheil- 
samste MedicamentQ.n und die unvollkommene Metallen realiter in 
beständige und jierfecte Metallen können verwandelt werden" (zu 
welchem Werk auch noch Fortsetzungen und eine Explicatio er- 
schienen), sein Tractatus de signatura salium,metallormn etplanetarum, 



Glauber. 5 1 

sein Noviim lumen clämicimi (1664; darin soll „auch die warhafftige 
llatcria Lcqndis Fhüosoplionmi zu finden" sein), die als Be trihus 
lapidibus ifjnnmi secretorum (1667) betitelte Schrift, der erst nach 
seinem Tode 1669 unter seinem Namen herausgekommenen „De igne 
secreto philoso])liorum oder geheimen Feuer der Weisen, dadurch die 
Pldlosophi nicht allein ihre Universal- Mecli ein gegen alle natürliche 
Kranckheiten des Menschen ausgezeitiget, sondern auch x)arücidantey 
alle geringe 3IetaUen in Gold und Silber mit grossen Nutzen figirt 
und C'upellen beständig gemacht haben" und anderer Schriften nicht 
zu gedenken, welche neben der eigentlich alchemistischen Richtung 
ganz wesentlich auch die haben, wie s. g. Hermetische Arzneien: die 
Universalmedicin oder das Aurum potahile, eine Panacee aus dem 
Antimonium und dergleichen darzustellen seien. Glauber hat es, 
wie aus dem Vorstehenden zu ersehen, nicht verschmäht, die Titel 
von Büchern so zu fassen, dafs die letzteren auch bei Alchemisten 
Absatz finden, aber in den Büchern ist er zurückhaltender. Er thut 
zwar manchmal so, als ob er Grofses mittheilen könnte, wenn er 
nicht durch heilige Verpflichtung daran verhindert wäre*). Aber er 
bringt es doch nicht fertig, dafs er angeblich erlangter wichtigster 
alchemistischer Erfolge mit solcher Sicherheit sich rühmte, wie die ist, 
mit welcher er über unschädlichere Gegenstände sich äufsert: in seinen 
(1648 veröftentlichten) Furni novi philosopliiei z. B. die nach seiner 
Art dargestellte Salzsäure als Etwas, das zu Vielem und nameiitlich 
für die Küche (zum Mürbebeizen von Fleisch, zur Anwendung an der 
Stelle von Essig oder Citronensaft u, A.) sehr wohl zu brauchen sei, 
oder in seinem (1657 erschienenen) „Trost der Seefahrenden" einge- 
dickten Malzextract als etwas für die Erhaltung der Gesundheit Un- 
entbehrliches anpreist. In dem IV. Theil seiner Fitrni )wvi philo- 
sophiei giebt er zwar auf Grund Dessen, was eigene Erfahrung ihn 
gelehrt habe, seiner Überzeugung Ausdruck, „dafs die geringere Me- 

^ *) So in der Continuatio miracuU mundi (1658): „Dafs aber mancher meynen 
möchte, durch süsse Worte oder Yersiirechung grosser Geschencken der Uni- 
versal- Medicin Bereitung von mir aufszuloken oder abzuschwatzen, und hernach 
zu tippigem, hoftartigem, Gottlosen Leben, dem armen menschlichen Geschlecht 
zum Schaden und Nachtheil gebrauchen wolte, derselbe bilde ihm gar nicht ein. 
dafs ichs thun werde. Denn ich auch nicht Macht habe, solches zu thun, weil 
es eine Gabe Gottes, und nicht defs Menschen ist; würde mich lieber tödten 
lassen, als einem Gottlosen Menschen zu offenbaren". 

4* 



52 Glauber. 

talleii, und sonderlich der Saturnus [das Blei], welcher sich vor all 
andern Metallen darzu bequemet, sich nicht allein in Gold und Silber, 
sondern vielleicht auch in ein medicin zeitigen lassen", meint auch 
von dem da angedeuteten Verfahren: „wann solche Arbeit wohl ge- 
than wird, so gehet es nicht leer ab, dem Laboranten werden seine 
Müh und Kohlen wol bezahlet", und bezweifelt nicht, „es solte sich 
ein solche Arbeit auch im grofsen (wiewoln ichs niemahln versucht) 
thun lassen", aber er bemerkt doch ausdrücklich dazu: „Es wolle 
ihm niemand einbilden, als wann ich güldene Berge besässe vnd andern 
auch solche verheissen wolte; gantz nicht: Dann was alhie geschrieben, 
ist nur darumb geschehen, dafs die Natur etlichermassen durch diese 
meine Biscursen von Veränderung der geringen Metalle in bessere, doch 
nur in kleinem, entdecket würde: Dann ich niemaln dergleichen Dinge 
im grossen, davon Nutzen kommen möchte, versucliet oder gepracticiret 
habe" ; nur mäfsig verlockend zur Betreibung der Alchemie konnte 
sein, was er hinzusetzte: „Wer aber zeit vnd gelegenheit solche Arbeit 
im grossen anzustellen haben kan, dem ist efs nicht gewehret zu ver- 
suchen, ob nutzen damit zu erlangen". Eben so offenherzig sagt er 
auch in der Conünuatio miracuU mundi (1658) von den da be- 
sprochenen alchemistischen Arbeiten: „Auch bekenne ich warhafftig, 
dafs ich noch zur Zeit den geringsten Nutzen in Verbesserung der 
Metallen damit nicht gehabt", und in dem Opus mineralc in Be- 
ziehung auf Paracelsus, weniger gläubig als es van Helmont (vgl. 
S. 50) war: „Aber nicht also wil oder kan ich beweisen, dafs er Gold 
und Silber in grofser Menge hätte machen können, davon er auch 
nichts schreibet, sondern allein anzeiget, dafs es zu thun möglich sey; 
welches allein, nemlich die Möglichkeit, ich vorgenommen habe zu 
beweisen. Ins grosse aber zu thun, ist es mir nach der Zeit auch 
nicht bewust, bekümmer mich auch so sehr nicht darumb". Das 
war für die Alchemisten, welche der Aufnmnterung bedurften, nicht 
was sie brauchten, und einen Ehrenplatz in ihrer Kunst haben sie 
auch dem Glauber nicht zuerkannt. 

In der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts erhebt sich 
die Chemie zu der Erkenntnifs, dafs sie nicht um der künstlichen 
Hervorbringung edler Metalle willen und auch nicht in der Richtung, 
dafs sie in erster Linie der Heilkunde diene, zu betreiben sei, sondern 
der Naturerkenntnifs halber: als ein Zweig der um ihrer selbst und 



Boyle. 53 

nicht um Anwendung in einer oder einer Art willen zu bearbeitenden 
Naturwissenschaft. Der Erste, welcher diese damals neue und jetzt 
noch festgehaltene Auffassung der Chemie vertrat: der Erste, welcher 
von sich sagen konnte, dafs er sich mit Chemie weder als alchymista 
noch als meäicus sondern als naturalis phüosophus beschäftige, war 
Robert Boyle, der als ein jüngerer Sohn des Grafen Kichard von 
Cork 1G27 zu Lisniore in Irland geboren nach sorgfältiger, durch 
Bereisung mehrerer Länder des Continents unterstützter Jugendbildung 
zunächst auf seinem Gute zu Stallbridge in Irland, dann in Oxford, 
zuletzt — bis zu seinem Todesjahre 1G91 — in London erfolgreichster 
Beschäftigung mit den Naturwissenschaften und unter diesen nament- 
lich mit Chemie lebte. Was Alles er für die letztere Wissenschaft 
Nützliches und Förderndes geleistet hat, kann nicht hier Gegen- 
stand der Berichterstattung sein, wo es nur darauf ankommen 
darf, wie dieser grol'se Mann über Solches, das die Alchemie betrifft, 
dachte. Wenn auch Boyle gewifs viele Angaben der Alchemisteu 
als durchaus unbegründete beurtheilt hat, glaubte er doch an die 
Möglichkeit der Metallverwandlung und speciell daran, dafs die letztere 
zwischen den edlen Metallen möglich sei. Boyle war der Ansicht, 
dals alle Körper aus einer und derselben Urmaterie bestehen und die 
Verschiedenheiten, welche wir an ihnen wahrnehmen, auf der ungleichen 
Gröfse und Form, der Ruhe oder Bewegung, und der gegenseitigen 
Lag'e der kleinsten Theilchen beruhen. Er hat diese Ansicht nament- 
lich in der (zuerst 1664 veröffentlichten) Schrift: Origin of forms 
and qualities according to tJie Corpuscidar Plidosopliy dargelegt. In 
dieser Schrift erörtert er, dal's, wenn für Metalle so wie für andere 
Körper die Verschiedenartigkeit derselben den eben angegebenen Grund 
hat, es als möglich erscheinen müsse, dafs ein Metall zu einem anderen 
werde; und er beschreibt zum Beweise dafür, dafs Dies auch realisir- 
bar sei, einen von ihm angestellten Versuch, nach welchem Gold 
(aus einer Legirung desselben mit Kupfer mittelst Scheidewasser ab- 
geschieden) bei der Behandlung mit einer auf Gold als Lösungsmittel 
einwirkenden Flüssigkeit (dieselbe war aus einem Gemische von starker 
Salpetersäure und Antimonbutter d. i. Antimontrichlorid abdestillirt 
worden) theilweise zu Silber umgewandelt wurde. Daraus lasse sich 
Mehreres ersehen, and, lästig, it- seems deducible, from the tvhole, 
tliat there mag he a real transmiitation of one metal into another, 



54 Boyle. 

made hy factüious agents, in a sliort time, and after a niechanical 
manner. I speah not here of protection, fährt Boyle da fort, wherehy 
one part of an anrific poivder is said to turn many hundred or 
thousaud parts of a ignohler nietal into süver or gold; hecause, tho* 
lyrojedion indudes transnmtation, yet transmutatiou is not the same 
uith projection, but far easier. Auch sonst noch spricht Boyle 
gläubig von stattgefundenen Metallverwandlungen; in den Considerations 
toucliing tlie tisefullness of experimcntal Natural PhilosopJiy (1663) 
z. B.: dafs ein unzweifelhaft wahrheithebender i\.rzt ihn versichert 
habe, Derselbe habe, wie auch vorher Einer seiner Freunde, durch 
Digeriren von Gold mit einer einmal in seinem Besitze gewesenen 
Art von Salpetersäure eine flüchtige Goldtinctur erhalten, durch welche 
Silber zu achtem Gold umgewandelt worden sei, aber später seien 
alle Versuche dieses Arztes, den nämlichen Erfolg wiederzuerhalten, 
vergeblich gewesen. In The sceptical Chemist (1661) — in welchem 
Werke Boyle zwar die Lehre des Paracelsus bestreitet, dais alle 
Körper aus den drei als Sulphur, Mercurius und Sal bezeichneten 
Grundstoffen zusammengesetzt seien, aber doch noch von einem 
mercurialischen und einem sulphurischen Bestandtheil eines und eines 
anderen Metalles reden läl'st — wird ohne dal's ein Wort des Zweifels 
geäufsert würde berichtet, dafs nach der Versicherung des Claveus 
in Dessen Apologia'^) die mercurialischen Bestandtheile der unedlen 
Metalle zu edlen Metallen tixirt werden können und nach Dessen 
eigener Erfahrung der mercurialische Bestandtheil des Zinns sich 
nuda coctione, quadam causa efßcientc, zu reinem Gold umwandeln 
lasse, und Boyle theilt da als etwas Glaubwürdiges mit, was er von 
einem gelehrten und berühmten Mann erfahren habe: dafs Dieser mehr 
als einmal die Fixirung des mercurialischen Bestandtheiles des Blei's 
zu vollkommenem Gold gesehen habe. In den Experiments and 
Notes ahout the Froducihleness of chemical Vrinciples (1679) erörtert 
Boyle, ob nicht das specifische Gewicht der aus Metallen auszu- 
ziehenden mercurialischen Bestandtheile derselben allgemein geringer 

*) Der Stadtpräsident Gaston de Clavos zu Nevers war gegen das E]nde 
des sechszclinten Jalirluindcrts ein eifriger Anliängcr und Vertheidiger der Al- 
cliemie, und seine Schriften waren von den Kunstverwandten gescliätzt; besonders 
oft wieder aufgelegt und al)gedruckt wurde seine zuerst 1590 verötfentliclite Apo- 
lofjia aryyropoeiae et clirysopociae. 



Boyle. 55 

sei als der betreffenden Metalle, und da spricht er auch davon, dafs 
er einmal ein wie Silber aussehendes und bei allen Proben sich als 
solches bewährendes Metall unter Händen gehabt hatte, welches — 
obgleich nach Versicherung des Mannes, von welchem es Boyle hatte, 
aus dem doch specifisch schwereren Quecksilber ohne Zusatz irgend 
einer metallischen Substanz dargestellt — specifisch leichter war als 
gewöhnliches Silber. Boyle war nicht so wie van Helmont so 
glücklich, dafs ihm ein Besitzer des Steins der Weisen Etwas von 
dem letzteren mitgetheilt und ihn in den Stand gesetzt hätte, selbst 
eine Metallveredlung vornehmen zu können (einer nach seinem Tode 
vorgebrachten Erzählung, in seinem Laboratorium habe einmal ein 
Fremder Antimonium zu Gold umgewandelt, ist später zu erwähnen), 
aber in seine Hände kam doch das Mittel zur Realisirung des die 
Alchemisten auch manchmal beschäftigenden Problemes (vgl. S. 10 f., 
Anmerk.), Gold aufhören zu lassen Gold zu sein. Boyle hat 1G7S 
einen Historkal account of a degradation of gold, niade hy an anü- 
elixir, a stränge cJiemical narrative, veröffentlicht. Darin erzählt er 
(er figurirt in der Erzählung in der dritten Person, als Pyrophilus), 
dafs er bei einem Freund die Bekanntschaft eines Fremden gemacht 
habe, welcher den Orient bereist hatte und die Versicherung al)zu- 
geben in der Lage war, dafs dort die Alchemisten, obgleich sehr 
zurückhaltend mit Mittheilungen, es doch in ihrer Kunst recht weit 
gebracht hätten; und zum Beweise für Das, was er sagte, gab Dieser 
an Boyle ein Papierchen, welches Etwas von einem rothen Pulver 
enthielt, und Anweisung, zu was das letztere gut und wie es zu ge- 
brauchen sei. Boyle stellte den Versuch an, w^arf in Beisein von zwei 
Sachverständigen das kaum Vs Gran wiegende Pulver auf 2 Quentchen 
geschmolzenes Gold, und fand, als nach Verlauf einer Viertelstunde 
das Metall ausgegossen wurde, dafs dasselbe nicht mehr Gold war; 
er hatte an der Stelle von Gold ein graulich- weifses Metall, etwa 
von der Farbe des legirten Silbers, welches auf dem Probirstein den 
Strich des Silbers zeigte, spröde wie Glas war, und dessen specifisches 
Gewicht nur 15^/3 betrug. Vollständig war das Gold allerdings nicht 
aus seinem Wesen gesetzt; als die Hälfte des erhaltenen Metalles 
mit der 6 fachen Menge Blei cupellirt wurde, ging zwar diese Operation 
nur sehr langsam von Statten, aber das cupellirte Metall war doch 
— allerdings unter Abgang eines nicht reducirbaren, 7 Gran wiegenden 



56 Homberg. 

schwarzen Unraths — -wieder Gold. Aus welchem Versuche wir, wie 
Boyle bemerkt, die Lehre ziehen können, dals wir nicht, wie viele 
und auch sonst verdienstvolle Männer zu thun pflegen, voreilig der 
Natur und der Kunst zu enge Schranken setzen und nicht Diejenigen 
verspotten dürfen, welche an aufserordentliche Wirkungen in der 
Chemie glauben. 

Davon, solchem Vorwurf ausgesetzt zu sein, waren gegen das 
Ende des siebzehnten und im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts 
auch in den verschiedenen Ländern Europa's sehr Viele weit entfernt. 
Aus der grofsen Zahl der zu dieser Zeit an die Wahrhaftigkeit der 
Alchemie Glaubenden berücksichtigen wir hier wiederum nur Solche, 
welche durch ihre Leistungen auf dem Gebiete der Chemie sich das 
Anrecht erwarben,- für die Beurtheilung von Allem, was dahin ge- 
rechnet wurde, als competent betrachtet zu werden. In Frank- 
reich, wo der Berühmteste der damals dort lebenden Chemiker, Nie. 
Lemery, die Chemie zwar vorzugsweise unter dem Aushängeschild 
der pharmaceutischen Chemie lehrte aber sie doch naturwissenschaft- 
lich betrieb und sich meines Wissens von Alchemie ganz fern hielt, 
und wo Etienne Frangois Geoffroy (G. der Ältere) damals be- 
rühmt wurde, welcher sich bezüglich der Alchemie nicht günstig ge- 
äufsert, wohl aber von in Paris vorgekommenen alchemistischen Be- 
trügereien Anlafs genommen hat, in den Memoiren der Pariser Aka- 
demie der Wissenschaften für 1722 eine Abhandlung Des supercheries 
concernant la pierre pliiloso]}hale zu verötfentlichen, — in Frankreich 
war damals allerdings nur Einer, für welchen Dies zutrifft. Das war 
Wilhelm Homberg, der als der Sohn eines in Holländischen Diensten 
auf Java stehenden Quedlinburgers 1652 zu Batavia geboren noch jung 
mit seiner Familie wieder nach Deutschland kam, Rechtswissenschaft 
studirte und sich als Advocat in Magdeburg niederliefs, wo er durch 
Otto von Gu er icke für die Naturwissenschaften gewonnen wurde, 
dann in Italien Medicin studirte und nach längerem Verweilen in 
verschiedenen Ländern Europa's in Paris festen Ful's fafste, wo er 
1691 Mitglied der Akademie der Wissenschaften, bald nachher Lehrer 
der Chemie und 1705 auch Leibarzt des Herzogs Philipp IL von 
Orleans wurde und 1715 starb. Homberg hatte die aufrichtige 
Überzeugung, dafs es möglich sei, Gold künstlich hervorzubringen; 
er soll zu ihr 1684 in Paris gekommen sein, wo er in pecuniär be- 



^ Homberg. 57 

diängter Lage von einem befreundeten Alchemisten, welcher ihm einen 
Beweis von der Wahrhaftigkeit seiner Kunst habe geben wollen, eine 
Stange künstlich gemachten Goldes zum Geschenk erhalten habe, 
deren Geldwerth ihm damals sehr zu Statten gekommen sei. Seine 
Stellung bei dem Herzog von Orleans, welcher sich für Chemie — 
so wie er sie auffafste — lebhaft interessirte, war auch im Wesent- 
lichen die eines Hofalchemisten; in dieser Stellung hatte er die S. 8 f. 
erwähnten Versuche auszuführen, deren Ergebnifs zwar nicht das er- 
hoffte metallveredelnde Präparat aber doch der s. g. Pyrophor war. 
Er war ein Anhänger der durch Paracelsus vertretenen Lehre, dafs 
alle Körper die drei als Sulphur, Mercurius und Sal bezeichneten 
Substanzen zu Grundstoffen haben; von dem Jahre 1702 an legte er 
seine hierauf bezüglichen Ansichten in mehreren Aufsätzen dar, welche 
in die Memoiren der Pariser Akademie der Wissenschaften aufge- 
nommen wurden. Seine Meinung ging dahin, dafs ein vollkommenes 
(d. h. ein edles) Metall aus reinem Mercurius bestehe, dessen kleinste 
Theilchen durch den sulphurischen Grundstoff", den er als mit der 
Lichtmaterie identisch betrachtete, in jeder Richtung durchdrungen 
und zusammengehalten seien. Gold sei von Silber nur dadurch ver- 
schieden, dafs in jenem Metall die mercurialischen Theilchen voll- 
ständiger und in einer der Sättigung näher kommenden Weise von 
dem sulphurischen Grundstoff oder der Lichtmaterie durchdrungen 
seien, als in diesem; die Umwandlung des Silbers in Gold könne 
durch Vergröfserung des Gehaltes an dem letzteren Bestandtheil be- 
wirkt werden. 1709 beschrieb er Versuche, bei welchen Silber 
wenigstens theilweise zu Gold umgewandelt worden sei. Er löste 
Silber in Salpetersäure, zerlegte das in der von etwa gebliebenem 
Rückstand getrennten Flüssigkeit enthaltene Silbersalz mittelst Koch- 
salz, dann das zur Ausscheidung gekommene Hornsilber mittelst An- 
timon, und erhitzte das reducirte Silber zur Verflüchtigung noch 
vorhandenen Antimons (bez.-w. einer Verbindung desselben). Bei 
dem Auflösen des in solcher Weise präparirten Silbers in Salpeter- 
säure seien jedesmal schwarzbraune Flocken ungelöst geblieben, welche 
nach dem Zusammenschmelzen sich als Gold erwiesen hätten. Da 
urtheilte er, dafs in dem Silber Theile vorhanden seien, welche Nei- 
gung haben, zu Gold zu werden, und schon ein Mittelding zwischen 
Silber und Gold seien. Ich habe hier, ohne weiter auf die Sache 



58 Knnckel. 

einzugehen, mich auf die historische Bemerkung zu beschränken, dafs 
Mehrere angegeben haben, sie hätten bezüghch des Thatsäclihchen 
dasselbe Resultat erhalten wie Homberg, und dals Einige diesen Ver- 
such als allerdings einen Beweis für die Möglichkeit der künstlichen 
Erzeugung von Gold abgebend ansahen, während Andere der Meinung 
waren, ein kleiner Gehalt des Antimons an bereits darin enthaltenem 
Gold gehe bei der von Homberg beschriebenen Operation dem 
Silber zu. 

In Deutschland lebten in der jetzt uns beschäftigenden Zeit: gegen 
das Ende des siebzehnten, im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts 
Mehrere, deren Namen in der Geschichte der Chemie um Defs willen, 
was sie für diesen Zweig der Naturwissenschaft geleistet haben, jetzt 
noch mit Achtung genannt werden. Der am Früiiesten Geborene 
unter ihnen war Kunckel, über dessen Leben und Charakter doch 
etwas eingehendere Mittheilungen zu machen sind, soll es deutlich 
werden, wefshalb seine Stellung zur Alchemie so schwer für die 
Stärkung des Glaubens an die AVahrhaftigkeit derselben ins Gewicht 
fiel. Johann Kunckel war als der Sohn eines Mannes, mit 

welchem Herzog Friedrich HI. von Holstein chymische Versuche 
anstellte, IG 30 (nach einer anderen Angabe etwas später) in Hütten 
in Schleswig (nach anderer Angabe in Rendsburg in Holstein) geboren. 
Er bildete sich in der Pharmacie und für die Alchemie aus und 
gewann die erforderliche Qualification, 1659 als Kammerdiener, 
Chymist und Aufseher der Hof- und Leib-Apotheke bei den Herzogen 
Franz Karl und Julius Heinrich von Lauenburg in Dienst zu 
kommen, mit welchen er auch über alchemistische Gegenstände Ver- 
suche anstellte. Aus dieser Stellung wurde er als Geheimer-Kammer- 
diener und Aufseher des Kurfürstlichen Laboratoriums in den Dienst 
des Kurfürsten Johann Georg H. von Sachsen nach Dresden be- 
rufen. Die Bedingungen, unter welchen er da die Direction des 
alchemistischen Laboratoriums übernahm, waren für ihn recht gün- 
stige, ja für die damalige Zeit glänzende zu nennen. Leider wurden 
sie nicht eingehalten ; Verleumdungen Seitens untreuer Gehülfen 
liel'sen ihn wenn auch nicht durch den Kurfürsten doch durch das 
vorgeordnete Ministerium ungünstig beurtheilt werden, und die Un- 
gunst äufserte sich sogar in Sistirung der Zahlung des ihm versprochenen 
Gehaltes. Das veranlaiste Kunckel, eine Zeit lang in dem wohl- 



Kunckel. 59 

feileren Annaberg zu wohnen, wo früher auch ein alchemistisches 
Laboratorium errichtet worden und für ihn noch benutzbar war. Die 
Situation blieb jedoch für ihn so peinlich, dafs er sich 1G77 entschlois, 
nach Wittenberg zu ziehen, „um allda etwas zu seines Lebens 
Unterhalt zu erwerben". Dies versuchte er da als Docent. „In 
Wittenberg war damahliger Zeit kein Professor", erzählt er selbst, 
„der ein Collegnim chymkum experimentale hätte halten können. — 
— Derowegen ward mir erlaubet, ein solch CoUegimn anzustellen, 
bekam auch eine ziemliche Zahl Studiosos Medicinae zu mir", dar- 
unter Einen, der ihm Freude machte: den nachmaligen Dr. und 
Professor Christ. Vater. Die akademische Carriere verfolgte Kunckel 
jedoch nicht lange; er war aber auch seinen Zuhörern gegenüber sehr 
anspruchvoll und von einer nach jetzigen Begriffen krankhaft zu 
nennenden Empfindlichkeit. „Ich fand gleichwohl auch", erzählt er 
weiter, „dafs es ein sauer Bissen Brod ist, von Studiosis sich zu 
ernehren. Ein Theil davon vermeynten, es wäre mit diesem Collegio 
eben also wie mit den anderen, die im Abschreiben und Wörtern 
bestehen, beschaffen; Nein, es gehöret Auffsicht und Hand-Anlegen 
hierzu, welches dann Herr D. Vater fleifsig in acht nahm, und 
legte Hand an, da andere unterdessen andere Dinge vor hatten, wie 
dann unter ihnen nicht über 3 waren, die seinem Exempcl folgten, 
wiewohl mit solcher Embsigkeit nicht. Also ward ich auch dieser 
Arbeit je länger je überdrüssiger, sähe und befand in meinem Ge- 
wissen, dafs dergleichen Leute Eltern Geld ich hinführo mit Recht 
nicht nehmen konte". Kunckel gab nun, nach Dresden zurückge- 
kehrt und da wieder angefeindet, seine Absicht kund, aus dem 
Kursächsischen Dienst auszutreten; der Kurfürst suchte ihn unter 
Zusicherung erhöhter Besoldung zu halten, aber wenn auch Kunckel 
eine Anweisung für die letztere erhielt, so erfolgte doch nicht die 
Auszahlung. Er suchte sich einen anderen Wirkungskreis als Sach- 
verständiger in alchemistischen Dingen, und fand ihn 1679 bei 
Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Der Grofse Kurfürst war 
auch der Alchemie zugethan, hielt sich zwar keinen eigenen Alche- 
misten, unterhandelte aber öfters mit umherziehenden Künstlern über 
den Ankauf von Anweisungen, wie Gold künstlich zu machen sei, 
und wurde dabei geprellt. Er wurde auf Kunckel als einen Sach- 
kundigen aufmerksam gemacht; Dieser präsentirte sich in Berlin, 



60 Kunckel. 

gefiel, wufste auch bald in einer Angelegenheit vorbesprochener Art 
dadurch, dafs er den Kurfürsten noch zu rechter Zeit vor einem be- 
trügerischen Alchemisten warnte und vor Schädigung bewahrte, dem 
Ersteren sich nützlich zu erweisen, erhielt die Aufforderung bei Diesem 
zu bleiben, und trat, da man in Dresden auch jetzt noch nur leere Hände 
für ihn hatte, nun auch, wieder mit dem Charakter als Geheimer- 
Kammerdiener in Kurbrandenburgischeu Dienst. Auch in diesem hat 
Kunckel allerdings im Goldmachen Nichts geleistet, aber in Anderem 
Solches, was ihm die Gunst seines Herrn erhielt: namentlich in der 
Glasfabrication; Opal-, Avanturin- und Rubinglas wufste er darzu- 
stellen und zu kostbaren Gefäfsen bearbeiten zu lassen. 1688 starb 
der Grofse Kurfürst; bald nach dem Verluste dieses seines Gönners 
hatte Kunckel auch den seines Laboratoriums und seiner Glashütte 
zu beklagen, welche ihm in Brand gesteckt wurden. Er wurde jetzt 
bei Seite geschoben, behielt aber einen kleinen Gnadengehalt. Er 
zog sich auf ein von ihm erkauftes Rittergut in der iMark zu stillem 
Arbeiten zurück, folgte aber 1689 einer Aufforderung des Königs 
Karl XL von Schweden, in Dessen Dienst zu treten. Er wurde in 
Stockholm zum Bergrath ernannt und 1693 als Kunckel von 
Lövvenstern in den Adelstand erhoben. Er starb 1703 auf seinem 
Gute Dreifsighufen bei Bernau in der Mark. In den letzten Jahren 
seines Lebens schrieb er sein „CoUeginm physico-cliymicum experi- 
mentale Oder Laloratorium chymicum'' betiteltes Werk, welches erst 
nach seinem Tode (zuerst 1716) veröffentlicht worden ist: ein curioses 
Gemenge von Solchem, was sich auf rein chemische Gegenstände 
bezieht, und seine persönlichen Verhältnisse und Erlebnisse betreffenden 
Mittheilungen, aber ein für Solche, die auf die Kenntnifs der Chemie 
und der Chemiker früherer Zeiten ausgehen, recht vieles Interessante 
bietendes Buch, welchem auch im Vorhergehenden einige Stellen ent- 
nommen sind und im Nachstehenden noch mehrere entnommen werden 
(eine Aufzählung aller von ihm verfafsten Schriften ist hier nicht zu 
geben). 

Kunckel war ein durchaus ehrenwerther Charakter*); wie er 
über die Alchemie dachte, war für Viele seiner Zeitgenossen und der 

*) Er konnte an (k>m Abend seines Lebens, als er das Laboratorium ch)/- 
miciim schrieb, da wo er im III. Tlieil dieses Werkes von den gegen ihn gerich- 
teten Anfeindungen und Anschuldigungen spricht, von sich sagen: „Was meine 



Kunckel. 6 1 

zunächst nach ihm Kommenden von grofsem Einflüsse darauf, wie 
sie über diese Kunst urtheilen sollten. Kunckel zweifelte nicht 
an der Möglichkeit der Metallverwandlung und der künstlichen Her- 
vorbringung von Gold. Diese schon in seiner Jugend ihm gewordene 
Überzeugung konnte, wäre es nöthig gewesen, nur bestärkt werden 
durch Das, was er in Dresden erfuhr. Da wurde es als etwas ganz 
Sicheres betrachtet, dafs man um 1580 bis 1591 im Kurfürstlichen 
Laboratorium das Mittel gekannt habe, Gold künstlich zu machen, 
und dafs daraus den Kurfürsten August und Christian I. unge- 
messene Reichthümer erwachsen seien. Darauf nahm Kunckel schon 
1676 Bezug, als er seine „Nützliche Ohservationcs oder Anmerkungen 
von den fixen und flüchtigen Saltzen, Auro und Ärgento potahili, 
Spiritu munäi und dergleichen" veröffentlichte, wo er, von der Exi- 
stenz einer Panacee oder eines Lebenselixires doch nicht ganz so 
überzeugt, wie von der des Steins der Weisen, und namentlich un- 
sicher, ob jenes den menschlichen Körper zu Gesundheit bringende 
bez.-w. darin erhaltende Mittel mit diesem die Metalle veredlenden 
identisch sei, sagte: „Ich glaube gern, dafs es eine solche Arzney 
giebt, welche den menschlichen Körper erneuert; ob es aber dieselbige 
ist, nämlich die die Metalle verbessert, das weifs ich nicht. Ich will 
auch jetzt nichts vom Theophrastus" [d. i. Paracelsus] „erwähnen, 



Person betrifft: soll ich. mich selber loben und herausstreichen, so würde man 
sagen, Projma laus sordet. Ob ich stoltz bin, ob ich nicht recht schreiben oder 
lesen solte können, ob ich den Fisch und Vogelstellen nachgegangen, daran ist 
vors erste der Welt nichts gelegen, und lasse alle rechtschaffene Leute, die mit 
mir umgehen und correspondivea, davon urtheilen. • — — Was im übrigen mein 
Leben und AVandel betrift't, so lasse ich alle, die viel Jahr mit mir umgegangen 
seyn, davon urtheilen. Es kau keiner sagen, dafs ich mit Sauffen, Spielen und 
dergleichen meine Zeit vei'gebens zugebracht, sondern selbige jedesmahl nach 
dem Trieb meines Gemüths eingerichtet. Ich habe bey etliche 30 Jahr bey 
grossen Herren auft'gewartet, und GOtt sey Danck noch niemahlen bleich oder 
roth wegen einiger Laster oder Untugend stehen dürffen, und Trotz sey dem 
gebothen, der mit Wahrheit von mir ein anderes nachsagen soll. Ich bin alle- 
zeit befliessen gewesen, meinem Nächsten, sonderlich Frembden, zu dienen, habe 
auch so viel möglich geholffen, und wo ich nicht weiter können, so habe gute 
Anschläge und ein gut Wort gegeben, und dieses Lob kan mir der Teufel nicht 
nehmen, wie ich dann nicht zweifele, dafs nach meinem Tode noch mancher 
rechtschaffener Mann meinen Kindern in der Frembde solches dermahleins wieder 
wird geniessen lasien". 



62 Kunckel. 

der vielen Menschen so wie den Metallen soll geholfen haben. Sondern 
ich will jetzt nur Ein Beispiel von Churfürst August von Sachsen 
höchstseligen Andenkens und Dessen Durchlauchtigsten Gemahlin 
anführen, welche fünf Jahr lang den Stein auf eine vierfache Weise 
ausgearbeitet besessen haben, ohne die Particulare zu rechnen, deren 
geringstes sechszehnhundert und vier Theile tingirt hat. Das andere 
Beispiel giebt Churfürst Christian L, sein Sohn, der ebenfalls fünf Jahr, 
nach seines Vätern Tode, dieses hohe Geschenk GOttes gehabt hat". 
Eingehender sprach Kunckel sich später in seinem Laboratorium 
chymicum — in welchem er sich übrigens entschiedener dagegen erklärte, 
dafs der Stein der Weisen auch die Wirksamkeit habe, das mensch- 
liche Leben auf Jahrhunderte zu verlängern — über diesen Gegen- 
stand aus. Da äufserte er sich dahin, es könne Dem, welcher die 
Rechnungsbücher des Dresdener Laboratoriums aus jener Zeit durch- 
gesehen habe, kein Zweifel darüber bleiben, dafs hier wirklich un- 
gemein viel Gold durch Kunst hervorgebracht worden sei. Kurfürst 
Johann Georg IL, in dessen Dienst Kunckel stand, zeigte einmal 
selbst dem Letzteren die Documente, aus welchen die Ablieferung 
grofser Mengen Gold aus dem Laboratorium hervorging, und sprach 
dabei (wie Derselbe ebenda angiebt): ,,Es wollen meine — — etc. 
sagen, das Gold könte eingewechselt seyn worden; Aber so wahr 
GOtt lebt, wann dafs Gold hätte sollen eingewechselt werden, so wäre 
es nicht möglich, dafs ein eintziger Silber- Groschen im gantzen Chur- 
fürstenthum hätte überbleiben können". Zwei kostbar eingebundene 
und mit kleinen Schlössern versehene Büchlein waren aus jener gold- 
gesegneten Zeit noch vorhanden, Anweisungen zur Ausführung des 
grofsen Werkes der Alchemie enthaltend. „Aus dem einen", sagt 
Kunckel, ,, habe ich die Wahrheit gesehen, wiewohl nicht gantz aus- 
gearbeitet, bin auch niemahlen unglücklicher, als nemlich durch Vei- 
folgung, Krankheiten und Widerwärtigkeit gewesen, als wann ich 
diesen Proccss mit Ernst vornehmen wollen. Es ist alles also GOttes 
Wille." „Es l)efand sich auch in dieser Erbschafft ein gülden Büchselein, 
in einem Helffenbeinern liegende, darauff stund Lapis FhilosopJiorum, 
war aber nur gantz wenig davon darinnen; wie sehr ich mich nun 
bemühete solches zu erlangen, wurde es doch bald geleugnet und 
unterschlagen". Kunckel glaubte an die Wahrhaftigkeit der Al- 
chemie, so fern sie historisch erwiesen sei: „Wer nun dieses, worvon 



Kuuckel. 63 

ich hier geschrieben", [erfolgreichste Betreibung der Alchemie in 
Dresden durch bez.-w. für die Kurfürsten in. den 1 580er Jahren] 
„nicht glauben will, der hat darinnen seinen eigenen Willen und kan 
sich defswegen um fernere Gewifsheit umthun. Dann solle das nicht 
wahr seyn, was solche hohe Häupter selbst auffgeschrieben und auif- 
schreiben lassen, so niüfste man an vielen älteren Dingen zweifeln". 
Er liefs sich in seinem Glauben nicht beirren durch das gegen die 
Alchemie so oft vorgebrachte alte Dogma, dais spccies in speciem 
nicht umzuwandeln sei; er meint, um eine solche Umwandlung handele 
es sich da gar nicht („In der Clnjmie sind vielerhand Scheidungen, 
und dadurch Verbesserungen, aber keine Transnintationcs. Dieses 
Wort ist mir selber hart und ein Greuel, doch mufs ich offt um der 
Redens- Art willen mich dessen gebrauchen. Ein anderes ist truns- 
mntafio, ein anderes propogatio und maUtratio"), so wenig, wie wenn 
man Korn oder Obst zu spirituöser Flüssigkeit werden lasse. Das 
Theoretisiren ist jedoch nicht Kunckel's starke Seite; überwiegend 
steht er auf dem Boden vermeintlicher Erfahrung: der von Anderen 
nicht nur sondern auch der von ihm selbst gemachten. Das Gold 
ist ein veränderlich Ding (die Farbe desselben könne man durch 
wiederholtes Schmelzen mit Borax viel blasser, durch Behandlung 
mit Salmiak u. A. wieder viel röther werden lassen ; es sei auch durch 
wiederholtes Auflösen aus seinem Wesen zu setzen), und wenn es zu 
Schlechterem veränderbar ist, wird auch ein geringeres Metall zu ihm 
zu verändern sein. Er selbst war nahe daran, das Capitalmittel für 
die letztere Veränderung: den Stein der Weisen zu erhalten. Es 
wurde oben bereits erwähnt, dafs er in Dresden nach einer da vor- 
gefundenen Anweisung darauf hin arbeitete, und er erzählt, dals seine 
noch nicht ganz ausgearbeitete Tinctur auf Silber in der Art ein- 
wirkte, dafs er aus dem Silber (wie viel von diesem er im Ganzen 
anwendete, ist nicht angegeben) 10 Mark Gold zu Wege brachte; 
aber zu dem eigentlichen Stein der Weisen brachte er es doch nicht, 
denn als er an die Ausarbeitung desselben mit Ernst gelien wollte, 
kamen ihm, wie oben mit seinen Worten berichtet wurde, verschiedene 
Hindernisse in den Weg. Er hielt es, als er sein Laboratorium 
chymicmn schrieb, doch für angemessen, zu erklären, welshalb er, 
welchem so manche sonst geheim gehaltene Anweisung zur Lösung 
der höchsten Aufgabe der Alchemie zu Gebote gestanden habe, damit 



64 Kunckel. 

doch nicht zum Ende gekommen sei; wenn er im zwanzigsten Jahre 
die im dreifsigsten erlangte Erkenntnifs schon besessen habe u. s. w., 
würde er es wohl weiter gebracht haben, meint er. Und auf die 
Frage, wefshalb denn in den zehn Jahren, während welcher er in 
Kurbrandenburgischem Dienste stand und alle Hülfsmittel dafür ge- 
habt habe, von ihm das grofse Werk der Alchemie nicht ausgearbeitet 
worden sei, antwortet er, dafs er es da anfanglich wohl vorgehabt, 
auch sich mit Vorbereitungen dazu beschäftigt habe, aber dann habe 
er dem Kurfürsten von Brandenburg zu Gefallen, welcher der curioseste 
Herr von der Welt gewesen sei, andere Dinge treiben, namentlich 
sich dem Glaswesen widmen müssen; da habe er die lahores chymicos 
denen Laboranteil (Gehülfen) anvertrauen müssen, und was Die zu 
Wege bringen, wisse Jeder, der es mit ihnen versucht. 

Nicht blofs dadurch, zu welcher Berufsthätigkeit er sich den ver- 
schiedenen Fürsten gegenüber, denen er diente, verpflichtete, hat 
Kunckel seinen Glauben an die Wahrhaftigkeit der Alchemie be- 
zeugt, sondern ganz ausdrückhch auch in seinen Schriften aus früherer 
wie aus späterer Zeit: auch in seinen 1677 veröftenthchten „Chymischen 
Anmerkungen, darin gehandelt wird von denen Frincipiis chymicis, 
Salihns acidis und Älcalihus fixis und volatiUhus^^ u. s. w., wo er 
in dem den Abschlufs dieser Schrift abgebenden „Anhang einer 
chymischen Brille contra Non-entia chynvica"- auf das Entschiedenste 
bestreitet, dafs auch die Metallverwandlung hierher zu rechnen sei. 
Und in deutlichster W^eise gab Kunckel seiner Überzeugung Aus- 
druck Denen gegenüber, welche darauf hin die Wahrhaftigkeit der 
Alchemie in Abrede stellten, weil in so vielen Fällen die angeblichen 
alchemistischen Leistungen als auf Täuschung und Betrug beruhend 
erkannt waren. Er that Das in der letztangeführten Schrift; er 
that es eher derb als zart in dem Laboratorium cliymicum: „Wer 
hieraus" [dem von ihm bezüglich früherer erfolgreicher Betreibung 
der Kunst in Dresden Berichteten] „nicht sehen kan, dafs die Trans- 
mutatio Mdallorum eine gewisse und wahrhaft'tige Kunst ist, wie 
etliche aus grober Unwissenheit solche leugnen, und spöttlieh davon 
reden, denen gehören Midas-0\wQ.ii und solte man solche Hanshachen, 
die nichts anders wissen, als die Schelmereyen und Betrüge anzu- 
führen, das Maul mit etwas anders füllen". Aber ein Anderes war 
für Kunckel die Wahrhaftigkeit der Alchemie an sich, ein Anderes 



Kunckel. 65 

die Zuverlässigkeit Derjenigen, welche sich damals als die Repräsen- 
tanten erfolgreicher Beschäftigung mit dieser Kunst hinstellten und 
aus Dem, was gefunden zu haben sie vorgaben, Nutzen zu ziehen 
suchten. Die Prüfung von Vorschriften zur künstlichen Erzeugung 
von Gold, welche diese Alchemisten für gutes Geld an den Mann zu 
bringen ausgingen und namentlich grofsen Herren zum Kauf anboten, 
beschäftigte Kunckel schon, als er in Lauenburgischen Diensten 
stand; sie kam ihm oft genug vor, als er bei Kurfürst Johann 
Georg IL von Sachsen Hofalchemist war*), und sie war, als er in 
'den Kurbrandenburgischen Dienst eintrat, zunächst seine Aufgabe. Oft 
genug wird er in solchen Vorschriften, die doch Anderen als schätz- 
bare galten, enthaltene Angaben als gänzlich unbegründete und un- 
wahre befunden haben. Dies gab ihm Veranlassung, die in der Chemie 
unerfahrenen und die betrügerischen Alchemisten (u. A. in seinem 
Laboratorium cltymicuitt in dem Capitel ,,Von der Thorheit der 
Chymicorum in ihrem Vornehmen") bitter zu geii'seln. Auf Grund 
von Stellen seiner Schriften, in welchen er Das that, hat man in 
neuerer Zeit ohne Berücksichtigung des Zusammenhangs, in welchem 
diese Stellen geschiieben wurden, und des sonst noch von Kunckel 
Gesagten Diesen als Einen hingestellt, welcher sich geradezu gegen 
die Möglichkeit der Metallverwandlung ausgesprochen habe und ein 
Gegner der Alchemie gewesen sei. Es bedarf nach dem im Vorher- 
gehenden Dargelegten keiner weiteren Erörterung, dafs diese Be- 
urtheilung Kunckel 's eine ganz irrige ist. 

Während Kunckel's Name ganz überwiegend um Deis willen, 
was Derselbe durch experimentale Arbeiten in der Chemie Förderndes 
geleistet hat, in der Geschichte dieser Wissenschaft fortlebt, stand der 
seines Zeitgenossen Becher bei den Chemikern lange Zeit hindurch 
vorzugsweise um des Antheils willen in hoher Achtung, welcher Diesem 



*) In dieser Zeit kamen wohl zu Kunckel's Kenntnifs die Anleitungen 
zum Betrieb der Alchemie, welche er später zusammenstellte und die (in Ab- 
schrift) den Anfang einer Sammlung alchemistischer Vorschriften bilden, welche zw 
den Papieren der im IL Theil zu besprechenden Hermetischen Gesellschaft gehörend 
auf der Universitäts-Bibliothek zu Giefsen aufbewahrt wird; Ma)niücripta aäep- 
torum serenissimae do)mts Elect. Sa.iO)i. a Jo. Kunckelio baroiie Saecico consci'ipia 
ist der Anfang dieser Sammlung und danach diese selbst in dem Accessious- 
Katalog gedachter Bibliothek von 1862 betitelt. 

Kopp, Die Alcliemie. I. 5 



66 Becher. 

an der Entwickelung einer während weitaus des gröfseren Theiles des 
vorigen Jahrhunderts in der Chemie herrschenden Lehre: der s, g. 
Phlogistontheorie, zuerkannt worden ist. Johann Joachim Becher 
war 1635 zu Speyer geboren. Er studirte nach einander Theologie, 
Mathematik, Medicin und Chemie, sah sich auch etwas in der Juris- 
prudenz und der Verwaltungswissenschaft um. Er wurde nach längeren 
Reisen in Deutschland und mehreren anderen Ländern Europa's 1666 
vom Kurfürsten von Mainz zum Professor der Medicin an der Uni- 
versität dieser Stadt, bald auch zum Leibarzt ernannt, ging von da 
in der letzteren Eigenschaft zum Kurfürsten von Bayern nach München; 
dann wurde er mit dem Titel eines Kaiserlichen Commerz- und 
Kammerrathes Mitglied eines in Wien neu errichteten Commerz- 
Collegiums; eine Zeit lang war er auch in Gräflich Hanau'schem 
Dienst. Da er ein unruhiger Kopf und immer neuen Projecten nach- 
gehend, auch von verbitterter und unverträglicher Gemüthsart war, 
und überall in Denen, welche er zuerst als verlässigste Gönner be- 
trachtete, bald erbitterste Feinde sehen zu sollen glaubte, blieb er 
nirgends lange. 1678 war er in den Niederlanden, wo er der Stadt 
Haarlera und den Staaten von Holland und West-Friesland verschiedene 
angeblich sehr gewinnbringende Pläne annehmbar zu machen suchte. 
Aber schon 1680 ging er wieder von da weg nach England, wo er 
in den nächstfolgenden zwei Jahren in den Cornwairschen Berg- und 
Hüttenwerken von ihm erdachte Vorschläge zur besseren Einrichtung 
derselben zur Annahme zu bringen suchte. Er starb zu London 1682, 
wie gesagt wird als er sich gerade dazu, nach Westindien zu gehen, 
anschickte. Seine Schriften sind sehr zahlreich; schon die über 

chemische Gegenstände handelnden sind es (von einer Aufzählung der- 
selben ist hier abzusehen), aber zu diesen kommen auch noch Schriften 
aus den Bereichen der Geschichte seiner Zeit, der Gewerb- und der 
Finanzkunde, der Staats- und der Sprachwissenschaft, der Mathematik, 
der Mechanik, der Philosophie. Die Projecte, welche er — sie in 
bester Überzeugung als ausführbar betrachtend — zur Ausführung 
und defshalb an den Mann zu bringen suchte, sind recht mannigfaltig: 
der Zustandebringung einer Universalsprachc nicht zu gedenken von 
der Colonisation eines Theiles der Guinea-Küste und der Verbindung 
der Donau mit dem Rhein einerseits bis zu der Construction des 
Perpetuum mobile (sein 1680 bQ&dniQhewe^ Fcrpetmim mohilc pJiysico- 



Becher. 6 7 

mechanicKm beruhte auf dem steten Wechsel des Volums eines mittelst 
einer Flüssigkeit gegen die äufsere Luft hin abgesperrten Luftquantums) 
und der künstlichen Hervorbringung edler Metalle anderseits. Wir 
haben hier nur, was die letztere Aufgabe betrifft, in Betracht zu 
ziehen. Becher hatte die vollste Überzeugung, dafs die Metall- 
verwandlung im Allgemeinen, die Metallveredlung ins Besondere mög- 
lich und dafs das Universalmittel, die letztere zu bewirken, darstell- 
bar sei. Seine Überzeugung stützte sich auch wieder, wie die so 
vieler seiner Vorgänger, darauf, dafs die Metalle ähnlich zusammen- 
gesetzte, um der Analogie ihrer Zusammensetzung willen durch Ab- 
änderung der letzteren unter einander umwandelbare Körper seien. 
Ich darf hier nicht auf die Darlegung eingehen, dafs er, so wie es 
auch schon mehrere vor ihm über die Zusammensetzung der Körper 
Nachdenkende gethan hatten, eigenthche Elemente als allerentfernteste 
Bestandtheile der Körper (als solche Elemente betrachtete er Wasser 
und Erde) unterschied von näheren, die aus den ersteren zusammen- 
gesetzt die chemischen Grundstoffe abgeben, und dafs er als solche 
Grundstoffe drei annahm, welche mit den drei von Paracelsus 
statuirten und Sulphur, Mercurius und Sal genannten wenigstens in 
Vielem übereinkommen, wenn sie auch Becher, öfters ihnen auch 
andere Benennungen beilegend, als davon erheblicher verschieden an- 
gesehen wissen wollte. Aus diesen Grundstoffen bestehen auch die 
Metalle. Speciell in dem IL Supplement zu seinem Hauptwerk: der 
(1669 zuerst veröffentlichten) Fhjsica subtcrranea betont Becher, 
dafs alle Metalle aus dem Nämlichen bestehen und dafs, was sie uns 
als verschieden erscheinen läfst, nicht in einer Ungleichheit der 
Materie sondern nur in weniger Wesentlichem seinen Grund habe, 
das durch den ungleichen Grad der Zeitigung und der Reinheit des 
(da als argentum vivum bezeichneten) mercurialischen Grundstoffs 
bedingt sei (tantiim in accidentihiis, ex varietate codionis et iJuritatis 
argenti vivi resiätantibus). Dieses dem Deutschen Kaiser Leopold I. 
dedicirte, 1675 erschienene IL Supplement hat den, den Inhalt des- 
selben genügend angebenden Specialtitel : Demonstratio phüosophica, 
sive tlieses cliymicae, vcritatem et possihüitatem transmutationis 
metaüormn in aiirum evincentes; auch was das 1671 herausgekommene 
I. Supplement zu der Phgsica subterranea brachte, läfst sich in einer 
für uns ausreichenden Weise ersehen aus dem Titel desselben: Ex- 

5' 



68 Beclier. 

perimentum cJiymicum novum, quo artificialis et instantanea mefalloriim 
generatio et transmutatio ad oculuni demonstratur (dieses I. Supplement 
war eine Vertheidigung der Wahrhaftigkeit der Alchemie gegen den 
von dem Professor Werner Rolfinck zu Jena auf diese Kunst unter- 
nommenen Angriff; ich werde später wenigstens noch einmal Dessen 
zu gedenken haben, wie Becher Solche, welche die Wahrhaftigkeit 
der Alchemie leugneten, zu widerlegen suchte). Gläubig dachte Becher 
über den Stein der Weisen und die Wirkung desselben auf unedle 
Metalle, wie u. A. sein eben citirtes Hauptwerk und sein schon 1664 
veröffentlichter Oedijms chymicus ausweisen; dafs er gutes Vertrauen 
auf ältere alcheraistische Vorschriften hatte, lassen die in seinen 
späteren Lebensjahren verfafsten Schriften: „Chymischer Glücks- 
Hafen" [Glückstopf, aus welchem man einen Gewinnst aber auch eine 
Niete ziehen kann] „oder Grosse Chymische Concordantz und Collection 
von funffzehen hundert Chy mischen Processen" und „Chymischer 
Piosengarten" ersehen. Darauf, dafs er Silber durch Behandlung 
desselben mit Seesand u. A. theilweise zu Gold umwandeln zu können 
glaubte, habe ich später in etwas ausführlicherer Erzählung zurück- 
zukommen*). Nicht als eine Verleugnung der Alchemie Seitens 
Becher 's ist also der in der Vorrede zu der Fhysica suhterranea 
stehende Ausspruch aufzufassen, dafs die Pseudo-chpmici aurum, vcri 
phüosophi scientiani desiderant, omni auro praepotiendam ; und wo 
er, wie z. B. in seiner Psychosophia^^)^ sich bezüglich der Beschäftigung 
mit Alchemie bedenklicher äufsert, wird von ihm nicht die Wahr- 



*) In Wien erhielt sich bis in das vorige Jahrhundert hinein die Remi- 
niscenz, dafs Becher während seines Aufenthaltes daselbst in profitabeler Weise 
Gold künstlicli gemacht habe. In dem in der Anmerkung zu S. 8 erwähnten, 
in Wien 1786 ausgegebenen Manuscripten-Katalog war (S. 47) auch zum Ver- 
kauf (für 500 Ducaten) ausgeboten „Thesaurus selectus, seu Medulla aurea et 
argentea artis Chemiae opusculo extrusa. 11 Bände. Diese Sammlung enthält 
die seltensten Arbeiten, Erfahrungen und Bemerkungen, die oft mit den geringsten 
Umständen, Handgriffen, Unkosten, Nutzen, und andere dabei vorgefallenen Er- 
eignissen aufgezeichnet sind. So sind z. B. in 2 Theile: Die geheimen Arbeiten 
Bechers, wobei er sich wegen der Wahrheit derselben auf einen gewissen 
Stolzenhahn beruft, durch den er an einen Goldarbeiter in Wien einmal für 
1000 fl. Gold hat verkauffen lassen, und ihm der Goldschmied gesagt: er möchte 
ihm bald mehr von diesem Golde schicken". 

*'*) Vgl. Anmerkung II am Ende dieses Theils. 



G. E. Stahl. 69 

haftigkeit dieser Kunst in Frage gestellt sondern nur, ob es im All- 
gemeinen bez.-w. für Jeden rathsam sei, dieselbe zu betreiben. 

Becher blieb während längerer Zeit unter den Chemikern haupt- 
sächlich defshalb in Ansehen, weil der in noch höherem Ansehen 
stehende Stahl, welcher die von ihm ausgebildete Phlogistontheorie 
in der Chemie zu Geltung brachte, den Ersteren als Denjenigen 
hinstellte, der das Wesentliche dieser Theorie zuerst erfafst habe. 
Georg Ernst Stahl war 16G0 zu Ansbach geboren, hielt von 
1684 an medicinische und chemische Vorlesungen an der Universität 
Jena und wurde auch 1687 zum Herzoglich Sachsen-Weimar'schen 
Leibarzt ernannt. Er folgte 1694 einer Berufung als Professor der 
Medicin nach Halle und wirkte da bis zum Jahre 1716, wo er zum 
Königlich Preufsischen Leibarzt ernannt nach Berlin übersiedelte; da 
starb er 1734. — Es ist nicht Aufgabe der vorliegenden Schrift, 
zu besprechen, was Stahl in der Heilkunde berühmt gemacht hat; 
auch nicht, eingehender darzulegen, welchen Einflufs auf die Ent- 
wickelung der Chemie er, abgesehen von einzelnen anderen Unter- 
suchungen, durch die Einführung der im Vorhergehenden bereits 
mehrfach berührten Phlogistontheorie ausgeübt hat und welche später 
als unrichtig befundene Vorstellungen er durch diese Lehre zu herrschen- 
den werden liefs: dafs in den eigentlich entzündlichen Körpern und 
in anderen in der Hitze bei Zutritt der Luft sich verändernden, speciell 
in den Metallen ein und dasselbe Princip der Verbrennlichkeit: das 
s. g. Phlogiston enthalten sei, auf dessen Austreten die Verbrennung 
der entzündlichen Körper und die Verkalkung der Metalle beruhe 
und welches als ein in die Zusammensetzung vieler Körper eingehender 
und mannigfache Vorgänge bedingender Grundstoft' etwas für die ganze 
Chemie Wichtigstes sei. Wohl aber ist hier anzugeben, dafs und wie 
auch Stahl zu denjenigen Picpräsentanten des chemischen Wissens 
ihrer Zeit gehörte, welche dem Glauben an die Wahrhaftigkeit der 
Alchemie Unterstützung gewährten. — An der Existenz der als 
Tinctur, Elixir oder Stein der Weisen bezeichneten Substanz, welche 
die Umwandlung der unedlen Metalle zu Gold bewirkt, zweifelte Stahl 
nicht, als er 1 684 in Jena die Vorlesungen über Chemie hielt, welche 
in Abschriften nachgeschriebener Colleghefte bald in Vieler Hände 
kamen und andauernd so grofses Interesse boten, dafs sie mit Stahl's 
Einwilligung 1723 durch J(oh). S(am). C(arl) (einen als Dänischer 



70 G. E. Stahl. 

Leibmedicus 1757 gestorbenen Arzt, welcher sein Interesse für Chemie 
auch durch selbstständige Schriften bethätigt hat) unter dem Titel 
Fimdamenta chymiae dogmaticae et experinicntalis veröffentlicht 
wurden. Instantaneae generaüoni metallicae, sagt z. B. da in dem 
Abschnitt de tcrris maUeabüihiis seit metcdlis Stahl, actum suum 
dehet tinctura seu siihsfantia pro transnmtatione metcdlorum, de cujus 
existeniia et veritate post tot exempla soUiciti esse supersedenms. 
Und den Schlufs dieser Vorlesungen bildet ein Abschnitt de mercurio 
pliüosopliico nmltipUcate fixato, resolnto, refixato seu de lapide pJiilo- 
sopJiorum, in welchem nach einer geschichtlichen Einleitung die Grund- 
züge des grofsen Werkes der Alchemie, so wie sie von verschiedenen 
Autoritäten angegeben worden sind, dargelegt werden, übrigens das 
Gelingen einer darauf gerichteten Unternehmung wie billig der Vor- 
sehung anheim gestellt wird (Cum vero caiitela circa haec omnia 
fundamentaliter circumscrihattir et definiatur a henedictione et Pro- 
videntia divina, quae pro varia iiitentiove et variis circumstantiis 
morcdibus rem ipsam quoque et ejus successtim sine dubio moderatur ; 
Ex hac quilihet se aestimet, et vel succcssum opcri suo vel frustra- 
tionem cxspectet: Rem enim in se seu modum conversionis in aurum 
philosopliicum physica aestimatione vüiorem credimus quam sationem 
frumenti aut mistionem massae panariae; Muralem vero ejusdem et 
aestimationem et usum bene utenti inaestimabilem, male usuro exitialem, 
et proinde divinae providentiae moderameu circa haec ncccessarium 
esse sine dubio arbitramur). Daran knüpft sich noch Einiges de 
medicina universcdi, was da zu bringen nöthig sei, so fern so Viele 
darauf ausgehen, die Substanz zu erhalten, quae non modo metallorum. 
sed et hominum summa medicina vocatur; Stahl hält es für mög- 
lich, dafs eine solche Medicin existire, und für wahrscheinlicher, dafs 
der Stein der Weifsen als dafs das trinkbare Gold sie abgebe (Dari 
posse substantiam aliquam, quae naturam humanam sub parva quo- 
que dosi summe reficiat, nt eadem quasi in momciito praestare possit 
debcllationem fermentorum peregrinorum, quam alias non nisi aliquot 
dierum spatio, neque id etiam sine ancipiti p)ericulo, peragit, aeque 
facile concipi potest, quam per experientiam concipere necesse habe- 
mus, quod in sensus incurrit, dari substantias, quae sub minima 
dosi contrarimn xiracstent, nempe principium activitm seu naturam 
paucis momentis ita dejiciant, iit illa ynodo prorsus modo valde 



G. E. Stahl. 71 

succimibat. Licet autem data probahilitate de existentia medi- 

cinae universalis non statim appareat, uhi praecipiie illa speranda 
sit, et suspicionem de auro superins improbal)ilem esse deinonstra- 
verimus, non tarnen improhahilis est illa opinio, quae lapidi philo- 
sopJiorum energiam quoque magnam medicinalem adscrihit). In 
dem 1702 verötfentlichten Specimen Becheriannm versichert Stahl, 
clafs Blei durch Abänderung der Mischung desselben (ich bemerke, 
dafs Becher 's erste Erde dem vorher als Sal, Dessen zweite dem 
vorher als Sulphur bezeichnet gewesenen Grundstoff entspricht) zu 
Silber umgewandelt werden könne (Assero, si plumho illa terra, quam 
JBe'ccherus primani nominal, conciliari atque intimiore ratione in 
illud introduci possit: secunda vero ejus terra subigi et intime cum 
plumho colligari: quod hac ratione plumhum revera in argentum 
converti possit). Yortheilhaft urtheilte von der Alchemie Stahl 
auch in einem Aufsatz de metallorum emendatione modico fructit 
profutura, welcher zuerst 1G82 als Dissertation veröffentlicht noch in 
die 1715 unter dem Titel Opusculum cliymico-plnjsico-mcdicum her- 
ausgegebene Sammlung einiger Stahl'schen Schriften aufgenommen 
ist*). Später jedoch wurde Stahl bezüglich Dessen, wie er sich 
über die Alchemie aussprach, viel vorsichtiger und verwahrte er sich 
namentlich dagegen, als ob er zur Beschäftigung mit dieser Kunst 
anreizen wolle. So in dem zuerst 17 IS veröffentlichten Buch „Zu- 
fällige Gedancken und nützliche Bedencken über den Streit von dem 
sogenannten SuJjjJtnre'' da, wo von einem mit Gold anzustellenden 
Versuch die Rede ist: „Ich bedinge mir aber bester Massen auls, 
dafs niemand glauben oder sich einbilden solle, dals ich ihn, oder 



*) Ohne dafs der leiseste Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Alchemie ge- 
äufsert wäre, wird in diesem Aufsatz zunächst die Verbreitung dieser Kunst und 
wie sie sich verbreitet haben möge, besprochen. Die Chinesen sollen avidissiiiii 
und auch studiosissimi sein duplicis artiflcii, nempe transmutationis metallorum 
viliorum in perfectissima, et vitae per viedicum aut pharmaceuticum aliqttod sub- 
sidium ultra vulgatum terminum ad serös prorsus annos non solum propagandae 
sed renocandae, prorsus novo vigore et alacritate instruendae atque resarciendae. 
Das alchemistische Unternehmen, auf welches als ein mäfsig aber doch anständig 
sich rentirendes die Überschrift des Aufsatzes hinweist, ist das von Becher an- 
geblich aufgefundene, Silber durch eine gewisse Behandlung mit Seesand u. A. 
theilweise zu Gold umzuwandeln, von welchem in der vorliegenden Schrift später 
noch einmal die Rede sein wird. 



72 G. E. Stahl. 

wer es auch sey, auf ungegründeten Goldmacherey- Versuch anweisen 
wolle noch werde ; sondern nur, entweder zur Erkänntnifs jedwederer 
Sache an sich geneigten, dergleichen Wahrheit im Wercke selbst zu 
begreiffen, Anleitung, ja vielmehr selbst Beweisthum davon zu geben 
gemeynet: odei- doch höchstens denen, die sich eines mehrern anzu- 
mafsen vermeyiien, eben dadurch auch Gelegenheit zu zeigen, dafs sie 
nicht mit ungewaschenen Händen und ungegründeten Sudeleyen sich 
noch mehr vertieffen und verwickeln: vielmehr aber durch gründliche 
Mittel-Arbeiten desto ehe zum Aufsschlag gelangen möchten, was 
an ihrer fest gefafsten Vorbildung am Ende seyn, oder nicht seyn 
könne, oder werde". Solche Worte des berühmten Mannes, wie man 
sie jetzt von ihm vernahm, waren freilich für die Alchemisten erheblich 
weniger tröstlich und aufmunternd, als die früher von Demselben aus- 
gegangenen Aussprüche. Und fast noch befremdender war, wie Stahl 
in demselben Buch an einer anderen Stelle sich über Alchemie im 
Allgemeinen und ganz besonders über eine Hauptlehre derselben, 
welche tiefsten Eindruck gemacht hatte: dafs der Stein der Weisen 
oder die Tinctur ein vielfach gröfseres Gewicht unedlen Metalls zu 
Gold umwandlen könne, aussprach: „Es seye in der That daran 
was da wolle, so gehet doch im Grund das Angeben der insgemein 
am meisten beglaubten Beschreiber, wann man ihre gewöhnliche Aufs- 
schweiffungen fleifsig abgesondert hat, insgesamt dahin, dafs ein 
sonderbares cörperliches Wesen, an Maafs und Gewicht wenig, an 
seiner Kraft und Aufsbreitung aber sehr, ja unglaublich, weitstreckend 
sey; welches die so genannte Tindnr oder goldische Farbe ausmache: 
so wohl in dem Gold Selbsten als in den übrigen Metallen, wann sie 
zu Gold gemacht oder gebracht werden sollen". Nach Hinweisung 
darauf, dafs Einige diese Tinctur aus dem Gold selbst ausziehen 
wollen: „Dieses liefse sich nun in so weit vor- oder einbilden, dafs 
es vielleicht möglich seyn könte: allein stünde doch dabey zu be- 
dencken, dafs solches nachgehends in einem andern metallischen 
Körper nicht mehr Farbe, als es in dem Gold selbsten gemachet, 
aufsbringon oder beytragen könte". Mit Bezugnahme darauf, was ein 
alcheniistischer Schriftsteller hierüber angebe: „Man nehme aber 
solches wie man will, so übersteiget gleichwohl nachgehends die vor- 
gebende unermäfsliche Kraft allen vernünftigen Begriff, und kan man 
kaum mit einiger Geduld ansehen, was dieser Schreiber vorbringet, 



G. E. Stahl. 73 

dafs mit einigen grau dergleichen überschwencklicher Tindur über 
300 Millionen geringern Metalls zu Gold zu machen möglich befunden 
worden sey". „Ich lasse nochmalen alles auf seinem Werth beruhen", 
hob da Stahl ausdrücklich hervor, „und warne jedermann, Geld, 
Zeit, Fleifs, Sorgen, Mühe, seinen übrigen Beruf und Nahrungs-Wege, 
auch ehrliche reputation und CrpAlit an Dinge zu setzen, die er nicht 
versteht und, gestalten Sachen nach, nicht verstehen kan : wie solcher 
Art Unterfangen sind". Wenn die Alchemisten glaubten, dafs der- 
artige Meinungsäufserungen nur der Ausdruck einer vorübergehenden 
Stimmung StahPs seien, so irrten sie sich. Noch deutlicher warnte 
vor der Beschäftigung mit Akhemie Stahl in seiner zuerst 1723 
veröffentlichten Schrift „Ausführliche Betrachtung und zulänglicher 
Beweis von den Saltzen, dafs dieselbe aus Einer zarten Erde mit 
Wasser innig verbunden bestehen", in dem 36. Capitel derselben: 
„Von den Kräften der Saltzwesen — — , nebst einem Bedenckeu von 
der Goldmacherey ". Die Möglichkeit der Umwandlung eines 
Metalls in ein anderes wird da noch zugegeben, aber eine andere 
Frage komme noch in Betracht: ob die Kunst, diese Umwandlung zu 
bewirken, auch erfindlich sei, und dann, ob ein Nutzen dabei heraus- 
komme, „Da dergleichen mehr Untersuchungen, als auf andere Ab- 
sichten zielende Versuche; weil sie gewils sehr zärtlich ausgeführet 
werden müssen: an allerseitigen Umständen so viel Zeit, Mühe, Auf- 
sicht, Arbeit und Kosten erfordern: auch noch dazu so viel Weit- 
läufigkeit, und leicht (sonderlich bey weniger geübten) Schmiererey 
erfordern und veranlassen, dafs der etwa noch erfolgte Eft'ect in gantz 
keine Vergleichung von C*?;i/!-Nutzung damit zu stellen: als wird 
niemand nach gesunder Vernunft dergleichen Versuche zu nur be- 
meldetem Zweck" [des zu hoffenden Gewinnes wegen] „zu Sinne 
fassen". „In welchen gesammten Erwägungen ich dann ge- 
nügsame Ursachen zu haben erachte, von dergleichen Absichten, so 
viel an mir ist, jederman abzumahnen". — — „Ich bleibe aus ge- 
gründeten Ursachen dabey, dafs keinem Menschen, will geschweigen 
ins Gelach hinein, so vielen ohne Unterscheid, durch öffentliche 

Schriften zu rathen sey, sich in dergleichen Dinge zu vertiefen, 

beharre also beständig darauf, dafs man darinnen" [in den auf Metall- 
verwandlung gerichteten Untersuchungen] „nichts weiter als die blosse 
natürliche Wissenschaft zum Zweck nehmen solle"; — — ,, welches 



74 G. E. Stahl. 

alles, wie auch hoffentlich zu begreiffen seyn wird, nicht anders als 
aus aufrichtiger Wohlineynung, zur Verhütung vergeblicher und viel- 
nial auch selbst die Gesundheit höchlich gefährdender Unterfangen, 
zu erinnern diensam erachtet". Der so bezeugten Ansicht, dafs 
die Beschäftigung mit Alchemie allgemein etwas Nachtheiliges und 
vor ihr zu warnen sei, blieb Stahl sein noch übriges Leben hindurch 
treu. Als gegen das Ende desselben ihm bekannt wurde, dafs der 
II. Theil des wesentlich seine Lehren bringenden Conspectus diemiae 
von Joh. Juncker (einem 1759 als Professor der Medicin zu Halle 
gestorbenen Schüler von ihm) bald herauskommen werde, besorgte er, 
dafs die früher von ihm kundgegebene günstige Beurtheilung der 
Alchemie da wieder vorgebracht und weiter verbreitet werde; er 
schrieb, den als nachtheilige befürchteten Wirkungen vorzubeugen, 
an Juncker, welcher den Brief, auch in der Vorrede zu dem 1750 
erschienenen II. Theil der Deutschen Ausgabe seines Lehrbuches, ver- 
öffentlichte. In diesem Brief sagte Stuhl: ,, Übrigens möchte wohl 
gethan seyn, wenn man bei Herausgebung des zweyten Theils die 
Namen anderer Autorum sonderlich deshalb exprimireio,, damit nicht 
blofs propria autoritate vorgeschrieben oder doch confirmivet schien, 
was nachgehends ipsis cxpcrimentis nicht wahr befunden wird, als 
wodurch fast insgemein in alchimicis viele mit Gewalt leichtgläubige 
Leute dergestalt in Schaden verleitet werden, dafs sie in so bekräftigter 
Hofnung vollends alles dran setzen, und vielfältiger Exempeln nach 
in gäntzlichen Buin verfallen. Wobey ich wohl leiden könte, wenn 
selbst nahmhaft gemacht würde, wie ich in dem alten Collegio chimico 
von anno 1G84, so letzthin von Herrn Lic. Carln ediret, in meinem 
damalen 25sten Jahr noch nicht so vollkommen von aller dergleichen 
Leichtgläubigkeit frey gewesen; wiewohl auch manches nicht 'gantz 
vergebens oder falsch seyn dürfte, wenn es blofs ad veritatem physicani 
inveniendam untersuchet, nicht aber auf die thörichte transcendental- 
Hofnung oder Einbildung der Goldmacherey angewendet würde". 

Wie Stahl, welcher in seiner Jugend so wacker von seinem 
Glauben an die Wahrhaftigkeit der Alchemie Zeugnifs abgelegt hatte, 
sich später mit nur unerheblichem Vorbehalt von der früher be- 
kannten Ansicht lossagte, war den Alchemisten sehr unangenehm. 
Sie trösteten sich mit dem Gedanken, Stahl sei zu der Zeit, wo er 
sich über die Alchemie ungünstig geäufsert, nicht mehr so wie in 



Boerhaave. 75 

früheren Jahren der seine innerste Überzeugung offen aussprechende 
Mann gewesen. Sie fafsten die Sache so auf, wie es nocli in unserem 
Jahrhundert Seh mied er in seiner Geschichte der Alchemie gethan 
hat: des höheren Alters Sehnen nach Ruhe habe Stahl, welchen 
weder theoretische Gründe noch praktische Erfahrungen zu einer 
Sinnesänderung hätten bestimmen können, den Gedanken verleidet, 
der immer mächtiger anwachsenden Partei der Gegner der Alchemie 
die Stirne zu bieten, und lieber habe er nachgegeben, jedoch mit 
einigem Vorbehalt, um die Consequenz zu retten; so sei die gedrückte 
AVendung entstanden, mit welcher sich Stahl in dem eben erwähnten 
Brief ausgesprochen habe, dieses Ja und Nein in Einem Athem, welches 
zu rügen die Hochachtung von dem Verdienste nicht gestatte. — 
Aber ein solcher Trost war, wo es sich um einen Mann von Stahl's 
Bedeutung handelte, doch nur ein kleiner, und dai's sich diese grölste 
chemische Autorität der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von 
dem Glauben an die Wahrhaftigkeit der Alchemie abwendete, wurde 
dadurch nicht gut gemacht, dal's eine andere hervorragende Autorität 
auf demselben Gebiete des Wissens sich immer noch zu Gunsten der 
von Stahl verleugneten Kunst aussprach. 

Gleichzeitig mit Stahl lebten noch zwei berühmte Ärzte, welche 
auch zu den bedeutendsten Repräsentanten der Chemie gegen das Ende 
des siebzehnten und in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts 
zählten: Friedr. Hoffmann und Boerhaave. Dai's der Erstere 
sich darüber ausgesprochen habe, ob die Alchemie das von ihr Ver- 
heifsene leisten kann, ist mir nicht erinnerlich; aber der Letztere 
äufserte sich in der nämlichen Zeit, in welcher Stahl bereits ganz 
zu den Zweiflern an der Wahrhaftigkeit der Alchemie um nicht zu 
sagen zu den Gegnern derselben übergegangen war, entschieden günstig 
für diese, und sein Urtheil war damals ein so gewichtiges, dal's auch 
von ihm in etwas eingehenderer Weise Kenntnifs zu nehmen ist. 

Hermann Boerhaave, geboren 1668 zu Voorhout bei Leyden, 
wirkte von 1709 an mit grofsem Ruhm an der Universität der letzteren 
Stadt als Professor der Medicin und der Botanik, von 1718 an auch 
als Professor der Chemie bis zu seinem Todesjahre 1738. Die von 
ihm über Chemie. gehaltenen Vorlesungen waren ganz besonders ge- 
schätzt, und sie verdienten es in vollem Mal'se. Was er da seinen 
Zuhörern vortrug, wurde ohne dafs er es gewufst und gewollt hätte 



76 Boerliaave. 

auf Grund nacligescliriebener Colleghefte unter dem Titel Institufiones 
et experimenta chemiae zu Paris 1724 veröffentlicht und dieses Buch 
alsbald und auch noch später an verschiedenen Orten nachgedruckt, 
auch ins Englische übersetzt. In dieser Publication war vieles Un- 
richtiges vorgebracht, und Dies bestimmte Boerhaave zu thun, was 
er eigentlich nicht beabsichtigt hatte : seine Vorlesungen selbst heraus- 
zugeben. Sie kamen unter dem Titel Elcmenta chemiae, qiiae anni- 
versario Idbore docuit in publicis privatisque scholis H. B. 1732 zu 
Leyden heraus, und sie fanden solchen Anklang, dafs sie vielfach — 
in England, Frankreich, der Schweiz, Italien — nachgedruckt, auch 

— und zum Theil mehrfach — in das Deutsche, das Englische und 
das Französische übersetzt wurden; sie waren noch um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts wohl das weitest verbreitete Lehrbuch der 
Chemie. Und in diesem, auf die Meinungen Vieler den erheblichsten 
Einflul's ausübenden Werke war noch über die Alchemie günstig ge- 
urtheilt. In dem I. Theile desselben, qui continet hisforiam et artis 
theoriam hat Boerhaave da, wo er von den Metallen handelt, schliefs- 
lich das bezüglich dieser Körper im Allgemeinen sich Ergebende zu- 
sammengestellt und, dabei sich auch über die fundamenta vera trans- 
mutationis metcdlorum geäufsert. Die Metalle — so legt er da dar 

— seien von allen anderen Naturkörpern gänzlich verschieden und 
namentlich durch ihr hohes, das aller anderen Körper übertreffendes, 
specifischcs Gewicht auszeichnet; durchaus irrig sei es also darauf 
auszugehen, aus nichtmetallischen Substanzen ein Metall hervorzu- 
bringen ; so fern die Analogie der Metalle sich ganz besonders in Dem, 
was ihr specifisches Gewicht betrifft, zeige und dem Gold in Beziehung 
hierauf das Quecksilber am Nächsten komme, sei anzunehmen, dals 
das Gold aus etwas in dem Quecksilber Enthaltenem oder einem dem- 
selben ähnlichen und einem anderen, dem Gold die ihm eigenthümliche 
Form gebenden, als Sulphur benannten Bestandtheil zusammengesetzt 
sei; die anderen Metalle enthalten die nämlichen zwei Bestandtheile 
zugleich mit einem dritten, specifisch leichteren, dem s. g. erdigen, 
welcher in den verschiedenen Metallen verschiedener Art sei, und in 
einigen sei auch noch Etwas enthalten, was als roher Schwefel (sulphur 
crudum) bezeichnet wird; in diese ihre Bestandtheile lassen sich die 
verschiedenen Metalle zerlegen; die Umwandlung der Metalle unter 
einander lasse sich nicht leicht in anderer Weise als in der durch 



Boerhaave. 7 7 

den mercurialischen Bestandtheil derselben bedingten nach Zerstörung 
der Form des umzuwandelnden INIetalles bewirken, und es lasse sich 
somit aus einem anderen Metall bei Umwandlung desselben zu Gold 
nicht mehr von dem letzteren erhalten, als dem Gehalt des ersteren 
Metalles an mercurialischem Bestandtheil entspreche. Da wo (gleich- 
falls in dem I. Theil) Boerhaave die Nützlichkeit der Chemie für 
andere Wissenschaften und Künste erörtert, kommt auch praestan- 
tissima utüitas ejusdmi in alchemia zu ausführlicher Würdigung. 
Offen wolle er mittheilen, was sich ihm ergeben habe. Es sei ihm 
nicht gelungen, unter den über naturwissenschaftliche Gegenstände 
Schreibenden Autoren zu finden, welche die Natur der Körper (cor- 
porum indolem) und was Umwandlungen der letzteren bewirke tiefer 
erforscht und klarer dargelegt hätten, als die sogenannten Alchemisten. 
Das sage er nicht in Übereilung, und davon könnten sich auch seine 
Zuhörer überzeugen, wenn sie mit angestrengter Aufmerksamkeit ge- 
wisse alchemistische Schriften, z. B. des Raymund Lull Experimentcv 
lesen. Er giebt einen Überblick über die von den Alchemisten be- 
züglich der Entstehung und der Umwandlung der Metalle, und wie 
die letztere bewirkt werde, vorgebrachten Lehren, und urtheilt, dafs 
ihm das da Behauptete wohl als glaubwürdig erscheinen müsse, so 
fern er, so weit ihm Prüfung desselben möglich gewesen sei, es als 
richtig befunden habe*) (Ubicunque alchemistas capto, vicleo ipsos sim- 
jdicissimam veritatem nudissimis verhis describere, nee (allere, nee 
errare. Qiiando igitur ad illa loca pervenero, idn percipcre neqiieo, quid 
velinf, cur falsi arguam eos, qui in arte se longe praestantiores 
dederunt nie ipso? a quibiis plurima didici in Ulis locis scriptorrnUy 
tibi aperte Joqui opportunum duxertint). Wohl frage auch er sich 
oft bei dem Studiren alchemistischer Schriften, ob nicht die Verfasser 
derselben von ihnen als möglich Betrachtetes wie bereits thatsächlich 
Festgestelltes beschrieben haben möchten, aber er wage nicht, 
hierüber abzuurtheilen, und jedenfalls würde auch dadurch Das nicht 
aufgehoben sein, was diesen Männern an Verdienst um Entdeckung 
naturwissenschaftlicher Wahrheiten zukomme. Er berichtet dann, 



*) Boerhaave hat übrigens doch selbst, wie später zu berichten sein wird, 
einige bei alchemistischen Schriftstellern sich findende, die Umwandlung des 
Quecksilbers in ein bei gewöhnlicher Temperatur starres Metall betreffende An- 
gaben als unrichtig erkannt. 



78 Boerhaave. 

was die alchemistischen Schriftsteller bezüglich des Steins der Weisen, 
der künstlichen Hervorbringung von Gold und anderer Leistungen 
der Alchemie: die kostbarsten Edelsteine künstlich darzustellen z. B., 
verheifsen, bespricht, dafs die Analogie der unedlen Metalle mit den 
edlen die Überführbarkeit der ersteren in die letzteren wahrscheinlich 
sein lasse, und erwähnt, dafs er selbst aus unedlen Metallen nach 
längerer Einwirkung des Feuers auf dieselben etwas Gold erhalten 
habe. Er schliefst diese Betrachtung mit der an seine Zuhörer ge- 
richteten Ermahnung, Das nicht für unmöglich zu erklären, was Einem, 
wenn man nicht mit dem Gegenstand vertraut sei, unbekannt bleibe 
(Cofjitcmus nos modo semper limites 2^otcntiae naturae nobis definiri 
haudquaquam posse. Habentur impossihilia, quae ignota sunt om- 
ninm rerum rudihus. — — Sapientis est omnia explorare, retinere 
prohata, nimquamlimitare Dei potentiam, neque productae a Creatore 
naturae fmes). Und in dem II. Theile seines Lehrbuches, qui con- 
tinet operationes chemicas, spricht Boerhaave noch einmal — in 
den an einen das Hornsilber betreffenden Procefs angeknüpften Be- 
merkungen — davon, dafs Gold künstlich hervorgebracht werden 
könne, als von etwas nicht zu Bezweifelndem (Consfat, aurum nasci 
posse de materie, in qua docimastice omni arte sua aurum non de- 
texerat prius). 

Mit Boerhaave schliefst die lange Reihe der chemischen Auto- 
ritäten ab, welche in ununterbrochener Folge ein Jahrtausend hin- 
durch sich für die Möglichkeit der künstlichen Hervorbringung edler 
Metalle, für die Wahrhaftigkeit der Alchemie ausgesprochen haben. 
Die Umwandlung der Ansichten bezüglich der Bestrebungen und der 
Leistungen der Alchemie, welche in Einem bedeutendsten Chemiker: 
in Stahl schon bald nach dem Beginn des achtzehnten Jahrhunderts 
vor sich gegangen war, vollzog sich um die Mitte desselben Jahr- 
hunderts für die wissenschaftliche Chemie im Ganzen ; das vorher der 
Alchemie geschenkte Vertrauen schlug um in Milstrauen, der vorher 
bekannte Glaube an die Wahrhaftigkeit dieser Kunst in Unglauben. 
— Die wissenschaftliche Chemie wendet sich jetzt von der Al- 
chemie ab. Wohl findet man noch in einem oder dem anderen Werk 
über eigentliche Chemie, welches um die Mitte des achtzehnten Jahr- 
hunderts veröffentlicht ist, die Alchemie in eingehenderer Weise be- 
rücksichtigt, aber dann nicht in einem die damals moderne Chemie 



Juncker. 79 

repräsentirenden sondern in einem, welches auch die Lehren einer 
bereits etwas zurückliegenden Zeit zu reproduciren sich zur Aufgabe 
stellte. So wird noch in dem 1750 veröffentlichten II. Theil der 

bereits S. 74 erwähnten Deutschen Ausgabe von Job. Juncker's 
Lehrbuch der Chemie — einem Werke, welches das chemische Wissen 
vollständig den von Stahl bezüglich der Zusammensetzung der Körper 
aufgestellten Grundsätzen gemäfs bringen sollte — ausführlich, auf 
07 Quartseiten, von der Transmutatione universali und der Trans- 
mufatiofie particulari der Metalle gehandelt. Von der ersteren wird 
gelehrt, dafs sie in der durch die s. g. Tinctur zu bewirkenden Um- 
wandlung unedler Metalle zu Gold oder Silber bestehe; historische 
Beweise werden dafür, dafs Solches möglich sei, vorgebracht, damit 
nicht Jemand auf den Einfall gerathe, dafs der Verfasser einem Un- 
ding oder Hirngespinnste einen ganzen Abschnitt gewidmet habe; über 
die Darstellung der Tinctur wird des Breiteren berichtet, auch dafür, 
wie man sie anzuwenden habe, Anweisung gegeben; erörtert wird, 
wie man sich die allerdings auffallende Wirkung derselben doch in 
vernünftiger Weise erklären könne. „Über Nutzen und Gebrauch" 
wird manches Lehrreiche und mehr oder weniger Geschmackvolles 
mitgetheilt (u. A., dafs man sich nicht durch den Gedanken, die Dar- 
stellung der Tinctur gewähre die Mittel den Armen zu helfen, zur 
Beschäftigung mit Alchemie verleiten lassen, Gott vielmehr in der 
Stille loben solle, dafs Er dergleichen Mittel weder nöthig habe noch 
anwende, alle Arme, deren Begierde die Nothdurft ihres Lebens nicht 
überschreite, zu ernähren), wobei übrigens der Behauptung, dafs die 
Tinctur auch als Universalmedicin und Lebenselixir wirke, kein Glaube 
beigemessen wird, und Voisichtsmalsregcln werden für die Betreibung 
der Alchemie eingeschärft. Auch dafür, wie Pailicular- Verwandlungen 
zu bewirken seien, werden Vorschriften gegeben ; es wird theoretisch 
erläutert, auf was die ersteren beruhen mögen, und abermals wird 
der Leser unterrichtet, welchen Gebrauch man von solchen Operationen 
machen könne und welche Vorsichtsmafsregeln für die Ausführung 
derselben zu beachten seien. — In der der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts zunächst folgenden Zeit beschäftigte sich Keiner mehr 
von Denen, die damals als in der Chemie besonders hochstehend ge- 
ehrt wurden, mit ^'ersuchen, welche die künstliche Hervorbringung 
edler Metalle beweisen sollten, wenn gleich noch ein oder ein anderer 



80 J. F. Meyer. — Wenzel. — Macfiuer. 

achtungswerther Chemiker zweiten Rangs Dies tliat: der (1765 
gestorbene) Apotheker Joh. Friedr. Meyer in Osnabrück z. B., 
Avelcher in gutem Glauben, dafs dieses Problem ein realisirbares sei^ 
einen ihm von einem Arzt in Hannover Dr. Constantini mitge- 
theilten alchemistischen Procefs nacharbeitete (seine darüber Auskunft 
gebenden „Alchymistische Briefe" wurden 17G7 veröffentlicht), oder 
der um die bessere Kenntnifs der quantitativen Zusammensetzung ver- 
schiedener Verbindungen, namentlich neutraler Salze wohlverdiente 
(1793 gestorbene) Sächsische Chemiker Karl Friedr. Wenzel, 
welcher nicht nur in seiner „Einleitung zur höheren Chymie" (1773) 
darlegen wollte, dafs alle Metalle zusammengesetzte Körper seien, 
die man in ihre Bestandtheile zerlegen und wieder aus denselben zu- 
sammenfügen könne (experimentale Beweise dafür sollten seine von 
der Königl. Dänischen Gesellschaft der Wissenschaften gekrönten und 
1781 veröffentlichten „Chymische Versuche, die Metalle vermittelst 
Pteverberation in ihre Bestandtheile zu zerlegen" erbringen), sondern 
auch in seiner „Lehre von der Verwandtschaft der Körper" (1777) 
die Umwandelbarkeit des Arseniks zu Silber nach einem da von ihm 
angegebenen Verfahren behauptete. — Und in den Schriften Solcher^ 
welche zu dieser Zeit in der Chemie den Ton angaben, wird die Al- 
chemie mit Stillschweigen übergangen oder kommt sie nur in einer 
für sie nicht günstigen Weise zu Besprechung. Macquer, dessen 
chemische Werke damals in hohem Ansehen standen, war weit davon 
entfernt, so, wie Dies noch Boerhaave (vgl. S. 77) gethan hatte, 
anzuerkennen, was die Arbeiten der Alchemisten Erhebliches für die 
reine Chemie hätten herauskommen lassen. Wo er in der 1778 ver- 
öffentlichten 2. Ausgabe seines Bictionnairc de cldmie (T. I, j). 245) 
von dieser Wissenschaft sagt, ihre Aufgabe sei die Erkenntnil's der 
Natur und der Eigenschaften aller Körper aus den Analysen und den 
Verbindungen derselben, hebt er hervor: Mais on ne sauroit trop 
repcter, que cctte deßnition ne convient qiiä la chimie moderne, et 
nullemcnt ä Vancienne, qui, totcdemcnt etrangere ä la vraie pjiysiqiie, 
n\ivoit presque pour ohjet que la pierre pliüosophale, cest ä dire, 
«w amas movstriieux de pyrocedes occuUcs et ahsolumcnt dcnucs de 
liaisons et de principes. La cJiimic, qui est Vohjct de cct ouvrctge, 
tfa heureusement rien de commun que Je noui avcc cette ancienne 
diimie; et cctte seule covformite est mcme cncore un mal pour eile,. 



Mac quer. . 81 

par la raison qiie c'en est pour unc fdle pleine d'esprit et de raison, 
mais fort peu conmie^ de porter le nom d'tme mere fameuse xmr ses 
inepties et ses extravaganccs. Gleichfalls in dem I. Bande dieses 
Werkes (j;. 62) sagt Mac quer auch, dafs die wahren Chemiker die 
Alchemie als ein imaginäres Wissen betrachten; von den Alchemisten 
habe noch Keiner Etwas herausgebracht, was dem Glauben an die 
Existenz und die Wirksamkeit des Steins der Weisen eine zuverlässige 
Unterstützung gewähre. Übrigens bespricht xMacquer in demselben 
Werke (T. II, p. 84) die künstliche Hervorbringung von Metallen 
noch als etwas Mögliches, aber sie sei eines der schwierigsten Pro- 
bleme der Chemie. 

Ich kann hier die Besprechung abbrechen, wie sich die Chemie 
zur Alchemie bis in das vorige Jahrhundert hinein gestellt hat; in 
dem II. Theil des vorliegenden Buches habe ich anzugeben, wie in 
noch späterer Zeit die Alchemie von der Chemie geradezu als eine 
Irrlehre verworfen worden und wie selten Das vorgekommen ist, dafs 
da noch ein Chemiker sie anders beurtheilte. Dazu, diese Besprechung 
hier etwas ausführlicher zu geben, veranlafste mich die Wichtigkeit, 
welche das da Erörterte für die Verbreitung und die Fortdauer al- 
chemistischer Bestrebungen gehabt hat, und mit einiger Vorliebe ver- 
weilte ich auch darnach bei ihr, wie es sich für sie um Geschichts- 
erzählung handelt und nicht blofs um Geschichtenerzählung. Auch 
auf die letztere einzugehen ist jedoch oft nothwendig, will man davon, 
wie die Alchemisten bez.-w. die in dem Glauben an die Wahrhaftig- 
keit der Alchemie Befangenen dachten und handelten, eine richtige 
Vorstellung vermitteln. Das trifft schon mehrfach zu, wenn man 
nach einzelnen Richtungen hin etwas genauer verfolgt, was noch aufser 
der Autorität so vieler berühmter Chemiker, welche die Metallver- 
edlung als möglich und das Universalmittel dazu als darstellbar be- 
trachteten, diesen Glauben unterstützte. 

Den Glauben, dafs die Metallveredlung möglich sei, dafs der 
sie bewirkende Stein der Weisen existire und also wohl auch für 
einen verständig und beharrlich Suchenden zu finden sei, bestimmte 
und stärkte bei Vielen, was an Einzelheiten über diese Substanz und 
über jene Operation angegeben wurde. Es mufsten doch Diejenigen 
den Stein der Weisen vor Augen gehabt haben, welche nicht blofs 

Kopp, Die Alchemie. I. 6 



82 Angaben über die äufseren Eigenschaften des Steins der Weisen. 

davon sprachen, dafs es einen solchen gebe und dafs er veredlende 
Wirkung auf unedle Metalle ausübe, sondern darüber genaue Auskunft 
geben konnten, wie dieser Stein aussehe. Solche Auskunft gaben 
aber Mehrere, und unter ihnen waren sehr berühmte Männer. Damit, 
dafs dieser kostbare Körper in den dem Raymund Lull beigelegten 
Schriften auch als Karfunkel bezeichnet wird, stimmt ganz gut, was 
Basilius Yalentinus im Tractat Vom grofsen Stein der uhralten 
Weisen über ihn angiebt: ,, seine Farbe zeucht sich von der durch- 
sichtigen Röthe auff die dunckelbraune, von der Rubinfarbe auif 
Granaten, und in der Schwere ist er mächtig und überwichtig", und 
auch ganz gut die Beschreibung, welche als von Paracelsus in der 
Schrift de signcUura rerum naturalium gegeben öfters angeführt 
wurde: der Stein sei schwer, in Masse lebhaft roth wie Rubin und 
durchsichtig wie ein Krystall, aber da wird auch angegeben, dafs er 
biegsam wie Harz und doch zerbrechlich wie Glas sei; gepulvert 
gleiche er dem Safran. Und wiederum stimmt mit dieser letzteren 
Angabe die des van Helmont, der Stein der Weisen, wie er ihn 
in Händen gehabt habe, sei ein schweres safranfarbiges Pulver ge- 
wesen, schimmernd wie nicht ganz fein zerstofsenes Glas. 

Aber auch darüber, dafs und wie der Stein der Weisen auf un- 
edle Metalle einwirke, lagen in grofser Zahl Aussagen von Männern 
vor, welche mittelst desselben die Metallveredlung selbst ausgeführt 
haben oder Zeugen solcher s. g. Transmutationen gewesen sein wollten. 
Nehmen wir hier nur auf Solche Rücksicht, die auf den ersteren 
Grund hin Auskunftspersonen zu sein sich berühmten, und unter 
Diesen (es waren auch viele) nur auf einige wenige aber als ver- 
trauenswürdig erscheinende Persönlichkeiten. 

Es wurde bereits S. 49 f. Dessen gedacht, dafs der Bedeutendste 
unter den gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts liin lebenden 
Chemikern, J. B. van Helmont, über von ihm selbst ausgeführte 
Metallveredjungs-Versuche berichtet hat; was er darüber angiebt, ist 
so merkwürdig und war so erfolgreich dafür, auch Andere an die 
Walirhaftigkeit der Alchemie glauben zu lassen, dafs wir doch etwas 
(iingelicndere Kenntnifs davon zu nehmen liaben. In dem Demon- 
stratur thesis überschriebenen Aufsatz sagt van Helmont, dafs ihm 
einmal '/i ^f\"'\\\ (unter 1 Tiian verstehe er \'«oo Unze) von dem 
Stein der Weisen gegeben worden sei; diese kleine Menge des kost- 



Erzählungen von vorgekommenen Metallveredlungen. 83 

baren Präparates habe er in etwas Siegelwachs eingehüllt und auf 
1 Pfund kurz vorher gekauftes Quecksilber geworfen, welches in 
einem Schmelztiegel über die Temperatur, bei welcher Blei erstarrt, 
erhitzt war, und sofort habe unter einigem Geräusch das Quecksilber 
aufgehört, flüssig zu sein, und sich zu einem Klumpen zusammen- 
gezogen (reseäit instar off'ac); stärker erhitzt sei das Metall wieder 
geschmolzen, und nach dem Ausgiel'sen desselben habe sich befunden, 
dafs nun 8 Unzen reinstes Gold vorhanden waren ; 1 Theil des Steins 
der Weisen habe also 19200 Theile eines unedlen und flüchtigen, 
durch Erhitzen veränderbaren Metalles zu wahrem Gold umgewandelt. 
In dem Aufsatz Vita aeterna giebt er an, was theilweise so mit dem 
vorstehend Berichteten übereinstimmt, dafs man glauben könnte, es 
beziehe sich auf den nämlichen Versuch: er hal)e die ihm einmal ge- 
schenkte Menge, ^u Gran des Steins der Weisen in Papier gewickelt 
auf 8 Unzen erhitztes Quecksilber geworfen, und da sei das letztere 
unter einigem Aufschwellen erstarrt und habe es sich wie ein gelber 
Klumpen zusammengezogen, und das nach dem Schmelzen in starkem 
Feuer ausgegossene Metall sei reinstes Gold gewesen und habe 8 Unzen 
weniger 11 Gran gewogen, wonach 1 Theil des Steins der Weisen 1918G 
Theile Quecksilber zu Gold umgewandelt habe. In dem Aufsatz Ärhor 
vltae erzählt er, der an Einem Abend ihm zum Freund gewordene Fremd- 
ling (vir peregrinus, unius vesperi amicus), von welchem ihm zum 
ersten Male Etwas von dem metallveredlenden Pulver mitgetheilt 
w^orden sei, habe ihm etwa ^/a Gran desselben gegeben, und damit 
seien 9^/4 Unzen Quecksilber umgewandelt worden. 

Nicht von ganz eben so grofsem Gewicht, wie das so bestimmt 
abgegebene Zeugnifs des van Helmont, welcher unter den wissen- 
schaftlichst gebildeten Ärzten und Chemikern seiner Zeit voranstand, 
aber doch noch ein recht respectabeles und Vielen iniponirendes war 
das eines anderen Mannes, welcher — auch in den Niederlanden — 
die wunderbare Wirksamkeit des Steins der Weisen auf unedles Metall 
eigenhändig erprobte, Johann Friedrich Helvetius, Leibarzt des 
Prinzen von Oranien im Haag — er war der Urgrofsvater von 
Claude Adrien Helvetius, welcher u. A. die bekannte Schrift 
L'esprit verfasste — , hat mit allen Einzelheiten erzählt, wie er 16GG 
mittelst eines Stückchens des Steins der Weisen halb so grofs wie ein 
Rübsamenkorn (ein ihn besuchender Fremder hatte es ihm gegeben) 



84 Erzählungen von vorgekommenen Metallveredlungen. 

1^2 Loth Blei zu Gold umgewandelt habe. Er hat Das in Lateinischer 
Sprache erzählt in einer Schrift, welche unter dem Titel Vitulus 
aureus, quem mundus adorat et orat 1667 zu Amsterdam veröffent- 
licht wurde; weil, was darin stand, den Alchemisten zu besonderer 
Herzstärkung gereichte, wurde diese Schrift gern gelesen und viel 
gekauft: zweimal wurde sie noch, zuletzt 1705, in Lateinischer Sprache 
neu aufgelegt, auch in mehreren Sammlungen Lateinischer alche- 
mistischer Aufsätze abgedruckt; Deutsche Übersetzungen kamen zu 
Nürnberg 1668 und zu Frankfurt a. M. 1705 heraus, deren jede 
noch zweimal, die Frankfurter noch 1767 neu aufgelegt wurde, und 
auch in Sammlungen Deutscher alchemistischer Aufsätze wurde des 
Helvetius Güldenes Kalb, wie der Titel der Schrift im Deutschen 
wiedergegeben wurde, aufgenommen und durch sie verbreitet. Auch 
wir haben von Dem, was in dieser Schrift bezüglich einer Transmu- 
tation eines unedlen Metalls zu Gold mitgetheilt ist, etwas eingehendere 
Kenntnifs zu nehmen. Nach des Helvetius Angabe besuchte Den- 
selben im Dezember 1666 ein Fremder, dem Anscheine nach ein 
Nordholländer, welcher sagte, er habe des Ersteren, der seine Zweifel 
an dem mysterio phüosoplnco öffentlich kundgegeben habe, Bekannt- 
schaft machen wollen, um sich mit ihm über diesen Gegenstand zu 
besprechen. Im Verlaufe des Gespräches gab sich der Fremde als 
Besitzer des Steins der Weisen zu erkennen und zeigte denselben 
— er hatte drei schwere Stücke von Nufsgröfse in einer elfenbeinernen 
Büchse bei sich — seinem Wirthe, welcher die Kostbarkeit etwa eine 
Viertelstunde lang in Händen hatte und dann, jetzt recht gläubig 
und besitzbegierig gestimmt, sie dem Eigenthümer zurückgab; ,,ich 
gab dem Herrn Vossessori mit höchstbetrübtem und niedergeschlagenem 
Gemüthe diesen Schatz aller Schätze, so er mir auf die kurtze Zeit 
zu gebrauchen anvertraute, wieder, doch must ich meinen Äffect über- 
winden und nach Gebühr dancksagen", heilst es in der Deutschen 
Erzählung, wie sie Fried. Ptoth-Scholtz' Deutsches Theatrum 
chemicum im L Theil, Nürnberg 1728, S. 481 ff. hat. Helvetius 
bat seinen Gast, Dieser möge ihm doch „zur ewigen Gedächtnüfs ein 
klein wenig, etwa in Gröl'se eines Coriander-Saamens, von der Medicin 
vcirchren", eriüelt aber zur Antwort, Das geschehe nimmermehr, 
„nicht wegen der Kostbarkeit der Materie, sondern wegen einer 
andern Conseqiiencc'-'- . Der Gast fragte noch nach einem Raum, 



Erzählungen von vorgekommenen Metallverecllungen. 85 

dessen Fenster nicht auf die Strafse gehen, und von Helvetius in 
dessen gute Stube geführt „gieng er mit samt seinen vom Schnee 
besudelten Schuhen ins Gemach, da doch sonst in unserm Vatterland 
Gebrauch ist, die Schuh auszuziehen", zeigte aber auch nun, in 
dieses Heiligthum des Hauses eingetreten, fünf tellergrol'se Stücke 
künsthch gemachten Goldes, welche er, etwas unbequem, auf der 
Brust unter dem Hemde trug. Nach noch weiteren lehrreichen aber 
besonders die Begierde nach dem Besitz des Steins der Weisen 
reizenden Discursen empfahl sich der Fremdling mit dem Versprechen, 
nach drei Wochen wiederzukommen und, falls Dies ihm dann erlaubt 
wäre, „in dem Feuer allerhand curiöse Künste zu weisen". Er kam 
auch wieder und holte den Helvetius zu einem Spaziergang ab, auf 
welchem Dieser seinem Ziele näher zu kommen suchte. ,,Ich läge 
ihm stets in denen Ohren, und bäte, er möchte mir doch die Metallische 
Verwandlung einmal zeigen. Ja ich ersuchte ihn mit denen ohligir- 
testen Worten, er solte doch mit mir speisen, und in meinem Hause 
Übernacht schlaffen, ich bäte ihn so sehr, dafs kein Liebhaber ver- 
mögend ist, seiner Ämasia grössere Caressen zu erzeigen, aber es 
war ein so beständiger Geist in dem Menschen, dafs alles mein Unter- 
fangen vergebens war. — — Wie nun alles Bitten und Flehen ver- 
gebhch war, ersuchte ich ihn inständig, wenn er denn wegen eines 
himmlischen Verbotes das Begehrte nicht zeigen dürffte, so solte er 
mir nur so viel von seinem Schatz verehren, als genug sey, 4 Gran 
Bley in Gold zu verwandeln. Auf diese Bitte hat er endlich den 
Flufs seiner Philosophischen Barmherzigkeit eröffnet, und mir ein 
Stückgen, so grofs als ein Rüben-Saame verehrt". Helvetius fand 
Dies sehr wenig, und wohl unzureichend; der Fremde liefs sich sein 
Geschenk wiedergeben, aber Helvetius erhielt nicht, wie er er- 
Avartete, von der Kostbarkeit ein gröfseres Stückchen als vorher 
sondern nur ein Fragment des zuerst gegebenen. Auf seine Klage, 
Das genüge wohl nicht zur Umwandlung von 4 Gran Blei, sagte der 
Fremde, man könne 2 Drachmen oder V2 Unze Blei oder selbst noch 
etwas mehr von diesem Metall zu dem Versuch anwenden. Jetzt 
rückte Helvetius mit dem Geständnifs heraus, dafs er das erste 
Mal, wo er den Stein der Weisen unter Händen gehabt, versucht 
hatte. Etwas davon mit dem Nagel abzukratzen; als er das unter 
dem Nagel Sitzende — es sei ,,kaum eines Sonnen-Stäubchens grofs" 



86 Erzähluugen von vorgekommenen Metallveredlungen. 

gewesen — auf einem Papier gesammelt und dann zu geschmolzenem 
Blei geworfen habe, sei das Blei nicht zu Gold umgewandelt sondern 
die ganze Masse des ersteren in die Luft geschleudert worden. Welches 
hörend der Fremde sagte: „Du kuntest geschickter stehlen, als die 
Tinctur gebrauchen"; den Bleirauch vertrage der Stein der Weisen 
nicht, sondern dieser hätte sollen in Wachs eingehüllt auf das schmel- 
zende Blei geworfen werden. Am anderen Morgen wollte er zu 
Helvetius kommen und demselben die Metall Verwandlung zeigen; 
inzwischen gab er noch einige, wohl auch für seinen wifsbegierigen 
Zuhörer nicht deutliche Auskunft bezüglich der Darstellung des Steins 
.der Weisen. Wer am anderen Morgen nicht kam, war der Fremde, 
welcher jedoch da noch durch einen Boten Entschuldigung seines 
Ausbleibens wegen anderweitiger Geschäfte und die Zusage sandte, 
Nachmittags zu kommen; Nachmittags blieb er ohne Entschuldigung 
aus. „Als ich mit hefftigem Verlangen bis um halb acht Uhr ver- 
geblich gewartet", erzählt Helvetius, ,,fieng ich an, die Wahrheit 
der Sache in Zweiffel zu ziehen. Indem kam meine Frau, welche in 
gedachten Mannes Kunst eine ctiriö&e Forscherin war, zu mir, und 
quälte mich mit Art der Philosophischen Kunst, welche in ober- 
wehntem ernsthafften frommen Mann wäre, und sagte: Last uns die 
Wahrheit dieses Wercks nach des Mannes vorgeschriebenen Worten 
probiven^ ich werde sonst wahrhatftig diese Nacht nicht schlaffen 
können". Helvetius war dafür, bis zum anderen Tage zu warten; 
aber als Ehemann wie er sein soll gab er seiner Frau nach. Er 
liefs seinen Sohn Feuer anmachen; er selbst suchte Blei und wog 
davon 6 Drachmen ab; seine Frau hüllte die winzige Menge des 
Steins der Weisen in Wachs und warf, als das Blei in dem Tiegel 
geschmolzen war, das Wachskügelchen mit Dem, was darin war, 
hinein, ,, welches mit einem Gezisch und Blasen in dem wohl zuge- 
stopften Tiegel also seine Operation verriebt hat, dafs die gantze 
3Iassa des Bleyes in einer viertel Stunde ins beste Gold verwandelt 

war. Ich, und die bei mir stunden, erstaunten alle, und lieffen 

mit dem annoch warmen Gold zum Goldschmid, der es nach ge- 
rechter Probe vor das kostbarste Gold, dergleichen keines in der 
Welt, gehalten, und hat vor eine jede Untze 50 Gulden gebotten". 
Wenn die Sache mit Teufelei zugegangen wäre, hätte sich erwarten 
lassen, dafs am anderen Morgen statt des Goldes etwas entschieden 



Erzählungen von vorgekommenen Metallveredlungen. 87 

Werthloseres gefunden worden wäre; Dem war aber nicht so. Es 
war noch gutes Gold, und um es zu sehen, kamen viele Liebhaber 
der Kunst und auch Vornehme, unter diesen Herr Porelius, der 
Provinz Holland Müuz- Examinator generalis, und dieser sachver- 
ständige Mann gieng mit zu dem Silberschmied Brechtel, bei welchem 
das erhaltene Gold mittelst Scheidung durch die Quart und mittelst 
Gufs mit Antimonium geprüft und gut befunden wurde. 

Sollten solche Männer wie van Helmont und Helvetius aus 
Irrthum oder absichtlich Unwahres angegeben haben? Weder das 
Eine noch das Andere war doch vernünftiger Weise anzunehmen. 

Der Stein der Weisen — die zu einer Transmutation verwendete 
Quantität desselben nämlich*) — existirt nach der Ausübung seiner 

*) Wenn im Verbältnifs zu der Menge des unedlen Metalles zu viel von 
dem Stein der Weisen angewendet wurde, konnte, wenn dieser sehr vollkommen 
ausgeai'beitet gewesen war, ein Product entstehen, welches selbst noch, und so- 
gar nach noch gröfserer Verdünnung durch unedles Metall, als Stein der Weisen 
wirkte. Die staunenswerthen Angaben, welche in diesem Betreif unter Raymund 
Lull's Namen gemacht worden sind, habe ich S. 26 f. mitgetheilt. Den Stein 
der Weisen in solcher Vollkommenheit und von so intensivem Wirkungsvermögen 
zu erhalten, ist allerdings meines Wissens keinem Andern geglückt. Wohl aber 
kam Das, und gar nicht selten, vor, dafs, wenn im Verhältnil's zu der Menge des zu 
Gold umzuwandelnden Metalles eine überschüssige Menge des Steins der Weisen 
angewendet wurde, ein Metall zum Vorschein kam, welches noch besser als das 
reinste gewöhnliche Gold, ein übergradiges Gold Avar. Derartiges alchemistisch 
dargestelltes Gold war selbstverständlich etwas verschieden von dem reinsten 
natürlichen; es war derartiges Gold, von welchem — wie Libavius in seinem 
Tractat de natura metallorum sich äulsert — gesagt wurde, quod chymicum 
aurum non sit auruni vidgi, quäle in vulgari monetarum et vasorum iisu est, 
sed summe depuratum et ad astralem naturam adductum. Solches Gold gab erst 
bei dem Zusammenschmelzen mit der erforderlichen Quantität anderen Metalles, 
letzteres auch noch zu Gold vcredlend, reines gemeines Gold. Von dem Gold 
z. B., welches Helvetius (vgl. S. 86) aus Blei erhalten hatte, liefsen 2 Drachmen 
= 120 Gran, als sie behufs der Prüfung mittelst der Scheidung durch die Quart 
mit Silber zusammengeschmolzen wurden, noch 2 Scru^jel = 40 Gran des letz- 
teren Metalles zu Gold werden. Ich werde später einer durch den bald (S. 89) 
wieder zu nennenden Richthausen vor dem Kurfürst Johann Philipp von 
Mainz 1658 vorgenommenen Umwandlung von Quecksilber in Gold zu gedenken 
haben, wo auch das zunächst erhaltene Gold noch zu hochgradig war und erst 
durch Zusatz von Silber zu gewöhnlichem gutem Gold wurde, und ähnliche 
Beobachtungen bez.-w. Angaben wurden von Alchemisten noch öfter gemacht. 



88 Angaben über die Existenz von künstlich hervorgebrachtem Gold. 

metallveredlenden Wirksamkeit nicht mehr. Er vergeht, indem er 
sich in der Mittheilung der ihm innewohnenden Röthe an unedles 
Metall behufs Ausbildung desselben zu Gold erschöpft, gleich wie der 
Pelikan in Folge des Verlustes von Blut zu Grunde gehen kann, 
welches seiner zu diesem Zweck von ihm verwundeten Brust entflielsend 
seinen Jungen zur Atzung dient (unter dem Bilde des Pelikans habön 
die Alchemisten selbst den Stein der Weisen gern vorgeführt). Aber 
das so entstandene Gold bleibt als ein Zeuge dafür, wie es entstanden 
ist. Dafs man sich von der Existenz von künstlich hervorgebrachtem 
Gold durch den Augenschein überzeugen könne, stärkte den Glauben 
an die Darstellbarkeit des Steins der Weisen und die Wahrhaftigkeit 
der Alchemie überhaupt bei Vielen, und Wenige nur waren so an- 
rnafsend, in Zweifel zu ziehen, ob etwa das Gold, um w^elches es sich 
in einem oder in einem anderen Fall handelte, auch wirklich auf 
alchemistischem Wege künstlich hervorgebracht oder ob ein goldartig 
aussehendes alchemistisches Fabrikat auch wirklich Gold sei. 

Diejenigen, welche sich von solcher Zweifelsucht frei hielten, 
sagten nun: Gold, das mittelst des Steins der Weisen künstlich ge- 
macht worden ist, existirt. In vielen Familien hatte man, oft zu 
einem Schmuckstück verarbeitetes, Gold, dessen Ursprung nach der 
Erinnerung noch Lebender oder nach eben so glaubwürdiger Familien- 
tradition der eben angegebene sein sollte. Es würde dem Umfang, 
welchen für die vorliegende Schrift einzuhalten ich doch beachten 
mufs, nicht entsprechen, wollte ich das mir in dieser Beziehung Er- 
innerliche oder Nachzuschlagende hier zusammenzustellen versuchen. 
Und was nützt zudem die Kenntnifs, dafs der berühmte Genfer Arzt 
Manget in der Vorrede zu seiner Bihliofheca cliemka curiosa (1702) 
erzählt, er selbst habe im Jahie 1G85 in England bei einem Bischof 
ein Stückchen künstliches Gold gesehen, welches ein Unbekannter in 
des grofsen Boyle Laboratorium aus Antimonium gemacht habe, oder 
dafs während langer Zeit in der ansehnlichen Zwinger'schen Familie 
zu Basel aufbewahrt und Fremden vorgezeigt worden ist ein Stück 
von dem Gold, welches nach Dr. jur. <£• med. Joh. Wolfg. Dien- 
heim's, Professors zu Freiburg i. B. ausführlichem Bericht 1G03 im 
Haus zum goldenen Storchen in Basel in Gegenwart des genannten 
Dienheim und des Professor Dr. med. Jacob Zwinger von einem 
uns später noch vorkommenden Adepten Setonius mittelst einer 



Angaben über die Existenz von künstlich hervorgebi-acliteni Gold. 89 

minimalen Menge eines schweren Pulvers, so etwas Citrongelbes in 
sich hatte, aus Blei dargestellt worden sei? Oder dals in Homburg 
vor der Höhe in der Familie des Baron von Creuz eine von einem 
Unbekannten 1715 zur Hälfte in Gold verwandelte silberne Schnalle 
oder ebenda in der Familie des Oberlandcommissars Güldenfalk 
einiges von einem Unbekannten durch Umwandlung von 2 Loth 
Blei mittelst des uns bekannten rothen Pulvers (von eines Hirsekornes 
Gröfse) 1755 künstlich hervorgebrachtes Gold, nach Legirung mit 
etwas Silber zu Bingen und Knöpfen verarbeitet, aufbewahrt wurde, 
oder Aehnliches? Das waren doch immerhin Einzelstücke, welche 
verhältnifsmäfsig Wenige nur zu sehen bekamen. Anders war es 
mit derartigem Gold, welches in einer seinen Ursprung bezeugenden 
Gestaltung an zugänglicheren Orten anzuschauen war. In der Schatz- 
kammer zu Wien befand sich noch 1797 eine (in neuerer Zeit wenigstens 
nicht mehr vorgezeigte*) grofse Denkmünze, gefertigt aus 272 Pfund 
Gold, das 1648 in Prag vor dem Kaiser Ferdinand HI. von dem 
Oberstbergmeister Grafen von Russ durch Umwandlung von Queck- 
silber mittelst Eines Grans eines rothen Pulvers hervorgebracht worden 
war; diese kleine aber für die angegebene Wirkung ausreichende 
Menge des Steins der Weisen hatte dem Kaiser ein gewifser Joh. 
Conr. Piichthausen dargebracht, dem sie von einem Anderen zuge- 
kommen sein sollte, über welchen nichts Sicheres bekannt geworden 
ist. Dort konnte man dieses Zeugnils für die Wahrhaftigkeit der 



*) Das K. K. Antiken- und Münz-Cabiuet in "Wien besitzt noch ein ovales, etwa 
40 cm hohes und 37 cm breites Medaillon, dessen Gewicht dem von 2055 Ducaten 
entspricht, nach dem Katalog „aus der Zeit Kaiser Leopold IL, 1677, von 
Wenzeslaus Ritter von Reinburg" (dem uns später noch vorkommenden 
Wenzel Seyler) „angeblich durch Alchemie aus Silber in Gold verwandelt. Es 
enthält den Stammbaum des Kaiserhauses von l'haramund dem Frankenkönig 
im V. Jahrhundert bis Leopold L" in 41 auf der Vorderseite nach Art der 
Münzen angebrachten erhabenen Brustbildern. Die Rückseite enthält eine lange 
Lateinische Inschrift, nach welcher genuinum hoc verae ac perfectae metamorphoseos 
metallicae specimen 1677 dem Kaiser zu dessen Namenstag von dem genannten 
Alchemisten dargebracht wurde. Das spec. GeAvicht des Medaillons (12,67) ist 
etwas gröfser als das des Silbers (nahezu 10,6) aber viel kleiner als das des 
Goldes (19,3). (A. Bau er 's Chemie und Alchyniie in Oesterreich bis zum be- 
ginnenden 19. Jahrhundert, Wien 1888, S. 39 ff", wo die Inschrift vollständig 
mitgetheilt und das Medaillon abgebildet ist.) 



90 Angaben über die Existenz von künstlich hervorgebrachtem Gold. 

Alchemie sich ansehen, und Diejenigen, welche niclit nach Wien zu 
reisen in der Lage waren, konnten sich mindestens an dem Anblick 
von Abbildungen jener Denkmünze letzen, wie sie anerkannt gute 
alchemistische Werke boten: die Mantissa spagirica z. B., welche 
Z weif f er seiner Pharmacojioea regia (zuerst 1652) angehängt hat, 
oder Becher's Tripus Jicrmeticus fatidicus (zuerst 1689 verötfentlicht) ; 
da konnte man auf den ersten Blick sehen, wie es sich mit der Sache 
verhielt: dafs auf dem Avers der Münze der Sonnengott Apollo sich 
präsentirte (das Zeichen der Sonne war bei den Alchemisten auch das 
des Goldes) nicht nur mit der Lyra in der Hechten sondern auch 
mit dem Caduceus des M er cur in der Linken (das Quecksilber w.urde 
früher sehr allgemein als Mercurius bezeichnet), liefs sofort erkennen, 
dafs es sich hier um aus Quecksilber dargestelltes Gold handele, und 
was über und neben dieser allegorischen Figur und aufserdem auf 
dem Revers der Münze zu lesen war, mulste vollends jeden Zweifel 
beseitigen. Eine kleinere aber immerhin auch beachtenswerthe Denk- 
münze aus alchemistisch gemachtem Gold befand sich in der (seit 
1806 in Wien aufgestellten) Sammlung auf Schlots Ambras in Tyrol, 
wo sie 1729 der durch die Beschreibung seiner Reisen bekannt ge- 
wordene, gleich noch einmal zu erwähnende Keyssl er sah; das 
Material zu derselben war 1650 vor dem nämlichen Kaiser Ferdi- 
nand IIL mittelst eines angeblich aus dem Nachlafs eines Ver- 
storbeneu herrührenden goldmachenden Pulvers, diesmal aus Blei be- 
schafft, und genannter Kaiser selbst soll den hierauf bezüglichen 
Hexameter, welcher auf der Münze zu lesen war, angeordnet haben: 

Aurca progenies plumho prognata parente. 

Andere fürstliche Schatzkammern hatten Ähnliches, denn Der- 
artiges war für jede Raritätensammlung eine sonderliche Zierde. 
In Florenz wurde etwas ganz Apartes vorgezeigt, was Ferdinand 
von Medici dahin gebracht hatte, welcher vorher dem geistlichen 
Stande angeliürig gewesen war und zuletzt als Cardinal in Rom ge- 
lebt hatte, 1587 aber den Thron Toscana's bestieg: ein eiserner 
Nagel, dessen Spitze so weit in Gold verwandelt war, als sie nach 
vorgängigem Erhitzen der Einwirkung des in verflüssigtem Zustand 
angewendeten Steins der Weisen unterlegen hatte. Der berüchtigte 
Leonhard Thurneysser, welcher von 1571 bis 1584 als Leibarzt 
in Berlin in grol'sem Ansehen gestanden, hatte nach seinem Entweichen 



Angaben über die Existenz von künstlicb hervorgebrachtem Gold. 91 

aus dieser Hauptstadt das Kunststück 1586 zu Rom ausgeführt*). 
Nicht früher als gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts scheint 
man in Florenz anerkannt zu haben, wie es sich mit dieser Sache ver- 
halte**). Keyssler, welcher als curieuser Reisender 1730 sich dort 
nach der Rarität erkundigte, erfuhr, dafs „man schämet sich schon, 
seit vielen Jahren, diesen Nagel ferner zu zeigen, nachdem sich ge- 
funden, dafs ein Betrug dahinter stecke und eine subtile Löthung 
das ganze Kunst-Stück ausmache" (Joh. Georg Keifsler's Neueste 
Reise durch Teutschland — — , Italien u. s. w. ; Hannover 1740; 
I. Theil, S. 503). Aber noch bedeutend später scheint man sich 
in Kassel des Besitzes von künstlich gemachtem edlem Metall in der 
Landgräflichen Kunstsammlung gefreut zu haben. Der Marburger 
Professor der Arzneivvissenschaft Fried r. Jos. Wilh. Schröder, 
welcher in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Wahr- 
haftigkeit der Alchemie eifrig vertheidigte, konnte noch 1773 die 
Zweifler an dieser Kunst auffordern, doch nach Kassel zu reisen 
und da im Fürstlichen Kunsthaus das 2^« Loth wiegende Stück Gold 
und das 14 Loth wiegende Stück Silber zu betrachten, welche nach 
des (1G70 bis 1730 regierenden) Landgrafen Karl eigenhändigem 
Zeugnifs vor dessen Augen durch den später zu besprechenden Grafen 
Caetano — das erstere aus Kupfer, das letztere aus Quecksilber — 
mittelst einiger weniger mohnsamengrofser Körner des Steins der 
Weisen dargestellt und probehaltig befunden worden seien (F. J, W. 



*) Wer an dieser Umwandlung von Eisen zu Gold etwa zweifelte, konnte 
dazu, daran zu glauben, bekehrt werden durch das mit dem Nagel aufbewahrte 
und vorgezeigte eigenhändige Zeugnifs des Cardinais; D. Leonardus Turneisser 
clavum ferreum me praesente ac vUlente igne calefacto ac oleo immisso in aiirum 
convertit. JRomae 20. Novemb. post prandiuin. lautete dieses Zeugnifs, nach der 
von 0. Tachenius in seinem Hippocrates chlmicus [p. 177 der Leydener Aus- 
gabe von 1672 dieses zuerst 1666 verötfentlichten Buches) gemachten Mittheilung. 
**) Der eben genannte Otto Tachenius — ein aus Herford in Westphalen 
gebürtigter Chemiker und Arzt, welcher von 1644 an vorzugsweise in Italien 
lebte — sprach wohl als Erster in der vorerwähnten Schrift von diesem Kunst- 
stück als einer Betrügerei, machte auch Angaben darüber, wie Gold an Eisen 
angelöthet werden könne, und bemerkte, dafs er selbst Nägel der oben be- 
schriebenen Art aliquoties ludendo dargestellt habe. Noch 1671 konnte W. Rol- 
fin ck in seiner Cliinüa in artis formam redacta (j). 434) sagen, dafs in Florenz 
miracidosa liaec transmutatio vel etiamniim liodie peregrinantibus exteris deprae- 
dicatur. 



92 Allgaben über die Existenz von Münzen aus alchemistisch gemachtem Metall. 

Schröder's Neue alchymistische Bibliothek, II. Bandes 2. Sammlung, 
Frankfurt u. Leipzig 1774, im Anhang, wo auch das Zeugnifs des 
Landgrafen Karl vollständig mitgetheilt ist). 

Dreihundert Ducaten schwer sei jene in die Wiener Schatz- 
kammer gekommene Denkmünze gewesen, hoben die Alchemisten 
wiederholt hervor, welche mit diesem Meisterstück ihrer Kunst, wie 
ihnen auch nicht zu verüblen war, etwas renommirten. Wäre der 
Goldklumpen, aus dem die Denkmünze angefertigt war, zu Ducaten 
ausgeprägt worden, auf welchen die Entstehung des zu ihnen ver- 
wendeten Metalles angedeutet gewesen wäre, so hätten diese in Um- 
lauf gebracht einer gröfseren Anzahl von Alchemisten die Freude ge- 
währt, bewundern zu können, was der von ihnen gesuchte Stein der 
Weisen zu bewirken vermöge. Anderwärts geschah Das, dafs aus 
angeblich alchemistisch dargestelltem Gold mehr oder weniger gang- 
bare Münzen geschlagen wurden, und das Vorhandensein solcher 
Münzen übte einen starken Einflufs darauf aus, dafs an die Wahr- 
haftigkeit der Kunst, welche das Material zu ihnen hervorgebracht 
habe, geglaubt wurde. Solcher Münzen gab es ziemlich viele. Da 
waren z.B. die Englischen Rosenobel, deren edles Metall Raymund 
Lull um 1332 während eines Aufenthaltes in London für König 
Eduard III. von England angefertigt haben soll, um Diesem die 
pecuniären Mittel zu einem von Demselben angeblich beabsichtigten 
Kreuzzug gegen die Sarazenen zu gewähren, welcher Kreuzzug aller- 
dings nicht zur Ausführung gekommen sei, weil der König wort- 
brüchig nach Empfang des Goldes dasselbe für den Krieg gegen 
Frankreich verwendet habe. Wie diese Rosenobel ausgesehen haben, 
ist sehr genau angegeben worden, und die Existenz der Münzen von 
solchem Gepräge mag nicht in Abrede zu stellen sein; wohl aber war 
Grund vorhanden zu bezweifeln, ob Rayniund Lull um 1332 oder 
überhaupt der Anfertiger des zu diesen Münzen verwendeten Goldes 
gewesen sei, da Derselbe nach verlässigster Auskunft bereits 1315 
gestorben war. Alles, was Seitens Derer, die an LulTs namentlich 
auch durch diese Leistung bethätigte Meisterschaft in der Alchemie 
glaul)ten, zur Ausgleichung so widersprechender Nachrichten vorge- 
bracht wurde, erwies sich als unbefriedigend, und als unzulässig er- 
weist sich auch die Vermuthung, Lull, könne in einem anderen Jahr 
als 1332 etwa, vor 1315, für König Eduard III. von England — 



Angaben über die Existenz von Münzen aus alcbemistisch gemachtem Metall. 93 

gerade dieser König wird immer als Derjenige genannt, für welchen 
Lull zu dem angegebenen Zweck gearbeitet habe — , Gold gemacht 
haben, denn Eduard III. war 1312 geboren und wurde 1327 auf 
den Thron Englands erhoben. Aber auch Münzen späteren Datums 
sollten aus edlem Metall, welches künstlich hervorgebracht sei, ge- 
schlagen sein: Dänische Ducaten z. B., welche 1G44 bis 1046 aus 
Gold geprägt worden seien, das der Münzmeister Caspar Harbach 
aus unedlen Metallen zu Stande gebracht habe; und für die Ducaten 
von 1647, die Christian IV. von Dänemark (welcher den Harbach 
zu seinem Leibalchemisten ernannt hatte) schlagen liel's, sollte Dies 
schon durch die auf ihrer Rückseite einer Brille beigesetzte Inschrift: 
Vide mira DomifniJ 1647 aulser Zweifel gestellt sein. Viele Münzen 
aus dem siebzehnten, auch noch aus dem nachfolgenden Jahrhundert, 
auf welchen alchemistische oder als alchemistische gedeutete Zeichen 
zu sehen waren, wurden von Vielen als aus künstlich hervorgebrachtem 
Edelmetall geprägt angesehen, während Andere diese Zeichen für die 
einzelner Münzmeister oder Münzstätten hielten. Schon gegen 1692 
gab es so viele Münzen, deren Substrat Product alchemistischer Kunst 
sein sollte, dafs es dem Kieler Professor Samuel Key her an Ma- 
terial für die in jenem Jahr von ihm veröffentlichte Schrift äe nmnis 
quihusdam ex chymico mctaUo f actis nicht fehlte. Aber auch an 
Material aus dem achtzehnten Jahrhundert für einen Nachtrag zu 
dieser Schrift hätte es nicht gemangelt. Die Alchemisten erzählten 
sich z. B. seiner Zeit, der Landgraf Ernst Ludwig von Hessen- 
Darmstadt sei ein Freund der Hermetischen Kunst gewesen und habe 
viel darauf verwendet, ohne zum Ziel zu kommen; da sei ihm 1717 
von unbekannter Hand ein Päckchen mit rother goldmachender und 
weifser silbermachender Tinctur zugegangen, nebst Anweisung, wie sie 
zu gebrauchen, und dem guten Rath eigenes Forschen einzustellen; 
aus dem mittelst dieses Präsentes aus Blei erhaltenen Gold seien 
Ducaten geprägt worden, die nichts auf ihre Herkunft Bezügliches 
ersehen lassen, aus dem eben so gewonnenen Silber Hessische Species- 
thaler von 1717 mit der Inschrift: Sic Deo xüacmt in trihulationihus. 

