(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us) Upload
See other formats

Full text of "Die Anfänge unserer Religion"

\ 





preßcntcö to 

Zhc Xibrar^ 

ot tbc 

Xllntverett^ of Toronto 

bB 

Xab^ jfalconer 

trom tbc boohs of tbc latc 

Sir IRobert jfalconer, Tk.c./iD.^M 

prcölöcnt cf tbc lanivcrgftis ot 
Toronto, 1907*1932 



vr. ii 



Die 



Jlnfäftde unserer Religion 



üon 



de. Paii! mernle 

a. 0. Professor an der Universität Basel. 




Cübinflcn und Ccipzig 



llcrlag von 3. £. B. mobr (Paul Siebeck) ^"^ 



^°>V. 



1901. 



:rs-^- 



A 



Die Verlagshandlung behält sich das JRecht der Uebersetzuncf 
in fremde Sprachen vor. 



C. A. Wagnei's Universitäts-Buchdruckerei, Freiburg i. B. 



Wilhelm Bousset 

zur Erinnerung 
an unsere gemeinsame Göttinger Zeit. 



Vorwort. 



Das vorliegende Buch ist aus meiner Vorlesung über 
NTliche Theologie im Sommer 1900 entstanden, will aber bei 
weitem nicht wetteifern mit einem Lehrbuch der NTlichen Theo- 
logie. Als ich meine Vorlesung ausarbeitete, hatte ich das einzige 
Ziel, den Zuhörern einen klaren Begriff vom Wesen des Evan- 
geliums und seinen grossen Veränderungen bis zur Entstehung 
des Katholizismus zu geben. Alles, was mir dafür unwichtig er- 
schien, schloss ich mit Bewusstsein von meinem Plan aus. Alle 
theologischen Gedanken kamen für mich nur unter dem Gesichts- 
punkt in Betracht, wie sie sich zum Evangelium Jesu verhalten. 
Als ich die Vorlesung zu diesem Buch ausarbeitete, suchte ich 
diesem Plan treu zu sein. 

Um eine NTliche Theologie zu schreiben, wäre eine Lebens- 
arbeit liötig, wie sie z. B. Holtzmann hinter sich hat. Es wäre 
nötig, dass der Verfasser über jede einzelne Stelle des NTs zu 
einem klaren, abschliessenden Urteil gelangt ist. Davon konnte bei 
mir keine Rede sein*, darf ich doch jetzt nicht einmal wünschen, 
über eine solche abgeschlossene Weisheit zu verfügen. Wohl 
aber ist es möglich, schon in meinen Jahren einen klaren festen 
Eindruck von der Bedeutung Jesu und dem Sinn seines Lebens 
zu gewinnen und von da aus die verschiedenen Erscheinungen 
des Urchristentums zu verstehen und zu messen. Wie sollte 
jemand, der nicht dazu gelangt ist, anderen den Weg in das 
NT erschliessen dürfen! 

Indem ich nun diese Vorlesungen veröffentliche, verfolge ich 
einen praktischen Zweck, den zu verhüllen gar kein Grund vor- 
liegt. Eine so zerrissene Zeit, wie die unsere, bedarf vor allem 
der immer neuen Orientierung an dem Evangehum Jesu. Dieses 
aber liegt, wie jedermann weiss, auch im NT nicht klar und ein- 



VI Vorwort. 

fach, sondern vielfach verschüttet und umgebildet vor. So gewiss 
das Auge jedes einfachen Laien im stände ist, Jesus zu verstehen 
in dem, was er war und was er wollte, so darf doch die theolo- 
gische Forschung nie auf den grossen Beruf verzichten, dem ein- 
fachen Verständnis Jesu nach Kräften aufzuhelfen. Sie thut 
das freilich nur, wenn sie sich selber aufhebt, d. h. das Evange- 
lium von der Theologie befreien hilft. Wenn Jesus vor allem 
auch ein Erlöser von den Theologen war, so sind wir Theologen 
dann seine Jünger, wenn wir dies sein Befreiungswerk immerdar 
erneuern. 

In diesem Beruf sind vor allem zwei Vorbedingungen er- 
forderlich, die unter den christlichen Theologen leider nicht 
selbstverständlich sind: Die wahre Ehrfurcht vor dem, was Ehr- 
furcht allein verdient und die Treue gegen das christliche Ge- 
wissen. Zu jener Ehrfurcht rechne ich, dass sie verbunden ist 
mit einer runden Absage an die falsche Ehrfurcht vor Formeln, 
Symbolen, Riten und Institutionen, in denen das freie Gottes wort 
gefangen und versteinert ist. Wer dieser falschen Ehrfurcht 
nicht gründlich absagt, kann der wahren gar nie in seinem Herzen 
Raum geben. Zur Treue gegen das christliche Gewissen gehört 
gleichfalls die scharfe und klare Kritik alles dessen, was ihm 
widerspricht, einerlei ob Paulus oder Johannes es verkünden, also 
die praktische Handhabung des Evangeliums als des Masstabes 
für alles, was in der Geschichte sich damit verband. Wer nicht 
in diesen zwei Vorbedingungen mit mir einig gehen kann, soll 
lieber diese Schrift ungelesen lassen. Er versteht doch nicht, 
weshalb sie an so vielen Stellen mehr im Ton einer Kampfschrift, 
als in der Art historischer Darstellungen geschrieben werden 
musste. 

Heute soll mir diese Schrift zugleich als vorläufiger Abschied 
von den NTlichen Studien gelten. Mein aufrichtiger Wunsch 
ist, dass sie der Gegenwart diene in den grossen Aufgaben und 
Kämpfen, die bevorstehen. Was an ihr mangelhaft und unfertig 
ist, hoife ich durch eigene Arbeit und die Hilfe meiner Kritiker 
einst verbessern zu können. 

Basel, 12. Dezember 1900. 

Der Verfasser. 



vn 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Die Voraussetzungen 1—22 

1. Der antike Volksgiaube 1 — 7 

Erde und Welt 1. AVuader der äusseren Natur 2. Wunder 
der Seele 3. Das Geisterreich 5. Zeugnis der Apologetik 6. 

2. Das Judentum 7 — 19 

Die heilige Verfassung 8. Schriftgelehrte und Pharisäer 9. 
Der jüdische Gottesglaube 10. Die Sittlichkeit 13. Die 
Eschatologie 16. 
5.' Der Zeitpunkt 19— 22 

Die Juden in der Weltkultur 20. Die Lage in Palästina 21, 
Johannes der Täufer 22. 

Die Entstehung der Religion 23-286 

I. Jesus 23— 71 

1. Der Beruf 23— 34 

Das Selbstzeugnis Jesu 23, Seine Lebensführung 25, Jesus 
und die Messiasidee 26, Umgestaltung der Idee 29. Die 
Wiederkunft 31 , Die Titel Gottessohn und Menschensohn 32. 

2. Die Verheissung 34 — 44 

Der jüdische Ausgangspunkt 34. Ort und Art des Gottes- 
reichs 35. Zukunft und Gegenwart 37. Entnationalisierung42, 

3. Die Forderung 44 — 58 

Vorfragen 45. Die drei grossen Wirklichkeiten: Selbst- 
pflicht 46. Bruderpflicht 48. Gottespflicht 50, Das Kri- 
terium für Gott und Menschen 52, Das Bekenntnis 53. 
Stellung zum Gesetz 54, Stellung zu den Pharisäern 55. 
Stellung zur Ethik des Judentums überhaupt 56. Bedeutung 
der Eschatologie 57. 

4. Jesus der Erlöser 58 — 71 

Der Wunderarzt 59. Die innere Mission 59. Erlösung 
von den Theologen 60. Erlösung von der Kirche 61. Die 
neue Gemeinschaft 62. Die Frömmigkeit .Jesu 63. Die ge- 
wisse Hoffnung 64. Die Kraft zum Guten 65. Die Ver- 



VIII Inhaltsverzeichnis. 



Seite 
gebung der Sünden 65, Stellung zur Welt, zu Leiden und 
Tod 66. Das IJnservater 68. Tod und Auferstehung 69. 

II. Die Urgemeinde 71— 95 

1. Die Führer 71— 77 

Die Zwölfapostel 71. Die Brüder .Jesu 74. Die Propheten 
75. Lehrer, Siebenmänner, Evangelisten, Vorsteher 76. 

2. Die Entstehung der Kirche 77 — 82 

Der Ursprung aus der Begeisterung 77. Das Bekenntnis 
77. Die enthusiastischen Kennzeichen 78. Die rechtlichen 
Formen der Sekte 79. Exklusivität und Gesetzlichkeit 81. 

3. Die älteste Theologie 82— 92 

Laien und Lehrer 82. Der Messiasbeweis der Parusie 84. 
Die Auferstehung 85. Der Tod Jesu 86. Weissagung und 
AVunder 86. Das Geheimnis in .lesus 87. Sammlung und 
Ordnung der Herrnworte 89. 

4. Die Parteien und der Ausgang 92 — 95 

Stellung zum jüdischen Volk 92. Entstehung des Gesetzes- 
streites 93. Der Judaismus 94. 

IIL Paulus 95-220 

1. Das Beruf sbewusstsein 95 — 105 

Das apostolische Selbstbewusstsein 96. Sein Ursprung 
aus der Offenbarung 99. Die Apologie 101. 

3. Jesus unter den Heiden 105 — 134 

Jüdische Vorarbeit 105. Jesus nicht Gesetzgeber oder 
Weisheitslehrer, sondern Erlöser 106. Die eschatologische 
Botschaft 108. Die Predigt vom Verderben 109. Der ge- 
kreuzigte und auferstandene Gottessohn 112. Organisation 
der Gemeinschaften 114. Die Forderung des Evangeliums: 
Stellung zur Welt 115. Bildung des christlichen Gewissens 
117. Weltverneinung 118. Heiligung 120. Der Staat 121. 
Herren und Sklaven 122. Ehe und Familie 123. Verkehr 125. 
Ordnung der Gemeinschaftspfiege 126. Ordnung des Kultus 
128. Resultat: Paulus und Jesus in der Forderung 130. 
Das Gericht für die Christen und das Problem der Heils- 
gewissheit 131. Das Neue an der paulinischen Mission 134. 

5. Die paulinische Theologie 134 — 208 

Die Voraussetzungen für ihre Entstehung 135. 

Ä. Die Erlösungstheologie 137—177 

Die gegenwärtige böse Welt und ihre Mächte . . . 137 — 143 
Das Todesverhängnis 138. Die Sünde und ihr Ursprung 
138. Letzte Konsequenzen des Pessimismus 141 



Inhaltsverzeichnis. JX 



Seite 
Die Wendung: Jesus der Erlöser 144 154 

Die Wurzeln der Christologie 144. 

Der Liebesbeweis Gottes 145. 

Der Anbruch des Jenseits 147. 

Der Gottessohn vom Himmel 149. 
Paulus und Jesus 153. 

Die Erlösung der Gläubigen 154 176 

Die Wurzeln der Erlösungslehre 155. 
Theorie der Erlebnisse 156. 
Die Kraft 156. 
Die Wunderkräfte 156. Die Erkenntnis 157. Der Gebeis- 
geist 158. Die sittlichen Geisteswirkungen 159. Geist Gottes 
und Geist Christi 160. 

Die Medien 163. 
Der Glaube 163. Das Wort 164. Die Kirche 165. Die 
Sakramente 166. 

Die Schranken der Erlösung und ihre Ueberwindung 167 

Die Schranken 168. Der Kampf 168. Der Glaube 169. 
Die Hoffnung 170. Die Heilsgewissheit 171. 

Theorie der Zukunftspostulate 172. 
Die Hauptzüge der Eschatologie 172. Die Probleme 173. 
Resultat der Erlösungstheologie 176. 

B. Die antijndische Apologetik 177—196 

Der praktische Entstehungsgrund 177. 

Die Aufhebung des Gesetzes 178 — 183 

Verschiedene Möglichkeiten 178. Das Gesetz nicht der 
Heilsweg 180. Christus der Befreier vom Gesetz 182. 

Rechtfertigung aus dem Glauben und Freiheit im Geist 183 — 193 
Die Genesis dieser Lehre 184. Das Wort Rechtfertigung 
185. Stellung Gottes 186. Stellung des Menschen 187. Der 
ATliche Beweis 188. Die Freiheit im Geist 190. Die Idee 
der inneren Verpflichtung 191. 

Das Schicksal des jüdischen Volkes 193 — 196 

Nivellierung des Judentums 193. Das Problem und die 
Lösungen 194. 

C. Die pmdinische Gnosis 196—207 

Das Wesen der Gnosis 197. Ihr Objekt 199. Christiani- 
sierung des ATs 199. Angelologische Spekulationen 202. Die 
Christusspekulation 203. Bedeutung dieser Christusgnosis 
204. Die Erkenntnis der Wege Gottes 205. 

Resultat der paulinischen Theologie ...... 207 



Inhaltsverzeichnis. 



Ssite 
4. Die FrömmigTceit der Gemeinden und die Fi-ömmigkeit des 

Paulus selbst 209—219 

Der christliche Glaube 209. Die heiligen Riten 210. Das 
neue Laben 211. Extra- und Durchschnittschristentum 212. 
Heilsuusicherheit 213. Resultat 214. 

Die Gefühlsreligion des Paulus 215. Die Arbeit im Beruf 
218. Jesus und Paulus 218. 

Zusammenfassung 219 

IV. Die Apokalypse 220—235 

' 1. Der Prophet 220—223 

Der prophetische Anspruch 220. Wahrheit und Fiktion 222. 

2. Die Verheissung 223—228 

Die christliche Parusiehoffnung 223. Die politische Weis- 
sagung gegen Rom 223. Das Vorstellungsraaterial der jü- 
dischen Apokalyptik 225. 

3. Die Forderung 228—230 

Der äussere Feind 228. Die innere Gefahr 229. 

4. Laientheologie 230—234 

Pessimismus und Optimismus 230. Gott und die Engel 231. 
Christus 232. 

Die Wurzeln des Christentums der Apokalypse .... 234 

Schlussbetrachtung 235—236 

Die Ausbildung der Kirche 237—410 

I. Die Entstehung der kirchlichen Ver- 
fassung 237—251 

1 Der Verfall der Apostel und Propheten 237 — 241 

DasEade der Mission 237. Das Auftreten der gnostischen 
Häresie 239. Der Widerstand der Einzelgemeinden 240. 

2. Die Bildung des Episkopats 241 — 245 

Erweiterung der Funktionen 242. Theoi-etische Steigerung 
der Würde 242. Der monarchische Episkopat 244. 

3. Die Bildung des katholischen Lehramts 245 — 247 

4. Der Stand der Heiligen 247 — 251 

Die Märtyrer 247. Die Asketen 249. Beginn der Heiligen- 
literatur 250. 



Inhaltsverzeichnis. XI 



Seite 

IL Die AusbildungderkirchlichenTheo- 

logie 251—369 

Ä. Christentum und Judentum 251—288 

1. Der j Mische Glaube 251 — 268 

Der Kampf zwischen Juden und Christen 251. Die Haupt- 
streitpunkte 253. Der Christologische Streit: Der Messias 
254. Der Hohepriester 259. Der Sohn Gottes 261. Jesus 
im AT 262. Die jüdische Eschatologie 265. Der jüdische 
Engelglaube 266. Folgen für den Gottesglauben 267. 

2. Das Gesetz und die jüdische Ethik 268 — 276 

Das AT als Weissagungsbuch 269. Das Christentum als 
neues Gesetz 270, Uebernahme der jüdischen Ethik 271. 
Ihre Folgen 275. 

3. Die jüdische Kirche und ihre Institutionen 276 — 287 

Die Christen das wahre Israel 276. Volk Gottes 277. Die 
Kirche 278. Folgen der Uebernahme der Kirchenidee: Die 
Exklusivität 280. Die wahren Jünger innerhalb der Kirche 
282. Eiufluss jüdischer Institutionen: Die Verfassung 284. 
Die Lehrtraditiou 284. Der Kultus 285. 

Ergebnisse 287 

B. Christentum und Griechentum 288—326 

1. Der heidnische Staat 288—291 

Stimmung vieler Laienkreise 288. Offizielle Apologetik 289. 

2. Die heidnische Religion 291 — 308 

Die frühesten Konflikte 291. Kritik der alten Götter 293. 
Der neue Gott Jesus Christus 294. Das Christentum und die 
Mysterien 300. Griechische Hölleuphantasien 304. Der 
Aufstieg zum Himmel 305. 

3. Die griechische Philosophie 308 — 325 

Die Popularphilosophie und der Vorsehungsglaube 309. 
Die Transcendenz Gottes 311. Die Mittelwesen und der 
Logos 312. Die Entstehung der Materie 314. Entstehung der 
neuen Apologetik mit Vernunft und Gesetz 316. Bedeutung 
des Johaiuiesevangeliums 317. Abschluss bei Justin 321. 
Umbildung des Christentums in eine Philosophie im Hebräer- 
brief und bei Johannes 323. 

Ergebnisse 325 

C. Katholizismus und Gnostizismns 326—369 

7. Der Ursprung des Gnostizismus •• • 326—346 

Skizze der guostischen Theologie 327. Verhältnis zu Jesus 
329. Verhältnis zu Paulus 333. Der jüdische Eiufluss 341. 



XII Inhaltsverzeichnis. 



Seite 
Das Babylonisch-Persische 342. Einfluss der griechischen 
Philosophie 343. Bedingungen für den Einzug des Gnosti- 
zismus in den Gemeinden: Die Lehrfreiheit 344. Das Ein- 
strömen der Massen und die Erhebung der Aufgeklärten 344. 

2. Der Kampf und seine Folgen 347 — 368 

Der geistige Kampf 347 — 356 

Die kirchlichen Antithesen 348. Ihr Verhältnis zum Evan- 
gelium 353. Die Einbussen 354. 

Die kirchlichen Machtmittel 356 — 36& 

Die Aufhebung der Lehrfreiheit 357. Folgen für Theologie 
und Kanonsbildung 359. Die Centralisation des Kultus 361. 
Der Ausschluss der Häretiker 363. Die Entstehung des Schul- 
christentums 366. 

Ergebnisse 368 

III, Die Frömmigkeit im nachaposto- 

lischen Zeitalter 369-408 

1. Die christliche Hoffnung 370 — 380 

Das Ausbleiben der Parusie und seine Folgen 370. Die 
vei'schiedenen Formen der Hoffnung 373. Die Bedeutung 
der Hoffnung für das ausgehende Urchristentum 379. 

2. Christliche Lebensführung 380 — 398 

Die wachsende Verweltlichung: Die Führer 380. Die 
Standessüuden 382. Unsittlichkeit und Askese 383. Die 
Halbheit 384. Nachteile der Hellenisierung 385. Das neue 
Ideal mit Orthodoxie und Kirchlichkeit 386. Das alte Ideal 
des praktischen Christentums 388. Die Heiligung 392. Die 
Gemeinschaftsliebe 394. Die Treue im Leiden 396. Ergeb- 
nisse 397. 

3. Die Erlösung 398—408 

Theorien und Formeln 399. Bedeutung der Bekehrung 399. 
Unerlöstes .Christentum 400. Zeugnisse persönlicher Er- 
lösung 403. Der urchristliche Moralismus 405. Wahre 
Quelleu der Erlösung und Scheingründe 406. 

Schlussbetraclitung 408-410 



Die Voraussetzungen. 

1. Der antike Volksglaube. 

So gewiss auch das Christentum eine Tochter der jüdischen 
Rehgion ist, so streckt es doch seine Wurzeln weit hinab in jenes 
Gebiet, das wir den antiken Volksglauben nennen können, weil 
die Besonderheiten der einzelnen Religionen hier noch verschwin- 
den. Dahin gehört die ganze Vorstellungswelt von Erde und 
Natur, Mensch und Seele und das Geisterreich, die einst vor 
dem Erwachen der Wissenschaft geherrscht hat und dann in 
unermüdlichem Kampf mit der Wissenschaft bis in die Gegen- 
wart unter uns lebt. 

Selbstverständlich ist die Erde der Mittelpunkt der Welt, 
der einzige Ort einer Geschichte Gottes und der Menschen. lieber 
ihr wölbt sich der Himmel und kreisen die Sonne und alle Ge- 
stirne, die „Kräfte des Himmels". Ja die Erde ist die Welt; 
oft, z; B. in der Bergpredigt, wechseln die Ausdrücke und meinen 
dasselbe. Die Erde selbst aber ist klein und \venig bekannt. Im 
Nu streift die menschliche Phantasie die „Enden der Erde". Vom 
einen Ende zum anderen leuchtet der Blitz und wie dieser, so soll 
der Menschensohn Allen mit einander sichtbar werden. Von einem 
sehr hohen Berg herab zeigt der Teufel Jesus alle Reiche der 
Welt und ihre Herrlichkeit. Wollte man — was falsch ist — 
von einer NTlichen Geographie reden, so wäre die westliche 
Grenze Spanien, die östliche das Partherreich. 

Diese beschränkte Ansicht von Erde und Welt ist natürlich 
für die Rehgion nicht gleichgiltig gewesen. Der kräftige Vor- 
sehungsglaube, wie die Hoffnung auf das Reich Gottes auf Erden 
haben ihre feste Stütze an dem unbezweifelten geocentrischen 
System. Ebenso ward der Missionseifer gestärkt durch den 
Glauben, dass es möglich sei, in einer Generation aller Welt das 
Heil zu verkündigen. Kein Gedanke an die uns heut bekannte 
Weite der Erde und den Reichtum und die hartnäckige Ver- 

Wernle, Anfänge. 1 



Die Voraussetzungen. 



schiedenheit der Menschenrassen, die der Mission so grosse 
Schwierigkeit entgegenstellt. Aber auch keine Ahnung des Uni- 
versums und der darin versclnvindenden Nichtigkeit der Erde. 
So wenig Grund wir haben, uns der Erkenntnisse zu rühmen, die 
wir nicht uns selbst verdanken, so wenig Recht haben wir, uns 
die Kluft zu verbergen, die uns hier vom Urchristentum als einem 
Kind der Antike trennt. 

Viel eingreifender ist ein anderes, der schrankenlose Wunder- 
glaube, den das junge Christentum mit allen Weltreligionen ge- 
meinsam hat, der ihm die ganze Erde zur verzauberten Welt 
macht. Noch fehlt jede Spur einer Erkenntnis des gesetzmässigen 
Naturzusammenhangs. Alles ist möglich für Gott und für die 
Gläubigen, und alles ist Geheimnis. 

Zunächst ist die äussere Natur eine Wunderwelt. Ev Joh 
3 8 ist dafür typisch: „Der Wind weht, wo er will; man hört 
seine Stimme, aber weiss nicht, woher er kommt und wohin er 
geht." Wegen dieses willkürlichen, geheimnisvollen Charakters 
eignet er sich so gut zum Repräsentanten der geistigen Wunder- 
kräfte. Am klarsten tritt uns der Wunderglauben der Natur 
gegenüber in den verschiedenen Eschatologien des NTs ent- 
gegen. Da vergeht plötzhch die Gestalt dieser Welt, die Himmel 
verschwinden mit Krachen, die Elemente lösen sich in Brand 
auf und es kommt der neue Himmel und die neue Erde. Oder 
die Sonne verfinstert sich, der Mond wird zu Blut, die Sterne 
fallen vom Himmel, das Kreuzeszeichen erscheint in der Luft und 
der Menschensohn kommt auf den Wolken des Himmels herab. 
Schon vorher in der Aufzählung der Vorzeichen des Weltendes 
feiert der Wunderglaube wahre Orgien-, wie bietet die Phantasie 
des Apokalyptikers in den Visionen der 7 Siegel und der 7 Po- 
saunen und der 7 Schalen alles Möghche und Unmögliche auf! 
Doch verträgt dieser Wunderglaube die Beschränkung auf die 
ferne Zukunft nicht. In der Geschichte Jesu und der Apostel 
findet und schafft er sich ein gegenwärtiges Anschauungsmaterial. 
Auch hier giebt es nichts Unmögliches. Der Spruch vom berge- 
versetzenden Glauben erprobt seine Kraft. Jesus stillt den See- 
sturm und macht den Feigenbaum verdorren, beides durch ein 
Wort; er wandelt des Nachts auf dem Meer und lässt den Petrus 
wandeln; er verwandelt Wasser in Wein, verteilt ein paar Brote 
und Fische unter 5000 und unter 4000 Menschen, ruft den La- 
zarus trotz seines Verwesungsgeruchs am dritten Tag aus dim 



1. Der antike Volksglaube. 



Grab hervor. Er selbst steigt nach drei Tagen aus dem Grab, 
das mit einem versiegelten Stein verschlossen und von einer 
Wache bewacht war, er erscheint bei verschlossenen Thüren und 
kann doch essen und sich betasten lassen, und fährt zuletzt sicht- 
bar zum Himmel auf, um sichtbar wiederzukommen. Die Apostel- 
geschichte, der wir den zuletzt erwähnten Zug verdanken, ist 
dann das grosse AVunderbuch der Apostel und ersten christlichen 
Heiligen, deren Häupter selbst mit ihrem Schatten und mit ihrem 
Schweisstuch Wunder thun. So fliegt der Wunderglaube über 
alle Grenzen hinaus, aber er rechnet dabei nirgends mit Aus- 
nahmefällen, geschweige mit Durchbrechung von Gesetzen, deren 
blosser Begriff ihm fremd ist, sondern mit dem Selbstverständ- 
lichen und Alltäglichen. 

Mehr als diese völlige Kritiklosigkeit überrascht uns heute 
die religiöse Wertschätzung des Wunders von Seiten der ältesten 
Christen. Nicht nur führen die Christen, denen wir die Evan- 
gelien verdanken, den Beweis der Wahrheit ihrer Lehre mit den 
Wundergeschichten, sondern Jesus selbst beruft sich, und zwar 
nicht bloss im 4. Evangehum, auf seine Wunder und sieht in den 
Wundern den Anbruch des Gottesreichs. Da begreift es sich 
wohl, dass das Auferstehungswunder zum Fundament des christ- 
lichen Glaubens dienen musste. Während aber auf jüdischem 
Gebiet das Wunder die Wahrheit der Lehre beweisen soll, be- 
zeugt es in der heidnischen Welt die Manifestation eines Gottes 
(Renan). Und gerade wie es dem Paulus zweimal zu begegnen 
drohte, dass er um seiner Wunder willen götthch verehrt wurde 
— als er den Lahmen heilte, und als ihm der Schlangenbiss 
nichts schadete — so ist es Jesus wirklich begegnet, dass er um 
der von ihm erzählten Wunder willen von den Heidenchristen als 
Gott betrachtet wurde. Die Wundertheologie nimmt im NT eine 
höhere Stelle ein, als man ihr gewöhnlich gönnen will; ohne den 
Wunderglauben keine Gottheit Christi. 

Der Unterschied des modernen Denkens vom urchristlichen 
tritt in nichts so grell hervor, wie darin, dass die Wundergeschich- 
ten des NTs, die einst ein Hauptbeweis der Wahrheit unserer 
Rehgion waren, heute selbst der Gegenstand langer Beweis- 
schriften sind. 

Im gleichen Grade wie die äussere Natur ist der menschliche 
Geist den alten Christen ein Geheimnis. Auch hier kennen sie 
kein gesetzmässiges Geschehen, sondern nur Freiheit und Will- 

1* 



Die Voraussetzungen. 



kür. Allerdings haben Jesus und nach ihm die Theologen Paulus 
und Johannes den Gedanken einer inneren Notwendigkeit ge- 
streift, aber bloss gelegentlich und völlig ohne Konsequenzen. 
Der Glaube an die Freiheit des Menschen unter allen Umständen 
und in jedem Augenblick wird doch von allen NTlichen Autoren 
vorausgesetzt. Jesus hat ihn durch seine grosse Forderung be- 
festigt, die Mission lebt von ihm. Es ist aber dieser Glaube ein 
einfacher Spezialfall des Wunderglaubens. 

Erst recht geheimnisvoll erscheint aber das eigentliche 
Innere des Seelenlebens, das Unbewusste mit seinen rätsel- 
haften Aeusserungen. In jedem Menschen ist das Wunder selbst 
enthalten und kann plötzlich hervortreten in den ekstatischen 
Zuständen. Die ältesten Christen haben, durch keinen sj)iess- 
bürgerlichen Rationalismus beengt, allen aus dem Inneren hervor- 
brechenden Aeusserungen des Geheimnisses eine grössere Auf- 
merksamkeit und auch eine grössere Unbefangenheit geschenkt, 
als wir Heutigen, die oft vorschnell die Grenzen des Möglichen 
abstecken wollen. Nur waren sie dann in der Deutung der Vor- 
gänge kindlicher und dogmatischer. Haben sie auch kein System 
erbaut, so war doch vorherrschend unter ihnen die Vorstellung 
von dem fremden Träger dieser Funktionen. Nicht wir selbst, 
sondern ein Dämon, oder Engel oder Geist hat sie bewirkt; 
zuweilen gilt derselbe als mit unserer Seele eng verbunden; es 
kann aber auch ein ganz fremdes Wesen sein, das von aussen in 
unseren' Leib hineindrang durch eine seiner vielen Poren und 
nun in ihm wohnt und ihn beherrscht. Hier liegt nicht nur der 
(Ursprung der Vorstellung der Dämonischen, sondern auch der 
jdes heiligen Geistes, dessen Wirkungen denen der Dämonen 
'■ analog gedacht werden , nur als im Dienst des guten Gottes 
stehend. Zungenreden, weissagen, Gesichte sehen, entrückt 
werden, Wunder thun sind vor allem seine Manifestationen, wie 
sie in den klassischen Kapiteln I Kor 12 und 14 uns vorgeführt 
sind. Die Vorstellung des Doppelgängers tritt ganz massiv auf 
im Gespräch des Petrus mit der Rhode , sodann in lieblicher 
Form in Jesu Wort von den Engeln der Kinder, und besonders 
verinnerlicht bei Paulus, wo der Geist Gottes unserem Geist be- 
zeugt, dass wir Gottes Kinder sind. So reichen diese naiven 
Vorstellungen bis weit in die theologischen Gedankengänge hinein; 
die ganze Erlösungs- und Heilslehre, sowie andererseits das In- 
spirationsdogma, steht und fällt in ihrer kirchlichen Form mit 



1. Der antike Volksglaube. 



der kindlichen antiken Psychologie. Wo wir den Erscheinungen 
des Unbewussten im Menschen staunend gegenüberstehen und 
auch hier gesetzmässige Zusammenhänge wenigstens ahnen, setzen 
die alten Christen sofort die übernatürUche Kausalität eines guten 
oder bösen Geistes ein. 

Hier sei nur nebenbei erwähnt, dass auch die Anthropologie 
der urchristlichen Laien — nicht gerade die des Theologen 
Paulus — den Zusammenhang mit dem antiken Volksglauben 
festhält, indem sie Materie und Geist noch in einander denkt. 
Die Seele, der Geist ist selbst etwas Körperliches, nur sehr viel 
feinerer Art als unser Fleisch und Blut. Der reiche Mann im 
Hades sieht, hört, dürstet, leidet Qual in der Flamme, obschon 
sein Leib im Grabe ruht. Der Taufsitte liegt, obschon vielleicht' 
nicht mehr bewusst, die Vorstellung zu Grunde, dass das Wasser 
mit dem Körper zugleich die Seele reinigt. Wie seltsam klingt 
eigentlich für unser modernes Denken das Wort Jesu: „Sorgt 
nicht für die Seele, was ihr essen und trinken, und für den Leib, 
womit ihr euch kleiden möget." Auch die Erscheinungen des 
Auferstandenen mit ihrem Zwittercharakter visionärer und grob- 
sinnlicher Züge sind verständlicher vom Hintergrund dieser noch 
nicht streng dualistischen Anthropologie aus. Paulus hat sich 
wohl als scharfer Denker hier um eine reinliche Scheidung von 
Leib vind Seele bemüht, aber das Ende seiner Arbeit ist doch 
nur der Begriff des geistigen Leibes, der immer noch den alten 
Ausgangspunkt verrät. 

Zur äusseren Natur und zum Geheimnis der Seele tritt end- 
lich das dritte grosse Reich des Wunders, das Geisterreich. Was 
uns heute zur toten Formel oder zum Spiel der freien Phantasie 
geworden ist, war für die Zeit des Urchristentums die höchste 
Realität, die das Leben beherrschte. Freilich haben Juden und 
Perser die Geister nach ethischem Massstab in Engel und Dä- 
monen eingeteilt, allein da sich der Satan in einen Engel des 
Lichts verwandeln kann, sind oft die Wirkungen der beiden 
Kreise zum Verwechseln ähnlich, und schliesslich bricht der ur- 
sprüngliche Gegensatz schädlicher oder nützlicher Geister selbst 
im NT hervor. Die Geister erfüllen die ganze obere Welt, das 
Luftreich, und wohnen doch zugleich auf der Erde und unter den 
Menschen. Alle Arten von Krankheiten , selbst Fieber oder 
Stummheit, am stärksten natürlich die Geisteskrankheiten, sind 
ihr Werk. Ein Geist kann mit sieben Genossen in einen Men- 



Die Voraussetzungen. 



sehen einkehren , oder gar mit einer ganzen Legion. Das Aus- 
treiben dieser schädlichen Gesellen geschieht selbst durch eine 
Geisteswirkung, durch Fasten und Entzauberung. Dagegen sind 
die hilfreichen Geister willkommene Erretter aus jeder Not und 
Mittler zwischen den Menschen und dem höchsten Gotte. In der 
Welt dieser Geistervorstellungen hat gerade Jesus vollkommen 
naiv gelebt. Er kämpft mit Satan und mit den Scharen Beelzebuls 
in der Einsamkeit der Wüste und mitten in den Wohnungen der 
Menschen und muss gewärtig sein , dass auf einmal der treueste 
Gefährte Organ Satans wird. Für Paulus sind es die Mächte und 
Gewalten und Kräfte, die ihn immer wieder von Gott trennen 
wollen, denen zum Trotz er sich so fest an Gottes Liebe klammern 
muss. Noch in einem seiner letzten Briefe erzählt er vom Herr- 
scher des Reiches der Luft, dem Geist, der jetzt noch wirkt in 
den Söhnen des Ungehorsams und ruft dann die Christen auf zum 
letzten Kampf nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die 
Herrschaften, die Mächte, die Weltherrscher dieser Finsternis, 
die Geisterwesen der Bosheit in der Himmelswelt. Was er dort 
den Christen als Kampfmittel empfiehlt, ist der grossartige christ- 
liche Ersatz für die antiken Zauberformeln. Die spätere Kirche 
hat sich die Macht Roms und des Heidentums nur durch die 
Annahme der Dämonen erklären können. Die klare Scheidung 
der guten und bösen Geister ist dabei überall aufgetragen auf der 
Grundlage der antiken Geistervorstellung. 

Nichts ist leichter als der Nachweis, dass alle diese Vor- 
stellungen von der bezauberten AVeit mit ihren drei Wunder- 
reichen weder etwas spezifisch Christliches, noch etwas Jüdisches 
sind, sondern einfach dem antiken Volksglauben — und nicht 
ihm allein — gehören. Den alten Christen selbst war die Ge- 
meinsamkeit ihres Glaubens mit dem der Heiden ganz bewusst. 
Eben deshalb haben sie in ihrer Apologetik alle diese Elemente 
so reiclüich verwendet. Da werden die Mythen und Wunder 
Jesu ganz unbefangen mit denen der Griechen in Parallele ge- 
stellt (vgl. zuerst Justin, I. Apologie c. 21 u. 22). „Wenn die 
Christen Heilungen Lahmer und Paralytischer und von Geburt 
Kranker und Totenerweckungen erzählen, so ist das alles ähn- 
lich dem, was von Asklepios geschehen sein soll." Der Glaube 
an die Auferstehung Jesu hat auf jüdischem Boden seine Pa- 
rallele am Gerücht vom auferstandenen Täufer Johannes, auf 
heidnischem am Glauben an den vom Blitz getroffenen und gen 



2. Das Judentum. 



Himmel gefahrenen Asklepios. Für die wunderbare Geburt des 
Gottessohnes haben in entgegengesetzter Absicht Freunde und 
Feinde des Christentums die Parallelen der Entstehung heid- 
nischer Göttersöhne herbeigezogen. Wennschon Jesus seine 
Dämonenaustreibungen neben die jüdischer Exorzisten stellte, 
so war doch diese Kunst nicht jüdisch, sondern antik. Der Jude, 
den Celsus gegen die Christen einführt, erwähnt ägyptische 
Goeten, also Heiden, die für wenig Obolen Teufel austreiben, 
Krankheiten wegblasen, Seelen Gestorbener citieren etc. Das- 
selbe gilt von dem Vorhersagen künftiger Ereignisse. Wenn 
schon im NT Christen vor Heiden den sog. Weissagungsbeweis 
führen, so setzen sie bei ihren Gegnern die Hochschätzung der 
Mantik voraus. So allgemein eingebürgert war der Glaube an 
die Ekstase als Götterwirkung, dass die Apologeten erklärten, 
der Euhemerismus, d. h. die Herleitung der heidnischen Reli- 
gionen aus Menschenvergötterung, scheitere an der Thatsache 
der Orakel. Am allergrellsten aber leuchtet das Zusammentreffen 
der Christen und Heiden im Dämonenglauben bei der Kontro- 
verse des Origenes mit Celsus hervor. Beide stimmen völhg über- 
ein in der Annahme von Mittelwesen als Spendern aller Gaben, 
des Brotes, des Weines, des Wassers, der Luft-, nur sind es bei 
Celsus die Dämonen, bei Origenes die Engel. So schmal ist hier 
der Graben, der Freund und Feind des Christentums trennt. Es 
hat damals und zur Zeit Jesu kaum einen reinen Monotheisten 
gegeben. 

So bewährt es sich, dass der antike Volksglaube der Mutter- 
boden des Christentums ist. In all diesen Vorstellungen ist es ein 
Kind seiner Zeit, keine Offenbarung Gottes. Das Aufkommen 
der Wissenschaft hat dem antiken Glauben im Christentum den 
Boden unter den Füssen entzogen und damit den grossen Kon- 
flikt zwischen Glauben und Wissen heraufgeführt. Wenn wirklich 
der Glaube an die bezauberte Welt die Substanz des Christen- 
tums wäre, wie es viele seiner Verteidiger behaupten, dann wäre 
freilich unsere Religion dem Untergang geweiht. 

2. Das Judentum. 
Zweifellos steht das Christentum zum Judentum im Ver- 
hältnis der allerengsten Verwandtschaft, jedoch zugleich im 
stärksten Gegensatz. Was hat es vom Judentum übernommen? 
was abgestossen? Abgestossen hat es die jüdische Idee, den 



8 Die Voraussetzungen. 



Centralgedanken des Judentums. Zu allen anderen Elementen 
steht es in positivem Verhältnis, obschon jene Abstossung eine 
innere Umwandlung des Ganzen zur Folge hat. 

Was ist die jüdische Idee? Es ist die juristisch nationale 
Auffassung der Religion, wie sie nirgends in der Welt so schroff 
zur Ausbildung gelangte. Im allgemeinen gilt den Juden die 
Religion als Verfassung, nomos, die zwischen einem Gott und 
einem Volk genau festgestellt ist. Die wahre Religion im Gegen- 
satz zu allen falschen Rehgionen der Völker ist die jüdische Ver- 
fassung, Der Gott der Welt, so heisst es, hat Israel allein seine 
Verfassung geschenkt, um ihm, falls die Israeliten treue Bürger 
dieser Verfassung sind, die Welt zum Erbe zu schenken, sodass 
alle anderen Völker Israels Verfassung annehmen und seine 
Unterthanen werden. Das ist, in der Schulsprache ausgedrückt, 
das formale Prinzip des Judentums. Das materiale ergiebt sich 
aus dem Inhalt dieser Verfassung. Sie ist nämlich nichts anderes 
als die als Gottes Gebot betrachtete jüdische Stammessitte, d.h. 
die Summe aller kultischen, rechtlichen, sozialen Eigentümlich- 
keiten, wodurch sich die Juden im Lauf der Zeit von ihren 
Nachbarn zu unterscheiden glaubten. Die Beschneidung, kühn 
und unhistorisch — das wissen schon die alten Christen — als 
Stammeszeichen gewertet, stand da voran. Dann folgten die 
Vorschriften über die Steuern an Gott und seine heiligen Diener, 
das Ceremoniell des Verkehrs und der Huldigung am heiligen 
Ort, das Straf- und K"ompensationsrecht, Sittenmandate etc. 
Das alles zusammen war die unendlich komplizierte heilige Ver- 
fassung, an die Gott sich und sein Volk gebunden hatte. Religion 
haben hiess Bürger dieser Verfassung sein, zur jüdischen Kirche 
gehören. 

Denn die Kirche ist das einfache Korrelat dieser Verfassung. 
Es ist genau dasselbe , wenn man das Judentum Kirche und 
wenn man es Verfassung nennt. Die Kirche ist die Verwirk- 
lichung der zunächst nur theoretischen Verfassung. Zu allen 
Zeiten hat die Kirche nie wahre Frömmigkeit des Einzelnen aus- 
geschlossen, aber das Hauptgewicht legt sie auf das Gemeinsame, 
und zwar das gesetzlich kodifizierte Gemeinsame. Die Kirche ist 
Religion als geistlicher Staat. Das war die Lage des Judentums 
vom Exil an , dass es nur als geistlicher Staat existieren konnte 
inmitten der Weltreiche. Zur Zeit Jesu galt die Religion als 
Verfassung und als Kirche. 



2. Das Judentum. 



Bekanntlich ist Jesus nicht als Gegner des Gesetzes oder 
der Kirche aufgetreten, sondern als Feind der Schriftgelehrten 
und der Pharisäer. Das hat seinen einfachen Grund, weil sie die 
sichtbaren Vertreter der jüdischen Verfassung sind. 

Denn diese Verfassung verlangte genaue Kenner, Ausleger 
und Weiterbildner. Sie war nichts ein für allemal Fertiges, son- 
dern im AVerden begriffen. Nur ein Teil war aufgeschrieben in 
der Thora; das Meiste, ja gerade das Gewohnheitsrecht, wurde 
mündhch tradiert. Und das Aufgeschriebene selbst redete in 
einer toten Sprache. Zudem war das Ganze so ungeheuer kom- 
pliziert und gelehrt. Daher die Notwendigkeit einer gelehrten 
Kaste, der Theologen, die freilich mehr Juristen waren. Es war 
ein abgeschlossener Stand, in den man nach langer Schulung zu 
den Füssen gefeierter Meister und nach würdiger Ordination ein- 
trat, um ihm sein Leben lang anzugehören. Sein Ansehen war 
das denkbar Höchste: Die Schriftgelehrten waren die Mittler 
und Offenbarer Gottes, die einzige lebendige Autorität an Gottes 
Statt. Alle anderen waren Laien, Unmündige, so auch Jesus. 
Daher sein Kampf. 

Es kam nun darauf an, diese gelehrte Verfassung dem Volk 
einzuprägen. Das Avar das Ziel der pharisäischen Propaganda. 
Die Pharisäer wollten die Verfassung, welche die Schriftgelehrten 
zunächst rein theoretisch herausdestillierten, praktisch zur Herr- 
schaft und lückenlosen Geltung bringen. Praktischer Eifer, Vor- 
bildlichkeit, wirken und drängen, aufpassen und richten kenn- 
zeichnet sie. Zur Zeit Jesu stellten sie sich öffentlich als die 
Musterknaben der Religion hin. Wer nicht auf ihre Propaganda 
einging, der galt als Sünder oder „Amhaarez", „Landvolk", das 
das Gesetz nicht kennt. 

Die Pharisäer sind die VeranschauHchung der jüdischen 
Verfassung. Ein ganz bestimmtes Lebensideal wird durch sie 
dargestellt. Man hat es am besten vor sich, wenn man achtet auf 
ihre Betrachtung der Dinge in der Welt, die Taxierung der 
Handlungen und die Bestimmung des Menschen. 

Alle Dinge draussen in der Welt sind entweder rein oder 
unrein, heilig oder profan. Pflicht des Frommen ist es, sich von 
allen unreinen Dingen, Speisen, Gefässen etc. rein zu halten. 

Die menschlichen Handlungen haben verschiedenen Wert vor 
Gott. Gott besonders wohlgefällig sind alle Extrawerke, beson- 
ders kultische Handlungen, opfern, verzehnten, fasten, wallfahren. 



10 Die Voraussetzungen. 



Die Bestimmung des Menschen ist Heiligkeit. Der Mensch 
steht Gott am nächsten, der sich von Zöllnern, Sündern, Samari- 
tern fernhält und der argen Welt den Abschied giebt. 

Es leuchtet schon hier ein, dass Jesus, wenn er gegen 
Schriftgelehrte und Pharisäer gekämpft hat, indirekt sich gegen 
die ganze jüdische Idee, Verfassung und Kirche erhob, und dass 
Paulus Jesus verstand, wenn er sagte: Christus ist das Ende 
des Gesetzes. 

Dabei ist es besonders lehrreich zu sehen, wie der Laie Jesus 
und der Schriftgelehrte Paulus bei ihrer Kritik die verschiedenen 
Seiten der jüdischen Idee bekämpfen und sich so ergänzen. Jesus 
empört sich über den Inhalt des jüdischen Lebensideals, die ent- 
setzliche Yeräusserlichung der Religion, da die Hauptsache ganz 
verschüttet ist unter Heuchelei und Thorheit. Paulus dagegen 
wendet sich gegen die Form der jüdischen Religion, die für Lohn- 
diener und Sklaven passt und das wahre religiöse Verhältnis, die 
Gotteskindschaft, umkehrt. Beides zusammengenommen ergiebt 
erst die vollständige Kritik der jüdischen Idee. 

AVenn nur nicht dann dieselbe jüdische Idee in christlicher 
Modifikation eine neue grossartige Herrschaft über die Jahr- 
hunderte angetreten hätte! 



Die jüdische Rehgion besass aber selbst in der Zeit ihrer 
Entstellung Vorzüge, wie keine andere Religion der Erde. Das 
Christentum konnte allein auf dem jüdischen Boden entstehen, 
da nirgends sonst ein solcher Gottesglaube, eine solche ethische 
Lebensrichtung und eine solche Zukunftshofifnung verheissungs- 
voll neben einander lagen und nur warteten auf die Zusammen- 
fassung und Erhebung zur Weltreligion. 

Es gilt, die Eigentümlichkeit des jüdischen Gottesglaubens 
klar zu erfassen. Der Monotheismus kann sie nicht sein. Er 
war längst das Gemeingut der aufgeklärten griechischen Welt 
geworden, soweit sie religiös empfand, und er war in Israel selbst 
mit einem Engelglauben zersetzt, der seinen polytheistischen Ur- 
sprung deutlich zeigt. Man lese z. B. den Kolosserbrief, um 
sich von der Schwäche des jüdischen Monotheismus ein Bild zu 
machen, ganz abgesehen vom griechischen Prolog des 4. Evange- 
liums, der neben „den" Gott „einen" Gott, Logos, stellt. Es ist 
aber auch nicht der einfache Vorsehungs- und Vergeltungs- 



2. Das Judentum. W 



glaube die Eigentümlichkeit der jüdischen Religion. Konnte es 
doch z. B. der christliche Apologet Lactantius als eine allen 
besseren Heiden geläufige Elementarwahrheit hinstellen, dass 
eine Vorsehung über allem Einzelnen walte. Wenn sich die 
Juden der Zeit Jesu die Welt so gern als eine von Gott ein- 
gesetzte und beaufsichtigte Hausordnung vorstellten, so brachten 
ihnen die Griechen nur das Wort entgegen : dioikesis. Erst der 
geschichtliche teleologische Charakter dieses Gottesglaubens 
kennzeichnet die jüdische Religion vor allen anderen. Während 
bei den Stoikern der Vorsehungsglaube sich auf die Naturordnung 
gründet, darauf, dass die Welt den Eindruck eines gesetz- 
mässigen vernünftigen Ganzen mache, erhebt er sich bei den 
Juden auf Grund der Thaten Jahwes, seiner Verheissung und 
seines Planes. Jahwe ist frei und an nichts als seinen Willen ge- 
bunden; darum wird hier die Religion nie Philosophie, sondern 
Glaube an den Gott, der Neues schafft. Nicht als der blosse 
Ordner und Beweger der Welt erscheint er hier, obschon das mit 
zu seinem Regiment gehört, sondern als der freie Schöpfer, der 
Schöpfer in jedem Augenblick. Alles ist Geschichte, auch die 
Natur. Wo der Gedanke eines notwendigen Geschehens erreicht 
wird, da wird er sofort als Prädestination, als That Gottes vor 
der Zeit vergeschichtlicht. Und selbst wo Mittelwesen einzelnen 
Provinzen dieser Geschichte vorstehen, da gelten sie nicht als 
halbwegs selbständige Potenzen, sondern als Vollstrecker der 
Befehle Gottes. Der Anfang der Thaten Gottes war die Welt- 
schöpfung, ihr Ende ist die Wiederherstellung Israels und der 
gefallenen Welt durch die gewaltsame Zertrümmerung der 
jetzigen schlechten Zustände. Zwischen Anfang und Ende steht 
eine ununterbrochene Kette von Gottesthaten. So gänzlich fern 
liegt der Gedanke, dass der Gott, der die neue Welt schafft, 
etwa ein anderer sei, als der, welcher die alte Welt erschuf, dass 
gerade die Apokalypsen mit Vorliebe den Schöpfergott besingen. 
Gerade der Apokalyptiker Johannes singt: „Würdig bist du 
Herr, unser Gott, zu nehmen Preis und Ehre und Gewalt; denn 
du hast alle Dinge geschaffen und durch deinen Willen waren sie 
und wurden geschaffen." Und echt jüdisch heissts im Hirten des 
Hermas: „Siehe, der Gott der Kräfte, der die Welt geschaffen 
und den Himmel befestigt und die Erde über den Wassern ge- 
gründet hat, siehe, er versetzt Himmel und Berge und Höhen und 
Meere, und Alles wird eben für seine Auserwählten." 



12 Die Voraussetzungen, 



Heute spricht man viel von der Transcendenz des jüdischen 
Gottesbegriffs, jedoch nicht immer mit genügender Vorsicht. 
Allerdings ist Gott dem Spätjudentum fern gerückt und geheim- 
nisvoll geworden. Das spürt jeder, der nach einander die Theo- 
phanien eines Jesaja, Hesekiel, Daniel, Johannes liest. Das be- 
weist auch die Scheu vor dem Aussprechen des Jahwenamens. 
„Dein Name werde geheiligt", d. h. mit Ehrfurcht des Unaus- 
sprechlichen gedacht, Engel stehen zwischen Gott und den Men- 
schen, ganze Hierarchien von Herrschaften und Gewalten und 
Thronen. Mit ihnen, statt mit Gott, hat es vielfach die lebendige 
Rehgion zu thun. Es finden sich Andeutungen, dass Gott sich 
erst in der Zukunft recht zeigen werde, dass er in der Gegen- 
wart gar nicht offenbar und zugänglich sei. Aus den Schriften 
des Paulus und des Johannes lässt sich das mehrfach beweisen. 
Für Paulus ist die ganze jetzige schlechte Welt von Gott ab- 
gefallen und von gottfeindhchen Mächten Sünde, Tod, Dämo- 
nen durchwaltet; der Satan heisst „der Gott dieser Welt". 
Erst in Kreuz und Auferstehung Jesu ist Gott und seine Liebe 
unleugbar klar geworden. Auch für Johannes heisst Satan 
der Fürst dieser Welt, und von Gott gilt, dass ihn nie jemand 
gesehen hat, auch nicht die Propheten des ATs; alle Kundgebung 
Gottes geschieht durch seinen Offenbarer Jesus, Das ist aller- 
dings vollkommene Transcendenz des Gottesbegriffs. Allein zu 
denken giebt, dass Paulus wie Johannes Theologen sind, nicht 
einfache Vertreter des Volksglaubens, und dass beide als christ- 
liche Apologeten ein Interesse daran haben, die Welt ohne 
Christus recht weit von Gott wegzurücken. Für den Laienglauben 
zur Zeit Jesu ist damit nichts bewiesen. Wenn uns bei Jesus 
ein Gottesglaube von unerhörter Frische und Unbefangenheit 
entgegentritt, der nirgends mit dem Anspruch der Neuheit ver- 
knüpft ist, so müssen starke Anknüpfungen im Judentum schon 
vorgelegen haben. Der Nachweis ist aucli nicht schwer. Für 
Jesus ist es Gott, der Regen und Sonnenschein giebt, der die 
Vögel speist und die Blumen kleidet, der alle Gebete erhört, der 
die Sperlinge auf dem Dache schützt und noch viel mehr die 
Menschen. Das ist Psalmenfrömmigkeit, Die Psalmen Salomos, 
die aus der Zeit des Pompejus stammen, sind das nächste Doku- 
ment dafür; der kanonische Psalter ist seiner Hauptmasse nach 
nicht viel älter. Diesen einfachen, kindlichen Gottesglauben 
setzt Jesus als Gut der Kreise voraus, an die er sich wendet, und 



2. Das Judentum. 23 



er weiss nichts von Transcendenz. Nur ist dieser Glaube stark 
national beschränkt gewesen. Der Herr Himmels und der Erde 
war der Vater Israels; nur der Jude darf zu „unserem Vater" 
beten. Das war kein Schade; die Schranke dieses Gottes- 
glaubens war auch ein Zeichen seiner Wahrheit und Kräftigkeit. 
Hauptsache war auch in den schlichten Laienkreisen, dass dieser 
Gott, von dessen Thaten und Gaben alle Welt lebt, versi^rochen 
hat, das Gottesreich zu gründen und sich erst recht zu manife- 
stieren als der Gott der That, der nur an sein Wort, aber an keine 
Naturordnung gebunden ist. 

Der zweite grosse Vorzug der jüdischen Rehgion ist ihr 
sittlicher Charakter. Jahwe war nicht nur der Gott der Thaten, 
sondern der strenge sittliche Gott, der durch seine Person die 
unauflösliche Zusammengehörigkeit von Glauben und Leben 
verbürgte. Was darin Grosses enthalten liegt, das haben sich 
die Juden wie die ältesten Christen klar gemacht, indem sie die 
homerischen Götter mit ihrem Jahwe verglichen. Sie wussten 
selbst, dass die Arbeit der griechischen Denker und Dichter eine 
grosse Reinigung und Versittlichung des Götterglaubens erstrebt 
hatte, aber sie durften das ignorieren, da der Einfluss Homers 
nie aufhörte und für sie nur mit dem Einfluss ihrer Bibel ver- 
gleichbar war. Fehlte es auch dem Jahwe des ATs nicht an Zügen, 
die verrieten, dass er nicht von Anfang an seine ganze sittliche 
Hoheit besass, so traten sie doch in der grossen Schriftensamm- 
lung hinter seinem ethischen Charakter als etwas Verschwindendes 
zurück — freilich immer noch zu sichtbar für die gnostischen 
Kritiker — oder sie wurden, einmal bemerkt, sofort durch die 
Exegese, besonders die allegorische, von allem Widerspruch mit 
dem sittlichen Bewusstsein freigesprochen. Ging doch die jü- 
dische Theologie darauf aus, den Anstoss der Anthropomorphis- 
men zu beseitigen, da diese ihr bereits als eine Beeinträchtigung 
der Reinheit des Gottesbegrififs erschienen. 

Es ist eine Folge des streng sittlichen Charakters des jüdi- 
schen Gottes, dass der Kultus in dieser Religion gänzlich zurück- 
tritt hinter der Moral. Das lässt sich scheinbar nicht mit dem 
Gesetz vereinigen, dessen grösste Partien der Regelung des Kul- 
tus gewidmet sind, auch nicht mit der Praxis der Pharisäer, 
welche die kultischen Gebote über alle rein menschlichen Pflich- 
ten stellten. Allein es folgt schon aus der einfachen Thatsache, 
dass die Aufhebung des Kultus in Jerusalem für das Judentum 



14 Die Voraussetzungen. 



SO gut wie nichts bedeutete, sowie aus der anderen, dass unter den 
Christen gar nie über Kultusfragen, auch nicht über das Fern- 
bleiben vom Kult gestritten worden ist. Weder der Gott brauchte 
die Opfer, noch seine Verehrer; höchstens die Priester hatten 
Freude, wenn ihnen in Gestalt der Opfer reichliche Steuern zu- 
kamen. Legte man in frommen Kreisen auf den Kultus Ge- 
wicht, so geschah das einfach um des Gehorsams willen, weil er 
nun einmal als Gotteswerk befohlen war. Er war ein Teil des 
Willens Gottes, dessen strenge und pünktliche Befolgung nach 
dem Ritual unter allen Umständen , einfach als sittliche Unter- 
werfung, Gottes Gunst herbeizog. Aber er war nicht die Haupt- 
sache dieses göttlichen Willens. So oft Jesus den Ausdruck 
„Gottes Willen thun" braucht, niemals denken er und seine Zu- 
hörer an das Opfern, sondern an die Regelung des täglichen Le- 
bens, die Moral. Als Paulus auf griechischem Boden seine Ge- 
meinden gründete, spürte er erst, wie fern den Griechen das ihm 
Selbstverständliche lag. Ihnen war die christliche Gemeinde ein 
Kultverein analog den anderen Kultvereinen. Weder schloss er 
die Teilnahme an anderen Kulten ohne weiteres aus, noch be- 
deutete er eine Verpflichtung für das neben den Gottesdiensten 
liegende Leben. Es war daher eine Hauptaufgabe der christ- 
lichen Lehrer, den kultischen Vorschriften des ATs, der Heili- 
gung, einen einfachen moralischen Sinn unterzulegen. 

Allerdings bietet uns die jüdische Moral ein gänzlich wider- 
spruchsvolles Bild dar, in dem neben anmutigen und sympathi- 
schen Zügen auch die hässHchsten nicht fehlen. Zu den un- 
sympathischen gehört die Voranstellung des Sündemeidens vor 
das Gutesthun, die Gleichstellung sittlich indifferenter und wert- 
voller Gebote, die äusserliche Summierung der Pflichten ohne 
Konzentration, das Interesse an den sexuellen Fragen, die Ka- 
suistik, die Lohnsucht. Nicht umsonst konnte der Jude im Phari- 
säer sein Muster erblicken ; der Pharisäer trieb nur das auf die 
Spitze, dem die Durchschnittsmoral der Frommen selbst zu- 
strebte. Das umsomehr, weil alle Ansätze dazu im geschriebenen 
Gesetz selbst enthalten sind. Es ist die Richtung des Priester- 
kodex, die sich im Pharisäismus vollendet. Aber dieser Umschlag 
der Moral in ihr Gegenteil ist doch wieder nicht das Einzige, was 
wir am Spätjudentum wahrnehmen. Es steht eben nicht so, dass 
Jesus durch den Gegensatz gegen die Pharisäer zu seiner Ver- 
einfachung der Forderung gekommen ist. Was er verkündete, 



2. Das Judentum. J5 



hätte er genau so ohne Rücksicht auf die Pharisäer gesagt, und 
wieder nicht als reine Neuerung, sondern als das Gesunde, Lebens- 
kräftige, das er schon vorfand. Auch hier fehlt es uns nicht an 
Belegen auf jüdischem Gebiet, Die Moral der Psalmen, der Pro- 
verbien, des Siraciden weist nach dieser Richtung; die Grund- 
schrift der Testamente der zwölf Patriarchen bietet ebenfalls 
Verwandtes. Selbst eine christliche Schrift wie der Jakobusbrief 
lebt weniger direkt vom Evangelium Jesu, als von der schlichten 
jüdischen Volksmoral. Einmal treffen wir hier überall eine un- 
geheure Einfachheit der Forderung, fast nichts Ceremonielles 
oder national Beschränktes. Dem Versucher in der Wüste hält 
Jesus die allereinfachsten Worte des Deuteronomiums entgegen. 
An entscheidenden Punkten seiner Wirksamkeit beruft er sich 
auf den Dekalog, oder die Liebesgebote, auf das, was jeder kennt 
und für selbstverständlich hält. Das setzt doch voraus eine Er- 
ziehung in völlig gesunder sittlicher Luft. Sodann ist selbst die 
Verinnerlichung der Forderung, das Drängen auf die Gesinnung 
nichts schlechthin Neues bei Jesus. Legt doch selbst der Talmud 
auf die Gedankensünden Gewicht, und nur zu sehr. Die Testa- 
mente, die beiden Wege, die Gebote des Hermas — lauter 
Schriften, die nicht direkt von Jesus abhängig sind — betonen 
die innere Reinheit und Schlichtheit gerade so gut wie die äusseren 
guten Werke. So fehlt es an Parallelen zur Bergpredigt wahrlich 
nicht. Es bleibt immer noch genug Grosses und Schöpferisches 
am Werk Jesu, wenn man frei zugiebt, dass er nur auf jüdischem 
Boden möglich war und hier wackere Vorarbeit vorfand. Wie 
hoch muss die Sittlichkeit eines Volks stehen, wenn es in so ent- 
schlossener Weise über die äussere Legalität hinaus der Läute- 
rung des Innenlebens zustrebt! 

Ist nicht am Ende auch die jüdische Lohnsucht die Ver- 
zerrung eines wahren und grossen Gedankens, dass das Thun des 
Guten unter allen Umständen seine Frucht bringen muss. So 
lange es feststeht, dass Jesus gesunder war als unsere heutige 
Schulweisheit, giebt es zu denken, dass er das Lohnschema nicht 
bekämpft, sondern sich seiner bedient hat. Es gab doch der 
guten Ueberzeugung Kraft, dass faule Frömmigkeit etwas 
Schlechtes sei und dass Gott sich nicht betrügen lasse. Aber 
freilich hat Jesus dabei den Gerichtsgedanken so in den Vorder- 
grund gestellt, dass der Eudämonismus durch den furchtbarsten 
Ernst geläutert wurde. 



X6 Die Voraussetzungen. 



Damit stehen wir schon bei dem dritten grossen Geschenk, 
welches das Judentum dem Christentum vermacht hat, derEscha- 
tologie. Wie sich die Entstehung der neuen Rehgion nicht denken 
lässt ohne die jüdische Reichsgotteshofifnung, so behauptet sie in 
dem grossen Kamjaf mit dem römischen Staat den Sieg nur durch 
die jüdische AuferstehungshofFnung. Wie stark sich die ältesten 
Christen gerade an diesem Punkt den Juden zu Dank verpflichtet 
wussten, zeigt die Thatsache, dass sie in keinem NTlichen Buch 
gegen die jüdische Hoffnung polemisierten und dass sie jüdische 
Apokalypsen ohne Zusatz als christliche behandeln konnten. 

Was für ein Wirrwarr eschatologischer Vorstellungsmassen 
gleichzeitig und oft in einem Menschen Platz hatte, sieht jeder 
am einfachsten am NT. Wir haben eineEschatologie der Synop- 
tiker, und zwar eine doppelte (Mc 13 Lc 16), eine Reihe schein- 
bar sich widersprechender Eschatologien bei Paulus (I Thess 4 
II Thess 2 I Kor 15 II Kor 5 Rom 11 Phil 2), ein ganzes Bündel 
von Eschatologien in der Apokalypse, endhch eine besondere 
Abart im II. Petrusbrief. Und wer gar die jüdischen Apoka- 
lypsen aus der Zeit vor und nach Jesus durchgeht, kann kaum 
zwei ganz gleichartige Zukunftsentwürfe finden. Anders dachten 
die Gelehrten und anders das Volk, anders die Diasporajuden 
und anders die Palästinenser. Für unseren Zweck genügt es, die 
einzelnen Gruppen dieser Vorstellungsmassen ins Auge zu fassen. 

Das grosse Hauptstück der Eschatologie ist — zumal für 
die seit den Makkabäerkriegen patriotisch erregten Volkskreise 
— die nationale Hoffnung. Israel und die Völkerwelt heisst das 
Thema. Das Volk Gottes, das die Verheissung empfing, und das, 
ihr zum Trotz, tief geknechtet den Heiden, den Königen der 
Erde, der Stadt Babylon dient, soll befreit und zur Weltherr- 
schaft an der Spitze der gedemütigten Nachbarvölker erhoben 
werden. Gerade die Hauptbegrifi'e des NTs, Reich Gottes und 
Messias, gehören diesem politischen Vorstellungskreis an. Zu- 
erst kommt die grosse Schreckenszeit, die Zeit der Drangsal und 
Versuchung, wo Israel noch tiefer erniedrigt wird und die Heiden 
die heilige Stadt und den Tempel aufs äusserste bestürmen, zu- 
weilen angeführt vom Antichristen, dem gottfeindlichen teuf- 
lischen König der Endzeit. In der allerhöchsten Not kommt 
Gott zu Hilfe, zerschmettert die Feinde und richtet das Gottes- 
reich auf. Das Gottesreich ist dabei immer als Staat gedacht im 
Gegensatz zu den Reichen der Könige der Erde, oder der 



2. Das .Tudentuifl. \^ 



Dämonen. Sein Ort ist die Erde, genauer Palästina mit der 
Hauptstadt Jerusalem. Sein Inhalt: Israels Weltstellung. Die 
Feinde und Tyrannen sind entweder ausgerottet, oder zu Israels 
Sklaven erniedrigt, die ihren Tribut nach Jerusalem bringen und 
Israels Verfassung annehmen. Dagegen sind nun die Patriarchen 
und die Frommen Israels, besonders die Märtyrer, auferstanden, 
um teilzunehmen an den Freuden des Reichs. Dessen Dauer wird 
mehr und mehr auf ewig gedacht. Entweder gilt Gott selbst als 
der König, oder er hat den Messias, den legitimen Davididen, 
zum König erhoben, damit er sein Volk richte, d. h. regiere, in 
Gerechtigkeit. AVar noch in älteren Schriften eine Fortsetzung 
der davidischen Dynastie in Aussicht genommen, so nehmen die 
jüngeren das ewige Regiment des einen Davididen an. Das ist 
nun Alles eine Fortführung irdischer Verhältnisse in etwas 
höherem, geistlichem Stil. Eine jüdisch patriotische Utopie Hesse 
sich dies Zukunftsbild nennen. 

Es ist aber für die Zeit Jesu bezeichnend, dass diese poli- 
tische Erwartung selten für sich allein steht, sondern sich ge- 
wöhnlich die Verbindung mit ganz andersartigen Elementen ge- 
fallen lassen muss, mit der kosmischen und mit der individuellen 
Eschatologie. Dem Thema: Israel und die Völker treten zur 
Seite die zwei grossen Fragen nach dem Schicksal der Welt und 
dem Schicksal der einzelnen Seele. Sie sind für die neue Religion 
besonders wichtig, weil diese zwar an der nationalen Eschatologie 
entstand, aber sich schnell davon befreite und den andern Pro- 
blemen zuwandte. Einmal werden im Spätjudentum immer mehr 
die Natur, auch die himmlische, und die Geister in das geschicht- 
liche Drama mit hineingezogen, bis zuletzt — auf eine noch nicht 
ganz klare Weise — die Vorstellung von der wesentlichen Aehn- 
lichkeit der Zukunft mit der Gegenwart Platz macht der Vor- 
stellung vom neuen Aeon , der in grossen Hauptstücken das 
Gegenteil der jetzigen Welt sein soll. Hier Tod, dort ewiges 
Leben, hier Fleisch, dort Geist, hier Sünde, dort Unschuld, hier 
Gottesferne, dort Schauen Gottes. Dabei ist das Schicksal der 
ganzen Kreatur und der ganzen Menschheit ins Auge gefasst, so 
dass Israels Glorie nur als ein Spezialfall erscheint. Freilich 
zeigt sich dabei auch, wie unfähig der Jude ist, aus der sinn- 
lichen Vorstellungswelt herauszukommen, da sich ihm das Jen- 
seitige nie als das Geistige in unserem Sinn, sondern immer als 
das Hyperphysische darbietet. 

Wer nie, Anfänge. 2 



18 Die Voraussetzungen. 



Sodann ist jetzt auch Freiheit gewonnen für das Nachdenken 
über das Schicksal des Einzahlen. Neben die Hoffnung auf das 
Reich Gottes tritt diejenige auf die Soteria, zunächst die Rettung 
des Einzelnen im grossen Endsturm, dann aber auch seine Selig- 
keit. In verschiedener Weise bewegt man sich demselben Ziel 
zu. Entweder man schliesst sich den Vorstellungen von der 
Totenauferstehung und vom Weltgericht an, und betont dabei 
besonders das Urteil Gottes über die einzelne Seele, die jetzt mit 
dem Ertrag ihres ganzen Lebens vor Gott erscheint, um ewige 
Freude oder ewige Qual zu empfangen. In diesem Fall genügt 
für den Zustand bis zur Auferstehung die alte Vorstellung vom 
Dämmerleben der Seele im Scheol. Oder aber man lässt das 
kräftige Licht des Vergeltungsglaubens sofort in den Hades 
hineinleuchten, so dass Tod und Gericht für den Einzelnen zu- 
sammenfallen, und Gehenna und Paradies sich in die Verstor- 
benen teilen ohne erst zu warten auf das Weltgericht. Nur 
muss dann in diesem Fall die Seele selbst als ein sinnhches, für 
körperliches Leid und Lust empfänghches Wesen betrachtet 
werden. 

Klarheit und Einigkeit giebt es hier nicht. Die Vorstellungen 
sind schon ihrem Ursprung nach viel zu verschieden, als dass sie 
je recht zu einander passen könnten: Gerichtspredigt der Pro- 
pheten und patriotische Begeisterung, uralter Animismus, vom 
Vergeltungsdogma umgestaltet, vielleicht persische Beiträge von 
Auferstehung und neuer Welt. Wohl fehlte es nicht ganz an 
Versuchen der Systematisierung. Der Chiliasmus unserer Apo- 
kalypse, Verwandtes in 4. Esra und Baruch gehören dahin. Da 
erhält zuerst die nationale Hoffnung ihr Recht, um hernach durch 
die letzte Katastrophe, allgemeine Totenauferstehung und AVelt- 
gericht, zum Provisorium herabgesetzt zu werden, auf das erst 
die neue Welt folgt. Aber für Jesus fallen das Reich Gottes 
und die neue Welt zusammen, da giebt es kein Provisorium, son- 
dern die innigste Verschmelzung irdischer und transcendenter 
Züge. 

Hauptsache war überhaupt nicht das Wie? sondern das 
„Dass". Israel besass die Religion der Hoffnung, wie nicht ent- 
fernt ein anderes Volk. Mit dem gleichen Ruf: „Das Reich muss 
uns doch bleiben," mit dem das Christentum entstand, ging Israel 
selbst in seinen Vernichtungskampf und nach diesem in seine 
Verödung. Das Reich selbst aber, das wusste jeder Jude und 



3. Der Zeitpunkt. Jt) 



jeder Christ, steht in Gottes Hand allein. Gott giebt es, wann er 
will. Die Menschen können es nicht herbeiführen. Nie, in jü- 
dischen wie in christlichen Schriften, ist der Gedanke auch nur 
gestreift, dass das Handeln der Menschen, ihre Arbeit oder ihre 
Frömmigkeit das Gottesreich hervorbringen könne. Des Men- 
schen Aufgabe ist Passivität, das Harren und Hoffen, die ernste 
Vorbereitung. Zwischen dieser und jener Welt stehen die Kata- 
strophen und Wunder, die Totenauferstehung und das Welt- 
gericht. Es ist dabei einerlei, ob für die populäre Betrachtung 
Diesseits und Jenseits im Verhältnis von Leistung und Lohn, oder 
für die tiefere Ansicht im Verhältnis von Saat und Ernte stehen. 
Gewahrt bleibt in jedem Fall der streng supranaturale Charakter 
der Verheissung. 

Die ältesten Christen haben ihre Abhängigkeit von der jü- 
dischen Religion deutlich empfunden und ausgedrückt. Sie 
nannten ihren Gott den Gott der Väter, erklärten das AT für 
ihr heiliges Buch, legten die Prophetien und Apokalypsen ihrer 
Hoffnung zu Grunde. Nur die jüdische Idee, das Gesetz, haben 
sie nach kurzem Schwanken entschlossen abgelehnt, aber selbst 
dies mit Hilfe der allegorischen Erklärung, die sie über den 
Abfall hinwegtäuschte. Aber vom 2. Jahrhundert an sehen wir 
dann grosse Richtungen auseinandergehen. Die eine macht mit 
dem Satz, dass die Christen das wahre Israel seien , praktisch 
ernst, um schliesslich im römischen Katholizismus ein neues 
Wiederaufleben der jüdischen Kirche herbeizuführen. Die andere 
Richtung wirft sich, teils rapid, teils allmählich, auf die Helleni- 
sierung des Christentums, seine Umbildung in griechische Philo- 
sophie und Mystik. Dabei zeigt es sich aber, dass die Ent- 
fremdung vom Judentum zugleich eine Entfremdung vom Evan- 
gelium bedeutet, welches mit dem Judentum gemein hat, 
praktische, sittliche Religion zu sein. 

8. Der Zeitpunkt. 
Wenn die alten Christen behaupteten, Jesus sei in der Welt 
erschienen , als die Zeit erfüllet war, so dachten sie dabei gar 
nicht an eine besonders günstige Konstellation der Weltlage, 
sondern einfach an den Ablauf der ihnen selbst unbekannten 
apokalyptischen Frist, die Gott beschlossen hatte dem Ende 
vorausgehen zu lassen. Auch der Historiker hat mit solchen 
Sätzen über die Notwendigkeit geschichtlicher Erscheinungen 



20 t^ie Voraussetzungen. 



besonders sparsam umzugehen. Kann er auch im allgemeinen 
nachweisen, dass die Bedingungen zu etwas vorhanden waren, 
so kommt er damit nicht über die abstrakte Möglichkeit hinaus. 
Wer sagt denn, dass die Bedingungen Jahrzehnte früher oder 
später noch nicht, oder nicht mehr dagewesen sind? Dem Nach- 
weis, dass die Zeitlage der Verbreitung des Evangehums be- 
sonders günstig gewesen sei, hesse sich fast mit gleichem Recht 
der Gegenbeweis entgegenstellen, dass die Ungunst der Zeit 
schuld war an der schnellen Umbildung und Entartung des 
Christentums. Für uns genügt es hier, einige wichtige Merkmale 
der Lage des Judentums in der damaligen Welt hervorzuheben, 
ohne daraus Schlüsse über das Thatsächliche hinaus zu ziehen. 
Hieher gehört vor allem die Existenz einer im ganzen ein- 
heitlichen Weltkultur in den Mittelmeerländern und die Teilnahme 
der Juden an derselben. Zunächst zeigt es sich an der allge- 
meinen Herrschaft der griechischen Sprache, in die das AT über- 
setzt war, in der die Juden philosophierten, die Paulus redete und 
verstand, in der die meisten altchristlichen Schriften geschrieben 
wurden. Mit der Sprache ist sofort eine ungeheure Gemeinsam- 
keit des Denkens gegeben. Sie macht sich schon in der jüngsten 
Litteratur des ATs geltend, vor allem aber im alexandrinischen 
Judentum. Die Juden usurpieren die Formen der griechischen 
Litteratur bis zum Hexameter der Sibyllinen, dann die Begriffe, 
die ganze Aspiration der Philosophie. Kosmologie und Ethik 
werden zu Wissenschaften im griechischen Sinn ausgebaut; die 
"Allegorie wird das BindegHed zwischen jüdischem Wort und 
griechischem Geist. Schon bildet sich jüdische Apologetik und 
Polemik aus, die der späteren christlichen den Weg bereitet. Das 
Urchristentum ist hiervon wenig berührt, so lange es Palästina 
nicht überschreitet; auf Jesus hat der griechische Geist direkt und 
indirekt gar keinen Einfluss gehabt. Aber schon der grosse 
Missionar, der in mancher Hinsicht einen so antigriechischen, 
mindestens antiphilosophischen Instinkt verrät, kann die An- 
lehnung an griechische Begriffe gar nicht umgehen. Die Litte- 
ratur des nachapostolischen Zeitalters schlägt dann bewusst die 
Brücke zur Griechenwelt hinüber. Ausserdem war das jüdische 
Vereinswesen in der Diaspora, das dem christlichen voranging, 
eine Schöpfung des griechischen Geistes, der es verstand, in der 
grossen kosmopolitischen Zeit, da alle alten Bande sich lösten, 
die einzelnen Atome neu aneinander zu fesseln. 



3. Der Zeitpunkt. 21 



Zur Weltkultur gehört der Religionssynkretismus, bewusster 
durch die Propaganda der orientalischen Religionen, unbewusster 
durch die bunte Mischung aller Völker. Dem Christentum war 
auch das eine Vorbereitung. Es fragt sich nur, ob es nicht schon 
von Haus aus mit allen fremden Bestandteilen infiziert war, da- 
durch, dass das Judentum, aus dem es stammt, in den Zer- 
setzungsprozess hineingezogen wurde. Wenn wirklich babyloni- 
sche, persische, syrische, ägyptische, griechische Religion aus 
allen Seiten des Völkerchaos schon auf das Spätjudentum 
eingewirkt hätte, dann wäre dem Christentum schon durch seinen 
Ursprung der Weltcharakter auferlegt. Die Fragen sind heute 
kaum gestellt, sicher noch nicht beantwortet. Gewiss ist nur, 
dass Jesus und sein Evangelium aus dem Judentum allein ver- 
ständlich sind. 

Gerade für Jesus und sein Verhältnis zum palästinensischen 
Judentum lassen sich dafür andere genauere Bedingungen an- 
geben. Er trat auf im letzten Augenblick vor dem Untergang der 
Theokratie und vor der alleinigen Herrschaft der Rabbinen, die 
jenem folgte. Hier lässt sich in der That sagen, dass wenige 
Jahrzehnte später die Entstehung des Christentums undenkbar 
ist. Die politische Lage war hier von entscheidendem Einfluss. 
Das kleine jüdische Völklein hatte sich aus der Umklammerung 
durch die Weltreiche in einem grossartigen Freiheitskrieg los- 
gemacht, um bald darauf dem Geschick aller Mittelraeerstaaten, 
sich Rom zu beugen, zu verfallen. Es behielt aber den Fremden- 
hass und den Freiheitssinn und tröstete sich im Gedanken an seine 
glorreiche Zukunft. Aus diesen Stimmungen, Leidenschaften, 
Utopien entstand der letzte furchtbare Aufstand, der zur Ver- 
nichtung führte. Die Entstehungszeit des Christentums ist eben 
die Vorbereitungszeit dieses Aufstandes, kenntlich im NT selbst 
durch die Erwähnung der Zeloten, des GaHläerblutbades, der 
Pseudomessiasse. Und durch seine wichtigsten Schlagworte: Reich 
Gottes, Messias, ist das Evangelium, direkt mit dieser politischen 
Gährungszeit verwachsen. Es selbst geht dem Gericht des Jahres 
70 so voraus, wie einst die alte Prophetie dem Zusammenbruch 
der beiden Reiche Israel und Juda. 

Darnach haben wir uns die Stimmung der Juden vor dem 
Auftreten Jesu zu denken. Es war eine unheimliche und un- 
ruhige Zeit. Wohl fehlte es nicht an Krämerseelen und Welt- 
menschen, die, unbekümmert um die Zukunft, dem Nutzen und 



22 I^ie Voraussetzungen. 



Genuss des Augenblicks ergeben waren. Auf Schritt und Tritt 
begegnet Jesus diesem Diesseitsgeist, der die Zeichen der Zeit 
nicht kennt. Aber daneben eine Fülle von wartenden, ängstlichen 
und freudigen, der Zukunft begierigen Seelen. Es waren Männer 
und Frauen da, die Haus und Hof, Familie und Vaterland daran- 
zugeben im stände waren. Eine grosse Zeit, die ein Helden- und 
Märtyrergeschlecht im Schosse trägt. 

Alles das, was von Hoffnung, Sehnsucht, Ernst, Zorn in 
diesem Volke lebte, fasst sich zusammen und tritt als Johannes 
der Täufer auf. Er war der Zeitpunkt Jesu, Er rüttelte die 
Massen auf, wie kein Mensch zuvor. Seine Predigt ist uns nur in 
christlichen Worten überliefert und deshalb nicht genau bekannt. 
Zweierlei hat er zu stände gebracht: Ergab dem Gerichtsgedanken, 
der vergessen und unwirksam im grossen eschatologischen Wirr- 
warr lag, eine plötzliche Wendung nicht gegen die Heiden, son- 
dern die Juden selbst und erschütterte damit das kirchliche Sy- 
stem von Grund aus. Der Zorn Gottes fährt über Abrahams 
Kinder daher; es hilft gar nichts, zum heiligen Stamm zu gehören. 
Dadurch hat sodann der Täufer die aufregende Frage: was soll 
ich thun, um gerettet zu werden? vor jeden Einzelnen hingestellt. 
Diese Frage, mit der so viele zu Jesus kamen, ist für einen Juden, 
und nicht für ihn allein, das Gegenteil des Selbstverständlichen. 
Sie war Wirkung des Johannes. 

Direkt ist Johannes nur der Stifter einer Sekte geworden, 
die dem Einfluss der pharisäischen Richtung erlag. Die Taufe 
war der Eintritt, daran schlössen sich asketische Hebungen als 
Vorbereitung für das Gericht. Aehnliches war schon oft dage- 
wesen. Das Negative, das doch nicht aus dem Judentum heraus- 
führt, überwog bei Johannes. Er warf dem ganzen jüdischen 
Kirchenwesen das scharfe „Nein" entgegen. Jesus griff es auf 
und sagte das „Ja" dazu. 

Jesus selbst ist durch Johannes aufgerüttelt worden zum 
eigenen Wirken. Das war das Grösste, was Johannes that. 



23 



Die Entstehung der Religion. 

I. Jesus. 

1. Der Beruf. 

Das Christentum entstand dadurch, dass ein Laie, Jesus 
von Nazaret, mit einem mehr als prophetischen Selbstbewusst- 
sein auftrat und Menschen so an sich fesselte, dass sie über seinen 
schmachvollen Tod hinaus für ihn zu leben und zu sterben im 
stände waren. Jesus hat neue Werte geprägt, neue Gedanken 
in die Welt hinausgeworfen; aber einzig seine Person gab diesen 
Werten und Gedanken die Siegeskraft, mit der sie die Welt um- 
gestalteten. Männer machen die Geschichte und prägen den 
grossen geistigen Bewegungen ihren persönlichen Charakter auf. 
Wenn unser Jahrhundert Grund genug hatte, das zu lernen, so 
höre es endlich auch auf mit dem gedankenlosen Gerede von der 
Religion Christi, die jeder Christ sich erwerben solle. Als wenn 
seine Erlöserkraft, sein Selbstbewusstsein, seine königliche Demut 
in unseren kleinen Seelen wohnen könnten; ganz abgesehen da- 
von , dass sich niemand seine Lebensführung zum Vorbild nimmt. 
Der Unterschied des Propheten von den Gläubigen gehört zu den 
elementaren Merkmalen jeder Religion; die grossen geschicht- 
lichen Religionen haben ihn nicht beseitigt, sondern vergrössert 
und vertieft. Für das Christentum kann gar nie eine Zeit kom- 
men, wo irgend ein Christ die Bedeutung Jesu für die Christen 
gewinnt. 

Wo ist der Ausgangspunkt für die Untersuchung ? Nicht 
bei den Titeln Jesu; ihr Inhalt muss z. T. selbst erst klar werden 
aus dem Selbstbewusstsein. Nicht bei den Erzählungen von 
Taufe, Verklärung, Geburt; vielleicht sind diese nur Erklärungs- 
versuche der Gemeinde, Sondern von den Selbstaussagen und 
der Lebensführung Jesu ist auszugehen. 

Jesus tritt vor Menschen und sagt: dir sind deine Sünden 
vergeben! Er thut am Sabbat, was er will, und nennt sich Herr 
darüber. Als neuer Mose setzt er das: „Ich aber sage euch" 



24 üie Entstehung der Religion. L Jesus. 



dem Wortlaut des Gesetzes entgegen. Selbst ein Laie, setzt er 
sich an Stelle der Schriftgelehrten, erklärt den Laien, dass ihm 
alle Erkenntnis Gottes übergeben sei, und dass er sie ihnen mit- 
teilen wolle. Er sagt: Hier ist mehr als Jonas, mehr als Salomo-, 
der kleinste seiner Jünger ist mehr als Johannes der Täufer. Er 
ruft aus: Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte 
werden nicht vergehen. Die Mühseligen und Beladenen ruft er 
zu sich, dass er sie erquicke; sein Joch sollen sie aufnehmen und 
von ihm lernen. Umgekehrt erklärt er es für die allerschwerste 
unvergebbare Sünde, wenn jemand den heiligen Geist lästert, 
der durch ihn Wunder wirkt. Vor einzelne Menschen tritt er 
mit dem kurzen: Folge mir nach, und verlangt sofortigen Bruch 
mit dem bisherigen Lebensberuf. Alle sollen, wenn's an sie 
kommt, für ihn und seine Sache leiden und sterben können. Wenn 
jemand ihn vor den Menschen bekennt und leidet, so ist er am 
Gerichtstag der Fürbitte Jesu gewiss. 

Es ist klar, dass aus diesen Worten, die alle den Synoptikern 
entnommen sind und um so mehr bedeuten, weil Jesus hier nicht 
wie im Johannesevangehum sein Ich den Menschen aufdrängt, 
sondern eher verbirgt, ein übermenschhches Selbstbewusstsein 
I redet. Und dieses ist das Geheimnis der Entstehung des Christen- 
tums. Es muss vor allem als Thatsache gefasst werden, eine 
Thatsache, die Gehör und Ehrfurcht verlangt. 

Denn kaum wunderbarer als das hohe Selbstgefühl Jesu ist 
das scharfe Gefühl seiner Schranken. Jesus betet zu Gott als zu 
seinem Herrn und lehrt die Jünger zu Gott beten. Tiefste 
Demut und Unterwerfung vor dem Herrn Himmels und der Erde 
kennzeichnet ihn. Jesus lässt sich nicht gut nennen; Gott allein 
ist gut. Er weiss nicht Bescheid über die letzte Stunde; Gott 
allein kennt sie. Er darf die Ehrenplätze im Gottesreich nicht 
verteilen; das gehört Gott allein. Er nennt Gott den Richter, 
den allein der Mensch fürchten soll. In Gethsemane bittet er 
Gott um das Vorübergehen des Kelches, doch so, dass nicht 
sein, sondern Gottes Wille geschehe. Am Kreuz entquillt ihm 
nach der Ueberlieferung sogar ein Wort der Gottverlassenheit. 
So steht er durchaus als Mensch auf Seite der Menschen, im Ge- 
fühl des Abstandes, der alle Kreatur von Gott trennt. 

Die Kirche, im NT schon Johannes, hat ihre Ehrfurcht vor 
Jesus nicht auf die Aussagen seiner Niedrigkeit ausgedehnt, 
sondern im schroffsten Gegensatz zu Jesus die Attribute der 



1. Der Beruf. 25 

Sündlosigkeit und Gottheit aufgestellt, um von der Zustimmung 
dazu das Recht des Christennamens abhängig zu machen. Das 
hat schHesslich als Rückschlag zur Folge gehabt, dass den 
demütigen Worten Jesu allein geglaubt und den Hoheitsaussagen 
steigendes Misstrauen geschenkt wurde. Aber beide gehören zu- 
sammen. Das Wunderbare bei Jesus ist das Zusammensein des ,' 
übermenschlichen Selbstbewusstseins mit der tiefsten Demut vor, 
Gott. Derselbe Mensch, der ruft : Alles ist mir vom Vater über- 
geben worden, und niemand kennt den Vater als der Sohn, ant- 
wortet dem Reichen: Was nennst du mich gut? Niemand ist 
gut, als der Eine Gott. Ohne das Erste: ein Mensch, wie wir, 
ohne das Zweite ein Schwärmer. Jesus selbst hat sich als Mittler 
empfunden. Der Mittler ist durchaus Mensch, ohne Abzug, aber 
er hat von Gott einen besonderen Beruf und Auftrag an die 
Menschen bekommen, und dadurch überragt er sie. Dies Mittler- 
gefühl hat Jösus mit anderen seines Gleichen gemeinsam ; hat es 
bei ihm den höchsten Grad der Stetigkeit, Innigkeit und Wahr- 
haftigkeit erreicht, so kann doch keine Formel die Grenze setzen. 

Lassen wir die Form seines Berufsbewusstseins — das Mes- 
sianische — vorläufig ganz bei Seite, betrachten wir nur das 
„Dass" dieses Berufs. Was ist hier Grosses gegeben! Jesus ist 
ein schlichtes Kind seines Volks, ohne höhere Bildung und Kennt- 
nisse, vor allem kein Theologe. Bis zum 30. Jahr Handwerker, 
weiter nichts. In seiner Vaterstadt macht kein Mensch ein Auf- 
hebens von ihm; seine Eltern haben keine Ahnung eines Höheren. 
Dieser Laie, Handwerker von Beruf, tritt auf an Gottes Statt. 
Er setzt alle Schriftgelehrten ab; sie kennen Gott nicht; Jesus 
allein hat ihn erkannt. Er setzt die Propaganda der Pharisäer 
ab: Kommt zu mir; ich will Euch erquicken. Er setzt den 
Täufer Johannes ab: Der gehört zum Alten. Sein schlichtes 
Wort soll Gottes Wort, seine Hilfe Gottes Hilfe sein. Das 
alles ohne je ins Schwärmerische und Wahnsinnige zu fallen. 
Immer bescheiden, demütig, nüchtern, und doch übermenschlich 
selbstbewusst. Es ist ganz unmöglich, sich ein solches Innen- 
leben auszudenken. Offenbarung, Erlösung, Vergebung, Hilfe, 
alles hat er in sich und reicht es den Menschen, die sich dem 
Eindruck seiner Person hingeben. 

Und ganz wie seine Selbstaussagen das Gewöhnliche weit 
hinter sich lassen, so auch seine Lebensführung. Jesus steht 
völlig ausserhalb der menschlichen Gesellschaft und will gar nicht 



26 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 



Vorbild des gemeinen Lebens sein. Er hat Beruf, Familie, Hei- 
matverlassen und sich dem Wanderleben gewidmet. Alle mensch- 
lichen Verbindlichkeiten hat er gelöst ; von aussen tritt er wieder 
in sie hinein, aber als Gast, als Fremdling. So lässt er sich be- 
wirten, beherbergen, die Füsse waschen, um nachher vielleicht 
auf Nimmerwiedersehen fortzuziehen. Ausdrücklich sagt er, dass 
er bloss eine geistliche Familie anerkenne: die Männer und 
Frauen, die Gottes Willen thun. Zu dieser Lösung von der 
Welt kommt das starke Mass geheimnisvoller Wunderkräfte, 
über die er verfügt, und die er an andere übertragen kann. Stellt 
Jesus auch alle diese Kräfte in den Dienst der helfenden Liebe, 
so werden sie dadurch nur noch aussergewöhnlicher. Wenn er 
die Nächte einsam im Gebet zubringt , wenn er über dem Pre- 
digen und Heilen Speise und Ruhe vergisst, wenn er in die Na- 
tur eingreift oder selbst vom Geheimnis ergriffen den Gefährten 
als jenseitiges Wesen, unverständigen Verwandten als Besessener 
erscheint, überall derselbe Eindruck des Uebermenschlichen. 
Das alles ist gänzlich ihm eigen und nicht vorbildlich. Auch die 
Genossen, die er zum Zweck der Missionshilfe in seine eigene 
Lebensweise mithineinzog, hat er eben dadurch scharf getrennt 
von den Jüngern in der Welt, denen er und die Genossen dienen 
wollten. 

Es ist wichtig, das zu beachten, dass Selbstaussagen und 
Lebensführung Jesu zusammenstimmen. Es war derselbe grosse 
Beruf, der ihm das Erlöserbewusstsein gab und ihn zum heimat- 
losen Wandern und Wirken nötigte. In Wort und Leben ver- 
tritt er das Aussergewöhnliche. 

DieTliatsache des besondern Berufsbewusstseins Jesu ist das 
Sichere im NT, das ohne alle Kontroverse feststeht. Jetzt gilt 
es, seine Form, die bestimmte Berufsidee, zu ermitteln. 

Das ganze Urchristentum giebt die einstimmige Antwort: 
Jesus ist der Messias und hat sich selbst dafür gehalten. Die 
Frage erhebt sich, ob der Glaube der Urgemeinde wirklich der 
Glaube Jesu selbst gewesen sei. Denn jene Aussage ist von 
einer Schwierigkeit bedrückt, die Zweifel an ihr hat entstehen 
lassen. 

Die Messiasidee ist ein Produkt des beschränkten jüdi- 
schen Patriotismus. Sie verkörpert die nationalen Hoffnungen 
der Juden auf eine glorreiche AVeltstellung, wie man sie sich als 
unter David bestehend ausmalte. Psalm Salomonis 17 ist Haupt- 



1. Der Beruf. 27 

quelle dafür. Nachdem der Messias die Feinde vertrieben und 
das Land von allem Frevel gereinigt hat, soll er es gerecht ver- 
teilen unter die Juden und sie gerecht und weise regieren von 
Jerusalem aus als theokratischer Fürst. Eigentlich war der Mes- 
sias selbst für die Juden ein Archaismus, eine gelehrte, aber 
volkstümlich gewordene Reminiscenz aus alter Zeit. Er passt nicht 
mehr recht zum Reich Gottes, zur neuen Erde, zum verklärten 
Leib, zur ganzen Transcendenz des Spätjudentums. Deshalb ist 
er z. B. in gelehrten Apokalypsen eine beliebte Figur des 
Zwischenreichs, während ihm im Endzustand keine Stelle ein- 
geräumt wird. 

Da fragt man mit Recht: kann Jesus in eine so beschränkte, 
nationaljüdische Idee sein hohes Berufsbewusstsein eingekleidet 
haben? 

Die Thatsachen, um Antwort befragt, sagen „Ja". Die In- 
schrift am Kreuz, der Einzug in Jerusalem, das Petrusbekennt- 
nis, die Messiasfrage an die Schriftgelehrten verlangen Gehör 
und lassen sich mit keiner Gewalt entfernen. Es ist ganz einer- 
lei, ob diese Thatsachen angenehm oder unangenehm scheinen. 

Der Messiasglaube der Jünger muss älter sein, als Jesu 
Tod, weil er nach Jesu Tod, diesem Strich durch alle Erwar- 
tungen, nicht erst entstehen konnte. Ist er älter als Jesu Tod, 
so ist undenkbar, dass Jesus ihn nicht geteilt und doch geduldet 
hätte. 

Hielt Jesus sich nicht für den Messias, so muss er sich für 
einen Propheten gehalten haben. Das allein erklärte nötigenfalls 
das Ausserordentliche seiner Lebensführung. Aber als Prophet, 
wie z. B. Johannes, konnte Jesus nicht auftreten, weil der Pro- 
phet immer auf den Höheren hinweist und sich selbst damit den 
Charakter des Provisorischen giebt, Jesus dagegen sich als den 
abschliessenden Gottesgesandten wusste, nach dem kein Höherer 
kommen kann. Das "ist der entscheidende Punkt. Das über- 
menschhche Selbstbewusstsein Jesu, das nichts Höheres über 
sich kennt, als Gott, und keines anderen warten kann, es konnte 
in gar keiner anderen Form, als in der messianischen Genüge 
finden. An der Messiasidee kommt für Jesus nicht der poli- 
tische, sondern der abschliessende Charakter in Betracht. 

Die letzte Erwägung hat uns direkt vor die Frage nach der 
Entstehung des Messiasbewusstseins geführt. Es ist aber nur 
ehrlich, zu gestehen, dass diese Entstehung ein Geheimnis für 



28 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

uns ist, dass wir nichts darüber wissen. Wir können höchstens 
sagen, wie das Messiasbewusstsein nicht in Jesu entstand. Nicht 
durch alhnähhche verstandesmässige Reflexionen; solche geben 
nie Gewissheit ; aus ihnen entsteht vielleicht das Selbstbewusst- 
sein eines gescheiten Theologen, aber nicht des Gottessohnes. 
Nicht durch den Einfluss der Umgebung-, die Stimmen der Dä- 
monen und der Welt könnten den Genius wankend machen, nie 
ihm göttliche Gewissheit verleihen. Beide Erklärungen scheitern 
auch daran, dass Jesus von Anfang an in voller Stetigkeit und 
unerschütterlicher Gewissheit als Gottgesandter auftritt. Nirgends 
ein Schwanken, Zweifeln, eine Entwicklung vom Ahnen zur Ge- 
wissheit hin. Jesus lernt Neues über das Wie seines Berufes, 
nie über das Dass. Unter dem Zwang der Notwendigkeit han- 
delt er sein Leben lang. Von Gott weiss er sich gesandt und ge- 
trieben; er hat nur die Wahl, zu gehorchen oder nicht. 

Die Evangelien datieren das messianische Bewusstsein Jesu 
von der Taufe her. Er sah den Geist Gottes herabkommen in 
Gestalt einer Taube und hörte eine Stimme: Du bist mein Sohn. 
Für diese Erzählung der Evangelisten würde es sprechen, dass 
auch die grossen Propheten des ATs durch Visionen berufen 
wurden und dass Paulus durch eine Vision Christ und Apostel 
wurde. Aber es fehlt auch nicht an einem sehr starken Gegen- 
grund. Das wunderbare Erlebnis bei der Taufe konnten die 
Jünger von keinem anderen, als von Jesus selbst erfahren. Teilte 
es Jesus ihnen mit, so konnte es nur zum Zweck seiner Legitima- 
tion geschehen. Allein Jesus hat sich nie auf Visionen berufen. 
Das ist gerade sein grosser Unterschied und sein himmelhoher 
Vorzug vor Muhammed. Muhammeds ganzes Selbstbewusstsein 
fällt zusammen , sobald die Wahrheit seiner Visionen in Frage 
kommt. Bei Jesus kann man Taufgeschichte und Verklärung 
streichen, und alles bleibt sich gleich. Alle die äusseren Vor- 
gänge, welche bei den alten Propheten zur Vermittlung des Ver- 
kehrs mit Gott dienten, kamen bei Jesus in Wegfall. Das ist 
gerade seine Grösse, dass sein Berufsbewusstsein nicht auf 
Stimmen und Gesichten steht, die jeder bezweifeln kann, der sie 
nicht erlebt hat, sondern auf einfachem innerem Zwang. Wie 
dieser Zwang über ihn kam — ob trotzdem verbunden mit einem 
visionären Erlebnis — steht uns nicht zu, zu wissen. Haupt- 
sache ist ohnehin nicht, dass Jesus etwas besonderes mit Gott 
erlebte, sondern dass ihn dies Erlebnis zu den Menschen 



1. Der Beruf. 29 

getrieben hat. Der Historiker, der sich daran allein hält, wahrt 
zugleich die Ehrfurcht vor dem Geheimnis. 

Klar ist denn aber auch das Inadäquate der Messiasidee 
für Jesus selbst. Ausser dem einen Gedanken: der Messias ist 
der abschliessende Gesandte Gottes, war lauter jüdische Be- 
schränktheit mit diesem Titel gegeben. Gottlob ist Jesus etwas 
anderes und Grösseres gewesen, als jüdischer Messias. In der 
That zeigt uns sein kurzes Wirken ein fortwährendes Ringen mit 
dem Inadäquaten, ein Arbeiten am Begriff, das mit der stärksten 
Umgestaltung seines Inhalts endigte. 

Dass Jesus und die Messiasidee innerhch nicht zusammen 
passen, zeigt zuerst die Versuchungsgeschichte, Sie bedeutet den 
Bruch Jesu mit der Phantastik und mit dem politisch Gefähr- 
lichen des Messiasgedankens. Der Messias ist ein Wunderwesen, 
das alles karjn-, soll Jesus sich darauf verlassen und damit das 
Volk gewinnen? Der Messias ist ein König dieser Welt, der sein 
Reich durch Gewalt, List, Betrug, Schlauheit gewinnt, wie die 
Könige dieser Erde. Soll Jesus mit diesen Mitteln die Weltherr- 
schaft erobern? Nein, ruft er, das sind Satansstimmen, die so 
an mein Messiasgefühl appellieren; fort damit! Damit hatte er 
das Gefährlichste am Messiasgedanken schon überwunden und 
sich in Glauben und Gehorsam unter Gott gestellt. 

Aber was nun? Der Messias der Zeloten war abgethan, es 
blieb der Messias der Rabbinen. Nach korrektem Dogma sollte 
der Messias irgendwo — vielleicht in der Wüste — verborgen 
bleiben, bis Gott ihn auf seinen Thron erhöht. Das hiess: Nichts 
thun und auf das Wunder warten. Jesus aber kehrte aus der 
Wüste in die Welt zurück, um den Menschen zu helfen und sie 
vorzubereiten auf die messianische Zeit. Nicht Warten, sondern 
Wirken und Wohlthun. Diese ganze grosse Heilandsthätigkeit 
Jesu hat keine Stelle im jüdischen Messiasbild, d.h. mit anderen 
Worten, das weltgeschichtlich Grosse an Jesus folgt nicht aus 
seiner Messiasidee, sondern ist freie Zugabe Jesu. 

Für die Juden sind Messias und Israel streng zusammenge^ 
hörende Begriffe. Der Messias ist der Zukunftskönig Israels 
und nichts als das. Auch Jesus hat sich, diesem Dogma getreu, 
sein Leben lang beschränkt auf seine Volksgenossen. Aber in 
schweren bitteren Enttäuschungen rauss er lernen, dass Israel als 
Ganzes unempfänglich ist, dass es die Botschaft nicht annimmt 
und dem Gericht entgegentaumelt. Gleichzeitig eröffnet sich ihm 



30 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

ein hoffnungsvoller Blick in die Heidenwelt. Und so fasst er sich 
darein, wenn's Gott so will, der Messias zu sein, den Israel ver- 
stösst und den die Heiden annehmen. Dadurch wird das Natio- 
nale so gut wie aus dem Messiasbegriff hinausgeworfen. Es wird 
zum Formbegriff König, dem Inhalt nach zur Paradoxie. 

Der Messias ist in der Phantasie der Juden mit lauter himm- 
lischer und irdischer Glorie verknüpft. Davids Ruhmesglanz 
leuchtet auf ihm. In Jesu Seele zeitigt die bittere Erfahrung an 
seinem Volk den Gedanken der Notwendigkeit des Leidens, ja 
des Todes. Von Cäsarea Philippi an tritt er im Jüngerkreis da- 
mit hervor und benützt gerade den Anlass, da die Begeisterung 
der Jünger aufflammt, zur ernsten Belehrung. Für die Juden 
war der Todesgedanke das „Aergernis", die einfache Negation 
des Messias; Jes 53 hat kein Jude vor Jesus auf den sterbenden 
Messias ausgelegt. Indem Jesus sich in die neue Notwendigkeit 
fügt, vollendet er die Läuterung des von Haus aus keineswegs 
reinen Begriffs. Die messianische Herrlichkeit wird ihm jetzt 
ein Ziel, das nicht durch besonderes Glück einem bevorzugten 
Menschen zufällt, sondern durch unendliche Mühe und Ent- 
sagung, ja durch den Tod, in sittlichem Gehorsam errungen 
werden muss. 

Aber wenn die Volkserwartung doch ihr Bild behält vom 
„Reiter auf weissem Pferd, aus dessen Mund ein scharfes 
Schwert geht, auf dass er damit schlage die Nationen"? Als 
Jesus sich vom Volk als messianischer König begrüssen liess — 
beim Einzug in Jerusalem — , da wählte er die Form des Auf- 
tretens, die am meisten unpolitischen, rein religiösen Sinn hatte 
durch die Erinnerung an den Messias des zweiten Sacharia. Da- 
mit sagt er, er wolle der demütige Knecht Gottes sein, kein 
kriegerischer Herrscher. 

Für die Juden, Gelehrte und Volk, war der Messias Davids 
Sohn und eben damit die Verkörperung ihres nationalen Patrio- 
tismus. Jesus , der sich zuweilen als Sohn Davids hatte anrufen 
lassen, holt noch zuletzt in Jerusalem den vermeintlich davi- 
dischen 110. Psalm: „Der Herr sprach zu meinem, d. h. Davids, 
Herrn etc." hervor, der die leibliche Davidssohnschaft aufhebt. 
Für die, welche ihn verstehen, erklärt er damit, dass er seinen 
messianischen Anspruch nicht auf Stammbäume, die gar nichts 
beweisen, sondern auf Gottes That stützen will, und tritt wieder 
aus dem Rahmen Israels heraus. 



1. Der Beruf. 3]^ 

Dergestalt bat Jesus den einmal — aus innerer Nötigung — 
angenommenen Messiastitel sein ganzes Leben lang bearbeitet 
und geläutert. Es bat nocb für uns etwas Grossartiges, dieser 
Entäusserung alles sinnlichen, selbstsücbtigen Gehalts zuzusehen, 
die zuletzt aus der Herrlichkeitsfigur eine tragische Gestalt wer- 
den lässt. Das ist mit einem Wort das Grosse an Jesus: er 
bringt das Tragische da hinein, wo die anderen in sinnlich frohen 
Utopien schwelgten. 

Aber das Ende dieser Arbeit ist kein Verzicht auf den 
Messiastitel, sondern das klare Eintreten dafür vor seinem Tod. 
Das war für Jesus notwendig, da er sonst sich selbst und Gott 
hätte aufgeben müssen. Er hat seinen Jüngern die Restitutions- 
hoffnung als Vermächtnis hinterlassen, gewöhnhch in Anlehnung 
an den Danielschen Menschensohn, der mit den Wolken des 
Himmels herabkommen soll. Mit diesem Glauben an seine baldige 
Wiederkunft in messianischer Glorie starb Jesus. 

Der Wiederkunftsglaube macht den heutigen Denkern die 
allergrösste Schwierigkeit, der gegenüber selbst das Messias- 
problem wenig bedeutet. Einmal ist es Thatsache, dass Jesus sich 
im Zeitpunkt geirrt hat; er dachte an das Kommen zu seiner 
Generation, unter der er gewirkt, die ihn Verstössen hatte. Wenn 
die Darstellung des Verhörs geschichtlichen Wert hat, so rief 
Jesus seinen Richtern zu: auf Wiedersehn! Dies Wiedersehn 
traf nicht ein, weder für die Feinde, noch die Freunde. Doch 
ist nicht das die Schwierigkeit, die uns heute drückt. Es ist uns 
überhaupt ein phantastischer Gedanke, dass ein gestorbener 
Mensch auf den Wolken des Himmels wiederkommen soll. Das 
antike Weltbild und die antike Psychologie haben dies Bild er- 
zeugt, das nur im Zusammenhang mit ihnen Leben gewinnt. 
Daher dann immer wieder der Zweifel, ob Jesus selbst — nicht 
am Ende die Jünger — der Urheber dieser phantastischen und 
irrtümlichen Vorstellung sei. 

Allein moderne Reflexionen müssen schweigen, wo die That- 
sachen so klar und entschieden reden. So viel auch in den escha- 
tologischen Reden Jesu spätere Zuthat sein mag, der feste Kern 
in ihnen bleibt gerade der Parusiegedanke. Er hat die ganze 
Apokalyptik zu sich angezogen, nicht diese ihn. Auf das Wort 
Menschensohn kommt es nicht an ; Paulus hat die Parusieerwar- 
tung ohne dies Wort. Sobald man sich zudem in das antike 
Weltbild und die antike Psychologie, welciier der Gedanke eines 



32 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

homo redivivus geläufig ist, hineinversetzt, fällt der wichtigste 
Anstoss hin. 

Es handelte sich für Jesus um das Recht seiner Sendung. 
Das Uebermenschliche in ihm hat die Form der Messiasidee 
angenommen ; der Messias ist und bleibt der König im Gottes- 
reich. Auf Grund dieser Voraussetzung erscheint ihm der Tod 
entweder als Beweis seines Unrechts oder als Durchgang zum 
höheren Recht, das sich manifestieren muss vor der Welt, die 
jetzt zu triumphieren wähnt. Indem Jesus die Wiederkunft ver- 
kündet, erklärt er, dass Gott zu ihm steht und dass er Recht hat. 
Genau deshalb haben die alten Christen die Parusie in den Vor- 
dergrund gestellt: als Rechtsbeweis. Wenn auch dieser Rechts- 
beweis nur Hoffnung, und sogar nicht erfüllte Hoffnung war, 
so besass er doch Kraft genug, Jesus und seinen Jüngern über 
das Schwerste hinwegzuhelfen. 

Zugleich freilich leuchtet ein, dass hier das Inadäquate der 
Messiasidee den letzten, den einzigen Sieg über Jesus errungen 
hat. Die Wiederkunftsverheissung ist der Tribut Jesu an den 
Glauben seiner Zeit. Hier ragt wirklich die Phantastik des 
SpätjudeHtums, die verzauberte Welt des antiken Volksglaubens 
in das einfache grosse Berufsbewusstsein Jesu hinein. Jesusund 
die Messiasidee passten nicht zusammen. Er nahm sie auf, weil 
er musste, weil sie die Form für das Höchste, Letzte war^ er 
rang mit ihr, zerschlug sie, goss sie um-, aber ein Stück der 
Täuschung, die sie enthielt, hat sich auf ihn übertragen. 

Welches waren die Titel, die Jesus zum Ausdruck seines 
Selbstbewusstseins gewählt hat? Die Frage gehört an den 
Schluss, weil der Sinn der Titel immer erst nach dem Selbst- 
bewusstsein, nicht dieses nach den Titeln bemessen werden darf. 
Die Titel sind von der vorchristlichen Theologie gebildet; sie 
gehören zum Alten; neu ist das, was in sie hineingelegt wird. 
Wenn Jesus sich nie selbst Messias nennt, so kann der Grund 
ganz einfach der sein, dass er der Messias erst werden soll. Aber 
es kann auch der vielfache revolutionäre Gebrauch dieses Titels 
seine Zurückstellung veranlasst haben. 