Derartige Metallveredlungen, wie die im Vorhergehenden be- 
sprochenen, sollten im Allgemeinen ausgeführt worden sein von Männern, 
welchen der dazu verwendete Stein der Weisen von Anderen mitge- 



94 Angaben über alchemistisch ei-langte Reichthümer. 

theilt worden sei. Wer daran glaubte, dafs sie wirklich stattgefunden 
haben, Der konnte auch nicht unglaubhaft finden, was bezüglich der 
Production von edlem Metall durch solche Männer erzählt wurde, 
welche selbst mit dem Geheimnifs der Darstellung des Steins der 
Weisen bekannt gewesen seien; sich in den Besitz ungeheurer Reich- 
thümer zu setzen mufste den Letzteren ein Leichtes sein. Dafs sie 
es thaten — unwillkürlich berichte ich so, wie wenn Alles dem früher 
für wahr Gehaltenen gemäfs sich zugetragen hätte — , war ihnen um 
so weniger übel zu nehmen, als sie von ihren Reichthümern in sehr 
lobenswerther Weise Gebrauch machten. Zu welch gutem wenn auch 
nicht zur Ausführung gekommenen Unternehmen Raymund Lull 
für Eduard IIL von England Gold — GOOOO Pfund Gold — gemacht 
haben soll, wurde, ebensowohl wie dafs diese Geschichte ihr Häkchen 
hat, bereits S. 92 f. erwähnt. Nicolaus Flamel, welcher in der 
zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts ein Abschreiber in Paris 
war, soll zur Kenntnifs der Darstellung des Steins der Weisen ge- 
kommen sein und als frommer Mann, der auch dann noch mit seiner 
Gattin Perron eile einfach lebte und kinderlos war, mit dem von 
ihm gemachten Gold 14 Hospitäler errichtet, 3 Kapellen von Grund 
auf gebaut und 7 Kirchen erneuert haben, die er reich dotirte (von 
ihm gestiftete milde Spenden sollen in Paris noch 1742 vertheilt 
worden sein). 100000 Pfund, nach Einigen Gold und nach Anderen 
Sterling soll im fünfzehnten Jahrhundert ein englischer Geistlicher, 
Georg Ripley als die Ausbeute seiner alchemistischen Arbeiten den 
Johanniter- Rittern gegeben haben, als Diese um 1460 auf Rhodos 
von den Türken bedrängt waren. Von einem Alchemisten Hiero- 
nymus Crinot weils man nur, dafs er um die Mitte des sechszehnten 
Jahrhunderts aus den Erträgnissen seiner Kunst 1300 Kirchen erbaut 
haben soll, aber leider nicht, welche oder wo. Solche und ähnliche 
Sachen galten als notorisch, und Das machte die, übiigens auch nicht 
beizubringende Beweisführung, dafs sie sich wirklich zugetragen haben, 
unnöthig. Ähnliches zu thun wäre ja auch später lebenden Adepten 
möglich gewesen. Van llelmont (vgl. S. 82 f.) berichtete, dafs der 
Fremdling, welcher ihm zum ersten Mal Etwas von dem Stein der 
Weisen mittheilte, eine zur Hervorbringung von mindestens 200000 
Pfund Gold hiiireicliende Quantität von dieser kostbaren Substanz bei 
.sich hatte, und Helvetius (vgl. S. 84) bezeugte, dafs die Menge 



Angaben über alchemistisch erlangte Eeichthümer. 95 

des Steins der Weisen, welclie ihn der in sein Haus gekommene 
Alchemist sehen liefs, einen Werth von mehr als 20 Tonnen Goldes 
hatte. Solche Erzählungen — auch die, für welche gar kein Ge- 
währsmann zu nennen war, die aber doch immer wieder vorgebracht 
■wurden — verfehlten nicht, Eindruck zu machen auf Solche, welche 
gerne auch derartiger Erfolge theilhaftig geworden wären. Es reizte 
doch, den über einen in Hamburg so eingezogen, dafs ihn Niemand 
kannte, lebenden Juden Benjamin Jesse um 1730 von einem un- 
bekannten und selbst ungenannten Menschen, welchen Jener aus dem 
Findelhaus zu sich genommen habe, an einen Unbekannten abge- 
statteten Bericht zu lesen, nach welchem der im 88. Lebensjahr ver- 
storbene Jesse den Pflegesohn mit einem ansehnlichen Legat be- 
dacht, im Übrigen seinen Nachlafs an zwei Vettern vermacht habe, 
und in diesem Nachlafs sei auch eine Büchse mit einem gewichtigen 
scharlachrothen Pulver (ich brauche nicht zu sagen, welche Kostbar- 
keit es war) und vergleichweise Geringeres gewesen: vier grofse Kisten, 
ganz mit Goldstangen angefüllt. Wer hätte diesem treuherzig ge- 
schriebenen Bericht nicht Glauben schenken sollen, in welchem so 
eingehend geschildert war, was der Verstorbene noch am letzten 
Lebenstag Alles gethan, auch dafs er kurz vor dem Verscheiden 
Hebräische Psalmen gebetet und ein weniges Malvasier getrunken 
habe; manchem Alchemisten mag so zu sagen das Wasser im Munde 
bei dem Gedanken zusammengelaufen sein, auch er könne zur Kennt- 
nifs gelangen, wie das scharlachrothe Pulver darzustellen sei, auch 
seine Kasten könne er einmal so mit Gold gefüllt sehen, und mit 
frischem Eifer wird er dann wieder an die Hermetische Arbeit ge- 
gangen sein. 



Zu solchen und ähnlichen in dem weiteren Verfolg dieser Bericht- 
erstattung zu erwähnenden Angaben, welche die Begierde nach dem 
Besitze des Steins der Weisen reizen mufsten, kamen aber auch noch 
andere, welche ganz dazu angethan waren, denselben Erfolg hervor- 
zubringen: namentlich Angaben über die höchst wohlthätige Einwirkung 
des genannten Präparates auf den menschlichen Organismus. Dazu, 
sich der bereits besprochenen Frucht jenes Besitzes, des Reichthums 
in vollem Mals und lange erfreuen zu können, gehört mehr, als den 



96 Angaben üher d. heilkräftige u. lebenverlängernde Wirkung d. Steins d. W. 

Menschen fürs Gewöhnliche beschieden ist. Denn wahrer als vieles 

andere in alchemistischen Schriften Stehende ist: 

Quid mihi divitiae, languore consorfe? 

Quid thesauri proderunt, si opprimar viorte? 

wie die Worte des Aristaeus*) an seinen Sohn in denjenigen 
Lateinischen Versen lauten, „die über eine in Schitischer Sprache ge- 
machte Abschrift verfertigt worden" (nach der Angabe im Herme- 
tischen Museum, III. Theil, Reval und Leipzig 1785, S. 132; von wo 
ich sie entnehme). Aber Diejenigen, welchen der Stein der Weisen 
zur Disposition stand und der rechte Gebrauch desselben bekannt 
war, hatten Krankheit und selbst den Tod nicht zu fürchten. 

Die Behauptung, dafs der Stein der Weisen sich auch als Uni- 
versalmedicin bewähre, kommt meines W^issens bei den Arabischen 
Alchemisten noch nicht, wenigstens noch nicht in deutlicher Weise 
vor. Einzelnes, was in den Schriften Derselben steht, in diesem 
Sinne zu nehmen, könnte veranlassen, dafs da (d. h. in den Lateinischen 
Übersetzungen) die eine Metallveredlung bewirkenden Mittel als Me- 
dicinen bezeichnet werden, der Stein der Weisen als die Medicin 
höchster: der dritten Ordnung (vgl. S. 14 f.), und dafs von der 
Umwandlung der unedlen Metalle zu dem vollkommensten: dem Gold 
als von einer Heilung der Unvollkommenheiten der ersteren durch 
den Stein der Weisen gesprochen wird. Nicht von dem Stein der 
Weisen sondern von dem mittelst desselben hervorzubringenden 
Gold wird in Geber 's Summa perfectionis magisferii angegeben, was- 
später von dem ersteren gerühmt wird: est mcdicina laetificans, et in 
JHventute corpus conservcms ; und von dem nämlichen Metall wird in 
der dem Avicenna beigelegt gewesenen Schrift de anima, von welcher 
S. 15 die Rede war, gesagt: in auro sunt naturae absconditae qiiae 



*) Über die Existenz bez.-w. die Zeit oder die Lebensverhältnisse dieses 
Aristaeus — von welchem mir nicht bekannt ist, dal's er als alchemistischer 
Schriftsteller bei den sich mit der einschlägigen Literatur Beschäftigenden Be- 
rücksichtigung gefunden habe — weifs ich Nichts. Er ist nicht identisch mit 
dem Arislaens oder Arisleu.s (dessen Name wohl auch — z.B. in Manget's 
Bihliotheca cheniica curiosa'T. I, p. 445 — irrthünilich Aristeus gedruckt ist), 
welcher als der Verfasser der bei den Alchemisten berufeneu Turha philosophorum 
oder vielmehr eines der zwei unter diesem Titel vorhandenen alchemistischen 
Tractate angenommen und den in Lateinischer Sprache über Alchemie schrei- 
benden Autoren des zwölften Jahrliunderts zugerechnet wird. 



Angaben über d. heilkräftige u. lebenverlängernde Wirkung d. Steins d.W. 97 

prosunt toxico, mit Uli qui percussus est ferro, et ptueris nascentibus, 
si quando natus fucrit teneat, non timehit daemonem, et si praegnans 
mulier hiberit, non ahortahit. 

Aus derartigen Angaben ging bei den Abendländern der von 
Diesen so beharrlich festgehaltene Glaube an die Heilwirksamkeit des 
in trinkbare Form gebrachten Goldes hervor, aber bei ihnen trat 
bald diesem Glauben auch der hinzu, dafs der Stein der Weisen als 
Universalraedicin wirke. Hierauf bezügliche Behauptungen finden 
sich vom dreizehnten Jahrhundert an. Fast gleichlautend ist, was 
des Arnald von Yillanova Bosariiim und das dem Raymund 
Lull zugeschriebene Testamentum (in dem als Practica betitelten 
Theile desselben) hierüber haben: dafs der Stein der Weisen jede 
Krankheit heile, eine einen Monat dauernde in Einem Tag, eine ein 
Jahr dauernde in zwölf Tagen, eine während unbestimmt längerer 
Zeit dauernde sicher innerhalb eines Monats, auch dafs er einem 
Greise die Kraft eines Jünghngs wiedergebe. Raymund Lull selbst 
soll, als er in hohem Alter stehend sich dieses ^Mittels bedient habe, 
wieder ganz frisch und munter geworden sein. Von zwei bei den 

Alchemisten späterer Zeit in hohem Ansehen stehenden Niederländischen 
Schriftstellern, die gegen das Ende des vierzehnten oder im Anfang 
des fünfzehnten Jahrhunderts gelebt haben sollen: Isaak Holland us 
und Dessen Sohn Johann Isaak Hollandus, giebt der Letztere 
in seinem 02)fis Satumi ausführlichere Auskunft über die Wirksamkeit 
und die Anwendung des Steins der Weisen als Heilmittel: dieses Prä- 
parat heile selbst vom Aussatz, von der Pest und von allen ansteckenden 
Krankheiten ; je ein Weizenkorn viel desselben in Wein genossen treibe 
den Krankheitsstoff am ersten Tage mit dem Schweifs, am zweiten 
Tage mit der Darmentleerung aus und vervollständige bis spätestens 
zum neunten Tage die Heilung, wo es dann dem Wiederhergestellten 
zu Muthe werde, er sei kein ^Mensch mehr, sondern ein Geist, so 
leicht und luftig seien ihm alle seine Glieder, und wie im Paradiese 
werde er sich fühlen ; nehme Einer wöchentlich die nämliche Dosis 
zu sich, so werde er immer gesund bleiben bis zu der letzten Stunde 
der von Gott ihm bestimmten Lebenszeit. Welche trostreiche Ver- 
heifsung bekräftigt wurde durch Das, was als in dem fünfzehnten 
Jahrhundert von Basilius Valentinus in dem Tractat von natür- 
lichen und übernatürlichen Dingen geschrieben zu lesen war: keine 

Kopp, Die Alchemie. I. 7 



98 Angaben über d. heilkräftige u. lebenverlängerncle Wirkung d. Steins d.W. 

Krankheit werde den Besitzer des Steins der Weisen rühren und kein 
Gebreste ihm schaden, bis zu der letzten Stunde, so ihm von seinem 
Himmelskönige gesetzt sei. Aber noch mehr durften die Glück- 
lichen, welchen die höchste Aufgabe der Alchemie zu lösen gelungen 
war, nach Dem erwarten, was in dem angeblich um 1490 von Salo- 
mon Trismosin — der ein aus Deutschland gebürtigter fahrender 
Alchemist gewesen sein soll, dessen Unterricht in Constantinopel 
Paracelsus genossen habe — geschriebenen, gewöhnlich unter 
dem Titel Ävreiim vellus angeführten alchemistischen Tractat*) steht. 
Als er in hohem Alter — so erzählt da Trismosin — und bereits 
sehr abgelebt endlich zu der Kenntnifs, wie der Stein der Weisen 
zubereiten, gekommen sei, habe er sich mittelst V2 Gran desselben ver- 
jüngt: seine runzelige gelbe Haut sei wieder glatt und weifs, die 
Wange roth, das ergraute Haar schwarz, der gekrümmte Rücken 
gerade geworden, und jugendliche Regungen seien in ihm wieder er- 
weckt worden; viele Jahre (es sollen 150 gewesen sein) seien von 
der Zeit, wo ihm besagtes Mittel in solcher Weise geholfen, bis zu 
der, wo er schrieb, verflossen, und noch fühle er sich eben so jung 
und kräftig wie damals, und in seiner Macht stehe es, beliebig lange 
zu leben, „Ich Trismosin hab mich selbst und andere dapffere 
Leuth mit diesem Geheymnufs spon new gemacht, und da einer wolte 
(wenn es nicht wider die ewige Weysheit Gottes were), köndt er sich 
mit diesem Arcano auff halten bifs am jüngsten Tag", steht in der 
als Liher Suforethon überschriebenen Abtheilung des genannten 
Werkes, Unter Denen, welchen er mit seiner mittelst des Steins der 
Weisen bereiteten Arznei geholfen, seien siebenzig- bis neunzigjährige 
Weiber gewesen, die er in der Art wieder jung gemacht, dafs sie 
dann noch viele Kinder geboren haben. Das war auch in dem 
sechszehnten Jahrhundert anerkannt, dafs ein Besitzer des Steins der 
W^eisen vor Armuth nicht nur sondern auch vor Krankheit gesichert 
sei. In den S. 5 f. erwähnten Ilcniojitranccs de la Xature a l'Alchy- 
mistc crrant wird dieses Präparat auch nach seiner Wirksamkeit in 
dieser Richtung liesprochen und von ihm gesagt: 

Que guerrit taute maladie, 
Et qui l'a Jamals ne mendie: 

*) Vgl. Anmerkung III am Ende dieses Theils. 



Angaben ülier d. heilkräftige u. lebenverlängernde Wirkung d. Steins d.W. 99 

Qiii en a nnc o)ice et nn seid grain, 

Toujours est riche et tovjours sain: 

En fin se meurt Ja Creature 

De Dieu contente et de Natiire; 
und Libavius berichtet in seinem Tractat de lapide xMlosophorimi 
auf die Autorität des Raymund Lull hin ganz ernsthaft von der 
nämlichen Substanz: Vald ad omnes morhos, excepto decretae mortis 
tcrmino. Dafür, dals der Glaube an diese Wirksamkeit des Steins 
der Weisen sich noch länger erhielt, werden uns in dem Nächst- 
folgenden Zeugnisse vorkommen; wie übrigens noch in der zweiten 
Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts selbst Männer von der Bedeutung 
Kunckel's und G. E. StahTs bezüglich der Möglichkeit dachten, 
dafs der Stein der Weisen solche Wirksamkeit ausüben könne, wurde 
bereits früher (S. Gl und 70 f.) angegeben. Selbst dafür, dafs ein 
Besitzer des Steins der Weisen es in seiner Gewalt habe, länger zu 
leben als es ihm eigentlich nach der göttlichen Ordnung beschieden 
sei, fanden sich noch in dem siebzehnten Jahrhundert und wohl auch 
in dem folgenden Gläubige; es wird Dessen in dem zweiten Theile 
der vorliegenden Schrift, wo über rosenkreuzerische Behauptungen, 
welche auf Alchemie Bezug haben, und die Aufnahme derselben be- 
richtet wird, zu gedenken sein. 

Aber gleich hier will ich bemerken, dafs zu den solcher wohl- 
thätigen Einwirkung des Steins der Weisen auf ihren Körper sich 
Erfreuenden auch Männer gehört haben sollen, welche in früher Zeit 
— vor der Sündfluth und verhältnilsmäfsig bald nach derselben — 
lebend zu einem für uns auffallend hohen Alter gelangt sind. Dals 
dafür der Natur künstlich nachgeholfen worden sei, glaubten Viele 
(u. A. hat ein uns später noch einmal vorkommender Giov. Bra- 
ceschi, welcher um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts lebte, 
in einem Licjmim vitae betitelten Tractat diejenige Arznei ausfindig 
zu machen gesucht, vermittelst welcher die Patriarchen ihr Leben auf 
viele Jahrhunderte gebracht haben), und der Stein der Weisen sollte 
dazu ganz besonders geeignet gewesen sein. Das wurde allerdings 
erst später klar, namentlich aus einer wiederholt (Lateinisch zuerst 
1686, zuletzt 1772 übersetzt in Friedr. Jos. Wilh. Schröder's 
Neuer Alchymistischer Bibliothek Bd. I, S. 1 u. 115) zur Veröffent- 
lichung gekommenen Correspondenz zwischen Edmund Dickinson 
(Dieser war um 1680 Leibarzt des Königs Karl IL von England; 



1 00 Angaben über d. heilkräftige u. lebenverlängernde Wirkung ä. Steins d. W. 

Becher dedicirte ihm seine als Trijnis hermeticus fatidicus betitelte 
Schrift) und Theodor Mundan, welcher Letztere (ich weifs über 
ihn nichts Genaueres, aber er mufs ein Mann von Stand gewesen 
sein, da ihn Dickinson mit „Eure Herrlichkeit" anredet) denErsteren 
1681 durch eine vor Dessen Augen vorgenommene Metallveredlung 
vom Unglauben zum Glauben an die Alchemie bekehrt haben soll. 
Dickinson richtete einige Jahre später an Mundan ein Send- 
schreibe'n, in welchem er, immer noch Etwas von der früheren Ver- 
stocktheit bewahrend, in Abrede stellte, dafs die Patriarchen durch 
den Gebrauch des Steins der Weisen so alt geworden seien, wie wir 
es von ihnen wissen. Aber Mundan belehrte in seiner Rückäufserung 
den Dickinson mit sehr guten Gründen dahin, dals keineswegs, 
wie der Letztere vermuthet, Gott unmittelbar das Leben der Patri- 
archen so lange gefristet habe, damit Diese die behufs angemessener 
Bevölkerung der Erde nöthige Zahl von Kindern zeugen konnten, 
sondern so fern dieser Zweck auch bei kürzerer Lebensdauer der 
Patriarchen erreichbar gewesen wäre, sei die längere Lebensdauer 
Derselben allerdings nur aus der Bekanntschaft mit dem als Universal- 
medicin wirkenden Stein der Weisen und dem richtigen Gebrauch 
desselben zu erklären. 

Jedenfalls gab es eine nicht kleine Zahl von Alchemisten, die 
selbst aussagten oder ausgesagt haben sollten, dafs sie sich durch 
dieses Mittel ungewöhnlich lange am Leben und bei Kräften erhalten 
ha])en, und derartige Behauptungen fanden auch bei Solchen Glauben, 
von welchen man Dies nicht erwarten sollte. Von Artephius*), 
welcher im zwölften Jahrhundert über Alchemie Einiges geschrieben 
hat, was später gedruckt worden ist, wollte man auch einen unge- 
druckt gebliebenen Tractat de vita proror/anda haben; nach dem in 
der letzteren Schrift abgelegten Bekenntnifs hätte Derselbe damals, 
als er sie zu verfassen noch im Stande war, durch richtigen Gebrauch 

*) Artephius ist bisher gewöhnlich als ein Abkömmling von Arabern be- 
trachtet worden, welclier aber seine Schriften in Lateinischer Sprache geschrieben 
habe; nach J. Gildemeister (Zeitschrift d. Deutschen morgenländ. Gesellschaft 
Bd. XXX, 8. 538) ist or ein Araber und zwar kein Anderer, als der bei uns 
vornchnilich als Dichter, im Orient als Alcherai'st berühmte (im Anfang des 
zwölften Jahrhunderts, lebende) Al-Toghräi. Unter diesen Schriften haben 
eine als Liher secretus de arte oeculta atque lapide philospJiorum und eine als 
Clavis majoris sapimtiae betitelte (auch in mehrfachen Übersetzungen in neuere 



Allgaben über d. heilkräftige u. lebeiiverlängenide Wirkung d. Steins d.W. 101 

des von ihm bereiteten Steins der Weisen bereits das respectable 
Alter von 1025 Jahren erreicht. Darauf hat im dreizehnten Jahr- 
hundert widerspruchslos der grofse Roger Bacon Bezug genommen, 
welcher in seinem Ojjhs majus, in dem Opus minus und in der 
Epistola de secretis operibus artis et naturae gerühmt hat, wie 
durch die Erforschung des Geheimnisses der Alchemie das mensch- 
liche Leben sich auf mehrere Jahrhunderte verlängern lasse. Mälsig 
alt wurde nach seiner Versicherung mittelst des von ihm glücklich 
dargestellten Steins der Weisen ein in dem Anfang des siebzehnten 
Jahrhunderts einsiedlerisch in der Einöde bei Sanct-Michael in der 
Gegend von Brixen lebender Alchemist, welcher sich Trauttmanns- 
dorff nannte und aus dem Geschlechte der Reichsgrafen dieses 
Namens gewesen sein soll; der (übrigens unbekannte) Fridericus 
"Gallus, welcher ihn 1602 besuchte, sah bei ihm den Stein der 
Weisen, der die üblichen Eigenschaften hatte: granatroth, glänzend, 
sehr schwer war, und zudem phosphorescirte, und erhielt die Auskunft, 
dafs sein Wirth 1462 geboren sei; dieser Trauttmannsdorff soll 
schon 1609 gestorben sein. Weiter, bis über 400 Jahre, brachte es 
ein bis in das vorige Jahrhundert hinein lebender Mann, welchem 
einerseits geglaubt worden ist, dafs er ein Italiener sei und Federico 
Gualdo heifse, und von dem anderseits behauptet worden ist, 
eigentlich sei er ein Deutscher und sein Name Friedrich Walter 
gewesen. Er gehörte dem Bunde der Rosenkreuzer an, in welchem 
würdig Befundene in die höchsten Geheimnisse der Alchemie einge- 
weiht wurden, und er war wohl Einer von Diesen. Er hielt sich um 
1680 in Venedig auf, brauchte für sich nicht viel, liel's aber doch 
erkennen, dals er über grolse Reichthümer verfüge. Er war da in 
die Tochter eines adeligen Hauses verliebt, aber der Verbindung mit 
derselben stand im Wege, dafs er nicht als Adeliger anerkannt war; 
dafür, dafs dieses Hindernifs beseitigt werde, soll er der Republik 

Sprachen) weite Verbreitung erhalten. Die letztere Schrift ist in neuerer Zeit 
der Gegenstand eingehender Beschäftigung für Chevreul gewesen, welcher als 
mit ihr identisch die eben so betitelte Schrift, die als ein selbstständiges Werk 
des (1284 gestorbenen) Königs Alfons X. von Castilien in Umlauf gebracht 
worden war, erkannt, eine Darlegung der darin enthaltenen Lehren und eine 
Vergleichung derselben mit denen Anderer gegeben hat {Comptes rendus de 
VAcademie des sciences de Paris, T. LXIV, i). 640, 679 ; Journal des savants, 
annix 1867, p. 767, annce 1863, /)• 45, 153, 209, 644). 



1 02 Angaben über d. heilkräftige u. lebenverlängernde Wirkung d. Steins d. W. 

Venedig 100000 Ducaten nach Einigen bezahlt, nach Anderen ver- 
sprochen haben, welches Letztere glaubhafter ist, weil sich über 
weiteren günstigen Verlauf dieser Angelegenheit Nichts berichtet findet. 
Er sah damals aus wie ein Mann in seinen, besten Jahren, gab aber 
— wie Dies in reiferem Alter stehende P'reier öfters thuii — sich für 
jünger aus, als er war: er wollte nur 90 Jahre alt sein; aber Andere 
wufsten es besser: dafs er sein Leben mittelst des Steins der Weisen 
zu jener Zeit bereits auf etwa 400 Jahre gebracht hatte. Es ist 
von ihm noch ein aus dem Jahre 1722 datirter Brief bekannt geworden; 
warum er 1724 gestorben ist oder gestorben sein soll, ist unbekannt. 
Über ihn ist schon zu seinen Lebzeiten Mehreres veröffentlicht worden: 
Solches, was den Glauben, dafs er als Adept so lange gelebt habe, 
stärken konnte und von einem mit seinem Geheimnifs Bekannten 
geschrieben zu sein scheint, und Solches, was jenen Glauben erschüttern 
sollte; in demselben Jahre, 1700, kamen zu Augsburg heraus „Co^y^^m- 
iikntion einer vortrefflichen Chynä&dien 3Ieilicin, Krafft welcher 
nebst Gott und guter Diät der berühmte Edelmann Fridcricus Gualäus 
sein Leben auf 400 Jahre zu diesen unseren Zeiten conserviret und 
küitzlich noch Äniw 1688 zu Venedig zu sehen gewesen. Aus dem 
Englischen und Italiänischen übersetzt" und „Der entlarvte Gualdus 
sive Frid. Gualdus ex se ipso mendacii et imposturae convictus, das 
ist, ausführlicher Beweifs, dafs dasjenige, was von einem 400 Jährigen 
Venetianischen Edelmann und seiner Medicin vorgegeben wird, mehr 
für eine Fabel als wahrhaflfte Geschichte zu halten". Noch 1782 
wurde übrigens in einer Anmerkung in der in diesem Jahr veröffent- 
lichten Ausgabe des „Compafs der Weisen" — der damals bei den 
Rosenkreuzerischen Freimaurern in Ansehen stehenden Schrift, welche 
bereits in der Anmerkung zu S. 11 zu erwähnen war — des 
Fedcrigo Gualdo als eines noch lebenden, zur Zeit fast GOO Jahre 
alten Adepten gedacht. Der Französische Arzt Paul Lucas, welcher 
auf Kosten seiner Regierung in den Jahren IGOO bis 1705 drei Reisen 
in den Orient unternahm, berichtet in seinem 1714 zu Paris veröffent- 
lichten Voya()e second dcins la Grcce, Äsie, Macedoine et Afrique, 
dafs er in einem Türkischen Kloster bei Brussa in Kleinasien die 
Bekanntschaft eines sehr gebildeten Derwischs machte, welcher aus- 
sah wie ein Dreifsiger, aber eingestand, dafs er bereits über 100 Jahre 
alt sei; ächte Adepten, versicherte dieser Derwisch, erreichen durch 



Angaben über andere wunderbare Wirkungen des Steins der Weisen. 103 

die Wunderkraft des Steins der Weisen in der Hegel ein Alter von 
1000 Jahren, und vor 3 Jaliren sei er noch in Ostindien mit dem 
S. 94 erwähnten Nicolaus Flamel und dessen Gattin Perronelle 
zusammengewesen. — Dafs sich noch gegen das Ende des vorigen 
Jahrhunderts auch in gebildeten Kreisen Solche fanden, welche 
davon überzeugt waren, dafs damals Lebende in dieser Weise ein 
Alter von einigen hundert Jahren erlangt haben, wird in dem IL Theil 
der vorliegenden Schrift zu erinnern sein. 

Dafs die Lösung der höchsten Aufgabe der Alchemie das Mittel 
zu unerschöpflichem Reichthum und dabei das Mittel gewähre, sich 
des letzteren lange Zeit hindurch in ungestörter Gesundheit zu er- 
freuen, war wahrlich genug, zu der Bearbeitung jener Aufgabe an- 
zufeuern. Es bedurfte kaum der Versicherung, dafs der Besitz des 
Steins der Weisen auch zur Vollbringung anderer Wunderwerke be- 
fähige: zur Darstellung von Edelsteinen und Perlen von fabelhafter 
Gröfse, auch von hämmerbarem Glas. Auch dafs das nämliche Präparat 
nicht blofs auf den menschlichen und auf den animalischen Organismus 
überhaupt sondern auch auf den vegetabilischen gedeihlichst wirke, 
wurde behauptet: dafs es die Entwickelung von Ptlanzen in unglaub- 
haft erscheinender und doch ganz natürlicher Weise beschleunige 
(schon in dem dem Raymund Lull zugeschriebenen Testamentum 
— in dem als Practica betitelten Tlieile desselben — wird nach der 
Besprechung, wie der Stein der Weisen den Menschen gesund und 
verjüngt werden lasse, gelehrt: Recfißcat onme aliud animal, et vivi- 
ficcU onines plantas in tempore veris per suum magnuni et mirahilem 
calorcm; und der Angabe, dafs das Begiefsen eines Weinstocks mit 
Wasser, in welchem eine winzigste Menge des Steins der Weisen ge- 
löst sei, an diesem Stock schon im Mai Trauben zur Reife kommen 
lasse und Aehnliches bei allen anderen Pflanzen hervorzubringen sei, 
so dafs es den Anschein habe, als ob Zauberei dahinter stecke, ist 
da die Erklärung der Wirkungsweise der genannten Substanz beige- 
setzt: Fili liaec res non est nisi calor naturalis infixns in sua 
Immiditate radicali), dafs es abgestorbenen Bäumen ihre Fruchtbar- 
keit wiedergebe, und dergleichen mehr. — Aber bei Derartigem — 
was übrigens noch durch den als Leibarzt in Anhalt'schen Diensten 
'gestandenen, 161G gestorbenen Julius Sperber in Dessen Isagoge 



104 Begünstigung der Alchemie durch Fürsten. 

in verain Triunius Bei et naturae cogniüonem zuversichtlich vorge- 
bracht worden ist — brauchen wir uns nicht aufzuhalten, und an 
dieser Stelle gehe ich auch noch nicht darauf ein, von welch merk- 
würdigem Einflufs auf das Moralische eines Menschen es sein soll, 
wenn Dieser in den Besitz des Steins der Weisen kommt. Doch 
kann man sich der Wahrnehmung nicht verschliefsen, dafs in erster 
Linie es die Hoffnung auf grofsen Reichthum war, welche zur Be- 
schäftigung mit Alchemie antrieb, und zwar Personen niederen wie 
auch höchsten Ranges. 

Über solche Schätze, wie sie als mittelst des Steins der Weisen 
zu gewinnende bereits Besprechung gefunden haben und noch finden 
werden, zu verfügen kann dem Privatmann angenehm sein; noch viel 
gröfsere Bedeutung aber mufs es für Denjenigen haben, der neben 
seinen persönlichen Bedürfnissen auch die eines seiner Leitung anver- 
trauten Staatswesens zu bestreiten hat, übrigens auch in ersterer Be- 
ziehung für die behufs Geltendmachung der Autorität erforderliche 
Repräsentation mehr aufzuwenden gleichsam gezwungen ist. Dafs so 
Jemand, statt den von ihm Regierten neue Steuern aufzulegen, Ein- 
künfte aus der Alchemie zu gewinnen suchte, konnte an sich nur 
gebilligt werden. Dafs auch im Falle guten Erfolges nicht eine 
Steuerermäfsigung erwartet werden dürfe, mufste übrigens für jeden 
verständig Denkenden klar sein. Was von einem subtilen Kopf als un- 
widerleglicher Beweis für die Nichtigkeit der Alchemie vorgebracht 
worden sei: wenn diese Kunst eine reale sei, müsse sie Salomo ge- 
kannt haben, welcher unleugbar alle Weisheit des Himmels und der 
Erde besessen habe; wenn Salomo sie gekannt habe, sei es für ihn nicht 
nöthig gewesen, seine Unterthanen zu besteuern und um Gold zu holen 
Schiffe gen Ophir zu schicken; Salomo habe aber seine Unterthanen 
stark besteuert und Schifte zu dem angegebenen Zweck gen Ophir 
geschickt; also habe Salomo die Kunst, Gold zu machen, nicht ge- 
kannt; also existire diese Kunst nicht — diesen Einwurf gegen die 
Realität der Alchemie hat als einen frivolen und nichtigen der be- 
rühmte Johann Joachim Becher in seiner 1669 zuerst veröffent- 
lichten Fhysica subterranca in gelungener Weise zurückgewiesen, 
wobei er — nur daran ist hier zu erinnern — namentlich darlegte, 
aus der Steuererhebung dürfe eine so wie geschehen versuchte Schluls- " 



Begünstigung der Alclicmie durch Fürsten. ' 105 

folgerung nicht gezogen werden, denn das Steuerzahlen sei das eigent- 
liche Zeichen der Unterthänigkeit, und auch unter Kaiser Leopold I., 
welcher doch bekanntlich Gold gemacht habe, sei eine Steuerermälsi- 
gung nicht vorgekommen. Schon in weit hinter uns liegender Zeit, 
wo noch die künstliche Hervorbringung edlen Metalles mit metallur- 
gischer Abscheidimg desselben zusammengeworfen war, wurde sie als 
zur Vermehrung der Einkünfte regierender Herren diensam betrachtet. 
Nach dem uns von einem in das fünfte Jahrhundert n. Chr. gesetzten 
Olympiodoros Berichteten hat ein anderer und zwar einer der 
Frühesten unter den Schriftstellern, auf deren Werke S. 8 Bezug 
zu nehmen war: Zosimos in einem an eine Theosebia gerichteten 
Schreiben sich dahin geäulsert, derartige Künste seien in Aegypten 
nur den Priestern bekannt geworden und die Ausübung der ersteren 
sei den Königen zugehörig gewesen eben so wie das Schlagen von 
Münzen. Später wurde allerdings die Alchemie zum freien Ge- 
werbe, aber viele fürstliche Personen schenkten ihr doch noch, lange 
noch ihre Gunst, alle wohl in selbstständiger Erkenntnifs Dessen be- 
wufst, was im dreizehnten Jahrhundert Roger Bacon in seinem 
Opus tertium ausgesprochen hat : die aUcimia opGratka et practica, 
welche unter Anderem auch edle Metalle hervorzubringen lehre, 
könne dadurch dem gemeinen Wesen für die Bestreitung der Aus- 
gaben nützen. 

Es ist anzuerkennen, dals in diesem Punkt Verschiedenheit der 
Religion bez.-w. Confession keinerlei Einflufs ausgeübt hat. Muham- 
medanische Khalifen begünstigten die Alchemie, und christliche Fürsten, 
katholische und protestantische thaten es auch. Uns kommen hier 
die Europäischen und besonders die Deutschen Fürsten in Betracht, 
welche der Verbreitung der Alchemie und dem Glauben an dieselbe 
Vorschub geleistet haben; ich stehe davon ab, auch nur Diese hier 
vollständig aufzählen zu wollen, aber bei einigen von ihnen und 
namentlich bei einzelnen durch sie begünstigten oder beschäftigten 
Alchemisten habe ich etwas länger zu verweilen. 

Schon gegen das Ende des dreizehnten, im Anfang des vier- 
zehnten Jahrhunderts Sjtanden Könige von Neapel, von Schottland 
mit Alchemisten in unmittelbarem, das Treiben der letzteren aner- 
kennendem und begünstigendem Verkehr. Gegen die Mitte des fünf- 
zehnten Jahrhunderts wurde unter Heinrich VI. in England geradezu 



106 Begünstigung der Alcheniie durch Fürsten. 

zur Beschäftigung mit Alchemie aufgefordert, damit die Mittel zur 
Bezahlung der Staatsschulden erzielt werden; an eine gröfsere Anzahl 
uns noch den Namen nach bekannter Individuen wurden dafür be- 
sondere Privilegien ertheilt und Das mag denn auch der Königlichen 
Kasse wenigstens Etwas eingebracht haben, aber daran, was haupt- 
sächlich dabei herauskam, wird später zu erinnern sein. Auch in 
anderen als den eben genannten Ländern wendeten Fürsten bald der 
Alchemie lebhaftes Interesse zu; und vorzugsweise darauf, wie Das in 
Deutschland der Fall war, ist hier mit einigen Angaben hinzuweisen. 
In Deutschland gewinnt die Alchemie im fünfzehnten Jahrhundert 
unter den Fürsten Beschützer und sogar selbst an Hermetischen 
Arbeiten sich Betheiligende. Markgraf Johann von Brandenburg, 
welcher 1401 geboren 1440 die Regierung eines Theils der Burg- 
grafschaft Nürnberg bez.-w. des Fürstenthums Baireuth antrat, 1457 
sie abgab und 1464 starb, war so der Alchemie ergeben, dafs er in 
der Geschichte seines Hauses den Beinamen „der Alchemist" trägt. Im 
sechszehnten und im siebzehnten Jahrhundert wurde dieser Beiname 
keinem Deutschen Fürsten mehr gegeben ; er hatte da nichts Aus- 
zeichnendes mehr, weil allzu Viele so zu benennen genügender Grund 
vorlag. Die Deutschen Kaiser — Rudolf II. 1576 bis 1612, 
Ferdinand III. 1637 bis 1657, Leopold I. 1658 bis 1705 — standen 
voran, liefsen sich gerne von fahrenden Alchemisten Metallveredlung 
vormachen und zeichneten sie durch Standeserhöhung und andere 
Gnaden aus, verlangten aber auch wohl nach anscheinend genügenden 
Beweisen der Meisterschaft in der Alchemie mehr über die Darstellung 
des Steins der Weisen zu erfahren, als die Befragten angeben konnten 
oder wollten, wo denn Gefängnifs oder noch härtere Behandlung 
Denen zu Theil wurde, die man als Halsstarrige wenn nicht als Be- 
trüger ansah. Namentlich von Rudolf IL wird berichtet, dafs er 
einen grofsen Theil seiner Zeit im Laboratorium zugebracht habe, 
und es wurde behauptet, dafs nach dem Ableben dieses Kaisers in 
dem chemischen Cabinet Desselben als der Ertrag alchemistischer 
Thätigkeit edle Metalle im Werthe von 17 Tonnen Goldes (84 Centner 
Gold und 60 Centner Silber, in Ziegelsteinfornaen gegossen, nach einer 
anderen Angabe) vorgefunden worden seien. Die Deutschen Reichs- 
fürsten blieben nicht zurück. Kurfürst Joachim IL von Brandenburg 
unterhielt um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts (er regierte 



Begünstigung der Alcheniie durch Fürsten. 107 

1535 bis 1571) in Berlin zahlreiche Alchemisten — wir kennen fast 
ein Dutzend nach den Namen oder mindestens den Vornamen. Keiner 
Derselben war von solcher Bedeutung, dafs wir seiner hier besonders 
zu gedenken hätten. Aber in dem Dienst des Nachfolgers von 
Joachim II., des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg 
(Dieser regierte von 1571 bis 1598; er führt wegen seiner Sparsam- 
keit im Haushalt den Beinamen „der Ökonom") stand ein Mann, 
Thurneysser, von welchem meistens angenommen worden ist, dafs 
er jenem Fürsten wesentlich als Alchemist gedient habe oder habe 
dienen sollen. Dies trifft nun zwar nicht ganz zu, aber die Schicksale 
dieses Thurneysser's sind doch der Art, dafs — namentlich in 
Erwägung, dafs er doch der erste namhafte Chemiker in Berlin ge- 
wesen und dafs es dafür, was die vorliegende Schrift an Kenntnifs 
vermitteln soll, diensam ist, von der Art der Repräsentation der Chemie 
in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts eine etwas 
genauere Einsicht zu nehmen — es Rechtfertigung finden mag, 
hier etwas ausführlichere Angaben über das Leben und Treiben 
Thurneysser's einzuschalten*). 

Leonhard Thurneysser zum Thurn war 1530 in Basel ge- 
boren. Er erlernte in seiner Jugend die Kunst seines Vaters, welcher 



*) Darüber, was eigentlich an Thurneysser sei, sind schon zu Lebzeiten 
Desselben sehr Avidersprechende Urtheile ausgesprochen worden. Nach seinem 
Tode wurde noch mehr, als in den demselben zunächst vorhergehenden Jahren, 
ungünstigste Beurtheilung dieses Mannes vorherrschend: dafs er als Arzt ein 
Charlatan, als Alchemist ein Betrüger gewesen sei, welcher sich in Berlin eine 
Zeit lang durch Marktschreierei in Ansehen erhalten habe und dann, als die da 
von ihm zum Nachtheil Anderer gespielten Streiche entdeckt worden seien oder 
er als Ignorant entlarvt worden sei, von Berlin habe fliehen müssen. So ist er 
auch noch in unserem Jahrhundert geschildert worden, von Th. Thomson in 
Dessen History of chemistry, Vol. I, London 1830, p. 168 .s., von Schmieder 
in Dessen Geschichte der Alchemie, Halle 1832, 8. 284 f. z. B. Auch ich habe, 
als ich vor 40 Jahren eine biographische Skizze Thurneysser's in den I. Theil 
meiner Geschichte der Chemie schrieb, in diesem Sinn über ihn berichtet. Erst 
viel später kamen mir J. C. W. Möhsen's Beiträge zur Geschichte der Wissen- 
schaften in der Mark Brandenburg (in 4**; Berlin u. Leipzig 1783) zur Hand, in 
welchen (S. 55 — 198) der Verfasser (Dieser war 1721 o. 1722 in Berlin geboren 
und starb da 1795 als Königlich Preufsischer Leibarzt), gestützt auf genaue 
Kenntnifs der Schriften Thurneysser's, auf die Einsichtnahme in die von 



108 Leonhard Thuineysser. 

das Goldschmiedsgewerbe betrieb, war aber da auch so Etwas wie 
Amanuensis bei Dr. Joh. Huber, praktischem Arzt und nachherigem 
Professor zu Basel; in dem letzteren Verhältnifs gelangte er zu 
einigen auf Heilkunde und auf Botanik bezüglichen Kenntnissen; es 
ist möglich, dafs er auch in die Vorlesungen, welche der berühmte 
Vesalius 1542 bis 1546 in Basel über Anatomie hielt, gekommen 
ist. In einer unangenehmen Geschichte, welche er mit Juden in 
einem Anleihegeschäft auf Pfänder hatte, sah er sich übervortheilt 
und er revanchirte sich, damals 18 Jahre alt, indem er bei den Juden 
eine mit Gold überzogene Bleistange als reines Gold verpfändete. Der 
Betrug wurde entdeckt und war nicht zu unterdrücken. Thurn- 
eysser flüchtete 1548 von Basel, zunächst nach England, kam im 
folgenden Jahr nach Frankreich und von da nach Deutschland, und 
ging 1552 unter die Soldaten. Sein Kriegsherr war der Markgraf 



Demselben in Berlin zurückgelassenen Papiere und namentlich zahlreiche an ihn 
gerichtete Briefe, auf gedruckte und auf nur handschriftlich vorhandene Nach- 
richten über Denselben u. A., das Leben Thurneysser's in eingehendster 
und unparteilichster Weise beschrieben hat. Was diese Arbeit Möhsen's ent- 
hält, hat mir die wesentlichste Grundlage für das oben Eingeschaltete abgegeben. 
Aber auch die Einleitung, welche (S. 17—54) dieser Schriftsteller der Beschrei- 
bung des Lebens Thurneysser's vorausgeschickt hat, gehört — soweit ich Der- 
artiges beurtheilen kann — zu dem Ausgezeichnetsten, was überhaupt in Be- 
ziehung auf Geschichte der Alchemie geschrieben worden ist, — und zu Dem, 
was in unserem Jahrhundert am Wenigsten hierfür benutzt worden ist. Ich 
verdanke für Das, was ich jetzt in diesem Betreff weifs, Möhsen's genanntem 
Werke sehr viel. (Das Vorhergehende wie alles oben über Thurneysser Be- 
richtete nehme ich in die vorliegende Schrift unverändert so auf, wie ich es vor 
mehreren Jahren geschrieben habe. Seitdem hat A. W. Hof mann in seiner zur 
Feier des Stiftungstages der militärärztliclien Bildungs- Anstalten zu Berlin 1882 
gehaltenen interessanten Bede „Berliner Alchemisten und Chemiker", S. 16 ff. 
u. 74 f., gleichfalls auf Grund der Forschungen Möhsen's, Thurneysser 
wesentlich nach Dessen Beziehungen zu Berlin eingehend geschildert, und aus 
dem da Bemerkten erfahre ich, dafs in neuerer Zeit auch Streckfuss in seinem 
Buch „500 Jahre Berliner Geschichte" aus der nämlichen Quelle schöpfend eine 
ausfülirliche Mitthcihmg über Thurneysser veröffentlicht hat. Noch später 
erst ist mir Kud. Franz' kurze Besprechung Thurneysser's in dem Pro- 
gramm: Zur Feier des Wohltliäterfestes im Berlinischen Gymnasium zum grauen 

Kloster 1875, Berlin 1875, bekannt geworden, welche zwar auf Möhsen's 

Forschung nicht Bezug nimmt, aber sich doch auf einige bessere Anhaltspunkte 
und nicht lediglich auf die während längerer Zeit geltend gewesene irrige Tra- 
dition stützt.) 



Leonhard Thnrneysser. 109 

Albrecht von Brand enburg-Baireuth, der Deutsche Alcibiades 
benannt, welcher 1553 die Schlacht bei Sievershausen verlor. In 
dieser Schlacht wurde Thurneysser von den Sachsen gefangen ge- 
nommen; er verliefs nun den Kriegsdienst und arbeitete auf ver- 
schiedenen Deutschen und nordischen Bergwerken und Schmelzhütten. 
Dann war er bei einem Mechaniker in Nürnberg beschäftigt, dann 
als Goldschmied 1555 in Stral'sburg und nachher in Constanz. 

Um der montanistischen Kenntnisse willen, die man ihm zutraute, 
zog ihn 1558 eine Tyroler Gewerkschaft in dieses Land, wo er bald auch 
auf eigene Rechnung Berg- und Hüttenwerke betrieb. Er wohnte da 
in Tarenz in der Nähe von Imst; der Ruf, dafs er verstehe, was er 
treibe, breitete sich aus, zog auswärtige Gelehrte an, ihn zu besuchen, 
liefs einen Grafen Ladislaus von Hag ihm die Aufsicht über Dessen 
Bergwerke anvertrauen und ihn selbst die Gunst des Deutschen Kaisers 
Ferdinand I. gewinnen (als einen Beweis seiner Gnade gab ihm 
Dieser 1559 die Erlaubnils, eine Weibsperson zu zergliedern, welcher 
zur Strafe die Adern geöffnet worden, dafs sie sich zu Tode ver- 
blute). Aber namentlich auch die Gunst des einen Sohnes dieses 
Kaisers: des Erzherzogs Ferdinand, welcher nach seines Vaters Ab- 
leben, 1564, Diesem in der Landgrafschaft Ober-Elsafs und der Graf- 
schaft Tyrol folgte; im Auftrag dieses Erzherzogs bereiste Thurn- 
eysser 1560 Schottland und die Orkney-Inseln, 1561 Spanien und 
Portugal, und besuchte er von da aus die Nordküste Afrika's und 
den Orient. Auf diesen Reisen scheint er weniger auf Bereicherung 
seiner Kenntnisse in der Bergwerkskunde als auf die Erwerbung von 
Kenntnissen in der Heilkunde, wenigstens auf die Anschaffung medi- 
cinischer Schriften und die Sammlung von Recepten, ausgegangen 
zu sein. 1565 nach Tyrol zurückgekehrt traf er, was er gegründet, 
sehr in Verfall gerathen ; aber er fand bei der Regierung des 
Landes Tyrol und bei dem Grafen von Hag die nöthige Unter- 
stützung, seine Unternehmungen wieder in die Höhe zu bringen. Noch 
einmal, 1567 und 1568, reiste Thurneysser in des Erzherzogs 
Ferdinand Auftrag, da nach Ungarn und Böhmen behufs Unter- 
suchung der Bergwerke. Aber auch auf diesen Reisen übte er mehr 
und mehr die Kunst, in welcher hocherfahren zu sein ihm seit seiner 
Rückkehr aus dem Orient zugetraut wurde, und er fühlte nun das 
Zeug dazu in sich, als grofser Arzt und Naturkundiger zu glänzen. 



110 Leonbard Thurneysser. 

Paracelsus hatte (vgl. S. 42 f.) proclamirt und in seiner Art ge- 
zeigt, dafs man auch ohne schulgerechte medicinische Bildung ein 
guter Arzt sein bez.-w. als ein solcher gelten könne:' zu der Fahne 
des Paracelsus bekannte sich Thurneysser. 

Thurneysser hatte auf seinen Keisen und nach der Rückkehr 
mehrere Schriften verfasst, an deren Herausgabe in würdiger Aus- 
stattung ihm jetzt gelegen war. Diese zu besorgen erhielt er 1569 
Urlaub vom Erzherzog; er ging nach Nord-Deutschland, wo damals 
vorzugsweise gute Holzschneider und Kupferstecher für Buchdruckereien 
arbeiteten: zuerst nach Münster, wo seine Archidoxa*) 1569, seine 
Quinta Fssentia**) 1570 gedruckt und veröffentlicht wurden, dann 
nach Frankfurt an der Oder, wo der Druck eines Hauptwerkes von 
ihm, des 1572 erschienenen „Fison. Das erst Theil. Von Kalten, 
Warmen, Minerischen vnd Metallischen Wassern, sampt der ver- 
gleichunge der Plantarum vnd Erdgewechsen, 10 Bücher" betitelten 
Werkes 1571 begonnen und im letzteren Jahr seine „npoxaTaXrjCptc 
oder Fraeoccupatio: Durch zwölff verscheidenlicher Tractaten gemachter 
Harn-Proben das 59. Buch" veröffentlicht wurde. Hier in Frankfurt 
a. d. 0. wurde Thurneysser 1571 dem Kurfürsten Johann Georg 
von Brandenburg bekannt und brachte er bei Diesem aus dem Werke 
Fison die Bogen zur Vorlage, auf welchen von den Flüssen der Mark 
Brandenburg gehandelt und über dieselben Unwahrscheinliches und 
Wahrscheinliches zu lesen ist. (So u. A. bezüglich der Spree: „Dis 



*) Der vollständige Titel dieses Ruches, welcher den reichen Inhalt des 
letzteren einigermafsen ersehen liUst, ist: „Arcliidnxa: Dorin der recht war lauft', 
auch hainilikait der Planeten, Gstirns vnd des gantzen Firmaments, Mutierung 
vnd aufsichung aller sujjtiliteten, vnd dos finften Wesens, aul's den Metallen 
Mineralia, Kreuter, Wurtzen, SeÖten, vnd Haimlikait des Buchs aller natürlichen, 
vnd Menschlichen sachen, Hantierungen, Konsten, Gewerben, Arten, Eygen- 
scbafften vnd in summa alle verborgene misteria der Alchemy und 7. freien 
Konsten, Durch L. D. Z. T. in acht Bucher Eeymenweyl's allen konstliebenden 
an tag geben". Am Schlüsse des Buches ist angegeben, dal's dasselbe zu Münster 
gedruckt sei „aufi" Verlegung II. Herr Leonhart Turneyssers zum Thurn 1569". 
**) Der Titel dieses Buches ist doch etwas zu lang, als dafs ich mehr als 
den Anfang und das Ende hierhersetzen möchte: „Quinta EssenUa. Das ist die 
Höchste Subtilitet, KrafFt, vnd Wirkung, Beider der Fürtrefelichisten (vnd mensch- 
lichem gschlecht den nutzlicbisten) Konsten der Medidna, vnd Akhemia, auch 

wie nahe dise beide, mit .Sil)schaft, Gefrint, Verwant. Durch Leonhart 

Turneysser zum Tluun in drcyzchen Büchern Iteymen wyefs an tag gebn". 



Leonhard Thurneysser. 111 

Wasser Sprew ist etwas grünfarbig vnd lauter. Es führet in seinem 
Schlich Gold, vnd ein schöne Glasur. Das Gold helt 23. Crat \'2 gren", 
oder bezüglich der Havel: „Die Hauel helt in jhr nichts besonders, 
ein Fischreich, schwer, vnd vngesund, faul wasser, dauon etliche 
Weiber die es trinken gar boese, scharpffe vnd lügenhafftige zungen 
vberkoinmen, den Leuten arges nachzureden", was einem Chemiker 
weniger wunderbar erscheint als Das, was Thurneysser in diesem 
Werke Fison über einzelne Wasser von anderswo als Resultat seiner 
Untersuchungen angiebt*) ; von den Flüssen wird auch , welche medi- 
ciniscbe Wirkungen das Wasser derselben habe, angezeigt, in der Art 
— wie Das auch Paracelsus gethan hatte — dals die natürlichen 
Wasser mit Pflanzen von angeblich gleicher medicinischer "\yirksamkeit 
verglichen werden.) Da konnte der Kurfürst erfahren, welche Mineral- 
schätze die Mark birgt: dals Thurneysser bei Küstrin unter anderen 
Mineralien auch Granaten und Rubine gefunden habe, dafs die letzteren 
Edelsteine auch noch an anderen Orten der Mark, dals bei Buchholz 
in der Nähe von Bernau Saphire vorkommen, dafs viele Bäche Gold, 
wenn auch nicht viel, führen, dals der Mineral-Reichthum der Mark 
zu den schönsten Hoffnungen berechtige, da werde lohnender Bergbau 
getrieben werden, und dals namentlich in einem bestimmt bezeichneten 
Wald bei Friesack ergiebigste Gruben einzuschlagen seien („es mufs 
ein grawsam Berckwerckt der enden vorhanden sein, vieler anzeigunge 
halben, wann aber, oder welchem Gott die gnad geben wird, der es 
öfnet, stehet zu der ewigen weifsheit", sagte Thurneysser im Pisou 
von diesem Zukunfts-Bergwerk bei Friesack). Dabei fand der Kur- 
fürst in den ihm vorgelegten Bogen des Thurneysser'schen Werkes, 
dafs der Verfasser desselben sich sehr nüchtern und vorsichtig übei' die 
Alchemie aussprach, was dem Fürsten gefiel, welchen die Liel^haberei 
seines Vaters an Alchemie (vgl. S. 106 f.), und was dabei heraus- 
gekommen war, gar nicht zu Gunsten dieser Kunst gestimmt hatte. 
Thurneysser gefiel, dem Kurfürsten vorgestellt, dem Letzteren 
wohl, Wulste sich einflufsreiche Fürsprecher bei Hof zu gewinnen. 



*) Von dem Gasteiner Thernialwasser, welches in 10000 Theileu noch nicht 
4 Theile feste Bestandtheile enthält, sagt er z. B.: „Dises Wasser helt Anthi- 
monium 3, Marcasiten 1, Gold 2, Schwefel 1, Salpeter 2, Kalchstein — , Wild 
Wasser 13 Part", es enthalte also mindestens 9 Theile feste Bestandtheile auf 
13 Theile gewöhnliches Wasser. 



112 Leoiihard Thurneysser. 

bewährte sich als geschickter Arzt bei der Behandlung der Kurfürstin, 
die ihm anvertraut worden war, und fand bei den Damen, welchen 
er kosmetische Mittel verabreichte, beredte Lobpreiserinnen. Der 
Kurfürst trug dem Thurneysser, welcher 1570 aus des Erzherzogs 
Ferdinand Dienst ausgetreten war, an, bei ihm Hofdienst anzunehmen ; 
schon im Sommer 1571 findet er sich als Leibmedicus genannt und 
man Aveifs auch, dafs er damals bereits den für jene Zeit sehr grofsen 
Gehalt von 1352 Thalern jährlich neben Fourage für 4 Pferde, auch 
Kleidung und Hofdeputate erhielt. Eine Amtswohnung mit Labora- 
torium wurde ihm im s. g. grauen Kloster (wo auch Kurfürsts 
Joachim H. Alchemisten, vgl, S. 106 f., gearbeitet hatten) an- 
gewiesen. Er lebte in Berlin, innerhalb und aufserhalb dieser 
Stadt jetzt berühn^t, während längerer Zeit auf sehr grofsem Fufs, 
zog übrigens aufser aus seiner Stellung bei Hof und der so wie ge- 
wöhnlich und namentlich consultatorisch ausgeübten ärztlichen Praxis 
(er gab seine Rathschiäge nach aufsen fast nur schriftlich; selten 
erlaubte ihm der Kurfürst Reisen) auch grofse Einkünfte aus den 
von ihm verlegten Schriften *), namentlich aus von ihm herausgegebenen 
Kalendern, aus dem Verkauf von Arzneien**) und von Handschriften, 
in welchen die Darstellung von Geheimmitteln beschrieben war. Die 
Honorare, welche auswärtige Fürsten an ihn für die Unterweisung 
ihrer Laboranten in seinem Laboratorium zahlten, waren bedeutend, 
und ganz besonders viel Geld brachte ihm ein, was er sich für Harn- 
untersuchungen zahlen liefs (er wufste aus Dem, was ihm die Destillation 
des Harns eines Menschen ergab, nicht nur zu erkennen, welcher Theil 
des Körpers dieses Menschen und in welcher Weise nicht richtig be- 
schaffen sei, sondern auch, welche Krankheiten für diesen Menschen 



*) Aufser seinen eigenen, von welchen liier nur ein kleiner Theil genannt 
werden kann (die von ihm schwunghaft l)etriebene Zusendung von ihm vert'afster 
Schriften an fürstliche Personen brachten ihm ansehnlichste Präsente au Geld 
und verschiedenen Kostbarkeiten), verlegte er auch andere. 

**) Diese waren sehr theuer, aber Aurum potabüe, Goldtinctur, destillirtcs 
Amethyst- und Korallcnwasser, Amethyst-, Kubinen-, Saphir-, Smaragd- und 
Korall(!)itinctur, Perlenpulvcr und dergleichen mufsten schon um der Kostbarkeit 
der Rohmaterialien willen hohen Preis haben. Andere Arzneien waren allerdings 
auch nicht billig: 1 Loth Zimmtöl z. B. kostete eben so gut 12 Thaler wie 
1 Loth Rubinen- oder Sai»hirtinctur, und noch 1 Thaler mehr wie 1 Loth Sma- 
ragdtinctiir, und 1 Loth 'l'inctura Autimonii kostete IG Thaler. 



Leonliard Tluirneysser. 113 

in der Zukunft zu befürchten seien). Er stellte auch gegen ange- 
messene Vergütung die Nativität, und war unter gleicher Voraus- 
setzung bereit, einem drohenden Übel durch einen Talisman vorzu- 
beugen oder durch dieses ohne Beschwerde anzuwendende Hülfsmittel 
Dem, der es trug, überhaupt das Glück sich zuwenden zu lassen; 
wenn er auf, nachgewiesener Mafsen mehrfach an ihn gekommene 
Anfragen, wie man sich behufs und bei der Hebung eines verborgenen 
Schatzes zu verhalten habe, antwortete, so wird er sich auch Dies 
haben bezahlen lassen. Dafs man ihm nachsagte, er führe einen 
Wahrsager-Teufel in ein Krystallglas eingeschlossen stets bei sich, 
erhöhte natürlich zunächst sein Renommee um ein nicht Geringes. 
Dafs er den Kurfürsten mit Alchemie beschwindelt, ist behauptet 
worden, aber nicht aufser Zweifel gesetzt. Johann Georg hatte, 
wie bereits (S. 111) bemerkt, keine Vorliebe für Alchemie; doch 
konnte ihm bei dem Vertrauen, welches er in Thurneysser's Wissen 
setzte. Dieser wohl auch mit der sonst von ihm oft ausgesprocheneu 
Behauptung, dafs er die Geheimnisse der Alchemie kenne*), imponiren. 
Es liegt eine Nachricht vor, dafs Thurneysser dem Kurfürsten eine 
alchemistische Handschrift theuer verkauft habe (sichere Anzeigen 
hat man dafür, dafs er durch seine Schreiber alchemistische Vor- 
schriften abschreiben liefs und die noch mit gemalten Figuren ge- 
zierten Copien verkaufte), und eine weniger gut verbürgte Angabe, 
dafs er einen alchemistischen Procels, dessen Beschreil)ung unter dem 
Titel I)c transmntatione Vencris in Solem (des Kupfers in Gold) auf 
der Königlichen Bibliothek zu Berlin gewesen sein soll, in den Jahren 
1583 und 1584 selbst ausgearbeitet habe, wofür ihm und seinen 
Kindern ein Jahrgeld von 500 Thalern zugesagt worden sei. Da- 
von, dafs er den Kurfürsten zu alchemistischen Arbeiten verleitet 
und dabei betrogen habe, ist viel gesprochen worden, aber Nichts 
bezeugt; bis zu seiner letzten Entfernung aus der Mark erfreute er 
sich der Gnade des Kurfürsten und auch des Kurprinzen, und dafs 
nach seiner Entfernung der Kurfürst ihm als einem Betrüger 



*) So z. B. sagt Thurneysser in seinem Werke Pison: „Diese zwar, 
nemlich die Veränderung der INIetalle, habe ich oft vor Fürsten und Herren, 
auch schlechten Leuten gethan, die Reduction" [vgl. S. 11 Anmerkung] „auch 
oft, aber nicht so dick, aber ein Metall inn das andere transmutiren, hat mich 
dickermalen ein schlechte Kunst zu seyn bedunkt". 

Kopp, Die Alchemie. I. 8 



114 Leonhard Tliurneysser. 

habe den Procefs machen lassen, ist nicht begründet. Von einem 
grofsen eisernen Nagel mit goldener Spitze, welcher noch in den 
1780 er Jahren (ich weifs nicht, ob noch in späterer Zeit) auf der 
Königlichen Kunstkammer in Berlin war, ist angenommen worden, 
derselbe rühre von Thurneysser her und habe zu einer ähnlichen 
Betrügerei, wie die S. 90 f. berichtete, gedient; auch diese Annahme 
entbehrt des Beweises. Thurneysser soll nicht nur Hofalchemist 
des Kurfürsten gewesen sein, sondern es wird auch angegeben, er sei 
Dirigent des alchemistischen Laboratoriums der Kurfürstin in Halle 
gewesen; es beruht diese Angabe wohl auf einem Mifsverständnils*). 
Dals Thurneysser, wenn er sich auch wohl dem Kurfürsten 
gegenüber vorsichtig verhalten haben mag, sich in Berlin als kennt- 
nifsreichen Alchemisten aufgespielt habe, bezweifele ich nicht. Das 
gehörte mit anderem Marktschreierischem dazu, sich dort das Ansehen 
zu erwerben und zu bewahren, auf welchem seine ganze Stellung, 
sein Einkommen beruhte. So lange er in diesem Ansehen stand, 
wurde ihm nicht hinderlich, dals er ein Mann von dürftiger Schul- 
liDildung war — er, welcher von 1571 an Griechische Worte, später 



*) Es ist ganz lehrrcicli, zuzuselien, wie eine solche Angabe aufgekommen 
ist und sich erhalten hat. Möhsen bericlitet a. S. 107 a. 0. S. 97: Die Mark- 
gräfin Katharina, Gemahlin des Kurprinzen, hatte zu Thurneysser grofses 
Vertrauen, fand aufserdem, eben so wie ihre Frau Mutter, an der Apotheker- 
kunst grofses Vergnügen und bekam durch Thurneysser auch Lust, einige 
theils von ihm ihr mitgetheilte, theils von ihr erkaufte alchemistische Processe 
zu versuchen. Sie liefs zu Halle 1577 ein Destillirhaus oder Laboratorium bauen 
und ersuchte Thurneysser hinzukommen, um die Oberaufsicht über den Bau 
zu führen und die innere Einrichtung des Hauses anzuordnen. Sie hielt um die 
Einwilligung des Kurfürsten an, welche Derselbe ungern gab, weil er Thurn- 
eysser beständig bei sich haben wollte; doch durfte Dieser jährlich einige Male 
nach Halle reisen, wenn der Kurprinz und Dessen Familie ihn Krankheits wegen 
rufen liefsen. Darauf hin liefs Job. Friedr. Gmelin in seiner Geschichte 
der Chemie (I, Band, Göttingen 1797, S. 269) den Thurneysser aufser Dessen 
eigenem Laboratorium zu Berlin noch ein anderes der Kurfürstin zugehöriges 
in Halle unter seiner Aufsicht haben. In Seh mied er 's Geschichte der Al- 
chemie, Halle 1832, S. 284 wird dann gesagt, dals Tliurneysser als Leibarzt 
in des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg Dienste getreten sei und 
zugleich das alchemistische Laboratorium der Kurfürstin zu Halle dirigirt habe, 
und diese Nebenstelle läfst den Thurneysser noch Poggendorff's Bio- 
graphisch-literarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften 
(II. Bd., Leipzig 1863, S. 1104) bekleiden. 



Leonhard Thurneysser. 115 

auch Hebräische, auf den Titeln von ihm verfafster Werke paradiren 
liefs, nahm noch 157G in Berlin Unterricht in der Lateinischen 
Sprache — , keine irgend gründliche medicinische Bildung besafs, 
wohl auch nur oberflächliche Kenntnisse in Astronomie und in An- 
derem, worin er sich als Kundigen hinstellte. Er war ein sehr guter 
Kopf und so ziemlich in Allem Autodidakt, wul'ste mit einem kleinen 
Betriebscapital an Kenntnissen grolsen Umsatz mit beträchtlichem 
Gewinn zu erzielen, aber um Dies zu können mufste er als mit Dem 
ausgestattet erscheinen, was damals und dort dafür vorausgesetzt 
wurde, dals Einer als Arzt und Naturkundiger Etwas gelte. Er 
war ein Kenommist, aber er renommirte nicht in Allem nur mit 
leerem Schein. Sein Garten bei dem grauen Kloster zeigte viele 
nützliche und interessante Pflanzen, und auf seinem Hof hielt er 
seltene Thiere; sein Herbarium wurde als das vollständigste betrachtet,, 
was zur Zeit existire, und etwas Apartes war eine Collection der 
Samen von Pflanzen aus allen Theilen der Welt; er brachte viele 
Mineralien zusammen, liefs sich solche von seinen zahlreichen Corre- 
spondenten im Auslande zuschicken und in an derartigen Vorkomm- 
nissen reichen Ländern durch seine eigenen Leute sannneln; er als 
der Erste überhaupt in der Mark legte ein Naturalien-Kabinet an, 
und den dort bereits vorhandenen Bibliotheken suchte er die seinige 
an die Seite zu stellen. Er that auch Beträchtliches für die Hebung 
der Gewerbe und Künste in der Mark: für die Einrichtung und Ver- 
besserung von Salpeter- und Alaunsiedereien, für die Anfertigung der 
für seine chemischen Arbeiten erforderlichen Geräthschaften im Lande, 
für die Glasfabrikation, für die Herstellung gemalter Fensterscheiben 
und anderer Kunstwerke aus Glas, und für mehreres Andere (er 
scheint wirklich Interesse für Kunst gehabt zu haben, zeichnete und 
malte übrigens auch selbst). Aber derlei nützliche Unternehnumgen 
halfen ihm dazu, in Berlin in Ansehen zu bleiben, wenig; als einen 
Wundermann mulste er sich, und in)mer wieder, geltend machen, 
wollte er sich Dem gegenüber halten, was berechtigte Kritik seiner 
wissenschaftlichen Leistungen, was Neid und Feindschaft, was Ver- 
läumdung dafür thaten. seine Stellung zu erschüttern. 

Unangenehm mufste sich Thurneysser dadurch berührt finden, 
wie der damals in guter Achtung stehende Professor Dr. med. Caspar 
Hof mann in Frankfurt a. d. 0. in einer 1576 gehaltenen akademischen 

s* 



116 Leonliard Thurneysser. 

Rede die Richtung kritisirte, als deren hauptsächlichster Vertreter in 
jener Zeit gerade Thurneysser dastand: die Chemie sei ja etwas 
ganz Nützliches, um die Kenntnisse der Ärzte zu erweitern, aber ein 
blofser Chymicus bilde sich doch zu viel ein, namentlich wenn er 
meine, durch seine chemischen Kenntnisse besondere Ansprüche dar- 
auf, ein grofser Arzt zu sein, zu haben; die in diesem Glau])en be- 
fangenen Paracelsisten, welche die Erfahrungen und Lehren der 
classischen Autoritäten in der Heilkunde verachten und erdichtete 
Theorien vorbringen, seien für diesen Theil der Wissenschaft mehr 
schädlich als nützlich; sie leeren den Reichen den Beutel durch das 
Dispensiren theurer Arzneien, geben sich das Ansehen von Wunder- 
männern dadurch, dafs sie Nativitäten stellen und Talismane ver- 
kaufen, u. s. w. Die Verbreitung dieser Rede in weiteren Kreisen 
Wulste Thurneysser bis 1578 zu verhüten (da wurde die Rede unter 
dem Titel De harharie immininente gedruckt), aber nicht eben so 
lange die Wirkung derselben. Zu derselben Zeit verstimmte ihn 
die Nachricht, wie der als Philologe und Schulmann hochgeachtete 
Rector der Domschule zu Magdeburg, Georg Rollenhagen (der 
Verfasser des Froschmeuselers) sich öffentlich über ihn ausgesprochen 
habe, ihn „einen ungelehrten Apotheker und Goldschmidsknecht ge- 
scholten, wie auch einen groben Mann, Phantasten,/ Zauberer und 
Schwarzkünstler, der da Ebräisch, Griechisch, Lateinisch schreiben 
wolte und hätte nicht studirt" u. s. w. Thurneysser' n wurde 
das Leben in Berlin und am Hofe, an welchem die beiden eben ge- 
nannten Männer Gönner hatten, durch diese und ähnliche Angriffe 
verleidet und es zog ihn wieder nach der Vaterstadt Basel, da in 
Rulie zu leben. 1577 begann er die Anstalten, seine bisherigen Be- 
ziehungen zu lösen, zunächst mit dem Verkauf seiner Druckerei, 
dann mit dem Wegschicken eines Theiles seiner Habe nach Basel, 
und kam er bei dem Kurfürsten um seine Entlassung ein. Der Fürst 
suclite ihn zu halten, widerrieth ihm nach Basel zu gehen, und sagte 
ihm für den Fall seines Verbleibens in der bisherigen Stellung noch 
bessere Bedingungen zu, als ihm vorher gewährt gewesen waren. 
Fester noch hielt Thurneysser zunächst noch in Berlin ein apo- 
I)lektischei- vVnfall, der ihn im Herbst 1577 traf und von welchem 
er sich nur langsam erholte. Bald aber fuhr er mit den Vorbe- 
reitungen zur Übersiedelung nach Basel fort, und im Frülijahr 1579 



Leonhard Tlmrneysser. 117 

kam er um die Erlaubnifs ein, nach Basel reisen zu dürfen, wo er 
später zu leben gedenke, welche Erlaubnifs der Kurfürst ihm nach 
längerem Zögern im Herbst dieses Jahres gab. Zur Zeit der Ab- 
reise Thurneysser's traten die Angriffe gegen ihn offener hervor. 
Der Professor der Medicin Franz Joel in Greifswald beschuldigte 
ihn öffentlich (in einer 1579 in Rostock gedruckten Schrift De morhis 
hijperjjhysicis et magicis) der Zauberei, wie auch, dals er den Teufel 
in einem Krystallglase bei sich führe, mit dessen Hülfe er in Lateinischer, 
Chaldäischer, Hebräischer und Indischer Sprache schreibe, obgleich er 
von diesen Sprachen gar Nichts verstehe; auch dals von den in seinen 
Kalendern gegebenen Voraussagungen viele zutreffen, zeige, dafs die- 
selben mit Hülfe des Teufels oder böser Geister gemacht seien. 

Thurneysser besafs nach dem Urtheil Vieler unter seinen Zeit- 
genossen die Kenntnifs, den Teufel oder Dämonen sich unterthan zu 
machen. Aber Einen Dämon, welcher ihm von 1577 an zusetzte, dafs 
er aus den Berliner Verhältnissen herausgehe, konnte er nicht bannen; 
dieser Dämon hiefs Heimweh nach Basel. Und nachdem er den Ein- 
flüsterungen dieses Dämons nachgegeben hatte und 1579 wieder nach 
Basel gekommen war, ergab er sich noch einem Teufel, welchen er 
sogar zum Hausgenossen machte, und an diesem Hausteufel ging er 
zu Grunde: Derselbe hiefs Marina und war eine Tochter des Junkers 
Matthaeus Herbrott zu Basel. 

Thurneysser war dreimal verheirathet. Das erste Mal, wo er 
in den Ehestand trat, war er noch sehr jung; als er den S. 108 be- 
richteten Handel mit den Juden hatte, war er schon verheirathet: die 
er sich, oder die ihn sich, zum Gespons ausgewählt hatte, war eine 
ältere Wittwe, die nach Thurneysser's Behauptung vor und nach der 
Verehelichung mit ihm keinen tadellosen Lebenswandel führte; als er 
1548 um jenes Handels willen aus Basel flüchten mufste, war dieser 
Schatz wohl der, welchen zurücklassen zu müssen ihm am Wenigsten 
wehe that. Diese Ehe wurde dann der Klage der Geschädigten ge- 
mäfs darauf hin gelöst, dafs er mit seiner Flucht sich böslicher Ver- 
lassung seines Eheweibes schuldig gemacht habe. In Constanz ver- 
heirathete er sich, bevor er der Einladung nach Tyrol folgte (vgl. 
S. 109), mit einer Tochter des Goldschmieds Huetlin, bei welchem 
er dort in Arbeit gestanden ; sie mufs recht klug und nachsichtig ge- 
wesen sein, denn er lebte gut mit ihr, auch in Berlin, wo sie 1575 



118 Leonhard Thurneysser. 

starb. Seine Nachkommenschaft entstammte dieser zweiten Ehe. Zur 
dritten Ehe schritt er 1580 in Basel. 

Im Spätherbst des Jahres 1579 reiste Thurneysser nach seiner 
Vaterstadt, nachdem er für diese Reise die Erk\ubnifs des Kurfürsten 
erhalten, welchem er versprochen hatte, auf Christtag wieder in Berlin 
zu sein. Er bereinigte in Basel zunächst seinen mehrerwälinten Handel 
mit den Juden; er traf da auch seine erste Eheliebste noch am Leben, 
wieder verheirathet, und der Magistrat zu Basel befand als angemessen 
— wohl zur Vermeidung einer Störung der öffentlichen Ruhe — , ihm 
zu untersagen, durch die Strafse zu gehen, in welcher Selbige und 
ihr derzeitiger Mann wohnten. Thurneysser that die nöthigen 
Schritte, mit seinen Kindern wieder in das Bürgerrecht Basels zu 
kommen, erwarb auch dort ein Haus und traf andere Einrichtungen 
für ständigen Aufenthalt. Vorerst mufste er noch einmal nach 
Berlin, wo der Kurfürst nach ihm verlangte, ihm jedoch, nachdem 
er nicht auf Christtag 1579 nach Berlin gekommen, weiteren Urlaub 
bis Ende März 1580 gegeben hatte. Während eines Theiles des 
Jahres 1580 war Thurneysser auch wieder in Berlin (von da aus 
wurde er vorstellig bei dem Magistrat von Rostock, dafs der Drucker, 
und bei dem Herzog Ernst Ludwig von Pommern, dafs der Ver- 
fasser der S. 117 erwähnten, die Beschuldigung des Bundes mit dem 
Teufel und bösen Geistern offen aussprechenden Schrift gestraft werden 
möge), reiste aber im Herbst desselben Jahres nach Basel zurück 
(auf dieser Reise schrieb er seine „Kurtze Verantwortung, Vnd not- 
wendige Erenrettung" u. s. w., in welcher er die Bosheit des Verfassers 
vorgedachter Schrift, des Professors Joel in Greifswald, mit exqui- 
siter Grobheit vergalt). Zu Allem, was ihn nach Basel zog, waren 
jetzt auch noch Hcirathsgedanken gekommen; vor seiner Abreise nach 
Berlin war ihm die bereits Genannte: Marina, Tochter des Junkers 
Matthaeus Herbrott und einer von Croaria, zur Ehe angetragen 
worden. Er sah sie nicht, aber er liefs sich ihr Bildnifs nach Berlin 
nachschicken und dasselbe gefiel ihm; aufserdem auch, dafs, wie er 
glaubte, er in eine vornehme Familie heirathen werde. Er drängte 
also in Berlin darauf, wieder nach Basel gehen zu können, und kam 
noch einmal um seine Entlassung ein. Diese erhielt er auch diesmal 
nicht, wohl aber gab ihm der Kurfürst mit dem Rath, in seinem Land 
und nicht auswärts zu heirathen, die Erlaubnifs, wieder nach Basel 



Leonhard Tlmrneysser. 119 

ZU gehen, mit der Weisung, zu einer gewissen Zeit wieder zurück- 
zukehren. Thurneysser milsachtete den Rath, ging nach Basel 
und in sein Unglück. Im Herbst 1580 ehelichte er die Herbrottin, 
und nur allzu frühe, und doch zu spät, fing er an zu erkennen, wie 
er hineingefallen war. Er hatte eine nicht mehr junge, aber schon 
von frühester Jugend an und noch liederliche, einfältige und un- 
gebildete Person aus einer — nach seiner Darstellung wenigstens — 
ganz verworfenen Familie geheirathet. Als er im Januar 1581 seinem 
Versprechen gemäls nach Berlin ging, nahm er seine Frau nicht mit 
dahin. Die an ihn über sie gelangenden Nachrichten waren sehr 
unerfreulich; doch glaubte er, dafs er in Basel, wohin er inzwischen 
sein ganzes Vermögen geschickt hatte und wo jetzt auch seine Kinder 
waren, seinen Aufenthalt nehmen müsse, und bat im Herbst 1581 
abermals um Entlassung. Der Kurfürst gab ihm an Stelle der- 
selben die Versicherung, dafs er ihn nie verlassen wolle, falls er 
(Thurneysser) sich fernerhin so gegen den Kurfürsten verhalte wie 
bisher; Thurneysser solle bei Entlastung in seinen Amtsgeschäften 
den gleichen Gehalt wie bisher beziehen ; seiner Frau solle wie seinen 
Kindern in Berlin gute Behandlung gesichert sein, wenn er sie dahin 
kommen lasse; so gnädig war der Fürst, dafs er die hierfür aufzu- 
wendenden Reisekosten Thurneysser'n zustellen liefs. 

Dieser ging hierauf ein; im Februar 1582 kam seine Frau mit 
den Kindern nach Berlin. Aber noch Anderes, als was Thurneysser 
für ein sicheres Zeichen vorgefallenen Ehebruchs hielt: dafs ein 
Smaragd in einem seiner Frau in Basel geschenkten Ringe zersprungen 
war, liefs ihn erkennen, wie Diese an ihm gehandelt hatte. Schon 
nach drei Wochen liefs er sie, die ihm jetzt ihre ganze Verworfen- 
heit bekannte, nach Basel zurückbringen. Darauf erhob der 
Schwiegervater vor dem Ehegericht, dem Stadtgericht und dem Rath 
in Basel Klage gegen Thurneysser, dafs der Letztere seine Frau, 
des Ersteren Tochter verstol'sen habe. Das Ehegericht gab Ende 
Juli 1582 den Bescheid, Thurneysser habe fordersamst nach Basel 
zu kommen, um die Ehe mit mehrberührter Marina fortzusetzen, 
welcher Letzteren es übrigens frei stehe, zu solchem Zweck unge- 
zwungen nach Berlin zurückzukehren. Die Klage vor dem Stadtgericht 
ging darauf hinaus, dafs der Frau der ihr gebührende Unterhalt ge- 
sichert bez.-w. zur Sicherung desselben ein entsprechender Theil des 



120 Leonhard Thurneysser. 

Thurneysser'sclien Vermögens zugesprochen werde; 33333 Gulden 
5 Batzen wurden für sie beansprucht, als ein Drittheil des Ver- 
mögens Thurneysser's, welches der Letztere vor dem Eingehen der 
Ehe zu 100000 Gulden angegeben habe. Dem bereits erwähnten 
Bescheid des Ehegerichts folgte Anfang August 1582 ein Urtheil des 
Stadtgerichts, nach welchem die Frau in das gesammte Vermögen 
Thurneysser's eingesetzt wurde mit der Befugnils, dafs sie mit 
demselben so, wie es einem frommen Eheweibe zustehe und gebühre, 
schalte und walte; auch wurde ihr, dafs sie alle Einkünfte aus 
diesem Vermögen einzuziehen habe, zugesprochen. Wie hier 

Thurneysser's Recht niclit nur sondern auch das seiner Kinder 
verletzt wurde, brachte ihn aufser sich. Durch stetes Schmähen 
minderte er selbst die Aussicht, dafs die von dem Kurfürsten, dessen 
Beihülfe er angerufen hatte, bei dem liathe der Stadt Basel ge- 
thanenen Schritte von Erfolg seien; noch aufgereizter wurde er, als 
gegen das Ende des Jahres 1582 in Basel auch noch einem Bruder 
von ihm, welcher ihm stets das in ihn gesetzte Vertrauen mit Be- 
nachtheiligung vergolten hatte, ein Anrecht auf einen Theil seines 
Vermögens zuerkannt wurde (es ist dieses Bruders in diesem Berichte 
nicht weiter gedacht, um nicht allzu viel in denselben hineinzu- 
ziehen). Der Rath von Basel beeilte sich übrigens auch dem Kur- 
fürsten gegenüber nicht, in dieser Sache guten Willen zu bezeugen; 
eine Antwort auf das ins Februar 1 583 nach Basel gelangte Intercessions- 
Schreiben des Kurfürsten kam erst nach Ablauf eines Jahres nach 
Berlin, brachte Allerlei an Anlagen, enthielt aber nichts für Thurneysser 
Günstiges. Für den Letzteren trat bei dem Rath von Basel der 
Kurfürst umgehend noch einmal ein, und eine weitere Vorstellung 
Thurneysser's liefs der Kurfürst bald nachher mit abermaliger 
Empfehlung durch einen eigenen Boten nach Basel gelangen. 
Thurneysser selbst ging aber nun öffentlich gegen Alle, durch 
welche er sich in dieser Sache beschwert erachtete, los; als gegen 
Ende April 1584 weder das freie sichere Geleit, welches zur Führung 
seiner Sache in Basel durch ihn selbst der Kurfürst für ihn verlangt 
hatte, noch überhaupt eine Antwort von dem Rath der Stadt Basel 
gegeben worden war, wurde veröffentlicht „Ein Durch Nothgedrungens 
Aussschreiben Mein : Leonhardts Thurneyssers zum Tliurn , der 
Herbrottischen Bhitschandsverkeufferey, Falschs und Betrugs: Auch 



Leonhard Tlmrneysser. 121 

der Mir und meinen Kindern, zu Basel beschehenen Iniurien, Gewakl- 
that, Spolirung und Rechtssversagung halber. Anno M.D.L.XXXIIII". 

Thurneysser selbst betrachtete jetzt, der ihm noch gebliebenen 
Gnade des Kurfürsten ungeachtet, seine Stellung in Berlin nicht mehr 
als eine haltbare. Um die Mitte des Jahres 1584 entfernte er sich 
heimlich aus der Mark; erst Anfangs Februar 1585, als eine Piück- 
kehr Desselben nicht mehr in Aussicht stand, liels in der von ihm 
verlassenen Wohnung der Kurfürst nachsehen, was da sei, und Dieses 
sichern. Thurneysser liefs, bevor er von Berlin entwich, ver- 
lauten, er müsse dem Kurfürsten, der damals nach Dresden gereist 
war, nachkommen, ging aber nach Prag und dann nach Köln, wo er 
von den bei seiner Flucht mitgenommenen Büchern so viel er konnte 
verkaufte, dann nach Italien. Er trat da zur katholischen Pieligion 
über und versuchte in Ptom als Alchemist und Arzt zu Geltung zu 
kommen*); des vor dem damaligen Cardinal Ferdinand von Medici 
1586 zu Rom aufgeführten alchemistischen Kunststücks wurde S. 90 f. 
gedacht. Über seine späteren Schicksale ist wenig bekannt. Er 

mag 1590 in der Schweiz, namentlich in Attisholz (einem Mineralbad 
im Canton Solothurn) gewesen sein, da eine „Attisholtz oder Attis- 
walder Badordnung, mit einer Beschreibung dieses Bades" als 1590 
von ihm veröffentlicht angeführt wird, und 1591 wieder zu Rom, da 
er sich auf. einem 1591 von ihm herausgegebenen Kalender als „jetziger 
Zeit zu Rom" bezeichnet. Er kam noch einmal nach Deutschland 
zurück; in einem Kloster zu Köln fand er 1596 nach einem so un- 
ruhigen Leben die ewige Ruhe. 

Nachdem Thurneysser zum letzten Male von Berlin fort- 
gegangen war und die Einen nicht mehr hoffen durften, die Anderen 
nicht mehr zu besorgen brauchten, dafs er zurückkommen werde, 
wurde ihm von den Meisten das Urtheil gesprochen, dafs er ein 
durchtriebener aber auch durch und durch verworfener Mensch sei. 
Namentlich ein Mensch, der nicht nur aller Gottesfurcht bar sei, 



*) Job. Alb. Hyperius bericbtete 1586 aus Padua an den Landgrafen 
W übe Im IV. von Hessen-Kassel, Thui-neysser babe nacb seiner Flnclit aus 
Deutscbland in Rom dem Papst und der beiligen Maria del monte zwei grofse 
silberne Leuchter seiner Fabrik geschenkt, um sich Ablafs zu holen, und auch 
zugesagt, einen Cardinal von einer unziemlichen Krankheit zu heilen (Chr. von 
Piommel's Geschichte von Hessen, IV. Theiles 1. Abtheil., Cassel 1835, S. 775). 



122 Leonhard Tliurueysser. 

sondern sich sogar dem Teufel ergeben habe und mit bösen Dämonen 
im Bunde stehe. Jetzt hatte Das Nichts mehr zu bedeuten, dafs er 
doch in Berhn manches Gute gethan, auch — wie von ihm ausdrück- 
hch gesagt wird — „sich jedesmal am Churfürstlichen Hofe gottsehg 
und lutherisch gestellet" und mit den Hofpredigern in gutem Ein- 
vernehmen befunden hatte. Auch Diese mochte er wohl bezaubert 
haben; dafs er in solcher Weise die Gunst der hohen und höchsten 
Herrschaften sich erworben und erhalten habe, wurde mit Bestimmt- 
heit behauptet. Die Anschuldigung, dafs er ein Zauberer sei, war 
(vgl. S. 117) schon 1579 öffentlich von einem Greifswalder Professor 
gegen ihn erhoben und alsbald von einigen Berliner Predigern zur 
Erbauung und Warnung ihrer Gemeinden wiederholt worden, so dafs 
Thurneysser schon in einer 1580 ausgegebenen Schrift {„Impletio 
oder Erfüllung der verheissung Leonhart Tliurneyssers" u. s. w.) sich 
über diese Geistlichen beschwerte : dafs sie, wenn sie nicht viel studirt 
hätten, wegen seiner Kalenderprophezeihungen gegen ihn predigten 
und ihn bei der Gemeinde in Verdacht brächten, es sitze, wenn 
er seine Kalender schreibe, ein Teufel in Mönchsgestalt bei ihm, der 
sie ihm dictire. Übrigens schien es ihm, um aus solchem Verdacht 
herauszukommen, angemessen, dafs er in folgenden Kalendern und 
besonders in dem von 1583 fast bei jedem Tage statt der Prophe- 
zeihung einen Vers aus den Psalmen, den Propheten oder einem an- 
deren biblischen Buche hinsetzte, von welchem Mittel er aber dann 
selbst bekannt hat, dafs es ihn vor weiteren öffentlichen Beschuldigungen 
der Geistlichen nicht geschützt habe. Jetzt, nachdem Thurn- 
eysser durch seine Flucht unschädlich geworden war, wurde der 
Beurtheilung Desselben allgemeiner zu Grunde gelegt, was der gemeine 
Mann in Berlin schon lange gewufst hatte und was von einzelnen 
Gebildeten auch schon ausgesprochen worden war. Nicht blofs Ein 
Teufel in Mönchsgestalt war bei Thurneysser gesehen worden, 
sondern Dieser hatte auch einmal mit drei schwarzen Mönchen am 
Tisch gegessen, welche einen dazu kommenden Kurfürstlichen Pagen 
und nachlier einen Trabanten, der nach dem Pagen sehen wollte, 
häfslicli zugerichtet hatten. Thurneysser mufste wohl wissen, was 
in seinem grofsen schwarzen Hunde stecke, welcher bei Tisch immer 
die besten Stücke Fleisch aus der Schüssel erhielt; gelehrte Leute 
erinnerten daran, dafs auch der berüchtigte Cornelius Agrippa 



Leouhard Thurneysser. 123 

von Nettesheim einen bösen Geist in Hundesgestalt bei sich gehabt 
habe. Dafs er einen oder gar mehrere Teufel, garstige schwarze 
Wesen, in ein Krystallglas eingeschlossen zu seiner Disposition hatte, 
war ihm am Frühesten (vgl. S. 117) vorgeworfen worden; es waren 
Scorpione, in Baumöl aufbewahrt zu seinem Naturalien-Kabinet ge- 
hörig*). Er hatte einen verdächtigen Vogel, der in Mitten von Wasser 
zwischen da schwimmenden Fischen lustig herumflatterte; es war die 
auch jetzt noch zu sehende, vielleicht von Thurneysser erdachte 
Einrichtung, bei welcher eine in einem gläsernen Goldfisch-Behälter 
befindliche grofse Glaskugel einen Theil eines Vogelbauers ausmacht. 
Noch Ärgeres, was in Basel vorgefallen sei, erzählte man sich und 
glaubte man in Berlin. Das Geld, mit welchem er das dort von ihm 
erkaufte Haus bezahlt hatte, war wenige Tage nach seiner Abreise 
zu Kohlen umgewandelt befunden worden. Als er damals von Basel 
abreiste, verspätete er sich etwas; viele Leute sahen, dafs vor dem 
Wirthshaus, in welchem er safs und schmauste, ein wunderlicher mit 
vier Pferden bespannter Wagen stand; als Thurneysser endlich sich 
eingesetzt und in hunderttausend Teufel Namen abzufahren befohlen 
hatte, erhoben sich sogleich Wagen und Pferde in die Luft, und nach 
Verlauf von zwölf Stunden war Thurneysser in Halle angekonunen. 
Und zu solchen bald nach der Entweichung Thurneysser's von Berlin 
über ihn ausgesprochenen Urtheilen und vorgebrachten Erzählungen, 
welche in gehässigster Weise gerade von Solchen gegen ihn geltend 
gemacht wurden, die ihm in der Zeit seines Glanzes geschmeichelt 
hatten**), kamen im Laufe der Zeit auch noch andere: mehr als 



*) Ein solcher Scorpion wird, doch in nicht ganz wahrheitsgetreuer Weise, 
in Th. Thomson's History of chemistry, Vol. I, London 1830, p. 169 als an 
dem Sturz Thurneysser's direct wesentlich betheiligt hingestellt: Among othcr 
things, he (Thurneysser) gave out that he ivas the possessor of a devil, which 
he carried about ivith Mm in a botth. This pretended devil waa nothiug eise 
than a scorpion, preserved in a phial of oit. The trick ivas discovered, and the 
usual conseqiiences foUoiced. 

**) „Der Bär. Berlinische Blätter für vaterländische Geschichte und Alter- 
thumskunde", herausgegeben von George Hiltl und P'erd. Meyer, enthält im 
Jahrgang. 1876, S. 77 f. eine von L. von Ledebur als eine bisher unbenutzt 
gebliebene, dem Schlüsse des sechszehnten Jahrhunderts angehörige Aufzeichnung 
mitgetheilte „Geschichte, so sich mit Gerhard Thurnhäuser Anno 1582 begeben". 
Darin wird erzählt, dals Thurneysser seiner Zeit „in die Mark zu Fufs ge- 



124 Leonhard Thurneysser. 

hundert Jahre nach Thurneysser's Tod wurde auch, ohne jede Be- 
gründung, gedruckt, Derselbe sei um 1570 an der (später noch zu 
erwähnenden) Ermordung eines Besitzers des Steins der Weisen um 
der Aneignung des letzteren willen betheiligt gewesen. — Thurn- 
eysser hat viel gefehlt, aber für die Bemessung desselben ist in An- 
schlag zu bringen, dafs er in dem Aberglauben, welcher Andere von 
ihm vorgebrachte Unw'ahrheiten als Wahrheiten annehmen Kefs, viel- 
fach selbst noch befangen war; doch bei weitem mehr, als er wirklich 
gefehlt hat, ist ihm unverdienter Weise zur Last gelegt worden. 

Knüpfen wir nach dieser etwas längeren Digression den Faden 
der Berichterstattung darüber, wie der Glaube an die Alchemie durch 



lauifen kommen", sich für einen geschickten Arzt ausgegeben und obwohl ganz 
ungebiUIet es verstanden habe, für einen Gelehrten gehalten zu werden, dafs er 
Glück bei Hofe gehabt habe und vom Kurfürsten mit grofsem Tractament als 
Leibarzt angestellt worden sei, dafs er Reichthum erworben habe durch Leihen 
von Geld auf kostbare Pfänder, die er nach der Verfallzeit nicht wieder heraus- 
gegeben habe, dafs er dann auch Gold gemacht habe, wiewohl er selbst vorher 
bezüglich solcher Unternehmung bekannt, dafs es damit lauter Betrug sei, dafs 
er auch Leute in der Mark herumgeschickt habe, welche den Ungebildeten 
werthvolle Gegenstände unter dem AVerthe derselben abgehandelt hätten, und 
dafs er aus Kirchen gestohlene derartige Gegenstände angekauft habe. Viele 
Leute hätten geglaubt, er müsse die gnädigste Herrschaft bezaubert haben, dafs 
.sie ihm so grofses Vertrauen schenke, auf was man auch daraus geschlossen 
habe, dafs er einen Hund besessen, welchen er in oben angegebener Weise so 
auffallend gut behandelt liabe, „daraus Viele die Meinung geschöpft, es müsse 
der Hund ein malus Spiritus seyn; — — es ist damahlen glaubwürdig ein Ge- 
rüchte gegangen, dafs nach seiner Flucht derselbe Hund sich auf dem Mühlen- 
damm vor denen dortigen Flucht-Stecken solle ins Wasser gestürtzt haben". 
Als Thurneysser Veranstaltungen zu seiner Flucht getroffen, habe er noch 
die Landschaft (die Landstände oder deren Ausschufs) in Berlin angegangen, ihm 
20 000 Thaler von Ostern bis zu Pfingsten zu leihen, welches Darlehen er mit 
30000 Thalern zurückzahlen wolle; „allein die Landschaft hat den Braten ge- 
rochen und ihm solches abgeschlagen". Worauf dann noch erzählt wird, wie 
Thurneysser entwichen sei. Diese „Geschichte, so sich" u. s. w. scheint ein 
Stück oder ein Excerpt aus der von Möhsen doch sehr gut gekannten und als 
sehr unzuverlässig befundenen handschriftlich gebliebenen Chronik der Mark 
Brandenburg des Peter Haftiz zu sein oder vielmehr ein Stück aus einer der 
zwei Chroniken, welche dieser Haftiz geschrieben hat, denn Möhsen spriclit 
a. S. 107 a. 0. S. 11 von Ilaftizens ungedruckter grölseren märkischen Chronik 
uiiil von Dessen mehr bekannten kleinen Chronik. Als darin stehend hebt 



Begünstigung der Aldiemie durch Fürsten. 125 

das Beispiel von Fürsten genährt wurde, wieder da an, wo derselbe 
S. 107 abgebrochen wurde. 

Von anderen Reichsfürsten, als den S. lOG namhaft gemachten, 
welche gegen das Ende des sechszehnten und im Anfang des siel)- 
zehnten Jahrhunderts die Alchemie begünstigten, mögen hier zunächst 
nur Einige genannt werden. Herzog Julius von Braunschweig- 
Wolfenbüttel, welcher 1568 bis 1589 regierte, war nicht nur den 
Wissenschaften im Allgemeinen günstig (er stiftete 1576 die Uni- 
versität Helmstädt) sondern auch speciell der Alchemie zeitweise 
wenigstens sehr zugethan; er wird uns noch ein oder ein anderes 
Mal vorkommen. Als der Alchemie ergeben galt auch sein Sohn 
Heinrich Julius, welcher 1589 bis 1613 regierte, nachdem er 1566 



Möhsen S. 13 die unrichtige Jahresangabe (1582 statt 1584) hervor; als darin 
stehend findet man hei Möhsen S. 11, 183, 184, 185 die Beschuldigungen an- 
gegeben, welche jene „Geschichte" gegen Thurneysser enthält. Der Ver- 
fasser der eben erwähnten Chronik war seinem Beruf nach ein Schulmann; 
„Haftitius (Petrus), ein Magister Philosophiä und Schulmann am Ende des 
16. Seculi, von Jüterbock hurtig, war Piector der Schule zu Berlin, und nach 

der Zeit zu Colin an der Spree. . Er gab heraus — ~. Im Manuscript 

hinterliefs er Micro-chronicon marchicum in deutscher Sprache" u. A. liest man 
über ihn in Joch er' s Allgemeinem Gelehrten=Lexicon, II. Theil, Leipzig 1750, 
S. 1314; er selbst unterschrieb sich in einem 1578 an Thurneysser gerichten 
Brief, welchen Möhsen S. 11 ff. hat abdrucken lassen, als Ludirector zu Colin 
an der Sprew. Dem Charakter nach war er Einer, welcher Thurneysser'n 
zu der Zeit, wo Dieser in Ansehen stand, schmeichelte und zu der Zeit, wo 
Dieser von Berlin entwichen war, alles Schlimme nachsagte und nacherzählte; 
in dem Brief, auf welchen so eben Bezug genommen wurde, hatte er Thurn- 
eysser'n u. A. geschrieben, wie es am Tag und offenbar sei, dafs Dieser unter 
anderen vielen löblichen Tugenden und Gaben, damit er von Gott reichlich ge- 
ziert und begäbet sei, eine besondere und angeborne Liebe zu Gottes Wort 
trage. — Ein Zeitgenosse Thurneysser 's von ähnlichem Schlage wie dieser 
Haftiz war Nicolaus Leutinger, welcher 1547 zu Landsberg in der Mark 
geboren 1612 als Brandenburgischer Historiograph zu Osterburg in der Altmark 
starb. Dieser hatte Thurneysser zu p]hren zwei Lateinische Gedichte ver- 
fertigt, in welchen er Denselben als den grölsten Astrologen und als den klügsten 
und gröfsten Arzt seiner Zeit, dem die Arzneiwissenschaft bedeutendste Ver- 
besserung verdanke, herausstrich und dem er sich und seine Musen demüthig 
empfahl; und in seinen Commeiitarioram de 31arcliia Brandenhiirgensi librisXXX. 
beschreibt er den nämlichen Thurneysser als einen Windbeutel, Betrüger, 
Zauberer und bösen Flüchtling, welchen der Kurfürst als einen Landesverräther 
habe verfolgen lassen. 



126 Begüustignng der Alchemie durcli Fürsten. 

Bischof von Halberstaclt, 1581 Bischof in Minden geworden war und 
1585 auf seine geistliche Würde resignirt hatte. Als eben so die 
Alchemie begünstigend werden aus jener Zeit u. A. genannt ein Herzog 
Ernst von Bayern, Herzog Franz H. von Sachsen-Lauenburg, der 
1581 bis 1619 regierte, der 1592 bis 1627 regierende (1632 ge- 
storbene) Landgraf Moritz (der Gelehrte) von Hessen-Kassel, ein 
Sohn des später noch zu erwähnenden Landgrafen Wilhelm IV. 
Mehrmals wird uns noch vorkommen der Herzog Friedrich von 
W^-ttemberg, welcher von 1593 bis 1608 regierte; Dieser hatte zahl- 
reiche von ihm unterhaltene Alchemisten in dem Städtchen Grofs- 
Sachsejiheim (Oberamts Vaihingen) colonisirt, und die für dieselben 
ohne Berücksichtigung der Seitens der Württembergischen Stände da- 
gegen erhobenen Vorstellungen*) gemachten Ausgaben trugen erheb- 
lich dazu bei, ihn in Geldverlegenheiten zu bringen und zu erhalten. 
Auch diese Erbschaft kam auf seinen Sohn und Nachfolger, den von 
1608 bis 1628 regierenden Herzog Johann Friedrich von- Württem- 
berg, welchem gegenüber die Stände seines Landes sich gleichfalls 
sehr offen darüber, wie sie derartige Liebhabereien bez.-w. Specu- 
lationen beurtheilten, aussprachen**). 

Ein ganz besonders günstiges Hofterrain bot den Jüngern und 
den angeblichen Meistern der Hermetischen Kunst während längerer 
Zeit Kursachsen. Die Beherrscher dieses Landes liefsen im sechs- 



*) Christ. Friedr. Sattler erzählt in seiner Geschichte des Herzogthums 
Würtenberg unter der Regierung der Herzogen, V. Theil (Tübingen 1772), 
S. 230, nachdem er über die 1599 erfolgte Bestrafung Eines der Herzoglichen 
Alcliemisten wegen Betrügerei berichtet: „Die Landschalft hatte den Herzog vor- 
her gebethen sich mit solchen Betrügern nicht so weit einzulassen, dals er 

grossen Schaden durch sie lej'den könnte; . Dise Vorstellungen mufsten 

aber auf sich beruhen, weil sie nicht nach des Herzogs Geschmack waren". 

**) Nach Satt 1er 's eben angeführtem Werk, VI. Theil (Tübingen 1773), 
S. 51 f. erwiderte, als der Herzog Johann Friedrich 1611 von seinen Ständen 
u. A. Mittel zur Erleichterung der grofsen Schuldenlast des Kammergutes (der 
iJomanial-Kasse) verlangte, die getreue Landschaft unter Namhaftmachung von 
noch Anderem, in was der Landesherr Einschränkungen könne eintreten lassen, 
auch namentlich mit dem Rath, „die unnütze und kostbare Gesandschafften ein- 
zuschränken und die Alchymisten, als Betrüger, deren sich eine ganze Gesell- 
schaft zu grossen Sacliscnlicim schon eine Zeit her fcstgesetzct hätte, aus dem 
J-iand zu sehaften, wodurch sich die Kräfl'ten seiner Kammer bald wieder erholen 
könnten". 



Begünstigung der Alcliemie durcli Fürsten. 127 

zehnten und im siebzehnten Jahrhiindert durch eigens bestellte und 
verpflichtete Alchemisten an der Darstellung des Steins der "Weisen 
arbeiten; das alchemistische Laboratorium in Dresden hiels bei dem 
Volke „das Goldhaus". Kurfürst August, der von 1553 bis 1586 
regierte, arbeitete selbst, und seine Gemahlin Anna von Dänemark 
— die „Mutter Anna", wie sie genannt wurde, — beschäftigte sich 
auch mit Alchemie und hatte auf ihrem Lustschlol's zu Annaberg ein 
grofses Laboratorium; die von August in seinem Schatz hinterlassenen 
1 7 Millionen Reichsthaler wurden von Vielen als die Frucht Hermetischer 
Arbeiten (von Anderen als Segen des erzgebirgischen Bergbau's) be- 
trachtet. Unter seinem Nachfolger, dem Kurfürsten Chris.tian L 
von Sachsen wurden bis zu Dessen, 1591 erfolgten Tod die alche- 
mistischen Arbeiten fortgesetzt, und der von ihm hinterlassene, mehrere 
Millionen in Gold betragende Schatz galt als eben so wie der seines 
Vorgängers erworben. Christian's L Sohn, Kurfürst Christian IL 
von Sachsen trat (nachdem unter der bis dahin eingesetzten Vor- 
mundschaft ein bisher bewährter Hofalchemist, Schwertzer, schnöde 
behandelt worden war und das Land verlassen hatte) die Regierung 
1601 an und bethätigte bald, dals auch er Literesse an der Alchemie 
nehme, in besonderer Weise; er liefs im Jahre 1603 einen da nach 
Dresden gekommenen Adepten: den Schotten Alexander Se ton ins*), 
auch Kosmopolites genannt, greifen und im Gefängnifs wiederholt 
foltern, um Demselben das Geheimnifs der Darstellung des Steins 
der Weisen zu entlocken**). Und weil später doch noch auf Solches, 

*) Der Name kommt auch Sidonius, Sitonius u. a. geschrieben vor und 
steht vielleicht in Beziehung zu dem des Dorfes Seaten am Frith of Forth in 
der Südschottischen Grafschaft Hattington, in dessen Schlofs einst Maria Stuart 
residirte. Der Alchemist nannte sich unter Umständen auch Stuart (vgl. die 
folgende Anmerkung). 

**) Bevor Setonius im Herbst 1603 nach Sachsen kam, war er in München 
gewesen, von wo er sich eine Frau mitnahm {Schmieder 's Geschichte der Al- 
chemie S: 341), aber auch in Stuttgart, wo er sich doch wie ein ganz geM'öhn- 
licher Alchemist benahm, jedoch geschickt genug war, dem gefährlichen Freunde 
der Alchemie Herzog Friedrich von Württemberg zu entkommen. Unter dem 
18. März 1605 unterzeichnete der Herzog, welchem die weiteren Schicksale des 
Setonius nicht genau oder nicht vollständig bekannt geworden sein müssen, 
ein Legitimationsschreiben für die von ihm nach England Abgesendeten, die ihm 
den Flüchtling auffinden sollten. In diesem Schreiben ist gesagt, dafs der Schotte 
Alexander Sydon, „hernach an andern ortten Svlon und auch Stuuard 



128 Begünstigung der Alcliemie durch P'ürsten. 

was an diesen Adepten anknüpft, Bezug zu nehmen ist, so sei gleich 
hier berichtet, dafs Setonius, nachdem er nach überstandener 
Folterung noch einige Monate im Gefängnifs geschmachtet, aus diesem 
durch einen Polnischen Edelmann Michael Sendivogius befreit und 
nach Krakau gebracht wurde, wo er in Folge der erlittenen Mils- 
handlungen im Januar 1604 starb. 

In dem Jahrhundert, bis zu welchem wir jetzt gekommen sind, 
war die Alchemie wirklich auch noch eine fürstliche Kunst zu nennen, 
danach wie sie gekrönte Patrone hatte aalserhalb Deutschland (in 
Dänemark z. B., wo der von 1596 an selbstständig bis 1648 regierende 
Christian IV. Veranlassung gab, seiner bereits S. 93 zu gedenken, 
und sein Nachfolger, der bis 1670 regierende König Friedrich III. 
als eifriger Alchemist mehrere Millionen Thaler verlaborirte) und 
namentlich innerhalb des Deutschen Pieiches. Unter den letzteren sei 
hier zunächst erwähnt des Herzogs Friedrich I. von Sachsen-Gotlia, 
welcher von 1674 bis 1691 regierte. Derselbe lag, wie es scheint 
beharrlich. Hermetischen Arbeiten ob, von welchen er ergiebigen 
Ertrag erwartete, wenn ihm auch, wenigstens später. Das als eine 
Möglichkeit vorschwebte, sie könnten fruchtlos sein. Die Gothaer 
Bibliothek besitzt von seiner eigenen Hand „Acta zur neuen grofsen 
gothaischen und altenburgischen Fundation" vom 18. October 1684, 
worin zu Werken der Barmherzigkeit, für Kirchenschmuck, für Pfarrer 
und Schulmeister 4 Millionen 370689 Thaler ausgeworfen und die 
Mittel dazu auf den Erfo]"f „der unter den Händen habenden Arbeit 



genennet", vor ungefähr anderthalb Jahren sich bei dem Herzog angemehlet und 
in alchem istischen Sachen viel vorgegeben, auch einen leiblichen Eid geschworen, 
seine Geheimnisse treulich zu eröffnen, und darauf hin eine namhafte Summe 
Geldes empfangen habe, aber dessen Alles ungeachtet ehrvergessener und treu- 
loser "Weise heimlich ausgerissen sei und so den Herzog schändlich, betrüglich 
und hochsträflich angeführt habe, welcher danach genügsame Ursache habe, dem 
Übelthäter seinen gebührenden liohn geben zu lassen. „Darumb wir dan z^igern, 
unsern nach dem königreich Engellandt abgefertigten gesandten, bevelch geben, 
ime Sylon, Sydon oder Stuuard mit allem HeiTs naclizutrachten und da sie ine 
in erfahrung bringen, ine alssbald utt' i-echt niderwerflfen und woll verwalueu 
zu lassen, auch uns dessen zu berichten." Alle Behörden werden um Mitwirkung 
liierzu angegangen unter Zusicherung der Geneigtheit, solche Beihülfe bei Ge- 
legenheit zu erwiedern. Das Schreiben ist nach dem Original durch Fr. von 
Weech in der Zeitschrift für die Geschichte des OberrJieins, 26. Bd. (Karls- 
ruhe 1874), S. 409 veröffentlicht worden. 



Begünstigung der Alchemie durch Fürsten. 129 

der Tinctuia auf O und 2)" (das sind die alchemistischen Zeichen 
für Gold und Silber) nach sehr genauer Berechnung angewiesen sind. 
Vier Jahre später, 1688, schrieb er von Amsterdam aus in einem 
eigenhändigen Brief an den Geheimerath Bachof von Echt: ,,Wass 
Er bericht wegen Erkauffung der Ober und Unterherrschaft Schry- 
lunge [V], solches were eine heilsame Sache, wenn nur Geldt da 
were, und die Hoheit von Chur-Brandenburg erhalten werden könnte. 
Sollten meine Intentiones recht reüssiren, so wolten wir zwischen 
hier und "Weihnachten so viel Geldt haben, dafs wenn noch 10 solche 
Grafschaften zu kauffen weren, so müssten sie unser seyn, und wolte 
doch dabey etzliche 1000 Mann halten, Sed haec arcana sunt, und 
mufs nichts sagen, damitt man mich nicht vor der Zeit auslache, 
wenn sie nicht reüssiren". (Das hier Berichtete entnehme ich dem in 
Fr. Jacobs und F. A. Ukert's Beiträgen zur älteren Litteratur, I. Bds. 
1. Heft, Leipzig 1835, S. 13 Stehenden. In desselben Werkes 
HL Bds. 2. Heft, Leipzig 1843, S. 351 f., wo auch mitgetheilt ist, 
dafs auf der Bibliothek zu Gotha befindliche alchemistische Schriften 
von der Beschäftigung Herzogs Friedrich L mit der Hermetischen 
Kunst herrühren, ist angegeben, dals die von Diesem für Verwendung 
„zu Gottes Ehren, zum Besten der Kirchen und Schulen, auch zur 
Erleichterung der Unterthaneu" in den beiden Fürstenthümern Gotha 
und Altenburg in Aussicht genommene aber auf den Ertrag der 
unternommenen alchemistischen Arbeiten angewiesene Summe im 
Ganzen 16 Millionen weniger 629311 Thaler betragen hat.) 

Aber auch das Kurhaus Sachsen bewährte die für früher bereits 
S. 127 u. 58 f. besprochene Neigung, von der Alchemie Vortheile zu 
ziehen, noch zu der Zeit, bis zu welcher wir jetzt gekommen sind, 
und sehr instructiv ist für unseren Zweck, namentlich daran zu er- 
innern, was sich in Kursachsen im Anfang des achtzehnten Jahr- 
hunderts mit dem Alchemisten Böttger begab, dessen Biographic 
aus authentischen Quellen durch K. A. Engelhardt (Leipzig 1837) 
gegeben worden ist; einen Auszug aus dieser Schrift hat Wackenroder 
im Archiv der Pharmacie, 2. Reihe, Bd. XIX (Hannover 1839) S. 26 ff. 
zusammengestellt. Für die folgende Erzählung sind aufser diesen 
neueren Angaben auch frühere Nachrichten, die Schmieder in seiner 
Geschichte der Alchemie (Halle 1832), S. 471 fif. gesammelt hat, 
mitbenutzt. 

Kopp, Die Alchemie. I. o 



130 Job. Friedr. Böttger. 

Job. Friedr. Böttger war 1685 zu Schleiz geboren, in Magde- 
burg von seinem Stiefvater, dem Stadtmajor Tiemann sorgfältig 
erzogen. Er wurde im 12. Lebensjahr zum Apotheker Zorn in 
Berlin in die Lehre gegeben, wo ihn seine Neigung zur Chemie und 
Alchemie bald mit angesehenen Alchemisten in Verbindung brachte, 
u. A. mit dem Geheime-Staatsrath von Haugwitz, welcher selbst 
mit Böttger an der Darstellung des Steins der Weisen laborirte. 
Was ein fahrender Alchemist, der sich Laskaris nannte und nach 
den Berichten der Gläubigen wirklich ziemlich viel von dem Stein 
der Weisen an Böttger gegeben haben soll, durch Diesen in Betreft" 
der künstlichen Hervorbringung von Gold in Berlin aufführen liefs, 
kam zur Kunde König Friedrich's L, welcher, nachdem ihm ein Stück 
von Böttger gemachten Goldes übergeben worden, befahl, durch 
inquisitorisches Verfahren untersuchen zu lassen, ob Böttger ein 
Adept oder ein Betrüger sei. Gewarnt entwich Böttger heimlich 
aus der Zorn 'sehen Apotheke und hielt sich in Berlin versteckt; da 
der König durch öffentlichen Anschlag 1000 Thaler Belohnung auf 
die Wiederbringung Böttger 's setzte, entfloh Dieser — damals 16 
Jahre alt — nach Wittenberg und meldete sich daselbst zur Auf- 
nahme als Student. Nach dieser damals Kursächsischen Stadt 
schickte der König von Preufsen, sobald Böttger 's Flucht in Berlin 
ruchtbar geworden war, einen Officier mit einem Commando Soldaten 
und dem gemessenen Befehl, sich Böttger's gerichtlich oder auch 
gewaltsam zu bemächtigen. Ein nachträgliches von dem König eigen- 
händig unterzeichnetes Requisitorialschreiben (Böttger wurde als 
Magdeburger und Preufsischer Unterthan reclamirt) gab der Sache 
eine solche Wichtigkeit, dafs auf erstatteten Bericht des Witten- 
bergischen Kreisamtmanns der Statthalter Sachsens Fürst Egon 
von Fürstenberg in Conferenz mit den Sächsischen Grofswürden- 
trägern zusammentrat, wo beschlossen wurde, unverzüglich in Betreft" 
dieser Angelegenheit an den Landesherrn Friedrich August IL 
den damals in Warschau sich aufhaltenden König von Polen (als 
solcher August IL) zu berichten, inzwischen aber dem zu Arrest 
gebrachten Böttger eine verstärkte Bewachung zu geben. Einem vor- 
sichtigen Sächsischen Staatsmann, dem Geheimeraths-Director von 
Gersdorff, erwuchs allerdings die Besorgnifs, es könne bei diesem 
Verfahren zu einem Krieg zwischen Preufsen und Sachsen kommen, 



Job. Frietlr. Büttger. 131 

und er verweigerte defshalb den weiteren Berichten des Statthalters 
an den König von Polen durch seine Unterschrift beizutreten; auch 
wurden in der That im Stillen Befehle ertheilt behufs nöthiger rascher 
Verstärkung der Kursächsischen Garnison zu Wittenberg. Der König 
von Preufsen, welchem man die Absicht einer Überrumpelung Witten- 
bergs zum Zweck der Habhaftwerdung Böttger's wirklich zutraute, 
begnügte sich indessen vorerst mit erwähntem Requisitorialschreiben 
und damit, dafs er durch seinen Gesandten in Warschau dem König 
von Polen die Sache dringlichst vortragen liefs. Letzterer hielt aber 
auch Böttger in Wittenberg für nicht gesichert, und schickte durch 
einen besonderen Courier den Befehl nach Dresden, Böttger ganz 
im Geheimen nach Dresden bringen zu lassen. Den mit dem Transport 
Böttger's beauftragten Officieren wurde bei Verlust der Ehre und 
des Lebens die sicherste und allergeheimste Überlieferung des Alche- 
misten nach der Kursächsischen Hauptstadt zur Pflicht gemacht. 
Nachdem da der Fürst von Fürstenberg mit Böttger Proben des 
Goldmachens angestellt hatte, eilte er selbst nach Warschau, um 
diese Proben mit Seiner Majestät zu wiederholen. Vorerst hatte der 
König mit der Eröffnung des Polnischen Reichstages (die am 2. De- 
zember 1701 statthatte) zu viel zu thun, fand aber doch Zeit, auf 
Fürstenberg's Rath noch eigenhändig an Böttger zu schreiben 
und Diesen seiner hohen Protection zu versichern. Erst in der Nacht 
des zweiten Weihnachts-Feiertages 1701 unternahmen der König und 
Fürstenberg in einem ganz abgesonderten Zimmer des Warschauer 
Schlosses die Transmutation, aber ohne Erfolg. Der König nahm 
Das gelassen, das Milslingen der Operation dem nicht hinlänglich 
starken Glühfeuer zuschreibend; Fürstenberg schrieb aber in gröfster 
Bestürzung an Böttger, seine peinliche Verlegenheit schildernd, da 
Seine Majestät selbst über zwei Stunden beim Feuer gesessen habe, und 
betheuernd, dafs es weder bei dem König noch bei ihm selbst an der 
nöthigen Frömmigkeit gefehlt habe. Dafs Böttger Gold künstlich 
machen könne, wurde aber doch nicht in Zweifel gezogen; wohl aber 
betrachtete Fürstenberg nach seiner Rückkehr nach Dresden es als 
seiner Verantwortlichkeit entsprechend . in seinem eigenen Haus 
Böttger in engere Gewahrsame zu nehmen und als Dieser darob 
in stärkste Aufregung gerieth, ihn im Geheimen und unter besonderen 
Instructionen für den Festungscoramandanten auf den Königssteiu 

9* 



132 Joh. Friedr. Böttger. 

schaffen zu lassen (in früheren Nachrichten war der Sonnenstein ge- 
nannt und als Grund, wefshalb Böttger dahin gebracht worden sei, 
angegeben, dafs Laskar is einen Berliner Dr. Pasch mit reichen 
Geldmitteln ausgestattet behufs Befreiung Böttger 's nach Dresden ge- 
schickt habe, welcher denn auch da mit einigen Personen und mit 
Böttger selbst in Einverständnifs getreten sei, aber die Sache sei 
verrathen, Pasch auf den Königsstein und Böttger auf den Sonnen- 
stein gebracht worden). Diese Behandlung einer so w'erthvoUen 
Person fand man aber doch auch in Dresden bald allzu hart; 
Fürstenberg liefs Böttger wieder in diese Stadt bringen, hier 
allerdings so, wie es die Sachlage erheischte, überwachen, gestattete 
ihm aber doch alle Annehmlichkeiten und ging mit gutem Beispiel in 
freundlicher Behandlung voran ; der König selbst befahl, dafs Niemand 
„von widrigem Naturell" Böttger' n aufgedrungen werden solle. 
Dieser zeigte sich jetzt sehr anmafsend, nicht allein gegen Fürsten - 
berg sondern auch gegen den König selbst, welcher (trotz seiner 
sonstigen Abneigung gegen Schreiben) in directer Correspondenz mit 
Böttger stand; unter Anderem erbat Böttger vom König ein Regi- 
ment Cavallerie zur Disposition Fürstenberg's, ihn gegen gewalt- 
same Entführung zu sichern, worauf der König seinen Böttger ver- 
sicherte, dals er ihn zu schützen wissen werde und alle Verantwort- 
lichkeit „wegen seiner Echappirung von Berlin" auf sich nehme. 
Übrigens versprach der König zur Sicherstellung Böttger's, niemals 
ohne dessen Zustimmung den Statthalter Sachsens nach Polen kommen 
zu lassen, und gab seinem Alter ego in Sachsen, dem Fürsten Egon 
von Fürstenberg auf, niemals über Nacht von Dresden abwesend 
zu sein. Aus den Handschreiben des Königs an Böttger ist zu er- 
sehen, dafs in dem Mafse, als die Polnischen Angelegenheiten einen 
schlimmen Ausgang befürchten liefsen, das Vertrauen des Ersteren zu 
dem Letzteren und Dessen Kunst mehr und mehr zunahm; in Mitten 
der wichtigsten Staatsaffairen gedachte der König seines Goldmachers 
in Dresden und wünschte er Demselben in eigenhändigen Schreiben 
zum Jahreswechsel Glück. Der König unterschrieb nicht nur die von 
dem Alchcmisten aufgestellten Bedingungen, unter welchen Dieser den 
Stein der Weisen darzustellen versprach, sondern liels dem Künstler 
für dieses Unternehmen auch (damals schwer zu entbehrende) 1000 
Ducaten zustellen; aber die Freilassung Böttger's wollte er abhängig 



Job. Friedr. Böttger. 133 

sein lassen von der Erfüllung der gemachten grofsen Verheifsungen. 
Böttger mochte jedoch einsehen, dass Das noch etwas lange dauern 
könne, und suchte sich selbst frei zu machen; er fand Gelegenheit, 
aus seiner Gefangenschaft zu entfliehen, wurde aber zu Enns in 
Oesterreich wieder eingeholt, nach Dresden zurückgebracht und unter 
noch sorgfältigerer Bewachung gehalten. Und immer noch hatte man 
zu Böttger das Vertrauen, dais er den Stein der Weisen zu bereiten 
verstehe; in einem Brief aus Ojafsdow bat der Fürst von Fürsten- 
berg inständigst, dem König zu helfen in Dessen durch Karl XII. 
von Schweden schwer bedrängter Lage; darauf wie man sich unter 
obwaltenden politischen Conjuncturen verhalten zu sollen glaubte, 
übte Polnischer Seits die Aussicht grofsen Einflufs aus, es stünden 
bald reichlichste Geldmittel zur Verfügung. 1704, als Böttger dem 
König gegen 40 000 Thaler gekostet hatte, wurde zwischen Beiden 
ein förmhcher Contract abgeschlossen, dessen unverbrüchliche Haltung 
der König mit einem schriftlich abgelegten Eid gelobte (es war Ein 
Eid unter mehreren; im Ganzen sind in dieser Sache von den an ihr 
betheiligten Personen gegen 150 Eide geschworen worden). Böttger 
laborirte nun in Dresden immer fort; aber als 1706 nach der Schlacht 
von Punitz (wo die Sachsen unter Schulenburg durch die Schweden 
unter Karl XII. besiegt wurden) in Sachsen eine Schwedische In- 
vasion zu befürchten war, wurde mit anderen Kostbarkeiten auch 
Böttger in Sicherheit auf den Königsstein gebracht, wo sein Name 
eben so wenig genannt werden durfte, als in seiner geheimen Haft 
in Dresden. In die letztere Stadt nach dem Wiedereintritt ge- 

sicherterer Zustände zurückgeschafft erhielt er auf der Jungfrau-Bastei 
seine Wohnung d. h. sein Gefängniis und ein Laboratorium angewiesen, 
aber es wurde ihm nun auch ernstlich zugesprochen, das von ihm 
gegebene Versprechen zu erfüllen : so ernstlich, dafs er wohl einsah, 
seine Lage sei eine fast verzweifelte. Ihn rettete vor härtester Be- 
handlung die Entdeckung der Porcellanfabrication, mit welcher er sich 
auf den Rath seines Aufsehers und Vertrauten, des Herrn von 
Tschirnhausen, beschäftigte. Nachdom der König, vom Anfang 
des Jahres 1708 an, der Verwerthung dieser Entdeckung sein Inter- 
esse zugewendet hatte, Böttger auch im Porcellanmachen sich ent- 
schieden leistungsfähiger erwies als im Goldmachen, wagte der Letz- 
tere, dem Ersteren offen zu bekennen, dafs den Stein der Weisen 



134 Graf Caetano. 

darzustellen er nicht verstehe. Der König verzieh ihm. Doch erhielt 
Böttger erst 1715 gegen Leistung eines Eides, das Land nicht zu 
verlassen und die Ärcana der Porcellanfabrication an Niemanden zu 
verrathen, seine Freiheit wieder. Er blieb bis zu seinem Tode, 1719, 
Director der da schon nach Meifsen verlegten Porcellanfabrik. Aber der 
Glaube hatte sich erhalten, er wisse mehr, als er habe zugestehen w'ollen; 
noch auf seinem Sterbebette wurde er durch einen Kammerrath Neh- 
mitz, der ihm von 1701 an fast beständig als Wächter beigegeben ge- 
wesen war, mit der Ungnade des Königs geängstigt, wenn er nicht 
sein Geheimnifs oifenbare, wie der Stein der Weisen darzustellen sei. 
Wie sich die Theilnahme Deutscher Fürsten an Alchemie auch 
noch gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts hin fortsetzte und 
in das achtzehnte Jahrhundert hinein erstreckte, wird wohl pafslich 
noch durch einige Angaben erläutert, welche das Leben und die 
Thaten eines Menschen betreffen, der sich selbst Don Domenico 
Manuel Caetano (oft findet man Gaetano und auch noch anders 
geschrieben), auch Conte de Ruggiero nannte und sich für einen 
Neapolitanischen Edelmann ausgab, übrigens der Sohn eines Bauern 
zu Pietrabianca bei Neapel war, zuerst die Goldschmiedskunst erlernt 
und dann sich eine Zeit lang als Taschenspieler in Italien umher- 
getrieben hatte. Seiner Aussage nach hatte er 1695 oder kurz vorher 
noch in Italien einen nicht unbedeutenden Schatz gefunden, welchen 
ein unbekannter Alchemist unter Beifügung einer handschriftlichen 
Anweisung zur Darstellung des Steins der Weisen vergraben habe; 
Viele aber stellten in Abrede, dafs er selbst mit dem Geheimnifs der 
xVlchemie bekannt geworden sei, und gaben nur zu, er sei in irgend 
einer Weise in den Besitz einer gewissen Portion des goldmachenden 
und auch des silbermachenden Präparates gelangt. Sicherer als 
Beides ist, dafs er im genannten Jahr aus irgend welcher Ursache 
sein Vaterland verliefs und nach Madrid ging, wo er Proben seiner 
alchemistischen Kunstfertigkeit ablegte. Es ist ihm später mindestens 
Eine grofsartige Betrügerei als dort verübt — vielleicht nicht mit 
Unrecht — öffentlich vorgeworfen worden, aber er mufs doch sehr 
geschickt operirt haben, da ihn darauf hin der Bayerische Gesandte 
in Madrid aufforderte, zu des Letzteren Herrn, dem damals als General- 
gouverneur der Spanischen Niederlande in Brüssel lebenden Kurfürst 
Maximilian II. Emanuel von Bayern zu gehen. Als Adept an 



Graf Caetano. 135 

Diesen empfohlen gewann der Abenteurer durch seine Transmutationen 
und durch seine Versprechungen des Kurfürsten Vertrauen und Gunst; 
er wurde zum Obrist ü1)er ein Regiment zu Fuis, zum Generalfeld- 
zeugmeister, zum Feldmarschall, auch zum (Titular-)Commandant von 
München und zum Etatsrath ernannt, und erhielt höchst bedeutende 
Geldvorschüsse für die Ausarbeitung des Steins der Weisen im Grofsen; 
er wufste den Kurfürsten ziemlich lange herumzuziehen, fühlte aber 
doch schliefslich, für ihn sei die Zeit, wegzukommen, da; er machte 
einige vergebliche Fluchtversuche, wurde nun in schärfere Unter- 
suchung genommen und als des Betruges überwiesen nach Bayern ab- 
geführt und da in einem Schlots, welches in dem vorliegenden Be- 
richt Grunewald genannt ist (es giebt ein Dorf Grünwald in Oberbayern, 
bei München, an der Isar, mit einem alten Schlots), sechs Jahre lang 
gefangen gehalten. Wie er aus dieser Gefangenschaft herauskam, ist 
nicht genauer bekannt; aber im Jahre 1704 war der Graf Buggiero 
in Wien, machte dort in Gegenwart vornehmer Cavaliere Gold, lief's sich 
von Kaiser Leopold I. mit hohem Gehalt in Dienst nehmen und 
auch wieder für die Ausarbeitung des Steins der Weisen einen be- 
trächtlichen Vorschufs geben. Bevor er damit fertig war, starb (im 
Mai 1705) sein kaiserlicher Gönner, und da man nun seinen Gehalt 
zurückhielt und selbst davon, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, sprach, 
wurde seine Lage unangenehm. Doch fand er sofort einen neuen 
Gönner an Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz, welcher sich 
damals in Wien aufhielt und sich von des angeblichen Adepten ver- 
meintlichen Leistungen und Versprechungen täuschen liels. Aber 
der Künstler mufs doch Grund gehabt haben, Wien bald zu verlassen, 
denn im Jahre 1705 war der Graf Caetano o. Cajetani in Berlin, 
wo er dem König Friedrich L seine Anerbietungen machte, der ja 
auch als prachtliebender Fürst einen alchemistischen Zuschufs zu 
seinen Revenuen wohl hätte gebrauchen können und dessen Begierde 
nach einem. ausgiebigen Alchemisten zudem durch das mit Böttger 
Vorgefallene (vgl. S. 130) gereizt Nvorden sein mochte, ohne dafs er 
zu dem Genufs eines solchen gekommen war; die Angelegenheit wurde 
aber hier, wenigstens zuletzt, etwas strammer behandelt als in Brüssel 
und in Wien. Zuerst ging zwar Alles ganz gut; der Adept machte 
einen glücklichen Probeversuch vor einem Sachverständigen, dem 
Canzleirath Dippel, welcher bis an seines Lebens Ende ein Ver- 



136 Graf Caetano. 

theidiger der Alchemie und mit Hermetischen Arbeiten beschäftigt 
gewesen ist, auch überzeugt war, dafs er im Anfang des achtzehnten 
Jahrhunderts selbst Etwas, was wie der Stein der Weisen wirke, zu 
Stande gebracht habe, aber leider Etwas, was er nachher nicht wieder 
bekommen konnte. (Über diesen Dippel liest man mit Interesse den 
ihn nach seinen Lebensverhältnissen und als Theologen und Alchemisten 
schildernden Aufsatz von Karl Buchner in v. Raumer's Historischem 
Taschenbuch, 3. Folge, IX. Jahrg., 1858, S. 207 und Gustav Baur's 
daran anknüpfende Besprechung in dem Theologischen Literaturblatt 
zur Allgemeinen Kirchenzeitung 1858, Nr. 17, S. 377.) Dippel liefs 
sich übrigens von seines Neapolitanischen Concurrenten Persönlichkeit 
und Grafentitel nicht imponiren ; er selbst erzählt in seinem Auf- 
richtigen Protestant von dem Besuch, welchen er mit einigen Freunden 
dem Neuangekommenen abstattete: „Der Herr Graf schien mir zu 
zittern und zu beben bei unserer Ankunft, und zeigte so wenig Gräf- 
liches in seiner Visage, als kein Savoyard, der mit seinem Piaritäten- 
kasten und Murmelthiere herumreiset, zeigen kann". Der Italiener 
verwandelte vor diesem Sachverständigen 7 Pfund Quecksilber in feines 
Sillier, dann auch vor dem König, dem Kronprinz und einigen hohen 
Würdenträgern über 1 Pfund Quecksilber in Gold und eben so viel 
von dem ersteren Metall in Silber, auch einen vorher glühend ge- 
machten kupfernen Stab zur Hälfte in Gold. Es fand Anerkennung, 
dafs er dem König 15 Gran von dem weifsen silbermachenden und 
4 Gran von dem rothen goldmachenden Pulver verehrte, und es lockte, 
dafs er versprach, binnen 60 Tagen 7 Loth des ersteren und 8 Loth 
des letzteren Präparates, womit man Silber und Gold im Werth von 
sechs Millionen Thaler machen könne, für den König zu bereiten. 
Er wurde mit gröfster Auszeichnung behandelt, fing auch an zu arbeiten, 
zeigte aber jetzt mehr anderen Leuten seine Kunststücke, als dafs er 
so bald, wie es schicklich gewesen wäre, dem König das Versprochene 
geleistet hätte. Er that vielmehr schon nach wenig Wochen un- 
zufrieden, wie wenn Etwas, was er habe erwarten dürfen, ihm nicht 
zugekommen wäre; aber was konnte Das sein und was konnte man 
einem Mann, welcher über eine solche Kunst und was sie gewähren 
kann verfügte, schenken ohne ihn zu verletzen? Der König schickte 
dem schmollenden Adepten zwölf Flaschen alten Franzwein, aber 
Dieser wurde durch das königliche Präsent nicht umgestimmt. Er 



Graf Caetano. 137 

liefs sogar mehrmals die angefangenen Arbeiten liegen und machte, 
vielleicht zur Einleitung einer längeren Reise, Ausflüge, einmal nach 
Hildesheim, dann nach Stettin. Um den goldenen Vogel zu kirren, 
wurde er durch allerhöchste Handschreiben ausgezeichnet, durch Zu- 
sendung des königlichen Porträts in Brillanten, auch eines Patentes 
als Generalmajor der Artillerie geehrt. Er kam auch wieder nach 
BerHn, aber statt den Stein der Weisen abzuliefern, verlangte er 
50000 Reichsthaler als Vorlage für die aufzuwendenden Unkosten, 
wollte dann das Geheimnifs für eine runde Summe verkaufen, forderte 
sogar Ersatz für den in Berlin gemachten Aufwand und bat schlielslich 
um einen Vorschufs von 1000 Ducaten für eine Reise nach Italien. Man 
wurde jetzt mifstrauisch, und das Mifstrauen steigerte sich zum Ver- 
dacht, als fast gleichzeitig von dem Kurfürsten von der Pfalz und 
aus Wien Briefe in Berlin einliefen, welche einige Auskunft über die 
Präcedenzien des viel versprechenden Künstlers gaben und vor Diesem 
warnten. Zudem bestätigte sich nicht, was Caetano über die Be- 
reitung des Steins der Weisen anzugeben sich herbeiliefs; er mufs 
etwas Wesentliches verschwiegen haben, denn das nach seinem Recept 
(Dippel hat es mitgetheilt) von Königlichen Commissarien angefertigte 
Präparat war ganz wirkungslos. Man sprach nun ernstlicher und 
wahrscheinlich weniger ehrerbietig als früher mit ihm, worauf er nach 
Hamburg entwich; aber er wurde zurückgeholt und auf die Festung 
Küstrin gebracht. Allen Glauben an seine Kunstfertigkeit hatte man 
noch nicht verloren, denn seine Vorstellungen, in der P'estung könne 
er unmöglich arbeiten, wurden doch so weit berücksichtigt, dafs man 
ihn wieder nach Berlin kommen, hier aber unter einiger, allerdings 
nicht ausreichender Bewachung halten liefs. Er versprach jetzt fleifsig 
zu experimentiren, soll auch da noch 32 Mark Quecksilber zu Silber 
und 40 Loth des ersteren Metalles zu Gold umgewandelt haben, fand 
aber auch die Mittel und Wege, nach Frankfurt am Main zu ent- 
weichen. Auf Preulsische Requisition da aufgehoben wurde er zum 
zweiten Mal nach Küstrin gebracht, und nun in engem Gewahrsam 
ernstlichst angegangen, seine Versprechungen zu erfüllen. Dies ge- 
schah nicht, und da man sich schlielslich überzeugte, es fehle ihm 
nicht etwa nur der gute Wille sondern auch etwas Wesentlicheres, 
wurde ihm als Betrüger der Procels gemacht und er Ende August 
1709 in später anzugebender Weise gehenkt. 