Gottessohn und Menschensohn sind Jesu Selbstbezeich- 
nungen. Das Wort Gottessohn ist später bei den Juden in Miss- 
kredit gekommen, weil die Christen diesen Titel bevorzugten. 
Zur Zeit Jesu muss es aber in Volkskreisen geläufig gewesen sein 
als messianischer Ausdruck. „Du bist mein Sohn" redet ja Gott 



1. Der Beruf. 33 

im 2. Psalm den messianischen König an. Jesus eignet sich den 
Titel an zum Ausdruck der höchsten Intimität, des unbeschränk- 
ten Vertrauens Gott gegenüber. Wie Vater und Sohn sich 
kennen und vertrauen, so Gott und er. Auf einem der Höhe- 
punkte seines Lebens hat er zu seinen Jüngern davon geredet im 
Jubelton. Aber der Titel war kein Glück für die zumal auf 
heidnisches Gebiet sich übersiedelnde Gemeinde. Er hat, da er 
zu physischen und metaphysischen Spekulationen Anlass bot, 
eine lange Unglücksgeschichte hervorgerufen. 

Das Wort Menschensohn stammt aus der Vision Daniels 
(c. 7), wo es noch bildlich und ohne messianischen Gehalt ge- 
braucht ist. Es bedeutet ursprünghch nicht mehr und nicht 
weniger als „Mensch". Wie die gottfeindlichen Weltreiche als 
Tiere in der Vision auftreten, so erscheint dem Seher das Reich 
der Heiligen ,wie ein Mensch. Zur Zeit Jesu ist aber längst 
durch eine naheliegende Umdeutnng die Einzelperson des Mes- 
sias daraus geworden. Jesus dachte, wenn er die Danielstelle 
vernahm, an den Messias, der vom Himmel kommen sollte zur 
Aufrichtung des Gottesreichs. Aber nicht von Anfang an hat 
er daran gedacht, noch sich den Titel angeeignet. In der ersten 
Zeit der grossen Hoffnung erwartete er seine Erhöhung auf der 
Erde; für sein Kommen vom Himmel herab ist noch kein Raum. 
Erst als der Todesgedanke sich mit wachsender Sicherheit seiner 
bemächtigte, und er zugleich seine Restitution in Aussicht nahm, 
gab ihm die Danielstelle — sie neben Ps 110 allein — Trost und 
Sicherheit. Sie wurde ihm plötzlich persönlich lebendig; er sah 
sich selbst als „den Menschen" nach dem Tod zu Gott ent- 
rückt und in Glorie vom Himmel wiederkommend. Und nun 
schuf er die Paradoxie vom Menschensohn, der zuerst leiden 
muss. Der Ausdruck, der jüdischen Apokalyptik entnommen, 
war aber den Griechen rein unverständlich, weshalb schon Pau- 
lus ihn vermied. Erst viel später, als die Evangelien heihge 
Bücher waren, versuchten sie von sich aus, ihm einen Sinn ab- 
zugewinnen. 

So sind von Anfang an die Titel das Missgeschick der neuen 
Religion. An den Titeln schleicht sich entweder das Alte, oder 
das verkehrte Neue ein. Messias, Sohn Gottes, Menschensohn, 
wie schlecht passt das im Grund alles für Jesus! Was er war 
unter den Menschen, welches sein Beruf war von Gott für alle 
Zeit, das drückt keines dieser Worte auch nur von ferne aus. 

Wernle, Aufäuge. 3 



34 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

Daher gehört es zur wahren Ehrfurcht vor Jesus, nicht vor den 
Titeln, sondern vor ihm selbst stille zu stehen. 

Etwas durchaus Neues, Grosses war in ihm vorhanden , ein 
übermenschHches Selbstbewusstsein, das sich über alle Autoritäten 
hinwegsetzt, Gottes Willen und Verheissung ausspricht, Trost, 
Mut, Gericht mit göttlicher Vollmacht verteilt, eine neue, alles 
Frühere hinter sich lassende Vermittlung zwischen Gott und den 
Menschen. Aber dies Neue trat auf in zeitgeschichtHcher, im 
letzten Grund unpassender Form als Messiasbewusstsein, und 
alle Arbeit Jesu am Alten, Kleinen, Vergänglichen hat es doch 
nicht einfach zerstört. Daher macht sich sofort nach Jesu Tod 
in der Gemeinde eine doppelte Bewegung geltend. Jüdische 
Patrioten unter den Jüngern hängen an das eine Wort Messias 
alle Phantastik und alle politischen Utopien des Judentums an. 
Die ihn aber verstehen, setzen seine Arbeit fort und reissen ihn 
ganz heraus aus der messianischen Umkleidung. Der eine Weg geht 
zum Messias der Apokalypse, der andere zum zweiten Menschen 
des Paulus und zum Logos des 4. Evangeliums. Ihm allein gehört 
die Zukunft. 

2. Die Verheissung. 

Mit einer klaren einfachen Verheissung ist Jesus aufgetreten: 
das Reich Gottes hat sich genaht. Er bekennt sich damit zur 
jüdischen Eschatologie in ihrer einfachsten Form. Die Juden er- 
warteten das Gottesreich als den Zustand, da Israel befreit und 
zu glänzender Machtstellung erhoben ist, da die Heiden zu seinen 
Füssen liegen, da die Patriarchen und Frommen der alten Zeit 
auferstanden sind und Gott sichtbar thront unter seinem Volk. 

Nicht genau dasselbe, aber doch etwas Aehnliches muss 
auch Jesu ursprüngliche Hoffnung gewesen sein. Es ergiebt sich 
das zwingend aus folgenden Erwägungen: Jesus hat nie den Be- 
griff Gottesreich expliziert, da er ihn als völlig bekannt voraus- 
setzt*, er polemisiert auch nie gegen eine falsche Vorstellung vom 
Reich Gottes, er legt bloss allen Nachdruck auf dessen Nähe 
und die Bedingungen für die Menschen. Ferner tritt er mit seiner 
Verheissung ausschliesslich an die Juden, sein Volk, nicht an 
die Heiden heran. Endlich redet er vom Zusammensein mit den 
Patriarchen und offenbart damit die jüdische Grundlage seiner 
Verkündigung. 

Dies eine, der jüdische Ausgangspunkt der Verheissung 
Jesu, ist daher auch für die Untersuchung das Erste. Aber das 



2. Die Verheissung. 35 



Grosse an Jesus fängt überall da an, wo er sich von den jüdi- 
schen Voraussetzungen entfernt. Auf drei Fragen: Ort und Art, 
Zeit, Empfänger ist dabei zu achten. 

S^ 1 . Die jüdische Reichsgotteshoffnung erhält ihre Ausschmük- 
kung im einzelnen durch den Nationalstolz der Juden und orien- 
talische Phantastik und Sinnlichkeit. Das lässt sich von den 
jüdischen und christlichen Apokalypsen bis zum Koran hinab ver- 
folgen. Man lese in der Johannesapokalypse das schadenfrohe 
Triumphlied über den Fall Babylons, die grausame Ausmalung 
des Eritscheidungskarapfs und die phantastisch-sinnliche Schilde- 
rung des keineswegs himmlischen Jerusalems mit dem hoch- 
mütigen Herabsehen auf die Heiden. Zu schweigen von den 
widrig sinnlichen Paradiesschilderungen Muhammeds. Selbst 
eine so harmlose Zukunftsschilderung, wie die der Lucaspsalmen, 
der Lieder der Maria und des Zacharias, begnügt sich mit der 
politischen Befreiung. Wenn nun in den Aussprüchen Jesu so- j 
wohl das Politische, als die sinnliche Phantastik fast ganz zurück- ' 
tritt, so folgt freilich daraus noch nicht, dass er nie an diese i 
Dinge gedacht oder davon geredet hat. Ein Gottesreich, zu- 
sammen bestehend mit der Römerherrschaft, hat Jesus nicht er- 
wartet; diese muss fallen, wenn jenes beginnt. Auch seine übrigen 
Vorstellungen werden für unser Gefühl immer noch phantastisch 
genug gewesen sein. Allein die Evangelisten standen unter dem 
Eindruck, dass alle diese Züge, das Politische, wie die sinnliche 
Ausmalung, für Jesus bedeutungslos waren, nicht zur Haupt- 
sache gehörten, die er einzig betonte. Jesus muss es verstanden 
haben, die Hoffnung seiner Jünger zu reinigen, zu vereinfachen, 
auf das Religiöse zu konzentrieren. Es blieb jüdische Hoffnung, 
aber eine solche, die durch Jesu Seele hindurchgegangen war. 
Ein religiöser Genius, wie Jesus, hoffte, ohne zu seiner Umgebung 
in Gegensatz zu treten, von vornherein anders als sie. Alle Züge 
von Rachsucht, Ehrgeiz, Grausamkeit, Sinnlichkeit, der künst- 
liche Aufwand phantastischer Gelehrsamkeit, das Berechnen und 
Ausklügeln vertrugen sich nicht mit der Einfalt seiner Seele. Die 
Uebernahme der jüdischen Eschatologie durch Jesus bedeutet 
ganz von selbst ihre Reinigung. 

Es kommt daher gar nicht so sehr auf den Ort und die äus- 
seren Verhältnisse des Gottesreichs an. Klar ist, dass Jesus nicht 
an den Himmel oder das Jenseits gedacht hat. Die Erde, ge- 
nauer das Land Palästina, ist der Schauplatz des Gottesreiclis. 

3* 



36 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

Hier werden die Menschen ein Dasein führen, das die Kontinuität 
mit dem jetzigen Leben festhält. Man isst und trinkt und freut 
sich-, man lebt als Mensch, nicht als Geist. Man verdirbt sich 
schon die Naivetät Jesu, wenn man hier von Bildersprache redet. 
Die völlige Harmlosigkeit und Unschuld Jesu spiegelt sich in der 
Schlichtheit seiner Erwartung, für die eben das Irdische und 
einfach Menschliche nicht entfernt das Sündige ist. Warum 
sollte der Gott, den wir hier um das Brot bitten, uns im Gottes- 
reich weniger Speise und Trank bescheren ? Es ist etwas Länd- 
liches in den Zukunftssprüchen Jesu*, schon ein Bewohner 
Jerusalems hätte sich's reicher ausgemalt. Dafür erfahren wir 
nichts von der kubusförmigen Stadt und ihren goldenen Gassen ! 

Aber wie gänzhch missversteht man Jesus, wenn heute auf 
das Irdische seiner Hoffnung Gewicht gelegt wird. Was er sich 
als Jude seiner Zeit irdisch ausmalte , hätte er sich in späteren 
Jahrhunderten genau so leicht jenseitig, himmhsch gedacht. Aller 
Nachdruck ruht nicht auf der Gegend, sondern auf dem schlich- 
ten Glück und der Gemeinschaft Gottes. Das Gottesreich bringt 
die Umkehr alles Leids, aller Trauer und Klage, aller Gott Ver- 
lassenheit in Freude, Jubel, Sehgkeit in der Nähe Gottes. Gott- 
schauen, Gottes Kinder heissen, Gottes Trost und Barmherzig- 
keit erfahren ist der Mittelpunkt der Verheissung. Darum ist 
auch das Gottesreich bereichert durch eine Menge Züge, die den 
irdischen Rahmen sprengen: Die Auferstehung der Toten, der 
engelgleiche Leib, das ewige Leben. Ist auch nie der irdische 
Boden verlassen , so fällt doch die Schranke zwischen Diesseits 
und Jenseits, und die sichtbare Gemeinschaft mit Gott und allen 
Seligen zaubert eine neue Welt hervor. Aber deutlicher als alles 
zeigt eine Thatsache, wie wertlos die Erde schliesslich für Jesu 
Verheissung ist: Im Gleichnis vom reichen Mann und armen La- 
zarus folgen Seligkeit und Qual sofort auf den Tod , aber nicht 
auf der Erde. Das ist für Jesus kein Widerspruch mit der 
Gottesreichshoffnung, weil ihm alles nicht am Ort, sondern am 
Zustand der Menschen liegt. 

Einfach ausgedrückt, verheisst Jesus mit dem Reich Gottes 
die Ewigkeit, den Eintritt des Menschen in die ungetrennte Ge- 
meinschaft Gottes. Mit seinen jüdischen Zeitgenossen denkt er 
sich das ewige Leben auf irdischem Schauplatz und mit irdischen 
Zügen, aber das Ewige, die Gottesnähe, wie sie dieser Erde 
fehlt, setzt er in die Mitte des Bildes hinein. Und die Thür zur 



2. Die Verheissung. 37 



Ewigkeit ist das Gericht Gottes, das jedem Einzelnen ewige 
Freude oder ewige Qual bestimmt. Die spätere Theologie, welche 
die Seligkeit ins Jenseits, den Himmel, versetzte, hat Jesus doch 
besser verstanden als die modernen Archäologen, welche über der 
Erde die Ewigkeit vergessen. Wenn er sagte: Das Reich Gottes 
hat sich genaht, wollte er alle seine Hörer vor Gott und die Ewigkeit 
stellen, der gegenüber Erde und Welt gleichgiltige Dinge sind. 

2. Für die Juden zur Zeit Jesu ist das Gottesreich aus- 
schliesslich eine Grösse der Zukunft. So lang die Römer im 
Lande herrschen, ist vom Gottesreich keine Spur zu sehen. Es 
war freilich nicht zu allen Zeiten so gewesen. Als die hasmonäi- 
schen Hohenpriester und Könige die Reichsherrschaft aufrich- 
teten und manche Nachbarstämme demütigten, da schien ihnen 
und manchen ihrer Verehrer die messianische Zeit schon ange- 
brochen. Der König und Sohn Gottes war schon da, die Ver- 
heissungen, die Jahwe dem Volk gegeben, schienen schon 
angebrochen. In den messianischen Psalmen 2 und 110 wird 
der Anbruch des Gottesreichs und seines Königs schon gefeiert. 
Aber es waren schöne Täuschungen. Man thut gut, sich daran 
zu erinnern, wenn man an die Frage herantritt: ist das Gottes- 
reich für Jesus eine gegenwärtige oder eine zukünftige Grösse? 
Verheisst er es oder bringt er es? 

Die Evangelien selbst, darauf befragt, scheinen zwiespältig. 
Aussagen, dass das Gottesreich noch bevorstehe, stehen solchen 
gegenüber, dass es eben Platz greife auf der Erde. 

Die Zukunftssprüche sind die vorherrschenden , sie durch- 
ziehen die Wirksamkeit Jesu von Anfang bis zu Ende. Dieselbe 
Botschaft: Das Reich Gottes hat sich genaht, mit der Jesus auf- 
trat, sollen seine Jünger weitertragen- sie sollen sie nicht dahin 
umgestalten, dass es jetzt — mit Jesus — schon gekommen sei. 
Im Unser Vater betet der Jünger: Dein Reich komme, nicht: es 
vollende sich, denn es ist noch gar nicht da. Vom Eingehen ins 
Gottesreich redet Jesus immer als von einem bevorstehenden Er- 
eignis. Die Seligpreisungen sind lauter Verheissungen, eine wie 
die andere, sowohl das „Denn ihrer ist das Gottesreich", wie das 
„Denn sie werden Gott schauen". Auf dem Weg nach Jerusa- 
lem erbitten sich die Zebedaiden die Ehrenplätze im künftigen 
Reich, und Jesus geht ein auf die Form ihrer Bitte. Und selbst 
beim letzten Mahl schaut Jesus in die Zukunft, wann er im 
Gottesreich den Wein mit den Jüngern trinken werde. 



38 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 



Auch die scheinbare Hauptstelle für die Gegenwart des 
Gottesreichs bezieht sich, recht verstanden, auf seine Zukunft: 
Lc 17 20 das Reich Gottes ist mitten unter euch. Zunächst 
steht fest, dass „unter euch" und nicht „in euch" übersetzt 
werden muss, weilJesus, wie der Evangelist ausdrücklich betont, 
zu den Pharisäern redet. Sodann darf der Zusammenhang des 
Worts nach vorwärts und rückwärts nicht ignoriert werden. Es 
folgt ihm die grosse eschatologische Rede vom plötzlichen Kom- 
men des Menschensohnes, der auf einmal da sein wird wie ein Blitz, 
Ihm sollen Tage der Drangsal und vergeblichen Sehnsucht vor- 
angehen. Die ganze Rede setzt also voraus, dass das Gottes- 
reich noch aussteht. Voran gehen jenem Spruch die Worte: 
„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten 
kann, noch wird man sagen: sieh hier! sieh dort! sondern ..." 
Die einzige Antithese zu diesen Futura kann heissen: es ist so 
plötzlich unter euch, dass ihr für apokalyptische Berechnung 
und Disput gar nicht Zeit haben werdet. Es ist eben mit dem 
Gottesreich wie mit dem Aufleuchten des Blitzes. Also ergiebt 
die berühmte Stelle nur, dass Jesus im Gegensatz zur apokalyp- 
tischen Berechnung das Kommen des Gottesreichs als eine plötz- 
liche Ueberraschung verheisst. 

Verstärkt wird endlich das Gewicht all dieser Stellen durch 
indirekte Schlüsse. Ins Reich Gottes eingehen und das ewige 
Leben ererben ist für Jesus so völlig dasselbe, dass beide Aus- 
drücke sich ablösen ohne Unterschied. Der Gegensatz zum 
Gottesreich ist die Hölle mit ihrem ewigen Feuer. Im Reich 
Gottes vereinigen sich die Patriarchen mit den Geretteten; es 
kommt also die Totenauferstehung zugleich mit seinem Anbruch. 
Das Schauen Gottes ist ein zukünftiger Lohn. Das Weltgericht 
kommt zugleich mit dem Reich Gottes; dieses kann gar nicht da 
sein, so lang die Scheidung der Menschen noch bevorsteht. End- 
lich bringt die Wiederkunft des Messias zugleich das Gottesreich. 
Wenn nun noch dazu kommt, dass die ältesten Christen 
alle das zukünftige Gottesreich erwarten, so darf es die sicherste 
Erkenntnis genannt werden, dass das Gottesreich in der Ver- 
kündigung Jesu eine eschatologische Grösse ist, dass es die 
kommende neue Welt bedeutet. 

Aber nun kommen allerdings die Gegenstellen und verlangen 
Gehör. Lassen sie sich von den eschatologiscben Prämissen aus 
verstehen? 



2. Die Verheissung. 39 



Jesus hat in seinen Dämonenaustreibungen den Anbruch 
des Gottesreichs erblickt. „Wenn ich mit dem Geist Gottes die 
Dämonen vertreibe, dann ist das Reich Gottes zu Euch gekom- 
men." Ihm erscheinen seine Siege über die Dämonen als lauter 
Schläge gegen das Satansreich, die dessen Zusammenbruch her- 
beiführen. Durch Jesus wirkt Gottes Geist und legt den Grund 
zur Weltumwälzung. Als ihn der Täufer fragen lässt: bist du 
der kommende Mann? hört er zur Antwort: Blinde sehen, Lahme 
gehen , ik.ussätzige werden rein , Taube hören , Tote stehen auf. 
Wieder sind es die Wunder, an denen man das Morgenrot der 
neuen Zeit erkennt. Steht auch manches noch aus — daher die 
Warnung: selig, wer sich nicht an mir ärgert! — , für den Gläu- 
bigen ist doch ein sichtbares Unterpfand der Vollendung da. 

Das ist ein fester Punkt. Jesus hat einmal seine augen- 
blicklichen Wunder als Erstlingszeichen des anbrechenden Gottes- 
reichs geschätzt. Wir dürfen das den Enthusiasmus Jesu 
nennen. 

In dieselbe Richtung deutet ein Wort, dessen Form wir aus 
Matthäus und Lucas zusammensetzen müssen, und dessen Sinn 
etwas Rätselhaftes hat : 

Gesetz und Propheten bis auf Johannes. 
Von da an erleidet das Gottesreich Gewalt, 
Und Gewaltthätige reissen es an sich. 

Das Wort gewinnt erst Leben, wenn wir es als im Jubel von 
Christus gesprochen denken. Das Gottesreich keine ferne Grösse 
der Zukunft mehr, wie zur Zeit, da Gesetz und Propheten es 
vorbereiteten. Es nimmt jetzt auf der Erde Gestalt an, stür- 
misch, indem die Menschen sich seiner bemächtigen. So redet 
einer, der mit Freuden sieht, wie die Verheissung durch die Er- 
füllung abgelöst wird. Daher kann Jesus auch sagen, dass seine 
Jünger schon mitten im Gottesreich stehen und deshalb grösser 
sind als selbst Johannes. 

Ein wildjubelnder, fast unheimlicher Enthusiasmus redet 
aus diesen Worten. 

Viel ruhiger, aber ebenso gewiss und freudig preist Jesus 
den gegenwärtigen Anbruch des Gottesreichs in einigen Gleich- 
nissen. 

Im Doppelgleichnis vom Senfkorn und Sauerteig setzt Je- 
sus die Kleinheit des Anfangs in Kontrast zur Grösse des Endes. 
So geht es mit dem Gottesreich. Es fängt klein und unschein- 



40 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

bar an, so klein, dass die Grossen und die Weisen der Erde es 
gar nicht merken. Aber sein Ende bringt die Welterneuerung. 
Dabei ist in dem kleinen Anfang schon die ganze grosse Zu- 
kunft enthalten. Man stelle sich dabei vor, wie Jesus in dem 
kleinen galiläischen Winkel umherzieht, lehrt und hilft, und wie 
diese unscheinbare Thätigkeit die Weltkatastrophe einleiten soll. 
Im Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat streiten sich 
jetzt zwei Gedanken um die Herrschaft. Einerseits das: „von 
selbst", die getroste Ergebung in den notwendigen Fortgang 
der Sache Gottes, die nicht von Menschen abhängt, anderseits 
der Stufengang der Entwicklung, der sichere Blick in den all- 
mählich gesetzmässig sich auswirkenden Fortgang, Der erste 
Gedanke ist mit grösserer Wahrscheinlichkeit für Jesus zu be- 
anspruchen. Auf die Wunder ist hier kein Hauptgewicht gelegt. 
Die Stimmung der Gleichnisse atmet Freude, Mut, getroste 
Ergebung. 

Uns Modernen klingen hier so leicht unsere eigenen Ge- 
danken von Entwicklung, Immanenz, Weltcharakter des Gött- 
lichen und Guten entgegen. Abgelehnt scheint von Jesus jeder 
Supranaturalismus. Das ist aber eben Schein. Das Reich 
Gottes ist von Jesus unter allen Umständen supranatural ge- 
dacht worden. Immer bringt es die Wunderwelt, zu der Welt- 
gericht und Weltverwandlung, Totenauferstehung, Schauen 
Gottes gehören. Darin bleibt sich Jesus sein Leben lang treu; 
auch in den Gegenwartsaussagen ist das Gottesreich die eschato- 
logische Grösse. Das Neue ist nur, dass Jesus dabei sein eigenes 
Wirken nicht als Vorbereitung, sondern als Anfang — wie nahe 
stehen freilich die beiden Gesichtspunkte — wertet, dass er in 
seinen Thaten den Anbruch der neuen Welt erblickt. Und hier 
stehen wir wieder vor dem Enthusiasmus. 

Es gab eine Zeit in Jesu Leben, wo eine ganz aussergewöhn- 
liche Hoffnung seine Seele schwellte, da das Volk ihm zuzufallen 
schien, da alle Dämonen vor seinen Wunderkräften wichen, da 
der Himmel sich auf der Erde niederliess. „Ich sah den Satan 
vom Himmel fallen wie einen Bhtz", rief Jesus damals aus. „Die 
Ernte ist gross, nur der Arbeiter sind wenige." „Selig sind eure 
Augen, zu sehen, was ihr seht, was Propheten und Könige ver- 
gebens zu sehen wünschten." Damals wusste sich Jesus noch in 
Einklang mit allen guten Kräften seines Volks, Patriotismus und 
Religion, Schauen und Hoffen gingen zusammen. Das war die 



2. Die Verheissung. 41 



kurze enthusiastische Periode seines Lebens. Damals glaubte er 
an die Gegenwart, d. h. an den Anbruch des Gottesreichs. 

Der kühne Versuch, die scharfe jüdische Scheidung von 
Gegenwart und Zukunft zu durchbrechen, hat doch seine ent- 
fernte Parallele an der politischen Tendenz der Hasmonäer, ihre 
Erfolge raessianisch zu verklären. Beidesraal eine Ueberschätzung 
der augenblicklichen Lage, die sich auf die Dauer nicht halten 
Hess. Das hält uns von vornherein ab, im Glauben an die Gegen- 
wart des Gottesreichs das Neue, Grosse bei Jesus zu sehen. 
Trügt nicht alles, so hat Jesus selbst diesen Glauben wieder auf- 
gegeben. Auf den Enthusiasmus folgt eine grosse Ernüchterung, 
herbeigeführt durch eine andere Würdigung seiner Thaten und 
durch die Erkenntnis, dass er und das Volk auf die Dauer nicht 
zusammengehen. Die Hochschätzung der Wunder nimmt bei 
Jesus, je mehr man sich seinem Tode nähert, merklich ab. Wenn 
ein Dämon mit sieben Genossen zurückkehren kann in die Be- 
hausung, aus der man ihn vertrieb, so ist das Ausfahren der Dä- 
monen kein Zeichen mehr, dass das Gottesreich gekommen ist. 
Die grossen Wunder Jesu dienen den Städten, wo sie geschehen, 
schliessHch nur zum härteren Gericht; das klingt doch wesentlich 
bitterer als die Antwort an den Täufer. Als nun Jesus gar für 
sein Volk den Untergang und für sich selbst Leiden und Tod 
kommen sah, da hat er vom gegenwärtigen Reich gar nicht mehr 
gesprochen, sondern seine Jünger auf die Zukunft verwiesen: 
Das Gottesreich kommt, wenn der Menschensohn vom Himmel 
kommen wird. Das Grosse bei Jesus kann nicht in einem Glauben 
liegen, den er selbst nicht behalten hat. Vielmehr ist es bewun- 
dernswert, wie Jesus unter bitteren Erfahrungen die Gegenwart 
nüchtern und wahrhaftig würdigen lernt, ohne die Gewissheit 
seiner Hoffnung einzubüssen. 

Fest bleibt auf jeden Fall die Erwartung der Nähe des Gottes- 
reichs. So hat sich die Parole: Das Reich hat sich genaht, in 
der Urgemeinde siegreich durchgesetzt. Die jetzige Generation 
soll nicht vergehen, bis alles geschieht; sie, an der Jesus ge- 
arbeitet hat, soll auch die Erfüllung sehen. Genaues weiss 
Jesus nicht; Zeit und Stunde kennt allein der Vater. Indem 
Jesus durch diese Erklärung alles Berechnen und Zweifeln ab- 
wehrt, giebt er der Hoffnung grössere Festigkeit und Ruhe. 
Aber seinem nächsten Vertrautenkreis versprach er, dass einige 
von ihnen nicht sterben sollten, bis sie das Gottesreich er- 



42 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

blickten. — Das Versprechen, wie zäh auch festgehalten, erfüllte 
sich nicht. 

Das Christentum ist dadurch von Jesus selber zur Religion 
der Hoffnung gemacht worden. Jesu ganzes Wirken atmet 
Zukunftsstimmung, Sehnsucht nach dem grossen Unsichtbaren 
und Vollkommenen. Der Schwerpunkt der Religion liegt in der 
Zukunft, nicht in der Gegenwart. Das Vollkommene steht immer 
aus, es kann und darf nicht in unserem Besitz sein. Während 
seiner ganzen AVirksamkeit ist er nie müde geworden, den Blick 
seiner Volkgenossen vorwärts und aufwärts zu richten, die Selig- 
keit der Zukunft gegen alles Leid der Gegenwart in die Wag- 
schale zu werfen. Er thut das in den Seligpreisungen nicht we- 
weniger als im Gleichnis vom armen Lazarus. Einzig den Satten 
und Zufriedenen, den Weltmenschen hatte er nichts zu bieten. 
Man muss ihn sich vorstellen, wie er in Haus und Hütte einzog 
mit dem Friedensgruss und dann in den einfachsten kindlichsten 
Melodien zu den Freuden des ewigen Lebens einlud. Wenn 
Paulus nachher in hinreissenden Worten die Religion der Sehn- 
sucht verkündet, so setzt er nur in seiner Sprache die Seligprei- 
sungen Jesu fort. Diese Sehnsucht war schon das beste in der 
jüdischen Religion, aber hier war ihr der jüdische Volksgedanke, 
die Kirche hinderhch. Diesen galt es für Jesus zu zerschlagen. 

3. Das Gottesreich für Israel, Israel das herrschende Volk 
im Gottesreich, war jüdischer Glaube. Diesen Glauben hat Jesus 
zunächst geteilt; das geht aus einzelnen seiner Sprüche hervor, 
wie vor allem aus der bewussten Beschränkung seiner Predigt 
auf die Volksgenossen. Den Zöllnern und Sündern geht Jesus 
gerade deshalb nach, weil auch sie Abrahamskinder sind. Und 
darum ist seine Predigt Frohbotschaft, weil sie dem Volk zu- 
nächst Glück und Freude verheisst. Aber mit der Zeit tritt die 
Gerichtspredigt stärker als die Frohbotschaft hervor und der 
ganze nationale Inhalt wird aus dem „Gottesreich" hinausge- 
worfen. 

Von Anfang an waren Gottesreich und Gericht für Jesus 
ungetrennte Dinge. Neben dem Gottesreich die Hölle, neben der 
Einladung die Drohung, so schildert es die Bergpredigt mit 
Recht. Der Gedanke, dass jeder Jude als solcher ein Anrecht 
aufs Gottesreich habe, hat gar nie in Jesus gelebt. Aber doch 
war zu Anfang der Ton der Verheissung durchweg fröhhch und 
begeistert. Aber nach gar nicht langer Zeit kommen die Ent- 



2. Die Verheissung. 43 



täuscliungen, die den Abbruch der galiläischen Wirksamkeit 
nach sich ziehen. Gegen begeisterte, aber nicht gebesserte Jünger 
ertönt das Wort von den Herr-Herr-Sagern; auf sie beziehen sich 
auch die Gleichnisse vom Unkraut im Acker und vom Fischnetz 
in ihrer ursprünglichen Form. Die Städte Bethsaida, Chorazin 
und Kapernaum treffen die Wehrufe , weil alle AVunder nichts 
geholfen haben. Das ganze Volk erscheint Jesus bald wie die 
spielenden Kinder, denen es niemand recht machen kann, nicht 
Johannes, nicht Jesus, bald aber auch wie der rückfällige Be- 
sessene; es Avird nachher schlimmer als vorher mit ihm. Die 
Juden können und wollen die Zeichen der Zeit nicht verstehen; 
sie leben in den Tag hinein: essen und trinken, freien und sich 
freien lassen, kaufen und verkaufen ist ihr ganzer Lebensinhalt. 
Umsonst sind schreckliche Warnungen, die Gott ihnen sendet: 
die Niedermetzelung der Galiläer in Jerusalem, der Fall des 
Thurnis in Siloah. Umsonst ist das grosse Zeichen, das Jesus 
ihnen durch seine Busspredigt giebt; wie viel besseren Erfolg hatte 
Jonas bei den Niniviten! Umsonst ist auch die Frist, die Gott 
ihnen noch giebt, damit sie Busse thun vor dem Ende. Unauf- 
haltsam taumelt das ganze Volk seinem Verderben zu. 

So schlägt die frohe Reichsgottespredigt zuletzt um in die 
Botschaft vom Gericht über Israel. Jesus tritt auf die Seite des 
Johannes. In den letzten Tagen vor seinem Ende hat Jesus klar 
und bestimmt den Untergang der jüdischen Kirche und selbst 
des Heiligtums ausgesprochen: kein Stein soll auf dem anderen 
bleiben. Gleichzeitig eröffnet sich ihm der Blick auf die Heiden- 
welt und zwar an Israels Stelle. Im Gleichnis heisst es: Wie 
statt der Geladenen, welche die Einladung nicht annehmen, an- 
dere zur besetzten Tafel gerufen werden . . .; wie statt der Wein- 
gärtner, die den Zins verweigern, andere zu Pächtern eingesetzt 
werden . . . Ohne Gleichnis: Statt der Kinder des Reichs kommen 
viele herbei von Ost und West und setzen sich mit den Patri- 
archen im Gottesreich zu Tische. Wie dieser Herzutritt der 
Heiden erfolgen soll, überlässt Jesus seinem Gott; er spricht nur 
die Verheissung aus, ohne einen Missionsbefehl zu geben. Die 
Geschichte des apostolischen Zeitalters ist genug Beweis dafür. 

Aber war die Verwerfung Israels in Jesu Mund eine defini- 
tive? Nicht nur Paulus hat an Israels schliessliche Rettung ge- 
glaubt, auch die Urapostel haben aus diesem Glauben heraus die 
Bekehrung der Volksgenossen unermüdlich versucht. Doch ist 



44 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

hier der Ueberlieferung gegenüber besondere Vorsicht nötig. Es 
kann sein, dass schon die Vaterlandshebe der Jünger sich nicht 
mehr in das Entsetzliche zu finden vermochte. Man erzählte in 
der Urgemeinde nur das Gleichnis vom Feigenbaum, dem noch 
eine Frist gegönnt wird, während man das Gleichnis vom ver- 
fluchten Feigenbaum zum Schauwunder machte und ihm so den 
ernsten Sinn nahm. Alles deutet darauf hin, dass Jesus schroffer, 
entschiedener mit der nationalen Hofi'nung brach, als seine Jün- 
ger. Für einzelne, ja für viele hat er über seinen Tod hinaus ge- 
hofft; sollte doch sein Tod selbst ein Mittel zur Errettung vieler 
werden. Das Volk als ganzes gab er, hierin den Thatsachen besser 
gehorchend, als sein grosser Apostel, verloren. 

So behält die Predigt Jesu von Anfang bis zu Ende ihren 
eschatologischen Charakter. Es ist und bleibt die Botschaft 
vom Ende, vom nahen Weltgericht und Gottesreich. Nur das 
Nationale wird entfernt, Ewigkeitsernst und Ewigkeitsfreude 
bleiben. Dadurch hat Jesus die jüdische Eschatologie so ge- 
läutert und vertieft, dass sie sich die Welt erobern konnte, und 
dass die spätere Verwandlung der irdischen Erwartung in die 
himmlische gar nichts für sie bedeutet hat. Das Grosse und 
Neue bei Jesus liegt nicht in den Gedanken einer Gegenwart 
und Immanenz des Gottesreichs — Gedanken, die Jesus selbst 
bald aufgab und die die Geschichte nicht bewegt haben — son- 
dern in der Entnationalisierung der jüdischen Hoffnung. 

Sofort hängen sich in der Gemeinde Jesu wieder zwei Rich- 
tungen an seine Eschatologie, eine national -jüdische, deren 
Trümmer sich in die Apokalypse verirrt haben, der sich aber 
selbst ein Paulus nicht entzog: Israel soll um jeden Preis gerettet 
werden — und eine freiere, welche die Brücke zum Griechentum 
hinüberschlägt und schliesslich die ganze -jüdische Eschatologie 
in religiöse Jenseitshoffnung umsetzt. Diese allein hat den Sinn 
der Lebensarbeit Jesu verstanden. 

8. Die Forderung. 
Das Reich Gottes ist nach der Anschauung Jesu und der 
Juden ein Geschenk Gottes, das ohne Zuthun der Menschen auf 
übernatürliche AVeise durch lauter Wunder und Katastrophen 
auf der Erde Platz ergreift. Selbst in seiner kurzen enthusiasti- 
schen Zeit hat Jesus es nicht durch seine und seiner Jünger 
Arbeit erwartet, sondern von selbst erhebt es sich. Der Gedanke 



3. Die Forderung. 45 



der Arbeit für das Reich Gottes ist von Haus aus weder christ- 
lich noch jüdisch. Er ist uns erst gekommen nach dem Zusammen- 
sturz des supranaturalen Denkens und nach einer völligen Um- 
bildung des Reich-Gottesbegriffs. Wie sollten auch Jesus und 
seine Jünger das Weltgericht, die Auferstehung, die Aufhebung 
des Todes, das Schauen Gottes herbeiführen können! Solche 
phantastische Gedanken liegen Jesus völlig fern. Sache der 
Menschen ist nicht, das Reich Gottes herbeizuführen, sondern 
sich vorzubereiten für seinen würdigen Empfang. 

Diese Vorbereitung hat Jesus mit dem Ruf zur Busse an- 
treiben wollen. Die jüdische Kirche kennt wie die spätere christ- 
liche ein Institut der Busse, die teschuba. Wenn jemand ge- 
sündigt hatte, so konnte er durch ein Sündenbekenntnis, begleitet 
von Trauer, Fasten und Selbstkasteiung, sich Gottes Gnade 
wieder erwerben. Es scheint, dass besonders der Wiedereintritt 
in die kultische Gemeinschaft von solchen Leistungen abhing. 
Daran knüpft Jesus an, aber er macht sofort die Wendung, die 
nachher Luther an der Spitze seiner Thesen erneuert hat. Er 
will, dass das ganze Leben angesichts des nahen Gottesreichs 
eine solche Busse sei, keine äussere Kirchenbusse, sondern ein 
Bruch mit dem früheren leichtsinnigen Leben und eine Zukehr 
zu Gott. Denn der Inhalt dieser Busse ist nichts Negatives, 
Asketisches, wie beim jüdischen Bussinstitut, sondern einfach das 
Thun des Willens Gottes. Wer Busse thut, d. h. wer Gottes 
Willen thut, darf hoffen, ins Gottesreich einzugehen. Welches 
ist der Inhalt dieses Willens Gottes im Sinne Jesu? 

Zwei Vorbemerkungen sind hier nötig zur Abwehr von Miss- 
verständnissen. 

Es besteht für Jesus eine klare Scheidung zwischen den 
Aposteln und den Jüngern im weiteren Sinn. Eine kleine Schar 
von Männern reisst Jesus heraus aus dem Leben in der Welt, 
aus Beruf, Familie, Besitz, Heimat und zieht sie in sein Wander- 
leben zu seiner Nachfolge hinein. Aber das sind die künftigen 
Missionare, die Berufsgenossen Jesu. Sie werden uns später be- 
gegnen als die Führer der Gemeinde. Von allen anderen Jüngern, 
den Brüdern und Schwestern, die Gottes Willen thun, fordert 
Jesus nicht diese Nachfolge, sondern setzt gerade voraus, dass 
sie in der Welt, in den gewohnten Verhältnissen leben. Während 
die sog. Aussendungsrede die Pflichten der Missionare zusammen- 
stellt, beschreibt die Bergpredigt den Willen Gottes für die 



46 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

Jünger in der Welt. Wenn daher vielfach Grundsätze der bürger- 
lichen Ethik, der Arbeit des Erwerbslebens bei Jesus vermisst 
werden, so ist der Grund ihres Fehlens, dass sie für Jesus selbst- 
verständlich sind. Da er nicht zu Müssiggängern redet, braucht 
er seinen Zuhörern so wenig zu sagen, wie sie ihr Brot verdienen 
müssen, als ein heutiger Prediger. Er giebt ihnen religiöse 
Grundsätze, Ewigkeitsworte, welche das gewöhnliche Leben in 
der Welt formen sollen, aus welchen allein aber — ohne die An- 
wendung auf das Leben in der Welt — sich gar nicht leben lässt. 

Li den Evangelien sind die wichtigsten Sprüche Jesu unter 
einigen grösseren Gesichtspunkten sehr äusserlich als ein Vielerlei 
nebeneinandergestellt. Vor allem in der Bergpredigt ist Jesus 
der neue Gesetzgeber, der eine grosse Fülle hoher Vorschriften 
ohne innere Verbindung proklamiert hat. Es ist aber nur billig, 
anzunehmen, dass Jesus ein bestimmtes Lebensideal besass, dass 
von ihm aus alle einzelnen Aeusserungen verstanden werden 
müssen. Er hatte den Menschen vor sich, wie er angesichts der 
Ewigkeit — des Gottesreichs und Weltgerichts — zu den drei 
grossen Wirklichkeiten, zu sich selbst, zum Bruder, zu Gott, eine 
bestimmte Stellung einnimmt. AVas sich mit diesen drei Wirk- 
hchkeiten nicht oder nur von ferne berührt, kümmert ihn nicht; 
er hat darüber nichts zu sagen. Was sie dagegen fördernd oder 
hemmend angeht, wird von ihm aufgegriffen und nach dem Ideal 
bestimmt. 

Für sich selbst hat der Einzelne das Ziel, zur Herrschaft 
über sich und zur Freiheit von der Welt zu gelangen. Nur wenn 
er das erreicht, kann er zu jeder Zeit vor Gott erscheinen und 
wird nicht überrascht vom plötzlichen Gerichtstag. Die Herr- 
schaft über sich selbst erstreckt sich vor allem in das Innenleben, 
die Worte, die Gedanken, das Herz, aus dem sie kommen. Da 
gilt es, die Gedanken und Worte in strenge Zucht zu nehmen, 
Herr zu werden über jeden bösen Blick und über jedes flüchtige 
Wort. Auch das Ehr- und Rachegefühl muss untergehen, da es 
der Seele die Freiheit nimmt. Der Jünger soll mit sich selbst 
ins Gericht gehen und volle Lauterkeit und Wahrhaftigkeit der 
Gesinnung erstreben. Dabei soll er sich's sauer werden lassen, 
wenn es sein muss. Jesus dringt auf strengste Nüchternheit, die 
sich nie in Sicherheit wiegen lässt, auf Wachen und Beten und 
Kampf gegen alle Versuchung. Haue ab Hand und Fuss, reiss 
heraus das Auge, wenn sie dich ärgern! Nur in dieser harten 



3. Die Forderung- 47 



Arbeit an sich selbst erreicht es der Mensch, dass er jeden Augen- 
blick vor Gott treten kann. 

Dazu gehört aber die Freiheit und Gleichgiltigkeit gegen 
die Welt, ihren Reichtum, ihre Vergnügen, wie ihre Sorgen und 
Nöte. Vor allem mit den Mammonsknechten ist Jesus furchtbar 
zu Gericht gegangen. Der Mammon will Herr der Seele sein-, er 
will sie ganz gefangen nehmen und herabziehen, dass sie das 
Ewige vergisst. Darumist er der grosse Feind, den jeder sich 
merken soll. In einer Fülle von Sprüchen und Gleichnissen offen- 
bart Jesus seine Gefahr. Aber er hat kein Gesetz des Verzichtes 
für alle aufgestellt. Er fordert, dass sich die Seele innerlich von 
ihm frei mache und bereit sei, äusserlich völlig zu verzichten, so- 
bald Gott es will. Ein anderer grosser Feind ist die Famihe, die, 
obschon selbst eine Gottesordnung, doch mit hundert Banden 
das Herz an die Welt fesselt, das Gewissen und den Ernst des 
Einzelnen lähmt. Wenn bei den Juden die Pietät das Ein und 
Alles ist, so ruft Jesus Worte aus, die in furchtbarer Härte der 
Pietät zu Leibe rücken und die Freiheit auch vom Liebsten ver- 
langen. Lass die Toten ihre Toten begraben! Seine eigene 
Mission ist die Zerstörung der das Gewissen knechtenden Pietät. 
Wieder ein anderer Feind ist die Sorge um Nahrung und Klei- 
dung, welche die Menschen in einen Kerker schliesst, wo sie 
keine freie Aussicht auf die ewigen Aufgaben und Ziele mehr 
haben. Das nennt Jesus heidnisch. Die Augen auf das Grosse 
gerichtet und das Kleine Gott befohlen! Aber auch das reine 
Gegenteil der Sorge, das Leben in Gewohnheit und Leichtsinn, 
das Leben, wie es die meisten Menschen führen ohne Tugend und 
ohne Schuld, und das eine Macht über sie ist, geisselt Jesus. Er 
will, dass der Einzelne nicht wie die anderen sei, sondern, den 
Ernst der Zeit und seines Lebens erkennend, der Ewigkeit ent- 
gegengehe. 

So zielt die Forderung Jesu überall auf das eine: Die 
AVeckung des Gewissens angesichts der Ewigkeit. Er giebt keine 
Lebensregeln, überhaupt kein ausgeführtes Gesetz. Andere 
Zeiten können andere Gefahren und andere Pflichten haben. 
Während Jesus Familienbande zerreisst, geht Paulus daran, sie 
zu befestigen, mit Recht, weil das heidnische Gebiet eine neue 
Lage hervorrief. Man versteht Jesus nur da, wo man sein Ziel 
ins Auge fasst , und erkennt, dass die Weckung des Gewissens 
der Weg ist. 



48 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

In scharfem Gegensatz steht dies Ziel Jesu zum modernen 
Ideal der freien, voll sich auswirkenden und auslebenden Persön- 
lichkeit, wie es mit Hecht oder Unrecht an den Namen Goethe 
geknüpft ist. Der moderne Mensch zieht die Sünde in seine Ent- 
faltung hinein und freut sich ihrer, wenn sie ihn reicher gemacht 
hat. Jesus fordert Armut und Strenge. Besser einäugig ins 
Gottesreich kommen, alsmitbeiden Augen zur Hölle fahren. Dies 
eine Wort spricht klar genug. Durch diesen Gegensatz gegen das 
moderne Ideal nähert sich Jesus stark dem Pietismus, der auf 
alle Fälle den Ewigkeitsernst des Evangeliums verstanden hat. 
Es liegt ein herber, weitabgewandter Kern in der Ethik Jesu, 
wie ganz selbstverständlich da, wo die Hölle und das Verloren- 
, gehen Realitäten sind. Aber Jesus unterscheidet sich sofort 
i wieder, wenn er auf die grösste Lauterkeit dringt und die Forde- 
rung des Gewissens nicht mit kleinlichen und künstlichen Satzun- 
Igen beschwert. Es giebt zu denken, dass er der Volkssitte nie 
j entgegentrat. Etwas Gerades, Aufrichtiges, Ungezwungenes ge- 
hört zum Jünger Jesu. 

Die Forderung dem Bruder gegenüber hat Jesus selbst ganz 
einfach als die Nächstenliebe formuliert, wie sie schon im AT 
von Gott geboten werde. Aber das alte Gebot erhält durch Jesus 
eine überreiche Anwendung, und es strömt ihm eine neue enthu- 
siastische Liebeskraft zu, die über die nationalen Schranken hin- 
aus der Menschheit zu gut kam. 

Die Liebe soll alle Beziehungen des Einzelnen zu seiner 
Umgebung beherrschen. Gegenüber den Armen und Bedürftigen 
als Freigebigkeit und zwar sorglose, reiche, königliche. Wie wir 
selber von Gott uns alles Gute schenken lassen, so soll uns das 
Wiederschenken das Selbstverständliche sein. Wer dich bittet, 
dem gieb. Selig sind die Barmherzigen! Gegenüber dem Näch- 
sten, der mir Unrecht thut und den Frieden bricht, Versöhnlich- 
keit ohne Grenzen und Bedingungen, 70 X 7 mal. Wir selbst 
leben nur von der veizeihenden Liebe Gottes i ohne sie müssten 
alle, auch die Allerfrömmsten vergehen. Gottes Vergeben hört 
nur da auf, wo Menschen nicht mehr vergeben. Gegenüber dem 
Freund, mit dem wir zusammengehen, Demut, das Helfen, Dienen, 
sich Unterordnen, auch wenn wir grösser sind. Wer gross sein 
will, sei klein. Jesus selber, der Grösste, dient am meisten. 
Endlich gegenüber dem Dränger und Feind Feindesliebe bis 
zum Gebet für den Feind und zum Zuvorkommen im Nach- 



3. Die Forderung. ^9 



geben. Grollen und hassen ist kleinlich. Der Jünger trage etwas 
von Gottes grossherziger, Schlecht und Gut umfassender Liebe 
in sich. In jeder dieser Beziehungen fordert Jesus die Liebe als 
etwas Reiches, Grenzenloses, Ausserordentliches. Weit verbannt 
soll immer das Kleinliche, Aengstliche, Berechnende sein. Als 
eine Macht, der gar kein äusseres Gesetz entgegensteht, soll sie 
sich offenbaren. Dabei zielt aber Jesus nicht einmal auf Extra- 
handlungen und Extrawerke hin, sondern auf die Liebe, der jeder 
Tag und jeder gewöhnHche Verkehr Gelegenheit zur Bethätigung 
giebt. Das Königliche der Liebe erprobt sich an den einfachen, 
alltäglichen Beziehungen der Menschen. 

Diese Forderung der überall giltigen Liebe scheint auch 
dem modernen Bedürfnis nach Reform der Gesellschaft zu Grunde 
zu liegen, ist aber doch etwas völlig anderes. Für die Gesell- 
schaft hat Jesus nichts gethan, er hat sie nicht reformieren wollen. 
Genau besehen sind seine Forderungen auch unpraktisch für 
irgend ein Gesellschaftsideal. Dieses kann das Recht gar nie 
entbehren, ohne der Anarchie zu verfallen. Grenzenlose Frei- 
gebigkeit wäre Aufhebung des Eigentums, grenzenlose Versöhn- 
lichkeit Aufhebung aller Strafe , grenzenlose Demut Aufhebung 
aller Ehre und Ordnung. Schon in den ältesten christhchen Ver- 
einen, die etwas Aehnliches erstrebt haben, hat sofort die Wirk- 
lichkeit die Grenzen wieder hergestellt. Aber Jesus setzt sich 
ganz darüber hinweg, ob seine Forderungen für die Gesellschaft 
passen oder nicht. Nicht nur, weil er angesichts des nahen 
Endes an keine Gesellschaftsreform denken konnte, sondern vor 
allem, weil er immer auf den Einzelnen und dessen Inneres ab- 
zielt. Feindschaft, Zorn, Hass, Neid, Unversöhnlichkeitsind un- 
göttlich und schlecht-, mit ihnen kann niemand vor Gott er- 
scheinen. Dagegen ist die Liebe das wahrhaft Göttliche, das die 
eigene Seele adelt und erhebt und dem Bruder hilft, Gott näher 
zu kommen. Liebe, nicht um der Folgen für die Gesellschaft 
willen, sondern weil sie allein Liebe verdient! 

Daraus erklärt sich auch das gänzliche Zurücktreten der 
Sozialethik in der F^orderung Jesu. Es scheint auf den ersten 
BHck paradox, dass der Genius der Liebe den menschlichen Ge- 
meinschaftsformen kein Interesse geschenkt hat. Der Staat 
kommt natürlich als Fremdherrschaft ausser Betracht; Herrsch- 
sucht und Gewalt der Grossen sieht Jesus hier obenauf. Die 
Jünger sollen an der Politik lernen, wie es bei ihnen nicht sein 

Wernle, Anfänge. 4 



50 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

soll. Aber auch auf die Familienethik geht Jesus nicht anders 
ein, ausser dass er die Unlösbarkeit der Ehe proklamiert im Ge- 
gensatz zur leichtfertigen Scheidungspraxis. Damit stellt er ein 
Ideal für die Einzelnen auf, ohne sich weiter um die schwere 
Frage zu kümmern, wie es sich in der schlechten Wirklichkeit 
behaupten lasse. Ueber das Verhältnis der dienenden und herr- 
schenden Klassen hat er gar nichts ausgesagt. Selbst die Ar- 
mut wollte er nicht aus der Welt schaffen: „Arme habt ihr alle- 
zeit bei euch." Die Verbesserung des öffentlichen Rechts ist ihm 
gänzlich gleichgiltig; er rechnet in seinen Gleichnissen mit der 
bestehenden Ungerechtigkeit als mit etwas, das nun einmal in 
dieser Welt so sein müsse. Bezeichnend ist auch die kleine Er- 
zählung, wie einer Jesus um Schlichtung eines Erbstreits ersucht 
und den Bescheid erhält: „wer hat mich zum Erbrichter über 
euch eingesetzt?" Heutzutage muss sich jeder Seelsorger viel 
mehr um diese Verhältnisse kümmern, als Jesus je gethan hat. 
Wenn wir das jetzt mit Recht als Pflicht der christHchen Liebe 
ansehen, so dürfen wir doch deshalb die Gestalt Jesu nicht zu 
einem Sozialreformer verfälschen. Sein Beruf war, den Einzelnen 
zur Liebe zu erwecken, zu sorgen, dass dem Einzelnen die Ver- 
antwortung gegenüber dem Bruder aufgehe. Damit hat Jesus 
im höchsten Mass Ewigkeitsarbeit gethan und ruft uns noch 
heute aus der Zerstreuung der Reformen und Weltverbesse- 
rungen zur Hauptsache, zur Arbeit an uns selbst zurück. 

Was ist nun aber die Forderung Gott gegenüber? In den 
Evangelien stehen ungemein wenig Sprüche, die sich auf das Ver- 
hältnis des Menschen zu Gott direkt beziehen. Diese Beobach- 
tung führt uns in den Kern der Dinge. Fern ist Jesus natürlich 
jede Spekulation über Gott, einfach weil er ein Semit ist; den 
Semiten — trotz Spinoza — ist das spekulative Phantasieren 
versagt. Aber Jesus ist auch kein Mystiker und hat von nie- 
mand mystische Versenkung in Gott gefordert. Es fehlt selbst 
der leiseste Anklang daran. Sein Hauptgebet umfasst lauter ein- 
zelne konkrete Güter und erhebt sich nicht entfernt in jene 
Sphäre, wo Welt, Raum und Zeit vergessen sind. Nie in seinen 
Forderungen verlässt er den Kreis des thätigen Lebens, wie es 
vor der Ewigkeit ausgebreitet liegt. Er fordert kein Leben mit 
Gott allein neben der Arbeit im Beruf und dem Verkehr mit den 
Nächsten. Deshalb haben schon die Gnostiker gar nichts am 
Evangelium für sich gefunden. Alles mit Gott und unter Gott, 



3. Die Forderung. 51 



nichts bei Gott allein. Die Probe dafür ist, dass auch das 
Gottesreich, zu dem die Seele sich in Sehnsucht erheben soll, 
kein mystischer Himmel, sondern etwas Konkretes und Gemein- 
schaftliches ist. Die Losung Gott und die Seele, die Seele und 
ihr Gott, mag für Augustin passen, nicht für Jesus. 

Es soll aber das gewöhnliche Alltagsleben, beherrscht von 
den Grundsätzen der Herrschaft über das Ich und der Liebe, 
in beständigem Aufblick zu Gott, Furcht und Vertrauen, Glaube 
und Sehnsucht gelebt werden. Die Furcht Gottes hat Jesus sehr 
stark betont, denn unser Vater ist der Herr Himmels und der 
Erde und der Richter über jedes böse Wort, der Leib und Seele 
verdammen kann zur Hölle. Im Verbot des Richtens oder im 
Gleichnis von den anvertrauten Pfunden oder im Verbot der 
Menschenfurcht offenbart sich eine Furcht vor Gott, wie sie kein 
ATlicher Frommer stärker ausdrückte. Diese Furcht Gottes ist 
der beständige Untergrund, auf dem erst die freundlichen, Ver- 
trauen erweckenden Züge Gottes aufgetragen sind. Wo sie fehlt, 
ist nicht der Gottesglaube Jesu. Aber freilich mit der grössten 
Herzlichkeit und Kindlichkeit hat Jesus die Liebe Gottes seinen 
Jüngern nahe gebracht. Er lehrt sie zu ihm beten, wie das Kind 
zum Vater, das bestimmte Wünsche in einfachem, dringlichem 
Ton vertrauensvoll und der Erhörung gewiss an ihn bringt. Sie 
sollen alle ihre Sorgen auf ihn w^erfen und ihm zutrauen, dass sie 
in seiner Obhut stehen, mehr als die Blumen des Feldes und 
die Vögel des Himmels. Sie sollen ihm glauben, d. h. als Kinder 
unter seinem Schutz alles Schwere ertragen und mutig sein. So 
sollen sie mitten in der Gegenwart, in Not und Leid schon die 
Liebe des Gottes spüren, der ihnen in Bälde das Ziel ihrer Sehn- 
sucht, das Gottesreich, bescheren wird. Haben und hoffen ge- 
hört zusammen. Der schlichte Vorsehungsglaube steht nicht für 
sich allein, sondern schöpft seine grösste Kraft aus dem sicheren 
Blick auf die glorreiche Zukunft. 

So gewiss auch die grosse Forderung Jesu sichtlich er- 
leichtert war durch die Beschränktheit seines Weltbildes, dessen 
Mittelpunkt Erde und Israel ausmachen, und durch den schran- 
kenlosen Wunderglauben, so wäre es doch verkehrt, sich den Ab- 
stand, der ihn von uns trennt, zu übertreiben. Es erschien schon 
seinen Jüngern sehr paradox, dass Jesus mitten im Seesturm 
schlafen konnte, und beständig spiegelt uns die Umgebung Jesu un- 
seren eigenen schwachen Glauben wieder. Als Jesus in Gethsemane 

4* 



52 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

betete, wusste er genau, dass seine Feinde ihm den Tod bereiteten, 
und nahm ihn doch als Gottes Kelch. Was Jesus also forderte, 
war schon zu seiner Zeit schwer oder leicht, je nachdem man es 
nahm. Der Unterschied des Frommen vom Unfrommen ist immer 
der, ob einer von Gott grösser denkt, oder von der AVeit. Jesus 
forderte seine Jünger auf, von Gott so gross zu denken, dass das 
Schicksal selbst des Kleinen und Kleinsten von seiner Liebe und 
seinem Plan umschlossen sei. Ob sie das verstünden oder nicht, 
war einerlei. Genug, wenn sie in diesem Glauben, dieser Para- 
doxie durch die Welt hindurch dem Gottesreich zuwanderten. 

Das also war der Wille Gottes, den Jesus predigte, das 
rechte Leben in den drei grossen Wirklichkeiten. So oft er in 
freier Luft oder in dichtgedrängter Hausversammlung die frohe 
Einladung zum Reich Gottes ergehen Hess, legte er zugleich diese 
einfachen Bedingungen seinen Hörern ans Herz. Noch wichtiger 
als die Freuden der Zukunft war ihm die rechte Verfassung des 
Einzelnen in der Gegenwart. Er erschütterte die Leichtsinnigen, 
erweichte die Hartherzigen, gab den Kummervollen Mut und 
Trost. Wie er selber mit aller Wucht stets auf die gleichen ein- 
fachsten Pflichten drang, so wollte er auch kein anderes Krite- 
rium vor Gott und vor den Menschen gelten lassen. Gott selbst 
wird am Gerichtstag die Menschen nach ihrer Selbstzucht, ihrer 
Liebe, ihrem Gottvertrauen messen, und auch die Menschen 
sollen einzig auf diese Früchte sehen. Wohl ist ihnen die Ge- 
sinnung verborgen, die nur Gottes Auge durchdringt; aber die 
Menschen haben das volle Recht, Thaten als Früchte der Ge- 
sinnung zu fordern. Die Frömmigkeit muss ans Licht heraus; 
scheut sie das Licht, so ist sie nicht vorhanden. 

In all dem ist uns bis jetzt kein Ansatz von Kirche, Sakra- 
ment, Dogma begegnet. Der Wille Gottes, wie er in der Berg- 
predigt ganz und rund enthalten ist, unterscheidet sich von den 
Forderungen der späteren Kirche genau so stark wie vom jüdi- 
schen Gesetz und müsste eigentlich heute unter uns als etwas 
gänzlich Neues empfunden werden. Allein gegen Ende der Wirk- 
samkeit Jesu tritt ein neues Stück hinzu, die Forderung des Be- 
kenntnisses zu Jesus. Hieran hat die spätere Entwicklung ange- 
knüpft. Es entsteht dadurch der Schein, dass Jesus selbst an 
der verhängnisvollen dogmatischen Entwicklung schuld sei und 
den einfachen, ewigen Willen Gottes beschwert habe durch ein 
Minimum von Dogma und Kirchlichkeit. 



3. Die Forderung. 53 



Hier gilt es, die Art dieses Glaubens und die Umstände, 
unter denen Jesus ihn fordert, scharf ins Auge zu fassen. Jesus 
verlangt nicht das Bekenntnis im späteren kirchlichen Sinn. 
Nicht einmal den Satz: Du bist der Messias oder der Sohn 
Gottes! hat er gefordert, sondern einzig die Anerkennung, dass 
Gott ihn gesandt habe, dass seine Worte Gottes Worte seien. 
^Wer euch hört, hört mich, wer mich hört, hört den, der mich 
gesandt hat." Daher die häufige Zusammenstellung: „ich und 
meine Worte", „ich und das Evangelium" gerade in den Sprü- 
chen des Bekenntnisses. Diese einfache Anerkennung, dass Je- 
sus von Gott gesandt sei, war im Grund selbstverständlich für 
alle, die auf seine Predigt eingingen. Wer zur Sache stand, stand 
zur Person. Mehr hat Jesus nicht gefordert. Es war kein 
Glaube, der mit der Verehrung Gottes irgendwie konkurrierte. 
Gott bleibt Gott und Jesus sein Gesandter, durch den er reden 
will. 

Es gehört nun zum Grossartigsten, dass Jesus mit dieser 
Forderung des Bekenntnisses erst von Caesarea Philippi an auf- 
tritt, d. h. erst von da an, als für die Jünger und ihn die Gefahr 
nahte. Ein Bekenntnis ohne Gefahr und Leiden hätte er nichts 
geschätzt; das fiele unter den Begriff des Herr-Herr-Sagens. Aber 
jetzt wird das Bekenntnis nötig beim Anzug der Gefahr, damit 
nicht die Sache mit der Person untergehe. Jesus scheut sich 
nicht, direkt die Martyriumsbereitschaft jedem Jünger zur 
Pflicht zu machen. Das ist der ursprünghche Sinn der „Selbst- 
verleugnung" und des „Kreuztragens", keine Askese, sondern 
das Leiden in der Nachfolge Jesu. Nachfolge Jesu heisst über- 
haupt in den Evangelien das Leiden mit und für ihn. Wie stark 
diese neue Bedingung hervortritt, zeigt das Wort von der Für- 
bitte Jesu für seine Bekenner; das Martyrium erhält dadurch 
indirekt sündetilgende Kraft. Aber die ersten Forderungen Jesu 
bleiben bestehen. Das Thun des Willens Gottes wird nicht an- 
ders aufgefasst; es wird nur noch ernster, mit grösseren Opfern 
verbunden, da derjenige, der sich ihm unterzieht, dadurch in die 
Leidensgenossenschaft Jesu gerät. Es war doch dieser Todes- 
mut der Jünger, welche für Jesus von ihren Familien sich los- 
rissen und ihren Konsistorien den Gehorsam verweigerten, etwas 
ganz anderes als der Bekenntniseifer heutiger gut situierter, un- 
freier Theologen. 



54 JDie Entstehung der Religion. I. Jesus. 

Die Forderung Jesu ist etwas so durchaus Einfaches, Po- 
sitives, dass man sie völlig darstellen kann, ohne auf Gesetz, Pha- 
risäer, jüdische Ethik überhaupt Rücksicht zu nehmen. Jesus 
gehörte nicht zu den Naturen, die wohl kritisieren können, aber 
nichts Eigenes besitzen. Immerhin wird der Sinn seiner Arbeit 
klarer, wenn man sie an den erwähnten drei Grössen misst. 

Bei der Frage nach der Stellung Jesu zum jüdischen Gesetz 
thut man gut, die prinzipielle Erklärung der Bergpredigt auf der 
Seite zu lassen und einfach den Thatbestand zu prüfen. Denn 
jene Erklärung: „Nicht aufzulösen bin ich gekommen, sondern 
zu erfüllen" gehört in ihrer jetzigen Form der Zeit nach Paulus 
an und will den Ertrag der Kämpfe des apostolischen Zeitalters 
von einem vielleicht schon katholisierenden Standpunkt aus 
formulieren, Sie passt schon einzig deshalb nicht für Jesus, weil 
ihre Form einen Theologen verrät, für den die Frage: Auflösung 
oder Erfüllung des Gesetzes? ein Problem bedeutete. 

Für Jesus gab es keine Gesetzesfrage im strengen Sinn, weil 
er Laie war und das Gesetz auf jeden Fall mittelmässig kannte^ 
vielleicht gar nie studierte. So kam es, dass er sich durchweg 
in Einklang mit dem Gesetz geglaubt hat. Im Gesetz standen 
die Gebote der Gottes- und der Nächstenliebe, stand der Dekalog, 
stand der Spruch, dass man Gott allein dienen solle. Im Gesetz 
war auch Recht und Liebe und Treue geboten, Grund genug für 
Jesus, im Gesetz Gottes Willen zu sehen. So konnte er direkt 
den Weg zum ewigen Leben im Gesetz vorgezeichnet finden; 
„halte die Gebote", antwortet er auf die Frage nach der Er- 
langung der Sehgkeit. Jesus fand auf diese AVeise seine eigene 
Forderung legitimiert durch das heilige Buch. Ja das Gesetz 
kam ihm sogar zu Hilfe gegen die Satzungen der Aeltesten und 
stellte sich im Vergleich mit ihnen als der noch ungetrübte Gottes- 
wille heraus. Ununterbrochen hat Jesus des Glaubens gelebt, 
das Gesetz auf seiner Seite zu haben, selbst sein wahrer Inter- 
pret zu sein. 

Gelegentlich kam er freilich da und dort in eine gewisse 
Kollision zu einzelnen Gesetzesstellen. Die Gewähr des Scheide- 
briefs konnte er nicht billigen, trotz Mose, der sie gab. Aber 
hier gab es einen einfachen Ausweg: Gesetz wider Gesetz, Gott 
im Paradies wider Mose am Sinai. Der Grund des Widerspruchs 
war die Rücksicht des Moses auf die Herzenshärtigkeit des Volks. 
Wenn die Antithesen der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass 



3. Die Forderung. 55 

den Alten gesagt ist — ich aber sage euch" von Jesus selbst 
herrühren, und nicht — was ungewiss ist — ihre Fassung der 
Urgemeinde verdanken, so hat er noch öfters sich zum Buch- 
staben des Gesetzes in Widerspruch gesetzt, nämlich jedesmal, 
wenn er in die Gesinnung den Schwerpunkt verlegte und Eng- 
herzigkeiten und ünvollkommenheiten beseitigte. Aber das waren 
Ausnahmen. Nie trat für Jesus Gottes Wille zum Gesetz in 
Widerspruch. 

Es ist die mangelhafte Kenntnis des Gesetzes, die an diesem 
Punkt eine völlige Täuschung Jesu verschuldet hat. Indem er 
nur das ihm Entsprechende im Gesetz herausgriff, konnte er über- 
sehen, dass auch seine Gegner das Gesetz auf ihrer Seite hatten, 
und zwar mit viel grösserem Recht. Der Pharisäismus ist die 
Konsequenz der Gesetzesrehgion; es geht eine gerade Linie von 
Hesekiel über den Priesterkodex zum Talmud hinüber. Im Ge- 
setz wurzelte die Scheidung von heilig und profan, die Bevor- 
zugung des Kultischen, das Wertlegen auf sittlich Gleichgiltiges, 
die Exklusivität, der nationale Fanatismus. Das Gesetz war 
die Inthronisation der jüdischen Idee, die Versteinerung der 
wahren Religion, der Todfeind des prophetischen Geistes. Das 
Gesetz bedingte die Existenz der Schriftgelehrten, die Jesus ge- 
tötet haben. Das alles hat sich Jesus zeitlebens verborgen. 
Er nahm das Menschliche, ünjüdische aus dem Gesetz heraus, 
gab jüdischen Sätzen eine ganz entgegengesetzte Wendung, ver- 
tiefte und vereinigte, was beschränkt und vergänglich war. Zum 
Grundzug des Gesetzes stand Jesus in reiner Negation. Paulus 
hatte Recht, wenn er im Gegensatz zu den Jüngern selbst Jesus 
das Ende des Gesetzes nannte. 

So steht hier Jesus zum Gesetz ähnlich wie zum Messias- 
und Reicbgottesbegriff. Er operiert durchweg mit alten Worten 
und zwar bona fide, glaubt, ihr wahrer Interpret zu sein, und 
entfernt gerade das Charakteristische, Jüdische aus ihrem Inhalt. 
In dieser Selbsttäuschung verrät sich doch der grosse Grundzug 
seines Wesens, positiv zu sein, zu bauen und nicht zu zerstören. 

Die positive Stellung Jesu zum Gesetz hat ihre Kehrseite an 
der runden Ablehnung des Pharisäismus. Sie erfolgt schonungs- 
los, extrem, en bloc, derart, dass schon das Wort Pharisäer für 
alle Zeit zum Schimpfnamen wurde. Aber nicht Jesus fing mit 
dem Kampf an, das Auflauern und Aufpassen der Pharisäer hat 
ihn hineingetrieben. Dann reizte ihn gewaltig ihr marktschreie- 



56 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

risches Wesen, ihre Prostitution der Frömmigkeit. Zuletzt er- 
schien ihm die ganze Richtung nur als Heuchelei. 

Die Pharisäer gingen darauf aus, ein bestimmtes Frömmig- 
keitsideal in das Volk hineinzutragen. Diesem setzt Jesus sein 
eigenes entgegen, das in allen Punkten sich zu ihm wie Ja zu 
Nein verhält. 

Rein oder unrein sind nicht die Dinge draussen in der Welt, 
sondern ist das menschliche Herz. Hier gilt es Ordnung zu schaf- 
fen durch Ausfegen der bösen Gedanken. Alles, was draussen 
ist, gehört Gott und darüber haben wir Macht. 

Gott besonders wohlgefällig sind nicht die Extrawerke, 
opfern, verzehnten, wallfahren, fasten, sondern er will das Schwe- 
rere im Gesetz, Recht und Liebe und Treue. Im täglichen Leben 
soll der Mensch ihm dienen, das allein ist der wahre Gottes- 
dienst. 

Nicht Heiligkeit, die sich scheu zurückzieht von der argen 
Welt, ist die Bestimmung des Menschen, sondern Liebe. Diese 
Liebe geht den Verirrten, Entfremdeten als unseren Brüdern 
nach und hebt alle Heiligkeitsschranken auf. Ein Samariter, der 
Liebe übt, ist Gott und Menschen lieber, als Priester und Levit 
mit allem Heiligkeitseifer. Der falschen Sabbatsheiligung gegen- 
über sagt Jesus: es giebt nur ein Entweder-oder: Gutes thun, 
Seelen retten — oder: Böses thun, Seelen verderben. 

Das war ein radikaler Gegensatz, eine Umkehr aller Werte. 
An Strenge blieb die Forderung Jesu wahrlich nicht hinter der 
der Pharisäer zurück. Sie war strenger, weil sie das ganze Leben 
umfasste und alle Ausflüchte unmöglich machte. Jesus setzte das 
Gewissen in sein Recht gegen die Künstelei, die Wahrhaftigkeit 
gegen die Heuchelei, Moral gegen Kultus, Liebe undMenschhch- 
keit gegen religiösen Egoismus und Dünkel. 

Vor allem offenbart dieser Kampf den grossen reformatori- 
schen Zug in der Forderung Jesu. Er will die Heiligung des 
Lebens in der Welt, des Berufs, des Alltagslebens, der Arbeit 
innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Alle Forderungen Jesu 
sind nicht für Mönche und Asketen, sondern für ]\Ienschen in 
der Welt aufgestellt. Hier ist der Kampfplatz, hier die Vor- 
bereitung für die Ewigkeit. Damit ist aller Pietismus gerichtet. 
Gewissensernst, Liebe, Gottvertrauen ist die Religion. 

Jetzt kann die Stellung Jesu zur Ethik des Judentums über- 
haupt ins Auge gefasst werden. Das Resultat ist ein überraschen- 



3. Die Forderung. 57 



des: Jesus hat in seiner Forderung das Jüdische ausgemerzt 
und das MenschUche behalten. Die Summe seiner Gebote richtet 
sich an den Menschen im Juden und an den Menschen überhaupt. 
Allerdings den Grundsatz: „Heiden können selig werden, so 
gut wie Juden", spricht Jesus nicht aus. Praktisch rechnet er 
nur mit Israel, Aber was für Worte wirft er in die Welt hinaus! 
Die Liebe macht den Samariter Gott und Menschen wohlgefäl- 
liger als den Priester und Leviten ohne sie. Der Zöllner , der 
ehrlich und schlicht vor Gott tritt, erhält eher Gottes Zeugnis 
als der Pharisäer, der sich brüstet. Die Niniviten und die Königin 
von Saba werden beim Prozess des Weltgerichts Israel besiegen. 
Ja schon jetzt giebt es einzelne Heiden, deren grosser Glaube 
die Israeliten beschämt und zu Gott hindurchdringt. Einzig auf 
das Thun der Gebote, auf die Früchte kommt es an, sonst auf 
gar nichts. Damit ist die jüdische Ethik und die jüdische Kirche 
— aber überhaupt jede Kirche — aufgehoben. Sobald der Mensch 
sich vor Gott und der Ewigkeit prüft, sieht er, dass alles Parti- 
kulare und Besondere gar nicht Bestand hat. 

Diese Entdeckung des menschlich Ewigen war Jesus mög- 
lich, weil er nicht auf die Aufstellung einzelner detaillierter Ge- 
setze, sondern auf die Entdeckung innerer Grundsätze ausging, 
die einer unendlichen Anwendung und Anpassung fähig sind. 
Nur für die Ehe stellte Jesus ein Gesetz auf, es bezeichnet aber 
das Ideal; das hat schon Paulus verstanden, wenn er in be- 
stimmten Fällen die Trennung gutgeheissen hat. Sonst triÖ't man 
nichts Statutarisches bei Jesus. Das Gewissen ist seiner Natur 
nach individuell; Jesus hat es geweckt, nicht umschrieben. Die 
Liebe ist das Beweglichste, Freieste und Feinste, das Gott- 
vertrauen das Innerlichste. Vielfach ist der Schein des Gesetz- 
lichen erst durch die Kodifikation der Urgemeinde entstanden. 
Daher fehlt auch allein die Begründung bei Jesus, weil er das 
Selbstverständliche verlangt, dem jedes Gewissen Recht giebt. 
Das kirchliche Dogma freilich bedarf der Begründung, die Berg- 
predigt versteht jeder ohne sie. 

Aber noch bleibt ein scheinbarer Widerspruch. Wie verhält 
sich zu dem ewigen Gehalt der Forderung Jesu ihre eschatolo- 
gische Grundlage? Die Gebote Jesu wollen zur Vorbereitung 
auf das nahe Weltgericht und Gottesreich anleiten, sie erzielen 
die zukünftige Seligkeit. Das Entweder - oder der zwei Wege, 
die Aussicht auf Gottesreich oder Hölle liegt allen zu Grund. 



58 Die EntstehuDg der Religion. I. Jesus. 

Und trotzdem soll diese Forderung ewige Kraft haben? Nicht 
trotzdem, sondern deshalb. Jesus trat mit der eschatologischen 
Botschaft, d. h. mit dem Wort von der nahen Ewigkeit auf. 
Er fordert, dass der Mensch der Ewigkeit entgegengehen und in 
ihr leben könne. Das vermag er aber nur, wenn er dem Ewigen 
in sich Kraft und Sieg verleiht. Die Nähe der Ewigkeit weckte 
in Jesus die Erkenntnis von all dem, was die Hauptsache ist 
und Bestand hat vor Gott. Gerade als Gerichtsprophet konnte 
Jesus den Grund zur bleibenden Religion legen. Mag dann auch 
später das eschatologische Drama zurücktreten und mag die 
Gegenwart und diese Erde ihren Anspruch an den Menschen er- 
heben : die Ewigkeit umgiebt uns Menschen doch selbst im Ge- 
wand der Zeit und ihre Forderungen sind die gleichen. 

Aber die Höhe der Forderung Jesu ist einzig von Paulus, 
und nicht einmal immer von ihm, ganz behauptet worden. In 
der Urgemeinde setzt sich sofort das „neue Gesetz" an. Die 
paulinische Heidenkirche wurde gleichfalls zur Gesetzesreligion. 
Eine neue Kirche, die christliche, trat an Stelle der jüdischen; 
ihre Forderung ist vielfach dieselbe: äusserlich, kultisch, juristisch, 
theologisch. Die Worte Jesu sind das Gericht über seine eigene 
Kirche bis in die Gegenwart. 

4. Jesus der Erlöser. 

Wer, durch Worte nicht beirrt, die kurze Geschichte des 
Urchristentums durchgeht, dem drängt sich bald eine seltsame 
Beobachtung auf. In den ersten Evangelien fehlen alle hohen 
Worte von Erlösung, Versöhnung, Rechtfertigung, Wiedergeburt, 
Empfang des Geistes, und doch empfindet es jeder Leser, dass 
die Menschen um Jesus herum zu einem ganz besonders glück- 
lichen Leben erhoben wurden. Dagegen tritt in den späteren 
Schriften, je mehr sich die theologischen hohen Ausdrücke häufen, 
die Erlösung als thatsächliches Erlebnis, das sich uns heute noch 
mitteilt, zurück. Schon Paulus, der ganz gewiss zu den erlösten 
Menschen gehörte, hat allgemeine Theorien der Erlösung auf- 
gestellt, die mehr als einmal durch die Erfahrungen in seinen 
Gemeinden widerlegt wurden. Das Reden über die Erlösung, 
zumal das theologische, steht häufig, wenn nicht immer, in um- 
gekehrtem Verhältnis zum wirklichen Erlebnis der Erlösung. 

Von Jesus als Erlöser ist zu reden , weil seine Thätigkeit 
nicht in der Verheissung und der Forderung aufging, ja weil das 



4. Jesus der Erlöser 59 



Beste und Höchste sozusagen daneben hergegangen ist. Er hat 
den Menschen nicht nur das Ziel gesteckt und den Weg gewiesen, 
sondern er half ihnen selbst auf den Weg zum Ziel. Er that das 
in einer ungemein mannigfaltigen Weise, welche die Armut der 
dogmatischen Kategorien weit hinter sich lässt. 

In den Evangelien tritt er uns zuerst entgegen als Erlöser 
der Kranken und Leidenden, als Arzt. Man mag von den Wun- 
dergeschichten eine noch so grosse Anzahl als üebertreibungen 
oder als Erfindungen der spätem Zeit in Abrechnung bringen, 
immer bleibt ein fester Stock. Jesus besass eine Heilkraft, der 
freilich der Unglaube feste Grenzen setzte, die aber, wo sie auf 
Glauben traf, die stärksten physischen und psychischen Verände- 
rungen hervorrufen konnte. Am meisten auf dem Gebiet der 
Geisteskrankheiten, aber lange nicht allein dort. Sehen wir auch 
Jesus hier gänzlich befangen in den Vorstellungen seiner Zeit, 
zum Teil sogar selbst ihre Heilmittel nicht verschmähend, so spü- 
ren wir doch zugleich durch alle magischen Hüllen den Eindruck 
seiner sittlichen Willenshoheit und seiner unendhchen Sympathie 
mit allem Leid. Er ist Thaumaturg, aber wie gross macht ihn 
jeder Vergleich mit anderen Wunderthätern. Li seiner enthusias- 
tischen Zeit hat Jesus diese „Erlösung" als den Anbruch des 
Gottesreichs gedeutet. Ein andermal stellt er sich auf die Linie 
der jüdischen Exorzisten, wieder ein andermal äussert er Zweifel 
an der Nachhaltigkeit dieser Dämonenaustreibungen. Ganz streng 
hält sich Jesus innerhalb der Grenzen des Wohlthuns; Schau- 
wunder, „Zeichen" weist er aufs schroffste zurück. Gegen Ende 
seines Auftretens bemerkt man ein fast gänzliches Sistieren seiner 
Wunderthätigkeit; doch hat er an die Apostel seine Kräfte ver- 
macht, wenn sie sich seines Namens bedienen. Diese ganze „Er- 
lösung" war ihrer Natur nach von vorübergehender Wirkung. 
Die Evangelisten gaben ihr einen so breiten Raum wegen ihres 
apologetischen Wertes. Aber es ist kein Zweifel, dass diese Seite 
der erlösenden Thätigkeit Jesu denen, die sie erlebten, ein mäch- 
tiger religiöser Trost war. Und für das Bild Jesu ist es ein 
wesentlicher Zug, dass ihn der Hunger, die Krankheit, das Leid 
kaum weniger zum Helfen trieben, als seelische Schmerzen. 

Eng verbunden mit der Heilung der Kranken ist die Zurück- 
führung der Entfremdeten, der Zöllner und Sünder. Die Phari- 
säer haben diese Leute geächtet, Jesus hat sie geliebt. Sein 
grosses Mitleid mit dem Volk galt vor allem dieser Menschen- 



60 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

klasse. Es hat ihm den Spottnamen „Fresser und Säufer, Freund 
der Zöllner und Sünder" eingetragen. Er ass und trank mit ihnen, 
suchte bei ihnen Herberge, rief einen von ihnen zum Missions- 
genossen von der Zollbude weg. Man kann sich wohl diese „innere 
Mission" Jesu kaum eigenartig genug denken. Denn Jesus führte 
diese Entfremdeten nicht zu einer kirchlichen Partei, sondern zu 
Gott zurück. Er war auch vermutlich hier am wenigsten Buss- 
und Sündenprediger. Vielmehr nahm er Anteil an dem eigenen 
AVirkungskreis der Leute und zeigte ihnen, dass Gott nicht ausser, 
sondern in demselben zu suchen sei. Gelegentlich rief er dann 
solche ergreifende Entschlüsse hervor, wie bei Zakchäus. Ihm 
selbst war in dieser Gesellschaft wohler als bei den Extrafrom- 
men. Er spürte einen Hauch von Aufrichtigkeit und Schlichtheit, 
von Menschlichkeit, der in pietistischen Kreisen nur sehr selten 
zu finden ist. Krank hat Jesus die Zöllner und Sünder nicht 
genannt, bloss seiner Liebe bedürftig. Der Verteidigung seines 
Verkehrs mit ihnen sind einige seiner grössten Worte entsprungen, 
vielleicht sogar das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Diese innere 
Mission hat der neuen Religion die wertvollsten , weil am wenig- 
sten theologisch verdorbenen Menschen zugezogen. Aber sie hat 
unkirchliche Konsequenzen, da schliesslich diese Liebe auch Sa- 
mariter und zuletzt Heiden umfasst und über jedes kirchliche 
System hinaus will. Sobald sich daher die neue Kirche bildete, 
hat sie auf Zöllner und Heiden wieder den pharisäischen Mass- 
stab angewandt. Ev Mt 18 17 : halte ihn, nämlich den Unbuss- 
fertigen, wie den Heiden und Zöllner! 

Tiefergreifend ist das Weitere, dass Jesus seine Zuhörer 
von den Theologen erlöst hat. Die jüdische Religion krankte vor 
allem daran, dass an Stelle der Propheten als Mittler zwischen 
Gott und den Menschen die Schriftgelehrten standen, die das 
Gegenteil der Propheten sind. Da alle Religion auf dem heiligen 
Buch ruhte, dieses aber in toter Sprache geschrieben und der 
Auslegung bedürftig war, fiel den Interpreten des Buches der 
Beruf zu, Gottes einzige Offenbarer zu sein. Ihnen gegenüber 
standen die Laien als die gesetzesunkundige Masse, die Blinden 
und Unmündigen — eine ganz verkehrte Unterscheidung, denn 
die Gelehrten sind Gott gegenüber Laien, mehr als die anderen. 
Die Gabe dieser Gelehrten war Scharfsinn und gutes Gedächt- 
nis, weiter nichts. Das Volk hatte den Eindruck, dass sie ihm 
eine Masse von schweren Satzungen auferlegten, um die sie sich 



4. Jesus der Erlöser. Q\ 



selbst herumdrückten, und dass sie sich bemühten, das Himmel- 
reich vor den Menschen zu verschHessen. Jesus hat die Schrift- 
gelehrten abgesetzt und ihre Offenbarungsrolle geleugnet; sie 
haben Gott nicht erkannt. Das hat jedoch zur Kehrseite nicht 
die Mündigkeitserklärung der Laien, oder die Behauptung, dass 
jetzt kein Mittler mehr nötig sei, wie es einem phantastischen 
Liberalismus vorschwebt, sondern die Mittlerstellung seiner Per- 
son. Niemand, auch kein Laie, hat den Vater erkannt, als der 
Sohn, dem alles, d. h. hier alle Erkenntnis anvertraut ist, und 
der Gott offenbaren kann, wem er will. So als Offenbarer Got- 
tes an Stelle der Schriftgelehrten bringt Jesus die Erlösung, Da- 
mit ist die alte prophetische Religion wieder erwacht, Gottes 
Wort ist nicht mehr im Buch, sondern lebendig. Nicht durch 
Orakel und Wunder, wohl aber durch Jesu Wort spricht er zur 
Welt. Da aber der Sohn selbst kein Theologe, sondern — der 
Gelehrsamkeit nach — Laie ist, so wird Gott durch ihn den Un- 
mündigen erschlossen. Jedes Kind kann Jesus verstehen. Er 
bringt ja nichts als das jedem Gewissen Einleuchtende; er stellt 
den einzelnen Menschen in die Wirklichkeit und vor die Ewigkeit 
hin. So kann Jesus die Massen zu sich herbeirufen: „Kommt 
her zu mir, ihr Mühseligen und Beladenen , ich will euch er- 
quicken. Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Seine 
„Offenbarung" bedeutet ja die grosse Vereinfachung der Rehgion, 
die Betonung des Wichtigen, der Hauptsache. Sie bedeutet das 
Ende der Theologie. Das Christentum ist seinem Wesen nach 
Laienreligion, weil Jesus, ein Laie, sein Prophet war. Hiegegen 
hat dann schon das Aufkommen der paulinischen Theologie die 
grosse Wendung gebracht, obschon Paulus noch wusste, was 
Jesus wollte. Erst recht ist das christliche Dogma mit seiner Lehr- 
offenbarung die reine Karrikatur des Evangeliums. Für Jesus 
selbst hat die Erlösung von den Schriftgelehrten als nächste Folge 
seine Beseitigung durch dieselben erzielt. Prachtvoll hat der 
Evangelist Marcus das verstanden, wenn er den Jesus, der nicht 
wie die Theologen predigt, aber schliesslich von diesen umge- 
bracht wird, feiert. In seiner Schrift meldet sich noch einmal 
der Laiencharakter des Evangeliums zum Wort. 

Daran reiht sich sofort als Konsequenz die Erlösung von der 
jüdischen Kirche. Sie ist eigentlich schon damit gegeben, dass 
der Einzelne durch Jesu Weckruf ganz auf sich selbst und sein Ge- 
wissen gestellt wurde. Ueberall, wo diese Kategorie: der Einzelne, 



62 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

zum Bewusstsein der Menschen gelangt, hört die Herrschermacht 
der Kirche auf. Direkt auf Trennung zielte die Forderung des Be- 
kenntnisses, dieser echt kirchenfeindliche Schritt Jesu. Er hat von 
seinen Jüngern zuletzt verlangt , dass sie seine Person über alles 
stellen und für ihn den Bruch mit dem ganzen Volk und seiner 
Obrigkeit auf sich nehmen sollten. Es scheint, dass er noch in 
seinen letzten Reden ihnen geradezu den Konflikt mit der jüdi- 
schen Hierarchie in Aussicht stellte und für diesen Fall unbe- 
dingte Freiheit und Standhaftigkeit verlangte. Für seine Jünger, 
Laien aus Galiläa, erzogen in tiefster Ehrfurcht vor Jerusalem, 
dem Tempel und dem Synedrium, war das etwas Ungeheueres. Sie 
haben es jedoch gethan, Jesus hat wirklich eine Märtyrergesell- 
schaft erzogen, die den hohen E,at nicht scheute und Gott mehr 
als Menschen gehorchte. Diese Jünger hatten alle die Tugenden 
reichlich, welche die Christen später in ihrer eigenen Kirche ver- 
loren haben. 

Die Loslösung von der jüdischen Kirche hat als positive 
Kehrseite die Grundlegung zur neuen christlichen Gemeinschaft. 
Das war freilich keine Kirchenstiftung. Wie sollte Jesus eine 
Kirche stiften , wenn das Gottesreich demnächst kommt und 
allen menschlichen Formen ein Ende macht! Das grosse Inter- 
esse an der Kirche ist später erst erwacht , als die Gottesreichs- 
hoffnung die Gemüter nicht mehr in erster Linie beschäftigte. 
Bei Jesus fehlt noch jede Spur einer Organisation , daher auch 
jede Stiftung von Gemeinschaftszeichen, Sakramenten. Nicht 
einmal zur Pflege der Gemeinschaft fordert eines seiner Worte 
die Brüder auf. Trotzdem hat er eine Gemeinschaft begründet 
durch sich selbst und die Apostel. Wer sich zu ihm hält, ihn 
und seine Boten aufnimmt, seine Gebote hält, für ihn eintritt 
vor den Menschen, der gehört selbstverständlich mit allen denen 
zusammen, die denselben Herrn haben. So konnte Jesus gele- 
gentlich von seiner Familie reden: es sind alle Brüder und 
Schwestern, die Gottes Willen thun. Er scheint auch gesagt zu 
haben, dass jeder, der Haus und Familie seinetwegen verlasse, 
es hundertfältig wiederfinden solle schon in dieser Zeit, also in 
der Gemeinschaft der Gleichgesinnten. Als Kriterium der Zu- 
gehörigkeit zu ihm stellte er das Halten der Gebote, die „Früchte" 
auf, an denen man Wolf und Schaf unterscheiden könne, und 
legte den so gekennzeichneten Brüdern vor allem die Pflicht des 
gegenseitigen Dienens und Helfens ans Herz. Je mehr das alles 



4. Jesus der Erlöser. §3 



rein geistige Grundsätze sind ohne jeden rechtlichen Zusatz, 
desto innerlicher und tiefer ist gerade ihre Verpflichtung. So 
nur kam es, dass sich so rasch nach der ersten Zerstreuung 
eine neue Gemeinschaft nunmehr auch äusserlich zusammen- 
finden konnte. 

Diese Jüngergemeinde ist die Stätte, wo die erlösende Wir- 
kung Jesu erst recht zur Geltung kommt, indem das neue Lehen, 
das in ihm ist, sich ansteckend überträgt auf die dafür empfäng- 
lichen Geister. Die Eigenart seiner Frömmigkeit pflanzt sich 
fort und wird der Keim der Frömmigkeit der Gemeinschaft. 
Alles, was sich mit Recht christliche Rehgion nennt, ist direkt 
oder indirekt die Nachwirkung des neuen Lebens in Jesus und 
hat sich an ihm zu orientieren. Das erste in die Augen fallende 
Merkmal dieser Frömmigkeit Jesu ist die Koncentration und 
Ausschliesslichkeit des religiösen Verhältnisses, wie es für die 
ganze Zeit unerhört war. Gott war ihm Ein und Alles, Gottes- 
dienst die Summe seines Lebens. Es gab hier nichts von Sonntag 
und Werktag, heilig und profan. Das Essen und Trinken und 
Schlafen, die Freude, der Zorn stand unter Gottes Augen. Eine 
volle Aufgeschlossenheit für den ganzen ihm zugänglichen Reich- 
tum der Wirklichkeit war hier verbunden mit der Unterordnung 
aller Dinge unter Gottes Willen. Von allen späteren Dokumenten 
sind vielleicht nur Luthers Tischreden eine ähnliche Offenbarung. 
Von einer so gänzlich mit Gott verbundenen Existenz geht immer 
eine Wirkung aus auf die Umgebung. Die Religion muss in ihr 
der Mittelpunkt, die Herrscherin des Lebens werden. Das hat 
sich hernach bewährt im zungenredenden Enthusiasmus der 
Jünger und in ihrer Märtyrerfreudigkeit-, sie waren wirklich im 
stände für Gott alles zu opfern. Sodann aber ist das Besondere 
der Frömmigkeit Jesu die ihr ganz eigene Verschmelzung von 
Gegensätzen, von Kinderfröhlichkeit und Harmlosigkeit und von 
Mannesmut und Ernst. Das lässt sich natürlich ganz so in keinem 
Menschen nachbilden, aber es wirkt doch dahin, dass die Vor- 
herrschaft des einen immer durch das Mitspielen des an- 
dern ergänzt wird. Von dem Kinderglück Jesu kann sich wohl 
kaum jemand eine Vorstellung machen. Er führte ein Leben im 
Sonnenschein und in der Freude, im kindlichen Gottvertrauen, 
im Jubel über die Natur und über die guten Menschen. Mitten 
im tobenden Seesturm kann er schlafen, wie das Kind in seiner 
Mutter Arm; was sollte ihm auch Schlimmes geschehen? Er sieiit 



64 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

denVögelnzu, wie sie gar nichts arbeiten unddochsofrohgeniessen, 
oder wie sie sicher auf dem Dachrand sitzen, ohne dass ihnen 
Gefahr droht. Dann wieder findet er, dass die ganz gewöhnhchen 
Feldblumen so viel schöner gekleidet seien, als König Salomo in 
all seinem Hofstaat. Da könnten die Menschen etwas lernen! 
Aber seine Lieblinge sind die Kinder; die schhesst er in die Arme 
und drückt sie an sein Herz. Er fühlt eben , dass er da unter 
seinesgleichen ist. Wir Menschen sollten Gottes Liebe fassen 
können, wie das Kind das Märchen, das man ihm erzählt; das 
sagt der Spruch: „wer das Gottesreich nicht annimmt wie ein 
Kind, kann nicht hineingehen." Alle Quälerei, alles Grübeln und 
Sorgen und Rechnen, alles sich Zwingen und Steigern lag ihm so 
völlig fern. Er besass die volle Freiheit und Frische einer gänz- 
lich unverdorbenen, in Gottes Liebe ruhenden einfachen grossen 
Seele. Daneben aber liegt ungetrennt ein ganz ungeheurer Ernst 
in seiner Seele. Die Ewigkeit jederzeit gegenwärtig, kein Spiel und 
Tändeln, kein sich Vergessen auch nur einen Augenblick. Der 
Blick ist nach vorn gerichtet, nach dem Ziel; Gottes Gedanken 
erfüllen ihn jederzeit, sein Wille soll der eigene Wille werden. 
Es giebt ein Entweder-oder, einen schmalen und einen breiten 
Weg. Am einen Endpunkt steht die Hölle, wo das Feuer nie 
erlischt und der Wurm nie stirbt. Besser einäugig oder mit 
einem Fuss ins Himmelreich eingehen, als gesund an allen Glie- 
dern zur Hölle fahren. Dies furchtbare Wort steht neben dem 
andern von der Annahme des Reiches Gottes wie ein Kind; nur 
beide zusammen geben ein Bild von Jesus. Diese wunderbare 
Verbindung schroffer Gegensätze geht jetzt von Jesus aus und 
teilt sich mit. ünendhches war die Folge. 

Zunächst die Gewissheit des Ziels, die Sicherheit und Stetig- 
keit der Hoffnung. Für die Juden war die Endkatastrophe ein 
unsicheres und unheimliches Ding. Man studiert, grübelt, be- 
rechnet ihr Kommen und zugleich erhascht man den Genuss der 
Gegenwart, Besser hier ein handgreifliches Glück, als jenes nur 
gedachte ! Durch Jesus ist die Hoffnung zur festen Gewissheit 
und damit zu einer Lebensmacht geworden , mit der künftig die 
Welt zu rechnen hat. Die Ewigkeit wird feste Realität, nicht 
blosser Gedanke; das Ziel steht un verrückt vor Augen, einerlei 
ob es früher oder später kommt. So haben die alten Christen 
die Enttäuschung, dass die Parusie nicht eintraf, gefasst ertragen 
können. „Das Reich muss uns doch bleiben" war ihr Trost. 



4. Jesus der Erlöser. 55 



Sodann eine ungewöhnliche Stärkung der Kraft zum Guten, 
der Freiheit im Menschen. In seinen Worten appelliert Jesus 
immer an den Willen, an die freie Wahl. Er hält Gottes Gebot 
durchaus für erfüllbar. Es ist ihm gar kein Zweifel, dass der 
Mensch kann^ nur am Wollen fehlt's ihm. So durfte Jesus glau- 
ben und reden, weil er selbst den Willen befreit und gekräftigt 
hat mehr als je ein Mensch in der Weltgeschichte. Seine Begei- 
sterung, seine Liebe, sein Mut werden die Triebkraft alles Guten 
in seinen Jüngern. Darum kann er alles fordern, weil durch ihn 
alles möglich wird; er kann wirklich, wie die Legende sagt, den 
Petrus auf dem Meere wandeln machen. Es ist jeder Zeit un- 
glaublich, was ein guter und heiliger Mensch zu stände bringen 
kann in schwachen und kleinen Seelen. Er erweitert die Grenzen 
des Möghchen auf ethischem Gebiet, wie ein Entdecker auf dem 
wissenschaftlichen. Jesu Jünger sind von Haus aus gar keine 
Helden gewesen-, das beweist der ganze Verkehr Jesu mit ihnen 
bis zur Verleugnung des Petrus. Und trotzdem, was hat Jesus 
aus ihnen für eine starke, der Welt trotzende Schar gemacht! In 
dem grossen, ewigen Kampf der guten und der schlechten Kräfte, 
der die AVeltgeschichte durchzieht, bedeutet das Auftreten Jesu 
den grössten Kraftzuwachs des Guten, also, dass es um seinet- 
willen unter keinen Umständen unterliegen kann. 

Eine solche Stärkung der Willenskraft war ihm möglich, 
weil er die Menschen zugleich von der Sündenangst erlöst hat. 
Das jüdische Sündengefühl, mehr Produkt des Unglücks als der 
sittlichen Vertiefung , war schon zu einer Krankheit geworden, 
die wie ein Alpdruck auf den Gemütern lastete. Paulus ist sein 
grosser Dolmetsch. Wohl enthielt das jüdische Hauptgebet die 
prächtige 6. Bitte: 

Vergieb uns, unser Vater, 

Denn wir haben gesündigt. 

Verzeih uns, unser König, 

Denn wir haben gefrevelt. 

Du vergiebst und verzeihst ja gem. 

Gelobt seist du, Herr, Gnädiger, 

Der du so viel verzeihst! 
Es war also ein fester jüdischer Glaubenssatz, dass Gott den Is- 
raeliten auf ihr Gebet hin verzeihe. Aber was halfen die schönen 
Worte, wenn der Einzelne keine persönliche Gewissheit und keine 
Kraft zu einem frohen Leben daraus zu schöpfen vermochte! 
Das Sündengefühl blieb doch oben auf. Jesus hat dies krank- 

Wernle, Anfänge. 5 



66 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

hafte, elende Sündengefühl überall verscheucht. Es vergeht vor 
ihm, wie der Nebel vor der Sonne. Jesus setzte die im jüdischen 
Gebet ausgesprochene Theorie in That um und gab denen, die 
um ihn waren, Gewissheit der Vergebung, Mut und Freude. 
Sprach er einem bekümmerten Menschen die göttliche Deklara- 
tion aus: „Dir sind deine Sünden vergeben!" so war alle Not 
verschwunden. Den Pharisäern gegenüber trat er auf als der An- 
walt des rechten Sündervaters und proklamiert im Gleichnis vom 
verlorenen Sohn den Grundsatz, dass Gottes Gerechtigkeit gar 
nicht Schaden leide, wenn er vergiebt. Die Jünger aber lehrte er 
ganz einfach zu Gott um Vergebung beten und diese betrachten 
als ein Grundgesetz der göttlichen und menschlichen Familie. 
Er hat es klar ausgesprochen , dass das Gotteskind durch keine 
Sünde von Gottes Liebe getrennt ist, so wenig als ein mensch- 
liches Kind von seines Vaters Liebe. Tiefer als die meisten der 
Rabbinen hat er in die Menschenherzen gesehen und dort das 
„niemand ist gut" und „ihr, die ihr arg seid" gelesen. Im Herzen 
wohnen die bösen Gedanken, und wenn der Geist auch willig ist, 
so ist das Fleisch doch schwach. Wer so in die Tiefen dringt, 
der ist einem gutmütigen Optimismus unzugänglich. Allein Jesus 
hat aus dieser Sündenerkenntnis sich nicht zur Verzweiflung 
bringen lassen, weil er weiss, dass Gottes Liebe und Barmherzig- 
keit grösser als alle unsere Sünde ist. Wenn die Sünde zum 
Menschen gehört, dann gehört das Verzeihen zu Gott. Ja der 
Mensch träte aus dem rechten Verhältnis zu Gott heraus, wenn 
er je das Verzeihen Gottes nicht mehr beanspruchen wollte. Das 
sind kühne Glaubenssätze, gefährlich jedoch nur für den, der den 
Gott Jesu nicht kennt. Wie sinken sie alle elend zu Boden vor 
diesem Glauben an die des Verzeihens frohe Vaterliebe Gottes, 
die schön gezimmerten Theorien von Opfer und Stellvertretung! 
Das eine Gleichnis vom verlorenen Sohn löscht sie alle aus. 
Wie die Sünde und ihre Not, so liegt erst recht die Sünde- und 
Sühntheologie weit abseits von den Jüngern Jesu. 

Der Friede Gottes, den Jesus den Seinen durch dies be- 
glückende Evangelium gab, erhält seine Probe an ihrer Stellung 
zur Welt. Auch hier bringt Jesus die Erlösung von allen Aengsten 
und Sorgen. Die Dämonen sind keine Macht mehr, seit Jesus sie 
niedertritt. Den Juden war das feste Stehen in dieser Welt so 
schwer geworden, weil sie sich auf Schritt und Tritt von einem 
Heer des Bösen umringt wussten. Die Welt, so hiess es vielfach, 



4. Jesus der Erlöser. Qj 



war von Gott dem Teufel übergeben worden, er war ja der Fürst, 
der Gott dieser Welt. Angst, Verzagtheit, Aberglaube war die 
Folge. Jesus, der fest an das Dasein der Dämonen glaubte, 
fasste sein Leben als einen mutigen, frohen Kampf gegen sie 
auf und rief es laut den Menschen zu: Die Welt gehört Gott, und 
er giebt uns den Sieg. Durch seine eigene Furchtlosigkeit ver- 
trieb er seinen Jüngern auch alle Menschenfurcht. Er zeigte 
ihnen an seiner Person, dass Gottesfurcht und Menschenfurcht 
sich nicht vertragen , und dass wer unter Gottes Schutz steht, 
sich gar nicht zu kümmern braucht um das Drängen und Hassen 
der kleinen Menschen. Lässt Gott sie äusserlich unterliegen, so 
sind sie selbst dann seiner froh und sterben mit dem Ruf: Das 
Reich wird uns doch bleiben. Allen Sorgen, der Armut, der Not 
nahm er das Peinigende weg, indem er ihnen half, Gottes Vater- 
liebe in alles Dunkle und Schwere mitzunehmen. Das „Sorget 
nicht", das Jesus von Ort zu Ort trug, gewann seine Kraft durch 
ihn, den Sorglosen, der nichts hatte und so fröhlich war. Auch 
alle Versuchungen der Welt lehrte er sie tapfer durchkämpfen; 
er selbst überwand sie durch sein Gebet und ein mutiges Wort. 
Vor allem aber hat Jesus eine neue Betrachtung des Leidens 
und auch des Todes eingeführt. Er brach gänzHch mit dem jüdi- 
schen Vergeltungsdogma, das in vorschnellem Urteil jedes Un- 
glück zu einer Strafe Gottes und damit zu doppelter Qual werden 
liess. Dem gegenüber zeigt Jesus im Gleichnis, dass ein gänzlich 
Armer, Verlassener so viel glücklicher sein kann, als ein an aller 
Lust sich sättigender Reicher , weil der Tod so oft die Umkehr 
der Lose bringt. Daher heisst es jetzt: selig sind die Armen, 
die Hungernden, die Verfolgten, da die Zukunft ihnen gehört. 
Am wichtigsten ist aber für ihn und die Jünger sein eigener 
Todesgang geworden. Anfangs war er ihm ein bitteres Muss, ein 
Gottesgedanke, der den Menschengedanken entgegentrat, dem 
es einfach galt zu gehorchen. Später gewann er ihm bereits 
positive Zwecke ab: der Tod muss doch sein Gutes haben, er 
muss Segen stiften für viele jetzt noch Ungläubige im Volk, Dann 
in der bängsten Not, da alle Trostgedanken wieder vor der rauhen 
Wirklichkeit zerstieben wollten, da blieb Jesus doch dabei: es 
ist des Vaters Kelch ! Damit hat Jesus die grosse ümprägung 
aller Werte eingeleitet. An seinem eigenen Los ging es den Jün- 
gern auf: das Vergeltungsdogma ist falsch; Leid und Tod sind 
eicht Strafmittel, da Gott sie seinem Sohn geschickt hat. Damit 

5* 



68 Die Entstehung der Religion. I. Jesus. 

ist der Christ von allem Bitteren an der Todesfurcht befreit. Frei- 
lich sind schon die ersten Christen nicht dabei stehen geblieben. 
Die Gedanken von Strafe, Vergeltung, Sühne waren zu stark in 
ihren Köpfen und verlangten eine Anwendung auf Jesus in einer 
neuen Form. Trotzdem drang in der Beurteilung des eigenen 
Unglücks die neue Erkenntnis durch, dass das „Kreuz" aus 
Gottes Liebe kommt. Sie ist die Frucht des Todes Jesu. 

Indem so der Jünger Jesu die thatsächliche Erlösung von 
allen gottfeindlichen Mächten erfährt, wird er durch Jesus aus 
einem Kind der AVeit des Vergänglichen und Eiteln zum Gottes- 
kind erhoben. Denn das ist immer das letzte Ziel Jesu gewesen,. 
Gott und die Menschen so zu verbinden, wie er mit Gott ver- 
bunden ist. Theoretisch hat er das nie formuliert, und es ist 
weder ihm, noch den Seinen eingefallen, die Grenzen zu ver- 
wischen, die den „Herrn" von den „Jüngern" scheiden. Trotz- 
dem hat er die Jünger so in sein Verhältnis zu Gott hinein- 
gezogen, dass das Gebet beider dasselbe ist. Das Gebet ist über- 
haupt etwas Centrales für Jesus und die Seinen. Im Gebet 
nimmt der Mensch die Stellung ein, die ihm zukommt: Gott der 
Geber und er der Empfänger. Von Jesus und seinen Jüngern 
ist mit einer Freudigkeit, Siegesgewissheit, Dringlichkeit gebetet 
worden, wie vielleicht nie in der Geschichte. Philosophen mögen 
darüber lächeln, weil sie es nicht verstehen. Es sind immer die 
grössten Zeiten in der Religionsgeschichte gewesen, wo der 
Gläubige Gott am meisten zugetraut und daher auch am meisten 
von ihm erhalten hat. Hier erweitert sich der Kreis des sonst 
Möghchen; neue Kräfte werden entbunden und setzen die Welt 
in Erstaunen. Es kommt aber hier auf den Inhalt des Haupt- 
gebets an. Das Unservater ist nicht nur die einfachste Zusammen- 
fassung der „Erlösung", sondern auch das Band zwischen Jesus 
und seinen Jüngern. Wer es wirklich beten kann — nicht als For- 
mel — , der hat die Stufe erreicht, über die hinaus etwas Höheres 
in den gegenwärtigen Existenzbedingungen nicht zu erwarten ist. 
Indem er Gott als seinen Vater anruft, ist er selbst sein Kind 
und damit Jesus gleich. Indem er um das Kommen des Gottes- 
reichs bittet, ergreift er Besitz von der Ewigkeit. Indem er end- 
lich für die kurze Zeit, die noch aussteht, sich Brot, Vergebung 
und Schutz erbittet, nimmt er seine Existenz, seinen Frieden und 
seine Heilsgewissheit aus Gottes Hand und keine Macht kann 
ihn von Gott trennen. Damit ist die Erlösung vollendet, soweit 



4. Jesus der Erlöser. gQ 



das auf Erden möglich ist, und die Zukunft ist bereits in Besitz 
genommen. AVer so betet, hat in den Schranken des Erdenlebens 
Anteil an Gottes Macht und Liebe gewonnen. 

Dies Gebet betet der Jünger Jesu ohne Nennung des Namens 
seines Herrn und ohne seine Fürbitte in Anspruch zu nehmen. 
Damit ist klar gegeben, in welchem Sinn Jesus der Erlöser sein 
wollte, und in welchem nicht. Er hatte den Beruf, seinen Zeit- 
genossen — nicht ihnen allein — Gott durch seine ganze Existenz 
nahe zu bringen, sie angesichts der Ewigkeit so an Gott zu ketten, 
dass sie ihn nie mehr lassen können. Das ist ihm so völlig ge- 
lungen, dass seinen ersten Jüngern gar nie der Gedanke kam, er 
stelle sich neben Gott und verdränge Gott aus dem Mittelpunkt. 
Sie haben Gott allein angebetet und das Wort Jesu überliefert, 
dass auch er nicht gut zu nennen sei. Und das war die letzte 
Probe ihrer Erlösung. Jesus aber hat durch seine Demut und 
AVahrhaftigkeit, seine völlige Unterordnung unter Gott mehr als 
durch alles Uebrige gezeigt, dass er den Erlösernamen im vollen 
Sinn verdient. 

Der Tod Jesu ist — rein geschichtlich betrachtet — die 
notwendige Folge der Auflehnung Jesu gegen die göttliche Au- 
torität der Schriftgelehrten und gegen die Propaganda der Phari- 
säer, Es ist aber dem gefangenen Jesus vor dem Synedrium ein 
Messiasbekenntnis abgenötigt worden als äusserer Rechtsgrund 
der Verurteilung; wie es scheint, hat die römische Justiz diesen 
politischen Vorwand gelten lassen. Der wahre Grund der Feind- 
schaft und der gewaltsamen Abrechnung war das nicht. Die 
geistigen Führer des Volks und die am meisten im Geruch der 
Frömmigkeit stehende Partei erkannten, dass in Jesus ein Geist 
auftrat, der sie hinwegfegen musste. Die Gefahr war zuletzt so 
gross, dass nur die schnelle Beseitigung Jesu Rettung zu bieten 
schien. Der Tod der Person schien den Untergang der Sache, 
die Verwirrung der Anhänger die Unmöglichkeit des Glaubens 
an einen Hingerichteten zur Folge zuhaben. Die Flucht und Zer- 
streuung der Jünger nach der Gefangennahme schien eine Be- 
stätigung dieser Rechnung. 

Wider Erwarten sammelten sich die zerstreuten Anhänger 
bald, zuerst in Galiläa, dann in Jerusalem. Mit jubelnder Be- 
geisterung riefen sie den Mördern Jesu das: „Er ist nicht tot, er 
lebt!" entgegen. Die Rechnung der Synedristen war falsch. Ihre 



70 I^ie Entstehung der Religion. I. Jesus. 

kluge Berechnung erwies sich als die grösste Thorheit und ün- 
klugheit, da der Glaube an den Gekreuzigten und Auferstandenen 
das vermochte, was der Glaube an den Lebenden nicht zu stände 
gebracht hatte: Die Gründung der neuen Kirche, die Lostrennung 
vom Judentum, die Eroberung der Welt. 

Woher dieser Umschlag, wenn doch die Jünger verwirrt und 
bestürzt geflohen waren? Ihre Antwort war: Der Herr ist uns 
erschienen, zuerst dem Petrus, dann den Zwölfen, dann mehr als 
500 Brüdern auf einmal, dann dem Jakobus, dann den Aposteln 
allen , zuletzt dem Paulus. Aus diesen Erscheinungen — die 
ersten müssen nach dem ältesten Bericht in Galiläa erfolgt sein 
— schlössen sie auf die Thatsache der Auferstehung und auf das 
glorreiche Weiterleben Jesu. In der allerersten Zeit, damals, als 
Paulus von Petrus seine Kunde hatte, hat man ausser diesem 
Schluss keine weiteren Beweise für nötig erachtet. Der neue 
Glaube steht auf den Erscheinungen allein. 

Das Urteil über diese Erscheinungen hängt ab vom Zutrauen 
zu Paulus und seinem Berichterstatter, mehr noch vom philo- 
sophischen und rehgiösen Standort, vom „Glauben" des Be- 
urteilers. Rein wissenschaftliche Erwägungen können da nicht 
entscheiden, wo es sich um das Ja oder Nein der unsichtbaren 
Welt und die Möglichkeit des Verkehrs mit Geistern handelt. 
Daher sind auch alle Erklärungsversuche, deren Grundlage das 
Axiom bildet, dass unsere sinnenfällige Welt die einzige Realität 
ist, notwendig und überzeugend nur für den Erklärer selbst. Der 
christliche Glaube rechnet immer mit der Realität des Jenseits, 
das unser Ziel ist-, es macht daher für den Christen gar' keine 
Schwierigkeit, das wirkliche, durch eine Vision vermittelte Hinein- 
ragen Jesu in unsere Welt für den Grund des Auferstehungs- 
glaubens anzunehmen. 

Aus einem anderen Grund kann sich der Historiker mit 
dieser Annahme, selbst wenn er sie billigt, nicht begnügen. Der 
blosse Glaube an diese Wunder macht die Entstehung des Chri- 
stentums von einem Zufall abhängig, als wäre ohne diese Ge- 
schichte die Sache Jesu untergegangen. Aber in der Person Jesu 
war eine so gewaltige, siegesmächtige Erlöserkraft, die durch den 
schmachvollen Tod doch auf keine Weise zu vernichten war. „Er 
war zu gross, um sterben zu können" (Lagarde), d. h. der Ein- 
druck, den er gemacht, die Gemeinschaft, in der man mit ihm 
gelebt hatte, waren zu gross, zu fest und unzerstörbar. Wie er 



1. Die Führer. 



71 



zur Zeit seines Erdenlebens ununterbrochen Freude, Trost, Mut, 
Siegesgewissheit den Jüngern gespendet hatte, so hörte er mit 
seinem Tod nicht auf, nach kurzer Verwirrung die Erlösung 
wiederaufzunehmen. Auch von Johannes dem Täufer erzählt 
man sich, er sei auferstanden und wirke durch Jesus. Aber 
seine Sekte verging unter dem Wirrwarr jüdischer Sekten. Jesus 
war wirklich der Erlöser über den Tod hinaus 5 ja statt ab- 
zunehmen, begann er erst, alle Welt zu sich zu ziehen. Mag 
er daher auch durch Erscheinungen zur Sammlung geholfen 
haben, — dass diese Erscheinungen wirkten, war die Folge des 
früheren erlösenden Eindrucks, der durch den Tod nicht zu 
zerstören war. Der Auferstehungsglaube ist die Frucht der 
Erlösung durch Jesus. 

II. Die Urgemeinde. 

1. Die Führer. 

Jesus hat die Seinen nicht führerlos zurückgelassen. Er 
hatte zu seinen Lebzeiten eine feste Truppe, die Zwölf, gebildet, 
die durch die Teilnahme an seinem Missionsberuf ihn selbst ver- 
vielfältigen und ersetzen sollte, wo er nicht zugegen war. Er 
machte den Zwölfen das gleiche Wanderleben zur Pflicht, das er 
selbst führte, gab ihnen die Vollmacht, die er besass, zu predigen 
und zu heilen und räumte ihnen seine Rechte ein: „Wer euch 
aufnimmt, nimmt mich auf; wer mich aufnimmt, nimmt den auf, 
der mich gesandt hat." Diese feste Truppe begleitete Jesus bei 
seinem Einzug in Jerusalem, empfing seine letzten Befehle und 
war Zeuge seiner Gefangennahme. 

Dem Haupt dieser Truppe, dem Petrus, war nach der ersten 
Zerstreuung die erste Erscheinung zu teil. Die zweite Erschei- 
nung fand statt vor allen Elfen. Wir wissen nichts über den In- 
halt der Erscheinungen, die Worte, welche damals vernommen 
wurden. Klar sind nur die Folgen: Die Sammlung der Truppe 
in Galiläa, der Aufbruch nach der Todesstadt Jerusalem , das 
Auftreten daselbst mit dem frohen Messiasbekenntnis. Um die 
kleine Truppe als Mittelpunkt sammelten sich die früheren An- 
hänger, scharten sich die neuen. Der alte Name: „die Zwölf 
wurde später — vielleicht erst auf griechischem Gebiet — durch 
den Berufsnamen: „die Apostel" verdrängt. Dieser Name em- 
pfahl sich , da er auch auf die späteren Missionare übertragbar 



72 I^ie Entstehung der Religion. II. Die Urgemeinde. 

war. Sein ältester Sinn war aber eng beschränkt: Missions- 
genosse Jesu und Zeuge der Auferstehung. 

Für die Entstehungsgeschichte des Christentums ist die Be- 
deutung dieser Truppe die allergrösste. Jesus hat die Kirche 
nicht gegründet; für Institute hat er, der das jüdische Institut 
in Trümmer schlug, keinen Sinn gehabt. AVohl aber ist der 
Apostolat sein eigenstes Werk. Er glaubte an die Macht des 
AVortes und die Kraft der Personen; aus diesem Glauben ent- 
stand die Berufung der Genossen seiner Mission. Dass er dabei 
nicht lauter Glück hatte, beweist der eine Name Judas Ischariot 
nicht allein; aber als Ganzes hatte dies Werk Bestand. Die ganze 
Konsolidierung der Gemeinde, die Bildung der Kirche ruht auf 
den Aposteln, ihrer Begeisterung, Tapferkeit, Ausdauer. Auch 
hier bewährt es sich: Männer machen die Geschichte. Im Kreis 
der Zwölf, hier allein entstand der Auferstehungsglaube, das 
künftige Fundament des Christentums. 

Ein hohes Selbstbewusstsein beseelte diese Schar. Man fühlte 
sich als Stellvertreter und Fortsetzer Jesu selbst. Als Gesandter 
Jesu war man Gesandter Gottes. Das neue Mittleramt zwischen 
Gott und den Menschen setzte sich in den Aposteln fort. Ihre 
Lebensstellung war, ganz wie die Jesu, eine aussergewöhnliche: 
die Zwölf hatten neben ihrer Mission keinen Beruf, ihren Lebens- 
unterhalt bezogen sie ganz aus der Gastfreundschaft der Gläu- 
bigen. Aber auch die Wunderkräfte Jesu wirkten fort in den 
Aposteln. Es wurde zur allgemeinen Losung, dass sich der 
Apostel durch Zeichen ausweisen könne. Jesus selbst, so hiess 
es, habe ihnen die Vollmacht verliehen, auf Schlangen und Skor- 
pione zu treten ohne Gefahr. Zum Lohn für ihren treuen Dienst 
sollten sie dereinst mit Jesus auf 12 Thronen sitzen und die 
zwölf Stämme Israels regieren. In solchen Notizen macht sich 
schon die uralte Verherrhchung der Legende geltend. Selbst- 
bewusstsein der Apostel und Verehrung der Gemeinde halfen 
früh sich ergänzen. Auf alle Fälle galt es als ganz besonderer 
Vorzug dieser ersten Zeit, dass man die Zwölf zu Führern hatte, 
in denen Jesus selbst fortlebte. 

Es bestand aber trotz aller hohen Autorität nicht von fern 
eine Gleichsstellung der Apostel mit Jesus. Die Unterordnung 
unter ihn, ruhend auf dem Gefühl, ihm die ganze Stellung zu 
verdanken, ist ein festes Merkmal des Apostolats. Der Apostel 
soll gar nichts Eigenes bieten, sondern nur die Gabe Jesu. Er 



1. Die Führer. 73 



«oll nichts Originales schaffen, sondern überliefern, was Jesus 
geschaffen hat. Das Traditionsprinzip ist von Anfang an in 
den Aposteln verkörpert; wie sie äusserlich den Rabbinen gegen- 
über standen , so trafen sie innerlich mit ihnen zusammen in der 
Hochschätzung der reinen Ueberlieferung, nur dass dort das 
mündliche Gesetz, hier das Wort Jesu der heilige Gegenstand 
war. So sollte es nicht bloss sein, so war es in Wirklichkeit. 
Das gänzliche Zurücktreten der Boten hinter Jesus zeigt sich 
darin, dass kein einziges originales Wort eines Apostels uns 
erhalten ist, und dass dieser Mangel jeder Originalität als etwas 
Selbstverständliches ihrem Ansehen gar keinen Eintrag that. In 
der Apostelgeschichte führen sie teils alle zusammen, teils zu 
zwei, ein kollektives Dasein; es sind lauter Typen, keine einzige 
Person. Wohl gab es genug Unterschiede des Temperaments 
und der Bildung unter ihnen, aber im ganzen sind sie Repräsen- 
tanten der Sache Jesu, weiter nichts. 

Das zeigt sich am besten an der Art, wie sie ihren Beruf 
aufgefasst haben, nämlich als blosses Festhalten des Berufes 
Jesu. Weltgericht und Gottesreich standen vor der Thür. Es 
galt, nach Jesu Tod und trotz der Verwerfung Jesu seitens der 
Juden, die dieser Tod bedeutete, gerade den Juden die Busse zu 
predigen, ob sie sich noch rechtzeitig bekehren möchten. Wohl 
hatte Jesus selbst in scharfen klaren Worten das Gericht über 
den Tempel und Jerusalem ausgesprochen. Aber- Hess es sich 
nicht doch noch abwenden in letzter Stunde, wenn die Juden 
sich bekehrten ? Gerade wie einst die Jünger des Jesaja das von 
diesem geweissagte furchtbare Gericht über Juda in letzter 
Stunde abzuwenden versucht hatten durch die deuteronomische 
Reform, gerade so probierten es jetzt die Jünger Jesu mit ihrer 
Missionsarbeit. Sie vermochten den radikalen Bruch ihres Herrn 
mit Israel nicht zu fassen. Sie Hessen sich verhaften, misshandeln, 
hinrichten von jüdischen Behörden und bewiesen damit, dass ihnen 
Jesus über alles ging. Aber kein Preisgeben des geliebten Vol- 
kes. Kehrseite davon war, dass es durch die Zwölf fast keinen 
Schritt vorwärts ging mit der Heidenmission. Man freute sich, 
so oft man hörte, dass Heiden sich dem Jüngerkreis anschlössen. 
Aber selbst ging man nicht hinaus; in Israel sollte der Messias 
die Seinen wieder treffen. Ganz klar spricht hier der Vertrag 
von Jerusalem (Gal 2): Jakobus, Kephas, Johannes, die Säulen- 
apostel, erklären : wir bleiben bei der Judenmission. Wenn das 



74 Die Entstehung der Religion. II. Die Urgemeinde. 

von den Häuptern galt, darf man es auf alle Zwölf übertragen. 
Das Werk des Paulus Hessen sie geschehen, halfen aber nicht 
mit. Es ist etwas Grossartiges, wie diese Boten Jesu trotz aller 
Ungunst und Drangsalierung seitens des jüdischen Volkes und 
seiner Obrigkeit unermüdlich dabei blieben, eben dies Volk allein 
doch zu gewinnen. Es war auch nötig und heilsam, dass das 
Band der neuen mit der alten Religion solange hielt, bis sich die 
Lostrennung ohne Schaden vollziehen konnte. Aber ein Fort- 
schritt auf der durch Jesus klar gewiesenen Bahn blieb aus. 

Neben den Zwölf trat frühzeitig eine Autorität ganz anderer 
Art auf: die Brüder, überhaupt die Familie Jesu. Bei seinen 
Lebzeiten ungläubig oder doch skeptisch, werden sie erst nach 
seinem Tod von der Würde ihres Bruders überzeugt. Er erschien 
dem Jakobus. Dies Ereignis gab ihm und der ganzen Familie so- 
fort eine Stellung an der Spitze der Gemeinde. Paulus nennt den 
Jakobus, den Herrenbruder, einmal neben Petrus, das andere 
Mal als „Säule" mit Petrus und Johannes zusammen, also als 
apostelgleiche Autorität. Aber nicht der Missionsberuf — die 
Verwandtschaft war hier das Ausschlaggebende. Die Verehrung 
Jesu übertrug sich wie von selbst auf seine leiblichen Verwandten, 
und diese wieder Hessen es sich gern gefallen , an der Ehre des 
hohen Bruders teilzunehmen. Apostel und Brüder Jesu sind fast 
rivalisierende Grössen geworden. Es bildet sich eine Dynastie 
Jesu aus in Jerusalem. Nach dem Tode des Jakobus wählt man 
einen Vetter Jesu zum Nachfolger; so geht es fort. Das war 
kein Glück für die Gemeinde. Jakobus war von allem Freien 
seines Bruders unberührt geblieben und hatte aus seinen Erfah- 
rungen nichts gelernt. Die unheimHche Richtung des Judaismus 
hat an ihm ihr Haupt gefunden. Jene Fanatiker, die den Petrus 
in Antiochia so einschüchterten, dass er die Tischgemeinschaft 
mit seinen Heiden-christlichen Brüdern abbrach, waren „Leute 
von Jakobus her". Zum Glück sind doch Kämpfe um die 
Nachfolge des „Herrn", wie sie die älteste Geschichte des 
Islam kennt, der Gemeinde erspart gebHeben. Aber Jakobus 
war an dem hohen Flug des Heidenapostels das hemmende 
Element. 

Apostel und Brüder zusammen waren die Autoritäten der 
Tradition. Ihnen gesellten sich die Träger des Neuen zur Seite, 
deren Würde auf einer besonderen psychischen Begabung und 
auf der religiösen Begeisterung ruhte, die Propheten. 



1. Die Führer. 75 



Die Propheten waren nichts völlig Neues im damaligen 
Judentum. Seit der makkabäischen Zeit waren sie nie ausgestor- 
ben. Ein Prophet, Johannes, geht Jesus voran. Propheten und 
Prophetinnen sind in Jesu Geburtsgeschichte verflochten. Von 
falschen Propheten weissagt Jesus, und die Zeit vor dem jüdi- 
schen Aufstand bringt sie in Menge hervor. Sie waren die Sturm- 
vögel vor dem entsetzlichen Gewitter. Es ist wohl möglich, dass 
auch das Auftreten der christlichen Propheten mit dem Voraus- 
zittern der unheimlichen politischen Bewegung in irgend welchem 
Zusammenhang stand. Trotzdem entsteht hier etwas Neues, wie 
es das gleichzeitige Judentum nicht kennt. Kurz nach Jesu Tod 
bricht vulkanartig der Enthusiasmus in der Urgemeinde zu Jeru- 
salem aus. Es war das jene geheimnisvolle Bewegung, die sich 
einerseits der Massen ansteckend bemächtigte, vor 500 Brüdern 
den Auferstandenen erscheinen Hess, Hoch und Niedrig, Mann 
und Frau zu Inspirierten umschuf, anderseits Einzelne zu beson- 
derer, oft lebenslänglicher Thätigkeit herausriss aus dem ge- 
wöhnlichen sesshaften Leben. Die Vorstellung von diesen Ein- 
zelnen — sie allein heissen von Rechtswegen Propheten — war 
die uralte: Ein Geist tritt von aussen in den Menschen hinein 
und verkündet aus ihm Gottes Botschaft durch ekstatisches Lal- 
len, durch klares Wort oder durch eine symbolische Handlung. 
Sein Wort hat dann als reines Wort Gottes zu gelten , in Bezug 
auf die Zukunft als Orakel, in Bezug auf die Gegenwart als Be- 
fehl. Nach der Apostelgeschichte, wie nach den paulinischen 
Briefen gehören die Propheten zur Signatur der ersten Zeit. 
Wir erfahren aber zugleich, dass sie im Ansehen an zweiter 
Stelle standen. Damit war gesagt, dass die Tradition Jesu in 
jedem Fall die Grundlage war, die wohl durch das prophetische 
Wort, durch den Geist, ergänzt, nie aber umgebildet werden 
durfte. Das war ein Grundsatz, welcher der Erkenntnis der lei- 
tenden Personen alle Ehre macht. Denn der Geist, der aus den 
Propheten redete, war etwas Unpersönliches, Unsicheres und 
Unkontrollierbares ; mit dem Einfluss des geschichtlichen Jesus 
konkurrierten Einflüsse aller möglichen Potenzen. Es war schliess- 
Hch der rehgiöse Trieb in seiner Ausschliesslichkeit, da er alle 
übrigen Geisteskräfte zurückdrängte, zugleich aber in seiner Will- 
kür und oft in sittlicher Indifferenz. Den Geist der Propheten 
zum obersten Regenten machen, das hätte so viel bedeutet wie 
Unterwerfung unter die Einfälle und Launen kräftig reUgiöser, 



■ 76 Die Entstehung der Religion. II. Die Urgemeinde. 

aber oft sittlich unreifer und undisziplinierter Menschen. Da war 
es ein Glück, dass das Wort Jesu, durch die Apostel überliefert, 
höher stand als der Geist, dass der Heros der Klarheit, Nüchtern- 
heit und Zucht das Regiment behielt über alle Wogen überschäu- 
mender Begeisterung und Kraft. Mit dieser Beschränkung — 
den Aposteln unterstellt — war Einfluss und Bedeutung der 
Propheten immer noch das denkbar Grösste. Gott sprach wie- 
der fort und fort. Man besass die Männer Gottes, die aus un- 
mittelbarer Offenbarung schöpften. Wer sie antastete und lästerte, 
der beging die unvergebbare Sünde der Lästerung des Geistes 
Gottes. Für die Entwicklung der Theologie bedeuten diese Pro- 
pheten nicht viel, um so mehr für die Geschichte der religiösen 
Kraft der ersten Zeit. Die ganze Unruhe, Freudigkeit, Begeiste- 
rung Jesu zitterte nach in diesen Geistern. 

Damit ist aber die Liste der Führer der ältesten Zeit noch 
lange nicht vollendet. Hinzu treten die Lehrer, gleichfalls vom 
„Geist" erfüllte Männer, die aber durch ihren Geist den Geist 
der heihgen Schriften ausschöpften, die Vertreter der Gnosis, 
d. h. eben des rechten geistigen Verständnisses der Offenbarungen 
Gottes. Sie sind die Anfänger der christlichen Theologie — 
Apollos ihr erster Typus — ; eine grosse Zukunft wartet ihrer. 
Ferner die uns etwas rätselhaften Siebenmänner, zu denen Ste- 
phanus und Philippus gehörten, sämmtlich Hellenisten, und wie 
es scheint, ursprünglich Vertreter der Hellenisten in Jerusalem. 
Dann Apostel zweiter Ordnung, Missionare, wie Barnabas, Judas, 
Silas, von Gemeinden gewählt und ausgesandt, oder von den 
Zwölfen delegiert als Untergesandte. Später, als die Zwölf 
nach und nach ausstarben, traten diese Apostel im weiteren 
Sinne an ihre Stelle. Endlich die Vorsteher einzelner Gemeinden, 
Presbyter oder Episkopen genannt, auch sie gewählt auf grund 
geistlicher Begabung und durch Stimmen des Geistes, aber 
sonst stark zurücktretend hinter den wandernden Führern, denen 
der Geist Vollmacht gab über die ganze, eben im Entstehen be- 
griffene Kirche hin. Dafür werden diese Vorsteher später zu 
einer Würde emporsteigen, von der sie jetzt noch nichts träumen. 

An Führern nirgends ein Mangel, so weit man blickt, eher 

jeine zu grosse Fülle und Mannigfaltigkeit des Offizierkorps, und 

wie es scheint, kein Haupt, das alle Geister unter sich zu fassen 

und das Werk Jesu klar und sicher fortzusetzen weiss. Etwas 

[Wunderbares hat es an sich, so schnell nach Jesu Tod eine 



2. Die Entstehung der Kirche. 77 

solche reiche und reich gegliederte Schar tüchtiger, begeisterter, ' 
todesmutiger Männer an der Arbeit zu sehen, um der Welt sein 
Erbe zu erhalten. Jesu Sache kann nicht untergehen. 

2. Die Entstehung der Kirche. 

Schon zu Lebzeiten Jesu gab es eine christliche Gemein- 
schaft im ideellen Sinne, die Gesamtzahl aller derer, die in ihm 
als dem „Herrn" ihr Haupt sahen und sich praktisch an seine 
Weisungen hielten. Aber es fehlte der Zusammenschluss und die 
Organisation. Dazu kam es erst nach Jesu Tod unter dem Ein- 
druck der Erscheinungen und unter der Führung der Apostel. 
Ein genaues Datum kennen wir nicht. Die Rückkehr der Jünger 
nach Jerusalem zur Erwartung der Wiederkunft Jesu an dem 
Ort, wo er gestorben war, bildete das entscheidende Ereignis. 

Die christliche Kirche ist aus Begeisterung entstanden. Je 
weniger man ihr das heute anmerkt, desto wichtiger ist es, sich 
daran zu erinnern. Ihr Ursprung ist eine Heldenverehrung — ; 
Theologen nennen es Glauben — die reinste und wahrste, die es 
je gegeben hat, welche alle Anhänger des Helden fest zusammen- 1 
schloss und ganz von selbst die neuen Formen schuf, die Zeichen 
der gleichen Liebe. Mittelpunkt der neuen Gemeinschaft war f 
ganz ausschliesslich die Person Jesu, gegenwärtig in der Ver- i 
ehrung, Liebe, Begeisterung, Treue seiner Jünger. Die Losung ' 
der Brüder hiess in einfachster Form: Jesus der Herr, mit ihm 
durch Leben oder Tod ins Gottesreich, ohne ihn verloren! Alles, 
was von Pietät und Ehrfurcht gegen Volk, Familie, Freunde in 
der Seele jedes Einzelnen wohnte, wurde jetzt übertragen auf 
Jesus und die Seinen und losgelöst vom früheren Ort. Das 
Wort Jesu: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich" wurde 
jetzt in allen seinen praktischen Folgen beherzigt. 

Der gemeinsame Glaube schafft sich sofort im Bekenntnis 
Ausdruck, Zu Lebzeiten Jesu stand der Glaube an seine Messia- 
nität noch im Hintergrund; Jesus verbot den Jüngern davon zu 
reden. Einfach als Gesandter Gottes hatte er Aufnahme erbeten. ] 
Jetzt wird das formulierte Bekenntnis: „Jesus ist der Messias"^ 
das Unterscheidungsmerkmal der Freunde und Feinde. Das Be- 
kenntnis ruhte zunächst auf dem einzigartigen Eindruck des Er- 
lösers Jesus, empfing dann Halt und Gewissheit durch die Er- 
scheinungen und erhob sich von da aus zur Hoffnung auf die 
glorreiche Wiederkunft Jesu auf den Wolken des Himmels zum 



78 1*^6 Entstehung der Religion. IL Die Urgemeinde. 

Antritt des messianischen Regiments. Denn der Messiasglaube 
war HofFnungsglaube. Jesus war noch nicht Messias gewesen, 
sondern erst Messiaskandidat; daher sprach man von der bevor- 
stehenden Ankunft — nicht Wiederkunft — des Messias. Durch 
diesen Hoffnungscharakter kam in das Bekenntnis etwas Unge- 
wisses und doch Gewisses, ein Bangen, Erstreben, Ersehnen 
hinein. Es konnte eigentHch überhaupt nur in Begeisterung aus- 
gesprochen werden. Eine entsetzhche Thatsache, der Tod, schien 
es zu widerlegen. Die Erscheinungen brachten Trost, aber zu- 
gleich neue Fragen und Unruhen. Die Erwartung der aller- 
grössten Nähe der Ankunft erzeugte eine fortwährende Spannung 
im Gemüt. So war dies Messiasbekenntnis kein einfacher theo- 
logischer Satz, sondern der Ausdruck einer sehr unruhigen und 
stürmischen Seelenstimmung, Nur so, im Zusammenhang mit 
dem ganzen reichen Seelenleben, dessen Sehnsucht, Liebe und 
Mut hat das Bekenntnis zu dem trotz seinem Tod Lebenden und 
in Glorie wiederkommenden Jesus die Kirche geschaffen. 

Glaube ist Begeisterung. Die für Jesus Begeisterten sind 
eben als solche Freunde und Brüder. Der Begeisterung, wo sie 
echt ist, genügt stets ein Minimum von Form ; wo ein ausge- 
dehnter Apparat von Formen und Riten nötig und heilig ist, da 
hat sich die Begeisterung in der Regel schon zurückgezogen. 
Ursprünglich umschliesst sie jeden, in dem sie sich selber findet 
mit offenen Armen. Daraus erklärt sich, dass die älteste 
christliche Gemeinschaft mehr enthusiastischen als rechtlichen 
Charakter trägt. Alle Aeusserungen eines Ausserordentlichen 
galten als sicherste Merkmale der Jüngerschaft. Voran das 
Zungenreden. Der Eindruck der Erzählungen von den Thaten 
Jesu und seinen Erscheinungen war ein so ungeheurer, dass oft 
nicht nur gläubige Jünger, sondern Freunde und Neulinge, die 
anwesend waren, darüber in ekstatische Zustände fielen; ein ganz 
untrügliches Zeichen, dass sie Brüder waren, da Gott ihnen den 
Geist gegeben hatte. So gross war der Jubel, das Entzücken, dass 
die artikulierte Sprache kein adäquater Ausdruck für die hervor- 
quellende Begeisterung war. Bloss in Lallen und Stammeln, in 
unaussprechlichen Seufzern machte sie sieh Luft. Diese wurden 
nach der damaligen Psychologie sofort als übernatürliche Geistes- 
wirkungen gedeutet. In Wirklichkeit war es die einfache Aeus- 
serung des Ueberschwänglichen und Mystischen in den Tiefen 
der Seele. Das Geheimnis in der Religion war lebendig gewor- 



2. Die Entstehung" der Kirche. 79 

den. Doch war dies Zungenreden nie das Einzige. Die Begei- 
sterung äusserte sich in Thaten, wie sie der Mensch nur in ausser- 
ordenthchen Zeiten vollbringt. Ein grosser Teil der Jünger war 
durch die Uebersiedelung von Galiläa nach Jerusalem aus Hei- 
mat und Beruf herausgerissen und verarmt. Ohne die Unter- 
stützung der Jerusalemer, besonders einiger Vornehmer, konnten 
sie nicht einmal das Leben fristen. Da geschah es, dass die rei- 
cheren Brüder den Armen so reichlich Anteil gaben an ihrem 
Ervverb und Genuss, dass sich später daraus die Legende von 
der allgemeinen Gütergemeinschaft ausbilden konnte. Mancher 
Begeisterte verkaufte seine Aecker und trug den ganzen Erlös 
zu den Aposteln in Jerusalem, damit sie ihn unter die Armen 
austeilten. So entwickelte sich eine Freigebigkeit im grossen 
Stil, ein Heroismus des Schenkens und Mitteilens, der in der 
That den starren Eigentumsbegriif ins Wanken brachte und es 
offenbarte, dass in den Worten Jesu eine Kraft zur Umgestaltung 
auch der äusseren Formen lag. Seine Krönung aber erlebte dieser 
ganze Enthusiasmus in dem Märtyrerheroismus der Brüder. In 
den Kreisen der Gläubigen erklang das Lied: 

Nehmen sie uns den Leib, 

Gut, Ehr, Kind und Weib, 

Lass fahren dahin! 

Sie haben's kein Gewinn, 

Das Reich muss uns doch bleiben. 

Diese einfachen Fischer und Handwerker Galiläas warfen alles, 
was sie hatten, auch das Leben dahin und bethätigten mit freu- 
digem Todesmut die Nachfolge Jesu. Sie haben Jesu Worte in 
Thaten umgesetzt und den Tod für nichts geachtet. Mehr als 
das Zungenreden einigte das Blut der Märtyrer die erste Ge- 
meinde. Aber was war das für eine Organisation! Wer von 
Jesus in Zungen redete, wer für ihn Hab und Gut den Armen 
gab und für ihn starb , war zweifellos sein Jünger und bedurfte 
keines äusseren Zeichens. 

Aber eine Form war nötig für die Gesamtheit. Das Christen- 
tum hat in seiner ersten Zeit als Sekte (Häresie) existiert. Es 
hat sich aus der Sektenform ganz allmählich zur Kirche heraus- 
gebildet durch die stufenweise Lostrennung vom Judentum und 
den immer stärker hervortretenden Oeffentlichkeitscharakter, der 
aber erst in der That Konstantins seinen Abschluss fand. Zu- 
nächst kann man es sich gar nicht sektenhaft genug denken. 



80 Die Entstehung der Religion. II. Die Urgemeinde. 



Aeusserlich beteiligte man sich am öffentlichen Kultus und stand 
unter dem öffentlichen Recht. Niemand dachte an Austritt aus 
der jüdischen Kirche. Aber das eigene Gemeinschaftsleben voll- 
zog sich weit abseits von der Oeffentlichkeit. Winkelversamm- 
lungen, Zusammenkünfte im Hause eines Freundes bei ver- 
schlossenen Thüren sind die ältesten Gottesdienste gewesen. Be- 
lege sind die Schlusserzählungen der Evangelien und Acta 12. 
Selbst die Mission war zum Teil Geheimmission; nicht umsonst 
heisst es in einem Wort Jesu: „Was ihr", d. h. die Apostel, „in 
der Finsternis geredet habt, und was ihr ins Ohr gesagt habt in 
den Gemächern." So im Geheimen wurden die Versammlungen 
gehalten, in denen der Geist sich mitteilte, da die Propheten auf- 
traten, da alles „gemein", da die Mahlzeiten Feste waren. Auf 
dem öffentlichen Auftreten stand Strafe und Gefängnis, ja Tod. 
Wohl wird es immer wieder gewagt, aber immer wieder streng 
verboten. Denn die Schriftgelehrten im Synedrium hatten es auf 
die gänzliche Unterdrückung der Sekte abgesehen. So waren die 
Christen durch ihre Zwangslage auf einmal zu Staats- und kirchen- 
feindlichen Revolutionären geworden. Wir Heutigen sollen uns 
stets daran erinnern, dass unsere allerersten Vorfahren Sektierer 
waren, wie die Wiedertäufer zur Reformationszeit, und dass sie 
nur durch konstante Auflehnung gegen die Staatskirche ihre 
Existenz retteten. 

Der sektenhaften Existenz entsprachen die rechtlichen 
Formen. Im Saal der Brüder war wohl jedem Unverdächtigen 
der Eintritt offen. Aber der Beitritt zur Bruderschaft selbst 
ging nicht vor sich ohne Förmlichkeit. Hier tritt die Taufe ein. 
Sie war keine originale christliche Stiftung, sondern eine Ent- 
lehnung aus der johanneischen Sekte. Nur das Aussprechen des 
Namens Jesu verheb ihr christlichen Charakter. Ueber ihr aller- 
erstes Auftreten fehlt uns jede Tradition. Ihren Sinn giebt der 
alte Ausdruck an: Taufe der Busse zur Vergebung der Sünden. 
Voran ging ein Bekenntnis: Beichte der Sünden und Anrufung 
Jesu; hierauf wusch das reine AVasser Seele und Leib mit ein- 
ander ab, und wenn der Täufling aus dem Wasser emporstieg, 
galt er als rein und als Bruder. Der Taufe ging noch kein Unter- 
richt voraus; die Einfachheit des Messiasbekenntnisses machte 
dies unnötig. In der Regel hat man aber nur Erwachsene ge- 
tauft; hatte doch Jesus den Kindern das Reich Gottes ohne 
weitere Bedingung zugesprochen. Die Getauften hatten nun 



2. Die Entstehung der Kirche. Ql 



Anteil an den Mahlzeiten der Brüder. Die Hauptmahlzeit war 
immer oder häufig verbunden mit der Wiederholung eines Ab- 
schnitts aus dem letzten Mahl Jesu mit den Aposteln ; man ge- 
dachte dabei des Segens seines Todes und freute sich auf sein 
Wiedersehen. Weiter unterstand aber der Getaufte der strengen 
Disziplin der Brüder. Unwürdige wurden ausgeschlossen entweder 
für immer oder auf Zeit; besonders wer dem kleinen Kreis 
Aergernis gab, musste die Gemeinschaft verlassen. Das Gericht 
sollte möglichst unparteiisch und schonungslos sein, auch die an- 
gesehensten MitgHeder, „Hand und Fuss" des Vereins sollten 
hinaus gethan werden. Sprecher des Urteils waren die Apostel 
oder die Propheten oder die Gesamtheit. Das Urteil galt dann 
als Spruch Jesu selbst, dessen leibhaftige Anwesenheit bei den 
Versammlungen, auch den kleinsten, von allen fest geglaubt 
wurde. Die Verbindung der zerstreuten Kreise unter einander 
endlich war durch das beständige Reisen der Apostel, Propheten 
und Lehrer fest gesichert. Ueberall, wo sie auftraten, standen 
sie an Gottes Statt. Sie übermittelten die Kollekten und sorgten 
für innere und äussere Gemeinsamkeit. Aber sie galten stets als 
Diener der Gesamtheit, nicht als Herren. 

Es erzeugt aber die Bildung der Sekte die erste grosse Ver- 
änderung der neuen Religion. Sie giebt sich in der Erstarrung 
nach aussen und nach innen kund, dort als Exklusivität, hier als 
Gesetzlichkeit. Zwischen den Brüdern und denen draussen ist 
durch die Einsetzung der Taufe und des formulierten Messias- 
bekenntnisses eine feste Schranke gesetzt. Die Schlagworte 
„gläubig" und „ungläubig" kommen auf und stellen sich vor das, 
von Jesus gegebene Unterscheidungsmerkmal der Früchte. Wohl; 
bleibt es unvergessen, dass das Thun des Willens Gottes allein 
ins Gottesreich führt. Aber es bildet sich schnell die Anschau- 
ung, dass das Thun des Willens Gottes den Glauben an Jesus 
zur Voraussetzung habe und bloss im Kreis der Gläubigen mög- 
lich sei. Das ist der erste verhängnisvolle Schritt von Jesus weg 
der Orthodoxie zu. Jesus hatte mit Vorliebe unkirchliche Para- 
digmen, den Zöllner, den Samariter, den verlorenen Sohn auf- 
gegriffen; an solchen trat ihm gerade die Hauptsache, die Demut, 
die Liebe, die Reue klarer hervor. In seiner Sekte aber wird es 
Grundsatz, dass ausserhalb ihr kein Heil sei und dass die besten 
Früchte draussen keinen Wert haben, höchstens eine Vorstufe 
der von den Gläubigen allein zu erreichenden Gerechtigkeit sind. 

Wernle, Anfänge. 6 



82 Die Entstehung der Religion. II. Die Urgemeinde. 

Enthusiasmus und Gesetzlichkeit scheinen Widersprüche zu 
sein , und doch kennt sie die ganze Sektengeschichte neben ein- 
ander. Vielfach ist der Enthusiasmus nur das Zeichen, dass etwas 
neues Ueberschwängliches sich losreissen möchte aus der engen 
Form. Im Kreis der Brüder ist sehr früh das Evangelium Gesetz 
geworden. Sobald die lebendige Person Jesu nicht mehr da ist, 
und doch seine Autorität durch die Auferstehung erst recht ins 
Ungeheure steigt, müssen alle seine Worte und selbst seine 
Lebensweise zu gesetzlichen Normen werden. So hat sich aus 
Jesu Vorbild die Regel für die Missionare ausgebildet, die für die 
neuen Verhältnisse vielfach eine Fessel war. So bildet sich jetzt 
aus den Kernsprüchen Jesu das neue Gesetz für die Urgemeinde 
aus, wobei vielfach Augenblicksworte ewig normative Bedeutung 
erhielten. Das „Herrenmahl" wird peinlich wiederholt und 
schliesslich zur Stiftung Jesu selbst erhoben •, vielleicht hat auch 
auf die Aufnahme der Taufe das Vorbild Jesu gesetzlich nach- 
gewirkt. Ebenso wird der Messiasglaube zur dogmatischen For- 
derung; er versteht sich nicht mehr von selbst. Die Treue gegen 
einen Abwesenden kann sich auf die Dauer nur in gesetzlicher 
Form erhalten. So bedeutet der Schritt zur Sekte zugleich die 
Entfernung von der ersten Freiheit, Ursprünglichkeit und Frische, 
die Annäherung an das Schablonenhafte, das zum Wesen der 
Kirche gehört. Die ganze Stimmung wurde eine andere. In der 
Trauer über den Verlust Jesu fing man wieder an zu fasten, wie 
Pharisäer und Johannesjünger. 

Und doch war diese Sekte mit ihrer scharfen Grenze gegen 
die Welt und ihrem evangelischen Gesetz das notwendige Gefäss 
für den ewigen und wundervollen Gehalt der Erlösung durch 
Jesus. Sie war der erste Leib, den sich die Seele Jesu schuf, 
um von da aus den grossen Weg aus der Enge in die Weite der 
Welt anzutreten. Ehrfurcht vor dem Göttlichen dieser Brüder- 
gemeinde! Hier ruht alles Leben verborgen und zusammen- 
gedrängt, das der Welt Trost und Kraft zu geben bestimmt ist. 
Diese rauhen und strengen, der Welt feindlichen, der Ewigkeit 
entgegenharrenden Gemüter haben den Beruf der Welteroberung. 

3. Die älteste Theologie. 
Der „Geist" hat in der Urgemeinde nicht nur das Zungen- 
reden geweckt und Opferfreudigkeit und Märtyrermut entzündet, 
er ist auch der Schöpfer der ältesten Theologie. Im Gegensatz 



3. Die älteste Theologie. 83 

zur ungläubigen Welt bilden sich in den Kreisen der Brüder 
eigene Stimmungen, Bilder, Gedanken, die als etwas Neues und 
doch mit Gewalt sich Aufdrängendes empfunden werden und als 
Eingebungen des Geistes sich Geltung verschaffen. Teils sind es 
begeisterte Laien, denen plötzlich ein Geheimnis sich aufhellt, 
teils weise Kenner des ATs , denen der in der Gemeinde herr- 
schende Geist tiefe Blicke gewährt in vorher unverstandene 
Schriftstellen. Ist derart schon die Produktion der Gedanken vom 
Geist geleitet, so erkennt man den Ursprung aus dem Geisterst 
recht aus dem Widerspruch der Welt, die das Geschenk des 
Geistes ermangelt. In moderner Sprache würde das heissen: Nur 
wer die Begeisterung der Jünger für Jesus irgendwie miterlebt, 
kann ihre Gedanken über ihn verstehen. 

Da nun die christUche Brüdergemeinde von Haus aus Laien- 
gemeinschaft ist, muss auch die Theologie ein gut Stück Laien- 
charakter erhalten. Es entsteht eine Theologie, an der die un- 
gezügelte Phantasie und das begeisterte Gemüt mehr Anteil hat 
als der begrifflich klare Verstand, die nicht auf Gelehrsamkeit 
ruht, wenigstens nicht vorzugsweise, die Stimmungen des Herzens 
und Töne aus dem Unbewussten schnell für Offenbarungen 
Gottes nimmt und vor allem auf Schritt und Tritt mit dem Wun- 
der rechnet. Diese Laien haben sich vielfach gerade am Gegen- 
satz zu den Schriftgelehrten orientiert. „Die Schriftgelehrten 
sagen", so heisst es in den Evangelien jedesmal, wenn eine recht 
künstliche, dem Gemüt nicht einleuchtende Theorie vorgeführt 
wird. Selber rechnet man sich mit Vorliebe zu den Unmündigen 
und Kindern, denen Gott das offenbart hat, was den Weisen und 
Klugen verborgen blieb. Jedoch ist dieser Gegensatz früh kein 
reiner geblieben. Die Gemeinde erhielt in ihren Lehrern das ge- 
lehrte Element, das sich von den Rabb.inen nur unterschied durch 
das willige Eingehen auf den Geist der Sekte. Solche Lehrer 
haben ganz besonders das ganze AT der Gemeinde dienstbar ge- 
macht; das war ja sonst den Laien verschlossen schon wegen der 
Sprache. Sie machten aber auch die ersten Anleihen bei der 
jüdischen Zunfttheologie und führten, hierin dem Paulus voran- 
gehend, von dort allerlei Spekulationen, Geheimlehren, sowie den 
juristischen Begriffsapparat der Laientheologie zu. Auf eine be- 
stimmte Scheidung dessen, was von Laien und dessen, was von 
Theologen stammt, wird man freilich schon wegen der mancherlei 
Uebergangsstufen verzichten müssen. 



84 Die Entstellung der Religion. II. Die Urgemeinde. 

Der eigentliche Anstoss zur Bildung der Theologie war ein 
doppelter. Einmal forderte die Person Jesu selbst im höchsten 
Grade das Nachdenken heraus, sowohl um deswillen, was man 
von ihr kannte, als auch fast noch mehr um deswillen, was von 
ihr in der Zukunft verborgen lag. Seine Messiaswürde und 
Wiederkunft, sein Tod und seine Auferstehung, endlich das Ge- 
heimnis seiner wunderkräftigen Person wollte durchaus nach 
allen Richtungen durchforscht und verständlich gemacht sein. 
Zu diesem inneren Antrieb, dem Eindruck der Person Jesu, ge- 
sellte sich aber sofort ein äusserer, das apologetische Interesse, 
die Auseinandersetzung mit dem Judentum. Es galt, Juden für 
Jesus zu gewinnen, gegen Juden ihn zu verteidigen. Beides, 
Polemik wie Apologetik, erheischte notwendig die Benützung des 
Freund und Feind gemeinsamen jüdischen Wort- und Begriff- 
schatzes. Alle älteste christliche Theologie ist daher jüdisch in 
ihren Mitteln. 

Wie der ganze grosse Eindruck Jesu in dem Bekenntnis: 
„Jesus ist der Messias" gipfelt, so war dies auch der Hauptstreit- 
punkt gegenüber den Juden, Sagten die Juden: „er ist es nicht, 
weil er starb", so erwiderten die Christen zunächst: er ist es doch, 
weil er wiederkommen wird. Die Antwort Jesu vor dem hohen 
Rat: „Ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten 
der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels" bildet 
ursprünglich die Summe der Apologetik. Die Parusie ist der 
Messiasbeweis. War damit auch auf die ungewisse Zukunft ver- 
wiesen, so half doch der Trost: qui vivra verra, über alles hinweg. 
Damit war nun der Schwerpunkt des christlichen Glaubens in 
die Eschatologie verlegt. Das eine Wort „Messias" brachte es 
mit sich, dass die ganze Gestalt Jesu in das bereits fertige 
jüdische Zukunftsgemälde hineingesetzt wurde. Dieses letztere 
bleibt völlig intact; hinzu tritt bloss der Jesusname. Dies älteste 
christliche Dogma ist nichts als die Ausfüllung einer jüdischen 
Schablone durch einen konkreten Namen. Zunächst hält man 
sich an die Weissagung Daniels , wie Jesus selbst. Das Wort 
„Menschensohn" wird von da aus die herrschende Selbstbezeich- 
nung Jesu im Evangelienstil. Aber das ist nur der Ausgangs- 
punkt. Bald bemächtigt sich — hier helfen schon die Theologen 
— die ganze reiche, phantastische, jüdische Apokalyptik der 
Person Jesu, Dieser selbst wird — ganz wider Erwarten — zum 
gewaltigen Ki'iegsfürsten , der an der Spitze der himmlischen 



3. Die älteste Theologie. 95 



Heere auf weissem Ross herbeieilt, um alle Gottesfeinde auf 
Erden zu vernichten; wie seltsam passt es dabei zu Jesus, wenn 
die Vögel des Himmels herbeigerufen werden, um nach der 
Schlacht das Fleisch der Feinde zu fressen ! Voran gehen die 
Vorzeichen, Krieg und Kriegsgeschrei, Hunger, Seuche, Erd- 
beben, Zeichen am Himmel, und als Schrecklichstes inmitten der 
Drangsal der Antichrist. Auf diesem ganzen Gebiet herrscht 
völlige Uebereinstimmung zwischen Christen und Juden. Mit 
Recht konnte der Heide Celsus spotten über ihr blosses Gezänk, 
ob dieser Messias Jesus heisse oder ob sein Name noch unbe- 
kannt sei. Der jüdische Glaube verschlang den christlichen und 
aus diesen Disputationen gingen im Grund die Juden als Sieger 
hervor. Der Messias Jesus ist und bleibt eine jüdische Vorstel- 
lung trotz alles Neuen, das Jesus in den Begriff hineinlegte. 
Das Inadäquate, von ihm selbst bis an den äussersten Rand 
zurückgedrängt, eroberte sofort nach seinem Tod wieder die 
Herrschaft. 

Aber wie kann Jesus als Messias wiederkommen, wenn er 
im Grabe ruht? Zur Antwort darauf wird der Beweis mit der 
Auferstehung geführt. Freilich hatten nur Jünger den Auf- 
erstandenen gesehen, und die Realität ihrer Erscheinungen 
war einleuchtend nur für Glaubensgenossen. Feinde konnten 
sie kurzweg für Betrug oder Täuschung erklären. Niemals 
hätte der Glaube an blosse Gesichte bei den Juden Eindruck 
gemacht. Ein objektiver Beweis musste angetreten werden. Die- 
sen will die sehr früh in Umlauf gesetzte Erzählung vom leeren 
Grab erbringen. Aber wer hatte das Grab leer gefunden? Wie- 
der nur Jünger und zwar Frauen allein, schreibt der älteste 
Evangelist. War das ein genügendes Fundament? Es wurde 
verstärkt, indem man erzählte, dass Apostel selbst das Grab leer 
fanden, und dass die Frauen ausserdem Jesus lebend erblickten 
in der Nähe des Grabes. Darauf setzten die Juden das Gerücht 
vom Leichendiebstahl in Umlauf. Seiner Widerlegung dient die 
Erzählung von der Grabeswache, die den Diebstahl der Jünger 
unmöglich macht. Damit endlich der Eindruck des Phantoms 
und der Täuschung ganz wegfalle, kamen Legenden von Erschei- 
nungen grobsinnlicher Art in Kurs , da Jesus isst und trinkt, 
und sich betasten lässt und selbst erklärt, er sei kein Geist. Aller- 
dings hat die Apologetik zum Teil erst spät im nachapostolischen 
Zeitalter diese letzten Stadien erreicht. Sie musste jedoch hier 



86 Die Entstehung der Religion. II. Die Urgemeinde. 

in ihrer ganzen Entwicklung vorgeführt werden, damit man sieht, 
wie hier ein Beweis den anderen stützen muss und keiner für sich 
allein ausreicht. Seltsam hat man es sich verhüllt, dass der 
Glaube an den lebenden und siegenden Jesus niemals durch 
äussere, zum Teil ad hoc erdichtete Zeugenargumente erzwun- 
gen werden kann. Auch diese Theologie war jüdisch und antik. 

Aber der Tod? Wie war dies grösste Aergernis, diese Ne- 
gation der Messiaswürde, mit dem Glauben zu vereinigen? Aus 
dieser Frage entstand die älteste Theologie des Kreuzes. Man 
wies auf Jesu eigene Ahnungen und Vorhersagungen hin , die 
zeigen sollten, dass der Tod für ihn nichts Ueberraschendes ge- 
wesen sei. Daher die Betonung der Leidensweissagungen in den 
Evangelien. Ein schwacher Trost! Man knüpfte an spärliche 
Andeutungen Jesu über positive Heilszwecke seines Todes an. Es 
scheint, dass Jesus selbst sich von seinem Tod eine heilsame 
Wirkung auf manche jetzt noch ungläubige Volksgenossen ver- 
sprochen hat; aber erst der Urgemeinde verdanken wir die jetzige 
bestimmte Formulierung all dieser Sprüche. Im jüdischen Glau- 
ben stand längst fest das Bild des Märtyrers, dessen Leiden stell- 
vertretende Sühnkraft hat und Gottes Gnade aufsein Volk herab- 
zieht*, das 4. Buch der Makkabäer ist das bekannteste Dokument 
dafür. Dieser Gedanke wird jetzt verknüpft mit dem Leiden Jesu. 
Theologen kommen dann hinzu und wenden gewandt alle Begriffe 
des Rechts und des Kultus auf Jesu Tod an. Als Paulus Christ 
wurde, ertönte ihm bereits das „gestorben für unsere Sünden" 
von den Lehrern der Urgemeinde entgegen. Das ist nun alles 
wieder jüdische Theologie. Eigentlich hätte es den Jüngern an 
Jesu Tod aufgehen sollen, dass selbst der Tod keine Gottesstrafe, 
sondern ein Geschenk seiner Liebe sei. Es ist die mit jüdischen 
Begriffen arbeitende Apologetik, die diesen trostreichen Gedan- 
ken verschüttet. Die Rechts- und Sühnegedanken setzen sich an, 
um aus dem Geheimnis der Liebe ein Rechenexempel zu machen. 

Lehrer, nicht Laien , sind es auch gewesen, die den Tod 
Jesu vom AT aus zu erklären suchten. Sie übertrugen das 
Schema von Weissagung und Erfüllung auf den Tod Jesu und 
überhaupt auf die Fakta der evangelischen Geschichte und be- 
seitigten durch den Weissagungsbeweis den Rest des Aerger- 
nisses. Griechisch redende Lehrer benützten dabei mit Vorliebe 
die griechische Bibel, deren Wortlaut ihnen oft besser entgegen- 
kam. Jedem, der schon vor dem Eindruck des grossen Ori- 



3. Die älteste Theologie. 87 



giaalen in Jesus gestanden hat, kommt dies Unternehmen der alten 
Christen fast wie eine Beleidigung vor. Was in aller Welt gehen 
unsern Jesus Weissagungen vergangener Jahrhunderte an ! Wie 
soll all das Neue, Freie, das er gebracht hat, nur der mechanische 
Ablauf längst vorhandener Kausalitäten sein? Ohne Gewaltsam- 
keit und Künstlichkeit Hess sich das gar nicht durchführen. Und 
selbst die besten Analogien sind immer noch epigonenhaft. Jetzt , 
bilden sich die Sätze aus: „Gestorben nach der Schrift, auferstan- 
den am dritten Tage nach der Schrift, geboren in Bethlehem nach 
der Schrift." Unerträgliche Abenteuerlichkeiten ! Und doch ver- * 
bindet sich damit ein grosses Unternehmen : die Eroberung des 
ATs durch die christUchen Ideen. Scheinbar bewies man aus 
dem AT heraus , in Wahrheit legte man hinein. So erwuchs die 
Möglichkeit, die unendlichen Schätze dieses heihgen Buches nicht 
verloren gehen zu lassen. 

Laien , die nicht so im AT bewandert waren , erschien das 
ganze Leben Jesu weniger im Licht der Weissagung als des 
Wunderbaren und Uebernatürlichen , da es ja die Vorstufe 
bildete zu seiner himmlischen Existenz. Warf doch das grosse 
Machtwunder der Auferstehung Jesu seinen Glorienschein zu- 
rück auf das irdische Leben des Meisters, riss ihn heraus aus der 
übrigen Menschheit und Hess das Wunder als sein Lebenselement 
erscheinen. Mit dem Wunder sollte auch seine Messianität be- 
wiesen werden-, je mehr Wunder, je grössere, desto wahrschein- 
licher wird es, dass Gott ihn zur höchsten Würde bestimmt hat. 
Man will doch nicht bloss auf die Zukunft hoffen ins Ungewisse 
hinaus; die AVunder Jesu sind das feste Unterpfand, dass durch 
ihn das Gottesreich kommt und er der „kommende Mann" ist. 
So bildet sich der Grund zu dem seltsam phantastischen , oft die 
Grenzen des Doketischen streifenden Evangelienbildes, wie es 
uns zuerst Marcus erzählt hat, und wie es nachher noch ins Un- 
ermessliche gesteigert worden ist. Ein Hauptstück darin ist die 
Verklärungsgeschichte, die darstellen will, wie Vertraute Jesu 
einmal in seinem Leben ihren Herrn in messianischer Glorie er- 
blickten und seine götthche Legitimation hörten: „Dieser ist mein 
Sohn, den höret." Ausdrücklich erfahren wir, dass diese Erzäh- 
lung erst nach der Auferstehung Jesu bekannt wurde. 

Dadurch war man zugleich vor die letzte Frage gestellt: 
Worauf beruht das Geheimnis, das Wunder in der Person Jesu? 
Die Antworten darauf sind ungemein lehrreich, obschon ihr Alter 



88 I)ie Entstehung der Religion. IL Die Urgemeinde. 

ganz dahingestellt bleiben muss. Klar ist, dass Jesus Mensch 
und als Mensch Messias war. Diese feste Ueberzeugung konnte 
auf jüdischem Boden gar nie verlassen werden. Unter dieser 
Voraussetzung war die der Urgemeinde und ihrem Enthusiasmus 
, am besten entsprechende Antwort die Erzählung vom Geistes- 
empfang, Da tritt Jesus ganz in Analogie zu den christlichen 
Propheten und den Inspirierten überhaupt. Von einem be- 
stimmten Moment an kam Gottes Geist auf ihn herab, um in ihm 
zu wohnen und Quell aller Wunder zu sein. Diesen Moment ver- 
band man mit der Taufe, der frühesten bekannten Begebenheit. 
Der Geist wirkt in Jesus, wie er in den Christen wirkt; nur ist 
Jesus der Führer aller Inspirierten, denn er ist der Sohn. Eben 
wegen dieses Ideenzusammenhanges scheint diese Theorie die 
älteste. 

Aber war nicht der Messias Davids Sohn? Seltsam, das 
von Jesus verworfene Theologumenon der Schriftgelehrten wird 
zur Legitimation seiner Messiaswürde herangezogen. Paulus 
kennt es bereits als Axiom. Die Stammbäume im 1. und 3. Evan- 
gelium müssen auf die Urgemeinde selbst zurückgehen. Beinahe 
möchte man glauben, dass es der Familie Jesu geschmeichelt 
hat, plötzlich zum Rang davidisch-messianischer Dynastie erhoben 
zu werden. Sicher Hessen sie sich es gern gefallen und bekannten 
sich dazu vor Kaiser Domitian. Für uns hat es etwas Erheitern- 
des, die Würde Jesu durch Dynastenstammbäume begründet 
zu sehen. 

Der später zum Sieg gekommene Erklärungsversuch des 
Geheimnisses in Jesus, die Erzählung von seiner Geburt aus dem 
Geist, gehört schon nicht mehr der Urgemeinde an. Ist er doch 
von einem grossen Teil der Judenchristen selbst abgelehnt wor- 
den. Dagegen haben jüdische Lehrer frühzeitig die Präexistenz- 
vorstellung mit Jesus in Zusammenhang gebracht. Streng 
jüdische Theorie war freilich nur der Satz, dass der Name des 
Messias vor Erschaffung der Welt bei Gott verborgen liege. 
Dieser Name war nun Jesus, und es ergab sich leicht der neue 
Gedanke, dass Jesus selbst vorher bei Gott verborgen war. Zum 
gleichen Ziel gelangte man, sobald man Jesu Worte von der 
„Sendung" durch Gott buchstäblich auffasste und daraus schloss, 
Jesus müsse, wenn Gott ihn sandte, vorher bei Gott gewesen 
sein. Obschon die drei ersten Evangehen noch nirgends die Prä- 
existenz und den himmlischen Ursprung in den Worten Jesu zum 



3. Die älteste Theologie. 39 



Ausdruck bringen, sind doch diese Theologumena viel älter als 
sie. Die Geschichte bewegt sich durchaus nicht so, dass das 
logisch Spätere auch zeitlich immer zuletzt auftritt. Hier brachte 
es die ungemein rasche und reiche Gedankenproduktion mit sich, 
dass manche ungleiche, ja sich widersprechende Erklärungen 
gleichzeitig miteinander auftraten. 

Durchaus verrät sich in dem ganzen theologischen Betrieb 
der Urgemein de etwas Unschöpferisches und Dilettantisches. 
Diese ersten Christen haben etwas ganz Ungeheures an Jesus 
erlebt, aber um es auszudrücken, fehlt ihnen die eigene Sprache. 
So greifen sie zu den nächsten jüdischen Kategorien und pressen 
das Unsagbare da hinein. AVie klein sind doch diese ersten 
christlichen Gedanken über Jesus, verglichen mit den Thaten 
Jesu selbst und dem grossen Innenleben seiner Person. Die 
wirkliche Ueberlegenheit der neuen Religion über die alte wird 
durch die eben entstehende Christologie mehr verhüllt als aus- 
gedrückt. 

Niemand wird die ältesten Christen tadeln wegen dieser 
Uebertragung jüdischer Gedanken auf Jesus. Dieselbe Helden- 
verehrung, derselbe Glaube, der sie zum Zungenreden und zum 
Martyrium trieb, hat sie auch zur Formulierung dieser Glaubens- 
sätze bewogen. Das grosse bizarre und phantastische Bild dieser 
ersten jüdischen Christologie ist aus reiner Liebe und Begeiste- 
rung hervorgegangen. Aber in ihm liegt die Gefahr alles dog- 
matischen Denkens, dass es an Stelle der Realitäten tritt und 
diese zurückdrängt. Das Neue, Befreiende in Jesus ist einbal- 
samiert worden durch diese jüdischen Gedanken. 

Aber es gab noch eine andere theologische Produktion der 
Urgemeinde, und sie macht ihre Grösse aus. Das war das Sam- 
meln und Ordnen der wichtigsten Sprüche Jesu, die UeberHe- 
ferung des Evangeliums selbst. Man thäte Unrecht, diese Arbeit 
eine bloss rezeptive zu nennen. Galt es doch die Hauptsache 
herauszufinden und zugleich sie für die Bedürfnisse der Gemeinde 
zu redigieren. Den Anfang machte der Verfasser der Spruch- 
sammlung, vielleicht der Apostel Matthäus, indem er zum Zweck 
der Unterweisung die wichtigsten Herrenworte unter grossen 
praktischen Gesichtspunkten gruppierte. Vor allem stellte er die 
Hauptsprüche zusammen, in denen Gottes Wille durch Jesus 
für alle klar gelehrt war — der Kern der späteren Bergpredigt. 
Die Rede begann mit der lieblichen Verheissung von den Maka- 



90 Die Entstehung der Religion. II, Die Urgemeinde. 

rismen und schloss mit der Gerichtsdrohung für alle, die Gottes 
Willen kennen und nicht thun. Das klare Bewusstsein, dass der 
Kern des Evangeliums hier enthalten ist, redet noch heut aus 
dem Wort vom wahren Kriterium zu uns. Auf die Früchte 
kommt es an-, was sie sind, das eben sagt die ganze Rede. Dann 
stellt eine zweite Rede die Aufgaben der Missionare zusammen. 
Polemische Spruchsammlungen schliessen sich an; die Stellung 
der Christen zu den Johannesjüngern, zu verleumderischen und 
wundersüchtigen Volksgenossen, zu Schriftgelehrten und Phari- 
säern wird durch Worte Jesu klar gemacht. Endlich werden 
verschiedene Seiten des christlichen Lebens, das Gebet, das 
Problem des Reichtums und der Sorge, die Versöhnlichkeit, das 
Bekenntnis , die Hoffnung in die Beleuchtung der Herrenworte 
gestellt. Der Mann, der die Sammlung verfasste, hatte einen 
wunderbaren Sinn für das Wesentliche der Predigt Jesu. Zu- 
gleich giebt er uns das beste Bild der Urgemeinde in ihrer Grösse. 
Sein Werk lässt uns erkennen, was die Hoffnung und Gerichts- 
erwartung für das Leben dieser Christen bedeutete ; das nahe 
Kommen des Reichs und des Herrn selbst ist die Voraussetzung 
des ganzen Christentums. Dann führt er uns mitten in den prak- 
tischen Kampf hinein, zeigt uns den Stolz der Christen gegen- 
über der Johannessekte, ihren grimmigen Zorn gegen die Phari- 
säer, die offiziellen Muster der Frömmigkeit, wie auch die todes- 
mutige Treue gegen den Herrn, die stärker ist als alle Pietät und 
Menschenfurcht. Vor allem aber versteht er den furchtbaren 
Ernst der Forderung Jesu für den Einzelnen. Er weiss, dass die 
Summe des Evangeliums etwas absolut Einfaches, Praktisches, 
aber deshalb das für Hölle und Gottesreich Entscheidende ist. 
Und trotzdem erhebt er sich zur Höhe der Freude und des kind- 
lichen Vertrauens. So brachte er es fertig, uns ein ergreifend 
grossartiges Bild des Wesens des Christentums zu schenken, 
ohne eigenes Zuthun, nur durch die Auswahl der Ewigkeitsworte. 
Eine andere Sammlung und Gruppierung von Herrenworten 
giebt uns Marcus — vielleicht auf Grund petrinischer Tradition 
• — aber nicht in Form von grossen Reden, sondern in der Er- 
zählungsform. Er lässt uns erkennen, wie die Tradition zuerst 
auf den Anlass, die Situation, die Adressaten eines einzelnen 
Spruches Gewicht legte, und wie dann weiter die Gruppenbildung 
verwandter Anekdoten entstand. Auch seine Gruppen enthalten 
ein Stück Theologie der Urgemeinde. Eine erste Gruppe 



3. Die älteste Theologie. 91 



sammelt Worte Jesu, in denen seine Vollmacht der Vergebung,, 
sein Verkehr mit Zöllnern, seine Opposition gegen das Fasten, 
seine Sabbatsherrschaft im Gegensatz zu Schriftgelehrten, Pha- 
risäern und Johannesjüngern offen an den Tag tritt. Die gleiche 
Ueberschrift: „Jesus und die Richtungen" lässt sich über die 
Streitgespräche mit Hierarchen, Pharisäern, Sadduzäern, Schrift- 
gelehrten in Jerusalem setzen, die Jesu Stellung zum Volk, zur 
römischen Obrigkeit, zur Auferstehung, zu Gesetz und Weis- 
sagungen illustrieren. Ein drittes Streitgespräch macht Jesu 
Stellung zu den Satzungen der Aeltesten klar. Man sieht, es 
sind die gleichen Feinde, gegen die auch die Spruchsammlung 
kämpft. Es fehlt aber auch nicht an den ähnlichen positiven 
Themata. Das Gottesreich und die Wiederkunft begegnen uns 
hier wie dort, ebenso das Bekenntnis, die Gemeinschaftspflicht, 
das Gebet. Eine besondere Gruppe stellt die Hauptsprüche über 
die Ehe, die Kinder, den Reichtum, den freiwilligen Verzicht, die 
Pflicht des Dienens zusammen. Allerdings fehlt eine Zusammen- 
stellung der Hauptgebote, die Gottes Willen ausmachen. Das 
wird seinen Grund darin haben, dass die Spruchsammlung sich 
schon eingebürgert hat. Was die Tradition des Marcus uns 
giebt, ist teils eine Ergänzung, teils eine Veranschaulichung der 
Sprüche des Matthäus. Ein selbständiges, eigenartiges Bild des 
Evangeliums gewinnt man doch daraus. Wir sehen die Gegner 
besser vor uns, jubeln mit über die immer ins Schwarze treffen- 
den knappen Antworten Jesu voll Ironie und Siegeszuversicht 
und erleben die Erziehung zur Selbständigkeit und Freiheit unter 
Jesu Führung. Der Gewährsmann , der dem Marcus die festen 
Gruppen der Geschichten überliefert hat, war zweifellos ein Laie, 
für den die Schriftgelehrten den Todfeind Jesu und seiner Sache 
bedeuteten. Gerade diese Theologenfeindschaft befähigte ihn 
zu seiner glänzenden Erfassung des Neuen, Revolutionären an 
Jesus. 

Der erste und der dritte Evangelist haben aus dem Schatz 
der Urgemeinde noch erstaunliche Reichtümer geschöpft, vor 
allem die Fülle der Gleichnisse, die zum Teil wohl schriftlich ge- 
sammelt ihnen vorlagen. Besonders Lucas muss eine wundervolle 
Gleichnistradition gekannt haben. Schade, dass die Apologeten 
der Messiastheologie mit Wundern und Weissagungen sich selten 
klar waren über die wirkhche Quelle ihrer Kraft. Sie merkten 
nicht, dass die schlichte Ueberlieferung der Worte Jesu ohne 



92 Die Entstehung der Religion. II. Die Urgemeinde. 

Zuthat und Beleuchtung die grösste Verteidigung des Christen- 
tums ist, weil sie besser als alle Titel und Legenden Jesus selbst 
den Menschen mitteilt. 

4. Die Parteien und der Ausgang. 

In einem Punkt hat sich die ganze Urgemeinde von Anfang 
an nach rückwärts entwickelt: in der viel positiveren Stellung 
zum jüdischen Volk. Der Glaube an dessen Unfähigkeit und Ver- 
werfung durch Gott, mit dem Jesus die Welt verliess, trat stark 
zurück hinter erneuter patriotischer Hoffnung und erneutem 
Liebeswerben. Waren für Jesus Gottesreich und Israel zuletzt 
klar und bestimmt auseinandergefallen, so hielten seine Jünger 
mit verzweifelter Kraft an der alten Verbindung fest. Alle Ver- 
folgung durch die Juden konnte diesen religiösen Patriotismus 
nicht brechen. Paulus mit seiner glühenden Vaterlandsliebe, mit 
seinem Wunsch, von Gott weg verbannt zu sein für sein Volk, 
steht hier ganz zusammen mit den Uraposteln und mit dem Bruder 
Jesu Jakobus, von dem Hegesipp erzählt, man habe ihn im 
Tempel auf den Knien liegend gefunden, wie er um Vergebung 
für sein Volk betete. Selbst noch zu Beginn des jüdischen 
Krieges, als das kleine apokalyptische Flugblatt (in Marc 13) in 
den christlichen Kreisen herumgeboten wurde, da glaubte man 
nicht an die Zerstörung des Tempels, sondern nur an seine furcht- 
bare Bedrängung durch den Antichristen. Erst der Schlag des 
Jahres 70 hat den Christen die Augen geöffnet und ein neues 
Urteil über das jüdische Volk heraufgeführt. Vor dem jüdischen 
Krieg ist die Stellung der Christen zu den Juden nirgends als 
parteibildendes Motiv empfunden worden. 

Parteibildend war dagegen die Stellung zum Gesetz, jedoch 
nicht von Anfang. Jesus hatte sich und die Seinen bis zuletzt in 
dem Glauben gelassen, das Gesetz auf seiner Seite zu haben gegen 
die Pharisäer. Dieser Glaube erhielt sich kräftig in der ersten 
Zeit trotz der Selbsttäuschung, auf der er beruhte. Mit den 
Juden zankte man sich über Fragen der Messiastheologie, nicht 
über das Gesetz. 

In den Kreisen der Taufgesinnten war Jesu Wort die oberste 
Autorität. Hieraus ergab sich die Freiheit und Natürlichkeit 
des Lebens, wie Jesus sie gebracht hatte. Das pharisäische Ideal 
war und blieb abgethan, ebenso das asketische des Täufers Jo- 
hannes. Man legte alles Gewicht auf den Gewissensernst, die 



4. Die Parteien und der Ausgang. 93 

Liebe, die Sehnsucht, das Gottvertrauen. Aber eben hierin 
glaubte man nur dem Gesetz getreu zu sein. Gottes Wille, wie 
er im Gesetz geschrieben war, sprach aus Jesu Worten. Sobald 
man es in seinem Tiefsinn erfasste und vom Aeusseren auf die 
Gesinnung drang, so schien jeder Widerspruch gehoben. Es ist 
daher dies älteste Judenchristentum durchaus antipharisäisch, ja 
im Kern unjiidisch zu denken — wie hätte es uns sonst das Bild 
Jesu so, wie wir es haben, vermacht! — aber zugleich mit tiefer 
Ehrfurcht vor der Gesetzesautorität. 

Hierin war ein innerer Widerspruch gegeben, da das gleiche 
Gesetz auch die Autorität der pharisäischen Schriftgelehrten 
war. Dieser Widerspruch musste, sobald er erkannt war, zur 
Parteibildung treiben, je nach dem Ja oder Nein, ob Jesu Wort 
und das Gesetz zusammen bestehen sollten oder nicht. 

Den Anlass bot die Entstehung der Heidenmission. Ueber 
den Zutritt der Heiden zur Gemeinde konnte in allen Kreisen' 
nur Freude herrschen. Aber welches soll die Bedingung dieses 
Zutritts sein? Jesu Wort oder die Ceremonien des Gesetzes? 
Für die Judenchristen waren Beschneidung, Sabbat, Speise- 
gesetze etc. eine alte Gewohnheit und kaum mehr eine Last; um 
so unerträglicher für die Heiden. 

Barnabas und Paulus haben kurzweg das Gesetz für die her- 
zutretenden Heiden ausser Kurs gesetzt und allein den Glauben 
an Jesus als Eintrittsbedingung gefordert. In Jerusalem erfuhr 
man die grosse Neuerung erst, als man vor dem fait accompli 
stand; man erfuhr sie aus gehässiger Quelle, von engen, dem 
Pharisäismus nahe stehenden Brüdern. Was nun? 

Hier sondern sich die Wege in der noch so jungen Gemeinde. 
Zunächst zwar einigten sich die Häupter Jakobus, Petrus, Jo- 
hannes mit Paulus und Barnabas auf Grund der Gnade Gottes, 
die der Erfolg bedeutete, und gaben die Heidenchristen frei. Aber 
nun erst kam die schwere Frage: was folgt daraus für die Juden- 
christen? Sie selbst sollten beim Gesetz bleiben, hiess es in Jeru- 
salem. Aber war dann der Verkehr unter einander möglich? 
Konnten ein gesetzestreues Judenchristentum und ein gesetzes- 
freies Heidenchristentum brüderlich zusammen bestehen? 

Rasch traten die Extreme auseinander. Paulus setzte Chri- 
stus in Gegensatz zum Gesetz und proklamierte die Freiheit der 
Judenchristen im heidnischen Land. Die Jakobusrichtung warf 
Christus und das Gesetz völlig zusammen und erhob den An- 



94 Die Entstehung der Religion. II. Die Ui^emeinde. 

Spruch, die Heidenchristen unter das Gesetz zu zwingen. Mitten 
zwischen den Extremen beharrten die Urapostel auf dem Stand- 
punkt von Jerusalem, haltlos, prinziplos, der Leitung unfähig, 
ein Spielball der Stürme. 

Damit ist der Judaismus entstanden , als Rückbildung ins 
Judentum auf dem Boden der Urgemeinde, veranlasst durch den 
Fortschritt des Paulus zur Freiheit. Eine gänzlich reaktionäre 
Bewegung! Das Gesetz über Christus, die jüdische Idee fest- 
gehalten in ihrer fanatischen Enge und Intoleranz. Gewiss war 
es der Mehrzahl dieser Leute Ernst; man macht sich nicht aus 
Leichtsinn das Leben so sauer. Aber Jesus war für sie ver- 
gebens in die Welt gekommen. 

Diese Richtung hat das Bild Jesu verfälscht durch die Ein- 
tragung mancher ihm fremder judaistischer Züge. Zum mindesten 
hat sie flüchtigen Augenblicksworten eine falsche prinzipielle 
Geltung gegeben. Diese Richtung hat die Gegenmission gegen 
Paulus ins Werk gesetzt, die ihm zuweilen sein ganzes Missions- 
werk in Frage stellte. In Galatien suchten ihre Emissäre den 
heidnischen Aberglauben für die jüdischen Ceremonien zu ge- 
winnen in dem richtigen Instinkt, dass diese beiden verwandt 
und gemeinsame Gegner des Evangeliums seien. In Korinth 
nützten sie eine vorübergehende Animosität der Gemeinde gegen 
ihren Apostel aus und wollten durch gemeine Denunziationen 
ihm zuerst das Vertrauen rauben, um hernach freies Spiel für die 
Judaisirung zu haben. Beschränkter frommer Eifer, Parteileiden- 
schaft und böser Wille trafen hier zusammen in der Anwendung 
auch der schlechtesten Mittel. Allein diese ganze Gegenmission 
endigte mit totaler Erfolglosigkeit — schon einfach darum, weil 
die überwältigend grosse Mehrzahl der Heidenchristen keine 
Juden sein wollte. Schon zu Lebzeiten des Paulus durfte sich 
die Kirche, soweit sie griechisch sprach, einer gesicherten Frei- 
heit rühmen. 

Einzig in Palästina und den Nachbargebieten , wo stets ein 
starker jüdischer Grundstock war, erhielt sich das Judenchristen- 
tum in zäher Lebendigkeit, aber auch in völliger Bedeutungs- 
losigkeit für die Schicksale der grossen Kirche. Es behielt sein 
sektenhaftes Dasein bei, um so leichter, da es selbst sich zer- 
spalten hatte in zahlreiche Untersekten. Zu den zwei Richtungen 
des apostolischen Zeitalters, dem Judaismus (das Gesetz für alle 
Christen) und dem apostolischen Christentum (das Gesetz für die 



1. Das Berufsbewusstsein. 95 

Juden) traten bald zahlreiche gnostische, dem Essäismus ver- 
wandte Schattierungen hinzu. Weltgeschichtlich bedeutsam sind 
sie alle nur für die Entstehungsgeschichte des Islam gewesen, der 
sich geradezu aus einer judenchristlichen Sekte zur Weltreligion 
herausgebildet hat. Die politischen Ereignisse der beiden jüdi- 
schen Kriege und das Verbot der Beschneidung unter Hadrian 
thaten dem Judenchristentum keinen so schweren Schaden an, 
wie der Umstand, dass sowohl die Juden, wie die Christen es ab- 
stiessen, jene mit Bann und Fluch, diese mit Verketzerung. Der- 
art wurde es einfach auf die Seite gedrückt, um der Welt zu 
offenbaren, dass Halbheiten durch keine heilige Tradition zu 
retten sind, dass es überhaupt in der Geschichte kein Beharren, 
sondern nur ein Vorwärts- oder Rückwärtsschreiten giebt. 

So endigte das Judenchristentum, das enthusiastisch begann, 
mit Stagnation, Verkümmerung und schliesslichem Aussterben. 
Seinen Enthusiasmus, wie alle seine lebendigen fruchtbaren Keime 
nahm Paulus in seine Heidenkirche hinüber. Durch seine freie 
That hat er die Urgemeinde zur Reaktion und damit zum Verfall 
getrieben. Er war das aufregende ungemütliche Element des Ur- 
christentums, ebenso Zerstörer, wie Erbauer, Zerstörer der Ein- 
tracht, der Unklarheit, der Halbheit der ersten Zeit. Hierin ver- 
stand er den Geist Jesu und das neue Walten seines Gottes. 

III. Paulus. 

1. Das Berufsbewusstsein. 
Johannes der Täufer war aufgetreten, „mehr als ein Pro- 
phet", der „Grösste der vom Weibe Geborenen"- er negierte das 
Bestehende und rüttelte das ganze Volk auf. Aber seine Hinter- 
lassenschaft war die asketische Sekte der Täufer, die in dem 
Chaos der Rehgionsmischung unterging. Jesus kam, fasste alles 
Gesunde, Tiefe, Echte in der jüdischen Rehgion zusammen und 
stiess das Künstliche, Krankhafte ab. Er brachte seinen Jüngern 
Erlösung, Freiheit der Kinder Gottes. Aber sein nächstes Werk, 
die Urgemeinde, kam nicht aus der Sekte heraus. Es waren Ge- 
meinschaften frommer Juden, die den Messias und das Gottes- 
reich ersehnten, streng nach dem Gesetz Jesu lebten und ihr 
Volk liebten. Nicht sehr viel anders als Jahrzehnte nach Jesu Tod 
fand sie Jahrhunderte später Muhammed. Dies Judenchristen- 
tum lebte abseits der Weltgeschichte, dem jüngsten Tag ent- 



96 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 



gegenharrend, mit frommen Hebungen beschäftigt. Die Ein- 
führung des Christentums in die Weltgeschichte ist ganz das 
Werk des Paulus. Dieser ist nicht der Gründer der neuen Reli- 
gion und wollte es nicht sein; wenn er Jesus seinen Herrn und 
Erlöser nannte, gab er nur den Thatsachen Ausdruck. Aber er 
hat das Christentum aus Palästina fortgeführt und zu den Grie- 
chen und Römern, den herrschenden Kulturvölkern, verpflanzt. 
Nun kann es nicht mehr jüdische Sekte bleiben, sondern muss 
sich messen mit den Religionen, der Bildung, der Philosophie 
der weltgeschichtlichen Völker. Es muss auf ihre Bedürfnisse, 
wie auf ihre Sprache und ihre Formen eingehen, sei es in Liebe, 
sei es in Hass. Ein tiefe Umwandlung, nicht der Gestalt allein, 
des Wesens selbst steht ihm bevor. Als schlichte Brüdergemeinde 
mit Messiasglauben und Gesetz Jesu kann es nicht bestehen in 
der Weltkultur. So gross ist der neue Einschnitt, dass man ein 
Christentum vor Paulus und nach Paulus unterscheiden muss, 
oder, was dasselbe ist, die palästinensische Sekte und die Welt- 
religion. 

Dabei schauen wir aber in ein Geheimnis der Geschichte, 
wie sie Sprünge macht, Brüche und Risse zeigt, nie geradlinig 
fortschreitet und daher aller Konstruktion spottet. Paulus hat 
Jesus zu seinen Lebzeiten gar nicht gekannt und trotzdem ihn 
am besten verstanden. Er war einer jener pharisäischen Schrift- 
gelehrten, die Jesu Wehe traf, die eben krankten an jener 
Theorie: „wahre Religion sei "einzig die Verfassung des heiligen 
Judenstamraes",und dieser Schriftgelehrte vernichtete jetzt diese 
ganze Theorie , entriss Jesus dem heiligen Stamm und brachte 
ihn der Menschheit. 

Das alles that er nicht aus Berechnung und nicht aus Laune, 
sondern im festen Bewusstsein, von Gott dazu berufen zu sein. 
In allen seinen Briefen macht sich dies Berufsbewusstsein geltend, 
am stärksten im Galater- und II. Korintherbrief , wo er der An- 
gegriffene ist. Trotzig stolz hebt der Galaterbrief an: „Paulus, 
Apostel nicht von Menschen, noch durch einen Menschen, son- 
dern durch Jesus Christus und Gott den Vater, der ihn von den 
Toten erweckt hat." Darauf die Enthüllung: „Als es Gott ge- 
fiel, der mich von Mutterleib ausgesondert und berufen hatte 
durch seine Gnade, seinen Sohn an mir zu oftenbaren, damit ich 
ihn verkündige an den Heiden, da beriet ich mich sofort nicht 
mit Menschen, stieg auch nicht zu den Aposteln vor mir hinauf 



1. Das Berufsbewusstsein. 97 

nach Jerusalem, sondern ging nach Arabien. Der II. Korinther- 
brief, diese grösste Apologie des Apostels, müsste fast von An- 
fang bis zu Ende ausgeschrieben werden , so voll ist er von gött- 
licher Selbstgewissheit. Nur die Höhepunkte: „Eine solche Zu- 
versicht habe ich durch Christus zu Gott-, nicht dass ich von mir 
aus fähig wäre, mir etwas zuzutrauen als von mir, sondern meine 
Fähigkeit kommt von Gott, der mich denn auch fähig gemacht 
hat zum Diener des Neuen Bundes, nicht des Buchstabens, son- 
dern des Geistes." „Der Gott, der da sprach: „aus der Finsternis 
soll das Licht leuchten", der ist es, der es in meinem Herzen 
tagen liess zum strahlenden Aufgang der Erkenntnis von der 
Herrlichkeit Gottes im Antlitz Christi." „Alles kommt von Gott, 
der uns mit sich versöhnt hat durch Christus und uns (d. h. mir) 
das Amt der Versöhnung gegeben hat. Gott war in Christo, sich 
die Welt versöhnend . . . und richtete unter uns das Wort von 
der Versöhnung aus. Für Christus also werbe ich, als ob Gott 
durch mich bäte. Ich bitte für Christus: lasst Euch versöhnen 
mit Gott." Aussagen von gleicher Höhenlage finden sich in 
I Thess 2 I Kor 4, 9, 15 Rom 1 und 15 und noch im Kolosser- und 
Eplieserbrief. Dabei hat er nie einen Unterschied zwischen dem 
allgemeinen Apostelberuf und dem speziellen Beruf des Heiden- 
missionars gekannt, sondern beides zugleich aus Gottes Hand 
empfangen wollen. Gerade zum Heidenmissionar hat ihn Gott 
erwählt. 

Von Paulus stammt der hohe Ausdruck: Mitarbeiter Gottes, 
Mitarbeiter fürs Gottesreich. Er hat ihn sich nicht allein reser- 
viert, aber doch stets nur den Aposteln vorbehalten. Aus dem 
Wort spricht der gleiche Enthusiasmus wie aus den Sprüchen 
Jesu vom Anbruch des Gottesreichs. Gottes Wort will er auch 
wie Jesus verkünden; niemand soll es als Menschenwort ansehen, 
bei Strafe nicht. Da im Evangelium die Kraft Gottes zur Ret- 
tung für alle Gläubigen enthalten ist, so fühlt sich Paulus als 
derjenige, der diese Gotteskraft überträgt an andere, als not- 
wendiges Mittelglied zwischen Kreuz und Auferstehung Jesu und 
der weiten Menschheit. Mehr in juristischer Sprache nennt er 
sich Schuldner an Barbaren und Hellenen, Weise und Thoren, 
oder wieder mit kultischen Ausdrücken Priester Jesu Christi 
an die Heiden in heiligem Dienst am Evangelium Gottes. Alle 
diese hohen Attribute besagen im Grund dasselbe: seine Mittler- 
stellung zwischen Gott (Christus) und den Menschen. Im Unter- 

W er nie, Anfänge. y 



98 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

schied von den zwölf Aposteln, die sich auch als Mittler zwischen 
Jesus und den Gemeinden betrachteten , nämhch als Träger des 
Wortes Jesu, hat Paulus sein ganzes Leben, ja sein ganzes Selbst 
in die Vermittlung hineingezogen, ihr zum Opfer gebracht. Er 
hat hiermit bis zu dem Grad Ernst gemacht, dass er allem, was 
er erlebte, seinen Leiden, aber auch den Tröstungen darin, einen 
heilsamen Zweck für die Gemeinden zuerkannte und nicht zurück- 
scheute vor dem Gedanken der Stellvertretung. „Jetzt freue ich 
mich über das Leiden für euch und ergänze den Rest der Mes- 
siasleiden an meinem Fleisch für die Kirche". Häufig variiert 
er den Glauben, dass er als Opfer für die Gemeinden sich ver- 
zehren müsse. Dadurch verwandelt sich ihm dann bald der hoch- 
fliegende, stolze Anspruch des Mittlers von selten Gottes in den 
bescheidenen, aber reichen Beruf: Diener der Gemeinden um 
Jesu willen zu sein. 

Ueberhaupt hat das Selbstbewusstsein des Apostels seine 
nie vergessenen Grenzen. Christus steht für ihn hoch über sich 
selbst, ja der Abstand zwischen Meister und Missionsgenbsse hat 
sich schon bedeutend vergrössert. Jesus ist der Herr, Paulus 
der Knecht, Jesus sündlos, Paulus sündig und begnadigt. Er 
glaubt an Jesus Christus, ruft durch seine Vermittlung Gott an, 
betet gelegentlich selbst zu ihm. Während Jesus bereits sicher 
auf die Seite Gottes gehört, rechnet Paulus sich mit allen Ge- 
meindechristen zu den erlösungsbedürftigen Menschen. Aber 
nicht nur im allgemeinen als Christ, auch als Apostel ist er Jesus 
stark untergeordnet. Jesus ist Herr über den Glauben, der 
Apostel nicht. Jesus darf befehlen, „der HeiT sagt" lautet die 
christliche Gesetzesformel, Paulus darf nur Ratschläge erteilen. 
Sein Wort hat nie die gesetzliche Autorität der Herrenworte. 
Auch als Apostel hat er stets dessen eingedenk zu sein, dass er 
mit allen Christen vor Christi Richterstuhl erscheinen und dort 
sein Urteil empfangen wird, je nach Verdienst Lob oder auch 
Tadel und Strafe. 

Die Aehnlichkeit mit Jesus und zugleich der Abstand ist in 
die Augen springend. Bei beiden ein alles Gew'öhnliche über- 
ragendes Selbstbewusstsein, der Anspruch, von Gott aus der 
Masse der Menschen zu besonderem Beruf herausgezogen zu 
sein, und bei beiden keine Schwärmerei, sondern klare Aner- 
kennung der Schranken, tiefe Demut unter Gott. Und doch hat 
das Wort „Mittler" für beide einen verschiedenen Sinn bekommen. 



1. Das Berufsbewusstsein. 99 

Während Jesus in völlig neuer Weise, als der Sohn, Gott erkalint 
haben will, rühmt sich Paulus dieser Erkenntnis der Herrlichkeit 
Gottes im Antlitz Jesu. Er ist seinem eigenen Gefühl nach nicht 
Schöpfer, sondern Vermittler des geschichtlich Gegebenen. Gott- 
Christus— Paulus lautet die Reihe. Das ist ihm so eindrücklich 
gewesen, dass er es auch nicht einen Augenblick sein ganzes 
Leben lang vergessen hat. Das Grosse: „Wenn nur Christus ge- 
predigt wird", das der Gefangene in Rom mitten unter allerhand 
zweideutigen Missionsgenossen ausruft, ist noch Zeugnis dafür. 
Von da aus hat er den Gedanken einer paulinischen Partei als 
etwas Verabscheuungsvvürdiges zurückgewiesen: ist Paulus für 
euch gekreuzigt? seid ihr auf den Namen des Paulus getauft? 
Sei es Paulus, sei es Kephas, sei es Apollos, alles gehört euch, ihr 
aber Christo, .Christus Gott. Fragt man, woher es kam, dass 
Paulus sich so viel schärfer als die Apostel von Jesus geschie- 
den wusste, so ist die Antwort leicht zu finden. Er hat nicht 
mit Jesus monatelang gegessen und getrunken und zusammen 
gelebt, sondern kennt nur den Auferstandenen, zur Rechten 
Gottes Sitzenden, das himmlische Wesen. Das hat freilich auch 
zur Kehrseite, dass dieser himmlische Jesus ihm mehr Mut und 
Siegesbevvusstsein gab. Im treuen Dienst des himmlischen Königs 
kann er sicherer und besser beschützt draussen in der weiten 
Welt zu Wasser und zu Land Feinde bezwingen und Siege er- 
fechten. Dem grösseren Herrn entspricht der grössere Diener. 

Als Apostel dieses bei Gott thronenden Jesus gründete 
Paulus die Heidengemeinden , rettete ihre Freiheit in Jerusalem, 
widerstand dem Petrus in Antiochien, schlug die Judaisten, auch 
wenn sie sich auf Urapostel beriefen, aus dem Feld, hinterliess 
als Märtyrer die grosse freie Heidenkirche, die vor ihm nicht da 
war. Er verrichtete mehr Arbeit als alle Apostel vor ihm, sagte 
das auch klar heraus. Aber dies ganze grosse Werk ruht auf 
dem Glauben an den ihm verliehenen göttlichen Beruf. Es ist 
undenkbar, dass Paulus ohne diesen Glauben den kleinsten Teil 
davon geleistet hätte. Das apostolische Selbstbewusstsein gehört 
zu seiner weltgeschichtlichen Arbeit wie das messianische zum 
Wort Jesu. 

Woher die Gewissheit dieses apostolischen Berufs? Die 
weitaus schönste Antwort steht im I. Korintherbrief: „Zwang 
liegt mir auf. Wehe mir, wenn ich nicht missioniere!" Der Mis- 
sionsberuf ist eine innere Nötigung, der Paulus gar nicht wider- 

7* 



100 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

stellen kann. Er muss predigen, wie der Low« brüllt. So sprachen 
die alten Propheten, so hätte Jesus sagen können. Indes darf 
die Frage nach dem Ursprung dieser Nötigung nicht umgangen 
werden. Paulus giebt klar Rechenschaft darüber: durch die Vi- 
sion bei Damaskus ist er zugleich Christ und Apostel geworden. 
Im Unterschied von Jesus kehrt er stets zu dieser Vision als zur 
Berufung zurück. „Bin ich nicht Apostel? habe ich nicht den 
Herrn gesehen?" Der Herr „ist mir erschienen", ganz wie er 
nach dem Tod seinen Zwölfaposteln erschien. Tag und Stunde 
konnte er angeben; von jenem Moment an datiert das neue 
Leben und zugleich der neue Beruf. Aus dem Verfolger ist ohne 
Unterbruch der Missionar geworden. Ihm selber kam es wunder- 
bar vor, wie gänzlich ohne Vermittlung von Menschen Bekehrung 
und Berufung vor sich gingen : ich beriet mich nicht mit Menschen, 
ging nicht zu den Aposteln. Nicht Tradition, sondern Offen- 
barung — beides als ausschliessende Gegensätze gefasst — war 
der Ursprung seines Apostolats. 

Hierin ist aber ein Widerspruch gegeben, der sofort von 
den Zeitgenossen bemerkt wurde. Der Apostolat ist die Verkör- 
perung der Tradition, Apostel und Traditionsträger sind das- 
selbe; es sind die Männer, welche der Gemeinde die Kontinuität 
mit dem geschichtlichen Jesus verbürgen. Offenbarung dagegen 
ist der Vorzug des Propheten, der nicht das alte Wort Jesu, 
sondern neu quillendes Gotteswort mitteilen soll. Entweder also 
Paulus ist Apostel und Träger der Tradition, oder Prophet und 
Spender der Offenbarung. Eine Vermittlung wäre höchstens so 
denkbar, dass Paulus durch Offenbarung nur den Titel des Apo- 
stels erhielt, den Inhalt dagegen von der apostolischen Tradition 
erst holen musste. Das schlug Paulus aus, da er nach seiner 
Berufung nicht nach Jerusalem zog, sondern auf eigene Faust 
missionierte. Dadurch gab er seinen Gegnern das Recht, ihm den 
Aposteltitel im bis dahin legitimen Sinn zu bestreiten. 

Der Apostolat, der auf Offenbarung ruht — das ist der 
grosse Sprung in der Geschichte. Mag die Vision selbst ge- 
deutet und erklärt werden wie sie will, der Sprung bleibt da. 
Nicht die Apostel, die Jesus bei Lebzeiten berufen, denen er 
sein ganzes Vertrauen geschenkt hat, sind die entscheidenden 
Fortsetzer seines Werkes, sondern der grosse Christenverfolger, 
den eine Offenbarung zum Führer ruft. Der Sprung, die Offen- 
barung, war notwendig, wenn die Sache Jesu nicht stillstehen 



1. Das Berufsbewusstsein. 101 

und rückwärts gehen sollte. Der neue Weg forderte einen neuen, 
durch keine Tradition gebundenen Mann. Nur ein Prophet, kein 
gewöhnlicher Apostel, konnte das befreiende Wort reden; er 
musste freilich dann auch Apostel sein, um das Werk durchzu- 
setzen. So lässt sich deduzieren, ein Geheimnis bleibt es doch. 
Der Fortschritt der Geschichte ruht auf dem thatsächlichen 
Widerspruch der Vereinigung des Propheten und Apostels in 
einer Person. Was war im Grunde nicht neu an diesem Apostel 
aus Offenbarung? Dem unerhörten Anfang entsprach die unge- 
wöhnliche Fortsetzung. Er vermeidet den Verkehr mit dem 
Apostelkollegium und sucht die Ferne auf. Israel überlässt er 
seinem Schicksal und zieht zu den Heiden. Die grossen Pro- 
vinzen, die er neu erobert, unterstellt er nicht den Zwölfen und 
der Muttergemeinde in Jerusalem, sondern behält sie unter sich 
in voller Freiheit. Kommt es dann zur Auseinandersetzung, so 
giebt er den älteren Genossen auch nicht in einem Punkte nach 
und wagt es, dem Petrus in öffentlicher Versammlung eine Rüge 
zu erteilen, der frühere Verfolger dem Liebling Jesu. Neu ist 
das Wort, das er verkündet: statt der Erzählung der Worte und 
Thaten Jesu die Botschaft vom Gekreuzigten und Auferstan- 
denen allein. Wohl steht der Name Jesus im Mittelpunkt, aber 
ist's nicht ein anderer Jesus? Und neu ist die Lebensführung 
des Apostels: Er verzichtet auf das Recht, sich vom Missions- 
beruf ernähren zu lassen und erwirbt sich mit saurer Arbeit sein 
Brot! Dazu kommt endlich die Rabbinenart, die ihm überhaupt 
nachgeht. Der Apostel ist Prophet, der sich auf Offenbarung 
beruft und zugleich Schriftgelehrter, der forscht, beweist, schliesst, 
der gelegentlich mit einem Heer überraschender und verblüffen- 
der Bibelstellen seine Gegner mundtot macht. So alles in allem 
das reine Gegenteil dessen, was bisher Apostel hiess. 

Daraus ergab sich die Notwendigkeit seiner Apologie, wie 
zugleich ihre Schwierigkeit. Ein grosser Teil der Christen konnte 
es nicht fassen, wie neben die hochgepriesenen, fast schon als 
Heilige geltenden Zwölfapostel jetzt einer sich stellte, dessen 
Vergangenheit die für einen Christen schlimmste war, der Jesus 
nicht kannte und keinen Rechtstitel besass als eine Vision, der- 
gleichen jedermann erdichten konnte. 

Ein Glück, dass Paulus den Beweis der Wahrheit seiner 
Erscheinung nicht angetreten hat! Ihm selbst war es kein Be- 
dürfnis; Gegner hätte er doch nicht überzeugt. Wohl berief er 



102 Die Entstehung der E-eligion. III. Paulus. 

sich darauf, doch nie allein. Vielmehr bringt er eine ganze Reihe 
anderer, recht disparater Rechtsgriinde zusammen. 

Er geht zunächst auf die Denkweise der Gegner, ihre Hoch- 
schätzung der Urapostel ein. Es ist wahr, er ist der Geringste 
der Apostel, nicht wert, ein Apostel zu heissen, weil er die Ge- 
meinde verfolgt hatte. Nur Gottes Gnade ermöglichte ihm, neben 
sie zu treten und selbst mehr als sie zu arbeiten. Aber die Ur- 
apo^el und er verkünden dasselbe Evangelium. Hat er doch 

rdessen Grundthatsachen von Tod und Auferstehung von den 
Aposteln überliefert bekommen zur Weiterüberlieferung an die 

' Gemeinden. Das klingt etwas anders als das Wort an die Ga- 
later: „Das Evangelium, von mir gepredigt, habe ich nicht von 
einem Menschen überhefert bekommen." Derselbe Mann, der 
in der Hitze des Streites seine gänzliche Unabhängigkeit und 
Selbständigkeit verficht, kann sich als Träger der apostolischen 
Tradition hinstellen, wo ein Hauptpunkt des gemeinchristlichen 
Glaubens in Diskussion steht. Bei der Darstellung des grossen 
Streites in Jerusalem betont er mit Genugthuung: Jakobus und 
Kephas und Johannes, die das Ansehen haben, Säulen zu sein^ 
gaben mir und Barnabas den Handschlag der Gemeinschaft. 
Damit ist seine Anerkennung durch die Urapostel förmlich pro- 
tokolliert. Vor allem aber soll die Kollekte für die Armen in 
Jerusalem aller Welt und besonders allen bösen Mäulern es be- 
zeugen, dass Paulus kein Abtrünniger und Sektierer ist, sondern 
Diener der Muttergemeinde selbst, der seine und aller Heiden 
Dankesschuld durch opferwilhges Schenken zurückgiebt. 

Stolzer und freimütiger darf Paulus auf seinen Erfolg sich 
berufen. Die von ihm gegründeten Gemeinden sind das Siegel 
seines Apostelamtes, sein grosser Empfehlungsbrief, gekannt und 
gelesen von allen Menschen, Von Jerusalem und ringsum bis 
nach Illyrikum — so schrieb er den Römern — habe ich das 
Evangelium erfüllt, und zwar stets auf unbebautem Boden, „wo 
Christus noch nicht genannt wurde". Das ist sein christlicher 
Ruhm, kein Blagieren ins Grenzenlose, sondern gerade ein Fest- 
stehen in den Grenzen, die Gott ihm setzt. Auch die Urapostel 
haben es ja zugeben müssen, dass Gottes Gnade ihm so grossen 
Erfolg gab, mehr als ihnen selber. Zu diesem äusseren Erfolg hat 
er zweimal auch seine apostolischen Wunder und Zeichen ge- 
rechnet, als Beweis, dass er hinter den Erzaposteln nicht zurück- 
steht. Die Apostelgeschichte giebt Beispiele dieser Wunder- 



1. Das Berufsbewusstsein. 103 

thätigkeit, die, so sehr es uns gerade bei Paulus befremden mag, 
nun einmal zum festen Inventar des Missionars gehörte. An 
Krankenheilungen wird dabei zu denken sein, mehr noch an die 
grossen seelischen Erschütterungen, die sich in den ekstatischen 
Erlebnissen Luft machten. Die Galater haben „vieles erlitten", 
als Gott ihnen den Geist gab und Kräfte unter ihnen wirkte. In 
Korinth entflammte der Beweis des Geistes und der Kraft jenen 
schwärmerischen , aber zuchtlosen Enthusiasmus mit seinem 
Zuugenreden, Weissagen, Krankenheilen. Nur war Paulus nicht 
der Mann, der an solchen Kraftwirkungen allein seine Freude 
hatte. Wo ihnen keine sittliche Umwandlung folgte, da hätte er 
selbst etwas Satanisches darin erblicken können. Dass neue 
Menschen entstanden, wo er als Apostel erschien, hat er als seine 
kräftigste Legitimation geltend gemacht. Nach Thessalonich 
schreibt er: „Mein Wort habt ihr nicht als Menschenwort, son- 
dern, was es wahrhaft ist, als Wort des Gottes aufgenommen, 
der auch wirkt in euch, den Gläubigen." Als die Gegner in Ko- 
rinth ein äusseres Zeichen forderten dafür, dass wirklich Christus 
in ihm rede, da ruft er zornig und freudig zugleich der Gemeinde 
zu: „Euch prüft, ob ihr im Glauben steht, euch erprobt-, oder 
erkennt ihr nicht an euch, dass Jesus Christus in euch ist?" 
Er steht auf seinem Glauben, dass diese Korinther, denen so 
viele Laster noch nachgehen und die jetzt in Streit mit ihrem 
Apostel liegen, trotz allem und allem Früchte Christi aufweisen, 
durch den Apostel und den in ihm wirkenden Jesus zu einem 
besseren Leben erlöst worden sind. So schlägt hier der Beweis 
mit dem äussern Erfolg um in die Selbstgewissheit des Glaubens. 
Aber nun kamen die Judaisten mit ihrem ganzen Heer von 
Anklagen und Verleumdungen, mit ihrer Virtuosität des Spio- 
nierens und Richtens. Paulus sei leichtfertig und wankelmütig 
in seinen Entschlüssen ; er verhülle heuchlerisch die frei- 
geistigen Konsequenzen seines Evangeliums-, aus Feigheit und 
und Furcht wage er nicht, seinen Unterhalt aus den Gemeinden 
zu ziehen; sein Leiden, seine Anfälle seien Beweis genug, dass 
Gott ihn geschlagen habe etc. Die ganze Praxis des Paulus 
sollte eine Widerlegung seines Apostelrechts sein. Grossartig 
einfach und stolz lautet die Selbstverteidigung: „Unser Ruhmes- 
grund ist dies: das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Ein- 
falt und Lauterkeit Gottes, nicht in fleischlicher Weisheit, son- 
dern in göttlicher Gnade gewandelt sind in der Welt." Gegen 



I 



104 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

alle Anklagen erhebt er sich zur machtvollen, und doch nirgends 
eiteln Schilderung seiner AVirksamkeit in I Thess 2 und II Kor 6, 
wo die Majestät seiner Sprache sein ganzes Gefühl, auf der Höhe 
seiner Aufgabe zu stehen, wiedergiebt. Kein Mensch vor ihm hat 
so geredet. Aber schon bei diesen Selbstzeugnissen fällt der 
grösste Nachdruck auf die Leiden und Entbehrungen des Apos- 
tels. Diese macht ihm keiner von den Gegnern nach. Ihre Zu- 
sammenfassung bringt die weltberühmte Aufzählung in II Kor 
llj da Paulus die Maske des Narren annimmt, dem die AVeit das 
Selbstlob zu gut hält. Wie er sich dann zum Ruhmestitel seiner 
Visionen erhebt und einen kurzen Augenblick stillsteht vor den 
heiligsten Geheimnissen seines Lebens, da steigt er sofort wieder 
herab zu seinen Leiden: „am liebsten will ich mich doch meiner 
Schwachheiten rühmen. Denn wenn ich schwach bin, dann bin 
ich stark." Als hätte er selbst das Gefühl, dass die Visionen 
doch nur für den, der sie erlebte, die Höhepunkte des Lebens 
bedeuten, dass aber alle Welt, auch alle Feinde sich schliess- 
lich beugen müssen vor der unvergleichlichen Hoheit des Leidens 
im Dienst der Brüder. 

Als ihm wieder einmal das Hecht bestritten wurde, sich 
Diener Christi zu nennen, — wohl wegen seiner Unkenntnis Jesu 
— da rief er bittend und fordernd zugleich: „Ihr seht aufs 
Aeussere. Wenn einer sich zutraut, Christus zu gehören, dann 
soll der wiederum von sich aus denken, dass, gerade wie er 
Christus gehört, so auch ich." Der schwerfällige Satz drückt das 
aus, woran ihm alles gelegen war: Achtung und Duldung des 
treuen Mitarbeiters. Er selbst hat nach diesem AVort gehandelt 
angesichts der Spaltungen in Korinth, wie in Rom. Nie will er 
andere verdrängen, bloss sich selbst den Platz behaupten, der 
ihm neben den anderen gehört. Gerade im grössten Eifer der 
Selbstverteidigung proklamiert er den Grundsatz, dass er nur 
zum Diener, nie zum Herrn der Gemeinde berufen sei und dass 
er vor dem Gericht Christi zu erscheinen habe. 

Und so ward ihm auch der Sieg zu teil über alle Angriffe 
frommer und gemeiner Gegner, weil AVort und Leben, äusserer 
Erfolg und innere Ueberwindung ausnahmslos in vollkommenem 
Einklang gewesen sind. Durch eine Offenbarung, scheinbar ille- 
gitim, zum Apostel berufen, hat er sich glänzend legitimiert durch 
seinen Dienst. Das haben die Urapostel samt Jakobus in einer 
guten Stunde durch ihren Handschlag bestätigt, und alles, was 



2. Jesus unter den Heiden. 105 

nachher von Jerusalem aus geschah, änderte nichts daran. Es ist 
auch den Judaisten nur zu danken, dass ihre Denunziationen der 
Anhiss wurden für die stolze, freimütige Selbstverteidigung. Der 
Mann Gottes hatte das Licht nicht zu scheuen, da er „mit unver- 
hülltem Antlitz die Herrlichkeit Gottes abspiegelte" für eine dem 
Licht zujauchzende Welt. 

2. Jesus unter den Heiden. 

Paulus wusste sich berufen zum Heidenmissionar. Aeussere 
Umstände haben diesen Berufsglauben begünstigt. Er selbst war 
ein Jude aus der Diaspora, früh gewöhnt an das Leben der griechi- 
schen Städte und mit dem Reisen vertraut. Der Stolz auf seine Eigen- 
art und Unabhängigkeit musste ihm das Wirken in der Ferne un- 
gehemmt durch urapostolische Tradition als besonders wünschens- 
wert erscheinen lassen. Dazu kam der Widerstand der Juden, 
den er aus seiner eigenen Vergangenheit nur zu gut kannte. Für 
den Renegaten, als welcher er seinen Freunden erschien, war es 
ohnehin geraten, das Weite zu suchen. Solche Umstände und 
Erwägungen haben mitgewirkt, aber das Entscheidende war der 
klare Trieb, der vom Moment der Berufung an ihn bewegte. Er 
musste ins Heidenland ziehen. 

Eine ungeheure Aufgabe war gegeben: Jesus Heiland der 
Heiden! Doch fehlte es auch nicht an Vorarbeiten und Ueber- 
gangsstufen. Zunächst war Paulus Genosse des Barnabas, der 
seine grössere Reife und früheren Erfahrungen ihm zu gute 
kommen Hess. Sodann war der Gegensatz zwischen Juden und 
Heiden kein so scharfer und reiner. Weit zerstreut in allen grös- 
seren Städten der Mittelmeerländer, hatten sich die Juden als 
Genossenschaften niedergelassen; ihre Bethäuser zogen eine 
Menge heidnischer Zuhörer an, die sich in allen möglichen Formen 
der Judenschaft angliederten oder doch mit ihr befreundeten. 
Das Judenquartier und die Synagoge werden daher von Paulus 
sofort besucht und benützt zum Zweck , durch sie an die Pro- 
selyten und Heiden zu kommen. Dafür durfte dann auf Bekannt- 
schaft vieler Heiden mit den jüdischen Voraussetzungen des Evan- 
geliums, besonders mit dem AT gerechnet werden. Der ganze 
jüdische Charakter der Mission und Theologie des Paulus hat 
natürlich seinen Hauptgrund in seiner eigenen jüdischen Bildung, 
wird aber noch verständlicher durch das vom Judentum bereits 
gesättigte Milieu, in das er als Missionar trat. 



106 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Aber trotz dieser Vorarbeit des Judentums war es etwas 
völlig Neues , Jesus zu den Griechen zu bringen. Wie soll das 
geschehen? 

Es gab verschiedene Möglichkeiten. Ein Weg war schon 
gegeben: die Predigt der Zwölfapostel. Sie bestand aus zwei 
einfachen Teilen: der Verheissung und Drohung, und der For- 
derung. Zuerst die Botschaft: Gericht und Gottesreich stehen 
vor der Thür, der Messias kommt, Jesus, der Gekreuzigte und 
Auferstandene-, er kommt als Weltrichter. Dadurch wird Furcht 
und Hoffnung bei den Hörern lebendig. Darauf die Aufforderung: 
thut Gottes Willen, wie Jesus ihn lehrte, und schliesst euch denen 
an, die in ihm den Herrn erwarten. Warum sollte dieser ein- 
fachen Predigt bei Heiden der Zugang verwehrt sein? 

Paulus hat diese Missionsweise abgelehnt mit Ausnahme des 
Ersten, der Gerichtsbotschaft. Was ihm nicht zusagte, waren 
nicht die zu jüdischen Voraussetzungen; eine Erklärung des 
Messiasbegriifs fiel ihm nie schwer. Aber für ihn selbst war das 
Christentum nicht im Schema von Verheissung und Forderung 
zu beschreiben. Es war ihm ganz Erlösungsreligion. Er hatte 
erlebt, was das heisst, Gottes Willen thun wollen und nicht 
können. Durch seinen eigenen Zusammenbruch war ihm die 
ganze Ohnmacht, Schwachheit und Verkehrtheit der auf sich 
selbst gestellten Menschen klar geworden, und zugleich hatte er 
das Herausgerissen- und Heraufgezogenwerden , die Gnade Got- 
tes, erlebt. Von dieser Erfahrung aus konnte er sich niemals in 
das Schema der früheren Mission — zugleich der Predigt Jesu 
— finden. Jesus Erlöser, nicht Gesetzgeber, das war seine Pa- 
role. Das war ein Glück für das Christentum. Als Lehrer der 
wahren Religion hätte Jesus sonst in die Reihe der griechischen 
Moralphilosophen treten müssen neben Sokrates oder Pythagoras. 
Unter diesem Titel hätte er sich wohl Achtung und Bewunderung 
erworben, aber nie Glauben, woraus eine Religion entsteht. Pau- 
lus hat das Christentum davor gerettet, als Moralschule im all- 
gemeinen griechischen Rationalismus stehen zu bleiben. 

Ein ganz anderer Weg, Jesus den Griechen zu bringen, war 
gewiesen durch das grosse Vorbild der jüdisch-alexandrinischen 
Religionsphilosophie. Es brauchte Jesus nur die Stellung des 
Moses einzunehmen, wie ihm dies auch später begegnet ist. Den 
Juden in Alexandria erschien ihre Religion als Philosophie mit 
allen ihren Fächern: Kosmologie, Psychologie, Ethik etc. Aber 



2. Jesus unter den Heiden. 107 

im Unterschied von der griechischen Philosophie betrachteten sie 
ihre eigene als Offenbarungsphilosophie, ruhend auf den Orakeln 
des ATs, zu denen sich alle griechische Weisheit entweder als 
Entlehnung oder als Vorstufe verhielt. Entweder nämlich leitete 
man aus dem Geist Gottes nur die heiligen Schriften der Juden 
ab, dann mussten die Griechen ihnen gestohlen haben, oder man 
räumte eine Wirksamkeit der göttlichen Vernunft in den Denkern 
und Dichtern der Griechen ein, proklamierte aber zugleich die 
üeberlegenheit der dem Moses geschenkten absoluten Offen- 
barung. 