138 Beziehungen Friedrichs des Grofsen zur Alcheniie. 

Es erschien mir als zweckentsprechend, in dem Vorhergehenden 
etwas ausführlichere Angaben zu machen, um ersehen zu lassen, dafs 
bis in das vorige Jahrhundert hinein die Alchemie an sich bei Deut- 
schen Fürsten noch in recht gutem Credit stand; kurze Erinnerungen 
würden hiervon nicht eine so deutliche Vorstellung vermitteln, wie 
sie für unsere Betrachtung nöthig ist. Dafs Dasselbe auch noch 
über die Zeit hinaus, bis zu welcher ich hier einige Beispiele vorge- 
bracht habe, der Fall war, läfst sich leicht denken, denn eine so 
verführerische Richtung wird, wenn einmal eingeschlagen und mit 
der aus dem Vorhergehenden zu ersehenden Beharrlichkeit verfolgt, 
weder leicht noch plötzlich aufgegeben. So wurde denn auch noch 
um die Mitte und nach der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an 
Deutschen Höfen Alchemie begünstigt und getrieben; gerade dafür 
noch einige Belege hier folgen zu lassen, erscheint mir doch auch als 
angemessen. 

Wenn Friedrich der Grofse auch hinsichtlich der Alchemie 
nicht als strenggläubig anzuerkennen ist, so könnte man doch zweifeln, 
ob er nicht zeitweise mehr an sie glaubte, als der Ritter von Zimmer- 
mann zugestehen will, wenn Dieser in seinen Fragmenten über 
P>iedrich den Grofsen (I. Bd., Leipzig 1790, S. 125) sagt, mit den 
Beziehungen Fried rieh 's zur Alchemie sei es eben so gewesen, wie 
mit denen zur Astrologie: der König habe beide Künste geprüft, aber 
an keine geglaubt. Ohne dafs ein gewisses Mafs von Glauben an die 
Möglichkeit, die Alchemie könne das von ihr Versprochene leisten, 
als bei Friedrich zeitweise vorhanden vorausgesetzt wird, ist doch 
kaum Alles zu glauben, was Zimmermann selbst da erzählt: Der 
König habe oft in Gegenwart des Ministers von der Horst von 
Alchemie gesprochen; er habe gar nicht verhehlt: „Er habe Geld an 
Alchymisten gegeben, damit sie Versuche anstellen, und Er selbst 
habe die Erfolge dieser Versuche auf das genaueste beobachtet". 
\'on der Horst habe ganz genau folgende Worte aus dem Munde 
des Königs gehört: „Goldmacherey ist eine Art von Krankheit ; 
sie scheint oft durch die Vernunft eine Zeitlang geheilet, aber dann 
kommt sie unvermuthet wieder, und wird wirklich epidemisch. Bei 
Fredersdorf" (dem geheimen Kämerier des Königs) „hatten sich 
hier in Potsdam Alchymisten gemeldet ; dieser glaubte fest daran, 
und lici's sich mit ihnen ein. Bald verbreitete sich das Gerücht dieser 



I Beziehungen Friedrichs des Grofsen zur Alchemie. 139 

Unternehmimg über die ganze Garnison, und es, war kein Fändrich 
in Potsdam der niclit hoffte durch Alchymie seine Schulden zu be- 
zahlen. Windige • und betrügerische Adepten schlichen sonach von 
allen Ecken und unter allerley Gestalt nach Potsdam. Aus Sachsen 
kam eine Frau von Pfuel mit zwey sehr schönen Töchtern; diese 
trieben das Handwerk kunstmässig, und junge Leute zumal hielten 
sie für grofse Prophetinnen. Ich wollte dem Ding mit Gewalt steuren, 
aber es gelang mir nicht. jNIan erbot sich, in meiner Gegenwart 
alle nur erdenkliche Proben zu machen, und mich durch den Augen- 
schein zu überzeugen. Diefs hielt ich für das beste Mittel, die Thor- 
heit aufzudecken ; und also liefs ich diese Alchymistinnen unter ge- 
nauer Aufsicht arbeiten. Gold in die Tiegel zu werfen, und anderer 
grober Betrug, konnte nicht gelingen; aber dennoch machte die Frau 
von Pfuel die Sache so wahrscheinlich, dafs ich alle Versuche er- 
lauben mufste; und dafs es mir am Ende weit über die zehntausend 
Thaler kostete, die ich dazu bestimmt hatte. — Eine Narrheit bleibt 
es immer an die Verwandlung der Metalle zu glauben ; aber diefs ist 
sicher, dafs sich die Metalle in ganz andere Gestalten bringen lassen, 
unter denen man sie nicht suchen sollte. Man macht aus Gold kleine 
rothe Körner, die beynahe aussehen wie Rubine, und gar nichts 
metallähnliches zu haben scheinen. Wer mir mein Geld wiedergiebt, 
den lehre ich diese Kunst. — Nur mufs ich das dabei gestehen, dafs 
man dadurch nicht reicher wird, denn um fünfzig Ducaten in solche 
rothe Ivörner zu verwandeln, verliert man ungefähr sechs Ducaten". 

. Aber bei anderen Deutschen Fürsten war um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts und in die zweite Hälfte desselben hinein mehr 
und stärkerer Glaube an die Alchemie. Zu diesen Fürsten gehörte 
auch der Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar (er regierte 
gemeinsam mit seinem Oheim Wilhelm Ernst von 1707, allein von 
1728 bis 1748), der Grofsvater Karl August's. Er war ein gar 
frommer Herr (er selbst verfafste in wenigen Exemplaren 1742 ge- 
druckte „Zu dem höchsten alleinigen Jehovah gerichtete, theosophische 
Herzensandachten, oder Fürstliche selbst abgefafste Gedanken, wie 
wir durch Gottes Gnade uns von dem Fluch des Irdischen befreyen 
sollen" ; auf seinen Specialbefehl gab auch der Hof- und Feldcapellan 
Grant ein gewifs sehr erspriefsliches „Himmlisches Vademecum vor 
alle christliche Regenten, auch hohe, mittlere und gemeine Standes- 



140 Begünstigung der Alchemie durch Fürsten. 

personell zum täglichen nützlichen Gebrauch" u. s. w. heraus), hatte 
dabei eine grofse Neigung zu den geheimen Wissenschaften und be- 
schäftigte sich auch praktisch mit der Alchemie; vier Briefe alche- 
mistischen Inhaltes von Demselben aus den Jahren 1741 und 1744 
sind an die Öffentlichkeit gelangt (s, das Journal: Litteratur und 
Völkerkunde, Bd. Y, Nr. III, Dessau 1784, S. 258 ff. Für das hier 
Angegebene sind mir der ehemalige Jenaer Professor H. Wacken- 
roder im Archiv der Pharmacie, 2. Reihe, Bd. XIX, Hannover 1839, 
S. 38 f. und G. C. A. von Harless in Dessen Schrift: Jakob Böhme 
und die Alchymisten, Berlin 1870, S. 11 5 f. Gewährsmänner). Aber 
namentlich an dem Braunschweiger Hofe wurde damals Alchemie ge- 
trieben. Mehr, als ihm durch sie zu Theil wurde, erwartete von dieser 
Kunst der Herzog Karl von Braunschweig- Wolfenbüttel, welcher 1735 
bis 1780 regierte, für Reisen, Damen, Hazardspiel, die Pflege eines 
kostspieligen Theaters und hauptsächlich zur Befriedigung seines 
Vergnügens an einem unverhältnifsmäfsig grofsen Militärstaat viel 
brauchte, übrigens ähnlich wie sein Vorgänger Herzog Julius (vgl. 
S. 125) auch zur Förderung der Wissenschaften Manches that (das 
Collegium Carolinum stiftete er 1745). Als es im Laufe seiner Re- 
gierung so weit gekommen war, dafs die Ausgaben jährlich um mehr 
als 80000 Thaler die Einkünfte des Landes überschritten und die 
Schulden sich bis auf 11 bis 12 Millionen Thaler gesteigert hatten, 
nahm er seine Zuflucht zu alchemistischen Versuchen, aber statt dafs 
dieselben die von ihnen erhofften Mittel gewähret hätten, die bereits 
vorhandenen Schulden zu bezahlen, fügten sie diesen noch neue in 
erheblichsten Beträgen hinzu (Havemann's Geschichte der Lande 
Braunschweig und Lüneburg, HL Band, Göttingen 1857, S. 620). 

Aber nicht etwa nur weltliche P'ürsten sondern auch geistliche 
trugen dadurch, wie sie sich zu der Alchemie verhielten, dazu bei, 
den Glauben an die Wahrhaftigkeit derselben zu verbreiten und zu 
stärken. In früher Zeit und noch in später haben Kirchenfürsten 
der künstlichen Hervorbringung von Gold warmes Interesse entgegen- 
gebracht, waren sie sehr bereit, von den Früchten der darauf gerich- 
teten Kunstthätigkeit Vortheil zu ziehen, leisteten sie der Betreibung 
der Alchemie Vorschub oder versuchten sie selbst die Ausübung der- 
selben, wie es auch viele Geistliche niedereren Ranges thaten. In dem 



Begünstigung der Alchemie durch geistliche Fürsten. 141 

elften Jahrhundert gewann die Gunst des Erzbischofs Ad albert von 
Bremen und Hamburg ein Abenteiu-er wesentlich durch die Vorspiege- 
lung, er könne Kupfer zu Gold umwandeln (vgl. Anmerkung I am 
Ende dieses Theils). Der Lihellus de alchymia, welcher Tractat 
gewöhnlich mit Unrecht dem im dreizehnten Jahrhundert lebenden 
Albertus Magnus beigelegt wurde aber doch wohl in einer nahe 
kommenden Zeit geschrieben ist, hat eine die Verbreitung der Alche- 
mie in alle Stände betreffende Angabe; inveni multos praeäivites^ 
literatos, dbhates, praepositos, canonicos, physicos et illiterafos, qiii 
pro eadem arte nia^nas feccnint expensas, sagt da der Verfasser, 
namentlich darauf hinweisend, dafs in verschiedenen Rangclassen von 
Geistlichen sich zahlreiche Anhänger der Alchemie fanden. Der 1516 
gestorbene Johannes Trithemius nennt in seiner Chronik des 
Klosters Hirschau eine Reihe höherer Geistlichen, welche sich mit 
Alchemie selbst beschäftigten oder sie betreiben liefsen und dabei zu 
Schaden kamen: die Erzbischöfe Werner (aus dem Hause Falken- 
stein) und Johannes (aus dem Hause der Markgrafen von Baden) 
von Trier, die Äbte Bernhard von Nordheim und Andreas von 
Bamberg, einen Karthäuser-Prior zu Nürnberg, den Bischof Melchior 
de Moka von Brixen*). Auch in der uns näheren Zeit kam Derar- 
tiges noch vor: nur an wenige Begebenheiten, wo Das der Fall war, 
mag an dieser Stelle erinnert werden. 

Der Kurfürst Johann Philipp von Mainz (aus dem Hause 
Schönborn) war als warmer Freund und Kenner der Alchemie gerühmt. 
Er liefs sich 1658 durch den uns bereits S. 87 u. 89 vorgekommenen 
Flicht hausen eine Umwandlung von 4 Unzen Quecksilber zu Gold 
vormachen, welches letztere noch zu hochgradig ausfiel und durch 
einen Zusatz von Silber zu reinem gewöhnlichem Gold herabgestimmt 
werden mufste; von diesem Gold erhielt der Landgraf von Hessen- 
Darmstadt (damals regierte Georg H.) ein Stückchen, und ein anderes 
war später im Besitz des Jenaer Professors Georg Wolfgang Wedel, 
welcher berühmte Gelehrte, obgleich zuerst Zweifler, nachher als 



*) „Ein Philosophischs Werck unnd Gespräch, von dem Gelben unnd Eotten 
Mann. Bei-erendissimi Domini, Domini Melchioris Cardinalis et Episcopi 
Brixiensis, etc." findet sich in der 1708 veröffentlichten Ausgabe des in der An- 
merkung III am Ende dieses Theils besprochenen s. g. T rismo sin' sehen J.«rei<H» 
vellus S. 296 ff. 



142 Begünstigung der Alchemie durch geistliche Fürsten. 

t 

Gläubiger an die Alchemie über dieselbe Mehreres geschrieben hat; 
aus selbigem Gold sollen auch Mainzer Ducaten geprägt worden sein. 
1761 entnahm der Kurfürst Johann Philipp von Trier (aus 
dem Hause Walderdorff) mit Wohlgefallen aus dem Vortrag seines 
Münzdirectors zu Coblenz, des Hofraths von Meidinge r, dafs sich 
da ein Mann eingefunden habe, welcher sich berühme, mit Kupfer 
Silber, auch mit Kupfer und Silber Gold hervorbringen zu können, 
und nach den mit ihm angestellten Proben wenigstens das Erstere 
wirklich zu leisten vermöge. (Erst bei späterer Untersuchung wurde 
ermittelt, dafs der Mann ein Johann Georg Stahl aus dem Dorfe 
Bielikheim bei Montabaur war.) Nach dem über diese Proben vor- 
liegenden Bericht hatte das im Besitz des Künstlers befindhche Präparat 
€ine ganz ungewöhnliche Wirksamkeit, so fern es bei seiner Einwirkung 
auf geschmolzenes Kupfer das Metall nicht nur qualitativ verbesserte, 
nämlich stark silberhaltig machte, sondern auch quantitativ: das 
Gewicht desselben — bei einer Probe bis nahe zum Doppelten des 
ursprünglichen — gröfser werden liefs. Die Verhandlungen mit diesem 
Mann gediehen bald zum Abschlufs; er versprach, dem Kurfürsten 
wöchentlich 5 bis 6 Centner Silber zu machen, auf Verlangen auch 
mehr, und er war noch bescheiden in Dem, was er dafür verlangte: 
20 Reichsthaler Gehalt wöchentlich bei freier Wohnung und freiem 
Holz. Das wurde ihm bewilligt, ihm sogar überdiefs der Titel als 
Gold- und Silberscheider bei der Münze ertheilt. Er sollte aber an- 
geben, wie er das bei den Proben benutzte graue Pulver und eine 
zur jeweiligen Benetzung desselben dienende gelbliche Flüssigkeit 
bereite; als er erklärte, Das könne er nicht, weil ein Eid seine Zunge 
binde, wurde dieses Hindernils dadurch beseitigt, dafs ihn der Kur- 
fürst kraft seiner erzbischöflichen Gewalt von diesem Eid entband. Der 
Künstler dictirte nun auch dem Münz-Director einen Procefs (d. h. ein 
Verfahren zur Darstellung des Präparates) in die Feder, gestand 
jedoch dabei schlielslich selbst, dafs er eine Kleinigkeit vorerst noch 
verschwiegen habe; welcher Umstand wohl mit dazu beigetragen haben 
mag, das Vertrauen zu stärken, dafs man es mit einem aufrichtigen 
Mann zu thun habe. Und dafs man es mit einem geschickten Mann 
zu thun habe, erwies eine weitere, jetzt schon ziemlich im Grolsen 
angestellte Probe, bei welcher der Künstler sich dem Tiegel gar nicht 
nähern durfte: 5 Loth seines Pulvers, die mit einigen Tropfen der 



I 



Begünstigung der Alchemie durch geistliche Fürsten. 143 

«rwähnten gelblichen Flüssigkeit benetzt waren, wirkten auf 50 Mark 
geschmolzenes und nach dem Zusatz noch eine. Stunde lang fliefsend 
erhaltenes Kupfer in der Art ein, dafs das aus dem Tiegel ausge- 
gossene Metall über 96 Mark wog und dem Resultat der nun vor- 
genommenen Scheidung zufolge noch 50 Mark Kupfer und aufserdem 
45 Mark feines Silber enthielt. Aber allmälig wuchsen die Präten- 
sionen des Wundermannes, der sich zudem einem bedauerlich wüsten 
Leben ergab und eigentlich — trotz Dem, dafs er ab und zu eine 
gelungene Operation, zweimal auch die Transmutation von . Kupfer in 
Gold ausführte — mehr Geld brauchte als schaftte. Verdächtiger 
noch wurde er durch einen Fluchtversuch; wieder zu Stande gebracht 
versprach er zwar Besserung, hielt aber dieses Versprechen in gleichem 
Maafse wie die sonst gemachten. Auf die Offenbarung seines Ge- 
heimnisses nun ernstlicher gedrängt und mit der Tortur bedroht 
entfloh er in der letzten Nacht vor der Abführung in engste Gewahr- 
same zugleich mit einem auch in Untersuchung gezogenen Gehülfen 
und den ihm beigegebenen Wachen; man hat von ihm nie wieder 
Etwas gehört. 

Es lag in Verhältnissen, welche hier keiner weiteren Erörterung 
bedürfen, dafs Kirchenfürsten von so hohem Rang, wie die im Vor- 
stehenden nach ihren Beziehungen zur Alchemie besprochenen, katho- 
lische waren. Hätte es aber auch protestantische gegeben, so ist 
meines Erachtens kein Anlafs vorhanden, daran zu zweifeln, dafs 
Einige von ihnen bei ähnlichen Veranlassungen in ganz ähnliche Be- 
ziehungen zu der Alchemie getreten wären, auch danach, wie viele 
protestantische Geistliche im siebzehnten und im achtzehnten Jahr- 
hundert sich nachweisbar an Hermetischen Arbeiten betheiligt haben. 
Die priesterliche Weihe schützte eben doch in jedem Glaubensbekennt- 
nifs nicht Jeden ganz davor, dafs er der Geldgier unterlag; und zu- 
letzt konnte man auch alchemistisch dargestelltes Gold zu wohlthätigen 
und anderen höchst löblichen Zwecken verwenden. Hierauf weiter 
einzugehen, liegt jedoch für mich weniger Grund vor, als dafür, aus- 
drücklich zu bemerken, dafs die höchste Obrigkeit eines Landes, 
welche um des allgemeinen Besten willen es für gut befinden konnte, 
von der Hermetischen Kunst Vortheil und Ertrag zu gewinnen, keines- 
wegs nothwendig eine gekrönte sein mufste; dafs die Staatsform die 



144 Beziehungen d. Staaten v. Holland u. West-Friesland zur Alcheniie. 

republicanische oder eine monarchisch -republicanisch verquickte war, 
schlofs nicht aus, auf die Früchte zu reflectiren, welche die Alchemie 
bieten konnte. 

Es ist für Das, um was es sich in dieser Schrift handelt, von 
entschiedenem Nutzen, Kenntnifs zu nehmen von Dem, was in den 
1670er Jahren vorging zwischen den Staaten von Holland und West- 
Friesland einerseits und dem S. 66 ff. ausführlicher besprochenen Jo- 
hann Joachim Becher anderseits, einem Manne, welcher bei den 
Chemikern bis zum letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts — bis 
Lavoisier kam — in hohem Ansehen stand und für die bis dahin 
geltenden allgemeineren chemischen Ansichten eine Autorität war; 
diese Kenntnifsnahme zu vermitteln, theile ich aus des genannten 
Forschers — so ist er wohl zu nennen — „Bericht von dem Sande 
als einem ewigwährenden Metall- oder Berg-Wercke" einiges Näheres 
mit. Was Becher da wollte, betraf nicht die Darstellung des Steins 
der Weisen, aber doch die künstliche Hervorbringung von Gold aus 
Substanzen, die Nichts davon enthalten, vermittelst eines s. g. Parti- 
cularprocesses. Ich habe gleich zu sagen, dafs er wirklich Gold 
zum Vorschein brachte und welcher Art sein Verfahren war. Er 
glaubte gefunden zu haben, dafs bei dem Schmelzen von Silber (ge- 
münztes Silber kam ihm in Anwendung) mit Seesand und einem aus 
ihm bekannten Salzen bereiteten Flufsmittel in einer bestimmten 
Art sich eine gewisse, allerdings nicht grofse Menge Gold bilde, 
welche abgeschieden werden könne; das angewendete Silber sei dann 
noch in seinem ursprünglichen Gewicht vorhanden und wieder zu er- 
halten, mit ihm lasse sich die nämliche goldbringende Operation wieder- 
holen u. s. w. Früher war das s. g. bergfeine und gemünzte Silber 
meistens goldhaltig, weil das Silber für sich und in seinen Erzen ge- 
wöhnlich Gold zum Gesellschafter hat; einen sehr kleinen Goldgehalt 
— wenn er überhaupt erkannt war — abzuscheiden kostete mehr, 
als der Mehrwerth des abgeschiedenen Goldes im Vergleich zu dem 
Werth eines eben so grolsen Gewichtes Silber deckte, und so liei's 
man den Goldgehalt mit dem Werthe eines gleichen Gewichtes Silber 
l)assiren; erst seit dem Anfang unseres Jahrhunderts kennt man ein 
Verfahren, welches, da auch die zur Ausführung desselben erforder- 
lichen Chemikalien wohlfeiler geworden sind, die Abscheidung selbst 
eines sehr kleinen Goldgehaltes im Silber lohnt. Also die groben 



Beziehungen d. Staaten v. Holland u. West-Friesland zur Alchemie. 145 

Silbermünzen besafsen durchschnittlich einen uns jetzt als bedeutend er- 
scheinenden, früher aber nicht beachteten Goldgehalt, und einen relativ 
beträchtlichen namentlich die Brabanter Thaler; diesen Goldgehalt 
schied Becher aus solchem Silber nach dem Schmelzen desselben mit 
Seesand u. A. ab (er hätte es natürlich auch vor dem Schmelzen 
thun können), und da er das Gewicht des dann noch vorhandenen 
Silbers eben so grofs wie das ursprünglich in Arbeit genommene zu 
linden glaubte (der Gewichtsabgang war im Verhältnifs zu dem Ge- 
wichte des Silbers mir gering), so bildete er sich ein, das Gold sei 
durch seine Behandlung des Seesandes mit Silber u. A. neu hervor- 
gebracht und wiederholte Operationen mit dem je von einer vorher- 
gehenden zurückerhaltenen Silber würden immer wieder das nämliche 
Resultat: jedesmal eine neue Menge neu gebildeten Goldes ergeben. 
Er conferirte in Betreff der Ausführung dieses Projectes schon 1673 
mit dem Prinz Hermann von Baden, und wendete sich dann auf 
Anregung und mit Empfehlungen Desselben nach Holland: unter 
Yermittelung des damaligen Kaiserlichen Gesandten im Haag an den 
Piath Pensionär Fagel daselbst, welcher den bezüglichen Vorschlag 
Becher's den Staaten von Holland und West -Friesland vorlegte; 
Diese beschlossen am 22. September 1673, auf den Vorschlag ein- 
zugehen, doch in Folge des Französischen Krieges wurde nicht be- 
gonnen, die Sache praktisch in Angriff zu nehmen. Aber im Jahre 
1678 (in welchem Jahre bekanntlich die Friedensverhandlungen zwischen 
den vereinigten Niederländischen Provinzen und Frankreich in Nim- 
wegen zum Abschlufs - kamen) reiste Becher selbst nach Holland, 
conferirte wegen gedachter Angelegenheit in Haarlem mit dem Pen- 
sionario dieser Stadt Herrn ten Hove und trat daraufhin zum zweiten 
Male mit den genannten Staaten in Unterhandlung. Nachdem ihn 
die Grol'smögenden Herren eines Eecompenses von 50000 Thalern 
und 2 Procent vom jährlichen Gewinn versichert hatten, erstattete 
Becher den Deputirten derselben am 28. April 1678 im Haag münd- 
lich und schriftlich Vortrag und entwickelte Diesen, dafs von seinem 
Unternehmen, welches Niemanden benachtheiligen oder beschwerlich 
fallen könne, der Staat sich erheblichste Vortheile versprechen dürfe, 
so fern es im Jahr „gewisslich eine Million Reichsthaler eintrüge, 
wodurch das Einkommen des Staats mercklich vergröfsert, und dar- 
gegen einige geringere Aufflagen, als auf Butter, dünn Bier etc. 

Kopp, Die Alclienüe. I. 10 



146 Bezielumgen d. Staaten v. Holland u. "West-Friesland zur Alchemie. 

den gemeinen Mann allein betreffend, abgeschafft werden konten". 
Nach erstattetem Bericht „sind Ihre Edle Grofsmögeude auf dieses 
Sandvverck gefallen, und haben dasselbe als ein sonderbahres Stuck 
von meinem allgemeinen Vortrag, steinte tarnen (jenerali x>ropositione, 
anzunehmen beliebet, und wurden die Herren Hudde und Hove, 
respective Bürgermeister und Pensionarius zu Amsterdam und Harlem 
zu Commissarien benennet, und mit einem Schlufs mir und gedachtem 
Wercke zugeordnet". Becher beabsichtigte, die Sache sofort im 
Grofsen, mit 1 Million Reichsthaler Silber zu betreiben und die dafür 
nöthigen Vorrichtungen aufführen zu lassen; die Edlen Grofsmögenden 
bewilligten aber für eine erste Probe nur 1200 Pteichsthaler. Ob zu 
der Probe, welche am 22. März 1679 in Gegenwart der eben ge- 
nannten Commissarien und Becher 's durch Laurens Keerwolf, 
admittirten Münzwardein, in Dessen Wohnung in der Kälberstrafse 
in Amsterdam vorgenommen worden ist, die ganze letztere Silber- 
menge verwendet wurde, ist nicht zu ersehen, da in dem vorliegen- 
den Bericht nur Gewichtsverhältnisse, nicht absolute Gewichte an- 
gegeben zu sein scheinen; was anderswo mitgetheilt ist, läfst schliefsen,- 
dal's die Operation mit einer viel kleineren Quantität Silber ausgeführt 
wurde. Bei dieser Probe, wie bei einer von demselben Keerwolf 
allein schon vorher, am 14. Februar 1679, mit von Becher erhalteneu 
und nach Dessen Vorschrift behandelten 4 Loth Scheidesilber ange- 
stellten, kam nach dem Zeugnifs dieses Münzwardeins Gold zum Vor- 
schein in der Proportion von 6 Als auf 1 Mark Silber (auf die Hol- 
ländische Mark Silbergewicht gehen 5120 Afs). Nach Becher's 
Plan sollte eine und dieselbe Silbermenge durch stets gleiche Be- 
handlung jeden Tag so zu sagen auf Gold gemolken werden, und 
wenn sich dieses immer in dem nämlichen Verhältnifs ergeben hätte, 
wäre bei Anwendung von 100000 Mark Silber der Reingewinnst in 
der That ein mindestens Becher's Zusicherungen entsprechender ge- 
wesen. Es mufs aber Etwas dazwischen gekommen sein, was diesen 
Plan nicht zur Ausführung gelangen liefs. Nach den am 30. März 
1679 gefafsten Resolutionen der Staaten war zwar anerkannt, dafs 
nach Becher's Verfahren bei kleineren Proben so wie Dieser ver- 
sprochen Gold liervorgcbracht („aus Sand mit Zusetzung verschiedener 
anderer Materiahen und insonderheit Silbers gezogen", wie es einmal 
da heilst) worden sei, aber das Gelingen einer gröfseren Probe mit 



Beziehungen cl. Staaten v. Holland u. West-Friesland zur Alchemie. 147 

lll\/2 Mark Silber noch als Bedingung dafür, dafs weiter vorgegangen 
werde, vorbehalten. Und dabei blieb es; Becher ging 1680 nach 
England, ohne dafs in Holland das grofse Werk zur Ausführung ge- 
bracht worden wäre. Welche Stellung zu seinem Project die oberste 
Behörde eines Landes einnahm, in welchem man mit gröfster Nüchtern- 
heit Gegenstände zu beurtheilen gewohnt war, bei denen es sich um 
Ausgaben und Einnahmen, um Summen von bedeutendem Betrag 
handelte, — Das scheint mir so wichtig zu sein für die Gewinnung 
einer Vorstellung, wie das Vertrauen auf die Möglichkeit künstlicher 
Hervorbringung von Gold im siebzehnten Jahrhundert noch ein festes 
und dadurch Grund gegeben war, dieses Vertrauen auch noch in das 
achtzehnte Jahrhundert hinein sich erhalten zu lassen, dafs ich hier 
darüber etwas eingehendere Angaben vorlegen zu sollen glaube, auch 
mit Rücksicht darauf, dafs die über Alchemie handelnden Werke ge- 
rade dieser Begebenheit theils gar nicht, theils nur kurz oder selbst 
in unrichtiger Weise gedenken. (Wenn Becher seine Operation nicht 
als eine alchemistische — in dem Sinn, wie wenn es sich um An- 
wendung des Steins der Weisen handle — angesehen wissen wollte, 
so fafste er sie doch auch nicht als eine metallurgische: als Ab- 
scheidung schon in dem Sand vorhandenen Goldes auf, sondern seiner 
Ansicht nach kann Gold in goldfreiem Sand entstehen und entsteht 
das Gold bei seinem Verfahren aus dem Sand.) 

W'enn Solche, welchen die Leitung gröfserer oder kleinerer Staaten 
anvertraut war, so zuversichtlich wie wir gesehen haben an Das, was 
die Alchemie leisten könne, glaubten, so wäre es sehr auffallend, wenn 
die von ihnen Regierten an dieser nämlichen Sache gezweifelt hätten. 
Das war aber nicht der Fall. Wie allgemein verbreitet bis in das 
vorige Jahrhundert hinein der Glaube an die Möglichkeit der Hervor- 
bringung von Gold durch alchemistische Kunst war, läi'st sich natür- 
lich nur durch Zusammenstellung von Allem, was als hierauf bezüg- 
lich bekannt geworden ist, ganz genügend darlegen, und Das hier zu 
versuchen ist unzulässig; aber eine Idee davon, wie es in diesem Be- 
treff aussah, gewinnt man schon durch Beachtung, wie Behörden sich 
über jene Möglichkeit äufserten, wie bei Juristen, die doch das Rechte 
wissen mulsten, die Überzeugung von jener Möglichkeit da war oder 
in glaubhafter Weise vorausgesetzt wurde. 

10* 



148 Juristische Überzeugung von der Möglichkeit der Metallveredlung. 

Im vierzehnten Jahrhundert — bis dahin ist wohl weit genug 
zurückgegangen*) — hat diese Überzeugung bei Rechtsgelehrten schon 
das Übergewicht über erhobene Zweifel. Der angesehene Johannes 
de Andrea, welcher die Rechtswissenschaft zu Padua, Pisa und 
Bologna lehrte und am letzteren Ort 1348 starb, sagt in seinen Zu- 
sätzen zu des berühmten Durand i — eines Rechtsgelehrten des 
dreizehnten Jahrhunderts — „Spiegel des Rechts" da, wo von 
dem Verbrechen der Fälschung gehandelt wird: „In Betreff der Al- 
chemisten pflegt man zu zweifeln, ob sie die Strafe des Betruges ver- 
wirken" ; nachdem er dann die juristischen Gründe für und wider 
zusammengestellt hat, beschliefst er seine Darlegung mit der Hin- 
weisung auf Das, was als Thatsächliches doch wohl den Ausschlag 
geben mag, nämlich mit den Worten: „Zu unserer Zeit hatten wir 
am Römischen Hofe den Meister Arnald von Villanova, einen 
grofsen Arzt, der auch ein trefflicher Alchemist war und Goldstangen 
machte, die er jeder Prüfung unterwerfen liefs". Dessen, dafs um 
die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in England unter Hein- 
rich 's VI. Regierung Privilegien für die Ausübung der Alchemie er- 
theilt wurden, war schon S. 105 f. zu gedenken, und was da unter der 
Herrschaft der rothen Rose vorkam, wiederholte sich unter der der 
weifsen; unter des Btisiegers des eben genannten Königs: unter 
Eduard 's IV. Regierung wurden in England eben wohl Privilegien 
auf je eine begrenzte Anzahl von Jahren ertheilt, „in allen Metallen 
und MineraHen Alchemie zu treiben" oder „natürliche Philosophie zu 
treiben und Gold aus Quecksilber zu machen", oder was für Kunst- 
ausdrücke sonst dafür in Anwendung kamen. An diese Patent- 



*) Wie übrigens Thomas von Aquino im dreizehnten Jahrhundert von 
seinem Standpunkt aus darüber urtheilte, ob man alchemistisch gemachtes Gold 
oder Silber für wahres verkaufen dürfe, wurde in der Anmerkung zu S. 18 be- 
rührt. — Vollständigere Angaben darüber, wie namentlich ältere Juristen über 
die Alchemie und deren Leistungen dachten, zusammen mit den bezüglichen 
Literatui--Nachweisen enthält des Job. Franz Buddeus (aus Anklam in Pom- 
mern, 1667 — 1729, zuletzt Professors der Theologie zu Jena und Sachsen-Hild- 
burghausen'schen Kirchenraths) „Historisch- und Politische Untersuchung von 
der Alchemie und was davon zu halten sei?" (aus dem Lateinischen ins Deutsche 
übersetzt in Friedr. Rothscholtz' Deutschem Theatro chemico, I. Theil, 
Nürnberg 1728, S. 1 if.) in i? 27 ff. ; einer schon vorher über diesen Gegenstand 
veröffentlichten Schrift des Fanianus wird später gedacht werden. 



Jiiristisclie Überzeuguug von der Möglichkeit der Metallveredlung. 149 

eitheilungen wird man erinnert, wenn man liest, dafs 1668 Christoph 
Kirchhof, ein in den Ruf eines ausgezeichneten Goldkünstlers ge- 
kommener Schneider von Lauban in der Ober -Lausitz (er war da 
1616 geboren), von der dazu gewifs competenten Königlichen Kammer 
zu Breslau einen Wappenbrief mit silberner Bulle ausgestellt erhielt, 
in welchem seine Verdienste um die als von ihm selbst erfunden an- 
erkannte Goldkunst bis in den Himmel erhoben waren und ihm be- 
zeugt wurde, „dafs er nicht allein denjenigen Laplllum oder Stein 
an das Licht gebracht, sondern auch noch dazu vermittelst göttlicher 
Hülfe und scharfes Nachsinnen, vornehmlich aber durch sein stetiges 
und unverdrossenes Laboriren, den Sinritnm universalem von sich 
selbst erfunden". 

In Criminalprocessen machte sich die juristische Überzeugung 
geltend, dafs, was die Alchemisten behaupteten, der Wahrheit ent- 
spreche. Derartige Processe wurden allerdings nicht gegen Solche, 
welche — gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts nur sehr 
vereinzelt — über die Alchemie ungünstig urtheilten, auf Grund von 
Dem angestrengt, was ein loyaler Österreicher Joh. Friedr, von 
Rain, eingedenk Dessen wie gut alchemistisch gesinnt mehrere 
Deutsche Kaiser waren, 1680 in seinem Tractat de hqnde philosopJ/orum 
deducirte: dafs Diejenigen, welche noch an der Möglichkeit und dem 
wirklichen Dasein des Steins der Weisen zweifeln, ßich dadurch der 
Majestätsbeleidigung schuldig machen. W^ohl jedoch sind derartige 
Processe erhoben worden gegen Alchemisten, die für Fürsten arbeitend 
in den Verdacht kamen, das Geheimnils der Darstellung des Steins 
der Weisen entdeckt aber pflichtwidrig es ihren Arbeitgebern vor- 
enthalten zu haben. Kurfürst August von Sachsen (vgl. S. 127) hatte 
einen vereideten Hofalchemisten David Beut her, welchem er, so 
lange er Vermehrung seines Reichthums durch Denselben erhoifte, 
so gnädig war, dafs er sogar ein Kind des Letzteren aus der Taufe 
hob und dann von der Frau Hofalchemistin verlangte, sie solle ihn 
nicht mehr „Euer Kurfürstlichen Gnaden" oder „Gnädigster Herr" 
sondern nur „Herr Gevatter" anreden. Später wurde das Verhältnils 
dadurch getrübt, dafs sich der Verdacht gegen Beut her erhob, 
Diesem sei aus Papieren, die er in des Kurfürsten Goldhaus (vgl. S. 127) 
verborgen aufgefunden habe, bekannt geworden, wie Gold sich künst- 
lich hervorbringen lasse und er habe auch Gold, aber nur für sich 



150 Juristische Überzeugung von der Möglichkeit der Meliallveredlung. 

und nicht für den Kurfürsten gemacht. Die Untersuchung wurde in 
Dresden geführt, die Acten wurden an das SpruchcoUegium zu Leipzig 
versandt und dieses um ein Urtheil angegangen. Auf Grund Dessen, 
was als erwiesen anzusehen sei, wurde da zu Recht erkannt, Beut her 
sei wegen der Processe, die er in des Kurfürsten Gebäude gefunden, 
peinlich zu befragen, wegen seiner Untreue zur Staupe zu schlagen, 
es seien ihm seines Meineids halber die Schwurfinger abzuhauen, und 
er selbst sei gefangen zu halten, damit er die Processe nicht zur 
Kenntnils anderer Potentaten bringe. (Condemnat, welcher nach Ver- 
kündigung dieses Urtheils und der Androhung der Ausführung des- 
selben besseren Willen als zuvor zu erkennen gab und darauf hin 
auch wieder im Goldhaus unter Aufsicht arbeiten durfte, vergiftete 
sich doch bald.) Und Aehnliches kam auch sonst nur allzu häufig vor. 

Man kann sich nun leicht denken, dafs auch auf dem Gebiete 
des Civilrechts die Überzeugung, Metallveredlung sei möglich, sich 
geltend machen konnte, und dafs mindestens der Glaube als ein ge- 
gründeter erschien, bei den Juristen sei auch für Rechtsprechung 
auf diesem Gebiet diese Überzeugung vorhanden und wer sich da- 
durch, dafs die alchemistische Hervorbringung von Gold einem Anderen 
zu Gute komme, in seinem Recht gekränkt fühle, werde nicht etwa 
von der Beschreitung des Rechtsweges defshalb zurückgewiesen, weil 
eine darob angestrengte Klage um der Behauptung des Ursprungs 
des streitigen Goldes willen als eine frivole zu betrachten sei. Aus 
verhältnifsmäfsig naher Zeit noch liegt dafür ein merkwürdiges Zeugnifs 
vor: das „Responsimi einer berühmten Juristen- Facultaet: Da sich 
ein Ehemann belehren lasset: Ob ihm das seiner Frauen in Gold 
transmutirte silberne Gefäfse nicht zukomme? Oder doch wenigstens 
der usus fructus davon?" So wichtig ist dieser Fall für die Ge- 
winnung einer deutlichen Vorstellung darüber, wie in dem vorigen 
Jahrhundert die Möglichkeit der Metallveredlung anerkannt war, 
dafs es mir als angemessen erscheint, ihn etwas eingehender zu be- 
sprechen. 

Das betreffende Actcnstück — wie es zuerst Putonei Emmciata 
et consüia jurifi Unterschiedener Rechts-Gelehrten, berühmter Facid- 
taeien und Schöppenstühle u. s. w. im XV. Stück, Leipzig 1726, 
S. 093 ff. veröffentlicht haben und auch, abgesehen von anderen 
Reproductionen , Friedr. Rothscholtz'ens Deutsches Theatrum 



Juristische Überzeuguug von der Mögliclikeit der Metallveredlung. 151 

chemicum, II. Theil, Nürnberg 1730, S. 113 ff. gleichlautend hat 
— ist unterzeichnet: FacuU. Jurid. L. mens.- Aikj. 1715; aber an 
Stelle des letzteren Jahres findet man an anderem Orte: in Schmieder's 
Geschichte der Alchemie auch 1725 angegeben. Als die Spruchbe- 
hörde, welche dieses Gutachten abgegeben habe, wird, wo sie über- 
haupt näher bezeichnet ist, die Juristenfacultät der Universität 
Leipzig genannt. Die Species facti wären nach dem der eigent- 
lichen Rechtsbelehrung Vorausgeschickten folgende gewesen. „Vor 
einigen Jahren" sei spät Abends zu der auf ihrem Schlosse Tancker- 
stein (dieses Schlots wird auch sonst als Tankenstein am Odenwald 
bezeichnet) sich aufhaltenden Gräfin von Erb ach ein Fremder ge- 
kommen, welcher als Verfolgter sie um Schutz angefleht habe; die 
Gräfin habe ihm die Bitte gewährt, ihn in das Schlofs aufgenommen, 
übrigens im Auge behalten lassen. Einige Tage nachher habe der 
Fremde der Gräfin mit dem Bemerken, er glaube jetzt sicher weiter 
reisen zu können, seinen Dank für die geleistete Hülfe in Lebens- 
gefahr und das Anerbieten ausgesprochen, seine Dankbarkeit noch durch 
Umwandlung alles Silbergeschirres der Gräfin in Gold zu bethätigen; die 
Dame habe einen Betrug befürchtend den Vorschlag zuerst zurück- 
gewiesen, sich aber dann doch überreden lassen, einen silbernen 
Becher zum Versuche herzugeben; wiederum einige Tage später habe 
der Fremdling das aus diesem Silber gemachte Gold in eine Stange 
gegossen der Gräfin überreicht, und dieses Gold sei „in der Stadt" 
probirt und gut befunden worden. Die Gräfin habe sich nun, wenn 
auch nach ängstlichem Zögern, doch zuletzt bestimmen lassen, alles 
ihr Silbergeschirr dem Fremden anzuvertrauen, welches derselbe ge- 
nommen und einige Tage nachher in lauter Goldstangen umgewandelt 
mit der Bitte zurückgegeben habe, auch dieses Gold probiren zn 
lassen, was auch geschehen und wobei auch dieses Gold gut befunden 
worden sei; worauf der unbekannte Adept unter nochmaliger Aus- 
sprache des Dankes für Erhaltung seines Lebens Abschied genommen, 
die ihm seitens der Gräfin angebotenen etlichen Hundert Thaler 
Reisegeld ablehnend. Der schon seit mehreren Jahren und noch in 
auswärtigen Kriegsdiensten abwesende Gemahl der Dame habe, nach- 
dem er erfahren, dafs Dieselbe in solcher Weise zu grolsem Reich- 
thum gekommen, von dem letzteren einen Theil oder wenigstens den 
Niefsbrauch begehrt und als die Gräfin sich Dessen geweigert Be- 



152 Juristische Überzeugung von der Möglichkeit der Metallveredhing. 

lehrung von einer Universität eingeholt. Das wie es scheint an 
den Advocaten des Grafen adressirte Besponsum der Spruchbehörde 
entnimmt der bei ihr eingereichten Deduction, auf was die Ansprüche 
des Letzteren sich stützen: „dafs er Dominus terriforii sey, und also 
Krafft des Juris territorialis das in Gold verwandelte Silber, indem 
es pro thescmro zu achten, und an einigen Orten die gefundene 
Schätze dem Landes-Herrn Jure fisci zugeeignet werden, ihme zu- 
stände; nächstdem und wenn dieses nicht wäre, dafs allen Falls der- 
selbe als 3Iarihis solches veräussern und an dessen Stelle ander 
Silberwerck ihi' anschaffen, das übrige aber administriren und oh 
matrimonii onera den usum fructum davon genielsen möchte" . Aber 
die Spruchbehörde fand die Ansprüche des Grafen nicht gerechtfertigt, 
sondern gab die Rechtsbelehrung dahin ab: es sei, „dieweil besagtes 
Silberwerck der Gräfin eigenthümlich zugestanden, es auch deroselben 
Eigenthum geblieben, ungeachtet es in Gold verwandelt seyn soll, 
indem keine in Rechten gegründete Ursache, warum sie des Eigeiithums 
verlustig zu achten, vorhanden und die angegebene Transmutation 
ihr zu gute unternommen worden. Hiernechst besagtes Eigenthum 
ihr Ehe-Herr, weder in Ansehung, dafs die Verwandlung des Silbers 
in Gold zu Tanckerstein, dessen Dominus er ist, geschehen, derselben 
nicht entziehen, noch solches zu Gold gemachte Silberwerck vor einen 
Schatz, da keine inventio thesauri sich äussert, sondern das Silber 
der Gräflichen Gemahlin Jure proprietatis zukommen noch aus der 
Erden als ein kostbar Metall gebracht worden, ausgeben, viel weniger 
es wider ihren Willen verkauifen, das daraus gelösete Geld, oder was 
davon, wenn ander Silberwerck davor geschaffet worden, übrig bleibet, 
administriren, und derselbe es schlechter Dings nutzen und gebrauchen 
kan: So ist wohl ermeldeter Frau Gräfin Ehe-Herr desjenigen Goldes, 
so aus ihrem Silberwerck durch transmutation bereitet seyn soll, ohne 
deren Einwilligung sich anzumafsen, und sich einig Recht davon zu- 
zueignen nicht befugt. V. R. W." 

Es könnten einem Skeptiker aus Dem, was der vorhergehenden 
Berichterstattung zu Grunde gelegt ist, vielleicht einige Bedenken 
erwachsen, ob so eine Geschichte wie die hier erzählte wirklich statt- 
gefunden habe. Es findet sich nämlich ein Widerspruch in Dem, 
was als die Species facti darlegend angegeben ist, und Dem, was 
das Ilesponsum enthält (Beides konnte natürlich hiei- nur auszugs- 



Juristische Überzeugung von der Möglichkeit der Metallveredhing. 153 

bez.-w. bruchstückweise aufgenommen werden). Nach dem Ersteren 
hätte der eine Freistatt suchende Fremde angeblich aus Unvor- 
sichtigkeit in der Pfalz ein Wild geschossen und sei er defshalb von 
dem Kurfürsten von der Pfalz auf das Leben verfolgt gewesen ; nach 
dem Letzteren sollte dem Fremden gedroht haben, des Wildfangiats 
halber in Anspruch genommen zu werden. (Das Jus icilfaiigiatus 
s. holhelicrln — dieses sehr interessante aber jetzt nicht mehr praktisch 
wichtige Stück des Personenrechtes — , welches eigentlich zuletzt nur 
noch dem Kurfürsten von der Pfalz zustand, gab dem Landesherrn 
die Befugnifs, solche auf seinem Territorium geborene oder eine be- 
stimmte Zeit hindurch gelebt habende Personen, an deren Geburt 
ein gewisser Makel haftete, als Leibeigene anzusprechen.) Ver- 
dächtiger als dieser, immerhin nur etwas Nebensächliches betreffende 
Widerspruch könnte erscheinen, dafs (mir wenigstens) die Gräfin 
von Erbach, zu Gunsten deren besagte Transmutation vorgenommen 
worden sein soll, bez.-w. ihr Gemahl nicht unter den dafür ange- 
gebenen Namen nachweisbar ist. In dem Bcspousum ist die Gräfin 
Anna Sophie von Erbach genannt. Dafs eine solche zu der hier 
in Betracht kommenden Zeit (vor 1715) existirt habe, kann ich aus 
G. Simon 's Geschichte der Dynasten und Grafen zu Erbach und 
ihres Landes (Frankfurt a. M., 1858) und den derselben zugegebenen 
Stammtafeln des Erbach 'sehen Hauses nicht ersehen; eine Anna 
Sophie Freiin von Spefshardt wurde 1723 Gemahlin des 
Grafen Philipp Karl, des Stifters der älteren Linie der Grafen 
Yon Erbach zu Fürstenau, kann also nicht die Begünstigte sein, 
wenn die Rechtsbelehrung (wie die älteste Mittheilung der letzteren 
angiebt) von 1715, könnte es jedoch sein, wenn dieselbe (wie später 
angegeben worden ist; vgl. S. 151) von 1725 datirt ist, aber ich 
finde es nicht bestätigt, dafs dieser Graf noch nach 1723 in aus- 
wärtigen Kriegsdiensten gestanden habe. Wie der auf Vortheil 
ans der Transmutation für sich ausgehende Gemahl der fraglichen 
Gräfin geheifsen habe, ist in Dem, was Putoneus über diese 
Sache veröffentlicht hat, nicht angegeben; in Schmieder's Geschichte 
der Alchemie, S. 498 ist (vielleicht auf Grund des in einer der 
mehreren Reproductionen der uns hier beschäftigenden Sache Stehenden, 
welche ich nicht alle nachsehen kann) als Soleher „Graf Friedrich 
Karl, mit welchem 1731 die Erbach'sche Linie ausstarb", genannt. 



154 Juristische Überzeugung von der Möglichkeit der Metallveredlung. 

Der Graf Friedrich Karl, mit dessen Tod 1731 die von seinem 
Vater Georg Ludwig gegründete Erbach'sche Linie ausging, war 
seit 1711 mit Sophie Eleonore Gräfin von Limpurg vermählt; 
er war (1680 geboren) nur kurze Zeit in auswärtigem (Niederländischem) 
Kriegsdienst, zu welchem er keine Neigung hatte; er widmete dann 
seine Zeit der Musik und der geistlichen Dichtkunst und es ist nicht 
wahrscheinlich, dafs ein Mann, welcher 1729 in Darmstadt von ihm 
gedichtete Texte zu Cantaten auf alle Sonn- und Festtage (unter 
dem Titel „Andächtiges Singopfer auf alle Sonn- und Festtage, von 
einem Freunde, Christo zu Ehren, in gebundene Rede gebracht, auf 
das jetzt laufende Jahr 1729") drucken liefs, auf den Erwerb irdischer 
Güter in solcher Weise, wie wir oben gesehen, ausgegangen sei. Ver- 
dächtig ist ferner, dafs auch ein Schlofs Taiickerstein oder Tanken- 
stein (für mich wenigstens) überhaupt sich als existirend nicht nach- 
weisen läfst, auch nach eingezogener verlässiger Auskunft zufolge ein 
Schlofs dieses oder ähnlich klingenden Namens niemals im Besitz 
des Erbach'schen Hauses gewesen ist. Aus diesem Grund kann der 
Frankenstein auf dem nordwestlichen, nach Darmstadt hin gerichteten 
Ausläufer des Odenwaldes, welches Schlofs später als das liier in 
Betracht kommende vermuthet worden ist, nicht es gewesen sein. 
Es liefse sich, wollte man etwa einen stärkeren und unberichtigt 
gebliebenen Schreibfehler eines Copisten annehmen, vielleicht an das 
Schlots Freienstein im Odenwald denken, welches mehrmals von den 
Erbacher Grafen ihren Gemahlinnen als Wittwensitz verschrieben 
wurde (vgl. G. Simon's oben angeführtes Werk S. 108; die Gemahlin 
des Grafen Friedrich Karl lebte übrigens während ihres Wittwen- 
standes in Michelstadt, vgl. daselbst S. 437). Die Unsicherheit 
bezüglich der Personen, welche als an der rechtlichen Beurtheilung 
der Sache nächstbetheiligte genannt oder angedeutet sind, zusammen 
mit der Ungewifsheit in Betreff des Ortes, wo die Transmutation 
stattgefunden haben soll, könnte Veranlassung geben es in Frage zu 
stellen, ob überhaupt die Rechtsfrage so wie angegeben behandelt 
worden sei. Diese Frage zu entscheiden, würde für die Geschichte 
der Alchemie von Interesse sein, ist mir jedoch nicht gelungen. Der 
wiederholt gemachte Versuch, Nachforschungen im Gräflich-Erbach- 
schen Archiv zu veranlassen, ob da diesen Rechts fall betreffende 
Schriftstücke vorhanden seien, war fruchtlos, und aus Leipzig war nur zu 



Juristisclie Überzeiigimg von der Möglichkeit der Metallveredlung. 155 

erfahren, dals die aus jener Zeit noch aber unvollständig vorhandenen 
Acten nichts auf diesen Fall Bezügliches enthalten. 

Aber jedenfalls hat Putoneus — auch nach dem seiner Mit- 
theilung vorausgeschickten Excurs — , was darüber in seiner Samm- 
lung von Rechtssprüchen steht, ganz ernsthaft in dieselbe aufgenommen, 
und auch danach ist gewisser als alles eben zur Sprache Gebrachte, 
dafs eine Spruchbehörde wohl in jener Zeit sich üljer einen Rechtsfall 
wie der hier vorliegende äufsern konnte, ohne die Möglichkeit der 
Metallveredlung in Zweifel zu ziehen. Gewifs ist ferner, dafs daran 
geglaubt worden ist. Derartiges sei noch in dem ersten Viertel des 
vorigen Jahrhunderts vorgekommen, und dafs dieser Glaube der Fort- 
dauer der Überzeugung von der Möglichkeit der Metallveredlung in 
weiteren Kreisen zur Unterstützung dienen mufste. 

Juristen noch aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
hatten eben so viel Grund, diese Möglichkeit anzuerkennen, als die 
der Zauberei oder der Benutzung der Wünschelruthe zu Grenzberich- 
tigungen: von Solchem, was als thatsächlich vorgekommen und aus- 
führbar angesehen war. Noch in dieser Zeit und dem nächstvoraus- 
gegangenen Jahrhundert war durch amthche Berichte oder gültige 
Protokolle bezeugt, dafs da oder dort unedle Metalle zu Gold oder 
Silber umgewandelt worden seien. Wiederum mag hier nur an Einiges 
erinnert werden. Als es 1603 in Strafsburg ruchbar geworden war, 
dafs der Goldschmied und dasige Bürger Güstenhöver Gold machen 
könne, ordnete der Rath dieser Stadt (wie man sagte auf Weisung 
vom Kaiserlichen Hofe zu Prag) den Syndicus Dr. Hartlieb, den 
Stadtschreiber Junth und den Rathsherrn Kohllöffel ab, zu sehen 
was an der Sache sei; als Resultat ist berichtet, dafs Jeder der drei 
Letztgenannten, als er eine mitgebrachte Flintenkugel in einem gleich- 
falls mitgebrachten Tiegel schmolz und ein ihm von Güstenhöver 
gegebenes Körnchen eines im Besitz des Letzteren befindlichen Pulvers 
in Papier gewickelt auf das geschmolzene Blei warf, dieses Metall 
zu Gold umgewandelt bekam. Als 1667 ein Alchemist, welcher sich 
Joh. de Montesnyder nannte, in der W^erkstatt des Münzmeisters 
und Goldarbeiters Guillaume zu Aachen aus unedlem Metall (28 Loth 
Blei, welchem nach dem Schmelzen \'2 Loth Kupfer zugesetzt war) 
edles (etwas über 18 Loth feinstes Gold resultirten schliefslich) ge- 
macht hatte, vernahmen die beiden Bürgermeister Wilder und Mouen 



156 Alchemistisclie Betrügereien. 

genannter Stadt den Meister Guillaume alsbald und genau zu Proto- 
koll (den Alchemisten hätte man wohl auch vernommen, aber Dieser 
war nach Ausführung des Kunststücks mit dem gröfsten Theil des 
Goldes sofort verschwunden), und danach verhielt es sich mit der 
Sache wirklich so wie angegeben. Am 19. JuH 171 G wurde in des 
Fürstlich Schwarzburg'schen Hofraths Pantzer Wohnung zu Wien 
in Dessen und sieben sehr hochgestellter Herren Gegenwart mittelst 
einer kleinen Menge eines metallveredlenden Präparates, das einer 
hohen Standesperson zugekommen war, eine verhältnifsmäfsig sehr 
grolse Menge Kupfer zu Silber umgewandelt (das Kupfer wurde 
glühend in Wasser geworfen, in welclies vorher besagtes Präparat 
gebracht war; es wurde nachher berechnet, dafs 1 Gewichtstheil des 
Präparats 5400 Gew.-Theile Kupfer zu 6552 Gew.-Theilen 14löthigen 
Silbers umgewandelt hatte); in aller Form wurde ein genaues Proto- 
koll über den ganzen Vorgang aufgenommen und dieses — Actum 
loco et die iit supra, in memoriam et fidmn rei sie gestae, factaeque 
verae transmutationis, wie es am Schlüsse desselben heifst — von 
den Augenzeugen unterschrieben und mit deren Siegeln bestärkt. 



Ich habe im Vorhergehenden zusammengestellt, was den Glauben 
an die Möglichkeit der künstlichen Hervorbringung edler Metalle und 
namentlich der mittelst des Steins der Weisen zu bewirkenden unter- 
stützte. Ihm gegenüber war während langer Zeit nur von wenig Wirkung, 
was diesen Glauben hätte erschüttern können. Namentlich nicht, dafs 
alchemistische Betrügereien in nicht geringer Anzahl verübt bez.-w. 
bekannt wurden. Solche Betrügereien: dafs alchemistisch gemachtes 
angebliches edles Metall sich als unächt erwies, kamen schon frühe 
vor. Da war schon um das Jahr 500 unserer Zeitrechnung so ein 
Chemiker {kri^^j zic, y£t[j,£DTyjc) in Byzanz, welcher angeblich aus Gold 
bestehende Bruchstücke von Statuen und andere Gegenstände (er gab 
vor, einen Schatz gefunden zu haben) verkaufte und Viele durch 
seine Betrügerei erheblichst schädigte; in Untersuchung genommen 
und vor den Kaiser gebracht — es war der von 41)1 bis 518 regierende 
Anastasi OS Dikoros — verehrte er Diesem einen angeblich goldenen 
und mit Perlen l)esetzten Zaum, aber der Kaiser sagte, nachdem er 
den Zaum an sich genommen: wie Du Alle getäuscht hast, sollst Du 



I 



Alchemistische Betrügereien. 157 

mich gewifs nicht täuschen, und Uefs den Betrüger sofort in ein Ge- 
fängnifs abführen, in welchem Derselbe zu Grunde ging. Diese Ge- 
schichte ist zwar nicht ganz gut bezeugt, so fern sie sich zuerst bei 
Georgios Kedrenos findet, einem Griechischen Mönch, der im elften 
Jahrhundert seine Jahrbücher compilirte, „welche bei denen Gelehrten 
in schlechter Hochachtung sind" (sagte der alte Joch er in seinem 
Compendiösen Gelehrten-Lexicon), aber man ersieht aus dieser Angabe 
doch wenigstens, dafs man zur Zeit dieses Schriftstellers bereits mit 
alchemistischen Betrügereien bekannt war. Und später kamen solche 
Betrügereien auch nur allzu häufig vor; da ohnehin mehrerer sonst 
noch in dieser Schrift zu erwähnen ist, mag hier zur Erläuterung des 
eben Gesagten nur Weniges beigebracht werden. 

Im dreizehnten Jahrhundert müssen aufser Experimenten, welche 
als reelle alchemistische Leistungen Anerkennung fanden, doch auch 
als Das, was sie waren, erkannte Versuche gemacht worden sein: 
Metallcompositionen, welche ähnlich wie edles Metall aussehen, für 
letzteres zu verwerthen. Das geht u. A. daraus hervor, wie Albertus 
Magnus, welcher übrigens an die Möglichkeit der Metallveredlung 
glaubte (vgl. S. 17), vor alchemistischen Täuschungen gewarnt hat*), 
und auch aus dem S. 148 Mitgetheilten. Es geht hervor daraus, dafs 
in Dante's (im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts gedichteter) 
Divina commedla Alchemisten als in der Hölle gequält geschildert 
werden, deren Einer — die Commentatoren nennen ihn einstimmig 
als Griffolino von Arezzo — den Grund seiner Verdammung aus- 
spricht in den Worten (nach Philalethes' Übertragung): 

„Doch zu der letzten Bulge von den zehen 
Verdammte, weil ich Alchymie im Leben 
Getrieben, Minos mich, der nie kann irren", 



*) Albert sagt im Anschlufs an Das, was S. 17 aus seiner Schrift De rehus 
metallicis et mineralibits mitgetheilt ist, von Denen, die ein unedles Metall (es 
wird namentlich Kupfer gewesen sein) nur die Farbe eines edlen erhalten und 
doch das erstere fortbestehen lassen: Qui autem per alba albiftcant et 2>er citrina 
citrinant, manente specie metalli prioris in materia, procul dubio deceptores sunt, 
et verum aurum et verum argentum non faciunt; et hoc modo fere omnes vel in 
toto vel in parte procedunt; propter quod eyo experiri fcci, quod aurum alchi- 
micum, quod ad me dcvenit, et similiter argentum, posteaquam 6 vel 7 ignes sus- 
tinuit, statim amplius ignitum consumitur et perditur, et ad faecem quasi 
revertitur. 



158 Alchemistische Betrügereien. 

während das Bekenntnifs eines Zweiten: 

„Und sehn wirst Du in mir Capocchio's Schatten, 
Der einst Metall durch Alchymie verfälschet" 
entnehmen läfst, worin das Verbrecherische dieses Treibens bestanden 
habe. Und nichts Ungewöhnhches mufs um die Mitte des vier- 
zehnten Jahrhunderts Das in Italien gewesen sein, dessen sich die 
beiden eben genannlen — beiläufig bemerkt in der Geschichte ihrer 
Kunst sonst gänzlich unbekannten — Alchemisten schuldig gemacht 
hatten; auf dem die Hölle darstellenden Frescobild in der Kirche 
Santa Maria NoveUa in Florenz, welches um diese Zeit Bernard o 
Orcagna gemalt hat, sind in den Flammen auch Alchimisti ed 
falsificatori , wie die beigesetzte Inschrift angiebt, und Petrarca 
bezeichnete in seiner Oratio de avaritia vitanda die Alchemie 
schlechthin als artem menticndi et fallendi. Was bei der in Eng- 
land im fünfzehnten Jahrhundert privilegirt betriebenen Alchemie 
(vgl. S. 105 f. und 148) herauskam, war einfach falsches Geld, welches 
hauptsächlich aulserhalb Englands ausgegeben wurde; schon 1449 hatte 
das Schottische Parlament Veranlassung zu einem Befehl, es sei in 
allen Schottischen Häfen und vornehmhch längs der Englischen Grenze 
darüber zu wachen, dafs kein falsches Gold- und Silbergeld eingebracht 
werde, und nachher wurden noch weitere, den Handel in hohem Grad 
belästigende Mafsregeln getroffen, Benachtheiligung und Überschwem- 
mung Schottlands durch falsches Englisches Geld abzuwenden. Und Das 
ging, wenn auch in kleinerem Mafsstab, in den folgenden Jahrhunderten 
so fort. Selbst Münzen, auf welchen der alchemistische Ursprung des 
Metalls, aus dem sie geprägt waren, ausdrücklich vermerkt war, er- 
gaben sich als aus unedlem Metall bestehend. Dem Kaiser Leopold I. 
machte 1675 in Wien ein schon in der Anmerkung zu S. 89 erwähnter 
aus einem Böhmischen Augustinerkloster gekommener AlchemistWenzel 
Seyler das Kunststück vor, mittelst eines i)urpurrothen Pulvers glühen- 
des Kui)fer sowohl als auch geschmolzenes Zinn zu Gold umzuwandeln; 
den Künstler erhob der Kaiser 1(370 in den Eitterstand mit dem Prädi- 
cate von Ptcinburg*), und ernannte ihn nach einer älteren Angabe 
auch zum Obeimünzmeistef in Böhmen; aus dem durch Umwandlung 
von Zinn dargestellten Gold liefs er — wie berichtet wird — Ducaten 



*) Nicht zum Freiherrn von Ileinersl)erg, wie bi'sher angegeben war. 
Die IJcriclitigung gab A. Bauer in der S. 8'J angeführten Schrift S. 39. 



Alcheniistische Betrügereien. 159 

schlagen, die auf der einen Seite sein Brustbild mit der Umschrift : 
LeopoUus D. G. B. I. S. Ä. G. H. E. B. B. hatten und auf der 
anderen um die Jahrzahl 1675 herum die kreisförmige vertiefte In- 
schrift: ^Aus Wenzel SeyJers Fidvers Macld hin ich von Zinn zu 
Gold gemacht" (die Inschrift mufs bei Ducatenformat der Münze ver- 
zweifelt klein ausgeführt gewesen sein; es wird übrigens angegeben, 
diese Münzen seien etwas gröfser gewesen als andere Ducaten, und 
dabei doch etwas leichter); diese Ducaten wurden nachher auch zu 
den falschen Münzen aus alchemistischem Goldsurrogat gerechnet. 

Viele Producte der alchemistischen Kunst, welche für Gold oder 
Silber ausgegeben wurden, enthielten Nichts von edlem Metall sondern 
waren nur gold- oder silberfarbige Legirungen unedler Metalle: eine 
gelbe oder eine weifse Kupferlegirung, dargestellt nach Verfahrungs- 
weisen, deren schon in dem Vorhergehenden mehrfach aber mehr 
nebenbei zu gedenken war. Dafs das Kupfer bei geeignetem Zu- 
sammenschmelzen mit einer (zinkhaltigen) Erde hellglänzend: zu 
goldgelbem Messing wird, war schon den, alten Griechen bekannt 
(Aristoteles im vierten Jahrhundert v. Chr. spricht davon); wie 
namentlich Zinkkupferlegirungen von gewissen Zusammensetzungsver- 
hältnissen (Tombak, Similor, Mannheimer Gold, Talmigold u. a.) Gold 
nachzuahmen vermögen und dazu, Gold nachzuahmen, Verwendung 
finden, weifs Jeder. Dafs das Kupfer, wenn arsenhaltige Substanzen 
in geeigneter Weise zur Einwirkung auf es gebracht werden, silber- 
weifs gefärbt (zu einer weifsen Arsenkupfer-Legirung) wird, findet 
zuerst bei Griechisch schreibenden, der Alexandrinischen Schule an- 
gehörigen alchemistischen Schriftstellern aus dem fünften bis siebenten 
Jahrhundert unserer Zeitrechnung Erwähnung; dieses s. g. Weifskupfer 
oder weifse Tombak war noch in unserem Jahrhundert vor der Zeit, 
wo das (nickelhaltige) Neusilber oder Argentan zu allgemeinerer Ver- 
breitung kam, zur Nachahmung von Silber gebraucht. Die in solcher 
W^eise zu bewirkenden Färbungen des Kupfers wurden bei den der 
Aegyptischen Schule zugehörigen, dann auch bei Arabischen Akhemisten 
als eine beginnende Umwandlung des Kupfers zu • Gold bez.-w. zu 
Silber angesehen. Frühe waren diese Färbungen des Kupfers auch 
den Abendländern bekannt; Albertus Magnus im dreizehnten Jahr- 
hundert spricht ausführlich und wiederholt davon in seinem Werk 
De rebus metcdlicis et minercdihus und auch davon, dafs in solcher 



160 Alchemistische Betrügereien. 

Art gelb oder weifs gefärbtes Kupfer betrügerischer Weise für Gold 
oder Silber ausgegeben werde; auf derartige Falsificate bezieht sich 
wohl, was er da (vgl. S. 157), darüber, wie er sie als solche erkannt 
habe, gesagt hat. In der That mochte es für Diejenigen, welche 
eine vollständige Umwandlung nicht bewirken konnten, oft nahe 
liegen, das Resultat einer vermeintlich unvollständigen als wahres 
Gold oder Silber gelten lassen zu wollen. Das thaten Alchemisten 
gewöhnlichen Schlages und Standes; Das gethan zu haben, ist aber 
auch einer sehr hoch gestellten Alchemistin zum Vorwurf gemacht 
worden. Nämlich der Barbara, geborenen Gräfin von Cilly, zweiten 
Gemahlin des (1437 gestorbenen) Deutschen Kaisers Sigisniund's: 
einer ' Dame, welche einen höchst anstöfsigen Lebenswandel führte 
und neben Anderem, was sie besser unterlassen hätte, auch Alchemie 
trieb. Sie lebte nach dem Tod ihres Gemahls zu Königgrätz in 
Böhmen und hatte da unter anderem Zuspruch auch einmal den eines 
Böhmischen Alchemisten Johann von Laaz, von welchem ein 
Tradatus aureus de lapide xiltilosopliorum verfalst worden ist, der von 
1612 an Veröffentlichung durch Druck gefunden hat, und eine andere 
alchemistische Schrift, betitelt Via universalis, die unveröffentlicht 
geblieben ist. Die letztere lag in einer Pergamentshandschrift (über- 
schrieben Via universalis, composita per famosiim Joh. de Laaz, 
pliilosopJmm peritiim in arte alcliymiae) vom Jahre 1440 dem 
Ben. Nie. Petraeus vor, welcher 1717 (eine neue Auflage erschien 
1740) die Werke des Basilius Valentinus edirt und in der Vor- 
rede zu dieser Ausgabe einen Theil des Inhaltes jener Handschrift 
mitgetheilt hat. Danach hat genannte Barbara, schamlos wie sie 
war (der Ausdruck ist für sie nicht zu hart), dem Kunstverwandten 
ohne oder doch nur mit geringem Rückhalt gezeigt, wie sie es mache 
um Etwas zu erhalten, was sie an Andere als gutes Silber gab, wie 
sie einer Lcgirung von Gold und Silber das Aussehen von reinem Gold 
zu geben verstehe, um damit Betrügereien auszuführen, und dergleichen 
mehr; und sie war noch darüber erbost, dai's ihr Besuch Das nicht 
in Ordnung fand *). — Die aus Kupfer durch Legirung desselben 

*) Icli will, was Joliann von Laaz in der ohen besproclienen Sache be- 
richtet, doch vollständig hierhersetzen: Kgo amlicns ex variis liuguis loqui 
de reijina divae memoridc recjis Sigismuudi, quod esset perita in arte physica, 
intravi ad eam et feci examen cum ca de arte physica; astute aidem respondit 



Alchemistisclie Betrügereien. 161 

mit Arsen oder Zink dargestellten Artefacte sollen nicht die einzigen 
gewesen sein, welche für alchemistisch hervorgebrachtes edles Metall 
ausgegeben wurden; namentlich soll auch ein Kupferamalgam für 
diesen Zweck Anwendung gefunden haben, aber es ist doch unsicher, 
ob die darauf bezügliche, oft wiederholte Angabe nicht wesentlich 
zu berichtigen ist*). 



mihi quae midier. Vidi ab ea qiiod cepit mercurium et arsenicum, et alias 
quas ipsa scivit bene, et ex Ulis fecit pulvcrem, qui cuprum äealbavit, optime 
probaut, sed malleum non siistinnit, et ex eo midtas deceptiones fecit inter ho- 
mines. Item aliud vidi ah ea quoä fecit pidverem, et qiiodcunque metalliim 
desiiper aspergebat, calefaciens timc pulvis ingrediabatur in massam corporis, 
quod assimiliebatiir argenti puri in testa comhusti, verum cum fundebatur, versum 
est in cuprum ut prius fuit, et sie vidi ab ea multas falsitates. Iterum vidi 
ah ea, quod accepit crocum Martis, crocum Veneris et alios pulveres, et misce- 
bantur simiü, et ex eo fecit cimentum, et cum cepit pars cum parte auri et ar- 
genti et in hoc junetabatur, apparebat aurum purum intus et exterius, et cum 
fundebatur totum ruhedinem amittebat, et sie multi mercatores per hoc erant de- 
cepti. Multas autem ab ea vidi [videns] truffas et deceptiones, correxi eam 
verbis. lila autem voluit me incarcerare, sed discessi ah ea cum pace quia Deus 
juvit me. 

*) Des Utrechter Professors Joli. Conr. BarcLusen (zuerst 1696 ver- 
öffentlichte) Fyrosophia succincta, iatro-chi/miam, rem vietallicam et chrysopoeiam 
hreviter pervestigans giebt {p. 4:11 der Ausgabe von 1698; übrigens haben auch 
die 1718 erschienenen Elemcnta chemiae desselben Verfassers p. 485 s. auf die 
Bereitung und Verwendung des betreftenden Präparates Bezügliches) die Aus- 
kunft, zu solchem Zweck habe namentlicli ein auch noch zu seiner Zeit zur Her- 
stellung gegossener Gegenstände verwendetes aurum sophisticum (Truggold) ge- 
dient: ein auf nassem Wege (durch Kochen von Kupfervitriol-Lösung mit Queck- 
silber in einem eisernen Gefäfse) dargestelltes Kupferamalgam, welches mit Wasser 
gewasclien und zur Beseitigung überschüssigen Quecksilbers zwischen Leder ge- 
drückt nach dem Schmelzen eine goldgelbe Farbe besitze, sich leicht schmelzen 
und in Formen giefsen, auch nach dem Gusse prägen lasse und bei dem Putzen 
einen schönen Goldglanz annehme, dabei ein beträchtliches , wenngleich das des 
Goldes nicht ganz erreichendes specifisches Gewiclit habe. Keines der jetzt in 
chemischen Werken beschriebenen Kupferamalgame zeigt alle diese für das 
aurum sophisticum angegebenen Eigenschaften. Aber nach Kunckel's Angabe 
(in dessen Laboratorium chymicum, S. 234 f. der Ausgabe von 1738) sollte man 
zur Darstellung des gewünschten goldartig aussehenden Metalles das in ange- 
gebener Weise bereitete Amalgam noch weiter behandeln: es mit gleichen Theilen 
Curcuma und Tutia (Zinkoxyd) in einem Tiegel erhitzen, bis der Inhalt des 
letzteren gut geschmolzen sei; Kunckel bemerkt dazu bereits, dafs man nach 
diesem Verfahren Messing erhält. 

Kopp, Die Alcbemie. I. 11 



162 Alchemistisclie Betrügereien. 

Bei vielen Versuchen, die als alchemistische angestellt wurden 
und Beweise für das Verständnifs und die Gescbicklichkeit der sie 
Ausführenden in der Metallveredlungskuust abgeben sollten, kam 
allerdings Gold oder Silber zum Vorschein, von welchem behauptet 
wurde, dafs es künstlich hervorgebrachtes sei; und als die Wahr- 
haftigkeit der Alchemie bezeugend erschien schon, wenn auch nicht 
die ganze Menge des zu einem Versuch angewendeten unedlen Metalles, 
Blei's z. B. oder Quecksilbers zu edlem, Gold speciell umgewandelt 
war, dafs das erstere Metall nach dem Versuch einen mehr oder 
weniger beträchtlichen Gehalt an dem letzteren besafs, also wenn 
auch nicht total doch partiell zu Gold umgewandelt worden sei. Aber 
man weifs auch, dafs derartige Resultate künstlich in so fern hervor- 
gebracht wurden, als sie auf einer Täuschung Derer beruhten, vor 
welchen die angeblich diese Resultate bewirkenden Operationen vor- 
genommen wurden, und dafs solche Kunststücke in so mannigfacher 
Weise und mit so viel Verschmitztheit ausgeführt wurden, dafs es in 
einem einzelnen Falle sehr schwer zu erkennen sein konnte, wie der 
modus faciendi war. Dafs selbst die Anwesenheit eines Sachver- 
ständigen bei einer Operation, bei welcher an der Stelle zuerst vor- 
handen gewesenen unedlen Metalles Golcl zum Vorschein gebracht 
wird, nicht davor schützt, dafs eine Täuschung stattgefunden habe, 
bekannte auch der übrigens an die Wahrhaftigkeit der Alchemie 
glaubende Becher. „Vor mir", sagt Derselbe in seiner Fsycho- 
sophia (1083), „ist tingiit worden Zinn in Gold, in Gegenwart des 
Grafen von der Paar und eines Dominicaner-Münchs P. Spiels, 
ein Theil des Pulvers etliche tausend Theil, ich habe aber keine Hand 
angelegt, sondern der Artist hat selber die Würckung gethan. Was 
nun die Alchymisten vor Taschen- und Gauckelspieler und Betrieger 
seyn, ist bekandt, ich wolte kein Evangelium darauf bauen". 

Von den Verfahrungsweisen, nach welchen solche Effecte, wie 
die jetzt in Rede stehenden, zuwegegebracht wurden, sind mehrere 
bekannt geworden, und einige derselben mögen hier angegeben werden. 
— Hatte der Tiegel, in welchem das Blei geschmolzen oder das 
Quecksilber erhitzt wurde, einen doppelten Boden und enthielt der 
Zwischenraum Gold, so liefs sich nach dem Zusatz der für den Stein 
der Weisen in gröfserer oder weniger grofser Vollendung desselben 
ausgegebenen Substanz bei dem Umrühren leicht der obere dünnere 



Alchemistische Betrügereien. . 163 

Boden durchbrechen und das verborgene Gold mit dem anderen Metall 
zu Vereinigung bringen, und das ausgegossene Metall ergab dann bei 
der Probe einen Goldgehalt. Ähnliche Erfolge liefsen sich auch in 
der Art erzielen, dafs das edle Metall in eine Höhlung im Rührstabe 
versteckt wurde, oder so, dafs der Tiegel nach dem Einwerfen des 
angeblichen Steins der Weisen mit einer Kohle zugedeckt wurde, in 
welcher sich eine mit Gold gefüllte Höhlung befand, die mit schwarzem 
"Wachs verschlossen nach Aufdrücken von Kohlepulver auf das letztere 
nicht wohl erkennbar war aber auf dem Tiegel in der Hitze in Folge 
des Schmelzens des Wachses sich öffnete und das Gold in den Tiegel 
fallen liefs. Jeder derartige Betrug erschien als ausgeschlossen bei 
A'ersuchen, bei deren Anstellung der Alchemist, nach dessen Vorschrift 
gearbeitet wurde, gar nicht anwesend war; aber auch bei solchen 
Versuchen fanden Betrügereien statt. Unter der (1537 bis 1574 
dauernden) Regierung Cosmo's I. von Medici in Toscana kam 
Einer, welcher sich Daniel von Siebenbürgen nannte, nach Florenz 
und wufste sich da als Arzt Zulauf zu verschaffen. Als ein fast 
überall wirkendes Mittel verschrieb er eine als Usiifur bezeichnete 
Substanz (usifur steht in der Lateinischen Übersetzung des Haupt- 
werkes des Arabischen Alchemisten Geber als eine Benennung des 
Zinnobers und bedeutet diesen auch noch bei späteren Alchemisten 
manchmal), welche er selbst den dortigen Apothekern lieferte; dieses 
Usufur, welches gar nicht sehr theuer war, liefs er eben so wie andere 
Materialien für die Darstellung von Arzneien aus einer Apotheke 
holen, aber die Mischung und Herrichtung der von ihm verordneten 
Arzneien nahm er immer selbst vor und man hat Grund zu glauben, 
dafs er dabei das ihm gebrachte Usufur wegliefs bez.-w. durch etwas 
Anderes ersetzte. Das von ihm in die Apotheken gelieferte Usufur 
hatte nämlich einen ziemlich beträchtlichen Goldgehalt. Es stellte 
sich nun heraus, dafs Daniel sich aufser auf Heilkunde auch auf Al- 
chemie verstand; er war selbst erbötig, für ein angemessenes Honorar 
diese Kunst den wifsbegierigen Fürsten zu lehren, liefs vor Dessen 
Augen unedles Metall goldhaltig werden und theilte dem Fürsten das 
Recept offen mit: was man auf das unedle Metall einwirken lassen 
müsse, damit dieses Resultat erzielt werde. Unter dem hierfür Er- 
forderlichen war namentlich Usufur; Cosmo liefs mit Vorsicht alles 
für die Ausführung eines Versuches Erforderliche ohne Mitwirkung 



164 Alcliemistische Betrügereien. 

des Alcheraisten beschaffen und erhielt ein sehr befriedigendes Er- 
gebnifs, so dafs — die Möglichkeit, so wirksames Usufur zu so 
mäfsigem Preis nach Belieben erhalten zu können, natürlich voraus- 
gesetzt — es ein sehr rentables Geschäft gewesen wäre, fortgesetzt 
in dieser Weise zu experimentiren. Als Daniel für seine Unter- 
weisung 20000 Ducaten erhalten hatte, machte er mit diesen eine 
Reise nach Frankreich, von wo er nicht zurückkam, auch Nichts 
mehr weiter von sich hören liefs; in Florenz aber machte man bald 
die unliebsame Erfahrung, dafs von dem durch Daniel in die Apo- 
theken gelieferten Usufur Nichts mehr zu haben war und das dann 
noch unter dieser Bezeichnung zu erhaltende Präparat die Wirkung 
des ersteren, unedle Metalle goldhaltig werden zu lassen, nicht mehr 
hatte. 

Das Gold, welches als aus anderen Metallen künstlich producirtes 
gelten sollte, kam aber nicht immer zunächst in Vereinigung mit 
anderen Metallen als Resultat eines alchemistischen Versuches heraus, 
sondern oft für sich, recht rein — reiner als gewöhnhches reines 
Gold, wurde wiederholt gerühmt (vgl. die Anmerkung S. 87). Und 
nicht etwa blofs als ein Stückchen von Nagelspitzen-Gröfse, wie an 
dem S. 90 f. erwähnten eisernen Nagel, dessen Spitze Thurneysser 
1586 so weit, als er sie in verflüssigten Stein der Weisen eingetaucht 
habe, in Gold umgewandelt haben sollte, während die später erkannte 
Anlötlmng der goldenen Spitze an den eisernen Nagel darauf schliefsen 
läfst, dafs sie schon vor Anstellung des Versuches vorgenommen und 
die goldene Spitze mit einer ihr das Aussehen von Eisen gebenden 
Farbe angestrichen war, welche sich bei dem Eintauchen in die an- 
gewendete Flüssigkeit auflöste. Es sah schon nach etwas mehr 
aus, was der Pole Sendivogius — dessen bereits S. 128 zu gedenken 
war und in dieser Schrift wohl noch mehrere Male zu gedenken sein 
wird — noch in seinen älteren Tagen leistete, wo ihm nach Angabe 
Gläubiger der früher besessene Vorrath an Stein der Weisen aus- 
gegangen und er selbst als Alchemist so zu sagen schwach geworden 
war*). Er zeigte dem, 1610 Deutscher Kaiser gewordenen Ferdi- 
nand II. eine grofse Silbermünze, bestrich deren eine Seite mit einem 



*) Im .Jahr 1604 hatte — so wurde crziUilt — Sendivogius in Prag Etwas 
von seinem Stein der Weisen dem Kaiser Rudolf IL überreicht, der damit eine 



Alchemistische Betrügereien. 165 

Liquor: >Yiederum mit verflüssigtem Stein der Weisen, und erhitzte 
das Metallstück zum Glühen, worauf dasselbe sich auf der so be- 
handelten Seite, und ziemlich tief, als zu Gold umgewandelt erwies. 
Das von ihm auch anderwärts gemachte Kunststück beruhte wohl 
darauf, dafs er sich geprägte Münzen aus aufeinandergelöthetem Gold- 
iind Silberblech zu verschaffen gewulst hatte; war die Goldseite durch 
oberflächliches Amalgamiren mit Quecksilber weil's gefärbt, so prä- 
sentirte sich das Ganze wie aus Silber bestehend; wurde zum Glühen 
erhitzt, so verflüchtigte sich das Quecksilber und das Gold kam 
wieder zum Vorschein. Eine noch gröfsere Menge Gold fand, wird 
erzählt*), gegen das Ende des sechszehnten Jahrhunderts Herzog 
Friedrich von Württemberg in einem Tiegel, welchen er selbst nach 
den Angaben eines in seinen Diensten stehenden Alchemisten, des 
Georg Honauer, mit unedlem Metall und den zur Umwandlung 
desselben in Gold anzuwendenden Materialien beschickt hatte. Da 
gut Ding Weile haben will, das Erhitzen lange dauern, das Erkalten 
laugsam vor sich gehen mufste und in der ganzen Zeit Nichts am 
Tiegel gestört werden durfte, wurde reichhch Brennmaterial in den 
Ofen gegeben und der Tiegel eingesetzt; mit seiner Begleitung ver- 
liefs nun der Herzog das Laboratorium, welches gut verschlossen 
wurde, und um jede Täuschung zu verhüten, behielt der Herzog den 
Schlüssel bei sich. Als er später wieder das Laboratorium aufschlols 
und nachsah, war Alles in Ordnung; wie Honauer vorausgesagt 
hatte, enthielt der Tiegel Gold. Doch befand sich später, dals nicht 
Alles in Ordnung gewesen war, sondern ein Knabe in einer Kiste des 
Laboratoriums versteckt, welcher eine Permutation vorgenommen hatte, 



Transmutation eigenhändig ausführte. Der Erfolg des Versuches soll den Kaiser 
zu dem Vers: 

Faciat hoc quisjpiam alius 

Quod fecit Sendivogius Poloniis! • 
begeistert haben; diesen Vers habe der Kaiser in eine Marmortafel eingraben 
und die letztere zur Erinnerung an den merkwürdigen Vorfall in dem Saale 
des Prager Schlosses, in welchem derselbe stattgefunden, in die Wand einsetzen 
lassen, wo sie noch um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts zu sehen ge- 
wesen sei. 

*) Noch Berzelius nahm in seinem Lehrbuch der Chemie, 3. Auflage, 
Bd. X, Dresden und Leipzig 1841, S. 22 auf diese Erzählung als eine glaub- 
hafte Bezug. 



166 Alchemistische Betrügereien. 

während doch eme Transmutation vor sich gehen sollte; Honauer 
entging, wie noch zu berichten sein wird, der Strafe für solche Be- 
trügerei nicht. 

Einer in gewisser Beziehung besonderen Art alchemistischer In- 
dustrie, lohnenden Erfolg der aufgewendeten Mühe zu erzielen, mag 
doch hier auch gedacht werden: der s. g. Vermehrung edlen Metalles. 
Man suchte eine gewisse Quantität Gold oder Silber, oder von einer 
diese Metalle enthaltenden Substanz, zu einer giöfseren Quantität 
einer Substanz zu machen, welche so aussehe, wie wenn sie noch den 
relativen Feingehalt des ursprünglich angewendeten Materials besäfse. 
Es war eine Vermehrung von Werthvollem durch einen nicht in die 
Augen fallenden Zusatz von verhältnifsmäfsig Werthlosem, wie sie in 
vielen Fällen seit uralten Zeiten ausgeführt worden ist und jetzt 
noch ausgeführt wird. Schon Schriften, welche in früher Zeit in 
Aegypten in Griechischer Sprache verfafst sind, haben auf die Ver- 
mehrung von edlem Metalle Bezügliches; so die den Schriftzügen 
nach aus dem vierten Jahrhundert wenn nicht einem früheren stam- 
mende Zusammenstellung chemischer bez.-w. alchemistischer Vor- 
schriften, welche bei Theben in Ober-Aegypten gefunden worden ist 
und in der Sammlung von Alterthümern der Universität Leyden auf- 
bewahrt wird (auch -/f/uaioD StTiXcoatc, die Verdoppelung von Gold, 
wird darin besprochen). Aber hier darf nur an Solches erinnert 
werden, was die Ausführung in dieser Art angelegter Betrügereien in 
einer uns näheren Zeit aufserhalb und innerhalb Europa bezeugt. 
Ein Maure aus Cordova, welcher nach längeren Reisen namentlich 
auch in Afrika von Piraten gefangen genommen dem Papste Leo X. 
geschenkt wurde, auf Dessen Zureden das Christenthum annahm 
(seine Bekehrung war aber nicht dauerhaft, denn vor seinem 1526 
erfolgten Tode bekannte er sich wieder zum Islam) und sich nach 
Demselben nannte, — Leo Africanus erzählt in seiner Beschreibung 
von Afrika, es habe (gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts) 
in Fez sehr viele Alchemisten gegeben, die entweder die Her- 
vorbringung von edlem Metall mittelst des Steins der Weisen 
oder die Vermehrung von edlem Metall angestrebt hätten, was 
in der PtCgel auf Falschmünzerei hinausgegangen sei, wefshalb 
auch die Meisten das Merkmal einer schon einmal dafür erlitte- 
nen Bestrafung an sich, nämlich eine Hand abgehauen gehabt 



Alchemistische Betrügereien. 167 

hätten*). Die Multiplication der edlen Metalle mag da von ähn- 
licher Art gewesen sein, wie die in der dem Thomas von Aquino 
beigelegten Schrift de esse et essentia mineralium für das Silber ge- 
lehrte: man solle aus Auripigment [unter Verbrennung desselben] 
sublimirten weifsen Arsenik auf Kupfer einwirken lassen und dem 
resultirenden weifsgefärbten Metall die Hälfte seines Gewichtes an 
reinem Silber beimischen, so bekomme man Silber. Jedenfalls hatten 
die Maroccanischen Künstler auch in Europa und speciell in Deutsch- 
land Collegen, welche — gleichfalls in der zweiten Hälfte des fünf- 
zehnten Jahrhunderts — darauf ausgingen, das in einer gewissen 
Anzahl von Goldmünzen — sagen wir 4 Ducaten — enthaltene Me- 
tall durch wohlfeilen Zusatz so zu vermehren, dais . aus der ver- 
gröfserten Menge Metall eine gröfsere Anzahl derartiger Goldmünzen 
— 5 Ducaten z. B. — geschlagen werden könne, ohne dafs die 
letzteren bei oberflächlicher Prüfung als minderwerthig zu erkennen - 
seien. Mit einem Künstler, welcher Solches zu leisten vermöge, 
wollte z. B. 1464 der Ritter Hans Schönstainer den Markgrafen 
Albrecht Achilles von Brandenburg bekannt machen, welcher mit 
seinem S. 106 erwähnten älteren Bruder Johann (der 1457 die Pie- 
gierung des bisher von ihm besessenen Theiles des Fürstelithums 
Baireuth an diesen Albrecht Achilles abtrat) die noble Passion 
der Alchemie theilte**). Thurneysser's Ärchidoxa (1569) ent- 
halten einen Procefs, mittelst dessen man 14 Loth Gold zu 16 Loth 



*) In der Lateinischen Übersetzung des ursprünglich in Arabischer Sprache 
verfafsten Werkes heifst es: Alchimistarwn auteln diio hie — in Fez — sunt 
genera, quorum alii elissir, hoc est, materiam quaerimt quae aes et metallum 
tingit — vgl. S. 4 — , alii metallorum qiiantitatum multiplicationem, quo ea 
commode misceant. Scopus tarnen fere esse solet, aduUerinam eudere monetam: 
quare lioriim maximam partem Fessae mann truncatam reperias. 

**) Den betreffenden, im Archiv der Plassenburg bei Cuhnbach aufgefundenen 
Brief des Schönstainer an den Markgrafen hat Christ. Gottl. von Murr in 
seinen Literarischen Nachrichten zur Geschichte des s. g. Goldmachens (Leipzig 
1805), S. 21 ff. veröffentlicht und Schmieder daraus in seiner Geschiebte der 
Alchemie (Halle 1832), S. 226 f. abdrucken lassen. Das Schreiben, „Datum am 
Suntag nach Sandt partlmefstag Anno LXIIII" und unterzeichnet „Hans Schön- 
stainer zum Schönstein, ritter", enthält die Benachrichtigung, dafs der Letztere 
die Bekanntschaft eines frommen guten abenteuerlichen Gesellen gemacht habe, 
M'elcher sich einer besonderen Kunst berühme und diese einem abenteuerlichen 
Fürsten gegen eine Belohnung zu lehren geneigt sei. Im Postscript -wird äuge- 



168 Bestrafung betrügerischer Alclieniisten. 

gradiren, also um 2 Loth soll schwerer machen können. Und Ähn- 
liches: dafs und wie s. g. Vermehrung edlen Metalles zu bewirken 
sei, kommt nachher noch oft vor. 

Ich hatte in dem Vorhergehenden wiederholt solcher alchemisti- 
schen Betrügereien zu gedenken, welche Fürsten gegenüber schon in 
früher Zeit ausgeführt worden sein sollen (vgl. z. B. S. 156), in späterer 
Zeit ausgeführt worden sind (vgl. z. B. S. 165 1), und deren Verüber 
von den Betrogenen zur Strafe gezogen worden. Unter solchen Ver- 
hältnissen begangene Betrügereien werden auch noch in dem Nach- 
folgenden mehrmals in Erinnerung zu bringen sein; sie kamen häufig 
vor, schon defshalb weil Fürsten vorzugsweise ausbeutungsfähige 
Liebhaber der Alchemie waren. Ich brauche an dieser Stelle zu dem 
bezüghch derartiger Prellereien bereits Gebrachten und später zu 
Bringenden nicht noch weitere Beispiele mitzutheilen, aber es dient 
doch wohl zur Vervollständigung der in dieser Schrift zu vermittelnden 
Vorstellung, wie es mit der Ausübung der Alchemie früher aussah, 
Wenn ich Einiges über die Bestrafung betrügerischer Alchemisten 
durch Fürsten, welche durch die Ersteren hintergangen worden waren, 
hier zusammenstelle. 

Die Art der Bestrafung hing natürlich von der Gemüthsart des 
hintergangenen Fürsten und von der Qualification des begangenen 
Betruges ab. Es kam selten vor, dafs ein Fürst einen entlarvten 
Alchemisten einfach laufen lief's und die Schande der Entlarvung als 
diesmal ausreichende Strafe ansah. Kaiser Leopold I., welchem 
(vgl. S. 89 u. 158 f.) ein aus einem Böhmischen Kloster nach Wien 
gekommener Künstler Wenzel Seyler u. A. aus Kupfer und aus 
Zinn angebliches Gold gemacht hatte, mufste, als später zu seiner 
Kenntnifs kam, dafs ein Betrug stattgefunden habe und weis Art 



geben: „Es ist eine solche Kunst, das der gutt gesell albeg auls vir Ungrisch 
oder vir tuckatten gülden fünff guklein machen wil, und wil dy machen an als 
Fräcken mit Stemplfel und an al Hamerschleg, und der guidein yetbeter ainer 
sol seinen rechten Schlag haben als er von recht wegen haben sol, und sein 
rechte Sbär und sein pug, als die guidein haben süllen, und sein strich auff den 
Stain, wan man in vcrsuecht, auch gnadiger Her, Ir müst im Anfang ein Gold- 
smitt zu den Dingen haben, als lang als auf virzochen tag, darnach dürft Ir 
sein nimer. Darnach wifs sich eur Gcnadt zu richten". 



Bestrafung betrügerisclier Alchemisten. 169 

dieser Mann sei*), in sehr gnädiger Laune gewesen sein oder sonst 
sehr triftige Veranlassung zu Nachsicht gehabt haben, denn er schickte 
den Künstler nur wieder dahin (nach Böhmen), von wo Dieser ge- 
kommen war, und beglich sogar Desselben beträchtliche Schulden. 
Übrigens ist es begreiflich, dafs ein Fürst einem Alchemisten, der ihn 
getäuscht hatte, nach Entdeckung der Täuschung auch in Anbetracht 
ersprielslicher anderweitiger Leistungen des Künstlers Verzeihung an- 
gedeihen lassen konnte, und ist uns dafür bereits S. 133 f. bei der 
Erzählung, wie König August IL von Polen in solchem Falle mit dem 
Alchemisten Böttger verfuhr, ein Beispiel vorgekommen. Meistens 
war die Bestrafung eine fühlbarere, und da konnte der Übelthäter 
froh sein, wenn er mit körperlicher Züchtigung davon kam. Solche 
soll z. B. dem berühmten Arabischen Arzte Rhases auf Befehl des 
Khalifen el-Mansur zu Theil geworden sein; der Erstere mulste 
zur Zeit, da ihm Dies widerfuhr, schon sehr l)ejahrt gewesen sein (er 
starb wahrscheinlich 932 in hohem Alter; als den el-Mansur ge- 
nannten Khalifen würde man sich den 931 bis 934 regierenden zu 
denken haben), wenn die Erzählung begründet ist, dals er für die 
Überreichung einer alchemistischen Schrift**) an den genannten 
Fürsten von Diesem eine reichliche Geldbelohnung, dann aber, als 
die zur Bestätigung verlangten Experimente das in Aussicht gestellte 
Resultat nicht ergaben, Peitschenhiebe erhalten habe (dafs dabei 
Rhases' Augen verletzt worden seien, soll die Blindheit verursacht 
haben, welche Derselbe in seiner letzten Lebenszeit zu ertragen 
hatte). In sehr vielen Fällen traf betrügerische Alchemisten die 
Todesstrafe, deren Anwendung zugleich das sicherste Mittel dafür 
abgab, dafs die Delinquenten nicht auch noch etwa Diejenigen, deren 
Vertrauen sie getäuscht hatten, durch Erzählungen von der Leicht- 
gläubigkeit und Habgier Derselben compromittiren konnten. 

Die Todesstrafe in einer oder einer anderen Form. Doch wohl 
nicht noch einmal in so grausamer Weise, wie sie unter Herzog 
Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, dessen als eines der Alchemie 



*) Den Kaiser hatte Seyler um etwa 20 000 Gulden, aul'serdem noch ver- 
schiedene Hof- und Staatsbeamte um bedeutende Summen betrogen. 

**) Der Titel dieser Schrift ist mit Coufinnatio artis chiviiae wiedergegeben; 
in ihr sollte gezeigt werden, dafs man der Möglichkeit, diese Kunst d. i. die der 
Metallveredlung zu entdecken, näher sei als der Unmöglichkeit. 



170 Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 

vertrauenden Fürsten schon S. 125 zu gedenken war, bei Wolfen- 
büttel an den Stärkstbelasteten einer Alchemistenbande vollzogen 
wurde, welche sich allerdings aufser alchemistischen Vorspiegelungen 
und Betrügereien noch anderer schwerster Verbrechen schuldig ge- 
macht hatten*). Unter diesen Übelthätern trat am Meisten hervor 
Philipp Sömmering, der an Stelle dieses Namens den gräcisirten 
Therocyclus anzunehmen beliebte: ein aus Tambach in Thüringen 
gebürtiger Theologe, welcher 1555 eine Pfarrstelle in der Nähe von 
Gotha erhielt und sich als Anhänger der strenglutherischen Lehr- 
meinung zu erkennen gab. Er hatte sich schon frühe alchemistischen 
Studien ergeben, trat mit einem Abel Seh er ding, einem Amts- 
bruder von gleicher Richtung in Verbindung und mit diesem 1566 
in ein durch einen rechtsförmigen Vertrag geordnetes Verhältnifs zu 
dem Herzog Johann Friedrich IL dem Mittleren von Sachsen-Weimar 
und -Gotha; gegen Verabreichung von 16 Loth feinem Gold und 
anderen Arbeitsmaterialien, auch abschlagsweise gezahlte 760 Thaler 
und Zusicherung eines Zehntheils von dem Ertrage der Unternehmung 
versprachen die beiden Künstler, treulich und ohne Betrug zu arbeiten, 
Niemand wider Pteclit und Billigkeit zu beschweren, auch sobald Gott 
die Gnade verleihen werde, dafs sie die rechte hohe Kunst mit dem 
Stein, der Weisen gefeitigt, den letzteren dem Herzog zuzustellen und 
für Diesen wahrhaftige Beschreibung aufzusetzen, wie der Stein ge- 
macht und zugerichtet werden müsse. Aber bevor es so weit 
gekommen war, entwichen sie — in der Zeit, als in Folge der 
Grumbach'schen Händel Gotha eingeschlossen und die Verhältnisse 
da sehr verwirrt waren — in Gesellschaft einiger Anderer, nament- 
lich eines vorherigen Kammerdieners und Hofnarren des Herzogs: 
des öfters unter seinem Spitznamen Schiel hei nze vorkommenden 
Heinrich Schombach und dessen Weib Anne Marie Zieglerin 
zunächst nach Schmalkalden, wo sie sich eine Zeit lang aufhielten. 
Die Bemühungen Sömmering's, in seine Pfarre wieder eingesetzt 
zu werden, waren erfolglos. Nach einigem Herumtreiben kam er im 
Frühjahr 1571 nach Braunschweig -Wolfenbüttel, wo er sich als 

*) Erst in neuester Zeit ist hierüber Genaueres bekannt geworden durch 
die sorgfähig gearbeitete Monographie: Die betrüglicheu Gohlmacher am Hofe 
des Herzogs Julius von Braunscliwoig, nach den ProceCsakten dargestellt von 
A. Khanim; Wolfenbüttel 1883. Ihr ist das oben Angegebene entnommen. 



Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 171 

Einer einführte, welcher der Salzbereitung kundig sei; dem Herzog 
bekannt geworden wufste er sich bei Diesem durch sein Vorgeben, 
den Ertrag der Bergwerke bedeutend steigern und den Stein der 
Weisen wie auch die Vorschrift zur Darstellung desselben mittheilen 
zu können, in Gunst zu setzen. Er holte im Herbst 1571 die beiden 
genannten Gefährten seines Aufenthaltes in Schmalkalden und einen 
1570 nach dem Verlassen dieser Stadt zu ihm gestol'senen Sylvester 
Schulfermann aus Lübeck, einen reisigen Knecht der viel herum- 
gekommen war und schon viel auf dem Gewissen hatte, von Eschwege, 
wo die Drei in der Zwischenzeit gewesen waren, nach Wolfenbüttel. 
Wiederum wurde ein förmlicher Contract aufgesetzt, nach welchem 
Sömmering gegen Gewähr von Obdach, Zehrung und allem Arbeits- 
bedarf sich verpflichtete, binnen Jahresfrist die metallveredlende Tinctur 
auszuarbeiten und den Ertrag der Bergwerke so, wie er es vorher in 
Aussicht gestellt hatte, zu steigern, wogegen ihm der Herzog die 
urkundliche und bedingungslose Zusage seines Fürstlichen Schutzes 
gab, zur Deckung der ersten Ausgaben 2000 Thaler auszahlen liefs 
und eine Wohnung mit Laboratorium anwies, auch für die Unter- 
bringung der drei Begleiter Sömmering's als der Gehülfen desselben 
sorgte. Sömmering scheint ursprünglich an die Möglichkeit, sein 
Versprechen bezüglich der Darstellung des Steins der Weisen zu halten, 
geglaubt, sich zudem auch auf Das, was die Frau des Schombach 
in der Alchemie leisten zu können sich rühmte, verlassen zu haben. 
Diese war eine abgefeimte Intriguantin, von einnehmenden Manieren ; 
einem angesehenen Sächsischen Adelsgeschlecht entstammend war sie 
frühe an den Dresdener Hof gekommen, frühe verdorben, einem 
Sächsischen Edelmann angetraut bald zur Wittwe geworden; später 
in Gotha von dem Herzog um sie zu versorgen an den Schombach, 
einen niedrigen und unbedeutenden Menschen verheirathet ging sie 
ihre eigenen Wege; dem Sömmering erwies sie sich, als Dieser zur 
Erfüllung der vertragsmäfsigen Zusage gedrängt war, in der Erfindung 
und Geltendmachung von Ausflüchten als ein stets bereiter Beistand 
wenn nicht überlegen. Während längerer Zeit blieb Sömmering 
bei dem Herzog in hoher Gunst; zu Dessen Kammer-, Berg- und 
Kirchenrath wurde er ernannt, und er übte grol'sen Einfliifs aus, auch 
auf die Ernennungen zu Staats- und Kirchenämtern. Das Vertrauen 
des Herzogs wurde durch die an Denselben ergangenen Warnungen 



172 Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 

nicht erschüttert und die an ihm begangenen Betrügereien blieben 
ihm noch verborgen; einen Boten, welcher zum Werkzeug der Ent- 
deckung hätte werden können, machte Schulfermann durch Er- 
mordung auf einsamer Heerstrafse unschädlich. Immer noch liefs 
auch der Herzog bezüglich der Realisirung der ihm gemachten Hoff- 
nungen auf günstigen Erfolg der alchemistischen Arbeiten sich hin- 
halten. Nach einer Reihe von Verwickelungen, auf die hier nicht 
eingegangen werden kann: von Verwickelungen, bei welchen die bisher 
vorhandene Eintracht zwischen den Verbündeten nicht Stand hielt 
und an welchen noch ein hinzugekommener früherer Kriegsgefährte 
Schulfermann's, Jobst Kettwig aus dem Lüneburgischen Antheil 
nahm, kam es im Anfang des Jahres 1574 so weit, dafs eine Ent- 
deckung der wahren Sachlage unvermeidlich bevorstand. Da bat 
Sömmering um Abschied für sich, Schombach und dessen Frau; 
da derselbe beanstandet wurde schreckten die Schuldigen nicht davor 
zurück, Diejenigen, welche ihnen als die gefährlichsten Zeugen für 
ihre Verbrechen erschienen, durch Gift aus dem Wege zu räumen. 
Nach erfolglos erneutem Entlassungsgesuch versuchten sie die Herzogin, 
die sie als schon frühe ihnen milstrauend und als Gegnerin erkannt 
hatten, ebenso zu beseitigen. Von allen Seiten zog sich jetzt das 
Netz über Sömmering fester zu. Auf seine nochmalige inständige 
Bitte um Entlassung erfolgte der ungnädige Bescheid, dafs Schom- 
bach mit seinem Weibe ohne Verzug den bisher Denselben gewährten 
Aufenthaltsort zu verlassen haben, Sömmering hingegen bleiben, 
über das ihm zu Last Fallende sich verantworten, binnen kürzester 
Frist den Contract erfüllen oder des zugesagten Schutzes verlustig sein 
solle. Die Ausgewiesenen wendeten sich nach Goslar; Sömmering, 
der die Arbeiten im Laboratorium wieder aufgenommen hatte, folgte 
ihnen dahin nach, als die Gefahr der Überführung durch beigebrachte 
Zeugen noch näher rückte, und traf Veranstaltung zu weiterer Flucht. 
Doch bevor diese zur Ausführung kam, wurde er mit Jenen und 
einigen untergeordneteren Theilnehmern ihres Treibens gefafst und 
um Pfingsten 1574 in Wolfenbüttel eingekerkert. In der nun be- 
gonnenen peinlichen Untersuchung, zu welcher auch im Herbst dieses 
Jahres die bei dem Hereinbrechen der Katastrophe aulscrhalb des 
Herzoglichen Gebietes befindlichen Betheiligten: Schulfermann und 
Kettwig beigebracht wurden, legten der Letztere freiwillig, die Andern 



Bestrafung betrügerischer Alcliemisten. 173 

nach vorausgegangener und wiederholter Tortur Geständnifs ab. Nach 
Einholung der Rechtssprüche mehrerer Schöffenstühle wurden die 
Urtheile gefällt und am 7. Februar 1575 bei Wolfenbüttel vollstreckt. 
Sömmering und Schombach wurden mit glühenden Zangen zer- 
rissen, geschleift und geviertheilt: Schombach 's Frau, die Anne 
Marie Ziegler mit Zangen gezwickt und in einem eisernen Stuhle 
verbrannt; Schulfermann und Kettwig wurden geschleift, auf das 
Rad geflochten, geviertheilt, und die Theile auf der Heerstrafse von 
Braunschweig nach Goslar hin aufgehängt; an noch mehreren hier 
uns weniger in Betracht kommenden Theilnehmern an dem Verbrechen 
wurde gleichfalls die Todesstrafe vollzogen. Unter dem Namen der 
Schlüter-Liese oder Schlüter-Ilsche (die Bedeutung keines dieser 
Namen ist mit einiger Wahrscheinlichkeit erklärt) hat die Alchemistin, 
die in solcher Weise geendet, als Hexe und Giftmischerin in dem 
Munde des Volkes fortgelebt, welches in Wolfenbüttel den zu der 
Verbrennung benutzten eisernen Stuhl von einem Gewölbe des Schlosses 
an Ketten herabhängend bis vor wenigen Jahrzehnten sehen konnte. 
— Herzog Julius stand von da an davon ab, an der Darstellung des 
Steins der Weisen arbeiten zu lassen; auf ein ihm schon 1576 ge- 
machtes Anerbieten, die Sache noch einmal zu versuchen, antwortete 
er so vorsichtig, dafs eine Wiederholung der gemachten Erfahrung 
unterblieb, und eine von dem Pfalzgrafen Richard am Rhein ihm 
1586 angesonnene Betheiligung an Betreibung der Alchemie lehnte 
er ab. 

Meistens wurde die Vollziehung der Todesstrafe an betrügerischen 
Alchemisten nicht durch vorgängige Zufügung anderer körperlicher 
Qualen, oft aber durch Hohn geschärft. Es mag hier zunächst zweier 
solcher, in ihrer Art ausgezeichneter Verbrecher gedacht werden, die 
mit dem Schwerte hingerichtet wurden. 

Der Eine derselben soll ein Grieche von der Insel Cypern, nach 
anderer Angabe ein Kapuziner von Candia gewesen sein und von 
Haus aus Mamugna gelieifsen haben. Unter diesem Namen spielte 
er in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts zuerst im 
Orient die Rolle eines Adepten mit Glück. 1578 kam er als Graf 
Mamugnano nach Italien, glänzte namentlich in Venedig in vor- 
nehmen Kreisen, machte vor verschiedenen Standespersonen das Kunst- 
stück, Quecksilber zu Gold umzuwandeln, verehrte auch dem Dogen 



174 Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 

ein graues Pulver als den Stein der Weisen und theilte Demselben 
sogar eine schriftliche Anweisung (sie war aus einem damals bereits 
gedruckten älteren alchemistischen Tractat abgeschrieben) zur Dar- 
stellung der kostbaren Substanz mit. 1588 ging er nach Deutschland. 
Da war er der Graf Marco Bragadino, ein Sohn des Venetianer 
Helden, welcher 1570 und 1571 Famagusta gegen die Türken tapfer 
vertheidigt hatte und von den Letzteren nach der Übergabe dieser 
Festung in treuloser und grausamster Weise mit abgeschnittenen 
Ohren und Nase an die Spitze eines Mastes gebunden und dann 
lebendig geschunden worden war: aber der Künstler hatte sich darüber 
zu beklagen, dafs er von seiner Familie verfolgt werde, wobei Das 
als begründet erscheint, dafs die Familie Bragadino von ihm als 
einem ihr Zugehörigen Nichts wissen wollte. In Deutschland prahlte 
er damit, dafs seine Kenntnisse in der Magie ihn befähigen, Gold zu 
machen, und als die Medien dafür, magische Wirkungen zu bewerk- 
stelligen, galten zwei schwarze Bullenbeifser von äufserst verdächtigem 
Ansehen, die er mit sich führte. Nachdem er in Wien durch seine 
Künste grofses Aufsehen erregt hatte, kam er nach München, wo er 
sich und seine Leistungen bei Hofe producirte; seine Absicht, zunächst 
auch noch Prag und Dresden zu besuchen, kam nicht zur Verwirk- 
lichung, weil er in München als Betrüger entlarvt, auch der Führung 
eines falschen Namens überwiesen wurde. Er wurde 1591 (auch das 
Jahr 1590 wird angegeben) zu München in einem mit Flittergold 
beklebten Gewand unter einem vergoldet aussehenden (mit gelbem 
Metall bekleideten) Galgen, von welchem ein mit gelbem Lahn über- 
zogener Strick herabhing, enthauptet (nach einer anderen Angabe 
selbst daran gehängt); zwei Genossen von ihm, Schlichtinger und 
Marwiser wurden an diesem Galgen aufgeknüpft und unter dem- 
selben die dämonischen Bullenbeifser zu mehrerer Sicherheit erschossen. 
Der Andere von diesen beiden Übelthätern war ein Grofsoheim 
des Fräuleins Susanna Katharina von Klettenberg, der 
Goethe's Mutter befreundeten Dame, mit welcher Dieser während 
des Winters 1768 auf 1769 in Frankfurt a. M. Hermetische Studien 
trieb und die er als Diejenige genannt hat, aus deren Unterhaltungen 
und Briefen die in Wilhelm Meisters Lehrjahren mitgetheilten „Be- 
kenntnisse einer schönen Seele" entstanden seien. Johann Hector 
von Klettenbcrg, 1684 in Frankfurt a. M. geboren, war noch jung 



Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 175 

Kurpfcälzischer Hauptmann und an eine von Billenfeld verheirathet. 
Im Dezember 1709 erstach er im Zweikampf oder im Streit einen 
ihm nahe verwandten Herrn von StaHburg; in Haft und Criminal- 
untersuchung genommen wurde ihm durch ein von der Juristen- 
Facultät zu Tübingen gefälltes Urtheil der Kopf abgesprochen; er 
war aber inzwischen aus der Haft entflohen, wefshalb ein bezüglich 
der Vollstreckung des ersteren Urtheils von derselben Facultät ein- 
geholtes Urtheil vom Februar 1711 erkannte, dafs man sich zuvör- 
derst der Person des Delinquenten erst wieder zu versichern habe. 
Dieser wufste sich indessen ein Kaiserliches sicheres Geleit zu er- 
wirken; der Magistrat zu Frankfurt that zwar dagegen Vorstellungen, 
gab sich jedoch weiter keine Mühe, des Verurtheilten wieder habhaft 
zu werden. Klettenberg soll sich zunächst nach der Pfalz ge- 
wendet haben und scheint dann in Ptussische Dienste getreten zu 
sein; wenigstens bezeichnete er sich auf dem Titel der alsbald zu 
erwähnenden, 1713 veröftentlichten Schrift als ehemaligen Grofs- 
Czarischen Obristen. Aber bald war er wieder in Deutschland, unter 
dem Namen eines Freiherrn von Wildeck (die von Klettenberg 
führten ihren Ursprung auf einen im Anfang des elften Jahrhunderts 
lebenden Piitter von Wild eck zurück) und als Alchemist. Bremen, 
Mainz und Prag werden als die Städte genannt, in welchen er sich 
aufgehalten und die Mittel zu einem vornehmen Auftreten sich zu 
verschaffen gewufst habe, aus welchen er aber auch nach der Ent- 
nahme von Vorschüssen um nothwendiger Pteisen willen unter eid- 
licher Versicherung baldigster Rückkehr wegging um nicht wieder- 
zukommen. 1713 war er in Thüringen, wo er in Arnstadt, in 
Ilmenau und in Weimar sich aufhielt. Er trat damals mit dem 
Fürsten Anton Günther von Schwarzburg in Beziehung, welchem 
als einem der Alchemie eifrig Beflissenen er von Dessen Residenz 
(Arnstadt) aus die zu erwähnende Schrift dedicirte. Aber nament- 
lich dem Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen- Weimar suchte er in 
Ilmenau nahe zu kommen, welchem er weitgehende Versprechungen 
bezüglich der Steigerung der Bergwerks-Erträgnisse machte. Mittelst 
eines von ihm bereiteten Wassers lasse sich das in Erzen enthaltene 
angeblich flüchtige edle Metall (Gold und Silber), welches nach den 
gewöhnlichen Verfahren nicht gewonnen werden könne, ausziehen, 
mittelst einer ihm bekannten Solution präcipitiren und der Präcipitat 



176 Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 

mittelst eines wiederum von ihm erfundenen Flusses zu einem an 
edlem Metall reichen Regulus schmelzen ; das Wasser und der Flufs 
mindern sich bei der Benutzung weder in der Quantität noch der 
Qualität, und lassen sich ins Unendliche gebrauchen; in dieser Weise 
lasse sich aus Erzen, die bis dahin gar nicht der Bearbeitung würdig 
gewesen seien, mindestens das Doppelte von Dem an edlem Metall 
ausbringen, was die besten Erze ergeben hätten; diese Arbeit, die 
sehr im Grofsen und sehr lucrativ betrieben werden könne, sei keine 
alchemistische sondern eine metallurgische. Der Herzog wies 200 
Thaler zur Bereitung der erforderlichen Präparate an, und bei den 
ersten damit in Gegenwart einiger hüttenkundiger Männer unternom- 
menen Versuchen kam auch Silber zum Vorschein. Aber bei einer 
vom Herzog noch verlangten Hauptprobe, welche in Weimar im 
August 1713 angestellt wurde, kam des Künstlers Schlauheit und 
Fingerfertigkeit zu kurz gegen die Gewissenhaftigkeit und Wachsam- 
keit der zur Beaufsichtigung bestellten Männer: des Kammerratlis 
Voigt von Weimar und des Hüttenmeisters Heinemann von Botten- 
dorf; etwas Silber wurde in allen von ihm zur Ausführung der Ope- 
ration gestellten Materialien gefunden und ein Versuch, noch mehr 
Silber zu den der Bearbeitung unterworfenen Erzen heimlich zu 
bringen, erkannt. Auf erstatteten Bericht fand es der Herzog be- 
denklich, in der Sache weiter vorzugehen, und verabschiedete er den 
Unternehmer unter Erlassung der Verrechnung des empfangenen 
Geldes. 1713 veröifenthchte Klettenberg, doch nicht unter voller 
Nennung seines Namens, eine „Die entlarvte Alchemie" betitelte 
Schrift, in welcher er namentlich auch darlegte, dafs Gott nur Den- 
jenigen, die ein heiliges Leben führen, das grofse Geheimnifs der 
Hermetischen Kunst offenbar werden lasse. Was Dem gemäfs, dafs 
die Sachen sich in der Praxis oft anders machen als es der Theorie 
nach sein sollte, gerade von ihm in ganz anderer Weise zu erreichen 
gesucht wurde: auf die Nachricht hin, dafs ein (in dem betreffenden 
Bericht nicht genauer bezeichneter) Mann unter Beihülfe seiner Frau 
sich erfolgreich mit alchcmistischen Processen beschäftigt habe und 
im Besitz einer sehr wirksamen Tinctur sei, verführte er diese Frau 
und bestimmte er Dieselbe, mit ihm unter Mitnahme der besten 
Processe ihres Mannes, der Gold-Tinctur und anderer zur Ausübung 
der Alchemie wichtigster Piequisite durchzugehen. Mit dieser Person, 



Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 177 

welche er für seine Ehefrau ausgab, und dem durch sie ihm Zuge- 
brachten wendete er sich als Oberst von Klette nberg nach Kur- 
Sachsen, dessen Herrscher Friedrich August IL der Starke, als 
König von Polen August IL viel Geld nöthig hatte und einen 
Alchemisten von gröfserer Leistungsfähigkeit, als er in Böttger 
(S. 130 ff.) gefunden, wohl hätte brauchen können. Klettenberg 
führte am Hofe zu Dresden einen befriedigenden Versuch aus, und. 
im Januar 1714 schlofs mit ihm zu Leipzig der Graf von Hoym 
Namens des Königs einen Vertrag ab. Danach versprach der angeb- 
liche Adept, zum Dienste des Königs längstens binnen 14 Monaten 
eine Universaltinctur anzufertigen, welche die unreifen Metalle in 
feines Gold tingire und die wenn einmal ausgearbeitet binnen 14 Tagen 
durch einen gewissen Handgriff ins Unendliche vervielfältigt werden 
könne; auch wolle er binnen 2 Monaten eine liquide Tinctur darstellen, 
durch welche die menschliche Natur bis ins späteste Alter vor allen 
Krankheiten conservirt, mittelst äufserlichen Anstreichens oder Punc- 
tirens aber ein dünnes Stück Silber in feines Gold, doch ohne Profit 
und nur zur Curiosität, verwandelt werden könne; noch vor Anfang 
der Arbeiten werde er die wahrhafte Beschreibung beider Tincturen 
und deren Multiplication an den König übergeben, der dieselbe nicht 
in andere Hände kommen lassen wolle; er versicherte eidlich, dafs 
er der wahrhafte Besitzer dieser Wissenschaften, dafs die zu über- 
gebende Beschreibung acht, auch von ihm bereits vorher zur Aus- 
führung gebracht worden sei, und er wolle sich allen nur erdenklichen 
Strafen unterwerfen, wenn der König nach vollbrachter Arbelt den 
Effect nicht finden würde; er wolle dem Hofapotheker Werner, den 
der König dazu ausersehen, diese Wissenschaft mit allen Umständen 
und Handgriffen zeigen; die Tinctur solle zweifach eingesetzt werden, 
einmal in des Königs Laborir- Werkstatt und einmal in Klettenberg's 
eigener, der König solle aber von beiden Einsätzen drei Viertheile 
erhalten und dem Künstler solle nur Ein Viertheil bleiben; der Oberst 
von Klettenberg wolle dem König auch seine übrigen von Gott 
ihm beigelegten Wissenschaften in der Metallurgie und sonst treulich 
offenbaren. Dagegen wolle der König in seinen Landen dem von 
Klettenberg einen sicheren Aufenthalt verstatten und nicht zulassen, 
dafs Demselben seine Freiheit abgeschnitten werde, es wäre denn, 
dafs Dieser seine Promessen nicht erfülle oder im Lande sich criminell 

Kopp, Die Alchemie. I. 12 



178 Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 

mache ; er eximire ihn daher von aller anderen Jurisdiction und wolle 
ihn nur von sich selbst unmittelbar dependiren lassen; damit ihm 
auch der Zutritt zu dem König mehr offen stehe, erkläre ihn der 
Letztere zu seinem wirklichen Kammerherrn; der König werde ihm 
ein besonderes Haus nahe bei dem Schlosse zu Dresden zu Dessen 
Bequemlichkeit und zur Einrichtung eines Laboratoriums aptiren lassen, 
behalte sich jedoch das Eigenthum und eine oder zwei Stuben zum 
Abtreten vor; dem Kammerherrn werden zu seiner und seiner Familie 
Subsistenz vom Januar 1714 an monatlich 1000 Thaler zugesagt 
und zum Ameublement der Wohnung und für Einrichtung des Labora- 
toriums sofort auszuzahlende 3000 Thaler, doch solle die Besoldung 
sich nur auf die 14 monatliche Operation und die Zeit der dafür 
nöthigen Vorarbeit: 4 Wochen von der Ankunft des verlangten Anti- 
moniums aus Ungarn an, erstrecken; zur Recreation werde der König 
dem Kammerherrn einen District zur Exercirung der Jagd anweisen 
lassen. Noch lautete die Übereinkunft dahin, dafs Klettenberg 
nicht ohne des Königs specielle Erlaubnifs aufserhalb Landes reisen, 
auch unter keinem Vorwand ein Mehreres an Geld oder Aufwand von 
dem König begehren wolle. Der Alchemist, welcher wahrscheinlich 
an der für ihn vortheilhaften Verzögerung der Vorarbeit etwas be- 
theiligt war, ging erst im October 1714 an die Ausführung der 
Hauptarbeit, lebte dabei sehr flott und machte viele Schulden. Er 
stand in Gunst bei dem König, von welchem er auch zum Amts- 
Hanptmann zu Senftenberg ernannt wurde. Er erwirkte sogar gegen 
Ende des Jahres 1715 die Erlaubnifs, mit dem Hofapotheker Werner 
in seine Vaterstadt Frankfurt zu reisen, wo er sich einen Tag lang 
öffentlich zeigte, dann aber bei drohender Verhaftung sich in der 
Nähe der Stadt bis zum Frühjahr 1716 aufhielt; nach Dresden zu- 
rückgekehrt wufste er dem König vorzuspiegeln, dafs er über Er- 
wartung in seinen Angelegenheiten aufgehalten worden und dafs das 
Resultat der Vorarbeit darüber zu Grunde gegangen sei, so dafs die- 
selbe im Juni 171() wieder ganz von Neuem angefangen wurde. Als 
aller Erinnerung ungeachtet auch noch das Jahr 1717 herumgegangen 
war, ohne dafs der versprochene Erfolg erzielt \Yorden wäre, wurde 
man Königlicher Seits doch ungeduldig und vielleicht mifstrauisch. 
Um dem Säumigen beizukommen wurde beschlossen, dafs dem in 
einer Wechsel-Klage gegen ihn gestellten Antrag auf Haft stattge- 



Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 179 

geben werden solle; auf die inständige Bitte des Beklagten und Dessen 
angeblicher Frau um Relaxation dieses Arrestes unter Erbietung, 
sich einer Untersuchung bezüglich der bis dahin vollbrachten alche- 
mistischen Arbeiten zu unterwerfen, wurde resolvirt, dafs nicht jener 
Bitte, wohl aber diesem Erbieten zu willfahren sei. Gegen das Ende 
des Februars 1718 wurde eine Commission, bestehend aus dem Ge- 
heimerath und Bergdirector von Ale mann, dem Karamerherrn Grafen 
von Lesgewanz und dem Bergrath und Leibarzt Tittmann ein- 
gesetzt mit dem Auftrage, zu untersuchen „aus was Ursache die 
Klettenberg'sche Arbeit noch nicht zu Ende gebracht worden, und 
was für Hofnung von deren künftigen Succefs vorhanden sei", und 
gleichzeitig sollte Klettenberg angewiesen werden, des Arrestes un- 
geachtet seine Arbeit fleifsig zu fördern. Die Commission fand, dafs 
der Hofapotheker Werner dem ihm gewordenen Auftrag, ein Tage- 
buch über des Alchemisten Arbeiten zu führen, nicht nachgekommen 
war, und den Letzteren nicht gewillt, anders als in völliger persön- 
licher Freiheit zu arbeiten, weil Das dem seiner Seits beschworenen 
Contract entspreche und er sonst in der Durchführung seiner Opera- 
tionen gehindert sei, wodurch doch viele Millionen entgehen könnten. 
Der Bericht der Commission scheint mehr ausweichend gewesen zu 
sein, mehr Nebensächliches enthalten zu haben wie z. B., dafs 
Klettenberg's Lebenswandel nicht mit Dem in Einklang stehe, was 
Dieser selbst in der erwähnten Schrift von einem wahren Adepten 
verlange; aber ein von Tittmann abgegebenes Sonder-Gutachten stellte 
einen Erfolg der Klettenberg' sehen Arbeiten wie überhaupt die Mög- 
lichkeit der Metallverwandlung entschiedener in Abrede. Diese Er- 
klärung mag Eindruck auf den König gemacht haben, welcher jetzt 
dem Alchemisten befehlen liefs, bei Vermeidung einer dem Verluste 
so vieler Millionen angemessenen Strafe die Sache zu Ende zu führen. 
Diese zog sich jedoch noch hin, da einerseits Klettenberg eine 
solche Auffassung bestritt, bei seiner Weigerung blieb, als Gefangener 
zu laboriren, aber eine Wiederaufnahme der Arbeit als baldigsten 
günstigen Erfolg versprechend hinstellte, anderseits für ihn ein neues 
Gutachten Tittmann 's nicht günstiger und wohl einzusehen war, 
dafs Klettenberg die Aufhebung der Haft begehre, um entweichen 
zu können. Der König befahl nun, so fern sich kein Merkmal einer 
gelungenen Leistung ergebe und keine Hoffnung für guten Ausschlag 

12* 



180 Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 

des Unternehmens vorhanden sei, Vorgehen gegen den Künstler unter 
Zuziehung des Amtmanns zu Dresden. In der summarischen Ver- 
nehmung berief sich Klettenberg darauf, dafs zahlreiche alche- 
mistische Schriftsteller für die Perfection des Steins der Weisen eine 
unbestimmte Zeit verlangen, und auf seine Interpretation des mit 
dem König geschlossenen Vertrages. In der Special-Inquisition ver- 
weigerte er, über die seinen Lebenswandel betreffenden Fragepunkte 
sich zu erklären; der darüber consultirte Leipziger Schöffenstuhl er- 
kannte, dafs Inquisit auf die ihm vorgelegten Fragepunkte zu ant- 
worten habe und zu verwarnen sei, dafs er widrigen Falles als derselben 
geständig und überführt zu achten sei. Jetzt half es Klettenberg 
Nichts mehr, dafs er dem König neue auf seine Wissenschaft bezüg- 
liche Vorschläge machte; der König rescribirte im September 1718, 
die Untersuchungs-Commission möge sich durch diese und andere 
Ausflüchte in der Erledigung ihrer Aufgabe nicht irre machen lassen. 
Da Klettenberg den Procefs in jeder Weise hinauszuziehen suchte, 
wurde er im März 1719 auf dem Königsstein eingekerkert. Da machte 
er, im Mai desselben Jahres und im Januar 1720, zwei kühne Flucht- 
versuche, wurde aber beide Male wieder eingebracht. Nach dem 
letzten Befreiungsversuche wurde ihm in Dresden ein Todesurtheil 
gesprochen. Die erste Mittheilung desselben hielt er nicht für Ernst; 
als er einsah, dafs sein Ende nahe sei, wurde er reumüthig, blieb 
aber gefafst. Darin, dafs er bei der Vollstreckung des Urtheils am 
29. Februar oder 1. März 1720 beherzt den Tod durch Enthauptung 
erlitten, stimmen alle Berichte überein; nach Einer Angabe soll er 
sich vor der Execution bereit erklärt haben, auch bei harter Be- 
handlung den Stein der Weisen auszuarbeiten*). 

Die gewöhnlichste Art der Hinrichtung betrügerischer Alchemisten 
war die mittelst des Stranges. Kein Fürst hat wohl eine gröfsere 
Zahl solcher Executionen vornehmen lassen, als der 1593 bis 1608 



*) Ich hal)C hier über J. H. von Klettenberg ausführlicher berichtet, 
weil seine Geschichte für die alchemistischen Zustände in den ersten Decennien 
des vorigen .Jahrhunderts charakteristisch und sie in neuerer Zeit mit Irrthümern 
durchwebt erzählt worden ist. Ich werde darauf in Anmerkung IV am Ende 
dieses Thoils zurückkommen, wo Vervollständigungen zu dem oben Gesagten, 
Angaben über die K.'s Leben behandelnden Schriften und über das von ihm 
verfafste Buch sich finden. 



Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 181 

regierende Herzog Friedrich von Württemberg, dessen bereits S. 120 
als eines Fürsten zu gedenl^en war, welcher viele Alchemisten auf 
seine Kosten arbeiten liels. Ihm genügten nicht die einheimischen 
Laboranten, sondern er zog auch Künstler von auswärts an sich. 
Unter Anderen und am Frühesten einen David Bürkheimer mit 
drei Gehülfen, von welchen sich aber bald zeigte, dafs sie alle zu- 
sammen Nichts verstanden; doch kamen sie noch glücklich ab, so 
fern sie zwar in Untersuchung gezogen aber wieder losgelassen wurden. 
Gnädig war der Herzog gegen Michael Heinr. Wagemann, welcher 
freiwillig bekannte, dafs er sein Versprechen, Gold zu machen, nicht 
erfüllen könne. Mehrere der von Friedrich beschäftigten Alchemisten 
entflohen noch zu rechter Zeit, so Joh. Hofrichter und später 
Setonius (vgl. die Anmerkung zu S. 127 f.). Wenige nur von Denen, 
welchen Dies nicht gelang, bülsten ihre Betrügereien im Gefängnil's: 
so Andreas Reiche und Alex. Stocker, (Das Vorstehende be- 
richtet K. Pfaff in seiner Geschichte Wirtembergs, HI. Bds. 1. Abth., 
Stuttgart 1838, S. 240 ff.) Aber grausamer strafte der Herzog 
Diejenigen, welche ihn empfindlicher geschädigt und besonders frech 
betrogen hatten, waren sie nach der Entdeckung ihrer Übelthaten 
in seiner Gewalt; sie wurden an einem eisernen Galgen aufgehängt: 
an einem Galgen, welcher aus demselben Metall: 25 Centnern Eisen 
1597 hergestellt worden sein soll, das der Alchemist Honauer dem 
Herzog Friedrich in Gold umzuwandeln versprochen habe*). An 
diesen mit goldfarbenem Metall überzogenen Galgen liefs Herzog 
Friedrich 1597 den Honauer in einem eben so verzierten Gewand 
aufknüpfen, nachdem der Letztere als ein Betrüger erkannt war 
(die Vorrichtung zur Execution, einschliefslich des Aufschiagens des 
Schaugerüstes soll den Herzog 3000 Gulden gekostet, der Delinquent 
Denselben um mehr als 200000 Thaler betrogen haben; Sammlung 



*) Dieser 35 Fufs hohe eiserne Galgen stand bis 1788 auf einer Anhöhe 
bei der Brag unweit Stuttgart. Au ihm endete auch 1738 Süfs Oppenheimer, 
Finanz- und Premierminister des Herzogs Karl Alexander von Württemberg. 
Er ist wohl Mehreren danach bekannt, dafs Wilhelm Hauff in seiner Novelle 
„Jud Süfs" den jungen Lanbek und den Capitän von Reelzingen bei ihrem 
Ritt von Stuttgart nach Ludwigsburg in der Nacht des Jahres 1737, in welcher 
Karl Alexander eines plötzlichen Todes verstarb, an ihm vorbeikommen und 
dabei einigen Grusel empfinden läfst. 



182 Bestrafung betrügerischer Alchemisten. 

von Natur- und Iledic'm- wie auch hierzu gehörigen Kunst- und 
iiferaf2(r-Geschichten, YiiwiQV-Quartal 1720, Leipzig u. Budissin 1721, 
S,. 339). Ich habe bereits (S. 165 f.) mitgetheilt, was darüber erzählt 
worden ist, wie frech Honauer den Herzog getäuscht habe. Nach 
Sattler's S. 126 citirter Geschichte Württembergs (V. Theil, Tübingen 
1772, S. 196 f.) wollte der Herzog 1596 noch eine Probe der Metall- 
veredlungs-Kunst des in dem Sommer des nämhchen Jahres in seine 
Dienste getretenen Honauer abwarten, vor deren Anstellung Dieser 
mit einem Anderen der Hofalchemisten, Hans von Werdern, als 
seinem Stallmeister floh; ein nachgeschickter Hofdiener holte den 
Flüchtling in Oldenburg ein, brachte Denselben aber zunächst nur 
bis Bückeburg, wo ihn der Graf von Schaumburg in Gewahrsam be- 
hielt*) und erst nach vielen Schwierigkeiten auslieferte**). 1597 nach 
Stuttgart gebracht habe Honauer Einiges freiwillig, Anderes auf 
der Folter eingestanden; Derselbe sei verurtheilt worden, dafs „ihm 
die rechte Hand abgehauen und er an einen ihm zu lieb aufge- 
richteten eisernen Galgen in einem von Goldschaum gemachten Kleid 
gehenkt werden sollte", doch sei er bei der Execution in so fern 
begnadigt worden, dafs ihm nur zween Finger auf dem Schlofsplatz 
abgehauen wurden; gehängt wurde er aber. An einem daneben 
stehenden Galgen wurde sein Cumpan Hans von Werdern aufge- 
knüpft. — An dem Galgen, an welchem Honauer gehängt worden 
war, wurde wenige Jahre später das über Hans Heinrich Neuschier 
aus Zürich gefällte Urtheil vollstreckt. Dieser war im Dezember 1598 
in des Herzogs Friedrich Dienste gekommen und hatte Letzterem 
versprochen, nicht nur einen Theil Goldes hundertfältig zu vermehren, 



*) Auch die Hoffnung, den vermeintlichen goklenen Vogel selbst rupfen 
zu können, war wohl für das Verhalten des Grafen von Schaumburg bestimmend, 
als Dieser sich weigerte, den Honauer an Württemberg auszuliefern; Sattler 
berichtet, dafs ein Edelmann aus dem Gefolge des Herzogs Friedrich mit 
einem Kequisitionsschreiben seines Herrn an den Grafen gesendet wurde, welcher 
der Forderung des Württembergers unter einem Vorwand zunächst nicht ent- 
sprach: „weil aber der Herzog in seinem Schreiben disen dautzte, nahm der 
Grav solches empfindlich auf, indem er gleichwohl als ein Anverwandter des 
Königlichen Dänischen Hauses ein besseres Tractament erwartete". 

**) Ein den Transport der Gefangenen Honauer und von Werdern 
durch das Gebiet der Stadt Frankfurt betreffendes späteres Schreiben des Her- 
zogs hat von Weech a. S. 128 Anmerk. a. 0. S. 470 mitgetheilt. 



Bestrafimg betrügerischer AlcLemisten. 183 

sondern auch aus einer Mark Silber 4 Loth Gold zu machen. Nach- 
dem der Herzog auf dieses Unternehmen grofse Summen und der 
Alchemist dieselben in seinen eigenen Nutzen verwendet hatte, wurde 
der Betrug 1601 entdeckt und der Betrüger in demselben Jahre in 
Kirchheim zum Strange verurtheilt; „der Herzog" — so schliefst 
Sattler (a. e. a. 0., S. 218) seinen Bericht über diese Angelegenheit — 
„liefs ihn aber nach Stuttgard führen, wo er ebenmäfsig an den eysenen 
Galgen aufgehenkt wurde". — Dem Neuschier scheint der Procefs 
in aller Form Rechtens gemacht worden zu sein. Solches war einem 
Anderen, welcher zwei Jahre früher dieselbe schimpfliche Todesstrafe 
erlitt, nicht zu Theil geworden. Das war Einer aus der Zahl Derer, 
welche aus den Oesterreichischen Erblanden als Protestanten ver- 
trieben nach Württeml)erg kamen und da, weil sie sich auf Bergbau 
verstanden, bei dem auch die Gewinnung edler Metalle aus Erzen 
derselben liebenden Herzog Friedrich Schutz und Gnade fanden. 
Auch Der, welcher sich wohl als Bergwerks- Verständiger Peter 
Montan US nannte — „wiewohl er sonsten nur der Carle genannt 
wurde", meldet Sattler, dessen Bericht (a. e. a. 0., S. 230) ich auch 
das Folgende entnehme — , war bei dem bei Freudenstadt betriebenen 
Bergbau betheiligt, wird aber auch unter den Alchemisten des 
Herzogs aufgeführt. „Weil er den Herzog um grofse Summen ver- 
nachtheilte, ward er einmals flüchtig, aber zu Kirchheim gefangen 
genommen und nach Stuttgard geführt, wo ihn der Herzog ohne 
Procefs henken lassen wollte. Seine Piäthe mochten glauben, dafs 
ihm mit der Todesstraffe zu viel geschähe und machten Vorstellungen, 
dafs er von dem Kayser, von welchem er gleichwohl den Blutbann zu 
Lehen hätte, zur Verantwortung gezogen werden könnte, wann er ohne 
Urtheil und Recht jemand wider die Kayserliche Rechte verurtheilen 
liefs. Dann Montan us beruffte sich auf seine Unschuld und forderte 
den Herzog vor GOttes Richterstul. Derselbe fürchtete sich nicht 
davor, weil er diese Aufforderung für unbefugt hielte und glaubte, 
dafs er diesem ausländischen Betrüger die Reichsgesetze zu beobachten 
nicht schuldig sey. Er schämte sich, dafs er gleichwohl demselben 
so grosse Geldsummen anvertraut hatte und wollte durch einen Procefs 
die eigentliche Beschaffenheit der Betrügerey nicht bekannt werden 
lassen. Wefswegen er seinen Räthen antwortete, dafs, wann sie ihm 
dasjenige ersetzten, was er auf disen Lecker verwendet und warum 



184 Bestrafung betrügerisclier Alcliemisten. 

er von ihm betrogen worden, er sich bedenken wollte, was ferner zu 
thun war. Montan wurde also den 28. Junij [1599] unter der 
Protestation an den eisenen Galgen aufgehenkt, dafs er nur einen 
Procefs und hernach das köpfen verdient hätte". — Ebenso wurde 
1607 ein in des Herzogs Diensten stehender betrügerischer Alchemist 
hingerichtet, welcher von Haus aus Johann Heinrich Müller hiefs 
und Barbiergesell gewesen war. Dieser hatte auf seiner Wanderschaft 
gelernt, wie man alchemistische und andere auf Geheimnissen be- 
ruhende Kunststücke macht. Er hatte in Stuttgart die Gunst des 
Herzogs Friedrich gewonnen, war auf Kosten des Letzteren behufs 
Erwerbung der Kenntnil's alchemistischer Geheimnisse und des An- 
kaufs von Anweisungen zum Goldraachen in Spanien und Frankreich 
gereist, und auch auf den Wunsch des Kaisers Rudolf H. Diesem 
für einige Zeit nach Prag zugeschickt worden. Da hatte er dem 
Kaiser namentlich dadurch imponirt, dafs er sich als schufsfrei geltend 
zu machen wulste (er soll sich als kugelfest in der Art bewährt 
haben, dafs er Kugeln aus weichem Bleiamalgam auf sich habe ab- 
schiefsen lassen), wofür er 1603 als Herr von Müllenfels in den 
Adelstand erhoben wurde; in der Wohnung eines der Kaiserlichen 
Kammerdiener, welche zugleich vertraute Gehülfen für die alche- 
mistischen Liebhabereien des Kaisers waren, des Johannes Francke 
hatte er auch unedles Metall- zu Gold umgewandelt. Bei dem Herzog 
Friedrich stand dieser Müller von Müllenfels in hohem Ansehen; 
er war nicht nur mit dem Titel eines Amtmanns begnadigt worden, 
sondern wurde auch mit einem schönen Gute Neidhngen beschenkt. 
Aber er beging nicht nur an einem anderen nach Stuttgart ge- 
kommenen Alchemisten eine später noch zu erwähnende Schlechtig- 
keit, die zunächst dem Herzog verborgen blieb, sondern auch an 
Diesem Betrügereien, um deren willen er in Untersuchung gezogen 
wurde und welche er auch peinlich befragt eingestand; er wurde 
Ende Juni 1G07, wiederum wie andere Alchemisten, nach Urtheil und 
Ptecht gehängt. — Der letzte Alchemist, welcher den Herzog betrog: 
Konrad Schuler wurde glimpflicher behandelt; er wurde erst nach 
Dessen Tode verhaftet und nur mit Güterconfiscation bestraft (nach 
Pfaff a. S. 181 a. 0.). 

So gleichsam im Grofsen, wie bei Herzog Friedrich von Württem- 
berg, wurde das Executionsgeschäft mittelst des Galgens an Alche- 



Bestrafung betrügerischer Alcliemisten. 185 

misten bei anderen Fürsten zwar nicht betrieben, aber einzelne der- 
artige Fälle kamen doch noch mehrfach vor; nur zweier derselben 
mag hier noch gedacht werden. 

Am Markgräflichen Hof in Baireuth war in den Jahren 1G77 
bis 1686 Christian Wilhelm Krohnemann eine angesehenste 
Persönlichkeit. Er rühmte sich der Kunst, Quecksilber (Mercur) fix 
machen: zu feuerbeständigem edlem Metall umwandeln zu können*). 
Er machte Silber und auch Gold; vor den Augen des Hofes erhitzte 
er Quecksilber mit Essig, Salz und Grünspan, und wahrscheinlich 
dem letzteren war das Gold beigemischt, welches bei nachher bis zur 
Verflüchtigung von Quecksilber gesteigerter Erhitzung zurückblieb. 
Aus angeblich von ihm künstlich dargestelltem Silber liefs er 1679 
eine Schaumünze prägen,, die er dem Markgraf zu Dessen Geburts- 
tag verehrte. Dafür wurde er in den Freiherrnstand erhoben und 
mit den ersten Hofstellen begnadigt. Mit dem (für ihn theureren) 
Goldmachen war er etwas zurückhaltender als mit dem Silbermachen; 
doch war er bereit, gegen Entgelt auch die erstere Kunst an Lieb- 
haber zu lehren, und als Schüler hatte er unter Andern den General- 
Superintendenten Kaspar von Lilien, welcher seine Wifsbegierde 
mit nach und nach bezahlten 10000 Gulden hülste. Zehn Jahre 
lang hatte der Freiherr von Krohnemann in Baireuth sein Wesen 
getrieben, als er durch einen Münzbeamten als Betrüger entlarvt 
wurde. Er versuchte zu fliehen, wurde aber eingeholt und 168G 
zu Kulmbach gehängt unter der Aufschrift: 

Ich war zwar, wie Mercur wird fix gemacht, bedaclit; 
Doch hat sichs umgekehrt und ich bin fix gemacht. 

Solche, durch Hohn geschärfte Hinrichtungen betrügerischer Al- 
chemisten kamen bis in das vorige Jahrhundert vor. Es ist S. 134 fl'. 
darüber berichtet worden, wie ein aufser anderen Namen auch den 
eines Grafen Caetano o. Cajetani führender Alchemist von Fürsten 
geehrt wurde, auch S. 137, wie er schliefslich in Preufsen in die 
Klemme kam. Welcher Art 1709 das Ende war, welches ihm zu 
Theil wurde, sagt uns der Titel eines 1721 in Hamburg erschienenen 
Schriftchens: ,, Gespräch in dem Reiche der Todten, zwischen den 
Weltbekannten Goldmachern, dem Grafen Cojetani und dem berühmten 
Baron von Klettenberg, von welchen der Erste in Cüstrin an einem 



*") Vgl. Anmerkung Y am Ende dieses Theils. 



186 Über die Beziehungen zwischen Fürsten und Alchemisten. 

mit güldenen Lahn beschlagenen Balcken des ordinairen Diebes- 
Galgen in einem von dergleichen Stoff gemachten Romanischen Habit 
geliangen, der letzte aber auf der bekannten Berg-Vestung Königstein 
enthauptet worden" (noch früher als in diesem Schriftchen ist die 
Execution des über Cajetani gefällten Urtheils in einem anderen 
-besonders veröffentlichten beschrieben worden, von welchem mir aber 
auch nur der Titel „Der in der Lufft yexarrestirte Goldmacher" 
bekannt geworden ist). 

Die Kenntnifsnahme von Derartigem, wie in dem Vorhergehenden 
besprochen wurde, ist — noch einmal gesagt — dafür erforderlich, 
dafs man sich eine Vorstellung von der Bedeutung der Alchemie 
in früherer Zeit mache. Aber es widerstrebt, an einer noch gröfseren 
Zahl von einzelnen Fällen ersehen zu lassen, wie die Fürsten mit 
betrügerischen Alchemisten umgingen, wenn sie nämlich die Letzteren 
nach der Entdeckung der Betrügereien Derselben noch in der Hand 
hatten oder in die Hand bekommen konnten. Defs bewufst, was 
ihnen bevorstehe, suchten die in Hofdienst arbeitenden Alchemisten 
denn auch zur rechten Zeit das Weite zu gewinnen: manchmal mit 
Erfolg und öfters vergeblich, wie in dem Vorhergehenden mehrfach 
zu berichten war. Manchem Alchemisten gelang indessen die Flucht 
selbst dann noch, wenn er bereits der Betrügerei verdächtig in Unter- 
suchungshaft genommen war, falls er seinen Wächtern den Glauben 
beizubringen wufste, dafs er doch ein Meister in seiner Kunst sei 
und sich dankbar erweisen könne, wo er denn wohl — wie z. B. der 
S. 142 f. besprochene J. G. Stahl — zugleich mit den Wächtern 
verschwand. 

Wie in hohen Kreisen die Alchemie günstig beurtheilt und wenn 
nicht durch Fürsten selbst doch im Auftrage Derselben betrieben 
wurde, ist für die Geschichte dieser vermeintlichen Kunst so wichtig, 
dais noch Einiges hierüber und namentlich über die Beziehungen, 
welche zwischen Fürsten und Alchemisten statthatten, hier zu be- 
sprechen ist. 

Manchen Fürsten, welche so wie z. B. der Deutsche Kaiser Ru- 
dolf n. oder der Kurfürst August von Sachsen im Laboratorium 
selbst Hand anlegten, gewährte Dies gewils eine ihnen zusagende 
Unterhaltung; dem Herzog Johann Friedrich II. dem Mittleren 



über die Beziehungen zwischen Fürsten unil Alcheraisten. 187 

von Weimar und Gotha, der als regierender Fürst sich mit mehr 
Alchemisten als etwa nur mit den S. 170 genannten eingelassen hatte, 
gewährte die Chymie d. h. die Alchemie Zerstreuung in der Ge- 
fangenschaft, in welcher er an verschiedenen Orten der Osterreichischen 
Lande von 1567 bis zu seinem 1595 erfolgten Tode gehalten wurde 
(Joh. Gerh. Gruner's Geschichte Johann Friedrichs des Älittleren, 
Herzogs zu Sachsen; Koburg 1785; S. 191). Doch begünstigten 
wohl im Ganzen die Fürsten die Alchemie um der durch Betreibung 
derselben zu erlangenden Reichthümer willen. In dem Vorhergehen- 
den war bereits zu berichten, dal's geglaubt wurde, Mehreren sei ihr 
Vorhaben geglückt und namentlich seien die von den eben genannten 
Fürsten Rudolf IL (vgl. S. 106) und August von Sachsen (S. 127) 
hinterlassenen Schätze Früchte ihrer alchemistischen Arbeiten ge- 
wesen. Der Letztere war davon überzeugt, dafs er, allerdings mit 
erheblichem Gewichtsabgang, Silber zu Gold umwandeln könne; im 
Jahre 1577 schrieb er an den Italienischen Alchemisten Franz 
Forrense, welcher dem Kursächsischen Hof seine Dienste vergeblich 
anbot und auch nach dem ihm Mitgetheilten da entbehrlich war: 
Jam eo tisrßie in hoc genere pervenimus, ut ex octo argenti unciis 
cmri perfcctissinii uncias trcs sirigulis sex äiehus comp)arare possimus. 
(Dieser Kurfürst August hat übrigens nicht nur den eigentlichen 
Stein der Weisen gehabt, sondern nach Kunckel's Aussage auch 
Lcqndes bereitet, womit man Gold und Silber zurück zu Kupfer, Eisen, 
Zinn und Blei reduciren konnte, von welcher merkwürdigen Art von 
Metallverwandlung schon in der Anmerkung auf S. 10 f. die Rede 
war.) Aber wie wir auch schon gesehen haben, ist für weitaus 
die Meisten anerkannt, dal's ihnen die Alchemie die erhofften Vor- 
theile nicht brachte, selbst wenn sie auf diese so sicher gerechnet 
und für nützliche Verwendung des zu gewinnenden Goldes Alles so 
vorbereitet hatten, wie Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha 
(vgl. S. 128 f.). Und die Enttäuschung war fast immer sehr theuer 
erkauft; König Friedrich III. von Dänemark (vgl. S. 128) war wohl 
noch nicht einmal derjenige Fürst, welcher für seine Liebhaberei an 
Alchemie am Meisten geopfert hat. 

Die Alchemisten, welche im Dienste von Fürsten das grofse Ge- 
heimnifs ihrer Kunst ergründen bez.-w. in Anwendung bringen sollten, 
arbeiteten schlecht, so fern sie das Erwartete nicht leisteten, aber 



188 Über die Beziehungen zwischen Fürsten und Alchemisten. 

keineswegs wohlfeil. Sie verstanden sich entschieden besser darauf, 
den Schatz ihrer Dienstherren zu leeren als denselben zu füllen. 
Mehr als bei den für ihr Arbeiten ganz auf ihre eigenen Mittel an- 
gewiesenen Alchemisten fand bei den Hofalchemisten die u. A. in 
dem unter Marsilius Ficinus"' Namen verbreiteten Tractat de arte 
cJdmica dargelegte Lehre Anerkennung, dafs für die Bereitung des 
Steins der Weisen vom Gold selbst auszugehen sei, und ein tüchtiger 
Vorschufs von diesem Rohmaterial mufste dann natürlich beansprucht 
werden. Aber auch im weiteren Verlaufe der Arbeiten erwiesen sich 
diese als äufserst kostspielig und benöthigten sie, damit sie über- 
haupt fortgesetzt werden konnten, immer wieder neue Ausgaben, die 
natürlich von Denen zu tragen waren, welchen schliefslich der bei 
dem Unternehmen herauskommende grofse Gewinn zufallen sollte. 
Unvorhergesehene Zufälle vereitelten öfters eine schon so weit vorge- 
schrittene Operation, dafs sich erkennen liefs, man sei auf dem 
rechten Weg und würde, wenn nur die Unterbrechung nicht stattge- 
funden hätte, das angestrebte Ziel sicher erreicht haben; und da 
wäre es offenbar unklug gewesen, nicht noch einmal das nöthige Geld 
daran setzen und für den gehabten Schaden reichen Ersatz sich ver- 
schaffen zu wollen. Dafs übrigens eine solche Aufgabe nicht gleich- 
sam im Handumdrehen zu lösen sei, mufste jedem Vernünftigen ein- 
leuchten; wenn in Thurneysser's Quinta Essentia die da redend 
eingeführte Älchymia mit Bezugnahme darauf, dafs Gott die Welt 
in sechs Tagen geschaffen habe, von allen lange dauernden Operationen 
Nichts wissen will, so entsprach Das wohl einer idealen Auffassung 
der Sache aber nicht Dem, was sich praktisch leisten läfst. Die 
Hofalchemisten hatten von ihrem Standpunkt aus ganz Recht, wenn 
sie von vornherein der Versicherung, sie könnten das von ihnen Ge- 
wünschte leisten, die Erklärung zufügten. Das brauche aber auch 
Zeit, und wenn sie ungeduldige Fürsten zu beschwichtigen und zur 
Bewilligung der für ungestörte Fortsetzung der Arbeiten ciforder- 
lichen Geldmittel zu veranlassen suchten. Auf alchemistische Ver- 
suche von so langer Dauer, wie der, über welchen Thurneysser in 
seiner Ma(jna Älchymia (vgl. die Anmerkung V am Ende dieses Theils) 
berichtet hat, sich einzulassen, war allerdings anderseits auch Keinem 
zuzumuthen. Aber Meister in der Kunst kannten Verfahren, wie 
sich langwierigste Operationen ohne Nachtheil für das Hauptresultat 



über die Beziehuugon zwischen Fürsten nnd Alchemisten. 189 

abkürzen lassen. Schon Ray m und Lull soll an König Robert 
Bruce von Schottland darauf Bezügliches geschrieben haben; diese 
Epistola accurtationis, unter \Yelchem Titel das Schriftstück (auch 
durch den Druck) verbreitet worden ist, läfst jedoch an Deutlichkeit 
viel zu wünschen. Es sollte indessen auch deutliche Anleitungen geben,, 
welche begreiflicher Weise nicht wohlfeil zu erhalten waren. Eine 
solche Ausgabe konnte aber als eine sich lohnende einem Fürsten 
plausibel gemacht werden, und sie war es nicht nur für den Ver- 
käufer sondern hauptsächlich für den Hofalchemisten, welcher den 
Ankauf veranlafste und vermittelte. Sehr kostspielig konnte auch 
nach dieser Seite hin es werden, Alchemie treiben zu lassen. — Ich 
will nur Eines Beispiels aus dem sechszehnten und einiger Beispiele 
aus dem achtzehnten Jahrhundert gedenken. Der Alchemist Ph. 
Sommering (vgl. S. 170 ff.) wulste 1571 bei dem Herzog Julius von 
Braunschweig -Wolfenbüttel den Wunsch nach einer als vortrefflich 
gerühmten Anleitung, dem Testamentum Hcrmetis rege zu machen, 
welche aus dem Xachlafs eines von Dörnberg (vgl. S. 197) in den 
Besitz des Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen-Kassel gekommen 
war. Von dem Letzteren wurde vorerst abgelehnt, den Inhalt des 
Baches mitzutheilen. Sommering wufste, dafs auch der Hofprediger 
Hahne zu Wolfenbüttel das Buch besitze, log dem Herzog vor, dafs 
ein Geistlicher in Fulda dasselbe um 3000 Gulden feil habe, liefs 
seinen Genossen Schombach mit dieser aus der Herzoglichen Kasse 
ausbezahlten Summe angeblich nach Fulda zur Vermittelung des 
Handels reisen, erhielt das Buch von dem Hofprediger um ein Ge- 
ringes, und Schombach konnte bei der Übergabe des Buches sich 
noch Reise- und Maklergebühr besonders vergüten lassen. (Rhamnfs 
S. 170 angef. Schrift S. 24 f.) In dem bereits S. 8 erwähnten 
in Wien 178G ausgegebenen Katalog von Manuscripten, von welchem 
man Abschriften erhalten konnte, ist auch (S. 16) verzeichnet „Ein 
Procefs des Grafen von Herbeville von Wayl. Kaiser Franz um 
2000 Ducaten gekauft, weifses Kupfer zu machen, mit Zuwachs an 
Silber, wobey der am 14. May gemachte Versuch beschrieben stehet. 
Französisch 1 Bogen. Original des Baron Toussaint". Der im 
Jahre 1746 erwählte, 1749 gestorbene Fürstbischof Franz Anselm 
von Würzburg (aus dem Geschlechte der Grafen von Ingelheim) 
verwendete während seiner kurzen Regierungszeit unter dem Ein- 



190 Über die Beziehungen zwischen Fürsten und Alchemisten. 

flusse des Mannes, welcher das grofse Werk der Alchemie für ihn 
ausführen sollte, — seines früheren Barbiers Tychius, welchen er 
1747 zum Hofkammerrath mit der Befugnifs zur Ausübung der ärzt- 
lichen Praxis ernannte — ungemein viel auf Alchemie (darüber giebt 
ein im November 1879 in der Frankfurter freien Presse veröffentlichter 
Aufsatz von Friedr. Leist „Die Alchymie auf dem Fürstenthrone" 
Auskunft). Von den dafür verausgabten Summen kam ein beträcht- 
licher Theil auf die Anschaffung von Schriften über diese Kunst und 
verwandtes Geheim wissen; dafs eine Anleitung, Silber und Gold zu 
machen, für 1200 Ducaten, andere solche Schriften für 1964 Gulden 
30 Kreuzer, für 1000 Gulden, für 0000 Gulden, für 500 Carolin, 
für 1000, für 2000 Ducaten u. s. w. angekauft wurden, möge ver- 
deutlichen, was dafür angewendet wurde, in den Besitz angeblich 
sicherer Anweisungen zu kommen, wie möglichst rasch zu dem er- 
wünschten Resultate zu gelangen sei. 

Die Stellung eines Alchemisten, welcher für einen Fürsten ar- 
l)eitete, konnte eine einträgliche sein, und es fanden sich immer 
Leute, welche in eine solche Stellung einzutreten bereit waren. — 
Keineswegs waren Alle, die für einen Fürsten den Stein der Weisen 
darstellen sollten, freiwillig zu der Beschäftigung mit dieser Aufgabe 
gekommen. Dafs Einer in dem Verdacht stand, er vermöge Gold 
zu machen, konnte Veranlassung dazu geben, dafs ein Fürst sich des 
vermeintlichen Adepten bemächtigte und verlangte, Derselbe solle 
wenn gleich widerwillig für ihn die Metallveredlung ausführen und 
ihm das Geheimnils der letzteren mittheilen. Dafs Solches z. B. in 
Dresden im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts dem Setonius zu- 
gemuthet wurde, ist bereits S. 127 f. angegeben worden; Kaiser Ru- 
dolf II. liefs zu derselben Zeit auf den Bericht hin, dafs der S. 155 
erwähnte Güstenhöver in Stralsburg Gold machen könne, den Letz- 
teren nach Prag bringen, damit Derselbe da seine Kunst ausübe 
und dem Kaiser lehre, und der Versicherung Güstenhöver's unge- 
achtet, dafs er den zu seinen früheren Versuchen verwendeten Stein 
der Weisen von einem Unbekannten geschenkt erhalten habe und 
nicht selbst bereiten könne, blieb er als Einer, dem es an gutem 
Willen fehle, in Gefangenschaft; und ähnliche Fälle sind noch mehr- 
fach bekannt. Ein solches Schicksal bedrohte auch den Alchemisten, 



über die Beziehungen zwischen Fürsten und Alchemisten. 191 

der unter dem Namen eines Barons von Wagnereck in den Jahren 
1680 bis 1682 in Deutschland reiste und welchem die Ausführung 
mehrerer damals in Deutschland vorgekommener Transmutationen 
zugeschrieben worden ist; dafs er 1680 in Prag eine Tinctur gezeigt 
habe, von welcher 4 Gran 7 Loth Gold aus Quecksilber entstehen 
liefsen, ist aus dieser Zeit berichtet worden. 1682 in Mähren er- 
krankt wurde er von einem Dr. Herdott zu Brunn wiederhergestellt, 
zu welchem er ein so grofses Vertrauen fafste, dafs er sich Demselben 
als Adept und Besitzer einer ansehnlichen Menge der Tinctur zu er- 
kennen gab. Dann reiste er nach Wien, wo er sich unter einem 
anderen Kamen aufhielt und unter der Adresse eines Dritten Briefe 
von jenem Arzt, mit welchem er in Correspondenz blieb, erhielt. 
Da erhielt er aber auch einmal eine noch versiegelte, von Dr. Herdott 
an diesen Dritten adressirte Sendung ausgeliefert, welche nach der 
Eröffnung ihn ersehen liefs, dafs der Erstere dem Letzteren auftrug, 
ein beigelegtes Schreiben an den Kaiser Leopold (L) gelangen zu 
lassen, und dieses Schreiben enthielt einen Bericht an den Monarchen, 
dafs der ungekannt zu Wien sich aufhaltende Baron von Wagner eck 
in einem genau beschriebenen Behältnifs 24 Loth ächte Tinctur bei 
sich habe und dafs Dr. Herdott wünsche, dieser Schatz möge bei 
dem wohl bald zu erwartenden Tode des Besitzers in keine anderen 
Hände als die des Kaisers kommen. Der Ausführung der da anheim 
gegebenen Mafsregeln suchte sich Wagnereck durch die Flucht zu 
entziehen, aber auf der Reise nach Passau starb er (1683) in Enns. 
Es kam auch vor, dafs Einer einem Fürsten seine Dienste für 
Betreibung der Alchemie anbot, um sich einer härteren Strafe zu 
entziehen. So z. B. verpflichtete sich 1447 der Fränkische Edel- 
mann Heinrich von Freyberg, welcher sich an dem S. 167 er- 
wähnten Markgraf Albrecht Achilles von Baireuth und Dessen 
Gemahlin schwer vergangen hatte, als Alchemist zum Nutzen des 
Fürsten zu arbeiten und auf diese Art sein Vergehen zu sühnen*). 



*) Die Urphed Heinrich's von Froyberg d. d. 27. Juni 1447, durch 
welche Derselbe diese Yeriiflichtung einging, ist eben so, wie der S. 167 f. iuBetraclit 
gekommene Brief des Ritters Hans Schoustainer aus dem Plassenburger Ar- 
chiv bekannt geworden; ich nehme das erstere dafür, wie im fünfzehnten Jahr- 
hundert bezüglich der Alchemie gedacht wurde, charakteristische und nicht wohl 
nur bruchstückweise zu gebende Schriftstück vollständig hier auf. „Ich Hein- 



192 Über die Bezieliuugen zwischen Fürsten und Alchemisten. 

Das nämliche Mittel wurde noch im vorigen Jahrhundert versucht. 
Bei den erfolgreichen Operationen der Schweden gegen die Polen im 
Jahr 1705 kam der bei den Letzteren dienende Generallieutenant 
Otto Arnold Paykull in Schwedische Gefangenschaft und es wurde 
ihm, da seine Heimath Livland damals zu Schweden gehörte, als 
einem Ptebellen und Landesverräther in Stockholm der Procefs ge- 
macht. Paykull rief die Gnade des Königs Karl XIL an und ver- 
sprach, falls ihm das Leben geschenkt und wenn er auch in bestän- 
diger Gefangenschaft gehalten werde, jährlich Gold im Werthe von 
einer Million Reichsthaler (nach anderem Berichte so viel, als für 
die Unterhaltung von 20 Regimentern nöthig) zu machen und auch 
auf Befehl des Königs diese Kunst Andere zu lehren. Zur Prüfung 
dieses Vorschlags wurde zu Stockholm eine Commission eingesetzt^ 



rieh von Freyberg zu Waule, der sich schreibt Ritter, bekenn öffentlich mit dem 
Brive, als ich gegen der hochgebornen Fürstin und Frawen, Frawen Margarethen 
von Brandenburg, meiner gnedigen Frawen über mein aid und glubd gehandelt 
und sie Grave Hannsen verkuppelt wolt haben, das die frum Fürstin auch der 
frum Grave nicht thun wolten, und solch Posheit und Unthat, die ich an meinem 
gnedigen Hern Markgrave Albrechten gethan han, und defshalben trewlos und 
meinaidig worden bin, darum mich sein gnad zu banden genommen und straff 
an mein leib und leben billich verdint hett, hab ich durch bete meiner Freund, 
auch Frawen und Mannen, die do ansahen mein Unsynn, als ich dann layder 
mennysch wurde, in welcher Unsynn ich mein veterlich erbe auch verwurkt han,. 
die um gots willen für mich gebeten haben, demnach ich mich sein gnaden zu 
aigen gebe und gib mich in crafft difs briffs uff den aid, den ich doruff sein 
gnaden gesworn han, nymmermer wider In oder kein seiner zugewanten geist- 
lich oder weretlich Zuthun, Auch all mein kunst zu leren, on gäbe und on myet, 
und sein gnaden die kunst der alchamei uft' mein aigen kosten und schaden und 
sein nutz arbeiten, da er alle Jar forderlich darvon hundert tausend gülden sol 
haben, und was übrig, das ich davon haben mag, sol ich gotz hewser umb 
stifften und nichts unnutzlichs davon enwerden dann mein schlechte, leibs narung, 
und welchs Jars ich das nicht thu, sol ich trewlos, erelos, meinaidig und henk- 
mefsig sein, als ich verfaymt und In acht und bann were, als ich auch bin 
meiner Unthat halben, und sol nymandts freveln an mein leib und gut,, was er an 
mir begynnt oder furnymbt, dafür sol mich nicht schützen oiuicherlej, das yemants. 
gedenken kan, darinnen verzigen volkomen bebstlichs und keiserlichs gewalts, 
auch der barmherzigkeit gots und furbcte der heiligen, und mich zelen in die 
geselschaft lucifers. Und des zu urkund lian ich wolbedechtlich und zu den 
zeitten, do ich mein Vernunft wider hett, mit guten rath Herren und Freunde 
mein Insigel zu end uff disen Brive gedruckt, der geben ist am Dinstag nach, 
Joiianuis Baptiste. Anno Domini Im siben und viertzigsten Jare." 



über die Beziehungen zwisclien Fürsten und Alcliemisten. 193 

ZU welcher u. A. der damals als Chemiker berühmte Urban Hjärne, 
Leibarzt und Director des chemischen Laboratoriums des Königs, und 
der General-Feldzeugmeister Hamilton gehörten. Vor dieser Com- 
mission soll PaykuU, nachdem in Abwesenheit Desselben der Ver- 
such vorbereitet worden, auf geschmolzenes Blei ein Pulver geworfen 
haben, welches aus dem Blei Gold im Werthe von 147 Ducaten 
entstehen liefs, und aus einem Theile dieses Goldes soll eine Schau- 
münze geprägt worden sein mit der Aufschrift: Hoc aurum arte 
chemica conßavit Holmiae 1706 0. A. Fayhull. Hjärne war davon, 
dafs Paykull Blei zu Gold veredeln könne, überzeugt; dafs der 
Letztere für später noch ausgiebigere Ptesultate in Aussicht stelle, da 
die von ihm gebrauchte, nur ihr sechsfaches Gewicht Blei zu Gold 
umwandelnde Tinctur bei weiterer Bearbeitung bedeutend an Wirksam- 
keit gewinnen müsse, wurde in dem Berichte der Commission aus- 
drücklich bemerkt. Der König nahm aber doch den Vorschlag nicht 
an sondern befahl, den Gefangenen ohne weiteren Aufschub zu ent- 
lipupten. Einige auf den alchemistischen Procefs PaykulTs bezügr 
liehe, in dem Besitz eines Nachkommen von Hamilton befindliche 
Papiere hat Berzelius (Lehrbuch der Chemie, 3. Aufl., Bd. X, 
Dresden u. Leipzig 1841, S. 23 ft".) eingesehen und besprochen. — 
Aber weitaus die meisten Alchemisten, welche für Fürsten arbeiteten, 
waren in den Dienst der Letzteren freiwillig um der Vortheile willen 
getreten, welche sie selbst wenigstens eine Zeit lang aus diesem Ver- 
hältnifs zu ziehen gedachten, und in der Hoffnung, sich zu rechter 
Zeit aus demselben salviren zu können. 

Die Hofalchemisten bezogen im Allgemeinen Gehalte, deren Be- 
trag Dem, was die Künstler leisten sollten, angemessen war. Man 
darf sich nicht wundern, dafs die Frechesten am Meisten bekamen 
und gewifs ihren Gehalt regelmäfsig wenn nicht gar schon im Voraus 
ausgezahlt erhielten, während ein ehrlicher Arbeiter wie Kunckel 
(vgl. S. 58 f.), welcher sich nicht mit angeblich bereits erlangten wich- 
tigen Resultaten brüstete, in Dresden nicht zu dem ihm Zugesagten 
kommen konnte und Noth leiden mulste. Der Eifer der Alchemisten 
wurde von den sie beschäftigenden Fürsten oft auch durch grofse 
Geschenke angespornt. Schwer begreiflich ist, dafs überhaupt ge- 
glaubt wurde. Solche, die Gold nach Belieben machen können, lassen 
sich durch Geld bestimmen, Dies für Andere zu thun. Hans Sachs 

Kopp, Dio Alchemie. I. 13 



194 Über die Beziehungen zwisclien Fürsten und Alchemisten. 

hatte doch wohl das Richtigere getroffen, wenn er 1566 in seiner 
„Geschieht Keyser MaximiHani mit dem Alchimisten" den Venetianer, 
welcher 1513 am Hofe Maximilian's I. Gold gemacht habe und 
dann verschwunden sei, in einer hinterlassenen Zuschrift an den 
Kaiser erklären läfst: 

Keyser Maximilian! 

Wellicher diese Künste kan, 

Sieht Dich nocli römisch Reich nit an, 

Dafs er Dir solt zu Gnaden gan. 

Aber die Fürsten dachten vielfach über diese Sache anders als 
der Meistersänger, und anders dachte namentlich Kaiser Ferdinand III.; 
nachdem vor seinen Augen die S. 89 erwähnte Umwandlung von 
Quecksilber in Gold mittelst eines Pulvers stattgefunden hatte, dessen 
Überbringer erklärte, dafs es von einem Anderen herrühre, liefs — 
wie erzählt wird — der Kaiser den Verfertiger dieses Pulvers unter 
Zusage einer Belohnung von 100 000 Pieichstlialern öffentlich auf- 
fordern, sich zu melden. Thatsache ist es, dafs die Hofalchemisten 
den Gehalt und Geldgeschenke willig annahmen, auch deutlich mehr 
begehrten. Aber nicht nur dadurch, dafs so weit es als räthlich und 
thunlich erschien diesem Wunsch entsprochen wurde, suchte man sie 
bei gutem Willen zu erhalten und anzufeuern, sondern auch noch in 
anderer Art: durch Befriedigung ihrer Eitelkeit und ihres Ehrgeizes. 
Dafür wurde vorzugsweise häufig die Nobilitirung in Anwendung ge- 
bracht, die wenig kostete und von welcher man sich einen besonders 
guten Eindruck versprach. Damit war man in Deutschland nament- 
lich am Kaiserlichen Hofe freigebig. Dafs Piudolfll., welcher u. x\. 
auch einen 15S5 nach Prag gekommenen Englischen Alchemisten 
Kelley und den 1592 von Dresden nach Prag gegangenen Alchemisten 
Schwertzer (vgl. S. 127) in den Adelstand erhob, den Alchemisten 
Joh. Heinr. Müller 1G03 zum Herrn von Müllenfels (S. 184), dafs 
Leopold I. 1676 den Alchemisten Wenzel Seyler zum Ritter von 
Rein bürg (S. 158) ernannte, ist schon früher erwähnt worden*). 

*) Bei derartigen Standeserhöliungen wurde melirfach für die solcher Gnade 
Gewürdigten Abstammung aus adeliger Familie mehr oder weniger deutlich an- 
erkannt, auch vorzugsweise auf Verdienste der Vorfahren Bezug genommen; der 
"Werth des Adol.sbricfes wurde jedenfalls dadurch erhöht, dafs in ihm möglichst 
wonig Dessen gedacht war, was eigentlich zu der Ausstellung desselben veran- 
lafste. Zu gleicher Gunst konnte Finen emijfehlcn, dal's er, ohne sich der 



Übpr die Beziehungen zwisclien Fürsten und Alcliemisten. 195 

Aber auch anderwärts kam Solches vor: in Baireuth wurde z. B. 
1079 der Alchemist Krohnemann (S. 185) geadelt, und dafs im An- 
fang des vorigen Jahrhunderts Böttger (S. 130 flf.) in Dresden, als man 
da auf ihn als Alchemisten noch grofse Hoffnungen setzte, in gleicher 
Weise ausgezeichnet worden sei, wird auch berichtet. Und noch 
andere Ehren, auch einträgliche Stellen wurden Solchen zu Theil, 
welchen ein ganz besonders grofses Vertrauen geschenkt war; ich er- 
innere nur daran, wie gnädig in dem Anfang des achtzehnten Jahr- 
hunderts J. H. von Klettenberg (S. 178) in Kursachsen bedacht 
und zu weichen Würden Caetano in München (S. 135) und in Berlin 
(S. 137) erhoben wurde. 

Sehr gnädig waren die Fürsten gegen ihre Alchemisten, so lange 
von Diesen gehofft wurde, dafs sie das Erwartete leisten werden; es 
ging doch weit, wie herablassend Kurfürst August von Sachsen 
gegen Beuther (S. 149), König August II. von Polen gegen Böttger 
(S. 132) war. Aber wenn von einem Alchemisten vermuthet wurde, 
er habe es wirklich bis zum Goldmachen gebracht, konnte es doch 
als gerathen erscheinen, ihm nicht mehr so viel persönliche Freiheit 
zu lassen, dafs er entweichen könne. Kunckel erzählt in seinem 
Lahoratornim chymicvm, wie es kam, dafs ihm diese Kunst in Dresden 
einmal zugetraut wurde, und wie er durch offene Darlegung des Sach- 
verhaltes an seinen Dienstherrn Dem entging, was zu befürchten er 
Ursache hatte: für unabsehbare Zeit in Gefangenschaft zu sein; und 
letzteres Schicksal traf Viele, welche man als zur Kenntnifs der 
Darstellung des Steins der Weisen gekommen betrachtete. Sehr hart 
wurden Alchemisten behandelt, welche in den Verdacht kamen, dafs 



Meisterschaft in der Alchemie zu rühmen, einem Monarchen es doch möglicli 
machte, sich von der Ausführbarkeit des alchemistischen Wunderwerks zu über- 
zeugen. Kaiser Ferdinand III. ernannte 1653 den Joh. Conr. Richtliausen, 
welcher ihm ' die zur S. 89 erwälinten Umwandlung von Quecksilber zu Gold 
verwendete Menge des Steins der "Weisen dargebracht hatte, zum Freiherrn von 
Chaos. Rieht hausen mul's es (vgl. S. 194) glaubhaft gemacht haben, dals 
diese kostbare Substanz von einem Anderen dargestellt gewesen sei; glücklicher 
als andere Besitzer des Steins der Weisen blieb er von der Zumutliung ver- 
schont, Mittheilung über die Bereitung desselben zu machen. Er wurde später 
Pirector des Münzwesens der Oesterreichischen Erblande; sein sehr beträcht- 
liches Vermögen bestimmte er für eine milde Stiftung (A. Bauer's S. 89 angef. 
Schrift S. 35 f.). 

13* 



19G Über die Beziehungen zwischen Fürsten und Alcliemisten. 

sie ihr im Dienst eines Fürsten erworbenes Wissen für sich behalten 
und ausnutzen wollen; ich brauche nur daran zu erinnern, wie in 
einem solchen Falle gegen Beuther (S. 150) vorgegangen wurde. 
Und wie schwere Strafe Diejenigen traf, deren alchemistische 
Leistungen als auf Täuschung beruhend erkannt oder die sonst als 
der Betrügerei schuldig befunden wurden, ist S. 168 ff. genugsam 
besprochen. 

Die im Dienste von Fürsten arbeitenden Alchemisten mufsten 
sich Dessen bewufst sein, wie gefährlich ihre Stellung sei. Dafs 
gnädiger Behandlung und theilnehmender Wifsbegierde Seitens des 
Dienstherrn bald ungeduldiges Drängen auf Production eines lohnenden 
Arbeitsergebnisses nachfolgen werde, dafs dann der Zorn darüber, 
sich in fest gehegter Erwartung getäuscht zu sehen, oder der Glaube, 
der Alchemist verstehe wirklich seine Sache, den Letzteren in gröfste 
Bedrängnifs bringen werde, war schon in dem dem Albertus Magnus 
zugeschriebenen Tractat de Alclicmia hervorgehoben, und dringend 
waren da die nach dem Stein der Weisen Suchenden davor gewarnt 
worden, in Beziehung zu Fürsten oder Mächtigen überhaupt zu treten. 
Der ihnen drohenden Gefahren ungeachtet fanden sich aber immer 
Viele, welche sich anheischig machten, für Fürsten diese Aufgabe zu 
lösen oder als bereits mit dem Geheimnifs bekannt es in Anwendung 
zu bringen, und hofften, nach Ausbeutung Derer, die ihnen trauten, 
sich mit Dem, was sie erschwindelt, noch zu rechter Zeit in Sicher- 
heit zu bringen und etwa anderswo die nämliche Industrie ausüben 
zu können. Es hat einen oder den anderen ehrlichen Hofalchemisten 
gegeben, aber solche Vorkommnisse sind doch sehr rar. Diejenigen, 
welche zu diesem Dienste sich hergaben oder meldeten, waren im 
Allgemeinen Leute sehr bedenklicher Art. Wer sie eigentlich waren 
und was sie vorher getrieben hatten, blieb für sie meistens besser 
unerörtert; selbst von ihren eigentlichen Namen Gebrauch zu machen, 
erschien für sie häufig nicht als rathsam. Mit weniger Hecht als 
der von Kletten berg (S. 175) wechselten sie mit dem Ort ihrer 
Thätigkeit öfters auch den Namen (so u. A. Setonius, vgl. die An- 
merkung zu S. 127), und nicht selten warteten sie es nicht ab, dafs 
ihnen eine Standeserhöhung zu Theil werde. Als Georg Honauer 
(S. 165 u. 181 f.), welcher eines Goldschmieds Sohn aus Mähren war, 
1506 bei dem Herzog Friedrich von Württemberg in Dienst trat, 



Gefährdung auch nicht für Fürsten arhcitender Alchemisten. 197 

gab er sich da für einen Freiherrn von Prumbhof und Grab- 
schütz aus; der Matthieu Dammy, welcher der Sohn eines Mar- 
morschneiders in Genua gewesen sein soll und in den 1730er Jahren 
in Deutschland und Frankreich als Alchemist von sich reden machte, 
wollte ein Marquis sein, und die Alchemisten, welche vielleicht eigent- 
lich Caetano (S. 134 ff.) und Mamugna (S. 173 f.) hiefsen, traten unter 
anderen und gewechselten Namen als Grafen auf. Mit der Legiti- 
mation Solcher, welche die gewünschte Leistungsfähigkeit haben 
wollten, und den Antecedentien Derselben nahm man es nicht genau, 
selbst dann nicht wenn zu der Prüfung der letzteren Grund ersicht- 
lich war; günstig aufgenommen und zunächst nach Ablegung ge- 
nügender Proben seiner Kunst durch Standeserhöhung geehrt (später 
allerdings härter behandelt) wurde von Rudolf IL der bereits S. 194 
erwähnte Alchemist, der 1585 unter dem Namen Kelley nach Prag 
kam und von welchem berichtet wird, er habe eigentlich Talbot 
geheifsen, sei Notar in Lancaster gewesen und da der Fälschung von 
Urkunden überführt mit abgeschnittenen Ohren fortgejagt worden. 
Nicht darauf, was Einer vorher gewesen war und getrieben hatte, 
sondern darauf, was zur Zeit zu leisten er vermöge, wurde Gewicht 
gelegt, und Das erleichterte wesentlich, dafs ein für die Betreibung 
der Alchemie günstig gestimmter Fürst Solche, welche für ihn arbeiten 
sollten, und dafs ein nach einem derartigen Dienst sich umsehender 
Alchemist Stellung fand. 

Ernste Gefahren bedrohten aber auch die Alchemisten, welche 
nicht im Hofdienst sondern für sich arbeiteten, sobald von ihnen 
angenommen wurde, dafs sie das Ziel ihres Strebens glücklich erreicht 
haben; und nicht etwa nur in der Art, dafs sie dann, wie noch 
S. 190 f. erinnert wurde, Dem ausgesetzt waren, in die Hand eines 
gewaltthätigen Fürsten zu fallen. Auch Andere suchten, ihnen ihr 
Geheimnifs, ihren Schatz zu entreil'sen, und kein Mittel, Dies zu er- 
reichen, wurde gescheut. Hans von Dorn b er g, ein mächtiger 
Hessischer Edelmann, suchte von Ludwig von Neisse, als Dieser 
1483 in Marburg Quecksilber zu Gold umgewandelt hatte, das Mittel 
hierzu oder die Anweisung zur Darstellung desselben zu erhalten; 
es wird berichtet, er habe den widerspenstigen Alchemisten foltern 
und ertdlich im Gefängnisse verhungern lassen. Der Adept, welcher 



198 Gefährdung auch nicht für Fürsten arbeitender Alcheniisten. 

sich Denis Zachaire o. Zeccarie o. älinlicli nannte, aus Guienne 
gebürtig nach langem Suchen zur Kenntnils der Darstellung des 
Steins der Weisen gekommen sein aber sich in Frankreich nicht 
sicher gefühlt haben soll, wurde 1556 in Köln von einem Gefährten 
getödtet, der mit dem Schatz und der Wittwe des Ermordeten entwich. 
Ein Karmelitermönch Albrecht Beyer, welcher 1570 aus Italien 
nach Deutschland zurückgekehrt in Augsburg und Nürnberg Metall- 
verwandlungen ausführte, wurde in der letzteren Stadt ermordet und 
die in seinem Besitz gewesene Tinctur geraubt. Ein aus Schkeuditz 
in der Merseburger Gegend gebürtiger Augustinermönch Sebastian 
Siebenfreund, welcher in einem Kloster bei Verona von einem alten 
Mönch die Anweisung zur Bereitung' des Steins der Weisen erhalten, 
den letzteren dann im Kloster Oliva bei Danzig ausgearbeitet und 
namentlich in Hamburg Proben von den erstaunlichen Wirkungen 
desselben auf den kranken menschlichen Körper und auf unedles 
Metall abgelegt haben soll, wurde um die nämliche Zeit in Witten- 
berg von Mehreren ermordet, die sich in den Besitz dieser kostbaren 
Substanz setzen wollten. Die Nachrichten über die letztere Geschichte 
weichen übrigens unter einander erheblich ab, namentlich was die 
Namen der Thäter betrifft; es verdient keinen Glauben, was erst 
spät und ohne Beweis angegeben worden ist, dals Thurneysser 
(S. 124) Einer derselben gewesen sei. Noch Anderen, von welchen 
geglaubt wurde, dafs sie im Besitz des Steins der Weisen seien, — 
dem Alcheniisten Mamugna (S. 173 f.) z. B. — ist nachgesagt 
worden, sie seien in so frevelhafter Weise dazu gelangt; und noch 
von Anderen, als den hier beispielsweise Genannten, wird erzählt, 
dals ihre Unvorsichtigkeit, sich als Besitzer des Steins der Weisen zu 
erkennen zu geben, sie ins Verderben oder doch in grofse Gefahr 
gestürzt habe. Es sei hier nur noch Dessen gedacht, vvas den 
schon mehrfach erwähnten Polen Sendivogius im Anfang des sieb- 
zehnten Jahrhunderts in Württemberg betraf. Derselbe hatte, wie 
erzählt wird, von dem durch ihn aus der Gefangenschaft in Dresden 
befreiten Adepten Setonius (S. 128) wenn auch nicht die Anweisung 
zur Bereitung des Steins der Weisen doch eine ansehnliche Portion 
des letzteren (dieser Schatz konnte gleichfalls aus Dresden gerettet 
werden) erhalten und war durch Verheirathung mit der Wittwe des 
Adepten in den Besitz einer noch gröi'seren Menge dieses Präparates 



Gefährdung auch niclit für Fürsten arbeitender Alcliemisten. 199 

gekommen; da gelüstete es ihn danach, selbst als Meister in der 
Kunst der Alchemie zu glänzen. Er führte am Polnischen Hofe vor 
König Sigmund III. und in Prag vor Rudolf II. (S, 1G4 f.) Umwand- 
lungen unedler Metalle zu Gold aus, entkam auf der Piückreise von 
Prag nach Polen mit knapper Notli einem Mährischen Grafen, welcher 
gern zu gleicher Kunstfertigkeit gelangt wäre, folgte aber doch 1605 
einer Aufforderung des Herzogs Friedrich von Württemberg, bei 
Diesem sich zu zeigen. Er machte in Stuttgart statt Einer von dem 
Herzog gewünschten gelungenen Projection deren zwei, kam in grofse 
Gunst und wurde aufgefordert, zu bleiben. Das erregte Besorgnifs 
und Eifersucht bei dem Hofalchemisten, welcher damals das Vertrauen 
des Herzogs genossen und von Diesem Yortheil gezogen hatte, dem 
bereits S. 184 erwähnten von Müllenfels. Der Letztere wufste den 
Polen, welchen er fürchtete und beneidete, unter dem Vorwand dafs 
Dies auf Befehl des Herzogs geschehe, in ein Gefängnifs bringen 
und ihm alle seine Habe abnehmen zu lassen, besuchte den Gefangenen 
mit erheuchelter Theilnahme, ängstigte ihn durch die Versicherung, 
dafs ihm Seitens des Herzogs Folterung behufs der Mittheilung des 
Geheimnisses der Alchemie und dann der Tod in sicherer Aussicht 
stehe, und gab ihm Mittel zur Flucht an die Hand. Sendivogius 
benutzte diese Mittel und entkam, aber des Steins der Weisen beraubt. 
Der Herzog wurde dann von dem an seinem Gast begangenen Ver- 
brechen in Kenntnil's gesetzt und der auch wegen sonst begangener 
Betrügereien in Untersuchung genommene Müllenfels hingerichtet. 
Aber Sendivogius gelangte nicht wieder in den Besitz Dessen, was 
ihm geraubt worden war, obgleich sich auch König Sigmund HL 
für ihn in Stuttgart verwendete; es habe sich, w^irde von da aus 
geantwortet, nichts Erhebliches von Dem, was Müllenfels an sich 
genommen, mehr vorgefunden*). 

Dafs Solche, welche in den Besitz des Steins der Weisen oder 
gar zu der Kenntnifs der Darstellung desselben gekommen waren. 



*) Mit dem, was auf Grund der Untersuchung und der Angaben v. Murr's 
und Anderer Schmieder in seiner Geschichte der Alchemie S. 370 ff. bezüglicli 
der Verschuldung des Müllenfels an Sendivogius berichtet, stimmt nicht 
in Allem aber doch in der Hauptsache überein, was Sattler in seinem S. 12G 
angeführten Werk im V. Theil S. 268 f. darüber erzälilt hat. Nach des Letz- 



200 Verpflichtung der Adepten, für die Wahrhaftigkeit der Alchemie zu zeugen. 

im Hinblick auf die von allen Seiten ihnen drohenden Gefahren von 
ihrem Schatz oder ihrem Wissen nur heimlich oder doch ohne ihre 
Person blol'szustellen Gebrauch machten, erschien hiernach als etwas 
wohl Begründetes, Letzteres ist nicht Allen aber doch Einigen von 
Denen gelungen, welchen die Meisterschaft in der Kunst der Alchemie 
zugesprochen worden ist. Dahin gehört z. B. Einer, welcher sich 
als Schriftsteller — es giebt mehrere Schriften, die als von ihm ver- 
fafst von 16G7 an grofse Verbreitung gefunden haben — Irenaeus 
Philaletha nannte, um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ver- 
schiedene Länder Europa's durchstreifte, auch in Westindien gewesen 
ist, überall staunenswerthe Transmutationen machte und auch als 
Derjenige betrachtet worden ist, von welchem mehrere und sehr 
namhafte Männer jener Zeit Etwas von dem Stein der Weisen er- 
halten haben, aber Alles, was er that, mit so viel Vorsicht und unter 
solchen Umständen that, dafs er unbehelligt zu verschwinden ver- 
mochte. Dieser Künstler machte von verschiedenen Namen Gebrauch 
und gab keinen Anhaltspunkt dafür ab, dafs sich entscheiden liefse, 
welcher ihm eigentlich zukam, und es ist nicht sicher festzustellen 
gewesen, ob er wirklich, was die Meisten angenommen haben, von 
Geburt ein Engländer und sein wahrer Name Thomas Vaughan 
war. Da er so geschickt Alles zu vermeiden wufste, was dazu hätte 
dienen können, ihn wiedererkennen und verfolgen zu lassen, so darf 
man auch nicht erwarten, dafs ein strengerer Beweis dafür er- 
bracht wäre, es sei wirklich immer derselbe Mann, der hochbegabte 
Philaletha gewesen, welcher bald da, bald dort Das gethan habe, 
was ihm zugeschrieben worden ist, und auch was die alchemistischen 
Schriften betrifft, die unter diesem Namen den Kunstgenossen geboten 
worden sind, ist von der Forderung des Nachweises abzustehen, dafs 
sie von dem nämlichen Meister verfafst seien. Dahin gehört der 
Adept, welcher in den ersten zwei Decennien des vorigen Jahrhunderts 
sehr viel für die Befestigung des Glaubens an die Alchemie gethan 



teren Darstelhing hat übrigens Sendivogius den Herzog Friedrich selbst als 
an dem gegen ihn begangenen Attentat betheiligt betrachtet, und wiewohl der 
Herzog versicherte, „dal's er von diseni Verbrechen keine AVissenschatt't habe, 
war dennoch solche Verleumdung dem Herzog an seiner Ehre sehr nachtheilig, 
weil der Pole seinen Verlust allzusehr bedauerte und den Herzog nicht von aller 
Schuld freysprechen wollte". 



Verpfliclitnng der Adepten, für die Wahrhaftigkeit der Alchemie zu zeugen. 201 

haben soll, zwar nur selten in der Art, dafs er selbst vor Anderen 
das Wunder der Metallveredlung vor sich gehen liels, aber öfters 
durch freigebige Mittheilung kleiner oder auch grölserer Mengen des 
Steins der Weisen an solche Personen, welchen er wohlwollte oder 
die er als geeignet dafür betrachtete, durch Benutzung des Geschenkes 
Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Alchemie zu widerlegen. Ob der 
Mann, welcher bei seinem Auftreten in Deutschland — wo er in 
Berlin an Böttger (S. 130) Etwas von der kostbaren Substanz ge- 
geben haben soll — sich Laskaris nannte und Archimandrit eines 
Klosters auf der Insel ^litylene sein wollte, die Wahrheit angegeben 
hat, ist zweifelhaft, aber wiederum ist auch nur zu vermuthen und 
nicht zu beweisen gewesen, dafs immer der Nämliche für die während 
einer Reihe von Jahren namentlich aus Deutschland berichteten 
Transmutationen das jMittel zur Bewirkung derselben geliefert habe. 
Aber das in diesen und einigen anderen Fällen über solchen Fragen 
schwebende Dunkel entsprach ganz Dem, dafs Diejenigen, welche die 
höchste Aufgabe der Alchemie zu lösen verstanden, allen Grund dazu 
hatten, sich möglichst zurückzuhalten und sich nicht wiedererkennen 
zu lassen. 

Es mul'ste doch auch Denen, welche an die Wunderwirkungen 
der Alchemie zu glauben geneigt waren, die Frage sich nahe legen, 
wefshalb Männer, die den Stein der Weisen darzustellen verstanden, 
nicht in der Stille aller der Vortheile genossen, welche diese Kennt- 
nifs sichern soll, sondern sich den Gefahren aussetzten, die ihnen 
auch bei sonst vorsichtigstem Verhalten daraus erwachsen konnten, 
dafs sie sich wenn auch nur Wenigen als Adepten zu erkennen gaben. 
Darauf wird geantwortet, dafs die rechten Adepten nicht etwa die 
Eitelkeit veranlafste. Dies zu thun, sondern das Bewulstsein einer 
Verpflichtung: der Verpflichtung, der Alchemie die ihr gebührende 
Anerkennung zu verschaffen, die Widersager dieser Kunst zu be- 
schämen, die Zweifelnden zu der richtigen Entscheidung k'ommen zu 
lassen, die Gläubigen in ihrer Überzeugung zu befestigen. 

Aber neben dieser Verpflichtung darauf hinzuwirken, dafs die 
Wahrhaftigkeit der Alchemie allgemein anerkannt werde, lag den 
Adepten noch eine andere ob: geheim zu halten, oder doch nur die 
als würdigste sich Bewährenden ersehen zu lassen, wie der Stein der 



202 Verpfliclitiuig der Adeiiten, ihr Wissen geheim zu halten. 

Weisen dargestellt werde. Das ist hier im Zusammenhang mit Dem 
zu besprechen, was als die Erreichung des von allen Alchemisten 
angestrebten Zieles hauptsächlich erschwerend betrachtet wurde. 

Man sollte glauben, der ganzen Sachlage nach haben die Adepten 
Grund genug gehabt, ihre Kunst nicht gemein werden zu lassen, und 
besondere Verwarnungen, das Geheimnifs zu wahren, seien ganz über- 
flüssig gewesen. Aber es mufs sich doch anders verhalten haben, da 
von früher Zeit her stets die Noth wendigkeit, verschwiegen zu sein, 
betont worden ist und so zu sagen alle Hebel, dafs Dem entsprechend 
gehandelt werde, in Bewegung gesetzt worden sind. Darauf Bezüg- 
liches wird schon aus sehr früher Zeit berichtet. Der im neunten 
Jahrhundert lebende Georgios Synkellos erzählt in seiner Chrono- 
graphie, Democrit von Abdera — mit diesem alten Griechischen 
Philosophen wurde ein späterer Demokritos zusammengeworfen, 
Welcher als der Verfasser wohl des ältesten unter den uns erhaltenen 
in Griechischer Sprache geschriebenen alchemistischen Aufsätzen, des 
als (poor/,ä %ai [loanv-d betitelten, genannt ist — sei im Tempel zu 
Memphis mit Anderen, unter welchen eine vielseitig gebildete Jüdin 
Maria und ein gewisser Pammenes gewesen, in das Geheimwissen 
eingeweiht worden; nachher hätten die Genannten auch über Das da 
Erlernte geschrieben, und Democrit und Maria seien, weil sie die 
Kunst in geschickter Weise dabei verborgen gelassen, gelobt, Pam- 
menes aber, weil er sein Wissen allzu offen dargelegt habe, getadelt 
worden. Der Democrit, welcher den eben erwähnten alchemistischen 
Aufsatz geschrieben hat, nahm es noch ernster damit, dals das Ge- 
heimnifs der Kunst nicht profanirt werde; er band, wie uns sein 
Commentator Synesios bezeugt, seine Schüler durch einen SclLwur, 
das von ihm Gelehrte Keinem, es sei denn einem würdig Befundenen, 
mitzutheilen. Auch noch andere von Alchemie handelnde Schriftstücke 
aus der Zeit, wo in Aegypten über diese Kunst in Griechischer Sprache 
geschrieben wurde, nehmen darauf Bezug, dafs in dieser Weise der 
ungehörigen Verbreitung tieferen alchemistischen Wissens vorgebeugt 
werden sollte; Eines dieser Schriftstücke, das ein Sendschreiben der 
Isis an ihren Sohn Koros sein soll, enthält ganz ausführlich einen 
abscheulichen Schwur, welchen ein Engel Amnael die Isis habe ab- 
legen lassen, dafs sie das ihr mitzutheilende Geheimnifs der Alchemie 
keinem Anderen als ihrem Sohn mittheilen wolle. Bei den Arabern 



Veriiflichtung der Adepten, ihr Wissen geheim zu halten. 203 

kommt Ahnliches vor. In der dem Avicenna beigelegt gewesenen 
Schrift De anima in arte alchlmiue läfst Abuali Abincine seinen 
Sohn Abuzalemi feierlich schwören, das Meisterstück der Alchemie 
vor Jedem geheim zu halten. Bei den angesehensten Autoritäten 

des Abendlandes wird deutliche Darl^ung, wie der Stein der Weisen 
zu bereiten sei, als eine schwerste Sünde hingestellt. Das dem Ray- 
mund Lull zwgQ^dw'mhQno. Tcstauientum bedroht Den, welcher dieser 
Sünde sich schuldig macht, damit, dafs er bei dem jüngsten Gericht 
verdammt werde, und das Itosarium des Arnald von Villanova 
warnt, dafs ein Solcher verflucht sei und am Schlagfluls sterben werde. 
In Gottes Willen allein stehe es, wer zu der Erkenntnifs des wich- 
tigsten Geheimnisses gelangen solle, und der im Besitz dieses Ge- 
heimnisses Befindliche frevele, wenn er damit, einen Anderen in das- 
selbe einzuweihen, Gott vorgreife. Durch eine Reihe von Jahrhunderten 
setzt sich bei den alchemistischen Schriftstellern das Jammern fort, 
dafs sie befürchten, in ihren Angaben über die Bereitung des Steins 
der Weisen die Grenze, welche sie einhalten sollten, überschritten zu 
haben, und die Versicherung, „dafs mans mit Schriften nicht besser 
lehren könnte, es wäre denn, dal's einer muthwillig zur Hölle traben 
und darin versinken wollte, indem er Dasjenige von sich ausgehen 
läfst, was doch vom Schöpfer höchlich verboten ist", wie sich Basi- 
lius Valentinus im Triumphwagen des Antimonii ausdrückte. Bis 
in das vorige Jahrhundert setzt sich bei den alchemistischen Schrift- 
stellern die Betheuerung fort, dafs ihre Belehrung eine vollständigere 
und klarere sein würde, wenn Dem das Verbot Gottes nicht entgegen- 
stünde; selbst der sonst so ehrliche Glauber fühlte sich veranlafst 
(vgl. S. 51), in diesen Ton einzustimmen. Dem entsprach aller- 
dings, dafs kein sonst durch seine Leistungen als ächter Adept be- 
glaubigter Alchemist dazu zu bringen war, zur Ausführung des Meister- 
werks eine Anweisung zu geben, nach welcher auch Unberechtigte 
hätten erfolgreich arbeiten können. Wie Seton (S. 127) widerstanden 
auch Andere selbst der Folter, mittelst deren ihnen dieses Geheimnifs 
abgezwungen werden sollte, und sogar die Dankbarkeit Seton's gegen 
seinen Befreier Sendivogius konnte den Ersteren nicht bestimmen, 
des Letzteren Bitte um Mittheilung des Geheimnisses zu erfüllen 
(S. 198). Wie wenn ein heiligster Eid ihnen die Zunge bände, ver- 
hielten sich ächte Adepten, und ausdrückliche Berufung darauf, dafs 



204 Abhängigkeit der Befähigung, Adept zu werden, von einem höheren Einflufs. 

€in solches Hindernifs dem Bekenntnifs, wie der Stein der Weisen 
darzustellen sei, im Wege stehe, kam auch vor; dafs dann der Ver- 
such, kraft priesterlicher Gewalt von dem Eid zu entbinden, erfolglos 
sein konnte, wurde S. 142 erzählt. 

Aus dem im Vorstehenden Erinnerten geht schon hervor, dafs 
behauptet wurde, von einem höheren Einflüsse hänge es ab, ob Einer 
zu der Erkenntnils gelangen könne, wie der Stein der Weisen darzu- 
stellen sei. Über die Art dieses Einflusses wurde zu verschiedenen 
Zeiten verschieden geurtheilt. Nach der gewöhnlich als Mathesis 
betitelten astrologischen Schrift, welche ein Julius Maternus Fir- 
micus in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts (wie man an- 
nimmt.) geschrieben hat, wird eine bestimmte Stellung der Gestirne 
bei der Geburt eines Menschen Diesem scicntiam chimiae zu Theil 
werden lassen*). Aber eine andere Auffassung war später herrschend: 



*) Hier wurde eine bestimmte StelUing der Gestirne zu der Stunde der 
Geburt eines Menschen als eine Bedingung dafür abgebend betrachtet, dafs Dieser 
überhaupt zu der Erfassung alchemistischen Wissens Anlage habe. Später sah 
man darin eine Bedingung dafür, dafs gewisse alchemistische Operationen ge- 
lingen. Darauf Bezügliches findet sich aus dem dreizehnten Jahrhundert in des 
Arnald von Villanova Schrift de sigiUis. Im sechszehnten Jahrhundert ver- 
sicherte Paracelsus in seinem Tractat de tinctura physicormn, wer nicht der 
alten astronomornm (d. h. hier der Astrologen) Brauch verstehe, sei nicht von 
Gott in die Spagyrei geboren noch von Natur zu Vulcani Werk erkoren. Die 
zuerst 1569 veröffentlichten J.j-t7uVZoa;a des Leonh. Thurneysser enthalten für 
die Ausführung verschiedener alchemistischer Processe die genaue Angabe der 
Constellationen und Aspecten, unter welchen man die Hauptoperationen in An- 
griff nehmen soll. Das Vertrauen zu Tycho Brahe's astrologischen Kennt - 
■ nissen war es vielleicht, was den Kaiser Rudolf H. diesem 1599 zu ihm nach 
Prag gekommenen Asti-onomen, der sich übrigens in jüngeren Jahren eifrig mit 
Hermetischer Chemie beschäftigt hatte, das Schlofs Benach o. Benatek an der 
Tser zur Einrichtung nicht nur einer Sternwarte sondern auch eines chemischen 
Laboratoriums anweisen liefs; den Plan, in Prag ein grofses astronomisch-che- 
misches Institut herzustellen, in welchem der junge Georg Brahe dem Labora- 
torium vorstehen sollte, liel's Tycho Brahe's IGOl erfolgter Tod nicht zur Aus- 
führung kommen (A. Bauer's Chemie u. Alcliymie in Österreich, Wien 1883, 
S. 21). Mit der Astrologie wurde die Alchemie auch dadurch in Verknüpfung 
erhalten, dafs Beziehungen zwischen den Planeten und den nach ihnen benannten 
Metallen angenommen und besprochen wurden; einige diese Richtung einhaltende 
Schriften werde ich in einem Anhang zum H. Theil des vorliegenden Buches 
„Beitrag zur I}ibliograpliie der Alchemie" namhaft machen. 



Abhängigkeit der Befähigung, Adept zu werden, von einem höheren Einflufs. 205 

(lafs es auf specieller göttlicher Auswahl beruhe, wer sich zu dem 
liöchsten alchemistischen Wissen erheben könne. Man hätte Das in 
so fern nicht erwarten sollen, als nach der Versicherung Eines der 
Früheren unter den der Aegyptischen Schule angehörigen alchemistischen 
Schriftstellern, des Zosimos, die Chemia zu den Künsten gehörte, die 
den Menschen hätten verborgen bleiben sollen aber von Engeln an 
Töchter der Erde mitgetheilt worden seien, um die Gunst Derselben 
zu gewinnen. In dieser hiernach eigentlich verbotenen Kunst, welche 
bei den eben erwähnten Schriftstellern sehr häufig als die heilige 
oder die göttliche bezeichnet ist, das Höchste leisten zu können, sollte 
nachher auf besonderer götthcher Gnade beruhen. Geber spricht 
in seiner Summa perfectionis magisterii schon aus, dafs Gott wem 
er wolle solchen Erfolg zu Theil werden lasse oder vorenthalte. Zu- 
gespitzter findet sich diese Lehre bei den dem christlichen Abendlande 
zugehörigen Schriftstellern vom dreizehnten Jahrhundert an. Dafs 
er das Geheimnifs der Alchemie nicht begriffen habe, doncc aliquis 
Spiritus p)rop)hetiae, spirans a patre luminum, dcscendit, und dafs 
Andere bis zu directer göttlicher Erleuchtung dieser Einsicht aucli 
nicht theilhaftig werden können, versichert der Verfasser des dem 
Raymund Lull zugeschriebenen Codicills auf das Bestimmteste, und 
die Alchemisten der nächstfolgenden Jahrhunderte stinmien darin 
überein, dafs nur unter unmittelbarer Mitwirkung Gottes das Ziel 
ihrer Arbeiten erreicht werden könne. Dafs Das auf Prädestination 
beruhe, ist behauptet worden und fand Ausdruck u. A. in einem in 
Verse gebrachten alchemistischen Tractat, welcher unter der Über- 
schrift Processus de lapidc pMlosopJwrum uns erhalten ist und im 
Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts von einem Böhmischen Mönch 
Johann von Tetzen verfasst sein soll: 

Lapis candens fit ex tribiis. 
NulU datiir, «tsi qiiibus 
Dei fit spiramine, 
Ex matris venire quos beavit, 
Hanc ad artem destinavit 
Sacroqne sancimine, 

und gereimten Ausdruck fand die Behauptung, dafs ein dazu nicht 
Auserkorener weder durch geistige Anstrengung noch durch Anwendung 
von Gewaltmafsregeln das Ziel der Alchemie erreichen könne, auch 
in den noch im vorigen Jahrhundert nicht selten angeführten Versen^ 



206 Abhängigkeit der Befähigung, Adept zu werden, von einem höheren Einflufs. 

welchen das (im siebzehnten Jahrhundert wiederholt in alchemistischem 
Sinn Aufgefafste) zu Grunde liegt, was Virgil in der Aeneide (L. VI, 
V. 136 SS.: Latet arbore opaca aureus — — rainiis etc.) die Si- 
bylle an den Aeneas aussprechen läfst: 

Wo du von Gott dem Herrn darzu bist ausersehen, 
So kan das güldne Zweig mit nichten dir entstehen; 
Wo nicht, so hilfft dir keine Stärke, noch Verstand, 
Auch wird des Eisens Schärft' vergeblich angewandt. 

Dem gemäfs war es nicht als auf Zufall, sondern als auf höherer 
Fügung beruhend zu betrachten, dafs und wie Einer oder ein Anderer 
zu der Bekanntschaft mit dem höchsten Geheimnifs der Alchemie ge- 
langt ist: dafs z. B. Flamel (S. 94) 1357 in Paris eine auf Baum- 
rinde geschriebene, von ihm allerdings zunächst nicht zu entziffernde 
Handschrift um ein Billiges kaufen konnte und dafs er endlich — 
1378 — in San Jago di Compostella die Bekanntschaft eines ge- 
lehrten Arztes, eines getauften Juden machte, welcher ihn diese Schrift 
lesen lehrte, die als eine hinreichend deutliche, von einem Juden 
Abraham für seine Glaubensgenossen hinterlassene Anweisung zur 
Darstellung des Steins der Weisen zu verstehen dem Flamel nun 
auch gelang; oder dafs Trismosin (S. 98) zu Venedig in den Be- 
sitz Arabischer Vorschriften gelangte, welche ihn, nachdem er sie 
hatte übersetzen lassen, mit Sicherheit das gewünschte Ziel erreichen 
liefsen ; oder dafs Paykull (S. 192 f.) die Bekanntschaft eines Polnischen 
Offiziers Lubinski machte, welcher ihn die Kunst, Gold hervorzu- 
bringen, lehrte, die er seinerseits von einem Griechischen Priester in 
Korinth gelernt hatte. Die Fälle sind kaum zu zählen, in welchen 
zu der Erlangung der Wissenschaft in der Alchemie Auserkorene die 
nöthige Anweisung in der Wand von Klosterzellen, in Kirchen in 
der Bekleidung von Säulen oder unter Altären, in dem Bewurf von 
Laboratoriumsräumen und an anderen Orten fanden, an welchen nach 
solcher Anweisung zu suchen keinem Anderen eingefallen wäre; aller- 
dings kam auch Denen, die sie fanden, manchmal etwas wie ein 
wunderbarer Zufall oder geradezu wie ein Wunder Erscheinendes 
zu Hülfe. 

Es wäre hiernach zu erwarten, dafs die Personen, welchen solche 
Gnade zugewendet wurde, von ausgezeichneter Frömmigkeit gewesen 
seien. Unter Denen, welche man als Meister der Kunst genannt 



Frömmigkeit als Bedingung f. d. Erlangung der Meisterschaft i. d. Alchemie. 207 

findet, sind in der That auch recht Viele, für welche diese Voraus- 
setzung zutrifft, aber gerade für sie ist oft die Beweisführung schwach, 
dafs sie wirklich die ihnen zugeschriebene Kenntnils vom Stein der 
Weisen besessen haben. Früher, und noch im vorigen Jahrhundert, 
genügte wenig, ausgezeichneten Männern längst vergangener Zeit den 
Meistergrad in der Alchemie zuerkennen zu lassen. Namentlich bib- 
lische Personen waren Dem sehr ausgesetzt. Von der frühesten 
Zeit an, in welcher die Alchemie im christlichen Abendlande bekannt 
war, wurden Moses und der Evangelist Johannes unter Denen ge- 
nannt, welche es in dieser Kunst am Weitesten gebracht haben. Es 
ist ungewifs, ob dazu Veranlassung gegeben habe, dals in den in 
Aegypten in Griechischer Sprache geschriebenen alchemistischen Auf- 
sätzen ein Moses*) und ein Priester Johannes unter den Autori- 
täten der Kunst genannt sind. Aber gewifs ist es, dafs noch gegen 
das Ende des siebzehnten Jahrhunderts angesehenste Chemiker den 
Glauben unterstützten, der Gesetzgeber der Israeliten habe die ihm 
zugeschriebene Bekanntschaft mit den Geheimnissen der Alchemie 
auch darin gezeigt, wie er noch andere schwierigste chemische Auf- 



*) Ein Moses und noch früher eine Maria kommen als alchemistische 
Schriftsteller bei den S. 3 berührten, der Aegyptischen Schule angehörigen 
älteren Autoren vor und werden sogar Beide in aus jener frühen Zeit uns zuge- 
kommenen .Aufzählungen der Hauptrepräsentanten der Hermetischen Kunst ge- 
nannt. Bei den Abendländern scheint vom dreizehnten Jahrhundert an der 
Prophet Moses den Alchemisten zugerechnet worden zu sein, und auch Dessen 
Schwester Mirjam d. i. Maria galt nachher — ich weifs nicht wann zuerst 
noch auf welchen Grund hin — als Alchemistin. Dafs Moses' Schwester die 
Mai;ia gewesen sein solle, von welcher einzelne ziemlich unverständliche Aus- 
sprüche in Schriften jener Autoren erhalten sind, wufste der 1657 in Wien ge- 
storbene Jesuit Simon Wagnereck. Der S. 99 f. erwähnte Edm. Dickinson 
glaubte in seiner 1705 zu Hamburg herausgekommenen Physica retus et vera 
mit aller Bestimmtheit sagen zu können: E.vtant adhiic quaedam priscae me- 
nioriae, qiiae Mnsls, atque sororis ejus, Mariae za /Y][isux:v.a pracdicant, ipsam- 
qite Mariam inter prophetas atque jjhilosophos initiatos in templo Meinphitico 
recensent Aegyptii, nee non et veteres Graeci, prout ex antiquo graeco scHptore 
tradü Eusebius. In Griechischer Sprache über Alchemie Handelndes, was von 
der Maria verfafst sei, kommt in den Sammlungen der Schriften der erwähnten 
älteren Autoren vor; in Lateinischer Sjjrache sind in dem Anfang des siebzehnten 
Jahrhunderts veröffentlicht worden Excerpta ex interlocut'tone Mariae proplietissae 
sororis Moysis et Aaronis, habita cum aJiquo philosopho dicto Aros, de excellen- 
tissimo opcre trium horarum ; auf der üniversitäts-Bibliothek zu Levden ist eine 



208 Frömmigkeit als Bedingung f. d. Erlangung der Meisterschaft i. d. Alchemie. 

gaben als die künstliche Darstellung von Gold zu lösen wufste, und 
der Evangelist Johannes habe wirklich geleistet, was von ihm in 
einer durch Adam von St. -Victor im zwölften Jahrhundert ge- 
dichteten Hymne gerühmt wird : 

Inexhaustum fert thenaurum, 
Qui de cirgis fecit aiirum, 
Gemmas de lapidibus; 

G. E. Stahl wollte es herausgebracht haben, in welcher Weise 
Moses das von den Israeliten angebetete goldene Kalb zerstört und 
das Gold in die Form einer trinkbaren Flüssigkeit gebracht habe, 
und J, J. Becher betrachtete nicht nur die Umwandlung von Holz 
in Gold als möglich, sondern ging auch auf die Erörterung ein, Zweige 
von welcher Pflanze wohl Johannes für diese Umwandlung ange- 
wendet habe. Nur noch wenige andere Beispiele mögen angeführt 
werden um ersehen zu lassen, wie in Heranziehung biblischer Per- 
sonen zur Alchemie verfahren wurde*), auch abgesehen davon, auf 
was hin die Patriarchen als Besitzer des Steins der Weisen betrachtet 
worden sind (vgl. S. 99 f.). Der vorsündfluthliche Thubalkain sollte 
nothwendig sich auch auf Alchemie verstanden haben, weil er 
(I. Buch Moses, 4, 22) als ein Meister in allerlei Erz und Eisenwerk 
genannt ist; Noah's Sohn Cham soll aber so ausgezeichnet in der 
Goldbereitungskunst gewesen sein, dafs dieselbe nach ihm Chemie 
genannt worden sei. Erfolgreiche Ausübung der Alchemie habe dem 
schwer geprüften Hiob für den Fall der Bekehrung sein Freund 
Eliphas von Theman in Aussicht gestellt, da Dieser (Buch Hiob 22, 
23 — 25) dem Dulder zuredete: „Wirst du dich bekehren zu dem 

wie es scheint ihrem Inhalt nach recht alte, von Früherem nur auf von jenen 
Autoren Vorgehrachtes Bezug nehmende Arahische Handschrift, in Betreu" deren 
Inhalt Das hekannt geworden ist, dal's imprimis alhgantur effata virorum doc- 
torum Kaijasmüs et Aros et matronac Mariae Sicidae. — — Indiicitur [Ams] 
disputans cum Maria (vgl. meine Beiträge zur Geschichte der Chemie, II. Stück, 
S. 406). Die Zusammenstellung einer Maria und eines Aros als Solcher, die 
zusammen Alchemistisches erörtern, ist also nicht eine Fiction einer relativ neuen 
Zeit, sondern stammt aus einer weit entlegenen. Al)er wer unter den mit ge- 
nügenden Spraclikenntnissen Ausgerüsteten hat Zeit und Interesse dafür, der 
Untersucliung der hezüglich eines solchen Gegenstandes sich aufwerfenden Fragen 
nachzugehen V 

*) Darüber, wie Elias in Beziehung zu der Alchemie gchracht worden ist, 
vgl. Anmerkung VI am Ende dieses Theils. 



Frömmigkeit als Bedingung f. d. Erlangung d. Meisterschaft i. d. Alchemie. 209 

Allmächtigen, so wirst du für Erde Gold geben, und für die 

Felsen goldene Bäche, und der Allmächtige wird dein Gold sein, und 
Silber wird dir zugehäuft werden". Abraham soll durch Betreibung 
der wahrscheinlich in Aegypten von Hermes erlernten Alchemie es so 
weit gebracht haben, dafs Moses (im I. Buch 13, 2) von ihm sagen 
konnte, er sei reich gewesen auch an Silber und Gold. Auf seine 
alchemistische Weisheit habe oftenbar Salomo Bezug genommen, wo 
er in seinem (allerdings als apokryph betrachteten) Buch der Weisheit 
(7, 9) sagt: „alles Gold ist gegen sie wie geringer Sand, und Silber 
ist wie Koth gegen sie zu rechnen"; darauf, wie Salomo die künstliche 
Hervorbringung von Silber im Grofsen betrieben habe, weise hin, dafs 
im I. Buch der Könige (10, 27) von ihm geschrieben steht: „Und 
der König machte, dafs des Silbers zu Jerusalem so viel war, wie 
der Steine". Dafs Jesaias (60, 17) verhiefs: „Ich will Gold anstatt 
des Erzes und Silber anstatt des Eisens bringen", sollte ersehen lassen, 
was er verstand. Der Prophet Daniel sollte alchemistische Weisheit 
kundgegeben haben (ein von des bekannten, 1533 bis 158S lebenden 
Valentin Weigel Hand geschriebenes alchemistisches Manuscript 
„Der Prophet Daniel durch Theophrastum ausgelegt" war in dem 
S. 8 erwähnten Manuscripten-Katalog S. 29 verzeichnet). Solcher und 
ähnhcher Unsinn — z. B. dafs mit Anderen auch Isaak, Jakob, 
Juda, David Besitzer des Steins der Weisen gewesen seien — wurde 
bis in das vorige Jahrhundert (u. A. noch in einem zu Frankfurt u. 
Leipzig 1785 veröffentlichten, Splendor lucis betitelten Tractat, dessen 
Verfasser AdaMah Booz — er hiefs eigentlich Ad. Mich. Birkholz 
— damals in einem gewissen Ansehen bei den Kunstgenossen stand) 
vorgebracht und von Vielen geglaubt. Derartiges läugnen konnte 
im Anfang des vorigen Jahrhunderts fast nur Einer, der die Wahr- 
haftigkeit der Alchemie überhaupt in Abrede stellte; Das that (doch 
ohne seinen Namen zu nennen) Joh. Georg Schmid in seiner 
1706 zu Chemnitz veröffentlichten Schrift: „Der von Mose und den 
Propheten übel urtheilende Alchymist, vorgestellet in einer Schrifft- 
mäfsigen Erweisung, dafs Moses und einige Propheten, wie auch 
David, Salomon, Hiob und Esra und dergleichen, keine Adepti Lapidis 
FMlosophorum gewesen sind; Ingleichen dafs diese Lehr und Alchy- 
mistisch vorgeben, von Verwandlung der geringen Metallen in Gold, 
eine lautere Phantasie und schädliche Einbildung sey''. 

Kopp, Die Alchemie. I. 14 



210 Frömmigkeit als Bedingung f.d. Erlangung d. Meisterschaft i. d. Alcliemie. 

Gerade für Diejenigen aus so früher Zeit, welche mit gröfserer 
Bestimmtheit als Adepten betrachtet wurden, ist geltend gemacht 
worden, dafs sie auch ihrer Frömmigkeit nach würdig gewesen seien, 
zu der höchsten Erkenntnifs in der Alchemie zu gelangen, und Gleiches 
wurde für viele Spätere behauptet. — Die Frömmigkeit mehrerer 
zu dem höchsten Erfolg in ihrer Kunst gelangten Alchemisten soll 
sich darin erwiesen haben, wie sie das von ihnen hervorgebrachte 
Gold zu guten Werken verwendeten; dafs sie Dieses in grofsartigster 
Weise gethan haben, wurde u. A. von R. Lull, N, Flamel, G. 
Ripley, H. Crinot (vgl. S. 92 u. 94) erzählt. Von anderen in 
gleichen Ruf Gekommenen ist Derartiges nicht bekannt; aber die 
Ermahnung zu solcher Verwendung des Ertrages der Kunst wurde 
doch für den Fall, dafs Einem die Darstellung des Steins der Weisen 
gelinge, von unzählig Vielen ausgesprochen, welche Anleitungen dazu 
geschrieben haben. 

Dafs fromme Gesinnung für erspriefsliche Beschäftigung mit 
Alchemie nothwendig sei, wurde namentlich in Schriften hervorge- 
hoben, deren Verfasser sich zum Christenthum bekannten. Das stand 
da mit der religiösen Auffassung der Alchemie überhaupt in Zu- 
sammenhang; die Ausübung dieser Kunst, für welche der unmittel- 
bare Beistand Gottes erforderlich sei und welche die Allmacht Desselben 
in eminentester Weise ersehen lasse, wurde als etwas Geheiligtes hin- 
gestellt, und für jede Arbeit eines Alchemisten wurde gefordert, dafs 
er sie in diesem Sinne gläubig vornehme. Dazu, die Beschäftigung 
mit Alchemie als ein frommes Werk betrachten zu lassen, trug aufser- 
dem noch bei, dafs innige Beziehungen zwischen religiösen und alche- 
mistischen Lehren angenommen wurden. — Zur Ehre Gottes soll des 
R. Lull Testamentum nach der im Anfang desselben enthaltenen 
Versicherung, sollen viele spätere Anweisungen zur Betreibung der 
Kunst verfafst sein; unter Anrufung Gottes die einzelnen alchemistischen 
Operationen vorzunehmen, wird in den dem eben Genannten beigelegten 
Werken vorgeschrieben, und aucli bei welcher ein Kreuz geschlagen 
werden soll, damit nicht der Teufel dem Arbeitenden schade; welche 
Gebete bei gewissen Operationen zu sprechen seien, hat Arnald von 
Villanova angegeben. — Mit Religionslehrcn wurden Ergebnisse, zu 
welchen die Alchemie gelangt sein sollte, in der Art in Verknüpfung 
gebracht, als ob diese Ergebnisse passende Gleichnisse für jene Lehren 



Vergleiclmngen von Religiösem mit Alchemistischem. 211 

abgäben und selbst zur Verdeutlichung derselben sich eigneten. Schon 
gegen das Ende des fünften Jahrhunderts hatte Aeneas Gazaeos 
in seiner Thcophrastos betitelten Schrift über die Unsterblichkeit der 
Seele die Auferstehung mit verklärtem Leibe der Veredlung von 
anderem Metall zu Gold verglichen, und dafs ein Verstorbener in 
der früheren Gestalt zum ewigen Leben erweckt werden könne, damit 
verdeutlicht, dafs nach gänzlichem Verfall einer bestimmten ehernen 
Bildsäule, des Achilles z. B., das Material derselben zu unvergäng- 
lichem Gold umgewandelt und daraus wieder eine Bildsäule von ganz 
gleicher Form wie die frühere gemacht werden könne; noch in der 
ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts verglich van Helmont 
in den Aufsätzen, welche Dcmonstratur thesis und Vita aeterna 
überschrieben sind, die Wirkung des Steins der Weisen auf unedle 
Metalle der Verleihung der Unsterblichkeit, der Erlösung, den Seg- 
nungen der Taufe und der Communion. Als besonders ansprechend 
erschien die Auffassung der Auferstehung unter dem Bilde der Subli- 
mation: dafs „wir armen Menschen werden wegen unserer Sünde allhier 
durch den Tod, den wir wohl verdient, in das Irdische, nämlich das 
Erdreich, eingesalzen, bis so lange wir wol durch die Zeit putrificiret 
werden und verfaulen, und dann hinwiederum endlich durch das 
himmlische Feuer und Wärme auferweckt, clariticirt und erhaben 
werden, zu der himmlischen Sublimation und Erhöhung, da alle feces, 
Sünde und Unreinigkeit abgesondert werden", wie in des Basilius 
Valentinus Triumphwagen des Antimonii zu lesen war. Auch 
Luther lobte in seiner Canonica die Alchemie nicht nur, weil sie 
(als Chemie) praktisch nützlich sei, „sondern auch von wegen der 
herrlichen schönen Gleichnifs, die sie hat mit der Auferstehung der 
Todten am jüngsten Tage. Denn eben wie das Feuer aus einer 
jeden Materie das Beste auszieht und vom Bösen scheidet, und also 
selbst den Geist aus dem Leibe in die Höhe führt, dafs er die obere 
Stelle besitzt, die Materie aber, gleichwie ein todter Körper, in dem 
keine Seele mehr ist, unten am Boden oder Grunde liegen bleibt: 
also wird auch Gott am jüngsten Tage durch sein Gericht, gleichwie 
durch das Feuer, die Gerechten und Frommen scheiden von den Un- 
gerechten und Gottlosen. Die Gerechten werden auffahren gen Himmel 
und werden leben, die Ungerechten aber werden hinunterfahren in 
die Hölle, da sie ewiglich todt bleiben". Aber sein Lob hätte sich 

14* 



212 Vergleichuugen von Religiösem mit Alchemistischem. 

wohl nicht erstreckt auf manche andere Vergleichungen von Rehgiösem 
mit Alchemistischem, wie sie z. B. als durch Marsilius Ficinus 
zwischen Maria und Christus einerseits und dem Mercurius und 
dem Stein der Weisen anderseits, als von Basilius Valentinus 
zwischen der Dreieinigkeit und dem Stein der Weisen und für Anderes 
vorgebracht verbreitet worden sind*). Solche Vergleichungen fanden 
sich zunächst vorzugsweise in Schriften, welche die Alchemie als 
Hauptsächliches behandeln; sie gingen daraus über in Schriften, welche 
wesentlich Theologisches bez.-w. Theosophisches zum Gegenstande 
haben, wie namentlich in die des (1624 gestorbenen) Jakob Böhme, 
welcher zwar nie sich mit Alchemie beschäftigt hat — die unter 
seinem Namen veröffentlichte Anweisung**) zur Bereitung des Steins 
der Weisen ist untergeschoben — , aber doch sich der Sprachweise 
der Alchemisten und der dadurch gewährten Bilder bediente (die 
S. 140 citirte Schrift von Ha rief s behandelt die Beziehungen zwischen 
Böhme und den Alchemisten ausführlicher); auf Das, was Schriften 
der letzteren Art in dieser Beziehung haben, ist jedoch hier nicht 
weiter einzugehen. 

Wie Frömmigkeit als eine Bedingung dafür hingestellt wurde, 
zu der Lösung der höchsten Aufgabe der Alchemie zu gelangen, 
und wie die Betreibung dieser Kunst überhaupt in religiösem Sinn 
aufgefafst wurde, sollte in dem Vorhergehenden verdeutlicht wer- 
den***). Günstigen Erfolg alchemistischer Arbeiten sicherte indessen 



*) Vgl. Anmerkung VII am Ende dieses Theils. 
**) Die 1680 zu Amsterdam veröffentlichte Schrift „Iclea Chemiae BoeJimianae 
adepta oder Abrifs der Bereitung des Steins der Weisen, nach Anleitung Jak. 
Böhmens" wurde wiederholt, zuletzt 1747 unter dem Titel „Jak. Böhmens 
kurze und deutliche Beschreibung des Steins der "Weisen" neu aufgelegt. 

***) Wie weit die Schwärmerei ging, zeigt die Behauptung des Aegidius 
Guthmann zu Augsburg, dafs es nur auf den Glauben ankomme, um die Ver- 
edlung der Metalle ausführen, andere geheime Künste ausüben, auch durch die 
Luft gehen zu können; Joh. Friedr. Gmclin's Geschichte der Chemie, I. Bd , 
S. 286. Von Guthmann's 1619 veröffentlichter „Offenbarung Göttlicher Maje- 
stät, darinnen angezeygt wird, wie Gott der Herr anfänglich sich allen seinen 
Geschöpfen mit Worten und Werken geoffenbart hat" spricht Graesse [Tresor 
de Uwes rares et prccieux, T. III, Dresde 1862, p. 187 s.) als einem commentaire 
sur les 5 premiers veis de la Genese tres recherche par les Alchimistes ; nach 
G. Klofs (Bibliographie der Freimaurerei u. s. w., S. 190) wurden für ein Exem- 
plar dieser Original-Ausgabe früher bis zu 100 Ducaten bezahlt. Ich kenne 



Moralische Wirkungen des Steins der Weisen. 213 

oft die Frömmigkeit allein nicht, mochte sie gerade nur ad hoc zur 
Mitwirkung gebracht werden (S. 131) oder auch sonst noch an den 
Tag gelegt sein (S. 139), mochte selbst die bestimmte Absicht vor- 
liegen, den Ertrag solcher Arbeiten zu unzweifelhaft frommen Werken 
zu verwenden (S. 128 f.). Anderseits scheint für Manche unter den Un- 
gläubigen und auch unter den Christen, welche als erfolgreichste 
Alchemisten betrachtet worden sind, nach Dem, was wir über sie 
wissen, die Voraussetzung nicht zuzutreffen, dafs sie schon vor Er- 
werbung des Meistergrades jeuer Bedingung genügt hätten. Al- 
chemistische Schriftsteller des Älittelalters erkennen selbst die Mög- 
lichkeit an, dafs auch einem Gottlosen die Bereitung des Steins der 
Weisen gelingen könne. Aber sie belehren uns auch, von welcher 
moralischer und religiöser Einwirkung auf einen derartigen Mann 
dieser Erfolg sei. Nicolaus P'lamel im vierzehnten, Graf Bern- 
hard von Trevigo im fünfzehnten Jahrhundert und andere Autori- 
täten aus dieser Zeit stimmen darin überein, dafs auch der Verstockteste 
und Bösartigste zu einem frommen und tugendhaften Menschen werde, 



von diesem Buch nur den 1675 zu Amsterdam u. Frankfurt a. M. (ohne 
Nennung des Verfassers auf dem Titel) herausgekommenen Abdruck, welcher 
nach Klofs (a. a. 0.) im Text mit der ersten Ausgabe Seite auf Seite überein- 
stimmt. Bei dem Durchblättern desselben (es sind zwei Theile in Quart) habe 
ich das von Gm elin Angegebene nicht so concis in Einen Ausspruch gefafst ge- 
funden, aber doch Entsprechendes oder Nahekommendes da und dort, u. A. im 
I. Theil S. 363 f., 519 f., 528. Speciell in Beziehung auf Alchemie wird im 
I. Theil S. 125 f. besprochen, „Autf was Weg mau könte den Stein der Weisen 
Meister machen, und aus was Urhab, mit dem man nicht allein ein jegliches Metall 
zu Gold machen, sondern auch alle Krankheiten heilen könte", und S. 128 Avird 
dafür, wel'shalb der Procels zum Goldmaclien nicht ganz verstandlich gelehrt sei, 
eine Erklärung in der üblichen Weise gegeben (weil Solches zu thun dem Willen 
Gottes zuwider sei). Tapfer tritt auch im II. Theil der Verfasser für die Wahr- 
haftigkeit der Alchemie ein, z. B. S. 207 : „Wird jemand mit dieser hohen Gab 
von Gott dem Herrn begnadet, dafs er kau und mag ein unzeittiges Metall, durch 
Mittel des künstlichen Fewers zeitigen, dafs es sein Silberne oder göldne Voll- 
kommenheit, wider seine langsame Zeittigung fürderlich erreiche, warumb wolt 

sich iemand derselben Gab Gottes nicht gebrauchen? So dann die Fewer- 

kunst oder Alchemie vorgehörter massen ein hochnothwendiges und nützliches 
Stück von Gott dem Herrn selber geoffenbaret ist: Warumb wollen dann die 
ungewaschne Manier dieselbe lobwürdige Kunst so gar unverschembt schmehen, 
schelten und verfolgen, so sie doch dessen kein Ursach haben? Aber difs ihr 
schmehen und lestern reicht aufs groben Unkündigkeit her". 



214 Verlust der Meisterschaft in der Alchemie wegen Sündhaftigkeit. 

wenn solche Gnade über ihn gekommen sei; so mochte es den an die 
Alchemie Glaubenden erklärlich sein, was Thomas Norton in seinem 
1477 geschriebenen Tractat Credo mihi seii Ordinale ohne Einschränkung 
allen Denen, welchen das grofse Werk gelungen, in Aussicht stellte: 
Proximc post sanctos suos Dens lios collocat in coelo, qui artem sunt 
adepti. Anderseits wird für den Fall, dafs ein im Besitz der von 
den Alchemisten angestrebten Erkenntnifs Befindlicher jener Voraus- 
setzung nicht entspreche und sich des ihm zu Theil gewordenen 
Glückes nicht würdig zeige, mit dem Verluste desselben gedroht. Da 
wo Becher in seiner Fsyclwsophia fünf UviW^X,- Axiomata , betreffend 
die Art wie man die Alchemie handhaben soll, angiebt, setzet er als 
letztes: „Wer diese Scientz hat, solche nicht geheim hält, und nicht 
zu Gottes Ehr, seiner und seines Nächsten zeitlicher und ewiger 
Wolfahrt, sondern zur Pracht, Ubermuth und Wollust anwendet, 
der wird entweder die Kunst verliehren , oder eines bösen Todes 
sterben". Der Verlust der Kenntnifs, wie der Stein der Weisen 
bereitet wird, konnte für ein Fürstenhaus auch dadurch veranlafst 
werden, dafs die Alchemie nicht geehrt, die sie ausübenden Künstler 
ungerecht behandelt wurden. Es wurde S. 62 u. 127 erwähnt, dafs 
unter den Kurfürsten August und Christian I. von Sachsen diese 
Kenntnifs in Dresden mit grofsem Erfolg ausgenutzt worden sein soll ; 
auch dafs nach dem 1591 erfolgten Tode des Letzteren der für die 
unmündigen Kinder Desselben bestellte Administrator — es war Herzog 
Friedrich Wilhelm von Sachsen-Weimar — die bis dahin be- 
günstigten Alchemisten unfreundlich behandelte und namentlich den 
Angesehensten unter ihnen, Schwertzer, dazu brachte, Kursachsen 
zu verlassen. Nach dem von Kunckel in seinem Laboratorium 
chjmicAim gegebenen Berichte soll der Administrator an Schwertzer, 
als Dieser sich mit der Anfrage meldete, wie es mit der Fortfülu'ung 
der alchemistischen Arbeiten gehalten werden solle, gesagt haben: 
„Ich habe anjctzo mehr zu thun, als auff euere Bernhäuterey zu ge- 
dencken". Hierauf soll Schwertzer seufzend geantwortet haben: „Man 
wird bey dem Chur-Hause Sachsen hinführo Laternen anstecken, und 
solche Bernhäutereyen suchen, und nicht finden". Sicher ist, dafs 
diese Voraussagung des gekränkten Künstlers eintraf. Kunckel, 
welcher selbst dafür thätig war, dafs das Kurhaus Sachsen wieder in 
den Besitz des verlorenen Geheimnisses gelange, deutet darauf hin, 



ünverständlichkeit d. Anleitungen zu erfolgreicher Betreibung d. Alchemie. 215 

es möge das Mifslingen der in Dresden später wieder unternommenen 
alchemistischen Arbeiten auch mit früher begangenen Grausamkeiten 
zusammenhängen; er äufsert sich: „Hier ist nun die Frage, wie es 
möglich, dafs diese Wissenschafft von solchem Hause so rein wieder 
abkommen können. Ich will nicht viel von Verschulden und Sünden 
wegen anführen, nachdem es genugsam bekandt, wie es zu Christiani I. 
Zeiten anfing herzugehen, auch will mir nicht gebühren zu urtheilen, 
wie viel Blut schuldig oder unschuldig vergossen worden, ob mir 
zwar solches specialissime bekandt, will es dahero lieber mit Still- 
schweigen übergehen, als etwas ferner davon erwehnen, und nur blofs 
berühren, wie GOttes Biredion so wunderlich im Geben und Wieder- 
nehmen ist". 

Schon S. 7 und dann noch wiederholt war davon zu sprechen, 
dafs die für die Beschäftigung mit Alchemie gebotenen Anleitungen 
undeutlich waren, und namentlich S. 202 f. davon, wefshalb sie nach 
Aussage alchemistischer Autoritäten so sein mufsten. Ich glaube hier 
noch einige Angaben machen zu sollen, die auf die Undeutlichkeit 
dieser Anleitungen Bezug haben und ersehen lassen, Aussprüche welcher 
Art als Anweisungen oder Fingerzeige für die glückliche Lösung der 
Aufgabe der Alchemie enthaltend betrachtet worden sind. 

Die über die Goldbereitungskunst in Griechischer Sprache ge- 
schriebenen Aufsätze, von welchen nur sehr wenig in die Lateinische 
übersetzt worden ist, kamen für die abendländischen Alchemisten 
kaum in Betracht; daran, dafs sie schon wegen der darin gebrauchten 
nicht zu enträthselnden Nomenclatur unverständlich waren, war bereits 
bei früherer Erwähnung derselben (S. 12) zu erinnern. Lateinische 
Übersetzungen Arabischer Schriften und in der Lateinischen Sprache 
ursprünglich verfafste Werke waren es, die vom dreizehnten Jahr- 
hundert an während längerer Zeit den Abendländern den Weg zeigen 
sollten, auf welchem man zu der Darstellung des Steins der Weisen 
gelange. Deutlich in Beziehung auf Vieles, was der Chemie in der 
späteren Bedeutung dieses Wortes zugehört, waren diese Schriften 
doch ganz undeutlich in den Angaben, welche die als die eigentliche 
betrachtete Aufgabe betrafen. Dals diese Angaben absichtlich so ge- 
macht seien um die Erkenntnifs der Wahrheit erschwert sein zu lassen, 
und dafs anscheinender Aufrichtigkeit nicht zu trauen sei, wird in 



216 ünverständlicbkeit d. Anleitungen zu erfolgreiclier Betreibung d. Alchemie. 

diesen Schriften selbst ausgesprochen. An dem Scldusse der Summa 
perfedionis magisterii, wo Geber sich darüber äufsert, dafs er zur 
Verhütung des Bekanntwerdens des alchemistischen Wissens an Un- 
würdige die Darlegung dieses Wissens nicht zusammenhängend, sondern 
stückweise da und dort gegeben habe, sagt er auch: Scientiam simi- 
liter occnltavimus, ubi magis aperte lociiti fuimiis, und die Dictio I. 
des dem Avicenna beigelegt gewesenen Werkes De anima in arte 
alchimiae enthält ein Capitel als ein geheim zu haltendes, in welchem 
der Verfasser nicht nur bekennt, dafs er sehr oft eine Substanz mit 
dem Namen einer ganz anderen nenne, sondern auch, dafs eine An- 
gabe, deren Wahrheit er beschwöre, als eine unwahre zu betrachten 
sei. Die dem christlichen Abendlande zugehörigen Schriftsteller ge- 
stehen zwar nicht zu, dais sie selbst in solcher Weise die Begabung 
der nach ihren Vorschriften Arbeitenden auf die Probe stellen, aber 
sie erklären doch auch, dafs sie nur sehr verblümt und in Räthseln 
ersehen lassen dürfen, wie der Stein der Weisen zu bereiten sei. Das 
thaten die Früheren, welche in Lateinischer Sprache über diese Auf- 
gabe geschrieben, aber auch Die, welche nachher in neueren Sprachen 
denselben Gegenstand behandelt haben. Auch die Letzteren liefsen 
es an der als geboten hingestellten Dunkelheit nicht fehlen. Wenn 
an dem Ende des sechszehnten Jahrhunderts Libavius in seinem 
Tractat de lapide plälosophonim die Besorgnifs aussprach, dals jetzt 
Deutsche Schriftsteller geschwätzig Das, was nur die Würdigsten 
kennen dürfen, auch Unwürdigen zugänglich machen (certe veremlum 
est, ne germanicae illae picae arripiant hacc, et in vernacidam 
transfusa linguam etiam nehidonihus prostituant), hätte er wirklich 
darüber l)eruhigt sein können, dafs sie nicht etwa durch gröfsere 
Deutlichkeit dem befürchteten Unrecht Vorschub leisten. 

Für die alchemistischen Schriften aller Zeiten galt bezüglich der 
Undeutlichkeit, was der Freiherr Wilhelm von Schröder in seinem 
zuerst 1G84 ausgegebenen Nothwendigen Unterricht vom Goldmachen 
über die bis dahin verfafsten urtheilte : „Es ist und bleibt wahr : 
Wer etwas weifs, kann sich aus den Büchern der Philosophen j>er- 
fectioniren; wer aber nichts weifs, wird schwerlich viel daraus lernen. 
Dann der Philosophische Stylus ist dieser : Sie verschweigen primam 
materiam, und erzehlen den Process aemgmafice, und damit ein er- 
fahrener Laborant die Materi aus dem laborixen nicht etwa erfahren 



UnVerständlichkeit d. Anleitungen zu erfolgreicher Betreibung d. Alchemie. 217 

möge, so flicken sie alsbald eine gemeine Operation von Äquls forfi- 
hus, Sublimaten und Spiritibus Vini et c. darunter, und was i:>//27o- 
sophice geredet ist, das cxpliciv&n sie durch eine gemeine Operation. 
Bald reden sie de Materia remota Lapidis, nemlich de cruda; bald 
de Materia proxima, das ist, praeparata; und so mischen sie die 
Sachen untereinander, womit sie den Suchenden irr machen, und ver- 
führen; darum glaube der Fliilosopliorum Bubriquen, aber ihren 
Pieparationew traue nichts. Dann wo sie aperte reden, da ist ein 
Betrug darhinter. Wo sie aber aenigmatice sprechen, da dencke ihm 
nach". Die Sache war aber noch schlimmer, als v. Schröder meinte, 
so fern auch die Bubriquen sich auf lediglich imaginäre Dinge bezogen. — 
Über Anderes, was zu dem Goldmachen in näherer oder auch weniger naher 
Beziehung steht, handelten alchemistische Schriften oft recht deutlich, 
aber darüber, wie man wirklich Gold künstlich machen könne, keines- 
wegs. Des Joh. Franc. Pici Ilirandidae JDomini Opus aureuni de 
auro tum aestimando, tum conficiendo, tum utendo, ad conjugem — 
welches 1515 geschrieben erst lange nach der 1533 stattgehabten 
Ermordung des Verfassers, zuerst zu Venedig 1586 gedruckt worden, 
übrigens auch in mehreren Sammlungen alchemistischer Schriften, 
u. A. in Mangeti Bibliotheca chemica curiosa T. II. p. 558 ss. zu 
lesen ist — enthält z. B. im ersten und im dritten Theil wenn auch 
keine Vorstellung an die Gemahlin in Betreff des Werthes und der 
richtigen Verwendung des Goldes doch in jenem im Wesentlichen eine 
recht klare Darlegung, auf was die Hochschätzung des Goldes nicht 
beruhe, und in diesem aulser Mittheilungen über früher und über in 
neuerer Zeit angestellte Versuche, Gold künstlich zu machen, und 
einer Zurückweisung der Gegner der Kunst, auch einiges Allgemeinere, 
was sich auf die Ausnutzung der letzteren bezieht und verständlich 
ist, aber im zweiten Theile keineswegs ebenso deutliche und sicher 
zu befolgende Angaben daiüber, was und wie man es zu machen 
habe, um Gold künstlich entstehen zu lassen. Da finden sich nur 
Angaben, welche Einen doch gerade Das nicht lehren : über die 
Alchemie überhaupt, den Ursprung und das Vorschreiten, die Recht- 
mäfsigkeit dieser Kunst ; was von künstlicher Anfertigung des Goldes 
zu halten und dafs diese möglich sei; dafs künstlich gemachtes Gold 
besser sein könne als natürliches ; auf welche verschiedene Arten Gold 
künstlich dargestellt werden könne, ohne dafs nur auch Eine falslich 



218 Unverständlichkeit d. Anleitungen zu erfolgreicher Betreibung d. Alchemie. 

beschrieben wäre; und wenn dann noch der Leser belehrt wurde, dafs 
auch ein mit schwierigeren Fragen der Philosophie nicht Vertrauter 
das Goldmachen wohl zuwegebringen möge und dafs dasselbe zur Zeit 
leichter sei als früher, konnte er vielleicht auch Das dem Verfasser 
glauben aber unmöglich durch Dessen Schrift in den Stand gesetzt 
sein, zu dem thatsächlichen Beweise, damit habe es seine Kichtigkeit, 
zu gelangen. So war auch des seiner Zeit angesehenen Gabr. 

Clauder — er war 1633 in Altenburg geboren, Arzt in seiner 
Vaterstadt und mehrerer Sächsischer Fürsten Leibmedicus, starb 1690 
— zuerst zu Altenburg 1678 (in Lateinischer Sprache noch mehrmals, 
auch in Mangeti Bibliotheca T. I, p. 119 ss., in einer Deutschen Über- 
setzung 1682 zu Nürnberg) veröfTentlichte, zur Vertheidigung der 
Alchemie gegen damals erhobene Angriffe geschriebene Dissertatio 
de tindura universali (vulgo lapis pliüosophorimi dicfa) in qua 1. 
quid haec sit, 2. qiiod detur in rerum natura, 3. an christiano con- 
sultum sit immediate in hanc inquirere, 4. e qua materia et 5. qiio- 
modo praejiaretur, per rationes et variorum experientiam perspicue 
proponitiir aliaque curiosa et utilia Jude analoga adnectimtur, nicht 
nur gut disponirt, sondern sie enthielt auch in allen Theilen wenn 
nicht Glaubhaftes doch Verständliches, mit Ausnahme des 4. und 5., 
welche wiederum Nichts boten, was eine deutliche, praktisch benutz- 
bare Anweisung zur Darstellung des Steins der Weisen hätte abgeben 
können. Und eben so war es mit vielen anderen alchemistischen Schriften. 
Sehr umfangreich waren viele Schriften, aus welchen sich die 
Bereitung des Steins der Weisen sollte erlernen lassen und aus welchen 
als allzu dunkel geschriebenen sie doch nicht erlernt werden konnte. 
Durch ausführlichere Darlegung, durch das Eingehen in Einzelheiten 
sollten diese Schriften den Kunstbeflissenen die Erlangung der Er- 
kenntnifs, um welche es sich handelte, erleichtern: einer Erkenntnifs, 
von welcher oft behauptet worden ist, dafs sie auch viel kürzeren 
aber entsprechend schwerer zu deutenden Angaben zu entnehmen sei. 
Als eine solche galt in dem Mittelalter und für Viele noch lange 
darüber hinaus ein angeblich von Hermes selbst herrührendes Schrift- 
stück, auf welches später noch einmal mit einigen Worten zurück- 
zukommen ist: die so viel wir wissen nur in Lateinischer Übersetzung 
den Alchemisten bekannt gewordene Tahula smaragdina, die sich in 
nicht allzukleiner Schrift auf einer halben Octavseite wiedergeben 



i 



Unverständlichkeit d. Anleitungen zu erfolgreicher Betreibung d. Alchemie. 219 

liefse und doch bei ihrer Unverständlichkeit dafür, dafs Dies hier 
geschehe, allzu lang ist; als die fundamentalste Wahrheit ist in ihr 
ausgesprochen : Quod est inferius est siciit qitod est superius, et quod 
est superius est sicut quod est inferius, ad j^cnetranda miracula rei 
unius, auf welche Lehre später in alcheniistischen Schriften oft und 
schon auf Titeln derselben*) Bezug genommen wurde, und dieses 
Dictum ist noch im vorigen Jahrhundert der Text gewesen, in dessen 
Auslegung verschiedene Schriften die ganze Hermetische Weisheit dar- 
legen wollten**). Und selbst noch kürzere aber auch wo möglich noch 
schwieriger zu verstehende Aussprüche sollten das Wesentliche Dessen 
enthalten, auf was es für die künstliche Hervorbringung von Gold, 
für die Darstellung des Steins der Weisen ankomme. Als ein solcher 
Ausspruch galt z. B. in der frühesten Zeit, aus welcher uns alchemi- 
stische Schriften zugekommen sind, ein in dem S. 202 erwähnten Auf- 
satz eines Demokritos als die ganze Lehre des Meisters, dessen 
Unterricht Demokritos genossen habe (es soll Ost an es gewesen 
sein), enthaltend mitgetheilter: die Natur erfreue sich der Natur, 
besiege die Natur, beherrsche die Natur. In uns näherer Zeit wollte 
man derartige Aussprüche namentlich in Stellen der Bibel finden, 
deren Inhalt mehrfach als Anleitung zu erfolgreichen alcheniistischen 
Arbeiten gebend genommen worden ist. Das Hohe Lied Salomonis 
und die Offenbarung Johannes sind z. B. in diesem Sinne gedeutet 
worden (von dem später noch einmal zu nennenden, 1605 gestorbenen 
Heinr. Kunrath verfafst war „Die Kunst den lapidem plüloso2')lwrum 
nach dem hohen Liede Salomons zu verfertigen" handschriftlich in 
dem vorigen Jahrhundert in der Universitäts-Bibliothek zu Jena; eine 
bis in das Speciellste eingehende alchemistische Deutung des Hohen 
Liedes enthält auch „Die entlarvte Alchemie", welche Joh. Hector 
von Klettenberg 1713 veröffentlichte), und aus der Zeit, in welcher 
Beuther (S. 149 f.) sich in Dresden erfolgreich mit Alchemie beschäf- 
tigt haben soll, fand Kunckel eine Aufzeichnung, in welcher auf 

*) U. A. enthalten noch die Miscellanea curiosa sice Ephemerides Germanicae 
Academiae naturae curiosorum f. 1673 u. 1074 (in dem Anhang) eine solche 
Schrift von dem Entdecker des nach ihm benannten Balduin 'sehen Phosphors, 
des 1682 gestorbenen Amtmanns Christoph Adolf Baldewein zu Grol'sen- 
hayn in Sachsen (er führte in dieser Akademie den Beinamen Hermes): Aurnm 
superius et inferius aurae superioris et inferioris Hermeticmn. 

**) Bezüglich einer nicht alchemistischen Auslegung vgl. Anmerkung XVI 
am Ende des II. Theils. 



220 Uuverständliclikeit cl. Anleitungen zu erfolgreicher Betreibung d. Alchemie. 

(las im 17. Capitel des Evangelium Lucä über die zehn aussätzigen 
Männer Stehende als von der Ausübung der Kunst klaren Begriff 
gebend hingewiesen war. Gegen das Ende des sechszehnten Jahr- 
hunderts war Gerhard Dorn, ein begeisterter Anhänger des Para- 
celsus und Verfasser mehrerer Hermetischer Schriften, worunter auch 
die zu Frankfurt 1583 veröffentlichte De natura lucis phüosophicae 
ex genesi desnmta etc., der Ansicht, dafs durch die Stelle im 1. Capitel 
der Genesis: „Da machte Gott die Veste, und schied das Wasser unter der 
Veste von dem Wasser über der Veste" Auskunft über das grofse Werk 
der Alchemie gegeben sei (vgl. auch S. 212 unten); Michael Maier 
aus Rendsburg (Leibmedicus des Kaisers Rudolf II. und des Landgrafen 
Moritz von Hessen-Kassel, Kaiserlicher Pfalzgraf und Ritter u. s. w., 
von 1G12 an in Magdeburg lebend, wo er 1622 im 53. Jahre starb), 
ein als Einer der eifrigsten Rosenkreuzer aus der ersten Hälfte des 
siebzehnten Jahrhunderts bekannt gewordener Arzt und Alchemist, be- 
hauptete das Nämliche von den ebenda stehenden Worten: „Der Geist 
Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: es werde Licht"; 
ein anderer weniger bekannter Sachverständiger, Arn. Denston, 
war seinerseits der Ansicht, aufser Anderem lasse sich auch Das aus 
sechs Capiteln desselben Werkes lernen (seine Fan-sophia enchiretica 
seu pliilosopliia universalis experimentalis in Äcaäemia Moysis primum 
per sex capita lihri primi Geneseos tradita, per quam natura uni- 
versalis rertim omnimn vestihus denudata, kam zu Nürnberg 1682 
heraus); wieder ein Anderer, welcher sich Johannes von Padua 
nannte und im sechszehnten Jahrhundert gelebt haben mag, entnahm 
die Belehrung der Erzählung von Adam und Eva (die grofse Schlange, 
welche die Eva verführet, sollte das Wasser bedeuten, durch das die 
Solution geschieht, oder den Mercurius, der das Gold tödtet*). Der- 
artige Behauptungen fanden damals bei Kunstgenossen Beachtung, und 
diese wurde auch Aussprüchen zu Theil, welche von Männern wie die 
eben Genannten selbstständig in gleicher Kürze als Anweisungen 

*) Ob mit dem solchen Unsinn enthaltenden Tractat Liher secretorum J. de F., 
welcher in Deutscher Sprache S. 376 ff. der 1708 veröffentlichten Ausgabe des 
in der Anmerkung III am Ende dieses Theils besprochenen s. g. Trismosin- 
sclieu Aureum rcllus stellt, die zuerst 1602 zu Magdeburg zusammen mit zwei 
anderen alchemistischen Schriften durch Job. Schaubert lierausgegebene P/«Zo- 
sopliia Sacra .s/cc pra.ris de lapide minerali des Johannes von Padua identisch 
ist, weiCs ich nicht. 



Schwierigkeiten, eine sicherere Anweisung zu erhalten. 221 

für die Darstellung des Steins der Weisen formulirt waren ; fand doch 
selbst Mich. Maier's Ausspruch: Fac ex mare et femina circidum, 
inde quadrangiäum, hinc trianguhtm, fac circidum et habehi^ lapidem 
philosophorum, Solche, die sich mit Versuchen zur Deutung desselben 
abgaben und Anderen Das, was sie in dieser Richtung gefunden zu 
haben meinten, nicht vorenthielten, aber selbst der Professor Bar- 
chusen zu Utrecht kam bei dem Versuche, diese dunkele Weisung 
zu erklären, nicht zu einem befriedigenden Resultat. 

Die ausführlicheren Anweisungen zur Darstellung des Steins der 
Weisen liefsen Die, welche nach ihnen arbeiten wollten, im Dunkeln, 
und aus den kurzen Aussprüchen, die das Princip des Verfahrens 
angeben sollten, war dasselbe auch nicht zu ersehen. Davon über- 
zeugten sich Viele, welche sich der Beschäftigung mit Alchemie hin- 
gaben, aber sie blieben auch überzeugt davon, dal's deutlichere Vor- 
schriften existiren, wie das angestrebte Ziel zu erreichen sei. Dal's 
der Erwerb derartiger Vorschriften schwierig sei, erschien als sehr 
begreiflich, aber er galt als möglich. Grofse Summen wurden daran 
gewendet, eine oder die andere Vorschrift, welche klar und zuverlässig 
sein sollte, zu erhalten (vgl. S. 189 f.), und unberücksichtigt blieb dabei 
die ünwahrscheinlichkeit, dafs ein im Besitz einer solchen Vorschrift 
Befindlicher sie für Geld einem Anderen mittheile. Weniger ist 
sich darüber zu wundern, dafs Einer, der im guten Glauben war eine 
solche Vorschrift zu besitzen, sie nicht gern oder nicht umsonst zur 
Kenntnifs eines Anderen gelangen lassen wollte. Das kam wohl eher 
vor, dafs ein Fürst einem anderen einen Alchemisten lieh (Herzog 
Friedrich von Württemberg z. B. dem Kaiser Rudolf II. den 
Müller von Müllenfels vgl. S. 184; L. T. Spittler weist in seiner 
Geschichte Wirtembergs unter der Regierung der Grafen und Herzoge, 
Göttingen 1783, S. 216 darauf hin, dafs sich beide Fürsten diese 
Gefälligkeit öfters erwiesen haben), aber weniger leicht konnte ein 
Fürst sich dazu entschliefsen, eine Anweisung, nach welcher er selbst 
mit Sicherheit arbeiten zu können hofl'te, einem anderen mitzutheilen. 
Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel (er regierte 1567 bis 1592), 
welcher erst spät zu der Einsicht kam, dafs ,^suhstantias metallorum 
et creaturarum zu verändern ist keines Menschen sondern allein 
Gottes Werk", hatte aus dem Nachlafs eines Nachkommen jenes 
Hans von Dörnberg, dessen S. 197 gedacht wurde, eine Schrift 



222 Schwierigkeiten, eine sicherere Anweisung zu erhalten. 

erhalten, von welcher er hoffte, dafs sie ihm das Geheimnifs der Al- 
chemie zu ergründen ermöglichen werde. Dringend bat ihn Anfangs 
Dezember 1571 der Herzog Julius von Braunschweig -Wolfenbüttel, 
der damals alchemistische Arbeiten vertrauensvoll und eifrig betreiben 
liefs (vgl. S. 171 u. 189), ihm eine Copie dieses Buches zu gestatten, 
aber der Landgraf bezeigte in seiner Antwort v. 17. Dezember keinen 
guten Willen, der Bitte zu entsprechen: „Es stehen allerley Künste 
drin, die wir nicht experimentirt, sie auch nicht gut wäre, unter die 
Leut kommen zu lassen, darum uns auch bedenklich dieselben über 
Land zu schicken und der Feder zu vertrauen; da aber Ew. Liebden 
und wir einmal in der Person zusammenkämen, wollten wir derselbigen 
nicht abschlagen, dasselbige Büchlein in der Person, doch in Vertrauen 
zu duichlesen, doch ea conditione, wo Ew. Liebden etwas daraus ex- 
perimentiren und recht befinden werden, dafs Sie uns solchs auch 
wollten mittheilen"*). Auf eine erneute Bitte liefs sich, dafern ihn 
Herzog Julius in dem grundlosen Streit um die Herrschaft Plesse 
nicht länger vexiren und umtreiben wolle, der Landgraf bereit finden 
und sagte er in einem Schreiben v. 25. Februar 1572 zu, das Büchlein 
zum Abcopeyen unter dem früheren Vorbehalt in originali mitzutheilen, 
überschickte es auch am 25. Juni nach Wolfenbüttel, wo man in- 
zwischen (vgl. S. 189) das nämliche Buch anderswoher erhalten hatte 
(Rhamm's S. 170 angeführte Schrift S. 77 f.; die Familie, welcher die 
Henschaft Plesse in Niedersachsen angehört hatte, war 1571 aus- 
gestorben**). — Davon, dafs durch Schmeicheleien und Ver- 

*) Sehr offenherzig schrieh der Landgraf an den Herzog Julius, als er 
den Wunsch des Letzteren abschlug: „Meine Räthe sehen je nit allzugern, dafs 
ich mit dergleichen Künsten unibgehe, wolten lieber, wie es auch wohl hesser 
wehre, ich blieb uff der Cantzeley, wartete meiner und meiner Unterthanen 
Sachen ab; wer kan aber alzeit da sitzen und ime die Ohren lassen vollwaschen" 
(W. Ilavemann's Geschichte der Ijande Braunschweig und Lüneburg, IL Band, 
Göttingen 1H5.5, S. 394. Mehr noch über die hier besprochene Angelegenheit, 
des Landgrafen Wilhelm IV. Beschäftigung mit Alchemie überhaupt und die 
S. 221 berührte später gewonnene bessere Erkenntnifs in Betreff' dieser Kunst in 
Chr. von Bommel's Geschichte von Hessen, IV. Theils 1. Abtheil., Cassel 1835, 
S. 772 ff'.; Einiges über die erfolglosen alchemistischen Arbeiten des Landgrafen 
l)ez.-w. darüber, wo über sie Näheres zu finden ist, auch schon in dem Taschen- 
buch für Aicbemisten u. s. w., Leipzig 1790, S. 50 f.). 