Es ist nicht unmöglich, dass der Alexandriner Apollos ähn- 
liche Gedanken über Jesus in seiner Weisheitslehre aufgestellt 
hat wie die Juden über Moses. Allein dem Paulus erschien ein 
solches religionsphilosophisches Unternehmen als reine Ver- 
kehrtheit. Wieder gab seine persönliche Erfahrung den Aus- 
schlag. Als Gesetzeslehrer hatte er sich einst der Weisheit seiner 
Religion gerühmt und stolz herabgeschaut auf die blinden, un- 
mündigen Heiden. Der Zusammenbruch seines Gesetzeseifers 
zog sofort den Sturz seines Weisheitsstolzes nach sich. Die Thor- 
heit des Kreuzes im Gegensatz zu aller Weisheit der Gelehrten, 
seien es Juden, seien es Heiden, war seine neue Losung. Auf 
wunderbare Weise erst gestürzt und nachher zur Höhe erhoben, 
sah er in der Parodoxie — wenigstens zunächst — das Wesen 
der Religion und ergötzte sich am Gedanken, dass die Welt durch 
ihre Weisheit Gott nicht erkannt habe, während den Thoren und 
Unedlen Jesus, der Erlöser, geschenkt wurde. Auch das war ein 
Glück für das junge Christentum, dass es, bevor es in die philo- 
sophische Entwicklung der nächsten Zeit hineingezogen wurde, 
noch einmal sich in seiner Souveränität als Religion — alle Re- 
ligion ist Paradoxie — darstellen durfte. Jesus gehört nicht auf 
die Seite der Philosophen, seine Religion kann nur zu ihrem 
Schaden als intellektualistisches System behandelt werden. Sie 
ging nur darum nicht ganz zu gründe, weil sie dank dem Paulus 
in ihrer Werdezeit als Lebenskraft, nicht als philosophisches 
Wissen zu den Griechen kam. 

Jesus nicht Gesetzgeber, nicht Weisheitslehrer, sondern 
Erlöser, das ist der Mittelpunkt der paulinischen Predigt, wie 
später der Reformation. Schon dadurch allein weist sich Paulus 
als der erste Interpret Jesu aus trotz seiner Abweichung von der 
Verkündigung der Urapostel. 



108 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Auf welche Weise predigt Paulus Jesus den Erlöser in der 
griechischen Welt? 

Wie für Jesus und die Urapostel , so steht auch für ihn die 
eschatologische Botschaft im Vordergrund. Der Gerichtstag 
steht vor der Thür, da jeder einzelne Mensch, sei er lebend, sei 
er tot, vor Gottes Thron erscheinen und Rechenschaft ablegen 
muss über sein Thun. Unparteiisch teilt Gott Lohn und Strafe 
aus, Verderben, Tod den einen, Rettung, ewiges Leben im Gottes- 
reich den anderen. Die Ausdrücke, die Paulus braucht, sind oft 
andere als in der Predigt Jesu. Die jüdische Vorstellungswelt, 
Hölle, Paradies, selbst Gottesreich, tritt zurück^ statt Gericht 
sagt er stets Zorn, statt Gottesreich lieber Rettung, statt Hölle 
Tod. Der Einfluss Jesu macht sich geltend in der Betonung des 
Einzelnen und in der völligen Nivellierung aller Vorrechte Israels. 
Vor Gott erscheinen die Menschen, nicht die Völker und gilt 
einzig, ob böse oder gut. Wie früher wird aus der Nähe des Endes 
ein besonders kräftiger Appell gezogen: noch ist es Zeit-, bald 
kann das „zu spät" kommen. „Die Nacht ist vorgerückt, der 
Morgen graut." 

Hat Paulus seine eschatologische Botschaft den Heiden be- 
gründet oder nicht? Prophetische Verkündigung hat sich sonst 
nie viel um Begründung bekümmert; sie ruht ja auf Gottes Wort, 
der Weissagung. Dem Apostel und den Juden war aus dem AT 
das Kommen der Endkatastrophe gewiss; Kunde von den Weis- 
sagungen des heiligen Buches durfte Paulus bei allen Proselyten 
der Synagoge voraussetzen. Trotzdem hat er sich die Begrün- 
dung nicht erspart, sondern ist, so gut er es vermochte, den 
Griechen entgegengekommen. Weit verbreitet durch orphische 
Sekten und philosophische Schulen waren in der griechischen 
Welt die Vorstellungen von der Vergeltung nach dem Tod, von 
Höllenqualen der Frevler und Belohnung der Tugendhaften mit 
göttlicher Seligkeit. Wenn Paulus jedem Einzelnen den Tag der 
Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes in Aussicht stellte 
und die Losung ausgab : Trübsal und Angst allen Uebelthätern, 
Ehre, Ruhm und ünvergänglichkeit allen Guten, rief er längst 
bekannte Bilder in der Seele seiner Hörer hervor; neu war nur 
das Wort von dem Tag, an dem alle vor Gericht erscheinen. 
Aber selbst dabei blieb der Apostel nicht stehen; er brachte den 
Nachweis, wie schon in der Gegenwart der Anfang des Gerichtes 
im moralischen Ruin der Lasterknechte sich offenbare. Damit 



2. Jesus unter den Heiden. 109 

kam er denen entgegen, die sichtbare Garantien für die Zukunfts- 
botscliaft verlangten. Erschien derart die Gerichtspredigt als 
eine den Griechen sofort fassliche, fast schon vertraute Botschaft, 
so war dann freilich das Wort von der Totenauferstehung ihnen 
anstössig von Anfang an. Hier in der Vorstellung der Wieder- 
herstellung des früheren Leibes vermochten viele Korinther nur 
eine bare Thorheit zu erblicken, um deretwillen sie lieber ver- 
zichteten auf den ganzen Auferstehungsgedanken. Paulus sieht 
sich genötigt, der Totenauferstehung eine ausführliche Verteidi- 
gung zu widmen, die in der That den griechischen Vorwürfen so 
weit Rechnung trägt, dass sie den Hauptanstoss: die Wieder- 
belebung des alten Leibes, preisgiebt. Er hilft sich in dieser 
Apologie mit dem Begriff des neuen geistigen Leibes, während er 
zugleich mit populären Argumenten die Auferstehungsleugner 
aus dem Feld schlägt. Das ist gerade das Lehrreiche: Paulus • 
kämpft für das alte jüdische Auferstehungsdogma, das von der j 
griechischen Unsterblichkeitshoffnung so völlig verschieden ist, I 
und zugleich bricht er ihm, den Griechen zu lieb, die Spitze ab 
durch die Preisgabe des alten Leibes. Ob sein Entgegenkommen 
den Griechen Eindruck machte, wissen wir nicht. Durchgesetzt 
hat sich in den paulinischen Gemeinden doch nur die alte jüdische 
Auferstehungslehre. Aber ein Beispiel, wie Paulus den Griechen 
ein Grieche werden wollte, darf man schon in seinen eschatolo- 
gischen Darlegungen sehen. 

An die eschatologische Botschaft schliesst sich unmittelbar 
die Darlegung des Verderbens der Zuhörer an, für welches das 
nahe Gericht erst recht die Augen öffnet. Das Verderben be- 
steht im Götzendienst und in der ünsittlichkeit. Die Beleuchtung 
dieser Sünden ist zugleich der Weg zur Predigt des Monotheis- 
mus und zur Weckung des Gewissens. 

Vor allem über den Götzendienst fährt Paulus los ohne Ver- 
ständnis für die fremden Religionen, einfach als Jude, der die 
Heiden als Abgefallene seiner Rehgion taxiert. Jüdisch sind beide 
Theorien, die seiner Kritik zu Grunde liegen, die Bildertheorie 
und die Dämonentheorie. Entweder sind die Heiden Thoren, 
weil sie blosse Bilder, also „Nichtse", stumme Götzen, Menschen- 
werk anbeten, statt des gestaltlosen Gottes, oder sie sind arme 
Sklaven der Dämonen, behext und bezaubert, da ein falscher 
wilder Trieb sie zu ihrem Kultus treibt. Nirgends trifft man eine 
sachliche Kritik eines einzelnen Kultus. Paulus ist mit dem 



110 -Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Götzendienst als Ganzem fertig, bevor er ihn kennt, und will ihn 
gar nicht kennen lernen. Aber auch die Darlegung des Mono- 
theismus, der an Stelle des Götzendienstes treten soll, geschieht 
mit jüdischen Mitteln — ganz natürlich, da Jesus sich hier gar 
nicht zum Beweis geeignet hätte. Zuerst wird die ganze Natur 
als Offenbarung Gottes interpretiert, wie Gott hier in seinen 
Werken seine Kraft und Göttlichkeit allen Menschen gezeigt 
habe. Aber daran schliesst sich das harte Wort vom Abfall der 
Heiden von der Uroffenbarung und von der Fruchtlosigkeit aller 
Versuche der Philosophie. Einzig die Juden haben die Uroifen- 
barung behalten, bestätigt und ausgeführt im heiligen Buch. Das 
AT war doch das unentbehrliche Lehrbuch des Monotheismus zu 
einer Zeit, da alle höhere Erkenntnis der griechischen Denker 
und Dichter unter das Schlagwort: „Weltweisheit = Thorheit 
vor Gott" fiel. Und doch, selbst ein Paulus, der sich in reinen 
Gegensatz zum ganzen Heidentum stellen will, ist nicht ganz un- 
berührt von jedem Einfluss des Hellenismus. Die Lehre vom 
Nous, der das unsichtbare Wesen Gottes in seinen Werken be- 
trachten kann, der Begriff Wahrheit, die Definition Gottes als 
des Wesens, von dem, durch den, und zu dem hin alle Dinge 
sind, verraten den reinigenden Einfluss griechischer Spekulation 
auf das jüdische Denken, ohne dass freilich Paulus sich dessen 
bewusst gewesen wäre. 

Mit dem Götzendienst, dem intellektuellen Verderben, ist 
das moralische, die Unsittlichkeit, eng verknüpft. Heidnischer 
Kult, Magie, Unzucht gingen wirklich in einander über. Die Zu- 
hörer des Paulus, vor allem die in Korinth, stammten zum Teil 
aus dem unsauberen, verworfenen Pöbel der Grossstädte: Hurer, 
Götzendiener, Ehebrecher, Weichlinge, Knabenschänder, Diebe, 
AVucherer, Trunkenbolde, Lästerer zählt Paulus auf, um fort- 
zufahren: „solches wäret ihr etliche." Auch der schwärzeste 
Pessimismus malte hier nicht zu schlecht; für die Verbreitung 
der unnatürlichen Laster zu dieser Zeit haben wir mehr als genug 
Dokumente. So durfte Paulus seinen Zuhörern sagen, dass sie 
eine massa perditionis seien, ohne auf grossen Widerspruch zu 
stossen. Um aber Gehör zu finden, appelliert er zugleich an 
die Vernunft und das Gewissen, das er selbst in den vertierten 
Menschen nicht ganz erstorben glaubt. Auch ohne Kenntnis des 
ATs tragen sie das Gesetz geschrieben in ihren Herzen , da ihr 
Gewissen ihnen Zeugnis ablegt und ihre Gedanken sich gegen- 



2. Jesus unter den Heiden. 111 

seitig anklagen und verdammen, üeberraschend wirkt auf uns 
dicht neben dem pessimistischen Gesamturteil diese Anerkennung 
des Göttlichen im Menschen, die fortschreitet bis zum Zugeständ- 
nis, dass es Heiden, Unbeschnittene gebe, die das Gesetz halten. 
Aber für Paulus zielt der ganze Appell an das Gewissen doch 
nur auf die Weckung des Sündengefiihls; die optimistischen Aus- 
sagen dienen doch der Gerichtspredigt. Wichtig sind sie für uns 
deshalb, weil Paulus hier wieder ganz klar eine — durch das 
Judentum vermittelte — Anleihe aus dem griechischen Ratio- 
naUsraus vornimmt. Von der stoischen Popularphilosophie hatten 
die Juden den Gebrauch der Worte „Vernunft, Gewissen, Natur" 
übernommen und zugleich die Anschauung von der wesentlichen 
Ausstattung des Menschen mit sittKchen Kräften und Normen, 
der eben jene Worte Ausdruck geben. Die Verschiedenheit der 
Völker und der Zeiten schien wenig zu bedeuten gegenüber dem 
gemeinsamen festen Besitz, in dem sich alle sittlichen Normal- 
menschen der gebildeten Welt zusammenfanden. Dieser Ratio- 
nalismus ist eine der wichtigsten Vorbedingungen der raschen 
Verbreitung des Christentums, und Paulus ist der Erste, der von' 
ihm Gebrauch macht. 

Damit erschöpft sich die Propaideutik der paulinischen 
Mission: eschatologische Botschaft und Aufzeigung der heid- 
nischen Verderbnis. Wir stehen noch nicht im Christentum, erst 
an seiner Pforte. Das Jüdische ist bis dahin noch das die Pre- 
digt beherrschende Element; seine Weissagung, sein heiliges 
Buch, seine Anschauung vom Heidentum sind für Paulus mass- 
gebend. Aber schon sind thatsächlich Verbindungslinien zum 
Griechentum hinübergezogen, wenn auch meistens solche, die 
Paulus direkt dem Judentum entnahm. Schon die Eschatologie er- 
innert die Griechen an verwandte Lehren; dem Monotheismus 
bringen sie mehr entgegen, als Paulus glauben will. Ihre sittliche 
Erkenntnis nimmt er selbst lebhaft in Anspruch. Der Ausgangs- 
punkt für die grosse Verschmelzung des Griechentums und 
Christentums ist gegeben schon in der Predigt des so vielfach 
antigriechischen Apostels. 

Indem Paulus derart seine heidnischen Zuhörer vor das nahe 
Gericht stellte, als eine von Gott abgefallene, durch und durch 
verdorbene Welt, wollte er sie nicht zur Busse im früheren Sinn, 
sondern zum Glauben führen. Busse thun hiess bei Jesus : um- 
kehren und Gottes Willen thun. Das traut Paulus seinen Zu- 



112 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

hörern gar nicht zu. Wenn die Vernunft trotz allem sittlichen 
Urteil gefangen ist unter die Sinnlichkeit, unter das Gesetz der 
Sünde in den Gliedern, ist aller Appell an sie umsonst. Seine 
eigene Lebenserfahrung hatte ihm den Glauben an die siegreiche 
Kraft des Willens zertrümmert; jedoch war das nicht der einzige, 
ja nicht einmal der ausschlaggebende Grund der neuen Glaubens- 
forderung. Da das ganze Ziel der Missionspredigt die Gewinnung 
der Heiden für die christlichen Gemeinschaften ist, kann Paulus 
es niemals zugeben, dass im Menschen selbst — ausser der Kirche 
— ein Erwachen neuer sittlicher Kraft möglich sei. Er muss viel- 
mehr so gänzlich gebrochen und ohnmächtig dastehen, dass ihm 
in der ganzen Welt kein anderer ßettungsweg often bleibt als der 
Glaube, d. i. der Eintritt in die christliche Gemeinde. Das ist der 
Punkt, wo Jesus und Paulus am meisten auseinandergehen. Bei 
Jesus Mut, Freude, Kraftgefühl, volle Gesundheit; wie er selbst 
Gottes Willen thut, so fordert er es von den anderen ohne alle 
kirchliche Einschränkung. Bei Paulus die Schilderung des ge- 
brochenen, ohnmächtigen Menschen, der einzig in der Kirche 
durch übernatürliche Gnade zum Sieg erhoben werden kann. Der 
extreme Pessimismus und der Satz vom allein seligmachenden 
Glauben in der allein sehgmachenden Kirche sind Korrelate. 
Jesus kennt sie beide nicht. 

Dem von seiner Sünde gedrückten, vor dem Gericht beben- 
den Menschen wird Jesus als Erlöser gebracht. Nicht der Jesus 
der Evangelien, der das Eeich Gottes verhiess, Gottes AVillen 
offenbarte, Dämonen austrieb, Gott und die Menschen verband. 
Diesen Jesus hat Paulus selbst nicht gekannt, er hätte ihn also 
auf die Autorität der Urapostel hin predigen müssen. Aber in 
ihrer Verkündigung erschien er als Prophet und Gesetzgeber; 
das wollte Paulus nicht. Jesus der Gekreuzigte allein oder der 
gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes, das ist der Erlöser 
in der Predigt des Paulus. Seine ganze Verkündigung nennt er 
kurzweg: Wort vom Kreuz. Kreuz und Auferstehung sind nun 
nicht eigentliche Thaten Jesu, sondern Erlebnisse, bei denen er 
sehr passiv beteihgt war; äusserlich betrachtet, rein historische 
Fakta, für den Verstand Paradoxien, Wunder, ein Mysterium. 
Paulus giebt es zu, der Satz: der Gekreuzigte ist unser Erlöser, 
ist für den Verstand reine Thorheit; nur für den Glauben, der 
durch das Abstossende, Paradoxe hindurchdringt, wird es eine 
Kraft zur Rettung. 



2. Jesus unter den Heiden. 113 

Scharf und klar schreibt Paulus an die Korinther: das 
Christentum ist keine Philosophie, kein rationales System, son- 
dern es ist etwas Geschichtliches, Irrationales, Paradoxes, in 
dem der Glaube Gottes Kraft spürt oder eben nicht spürt. Wohl 
haben die Fakta ihren Sinn: im Kreuz Gottes Liebe, Gnade, 
Vergebung, in der Auferstehung der Anbruch des Jenseits, aber 
dieser Sinn existiert selbst nur für den Glauben. Schmerzlich ist 
ja für uns auf jeden Fall, wie hier der reiche Inhalt des Lebens 
Jesu, vor allem sein Wort, förmlich den beiden Fakta aufgeopfert 
wird — wir werden freilich dem Wort später doch begegnen. — 
Aber was bedeutet dieser Verlust gegenüber der machtvollen 
Vereinfachung und Konzentration dieser Erlöserpredigt! Immer 
ist das Vereinfachen das Zeichen grosser Männer. In der Predigt 
der Urapostel lag alles nebeneinander: Verheissung, Gebote, 
Wunder, Kreuz, Auferstehung. Aus diesem Vielerlei die Erlöser- 
kraft Jesu herauszuspüren, war gerade für Griechen sehr schwer. 
Paulus brachte ihnen etwastrotz aller Paradoxie Einfaches, Gros- 
ses, Begeisterndes. Es musste doch etwas Göttliches sein, wenn ein 
Gekreuzigter von solcher Liebe und Begeisterung umfasst wurde. 
Wenn er dann am Schlüsse seiner Predigt ausrief: Das ist der 
Weg zur Rettung beim Gericht: Glaube an den Gekreuzigten; 
hier ist Versöhnung, Gnade, Friede, Sicherheit des Heils, da 
schlug die Botschaft ein und der Glaube rief: Amen. 

Dazu kommt, dass die paradoxe Predigt zugleich den Grie- 
chen sehr sympathische Elemente birgt. Der Gekreuzigte ist der 
Sohn Gottes, der nach Paulus vom Himmel herabstieg. So un- 
verständlich in dieser These der Tod eines himmlischen Wesens 
den Griechen erscheinen muss, da Göttlichkeit und Sterben sich 
nicht vertragen, so geläufig ist ihnen der Titel „Göttersohn" und 
die Idee der Herabkunft eines solchen vom Himmel. Da ja zum 
Ueberfluss dem Tod Jesu schon am dritten Tage die Wieder- 
erweckung und der Aufstieg zum Himmel folgt, so ist das Gött- 
liche rehabilitiert und ein Teil des Anstosses beseitigt. So er- 
schien die Christologie des Paulus einfach als Offenbarung eines 
neuen Mythus, analog den bekannten Mythen, nur sie alle an 
Grösse und Wirkungskraft überragend. Der Schwerpunkt der 
Christologie fällt bei Paulus so durchaus in die Vergangenheit 
trotz seines festen Glaubens an die Parusie, dass für seine Zu- 
hörer vollends der herabgekommene Gottessohn, nicht der zu er- 
wartende Messias, Centrum des Glaubens wird. Aber selbst den 

Wernle, Anfänge. 3 



114 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Tod, das eigentliche Aergernis, hat Paulus den Griechen durch 
die Opfervorstellung näher gebracht ^ seine jüdischen Argumen- 
tationen rechneten doch mit Elementen der allgemeinen Religions- 
geschichte, mit Opfer und Sühne und Stellvertretung, und zumal 
die moralisch sehr tief stehenden Kreise, die auf ihn lauschten, 
gingen nur zu gern auf den ihnen Straflosigkeit versprechenden 
Sühntod Jesu ein. Trotz alldem aber blieb der Paradoxie genug 
übrig, um Staunen und üeberraschung hervorzurufen. 

War nun der Glaube da und entquoll ihm das begeisterte 
Bekenntnis, dass Jesus der Herr sei — so, nicht Messias, drückt 
sich Paulus unter den Griechen aus — so ging Paulus sofort an 
den Zusammenschluss der Gläubigen durch Organisation. Für 
sich allein, mitten in der grossen Weltnacht von Götzendienst 
und Unsittlichkeit, konnte kein Christ sich durchschlagen; die 
Genossenschaft, Kirche nennt es Paulus mit jüdischem Wort, 
war hier die notwendige Bedingung jeden Fortbestandes. Hier 
waren nun wieder durch das griechische Yereinsleben An- 
knüpfungspunkte in Fülle dargeboten, und schon die Juden 
hatten davon Gebrauch gemacht. Es ist für uns kaum mehr zu 
entscheiden , ob Paulus sich ausschliesslich an das jüdische Vor- 
bild anschloss oder manches direkt nach griechischen Mustern 
gestaltete. Da er zudem an die Gemeinschaftszeichen der Ur- 
gemeinde und manche Formen ihrer Sitte gebunden war, schuf 
er durch die Verbindung jüdischer, griechischer, christlicher Ele- 
mente auf jeden Fall etwas Neues für die damalige Welt; die 
heidenchristliche Kirche, die gemäss ihrem Ursprung aus dispa- 
raten Elementen auch für die Zukunft volle Empfänglichkeit 
nach allen Seiten behielt. Die Taufe auf den Namen Jesu des 
Gekreuzigten war die Eintrittsform. Daran schlössen sich sehr 
zahlreiche Zusammenkünfte zu gemeinsamen Mahlzeiten, wie zu 
gottesdienstlichen Feiern, auch zur Unterstützung der armen 
Brüder am Ort wie in Jerusalem. Es waren wirkliche Brüder- 
gemeinschaften, feste Einheiten kultischer, sozialer, rechtlicher 
Art, die dem Einzelnen Halt und Trost gaben und ihm die Fa- 
milie oft ersetzten. 

Paulus hat vom Wert der Gemeinschaften fast überschwäng- 
lich hoch gedacht. Medien des Geistes Gottes oder Jesu, nicht 
mehr und nicht weniger, sollten sie sein. So sehr er bei seiner 
Erweckungspredigt auf den Einzelnen ausging, die Kraft des 
neuen Lebens sah er durchaus gebunden an die Kirche. Hier 



2. Jesus unter den Heiden. 115 

allein spendet der Geist alle seine Wunderkräfte, das Zungen- 
reden, das Heilen, die Prophetie, und zugleich die Kraft zur Er- 
neuerung des Lebens. Nur wer Glied am Leib Christi ist, d. h. 
praktisch christlicher Genosse, der erlebt den umbildenden, das 
Irdische, Sündige absorbierenden, Gutes, Reines pflanzenden 
Einfluss des Erlösers. Paulus war nüchtern genug, um den gros- 
sen Abstand der christlichen Genossenschaften von seinem Ideal, 
Leib Jesu, Tempel Gottes zu sein, zu erkennen. Wenn er trotz- 
dem festhielt an seinem Glauben an die Kraft der Gemeinschaf- 
ten, stützte er sich auf die Thatsache, dass trotz allem und allem 
manche der Gemeinden inmitten eines verkehrten und verwirrten 
Geschlechts wie die Gestirne in der Welt leuchteten. Es war 
eben die schöne Erstlingszeit, da Kirche und Gemeinschaft sich 
deckte, nicht wie heute im Gegensatz stand, und da der Einfluss 
Jesu — das ist der Geist — durch den Apostel, seine Missions- 
genossen und die Ersterweckten sich der Gesammtheit so mäch- 
tig mitteilte, dass jeder Einzelne ihn dadurch erfuhr. Dieser 
Einfluss Jesu äusserte sich freilich oft zuerst in einer stürmi- 
schen, aufregenden Art, in den Erscheinungen des Enthusias- 
mus, und nahm dann oft erst nach mancherlei Demütigungen 
und Enttäuschungen ein ruhiges, praktisch heilsames Wesen an. 
Aber ohne Begeisterung kein Wagemut zu neuen Gründungen, 
zur Scheidung von der Welt. Die Seele Jesu, vorher einge- 
schlossen in den weltverborgenen jüdischen Sekten, schuf sich 
hier zum zweiten Male einen für ihre Kraft und Freudigkeit 
schon sehr viel passenderen Leib. Das geschieht nicht ohne 
Stürme. Aber die Gemeinschaften, in die der Geist hinein- 
fährt, sind bestimmt, der Weltgeschichte eine neue Richtung zu 
geben. 

Kaum sind nun die Heiden Glieder der christlichen Genos- 
senschaft geworden , so wendet sich Paulus an ihre Selbstthätig- 
keit. Es gilt nun, die vielfach bis dahin gänzlich undisziphnierten 
Massen zu erziehen zur Arbeit in der Richtung auf das christliche 
Ideal. Er, der vorher nur schenkte und versprach, fordert nun 
auf Grund des Empfangenen zum Thun des Willens Gottes auf. 
Worte Jesu, Sprüche des ATs, Postulate des Gewissens, Regeln 
der christlichen Sitte und Disziplin, Ueberlegungen, welche die 
Rücksicht auf die Aussenwelt nahelegt, das alles soll miteinander 
«in Antrieb zur sittlichen Erneuerung werden. Hier erhebt sich 
die Hauptfrage: Hat Paulus das Ideal Jesu treu erhalten und 

8* 



116 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

ihm alles andere unterstellt? Damit aber die Vergleichung nicht 
ungerecht sei, sind zwei Vorbemerkungen nötig. 

1. Paulus hat es mit Heiden, nicht mit Juden zu thun. Er 
kann die hohe Sittlichkeit, die Jesus nur gereinigt, vereinfacht, 
befreit hat, nirgends voraussetzen. Ein grosser Teil seiner Ar- 
beit besteht darin, seine Leute dahin zu bringen, wo Jesus seine 
Jünger schon vorfand. Ohne eine gewisse Vergröberung der 
Forderung kann er gar nichts leisten. Er muss z. B. den Thaten, 
dem Anstand grösseren Wert beilegen als den Gedanken, auch 
wenn er selbst über die Gedanken genau wie Jesus denkt. So- 
dann hat er eine Fülle neuer ethischer Aufgaben vor sich, die 
Jesus gar nicht kannte. Die ganze Sozialethik , Staat , Familie, 
Sklaven und Herren, Stellung der Frau geht ihn ganz direkt an, 
da es sich jetzt entscheiden muss, ob diese Güter und Formen 
für die Christen etwas bedeuten oder nicht. Ob Paulus dabei 
das Richtige trifft oder nicht, in jedem Fall prägt er neue Werte. 

2. Jesu Forderung betraf gänzlich den Einzelnen , Paulus 
hat die christlichen Gemeinschaften vor sich. Es giebt einen christ- 
lichen Kult , christliche Disziplin , Anfänge der Verfassung etc., 
lauter Dinge, die zur Zeit Jesu nicht existierten. Während z. B. 
Jesus den Einzelnen möglichst von seiner Umgebung löste und 
auf sich selbst stellte, ist für Paulus die Gemeinschaftspflege 
allererste Pflicht, Damit ist die Notwendigkeit kirchlicher For- 
derungen — sei es auch eines Minimums — gegeben. 

Daraus folgt, dass schon die einfache Einteilung, die sich 
uns für die Forderung Jesu aufdrängte, für Paulus nicht mehr 
ganz am Platze ist. Jesus stellte den Menschen in die rechte 
Beziehung zu den drei Wirklichkeiten : sich selbst, dem Bruder, 
Gott. Alles andere verschwand oder trat zurück neben diesen 
drei Realitäten. Für Paulus stehen drei andere Probleme im 
Vordergrund: Die Stellung des Christen zur Welt, die Gemein- 
schaftspflege, der Kult. Die gleichen Wirklichkeiten, wie bei 
Jesus, liegen diesen Problemen zu Grunde und doch ist eine not- 
wendige Verschiebung da. Die Vergleichung mit Jesus ist leich- 
ter, wenn der Verschiebung der Probleme sofort Rechnung ge- 
tragen wird. 

Die Stellung zur Welt ist das erste dringendste Problem. 
Die Christen kommen aus dieser Welt, wo die Dämonen herr- 
schen, und der Götzendienst und die UnsittHchkeit obenaufsind. 
Was ist zu meiden als sündig und heidnisch? Was gehört zum 



2. Jesus unter den Heiden. 117 

notwendigen Bestand des Daseins? Was ist der Freiheit des 
Gewissens anheim gegeben? Lassen sich Gesetze für alle auf- 
stellen? und welches ist ihr Umfang? 

Das Verfahren des Paulus kann man nicht anders als gross- 
artig nennen. Er geht zunächst vom ganz offenbar Schlechten 
aus, von den groben Lastern, die in der Gemeinschaft nicht zu 
dulden sind. Götzendienst, Unzucht in jeder Form, Diebstahl, 
Trunksucht dürfen bei Christen nicht vorkommen, schon einfach, 
weil sie die Christen kompromittieren vor der Welt. Dahin ge- 
hören des weiteren auch Parteiungen , Streit und Hader. Von 
da steigt er auf zu den Wurzeln dieser Laster in den Gedanken- 
und Wortsünden: Unreine Lust, gemeine Rede, Zorn, Neid, 
Eifersucht, Lästerung, Lüge, alles, was aus dem Fleisch, nicht 
aus dem Geist Gottes kommt, ist herauszureissen und abzuthun. 
So weit lässt sich das Gesetz für alle aufstellen. Aber ist nun 
damit die Grenze gegeben, jenseits welcher das Reich des Guten 
und Erlaubten liegt? Nein, erst beim Gewissen des Einzelnen 
ist der Entscheidungspunkt erreicht. Alles, was nicht aus dem 
Glauben kommt, ist Sünde. Alles, was das Gewissen nicht ver- 
bietet, ist gut. Das Gewissen ist individuell, frei und nur Gott 
Rechenschaft schuldig. Aber die Proklamation der Gewissens- 
freiheit ist selbst nicht das letzte Wort. Wer sagt, dass das Ge- 
wissen der hinzutretenden heidnischen Massen nicht verdorben 
und verfinstert ist? Wie leicht fliessen da Gewissen, schlechte 
Gewohnheit, Willkür in einander über! Umwandlung und Er- 
ziehung, Bildung des christlichen Gewissens ist das Ziel. Der 
Nous, die praktische Vernunft selbst, muss sich umwandeln von 
Stufe zu Stufe, damit sie der früheren Normen der Welt ganz 
entwöhnt und fähig wird, Gottes Willen, das Gute, Wohlgefäl- 
lige, Vollkommene zu verstehen. Dies geschieht unter dem Ein- 
fluss der christlichen Gemeinschaft, aber doch, indem der Ein- 
zelne mitarbeitet an der Klärung und Vertiefung seines sittlichen 
Gefühls. Daraus folgt, dass der Christ in seiner Stellung zur 
Welt kein fertiger, sondern ein werdender und wachsender ist, 
dass er sich vor lauter Aufgaben gestellt weiss, die nur er, der 
Einzelne, erfüllen, die kein formuliertes Gesetz vorschreiben kann. 

Der Mann, der sich zu diesen allerhöchsten Grundsätzen er- 
hob, hat nicht nur persönlich auf die Rolle des Gesetzgebers 
verzichtet zu gunsten der freiheitlichen Entwicklung der Ge- 
meinden, sondern er hat das Christentum überhaupt davor 



118 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

gerettet, durch Aufstellung eines festen Statuts sich zum ewigen 
Stillstand zu verdammen. Eine Religion wie der Islam ist durch 
ihr heiliges Gesetzbuch rechtlich, sozial, politisch festgelegt für 
alle Zeit. Das Christentum ist, dank dem Apostel Paulus, an 
kein anderes Gesetz als das des christlichen Gewissens gebunden. 
Diesen Standpunkt einzunehmen, mehr noch, ihn zu behaupten,, 
hat den Glaubensmut erfordert, den in der damaligen Welt viel- 
leicht kein zweiter Mann besass. 

Es fragt sich nur, ob Paulus selbst in seinen Ratschlägen 
und Mahnungen seinen eigenen Grundsätzen ganz treu geblieben 
ist. Der Schritt von der Aufstellung eines Prinzips zu seiner 
Anwendung in konkreten Fällen ist besonders für Anfangszeiten 
schwer genug. In jedem Fall haben wir an den dargelegten 
Grundsätzen die höchste Instanz auch gegenüber den konkreten 
Ermahnungen des Apostels selber. 

In den Briefen tritt die Pflicht der AVeltverneinung mit 
gutem Grund sehr stark hervor. Stellt euch nicht gleich dieser 
Welt! seid nicht irdisch gesinnt, da im Himmel euer Staat ist! 
Sucht was droben ist, nicht was drunten ist! Ich bin der Welt 
gekreuzigt und die Welt mir. Die Welt fällt in solchen Aus- 
drücken ganz zusammen mit dem Reich der Sünde. Aber das 
war eben das dem Paulus zunächst in die Augen fallende Heiden- 
tum durchaus, man denke nur an Städte wie Korinth, Ephesus^ 
Rom. Der Bruch mit dem heidnischen Milieu, seinen Sitten und 
Gewohnheiten, seinem Aberglauben, seiner Laxheit des Urteils, 
war die allererste Christenpflicht. Rein äusserlich anders sein 
als die Umgebung war die erste That des neuen Lebens. Und da 
die Macht der Gewohnheit fortwährend sich dem neuen Ideal in 
den Weg stellte, galt es unaufhörlich mit der Gewohnheit — das 
ist die Welt — im Kampf zu liegen. Paulus sagt es auch ganz 
klar, dass für ihn die Weltverneinung Kampf gegen die Sünde 
bedeutet. Der Sünde absterben, der Sünde nicht mehr dienen, 
das Fleisch kreuzigen mit seinen Lüsten und Begierden, das war 
der Abschied an die Welt. Da nun die heidnische Religion und 
Unsittlichkeit die Hauptrepräsentanten der Sünde waren und zu- 
gleich die grössten Mächte des öffentlichen und privaten Lebens 
— was war die Kunst damals viel anderes als Schaustellung der 
UnsittHchkeit? — so war der Umfang des für die Christen zu 
meidenden Gebietes ein ungeheurer. Dazu kam noch die An- 
schauung, dass in all dieser schlechten Welt, in Kultus und 



2. Jesus unter den Heiden. 119 

Laster, die Dämonen ihr Spiel trieben, wodurch ein ganzer 
Schauer von Angst und Furcht sich mit dem rein moralischen 
Hass verband. Ohne diesen grossen, kräftigen, ob auch oft phan- 
tastischen Zug der Weltverneinung und des Kampfes gegen die 
Welt kein Sieg, ja kein Fortbestand des jungen Christentums. 
Die scharfen feurigen Worte, vor allem der grosse Schlachtruf 
im Epheserbrief, machen dem Apostel Paulus alle Ehre als einem 
klaren Erfasser der Wirklichkeit. Wo er nur konnte, hat er 
den heidnischen Schmutz und Unrat gründlich ausgefegt ohne 
Paktieren, ja ohne den Gedanken an Kompromisse. Von ihm hat 
das Christentum seine aggressive Tapferkeit, seinen Götzen zer- 
schlagenden Mut. Aber gerade Paulus hat es verhindert, dass 
die Weltverneinung in Askese oder in eine dualistische Speku- 
lation sich steigerte. Die Pflicht der Weltverneinung geht genau 
so weit als die Sünde, d, h. was das christliche Gewissen Sünde 
nennt, keinen Schritt weiter. Trotz aller Dämonen gilt das alte 
Wort: „Die Erde ist des Herrn und all ihre Fülle." Dass alles 
aus Gott ist, hat Paulus nicht als spekulativen, sondern als prak- 
tischen Grundsatz aufgestellt: Darnach soll man die Dinge dieser 
Welt beurteilen. „Ich weiss und bin überzeugt im Herrn Jesus, 
dass nichts profan (= unrein) ist durch sich selbst-, nur für den, 
der es für gemein hält, ist es gemein." Darauf gründen sich die 
grossen Schlagworte: „Alles ist euer, selbst die Welt", und 
„alles ist erlaubt". Sie sind in der That staunenerregend ange- 
sichts der Situation der ersten Christen. Paulus hat damit Ernst 
gemacht bei allen Krisen seiner Mission. Gegen die Judaisten 
rettet er die Freiheit, mit der uns Christus befreit hat. Gegen die 
Asketen in Rom, die um ihres Glaubens willen auf Fleisch und 
Wein verzichten zu müssen glauben, verteidigt er die Freiheit 
der Starken: recht ist der Gebrauch alles dessen, wofür man 
Gott danken kann. Die Satzungen der Asketen in Kolossae: 
„Berühre nicht, koste nicht, greife nicht an", verwirft er als 
Menschengebote und stellt statt dessen den freien Grundsatz 
auf: „Alles, was ihr thut in Wort oder Werk, alles im Namen 
des Herrn Jesus, dankend Gott dem Vater durch ihn." Am 
schwierigsten von allem war die Frage des sog. Götzenopfer- 
fleisches, da sie am tiefsten in das Alltagsleben eingreift: Jede 
Einladung zu einer Mahlzeit, jedes Kaufen auf dem Markt konnte 
den Christen mit Opferfleisch in Berührung bringen. Hier hat 
das Argument, man gerate durch das Essen des Opferfleisches 



120 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 



mit den Dämonen, denen es geopfert werde, auf Paulus selbst 
Eindruck gemacht, aber nur vorübergehend. Grund der Ent- 
haltsamkeit ist zuletzt wie zuerst einzig die Liebe, die Schonung 
des ängsthchen Bruders. Für sich selbst ist auch hier der Ein- 
zelne frei; wenn er Gott danken kann für seine Speise, darf kein 
Mensch ihn lästern. Als einmal ein Wort des Paulus fälschlich 
dahin ausgelegt wurde, der Christ dürfe mit Hurern, Wucherern, 
Götzendienern nicht mehr verkehren, hat Paulus dies Missver- 
ständnis scharf abgewehrt mit dem bezeichnenden Satz: sonst 
müsstet ihr ja aus der Welt gehen ! Der Christ hat in dieser 
Welt zu stehen und zu bleiben, da sie seinem Gott gehört und 
von ihm stammt. So vertritt Paulus der Welt gegenüber trotz 
seiner Forderung der Weltverneinung nicht den Standpunkt der 
Pharisäer, sondern Jesu, dem er nur die reichere Anwendung 
und die schärfere Formulierung gab. 

Für die Pflichten des Einzelnen gegen sich selbst hat Paulus 
gern den Ausdruck „Heiligung" und überhaupt kultische Worte 
gebraucht. Während Jesus auf die ganze pharisäische Termino- 
logie von heihg und profan gar nicht einging, erkennt man hier 
bei Paulus den Einfluss der Schriftgelehrsamkeit. Der Gegen- 
satz zu „heilig" ist eben nicht böse, sondern unrein, ungeweiht, 
und nur zu leicht knüpft sich daran die Anwendung auf die 
Welt draussen, statt auf das eigene Herz. Es ist nicht schwer, 
bei Paulus Nachwirkungen des früheren jüdischen Sprachge- 
brauchs zu finden, z. B. dies, dass vorzüglich die Glieder, oder die 
Leiber, d. h. mehr das Aeussere, geheiligt werden sollen, nicht 
gerade das Herz. Die Heiligung ist daher, wie später in der 
christlichen Litteratur, etwas eng Bestimmtes: Das Meiden der 
Fleischessünden und die Zucht des sinnlichen Triebs. Betrachtet 
man das Wenige, was wir von der Vergangenheit der Christen 
z.B. in Korinth wissen, und ihre schwere Lage in der damaligen 
Welt, so begreift man leicht, dass die Heiligung in diesem engen 
Sinn die elementarste Aufgabe des christlichen Lebens sein 
musste. Alle höhere Sittlichkeit kann doch nur da erwachsen, 
wo der Einzelne die Herrschaft über sein Triebleben erlangt hat. 
Daher steht an der Spitze aller Ermahnungen des I. Thessa- 
lonicherbriefes der Satz: Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, 
dass ihr euch von der Hurerei enthaltet. Das allererste Zeichen 
eines Getauften soll es sein, dass er seinen Lüsten nicht mehr 
folgt, sie vielmehr ein für allemal ans Kreuz schlägt. Auch die 



2. Jesus unter den Heiden. 121 

grosse Paränese des Römerbriefs stellt die Darbringung der 
Leiber zum Opfer für Gott, d. h. eben ihre Heiligung allem 
anderen voran. Eine Stelle im I. Brief an die Korinther zeigt 
uns, dass es sich hier nicht um etwas Selbstverständliches han- 
delt. In Korinth muss man unter Christen die Argumentation 
gehört haben: wie in Speisesachen volle Freiheit herrsche, da 
der Bauch ja vergehe, so gehöre auch das geschlechthche Leben 
zu den Adiaphora, da ja der ganze Leib dem Tod verfalle. Die 
ganze Erregung des Paulus darüber und die Fülle der Gegen- 
beweise bezeugt, wie ernst er diese Gefahr nahm. Da für die 
Griechen die Beligion ganz wesentlich im Kultus aufging, war es 
Hauptanliegen des Apostels, ihnen zu zeigen, dass für sie die 
sittliche Zucht im gewöhnlichen Leben, voran die Keuschheit, zur 
Religion selbst gehöre, dass sie ohne diese Bedingung keinen 
Teil haben an der Erlösung und am Verkehr mit Gott. Ganz { 
natürlich hat diese ungeheure Betonung der Heiligung eine Ver- ! 
engung der Gesamtaufgabe der Christen zur Folge. Was bei j 
Jesus nur eine Seite, ja nicht einmal eine stark hervortretende 
im christlichen Ideal ist, das erscheint in manchen "Wendungen 
des Paulus als das Ein und Alles. Nur war solche Verengung 
eine Notwendigkeit. Es musste dieser Hauptfeind erst mit aller 
Wucht und Energie angegriifen und besiegt werden, ehe der Weg 
zu den höheren Stufen der christlichen Sitthchkeit gebahnt war. 
In jüdischen Schriften moralischer Gattung finden wir ganz die 
gleiche Betonung der gleichen Pflicht. Paulus arbeitet hier an 
der Erziehung der Massen, die er aus Kot und Schmutz erst auf 
die Höhe des Evangeliums erheben muss. Daneben steht das 
schöne Wort an die Philipper: „Was wahr ist, was ehrwürdig, was 
gerecht, was rein, was lieblich, was wohllautend, was eine Tugend, 
ein Lob, dem denket nach." Der Mann, der dies weitherzige 
Ideal aufstellt, ist fern davon, seine ganze sittliche Kraft auf den 
Kampf gegen die Sinnlichkeit allein zu verschwenden. 

Von den menschlichen Gemeinschaftsformen erhält der 
Staat durch Paulus eine überraschend günstige Würdigung, und 
das, als Nero auf dem Thron sass. Hier ist der Unterschied von 
Jesus in die Augen fallend. Für Jesus in Palästina ist der Staat 
eben Fremdherrschaft, ruhend auf Gewalt und Unterdrückung. 
Für Paulus, den römischen Bürger, ist er das grosse Friedens- 
reich, das ihm die freie Ausübung seiner Mission gewährt und 
ihn und seine Gemeinden öfters schützt vor den Juden und dem 



122 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Stadtpöbel. So nennt er den Staat den grossen Diener Gottes 
zum Guten, der all seine Macht von Gott selber hat-, ja er ist es, 
der jetzt noch den Antichristen zurückhält und dadurch die un- 
gestörte Verbreitung des Christentums ermöglicht. Sehr wahr- 
scheinlich wirken gerade hier wichtige Lehren der Pharisäer, 
entstanden in einer Zeit unheilvoller Vermischung von Rehgion 
und Politik, bei Paulus nach; aber ohne seine glücklichen Er- 
fahrungen hätte er ihnen nicht den machtvollen Ausdruck ge- 
geben. Nur verwechsle man ja nicht dieses optimistisch religiöse 
Urteil über den Staat mit irgend welchen patriotischen Gefühlen. 
Paulus hat sein und aller Christen Vaterland im Himmel gesucht, 
nicht erst seit der Gefangenschaft in Rom. So gehen auch die 
Pflichten des Christen gegen den Staat praktisch nicht über das 
Steuerzahlen und die offizielle Ehrfurcht hinaus. Der Herr der 
Christen ist doch nicht der Cäsar in Rom, sondern Jesus im 
Himmel , und seine baldige Wiederkunft macht auch dem römi- 
schen Staat ein Ende. Genau besehen ist auch in Rom 13 keine 
Spur von politischem Denken oder nur politischem Interesse 
wahrnehmbar. Weltgeschichthch wichtig ist einzig dies, dass 
hier noch vor dem grossen Kampf zwischen Kirche und Staat 
den Christen die Revolution unter allen Umständen verboten 
wird. Das ist wenig, aber es hat die Kirche gerettet. 

Wie den Staat, so betrachtet Paulus die gesellschaftliche 
Ordnung, den Gegensatz der Herren und Sklaven, als etwas von 
Gott zu Recht Bestehendes, an dem nichts zu ändern ist. Kein 
Gedanke an Abschaffung der Sklaverei, an Gleichheit wenigstens 
der christlichen Sklaven und Herren. Gott beruft den einen im 
Sklavenstand, den anderen als Herrn ; folglich kann man in jedem 
Stand ihm dienen. Wollten die Menschen hieran etwas ändern, 
so fielen sie nur in Unsicherheit und Gefahr hinein. Darum soll 
der Sklave selbst von der Freilassung lieber keinen Gebrauch 
machen. Der Grund dieser Gleichgiltigkeit gegen das Bestehende 
ist nicht nur die Hoffnung auf das nahe AVeltende, das ja allem 
ein Ende macht, sondern auch das Gefühl, dass diese sozialen 
Unterschiede weder direkt fördernd noch hemmend seien, dass 
eben ihr Glück oder Unglück abhänge von der Art, wie der 
Christ sie nimmt. Es kommt dazu der grosse Abstand der 
modernen Sklaverei von der antiken, die das moderne Gefühl von 
Jammer und Elend nicht aufkommen Hess. Und doch ist Paulus 
nicht der Mann, der sich einfach in die bestehende Ordnung 



2. Jesus unter den Heiden. 123 

schickt. In den Haustafeln der letzten Briefe und im Philemon- 
brief haben wir von seiner Hand den ersten kurzen, und doch 
zukunftsreichen Versuch der Christianisierung des Herren- und 
Sklavenverhältnisses. AVenn der christliche Herr und der christ- 
liche Sklave stets ihrer Verantwortung vor dem himmlischen 
Herrn eingedenk sind, muss allmählich ein neuer Geist — des 
freudigen Eifers hier, der Billigkeit und Milde dort — einziehen. 
Der christliche Herr soll den ihm entlaufenen und nun freiwillig 
zurückkehrenden Sklaven dem Herzen nach als geliebten Bruder 
betrachten. Statt ein Band zu zerschneiden ohne besseren Er- 
satz, bloss damit das „Nein", die Freiheit proklamiert sei, ar- 
beitet der Apostel daran, das Bestehende der christlichen Sinnes- 
art unterzuordnen. 

Wie verschieden sind wieder der Ehe und Familie gegenüber 
die Aufgaben Jesu und seines Apostels. Jesus konnte mit im 
Ganzen gesunden Verhältnissen rechnen, abgesehen von der leicht- 
fertigen Scheidungspraxis, die er abrogierte. Paulus sieht sich 
vor die Notwendigkeit gestellt, ganz von vorne an zu bauen und 
zu pflanzen, den allerersten Grund für die Gesundung der Familie 
zu legen. Dass er das gethan hat, beweist allein schon, dass er 
mehr als ein Asket gewesen ist. Man muss die Schilderung der 
Apostel in den späteren Apostelgeschichten lesen, wie sie da 
unter den Heiden herumziehen mit dem Hauptberuf, Ehegatten 
zu trennen durch die Forderung der absoluten Enthaltsamkeit. 
In diesem Sinne giebt es keinen schärferen Gegner der Askese 
als den Verfasser des I. Korintherbriefes , der beiden Ehegatten 
die Pflicht der ehelichen Gemeinschaft ans Herz legt und sie 
warnt vor gefährlicher Enthaltsamkeit. Er redet dabei mit einer 
antiken Derbheit und ohne allen Schein der Prüderie, die weit 
absticht von unserer geistlichen Behandlung dieser Dinge. In 
einer Welt voll Laster, Schmutz und Gemeinheit jeder Art sah 
er seinen Beruf darin, zu ehrbarer Eheschliessung, unwandelbarer 
Treue die Massen zu erziehen. Er hat vielleicht fast zu wenig 
verlangt: Gehorsam von den Frauen, Liebe von den Männern, 
mehr sagt die Haustafel nicht; aber dies Wenige war wieder die 
Hauptsache, die Grundlage einer neuen gesunden Lebensordnung. 
Auch die Kindererziehung und den Gehorsam der Kinder hat er 
mit kurzen weisen Worten den christlichen Familien ans Herz 
gelegt. Alles in allem ein Erzieher mit vollem gesundem Ver- 
ständnis für das Notwendige und Heilsame. 



124 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Aber das berühmte Blatt im I. Korintherbrief! Hier redet 
doch der Mönch und Enthusiast? Zunächst hat ihm die „kurze 
Perspektive", das „die Zeit ist zusammengedrängt" den Bhck 
etwas verrückt. Er schlägt hier Töne an, wie die Apokalypse 
Marc 13: Wehe den Schwangeren und Säugenden zu jener Zeit! 
Aber auch Gredanken Jesu klingen an. Wie Jesus warnend redete 
von der Leichtfertigkeit des Eheschliessens angesichts der grossen 
Flut und künftig angesichts des Endes, so kämpft Paulus gegen 
die Fesselung der Seele angesichts der Ewigkeit: Die da Weiber 
haben, als hätten sie keine, das lässt sich von Jesus aus verstehen. 
Aber weiter: der Unverheiratete kann besser für den Herrn sor- 
gen, als der Verheiratete ; die Ehe zieht den Sinn für das Höhere 
herab. Wie wenn bei den Junggesellen und ledigen Jungfern 
dieser Sinn besonders Stätte hätte! Paulus, der Unverheiratete, 
hatte seinen apostolischen Beruf, der ihn gänzhch ausfüllte. Das 
vergass er hier, wenn er sich alle Ledigen denkt , wie sich selbst. 
Aber der Hauptpunkt: an der Ehe ist etwas Unreines. Nur die 
Unverheiratete kann an Körper und Geist heilig sein, d. h. die 
Ehe befleckt. Darum stehen Cölibat und Virginität höher als 
die Ehe, sind besser als sie. Darum ist es besser, Witwe bleiben, 
als wieder freien. Die Ehe ist ein Kompromiss der ganzen Keusch- 
heit mit der Schwäche des Fleisches ; sie ist besser als Hurerei 
und im Vergleich damit nicht sündig , sondern gut. So schreibt 
der Rabbi in Paulus, dem das Natürliche nicht mehr rein er- 
scheint. Diese Sätze, das ganze für alle aufgestellte Ideal, stehen 
nicht auf der Höhe des Evangeliums. 

Ueberraschend ist das nicht für den, der weiss, wie schwer 
es ist, seiner Vergangenheit ganz zu entfliehen. Ueberraschend 
ist das andere, wie ein Mann mit diesem Ideal und diesen Vorder- 
sätzen so eminent weise, nüchtern, sich selbst zurückdrängend 
schreiben kann, wie Paulus in I Kor 7. Gerade in diesem Ka- 
pitel kämpft er für die Pflicht der ehelichen Gemeinschaft, für 
den Bestand gemischter Ehen, für das Recht des Auseinander- 
gehens, wenn das heidnische Glied es wünscht. Jungfrauen und 
Witwen erlaubt er die Heirat, geistlich Verlobten empfiehlt er sie, 
wenn es sein muss. Der eben die Ehe als etwasBefleckendes nicht 
hinstellt, aber doch voraussetzt, er erklärt, dass der heidnische 
Gatte geheiligt werde durch die Gemeinschaft mit dem christ- 
lichen Teil; seien doch die Kinder heilig. Und nirgends wie hier 
stellt Paulus sein Wort als Rat, Meinung unter das Wort Jesu, 



2. Jesus unter den Heiden. 125 

den Befehl. So bleibt es doch die erste wie die letzte These: 
Paulus hat seine Aufgabe, die heidnischen Massen aus Unnatur 
und Leichtfertigkeit heranzuziehen zu gesunder treuer Ordnung 
des Familienlebens fest und eifrig erfüllt, unbeschadet seiner 
asketisch-rabbinischen Lieblingsgedanken. Der Geist Jesu be- 
herrschte sein Denken nicht völlig, aber sein Handeln in seinem 
Beruf. 

In das Gebiet der eigentlichen Sittenreform gehört die Vor- 
schrift der Kopftracht für die Frauen beim Gottesdienst. Der 
Abstand von Jesus ist hier wieder besonders deuthch. Dort nur 
die drei grossen Hauptsachen, neben denen alles Einzelne ver- 
schwindet; der Blick gerichtet auf die Ewigkeit. Hier die Rege- 
lung eines ganz Speziellen, der Tracht, mit grösster Dringlichkeit, 
mit einer Fülle von „Gründen" in Angriff genommen. Aber die 
Massregel bekämpft das falsche Streben der Frauen, es in 
allem den Männern gleichzuthun. Und mitten in den fremd- 
artigen Sätzen überrascht uns der Satz von der Ebenbürtigkeit 
von Mann und Frau: Weder Frau ohne Mann, noch Mann 
ohne Frau im Herrn. Wie die Frau aus dem Mann (im Paradies), 
so der Mann durch die Frau (seitdem), alles aber aus Gott. Es 
war gerade die übertreibende Betonung der Unterordnung und 
Minderwertigkeit der Frau, die den Apostel hier zur Selbst- 
besinnung und Korrektur nötigte. 

Für den Verkehr mit den „Ungläubigen" stellt Paulus die 
einfachen Grundsätze der Freundlichkeit, Friedfertigkeit, der 
Liebe auch gegen Verleumder und Verfolger auf, getreu dem 
Vorbild Jesu. Trachtet nach dem Guten vor allen Menschen. 
Soviel an Euch liegt, haltet Frieden, wenn möglich, mit jeder- 
mann. Solang wir Zeit haben, lasst uns gegen alle Gutes thun. 
Oefters erinnert er daran: was werden die Heiden dazu sagen! 
Die Rücksicht auf sie soll für jeden Einzelnen ein Sporn zu einem 
Jagen nach der Vollkommenheit sein. Die einzige Stelle, wo er 
schroff mit ATlichen Stellen zur Absonderung von den Behars- 
dienern auffordert, fällt, wo sie steht, so völlig aus dem Zu- 
sammenhang heraus, dass sie Verdacht erregt hat. Was wir 
sonst wissen, ist das Gegenteil von ängstlicher Scheu. Der Christ 
darf mit den Sündern verkehren ohne Furcht, soweit sein Ge- 
wissen nicht Schaden leidet. 

Damit ist die Stellung des Christen zur Welt nach allen 
Seiten betrachtet. Der Weg des Christentums aus den Dörfern 



126 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

rings um das galiläische Meer hinaus in die grosse Welt, hinein 
in die Grossstädte, hat lauter neue Probleme und Aufgaben er- 
zeugt, an deren Bearbeitung der Geist Jesu seine Kraft erproben 
kann. Paulus ist sein erster grosser Vermittler. Ihm dankt die 
neue Religion ihre Furchtlosigkeit und ihren gläubigen Mut, in 
jeder neuen Lage mit kräftiger Hand das Gute zu pflanzen, das 
Schlechte auszureissen. 

Die zweite Hauptaufgabe des Paulus ist die Ordnung der 
Gemeinscbaftspflege. Jesus hatte keine organisierte Gemein- 
schaft gestiftet und sein Gebot der Nächstenliebe durch die be- 
sondere Hineinbeziehung der Feinde über alle Schranken gestellt. 
Für dieUrgemeinde und so auch Paulus wurde sofort die Jünger- 
gemeinschaft der eigentliche Ort, wo die Nächstenliebe sich aus- 
wirken soll. Eine Verengung ist damit zweifellos gegeben. Wohl 
arbeitet die Mission daran, immer mehr die ganze Welt in die 
Gemeinschaft hineinzuziehen. Allein thatsächlich ist doch die 
feste Grenze zwischen Welt und Gemeinschaft da und macht sich 
oft nur zu deutlich spürbar. Bruderliebe heisst jetzt nicht mehr 
die Liebe zu jedem Menschen, der mein Bruder ist, sondern zum 
Christen allein. In diesem engen Sinn ist seit Paulus das Wort 
Philadelphia unter Christen gebräuchlich, aber so wurde es schon 
vorher in den jüdischen Genossenschaften gebraucht. Wirklich 
findet eine Annäherung der christlichen Gemeinschaften an die 
jüdischen statt, da in beiden Heiligung und Bruderliebe als die 
höchsten Tugenden gelten. Aber diese Verengung war dem 
Christentum wieder notwendig und heilsam. Die Liebe ins Grosse 
und Weite hinein musste sich zur Gemeinschaftsliebe verdichten, 
um über die Worte und Gefühle hinaus zu Thaten zu gelangen. 
Die Liebe z. B. eines Korinthers zu allen Stadtgenossen war 
Phrase auf jeden Fall, die zu den Christen konnte wenigstens 
echt sein. Ausserdem hat Paulus dafür gesorgt, dass die Pflicht 
der Liebe über die Geraeinschaft hinaus den Seinen stets ans 
Herz gelegt wurde. 

Jede Gemeinschaft sollte sich stets als Glied der ganzen 
christlichen Bruderkirche betrachten, nie als etwas Einzelnes. Die 
Apostel, die Propheten und Lehrer gehörten ja der Gesanit- 
kirche an. Jerusalem war die Muttergemeinde aller. Aeusserlich 
stellte sich der Zusammenhang am greifbarsten durch die Kollekte 
für die Armen in Jerusalem dar, die Paulus mit einem wahrhaft 
verblüffenden Eifer trotz seines oft gespannten Verhältnisses zu 



2. Jesus unter den Heiden. 127 

den Jerusalemern betrieb. Doch war dies lang nicht das Ein- 
zige. Paulus hat in jeder Gemeinde von den anderen Gemeinden 
erzählt, oder durch seine wandernden Mitarbeiter erzählen lassen; 
das weckte Beschämung, Entrüstung, Nacheiferung, Ehrgeiz. 
Jede Gemeinde sah sich beobachtet und auch wohl kritisiert von 
allen Gemeinden in der ganzen Welt. Dazu kam die Gemeinsam- 
keit des Gebets für den Apostel und mit ihm für bedrängte Ge- 
meinden. Endlich die Pflicht der Gastfreundschaft und Frei- 
gebigkeit gegen alle durchreisenden Missionare und Brüder, die 
selbst wieder das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller mit 
allen stärkten. So schuf Paulus eine so festgefügte Organisation, 
dass kein GUed aus der Kette herausfallen konnte, sondern jedes 
sich von der Gesamtheit aller anderen festgehalten wusste, und 
eben damit gab er der christlichen Liebe ein weites und vielver- 
zweigtes Gebiet zur Bethätigung. 

Aber ihre Hauptstätte war doch das nächstliegende Gebiet, 
die Einzelgemeinde. Ganz wie Jesus stellt Paulus die Liebe am 
höchsten, die nicht nach fernliegenden ausserordentlichen Thaten 
begehrt, sondern am Gewöhnlichen und Alltäglichen ihre Kraft 
bethätigt. Kann einer doch selbst alle Habe austeilen und ohne 
die rechte Liebe sein. Diese prosaische Alltagsliebe — nicht die 
sentimentale Begeisterung — legt er den Korinthern in dem be- 
rühmten Kapitel ans Herz als die grosse Hauptsache, die ewigen 
Bestand hat, wenn Zungenreden, Weissagung, Erkenntnis ver- 
gehn, ja die höher steht als Glaube und Hoffnung. In der That 
giebt es keine einfacheren Dinge als Langmut, Güte, nicht 
prahlen, nicht neiden, nicht die Sitte verletzen, nicht den Vorteil 
suchen, nicht nachtragen etc. — , freilich deshalb auch keine 
schwereren. Dass die Christen unter einander diesem schlichten 
Ideal nachjagen , hat Paulus mit seiner ganzen Praxis erstrebt. 
Was für Schwierigkeiten legte ihm gerade das Gemeinschafts- 
wesen in den Weg: da zeigten sich Ansätze zum Cliquenwesen 
und zur Schulbildung unter berühmten Häuptern; die Starken 
blickten verächtlich auf die Schwachen herab, die ihrerseits die 
Starken richteten. Es gab Prozesse über Mein und Dein, welche 
die Gemeinden vor den Heiden kompromittierten. Sofort trat 
der Apostel in jedem Fall dazwischen mit einer scharfen und 
doch freundlichen Ermahnung zur Eintracht, zum Nachgeben, 
zur Bescheidenheit, zur Demut. Als die grösste Schule zur Er- 
ziehung des Einzelnen hat er das Gemeinschaftsleben würdigen 



128 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

gelernt. Hier hat der Einzelne Anlass genug, sich selbst zu ver- 
gessen, klein zu werden, durch Nachgeben und Ertragen Herr 
über sich zu bleiben, seine Gewissensfreiheit unter die Liebe zu 
beugen, das alles dem Bruder zum Besten. Das hat dann aber 
auch zur Folge, dass ein jeder für sich nicht mehr allein steht,. 
sondern sich von der Gesamtheit getragen, getröstet, gestärkt 
weiss. Das alte Bild vom Leib und den Gliedern, von der Wich- 
tigkeit jedes Gliedes für den Leib, nimmt Paulus auf und giebt 
ihm neue prächtige Anwendung und Beleuchtung: Wenn ein 
Glied leidet, leiden alle mit; wenn eines geehrt wird, freuen sich 
alle, und es ist Pflicht, fröhlich zu sein mit den Fröhlichen, zu 
weinen mit den Weinenden. Wer mag da noch über Verengung 
der Liebe klagen! Es ist doch Jesus selbst, welcher der Gemein- 
schaft diese unerhörte Fähigkeit thätiger Liebe schenkt. Paulus 
hat nur die Liebe, die von Jesus ausging, aufgefangen, zusammen- 
gepresst und dann vervielfältigt in seinen Gemeinschaften. 

Beinahe ganz ein Teil der zweiten Aufgabe ist die dritte 
und letzte: die Ordnung des Kultes. Für Jesus gab es selbst- 
verständlich keinen christlichen Kult aus dem einfachen Grund, 
weil er keine Gemeinschaft gründete. Beten lehrte er die Jünger, 
einzeln und miteinander; das ist immerhin ein Anfang, dass ein 
bestimmtes Gebet, das Unservater, auf ihn zurückgeht. Für die 
Urgemeinde stellte sich eben der Gemeinschaft halber die Not- 
wendigkeit eines besonderen christlichen Kultes ein. Seine zwei 
Hauptstücke, Taufe und Abendmahl, sind eben Gemeinschafts- 
zeichen, das eine für die Aufnahme in die Gemeinschaft, das an- 
dere für ihre Zusammenkünfte bestimmt. Das muss auch bei 
Paulus fest im Auge behalten werden. 

In Bezug auf Taufe und Abendmahl ist Paulus lediglich 
Mann der Tradition, nicht Schöpfer. Auch den Gottesdienst hat 
er wahrscheinlich der jüdischen Synagoge nachgebildet, wie sich 
schon aus dem Gebrauch aramäischer Worte ergiebt; nur erzeugt 
die Begeisterung seiner Gemeinden eine — wenigstens anfangs 
— viel grössere Freiheit und Mannigfaltigkeit der Formen. Als 
in Korinth diese Freiheit in den Dienst eines überschwänglichen, 
alle Ordnung aufhebenden frommen Egoismus trat, hat Paulus 
eine feste Ordnung des Gottesdienstes aufgestellt und dabei auch 
die Emanzipationsgelüste der Frauen zurückgedrängt. Ebenso 
musste er sich der. zuweilen in fromme Gelage ausartenden 
Mahlzeiten annehmen durch feste Vorschriften über den rechten 



2. Jesus unter den Heiden. 129 

und falschen Genuss des Abendmahls. Beide Male zeigt sich, wie 
ihm die gute Ordnung des Gemeinschaftslebens, die Erbauung 
aller statt bloss einzelner, die Teilnahme auch der Aermeren an 
der Mahlzeit — also lauter soziale Gesichtspunkte — ausschlag- 
gebend sind. Dass alle einen Nutzen haben, ist wichtiger, als 
dass einzelne für Augenblicke in Gott aufgehen. Das Gross- 
artigste nach dieser Seite ist eben der Exkurs über die Liebe 
mitten in den Erörterungen über den Kult. 

Bis dahin ist alles einfach. Die Gemeinschaft muss ihr 
Zeichen haben und ihre Erbauung, und diese Dinge müssen so 
geregelt werden, dass es der Gemeinschaft wirklich Nutzen bringt. 
Das lässt sich denken als Neuerung über Jesus hinaus und doch 
ohne Verstoss gegen den rein moralischen Charakter seines 
Evangeliums. Allein es kommt doch durch Paulus eine neue 
Wertung kultischer Handlungen auf, die sich nicht reimen lässt 
mit dem, was Jesus brachte. In Korinth haben sich Christen 
zum zweiten Mal taufen lassen für ihre verstorbenen Angehörigen, 
und Paulus beruft sich darauf bei seiner Verteidigung der Auf- 
erstehung. Das ist eine heidnische Auffassung der Taufe, die sie 
zum opus operatum und als solches zum Garanten der Seligkeit 
macht. Während Paulus hier den Aberglauben stillschweigend 
billigt, ruft er ihn beim Abendmahl selbst hervor. Seinen Griechen 
zuliebe setzt er es in Parallele mit den griechischen und jüdischen 
Opfermahlzeiten, stellt als erster die heilige Speise zu allen pro- 
fanen in Gegensatz und fordert dazu auf, in der Krankheit und 
dem Tod mancher Christen das Strafgericht für ihren profanen 
Genuss der heiligen Speise zu sehen. Das ist nun eine Akkommo- 
dation an griechische Superstition, die in ihrer Konsequenz zur 
Legitimierung der Religion zweiter Ordnung führt. Fatal ist 
allein schon das eine, dass den kultischen Handlungen so grosser 
und besonderer Wert zukommt. Der Begriff des Christen wird 
hier in ganz verhängnisvoller AVeise erweitert. 

Es war aber dem Apostel wohl bewusst, dass es noch einen 
ganz anderen Verkehr der Christen mit Gott gab als die Teil- 
nahme an den kirchlichen Handlungen. Wie Jesus, ruft er seine 
Zuhörer und Adressaten zum Bitt- und Dankgebet, zum Ver- 
trauen, das alle Sorgen Gott befiehlt und alles, auch Trübsal 
und Leid, aus Gottes Hand nimmt, zur Furcht Gottes, zur Sehn- 
sucht nach Gott auf. Ganz besonders ist ihm das Dankgebet ein 
Kennzeichen des echten Christen; wer dankt, steht recht zu 

Wernle, Anfänge. 9 



130 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Gott. Und das wahre Opfer, das Gott wohl gefällt, ist die Hin- 
gabe von Leib und Leben in Gottes Dienst, nicht irgendwelche 
Teilnahme am Kultus. Alle jene superstitiösen Aussagen sind 
in der Hand des Paulus Mittel zum Zweck, das eine Mal — bei 
der Taufe — zum Beweis der christlichen Hoffnung, das andere 
Mal — beim Abendmahl — zur Herstellung der Ordnung in der 
Gemeinde. Nicht für Paulus selbst, nur für die Zukunft seiner 
Gemeinden ist es unheilvoll, dass von jetzt an die Teilnahme am 
Kultus sich neben das Gottvertrauen stellt, und zwei Arten von 
Religion, von Verkehr mit Gott, sich Konkurrenz zu machen 
beginnen. 

Ueberblickt man nun noch einmal das Ganze der christ- 
lichen Forderung und sieht zugleich zurück auf die Anfänge bei 
Jesus, so ergiebt sich eine grosse Vorwärtsbewegung, aber doch 
im ganzen in Jesu Richtlinie. Das christliche Ideal ist ein 
reicheres, vielseitigeres, umfassenderes geworden, aber kein an- 
deres, schlechteres. Man spürt das am besten beim Lesen aller 
Stellen, wo Paulus die Hauptsache kurz zusammenfasst. Be- 
schneidung ist nichts und Vorhaut ist nichts, sondern das Halten 
der Gebote Gottes, In Christo gilt weder Beschneidung noch 
Vorhaut, sondern Glaube, der durch die Liebe sich auswirkt. 
Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, 
Güte, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Nun aber bleibt Glaube, 
Liebe, Hoffnung, die Liebe aber ist die Grösste von ihnen. Der 
Mann, der seine Forderung in diesen Hauptbegriffen formuliert, 
hat Jesus so völlig verstanden, wie besser kein Mensch nach ihm. 
Dies kongeniale Erfassen der Hauptsache hat ihn befähigt, das 
Christentum von den Juden zu den Heiden zu führen, das Natio- 
nale abzustossen, das Menschliche, Ewige zu behalten. Zugleich 
ist diese glänzende Formulierung des Ideals die beste Kritik 
alles Unvollkommenen am Werk des Paulus. Ein grosser Mann 
verdient gemessen zu werden an seinem Wollen, mehr als an 
seinem Thun. Wer Paulus recht verstehen will, soll ihn auf der 
Höhe seines Ideals verstehen; da findet er ihn dicht neben 
Jesus. 

In der That liegt etwas Grossartiges darin, dass Paulus den 
Heiden gegenüber Jesu Forderung im vollen Umfang erhalten 
konnte. Zwei grosse Feinde stellten sich seiner Arbeit entgegen 
und versuchten, ihn zu zwingen zum Herabsteigen von der Höhe 
des Ideals, zur Anbequemung an die Unvollkommenheiten roher 



2. Jesus unter den Heiden. 131 

Massen: die heidnische Roheit und der Enthusiasmus. Die viel- 
fache Fortsetzung des Lasterlebens nach der Bekehrung, die 
Fälle von Blutschande, Hurerei, die Prozesse, die Parteien, sie 
alle scheinen die eine Lehre zu predigen: Herabsetzung der For- 
derung wenigstens für den Anfang. Von der anderen Seite riefen 
ihm der Hochmut der Starken, das Geisterhaschen der Pneuma- 
tiker, die Emanzipationsgelüste, der Müssiggang, die asketischen 
Verirrungen nur das eine zu: Einführung eines Gesetzes zur 
Steuer der zuchtlosen Ueberschwänglichkeit. Es ist staunen- 
erregend zu sehen, mit welcher Festigkeit und Klarheit Paulus 
seinen ihm von Jesus gewiesenen Weg weiterging. Als weiser 
Erzieher trug er den Verhältnissen Rechnung und zog oft schein- 
bar das erreichbare Gute dem utopischen Besseren vor. Er for- 
derte die Einsetzung christlicher Schiedsrichter, um dem häss- 
lichen Schauspiel desProzessierens der Christen vor heidnischem 
Tribunal ein Ende zu machen. Er fuhr mit Bann und Busse 
gegen die Unzüchtigen in Korinth los, um die Gemeinden vom 
Schhmmsten zu säubern. Li den Lasterkatalogen stellt er sich 
so, als schlössen gewisse grobe Sünden mehr als andere vom 
Gottesreich aus. Gegen die Enthusiasten beginnt er mit der 
Aufstellung einer festen Ordnung des Kultus. Diese Beispiele 
Hessen sich noch vermehren, aber keines fällt aus der Kategorie 
rein erzieherischer, provisorischer Massregeln heraus. Was ein 
Christ ist, beantwortet Paulus immer wie Jesus und anerkennt 
kein untergeordnetes Massenchristentum. Immer kehrt — oft so- 
fort nach dem Zugeständnis — die ganze erschöpfende Forde- 
rung wieder, immer bleibt das Ideal über dem Erreichten, und 
doch als etwas Erreichbares. Wer in Christo Jesu ist, der ist 
eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es wurde 
Keues. Und trotz aller Gefahr des Enthusiasmus bleibt der Christ 
in der Freiheit, mit der ihn Jesus befreit hat, stehen. 

Wie nun aber die ganze Missionsarbeit des Paulus mit der 
Gerichtspredigt begonnen hatte, so endigt sie auch wieder mit 
ihr. Die Predigt des Ideals, die kräftige christliche Forderung, 
erheischt diesen Abschluss. Es ist nicht gleichgiltig, ob der Ein- 
zelne dem Ideal zu vorwärtsschreitet oder zurückbleibt, Tod und 
Leben hängt davon ab. Die Wiederkunft Jesu, die alle Christen 
erwarten, bringt das Gericht über sie, da alle, Apostel und Ge- 
meinden, Rechenschaft über den Ertrag ihres Lebens ablegen 
und Lob oder Strafe empfangen nach der Wahrheit. Mit ge- 



132 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

waltiger Stimme, ganz wie ein urchristlicher Prophet, ruft Paulus 
seinen Christen die Nähe des Herrn ins Gewissen. Wisset die 
Zeit! Die Rettung ist näher als zu Anfang. Die Nacht ist vor- 
gerückt, es tagt. Seid nicht im Dunkeln, dass euch der Tag wie 
der Dieb überfalle! Lasst uns nicht schlafen , sondern nüchtern 
sein! Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anziehen 
die Waffen des Lichts ! Das ist die Sprache Jesu selbst. Wie 
in der Forderung, so hat sich Paulus in dieser Gerichtsbotschaft 
von seinem Meister inspirieren lassen. Das ist ein letzter Be- 
weis dafür, dass er trotz der kirchlichen Umformung nur Jesus 
und sein Evangelium den Heiden bringen wollte. 

Uns hat er damit freilich grosse Fragen unbeantwortet zu- 
rückgelassen. Was bedeutet die Gnade, der Glaube, die Kirche, 
wenn das Gerichtswort auch für die Christen das Letzte ist? Als 
Paulus die Heiden in die christliche Gemeinschaft hereingelockt 
hat, da versprach er ihnen, der Weg zur Rettung sei einfach und 
leicht. „Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der 
Herr ist, und mit dem Herzen glaubst, dass Gott ihn auferweckt 
hat von den Toten, so wirst du gerettet werden." Im Kampf mit 
den Judaisten hat Paulus beständig die These verfochten, dass 
der Gläubige seines Heils gewiss und vor dem kommenden Zorn 
geborgen ist. Das, so erklärte er, macht des Christen Ruhm und 
Freude aus, dass er, über die Furcht emporgehoben, durch Jesus 
in Gottes ewiger Liebe steht! Darum weiss sich ja der Christ als 
berufen und erwählt von Ewigkeit her. Die Gerichtspredigt mit 
dem Wechsel von Furcht und Hoffnung, der Heilsunsicherheit, 
die sie in jede Seele wirft, widerspricht der Hochschätzung der 
Kirche wie dem Erwählungsglauben des Einzelnen. 

Zuweilen gewinnt das Kirchliche in Paulus die Oberhand. 
Er hofft selbst im Fall des Blutschänders auf Rettung seines 
Geistes am Tag Christi. Wenn Gott den leichtfertigen Genuss 
des Abendmahls mit Krankheit und Tod straft, so ist diese Strafe 
ein blosses „Zuchtmittel", damit wir nicht samt der Welt ver- 
dammt werden. Wer schlecht gebaut hat auf dem Grund Jesu 
Christi, der soll dennoch gerettet werden, wenn auch nur wie 
durchs Feuer. Gottes Treue ist so mächtig, dass sie vollenden 
muss, was sie begann. Der Sinn dieser Sätze scheint kein anderer 
als der Glaube an die Rettung aller Christen, freilich unter ver- 
schiedenen Graden der Seligkeit. Darin drückt sich eben die un- 
geheure Hochschätzung der Kirche aus. Aber es fehlt nicht an 



2. Jesus unter deu Heiden. 133 

entgegengesetzten Aussagen. Wenn Israel die Vorstufe des Gottes- 
volkes ist und sein Geschick typischen Wert hat, dann ist klar, 
dass die Zugehörigkeit zur Kirche keine Heilsgewissheit giebt; 
hatte doch Gott sogar an der Mehrzahl der Wüstengeneration 
kein Gefallen: sie wurden niedergestreckt in der Wüste. Dem- 
nach rechnet die Gerichtspredigt an die Christen beständig mit 
der Möglichkeit ihres Verlorengehens; sie ist ernst gemeint, wie 
die Predigt Jesu selbst. 

Der Widerspruch, in dem Paulus mit sich selber steht, ist' 
ein notwendiger und entspringt aus seiner geschichtlichen Lage. 
Auf der einen Seite muss er für die Kirche werben, sie anpreisen 
als einzigen Weg zur Seligkeit und daher die kirchliche und die 
ausserkirchliche Menschheit sondern als die Geretteten und die 
Verlorenen. Auf der anderen Seite muss er als echter Jünger 
Jesu das Vertrauen auf die Kirche, selbst die christliche, zer- 
stören und den Einzelnen vor die Ewigkeit stellen, vor Gottes 
Gericht über jeden, der nicht das Gute thut. Weil Paulus zu- 
gleich Kirchenmann und persönlicher Christ ist, daher das 
Schwanken und die Widersprüche. Alle späteren kirchhchen 
Lehrer, die Apologeten der Kirche und Jünger des Evangeliums 
waren, haben den Widerspruch des Paulus festgehalten. Trotz- 
dem: Das letzte Wort kann dieses „Ja und Nein" bei Paulus 
nicht sein. Erlösung in seinem Sinn ist nur da vorhanden, wo 
der Einzelne zur Gewissheit kommt, dass er persönlich Gottes 
Kind ist und nichts ihn trennen kann von Gottes Liebe. Diese 
Gewissheit ist von dem Zutrauen auf die Zugehörigkeit zur Kirche 
ebensoweit entfernt, wie von dem Schwanken zwischen Furcht 
und Hoffnung angesichts des Gerichtstages. Sie ist etwas rein Per- 
sönliches, das der Einzelne für sich selbst erleben soll, das kein 
anderer ihm selbst schenken kann, weil es wahr ist nur für ihn selber. 
Erlebt wird sie im festen BHck auf das Kreuz, das Gottes Liebe 
offenbart, in der Zuversicht zu Gottes Treue, die in der eigenen 
Lebensführung sich kundgab, und im Lauschen auf die Stimme 
des Geistes Gottes, der unserem Geist Zeugnis ablegt, dass wir 
Gottes Kinder sind. Es war die letzte Absicht der ganzen Mis- 
sionsarbeit des Paulus, dass die einzelnen von ihm gewonnenen 
Heiden zu dem Ziel gelangen sollten, wohin Jesus seine Jünger 
im Unservater geführt hat, da sie alle Dinge zu ihrem Besten 
aus Gottes Hand nehmen und in seiner Vaterliebe für Zeit und 
Ewigkeit geborgen sind. 



134 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Paulus hat den Heiden Jesus gebracht als ihren Erlöser, 
der sie zum neuen Leben mit Gott emporhebt. Er hat das er- 
reicht, was Jesus selbst wollte, aber auf eine eigene und sogar 
abnorme Weise. Das Fremdartige tritt an zwei Stellen seiner 
Mission hervor. Einmal geht er darauf aus, seine Zuhörer als 
Sünder und Ohnmächtige, dem Gericht Verfallene so zu er- 
schüttern und ihnen jeden Weg zur Rettung aus eigener Kraft 
abzuschneiden, dass ihnen nur der Ausweg des Glaubens bleibt. 
Man kann das den Glaubensmethodismus des Paulus nennen. 
Sodann stellt er dem Glauben nicht Jesus als Erlöser hin in 
seinem ganzen Wirken und Leiden, sondern nur Kreuz und Auf- 
erstehung des Gottessohnes. Das wäre der Kreuzesmethodismus 
des Paulus. Diese Form der Missionspredigt ergab sich zunächst 
aus der persönlichen Erfahrung des Paulus, der selbst auf ganz 
abnorme Weise Christ und Apostel geworden ist aus einem Rabbi 
. und Verfolger. Entscheidend war aber erst sein ausserordentlich 
kräftiges kirchhches Interesse, dass ihn dazu trieb, den Weg zur 
Erlösung so zu verengen, dass er einzig durch die Kirche führen 
musste, deren Kennzeichen ja der Glaube an den Gekreuzigten 
ist. Jedoch hat diese Neuerung der Methode das Evangelium 
Jesu selbst noch nicht umgebildet; sie war im Gegenteil ein 
wirkliches Hilfsmittel, Jesus zu den Heiden zu bringen. In Ver- 
heissung, Forderung (Ideal), Ziel der Erlösung ist Paulus einfach 
der Schüler Jesu und zwar der tiefste und kräftigste. 

Paulus ist aber auch der erste, der an zahlreichen Punkten 
seiner Missionsarbeit auf die Formen, Begriffe, Vorstellungen der 
Griechen eingegangen ist. Er hat nicht nur lokal das Evangelium 
verpflanzt, er hat auch die Verknüpfung und Verschmelzung ein- 
geleitet. In seiner Praxis kam er den Griechen viel mehr ent- 
gegen, als in seiner Theologie, die mehr mit jüdischen Begriffen 
arbeitet. Aber das Grosse ist eben, wie derselbe Mann Griechi- 
sches und Jüdisches aufnahm und verarbeitete und beides dem 
Christlichen: Jesus, wie er ihn verstand, so gänzlich untergeordnet 
hat. Denn nicht die Verschmelzung von Hellenismus und Juden- 
tum, sondern die Eroberung beider für Jesus ist seine welt- 
geschichtliche That. 

3. Die paulinische Theologie. 
Die paulinische Theologie ist eine völlig neue Erscheinung 
auf dem Boden des Christentums. In der Urgemeinde gab es 



3. Die paulinische Theologie. 135 

einzelne Theologumena, entsprungen aus dem Nachdenken über 
Jesus und aus dem Kampf mit den Juden. Man redete von 
Menschensohn und Messias, von der wunderbaren Berufung 
Jesu, von seinem stellvertretenden Tod. Aber nirgends auch 
nur das Bedürfnis eines klaren Zusammenschlusses aller Gedan- 
ken. Den Juden, auch den gelehrten, fehlte der systematische 
Betrieb gänzlich; ein System der synagogalen Theologie gab es 
nie. Was man bei den ßabbinen lernte, war Auslegung einzelner 
Stellen, Vergleichung mit anderen Stellen, Bildung von Ketten- 
beweisen, Schlüssen etc., auch allegorische Deutung. Die Aus- 
führungen des Paulus in Rom 4 und Gal 3 sind gute Proben 
jüdischer Auslegungsmethode. Sobald sich dagegen Paulus von 
der Schriftstelle entfernt, ist sein Verfahren nicht mehr rabbinisch. 
Aber auch von den gelehrten Juden in Alexandrien hätte er im 
Grund nichts lernen können. Alle Beschäftigung mit der grie- 
chischen Philosophie hat den Philo doch nicht zum Philosophen 
werden lassen. Sein Geschäft ist die Bibelauslegung, wie sie die 
Rabbinen treiben, bloss unter den Gesichtspunkten der griechi- 
schen Lehrer. Die griechische Philosophie selbst aber hat Paulus 
auf alle Fälle so schlecht gekannt, dass sie ihn nicht beherrschte, 
und was er in seiner Theologie schuf, ist auch keine Philosophie. 

Allerdings ist seine Erziehung zu den Füssen der ßabbinen 
für ihn wichtig geworden. Er lernte hier das heilige Buch ken- 
nen und verstehen , lernte die rabbinische Auslegungsmethode 
und viele Begrifie und Gedanken der jüdischen Zeittheologie. 
Eine grosse juristische Fertigkeit geht ihm seitdem nach; die 
späteren Lehren über Abrogation des Gesetzes und Rechtferti- 
gung aus dem Glauben wissen davon zu sagen. Von Adam, dem 
Sündenfall, dem Tod aller Menschen hat er dort reden hören. 
Ueberhaupt das Interesse für die Sünde und das Meiden der 
Sünde geht ihm bei den Rabbinen auf. Auch in apokalyptische 
Geheimnisse werden ihn die gleichen Meister eingeführt haben. 
Aber schon ein einziger Umstand soll uns warnen vor der Ueber- 
schätzung des rabbinischen Einflusses: der Gebrauch der griechi- 
schen Bibel. Dem Paulus fehlt das Interesse am hebräischen 
Text; er argumentiert gelegentlich aus Worten der LXX, denen 
im Hebräischen gar nichts entspricht. Da kann es nicht gar 
weit hergewesen sein mit dem Einfluss seiner Lehrmeister. 

Entscheidend für die Entstehung seiner Theologie war erst 
sein persönliches Erlebnis, die Bekehrung bei Damaskus. Sie 



136 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

brachte die Zerstörung alles dessen, was ihm vorher gross war, 
und statt dessen das Aufgehen neuer Erkenntnisse und neuer 
Werte. Es war ein so radikaler Zusammenbruch der ganzen 
Existenz, wie er nicht oft einem Menschen begegnete. Vorher 
die höchste Freude am Gesetz, Zufriedenheit und Selbstruhm: 
ohne Tadel hatte er sich gefunden , optimistisches Vertrauen auf 
die eigene Kraft — nachher das Bewusstsein, Feind des Messias, 
Verfolger der Sache Gottes gewesen zu sein; daraus Misstrauen 
gegen sein ganzes früheres Leben bis zur Verdammung. Vorher 
der gekreuzigte Jesus ein Schwärmer und Gotteslästerer, den 
die gerechte Strafe traf — nachher dieser Gekreuzigte Messias 
Erlöser, Sohn Gottes. Ein so einschneidendes Erlebnis, das 
solche totale Umkehr aller Werte erzeugt, muss auch dem Den- 
ken und Forschen ein unerhörter Antrieb werden. Denken heisst 
jetzt umdenken. Der Bekehrte muss es sich selbst klar machen, 
— das ist seine Pflicht — dass sein ganzer früherer Weg ver- 
kehrt, sein jetziger recht ist. Und dies Umdenken hat Paulus 
so gründlich besorgt, dass es ganz eitle Mühe ist, heute seinen 
Weg rückwärts zurückzulegen bis zu seinen Gedanken vor der 
Bekehrung. Wir wissen überhaupt nicht, ob Paulus damals 
schon so viele Gedanken hatte; sicher ist nur, dass er die, welche 
er hatte, umgestürzt und verschüttet hat. Es giebt einzig eine 
christliche Theologie des Apostels. Jedes Wort seiner Briefe 
stammt aus seinem christhchen Bewusstsein. Für ihn persönlich 
giebt es keine natürliche Theologie, keine Voraussetzungen von 
Sünde, Tod, Gericht etc., die der Erkenntnis von Jesus voran- 
gingen. Vielmehr hat ihm die Erkenntnis Jesu erst die Form 
und Anlage aller Voraussetzungen diktiert. Wenn trotzdem 
ganze Partien seiner Briefe den entgegengesetzten Eindruck 
machen, so ist daran die zweite Wurzel seiner Theologie schuld: 
die Apologetik. 

Denn der so gewaltsam Bekehrte ist nun Heidenmissionar 
mit der Aufgabe, angesichts des nahen Gerichts herauszuretten 
aus der Heidenwelt, so viele dazu bestimmt sind. Die Theologie, 
die uns in seinen Briefen vorliegt, ist nicht die des jüdischen 
Rabbi, aber auch nicht die des Bekehrten von Damaskus, der 
über sein Einst und Jetzt nachsinnt, sondern die des Missionars. 
Er hat nicht etwa bloss seine Gedanken den praktischen Zwecken 
der Mission dienstbar gemacht, sondern er hat sie, so wie wir 
sie kennen, während der Mission und für sie gebildet. Christliche 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 137 

Missionstheologie unter dem eschatologischen Gesichtspunkt kann 
man die paulinische Gedankenwelt am besten nennen. Warum 
sonst die griechische Sprache , die Verwendung griechischer Be- 
griffe und Formen, das starke Zurücktreten der eigentlich rabbi- 
nischen Gedankenwelt? Oder die ungeheure Bedeutung der Be- 
kehrung, die das Leben jedes Christen in zwei Hälften teilt, teilen 
soll? Ist aber die paulinische Theologie Missionstheologie, so 
ist sie eben Apologetik, und zwar das erste grosse System christ- 
licher Apologetik, zu dem sich alle apologetischen Gedanken der 
Urgemeinde wie bescheidene Vorstufen verhalten. Weiter ergiebt 
sich aus der eigentümlichen Lage des Paulus, der mitten zwischen 
Heiden, Juden und Judaisten steht, die grosse Zweiteilung 
dieser Apologetik in Erlösungstheologie — Begründung seiner 
Missionspredigt für die Griechen — und antijüdische Apologetik 
— Verteidigung seiner Missionspredigt gegen Judaisten und 
Juden. Aber in dieser rastlosen Gewinnung und Bekämpfung 
der Feinde geht doch seine theologische Arbeit nicht auf. Er 
erstrebt auch eine Theologie der gereiften Christen, eine gründ- 
liche Ausschöpfung der im heiligen Buch und in der Christus- 
offenbarung enthaltenen Gottesgedanken, eine christliche Gnosis, 
die selbst in die Geisterwelt und in die Tiefen Gottes zu dringen 
versteht. Es gilt den Versuch, diese drei grossen Teile seiner 
Gedankenwelt, die freilich häutig genug in einander übergehen 
und sich kreuzen, einmal gesondert darzustellen. 

A. Die Erlösungstheologie. 

Paulus hat die Erlösung in einem umfassenden Sinn ver- 
standen, nicht als Befreiung vom TJebel allein oder von der Sünde, 
sondern Erlösung aus der gegenwärtigen bösen Welt in die zu- 
künftige, aber jetzt beginnende gute. Daraus ergiebt sich wieder 
als einfachste Gliederung: diese böse Welt und ihre Mächte — 
die Wendung, Jesus der Erlöser — die Erlösung der Gläubigen. 

Die gegenwärtige böse Welt und ihre Mächte. 
In seiner Missionspredigt hatte Paulus mit der Gerichts- 
botschaft eingesetzt und darauf unter der grellen Beleuchtung des 
Gerichtstages das gänzliche Verderben seiner Zuhörer enthüllt. 
Die theoretische Begründung dieser Predigt bildet ein ent- 
schlossener, vollständig durchgeführter Pessimismus gegenüber 
der ganzen Welt, der gänzlich gleichgiltig ist gegen den Unter- 



138 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

schied von Heiden und Juden, und sich auf das ganze Menschen- 
geschlecht, ja über dasselbe hinaus, auf die Natur und selbst die 
übersinnliche Welt erstreckt. 

Zunächst ist das Todesverhängnis des ganzen Menschen- 
geschlechts, ja der ganzen Kreatur offenbar. Seit Adam hat der 
Tod die Königsgewalt an sich gerissen. Zu allen Menschen drang 
er hinüber. Ausnahmen gab es nie. Das ist nichts Natürliches, 
Selbstverständliches. Der Wille des Menschen geht auf das 
Leben hin ; darum fühlt er seine Vergänglichkeit als eine harte 
Sklaverei, die ihm die Seufzer tiefster Melancholie entreisst. 

Woher stammt dies rätselhafte und doch so gewisse Todes- 
verhängnis ? 

Der Jude Paulus giebt die Antwort: Von der Sünde. Der 
Tod ist der Sünde Sold. Seit Adams Sünde ist der Tod bei den 
Menschen eingezogen wie eine erbliche Krankheit; aber zugleich 
ist er die Folge der Sünde jedes Einzelnen. Denn alle Menschen 
haben gesündigt und deshalb sterben alle. Die Universalität der 
Sünde ergiebt sich als einfacher Schluss aus der Universalität des 
Todes. Dabei ist zunächst an die Einzelnen gedacht, an ihre 
Freiheit und freie Verschuldung, durch die sie den Tod herbei- 
ziehen. Soweit entfernt Paulus sich nicht von der Lehre der 
Rabbinen. Aber er geht sofort weiter, wenn er erklärt, dass die 
Sünde nicht dem freien Willen des Einzelnen zur Annahme oder 
Verwerfung anheimgestellt sei, sondern sich Herrschergewalt 
über das Menschengeschlecht angeeignet habe seit Adam. Es 
giebt ein Reich der Sünde: Das ist die Menschheit selbst. Wir 
alle, Juden und Heiden, sind unter der Sünde. Es giebt ein Ge- 
setz der Sünde in unseren Gliedern, dem wir unterworfen sind. 
Damit ist die Notwendigkeit der Sünde für alle Menschen, nicht 
bloss ihre thatsächliche Allgemeinheit, ausgesprochen. Diesen 
, Gedanken der Notwendigkeit der Sünde bildet Paulus im Gegen- 
satz gegen die rabbinische Denkweise. Ein tieferer Blick in das 
innerste Triebleben der Seele hat ihn vielleicht dazu geführt, 
mehr noch seine Apologetik. Denn dieser Gedanke ist ein im 
Interesse der Erlösung durch Christus nötiges Postulat, weil diese 
überflüssig scheinen könnte, solang — bei der blossen Behaup- 
tung der Allgemeinheit der Sünden — Ausnahmen denkbar 
wären. 

Aber woher stammt die Sünde mit ihrer Herrschermacht? 
woher dieser Zwang, zu sündigen? 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 139 

Darauf giebt Paulus zwei verschiedene Antworten, die in 
seinen Briefen nicht vermittelt sind. 

1. In den Fall des Stammvaters ist die ganze Menschheit 
verstrickt. Durch den einen Menschen Adam kam die Sünde 
und als ihre Folge der Tod zu allen Menschen. Das ist die jü- 
dische Theorie, auf Grund von Gen 3 von den Rabbinen aus- 
gebildet. Das Grosse an ihr ist, dass sie dem Gedanken der 
Solidarität des ganzen Menschengeschlechts Ausdruck geben 
will; es soll der erste Mensch vor Gott als Vertreter des ganzen 
Geschlechts, sein Fall daher als Fall des ganzen Geschlechts 
taxiert werden. Aber unbefriedigend ist an dieser Theorie die 
juristische und historisierende Form. Zufällig, ohne alle innere 
Begründung, kommt die Sünde von aussen herein und erlangt 
durch den zufälligen einmaligen Fehltritt die Herrschergewalt für 
alle Zeiten; dieser Fehltritt des einen Menschen muss dann vom 
höchsten Richter allen seinen Nachkommen auf das Konto gesetzt 
werden, als hätte jeder von ihnen selbst ihn begangen. Eine 
solche juristische Wertung der Fakta verträgt sich mit dem jü- 
dischen Denken, aber mit keinem tieferen Gefühl. Paulus hat 
auch diese Theorie mehr nur der Antithese wegen herange- 
zogen, da er die universale Bedeutung Christi durch sie klar- 
machen will. 

2. Die Sünde haftet an der Fleischnatur des Menschen. Der 
Mensch ist Fleisch, und im Fleisch wohnt die Sünde. Er ist 
verkauft unter die Sünde, weil er von Fleisch ist. Nichts Gutes 
wohnt in ihm, d. h. in seinem Fleisch. Fleisch und Sünde liegen 
so nahe beisammen, dass Paulus den Ausdruck: Sündenfleisch 
schafft. Diese Theorie ist weder jüdisch noch griechisch, sondern 
eine originale Bildung des Paulus. Deutlich ist ja der jüdische 
Ausgangspunkt, die Ansicht, dass der menschliche Leib etwas 
Schwaches, Gebrechliches, Vergängliches ist, das die Menschen 
im tiefen Abstand unter Gott hält. Jüdisch ist auch der Gegen- 
satz vom Fleisch und Geist, statt von Leib und Seele, wie die 
Griechen sagen. Aber gänzlich unjüdisch ist der Pessimismus, 
der aus den Sätzen des Paulus redet. Die Ueberzeugung von der 
Schwäche des Fleisches und von der Existenz des bösen Triebes I 
oder des bösen Herzens im Menschen hat die Juden nie irre 
werden lassen am Vertrauen auf die eigene Kraft und Gerech- 
tigkeit. Zufriedenheit mit sich selbst und Selbstruhm der guten 
Werke wegen ist geradezu ein Kennzeichen jüdischer Frömmig- 



I 



140 Di6 Entstehung der Religion. III. Paulus. 

keit neben dem Sündengefühl. Ein Satz wie der: „ich weiss, dass 
in mir, d. h. in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt", muss ganz 
entsetzlich für jüdische Ohren klingen, und Paulus weiss genau, 
wie er den Optimismus und die Selbstgefälligkeit seiner Lands- 
leute damit zertritt. Wenn er nun gar sagt: „Das Fleisch begehrt 
wider den Geist", so scheint er das „Fleisch" als Prinzip der 
Sünde und Sinnlichkeit zu fassen so, wie bei den Griechen die 
Materie der Sitz des Bösen ist. Hier arbeitet er ganz dem von 
Plato herkommenden Dualismus der späteren Philosophie in die 
Hände; er nähert sich den Griechen, ähnlich wie es Philo that. 
Aber ein Grieche wird Paulus trotzdem nicht. Daran hindert 
ihn sein kräftiger jüdischer Schöpfungsgedanke, der kein zweites 
Prinzip neben Gott duldet, sondern auch das Fleisch, wie alles 
herleitet vom Schöpfer des Alls. Daran hindert ihn ferner sein 
christlicher Glaube, dass die Welt und alles, also auch das Fleisch, 
Gott und den Seinen gehört, und dass gerade das Fleisch be- 
stimmt ist, Herberge des Geistes zu werden. Die Sünde stammt 
nicht aus dem Fleisch, sie wohnt — als etwas Fremdes — darin, 
wie nachher der Geist, gleichfalls etwas Fremdes, darin wohnen 
soll. So zeigt sich, dass diese Theorie des Paulus, mit der er die 
Notwendigkeit der Sünde begründet, sein eigenes Werk ist. 
Schwere persönliche Kämpfe und traurige Erfahrungen von der 
Macht der Sinnlichkeit mögen die Theorie unterstützt haben. 
Entscheidend war, dass ihm der Glaube an den Erlöser Jesus 
alles Selbstvertrauen, alle Schätzung seiner natürlichen Kräfte 
zerstört hat. Der gänzliche Pessimismus dem Fleisch gegenüber 
ist notwendige Kehrseite des optimistischen Vertrauens auf 
Christus und seinen Geist. 

Hat Paulus selbst seine beiden Theorien vom Ursprung der 
Sünde vermittelt? In seinen Briefen nicht. Z. B. wird in I Cor 15 
ohne alle Vermittlung der Tod aus Adams Fall und nachher aus 
der irdischen Natur Adams hergeleitet, woraus das Entsprechende 
für die Sünde folgt. Aber lässt sich dabei stehen bleiben? Es 
scheint doch nur ein Entweder-oder zu geben: Entweder der 
Zusammenhang von Sünde und Fleisch ist älter oder jünger als 
der Sündenfall, in jenem Fall Ursache, in diesem Folge. 

Wir stehen hier vor den letzten Fragen der theologischen 
Spekulation, wie sie bald nachher die Gnostiker beschäftigten. 
In der That treten wir hier in das Gebiet der paulinischen Gnosis 
ein und verlassen den Zusammenhang mit der Missionspredigt. 



3. Die pauHnische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 141 

Paulus hat sich den letzten Fragen nicht entzogen, aber er kam 
in seinem Denken zu keinem Abschluss und begnügte sich mit 
Antworten, die Widersprüche sind. 

Man kann Ansätze zu drei Theorien unterscheiden. 

1. Die Evolutionstheorie. Die jetzige irdische Welt verhält 
sich zur kommenden geistigen wie die niedere Stufe zur höheren. 
Erst musste das Psychische da sein, dann erst das Pneumatische, 
zuerst der Erdenmensch, Adam, dann erst der Himmelsmensch, 
Christus. Diese Theorie bildet Paulus in I Cor 15 zu einem ganz 
bestimmten Zweck. Er muss seinen Griechen klar machen, dass 
der Auferstehungsleib nicht mehr an den Mängeln der jetzigen 
Leiber leiden wird. Deshalb stellt er ihn als das höhere Voll- 
kommene dem niederen Unvollkommenen gegenüber. Da er 
sich dabei an die Schöpfung des Menschen in Gen 2 anschliesst, 
gewinnt er eine Theorie, die sich mit dem Schöpfungsgedanken 
ohne Mühe verträgt. Ein grossartiger Optimismus spricht aus 
ihr: aufwärts von Stufe zu Stufe geht die Bahn! Als am Ende 
des 2. Jahrhunderts der Gedanke der Erziehung des Menschen- 
geschlechts sich in der Kirche Geltung verschaffte, da berief man 
sich freudig auf Paulus. Allein diese Stellen im I. Korintherbrief 
können, da Paulus dort gar nicht auf Sünde und Fleisch reflektiert, 
für die letzten Fragen keine zentrale Bedeutung haben. 

2. Die Abfallstheorie. Nicht nur der Mensch, sondern mit 
ihm die ganze Natur, ist gefallen aus einem Herrlichkeitszustand 
in den Vergänghchkeitszustand. Die Grundlage ist die Erzählung 
vom Sündenfall in Gen 3, kombiniert mit dem Gegensatz des 
Geistes (vor dem Fall) und des Fleisches (nach dem Fall). Jü- 
dische Legenden (Adambücher) haben vorgebaut; gnostische und 
kirchliche Theologen setzen später diese Gedanken fort. Bei 
Paulus selbst finden sich nur ganz zerstreute Andeutungen, die 
aber alle nach dieser Richtung weisen. Die gegenwärtige böse 
Welt kann als solche nicht von Gott stammen , Gott schuf sie 
gut (Gen 1). Gott hat ja nach der Bibel die Welt und den Men- 
schen in Herrlichkeit geschaffen als freies Geisterreich. Erst zur 
Strafe für den Sündenfall Adams wurde dieser und der ganze 
Kosmos in die Materie (sarx) gebannt. Das Fleisch ist freilich I 
von Gott geschaffen, aber als Strafmittel. Das ist der Tod, der 
nach Gen 2 17 am gleichen Tag, da die Uebertretung geschieht, 
erfolgen sollte (Rom 7 ii, die Sünde tötete mich). Das ist die 
Nacktheit (II Cor 5 4), die der Mensch gewahr wurde sofort nach 



]42 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

dem Fall; er hatte eben sein früheres Gewand, den Lichtleib, 
verloren. Das ist die Ermangelung der Herrlichkeit Gottes 
(Rom 3 23), d. h. jenes Lichtleibes nach Gottes Bild, den der 
Mensch im Paradies getragen hatte. Die Vergänglichkeit ist 
Strafe für den Abfall aus der Geisterwelt durch die Schuld 
des ersten Menschen, und das grosse tiefe Seufzen der Kreatur 
bedeutet Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Nur diese 
Theorie entspricht der Konsequenz des paulinischen Denkens und 
erklärt erst ganz seine Stellung zum „Fleisch", das von Gott 
stammt und doch nicht ursprünglich ist. Aber er hat von diesen 
Dingen nicht gepredigt zu den neu herzutretenden Heiden. Dar- 
aus erklärt sich zur Genüge, dass diese Theorie auch in seinen 
Briefen nur gelegentlich anklingt. 

3. Die Geistertheorie. Gelegentlich schreibt Paulus einmal 
(II Cor 11 3), dass die Schlange Eva verführt habe, und zwar, 
nach jüdischer Tradition, zum Ehebruch. Darnach wäre der 
Teufel für den Urheber des ganzen bösen Weltzustandes zu halten. 
Wenn in den Hauptstellen des Eömerbriefs der Satan ganz un- 
erwähnt bleibt, so ist das kein Gegenbeweis, denn dort ist dafür 
das Abstraktum, die Sünde, an seine Stelle getreten wie eine 
mythologische Figur. Die letzten Gedanken des Paulus schweifen 
immer ins Geisterreich hinüber, nicht erst im Kolosser- und 
Epheserbrief. In den oberen Regionen kennt schon der Römer- 
und I. Korintherbrief Herrschaften, Gewalten, Kräfte, die uns 
von Gott trennen wollen und die als Feinde Gottes abgethan 
werden müssen vor dem AVeltende. Da nun alles aus Gott stammt, 
also auch die Engel, muss es in der Geisterwelt selbst zu Rebellion 
und Abfall gekommen sein. Einmal — bei Erörterung der Kopf- 
bedeckung der Frauen im Gottesdienst — spielt er an den Fall 
der Engel in Gen 6 an, wie damals die Gottessöhne sich in die 
Töchter der Menschen verliebten. Ein anderes Mal — bei An- 
lass christlicher Prozesse — erinnert er die Korinther daran, 
dass sie, die Heiligen, einst über die Engel zu Gericht sitzen 
werden. Das alles setzt apokryphe jüdische Traditionen über die 
Ereignisse in der Geistervveit voraus. So hat sich der Abfall der 
oberen Welt selbst bemächtigt und erst dadurch wird das Bild der 
gegenwärtigen bösen Welt ein vollständiges. Natürlich gehören 
alle Dämonen zu diesen gefallenen Geistern, und da sie die Ur- 
heber des ganzen Heidentums, seiner Religion wie seiner Unsitt- 
lichkeit sind, erhält diese gnostische Theorie ganz unmittelbare 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 143 



praktische Bedeutung. Der Teufel ist der Gott dieser Welt, 
d. h. des Reiches der Sünde, das vor allem im Heidentum sich so 
grell offenbart. 

Mit dem letzten Satz vom Gott dieser Welt hat Paulus 
seinen Pessimismus vollendet. Sein Ende ist, dass die gegen- 
wärtige böse Welt nicht ursprünglich von Gott so geschaffen, 
sondern erst durch den Fall so geworden ist, und dass abgefallene 
widergöttliche Mächte sie durchwalten. Sehr verschiedene Gründe 
haben zu dieser fürchterlichen Anschauung geführt: Spätjüdische 
Theorien und Stimmungen, eigene schmerzliche Erlebnisse, Blicke 
des Missionars in das Dunkel der Heidenwelt und in das grelle 
Licht des nahen Gerichtstages. Die Esraapokalypse zeigt uns, 
wie nahe den Juden in der Zeit grossen nationalen Unglückes 
eine solche pessimistische Stimmung der ganzen Welt gegenüber 
lag. Und doch welcher Unterschied: für Esra giebt es Gerechte, 
freilich nur wenige — Paulus schreibt: Keiner ist gerecht, auch 
nicht einer, und nichts Gutes wohnt in mir. Der Unterschied hat 
seinen leicht erkennbaren Grund: Der Pessimimus des Paulus 
steht im Dienst seiner Apologetik. Weil Jesus allein der Erlöser 
ist, darum muss die Welt so gänzlich schlecht sein und jeder an- 
dere E.ettungsweg dem Menschen abgeschnitten werden. Nicht 
die thatsächliche Erkenntnis der Grösse der Sünde und der Ohn- 
macht des Menschen ist die Wurzel dieser Theorie, sondern der 
Glaube an Christus hat die pessimistischen Postulate als Voraus- 
setzungen erfordert. Dafür giebt es einen durchschlagenden Be- 
weis: für den Christen gilt diese pessimistische Betrachtung der 
AVeit nicht mehr, oder nur noch bedingt. Der Christ steht in 
der Welt Gottes, über die er Herr ist. Die Sündentheorie ist 
apologetisches Mittel zur Erweckung des Glaubens; hat sie ihn 
«rweckt, so macht sie anderen Betrachtungsweisen Platz, 

Der Abstand dieser Apologetik von der Predigt Jesu ist 
sofort deutlich. Jesus, der doch auch in das böse Herz hineinsah 
und wusste, dass niemand gut ist, hat nie so pessimistisch ge- 
dacht. Er freute sich an den Kindern, an den Blumen und 
Vögeln, an Gottes Liebe zu unserer Welt, an den guten Menschen, 
die ihm begegneten. Paulus löschte gewaltsam zuerst alle Lichter 
in der Welt aus , damit dann Jesus allein scheine. Diese Ueber- 
treibung des Wahren im Dienst der Apologetik ist um so ver- 
hängnisvoller geworden, als die Kirche nun mit diesem Pessimis- 
mus gute Geschäfte zu machen begann. 



144 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 



Die "Wendung: Jesus der Erlöser. 

Auf die Predigt vom Gericht und vom Verderben folgt im 
Missionsscliema des Paulus die Predigt vom gekreuzigten und 
auferstandenen Gottessohn. Die Theorie darüber bildet den 
Mittelpunkt, das Herz der paulinischen Theologie. Klarer als 
bei vielen anderen Punkten sehen wir hier in die Entstehung der 
Glaubenssätze hinein. Ihre erste Wurzel bilden tiefe persönliche 
Erfahrungen, die sich um die Christuserscheinung gruppieren. 
Diese Erfahrungen geben der Theorie den persönlichen Charakter, 
den Eindruck der Kraft und Wahrhaftigkeit. Allein ihrer be- 
mächtigt sich nun der apologetische Trieb, bearbeitet sie theo- 
logisch und giebt ihnen erst die jetzt vorliegende Gedankenform. 