**) Der hier vorgekommene Fall, dafs unter Fürsten die Beihülfe zur Er- 
kennt nil's des Geheimnisses der Alchemie als eine Gegenleistung für einen zu- 



Schwierigkeiten, eine sicherere An-\veisung zu erhalten. 223 

sprechungen aber auch durch Gewaltthätigkeit Solche, die als mit 
einer verlässigen Vorschrift bekannt betrachtet wurden, zur Mit- 
theilung derselben gebracht werden sollten, war schon im Vorher- 
gehenden öfters, u. a. S. 193 tf. die Rede, aber der Erfolg entsprach 
nicht den gehegten Erwartungen. 

Aber weitaus den Meisten unter den strebenden Alchemisten 
standen die Mittel nicht zu Gebot, geheim gehaltene Vorschriften 
zu erstehen oder auf die eben noch einmal angedeutete Art zuver- 
lässige Belehrung für die Ausführung des grolsen Werkes zu erhalten. 
Diese thaten, was zu thun ihnen übrig blieb: sie versuchten nach 
Anweisungen, welche Vielen zugänglich waren, Das zu erreichen was 
sie wünschten, in der HotTnung, dafs ihnen eine Stelle unter den 
Wenigen zu Theil werde, welchen diese Anweisungen richtig zu ver- 
stehen gelinge. Fehlte es doch auch nicht an Solchen, die offen 
bekannten, dafs sie auf den rechten Weg gewiesen worden seien 
durch eine oder die andere derartige Anweisung — die des Geber 
oder des R. Lull oder des Arnald von Villanova oder des 
Artephius (S. 100) oder eines Anderen von den Vielen, welche 
über diesen Gegenstand geschrieben haben — oder durch die Ver- 
gleichung der von Verschiedenen gegebenen Anweisungen. So glückte 
es schliefslich dem 1490 gestorbenen Grafen Bernhard von Trevigo, 



zugestehenden oder zugestandenen politischen Yortheil hetrachtet Avurde, ist ein 
seltener, aber er ist nicht der einzige dieser Art. Kurfürst Friedrich I. von 
Brandenburg stiftete 1437 einen Vertrag zwischen seinen Söhnen, nach welchem 
der älteste, Johann, zu Gunsten des zweiten, des nachherigen Kurfürsten Fried- 
rich IL, auf die Erbfolge in der Kur verzichtete und nur Anspruch auf einen 
Theil der Burggräflichen Stammländer in Franken erhielt. Zu weiterer Befrie- 
digung Johann's wurde 1437 von Kurfürst Friedrich I. und seinen vier Söhnen 
ein Vertrag mit dem (1399 bis 1439 regierenden) Herzog Johann I. von Sagan 
geschlossen, von Dessen Gesclücklichkeit in Alchemie die Geschichte dieser Kunst 
übrigens Nichts zu melden gewufst hat; in diesem Vertrage verpflichtete sich 
der Kurfürst mit seinen Söhnen, dem Herzog so oft es geAvünscht werden möge 
mit 200 Reitern gegen alle seine Gegner beizustehen, auch mit dem Herzog keine 
Fehde zu beginnen, wogegen der Letztere sich verpflichtete, dem ältesten Sohne 
des Kurfürsten binnen der nächsten drei Jahre die Kunst zu lehren (A. F. Riedel 
in den Märkischen Forschungen, herausgegeben von dem Vereine für Geschichte 
der Mark Brandenburg, IV. Bd., Berlin 1850, S. 158 f.). Dieser Sohn Fried- 
rich's I. ist der uns bereits S. 106 als Johann derAlchemist vorgekommene 
Fürst. 



224 ScliAvierigkeiteii, eine sicherere Anweisung zu erhalten. 

wie Derselbe selbst erzählt hat. Dieser Bernardus Trevisanus, 
wie er gewöhnlich genannt worden ist, war 1406 in Padua geboren 
lind beschäftigte sich schon vom vierzehnten Jahre an mit Alchemie; 
er arbeitete lange nach einzelnen Vorschriften einer Autorität nach 
der anderen, aber erfolglos und auch die von ihm von 1452 an unter- 
nommenen und über 20 Jahre fortgesetzten weiten Reisen, durch 
welche er mit einem ihn belehrenden Alchemisten bekannt zu werden 
hoffte, brachten ihm nicht was er suchte. Er war schon recht alt, 
als ihn eine sorgfältige Vergleichung der Aussprüche verschiedener 
Schriftsteller auf den rechten Weg brachte; dann aber, 1481, glückte 
ihm auch nach zweijähriger Arbeit die Darstellung des Steins der 
Weisen. Denis Zachaire, von dessen Ende S. 198 die Rede war, 
kam schon früher zum richtigen Verständnifs der verschiedenen 
alchemistischen Schriften, welche er eifrig studirte; 1510 geboren 
liefs er 1550 zum ersten Male Quecksilber zu Gold werden. Der 
1572 gestorbene Job. Pontanus, Professor der Medicin zu Jena 
und dann zu Königsberg, arbeitete nach des Artephius Anleitung, 
und hat angegeben, danach — doch erst nach mehr als 200 mifs- 
lungenen Versuchen — wirklich zu der Meisterschaft in der Alchemie 
gekommen zu sein. Solche Behauptungen, wie deren hier einige 
in Erinnerung gebracht wurden, konnten wohl auch die nach allge- 
mein bekannten Vorschriften arbeitenden Alchemisten hoffen lassen, 
bei unverdrossener Beschäftigung mit der Aufgabe doch noch das 
rechte Verständnifs dieser Vorschriften zu erringen und das ange- 
messene Verfahren zur praktischen Ausführung derselben aufzufinden. 

Das im Vorhergehenden Dargelegte kann ersehen lassen, wie 
verbreitet und wie fest der Glaube an die Wahrhaftigkeit der Alchemie, 
an die Darstellbarkeit des Steins der Weisen bis in das achtzehnte 
Jahrhundert hinein war. Aber zu dieser Zeit und von noch früher 
her war der Verfall dieses Glaubens vorbereitet; dafs die Alchemie 
Das nicht leisten könne, was sie verspreche, und dafs sie als ein 
blofses Vorgeben, als täuschend zu betrachten sei, war behauptet, und 
auf die Daner konnte dem für die Unterstützung dieser Behauptung 
geltend Gemachten gegenüber nicht mehr das blinde Vertrauen auf 
die Aussprüche Früherer, auf die Versicherungen Späterer den bisher 
in der That ausgeübten Widerstand leisten. 



Bestreitung der Alchemie vor und in dem 14. Jahrhundert. 225 

Ich gehe hier nicht darauf ein, dafs schon unter den Arabern 
Mehrere und Bedeutende Gegner der Alchemie waren; sie haben 
darauf, wie über die letztere in Europa gedacht wurde, keinen Ein- 
flufs ausgeübt. In Beziehung darauf, dafs in diesem Erdtheil in dem 
vierzehnten Jahrhundert alchemistische Betrügereien erkannt waren 
und von einzelnen hervorragenden Männern über die Alchemie ganz 
allgemein ungünstig geurtheilt war, habe ich bereits S. 158 Einiges 
mitgetheilt. Ein solches Urtheil : geradezu eine Verurtheilung wurde 
gegen die Alchemie 1317 durch Papst Johannes XXII. ausgesprochen, 
in der Verordnung*), welche beginnt mit den Worten Spondent quas 
non exhibent divitias pauperes alcliymistae ; da wird angegeben, dafs 
Diejenigen, welche die Alchemie lehren wollen, selbst Nichts von ihr 
verstehen, sich auf das von Früheren Ausgesagte berufen und wenn 
sie Das nicht finden, was auch Jene nicht fanden, doch als möglich 
hinstellen, es sei noch zu finden; die Alchemisten werden beschuldigt, 
dafs sie Falsificate für wahres Gold und Silber ausgeben und zur 
Anfertigung falschen Geldes verwenden; gegen solche Menschen und 
alle dem Treiben derselben Vorschub Leistenden werden Strafen 
ausgesprochen, und die sich an solchen Vergehen betheiligenden 
Geistlichen sollen ihrer Würde verlustig sein. Diese Verordnung war 
jedoch von nur geringer Wirkung**); sie mag in der dem Erlasse 
derselben nächstfolgenden Zeit zu der Verfolgung einzelner der Alchemie 
ergebener Geistlichen Veranlassung gegeben haben oder benutzt worden 



*) Diese Verordnung ist aufgenommen in das Corpus juris canonici Gre- 
gorii 'SMl. jussu editum — — ; T. II, p. 419 der Leipziger Ausgabe von 1G95 
(Extravaf/antium communium L. V, IHt. VI). Sie ist auch sonst noch wiederholt 
ahgedruckt worden, u. A. in Äthan. Kircher' s (1664 zuerst veröffentlichtem) 
Mundus sabterraneus L. XI, sectio IV, und in Mamjeti Bibliutheca cheinica 
curiosa T. I [Genevae 1702), p. 102. 

**) Es läfst sich nicht mit Sicherheit behaupten, es habe Dies darauf be- 
ruht, dafs Papst Johannes XXII. selbst den Alchemisten zugezählt worden ist. 
Keine hierauf bezügliche Angabe ist meines Wissens aus früherer Zeit als dem 
sechszehnten Jahrhundert bekannt, wo (1557) mit anderen ins Französische über- 
setzten alchemistischen Tractaten auch L''Ärt transnmtatoire de Jean XXII ver- 
öffentlicht worden ist. Dann wurde mit Bestimmtheit versichert, dafs der ge- 
nannte Papst diese Abhandlung in Lateinischer Sprache geschrieben habe, und 
es ist auch vermuthet worden, dafs die Schätze — 200 Goldbarren, deren jeder 
einen Centner gewogen — , welche dieser Papst hinterlassen habe, Producte der 
Alchemie gewesen seien. 

Kopp, Die Alchemie. I. 15 



226 Bestreitung der Alchemie im 15. und 16. Jahrhundert. 

sein, aber durch sie wurde der Glaube an diese Kunst nicht in be- 
merkHcher Weise erschüttert und die Betreibung derselben eben so 
wenig beschränkt. 

Unter den Männern, welche gegen das Ende des fünfzehnten und 
im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts von gröfserer wissenschaft- 
licher Bedeutung waren, ist als Einer, welcher sich bezüglich der von 
der Alchemie zu erwartenden Vortheile stark zweifelnd aussprach, 
Johannes Trithemius zu nennen (Derselbe, so benannt von dem 
Dorfe Trittenheim im Trierschen, wo er 1462 geboren war, trat 1482 
in das Benedictiner- Kloster St. -Martin zu Sponheim bei Kreuznach 
ein, wurde 1483 Abt desselben, 1506 Abt des Klosters St.-Jacob zu 
Würzburg, wo er 1516 starb). Seine Annales Hirsaugienses enthalten 
(vgl. S. 141) Manches über die Betreibung der Alchemie durch Geist- 
liche, und anläfslich eines solchen Falles macht er die Bemerkung: 
Est autem Alchimia (ut more loquamur humano) casta meretrix, 
qiiae amatores plures habet, sed delusis omnihus in nullius unquani 
pervcnit amplexus. Ex stultis facit insanos, ex divitibus pauperes, 
ex philosophis fatuos, ex deceptis loquacissimos deceptores, qui cum 
nihil sciant, omnia se scire profdentur, cum sint pauperrimi, Croesi 
divitias suis se daturos sequacibus pollicentur, qtiorum finis confusione 
planus est*). 

*) In der St.- Galler Ausgabe Annalium Hirsaugiensium von 1690 T. II, 
p. 225; das Gleichnii's wird nachher von Trithemius noch weiter ausgeführt. 
Ich weil's nicht, in welchem Werk dieses fruchtbaren Schriftstellers das Urtheil 
über die Alchemie sich findet, welches Becher dem (1675 veröffentlichten) 
II. Supplement zu Dessen Physica suhterranea (vgl. S, 67) vorgesetzt hat, oder 
ob dasselbe nur eine Variation Becher's auf das von Trithemius (a. a. 0. 
und namentlich auch p. 287s.) angegebene Thema ist; als Ahhatis TritJiemii in 
Sponheim censiira de alchymia steht da: Chymia a plurimis amatur, et casta est; 
multas habet anciUas familiäres, quae dominam suam perpetua vigilantia custo- 
diunt, seque ejus nomine supjwnunt, ut eam praeservent a commercio tot impor- 
iune amantium, tempore a talibus sempiterno intactam. Vnnitas, frans, dolus, 
sopliisticatio, ciipiditas, falsitas, conpdentia, mendacium , stultitia, paupertas, 
despercctio, fuga, proscrixitio et mendicitas pedissequae sunt chymiac, quae dominam 
simulantes, ut eam inviolatam custodiant, semetipsas amatoribus pecuniosis, 
äbaris, cupidis et fastuosis Ubenter prostituunt. — Danach, wie Trithemius in 
'dW vorher citirten unzweifelhaft ächten Schrift über die Alchemie sich ausspricht, 
i'fit' 'er als ein Zweifler an der Wahrhaftigkoit dieser Kunst, nicht als ein An- 
■'liiingbr dersell)on zu botrachton; daran sich irre machen zu lassen giebt auch 
keinen genügenden Grund ab, dals in dem sechszchntcn und siebzehnten Jahr- 



Bestreitung der Alchemie im 15. und 16. Jahrliundert. 227 

Mehrere gewichtige Stimmen — vereinzelt auch wohl einmal eine 
weniger gewichtige*) — sprachen sich dann im sechszehnten Jahr- 



hundert als von ihm verfafst verschiedene alchemistische Schriften: ein Libellus 
de Septem secnndeis (1567), eine „Epistel von den drey Anfängen der natürlichen 
Kunst der Philosophie" (1602), ein Tractatus chemicus nobilis de lapide iMlosopliico 
(1611) veröffentlicht worden sind, welche zum Theil auch noch später wieder 
abgedruckt wurden; noch 1782 wurde unter seinem Namen ausgegeben ein 
„Güldenes Kleinod oder Schatzkästlein, seiner Unschätzbarkeit wegen vom Bruder 
Basilius Valentinus aus dem Lateinischen übersetzt". Im vorigen Jahrhundert 
gingen auch noch angeblich von ihm verfafste alchemistische Aufsätze in Hand- 
schriften um; in dem S. 8 in der Anmerkung erwähnten, 1786 zu Wien gedruckten 
Manuscripten-Katalog sind auch (als Nr. 168) verzeichnet „Philosophische Lilien 
und Rosen, welche abzubrechen der erste Prälat zu Kreutzburg Johannes 
Trithemius Ord. S. Benedicti seinem Kloster privatim zum Andenken hinter- 
lassen hat". Nicht etwas direct auf Goldmachen Bezügliches sondern ein ander- 
artiges chemisches Wunderwerk sollten lehren „Zwey ewige unaufslöschliche 
brennende zeytliche Liechter, vom Herreu Trithemio Abt zu Sponheim, welche 
aufs Bartholomei Korndorffers Handschrifft abgeschriben worden" ; mit der Zu- 
gehörigkeit auch dieses Aufsatzes, der in dem gewöhnlich als das Trismosin'sche 
Aiireum vellus bezeichneten Sammelwei'k (vgl. Anmerkung III am Ende dieses 
Theils) S. 159 f. der Ausgabe von 1708 zu finden, an den Johannes Trithe- 
mius hat es dieselbe Bewandtnifs, wie mit der Richtigkeit der darin enthaltenen 
Angabe, dafs „Der Keyser Maximilianus hat dem Abt von Sponheim 6000 Kronen 
für dise zeytliche ewige Liechter verehren lassen". 

*) So z. B. die- des wenig berücksichtigten Neapolitaners Pomponius 
Gauricus, welcher in der ersten Hälfte des sechszehnteu Jahrhunderts lebte 
(er scheint 1543 ein liederliches Ende gefunden zu haben, worüber man in 
Jöcher's Compendiösem Gelehrten-Lexicon, Leipzig 1733, I. Theil, S. 1208 
nachlesen mag) und u. A. De sculptura schrieb. Ihm bedeutet da chemice zu- 
nächst die Schmelz- oder Giefskunst (artem yrjfALXYjv sive fusoriam), aber als et- 
was nach ihr Benanntes (clnmice, unde infamis illa omnihus ttsitatissma seculis 
ars dicta, quae circa metallorum e.r alter ationem versatitrj findet auch die als 
Metallabänderungskunst aufgefafste Alchemie ungünstige Erwähnung. Es mag 
dahin gestellt bleiben, ob die exalteratio metallorum als eine betrügerische oder 
als eine trügerische verurtheilt wird, Gauricus spricht aber gerade zu aus, 
schon frühe habe man diese Kunst als eine schändliche zu betrachten gehabt, 
sed si unquam, nunc certe flagitiosissimam, quae perßda plaeros jam regnaturos, 
jam mendicare cocgit. — Noch weniger gewichtig ist" wohl die Stimme eines 
Virgilius von Salzburg gewesen, den ich nirgends auch nur erwähnt ge= 
funden habe (Derselbe scheint gleichfalls in der ersten Hälfte des sechszehnten 
Jahrhunderts gelebt zu haben; er giebt Auszüge aus Schriftstellern der voraus- 
gegangenen Zeit). Sein in Lateinischer Sprache geschriebenes, De AJchymie plia}i- 
tastica fatiga ExJwrtatio Virgüij Saltzburgensis betiteltes Buch (Impressum in 

15* 



228 Bestreitung der Alchemie im 15. und 16. Jahrhundert. 

hundert zu Ungunsten der Alcliemie aus. Gegen die Alchemisten 
richtete Desiderius Erasmus von Rotterdam (1467 — 1536) seinen 
Spott, namentlich in dem längeren, Älcumistica überschriebenen Ge- 
spräche, welches seine Colloquia famüiaria haben*), wo er zwei 
Freunde sich darüber unterhalten läfst, wie ein Bekannter von ihnen 
durch einen Alchemisten lange an der Nase herumgeführt worden 
und um viel Gold geprellt worden ist; im Lob der Narrheit**) werden 
auch Diejenigen vorgeführt, qui novis et arcanis artibiis reruni species 
vertere molmntur, sich in den Versuchen zur Ausführung dieses Vor- 
habens stets und immer wieder täuschen und doch die Hoffnung auf 
endliches Gelingen nicht aufgeben; und auch sonst noch***) wird von 
Erasmus auf die Alchemie als eine betrügerische Kunst Bezug ge- 
nommen. — Melanchthon (1497 — 1560) soll von der Alchemie 
wenig gehalten und sie, wenn die Rede auf sie kam und auch in 
seinen Vorlesungen, geradezu als Betrügerei beurtheilt, imposfuram 
quanäam sopJdsficam genannt haben, wofür ich allerdings keinen 
anderen Beleg kenne als die Angabe Spätererf). Aber hätten die 
Alchemisten dafür eines Trostes bedurft, so hätten sie ihn wohl darin 
finden können, dafs Melanchthon die Lehre anerkannte, auf welche 
zu einem guten Theil der Glaube an die Möglichkeit der künstlichen 



Oppenheym Anno 1518) hat auf dem Titelblatt auch: Ne Studentes Alchimie 
Splenäori sese occupent Rythmos curavi siibscrihere Vulgares. 

Acht stück volgen der Alchamei 

Kauch : aschen : vil wort vntrew 

Erseuiftzen vnd schwere arbeit 

Onwird : armut vnd noturftikeit 

Wiltu der dinger sein frey 

So hüt dich vor der Alchamei. 
Ich verdanke die Bekanntschaft mit diesem meines Wissens recht seltenen Buche 
bez.-w. einem sehr defecten Exemplar desselben Herrn Bibliothekar Dr. Jac. 
Wille zu Heidelberg, welcher meine Arbeiten auf der Bibliothek dieser Uni- 
versität überhaupt in dankenswerthester AVeise gefördert hat. 

*) In der Leydener Ausgabe der Werke des Erasmus von 1703 T. I, 
p. 752 SS. — **) T. IV, j). 442. — ***) Z. B. in Christiani matrimonii insUtutio 
(T. V., p. 663), wo unter Betrügern anderer Art auch Die genannt werden, qui 
per Alcamisticam mit fictitiam magiam deludunt incautos. 

t) Des Job. Franz Buddcus in Dessen Untersuchung von der Alchemie 
(vgl. die Anmerkung zu S. 148) § 4 und Schmieder's in Dessen Geschichte 
der Alchemie S. 262. 



Bestreitung der Alchemie im 16. Jahrhundert. 229 

Erzeugung der edlen Metalle aus unedlen sich stützte: die Lehre 
nämlich (vgl. S. 13 ff.), es seien alle Metalle aus den zwei als Mer- 
curius 0, Quecksilber und Sulphur o. Schwefel benannten Grundstoffen 
zusammengesetzt*). Doch auch diese Lehre in der ihr durch 
Paracelsus gegebenen Ausbildung (vgl. S. 35) wurde jetzt lebhaft 
bekämpft durch den gelehrten Thomas E rast (Professor der Medicin 
in Heidelberg, dann in Basel, wo er 1583 starb), welcher aufserdem 
auch in seiner Explicatio quaestionis famosae illius, utrum ex metallis 
ignohilihus anrum verum et naturale arte conflari possit, (1572) diese 
Möglichkeit verneinte unter besonderer Hervorhebung, dals die an- 
geblich ausgeführten Umwandlungen unedler Metalle zu Gold auf 
Betrügerei beruht haben. Bernard Palissy's (1499 etwa —1589) 
gesunder Verstand liefs ihn bei seiner dem Praktischen zugewendeten 
Richtung die Nichtigkeit des Treibens der Alchemisten durchschauen, 
welche er in seinem 1580 veröffentlichten Traite des metaiix, et al- 
chimie verspottete**). — Derartige ungünstige Beurtheilungen 



*) Johann Matthesius, welcher 1545 his 1565 Prediger zu Joachimsthal 
war, handelt in seinem (1562 zuerst veröffentlichten) Werke, welches „Sarq:)ta 
oder Berg-Postill" betitelt ist, in der dritten Predigt, „von vrsprung, zu vnd ab- 
nemen der Metallen", und erörtert da auch, ob die letzteren aus Schwefel und 
Quecksilber zusammengesetzt seien. Was die Alchemisten darüber angeben, sei 
nicht zu erweisen; „dennoch gibet die erfarung, das fündige geng und reiche 
Ertz nicht one schwebel vnd quecksilber sein. — — — Aus disen zeichen hal- 
tens Bergleut mit denen, so fürgeben, dafs aus schwebel vnd quecksilber die 
ertze herwachsen, Wie solches der schöne Verfs des Herrn Melanchthon, den er 
in disem Thale" (d. h. in Joachimsthal) „machet, auch bezeuget:] 
Lactea ubi fumis hydrargyra mixta coquuntur 
Sulpliureis, venae semina prima novae". 
(Diese Verse sind in [F.J.W. Schröder's] Neuer alchymistischer Biblio- 
thek, I. Sammlung, Frankfurt u. Leipzig 1772, S. 219 in anerkennenswerther 
Weise Deutsch wiedergegeben: 

„Hier wo die milchichten Mercure durch beygemischter Schwefel Rauch 
Gezeitiget den Saamen geben für Adern in der Erde Bauch".) 
**) Dis doncques au plus brave d'iceux' qiCil püe vne noix, j^cntends la 
coquille et le noyeau; et Vayant pidverisie, qii'ü la mette dans son vaisseau al- 
chimistal. Et sHl fait rassemhler les maticres d\me noix ou dh^ne chastaigne 
piUe, les remettant au luesme estat qu'elles estoyent anparavant, je diray lors 
quHls fourront faire Vor et Vargent. Voire mais je m'ahuse, car ores qu''ils 
peussent rassembler et regenerer vne noix ou vne chastaigne, encores ne seroit-ce 
pas lä mtütiplier ny augmenter de cents parties, comme ils disent que s'ils avoyent 



230 Bestreitung der Alchemie im 16. und 17. Jahrhundert. 

der Alchemie thaten dem Glauben an dieselbe und der Beschäftigung 
mit ihr im sechszehnten Jahrhundert keinen irgend erheblichen Ab- 
bruch. Und eben so wenig, wie Das bald nach dem Anfang dieses 
Jahrhunderts der Spott des Erasmus gethan hatte, that es gegen 
das Ende desselben der von Georg Rollen ha gen (1542 — 1609) in 
seinem Froschmeuseler*) ausgesprochene. 

So war es auch noch im siebzehnten Jahrhundert, in dessen 
zweiter Hälfte namentlich sich Einige von den bedeutenderen Vertretern 
der Naturwissenschaften und speciell der Chemie gegen die Alchemie 
aussprachen. Der so vielseitig gebildete und gelehrte Jesuit Atha- 
nasius Kircher (geboren 1601 zu Geysa bei Fulda, Professor in 
Würzburg und später in Rom, wo er 1680 starb) that Dies z. B. 
im XL Buch seines zuerst 1664 herausgekommenen und dann wieder- 
holt aufgelegten Werkes, welches Mumliis siibferraneus betitelt ist; 
er legte da ausführlich dar, dafs die Beschäftigung mit Alchemie 
eine vergebliche sei, dafs, wenn auch die Metallveredlungskunst als 
etwas Erforschbares betrachtet werden könne, sie doch nicht erforscht 
sei (Alchymia scibilis est, non tarnen adJmc scitur), dafs die ver- 
meintlich für die Wahrhaftigkeit der Alchemie zeugenden Thatsachen 
Betrügereien seien oder auch Täuschungen, an welchen (wie u. A. 
aus einem von ihm ausführlich mitgetheilten Falle hervorgehe) der 
Teufel seinen Antheil haben könne. Es that es der bei seinen 
Berufsgenossen, deren Vorurtheilen er mehrfach widersprach, doch in 
Achtung stehende Professor der Medicin, Botanik und Chemie Werner 
Rolfinck (1599 — 1673) zu Jena in mehreren Schriften. In seiner 
Chimia in artis formam redacta (1671), wo er auch seine schon 
früher über die Alchemie kund gegebenen Ansichten zusammengestellt 
"hat, sagt er in der Einleitung {}). 26), die für diese Kunst angeblich 
erbrachten experimentalen Beweise seien Blendwerke gewesen (Artis 
transmutatoriae experimenta hactenus credulo orhi proposita, glauco- 



trouve la pierre des philosophes, chasam ^loids d^icclle aufjmenteroit de cent. 
Or je scay qu'ils feront aussi bien l'vn que Vautre (F. Hoefer's Histoire de la 
chimie, 2. ed., T. II, Paris 1869, p. 89). 

*) Im 15. bis 17. Capitel des II. Theiles des Gedichtes: „Wie ein Alchi- 
mistischer Goldtkefer sich hey Reinicken erwirbt, vnd der Philosophen Stein 
machen lehret"; „Von mancherley Alchimistischen Goldmachen, vnd wer sich 
dessen gebraucht habe"; „Wie Reinicken dals Goldmachen gerathen ist". 



Fortdauer des Glaubens an die Alchcmie im 17. Jahrhundert. 231 

mata fiiere) und dafs Die, welche an das Wunder des eisernen Nagels 
mit der zu Gold umgewandelten Spitze (vgl. S. 90 f.) glauben, aberrant 
a janua. Im VI. Buch dieses Werkes, wo gehandelt wird de ejfectis 
seil oper'ibus imaginariis et non entihus chimicis, wird (j). 435 s.) 
auch dargelegt, dafs non ens in transmutatione metallorum est con- 
versio imperfectorum metallorum in aurum mit argentum; Gold künst- 
lich zu machen sei, wenn es auch als möglich zu betrachten sein 
sollte, jedenfalls sehr schwierig (Possibilis per naturam licet censeatur 
chrijsopoeia, äifficillima tarnen est) und für Den, welcher es versucht, 
jedenfalls verderblich: Caveat sihi ah Jiac opum depraeäatrice arte, 
cid Salus sua cordi. Qui alicui male vult, eum autcm aperto marte 
aggredi non audet, sattem autor ipsi sit, id huic studio se tradat. 
Aber wenig halfen im siebzehnten Jahrhundert solche Zweifel an 
der Wahrhaftigkeit der Alchemie, solche Abmahnungen von der Be- 
schäftigung mit der letzteren Dem gegenüber, was damals über die 
Möglichkeit der künstlichen Hervorbringung edler Metalle und die 
Existenz des Steins der Weisen hervorragendste Chemiker: von Libavius 
an bis zu G. E. Stahl (vgl. S. 45 if.) gläubig behaupteten, was 
bezüglich der von ihnen selbst bewirkten Metallveredlung Autoritäten 
wie van Helmont und Helvetius (vgl, S. 82 if.) zuversichtlich 
berichteten. Und zu solchen Männern kamen noch mehrere auf 
anderen Gebieten des Wissens als dem der Chemie oder diesem be- 
nachbarten berühmt gewordene, welche gleichfalls von der Möglichkeit 
überzeugt waren, die Alchemie könne das von ihr Versprochene leisten, 
oder doch wenigstens keinen Zweifel daran da laut werden lielsen, 
wo eine Äufserung eines solchen wohl erwartet werden könnte, wären 
sie ungläubig gewesen. Francis Bacon Baron von Verulam 
(1561 — 1626) glaubte zwar nicht an den Stein der Weisen aber doch 
daran, dafs Silber und wohl auch Kupfer zu Gold umgewandelt 
werden könne, und gab eine Anweisung, wie Dies wohl zu bewerk- 
stelligen sei*). Als am Ende des Jahres 1666 ruchtbar geworden 
war, welche merkwürdige Metallveredlung Helvetius im Haag mittelst 
des Steins der W^eisen ausgeführt habe (vgl. S. 83 if.), theilte der 
damals in Voorburg beim Haag lebende Bened. Spinoza (1632 — 1677) 
keineswegs die Ansicht Derer, welche die ganze Erzählung nur als 



*) Vgl. Anmerkung VIII am Ende dieses Theils. 



232 Fortdauer des Glaubens an die Alchemie bis in das 18. Jahi-bundert. 

des Verlachens würdig beurtheilten, sondern er hielt es — wie es 
scheint durch eine an ihn gelangte Anfrage veranlafst — der Mühe 
werth, sich genauer zu erkundigen, was an der Sache sei, und 
die von ihm gegebene Auskunft läfst in keiner Weise erkennen, 
dafs er es als unmöglich betrachtet habe, die Sache sei so gewesen 
wie sie erzählt worden ist*). Gottfr. Wilh. von Leibnitz 

(1646 — 1716) trat in seiner Jugend in nähere Beziehung zu der 
Alchemie. 1666 kam er nach Nürnberg, wo 1654 durch mehrere 
Anhänger der Hermetischen Kunst eine (bis 1700 bestandene) Alche- 
mische Gesellschaft gestiftet worden war, welcher auch sein Oheim, 
der Pfarrer Just. Jac. Leibnitz angehörte. Durch Letzteren in 
diese Gesellschaft eingeführt wurde der später berühmt gewordene 
Leibnitz Mitglied derselben und dafür angestellt, alchemistische 
Schriftsteller zu excerpiren, die in dem Laboratorium der Ge- 
sellschaft vorgenommenen Arbeiten zu registriren und die Cor- 
respondenz zu führen, in welchem Verhältnifs er ein Jahr lang 



*) Wie sieb Spinoza geäufsert bat, ist docb für die Gescbicbte der Al- 
cbemie wenigstens von eben so grol'ser Bedeutung als des Helvetius Erzählung, 
und icb setze defshalb aus des Ei'steren an Jarig Jellis gerichteten Brief, so 
wie ihn in Lateinischer Übersetzung die zu Amsterdam 1677 veröffentlichten 
B. d. S. Opera yosthuma {]^. 533) haben, das Bezügliche hierher (zum Verständ- 
nifs von Einzelnem dient, was S. 83 ff. mitgetheilt ist). Spinoza schreibt in 
dem Voorhurgi, 25. Martii 1667 datirten Brief: Postrema tiia, hujus inensis 14. 
die scripta, rede mihi tradita fitit; ob varia vero impedimenta citiiis respondere 
non licuit. Conveni Dominum Vossium de Helvetii negotio, qiii (ne omnia in hac 
epistola, qiiae collocuti sumus, narremj effuse ridebat, quin mirabatur, quod ego 
de Ms nugis ex illo quaererem. Ego tarnen hoc flocci faeiens, ipsmn aurificem, 
cujus cognomen est Brechtelt, qui aurum proharerat, adibam: hie vero alium 
longe sermonem habuit, quam Dom. Vossius, affirmans auri inter liquescendum 
et separandum pondus auctum esse, et tanto gravius esse redditum, quantum ar- 
genti pondus, quod separationis gratia crucibiüo injecerat, valebat; adeo ut fir- 
miier crederet, hoc aurum, quod suum argentum in aurum transmutarat, aliquid 
singulare in sc continere. Nee ille solus; sed diversi quoqtie alii Domini, tum 
temporis praesentes, hoc ita sese habere experti sunt. Post haec ipsum adii Hcl- 
vetiwn, qui mihi et aurum, et crucibiäum, interius etiam tum auro obductum, 
ostendebat, narrabatque, se vix quartam grani hordeacei, vel sinapis partem 
plumbo liquefaeto injecisse. Addebat, se totius negotii historiam brevi editurum, 
et porro referebat, quendam virum (quem eundem illum, qui se convenerat, rebaturj 
eandcm operalioncm Amstelodaemi fecisse, de quo procul dubio audivisti. Haec 
de hac re potui resciscere. 



Fortdauer des Glaubens au die Alcheniie bis in das 18. Jahrhundert. 233 

blieb*). Aus ihm getreten hat er seine Kräfte Wichtigerem und 
Höherem zugewendet, aber Interesse für die Alchemie blieb ihm bis 
in seioe letzten Lebensjahre**). 

Übergrofs war noch in den letzten Decennien des siebzehnten, 
in den ersten des achtzehnten Jahrhunderts die Zahl der Alchemisten, 
namentlich in Deutschland, und Diejenigen, welche sich für unter- 
richteter hielten oder ausgaben, klagten damals aus allen Tonarten, 
in ungebundener Rede nicht nur sondern auch in gel)undener darüber, 
dafs Leute aus allen Ständen und auch gar nicht für die Erlernung 
der Kunst ausreichend Vorgebildete sich der Alchemie zuwenden und 
meinen, sie könnten es darin zu Etwas bringen. So finden sich in 
der Deutschen Übersetzung von Pantaleon's Examen alchemisticum 



*) Diesen Bericht giebt Seh mied er in seiner Geschichte der Alchemie 
S. 414 f. unter Bezugnahme auf v. Murr's Literarische Nachrichten zur Ge- 
schichte des s. g. Goldmachens S. 79 f. Guhrauer macht in seiner Biographie 
Leibnitz' (Breslau 1842, I. Bd., S. 46) einige Angaben in dem Sinn, dafs 
Leibnitz sich listiger Weise als anscheinend kenntnifsreicher Alchemist bei 
der Gesellschaft eingeführt habe und dann zu der Erkenntuil's der Unsicherheit 
der Alchemie gelangt sei. Mit dieser Auffassung scheint mir das in der folgenden 
Anmerkung Mitzutheilende nicht in Einklang zu stehen. 

**) Noch in hohem Alter verschmähte Leibnitz nicht, sich mit der Deu- 
tung alchemistischer Eäthsel zu beschäftigen (Miscellanea BeroJ inensia — — , 
ex scrijHis socictati recjiae sdentiarum exhibitis edita, Berolini 1710, jo. 16 ss.), 
und er gedenkt da auch seiner früheren intimen Beziehung zu der Alchemie. 
Das eine dieser Räthsel ist auf Arsenik, das andere auf Vitriol gedeutet; es 
könnten jedoch, meint Leibnitz (2^-22), die Alchemisten der Ansicht sein, unter 
beiden Bezeichnungen sei die nämliche Substanz zu verstehen: Nempe est in 
arcanis corum scheclis, ad quas (diqimndo, tanqttam ad Eleusinia Sacra ad7nissus 
sum, materia quaedaiii, cui ntrumque nomen non incpte attribiii possit. Was die 
künstliche Hervorbringung von Gold und Silber betrilft, so urtheilt Leibnitz da 
Ip. 18), dafs wenn diese Kunst als eine so leicht und mit solchem Vortheil aus- 
zuführende existire, wie es angegeben werde, sie mit Recht um des gemeinen 
Besten willen zu unterdrücken sei. Lieber möge er, dafs Das gefunden werde, 
was Einige als möglich betrachten: aus dem Gold die Quintessenz auszuziehen 
wie aus dem Wein den Weingeist, und mit jener Quintessenz ein anderes Metall 
zu Gold umzuwandeln, wie mit Weingeist das Wasser zu Wein; Das würde 
Nichts einbringen, eher Etwas kosten, aber der Naturerkenntnifs nützen. Doch 
mache Manches auch die Realisirung der letzteren Aufgabe nicht wahrscheinlich. 
Caeterum quod parum verisimile censeo, non ideo impossibile pronuntiare ausim. 
Gerte esse aliquid in natura, quäle pyrius pulvis (das Schiefspulver), nisi ex- 
perimento convicti, aegre crederemus. 



234 Fortdauer d. Glaubens an d. Alchemie trotz Bestreitung derselben im 18. Jahrb. 

(in Lateinischer Sprache 1676 veröffentlicht), welclie Fr. Rothscholz' 
Deutsches Theatrum cJiemicum im IL (1730 erschienenen) Theil hat, 
als bekannte Reime die folgenden: 

„Es will fast jederman ein Alchimiste heissen, 
Ein grober Idiot, der Junge mit dem Greissen, 
Ein Scherer, altes Weib, ein kurtzweiliger Eath, 
Der kahl-geschorne Münch, der Priester und Soldat" 

und unter den an das Ende der Vorrede zu dem L (1728 erschienenen) 
Theil dieser Sammlung alchemistischer Tractate gesetzten Gedichten 
ist auch ein die Unberufenen und Goldgierigen von der Betreibung 
der Alchemie abmahnendes von Magister Christoph Bezzel, Pastor 
zu Wöhrd (wie es scheint einem Freund des Herausgebers der Samm- 
lung), welchem ich die nachstehenden Verse entnehme: 

„Wer im gemeinen Dienst so viel nicht nützen kan; 
wer jung, als Fasscujier, das Gütlein längst verthan; 
will nun im Müssiggang aus Glässern Rauch und Kohlen 
(schaut doch difs Wunder-Werck) des Schadens sich erholen". 

Wenn auch Einzelne unter den Vertretern der wissenschaftliehen 
Chemie noch im achtzehnten Jahrhundert sich für die Möglichkeit 
der künstlichen Hervorbringung edler Metalle ausgesprochen haben 
(vgl. S. 75 ff.) : bald nach der Mitte dieses Jahrhunderts war doch 
dem Glauben an die Alchemie diese Unterstützung kaum oder gar 
nicht mehr gewährt (vgl. S. 78 ff.). Die wissenschaftliche Chemie ver- 
läugnete jetzt die Alchemie und trat den alchemistischen Arbeiten als 
auf mifsleiteter Einbildung beruhenden oder zu Betrügereien führenden 
feindlich entgegen; in schärfster Weise that das Letztere 1777 ein 
Chemiker, dessen Namen damals einen guten Klang hatte : der Apo- 
theker und Oberkänimerer Wieg leb zu Langensalza durch seine in 
dem angegebenen Jahr veröffentlichte „Historisch -critische Unter- 
suchung der Alchemie oder der eingebildeten Goldmacherkunst, von 
ihrem Ursprünge sowohl als Fortgange und was nun von ihr zu 
halten sey". Damit war dem Glauben an die Realität dieser Kunst 
die hauptsächlichste Bedingung für das Fortbestehen desselben ent- 
zogen, wenn gleich es noch lange dauerte, bis er gänzlich erlosch. 
Wie Mehrere unter den bedeutenden Chemikern schon in dem Anfang 
des achtzehnten Jahrhunderts sich bezüglich des Steins der Weisen 
ausgesprochen hatten (vgl. S. 56 u. 72 f.), half doch dazu mit, richtiger 



Beachtung der nachtheiligen Folgen der Beschäftigung mit Alchemie. 235 

beurtheilen zu lassen, was bei Versuchen zu der Darstellung desselben 
herauskommen möge. 

Dafs die bei Betreibung der Alchemie auf sie verwendete Zeit 
eine verlorene war, Das erkannten wohl Viele, wenn auch nur Wenige 
es so klar erkannten, wie der Pariser Arzt Dominique Duclos 
(1597 — 1684), welcher sein Leben lang der Darstellung des Steins 
der Weisen nachgeforscht hatte, Solches aber vor seinem Tode bitter 
bereute und alle seine Handschriften verbrannte, damit nicht durch 
sie Andere zu gleicher Beschäftigung und gleichem Zeitverlust ver- 
leitet werden. Aber es wurde dabei auch noch Anderes verloren. 
— Dafs einem Alchemisten als Resultat seiner Arbeiten statt des er- 
hofften Reicht hums Armuth zu Theil geworden war, das war schon 
in früherer Zeit oft genug vorgekommen und oft auch von den Be- 
troffenen selbst erkannt. Eine Zufluchtsstätte für seine alten Tage 
hatte noch der 1286 in der Kirche zu St. -Jacob in Nürnberg begrabene 
Ulrich von der Sulzburg sich gesichert, von welchem eine alte 
Nachricht nur meldet, dafs er in Alchemie viel verthan, aber nicht, 
dafs er irgend Etwas dabei gewonnen habe*). Anderen erging es 
schlechter. Heinr. Com. Agrippa von Nettes heim (geboren zu 
Köln 1486, gestorben zu Grenoble 1535), welcher die Fächer aller 
vier Facultäten studirt und sich Dem entsprechend ein sehr um- 
fassendes Weissen erworben hatte, war auch den geheimen Künsten: 
der Kabbala und der Alchemie zugethan, laborirte eifrig in der 
letzteren und bereiste viele Länder, um die Darstellung des Steins 
der Weisen zu erkunden; er schrieb zwar darüber, wie derselbe zu 
bereiten sei, aber er selbst brachte ihn nicht zuwege sondern kam 
in die bedrängtesten Verhältnisse und hatte allen Grund, in seiner 
zuerst 1527 veröffentlichten Schrift De incertitudine et vanitate scicn- 
tiaruni namentlich gegen die Alchemie zu eifern. Bernard Penot 
aus dem Hafenort Sainte-Marie in Guienne, welcher am Ende des 
sechszehnten und im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ein be- 
harrlicher Alchemist gewesen war und sich bei seinen Kunstgenossen 
einen Namen gemacht hatte, starb 1017 in bitterster Armuth im 
Hospital zu Yverdon; vor seinem Ende verfluchte er die Alchemie 
und sprach er aus, wer seinen Todfeind sicher verderben wolle, 



*) Vgl. Anmerkung IX am Ende dieses Theils. 



236 Beachtung der nachtheiligen Folgen der Beschäftigung mit Alchemie. 

müsse ihn bereden, Alchemie zu treiben. Michael Potier, der aus 
Frankreich gebürtig war, ganz Europa durchzog und einen grofsen 
Theil seines Lebens in Deutschland (namentlich in Dortmund) zu- 
brachte, veröffentlichte in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhun- 
derts viele alchemistische Schriften, in welchen er die Hermetische Kunst 
mit der Zuversichtlichkeit eines in ihr zur Meisterschaft Gelangten 
behandelte ; er starb in jämmerlicher Dürftigkeit und verachtet. Das 
sind nur Wenige von der gröfseren Anzahl von Alchemisten, für 
welche Armuth als das Resultat ihrer Arbeiten bekannt geworden ist, 
weil sie es zu einer gewissen Beachtung gebracht hatten ; aber un- 
vergleichlich viel gröfser war die Anzahl der auf die Darstellung des 
Steins der Weisen Ausgehenden, welche in Elend verkommen sind, 
ohne dafs die Geschichte der Alchemie von ihnen Notiz genommen 
hat. Dafs Verarmung das Ende von der Beschäftigung mit Alchemie 
sei, hatten schon vor dem achtzehnten Jahrhundert ganz allgemein 
Diejenigen hervorgehoben, welche vor der Beschäftigung mit dieser 
Kunst warnten (S. 226 ff.), aber in diesem Jahrhundert fanden doch 
solche Warnungen mehr Gehör als vorher, und zudem wurden nament- 
lich in der zweiten Hälfte desselben viel seltener als früher glaubhaft 
erscheinende Metallveredlungen bekannt*), und viel seltener als früher 
kam Einer in den Ruf, dafs er sich durch erfolgieiche Betreibung 
der Alchemie Reichthum erworben habe**). 

Dafs die nicht zum Ziele ihres Strebens sondern in bedrängteste 



*) Der Price 'scheu Transmutationen werde ich im 11. Theile des vor- 
liegenden Buches zu gedenken haben. 1774 wurde eine Metallveredlungs-Ge- 
schichte bekannt, welche namentlich nachdem Schmieder 1832 in seiner Ge- 
schiclite der Alchemie S. 534 ft'. die an der Ausfülirung und Veröffentlichung der 
betreffenden Transmutation betheiligten Persönlichkeiten kennen gelehrt hat, eben 
so unbegreiflich ist, wie die von van Helmont (S. 82 f.) und Helvetius (S. 83 ff.) 
als selbsterlebte erzählten. Ein als rechtschaffen bekannter Mann, der nachherige 
Apotheker Reussing in Löbegün bei Halle wollte 1750 in Halle, wo er Gehülfe 
in der Waisenliaus-Apotheke war, mittelst einer von einem Fremden erhaltenen 
minimalen Menge eines grauen Pulvers in Abwesenheit des Gebers in genannter 
Apotheke 2*/2 Loth zwölflöthigcs Silber nach dem Schmelzen desselben zu 3 Loth 
reinem Gold umgewandelt haben; Derjenige, welcher die angebliche Thatsache 
bekannt gemacht hat, war der Schwiegersolni Reussing's, der 1815 zu Halle 
gestorbene Preulsische Kriegs- und Domaincnrath F. W. von Leysser. Näheres 
über diese Sache findet sich bei Schniieder a. a. 0. 
■■••*) Vgl. Anmerkung X am Ende dieses Theils. 



Beachtung der nachtheiligen Folgen der Beschäftigung mit Alchemie. 237 

pecuniäre Verhältnisse gekommenen Alchemisten in ihrer Verzweiflung 
zu Betrügern wurden, wenn sich Gelegenheit dazu bot, war natürlich, 
und wesentlich um Defs willen, dafs die Alchemie zu Fälschungen 
diente, waren nach dem ersten und allgemeinsten Verbote derselben 
(S. 225) noch verschiedentliche andere Verbote der Betreibung der- 
selben — doch auch ohne Wirkung — erlassen worden. Jetzt sah 
man allgemeiner als vorher es ein, dafs die Versuchung zu Ver- 
brechen und alle die anderen Übel, welche früher als täuschende Be- 
gleiterinnen der an sich ehrbaren Alchemie von Anhängern der 
letzteren betrachtet worden waren (vgl. die Anmerkung zu S. 226), 
von der Hingabe an diese immer zu erwarten sind. 

Im sechszehnten Jahrhundert hatten Erasmus' Satire und 
Rollenhagen's Verhöhnung der Hermetischen Kunst, im siebzehnten 
der da manchmal in derber Weise*) gegen die Alchemie gerichtete 

*) Als einen unziemlichen Spott möchte man doch die Angabe betrachten, 
welche nach Schmieder 's Geschichte der Alchemie S. 349 das 1608 zu Basel 
erschienene Eos ariuni noviim ohjmpicum et benedictiun de&Bene d.F ig ulus, hat 
(welcher eigentlich Töpfer hiefs und aus Utenhofen in Franken war): wie man 
Gold aus Juden machen könne (24 Juden sollen 1 Loth Gold geben; bei täg- 
licher Wiederholung des Processes seien aus 100 Juden im Jahr nach Abrech- 
nung der Festtage 1248 Loth Gold zu erhalten). Diese Schrift ist mir nicht zur 
Einsichtnahme gekommen und ich weifs nicht, in welchem Zusammenhang da diese 
Angabe steht. In anderen Schriften, namentlich in der gleichfalls 1608 zu Stras- 
burg erschienenen Pandora maynalium naturaUum aiirea et henedicta zeigt sich 
Figulus keineswegs als ein Spötter, vielmehr als ein gläubiger Anhänger der 
Alchemie. — Sehr unzweideutig als eine Verspottung der Alchemie wurde 
veröffentlicht zu Mülhausen 1616 „Ältlcumistica, Das ist, Die wäre Goldkunst, 
aus Mist durch seine Operation vnd Proces gut Goldt zu machen. Wieder die 
betrieglichen Alchymisten vnd vngeschickten vermeinten Theophrastisten von 
Herrn Johanne Clajo beschrieben. Neben angehencktem Special-Bericht — 
— Mennigklichen zur Nachrichtung vnd Warnung zusammengebracht durch 
Aletophilum Parrhesiensem". Job. Clajus aus Herzberg war zuerst Schul- 
mann, wurde 1574 Pfarrer zu Bendeleben in Thüringen, schrieb u. A. auch eine 
Grammatik der Deutschen Sprache. Sein in jeder Beziehung hoch über den 
in alchemistischen Schriften jener Zeit zu tindenden Eeimereien stehendes Ge- 
dicht Altkumistica („In der studieren die Bustici, Die besten Tlieoplirastici, Die 
aufs alt Kuhmist machen Goldt" heilst es in demselben) behandelt, was der Mist 
der Land wirth Schaft und damit der Viehzucht nütze und wie beide sich in den 
Producten derselben lohnen, den Mist zu Gold machend. Ihm ist da angehängt 
als Specialbericht eine „Trewhertzige Vnterrichtung vnd Warnung eines Lieb- 
habers der Warheit an alle liebhaber vnd beförderer der ÄlcJujmiae transmuta- 



■238 Starke Abnahme d. Glaubens an d. Alcheniie im 3. Viertel d. 18. Jahrb. 

Spott wenig für die Erschütterung des Glaubens an dieselbe gewirkt; 
im achtzehnten Jahrhundert mehrt sich die Zahl der nicht nur in 
ernster sondern auch in unterhaltender Weise die Schwächen und 
Nachtheile der Alchemie darlegenden Schriften, und ganz im Anfang 
desselben müssen doch schon die Liebhaber dieser Kunst in der Lage 
gewesen sein, ihr Mifsfallen unterdrücken zu müssen, wenn zur 
Erheiterung Andersdenkender Alchemisten auf die Bühne gebracht 
wurden*). 

Bei Weitem beträchtlicher als die Zahl der die Alchemie be- 
kämpfenden Schriften war allerdings auch noch während des gröfseren 
Theiles des achtzehnten Jahrhunderts die der ganz in früherer Weise 
über diese Kunst als eine reale handelnden**) ; aufser einer Menge 
nochmals aufgelegter älterer alchemistischer Werke und mehreren 
Sammlungen solcher wurden auch sehr viele ganz in dem alten Geist 
geschrieben, auch die Angriffe gegen die Alchemie zurückweisende 
neue veröffentlicht, aber doch verhältnifsraäfsig nur wenige unter den 
wahren Namen der Verfasser, die* meisten anonym oder pseudonym. 
Die Alchemie ging doch jetzt in sehr bemerklicher Weise darin zurück, 
als eine Kunst betrachtet zu werden, in welcher bewandert oder mit 
welcher beschäftigt zu sein auf allgemeinen Beifall rechnen könne. 

Es gab auch noch in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahr- 
hunderts namentlich in Deutschland recht viele Alchemisten, aber sie 
arbeiteten heimlich; danach wie nun mehr und mehr einflufsreiche 
Männer über die Alchemie und besonders über die Folgen der Be- 
schäftigung mit derselben urtheilten, konnte es doch der Reputation 
und dem Fortkommen Eines sehr nachtheilig sein, dafs von ihm be- 
kannt wurde, er versuche durch diese Kunst sein Glück zu machen. 



toriae, wegen sonderlicher bübischen Handgriffe der betrigerischen Alchymisten", 
in welcher die von den Letzteren zur Täuschung benutzten Verfahren beschrieben 
werden, und zum Beschlufs: „Wann dergleichen Gold-Ammer (zu Latein gulgulus 
[galgidus] genannt) zu einem geflogen keine, vnd praesentirte seine goldreiche 
Dienste, Wie solte man ihn acceptiren, Jhme Bestallung machen, vnd sich gegen 
jme seinen "Würden nach verhalten?" worin ein Vater seinen Sohn unter Auf- 
wendung alchemistischer Ausdrücke belehrt, wie er einen solchen Besuch in Stall 
und Scheuer behandeln und seiner los werden soll. 
*) Vgl. Anmerkung XI am Ende dieses Theils. 
**) Wenigstens einen Thcil auch dieser Schriften nennt der dem II. Theil 
des vorliegenden Buches angehängte Beitrag zur Bibliographie der Alchemie. 



Starke Abnahme d. Glaubens an d. Alchemie im 3. Viertel d. 18. Jahrh. '239 

Auch Männer, die durch erfolgreiche Thätigkeit in anderen Richtungen 
sich berühmt gemacht haben, waren damals unter den noch an die 
Wahrhaftigkeit der Alchemie Glaubenden (in dem noch zu Berichtenden 
werden uns Solche entgegentreten, von welchen man eine derartige 
Verirrung nicht hätte erwarten sollen), aber die Zahl derselben ist 
doch nun eine beträchtlich verringerte im Vergleiche zu früher. An 
einigen Deutschen Höfen wurde noch um die Mitte des achtzehnten 
Jahrhunderts die Alchemie betrieben oder begünstigt (vgl. S. 138 ff.); 
doch kam auch Das jetzt seltener als in der vorausgegangenen Zeit vor. 
Alles Dieses konnte erwarten lassen, bei der zunehmenden Auf- 
klärung werde mit dem Glauben an Zauberei, an Gespenster und 
Dergleichen auch der an die künstliche Hervorbringung der edlen 
Metalle, an die Existenz des Steins der Weisen und die Wirksamkeit 
desselben als Universalmedicin bald sein Ende finden. Noch glimmte 
dieser Glaube vorzugsweise in den weniger unterrichteten Schichten 
des Volkes weiter ; dafs er auch da bald erlöschen werde, wurde zur 
Zeit, wo das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts begann, gehofft. 
Aber noch einmal flackerte er auf und zwar in Kreisen, welchen 
hochstehende und sehr gebildete Männer angehörten, angefacht da- 
durch, wie rosenkreuzerische Tendenzen in diese Kreise Eingang fanden. 



-iff^^^ 



240 



Anmerkung I zu S. 5. 
Alcheinie im nördlichen Deutschland im elften Jahrhundert. 

Es ist nicht zu bezweifeln, dafs für die christlichen Länder des westlichen 
Europa's die Bekanntschaft mit Alchemie, so wie sie da in dem dreizehnten 
Jahrhundei't verbreitet war, auf der Kenntnifs der von Arabischen Schriftstellera 
über diesen Gegenstand dargelegten Lehren beruhte. Schon vor dieser Zeit 
hatten die S. 3 erwähnten, in Aegypten in Griechischer Sprache verfafsten 
alchemistischen Schriften ihren Weg nach dem Byzantinischen Reiche gefunden, 
wo sie den Glauben an die Alchemie geweckt oder genährt haben mögen. Von 
Einem, welcher im südöstlichen Europa mit der Alchemie bekannt geworden 
war, konnte nach einem Lande des westlichen Europa's, schon bevor dahin die 
Kenntnifs der Lehren der Araber kam, die Kunde gebracht werden, dafs die 
Metallveredlung ausführbar sei. Ein nach dem Urtheil der Historiker von 
Adam von Bremen (f 1076) selbst herrührender Zusatz zu Dessen Historia 
ecclesiastica s. Gesta Hammaburgensis ecdesiae pontificum berichtet, dafs in der 
Zeit um 1063 bis 1065 etwa sich bei dem Erzbischof Ad albert von Bremen 
und Hamburg ein getaufter Jude Paulus in Gunst zu setzen wufste, welcher 
in Griechenland gewesen war und von da zurückgekehrt sich unter Anderem 
der Kunst berühmte, Kupfer zu gutem Gold umzuwandeln, auch seinen anderen 
Lügen die Versicherung hinzufügte, dafs er alsbald bei Hamburg eine Anstalt 
zu Ausprägung des Goldes einrichten und aus (wohl kupfernen) Denaren Byzan- 
tiner (Goldmünzen) machen werde {Monumenta Germaniae historica — — ed. 
G. H. Pcrtz; Scriptormn T. VII, Ilannoverae 1846, j;. 349). Auf diese Angabe 
hat Hermann Conring in seinem Werk De Hermetica Aegyptiorum vetere et 
Paracelsicorum nova medicina, Helmestadii 1648, ^?. 369 (in der unter dem Titel 
-De Hermetica medicina lihri duo, Helmestadii 1669 erschienenen zweiten Aus- 
gabe dieses Werkes p. 401) Bezug genommen, aber meines Wissens ist ihrer in 
keiner neueren historischen Arbeit über die Alchemie gedacht. Sie verdient 
mehr Beachtung, so fern sie eine verlässige Nachricht aus einer Zeit enthält,, 
für welche wir so wenig Sicheres über die Bekanntschaft mit Alchemie im west- 
lichen Europa aufserhalb des den Arabern unterworfenen Theiles von Spaniea 
wissen. 



241 



Anmerkung IT zu S. 68: 
Beurtheilung der Alcheniie in J. J. Becher' s Psycliosophia. 

Becher's Psycliosophia oder Seelenweisheit, welche 1683 zuei-st veröffent- 
licht 1705 noch einmal aufgelegt wurde, gehört zu den später wenig mehr in 
Betracht gezogenen Werken dieses Schriftstellers. In dieser „Psycliosophia Oder 
Seelen -Weifsheit, Vorgestellet zwischen einem Philosopho und Psychosopho^^ 
fragt der Erstere wifsbegierig und der Letztere (Becher selbst) antwortet be- 
lehrend. Im Anschlufs an die Erörterung, „auif wie vielerley Weise, dem ge- 
meinen Weltlauff nach, sich zu ernehren", fraget Philosoplms: „Ob das Gold- 
Machen nicht die beste Manier zur Xahrung wäre?" es antwortet ihm Psycho- 
so phus , durchs Goldmachen sich ernähren sei eine extraordinäre Manier von 
Nahrung, mit welcher dem Nächsten in Nichts gedient sei und die schon Das 
gegen sich habe, dafs die gesellschaftliche Ordnung nicht bestehen könnte, wenn 
Alle sich auf das Goldmachen verständen und darauf hin Nichts arbeiten M'ollten. 
Delshalb gebe auch Gott zu dieser Art, sicli zu ernähren, so wenig seinen Segen. 
Wer die Kunst verstehe, sei versucht , mehr Gold zu machen als zur Führung 
eines ehrbaren Lebens erforderlich, und verfalle dann nur allzu leicht der Üppig- 
keit und Liederlichkeit. In so fern sei, sich durch Alchemie ernähren zu wollen, 
schädlich. Fraget weiter Philosoplms: „was haltest du von der Warheit dieser 
Kunst, ist sie möglich und proiitlich?" Antwortet Psychosoplms, er selbst sei 
nie auf das (joldmachen an sich ausgegangen, wohl aber bei seinen naturwissen- 
schaftlichen Arbeiten und den Untersuchungen über die Entstehung der ver- 
schiedenen Körper zu der Einsicht gekommen, dafs und wie auch dafür, dafs 
Gold entstehe, die Kunst Bedeutendes zu leisten vermöge; „und mufs ein schlechter 
Spac/yricus seyn, der, wann er Antimoni, Qvecksilber, Bley, Kupffer, Eisen, 
Silber, Schwefel. Sand und dergleichen hat, nicht durch die Kunst so gut Gold 
(jeneriren solte, als wol die Natur in Bergwercken thut" ; aber es zu Stande zu 
bringen sei mühsam, und möge sich Einer wohl vorsehen, „ob er nit mehr Mühe 
darmit, sich zu ernehren, als auf gemeine Weise habe". Fraget dann auch noch 
Philoso2Jhus, was von der Tinctur oder dem Lapide Philosophonim zu halten? 
Antwortet Psychosophus nach einigen Versuchen um die Frage herum zu gehen: 
„Dafs Metallen per modmn projectionis können in Gold verwandelt werden, ist 
wahr, mit was vor Nutzen es aber geschehe, ist Denen zum besten bekandt, die es 
thun". Auf dringendere Fragstellung („ich beschwöre dich bei deinem Gewissen", 
spricht Philosophus, „was hat diese Wissenschafft vor ein wahres Fundament in der 
Natur, gehet sie mit oder gegen dieselbe?") bekennt Psyclwsojihus (wobei er 
seinerseits Philosophum und Alle, die das zu Gestehende lesen werden, be- 
schwört, „dafs sie dieses nur vor eine Beschauung und blosse Gedancken an- 
nehmen, und bey Leib Ansehen, Zeit und Geld im Nacharbeiten nicht verlieren, 
und mir hernach unter der Erden fluchen") des Ausführlichen, dafs und wefs- 
halb die Alchemie allerdings eine reelle Kunst sei, theilet auch vier Haupt- 
Axiomata der Kunst der Akhymie und fünf Emiin-Äxiomata, betreffend die Art, 
wie man die Älchymie handhaben soll, mit. 

Kopp, Die Alchemie. I. 16 



242 



Anmerkung III zu S. 98: 

Trismosiu's Aureuin vellus, und eutsprecliend betitelte andere 

alclieniistische Schriften. 

Die gewöhnliche Angabe, dafs der Tractat, auf welchen S. 98 Bezug ge- 
nommen ist, vonTrismosin Aureum t'eZ^tts oder Güldenes Vliefs betitelt worden 
sei, ist nicht richtig. Diesen Titel hat eine Sammlung alchemistischer Schriften 
verschiedener Autoren, von welcher erstmals Band I zu Rorschach 1598, Band II zu 
Basel 1604 herauskam (diese Ausgabe ist mir nicht zu Gesicht gekommen), und die 
wieder in Hamburg 1708 und noch einmal 1718 neu aufgelegt wurde. Die letzte 
Ausgabe ist betitelt: „Eröffnete Geheimnisse des Steins der Weisen, oder Schatz- 
kammer der Alchymei". Die Ausgabe von 1708, welche ich benutzt habe, hat 
den Titel: „Aiireum vellus oder Guldin Schatz und Kunst-Kammer, Darinnen der 
aller fürnemisten, fürtreffenlichsten, ausserlesenesten, herrlichisten und bewehrtesten 
Auctoruni Schrifften und Bücher, aufs dem gar uralten Schatz der uberblibnen, 
verborgnen, hinderhaltenen Reliquien und Monumenten der Aegyptiorum, Arabum, 
Clialdaeorum et Assyriorum Königen und Weysen. Von Dem Edlen, Hoch- 
erleuchten, Fürtreffenlichen bewehrten Philosopho Salomone Trifsmosino (so 
defs grossen Philosophi und Medici Theophrasti Paracelsi Praeceptor ge- 
wesen) in sonderbare unterschiedliche Tractätlein disponiert, und in das Teutsch 
gebracht. Sampt anderen Philosophischen alter und newer Scribenteu sonder- 
baren Tractätlein, alles zuvor uiemalen weder erhört noch gesehen, wie der 
Catalogus gleich nach der Vorrede zuverstehen gibt. Durch einen der Kunst- 
liebhabern mit grossem Kosten, Mühe, Arbeyt und Gefahr, die Orifjinalia und 
Handschrifften zusammengebracht, und auffs trewlichest und fleissigst an Tag 
geben. Vormahls gedruckt zu Rorschach am Bodensee, Anno M.D.XCVIII und 
zu Basel 1604 in fünff verschiedeneu Tractaten; itzo aufs neue auffgelegt und in 
ein Volumen gebracht. Hamburg, bey Christian Liebezeit, in der St. Joh. Kirch, 
1708". Eine Französische Übersetzung des Buches unter dem Titel: „La toison 
d'or, ou la fletir des tresors, en laquelle est traite de la Pierre des Philosophes, 
de son origine, et du moyen de parvenir ä sa perfection et c. wurde zu Paris 
1602 u. 1612 veröffentlicht. In dieser, nach dem Vorstehenden im vorigen 
Jahrhundert recht verbreitet gewesenen und später öfter citirten als eingesehenen 
Schrift enthält der erste Tractat „Die gar alten Bücher: 1) Wanderschafft Salo- 
monis Trifsmosini; 2) Copulatnr (Oder erster Beginn der Metallen, welche Herr 
Hieronymus Crinot, zum eingang der Universal Tinctur beschriben und geordnet); 
3) Universalis tinctur a Hieronymi Crinoti cum praefatione Biltdorflij ; 4) Drey 
Augmenten ex aiitoyrapho Georgii Biltdorff, Abten zu S. Morin; 5) Defs grossen 
Egyptischen Königs zu Silons, Xopharis Tinctura, durch Crinoten beschriben, 
cum prarfatione Heri-n Trifsmosini; 6) Lib. Suforetlwn Sal. Trifsmosini dz lange 
Ije]»en del's Menschen zu erhalten ; 7) Liber Cangeniueron Salomonis Trifsmosini, 
mit neun Tincluren; 8) Der rote Adler Salomonis Trifsmosini : 1. Defs Felchs Schwaden, 
2. Elcctrum Saronella; 9) Der schM^artze Adler, Moratosan mit acht Tincturen; 
10) Tinctura das Nefolon; 11) Philosophi Pitrumosinis Tinctur, durch H. Trifs- 



Anmerk. III: Trismosin's Aitreum velhts, und ähnlich betitelte Schriften. 243 

mosin beschriben; 12) Tinctura Geroton Salomonis Trifsmosini; 13) Pai-asethon 
Trifsmosini : 14) Sarona Doap auri, Trifsmosini; 15) Augmentatio soHs Trifs- 
mosini mit eim Anialgama ; 16) Viatolon Ti'ifsmosini, darinn etliclie particular 
Stuck; 17) Trifsmosini s. Tractat von allerley Schwefelischen Kifs, Fe^yr oder 
Büchsensteinen, wie die zu brauchen sein zur Chymischen Kunst, von zehen 
particularien; 18) Dessen von Hatzenthurn ligierung auff den Vtifur Trifsmosini; 
19) Pars cum parte mit dem grossen Fewr Trifsmosini". Dieser Tractat macht 
mir den Eindruck eines erdichteten, untergeschobenen Machwerks, auch abge- 
sehen davon, dafs Tris mosin, welcher als in der zweiten Hälfte dos fünfzehnten 
Jahrhunderts lebend bez.-w. schreibend vorgeführt wird, sich auf den AbtlJilt- 
dorf und auf Hieron. Crinot bezieht, über deren Lebensverhältnisse zwar 
nichts Genaueres bekannt ist, von welchen aber doch der Erstere von Joh. 
Friedr. Gmelin als ein Zeitgenosse des Johannes Trithemius, also um 1500 
etwa lebend genannt, der Letztere von Gmelin und von Schmieder nach 
Paracelsus, in die erste Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts gesetzt wird; 
die in diesem Tractat zur Bezeichnung von einzelnen Büchern u. A. gebrauchten 
fremdländisch klingenden AVorte gehören nach dem Urtheil meines Collegen 
Adalb. Merx einer Sprache des Orients eben so wenig an wie einer des Occi- 
dents, sie sind ganz willkürlich gebildet und sinnlos; die Existenz Trismosin's, 
unter dessen Namen auch eine Schrift „Von Tincturen, Stein der Weisen" u. s. w. 
1677 erschienen sein soll, wird dadurch zweifelhaft. Im zweiten Tractat werden 
mehrere dem Paracelsus beigelegte alchemistische Aufsätze, darunter auch „Das 
Gulden Flüfs", und „Korndorff er ische Schriften" mitgetheilt (Bartholomaeus 
Korndörffer machte sich gegen die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts in 
Deutschland als fahrender Alchemist bei KunstverAvandteu bekannt, bei welchen 
er vorsprach und denen er alchemistische Processe verkaufte; nach von ihm ge- 
gebenen Vorschriften haben noch im vorigen Jahrhundert Manche gearbeitet; 
von den unter seinem Namen im Aureum veUus stehenden Aufsätzen sind einige 
mit magischen oder kabbalistischen Figuren geziert). Von den anderen drei Trac- 
taten enthält jeder eine gröfsere Zahl weniger umfangreicher, thcilweise älterer 
alchem istischer Aufsätze. 

Der Titel dieses Sammelwerkes: Aureum vellus ist gewählt mit Bezugnahme 
auf die Sage, das goldene Vliefs, auf dessen Zurückholung von Kolchis die Ar- 
gonauten auszogen, sei eine auf Thierhaut geschriebene Anweisung gewesen, wie 
mittelst Chemie Gold zu machen sei (Näheres über diese Sage, an welche schon 
in dem siebenten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wenn nicht in noch früherer 
Zeit geglaubt wurde, enthält das I. Stück meiner Beiträge zur Geschichte der 
Chemie S. 12 &.). Dieser Titel war offenbar ein für jede Schrift, welche das Ge- 
heimnifs der künstlichen Darstellung von Gold lehren sollte, sich gut qualifi- 
cirender, und man kann sich niclit darüber wundern, dafs er oder ein dem 
Lateinischen Ausdruck entsprechender in einer anderen Sprache öfters in An- 
wendung kam. Dafs dem Paracelsus ein „Das Gulden Flüfs" betitelter alche- 
mistischer Aufsatz untergeschoben war, wurde eben erwähnt. Das zuerst 1518 
zu Basel unter dem Titel: Chrijmpoeiae Lihri III etc. erschienene, in Latei- 
nischen Hexametern abgefafste Lehrgedicht des Giovanni Aurelio Augurelli 

10* 



244 Anmerk. III: Trismosiu's Aureum vellus, und ähnlich betitelte Schriften. 

(geboren um 1441 zu Rimini, Lehrer der schönen Wissenschaften zu Venedig 
und zu Treviso, wo er 1524 starb) wurde später auch unter dem Titel: Chryso- 
])oeia et Vellus aureum seu clirysopoeia major et minor herausgegeben (der 
Dichter hatte 1514 das Product seiner Muse dem Papst Leo X. gewidmet und 
von Diesem dafür einen leeren Beutel mit dem Bemerken erhalten, Dem, welcher 
solche Kunst besitze, fehle nur der Beutel, um das künstlich gemachte Gold 
hineinzuthun), und 1715 zu Amsterdam und 1716 zu Hamburg erschien auch 
eine Deutsche Übersetzung desselben unter dem Titel: „Des J. A. Augurelli, 
gekrönten Poeten von Romulien Vellus aureum et Ghrysopoeia oder grofse und 
kleine Golderzielungs-Kunst , an Ihro Päbstliche Heiligkeit Leo X., aus dem 
Lateinischen übersetzt durch M. Val. Weigel". Im siebzehnten Jahrhundert 
hatte man eines Petrus Collov's Aureum vellus in der Handschrift ; aber auch 
auf dem Büchermarkt wurden in diesem und dem folgenden Jahrhundert viele 
Goldene Vliefse zum Kauf angeboten, für welche wenn für irgend Etwas das 
„"Viel Geschrei und wenig Wolle" galt. So wurden u. A. zuerst veröffentlicht 
eines Niederländers van Mennens' Aurei Velleris sive Sacrae PhüosopMae 
vatum selectae ac unicae mysterionimque Dei naturae et Artis admirahilium 
Libri Ul zu Antwerpen 1604, eines Job. Ludw. Mögling's „Vellus aureum, 
d. i. chymisches Kleinod oder Beschreibung des auri jyotahilis'''' zu Stuttgart 
1665, eines de Monte -Hermetis „Explicatio centri in trigono centri per 
somnium d. i. Erläuterung defs Hermetischen güldenen Flüfs" zu Ulm 1680, des 
Kieler Professors Joh. Ludw. Hanne mann aus Amsterdam Xystus in horkim 
Hesperidum, i. e. Parasceve ad aureum vellus zu Kiel 1715, eines Ehrd von 
Naxagoras „Aureum vellus oder Güldenes Ylieh'' zu Frankfurt a. M. 1731 (dem 
unter diesem Namen Schreibenden werde ich späterhin in der vorliegenden Schrift 
eine längere Anmerkung zu widmen haben und dabei auch auf das eben ge- 
nannte Buch zurückkommen), eines J. S. N. „Das güldene Vliess, oder das 
allerhöchste, edelste, kunstreichste Kleinod und der urälteste verborgene Schatz 
der Weisen, in welchem da ist die allgemeine materia prima, derselben noth- 
wendige praeparation und überaus reiche Frucht des philosophischen Steins 
augenscheinlich gezeiget" zuerst zu Leipzig 1736, des Tübinger Professors 
Joh. Conr. Creiling vier Dissertationen de aureo vellere vel possihilitate trans- 
mutationis metallorum zu Tübingen 1787 bis 1739 (ebenda 1787 auch Teutsch: 
„Vom goldenen Vliess, oder Möglichkeit der Verwandlung edler Metalle"), eines 
Hermann Fictuld Azoth iynis et vellus aureum zu Leipzig 1749. 



Anmerkung IV zu S. 180: 
Zur Geschichte des Johann Hector von Klettenberg'. 

Das Material für den S. 174 ff. gogoltenon Bericht über Joh. Hector von 
Klettcnberg habe ich den nachstehenden Quellen entnommen: Zwei Relationen 
aus Dresden in der „Sammlung von Natur- und Mcdicin- wie auch hierzu ge- 



Anmerk. IV: Zur Geschichte des Johann Hector von Klettenherg. 245 

hörigen Kunst- und Literatur-Geschichten, so sich anno 1720 in den 3 Winter- 
Monaten in Schlesien und andern Ländern begeben", Leipzig u. Budissin 1721, 
■ S. 340 S. ; Dem, was „Merkwürdiges Leben und Thaten des — — General- 
Lieutenants — — Friedr. Wilh. von Kyau — — , von Cregandern", 

I. Theil, Ivöln 1735, S. 205 fF. enthält (der 1733 gestorbene General v. Kyau 
war von 1715 an Commandant des Künigssteins): einer ausführlichen Mittheilung 
von oiFenbar sehr gut unterrichteter Seite in Aug. Ludw. Schlözer's „Brief- 
wechsel meist historischen und politischen Inhalts", Bd. IX, Göttingen 1781, 
S. 88 ff., welche Mittheilung die „Drefsdener Gelehrte Anzeigen — — im Jahr 
1784", Dresden 1784, S. 347 ff. unverändert aufgenommen haben. Mehrere bald 
nach der Hinrichtung Klettenberg's über ihn erschienene Schriften, z. B. die 
in der ersterwähnten „Sammlung" angeführten: „Echo des Königsteins bey der 
in dessen Mauren an J. H. v. K. — — vollstreckten Straffe des Schwerdts", 
„Umständliche Nachricht von der Enthauptung des — — Barons J. H. v. K." 
wie auch das damals im „Geschäfftigten Secretario''' darüber Gebrachte habe ich 
nicht einsehen können; aber auch das zu Hamburg 1721 veröffentlichte „Ge- 
spräch in dem Reiche der Todten zwischen — — dem Grafen Cajetani uml 
dem — — Bai-on von Klettenberg" (vgl. S. 185 f.) habe ich bei mehreren 
Bibliotheken vergebens nachgefragt („Gespräche im Reiche der Todten" verfal'ste 
von 1717 an in gröfserer Anzahl Dav. Fafsmann zu Leipzig; einer in Dessen 
1733 veröffentlichter Lebensbeschreibung des Königs August II. von Polen ent- 
haltenen, den J. H. v. K. betreffenden Notiz ist bald zu gedenken). Im Wesent- 
lichen das in Kyau's Biographie Stehende brachte 1737 Bd. XV des Zedler- 
schen Universal-Lexicons in dem den von Klettenberg betreffenden Artikel; 
auf andere Berichte stützte Joh. Friedr. Gmelin die 1793 im II. Bd. seiner 
Geschichte der Chemie S. 296 f. gemachten meist richtigen Angaben (irrig ist 
als Jahr der Hinrichtung da 1725 genannt); was Seh mied er 1832 in seiner 
Geschichte der Alchemie (S. 515) über den v. K. angegeben hat, ist theihveise 
unrichtig in Folge der Verwechselung dieses Alchemisteu mit einem anderen, 
unter dem Namen Ehrd von Naxagoras schreibenden, welcher in dem 

II. Theile des vorliegenden Buches in einer längeren Anmerkung zu besprechen 
sein wird; Irriges ist daraus auch in die Lebensbeschreibung des J. H. v. K. 
übergegangen, welche J. M. Lappenberg in seinen „Reliquien der Fräulein 
Sus. Cath. von Klettenberg", Hamburg 1849, S. 167 ff. gegeben hat. 

Die von mir benutzten Berichte aus dem vorigen Jahrhundert stimmen 
unter sich nicht in allen Punkten überein, aber sie ergänzen sich doch mehr 
als dafs sie sich' widersprechen. Die frühesten behandeln vorzugsweise Kletten- 
berg's Aufenthalt auf dem Königsstein, seine Fluchtvei'suche und mit besonderer 
Vorliebe die Hinrichtung, als deren Tag sie den 1. März 1720 nennen: K.'s Ver- 
halten vor und bei derselben, wie er für sie gekleidet war untl mit unverbun- 
denen Augen den Schwertstreich erhielt, dafs dem von ihm ausgesprocheneu 
Wunsche gemäfs die aus seinem eigenen Haar gefertigte Perücke dem abge- 
schlagenen Haupte wieder aufgesetzt und in den Sarg mitgegeben wurde, und 
dergleichen. Eine Angabe in dem Sinn, dafs K. um der Execution zu entgehen, 
„vor seinem Ende sich anerboten, sub poena ca^rilis die versprochene Tinctur 



246 Aumerk. IV: Zur Geschichte des Johann Hector von Klettenherg. 

an einem hierzu hequeraen Ort hei schlechtem Tractament zu elahoriren''' , hat nur 
eine von den heiden Relationen in ersterwähnter „Sammlung". Die Mittheilung 
an Schlözer, nach welcher die Hinrichtung am 29. Fehruar 1720 statthatte 
(woraus der 20. Fehruar hei Lappenberg geworden zu sein scheint), giebt 
über Das, was der Abführung K.'s auf den Köuigsstein vorausging, am Meisten 
Auskunft; einige, untergeordnetere Punkte betreffende, und anderswo sich findende 
Angaben hat sie allerdings nicht (auch der Ver- und Entführung der Frau eines 
Alchemisten wird nicht hier, sondern in Kyau's Biographie explicite gedacht). 
— Als unsicher erscheint mir, welcher Art das Urtheil war, auf Grund dessen 
Klettenberg enthauptet wurde. „Das Glorwürdigste Leben und Thaten 
Friedrich Augusti des Grofsen, Königs in Pohlen und Chur-Fürstens zu 
Sachsen — — von D. F." [David Fafsmann], Hamburg nnd Frankfurt 1733, 
berichtet S. 1015 nach der p]rwähnung, der König habe den Betrüger mit gutem 
Gewissen hängen lassen können, Dieser sei aber nur auf den Königsstein ge- 
bracht und da als Staatsgefangener reichlich versorgt worden: „Dals er aber 
nachhero decolliret worden, solches ist nach dem Ausspruch eines über ihn 
niedergesetzten Kriegs-Rechts geschehen, weil er zweymal über die Festung 
hinaus gesprungen, aber allemal wieder erwischet worden ist". Die eine von 
den beiden Relationen in der ersterwähnten „Sammlung" meldet dagegen ohne 
Bezugnahme auf die Fluclitversuche, dafs „in subsidium et ad instcmtiam des 
Raths zu Franckfurth, nachdem andere Delicta, als Ehebruch, und dafs er einem 
ächten Manne sein Weib entführet und sich solche antrauen lassen, darzuge- 
kommen, die Execntion mit dem Schwerdt erfolget ist" ; in der Biographie 
Kyau's wird angegeben, dafs nach dem zweiten Fluchtversuch der Commandant 
des Königssteins „ohne Zeit-Verlust den gehörigen Bapport an das Oher-Giivcrno 
nach Drefsden" erstattete und „man nun hieselbst am besten zu seyn erachtete, 
das zu Franckfurth am Mayn über Klettenher gen in Ansehung seiner allda ver- 
übten Mordthat gesprochene rechtliche Urtheil vollstrecken, und ihn solcher- 
gestalt eines weiteren listigen Anschlags seiner Freyheit halber überheben zu 
lassen", auch nachher noch liervoi'gehoben, dafs die Milde des Königs „-liefs es 
lediglich vorangeführtermassen bei dem Franckfurther Urtheil bewenden: welches 
Klettenherg gewifslich mel)r vor eine Gnade als wohlverdiente Bestrafung ansehen 
muste". Hiernach könnte man glauben, es sei in Dresden das lange vorher in 
Frankfurt gefällte Urtheil dazu benutzt worden, K. für Das, was er später in 
Sachsen begangen, am Leben zu strafen. Es ist mir nicht klar, ob Dem so sei, 
oder ob der Hinrichtung eine Anforderung der Stadt Frankfurt an die Sächsische 
Regierung, vielleicht auf Anfrage der letzteren bei der ersteren vorherging 
(Herr Stadtarchivar St. H. Grotefend in Frankfurt a. M. schrieb mir vor 
einigen Jahren: „J. H. v. K. wurde nicht wegen seines Dresdener Betruges ent- 
hauptet, wie man in weiteren Kreisen gerne annimmt, sondern nachdem er dort 
zu lebenslänglicher Deternirung verurtheilt war auf Grund eines — ich glaube 

1709 - zu Frankfurt ausgesprochenen Todesurtheils und auf Re(iuisition der 

Stadt Frankfurt. p]r hatte damals einen anderen Patricierssohn unter er- 
scliwerenden Umständen, die ihm für Mord ausgelegt wurden, im Duell getödtet. 
Die Criminalacten darüber sind auf dem hiesigen Stadtarchiv". Ich habe von 



Anmerk. IV: Zur Geschichte des Johann Hector von Klettenberg. 247 

dem freundlichen Anerbieten, mir die Einsichtnahme in diese Acten zu ermög- 
lichen, keinen Gebrauch gemacht, da mich Dies zu weit geführt hätte). Die Zeit 
zwischen dem zweiten Fluchtversuch K.'s (16. Januar 1720 nach Kyau's Bio- 
graphie) und der Hinrichtung war bei den damaligen Verhältnissen eine sehr 
kurze für behördlichen Verkehr zwischen Dresden und Frankfurt; übrigens hat 
die eben erwähnte Relation in der „Sammlung" die Angabe, in Anbetracht der 
Herkunft K.'s und auf Ansuchen der Verwandten Desselben sei die Execution, 
welche zuerst in Pirna auf öffentlichem Markte habe geschehen sollen, auf dem 
Königsstein vorgenommen worden. In der Mittheilung an Schlözer wird nur 
gesagt, der König habe dem K. ein Todesurtheil publiciren lassen. Lappen - 
berg's Angabe, der Schöffenstuhl zu Leipzig habe das Todesurtheil gesprochen, 
beruht wohl auf einer Verwechslung mit dem im Verlauf der Untersuchung in 
Dresden von dieser Behörde ergangenen Erkenntnifs (vgl. S. 180); ich kenne 
wenigstens keine ältere Nachricht, auf welche sie sich stützen könnte. 

Die S. 175 f. mehrmals erwähnte alchemistische Schrift, welche Klette n - 
berg veröffentlichte, ist betitelt: „Die Entlarffte AlcJiymia, Worinnen gründlich 
die bifshero unter so vielen Rätzeln, gleich unter einer Larffen, verborgen ge- 
haltene Wissenschaft der Universal- Tinctur gezeiget wird, wie auch, ob der End- 
zweck der Älchi/mie, nehmlich die Verwandelung der Metallen in gutes Gold und 
Silber, wahr oder unwahr sey, und wie gute von bösen Processen zu unterscheiden? 
Alles in möglichster Kürtze, aus eigenhändiger Arbeit auffrichtig zum Dienst dieses 
hohe Geheimnifs suchenden Nechsten zusammen getragen durch Joh. Hector, 
Freyherrn von K. und W. Herrn auf R. ehemaligem Grofs-Czarischen Obristeu. 
Im Jahr 1713". Sie umfafst aufser 11 Seiten Dedication 96 Seiten in Sedez. Sie 
ist dem Fürsten Anton Günther von Schwarzburg dedicirt, einem — wie da 
gerühmt wird — gottesfürchtigen und nach vollkommener Wissenschaft der Natur 
strebenden Herrn, der der Hermetischen Kunst einen neuen Tempel erbaut habe 
und welchem den wahren Weg der Wahrheit zu eröffnen der Verfasser sich 
billig durch Gottes Zulassung verpflichtet befinde. In der Schrift bringt K. Be- 
weise der Wahrhaftigkeit der Alchemie bei durch Hinweisung darauf, welche 
Männer über sie als eine reale Kunst geschrieben haben, und dafs noch in 
neuerer Zeit Metallveredlungen ausgeführt worden seien; er widerlegt die gegen 
die Existenz dieser Kunst erhobenen Einwürfe und Zweifel; mit der Miene und 
Sicherheit eines Sachkenners urfheilt er über Angaben in Betreff der Ausführung 
des grol'sen Werkes, äufsert er sich darüber, Mie ächte und falsche l'rocesse zu 
unterscheiden seien und stellt er Hauittaxiome für die Betreibung der Kunst 
auf; er sagt auch Einiges über die Darstellung des Steins der Weisen auf 
trocknem Wege sowohl als auf nassem, selbstverständlich Undeutliches, wenn er 
auch von der da gegebenen Anweisung rühmt, sie eröffne „verhotenus materiam 
et modiim"' und es fehle „daran im geringsten Grad kein Joda"' ; schliefslich 
werden noch Special-Anleitungen zu einigen Operationen gegeben. Durch die ganze 
Schrift hindurch wird betont, dal's die Alchemie in Gottesfurcht betrieben sein will 
und nur Einer, der fromm denkt und handelt, es bis zur Meisterschaft bringen 
könne, aber mit Bestimmtheit wird wiederholt versichert, dafs der Verfasser es 
selbst so weit gebracht und den Stein der Weisen selbst ausgearbeitet habe; 



248 Anmerk. lY: Zur Geschichte des Johann Hector von Klettenberg. 

wenn auch nicht Dieses ist für ihn doch Das anzuerkennen, dafs er in alche- 
mistischen Schriften ziemlich belesen war. — Dieses Büchlein ist sehr selten. 
J. Fr. Gmelin hat es noch unter dem (abgekürzten) richtigen Titel citirt. Aber 
Schmieder hat angegeben, Klettenberg habe vor seinem Auftreten in Sachsen 
ein anonymes, damals Aufsehen erregendes und wohl auch noch viel später 
gläubige Leser betrügendes Buch geschrieben, betitelt Alchymia denudata, oder 
das bis anhero nie recht geglaubte, durch die Erfahrung nubmehr beglaubte 
Wunder der Natur, Leipzig 1713, und eine zweite Ausgäbe, Alchymia denudata 
revisa et aucta, sei ebenda 1769 erschienen. Der erstere Titel ist der der ersten, 
1708 zu Breslau anonym veröffentlichten Ausgabe einer ganz anderen alche- 
mistischen Schrift, als deren Verfasser sich später ein sonst unter dem Namen 
Ehrd von Naxagoras Schreibender bekannt hat, und der letztere Titel ist 
der, unter welchem die zahlreichen späteren Ausgaben dieser anderen Schrift 
herausgekommen sind (von 1716 an; eine dieser Ausgaben erschien zu Leipzig 
1769); und Solches, was in der letzteren Schrift von dem Verfasser derselben 
behauptet worden ist, hat Schmieder den Klettenberg behaupten lassen. 
Der bibliographische Irrthum findet sich bei Lappenberg wieder. Auf die 
Alchymia denudata werde ich im, IL Theil bei der Besprechung der Schriften 
des Ehrd von Naxagoras zurückkommen. 



Anmerkung V zu S. 185: 
Über die angebliche Fixiniug uud Härtung des Quecksilbers. 

Bezüglich der Lösung des Problemes, Quecksilber — und zwar ohne An- 
wendung des Steins der Weisen — zu einem feuerbeständigen starren Metall 
werden zu lassen, finden sich doch bei den Alchemisten und noch später bei 
Chemikern so viele Angaben, dafs ich wenigstens einige derselben hier zusammen- 
stellen will. Die S. 15 erwähnte, als von Avicenna verfafst unter dem Titel 
Liber Ahuali Abincine de anima in arte alehimiae im dreizehnten Jahrhundert 
verbreitet gewesene Schrift enthält in der Dictio L eine Erzählung, Abu Ali 
habe seinem Sohn Abuzalemi gezeigt, wie Quecksilber unter Anwendung von 
Blei, Zinn, Essig und Salzwasser bei langwierigen Operationen erst wurde durum 
sicut mel und schliel'slich durum et alhuni sicut pJata (Silber); in derselben Schrift 
wird noch eine kurze aber für einen Ungeweihten schwor auszuführende Vor- 
schrift für das verum magisterium de induratione mercürii gegeben: Acci2:)e de 
viercurio quantum debet, et mitte in ollam sicut scis, et fac bullire sicut intelligis, 
et misce ibi rem quam audisti ad quantitatem quam mihi dixisti: et hie est vielior 
modus de indnrando mercurio, et expertus et levis : et omnino in hoc loco dixi 
tibi ma(]isterium_ indiirationis, et intellige. Albertus Magnus spricht in 
L. IV. meteororum darüber, dafs das Quecksilber wegen der innigen Mischung 
des Erdigen und des Wässerigen in ihm sich nicht leicht austrocknen (starr 
machen) lasse, sagt aber auch, dafs diese Veränderung desselben eintreten solle, 



I 



Anmerk. Y: Über die angebliche Fixirung und Härtung des Quecksilbers, 249 

uenn man in das Quecksilber grünes Haselholz eintauche, welches das Wässerige 
anziehe (dicitur, quod si in for)iacc ardenti ponatiir, et ligna viridia de corillo 
successive in cum roIcantin\ quod induratur et coagulatur, quin coriUus attrahit 
cehementer humidum). In den „Handgririon" des Basilius Yalontinu s soll der 
KunstbeÜissene u. A. belehrt werden, wie durch Bearbeitung mit den verschieden- 
artigsten Substanzen V2 Pfund Quecksilber umzuwandeln sei in 1 Pfund 4 Loth 
gut Gold („so gut und hoch, als jemahls die Natur der Erden herfür gab; sey 
eingedeuck der Armen, auch meiner Vermahnung, und stürtze deine Seele nicht 
zum Teuffei"). Leonhard Thurneysser sagt in seiner 1583 verötfentlichten 
Magna Alchymia, Schwichard Fronburger, ein Deutscher und des Mar- 
silius Ficinus Schüler, sei bei den Kaisern Friedrich (IV.) und Maximilian 
(I.) in Diensten gewesen und habe. unter des Letzteren Regierung 1499 einen 
Centner Quecksilber, als die Sonne im 24. Grad der Jungfrau gestanden, einge- 
setzt; im Dezember 1547, im 24. Grad des Löwen, hätte es sollen zu Silber 
werden, und 1598 müfste es nach dem Stand der Sonne im 24. Grad des Krebses 
sich in wahres Gold verwandeln. In dem als Coelum pliilosophorum sive liber 
vexationitm betitelten alchemistischen Tractat des Paracelsus findet sich eine 
Vorschrift, Quecksilber in ein silbernes Gefäfs („ein lauter Argentine Püxen") 
gethan längere Zeit in geschmolzenem Blei verweilen zu lassen: „Dafs nimpt 
dem Mcrcurio sein heihiliche Hitz hinweg, vnd gibt ihme die äusserlich Hitz, 
die innerliche Kältin von "b vnd (^ [Blei und Silber], die sind beyde kalter 
Natur, darvon mufs de.r Mercurius gefrieren, erstarren und hart werden". Dafs 
unter dem Einflufs der Dämijfe von geschmolzenem Blei das Quecksilber erhärte, 
glaubten auch Libavius und van Hehnont in der ersten Hälfte des sieb- 
zehnten Jahrhunderts; gegen das Ende dieses Jahrhunderts Avar auch die Rede 
davon, dafs noch in anderer Weise diese Abänderung der Eigenschaften des 
Quecksilbers zu bewirken sei: Homberg hatte damals in Paris auf den Wunsch 
einer vornehmen Person Versuche anzustellen, ob und wie aus den festen Excre- 
menten von Menschen ein geruchloses weifses Gel zu bereiten sei, welches das Queck- 
silber zu Silber fixire. Dafs Quecksilber ohne Zusatz irgend einer metallischen 
Substanz zu einem sich wie Silber verhaltenden Metall umgewandelt werden 
könne, scheint Boyle (vgl. S. 55) geglaubt zu haben. In Beziehung auf die 
Wirkung der Bleidämpfe hegte Boerhaave, wie %Qm& Element a chemiae (1732) 
ersehen lassen, Zweifel. Er erkannte übrigens ganz an, dafs es in jedem Sinne 
des Wortes verdienstlich sein würde, herauszubekommen, wie man dem Queck- 
silber bei Fortdauer des metallischen Charakters ohne Zusatz eines anderen 
Metalles die Flüssigkeit und Flüchtigkeit benehmen, oder auch, weiche MetäU- 
amalgame hart machen könne, so dafs sie ganz zu dem dem Quecksilber zuge- 
setzt gewesenen Metall werden, aber mifslich sei es Das zu versuchen ; qui polest, 
sagte er, bonus erit, et forte äives, artifex; qui tentat, sudabit algebitque. In 
seinem eben angeführten Werk sagt Boerhaave, das reinste Quecksilber werde 
bei langem Erhitzen in einem Glasgefäfs in ein Pulver und eine kleine Menge 
eines edlen Metalls (aliquam particulam metalU boni) umgewandelt; si)äter von 
ihm veröä'entlichte Versuche ergaben, dals Quecksilber nach fünfzehnjährigem 
Erhitzen in einem den Zutritt der Luft gestattenden Glasgefäfs auf eine 100" nur 



250 Anmerk. Y: Über die angebliche Fixiruug und Härtung des Quecksilbers. 

wenig übersteigende Temperatur — abgesehen von der Biklung einer kleinen 
Menge eines auch wieder in Quecksilber überführbaren schwarzen Pulvers — 
unverändert gebheben war, und dafs Quecksilber nach sechsmonatlichem Erhitzen 
in einem geschlossenen Glasgefäfs sich auch nicht verändert hatte. Reminis- 
cenzen früherer Behauptungen klingen in dem achtzehnten Jahrhundert noch 
lange nach; wie Juncker in seinem Conspectiis cliemiae (1730—1734) sprach auch 
noch Mac quer in seinem Dictionnaire de cliymie (1778) davon, Quecksilber 
werde, wenn den Dämpfen von geschmolzenem Blei ausgesetzt oder in siedendes 
Leinöl eingetragen, so starr, dafs man daraus Ringe und andere kleine Gegen- 
stände anfertigen könne. Solches stand in wissenschaftlichen Werken über 
Chemie, die ihrer Zeit in grofsem Ansehen waren; 1785 fanden sich jedoch unter 
den Chemikern nicht mehr viele Gläubige, als von Paris aus (in Cr eil' s Chemi- 
schen Annalen 1785, II. Bd., S. 478) die Neuigkeit verkündet wurde, dafs da 
eine Frau von Orbelin entdeckt habe, wie mittelst eines sehr einfachen (aber 
nicht mitgetheilten) Verfahrens das Quecksilber zu einem bei höherer Temperatur 
wieder schmelzbaren, im stärksten Feuer nicht zu verflüchtigenden Metall um- 
zuwandeln sei. Und noch einmal 1799 war in einer wissenschaftlichen Zeitschrift 
(Scherer's Journal der Chemie, I. Bd., S. 569) die Beschreibung einer Methode 
zu lesen, nach welcher dem Professor der Chemie in Coimbra Vandelli (Der- 
selbe war später Vorsteher des Naturalien -Cabinets und des botanischen 
Gartens zu Belem bei Lissabon) es gelungen sei, das Quecksilber zu fixiren: 
Quecksilberdämpfe verdichten sich nach dem Durchleiten durch eine glühende 
eiserne Röhre zu Metallküeelchen von der Consistenz des Zinns. 



Anmerkung VI zu S. 208: 
Elias in der Älcliemie. 

Wie der Name Elias in alchemistischen Schriften vorkommt könnte denken 
lassen, dafs auch dem Propheten Elias die Meisterschaft in der Hermetischen 
Kunst zugetraut worden sei. Was Alles die Juden von diesem Propheten geglaubt 
haben, weifs ich nur aus Encyclopädien (unter den von mir darauf angesehenen 
enthält am Meisten das Zedier 'sehe Universal-Lexicon in dem zu Halle und 
Leipzig 1734 erschienenen VIII. Bd. S. 821 f.). Darunter ist nichts auf Alchemie 
Bezügliches, wolil aber, dafs die Juden die Wiederkunft des Elias allernächst 
vor der Erscheinung des Messias erwarteten und P^rleuchtung durch Denselben, 
so dafs, wenn ihnen etwas Unbegreifliches aufstiefs oder Etwas dunkel blieb, 
sie sagten: wenn Elias kommt wird er es uns klar machen. Daran knüpft 
wohl an, wie Elias im sechszehnten Jahrhundert: in Schriften welche von 
Paracclsus vcrfal'st sind oder als von Diesem verfafst galten, in Beziehung zu 
der Alchemie genannt ist. Im 8. Capitel des Tractates von Mineralien bei Be- 
sprechung des Vitriols wird gesagt, Geringeres habe Gott offenbar werden lassen, 
das Wichtigere aber (nämlich die Umwandlung anderer Metalle in Gold) sei noch 
im Dunkeln und werde es auch wohl bleiben bis Elias Artista komme; denn 



Annierk. VI: Elias in der Alchemie. 251 

die Künste — so wird erläuternd hinzugefügt — haben el)en so wohl ihren 
Elias, wie man Das für Anderes annehme. Auch im Tract. I de ))tineraUlju>t, 
wo Paracelsus davon spricht, dal's noch Vieles verborgen sei, was an den Tag 
kommen werde, und dals Nichts verborgen sei was nicht offenbar werden solle, 
verweist er auf Einen, der nach ihm kommen und Vieles offenbaren werde. 
Und im 4. Capitel des Tractates de tinctura physicorum nennt er Diesen noch 
einmal, wo er von Metallverwandhingcn und den geheimen Mitteln sie zu be- 
wirken redet: dafs Gott Solchen, welchen er derartige Mittel bekannt werden 
liefs, auch die Klugheit gegeben habe, sie geheim zu halten, ,,bis auft' die zukunfft 
Heliae Artistae, da das verborgen wirdt offenbar werden". Auf diese Voraus- 
sagung des Paracelsus nahm Bezug eine zuerst 1606 zu Marburg pseudouym 
(als Verfasser nennt sich auf dem Titel und in der Dedication an den Landgraf 
Moritz von Hessen-Kassel Heliophilus a Percis) erschienene iVor« <7isf/?f(Siifo 
de Helia Artista Theophrasteo : in qua de metallorma transformationc adversus 
Hagelii et Pererii Jesuitarum opiniones evidenter et solide disseritur. (Sie ist 
ins Deutsche übersetzt 1772 in den I. Band von Fr, J. W. Schröder's Neuer 
alchy mistischer Bibliothek unter dem Titel „Elias der Artist, eine Abhandlung von 
der künstlichen Metallverwandlung" aufgenommen ; in ihr wird zur Vertheidigung 
der Alchemie gegen die Einwürfe, welche der 1616 gestorbene Jesuit Balth. 
Hagelius, Professor zu Ingolstadt, und der 1610 zu Rom gestorbene Jesuit 
Bened. Pererius, ein Spanier, wider sie erhoben hatten, hauptsächlich die 
S. 13 ft'. besprochene Lehre von der Zusammengesetztheit aller Metalle aus den- 
selben zwei Grundstoffen, was für dieselbe spreche und was aus ihr folge, vor- 
gebracht). Elias Artista kommt jetzt in der alchemistischen Literatur öfter 
vor. Unter diesem Namen wurde vonHelvetius in Dessen 1667 veröffentlichtem 
Vituliis aureus bei der Wiedergabe des Gespräches, welches er mit dem iliii 
besuchenden Besitzer des Steins der Weisen gehabt habe (vgl. S. 8-1 ff.j, der 
Letztere redend eingführt. Von Glauber verfafst kam zu Amsterdam 1668 
heraus das Buch „De Elia Artista, Oder wafs Elias Artista für einer sey, und 
wal's er der Welt reformiren oder verbessern werde, wann er kommt? nemlicli : 
die wahre Spacjirlache Medicin der alten ägy})tischen l'hilosoplien^ welche mehr 
als tausend Jahr verlohren gewest, und Er wiederum herfürziehen, solche rcnoviv^n 
und durch neue inventiones herrlich illustriren, viel untüchtiges Sudelwerck ab- 
schaffen, und einen näheren und besseren Weg, dardurch viel leichter, und auch 
unkostlicher als bil'shero geschehen, zu guter Medicin zu gelangen Er mit sich 
bringen und solchen der jetzigen verirrten Welt zeigen wird. Der Edlen und 
unbesudelten Reinen S2)agi/rischen Medicin Liebhabern zu gefallen beschrieben 
und an Tag gegeben". Auch Glauber nimmt da auf des Paracelsus Weis- 
sagung Bezug, ist aber selbstständig der Ansicht, der Name Elias wie auch 
der von Dessen Schüler Elisa sei magice zu verstehen und bedeute, was durch 
Umsetzung der Buchstaben herauskomme: Salia; Elias Artista sei in sojthia 
nur ein Ausdruck für noch unbekannte Salia, die von unglaublicher Wirkung 
seien, und wenn diese Scdia artis bekannt würden, werde Alcliymia philoso- 
pJiica und Medicina secretior zu viel höherer Vollkommenheit gebracht sein. 
Unter dem Namen Elias der Artist veröffentlichte 1692 zu Hamburg ein Unge- 



252 Anmerk. VI: Elias in der Alchemie. 

genannter eine „Erläuterung etlicher Schriften vom Weisenstein"; ein Anderer 
liefs ebenda 1702 das später noch einmal anzuführende Buch „Kerenhapuch: 
Posaunen Eliae des Künstlers, oder deutsches Fegefeuer der Scheidekunst" er- 
scheinen; ohne Angabe des Verlagsortes kamen noch 1770 von Einem, der sich 
Elias Artista nannte, „Hermetica: das Geheimnifs von dem Salz als dem 
edelsten Wesen, der höchsten Wohlthat Gottes in dem Reiche der Natur, beides 
in seinem Wesen und in seinen Eigenschaften untersucht" heraus. — Der Name 
Elias kommt übrigens auch noch anders, als in dieser Beziehung zu dem Pro- 
pheten Elias, in der alchemistischen Literatur vor. Augeführt wird als von 
einem Franciscaner Hellas verfafst ein zu Frankfurt 1614 ausgegebenes Speculum 
alchimiae, welcher Tractat vielleicht identisch ist mit demjenigen, der als Saturni 
Trismegisü seit fratris Eliae de Assisio libellus 1685 zugleich mit einer alche- 
mistischen Schrift des Artephius und einigem Anderen dieser Art zu Frankfurt 
herausgekommenen ist (ich weifs nicht, ob des Nie. Hapelius 1612 zu Marburg 
erschienene Cheiragogia Hdiana, de auro philosopMco necdum cognito dazu in 
Beziehung steht). Derselbe Name figurirt auch in der rosenkreuzerischen 
Literatur: in der Zeit der ersten Bewegung, welche durch das Bekanntwerden 
eines Rosenkreuzer-Bundes veranlafst wurde, kam 1616 „Hellas tertius, d. i. 
Urtheil oder Meinung von dem Hochl. Orden der Bruderschaft des B. C. — — 
gestellet durch Adam Bruxium" heraus, und lßl9' „Elias Artista, d. i. Wohl- 
meintliches Urtheil von der neuen Bruderschaft des B.C." 



Anmerkung VII zu S. 212: 
Vergleichiuigeii tou Religiösem mit Alehemistiscliem. 

Von solchen Vergleichungen, wie die S. 212 erwähnten, ist doch nur durch 
vollständigere Mittheilung einiger derselben eine Vorstellung zu vermitteln. In 
dem dem Ray m und Lull beigelegten Codicilhis wird mit Bezugnahme darauf, 
dafs das Resultat der Alchemie die Reinigung und Vervollkommnung aller 
mineralischen Substanzen und namentlich die der unedlen Metalle zu edlen sei 
(vgl. S. 26) gesagt: Ut Christus Jesus de stirpe Davidica jjro Uheratione et 
dissolutione generis Immatii peccato captivati ec transgressione Adae naturam 
assumpsit humanam: sie etiam in arte nostra quod per unum nequiter maeiilatur 
per aliud suum contrarium a turpitudine illa ahsolcitur, lavatur et resolvitur. 
In dem Tractat de arte chimica, als dessen Verfasser Marsilius Ficinus (ge- 
storben 1499) betrachtet worden ist, wird Folgendes geboten: Audi similitudinem 
profundam. Coelum aethereum fuit omnihus hominibus occlusum, ut onmes 
hoinincs ad infernas sedes descenderent , et ild detincrentur perpetuo. Sed 
Christus Jesus aetherei olywpi jamiam aperuit, et jam Plutonia regna patcfccit, ut 
anirnae eruercntur, cum in utero riryineo Spiritu Sando cooperante, ineffahili 
mysterio profundissinioque sacramento conciperet Maria rirgo, id quod erat ex- 
cellentissivium in coelis et in terra: et tandeui nohis progenuit mundi universi 



Anmerk. VII: Vergleichungen von Religiösem und Alchemistischeni. 253 

salvatorem, qui sua exuberantissima henignitate oinnes peccato deditos salv.os 
faciet, si saepe peccator se ad eum Converter it. Mansit autem virgo illaesa 
atque illibata: unde non immerito gloriosissimae divae virqini Mariae aequiparatur 
Mercurius. Virgo etenim est Merciirins, quia nunqiiam in venire terrae alüpiod 
corpms metallicum propagavit, et tarnen nobis lapidem gener at, solvendo coeluiii, Itnc 
est aurum, apefrit educitque animam: quam divinitatem intellige : portatque eam in 
ventre suo aliquantulo tempore, et tandem in corpus mundificatum tempore suo traits- 
mittit. Unde nobis puer, hoc est lapis nascitur, cujus sanguine inferiora corpora 
tincta in aureum coelum salva rediicuntur, et permanet virgo Mercurius sine Iahe, 
qualis antea fuerat nnquam. In den Schlul'sreden des B a s i 1 i u s V a 1 e n t i n u s steht 
als Allegoria S. S. Triiiitatis et Lapidis philosophici : „Lieber Christlicher Lieb- 
haber der gebenedeyeten Kunst ! Wie hat doch die heilige Dreyfaltigkeit den La- 
pidem Philosophorum so herrlich und wunderbarlich geschaffen ! Denn GOtt der 
Vater ist ein Geist, und läfst sich doch sehen in Gestalt eines Menschen, wie er 
in seinem Wort Genes. 1. ca^). sagt: Lasst uns Menschen machen, ein Bild^ das uns 
gleich sey. Item, er sagt in seinem Wort, und heifst seinen Mund, Augen, ITiinde 
und Füsse. Also ist zu achten der Mercurius philosophorum ein spiritualisch corpus, 
"wie ihn die Fhilosophi heifsen. Aus Gott dem Vater ist gebohren sein einiger 
Sohn Jesus Christus, welcher ist GOtt und Mensch, und ist ohne Sünde, hat 
auch nicht bedürft't zu sterben: Er ist aber frey willig gestorben und aufferstanden 
um seiner Brüder und Geschwister willen, auff dafs sie mit ihm ewiglich ohne 
Sünde lebeten. Also ist Gold ohne allen defect, und ist fix, dafs es alle Examina 
bestehet und herrlich, aber um seiner imperfecten und krancken Brüder und 
Schwestern willen stirbet es, und stehet auff herrlich, erlöset und tingiret sie 
zum ewigen Leben, und machet sie perfect zu gutem Golde. Die dritte Pei'son 
iu Trinitate ist GOtt der heilige Geist, ein Tröster von unserm Herrn Jesu 
Christo seinen gläubigen Christen gesandt, der stärcket und tröstet sie im Glauben 
bifs zum ewigen Leben: Also ist auch der Spiritus Solis materialis oder Mer- 
curius corporis. Wenn sie zusammen kommen, so heifst er alsdenn Mercurius 
duplicatus, das sind die zween Sptiritus, GOtt der Vater und GOtt der heilige 
Geist. Aber GOtt der Sohn homo glorificatus, gleichwie unser gloriftcirtcs und 
fi.xes Gold, der Lapis Philosophorum, daher wird dieser Lapis auch Trinus ge- 
nannt: Nehmlich ex duabus aquis vel spiritibus, mincrali et vegetabili, und von 
dem animalischen sulphure Solis. Das sind dann die zwey und drey und doch 
nur eins, verstehest du es nicht, so triffst du keines. Also hab ich dir per 
similitudinem das Universal genugsam fürgemahlt: Bitte GOtt um seinen Segen, 
denn ohne denselben wirst du nichts nützliches schaffen, Amen." Aehnliches 
findet sich bei Basilius Valentin us auch sonst noch, z. B. im Triumphwagen 
des Antimonii da, wo der Verfasser sein Vertrauen auf die Erlösung durch den 
Heiland ausspricht: „Daran ich dann gar nicht zweiffeie, weil du den rechten 
wahren Seelen-Schwefel für mich armen Sünder am Stamm des heiligen Creutzes 
aus grofser Lieb und Erbarmung vergossen hast, welcher himmlische Seelen- 
Schwefel dem Teuftel zu einem Gifft, uns armen sündhafftigen Menschen aber zu 
einer höchsten Artzney worden". Solcher Unfug kommt auch noch später 
vor. In dem IV. Theil des zuerst 1619 gedruckten, bei den Alchemisten während 



254 Anmerk. VII: Vergleichungen von Religiösem und Alchemistiscliem. 

langer Zeit hochgeachteten, von Jac. Böhme besonders empfohlenen Wasser- 
steins der Weisen steht nach der Darlegung, dafs Christus der Grund- und 
Eckstein sei auf welchem alles Heil beruhe: „Wie nun dieser jetztgemeldte 
köstliche und himmlische Stein mit dem zuvor ofFterwehnten irrdischen und leib- 
lichen j;/n7osop/( ('sehen Stein sich accordire, und durchaus fein und artlich über- 
einstimme, soll allhie solches gi'ündlich, und nach ihrer beyder Beschreibung 
nach, dargethan, und einer gegen den andern gehalten und verglichen vk'erdeu, 
daraus dann unwidersprechlich zu erkennen und zu sehen seyn wird, dals der 
irrdische philosophische Stein eine wahre Harmonia, Contrafactur des wahren 
geistlichen und himmlischen Steins, JP^su Christi seye, in welchem er uns von 
Gott auch leiblicher Weise fürgestellet und sichtbarlicher Gestalt fürgewiesen 
wird". Welche Vergleichuug dann auch bis in die Einzelheiten auf mehr als 
40 Seiten durchgeführt wird, bis zu dem (gleichfalls ziemlich langen und mit der 
Profanation eines Gebetes unter Zugabe schauerlicher Verse endenden) „Beschlufs", 
welcher beginnt: „Also hast du hiemit, günstiger lieber Leser, eine kurtze und 
einfältige Demonstration und Erklärung, auch unfehlbahre Covtrafactiir und alle- 
gorische Vergleichung beyde des irrdischen und chymischen, und auch des rechten 
himmlischen Steins, JEsu Christi, durch welchen du zu rechter Glückseeligkeit 
und Vollkommenheit, nicht allein allhie in diesem zeitlichen, sondern auch im 
ewigen Leben, gelangen und kommen magst". — Dem könnte man entgegen 
halten, unter welchen unzüchtigen Bildern man bei Alchemisten des fünfzehnten 
bis siebzehnten Jahrhunderts und selbst noch späterer Zeit die Erzeugung des 
Steins der Weisen vorgeführt findet; aber Das geht nicht wohl an. 



Anmerkung VIII zu S. 231: 
Fr. Bacou's Ansichteu über Alchemie. 

Auf die meines Wissens in keinem über die Geschichte der Chemie oder 
der Alchemie handelnden Werke berücksichtigten Beziehungen Fr.Bacon's zu der 
Alchemie liat mein Freund Lieb ig in einer 1863 gehaltenen Rede hingewiesen 
(Reden und Abhandlungen von J. v. L., Leipzig u. Heidelberg 1874, S. 228 f.) Der 
gleich nach dem Tode Bacon's unter dem Titel Sylva sylvarum or a Natural 
History veröffentlichten Schrift entnehme ich nach der zu London 1628 er- 
schienenen zweiten Ausgabe derselben das Folgende. Bacon sagt da jp. 84 ff.' 
The World hath heene mucli abused hy the Opinion of MaVing of Gold: The 
Worke it seife I iudfje tö he possihle; But the Meanes (hitherto propouiidedj to 
effect it, are, in the Vractise, füll of Errour and hnposture; And in the Theory, 
füll of vnsound Jmaginations. Verschiedene Behauptungen, u. A. that a little 
Quantity of the Medicine, in the Worlce of Proiection, will turne a Sea of the 
baser Metall into Gold, by 3Iultiplying : All ihese are but dreaines. — — Hut 
tve, ivhen we shall come to handle the Version and Transmutation of Bodies; 
And the Experiments conccrning Metalls, and Mineralls; tvill lay open the true 



Anmerk. VIII: Fr. Bacoii's Ansichten über Alehemie. 255 

Waies and Passayes of Natiire, icliich may leade to this (jreat Effect. Der 
Scharfsinn der Chinesen sei zu loben, welche an der künstlichen Herstellung 
von Gold verzweifeln aber auf die des Silbers ausgehen, denn es sei schwieriger, 
aus einem specifisch leichteren Metall das schwerste (Gold) zu machen, als aus 
einem specifisch schwereren ein leichteres (aus Blei oder Quecksilber Silber). 
Doch sei auch die Herstellung von Gold möglich; hy Occasion of HandVing the 
Axioines touching Maturation, ive will direct a Triall toiiching the Maturing 
of Metalls and therehy Turning soine of them into Gold: For ive conceiue indeed, 
that a perfect good Concoction, or Disgestmi, or Maturation of sorne Metalls, 
will produce Gold. Die für die Zeitigung eines anderen Metalles zu Gold in 
Betracht kommenden sechs Axiome sind: that there be vsed a Temperate Heat; 
For they are euer Temperate Heats that Disgest, and Mature — — : tliat ihe 
Sinrits of the Metall he quickeued, and the Tangihle Farts opened — — ,• that 
the Spirits doe spread themselvues Euen, and moue not Suhsiiltority — — ; that 
no Part of the Spirit he emitted, hut detained (was durch angemessene Regu- 

lirung der Temperatur und den Verschlufs des Gefäfses zu bewirken sei) ; 

that there be Choyce made of the likeliest and best Prepared Metall, for the Ver- 
sion — — : that yoH giiie Time enough for the Worlie — — . Die praktische 
Ausführung der Sache denkt sich Bacon so: Let there be a Small Furnace 
made, of a Temperate Heat ; Let the Heat be such, as may Tceepe the Metall per- 
petually Moniten, and no more. — — For the Materiall, take Siluer, which is 
the Metall that in Natnre SymboUzeth most with Gold; Put in also, with the 
Siluer, a Tenth Part of Quiclc- siluer, and a TtveJfth Part of Nitre, hy iveight : 
Both these to quicken and apen the Body of the Metall; And so let the Worke 
he continued hy the Space of Six Moneths, at the least. I ivish also, that there 
he, at some tiviies, an Iniection of some Oyled Suhstance; Such as they vse in 
the liecouering of Gold, which hy Vexing with Separations hath beene made 
Churlish. — — Note, that to thinke to make Gold of Quick-siluer, Bccause it is 
the heauiest, is a Thing not to be hopcd; For Quick-siluer will not endure 
the Mannage of the Fire. Next to Siluer, J thinke Coppcr 2vere fittest to be 
the Materiall. 



Anmerkung IX zu S. 235: 
Über die augebliclie Grabschrift des Ulrich von der Sulzburg-. 

„Was gar ein selzam Mann mit viel Künsten, und lies ihr keine unver- 
sucht. Er hat lange gealchemaiet und viel verthan, hat grofse Güter gegeben 
dem deutschen Orden und sich zu Nürnberg im deutschen Hause mit vier Per- 
sonen erblich eingekauft, und ihm eine Pfründ daselbst, mit einem breiten Bett 
seinem Geschlecht vorbehalten; zuletzt that er sich gar darein" steht über den 
S. 235 erwähnten Ulrich von der Sulzburg nach Job. Friedr. Gmelin's 
<jeschichte der Chemie I. Bd. (Göttingen 1797), S. 48 im Sulzburgischeu Stamm- 



256 Anmerk. IX: Über die angebliche Grabschrift des Uh-ich von der Sulzburg. 

buch S. 29. Der Anfang dieser Nachricht (bis zu „viel verthan") ist dann als 
auf der Grabschrift des von der Sulzburg in der Kirche St. Jacob zu Nürn- 
berg von 1286 zu lesen durch Schmieder in seine Geschichte der Alchemie 
S. 132 ohne weiteren Beleg aufgenommen worden. Die Angabe ist für die 
Geschichte der Alchemie bezüglich der Beschäftigung mit der letzteren in 
Deutschland im dreizehnten Jahrhundert von Interesse und ich bin darauf aus- 
gegangen, die Quelle für die Angabe etwas genauer als nur aus dem erwähnten 
Citat kennen zu lernen. Ein „Sulzburgisches Stammbuch" als Druckschrift konnte 
ich jedoch nicht ausfindig machen, und in dem Werk, auf welches ich als viel- 
leicht über ein solches Aufschlufs gebend angewiesen war: in des Wigulei 
Hund Bayrisch Stammenbuch fand ich (in den beiden Ausgaben desselben, 
Ingolstadt 1586 und 1598 S. 378) unter den Angaben über den Stamm der Herrn 
zu der Sultzburg nur in Betreff eines Ulrich v. d. S. : „Dieser starb 
Anno 1286. Ist im Teutschen Haufs zu Nürnberg zu S. Jacob begraben". 
Eine Anfrage in dem Anzeiger für Kunde Deutscher Vorzeit, Organ des Ger- 
manischen Museums, 1879, S. 63 hatte eine Hinweisung auf Joh. Dav. Koehler's 
Historia genealogica Dominoruin et Comitmn de Wolfstein, lib. Bar. in Sulz- 
burgo et c. (Frankfurt u. Leipzig 1728) zur Folge. Nach den gütigen Mittheilungen 
der Direction des Germanischen Museums zu Nürnberg ist in diesem Werk p. 13 
der Grabstein des 1286 verstorbenen Ulrich v. d. S. abgebildet und die Notiz 
abgedruckt: „Herr Ulrich zu der Sulzburg was gar ein seltzam Mann mit vil 
Khunsten vnd lifs ir kheine vnuersuecht. Er hat lange gealchameit, vnd vil 
damit verthon. Hat grosse Gueter gebem Teutschen Orden, vnd sich zu Nuren- 
berg in Teutschen Haus mit vier Personen erlicli einkhaufft, vnd im ain Pfriendt 
mit ainem beraitten Peth daselbst sein Geschlecht vorbehalten; Zvr letzst that 
er sich gar darein vnd ligt in ihrer Khürchen zu Sant Jacob A. 1286". Als 
Quelle für das da Aufgenommene wird das Sulzburg- Wolfstein'sche Stammbuch 
p. 29 angeführt; über das letztere enthalte Koehler's Werk keine Nachrichten, 
doch sei zu glauben, dafs eine in der Vorrede dieses Werkes beschriebene Hand- 
schrift aus dem Wolfstein'schen Archiv, welche der Verfasser benutzte, identisch 
mit diesem Stammbuch sei. 



Anmerkung X zu S. 236: 
Über ()t. C. Bei reis' Beziehungen zur Alchemie. 

Als ein Ade])t war öfters Gottfried Christoph Beireis betrachtet^ 
welcher 1730 zu IVIühlhausen in Thüringen geboren, nachdem er von 1753 bis 
1756 unbekannt wo auf Keisen gewesen und im letztgenannten Jahre nach 
Helmstädt gekommen war, 1759 noch vor seiner Promotion zum Professor der 
Physik an dieser Universität ernannt wurde, in der Folge noch eine Anzahl 
anderer Professuren zugctheilt erhielt — er konnte sich zuletzt unterschreiben 
als Frimariiis Professor Medicinae, Chemiae, Chiriirgiac, Pharmaceutices, Physices, 
Botanices et rcUquae historiae natnralis — und in Helmstädt 1809 starb. Von 



Annierk. X: Über G. C. Bcireis' Beziehungen zur Alcliemie. 257 

ihm glauhten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Viele, dafs die he- 
trächtlichen Mittel, welche er zum Zweck der Erwerbung von Raritäten für seine 
Sammlungen aufwenden konnte, Früchte seiner alchemistischen Kunstfertigkeit 
seien. Nachher ist angegeben worden, dafs er mit wichtigen chemisch-tech- 
nischen Processen bekannt gewesen sei und daraus beträchtliche Einkünfte ge- 
zogen habe; namentlich soll er den Mineralkermes schöner darzustellen gewufst, 
die Bereitung des Carmins und die Ausführung der Scharlachfärberei besser 
verstanden, auch eine vortheilhaftere Bereitung des Essigs gekannt haben, als 
seine Zeitgenossen, doch ist alles hierauf Bezügliche ganz unsicher. Gewifs ist, 
dafs Beireis Dem nicht widersprach, wenn er von Anderen als ein Adept be- 
trachtet wurde (wie er sich gegen Bahr dt äufserte, wird später zu erwähnen 
sein), auch sonst noch Manches that, was bei Anderen die Vermuthung, er sei 
ein Solcher, hervorrufen konnte. Aber darüber, was er etwa direct für die Vei*- 
anlassung und Erhaltung des alchemistischen Nimbus, in welchem er seiner 
Zeit Vielen dastand, gethan haben mag, geben die über ihn in ernst-wissen- 
schaftlicher Form abgefafsten Mittheilungen keine bestimmte oder genügende 
Auskunft: von früher veröftentlichten J. J. H. Bücking's Biographie Bei reis' 
in der „Zeitgenossen" II. Bd., Leipzig u. Altenburg 1818, 4. Abtheil., S. G7 ff. 
eben so wenig wie H. Lichtenstein 's Vortrag „Der Hofrath Beireis in 
Helmstädt" in Fr. v. Raumer's Historischem Taschenbuch, neue Folge, 8. Jahrg., 
Leipzig 1847, S. 255 ff. (Lichtenstein betrachtet es als sehr wahrscheinlich, 
dafs Beireis sich in seiner Jugend mit Versuchen zur Lösung des Problems 
der Alchemie beschäftigt habe. Wenn in Arnault's u. A. Biofjraphic nouvelle 
des contemporains — in Geib's Übersetzung Bd. II, Frankfurt a. M. 1821, 
S. 337 — angegeben ist, dafs Beireis Jedem, der es hören wollte, gesagt habe, 
er mache Gold und habe Agenten in den vorzüglichsten Städten der Welt, so 
entbehrt diese Angabe meines Wissens jedes Beweises). Es hätte sein können, 
dafs etwas in leichterer Form Geschriebenes etwas mehr Auskunft biete; ist doch 
ein oder der andere historische Roman mit so viel Geschichtskenntnifs geschrieben, 
dafs sich aus ihm wirklich Einiges über den betreffenden Gegenstand lernen 
läfst (z. B. über die Schwedische Hof-Geschichte aus Crusenstolpe's „Der Mohr", 
wie von Sachverständigen anerkannt wird; mit den meisten derartigen Romanen 
ist es allerdings wie mit den Leichenreden, welche Diejenigen am Meisten an- 
sprechen, die von den Besprochenen am Wenigsten wissen). In solchen Romanen 
sind vor das gröfsere Publicum in gelungener oder (gewöhnlicher) mifslungener 
Weise auch viele Naturforscher gebracht worden und unter diesen auch Chemiker. 
Wer sich mit den Betroffenen näher beschäftigt hat, wird doch mit Befriedigung 
lesen, wie K. Gutzkow in „Hohenschwangau" (Leipzig 1867 — 1868; im III. Bd. 
S. 210 ff.) auf gutes Studium der über Paracelsus Auskunft gebenden Schriften 
gestützt das Auftreten Desselben in Augsburg schildert (nur ist die Tonart, in 
welcher er diesen Mann sich über seine Gegner aussprechen läfst, aus leichtbe- 
greiflichen Gründen eine allzu zarte, denn dagegen, wie Paracelsus sich gegen 
seine Feinde wirklich gcäufsert hat, ist die Einladung, welche nach Goethe 
Götz von Berlichingen dem Hauptmann der wider ihn ausgesandten Exe- 
cutionstruppen zukommen liel's, fast eine verbindliche Redensart zu nennen); mit 

Kopp, Dio Alchomio. I. 17 



258 Anmerk. X: Über G. C. Beireis' Beziehungen zur Alcliemie. 

etwas weniger Befriedigung wird er lesen, wie G. Hiltl in „Wetterwolken" (im 
„Daheim" 1875 Nr. 1 fF.) Kunckel in der Zeit des Aufenthaltes Desselben zu 
oder bei Berlin vorführt. Wenn gleich gerade nicht zu erwarten war, dafs H. 
Klencke (nach G. Klofs' Bibliographie der Freimaurerei Nr. 4010 K. L. 
Hencke) mit Bei reis besser umgegangen sei als z. B. mit Swammerdam, 
so erschien es doch als möglich, dafs er für des Ersteren Verarbeitung sich 
auch auf bisher Unbekanntes stütze, da Beireis im Braunschweigschen lebte, 
von wo bis dahin unveröffentlicht gebliebene Papiere (von Knigge) für Klencke 
benutzbar geworden sind. Aber der s. g. historische Roman „Der Adept zu 
Helmstedt" Klencke' s (vier Bände; Leipzig 1851) stützt sich wesentlich auf die 
zu Berlin 1811 erschienenen (vom Medicinalrath Job. Karl Sybel zu Branden- 
burg verfafsten) Biographischen Nachrichten über den — — — Hofrath Dr. G. 
C. Beireis, welche Schrift überwiegend Unwahrheiten enthält, bringt von Glaub- 
haftem nur Bekanntes, hat übrigens selbst für diese Sorte von Literatur Starkes 
(in diesem Roman, welcher in der ersten Zeit nach der Beendigung des sieben- 
jährigen Krieges spielt, läfst der Verfasser nicht nur Beireis bez.-w. Demselben 
nahe Getretene aufser mit der modernen Schnellessigfabrication auch mit der 
Umwandlung des Weingeists zu Essigsäure mittelst fein zertheilten Platins, mit 
der künstlichen Darstellung des Ultramarins und mit anderen in unserem Jahr- 
hundert gemachten Entdeckungen bekannt sein, sondern selbst Bd. IIL S. 115 
Beireis chemische Berechnungen — angeblich auf Grund seiner Analysen — 
unter Benutzung Berzelius' scher Atomgewichte ausführen). Besseres in 

jeder Hinsicht, als die vorgenannten Schriften, bieten Carl von Heister's 
Nachrichten über Gottfried Christoph Beireis (Berlin 1860; der Verfasser, 
1798 in Kassel geboren, starb als Preufsischer Generalmajor a. D. 1878 zu Naum- 
burg). Diese nicht nur sehr lesbar geschriebene sondern auch auf Grund sorg- 
fältigster Aufsuchung aller über B. noch zu erlangender Nachrichten und mit 
gewissenhafter Benutzung derselben gearbeitete Monographie, auf welche ich in 
dem Folgenden noch mehrfach Bezug zu nehmen habe, bringt zwar S. 30 ff. u. 
38 ff. in Betreff der Beziehungen Beireis' zur Alchemie, auch der Beschäftigung 
Desselben mit dieser Geheimkunst in seiner Studentenzeit manche neue Einzel- 
heiten, klärt aber doch die Sache nicht über das oben bereits Angegebene 
hinaus auf. Auch die Beantwortung der Frage, aus der Bereitung welcher Farbe 
Beireis beträchtliche Einkünfte gezogen habe, ist niclit zum Abschlufs gebracht; 
als sehr wahrscheinlich betrachtet v. Heister (S. 181) die von Goethe bereits 
geäufserte Ansicht, diese (von Anderen als Mineralkermes oder als Carmin an- 
gesprochene) Farbe sei ein aus Krapp gewonnenes Präparat gewesen. 



Anmerkung XI zu S. 238. 
Die Alchemie auf der Bühne. 

Joh. Fried r. Gmclin giebt in seiner Geschichte der Chemie, IL Bd., 
S. 293 den Titel eines die Alchemie verspottenden Schauspiels: „Die durch seit- 



Anmerk. XI: Die Alchcmio auf der Bühno. 259 

samme Einbildung und Betriegercy Schaden bringende Alchymisten-Gesellschaft 
nach ihren gewöhnlichen Merckmaleu und Eigenschafften, welche sie von sich 
spühren lassen. Nebst Anführung einiger Discurse, was von der Alchymia zu 
halten. In einem nützlichen Lust-Spiele vorgestellet von J. D. K. Frankfurt 
u. Leipzig 1700". In neuerer Zeit hat Friedr. Zarncke in einer Abhandlung 
über Christian Reuter (Abhandlungen der philolog.-histor. Classe der Kön. 
Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, IX. Bd., Leipzig 1884, S. 582) dieses 
Stückes als eines gedacht, welches nach der Unterschrift der Vorrede „Nord- 
hausen 17. Dez. 1G99", den Buchstaben J. D. K., hinter denen sich der Verfasser 
verbirgt, und dem breiten, individualitätslosen Dialog nicht von Reuter her- 
rühren kann. Aus der Zeit, in welcher Lavoisier die Chemie umgestaltete, 
gedenkt Gmelin a. a. 0., III. Bd., S. 240 ohne nähere Angaben auch noch der 
Existenz einiger Lustspiele, welche hauptsächlich die alchemistischen Verirrungen 
zum Gegenstande haben. Ich habe aus dem IV. Band von Wilh. Heinsius' 
Allgemeinem Bücher-Lexikon und Georg Klofs' Bibliographie der Freimaurerei 
S. 300 ff. wenigstens die Titel mehrerer meist anonymer Leistungen dieser Art 
kennen gelernt, zu welchen Thalia — in Einem Fall auch Euterpe — mehr 
oder weniger begeistert haben mochte. Es erschienen die Lustspiele „Die Chymie" 
zu Leipzig 1771 und „Die Goldmacher" zu Bayreuth 1772, die Operette von 
A. G. Meissner „Der Alchymist" zu Leipzig 1778, die Comödie „Die geheime 
Gesellschaft, oder die Freymaurer" zu Berlin 1787, das Schauspiel „Der zu 
Grunde gerichtete Adept" zu Freiberg 1788, das Lustspiel „Die Ordensbrüder, 
oder der Stein der Weisen" von K. G. Miersch zu Berlin 1793. Von diesen 
Theaterstücken nehmen wohl mindestens die letzterwähnten Bezug auf die Alchemie 
so wie diese in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Rosenkreuzer- 
Kreisen und dadurch vermittelt in Verknüpfung mit der Freimaurerei betrieben 
wurde. Ein Theil des Geheimwissens, dessen da sich Einige rühmten und das 
auch die Alchemie einschlofs, ist in Goethe's „Grofskophta" (1791) in Scene 
gesetzt, in welchem jedoch dem philosophischen o. selbstgemachten Golde nur 
sehr untergeordnete Erwähnung zu Theil wird. Dieses angebliche Geheimwissen 
ist im II. Theile des vorliegenden Buches zu besprechen; hier wollte ich das 
wenige darüber, wie die Alchemie im achtzehnten Jahrhundert in Deutschland auf 
die Bühne gebracht worden ist, mir wenn auch nur den Titeln der Stücke nach 
bekannt Gewordene unzertrennt zusammenstellen. In England war schon 

früher der Alchemist in solcher Weise behandelt worden: Ben Jonson's Lust- 
spiel: Tlie Alchemist (1610; auch im Deutschen zugänglich gemacht in des Grafen 
Wolf zu Baudissin „Ben Jonsou und seine Schule", I. Theil, Leipzig 1836, 
S. 1 ff.), schildert in einer von Belesenheit in Hermetischen Schriften und Be- 
kanntschaft mit den Kunstausdrücken zeugenden, auch recht kräftigen Weise die 
mit anderem unsauberem Treiben verknüpfte betrügerische Alchemie und die 
alchemistische Leichtgläubigkeit. Noch in unserem Jahrhundert hat die Al- 
chemie mehrmals den Stoff oder doch den Titel für Theaterstücke abgegeben. 
Eines Moliere Opera bouffon: Les Akhimistes, ou Folie et Sagesse (Paris 1806) 
ist mir nur aus der Anführung bei Klofs (Nr. 4042) bekannt, und ich weifs 
für dieses Kunstwerk so wenig wie für die in L. Spohr's Selbstbiographie 

17* 



2G0 Anmerk. XI: Die Alchemie auf der Bühne. 

(II, Bd., S. 179) erwähnte, 1830 in Kassel aufgeführte Oper dieses Meisters „Der 
Alchymist", wieviel oder wie wenig Alchemistisches da vorgebracht ist; Gleiches 
mufs ich für das in der Sammlung der Werke Fried r. Halm's (des Freiherrn 
El. Fr. J. von Münch-Bellinghausen) vergebens gesuchte Drama dieses 
Dichters „Der Adept" (1836) bekennen, welches in biographischen Artikeln über 
Denselben als von ihm verfafst genannt wird. Alex. Dumas' des Aelteren 
Drama VAlcliinnste (zuerst 1839 in Paris aufgeführt) ist vom Hermetischen Ge- 
sichtspunkt aus betrachtet schwach. Im Juni 1885 (Frankfurter Journal Nr. 461) 
wurde bekannt, dafs eine neue dreiactige Oper „Die Goldmacher von Strafsburg" 
von Kapellmeister Mühldorfer in Köln, Text von Dr. Otto Kamp von ver- 
schiedenen Bühnenleitungen zur Aufführung angenommen sei. — Die Angaben 
darüber, wie die Beschäftigung mit Alchemie für sich oder zugleich mit anderen 
Zweigen des Geheimwissens dem gröfseren Publicum in Romanen vorgeführt 
wurde, mögen einer Anmerkung im II. Theil vorbehalten bleiben. 



-C^«g^®o<4-0- 



DIE ALCHEMIE 



IN 



ÄLTERER UXD NEUERER 



EIN BEITRAG ZUR CULTURGESC 




VON 



HERMANN KOPP. 



ZWEITER THEIL: 

DIE ALCHEMIE VOM LETZTEN VIERTEL DES 
18. JAHRHUNDERTS AN. 



'^=:^^<^ 



HEIDELBERG. 

CARL WINTERS UXIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG. 

1886. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Inlialt des II. Tlieils. 



Aufkommen und Verbreitung des Glaubens an das Bestehen das Rosenkreuzer- 
Bundes S. 1 ; Beziehungen zwischen den Behauptungen und Bestrebungen der 
älteren Rosenkreuzer und der Alchemie S. 4. Verknüpfung rosenkreuzerischer 
Bestrebungen mit der Freimaurerei zu dem Gold- und Rosenkreuzerthum S. 9: 
Wiederbelebung des Glaubens an Geheimwissen, -welches auch die Alchemie 
einschliefse, in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts S. 10; Bean- 
spruchung des Besitzes solchen Geheimwissens durch die in den Freimaurer- 
Bund eingedrungenen Rosenkreuzer S. 14; Ausbeutung dieses Glaubens durch 
Männer wie Saint -Germain und Cagliostro S. 18. Anreizung zur Er- 
werbung solchen Geheimwissens in den höheren Graden des Rosenkreuzer- 
Bundes in Deutschland um den Anfang des letzten Viertels des achtzehnten 
Jahrhunderts S. 22. Gewinnung von Eiuflufs und Macht durch die Gold- und 
Rosenkreuzer namentlich in Berlin (W öl In er und Bischoff swerder) S. 26. 
Die Alchemie als ein Thcil des Treibens Derselben S. 28; Beschäftigung mit 
Alchemie in Rosenkreuzer-Kreisen, vorzugsweise in Berlin aber auch auswärts 
S. 38. Betheiligung G. Forster 's und S. Th. Sömmerring's an rosenkreuze- 
rischem Treiben und alchemistischem Arbeiten in Kassel um 1780 S. 45. 

G. Forster' s und Sömmerring's Lebensverhältnisse S. 46; über sie 
handelnde Schriften S. 48; Bedeutung und Charakter des Ersteren S. 50. In 
Betracht kommende Zustände in Kassel um 1780 S. 80. Dals die Beschäf- 
tigung F. 's und S.'s mit Alchemie und Verwandtem ein Geheimnils war und 
wie sie bekannt wurde S. 83. Was in dem Rosenkreuzer-Zirkel zu Kassel 
und wie es da getrieben wurde S. 86. Auf welche äufsere Veranlassung hin 
Beide an diesem Treiben Antheil nahmen S. 91 (Knigge's Beziehungen 
zu Alchemie und Rosenkreuzerei S. 94) und welche innere Zustände und 
Beweggründe sie dazu bestimmten S. 102. Abwendung Beider von dem Ge- 
heimbund S. 105; was für sie bei der Zugehörigkeit an denselben herausge- 
kommen war S. 112; Einflufs der da gemachten Erfahrung auf den religiösen 
Glauben S. 113 (Fortdauer des Glaubens an die Alchemie bei Forster S. 115); 
Furcht vor Verfolgung durch den Geheimbund nach dem Zurückziehen von 
demselben S. 117. Wie F. und S. später von der Betheiligung an dem 
Rosenkreuzer-Treiben flachten und an sie erinnert wurden S. 125. 
Verfall und Ende der Rosenkreuzerei und Wegfall der durch sie der Alchemie 
gewährten Unterstützung S. 135. 



— IV — 

Discreditirung der Alchemie in den 1780 er Jahren durch den Ausgang der an- 
geblich erfolgreichen Beschäftigung Price'.s und Semler's mit ihr S. 146. 
Fehlschlagen der Hoffnungen, welche von 1796 an innerhalb der Hermetischen 
Gesellschaft gehegt wurden S. 152. Verfall der Alchemie um das Ende des 
achtzehnten Jahrhunderts, wenn gleich sich damals Einzelne noch günstig be- 
züglich derselben aussprachen S. 163. Erlöschen der früheren Bedeutung der 
Alchemie in dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts S. 168. 

Vereinzelte Erinnerungen an die Alchemie im neunzehnten Jahrhundert: in dem 
Eintreten Einzelner für die Möglichkeit der Metallverwandlung S. 171, dem 
Vorhandensein einer wenn auch spärlichen alchemistischcn Literatur S. 183, 
darin wie noch Einige sich praktisch in der Alchemie versucht haben S. 189 
und dafs jetzt noch Alchemisten um Unterstützung bitten S. 194 oder als Be- 
trüger Leichtgläubige finden S. 197. 

Schlufs S. 202. 



Längere Anmerkungen : 

I zu S. 9: Über die Zusammenstellung von Gold und Rose in der Her- 
metischen Literatur und als Sj-mbol für die Rosenkreuzer schon 
vor der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts S. 204. 
n zu S. 11 : Neigung zu Alchemie hei Gliedern der Familie von Sickingen 

S. 206. 
ni zu S. 13: Zur Kenntnifs der Aurea catena Homer i und über die Schrif- 
ten des Ehrd von Naxagoras und deren Verfasser S. 208. 
IV zu S. 22: Über die Schrift „C. H. L. von Plumenoek's geoffenbarter 
Einflufs der ächten Freimaurerei" bez.-w. deren Verfasser 
S. 221. 
V zu S. 22: Über den Verfasser und die Herausgeber der Schrift „Der Com- 

pafs der Weisen" S. 222. 
VI zu S. 25 : Beschäftigung mit Alchemie und anderen Arten des Geheim- 
wissens in Oesterreich im vorigen Jahrhundert; Beziehungen 
zwischen der Alchemie und der Kabl)ala; G. von Welling's 
Opus mago-cahhaUstkum S. 223. 
VII zu S. 28 : Die Alchemie und Verwandtes im Roman S. 246. 
VIII zu S. 38: Naturwissenschaftliches und namentlich Chemisches bei den 
s. g. neueren Rosenkreuzern S. 249. 
IX zu S. 78: Die Verhältnisse G. Forst er 's zu seiner Gattin Therese und 
Ferd. Huber S. 257. 
X zu S. 80: Über die Beeinflussung G. Forster's in seinem politischen 

Verhalten durch Frauen S. 270. 
XI zu S. 86: Über s. g. Sternschnuppen-Sul)stanz als verwendet bei Herme- 
tischen Arbeiten und namentlich als Materia prima für die 
Darstellung des Steins der Weisen- S. 274. 
XII zu S. 89: Über die Mitglieder des Rosenkrcuzer-Zirkols zu Kassel um 
1780 S. 279. 



— V — 

XIII zu S. 96: Zur Kenntnü's der Stellung A. F. F. L. von Knigge's zu den 

Rosenkreuzern S. 286. 

XIV zu S. 146: Ein rosenkreuzerischer Verein in Königsberg im 1. Decennium 

des neunzehnten Jahrhunderts S. 288. 
XV zu S. 155: Zur Kenntnil's der Hermetischen Gesellschaft S. 290. 

XVI zu S. 184: Zuerkennung der Bekanntschaft mit geheim gehaltenen wirk- 

samsten Heilmitteln an ältere Alchemisten in neueren Schriften 
S. 304. 

XVII zu S. 190: Joh. Friedi'. von Meyer 's Beziehungen zu Hermetischer 

Chemie S. 306. 



Anhang: 
Beitrag" zur Bibliographie der Alchemie. 

Einleitung S. 308. Über die verschiedene Art der Darlegung alchemisti- 
scher Lehren: in Worten — in ungebundener oder gebundener Form — oder 
nur für das Hören oder nur für das Sehen S. 310, oder je nachdem Einer oder 
Mehrere als redend vorgeführt werden S. 318. Allgemeineres über das Äufser- 
liche alchemistischer Bücher und deren Titel, und Angaben welcher Art hier 
gemacht werden sollen S. ' 324. Was häufiger dafür versucht wurde, dafs der 
Titel eines Buches dem letzteren zur Empfehlung gereiche: Bezugnahme auf eine 
bekannte Sage oder auf ältere Autoritäten oder früher zu Ansehen gekommene 
Werke u. A. S. 327, oder die Wahl eines marktschreierischen Titels S. 380 
(über Lob und Tadel auf Büchertiteln S. 333). Wie Sammel-Werke, je nach- 
dem sie 2, 3 oder mehr Schriften enthielten, betitelt wurden S. 334. Betite- 
lung einzelner Bücher nach einer oder der anderen von den verschiedenen für 
die Alchemie gebräuchlichen Bezeichnungen S. 343, oder darauf hin, dafs er- 
sichtlich sei, in welcher Richtung ein Buch geschrieben oder was als Hau|)t- 
sächlichstes in ihm geboten sei S. 347, oder mit Hinweisung darauf, dafs es sehr 
viele und ungleich verlässige Anweisungen, wie das Ziel zu erreichen sei, gebe 
S. 348, oder darauf, dafs die richtige Ausübung der Alchemie ein Geheimnils 
0. ein Räthsel o. dergl., der Gegenstand des Suchens etwas Vermummtes, S. 350, 
dafs die Darstellung des Steins der Weisen etwas Wunderbares und Unbegreif- 
liches, aus einer Offenbarung, einer Vision, einem Traum, wie in einem Si)iegel 
zu Erkennendes sei S. 352, oder unter Bezugnahme auf die Schwierigkeit der 
Aufgabe der Alchemie S. 354. Eine darüber belehrende Schrift wurde als ein 
Heiligthum, eine Schatzkammer, ein Schatz oder Kleinod bezeichnet S. 357. An- 
weisungen dazu wurden öfters betitelt als Testamente S. 358, als in Gräbern 
gefunden S. 359. Bezug genommen wurde für die Betitelung alchemistischer 
Schriften manchmal auf das Chaos oder auf den Himmel S. 361 ; der Eintritt 
in die verborgene Hermetische Weisheit wurde verglichen dem Eingang durch 
vorher verschlossene Thore o. Pforten in einen Palast o. eine Burg S. 362, zu 
welchen viele Schlüssel angeboten wurden S. 363. Der Mythologie entlehnte 
Namen figurirten oft auf Büchertiteln: Namen von Gottheiten S. 364, aus dem 



- VI — 

Kreise der Heroen-Sagen S. 368, aber auch sonst berühmter Männer und Frauen 
S. 369. Wie für die Titel von Bücliern Gegenstände verwendet wurden, welche 
einem oder dem anderen Naturreich zugehören S. 371: des Mineralreiches S. 373, 
des Pflanzenreiches S. 374, des Thierreiches S. 379. Häufig erinnerten Bücher- 
titel an Yorkommnisse im menschlichen Leben 8. 382, namentlich an das Unter- 
nehmen einer Reise oder das Zurücklegen eines Weges S.383, oder daran, dafs 
für erfolgreiches Beschreiten der alchemistischen Bahn genügendes Licht erfor- 
derlich sei S. 385. Noch auf Anderes, hier nicht zu Specificirendes wurde auf 
den Titeln alchemistischer Bücher hingewiesen S. 390, namentlich auf die Be- 
ziehungen zwischen der Alchemie und anderen Zweigen des Wissens S. 391. 
Was an der Betitelung alchemistischer Bücher für verschiedene Zeiten charak- 
teristisch ist S. 392. 



Register S. 397. 



-Cur das Verständnils der erneuten Zunalime der Überzeugung, 
dafs die Aufgabe der Alchemie lösbar sei, und der hierauf gerichteten 
Bestrebungen in Deutschland in dem letzten Viertel des achtzehnten 
Jahrhunderts ist die Erinnerung daran nothwendig, auf welchen Grund 
hin und in welcher Weise seit dem ersten Viertel des vorausgegangenen 
Jahrhunderts an die Existenz eines Bundes geglaubt wurde, welcher 
zu seinen Mitgliedern Männer zähle, die neben anderem Geheimwissen 
auch das die künstliche Hervorbringung von edlem Metall beti'offende 
erworben haben, und welchem anzugehören die Aussicht eröffene, 
gleichen Wissens theilhaftig zu werden. 

An das Bestehen eines solchen Bundes liels Viele glauben, was 
zwei Schriften enthielten, die von 1610 an handschriftlich zur Kennt- 
nifs Mehrerer gekommen ohne Angabe des Verfasseis 1614 gedriu-kt 
wurden: die als „Fama Frafcrnifatis oder Entdeckung der Brüder- 
schaft des hochlöblichen Ordens des R. C." und die als „Coufssio 
Fraternitatis, oder Bekenntnils der löblichen Brüderschaft des hoch- 
geehrten Rosenkreüzes" betitelte; zu ihnen kam noch eine unter dem 
Titel: „Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz" 1616 zuerst ge- 
druckte. — Verkündigt wurde in den ersteren zwei Schriften, in 
eingehendster Weise in der Fama, das Bestehen eines Bundes, welcher 
die Weltreformation, die Besserung der Menschen in Hinweisung der- 
selben auf richtige Ziele, zur Aufgabe habe. Der Stifter dieses Bundes 
sei ein Deutscher, Christian Rosen kreuz gewesen, welcher 1388 
geboren in seiner Jugend nach dem heiligen Lande gezogen, dann in 
Damascus, Aegypten und Fez mit geheimem Wissen vertraut geworden 
sei. Nach Deutschland zurückgekehrt habe er erst wenige, dann noch 
einige in gleicher Richtung Strebende, im Ganzen sieben mit sich zu 

Kopp, Die Alchemie. 11. 1 



2 Aufkommen u. Verbreitung d. Glaubens an d. Existenz d. Rosenkreuzer-Bundes. 

einer Brüderschaft des Rosenkreuzes vereinigt, welche für die beab- 
sichtigte Weltreformation wirken sollte. Die Glieder dieses Bundes 
seien für den Zweck desselben herumreisend thätig gewesen und hätten 
in der jedes Jahr statthabenden Zusammenkunft über ihre Erfolge 
berichtet. Die Regeln, deren Befolgung den Brüdern oblag, waren 
mitgetheilt; vorgeschrieben war u. A., dafs Jeder eine geeignete Person 
auswähle, welche nach seinem Tod für ihn in die Brüderschaft ein- 
trete, und dafs das Bestehen der letzteren hundert Jahre hindurch 
geheim gehalten werde. Der Stifter des Bundes sei in einem Alter 
von 106 Jahren gestorben; seinen Tod hätten die Brüder erfahren, 
ohne zu wissen, wo Derselbe begraben sei. Die Brüderschaft habe 
dann, nur acht Mitglieder zählend, 120 Jahre lang weiter gewirkt, 
als Vereinigungsstätte immer noch das Gebäude benutzend, welches 
Rosen kreuz selbst als Bundeshaus eingerichtet habe. In diesem 
Gebäude habe man nach Ablauf der angegebenen Zeit das Grab des 
Rosenkreuz aufgefunden, und dabei neben vielem anderem Mystischem 
auch schriftliche Aufzeichnungen der Geheimnisse und Offenbarungen 
des Ordens. Für den Bund, welcher in solcher Weise gestiftet sein 
und bis in den Anfang des siebzehnten Jahrhunderts bestanden 
haben sollte, sei das hauptsächlichste Ziel die Verminderung des 
Elends der Menschen durch Hinführung derselben zur wahren Philo- 
sophie und Religion, die Anleitung der ihm Angehörigen, wie sie zu 
dem Besitz des höchsten Wissens gelangen, wie sie bei sittlich reinem 
Leben frei von Krankheit und Schmerz bleiben können. Was bis 
dahin nur in engerem Kreis bekannt und gelehrt worden sei, solle 
jetzt der ganzen Welt zugänglich werden. In der Fama und in der 
Confessio wurde zur Prüfung Dessen aufgefordert, was über die Ab- 
sichten des Bundes angegeben sei; unter Anpreisung der Geheimnisse, 
deren Kenntnifs innerhalb des Bundes erlangt und zu erlangen sei, 
wurden Die, welche aufrichtig in dem Sinne des Bundes zu wirken 
bereit seien, zu dem Anschluis an denselben aufgefordert. 

Wenn auch diese Schriften über Das, was die Rosenkreuzer- 
Brüdorschaft wolle und namentlich was an Geheimwissen sie als Hülfs- 
niittel für ihr Streben besitze, nur sehr unbestimmte bez.-w. un- 
genügende Auskunft gaben, so fanden sie doch sofort grolse Beachtung. 
Wiederholt aufgelegt kamen sie zu weiter Verbreitung, und zu un- 
zähligen Publicationen gab ihr Inhalt Veranlassung. Überwiegend 



Anfkommen u.Verbreituns- d. Glaubens an d. Existenz d. Rosenkreuzer-Bundes. 3 

wurde erörtert, was von der Thätigkeit eines solchen Bundes und dem 
Eintreten in ihn zu erwarten und welche Berechtigung demselben 
hiernach zuzugestehen sei. Dagegen trat die Prüfung der Fragen 
zurück, ob denn überhaupt ein solcher Bund bestehe, mit welchem 
Recht der ungenannte Verfasser jener Schriften Mittheilungen bezüg- 
lich des Bundes mache und zu dem Eintreten in denselben auffordere, 
und wer dieser Verfasser sei. Dals Alles, was da über die Rosen- 
kreuzer-Brüderschaft vorgebracht war, nur eine Erdichtung sei, fand 
wenig Glauben, als es Einige behaupteten. Unter Denjenigen, welche 
bald die ganze Sache für eine Täuschung erklärten, war auch Der, 
welcher dazu am Meisten berechtigt war, wenn er wirklich der Ver- 
fasser der Schriften gewesen ist, die so viel Aufsehen erregten, so 
viel Verwirrung hervorbrachten. AVenn auch erst spät ist doch mit 
stets steigender Sicherheit der "Württembergische Theologe Joh. 
Val. Andreae (158G — 1654) als der Verfasser dieser Schriften be- 
trachtet worden, in welchen er zu seiner Zeit herrschende verderbliche 
Richtungen: Streben nach Geheirawissen und Leichtgläulngkeit, satirisch 
behandelt habe*). Aber wenn auch er nachher wiederholt versicherte, 
dafs die von der Rosenkreuzer-Brüderschaft die erste Kunde bringen- 
den Schriften nur Erdichtungen seien, so unterliel's er doch, was 
diese Behauptung zu einer wirksameren gemacht hätte: das Bekennt- 
nifs, dafs diese Erdichtungen von ihm ausgegangen seien. Viele 
glaubten auch noch nach dem Vortreten solcher Behauptungen daran, 



*) Dafs er die Chymische Hochzeit Christiani Eosenkreutz um 1G02 o. 1603 
als eine Jugendarbeit: ein Spiel mit den Abenteuerlichkeiten seiner Zeit, welches 
die Thorheiten der Neugierigen habe darstellen sollen, verfafst liabe, hat An- 
dreae selbst später bekannt. "Welche innere Gründe und Angaben von Zeit- 
genossen dafür geltend gemacht worden sind, dafs er auch der Verfasser der 
für das Aufkommen des Glaubens an den Rosenkreuzer-Bund vorzugsweise wich- 
tigen Schriften: der Fama und der Confessio gewesen sei, findet sich in Wilh. 
Hofsbach's „Joh. Val. Andrea und sein Zeitalter" (Berlin 1819) zusammen- 
gestellt. Dafs diesen Gründen sich auch äufsere Beweise hinzufügen, hat 
G. E. Guhrauer in seinen „Kritischen Bemerkungen über den Verfasser und 
den ursprünglichen Sinn und Zweck der Fama Fraternitatis des Ordens des 
Eosenkreuzes" (in d. Zeitschr. f. d. histor. Theologie, Jahrg. 1852, S. 298 ff.) dar- 
gelegt. Bedenken, ob die Frage endgültig entschieden sei, sind übrigens doch 
auch nachher noch geäufsert worden; so von E. Henke in der Allgemeinen 
Deutschen Biographie I. Bd. (Leipzig 1875), S. 444. 

1* 



4 Alchemie als in d. Rosenkreuzer-Bund gekannt u. zu lernen. 

dafs ein derartiger Bund wirklich existire, obschon Nichts festzustellen 
war, was für die Richtigkeit des über die Stiftung und das Fort- 
bestehen desselben Erzählten einen Beweis abgegeben hätte. Wie 
gleich nach dem ersten Bekanntwerden jener Schriften wurde auch 
noch späterhin das Bestehen dieses Bundes in weiten Kreisen, auch 
aufserhalb Deutschlands, nicht in Zweifel gezogen. Viele waren bereit, 
ihm beizutreten, und. an Solchen fehlte es auch nicht, die sich für 
Mitglieder desselben ausgaben. Was dieser Geheimbund Nützliches 
leiste und biete, welche Nachtheile sein Wirken bringe, dafs theo- 
logische und medicinische Irrlehren durch ihn verbreitet werden. Das 
wurde in einer übergrofsen Zahl von Schriften discutirt, und auch 
Solche, welche gegen diesen Bund sich aussprachen, trugen dadurch, 
wie sie es thaten, zur Bestärkung der Überzeugung bei, dafs ein 
derartiger Bund bestehe. 

Daran, wie der Glaube an die Existenz des Rosenkreuzer-Bundes 
aufkam, war hier zu erinnern. Nach verschiedenen Richtungen hin 
übte dieser Glaube Einfluls aus; nur in wie fern Dies in Beziehung 
auf die Anerkennung und Betreibung der Alchemie der Fall war, ist 
hier zu besprechen. 

In den Schriften, welche zu diesem Glauben veranlafsten , ist 
auch die Alchemie als ein Theil des der Rosenkreuzer- Brüderscliaft 
bekannten Geheimwissens hingestellt, aber zunächst als einer, welchem 
in Vergleich zu Anderem, was man da zu leisten wisse, doch nur 
untergeordnete Bedeutung zukomme. Die Fama verkündete: „Was 
sonderlich zu unserer Zeit das gottlose und verfluchte Goldmachen 
belangt, so sehr überhand genommen, dafs zuvorderst vielen ver- 
laufenen henkermäfsigen Leckern grofse Büberei hierunter zu treiben, 
und Vieler Vorwitz und Credulität sich zu mifsbrauchen, Anleitung 
gegeben, als auch von bescheidenen Personen nunmehr dafür gehalten 
wird, als ob die Miitatio metalJorum der höchste apex und fastirjium 
in der Phüosophia wäre — — , so bezeugen wir hiermit öflfentlich, 
dafs solches falsch, und es mit den wahren Fhilosophis also beschaffen, 
dafs ihnen Gold zu machen ein Geringes und nur ein Farergoii ist, 
derengleichen sie noch wohl andere etliche tausend bessere Stücklein 
haben" ; Gold künstlich machen zu können sei doch nur ein Stück 
der in der Erhel)ung zu Gott zu erlangenden Erkenntnifs der Natur. 



Alchemie als in d. Rosenkreuzer-Bund gekannt u. zu lernen. 5 

Dafs übrigens die Alchemie au sich wenn richtig betrieben doch aucli 
etwas sehr Schätzbares sei, war in der Confessio stärker betont: 
„Was in der Fama von den Betrügern, wider die Verwandlung der 
Metalle und höchste Medicin in der Welt gesagt worden, das wollen 
wir also verstanden haben, dafs diese so vortreffliche Gabe Gottes 
keineswegs von uns vernichtet oder verkleinert werde, sondern dieweil 
sie nicht allezeit der Natur Erkenntnil's mit sich bringet, diese aber 
sowohl die Me(Ucin als auch sonst unzählig viel andere Heimlichkeiten 
und Wunder eröffnet, es billig sey, dals man sich am allermeisten 
den Verstand und Wissenschaft der Philosophie zu erlangen betieil'se ; 
und sollen demnach vortreffliche Ingenia nicht eher zur Tinctur der 
Metalle angeführet werden, bis sie zuvor in Erkenntnifs der Natur 
sich wohl geübet haben". 

Das war hauptsächlich, auf was hin die Alchemie als zu Dem, 
was die Rosenkreuzer treiben und lehren können, gehörig betrachtet 
wurde. Denn einen bestimmteren Anhaltspunkt hierfür bot die (von 
Andreae schon in seinem sechszehnten Jahre, früher als die Fama 
und die Confessio verfafste wenn auch erst später gedruckte) phan- 
tastische Erzählung an sich nicht, welche als „Chymische Hochzeit 
Christiani Rosenkreutz" betitelt ist. Dafs diese Schrift Alchemistisches 
allegorisch behandele, ist früher geglaubt, dafs sie eine Satire auf 
das Treilien der Alchemisten in jener Zeit sei, ist später behauptet 
worden, aber dazu veranlafste wohl mehr der Titel als der Inhalt 
der Schrift und dals die letztere zu einer Zeit veröffentlicht wurde, 
wo die Alchemie als zu Dem, was durch Chr. Rosen kreuz begründet 
sei, in näherer Beziehung stehend angesehen war. Ich bekenne, dafs 
mir der für diese Schrift gewählte Titel unverständlich ist und dafs 
ich den Inhalt derselben in eine nähere Beziehung zur Alchemie zu 
bringen nicht vermag. Was aber darin sich als auf Alchemie be- 
züglich deuten liefs, wurde in diesem Sinne verwerthet. Für Die- 
jenigen, welche dem Eintritt in den Rosenkreuzer-Bund zuneigten oder 
für densellien gewonnen werden sollten, konnte es lockend sein zu 
erfahren, dals die in diesen Bund Aufgenommenen der Privilegien 
theilhaftig werden, welche nach der in Christ. Rosen kreuz Chy- 
mischer Hochzeit stehenden Erzählung von einem weisen König den 
Rittern des neugestifteten Ordens zugesichert wurden: des Freiseins 
von Unverstand, Armuth und Krankheit; und so fern die Kennt- 



6 Alchemie als in d. Rosenkreuzer-Bund bekannt u. zu lernen. 

nifs des Steins der Weisen diese Begünstigungen verleiht und dieses 
kostbare Präparat namentlich als lebensverlängerndes Mittel nach dem 
Willen Desjenigen, der es besitzt, beliebig lange wirkt, hatte es guten 
Grund und imponirte es gehörig, dafs jenen Rittern vor der Aufnahme 
in den Orden auch das Gelöbnifs abgenommen wurde: „dals ihr nit 
wollet lenger leben dann es Gott haben will". Das wurde weniger 
beachtet, dafs in der genannten Schrift der Erzähler, welcher mit 
unter den aufzunehmenden Rittern war, hinzusetzt: „Über diesen 
letzten Articul musten wir gnug lachen, mag auch wohl nur zum 
Possen hinzu gesetzt worden sein". 

An das Wenige, was zunächst über die Alchemie als einen Theil 
des im Rosenkreuzer-Bund Betriebenen vorgebracht war, knüpfte sehr 
bald bei Vielen die Vorstellung, bei Mehreren die Vorspiegelung an, 
dafs die Alchemie eine Hauptsache in Dem, was dieser Bund leiste, 
sei. Die Hoffnung, in das Geheimnifs der Goldmacherkunst eingeweiht 
zu werden, liefs — mehr als das Streben nach anderer höherer Er- 
kenntnils — Viele wünschen, zu erfahren was Mitglieder desselben 
zu lehren befähigt seien. Für Diejenigen, welche behufs der Ver- 
wirklichung dieser Hoffnung Mitglieder des Bundes zu werden beab- 
sichtigten, fanden sich Solche, welche sich als dazu, sie in ihn auf- 
zunehmen, berechtigt hinstellten, und auch aufserhalb des Bundes 
Stehenden wurde durch angebliche Mitglieder desselben einige Aus- 
kunft gegeben, wie jenes Ziel zu erreichen sei; konnten doch gerade 
solche Bücher auf günstige Aufnahme rechnen, deren Verfasser ihr 
Wissen aus der Quelle rosenkreuzerischer Einsicht geschöpft zu haben 
beanspruchten*). In gröfserer Zahl wurden jetzt alchemistische Schriften 
veröffentlicht, deren Verfasser diesem Bunde zugehören wollten, und 
auch Solche, welche mehr im Stillen durch Mittheilung handschrift- 



*) Darauf, dafs die Zugehörigkeit zum Rosenkreuzer-Bund öfters von Un- 
wissenden, die über Alchemie schrieben, als Aushängeschild zur Empfehlung 
ihrer Schriften mifsbraucht worden sei, Avurde bereits im siebzehnten Jahrhundert 
von Solchen hingewiesen, welche in dieser Kunst sachverständig zu sein bean- 
spruchten und den ächten Rosonkreuzern tiefere Einsicht in die Naturgeheim- 
nisse nicht absprachen. So sagte der Freiherr Wilh. von Schröder in seinem 
1684 veröffentlichten Nothwendigen Unterricht vom Goldmachen bei der Be- 
sprechung der UnZuverlässigkeit alchemistischer Autoren und der Schwierig- 
keit, wahre Philosophen und Sophisten zu unterscheiden: „Ich weifs auch nicht, 
was ich von den Fratrihus lioseae Criicis sagen und urtboilen soll. Ich mufs 



Alchemie als in d. Rosenkreuzei'-Bund bekannt u. zu lernen. 7 

lieber Anleitungen, wie die Metallveredhing zu bewirken sei, oder 
durch Ausführung dahin zielender Versuche auf Kosten Anderer der 
Alchemie eine vortheilhafte Seite abzugewinnen suchten, gaben sich 
mehr Ansehen , indem sie sich für Eingeweihte in diesen Bund aus- 
gaben. Aber während Viele, die sich Rosenkreuzer nannten, sich 
Dessen rühmten, dafs sie die grofse Aufgabe der Alchemie zu lösen 
verstehen und Andere darin unterrichten können, suchten wiederum 
Rosenkreuzer von Solchen, die als in der Kunst der Alchemie weiter 
vorgeschritten galten, Etwas von derselben zu lernen. In der Lebens- 
beschreibung des als Besitzer des Steins der Weisen betrachteten, uns 
schon wiederholt (u. A. S. 128 u. 198 f. im I. Theil) vorgekommenen 
Polen Sendivogius, welche nach den Angaben seines vertrauten Dieners 
Bodowski verfal'st und u. A. in Lenglet du Fresnoy's Histoire 
de la Philosophie hermetique (Paris 1742), T. I, j>. 350 ss. zu lesen 
ist, wird umständlich berichtet, dafs der nach seinem Abenteuer in 
Württemberg (Th. I, S. 199) auf seinem Gute Gravarna an der Schlesisch- 
Polnischen Grenze lebende (da auch 1636 gestorbene) Sendivogius 
— wie es scheint bald nach dem Aufkommen der Rosenkreuzerei — 
durch Abgesandte des Rosenkreuzer-Bundes die Einladung zum Ein- 
treten in denselben erhalten aber nicht angenommen habe; doch sei 
in einem nachher in Deutschland unter dem Titel Bhodostauroticum'^) 
gedruckten Buch auf ihn als einen Bundesbruder mit vielen Lobes- 
erhebungen Bezug genommen worden. In einer ohne Angabe des 
Verfassers, Verlag- oder Druckortes 1784 erschienenen Kurzgefafsten 
Geschichte der Rosenkreuzer**) wird, S. 28 f. erzählt, dafs der Raths- 

glanben, dafs sie ihren Anfang einigen verständigen und in der Natnr erfahrnen 
FhiJosophis schuldig seynd ; bin aber anbey der Beredung, dafs nachmahls aller- 
hand Zigeuner-Gesindlein sich sothanen Tituls gebraucht und ehrliche Leute 
betrogen haben, und weifs ich es mehr dann zu wohl". 

*) Unter Verwerthung der Griechischen Worte für Rose und Kreuz auf dem 
Titel sind in Deutschland verschiedene rosenkreuzerische Schriften pseudonym 
oder anonym veröft'entlicht worden von Theophil. Schweig hardt (wahrschein- 
lich dem Magister Daniel Mögling zu Tübingen) ein Speculum sophicum 
Ehodo-Stauroticiim 1618, von einem Rhodophilus Staurophorus ein Eaptus 
Philosophicus 1619, von einem Irenaeus Agnostus (wahrscheinlich dem Gym- 
nasial-Conrector Gotthard Arthusius zu Frankfurt a. M.) Viiidiciae Ehodo- 
stauroticae 1619, Prodronius Rhodo-Stauroticiis Farergi Phüosophici 1620, Collo- 
quium Rliodostauroticum triuiii pcrsonarum — — de fraternitate B.C. 1621 u. A. 

**) Nach Klofs' Bibliographie der Freimaurerei (Frankfurt a. M. 1844) S. 197 
ist diese Schrift ein besonderer Abdruck des 5. Stücks der Chemisch-Phvsikali- 



8 Alchemie als in d. Rosenkreuzer-Bund liekaunt u. zu lernen. 

kämmerer Job. T hol de zu Frankenhausen in Thüringen, welcher in 
den ersten Decennien des siebzehnten Jahrhunderts die unter dem 
Namen des Basilius Valentinus gebenden Schriften veröfFentlicbte 
(Th. I, S. 29) und daraufhin als im Besitz tiefen alcbemistischen 
Wissens angesehen war, von der Brüderschaft des Rosenkreuzes auf- 
gefordert worden sei, geheimer Secretär derselben zu werden, und 
auch eine Zeit lang in dieser Stellung für sie thätig gewesen sei. 

Es kann hier nicht beabsichtigt werden, auch nur eine annähernde 
Vorstellung zu geben von der Fülle der hauptsächlich oder nebenbei 
über Alchemie handelnden Schriften, welche in der nächsten Zeit, 
nachdem die Kunde von dem Bestehen eines Rosenkreuzer- Bundes 
ergangen war, als von Mitgliedern des letzteren verfafst besonders in 
Deutschland veröft'entlicht wurden und von welchen verhältnilsmäl'sig nur 
wenige in dem Anhang zu diesem Theil: „Beitrag zur Bibliographie 
der Alchemie" angeführt sind. Für einen Theil dieser Schriften sind 
die Verfasser genannt; unter Diesen sind einige in dem vorliegenden 
Buch bereits Erwähnte: Jul. Sperber (S. 103), Mich. Mai er (S. 220), 
Mich. Potier (S. 236 im I. Theil) z. B. Die gröfsere Zahl solcher 
Schriften erschien aber — wohl um das Gebot der Verschwiegenheit 
wenigstens in so fern zu achten — pseudonym oder anonym (auch 
für einige der letzteren kennt man übrigens die Namen der Verfasser, 
so z. B. für die Th. I, S. 212 f. als von Aegid. Guthmann verfafst 
erwähnte). Gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts läfst die 
Fluth derartiger Schriften nach, aber auch in der zweiten Hälfte 
desselben träufelt es noch. Die Zahl Derer bleibt immer noch eine 
grofse, welche hofften, ihrem Streben nach Geheimwissen und nament- 
lich nach Erkenntnifs des Weges zur künstlichen Hervorbringung der 
edlen Metalle bringe Das Förderung, was Glieder des Rosenkreuzer- 
Bundes wenn auch nur in vorsichtiger Zurückhaltung lehren. In 
den ersten Decennien des achtzehnten Jahrhunderts nimmt sogar in 
Deutschland die Veröffentlichung von Büchern, welche der Verwirk- 
lichung dieser Hoffnung förderlich sein sollten, wieder zu. Auch dieser 
Zeit gehört eine gröisere Zahl von Anleitungen zur Ausführung der 
Aufgabe der Alchemie an, welche als von den alten Rosenkreuzern 



sehen Neheiislinuloii, (»der JJetraclituni^en iilier einige nicdit gemeine Materien 
(Hof 1780), deren Verfasser (Jäger zu Nürnberg) sich Jnnocentius Liborius 
ab Indagino naiuilc. 



Alcliemie als in d. Roscnkreuzer-Diind bekannt u. zu lernen. 9 

Überkommen nicht gedruckt sondern weil wichtigste Geheimnisse ent- 
haltend nur handschriftlich von Einem dem Andern mitgctheilt wurden. 
In der umfangreichen Sammlung derartiger Anleitungen, welche als 
einen Theil des Archives der später zu besprechenden Hermetischen 
Gesellschaft bildend auf der Universitäts- Bibliothek zu Gielsen auf- 
bewahrt wird, findet sich auch eine ganze Reihe solcher, die in den 
1720 er .Tahren je ein Rosenkreuzer einem anderen mitgetheilt habe, 
unter Nennung der Namen der Verfasser, welche theilweise recht 
vornehmen Familien angehörten*). Dann kamen auch Schriften vor, 
welche als aus viel früherer Zeit als der des Bekanntwerdens des 
Rosenkreuzer-Bundes stammend die ursprüngliche und ächte Geheim- 
lehre desselben enthalten sollten; die Hofbibliothek zu Darmstadt z. B. 
besitzt ein sehr schönes, mit sorgfältig ausgeführten Bildern geziertes 
Manuscript eines gröfseren Deutschen alchemistischen Werkes — die 
Schrift ist die des vorigen Jahrhunderts — ■, welcdiem der Titel vor- 
gesetzt ist : Thesaurus Tliesaurorum a fraternitate roseae et aureae 
crucis tcstamento cousignatus, et in arcam foederis repositus suae 
schoJac alumnis et electis fratrihus. Anno MDLXXX. 

Die Fassung dieses Titels gehört vielleicht**), nach der da im 
Vergleiche zu früher etwas veränderten Bezeichnung der Brüderschaft, 
der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts an: einer Zeit, wo 
angebliche Nachfolger der alten Rosenkreuzer häutig unter der Be- 
zeichnung der Gold- und Rosenkreuzer auftraten und hauptsächlich 
in Deutschland noch einmal zu bedeutendem EintluCs gelangten. 
Weniger in den Nachbarländern, speciell Frankreich und England; 
da war das Interesse für den Rosenkreuzer- Bund schon gegen die 
Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ziemlich erloschen***) und auch 

*) Unter diesen Anleitungen ist z. B. eine (nach da stehender Angabe) aus 
Utrecht von Friedr. Stein als imperatore fraternitatis roseae et aureae crucis 
1722 einem Rosenkreuzer zugeschickte, eine von einem Baron von Kiedt als 
einem Mitbruder societatis roseae et aureae crucis 1723 eineih anderen Bruder 
insgeheim eröffnete, eine von dem de Ranzau als einem ^litglictl der Eosen- 
kreuzer-Gesellschaft 1724 einem andern zum Manipuliren niitgetheilte, eine vom 
Grafen von Reventklau als einem vornehmen Mitgliede der Fraternität 1725 
einem Bruder zur geheimen Manipulation communicirte. 
**) Vgl. die Anmerkung I am Ende dieses Theils. 
***) Wesentlich auf Das, was er über die Beachtung des Rosenkreuzerbundes 
in Frankreich zu seiner Zeit wufste, bezieht sich doch wohl die Angabe Lenglet 



1 Vorbedingungen f. d. Wiedererstarkuug d. Glaubens an d. Alcheraie in Deutsdil. 

später wurde es mindestens nur in geringerem Grade, auf enge Kreise 
beschränkt wieder zum Aufleben gebracht. Anders in Deutschland, 
wo für eine nochmalige Erstarkung des Glaubens an das von den 
Rosenkreuzern zu Leistende und an die Verwirklichung alchemistischer 
Hoffnungen einerseits der Boden noch günstig oder gerade jetzt be- 
sonders geeignet war, anderseits die Rosenkreuzer in eine ihrem 
Treiben Vorschub leistende Verknüpfung mit einer anderen geheimen 
Gesellschaft traten. 

Hatte auch (vgl. S. 238 f. im I. Theil) um die Mitte des acht- 
zehnten Jahrhunderts die Alchemie in Deutschland im Vergleiche zu 
früher bedeutend an der früher ihr gezollten Anerkennung eingebüfst, 
so war ihr doch noch damals und in der nächstfolgenden Zeit eine 
beträchtliche Zahl von Anhängern oder wenigstens von Gläubigen in 
den verschiedensten Schichten der Bevölkerung geblieben. Es gab 
doch noch recht Viele, welchen die künstliche Hervorbringung der 
edlen Metalle möglich zu sein schien, wenn sie auch den Erfolg von 
Versuchen zur Realisirung derselben als etwas Zweifelhaftes beur- 
theilten, grofse Vorsicht Dem gegenüber als angezeigt ansahen, was 
an Anleitungen für die Darstellung des Steins der Weisen geboten 
wurde, auch wohl sich spöttisch über Versuche äufserten, die zur 
Lösung dieser Aufgabe von gewöhnlichen Alchemisten unternommen 
waren *). — Wenn auch nicht mehr so viele fürstliche Persönlich- 
keiten als früher dadurch, dafs sie selbst Alchemie trieben oder treiben 



du Fresnoy's in Dessen Hlstoire de la philosophie hermetique (Paris 1742> 
T. I, |>. 475: Cette societe imaginaire a fait beaucoup de hriiit en Allemagne 
depuis 1605 jusqu'en 1625. Aujourdliui ä peine en est-il mention. 

*) In Beziehung auf Goldmachen und andere Bestrebungen der Hermetischen 
Kunst äul'sert sich Carl von Heister in dem Th. I, S. 258 angeführten 
Buche S. 35: „Man erstaunt, wenn man bis weit in die zweite Hälfte des acht- 
zehnten Jahrhunderts dem Wundersamsten begegnet. Fast jeder Band der 

„Deutschen Bibliothek" enthält durchaus ernsthafte Recensionen darauf bezüglicher 

Schriften. Verworfen wird nur das Eigennützige, Betrügerische. Während 

Lichtenberg ohne skeptische Anmerkung einen Fall von Golddarstellung aus 
England anführt, heifst es an anderer Stelle (vermischte Schriften HI, S. 12): 
„Den Schaden, den ein Mann leidet, kann man nach dem Product aus seiner 
Wichtigkeit und der Gröfse seines Unglücks schätzen. Man hat bemerkt, dafs 
dieses Produkt schwindet, wenn ein Goldmacher den Hals bricht. Da nun das 
Halsbrochen gewil's nichts Geringes ist, so mul's der andere Factor sehr gering 
sein." So schriel) er 1770". 



Vorbedingungen f.d. Wieclererstarkung d. Glaubens an d. Aldiemie inDeutscbl. 1 1 

liefsen, den Glauben an die Wahrhaftigkeit dieser Kunst unterstützten : 
immerhin waren noch in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts 
einige Fürsten Patrone der Hermetischen Kunst oder sie galten doch 
als solche. Der Prinz Ludwig Georg Karl von Hessen-Darnistadt 
(1749 — 1823) brachte 1776 aus Italien einen angeblichen Adepten 
Peter Christian Tayssen mit, welchen er in seinem Hofstaat unter 
dem Titel eines Oekonomierathes „zur Zeigung, Unterrichtung und 
Erklärung des grofsen Werks" anstellte; der Künstler, der sich des 
Besitzes vieler Arcana rühmte, scheint übrigens die ökonomischen 
Verhältnisse seines wenigstens etwas später an pecuniären Verlegen- 
heiten laborirenden Protectors nicht verbessert zu haben (Allgem. 
Handb. d. Freimaurerei I. Bd., Leipzig 1863, S. 623; HL Bd., S. 359, 
nach Nachrichten, welche die in der Bibliothek zu Wolfenbüttel be- 
findliche maurerische Correspondenz des Prinzen Friedrich August 
von Braunschweig enthält). Von dem König Stanislaus II. August 
von Polen berichtete im Mai 1785 der damals in Wilna lebende 
G. Forster an Heyne in Göttingen, dafs Derselbe „einen Alchymisten 
in geheim beständig auf den Stein der Weisen fortarbeiten läl'st — 
vermuthlich weil eine Tradition in der Poniatowski'schen Familie 
sagt, der Vater des Königs habe ihn besessen, dafs man also die 
Möglichkeit desto weniger in Zweifel zieht" (Joh. Georg Forster's 
Briefwechsel, herausgegeben von Th. H., Leipzig 1829, L Theil, S. 517). 
Von dem (nicht regierenden) Herzog Ferdinand von Braunschweig 
(1721 — 1792) wurde gesagt, dafs er auf seinem Schlosse Vechelde 
bei Brauuschweig, wo er sich von 1766 an vorzugsweise aufhielt, al- 
chemistisch laborire (Allgem. Handb. d. Freimaurerei L Bd., Leipzig 
1863, S. 132). Auch in anderen vornehmen Familien*) war der 
Hang zur Alchemie noch nicht ausgestorben. — Noch wurde 
manchmal von Solchen, deren Ausgaben weit über die für sie be- 
kannten Einnahmen hinausgingen, behauptet, die Alchemie gewähre 
ihnen dazu die Mittel. Daran, dafs Dies für Beireis in Helmstädt 
geglaubt wurde, ist schon S. 256 im L Theil erinnert worden. 1791 
starb der jüdische Sectirer und Abenteurer Jakob Frank (das über 
ihn bekannt Gewordene hat G. E. Steitz im VH. Bd. der Allgem. 



*) So z. B. in der Familie Derer von Sickingen; vgl. die Anmerkung II 
am Ende dieses Theils. 



1 2 Yorbeclinguugeu f. cl. Wiedererstarkiing d. Glaubens an d. Alcliemie in Deutschi. 

Deutschen Biographie, Leipzig 1878, S. 250 ff. zusammengestellt) zu 
Offenbach, wo er von 1786 an mit ungemeinem Aufwand gelebt hatte; 
als nach Dessen Ableben Heyne sich nach Demselben bei dem zu 
dieser Zeit in dem unfernen Mainz lebenden G. Forster erkundigte, 
gab ihm Dieser u. A. die Auskunft : „Er soll auch viel laborirt haben 
als Alchymiöt" (J. G. Forster's Briefwechsel, S. 112 im IT. Bd. der 
S. 11 angeführten Ausgabe). — Selbst in gelehrten Kreisen ver- 
schiedener Art fanden sich noch Solche, welche die Erreichung des 
Zieles der Hermetischen Kunst als möglich betrachteten, auch unter 
den Theologen, und zwar bezeugten sich unter Diesen als an Alchemie 
gläubig Männer von sehr verschiedenen Eichtungen in ihrer Wissen- 
schaft: der zuerst den Rationalismus vertretende und später stark nach 
Ptechts zur Orthodoxie schwenkende Semler eben so wohl wie der 
von frühe an den Tag gelegtem Skepticismus aus immer weiter nach 
links in die Heterodoxie hineintreibende Bahr dt. Auf den Ersteren 
wird zurückzukommen sein; das den Letzteien Betreffende mag hier- 
her gesetzt werden. Der bekannte Karl Friedrich Bahrdt 
(1741 — 1792, zeitweise Professor der Theologie zu Giefsen und Docent 
zu Halle), bei welchem das Mifslingen einer von ihm in seiner 
Studentenzeit versuchten Geisterbeschwörung den ersten Keim der 
Aufklärung geweckt hatte, wendete sich in den 1780er Jahren, als 
er schon recht weit vorgeschritten in seiner Art des Aufgeklärtseins 
in bedrängten Verhältnissen zu Halle lebte, an Beireis (S. 256 ff. im 
I. Th.) mit der Bitte um ein Particular zum Goldmachen; Beireis 
schlug ihm die Erfüllung dieser Bitte ab , weil ein mit der Sache 
selbst nicht weiter Bekannter doch bei solchen Arbeiten leicht sich 
ruinire und er, nachdem er zu solchem Resultat Anlals gegeben, sich 
fest entschlossen hal)e, es nicht wieder zu thun (diese Angaben finden 
sich in Gustav Frank's Aufsatz „Dr. K. Fr. Bahrdt" in Fr. v. 
Raumer's Historischem Taschenbuch, 4. Folge, VH. Jahrgang, Leipzig 
1866, S. 205 ff.; den Wortlaut der betreffenden Stelle in Beireis' 
Brief an Bahrdt aus dem Juli 1787 hat C. v. Heister's Th. I, 
S. 258 in der Anmerkung angeführtes Buch S. 42, den vollständigen 
Brief S. 306 f.). 

Aber nicht allein das Fortbestehen einer frülier fast allgemein 
getheilten Überzeugung bei einer nicht geringen Anzahl Einzelner 
lief's in der Zeit, zu deren Betrachtung wir nun gekommen sind, den 



Vorbedingungen f. (l."\Yieilererstarkung d. Glaubens an d. Alchemie in Deutschi. 1 3 

Glauben an die Alchemie erhalten bleiben, sondern ein neues Motiv, 
der letzteren zugleich mit anderem Geheimwissen Interesse zuzuwenden, 
übte auch noch erheblichste Wirkung aus. In dem mit der Mitte 
des vorigen Jahrhunderts beginnenden s. g. Zeitalter der Aufklärung 
machte sich in der Theologie die negative Richtung als die vor- 
herrschende geltend; die da erlangten Resultate liel'sen das religiöse 
Bedürfnifs unbefriedigt. Dem Drange nach geistiger Beschäftigung 
zu genügen bot, was damals zunächst auf dem Gebiete der s. g. schönen 
Literatur veröffentlicht wurde, nicht Vieles, und was auf dem Gebiete 
der streng wissenschaftlichen Literatur erschien setzte doch dafür, 
verstanden zu werden, mehr Begabung und anstrengendere Beschäf- 
tigung mit der Sache voraus, als für die Meisten unter den nach 
einiger geistiger Anregung Verlangenden zutraf. Da wendeten sich 
Viele dem s. g. höheren Wissen zu, für dessen Erlangung schon 
früher herausgekommene Bücher hatten Anleitung geben wollen, dessen 
Erwerbung durch das Studium neu verfafster Schriften und den engeren 
Verkehr mit bereits Eingeweihten jetzt den Lernbegierigen wie etwas 
sicher zu Erwartendes versprochen wurde. Tiefere Erkenntnifs der 
Natur als sie die profane Naturlehre gewähre, die Bekanntschaft mit 
sicher wirkenden Heilmitteln und den Körper gesund, den Geist frisch 
erlialtenden Präparaten wie sie die gewöhnliche Medicin nicht kenne, 
die Erhebung des Menschen zu näherer Gemeinschaft mit Gott, die 
Gewinnung einer gewissen Herrschaft über das Geisterreich wurde 
Denen in Aussicht gestellt, welche durch die ihnen jetzt gebotenen 
Mittel einer aus alter Zeit stammenden, geheimnifsvoll behandelten 
und überlieferten Weisheit theilhaftig werden. Recht gebildete und 
selbst geistig hochstehende Männer waren unter Denen, die jetzt darauf 
ausgingen, wenigstens Einiges von derartigem Wissen sich anzueignen ; 
auch Solche, die älter waren als Goethe in der Zeit (vom Herbst 
1768 bis zum Frühjahr 1770), wo er in Frankfurt a. M. mit Fräulein 
von Kletten berg Hermetische Studien trieb, mit ihr alchemistische 
Schriften des Basilius Valentinus, des Paracelsus u. A. las, 
V. Welling's später zu besprechendes Werk doch schwer verständ- 
lich fand aber die Aurea catoia Homcri*) sich besonders wohl ge- 
fallen liefs, übrigens auch in der da eingeschlagenen Richtung selbst 
experimentirte. 



*) Vgl. Anmerkung III am Ende dieses Theils. 



1 4 Yorbedingungcn f. d. Wiedererstarkung d. Glaubens an d. Alcliemie in Deutschi. 

Unter Denjenigen, die nach höherem Wissen um der Vervoll- 
kommnung ihres Charakters, um der Erreichung solcher idealer Ziele 
willen strebten, waren doch höchstens nur Wenige, welchen es ein 
Verächtliches gewesen wäre, wenn bei dem Eindringen in tiefere Natur- 
erkenntnifs sich ihnen auch das Geheimnifs enthüllt hätte, wie Gold 
künstlich zu machen sei. Jedenfalls war wohl die Zahl Derer, welche 
die Sache entsprechend der schönen Lehre „Erwirb Dir Weisheit so 
viel Du kannst, und Gold so viel Du brauchst" aufgefafst hätten, 
viel kleiner als die Zahl Derer, welchen in der Unikehrung dieses 
Spruches die praktisch richtigere Lehre enthalten zu sein schien. 
Und zu Solchen, welchen Gold vor Allem wünschenswerth war, kamen 
Andere, die in hinreichend günstigen äufseren Umständen waren um 
allenfalls des Steines der Weisen für die Anfertigung von Gold ent- 
behren zu können, die aber an dem Genufs des Lebens in der Art 
hingen, dafs ihnen die üniversalmedicin oder das Lebenselixir als 
Das dastand, auf was es hauptsächlich ankomme. Allen Diesen 
konnte geholfen werden, wenn sich die Hoffnungen erfüllten, welche 
die Ptosenkreuzer wieder in zuversichtlicher Weise in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts erregten, mit um so gröfserem Er- 
folg, als sie da zu engerem Zusammenhalt unter sich, so zu sagen 
zu einer bisher ihnen mangelnden inneren Consistenz durch ihr Ein- 
dringen in den Freimaurer-Bund kamen, welchen sie namentlich in 
Deutschland während einiger Zeit ihren Zwecken dienstbar zu machen 
wufsten. 

Wie viel und mit welcher Bestimmtheit auch von dem Bestehen 
der Rosenkreuzer -Brüderschaft als einer in dem siebzehnten Jahr- 
hundert und in den ersten Decennien des folgenden weit verbreiteten 
aber einheitlieh organisirten gesprochen wurde: weder bewiesen noch 
irgend wahrscheinlich gemacht ist, dals der Rosenkreuzer-Bund inner- 
halb des angegebenen Zeitraums jemals in dieser Weise organisirt ge- 
wesen sei. Es hatten sich bald nach der Zeit, wo bekannt wurde, 
dafs ein derartiger Bund existire, einzelne Männer den nach der Auf- 
nahme in ihn Begierigen als Solche hingestellt, welche als Repräsen- 
tanten des Bundes den von ihnen würdig Befundenen den Zutritt zu 
demselben, zunächst die Aufnahme in die unteren Grade der Zu- 
gehörigkeit zu ermöglichen berechtigt seien; an einem oder einem 



Eindringen der Rosenkreuzeroi in den Freimaurer-Bund. 15 

aiuleien Orte konnte eine Vereinigung Derer, welche darauf liin dem 
Bunde zugehörig zu sein glaubten, zu Stande kommen*). Ein an 
Einem Ort in der Rolle eines Repräsentanten der Bundesleitung auf- 
tretender Mann konnte, für sich oder im Namen der mit ihm an 
seinem Orte Zusammengetretenen, sich mit einem an einem anderen 
Orte dieselbe Rolle Spielenden in Verkehr setzen; die Legitimation 
zu solchem Verkehr konnte aber im letzteren Falle nur durch die 
vermeintlichen Mitglieder des Bundes gegeben werden, welche noch 
den unteren Graden angehörten, in keinem Fall von der Oberleitung 
des ganzen Bundes, die nicht voihanden war. Jeder dieser angeb- 
lichen Repräsentanten des Bundes oder Vertreter einer localen Ver- 
einigung von Rosenkreuzern mochte einem anderen gegenüber sich so 
stellen, als ob Er der Oberleitung näher stehe als Dieser, einen 
höheren Rang in dem Bunde habe und Dem gemäfs tiefer in das 
Geheimwissen desselben eingeweiht sei. Welcher von den Bundes- 
brüdern dem anderen imponirte, Das hing ab von der Zuversichtlich- 
keit und Gewandtheit des Auftretens und davon, welche Vorspiegelungen 
der Eine oder der Andere geltend zu machen verstand. Die in den 
unteren Graden Befindlichen standen unter dem Gelübde vorsichtigster 
Verschwiegenheit; gerade von ihnen kannte meistens Jeder aul'ser 
seinem Oberen nur die an demselben Ort in den Bund Aufgenommenen. 
Was über Erkennungszeichen angegeben worden ist, welche an jedem 
Ort einen Rosenkreuzer den da ihm begegnenden Bundesbrüdern be- 
kannt werden lassen sollten (selbst öffentlich zu tragende sind be- 
schrieben worden; vgl. die Anmerkung I am Ende dieses Theils), ent- 
behrt für die frühere, bisher betrachtete Zeit der Begründung; es 
sind Angaben, welche danach gemacht wurden, was Einer, der gut 
unterrichtet zu sein behauptete, einem Anderen aufband, oder auch 
nach biofsen Vermuthungen. Ein auf wirklich existirender Organisation 
des Bundes beruhender Zusammenhang zwischen den Einzelnen, welche 
ihm anzugehören vorgaben oder glaubten, oder zwischen den einzelnen 
localen, vermeintlich als Zweige des Bundesstammes bestehenden Ver- 
einigungen war für diese Zeit nicht vorhanden. 



*) Die Alcliemisclie Gesellschaft zu Nürnberg z. B., zu welcher Leihnitz in 
seiner Jugend in Bezieluiug stand (Th. I, S. 232 f.), war eine rosenkreuzerische. 



16 Eindringen der Rosenkreuzerei in den Freimaurer-Bund. 

Gegen das Ende des zweiten Decenniums des vorigen Jahr- 
hunderts kam in England der Freimaurer-Bund zu der jetzt noch 
von ihm festgehaltenen Gestaltung. Was über die Vorgeschichte dieses 
Bundes bekannt bez.-w, behauptet worden ist, gehört nicht hierher; 
nur Das ist zu bemerken, dals seine Genealogie keineswegs dafür 
genügend festgestellt ist, darauf hin anderen unter geheimnifsvoller 
Form ihren Zielen zustrebenden Gesellschaften, welche etwa Ver- 
wandtschaft mit ihm beanspruchen, die Anerkennung derselben zuzu- 
gestehen oder zu versagen. Daran ist aber zu erinnern, dafs, wenn 
Förderung humaner Gesinnung und Bethätigung derselben ein Haupt- 
zweck dieses Bundes schon in früherer Zeit war, der letztere doch 
wiederholt in engeste Beziehungen zu ganz andersartigen Bestrebungen 
gebracht worden ist. In welcher Weise, unter welchen Formen er 
seine Thätigkeit ausübte, liefs ihn oft als einen Geheinibund betrachten, 
in welchem über das gewöhnliche hinausgehendes Wissen mannigfacher 
Art zu finden, in welchem die Enthüllung eines wichtigen Geheim- 
nisses zu hoffen sei; mit Bestimmtheit wurde bald von Angehörigen 
dieses Bundes versichert, dals in s. g. höheren Graden desselben 
den dafür würdig Befundenen die Bekanntschaft mit Geheimnissen 
der Magie, Theosophie, Alchemie u. A. in Aussicht gestellt sei: die 
Eröffnung der Mysterien, in welche eingeweiht zu sein und einweihen 
zu können bisher die Rosenkreuzer beanspruchten. 

Derartiges geschah namentlich bald aufserhalb Englands, von wo 
aus der Freimaurer-Bund in der da ihm gegebenen Gestaltung sich 
rasch nicht nur nach Irland und Schottland sondern auch nach und 
auf dem Continent verbreitete; hier — wo die Erinnerung an damals 
Stattgehabtes sich auf Das zu beschränken hat, was später uns Vor- 
kommendem zur Erläuterung dient*) — ist nur zu erwähnen, dafs 



*) Aus diesem Grunde gelie ich auf Manches nicht ein, was nach anderen 
Richtungen hin zu hier in Betracht Kommendem in naher Beziehung steht, u. A. 
aucli nicht auf den 1776 von Adam Weishaupt, Professor des Natur- und 
Canonischen Reclits zu Ingolstadt, gestifteten Uhiminaten-Orden, zu dessen Ge- 
schichte — namentlich was die Einrichtung und die Schicksale desselben in 
Bayern ])etrifft — in neuerer Zeit Aug. Kluckhohn (in den Beilagen Nr. 182, 
185 u. 191 zur Allgemeinen Zeitung v. 1874) schätzbare Beiträge geliefert hat. 
Einen Einblick in das Treiben in diesem Orden fördert auch der in der Asträa, 
'J'asfdienbuch für l<'rcimaurer, XXI. Jahrg. f. 1859 u. 1860 (Sondershausen 1859), 
S. 254 — 299 veröffentlichte Briefwechsel zwischen zwei Hannoverschen Officierea 



Eindringen der Rosenkreuzerei in den Freimaurer-Bund. 17 

in Frankreich von dem dritten, in Deutschland von dem vierten 
Decennium des vorigen Jahrhunderts an dem Freimaurerbund zuge- 
hörige A^ereinigungen : s. g. Logen errichtet wurden, deren Zahl inner- 
halb kurzer Zeit eine beträchtliche wurde. In Frankreich wurden 
durch einen Schotten Mich. Andr. Ramsay um 1740 höhere Grade 
des Eingeweihtseins in die Bundesgeheimnisse als vorhanden hinge- 
stellt: solche die über den bis dahin den Aufgenommenen eröffneten 
(der Lehrlinge, der Gesellen und der Meister, welche Grade seit dem 
dritten Decennium des vorigen Jahrhunderts unterschieden waren) 
stehen sollten; in ihnen: den s, g. Schottischen Graden sollte den in 
sie Zugelassenen das Eindringen in Geheimwissen zugänglich werden, 
welches aus dem Orient stammend zur Zeit der Kreuzzüge durch die 
Vermittelung der Johanniter-Ritter u. A. nach Europa gekommen 
sei, und daran knüpfte dann an, was darüber behauptet und besonders 
auch in Deutschland verbreitet worden ist, dafs das gleichfalls im 
Orient erlangte Geheimwissen der Tempelherren noch erhalten und in 
höheren Graden der Freimaurerei zugänglich sei, in welchen dieser 
Orden noch fortexistire, Nachfolger der alten Tempelherren deren 
Wissen bewahren und Würdige in es einweihen. In Deutschland 
hatte um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts der in Paris mit 
Roheren Graden bekannt gewordene Sächsische Freiherr Karl Gott- 
helf von Hund begonnen, dem Glauben an das Vorhandensein 
solcher Grade dadurch Unterstützung zu geben, dafs bei den zu 
seinem System — dem v. H. 'sehen Tempelherrn-System oder dem 
der stricten Observanz, so genannt weil die Mitglieder geloben mufsten, 
den Geboten der Oberen stridam observantiam zu leisten — sich 
bekennenden Logen und an ihm beistimmende Freimaurer solche Grade 
wirklich ertheilt wurden, namentlich der des Tempelritters unter Bei- 
legung eines besonderen Ordensnamens an -Jeden. Bald wurden noch 
andere freimaurerische Systeme — darunter das von dem Chevalier 
de Bonneville 1754 zu Paris gegründete s. g. Clermont'sche, für 
dessen Verbreitung in Deutschland der seiner Stelle als Superinten- 
dent in Anhalt-Köthen entsetzte Phil. Sam. Rosa besonders thätig 
war — ausgedacht und einzuführen gesucht, alle zusammen mit einer 



bis 1783. 

Kopp, Die Alchemie. II. 



18 Eindringen der Rosenkreuzerei in den Freimaurer-Bund. 

unübersehbaren Anzahl angeblicher höherer Grade. An letzteren 
fehlte es auch nicht in der geheimen Gesellschaft, welche uns nun 
vorzugsweise in Betracht kommt: dem aus der Verquickung der 
Freimaurerei mit der Kosenkreuzerei hervorgegangenen Orden der 
Gold- und Kosenkreuzer. Dieser Orden bildete sich zwischen 1756 
und 1768 im südlichen Deutschland aus, wie es scheint hauptsächlich 
unter der Leitung wenn auch nicht durch die Initiative des Dr. med. 
Beruh. Jos. Schleifs von Löwenfeld in Sulzbach und des Dr. 
Doppelmayer zu Hof, und verbreitete sich von da nach dem übrigen 
Deutschland, auch nach Rufsland. Auch in diesem Orden war den 
Oberen Seitens der Mitglieder unterer Grade unbedingter Gehorsam 
zu leisten; die Mitglieder hatten hier gleichfalls ihre Bundesnamen 
und die Oberen waren den Brüdern meist nur unter diesen Namen 
bekannt; um die Erkennung der Oberen zu verhindern mufsten — 
wenigstens später (von 1777 an) — alle von Denselben an Unter- 
gebene gerichteten Erlasse nach genommener Einsicht zurückgeschickt 
werden. — Diese verschiedenen Systeme standen nicht immer unter 
einander auf gutem Fufse, so dafs sie sich als gleichberechtigte an- 
erkannt hätten, sondern eines suchte gewöhnlich ein anderes in der 
Behauptung zu überbieten, das ächte und das höchste Wissen zu be- 
sitzen und lehren zu können. Der Verband zwischen den verschiedenen 
Systemen bez.-w. zwischen den ihnen Angehörigen war oft nur ein 
lockerer, aber Alle einte Eins: die Zugehörigkeit zu der Freimaurerei. 
Als Freimaurer hatten Alle Fühlung unter einander, gemeinsame Er- 
kennungszeichen in Griff und Wort; Das gab auch Einzelnen, selbst 
wenn sie gar nicht Einem dieser Systeme zugethan waren sondern 
nach Bedarf eins oder ein anderes als durch sie vertreten hinstellten, 
als Gliedern des Freimaurer-Bundes an jedem Ort, an welchem sie 
ihre Thätigkeit ausüben, ihr Streben geltend machen wollten, einen 
Anhalts- und Ausgangspunkt, dessen die s. g. älteren Rosenkreuzer 
entbehrt hatten. 

Zu Dem, was in den höheren Graden der so ausgebildeten ge- 
heimen Gesellschaften gekannt sein und gelehrt werden sollte, gehörte 
neben vielem Anderen das von der Alchemie zu Leistende: die Be- 
reitung des Steins der Weisen und Goldmachen mittelst desselben 
oder auch in anderer Art, die Darstellung des als Universalmedicin 



Graf Saint-Germain. 19 

und als Lebenselixir wirkenden Präparates. Namentlich fand die 
Alchemie, wie liier gleich hervorgehoben werden mag, die dem von 
ihr Gehofften entsprechende Beachtung in Vereinen, die gemäfs dem 
System der stricten Observanz und gemäfs dem Clermont'schen System 
constituirt waren. Welchem Geheimbund bez.-w. System oder ob 
speciell Einem einzelne Männer angehört haben, die durch besondere 
Begabung ausgezeichnet waren, die Sachen in eigener Weise zurecht- 
zulegen und sich in Ansehen zu bringen, Das mag dahingestellt bleiben. 
Als ein Mann dieser Art steht vor Anderen der so sich nennende 
Graf Saint-Germain da, welcher nach Einigen ein Portugiese von 
jüdischer Herkunft, nach Anderen ein Spanischer Jesuit Aymar, nach 
einer Angabe ein Elsafser Jude Simon Wolff, nach der Behauptung 
Anderer der Sohn eines Steuereinnehmers Piotondo zu San-Gerrnano 
in Savoyen war. W^ohl am Ende des siebzehnten oder im Anfang 
des achtzehnten Jahrhunderts geboren trat er von 1750 an in den 
vornehmen Kreisen verschiedener Städte auf: in Venedig als Graf 
Bellamare oder Belmar, in Pisa als Chevaher Schöning, in 
Mailand als Chevalier Welldone (daran erinnernd auch noch einmal 
1777 in Leipzig als Graf Wethlone oder Woeldone), in Genua 
als Graf Soltikow, liefs aber gelegentlich auch merken, dafs er 
eigentlich ein Fürst Racoczy sei. In Paris durch die Marquise von 
Pompadour dem König Ludwig XV. empfohlen wurde der Graf 
Saint-Germain 1760 zur Einleitung einer Friedensverhandlung nach 
London geschickt, aber eine in Paris gegen ihn angezettelte Intrigue 
liefs ihn in London als einen Russischen Spion bezeichnen und von 
der Auslieferung an Frankreich bedroht sein. Er flüchtete nach dem 
Festland, spielte in Petersburg 1762 bei dem da gewaltsam herbeige- 
führten Thronwechsel eine Rolle, kam dann nach Berlin, war 1772 
in Nürnberg, hielt sich 1774 als Graf Tzarogy zu Schwabach in 
Franken auf, wufste den Markgrafen Karl Alexander von Ansbach 
so für sich einzunehmen dafs Dieser ihn auf eine Reise nach Italien 
mit sich nahm, ging nach Schwabach zurückgekehrt später über 
Dresden, Leipzig und Hamburg nach Eckernförde im Herzogthum 
Schleswig zu dem Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, bei welchem 
er sich so in Gunst zu setzen wufste, dafs Derselbe ihn bei sich in 
Eckernförde und auf seinem Schlofs Gottorp bei Schleswig für den 
Rest des Lebens verpflegte; der Graf Saint-Germain starb da 1780 



20 Graf Saint-Germain. 

(diese Angabe des Todesjahres soll richtiger sein als die oft wieder- 
holte 1795; auch 1784 findet man als Todesjahr angegeben). Nach 
seiner Versicherung war Saint-Germain in die höchsten Grade der 
Freimaurerei eingeweiht, verstand er Gold und nicht minder Edel- 
steine zu machen (welche letztere Kunst er 1755 auf einer zweiten Keise 
nach Indien gelernt habe; doch starb er stark verschuldet), kannte 
er die Bereitung eines Thee's, welcher dem Alter die Kraft und die 
Schönheit der Jugend wiedergebe, einer siebzigjährigen Frau das 
Aussehen eines siebzehnjährigen Mädchens zu Theil werden lasse, 
auch die eines zu demselben Zweck diensamen Balsams, dessen über- 
mäfsige Anwendung allerdings eine zu weit gehende Wirkung aus- 
üben konnte*), und wufste er ein Lebenselixir darzustellen, welches 
ihm selbst sein hohes Alter zu erreichen ermöglicht habe (je nach 
der Gläubigkeit, die er bei seinen Zuhörern voraussetzen durfte, 
gab er sein Alter bescheidener nur auf einige hundert Jahre an oder 
versicherte er, mehrere tausend Jahre alt zu sein, Christus und 
Dessen Apostel gut gekannt und Petrus wiederholt zur Mässigung 
der Heftigkeit Desselben ermahnt zu haben) und welches auch 
Anderen erspriefsliche Dienste leistete**). 



*) n a un haume qui rajeunit; une äame agce qui s^en frotta plus qu'il 
ne falloit, fut reduite ä Vetat (Tembryon. {Le Memorial d^un Mondain par Mr. 
le Comte Max. Laraberg, Cap Gorse 1774, p. 80.) Dies Citat giebt Möhsen 
a. Th. I, S. 107, Anmerk. a. 0., S. 22. Der Verfasser dieses Memorial, Graf 
Maximilian Lamberg — geboren zn Brunn 1730, Oesterreichischer Kammer- 
herr und Württembergischer Geheimerath, gestorben in Brunn 1792 — besafs 
nach einem in der Allgemeinen Literaturzeitung 1793, Intelligenzblatt Nr. 25 
über ihn veröffentlichten Aufsatz die mannigfachsten Kenntnisse, besonders in 
der Mathematik, Physik und Naturgeschichte; vgl. C. v. Heister's S. 258 im 
L Theil angeführte Schrift S. 870. Hierdurch wurde es mir doch sehr fraglich, 
ob Graf Lamberg das von ihm Gesagte ernstlich gemeint habe. Ich habe mir 
das Notizenbuch eines Weltkinds verschafft: recht interessante Erinnerungen und 
Bemerkungen, niedergeschrieben auf einer Reise in Italien; der Verfasser, welcher 
einen lesenswcrthen Bericht über sein Zusammensein mit Saint-Germain in 
Venedig giebt, äufsert da mit feinem Si)ott auch das Angegebene. 

**) Als Saint-Germain in Dresden war, wurde sein Kutscher gefragt, ob 
der Erstere wohl wirklich vierhundert Jahi*e alt sei; der Kutscher antwortete, 
er wisse Das nicht genau, aber in den hundert und dreifsig Jahren, die er bei 
seinem Herrn in Diensten stehe, habe Dieser immer so ausgesehen wie jetzt. 
(Möhsen a. e. a. 0., S. 23.) 



Cagliostro. 2 1 

Ihm stellt sich als gleichfalls hervorragend Derjenige an die Seite, 
welcher unter dem Namen des Grafen Alessandro Cagliostro am 
Bekanntesten geworden ist, eigentlich Giuseppe Balsamo hiefs, 
übrigens auch noch anderer Namen sich bediente, zu Palermo 1743 
geboren schon frühe die Kunst, Menschen zu täuschen, sich zu eigen 
machte, in Arabien seine Jugendjahre verlebt, da und anf Reisen 
nach Aegypten, Syrien, der Türkei und Griechenland sich hervor- 
ragendes Geheimwissen erworben haben wollte, von 1770 an in ver- 
schiedenen Städten Italiens, Spaniens, Portugals, Englands, Frank- 
reichs, der Niederlande und Deutschlands sein Glück versuchte, auch 
eine Zusammenkunft mit dem Grafen Saint-Germain in Schleswig 
gehabt haben soll, 1779 in Mitau, Petersburg, Warschau, noch in 
demselben Jahr in Strafsburg und Paris sich zeigte, nach längerem 
Aufenthalt in Italien, England und Süd-Frankreich 1785 nach Paris 
zurückgekehrt in die Halsband- Geschichte verwickelt und eine Zeit 
lang in der Bastille gefangen, dann wieder bis 1787 in England war, 
dann an verschiedenen Orten der Schweiz, Ober- Italiens und Tyrols 
verweilte, 17S9 nach Piom ging, in welcher Stadt zu Ende dieses 
Jahres in die Engelsburg eingekerkert er 1791 von dem Tribunale 
des Santo Ufficio wegen der als freimaurerischer Ketzer begangenen 
Vergehen zum Feuertode verurtheilt aber von Papst Pius VI. zu 
lebenslänglicher Haft im Castell San -Leo unweit Urbino begnadigt 
wurde, wo er 1795 starb. Als Freimaurer, Mystiker, Geisterbeschwörer, 
Alchemist und Arzt, auch unter Mitbenutzung seiner schönen Frau 
für seine Zwecke, wufste er sich Ansehen und bedeutende Geldmittel 
zu verschaffen; in Paris vertrat er die von ihm gegründete oder 
seinem Vorgeben nach wiederhergestellte altägyptische Freimaurerei 
(deren Stifter Henoch und Elias gewesen seien) als Grofskophta 
derselben; namentlich der Kenntnifs, wie der Stein der Weisen zu 
bereiten sei, und des Besitzes einer Lebenstinctur*) und eines eben 
so unfehlbaren Schönheitsmittels rühmte er sich, und viele Gläubige 
fand er. 



*) Wie bei Saint-Germain (S. 20) hatte sich auch bei Cagliostro die 
Wirkung des das Leben verlängernden Präparates namentlich an ihm selbst und 
den ihm Nächststeheuden bewährt. Der Cardinal von Rohan, welcher freund- 
schaftliche Beziehungen zu Cagliostro in Strafsburg angeknüpft hatte und in 
Paris fortbestehen liefs, wufste, dafs Dieser 300 Jahre alt sei. In Strafsburg 



22 Ausbildung des Ordens der Gold- uud Rosenkreuzer. 

Dafs in den Hochgraden der Gold- und Rosenkreuzer höheres 
Wissen zu erlangen sei, wurde zunächst den noch in niederen Graden 
des Freimaurer-Bundes stehenden Mitgliedern des letzteren bekannt, 
bald aber auch weiteren Kreisen durch Druckschriften, welche etwas 
zurückhaltender oder auch sehr deutlich darauf hinwiesen. Wenig ver- 
breitet scheint eine unter dem Titel Tabula pro concorclantia Fratrum 
Boseae et aureae Crucis in Deutscher Sprache verfafste Schrift ge- 
wesen zu sein, welche als 1763 erschienen erwähnt wird; gröfsere 
Verbreitung fanden von 1777 an pseudonym oder anonym veröffent- 
lichte Schriften: C. H. L. v. Plumenoek's geoffenbarter Einflufs der 
ächten Freimaurerei*), der Compafs der Weisen**), (zu Amsterdam 
1779 herausgekommene) Freymäurerische Versammlungsreden der Gold- 
und Rosenkreutzer***), und dann noch viele andere. Auch in Nachbar- 
ländern Deutschlands drang das Rosenkreuzerthum in die Freimaurerei 
ein, aber in keinem dieser Länder wurde so wie in Deutschland rosen- 
kreuzerische Freimaurerei auf offenem Büchermarkte ausgeboten und 
dadurch zur Betheiliguug an derselben angelockt. 



hatte Cagliostro durch seinen Kammerdiener verbreiten lassen, er sei min- 
destens 150 Jahre alt und der Diener einige* siebzig. Seine Frau, welche wie 
eine Zwanzigjährige aussah, wollte 70 Jahre alt sein und einen 40jährigen Sohn 
haben, welcher Capitän eines Holländischen Schiffes sei. Solche, die Das ver- 
tragen konnten, liefs man aber auch wissen, Cagliostro sei schon zur Zeit 
der Hochzeit von Kana am Leben gewesen und habe dort mit eigenen Augen 
die Verwandlung des Wassers in Wein mitangesehen. — Diese Angaben ent- 
nehme ich Eugen Sierke's interessantem Buch „Schwärmer und Schwindler 
zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts" (Leipzig 1874) S. 425 f. Die da (S. 333 
bis 462) gegebene Schilderung Cagliostro's ist eine sorgfältigste, möglichst 
auf die Quellen zurückgehend und auch schwer zugängliche benutzend; einige 
sonst sich findende und glaubwürdig erscheinende Angaben übergeht sie aller- 
dings mit Stillschweigen ohne sie zu widerlegen. Über das Ende Cagliostro's 
ist in neuerer Zeit genauere Auskunft gegeben worden; vgl. Beilage zur Allge- 
meinen Zeitung Nr. 131 vom 11. Mai 1883. — Bezüglich belletristischer Be- 
handlung Cagliostro's vgl. die Anmerkung VH am Ende dieses Theils. 
*) Vgl. Anmerkung IV am Ende dieses Theils. 
'**) Vgl. Anmerkung V daselbst. 
***) Darüber, wer diese einflufsreichen „Versammlungsreden" geschrieben 
habe, schweigen die meisten der über die Bibliographie der Rosenkreuzerei Aus- 
kunft gebenden Bücher. J. G. Findel's Geschichte der Freimaurerei, S. 399 
d. 4. Auflage, nennt' Hans Ileinr. von Ecker und Eckhoffen (vgl. d. An- 
merkung IV am Ende dieses Theils) als den Verfasser dieser Schrift. 



Ausbildung des Ordens der Gold- u. Rosenkreuzer. 23 

Durch diese Lockung, mehr aber wohl noch durch die im Ver- 
borgenen betriebenen Agitationen Solcher, welche daraus für sich Vor- 
theile zu ziehen gedachten, drang die Betheiligung an dem Streben, 
zu der Kenntnifs in Aussicht gestellten Geheimwissens zu gelangen, 
in die verschiedensten Schichten der s. g. gebildeten Klassen ein. 
War doch — wie bereits S. 13 erinnert wurde — Mannigfaltigstes als 
Das, was man auf diesem Weg erreichen könne, als Köder hingestellt: 
innere Befriedigung durch höhere Erkenntnifs und Erhebung zu Gott, 
eine gewisse Gewalt über die Geisterwelt, Eindringen in die ver- 
stecktesten Theile der Naturlehre, Ehre, Reichthum, Gesundheit und 
langes Leben; dem Einen wurde die Hoffnung erregt Eines, einem 
Anderen ein anderes von diesen Zielen zu erreichen. Wenigstens 
weitaus das gröfste Contingent zu der Zahl Derer, die in den höheren 
Graden der rosenkreuzerischen Orden ihnen zusagende Belehrung zu 
finden erwarteten, stellten die Freimaurer. An vielen Orten wurde 
den in die eigentliche Freimaurerei Eingeweihten es nahe gelegt, dafs 
über das in den s. g. symbolischen. Englischen oder blauen Graden 
derselben zu ihrer Kenntnifs kommende hinausgehendes Wissen in 
den höheren: den s. g. rotlien Graden zu erwerben sei, mit so viel 
Erfolg, dafs Wissensdrang oder auch weniger edle Motive die Zu- 
lassung zu diesen Graden wünschenswerth sein liefsen. An manchen 
Orten schlofs sich an einen Verein, in welchem nach der Ansicht der 
Neuaufgenommenen die Maurerei nur in der ursprünglichen Richtung 
derselben gepflegt wurde, wie eine Selecta eine Anzahl wirklich re- 
präsentirter oder vorgespiegelter höherer Grade &n, in welchen es sich 
nicht mehr um Das handelte, was die Freimaurer wollten, sondern 
um Das, was die Rosenkreuzer suchten. Auch Das kam vor, dafs in 
einem reinen Freimaurer -Verein, der sich von Alchemie und Ver- 
wandtem fern hielt*). Einige waren, die gleichzeitig einem aufser Ver- 
bindung mit diesem an demselben Ort bestehenden rosenkreuzerischen 
Verein angehörten und für den letzteren unter ihren Brüdern im 
ersteren warben. Für jeden erst einmal in den Freimaurer-Bund Ein- 
getretenen war damals, namentlich wenn er in angesehenen oder 
pecuniär günstigen Verhältnissen war oder sonst brauchbar zu sein 

*) So wie es vor dem Eindringen der Rosenkreuzerei in die Freimaurerei 
allgemein in den Logen der letztei'en und auch nachher noch in einem Theile 
derselben der Fall war. Der Gesinnung, die da herrschte, gab der jetzt noch 



24 Treiben des Gold- u. Rosenkreuzer-Ordens. 

schien, die Gefahr eine grofse, dafür gewonnen zu werden, dafs er 
aus den blauen Graden in die rothen, aus einer Freimaurer-Loge in 
einen Rosenkreuzer-Zirkel übergehe, und von der harmlosen Beschäf- 
tigung mit Freimaurerei, an welcher sich zu betheiligen er zuerst 
gedacht hatte, in die aufreibende, stets unterhaltene und nie be- 
friedigte Erwartung der Einweihung in höheres Wissen und oft zu 
moralischem und materiellem Ruin zu kommen. Geradezu wurde 
es von Solchen, welche als Vertreter der höheren Grade das Wort 
führten, ausgesprochen, dafs die Freimaurerei nur eine Vorschule für 
das erhabenere Wissen sei, zu welchem die dort tauglich und würdig 
Befundenen zugelassen werden, und dafs, dafür zu dienen, die ge- 
wöhnliche Freimaurerei eingerichtet worden sei. So in dem Compafs 
der Weisen (1779): „In dem vierten, fünften und sechsten Jahrhundert 
ist unsere Verbindung durch sieben weise Meister reformirt und end- 
lich in gegenwärtige Verfassung gebracht worden. Damit aber die 
Obern ihre Absichten besser verbergen und die Wifsbegierde der 
Menschen besser erfahren könnten, haben sie die drei untersten Klassen 
der sogenannten Freimaurerei, als eine Pflanzschule zu höhern Wissen- 



ais Fabeldichter bekannte Magnus Gottfr. Liclitwer (1719—1783) Ausdruck 
in der Erzählung 

Der Weise und der Alcliymist. 

Gesund und fröhlich,' ohne Geld 

Lebt einst ein Weiser in der Welt. 

Ein Fremder kam zu ihm und sprach: „Auf meinen Reisen 

Hört ich von deiner Redlichkeit; 

Du bist ein Phönix unsrer Zeit. 

Nichts fehlt dir als der Stein der Weisen. 

Ich bin der Trismegist*), vor dem sich die Natur 

Stets ohne Schleier zeigt; ich habe den Merkur, 

Dadurch wir schlechtes Blei in feines Gold verkehren — 

Und diese Kunst -will ich dir lehren". 

„0 dreimal gröl'ster Trismegist! — 

Versetzt der Philosoph — du magst nur weiter reisen! 

Der ist ein Weiser nicht, dem Gold so schätzbar ist. 

Vergnügt sein ohne Gold, das ist der Stein der Weisen". 

Licht wer war 1742 in der Loge Minerva zu den drei Palmen zu Leipzig 

in den Froiiiiaurcr-Bund aufgenommen worden (Allgem. Handl). d. Freimaurerei, 

II. Bd., Leipzig 1865, S. 200). — So weise konnte Einer freilich namentlich so 

lange gut denken, als der Versucher noch nicht an ihn selbst herangetreten war. 



») Vgl. S. 4 im I. Theil. 



Treiben des Gold- u. Rosenkreuzer-Ordens. 25 

Schäften, unter gewissen parabolischen Auszierungen errichtet; und 
obwol selbige durch die Länge der Zeit mit vielen eitlen und unnützen 
Nebendingen ganz profanirt und fast unkennbar geworden: so müssen 
dennoch, von brüderlichen Rechtswegen, die tauglichsten Subjecte aus 
ihrer Mitte geholt werden; und es kann kein anderer, denn ein 
Meister vom Scheine des Lichts, den Grad des Juniorats der Rosen- 
kreuzer erlangen" (als Meister vom Scheine des Lichts war Einer 
bezeichnet, der in der gewöhnlichen Freimaurerei zu dem Meistergrad 
gelangt war). In gleichem Sinne sagte Heliconus (Das war ein 
Bundesname WöUner's) in seiner Vorrede zu Chrysophiron's (auch 
diesen Bundesnamen hatte aufser noch anderen Wöllner, in je einer 
anderen Charge des Ordens) Schrift: „Die Pflichten der Gold- und 
Rosenkreuzer alten Systems in Juniorats- Versammlungen abgehandelt" 
(welche Schrift 17S2 zu Berlin herauskam): „Jeder echte Rosenkreuzer 
weifs es, dafs die Freimaurerei zu dem Ende von unseren höchsten 
Ordensobern erfunden ist, dafs sie die Pflanzschule abgeben soll, in 
welcher Menschen vorbereitet und zugezogen werden, um von dort 
aus in den wahren hohen Orden zu gelangen. Die Freimaurerei ist 
der Vorhof des Tempels, dessen verborgener Eingang nur den wür- 
digen Freimaurern entdeckt und geöffnet wird". Und Aehnliches war 
noch in anderen, als von berufenster Seite ausgehend betrachteten 
Schriften der damaligen Zeit zu lesen. — Nicht zu verwundern ist 
sich darüber, dafs bei diesem Stande der Dinge Freimaurerei und 
Rosenkreuzerei Vielen — auch Solchen, die im Anfang nur der ersteren 
ergeben und niichher in die letztere gekommen waren oder neben 
der ersteren auch die letztere betrieben — gleichsam in einander 
flössen und über die eine von beiden gefällte Urtheile wie für die 
andere geltend ausgesprochen wurden. 

Bis in vornehme, bis in höchste Ivreise fand das Blendwerk der 
Rosenkreuzerei Vertreter und Gläubige, namentlich in grofsen Städten 
einen für seine Aufnahme und zeitweise erfolgreiche Vorführung 
günstigen Boden. Weniger in Wien, wo zwar wie auch sonst noch 
in Oesterreich bis um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts selbst 
Solche, die den höheren Ständen angehörten, sich mit verschiedenen 
Arten des Geheimwissens: aufser mit Alchemie auch mit Kabbala 
und selbst noch Schlimmerem beschäftigten*); in dem Anfang des 

*) Vgl. die Anmerkung VI am Ende dieses Theils. 



26 Treiben des Gold- u. Rosenkreuzer-Ordens. 

letzten Viertels dieses Jahrhunderts scheint da das Interesse für 
andere mysteriöse Wirkungen von Naturkräften, namentlich die des 
thierischen Magnetismus vorgeherrscht zu haben. Aber besonders in 
Berlin ging bald die Rosenkreuzerei hoch hinauf und weit; mit 
gröfserer Klugheit wurde da auch gepflegt, was vorher in plumperer 
Weise in Leipzig getrieben worden war. 

Joh. Georg Schrepfer aus Nürnberg, welcher 1768 ein Kaffee- 
haus in Leipzig eröffnet hatte, trat da 1772 als Repräsentant der 
ächten Gold- und Rosenkreuzer auf und legitimirte sich vor würdigen 
Wifsbegierigen namentlich durch Geisterbeschwörungen. Seine ziemlich 
dunklen Beziehungen zu der Freimaurerei und Streitigkeiten mit da- 
mals bestehenden Logen kommen uns nicht weiter in Betracht; auch 
bezüghch seiner Gaukeleien ist hier nur zu sagen, dafs er vor seinem 
1774 durch Selbstmord erfolgten Tode seine Apparate, um Geister 
erscheinen zu lassen, und eine Tinctur, welche Jugendlichkeit und 
die Kraft erhalten sollte, an einen eifrigsten Schüler vermachte. 
Dieser war Joh. Rud. von Bischoffswerder (geboren 1741 in 
Thüringen, gestorben 1803 in der Nähe von Berlin), ein begeisterter 
Anhänger der Freimaurerei (dem v. Hund'schen System, vgl. S. 17, war 
er unter dem Namen Eques agryplio 1764 beigetreten), in deren höheren 
Graden er auch Aufschlüsse über die Geheimnisse der Alchemie und 
der Magie zu erhalten hoffte; ein Mann, der im Preufsischen Militär- 
und diplomatischen Dienst hoch gestiegen ist. Durch Bischoffs- 
werder wurde, wohl von 1773 an, ein noch einflufsreicherer, vorher 
schon in der Freimaurerei (im v. Hund'schen System von 1768 
an unter dem Namen Eciues a cubo) thätig gewesener Mann für die 
rosenkreuzerischen Bestrebungen gewonnen: Joh. Christoph Wöllner 
(geboren 1732 zu Döberitz bei Spandau), welcher zuerst Theologe, 
dann 'der Landwirthschaft zugewendet 1770 zum Kammerrath des 
Prinzen Heinrich von Preufsen ernannt worden war und von dieser 
Zeit an in Berlin wohnte. Etwa von der Mitte der 1770er Jahre 
an wirkte Wöllner — bald von Bischoffswerder unterstützt, 
welcher 1779 Berlin zum Aufenthaltsort nahm — dafür, die Rosen- 
kreuzerei in die Freimaurerei eindringen zu lassen, die letztere der 
ersteren in der von ihm gewollten Weise dienstbar zu machen; durch 
die von ihnen angeknüpften Verbindungen förderten die Rosenkreuzer 
in Berlin auch die Bildung rosenkreuzerischer Vereine in ihrem 



Treiben des Gold- und Rosenkreuzer-Ordens. 27 

Sinne in mehreren anderen Städten. Wöllner leitete unter ver- 
schiedenen Ordensnamen (Heliconus, Ophiron, Chrysophiron u. a.) 
das Ganze und speciell was in Berlin unternommen wurde; Bischoffs- 
werder's (im Orden Farferus'j besonderer Fürsorge war zeitweise 
die Direction des Zirkels zu Potsdam überwiesen. Viele einflufsreiche 
Männer, den vornehmen Kreisen Preuisens Zugehörige wurden in 
diese Richtung hineingezogen, von fürstlichen Personen u. A. der 
Prinz Friedrich August von Braunschweig und selbst der damalige 
Prinz von Preufsen: der nachherige König Friedrich Wilhelm II. 
Des Letzteren Günstling war Bischoffswerder, sein vertrauter Rath- 
geber wurde bald Wöllner, welcher 1786 nach der Thronbesteigung 
des Prinzen geadelt und zum Geheimen Oberfinanzrath, 1788 zum 
Justizminister ernannt und mit der Leitung der geistlichen Angelegen- 
heiten betraut wurde (nach dem 1797 erfolgten Tode des Königs, 
1798 nahm er seine Entlassung; er starb 1800 auf seinem Gute bei 
Beeskow in der Provinz Brandenburg). Friedrich Wilhelm II. 
war 1781 unter dem Bundesnamen Ormesus in den Rosenkreuzer- 
Orden aufgenommen (den damals mit dem Berliner Verein in Ver- 
bindung stehenden Rosenkreuzer-Zirkeln wurde anläfslich dieses Er- 
eignisses aufgetragen, für einen in den Orden getretenen Bruder, 
Namens Ormesus, zu beten, welcher dereinst für die Verbreitung 
des Reichs Christi und des Ordens viel beitragen könne). Dass 
Dies geschah, ist sicher; dafs nicht blofs der gläubige Sinn des Prinzen 
dazu benutzt worden sei, Diesen zu fesseln, sondern dafs der Orden 
seinem vornehmsten Mitglied auch die Mittel zu Reichthum und 
langem Leben versprochen habe, ist wahrscheinlich. Aber erzählt 
wird (so von J. G. Findel S. 390 f. d. 4. Aufl. seiner Geschichte der 
Freimaurerei, Leipzig 1878), dafs zur Einwirkung auf den Prinzen auch 
die Geisterbeschwörung zu Anwendung gekommen sei: dafs namentlich 
man ihm in Charlottenburg mittelst des Seh repf er 'sehen Apparates 
den Geist des Grofsen Kurfürsten habe erscheinen lassen und ihm 
dann noch in der Nacht in der Loge in Potsdam das Versprechen 
abgenommen habe, die Beziehungen zu seiner Maitresse, der nach- 
herigen Gräfin Lichtenau abzubrechen*). 



*) „Das Geistercitiren wurde in der Loge" (zu Potsdam oder Berlin?] ,,und 
einem andern dazu eingerichteten Gebäude noch foi'tgetrieben. nachdem das Gold- 
machen längst als nutzlos aufgegeben war", sagt Findel a. o. a. 0. S. 398. Dar- 



28 Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 

Die Einwirkung, welche die Rosenkreuzer auf das Staatsleben 
Preufsens ausgeübt haben, ist Gegenstand ernster historischer For- 
schung geworden*); den Einflufs, welchen ihr Treiben auf gesell- 
schaftliche Zustände und die Schicksale einzelner Personen ausgeübt 
hat oder habe, zu schildern, ist in verschiedenen mehr der Unter- 
haltungs-Literatur zugehörigen Schriften versucht worden**). Hier 
ist nur über Solches zu berichten, was zu der Alchemie in näherer 
Beziehung steht. 

Zu dem, was in den Rosenkreuzer-Zirkeln, so wie diese bald nach 
dem Anfang des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts bestanden, 
getrieben wurde oder werden sollte, gehörte auch die Alchemie; vor- 
gespiegelt wurde, dafs in den höheren Graden des Ordens das Ge- 
heimnifs der Alchemie: die Darstellung des Steins der Weisen be- 
kannt sei und dals dasselbe den bis in diese Grade Gelangenden 
mitgetheilt werde. Oeffentlich geschah Dies in zuverlässig von Solchen, 
die als in den Orden eingeweiht wenn nicht als Führer in demselben 
zu betrachten sind, verfafsten Schriften von 1779 an***); wie es ge- 
schah, ist doch wenigstens an einigen Beispielen zu verdeutlichen. 



über, dafs auch in Wöllner's Behausung in Berlin das Nöthige dafür ein- 
gerichtet war, Geister erscheinen zu lassen, berichtet M. Philippson in seiner 
Geschichte des Preufsischen Staatswesens vom Tode Friedrich des Grofsen bis 
zu den Freiheitskriegen, I. Bd., Leipzig 1880, S. 183. — Gegen die Zeit hin, 
wo das oben Berichtete spielte, war übrigens auch in anderen Verbindungen, in 
welchen geheimes Wissen gelehrt werden sollte, nicht verschmäht, durch Geister- 
citiren auf Gläubige einzuwirken. So z. B. bei den uns bald noch einmal vor- 
kommenden Clerikern der Tempelherrn. Der Herausgeber von Schriftstücken, 
die auf diesen Geheimbund Bezug haben, aus Wöllner's Nachlafs in dem 
I. Theil des noch mehrfach zu citirenden „Signatsterns" sagt da, wo den siebenten 
Grad des Ordens Betreffendes mitgetheilt wird (S. 213 der Ausgabe von 1803): 
„Was die Geisterseherei in diesem Grad betrifft, so kann ich unmöglich hier 
Alles abdrucken lassen, jedoch diesen Aufschlufs gebe ich: Durch Erhitzung der 
Ein]»ildungskraft und optische Instrumente zeigen Manche wirkliche Geister". 
Einige hül)sche Erzählungen von Geistererscheinungen, welche in diesem Orden 
aufgeführt wurden, finden sich aus gleicher Quelle in dem II. Theile desselben 
Buches (S. 135 ff. u. 149 ff.) mitgetheilt. 

*) Namentlich in Philippson's vorerwähntem Buch, Bd. I, S. 83 ff". 
**) Vgl. Anmerkung VII am Ende dieses Theiles. 
***) Schon vorher, aber in einer Zeit in welcher die s. g. neueren oder Gold- und 
Rosenkreuzcr sich zu verbreiten begannen, ist die Alchemie unter dem in den 
Hochgraden verwandter freimaurerischcr Systeme angeblich zu Lernenden. So 



Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 29 

In den bereits S. 22 erwähnten zu Amsterdam 1779 herausge- 
kommenen Freymäurerischen Versammlungsreden der Gold- und Rosen- 
kreutzer wurde (S. 11 fif. u. 197 ff. z. B.) den nach dem bei den 
Letzteren zu erfahrenden Geheimwissen Begierigen die Alchemie als 
ein wesentlicher Theil desselben hingestellt und zur Beschäftigung mit 
dieser Kunst wurde unter Hinweisung auf die Vortheile angereizt, 
welche dem Streben nach höherer Erkenntnifs in reiner Gesinnung 
unternommene Hermetische Arbeiten gewähren. — In den rosen- 
kreuzerischen Anmerkungen zu dem Compals der Weisen, mit welcher 
diese wohl geraume Zeit vorher in Wien verfafste ganz alchemistische 
Schrift, zuerst 1779, herausgegeben wurde (vgl. Anmerkung V am Ende 
dieses Theils), ist u. A. bei der Vertheidigung der Rosenkreuzer gegen 
die Feinde derselben (S. 139 ff. d. 2. Ausg.) gesagt, mit Unrecht glauben 
die meisten Profanen, dals jeder Rosenkreuzer ein Adept sei. „Denn, 
ob es wohl unstreitig ist, dafs alle Adepten, welche von Anbeginn 
gewesen, noch sind, und bis ans Ende der Welt seyn w^erden, zu 
dieser geheiligten Verbrüderung gehören, so folgt doch keinesweges, 
dafs alle Rosenkreuzer Adepten seyn. — — Zudem ist die Absicht 
unserer unschuldigen Gesellschaft keineswegs das Goldmachen: denn 
man wird in keiner einzigen Verbrüderungsschrift — — eine einzige 
Stelle finden, worinne den eintretenden Lehrlingen versprochen werde, 
dafs man ihnen lehren wolle, Gold zu machen. Vielmehr benimmt 
man ihnen diesen Wahn, wofern sie etwa damit angesteckt seyn sollten, 
gleich auf der ersten Stufe des Tempels der Weisheit; man schärffet 
ihnen dagegen ernstlich ein, dafs sie zuförderst das Reich Gottes 
und seine Gerechtigkeit suchen müfsten. Der Endzweck unserer Gott 
gefälligen Unternehmungen sey kein anderer, als Kunst, Weisheit 
und Tugend zu erlangen, Gott zu gefallen, und dem Nächsten zu 



z. B. findet sich in (des Baron Theod. Henri de Tschoudy, der sein eigenes 
System Schottischer Maurerei hatte) L'Etoile flamhoyante — welches Buch 1766 
zu Frankfurt erschien, 1799 und dann noch wiederholt im Deutschen als „Der 
flammende Stern" ausgegeben wurde; in der Stuttgarter Ausgabe der Übersetzung 
von 1866 Bd. II, S. 174 ff. — ein ganz alchemistisch gehaltener „Catechismus, 
oder Unterricht für den Adeptengrad, oder den Lehrling der erhabenen und un- 
bekannten Philosophen", für welchen, auch nach den da zur Unterrichtung em- 
pfohlenen Schriften, kaum anzunehmen ist, dafs alle die alchemistischen Bezeich- 
nungen und Erörterungen nur symbolisch zu verstehen seien. Ygl. auch die 
Anmerkung S. 34 ff. 



30 Alchemie bei den Gold- ü. Rosenkreuzern. 

dienen. Der Weg, zu oben angezeigter lobenswürdiger Vollkommenheit 
zu gelangen, bestehe hauptsächlich darinne, dafs sie alle ihre Be- 
mühungen lediglich und allein zur Ehre des lobenswürdigen Schöpfers 
der schönen Natur, und zur nähern Erkänntnis desselben aus den 
Werken der Schöpfung ableiten müfsten. Dieses würden sie durch 
gründliche Erlernung der wahren, auf unsere unfehlbare Grundsätze 

gebauten Naturlehre erhalten, und dadurch grofse Einsichten in 

die ächte Scheidekunst — — . Es sey daher, und durch treuen 
Unterricht unserer Weisenmeister, weit leichter, als einem, auch dem 
unvergleichlichsten profanen Gelehrten, durch Gottes Gnade und 
unsere brüderliche Belehrung, auch in der Verwandlungskunst der 
Metallen unterweilen die herrlichsten Wahrheiten zu entdecken; in- 
dessen werden diese Entdeckungen bey uns für nichts anders, als 
Nebensachen und unverdiente Gnadengeschenke des freygebigen höchsten 
Wesens angesehen, und den Besitzern derselben unter den höchsten 
Strafen und Ankündigung des göttlichen Fluches, eingeschärfet, nie- 
mals den geringsten schädlichen Mifsbrauch davon zu machen, sondern 
das gröfste Theil desselben zur Ehre Gottes, Vortheil des Publikums, 
und zu Hülfe des armen nothleidenden Nächsten zu verwenden '^ 

Aehnliche Vorspiegelungen enthalten Schriften der angegebenen 
Art aus den folgenden Jahren. Von berufenster Seite (vgl, S. 35 f.) 
stammen die rosenkreuzerischen Anmerkungen, mit welchen die zuerst 
1723 veröffentlichte Aurea cate/im Homeri 1781 unter dem Titel 
Ämnüns Platonis noch einmal herausgegeben wurde, und die Ver- 
fasser dieser den Inhalt jenes Buches stärker ins Alchemistische 
ziehenden Anmerkungen: die Repräsentanten des Ordens wollen auch 
in Beziehung auf Alchemie mit dem Geheimsten bekannt sein. Sie 
wissen nicht nur (S, 35) bestimmt, dafs, wo in jenem Buch von 
den in der Welt so lange vor sich gehenden Veränderungen aller 
Dinge gesprochen wird, bis Gott den Klumpen der grofsen Welt in 
einen Stein zusammenschmelze, was der Verfasser hier Stein nenne, 
nichts Anderes sei, als jene neue wiedergeborene tincturalische Erde, 
welche der Evangelist Johannes im 21. Capitel seiner Offenbarung 
unter dem Bild einer Stadt uns so prächtig beschreibe. Sondern sie 
kennen auch den Stein der Weisen: die philosophische Tinctur in 
allen Graden der Vollkommenheit derselben: als universalste, als 
universale und als particulare; öffentlich dürfen sie sich natürlich 



Alcliemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 31 

Über die Darstellung derselben nur etwas unverständlich äufsern, so 
wie S. 296 f., wo es heifst (si. ist das Zeichen für Spiritus, $ f. 
Mercurius, /\ f. Feuer, ^ f. Sulphur, f. Salz): „Die Tinctura 
universalissima wird aus einem astralischen Suhjecto, worinn der 
Si. mundi als $, das himmlische l\ als ^ und das humidum 
astrale als zusammen gehäufet ist, vermittelst der reinen Prim- 
ordialvollkommenheit durch eine zweite Scheidung von dem Künstler 
gemacht, die Materie aber astralis oder universalissima genannt. 
Hingegen die Materie zur Universaltinktur hat zwar nnt der Materia 
miiversalissima astrali einen gleichwesentlichen Ursprung oder An- 
fang, ist aber nach Aushauchung des reinesten Lichts, durch das /\ 
der Natur, d. i. einen specificirten ^, zu einer determinirten Wesen- 
heit gekommen. Solche kann ein geübter in unsern Schulen unter- 
richteter Artist von ihrem Fluche reinigen, und zur Übervollkommenheit 
in dem vom Schöpfer specificirten Reiche bringen" u. s. w. — Eben 
so spielt die Alchemie eine wichtige Rolle in Dem, was eine als 
Indiscretion, zuerst 1785 (zu Regensburg) veröffentlichte Schrift ent- 
hält, als deren Herausgeber Graf von Lehrbach in München ge- 
nannt wird: „Die theoretischen Brüder oder zweite Stuffe der 
Rosenkreutzer und ihrer Instruktion, das erstemahl ans Licht heraus- 
gegeben von einem Profanen, nebst einem Anhang aus dem dritten 
und fünften Grad, als Probe; Athen 1785". Wie da (S. 65 der Aus- 
gabe von 1789) in dem Ritual der Aufnahme eines Schottischen Alt- 
meisters in den zweiten Grad des Rosenkreuzer-Bundes Symbole der 
Freimaurerei alchemistisch gedeutet werden, weist darauf schon hin, 
aber stärker noch tritt es (S. 98 ff.) in Dem ^hervor, was den „Theo- 
risten" in dem Unterricht Derselben eingeprägt werden soll: einer 
an den Lehren des Paracelsus und seiner Anhänger festhaltenden 
Chemie mit zugefügten Belehrungen über den Samen der Dinge 
(S. 146 ff.) und über die Gebärung der Metalle (S. 169 ff.), welche 
ganz im Geschmack des uns noch vorkommenden J. G. Jugel ge- 
halten sind. Für die in solcher Weise im zweiten Grade Vorgebildeten 
war dann (S. 221 ff'.) bestimmt eine „Verbesserte Specialinstruktion über 
die Operationes vom dritten Grad oder der Practica", in welcher die 
praktischen Arbeiten eingehend wenn auch unverständlich vorgeschrieben 
sind, die auszuführen seien, um den Stein der Weisen zu erhalten. 
Es waren auch noch gegeben ,Jnstri(ctioues experimentales oder 



32 Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 

Noth wendige Vorbereitungsprocesse zum Philosophischen Werk, wie aus 
dem mineraUsch-, vegetabilisch- und animalischen Reich die Radical- 
auch Universalmenstrua und Resolventia bereitet werden müssen" 
(S. 251 ff.), und (S. 258 ff., gleichfalls in Deutscher Sprache) In- 
structio mysterii magni, hoc est: lapidis mineralis praeparatio in via 
sicca; ex plnlosophica disciplina cum concordia Fratrum Eoseae 
Aureae Crucis. Für die in den fünften Grad Vorgerückten war 
(S. 267 ff.) eine Französisch geschriebene, De la dissolution de Vor 
handelnde Anweisung bestimmt, nach welcher arbeitend man schliel's- 
lich die Tinctur erhalte, die auf unedles Metall einwirkend dasselbe 
zu Gold umwandle. 

Unglaubwürdig erscheint hiernach nicht, was sich in noch 
anderen Schriften der damaligen Zeit findet, welche über die Ein- 
richtung des Rosenkreuzer-Bundes, über die Aufnahme von Mitgliedern 
in ihn und darüber, mit was die in den Orden Eingetretenen be- 
schäftigt wurden, Auskunft zu geben beanspruchten. So z. B., was 
auch der 1788 veröffentlichte „Eingang zur ersten Classe des preis- 
würdigsten Ordens vom goldenen Rosenkreuz" in der Beziehung er- 
sehen läfst, dafs die Chemie als etwas in dem Bund zu Treibendes und 
für ihn zu Brauchendes hingestellt war, und was da darüber angegeben 
ist, wie die Anfänger im Bund mit dem Studium der gemeinen Chemie 
beginnen sollen, um dann in den höheren Graden vorzuschreiten zu der 
Beschäftigung mit Dem, was die eigentliche Aufgabe der Chemie des 
Ordens sei und von der gemeinen Chemie nie geleistet werden könne. — 
Unglaubwürdig erscheint auch nicht, dal's in dem Bund den Candidaten 
für die höheren Grade desselben gegenüber mit sicherer Kenntnifs 
der Darstellung des Steins der Weisen so frech geprahlt worden sei, 
wie es ein 1790 veröffentlichtes Schriftstück: ,,Die wahrhafte und 
vollkommene Bereitung des Philosophischen Steins, der Brüderschaft 
aus dem Orden des Gülden- und Rosen-Creutzes. Darinne die Materie 
zu diesem Geheimnils mit seinem Namen genennet, auch die Be- 
reitung vom Anfang bis zu Ende mit allen Handgriffen gezeiget ist. 
Dabey angehänget die Gesetze oder Regeln, welche die gedachte 
Brüderschaft unter sich hält, denen Filiis Doctrinae zum Besten 
publiciret von S. R." anzeigt (im IV. Theil des Hermetischen Mu- 
seums, Leipzig 5700, S. 1 ff.; der Herausgeber des Schriftstücks 
glaubte in der Vorrede zu ihm angeben zu sollen, in demselben sei 



Alcliemie bei den Gold- n. Eosenkreuzeru. 33 

„die wahrhafte Praxis der Brüderschaft des Rosen-Creutzes, zugleich 
deren Ordnung, nebst denen zwey Orten, wo sie stets zusammen ge- 
kommen, benennet, welche sie aber jetzo verändert, weil keiner mehr 
von denselben in Europa, sondern vor etlichen Jahren alle nach Indien 
gegangen, um daselbst in besserer Ruhe zu leben"). Zu der Dar- 
stellung des Steins der Weisen soll — wie es scheint — als llateria 
remota (d. i. prima) Gewitter-Regenwasser in Anwendung kommen, 
eine für diesen Zweck damals noch oft empfohlene Substanz; auf die 
für die Arbeit da gegebenen Vorschriften und die dazu dargelegten 
Betrachtungen ist wiederum hier nicht weiter einzugehen. Aber 
darüber sind doch ein paar Worte su sagen, was die am Schlufs 
stehende ,,Capitiäaüo: Gesetz oder Regel, welche die Brüderschaft 
des goldnen Kreutzes observiren müssen, nachdem sie die Profession 
gethan haben, wie solches bey uns noch heut zu Tage üblich ist" 
enthält, sofern dieses Gesetz, theilweise an schon vorher Bekanntes 
anknüpfend, eine Reihe besonderer Bestimmungen hat, welche voraus- 
setzen lassen mufsten, dais die Bereitung des Steins der Weisen 
etwas Wohlbekanntes sei. So z. B. die folgenden : „Man beliehlt ex- 
presse, dafs nachdem ein Bruder in unsern Häusern ist acceptiret 
worden, der Eid abgeleget, und denn mit dem Lcqnde abgefertigt 
worden (dann man ihn allezeit so viel giebt, dafs er 60 Jahr reich- 
lich davon leben kann), dal's er alsobald anfange zu arbeiten" u. s. w. 
Es wird den Brüdern verboten. Etwas über das Geheimnifs drucken 
zu lassen; wenn sie über letzteres reden wollen, soll es an einem 
wohl verwahrten Ort sein. Es wird erlaubt, dafs ein Bruder dem 
Anderen den Stein der Weisen raittheile, aber er mufs es umsonst 
thun. Der Stein darf keiner schwangeren Frau gegeben werden, da 
Dieselbe sonst gebären würde; er darf auch nicht auf der Jagd ge- 
braucht werden. Es wird verboten, vor irgend einem der Brüderschaft 
nicht Angehörigen Projection (vgl. Th. I, S. 9) zu machen; desgleichen, 
pretiöse Steine oder Perlen, so gröfser als die ordinären sind, zu 
machen. Auch soll der Stein in einem bestimmten Grad der Voll- 
kommenheit (als Heilmittel) anderen Kranken als zur Brüderschaft 
gehörigen nicht gegeben werden. 

Dafs den zu dem Eintreten in den Bund der s. g. neueren oder 
Gold- und Rosenkreuzern Verlockten wirklich Vorspiegelungen solcher 
Art, wie die in den vorstehenden Bestimmungen enthaltenen, gemacht 

Kopp, Die Alcheniie. II. 3 



34 Alchemie bei den Gold- u. Roseukreuzern. 

wurden, ist auch glaubhaft nach Dem, was über das ganze System 
der Brüderschaft eine später bekannt gewordene Übersicht desselben 
aus dem Jahre 1767 kennen gelehrt hat (Allgem. Handb. d. Frei- 
maurerei, 2. Aufl., m. Bd., S. 96; C. C. F. W. von Nettelbladt's 
Geschichte freimaurerischer Systeme, Berhn 1879, S. 524 u. 764); 
lediglich das auf Alchemie und nächstverwandtes Wissen Bezügliche 
kommt uns daraus hier in Betracht. Hiernach sollten die aus dem 
ersten Grad, dem der Juniores oder Lehrlinge, in den zweiten Grad 
vorgerückten Brüder, wie bereits angegeben, Theoretici sein, mit der 
Theorie der Alchemie und deren Charakteren vertraut gemacht 
werden; in dem dritten Grad sollten die Brüder Practici sein, aus 
der Praktik den ersten Nutzen zu schöpfen und das Chaos kennen 
lernen; im vierten Grad werde ein Bruder zum Phüosophus, kenne 
er die Natur und tingire er auf Weifs (Silber); die in den fünften 
Grad Gelangten, Minores, kennen die philosophische Sonne und ver- 
richten Wunderkuren; die in den sechsten Grad Zugelassenen werden 
da 3Iajores, haben den Lapidem miner dem und tingiren auf Roth 
(Gold); wer es bis zum siebenten Grad bringt wird Adeptus exemptus 
und ihm werden der Stein der Weisen, die Kabbala und die Magia 
naturalis bekannt; im achten Grad ist Einer llagister und im voll- 
kommenen Besitz der drei Hauptwissenschaften; wer aber den neunten 
Grad als den höchsten erreicht. Der ist Magus, ihm ist Nichts ver- 
borgen und er ist Meister über Alles wie Moses, Aaron, Hermes 
und Hiram Abif; die Zahl der in den verschiedenen Graden Ein- 
zuweihenden solle kleiner werden von neun in dem ersten bis zu Eins 
in dem neunten Grad. Und mit der weiteren Ausbreitung der 

Gold- und ßosenkreuzer und der Gewinnung gröfseren Einflusses 
wurden die Prätensionen Derselben in Beziehung darauf, wie weit 
gehend ihr Wissen und was in ihrem Orden zu lernen sei, gewifs 
nicht bescheidener sondern wo möglich noch frecher*). 

*) Ich habe in den oben gegebenen Bericht bezüglich der Beschäftigung 
der Gold- und Ilosenkreuzer mit Alchemie aus der gröfseren Zahl von Angaben, 
welche verliU'sig oder angeblich von Mitgliedern dieses Ordens verfafste Schrift- 
stücke enthalten, verhältnifsmäfsig nur wenige aufgenommen: nicht mehr als 
was mir der Aufgabe des vorliegenden Buches gemäfs zur Verdeutlichung Dessen, 
was da in jener Beziehung vorkam, nöthig erschien. Ich stehe auch davon ab, 
hier mitzutheilen, wie die Anreizung zur Beti'cibung der Alchemie bei diesen 
Rosenkreuzern den Letzteren von Gegnern Derselben damals zum Vorwurf ge- 



Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 35 

Die Gold- und Rosenkreuzer hatten nicht nur das Streben, in 
der Alchemie Etwas zu kennen und zu leisten, sondern auch ein 
Interesse daran, für wohlunterrichtet in dieser Kunst wie in anderem 
Hermetischem Wissen zu gelten. Für das Letztere benutzten sie 
aufser Behauptungen von der im Vorhergehenden verdeutlichten Art 
auch das Hülfsmittel, solche Schriften, die bei den Hermetikern bereits 
in Ansehen standen oder sonst als dazu geeignet erschienen, als ver- 
fafst von Angehörigen ihres Ordens oder als doch mit Hauptlehren 
desselben in Einklang stehend hinzustellen; für das Erstere gingen 
sie darauf aus, Männer an sich heranzuziehen, welchen Kenntnifs der 
Kunst oder doch die Befähigung zugetraut wurde, zu dieser Kenntnifs 
zu gelangen, und aufserdem darauf, Mitglieder des Ordens für die 
Beschäftigung mit praktischer Alchemie vorzubilden und sie an der 
Bereitung des Steins der Weisen sich versuchen zu lassen. 

Für die S. 13 erwähnte, zuerst 1723 veröffentlichte und in einer 
gröfseren Zahl von Ausgaben viel gelesene Aiirea catena Homeri lälst 



macht worden ist. Nur Das sei liier bemerkt, dafs in der zweiten Hälfte des 
vorigen Jahrhunderts auch in anderen an die Freimaurerei anlehnenden Geheim- 
bünden die Alchemie eine Rolle spielte (vgl. die Anmerkung S. 28 f.). So 
schon hei der Ausbreitung des Clermont'schen Systemes in Deutschland durch 
Rosa (S. 17), welcher der Alchemie ergeben war und 1754 in Potsdam den 
geheimen Kämmerer Fredersdorf durch Betheiligung Desselben an Versuchen, 
zur Hervorbringung von Gold von dem Sonnenstaub als der prima materia aus- 
zugehen, um bedeutende Summen brachte (Findel's Gesch. d. Freimaurerei, 
S. 388 d. 4. Aufl.); namentlich für den auch in diesem System figurirenden Grad 
eines Ritters des heiligen Andreas von der Distel sollte die Bekanntschaft mit 
den Geheimnissen der Alchemie etwas Hauptsächliches sein (v. Nettelbladt's 
Geschichte freimaur. Systeme S. 117 ff., 14G, 673). So schon etwas vor der 
Zeit, wo die Gold- und Rosenkreuzer mächtig wurden, bei den aus dem System 
der stricten Observanz (S. 17) hervorgegangenen Clerikern der Tempelherrn, 
welche die wahren Erben der von den Letzteren besessenen Kenntnisse in den 
geheimen Wissenschaften sein wollten. "Was 1803 aus Wöllner's Nachlafs in 
dem „Signatstern" über das System dieser Cleriker: über die Aufnahme in die 
verschiedenen Grade desselben und das in jedem Grad zu Lernende veröffentlicht 
worden ist, läfst ersehen, dafs da nicht nur alchemistische Kunstausdrücke und 
Begriffe symbolische Anwendung fanden sondern auch eigentliche Alchemie — 
augeblich wenigstens — betrieben wurde; namentlich was im L Theil des Signat- 
sterns, S. 213—276 der Ausgabe von 1803 als Das mitgetheilt ist, was zum 
Unterricht in dem siebenten Grad (worin Einer zum Magus und Ritter der 
Klarheit und des Lichts vorrückte) dienen sollte, ist rein alchemistischen In- 



36 Alchemie bei den Gold- u. Pioseukreuzern. 

sich überhaupt nicht erkennen, dafs der Verfasser dem Rosenkreuzer- 
Bund zugehört habe (besiehe meine Ä. c. H. S. 47 ff.). Die s. g. 
neueren Rosenkreuzer, welche dieses Buch unter dem Titel Annulus 
Piatonis 1781 noch einmal herausgaben, beanspruchten es als von 
einem Mitglied ihres Bundes ganz in dem Sinne desselben geschrieben: 
als von Einem, der in dem Bunde den Namen Homerus geführt 
habe; das ganze Buch hindurch wird da in den dem Text desselben 
zugefügten zahlreichen Anmerkungen der Verfasser als „unser Bruder 
Homerus" vorgeführt und genaue Bekanntschaft mit seinen persön- 
lichen Verhältnissen wird vorgegeben, während nicht einmal sein 
eigentlicher Name den Herausgebern bekannt war. Der wohl um 
die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts verfafste „Compafs der Weisen" 
wurde (vgl. Anmerkung V am Ende dieses Theils) 1779 und 1782 
mit Anmerkungen herausgegeben, die ganz im Sinne der s. g. neueren 
Rosenkreuzer gehalten sind, und in diesen Anmerkungen wird der 



halts. Eine alcliemistisclie Tendenz hatte auch das System der Kitter und 
Brüder des Lichts, die sich um 1780 von den Goki- und Rosenkreuzern ab- 
zweigten (welches Alter sie für ihren Orden beanspruchten, geht daraus hervor, 
dafs sie nicht nach der sonst meist bei den Freimaurern üblichen Zeitrechnung 
die Jahre von 4000 v. Chr. an als dem Jahr der Erschaffung der Welt zählten, 
sondern von 40 n. Chr. an als dem Jahr der Reform des Ordens durch Johannes 
den Evangelisten). Die Statuten dieses Systemes sind gleichfalls aus den von 
Wöllner hinterlassenen Papieren im Signatstern (im II. Theil; ich citire wieder 
nach der Ausgabe von 1803) bekannt geworden. Schutz der drei unteren Grade 
der gewöhnlichen s. g. profanen Freimaurerei als der Pflanzschule des Ordens 
war auch da vorgeschrieben (S. 58); der Hauptgegenstand der Beschäftigung 
würdiger Bundesbrüder sei immer die Alchemie gewesen, welche die Freimaurer 
nur mit Schaden bearbeitet oder gesucht hätten (S. 79). Auf das Betreiben der 
Hermetischen Kunst wurde bei der Aufnahme in den ersten Novizengrad (S. 81, 
85, 86), in den zweiten (S. 92) und in den dritten (S. 98) hingedeutet. — Zu 
Frankreich wurde gegen 1770 ein auch Beschäftigung mit Alchemie einschlicfsendes 
System der Freimaurerei : das sog. Hermetische (Bite hermetiquej zu Avignon 
durch Ant. Joseph de Pernety gestiftet, einen 1716 zu Roanne im Dep. d. 
Loire geborenen, 1801 zu Valcnce gestorbenen Geistlichen (er war Benedictiner, 
eine Zeit lang Bibliothekar in Berlin, auch Abt des Klosters zu Burgcl), welcher 
ein eifriger Alchemist war und in Verbindung mit den damals noch in Mont- 
pellier thätigcn Alchemisten stand, wohin sein Sj^stem auch 1778 verpflanzt 
wurde. "Wie dieses System, welches zuerst in Frankreich einige Verbreitung 
fand, bald umgebildet wurde, ist hier nicht zu verfolgen. (Vgl. Allgem. Handb. 
,fler Freim. 2. Auflage, Leipzig 1863—1867, Bd. I, S. 12 u. 609 f., Bd. II, S. 550.) 



Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 37 

Verfasser des Buches wie ein Mitglied dieses Ordens hingestellt, ob- 
gleich er nur erkennen läl'st, dafs er an das von den s. g. älteren 
Rosenkreuzern Gelehrte glaubte; in den Anmerkungen selbst ist ein- 
mal (S. 143 der Ausgabe von 1782) darauf hinzuweisen, er habe zur 
Zeit wo er schrieb den Orden nur aus der Fama und der Confessio 
(vgl. S. 1 If.) gekannt. In hohem Ansehen stand bei den Herme- 
tikern das in der Anmerkung VI besprochene, zuerst 1735 veröffent- 
lichte Oims mago-cabhalisticum des G. v. Welling, dessen Inhalt 
mit Rosenkreuzerei Nichts zu thun hat. Wenn auch die Herausgeber 
des Anmäus Flatonis (S. VII desselben) an diesem Schriftsteller 
Etwas auszusetzen hatten so fern sie meinten, er würde in allen 
Stücken untadelhaft sein, wenn er sich nicht mit dem Irrthum des 
Origenes beflecket hätte (was wohl auf die Art der Auslegung der 
Heiligen Schrift geht), so nahmen sie doch in ihren Anmerkungen 
oft genug auf von Welling Gesagtes als ihren Ansichten Ent- 
sprechendes Bezug, wie Dies auch vorher in den Anmerkungen zum 
Compais der Weisen geschehen war (auch sonst noch wurde Welling's 
Werk in dem Gold- und Rosenkreuzer-Orden ausgiebig benutzt: die 
Instructio p^-o junioribus enthielt z. B. eine umfängliche Geogonie, 
die einfach aus diesem Werk abgeschrieben war; v. Nettelbladt's 
Gesch. freimaur. Systeme, S. 526). 

Das Studium derartiger Werke, anderer älterer und neuerer 
Hermetischer, chemischer und speciell alchemistischer Schriften sollte 
die Glieder des Ordens in den unteren Graden desselben dafür vor- 
bereiten, selbstständiger Kenntnifs der Metallveredlungskunst theil- 
haftig zu werden. Früher bereits erschienene Bücher wurden dazu 
empfohlen, auch für die Abfassung Dessen benutzt, was als Geheim- 
wissen des Ordens den Einzuweihenden anvertraut wurde (die chemische 
Instruction für die Brüder vom Grade der Theoretiker war z. B. der 
unter dem Titel Noviini lahoraiorium medico-chymimm 1677 ausge- 
gebeneu Deutschen Übersetzung von Chr. Glaser 's zuerst 1663 
herausgekommenem Traite de la cliymie entnommen; vgl. bei Nettel- 
bladt a. e. a. 0.). Aber auch neue alchemistische Tractate wurden 
als zur Bekanntschaft mit solchem Geheimwissen hinführend verfafst; 
ein erheblicher Theil der in den 1780er Jahren — meist anonym — 
veröffentlichten alchemistischen Schriften giebt sich als von rosen- 
kreuzerischen Freimaurern ausgehend (dafs einzelne derselben Producte 



38 Alchemie bei den Gold- u. Ptosenkreuzern. 

der literarischen Industrie waren, für welche Dies zur Erzielung besseren 
Absatzes ohne jede Berechtigung geschah, ist möglich). Was da als 
Chemie vorgebracht wurde, war eine übele Reproduction schon längst 
überwundener Ansichten, die in der phantastischen Deutung der letz- 
teren noch stärker gegen das zu jener Zeit erlangte chemische Wissen 
abstach*). 

In den Rosenkreuzer-Zirkeln sollte die Alchemie auch praktisch 
betrieben werden. Das ist eben so gewifs, als dafs die von dem Ein- 
zelnen zu erlangenden Resultate dem Orden mitgetheilt werden sollten. 
(D. h. dem ihm unmittelbar Vorgesetzten. Denn der Organisation 
des Ordens gemäfs hatte jedes Mitglied desselben von seinen Oberen 
nur den direct über ihm stehenden persönlich zu kennen ; die höheren 
sollten ihm nur den Bundesnamen nach bekannt sein, mit ihnen fand 
der Verkehr nur durch die Vorsteher der mittleren Grade statt, 
welche die Aufgabe hatten, bei den Mitgliedern der unteren Grade 
den Glauben an das unbegrenzte Wissen und auch an die unbegrenzte 
Macht der Leiter des Ordens zu unterhalten, übrigens der Verehrung 
entsprechend, zu der sie nach oben hin auch für alles ihnen Unver- 
ständliche verpflichtet waren, unbedingte Verehrung für jede auch un- 
verständliche Weisung beanspruchten, die sie nach unten hin gaben.) 
Ein in den Orden Eintretender mufste u. A. auch beschwören, ,, seinen 
Obern niemals etwas Heimhches zu verschweigen", und die den Zirkel- 
Directoren bezüglich dieses Eidespunktes zur Belehrung der Neophyten 
gegebene Instruction lautete dahin: „Da weder ein Natur-Geheimnifs 
noch ein Geheimnifs in der wahren Kunst in der Welt möglich ist, 
das sich nicht schon bei dem Orden befinden und den höchsten Obern 
bekannt sein sollte, und also der Orden eigentlich keinen Nutzen von 
solchen Anzeigen, sondern blol's der anzeigende Bruder selbst hat, 
— — so findet kein Grund statt, warum ein Bruder damit zurück- 
haltend sein könnte" u. s. w. (bei Nettelbladt a. a. 0. S. 525). Den 
Oberen, nicht aber den in gleichem Grad Arbeitenden sollte ein Bruder 
ein erzieltes Resultat mittheilen ; wo der noch zu den älteren Rosen- 
kreuzern haltende Verfasser des Compafs der Weisen für die Dar- 
legung alchemistischer Operationen Bedenken trägt, „allen und jeden 
Brüdern ohne Ausnahme Gottes mysteria zu off'enbaren", macht der 



'') Vgl. Anmerkung VIII am Ende dieses Theils. 



Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 39 

den s. g. neueren Rosenkreuzern zugehörige He rausgeber (S. 143 der 
Ausgabe von 1782) die Anmerkung, bei der jetzigen Verfassung des 
Bundes sei solche Besorgnifs überflüssig, „denn obzwar ein jeder Mit- 
verwandter, kraft Eidespflicht, schuklig ist, dem erlauchten Orden 
kein Naturgeheimnifs zu verschweigen, so ist er doch nicht gehalten, 
seinen Mitbrüdern aus einem niedrigen Grade Sachen, die in einen 
höhern gehören , vor dessen Erhebung in denselben , zu entdecken ; 
ja es ist solches vielmehr auf das schärfste verboten" . Als so zu- 
gehörig zu Dem, was die Rosenkreuzer des neueren Systemes treiben, 
galt denn auch bald aufserhalb des Ordens die Alchemie, dafs Ver- 
treter des letzteren öff"entlich (vgl. S. 29) der als die der meisten 
Profanen anerkannten Meinung entgegentraten, jeder Rosenkreuzer sei 
ein Adept. Und dafs etwas dieser Meinung nahe Kommendes sich 
noch in unser Jahrhundert herübergetragen habe, hat vielleicht auch 
Antheil daran, dafs da ein diesem Orden ganz fremder angeblich er- 
folgreicher Alchemist als ein Mitglied desselben betrachtet worden 
ist*). 

Aber auch für die s. g. neueren Rosenkreuzer scheinen sich nam- 
hafte Erfolge der auf Grund Dessen, was in Büchern stand und aus 
Büchern zusammengestellt werden konnte, betriebenen alchemistischen 
Arbeiten nicht ergeben zu haben. Wohl mochten die Theoretiker in 
dem zweiten Grad dem Gebote genügen, „gottesfürchtig, einfältig und 
geduldig^' zu sein, aber Das war ihnen doch zu viel zugemuthet, 
dafs sie Erkleckliches für die spätere experimentale Beschäftigung 
mit Alchemie sich aneignen sollten aus der ihnen mitgetheilten Lehre 
vom Dasein und Entstehen aller Dinge und vom Chaos, oder aus 
Dem, was die Instruction für diesen Grad- über den Charakter des 
Goldes, Silbers, Kupfers, Eisens, Zinns, Blei's, Quecksilbers mit den 
widersinnigsten chemischen Erklärungen, über den Samen der Dinge 
als den Naturbalsam, über die Gebärung, die Erh^-ltung, die Zer- 



*) Es wird später eines in den 1780 er Jahren Aufsehen erregenden Eng- 
lischen Alchemisten Dr. J. Price zu gedenken sein, welcher Fellow der Boyal 
Society zu London war und Dies auf seinen Publicationen in üblicher Weise 
durch Beisetzung von F. B. S. zu seinem Namen ersehen liefs. Schmieder 
hat in seiner Geschichte der Alchemie S. 581 f. angegeben, dafs, wie der Titel 
F. E. S. andeute, Price zur Gesellschaft der Rosenkreuzer gehört habe, deren 
Grundsätze mit denen der Londoner Societät im Widerspruche gestanden hätten. 



40 Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 

störung, über die Wirkung der oberen Gestirne enthielt. Ungenügend 
war wohl auch die den Praktikern im dritten Grad gebotene Instruction, 
welche Anleitung gab zur Bereitung des mineralischen, des vegeta- 
bilischen, des animalischen Radical-Menstrui und auch des Universal- 
Menstrui, in welcher enthalten war Bescriptio magni mysterii, hoc est 
lapidis mineralis praeparatio in via sicca ex philosophica disciplina, 
und welcher s^jäter noch hinzugefügt war eine Verbesserte Special- 
Instruction über die Operationes des grofsen Mineralwerks vom dritten 
Grade der Praktiker (vgl. bei Nettelbladt a. a. 0., S. 527). Für 
die noch höheren Grade scheint das Material zur Anfertigung von 
Instructionen gerade in Betreff des alchemistischen Arbeitens immer 
dürftiger geworden zu sein oder es sind die Instructionen weil ja auch 
da immer Wichtigeres enthaltend verborgen gebheben. Schon das 
für den vierten Grad, den der Philosophen meines Wissens bekannt 
Gewordene enthält nichts Specielleres darüber, wie die da (vgl. S. 34) 
in Aussicht gestellte Operation, auf Weifs zu tingiren, auszuführen 
sei, und für die darüber stehenden Grade verhält es sich bezüglich 
Dessen, was die zu ihnen Gelangten kennen lernen sollten, eben so. 
Was schon für die unteren Grade galt trat für die höheren noch 
mehr hervor: dafs die Oberen nur im Versprechen, wohl auch in der 
Kenntnifs der Schwächen der dem Orden Zugetretenen und der Be- 
nutzung dieser Kenntnifs zum Festhalten der Letzteren stark waren, 
die Untergebenen aber sich in unterwürfigem Glauben und Hoffen 
üben und stark zeigen mufsten. Noch im achten Grad sollte das 
Glauben auch in alchemistischen Dingen das Wissen ersetzen; wenn 
da u. A. die Anweisung gegeben wurde, wie aus gekochten Eiern 
Hühner auszubrüten seien und dem Bruder Sacerdos (so hiefs im 
Bunde Einer von den mehreren Freiherren von Schröder, die damals 
in der Freimaurerei und anlehnender Geheimbündelei eifrig waren) 
die Möglichkeit der Sache doch fraglich vorkam, mul'ste Derselbe von 
dem Oberen Heliconus (das war Wöllner) mit einem ernsten Ver- 
weis für seinen Zweifel die Belehrung hinnehmen: einem vollendeten 
Maurer müsse Dies durch Gottes Gnade mögUch sein, denn bei der 
allgemeinen Regeneration würden auch die gekochten Eier zur Tinctur 
(vgl. bei Nettelbladt a. a. 0., S. 529 u. 766). 

Wie hoch und wie tief aber auch die, Einsicht des Ordens sein 
mochte: immerhin blieb die Hoffnung, auf" solchem Wege in den Be- 



Alchemie bei den Gold- u. Eosenkreuzern. 41 

sitz der inetallveredlenden Tinctur zu gelangen, eine entfernte. Und 
fruchtlos blieb auch der Versuch, von einem Profanen Das zu er- 
fahren, was der Orden kennen wollte; der im Kufe der Meisterschaft 
in der Alchemie stehende Beireis (Th. I, S. 256 flf.) wies, wie die von 
ihm hinterlassenen Briefe ergeben, die an ihn gekommenen Ver- 
lockungen der Rosenkreuzer wie die anderer Geheimbündler mit In- 
dignation zurück (vgl. C. V. Heister's S. 258 im I. Theil angeführte 
Schrift S. 37). So war doch der Orden darauf angewiesen, das Glücks- 
spiel der Alchemie durch ihm Angehörige in der Art treiben zu lassen, 
in welcher sich in demselben schon unzählig viele Andere versucht hatten: 
nach dieser oder jener Anweisung, so wie dieselbe verstanden wurde, 
zu laboriren und zuzusehen, ob Etwas dabei herauskomme. In Berlin 
nicht nur sondern auch auswärts geschah Dies. In Marburg z. B. 
setzte der uns im vorliegenden Buch auch sonst noch begegnende 
dortige Professor der Medicin Friedr. Jos. Wilh. Schröder, welcher 
als ein der Alchemie schon vorher ergebener Mann durch geheimnils- 
volle anonyme Briefe dafür vorbereitet von einem ihn besuchenden 
angeblichen Adepten in den Rosenkreuzer-Bund aufgenommen worden 
war, im Dienste dieses Bundes, der ihm auch eine pecuniäre Unter- 
stützung zukommen liefs, seine Hermetischen Arbeiten fort, leistete 
jedoch dem Orden mehr durch Das, was er für die Ausbreitung des- 
selben that, als durch werthvolle Erfolge dieser Arbeiten. Wie und 
von wem etwas später (Schröder starb schon 1778) in dem zu Kassel 
bestehenden Rosenkreuzer -Zirkel Alchemie getrieben wurde, haben 
wir bald ausführlicher zu betrachten. 

Aber namentlich am Sitze der Ordens-Leitung, in Berlin ver- 
suchte man sich an der Darstellung des Steins der Weisen. Die 
Zahl der da dem Rosenkreuzer-Bund Beigetretenen war eine beträcht- 
liche; doch waren die Meisten zu praktischer Beschäftigung mit dem 
grofsen Hermetischen Werk oder auch nur dazu, auf Grund ihrer 
Belesenheit in Hermetischen Schriften beachtenswerthe Winke für die 
Ausführung desselben zu geben, wenig befähigt. Um Defs willen, dafs 
sie auch sonst noch in dem vorliegenden Buche vorkommen, oder 
weil sie als den Naturwissenschaften näher stehend wegen ihrer Be- 
theiligung an alchemistischen Arbeiten Beachtung verdienen, sind hier 
Einige von den Vielen zu nennen, welche als besonders eifrige Rosen- 
kreuzer in Berlin aus jener Zeit bekannt sind. (Diese gehörten meist 



42 Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 

als Freimaurer der 1767 gestifteten Schottischen Loge Zum rothen 
Löwen bez.-w. Friedrich zum goldenen Löwen an, deren Obermeister 
Wöllner war, und — theilweise wie es scheint gleichzeitig — der 
schon länger bestehenden Loge Zu den drei Weltkugeln, welche von 
1776 an ein Hauptsitz der Rosenkreuzer in Deutschland war; hier- 
über, und welche Männer sich in ihrem Eifer für den Orden hervor- 
thaten, findet sich Mehreres in v. Nettelbladt's Geschichte freimaur. 
Systeme S. 202 ff., 225, 542.) Von den bereits S. 26 f. be- 

sprochenen im Orden einflufsreichsten Personen: v. Bischof fswerder 
und Wöllner*) ist mir darüber Nichts bekannt, dafs und wie sie 
sich selbst praktisch in der Alchemie versucht haben. Gerade in 
dieser Richtung erwarb sich wohl auch der Buchhändler Decker**) 



*) Per Briefwechsel zwischen G. Forster und S. Th. Sömraerring 
(Brauuschweig 1877; im Nachstehenden F.-S. citirt) enthält Manches, was als 
Beurtheilung hier in Betracht kommender Personen mitgetheilt werden mag. 
F. schrieb im Mai 1784 aus Leipzig bei der Mittheilung über den Orden er- 
haltener Nachrichten an S. [F.-S. S. 32), „dafs sich Pr. Fr." (Prinz Friedr. 
Aug. von Braunschweig? vgl. S. 27) „und "Wöllner nicht etwa figürlich sondern 
im eigentlichen Verstand die Hände küssen liefsen von ihren Untergebenen". 
**) Georg Jakob Decker, 1732 geboren, starb 1799 als Geheimer Über- 
hof buchdrucker zu Berlin. Vorher dem v. Hund'schen System (S. 17) unter 
dem Namen Fqnes a ijlagula beigetreten kam er unter die Rosenkreiizer. 
Forst er, welcher nach seinem Zurückziehen von Diesen im Frühjahr 1784 mit 
ihm in Leipzig zusammentraf, schrieb von da aus am 14. Mai (F.-S. S. 32) an 
Sömmerring: „Decker, der auch hier ist, f rüg wie es" (mit der Ordensthätig- 
keit, an welcher F. und S. betheiligt gewesen waren) „stünde, und ich antwortete, 
Avir lebten in Hoifnung der Dinge die da kommen sollten und in Geduld ; mit 
dieser unbestimmten Antwort liefs er sich auch genügen; als wir Eck und Hofr. 
Bode" (dem als Professor zu Leipzig 1808 gestorbenen Joh. Georg E. und 
dem als Hessen-Darmstadt'scher Geheimerath 1793 in Weimar gestorbenen Joh. 
Joachim Cliristoph B.; beide gehörten als Freimaurer dem v. Hund'schen 
System an, aber nicht zu den Rosenkreuzern) „begegneten, embrassirte er sie, 
sagte mir aber hernach: Das sind nicht von unseren Leuten; aber das thut 
nichts, es sind Bbr. und sind Menschen : eine ehrliche alte Haut. Er ist übri- 
gens nicht anders als er war, ehrlich, grad, trinkt sich zuweilen ein kleines 
Haarbeutelchen und erlaubt sich sein Späfschen, in der Sache gwaesf." (der 
Roscnkreuzer-Sache) „überläfst er sich vermuthlicli blindlings auf Führung. Es 
ist mir licl), dafs er mich aus Gewissenhaftigkeit mit Fragen ungeschoren läfst". 
Bald nachher (F.-S. S. 45 f.) schrieb F., dafs auch D. zu Denen gehöre, welche 
ehrlich aber eitel und schwach seien, und: „Dem alten guten D. möchte ich 
keinen Kummer, und mir keinen Verdrufs machen; daher cvitirtc ich die letzten 



Alchemie bei den Gold- u. Rosenkreuzern. 43 

nicht die Verdienste um den Orden, welche ihn in demselben ange- 
sehen sein liefsen, aber als ein nützlicher Bruder erwies er sich auch 
dadurch, dafs er rosenkreuzerische Schriften bereitwillig verlegte. 
Werkthätiger war die Betheiligung des Generalchirurgus The den*), 
welcher nicht blofs selbst für die Darstellung des Steins der Weisen 
arbeitete sondern auch der Betreibung der Magie nicht fremd blieb. 
Auch der Letztgenannte gehörte wohl nicht zu Denen unter den 
Rosenkreuzern in Berlin, welche als in der Naturwissenschaft und 
speciell in der Chemie bewandert angesehen waren, als Auskunfts- 
personen bezüglich der zu probirenden Vorschriften befragt wurden 
oder sogar Autoritäten waren. Als ein Solcher galt bei den Leitern 
des Bundes oder wurde wenigstens von Denselben benutzt Job. Gottfr. 
Jugel: ein Mann, von welchem die Geschichte der Chemie Nichts 
weifs, von Dessen Schriften und Ansichten Kenntnifs zu nehmen aber 
doch eine Vorstellung davon vermittelt, welcher Unsinn damals in 



Tage die Gelegenheit mit ihm allein zu sprechen, welche er suchte. Ist so recht 
gut". Im März 1788 fragte Sömmerring seinen Freund Forster, der in 
Berlin gewesen war und von welchem er gern Etwas über die Rosenkreuzer dort 
erfahren hätte: ,, Wie denkt Decker? Hält er's noch mit ihnen?" {F.-S. S. 497). 
*) Joh. Christian Anton Theden, geboren 1714 in Steiubeck bei Wis- 
mar, war zuerst Schneidei-, ging dann zu einem Chirurgen in Bützow in die 
Lehre und trat zu Danzig als Escadronchirurgus in das Preufsiche Heer ein, 
in welchem er rasch bis zu der höchsten Stufe im Militärmedicinalwesen auf- 
rückte, um dessen Verbesserung er sich Verdienste erwarb; er starb in Berlin 
1797. Als Freimaurer trat er 1765 dem System der stricten Observanz unter 
dem Namen Eques a tarda zu; von 1784 bis 1794 war er Meister vom Stuhl 
der Loge Zu den drei Weltkugeln in Berlin, und noch andere hohe Stellungen 
in dem Freimaurer-Bunde bekleidete er. Als ein sehr angesehenes Mitglied 
des Rosenkreuzer-Ordens (in welchem erNeaster hiefs) wurde er in dem Brief- 
wechsel zwischen Forste r und Sömmering öfters besprochen. Der Erstere 
gedachte seiner 1784 {F.-S. S. 32 u. 45) als eines eitelen und egoistischen aber 
redlichen Mannes, und auch der Letztere hielt ihn 1788 (F.-S. S. 497) für ehrlich. 
Als F. in den ersten Monaten dieses Jahres in Berlin war, versuchte er ihn zu 
sprechen und theilte er an S. Einiges über den Charakter Th.'s, was weniger 
vortheilhaft für Diesen ist, und darüber mit, in welcher Gunst Derselbe bei dem 
König stehe (F.-S. 8. 491 u. 493). Darüber, wie Theden an praktischen 
alchemistischen Arbeiten betheiligt war, vgl. die Anmerkung zu S. 45 und die 
Anmerkung XI am Ende dieses Theils; „Theden war Dir herzlich gut und von 
der Magie, hörte ich doch, dafs er ganz zurückgekommen sein soll", schrieb 
Sömmerring an Forster im Februar 1788 (F.-S. S. 487). 



44 Alchemie bei den Gold- u. Eosenkreuzern. 

gewissen Kreisen als Naturwissenschaft betrachtet wurde*). Und 

im Gegensatze zu ihm war ein Mann mitbetheiligt, dessen Namen 
die Gescliichte der Chemie mit der gröfsten Achtung nennt: Martin 
Heinr. Klaproth (1743 — 1817; nach der Gründung der Universität 
Berlin 1810 erster Professor der Chemie an derselben). Unter 
welchen Umständen Klaproth von der Freimaurerei her, welcher er 
begeistert anhing, eine Zeit lang in das Netz des rosenkreuzerischen 
Treibens hineingezogen war, wird nicht genauer berichtet, und wie 
weit er sich in dasselbe einliefs, ist aus dem mir bekannt Gewordenen 
um so weniger zu ersehen, als gleichzeitig mit ihm auch ein 1812 
als Geheimer Kriegsrath gestorbener Christ. Aug. Ludw. Klaproth 
unter den Freimaurern Berlins eine bedeutende Stellung einnahm, 
der in den mir vorliegenden Angaben nicht immer von dem Ersteren 
unterschieden ist. Jedenfalls ist Das wohl nicht zu behaupten, dafs 
M. H. Klaproth jeder Zeit gesucht habe, die Freimaurerei vor dem 
Eindringen roseukreuzerischer Verirrungen ganz rein zu halten**). 



*) Über Jugel, seine Schriften und Ansichten finden sich in der Anmer- 
kung VIII am Ende dieses Theils einige Angaben. 

**) E. G. Fischer rühmt in seiner Denkschrift auf Klaproth (Abhand- 
lungen der K. Akademie der Wissenschaften in Berlin aus den Jahx-en 1818 — 
1819, S. 24), dafs Derselbe bei Ausübung eines grol'seu und wohlthätigen Ein- 
flusses auf die Freimaurerei, in welche im vorigen Jahrhundert Alchemie, Geister- 
seherei, rosenkreuzerische Schwärmerei u. dergl. eingedrungen gewesen seien, 
kräftig und muthig solchen Verirrungen entgegen getreten sei. Nach dem 
Aufhören des zu Berlin bis nach der Mitte der 1780er Jahre von den Rosen- 
kreuzern ausgeübten Zaubers scheint Klaproth allerdings energisch dafür ge- 
wirkt zu haben, dals solche Ausschreitungen der Freimaurerei, wie sie vorge- 
kommen waren, in den Berliner Logen völlig ausgemerzt werden und einer 
Wiederkehr derselben vorgebeugt sei. Das bestätigt auch eine bei den Papieren 
der später zu besprechenden Hermetischen Gesellschaft auf der Universitäts- 
Bibliothek zu Giefsen befindliche Zuschrift, welche 1806 ein Prediger E. Chr. 
F. Mayer in Königsberg i. Pr. im Auftrag eines damals dort noch existirenden 
rosenkreuzerischen Vereins an einen Herrn von Sternhayn in Karlsruhe als 
den Vertreter der Hermetischen Gesellschaft richtete; .Mayer, welcher dem 
Berliner Zirkel selbst angehört hatte, macht da den (als eifrigsten Freimaurer 
bekannten) Consistorialrath Zöllner und den Medicinalrath und Chemiker 
Klaproth ausdrücklich unter Denjenigen namhaft, die durch Beseitigung von 
allem an Ordens-Thätigkeit Erinnerndem aus den Freimaurer-Logen dieselben so 
de- und reformirt hätten, dafs die wie Mayer noch an der Rosenkreuzerei Fest- 
haltenden eine Loge nur noch als einen Club ])etrachten könnten. 



Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alcliemie. 45 

Er stand in Beziehungen zu der Grofsloge Zu den drei Weltkugeln 
(Allgem. Handb. der Freimaur., 2. Aufl., III. Bd., S. IIG), welche 
sich um die Mitte der 1780er Jahre den Rosenkreuzern völlig über- 
liefert hatte, und unter den in dieser Richtung besonders eifrigen 
Brüdern derselben wird ein Klaproth genannt (v. Nettelbladt's 
Gesch. freimaur. Systeme S. 542). Hätte M. H. Klaproth dem 
Orden nicht angehört, so wäre er wohl schwerlich zu dem letzten 
Act der praktischen alchemistischeu Thätigkeit desselben zugezogen 
worden, über welchen als um 1787 spielend das Allgemeine Hand- 
buch der Freimaurerei, 2. Aufl., III. Bd., S. 95 berichtet: „In Berlin 
erfolgte der Schlufs der Arbeiten, als dem neunten Grade von den 
weisen Vätern ein chemischer Procefs vorgeschrieben war, und glück- 
licherweise der Chemiker Klaproth zugegen war, welcher bewies, 
dafs das ganze Gebäude, in dem sich das Laboratorium befand, in 
die Luft gesprengt werden müsse, wenn man den Procefs unternähme. 
Prinz Friedrich von Braunschweig, in dessen Palaste das Labora- 
torium war, wurde nun überzeugt, dafs er es mit Leuten zu thun 
habe, welche sich Kenntnisse auf Anderer Kosten und Gefahr ver- 
schaff'en wollten ; er liefs das Laboratorium niederreifsen und der 
Zirkel wurde aufgelöst" *). 



Aber als merkwürdigste hierhergehörige Erscheinung steht doch 
die da, dafs zwei so berühmte Männer wie der Weltumsegler Georg 
Forster und der Anatom Samuel Thomas Sörani erring mehrere 
Jahre hindurch in Kassel an dem Unwesen der Rösenkreuzer und 
namentlich auch an der Betreibung der Alchemie thätigen Antheil 
nehmen konnten. Darauf specieller einzugehen veranlafst sowohl die 
Bedeutung der beiden eben Genannten als auch der Umstand, dafs 



*) In dem Berliner Rosenkreuzer-Zirkel scheinen die sehr würdigen Brüder, 
wie sich die Mitglieder desselben gegenseitig nannten, in der Unternehmung und 
Ausführung chemischer Arbeiten höchst unvoi'sichtig gewesen zu sein. Die in 
der vorhergehenden Anmerkung erwähnte Zuschrift enthält auch die Mittheilung, 
dort seien die nach Ordeus-Processen von dem Vitriol aus unternommeneu al- 
chemistischen Arbeiten nicht richtig fortgegangen, aber nach einem von Mayer 
communicirten Verfahren habe The den eine Antimonial-Tinctur erhalten, „die 
herrliche "Wirkung that, bei deren Bereitung aber zwei Menschen das Leben 
verloren". 



46 S. Th. Sömmerring's und G. Forster's Leben. 

diese Besprechung nach mehreren Richtungen hin einen sonst nicht 
in ähnhcher Weise sich bietenden Einbhck in den Rosenkreuzer-Bund 
gewinnen läfst. — Betrachten wir zunächst, zur Orientirung für 
später Anzugebendes, die Lebensverhältnisse Beider nach den wesent- 
lichsten Umrissen. 

Samuel Thomas Sömmerring war 1755 zu Thorn in West- 
Preufsen geboren, wo sein Vater Arzt war. Er studirte von 1774 
an in Göttingen Medicin und promovirte daselbst 1778. Zu weiterer 
Ausbildung reiste er nach Holland, England und Schottland; 1779 nach 
Deutschland zurückgekommen wurde er als Professor der Anatomie 
am CoUegium Carolinum in Kassel angestellt. 1784 folgte er einer 
Berufung als Professor der Anatomie und Physiologie an die Univer- 
sität Mainz. Von der 1792 nach seiner Verheirathung mit Marg. 
El. Grüne lius von Frankfurt a, M. angetretenen Reise nach Wien 
dahin zurückgekehrt nahm er seine Lehrthätigkeit in dem inzwischen 
von den Franzosen bedrohten und bald besetzten Mainz zunächst 
nicht wieder auf. Das Ende des Jahres 1792 und das Jahr 1793 
brachte er in Frankfurt zu, überwiegend auch die nächstfolgende Zeit 
bis 1805; er hatte sich hier unter die praktischen Ärzte aufnehmen 
lassen, war bis 1797 zeitweise in Mainz, in welchem Jahr er da 
seine letzten Vorlesungen hielt, dann aber seine Entlassung nahm. 
1805 verliefs er Frankfurt, um als Mitglied der Bayerischen Akademie 
der Wissenschaften nach München zu gehen. Hier blieb er bis 1820; in 
diesem Jahr siedelte er wieder nach Frankfurt über, wo er 1830 starb. 

Johann Georg Adam Forster war 1754 in dem damals 
Polnischen Dorfe Nassenhuben bei Danzig geboren, wo sein Vater 
Prediger war. Der Letztere, Johann Rein hold F. war ein Mann 
von vielseitigem Wissen, reizbarem und störrigem Charakter und ohne 
haushälterischen Sinn; er bereiste 1765 im Auftrage der Russischen 
Regierung die Colonien bei Saratow an der Wolga; 1766 ging er 
nach England, wo er 1767 Lehrer der Französischen und Deutschen 
Sprache und der Naturgeschichte an der Dissenter-Akademie zu 
Warrington in Lancashire wurde, und nachdem er diese Stellung 
1768 aufgegeben hatte, ertheilte er noch an demselben Ort und in 
der Umgegend Unterricht; er kam 1770 nach London gelockt durch 
die Aussicht, in die Dienste der Indischen Compagnie treten zu können, 
und lebte da nach der Vereitelung dieser Hoffnung in dürftigen Ver- 



G. Forster's Leben. 47 

hältnissen von dem Ertrage literarischer Arbeiten; 1772 bis 1775 
war er einer der Begleiter Cook's auf dessen zweiter Weltreise; 
nach der Rückkehr gerieth er wegen der Herausgabe der Reisebe- 
schreibung mit der Englischen Admiralität in Difterenzen und bald 
in milslichste pecuniäre Verhältnisse, selbst in Schuld haft; nach Über- 
windung der Schwierigkeiten, ihn aus diesen Verhältnissen zu lösen, 
kam er 1780 als Professor der Naturgeschichte nach Halle, wo er 
1798 starb. — Georg Forster — auf welchen der Charakter 
und der Lebensgang des Vaters von so grofsem Einflufs gewesen sind, 
dafs darüber hier etwas eingehender berichtet werden mufste — war 
1765, bis dahin nur von seinem Vater unterrichtet, der Begleiter des 
Letzteren auf der Reise nach Süd-Rufsland und nach der Ausführung 
derselben mit Diesem bis zum Sommer 1766 in Petersburg, wo ihm 
geregelter Schulunterricht zu Theil wurde. Mit dem Vater ging er 
dann nach England, war da, selbst schon bevor er den Knabenjahren 
entwachsen war, für literarischen Erwerb als Übersetzer thätig, 
aufserdem auch nach kurzer Beschäftigung als Lehrling bei einem 
. Kaufmann in London dem Vater in der Ertheilung von Sprachunter- 
richt behülflich. 1772 auf die zweite Entdeckungsreise Cook's 
als Gehülfe seines Vaters mitgenommen und 1775 nach England 
zurückgekehrt verfalste er, als durch die Englische Admiralität dem 
Vater die Berechtigung zur Herausgabe einer vollständigen Reisebe- 
schreibung abgesprochen wurde, diese selbst; unter seinem Namen 
wurde sie 1777 in Englischer Sprache, in ergänzter Deutscher Be- 
arbeitung 1779 u. 1780 veröffentlicht. . Li den peinlichsten Geld- 
verhältnissen liefs Forster den Vater und die anderen Glieder seiner 
Familie 1778 in London zurück, als er nach Deutschland reist« um 
seinen Angehörigen Rettung aus solcher Bedrängniis zu verschaffen. 
Auch für sich fand er bald eine Anstellung als Lehrer der Naturge- 
schichte am CoUegium Carolinum zu Kassel. Diesen Ort vertauschte 
er 1784 mit dem damals noch Polnischen Wilna, wohin er als Pro- 
fessor der Naturgeschichte an der Universität berufen war; dahin 
führte er 1785 als Gattin Therese Heyne, die Tochter des berühmten 
Göttinger Philologen Christian Gottlob H., mit welcher er sich 
noch vor seiner Abreise aus Deutschland verlobt hatte. Aus den für 
Wilna eingegangenen Verpflichtungen wurde er 1787 durch die Russische 
Regierung dafür, dafs er an einer projectirten Entdeckungsreise Theil 



48 Sclirifteu über S. Th. Sömmerring und G. Forster. 

nehme, losgekauft. Diese Reise wurde nicht ausgeführt; Forster 
hielt sich in Göttingen auf, bis er 1788 zum Bibliothekar in Mainz 
ernannt wurde. Von der Besetzung Mainz' im Herbst 1792 durch 
die Franzosen an kam er mehr und mehr dazu, der Partei der 
Letzteren anzugehören; im März 1793 war er Einer von Denen, 
welche als Abgeordnete des National-Convents des Rheinisch-Deutschen 
Volkes die Bitte um Vereinigung des in dieser Versammlung angeblich 
vertretenen Stückes von Deutschland mit der Französischen Republik 
an den National-Convent in Paris brachten. Er kehrte von dieser 
Reise nicht mehr zurück; er lebte in Paris, war von da aus im 
Spätsommer 1793 eine Zeit lang in Nord-Frankreich, wöliin er sich 
in einem ihm von der Französischen Regierung ertheilten Auftrag 
begeben hatte, im November einige Wochen in Pontarlier nahe der 
Schweizergrenze, jenseits deren er noch einmal in Travers für wenige 
Tage mit seiner schon gegen das Ende des vorausgegangenen Jahres 
von Mainz abgereisten Familie und deren Beschützer, dem schon 
vorher Forster' s Gattin nahe getretenen und später mit ihr ver- 
heiratheten Ludw. Ferd. Huber zusammen war; er starb in Paris 
im Januar 1794. 

Das sind in thunlichster Kürze vorgeführt die Lebensverhältnisse 
der beiden Männer, deren Betheiligung an rosenkreuzerischer Thätig- 
keit jetzt zu besprechen ist. Auf Mehreres, was diese Männer betrifft, 
ist in dem Nachstehenden noch näher einzugehen; über das dafür 
benutzte Material Einiges zu sagen ist hier wohl der Platz. — 
Sömmerring 's wissenschaftliche Verdienste und die vielen guten 
Seiten seines Charakters haben einen begeisterten Lobredner in Rud. 
Wagner gefunden, dessen Werk „S. Th. v. S.'s Leben und Verkehr 
mit seinen Zeitgenossen" (2 Abtheilungen, Leipzig 1844; es ist im 
Folgenden wo auf es verwiesen wird mit W. bezeichnet) auch in zahl- 
reichen Briefen an und von S. dem Leser schätzbare Anhaltspunkte 
für eigene Beurtheilung des da zur Sprache Gebrachten bietet. — 
Das da über Sömmerring Gebrachte findet Vervollständigung in 
mehreren von den zahlreichen Schriften, auf welche als Schilderungen 
G. Forster's, als Mittlicilungen von ihm und an ihn, als Beiträge 
für die Kenntnils Desselben überhaupt enthaltend Bezug zu nehmen 
ist. Am Frühesten erschienen unter den von mir eingesehenen ist 
„J. G. F.'s Briefwechsel; nebst einigen Nachrichten von seinem Leben; 



Schriften über G. Forster. 49 

herausgegeben von Th. H[uber], geb. H[eyne]" (2 Theile, Leipzig 
1829; im Folgenden mit Th. IL bezeichnet). Später wurden ver- 
öffentlicht „G. F. 's sämmtliche Schriften, herausgegeben von Dessen 
Tochter und begleitet mit einer Charakteristik F. 's von G. G. G er- 
vin us" (9 Bände, Leipzig 1843. Hier kommen der VII., VIII. und 
IX. Band, die von Gervinus geschriebene Charakteristik F.'s und 
des Letzteren Briefwechsel enthaltend, in Betracht; sie werden unter 
der Chiffre G. citirt). Von den zahlreichen und wichtigen Briefen 
F.'s an Sömmerring war aus später anzugebendem Grund bis da- 
hin keiner bekannt geworden; R. Wagner nahm von ihnen „fast 
die Hälfte" in sein S. 48 angeführtes, 1844 herausgekommenes Buch 
auf. Heinr. Koenig's „Haus und Welt; eine Lebensgeschichte" 
sollte „heiter und umständlich" F.'s Leben erzählen (2 Theile, Braun- 
schweig 1852. Ich citire nach dieser Ausgabe — H. K. — ; eine 
zweite erschien 1858 zu Leipzig). Zur Säcularfeier der Geburt F.'s 
wurde von Jac. Moleschott „G. F., der Naturforscher des Volks" 
geschildert (Frankfurt a. M. 1854: Jf . ; eine zweite Ausgabe kam zu 
Berlin 1862 heraus). Ausführlich wurde F. besprochen in Cl. Th. 
Perthes' „Politische Zustände und Personen in Deutschland zur Zeit 
der französischen Herrschaft" (I. Band, Gotha 1862, S. 31—137: P.), 
noch ausführlicher namenthch in Betreff seines Verhaltens in Mainz 
in Karl Klein's „G. F. in Mainz 1788 bis 1793" (Gotha 1863: 
K. K.; kürzer hatte Klein diesen Gegenstand schon zwei Jahre vorher 
in seiner „Geschichte von Mainz während der ersten französischen 
Occupation 1792 — 93" behandelt). Eingehend beschäftigte sich mit 
F. zunächst wieder Herrn. Hettner in seiner „Geschichte der deutschen 
Literatur im achtzehnten Jahrhundert" (III. Theil, III. Buch, 2. Abth., 
Braunschweig 1870, S. 353 — 373: H. H.)\ als von Hettner heraus- 
gegeben ist auch „G. F.'s Briefwechsel mit S. Th. Sömmerring" 
(Braunschweig 1877: F.-S.) gedruckt worden, „soweit er sich erhalten 
hat, vollständig" nach der Angabe im Vorwort (darüber, auf was hin 
hier doch einige Vervollständigung gebracht wird, vgl. die Vorrede 
zum vorliegenden Buch). Eine gedrängte aber Viel enthaltende Be- 
sprechung F.'s gab Alfr. Dove in dem VII. Band der Allgemeinen 
Deutschen Biographie (Leipzig 1878), S. 172 — 181 (D.). Das 

Vorstehende lehrt die Forster-Literatur nicht vollständig kennen, 
konnte Dies zu thun auch nicht beabsichtigen, so wenig wie eine oder 

Kopp, Die Alchemio. II. 4 



50 Schriften über G. Forster. 

die andere im Folgenden noch vorkommende literarische Hinweisung 
dafür, dafs Solches hier geleistet sei, gemacht wird. Wie umfang- 
reich diese Literatur ist, lassen Klein a. a. 0. S. 13 — 30 und (ohne 
Unbedeutenderes in gleichem Mafse zu berücksichtigen) Dove a. a. 0. 
S. 181 ersehen*). 

Es ist später anzugeben was dafür spricht, dafs die Betheiligung 
der jetzt in Besprechung stehenden beiden bedeutenden Männer an 
rosenkreuzerischer Thätigkeit von Forster ausgegangen, Sommer ring 



*) Auch dem gröfseren Publicum sind Forst er 's Schicksale öfters vorge- 
führt worden. Für es war bestimmt die iu H. Koenig's oben erwähnter Schrift 
„Haus und Welt" 1852 gegebene Erzählung des Leben F.'s, .welche Dove {D. 
S. 181) mit Eecht als unkritisch, Moleschott (vgl. S. 51) mit einiger Ueber- 
treibung als einen Roman bezeichnet; auf unzureichendes Quellenstudium ist sie 
allerdings basirt, in Vielem parteilich für Forster und in Koenig's Manier 
geschrieben, mit der Hingabe an die Neigung zu Wortwitzen, die in Dem, was 
Koenig schrieb und in der Unterhaltung sprach, stets so stark hei'vortrat. 
Forster 's politische Thätigkeit und seine häuslichen Verhältnisse in der letzten 
Zeit seines Aufenthaltes in Mainz sind mehrfach in Romanen behandelt worden. 
In dem 1847 (zu Leipzig in 3 Theilen) veröffentlichten Roman H. Koenig's 
„Die Clubisten in Mainz", der in jener öden Zeit mit grofser Anerkennung auf- 
genommen wurde, ist unter den damals wirklich gelebt habenden Personen 
Forst er in den Vordergrund gestellt. In anziehender Weise geschrieben ist 
auch der in dem Feuilleton der Kölnischen Zeitung 1878 (Nr. 142 bis 185) er- 
schienene Roman Aug. Hesse's (Oberlandesgerichtsraths zu Naumburg a. d. S.) 
„Dame Lucifer" (mit welchem Namen Caroline Böhmer bezeichnet ist, deren 
Einflufs auf Forster's Verhalten in Mainz einen Hauj^tpunkt der Erzählung 
abgiebt); auch in ihm ist natürlich viel Erdachtes mit einigem Wahrem gemischt, 
übrigens auch Manches mit Unrecht wie historisch Begründetes vorgebracht. — 
Auch die Verherrlichung Forster's auf der Bühne ist versucht worden. Nur 
aus einer Anführung ist mir bekannt „Weltbürger und Patriot", Trauerspiel in 
5 Aufzügen von L. Eckardt (Jena 1862; K. K. S. 26 mit der Bemerkung er- 
wähnt, dafs die Hauptcharaktere ganz falsch aufgefafst seien und der Held des 
Stücks dem wirklichen Forster nicht im Geringsten gleiche), und nur aus Zei- 
tungs-Nachrichten des Landraths Alfr. Jachmann Tragödie „Georg Forst er" 
(aus d. Frankfurter Journal Nr. 120 v. 14. Februar 1884, dafs diese Tragödie 
kurz vorher in München ohne Erfolg aufgeführt wurde, und aus d. Beilage z. 
Allgem. Zeitung Nr. 46 v. 15. Februar 1884 P^iniges über die künstlerischen 
Fehler des — da abfällig beurtheilten — Stückes, in welchem in der That 
starke Verzerrungen der Charaktere, namentlich auch in der Auffassung der 
Gattin Forster's begangen zu sein scheinen). 



G. B'orster's Charakter. 51 

der durch Diesen Hineingezogene gewesen sei. Schon um Defs willen 
ist gleich hier über den Ersteren noch Einiges zu sagen. 

Sehr ungleich ist G. Forster 's Charakter beurtheilt worden, 
einmal je nach Dem was für die Würdigung Desselben als besonders 
mafsgebend in Betracht gezogen worden ist, dann je nach dem von 
den Beurtheilern eingenommenen Standpunkt: dem mehr kosmopoli- 
tischen oder einem, welcher den Vertretern des ersteren als ein mehr 
kleinbürgerlicher erscheinen mag. — Mehrere unter Denen, welche 
über Forst er sich öffentlich äufserten, haben ihn hoch erhoben, 
nicht nur nach der Stelle in der Deutschen Literatur, die als ihm 
gebührend anerkannt ist, oder darauf hin, was er als Naturforscher 
gewesen sei, sondern auch sofern er danach, wie er sich in Dem, was 
er im privaten und im öffentlichen Leben gedacht und gethan, als 
Einer der edelsten Männer bewähret habe. Diese stützten sich ganz 
überwiegend auf das von Forster selbst Mitgetheilte, ohne auch nur 
Das vollständig zur Bestimmung ihres Urtheils zu benutzen; auch in 
diesen Mittheilungen sind viele unrichtige Angaben, nicht nur sub- 
jeetiv beeinflufste sondern auf Hörensagen beruhende, die selbst wenn 
unwahrscheinlich ohne weitere Prüfung hingenommen worden sind. 
Die auf dieser Seite Stehenden oder ihr Zuneigenden sind übrigens 
auch darin nicht einig, in welcher Vorführung Forster 's die Be- 
deutung Desselben überhaupt oder in einem einzelnen Stadium seines 
Lebens richtig aufgefafst sei, und Solche, die nicht auf dieser Seite 
stehen, denken bezüglich einer und derselben Schilderung Forster's 
verschieden nicht nur den Ersteren gegenüber sondern auch unter 
einander. H. Koenig schrieb über Forster doch in wohlwollender 
Gesinnung für Denselben, aber nach Moleschott wird in den „Clu- 
bisten in Mainz" ein Zerrbild Forster's gegeben und ist „Haus und 
Welt" ein Roman (vgl. K. K. S. 23); Klein bespricht die von 
Gervinus gegebene Charakteristik Forster's als geistreich, lebendig 
und mit Wärme geschrieben, rühmt dafs sie ihren Helden öfters 
richtig und wahr beurtheile, und vermifst nur in der Darstellung der 
letzten Handlungen F. 's die nicht nur einem Geschichtschreiber son- 
dern auch einem Biographen geziemende Parteilosigkeit und Ge- 
rechtigkeit (K. K. S. 21 f.), während Dove diese Charakteristik 
kurzweg als eine tendenziöse und einflufsreiche Lobschrift auf F. 
bezeichnet (D. S. 181; mir erscheint dieselbe im Vergleiche zu an- 

4* 



52 G. Forster's Charakter. 

derem von Gervinus Geschriebenem als recht leicht gearbeitet). — 
Solchen Schriften über Forst er steht die von Klein gegenüber als 
eine vollständiger Das, was Auskunft über Denselben geben kann, 
zusammenstellende und es zu einer Beurtheilung benutzende, die 
durchweg streng, öfters hart ist, gehässige Vermuthungen einfliefsen 
läfst, welche doch nur unbewiesene Vermuthungen sind, und bei der 
Anerkennung guter Seiten Forster's doch so zu sagen mit Vorliebe 
die schlimmen behandelt; Klein' s Arbeit ist beeinflufst durch das 
Gefühl des Mainzers, über dessen Stadt schwerstes Unglück zu bringen 
Forster ein Stärkstbetheiligter war*), und durch Entrüstung über 
allzuweit gehende Erhebung Forster's und die Beschönigung auch 
des Schlimmsten, was Derselbe gethan hat. — Andere Charakter- 
schilderungen Forster's halten sich zwischen diesen Extremen ; wohl- 
thuend berührt durch gröfsere Objectivität und Gründlichkeit, als 
einzeln oder zusammen bei den übrigen S. 49 genannten Schrift- 
stellern zu finden ist, die von Dove gegebene. 

Der Ruhm Forster's als Forschers und speciell als Naturforschers 
ist laut gepriesen worden. Kenner der Wissenschaftsgebiete, in welche 
seine Arbeiten gehören: der Ethnographie und Anthropologie, der 
Botanik, der Zoologie o. a. haben darüber zu urtheilen, in welchen 
Fächern oder in welchem Fach er Das geleistet hat, was einen Mann 
in der Geschichte einer Wissenschaft dauernd als einen ruhmwürdigen 
nennen läfst, auch dann noch, wenn der Einfluls zufälliger Umstände: 
dafs z. B. günstige Lebensstellung zusammen mit Interesse für eine 

*) In noch neuerer Zeit ist das Verhalten Forster's in Mainz da wieder in 
Besprechimg gekommen anläCslich der Discussion der Frage, ob diese Stadt der Er- 
innerung an F. einen Denselben ehrenden öffentlichen Ausdruck geben solle. Schon 
1854, in welchem Jahre seit F.'s Geburt 100 Jahre verflossen, und noch einmal 
1862 bei der Enthüllung der Schi 11 er -Statue in Mainz hatte Moleschott zu 
der Errichtung eines Forster-Denkmals in dieser Stadt aufgefordert, beide 
Male ohne Erfolg (K. K. S. VI). 1880 wurde da in wirksamerer Weise ange- 
regt, dafs zum Gedächtnifs Forster's eine Strafse der Neustadt nach ihm be- 
nannt werde; dafs die Thätigkeit Desselben in Mainz eine solche Auszeichnung 
nicht rechtfertige und wenig passend sein lasse, hat in einer Broschüre „Georg 
Forster in Mainz" (Mainz 1880) K. G. Bockenheimer dargelegt, welcher 
schon vorher (1868 u. 1873) in zwei Schriftchen „Zwei Sitzungen der Mainzer 
Clnbisten vom 10. und 11. Januar 1793" und „Die Mainzer Patrioten in den 
Jahren 1793 — 1798" zu genauerer Kenntnifs der damaligen Zustände beigetragen 
hatte. 



G. I'orster's Charakter. 53 

Disciplin Einen seinen Zeitgenossen wie eine Gröfse in der letzteren 
erscheinen läfst, sich nicht mehr geltend macht, wenn die Begalmng 
Eines, wichtige Resultate Anderer so darzulegen und zu verbreiten 
wie wenn er an der Gewinnung derselben betheiligt wäre, nicht mehr 
wirkt und wenn das Lob der Clique verstummt ist; Das ist Solches, 
bei dessen Fehlen die Entwickelung seiner Wissenschaft im Wesent- 
lichen zurückgeblieben wäre oder was als ein wichtiges Ergebnifs 
seiner Forschung wenigstens später als richtigerer Einsicht entsprechend 
anzuerkennen war. — Hohes Lob spendet an Forst er als Be- 

obachter der Natur und Reisebeschreiber Alex, von Humboldt in 
seinem Kosmos (Stuttgart u. Tübingen 1845—1862). Humboldt, 
fünfzehn Jahre jünger als Forster, mit welchem er im Frühjahr 
und Sommer 1790 von Mainz aus durch Belgien und Holland nach 
England und Frankreich reiste, erkennt (Kosmos L Bd., S. 345) es 
an, dafs er Diesem die lebhafteste Anregung zu weiten Unter- 
nehmungen verdankte; von dem beredten und dabei jeder Verallge- 
meinerung der Naturansicht zugewandten G. Forster (IL Bd., S. 65), 
dem Schriftsteller, welcher in unserer vaterländischen Literatur nach 
seinem Gefühle den Weg zu der besseren Richtung der Naturbe- 
schreibung eröffnet habe, seinem berühmten Lehrer und Freund sagt 
er: „Durch ihn begann eine neue Aera wissenschaftlicher Reisen, 
deren Zweck vergleichende Völker- und Länderkunde ist. Mit einem 
feinen ästhetischen Gefühle begabt, in sich bewahrend die lebensfrischen 
Bilder, welche auf Tahiti und anderen, damals glücklicheren Eilanden 
der Südsee seine Phantasie erfüllt hatten, schilderte G. F. zuerst 
mit Anmuth die wechselnden Vegetationsstufen, die klimatischen Ver- 
hältnisse, die Nahrungsstoffe in Beziehung auf die Gesittung der 
Menschen nach Verschiedenheit ihrer ursprünglichen W'ohnsitze und 
ihrer Abstammung. Alles, was der Ansicht einer exotischen Natur 
Wahrheit, Lidividualität und Anschaulichkeit gewähren kann, findet 
sich in seinen Werken vereint. Nicht etwa blofs in seiner trefflichen 
Beschreibung der zweiten Reise des Capitän Cook, mehr noch in 
den kleinen Schriften liegt der Keim zu vielem Grofsen, das die 
spätere Zeit zur Reife gebracht hat" (IL Bd., S. 72). Lassen wir 
dieses Lob ganz gelten, wenn auch bemerkt und begründet worden 
ist {I). S. 173 f.), dafs jene 1777 veröffentlichte Reisebeschreibung 
des damals 23jährigen Jünglings formell unstreitig seine Leistung 



54 G- Forster's Charakter. 

ist, materiell dagegen ihm davon, zumal von dem wissenschaftlichen 
Inhalt nur wenig zugerechnet werden darf. — Doch Das dürfen 
wir nicht gelten lassen, dafs Forster Naturforschung als seinen 
eigentlichen Beruf in sich gefühlt habe. Er war den Naturwissen- 
schaften zugewendet durch natürliche Anlagen für dieselben und die 
ihm für die Ausbildung dieser Anlagen von seinem Vater gewordene 
Unterweisung, durch die mit Diesem gemachten Reisen und nament- 
lich die 1772 bis 1775 ausgeführte Weltumsegelung, welche er als 
Gehülfe seines diesem Unternehmen als Naturforscher beigegebenen 
Vaters mitmachte. Als der Repräsentant der naturwissenschaftlichen 
Ergebnisse dieser Reise stand derjenige Theilnehmer an ihr da, welcher 
dieselben veröffentlichte: der junge Forster, und berühmt wurde er 
dadurch namentlich in dem Lande, das ihn und dem er dann sich 
als zugehörig betrachtete : in Deutschland, welchem Einer, der eine 
solche Reise mit solchem Erfolg ausgeführt, neu war. „Wir machen 
uns" — so schrieb seine Wittwe 1829 in der Erinnerung an die Zeit, 
wo F. nach Deutschland gekommen war — „bei unserer jetzigen 
Überhäufung mit berühmten Männern, mit wissenschaftlichen Notizen 
und der Sattheit des gebildeten Publicums keinen Begriff von der 
Theilnahme, der Neugier, mit welcher Forster in jeder Stadt, wo er 
damals verweilte, aufgenommen wurde '^ (Th. H. I, S. 60). Der Be- 
rühmtheit, die er durch diese Reise sich erworben, blieb Forst er 
sich stets bewufst; darauf, dafs er mit Cook die südlichen Meere 
durchschifft und unverwelkliche Lorbeern gesammelt habe, fufste er 
im März 1792 in einem an den damaligen Staatsrath Johannes 
von Müller in Mainz gerichteten Schreiben bei der Vertheidigung 
gegen Klagen, welche in Betreff seiner Verwaltung der dortigen Bib- 
liothek erhoben worden waren {G. VIII, S. 179 f.), und als Anfangs 
Januar 1793 die von dem Pariser National-Convent abgeschickten 
Commissäre in Mainz angekommen waren, schrieb F. an seine Frau 
bei der Mittheilung, er werde Dieselben nicht aufsuchen sondern sich 
suchen lassen : „Ich weifs nicht, ob die Commissarien die Leute sind, 
die mich finden können; wahrscheinlich haben sie in ihrem Leben 
nicht von Cook und Weltumsegeln reden gehört '^ {G. VIII, S. 314). 
Aber zu den auf diese Berühmtheit hin zu erhebenden Ansprüchen 
standen in Mifsverhältnifs Forster's Kenntnisse in den Fächern, in 
deren Vertretung er die Möglichkeit dafür hätte finden können, als 



G. Forster's Charakter. 55 

Naturforscher weiter zu arbeiten und sich auszuzeichnen. Er hatte 
vor der Weltreise keine hierfür genügende Schulung erhalten, wie er 
selbst einsah*), und nachher war er nicht in der Stimmung, Zeit auf 
die Erwerbung einer solchen zu verwenden. Er suchte den Grund 
dafür nicht in sich,, sondern mit Unrecht in den äufseren Verhältnissen, 
in welchen er lebte. Kassel liels ihm viel freie Zeit, die er statt zu 
der Ergänzung seines Wissens zu der Verfolgung rosenkreuzerischer 
Ziele anwendete, Wilna so viel, dafs er u. Ä. ernstlich daran 

denken konnte, als praktischer Arzt Geld verdienen zu wollen**}; 
darauf, dafs und warum für Forster an jedem Aufenthaltsort das 
Übersetzen fremder Schriften als Erwerbsarbeit die Zeit beschränkte, 
welche selbstständiger Thätigkeit und Forschung hätte gewidmet sein 
können, ist zurückzukommen. Wir dürfen wohl hierin einen Grund 
dafür sehen, dafs Forster's Leistungen in den Fächern, deren Ver- 
tretung er übernahm, nur mäfsige waren, so wohl was die Lehre als 
was das Weiterbringen der betreffenden Theile der Naturwissenschaft 
betrifft (so viel mir bekannt hat kein competenter Beurtheiler für 
eines von diesen Gel)ieten des Wissens einen fördernden Einflufs 
Forster's in einer Humboldt's Lob für ein anderes Gebiet ähn- 
lichen Weise anerkannt). So mufste die in den von ihm eingenommenen 
Stellungen zu betreibende Beschäftigung mit den Naturwissenschaften 
für ihn eine unbefriedigende sein, und Das machte ihn geneigt, auch 
in andere Stellungen als die diese Beschäftigung gewährenden einzu- 



*) So schrieb er von Wilna aus im April 1786 an Sümmerring [F.-S. 
S. 297): „Vielleicht ist eine Hauptursache meiner hier ausgebrochenen Klein- 
müthigkeit die, dafs ich jetzt sehr vieles in meinem Fache lese, welches mir 
jetzt zeigt, wie unendlich weit ich darin zurück war, und freilich sind das immer 
abschreckende PJntdeckungen für den Mann, von dem schon Arbeiten gefordert 
werden, der also wenig Zeit hat erst zu lernen, und am allerwenigsten gleich- 
sam, wie mir so nöthig wäre, wieder von vorn anzufangen". 

**) Nach den übereinstimmenden Mittheilungen Forster's aus Wilna an 
seine Braut Therese Heyne (T/t. H. I, S. 509 f. u. 529 f.) und an Sönimer- 
ring {W. I, S. 174 f. u. 181; F.-S. S. 207 u. 226) vom März und Mai 1785 
ging er auf den ihm von einem dortigen CoUegen gegebeneu Rath ein, die ein- 
trägliche Heilkunst auszuüben, dafür sich privatim vorzubereiten und den defshalb 
auswärts honoris causa zu erlangenden Grad als Doctor der Medicin zu benutzen. 
Diesen Grad erhielt er in Halle im Herbst 1785 {Th. H. I, S. 522); im Januar 
1786 {F.-S. S. 267) fand er, dafs es mit der sonstigen nöthigen Vorbereitung 
doch sehr langsam vorangehe. 



56 G. Forster's Charakter. 

treten. Perthes (P. S. 47) ist der Ansicht: „Ohne eigene innere 
Neigung, nur durch äulseres Bedürfnils getrieben, ward er in Cassel 
und Wihia Professor, in Mainz Bibliothekar und erklärte sich bereit, 
nach Düsseldorf als Zolladministrator, nach Mitau als Professor der 
Philosophie, nach dem Haag als Vorsteher des Cabinets zu gehen 
und in Wilna als praktischer Arzt aufzutreten" (was 1730 geplant 
war: dafs Forster Zolladministrator in den damals Pfalz-Bayern 
zugehörenden Herzogthümern Jülich und Berg werde, wird H. K. I, 
S. 78 f. erzählt). Aber dafür, Forster zu dem Eintreten in so ver- 
schiedenartige Ämter bereit sein zu lassen, wirkte noch etwas mit: 
dafs wie er selbst ausgesprochen hat, seine Neigung zu den Natur- 
wissenschaften eine kleinere war, wie die zu Anderem; als es sich 
gegen das Ende des Jahres 1787 für Forst er darum handelte, in 
Spanische Dienste zu treten, schrieb er {Th. H. I, S. 659; G. VII, 
S. 400) an Den, der bei ihm diesen Plan angeregt hatte und die 
Realisirung desselben vermitteln sollte : an d'Elhuyar: Votre amitie 
menhardit menie au point de vous rcvtier mon penchant pour les 
affaires, de prtference aux seien c es. 

Was im Vorhergehenden in Erinnerung gebracht wurde ist mit 
in Betracht zu ziehen für die Prüfung, welches von den verschiedenen 
über Forst er als Naturforscher ausgesprochenen Urtheilen das 
richtigere, welches über Das, was dem Sachverhalt entspricht, hinaus- 
gehend sei: dem von Humboldt in Beschränkung auf ein bestimmtes 
Gebiet der Naturkunde abgegebenen, dem daran anknüpfend von 
Hettner {H. S. 361) geäufserten, allgemeiner klingenden, dafs auf 
Grund der kleinereu naturwissenschaftlichen Schriften Forster's die 
neuere Naturwissenschaft in Diesem einen ihrer genialsten Bahnbrecher 
sehe, dem von Perthes (P. S. 68) ausgesprochenen, dafs Forster 
angewiesen gewesen sei. Ungewöhnliches zu leisten, aber in der 
Wissenschaft nicht über das Vielen Vergönnte hinauszugehen vermocht 
habe. — Eine ganz besondere Auffassung Forster's ist von 

Moleschott vorgebracht worden, welcher ihn als den Naturforscher 
des Volkes gefeiert hat. Ich habe mir bei bestem Willen nicht klar 
zu machen vermocht, dafs bez.-w. warum Forster gerade Das ge- 
wesen, niclit einmal was das charakteristische und die Beilegung 
dieses Prädicats rechtfertigende Merkmal desselben sein soll oder was 
unter dem Volk eigentlich gemeint sei. Denn darüber belehrt doch 



G. Forstei-'s Charakter. 57 

nicht, was von Molescliott (J/. S. 1 f.) als F. 's Bedeutung kenn- 
zeichnend hervorgehoben ist: „Um Forster streiten Kunst und 
Wissenschaft, Natur und Staat, weil seine Ziele über die Grenzen 
einer jeden Anlage und eines jeden Fachs hiuausreichen, weil er frei 
blieb von dem Banne einer gelehrten Zunft, von jeder Innung, die 
der Handwerksneid vergiftet, von jenen Schranken, duich welche halb- 
weise Schulmeister den Staat von der Natur oder des Menschen natur- 
wüchsiges Dasein von der Geschichte zu trennen sich bemühen. Ein 
Puls belebte ihm die Kunst und das Wissen, den Staat und die Natur; 
diesen Puls hat er allerwärts zu kräftigen gesucht; er war ihm An- 
fang und Ende des Lebens. Die Menschheit war sein Gott und 
Menschlichkeit sein Streben. Darum gehört er Allen". Keine der 
vorhin gestellten Fragen findet hier ihre Beantwortung, auch nicht 
wenn man annimmt, alles da Ausgesprochene sei zutreffend, was es u. A. 
bezüglich des Freibleibens F. 's von dem Bann einer gelehrten Zunft 
nicht ist, wenn er auch die mit dem Eintreten in eine solche über- 
nommenen Verpflichtungen leicht nahm. Darüber belehren auch nicht 
solche Aussprüche wie z. B. der (J/. S. 140): „Darin liegt eine der 
Zauberformeln, die G. Forster vor allen anderen zum Naturforscher 
des Volkes weihen: seine Darstellung der Natur ist überall dichterisch 
und wahr", oder der (Jf. S. 246 f.): „Was Goethe zum ersten 
Dichter macht, dafs er nämlich auch der erste und vielseitigste Denker 
war, das stellt Forster in den höchsten Rang unter allen Volks- 
lehrern. Das Volk verlangt Weisheit und Geschmack, Kenntnisse 
und Gestaltungskraft, es verlangt Leben und Ruhe, Liebe und Ge- 
dankenmuth. Das Volk bedarf aber überdies der Vielseitigkeit, und 
da es keine grofsen Büchersammlungen in seinen Werkstätten und 
Erholungskammern anlegt, so kann der eine Forst er eine grofse, 
bändereiche Bücherreihe entbehrlich machen. Er steht überdies dem 
A^olke so nahe, wie keiner, durch seine rührende Bescheidenheit". 
Forst er der Naturforscher des Volkes? Welches Volkes? könnte 
man fragen, und die Antwort hätte dem gleich zu Erinnernden gemäfs 
zu lauten. Oder des Volkes, von welchem er schon im März 1782 
in einem Brief an seinen Vater {Th. H. I, S. 286; G. VII, S. 159) im 
Anschlufs an die Bemerkung „Europa scheint auf dem Punkt einer 
schrecklichen Revolution" urtheilte: „Wirklich, die Masse ist so ver- 
derbt, dals nur Blutlassen wirksam seyn kann. Vom Throne bis zum 



58 G. Forster's Charakter. 

Bauer sind alle zwischen inne liegende Stände von dem, was sie seyn 
sollten, herabgesunken" ? 

Forster's Begabung für das "Wirken in öffentlichen Angelegen- 
heiten ist hoch gestellt, sein politisches Handeln, wo es ihm zum 
Vorwurf gemacht worden, entschuldigt, vertheidigt, selbst gelobt 
worden. Gervinus' Behauptung (G. VII, S. 9): ,, In diesem Manne, 
der dem deutschen Volke, in Erwartung der Sache selbst, das Wort 
Gemeingeist erst geschaffen hat, war ein Schatz von praktischem 
Talente, von Staatseinsicht und grolsem Überblicke der Weltlage an- 
gesammelt, reich genug, um ihn zum Lenker des gröfsesten Gemein- 
wesens zu befähigen", dürfte doch mindestens als eine sehr weit 
gehende bezeichnet werden, auch bei Berücksichtigung, dafs F. nicht 
einmal sein Hauswesen in Ordnung zu erhalten vermochte; Perthes 
kommt wohl der Wahrheit näher mit dem Ausspruch (P. S. 84): 
„Um ein politischer Mann zu sein, fehlte Forster kaum weniger als 
Alles". Darüber, wie Volksglück zu fördern sei, scheint Forster 
zu verschiedenen Zeiten verschiedener Meinung gewesen zu sein. In 
seinen „Ansichten vom Niederrhein" u. s. w^ — der Frucht der mit 
A. von Humboldt 1790 gemachten Reise — suchte er {G. VII, S. 56 
unter Bezugnahme auf das von F. S. 109 der 1791 zu Berlin ver- 
öffentlichten Ausgabe der „Ansichten" Gesagte) das Zeichen eines 
freien Regimentes in dem guten Willen und der Selbstverläugnung, 
„nicht zur Unzeit wirken zu wollen, sondern sich mit der Wegräumung 
der Hindernisse zu begnügen, welche der freien, willkürlichen, un- 
bedingten Thätigkeit des Bürgers entgegenstehen", aber 1793 be- 
theiligte er sich bei den härtesten Mafsregeln bez.-w. hiefs er die- 
selben gut, die der Französischen Sache abgeneigten Einwohner des 
Kurfürstenthums Mainz und anderen Deutschen Gebietes zur Be- 
thätigung des Eingehens auf Das, was die jetzt von ihm ergriffene 
Partei wollte, zu zwingen (vgl. die K. K. S. 310 bis 329 berichteten 
Thatsachen; „Forster hat sich leider überall mit fürchterlicher Härte 
betragen" schrieb Anfangs Jtmi 1793 Sömmerring - W. II, S. 206 — 
an Heyne). 

Hindernd dafür, dafs Forster hätte patriotisch wirken können, 
war bei ihm der Mangel an Vaterlandsgefühl. Dieses Gefühl war 
ihm in seiner Jugend, unter den Umständen unter welchen er dieselbe 
verlebte, fremd geblieben und in Wirklichkeit von ihm auch in reiferen 



G. Forster's Charakter. 59 

Jahren nicht empfunden worden. Es wäre sich nicht dauüber zu 
wundern, wenn der einer ursprüngUch Englischen Familie entstammte, 
in dem damals noch Polnischen Dorfe Nassenhuben geborene Forst er, 
im zwölften Jahre nach England gekommen und da lebend bis zu der 
unter Englischer Flagge ausgeführten Weltreise, sich nach der Rück- 
kehr von derselben als Engländer betrachtet hätte (sein Tagebuch 
über eine im Herbst 1777 von London aus nach Paris gemachte 
Reise war in Englischer Sprache geführt — Th. H. I, S. 23, und 
mehrere zunächst nach dem Verlassen Englands, im October bis De- 
zember 1778 an seinen Vater gerichtete Briefe waren in derselben 
Sprache geschrieben — Th. U. I, S. 151 u. 17{;). In Kassel gab 
er sich dann als Deutschen. Von dem längeren Aufenthalt in Wilna 
in Polen — der Bruder des damaligen Königs dieses Landes, Graf 
Michael Poniatowski, Bischof von Plock und Präsident der Studien- 
Commission, setzte bei der Berufung Forster's dahin voraus, qu'il 
nc peilt manquer de revenir avec plaisir en FoJogne, et de se rcndre 
avec empressement aux invitations que luifait la Patrie (Th. H. I, 
S. 367; G. VII, S. 218) — nach Deutschland zurückgekehrt schrieb 
F. im Dezember 1787 von Göttingen aus, als es sich um das Ein- 
treten in Spanische Dienste handelte (vgl. S, 56) , an den Spanier 
d'Elhuyar: Si Ic sort vent, que je travaüle un jour pour votre 
patrie, de quelle maniere que ce soit, je ni'y livrerai ä corps perdu, 
et je deviendrai Espagnol dans Vame {Th. H. I, S. 661 f.; G. VII, 
S. 401). Jetzt in Deutschland von dem Kurfürsten von Mainz angestellt 
nannte er wieder — z. B. 1789, wie S. 63 f. zu erinnern — dieses 
Land sein Vaterland. Im November 1792, als ihm der vorherige 
Preufsische Minister Graf von Hertzberg durch Vermittelung des 
Buchhändlers Vofs in Berlin eine Unterstützung unter Aussprache 
der Hoffnung angewiesen hatte, dafs F. immer ein ächter Deutscher 
und auch ein guter Preul'se bleiben werde {Th. H. II. S. 314), spielte 
sich Forster, nur auf das Letztgesagte*), von Vofs in Überein- 



*) Zu dessen richtigem Verständnifs daran zu denken ist, dafs F. zwar 
niemals in Preufsen angestellt gewesen war, Aussicht auf eine Anstellung in 
diesem Lande aber gerade zu der Zeit, wo er zu der Französischen Partei über- 
trat, vorhanden gewesen zu sein scheint. Schon im Febi'uar 1788 hatte er von 
Berlin aus an S^ömmerring [W. I, S. 265; F.-S. S. 491) geschrieben: „Der 
Geh. Rath Mayer" (Job. Christoph. Andr. M., damals Professor der Botanik 



60 G. Forster's Charakter. 

Stimmung mit dem Grafen Gewünschte eingehend in seiner an V. ge- 
richteten Antwort als geborenen Polen auf: darüber, dafs er ein 
Preufse bleiben solle, könne er sehr Vieles antworten; er sei in Polen 
eine Stunde von Danzig geboren und habe seinen Geburtsort verlassen, 
ehe derselbe unter Preufsische Botmäfsigkeit gekommen, sei also in 
so fern kein Preufsischer Unterthau; er habe als Gelehrter in Eng- 
land gelebt, die Welt umreist, in Kassel, Wilna und Mainz sich be- 
müht, seine Kenntnisse mitzutheilen (Th.H. 11, S. 327 f.; (r. VIII, 
S. 274). Wenige Tage nachher schrieb er (TL H. II, S. 332; G. VIII, 
S. 276), gleichfalls von Mainz aus, an seinen Vater: „Ich bin jetzt 
Unterthan, — nein, das Wort ist hier verbannt, — Bürger der fran- 
zösischen Republik" ; aber nachdem er in Frankreich gesehen hatte, 
wie die Lenker dieser Republik dachten und handelten, im August 
1793 von Arras aus an seine Frau, welche damals mit Huber in 
Neufchatel lebte, {Th. H. II, S. 549; G. IX, S. 80): „Hätte ich vor 
10 Monaten, vor 8 Monaten gewulst, was ich jetzt w^eifs, ich wäre 
ohne allen Zweifel nach Hamburg oder Altona gegangen, und nicht 
in den Klub" (in Mainz, mit dem Eintritt in welchen sich seine Zu- 
gehörigkeit zu der Französischen Partei entschied; vgl. darüber, wie 
Forster im Herbst 1793 über seine Stellung zu Frankreich dachte, 
auch das in der Anmerkung IX am Ende dieses Theiles aus seinem 
Brief an Huber vom 8. October dieses Jahres Mitgetheilte). — 
Wie Forster seine Nationalitäts-Confession wechselte bez.-w. zu dem 
Aufgeben einer, zu der Annahme einer anderen Nationalität bereit 
war, entspricht weniger dem stolzen Wahlspruch Omne solum forti 

und Arzneimittellehre zu Berlin) „hat die Expectanz auf Cothenius Stelle. 
Alsdann glaubt man, werde er die Professur der Botanik niederlegen, und Leute, 
die mir wohl wollen, meinen, ich könnte mir wohl einige Hoffnung dazu machen. 
Indessen mufs man darauf noch keine Häuser hauen, denn dies ist alles in 
weitem Felde", und im März 1788 nach dem Aufenthalt in Berlin an Den- 
selben {W. I, S. 266; F.-S. S. 494): „Der Minister Hertzherg hat mir wieder- 
holt versprochen, er wolle an mich denken, wenn etwas bei der Akademie vor- 
fiele. Allein diese Aussicht ist doch im Aveiten Felde, und dann noch uugewifs, 
wie auch gar gering, wegen der schlechten Besoldungen". Ein Brief Forster's 
an seine Frau vom 28. Januar 1793 (Th. H. II, S. 392; G. AlII, S. 316) be- 
ginnt: „Dein Vater schreibt mir in einem Brief vom 18ten: ich hätte in dieser 
Zeit ein schönes, mir bestimmtes Glück in Berlin verloren"; F. betrachtete jetzt 
diese Nachricht als aus der Luft gegriffen, scheint aber doch auf etwas Derartiges 
gewartet zu haben (vgl. S. 68). 



G. Forster's Charakter. 61 

patria, welchen der wegen seiner Betheiligung an der Hinrichtung des 
Königs Karl I. im Exil in der Schweiz lehende Engländer Ludlow 
seinem Haus in Vevey zur Inschrift gab, als dem minder stolzen ühi 
hene, ibi patria; Anstand wäre daranzunehmen, mit diesem trivialen 
Wort als eine ihm entsprechende die Gesinnung eines so bedeutenden 
Mannes wie G. Forster's zu kennzeichnen, hätte nicht F. selbst in 
seinem vorhin erwähnten Brief an Vofs dem da aus demselben Be- 
richteten hinzugefügt: „Wo ich jedesmal war, bemühte ich mich ein 
guter Bürger zu seyn, wo ich war, arbeitete ich für das Brod, welches 
ich erhielt. Tibi bene, ibi patria, mufs der Wahlspruch des Ge- 
lehrten bleiben ; er bleibt es auch des freien Mannes, der in Ländern, 
die keine Verfassung haben, einstweilen isolirt leben mufs". Für 
Forster galt bezüglich des hier besprochenen Punktes schon viel 
länger, was er im Juli 1793 als um diese Zeit für ihn eingetreten 
seiner Frau schrieb {Th.H. 11, S. 495; G.IX, S. 47): „Ich habe 
keine Heimath, kein Vaterland, keine Befreundeten mehr". Schön 
gesagt aber der Wahrheit wohl nicht entsprechend ist was Hettner 
berichtet {H. H. S. 369): „Er sah das Vaterland nur da, wo nach 
seiner Meinung die Freiheit war". 

Dafs Forster'n in seiner Jugend das Gefühl nicht eingeflöfst 
wurde, dessen Empfindung ihm dann stets versagt blieb: das Vater- 
landsgefühl, giebt einen mildernden Umstand ab bei der Beurtheilung 
der That, die ihm zum schwersten Vorwurf gereicht, um deren willen 
er zwar nicht so wie gewöhnlich angegeben wird in Deutschland ge- 
ächtet*) aber von den Besten seiner Zeitgenossen in diesem Lande 
geringer geachtet**), bei den Franzosen nicht höher angesehen 



*) Von Späteren ist mehrfach hervorgehoben worden, was Forster von 
Paris aus im Juli 1793 au seine Frau nach Neufchatel — wie es scheint auf eine 
ihm von Dieser, die schon lange von Mainz entfernt war, gemachte Mittheilung 
hin — darüber schrieb, dafs ein General einen Preis von 100 Ducateu auf seineu 
Kopf gesetzt habe. Wenn Dies wirklich stattgehabt hätte, wäre zu erwarten, 
dafs diese Mafsregel bekannt gemacht worden sei, oder jedenfalls doch, dafs 
ihrer in einem der vielen, damals über die Mainzer Ereignisse geschriebenen 
JBerichte erwähnt werde; aber nirgends findet sich einer solchen oder auch nur 
einer ähnlichen Achtung gedacht (vgl. K. K. S. 7 f.). 

**) Darüber, wie sich die Deutschen von Forst er abwendeten nachdem 
Dieser zu den Franzosen übergegangen war, sind Gervinus [G. YII, S. 5 f.; 
erst einer etwas späteren Zeit gehört an, was Dieser da in Beziehung auf An- 



62 G. Forster's Charakter. 

war*). Entschuldigen oder gar rechtfertigen läfst sich nicht, welche 
Rolle er bei dem Verrath eines Theiles von Deutschland an Frankreich 
spielte. Mit so viel Erfolg, dafs er zur Nachahmung reizte, ist Das 
versucht worden, namentlich von Gervinus, welcher bei unvollstän- 
diger Berücksichtigung des von und über F. Vorliegenden {G. VII, 
S. 67) sich aussprach: „F. war sich selbst treu und so in sich über 
alle Vorwürfe erhaben, aber er war dem Vaterlande untreu, sagt man, 
und glaubt ihm hierüber desto gerechtere Vorwürfe machen zu dürfen. 
Sie fallen im Grunde in sich zusammen, wenn man sich erinnert, 
dafs Forster kein Deutscher war, und eigentlich kein Vaterland 
hatte. — — Und wenn wir den weltbürgerlichen Freigeist übrigens 
als einen geborenen Deutschen vor unser vaterländisches Gericht ziehen 
könnten und dürften, welches Recht hätte denn dies Vaterland über- 
haupt zu Recht zu sitzen? dies Land" dessen damalige Zustände nun 
zur Begründung des eben Gesagten skizzirt werden. Und (S. 65) 
bezüglich der Frage, w^as Forster bewogen haben konnte, als Ab- 



erkennung F.'s bemerkt: „Die einzelne Stimme Friedr. Schlegel's, der ihm 
in seinen guten Jahren, 1801, ein Denkmal setzte, verhallte ungehört") und 
Klein {K. K. S. 9 f.) einig. Auch in den im Musenalmanach für 1797 ver- 
öflentlichten Schiller-Go ethe'schen Xenien ist F.'s Übertritt zu den Fran- 
zosen (von demErstereu: E. Boas' Schiller und Goethe im Xenienkampf, 1851, 
I, S. 185 f.; E. J. Saupe's Schrift: Die Schiller-Goethe'schen Xenien, 1852, 
läfst ungesondert, welche Distichen von dem einen, welche von dem anderen 
Dichter herrühren) gegeifselt. Ich setze die beiden darauf gehenden Distichen 
hierher, auf deren eines später noch Bezug zu nehmen ist: 

347. Phlegyasque miserritnus omnes admonet. 
0, ich Thor! Ich rasender Thor! Und rasend ein jeder, 
Der, auf des Weibes Kath horchend, den Freiheitsbaum pflanzt! 

348. Die dreifarbisje Cooarde. 
Wer ist der Wüthende da, der durch die Hölle so brüllet, 
Und mit grimmiger Faust sich die Cocarde zerzaust? 

*) Forster sah sich in Mainz von den durch den Französischen National- 
Convent dorthin gesendeten Commissären zurückgesetzt {Th. H. I, S. 120; F.'s 
Wittwe bemerkt zu dieser Angabe: „Um ganz wahr zu seyn, mufs ich noch 
mehr sagen: — der Fremde, welcher in einer fremden Sache als Revolutionair 
auftritt, flcifst als solcher immer eine Art Mifsachtung ein"). Dafs er, nach 
Frankreich gegangen, da nicht so, wie für ihn vorauszusetzen gewesen sei, be- 
handelt und beschäftigt wurde, lassen doch auch Gervinus (G. VII, S. 6G u. 73 f.) 
und Moleschott [M. S. 2G3) erkennen. 



G. Forster's Charakter. 63 

geordneter das (angebliche) Verlangen der Rheinprovinz nach einer 
Vereinigung mit Frankreich in Paris zu vertreten: „Heute wird man 
es ruhiger fragen, aber man wird es noch immer mit Bedenken fragen, 
was F. zu diesem Schritte bewog. Wie, wenn man die Frage um- 
kehrte: was in aller Welt sollte ihn bewegen, diesen Schritt nicht 
zu thun?" was nun weiter ausgeführt wird. — Dafs Forster 
kein Vaterlandsgefühl hatte, ist gewils, aber das Fehlen dieses Ge- 
fühles spricht doch nicht frei von den Pflichten gegen das angeborene 
und bewahrte oder gegen das gewählte Vaterland, und als Deutscher 
betrachtete sich F. in Mainz und mufste er sich gerade bei jenem 
Schritte betrachten. Auch abgesehen von dem zum Nachweis Vor- 
gebrachten (vgl. K. K. S. 33), dafs F. sich immer als Deutschland 
zugehörig angesehen habe (im October 1779 machte er sogar in einem 
Brief an Fr. Jacobi, den er da als einen alten Deutschen bezeichnet, 
unter Bezugnahme auf seine Genügsamkeit auch „Anspruch auf diesen 
Ehrentitel"; Th. H. I, S. 226 f.; G. VII, S. 128 f.), auch davon, 
dafs er — wie Dove (D. S. 174) ausspricht — erst 1778 mit der 
Einkehr in Deutschland zugleich mit der Bestätigung seiner ursprüng- 
lichen Nationalität seine volle Eigenthümlichkeit gewann, dafs er wenn 
in der Literatur Eines Landes in der Deutschen sich das Bürgerrecht 
erworben hat: mit dem Eintreten in den Dienst des Kurfürsten- 
thums Mainz übernahm er Verpflichtungen diesem Deutschen Staat 
und damit Deutschland gegenüber, welche ihm auch bei aller Kläg- 
lichkeit der Regierung des ersteren so lange oblagen, als er nicht 
aus dem ihm da anvertrauten Amt, ausgetreten war. Durch die An- 
stellung in Mainz sah er sich, wie er selbst bekannt hat, Deutschland 
als seinem Vaterland zurückgegeben; in der Zueignung seiner Über- 
setzung von Wilson's Nachrichten von den Pelewinseln an den Kur- 
fürsten von Mainz*) sprach Forster 1789 aus: „Erhabene Begrifte 

*) Die Zueignung ist abgcilruckt 7t. K. S. 90 f. Darüber Avas Forster 
dazu bestimmte, diese Übersetzung dem Kurfürsten zu widmen, sagte er im 
März 1789 in dem Schreiben au Job. v. Müller {G. VIII, S. 75), in welchem 
er Diesen bat die Genehmigung der Widmung zu vermitteln: Votis savez quHl 
me tarde de donner ä S. A. quelqiie temoignage de ma vive reeonnoissance, pour 
les bontcs dont Elle in''a combU en m'appelant ici, in einem Brief au Heyne 
im August 1789 {Th. H. I, S. 829; G. VIII, S. 88): „Die Dedication an den 
Kui-fürsten hatte Aveiter keinen Endzweck, als dem hiesigen Publikum einen Ge- 
sichtspunkt anzugeben, unter welchem es meine Herberufuug ansehen kann. Hier- 



64 G. Forster's Charakter. 

sowohl vom Werth der Wissenschaften, als vom Wirkungskreis des 
Gelehrten und menschenfreundliche Gefühle bewogen Eure Kurfürst- 
lichen Gnaden sich meiner huldreichst anzunehmen und mir mein 
Vaterland wieder zu schenken. Es ist das Werk Eurer Kurfürstlichen 
Gnaden, dals ich in Deutschland zufrieden lebe". Aber namentlich 
bei dem Verrath Deutschen Gebietes an Frankreich mufste sich 
Forster als einen Deutschen, als einen Angehörigen des Deutschen 
Landes betrachten, für dessen Einverleibung in die Französische 
Republik er wirkte, Namens dessen er die Bitte um Vereinigung 
desselben mit dieser Republik nach Paris brachte. Er selbst war 
am 28. Januar 1793 sich Dessen bewufst, wie sein Thun vom Deut- 
schen Standpunkt aus zu beurtheilen war; an diesem Tage schrieb 
er an seine Frau nach Neufchatel {Th. H. II, S. 392; G. VIII, 
S. 316), Bezug nehmend darauf, dafs ihn Heyne zur Umkehr auf 
der eingeschlagenen Bahn aufgefordert, ihm zur Niederlegung der in 
der Französischen Administration von Mainz übernommenen Stelle 
gerathen hatte: [Dein Vater meint,] „Ich möchte doch vernünftig 
handeln, und was dergleichen Sprüchelchen mehr sind, die doch jetzt 
gar nichts sagen wollen, als dafs ich ein doppelter Schurke seyn soll, 
nachdem ich in den Augen der Leute jenseits des Rheins an ihnen 
einer geworden bin". Am nächstfolgenden Tage schrieb er an 
Buchhändler Vofs nach Berlin {Th. H. II, S. 273): ,,Ich glaube so 
gehandelt zu haben, dafs alle Parteien mir Achtung schuldig sind". 
Es ist hervorgehoben worden, dafs Forster's Handlungsweise 
stets Grundsätzen entsprechend gewesen sei, an welchen er unent- 
wegt festgehalten habe. Nach Gervinus {G. VII, S. 5) beging F. 
auch mit seinem Übertritt zu den Franzosen einen Act der consequen- 
testen Handlungsweise und wirkte und lebte er nach Grundsätzen, 
die man vorher wohl in seinen Schriften gelobt und bewundert aber 
dann in der That verdammt habe; bezüglich Dessen, was F. da that, 
sagt Mole Schott {M. S. 256), dafs F. nach Grundsätzen, die vor- 
her als von dem Letzteren von Dessen frühester Jugend an gehegt 
angegeben werden, gehandelt habe, und auf die Festigkeit des Cha- 
rakters F. 's wird {M. S. 281) ausdrücklich Bezug genommen^ 



in und in dem Wunscli, dem Kurfürsten ein kleines Vergnügen zu machen, 
glaulje icli, meinen Endzweck erreicht zu haben". 



G. Forster's Cliaraktex". 65 

imd nach Hettner {H. H. S. 370) blieb F. auch in Frankreich, als 
da der Gang der Revolution immer trostloser und entsetzenvoller 
geworden sei, unerschütterlich fest bei seinen Grundsätzen. In 
Wahrheit hat Forster unerschütterliche Festigkeit in seinen Grund- 
sätzen nicht bewährt; eher kann sein Charakter als ein inconse- 
quenter bezeichnet werden. Dem, was schon das Vorhergehende in 
dieser Beziehung ausweist, mag hier noch Einiges zugefügt werden. 
Gewil's ist Forster' n Das nicht zum Vorwurf zu machen, dafs 
er im Verlaufe der Jahre auch in Betreff wichtiger Fragen zu ab- 
geänderten Ansichten kam und wie vorher den früher, so nachher 
den später ihm als richtigere erscheinenden offenen Ausdruck gab. 
Aber bei ihm war auch für wichtigste Fragen die Aenderung seiner 
Ansichten eine recht rasche, und sie ging dann weit. So z. B. in 
Betreff religiöser Überzeugung. Wie er zu Ende des Jahres 1781 
dachte, läfst ein da von ihm aus Halle an Sömmerring gerichteter 
Brief ersehen, in welchem er (JV. I, S. 127; F.-S. S. 15) wünschte: 
„Gott erhalte Dich, theuerster, innigstgeliebtester Br. und segne das 
Werk Deiner Hände. Ich bange mich unendlich, dafs ich daran Theil 
nehme, auf dafs G. u. s. W. m. u. s. — Der Geist Jesu leite uns 
in Demuth, Geduld und Liebe. Amen! — — Nochmals lebe wohl 
und bete für mich; denn bis auf die Augenblicke, die ich Ihm sonst 

weihte, bleibt mir nichts von Zeit zu eigen. Unser lieber Herr 

sei mit uns allen!"; wie noch am Ende des Jahres 1783, was er 
da in einem Brief an Joh. von Müller {G. VII, S. 212) bekannte: 
„Ich mache noch täglich die Erfahrung, dafs keine einzige Bewegung 
zum Reinguten in mir aus eigenem Antriebe entsteht und ich folglich 
keinen Augenblick darauf rechnen kann, in eigener Tugend standhaft 
zu beharren. Das glaube ich aber, dafs ich es Alles vermögen werde 
durch den, der uns mächtig macht, Jesum Christum". Mit der 
Erkenntnils, dafs die in Kassel betriebene Beschäftigung mit Rosen- 
kreuzerei eine Täuschung gewesen war, mit dem Abwenden von der- 
selben vollzog sich in Forster auch die Wandlung seiner Ansichten 
in Glaubenssachen. Im März 1784 schrieb er an Jacobi's Schwester 
{Th. H. I, S. 380; G. VII, S. 226 f.), in seinem Denken sei eine 
Revolution vorgegangen, die, wie er hoffe, sehr zu seiner Zufriedenheit 
in Zukunft beitragen werde ; eine gute Portion Schwärmerei habe er 
noch fahren lassen. Auf der Reise nach Wilna, von Dresden aus 

Kopp, Die Alcliemie. 11. 5 



66 G. Forster's Charakter. 

schrieb er im Juni 1784 (F.-S. S. 61) an Sömm erring darüber, aus 
welchen Beweggründen er in Kassel so tapfer für sein Glück gekämpft 
habe, „so lange ich den lieben Glauben hatte, dessen Erfindung Gott 
den Menschen verzeihen wolle! Amen!"; im August von Wien aus 
{Th. IL I, S. 426; G. VII, S. 260) an seine Braut: „Ich habe 
Alles geglaubt. Die Überzeugung, dafs diejenigen, die mich zu diesem 
Glauben verführten, keine moralisch guten Menschen wären, öffnete 
mir die Augen, ich glaubte nun das ganze aufgethürmte Glaubens- 
gebäude auf einer Nadelspitze ruhend zu sehen, und wie ich die 
untersuchte, fand ich sie auch verrostet und unsicher". Von Wilna 
aus schrieb er im Dezember 1785 an Sömmerriug {F.-S. S. 252): 
„Ich bin Dir jetzt so ruhig, so zufrieden, ohne Gott und ohne Gebete, 
als ich es ehedem mit aller Kraft und Aengstlichkeit des Glaubens 
nie sein konnte", und im März 1786 {F.-S. S. 290): „Mag doch die 
Welt glauben, was sie will, wenn ich nur wissen darf, was ich will, 
und nichts glauben darf". Nach dem Weggang von Wilna schrieb 
er im November 1787 von Göttingen aus {F.-S. S. 448) an Denselben: 
„In Piücksicht auf Religion, halte ich dafür, kann keine bessere Lage 
sein, als die eines Protestanten unter Katholiken, die ihm über den 
Punkt keinen Yerdrufs machen. — — Sobald ich die ersten paar 
Sätze einräumen mufs, welche doch beide, Protestanten und Katholiken, 
ebenmäfsig fordern, so ist mir gar nicht begreiflich zu machen, wo 
ich stille stehen soll; denn aus einer gegebenen Absurdität fliefsen 
alle möglichen Absurditäten, und der räsonnirt wenigstens am con- 
sequentesten, der sie alle annimmt. Der Fehler liegt darin, dafs 
man die erste zugiebt. — — Die allerheillosesten und mir aller- 
unerträglichsten Theologen sind die neueren Reformatoren der Pro- 
testanten, die ein sogenanntes vernünftiges Christenthum predigen, 
eine Contradictio in adjecto.'^^ (Über Forster's Verhältnifs zur 
Religion verbreitet sich eingehender Perthes' Charakteristik Desselben, 
welche Dove als eine feine, christlich accentuirte bezeichiiet.) 

Rascher ging die Aenderung der Ansichten Forster's in anderen 
Dingen unter dem Druck äufserer Verhältnisse vor sich. „Die 
Sicherheit und Ruhe, mit der" nach Gervinus {G. VII, S. 68) ,,F. 
seinen Übergang zur Revolution machte", zeigt sich doch Demjenigen 
nicht, welcher das vollständigere Material zur Beurtheilung benutzt, 
wie F. sich in dieser Sache verhielt. Nach dem Einzug der Fran- 



G. Forster's Charakter. 67 

zosen in Mainz am 21. October 1792 bethätigte er nicht sofort die 
naclilier ihn leitende Gesinnung. "Wefshalb er nicht alsbald der 
Französischen Partei beitrat, erschien im folgenden Jalir in Mainz als 
ein Räthsel (K. K., S. 238). Stufenweise kam er in allerdings kurzer 
Zeit dazu; wo seine Gattin {Th. H. I, S. 88) davon spricht, .,\vie er 
von einer Veranlassung zur andern sich endlich bestimmt für die 
Losreifsung des Landes vom Deutschen Reichsverband und dessen 
Einverleibung mit der französischen Republik erklärte", sagt sie auch 
(S. 90): ,,er hatte sich den Umständen preisgegeben, Aveil sie mit 
seinen Neigungen zusammenstimmten, und so rief ein Schritt den 
andern hervor und führte die Begebenheiten viel weniger herbei, als 
diese jene veranlafsten". ..Vierzehn Tage lang" (nach der Einnahme 
von Mainz) — so schrieb Forst er am 21. November an Vofs nach 
Berlin {Th. H. II, S. 269 f.) — „stand ich zurück und nahm an 
Nichts Antheil, ausgenommen dafs ich auf Verlangen der Universität 
mit einer Deputation zum General ging und um Schutz für ihre Be- 
sitzungen ansuchte. Allein nun war es nicht länger möglich zu 
zweifeln, welche Partei man ergreifen müsse, da der VolksNville sich 
immer deutlicher entwickelte — — und endlich die entschiedene 
Übermacht der Republik in dem ganzen Kampfe keine Hotl'nung mehr 
übrig liefs, dafs diese Gegend zurückgegeben werden könnte". In 
dieser Zeit hatte er erwogen, was er zu thun habe. Am 27. October 
hatte er an Vofs geschrieben (Th. H. IL S. 257): „Das allgemeine 
Wohl des Orts, wo mau sich befindet, mufs man wollen, dem Willen 
der Mehrheit mufs man folgen, oder seine bürgerliche Existenz und 
seine Familie einer blinden Anhänglichkeit an Leute opfern, die für 
sich selbst nichts zu thun im Stande sind, vielweniger ihre Clienten 
oder diejenigen, die um ihretwillen ins Unglück gerathen, unterstützen 
wollen und können"; am 26. October an Hub er bezüglich der Frage, 
ob er in Mainz bleiben oder weggehen solle {Th. U. IL S. 288; 
G. VIII, S. 258): „Bei jeder Unternehmung mufs gewagt werden, ich 
weifs es wohl; nur kommt es darauf an, wo Wahrscheinlichkeit 
hindeutet. Auch Das wäre gewagt, mit Brand*) nach Italien zu 
reisen; freilich nicht die Haut, aber die bürgerliche Existenz". Noch 



*) Thomas Brand, später Lord Dacres, welchen Forster 1790 aus 
England als Pensionär mitsrebraclit hatte. 



68 G. Forster's Charakter. 

Anderes scheint Forster's anfängliche Zurückhaltung und dann sein 
Hervortreten bestimmt zu haben: Umstände, auf welche noch zurück- 
zukommen ist: mifslichste pecuniäre Lage und Frauen-Einflufs, aber 
namentlich auch die Aussicht auf eine Anstellung in Berlin und dafs 
diese Aussicht keine Bestätigung fand. Im Anschlufs an das S. 60 in 
der Anmerkung Angegebene schrieb er am 28. Januar 1793 an seine 
Frau {TL HAI, S. 392; G^. VIII, S. 316): „Habe ich nicht ruhig 
auf einen Wink gewartet? War es länger möghch, räthlich, ja nur 
menschlich zu warten? Hätte ich nicht alles gewagt?" Keineswegs 
trat F. in Sicherheit und Ruhe zu der Revolution über; seine Stimmung 
war in den Tagen der Entscheidung wenigstens zeitweise eine sehr 
erregte. Unter Bezugnahme darauf, wie er sich da in Briefen zu 
Gunsten der Französischen Partei ausgesprochen hatte (,,Die Heftig- 
keit Ihrer letzten Briefe erschreckt mich; man sollte denken, Sie 
wären bereits schon mit Leib und Seele Jacobiner" schrieb ihm 
Heyne am 31. October 1792; Th. H. II, S. 295), entschuldigte er 
sich bei Vofs am 10, November {Th. H. II, S. 261) damit, dafs sein 
Brief in einem Augenblick von heftiger Spannung und mitten in dem 
Gefühl des Verdrusses über alles Dasjenige, was der Einnahme der 
Stadt voranging, bei Heyne an demselben Tage {Th. H. II, S. 306 f.) 
damit, dafs sein Brief im Moment des Unwillens und Mifsvergnügens 
über die Urheber des nunmehr nach Deutschland gebrachten Kriegs- 
unglücks geschrieben worden sei. Am 5, November 1792 trat 
Forst er dem Club der Französisch- Gesinnten zu, am 19. November 
in die von dem General Custine eingesetzte Administration des bis- 
herigen Kurfürstenthums Mainz als Vice-Präsident derselben; ,, Diese 
Gelegenheit, französischer Bürger zu werden, halte ich auf jeden Fall 
fest", schrieb er am 10. November an Vofs {Th. II. II, S. 267). 
Und auch als er sich entschieden hatte wird seine Erregung manch- 
mal eine sehr heftige gewesen sein, wenn auch Das übertrieben sein 
mag, was Sömmerring am 19. März 1793 (1^.11, S. 196; F.-S. 
S. 612) von Frankfurt aus an Heyne berichtete: „Wie sehr es micli 
jammert. Forster so verführt zu sehen, kann ich Ihnen nicht be- 
schreiben. Ilofkammerrath Molitor, Weidmann, Gichtel u. s. f. 
können mir kaum stark genug den Grad seiner Heftigkeit schildern. — 
Man glaubt, er sei nicht ganz bei sich". 



G. Forster's Charakter. 69 

Nach Empfang- der Nachricht, dafs ihm Graf von Hertzberg 
eine Unterstützung in der Form eines Vorschusses angewiesen habe 
(vgl. S. 59), schrieb Forster am 21. November 1792 {Tk. H. II, 
S. 326 ff.; G. VIII, S. 273 ff.) an Vofs: „Zugleich mit Ihrem letzten 
Brief kam einer von . . . der mich benachrichtigte, ich könne über 
die . . . Thlr. verfügen. Anstatt diese Summe zu beziehen, schrie!) 
ich ihm heute, dafs ich erst von neuem Antwort aus Berlin abwarten 
mufs. Im Grunde aber hätte ich ihm geradezu schreiben können, 
dafs ich von dem Gelde keinen Gebrauch machen würde. Denn Sie 
schreiben mir die merkwürdigen Worte: ,, stimme in des Gr. . Wunsch 
ein, dafs Sie ein guter Preufse bleiben mögen! Das müssen Sie auch, 
lieber F., weil ich sonst offenbar in Gefahr käme, durch die so an- 
genehmen Geschäftsverhältnisse mit Ihnen Verdrufs zu erfahren". 
Vorerst also, 1. F., thue ich gänzlich Verzicht auf die edle Unter- 
stützung, wefshalb Sie sich meiner so freundlich angenommen haben. 
Ich kann und will Ihnen keinen Verdrufs machen durch eine Handlung, 

die Sie in der grofsmüthigsten Absicht für mich unternahmen. 

Ich mag lieber alles Elend über mich ergehen lassen, als meinen 
Grundsätzen ungetreu werden. W^ie könnte ich unter solchen Be- 
dingungen einen Vorschufs von . . . Thlr. annehmen, da ich ein 

Geschenk einer halben Million als Bestechung ausschlagen würde! 

Überflüssig ist nun Alles, was die Vorschufssache betrifft". ,.Mit 
schnöder Verwerfung läfst er (in einem Augenblicke wo er ärmer war 
als je, wo er sich aufs äufserste einschränken mufste, um bei seiner 
moralischen Unabhängigkeit nicht ökonomisch zu Grunde zu gehen) 
an Herzberg, der ihm zu spät einen Vorschufs anbot, durch Vofs 
bestellen: „Ich mag lieber — ausschlagen würde". — — Forster 
war sich selbst treu in dieser Handlungsweise, und dies war es, was 
ihm hernach seinen Innern Halt gab"; so meinte Gervinus {G. VII, 
S. 67). Am 4. Dezember 1792 schrieb Forster an Huber 
{Th. H. II, S. 339; G. VIH, S. 280): „Es gereut mich, dafs ich auf 
das von Berlin wirklich schon in Frankfurt für mich zahlbar gemachte 
Geld nicht vor acht Tagen die Hand gelegt habe. Alle Bedenklich- 
keiten wegen der Wünsche, die man in B. über meine politische 
Laufbahn äufserte (waren's doch nur Wünsche!), fallen jetzt weg; die 
Nothwendigkeit gebietet herrisch. In sechs Jahren zahle ich oder liege 
unter der Erde verscharrt, und da können die Leute, die zu dem 



70 G. Forst er's Charakter. 

Vorschufs beigetragen haben, eben nicht viel an mir verlieren". Er 
schrieb Das, bevor er die Mittheilung aus Berlin hatte, auf welche 
er in seinem Brief an Hub er vom 10. Dezember {Th. II. II, S. 350; 
G. VIII, S. 287) anläfslich der Frage, wie und wo das Geld in Em- 
pfang zu nehmen sei, Bezug nahm: ,,Ich werde nun mein Glück hier 
versuchen, indem V. mir schreibt, dafs mir auch nicht im entfern- 
testen Verstände die Hände gebunden sind, und dafs seine sowohl 
als H. Aeufserung ganz unschuldig gewesen, und nicht jene beun- 
ruhigende Bedeutung habe. Das war also ein günstiger Wurf des 
Schicksals; noch etliche ist es uns schuldig und ich glaube fast, es 
wird nicht banquerott an uns werden wollen". An Denselben, der 
von F. ein zur Eincassirung des Geldes legitimirendes Zettelchen er- 
halten und es zurückzuschicken versäumt oder nicht gerathen gefunden 
hatte, schrieb er am 23. Dezember {Th. H. II, S. 366; G. VIII, 
S. 297): „Gott! Alles hing an dieser — freilich nur sehr temporairen 
— Unabhängigkeit, die ich mir durch die Annahme jenes Geldvor- 
schusses verschaffen wollte ; und nun war mir Alles durchkreuzt und 
ich wufste nicht, wie täglich und stündlich ich in den Fall kommen 
konnte, wo diese Mafsregel das Einzige war, was mich von der Ver- 
zweiflung retten würde. Dazu kam, dafs ich das Geld längst vor 
der Einnahme von F. [Frankfurt], den Tag als Th. hinreiste, ohne 
die geringste Schwierigkeit hätte heben können ; nun machte ich mir 
Vorwürfe über meine übertriebene Delicatesse, nun ärgerte michs 
doppelt, als V. zur Erläuterung schrieb, es sey nun und nimmermehr 
die Absicht gewesen, mich in Betreff meiner politischen Grundsätze 
einzuschränken, und mich flehend bat, das Anerbieten anzunehmen" 
(das betreffende Schreiben von Vofs ist meines Wissens nicht ver- 
öffentlicht worden). Am 18. Dezember hatte Forster an seine Frau 
mittheilen können {Th. H. II, S. 357; G. VIII, S. 291): „Ich habe 
jetzt das Geld, bin also ruhig, es mag gehen wie es will", an Hub er 
am 20. Dezember {Th. II. II, S. 360; G. VIII, S. 293), er oder 
vielmehr des Kaufmanns eigenes Interesse habe Diesen dahin gebracht, 
das Geld ohne Rücksicht auf das berüchtigte Zettelchen auszuzahlen. 
Forster 's Grundsätze waren nicht so feste, nicht so sein Handeln 
bestimmende, wie Dies von Mehreren geschildert worden ist. F. war 
dem Gleiten ausgesetzt, wobei er weiter nach unten kam; aber 
für die neue Position, widersprach sie einem früher geäufserten 



G. Forster's Charakter. 71 

Grundsatz, machte er sich wieder einen Grundsatz, mit dem sie in 
Einklang stand. 

Unrichtiges ist aber auch mehrfach vorgebracht worden über 
Forster's Gewissenhaftigkeit: darüber, dafs er stets gethan habe, 
was seine Pflicht gewesen sei. Pflichtgefühl besafs F. nur in mäfsigem 
Grade. Das zeigte Forster in jeder der Berufsstellungen, welche 
er annahm. Wo er als Professor war: in Kassel und in Wilna 
arbeitete er in seinem Lehramt für das Brod, welches er erhielt 
(vgl. S. 61), so viel bez.-w. so wenig, dafs ihm möglichst viel Zeit 
für andere Beschäftigung blieb. Er war sich Dessen bewufst, nahm 
jedoch die Sache leicht; „am Ende, war' ich nicht Prof. liist. nat. in 
Wilna, so wäre es ein anderer, der sein Brod eben so, und vielleicht 
noch mehr in Sünden verzehrte. Ich habe wenigstens den Trieb, 
meine Amtspflichten so gut und vollkommen als möglich zu erfüllen", 
schrieb er im Januar 1786 an Sömmerring {W. I, S. 194; F.-S. 
S. 266), aber zur Bethätigung dieses Triebes kam es nicht, sogar 
seine Gattin wufste zu sagen {Th. H. I, 38), was er in Wilna seiner 
Instruction gemäfs wohl hätte thun können aber nicht that. Daran, 
dafs ihm das Interesse für solche Thätigkeit abging, hatte Antheil 
was S. 54 f. erinnert wurde : dafs seine Kenntnisse in den Fächern, welche 
er zu vertreten hatte, nicht so waren wie zu wünschen gewesen wäre. 
Das wufste er selbst; von Wilna aus schrieb er im Juli 1786 an 
Heyne {Th. H. I, S. 560; G. VII. S. 349): „Keine Idee werde ich 
hier in meinem Fache durch Umgang gewinnen, folglich mufs Lecture 
Alles ersetzen. Aber mich selbst in Kenntnifs meines Faches fester 
setzen, nachholen, wozu meine bisherige Lage mir nicht Zeit liefs, dies 
werde ich hier können, und so hofte ich einst für eine andere Lage 
mich geschickt zu machen". Doch auch hier blieb es bei dem Vor- 
satz; was er in Kassel nicht gethan hatte, wo ihn die Rosenkreuzerei 
in Anspruch nahm, that er auch nicht in Wilna; da wie vorher und 
nachher war es, abgesehen von kleineren Arbeiten welche auf der 
Weltreise gewonnene Resultate behandeln oder an sie anknüpfen, die 
Anfertigung von Übersetzungen, welche sich ihm als das Dringendere 
hinstellte. Der nämliche Umstand mufste auch seine Vorträge be- 
einflussen, welche er in Wilna noch 1786, nachdem er schon sieben 
Jahre gelehrt hatte, Wort für Wort ablas, wegen einer Art Schüchtern- 
heit, wie er selbst sagte (vgl. P. S. 68); ,, seine Ungeschicktheit zum 



72 G. Forster's Charakter. 

Vortrag, von der er sich seltsamer Weise überzeugt hatte, war bei- 
nahe unglaublich bei seiner Leichtigkeit in der Discussion und im 
wissenschaftlichen Gespräch" fand seine Frau (TA. Ä. I, S. 35). 
Dafs der Nutzen, welchen er als Professor in Wilna stiften könne, 
„unendlich klein" sei, fand Forster (in dem vorerwähnten Brief an 
Sommer ring) jn den äufseren Verhältnissen begründet: er könne 
eine ganze Nation nicht umschaffen. Aber er sprach sich auch die 
natürliche Anlage zum Professor ab. Von Wilna aus hatte er im 
April 1787 anSömmerring geschrieben (Tf. I, S. 231; F.-S.S. 374 f.): 
,,Es giebt nur Ein Göttingen. — — Ich weifs die Nachtheile von 
Göttingen, aber so sehr zuwider, wie mir das Professorenleben ist, und 
insbesondere so lästig das Collegienlesen, woran ich mich nun ge- 
wöhnen werde, — — würde ich doch lieber dort, als irgend ander- 
wärts Professor sein, wegen der Bequemlichkeit, ungehindert zu 
Studiren"; von Göttingen aus schrieb er im November 1787 an Den- 
selben (Tr. I, S. 258; F.-S. S. 462): „Ohne allen Zweifel ist die 
Versetzung von Wilna nach Göttingen offenbarer Gewinn für meinen 
Kopf und meine innere Ruhe, ob ich gleich immer mehr fühle, dafs 
ich zum Lehrer kein Talent habe, folglich als Professor hier immer 
eine unangenehme Lage haben würde". Und zudem war er der 
Meinung, dafs eine Universität nicht der rechte Platz fijr einen 
Naturforscher sei; von Kassel aus äufserte er sich im Juli 1779 an 
Fr. Jacobi {Th. H. I, 212) nach Erinnerung daran, dafs er sich 
schon vorher ein paar akademische Jahre frei von allen Geschäften 
gewünscht hatte: ,,Ich fühle täglich, seitdem ich hier das Lehramt 
angetreten habe, wie richtig dieser Wunsch auf meine übrigen Kennt- 
nisse pafste; denn die Routine, die systematische, einmal angewöhnte 
Art zu lehren und zu dogmatisiren, die so unentbehrlich ist, und 
wozu viele theoretische Kenntnisse gehören, ist mir völlig ein Ge- 
heinmifs. Vielleicht aber würde selbst ein zweijähriger Aufenthalt 
auf irgend einer Universität (so sehr ich für meine Person an Wissen- 
schaft gewönne) mir diese Routine nicht geben, weil ich — mich 
genug zu kennen glaube, um sagen zu dürfen, dafs ich mich fürs 
Lehramt gar nicht schicke. Naturkunde ist eine Wissenschaft, in 
der man durchaus fortgehen mufs, wenn man Vergnügen davon haben 
will; das kann der Professor eigentlich nicht, ich mufs gestehen, dafs 
es mir darchaus nicht im mindesten schmeicheln würde, auf der 



G. Forster's Charakter. 73 

besten Universität Professor zu werden. Aber eine Lage, wo ich 
viele Mufse hätte, in meiner Wissenschaft fortzuarbeiten, und wobei 
meine Amtsgeschäfte den Kopf nicht angriffen, kurz, etwan eine Civil- 
bedienung — — würde ich mit beiden Händen ergreifen". Trotz 
dieser Ansichten sagte Forster für Kassel und für Wilna zu, als 
Professor zu wirken, und gerne würde er nach dem Weggang von 
Wilna dieselbe Zusage für Mainz gegeben haben; als ihm im De- 
zember 1787 mitgetheilt wurde, es könne sich ihm eine Aussicht 
eröffnen, an der Universität der letzteren Stadt angestellt zu werden, 
schrieb er an Heyne {Th. H. I, S. 607; G. MI, S. 404) im An- 
schlufs an die Bemerkung, sich anzubieten sei riskirt: ,, Sonst wäre 

Mainz wohl ein ganz guter Ort für mich. Ich würde wenigstens 

arbeiten können, und das eigentliche Professorenleben, wozu ich doch 
einmal nicht die rechte Anlage und das rechte Geschick habe, möchte 
dort mir am wenigsten lästig fallen, da Ein Collegium wohl Alles ist, 
was man dort fordert, oder auch was sich dort zu Stande bringen 
liefse". Was in dem Vorstehenden in Erinnerung gebracht wurde 
schliefst nicht aus, dafs Forster auf einen oder den anderen jüngeren 
Mann, dem er auch Lehrer war, anregend gewirkt habe; doch ]je- 
stätigt es nicht Moleschott's Ausspruch (il/. S. 75): ..Die sittliche 
Bedeutung des Lehramts, die gerade von den Lehrern höherer An- 
stalten so selten in ihren Gesichtskreis gezogen wird, wurde tief und 
heilig von ihm erfalst". — Aber nicht als Professor sondern als 
Bibliothekar kam Forster 178S nach Mainz. „Sein Amt als Biblio- 
thekar, für das er nicht besser befähigt war, als für die früheren 
Professuren, behandelte er eben so lässig wie jene und beruhigte sich 
darüber leicht bei der in dem geistlichen Kurstaat herrschenden 
Schlaifheit und Sorglosigkeit"*) sagt Dove (Z>. S. 178). — Die 

*) Nachrichten über Forster's amtliches Verhahen als Bibliothekar in 
Mainz hat Klein {K. K. S. 75 ff.) gesammelt. Zu dem auch von Dove ge- 
machten Vorwurf der Lässigkeit F.'s in der Erfüllung seiner Amtspflichten kam 
noch Anderes: der Vorwurf egoistischer Verwendung des für die Anschaffung von 
Büchern bestimmten Geldes. Die letztere Anschuldigung wurde namentlich im 
Frühjahr 1792 gegen F. erhoben und von Diesem beachtet. Bockenheimer 
(G. F. in Mainz, 1880, S. 4) sagt: „War doch selbst ein College und späterer 
Gesinnungsgenosse, Prof. Hofmann" (Andr. Jos. H., Professor der philo- 
sophischen Geschichte und des Naturrechts in Mainz) ,.genöthigt, bei Revision 
einer Bibliothekrechnung Forst er den Vorwurf zu machen, ..dafs er nichts, als 



74 G. Forster's Charakter. 

Disposition Forster's in Beziehung auf Pflichterfüllung im Amt er- 
kannte Heyne wohl schon friihe, und dann ist Das doch sehr be- 
greiflich, was F. 's Wittwe später {Th. H. I, S. 35) unbegreiflich 
war: dafs ihr für die Heranziehung tüchtiger Kräfte an seine Uni- 
versität so besorgter Vater nie den Gedanken gefafst zu haben scheine, 
Forster für Göttingen zu gewinnen, ihn da nicht bei sich darbie- 
tender Gelegenheit zum Bibliothekar empfahl. 

Forster blieb, nachdem die Franzosen Mainz besetzt hatten und 
er zu der Partei Derselben übergegangen war, ohne Weiteres in dem 
Genufs des ihm von dem Kurfürsten übertragenen Amtes. Sein 
Schwiegervater fand, nachdem F. in die Französische Administration 
eingetreten war (vgl. S. 68), dafs Dieser gegen den Kurfürsten 
anders als er es that hätte handeln sollen. Heyne schrieb am 
1. Dezember 1792 an seine Tochter (JA. H. H, S. 334): „Dafs 
Forster die Stelle angenommen hat, läfst sich freilich unter den 
Umständen auch bei Andersdenkenden entschuldigen*). Was ich in- 
dessen wünschen mufs, wäre ein gutes procede gegen seinen eigenen 
Fürsten, an diesen hätte er billig, ehe er den Schritt that, schreiben 
müssen, sonst bleibt es ein Schritt, von dem der Fleck der Undank- 
barkeit nicht abzuwaschen ist. Auf allen Fall müfste es noch ge- 
schehen und wenigstens an den Coadjutor geschrieben und Bericht 
erstattet werden, was unter den Umständen nöthig war, aber ohne 
Darlegung von jenen Gesinnungen, die wenigstens hier ihre schickliche 
Stelle nicht haben würden". Meines Wissens geschah Nichts von Dem, 
was Heyne als geboten betrachtet hatte. — ,,Was mich betrifft", 
schrieb Forster am 10. November 1792 an Vofs {Th. H. H, S. 263 f.), 



was ihm in seinen Kram passe, — englische Reisebeschreibungen — angeschafft 
habe, um von dem Übersetzungshonorar seine Einkünfte ohne Auslagen zu ver- 
mehren, während er alle anderen Fächer nicht bedacht habe". Was F. in 
dem schon S. 54 erwähnten an Joh. von Müller gerichteten Schreiben (G^. VIII, 
S. 179) in Betreff dieser Anschuldigung vorgebracht hat, widerlegt dieselbe nicht 
ganz: Serais-je donc si fort ä blämer si parmi les achats que je dois faire, 
j^aurois eii de temps ä aiitre quelques egards ä mes propres besoins Utcraires, 
si, comme il eonste par le fait, je lis reellemcnt ce <[nc j'achete pour cet objet, 
et que je me vois en etat par lä de fournir des oucrages utiles au public ? 

*) Am 30. Dezember 1792 sprach sich aber doch Heyne an Sommer ring 
aus: „Dafs ich den Namen Forster's unter dem Decret der Administration 
sehen soll, thut mir weh" {W. I, S. 87). 



G. Forster's Charakter. 75 

„SO hätte ich entweder emigriren, oder hier bleiben und mich in 
nichts mischen müssen, oder aber es bheb nur das Dritte übrig, in 
so weit, wie es von mir gefordert wurde, zu wirken. Vor der Capi- 
tulation auszuwandern hiefs" (die an Anderen verabscheute) ,, Feigheit 
beweisen; nachher war es ohne eine Verleugnung aller meiner bisher 
geäul'serten Grundsätze und meiner ganzen Denkungsart durchaus 
nicht möglich". Seine Amtspflicht habe ihm geboten, zu bleiben; 
,,An eine Flucht von meinem Posten ist noch auf keine Weise zu 
denken, am wenigsten zu einer Zeit, wo ich nicht weils, wovon Frau 
und Kind leben sollten" schrieb er am 26. October an Huber 
{Th. H. II, S. 288), „Auch ich wünsche in Mainz zu bleiben und 
mein Amt bindet mich einstweilen auch an diesen Ort" am 21. No- 
vember an VoTs {Ih. H. II, S. 270). Aber besonders die Pflicht 
gegen seine Mainzer Mitbürger habe ihn bestimmt, in Mainz bleibend 
so wie er es gethan thätig zu sein : ,,Was denken Sie wohl, dafs in 
einer solchen Lage zu thun sey? Mein Haus und Ameublement, das 
heifst: was ich in der Welt habe, zu verlassen und aufs geradewohl 
mit Frau und Kind umher zu irren, bis es uns an Mitteln zu unserer 
Erhaltung fehlt, — oder hier zu bleiben, die Universität aufrecht zu 
erhalten suchen, sich der Bürgerschaft anzunehmen, sie auf ver- 
nünftigem gemäfsigtem Wege so zu führen, dafs ihnen bei dem Frieden 
die Wiedervereinigung mit dem deutschen Reiche, wenn sie nothwendig 
seyn sollte, nicht nachtheilig wird, und bei dieser Laufbahn zu wagen, 
was zu wagen ist?" fragte er Vofs am 27. October {Th. H. II, 
S. 258; G. VIII, S. 240). „Es giebt keine Verbindlichkeit, die ich 
mir denken kann (ich spreche sehr ernsthaft, vor Gott), welche mich 
bewegen konnte, an meinen hiesigen Mitbürgern zum Verräther zu 
werden. — — Ich erhalte die Habe und den Wohlstand der Ein- 
wohner, hernach bekomme das Land wer will, so hat er es in guten 
Umständen" schrieb er an Vofs am 21. November {Th. H. II, 
S. 267 f.), nachdem er schon am 10. November an Heyne {Th. II. II, 
S. 309) geschrieben hatte: „Es ist, glaube ich, jedes rechtschaffenen 
Einwohners Pflicht, wenn er aufgefordert wird, jetzt für die Er- 
haltung des Wohlstandes und des Privateigenthums der Einwohner zu 
sorgen; denn es mag hernach Mainz in Hände kommen, welche man 
will, so mufs es dem jedesmaligen Ptegenten lieb seyn, ein nicht er- 
schöpftes, im Genufs seiner Kräfte bestehendes Land zu haben. Einen 



76 G. Forster's Charakter. 

anderen Grundsatz des Handelns habe ich nicht, und er ist so einfach 
als wahr" und am 16. November an Joh. von Müller (T/i. H. II, 
S. 320; 6r. VIII, S. 269) in gleichem Sinn. Dafs jedoch Forster's 
Entschluls, in Mainz zu bleiben, auch durch Anderes, namentlich die 
Rücksicht auf die Sicherung seines Eigenthumes (ein Haus besafs er 
übrigens nicht) und der Subsistenz seiner Familie beeintlufst wurde, 
geht aus dem Vorstehenden und dem S. 67 f. Angeführten hervor, 
auch aus Dem, was er in dem Brief an Vofs vom 10. November im 
Anschlufs an das S. 74 f. aus demselben Mitgetheilte schrieb: ,, Nehmen 
Sie meine Privatumstände hinzu : ich hätte meine Meubeln fast um 
nichts hergeben müssen, weil niemand jetzt kauft; ich hätte bis nach 

Altona gehen müssen . Welch eine lange Reise mit Weib und 

Kind, welch ein theurer Aufenthalt und welch eine neue Ausgabe, 
ehe ich mich von vorne wieder einrichtete ! Also mufste ich* in jeder 
Rücksicht hier bleiben". (Klein hat zusammengestellt, was er als 
den Beweis dafür abgebend betrachtet, dafs Geldverlegenheit die Ur- 
sache von Forster's Übertritt zu der Französischen Partei gewesen 
sei; K. K. S. 231 ff.) 

Vor und nach der Weltreise hatte Forster in England redlich 
sein Theil dafür gearbeitet, seiner Familie in den traurigen ökono- 
mischen Verhältnissen derselben beizustehen, dem durch Schulden hart 
bedrängten Vater zu helfen. Nach Deutschland ging er 1778, um 
für die Zusammenbringung der zur Befreiung seines Vaters aus 
drückendster Lage erforderlichen Geldmittel zu wirken ; noch von 
Kassel aus liefs er einen grol'sen Theil seiner literarischen Erträgnisse 
seiner Familie zugehen. Aber mehr wohl als Dies liefs ihn, der 
an Einhaltung eines Gleichgewichtes zwischen Ausgaben und Ein- 
nahmen nicht gewöhnt war, in Kassel — wo er nach seinem eigenen 
Ausspruch (in einen Brief an seinen Vater aus dem Dezember 1778; 
Th. H. I, S. 190; G. VII, S. 105) gut leben konnte und für 
welchen Ort er (in einem Brief an Fr. Jacobi; Th. IL I, S. 279; 
G. VII, S. 154) im October 1781 seinen Gehalt als schon etwas 
Ansehnliches befand — die Betheiligung an der Rosenkreuzerei in 
Überschuldung gerathen. Vorschüsse der Polnischen Regierung, welche 
er von dieser unter Verpflichtung zur Rückzahlung in kleinen Raten 
und zu achtjährigem Verbleiben in Wilna erhalten hatte, ermög- 
lichten ihm 1784 die Übersiedelung an den letztgenannten Ort, wo 



G. Forster's Charakter. 77 

ihm wiederum pecuniärc Schwierigkeiten erwuchsen. Von diesen und 
von den gegen die Polnische Regierung eingegangenen Verpflichtungen 
wurde er 1787 durch die Russische befreit (vgl. S. 47 f.). „Forster 
Avar ganz schuldenfrei , in die Mitte von Deutschland zurückgeführt, 
und hatte noch eine so ansehnliche Summe Geldes in Händen, dafs 
er eine sichere Versorgung abwarten konnte" {Th. H. I, S. 58). 
Diese fand er 1788 in Mainz, aber bald gerieth er auch hier wieder 
in Schulden. Schon auf der Reise nach Wilna, bei der Überlegung, 
welche äufsere Verhältnisse er seiner Verlobten werde bieten können, 
hatte er von Nordhausen aus im Mai 1784 an Sömmerring (TF. I, 
S. 132; F.-8.S. 30) geschrieben: „Das verdammte Geld! oder viel- 
mehr das Unglück, dafs ich nicht damit haushalten kann ! Doch ich 
wiirs lernen, mag's kosten was es will". Er lernte es nie. Überall 
gab er mehr Geld aus, als er auszugeben hatte, auch für seine äufsere 
Lebensweise aber namentlich für Gegenstände seiner wissenschaftlichen 
Interessen und Liebhabereien: theure Bücher, Landkarten, Kupfer- 
stiche (vgl. Th. H. I, S. 70; P. S. 65; K. K. S. 116). Relativ 
grofsartige Ausgaben erlaubte er sich bei Einnahmen, die für an- 
ständig einfache Art des Lebens und bei Beschränkung auch der 
wissenschaftlichen Bedürfnisse auf das Nothwendige ausreichend waren, 
und nur einen Theil dieser Ausgaben konnte der dagegen kleinlich 
zu nennende Gelderwerb durch Übersetzungen decken, zu welchem F. 
schon in früher Jugend angehalten worden war und welchen er auch 
von der Weltreise zurückgekehrt wieder in England, dann in Kassel, 
in Wilna und auch noch in Mainz*) betrieb. 

Daran, dafs wirthschaftliche Unordnung bei Forster ständig 
blieb, hatte seine Frau keinen Antheil; Alles, was über Diese bekannt 
geworden ist, spricht für die Wahrheit Dessen, was sie {Th. H. I, 
S. 40) berichtet: „Sie sah Sparen, Schaffen, Erhalten als ihren ersten 
Beruf an, und so ging es gut in ihrem kleinen Kreise; allein nie 
bekam sie mehr Geld in die Hände, als für den laufenden Tag, und 



*) Forst er übersetzte da viel, so viel dafs seine Gegner diese Thätigkeit 
zum Gegenstand ungünstiger Bemerkungen machten. „Mufste er es sich doch 
gefallen lassen, dafs in einer Zeit, in welcher er durch sein rücksichtsloses Be- 
nehmen die ött'eutliche Meinung herausgefordert hatte, eine Reihe von Flug- 
blättern sich über die in seinem Hause betriebene Übersetzungsfabrik lustig 
machten" (Bockenheimer's G. F. in Mainz, 1880, S. 1). 



78 G. Forster's Charakter. 

SO lernte sie ihres Mannes ökonomische Lage nicht kennen. — — 
Bei der offenen Mittheilung derselben, jetzt" (in Wilna) „und später, 
würde sie wahrscheinlich darauf gedrungen haben, neben dem Streben 
nach gröfserer Einnahme, das gröfste Ebenmafs zwischen seiner jetzigen 

und seiner Ausgabe herzustellen. In spätem Zeiten blieb seine 

Frau nicht ohne Unrecht in dieser Sache — nicht als habe sie je 
viel Geld ausgegeben — sondern weil nach und nach seine Aengst- 
lichkeit, mehr zu erwerben, ihr sichtbar wurde, hätte sie sollen jedes 
unstatthafte Zartgefühl beiseite setzen und eine totale Beschränkung 
der Bedürfnisse erzwingen. Das wäre für sie gar kein Opfer gewesen 
. Allein Forster selbst hätten diese Beschränkungen hart ge- 
troffen — er hätte müssen seine Reisen, sein Bücherkaufen, seine 
Wohnung aufgeben, und das von ihm zu fordern, hatte diese Frau 
nicht mehr den Muth, wie ihre Mittel, ihn glücklich zu machen, nicht 
mehr ausreichten". — Den Mangel an Offenheit, welchen Forster 
bezüglich seiner pecuniären Verhältnisse seiner Frau gegenüber gezeigt 
hat, als eine Verletzung der Derselben schuldigen Pflichten zu be- 
tonen, wäre kleinlich, namentlich da ungleich schwererer Verschuldung 
Forster's gegen seine Frau und gegen sich als Ehemann gedacht 
werden raufs. Auch wenn F. nicht selbst dazu Veranlassung gegeben 
hat, dafs das Herz seiner Frau nicht mehr so wie vorher für ihn 
schlug: als dieses Herz sich einem Anderen zuwendete hatte F. für 
seine Frau die Verpflichtung, von der ersten Erkenntnifs an dafs Dem 
so sei, in jeder nur möglichen Weise der Herstellung und der Unter- 
haltung eines Verhältnisses entgegenzutreten und ein Ende zu machen, 
von dem er einsehen mufste bis zu welchem Grade es zu einem com- 
promittireriden werden könne, oder aber seiner Frau die Freiheit 
zu verschaffen, mit ihrem Herzen auch ihre Hand zu vergeben, für 
sich die gleiche Verpflichtung und die zur Abwendung des Verdachtes, 
wissentlich der Freund des Liebhabers seiner Frau geblieben zu sein. 
Nach beiden Seiten hin ist Forst er seiner Verpflichtung nicht nach- 
gekommen*). 

Noch eines Mangels an Pflichtgefühl in Bezug auf seine Ehre 
ist Forster zu zeihen: dafs er um sein eigenes, ihm bedroht er- 
scheinendes Leben zu retten kein Bedenken trug, das eines für ihn 



*} Vgl. Anmerkung IX am P^nile dieses Tlieils. 