Was hat Paulus von Jesus erfahren und ihm verdankt? 

Er kannte Jesus auf Erden nicht, wusste bloss vom Hören- 
sagen manches aus seinem Leben. Seine persönliche Bekannt- 
schaft mit Jesus ist einzig vermittelt durch die Erscheinung bei 
Damaskus. Hier sah er den himmlischen Jesus, den Auferstan- 
denen, den Geist, und wurde von ihm zum Apostel berufen. Da- 
durch wird die Auferweckung Jesu eine Thatsache von un- 
geheurer Tragweite für ihn. Das Todesschicksal ist durch- 
brochen, die Ewigkeit, das Jenseits ragt machtvoll in diese Welt 
herein. Es ist Morgendämmerung der Zukunft. Da nun von der 
Berufung bei Damaskus das ganze neue Leben des Paulus aus- 
geht, ist für ihn wirklich die Auferstehung Grundlage seiner 
Religion. 

Sofort kommt nun der Kreuzestod Jesu in neue Beleuch- 
tung. Vorher war das Kreuz das grösste Aergernis, da es den 
Messiasanspruch Jesu scheinbar aufhob. Sobald sich aber Jesus 
als der Auferstandene legitimiert hat, muss das Kreuz als etwas 
Göttliches, Heilbringendes erscheinen. Gottes Liebe und Gnade 
spricht durch das Opfer zu den Menschen. Uns scheinen das 
schon theologische Reflexionen, aber Paulus hat vor dem Kreuz 
wirklich die Begnadigung und Beseligung erlebt. Das ist nun 
für ihn der grosse feste Ruhepunkt der Geschichte, die Quelle 
alles Trostes und alles Friedens mit Gott. Das Motto: „Gott 
für uns" sieht Paulus mit grossen Lettern über dem Kreuz ge- 
schrieben. 

So gewiss nun aber diese Erlebnisse die eigentliche Wurzel 
der paulinischen Christologie sind, so sind doch die Glaubens- 



3, Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 145 

Sätze sehr viel mehr als Ausdruck des Erlebten. Aus ihnen, so 
wie sie jetzt uns vorliegen, redet der christliche Apologet. Ein 
Beispiel macht es klarer als alles: auf Grund seines Erlebnisses 
hätte Paulus sagen dürfen: Mir ist am Kreuz gerade Gottes 
Liebe aufgegangen. Statt dessen heisst es in den Briefen: Für 
alle Menschen giebt nur das Kreuz Gewissheit der Versöhnung. 
Das ist die Sprache der Apologetik. Sie erst bringt die Ver- 
allgemeinerung, den Beweis der Notwendigkeit, den Ausschluss 
aller anderen Möglichkeiten. Das gilt schon für alle Sätze über 
Kreuz und Auferstehung, wie viel mehr noch für die Konstruk- 
tion der Person des Gottessohnes, wo gar keine Erfahrung mit- 
redet! 

Das Kreuz, die Auf erweckung, der Gottessohn sind die 
grossen neuen Fixierungspunkte der paulinischen Christologie. 
Im Kreuz proklamiert er Gottes Liebe, an der Auferstehung den 
Anbruch des Jenseits, am Gottessohn das Vorbild der Christen. 
Seit Paulus sind das die drei Dinge, von denen überhaupt die 
Christologie zu handeln hat. 

Der Liebesbeweis Gottes. 

Der erste Teil der Apologetik hatte die Heiden vor Gottes 
Gericht gestellt als Sünder ganz und gar. Nichts als Zorn war 
ihre Erwartung. Es gab keinen Ausweg, diesem Zorn zu ent- 
fliehen aus eigener Kraft oder mit selbsterwählter Sühne. Den 
geängstigten und verzweifelten Gemütern führt er nun den über- 
raschenden Liebesbeweis Gottes vor. Schon vor Paulus war der 
Tod Jesu Objekt des theologischen Denkens geworden. Der 
Streit mit den Juden war vor allem schuld daran. Da die Juden 
den Tod Jesu als ein göttliches Strafgericht interpretierten, setzten 
ihnen die Christen eine Deutung des Todes Jesu entgegen, bei 
der die Unschuld Jesu gerettet wurde. Sein Tod war freilich 
Vergeltung und Strafe — darin gab man den Gegnern Kecht — 
aber nicht für seine Sünde, sondern für die Schuld des jüdischen 
Volkes. Es wurde ein fester christlicher Glaubenssatz: Jesus ge- 
storben für die Sünden derer, die umkehren und auf seinen Tod 
ihre Hoffnung setzen. 

Paulus, einmal Christ geworden, schloss sich dieser Deu- 
tung an. Er hat nur noch mehr Begriffe der Schulsprache von 
Opfer, Sühne, Loskauf herzugetragen. In zahlreichen Varia- 
tionen kehrt diese Opfertheorie in seinen Briefen wieder, bald 

We ml e, Anfänge. 2q 



146 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

mehr juristisch, bald mehr kultisch, bald beides zugleich. Jesu 
Tod, die Sünde und ihre Sühne wurden durch ihn erst recht un- 
zertrennliche Gedanken. Allein dieser Rationalismus — so ist 
dies Rechnen mit dem Tod Jesu zu nennen — macht nicht seine 
Grösse aus; diese liegt vielmehr in einer ganz neuen Betrach- 
tungsweise. 

Zunächst riss er den Tod Jesu aus dem engen jüdischen 
Rahmen heraus und stellte ihn in die Weltgeschichte. Er gab 
diesem Sühnopfer eine so ungeheure Bedeutung, dass alle kleinen 
rechtlichen Kategorien davor zu Boden sinken. Nicht für die 
Sünden von ein paar Juden ist Jesus gestorben, sondern für alle 
Menschen, ja mehr als das, selbst für die Geisterwelt. Das kommt 
daher, weil kein gewöhnlicher Gerechter gestorben ist, sondern 
der Gottessohn, der höchste Gegenstand der göttUchen Liebe. 
Damit zerfallen alle anderen Opfer, Sühnmittel, Bussen, über- 
haupt Leistungen der Menschen; der Versöhnungstod Jesu nimmt 
die Stelle ein von allem, was jemals geschah, um Gott gnädig zu 
stimmen. Dem Menschen, und selbst den Geistern, bleibt nichts 
anderes übrig, als sich zu beugen vor dem, was hier zur Versöh- 
nung geschah. 

Sodann aber interpretierte Paulus den Sühntod von oben, 
statt von unten. Nicht Gott wird ein Opfer dargebracht, das ihn 
umstimmen soll vom Zorn zur Gnade — so hatte man es sicli 
wohl früher gedacht — sondern Gott ist der Handelnde, der 
Opferer, der Versöhner, und der Grund seines Handelns ist die 
reine Liebe, nichts als sie. Das war eine totale Umkehr der ge- 
wohnten Betrachtung. Paulus übt sie klar und bewusst an allen 
Hauptstellen seiner Briefe: Gott war in Christo, sich die Welt 
versöhnend. Gott hat seinen eigenen Sohn für uns hingegeben, 
um uns zu zeigen, dass er uns alles schenken will. Gott beweist 
uns seine Liebe zu uns, dadurch, dass Christus starb, als wir noch 
Sünder waren. Diese grosse Proklamation der Liebe Gottes hebt 
eigentlich alle Rechts- und Sühnegedanken auf. Wenn doch der 
Opferbegriff stehen bleibt, so wird er ins Symbolische umgedeutet. 
Nicht Gott, der uns liebt, braucht das Opfer, sondern wir Men- 
schen brauchen die Gewissheit, dass eine Versöhnung geschehen 
ist. Nicht Sühnmittel für Gott, sondern Symbol der Gnade für 
die Menschen ist im Grund der Kreuzestod Jesu. 

Allerdings zeigt sich hier wieder die Macht des jüdischen 
Denkens in der Vergötterung der einmaligen Geschichtsthatsache. 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 147 

Wie vorher vom Sündenfall Adams die ganze verkehrte Entwick- 
lung der Menschheit mit Sünde und Tod hergeleitet wurde , so 
wird jetzt alle Gnade Gottes aus der ganzen Geschichte zu- 
sammengerafft und an den Tod Jesu gebunden. Paulus leugnet 
geradezu, dass Gott vor Jesu Tod vergab; jedenfalls behauptet 
er, dass seine Gnade jetzt erst offenbar wurde. Sein apologeti- 
scher Eifer hat ja schon vorher alle Lichter ausgelöscht; dafür muss 
jetzt dies neue Licht nach rückwärts und vorwärts die ganze Welt 
und Geschichte erhellen. Für Paulus, der das Weltende in un- 
mittelbarer Nähe erwartete, war diese Inthronisation der Ge- 
schichtsthatsache noch nicht so verhängnisvoll, wie für die spätere 
Zeit, der sie geradezu den Glauben an den lebendigen Gott ge- 
raubt hat. Dazu kommt weiter, dass die Geschichtsthatsache ja 
immer erst durch die theologische Interpretation verständlich ge- 
macht werden kann. Entweder bemächtigt sich der Rationalis- 
mus ihrer und berechnet mit juristischen und kultischen Werten 
die Notwendigkeit des Todes Jesu. Oder das Paradoxe, das 
Wunder steht obenan; dann bleibt nichts als der Glaube an das 
unverständliche Geheimnis. Beides hat Paulus selbst vertreten. 
Derselbe Mann rühmt die Thorheit des Kreuzes und rechnet den 
Weg der göttlichen Weisheit nach. 

Altes und Neues hegt hier beisammen. Zum Alten gehört 
die Opfertheorie, der Rationalismus, der gerade durch Paulus die 
Herrschaft in der Kirche erlangt. Das Neue ist der paradoxe 
Satz: Gottes Liebe zeigt sich am Kreuz. Dieser Satz recht ver- 
standen, hebt die Opfertheorie auf und nähert sich dem Gedanken 
Jesu, dass selbst Leiden und Tod aus Gottes Vaterhand stammen. 
Aber wenn Paulus seinem Satz die Zuspitzung giebt: Nur am 
Kreuz ist die Gnade deutlich, so entfernt er sich weit von Jesus, 
der Gottes Liebe über die Menschen ausgegossen sah in allen 
Geschenken, den heiteren wie den schweren. Das rührt daher, 
dass Paulus als Apologet den Weg zur Liebe Gottes verengen 
muss, damit er einzig durch den christlichen Glauben gehe — 
kein gutes Vorbild für die Kirche. 

Der Anbruch des Jenseits. 
Durch die Auferweckung Jesu am dritten Tag war etwas 
Unerhörtes geschehen: Das Todesverhängnis war durchbrochen; 
wer Ohren hatte, der hörte den ersten Glockenschlag zur all- 
gemeinen Totenerweckung, zum Anbruch des Jenseits. Aus 

10* 



148 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

dem Jenseits trat Jesus wieder heraus in den Erscheinungen und 
bezeugte noch mehr das Kommen der neuen Welt. 

Paulus, der selber einer Erscheinung gewürdigt war, erfasste 
den Sinn der Auferstehung Jesu: die alte Welt vergeht, die neue 
bricht an. Die christliche Hoffnung erfuhr dadurch eine gewaltige 
Stärkung. Immer wieder kommt die Satzverbindung: So gewiss 
als Gott Jesus erweckt hat, so gewiss wird er auch uns erwecken. 
Indes so ungefähr dachten die älteren Christen auch. Neu ist, 
wie Paulus der Auferstehung eine Bedeutung für das Gegenwarts- 
leben zuspricht. 

In Kreuz und Auferstehung Jesu lag für ihn ein Nein und 
ein Ja in notwendiger Verbindung. Der Gottessohn war in diese 
Welt getreten, bloss um durch sie zu sterben und ihren schlechten 
Mächten zu erliegen. Aber alsbald versetzte ihn seine Aufer- 
weckung ins Jenseits, in die wahre AVeit. Das alles erschien dem 
Paulus typisch und symbolisch in mannigfacher Weise. Bedeutete 
es nicht den Bruch des Menschen mit der ganzen früheren Welt 
und den Anbruch des Jenseits schon in der Gegenwart? Tod, 
Sünde, Fleisch, Adamskindschaft war der Abschied gegeben; ihre 
Macht nahm ein Ende. Dagegen leuchtete das Jenseits in das 
Christenleben hinein. 

Aber theologisch war das schwerer auszudrücken. Wieder 
war eine Geschichtsthatsache, freilich ein Wunder, gegeben. Nun 
sollte dies Wunder den Uebergang der alten Welt zur neuen be- 
deuten? Aber der ganze Augenschein sprach für die Fort- 
existenz des Todes, des Fleisches, der Sünde. Jesu Auf- 
erweckung hob das alles nicht auf. Trotzdem wird Paulus nicht 
müde, die weltgeschichtliche Wendung an das eine Faktum zu 
knüpfen. 

Freilich das Ende des Todes bleibt der Zukunft vorbehalten. 
Aber Fleisch und Sünde sollen abgethan sein. Wie ist das mög- 
lich, wenn Paulus doch noch im Fleisch lebt, und sehr viele Christen 
noch in der Sünde? 

Zwei Konstruktionen stossen hier schroff bei Paulus zu- 
sammen. 

Einerseits führt die Betrachtung der Wirklichkeit zur 
ethischen Theorie, d. h. zum Imperativ. Christi Tod und Auf- 
erstehung soll für alle Christen den Tod ihres Egoismus und 
Sündendienstes und den Anfang des neuen Lebens bedeuten. 
Dieses „soll" hat Paulus überall klar und eindrucksvoll gelehrt. 



3, Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 149 

Anderseits treibt ihn sein metaphysischer Pessimismus zu 
einer Theorie, die mit Naturgewalten rechnet und Fleisch und 
Sünde in Jesu Drama aufgehoben wissen will. Da die Menschen 
als Knechte böser Naturgewalten dargestellt worden sind , bleibt 
für eine rein ethische Erlösung kein Raum. Die Naturmächte 
müssen irgendwie im Tod Christi besiegt und entkräftigt sein. 
Das hat Paulus wirklich behauptet, aber nie in überzeugender 
Form. 

Im Grund behandeln diese Theorien den Jenseitscharakter 
des Christentums. Was Paulus will, sagt die schöne Kolosser- 
stelle: „Suchet, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rech- 
ten Gottes. Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott," 
Der Christ soll der Zukunft zugewandt sein in seiner Sehnsucht 
und seinem sittlichen Eifer, soll jetzt schon Bürger des himm- 
lischen Vaterlandes sein. Damit trifft Paulus ganz mit Jesus zu- 
sammen, nur dass Jesus auf das bevorstehende Ziel, das Gottes- 
reich, verweist, während Paulus von rückwärts, aus der That- 
sache der Auferstehung Jesu, seine Argumente herholt. Wenn 
dann Paulus so betont, dass jetzt schon in der Gegenwart das 
neue Leben der Christen erscheine ^ so ist das eine Parallele zu 
dem freilich vorübergehenden Glauben Jesu an die Gegenwart 
des Gottesreichs. Und doch verrät sich auch hier der nachteilige 
Einfluss der Apologetik, die den Paulus dazu treibt, Postulate 
aus dem einen Faktum herzuleiten , denen in Wirklichkeit nichts 
entspricht. Es ist ja nicht verwunderlich, dass der Mann, der die 
Erscheinung hatte, die Bedeutung der Auferstehung Jesu über- 
schätzte; dass jedoch dadurch das eine Wunder der Vergangen- 
heit Grundlage des Christentums wurde, war ein Unglück für die 
neue Religion und ein Widerspruch gegen den vorwärtsblicken- 
den Geist Jesu. 

Der Gottessohn vom Himmel. 

Den geschichtlichen Jesus, wie er auf Erden wandelte, hat 
Paulus nicht gekannt, er hat bloss von ihm erzählen hören. Da 
vernahm er allerlei Beispiele seiner Liebe, Demut, Freundlich- 
keit, und es scheint, dass er auch seinen Griechen davon erzählt 
hat. Aber in seiner Theologie ist er nicht davon ausgegangen. 
In ihr sind die Titel das Wichtigste. Die Kenntnis der Titel 
und ihres Wertes wird hier ein Ersatz für das Fehlen des Per- 
sönlichen. Es kann auch nicht anders sein. Wo man Jesus selbst 
kennt, da sagen alle Titel zu wenig; kennt man ihn nicht, so zieht 



150 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

man aus den Titeln heraus, was sich allenfalls herausziehen 
lässt. 

Gegeben waren drei in der Urgemeinde übliche Bezeich- 
nungen Jesu: Messias, Menschensohn, Sohn Gottes. 

Den Messiastitel — Christus sagt der Grieche — behält 
Paulus natürlich bei, schon der Juden wegen. Er braucht das 
Wort im alten eschatologischen Sinne: der kommende Herr des 
Gottesreichs, aber dann auch abgeschlififen, bloss als Beiname 
Jesu. Irgend eine neue Wendung giebt er ihm nicht. Er selbst 
erwartet die Ankunft des Messias, den Tag des Messias mit In- 
brunst und hält alle Christen für Leute, die auf die Offenbarung 
des Messias warten ! Er stellt sich ihn nach apokalyptischer 
Weise vor als den Besieger des Antichrists, den Zertreter Be- 
liars, zweifellos umgeben vom ganzen himmlichen Heer, wie das- 
die Apokalyptik sich ausmalt. Und er erwartet auch das Ge- 
richt des Messias, da ihm Gott das Sitzen auf seinem Richter- 
stuhl übergeben wird. Aber neben diesem Blick in die Zukunft 
treffen wir schon viel mehr als früher den Blick nach rückwärts, 
auf Kreuz und Auferstehung, und dieser schon gekommene Je- 
sus ist für Paulus fast wichtiger als der erst zu erwartende. 
Ausserdem spürt Paulus, dass den Griechen doch das Wort Chri- 
stus etwas Fremdartiges, Unklares ist. Darum führt er zwei grie- 
chische Ersatztitel ein: Herr und Heiland. Das Wort Herr wird 
als Aequivalent für Messias in die offiziellen Bekenntnisformeln 
eingesetzt; Jesus der Herr, nicht mehr Jesus der Christus heisst 
die kürzeste Formel. Das Wort Retter, Helfer soll den Christen 
klar machen, was sie im kommenden Messias zu erwarten haben; 
der eschatologische Sinn überwiegt; es ist noch nicht der Hei- 
land auf Erden. Da nun „Herr" wie „Heiland" allgemein be- 
kannte Attribute der Götter und der Fürsten waren, so werden 
diese von Paulus eingeführten Titel wider seine Absicht der 
Weg, Jesus ganz vom messianischen Bild loszulösen und der 
Würde der Gottheit zuzuführen. 

Den Titel Menschensohn Hess Paulus fallen, da er den Grie- 
chen nur die menschliche Abkunft Jesu bedeuten konnte, ganz 
entgegen dem Sinn des hebräischen Worts. Dafür nennt er aber 
Jesus den Menschen, und es wäre denkbar, dass er damit den älte- 
ren Titel ins richtige Griechische übertragen wollte. Der „Mensch 
vom Himmel" wäre dann noch die letzte Erinnerung an die Daniel- 
stelle, wo der „Menschensohn vom Himmel herab erwartet wird". 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 151 

Leider ist es nicht sicher genug, ob Paulus bei seiner Idee 
des himmlischen Menschen oder des zweiten Menschen von dem 
Menschensohntitel der Urgemeinde ausgegangen ist. Denn auf 
jeden Fall hat er etwas Neues, Originales geschaffen, einerlei 
welches die Vorstufen gewesen sind. Der schroffe Bruch mit 
der nationalen Christologie und der Sinn für die Weltmission 
Jesu offenbart sich in diesem Titel. Jesus erscheint dem Paulus 
so gross, dass er nur mit dem Stammvater der Menschheit ver- 
glichen werden darf. Er geht vorwärts, wo Adam rückwärts 
ging, bringt zurück, was Adam verlor. Sd bekommt Jesus seine 
Stelle in der Weltgeschichte , deren Zweiteilung in die Periode 
vor Christus und nach Christus die Folge dieser grossartigen 
Konzeption des Paulus ist. Die Universalität und Neuheit des 
Christentums kommt nirgends so einfach zum Ausdruck wie hier. 
Nur vergesse man nicht: es handelt sich um Ideen, nicht um 
Thatsachen. Nicht der geschichtliche Jesus wird mit Adam i 
verglichen, sondern der Normalmensch mit dem Sünder. 

Zudem hat Paulus selbst diese Gedanken stark variiert. 
Das eine Mal verlegt er den ganzen Gegensatz in den Unter- 
schied der Naturen : Adam irdisch, Jesus himmHsch. Das andere 
Mal in den Unterschied der That: Adam Uebertreter, Jesus ge- 
horsam. Beidemal verfolgt er eben verschiedene Zwecke. Um 
die Reihenfolge der jetzigen und der künftigen Welt klar zu 
machen, stellt er die niedere und die höhere Natur der beiden 
Prototypen in Kontrast. Will er dagegen den Christen die Ge- 
wissheit des ewigen Lebens garantieren, so zeigt er, dass von den 
Thaten der beiden Stammväter gleich grosse Folgen ausgehen 
für ihre Nachkommen. 

Wieso aber sind wir Christi Nachkommen? Darauf fehlt 
die Antwort. Aber auch der Vergleich der Folgen stimmt nicht. 
Adams Nachkommen starben , Christi Angehörige — sterben 
auch. So thut der Vergleich im Grund keine grossen Dienste. 
Er ist blendend, aber ganz undurchführbar. Es ist eine geist- 
reiche Idee, die Paulus einmal aufstellte, die er aber später 
wieder fallen Hess. Die Bedeutung Jesu kann durch diese wech- 
selnden und spielenden Antithesen nicht klar gemacht werden. 

So bleibt der Titel: Sohn Gottes, als das Centrum der pau- 
linischen Theologie. Das Wort Sohn Gottes war schon in der 
Urgemeinde gebräuchlich, aber in sehr harmlosem Sinn. Es be- 
zeichnete Jesus als den Liebling Gottes, den besten Vertrauten, 



152 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

der Gottes Wege am besten kennt. Auch in Ps 2 bedeutet ja 
das: „heute habe ich dich gezeugt" dieErwählung, nichts Weiteres. 
Paulus giebt dem Wort Sohn Gottes einen ganz neuen — für 
die Griechen leider nur zu verständlichen — mythischen Sinn. 
Der Sohn Gottes ist ein himmlisches Wesen, von Alters her bei 
Gott gegenwärtig; mehr als ein Mensch, denn er wurde erst 
Mensch. Es ist nicht unmöglich, dass ihn rabbinische Theolo- 
gumena über Mittelwesen dabei unterstützt haben. Wenigstens 
ist es sehr rabbinisch, wenn Paulus aus dem Bibelwort „Gott 
schuf den Menschen nach seinem Bilde" schloss, es müsse also 
ein besonderes Wesen, „Bild Gottes", schon vorher im Himmel 
existiert haben, und dies Bild Gottes sei eben der Sohn. Aber 
entscheidend war das Erlebnis des Paulus, die Christusvision. 
Wie er hier Jesus als himmliches Wesen in Glorie sah, so musste 
er sich ihn von Uranfang denken. Der Glaube an den Gottes- 
sohn vom Himmel her ist Folge und Schluss aus dem Gesicht 
des Gottessohnes im Himmel. Vermöge seiner Vision wurde Pau- 
lus der Schöpfer der neuen Christologie, die ihren Ausgangs- 
punkt über, nicht in der Geschichte nimmt, bei einem mythischen 
Wesen, und eben deshalb sich die Heiden gewann. 

Wie verhält sich nun aber Jesus zu diesem Gottessohn? 
Paulus bildet eine geniale, im höchsten Grad überraschende 
These: Der Gottessohn wurde Mensch wie wir, damit wir Men- 
schen Gottessöhne werden wie er. Es war das Leitmotiv zur 
ganzen grossen Geschichte der Christologie gegeben. 

Mit diesem „Mensch wie wir" hat Paulus es sehr ernst ge- 
meint. Jesus war vom Weibe geboren, trug einen Leib von 
Sündenfleisch, starb am Kreuz und wurde begraben, starb sogar 
aus Schwäche und der Sünde zum Lohn, Wären Doketen zu 
Lebzeiten des Paulus aufgetreten, sie hätten keinen erbitterteren 
Gegner gefunden als ihn. Ist doch der Kreuzestod, das Aerger- 
nis aller Doketen, die Hauptsache für Paulus. Wenn er gelegent- 
lich den missverständlichen Ausdruck homoioma, Bild oder 
Aehnlichkeit, braucht, so sagt er damit nur, dass der Gottessohn, 
der von Haus aus anders als wir ist, nun wie wir wurde. Aber 
auch die spätere Zweinaturenlehre, die Ansicht, dass in Jesus 
Christus ein himmlisches Wesen sich mit einem Menschen ver- 
band, hat bei Paulus keinen Anhalt. Jesus auf Erden war ihm 
Mensch, nicht Mensch und Gottessohn, erst Fleisch, dann Geist, 
nicht beides zusammen. Ein einziger Punkt unterscheidet Jesus 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 153 

von allen anderen Menschen: seine Sündlosigkeit, die ein nötiges 
Postulat für die Opfertheorie bildet. Davon abgesehen trennt ihn 
nichts von uns. So oft auch Jesus als unser Vorbild hingestellt 
wird, nie ist von einer besonderen Geistesausrüstung Jesu, einer 
zweiten Natur die Rede. 

Zweifellos ist diese ganze Betrachtung von oben herab 
Mythus und nicht anders zu nennen. Als Mythus, Geschichte 
eines vom Himmel herabgestiegenen Gottes haben ihn die Griechen 
sogleich aufgefasst. Jüdisch ist allerdings die Form des Mythus 
doch. Gott wird nicht irgendwie ins Menschliche, Sinnliche herab- 
gezogen-, der Gedanke einer Menschwerdung Gottes wäre für 
Paulus eine Lästerung. Nicht Gott, der Sohn Gottes allein steigt 
herab. Aber das geschichtliche Personenleben Jesu existiert 
nicht für diese Theorie. 

Gross ist jedoch, wie Paulus seinem Mythus eine ethische 
Kraft giebt. Das Herabsteigen des Gottessohnes zum Dienen und 
Gehorchen ist das Vorbild unserer Demut und Hingebung. Die 
ganze grosse christologische Ausführung im Philipperbrief hat 
einen praktischen, ethischen Zweck. Aber wie viel einfacher hat 
Jesus seinen Jüngern die Demut eingeprägt durch das Beispiel 
seines Erdenlebens ohne allen mythischen Hintergrund ! Wie über- 
all gelangt Paulus schliesslich zu den Gedanken Jesu, nur freihch 
hier auf einem so gefährlichen Umweg, dass erst der geschicht- 
liche Jesus durch den Mythus vom himmlischen Gottessohn aus- 
gelöscht wird. 

Das Kreuz, die Auferstehung, der Gottessohn vom Himmel 
sind die drei grossen Neuerungen der paulinischen Christo- 
logie. Im Evangelium Jesu fehlen sie so gut wie ganz, und 
doch will Paulus mit ihnen evangelische Gedanken ausdrücken. 
Der Vergleich des Meisters und Jüngers ist besonders lehr- 
reich: /\ 

1. Jesus. Gott ist unser Vater von Alters her und überall, f 
Seine Liebe schüttet er auf uns aus durch die Gabe von Nahrung V 
und Kleidung, durch die reichliche Vergebung, durch die Rettung / 
vor dem Bösen, durch das Geschenk des kommenden Reichs. ( 
Jesu ganzes Reden und Handeln will den Menschen den Glauben / 
an Gottes Vaterliebe noch fester machen. '; 

Paulus. Gott zeigt der ganzen Welt seine vergebende Liebe 
am Kreuz Jesu. Ohne das keine Gewissheit der Versöhnung, 
Nur wer ans Kreuz glaubt, hat den rechten Gott. 



154 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

So redet der kirchliche Apologet nach dem Grundsatz, dass 
ausser der Kirche — sie ist ja die Gemeinschaft der Kreuzes- 
gläubigen — kein Heil ist. 

2. Jesus. Das Gottesreich steht vor der Thür. Es soll das 
Ziel der Sehnsucht und die Kraft zum neuen sittlichen Leben 
sein. Jesus führt seine Jünger zum Wandeln im Licht der 
Ewigkeit. 

Paulus. Die Auferweckung Jesu ist der Beweis, dass die 
künftige Welt anbricht. Schon jetzt ist der Christ mit Jesus 
auferstanden und ins ewige Leben getreten. 

So redet der Apologet, der handgreifliche Beweise für die 
versprochenen Realitäten geben muss und dabei Thatsachen und 
Postulate verwechselt. 

3. Jesus. Durch Wort und Beispiel erlöst er die Menschen 
zu Gotteskindern und hebt sie zur Liebe, Demut etc. empor. 

Paulus. Der Gottessohn kam vom Himmel auf die Erde 
herab, damit wir an seiner Selbsterniedrigung ein Vorbild hätten 
und durch ihn Gotteskinder würden. 

So redet der Apologet, der Jesus selbst nicht kannte, für 
den daher das mythische Bild das leisten muss, was den früheren 
Jüngern der Eindruck Jesu schenkte. 

Unendlich waren die Folgen der grossen Neuerung. In der 
Form eines dramatischen Mythus trat Jesus den Griechen ent- 
gegen. Sie hatten wieder eine Göttergeschichte, und zwar aus 
der jüngsten Gegenwart. Das eroberte die Welt. Das einfache 
Wort von Jesus von Nazaret hätte sich nie so durchsetzen 
können, einfach weil die damalige Welt für den Eindruck des rein 
Persönlichen nicht reif war. Das Grosse, Erlösende in Jesus 
musste sich in das schwere dogmatische Gewand kleiden lassen; 
es lebt und wirkt kräftig darin, auch bei Paulus. Trotz allem 
und allem ist es ein Glück, dass Jesus durch Paulus der Welt 
gepredigt wurde. Mit den Gedanken über ihn kam doch zugleich 
er selbst. 

Die Erlösung der Gläubigen. 

Auf die Predigt vom gekreuzigten und auferstandenen Gottes- 
sohn folgt in der Missionspraxis des Paulus die Sammlung der 
Gläubigen zu Gemeinschaften, die Ordnung, Reinigung des Ge- 
meinschaftslebens, dass es für den Einzelnen Stätte der Erlösung 
werden kann. Hierüber erhebt sich in der Theorie die Lehre von 
der Erlösung der Gläubigen. Erfahrungen des Paulus an sich 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 155 

selbst und ganz besonders in seinen Missionsgemeinden bilden auch 
hier die Grundlage, aber erst ihre apologetische Verarbeitung 
schaift die jetzt vorliegende fertige Theorie. 

Paulus selbst hatte durch die Erscheinung des Auferstan- 
denen eine Bekehrung erlebt. Er spürte an sich einen radikalen 
Bruch, ein Sterben des früheren Daseins, Umkehr aller Werte 
und Stimmungen. Zugleich aber spürte er seit der Berührung 
mit Christus das Kommen und Werden eines Neuen in sich. 
Aus seinem Inneren brachen Kräfte hervor, die er vorher nie 
gekannt hatte. Er selber fing an in Zungen zu reden, Visionen 
zu schauen. Blicke ins Jenseits zu thun. In seinem Inneren regte 
sich ein Gefühl der Gottesnähe, das ihn auf die Kniee warf und 
zum Abbaschreien zwang. Friede und Freude, Sehgkeit, Freiheit 
von aller Angst kehrte in ihm ein. Dazu wurde ihm der Kampf 
gegen alle bösen Mächte leicht und siegreich. Er fühlte sich als 
Riese oder üebermensch. „Ich vermag alles durch den, der mich 
stark macht." Das alles forderte eine Erklärung, und Paulus 
konnte sie nach seiner ganzen Psychologie nur im „Geist" finden, 
der ihm auf wunderbare Weise eingeflösst war. 

Etwas ganz Aehnliches schien ihm die Missionserfahrung zu 
bezeugen. Hier sah er Lasterknechte, den Auswurf der Mensch- 
heit, vom Augenblick seiner Predigt an hingerissen zu religiöser 
Begeisterung und vielfach auch gestärkt zur Ueberwindung 
der Sünde. Er hat Wunder erlebt an seinen Zuhörern , Kraft- 
wirkungen, wie Heilungen, Zungenreden, Weissagungen, aber 
auch Wunder der Erneuerung. Das alles konnte, zumal wegen 
des Ekstatischen, das hier mitsiDielte, seine Wurzel nirgends haben, 
als im Geist. Aber hier war dann der Wert der Gemeinschaften 
viel augenscheinlicher als bei Paulus selbst, der ohne kirch- 
liche Vermittlung Christ geworden war. Nur in den Gemein- 
schaften, nicht ausser ihnen gab es bleibende Bekehrte. Wie 
Gestirne in der Welt leuchteten diese Gemeinschaften längs den 
Ufern des Mittelmeers. Sichtbar und greifbar schien hier ein 
Anbruch des Jenseits gegeben. 

Beides, die persönliche Erfahrung wie die Erlebnisse des 
Missionslebens, muss man sich gegenwärtig halten zum Ver- 
ständnis der Erlösungslehre. Dazu kommt aber sofort der 
apologetische Trieb, der zu einer Verallgemeinerung, Ergänzung 
der Erfahrungen drängt. Zum ersten Mal verschafft sich jetzt 
das kirchliche Interesse klaren Ausdruck in einer Theorie vom 



156 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Wert der kirchlichen Gemeinschaft. Mit Worten freilich ist noch 
wenig von der Ekklesia die Rede, um so mehr aber vom Glauben, 
vom Geist, von der Taufe, die zusammen die Kirche konstituieren. 
Aber zugleich kann der entschlossenste Apologet sich über die 
Unvollkommenheit der Gemeinschaften und der Erlösung in ihnen 
keiner Täuschung hingeben. Dieser ganze Anbruch des Jenseits 
giebt sich zu deutlich als Stückwerk zu verstehen. Daher schliesst 
sich an die Theorie der Erlebnisse die Theorie der Zukunfts- 
postulate, an die kirchliche Heilslehre die Eschatologie. 

Theorie der Erlebnisse. 
Paulus kennt als Ursache des neuen Lebens der Christen 
eine bestimmte, einheitliche Kraft: das ist der Geist Gottes oder 
Christi. Diese Kraft wirkt nicht frei, sondern an Medien gebun- 
den. Das innere Medium ist der Glaube; äussere Medien bilden 
das Wort, die Kirche, die Sakramente. Indem nun der Geist 
durch diese Medien auf die Menschen einwirkt, bewirkt er doch 
selten eine gänzliche Umwandlung des inneren und äusseren 
Menschen, da seine Kraft auf Schranken stösst. Solche Schranken 
sind das Fleisch, die übrig gebliebene Sünde, das Leiden, der 
Tod. Diese Schranken soll der Christ zu überwinden trachten. 
Er thut dies wirklich teils durch sittliche Arbeit und durch 
Glauben, teils durch den Ausblick auf die kommende Vollendung. 
Hier mündet dann die Theorie der Erlebnisse von selbst in die 
Theorie der Zukunftspostulate aus. Damit ist die Disposition 
des Abschnitts gegeben. 

Die Kraft. 

Die Kraft der Erlösung ist der Geist. Obschon Paulus 
gelegentlich vom Geist wie von einem Stoff redet — z. B, Aus- 
giessung des Geistes — betrachtet er ihn gewöhnlich durchaus 
als Kraft. Als solche fällt er unter das strenge Schema von Ur- 
sache nnd Wirkung; nur dass er eine Kausahtät höherer Ord- 
nung ist. Wie alle Kräfte, kann er nur nach seinen Wirkungen 
beschrieben werden. 

Die Wirkungen des Geistes sind überaus mannigfaltig und 
bewegen sich vom Ausserordentlichen bis zum Normalen, vom 
Wunder bis zur Tugend hin. 

Voran stehen die physischen Wirkungen, die „Kräfte" im 
allgemeinen Sinn. Nach der volkstümlichen Vorstellung giebt es 
nicht einen Geist, sondern so viel Geister als Krafterscheinungen. 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 157 

Ein Geist bewirkt das Zungenreden, ein anderer dessen Deutung, 
ein anderer die Weissagung, ein anderer Heilungen. Paulus 
selbst schreibt von Geistern an drei Stellen desl. Korintherbriefs; 
die Korinther nennt er dort Eiferer nach Geistern, da jeder mög- 
lichst viele oder möglichst starke Geister für sich erobern will. 
Wir Heutigen würden diese Dinge die elementaren Wirkungen 
des religiösen Triebes auf dem psychischen und physischen Gebiet 
nennen. Paulus selbst war Meister in der Glossolalie, mehr als 
alle Korinther; kein Wunder, wenn von ihm aus enthusiastische 
Bewegungen sich entzündeten. Solche Erlebnisse stecken an; es 
fehlte nicht viel, so glich die ganze Gemeinde der Korinther einer 
Gesellschaft Verrückter. Aber er hat nun zur Dämpfung dieser 
Flammen gesetzgeberisch eingewirkt. Einmal bringt er alle diese 
verschiedenen Geister unter eine Rubrik, den einen Geist Gottes, 
der sich nur verschieden manifestiert. Diese Systematisierung 
hatte zum Zweck, der Eifersucht und dem j^^eid ein Ende zu 
machen. Der eine gleiche Geist giebt einem jeden, so wie er will. 
Sodann tritt er dem wildesten, unverständlichsten Ausbruch der 
Begeisterung, dem Zungenreden, scharf entgegen, vergleicht es mit 
der Prophetie und stellt diese höher, weil in ihr der Verstand mitbe- 
teiligt sei und deshalb die Gesamtgemeinde Nutzen davon habe. 
Das war eine Umkehr der Rangordnung der Gemeinde. Der 
Ueberschätzung der egoistischen Mystik war damit gewehrt. 
Endlich aber stellt er selbst die Prophetie tief unter die Liebe, 
den „grössten Weg", das allein Ewige; Ausübung der einfachen 
Christenpflicht gilt ihm mehr als ausserordentlicher Seherblick. 
Immerhin lässt er alle jene Geisteswirkungen gelten als etwas 
Göttliches. In Thessalonich hat er sogar die Prophetie beschützt 
gegen Spötter und Zweifler. Was er will, ist nur dies, dass die 
Christen aus der Begeisterung, den Extradingen, den Weg zum 
nüchternen Alltagsleben zu finden lernen. Dem dient am schön- 
sten die Einordnung von I Kor 13 mitten unter die Erörterung 
der Geistesdinge. 

Zur Dämpfung der geistlichen Exaltation stellt Paulus an 
die Spitze der Geistesgaben das reine Gegenteil des Zungen- 
redens, das Wort der Weisheit und das Wort der Erkenntnis. 
Da von lauter aussergewöhnHchen Dingen die Rede ist, so muss 
zunächst ein Sprechen von Gott und Göttlichem gemeint sein, 
das plötzlich überraschend, wie eine Oifenbarung auftritt und 
die Hörer in Staunen setzt. An den weisen Blitzgedanken spürt 



158 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

man den Geist. Aber dabei bleibt Paulus nicht stehen : Die ganze 
christliche Erkenntnis, der Gedankenbesitz, den die Christen vor 
Juden und Heiden voraus haben, stammt aus dem Geist. Jeder 
christliche Lehrer darf auftreten mit dem Anspruch, Geisteswort 
zu bringen. Und jeder Laie, der Jesus den Herrn nennt, spricht 
aus dem Geist heraus. Die Darstellung der paulinischen Gnosis 
wird bei diesem Punkt einzusetzen haben. Zweierlei ist beson- 
ders wichtig an dieser Herleitung des Wissens aus dem Geist. 
Einmal ist hier der Weg vom Wunder zum Eegelmässigen her- 
über gemacht; Wirkung des Geistes ist nicht bloss das Hervor- 
sprudeln der Offenbarung, sondern der feste geistige Besitz, den 
jeder Christ haben soll. Sodann ist aber zugleich das christliche 
Wissen allem ausserchristlichen doch wieder als etwas Höheres, 
Wunderbares gegenübergestellt. Die spätere grosse Scheidung 
des natürlichen Erkennens und des kirchlichen Glaubens setzt 
hier an. Der gleiche Mann, der das Wunder im volkstümlichen 
Sinn zurückdrängt, proklamiert dafür den Wundercharakter der 
neuen Theologie. 

Am allermeisten in die Tiefe dringt Paulus, wenn er das 
Gebetsleben mit dem Geist in Zusammenhang bringt. Das Ge- 
bet, wie er es in Rom 8 beschreibt, steht noch ganz an der Grenze 
des Zungenredens. Der Verstand steht still: „wir wissen nicht, 
was wir beten sollen nach Gebühr"; dafür wirkt der Geist: er 
steht für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Gott aber, der 
die Herzen erforscht, weiss, was der Geist will. Es ist kein ge- 
wöhnliches Gebet, auch kein Unservater, das Paulus hier im 
Sinn hat. Er denkt an Augenblicke tiefster Ergriffenheit, wie sie 
ihn und andere überfielen, zu Boden warfen, in stumme oder 
seufzende Seligkeit versetzten. Das sind die AugenbHcke, wo die 
unmittelbare Berührung des Seelengrundes mit dem göttlichen 
Urgrund erlebt wird. Was er hier Geist nennt, das ist das all 
unserer Wissenschaft unzugängliche, jenseits des Bewusstseins 
wirkende Geheimnis unserer Person. Aber auf diese seltenen 
Höhepunkte unseres Lebens schränkt Paulus die Geisteswirkung 
doch nicht ein. Jedes Gebet eines Christen, das mit dem Vater- 
namen anhebt, geht aus dem Geist hervor. Bei jedem rechten 
Gebet berührt sich die Seele mit Gott. Da giebt der Geist Gottes 
unserem Geiste Zeugnis, dass wir Gottes Kinder sind. Da ist 
die Liebe Gottes ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen 
Geist, Da werden wir „getrieben", d. h. wir spüren, dass eine 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 159 

höhere Macht über uns kommt. Da regt sich die Freude, das 
sicherste Zeichen der Nähe Gottes. Enthusiastisch khngen all 
diese Sätze; sie verraten ihre Herkunft aus einer grossen stür- 
mischen Zeit, Aber etwas von diesem Enthusiasmus soll jeder 
Christ nach Paulus mitnehmen in das Alltagsleben hinein. Ohne 
die aus dem Geist stammende Gewissheit, Gottes Kind zu sein, 
ist es gar nicht möglich, den schweren Weg durch diese Welt 
zu gehen. 

Aber nun kommt erst die grosse Eroberung des ganzen 
Lebens für den Geist, die Herleitung des sittlichen Handelns und 
der sittlichen Tugenden aus ihm. Wieder ist das Ausserordent- 
liche der Ausgangspunkt. Charisma, Gnadengabe ist eigentlich 
der ganz besondere Vorzug ausgezeichneter Personen. Wie nur 
einzelne weissagen oder lehren können, so verstehen nur einzelne 
den schweren Beruf des Dienens, der Vorsteherschaft, der Ar- 
menpflege, weil sie in besonderer Weise vom Geist dazu befähigt 
sind. Ein bestimmter Christ kann fröhlich sein oder geduldig 
oder keusch in besonders schwierigen Verhältnissen, wo vielleicht 
jeder andere die Waffen streckte; das muss daher kommen, weil 
der Geist — ursprünglich sind es wieder die verschiedenen 
Geister der Freude, Geduld etc. — ihm die Fähigkeit und Aus- 
dauer verleiht. Immer sind zunächst heroische, ausserordentliche 
Stimmungen und Affekte die sicheren Kennzeichen der Gegen- 
wart des Geistes. Aber von diesem noch engumschriebenen Aus- 
gangspunkt zieht Paulus weitere und weitere Kreise allmählich 
über das ganze Leben hin. I Kor 13 Rm 12 und Gal 5 sind 
dafür Dokumente. Ursprünglich hat man nur heroische Aeus- 
serungen der Liebe als Wirkungen des Geistes aufgefasst. 
Paulus führt die Korinther dazu, die Liebe als die Lebensmacht 
anzusehen, die alles Gewöhnliche und Alltägliche beherrschen 
und umgestalten will. Ursprünglich hat man nur bei Extraper- 
sonen von Charismen geredet; Paulus leitet die Römer dazu an, 
alle christlichen Gefühle und Handlungen, seien sie gross oder 
klein, als Gnadenwirkungen aufzufassen. Nicht einzelne Gefühis- 
erregungen, der ganze Wandel soll im Geist geschehen. So radi- 
kal und vollständig ist die Veränderung, dass das Wort „im 
Geist" oder „durch den Geist", das ursprünglich den ekstatischen 
Zustand bezeichnete, durch Paulus ein Wort für „christliches 
Leben" wird. Hierbei ist natürlich der Geist nicht mehr als 
Xraft gedacht, die kommt und geht, sondern als fester dauernder 



160 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Besitz der Christen. Und doch — wie wird man plötzHch wieder 
an die volkstümhchen Vorstufen des Begriffs erinnert! Die Cha- 
rismen bei Paulus sind einfach ein theologisches Wort für die 
Geister der früheren Zeit; nur sind aus fremden Wesen jetzt der 
Seele immanente Begabungen , Talente geworden. Festgehalten 
ist auch vom früheren Glauben die streng kausale Betrach- 
tung des Geistes, die den Determinismus im Gefolge hat. Für 
Freiheit ist kein Raum, wo der Geist wirkt. Praktisch Hess 
Paulus das nie gelten, obschon die ganze Theorie keinen Aus- 
weg Hess. 

Wer wird aber verkennen, dass diese ganze Theorie von den 
Geisteswirkungen, die anhebt mit den Wunderkräften, und von 
da aus die Erkenntnis, das Gebetsleben, das sittliche Handeln 
aus der gleichen Kraftquelle herleitet, nichts anderes ist als die 
Schilderung des christlichen Ideals, von einem begeisterten Apo- 
logeten entworfen. Die Wirklichkeit, der Zustand der Gemeinden, 
entsprach ihr da und dort, widersprach ihr in hundert Fällen. 
Aus vereinzelten grossen Erlebnissen ist hier eine Theorie des 
Christenstandes, wie er allgemein sein soll, gemacht. So hat 
Paulus zu Heiden geredet, um ihnen das Christentum anzu- 
preisen, zu Christen, um ihnen durch die Schilderung den Be- 
fehl zur Erreichung des Ideals zu geben. Dieser apologetische 
Charakter der Lehre vom Geist wird durch alles Folgende noch 
deutlicher. 

Geist Gottes oder Geist Christi nennt Paulus den Geist 
und meint damit dasselbe. Selbstverständlich ist diese Gleich- 
setzung keineswegs; sie ist eine That des Apostels, ihr Sinn: 
Unterordnung der Mystik unter den Einfluss des geschichtlichen 
Jesus. 

Zweifellos ist das Wort „Geist Gottes" ein sehr unklarer 
Ausdruck; sein Sinn hängt ganz ab von der Gottesvorstellung 
dessen, der das Wort braucht. Wer unter Gott sich den unper- 
sönlichen Weltgrund oder die Negation der Welt vorsteht, wird 
als Geist Gottes die geheimnisvollen Naturkräfte betrachten, die 
diesem Weltgrund entsteigen. Alle Mystik ist aus dieser Auf- 
fassung Gottes und seines Geistes hervorgegangen. Dagegen ist 
das Wort „Geist Christi" ein klarer Ausdruck, der seinen Inhalt 
vom geschichtlichen Jesus bekommt. AVo er recht erfasst wird, 
da muss er die Verflüchtigung der Beligion in Mystik ganz un- 
möglich machen. 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. Ißl 

Als Paulus seine Gemeinden gründete, erlebte er es überall, 
dass sie Stätten einer wilden Begeisterung wurden, die ganz ge- 
wiss mit dem Glauben an Jesus zusammenhing, aber doch eigent- 
lich mit Jesus selbst nichts zu thun hatte. Der Bruch mit dem 
früheren heidnischen Leben, die Zuwendung zum kommenden 
Jenseits, die Abkehr von der Welt, das Gefühl, gerettet und ge- 
borgen zu sein, all das zusammen trieb viele Christen in einen 
religiösen Taumel und Schwindel hinein. Das religiöse Triebleben 
war zur ausschliesslichen Herrschaft erwacht und gefährdete die 
sittliche Arbeit in den natürlichen Lebensgebieten. Müssiggang, 
asketische Kraftproben, egoistische Schwärmerei, Eifern nach 
Geistern stellten sich ein. Paulus schnitt ab, was ungesund und 
gefährlich war. Aber es blieb noch genug von geduldetem Enthu- 
siasmus, der aus der Entfesselung des religiösen Triebes, nicht 
aus Jesu Einfluss hervorging. Es ist höchst bezeichnend, dass 
Paulus bei der Besprechung dieser Geisteswirkungen, wie Zungen- 
reden, Heilen etc., nie vom Geist Christi spricht, wie, dass er ^ 
umgekehrt, wo er das Wort „Geist Christi" braucht, nie solche 
Kraftäusserungen im Auge hat. Ohne das Göttliche an ihnen zu 
bestreiten, giebt er indirekt zu verstehen, dass diese Erschei- 
nungen nichts spezifisch Christliches sind. In der That gehören 
sie fast mehr der allgemeinen Religionsgeschichte als der Ge- 
schichte der Religion Jesu an. 

Mit aller Kraft dringt dagegen Paulus auf die Verchrist- 
lichung des Geistes. Er thut das einmal durch die Prägung des 
Ausdrucks: Geist Christi, Geist des Gottessohnes, sodann noch 
mehr, indem er Christus und den Geist bezüglich ihrer Wirkungen 
auf die Christen in Parallele , ja in Identität stellt. Das Letzte 
geschieht in einer dreifachen Reihe von Aussagen: Christus lebt 
in den Gläubigen; die Gläubigen leben in Christus; die Gläu- 
bigen sind mit Christus gestorben und auferweckt. Hier — bei 
der zweiten Form — drückt sich Paulus schon grammatikalisch 
so aus, dass er „in Christo" sagt, wie man sonst „im Geist" sagte. 
Dadurch ist nun die ganze Erlösungslehre scheinbar verdoppelt. 
Wir erhalten eine Theorie vom Geist und eine Theorie von 
Christus, die doch auf ganz dasselbe, die Erneuerung des Lebens 
hinzielen. Also muss der Geist und Christus dasselbe sein, wie 
das ja auch der Vermittlungsausdruck Geist Christi besagt. Was 
ist nun der Sinn dieser Identität? Keineswegs eine Verflüchti- 
gung Christi ins Unpersönliche, Abstrakte; daran denkt der 

Wernle, Anfänge. jj 



162 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 



Mann, der Christus gesehen hat, zu allerletzt. Sondern im Gegen- 
teil die Verchristlichung des Geistes, der zufolge dieser aus einer 
unpersönlichen Naturkraft in den geschichtlichen Einfluss der 
Person Jesu umgesetzt wird. Das ist die grosse Neuerung des 
Paulus, die Feststellung des Zusammenhangs zwischen dem Er- 
löser und der Erlösung der Gläubigen. Für die früheren Christen 
waren das getrennte Dinge: Dort das Bild Jesu, wie es in die 
Evangelien überging — hier wunderbare Erlebnisse, Zungenreden 
etc. als Wirkung des Geistes. Zwischen beiden besteht keine 
Verbindung; sie kann nicht bestehen, solang der Geist nur die 
Abnormitäten wirkt. Paulus lehrt die Christen , den Geist vor 
allem in der Erneuerung ihres Lebens zu erkennen, diese ist aber 
die Wirkung der Predigt von Jesus; sofort decken sich Christus 
und der Geist. Schärfer ausgedrückt: Paulus will neben dem 
Einfluss Jesu keine Macht im Leben der Christen anerkennen. 
Die Konsequenz seiner Arbeit wäre die Streichung des Geist- 
begriffes gewesen zu Gunsten derPerson Jesu. Das wäre ein Glück 
für die Folgezeit gewesen, denn unter dem Titel „Geist Gottes" 
hat sich alles, was zu Jesus nicht passt, eingeschlichen in die neue 
Religion. Was den Paulus an dieser Konsequenz hinderte, war 
im Grund bloss seine eigene antike Denkweise, die in den Wun- 
dern und Kräften etwas unmittelbar Göttliches erkennen musste. 
Diese Unterordnung des Geistes unter Christus hat aber 
Paulus als Apologet vollzogen. Vom Geist Gottes sprachen die 
Juden und hätten auch die Griechen reden können. Den Geist 
Christi haben selbstverständlich die Christen allein. Wozu wäre 
Christus in die Welt gekommen, wenn es nachher einen zweiten 
Heilsweg gäbe ohne ihn? Ein einziges Mal nennt Paulus die 
Sendung des Geistes etwas Selbständiges neben der Sendung 
des Sohnes, in Gal 4, aber nein : es ist der Geist des Gottes- 
sohnes selbst. Die Erlösung der Gläubigen muss und darf 
nur durch die Kraft des Erlösers geschehen. Ohne diesen Zu- 
sammenhang der Begriffe bräche die ganze Apologetik des Paulus 
zusammen. Allerdings bedrückt diese Lehre des Paulus eine ganz 
besondere Schwierigkeit. Wir Heutigen können vom Geist Jesu 
reden, da wir Jesus kennen aus den Evangelien. Paulus kennt 
ihn ja nicht, er hat nur den himniHschen Jesus, und diesen nur 
flüchtig gesehen. War da irgend welche Garantie vorhanden, dass 
er den Geist Jesu verstand? Gerade hier scheint ja die Kon- 
tinuität mit dem geschichtlichen Jesus unterbrochen. Allein die 



3. Die pauliaische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 163 

Thatsachen beweisen hier, dass Paulus Jesus trotz allem ver- 
stand, besser verstand als alle seine Vorgänger. Er hat den 
Griechen kein blosses Gedankending, sondern den wirklichen 
Jesus gebracht mit seiner Verheissung und Forderung und Er- 
lösung. Wenn Paulus schreibt: Wer Christi Geist nicht hat, der 
ist nicht sein; wer in Christo Jesu ist, der ist eine neue Kreatur, 
so geht er aus von einem echten und grossen Eindruck der Person 
Jesu, Und ob er auch als Apologet zur Aufstellung seiner Sätze 
gekommen ist, in diesem Stück hat er Recht: Alles, was in der 
Folgezeit von echtem christlichen Leben entstand, stammt schliess- 
lich von der Person Jesu von Nazaret, oder wie Paulus schreibt: 
vom Geist Christi . 

Die Medien. 

Der GeistChristi kommt nicht, wo und wann er will. Er ist 
an bestimmte äussere und innere Medien gebunden. Das Wich- 
tigste ist das innere Medium, der Glaube. Paulus ist ohne jede 
kirchliche Vermittlung, aber nicht ohne Glauben Christ geworden. 
Er musste dem Gesicht Christi das entgegenbringen, was die 
anderen der Predigt von Jesus. Die Parallele mit den Wundern 
Jesu fällt hier auf. Wie Jesus durch den Unglauben verhindert 
wurde, Wunder zu thun, so kann der Geist mit all seinenKräften 
bei keinem Ungläubigen einziehen. Und beidemal ist der Glaube 
nicht die hervorbringende Ursache, sondern die Bedingung allein. 

Was ist der Glaube in diesem Zusammenhang? Nicht zu- 
nächst, was er später wurde: ein Fürwahrhalten einer Anzahl 
formulierter Sätze, sowenig als dies der Glaube war, den Jesus 
forderte. Man kann ihn am besten als reine Empfänglichkeit und 
Aufgeschlossenheit für die Erlösung definieren. Wenn Paulus 
einsetzt mit seiner Predigt vom Gericht und Verderben und von 
Kreuz und Auferstehung als den grossen Rettungsthaten Gottes, 
so kommt es nur darauf an , ob der Zuhörer darin etwas Gött- 
liches, etwas, das auf seine Rettung hinzielt, spürt oder nicht. 
Er braucht den Zusammenhang der Sätze nicht zu verstehen — 
sobald ihm das aufgeht: Dieser Jesus geht mich etwas an zu 
meiner Rettung, ist der Glaube erwacht. Das Spüren und 
Wittern einer Gotteskraft zur Rettung in dem gewaltigen Drama 
Jesu, das und nichts anderes ist der Glaube. Sofort zieht dann 
der Friede mit Gott, die Liebe Gottes, die Gewissheit der Ver- 
söhnung im Herzen ein. Das hat Paulus selbst erlebt und bei 
anderen Unzähligen wahrgenommen. 

11* 



164 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Ist dieser Glaube eine freie That des Menschen oder Gottes 
Werk an ihm? Die Antwort, wie Paulus sie geben würde, ist 
schwer zu ermitteln. Eigentlich lässt der Zusammenhang seiner 
Erlösungslehre für eine freie That des Menschen wenig Raum: 
nichts Gutes wohnt im Menschen — aber doch die Sehnsucht 
nach Erlösung. Die Gnadenlehre, wie die Prädestinationslehre 
scheinen irgend ein Mitwirken des Menschen bei der Rettung 
auszuschliessen. Wenn Gott bestimmt, wer zu den Geretteten, 
wer zu den Verlorenen gehört, dann muss der Glaube als Be- 
dingung in Gottes Bestimmung eingerechnet werden. 

Aus einem anderen Grund kann der Determinismus bei Pau- 
lus nicht das letzte Wort haben. Paulus ist Missionar und Apo- 
loget. Als solcher muss er mit der Freiheit seiner Hörer rechnen. 
Er gäbe seinen Missionseifer, das Feuer seiner Beredsamkeit, die 
Glut seiner Liebe auf, wenn er nicht hoffte, dadurch bei der Frei- 
heit der Menschen etwas zu erreichen. Wie ein Methodisten- 
prediger muss er gelegentlich ausgerufen haben: Jetzt ist die 
angenehme Zeit, jetzt ist der Tag der Rettung. Lasst euch ver- 
söhnen mit Gott! Nehmt Gottes Gnade nicht vergeblich an! 
Wer so seine Zuhörer bearbeitet, glaubt nicht, dass die Uhr eines 
jeden längst abgelaufen sei. In der That hat Paulus es im Römer- 
brief den Juden als Schuld angerechnet, dass sie in ihrem falschen 
Gerechtigkeitseifer sich dem Glauben verschlossen. Es ist ja zu- 
nächst auch so noch kein Werk verlangt, sondern etwas rein 
Passives, die Empfänglichkeit, das Sich-schenken-lassen. Frei- 
lich entfernt sich Paulus weit von diesem Ausgangspunkt, wenn 
er vom formulierten Glauben, dass Jesus der Herr ist und dass 
Gott ihn auferweckt habe, oder vom Glauben an seinen Tod die 
Rettung abhängig sein lässt. Bewusst oder unbewusst hat sich 
dem Apologeten hier auf einmal der Kirchenglaube an Stelle 
jener reinen Empfänglichkeit gedrängt. Der ist dann freilich eine 
Leistung des Menschen. Für den Zusammenhang der Apologetik 
ist sogar diese Fassung des Glaubens die einzig praktische. Die 
kirchliche Verkündigung erfordert den kirchlichen Glauben. Der 
Weg zur Rettung geht durch die Kirche hindurch. Seitdem ist 
tausendmal unter dem grossen Wort „Glaube" der Eintritt in 
die Kirche den Draussenstehenden angepriesen worden. 

Unter den äusseren Medien , durch die der Geist auf die 
Herantretenden einwirkt, ist das allerunentbehrlichste das Wort 
Gottes. Der Glaube entsteht, wo das Wort Gottes auftritt und 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 165 

ihn aufweckt. Für Paulus selbst freilich traf das gerade nicht zu; 
aber wer wird sonst durch ein Gesicht vom Himmel berufen? 
Paulus hat eine grenzenlos hohe Ansicht von der Bedeutung und 
Kraft des AVortes oder Evangeliums. In ihm wird Gottes Kraft 
zur Rettung an die Menschen gebracht. Darum ist es Gottes, 
nicht der Menschen Wort. Er stimmt hier übrigens ganz mit 
Jesus überein, der in seinen Gleichnissen die Macht des Wortes 
feiert. Es sind immer die grossen Zeiten einer Religion, da das 
freie Wort obenansteht hoch über allen Liturgien, Sakramenten 
etc. Denn im klaren Wort allein kommt das Geistige, Helle einer 
Religion zum Ausdruck, und hinter dem Wort steht die Person, 
der Apostel. Paulus hat eben aus Hochschätzung des Wortes 
sich und die Apostel selbst als Medien der Erlösung betrachtet. 
Das Versöhnungs wort Gottes gewinnt seinen Abschluss erst durch 
die Apostel, die das Wort von der Versöhnung hinaustragen in 
die Welt. Nur wo Apostel und Wort Gottes stehen, kann der 
Glaube erwachen, der Geist einziehen. 

Darauf folgt dann als eigentliches Centralmedium die Kirche 
Gottes, d.h. der gesamte christliche Organismus. Dass der Geist 
an die Kirche gebunden ist, sagt ja schon die Forderung des 
Glaubens, d. h. des Eintritts in die Kirche. Es ist weiter indirekt 
dadurch bewiesen, dass der Geist nirgends ausser der Christen- 
heit eine Stätte hat. Aber Paulus hat auch das eigene Bild für 
diese Theorie sich angeeignet: Die Kirche ist der Leib Christi, 
also Christus der Geist der Kirche. Dadurch bindet er Christus 
und die Kirche so fest aneinander, wie nur das katholische Sy- 
stem. Denn noch ist für die Scheidung sichtbarer und unsicht- 
barer Kirche gar kein Bedürfnis vorhanden. Dies Bedürfnis 
trat erst ein, als sich herausstellte, dass die traurigen Erfahrungen, 
die schon Paulus machte, nicht provisorisch, sondern zum Wesen 
der empirischen Kirche gehörig sind. Daran glaubte Paulus noch 
nicht. Er sah auf das Gute, das Leuchtende seiner Gemein- 
schaften und hoffte, dass das Dunkle, so oft es auch auftrete, 
immer wieder entschlossenen Widerstand finde und verschwinden 
müsse. Die thatsächliche Hochschätzung seiner Gemeinschaften 
trifft hier zusammen mit seinem apologetischen Postulat, dass in 
der Kirche, nur hier, der Geist auf die Christen wirken könne. 
Auf dem ersten, dem Thatsächlichen, beruht die Kraft und Wahr- 
heit dieser Apologetik. Später, als Kirche und Gemeinschaft 
auseinandertraten, da erschien es wie ein Hohn, dass die Kirche 



166 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

den Geist Jesu vermittle; war sie doch der Wohnsitz alles dessen 
geworden, was sich im Gegensatz gegen den wirklichen Jesus ge- 
bildet hat. Wie ganz anders die Lage, die Paulus teils vorfand, 
teils schuf! In den Gemeinschaften war ein Wetteifer der Liebe 
und Opferwilligkeit, mutige Abkehr von der Welt, feste sittliche 
Zucht und Arbeit aller an allen, glühende Zukunftshoffnung, 
Begeisterung, für Jesus zu leiden. Da war es wohl trotz manchem 
AViderwärtigen eine Lust, Apologet der Kirche zu sein. Da war 
ein grosses Stück Wahrheit an dem Satz: Die Kirche ist Mitt- 
lerin des Geistes Christi. 

Mit den Bildern, welche das Verhältnis der Kirche zu Chri- 
stus ausdrücken sollten, ging Paulus sehr frei um. Bald ist 
es Leib und Geist, bald Leib und Haupt, bald Frau und Mann. 
Gelegentlich führt er die Bilder ins Einzelne aus ohne viel Ge- 
schmack nach den Mustern damaliger Allegorese. Aber gerade 
der Wechsel der Bilder zeigt am besten die feste Zusammen- 
gehörigkeit des Verglichenen. Christus und die Kirche bilden 
eine Einheit für Paulus, die unlösbar ist. So neu nun dies Ver- 
hältnis ist, alt und jüdisch ist doch die Hochschätzung der Kirche 
überhaupt. Paulus hat die jüdische Kirche für die Christen zer- 
stört, dem Rechtsstaat die Glaubensgemeinschaft entgegengesetzt; 
das sind grosse Neuerungen. Aber geblieben ist der Kirchen- 
begriff selbst, bis zu einem gewissen Grad sogar die Anschauung 
von der Religion als Verfassung. Den Satz: „ausser der Kirche 
kein Heil" vertrat bis dahin nur die jüdische Theologie. Durch 
Paulus bürgert er sich fest ein in den christlichen Gemeinden. Hier 
arbeitet der freie Mann dem späteren Katholizismus in die Hand. 

Dasselbe gilt von den letzten Medien der Erlösung, Taufe 
und Abendmahl. Bis dahin waren sie als Gemeinschaftszeichen 
hochgeschätzt, die Taufe auch als Bedingung der Rettung. Aber 
erst Paulus schafft den Sakramentsbegrift". Beliebige äussere 
Handlungen, hier das Baden, das Essen und Trinken, werden zu 
Sakramenten, sobald sie als Medien der Erlösung gewertet wer- 
den. Sie werden dadurch zu etwas anderem gestempelt, als sie 
eigentlich sind; das Geheimnis, das Wunder bemächtigt sich 
ihrer, sie werden Organe göttlicher Kraft. Das hat Paulus bei 
Taufe und Abendmahl durchgeführt. Ihm persönlich war die 
Taufe gar nicht so wichtig gewesen; für den, der die Erscheinung 
Christi hatte, brachte sie nichts Neues hinzu. Auch als Missio- 
nar hat er das Taufen nicht für seinen Beruf gehalten; Gott hat 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 167 

ihn nicht deshalb gesandt. Selbst die grosse Idee des Sterbens 
und Auferstehens mit Christus lehrt Paulus im Galaterbrief, ohne 
die Taufe dabei zu erwähnen. Erst im Römerbrief dient sie zur 
VeranschauHchung dieser Idee. Aber hier redet er dann ganz in 
sakramentalen Worten von der Taufe, und Aehnliches findet sich 
in anderen Briefen. Er will, dass die Taufe als ein Wunder und 
Geheimnis betrachtet werde. Der Getaufte soll glauben , anders 
aus dem Wasser herauszutreten, als er beim Hineintreten war. 
Aehnhch hat er vom Abendmahl gelehrt, als sei es eine Mahl- 
zeit, bei der man kein gewöhnliches Brot esse und gewöhnlichen 
Wein trinke, sondern teilnehme an Blut und Leib Christi. Es 
sei eine geistliche Speise und ein geistlicher Trank, d. h. Vermitt- 
lung von Erlösungskräften. Schwer zu verstehen ist es, wie Pau- 
lus, der sonst stets die Erlösung auf den Geist Christi zurück- 
führt, hier auf einmal Leib und Blut, d. h. doch dem Vergäng- 
lichen an Jesus, Wert beilegt. Er fand eben hier ein Institut 
schon vor, das sich in seine pneumatische Erlösungslehre nur 
sehr schwer einreihen liess. Aber er hat es doch eingereiht 
und dadurch zum Sakrament erhoben. Dem Erzieher der Hei- 
den schien es wertvoll, seinen Gläubigen an einzelnen kultischen 
Handlungen ihre Erlösung klar zu machen. Er hat sie freihch 
in Wahrheit dadurch nur verwirrt, d. h. aus dem geistigen Ge- 
biet ins naturhaft magische herabgezogen. Seltsam berührt es' 
uns heute, dass der Held des Wortes zugleich der Schöpfer des 
Sakramentes geworden ist. Er selbst — das weiss jeder, der 
ihn kennt — bedurfte keines kultischen Zaubers, da ihm der 
Geist im Inneren Gottes Liebe bezeugte und ihm Jesus der 
Bringer der Freiheit von den Zeremonien war. Aber durch die 
Aufnahme der Sakramente in seine Erlösungslehre ist er an der 
Entstehung des Katholizismus mitbeteiligt, der ihn heilig sprach 
und tot machte. 

Die Schranken der Erlösung und ihre Ueberwindung. 
Die Erlösung, wie Paulus sie fasst, ist im wesentlichen gött- 
liche Kraftmitteilung. Die Menschen selbst können sich nicht 
helfen, sie sind ohnmächtig, krank, gefangen. Da kommt die 
Kraft, die aus dem Jenseits stammt, der Geist, ihnen zu Hilfe. 
Er übernimmt die Führung in uns als wirkende Ursache. Wir 
selbst sind passiv dabei, getrieben vom Geist. Das Ziel der Er- 
lösung ist, dass die Jenseitskraft alles beherrscht und durch- 



168 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

dringt, dass alles Fleischliche, Sündige durch sie völlig absor- 
biert werde. Dann wird das Jenseits, die neue gute Welt, bei 
uns angebrochen sein. 

Aber kommen wir hier zu einer völligen Erlösung, da alles 
Alte verging und Neues wurde? Nein, sondern die Erlösung 
durch den Geist stösst auf Schranken, vor denen sie Halt machen 
muss. Der Tod ist noch da und meldet sich zum voraus durch 
die Leiden, die uns immer an unsere Vergänglichkeit mahnen 
und herabziehen von der Höhe der Begeisterung. Das Fleisch 
ist keineswegs gestorben oder absorbiert, der Christ spürt seine 
begehrlichen Regungen nur zu viel. Und die Sünde? Bei seinen 
bekehrten Christen traf er sie auf Schritt und Tritt; in Korinth 
allein Blutschande, Hurerei, Prozesse über Mein und Dein, Streit 
und Parteiung. Und war sie nur für ihn selbst wirklich ver- 
schwunden? „Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon 
vollkommen bin." Der Apostel hatte von Natur ein heftiges, 
reizbares Temperament, Versuchungen von aussen und innen, 
und dabei ein feines geübtes Gewissen, dass alles spürt. Es ist 
undenkbar, dass er sich für sündlos hielt. 

Paulus war kein Schwärmer, der die Augen zumachte gegen 
das Unangenehme der Wirklichkeit. Immer hat er die Sünde, 
wo er sie fand, beim Namen genannt. Das Vertuschen und Ver- 
schleiern war nie seine Sache. Von der schön malenden grie- 
chischen Rhetorik blieb er unangesteckt. Eher könnte man fin- 
den, dass er da und dort auf Grund der Sünde von vereinzelten 
Fehlern sich ein zu schwarzes Bild von der Gesamtheit gemacht 
habe. Aber auf keinen Fall verlor er den Mut. Er behält seine 
apologetische Theorie vom Ideal der Erlösung ohne Einschrän- 
kung und er schickt sich an, die Schranken der Erlösung fest ins 
Auge zu fassen und zu überwinden. 

Voran steht die Aufforderung zum Kampf gegen Fleisch, 
Sünde und Dämonen, zum Kampf mit der ganzen Willenskraft. 
Denn es hat sich gezeigt, dass der Geist allein es nicht thut. Der 
Mensch, d.h. sein Wille, soll dem Geist zur Obmacht helfen durch 
Bändigung der Lüste und Begierden, durch strenge Arbeit und 
Zucht an sich selbst. Hier tritt nun der Imperativ und das 
Teleologische der Naturgesetzlichkeit des Geistes zur Seite, 
gleichviel ob sich das theoretisch begreifen lässt oder nicht. An 
allen Stellen, wo Paulus die Erlösungstheorie ausführt, lässt er 
sie imperativisch endigen; dadurch gab er der Erfahrung, was 



3. Die paulinische Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 169 

ihr gehörte. „"Wenn wir im Geist leben, so lasst uns wandeln im 
Geist." „Wir sind Schuldner, nicht dem Fleisch, sondern sollen 
durch den Geist des Leibes Gewohnheiten töten." „So tötet nun 
die Glieder, die auf der Erde sind." Die scharfe asketische For- 
mulierung dieser Mahnungen zeigt den ungeheuren Ernst des 
Apostels besonders gut. Durfte er doch von sich selbst sagen, 
dass er seinen Leib zerschlage und knechte, um nicht, während 
er anderen predige, selbst zu schänden zu werden. Wo er erst 
gar in der Praxis irgend eine Sünde sah, da erging sein kurzer 
Ruf: Hinweg damit! Denn das sollte, seiner Meinung nach, der 
Unterschied des Erlösten vomNichterlösten sein, dass jener seinen 
Kampf jederzeit siegreich durchführen könne. Er ist durch den 
Geist aus der Ohnmacht erhoben und stark und tapfer geworden. 
Dass es ihm an JVIut und Glaube an den Sieg nicht fehle, dafür 
sorgen die feurigen Ansprachen des Apostels, aus denen dieselbe 
Zuversicht zur Kraft des Guten spricht, wie aus den Forderungen 
Jesu. 

Sind aber trotzdem einmal Fehltritte begangen, so richtet 
sich der Glaube auf an Jesu Kreuz. Gottes Liebe hört doch 
nicht auf bei unserer Taufe! Da fängt sie ja für uns gerade an. 
Als Christen stehen wir in der Gnade und haben die Gewissheit 
der Errettung vor dem kommenden Zorn. Freilich aus uns selbst 
schöpfen wir keine absolute Garantie der bleibenden Liebe Gottes. 
Mag auch der Geist in unserem Herzen uns der Kindschaft ge- 
wiss machen — wer sagt uns genau, wo der Geist aufhört und 
der eigene Wunsch beginnt? Auf die Augenblicke ekstatischer 
Gottinnigkeit folgen oft so schnell die höllischen Depressionen. 
Unerschütterlich fest steht der Christ in Gottes Liebe nur dann, 
wenn er nicht auf sich selbst angewiesen ist, sondern an Gottes 
That in der Geschichte sich anklammern kann. Nur der Blick 
auf Gottes Liebe im Kreuz gewährt den Trost, der allem ge- 
wachsen ist. Nirgends wie hier sieht man so in die Tiefe des 
paulinischen Denkens, seine Nüchternheit, sein Misstrauen gegen 
die eigenen Gefühle, sein Bedürfnis einer objektiven Garantie 
hinein. Am klarsten redet eine Stelle im Galaterbrief: Zuerst 
der triumphierende Ausruf: „so lebe nun nicht mehr ich, sondern 
Christus lebt in mir", die ganze Freude des neuen erlösten Lebens. 
Aber sofort die Selbstbesinnung und Ernüchterung: „Was ich 
aber jetzt im Fleische lebe" — das Alte ist eben doch nicht ver- 
gangen, ich spüre es nur zu oft. Aber nun der mutige Trost: „das 



170 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und 
sich für mich hingegeben hat." Nicht der Christus in uns, einzig 
der Christus ausser uns führt uns durch alle Seelenangst zum 
Frieden. Daraus darf jeder Christ die Gewissheit der Vergebung 
schöpfen. Dem entsprechend befürwortet Paulus in seinen Ge- 
meinden die Vergebung und übt sie selbst. Es ist immer noch 
eine Möglichkeit, dass er selbst den Blutschänder wieder auf- 
genommen hat, als er sah, dass ihn das Uebermass von Traurig- 
keit der Verzweiflung entgegentrieb. Paulus war kein TertuUian, 
dem ein starres Recht den Rückweg zur verzeihenden Liebe ver- 
wehrte. So leitet er seine Gemeinden an zu dem frohen Glauben, 
dass der Christ trotz der noch an ihm haftenden Sünde ein Gottes- 
kind bleiben darf, das dem Gericht fröhlich entgegensehen kann. 
Die Arbeit an uns selbst und der Glaube an Gottes Liebe 
heben aber die Schranken der Erlösung doch nicht völhg auf. 
Immer wieder sieht der Christ sich in die gegenwärtige böse 
Welt verwickelt. Ueber alles hinweg hilft ihm nur eines: Die 
Hoffnung. Denn sie allein gestattet dem Christen, die Welt an- 
zusehen, wie sie ist, sich in keinen falschen Optimismus hinein- 
zulügen und doch obenauf zu sein. Wir wandeln im Glauben, 
nicht im Schauen. Wir sind freilich gerettet, aber hoffnungs- 
weise. Wir sehen hier im Spiegel nur durch dunkle Umrisse, und 
Stückwerk ist all unser Wissen. Wir selbst, obschon wir die 
Erstlingsgabe des Geistes haben, seufzen bei uns selbst in Er- 
wartung unserer Sohnesrechte, der Erlösung unseres Leibes. Der 
Geist ist ein Unterpfand des Künftigen, nicht dieses selbst. Auf- 
richtiger, wahrhaftiger hat nie ein Mensch sich über die Unvoll- 
kommenheit der Gegenwart Rechenschaft gegeben. Das ist der 
Grund, weshalb man ihn keinen Enthusiasten nennen darf. Je- 
doch ist diese Anerkennung der Mängel der Gegenwart immer 
für Paulus nur das „Zwar" für das „Aber" der Hoffnung. Es 
bleibt nicht bei der Gegenwart , die Vollendung der Erlösung 
wartet unser schon. Das führt uns von selbst zur Theorie der 
Zukunftspostulate hinüber. Aber entscheidend ist hier nicht 
das Gemälde seiner Phantasie, sondern die Kraft der Sehnsucht, 
die daraus ihren Trost schöpft. Paulus hat für diese Sehnsucht 
eine Sprache gefunden — man denke an das Lied von der Sehn- 
sucht der Kreatur — die uns heute noch das Heimweh entlockt. 
Denn die Details der Eschatologie sind mehr oder weniger immer 
Produkte der Zeit und daher für spätere Zeiten hinfällig. Die 



3. Die paulinisclie Theologie. A. Die Erlösungstheologie. 171 

Sehnsucht selbst dagegen mit all ihren Folgen für das Leben des 
Aj^ostels, dem Mut, dem Trost, der Freudigkeit, der Geduld, ist 
dasjenige, was über alle Zeiten hinweg zum Menschen redet. Die 
Schlussverse des achten Kapitels im Römerbrief, in denen das 
Gottvertrauen sich so ausspricht, wie sonst nirgends im NT, 
schliessen sich unmittelbar an das Lied der Sehnsucht an und 
müssten ohne den festen Zukunftsblick zusammenfallen. 

Indem der Christ auf diese Weise, durch Arbeit, Glaube und 
Hoffnung die Schranken seiner Erlösung zu überwinden trachtet, 
erlangt er zuletzt die Heilsgewissheit, dass er jetzt schon mitten 
in allen Stürmen und Nöten auf ewigem Grunde stehen kann. Der 
Erklärung dieses Bewusstseins dient die Theorie der Erwählung. 
Paulus geht davon aus, dass, was ewig ist, nicht mit der Zeit erst 
entstanden sein kann. Ist also der Christ seiner ewigen Rettung 
sicher, so muss diese vor aller Zeit von Gott beschlossen sein. 
Gott hat vor Erschaffung der Welt einzelne — eben die, welche 
die Gewissheit haben, — erwählt und dazu bestimmt, Brüder 
Christi, Kinder Gottes zu werden. Kraft dieser Erwählung Gottes 
erfolgt nun alles, was an ihnen zu ihrem Heil geschieht, mit un- 
erbittlicher Notwendigkeit. Solchen erwählten Gotteskindern mag 
alles nur erdenkliche Schlimme geschehen , ihr Kurs steht fest, 
sie müssen das Ziel erreichen. Alles dient ihnen zum Besten, 
alles bringt sie nur näher dem Ziel. Wenn ein Teufel sich ihrer 
bemächtigte, so müsste er Gott helfen, sie auf den Weg der 
Rettung zu bringen. So hat Paulus von sich selbst gedacht: Gott 
hat mich ausgesondert von Mutterleib an; so darf jeder rechte 
Christ denken und von da aus seine ganze Vergangenheit mit 
all ihrer Schuld einrechnen in Gottes Plan. 

Paulus war der Meinung, dass alle Christen zu diesem Er- 
wählungsbewusstsein kommen sollten. Der Kirche hat er es nicht 
vermacht; die Erfahrung bewies zu deutlich, dass sich taufen 
lassen und gerettet werden zweierlei war. Der Einzelne soll es 
erleben in der Kirche, aber nicht durch die Kirche. Eine Me- 
thode der Gewinnung der Heilsgewissheit hat Paulus nicht auf- 
gestellt. Er giebt als Kennzeichen bald die Liebe zu Gott an, 
bald den Glauben an das Kreuz, bald die Stimme des Geistes. 
Im Grund muss es jeder erleben persönlich; kein anderer kann 
es ihm sagen, als er allein. Schwankende und zweifelnde Gemüter 
verwies er gern auf Gottes Treue, die das, was sie angefangen 
hat, auch vollenden wird. 



172 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Aber im apologetischen System klafft hier eine Lücke. In 
der Konsequenz der Apologetik läge es, dass der Eintritt in die 
Kirche das Heil garantiere. Paulus kommt dem entgegen, wenn 
er an den Glauben die Rettung knüpft. Aber er ging den Weg 
nicht zu Ende. Das Letzte in der Erlösung hat der Einzelne mit 
Gott auszumachen. Darin zeigt sich, dass Paulus mehr als kirch- 
licher Apologet, dass er Jünger Jesu gewesen ist. 

Theorie der Zukunftspostulate. 

Mit der persönlichen Hoffnung des Apostels trifft auch hier 
sein apologetisches Bedürfnis zusammen. Das ganze grosse 
System der Erlösungslehre verlangt einen Abschluss, und dieser 
muss ausserhalb der Gegenwart liegen, wie die Erfahrung beweist. 
Allein der Christ tastet nun nicht in einer unsicheren Phantasie- 
zukunft umher, die der eine sich so, der andere anders ausmalen 
darf. Vielmehr lassen sich aus der Gegenwart sichere Schlüsse 
ziehen. Zwei Thatsachen werfen ein helles Licht in die Zukunft: 
Die Auferweckung Christi und der Besitz des Geistes. Aus der 
Auferweckung Christi ergiebt sich, dass unsere eigene Auf- 
erweckung uns zugleich in einen höheren Stand erhebt (Verwand- 
lung), da wir den gleichen Leib wie Christus tragen werden. Aus 
dem Besitz des Geistes folgt, dass wir einen Leib bekommen  arm an konkreten Phantasien. Nicht die 
Briefe des Paulus, sondern die Apokalypse wurde das Lehrbuch 
der Zukunftsdinge. Aber indem sie doch aus den paulinischen 
Briefen das Heimweh nach der Ewigkeit, den Trost, den Mut, 
die Freudigkeit auf sich wirken Hessen, ging die Arbeit des 
Paulus an ihnen nicht verloren. 



Paulus ist der erste grosse Theoretiker der Erlösung ge- 
wesen. Vor ihm hat man die Erlösung erlebt, aber nicht be- 
schrieben. Jesus hat seine Jünger zu Kindern Gottes erhoben, 
ohne dass von Erlösung ein Wort verlautet ist. Durch ihn waren 
sie fest geworden in der Hoffnung, siegreich im Thun des Guten, 
los von der Sündenangst, frei von der Welt und ihren Sorgen, 
ja von der Todesfurcht, Kinder Gottes, die mit Gott als ihrem 
Vater zusammen lebten. lieber diesen Erlebnissen — es waren 
zugleich die eigenen — erbaute Paulus seine Erlösungstheologie. 
Er nannte die Kraft, die im einzelnen all diese Wirkungen her- 
vorrief, den Geist Gottes und knüpfte ihn an die Erscheinung 
Christi und an das Evangelium. Der Geist ist nichts anderes als 
die Wirkung der Person Jesu in der Geschichte. 

Aber diese ganze Theorie der Erlösung stellte Paulus zu- 
gleich als Apologet im Dienst der Kirche auf. Er band den Geist 
an die Kirche und ihre Institutionen. Er machte alle Menschen 
ausser der Kirche so schlecht wie möglich, stellte den Christus 
der Kirche als den einzigen Erretter hin und pries das christ- 
liche Ideal, wie es die Kirche besitzt, als das Höchste, was 
es auf Erden giebt. Dadurch erhält seine Erlösungslehre den 



3. Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 177 

bestimmten kirchlichen Charakter, mit dem sie zunächst in den 
Katholizismus übergegangen ist. 

Als Theoretiker der Erlösung hat Paulus das Evangelium 
Jesu mit einer Weltanschauung und Theologie verknüpft, die trotz 
vieler jüdischer Begriffe durch ihren Pessimismus, ihren neuen 
Mythus, ihr Ideal, ihre Hoffnungslehre gerade der untergehenden 
Antike willkommen sein musste, Jesus, sein Einfluss, seine Ge- 
meinde waren hier in das Weltdrama eingefügt. Alles National- 
Jüdische war ausgemerzt; es blieb die Geschichte vom Abfall und 
von der Erlösung der Kreatur. Umgekehrt hatte alles Hoffen 
und Sehnen, Dichten und Denken der Antike durch die Person 
Jesu Halt und Mittelpunkt gewonnen und war angeknüpft an 
eine Realität. So war für Jesus der Hintergrund , für die Welt- 
und Heilsphilosophie das Centrura gefunden. Das war das Werk 
des Paulus. 

B. Die antijüdische Apologetik. 

In der grossen Erlösungstheologie handelt es sich um den 
Gegensatz von dieser Welt und jener Welt, Adam und Christus, 
Fleisch und Geist, Tod und Leben. Von Israel, seinem Gesetz, 
seiner Sonderstellung ist nicht die Rede darin; was geht das die 
Griechen an! Aber der Kampf gegen Juden und Judaisten 
zwang den Paulus zur gelehrten Auseinandersetzung mit dem 
Judentum. Dieser Kampf war ja in erster Linie ein Kampf mit 
der That und mit dem Leben. Es galt, an allen Missionsorten 
den Zusammenhang mit der Synagoge zu zerschneiden und den 
Heidenchristen das AT zu schenken ohne die offizielle jüdische 
Auslegung. Dann musste Paulus in Jerusalem der ganzen Ge- 
meinde, in Antiochia dem Petrus mit trotzigem Eigensinn ent- 
gegentreten, um dort die Freiheit der Heidenchristen, hier ihre 
Gleichberechtigung mit den Judenchristen zu verfechten. Wich- 
tiger als alle Gelehrsamkeit war hier das entschlossene Einsetzen 
der ganzen Person. Endlich galt es den Einbruch der judaisti- 
schen Sendboten in paulinische Gemeinden zurückzuschlagen und 
mitten unter allen Schmähungen und Denunziationen dafür zu 
sorgen, dass nichts von dem Gewonnenen wieder verloren ging. 
In diesem Kampf gegen die Judaisten — es war zugleich der 
Kampf um seinen Apostolat — zeigt sich uns Paulus von der 
schroffsten und grimmigsten Seite. Da fährt er gegen die Lügen- 
apostel und Satansdiener los, da ruft er den Fluch aus gegen 

Wernle, Anfänge. J2 



178 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

jeden, der ein anderes Evangelium bringt, wäre es auch ein Engel 
vom Himmel. Ist er sich doch bewusst, dass jetzt Sein oder 
Nichtsein des Christentums in Frage steht. Wie dann endlich 
der heftigste Angriff abgeschlagen war, da kam für ihn erst keine 
Ruhe. Denn ungeschwächt blieb unterdessen der andere grosse 
Feind, die Juden. Sie denunzierten ihn als Apostaten und 
Lästerer bei den Christen in Rom, sie fingen ihn und hätten ihn 
beinahe getötet in Jerusalem, sie wühlten während seiner Ge- 
fangenschaft in seinen Gemeinden, z. B. in Philippi. Dieser Ju- 
den hat er sich bis zu seinem Tod erwehren müssen. Dies grosse 
geschichtliche Ringen mit Juden und Judaisten hat ihn selbst- 
verständHch auch zu einer theoretischen Fehde mit Angriff und 
Verteidigung geführt. Ihr Zweck ist immer der gleiche: Recht- 
fertigung der gesetzesfreien Heidenmission. Um drei Punkte 
handelte es sich in dieser Auseinandersetzung: Die Kritik und 
Abrogation des Gesetzes, die Verteidigung der Aufnahme der 
Heiden auf Grund des Glaubens und das Problem der Präro- 
gative Israels. Dass dabei Paulus überall als christlicher Apo- 
loget redet, ist selbstverständlich. 

Die Aufhebung des Gesetzes. 

Es war eine denkwürdige Stunde, als Paulus mit Petrus in 
Antiochia zusammentraf und die Losung: Entweder — oder, 
Gesetz oder Christus ausgab. Noch beim Streit in Jerusalem 
hatte er nur für seine Heidenchristen die Freiheit proklamiert, 
ohne die Gesetzesfrömmigkeit der Judenchristen anzutasten. 
Jetzt aber traten Gesetz und Christus als Feinde auf. Paulus 
stellte dem Petrus die Frage: Wo haben wir selbst das Heil ge- 
funden und wo nicht? Sobald diese Frage antithetisch gestellt 
war, fiel das Gesetz zu Boden. Es trat nun mitten in die Schar 
der feindlichen Mächte, von denen uns Christus erlöst hat. Es 
hiess von jetzt an: Dem Gesetz absterben, um Gott leben zu 
können. 

Damit hat Paulus die jüdische Idee, dass die wahre Reli- 
gion die Verfassung des jüdischen Stammes sei, zerstört. Es 
galt, dies theoretisch zu begründen. 

Verschiedene Wege standen ihm offen. Es konnte der gött- 
liche Ursprung des Gesetzes in Frage gestellt werden. Es konnte 
durch eine innere Kritik Ewiges und Zeitliches am Gesetz unter- 
schieden werden. Ein anderes Mittel zur Befreiung war die alle- 



3. Die paulinische Theologie. B. Die aaüjüdische Apologetik. 1 79 

gorische ümdeutung. Endlich konnte gezeigt werden, dass das 
Gesetz nicht der Heilsweg sei und durch neue Verfügungen 
Gottes abrogiert werde. 

Den ersten Weg, Leugnung des göttlichen Ursprungs, ist 
z. B. der eifrige Pauliner Marcion gegangen. Paulus widerstand 
dieser Versuchung. Eine Versuchung für ihn war es in der Hitze 
des Kampfes mit den Judaisten, damals als er den Galaterbrief 
und den zweiten Korintherbrief schrieb. Damals legte er Wert 
darauf, dass das Gesetz durch Engel verordnet sei in der Hand 
eines Mittlers, also nicht unmittelbar aus Gottes Hand stamme, 
und scheute sich nicht, es zu den unvermögenden armseligen 
Weltelementen zu werfen, denen die Heiden vorher dienten. 
Oder er nannte das Amt eines Gesetzeslehrers Dienst des Todes 
und sagte vom Buchstaben, er bringe Tod, wie man doch sonst 
nur von gottfeindlichen Mächten redet. Aber trotzdem hält er 
fest daran, dass Gott das Gesetz gegeben habe. Das Gesetz ist 
nicht Sünde, sondern heilig, das Gebot ist heilig, gerecht und 
gut. Ja daraus erst erwuchs für ihn die Schwere des Problemes. 
Ohne den zähen Glauben an die göttliche Inspiration jedes Wor- 
tes im Gesetz hätte er sich nie diese Mühe geben müssen, seine 
Abrogation zu beweisen. 

Den zweiten Weg sind kirchliche und gnostische Lehrer im 
zweiten Jahrhundert gegangen durch Unterscheidung des ewigen 
Naturgesetzes und des vergänglichen Ceremonialgesetzes. Schon 
das Gespräch Jesu mit dem Schriftgelehrten über das höchste 
Gebot schien nach dieser Richtung zu weisen. Paulus aber fasst 
den Nomos durchaus als etwas Ganzes. Man kann zweifeln, an 
welchen Teil des Nomos er gerade jedesmal denkt-, z. B. in 
Rom 2 und Rom 7 hat er das Gesetz des Gewissens im Sinn, in 
Gal 4 das Ceremonialgesetz, Allein ausgedrückt in klaren Wor- 
ten hat er diese Unterscheidung nirgends, und ebensowenig be- 
handelt er einen Teil des Gesetzes günstiger als einen anderen. 
Das 3Vesen des Gesetzes ist ihm die Forderung: Du sollst. 
Diesen Charakter tragen alle seine Bestandteile gleichermassen. 

Die allegorische Interpretation war schon für die alexan- 
drinischen Juden (Philo) ein Mittel, sich wenigstens theoretisch 
vom Wortsinn des Gesetzes zu befreien. Sie wurde auch in Pa- 
lästina geübt, und Paulus kannte sie. Geschichten des AT hat 
er da und dort allegorisch verwertet, z. B. die Geschichte von 
Isaak und Ismael. Ebenso einzelne Gebote, die ihm für Gott bei 

12* 



180 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

der wörtlichen Fassung unpassend erschienen, wie das Verbot, 
dem Ochsen beim Dreschen das Maul zu verbinden. Liess sich 
so nicht das ganze Ceremonialgesetz umdeuten und dadurch 
retten? 

Ansätze dazu scheinen in der That vorhanden. Die Be- 
schneidung des Herzens im Geist wird der Beschneidung des 
Fleisches gegenübergestellt als das, was allein vor Gott Wert 
hat. Oder wir hören von der Beschneidung nicht mit Händen 
gemacht, d. h. dem Ausziehen des Fleischesleibes in der Taufe. 
Wenn das Gesetz pneumatisch ist, bedarf es dann nicht von 
Rechtswegen einer pneumatischen, d. h. allegorischen Auslegung 
der minderwertigen Bestandteile? Und deutet nicht die be- 
rühmte Antithese vom Buchstaben und Geist (II Kor 3 e) darauf 
hin? Das Gegenteil ist die Meinung des Paulus. Er stellt mit 
dem Buchstaben und dem Geist zwei Bündnisse verschiedenen 
Inhalts — das eine fordert, das andere schenkt — einander gegen- 
über. Gerade an dieser Stelle ist der Unterschied des Paulus 
von Philo am deutlichsten. Aus einem inneren Grunde konnte 
Paulus die Allegorie nicht als Befreiung empfinden: auch das alle- 
gorisch gefasste Gesetz ist Forderung. 

Die Theologie des Paulus geht einen völlig selbständigen 
Weg. Seine Kritik stellt zwei unerhörte Sätze auf: Das Gesetz 
kann nicht der Heilsweg sein; Christus hat durch seinen Tod uns 
vom Gesetz befreit. 

1. Das Gesetz kann nicht der Heilsweg sein, weil es nur for- 
dert, nicht giebt. Es setzt Gott als Gesetzgeber und Richter 
voraus : der Mensch soll leisten und Gott belohnt oder bestraft. 
Paulus wird nicht müde, dies Lohnverhältnis in seiner ganzen 
Schroffheit zu beschreiben. „Handelt es sich um Werkleistung, 
so wird der Lohn nicht zugeschrieben als Gnadensache, sondern 
als Schuldigkeit." Dadurch ist aber der Erfolg des Gesetzes 
ein bloss negativer. Das Gesetz führt Erkenntnis der Sünde 
herbei ; durch sein fortwährendes Gebieten und Verbieten reizt 
es gerade zur Uebertretung und treibt uns in die Sünde hinein. 
So riciitet es Zorn an und hat den Tod zur Folge. Verzweiflung 
ist das Resultat des Gesetzesdienstes. 

Damit hat Paulus das ganze Spätjudentum in eine eigene 
Beleuchtung gestellt. Er charakterisiert es als Religion des 
Lohndienstes und der Furcht, Sklavenreligion, für Unfreie einzig 
passend. Mit dem Judentum Ernst machen, heisst: an seiner 



3. Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 181 

Seligkeit verzweifeln. Denn Gott ist der strenge Richter, vor 
dem der frömmste Jude nicht bestehen kann. Im Römerbrief 
bringt Paulus dafür den Schriftbeweis aus Psalmen und Pro- 
pheten: „Es ist keiner gerecht, auch nicht einer." Im Galater- 
brief argumentiert er aus dem Gesetz selbst: „Verflucht, wer 
nicht bleibt bei allem, was im Gesetz geschrieben ist, es zu thun." 
Daraus dann der Schluss : aus Gesetzeswerken keine Rechtferti- 
gung vor Gott. 

Ist diese Kritik des Spätjudentums durch Paulus zutreffend? 
Wie empfand ein jüdischer Rabbi seine Darstellung? Ein solcher 
würde erklären: Das ist ein Zerrbild unserer Religion. Die jüdische 
Kirche ist Gesetz und Gnade. Das Gesetz setzt die Gnade voraus, j 
Es ist schon Gnade, ein Jude, Kind Abrahams und Glied des aus- i 
erwählten Volks zu sein. Die Beschneidung ist Symbol der Bundes- 1 
gnade Gottes. Die ganze jüdische Kirche ist eine Heilsanstalt. / 
Sie hat die Opfer, die Busse, den grossen Versöhnungstag, die 
guten Werke der Väter, die eigenen Verdienste, die Vergebung 
Gottes aufs Gebet. Wer vor dem Gesetz Angst hat, darf sich 
zu Gottes Gnade flüchten. Denn Israel hat einen Gott, der barm- 
herzig und gnädig und geduldig ist und von grosser Gnade und 
Treue. 

Wie kam es, dass Paulus die Gnade in der jüdischen Kirche, 
die schon vorhandene Rechtfertigung so völlig ignorierte? Der 
Grund ist ein doppelter, ein persönlicher und ein apologetischer. 

Paulus sah dem Judentum seiner Zeit auf den Grund. Es 
war wirklich in der Hauptsache Lohndienst und Sklavenfrömmig- 
keit, kein Atmen in Gottes Liebe, keine Freiheit der Kinder Gottes. 
Jesus hat für sich die volle Freiheit behalten können, weil das 
Gesetz nicht zwischen Gott und ihm stand. Aber überall, wo die 
heilige Verfassung in der Mitte stand, hat sie eine künstliche, 
unfreie Frömmigkeit gezeitigt. Kirche und Sakramente geben 
das eine nicht, was not thut: das Vertrauen des Einzelnen zum 
gnädigen Gott und die Gewissheit seiner Liebe. Die Frage nach 
der persönlichen Heilsgewissheit blieb immer unbeantwortet; erst 
der Gerichtstag sollte Klarheit bringen. In der That hält die 
Kritik des Paulus stand vor einer unparteiischen Einsicht. 

Aber freilich kam nun das apologetisch-kirchliche Interesse 
für Paulus hinzu. Neben der Gnade in Christus konnte und durfte 
er keine jüdischen Gnadenmittel gelten lassen. Die Verzweiflung, 
die das Gesetz bei frommen Seelen anrichtete, war ihm will- 



182 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. ' 

kommen als Wegweiser zum Erlöser Jesus. Die ganze Gesetzes- 
kritik des Paulus stammt nicht aus innerjüdischen Prämissen, 
sondern setzt stets das gewonnene christliche Heil voraus. Paulus 
ist als Christ dem Gesetz und der jüdischen Kirche so gänzlich 
fremd geworden, dass er es nie mehr objektiv beurteilen konnte. 
Er musste in Rm 7 erst wieder lernen, es zu verstehen. Nie 
hätte daher ein Jude so wie Paulus geschrieben. Christus und 
seine Kirche stehn überall zwischen Apostel und Gesetz. 

2. Das Unglück der Gesetzesreligion ist aufgezeigt. Das 
Gesetz ist nicht der Heilsweg, aber da es doch von Gott stammt, 
wie darf man ihm entfliehen? Christus ist von Gott als Befreier 
vom Gesetz gesandt. Christus ist das Ende des Gesetzes. 

Und zwar erfolgte die Befreiung auf dem Weg der Stell- 
vertretung in doppelter Weise. Einmal war das ganze Leben 
Christi auf Erden ein freiwilHger stellvertretender Gesetzesdienst 
zum Zweck des Loskaufs derer, die rechtlich dem Gesetz ver- 
pflichtet waren. Denn der Gottessohn vom Himmel war als solcher 
vom Gesetz frei; trat er unter das Gesetz, so that er es für unS; 
damit wir freie Kinder Gottes würden. 

Vor allem aber war der Tod Christi ein stellvertretendes 
Leiden zu unserer Befreiung. Die Argumentation ist ein Kunst- 
stück echt rabbinischer Art: Ein Gesetzesparagraph spricht den 
Fluch aus über jeden Uebertreter, ein anderer Gesetzesparagraph 
über jeden Gehängten. Also gilt der Gehängte rechtlich so viel 
als ein Uebertreter. Nun ist Christus ein Gehängter, aber selbst- 
verständlich, ohne Uebertreter und vom Fluch Getroffener zu sein. 
Also ward er ein Fluch für uns, unsere Uebertretung hat in seinem 
Tod nach dem Recht ihre Strafe bekommen. Dadurch sind wir 
vom Recht befreit. 

Ganz dasselbe besagt die Argumentation mit dem Eherecht. 
Tod hebt rechtHch die Ehe auf und giebt den überlebenden Gatten 
frei. Gerade so würde für uns Menschen die Verpflichtung an 
das Gesetz durch unserenTod aufgehoben. An unserer Stehe starb 
Christus; das gilt soviel, als sei zwischen uns und dem Gesetz 
das Band zerschnitten. Wir sind für das Gesetz Gestorbene, also 
Freie. 

Es ist ja klar, dass alle diese Argumente mit juristischen 
Abstraktionen rechnen und gar keine Rücksicht nehmen auf den 
geschichtlichen Jesus. Die Frage: ist Jesus der Befreier vom 
Gesetz oder nicht? konnte doch nur aus seiner geschichtlichen 



3. Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 183 

Stellung beantwortet werden. Dem geht Paulus geradezu aus 
dem Weg. Ihm ist der geschichtliche Jesus Gesetzesdiener wie 
jeder Jude, jedoch als Gottessohn freiwillig, stellvertretend. Das 
sind ja schon falsche Voraussetzungen, und so ist denn diese ganze 
Theorie ein geistreiches Begriffsspiel, weiter nichts. So gänzlich 
verkehrt mutet uns das alles an, dass es manchem schon schwer 
wurde, diesen Paulus ernst zu nehmen. Und doch war es ihm Ernst, 
und doch hat er etwas Grosses im Sinn. Indem er Jesus als 
Befreier vom jüdischen Gesetz auflasste, verstand er ihn recht. 
Er offenbarte den Widerspruch, der zwischen Jesu Verehrung | 
des Gesetzes und seiner thatsächlichen Stellung zur Gesetzes- 1 
religion bestand. Er zog die Konsequenz aus Jesu Evangelium, ( 
die dessen Jünger zu ziehen weder Mut noch Klarheit besassen. 1 
Jesus war wirklich das Ende des Gesetzes ; mit ihm begann eine 
neue Mittlerschaft und ein neues religiöses Verhältnis. Der Kampf 
Jesu gegen Schriftgelehrte und Pharisäer erreichte sein recht- 
mässiges Ziel erst mit der Aufhebung der Verfassung, die hinter 
den Schriftgelehrten und Pharisäern stand. Dass Paulus dies 
echte Verständnis Jesu durch eine äusserst mangelhafte Theorie 
mit Umgehung der Thatsachen begründete, muss man dabei mit 
in den Kauf nehmen. Der Fehler des Paulus kommt auch auf 
das Konto derer, die Jesus gekannt hatten, aber nicht frei er- 
kannten. 

Freilich, denkt man nur an die Juden, denen Paulus mit 
solchen Beweisen entgegentrat, so muss man ihre Entrüstung und 
Wut begreifen können. Ueberzeugend war ja kein Wort an der 
paulinischen Theorie. Schon die Methode, aus dem Gesetz selbst 
die Aufhebung des Gesetzes zu beweisen, drehte sich in Zirkel- 
schlüssen herum. Es war freilich echt jüdischer Rabbinenverstand 
darin enthalten- das kam ihnen nur noch widerwärtiger vor. 
Diese Art Apologetik musste denkende Juden abstossen, nicht | 
gewinnen. Christus war das Ende des Gesetzes für die Gläubigen, | 
d. h. für die, welche sich von vornherein auf den Standort der j 
Christen stellten. 

Rechtfertigung aus dem Glauben und Freiheit im Geist. 

Die positive Kehrseite zur Gesetzeskritik ist der Nachweis 
der Ueberlegenheit der christlichen Religion über das Judentum. 
Es gilt zu zeigen, dass die Christen, welche das Gesetz nicht 
haben, sondern an Christus als Befreier vom Gesetz glauben, 



184 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

nicht bloss nichts verloren, sondern viel gewannen. Der Aus- 
gangspunkt dieser Theorien sind ganz besondere Erfahrungen 
des Paulus, die aber verarbeitet werden zur Apologie seiner 
Missionspraxis und seines Evangeliums. 

Durch die Christuserscheinung bei Damaskus hat sich für 
Paulus das religiöse Verhältnis umgekehrt. Vorher war er der 
Leistende und Gott der Vergelter. Jetzt kommt ihm Gott ent- 
gegen mit freier Liebe als der Geber, und er wird der Empfänger, 
das Kind. Das ist es, was Paulus mit dem Wort Gnade meint. 
Es ist die Rückkehr zur Religion aus selbstgemachtem Wahn- 
glauben. Gott zuerst — der Mensch zuletzt, das allein ist das 
rechte religiöse Verhältnis. Von da kommt Ruhe, Frieden, Dank- 
barkeit ins Herz, Und der Glaube ist nichts anderes als die 
Empfänglichkeit für Gottes Liebe, das Sich-schenken-lassen, das 
Ergriffen- werden von Gott. Die Gnade: Gott ist der Vater — 
der Glaube: ich bin sein Kind, gehören zusammen. Am klarsten 
hat Paulus in Rom 4 das ausgedrückt. Er hat damit die Stim- 
mung von Psalm 103 wieder gewonnen, und zwar mit der persön- 
lichen Gewissheit, die dem Juden unmöglich ist. Denn in Christi 
Tod hat Gottes Liebe zu ihm geredet. 

Durch das gleiche Wunder der Bekehrung ist Paulus sitt- 
lich ein neuer Mensch geworden. Da er Gott fand und seine 
Liebe spürte, wurde das Gute die Kraft seines Lebens in völliger 
Freiheit und Innerlichkeit. Ohne jeden äusseren Zwang, Verbote 
und Drohungen, ohne den „Zuchtmeister", aus Lust und Liebe 
quoll ihm die Freiheit und der Sieg des Guten hervor. Das 
nennt er in seiner Sprache den Geist. Da sein Innerstes zur 
Ruhe gekommen war, verloren die äusseren Lockungen ihre 
Kraft. Das Gute wurde seine Heimat, statt ihm wie früher 
etwas Fremdes zu sein. Es war ihm leicht und froh bei allem 
Thun zu Mut. 

Vermöge dieser Erfahrungen konnte Paulus in die Tiefe der 
Religion schauen, wie kein Denker vorher. Soweit seine Sätze 
bloss diese Erfahrung wiedergeben, sind sie die Grundsteine aller 
Theorie der Rehgion. Wieder hat Paulus auf einem grossen Um- 
weg Jesus erreicht. Denn das Leben als Kind Gottes und das 
Handeln von innen heraus hat niemand wie Jesus besessen. Was 
Paulus erst durch seinen Zusammenbruch erfuhr, das hatte Jesus 
schon als ursprünghche Mitgift seines Lebens. Daher bedurfte 
Jesus der Antithesen des Paulus nicht. 



3. Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 185 

Als es nun galt, die Aufnahme der Heiden ohne Gesetz auf 
Grund des Glaubens gegen die Angriffe der Juden und Judaisten 
zu verteidigen, da kamen dem Paulus selbstverständlich seine 
persönUchen Erfahrungen zu gute. Was in der Rechtfertigungs- 
lehre und in der Lehre von der christlichen Freiheit Tiefes, 
Echtes enthalten ist, das geht alles zurück auf die Erlebnisse des 
Paulus. Allein noch viel mehr als an anderen Punkten seiner 
Theologie hat hier die Apologetik dem Ausdruck seiner Ge- 
danken geschadet. Sie nötigte ihn, auf die Fragestellungen und 
Begriffe seiner Gegner einzugehen und mit Benützung der 
gleichen Begriffe die Antithesen zu den Thesen der Gegner auf- 
zustellen. Ein gänzlich unjüdischer grosser Inhalt wurde dadurch 
hineingepresst in die verkehrte jüdische Form. Das gilt von der 
Rechtfertigungslehre, welche den Eintritt der Heiden auf Grund 
des Glaubens verteidigt, noch mehr als von der Theorie der 
christhchen Freiheit. Juden und Judaisten erklärten, ohne Be- 
schneidung und Erfüllung des jüdischen Gesetzes könne kein 
Mensch dem Gericht entgegengehen , auf die Rechtfertigung am 
Gerichtstag hoffen. Im Gegensatz dazu stellte Paulus seine Lehre 
von der Rechtfertigung aus Glauben auf. 

Was heisst Rechtfertigen ? Welches ist die Stellung Gottes ? 
welches die Stellung des Menschen? 

Das Wort „rechtfertigen", wie sein Gegenteil „für schuldig 
erklären" stammt aus der Gerichtssprache, und ist von da über- 
tragen auf die Thätigkeit des höchsten Richters, Gottes. Im Spät- 
judentum ist die Vorstellung ausgebildet, dass Gott im Himmel 
Buch führe über die Thaten der Menschen. Jeder Mensch hat 
sein besonderes Blatt im himmlischen Buch, wo die guten Thaten 
auf die eine, die bösen auf die andere Seite geschrieben werden. 
Der Richter fällt nun sein Urteil in jedem Augenblick, wo er 
sich entschhesst, die That auf die gute oder böse Seite zu schrei- 
ben. Aber das abschliessende Urteil kann er erst am Schluss des 
ganzen Lebens fällen, wenn er die Summe aus den guten und 
bösen Thaten zieht. Dem entsprechend giebt es ein doppeltes 
Gerechterklären oder Verurteilen: ein fortwährendes im Augen- 
blick jeder That und ein abschliessendes beim Gerichtstag. Unter 
das erste fällt z. B, die Rechtfertigung des Zöllners auf Grund 
seines Gebets im Tempel, oder die Rechtfertigung Abrahams 
auf Grund seines Glaubens an Gottes Verheissung. Unter das 
zweite fällt bei Paulus selbst die Rechtfertigung der Thäter des 



186 Die Entstehung der Religion, III. Paulus. 



Gesetzes am Gerichtstag, die er in Rni 2 in Aussicht stellt. 
Selbstverständlich ist die Tragweite dieser zwei Arten von Urteils- 
sprechung eine sehr verschiedene: Das eine Mal: Lob der guten 
That, das andere Mal: Aufnahme in die ewige Seligkeit, Rettung. 

Es fragt sich, welches Urteil Gottes Paulus bei seiner Recht- 
fertigungslehre im Auge hat : denn er kennt von Haus aus beide 
Arten, wie seine Lehrer, die Rabbinen, beide kennen. Unter der 
Rechtfertigung, für die er streitet, versteht er das einmalige, ab- 
schliessende Urteil Gottes, das Urteil, das über Leben und Tod 
entscheidet. Aber, und nun kommt die Neuerung: Erstens ver- 
legt er dies Endurteil Gottes — statt es erst von der Zukunft zu 
erwarten — an den Anfang des Christenstandes, an den Eintritt 
in die Gemeinde, sodass jeder Christ als bereits gerecht Erklärter 
dem Gerichtstag froh entgegensehen darf. Zweitens giebt er der 
Gerechterklärung Gottes einen neuen Sinn, dadurch, dass nicht 
Gerechte, sondern Sünder gerecht erklärt werden. Es heisst von 
jetzt an Vergeben, nichts anderes, dies Vergeben giltig für Zeit 
und Ewigkeit. Während der Jude dem unsicheren Urteil Gottes 
angstvoll entgegengeht in der Hoffnung, auf Grund seiner ge- 
rechten Thaten beim Gericht zu bestehen, hat der Christ vom 
Eintritt in die Gemeinde an die Gewissheit, trotzdem er Sünder 
ist, die ewige Vergebung empfangen zu haben. Beides, die Ver- 
gegenwärtigung des Heils und der Empfang der Gnade statt des 
Rechts macht aus der Rechtfertigung ein gänzlich neues Ding. 
Geblieben ist nur der juristische Terminus und damit der Schein 
des Rechtlichen. „Ich bin gerechtfertigt" heisst jetzt nicht mehr: 
ich habe vor Gott etwas Gutes gethan, sondern ich habe Ver- 
gebung empfangen und stehe in der Gnade fest. 

Welches ist nun die Stellung Gottes bei der Rechtfertigung? 
Hier kommt nun der Widerspruch des neuen Sinnes und der 
alten Form klar an den Tag. Den juristischen Ausdrücken nach 
muss Gott als Richter gedacht sein. Als solcher fällt er sein 
Urteil auf Grund vorliegender Leistungen der Menschen. So ist 
es, wenn man nur die Form im Auge hat. Der Inhalt sagt das 
Gegenteil. Der Gott, der Sünder für gerecht erklärt, hört auf, 
Richter zu sein. Er ist der Gott der Gnade, nicht des Rechts. 
Wenn nur nicht selbst bei dieser neuen Fassung das alte Schema: 
Erst der Mensch, dann Gott, bewahrt bliebe! 

Die jüdische Rechtfertigungslehre rechnete mit dem Richter- 
gott, der straft oder belohnt. Die Verbesserung des Paulus 



3. Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 187 

setzt an dessen Stelle den Gott der Gnade, der den Sündern um 
ihres Glaubens willen vergiebt. Aber im letzten Grund wollte 
Paulus das neue Schema: „Zuerst Gott, dann der Mensch" auf- 
stellen. Er thut dies im Galaterbrief durch die Betonung der 
Verheissung, durch die Verknüpfung von Verheissung und Glau- 
ben zu einem Begriffspaar. Der verheissende Gott ist der zuvor- 
kommende Gott; der Glaube des Menschen kommt erst nach. 
Dasselbe soll im Römerbrief die Lehre von der Offenbarung der 
„Gerechtigkeit Gottes" im Tod Jesu ausdrücken. Im Zusammen- 
hang der ganzen Rechtfertigungslehre muss „Gerechtigkeit" das 
Substantiv zu „rechtfertigen " sein und eben Rechtfertigung heissen. 
Paulus hat nur darum nicht das gewöhnliche griechische Wort 
„Rechtfertigung" gebraucht, weil ihm das AT den festen Aus- 
druck „Gerechtigkeit Gottes" an die Hand gab (vgl. Jes 515 6 8, 
Ps 97 2). Es heisst — entsprechend der paulinischen Wendung 
des Begriffs — einfach Vergebung, Gnade, Liebe. Diese Gnade 
Gottes soll eben im Tod Jesu offenbar geworden sein; hier sei 
das Objektive gegeben, an das der Vergebung suchende Sünder 
sich klammern dürfe. Damit sagt Paulus, dass Gottes Liebe 
nicht erst auf den Akt des Glaubens folgt, sondern ihm voran- 
geht. Das ist die grosse Umkehr des religiösen Verhältnisses, 
wie Paulus selbst sie erlebt hat. Aber freilich, es ist ihm nicht 
gelungen, seine neuen Gedanken in anschaulicher Weise auszu- 
drücken. Die alte Form der Rechtfertigungslehre war zu mächtig. 
Das einfache Wort: „Gott ist unser Vater" fand Paulus im Streit 
mit den Juden nicht. 

Am verhängnisvollsten aberwirkt das alte juristische Schema 
auf die Stellung des Menschen in der Rechtfertigungslehre ein. 
Der Glaube au Jesus Christus wird die Bedingung der Recht- 
fertigung. Nun war für Paulus selbst Glaube nichts anderes als 
das Spüren der Liebe Gottes im Tod Jesu, das Sichschenken- 
lassen von Gott, das reine Gegenteil jeder Leistung. Aber im 
Kampf mit den Judaisten bildet er zu ihrer These: Rechtfertigung 
aus den Werken des Gesetzes, die Antithese: Rechtfertigung aus 
dem Glauben, setzt den Glauben somit an Stelle der Gesetzes- 
cereraonien als das vor Gott giltige Werk des Menschen. Das 
will er freilich nicht; er betont, dass Glaube und Werkeschaffen 
Gegensätze seien, allein die Macht der gegnerischen Formel ist 
stärker als sein Wille. Und was ist dann schliesslich der Glaube, 
der die Rechtfertigung nach sich zieht? Der Glaube an Jesu 



188 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Messianität, Tod und Auferstehung, mit einem Wort: der Kirchen- 
glaube, Damit ist in der That an Stelle von Beschneidung, 
Speisesatzungen, Sabbat etc. ein neues Werk, das kirchliche Be- 
kenntnis, getreten, und schon scheut die Apologetik nicht vor 
* dem verhängnisvollen Satz zurück: der Kirchenglaube wird beim 
Gericht retten und Seligkeit verschaffen. Das ist auch geschichtlich 
begreiflich. Der Streit mit Juden und Judaisten betraf die Frage, 
ob der Eintritt in die christliche Gemeinschaft als Ersatz für die 
jüdischen Ceremonien gelten dürfe oder nicht. Aber wie weit liegt 
diese Fragestellung ab von den tiefen persönlichen Erfahrungen 
des Paulus! 

Aber nun musste noch der ATliche Beweis für die „Recht- 
fertigung aus dem Glauben" erbracht werden. Er war unent- 
behrlich, wenn Paulus den Judaismus widerlegen wollte. An 
sich war dieses Beweisverfahren etwas Missliches. Wie konnte 
Paulus das grosse Neue, das er an Jesus erlebt hatte, im AT 
wiederfinden! Aber die Apologetik macht es sich leicht, sie 
sieht auf die Worte. Zufällig fanden sich die entscheidenden 
Worte „Glaube" und „Gerechtigkeit" im AT. Gen 15: „Abraham 
glaubte, und es ward ihm als Gerechtigkeit angerechnet" — 
Habak 2: der Gerechte aus Glauben wird leben. Damit war der 
Beweis aus Gesetz und Propheten erbracht. Durch Gen 15 ge- 
wann Paulus sogar Abraham, den Stammvater des jüdischen 
Volks, für seine Lehre. Ein ungeheurer Vorteil! Nun kam ja 
das Gesetz erst lange hintendrein, 430 Jahre später, und war 
ganz klar als das Sekundäre erwiesen. Nun war selbst die Be- 
schneidungjünger als der Glaube — ihre Einsetzung steht zwei Ka- 
pitel nach Gen 15 — , also ebenfalls etwas Sekundäres, nicht die 
Hauptbedingung. Der Altersbeweis hatte für Paulus entschieden; 
da hatte er gewonnene Sache, denn das Alte war nach dem 
Glauben jener Zeit in jedem Fall das Ehrwürdigere, Heiligere. 
Mit fast raffinierter Klugheit wusste Paulus selbst aus einer 
Stelle, die gerade das Gesetz den Menschen anpries, die Glaubens- 
gerechtigkeit zu beweisen. Es war die Stelle Deut 30iiff.: „Das 
Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen, noch zu 
ferne . . . Denn es ist das Wort nahe bei dir, in deinem Mund 
und in deinem Herzen, dass du es thuest." Der kluge Mann 
Hess bloss die ersten Worte (das Gebot etc.) und den Schluss 
(dass du es thuest) fort und hatte im Nu das „Wort" auf sein 
Evangelium, Mund und Herz auf Glaube und Bekenntnis ge- 



3. Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 189 

deutet. Einem Rabbinen konnte diese Deutung einzig als Betrug 
erscheinen. So hat man es zweifellos auch dem Paulus entgegen- 
gerufen. Darauf antwortete er, dass eben die „Decke des Moses" 
über den Herzen der Juden liege bei der Vorlesung des alten 
Bundes; deshalb bleibe ihnen das Ende des Gesetzes verhüllt. 
Kürzer und schärfer: der Teufel habe ihren Sinn geblendet. Das 
war dann der Abschluss des Schriftbeweises zwischen Paulus und 
seinen Gegnern. 

Für uns ist hier noch etwas anderes lehrreich. Die Er- 
lösungstheologie bekommt eine Lücke durch diese Apologetik 
mit Abraham. Vorher hörten wir immer, dass die ganze Mensch- 
heit eine massa perditionis sei, der erst mit Christus das rettende 
Licht aufgehe. Jetzt steht auf einmal mitten in der schlechten 
Welt längst vor Christus das goldene Zeitalter Abrahams. Der 
Widerspruch kommt daher, dass sich zwei getrennte Systeme 
der Apologetik (für die Griechen das eine — für die Juden das 
andere) hier kreuzen. Folge davon ist, dass das AT und sein 
Gott gerettet werden; der Gott Jesu Christi ist auch der Gott 
Abrahams. An diesem Felsen der Apologetik ist später der 
ganze gnostische Sturm abgeprallt. So wurde selbst dieser künst- 
liche Schriftbeweis für die Kirche ein Glück. 

Wer, befreit von protestantischem Vorurteil, die Rechtferti- 
gungslehre des Paulus betrachtet, muss sie eine seiner unglück- 
lichsten Schöpfungen nennen. Schief ist das Wort rechtfertigen 
mit dem neuen Sinn , verwirrend die Stellung Gottes, der als 
Richter den Sünder für gerecht erklärt, schlimm die Hoch- 
schätzung des kirchlichen Glaubens als der beim Gericht ent- 
scheidenden That, willkürlich und künstlich der Beweis aus dem 
AT. Paulus kämpfte für den Universalismus des Christentums, 
für den Ersatz der Rechtsreligion durch die Religion der Liebe, 
aber erreicht hat er die Aufrichtung der christlichen Kirche mit 
dem neuen Recht von Glaube und Bekenntnis, mit der Wieder- 
kehr aller jüdischen Sünden, der Engherzigkeit, des Fanatismus, 
der kleinlichen Auffassung Gottes. Aber trotz alldem liegt ver- 
borgen unter der schlechten Form ein tiefsinniger grosser Ge- 
danke: Gott unser Vater, der uns schenkt und giebt, ob wirs ver- 
dienen oder nicht verdienen, und wir Menschen, so wie wir sind, 
seine Kinder, die aus seiner Liebe leben sollen, dieser Gedanke 
zugleich bekräftigt und veranschaulicht durch die Thatsache der 
Erscheinung Jesu. Diesem Gedanken, nicht seiner schlechten 



190 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Form sind allerdings wir Protestanten besondere Ehrfurcht 
schuldig. 

2. Aber noch blieb der zweite Vorwurf der jüdischen Geg- 
ner: der Wegfall des Gesetzes bedeute soviel wie die Aufforde- 
rung zum schrankenlosen Sündigen. Die Aufnahme der Heiden 
ohne Gesetz führe nur die Unsittlichkeit in die christlichen Ge- 
meinden ein. Die Antwort des Paulus darauf war die Lehre von 
der christlichen Freiheit. 

Das Wort Freiheit fasst er dabei in einem ganz bestimmten 
Sinn: es ist die Freiheit vom jüdischen Gesetz, das wie ein Tyrann 
die Menschen in Knechtschaft hielt. Frei sind die Kinder; daher 
ist die Freiheit vom Gesetz zugleich Kindschaft Gottes. Das ist 
eben die grosse That Christi nach Paulus, dass er uns aus Sklaven 
der Gesetzesreligion zu freien Kindern Gottes gemacht hat. 

Die Freiheit vom Gesetz ist aber keine Gefahr, weil der 
Christ von innen heraus ein neues Leben führt. Der Christ hat 
nämlich an dem ihm geschenkten Geist Gottes einen vollen Er- 
satz des Gesetzes. Während das Gesetz von aussen als etwas 
uns Fremdes das Unerfüllbare forderte und nicht im stände war, 
das innere Gesetz der Sünde in den Gliedern zu brechen, schenkt 
der Geist den Christen von innen heraus die Kraft zum neuen 
Leben, und alles, was aus dem Geist kommt, ist nicht gegen das 
Gesetz, sondern erfüllt es. Die Frucht des Geistes ist Liebe, 
Freude, Friede, Geduld, Keuschheit. Kommt die Liebe aus dem 
Geist, so ist ja mit ihr die Erfüllung des ganzen Gesetzes gegeben, 
da das Gebot der Nächstenliebe die Summe des Gesetzes ist. So 
ist die Freiheit des Christen vom Gesetz keine Freiheit zur Sünde, 
da aus dem Geist nur Ueberwindung der Sünde und Gehorsam 
gegen Gottes Willen stammt. 

Man glaubt aus der Nacht an den hellen Tag zu treten, wenn 
man von den mühsamen Argumenten der Rechtfertigungslehre 
zu diesen wundervoll einfachen Sätzen gelangt. Aus ihnen spricht 
der Jubel eines Mannes, der aus einem greisenhaften Gelehrten 
wieder ein Kind geworden ist, und zugleich eine Begeisterung 
für den Sieg des Guten in allen seinen Freunden, wie sie den 
schöpferischen Perioden eigen ist. Die Ueberlegenheit der neuen 
Religion über die alte hat sich nirgends so glänzend ausgedrückt. 
Allein ein näherer Blick belehrt uns, dass nicht einfach die 
Wirkhchkeit, sondern ihre apologetische Färbung hier vor uns 
steht. Paulus selbst musste wissen, dass der Geist sehr verschie- 



3. Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 191 

dene Wirkungen zeitigte, z. B. in Korinth, darunter solche, die 
dem Leben die Richtung auf einen sittlich gefährlichen zügellosen 
Enthusiasmus zu geben drohten. Man vergleiche nur die Geistes- 
früchte, die dei' Apologet im Galaterbrief aufzählt, mit denen, 
die der I. Korintherbrief registriert. Davon abgesehen, wusste 
Paulus genau , dass der Geist nicht einfach mit kausaler Not- 
wendigkeit wirkt, so dass sich rein logisch das sittliche Leben 
aus ihm deduzieren liesse. Was er als Apologet beschreibt, war 
das Ideal, nicht die Wirklichkeit in seinen Gemeinden. Man 
lese z. B. den Satz: Die Christus Angehörenden haben ihr Fleisch 
gekreuzigt samt Lüsten und Begierden. Wörtlich gefasst, wäre 
das eine Unwahrheit; es soll als Ideal, als Ziel des Strebens auf- 
gestellt werden. Ganz dasselbe gilt von der Idee der Wieder- 
geburt — Paulus braucht lieber das Wort Auferweckung — die 
Paulus im Römerbrief aufstellt als Parallele zur Theorie vom 
Geist. Man hatte ihm wieder einmal vorgeworfen, seine Gnaden- 
lehre führe zur UnsittHchkeit. Darauf antwortet Paulus in An- 
lehnung an den Taufritiis, die Sünde sei für die Christen unmög- 
lich, weil sie ihr bei der Bekehrung ein für allemal abgestorben 
seien und durch den .Tod mit Christus von aller Beziehung zu ihr 
gelöst. Man hat mit Recht darauf hingewiesen, wie grosse sitt- 
liche Umwandlungen zuweilen vom Augenblick der Bekehrung an 
im Missionsleben vor sich gehen. Aber die Verallgemeinerung 
solcher Fälle ist doch erst das Werk der Apologetik, die das 
Ideal für Wirklichkeit nimmt. 

Paulus hat das selbst auch gespürt und deshalb im Galater- 
wie im Römerbrief die Aufforderung im Imperativ an die Be- 
schreibung im Indikativ angereiht. Man darf vielleicht weiter 
gehen und sagen, dass schon die Beschreibung des Ideals als 
Befehl an die Leser, es zu erreichen, von ihm geschrieben wurde. 
Aus der Theorie vom Geist wie aus der Theorie der Wieder- 
geburt soll der Christ die Verpflichtung herauslesen, seine christ- 
liche Freiheit als Gehorsam unter Gottes Willen zu verstehen. 
Ihre Freiheit soll ein Dienst an den Brüdern, eine Freiheit von 
der Sünde und Dienst unter der Gerechtigkeit sein. Dabei bleibt 
Paulus fest: von Gesetz keine Rede, die Christen sind nicht 
unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade. Aber an Stelle 
des äusseren Gesetzes tritt die innere Verpflichtung, deren ein- 
facher Inhalt die Liebe zu Gott und den Brüdern ist. Diese 
innere Verpflichtung soll an Stelle des Gesetzes der Herr ihrer 



192 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Seele werden. Die Polemik gegen die Juden, die Unmöglichkeit, 
unter Nomos etwas anderes als das jüdische Gesetz zu verstehen, 
hat den Paulus verhindert, vom Gesetz der Pflicht in uns zu reden. 
Schliesslich hinderte ihn daran auch seine Lehre' vom Geist, der 
doch immer als etwas Fremdes in uns hereintritt und nie aufgeht 
im Begriff des gut gewordenen Willens. Aber unter der Decke 
dieses Antinomismus und dieser supranaturalen Geisttheorie 
bahnt sich unmerklich die Idee des guten Willens und der Pflicht 
an als Verheissung für die Zukunft. Kur so ist es zu erklären, 
dass der Mann, der das Gesetz aufhob, zugleich den sittlichen 
Charakter des Christentums am tiefsten erfasste. In der Polemik 
des Paulus gegen Juden und Judaisten ringen zum erstenmale 
die grossen Ideen der Kindschaftsreligion und der sittHchen Frei- 
heit nach einem klaren Ausdruck. Sie finden keine Form, die 
ihnen den Sieg sichert, aber doch ist es für die ganze Zukunft 
des Christentums ein Glück, dass sie so nahe mit seiner Ent- 
stehung verbunden sind. 

Das Resultat all dieser Theorien über Gesetz, Rechtferti- 
gung, Freiheit ist die Aufhebung der falschen jüdischen Idee. 
Die wahre Rehgion ist nicht die Verfassung des heihgen Juden- 
stammes, so gewiss als Gott nicht allein jüdischer Volksgott ist. 
Man muss erst der jüdischen Stammessitte entfliehen, wenn man 
Gottes Kind werden will. Damit nimmt Paulus den Standort 
ein, der allein dem Evangelium Jesu entspricht. Er zieht die 
Konsequenz aus Jesu Predigt und erhebt das Christentum mit 
Bewusstsein zur Weltreligion. Ob dabei die einzelnen Theorien 
unseren Beifall finden oder nicht, sie stehen doch alle im Dienst 
einer weltgeschichtlichen That. 

Freilich hat dies Unternehmen seine Kehrseite. Die Zer- 
störung der jüdischen Verfassung kommt der Aufrichtung der 
christlichen Kirche zu gut. Und diese Kirche hat auch ihre Ver- 
fassung, zunächst eine geistige: den Glauben, das Bekenntnis zu 
Jesus, aber schon setzen sich in den Sakramenten die neuen 
Ceremonien an. So seltsam es klingt, der Vernichter der jüdi- 
schen Kirchenidee ist der eigentliche theoretische Schöpfer des 
neuen Kirchensystems. Dieses hat keinem Mann so viel zu ver- 
danken wie dem Verfasser des Satzes: Wer glaubt, wird selig 
werden. 

Nur war dieser im ganzen noch rein geistige Standpunkt 
des Paulus viel zu hoch für die Folgezeit. Es konnte nicht beim 



3. Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 193 

blossen Wegfall des jüdischen Gesetzes bleiben; schon die Er- 
ziehung der Heiden erforderte ein neues christliches Gesetz. 
Dieses bildet sich, wie einst das jüdische, durch die allmähliche 
Anhäufung und schliessliche Sanktionierung kirchlicher Sitten, 
Rechtsformen, Kultusordnungen, Dogmen etc. Die Entstehung 
des Katholizismus ist die allmähliche Verwandlung der Glaubens- 
kirche in die Dogmen, Rechts- und Ceremonienanstalt. Das ist 
dann freilich der grösste Abfall von Paulus, aber ein Abfall auf 
der Bahn der Kirchenidee, die Paulus geschaffen hatte. 

Das Schicksal des jüdischen Volkes. 

Die Folge der Mission des Paulus war eine ungeheure. Das 
Christentum wurde Religion der Griechen und Römer, der Mittel- 
meervölker überhaupt, statt wie bisher Religion der Juden zu 
sein. Es war ganz offenbar, dass Gott sein altes Volk verlassen 
hatte und neue Wege ging. Israel in seiner Gesamtheit stand auf 
einmal draussen, abseits der göttlichen Heilsgeschichte. 

Auch das war freilich eine Konsequenz des Wortes Jesu. 
Jesus hatte beim Hauptmann von Kapernaum und bei der kana- 
näischenFrau mehr Glauben gefunden als in Israel. Er hatte den 
Vorzug Israels mit klaren Worten aufgehoben: den Niniviten, 
der Königin von Saba wird es im Gericht besser gehen als diesem 
Volk. Paulus ist nur der Vollender der grossen von Jesus be- 
gonnenen Mvelherung. Das 2. und 3. Kapitel im Römerbrief ist 
die grosse Urkunde dafür. Da wird die Gleichheit der Juden und 
Heiden vor Gott proklamiert. Gott ist unparteiisch. Der blosse 
Besitz des geschriebenen Gesetzes hat gar keinen Wert, da 
Heiden es in ihrem Herzen tragen; einzig das Thun entscheidet 
am Gericht. Die buchstäbliche Beschneidung ist gar kein Vor- 
zug; Unbeschnittene, die Gottes Willen thun, werden die be- 
schnittenen Gesetzesübertreter richten. In Wahrheit stehen 
Juden und Heiden in gleicher Weise unter der Sünde, bloss die 
Juden mit grösserer Verantwortung. Darum fort mit allem 
Nationalstolz und allem Rühmen auf Grund der Zugehörigkeit 
zum heiligen Stamm. Die eigenen Sprüche der Bibel verstopfen 
den Juden den Mund und stellen alle Welt ohne Unterschied als 
straffällig vor Gott hin. So konnte nur ein Jünger Jesu reden. 

Die Antwort auf solche Strafpredigten war selbstverständ- 
lich der Vorwurf der Apostasie. Besonders in Rom muss das 
Gerücht verbreitet gewesen sein — auch unter Christen — , Paulus 

Wei-nle, Anfänge. ig 



194 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

habe sein Volkstum verleugnet und lästere Volk, Gott und Ge- 
setz. Es war kein gerechter, obschon ein begreiflicher Vorwurf. 
Paulus durfte in aller Wahrhaftigkeit vor Gottes Angesicht be- 
zeugen, dass er lieber wünschte, selbst verbannt zu sein von 
Christus zum Besten seiner stammverwandten Brüder, Ihr Heil 
war wirklich der Wunsch seines Herzens und der Gegenstand 
seiner Fürbitte vor Gott. Aber gerade gegenüber solchen An- 
klagen zerdrückte ihm das Problem fast die Seele: Wie reimt 
sich der gegenwärtige Unglaube der Juden mit Gottes Verheis- 
sung an sie, mit der glorreichen Vergangenheit des Gottesvolks? 
Kann das Volk Gottes verloren gehen? Die Antwort auf diese 
Frage ist das letzte grosse Stück der Apologetik, die diesmal 
ebensowohl seinem Herzen wie seinen Landsleuten gilt. 

Zuerst wird feierlich der Vorzug Israels vor allen anderen 
Völkern proklamiert — sehr im Widerspruch mit anderen Sätzen 
des gleichen Briefes: Israel gehören die Kindschaft, die Herr- 
lichkeit, die Gesetzgebung, die Bündnisse, der Gottesdienst, die 
Verheissungen, die Väter, Christus dem Fleisch nach. So redet 
der Jude in Paulus, der sich auf einmal erinnert, woher er 
stammt. Aber nun beginnt in drei Ansätzen das grosse Hingen 
nach Klarheit über die Ziele Gottes mit diesem hochbegnadigten 
Volk. 

Erster Ansatz: Ist Gottes Wort hinfällig geworden? Nein, 
die Bibel selbst verkündet die Auswahl unt^r Abrahams Kindern 
und die freie Wahl Gottes überhaupt. Wenn Gott bloss einen 
Teil Israels selig macht, einen anderen Teil verwirft und statt 
dessen Heiden rettet, steht das alles mit der Bibel in Einklang. 
Der Gott der Bibel hat sich selbst als Gott der Willkür und 
Macht geoffenbart. Was er thut, ist recht. Der schwache, nich- 
tige Mensch soll sich bescheiden beugen vor dem souveränen 
Heils- und Zornesratschluss Gottes, der ihm im AT. entgegen- 
tritt. 

Zweiter Ansatz: Wie verträgt sich aber die Rettung der 
Heiden, die nicht nach Gerechtigkeit trachteten, mit der Ver- 
stossung Israels , das der Gerechtigkeit nachjagt? Gerade Is- 
raels Frömmigkeit, sein falscher Werkeifer ist schuld, dass es 
sich gegen Gottes neuen Weg verschloss. Die Heiden sind 
empfänghch, Gottes Thun zu schauen, während Israel sein 
frommer Eifer unempfänglich macht. Gott giebt sich denen zu 
eigen, die sich von ihm schenken lassen. 



Die paulinische Theologie. B. Die antijüdische Apologetik. 195 

Dritter Ansatz: Ist nun aber endgiltig die Erwählung Is- 
raels aufgehoben? Nein. Die Verstockung eines Teils von Israel 
hatte nur den Zweck, die Heiden zum Heil heranzuziehen. Ist 
aber die Fülle der Heiden eingegangen, so hört Israels Verstok- 
kung auf, und ganz Israel wird gerettet werden. So muss es ge- 
schehen um der Verheissungen an die Väter willen, denn un- 
widerruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes. 

Die drei Ansätze stehen nicht in direktem Widerspruch zu 
einander; eher sind es Stufen, die der Gedanke der Reihe nach 
durchwandern muss. Die Folge dieser Stufen gewährt uns einen 
Einblick in die innerste Art des paulinischen Forschens. Das 
erste Gebot der Forschung heisst: Unterwerfung unter den un- 
verständlichen, aber überlegenen Willen Gottes, Ehrfurcht vor 
Gottes Weg, ob du ihn begreifst oder nicht begreifst. So redet 
der Semit, der vor Allah in den Staub sinkt, auch wenn er ihn 
zertritt wie einen Wurm. Erst wenn so Gott die gebührende 
Unterwerfung unsererseits erhalten hat, darf schüchtern nach der 
menschlichen Schuld gefragt werden, die Gott vielleicht bei 
seinem Handeln bestimmte. Entsprechend der Kleinheit des 
Menschen giebt es nur eine Hauptschuld: Das Auf-sich-selbst- 
stehen- wollen, die Verschliessung der Sinne gegen Gottes neue 
Wege. Hier schreibt Paulus als Christ aus der tiefsten Erfah- 
rung heraus. Es ist die Schuld aller Orthodoxie, ihr eigenes fer- 
tiges System über Gottes freie Zukunftsgedanken zu stellen.. 
Aber bei diesem menschlichen Verhalten darf der Blick nie stille 
stehen. Gott zuletzt, wie zuerst! Die Frage nach dem Zweck 
Gottes führt allein zur Klarheit. Der Zweck Gottes muss auf 
die ReaUsierung seiner Verheissungen gehen. Die Aussicht in 
die Zukunft bringt die Aufhellung aller Dunkelheiten. Hier am 
Schluss redet wieder der Jude , für den Gott und Israel zuletzt 
untrennbar zusammengehören. So hebt die Betrachtung beim 
schrecklichen Geheimnis an, sucht dann Klarheit in dem Nach- 
denken über mögliche Gründe Gottes, um schliesslich in dem 
Erfassen seiner Zwecke in der Zukunft Trost und Versöhnung 
zu finden. 

Und doch welch ein Hin- und Herwogen der verschieden- 
sten Gedanken über Gott! Zuerst der Gott der AVillkür und 
Macht, dann der ethische Gott, der die annimmt, die für ihn offen 
bleiben, endlich der Nationalgott, der gegen seine Lieblinge Treue 
hält. Dieser letzte Gott ist für Paulus der stärkste, jedoch mit 

13* 



196 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

der Einschränkung, dass die Freiheit und Weite des Evangeliums 
keinen Schaden leiden darf. 

Jesus hatte ein klares definitives Verwerfungsurteil über 
Israel ausgesprochen, weil er im Laufe seines Wirkens erkannte, 
dass Gottes Weg von Israel weggeht, und weil er sich dieser Er- 
fahrungserkenntnis unterwarf. Paulus, der vor der vollendeten 
Thatsache des neuen Gottesweges stand, hat sich dieser Er- 
fahrungsthatsache nicht unterworfen, sondern das alte Bibelwort 
höher gestellt. Dies Verfahren: der Respekt vor den Thatsachen 
dort, vor der Bibel hier — ist für Jesus wie für Paulus charak- 
teristisch. Zugleich sehen wir hier wieder, dass bei der Behand- 
lung solcher apologetischer Probleme der geschichtliche Jesus für 
Paulus einfach nicht existiert. Von ihm ist in den drei Kapiteln 
des Römerbriefes, die Israels Schicksal behandeln, überhaupt 
nicht die Rede. Einzige massgebende Autorität scheint der 
Wortlaut des griechischen ATs , der eine solche Heiligkeit und 
Herrschermacht besitzt, dass in allen Fällen , wo er mit dem 
menschlichen Gewissen in Kollision kommt, dieses vor der 
Stimme der Offenbarung zu schweigen hat. Freilich ist das 
Schein ! Man weiss zur Genüge , wie Paulus sonst mit diesem 
Wortlaut des ATs sich abzufinden wusste. In Wahrheit ist doch 
einzig sein patriotisches Gefühl, das er auch als Christ nicht los 
wurde, das Ausschlaggebende gewesen. 

Aber diesen jüdischen Patriotismus des Paulus, der sich den 
Thatsachen zum Trotz auf Gottes Verheissung im AT. stützt, 
hat die christliche Kirche bald abgelehnt unbeschadet ihrer Ver- 
ehrung des Apostels. Es kam das Jahr 70 mit dem grauenvollen 
Untergang des jüdischen Staats und Heiligtums. Das galt als 
Gottesurteil. Von nun an war der neue Weg Gottes entschieden. 

C. Die paulinische Gnosis. 

Die Erlösungstheologie wie die antijüdische Apologetik ist 
von Paulus mitten in seiner Missionsarbeit zu rein praktischen 
Zwecken gebildet worden. Es galt — zur Gewinnung der Hei- 
den — Jesus in einem grösseren, ihnen verständlichen Zusammen- 
hang vorzuführen, weiter diesen Zusammenhang zu verteidigen 
gegen die Angriffe der Juden und jüdischen Christen. Man kann 
weiter gehen und sagen, dass Paulus überhaupt kaum jemals spe- 
kuliert hat im Interesse des reinen Wissens, der Wahrheit. Alle 
seine Sätze, auch die entlegensten, dienen praktischen Zwecken 



3. Die paulinische Theologie. C. Die paulinische Gnosis. 197 

des Missionslebens und sind nie ohne Rücksicht auf sie aufge- 
stellt. Trotzdem ist es eine Thatsache, dass das Wissen, die Er- 
kenntnis durch Paulus eine Macht im Christentum geworden ist. 
Wie ganz anders stand Jesus zum Problem des Wissens! Die 
Abwesenheit jeder Spekulation , die Richtung auf das Handeln 
allein kennzeichnet seine ganze Wirksamkeit. Wenn er sich der 
Erkenntnis Gottes rühmt, so meint er im Gegensatz zur Wissen- 
schaft der Rabbinen das Verständnis des göttlichen Willens, der 
so einfach ist, dass ihn alle Unmündigen, Ungelehrten fassen. 
Das Auftreten der Lehrer in der Urgemeinde ist dann ein Schritt 
auf dem Weg zur Bildung einer Theologie. Aber der eigentliche 
Schöpfer der kirchlichen Wissenschaft ist erst Paulus. Durch 
ihn werden Erkenntnis und Erkennen so besonders wichtige 
Dinge im Christentum. Grosse Systeme, wenn auch zunächst 
apologetische, werden aufgerichtet. Der Beweis tritt auf, oft in 
kompliziertester Form. Es wird ein festes Stück des christlichen 
Ideals, dass ein Christ reich sei an Wort und Erkenntnis jeder 
Art. Damit ist eine ungeheure Veränderung des Christentums 
eingeleitet; es betritt, zunächst schüchtern und tastend, den Weg 
nach der Philosophie hinüber, selbstverständlich kirchlicher Phi- 
losophie. Der Grund dieser Veränderung ist ganz gewiss zum 
grossen Teil in der theologischen Vorbildung des Paulus zu 
suchen; dazu kommt aber sofort der grosse Wechsel der ge- 
schichtHchen Situation. Sobald sich das Christentum vom Juden- 
tum definitiv loslöst und dem Judentum wie dem Hellenismus 
selbständig gegenübertritt, erwächst ihm die Aufgabe der Auf- 
klärung der Juden und Heiden , die es früher gar nicht besass. 
Bei Paulus befinden wir uns noch in dem Stadium, wo die grie- 
chische Philosophie als Bildungsmacht, mit der zu konkurrieren 
wäre, noch so gut wie ganz ignoriert wird. Die von ihm gebildete 
Wissenschaft ist noch wesentlich jüdische Aufklärung, Wissen- 
schaft vom AT. 

Was ist Gnosis bei Paulus ? 

Drei Merkmale konstituieren sie: 1. Sie steht höher als die 
Pistis, der Glaube, den sie immer voraussetzt als Vorstufe, den 
sie aber eben unter sich lässt. Das ist am klarsten in den zwei 
ersten Kapiteln des I. Korintherbriefes ausgedrückt: zuerst die 
Thorheit des Kreuzes, die Glaubenspredigt, dann die göttliche 
Weisheit der Gnosis, die eben die Thorheit als Weisheit verstehen 
lehrt. 2. Sie istEigentum einzelner, nicht aller. Die Rede der Weis- 



198 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

heit und die der Erkenntnis zählt Paulus als besondere Geistes- 
gaben auf, die einzelnen geschenkt werden. „Nicht alle haben die 
Erkenntnis." Wohl ist es das Ziel, dass alle Christen zur Einheit 
des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, 
aber jetzt in der Gegenwart besteht der Unterschied Wissender 
und Nichtwissender. 3. Sie stammt aus dem Geist , wie beson- 
ders I Kor 2, das Hauptkapitel dafür, ausführt. Durch den Geist 
hat uns Gott die Weisheit enthüllt. Wir haben den Geist 
empfangen, der aus Gott ist, um damit zu verstehen, was uns von 
Gott geschenkt ist. Dies letzte Merkmal ist das wichtigste. Es 
richtet die scharfe Grenze auf zwischen der menschlichen Wissen- 
schaft und der Erkenntnis im Sinne des Paulus. Der Ursprung 
beider ist total verschieden. Jene kommt aus der Vernunft und 
ist Werk des Menschen, daher fehlerhaft, schwach. Diese stammt 
von Gott aus Offenbarung und ist daher wahr von vornherein. 
Schon der Ausdruck beider Wissenschaften, der menschlichen 
und göttlichen, ist ein verschiedener: Jene redet in Schulworten 
menschlicher Weisheit, diese in geistlicher Sprache als von geist- 
lichen Dingen. Weiter aber folgt aus diesem verschiedenen Ur- 
sprung, dass der Wissenschaftler den Gnostiker nicht versteht, 
ja nicht verstehen kann, weil die Gnosis geistlich ergründet wer- 
den muss, dass dagegen der Gnostiker alles ergründet, selbst 
aber von niemand ergründet wird. 

In diesen folgenschweren Sätzen ist zum erstenmal der Unter- 
schied kirchlicher und ausserkirchlicher Wissenschaft feierhch auf- 
gestellt: sie verhalten sich wie Vernunft und Offenbarung, mensch- 
lich und götthch. Was ist nun aber dieser Geist? Es ist ein- 
fach der Geist der Kirche oder Sekte, die Summe der Eindrücke, 
Stimmungen, Gefühle, Willensbewegungen, Gedanken, die in der 
Kirche produziert werden und sich als notwendig und heilig 
durchsetzen in ihr. Mit einem Wort: das christliche Bewusst- 
sein, wie es von Jesus begründet wurde und sich fortpflanzte in 
seiner Sekte. Vor ihm als höchster Instanz muss sich ausweisen, 
was als göttlich gelten will. Was ihm irgendwie widerspräche, 
würde nicht als Offenbarung gelten. Es selbst aber, das christ- 
liche Bewusstsein, ist undiskutierbar, seiner selbst gewiss. Höch- 
stes und Letztes. Ein stolzes, auch berechtigtes christliches 
Selbstgefühl hat diese Theorie gebildet, aber es hat sich in ihr 
einen supranaturalen Panzer geschaffen, der zuletzt erstarrend 
und kältend auf es selbst zurückwirken muss. Diese Theorie 



3. Die paulinische Theologie. C. Die paulinische Gnosis. 199 

wahrt die Eigentümlichkeit und Souveränität der christlichen Re- 
ligion — das ist ihr ewiges Verdienst — aber sie thut dies durch 
eine fanatische Verdikterklärung über die gesamte übrige Welt 
des Denkens und Empfindens. Es scheint, dass Paulus sie im 
Streit mit den Juden um das AT ausgebildet hat, mehr noch, 
dass er sie indirekt den Juden entlehnte. Aber schon in diesem 
Streit treten die hässlicheh Folgen an den Tag, die seitdem sich 
untrennbar an diese Theorie geschlossen haben. 

AVas ist nun das Objekt der Gnosis? Es ist selbst wieder 
der Geist, d. h. die Offenbarung Gottes. Gnosis ist das geoffen- 
barte Verständnis der Offenbarung Gottes, die Wiederentdeckung 
des für die Uebrigen verborgenen Geistes durch den Geist. 

Unter den Begriff der Offenbarung würden alle Orakel der 
christlichen Propheten fallen, ganz besonders die Offenbarung 
durch Jesus. In der That giebt es den Propheten gegenüber 
eine besondere geistgewirkte Kunst der Auslegung, die Beurtei- 
lung oder Unterscheidung der Geister. Doch wird sie von Pau- 
lus nicht Gnosis genannt. Christus aber ist für ihn nicht Offen- 
barer des Wortes Gottes, da statt seiner Reden Kreuz und Auf- 
erstehung Gottes Heilsthaten im Sinne des Paulus sind. So 
bleibt schliesslich für die Gnosis nur das eine grosse Objekt: das 
heilige Offenbarungsbuch der Juden. 

Paulus hat das AT in allen seinen Gemeinden eingeführt 
als den Kanon, das einzige heilige Buch. Ein Hauptereignis für 
die Geschichte des Christentums! Die für göttlich erklärte 
jüdische Nationallitteratur soll das heilige Buch der zum Christen- 
tum herzutretenden Griechen und Römer werden, während sie 
gleichzeitig das heilige Buch der die neue Religion so bitter be- 
kämpfenden Juden ist. Wie ist das möglich? Die paulinische 
Gnosis zeigt den Weg. Grosse Partien des ATs waren ja den 
Heidenchristen ohne weiteres zugänglich und kostbar. Man fand 
hier ein Lehrbuch des Monotheismus, der Sittlichkeit, der Hoff- 
nung, wie kaum ein besseres auf Erden. Die Gnosis hilft nun, j 
auch die national -jüdischen Abschnitte als christliche zu lesen j 
und überhaupt das Christentum überall im alten Buch wiederzu- 1 
finden. Sie ist — z. T. schon vor Paulus — das Mittel zur Chri- 
stianisierung des ATs. 

Fest steht die Inspiration des ATs in allen seinen Teilen. 
Darüber besteht zwischen Juden und Christen kein Streit. Paulus 
übernimmt die rabbinische Theorie, dass das ganze AT eine 



200 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Orakelsaramlung sei, jeder Spruch, aus dem Zusammenhang her- 
ausgerissen, Wort Gottes. Wie von einem göttUchen Wesen 
sagt er: der Spruch sah voraus, der Spruch beschloss. Vom 
Geist, der das AT inspirierte, hören wir ihn freiHch nicht reden, 
vielleicht deshalb , weil er den Geist für ein Geschenk der letzten 
Zeit hielt. Dagegen scheint er bereits da und dort Christus als 
Inspirator und Offenbarer im AT zu* betrachten, gänzlich un- 
jüdisch, aber folgenreich. Hat Christus im AT geredet, so ist es 
allerdings ein christliches Buch. 

Aber das inspirierte Buch verlangt inspirierte Auslegung. 
Dafür haben die Juden den Stand der Rabbinen, die von Gott 
besonders zur Auslegung mit dem Geist ausgerüstet sind. Hier 
liegt der Ursprung der paulinischen Erkenntnistheorie. Er leugnet 
die geistige Ausrüstung der Rabbinen und proklamiert sie für 
sich und die christlichen Lehrer. Klar ist ja, dass die einen oder 
die anderen Unrecht haben; die einen beweisen aus dem AT, dass 
Jesus ein Verbrecher war, die anderen, dass er Messias ist. Das 
Recht liegt darum auf Seiten der Christen, weil bei ihnen überhaupt 
der Geist im reichsten Mass ausgegossen ist. Die Gabe der 
Gnosis ist ja nur eines unter den vielen Geschenken des Geistes. 
Also hat die christliche Auslegung des ATs allein Recht. Ja, 
das AT muss nach dem Geist der Christen ausgelegt werden. 
Die Juden, auch die Rabbinen, verstehen nichts davon. Die Decke 
des Moses liegt über ihren Herzen bei der Lektüre. Sie sind Psy- 
chiker, nicht Pneumatiker ; der Satan hat ihre Sinne verblendet. 

Somit steht fest, dass der Kanon des ATs auszulegen ist 
nach dem Kanon des christlichen Bewusstseins. Eine unendliche 
Aufgabe ist damit gestellt. Vermöge des göttlichen Ursprungs 
hat jedes Wort der Bibel Ewigkeitscharakter. In jedem ist ein 
göttlicher Tiefsinn enthalten, häufig sogar mehr als nur einer. Als 
ewig giltig ist jedes Wort für die Gegenwart des Auslegers be- 
stimmt, es muss hier in der Gegenwart seinen direkten Zweck 
erfüllen. So sind z. B. die Züchtigungen der Väter in der Wüste 
geschrieben zur Warnung für uns, auf die das Endziel der Zeiten 
gekommen ist. Ueberhaupt ist alles, was einst geschrieben ist, 
zu unserer Belehrung geschrieben. Die Auslegungsmethoden des 
Paulus sind natürlich einfach die jüdischen, wie sie Philo und die 
Rabbinen übten. Das gilt vom Weissagungsbeweis, von der 
Typologie, von der Allegorese, von der praktischen Nutzanwen- 
dung. Neu ist nur die Normierung aller Auslegung am christ- 



3. Die paulinische Theologie. C. Die paulinische Gnosis. 201 

liehen Bevvusstsein, dem Geist. Aber allein schon der Umstand, 
dass hüben und drüben nach gleicher Methode verfahren wurde, 
verbunden mit der Thatsache, dass Paulus auch stoffUch unter 
der Herrschaft rabbinischer Traditionen steht, widerlegt die 
künstHche Trennung des Apostels zwischen Geist und mensch- 
lichem Wissen. 

Das berühmteste Beispiel der Gnosis im Dienst der Mis- 
sionspraxis ist die Auslegung des Spruchs von den Ochsen, denen 
man das Maul nicht verbinden soll. Der Auslegungskanon — 
auch der Rabbinen — heisst: Nichts Unwürdiges Gott zutrauen. 
Rasch bringt der christHche Geist die Missionare als passenden 
Beziehungspunkt herzu. Sonst steht die uns bekannte Gnosis des 
Paulus zum grössten Teil im Dienst der antijüdischen Apologetik. 
Der eigentliche Weissagungsbeweis ist ja von,den Christen erst 
aus Not geschaffen worden. Da die patriotischen Messiasweis- 
sagungen auf Jesus zum allerkleinsten Teil zutrafen, so musste 
nun die christliche Gnosis neue Beweisstellen für JesuMessianität 
aus dem AT herauslesen. Paulus war einer der gelehrtesten 
Finder in diesem Stück. Er getraute sich den Nachweis, dass 
alle Verheissungen Gottes in Jesus „Ja", d. h. erfüllt seien. 
Was setzt das für eine Auslegungsfertigkeit voraus! Da ist es 
ja eine Kleinigkeit, wenn aus dem Gebrauch des Singulars statt 
des Plurals an der Stelle: „Dir (Abraham) und deinem Samen" 
die Deutung auf Christus bewiesen wird. Wie der Wegfall des 
Gesetzes, die Rechtfertigung aus dem Glauben, Israels Herab- 
setzung aus dem AT demonstriert wurde, ist schon gezeigt 
worden. Im Grund ist ja diese ganze apologetische Gnosis theo- 
logisches Machwerk, das uns in eine verkehrte Welt versetzt. 
Wenn irgendwo, so wäre bei Arnos, Hosea, Jesaja, Jeremia eine 
wirkliche Anknüpfung für das Evangelium vorhanden gewesen. 
Allein gerade die grosse alte Prophetie war für die Rabbinen 
gänzlich tot. Das bleibt zur Entschuldigung bestehen: Paulus 
wie die anderen christlichen Lehrer handelten unter dem Zwang 
der Notwendigkeit und aus wirklicher Ueberzeugung heraus. 
Und genial ist immerhin der glückliche Fund, der dabei dem 
Paulus in den Schoss fiel : das Gesetz ist zwischen hineingekommen, 
die grosse Zeit der israelitischen Religion war vor der Entstehung 
des Gesetzes. Ebenso bringt er den Universalismus mancher 
ATlicher Partien, der von den Rabbinen begraben war, glücklich 
wieder an das Licht. 



202 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Wichtiger als beides war der Umstand, dass vermöge der 
ATlicben Gnosis die christliche und die jüdische Kirche beständig 
in Parallele gesetzt wurden. Israels Geschichte wird christlich 
interpretiert^ selbst die christlichen Sakramente, Taufe und 
Abendmahl, werden in der Wolkensäule, im Meer, im Wasser 
aus dem Felsen, im Manna wiedergefunden. Umgekehrt wird die 
christliche Kirche jüdisch aufgefasst, als das Israel Gottes, dem 
alle Verheissungen gelten. Für die Erstarkung der jüdischen 
Kirchenidee im Christentum ist dies Spiel der Gnosis bedeutungs- 
voll geworden. Wie hier die Attribute, so werden später die 
Formen und Institutionen vom alten Israel zum neuen herüber- 
wandern. 

Nun geht aber die Gnosis des Paulus keineswegs auf in 
dieser apologetischen Auslegung des ATs zum Zweck der Wider- 
legung der Juden. Sie hat ausserdem kühne, eigenartige Spe- 
kulationen hervorgebracht, die in den Gefangenschaftsbriefen 
erst deutlich hervortreten, aber aus viel früherer Zeit stammen. 
Es handelt sich dabei vornehmlich um die Engelwelt und 
Christus. 

In Psalm 110 ist die Rede von den Feinden, die Gott dem 
messianischen König zu Füssen legen will; gemeint sind die 
Nachbarvölker Israels. Paulus deutet sie auf die Herrschaften, 
Gewalten und Mächte der Geisterwelt. Jes 45 23 steht, dass jedes 
Knie — natürlich der Heiden — sich vor Gott beugen werde: 
Paulus fügt hinzu : der Irdischen, Himmlischen und Unterirdischen. 
Dan 7 22 wird geweissagt, dass den Heiligen (Israel) das Gericht 
übergeben werde, natürlich über die Weltmächte auf der Erde; 
Paulus schhesst, dass demnach die Heiligen (Christen) die Engel 
richten werden. Aus diesen Stellen lässt sich schliessen, dass 
Paulus im allgemeinen ATliche Worte, die von irdischen Staaten 
handelten, auf die Engelmächte deutete. Es ist nur eine Anwen- 
dung dieses Grundsatzes, wenn ihm auch in der Gegenwart statt 
der Römer die Fürsten dieser Welt, d. h. die Dämonen als 
Mörder Christi gelten. Vermöge dieser Interpretation: „heid- 
nische Reiche = Engel" Hess sich nun eine ganz ungeheure Angelo- 
logie aus dem AT herauslesen. Alle die Throne, Hoheiten, 
Herrschaften, Mächte, die Weltherrscher dieser Finsternis, die 
Geisterwesen der Bosheit, sie waren gemeint unter Assur und 
Babel und Aegypten, und der fortwährende Krieg Israels mit 
seinen Nachbarvölkern war nur das Abbild unsichtbarer Kämpfe 



3. Die pauHnische Theologie. C. Die paulinische Gnosis. 203 

in der Geisterwelt. Vorstufen dieser Anschauung finden sich im 
Spätjudentum auch, wenn Engelsfürsten als Leiter der Nachbar- 
völker auftreten. Aber diese planmässige Umdeutung der irdischen 
Politik in himmlische ist das Werk des Paulus. 

Viel wichtiger werden die gnostischen Christusspekulationen. 
Jesus ist der Herr (kyrios). Vom „Herrn" (Gottesname) handelt 
das ganze AT. Folglich darf Paulus die Gleichsetzung: Jesus 
= der Herr im AT vollziehen. Beweise dafür giebt es in Menge 5 
Ausdrücke wie „Verstand des Herrn, Tisch des Herrn, Herr- 
lichkeit des Herrn, Name des Herrn, den Herrn versuchen, zum 
Herrn zurückkehren", sie alle werden auf Jesus gedeutet. Jesus 
war z. B. der Offenbarungsgott in der Wüste; dort spendete er 
Taufe (Wasser aus dem Felsen) und Abendmahl (Manna). Frei- 
lich sagt nun der Philipperbrief, dass ihm erst nach der Aufer- 
stehung der Name über alle Namen (d. h. das heilige Tettragramm, 
griechisch der Herr) geschenkt worden sei. Aber damit stimmen 
andere Stellen nicht, es kann daher auch nichts daraus geschlossen 
werden. Zudem ist das Wort Herr, der Gottesname, nur eine 
der Bezeichnungen für Jesus im AT. Er ist ja auch das Bild 
Gottes, nach dem Gott die Menschen schuf, als solcher Mittler 
bei der Schöpfung — alles ist durch ihn geschaffen — und Haupt 
jedes Mannes. 

Ist nun einmal diese gnostische Christologie bei dieser 
schwindligen Höhe angelangt, so können die extravagantesten 
Spekulationen der späteren Briefe nicht mehr befremden. Ist 
einmal Jesus Offenbarungsgott im AT und Schöpfungsmittler 
geworden, nun dann ist er auch Haupt und Mittelpunkt der 
Engelwelt. Und wenn sein Versöhnungstod Kraft hat für alle 
Menschen ohne Unterschied, warum sollen nicht auch die 
rebellischen Engel seine Kraft erfahren? Nirgends ist hier ein 
Sprung zu einer Unmöglichkeit. Die „Menschheit" Christi ist 
längst aufgehoben durch die früheren Spekulationen. Was Wun- 
der, wenn jetzt die Fülle der Gottheit leibhaftig in ihm wohnt! 
Das Ueberraschende kommt nur daher, dass wir die ATlichen 
Stellen nicht kennen, über die Paulus den Weg seiner Gnosis im 
Kolosserbrief führt. Der Anlass, damit hervorzutreten, war ge- 
boten durch das Auftreten von Irrlehrern in Kolossae, die sich 
auf Engel beriefen. Ihnen entgegen hält es Paulus für gut, daran 
zu erinnern, dass alle Engel nur von Christus ihr Wesen und Be- 
stand haben. 



204 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Geoffenbarte Auslegung des ATs sollte die Gnosis bei Paulus 
sein. Aber diese Christologie kann unmöglich durch Auslegung 
des ATs gewonnen sein, da sie ja an allen Stellen fälschlich 
hineingelegt wurde. AVoher hat sie denn Paulus? Aus der jüdi- 
schen Messiaslehre kann sie nicht stammen, da in dieser Christus 
immer als bestimmte eschatologische Grösse erscheint. Die 
Logoslehre Philos liegt zu fern, um in Betracht zu kommen. 
AVohl aber gab es angelologische Si^ekulationen im Judentum, 
Lehren von göttlichen Mittelwesen, die sich an der Schöpfung 
wie an der Leitung des Gottesvolks beteiligten. Vor allem dem 
Erzengel Michael kam eine hervorragende Stellung in der Heils- 
geschichte zu; er war beinahe der Untergott Israels, dem Gott 
an seiner Statt sein Volk anvertraut hatte. Ausserdem war die 
Unterscheidung der Gottesnamen Jahve und Adonai nicht nur 
dem Philo, sondern auch den palästinensischen Rabbinen auf- 
gefallen und hatte sie zu Unterscheidungen im göttlichen Wesen 
geführt. Von solchen Spekulationen mag Paulus gehört haben ; 
sie erleichterten ihm die Entdeckung Christi im ganzen Bereich 
des ATs, da er nur das höchste dieser Mittelwesen mit Christus 
gleichzusetzen brauchte. 

Aber eine Erklärung der paulinischen Christologie darf 
diese Anlehnung an vorhandene Einzelspekulationen nicht ge- 
nannt werden. Ihr wahrer Entstehungsgrund liegt anderswo. Es 
handelt sich für Paulus darum, Christus zum Mittelpunkt des 
Weltverständnisses zu machen. In ihrer uns so fremden Form 
ist doch diese ganze Gnosis die erste grosse christliche Interpre- 
tation des Weltganzen. Nicht umsonst tritt gerade im Kolosser- 
brief die Formel: Alles und in allem Christus, auf. Kein Bezirk 
der Welt, auch nicht der Geisterwelt, soll hinfort als profan 
gelten und seiner eigenen Macht folgen. Christus ist die Sonne 
aller Welten. Denkt man sich diese Theorie weg, was bleibt 
dann übrig?: angelologische Spekulationen, Mythen etc. und da- 
neben die Person Jesu als jenen gleichwertig. Die praktische 
Folge war, dass man in Kolossae einen überchristlichen Verkehr 
mit Gott gesucht hat. Jetzt aber heisst es : Christus das Haupt 
über allem, also auch keine andere Vermittlung als durch ihn. 
Damit ist auch im Vergleich zur Erlösungslehre etwas gewonnen. 
Dort hatte Christus nur die Bedeutung, uns aus der gegenwärtigen 
bösen Welt herauszuhelfen. Hier — in der Gnosis — ist er 
Mittler der ganzen Welt; das negative Verhältnis zum Kosmos 



3. Die paulinische Theologie. C. Die paulinische Gnosis. 205 

ist ersetzt durch ein positives. Die praktische Anwendung bietet 
schon die Haustafel des Kolosserbriefes mit ihrer christlichen 
Regelung der Ehe, der Erziehung, des Dienstverhältnisses und 
dem Befehl: Alles soll im Namen Jesu geschehen. Damit ist 
Christus verweltlicht und die Welt verchristhcht. Dies feste 
Stehen mit Jesus auf dem Boden dieser Welt, seiner Welt, wird 
erst durch die paulinische Gnosis ganz erklärlich. 

Freilich was für ein Umweg ! Wie einfach und untheologisch 
sieht daneben der Vorsehungsglaube der Evangelien aus! Man 
vergleiche die Begründung des „Sorget nicht!" in Mt 6 mit dem 
1. Kapitel des Kolosserbriefs ! Die paulinische Gnosis geht hier 
von einem sehr lebendigen Gefühl des Christlichen aus, aber 
zugleich von einem gänzlich toten Gottesbegriff. Schon im Ent- 
stehen ist das, Dogma von der Gottheit Christi ein Beweis der 
Unkräftigkeit des Gottesglaubens. Jesus hätte den Irrlehrern 
in Kolossae nicht geantwortet: Die Engel, deren Verkehr ihr 
sucht, bestehen nur durch mich und sind selbst durch mich ver- 
söhnt worden. Er hätte einfach gesagt: Du sollst Gott den Herrn 
anbeten und ihm allein dienen. 

Aber Paulus kennt auch noch eine ganz andere Art der 
Gnosis, eine theocentrische, und sie gehört an den Schluss des 
Systems. Es ist das kühne Unternehmen, mit dem Geist in die 
Tiefen Gottes einzudringen und die gesamte Welt und Geschichte 
vom Standpunkt Gottes aus zu verstehen, als die Reahsierung 
göttlicher Zweckgedanken. Der Ausgangspunkt dieser Gnosis 
ist das eigene Erlebnis, die eigene Heilsgewissheit. Wie der Christ 
sein ganzes früheres Leben mit aller Sünde und allem Unglück 
doch als notwendigen Weg Gottes zu seiner Rettung betrachtet, 
so darf er mit gleichem Recht die ganze Weltentwicklung, deren 
kleinsten Teil sein Leben ausmacht, betrachten als notwendige 
und heilsame Wege Gottes. Nur dass dann das Ziel ein so viel 
grösseres ist. Die einfachste Formel dieser Geschichtsphilo- 
sophie heisst: Aus Gott, durch Gott und zu Gott alle Dinge. 
Gott ist der Ursprung aller Welt und Geschichte, da er sie ge- 
schaffen hat. Fällt sie nun von ihm ab und sinkt von Stufe zu 
Stufe in immer tiefere Sünde und Verderben hinein, so ist das 
nur scheinbar eine Zerstörung von Gottes Regiment und Plan. 

Was er sich vorgenommen 

Und was er haben will, 

Das muss doch endlich kommen 

Zu seinem Zweck und Ziel. 



206 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Gott selber hat den Abfall und die Sünde gewollt. Er hat 
alles unter die Sünde und den Ungehorsam beschlossen, um sich 
am Ende aller zu erbarmen. Ja er hat den Menschen das Gesetz 
gegeben, damit das Mass der Sünde erst recht voll würde, auf 
dass nachher seine Gnade desto grösser sei. Vor keinem noch 
so kühnen Satz schreckt Paulus zurück, weil ihm gar nicht der 
Gedanke kommt, es könnte dadurch die Sünde den Charakter 
menschlicher Schuld verlieren. Sünde ist Schuld auf jeden Fall, 
aber Gott ist auch Gott über der Sünde. Darauf beginnt dann 
mit der Sendung und Hingabe des Gottessohnes die Zurück- 
führung d,er Welt unter den Gehorsam Gottes. Das ist nun der 
überschwängliche Erguss der Gnade Gottes, die so viel grösser 
als die Sünde ist. Von Stufe zu Stufe geht die Erlösung vor- 
wärts: Christus, die Gemeinde, die Heidenwelt, Israel, die Engel- 
welt werden nach und nach von der Liebe Gottes umfasst und 
zum Ursprung zurückgezogen. Am Ende wird Gott alles in 
allem sein. Alle Dinge sind heimgekehrt, nicht zum physischen 
Aufgehen in Gott, sondern zur Anbetung und Unterwerfung, zur 
Ehre Gottes des Vaters. Abfall und Sünde haben das Grosse 
mit sich gebracht, dass eine wirkliche Geschichte erlebt wurde, 
die Geschichte der Kinder, die erst in der Fremde die Heimat 
lieben lernen. 

Das Ende dieser Gnosis konnte bei Paulus nur ein dankes- 
frohes Gebet sein. „O die Tiefe des Reichtums und der Weisheit 
und der Erkenntnis Gottes ! Wie unerforschlich sind seine Gerichte 
und unergründlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn 
erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber geworden? Oder wer hat 
ihm etwas zuvorgegeben, das ihm wieder werde vergolten? Denn 
von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge, sein ist die 
Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. " Der Ausruf ist besonders schön 
wegen der Bescheidenheit dieses Gnostikers, der sich trotz seiner 
grossen Ahnungen vorhält, dass Gott zu hoch für ihn ist. Aber 
wenn ihm auch immer noch genug Geheimnis in Gott bleibt, seine 
herrschende Stimmung ist immer Dank und Freude. Von dem 
eigenen hellen Standort aus kann er getrost die Blicke auf die 
Rätsel und Dunkelheiten schweifen lassen. Er weiss, dass für Gott 
alles hell ist und einst hell wird für ihn. Und er kennt die Liebe 
Gottes als das Ziel alles Weltgeschehens. Das ist christliche 
Gnosis, die vom Erlebnis des Glaubens oder von Jesusaus die Welt 
interpretiert. In der That, ob er es christocentrisch oder theo- 



3. Die paulinische Theologie. C. Die paulinische Gnosis. 207 

centrisch formuliert, seine ganze Erkenntnis ist eine der grossen 
Wirkungen, die das Erlebnis in Damaskus in ihm hervorrief. 



Wir stehen am Ende der Theologie des Paulus. Es hat sich 
bestätigt, dass das Erlebnis der Christophanie und die Missions- 
apologetik ihre Wurzeln sind. Jüdische Bildungselemente sind 
in Fülle verwertet, griechische treten dazu. Aber das Gesamt- 
wort ist etwas völHg Neues und Selbständiges gegenüber allem 
Früheren, eine christliche Originalschöpfung. Das Grosse darin 
ist, wie durch Paulus von den zwei festen Punkten: „Jesus und 
seine Gemeinde" aus alles völlig neu gedacht wird, so dass kaum 
ein Stück der früheren Erkenntnisse gleich oder im gleichen 
Zusammenhang bleibt. Wenn der Jesus der Christen der Erlöser 
ist, dann müssen 1. alle Menschen ohnmächtige verlorene Sünder 
sein, für die es keine Versöhnung giebt als die in Christi Tod, 
keine Erlösung als die durch den Geist Christi in der Gemeinde 
mit dem Ausblick auf das durch Christi Auferstehung verbürgte 
Zukunftsbild, so postuliert die Erlösungslehre, — muss 2. das 
Gesetz kein Heilsweg sein, sondern durch Christus abrogiert, 
während nun Glaube und Geist in der Gemeinde Christi völliger 
Ersatz des Gesetzes sind, so postuliert die antijüdische Apolo- 
getik — muss 3. das ganze AT ein christliches Buch sein, und die 
ganze Welt sich von Jesus aus interpretieren lassen, so postuliert 
die christliche Gnosis. Selbst die Predigt des Monotheismus er- 
hält christlichen Gehalt, denn der eine Gott ist der Gott und 
Vater Jesu Christi. Einzig die Lehre von der schliesslichen Er- 
rettung ganz Israels steht ausserhalb des christocentrischen Ge- 
füges. 

Nun ist freihch der Jesus des Paulus nicht mehr bloss der 
Jesus der Urgemeinde. Sohn Gottes, Kreuz und Auferstehung 
sind hier so gedeutet, dass im Unterschied von der früheren 
Messiashoffnung der Ansatz zum späteren christologischen Dogma 
gegeben ist. Das christologische Dogma hat es ja eben nicht 
mit dem kommenden Messias, sondern mit dem erschienenen 
Gottessohn zu thun. Ueberdies hat Paulus selbst den Sohn 
Gottes der Menschheit stark entrückt und als Mittler der 
Schöpfung und Offenbarung Gott angenähert. Es ist geradezu 
ungeheuer, in wie kurzer Zeit der geschichtliche Jesus sich diese 
kolossale Umbildung gefallen lassen muss. Trotz alledem aber 



208 Die Entstehung der Religion. III, Paulus. 



hat Paulus gerade den geschichtlichen Jesus klar und tief erfasst 
als den Erlöser, der über die falsche jüdische Idee hinweg zur 
Gotteskindschaft und zur sitthchen Freiheit führt und mit dem 
neuen hohen Ideal zugleich Mut und Kraft zur Erfüllung spendet. 
Diesem wirklichen und wirkenden Jesus will seine hohe Christo- 
logie die Bahn in die Welt erobern helfen. 

Sodann ist die Kirche, die an erster Stelle nach Christus die 
pauhnische Theologie beherrscht, für ihn noch identisch mit den 
Gemeinschaften, die trotz aller ünvollkommenheiten wirkliche 
Medien der Erlösung, Stätten des Einflusses Jesu gewesen sind. 
Dasgiebt der kirchlichen Apologetik des Paulus ihren praktischen 
Wert. Aber er ist doch der Schöpfer der christlichen Kirchen- 
idee auch nach der Seite ihrer fanatischen Engherzigkeit gewesen, 
indem er alles Ausserkirchliche als sündige Masse des Verderbens 
dem Tod zuspricht und an den kirchlichen Glauben die ewige 
Seligkeit hängt wenigstens in vielen Sätzen. Dadurch hat der 
gleiche Mann, der Jesus in die freie Welt hinausführte, ihn 
zugleich an eine enge Form gebunden, die sich mit der Frei- 
heit und dem Ernst der Sprüche und Gleichnisse Jesu nicht 
verträgt. 

Aber trotz alledem — das Christentum ist erst durch die 
Theologie des Paulus eine geistige Weltmacht geworden. Denn 
durch ihn hat es eine Welta^nschauung als Grundlage bekommen, 
durch die es konkurrieren kann mit griechischen Philosophien 
und orientalischen Mythen. Durch ihn ist die jüdische Idee auf- 
gehoben und so das Christentum frei für die Welt. Ja es ist zu- 
gleich sein geistiger Charakter für alle Ewigkeit gerettet: Cere- 
monien haben keinen Heilswert. Paulus hat Jesus als weltge- 
schichtliche Grösse erfasst und mit Adam in Parallele gestellt. 
Das Messianische ist zurückgedrängt, eine neue Menschheit hat 
mit ihm begonnen. Paulus hat die zwei grossen Ideen der Gottes- 
kindschaft und der Freiheit des Geistes ins Centrum gestellt als 
christliches Religionsideal und dadurch den sichersten Massstab 
der Kritik für jede Religionsform gegeben. Endlich hat er die 
Liebe, die praktischen Früchte höher als Enthusiasmus und 
höher als Theologie gestellt und damit das Ewige im Ver- 
gänglichen gefunden, üeberblickt man das Ganze dieser Lei- 
stungen, so wird man staunend vor der Grösse dieses Denkers 
stille stehen. 



4. Frömmigkeit d. Gemeinden u. Frömmigkeit d. Paulus selbst. 209 



4. Die Frömmigkeit der Grem.einden und die Fröm.m.igkeit 
des Paulus selbst. 

Die Wirkung Jesu auf seine Jünger ist uns direkt erkennbar 
aus den Evangelien; hier erfahren wir, was an Jesus als das 
Grosse, Neue der Aufzeichnung wert erschien; es ist zugleich 
das, was einschlug und weiter wirkte. Dagegen sind uns die Wir- 
kungen des Paulus nur ganz indirekt bekannt. Wir können sie 
teilweise aus seinen Briefen, teilweise aus denjenigen Dokumenten 
der späteren Zeit erschliessen, die deutlich von Paulus beein- 
flusst sind. Haben diese Schlüsse auch vielfach nur hypothetischen 
Charakter, zu umgehen sind sie nicht. Es handelt sich um die 
Signatur des ersten Christentums in heidnischen Landen. 

Ueberall wissen sich die Christen in fest organisierten Ge- 
meinschaften scharf geschieden von der heidnischen Volksrehgion, 
wie von der jüdischen Synagoge. Beides ist für sie die Welt, der 
sie Abschied gegeben haben. Was ein Christ ist, das wird 
geradezu im Gegensatz zur Welt bestimmt. Voran steht der 
Unterschied des Glaubens und der Hoffnung, Gegen die Heiden 
bekennt sich der Christ zur Einheit Gottes, des Schöpfers, zur 
Leugnung, dass die Heidengötter Götter seien, denen Anbetung 
gebührt. Das grosse Lehrbuch des Monotheismus ist das AT. 
Gegen die Juden bekennt der Christ, dass Jesus Herr ist, und 
zwar der Sohn Gottes, der vom Himmel herabkam, um für unsere 
Sünden zu sterben und durch seine Auferstehung die Hoffnung 
zu verbürgen. Derselbe Jesus wird in nächster Zeit wieder- 
kommen als Retter der an ihn Glaubenden. Von ihm weissagt 
auch das ganze AT. Er thront jetzt zur Rechten Gottes, Gott 
zunächst, allen Engeln überlegen. Ausserdem glaubt der Christ, 
dass der Geist Gottes oder Christi, auch heihger Geist genannt, 
in der christlichen Kirche den Gläubigen geschenkt werde. Das 
sind die dogmatisch festen Sätze, die Paulus in allen seinen Ge- 
meinden durchgesetzt hat. Paulus hat sie öfters zusammengestellt 
als die Hauptsache, auf die es ankommt, als die Summe des 
Glaubens. Am meisten tritt noch der Geist zurück: man erlebt 
ihn eben, man braucht ihn nicht erst zu glauben. Aber Paulus 
selbst hat Wendungen mit den drei Gliedern Vater, Sohn und 
Geist nicht verschmäht. 

Das Wichtige hieran ist der durch den Inhalt verbürgte 
theoretische Charakter des Glaubens. Weder etwas Mystisches, 

Werule, Anfänge. j^ 



210 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

noch etwas Ethisches liegt darin. Es ist das Ja-Sagen zu den 
Sätzen der Predigt. In dem Ja-Sagen ist auch ein Vertrauen aus- 
gesprochen. Aber es ist schon die Frage, ob dieser Vertrauens- 
akt den Griechen so wichtig gewesen ist, wie uns. Man glaubt 
an die Thatsachen des Evangeliums, an die Erfüllung der Weis- 
sagungen, an die Einheit Gottes. Das sind zunächst rein theore- 
tische Dinge. „Die Teufel glauben auch und beben" heisst es in 
einer späteren Schrift. Viel eher darf man die Hoffnung mit 
hineindenken in das Wort Glauben, denn der Glaube an Jesus 
zum Zweck der Rettung ist soviel als Hoffnung. Dadurch erhält 
er einen ungeheuren Wert. Wer glaubt, der darf hoffen, beim 
nahen Gerichtstag gerettet zu werden. „Glaube an den Herrn 
Jesus, so wirst du und dein Haus gerettet werden", sagt der 
Paulus der Apostelgeschichte. Der Glaube rettet, er recht- 
fertigt, er macht selig, solche Ausdrücke bürgerten sich ein 
überall, wo Paulus war. Vielfach sind schädliche Schlagworte 
daraus geworden, gegen die spätere Lehrer scharf polemisieren 
mussten. Man ging so weit, dass man alle draussen, die Un- 
gläubigen, als solche für verloren hielt, gleichviel welches ihre 
Werke und ihr Charakter waren. 

An dies erste Merkmal des Christen im Gegensatz zur Welt 
schliessen sich weitere, so die Teilnahme an den heiligen Riten 
der Kirche. Die Christen sind die Heiligen, d. h. nach griechi- 
schem Gefühl vor allem die Gemeinde des wahren Kults. Die 
späteren „Sakramente", Taufe und Abendmahl werden sehr früh 
von den Griechen als geheimnisvolle Jenseitsweihen hochgeschätzt. 
In der Taufe wird die Wiedergeburt eröffnet; ein Sterben und 
Auferstehen, eine Einpflanzung in Christus vollzieht sich während 
des Untertauchens. Der Getaufte ist nun Bürger der höheren 
Welt und hat ein gewisses Anrecht aufs Jenseits. Das Abend- 
mahl führt dann die Verbindung mit Christus immer inniger fort. 
Aber auch in der gewöhnlichen Kultversammlung lässt sich der 
Geist Gottes herab und bezeugt sich in geheimnisvollen Wunder- 
wirkungen. Paulus hat alle diese Geisteskräfte immer wieder 
dem Ethischen untergeordnet, die Gemeinden aber sind ihm nicht 
immer gefolgt. Für sie blieben Geist und Wunder Wechsel- 
begriffe; nur die theologischen Geheimnisse galten ebenso sicher, 
wie die Ekstase, als Enthüllungen des Geistes. So fand sofort 
eine starke Verkümmerung des paulinischen Erbes statt. Aus 
dem ungeheuren Reichtum der Geisteswirkungen erhalten sich 



4. Frömmigkeit d. Gemeinden u. Frömmigkeit d. Paulus selbst. 211 

eigentlich nur die zwei entgegengesetzten: Ekstase und Theologie, 
beides unpraktische, sittlich indifferente Dinge. 

Eine gewaltige Veränderung bahnt sich von hier aus an. 
Das Grosse im Urchristentum sind im wesentlichen zwei geschicht- 
liche Realitäten gewesen: Jesus und die Gemeinschaft, die sich 
an ihn schloss. Alles, was den Namen Erlösung verdient, ist die 
Wirkung dieser zwei Reahtäten. Sie sind auch die zwei Haupt- 
faktoren in der Missionsarbeit des Paulus, die Verkörperung der 
Gnade Gottes. Aber in den paulinischen Gemeinden treten an 
Stelle der Person Jesu die im Glauben hingenommenen Sätze 
über Gottessohn, Kreuz und Auferstehung. Das Dogma von 
Christus steht da, wo vorher Jesus stand. Das Gemeinschaft- 
liche kommt zum Ausdruck in den Sakramenten, in denen man 
die gegenwärtigfe Wirkung Jesu zu erleben glaubt. Dogma und 
Sakrament statt Jesus und der Gemeinschaft. Nun sind die Sätze 
des Dogmas zum grossen Teil jetzt schon unverständlich; das 
Verständnis der Gnosis tritt erst nachher hinzu. Für Weihen 
gehört die Unverständlichkeit gerade zum Wesen. Von jetzt an, 
beinahe seit der Zeit des Paulus, wird die Erlösung im Annehmen 
geheimnisvollerSätze und im Erlebengeheimnisvoller Riten erlebt. 
Darüber erhebt sich erst als zweite Stufe das Christentum der 
Wissenden. Die Konsequenz davon würde lauten: Das Christen- 
tum existiert entweder als Aberglaube oder als Aufklärung. 
Soweit sind wir jetzt noch lange nicht. Aber das starke, frühe 
Hervortreten von Dogma und Sakrament statt der wirklichen 
Realitäten der Geschichte: Jesus und der Gemeinschaft, warder 
Anfang der Katholisierung. Das hat Paulus nie und nimmer 
gewollt, aber er hat es nicht verhindert. Das Christentum der 
ürgemeinde war vor dieser Verkehrung geschützt. 

Aber es gab noch ein anderes Merkmal, das den Christen von 
der Welt unterschied, und darauf ruht der Glanz dieser ersten 
Zeit: die kräftige Arbeit am neuen Leben der Einzelnen. Die 
Bekehrung war für einen grossen Teil der Christen kein leeres 
AVort, sondern ein thatsächlicher Bruch mit vielfachem früheren 
Lasterleben. Die Aufsicht der Brüder, der Zwang der Kirchen- 
zucht, die Predigt des Ideals, die Erwartung des Gerichtstages 
waren lauter Mittel, das Begonnene weiter zu führen. Die Richt- 
schnur gaben wenig Worte Jesu, mehr Sprüche des ATs und die 
Predigt und die Briefe des Apostels. Da begann nun nach allen 
Seiten eine Neuordnung des Gesamtlebens, die Lösung von 

14* 



212 Die Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Götzendienst und Unsittlichlieit, die Heiligung der Ehe, die 
Erziehung der Kinder, der Aufschwung zu Ehrlichkeit und Wahr- 
haftigkeit, der Abschied an die Trunksucht, die Unterdrückung 
der Rachsucht und des Gezänkes , das Erwachen der Opfer- 
freudigkeit, des Diensteifers, des Verzeihens und Tragens, nach 
aussen das Streben nach Vorbildlichkeit und Nachgiebigkeit. 
Es begann mit einem Wort die Regeneration einer grössten- 
teils verseuchten und verkommenen Gesellschaft. Einzelne Ge- 
meinschaften, wie z. B. Philippi müssen besonders hell geleuchtet 
haben aus dem Dunkel ihrer Umgebung heraus. Paulus war ein 
strenger Richter, aber er lobte viel und oft. Rechnen wir nun 
dazu den Mut und die Freudigkeit dieser Gemeinden, Schikanen 
aller Art zu ertragen, den Eifer des Gebetslebens, die Kräftigkeit 
ihrer Hoffnung — Christen sind Hoffende, die Heiden haben 
keine Hoffnung — so gewinnt man einen immer noch schwachen 
Eindruck von den Sonnenseiten dieses ersten Missionslebens, das 
dem Apostel Freude in Fülle bereitet hat. 

Selbstverständlich fehlte der Schatten nicht, und es melden 
sich hier bereits die Vorboten kommender Verheerung an. Extra- 
christentum und Durchschnittschristentum kann man sie nennen. 
Entweder man übertreibt die Lösung von der Welt bis zur 
Schwärmerei und Askese, oder man nimmt die alte Welt mit in 
die Gemeinde hinein. Oft hat die starke Hoffnung auf das nahe 
Weltende da und dort die ruhige Entwicklung gestört. Oefters 
noch trieb der eigene Ekel vor der schmutzigen Vergangenheit 
in das entgegengesetzte Extrem. Das Seltsamste sind jene christ- 
lichen Verlöbnisse, die der I. Korintherbrief ohne Tadel erwähnt, 
da eine Jungfrau sich einem älteren Mann als Schutzbefohlene 
anvertraute. Das ging damals noch in Ehren, aber wie nahe lag 
der Schmutz! Auch sonst haben sich mönchische Gedanken in 
Korinth geregt. Offiziell stellte man an Paulus die Anfrage, ob 
der Christ in der Ehe völhge Enthaltsamkeit üben müsse. In Rom 
waren dafür Abstinenz und VegetarianismusanderTagesordnung, 
freihch nur im Kreis der Schwachen. Nach Thessalonich musste 
Paulus mehr als einen Brief schreiben, um die Leute zur Arbeit 
anzuhalten. Man wird finden, dass er die asketischen Tendenzen 
im ganzen zu freundlich behandelte aus Sympathie mit diesen 
Christen, die einmal ganz Ernst machen wollten. Seitdem setzt 
sich das asketische Keuschheitsideal in manchen Gemeinden fest, 
nicht als Gebot, aber als besondere Tugend. Viel weniger ge- 



4. Frömmigkeit d. Gemeinden u, Frömmigkeit d. Paulus selbst. 213 

fährlich war doch der Enthusiasmus der Geisthascher in Korinth. 
Der verrauchte schnell, gab es doch in Thessalonich Gegner der 
Weissagungen. Aber geblieben ist eben die Ansicht, dass der 
Geist Gottes an Abnormitäten kenntlich sei, und dass solche zur 
christlichen Vollkommenheit gehören. 

Mit dem Durchschnittschristentum hat Paulus beständig 
Krieg geführt. Er hoffte noch auf seine Ausrottung. Vergeblich ! 
Es gehört nun zum Urbestand des christlichen Gemeindelebens. 
Kein Verfall brachte es herein*, er war immer dagewesen bei all 
den Gemeindegliedern, die glaubten, bekehrt zu sein, weil andere 
€s waren. Das Hauptlaster der Grossstädte, die Sinnlichkeits- 
sünden, gab wohl jeder Gemeinde zu schaffen*, im Orient war 
der Widerstand doppelt schwer. Dann kamen die speziell 
griechischen Sünden, Unehrlichkeit und Gaunerei bei den unteren, 
Disputiersucht und Wortgezänk bei den oberen Klassen. Und erst 
das, was der Christ Aberglaube nennt, die Teilnahme an heim- 
lichen — auch meist unsittlichen — Kulten, die Zauberbücher, 
Amulette, Schwurformeln etc. Das alles war da von Anfang an in 
den christlichen Gemeinden selbst. Die Aufrichtung der Kirchen- 
zucht war immer zugleich Nutzen und Schaden, indem sie durch 
die Tilgung des Gröbsten dem Feinen das Recht des Daseins 
gab. Das wurde dadurch nicht besser, dass sich sehr schnell ein 
festes Gewohnheitsrecht da bildete, wo vorher das immer neue 
Wort des Apostels entschied. 

Diese unvollkommene Lage wirkte zurück auf das Gefühl der 
Einzelnen, die die Aufgabe des neuen Lebens im Sinne des Paulus 
ergriffen hatten. Gab es Gewissheit des Heils, und wovon hing 
sie ab? Paulus trieb dazu an, mit dem Erwählungsglauben Ernst 
zu machen. Wer ihm folgte, verliess sich auf Christus und den 
Glauben. Das konnte geschehen zugleich mit sittlichem Eifer 
und ohne sittlichen Eifer. Beides kam vor, wie es heute geschieht. 
Wer dagegen mehr darauf sah, wie Christen in Sünde fielen und 
verloren gingen, der gab praktisch die Heilsgewissheit auf, und 
solcher war sehr bald eine Menge. Nur zog man daraus auch wie- 
der entgegengesetzte Schlüsse. Entweder man wollte sein Heil 
mit Furcht und Zittern schaffen und durch strenge Heiligung sich 
das Heil verbürgen, oder man liess den Dingen den Lauf und 
dachte, es sei noch Zeit in der letzten Stunde. Auf alle diese 
Möglichkeiten nehmen schon die paulinischen Briefe selbst Bezug 
und sie begegnen uns auch später zugleich neben einander. Ein 



214 I^ie Entstehung der Religion. III. Paulus. 

klarer Unterschied zwischen Jesus und Paulus bezüglich ihrer 
Wirkung tritt jetzt zu Tage: Beide haben dasRehgiöse, das Leben 
als Kind Gottes in Gottes Liebe, und das Sittliche, die Forderung, 
untrennbar mit einander verbunden, jedoch mit sehr verschiedener 
Betonung. Bei Jesus fällt die Forderung vor allem indas Auge: der 
wahre Wille Gottes statt des falschen. Daher ist die Gefahr, die 
seiner Gemeinde drohte, die Gesetzlichkeit. Bei Paulus dagegen, der 
mit der Gnade und Versöhnung einsetzte, hat sich die Gefahr der 
sittlichen Faulheit beinahe sofort eingestellt. Er kämpft ja mit 
aller Kraft dagegen, am meisten in Rm 6, aber das ist gerade 
ein Beweis, dass hier eine wirkliche Gefahr vorhanden war. 
Während man in der ürgemeinde von der besseren Gerechtigkeit 
herab sah auf die Pharisäer und Schriftgelehrten, deren Gerech- 
tigkeit faul war, blickte man in den paulinischen Gemeinden als 
vom Standort der versöhnten Gotteskinder mitleidig auf die ver- 
lorenen Ungläubigen draussen, obschon man in manchem nicht 
besser war. Aber allerdings auf Paulus selbst durfte man sich 
zur Entschuldigung nie berufen. Er hat durch seine Briefe das 
Möglichste zur Zerstörung der Missverständnisse, zur Ausfegung 
des faulen Glaubens gethan. 

Den richtigen Massstab zur Beurteilung giebt zuletzt am 
besten die Frage, was erreicht wurde gegenüber dem früheren 
Zustand. Von da aus gesehen, erscheinen die paulinischen Ge- 
meinden immer wieder in günstiger Beleuchtung. Es war schon 
ein grosser Schritt, ja ein Wagniss, das aus dem Judentum hervor- 
gegangene Evangelium einzubürgern in der neuen, im Grund so 
schlecht vorbereiteten Welt. Kaum gab es Menschen, die Jesus 
weniger verstehen konnten, als diese Griechen, deren einzig übrig 
gebliebene Kunst das Schwatzen und Disputieren war. Gar in 
ein Korinth Jesus bringen, hiess Ungeheures versuchen. Aber 
es ging. Paulus mit seinen Genossen brachte es fertig, dass rings 
um das ägäische Meer die christlichen Kolonien emporwuchsen 
als etwas Neues, Gesundes, Lebenskräftiges. Lasterteufel wurden 
zu ehrbaren Menschen, Diebe und Raufer zu nützhchen Arbeitern, 
kummervolle, gemütskranke Seelen fanden den Frieden in Gottes 
Liebe. Es geschah ein grosses radikales Aufräumen von Unrat 
und Fäulnis, verbunden mit der Pflanzung der Liebe, Geduld, 
Keuschheit, Demut. Gewiss, es geschah selten radikal genug; 
die bösen Wurzeln blieben bestehen, um bald neue Schosse zu 
treiben. Doch wollen wir nie vergessen, dass unser eigenes Christen- 



4. Frömmigkeit d. Gemeinden u. Frömmigkeit d. Paulus selbst. 215 

tum eine Folge der Missionsarbeit des Paulus ist. Wer das Voll- 
kommene will, soll diese Welt verlassen. Es war die Frage an 
die Griechen gestellt: Wollt ihr Jesus oder wollt ihr ihn nicht? 
Sie riefen: wir wollen, wenn wir als Griechen wollen dürfen. Nun 
bekamen sie ihn als Griechen und verdarben ihn, soviel sie das 
im stände waren. Wir hätten ihn zweifellos auch verdorben. 
Das Grosse war, dass dieser Jesus sich selbst behauptete, nie 
sich ganz herunter bringen liess und immer wieder die Menschen 
erhob. 

lieber die Frömmigkeit des Paulus herrscht deshalb volle 
Klarheit, weil er die höchste Gabe besass, von sich selbst und 
seinen inneren Bewegungen zu reden. Unsagbare und undefinier- 
bare Stimmungen verstand er so zu schildern, dass sie in anderen 
Seelen fortwirkten. Eben die Weichheit seines Naturells, das oft 
fast krankhaft sensible und in das Ekstatische hinüberschillernde 
Grundwesen seiner Seele hat ihn zu einem der grössten Offenbarer 
religiös ursprünglicher Innerlichkeit gemacht. So liegt seine 
Frömmigkeit in seinen Briefen seltsam offen vor uns und man 
kann von einem persönlichen Eindruck des Paulus, ja vom Erlö- 
senden au ihm reden, wie von Jesus selbst. 

Grundlegend war sein Umschwung bei seiner Bekehrung. 
Er gab seiner Frömmigkeit den Charakter starker Kontraste, 
die eine Ausgleichung fordern , welche aber nur den Uebergang 
zu neuen Kontrasten bildet. Und zwar sind es die Gegensätze 
von Sünde und Gnade und von Schwäche und Kraft, die von 
Paulus in den Mittelpunkt der Religion gestellt werden. 

Obschon Paulus vor seiner Bekehrung sich einer gesetz- 
lichen Korrektheit rühmen durfte, hat er doch schon damals auch 
bittere Erfahrungen gemacht. Er muss das Sündenelend und 
die Qual des inneren Zwiespalts in ganzer Tiefe durchempfunden 
haben; in Rm 7 zittert die Erinnerung daran noch fast kon- 
vulsivisch nach : ich elender Mensch , wer wird mich erlösen von 
diesem Todesleib ? Um so grösser ist in der Gegenwart das Ge- 
fühl der Begnadigung, des Friedens mit Gott, verbunden mit 
dem Bewusstsein der Befreiung aus der Qual, der Erstarkung 
des Guten. Paulus konnte die Stunde des Wechsels angeben, 
so gut als jeder Christ, der sich bekehrte, und die Erinnerung an 
dies plötzliche Neuwerden gab seiner Rehgion Kraft und Wucht. 
Das Alte ist vergangen, siehe, es wurde Neues. Gerechtfertigt 



216 Die Entstehung dei* Religion. III. Paulus. 

durch den Glauben haben wir Frieden mit Gott. Gottes Liebe ist 
durch den heihgen Geist in unser Herz ergossen. Durch Paulus 
ist zum erstenmal unter Christen die Frömmigkeit begründet 
worden, die sich am Gegensatz von Sünde und Gnade orientiert. 
Aber dieser Gegensatz erfasst weit über das Gefühl hinaus den 
Willen. Sündentrost und zugleich Befreiung von der Sünden- 
macht ist ihm die Hauptsache. Sünde und Gnade soll ja ein 
Nacheinander, kein Nebeneinander sein. 

Aber ist dieser Gegensatz ein absoluter? Ist der Bruch bei 
Damaskus ein so völliger, dass gar keine Folgen des früheren Zu- 
standes sich melden in der Gegenwart? Paulus hat auch als 
Christ Depressionen erlebt. Wie könnte es anders sein! Aus 
ihm selbst und aus seiner Umgebung erstanden ihm beständig 
neue Versuchungen. Den Ausgleich dieser Depressionen mit 
dem Gnadengefühl bringt der Glaube, d. h. das treue Festhalten 
an der einmal in Christo erschienenen Liebe Gottes. Was ich 
noch im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Gottes- 
sohn. Weil Christus mich geliebt hat, darum kann keine Macht 
der Erde mich aus Gottes Hand reissen. So hat Paulus es ver- 
mocht, sein einmaliges Erlebnis durch den Glauben zu verewigen. 
Wiederholung, sagt Kierkegaakd. Es ist kein neues Erlebnis, 
sondern Treue gegen das alte. Auch hier ist Paulus der Vorläufer 
Späterer. 

Der andere, für ihn nicht weniger eingreifende Kontrast ist 
der von Kraft und Schwäche. Durch seine Bekehrung wurde 
Paulus in den urchristlichen Enthusiasmus hineingerissen und 
lernte in wunderbaren Erlebnissen die Kräfte des Jenseits 
schmecken. Er war Ekstatiker und Visionär. Er genoss Offen- 
barungen und Gesichte des Herrn, Entrückung in das Paradies, 
Vernehmen himmlischer Worte. Da war er so mächtig, dass er 
sich als Uebermensch, als Geist fühlen konnte. „Wir sind nicht 
im Fleisch." „Das ewige Leben hat begonnen." Aber nun im 
Gegensatz dazu höllische Dejjressionen, Schläge des Satansengels, 
Gefühl der Todesnähe bis zur Verzweiflung am Leben, Furcht 
und Zittern, Ohnmacht gegenüber den Aufgaben des Augen- 
blicks. Dadurch kommt der Wechsel von Gottesgenuss und 
Gottverlassenheit in die paulinische Frömmigkeit. Paulus wird 
das Vorbild der Mystiker. 

Die üeberwindung dieser Depressionen ist vor allem die 
Aufgabe der Sehnsucht, die ja nichts anderes ist, als der Aus- 



4. Frömmigkeit d. Gemeinden u. Frömmigkeit d. Paulus selbst. 217 

druck des gesteigerten Kontrastgefühls. Ihr entlockt Paulus die 
wundervollsten Töne in allen seinen Briefen. Der Geist selbst 
ist in die Schwachheit der Kreatur gefangen, sodass er bewusst- 
los betet in unaussprechlichen Seufzern, die Gott aber hört. Das 
ist das Sehnsuchtsgebet, das Seufzen und Schreien nach der 
herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, Gefangen im irdischen 
Haus, in der Fremde, sehnen wir uns nach der Heimat bei Gott. 
Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, denn das 
wäre weit das Bessere. Diese Stimmung des wilden tiefen Heim- 
wehs nach der Ewigkeit ist wieder von Paulus zuerst in die Welt 
hinausgerufen worden. 

Allein die Sehnsucht erinnert stets an den Mangel und prägt 
diesen immer neu dem Bewusstsein ein. Da findet Paulus in 
einem Gebetsaugenblick den höchsten Trost : Es genügt dir 
meine Gnade, denn die Kraft wird durch Schwachheit vollendet. 
Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Er hat die Ruhe der 
Gottgelassenheit gefunden; auch das ist Glaube. Damit vermag 
er alles und rühmt sich selbst der Not. Ekstase, Sehnsucht, 
Glaube sind die Stufen dieser Religion. 

Die bis dahin skizzierte Frömmigkeit ist ganz wesentlich Ge- 
fühls- und Stimmungsreligion. Denn der Wechsel der Kontraste 
wie ihr Ausgleich fällt in das Gebiet des Gefühlslebens. Dies 
ist eine der Bedeutungen des Paulus für die Rehgionsgeschichte, 
dass er das eigentliche Leben der Religion in das Gefühl verlegt, 
im Gefühl entdeckt hat. Das Bangen und Hoffen, das Haben 
und Suchen, Jubeln und Sichsehnen, der Wechsel von Gottes- 
glück und Heimweh nach Gott ist nach Paulus die Religion, und 
indem wir uns diesem Göttlichen, das über uns kommt, über- 
lassen, werden wir erlöst, d. h. aus dieser Welt heraus zu Gott 
erhoben. Von da aus geht direkt eine Linie zu Augustin, Bern- 
hard und Schleiermacher. Auch die zwei Paare von Gefühlskon- 
trasten: Sünde und Gnade, Stärke und Schwäche, hat Paulus für 
alle Zeit zuerst klar erlebt und ausgedrückt. Die Religion er- 
fährt dadurch eine unendUche Verinnerlichung und Vertiefung. 
IhrHeihgstes wird nicht in die äusseren Folgen und Wirkungen, 
sondern in den Verkehr mit Gott im Innern verlegt. Für dieses 
Gefühlsleben hat die äussere Geschichte bloss die Bedeutung von 
Stimmungsmitteln und Gefühlserregern. Das eben sind Kreuz 
und Auferstehung Jesu für Paulus. So ist freihch die geschicht- 
liche Vermittlung und Kontinuität streng gewahrt, aber das 



218 t)ie Entstehung der Religion. III. Paulus. 

Leben der Religion ist etwas Gegenwärtiges : die durch die Ge- 
schichte angeregte Berührung der Seele mit dem lebendigen 
Gott. 

Ihre eigenen Gefahren hat diese Gefühlsreligion immer 
darin, dass sie das thätige Leben zunächst brach liegen lässt. 
Paulus entging der Gefahr vermöge seines Berufs. Wie sein 
apostolisches Berufsbewusstsein in ihm zu vollkommener Stetig- 
keit und Stärke ausgebildet war, so verheh es ihm einen Eifer 
und rastlosen Thätigkeitstrieb, dass jedes Schwelgen in geist- 
lichen Genüssen und jeder Müssiggang für ihn zur physischen 
Unmöglichkeit wurde. Nach dieser Seite hin ist Paulus ein He- 
ros der sittlichen Arbeit an sich selbst und des völlig selbstlosen 
Dienstes an seinen Brüdern. Er hat seinen besonderen Beruf 
zugleich als einen vorbildlichen aufgefasst. Darum der Zwang 
zum Handwerk, körperliche Zucht bis zur Askese, völlige Nüch- 
ternheit und Aufrichtigkeit. Paulus hat alle Hemmungen, zu- 
mal die seines Naturells, bewundernswert überwunden oder als 
Förderungsmittel benützt. Er hat auch allen Reizen zum Hoch- 
mut und zu herrischem Auftreten widerstanden. Vor allem aber 
hat er die Liebe und Aufopferung in seinem Beruf zur Vollen- 
dung gebracht. Er konnte tragen und verzeihen, er litt mit, was 
jeder litt, er sammelte für seine Feinde. In einzelnen Fällen 
brachte er seine Gewissensfreiheit seiner Liebe zum Opfer. Für 
die Juden wünschte er, verbannt zu werden von Christus weg. 
Im Alter freute er sich trotz Neid und Streit seiner Genossen 
selbstlos am Fortgang des Evangeliums. Trotz seiner Himmels- 
sehnsucht zog er es vor, auf der Erde zu bleiben, um zu wirken 
und zu leiden für die Brüder. Jeder seiner Briefe an sie ist ein 
Liebesbeweis. So hat er nach seinen Kräften dahin gewirkt, dass 
der Lobpreis der Liebe in seinem eigenen Leben aus der Rhe- 
torik in die Praxis übergegangen ist. Dasselbe hat er von jedem 
Christen verlangt als sichtbares Merkmal seiner Zugehörigkeit 
zu Christus. 

Die Eigenart der paulinischen Frömmigkeit tritt noch klarer 
an das Licht, wenn man die ganz andersartige Frömmigkeit Jesu 
ihr gegenüberstellt. Diese ist gerade nicht Gefühlsreligion. Man 
darf sich nicht darauf berufen, dass das Zurücktreten des subjek- 
tiven Elements bei Jesus Folge der mangelhaften Berichterstat- 
tung über ihn sei. Wäre Jesus ein Mystiker oder sonst vorwie- 
gend Stimmungsmensch gewesen, so bräche das durch seine 



4. Frömmigkeit d. Gemeinden u. Frömmigkeit d. Paulus selbst. 219 

Worte hindurch trotz aller Zuthaten und Abstriche der Erzähler. 
Aber ihm ist gerade eigen, dass sein Innenleben sich nicht oder 
selten zum Ausdruck drängt , dass dem Gefühlsleben gar kein 
eigener "Wert zukommt. Es ist alles praktische Frömmigkeit, 
Handeln und Wirken, Helfen, Kämpfen, ein Leben in den Auf- 
gaben und Zielen, die bevorstehen, vorwärts gerichtete, teleo- 
logische Religion. Freilich ist auch das ganze Handeln Jesu von 
Gefühlen getragen, nämlich von der kindlichen Gewissheit der 
Liebe Gottes und vom hohen Ernst der grossen Zukunft. Aber 
diese Gefühle sind keine Provinzen für sich, von denen aus dann 
erst der Weg zum Wirken zu suchen wäre, sondern sie sind die 
bewusst oder unbewusst immer gegenwärtigen Begleiter alles 
Thuns. Gänzlich fehlt hier der Wechsel der Sünde- und Gnaden- 
stimmung, ebenso aber auch der von Kraft und Schwäche, wenig- 
stens in dem Stärkeverhältnis, wie Paulus ihn kennt. Wohl fehlt 
es im Leben Jesu nicht an Höhepunkten der Begeisterung und 
Depressionen wegen Misserfolgen. Aber wie völlig tritt das zu- 
rück hinter dem Gesamteindruck des stetigen klaren Vorwärts- 
handelns! Man merkt das schon an der grossen Nüchternheit 
Jesu in der Beurteilung der Menschen, die er nie für der Sünde 
entronnen, aber auch nie für ganz von ihr verschlungen hält. 
Ausserdem ist die Sprache Jesu ein Ausdruck seiner gänzlich 
praktischen nüchternen Art. 

Beide Formen der Frömmigkeit , wenn sie nur wahr erlebt 
sind, haben ihr Recht. Infolge des Uebergewichts der Theologie 
des Paulus ist auch dessen Frömmigkeit als die normale zur Gel- 
tung gekommen, freilich erst nach Entfernung des eigentlich My- 
stischen, Aber regelmässig hat sich die Verkümmerung des sitt- 
lichen Lebens als notwendige Folge der Gefühlsbetonung einge- 
stellt. Heute ist es unsere Aufgabe, die Eigenart der Frömmig- 
keit Jesu als Mahnwort an unsere Zeit wieder in den Vorder- 
grund zu rücken. 

Paulus hat sein Bild tiefer in die Geschichte eingegraben 
als irgend ein anderer Jünger Jesu. Er gab der jungen Reli- 
gion den Boden der grossen gebildeten Welt unter die Füsse, 
schuf ihr erstes tiefsinniges Gedankensystem, brachte eine neue 
Form der Frömmigkeit zur Erscheinung. Er hat dadurch zuerst 
das Christentum in die Weltgeschichte eingeführt. Die ganze 
Zukunftsgeschichte des Evangeliums ist bestimmt durch die 



220 Die Entstehung der Religion. IV. Die Apokalypse. 

Form, die Paulus ihm gab. Darin liegt sein Wert oder Unwert, 
dass er der grösste Vermittler des Evangeliums wurde und als 
solcher vielfach seine Stelle einnahm. Der Vergänglichkeits- 
charakter haftet seinem Werk an mehr als einer Stelle an; er 
selbst, der Mann Paulus, ist doch eine der ganz tröstlichen 
Erscheinungen der Geschichte, die nie aufhören, uns kleinen 
Menschen Mut und Freude zu geben. 

IV. Die Apokalypse. 

1. Der Prophet. 

Der genauen Entstehungszeit nach würde die Apokalypse 
des Johannes nicht mehr der ersten Periode des Urchristentums 
angehören, da sie frühestens unter Domitian geschrieben ist, die 
Zerstörung Jerusalems längst hinter sich hat und den Ausbruch 
der grossen staatlichen Verfolgung voraussetzt. Allein als ein- 
ziges uns erhaltenes Denkmal der urchristlichen Prophetie und 
als Erzeugnis des Enthusiasmus repräsentiert sie noch das Hoffen 
und Denken der ersten Zeit vor der Ausbildung der kirchlichen 
Verfassung. Allerdings kein lebendiger Prophet, ein Buch redet 
hier zu uns. Aber dies Buch erhebt gleich in seinen ersten 
Worten den Anspruch, prophetische Inspiration zu sein. Wie 
immer es ursprünglich aus christlichen und jüdischen Quellen 
zusammengesetzt sein mag, es selbst verlangt gebieterisch, als 
Ganzes und als Ausdruck christlicher Prophetie betrachtet zu 
werden. 

Gleich aus den Eingangszeilen spricht das höchste Berufs- 
bewusstsein. Gott wollte seinen Knechten, den Propheten, zeigen, 
was in Bälde geschehen soll. Zu dem Zweck wurde der Engel 
zum Knecht Gottes Johannes gesandt, damit dieser die Offen- 
barung weiter trage. Seine Worte sind Worte der Prophetie; 
selig, der sie liest und die sie hören! Gott selber redet durch 
das Buch. 

Darauf wird uns die himmhsche Berufung des Propheten 
durch die Vision erzählt. Als er auf der Insel Patmos war wegen 
des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu, da geriet er am 
Sonntag in Ekstase und bekam von Christus selbst den Auftrag, 
an sieben Gemeinden Kleinasiens zu schreiben, was er sah, was 
ist und was hernach sein wird. Die sieben Sendschreiben, die 
ihm nun mitgeteilt werden, fallen unter eine doppelte Beleuchtung. 



1. Der Prophet. 221 



Es sind Aufträge des himmlischen Messias an die himmlischen 
Leiter der sieben Gemeinden, durch den Propheten Johannes 
den Menschen auf der Erde kund gethan. Zugleich aber sind es 
Orakel des Geistes, wie der Schluss jedes Briefes betont: der 
Geist redet zu den Gemeinden. Somit will der Prophet rein als 
Medium betrachtet sein, sowohl im Verheissen und Drohen, wie 
im Aufzeigen und Mahnen. Der grosse Unterschied von Paulus 
springt in die Augen. Auch Paulus hat z.B. im I. Korintherbrief 
in ähnlicher Weise Missstände gerügt unter Verheissungen und 
Drohungen. Aber immer giebt er sich dabei als Mensch, nie als 
Sprecher des Geistes. 

Daran reiht sich die lange Reihe der apokalyptischen Vi- 
sionen, die das ganze Buch bis zum Ende durchziehen. Soviel 
Scenenwechsel' in ihnen vor sich gehen, die Rolle des Propheten 
hat der Schreiber nie vergessen. Er sieht und hört alle die 
himmlischen Vorgänge, er wird entrückt von einem Ort zum an- 
deren; so lebhaft beteiligt er sich an dem Geschauten, dass er 
weint. Als er das Buch auf Befehl des Engels verschlungen hat, 
beschreibt er dessen Wirkung in seinem Bauch. Er redet mit 
einem der 24 Aeltesten im Himmel. Besonders häufig kommen 
die Zwiegespräche mit Engeln. Gelegenthch wird die Beschrei- 
bung der Visionen unterbrochen von kurzen Geistesorakeln, die 
dann im Gegensatz zu ihrer Umgebung den Eindruck unmittel- 
barer Inspiration hervorrufen; die ergreifende Seligpreisung der 
künftigen Märtyrer gehört dahin. Aber auffällig ist dann wieder 
die dreimalige Beteuerung der Wahrheit der Inspiration. 
„Diese Worte sind wahr und zuverlässig." Ist das die Sprache 
des echten Propheten? Der ganze Schluss des Buches endigt in 
lauter Beteuerungen des göttlichen Ursprungs. Zuerst spricht 
der Engel, dann Jesus, zuletzt der Seher selbst. Dieser schliesst 
mit schrecklichen Drohungen und extravaganten Verheissungen 
sein inspiriertes Buch ab, das nun götthche gesetzliche Autorität 
besitzt. 

Vergleicht man nun so überaus ähnliche Erzeugnisse der 
jüdischen Apokalyptik, wie das Baruch- und Esrabuch , die unge- 
fähr in gleicher Zeit geschrieben sind, so merkt man, dass das 
proj)hetische Selbstbewusstsein bei Johannes sehr viel stärker 
hervortritt. Dort redet vielfach der pseudonyme Autor in eigener 
Person und unterscheidet sein menschliches Wort scharf von den 
Mitteilungen Gottes. Hier will alles von Anfang bis zu Ende 



222 Die Entstehung der Religion. IV. Die Apokalypse. 

Offenbarung sein. Dreimal wird die Wahrheit und Zuverlässig- 
keit der Gottesworte betont und am Schluss bezeugen nach ein- 
ander der Engel, Jesus, der Seher die GöttHchkeit der Offen- 
barung. Das Menschliche, die Selbständigkeit des Verfassers, 
tritt ganz zurück. 

Aber stammt nun wirklich das ganze Buch aus prophetischer 
Offenbarung? Im Gegenteil, jede Seite des Buches bestätigt es, 
dass hier Fiktionen vorliegen. Der mythologische Inhalt des 
Geschauten, die Form der Mitteilung durch Engel, die bewusste 
Anwendung der Kunstmittel in der Komposition, die Gleich- 
artigkeit des Stils mit dem aller jüdischen Apokalypsen sind lauter 
Widerlegungen der „Echtheit" dieser Prophetie. Sehr wahr- 
scheinlich will auch der Name Johannes den berühmten Jünger 
Jesu bezeichnen, und dann ist das Buch pseudonym wie alle ver- 
wandten Produkte. Es ist ein Kunstwerk durch und durch. 
Selbst die sieben Sendschreiben sind nicht wirkliche Briefe, die 
einmal abgesandt wurden; an Engel schreibt man nicht. 

So stossen der prophetische Anspruch und die Fiktion der 
Ausführung hart zusammen. Wie ist das zu erklären? 

Eine prophetische Begabung und Kraft hat der Verfasser 
besessen. Die sieben Briefe und manche kurze Geistesstimmen 
im Fortgang des Buches stammen aus einer ursprünglichen Be- 
geisterung. Selbst Visionen mag er gehabt haben, mindestens 
eine Vision, die ihn zum Schreiben trieb. Vor allem fühlt er sich 
angesichts der furchtbar ernsten Zeitlage zum Propheten berufen. 
Er muss aus innerem Zwang den Weckruf zum letzten Kampf 
des Volkes Gottes mit Rom erheben. Die grosse Zeit hat ihn 
selbst aus dem Schlaf herausgerissen; nun hat er sein Wächteramt 
an den Gemeinden Kleinasiens, zu drohen, zu mahnen, zu trösten, 
damit jeder bereit sei zur letzten Schlacht. So haben die alten 
urchristHchen Pro^iheten ihre Aufgabe erfasst. Die innere Nöti- 
gung, die sie reden heisst, oft wider ihr Wollen und Wünschen, 
kam ihnen dann als Geist oder Wort Gottes vor. 

Aber daneben ist der gleiche Mann Apokalyptiker, Buch- 
prophet. Er lebt vom gelehrten Ertrag der Vergangenheit, hat 
in Büchern studiert und Bücher verarbeitet. Aus ihnen hat er 
sein grosses eschatologisches System geschöpft. Ja er scheute 
sich nicht, Fragmente älterer Schriftsteller dem eigenen Werk 
einzufügen, als wären es seine Offenbarungen. Diese höchst 
menschliche und nicht einmal ihm eigene Weisheit giebt er als 



2. Die VerheissuDg. 223 



Wort Gottes aus und bemüht sich, seme eigene Einsicht in den 
wirklichen Ursprung des Buches durch möghchst krasse Beteue- 
rungen des götthchen Ursprungs zu betäuben. 

Dadurch wird sein Werk ein Denkmal des Niedergangs der 
Prophetie. Man kann aus ihm lernen, dass es einst christliche 
Propheten gab, die Gottes Wort besassen und höchste Autorität 
beanspruchten. Ihre Begeisterung, ihr Mut, ihr heiliger Ernst 
redet aus allen guten Worten dieses Buchs. Aber sein Autor 
gehört kaum mehr selbst zu ihnen. Er usurpiert ihre Autorität 
für jüdische Schulweisheit. Dabei verfällt er zuletzt ins Beteuern 
und Bezeugen, wodurch seine Fiktion die Harmlosigkeit verliert. 
Es ist oft schwer, trotz alledem die Freude an dem Mächtigen 
seines Werks zu behalten. 

2. Die Verheissung. 

Als Prophet, der er sein will, hat der Verfasser der Apo- 
kalypse vor allem zu weissagen. In der That ist sein ganzes Buch 
Weissagung. Das ungeheure Knäuel seiner Verheissungen lässt 
sich in drei ganz einfach trennbare Bestandteile auseinanderlegen: 
die christliche Parusiehoffnung, die politische Weissagung, das 
Vorstellungsmaterial der jüdischen Apokalyptik. 

Jesu, des Menschensohns, Kommen vom Himmel steht im 
Vordergrund der Weissagung. Das ist das Christliche an ihr. 
Die alte Erwartung der Urgemeinde besteht in voller unge- 
schwächter Kraft; die Nähe ist wie früher dabei die Hauptsache. 
Wie das Buch anfängt: die Zeit ist nahe, siehe, er kommt, so 
endigt es: ja ich komme bald. Amen. Komm Herr Jesus. Er 
wird plötzlich kommen, wie ein Dieb, als Richter und Retter 
der Seinen, der Heil und Strafe in einer Hand bringt. Voran 
geht ihm die letzte grosse Not, die Versuchung der Getreuen, 
da sich entscheiden wird, wer steht und wer fällt. So haben die 
alten Christen immer gehofft; Jahrzehnte haben daran nichts 
geändert. Auch die Sprache ist fast die der Urgemeinde. Seit 
Jesu Weggang ist sein Wiederkommen derart die Hauptsache 
am Reich Gottes, dass es im Gespräch dessen Stelle einnimmt. 