G. Forster's Charakter. 79 

Unschuldigen opfern zu wollen {Th. H. I, S. 13G ff.). Er besorgte, 
durch das Überschreiten der Grenze Frankreichs ohne Erlaubnifs der 
Machthaber des s. g. freien Landes, als er im Anfang des Novembers 
1793 nach Travers die Seinen wiederzusehen und seinen Kindern 
die letzte ihnen von ihrem Vater gewordene Geldunterstützung zu 
überbringen ging, und dadurch, dafs er erheblich weniger Geld zu- 
rückbringe als er in dem Französischen Grenzort bei dem Verlassen 
desselben angegeben hatte, der Gefahr einer Anzeige und der Folge 
davon, als verdächtig behandelt zu werden, ausgesetzt zu sein. In 
Travers theilte ihm Huber ein Diesem im Vertrauen auf Geheim- 
haltung übergebenes Schriftstück mit, welches den Beweis dafür ent- 
hielt, dai's der damals in Paris unter der Anschuldigung der Theil- 
nahme an einem Complot für die Wiederherstellung des Königthums 
eingekerkerte alte General (Graf Nik.) Luckner sich wirklich als 
Bürger der Französischen Republik eines Verrathes schuldig gemacht 
habe. Forster nahm mit Huber's Beihülfe von diesem Schriftstück 
eine Copie, um diese, bei der ersten Wahrscheinlichkeit zur Verant- 
wortung gezogen zu werden, als den Gegenstand seiner Reise über 
die Grenze und seines dort gelassenen Geldes ausgeben zu können. 
Er konnte vermuthen aber nicht wissen, dafs Luckner 's Procefs bis 
dahin schon entschieden sein werde (Forster kam unbelästigt am 
26. November nach Paris zurück; erst am G.Januar 1794, sechs Tage 
vor F.'s Tod, fiel das greise Haupt des Generals unter der Guillotine). 
In dein Vorhergehenden ist versucht, G. Forst er nach den 
verlässigsten über ihn vorliegenden Nachrichten, so weit als möglich 
nach den von ihm selbst hinterlassenen zu schildern. Ein sehr von 
dem da sich ergebenden Bilde dieses Mannes abweichendes haben 
Andere entworfen. Forster, ausgestattet mit vorzüglichen Anlagen, 
mit hoher Begabung für die Auffassung und Schilderung der Natur 
von Gegenden und der Sitten ihrer Bewohner, wie auch des Schönen 
und Charakteristischen von Gegenständen der Kunst, in der Deutschen 
Sprache des Styles Meister, ein guter Sohn, sehr liebenswürdig im 
Umgang — Forster ist auch geschildert worden als ausgezeichnet 
durch Vorzüge, die ihm nicht zukamen, und als frei von Fehlern, 
die er besals; von Forst er ist construirt worden ein Bild, welches 
das Original Diejenigen kaum wiederkennen läfst, die mit dem letz- 
teren vertraut zu werden sich gewissenhaft alle Mühe gegeben haben. 



80 G. Forster's Charakter. 

Es ist für diese andersartigen Schilderungen zuzugestehen, dafs sie in 
vollster Überzeugung geschrieben wurden, der durch sie gefeierte 
Mann sei wirklich so gewesen, wie er da gezeichnet ist. Es wird 
aber auch spätere, vielleicht noch eingehendere Behandlung dieses 
Gegenstandes für sie anzuerkennen haben, dafs der Enthusiasmus, 
welcher sich in ihnen ausspricht, ein nicht genügend begründeter, 
dafs der in einigen aufgewendete Keichthum an Phrasen ein vergeb- 
lich verschwendeter ist und die Thatsachen, so wie sie aus jenen 
Nachrichten zu ersehen sind, ihre Geltung behaupten. 

Dove hat (Z). S. 175) Forster richtig beurtheilt in dem Aus- 
spruch: „Ihm war unter dem wohlmeinenden, aber despotischen Regi- 
ment des Vaters die Energie des Willens auf die Dauer geknickt 
worden, so dafs ihn jedes Hemmnifs entmuthigte, anstatt seine Kraft 
zu reizen". Aber eben so wichtig- ist für die Charakterisirung 
Forster's die Erinnerung daran, dafs er an ihn tretenden Ver- 
suchungen Widerstand zu leisten sich oft allzu schwach erwies. Das 
war u. A. der Fall in der eben erzählten, Luckner gefährdenden 
Sache, vorher in Mainz Frauen-Einwirkung gegenüber*), noch früher 
in Kassel bei der Betheiligung am Rosenkreuzer-Unwesen, an deren 
eingehendere Betrachtung wir jetzt kommen. 

Das Streben nach dem Geheimwissen, welches den in den Rosen- 
kreuzer-Buud Eingetretenen in Aussicht gestellt war, und speciell die 
Beschäftigung mit Alchemie war in Kassel in dem Anfang des letzten 
Viertels des vorigen Jahrhunderts nicht durch locale Verhältnisse 
begünstigt, wie sie etwa die Hinneigung eines da residirenden Fürsten 
zu dieser Richtung oder wie sie eine bei den Bewohnern dieser Stadt 
vorhandene besondere geistige Regsamkeit, die in anderer Weise keine 
Befriedigung gefunden hätte, abgeben zu können im Stande gewesen 
wäre. Der 1720 geborene, von 1760 bis 1785 regierende Land- 
graf Friedrich IL von Hessen- Kassel war frei von Schwärmerei in 
dieser Richtung; für äufseren Glanz, prachtvolle Bauten u. dergl. 
hatte er viel Sinn und wendete er sehr bedeutende Summen auf, auch 
die Kunst und die Wissenschaften liebte er (er legte das Museum 
Fridericianum in Kassel an und das Gymnasium dieser Stadt war 



*) Vgl. Anmerkung X am Ende dieses Theils. 



Kasseler Zustände um 1780. 81 

nach ihm Lyceiim Fridericianum genannt), aber dafür, dafs er zu 
geheimem Wissen Neigung gehabt habe, liegt keine Anzeige vor*) 
und nicht als von ihm ererbt darf die bei dem Einen seiner Söhne 
so stark hervorgetretene Neigung zu solchem Wissen angesehen werden 
(bei dem Zweiten der zu reiferem Alter gekommenen: dem 1836 zu 
Louisenlund in Schleswig im 92. Jahr gestorbenen Landgraf Karl, 
welcher sich nur wenig in Kassel aufgehalten aber sein ganzes Leben 
hindurch hauptsächlich und angelegentlich mit geheimem Ordenswesen, 
Freimaurerei, Rosenkreuzerei und Illuminatismus sowie mit Theo- 
sophie, Alchemie, Astrologie und anderen geheimen Wissenschaften 
abgegeben hat). Selbst Ed. Vehse, welcher einen einem Fürsten zu 
machenden Vorwurf nicht leicht übersieht, erhebt gegen Friedrich IL 
da, wo er über ihn schreibt (Geschichte der Deutschen Höfe seit der 
Reformation, XXVIL Bd., Hamburg 1853, S. 161 ff.), nicht den, dafs 
Derselbe Alchemie getrieben habe. Dieser Landgraf hatte auch zur 
Bestreitung seiner grofsartigen Ausgaben aufser dem Lotto noch eine 
ergiebigere andere Geldquelle: dafür, Gold zu machen, dienten ihm 
als Materia prima die Körper seiner Unterthanen, welche er mit 
unermefslichem pecuniärem Vortheil für sich an England zur Krieg- 
führung gegen Nordamerika überliefs. — Es war auch in Kassel 
keine geistige Strömung, welche in eine falsche Richtung hätte ein- 
lenken können, in hervortretender Weise vorhanden. Der Sinn für 
Das, was geistige Thätigkeit leiste, war da im Allgemeinen gewifs 
nicht über, nach Dem was wir wissen eher unter dem in jener Zeit 
in kleineren Deutschen Residenzen durchschnittlich zu findenden. 
Ganz so arg, wie es wohl angegeben worden ist, stand es jedoch 
damals auch in Kassel in dieser Beziehung nicht. Wenn G. Forster 



*) Jüngst (P'rankfurter Journal Nr. 704 v. 30. Oct. 18S5) ist von Kassel 
aus anläfslich der Erinnerung daran, dafs am 31. October 1885 seit dem Todes- 
tag Friedrich's IL ein Jahrhundert verflossen ist und dieser Fürst doch auch 
Verdienste um sein Jjand und Volk gehabt habe, auf Dessen Toleranz in reli- 
giösen Dingen hingewiesen worden, die auch schon daraus erhelle, dafs Derselbe 
Mitglied des Freimaurer-Ordens gewesen sei. Das Allgemeine Handbuch der 
Freimaurerei (2. Aufl., liCipzig 1863 — 1867) Aveifs davon Nichts, sondern nennt 
(Bd. I, S. 616) Friedrich II. nur als der Maurei'ei (der Errichtung von Logen) 
günstig gesinnt; auch A, Wyfs' Lebensbeschreibung dieses Landgrafen in 
der Allgemeinen Deutschen Biographie (Bd. VII, Leipzig 1878, S. 524 ff.) ent- 
hält Nichts darüber, dafs Derselbe dem Freimaurer-Bund zugehört habe. 

Kopp, Die Alcliomie. II. C 



82 Kasseler Zustände um 1780. 

von Kassel aus im August 1781 an Friedr. Jacobi {Th. H. I, S. 270; 
G. VII, S. 152) schrieb: ,,Ich bekomme hier kein Buch zu sehen 
und zu lesen, wenn ich es nicht kaufe. Niemand liest in Cassel", 
so war dieses Urtheil jedenfalls so, wie es uneingeschränkt ausge- 
sprochen war, ein übertreibendes. Die Minister von Waitz und 
von Schlieffen waren hochgebildete, für geistigen Fortschritt über- 
haupt wie für das Vorschreiten des Wissens auf einzelnen Gebieten 
desselben sich interessirende Männer, und ganz vereinzelt werden sie 
in den s. g. höheren Kreisen der eigentlichen Kasselaner wohl nicht 
gestanden haben. Aber namentlich an der höheren Lehranstalt, an 
welcher Forster 1778 und Sömmerring 1779 als Lehrer angestellt 
waren: dem von dem 1730 gestorbenen Landgraf Karl errichteten 
Collegium Carolinum hatten sich geistig thätige nnd wirklich bedeutende 
Männer zusammengefunden. Unter den schon früher an diese Anstalt 
Gekommenen fand Forster vor als Professor der Rechte und der 
Reichsgeschichte Just. Friedr. Runde, als Vertreter der klassischen 
Sprachen und Literatur den nachher durch seine Arbeiten auf dem 
Gebiete der Philosophie bekannt gewordenen Dietr. Tiedemann, als 
Lehrer der Kriegswissenschaften Jak. Mauvillon, als Professor der 
Cameral- und Finanzwissenschaften Christ. Konr. Wilh. Dohm, 
welcher jedoch bald nach Berlin ging, als Professor der Medicin, 
Chirurgie und Entbindungskunst Georg Wilh. Stein d. Ä.; dazu 
kamen während Forster' s Aufenthalt in Kassel aufser Sömmerring 
für Anatomie noch 1781 Johannes Müller für Geschichte und 1782 
Ernst Gottfr. Baidinger für Medicin. Das war ein Kreis von 
Männern, die so weit sie nicht damals schon berühmt genannt werden 
konnten, doch daran waren, es zu werden. Neben diesen Be- 
deutenderen unter den Lehrern an dem Collegium Carolinum gab es 
natürlich auch weniger Bedeutende, und unter den Letzteren war der 
1781 im 55. Jahr gestorbene Professor der Chemie Karl Prizier 
aus Kassel, dessen Name zwar in Fr. W. Strieder 's Hessischer Ge- 
lehrten- und Schriftsteller-Geschichte (XI. Bd., Kassel 1797, S. 176 f., 
woher ich das Nachstehende entnehme) aufgeführt ist aber in der 
Geschichte der Chemie nie genannt war. „Landgraf Friedrich IL 
pflegte sich öfters mit chemischen Prozessen die Zeit zu vertreiben; 
höchstderselbe brauchte hiezu Prizier'n, und man konnte Diesen 
also eher im Laboratorio in einem schwarzen Kittel als auf dem 



Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 83 

Katheder antreffen, wo er jedoch von Schülern eben nicht vermisset 
wurde, weil deren wenige oder gar keine vorhanden waren." Nichts 
deutet darauf hin, dafs diese unter Beihiilfe Prizier's, welcher die 
Rechte studirt und sich hernach mehr auf Bergwerks- und Cameral- 
wissenschaften gelegt hatte, vorgenommenen Operationen alchemistische 
gewesen seien. 

Nicht in der Art Prizier's beschäftigten sich Forster und 
Sommer ring in Kassel mit Chemie, und für Das, mit was als ihnen 
Hauptsächlichstem sie sich da abgaben, wählten sie ihre Vertrauten 
nicht unter den eben genannten Bedeutenderen ihrer Collegen im 
Lehramt. Ins Geheim trieben sie da in einem Rosenkreuzer-Zirkel 
Alchemie und noch Schlimmeres. 

Das Geheimnifs dieses Treibens ist gut bewahrt worden. Zu 
meiner Kenntnifs wenigstens ist aus dem vorigen Jahrhundert und 
aus den ersten zwei Decennien dieses Jahrhunderts Nichts gelangt, 
was auch nur darauf hindeute, dafs um 1780 in Kassel Derartiges 
vorgekommen sei. Selbst Einer aus dieser Zeit, welcher mit den in 
dieser Sache handelnden Personen und Dem, was sie sonst thaten, 
gut bekannt war, hat da, wo darüber Etwas zu sagen nahe lag, sich 
nicht geäufsert, weil er Nichts wufste oder weil er Verschweigen für 
angezeigt hielt: „Einige Betreffnisse und Erlebungen Martin Ernsts 
von Schlieffen" enthalten Nichts darüber*). Auch noch später 
findet man in Schriften, welche die Schilderung der Verhältnisse zu 
Kassel in jener Zeit zum Gegenstand haben und in denen man wohl 
eine Erwähnung der uns jetzt in Betracht kommenden Begebnisse er- 
warten möchte, Nichts darüber; so z. B. in den „Erinnerungen aus 
meinem Leben und aus meiner Zeit" von Chr. von Rommel (in 
„Geheime Geschichten und räthselhafte Menschen, herausgegeben von 

*) Das „nur für die Familie bestimmte und defslialb auf eigene Kosten 
herausgegebene" Buch ist aus diesem Grund wenig verbreitet und schwerer zu- 
gänglich als andere ähnliche Werke von eben so grofser oder auch geringerer 
Bedeutung. Da wo (S. 175 ff. im I. Bd. des in Berlin 1830 u. 1840 in zwei 
Bänden erschieneneu Buches) der 1825 verstorl)ene Verfasser dieser Memoiren 
mit Befriedigung seines Antheils an der Anstellung bedeutender Gelehrten, auch 
Forster's und Sömmerring's an dem Carolinum in Kassel und Dessen, was 
Dieselben ausgezeichnet habe, gedenkt, berührt er auch nicht mit einer Sylbe 
oder einer Andeutung die Theilnahme der beiden eben Genannten an einem 
Geheimbund. 



84 Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alcheraie. 

Friedr. Bülau", V. Bd., Leipzig 1854, S. 421 ff.), in Dessen Jugend- 
jahre (er war 1781 geboren) recht gut auch noch eine Erinnerung 
an diese Begebnisse hätte streifen können (er erwähnt S. 425 Forster's, 
Sömmerring's und Anderer, deren Anstellung in Kassel dem Minister 
von Schlief fen zu verdanken gewesen sei). Und so ist es auch 
noch mit anderen derartigen Schriften; nur in einem S. 93 zu er- 
wähnenden Aufsatz Heinr. Koenig's, welcher auch in „Haus und 
Welt" (vgl. S. 49) dieser Verirrung Forster's gedacht hat, wird 
auf diese Sachen etwas näher eingegangen. 

Die erste Kunde davon, dafs Forst er sich an solchem Treiben 
betheiligt hat, brachte die 1829 veröffentlichte Lebensbeschreibung 
Desselben durch seine Wittwe. Wo Therese Huber davon sprach, 
dafs Forster in Kassel geringere Einnahmen als Ausgaben gehabt 
und an der pecuniären Bedrängnifs seiner Familie Antheil genommen 
habe, sagte sie {Th.H.l, S. 26): ,,Da er nicht die Charakterkraft 
hatte, ohne Mifsmuth zu entbehren, da er sich nicht über seinen 
theilnehmenden Kummer, über die Bedrängnifs seiner Aeltern empor- 
schwingen konnte, ergriff er den überirdischen Trost und die Aussicht 
auf wunderthätige Hülfe, welche der Rosenkreuzerorden ihm bot, mit 
sehnsüchtigem Eifer, Er betete, hoffte mit Geistern in Verbindung 
zu kommen und war unaufhörlich mit chemischen Arbeiten beschäftigt, 
die zur Entdeckung des Steins der Weisen führen sollten". Aber 
was da angegeben war, fand nur geringe, und gerade da, wo es hätte 
beachtet werden sollen, gar keine Berücksichtigung. Zeugnifs hierfür 
— auch dafür wie in Kassel die da vorgekommene rosenkreuzerische 
Beschäftigung mit Alchemie immer noch unbekannt geblieben war — 
legte ab der von 1812 an, w^o er Director der Bürgerschule und 
Schulinspector zu Kassel geworden war, in dieser Stadt lebende Pro- 
fessor Karl Christoph Seh mied er; Dieser hatte einerseits sich mit 
der Geschichte der Kosenkreuzer*) beschäftigt, anderseits und be- 
sonders eingehend mit historischen Arbeiten über die Alchemie, aber 
in der auch in dem vorliegenden Buche so oft citirten, von ihm 1832 



*) Von Schmieder verfaCst ist die unter dem Titel „Allotrien zur Unter- 
haltung in Feierstunden; von S. Ch.M. Jeder" zu Berlin 1824 herausgekommene 
Schrift, welche im Anschlufs an eine recht unkritische Gescliichte' der Frei- 
maurerei (S. 118 ff.) eine Geschichte der Rosenkreuzer (S. 204— 342) in vorzugs- 
weiser Behandlung der älteren Rosenkreuzerei enthält. 



Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 85 

veröffentlichten „Geschichte der Alchemie" erwähnt er mit keinem 
Worte, dafs unter Betheiligung von Forster und Sömmerring in 
einem Rosenkreuzer-Zirkel zu Kassel um 1780 an der Darstellung 
des Steins der Weisen eifrig gearbeitet wurde. — Die Schrift- 
steller, welche speciell über Forster schrieben, mufsten allerdings 
von Dem Notiz nehmen, was Therese Hub er angegeben hatte. So 
zunächst Gervinus 1843 in seiner Charakteristik Forster's, w^elcher 
noch Manches dahingestellt sein liefs {G. VII, S. 23: „Wie weit 
Yerirrung oder Betrug in dieser" — der Rosenkreuzer — „Gesell- 
schaft ging, wie weit Forster irre geführt und betrogen ward, 
ob man wirklich dort den Stein der Weisen und die Kunst der 
Goldmacherei suchte, hat man keine Quellen zu entscheiden") aber 
ausgesprochen hat (a. e. a. 0.), dafs Sömmerring und wie es scheine 
auch Johannes Müller mit Forst er in Kassel Dessen Yerirrung 
theilten (dafs der von Therese Huber — Th. H.l, S. 27 — er- 
wähnte „vertraute Freund F. 's, der während des Letzteren Ordens- 
eifer seine Beschäftigungen getheilt hatte", Sömmerring gewesen sei, 
war unschwer zu errathen). Ausführlicheres darüber, auf w^as diese 
Yerirrung hinausging, brachte 1844 die von R. Wagner, welcher die 
da noch im S. "sehen Nachlafs befindliche Correspondenz F. 's und S.'s 
eingesehen hatte, geschriebene Biographie Sömmerring's (W. II, 
S. 40): „Unzweifelhaft gehen folgende Thatsachen aus den vorhandenen 
Papieren Beider hervor: 1) man beschäftigte sich mit alchyniistischen 
Arbeiten, an denen Forst er und Sömmerring lebhaften Tlieil 
nahmen; beide hielten sogar in dieser Zeit es noch für möglich, dafs 
man es so weit werde bringen können, Gold zu machen. Es scheint, 
dafs beide dabei mifsbraucht wurden und dafs man ihnen nicht un- 
beträchtliche Summen abnahm, wodurcli sie in Schulden geriethen. 
2) Beide hielten einen Verkehr mit den Todten für möglich, und 
hofften, auf diesem Wege eine Kenntnifs von dem Leben nach dem 
Tode und andren überirdischen Dingen zu erlangen. 3) Beide ge- 
riethen in einen Zustand von Exaltation und religiöser Schwärmerei, 
indem entschieden in dem Bunde pietistische Elemente waren und ein 
Cultus stattfand, über dessen Natur nähere Nadiweisungen fehlen, in 
dem es aber auf gewaltsame Gebetserregung und einen näheren Ver- 
kehr mit Gott, durch Mifsbrauch der christlichen Religion, abgesehen 
war." 



86 Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 

Diejenigen, für welche in noch späterer Zeit Forster der Gegen- 
stand besonderer Betrachtung war, haben alle — eingehender oder 
mehr nebenbei — der Betheiligung Desselben an rosenkreuzerischem 
Treiben in Kassel gedacht; in Beziehung auf Das, was dabei that- 
sächlich statthatte, war ihrerseits dem von Wagner Angegebenen 
Nichts hinzuzufügen. Sehen wir zu, was namentlich aus Forster's 
Briefen uns eine etwas deutlichere Vorstellung von diesem Treiben 
vermitteln kann; die Briefe Sömmerring's an F. würden den zu 
erhaltenden Aufschlufs gewifs wesentlich vervollständigen, sind aber, 
so weit sie diese Angelegenheit betreffen, nicht veröffentlicht und 
meines Wissens nicht mehr vorhanden. So knapp resumirt, wie in 
der vorstehenden Angabe Wagner's, ist allerdings in den Forste r'- 
schen Briefen nicht, was in dem Rosenkreuzer -Zirkel in Kassel ge- 
trieben wurde, aber dafs das von Wagner Angegebene da getrieben 
wurde, geht aus vielen in Verknüpfung mit Anderem gemachten 
Aeufserungen hervor. Ich stelle, um Wiederholungen möglichst zu 
vermeiden, diese Aeufserungen hier nicht alle zusammen, so fern 
mehrere in dem Zusammenhang, in welchem sie vorgebracht wurden, 
in dem Folgenden doch mitzutheilen sind, und hebe zunächst nur 
unter Zufügung weniger Bemerkungen die Hauptpunkte der geheimen 
Ordens-Thätigkeit Forster's und Sömmerring's hervor. 

Dafs die Darstellung des Steins der Weisen das eigentliche Ziel 
ihrer Arbeiten war, ist gewifs; dafs sie dieses kostbare Präparat von 
s. g. Sternschnuppen -Substanz ausgehend bereiten wollten, ist mir 
wenigstens sehr wahrscheinlich*). — Beide waren eifrig im Glauben 
und im Arbeiten; namentlich für Sömmerring scheint es, dafs er 
sich der Sache in recht bedenklicher Weise hingab. An Diesen schrieb 
später Forst er von Leipzig aus, wo er auf der Reise nach Wilna 
mit dem von solchen Geheimnissen auch unterrichteten Buchhändler 
Joh. Karl Phil. Spener aus Berlin zusammen war, am 14. Mai 
1784 {F.-S. S. 31 f.): „Seine" (Sp.'s) „Freude darüber, dafs Du 
und ich von einer gewissen Sache curirt sind, ist unbeschreiblich. 
Es war fast das erste wonach er frug, denn alles, was Du ihm gesagt 
hattest, war ihm sehr frisch im Gedächtnifs, und er beklagte Dich 
über den Punkt erstaunlich und sagte, Du wärest damals so weit in 



*) Vgl. Anmerkung XI am Ende dieses Theils. 



BetheiliguDg G. Forster's u. S. Th. Sömmerriug's an rosenkreuz. Alchemie. 87 

extremo gewesen, dafs er für rathsam erachtet hätte, nachzugeben 
und nicht directe zu opponiren". Und von Halle aus am 27. Mai 
1784 {F.-S. S. 51, nach meiner Abschrift des Briefes etwas vervoll- 
ständigt): „Mit Spener'n konnte ich über den Punkt nicht zu weit 
gehen. Deine Stimmung, wie Du letzt in B. mit ihm gesprochen hast, 
ist ihm so entsetzlich im Kopf herumgegangen, dafs er sich einmal 
vorgenommen hatte, defsfalls an Camper' n*) zu schreiben, damit 
er Dich doch, als Freund, von der Schwärmerey rette und zurück- 
zubringen suchen möchte. Er glaubte nicht, es sei möglich von selbst 
wieder zurückzukommen, wenn man so weit drinnen wäre, wie Du 
ihm vorgekommen wärst, und sein gröfstes Wunder war, wie uns 
denn endlich die Augen aufgegangen wären ! Wie würde er sich noch 
mehr gewundert haben, wenn er alles gewufst, gewufst hätte, wie tief 
wir drinnen gesteckt haben, wie emsig wir in Kohle gesudelt, gebetet, 
Keden gehalten und auf allerley Art und Weise geschwärmt haben". 
In seiner Heftigkeit scheint damals Sömmerring selbst Forster'n 
zu weit gegangen zu sein; im October 1790 schrieb S. [F.-S. S. 555) 
von Pempelfort bei Düsseldorf aus, wo er damals bei Fr. Jacobi zu 
Besuch war, an F.: „Aenderte sich meine Liebe zu Dir als Du strenge 
aber gerecht gegen mich im Orden warst? War ich nicht froh, wenn 
Du mich auf meine Heftigkeit aufmerksam machtest?" — Dazu, 
dafs das angestrebte Ziel der alchemistischen Arbeiten erreicht werde, 
sollte Übernatürliches ganz wesentlich mithelfen, und die Gewinnung 
dieser Beihülfe sollte durch inbrünstiges Gebet bewirkt werden ; wefs- 
halb Forster und Sömmerring, so lange sie mit der Lösung der 
Hermetischen Aufgabe beschäftigt waren, sich sehr fromm zeigten (es 
ist darauf alsbald zurückzukommen). 

Studirt wurden alchemistische und theosophische Schriften vom 
reinsten Wasser: Schriften wie des unter den Alchemisten berühmten 
Philaletha (vgl. S. 200 im I. Theil) Tractat Introitus apertus ad 
occlusum regis palatium oder G. von Welling's Opus mago- 
cahbalisticuni et theosophicum (vgl. Anmerkung VI am Ende dieses 
Theils). Von Hannover aus schrieb Forster (wie F.-S. S. 11 nur 
unvollständig mitgetheilt ist) am 7. September 1780 an Sömmerring 

*) Peter Camper, den berühmten Holländischen, damals in Franeker 
privatisirenden Anatomen, Avelchem der um 33 Jahre jüngere Sömmerring be- 
freundet worden war. 



88 Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 

Dach Kassel: „Ich bin erst gestern Morgen hier angekommen; mein 
erstes war zu unserm Freund Falcke*) zu gehen, und da habe ich 
für Sie des Philaletha Ocdus. Begis Palaf. geborgt. Allein die 
conditio sine qua non ist, dafs Sie das Buch innerhalb 14 Tagen 
zurückschicken. Auf die Bedingung, glaube ich, würde Ihnen F. 
wohl dann und wann mehr Bücher leihen ; er hat eine ziemhche An- 
zahl, — Welling's Ojjus hat er verliehen; die bewufste Stelle wird 
er Ihnen abschreiben, sobald er das Buch wieder erhält". Auch die 
Aurea catena Honieri (vgl. S. 13) wurde studirt; von Freiberg aus, 
auf der Keise nach Wilna, schrieb Forster im Juli 1784 an Som- 
mer ring (F.-S. S. 100): „Zu meinem Erstaunen las ich in Töplitz 
einen Band von Buffon (Einleitung zur Mineralogie) und glaubte 
die Aurea Catena zu lesen, wenn sie ein Mann von grofser profaner 
Einsicht geschrieben hätte", — Forster'n wurden bei seiner Be- 
schäftigung mit der Hermetischen Kunst in Kassel die alchemistischen 
Zeichen so geläufig, dafs er, wie er im November 1783 an Lichten- 
berg schrieb (Th. H. I, S. 356; G. VII, S. 207 f.), damals in einer 
für eine von Diesem herausgegebene Zeitschrift bestimmten Über- 
setzung statt der Worte Luft, Wasser, Spiritus, Quecksilber, Blei, 
Gold u. a, die entsprechenden alchemistischen Zeichen gesetzt hatte, 
Erinnerungen an diese Jahre und die in ihnen ihm vertraut ge- 
wordenen Vorstellungen tauchten in Forster noch in der letzten Zeit 
seines Lebens auf; von Pontarlier aus schrieb er im November 1793 
an seine Frau nach Neufchatel {Th. H. II, S. 613 f,; G. IX, S. 121): 
„Das W'etter ist freilich hier so arg, vielleicht ärger als dort; ich 
denke mir immer, nach meinem alchymistischen kreuzerischen Sauer- 
teig, den Teufel unter den beiden leidenden Elementen, Wasser und 



*) Der 1809 gestorbene Ernst Friedr. Hektor Falcke — Hofrath, 
Consistorialrath und Bürgermeister zu Hannover, sj^äter Geh, Justizrath — 
war im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts hoch angesehen in der Frei- 
maurerei und eifrig für Alles, was mit derselben zusammenhing. Dem System 
der stricten Observanz (vgl. S, 17) gehörte er unter dem Namen Eques a rostro 
an, dem der Asiatischen Brüder (vgl. Anmerkung IV am Ende dieses Theils) 
unter dem Namen Ebal; aber seine "VVifsbegierde trieb ihn auch zu den lUu- 
minaten (vgl. S. 16, Anmerk.), in deren Bund er den Namen Epimenides führte. 
(Näheres über Denselljcn hat das Allgem. Handb. d. Freimaurerei, I. Bd., Leipzig 
1863, S. 32.3 f.) Er kommt uns noch einmal vor, da Forster auch noch später 
mit ihm in Beziehung stand. 



Betheiligung G. Forster's u. S. Th. SömmeiTing's an rosenkreuz. Alcliemie. 89 

Erde, daher habe ich eine so entschiedene Abneigung vor Regen und 
Strafsenkoth". 

So wie Dies in dem Rosenkreuzer-Bund sonst auch der Fall war, 
hatten die Mitglieder des Zirkels zu Kassel Bundesnamen, und nur 
mit Diesen wurden sie in Ordens-Angelegenheiten genannt. Ich be- 
dauere, hierüber nur sehr wenig Näheres mittheilen zu können; für 
Diejenigen, von welchen wir wissen welche Namen sie in der Profan- 
welt führten, sind uns die Bundesnamen unbekannt, mit einer einzigen 
Ausnahme: dafs Forster im Orden Amadeus hiefs*), während ander- 
seits für eine Anzahl von Mitgliedern die Bundesnamen bekannt sind 
aber nicht die Namen, welche ihnen in der bürgerlichen Gesellschaft 
zukamen. Was über die Mitglieder des Kasseler Zirkels angegeben 
ist oder sich ersehen läfst, werde ich in einer besonderen Anmerkung 
besprechen**). — Dem gemäfs, was S. 38 bezüglich der Organi- 
sation des Rosenkreuzer- Bundes erinnert wurde, kannten Forst er 
und Sömmerring nur die ihnen unmittelbar Vorgesetzten, nicht die 
leitenden Oberen des Ordens. Auch später noch, nach dem Aufgeben 
der Betheiligung an dem Treiben desselben, war Forster's Kenntnil's 
in Betreff dieses Gegenstandes eine recht unsichere. Bald nach seiner 
Lossagung von diesem Treiben, auf der Reise nach Wilna schrieb er 



*) Dafs Forst er im Orden Amadeas hiel's, erhellt ans Dem, was er von 
Wilna aus im Spätjahr 1786 (W. I, S. 215; F.-S. S. 351) an Sömmerring in 
Beziehung darauf schrieb, dafs Einer der Theilnehmer an dem Treiben zu Kassel 
sich von den Ordensoberen immer noch durch Vorspiegelungen hinhalten lasse: 
„Selbst die armselige Finte, dafs Tagobon nicht mehr in Europa sein soll, 
merkt er nicht. Wer weifs, welchen Popanz unsere Ordensnamen jetzt noch 
bei Obrn." (Ordensbrüdern), „die nur diese, und nicht unsere weltlichen 
kannten, noch abgeben müssen! Wie manchem Bbr." (Bundesbruder) „mag ge- 
sagt werden, Br. Amadeus ist nicht mehr in Europa! und der denkt sich dann 
"wohl gar, dafs ich zur Versammlung der Weisen gereiset bin". Dafs Forster's 
Ordensname Amadeus gewesen war und dafs ihn nachher noch seine Freunde 
scherzhaft so nannten, hat F.'s Wittwe {Th. H. IT, S. 558; G. IX, S. 86) zur 
Erklärung dafür erinnert, wie in den von F. in seinem letzten Lebensjahr aus 
Frankreich geschriebenen Briefen dieser Name vorkommt; F. schrieb da an seine 
Frau als Amadeus betreffend Dasjenige, Avas er als auf ihn selbst sich be- 
ziehend bei etwaigem Oeffnen der Briefe durch die Französischen Sicherheits- 
beamten nicht erkannt haben wollte (so z. B. in den Th. H. II, S. 557, 560, 
576; G. IX, S. 86, 87, 97 mitgetheilten Briefen). 

**) Vgl. Anmerkung XII am Ende dieses Theils. 



90 Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 

von Leipzig aus im Mai 1784 an Sömmerring {F.-S. S. 45): „Dafs 
der dirigirende Obere für Norddeutschland in Warschau sitzt, ist eine 
Neuigkeit, die frappiren kann!! Mehr davon künftig!" Nur mit Be- 
zugnahme auf Berlin schrieb er von Wilna aus im September 1786 
an Heyne {Th.H.l, S. 572; G^. VII, S. 355): „Prinz Friedrich von 
Braunschweig und ein gewisser Kammerdirector Wöllner stehen an 
der Spitze der Rosenkreuzerei daselbst". Erst 1788 erfuhr er über 
das Aufkommen des Bundes, dem er angehört hatte, etwas mehr, und 
Das war nicht viel; im Januar 1788 schrieb er von Göttingen aus 
an Sömmerring {F.-S. S. 475 f.; ich verbessere einiges da unrichtig 
Stehende nach meiner Abschrift des Briefes): ,,Mit Hofrath Falcke 
in Hannover habe ich von alten Zeiten viel gesprochen. Er sagte, 
der 0." (Orden) ,,sey indigne mit uns verfahren. Alle sein Zutrauen 
sey auf unsern Zirkel gegründet gewesen. Noch nie habe ein Zirkel 
aus solchen Leuten bestanden. Tagobon soll ihnen sehr derbe 
Wahrheiten gesagt haben, und hat sich ganz zurückgezogen. Wer 
er sey, konnte ich durchaus nicht von ihm erfahren. Er ist aber 
kein sehr alter Mann. Die Stifter des ganzen Ordens sind Keller 
in Regensburg und Phoebron (dessen ganze Ausstofsung Spiegel- 
fechterei gewesen, um aller Nachspürung ein Ende zu machen), und 
Eckard's Schwiegervater. Ich wufste auch Phoebron's welt- 
lichen Namen, hab' ihn aber vergessen"*). Ende Januar 1788, wo 
Forster in Berlin war, schrieb er von da aus an Sömmerring 
[F.-S. S. 486): ,,Von dem, was in puncto der Q" (Rosenkreuzerzirkel) 
,, -Sachen hier vorgeht, habe ich noch nichts erfahren. Indessen werde 
ich bald etwas wissen", und Sömmerring antwortete im Februar 
{F.-S. S. 488): ,, Schreib mir doch, wenn Du Mulse erhältst, etwas von 



*) Über Phoebron (Schleifs von Löwenfeld) vgl. S. 18 und die An- 
merkung IV a. E. d. Th. Keller war wohl Joh. Christoph Chrysost. von K., 
Kurfürstlich Mainzischer Geheimerath und Gesandter in Wetzlar, von welchem 
bekannt ist, dal's er 1767 in Frankfurt unter dem Namen Chri/sostomiis Eques 
a lapide riihro dem Tempelherren-Orden beitrat, von dem aber auch (v. Nettel- 
bladt's Geschichte Freimaurer. Systeme S. 534) berichtet wird, dafs er 1773 in 
Regensburg an der Spitze der da sich regenden Rosenkreuzerei stand. Von 
Eckard weifs ich nur (aus Nettelbladt's e. a. Buch, S. 200), dafs 1764 
Einer dieses Namens ein dem System der stricten Observanz zugeneigter Bruder 
der Loge Amitie in Berlin war, und von Dessen Schwiegervater gar Nichts. 



1 



Betheiligung G. Försters u. S. Th. Sömmerring's an roseukreuz. Alchemie. 91 

O'Sachen, man mufs das Ding doch ganz kennen lernen. Sicher 
war unser Hauptdirectorium dort". 

Wie kamen diese beiden Männer dazu, sich an solcher Thätigkeit 
des Rosenkreuzer-Bundes, wie sie im Vorhergehenden skizzirt ist, 
zu betheiligen? Denn man darf doch darüber erstaunen, dafs sie, mit 
der ihnen zustehenden Bildung, sich auf ein Unternehmen einliersen, 
welches ihnen jedenfalls als ein schwierigstes erscheinen mufste und 
bezüglich dessen sie so wenig darüber wufsten, von wem es eigentlich 
ausgehe und wer die Wahrscheinlichkeit eines günstigen Erfolges ver- 
bürge; ich wenigstens kann Gervinus' Ausspruch {G. VII, S. 23) nicht 
zustimmen: „Forst er 's Verkehr mit diesem Geheiraorden wird Nie- 
manden befremden, der die innere Geschichte jener Zeit kennt, wo 
alles schwärmte". Auf welche äufsere Veranlassung hin, durch 
welche innere Beweggründe bestimmt nahmen Forster und Sömmer- 
ring an diesem Treiben Antheil? 

Wiederholt {G. VII, S. 23; P. S. 51 z. B.) ist die Ansicht ge- 
äufsert worden, Forster sei durch die Freimaurer mit dem Rosen- 
kreuzer-Orden bekannt, mit dem letzteren in Verbindung gebracht 
worden, so wie wenn sein Eintreten in den letzteren eine Folge seines 
Zutretens zu dem Freimaurer-Bund gewesen sei. Forster selbst 
hatte etwas diese Ansicht Unterstützendes von Wilna aus im Sep- 
tember 1786 {Th. H. I, S. 572; G. VII, S. 354) an Heyne geschrieben: 
„Ich bin selbst durch die Freimaurerei mit den Rosenkreuzern genau 
bekannt geworden, und weifs am besten, was sie Uebles wirken. In 
Cassel hat mir die Erfahrung, die ich über diesen Punkt einsammeln 
mufste, manchen Tag und manche Stunde geraubt". Aber F. hatte 
da nicht die Absicht, seinen Schwiegervater wissen zu lassen, wie er 
wirklich zu den Rosenkreuzern gestanden hatte und unter sie ge- 
gekommen war*). Was zu meiner Kenntnifs gelangt ist, läfst mich 
glauben, dafs F. nicht durch die Freimaurerei zu den Rosenkreuzern 
geführt worden ist, wenn er auch durch Einen, welcher wie er der 



*) Wie Forst er namentlich in der seinem "Weggang von Kassel und seiner 
Verlobung mit Tlierese Heyne nächstfolgenden Zeit es als wichtig betrachtete, 
dafs der Vater der Letzteren Nichts von F.'s Beziehungen zum Rosenkreuzer- 
Bund erfahre, lassen seine wiederholten Bitten an Sömmerring (F.-S. S. 58 
u. 63), Heyne Nichts darüber mitzutheilen, ersehen. 



92 Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 

ersteren angehörte, und — dem S. 18 u. 23 f. Gesagten entsprechend — 
unter Beihülfe dieser gemeinsamen Zugehörigkeit an einen Geheim- 
bund für den Zutritt zu einem, aber ganz für sich bestehenden Rosen- 
kreuzer-Zirkel gewonnen werden konnte. Diese Auffassung steht auch 
ganz in Einklang mit Dem, was zur Einleitung der Besprechung von 
Sömmerring's Betheiligung an der Rosenkreuzerei R. Wagner (W. 
II, S. 38) angiebt, welchem noch weitere, unveröffentlichte Correspon- 
denz S.'s zu Gebote stand: „Wie früher schon bemerkt wurde, so 
war Sömmerring in London durch Forster mit der Freimaurerei 
bekannt worden, und es scheint, dai's er dort selbst Maurer wurde. 
Aus einer noch vorhandenen Correspondenz mit Sunderberg*), eben- 
falls Maurer, geht hervor, dafs beide in dieser Gesellschaft das nicht 
fanden, was sie suchten, oder dafs sie wenigstens in den Logen und 
unter den Bundesbrüdern manches fanden, was sie allmälig veranlasste, 
sich ganz davon zurückzuziehen. In den siebziger Jahren des vorigen 
Jahrhunderts war dagegen der Bund der sogenannten Rosenkreuzer, 
dessen Ursprung in das 1 7 te Jahrhundert zu fallen scheint, zu einer 
neuen Thätigkeit gekommen, und viele Freimaurer scheinen lebhaften 
Anteil daran genommen zu haben". 

Forster war, als Sömmerring im August bis October 1778 sich 
in London aufhielt, unter die Freimaurer aufgenommen und veran- 
lafste, dafs da auch der ihm bekannt und bald vertraut gewordene 
S. Denselben zutrat (W. II, S. 31 u. 38). Als Forster im November 
1778 nach Deutschland gekommen war, hielt er sich zur Verwirk- 
lichung der Absicht, in welcher er diese Reise unternommen: Hülfe 
zu finden für seinen im Schuldgefängnifs verlassenen Vater, an die 
Freimaurer**). In Kassel trat er 1778 der Loge von der stricten 



*) Sund erb erg war {W. II, S. 29) ein in London im Spätsommer 1778 
mit Sömmerring bekannt gewordener Deutscher, mit Avelchem Dieser auch 
später noch in Correspondenz blieb. Der Name kommt auch in Briefen Forster's 
an Sömmerring vor: F.-S. S. 33, wo er Sundenbug, und S. 59, wo er Sunders- 
berg gedruckt ist. 

**) „Es war Herzog Ferdinand von Braunschweig, der durch freimaurcrische 
Beihülfe der armen Forster'schen Familie Rettung l)rachte", berichtete G. F.'s 
AVittwe (Tit. II. I, S. 23). Job. lleinh. Forster gehörte dem Freimaurer- 
Bunde an; bei Deutschen Logen wurde damals und später noch (vgl. auch die 
zweitnächste Anmerkung) für ihn gesammelt. („Als die Logen in ganz Deutsch- 
land vom Herzog Ferdinand von Braunschweig aufgefordert wurden, einen 



Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alcliemie. 93 

Observanz Zum gekrönten Löwen*) zu, ohne sich aber an den Ar- 
beiten derselben besonders eifrig zu betheihgen**); in dieser Loge 
trieb Forster nicht Das, was vorhin als ihn in Kassel beschäftigend 



Beitrag zu geben, um meines Vaters Schulden in England zu bezahlen, waren 
Hannover und Göttingen die einzigen Orte, die keinen Pfennig hergaben," schrieb 
Georg F. im Februar 1792 an Heyne; Th. H. H, S. 134; G. VHI, S. 176.) 
Aber auch von Fürsten, die meines Wissens nicht im Bunde waren, vermittelte 
Georg F. Unterstützungen für seinen Vater: so im Dezember 1778 50 Ducaten 
von dem Landgrafen Friedrich H. von Hessen-Kassel [Tli. H. I, S. 179; G. VII, 
S. 99; auf dieses Geschenk scheint sich zu beziehen, was G. F. kurze Zeit nach 
der betreffenden Mittheilung bei der Zusendung einer Assignation auf 20 Pf. St. 
an seinen Vater nach London — TJi.H.J, S. 189; G. VII, S. 105 — schrieb) 
und im März 1779 100 Louisd'or von dem Fürsten Leopold Friedrich Franz 
von Anhalt-Dessau {Th. H. I, S. 198; G. VII, S. 110). Die an J. R. F. auch 
nachher noch von seinen Brüdern im Freimaurer-Bunde geleistete Beihülfe be- 
friedigte Denselben nicht; „die traurige Unordnung, welche in seinen Geldver- 
hältnissen immer geherrscht hat, und welche ihn zu fortdauernden Ansprüchen 
an die Brüder veranlafste, nöthigte ihn 1792 zum Austritt, weil er die Ablehnung 
in einem sehr verletzenden Tone gemifsbilligt hatte" (AUgem. Handb. d. Frei- 
maurerei, I. Bd., Leipzig 1863, S. 358). 

*) Nicht, wie H. Koenig bei der Besprechung G. Forster's in seinen 
„Althessischen Silhuetten" in dem Hessischen Jahrbuch für 1854 (Cassel 1854), 
S. 42 f. angiebt, der damals gleichzeitig in Kassel bestehenden Loge Friedrich 
von der Freundschaft, welche von der die Tradition der Freimaurerei im Ganzen 
reiner bewahrenden Preufsischen Grofsloge Royal-York anerkannt war (nur dieser 
Loge als der in Kassel zu jener Zeit existirenden gedenkt auch Vehse a. S. 81 
a. 0., S. 173). 

**) Aus zuverlässiger Quelle weifs ich Folgendes. In den Protokollen der 
Loge Zum gekrönten Löwen in Kassel wird G. Forster's Name in den Jahren 
1778 bis 1783 mehrmals erwähnt; F. ist da zuerst als besuchender Bruder ge- 
nannt, später wiederholt zusammen mit Sömmerring und von Knigge, von 
1780 an als vorbereitender Bruder und Redner. Seines und Sömmerring's 
Ausbleibens wird auch manchmal gedacht (Beide blieben M-eg aus der Loge, als 
der Prinz Friedrich von Hessen-Kassel, der jüngere Bruder des S. 81 erwähnten 
Prinzen Karl, an derselben Theil nahm). Wiederholt kommt Forster's Name 
vor in Rechnungsacten bei Gelegenheit von Geldsammlungen, die für Joh. 
Reinh. F. in London nach Anordnung des Herzogs Ferdinand von Braun- 
schweig in allen dem System der stricten Observanz zugeneigten Logen veran- 
staltet wurden (für die zum Zweck einer Sammlung im Februar 1780 abzuhal- 
tende Loge wurde G. F.'s Anwesenheit nicht gewünscht); die Summe von 269 
Thalern aus den Logen zu Kassel, Hanau und Marburg wurde am 12. April 1780 
in Braunschweig quittirt, nachdem bereits im Januar 1780 die Gläubiger J. R. 
Forster's in London behufs Li(iuidation ihrer Forderungen citirt worden waren. 



94 Betheiliguug G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 

besprochen wurde. Als die da auf die Beschäftigung mit Alchemie 
gesetzte Hoffnung gescheitert war, verwarf er zugleich mit der Rosen- 
kreuzerei auch die Freimaurerei. Auf der Reise nach Wilna schrieb 
er von Dresden aus im Juni 1784 an Sömmerring {F.-S. S. 61 f.): 
„Ich bin davon zu fest überzeugt, dafs die — maurerei eine schlechte 
Sache ist, als dafs ich mir ein Gewissen daraus machen sollte, von 
ihr in diesem Lichte zu sprechen, sobald ich es für nothwendig er- 
achte". Aber nach Wien gekommen trug er im August 1784 den 
Umständen, namentlich der Rücksicht auf den als Mineralog bekannt 
gewordenen Hofrath Ignaz von Born Rechnung und trat er der von 
Diesem geleiteten Loge Zur Eintracht zu; eine Reihe verschieden- 
artiger Gründe für diesen Schritt zählte er da an Sömmerring auf 
{F.-S. S. 117). 

Ein Mitglied (später Vorsitzender) der Loge Zum gekrönten Löwen 
in Kassel war in den ersten Jahren, welche Forster und Sömmer- 
ring in dieser Stadt verlebten, ein Major Wilh, von Canitz. Ich 
werde auf Denselben (in Anmerkung XII am Ende dieses Theiles) 
zurückkommen; hier ist nur anzugeben, dafs dieser Mann Derjenige 
gewesen zu sein scheint, durch dessen Vermittelung die beiden Erst- 
genannten — zunächst Forster und dann wohl unter Dessen Mit- 
wirkung Sömmerring — für die Rosenkreuzerei gewonnen wurden 
(R. Wagner fand in Sömmerring's Tagebuch von 1780, dafs Der- 
selbe sich in diesem Jahr in Kassel mit mehreren Männern, nament- 
lich mit einem Major v, Canitz öfters über den Rosenkreuzer-Bund 
unterhalten hat; W. II, S. 39). Aber noch eines Anderen ist hier 
zu gedenken, der dafür thätig war, dafs Forster neben seiner Zu- 
gehörigkeit an die Freimaurer-Loge in Kassel noch eine geheime Ver- 
bindung einging, die vielleicht im Anfang anders geplant war als sich 
der dortige Rosenkreuzer-Zirkel factisch gestaltete, aber doch für das 
Eintreten in den letzteren die Vorbereitung abgab. 

Wer die Geheimbündelei in Deutschland in der zweiten Hälfte des 
vorigen Jahrhunderts auch nur einigermafsen kennt, fragt sich doch un- 
willkürlich bei jedem um 1780 herum dahin einschlagenden Vorkommnifs: 
Wo ist Knigge? Denn dieser Mann war damals ziemlich bei allem 
Derartigem betheiligt, pro oder contra oder auch in beiderlei Weise. 
Kassel, wo Kn. in den Jahren 1772 bis 1776 als Hofjunker und 
Kammerassessor gelebt und Aufnahme in eine Freimaurer-Loge der 



Beziehungen A. F. F. L. v. Knigge's zu Rosenkreuzerei u. Alcheraie. 95 

stricten Observanz gefunden hatte, war zwar zu der Zeit, in welcher 
Forster dahin kam, nicht mehr sein Wohnort, aber ich hatte, als 
ich mich mit dem Letzteren zu beschäftigen anfing, doch bald eine 
Ahnung — das bestimmt erfafste Resultat einer unbewufst vorge- 
gangenen Gedankencombination — , dafs Knigge auch für das Hinein- 
ziehen Forst er 's in den Kasseler Geheimbund die Hand im Spiele 
gehabt habe. Was ich zunächst über Knigge erfahren konnte, 
von dessen Betheiligung an Ordenswesen die an dem Illuminaten- 
Orden ganz bekannt ist, bestätigte allerdings diese Ahnung nicht. 
In K. Gödeke's (unter dem zweifachen Titel: Knigges Leben und 
Schriften und: Adolph Freiherr Knigge zu Hannover 1844 
herausgekommener) Biographie Kn.'s fand ich nichts dafür Sprechendes 
(darauf, dals Kn. sich schon in Kassel, auch nachher noch in Frank- 
furt a. M. wohin er 1780 zog, mit Alchemie beschäftigte, ist übrigens 
da S, 23 u. 34 hingewiesen*). Auch Nichts in den mir bekannt ge- 



*) Darüber, dafs v. Knigge an die Alchemie geglaubt und auch sich in 
ihr praktisch versucht hat, möge hier doch noch Einiges beigebracht werden 
(bezüglich anzuführender Citate und zu nennender Personen vgl. S. 97 ff.). — Kn. 
schrieb zwar im Sommer 1779 an den Prinzen Karl von Hessen-Kassel, dafs 
er gar Nichts von Geheimkünsten wisse, dafs er Den vor Gericht belangen würde, 
der ihn das Goldmachen lehren wollte, dafs er nur daran arbeite, ein guter 
Mensch zu werden (Asträa XVI. Jahrg., S. 180). Aber so weit ging seine Ab- 
neigung gegen die Alchemie nicht. An Wendel Stadt hatte er im August 1778 
von Kassel aus, wo er auf einer Keise war, geschrieben (Asträa XYII, S. 298 f.) : 
„Die Manuscripte werde ich schwerlich bekommen. Der Herzog" (Ferdinand 
von Braunschweig) „hat nach den darin enthaltenen Processen arbeiten lassen, 
und der Prinz Carl hat sie in Braunschweig aufspüren wollen, also komme ich 
zu spät, um sie aus dem Rachen der str. Obs. zu reifsen". Unter den diesem 
Briefe beigelegten „Rfischen Vorbereitungs- oder Probe-Fragen" (Kn. bemühte 
sich damals für sich und W. um die Aufnahme in den Rosenkreuzer-Buud) sind 
(a. e. a. 0. S. 304) direct auf Alchemie bezügliche, in Betreff der Vermehrung des 
Goldes nur die Schwierigkeit, nicht die Unmöglichkeit anerkennende. An Greve 
schrieb Kn. im Januar 1779 (Asträa XVH, S. 313 f.) von Hanau aus: „Wir ar- 
beiten (Wendelstadt und ich) alle die kleinen Processe durch — Keiner ist 
acht"; und in Beziehung auf ihm durch G. gemachte Mittheilungen: „Aber, mein 
Bester, geben Sie sich nicht die Mühe des Abschi-eibens. Alle solche Processe 
(o wie viele hätte ich in Wolfenbüttel abschreiben müssen!) sind von keinem 
Werthe. Schulze (der Buchtrödler) hat ein RfManuscript, wofür er 30 Fl. 
verlaugt und welches vielleicht nicht Einen werth ist — ... . Das kann ich 
nicht leugnen, lesen möchte ich doch herzlich gern die Processe — Es ist ein 



96 Beziehungen A. F. F. L. v. Knigge's zu Rosenkreuzerei u. Alchemie. 

wordenen früher veröffentlichten Schriften Knigge's oder den „Aus 
einer alten Kiste" 1853 zu Leipzig von Klencke herausgegebenen 
Briefen und anderen Schriftstücken Desselben. Im Gegentheil hätte 
mich daran irre machen können, wie Kn. in seinem „Roman meines 
Lebens" (vier Theile, Riga u. Frankfurt 1781 — 1783) in einer An- 
merkung (IL Theil, S. 176) jede religiöse oder andere Vereinigung 
und namentlich jede geheime Gesellschaft, die zuerst ihre Zöglinge 
zu Schwärmern macht, als zuverlässig auf Betrug beruhend hinstellt, 
und wie er in seinem bekanntesten, zuerst 1788 zu Hannover aus- 
gekommeneu Buch (ich habe nur den 1796 zu Wien u. Prag 
erschienenen Nachdruck: Uiber den Umgang mit Menschen zur 
Hand; da im III. Theil S. 425 ff.) vor Geistersehern, Goldmachern 
und andern mystischen Betrügern warnt, Vorsichtsmafsregeln für 
den Verkehr mit solchen Männern giebt und für den Fall, dafs Einer 
sich von derartigen Abenteurern habe fangen lassen („o! wer ist 
mehr in dieser Leute Händen gewesen, wie ich?" fragt da Kn.) 
und seine Verirrung eingesehen habe, rücksichtlose Veröffenthchung 
des Vorfalls zur Warnung anderer ehrlicher leichtgläubiger Menschen 
als Pflicht dringend empfiehlt. Derartige schöne Redensarten wollen 
bei Knigge nicht allzu ernstlich genommen sein, und das letzterwähnte 
Buch schrieb er zudem in einer Zeit, in welcher er von voraus- 
gegangener eifrigster Betheiligung an Geheimbündelei schon merklich 
— noch nicht ganz — ■ erschöpft war. Einen erheblicheren Einwand 
gegen meine Vermuthung schien abzugeben, dafs der Kasseler Geheim- 
bund, wenn er es auch nicht von Anfang an gewesen sein sollte, doch 
bald zu einem rosenkreuzerischen wurde, und dafs Knigge niemals 
dem Bunde der" Rosenkreuzer angehört und sogar — pseudonym — 
Dieselben 1781*) heftig angegriffen hat. Aber ein solcher Proteus 
wie Kn. — welcher allerdings niemals in den Rosenkreuzer- Bund 
aufgenommen worden war aber doch einmal aufgenommen werden 

gar zu verführerisch Ding um das Forschen nach Walirheit — Aber noch ist 
unsre Mühe, und wie viel haben Sie Sich nicht sclion gegeben ! schlecht belohnt. 
Könnte man nicht den ganzen Bettel kaufen?" Praktisch wollte Kn. die Al- 
chemie nicht stark getrieben haben; „ein halbes Dutzend silberner Kaffeelöffel", 
sagte er, „ist alles, was ich, so viel ich mich erinnere, daran gewendet habe" 
(vgl. bei Gödeke a. S. 95 a. 0. S. 34). Viel hatte er auch freilich nicht dafür 
zuzu.setzen. 

*) Vgl. Anmerkung XlII am Ende dieses Theils. 



•Beziehungen A. F. F. L. v. Knigge's zu Rosenkreuzerei u. Alchemie. 97 

wollte*) — wufste auch öffentlich an der Rosenkreuzerei noch An- 
erkennenswerthes zu finden. Er war in der Zeit seines Aufenthaltes 
zu Kassel mit dem zuletzt S. 41 als eifrigster Rosenkreuzer er- 
wähnten Marburger Professor F. J. W. Schröder bekannt geworden ; 
in seiner 1788 zu Hannover veröffentlichten Vertheidigungsschrift 
„Philo' s endliche Erklärung und Antwort auf verschiedene An- 
forderungen und Fragen, die an ihn ergangen, seine Verbindung mit 
dem Orden der Illuminaten betreffend" sagte er S. 22, dafs er mit 
Schröder in Bekanntschaft gekommen sei, ,,der auch den kältesten 
Mann für Theosophie, Magie und Alchemie in Bewegung zu setzen 
fähig war", und S. 24 : ,.Nie bin ich zum Rosenkreuzer aufgenommen 
worden — die deutschen Rosenkreuzer hielt ich für unecht und un- 
wissend — aber diese alte Verbrüderung war mir seit Schröder's 
vertraulichen Eröffnungen äufserst werth geworden"**). Bei allem 



*) Im August 1778 war Kuigge, wie er damals von Marburg an Greve 
(vgl. S. 99) schrieb, bei Prof. Schröder und von der Bekanntschaft mit 
Demselben ganz entzückt (Asträa XVII. Jahrg., S. 295). Eben so äufserte er 
sich in einem, gleichfalls noch im August 1778 von Kassel aus an Wendel- 
stadt gerichteten Brief (daselbst S. 296 ff.) über S. (er berichtete da auch, dafs 
der „göttliche" Schröder ein artiges Mittel habe, den flammenden Stern — 
das in vielen Logen figurirende Symbol des höchsten Wesens — • mit Oelpapier 
zu machen, was freilich den W. zu einigem Spott reizte). In diesem Brief an 
Wendel Stadt benachrichtigte Kn. Diesen, welcher sich offenbar bei Schröder 
um die Aufnahme in den Rosenkreuzer-Bund beworben hatte, dafs S. von den 
zur Prüfung behufs der Aufnahme auf gestellte Fragen eingegangenen Beant- 
wortungen W.'s nicht zufrieden gestellt sei und dem Letztei'en die vorgängige 
Fortsetzung geistiger Übungen anrathe; S. wolle aber „uns Allen" Vorschub 
leisten und Knigge bei Dessen Rückkehr über Marburg da in seinem Hause 
unterrichten, wodurch Kn. wohl in den Stand gesetzt werde, eine genügende 
Beantwortung der Fragen zu geben. Über den Rosenkreuzer-Oi'den äufsert sich 
Kn. da sehr anerkennend; „nur dieser Orden", sagt er, „wird einst die ganze 
Welt theokratisch regieren, wie es Gott verheifsen hat". — Wendelstadt, im 
Orden der stricten Observanz Eques a serpente, wird als Dr. Med. zu Wetzlar, 
Frankfurt a. M., dann zu Neuwied genannt (Asträa XVI, S. 177; XVII, S. 295, 
307; XXI, S. 271). 

**) Meines Wissens ist unerwiesen, Avas Forst er im August 1784 von Wien 
aus als von dem Meister vom Stuhl der dortigen Loge Von der Wohlthätigkeit, 
Freiherrn von Gemmiugen erfahren an Sömmerring schrieb (F.-S. S. 118): 
„Er erzählte mir, wer die Illuminaten so haarklein an die R. C. verrathen hat. 
Rathe einmal — es ist der Herr Baron von Knigge, der sich, seit sie so auf 

Kopp, Die Alchemie. II. 7 



98 Bezieliungen A- F. F. L. v. Knigge's zu Rosenkreuzerei u. Alchemie. 

Dem blieb mir jene Ahnung gegenwärtig, so oft ich von Zeit zu Zeit 
wieder an diesen Gegenstand ging ; und habe ich in den Weihnachts- 
tagen 1827, wo mir durch Dr. G. L. Jerrer's „Teutschlands berühmte 
Männer« (Leipzig 1827; IL Theil, S. 228 ff.) der Freiherr Adolph 
Franz Friedr. Ludw. von Knigge (geboren 1752 auf dem väter- 
lichen Gute Bredenbeck unweit Hannover, gestorben 1796 als Han- 
noverscher Oberhauptmann und Scholarch in Bremen) zuerst bekannt 
wurde, mir nicht träumen lassen, dafs ich noch einmal so lange und 
so beharrlich nach Demselben ausschauen werde, ob er mir nicht 
unter bestimmten Umständen begegne. Endlich hatte ich ihn. 

In Kassel war Knigge in dem untersten Grade der Freimaurerei 
stehen geblieben (nach einer Angabe in Asträa, Taschenbuch für Frei- 
maurer, XV. Jahrg. f. 1850, Sondershausen 1850, S. 160 war er 
noch in einer Liste der Loge Zum gekrönten Löwen — derselben, 
welcher v. Canitz und Forster angehörten — vom Ende August 
1778 als Lehrling aufgeführt). Nach dem Austreten aus seiner dor- 
tigen Stellung lebte er kurze Zeit auf einem Gute bei Nentershausen 
in Niederhessen, dann 1777 bis 1780 in Hanau, wo er in eine 1778 
neu gestiftete Loge eintrat und zu höheren Graden in der Freimaurerei 
befördert wurde. Von dieser und namentlich den oberen Stufen des 
Systemes der stricten Observanz, in welchem er a cygno alho hieis, 
wufste er selbstständig wenig, hatte aber Mehreres darüber gelesen und 
von angeblich Eingeweihten erfahren (vgl. bei Gödeke a. S. 95 a. 0. 
S. 28). Auf Das hin, was er zu wissen glaubte, und wohl auch an- 
geeifert durch das Fehlschlagen der Erwartung, durch Prof. Schröder 
in Marburg unter die Rosenkreuzer aufgenommen zu werden (vgl. 
S. 97), fafste er 1779 den darauf, dafs die reiner Strebenden zu einer 
engeren Vereinigung zusammentreten sollten, hinauskommenden Plan, 
das Freimaurerthum zu reformiren. In dieser Absicht trat er im 
Frühjahr 1779 mit dem Prinzen Karl von Hessen-Kassel (S. 81), 
zunächst ohne sich zu nennen, in brieflichen Verkehr; die Corre- 
spondenz ist veröffentlicht in der Asträa, XV. Jahrg., S. 160ff. ; XVI, 
S. 180 ff"., und bietet es Interesse zu lesen, wie Jeder von den Beiden 



ihn geschimpft haben, ganz mit ihnen ausgesöhnt haben und ihnen alles von 
(Ion Illuniinaten gesagt haben soll. Ein schöner neuer Zug in seinem Charakter! 
Ich glaube er hat das dadurch cffectuirt, dafs er die ganze Illuminatenverbin- 
dung gesprengt hat". 



Beziehungen A. F. F. L. v. Knigge's zu Rosenkreuzerei u. Alcliemie. 99 

unter dem Gewände grofser Bescheidenheit mit Geheimwissen, das 
ihm nicht zustand, dem Anderen zu imponiren und von ihm Etwas 
zu erfahren suchte. Im October 1779 schrieb Kn. dem Prinzen 
(Asträa XVI, S. 182), dafs er seinen Plan*) an einige Freunde mit 
dem Ersuchen, sich schriftlich über denselben zu äufsern, mitgetheilt 
habe: „der Cammerherr von Canitz und der Professor Forster in 
Cassel haben mir versprochen, dieses zuerst zu erfüllen". — In 
Hanau regierte damals der Erbprinz — der nachherige Landgraf Wil- 
helm IX. (als Kurfürst Wilhelm I.) — von Hessen-Kassel, der in Folge 
des Katholischwerdens seines Vaters, des Landgrafen Friedrich H. 
(S. 80 f.) 17G0 schon bei Lebzeiten Desselben die Grafschaft Hanau 
erhalten hatte; seine Mutter, die 1772 gestorbene Landgräfin Maria, 
die sich von ihrem Gemahl nach dem Bekanntwerden der Convertirung 
Desselben getrennt hatte, war eine Tochter des Königs Georg IL 
von Grofsbritannien , und zum Schutze der eigenthümlichen Verhält- 
nisse hatte England ein Bataillon Hannoveraner nach Hanau gelegt. 
Mit zwei Hannoverschen Officieren Greve und Richers, welche bald 
nachher nach Münden und Hedemünden kamen**), knüpfte Knigge 
in Hanau vertraute Bekanntschaft an; Beide waren noch jung — der 
Eine Lieutenant, der Andere Fähnrich — , in den Freimaurer-Orden 
eingetreten und nach höherem Wissen begierig. Zwischen diesen drei 
Männern gewechselte Briefe sind in der Asträa Jahrg. XVI, S. 177 ff.; 
XVII, S. 295 ff".; XXI, S. 254 ff. zusammen mit der vorerwähnten 
Correspondenz durch Friedr. Voigts in Hannover bekannt gemacht 
worden. Dieser Briefwechsel läfst gleichfalls ersehen, dafs Knigge 

*) Die von Knigge da — im October 1779 — niitgetheilte „Summarische 
Wiederholung und Erläuterung meines Plans" ist in der Asträa XYI, S. 183 ff. 
zu lesen. Sie enthält Manches, was ganz den, wie alsbald zu berichten, im 
September 1779 ihm von Canitz dargelegton Ansichten entspricht. So z. B. — 
abgesehen davon, dafs auch Kn. „als Zweck der Maurerei die Absicht, die hohe 
Würde der Menschheit wieder herzustellen," voraussetzt — , dals zu der Er- 
reichung des vorgesteckten Zieles von der Yervollkomiimung des Körpers ausge- 
gangen werden müsse. Diejenigen Auserwählten, „welche von äul'seren Verbin- 
dungen sich losmachen können, müssen beisammen wohnen. — — Bei dem 
Körper mufs unser Anfang gemacht werden. Eine eigne Diät und der Rath 
weiser Ärzte mul's uns vorbereiten". 

**) Nach einer in der Asträa XYI, S. 176 enthaltenen Notiz betrieb Greve 
1799 sehr eifrig die Gründung einer Loge in Münden und lobte Richers um 
1811 als Generalmajor in Cunningham in Schottland. 



100 Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 

im Anfang des Herbstes 1779 mit Canitz und durch Diesen mit 
Forster in Verkehr stand, mit diesen Beiden zur Bildung eines Ge- 
heimbundes in Verbindung war. Im September 1779 theilte Kn., 
der damals auf einer Reise auch in Kassel gewesen war, den zwei 
genannten Officieren in einem an sie gemeinsam gerichteten Schreiben 
(Asträa XXI, S. 258 f.) vertraulich mit, dafs er mit Canitz ein sehr 
langes maurerisches Gespräch gehabt und welche Ansichten Dieser 
ihm dargelegt habe über die wahre Aufgabe der Freimaurerei: „die 
Würde der Menschheit oder das Ebenbild Gottes wieder herzustellen", 
über die irrigen in den Freimaurer- Bund gebrachten Vorstellungen 
und Einrichtungen und über die zunehmende Verderbnifs, und ,,dafs 
es die höchste Zeit sei, einen ächten Priesterstand wieder herzustellen". 
,,Er glaubt auch, man solle nicht länger die vollkommenen Leute 
vergebens suchen, sondern nur die besseren, fühlbaren Mr. sollten 
jetzt in eine engere Verbindung treten und sich stufenweise vervoll- 
kommnen, und zwar mit dem Körper anfangen, und er zweifelt nicht, 
man könne es nach und nach wieder dahin bringen, zu der hohen 
Würde und Gemeinschaft mit der Gottheit und Geisterwelt zu kom- 
men, und dann, wäre es auch erst in hundert Jahren, eine grofse 
Reform zu machen. Jetzt sei es nicht möglich, den grofsen Strom 
des Verderbnisses aufzuhalten. Wenn wir eine solche engere Ver- 
bindung zu Stande bringen können, so will er und der Professor 
Forst er, der einzige Mann, den er kennt, der noch fähig ist, sich 
und die Welt ohne Vorurtheile zu betrachten, und den Werth und 
die Bestimmung des Menschen zu fühlen, hinzutreten". Im October 
1779 schrieb Knigge an Dieselben, wiederum an Beide gemeinsam 
(Asträa XVI, S. 178), dafs Canitz ihm seine Manuscripte nicht zurück- 
gesendet habe, und ein Jahr später, im October 1780 — zu einer 
Zeit, wo Kn. schon ganz von dem Illuminaten- Orden in Anspruch 
genommen war und C. schon dem Rosenkreuzer-Zirkel in Kassel an- 
gehörte — an Greve (Asträa XXI, S. 272): „Mit Canitz habe ich 
mich weiter nicht einlassen können. Er sucht nur, um zu wissen". 
Fassen wir zusammen, was sich aus dem Vorstehenden bei Zu- 
ziehung von anderem zu unserer Kenntnifs Gekommenem ergiebt, mit 
Unterscheidung des als nachgewiesen und des nur als wahrscheinlich 
zu Betrachtenden. Knigge und Canitz beabsichtigten 1779 Beide, 
Etwas für die Pieform der Freimaurerei zu thun und dafür die Wür- 



Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 101 

digeren unter den Brüdern zu einer engeren Verbindung zu vereinigen. 
Im Anfang des Herbstes 1779 standen sie in Verkehr; Beide rechneten 
auf die Mitwirkung des mit Canitz bekannt gewordenen und wie es 
scheint durch Diesen damals bereits für einen solchen Plan gewonnenen 
Forster's. Dafs unter dem in der neu zu stiftenden Verbindung zu 
Treibenden auch Alchemie sei, wird nicht erwähnt, nicht einmal an- 
gedeutet. Von Sömmerring, welcher im Juni 1779 in Kassel 
angestellt worden und im August zum Besuch seines Vaters nach 
Thorn gereist war {W. II, S. 32 u. 34), ist da in Betreff der Zu- 
ziehung zu dieser Verbindung nicht die Rede. In freimaurerischen 
Beziehungen stand Derselbe aber damals wieder mit Forst er und 
schon mit Canitz, und auf der Reise nach Thorn sprach er in Berlin 
bei Freimaurern vor, welche auch eifrige Rosenkreuzer waren, wie 
namentlich bei dem Geh. Rath Joh. Wilh. Bernh. Hymraen, auch 
bei Wöllner*). Die von Canitz geplante engere Verbindung inner- 
halb des Freimaurer-Bundes kam nicht zu Stand. Es kann sein, dafs 
gerade dann Dieser mit Denen, welche ihm anhingen, sich den Rosen- 
kreuzern in die Arme geworfen habe; macht doch Manchen das Fehl- 
schlagen des Wunsches nach einer bestimmten Verbindung geneigt, 
sofort eine andere Verbindung ähnlicher Art einzugehen. Im Sep- 
tember 1780 waren (vgl. S. 87 f.) Forster und Sömmerring in dem 
Alchemie treibenden Kasseler Rosenkreuzer-Zirkel. Als darauf hin- 
weisend, dals Sömmerring während eines Theils des Jahres 1780 
noch nicht dahinein gerathen war, ist vielleicht anzusehen, dals in 
seinem Nachlasse, in welchem alle auf seine Zugehörigkeit zu dem 
Rosenkreuzer-Orden bezüglichen Papiere und Partien seines Tagebuches 
fehlten (TV". II, S. 37), doch noch einige Fragmente des letzteren aus 
dem Jahre 1780: wohl denkbarer Weise aus demjenigen Theile dieses 
Jahres, in welchem er noch nicht eingetreten war, sich vorfanden: 



*) Bald nach der Abreise Sömmerring's von Kassel, am 22. August 1779 
schrieb Forster an Diesen {F.-S. S. 7): „Grüfsen Sie den Geheimen Rath 
Hymmen von mir auf das allerbeste. Grüfsen Sie den guten Decker (.'.), 
wenn Sie ihn sehen; und alle Bbr., die sich etwa meiner erinnerten. — — Gott, 
der allmächtige Baumeister der "Welten, erhalte und segne Sie'". Am 6. September 
(F.-S. S. 10) dankt Forster seinem Freunde für durch Diesen an ihn bestellte 
Grüfse Wöllner's und übermittelt er Empfehlungen „unseres vortreiflichen 
Canitz" an S. 



102 Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 

Fragmente, nach welchen er sich mit mehreren Männern, namentlich 
mit dem Major von Canitz öfters über den Kosenkreuzer-Bund 
unterhalten hatte, Dafs Forster mit dem Eintreten in diesen Bund 
voranging, ist mir sehr wahrscheinlich, und auch dafs sein Beispiel 
für Sömmerring's Eintreten mitbestimmend war. Es ist daran zu 
denken, dafs F. damals der Berühmtere war; an den Antheil, welchen 
F. 1779 an S.'s Anstellung in Kassel hatte, wie des Ersteren Briefe 
an den Letzteren W. I, S. 122 flf.; F.-S. S. 1 ff.) erweisen; daran, dafs 
noch 1787, als F. von der Russischen Regierung für eine beabsichtigte 
Entdeckungs-Expedition gewonnen wurde und er S.'s BetheiHgung an 
derselben befürwortete, die in dieser Sache zwischen Beiden gewechselten 
Briefe (F.-S. S. 381—474) ein Übergewicht von F. über S. nicht ver- 
kennen lassen, und zwar nicht blofs danach, dafs Jener für die Ex- 
pedition in erster Linie in Aussicht genommen war. 

Was sich jetzt noch als mehr äufsere Veranlassung für das Ein- 
treten Forster's und Sömmerring's in den Rosenkreuzer-Bund 
abgebend erkennen läfst, ist wenig, und dieses Wenige beizubringen 
war eine etwas weitere Abschweifung nöthig, welche aber doch auch 
zur Vervollständigung des Berichtes über Beschäftigung mit Alchemie 
und Verwandtem in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts 
diente. Betrachten wir jetzt, welche innere Zustände und Beweg- 
gründe die Genannten, und namentlich Forster, zu dem Eintreten 
in diesen Bund bestimmt haben mögen. 

Forster selbst hat sich in Briefen an Sömmerring darüber 
ausgesprochen. Auf der Reise nach Wilna, in Leipzig schrieb er am 
14. Mai 1784 {F.-S. S, 35, mit Berichtigung in Einzelnem nach meiner 
Abschrift) unter Bezugnahme auf ihm von seinem Freunde gemachte 
Mittheilungen, welche ihn wohl über manches in Kassel Erlebte auf- 
klärten: „Danke Dir herzlich für Deine trefflichen Bemerkungen über 
das Spuken, den Aberglauben und die Kunst zu täuschen. Ich glaube, 
bei uns conspirirte alles, uns hineinzuziehen, Mangel an Erfahrung, 
Geist der Wifs- und Neugierde, blindes Zutrauen zu gut und ehrlich 
scheinenden Characteren, und Unbestimmtheit unserer eigenen Ge- 
danken vom Wahrscheinlichen und Unwahrscheinlichen, vom Möglichen 
und Unmöglichen. So vor])ereitet mufsten wir in's Garn — wie wir 
so lange drin geblieben sind, ohne das Loch wieder heraus zu finden, 
ist freilich auffallender, aber doch auch erklärbar. Es ging uns ja 



Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 103 

wahrhaftig wie den armen Enten auf einem Entenfang, hat man sie 
einmal in den mit Netz bedeckten Graben gejagt, so stehen hinter 
jeder Couhsse Leute und jagen sie immer vorwärts, und immer vor- 
wärts, und so können die armen Thiere es nicht gewahr werden, dafs 
der einzige Weg, sich zu befreyen, da liegt, wo ihre Nachsteller 
Posten gefafst haben". Und dann von Dresden aus am 5. Juni 1784 
(F.-S. S. 61): „Wahrheitsliebe, brennender Durst nach Gewifsheit und 
Überzeugung von gewissen Wahrheiten, mit etwas schwärmerischem 
Hange, sie gern für möglich und wahr zu halten, — das war's ja 
einzig, was mich bewegen konnte, 4 Jahre lang in C. zu laboriren, 
mit mehr Ehrlichkeit als unsere Brüder P. und M. an meiner ver- 
meintlichen Geistesreinigung zu arbeiten, mich zu kasteien, allen un- 
schuldigen Freuden des Lebens zu entsagen, herzlich, andächtig, 
inbrünstig und mit vollem redlichem Enthusiasmus in unseren Ver- 
sammlungen zu reden, zu den Bbrn. die Ptunde zu gehen, sie zu er- 
mahnen, anzufeuern, Geld und Ruhm in die Schanze zu schlagen, 
kurz alle Kräfte aufzubieten, um das Ziel zu erringen, welches man 
mir als erreichbar gezeigt hatte". — Aber alles Das, was Forster 
da bezüglich der ihn bestimmenden Beweggründe angiebt, als zutreffend 
vorausgesetzt: Eins wirkte doch gewils auch noch mit zu der Be- 
theiligung und der Ausdauer F. 's und S.'s an und in diesem Treiben, 
und Das war die Aussicht auf die pecuniären Vortheile, welche er- 
folgreiche Beschäftigung mit Alchemie bringen werde. Forst er war 
— wozu die seiner Familie nach England gesendeten Unterstützungen 
wesentlich beitrugen — in Kasäfel bald in peinlicher Geldverlegenheit; 
schon im Februar 1780 hatte er in einem Brief an Fr. Jacobi (Th. H. 
I, S. 247; G. VII, S. 141) über drückende Schulden zu klagen; im 
Januar 1781 bot, um ihm aus dieser Bedrängnifs zu helfen, Jacobi 
ihm einen jährlichen Vorschufs von 25 Pistolen an, welchen F. als 
zur Regulirung seiner Schulden nicht ausreichend befand, im Sommer 
1781 aber doch annahm, und einen zinsenfreien Vorschufs gewährte 
ihm im October dieses Jahres auch der Landgraf von Hessen-Kassel, 
welcher bereits im Frühjahr 1780 sein Einkommen erhöht hatte 
(darauf Bezügliches in F. 's Briefen an J. Th. H. I, S. 249, 256 f., 
261, 279; G. VII, S. 142, 145, 148, 154). Auch Sömmerring, wenn 
er auch nicht so wie F. Sorge um das Auskommen in seiner Jugend 
durchzumachen gehabt hatte, war von seinem Vater wiederholt knapp 



104 Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 

gehalten worden und hatte gelernt, den Werth des Geldes stets zu 
schätzen. In Betreff Forster's urtheilte Dessen Wittwe {Th. H. 1, 
S. 25 f.): „Seine fortgesetzte Bemühung, die Bedürfnisse seiner Familie 
zu decken, hinderte ihn, hauptsächlich nach seiner Anstellung in Cassel, 
Ordnung in seine Angelegenheiten zu bringen, denn der Gewinnst 
seiner literarischen Arbeiten blieb ihr zum gröfsten Theil gewidmet. 
Bald gerieth er auf den traurigen Irrthum, seinen Wohlstand auf die 
Gröfse seiner Einnahme, nicht auf die Beschränkung seiner Ausgaben 
gründen zu wollen — ein Irrthum, den er nie berichtigen lernte und 
der ein Hauptgrund seiner unaufhörlichen Unstättheit und Unzufrieden- 
heit mit seiner Lage blieb. Es ist seltsam, dafs diese Beschränkung 
einem stets in Nahrungssorgen aufgewachsenen Mann so schwer ward 
und so verhafst blieb. Jedesmal dafs er, bis an seinen Tod, von 
Entsagung spricht, ist diese immer relativ, und Entbehrung des Über- 
flusses, nie des Nothwendigen, in einem vernünftigen Sinn. Dieses 
Streben nach Überflufs mochte wahrscheinlich auch seine Ordensver- 
bindungen herbeiführen und ihn in das Labyrinth von religiöser 
Schwärmerei verwickelt haben, die einige Jahre seines Aufenthalts 
in Cassel in Anspruch nahm. Da er nicht die Charakterkraft hatte" 
u. s. w. (vgl. S. 84). Ferner (a. a. 0. S. 30) nach Erwähnung, dafs 
ihm aus den Ordensverbindungen in Kassel Zeitverlust und baare 
Kosten erwachsen seien: „Das Mifsverhältnils seiner Ausgabe und 
Einnahme ward dadurch jährlich gröfser, und die quälende Verlegen- 
heit, die daraus entstand, verstrickte ihn wieder fester in dem heil- 
losen Bestreben, durch müfsiges Gebet Trost, und durch mystisches 
Forschen nach den Naturkräften Gold und höhere Weisheit zu er- 
halten". Und noch (a. a. 0. S. 32): „Von der Bedrängnifs seiner 
Familie leidend, durch seine schlechtrechnende Weichherzigkeit in 
Schulden verwickelt, bot ihm jene Verbrüderung Nahrung für seine 
Gefühlsfrömmigkeit und Hoffnung, auf dem Wege der Wissenschaft 
das Mittel zu finden, welches ihn dem Druck der Umstände entzöge, 
und er ergriff beides mit der Sehnsucht der Hülflosigkeit". Etwas 
w'ird auch auf Forster und Sömmerring eingewirkt haben, was 
der Erstere in seinem Brief an den Letzteren aus Kassel vom 9. No- 
vember 1787, wo er die früheren Bundesbrüder noch in alter Weise 
fortarbeitend fand, als die Thätigkeit Derselben anregend selbst ge- 
nannt hat (ir. I, S. 257; F.-S. S. 451): „Ami sacra fames!'' 



Betheiligung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's an rosenkreuz. Alchemie. 105 

Dem Treiben in dem Geheimbund in Kassel gaben sich Forster 
und Sommerring während mehrerer Jahre vertrauensvoll hin. War 
Einer auswärts unter Profanen, so konnte bei ihm die Wahrnehmung, 
wie Diese anders und seiner Meinung nach irrig dachten, das Gefühl 
des Beglücktseins steigern, dals er diesem Bunde angehöre, in ihm 
wie zu Hause sei. Als Forster am Ende des Jahres 1781 nach 
Halle gereist war, da seine Familie zu besuchen, schrieb er an 
Sommerring (W. I, S. 125 ff.; F.-S, S. 13 ff.): „Unsere Träume, 
womit wir uns zu tragen pflegten, sind bei mir alle aus den Augen 
gewischt. Ich finde bei — nicht die mindeste Receptivität für Be- 
griffe, welche unsere Glückseligkeit und einzige Freude ausmachen; 
und wäre sie auch von einer Seite, nämlich von der physikalischen, 
noch am leichtesten zu gewarten, so würde demohngeachtet das andre 
nicht den mindesten Eingang finden, weil nicht sowohl Mangel an 
Begriffen, als viel gefährlichere Hartnäckigkeit in einmal gefafsten 
Irrthümern, die den Sinnen und der Vernunft schmeicheln, eine un- 
überwindliche Hindernifs verursachen. Ich bin ganz aus meinem 

Centro verrückt, und Du kannst Dir vorstellen, wie mich nach Dir 
und unsern lieben Bbrn. verlangt. — — Ich habe seit den 4 Tagen 
meines Hierseins Ursach genug gehabt zu bedenken, wie unbeschreib- 
lich glücklich wir in jedem Betracht, und vorzüglich in unserem be- 
sondern Verhältnisse sind. Zugleich aber auch immer lebhafter ge- 
fühlt, dafs es in jmncto der Verschwiegenheit kein Übermafs giebt. 
Man kann nie zu verschlossen sein. Gott sei Dank; bis jetzt ahndet 
man auch nicht einmal etwas von mir". Und am Schlüsse dieses 
Briefes aufser dem bereits S. 65 Angeführten: „Grülse unsere lieben 
Bbr. bestens. Ich kann Dir nicht schreiben, wie mirs hier ums Herz 
ist, so eng, und so gedrückt, weil ich keiner Seele nur ganz von fern 
einen Blick hinein thun lassen darf. Unter den besten Freunden 
fremd zu sein, ist eine eigene traurige Lage". 

Aber im Jahre 1783 erlitt das Vertrauen, welches bisher die 
zwei uns in Betrachtung stehenden Männer auf die in dem Rosen- 
kreuzer-Zirkel getriebene Beschäftigung und die von ihr zu erwar- 
tenden Erfolge gesetzt hatten, eine Störung; Zweifel daran, ob in 
diesem Verein das Angestrebte erreicht werden könne, machten sich 
geltend und führten bald zur Ablösung jener Beiden von demselben. 
Wir wissen nicht genau, wann die Trübung des bisher bestandenen 



106 Abwendung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's von den Rosenkreuzern. 

Verhältnisses begann, auch nicht durch was sie veranlafst war: ob 
das Fehlschlagen der in Kassel angestellten alchemistischen Versuche 
vor dem Beharren auf dem eingeschlagenen Wege warnte, ob der 
im Anfang August 1783 erfolgte Selbstmord eines schon einmal (S. 39) 
genannten und später eingehender zu besprechenden Alchemisten, 
welcher bis dahin als ein neuer und sicherer Zeuge für die Möglich- 
keit erfolgreicher Betreibung der Hermetischen Kunst angesehen worden 
war: des Dr. Price in London Eindruck gemacht, oder was sich sonst 
das Vertrauen erschütternd ereignet hatte. Nichts über die nächste 
Veranlassung zum Irrewerden an dem so lange festgehaltenen Glauben, 
wohl aber dafs derselbe wankend wurde, läfst sich aus einigen am 
Ende August 1783 geschriebenen Briefen Forster's ersehen. Am 
29. August sprach Dieser sich an Jacobi aus {Th. H. l, S. 342 f.; 
G. VII, S. 196): „Buhe des Geistes, freudige, heitere Empfindung des 
Daseyns sind so von mir verscheucht, dafs ich in meinen trüben 
Stunden darum traure, wie man um Freunde trauert, die man nie 
wieder zu sehen hofft! Ich wende mich auf alle Seiten, und werde 
nur dunkle Aussichten gewahr; es ist schrecklich, aber wahr, dafs 
auch das einzige Gefühl, welches mich sonst bei meinen Leiden stärkte 
und tröstete, welches mich zum Stoiker, und mehr als Stoiker, zum 
christlichen Helden umzuschaffen pflegte, jetzt so erkaltet, so leise 
und schwach ist, dafs alle meine Anstrengung es nicht anfachen kann. 
Muthlosigkeit, Trübsinn und Zweifel haben sich meiner Seele be- 
meistert, bald kann ich nicht mehr dawider kämpfen. — Das Einzige, 
was ich dabei gewonnen zu haben glaube, ist Toleranz, das ist, ein 
inniges, wehmüthiges Gefühl eigner Schwäche, Unvollkoinmenheit und 
Dependenz von einem unaufhaltsamen Schicksal!" Aber am 20. De- 
zember an Denselben {Th. H. I, S. 363 ff.; G. VII, S. 216 f.): „Ich 
bin schon, Gott sey Dank! wieder sehr über alles, was ich Ihnen 
Trübes von meiner Gemüthslage schrieb, beruhigt. — — Was mich 
betrübte, war mehr als leere Einbildung, mein Bester! Ich fühlte 
mich in der That von einer gewissen Strenge gegen mich selbst, die 
mein ganzes Glück sonst ausmachte, zurückgekommen mit unmerk- 
lichen Schritten, und ich erschrak wirklich sehr über diese Demü- 

thigung. Kein Wunder, dafs ich eine Zeitlang dadurch ganz 

zerrüttet wurde. Das Nähere hiervon läfst sich nicht schreiben. — 
Doch ich fafste mich, und mich tröstete der Gedanke an meine 



Abwendung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's von den Rosenkreuzern. 107 

Kinderjahre, wie oft ich da gefallen, und doch wieder aufgestanden 
und gelaufen wäre, bis ichs endlich gelernt hätte. Darauf folgte nun 
noch ganz kürzlich eine Aussicht, welche für meine künftige Lauf- 
bahn viel verspricht und mich in diejenige Thätigkeit zu versetzen 
das Ansehen hat, welche ich mir nach Mafsgabe meiner Kenntnisse 
und Studien wünschen muls. Noch kann ich mich nicht weiter dar- 
über auslassen, denn noch ist es blofse Aussicht, die sich wieder ver- 
wehen läfst. Hier" (in Kassel) „würde ich, den einzigen Fall 

einer Heirath ausgenommen, nur mit äulserster Mühe aufs Reine, 
frei von Schulden, und in eine Lage gekommen seyn, meine wissen- 
schaftlichen Kenntnisse praktisch zu erweitern". 

An dem Ende des Jahres 1783 war Forster in der That über 
den Werth solcher geheimer Verbindungen wie die, in welche er sich 
eingelassen hatte, ziemlich aufgeklärt. An Job. von Müller, wel- 
cher gleichfalls dem Rosenkreuzer-Zirkel zu Kassel angehört zu haben 
scheint*) aber schon im Sommer 1783 diese Stadt verlassen hatte 
und nach der Schweiz zurückgegangen war, schrieb er, auch am 
20. Dezember dieses Jahres {G. VII, S. 210 ff.) nach Genf: „Ich bin 
diesen Sommer hindurch nicht so glücklich gewesen, wie Sie einige 
Schritte weiter zu kommen; ich bin vielmehr einige Schritte zurück- 
gekommen, und diese Demüthigung ist mir heilsam gewesen. 

Das ist gewils die höchste Weisheit, immer die Gegenwart des lieben 
Schöpfers vor Augen haben! Lassen Sie, mein Bester, sich immer 
dies und die Liebe des Gekreuzigten genügen, und trachten Sie nicht 
nach hohen Dingen. Wissen macht nicht glücklich, auch selbst gött- 
liche Weisheit nicht, ohne die Liebe, wie 1. Corinth. 13. steht. 
Daher bleiben Sie bei Ihrem Entschluls, geheime Gesellsc|iaften und 
Wissenschaften nicht zu suchen. Ich lasse die Frage unentschieden, 
ob es wahre geheime Wissenschaften gebe oder nicht; aber das ist 
doch ausgemacht, dals das Meiste, was von dieser Art in der Welt 
herumgetragen wird, falsche Vorspiegelung, Lug und Trug, oder, 
wenn wir das Gelindeste glauben, fromme Selbstverblendung ist. Wenn 
der Glaube, auf den so viel, ja Alles ankommt, nicht Ergebung und 
liebevolles Vertrauen auf das Dasein und die Güte Gottes wäre, wenn 
dazu gefordert würde, Dinge für wahr zu halten, die, wenn sie auch 



*) Vgl. Anmerkung XII am Ende dieses Theils. 



108 Abwendung G. I'orster's u. S. Th. Sömmerring's von den Eosenkreuzern. 

wahr wären, doch unmittelbar keine Beziehung auf unsere Seligkeit 
haben, dann stünde es wahrlich übel um alle diejenigen, von denen 
Glaube gefordert wird. Wahrhaftig, lieber Freund, ich kann mir 
nicht vorstellen, dafs die Frage: glaubst du, dafs es Gespenster und 
Geistererscheinungen gibt? eine von denen sein wird, nach welchen wir 
gerichtet werden sollen. Vor allen Dingen rathe ich Ihnen, nicht 
Ihr Geld so ganz unnütz anzuwenden und Freimaurer zu werden. 
Was unter diesem Namen Gutes geschieht, konnte eben so wohl ohne 
denselben auch geschehen; und, was Böses geschehen ist und noch 
geschieht, dazu bedürfte es ebenfalls keiner eigenen Verbindung. — 
— Vielleicht ruft mich die Vorsehung von hier weg. Doch davon 
sprechen Sie noch nicht, weil es noch gar nicht gewifs ist. Som- 
mer ring grüfst Sie herzlich, und ist auch wohl. Canizen 

sprach ich schon seit langer Zeit nicht mehr, am wenigsten über 
solche Sachen, wie unsere Correspondenz, die Niemand zu sehen be- 
kommt". 

Das zuletzt Angeführte weist daraufhin, dafs Forster und wohl 
auch Sömmerring sich vor dem Ablauf des Jahres 1783 von dem 
Rosenkreuzer-Zirkel in Kassel zurückgezogen hatte, und damit stimmt 
auch, was des Ersteren Wittwe {Tli. H. I, S. 30) bezüglich der Zeit 
der Abwendung von demselben angiebt: „Das Thörichte der Mittel 
klärte F. endlich über di^ Thorheit des Zweckes auf, und er trennte 
sich in dem Jahre, eh' er Cassel verliefs, von jener Verbindung". 
Zur vollständigeren Trennung kam Forster dadurch, dafs er im 
April 1784 von Kassel wegging, um der Berufung nach Wilna zu 
folgen, und da wurde ihm immer deutlicher, in welcher Gesellschaft 
er gewesejf war. Etwas von der bisherigen Gläubigkeit hing ihm 
allerdings zunächst noch an. Von Zellerfeld aus schrieb er am 6. Mai 
an Sömmerring [W. I, S. 130 f.; F.-S. S. 28 f.), dafs er mit Tr.*) 
viel von M** (Maurerei) gesprochen habe, namentlich von Schrepfer 
(vgl. S. 2G) und dafs manches von Diesem Aufgeführte doch uner- 
klärbar sei („man mufs, um Wahrheit kennen zu lernen, alles an sich 
kommen lassen, anhören, und prüfend das Beste behalten" war F. 's 
Ansicht); auch meine Tr., M*"*' müsse sich doch auch auf die wichtige 

*) Friedr. Willi. Ileinr. von Trobra, damals Vicebcrgliauptmanu in 
Zellerfeld, dem System der stricten Observanz unter dem Namen Fridericus 
lüjues <i vietallifi zugehörig. 



Abwendung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's von den Rosenkreuzern. 109 

Lehre der Fortdauer des Lebens nach dem Körpertode beziehen, und 
es müsse noch irgendwo Menschen geben, die hier Aufschluls mit- 
theilen können. ,,Sei es wie es sei, so ist soviel wenigstens bei allen 
würdigen einsichtsvollen Menschen ausgemacht, dafs Geldschneiden 
nicht dazu gehören kann — folglich halte ich fest dafür, dafs jener 
Weg, den wir kannten, nicht der rechte war". Von Leipzig aus 
schrieb er an Denselben am 14. Mai {F.-S. S. 32): Decker, der 
auch hier ist, frug wie es stünde, und ich antwortete, wir lebten in 
Hoffnung der Dinge die da kommen sollten und in Geduld; mit dieser 

unbestimmten Antwort liels er sich auch genügen. S pener 

vertröstet mich auf RosenstieTs*) Ankunft, die morgen sein wird; 
der könne mir viel Zeug's daher erzählen, entrire auch nichts und 
sei haiitement dagegen, rühmt ihn erstaunlich als einen sehr recht- 
schaffenen Menschen, guten Kopf und edles Herz. Er lache oft mit 
ihm über diese Leute, und sei Mannes genug, es ihnen in's Gesicht 
zu sagen, dafs ihre Sachen nichts taugen. Ich habe Sp. gesagt, dafs 
wir gar an dieser Sache nicht mehr hingen, und dies so offenherzig 
als ich konnte; es war ihm psychologisch wichtig und unbegreiflich, 
wie zwei Leute, wie wir beide, hätten hingerissen werden können. Das er- 
klärte ich ihm. — — Ich für mein Theil will nichts mit ihnen" (den 
Rosenkreuzern) „zu schaffen haben, wenn sie auch verwandeln kön- 
nen. Ich finde ihre Grundsätze für mein Gewissen zu beunruhigend". 
Und gleichfalls noch von Leipzig am 22. Mai 1784 {F.-S. S. 44, nach 
meiner Abschrift vervollständigt): „Eine Hauptursache meines Hier- 
bleibens bis itzt war N — **). Ich habe jetzt mit ihm gesprochen. 
Er kennt alle Systeme, und unsere Leute nicht ausgenommen, ist sogar 
in dieses System aufgenommen, und hält alle Arten von Systemen 
und Secten, ja die ganze weite g^ für ein Gebäude der Leute, die 



*) Friedr. Phil. Wilh. Rosenstiel war 1781 zum Dergrath in Berlin 
ernannt worden (er starb da als Director der K. Porcellanfabrik 1832 im 
78. Jahre). Er gehörte der Grofsloge Zu den drei Weltkugeln in Berlin an. 

**) Der bekannte Berliner Buchhändler und Schriftsteller Christoph Friedr. 
Nicolai (1733 — 1811); dafs er mit Diesem eine eingehendere Unterredung über 
den Rosenkreuzer-Orden haben werde, hatte Forster an Somm erring schon 
vorher {F.-S. S. 42) geschrieben. Nicolai war in der Freimaurerei (er gehörte 
der Grofsloge Zu den drei Weltkugeln in Berlin an) ein Feind aller Mystik und 
des Eindrängens der Jesuiten, deren Einflufs auch hier von ihm befürchtet und 
bekämpft wurde. 



110 Abwendung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's von den Rosenkreuzern. 

ich nicht nennen mag und die alles Böse in der Welt anrichten. Er 
hat mir darüber ein MS zu lesen gegeben, welches er selbst geschrieben 
aber nie herausgeben wird, welches alles auf die befriedigendste Art 
darthut, auch gab er mir die Erlaubnifs, gute Bbr. davon etw^as 
merken zu lassen, um sie aus diesen Teufelsklauen zu retten, wenn 
icli's der Klugheit gemäfs fände, sonst suh sigillo. Besonders aber 
verbot er mir, je gegen irgend jemand von dem MS etwas zu sagen, 

und er hat bei solchen Leuten wohl Recht. — W in B." 

(Wöllner in Berlin ist wohl gemeint) ,,ist in seinen Augen der ab- 
gefeimteste Heuchler und Spitzbube, der bei seiner Schwiegermutter 
schlief um die Tochter heirathen zu können, der von allem sehr wohl 
weifs und das jetzige Schema so weit treibt als es gehen will. Rosen- 
stiel, der gewifs nicht mit N — conferirt hat, denkt genau so von 
W — , ist aber noch nicht im System, sondern blofs +"*). (Das 
sich in diesem Brief an das vorstehend Mitgetheilte Anschliefsende 
s. S. 121 f.). — In dem Mafse gleichsam, wie Forster auf der 
Reise nach Wilna weiter ostwärts und von Kassel weg kam, wurde 
sein Urtheil über die Rosenkreuzer und verwandte Geheimbünde, über 
seine in dem Kasseler Zirkel getriebene Beschäftigung bestimmter. In 
dem von Dresden aus am 5. Juni 1784 an Sömmerring gerichteten 
Brief sagte er (F.-S. S. 61) nach der S. 103 mitgetheilten Aeufserung 
darüber, was er dort Alles zur Erringung eines ihm als erreichbar 
gezeigten Zieles gethan habe: „Nun ich sehe, nun ich weifs, dafs 
diese Aussicht ein Phantom ist, das meine Einbildungskraft über Stock 
und Stein irregeführt hat, ist es aus damit", von Freiberg schrieb 
er Demselben am 10. Juh {F.-S. S. 100): „Von M** höre ich auf 
keiner Seite etwas Vortheilhaftes, am wenigsten etwas, das mich 
glauben machen könnte, an den vorgeblichen höheren Wissen- 
schaften sei doch etwas reelles", und von Wilna am 12. Dezember 
(F.-S. S. 155): „Ich bin von allem, was die # in P." (Polen?) „an- 
geht, genau unterrichtet und weiss nunmehr, dafs es mit Freund 
Nicolai's Behauptung so ziemlich blauer Dunst ist. Die :|:|: sind 



*) Nacli der mir von meinem Collegen Friedr. Meyer gegebenen Be- 
lehrung bedeuten das Zeichen -f und das (bald uns begegnende) Zeichen 4t 
höhere Grade, wie sie in einigen Systemen der Freimaurerei vorkamen (vgl. 
S. 17). 



Abwendung G. Forster's u. S. Th. Sömmerring's von den Rosenkreuzern. 111 

arme Sünder und wissen, wie wir längst geglaubt haben, nichts; so 
weit sind in P. den meisten Mitgliedern nun auch die Augen offen". 
Aus dem nach der Erkenntnifs, dafs die Betheiligung an der 
Kosenkreuzerei in Kassel eine Verirrung gewesen war, belästigenden 
Verkehr mit den bisherigen Bundesbrüdern herauszukommen, war 
Weggehen aus dieser Stadt das einzige Mittel, und dieser Beweggrund 
war für Forster und für Sömmerring wenn auch nicht der einzige 
doch ein stark bestimmender, einer sich bietenden Berufung nach 
einem anderen Orte zu folgen. F. schrieb zwar im Mai 1784, bald 
nach dem Verlassen Kassels, von Leipzig aus an S. (F.-S. S. 34): 
,,Den Reg.-Rath kannst Du immer in seiner Verlegenheit lassen, die 
mich nicht gewundert hat, weil er sie schon in Cassel persönlich 
gegen mich selbst äulserte, und mir sagte, es wäre ihm hinterbracht 
worden, unsere ehemalige Verbindung würde von mir als Ursache 
des Weggehens ausgegeben; dies habe ich ihm ausgeredet, und da 
es eine Lüge ist, und ich es nicht gesagt habe, kann ich nun ruhig 
sein, und es ihm überlassen, ob er mir glauben will oder nicht. Er 
fühlt wohl, dafs dies mit ein Beweggrund bei mir sein könnte und 
müfste, und denkt seine Vermuthung dadurch bestätigt zu hören, 
wenn er vorgiebt, man habe es ihm schon als gesagt wieder erzählt", 
aber von Wilna aus im April 1787 {F.-S. S. 373): „Wäre nicht der 
Ekel und Abscheu gegen den Orden gewesen, so war' ich doch nicht 
von Cassel weggegangen, und folglich auch Du nicht. Es mufste 
sein und es war uns gut, aber es hat doch auch viel Unannehmlich- 
keiten für uns gehabt". Sömmerring wurde durch Forster's 
Abreise im April 1784, jetzt in Kassel allein allen Folgen der Ver- 
irrung ausgesetzt, schwer betroffen, und Forst er fühlte Das mit ihm; 
von Zellerfeld aus schrieb er am 24. April ,,noch betäubt von allen 
Erschütterungen unserer Trennung" dem Freund, am 26. dem ,, lieben, 
armen, verlassenen Bruder". Die Aussicht auf eine Anstellung in 
Mainz, welche für Sömmerring bereits im Mai 1784 vorhanden war 
(Forster schrieb damals — F.-S. S. 30 u. 33 — an ihn: ,,Wie ist's 
mit Mainz? Du mufst vorerst aus Cassel, damit Du Atheni holen 
kannst", und wie er wünsche, „dafs die Anerbietungen aus Mainz 
recht annehmlich sein mögen, damit Du aus diesem TeuMsnexit 
kommst, der unsern Geist, und unser Herz wahrhaftig auch, so lange 
an Ketten gelegt hatte"), verwirklichte sich doch erst im Herbst 



112 Kesultate d. Betheiligung an d. Kosenkreuzerei für Forster u. Sömraerring. 

desselben Jahres. Für die Zeit bis dahin berichtet R. Wagner 
{W. II, S. 41): „Nach Forster' s Abgang brachte Sommer ring 
seine Furcht und isolirte Lage fast der Verzweif hing nahe" ; F. selbst 
fühlte sich bezüglich seines Freundes erst beruhigt, als er Diesem im 
October 1784 von Warschau aus schreiben konnte {W. I, S. 142; 
F.-S. S. 140): „Es freuet mich unendlich, dafs Du nun sowohl als 
ich Cassel verlassen hast, und dadurch allen den unangenehmen Scenen 
entgangen bist, die unsere Verbindung mit i^ uns bereitet hatte". 

Der Gedanke daran, was bei der Betheiligung an der Rosen- 
kreuzerei herausgekommen war, konnte allerdings Einen, der noch 
der Nachwirkung unmittelbar unterlag, der Verzweiflung nahe bringen. 
Forst er hat nach einigen Richtungen hin in Briefen an Sömmer- 
ring das Facit gezogen. „Zuviel ist's", schrieb er am 14. Mai 1784 
(F.-S. S. 33), „was wir schon erlitten; unser Beutel geschnitten, un- 
sere Zeit verderbt, unsere Denkkraft geschwächt und gelähmt, unser 
Verstand verarmt, unser Gedächtnifs mit unnützem Plunder angefüllt, 
unsere Grundsätze untergraben und angesteckt". Und am 5. Juni 
desselben Jahres {F.-S. S. 62), im Zusammenhang mit dem da über 
Freimaurerei, d. i. auch über die von ihr eingeleitete Rosenkreuzerei 
Geäufserten (vgl. S. 94): „So oft ich fühle, dafs sie mich 500 Thlr. 
baar, 1500 Thlr. an verschwendeter Zeit, unschätzbare Summen an 
Kenntnifs, die ich mir in den vier Jahren hätte erwerben können, 
und soviel an verlornen Freuden des Lebens, an Dingen, die meinen 
Kopf hätten aufhellen und meinem Herzen Schwung geben müssen, 
gekostet hat, ohne mir eine kleine Wahrheit einzubringen, die ich 
nicht auf anderen Wegen auch hätte erlernen können, so oft ist es 
in mir entschieden und erlaubt, eine schlechte Sache schlecht zu 
nennen und der Schwärmerei zu fluchen, dafs ich bös über das sein 
könnte, was Du für mich in der besten treuesten Absicht gethan 
hast?" *) Von den Folgen der Verirrung war es eine verhältnifs- 



*) Das oben aus F.'s Brief vom 5. Juni 1781 so, wie es in Hettner's 
Ausgabe des Briefwechsels F.'s mit S. steht, Aufgenommene hat in dem letzten 
Theile keinen Sinn. Ich habe von diesem Brief keine Abschrift, aber es ist 
mir walirscheinlich, dafs in H.'s überhaupt nicht sorgfältig zu nennender Aus- 
gabe übersehen worden ist, wo ein neuer Satz anfängt, und dafs zu lesen ist: 
— — ,,der Schwärmerei zu fluchen. Dafs ich bös über das sein könnte, was 
Du für mich in der besten treuesten Absicht gethan hast?" Aus dem Zusammen- 



Resultate d. Betheiligung an d. Rosenkreuzerei f. Forster u. Sömmerring. 113 

mäfsig untergeordnete, welche Forster in einem Brief vom 10. October 
1784 mit Bezugnahme auf ein von v. Schlieffen erhaltenes Schreiben 
berührte {W. I, S. 143; F.-S. S. 141): „Dieser Brief enthält so viel 
herzlich freundschaftliches, dafs es mich täglich mehr schmerzt, durch 
die traurigen intoleranten Begriffe, die uns ijit: eingab, von ihm so 
entfernt geblieben zu sein" ; eine schlimmere hielt er in Wilna im 
April 1786 für möglich, als es ihm vorkam, als ob seine Geistes- 
kräfte dahin wären, er frühzeitig altere: „Wäre das, mein Bruder, 
so hätte die Ungerechtigkeit der Engländer gegen meinen Vater und 
mich mir den ersten Stofs versetzt, und die Rosenkreuzerei den 
zweiten« (F.-S. S. 297). 

Forst er hätte noch Etwas nennen können, was ihm durch die 
Betheiligung an der Rosenkreuzerei und die Erkenntnifs, welchen Ab- 
weg er da eingeschlagen habe, verloren gegangen sei ; Das war der 
Glaube : mit dem Glauben an die Möglichkeit, in s. g. höherem Wissen 
das gewünschte Ziel zu erreichen, auch der religiöse. Beide Arten 
von Glauben waren ihm in der Zeit jener Betheiligung in Eins ver- 
schmolzen worden, und das Abstehen vom Einen ließ auch dem an- 
deren entsagen. Dafür, in welchem Grad fromm nicht nur sondern 
frömmelnd Forster sich in den Jahren seiner Zugehörigkeit zu dem 
Rosenkreuzer- Zirkel aussprach und wie rasch er dann vom Paulus 
zum Saulus umschlug, sind schon S. 65 Belege gegeben worden. 
Hier darf nicht unbemerkt gelassen werden, dafs er zu einer Zeit 

— im Dezember 1783 — , wo er bereits am Ende seiner Theilnahme 
an der Rosenkreuzerei war, in den S. 65 u. 107 f. erwähnten Briefen 
an Joh. von Müller sich noch recht fromm, so zu sagen gebetsüchtig 
gegeben hat ; aber bald nachher zeigte er von solcher Gesinnung 
Nichts mehr, wohl aber das Gegentheil. Da war auch die Askese in 
Wegfall gekommen, welcher er sich bis dahin unterzogen hatte (,,Bei 
den seinem Herzen so naheliegenden Gründen zu diesem Forschen" 

— nämlich nach dem Stein der Weisen — „mufs das Spannende 
der Hoffnung sehr peinigend gewesen seyn, und die frömmelnden 
Übungen, welche er von seinen Obern erhielt, waren gewifs eine sehr 



hang geht hervor, dal's S. einigen Herren in Kassel etwas die Ordeusheziehungen 
Betreffendes gesagt hatte und entschlossen war, mit einem als der Präsident Be- 
zeichneten frei und offenherzig zu siirechen, und dafs er besorgte, F. möge da- 
durch beunruhigt und ihm bös sein. 

Kopp, Die Alchemie. II. 8 



114 Resultate d. Betheiligung an d. Roseiikreuzerei f. Forster u. Sömmerring. 

nothwendige Mafsregel, um die Ansprüche der Vernunft durch die 
mysteriöse Thätigkeit der Phantasie abzuwehren", sagte seine Wittwe; 
Th. H. I, S. 26). In einer fieberhaften Erregung scheint Forster 
in der Zeit gewesen zu sein, in welcher er das Geheimnifs der Dar- 
stellung des Steins der Weisen zu ergründen suchte und damit in 
Verknüpfung den Verkehr mit dem Überirdischen cultivirte; dals 
dabei das bei Alchemisten öfters vorkommende s. g. Goldfieber mit- 
wirkte, ist nicht unwahrscheinlich. Hoffen wir, dafs die Frömmigkeit 
Forster's und seiner Genossen bei den Versuchen Gold zu machen 
eine aufrichtigere war, als die vom König August IL von Polen und 
dem Minister Desselben bei gleicher Beschäftigung angeblich em- 
pfundene (vgl. S. 131 im I. Theil); wir dürfen hoffen, dafs wenigstens 
bei den beiden uns hier beschäftigenden Männern Selbsttäuschung 
vorhanden war, auch nach Dem, was Forster am 14. August 1784 
von Wien aus an Sömmerring schrieb {F.-S. S. 119; ich setze den 
Passus nach meiner in Einzelheiten von dem da Stehenden abweichen- 
den Abschrift hierher): ,, Lange genug habe ich den Glauben gehabt, 
der unerwiesene Dinge annimmt, nun nicht mehr. Kann ich was 
dafür? Die Schwärmer sagen, es ist Gabe Gottes, darum man beten 
soll. Und freilich bekommt man ihn, wenn man darum betet; denn 
natürlich macht man sich weifs, man hätte ihn, und dann hat man 
ihn wirklich, das heilst: vor lauter Verlangen unsichtbare Dinge zu 
sehen, fängt man an, seiner eignen Vernunft und seinen Sinnen nicht 
mehr zu trauen. Das ist dann der wahre Glaube". — Die reli- 
giöse Stimmung, in welche Forst er in jener Zeit versetzt war, 
schimmerte damals auch in Mittheilungen an Andere als an Mitglieder 
des Geheimbundes hindurch, doch mit Auswahl. ,,Der Einflufs der 
ihm damals eigenen Denkart, vom Jahre 1779 bis 1783, ist in seinen 
Briefen an seine Familie und an Jacobi sichtbar, und es ist be- 
merkenswerth, dafs seine Briefe an Lichtenberg, in eben diesem 
Zeitpunkt, keine Spur von jener religiösen Exaltation haben. Bannte 
Lichte nberg's klare Vernunft diesen frommen Dämon, oder wollte 
er mit ihr, als einer höllischen Macht, nicht in Berührung kommen?" 
— so bemerkte und fragte Forst er 's Wittwe {Th. IL I, S. 2G). — 
Dafs Sömmerring wenigstens eine Zeit lang der Frömmigkeit eben 
so beflissen war wie Forster, läfst sich daraus, wie Dieser an ihn 
schrieb (vgl. u. A. S. 05), schliefsen und wird durch einen Brief S.'s 



Fortdauer des Glaubens an die Alchemie bei G. Forster. 115 

an seinen Vater vom 14. Dezember 1780 {W. II, S. 45) bestätigt: 
„Da Forster mein intimster Freund ist, so können Sie leiclitlich' 
glauben, dafs wir über Religion gleich denken müssen, denn sonst 
kann Freundschaft nicht halten. Wir sind überzeugt, dafs der nur 
das Unglück hat, ein Freigeist zu sein, der die Bibel nicht versteht; 
leider gehören aber jetzt grofse sogenannte Theologen dahin. Man 
räsonnirt fast Alles aus der Bibel, so auch Vieles aus der Physik, 
warum? Weil die Vorsehung dergleichen nicht mit näherer Kenntnifs 
zu beschenken uns für würdig befunden hat. Zwar verstehe ich das 
göttliche Buch nicht ganz, doch schon so viel, dafs mir Niemand 
meinen Glauben zu mindern im Stande sein wird. Mein Vater! auch 
hierin bin ich vielleicht glücklicher als viele tausend Christen". 
Aber nach der Abwendung von der Rosenkreuzerei war Sömm er- 
ring in Glaubenssachen indifferent, und gegen Gläubige toleranter 
als Forster. An Diesen schrieb er am 21. März 1788 (F.-S. S. 497): 
,,Aber, liebster Bruder, wie kömmt's? Sonst waren Dir die Ungläubigen 
zuwider (wie halstest Du Lichtenberg), jetzt die Gläubigen. Mir 
sind beide gleich recht, ich gönne gern jedem sein Vergnügen, weil 
die Ordnung der Natur es für Verschiedene verschieden bestimmte". 
Aber wenn Forst er von frühe im Jahr 1784 an eingesehen 
hatte, der in Kassel eingeschlagene Weg zur Darstellung des Steins 
der Weisen sei nicht der rechte gewesen: der Glaube an die Mög- 
lichkeit, Gold künstlich entstehen zu lassen, blieb ihm doch. Darauf 
Hinweisendes enthält, was S. 109 aus seinem Brief an Sömm erring 
vom 14. Mai 1784 mitgetheilt ist, und in bestimmtester Weise legt 
dafür Zeugnifs ab, was er an Denselben am 14. August 1784 von 
Wien aus schrieb {F.-S. S. 118 f., im Nachstehenden nach meiner 
Abschrift berichtigt und vervollständigt): „Nun aber: der Graf 
Stampfer, der an der Spitze der Bergwerkssachen oder des CoUegii 
ist, wo Born Hofrath ist, ein guter ältlicher Mann, weder F.M. noch 
R.C., der sein ganzes Leben mit Bergwerks- und Schmelzsachen zu- 
gebracht hat, laborirt. Der Grund dazu ist dieser, den er Born 
erzählt hat. aus dessen Mund ich's habe. Ein Mensch kommt zu ihm, 
wird Copist in seinen Diensten, sieht dafs er laborirt, sagt ihm er 
verstünds nicht, giebt ihm ein Fläschchen ^" (d. h. Tinctur: ver- 
flüssigten Stein der Weisen). „Sie machen einen grofsen Zayn achtes 
Gold. Der Mann geht fort {NB Stampfer hatte ihm alte Kleider 



116 Fortdauer des Glaubens an die Alchemie bei G. Forster. 

geschenkt, weil er so armselig aussah); St. will ihm Geld zur Reise 
geben, aber er zeigt ihm ein Taschenbuch ganz voll Wechsel, hinter- 
läfst ihm den Schlüssel seines Koffers, mit Bitte den Koffer nach- 
zuschicken. St. macht den Koffer auf, findet ihn voll schöner Kleider, 
besser als die er ihm geschenkt hatte. Über eine Zeit macht St. 
für sich allein mit dem Überrest des Fläschchens einen zweiten 
Versuch, erhält wieder einen grofsen Zayn achtes Gold und giebt's 
in die Münze wo es acht befunden wird. — Was sagst Du dazu? 
Ich glaube nunmehr, ohne dafs Du, wie Du fürchtetest, mein Urtheil 
schief leiten solltest, auf Deine Frage, was ich zu Meta's*) Schreiben 
sage, antworten zu können: Entweder sie foppen den leichtgläubigen 
— gogus mit dem Versprechen, das ihm so gut ist als hätte er's 
gesehen — oder — der Procefs ist richtig den sie haben, weswegen 
ich ihnen aber, und wenn er 10 mal richtig ist, doch nicht wieder 
trauen kann. Denn meines Erachtens kann man wohl machen 
und doch ein Schurke sein! Dafs R.C. und Jesuiten völlig zusammen- 
hängen, bestätigen alle, die ich hier habe von fern her ausholen 
können"**). „Möglichkeit der Projection kann ich nicht geradezu 
bezweifeln. Man verwandelt doch nicht sehr heterogene Körper in 
O, sondern $, 1?, $, (C u. d. gl. Die Zunahme au specifischer Schwere 
kann ja vielleicht auf solche Art bewirkt werden, dafs das sich ver- 
wandelnde Metall, sobald die ßiy^ es im /\ auflöst, eine erstaunliche 
Menge Theile aus der ^ und aus dem /\ selbst, worin die Operation 
geschieht, anzieht und mit sich figirt. Wie die Natur Metalle hervor- 
bringt, ist unbegreiflich. Aber gewifs, dafs, wo sich ein Gang mit 

Ö oo 

\c/ 

OO und einer mit a erz kreuzen, da ist im Kreuz Cerz /\ , 

OO * O 

SO ist's ausgemacht in Ungarn. Item, wo ein Eisengang auf Kiesel- 



*) Wer der als Meta Bezeichnete gewesen sei, ist mir nicht sicher. Viel- 
leicht der 1825 als K. Sächsischer Staatsminister gestorbene Graf Peter Karl 
Wilh. von Hohenthal, welcher in jener Zeit als Freimaurer dem System der 
stricten Observanz angehörte und in diesem Eques a meta hiefs (Allgem. Handb. 
d. Freimaurerei I. Bd., Leipzig 1863, S. G39). 

**) Das Folgende, von hier ab bis zu dem nächsten Anmerkungszeichon, ist 
in Ilettner's Ausgabe des Briefwechsels G. Forster's mit Sömnierring aus- 
gelassen. 



Fortdauer des Glaubens an die Alchemie bei G. Forster. 117 

erde, z. B. Quarz, Jaspis, Feuerstein u. s. w. trifft, wird er Ohaltig. 
Tempora mntantur et nos mutamur in illis^''*). , .Ehedem glaubte 
ich, man könne die Transmutation nicht annehmen, ohne zugleich an 
die Existenz der Geisterwelt und die Möglichkeit der Communication 
mit ihr zu glauben; jetzt ist mir die Natur alles, und ich sehe wirklich 
noch nicht ab, wie man auf immaterielle Dinge schliefsen könne, 
wenn auch die Transmutation währ wäre. Denn immateriell bleibt 
immer etwas, wovon kein Mensch einen Begriff haben kann. So- 
bald er von etwas einen Begriff hat, so ists nicht mehr imma- 
teriell sondern es ist materiell für ihn, denn es hat Eigenschaften, 
wodurch es mit bekannten Dingen vergleichbar ist; Eigenschaften, die 
in die Sinne fallen. Was wir mit nichts vergleichen können, kennen 
wir nicht; es ist so gut als obs nicht da wäre. Schwere und An- 
ziehungskraft, was es eigentlich sei wissen wir nicht, denn wir könnens 
mit nichts vergleichen, daher sagen wir auch blofs, es sei Eigenschaft 
der Materie. Kraft, was es absolute sei kennen wir nicht; wir kennens 
nur insofern sie mit der Materie unzertrennlich ist. Hab' ich Recht 
oder Unrecht? Ich will mich sehr gern belehren, sehr gern Wahrheit, 
so weit meine Einsicht und Beurtheilungskräfte gehen, annehmen; 
nur nichts annehmen und glauben, was nicht aus gewissen unum- 
stöl'slichen Axiomen fliefst; nichts, wovon ich keine Erfahrung haben 
kann". (Hier schliefst sich der S. 114 aus diesem Brief vom 

14. August 1784 mitgetheilte Passus an.) 

Zu den unangenehmen Nachwehen der Betheiligung an der Rosen- 
kreuzerei gehörte nach der Abwendung von derselben für Forster 
und Sömmerring die Besorgnifs, dafs die mächtigen Oberen des 
Bundes sie als abtrünnige Wissende verfolgen. Dafs der Letztere, so 
lange er nach Forster' s Abgang von Kas.sel noch dort war, Furcht 
empfand, wurde bereits S. 112 berichtet; aber auch der von dem Ort 



*J Die Erklärung der hier vorkoninieuden alchemistischen Zeichen mag — 
für einen Theil derselben nochmals — gegeben werden. O bedeutet Gold, 
C Silber, O Kupfer, Tj» Blei, J Quecksilber, (j' Eisen, O-O Arsenik, /\ Feuer, 
A Luft. So gewöhnliche und leichtverständliche alchemistische Ausdrücke, wie 
Laboriren für jjraktisch Alchemie treiben, Projection für die Ausführung der 
Metallveredlung mittelst des Steins der Weisen, Transmutation für Metallver- 
wandlung würde ich hier nicht noch einmal erläutern, wenn nicht in der Wieder- 
gabe des oben mitgetheilten Briefes in der Hettner'schen Ausgabe das Wort 
Transmutation jedesmal zu Transmundation verunstaltet wäre. 



118 Forster'su. Sömmerring's Furcht V.Verfolgung nach d. Abwendung v. d.Rosenkr. 

der Antheilnahme an dem Geheimtreiben entfernte Forster glaubte 
Grund zu Befürchtung zu haben. Darauf, dafs in der That 

Drohungen gegen die abtrünnig Gewordenen ergingen, weist hin, was 
Forster von Leipzig aus am 14, Mai 1784 an Sommer ring schrieb 
F.-S. S. 32 f.): „Die unausbleiblichen Brandbriefe habe ich wohl ver- 
muthet. Thut mir doch leid, bester Br., dafs Du Mggo*) schrift- 
lich geantwortet hast. Hättest müssen mündlich sagen, ich habe 
nicht Zeit, kann mich nicht mehr damit befassen, lasse übrigens die 
Sache in ihrem Werth. — — Ich bin mehr als je entschlossen, alles 
was F.M. und B.C. heifst, der ewigen Vergessenheit zu übergeben, 
und wünschte längst, dafs eine Menge unnützer Wust in meinem 
Gedächtnifs besseren Sachen Platz gemacht hätte. Sollte an mich 
geschrieben werden, so will ich nicht directe antworten sondern blofs 
Dir sagen, Dafs Du Mggo sagen mögest, ich hätte jetzt keine Zeit. 
Und wie Sunderberg" (vgl. S. 92) „sagt — damit Holla. An Mggo 
wundert mich bei seiner abergläubischen Schwärmerei nichts mehr, 
kann also wohl denken, wie er wieder gegen Menschenliebe und 

Freundschaft gesündigt haben mag um einen Judengenossen zu 

machen". Und am 15. Mai (F.-S. S. 40): ,,Eben erhalte ich Deinen 
Brief mit der zurückgehenden Anlage. Ich kann nur darauf antworten, 
dafs es mit den 0" eine desto mifslichere Bewandtnifs hat, je furcht- 
barer sie sich uns machen wollen. Drohungen und Feindseligkeiten 
sind mir unläugbare Beweise ihrer Unächtheit, wenn 's daran noch 
fehlen könnte. Sag ihnen das aber nicht, sondern zu unserer 
eigenen Beruhigung schweige und beobachte sie, sie werden's schon 
noch schlimmer machen. Ich habe es mir zur Regel gemacht, ihnen 
nie eine Zeile schriftlich mehr zukommen zu lassen, und ihnen nie 
anders als categorisch mit ja und nein mündlich antworten zu lassen". 
Die Besorgnifs, dafs der Orden sie verfolgen könne, scheint Forster 
und Sömmerring nach der Ablösung von demselben bestimmt zu 
haben, mit Anderen über den Rosenkreuzer-Bund zu sprechen (vgl.S. 109 f. 
u. 112 f. Anm.) um darüber klarer zu werden, wie weit die Macht der 
Oberen reiche, und dafs sie Das gethan hatten, erschien dann wiederum 
als unvorsichtig; aus Freiberg schrieb F. am 23. Juni 1784 an S. 
(F.-S. S. 87): „Über p^ und R.C. soll niemand weiter von mir er- 

*) Manegogus liiels im llosenkreuzcr-Biind Einer der Oberen des Zirkels 
zu Kassel. Vgl. Anmerkung XII am Ende dieses Theils. 



Forster's u. Sömmerring's Furcht v. Verfolgung nach d. Abwendung v. d.Rosenkr. 119 

fahren. Leid ist mir's, dafs wir, ein jeder für sich so viel schon 
davon gesprochen haben, aber was thut man nicht in der Angst! Nun 
weiter nichts als Aug' und Ohr darauf und sonst nichts gesagt". 
Noch einige Jahre später hielt S. für die Besprechung von Ordens- 
Angelegenheiten grofse Vorsicht für geboten; am 2G. Juli 178S schrieb 
er an F. {F.-S. S. 519): „Von R.C. mag ich nichts dem Papier an- 
vertrauen", zu einer Zeit, wo F. antworten zu können glaubte {W. I, 
S. 271; F.-S. S. 522): „Ich begreife Deine Besorgnifs nicht, über 
R.C. nichts dem Papier anzuvertrauen". — In der ersten Zeit 

nach der Lossagung von dem Bunde war auch Forster recht ängst- 
lich; an Sömmerring schrieb er am 22. Mai 1784 (F.-S. S. 45): 
„Ich habe mehr Ursache als Du noch glaubst, um auf der Hut zu 
sein", und gleichfalls in Beziehung auf den Orden und die Oberen 
desselben am 1. Juni {F.-S. S. 54): „Auf das, was Du von ^ weiter 
sagst, und von dem Einflufs des.selben auf mein Schicksal, sowie über- 
haupt von den dawider zu ergreifenden Mafsregeln, antwortete ich 
schon vorher. Ich werde auf der Hut sein und mich verbergen; am 
wenigsten mich gegen sie zu stellen suchen. Immer bereit zu hören, 
werde ich wenig hören lassen von mir". Ganz ernstlich fafste er 
damals auf der Reise nach Wilna in's Auge, dafs ihm dort von dieser 
Seite her Gefahr drohen könne. Am 27. Mai 1784 schrieb er an S. 
{F.-S. S. 51 f.): „Deine Sicherheitsmafsregeln sind sehr gut. Ich glaube 
nicht, dafs es :^ sind, die mich berufen haben, am wenigsten dafs 
sie es in dieser Rücksicht gethan haben sollten; aber es ist gut zu 
wachen und auf der Hut zu sein. Auch ich habe schon an Betraue 
gedacht. Die preufsische Grenze ist nahe, kaum 12 Meilen. Königs- 
berg liegt ungefähr 30 bis 35 Meilen von Wilna. Auch bei Spener 
in Berlin bin ich willkommen, wenn das ärgste zum ärgsten kommt. 
Ich hoffe aber, es wird nicht nöthig sein. Meine Regel ist Schweigen, 
und auf allen Fall, da wo es nothwendig ist, mehr zu glauben und 
zu trauen scheinen, als ich wirklich thue. — Mit einem litthauischen 
Klepper, den ich mir gleich anfangs kaufen werde, kann ich im 
Preufsischen sein, ehe man mich vermilst. Auch ist mir keineswegs 
für Unterkunft und Auskommen bange". Und am 5. Juni {F.-S. 
S. 58f.) etwas beruhigter oder zur Beruhigung Sömmerring's, welcher 
damals sehr besorgt gewesen zu sein scheint: „Du hast, liebster bester 
Bruder, siiccessive mit Deiner Besorgnifs immer zugenommen, derge- 



120 Försters u.Sömmerring's Furcht v. Verfolgung naclid. Abwendung v.d.Rosenkr. 

stalt, dafs Dein letzter lieber Brief ordentlich Spuren von Allarme 

enthält, die mich sehr geschmerzt haben. Nun zur Beantwortung 

und Beruhigung, so gut ich kann. Ich glaube fürs erste nicht, dafs 

— die sind, die mich berufen haben. Es folgt also daraus, 

dafs die — , wenn sie mir ja zu schaden Lust hätten, mir doch 

nur indirede schaden könnten, nicht unmittelbar selbst meine Vor- 
gesetzte sind. Wären sie es aber dennoch, so bleibt mir ja noch immer 
Zeit, alles zu thun, wenn ich dort gewesen bin, wenn ich gehört, 
gesehen habe, wefs Geistes Kinder meine Vorgesetzte sind, und aus 
welchem Ton sie sprechen. Es werden ja auch nicht gerad alle 
Teufel sein. Was können sie mir thun, wenn ich ehrlich mein Amt 
versehe? Die Grenze, wenn ich Unrath merke, ist nicht weit, in einem 
Tage reit' ich in's Preulsische. Ich bin ihnen ja nicht gefährlich, 
nicht im Wege, wenn ich gleich nicht mit ihnen ziehe. Was hat 

Naturgeschichte mit — zu thun?" Aber in dem nämlichen Briefe 

weiterhin (F.-S. S. 60) mit Bezugnahme darauf, dafs v. Schlieffen, 
wenn ihm von der Forste r'n drohenden Gefahr gesprochen würde 
um die Zurückberufung des Letzteren nach Kassel zu veranlassen, 
niedrige Motive für diesen Wunsch vermuthen könnte: „Lieber, mein 
Bruder — wenn wirklich die Gefahr dabei wäre, die nicht dabei ist 

— dem Märtyrertod entgegengegangen für die gute Sache der ge- 
sunden Vernunft als so einem Verdacht mich ausgesetzt. Schönern 
Todes kann man nicht sterben. Bist Du nicht da, alles Übel, was 
mir widerfahren könnte, der Welt und der Vernunft zum Besten, in 
einem solchen Falle deutsch und ausführlich heraus zu erklären? Eine 
andere Rache als die, dafs die Leute ihres Zwecks verfehlen müfsten, 
würde ich nicht wünschen". —