Aber diese Hoffnung hat durch die Wandlungen der Zeit- 
geschichte selbst eine grosse Verwandlung erlebt: sie wird poli- 
tisch, weil der Staat Rom als Feind der Christen aufgetreten ist. 
Eine Verfolgung mit Blut der Märtyrer ist bereits vergangen; 
jetzt steht die grosse, die letzte Verfolgung vor der Thür. Die 



224 Die Entstehung der Religion. IV. Die Apokalypse. 

Kap. 13 und 17 — 19 fassen sie besonders ins Auge. Der Feind 
ist Rom, die Stadt Babylon, welche die Herrschaft hat über die 
Könige der Erde, sie, die jetzt schon vom Blut der Heiligen und 
der Zeugen Jesu trunken ist, die grosse Hure, die Mutter der 
Hurer und der Gräuel der Erde. Ihre teuflische Macht erscheint 
Kap. 13 unter dem Bild der zwei Tiere, die vom Meer und vom 
Land aufsteigen. Dem ersten hat der Drache die Macht gegeben, 
dass es Krieg mit den Heiligen führen und sie besiegen kann: 
das ist das römische Cäsarentum. Das zweite Tier ist sein 
Untergebener, der falsche Prophet, der die Menschen verführt, 
das Bild des Tieres anzubeten und sein Zeichen zu tragen: das 
ist das Priestertum des Kaiserkults. Die Forderung des Kaiser- 
kults und die Verfolgung derer, die ihn verweigern, ist der Anlass 
zur Veröffentlichung unserer Apokalypse. Es sind die Massregeln 
unter Domitian und Trajan, welche die christliche Eschatologie 
zu dieser politischen Wendung nötigten. Für die Juden war 
schon in viel früherer Zeit die gleiche Lage gegeben, damals, als 
Caligula sein Bild im Tempel zu Jerusalem aufzustellen gebot. 
Unser Apokalyptiker nimmt die alte jüdische Reizbarkeit und 
Empfindlichkeit gegen den Cäsarenkult in die christliche Kirche 
hinein und gestaltet von da aus seine Eschatologie. Kampf 
zwischen Gott und dem vom Satan eingesetzten Cäsar ist ihm die 
Signatur der Zeit. Eben dieser Kampf, der in der Gegenwart 
zu Ungunsten der Christen verläuft, soll die Zukunft zu Ungunsten 
Roms entscheiden. Eben diesen Entscheid, den Sieg der Christen 
in dem politisch-dämonischen Prozess, bringt die Parusie des 
Messias. Sie ist hier durchaus als politisches Ereignis verwertet. 
Der Messias kommt vom Himmel herab auf weissem Ross in 
voller Schlachtrüstung, umgeben von den himmlischen Heer- 
schaaren. Ihm stellen sich das Tier, die Könige der Erde und 
ihre Heere entgegen zur Schlacht, die selbstverständlich mit ihrer 
völligen Vernichtung endet. Das Tier und der falsche Proj^het 
werden in den Feuerpfuhl geworfen, während ihre Getreuen durch 
das Schwert fallen. Hierauf beginnt die Herrschaft des Messias 
und seiner im Krieg gefallenen Helden, der Märtyrer. Dieser 
zukünftige Sieg Christi über Rom ist der Kern der Verheissung 
unseres Buches. 

In die pohtischen Wirren, die die Weissagung in Aussicht 
nimmt, tritt dann auch die Person des Nero redivivus hinein, und 
zwar bereits in verschiedenen Formen. Eine ältere Form, dass 



2. Die Verheissung. 225 



er mit den Parthern gegen ßom ziehen werde, ist jetzt hinter eine 
jüngere gestellt, dass er gegen das Lamm kämpfen soll und von 
ihm besiegt werde. Auf den Kaiser Nero geht ja die berühmte 
Zahl 666. Was ist das für eine phantastische Politik, die mit 
Menschen, Gespenstern, Teufeln und Engeln rechnet ! 

Für das Christentum erwuchs aus dieser politischen Färbung 
seiner Hoffnung keine geringe Gefahr. Paulus hatte erklärt, dass 
jede staatliche Gewalt, auch der Kaiser Nero, von Gott eingesetzt 
und als Diener Gottes zu betrachten sei. Jetzt ist infolge der 
ganz neuen Lage der Kaiser für die Christen der Diener Satans 
geworden, von dem alle seine Macht stammt. Ist ihm da der Christ 
noch Gehorsam schuldig? ist nicht B,ebellion seine Pflicht? Allein 
unserem Apokalyptiker liegt nichts ferner als Revolutionsgedanken. 
Geduld ist seine einzige Forderung. Nie will er einen anderen 
Widerstand als den passiven, der leidet, gelten lassen. Gott al- 
lein bringt uns den Sieg, nicht Menschen. Dagegen feiert nun 
die Rachephantasie in Kap. 18 und 19 wahre Orgien. In ihr zu 
schwelgen, das bietet Trost für das Elend der Gegenwart. Das 
schadenfrohe Triumphlied über den Fall der grossen Hure und 
die Ausmalung des Untergangs der Feinde: „Kommt her ihr 
Vögel und versammelt euch zum grossen Mahl Gottes, um zu 
fressen Fleisch von Königen, Fleisch von Obersten, Fleisch von 
Gewaltigen, Fleisch von Rossen und ihren Reitern, Fleisch von 
allen Freien und Sklaven, Grossen und Kleinen" — sind keine 
Ehrenzeichen des Christentums. Mit der politischen Wendung hat 
dieses sofort alle Rache-, Hass- und Fanatismusgedanken des 
Judentums übernommen. Das steht fest, ganz einerlei, ob hier jüdi- 
sches oder christliches Gut zu Grunde liegt. Wer sich an solchen 
Phantasien freut, ist kein Haar besser, als wer sie zuerst ersann. 
Es ist Rachsucht gefolterter Sklaven, die für ihre Herren noch 
schHmmere Qualen erdenken. 

Aber die christliche Parusiehoffnung und die politische 
Weissagung gegen Rom füllen doch erst einen kleinen Teil des 
grossen Buches. Die Hauptmasse der Verheissungen ist altes 
traditionelles Gut der jüdischen Apokalyptik, nichts Weiteres. 
Wenn der „Prophet" eine Apokalypse schreiben wollte, so musste 
er vor allem sorgen, dass die alte üeberlieferurig der Endgeheim- 
nisse nicht durch ihn verloren ging. Lieber zu viel davon als zu 
wenig. Auf Widersprüche kommt es nicht an; nimm in dein Buch, 
was du nur ergreifen kannst, sorge dich nicht um Denkmöglich- 
Wernle, Anfänge. 25 



226 Die Entstehung der Religion. IV. Die Apokalypse. 

keiten ! In der Tliat hat er ein ganzes Bündel von Eschatologien, 
oft gänzlich unvermittelten, zusammengestellt. 

Den breitesten Raum füllt die Lehre von den Vorzeichen und 
der Drangsal. Die 7 Siegel, die 7 Posaunen, die 7 Schalen 
sind nur Variationen der gleichen in allen Apokalypsen wieder- 
kehrenden Zeichen der letzten Zeit. Davon sind wieder die 
7 Posaunen und die 7 Schalen so nahe verwandt, dass sie sich 
als doppelte Bearbeitung derselben Vorlage geben. Zuerst wird 
jedesmal die Erde betroffen , dann das Meer , dann die Flüsse, 
dann die Gestirne, dann die Luft (freilich sehr verschieden), dann 
kommen die Parther, zuletzt Hagel, Donner, Blitz etc. Den Vor- 
zeichen und Plagen liegen grösstenteils biblische Stoffe zu Grund, 
die Rossevision desSacharia, die Zusammenstellung von Schwert, 
Seuche, Hunger bei Jeremia, vor allem die ägyptischen Plagen, 
eine wahre Fundgrube der ApokalyjDtik , ausserdem auch nach- 
biblisches spätjüdisches Material. Die ganze Natur wird ins 
Enddrama hineinverflochten, und zugleich liefert die politische 
Zeitlage (Parther, Nero redivivus) günstigen Stoff. Ln 5. Siegel 
ist eine jüdische Idee: die Zahl der Gerechten muss voll sein vor 
dem Ende — dahin umgewandelt, dass an Stelle der Gerechten 
die Zahl der Märtyrer tritt. 

Aber in dieser dreifachen Siebenzahl (Siegel, Posaunen, 
Schalen) hat der Apokalyptiker lang nicht sein ganzes Material 
von Vorzeichen des Endes unterzubringen vermocht. Er muss 
den Rest in den Einschaltungen placieren, die er zwischen die 
drei Sieben einfügt. Dahin gehören: 

Die Versiegelung der 144000 aus den 12 Stämmen Israels 
(ohne Dan, den Stamm des Antichristen), zu denen dann die un- 
gezählte Menge aus allen Völkern und Nationen hinzutritt, hier 
ist fast sicher ein ursprünglich jüdisches Fragment aufgenommen. 

Die Verwüstung der heihgen Stadt durch die Heiden. Dies 
Stück stammt aus der Zeit vor 70 und sah ursprünglich die Er- 
rettung des Tempels voraus. 

Die Sendung der zwei Zeugen — nach alter Tradition des 
Elias und Henocli — als Bussprediger in der heiligen Stadt. Sie 
fallen dem Tier zum Opfer, steigen aber, sofort auferweckt, 
zum Himmel hinauf. Alle diese drei Einschaltungen verwerten 
nicht nur jüdische Traditionen, sondern schriftliche Fragmente. 

Den eigentlichen überirdischen Anbruch der Erlösung 
schildert Kap. 12: Die Geburt des Messias vom Sonnenweib, 



2. Die Verheissung. 227 



seine Bedrohung durch den Drachen, seine Entrückung zu Gott. 
Darauf der Himmelssturm des Drachen, der mit seiner Besiegung 
durch Michael und seinem Sturz vom Himmel endigt. Dann ver- 
folgt der Drache die übrigen vom Samen des Weibes, d, h. hier 
die Gemeinde Jesu. Er giebt zu dem Zweck dem Tier, also 
Rom, seine Macht, bis endlich das zu Gott entrückte Kind als 
König vom Himmel herabkommt und ihn vernichtet. 

Das sind Stoffe mythologischen Ursprungs, die der christ- 
liche Autor nicht erfand. Sie gehen selbst weit hinter das Ju- 
dentum zurück in die babylonische Gedankenwelt, aber sie sind 
zunächst durch jüdische Köpfe hindurchgegangen. Unser Apo- 
kalyptiker nötigte ihnen die christliche Deutung erst auf. Das 
Grosse für ihn ist: Der Sieg der Christen ist im Himmel schon 
entschieden, der Drache ist hinausgeworfen. Damit steht die 
Gewissheit der Erlösung fest. 

Den Endzustand selbst schildert er — verschiedene Escha- 
tologien kombinierend — in zwei Stadien. Zuerst nach der Mes- 
siasschlacht das tausendjährige Reich des Messias und der Be- 
kenner (erste Auferstehung), während der Drache unterdessen im 
Abgrund gefesselt ist. Dieser Zustand nimmt sein Ende mit der 
Entfesselung des Drachen und seinem erneuten Ansturm mit Gog 
und Magog gegen die heilige Stadt. Im entscheidenden Augen- 
blick fällt Feuer vom Himmel und verzehrt die Gottesfeinde*, der 
Satan wird für ewig in den Höllenpfuhl geschleudert. Hierauf 
allgemeine Totenerweckung und Weltgericht nach den Werken 5 
alle Sünder verfallen der Hölle, dem zweiten Tod. Nun kommt 
die Weltverwandlung mit dem neuen Himmel und der neuen 
Erde (ohne Meer). Das neue Jerusalem steigt vom Himmel 
herab. Gott wohnt bei den Menschen, alles Leid ist verweht, 
^alles Alte vergangen. 

Das ist nun freilich offiziell jüdische Eschatologie, aber doch 
in einer Form dargeboten, die jeder Christ sich ohne Zwang an- 
eignen konnte. Anders die grosse Schlussschilderung. Statt in 
den neuen Himmel und die neue Erde werden wir ins gänzhch 
diesseitige, grob Sinnhche und national Jüdische versetzt. Der 
Apokalyptiker hat wieder ein jüdisches Fragment aufgenommen. 
Das neue Jerusalem wird uns vorgeführt, kubusförmig, mit gol- 
denen Gassen, hohen Mauern, 12 Thoren aus Edelstein. Einen 
Tempel braucht es nicht, so wenig als Sonne und Mond. Gott 
«elbst ist da und erleuchtet die Stadt. Die Heiden behalten ihre 

15* 



228 Die Entstehung der Religion. IV. Die Apokalypse. 



Unterthanenstellung; sie dürfen ihre Schätze als Tribut in die 
heilige Stadt bringen und sich vom Baum des Lebens heilen 
lassen. Die Hauptsache ist freilich die persönliche Anwesenheit 
Gottes und — fügt der Christ hinzu — des Lammes. Das ist 
nun der schroifste Rückfall in die jüdischnationale Denkweise, 
der sich vorstellen lässt. Das christliche Volk tritt an Stelle des 
jüdischen und übernimmt dessen Verachtung der Heiden. Das 
neue Israel an der Spitze der Völkerwelt im heiligen Land und 
der heiligen Stadt, das ist die christliche Parole! Für solche 
Christen hat Jesus seine ganze Umbildung des Reichsgottesbegriffs 
Ivergebens vollbracht. 

Wohl fehlt es durch die ganze Apokalypse hin nicht an 
prächtigen und rührenden Zügen des Hoffnungsbildes. Die 
Freude und Seligkeit wird in manchen Sprüchen gerade so 
schlicht ausgemalt, wie in den Seligpreisungen Jesu, Freilich 
daneben welche baroke Phantasie selbst in dem Besten des 
Buches, in den Sendschreiben: „Dem Sieger will ich geben vom 
verborgenen Manna und will ihm einen weissen Stein geben und 
darauf einen neuen Namen geschrieben, den niemand kennt, 
ausser dem Empfänger." „Wer da siegt und an meinen Werken 
hält bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Heiden, 
und er wird sie weiden mit eisernem Stab, wie man Töpfer- 
geschirr zusammenschlägt, wie auch ich es empfangen habe von 
meinem Vater, und ich will ihm den Morgenstern geben." Solche 
abstruse, durchaus unchristliche Worte redet Jesus in den Send- 
schreiben. In der Gesamtverheissung des Buches ist eben der 
Name Jesus an eine für ihn ganz unpassende Stelle eingesetzt. 
Was er gerade nicht sein wollte: jüdischer Messias im jüdischen 
Gottesreich — , das ist er hier geworden. 

Was ist denn schliesslich das Christliche an dieser Verheis- 
sung? Ein Blick in die Esraapokalypse macht es klar. Dort Re- 
signation, die oft der Verzweiflung ähnlich sieht, hier Jubel und 
Siegeszuversicht. Mit dieser frohen, jubelnden Sehnsucht und 
Siegeszuversicht ist das Christenvölklein in den jahrhundert- 
langen schweren Kampf mit dem allmächtigen Rom hinaus- 
gezogen. „Das Reich wird uns doch bleiben!" Das war Jesu 

Kraft. 

3. Die Forderung. 

Prophet ist, wer sagen kann, was Gott thun wird und was 
die Menschen thun sollen. Die Forderung des Apokalyptikers 



3, Die Forderung. 229 



ist durch die grossen äusseren und inneren Gefahren seiner Ge- 
meinden bestimmt. Von aussen droht Verfolgung, von innen 
Verweltlichung. Die Juden sind die Hetzer und Verleumder der 
Christen, die Römer die Richter, die den Juden den Gefallen 
thun. Da heisst es Geduld, Treue, Standhaftigkeit im Leiden 
bewähren. Vor allem ist Verweigerung des Kaiserkults die Probe 
des Christenstandes. Nur wer das Tier nicht anbetet und sein 
Zeichen nicht trägt, ist ein Christ. Kein revolutionärer Wider- 
stand! Wer mit dem Schwert tötet, soll mit dem Schwert ge- 
tötet werden. Hier gilt einzig Geduld und Treue der Heiligen. 
Sei getreu bis in den Tod! Sehg die Toten, die im Herrn ster- 
ben von nun an ! Jeder Christ soll bereit sein zum Martyrium, 
d. h. hier das „Festhalten am Zeugnis Jesu". Der Prophet hat 
klar erkannt, dass jetzt der grosse Kampf mit Rom beginnt und 
dass dieser Kampf eine Versuchung für die Christen ist, die alle 
feigen, schwächlichen Seelen nicht bestehen. Darum sein macht- 
voller Weckruf in flammender Sprache. Es ist der Ruf zur 
Todesbereitschaft. Kein Wunder, dass die Märtyrerkirche dies 
Buch kanonisch geschätzt hat. Der Apokalyptiker hat nur einen 
ebenbürtigen Kampfgenossen: den Verfasser der Schlussverse 
von Rm 8. Man kann das „Ist Gott für uns, wer mag wider 
uns sein!" das Motto des Buches nennen. 

Soll aber Gott für uns sein, so muss es erst in den Gemein- 
den selbst anders aussehen. Schon hat die Verweltlichung be- 
gonnen. Ephesus verliess die erste Liebe. Sardes verfiel dem 
geistigen Tod , Laodicea ist weder kalt noch warm , rühmt sich 
wohl, reich zu sein und ist doch so elend. Wir sehen hier, wie 
es in paulinischen Gemeinden aussah gar nicht lange nach des 
Stifters Tod. Gesteigert ist die Verweltlichung durch Irrlehrer, 
falsche Apostel und Prophetinnen, die das Huren und das Götzen- 
opferfleischessen für erlaubt erklären und den Christen vormachen, 
das führe erst zur Erkenntnis der Tiefen Satans. Es ist gewöhn- 
licher heidnischer Libertinismus, der von diesen Nikolaiten, 
christlichen Sendboten und Propheten , herumgeboten wird. 
Ausserdem zeigen die Lasterkataloge am Schluss des Buches, 
was für Leute sich da und dort christHch genannt haben. 

Die innere Gefahr erscheint nach den Sendschreiben fast 
grösser als die äussere. Ihr gilt vor allem der Bussruf: Fort 
mit den Irrlehrern, Rückkehr zur ersten Liebe! Das Gericht 
Christi wird auch über die Seinen erbarmungslos ergehen. Ein- 



230 Die Entstehung der Religion. IV. Die Apokalypse. 

zig Werke retten, Thaten der Liebe, der Strenge, der Treue. 
In der Sünde und der Welt verlorene Christen kann eines sicher 
retten : das Martyrium. Zum erstenmal geht hier der Blick sehn- 
süchtig nach rückwärts zu den Anfängen des Christentums, zur 
goldenen Zeit. Rückkehr dahin heisst die Parole. 

Alles in allem gänzlich untheologisches, praktisches Christen- 
tum. Treue in der Verfolgung, Kampf gegen die Verweltlichung, 
Festhalten der ersten Liebe, das ist die Forderung des Sehers. 
Ihn trägt noch wirkhcher Enthusiasmus der ersten grossen Zeit. 
Man spürt das äusserlich schon daran, dass noch kein Bussgesetz, 
kein Kirchenrecht da ist; solang das Gericht noch aussteht, so- 
lang ist Zeit zur Busse. So schroff die Trennung von der Welt 
gefordert wird, es entsteht keine Gesetzlichkeit im Innern, weil der 
Geist noch redet. Aber von Sekte lässt sich kaum mehr reden, 
da der Kampf mit dem Imperium begonnen hat. Die frühere 
Sekte tritt in die Weltgeschichte ein, zunächst entschlossen, sich 
selbst treu zu bleiben und Welt und Teufel für eins zu halten. 

Ein Gegensatz zu Paulus liegt aber nirgends vor, wie sehr 
' auch dessen Formeln fehlen. Man versteht den Paulus falsch, 
solang man nicht einsieht, dass er in dieser Lage genau das 
i ' Gleiche gefordert hätte. 

4. Laientheologie. 

Ausser seiner Verheissung und seiner Forderung verfolgt 
der Apokalyptiker keine Zwecke. Zum theologischen Denken 
hat er kein Bedürfnis und auch keine Zeit. Das schliesst nicht 
aus, dass er sehr bestimmte — freilich nirgends originale — Vor- 
stellungen über Gott und göttliche Dinge hat. Ist er auch Laie, so 
doch immerhin ein gelehrter Laie, der viel gelesen und viel gehört 
hat. Wie die Laien verträgt er die schroffsten AVidersprüche und 
verarbeitet nichts in sich. Seine Gedanken sind lauter Phanta- 
sien, immer für Ohr und Auge berechnet, nie abstrakt. Es ist 
nicht ohne Wert, zu prüfen, wie es in einem solchen Kopf aus- 
sah. Denn so wie er, dachten, schauten die meisten Christen. 

Wir sahen, wie pessimistisch er die poHtische Lage der 
Gegenwart beurteilt. Der Satan ist der jetzige Weltregent. Er 
hat dem Tier die Macht gegeben über alle Könige der Erde. 
Wie im Epheserbrief, so heisst es hier: nicht gegen Fleisch und 
Blut, gegen die dämonischen Weltherrscher gilt der Kampf der 
Christen. Darnach würde man einen strengen Dualismus als 



4. Laientheologie. 231 



Konsequenz erwarten : Das Gegenteil ist die Meinung des Apo- 
kalyptikers. Gott ist ihm vor allem der Schöpfer und Herr der 
jetzigen Welt. Jubelnde Psalmen preisen ihn deshalb: „Du, Herr, 
hast alle Dinge geschaffen , und auf deinen Willen waren sie da 
und wurden geschaffen. Gross und wunderbar sind deine Werke, 
Herr, Gott, Allherrscher, gerecht und wahrhaft deine Wege, König 
der Völker." Es ist ein Grunddogma des Sehers, woran er keinen 
Augenblick zweifelt, dass diese Welt Gottes Welt ist. Er steht 
darauf beinahe fester als Paulus. Alles, Natur wie Geschichte, 
sind von Gott hervorgebracht. So denkt er in Uebereinstimmung 
mit den Gebeten der jüdischen Apokalypsen Baruch und Esra. 
Seine Macht über die Natur wird ja Gott gerade in den eschato- 
logischen Vorzeichen beweisen-, da schaut es jedermann, wie ihm 
alle ihre Kräfte dienstbar sind. Ununterbrochen erschallt im 
Himmel Gottes Lob, und gerade so quillt unserem Seher der 
Dank unaufhörlich aus seinemHerzen. Keine Drangsal vermag ihn 
darin zu stören. Es bleibt dabei: Gott sitzt im Regimente und 
führt alles wohl. Der ganze Zukunftsoptimismus erhebt sich über 
diesem gegenwärtigen Gottesglauben. 

Wie erklärt sich aber dann die Macht des Drachen und der 
Heiden ? Darauf giebt der Apokalyptiker keine Antwort, weil er 
gar nicht über Probleme reflektieren will. Das überlässt er Esra 
und Genossen. Er begnügt sich mit der Thatsache, dass die 
Heiden die Feinde des Gottesvolks sind, und dass der Teufel ihnen 
ihre grosse Macht gegeben hat. Diesem gottwidrigen Zustand 
wird die Zukunft ein Ende machen. Wer das weiss, der weiss 
genug. Das ist eben Laientheologie, gänzlich unsystematische, 
aber kräftige. 

Gott selbst ist nun freilich ein gar weltfernes Wesen, das be- 
zeichnenderweise am meisten nach Hesekiels Vision geschildert 
wird. Seine nächste Umgebung bilden die Aeltesten von Jesaja 24, 
jetzt 24 an der Zahl, dem durch den Herzutritt der Heiden 
verdoppelten Zwölfstäramevolk entsprechend. Von Gottes Thron 
gehen fortwährend Blitze und Donner aus. Davor stehen als 
sieben Fackeln die sieben Geister (Erzengel) und noch näher die 
vier Tiere des Hesekiel, Das alles macht einen möglichst zu- 
sammengesetzten, unplastischen Eindruck. Klar ist eigenthch nur 
eines an dieser Schilderung : Die Unnahbarkeit Gottes. Wie 
dann freilich dieser unnahbare Gott mit seinem Engelshofstaat 
auf der Erde wohnen soll mitten unter den Menschen, das haben 



232 Die Entstehung der Religion. IV. Die Apokalypse. 

die Sclilusskapitel nicht deutlich gemacht. Folge der Unnahbar- 
keit ist die Furchtbarkeit Gottes, Er ist kein Wesen, zu dem man 
Vertrauen haben kann. Der Vatername fehlt denn auch gänzlich. 
Furcht und Zittern ist das Grundgefühl gegenüber diesem Gott. 

Kein Wunder, dass sein Wirken so ausschliesslich durch 
Engel vermittelt ist. Gott selbst thut gar nichts. Engel bringen 
alle Plagen und alle Zeichen hervor, besiegen den Satan im 
Himmel und binden ihn in den Abgrund. Auch alle Offenbarungen 
Gottes an die Menschen werden durch Engel vermittelt und durch 
Engel erklärt. Man kann schon daraus schliessen, dass für viele 
Religionsgenossen des ApokalyptikersdielebendigeRehgion mehr 
im Verkehr mit Engeln als mit Gott bestand. In der That pole- 
misiert er zweimal energisch gegen Anbetung der Engel. Es ist 
recht bezeichnend, dass das nötig ist. Es ist schon so weit gekom- 
men, dass sich das Christliche gegen den jüdischen — und heidni- 
schen — Engelkult wehren muss. Von Polytheismus istder Apoka- 
lyptiker freilich weit entfernt; die Engel sind ja keine selbständigen 
Wesen, sondern Gottes Diener. Aber es ist ein Monotheismus, 
der nur durch die Annahme von Mittelwesen sein Leben erhält. 

Als Oberster im grossen Heer der Mittelwesen tritt nun 
Christus auf. Christus ist dem Apokalyptiker alles, also auch der 
Inhaber aller Titel, nur nicht Gott, In der scharfen Unterordnung 
unter Gott ist er sich durch das ganze Buch treu geblieben. 
Zweimal in den Sendschreiben lässt er Jesus selbst von seinem 
Gott reden. Die Visionen in Kap. 4 und 5 halten Jesus und Gott 
scharf auseinander. Das Lamm tritt dort neben Gott zwischen 
den Thron, die vier Tiere und die 24 Aeltesten hinein. Auch 
in den Schlusskapiteln ist das Lamm nie Gott, es steht nur neben 
ihm. Das ganze praktische Interesse des Sehers hängt hier an 
der Subordination, denn nur wenn Jesus nicht Gott ist, darf er 
als Vorbild der kämpfenden und siegenden Christen, der Märtyrer, 
gefasst werden. Und daraufkommt ihm alles an: „Wer über- 
windet, dem werde ich verleihen, mit mir auf meinem Thron zu 
sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt zu meinem 
Vater auf seinen Thron." Das ist Adoptionschristologie. Jesus 
hat sein Verdienst und infolge dessen seine Würde. 

Aber freilich, wie wenig hält sich der Apokalyptiker an diese 
seine eigenen Sätze, wenn er sofort wieder alle göttlichen Prädikate 
auf Jesus häuft und ihn hoch über die Engel stellt, von Anfang 
an, nicht erst seit seiner Erhöhung! Er ist der Anfang der 



4. Laientheologie. 233 



Schöpfung Gottes, der erste und letzte und der Lebendige, das 
A und das ß, Anfang und Ende. Er ist der Erlöser und wird 
auch der Richter der Christen und Heiden sein. In den Send- 
schreiben sieht man besonders gut, dass die Religion des Apoka- 
lyptikers in Christus einen tröstlichen Ersatz gefunden hat für den 
schrecklichen unnahbaren Gott. Auch das ist Laienart. Gott ist 
ihnen zu fern, zu hoch, man kann nicht freundlich mit ihm verkeh- 
ren. Christus dagegen kennt man und kann ihn sich nahe bringen. 
Sein Lieblingsname ist dem Seher das Lamm nach Jesaja 53. Als 
Lamm, das geschlachtet war, ist Jesus ja einer der unseren ge- 
wesen. Wenn dies Lamm bei Gott steht, so haben wir einen treuen 
Patron am höchsten Gerichtshof. Aus der Geschmacklosigkeit 
des Bildes hat er sich nichts gemacht. Im Grund ist ja auch das 
„Lamm" bloss Name für Jesus, wie „Babylon" für Rom. Sol- 
ches Spielen mit Geheimnamen gehört zur Apokalyptik. 

Was hat denn Jesus auf Erden gethan? Daraufbekommen wir 
nur die Antwort: Er ist gestorben, und sein Blut hat uns los- 
gekauft. Wir sind dadurch rechtlich frei geworden aus der 
Knechtschaft der Heiden und des Teufels und eingegliedert in 
das Gottesvolk. Das schliesst nicht aus, dass der Autor noch 
manche andere Gedanken über Jesu Werk in seinem Kopf trug. 
Aber dieser ist ihm praktisch am wichtigsten, weil er sich die 
Christen immer als ein Volk denken muss. 

Von einem persönlichen Eindruck Jesu geht er nicht aus, 
er kannte Jesus nicht. Aber er steht jetzt im Kampf mit dem 
Römervolk, und da muss Jesus der König sein, der diesen Kampf 
führt und uns für sein Heer gekauft hat. Der Sieg steht bei uns, 
weil unser König so hoch über allen Engeln göttliche Macht 
besitzt. Die Zukunft bringt uns den schrecklichen blutigen Sieg 
und den Lohn der im Heldentod Gefallenen. Das Judentum, 
das AT, auch Paulus haben die Attribute für Jesus geliefert. 
Alles Heterogene steht friedlich beisammen. Die Einheit giebt das 
Temperament des Apokalyptikers. 

Es ist interessant zu sehen, wie diese Laienschrift mit dem 
Kolosserbrief des Paulus zusammentrifft in den höchsten Attri- 
buten der Christologie. Der Kolosserbrief kämpft gegen Irrlehrer, 
die Engelkulte empfahlen. Die Apokalypse weist ebenfalls Engels- 
anbetung zurück. Beidemal erhält Jesus die Stelle hoch über 
allen Engeln, Zuerst hat man Jesus mit den Schriftgelehrten 
und mit dem Propheten Johannes verglichen und als Messias über 



234 Die Entstehung der Religion. IV. Die Apokalypse. 

sie gestellt. Jetzt misst man ihn mit Geistern und stellt ihn an 
ihre Spitze, Bald darauf erfolgt der Vergleich mit den Göttern 
der Heiden; ihnen tritt Jesus gegenüber als der höhere Gott. 
Das ist der Anfang der grossen späteren Apologetik. Die Ent- 
wicklung der Kirche hält damit Schritt: Innerjüdische Sekte, 
Konkurrenzreligion des Judentums, Weltrehgion neben den heid- 
nischen Religionen. 

Woher stammt nun aber dies ganze Christentum der Apoka- 
lypse? Geht es auf Jesus selbst zurück, oder auf Urapostel oder 
Judaisten, oder auf Paulus und seine Genossen, oder woher 
kommt es sonst? 

Ausgeschlossen ist aller direkt palästinensische Ursprung. 
An Jesus und seine Jünger erinnert gar nichts. Kaum klingt ge- 
legentlich ein Wort Jesu an. Der Gottvaterglaube der Evangelien 
fehlt spurlos. Nicht einmal das Gottesreich klingt dem Namen 
nach an. Wer Jesus selbst oder auch nur seine Worte kannte, 
durfte nie diese wilden Rachephantasien über sich herrschen lassen. 

Dagegen ist der Paulinismus sichere Voraussetzung dieses 
Christentums. Sein Universalismus, seine totale Aufhebung des 
Gesetzes, seine schroffe Trennung von der jüdischen Synagoge 
gehören zu den selbstverständlichen Dingen. Am besten zeigt die 
Christologie die Abhängigkeit von paulinischen Formeln: Jesus 
der Gottessohn vom Himmel her, hoch erhaben über den Engeln. 
Anfang der Schöpfung Gottes, der nur herabkam um zu sterben 
zu unserem Loskauf und hernach auferstand, der auch infolge 
seines Gehorsams hoch erhöht wurde, und als Richter wieder- 
kommen wird — das ist das feste Schema der paulinischen Christo- 
logie. Es kann unmöglich zweimal in verschiedenen Köpfen ent- 
standen sein — es sei denn , es gäbe zwei Erscheinungen bei 
Damaskus. Das Christentum der Apokalypse ist ein Produkt 
auf dem Boden des paulinischen Heidenchristentums. 

Aber freilich trat nun etwas gänzlich anderes hinzu: das 
Judentum mit seiner Apokalyptik und all dem Gottes-, Engel-, 
Dämonenglauben, der Weltanschauung, welche diese im Gefolge 
hat. Die Frage ist noch offen, in welcher Form sich der christ- 
liche Prophet dies Judentum angeeignet hat, ob er eine fertige 
jüdische Schrift mit christlichen Zusätzen herausgab, oder ob 
er allerlei mündliche und schriftliche jüdische Traditionen selb- 
ständig verarbeitet hat vom Standort seines christlichen Glaubens 



4. Laientheologie. 235 



aus. Aber diese Frage hat untergeordneten Wert. In jedem Fall 
hat er das Judentum ganz in sich aufgenommen und so erst wieder 
herausgegeben. Denkbar wäre, dass er selbst von Haus aus 
jüdischen Ursprungs war ; seine Sprache, besonders seine Kennt- 
nis der hebräischen Bibel scheint dies fast zu beweisen. Er wäre 
dann aus dem Judentum in die paulinischen Gemeinden einge- 
treten und hätte sich ihre Gedankenwelt, so weit sie ihm zusagte, 
angeeignet. In jedem Fall stellt sein Christentum eine innige Ver- 
schmelzung ganz heterogener, obschon nicht feindlicher (vgl. 
II. Thessalonicherbrief !) Elemente dar, paulinischen Christus- 
glaubens und jüdischer Apokalyptik. 

Aber er hat mit diesen Elementen etwas Eigenes gemacht. 
Er sah den Kampf zwischen Staat und Kirche losbrechen, er sah 
ihn in überirdischer Beleuchtung als Geisterkampf und er sah als 
Christ den Sieg seines Glaubens unter allen Umständen. Das hob 
ihn hoch über seine Gemeindegenossen zum Propheten empor. 
Von dieser prophetischen Höhe aus gab er die Befehle für den 
beginnenden Kampf, wie ein geübter General, der vor allem auf 
die Schwächen seiner eigenen Truppe scharf achtet. Was er da 
in den Vordergrund stellt, ist weder paulinisch, noch jüdisch, 
sondern schlichtes christliches Gebot für die Verfolgungszeit. 
Diese löst jetzt die eigentliche Missionszeit ab, damit muss aber 
auch das Christentum seine Front verändern. 

Ein Verhängnis hat er uns freihch gebracht: die Ueber- 
schwemmung des Christentums durch jüdische Phantasien und 
Stimmungen. Das ist ein Unglück, unter dem die neue Rehgion 
genug zu leiden haben wird. 

S chlussb etr achtung. 
Männer haben das Christentum hervorgebracht. Johannes 
geht voran als Prophet. Jesus kommt mit übermenschlichem 
Selbstbewusstsein als der Sohn Gottes. Seine Botschaft pflanzen 
die Apostel fort, Propheten und Lehrer schliessen sich an. Paulus, 
wie aus dem Erdboden herausgestampft, führt in göttlichem Be- 
ruf die grosse Wendung von den Juden zu den Griechen herbei. 
Wie dann der Kampf mit Rom beginnt, da schreibt der christliche 
Prophet sein wildes Buch als Wort Gottes. Sie alle leben des 
festen Glaubens, dass Gott sich durch sie mitteilt und durch sie 
handelt: Jesus nimmt die oberste Führerstelle ein; sein Geist soll 
über allen anderen das Regiment behaupten. 



236 Die Entstehung der Religion. Schlussbetrachtung. 

Die Botschaft aller dieser Männer ist Escliatologie, ins 
Praktische umgesetzt. Es ist die Botschaft vom Weltgericht und 

r Gottesreich in nächster Nähe. Dahin zielt ihr Weckruf: Busse, 
Vorbereitung, Rettung beim Gericht! Auf dieser Erde giebt es 

; nichts Bleibendes mehr. Die jüdische Kirche geht unter, das 
Römerreich soll vergehen. Kein Gedanke an eine neue grosse 
Weltorganisation! Daher das Minimum von Formen, von Kirche! 
Wenn es doch schon in der Gegenwart etwas Neues, Ewiges 
giebt, so ist es das Leben der Jünger Jesu. Ihre Kirche ist ärm- 
lich, ihre Theologie — von dem einen, Paulus, abgesehen — ein 
kümmerlicher Mischmasch jüdischer Worte undBegriffe und christ- 
licher Eintragungen. Aber das neue Leben der Gemeinschafts- 
kreiseist gross: Jünger Jesu, das heisst: ein erlöster Mensch sein, 
der sich selbst beherrscht, die Brüder liebt, Gott anhängt über alles. 
Das hat man von Jesus gewonnen, und darum steht man für ihn 
ein bis in den Tod. Paulus allein hat spekuliert über die Erlösung, 
Aber auch ihm ist das Haben die Hauptsache. Wer Christi Geist 
nicht hat, der ist nicht sein. 

, Diese drei Momente, das Dasein der Gottesmänner, die Sehn- 

sucht aus der Welt heraus, das neue Leben der Kinder Gottes 

! ... 

I sind die Merkmale der ersten schöpferischen Periode. Wo sie 
sind, da liegt auf der Kirche kein Gewicht. In den Führern ist 
ja der Geist, der Formen schafft und zerstört, die Himmelssehn- 
sucht sehnt sich auch aus der Kirche heraus, und das neue Leben 
gilt mehr als Kirchenmitglied sein. 

Und was hat nun diese Begeisterung geleistet? Sie riss das 
Christentum vom Judentum los und stellte es auf eigene Füsse. 
Sie begann die grosse Weltmission. Sie nahm den Kampf auf 
mit Roms Weltmacht. Ebenso im Innern: sie produzierte die 
erste grosse Theologie, bildete eine neue Litteraturgattung, die 
Evangelienerzählung, schuf die Apokalypse, das alles im Grund 
doch flüssige, undogmatische Gebilde. Wie oft bildet Paulus 
neue Formeln und ändert die Front seiner ganzen Theologie! 

Zugleich aber bilden sich aus dem Enthusiasmus heraus die 
Anfänge der Kirche : Organisation der Gemeinschaften , fester 
Kultus, Disziplin, Vorsteher, Bekenntnis, Sitte, wichtiger als das 
alles die grosse Theorie des Paulus: ausserhalb des Glaubens 
kein Heil. Nur ist noch alles provisorisch, auf das Ende gerichtet. 
Jedem Christen war es Herzenssache, dass seine Kirche vergehe 
und das Gottesreich anbreche. 



237 



Die Ausbildung der Kirche. 

I. Die Entstehung der kirchlichen Verfassung. 

1. Der Verfall der Apostel und Propheten. 

In der ersten Zeit des Christentums tritt die Verfassung 
ganz hinter den Männern zurück. Personen mit bekannten 
Namen und hohem persönHchem Berufsbewusstsein leiten die 
Geschichte. Wohl bildet sich eine Organisation der Gemein- 
schaften, aber sie ist noch nicht sesshafter Art und ganz auf den 
Geist gestellt. Gar die Person des Paulus mit dem „Apostolat 
aus Offenbarung" lässt sich in keine Organisation einfügen. 

Die Veränderung geschieht durch das Aussterben der grossen 
Männer, das Erlöschen der Inspiration. Das ist einfach eine 
Thatsache, die alles Uebrige erklärt, ohne selbst erklärt werden 
zu können. Zwischen den Aposteln und den Bischöfen und 
Lehrern des beginnenden 2. Jahrhunderts kennen wir nie- 
mand. Die Johannesfigur in Kleinasien ist nichts Greifbares, 
soviel auch die spätere Tradition davon weiss. Erst mit Ignatius, 
Polykarp, Justin wird es wieder hell. Dazwischen liegt die grosse 
anonyme Periode. 

Allerdings erhält sich zunächst die pneumatische Organisa- 
tion der Wanderprediger mit zäher Lebendigkeit. Aber das ist 
die Regel in der Geschichte, dass die Institutionen den Geist, 
der sie schuf, überdauern. Sie erliegt schliesslich nach langem 
Kampf der bischöflichen Organisation und der zunächst anonymen 
katholischen Theologie. In diesem Kampf ist die katholische 
Kirche geworden. Er hat etwas Tragisches, da die Unterhegen- 
den zwar die höhere Idee vertreten , aber an sittlicher Kraft den 
Siegern nicht gewachsen sind. Jenes sind die Propheten, dieses 
die Priester und Theologen. 

Noch vor der Wende des 1. Jahrhunderts hörte die 
erste Missionszeit auf. Man hört nichts mehr von der Aus- 
sendung von Missionaren, von Kollekten für sie, von neuen 
Gründungen. Schon kann der Verfasser der Apostelgeschichte 



238 Die Ausbildung d. Kirche. I. Entstehung d. kirchl. Verfassung. 

die Geschichte der ersten Mission erzählen als etwas Vergangenes. 
Sofort erhalten nun die Apostel und Propheten eine neue Auf- 
gabe: nicht Gründung neuer, sondern Zusammenschluss der alten 
Gemeinden. Sie setzen nun ihre Wanderpredigt in den fest 
organisierten christlichen Gemeinden fort. Aber das Aufhören 
des eigentlichen Missionsberufs mit seiner Kette von Opfern und 
Entbehrungen führt ganz von selbst die Entartung herbei. Zucht- 
losigkeit, Bettelei, Schwindel und Goetentum reisst unter den 
Wanderpredigern ein. Sie benützen ihr göttliches Ansehen — 
wer euch aufnimmt, nimmt Gott auf! — zum Verderben der Ge- 
meinden. Das sind die Lügenpropheten, die in Schafskleidern 
kommen, inwendig aber räuberische Wölfe sind. Sie rühmen sich, 
wie sie in Jesu Namen weissagen und Dämonen austreiben und 
Wunder thun , und sind doch lauter Uebelthäter. Sie schonen 
der Herde nicht, rauben durch ihr Betteln, was sie können, Silber, 
Gold und Kleider. Oder sie schleichen sich in die Häuser und 
nehmen Weiber gefangen, welche mit Sünden beschwert und von 
allerlei Begierden getrieben sind. Diese dürftigen Stellen aus 
Matthäus, Lucas und den Pastoralbriefen erhalten eine prächtige 
Illustration durch die Apostellehre und das elfte Gebot des Her- 
mas. Da sehen wir den Apostel vor uns, der möglichst lang in 
einer Gemeinde bleibt, um sich es recht wohl sein zu lassen, und 
der dann beim Fortgehen reichliches Futter und womöglich Geld 
auf die Reise mitnimmt. Oder der Prophet tritt auf, fällt in Ek- 
stase, bestellt eine Mahlzeit und isst sie fröhlich auf. Oder er 
ruft mit ekstatischen Tönen: Gieb mir Geld! und steckt es mit 
ernstem Gesicht in seine Tasche. Wie zum Wahrsager laufen 
die Leute zum christlichen Propheten hin. Er versteht sich 
schnell auf ihre Fragen und Wünsche und redet ihnen zu Ge- 
fallen. Nie thut er es freilich ohne Lohn. Darauf tritt er frech 
auf in der Gemeinde, beansprucht den Ehrenplatz, will dabei sein 
bei jedem Fest und jeder Mahlzeit, nur dem öffentlichen Gottes- 
dienst geht er aus dem Wege. Zwischen diesen christlichen 
Aposteln und Propheten und den griechischen Sophisten und 
orientalischen Goeten bestand schliesslich nicht mehr der ge- 
ringste Unterschied. Um so dringender bedurften die Gemeinden 
des Schutzes gegen die frechen Gottesmänner. Kriterien werden 
aufgestellt: „An den Früchten sollt ihr sie erkennen", „Nicht 
jeder, der in Ekstase redet, ist ein Prophet, sondern nur, wer 
zugleich den Wandel des Herrn hat; am Wandel soll der wahre 



1. Der Verfall der Apostel und Propheten. 239 



und der falsche Prophet erkannt werden". „Am Leben prüfe 
den Mann, der den götthchen Geist hat." Sehr rasch gerät das 
Wunderthun in Misskredit. Der Zweifel am Geist — früher die 
grösste Sünde — wird zur Pflicht. In dieser Krisis müssen die 
Apostel ganz untergegangen sein , während die Propheten sich 
noch durchgeschlagen haben. Im Abendland kehrte am frühesten 
die Ordnung ein. 

Eine neue grosse Gefahr kam durch das Auftreten der 
gnostischen Häresie gerade im Kreis der Wanderprediger. Es 
begann allmählich und anonym. Einflüsse auswärtiger Religionen 
trafen zusammen mit Tendenzen aus dem christlichen Freiheits- 
gefühl heraus. Wundervolle Schlagworte, wie „höhere Erkennt- 
nis, Aufklärung, Vervollständigung der Lehre der Apostel, Fort- 
schritt, Fi-eiheit" wurden ausgegeben. Gerade die Wanderpre- 
diger trugen jetzt diese Schlagworte von Ort zu Ort, wie einst 
früher das Evangelium Jesu. Am besten sind sie uns aus Klein- 
asien bekannt. Da war in Thyatira die Prophetin — Jezabel 
nennt sie die apokalyptische Sprache — , die das Huren und das 
Opferfleischessen empfahl , da es zur Erkenntnis der Tiefen 
Satans führe. Dann aber zogen wieder asketische Propheten um- 
her, die verboten zu heiraten und Speisen zu geniessen unter Be- 
rufung auf das AT, das sie nach ihrem Geschmack deuteten. 
Und bald kamen die dogmatischen Häresien auf. Kerinth trat 
in Asien auf, lehrte, dass der Weltschöpfer ein ganz untergeord- 
netes Wesen sei, nicht der höchste Gott und Erlöser, und dass 
man bei Jesus Christus das Göttliche , den Christus , der bei der 
Taufe herabkam und vor dem Tod in den Himmel zurückkehrte, 
scharf vom Menschlichen, Jesus, unterscheiden müsse. Leute mit 
ähnlicher Christologie ziehen zur Zeit der Johannesbriefe missio- 
nierend und sich auf den Geist berufend herum. Als dann Igna- 
tius die kleinasiatischen Gemeinden besucht, trifi"t er überall die 
Spuren der Säemänner des Unkrauts an, wie sie judaistische, 
doketische Irrlehren ausstreuen, gestützt auf Geistesbegabung 
und unter dem Vorwand der höheren Erkenntnis. In anderen 
Gegenden sah es nicht viel besser aus , besonders in Aegypten 
und Syrien, wo der Judasbrief und die Apostellehre gnostische 
Irrlehrer signalisieren. Infolge dieser Empfänglichkeit der Pro- 
pheten für jeden Irrgeist kam es zu neuen Schutzmassregeln in 
den Gemeinden, zur Aufstellung dogmatisch-ethischer Kontrollen. 
Es bilden sich kurze Schlagworte, nach denen man alle Lehrer 



240 Die Ausbildung d. Kirche. I. Entstehung d. kirchl. Verfassung. 

beurteilen soll: Gerechtigkeit, Glaube und Liebe, Jesus Christus 
gekommen im Fleisch, Nicht alles, was sich für Geist ausgiebt, 
stammt von Gott; es kann auch Eingebung der Dämonen, des 
Antichrists sein. „Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern 
prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind!" Geduldet wird einzig 
die kirchliche Prophetie, die sich nach der Glaubensregel richtet. 
Solche kirchliche Propheten gab es im ganzen 2. Jahrhundert 
bis zum Montanismusstreit; sie haben sogar der Kirche gute 
Dienste im Kampf gegen die Gnosis erwiesen. Aber aus ihnen 
redete längst nicht mehr der freie Normen schaffende und zer- 
störende Geist der ersten Zeit, 

Es gab aber noch einen dritten Feind, der die Wanderpre- 
diger schliesslich zu Grunde richten musste, das war die kon- 
kurrierende Verfassung der Einzelgemeinden, Die Kirche war 
ausgedehnt über weite Länder, sesshaft, in die vielen Einzel- 
kirchen zerteilt. Kein Prophet konnte sie mehr überschauen 
und mit seinem Geist regieren. Jede Gemeinde hatte ihre 
eigenen Vorsteher, und diese protestierten schliesslich gegen die 
Einmischung fremder Apostel in Dinge, die sie nicht kannten 
und verstanden. Sie hatten guten Grund dazu: Sollten die Ge- 
meinden in der schweren Zeit staatlicher Verfolgung und gnosti- 
scher Verwirrung erstarken, so mussten sie von innen, aus sich 
selbst regiert werden , nicht von aussen, wie früher. Wir haben 
im III, Johannesbrief ein rührendes Dokument für den Zusammen- 
stoss der alten und der neuen Organisation, rührend, weil der 
Briefschreiber selbst zur alten Zeit gehört und mit Schmerzen 
der Veränderung zusieht. Er hat seine Sendboten herumgeschickt, 
um sich nach dem Glauben und der Liebe der Gemeinden 
zu erkunden. Aber ein Diotrephes , der bei ihnen der Erste 
sein will, nimmt die Sendboten nicht mehr an und stösst die, 
welche sie aufnehmen, aus der Gemeinde. Hatte der böse Dio- 
trephes so Unrecht, wenn er fand, dass die Sendboten in seiner 
Gemeinde nichts zu schaffen hatten? Wie er, genau so dachten 
der Verfasser der Pastoralbriefe und Ignatius. Die Apostel und 
Propheten sind unnütze Friedensstörer, die dem Bischof die 
Leute abspenstig machen, Winkelversammlungen einrichten, 
Konkurrenzgottesdienste halten etc. Anderswo in der Apostel- 
lehre stehen die Wanderprediger und die Gemeindevorsteher noch 
friedlich neben einander. Die Propheten und Lehrer sind noch 
weit höher geehrt als die Bischöfe und Diakonen; jene gelten als 



2. Die Bildung des Episkopats. 241 

die Geistesmänner, diese als gewählte Beamte. Und doch: Der 
Verfasser dieser K,echtsquelle tritt warm für die Beamten ein, 
— „verachtet sie nicht, denn sie sind eure Ehrenpersonen mit 
Propheten und Lehrern" — , während er zugleich die Gemeinde 
mit lauter Vorsichts- und Schutzmassregeln gegen die Geistes- 
männer ausrüstet. Das zeigt schon, wem von beiden die Zukunft 
gehören wird. Wieder anders stand es in Rom, wo offenbar die 
Propheten gar nie das bedeutet hatten, wie im Orient, da schon 
am Ende des 1. Jahrhunderts die bischöfliche Organisation mit 
dem apostolischen Traditionsprinzip in der Hauptsache fertig da- 
stand. Propheten gab es auch hier (Hermas), aber wenn sie sich 
nicht der Verfassung fügten, wurden sie als falsche Propheten 
auf die Seite gedrückt, in den Winkel gedrängt und dadurch erst 
völlig verdorben. Von Anfang an siegte hier die Ordnung über 
die Anarchie. 

Aber der Untergang der Apostel und Propheten war kein 
nebensächliches Ereignis in der Geschichte des Christentums. 
Er bedeutete das Ende der Inspiration. Gott hörte auf, direkt 
durch Männer zu reden. Ein Hauptbestandteil des Urchristen- 
tums: Der Glaube an den Gott, der in der Gegenwart redet und 
wirkt, geht der Auflösung entgegen. 

2. Die Bildung des Episkopats. 

Wer sind die Ersatzleute, die jetzt an Stelle der früheren 
inspirierten Führer treten? 

Es sind die Vorsteher der Einzelgemeinden, ursprünglich 
Kultusbeamte, Priester und Leviten nach jüdischem Begriff. In 
der allerersten Zeit waren es freiwillige Personen, Begüterte, die 
einen Saal freistellten für die Versammlung und dort die Diszi- 
pHn besorgten, oder Vertrauensleute, denen die Liebesgaben für 
die Armen zur Verteilung überwiesen wurden. Vorsteher oder 
Arbeiter nennt Paulus sie in seinen früheren Briefen. Im Phi- 
lipperbrief, nicht lang vor dem Tod des Apostels erscheinen sie 
zum erstenmal zweigliedrig als Aufseher (Bischöfe) und Diener 
(Diakonen). Von einer Wahl und Einsetzung weiss das aposto- 
lische Zeitalter noch nichts; das nachapostolische erst kennt sie 
als Regel. Für dieses ist feste Signatur: Kollegialvorstände, 
durch Wahl bestimmt, häufig auf den Rat anwesender Apostel 
und Propheten. Dokumente für diese Kollegien noch ohne mo- 
narchische Leitung sind fast alle uns erhaltenen Schriften dieser 

Wernle, Anfänge. jg 



242 Die Ausbildung d. Kirche. I. Entstehung d. kirchl. Verfassung. 

Periode: Apostelgeschichte, Hebräerbrief, Pastoralbriefe, I. Pe- 
trus, Jakobus, I. Klemens, Polykarp, Apostellehre, Hermas, In 
diesen Dokumenten wechseln die Namen der Kollegialvorsteher 
aufs mannigfaltigste. Sie erscheinen als Aufseher (Bischöfe), 
Aelteste (Presbyter), Hirten, Führer, ohne dass irgend ein Unter- 
schied zwischen diesen Titeln besteht. Insbesondere sind die 
Aufseher und die Aeltesten noch ganz dieselben Personen. 
Ebenso steht fest , dass die Diener (Diakonen) untergeordnete 
Helfer der Aufseher sind. 

Der Beruf dieser Kollegien war ein sehr umfassender, all- 
gemeiner: die Leitung der Gemeinden. Das drücken ja die 
Worte: Führer, Hirten, Vorsteher aus. Speziell handelt es sich 
aber um drei Hauptgebiete: Kultus, Disziplin und Finanzen 
(Armenpflege). Dass diese vor allem in Betracht kamen, zeigt 
am besten der Katalog der Qualitäten, die dazu tauglich machen: 
Lauterkeit, Ehrlichkeit, Milde, Sanftmut sind die Haupteigen- 
schaften. Das Lehren und Predigen war anfangs am allerwenig- 
sten des Priesters Sache. Dafür hatte man ja die Propheten 
und Lehrer, und das Wort stand jedermann frei. Das wurde 
anders durch den Kampf mit der Gnosis. In den Pastoralbriefen 
wird die Reinhaltung der gesunden Lehre, d.h. der apostohschen 
Tradition, gegen die Häresie zum Hauptberuf des Bischofs er- 
hoben. Darum ist es so wichtig, dass der Bischof lehrsam sei, 
und darum sollen die lehrenden Presbyter doppelt belohnt wer- 
den. Man spürt hier noch ganz deutlich, dass das Lehren etwas 
dem Bischof von Haus aus Fremdes ist. Noch weiter geht dann 
Ignatius, der erstrebt, dass überhaupt gar nichts ohne den Bi- 
schof geschehen soll, dass jede kirchliche Handlung ihm unter- 
stellt werde. So kommt es zu einer allmählichen Amtserweite- 
rung der Bischöfe vom einfachen Vorsteheramt bis zur völligen 
Uebernahme aller apostolischen und prophetischen Funktionen, 
das Letztere freihch nur mit Anwendung des Prinzips der Arbeits- 
teilung und Gliederung bei strenger Subordination. 

Hand in Hand mit der Erweiterung der Funktionen geht 
die Steigerung der Würde dieser Beamten. Ursprünglich galten 
nur die Apostel und Propheten als Träger des Wortes Gottes, 
Stellvertreter Gottes und Christi für die Kirche, während die 
Bischöfe Beamte der Einzelgemeinden waren ohne höheren Nim- 
bus. In dreifacher Weise vollzieht sich die Erhebung zur neuen 
Würdestellung. 



2. Die Bildung des Episkopats. 243 

1. Durch die Theorie der apostolischen Succession. Sie ist 
angebahnt durch die Apostelgeschichte, welche die apostolische 
Einsetzung der Presbyter hervorhebt und den Paulus in Milet 
zu den Presbytern als seinen Amtsnachfolgern reden lässt; fest 
formuliert erscheint sie dann bei Klemens von Rom. (Kap. 42 
bis 44.) Der Theorie liegt die Thatsache zu Grunde, dass das 
Vorsteheramt in das apostolische Zeitalter zurückgeht; aber ge- 
rade für Rom, dessen Gemeinde keine apostolische Gründung ist, 
trifft das Prinzip nicht zu. Klemens bildet zuerst die Linie: „Gott 
— Christus — Apostel — Aelteste", die den Aeltesten kraft 
der Tradition Anteil an göttlicher AVürde giebt. Aehnhche Suc- 
cessionsgedanken vertreten die Pastoralbriefe (die „Mitgabe" des 
Paulus). Im Grund ist diese apostolische Successionstheorie ein 
Gegenstück zur rabbinischen der Juden, wie diese juristischer Na- 
tur und daher den Römern besonders verständlich. 

2. Durch die Theorie vom speziellen Amtsgeist. Wir treffen 
sie zuerst in den Pastoralbriefen zusammen mit der Successions- 
theorie. Aber schon bei den Rabbinen lief beides zusammen: 
Succession und Geistesmitteilung. Der Geist ist eben an die 
richtige Succession gebunden. Bei den Christen musste diese 
Theorie dem antihäretischen und antiprophetischen Interesse 
dienen. War doch der Geist das Losungswort der Wander- 
prediger und der Gnostiker! Zu ihrer Bekämpfung wird jetzt 
behauptet, dass der Geist einzig bei den kirchlichen Beamten sei, 
nicht bei den Gnostikern, aber — das ist die schlimme Konse- 
quenz — auch nicht mehr bei der Gemeinde. „Ich erinnere dich, 
die Gabe Gottes warm zu halten , die in dir ist vermöge meiner 
Handauflegung. Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist 
des Zagens, sondern der Kraft und Liebe und Zucht. Bewahre 
die edle „Mitgabe" durch den heiligen Geist, der in uns wohnt." 

Die „Wir", die den Geist haben, sind allein die Amtsper- 
sonen. Ein Ignatius freilich hat sich als Pneumatiker gefühlt, 
da er sich echter Visionen rühmen zu dürfen glaubte; aber er 
tritt mit seiner Theorie für alle Bischöfe ein, auch für die, welche 
niemals Inspirationen empfingen. Die Theorie muss eben den 
Sieg über Enthusiasmus und Prophetie verfechten dadurch, dass 
sie fälschlich die Bischöfe zu Propheten stempelt. 

3. Durch die Theorie vom ATlichen Priestertum. Sie ist 
im I. Klemensbrief (Kap. 40) zuerst spürbar durch den Hinweis 
auf die Vorbildlichkeit des israelitischen Priestertums, aber sie 

16* 



244 Die Ausbildung d. Kirche. I. Entstehung d. kirchl. Verfassung. 

konnte sich ebensogut in Aegypten oder Syrien im Leserkreis 
der Apostellehre ausbilden, d. h. überall da, wo das AT als hei- 
liges Gesetzbuch galt. Dort im AT las man vom festen scharfen 
Unterschied zwischen Klerus und Laien (schon Klemens!) und 
von den an Würde abgestuften Graden des Klerus. Das Vor- 
bild hatte schöpferische Kraft. Auch sonst zeigt ja die Apostel- 
lehre, wie das AT gesetzgeberisch auf die Gemeinden wirkte. 

Alle drei Theorien hatten überdies den Vorteil, dass sie sich 
addieren Hessen. Das ist auch später geschehen. Die Bischöfe 
wurden wirkhch die Nachfolger der Apostel, Propheten und 
Priester. Ln Keime ist das alles schon um das Jahr 100 da. 
Die erste äusserliche Folge der neuen Würde war das Auf- 
kommen der Besoldung der Bischöfe. Noch der Verfasser der 
Apostelgeschichte hatte sich dagegen gewehrt: die Bischöfe 
sollen, statt es den räuberischen Wanderpredigern gleich zu 
thun, von Paulus lernen , mit eigener Hände Arbeit ihr Brot zu 
verdienen. In der Provinz, aus der die Apostellehre stammt, gab 
man den Propheten und Lehrern reichliche Steuer an Naturalien; 
war kein Prophet vorhanden, so kamen sie nicht den Bischöfen, 
sondern den Armen zu gut. Das war das Herkommen in der 
alten Zeit, Ganz anders denkt der Verfasser der Pastoralbriefe 
über diesen Punkt: „Der Landmann, der seine Arbeit daran setzt, 
soll den ersten Teil auch an der Frucht haben. Verstehe, was ich 
sage; der Herr wird dir ja in allem Verständnis geben." Das 
klingt noch sehr rätselhaft und behutsam. Klarer sagt es der 
jüngere Brief: „Die Aeltesten, die sich als Vorsteher tüchtig be- 
wiesen (also noch nicht alle ohne Unterschied), soll man zwei- 
facher Ehre wert achten (d. h. bezahlen), namentlich die, welche 
mit Wort und Lehre arbeiten (denn sie haben zum Geschäfts- 
erwerb am wenigsten Zeit). Denn die Schrift sagt: „Dem Ochsen, 
der drischt, sollst du das Maul nicht stopfen", und: „Der Arbeiter 
ist seines Lohnes wert." Deutlich sieht man: Die Besoldung der 
Bischöfe ist noch eine Neuerung, die nicht ohne Einschränkung 
gewagt wird und mit Schriftstellen begründet werden muss. Sie 
hat das Standesbewusstsein des Klerus vergrössern helfen. 

Der monarchische Episkopat und damit die Dreigliederung: 
Bischof, Presbyter, Diakonen sind uns zuerst zwischen 110 und 
120 durch Ignatius bezeugt, zunächst nur für Antiochia in Syrien 
und für Kleinasien. Er muss anderswo, z. B. in Rom oder in 
Philippi etwas später entstanden sein. Ueber sein Aufkommen 



3. Die Bildung des katholischen Lehramts. 245 

fehlt uns jede Kunde. Ganz unwahrscheinlich ist, dass ihm ein 
Kampf im Kreis der Presbyter vorherging. Er setzte sich fried- 
lich durch, weil er die beste Schutzwaffe gegen die Wander- 
prediger und die beste Verkörperung der kirchlichen Einheit 
war. Vielleicht bildete er sich einfach so, dass das frühere Prä- 
sidentenamt, statt abzuwechseln, lebenslänglich wurde. 

Wie fanden sich nun aber die Gemeinden in die neue Ver- 
fassung? Soweit sie kirchlich dachten, war sie ihnen erwünscht. 
Es war Kampfeszeit und Verfolgungszeit. Da waren starke, ge- 
schickte kirchliche Führer nötig. NatürHch gab es trotzdem 
viele Spaltungen, und manche alte und junge Christen sym- 
pathisierten mit den Wanderpredigern. Zeuge dafür ist der 
Verfasser des III. Johannesbriefes. Aber die straffere Organi- 
sation hat gesiegt. 

So hatte nun die Kirche neue Führer erhalten. Frühere 
Kultusbeamte standen plötzlich an der Spitze des ganzen gei- 
stigen Lebens. Auf die religiöse Begabung kam es nicht so sehr 
an, als auf Energie und praktisches Geschick. Eine Hauptsorge 
der ernsteren Christen war die , dass die Bischöfe moralische 
Muster sein sollten. Der Mann, der ihr Ansehen am meisten 
stärkte, — der Verfasser der Pastoralbriefe — hat sich zugleich 
ernstlich um ihre moralische Hebung bemüht. So, wie er sie 
vorfand, waren sie zum Teil verlottert und heruntergekommen. 
Er hat den ersten Reformversuch des Klerus angeregt. Aber 
wie stand es mit dem Postulat der Lehrfähigkeit der Bischöfe? 
Sie Hess sich nicht erzwingen. Und doch hing an ihr die gei- 
stige Fortbildung der Gemeinden. 

8. Die Bildung des katholischen Lehramts. 

Von den drei Grössen der apostoHschen Zeit: Apostel, Pro- 
pheten, Lehrer, haben sich einzig die Lehrer bis in die spätere 
Zeit behauptet. Freilich haben auch sie eine schwere Krisis 
durchgemacht. Auch der christliche Lehrer drohte vorüber- 
gehend zum disputierlustigen, schwatzhaften Sophisten herabzu- 
sinken. Daher die Mahnung des Jakobusbriefes: „Tretet nicht 
so zahlreich als Lehrer auf, meine Brüder, ihr wisst, wir haben 
nur grössere Verantwortung." Der Autor der Pastoralbriefe 
möchte das Lehramt am liebsten völlig mit dem Bischofsamt ver- 
schmolzen haben und beargwöhnt alle freien Lehrer. Allein sein 
Postulat war unerfüllbar. Die Bischöfe konnten die Garantien 



246 Die Ausbildung d. Kirche. I. Entstehung d. kirchl. Verfassung. 

der wahren Lehre übernehmen, niemals den Lehrberuf selbst, da 
sie viel zu viel praktische Aufgaben hatten. Man half sich so, 
dass man die Lehrer fortan der bischöflichen Kontrolle unter- 
stellte, sie auf die Glaubensregel verpflichtete, im übrigen aber 
frei, d, h. kirchhch frei lehren Hess. Solche Lehrer begegnen uns 
freilich erst gegen die Mitte des zweiten Jahrhunderts : Aristides 
in Athen, Justin in Ephesus und Rom, Tatian in Rom und Sy- 
rien. Die beiden Letzten sind viel gewandert; das ist eine Er- 
innerung an die frühere Lebensweise der Lehrer, an den alten 
Wanderberuf. Sie verteidigten den christlichen Glauben gegen 
heidnische Philosophen, jüdische Rabbinen und christhche Gno- 
stiker. Denn auch die Gnostiker hatten ihre berühmten Lehrer, 
sogar ältere als die Kirche selbst: BasiHdes, Valentin, Kerdon, 
Marcion, die gleichfalls viel herumreisten. Von den katholischen 
Lehrern zur Zeit Justins wissen wir, dass sie unentgeltlich lehr- 
ten; weil auch der peripatetische Philosoph Geld für seine Stun- 
den verlangt hatte, war ihm ja Justin davongelaufen. Dafür 
waren sie auf die Unterstützung durch die Gemeinde angewiesen, 
wie es die Apostellehre bestätigt. 

Zwischen der Zeit des Apollos und der Zeit des Justin dehnt 
sich nun die grosse anonyme Periode des Lehramts aus. Die 
Anonymität ist hier eigentlich Wesensmerkmal ; die Namen der 
kirchlichen, so gut wie der gnostischen Lehrer sind verschollen. 
Dafür besitzen wir von der Hand der anonymen kirchlichen Lehrer 
eine ansehnliche Literatur. Dahin gehören die katholischen 
Briefe, die Apostelgeschichte, der Hebräerbrief, die Evangelien 
ausser Marcus, die Pastoralbriefe, Barnabas, die Apostellehre. 
Bekannt sind uns von kirchlichen Schriftstellern ausser den 
Bischöfen nur Marcus, ein Evangelist, Hermas, ein Prophet, 
und Aristion, von dem vielleicht der unechte Marcusschluss her- 
rührt. 

Unter dieser auf katholische Lehrer zurückgehenden Lite- 
ratur sind auch pseudonyme Schriften stark vertreten. Keine 
Namen an der Spitze tragen bloss die Evangelien, der Hebräer- 
brief, der Barnabasbrief. Die ganze übrige Literatur giebt sich 
für apostoUsch aus. Darin kommt das Epigonenhafte, Inferiore 
dieser Lehrer so recht zum Ausdruck. Selbst gilt man nichts, 
besitzt keine Autorität. Nur die Namen der Apostel an der 
Spitze der Briefe, die übrigens nur Literaturbriefe, Scheinbriefe 
sind, bewirken, dass man Gehör findet. Die Parallele zu dieser 



4. Der Stand der Heiligen. 247 

kirchlichen Usurpation des Apostolischen bildet das Pochen auf 
apostohsche Geheimtradition in gnostischen Kreisen. 

So sind die Väter des späteren katholischen Lehramts namen- 
lose Männer, die nicht durch das Gewicht ihrer Persönlichkeit, 
sondern nur durch die Annahme fremder Titel, — eine Art Toten- 
beschwörung — sich Geltung verschafften. Von ihnen stammt der 
Grundriss der späteren katholischen Theologie. Sie hatten die 
geistige Führung während der allerschwierigsten Zeit der Kirche, 
deren Rettung und Bewahrung ihr und der Bischöfe Verdienst 
bleibt. 

4. Der Stand der Heiligen. 

Solang es Apostel und Propheten gab, waren sie die Extra- 
personen, die Vertreter des Ausserordentlichen und üeber- 
schwänglichen,, die homines rehgiosi. In ihnen hat der enthusias- 
tische Trieb, jenes Plus von Eifer, Liebe, Kraft, das nicht Platz 
hatte im gewöhnlichen Leben, greifbare Gestalt angenommen. 
Als nun der Stand der Apostel und Propheten den veränderten 
Zeitbedingungen erlag, da musste der enthusiastische Trieb sich 
neue Wege suchen. Zu viel von anormalem, stürmischem, un- 
gebundenem religiösen Leben war vorhanden, als dass Bischofs- 
amt, Lehrberuf und Laienfrömmigkeit ihm genügt hätten. Es 
musste Heilige geben, die der Sehnsucht der tiefsten Naturen ein 
Ziel setzten und zu denen die Heldenverehrung der Massen auf- 
schauen konnte. Sie sind die Nachfolger der Apostel und 
Propheten in der ausserordentlichen Lebensführung, nicht da- 
gegen im geschichthchen Beruf. Etwas bestimmt Christliches 
repräsentieren sie nicht; sie gehören mehr der allgemeinen 
Religionsgeschichte als der Geschichte des Evangeliums an. 

Welches sind die Heiligen des nachapostolischen Zeit- 
alters ? 

Voran stehen die Märtyrer. Es war Kampfeszeit, und sie 
starben den Heldentod für den Erlöser. Schon in der Apoka- 
lypse nehmen sie die erste Stelle ein. An sie ist vor allem gedacht 
beim Lobpreis der vielen, die aus der grossen Trübsal kamen, 
die gesiegt haben durch die Kraft des Lammes, sie stehen an 
der Spitze der mit Christus im tausendjährigen Reich herrschenden 
Auferweckten. Einer wird uns mit Namen genannt, der Märtyrer 
von Pergamum, Antipas, der treue Zeuge. Die Apokalypse selbst 
will ja eine Aufforderung zum Martyrium sein. „Sehg die Toten, 
die im Herrn sterben von nun an", d. h. als Märtyrer. „Ja, 



248 Die Ausbildung d. Kirche. I. Entstehung d. kirchl. Verfassung. 

spricht der Geist, sie sollen ruhen von ihren Mühen; denn ihre 
AVerke folgen ihnen nach." 

Andere Schriften feiern die Märtyrer der Vergangenheit als 
Heilige, so der Hebräerbrief. Die Reihe der Glaubensmänner, 
die Wolke von Zeugen schliesst er mit den Märtyrern. Alle 
Todesarten und Schrecknisse zählt er auf: „Die einen sind ge- 
kreuzigt worden, andere haben Spott, Geissei, auch Ketten und 
Gefängnisse erfahren müssen; sie wurden gesteinigt, gefoltert, 
zerteilt, empfingen den Tod durch das Schwert, zogen herum in 
Schaffellen und Ziegenhäuten, verlassen, bedrängt, misshandelt, 
sie, deren die Welt nicht wert war." Das geht auf die Märtyrer 
der jüdischen Kirche, aber es zeigt, wie der Christ sich an solchen 
Phantasien begeisterte. Die Apostelgeschichte feiert die Apostel 
als Märtyrer. Von Jakobus ist gar nichts als sein Martyrium 
erzählt, von Stephanus nicht viel mehr. Petrus und Paulus sind 
Helden des Leidens. Es kommt aber beim Martyrium keines- 
wegs auf den tötlichen Ausgang an. Die gefeiertsten Martyrien 
sind die, wo der Held aus der grössten Gefahr durch ein göttliches 
Wunder gerettet wird: Petrus im Gefängnis, Paulus in Lystra 
und Philippi. Der I. Klemensbrief blickt dann auf die Todes- 
märtyrer Petrus und Paulus zurück, „denen sich anschloss eine 
grosse Menge Auserwählter, die dadurch, dass sie aus Eifersucht 
viel Schmach und Qualen erlitten, ein herrliches Vorbild unter 
uns geworden sind". Besonders lehrreich ist der in Verfol- 
gungszeit geschriebene „Hirt" des Hermas. Als der Prophet sich 
im Gesicht zur Rechten der ihm erscheinenden Frau setzen will, 
verweigert ihm diese den Ehrenplatz; der gehört einzig den 
Märtyrern, die Geissein, Gefängnis, grosse Plagen, Kreuz, Tiere 
bestanden haben um des Namens willen. Aber freilich nennt 
hernach die gleiche dritte Vision die Märtyrer erst an zweiter 
Stelle, nämlich nach den Aposteln, Bischöfen, Lehrern, Diakonen. 
Der Märtyrer soll demnach über dem Propheten, aber doch unter 
dem Bischof stehen; das deutet auf den ersten Anfang von Rang- 
konflikten. Das Martyrium gilt an sich, abgesehen vom übrigen 
christlichen Leben, schon als ein solches Verdienst, dass Hermas 
bereits seiner üeberschätzung entgegentreten muss. Er erklärt 
einigen Märtyrern oder Bekennern: „Wenn ihr nicht gelitten 
hättet für den Namen des Herrn, dann wäret ihr euerer Sünden 
wegen für Gott tot gewesen." Aber zugleich spricht er aus, dass 
das Martyrium allen Sündenvergebung bringt. Das sind An- 



4. Der Stand der Heiligen. 249 

schauungen der römischen Gemeinde. Im Osten sagen uns das 
Martyrium Polykarps und die Ignatiusbriefe, wie viel höher das 
Martyrium geschätzt wird als die Bischofswürde, die Polykarp 
wie Ignatius trugen. Da heisst es im Martyrium des Polykarp: 
„Christus beten wir an als Sohn Gottes, die Märtyrer aber lieben 
wir als die Jünger und Nachahmer des Herrn." Ignatius, der 
Bischof mit dem hohen Selbstbewusstsein, erklärt, dass er erst 
jetzt im Martyrium anfange, wahrer Jünger Jesu zu sein. Nach- 
folge Jesu im strengen Sinn übt eben nur der Märtyrer. Eine 
direkt politische Bedeutung hat die Hochschätzungdieser Heiligen 
für die am Leben bleibenden Konfessoren gehabt; sie galten als 
Geistesträger besonderer Art — nach Jesu Verheissung, dass 
der Geist sie vor Gericht vertrete — und wurden daher Rivalen 
der Bischöfe. 

Die zweite Klasse der Heiligen bilden die Asketen. Das 
Y.Kapitel des I.Korintherbriefes und das dunkle unsichere Wort 
Jesu von den Entmannten um des Gottesreichs willen in Mt 19 
leiteten früh zur Hochschätzung des ehelosen Lebens an. So 
gilt denn schon in ganz früher Zeit geschlechtliche Askese als 
ein besonderes Charisma. Es bilden sich besondere Stände von 
Jungfrauen und Witwen aus. Zu ihrer Verherrlichung trägt der 
Verfasser der Lucasschriften bei durch seine begeisterte Schil- 
derung der Witwe Hanna und der Jungfrau Tabitha. Zur Zeit 
der Pastoralbriefe muss mit dem Ehrentitel Witwe schon grober 
Unfug getrieben worden sein ; es war nicht nur grössere Heilig- 
keit, sondern reichliche Gemeindeunterstützung den Witwen zu- 
erkannt. Da meldeten sich dann Frauen mit zahlreichen Kindern, 
oder ganz jung verwitwete, die nachher doch zu heiraten gedachten, 
zum Eintritt in den heiligen Stand. Es ist ergötzlich, wie kräftig 
der Pseudopaulus die Säuberung und Reduzierung der Witwen- 
klasse besorgt. Er kämpft eben zugleich für seine Bischofsautorität, 
der die heiligen Weiblein so oft zu nahe traten. Von Anfang 
an war der Asket der natürliche Rivale des Bischofs. Er hatte 
die höhere Heiligkeit, der Bischof die höhere Würde. Fing nun 
der Asket noch zu prahlen an, so war der Streit kaum zu vermei- 
den. Schon aus einer Schrift des 1. Jahrhunderts hören wir die 
Mahnung: „Der Asket soll nicht prahlen, wissend, dass nicht er 
selbst sich die Kraft der Enthaltsamkeit gab." Schärfer schreibt 
der Bischof Ignatius dem Bischof Polykarp: „Wenn einer in 
Enthaltsamkeit zu bleiben vermag, soll er zur Ehre des Fleisches 



250 Die Ausbildung d. Kirche. I. Entstehung d. kirchl. Verfassung. 

des Herrn (d. h. der Kirche) ohne Ruhmsucht bleiben. Rühmt 
er sich, so ist er verloren ; und gilt er mehr als der Bischof, so 
ist er verdorben." Das klingt wie das Motto zu dem grossen Krieg, 
der jahrhundertelang zwischen dem Amt und der Heiligkeit, 
zwischen Bischof und Mönch geführt werden sollte. Mystische 
Gedanken kamen der Hochschätzung der Askese zu Hilfe : Die 
Ehe mit Christus schien bloss für Unverheiratete ganz durchführ- 
bar. Dazu kommt der Ekel vor der ünreinigkeit des nur zu sehr 
bekannten heidnischen Lebens und allerlei spätjüdische undfremd- 
ländische Abneigung gegen die Natur. Die grösste Verherrhchung 
erlebte die Askese schon jetzt in der Legende, Die Akten der 
jungfräuhchen Thekla und fast sämtliche apokryphe Apostel- 
geschichten mitsamt den Mariaevangelien sind reiche Belege 
dafür. Durchweg gilt in ihnen die gänzliche Enthaltsamkeit als 
das höhere, wahre Christentum. Kein Wunder, dass dann der 
Bischof in Misskredit geriet, dass gerade der bischöfliche Ver- 
fasser der Pastoralbriefe gegen die Teufelslehrer, die das Heiraten 
verbieten, wettert. Einem grossen Teil des christlichen Volkes 
galten die Asketen als diejenigen, die allein Ernst machten mit 
dem Ideal des Evangeliums. 

Schon in das Ende des 1. Jahrhunderts fällt der Anfang der 
grossen Heiligenliteratur. Die Evangehen eröffnen sie; Jesus 
selbst erscheint da als der erste Heihge, freilich zugleich der 
Träger des klaren Worts. Die Apostelgeschichten schliessen sich 
an; sie geben das Ideal der Volksfrömmigkeit wieder. Da stehen 
die Männer Gottes vor uns als Heidenbekehrer, Wunderthäter, 
Asketen, Märtyrer. Es ist möglich, dass unsere kanonische 
Apostelgeschichte den literarischen Anfang bildet. Aber sie 
giebt die Heiligenlegende in kirchlicher Uebermalung und arbeitet 
bewusst den Bischöfen in die Hand. In den Apokryphen dagegen 
kommt das Heiligenbild ohne kirchliche Färbung zur Erscheinung. 
Sie sind das letzte Produkt des alten Enthusiasmus. Göttliches 
und Menschliches fliesst hier zusammen; das Wunder ist die 
Regel, das Gewöhnliche die Ausnahme. Das Asketische, Ausser- 
gesellschaftliche macht in ihnen überall Propaganda, aber es 
kommt dann auch das weltliche Interesse zu seinem Recht in der 
romanhaften Form. Im Grund sind doch alle diese Heiligen 
Karrikaturen Jesu und seines grossen Nachfolgers. 

So ausgerüstet mit Bischöfen, Theologen, Heiligen tritt die 
Kirche in die neue Zeit herüber. Es gab keine Personen mehr 



A. Christentum und Judentum, 1. Der jüdische Glaube. 251 

mit unmittelbarem göttlichen Beruf. Das ist nicht die Schuld 
der Kirche. Es kam jetzt die Zeit, wo die mittelmässigen Kräfte 
und Talente stark genug waren, die neue Religion der Welt ein- 
zuordnen, ohne dass sie ganz darin verloren ging. 



II. Die Ausbildung der kirchlichen Theologie. 
A. Christentum und Judentum. 

1. Der jüdische G-laulDe. 

Der jüdische Krieg und die Zerstörung des Jahres 70 haben 
erst den völligen äusserlichen Bruch zwischen Juden und Christen 
herbeigeführt. Nun war allen Christen klar, dass die Mission 
Jesu und der Apostel an Israel erfolglos gewesen war und das 
Gericht Gottes nicht aufgehalten hatte. Erfüllung der Weissagung 
Jesu, Zorngericht Gottes über Jerusalem zur Strafe für Jesu 
Ermordung, das schien den Christen der Sinn des schrecklichen 
Ereignisses für jeden, der zu lesen verstand. Das geschah, wäh- 
rend gleichzeitig die Verfasser der Baruch- und Esraapokalypse 
ihre wehmütigen Klagen über die Verwüstung des heiligen Landes 
und den Untergang der heiligen Stadt ergossen. Zwischen Christen 
und Juden legte sich etwas, das schwerer wiegt als theologische 
Differenzen: eine Kluft im Empfinden und Fühlen, die jedes Ver- 
ständnis aufhob, dort Jubel und Befriedigung, hier Entsetzen 
über den nämlichen Vorgang. 

Die Juden antworteten zunächst durch Ausstossung aller 
Christen aus der synagogalen Gemeinschaft. Jedem Uebertritt 
zur Sache Jesu folgten auf dem Fusse die schauerlichsten Bann- 
flüche nach. Daraufgeht das Wort bei Lucas: „Selig seid ihr, 
wenn sie euch hassen und ausschliessen und beschimpfen und 
euern Namen ausstossen als einen schlechten wegen des Men- 
schensohns." Eine hübsche Illustration dazu bietet die Erzählung 
vom Blindgeborenen bei Johannes, der aus der Versammlung 
hinausgeworfen wird, denn „die Juden waren übereingekommen, 
dass, wenn einer ihn als Christus bekenne, er aus der Synagoge 
solle ausgeschlossen werden". Ein Schritt weiter war die Denun- 
ziation der Christen bei den römischen Statthaltern unter dem 
Vorwand politischer Gefährlichkeit. Die Juden sind die Haupt- 
hetzer in der beginnenden Christenverfolgung gewesen-, sie gaben 
das Schlagwort von Abfall, Neuerung, Verschwörung aus und 



252 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

stiessen das Christentum als „unerlaubte Religion" weit von sich. 
Die Lucasschriften führen eine Reihe solcher Denunziationen 
an: „Jesus hat das Volk aufgewiegelt, wehrte dem Kaiser Steuer 
zu geben und gab sich selbst für den Christus und König aus." 
„Die Christen wiegeln den Erdkreis auf-, sie handeln gegen des 
Kaisers Ordnung, indem sie einen anderen König heissen, nämlich 
Jesus." Diese Denunziationen haben freilich nach der Erzählung 
der Apostelgeschichte gewöhnlich keinen Erfolg; die römischen 
Statthalter sind zu weise und gerecht, um solchen Erfindungen 
zu glauben. So sollte es freilich sein, so war es nicht. Wir wissen 
im Gegenteil, dass dank den jüdischen Denunziationen die 
Christen wirkhch als staatsgefährliche Neuerer und Revolutionäre 
verurteilt wurden. Für den grimmigen Christenhass der Juden 
ist das Martyrium des Polykarp das beste Beispiel. Zusammen 
mit den Heiden stimmen die Juden in das Geheul, das Polykarps 
Hinrichtung begehrt, dann schleppen sie, „wie gewohnt", Holz 
zum Scheiterhaufen herbei, zuletzt wollen sie die Uebergabe des 
Leichnams an die Christen verhindern. Die politische Denun- 
ziation war aber nur die eine Wafi"e der Juden, die andere, ebenso 
wirksame, war die moralische Verleumdung Jesu und der Christen, 
die Verbreitung all der Lügengerüchte vom Leichendiebstahl, 
Hurensohn etc., denen schon das erste Evangelium (Matthäus) ent- 
gegentreten muss. Die ganze Geschichte Jesu wurde ins Ge- 
meine, Frivole herabgezogen und in dieser Form dem Spott der 
Gebildeten preisgegeben. Es ist freilich auch wieder Legende, 
wenn Justin von einer offiziellen Aussendung von jüdischen 
Lügenrednern bald nach Jesu Tod berichtet; immerhin brachten 
ihn Thatsachen auf diesen Verdacht. Der Philosoph Celsus 
scheint bereits eine jüdische Schmähschrift gegen die Christen 
gekannt zu haben; er selbst verachtet sie, aber er benützt sie mit 
Lust. Derart haben die Juden das Möglichste zur Vernichtung 
der Christen gethan und den wilden Judenhass der Christen nicht 
unverdient sich zugezogen. 

Wäre es bei dieser brutalen Kampfmethode gebheben, so 
wäre es nie zu einem grossen Einfluss des Judentums auf die 
christliche Theologie gekommen. Allein von Alters her wurde 
nicht bloss verleumdet, sondern auch disputiert. Und das führte 
dann zu gelehrten Auseinandersetzungen zwischen den Lehrern 
beider Religionen, die selbstverständlich fast nie praktischen Er- 
folg hatten, aber ohne geistige Beeinflussung nicht gebheben sind. 



A. Christentum und Judentum. 1. Der jüdische Glaube. 253 

Von solchen Disputationen giebt uns zuerst die Apostelgeschichte 
Kunde; ihre Schilderung von Streitreden und Beweisführungen 
des Stephanus und des Paulus geben immer zugleich einen Ein- 
blick in das Verfahren der späteren Zeit. Dann sind die Streit- 
gespräche Jesu mit den Juden in Jerusalem bei Johannes nichts 
als Zurücktragungen jüdisch-christlichen Schulgezänkes zur Zeit 
des Autors in das Leben Jesu. Endlich giebt uns Justin in seinem 
Dialog mit dem Juden Trypho das Paradigma einer regelrechten 
Disputation, natürlich in christlicher Beleuchtung. Seine Schrift 
muss uns auch als Ersatz gelten für das leider verlorene, etwas 
ältere Streitgespräch des Jason und Papiskus, das Aristo von 
Pella verfasst haben soll. Für den äusseren Hergang einer solchen 
Disputation, wie für die apologetische Methode im Einzelnen ist 
Justins Dialog jedenfalls eine Quelle ersten Ranges. Ausserdem 
geben uns auch andere antijüdische Schriften, wie der Hebräer- 
und Barnabasbrief, wichtige Aufschlüsse. 

Worüber wurde disputiert? Was waren die Hauptstreit- 
punkte? 

Wir müssen darauf gefasst sein, dass der wahre Diiferenz- 
grund von Juden und Christen im theologischen Streit von beiden 
Parteien gar nicht erfasst wird. Eigentlich standen sich ja ganz 
verschiedene Arten von Frömmigkeit gegenüber, die nur als 
Ganzes miteinander gemessen werden durften; nicht um einzelne 
Glaubenssätze und Lebensgewohnheiten handelte es sich, sondern 
um die ganze Stellung des Menschen zu Gott. Darf sich der 
Mensch als Kind Gottes fühlen, oder als sein Sklave? soll die 
Freude und Liebe in ihm oben aufsein, oder die Furcht? Kommt 
es vor Gott auf die Hauptsache, das Stehen in den drei Wirk- 
lichkeiten an, oder auf hundert Nebendinge? Die Beantwortung 
dieser Grundfragen war das, was wirklich Christen und Juden 
schied. Allein schon in der Urgemeinde stritt man weniger für 
das Neue der Religion, als für das Messiasdogma, ob es auf 
Jesus trotz seines Todes anwendbar sei oder nicht. Der Streit 
darüber hat bereits die Fundamentaldifferenzen verschüttent zu kümmern, sowenig als Paulus 
oder der Apokalyptiker. Ihm genügt die Gleichsetzung Jesu 
mit dem Melchisedekpriester , um allen Vorzug Israels aus den 
Angeln zu heben. Dabei thut Melchisedek unserem Verfasser 
genau den gleichen Dienst, wie Abraham dem Paulus: er giebt 
d^n Altersbeweis. Als Melchisedekpriester ist Christus älter als 
Levi und Aaron, und in deren Stammvater Abraham hat das 
ganze jüdische Priestertum dem Melchisedek Zehnten gezahlt 
und gehuldigt. Eine heitere Ironie der Geschichte spielt hier 
mit. Die Melchisedekfigur war von den Juden erfunden worden 
zur Verherrlichung Jerusalems in uralter Zeit; jetzt muss sie 
dazu dienen, alle jüdischen Prärogativen aufzuheben. Von dieser 
Figur ausgehend, beweist unser Autor sowohl die Aehnhchkeit, 
wie vor allem die Verschiedenheit und Erhabenheit Christi vor 
den jüdischen Hohenpriestern: Die Aaroniden die vielen — Je- 
sus der eine, sie die Sündigen — er der Sündlose, sie im Tempel 
mit Händen gemacht — er im himmlischen Tempel, sie jährlich 
Gott versöhnend — er einmal, sie mit fremdem Blut — er mit 
eigenem. Bei diesen geistreichen Spielereien kommt es natürlich 
nicht darauf an, dass Jesus bald als Priester, bald als Opfertier 
gedeutet wird, da der Autor nirgends mit derjenigen Phantasie 
arbeitet, die Züge zu einem Bild zusammensetzt. Möglich ist, 
dass ihn ausser der Melchisedekgestalt noch eine andere Figur 
des jüdischen Glaubens leitet: der himmlische Hohepriester Mi- 
chael. Von diesem wissen die Juden, dass er ihr Volk beständig 
im Heiligtum Gottes vertritt. Philo hat bereits diesen hohen- 
priesterlichen Erzengel mit seinem Logos zusammengeworfen; 
ähnlich könnte unser Autor, der Schüler Philos, den Melchisedek- 
christus mit dem himmlischen Michael kombiniert haben. Sicher ist 
es nicht. Genug, dass Jesus nun ein für allemal in das Priester- 
liche verzerrt war, damit doch die Christen, die am alten jüdischen 
Hohenpriester hingen, Ersatz fänden. Der ganze Vergleich ist 
ein Theologenstück. Gottlob ist der wirkliche Jesus nur der 



A. Christentum und Judentum. 1. Der jüdische Glaube. 261 

Gegner des Hohenpriesters gewesen! Es war reine Verirrung, 
von daher die Farben zu seiner Schilderung zu nehmen. 

Das Gebiet der eigentlichen Spekulation betreten wir erst 
mit dem Sohn Gottes. Der Ausdruck war ursprünglich einfacher 
Messiastitel, obschon auch als solcher keineswegs gewöhnlich in 
■der jüdischen Schulsprache. Paulus zuerst bildete die Theorie 
Yom himmlischen Sohn Gottes aus, dessen Natur der unserigen 
von Haus aus überlegen ist. Er ist der echte eigene Sohn , wäh- 
rend wir erst durch Adoption Söhne Gottes werden. Als Sohn 
Gottes ist er von Ewigkeit her im Himmel wohnend. Diese pau- 
linische Theorie vom Sohn Gottes wird sofort zur festen Voraus- 
setzung für die Lehrer des nachapostolischen Zeitalters, z. B. 
den Verfasser des Hebräerbriefs, des Johannesevangeliums, des 
Barnabasbriefs. Aber sie wird nun auch in den Streit mit den 
Juden hineingezogen. 

Die Juden hielten fest an ihrem Glauben, dass Gott ihr aller 
Vater sei und sie sich seine Kinder nennen dürfen. Von da 
aus beanstanden sie die Gottessohnschaft Jesu im besonderen 
Sinn. Die Antwort der Christen war die Leugnung des jüdischen 
Gottvaterglaubens und die noch schärfere Entfernung Jesu von 
den Menschen. In schauerlichen Worten eröffnet Jesus den 
Juden bei Johannes, dass sie nicht Gottes, sondern des Teufels 
Kinder sind. Ein wahrhaft entsetzlicher Ausspruch, denn er 
hebt auch die Voraussetzung der ganzen Predigt Jesu, den Gott- 
vaterglauben, auf. Von da an giebt es keine Kindlichkeit und Un- 
mittelbarkeit des religiösen Verkehrs mehr. Sofort macht sich 
die Folge für die Christen geltend. Sie sind nicht mehr Söhne 
Gottes, wie noch Paulus sie nennt, sondern „Kinder" Gottes, 
d. h. die Gottessohnschaft wird Jesus reserviert. Von jetzt an 
gehören Gott Vater und Gott Sohn so zusammen wie im spä- 
teren trinitarischen Dogma. Der Ausdruck „Gott Vater" im 
früheren Sinn wird auf die Gebete beschränkt. Die Theologie 
kennt ihn nicht mehr. In Wahrheit begingen die Lehrer, die das 
durchsetzten, einen Raub an der Christenheit, den nur dasUeber- 
mass ihres apologetischen Eifers unmerklich machte. 

War aber derart der Sohn Gottes von den Kindern Gottes 
entrückt, so musste sofort die Frage nach seinem Verhältnis zu 
Gott brennend werden. Wieder waren die Juden die Treibenden. 
Sie beschuldigten die Christen des Abfalls vom Monotheismus, 
des reinen Götzendienstes. Die älteste Urkunde dafür ist das 



262 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

4. Evangelium. Da heisst es: „Indem Jesus Gott seinen Vater 
nennt, macht er sich Gott gleich. Er lästert Gott, da er, ein 
Mensch, sich zu Gott macht." Natürlich will diese Anklage 
die Verehrer Jesu treffen, nicht Jesus selbst. Zum erstenmale 
stehen die Christen vor dem peinhchen Vorwurf, durch ihren 
Christusglauben den reinen Gottesglauben zu gefährden. Die 
ganze Kluft der paulinischen Theologie von den Worten Jesu: 
„Du sollst Gott allein anbeten; niemand ist gut als Gott", that 
sich auf. Es war ja nur eine theologische Verlegenheitsauskunft^ 
wenn Johannes sich auf die Psalmstelle beruft: ich habe gesagt: 
ihr seid Götter! Daraus ging hervor, dass das AT es selbst 
nicht streng nahm mit dem Wort Gott; gewonnen war damit 
gar nichts für Jesus. Es gab nur ein Mittel, den Vorwurf der 
Zweigötterei abzuweisen: die Erklärung der strengsten Sub- 
ordination Jesu unter Gott. Das ist in der That der Ausweg 
des Johannes. Er lässt Jesus selbst bezeugen, dass der Vater 
grösser ist als er, dass er alles vom Vater empfing, nichts von 
sich selbst hat, dass er in all seinen Werken den Vater nachahmt 
und des Vaters Werk vollführt. Die Christologie des Johannes 
ist ein Kompromiss zwischen der reinen Gottheit Christi, die der 
Evangelist beinahe erreicht, und der von den Juden dagegen ins 
Feld geführten Einheit Gottes, und eben die antijüdische Apo- 
logetik veranlasste diesen Kompromiss, d. h. die Theorie der 
Subordination. Mythologie ist ja diese reduzierte Gottheit doch. 
Es bildete sich seitdem die thörichte Antithese, dass die Juden 
bloss den Vater haben, die Christen dagegen auch noch den Sohn. 
Das war nicht die Meinung des Johannes — für ihn hat nur der 
den Vater, der den Sohn hat — wohl aber vieler christlichen 
Laien. Wer das bekannte, der gestand freilich zugleich, dass 
das Judentum die höhere, von Mythologie noch freie Religion ist. 
Viel weiter, als die Verteidigung der Gottessohnschaft hat 
die Ausbildung der paulinischen Gnosis die Christen geführt. Seit 
Paulus stand fest, dass Jesus als der Herr vom ganzen AT be- 
zeugt sei, dass er bei der Schöpfung, wie bei der Oiffeubarung 
Mittler oder Stellvertreter gewesen sei. Da nun der „Herr" 
ATlicher Gottesname ist, so fehlt auch bei Paulus eigentlich 
nur noch der Name Gott für Jesus, die Sache war da. Das war 
nun den Juden gegenüber eine vollständige Neuerung. Der 
Rahmen der alten Messiastheologie war gesprengt. Die Juden 
protestierten: Wir dürfen keinen zweiten Gott annehmen. Das 



A. Christentum und Judentum. 1. Der jüdische Glaube. 263 

AT kennt bloss den einen Schöpfergott und die Engel, seine 
Knechte. 

Trotz dieses Protestes setzte sich die christologische Aus- 
legung des ATs in der Kirche durch. Nach dem Hebräerbrief 
hat Gott durch seinen Sohn die Welt geschaffen. Dieser Sohn, 
der reine Abglanz der göttlichen Herrlichkeit, ist hoch erhaben 
über alle Engel. Von ihm heisst es in den Psalmen: „Es sollen 
ihn anbeten alle Engel Gottes", und „Du, Herr, hast die Erde ge- 
gründet, und deiner Hände Werk sind die Himmel; sie vergehen, 
du aber bleibst." Dadurch ist alles Pochen der Juden auf ihre 
Engelsoffenbarung niedergeschlagen. Auch nach Johannes hat 
Gott durch seinen Sohn — den Logos — die Welt geschaffen. 
Vor allem aber hat er sich durch ihn den Menschen offenbart. 
Alle Theophanien, z. B. die des Jesaja, waren Christophanien. 
Christus kehrte bei den Patriarchen ein; durch sein Verheissungs- 
wort entstanden schon damals Kinder Gottes auf wunderbare 
Weise. Gott sah ja nie jemand. Ueberall also, wo Gott im AT 
den Menschen nahe tritt, muss Christus darunter verstanden 
werden. Die gleiche Linie hält der Barnabasbrief ein. Auch für 
ihn ist der Herr der Welt der Sohn, und es ist schon feste christ- 
liche Deutung, dass Gott zu ihm sprach: Lasset uns Menschen 
machen. Aber erst Justin führt uns mitten in den Kampf mit 
den Juden um das AT ein. Christen und Juden steht fest, dass es 
Mittler der Offenbarung gab. Die „Wir" in Gen 1, die Engel 
und Erzengel Gottes, die Weisheit der Proverbia zwingen zu 
dieser Annahme. Die Frage ist einzig: Christologie oder Angelo- 
logie? Da nun in manchen Erzählungen der Genesis und des 
Exodus die Ausdrücke „Gott" und „Engel Gottes" wechseln, 
schhesst Justin, dass der Erscheinende mehr als ein gewöhnhcher 
Engel — weil Gott — und doch nicht der höchste Gott — weil 
Engel — sein müsse, also der Sohn Gottes, der zweite Gott. 
So sehr sich der JudeTrypho dagegen sträubt, er kann nicht ganz 
aus der Falle entwischen. Und nun zeigt uns Justin bereits, 
welche Dimensionen die neue christologische Auslegung des ATs 
annahm. Wie heisst Jesus im AT? Wort, Weisheit, Tag, Auf- 
gang, Stern, Schwert, Stein, Stab, Jakob, Israel, Joseph, Juda, 
Erzengel, Engel, Apostel, Mann, Menschensohn, Kind, König, 
Priester, Gott, Herr, Herrlichkeit des Herrn. Das heisst: Jesus 
ist alles im AT. Seltsam berührt da das Wort Tryphos: „Gut, 
ihr Christen aus den Heiden mögt Anbeter dieses üntergottes 



264 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 



sein, aber lasst uns Anbeter des höchsten Gottes bleiben." Das 
Wort trifft den Nagel auf den Kopf. Entweder Mythologie oder 
Monotheismus. Die Christen zogen die Mythologie vor, weil sie 
ihnen das AT unterwarf, und weil sie dem Bedürfnis der Heiden- 
christen besser zusagte. 

Nach ihrem eigenen Gefühl sind die Christen aus dem Streit 
mit den Juden überall als Sieger hervorgegangen. Sie beweisen, 
dass Jesus der Messias ist, durch Wunder und Weissagungen, 
beweisen ihn als Hohenpriester nach der Ordnung Melchisedeks, 
als Sohn Gottes, als Herr und Gott im AT. Der Messiasbeweis 
der ürgemeinde und die Gnosis des Paulus sind die Grundlagen; 
darauf wurde weiter gebaut ohne Aenderung des Plans. Es geht 
eine gerade Linie von Paulus über Johannes zu Justin hinüber. 
Von den festen Punkten der paulinischen Gnosis aus werden die 
umliegenden Gebiete erobert, bis das ganze AT ein christliches 
Buch ist und der zweite Gott unter und neben dem Schöpfergott 
steht. Aber der Disput mit den Juden hat diese theologische 
Arbeit mächtig gefördert und beschleunigt. 

Und doch bedeutet dieser Sieg über die Juden zugleich eine 
steigende Entfremdung von Jesus selbst. Es ist ein schauer- 
liches Schauspiel: Theologen, die für Jesus kämpfen, ihn ver- 
teidigen, erheben, vergöttern, ihm zulieb erdichten, umdeuten, 
verdrehen — und dabei gar nie fragen, wer er wirklich war und 
was er wollte! Diese ganze antijüdische Apologetik hat es über- 
haupt nicht mit Jesus zu thun, sondern mit dem Messiastitel, 
dem Gottessohntitel etc. Der Evangelist, der am genialsten die 
Verteidigung führt, dichtet frischweg ein neues Leben Jesu als 
theologischen Kommentar oder Auslegungsmassstab für die schon 
vorhandenen Erzählungen. Kein einziger Christ sagte das, was 
er hätte sagen dürfen: Jesus ist unser Erlöser, weil er uns zu 
Gott geführt hat, von den Schriftgelehrten befreit, den Pharisäern 
gegenüber ehrlich und gesund machte, uns frohe Hoffnung, Ver- 
gebung, Mut, Freude gab. Das steht ja freilich in den drei ersten 
Evangelien, allein nicht als der eigentUche Beweis. Als Rezept wird 
vielmehr ausgegeben: Wer Jesus verteidigen will, der gebe ihm 
zuerst die rechten Titel, beweise diese Titel mit Wundern und 
Weissagungen, plündere das ganze AT für ihn aus, kümmere sich 
bei alldem so wenig als möglich um den wirklichen Jesus. Das 
Rezept hat so gut gewirkt, dass es noch heute schwer ist, trotz 
den christologischen Fabeleien die Freude an Jesus zu behalten. 



A. Christentum und Judentum. 1. Der jüdische Glaube. 265 

Der Streit um die Christologie diente dazu, das Bewusstsein 
des Gegensatzes gegen den jüdischen Glauben in den Christen 
wach zu halten. Aber gleichzeitig mit diesem Streit fanden auch 
grosse Annäherungen der Christen an den jüdischen Glauben statt. 
Sie fielen weniger in die Augen, weil sie sich in der Stille und 
allmählich vollzogen. Jüdische Eschatologie, Engelglaube, ja 
Gottesglaube, wandert mehr und mehr in die christliche 
Kirche ein. 

Die christliche Eschatologie war von Haus aus eine 
Form der jüdischen. Jesus hat ja nur die jüdische Hoffnung ver- 
einfacht und entnationalisiert. Schon bei Paulus begegnen wir 
einem starken Anwachsen der apokalyptischen Vorstellungswelt, 
Theorien über die Verwandlung des Leibes, über die Stufenfolge 
der Katastrophen, über den Antichrist und seine Vernichtung. 
Dann hat uns die christliche Apokalypse eine reine Ueberflutung 
der christlichen Hoffnungsgedanken durch die jüdische Apo- 
kalyptik gebracht. Dieser Prozess hört jetzt nicht auf, er wächst 
und wächst. Mehr als ganze Abhandlungen spricht eine That- 
sache: die ganze spätjüdische, ja selbst nach dem Jahr 70 ent- 
standene apokalyptische Literatur wandert geräuschlos zu den 
Christen hinüber und steht dort in kanonischem Ansehen. Der 
Judasbrief benützt die Henochbücher und die Himmelfahrt des 
Moses, Barnabas die Esraapokalypse, Papias giebt ein Wort der 
Baruchapokalypse sogar als Wort Jesu weiter. Und neben der 
apokalyptischen Literatur wandert eine Fülle eschatologischer 
Geheimtraditionen in mündhcher Form zu den christlichen 
Lehrern hinüber, sodass wir, je weiter wir uns von Jesus ent- 
fernen, einem desto reicheren jüdischen Geheimwissen von der 
Zukunft bei den Christen begegnen. Das gilt z. B. von der Anti- 
christsage, aber nicht von ihr allein. Wenn trotz I Kor 15 der 
Glaube an die Auferstehung des Fleisches sich einbürgert als 
christliches Dogma, mag auch hier der jüdische Einfluss nicht 
gleichgiltig gewesen sein. Die chiliastischen Phantasien be- 
herrschen nicht nur kritiklose Bischöfe wie Papias, sondern selbst 
Theologen wie Justin und erregen dann durch Montanus und 
seine Prophetinnen eine grosse Bewegung in der Kirche. Trotz 
aller Hellenisierung des Christentums blickt das Auge immer 
gespannt auf das heilige Land, in das der Messias herabkommt 
mitsamt dem himmlischen Jerusalem. Nur Israels poUtische 
Stellung fehlt im Hoffnungsbild-, in allem Uebrigenist die Mehr- 



266 Die Ausbildung d. Kirche. IT. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

zahl der Christen der Hoffnung nach Juden. Das war zunächst 
auch nichts SchUmmes, Aber es trug dies Einströmen der jüdischen 
Eschatologie doch schon sehr früh dazu bei, dass ein Riss ent- 
stand zwischen den Aufgeklärten, welche diese sinnlichen Erwar- 
tungen verabscheuten, und den gemeinen, einfältigen Christen, 
die mit ihrer ganzen Seele daran hingen. Je mehr Judentum 
eindringt, desto schwerer wird nachher der Konflikt zwischen 
dem hellenischen und semitischen Geist im Christentum. 

Auch der Engelglaube hat natürlich von Anfang an zum 
Christentum gehört. Und doch wie wenig redet Jesus von Engeln! 
Er selbst und seine Jünger sind so unmittelbar mit Gott dem 
Vater verbunden, dass gar kein Raum für Mittelwesen bleibt. 
Darin stimmt Paulus mit Jesus überein, dass auch er in das 
Verhältnis zu Gott keine Engel hineinziehen will. Im Grund ist 
er ein Feind der Engel, die er sich fast immer als trennende, 
Gott feindliche, verführerische Wesen denkt. Wieder beginnt 
mit der Apokalypse die Ueberschwemmung des Christentums 
durch die jüdischen Phantasien. Hier stehen die Engel regel- 
mässig zwischen den Menschen und Gott; sie vermitteln allen 
Verkehr zwischen oben und unten, derart, dass bereits das Verbot 
der Engelsanbetung nötig ist. Einer dieser Engel, Michael, gilt 
als der Besieger Satans im Himmel und somit als eine Art Erlöser. 
Das geht nun so weiter nach der Regel: Je weiter von Jesus, 
desto tiefer im Judentum. Sehr instruktiv dafür sind unsere 
Evangelien. Die erste alte Tradition, die sie verarbeiten, ist noch 
frei von der Engelreligion, während sofort an den späteren, sekun- 
dären Partien, den Vorgeschichten und den Auferstehungs- 
erzählungen, die Engel, z. B. Gabriel, eine Hauptrolle einnehmen. 
Erst bei Johannes taucht dann die Idee auf, dass Jesu Verkehr 
mit Gott durch ein beständiges Auf- und Niedersteigen der Engel 
vermittelt gewesen sei. Wie wichtig aber jetzt der Engelglaube 
für die Laienreligion wird, zeigt die Apostelgeschichte am besten. 
Die Engel werden geradezu als beständige Begleiter der Heiligen 
gedacht; sie stehen ihnen bei mit Rat und Trost und befreien sie 
aus schweren Gefahren. Aber auch für die einfachen Christen 
sind sie die Vermittler der Religion, tragen als solche die Gebete 
zu Gott hinauf und bringen Gottes Antworten zu den Menschen. 
Ein gewöhnlicher Christ hat es von jetzt an mehr mit den Engeln 
als mit Gott zu thun. Dass dies keine Uebertreibung ist, beweist 
das Hauptbuch der Angelologie, der Hirt des Hermas, auf jeder 



A. Christentum und Judentum. 1. Der jüdische Glaube. 267 

Seite, Schon sein Wissen über die Engel ist ein grenzenloses. 
Ausser den sieben Erzengeln, als deren Haupt er sich Christus, 
einen der Sieben, denkt, kennt er den Engel der Busse, den Engel 
der Strafe, den Engel der Lust und des Betruges, den Engel 
Thegri, der über die Tiere gesetzt ist etc. Eben der Umstand, 
dass er Christus das eine Mal an die Stelle des Erzengels Michael 
setzt, das andere Mal den Michael neben ihm erwähnt, zeigt, dass 
er seinen Christusglauben sich nur verständlich machen kann 
als einen Spezialfall des Engelglaubens, zugleich aber sich in dem 
schon festen Engelschema nicht zurechtfindet. i\.lle Religion geht 
ihm durch Engelvermittlung vor sich; Gottes Plan mit den 
Menschen denkt ersieh so, dass sie von einem Engel dem anderen 
übergeben werden zu höherer Erziehung. Eine Zeit lang war 
dieser Engelglaube den Christen so wichtig, dass sie ihn dog- 
matisch formuherten. Am Eingang der Apokalypse steht der 
Gruss von Gott, von den sieben Engeln vor seinem Thron und von 
Jesus, Aehnlich legt Justin den christlichen Glauben dar als 
Glauben an Gott, an Christus, an das Heer der Engel und an 
den heiligen Geist. Erst später mussten die Engel dem heiligen 
Geist die dritte Stelle räumen. Es ist wohl möglich, dass auch 
hier die Uebernahme der jüdischen Apokalypsen, dieser Haupt- 
dokumente jüdischer Angelologie, die Einbürgerung des Engel- 
glaubens in der Kirche erleichtert hat. Der mündliche Verkehr 
mit den Juden that aber die Hauptsache. Ein Glück war diese 
Importierung auf keinen Fall, 

Denn es ist ganz unmöglich, dass nicht der Gottesglaube 
der Christen selbst sollte alteriert werden durch das Einströmen 
so vieler spätjüdischer Phantasien. Der Gottvaterglaube der 
ersten Zeit tritt erstaunlich schnell zurück, Männer, die auf der 
Höhe des Evangeliums stehen, wie Paulus und Johannes, sprechen 
es da und dort freudig aus, dass Gott uns als Vater seine Liebe 
erzeigt hat. Aber diese gleichen Theologen haben als Apologeten 
den furchtbaren Zornesgott oder den verborgenen unnahbaren 
Gott verkündet, der allen, die ausser der Kirche stehen, den Tod 
zuspricht. Was Wunder, wenn dann die Christen selbst in 
der Kirche das frohe Zutrauen zum Vatergott, der uns liebt, 
sehr schwer und selten gewannen und froh waren mit den Surro- 
gaten, den Ersatzmännern Gottes: Christus, Engel, Heilige! 
In der Gegenwart gestattet der himmlische Hofstaat, der alle 
Himmel erfüllt und Gott so umgiebt, dass kein Auge hindurch- 



268 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

dringt, keinen direkten Verkehr mit Gott. Erst in der Zukunft, 
wenn die Engel alle ihre Plagen und Gerichte vollstreckt haben, 
darf man hoffen, dass Gott gnädig, obschon immer noch schrecklich, 
auf der Erde erscheinen wird. So dachten jetzt wieder Christen und 
Juden. Die Stimmung, die daraus hervorging, war das Schwanken 
zwischen Furcht und Hoffnung, kein Vertrauen und keine Freude. 
Und das hatte dann auch wieder die Folge, dass sich die Christen 
im Streit mit den Juden der thatsächlichen Erlösung durch Jesus 
nicht recht rühmen konnten, um so mehr aber ihre Ueberlegenheit 
an einem falschen Ort suchten, in den Fabeleien der Christologie. 

2. Das G-esetz und die jüdisch.e Ethik. 
Neben der Christologie war die Gesetzesfrage derHauptstreit- 
punkt zwischen Juden und Christen. Denn seitdem Paulus die 
Abschaffung des Gesetzes für alle Christen proklamierte, blieb 
es bei der Freiheit. Vereinzelte Versuche der Juden, das Gesetz 
von neuem den Christen anzupreisen, wurden rasch und energisch 
abgeschlagen. Zeuge dafür sind der Hebräer- und der Barnabas- 
brief. Zur Zeit Justins steht es bereits so, dass solchen, die 
nach Art der alten Judenchristen am Gesetz festhalten für sich 
selbst, von zahlreichen Männern der Grosskirche die Seligkeit 
abgesprochen wird. Nach Paulus gab es nur ein Vorwärts-, kein 
Rückwärtsgehen. Allein die Formulierung und Begründung der 
Thesen des Paulus erwies sich rasch als unhaltbar. Er hatte sich 
mit der Erklärung der Abrogation des Gesetzes begnügt. Sofort 
setzten die Juden mit dem Vorwurf des Abfalls von der Religion 
der Väter zu unsittlicher Gesetzlosigkeit ein. Umsonst waren alle 
Sätze des Paulus vom Geist und von der Verpflichtung durch die 
Taufe. Kein Gesetz, das hiess Libertinismus. Der Vorwurf der 
Juden war um so gefährlicher, als sie nun bei ihren politischen 
Denunziationen den Schein des Rechts auf ihrer Seite hatten. 
Dadurch nötigten sie der christlichen Apologetik eine positive 
Stellungnahme zum Gesetz auf. Es musste bewiesen werden, dass 
die Christen, weit entfernt davon, vom Gesetz abgefallen zu sein, 
gerade wahre Erfüller des Gesetzes waren. In Wirklichkeit be- 
hauptete man damit eine Unwahrheit. In aller Welt erfüllt kein 
Mensch Beschneidung, Sabbat, Speisegesetze dadurch, dass er 
sich nicht um sie kümmert. Allein wie oft hat es nicht theo- 
logische Kunst fertig gebracht, aus Nein ein Ja, aus Ja ein Nein 
zu machen! 



A. Christentum und Judentum. 2. Das Gesetz und die jüd. Ethik. 269 

Den ältesten Versuch in dieser Richtung macht das erste 
Evangelium. Es ist möglich, dass die grosse Erklärung der Pre- 
digt: Jesus der Ertüller des Gesetzes, nicht sein Zerstörer, ur- 
sprünglich von Judaisten in die Bergpredigt eingesetzt war. Sicher 
sind die Worte, wie sie heute vorliegen, nicht judaistisch, sondern 
kathoHsch gemeint und nur so zur Geltung in der Kirche gekom- 
men. Das zeigt schon der Zusatz „und Propheten" zum Gesetz. 
Jesus erklärt hier einfach, dass er der wahre Ausleger des ATs sei, 
allein seinen Tiefsinn erfasst habe, und dass dieser in der Kirche 
gelten soll. Selbstverständlich ist das nur mögUch bei freier und 
allegorischer, kurz bei christlicher Auslegung. Christus ist der 
zweite Moses, der dasGesetzim wahren Sinn erfasst. Also sind auch 
die Christen nicht Uebertreter, sondern Anhänger des Gesetzes. 

Gerade dieser Zusatz „und Propheten" ist charakteristisch 
für das Verfahren der Christen in der Apologetik. Während die 
Juden sich fest auf das Gesetz stützen und von da aus die 
Christen bekämpfen, schieben die Christen in der Verteidigung 
Gesetz und Propheten unter, d. h. das AT als Wort Gottes, als 
Weissagungsbueh. Der Hebräerbrief, die Lucasschriften, das 
Johannesevangelium, sie alle setzen den Gesetzesstreit in den 
Weissagungsstreit um. Auch das Gesetz soll als Weissagung auf 
Christus verstanden werden. Daher sagt Paulus in der Apostel- 
geschichte: „Ich glaube allem, was in Gesetz und Propheten ge- 
schrieben steht", und ähnlich Jesus bei Johannes: „Wenn ihr 
dem Moses glaubtet, so würdet ihr auch mir glauben, denn von mir 
hat er geschrieben," Als käme es beim Gesetz auf den Glauben 
an und nicht viel mehr auf das Thun ! Sobald nun das Gesetz 
selbst als Weissagungsbuch aufgefasst wird, fällt natürlich der 
Gegensatz Gesetz — Christus ganz dahin, ja es kann das Gesetz 
selbst als Offenbarung des alle Weissagung und alles Wort Gottes 
mitteilenden Christus gedeutet werden. Auch das ist schon bei 
Johannes geschehen. Er zuerst hat das durch Moses gegebene 
Gesetz als untergeordnete und bloss vorbereitende Gabe desselben 
Logos betrachtet, der nachher in Jesus Christus in voller Gnade 
und Wahrheit erschien. Hier ist der paulinische Gesetzesstreit 
so gut wie ganz vergessen. Das Gesetz ist selbst in die christ- 
liche Betrachtung hineingezogen, freilich so, dass es dabei nicht 
mehr als Gesetz im früheren Sinne gilt. 

Trotzdem dauerte der Gesetzesstreit fort und erforderte eine 
definitive Beilegung auf anderem Weg als dem der Vertuschung 



270 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 



der Gegensätze. Die Thatsacbe, dass das Ceremonialgesetz für 
die Cliristen nicht mehr galt, musste durch eine klare Theorie 
begründet werden. Das geschieht zuerst bei Barnabas, einem der 
schroffsten Gegner des Judentumsund eifrigsten Freunde des ATs. 
Er setzt in seiner Kritik ein bei der Erzählung von der Zer- 
brechung der Gesetzestafeln durch den vom Sinai herabsteigen- 
den Moses; sie bedeutet ihm, dass Gott den schon proklamierten 
Bund mit Israel zurückgenommen hat, damit dann erst die Chri- 
sten den wahren Bund Jesu im Herzen versiegelt bekämen. Diese 
Kritik war jedoch aus dem Exodus selbst zu widerlegen und 
drang daher bei den christlichen Lehrern nicht durch. Wich- 
tiger war für. die Folgezeit der Satz, dass Gott das Gesetz im 
christlichen Sinn gegeben habe, und die Juden mit Unrecht, von 
einem bösen Engel verführt, es fleischlich verstanden. Barnabas 
stützt sich dabei auf die scharfen Prophetenworte gegen Opfer 
und Sabbat, die ihm beweisen, dass Gott die wörtliche Erfüllung 
gar nicht will. Allein auch diese Kritik war ungenügend, da sie 
noch zu wenig zwischen den verschiedenen Teilen des Gesetzes 
unterschied und durch die Annahme einer dämonischen Verfüh- 
rung hart die Grenze des Gnostischen streifte. Es erhielt sich 
einzig die geistliche Auslegung von Beschneidung, Speisegesetzen, 
Tempel, Sabbat, dievermuthch auch schon viel älter als Barnabas 
war, und die wichtige Erklärung: wir Christen haben das neue 
Gesetz Christi, das ohne Zwangsjoch ist. 

Erst Justin brachte die befriedigende Beantwortung der Ge- 
setzesfrage, die sich in der Kirche festgesetzt hat. Es gelang ihm 
durch eine umfassende Geschichtsbetrachtung mit dem Leitge- 
danken der göttlichen Erziehung des Menschengeschlechts und 
durch die Herübernahme des stoischen Begriffs des ewigen Natur- 
gesetzes. In Stufen vollzog sich die Entwicklung. Die vormosai- 
schen Gerechten kannten das ewige Naturgesetz und wurden 
selig durch sein Thun. Dann Hess Gott es im Dekalog zum ersten- 
mal aufzeichnen. Zuletzt stellte es Christus nach vielfacher Ver- 
dunklung in den zwei Liebesgeboten wieder her. Im Christen- 
tum ist also einfach das ewige Sittengesetz wieder rein und voll- 
kommen erschienen. Das Ceremonialgesetz gab Gott nur zu 
vorübergehenden Zwecken. Die Beschneidung sollte die Juden 
kenntlich machen für ihre Bestrafung, und die anderen Ceremo- 
nialgesetze gab Gott wegen der Herzenshärtigkeit des Volkes, 
um es vom Götzendienst abzuhalten. Allerdings hat dies Cere- 



A. Christentum und Judentum. 2. Das Gesetz und die jüd. Ethik. 271 

monialgesetz neben dem vergänglichen "VVortsinn zugleich einen 
ewigen Tiefsinn, der sich aber erst den Christen klar erschliesst. 
Diese Gedanken Justins kehren bei Irenäus wieder in noch 
grösserer Klarheit und Konsequenz. Vermöge dieser Theorie 
fühlten sich die Christen nicht mehr als Abtrünnige, sondern als 
die wahrhaft überlegenen Kenner der Absichten der göttlichen 
Gesetzgebung. 

Der ganze Streit hatte rein theoretische Bedeutung. Die 
thatsächhche Freiheit der Christen vom Gesetz war seine Voraus- 
setzung, die zwar legitimiert, aber nicht erst durchgesetzt werden 
musste. Wegen dieses theoretischen Charakters hat auch die 
neue These: Das Christentum ist die neue Gesetzesreligion, zu- 
nächst keinen schlimmen Sinn. Das Eingehen auf die Anschauung 
der Juden hatte diese These erzeugt, die gerade den Bruch mit 
den Juden rechtfertigen sollte. Man gab formell den Juden nach : 
„Gesetz muss sein", um dafür materiell sie zu besiegen durch die 
rein sittliche Auffassung des Gesetzes. Immerhin sieht man schon 
jetzt, wie fern die Höhe der paulinischen Apologetik diesen 
Christen erscheint. Von der sittlichen Freiheit ist nicht mehr die 
Rede. Und es dauert nicht zu lang, so schuf die Parole : „neue 
Gesetzesreligion" ein wirkliches Herabsinken auf die jüdische 
Stufe. 

Während nun dieser Streit um Gültigkeit oder Ungültigkeit 
des Gesetzes die Oeffentlichkeit beschäftigte, vollzog sich im 
Inneren ein viel wichtigerer Prozess mit entgegengesetztem Aus- 
gang. Der ganze Grundstock der jüdischen Ethik wird von der 
Kirche stillschweigend übernommen, gerade wie die Apologetik 
und der Engelglaube auf dem Gebiet des Glaubens. Es ist nicht 
so, dass nur das, worüber die Theologen sich zanken, von AVich- 
tigkeit ist. Die grössten Dinge geschehen unter der Hand ohne 
Erlaubnis, wie ohne Verbot, durch den natürlichen Austausch 
der Menschen in Handel und Wandel. 

Einmal wird die jüdische Stellung zum Heidentum als der 
unreinen, von Dämonen beherrschten Welt für die Christen noch 
massgebender als früher. Auch Jesus und Paulus dachten in 
diesem Punkte jüdisch; man denke nur an die kananäische Frau 
oder an die „Götzentheorie" des Paulus. Trotzdem findet auch 
hier eine noch stärkere Judaisierung statt. Das sogenannte 
Aposteldekret , das Verbot der Hurerei, des Opferfleisches, des 
Blutes und Erstickten, das zur Zeit des Paulus noch nicht 



272 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

bestand, ist ganz aus jüdischen Anschauungen hervorgegangen. 
Das Verhassteste ist ja den Juden das Essen des Opferfleisches; 
Totenopfer nennt es mit jüdischer Terminologie die Apostellehre, 
um davon abzuschrecken. Ebenso jüdisch sind die Verbote des 
Blutes und des mit der Schlinge erlegten Wildes; sie gehen von 
der jüdischen Psychologie aus, die sich die Christen aneignen. 
Durch die Hurerei wird nach jüdischen Begriften das reine jüdische 
Blut befleckt ; darum steht sie so häufig mitGötzendienst zusammen. 
Das Aufkommen dieses Dekrets bedeutet nicht einen Sieg des 
alten Judenchristentums, sondern nur der jüdischen Denkweise 
der Welt gegenüber. 

Wichtiger ist das Andere: die ganze christliche Ethik baut 
sich zum grossen Teil auf der Ethik des Judentums auf, zu der 
dann die Herrnworte und die Grundsätze des Paulus oft sehr 
äusserlich hinzutreten. Der Grund ist ja klar: die Worte Jesu 
waren im Anfang schlecht bekannt und in ihrer spärlichen Zahl 
bezogen sie sich nur auf einen kleinen Teil der vielen Lebensver- 
hältnisse. Paulus selbst aber hatte das AT, besonders Sprüche 
und Psalmen schon reichlich zu Hilfe gezogen, und hierin folgte 
man ihm am leichtesten nach. Was z. B. im I. Petrusbrief, im 
I. Klemensbrief, auch im Jakobusbrief von ethischen Ermah- 
nungen vorliegt, geht fast alles auf die jüdische Spruchweisheit in 
Psalmen, Proverbien, auch Propheten, Sirach, Weisheit Salomos 
zurück, oder es stützt sich auf die ATliche Erzählung als die 
grosse Beispielsammlung der Moral. So gewiss das Ceremonial- 
gesetz für alle diese christlichen Lehrer einfach abgethan ist, 
auf die moralischen Schätze des heiligen Buches will man unter 
keinen Umständen verzichten. Aber eben damit eignet man sich 
eine ganz bestimmte Ethik, die Ethik des Spätjudentums an. 
Ausserdem aber machten es die Christen hier, wie auf dem Gebiet 
des Glaubens: sie nahmen auch die allerjüngsten jüdischen 
Schriften ethischen Gehalts zu zieh herüber und machten durch 
einige spärliche Zusätze christhche Traktate daraus. Ein sicheres 
Beispiel ist die Herübernahme der jüdischen Testamente der zwölf 
Patriarchen, einer ungemein reichhaltigen und hohen Moral- 
literatur, die bloss einige christologische Zusätze empfing. Nicht 
ganz so sicher ist die Herkunft des kleinen Traktats von den zwei 
Wegen, dem Weg des Lebens und dem Weg des Todes, der jetzt 
an der Spitze der Apostellehre als Katechismus für Proselyten 
steht, aber auch am Schluss des Barnabasbriefs bereits begegnet. 



A. Christentum und Judentum. 2. Das Gesetz und die jüd. Etliik. 273 

Der Traktat war ursprünglich eine Schrift für sich; christlich ist 
nichts an ihm, ausser freilich das Fehlen alles Jüdisch-Nationalen. 
Schliesslich ist allein schon die Thatsache merkwürdig, dass für die 
gleiche Schrift eine jüdische und eine christliche Herkunft be- 
hauptet werden kann. Das ist nur möglich, wenn spätjüdische und 
christliche Ethik zum Verwechseln ähnlich aussehen. Auch der 
Hirt des Hermas trägt in seinem Mittelstück, den 12 Geboten, 
eine Moral vor, die sich mit derjenigen der Testamente eng be- 
rührt und, von wenigen Sätzen abgesehen, jüdisch genannt werden 
muss. Vielleicht hat Hermas wirklich jüdische Traktate verwertet. 
Schliesslich verdient es auch Erwähnung, dass eine so kräftige 
christliche Schrift wie der Jakobusbrief wegen ihrer überraschend 
reichen Berührungen mit jüdischen Moralschriften für jüdisch ge- 
halten werden konnte. 

Seltsam kindlich kommen uns heute die Voraussetzungen 
dieser spätjüdischen und altchristlichen Ethik vor: Jeder Mensch 
ist zwischen Gott und den Teufel gestellt. Beide wollen ihn beein- 
flussen und für sich gewinnen. Zu dem Zweck senden sie ihre 
Engel oder Geister zu ihm. Das sind nun nichts anderes als die 
mancherlei Stimmungen, Launen, Triebe, Affekte, die eben als 
etwas dem Menschen Fremdes, von aussen Gewirktes aufgefasst 
werden. Freilich geht daneben auch die unpersönliche Auffassung 
von der Lust, der Begierde, dem Gewissen als immanenten Kräften 
her. Der Mensch hat die volle Freiheit der Entscheidung für 
das Gute oder Böse. Je nachdem er sich entscheidet, siegt der 
gute oder böse Geist in ihm, und es kommt zur That, die Lohn 
oder Strafe nach sich zieht. Auch nach der That behält der 
Mensch die Freiheit; er kann, wenn er dem bösen Geist folgte, 
den Rückweg der Busse erwählen. Diese Anschauungen setzen 
nicht nur die Testamente und die Gebote des Hermas, sondern 
z. B. auch der Jakobusbrief und sogar der I. Petrusbrief voraus. 

Besonders behebt ist in der spätjüdischen Ethik die Auf- 
zählung der Tugenden wie auch der Fehler in Katalogform und 
mit lehrreichen Bemerkungen zu jeder besonderen Art. Das 
Muster solcher Katalogisierung bietet der Traktat von den zwei 
Wegen. Er giebt zuerst das Verbot der Hauptsünden in der Reihen- 
folge des Dekalogs, dann das Verbot der Wurzeln dieser Sünden im 
Begehren, Denken und Reden. Die Testamente der zwölf Patri- 
archen legen jedem der Patriarchen eine Sünde oder eine Tugend 
bei, die dann in ihrer Entstehung und ihren Folgen breit dargelegt 

Wernle, Anfänge. jg 



274 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

wird. Ganz ähnlich behandeln die Gebote des Hermas die ein- 
zelnen Tugenden oder Fehler der Reihe nach gesondert, während 
andere Partien des Buches Kataloge von Tugenden geben nach 
der Siebenzahl und nach der Zwölfzahl. Die Ahnung, dass ein 
innerer Zusammenhang dieser Tugenden im Menschen bestehen 
sollte, fehlt dem Hermas nicht; nur ist er ganz unfähig, diesen Zu- 
sammenhang klar zu machen. Aus dem reichen ethischen Material 
aller dieser Schriften lässt sich leicht erkennen, was dem Spät- 
judentum vor allem wichtig erschien. Voran steht meistens die 
Keuschheitsforderung, das Gebot, sich von der Welt unbefleckt zu 
erhalten. Die ganze Welt erscheint eben dem Frommen dieser 
Zeit als Tempel der ünsittlichkeit, sei es in der That oder bloss in 
der Begierde. Die hundertfachen Versuchungen, die an den From- 
men treten, wo er geht und steht, sind scharf ins Auge gefasst, oft 
überscharf, sodass sie zugleich ein besonderes Interesse gewinnen. 
Daran reiht sich die Mahnung zur strengsten Wachsamkeit und 
Zucht der Sinne. Ausser der Unzucht wird auch vor der Trunk- 
sucht, sowie vor der Geld- und Gefallsucht, dem Luxus, gewarnt, 
und es wird dabei auf den engen Zusammenhang dieser Fehler 
mit jener ersten Hauptsünde verwiesen. Erprobt sich die Keusch- 
heit der AVeit gegenüber, so gilt im Kreis der Brüder Wohlthätig- 
keit, Mitleid und Erbarmen als die Hauptforderung. Witwen 
und Waisen in ihrer Not besuchen, heisst ja bei Jakobus die eine 
Hälfte der Frömmigkeit. Die Juden haben in der Wohlthätigkeit 
unter ihren Religionsgenossen zu allen Zeiten Grosses geleistet; 
der grosse Zusammenhang der Diasporajudenschaft war dafür 
ein glänzender Beweis. Aber sie haben auch die Hochschätzung 
der Almosenfrömmigkeit in erschreckender Weise ausgebildet. 
Der Spruch: „Liebe deckt der Sünden Menge", der aus dem 
Spätjudentum in alle alten christlichen Schriften eindrang, als 
wäre es der oberste Glaubenssatz, empfängt die Auslegung: „Al- 
mosen erleichtert die Sündenlast." Anderseits war doch das 
„Mitleid und Erbarmen" auch innerlicher aufgefasst und daraus 
die fast evangelische Folgerung gezogen, dass alles, was Zorn, 
Eifersucht, Neid, Hass heisst, vom Bösen ist und bekämpft 
werden soll. Ausser der Keuschheit und der Wohlthätigkeit be- 
gegnen wir besonders häufig der Einfalt und ihrem Gegenteil, der 
Zwiespältigkeit. Es wird zum Ideal des Frommen gerechnet, dass 
es sich zu einer ganzen, klaren, schhchten Sittlichkeit erhebt, die 
über das Zweifeln und Schwanken, über die heimliche Teilnahme 



A. Christentum und Judentum. 2. Das Gesetz und die jüd. Ethik. 275 

an Verbotenem hinaus ist und in ihrem Thun und Lassen sich 
selbst in voller Lauterkeit giebt. Diese Tugenden gehören zu- 
nächst alle dem Einzelnen an. Sie haben aber da, wo ein Gemeinde- 
leben vorhanden ist, zugleich noch eine grosse kirchliche Bedeu- 
tung. Die Mahnungen des Jakobusbriefs, der zwei Wege, be- 
sonders des L Klemensbriefs, zeigen, wie eine Gemeinschaft 
auf Grund dieser Tugenden ihr Leben einrichtet oder einrichten 
sollte. 

Es ist gar nicht so leicht, den Unterschied dieser spätjüdi- 
schen Ethik von der Ethik des Evangeliums klar zu bezeichnen. 
Oftenbar hat diese an jener einen Bundesgenossen gefunden, der 
mit ihr in der Gleichgiltigkeit gegen das Nationale, in der Yer- 
innerlichung, in der Ausdehnung der Forderung auf das ganze 
Leben zusammentrifft. Aus dem Jakohusbrief kommen uns christ- 
liche Worte, ja Erinnerungen an Jesus entgegen, obschon wahr- 
scheinlich sein Verfasser die Herrnworte der Evangelien kaum 
kennt. 

Das Neue ist einmal die grosse Zersplitterung, die bald un- 
übersehbare Fülle von einzelnen neben einander stehenden Ge- 
boten, die man auswendig lernen soll. Das ist gerade im 2. Ka- 
pitel des Jakob iisbriefes deutlich. Es wird überall addiert 
und subtrahiert; die Summe ist nicht vollständig, wo eins fehlt. 
So treten auch Glaube und Werke ganz äusserlich neben einan- 
der. Der Mensch steht nicht mehr in den drei grossen Wirklich- 
keiten, sondern in einem Meer von Details, wo niemand ganz 
weiss, was wichtig ist. Sodann führt die Verinnerlichung der 
Forderung oft zu einem schwächlichen, auch sittlich gefährlichen 
Beobachten des Trieblebens, der Entstehung der Sünde. Zu dem 
Spruch des Jakobus: „Jeder wird so versucht, dass er von seiner 
eigenen Lust hinausgezogen und gelockt wird; dann, wenn die 
Lust empfangen hat, gebiert sie Sünde ; die Sünde aber, wenn sie 
vollbracht ist, gebiert Tod" giebt die erste Vision des Hermas den 
Kommentar durch ihre ausführliche Betrachtung über die Ent- 
stehung einer bösen Begierde des Verfassers. Das Wertlegen 
auf die Gedankensünden lässt den Menschen nie zur Freiheit und 
zum Frieden kommen. Diese ganze Psychologie der Sünde ist 
immer ein Krankheitssymptom; der gesunde Mensch grübelt 
nicht über die Sünde nach, er treibt sie aus. Endlich ist dann 
auch die Auffassung von der Busse eine höchst äusserliche: über- 
pflichtmässige Handlungen machen die Sünde wieder gut, Fasten, 

18* 



276 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Almosengeben, Extrawerke, Wo das auftritt, da fängt die Ver- 
kümmerung des Sittlichen an. Der Katholizismus ist im Anzug. 
Diese jüdische Morallitteratur, welche die Christen teils herüber- 
nehmen, teils nachbilden, ist der Anfang jener katholischen 
Beicht- und Bussliteratur, die unter dem Vorwand der Moral 
die Unsittlichkeit predigt. Die Inquisition des Einzelnen, die 
unreine Prüfung, die äusserliche Tilgung der Sünde, das alles 
knüpft hier an. 

3. Die jüdische Kirche "und ihre Institutionen. 

Jesus hatte der jüdischen Kirche den Untergang verheissen, 
Paulus den äusserhchen Bruch der Christen mit ihr herbei- 
geführt. Seitdem stehen die Christen ausserhalb der jüdisch- 
kirchlichen Gemeinschaft. Allein gerade Paulus hatte zur Grün- 
dung und Konsolidierung der neuen christlichen Kirche das 
meiste beigetragen. Er that dies auf doppelte Weise. Er stellte 
die Theorie auf, dass der Weg zur Rettung einzig durch die Ek- 
klesia Jesu Christi hindurchführe und dass verloren sei, wer als 
Ungläubiger ausserhalb der Kirche steht. Nur wer glaubt, wird 
gerettet werden, extra ecclesiam nuUa salus. Er stellte aber zu- 
gleich durch seine Gnosis die Verbindung der neuen Kirche mit 
Altisrael her vermittelst der Theorie: Die Christen sind das Is- 
rael Gottes, das geistige Israel-, alle frommen Juden der Vorzeit 
waren Christen vor Christus. 

Die nächste Folge dieser grossen Theorien des Paulus war 
die, dass überhaupt die jüdische Kirchenidee sich im Christentum 
festsetzt und behauptet. Das brachte es dann weiter mit sich, 
dass auch Gebräuche und Institutionen aus der jüdischen Kirche 
in die christliche hinüberwanderten. 

Das Merkwürdigste ist die Thatsache, mit welcher Zuver- 
sicht die doch zum grössten Teil aus Heiden sich rekrutierende 
Christenheit sich als das wahre Israel proklamiert. Kaum ein 
Christ weiss etwas von einer neuen Kirche, oder sagt, dass Jesus 
die Kirche gegründet habe. Die christliche Kirche ist uralt, die 
Christen sind einfach das ATiiche Gottesvolk. Häufig, z. B. in 
der Apostelgeschichte, sind es ja apologetische Rücksichten, 
welche zur Betonung des Alters der Kirche treiben; man be- 
gegnet damit dem Vorwurf des Abfalls, der unerlaubten Neue- 
rung. Allein rein erbauliche Schriften, die nicht an Apologetik 
denken, drücken ganz dasselbe Bewusstsein aus. Die Herrscliaft 



A. Christentum u. Judentum. 3. Die jüd. Kirche u. ihre Institutionen. 277 

des ATs in allen christlichen Gemeinden war das Ausschlag- 
gebende. Man konnte das AT nur lesen und lieben, wenn man 
darin die Geschichte der „Väter", des eigenen Volkes fand. So- 
bald man sich theoretisch Rechenschaft gab, musste man ge- 
stehen, dass die Juden das Stammesvolk sind und die Heiden- 
christen die Proselyten. So sagen es der Verfasser der Apoka- 
lypse, der Apostelgeschichte, des Johannesevangeliums ganz offen 
heraus. Aber diese offene Erklärung ist gerade ein Beweis der 
gänzlichen Bedeutungslosigkeit dieses Unterschiedes. Von Minder- 
wertigkeit dieser Proselyten keine Rede ! Im Glauben an Chri- 
stus sind sich ja alle Christen völlig gleich, und darauf einzig 
kommt es an. Es entspricht ganz der Ansicht der Mehrheit aller 
Christen, wenn die Apostelgeschichte den Uebergang des Christen- 
tums von den Juden zu den Heiden als einen einfachen gottge- 
wollten und von Gott geordneten Fortschritt, ja als eine ledig- 
lich geographische Ausbreitung darstellt. Die Risse und Sprünge 
waren verklebt. Man sah nur eine Kontinuität der Geschichte 
des Gottesvolkes, das von den Patriarchen über die Könige und 
Propheten zu Christus, den Aposteln und der Heidenkirche vor- 
wärts schritt. Wenn etwas in dieser ganzen Geschichte rätsel- 
haft war, so ist es einzig der Unglaube der gegenwärtigen Juden, 
für den man in der Verstockungstheorie die Erklärung suchte 
und fand. Von diesem Rätsel abgesehen, war alles klar, einfach 
und befriedigend. 

Ob sich die Christen Volk Gottes oder Kirche nennen, ist 
ganz einerlei, da ihnen das AT beide Ausdrücke an die Hand 
gab. Das Wort „Volk" oder „Volk Gottes" scheint populärer 
gewesen zu sein. Ein Mann, wie der Apokalyptiker, kennt nur 
den einen Gegensatz: Das Gottesvolk und die Heiden; daneben 
giebt es noch „sogenannte Juden, die es nicht sind", d. h. der 
Name Juden gehört einzig dem christlichen Gottesvolk. Der Ver- 
fasser des Hebräerbriefes lebt besonders in der Idee der ATlichen 
Volksgemeinde mit ihren göttlichen Institutionen-, aber er findet 
im AT auch die grosse Heldenschar, die Väter des Glaubens, 
die den Christen voranleuchten. Dass die ATlichen Frommen 
ja doch nicht den christlichen Glauben bekannten, kommt ihm 
dabei nicht in den Sinn, es sind ihm alle lauter Christen. Aber 
am merkwürdigsten ist die ATliche Denkweise des Verfassers 
der Lucasschriften. Er lebt nicht etwa nur in der fernen hei- 
ligen Vergangenheit als in der christlichen Vorgeschichte, die 



278 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

er 80 gern in seinen langen Reden nacherzählt — der Neuerer 
Stephanus weilt am längsten bei den heiligen Vätern — sondern 
im Gegenteil, er überträgt seine Liebe auf grosse Partien des 
Judentums zur Zeit Christi und der Apostel. Kein christlicher 
Autor hat rührender und begeisterter von Jerusalem und dem 
Tempel geschrieben als er. Man denke an die Gestalten Simeon 
und Hanna, an die Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tem- 
pel, an die Schilderung der Tempelfrömmigkeit der ältesten 
Christen. Man hat hier überall eine judaistische Denkweise aus 
alter Zeit entdecken wollen. Nichts ist verkehrter. Unser Au- 
tor denkt naiv katholisch. Weil ihm die Christen gar nichts als 
das ATliche Gottesvolk sind, freut er sich, ihre Anhänglich- 
keit an die heiligen Institutionen und Gebräuche des ATs zu 
bezeugen. Darin sind ihm seine Fortsetzer, die Verfasser der 
apokryphen Vorgeschichten gefolgt. Da ist alles voll Begeiste- 
rung für Tempel und Priester und Gelübde und Opfer, und doch 
von Judaismus keine Spur. Das ist der Unterschied der neuen 
Zeit von der alten. Die alte Zeit lebte im Kampf-, die neue 
Zeit hat den Kampf so völlig hinter sich, dass sie dem Gegner 
Interesse und Liebe zuwenden kann, sofern er die eigene Vor- 
stufe bedeutet. In klassischer Form tritt endlich das Hoch- 
gefühl der Christen, das AThche Volk zu sein, im I. Petrus- 
brief hervor. Gerade den Heidenchristen ruft der Verfasser zu: 
„Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priester- 
schar, der heilige Stamm, das Volk zum Eigentum." Die 
Exodusstelle, die hier citiert wird, klang schon vorher im Ein- 
gang der Apokalypse an, wo es heisst: „Christus hat uns zu 
einem Königreich, zu Priestern für Gott gemacht." Es sind 
beidesmal Kampf und Verfolgungsschriften, die diese Sprache 
führen; in der Verfolgungszeit erinnerten sich die Christen an 
den Gegensatz des auserwählten Volks und der Heiden mit be- 
sonderer Lust. 

Der andere Ausdruck „Kirche" begegnet uns seltener in 
der nachapostolischen Literatur, aber — das ist bezeichnend 
— gerade in Schriften , die mit dem Judentum engste Fühlung 
haben. Der Evangelist Matthäus, selbst ein geborener Jude, 
da er den hebräischen Urtext des ATs versteht und sogar die 
Anordnung seiner Bücher beachtet, eignet sich auch die jüdische 
Redeweise von der Kirche an. Er versteht unter der Ekklesia 
ebensowohl die Einzelgemeinde, die in ihrer lokalen Organisation 



A. Christentum u. Judentum. 3. Die jüd. Kirche u. ihre Institutionen. 279 

sich scharf abhebt von der heidnischen Welt, wie die Gesamt- 
kirche, den grossen rechtlichen Organismus, dessen Verwaltung 
Jesus dem Petrus als seinem Nachfolger und Vertreter über- 
geben haben soll. Was Petrus als Gesetzgeber in der Kirche 
beschUesst, das soll für das Gottesreich Kraft haben. Denn 
die Schlüsselgewalt, das Recht zu binden und zu lösen, bedeutet 
die kirchliche Gesetzgebung. Leider wissen wir weder wo, noch 
wann die berühmte Stelle geschrieben ist. Das Wahrscheinliche 
ist immer, dass hier zum erstenmal römische Petrustradition und 
römisches Selbstbewusstsein sich zum Wort melden. Es ist nun 
kein Zufall, wenn in dieser hochwichtigen kirchhchen Schrift 
auch zum erstenmal Kirche und Gottesreich nahe aneinander- 
rücken. In einer Stelle, die dem Matthäus allein gehört, sagt Jesus 
zu den Juden:, „Das Gottesreich wird euch genommen und einem 
Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt." Was ist hier 
das Reich Gottes, das die Juden besessen haben? Es ist nicht, 
wie sonst , das künftige Messiasreich , sondern die Theokratie, 
die göttliche Regierung. Der Evangelist hätte ebenso gut sagen 
können : Ihr werdet nicht mehr die Kirche sein. An anderen Stellen 
unterscheidet Matthäus zwischen dem Reich Christi, der gegen- 
wärtigen Kirche, und dem Reich Gottes, der Kirche der Vollen- 
dung. Es ist ganz natürlich, dass ein Mann, dem die gegen- 
wärtige Kirche so am Herzen liegt, sie als das werdende Reich 
Gottes betrachtet. Aber er thut damit einen grossen Schritt 
vorwärts auf dem Weg zum römischen Katholizismus. 

Damit stimmt es merkwürdig überein, dass die andere alte 
Schrift, die am meisten von der Kirche redet, sicher aus Rom 
stammt und einen ganz mit dem Judentum vertrauten Christen 
zum Verfasser hat: der Hirt des Hermas, Er hat in der dritten 
Vision und dem neunten Gleichnis eine jüdische Quelle verarbeitet, 
die den Thurmbau der jüdischen Kirche aus den Steinen der 
Tiefe, den vorisraelitischen Vätern, aus den Steinen der zwölf 
Berge, den zwölf Stämmen Israels, und aus den Steinen der 
Ebene, den Proselyten, darstellt. Diese jüdische Parabel deutet 
er in seiner christlichen Bearbeitung das eine Mal auf die christ- 
liche Kirche, das andere Mal auf das Gottesreich um, wodurch 
wieder klar wird, wie eng in Rom diese beiden Begriffe zusammen- 
gehörten. Echt jüdisch heisst es dann von der Kirche, sie sei 
uralt, denn sie sei zuerst vor allem geschaffen, und um ihretwillen 
entstand die Welt. Genau so sagt ja die Esraapokalypse: Gott 



280 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

schuf die Welt wegen seines Volkes. Noch allerlei andere, z. T. 
spekulative Sätze über die Kirche im Hirten des Hermas und 
in dem gleichfalls aus Rom stammenden II. Klemensbrief er- 
klären sich nur als halbverstandene jüdische Entlehnungen. Da 
wird z. B. erklärt, die Kirche sei vor allem, vor Sonne und 
Mond geschaffen, weil der Geist, der die Kirche beseelt, nach 
Gen 1 älter ist als die Welt; aber im Handkehrum heisst es, 
Gott habe seine Kirche erst am 6. Schöpfungstag erschaffen und 
gesegnet, als er Mann und Frau erschuf, weil die empirische 
jüdische Kirche mit dem ersten Menschenpaar begann. Das sind 
ja sehr harmlose Spekulationen. Aber es ist wichtig, dass sich 
die Christen zuerst in Rom als Kirche und als Anfang des Gottes- 
reichs fühlten. 

Die notwendige Konsequenz der Uebernahme der jüdischen 
Kirchenidee ist die Uebernahme aller Engherzigkeit und Into- 
leranz, welche diese bei den Juden im Gefolge hatte. Es ist ja 
wohl möglich, dass die christlichen Gemeinschaften auch von sich 
aus durch ihr Kraftbewusstsein, ihr Ueberlegenheitsgefühl gegen- 
über der ganzen Umgebung zu gesteigerten intoleranten Ansprü- 
chen getrieben worden wären. Allein was bedeutet diese abstrakte 
Möglichkeit, wo der Einfluss der jüdischen Kirche, mit der man 
zu konkurrieren hat, auf Schritt und Tritt sich uns aufdrängt? 
Extra ecclesiam salus nulla wird der Grundsatz der christlichen 
Religion. Nur das spezifische Merkmal hat gewechselt. Das 
jüdische Blut, die Ceremonien, so ruft man, thun es nicht, son- 
dern der christliche Glaube. Aber der hohe Anspruch, die Aus- 
schliesslichkeit, die mitleidige Verachtung der Heiden pflanzt sich 
fort in diesem neuen Gottesvolk. Allerdings war ja der Glaube 
ein geistiger Besitz; und doch muss man sich fragen, ob eine 
Kirche, die den Glauben an die Trinität verlangt, sehr viel höher 
steht, als eine solche, die allerlei Speisen verbietet. Das wunder- 
bar Grosse an Jesus, der Sinn für das Gute und Rechte, wo es 
ist, bei Zöllnern, Samaritern, Heiden, hat bei beiden Kirchen- 
auffassungen keinen Raum mehr. 

Mit klaren Worten tritt ja freilich der Grundsatz: „Kein 
Heil ausser der Kirche" sehr selten auf. Die apologetischen 
Schriften, die ihn am eifrigsten predigen, Apostelgeschichte und 
Johannesevangelium, erwähnen die Kirche mit keinem Wort. Sie 
reden nur von Christus und dem Glauben, aber das ist ja die 
Kirche. Aller Eifer für die Christologie ist zu allen Zeiten Eifer 



A. Christentum u. Judentum. 3. Die jüd. Kirche u. ihre Institutionen. 281 

für die Kirchlichkeit gewesen. Man giebt Jesus die höchsten 
Titel, knüpft an ihn allein die Seligkeit und fordert eben damit 
den Eintritt in die Kirche. So hatte es zuerst Paulus gemacht 
durch die Aufstellung der Theorie : Nur wer glaubt, wird gerettet 
werden. Ihm schliesst sich der Verfasser der Apostelgeschichte 
an: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus ge- 
rettet werden, das heisst: werde ein Christ. „Es giebt durch 
keinen anderen die Rettung, denn es ist auch kein anderer Name 
unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir gerettet 
werden sollen." Der Verfasser des Johannesevangeliums thut 
den letzten Schritt, indem er diese Gedanken des Paulus und 
Lucas in nackte Worte Jesu umsetzt: „Ich bin der Weg, die 
Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, als durch 
mich." „Es sei denn, dass jemand aus Wasser und Geist geboren 
ist, kann er nicht ins Gottesreich eingehen." Beide Sätze sagen 
das Gleiche: nur durch den Eintritt in die Kirche gewinnt man 
die Seligkeit. Gar keine Sätze im NT sind katholischer gemeint, 
als diese Thesen der beiden kirchhchen Apologien. Vor allem 
ist Johannes vielleicht der am meisten fanatische, engste Theologe 
desNTs. An der gänzlichen Degradation Johannes des Täufers, 
an der Proklamation der Verstockung und der Teufelskindschaft 
der Juden, an dem Satz: „Alle, die vor mir gekommen sind, 
sind Diebe und Räuber" offenbart er eine schauerliche Kunst, 
alles herunterzureissen und in die Hölle zu schmettern, was 
ausserhalb der christlichen Kirche steht. Dies Verfahren erscheint 
noch gewaltsamer, weil Jesus selbst sich zu seiner Legitimation 
hergeben muss. Was sollte nun aber mit den frommen Juden 
geschehen, die ohne den christlichen Glauben vor Jesu Lebzeiten 
gestorben waren? Die meisten christhchen Lehrer sehen in dieser 
Frage gar kein Problem, weil sie durch Anticipation alle frommen 
Glieder des Gottesvolks ohne weiteres als Christen betrachteten. 
Darum lässt Johannes den Logos lange vor seiner Menschwerdung 
in der Welt und bei den Seinen verkehren, weil er überzeugt ist, 
dass alle Patriarchen und Propheten, Christen, Kinder Gottes 
gewesen sind, die an seinen Namen glaubten. Hermas ist der 
erste, für den das Problem der Seligkeit der alten Juden auf- 
tritt. Voraussetzung ist ihm der Satz: Nur wer den Namen des 
Gottessohnes trägt, d. h. nur der Christ, kann ins Gottesreich 
eingehen. Da nun die frommen Juden nicht getauft und folghch 
keine Christen waren, nimmt er an, dass die ATlichen Frommen 



282 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

im Hades getauft wurden, nachdem ihnen zuvor die in den Hades 
hinabgestiegenen Apostel und Lehrer die Predigt von Christus 
gebracht hatten. Das war keine üble Lösung des Problems. Wer 
mit dem Gedanken: „Ausser der christlichen Kirche kein Heil" 
Ernst machte, musste mit solchen unsinnigen Auskünften sein 
enges Gemüt zufrieden stellen. 

Es ist ein wahres Glück, dass das Bild Jesu in den drei 
ersten Evangelien trotz allen kirchlichen Zuthaten unverfälscht 
geblieben ist und immer wieder von dort aus das Urteil spricht 
über die fanatische Glaubensengherzigkeit seiner Verehrer. Die 
grossen Beispiele einer gänzlich unkirchlichen Weitherzigkeit 
waren nicht auszurotten. Alle die Sprüche, dass einzig das Sitt- 
liche, die Früchte vor Gott entscheiden, und alles andere wert- 
los sei, dass es ankomme auf Gerechtigkeit, Liebe und Treue, 
und dass diese Dinge, wo sie sich zeigen, in aller Welt Gott ge- 
fallen, blieben stehen. Aber wie helfen sich dann die neuen kirch- 
lichen Lehrer, damit Jesus ihnen passt? Sie setzten den Evan- 
gelien kirchliche, gläubige Schlüsse an. Der Evangelist Matthäus 
schloss seine Schrift mit dem Missions- und Tauf befehl des Auf- 
erstandenen, der alles Heil in die Kirche bannt. Das Marcus- 
evangelium erhielt den unechten Schluss mit der Proklamation: 
„Wer glaubt und getauft wurde, wird gerettet werden- wer nicht 
glaubt, wird verdammt werden", auch das ein Wort Jesu. Der 
Verfasser der Lucasschriften giebt dem Auferstandenen gleich- 
falls den kirchlichen Befehl: „Es soll in seinem Namen Busse 
zur Sündenvergebung an alle Heiden gepredigt werden", und 
zeigt ausserdem durch seine Apostelgeschichte, wo allein Rettung 
zu suchen ist. Und dann trat das vierte Evangelium zu den 
übrigen hinzu und erklärte, dass alles darin kirchlich, gläubig 
ausgelegt werden müsste. Auf diese Weise haben die Evangehsten 
Jesus und die Kirchenidee in Einklang gebracht. 

Allein für diese spätere Zeit musste der von Paulus auf- 
gestellte Grundsatz: ausser der Kirche kein Heil, vollends den 
katholischen Sinn gewinnen, dass die Kirche zwar die notwendige 
Voraussetzung der Rettung, aber keineswegs die sichere Garantie 
dafür sei. Paulus hatte mindestens zeitweilig noch gehofft, dass 
seine Gemeinden durch Gottes Treue samt und sonders als be- 
rufene Auserwählte in das Gottesreich eingehen werden. Die 
nachapostolische Zeit hat diesen optimistischen Glauben unter 
keinen Umständen festhalten können. Es war keineswegs nur 



A. Christentum u. Judentum. 3. Die jüd. Kirche u. ihre Institutionen. 283 

die gnostische Spaltung, die über die Kirche nüchterner denken 
liess. Die Thatsache, dass das Durchschnittschristentum sich 
immer mehr breit machte in allen Gemeinden, sprang zu deutlich 
in die Augen. Eine grössere Anzahl der kirchlichen Schriftsteller 
bemüht sich, ihr Rechnung zu tragen. Ziemlich zu gleicher Zeit 
stellen der Verfasser der Pastoralbriefe und der erste Evangelist 
ihre sehr ähnlich lautenden Theorien auf. Der Pseudopaulus 
vergleicht die Kirche mit einem grossen Haus, in dem neben 
goldenen und silbernen Gefässen eben auch hölzerne und irdene 
seien, die einen zur Ehre, die anderen zur Unehre. Wie ganz 
anders hatte einst Paulus vom Tempel Gottes voll heiligen 
Geistes geredet und die Gefässe zur Unehre, die Zorngefässe, 
draussen in den ungläubigen Juden erblickt ! Man erkennt schon 
an der nüchterijen prosaischen Sprache des Pseudopaulus den 
Abstand der Zeiten. Ganz wie er, vergleicht Matthäus die Kirche 
dem Acker, auf dem das Unkraut neben der Saat aufgeht, oder 
dem Fischnetz, in das gute und faule Fische gefangen werden. 
Viele sind berufen, aber wenige sind erwählt I Die Kirche ist 
auch gleich einem Hochzeitsraahl, an dem Leute ohne hochzeit- 
liclies Gewand teilnehmen; sie werden hinausgeworfen, wenn 
der Herr erscheint. Eigentlich fehlte nur noch der Vergleich 
mit der Arche Noä! Jedenfalls bricht sich durch Pastoralbriefe 
und Matthäusevangelium die spätere Idee vom Corpus mixtum 
Bahn. Ihr giebt auch der Evangelist Johannes Ausdruck, indem 
er in den Abschiedsreden den Unterschied der wahren Jünger 
und der Scheinjünger aufstellt. Es giebt Ranken am Weinstock, 
die keine Frucht bringen; die sammelt man und wirft sie in das 
Feuer, dass sie brennen. Wahre Christen sind einzig diejenigen, 
welche neben dem Glauben die Liebe haben und die Gebote 
halten. Nicht sehr viel später ist in Rom die Schrift geschrieben, 
deren Hauptzweck ist, die falsche kirchliche Sicherheit zu zer- 
stören durch die Enthüllung, dass beim Gericht ganze Klassen 
von Christen verloren gehen, der Hirt des Hermas. Das blosse 
Namenchristentum führt niemals in das Gottesreich; nur wer die 
Kraft des Gottessohnes, das Gewand der christlichen Tugenden 
trägt, darf hoffen, selig zu werden. Und dann zählt er alle 
Klassen von Welt- und Namenchristentum auf und fällt das Ur- 
teil über sie. Das sind wieder echt evangelische Gedanken, So 
oft sie uns begegnen, spüren wir: das ist Jesu Geist. Es ist 
nur seltsam, dass diese Christen, die ein so scharfes Auge für 



284 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

die Mängel der Kirche haben, nie die Konsequenz zu ziehen wagen, 
dass das Gute auch ausserhalb der Kirche gedeiht und Gott ge- 
fällt. Die Kirche engt ihr Denken wie eine hohe Mauer ein. 
Man muss froh sein, w^enn sie innerhalb dieser hohen engen Mauer 
Ernst machen mit dem EvangeHum, soweit das sich mit der 
Kirchenidee verträgt. 

Es ist nur natürlich, dass die Uebernahme der jüdischen 
Kirchenidee auch materiell grosseNachbildungen zur Folge hatte. 
Eine ganze Fülle jüdischer Institutionen und Gebräuche werden 
entweder direkt entlehnt oder erhalten ihr christliches Gegen- 
stück, das sie ersetzen soll. 

Die Verfassung nähert sich der jüdischen stark an durch die 
ATliche Begründung des Episkopalsystems. Der I. Klemens- 
brief, zu Ende des ersten Jahrhunderts geschrieben, stellt den 
«charfen Unterschied von Klerus und Laien auf nach Massgabe 
des ATs. Gottlob war das eine Halbwahrheit, denn es fehlte ja 
das Geburtsprivileg der Priesterkaste. Aber die scharfe Grenze 
zwischen den Ständen soll bestehen und bei Strafe respektiert 
werden. Auch die Centralisation des Kultus im Gegensatz zu 
den vielen Winkelgottesdiensten der Gnostiker erhält ATliche 
Begründung. Klemens schreibt: „Nicht überall werden Opfer 
gebracht, sondern in Jerusalem allein, und dort nicht an jedem 
Ort, sondern vor dem Tempel beim Altar, nachdem das Opfer 
geprüft ist durch Hohepriester und Diener." Die Konsequenz 
zieht Ignatius: Ein Altar, ein Bischof, eine Kultgemeinde. 
Wo der Bischof erscheint, da soll die Plebs sein. Sodann stützt 
sich die Besoldung der Beamten auf die ATlichen Vorschriften 
über Unterhalt der Priester. In der Apostellehre werden diese 
Abgaben noch den Propheten geschenkt, denn „sie sind euere 
Hohenpriester" . Die Bearbeitung der Apostellehre in den aposto- 
lischen Konstitutionen setzt für „den Propheten" „den Priestern" 
ein, und das stammt aus alter Zeit. 

Ganz dem Judentum entsprechend, bilden sich Lehrtradition 
und Lehramt aus. Das Hauptdokument dafür sind die Pastoral- 
briefe, obschon ihr Postulat der Verschmelzung von Lehramt und 
Episkopat nicht durchdrang. Die jüdische Lehre war in Schrift 
und Tradition überliefert. Schrift und Tradition werden jetzt 
auch die kirchlichen Instanzen. Im Kampf gegen die Gnostiker 
wird zunächst der ATliche Kanon gerettet und als Wort Gottes 
durchgesetzt. Ihm, „der Schrift" gegenüber gilt alles Christliche, 



A. Christentum u. Judentum. 3. Die jüd. Kirche u. ihre Institutionen. 285 

Schriftliches wie Mündliches, zunächst als Tradition. Es bilden 
sich die Schlagworte: Lehre des Herrn durch die zwölf Apostel^ 
Lehre der Apostel, allerheiligster Glaube, den Heiligen über- 
lieferter Glaube, aus. Wie dieser Glaube formuliert wird, werden 
wir später sehen. Auf die Form kommt es hier an. Der Pseudo- 
paulus hat den Begriff des apostolischen Depositums (der „Mit- 
gabe") gebildet, das, von Gott dem Apostel übergeben, bis zum 
jüngsten Tag unverfälscht bestehen soll. Diese apostolische Tra- 
dition ist natürlich vor allem in den alten christlichen Schriften 
niedergelegt und dort am sichersten vor Verfälschung bewahrt. 
KlemensinRomca. 95kennt Paulusbriefe, Hebräerbrief, Apostel- 
geschichte, synoptische Evangelien, Polykarp in Smyrna ca. 120 
ausserdem noch den I. Johannes- und I. Petrusbrief. Die Art, 
wie beide Schriftsteller, Klemens wie Polykarp, ohne Citations- 
formel fremde Worte als eigene gebrauchen, zeigt, was für eine 
Schriftkenntnis schon überall vorausgesetzt ist. Daneben aber 
gilt die mündliche Tradition als etwas völhg Unerschöpfliches; 
Papias, der Bischof von Hierapolis, hat sie vor allem bei seiner 
Auslegung der Herrnworte benützt. Allein diese schriftliche 
und mündliche Tradition durfte nicht wild weiterwachsen. Für 
die Reinerhaltung der Tradition sorgte im Judentum die Succes- 
sion der Rabbinen, in der christlichen Kirche die Succession der 
Bischöfe. Ihr Beruf ist das blosse Erhalten, die getreue Ueber- 
lieferung; weiterbilden, fortschreiten ist verpönt. Und trotz- 
dem fand eine beständige Fortbildung statt, gerade so gut wie 
im Judentum, mochte man noch so sehr sich des Stillstehens 
rühmen. 

Sodann wird der christliche Kultus als Nachbildung des 
jüdischen aufgefasst. Ein Brief wie der Hebräerbrief musste dazu 
drängen, auch im einzelnen die jüdischen „Paradigmen" nachzu- 
weisen, die Vorbilder, die Moses geschaut hatte, als er seine 
Gesetze schrieb. Klemens in Rom, der erste Autor, der den 
Hebräerbrief kennt, bringt schon die Anwendung. Da heissen 
die Bischöfe: „die, welche die Opfer darbringen", und es wird der 
Wert kultischer Ordnung und die Grösse kultischer Uebertretung 
eingeschärft. Uralt muss die Opfersprache in den christlichen 
Gemeinden gewesen sein. Zuerst redete man vom Opfer Jesu 
oder vom Opfer der Gesinnung, Bald aber werden die Gebete 
als Opfer dargebracht, und sehr früh — schon in der Apostellehre — 
wird das Abendmahl als Opfer gefeiert. Sofort erscheinen die 



286 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung- d, kirchl. Theologie. 

alten Begriffe kultischer Reinheit und Heihgkeit wieder. Freilich 
haben hier die griechischen Mysterienvereine kaum weniger als 
die Synagoge auf die Kirche eingewirkt, jedoch mit Bewusstsein 
will man nur den ATlichen Kult fortsetzen. 

An Stelle des Sabbats tritt der Sonntag, der Herrentag, 
zum erstenmal in der Apokalypse, dann im Pliniusbrief und in 
der Apostellehre. Ignatius sieht darin, dass die Christen den 
Sonntag statt des Sabbats feiern, ein wichtiges Zeichen der neuen 
Rehgion. Für den Gottesdienst werden jüdische Liturgien mit 
kurzen christlichen Zusätzen übernommen. Das regelmässige 
Sündenbekenntnis erklärt sich daher. Auch der Umstand, dass 
der Vatername Gottes in Gemeindegebeten so stark zurücktritt, 
ist auf die jüdischen Muster zurückzuführen. Proben jüdischer 
Gebete in christlicher Umformung geben der I. Klemensbrief, 
die Pastoralbriefe, wahrscheinlich auch die Apostellehre. Aber 
schon die Apokalypse ist voll von jüdischen Liturgien. Auf das 
Gebet folgt Schriftlektion, Predigt und Schlussgebet, wie in der 
Synagoge; denn offenbar setzt z. B. die Apostelgeschichte keinen 
anderen Gottesdienst voraus. Das Unservater wird als Haupt- 
gebet des Einzelnen aufgefasst und soll als solches das jüdische 
Achtzehngebet vertreten; daher der Befehl, es dreimal im Tag 
zu sprechen. Auch die Doxologie, die es bekommt, ist jüdischen 
Ursprungs. Zugleich mit den Gebeten wird die Fastenpraxis der 
Synagoge übernommen und bloss der Tag verlegt; statt Montags 
und Donnerstags soll der Christ Mittwochs und Freitags fasten, 
„zur Unterscheidung von den Heuchlern", sagt die Apostellehre. 
Die Bedeutung des kirchlichen Fastens überhaupt stammt aus 
der Synagoge ; es gilt als Selbstdemütigung vor Gott. Daneben 
setzt sich für besondere Vergehen Einzelner das jüdische Buss- 
institut fest. Schon Paulus hatte es eingeführt. Der Evangelist 
Matthäus macht Jesus zum Schöpfer einer der jüdischen paral- 
lelen Bussordnung. Immer ist es ein kirchlicher Akt mit con- 
tritio cordis, confessio oris und satisfactiooperum. Die asketischen 
Leistungen und das offizielle Bekenntnis in der Kirche sind das 
äusserlich Entscheidende; denn die Herzen kennt nur Gott. 

Weiteres hat die spätere Zeit hinzugebracht. Was wir bei 
der Eschatologie und beim Engelglauben feststellten, gilt auch 
hier. Der Einfluss der jüdischen Parallelkirche wächst zugleich 
mit der zeithchen Entfernung von Jesus. Jesus und seine Jünger, 
obschon Juden von Haus aus, sind viel freier vom jüdischen 



A. Christentum u. Judentum. 3. Die jüd. Kirche u. ihre Institutionen. 287 

Kirchentum, als die späteren Christen, die in den Juden nur die 
erklärten Feinde sahen. 

Die stete Berührung mit der jüdischen Kirche hat für die 
alten Christen einen grossen Vorteil gebracht: Da ihnen hier eine 
ganz auf Geschichte ruhende Religion gegenüberstand, wurden sie 
davor geschützt, ihre Religion in Philosophie verflüchtigen zu 
lassen. Dazu diente die Verteidigung Jesu und der Streit um 
das AT. In welcher Form immer, der christliche Gott blieb ein 
Gott der Thaten, keine philosophische Abstraktion; die Sittlich- 
keit war an ihn geknüpft, und die Hoffnung schaute nach seinen 
Zukunftsthaten aus. Gerade der Kampf mit den Gnostikern lehrte 
die Christen schätzen, was sie dem Judentum zu danken hatten. 

Sieht man von diesem einen ab, so macht die antijüdische 
Apologetik der Christen keinen guten Eindruck. Es ist eine 
Kunst des Verdrehens und ümdeutens, des Einlegens statt Aus- 
legens, des Dichtens und Fälschens. Der Wahrheitssinn der 
Christen im nachapostolischen Zeitalter muss ein ganz minimaler 
gewesen sein. Die Hauptfrage : worin besteht die Ueberlegenheit 
desChristentumsüberdas Judentum? erhält keine sichere Antwort. 
Die beste Antwort giebt Marcus, indem er Jesus feiert als den 
allen jüdischen Parteien und Autoritäten durch Wort und That 
überlegenen Gottessohn. Es kam aber doch bei jener Haupt- 
frage darauf an, zu zeigen, dass die Christen selbst, nicht Jesus 
allein, zu einem neuen höheren Leben erlöst waren. Paulus hatte 
das jubelnd in die Welt gerufen: „Ist einer in Christo Jesu, so 
ist er ein neues Geschöpf." Seitdem wird in apologetischem 
Zusammenhang diese Antwort kaum mehr gehört; nur in den 
Abschiedsreden bei Johannes ahnt man die weltüberwindende 
Kraft der Freundschaft Christi. Sonst geht die Apologetik durch 
ihre falschen Antithesen geradezu darauf aus, die Antwort des 
Paulus unmöglich zumachen. Wenn Christus das ganze AT geoffen- 
bart hat, worin besteht denn das Neue, das er brachte? Wenn 
das Christentum das neue Gesetz ist, wie soll dann seine Freiheit 
und Innerlichkeit erkannt werden? Wenn nur eine neue Kirche 
an die Stelle der alten tritt mit dem gleichen Selbstgefühl und 
Fanatismus, wie kann dann die Erlösung von der Kirche noch 
verstanden werden? Dadurch, dass die neue Religion hinein- 
gepresst wird in die Kategorien der alten, geht gerade das Grosse 
verloren: dass sie jene Kategorien selbst aufhob. 



288 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Dazu kommt der grosse materielle Einfluss der jüdischen 
Frömmigkeit, Ethik, Kirche, die direkte Herübernahme jüdischer 
Literatur und jüdischer Institutionen. Politisch wird das Christen- 
tum judenfeindlicher als je; die Reihe: Paulus, Lucas, Johannes, 
Barnabas belegt dies. Rehgiös nähert es sich dem Judentum 
und unterliegt seinem fortwährenden Einfluss. Der Katholizis- 
mus, voran der römische, ist nach der einen Seite die Judaisierung 
des Christentums. Nicht umsonst bedeutet die Reformation eine 
Wiedererweckung des antijüdischen Paulus. 

B. Christentum nnd GrriedientTim. 

1. Der heidnische Staat. 

Es war für das junge Christentum ein grosses Glück, dass 
durch das Wort Jesu: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und 
Gott, was Gottes ist" alle revolutionären, zelotischen Gelüste der 
Christen niedergeschlagen waren. Paulus hatte als christlicher 
Pharisäer den Gehorsam gegen die Obrigkeit als Gottes Willen 
eingeschärft und den Staat den Christen als Helfer Gottes em- 
pfohlen. Das war geschehen, bevor die Verfolgung begann. Nach 
dem kurzen Neronischen Schrecken haben die Christen seit den 
neunziger Jahren die entschlossene Feindschaft des Staates ge- 
spürt. Die Verfolgung begann in Kleinasien, wo die Apokalypse 
entstand, wohin der erste Petrusbrief adressiert ist. Aus ihrer An- 
fangszeit stammt die Apokalypse, für die sich der Helfer Gottes 
in einen Helfer des Drachen verwandelt hat. Jetzt singt man in 
christlichen Kreisen wilde Triumphlieder über den nahe bevor- 
stehenden Fall Roms, der grossen Hure. Die Verweigerung des 
Kaiserkults wird zum Merkmal der Christen. Trotzdem nichts 
von Revolution; Geduld der Heiligen heisst die Losung. Damit 
bewährt der Prophet sein Christentum. 

Für die Christen kommt jetzt die Wahl zwischen einer dop- 
pelten Gesinnung : Hass gegen den Staat als Teufelsmacht, wie 
ihn die Apokalypse predigt — oder Ergebung in Gottes Willen, 
der auch durch den Kaiser regiert. Welches ist das Stärkere? 

Man hat scharf zu unterscheiden zwischen der offiziellen 
Haltung der christlichen Schriftsteller und der Stimmung vieler 
Laienkreise, deren Lieblingsbuch die Apokalypse war. Der Hass 
des Apokalyptikers gegen Rom lebt überall da weiter, wo sein 
Buch gelesen wird. Gelegentlich bricht völlig unvorbereitet der 



B. Christentum und Griechentum. 1. Der heidnische Staat. 289 

Zorn gegen die Tyrannen los, wie bei jenem Christen Lucius, von 
dem uns Justin erzählt. Als er sah , wie der Lehrer Ptolemäus 
ohne jedes Verbrechen bloss auf den christlichen Namen hin zum 
Tod verurteilt wurde, schrie er den Präfekten Urbicus, der das 
Urteil sprach, an und hielt ihm das ungerechte, unwürdige Ver- 
fahren vor. Darauf sofort selbst verurteilt, rief er aus, er danke 
dem Urbicus, da er wisse, dass er jetzt dieser schlechten Herren 
ledig sei und zum Vater und König des Himmels gehe. So ist 
auch die sehnsüchtige Bitte der Christen um das Weltende — es 
komme die Gnade, es vergehe die Welt! — als ein von Herzen 
kommender Schrei nach Erlösung aus der Tyrannei des Staates 
aufzufassen. Auch der ganze Chiliasmus der alten Christen setzt 
Feindschaft gegen den Staat voraus; man ersehnt das Reich 
Gottes auf Erden an Stelle Roms. Einstweilen weiss der Christ 
sein Vaterland im Himmel. Auf Erden ist er Fremdling und 
Beisasse. Ergreifend fängt das erste Gleichnis des Hernias an : 
„Ihr wisst, dass ihr in der Fremde wohnet, ihr Knechte Gottes; 
denn eure Stadt ist weit weg von dieser Stadt." Diese Stimmung 
mitten in der Verfolgung war auf jeden Fall eine ehrhche. 

Ganz anders die offizielle Haltung mancher christlichen Au- 
toren. Sie ist devot von Anfang an. Das Christentum will um 
jeden Preis erlaubte Religion wie das Judentum und an Stelle 
des Judentums werden ; daher empfiehlt es sich dem Staat und 
giebt ihm sogar in den vom Judentum entlehnten Liturgien seine 
feste Stelle. Der Verfasser des I. Petrusbriefes ist bestrebt, die 
Worte des Paulus über die Obrigkeit sich für die ganz anders 
gewordenen Verhältnisse zurechtzulegen. Dabei lässt er die 
These: „Der Staat Diener Gottes" fallen, da der Staat, der die 
Christen verfolgt, unmöglich mehr so heissen kann. Jedoch um 
des Herrn willen soll man ihm Gehorsam leisten. Gottesfurcht 
und Königsehre schhessen sich nicht aus; nur jedes an seiner 
Stelle! Noch ist der Glaube an den Beruf des Staates, das Recht 
zu schützen, unerschüttert; die paulinischen Worte darüber 
bleiben bestehen. Für die Christen ist ausserdem der Gehorsam 
gegen die Statthalter Pflicht um der bösen Verleumdungen willen. 
Sie sollen beweisen, dass sie keine Anarchisten sind. Und trotz- 
dem will dieser gegen oben so korrekte Brief aus Babylon ge- 
schrieben sein. Rom ist Babel, das ist des Autors Herzens- 
meinung. Die Lucasschriften und das Johannesevangelium ver- 
teidigen in der Erzählungsform die Christen gegen den Vorwurf 

Wernle, Anfänge. 19 



290 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

der Staatsfeindlichkeit. Die Begriffe Messias und Eeich Gottes 
werden unpolitisch ausgelegt. Das Reich Christi ist nicht von 
dieser Welt , wie die Friedfertigkeit der Christen beweist. Das 
Königtum Jesu besteht lediglich in seinem Wahrheitszeugnis. 
Beweis: als ihn einst die Juden zum König machen wollten, ent- 
zog er sich ihnen durch die Flucht. Auch der Vorwurf der 
Steuerverweigerung wird entkräftet. Es wird nachgewiesen, dass 
die Christen die wahren Juden sind, und dass die Juden lügen 
mit allen ihren Verhetzungen. Der Prozess Jesu, sowie der Pro- 
zess des Paulus sind von jetzt an apologetisch wichtige Themata, 
Pilatus, Felix, Festus müssen als Unschuldszeugen auftreten. 
Vor allem führt der ganze Plan der Apostelgeschichte den Alters- 
beweis für das Christentum. Dieses ist nichts anderes als die 
alte jüdische Religion, die sich jetzt auch über das Heidenland 
verbreitet. 

In das Politische der altchristlichen Liturgien giebt uns der 
I. Klemensbrief zuerst einen Einblick. Sein grosses Schluss- 
gebet enthält auch die erste uns bekannte Bitte für „unsere 
Obersten und Führer auf Erden". Ihnen soll Gott Gesundheit, 
Frieden, Eintracht und Wohlergehen verleihen. Das Gebet wird 
nicht müde, zu wiederholen, dass die Obrigkeit von Gott ihre 
Macht besitzt. Ist es auch älter als die Verfolgungszeit, da es 
vermutlich aus dem Judentum herstammt, so wurde es doch in 
der Verfolgungszeit weiter gebetet und verbot dadurch den 
Christen immer wieder jede Auflehnung. Dieses oder ein ähn- 
liches Gebet verlangt der Verfasser der Pastoralbriefe und nach- 
her Polykarp von allen Christen. Sie sollen beten für alle Men- 
schen, für Könige und alle obrigkeitlichen Personen, weil nur der 
Friede und die Ordnung des Staates den Christen die ruhige Aus- 
übung ihrer Religion gestatten. Da beide Briefschreiber in der 
Verfolgungszeit schreiben, so ergiebt sich, dass hier eben die offi- 
zielle Haltung nach aussen, die sich keineswegs von selbst verstand, 
vorgeschrieben wird. 

Erst als klar wurde, dass weder die kirchlichen Gebete für 
Kaiser und Statthalter, noch die kirchliche Literatur irgend wel- 
chen Einfluss auf die Verfolger gewann, fing die eigentliche Schutz- 
schriftliteratur der Christen an. Der Prophet Quadratus hat als 
erster dem Kaiser Hadrian seine Apologie gewidmet ; ihm folgten die 
Philosophen Aristides und Justin unter Antoninus Pius. Es war 
eine Neuerung nur, was das gewählte Mittel betrifft. Nicht neu, 



B. Christentum und Griechentum. 2. Die heidnische Religion. 291 

sondern Jahrzehnte älter war die feste apologetische Haltung 
der Kirche. Freihch hat sie sich damit in starke Selbstwider- 
sprüche verwickelt, da gerade die kirchlichen Liturgien Stücke 
recht verschiedenen Inhalts enthielten. Man betet nach der Vor- 
schrift für den Bestand der Obrigkeit und zugleich nach alter 
christlicher Sitte für den Untergang alles Bestehenden. Tertul- 
lian sagt im Erbauungstraktat „lieber das Gebet" so ziemlich das 
Gegenteil wie in der grossen Apologie, wo er sich an die Oeffent- 
lichkeit wendet. Justin beteuert den unpolitischen Charakter des 
Gottesreiches in der Apologie und sehnt sich im Dialog mit 
Trypho, wo das Gemeinchristliche stärker hervortritt, nach dem 
Oottesreich auf Erden. Ja schon der Evangelist Johannes, der 
als Apologet alles Eschatologische so stark wie möglich ehmi- 
niert, erwartet im ersten Brief mit Eifer das Weltende, wo auch 
der Staat, dessen Diener Pilatus war, zu Grunde geht. Im 
Grunde meinten es alle diese Apologeten mit ihrer Staatsfreund- 
schaft nicht ernst, wenigstens nicht von Herzen. Sie war ihnen 
als letzte Notwehr auferlegt. Zwischen Kirche und Staat bestand 
offener Krieg, und Apologeten wie Justin starben in diesem Krieg 
als Helden. Den Widerspruch, in den sie sich selbst versetzten, 
entschuldigt die Zwangslage genügend. Gross ist es, dass sie, 
sobald der grosse Augenblick kam, den Staat zum Teufel wünsch- 
ten und wie Polykarp mit dem Bekenntnis : Jesus und nicht der 
Kaiser ist der Herr, gestorben sind. 

2. Die heidnische Religion. 

Die Stellung zu allen heidnischen Volksreligionen war für 
die Christen schon durch den jüdischen Ursprung des Christen- 
tums bestimmt. Das Heidentum war Lüge, Finsternis, Teufels- 
dienst, und zwar als Ganzes. Während der philosophische Mono- 
theismus der Griechen sich mit der Pietät gegen die Götter des 
Herkommens, die als untergeordnete Kräfte des AVeltgeistes 
gedeutet wurden, in der Regel vertrug, eignete dem jüdi- 
schen Monotheismus von Haus aus Ausschliesslichkeit und In- 
toleranz. Das war immerhin ein Glück für die neue Religion, 
die so vor der Auflösung in der allgemeinen Rehgionsmischung 
bewahrt wurde. 

Leider fehlen uns die Dokumente für den Zusammenstoss 
xier Religionen fast ganz. Die Apostelgeschichte vermeidet die 
Darstellung des beginnenden Kampfes beinahe völlig , gestützt 

19* 



292 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

auf ihre Theorie, dass Paulus zunächst immer bei den Juden 
Propaganda machte. Immerhin sind einige ihrer Episoden in- 
struktiv genug. Wir lernen da die christlichen Missionare als 
Wunderthäter kennen, die durch ihre Beschwörungen und Hei- 
lungen grosses Aufsehen erregen, was dann je nach der Situation 
in Vergötterung oder in Wutausbrüchen endigt. Auf Cypern 
müssen sie sich mit einem Magier messen; in Lystra werden sie 
wegen einer Lahmenheilung für Zeus und Hermes gehalten, und 
schon will der Priester ihnen opfern, bis die Aufklärung erfolgt; 
in Philippi entziehen sie durch die Befreiung einer Wahrsagerin 
von ihrem Wahnglauben den Herren derselben den Gewinn und 
werden zur Strafe misshandelt und gefangen gesetzt. Alle diese 
Anekdoten haben typischen Wert. Nur muss man sich statt 
Paulus und Barnabas oder Silas auch gelegentlich Missionare 
von geringem Charakter denken, die nicht viel mehr als Zauberer 
und Exorzisten gewesen sind. Aber von direkten öffentlichen 
Angriffen auf die heidnische Religion hören wir wenig. Gelegent- 
lich hält der christliche Erweckungsprediger eine öffentliche 
Volksrede im Freien; dann muss er allerlei Sentenzen von Dich- 
tern und Philosophen seiner Predigt einflechten, die Neugier der 
Zuhörer reizen und wird dafür am Schluss womöglich von den 
Philosophen, die gerade vorübergehen, ausgelacht, wie Paulus in 
Athen. Am anschaulichsten wird uns noch der Aufstand der 
Silberschmiede in Ephesus unter Demetrius vorgeführt. Diese 
Silberschmiede bekommen es zu spüren, dass weniger Artemis- 
tempelchen gekauft werden, weil die Predigt des christlichen 
Missionars ihnen die Heiligkeit nimmt. Infolge dessen rotten 
sie sich zusammen und bringen die ganze Stadt Ephesus in Alarm 
durch den Ruf: Gross ist die Diana der Epheser. Das ist wenig- 
stens ein klarer Punkt, wo das Christentum berufschädigend in 
das antike Leben eingreift. In Ephesus war es auch, wo die 
Christen ihre vielen Zauberpapyri, die ephesischen Buchstaben, 
auf einem grossen Scheiterhaufen verbrannten und sich dessen 
rühmten, dass der Wert dieser Götzendinge 50 000 Drachmen 
gewesen sei. Auch daraus konnten leicht Konflikte hervorgehen. 
Damit ist aber auch das wertvolle Material der Apostelgeschichte 
erschöpft. Die apokryphen Apostelgeschichten spinnen diese 
Themata weiter, aber in grotesker, geschmackloser Form , ent- 
sprechend dem Geschmack der späteren Zeit, aus der sie stammen. 
Erst bei Tertullian um die zweite Jahrhundertswende bekommen 



B. Christentum und Griechentum. 2. Die heidnische Religion. 293 

wir dann einen überaus reichen Einblick in die zahllosen Pro- 
bleme und Konflikte, die der Zusammenstoss der feindlichen Re- 
ligionen erzeugte. 

Dagegen sind wir reich mit apologetischen Dokumenten der 
Christen versehen, in denen sie von früh an auf die Bedürfnisse 
und Stimmungen der Griechen eingingen und das Christentum 
ihnen irgendwie mundgerecht zu machen suchten. Schon Mar- 
cus hat sein Evangelium für Christen aus dem Heidentum ge- 
schrieben und diesem Zweck entsprechend das jüdische Kolorit 
seiner Tradition stark zurückgedrängt. Ihm schliessen sich die 
Lucasschriften, das Johannesevangelium, die Predigt des Petrus 
und endlich die ganze offizielle Apologetik an. Wir gewinnen 
aus ihnen ein ziemlich gutes Bild sowohl der Bekämpfung der 
heidnischen Religionen, als der Empfehlung der eigenen. Sofort 
zeigt sich aber auch, dass das Christentum nicht nur giebt, son- 
dern auch empfängt und gerade durch seine Apologetik mit 
Macht dem Prozess der Hellenisierung zutreibt. 

Die Polemik gegen die alten Götter verläuft völlig in den 
Bahnen der Juden und der Griechen selbst und bringt nirgends 
originale Gedanken zu Tag. Es handelt sich dabei um drei Re- 
ligionstheorien. 

1. Unter dem Einfluss des Judentums wenden die Christen 
eine grob materialistische Theorie auf die griechische Religion an. 
Der Jude hält sich nur an das, was er sieht. Die Bilder sind von 
Händen gemacht, die heiligen Tiere sind eben Tiere, die hei- 
ligen Bäume sind Holz, die heiligen Steine Steine, sonst gar 
nichts. Es sei aber Thorheit, blosse Gegenstände der Natur oder 
Kunstwerke der Menschen anzubeten. Diese jammervolle Theorie, 
die gerade vom Religiösen, d. h. von der im Gegenstand wohnend 
gedachten Gottheit absieht, war in christlichen Laienkreisen die 
herrschende. Paulus hatte sie schon eingeführt; wir kennen auch 
seine jüdische Quelle : die Weisheit Salomos. Die Predigt des 
Petrus kennt nichts anderes. Aristides, der von den Philosophen 
Besseres gelernt hat, folgt ihr wenigstens bei der Betrachtung 
der aussergriechischen Religionen. Wo diese Theorie im Vorder- 
grund steht, ist jüdische Bildung anzunehmen. 

2. Eine andere, rationalistische Religionstheorie entlehnten 
die Christen von den Philosophen, den Euhemerismus. Eine we- 
nig eingehende Betrachtung musste ja zeigen, dass Bild und Gott 
nicht dasselbe sind, dass das Bild dem Gott geweiht ist. Die 



294 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Götter aber erscheinen , zumal in der homerischen Mythologie^ 
durchaus als gesteigerte Menschen, von denen Geburt, Leiden 
und Tod vielfach berichtet war. Also waren es längst verstorbene 
mächtige Menschen der Vorzeit, denen der Kult galt. Diese 
Theorie tritt für uns zuerst bei Aristides auf; er hat sie in grie- 
chischen Lehrbüchern gelesen. 

3. Am wichtigsten für die Praxis war die Dämonentheorie, 
in der Griechen und Juden sich zusammenfanden; nur haben die 
Griechen die Dämonen als üntergötter mit neutralem Charakter, 
die Juden als schlechte Teufel aufgefasst. Die jüdische Dä- 
monentheorie anerkennt die Realität, die Kraftwirkungen der 
heidnischen Religion, deutet sie aber als eine grosse gott- 
feindliche Verführung. Die Thatsachen der Mantik und der 
Magie, also Weissagung und Wunder, sind immer der Ausgangs- 
punkt. Die Betrachtung, die von da ausgeht, findet in der 
ganzen Welt ein grosses Dämonenreich und im heidnischen Kul- 
tus nur eine Lieblingsprovinz desselben. Diese Theorie, die 
schon Paulus kannte, und die sich auf die griechische Bibel 
stützte, beherrschte allein das Leben. Merkmal des Christen- 
tums war eben die Erkenntnis, dass nur Dämonen und nicht 
wahre Götter die Urheber des Heidentums sind, und dass Christus 
uns von ihnen befreit hat. Er befreite uns, als er auf Erden war^ 
durch seine vielen Dämonenaustreibungen und befreit uns noch 
gegenwärtig durch den Exorzismus. Die uralte Form der renun- 
tiatio bei der Taufe geht aus dieser Theorie hervor. 

Nun galt es aber, an Stelle der gestürzten alten Götter den 
neuen christlichen Gott einzusetzen. In der Begründung des 
Monotheismus gehen die Christen, sobald sie mehr als ATliche 
Beweisstellen bringen wollen, seit ältester Zeit den Weg der 
Philosophen. Sie gehört daher besser in das folgende Kapitel, 
das überhaupt den Einfluss der Philosophie auf die Christen be- 
handelt. Dagegen geht die Verteidigung Jesu ganz in die An- 
schauungen der Volksreligion ein. Den alten Göttern tritt Jesus 
Christus als der neue stärkere Gott entgegen. Das ist der Sinn 
der „Gottheit Christi". Sie ist auf heidnischem Boden erwachsen 
und muss als Antithese zu den Heidengöttern aufgefasst werden. 

Man muss sich einmal klar machen, dass diese Anschauung 
so unjüdisch wie denkbar ist. Der Jude hat einfach nicht Raum 
für ein zweites Wesen, das Gott im strengen Sinn heisst. Der 
„allein wahre Gott", wie ihn Johannes und Klemens nennen, das 



B. Christentum und Griechentum. 2. Die heidnische Religion. 295 

ist jüdisch. Der Messias ist ja ein von Gott erwählter oder ge- 
sandter Mensch, also in jedem Fall geschaffen. So hat auch 
das strenge Judenchristentum und der auf ihm fussende Islam 
diesen Gedanken stets verpönt. Allerdings hat der Jude Paulus 
die Linie der Menschheit Jesu stark überschritten , wenn er im 
„Herrn" des ATs gelegentlich Jesus wiederfindet und sagt, dass 
die Fülle der Gottheit in ihm wohnte. Allein einmal nennt er 
ihn doch nirgends Gott selbst und beweist in seinem eschatologi- 
schen Hauptkapitel, wie streng er am Monotheismus festhalten 
will. Sodann aber ist er in jenen christologischen Ausdeutungen 
des ATs alles andere als ein Jude; hier verlässt er alle jüdischen 
Traditionen und giebt dem mythologischen Trieb, der, ich weiss 
nicht woher, in ihm wohnt, freie Bahn. Vom AT und vom Rab- 
binismus aus führt gar kein Weg zur Lehre von der Gottheit 
Christi hinauf. 

Dagegen ist dieser Glaubensartikel den Heiden ungemein 
geläufig. Ihre Götterzahl ist keine abgeschlossene. Auch sind 
hier Götter denkbar in den verschiedensten Rangstufen bis herab 
zum Helden, den die Apotheose vergöttert. Das Merkmal des 
Gottes ist immer die Kraft, das Wunder und die Weissagung. 
Während das Wunder den Juden die Wahrheit der Lehre be- 
weist, ist es für die Griechen Merkmal einer erschienenen Gott- 
heit. So ist Paulus zweimal in Lystra und in Malta für einen 
Gott gehalten worden des Wunders wegen. Ebenso ruft der 
heidnische Hauptmann unter dem Kreuz: „Dieser war ein Gottes- 
sohn" wegen der den Tod Jesu begleitenden Wunder. Das 
jüdische Wort: „Sohn Gottes" klingt für die Griechen ohne 
weiteres wie Heros oder Halbgott. 

Sofort, als zu den Griechen das Bild des grossen Wunder- 
thäters, der nicht im Tod blieb, kam, dies Bild begleitet vom 
Ausdruck „Sohn Gottes", war der Glaube an die Gottheit 
Christi da. Er ist der ursprüngliche Glaube der Heidenchristen. 
Das christologische Dogma entstand nicht durch allmähliche 
Steigerung, sondern im Gegenteil durch jüdischen und antignosti- 
schen Abzug von diesem Volksglauben, Der Heidenchrist giebt 
sofort Jesus Stelle in seinem Kult. Er singt sein Carmen Christo 
quasi deo. Das reinste Dokument dieses Volksglaubens sind die 
apokryphen Apostelgeschichten. Da tritt überall der neue Gott 
Christus den Heidengöttern gegenüber. Es ist dabei ganz gleich- 
giltig, ob er Gott oder Gottessohn heisst. 



296 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Teils bewusst, teils unbewusst ist die christliche Apologetik 
sehr früh auf diesen Glauben eingegangen. Erste Bedingung 
dazu war die universalistische Umformung des Evangelienbildes. 
Hatte schon Paulus seinem Versöhnungstod Heilswirkung für 
die ganze Welt zugesiirochen, so musste jetzt dem lebenden Je- 
sus der Evangelien die ganze Welt an das Herz gelegt werden. 
Dies geschieht zunächst so, dass die national jüdische Wirksam- 
keit Jesu einfach ergänzt wird durch den Missionsbefehl für alle 
Völker. Das ist das Verfahren unserer drei Synoptiker, in denen 
allen noch ein gewisser Hiatus merklich ist zwischen der wirk- 
lichen Geschichte und der Theorie. Unbekümmert um die Ge- 
schichte gestaltet dann Johannes sein Evangelienbild, das, an- 
hebend mit dem Schöpfung und Offenbarung an alle Welt ver- 
mittelnden Logos, durchweg Jesus als den Weltheiland verkündet 
und seinen Höhepunkt erreicht in der Scene, da die Griechen zu 
Jesus kommen und Jesus erklärt, wie er, von der Erde erhöht, 
alle, die ganze Menschheit, zu sich ziehen werde. Diese Prokla- 
mation des Universalismus war nötig, damit die Griechen sich 
sagen durften: Der neue Gott kam nicht für die Juden im Win- 
kel Syriens, sondern für die Welt und für uns. 

Sodann war zu zeigen, dass Jesus wirklich ein stärkerer 
Gott ist als die Dämonen. Das thut zuerst das Marcusevan- 
gelium, indem es den Gottessohn, Wunderthäter, Dämonen- 
bezwinger, Propheten der Welt vor Augen führt. Darum nimmt 
hier das Wunder die Hauptstelle ein, und unter den Wundern 
selbst der Sieg über die Dämonen. Das Satansreich fällt zu- 
sammen, Legionen von Dämonen stürzen in das Meer. In der 
schrankenlosen, Sturm bezwingenden, das Meer zur Erde gestal- 
tenden Herrschaft Jesu über die Natur offenbart sich seine Gott- 
heit. Selbstverständlich hat sich Marcus das alles nicht so heid- 
nisch gedacht, wie es auf seine Leser gewirkt haben muss. 

Bald darauf wird auch die Entstehung des Gottessohnes nach 
Analogie anderer Göttermythen als Herkunft von Gott und einem 
sterblichen Weibe ausgedacht in den Vorgeschichten des ersten 
und dritten Evangeliums. Der Mythus ist auf heidenchristlichem 
Gebiet entstanden; ein grosser Teil des alten Judenchristentums 
lehnte ihn ab, ganz mit Recht, da er die Davidsohnschaft, an der 
den alten Christen so viel lag, aufhob. Freilich hat der christliche 
Geist an diesem Mythus gearbeitet und jede Spur von Sinnlich- 
keit und Verraenschlichung Gottes daraus entfernt; nicht Gott 



B. Christentum und Griechentum. 2. Die heidnische Religion. 297 

selbst, der Geist Gottes ist der Erzeuger. Allein trotzdem hat 
schon Justin die Analogie herausgefunden : „wenn wir sagen , er 
sei durch die Jungfrau geboren, so mögt ihr das für etwas halten, 
was er mit Perseus gemein hat." Celsus, der Christenfeind, lässt 
den Juden, den er gegen die Christen ins Feld führt, ausser 
Perseus noch Amphion, Aiakos, Minos als Analogien aufzählen. 
Nicht umsonst ist die Erzählung von der wunderbaren Erzeugung 
so populär geworden bei den Heidenchristen •, Gottes Sohn, das ist 
der, welcher Gott und keinen Menschen zum Vater hat! 

Die Christologie des Johannesevangeliums hat freilich bei 
der Philosophie eine starke Anleihe gemacht: den Logosgedanken. 
Auserdem nötigt hier die Rücksicht auf die Juden zur starken 
Betonung der Subordination Christi unter Gott. Aber versteckt 
vmter Philosophie und antijüdischer Apologetik, lebt kräftig der 
volkstümliche Glaube an den auf Erden erschienenen neuen Gott. 
Die Wunder Jesu, lauter Allmachtswunder, sind für die Juden 
als Messiasbeweis, für die Griechen als Offenbarung der Gott- 
heit konzipiert. Als Thomas den Gekreuzigten mit den Wunden- 
malen lebend vor sich sieht, da ruft er wie jeder Heide rufen 
würde: mein Herr und mein Gott! Neben den Wundern ist auch 
hier die Mantik, das Hellsehen und Weissagen, der Beweis des 
Göttlichen. AVie ein Gott schaut Jesus in alle Herzen hinein, so- 
dass ihm niemand berichten muss, was im Inneren eines Menschen 
vorging. Er kennt die ganze Vergangenheit der samaritanischen 
Frau, die mit ihm redet und weiss von Anfang, dass Judas ihn 
verraten wird. Kein Gott kann heller sehen. Aber er braucht 
auch nicht zu essen und zu trinken, da er sich am Gehorsam des 
göttlichen Willens ernährt. Verlangt er einen Trank, so ist es 
ein Scheinverlangen, das nur das Gespräch einleiten soll. Auch 
wenn er betet, geschieht es bloss der Leute wegen, nicht für ihn 
selbst. Er muss auch nicht sterben, da er volle Macht über den 
Tod besitzt. Seine Heimat ist der Himmel, von dort kommt er, 
dorthin geht er. In seinen Reden vernehmen wir überall den vom 
Himmel herabgestiegenen Gott. Darum führt ihn auch gleich 
der Prolog als Gott ein. So schreibt der Evangelist für die 
Griechen. Sein Nachfolger in diesem Stück ist der Verfasser 
der apokryphen Johannesakten, bei dem nun freilich die An- 
deutungen des Evangelisten ins Phantastische, Barocke ausgeführt 
sind. Da heisst es, oft habe man, wenn man hinter Jesus des 
Weges ging, keine Fussspur von ihm wahrnehmen können. Sein 



298 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Leib war beim Betasten bald völlig flüchtig, sodass die Handbin- 
durchfuhr, bald wieder hart. Solche, die Menschheit gänzlich 
aufhebenden Züge fehlen beim Evangelisten nicht bloss des bes- 
seren Geschmackes wegen; er selbst, als Gegner der gnostischen 
Doketen, meint es mit der Fleischwerdung des Logos ernst. Und 
doch, was ist sein Jesus, der nicht zu essen, zu beten, zu fragen, 
zu sterben braucht, viel anderes als ein Gespenst! Eigener doke- 
tischer Volksglaube und antidoketische Theorie halten sich bei 
ihm selbst die Wage. 

Weissagungen und Wunder waren zusammen der Gottes- 
beweis. Wie nun der Tod Jesu mit seiner Messianität in Wider- 
spruch stand, und daher die antijüdische Apologetik so stark be- 
schäftigte, so war er auch für den Glauben an die Gottheit Jesu 
das grösste Hindernis. Freilich hat Justin auch dafür in der 
griechischen Mythologie Analogien gefunden: der vom Blitz ge- 
troffene Asklepios, der zerstückelte Dionysos, Herakles, der sich 
auf dem Scheiterhaufen verbrannte, sie alle geniessen Verehrung 
als Götter oder Göttersöhne. Dieser geistreiche Fund war aber 
den früheren Apologeten noch nicht bekannt, die vielmehr mit 
Aufwand aller Mittel daran arbeiteten, den Tod Jesu mit seiner 
Gottheit in Einklang zu bringen. Sie erreichten es auf dem 
gleichen Weg wie in der antijüdischen Apologetik durch die 
glanzvolle Schilderung der Auferstehung, die Häufung der Wun- 
der und erfüllten Weissagungen in der Leidensgeschichte, die Be- 
tonung der Freiwilligkeit des Sterbens etc. Am liebsten hätten 
viele Heidenchristen den Tod Jesu überhaupt geleugnet. Es war 
Schein, dass er starb. Nach den Johannesakten wird er bloss für 
den gemeinen Haufen gekreuzigt, während er gleichzeitig seinem 
Jünger in Glorie erscheint. Allein diese Konsequenz der „Gott- 
heit Christi" wurde sofort als gnostischer Irrtum mit Entrüstung 
zurückgewiesen. Die massvolle Haltung der christlichen Apo- 
logien dem Tod Jesu gegenüber erklärt sich aus dem Gegensatz 
gegen diese schlimme Uebertreibung. 

Während aber die gewöhnliche Apologetik sich damit be- 
gnügte, die physische Ueberlegenheit Jesu über die alten Götter 
nachzuweisen, ging einzig das Johannesevangelium klar auf die 
Frage ein, was für Gaben der Gott den Menschen vom Himmel 
gebracht habe. Für seine Antwort war massgebend das Be- 
dürfnis der griechischen Welt. An der Spitze stand die 
Gabe der Wahrheit oder Erkenntnis, das Licht, d. h. die 



B. Christentum und Griechentum. 2. Die heidnische Religion. 299 

Aufklärung. Es waren das schon in der Proselytensprache der 
Juden Hauptbegriffe. Die Gegensätze : Licht und Finsternis, 
Wahrheit und Lüge, Erkenntnis und Unwissenheit sind hier 
eigenthch zu Hause. So sind auch bei Johannes wie bei den Juden 
mit diesen Begriöen der Monotheismus — dass sie dich verehren, 
den allein wahren Gott — und die Erkenntnis der Lügen der 
Dämonen gemeint. Neu und gross ist nur, wie diese Vorzüge hier 
als Gaben Gottes durch Christus aufgefasst sind. Während sonst 
bei manchen Apologeten Monotheismus und Christusglauben ganz 
unvermittelt neben einander stehen, hat das Johannesevangelium 
eine grossartige christocentrische Begründung des ganzen Gottes- 
glaubens eingeleitet. Die andere grosse Gabe, die Christus den 
Griechen vom Himmel bringt, ist das ewige Leben, d. h. die Un- 
sterblichkeit oder genauer die gegenwärtige Gewissheit des sicheren 
Besitzes derselben. Auch das war für die der Zukunft so un- 
sicheren, teils skeptisch, teils furchtsam gegenüberstehenden 
Griechen ein grosser Trost. Die Auferstehung Jesu und vorher 
die Auferweckung des Lazarus gab dazu den Thatsachenbeweis. 
Die reine Lehre von der Gottheit Christi ist nur in gnostischen 
Kreisen herrschend geblieben. In der Kirche galt sie als Ketzerei 
eben wegen der Gnostiker und mit Rücksicht auf die Anklagen 
der Juden. Aber der Kern der neuen Christologie ist doch dieser 
Volksglaube vom Erscheinen des neuen Gottes. Grossartig bricht 
das durch im Epheserbrief des Ignatius. Es blieb dem Fürsten 
dieser Welt verborgen die Jungfrauschaft der Maria und ihre 
Geburt und der Tod des Herrn, drei laut schreiende Geheimnisse, 
die in der Stille Gottes geschahen. Wie nun wurden sie den 
Aeonen geoffenbart? Ein Stern leuchtete am Himmel auf, heller 
als alle Sterne, und sein Licht war unaussprechlich und Befremden 
bereitete seine Neuheit. Alle übrigen Sterne aber samt Sonne 
und Mond bildeten einen Reigen um den Stern ; er aber über- 
traf mit seinem Licht sie alle. Und Verwirrung war, woher denn 
diese ihnen so ungewöhnte Neuheit käme. Von da an löste alle 
Magie sich auf und jegliches Band der Bosheit wurde vernichtet. 
Unwissenheit wurde zerstört, das alte Reich ging unter, da Gott 
menschlich erschien zur Neuheit ewigen Lebens. Hier ist auch 
die Bedeutung Christi für den Sturz des Heidentums so klar 
formuliert, wie nirgends im NT. 



300 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Wie stellt sich mm aber das Christentum zur Religion der 
Mysterienvereine, mit der es in der Jenseitsrichtung, in der Ge- 
meinschaftsform, in der Betonung heiliger Riten und eines reinen 
Lebens zusammentrefi'en musste? War hier nicht schon die 
geistige Verwandtschaft eine so grosse, dass auch die äusseren 
Formen einen gegenseitigen Austausch suchen mussten? 

Von Haus aus will das Evangelium eine für das Licht, für 
die Oeffentlichkeit bestimmte Botschaft sein. Eine Stadt, die auf 
dem Berg gebaut ist, kann nicht verborgen bleiben. Das Licht 
gehört nicht unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter. 
Fängt man auch an mit dem Flüstern in das Ohr und dem Reden 
in Gemächern, so zielt man doch klar auf das Predigen auf den 
Dächern und in den Gassen. Und wie das Evangelium an die 
Oeffentlichkeit will, so will es zu allen gelangen. Es hebt ja eben 
das Vorrecht der Wissenden auf und teilt sich den Laien mit. 
Kein esoterischer Punkt ist an der ganzen Predigt Jesu. Das 
gehört zu dem Grossen und Tröstlichen an ihm, dass er mit Ge- 
heimniskrämerei und aristokratischer Süffisance nichts zu schaffen 
hat. Darum sind Christentum und Mysterienvereine Gegensätze, 
die sich ausschliessen. 

So wollten auch die Jünger Jesu und Paulus keine Sekte 
gründen, sondern das VolkGottes sammeln und mehren. Dadurch, 
dass sie das AT zu ihrem heiligen Buch machten, erklärten sie, 
festzuhalten an der öffentlichen Volksreligion. Und dasselbe sagt 
der Name Kirche, den sie sich beilegen. Denn Kirche ist etwas 
Oeffentliches und über alle sich Ausdehnendes im Gegensatz zu 
jedem Privatverein. Es ist prächtig zu sehen, wie die ältesten 
christlichen Apologeten diesen OeÖentlichkeitscharakter des 
Christentums im Gegensatz zu allem geheimen Sektenwesen be- 
geistert verteidigen. Der Verfasser der Apostelgeschichte ermüdet 
nie in dem Nachweis, dass die Christen nur das wahre jüdische 
Volk darstellen, darum betont er so nachdrücklich, wie die ür- 
apostel und Paulus festhalten am alten Heiligtum, dem Tempel, 
und dort ganz öffentlich sich versammeln und Gott preisen. So 
darf dann Paulus vor Gericht bekennen: „Dieses ist nicht im 
Winkel geschehen." Noch stärker betont der Verfasser des 
J ohannesevangeliums den Lichtcharakter des Christentums. Sein 
Stifter ist ja der Logos, das Licht der Welt. Als ihn einst ein 
jüdischer Rabbi heimlich bei Nacht besuchte, da schloss Jesus 
sein Gespräch mit ihm durch das Wort vom Licht. Darum tritt 



B. Christentum und Griechentum. 2. Die heidnische Religion. 301 

er so häufig in Jerusalem und im Tempel auf, damit alle Welt 
merke, „ich habe offen heraus zur Welt geredet, im Geheimen 
habe ich nichts gesagt". Darauf beruft er sich eben vor Gericht. 
Und weil das Abendmahl bei den Heiden verlästert war als eine 
Geheimfeier mit scheusslichen Orgien, Unzucht und Essen von 
Menschenfleisch, nach Analogie dessen, was man eben manchen 
Mysterienvereinen zutraute, eben deshalb hält Jesits öffentlich 
in Kapei'naum seine Rede über das Abendmahl und zerstört die 
hässlichen Vorwürfe durch die geistige Auslegung. Ihm folgt 
dann Justin in beiden Apologien, indem er jene heidnischen Ver- 
leumdungen zu entkräften sucht durch die offene Darlegung aller 
Lehren und Gebräuche der Christen. Studiert doch unsere 
Religion, dann seht ihr, wie wenig Grund wir haben, das Licht 
zu scheuen! Aus diesen apologetischen Darlegungen geht klar 
hervor, dass die christlichen Lehrer selbst ihre öffentliche Reli- 
gion himmelweit von derjenigen der Mysterienvereine getrennt 
wissen wollten. 

Und trotzdem bestand nicht nur ein Gegensatz. Einmal 
wurde den Christen durch die Verfolgung seitens der jüdischen 
Staatskirche und später des römischen Staats die Existenz im 
Dunkeln und Geheimen geradezu aufgedrängt und der Oeffent- 
lichkeitscharakter verboten. Schon die Apostelgeschichte erzählt 
von Versammlungen bei geschlossenen Thüren aus Furcht vor 
den Juden. Indem der Staat dem Christentum rundweg den 
Charakter der öffentlichen Religion absprach, machte er es selbst 
zur lichtscheuen Sekte. Zu diesem äusseren Motiv kam aber ein 
inneres aus dem Wesen der ursprünglichen Gemeinschaft. Als 
Genossenschaft hat sich das Christentum zuerst organisiert. Das 
war ja seine Stärke, da nur in diesem engen Kreis die Grundsätze 
Jesu verwirklicht werden konnten. Als solche Genossenschaft 
hatte es aber auch nur beschränkten öffentlichen Charakter. Die 
Taufe schied scharf die Genossen von den Nicht- Genossen, sie 
selbst war eine sektenhafte Form, von der Johannessekte entlehnt. 
Das Abendmahl war nur für Brüder bestimmt und dasselbe gilt 
von allerlei anderen Gewohnheiten und Riten, dem Bruderkuss, 
dem Bekenntnis etc. Sobald nun das Christentum sich in dieser 
Vereinsform ausbreitete und den Griechen und Römern bekannt 
wurde, konnte es ihnen nur als Sekte erscheinen, und sie beurteilten 
es dann wie viele andere Sekten, die allerdings mit Recht sich 
dem Licht entzogen. 



302 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Es bestand thatsächlich ein Widerspruch zwischen dem 
Anspruch des Christentums, die Weltreligion zu sein, und seiner 
sektenhaften Form, seinen nur für einen Verein passenden Riten 
und Gebräuchen. Dieser Widerspruch kommt uns noch heute 
zum Bewusstsein, sobald wir uns fragen, was eigentlich die 
Sakramente mit unserer Volks- und Staatskirche zu schaffen haben. 

Infolge der gnostischen Wirren traten zu der einen Sekte, 
dieden Anspruch, Kirche zusein, festhielt, unzähligeNebensekten, 
die beinahe alle noch eine dunklere Existenz fristeten als die 
Kirche. Sie sind am schnellsten und unrettbarsten dem Einfluss 
der Mysterienvereine verfallen, weil sie von vornherein auf Geistes- 
aristokratie und Pflege des Geheimwissens ausgingen. Ihnen 
gegenüber erinnerte man sich in der Kirche nur noch fester 
daran, dass Jesu Botschaft für alle bestimmt war und öffentlichen 
Charakter trug. Und das war wieder ein Glück. 

Jedoch ist gerade in diesem gnostischen Kamj^f das kirch- 
liche Christentum nicht unbeeinflusst von der Mjsterienrichtung 
als Sieger hervorgegangen. Die Polemik und Apologetik hat, 
den kirchlichen Lehrern unbewusst, auch manches Eingehen auf 
gegnerische Anschauungen mitgebracht. Der Einfluss der My- 
sterienreligion zeigt sich am stärksten in der Ausbildung der 
Sakramentsvorstellung. 

Die späteren Sakramente sind ursprünglich nicht viel mehr 
als Gemeinschaftszeichen gewesen. So fasst noch z.B. die Apostel- 
geschichte das Brotbrechen auf. Die Gemeinschaft der Brüder 
unter einander und mit dem Herrn Jesus, der unter ihnen weilend 
gedacht wurde, sollte durch die Sakramente ausgedrückt werden. 
Paulus bildet diese Gemeinschaftszeichen durch seine Erlösungs- 
theorie zu Medien der Erlösung um; es sind die Punkte, wo 
Christus oder sein Geist sich selbst der Gemeinde und den Ein- 
zelnen mitteilt, um sie zu sich zu erheben. Die Taufe ist die Ein- 
gliederung in den Leib Christi, das Abendmahl die fortgesetzte 
Ernährung aus seinen Kräften. Diese mysteriöse Auffassung hielt 
immerhin den christhchen Gedanken fest, dass unsere gegen- 
wärtige Erlösung von der Person Jesu ausgeht. Bald aber tritt 
nun auf griechischem Boden im Austausch mit Gedanken der 
Mysterienvereine das Jenseits als die alles überragende Realität 
in den Vordergrund, und ordnet sich Taufe und Abendmahl als 
geheimnisvolle Jenseitsweihen unter. Um die Jahrhundertwende 
kehrl diese griechische Auffassung in kirchlichen Schriften ein. 



B. Christentum und Griechentum, 2. Die heidnische Religion. 303 

Die Taufe heisst in den Pastoralbriefen das Bad der Wieder- 
geburt und der Erneuerung des Geistes; Johannes erklärt: wer 
nicht aus Wasser und Geist geboren ist, kann nicht in das Gottes- 
reich eingehen. Bei diesen Autoren ist die Terminologie noch 
altchristlich, aber der Sinn griechisch. Die Taufe ist die Weihe 
zum Jenseits. Sofort kommen auch die neuen Ausdrücke auf: 
Die Erleuchtung (schon im Hebräerbrief), das Siegel, die Salbung. 
Und bei den Worten bleibt es nicht, die symbolischen Hand- 
lungen folgen nach. Zur Zeit Tertullians, dem wir die erste 
Schrift über die Taufe verdanken, bestand diese aus drei heiligen 
Handlungen : Taufbad, Salbung, Handauflegung, von denen jede 
ihre besondere Bedeutung erhält. Dabei beschreibt aber Ter- 
tullian die alte Sitte, keine Neuerung, und es mag sein, dass 
die Salbung schon ein Jahrhundert vorher zur Zeit des I. Jo- 
hannesbriefes geübt wurde. Wenn Hermas erklärt, dass selbst 
die Gestorbenen im Hades noch das Siegel empfangen müssen, 
da ohne dies niemand in das Gottesreich eingeht, so wertet er 
eben die Taufe als die allein seligmachende Jenseitsweihe. Von 
jetzt an steht neben der Forderung des Glaubens die des Sakra- 
ments als völHg gleichwertige Jenseitsbedingung. Ebenso wird 
aber das Abendmahl Speise und Trank zum ewigen Leben. Der 
EvangeHst Johannes erklärt als Sprecher Jesu: „Wer mein 
Fleisch kaut und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich 
will ihn auferwecken am jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist 
wahrhaft eine Speise und mein Blut wahrhaft ein Trank." Da- 
mit kann nur gemeint sein, dass die Abendmahlselemente den 
Unsterbhchkeitsleib im Christen schaffen, der dann am jüngsten 
Tag ersteht. Rund heraus sagt es der Nachfolger Ignatius : Das 
Abendmahl ist Zaubermittel der Unsterblichkeit, Arznei, dass 
man nicht stirbt, sondern lebt in Jesus Christus beständig. Dann 
folgt bei Justin der erste Erklärungsversuch dieser Verwandlung 
von Leib und Blut Jesu in unseren eigenen Leib. Zugleich er- 
innert dieser Apologet an die Analogie der Mithrasmysterien, 
wo auch Brot und ein Becher Wasser unter gewissen Anrufungen 
aufgestellt werden, wenn jemand geweiht wird. Selbstverständlich 
haben an dieser Mysterienspeise nur die Eingeweihten, Reinen 
teil. „Wenn einer heilig ist, der komme! Wenn einer es nicht 
ist, der thue Busse." Der Spruch Jesu : Gebt das Heihge nicht 
den Hunden, wird in der Apostellehre auf das Abendmahl aus- 
gelegt. 



304 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 



Damit ist schon der Anfang zu jener verhängnisvollen Ent- 
wicklung gegeben, die aus dem Christentum unter dem Einfluss 
der griechischen Mysterien eine Religion der Superstition und 
des Jenseitszaubers werden liess. Die Anfänge dazu stecken eben 
im NT selbst. Die Entstehung des Sakramentsbegriffes bei Pau- 
lus und Johannes ist zuletzt wider ihren Willen schuld geworden 
an dieser entsetzlichen Entartung einer ursprünglich rein sitt- 
lichen und persönlichen Religion. Denn hier giebt es nur ein 
Entweder-oder : der Zustand des Herzens oder der Empfang 
der Weihe ist die Hauptsache. Wo auf den Empfang der Weihe 
auch nur das allergeringste Gewicht fällt, ist das EvangeHum 
mit seinen grossen Realitäten: Seele, Bruder, Gott, zerstört. 

Und nun begann auch die Eschatologie eine folgenreiche 
Wendung, indem sie die Scheu vor dem griechischen Zukunfts- 
gedanken verlor und dorther sich assimilierte, was irgend möglich 
war. Allerdings stehen wir jetzt in der Zeit, wo die jüdische Apo- 
kalyptik mehr als früher die junge Religion überflutete mit ihrer 
ungeheuren Phantasiewelt. Die Eschatologie der meisten christ- 
lichen Gemeinden sieht immer noch mehr jüdisch als griechisch 
aus. Die Erwartung des Gottesreichs auf Erden und der Toten- 
auferstehung, also die am meisten ungriechischen Gedanken, 
stehen im Mittelpunkt der Hoffnung. Selbst ein so gebildeter 
Christ wie Justin ist Chiliast mit ganzer Seele. Trotzdem setzte 
die Gräzisierung um die Jahrhundertswende ein, und gerade 
Justin ist dafür Zeuge. 

Der Prozess beginnt eigentlich schon im Lucasevangelium, 
wo das gewiss echte Gleichnis Jesu vom Reichen und Armen in 
griechischer Terminologie wiedergegeben ist. Da hören wir zu- 
erst vom Hades, der griechischen Unterwelt. Er scheint in zwei 
Abteilungen zu zerfallen, die durch eine grosse Kluft getrennt 
sind : den Ort der Ruhe, wo Abraham und seine Kinder sich er- 
quicken, und den Ort der Qual, wo die Sünder in der Flamme 
ewig büssen. Hätte Lucas Namen gegeben, so hörten wir von der 
Gehenna und vom Paradies Aber seit wann sind das zwei Ab- 
teilungen des Hades? Der Evangelist hat Gehenna und Tar- 
tarus, Paradies und Elysium verschmolzen; daher seine merk- 
würdige Lokalisation. Er war hierin nicht der erste. Auf Grab- 
inschriften und sibyllinischen Orakel stehen schon Gehenna und 
Tartarus als Varianten beisammen. Sobald ein Jude oder Christ, 
der unter Griechen lebte, über das Schicksal der Seele nach dem 



B. Christeatum und Griechentum. 2. Die heidnische Reh'gion. 305 

Tod nachdachte, füllten ihm die bekannten Bilder von Seligkeit 
und Höllenqual, welche griechische Propheten, Dichter und Phi- 
losophen, besonders die Orphiker in das Volk geworfen hatten, 
sein schattenhaftes Scheol. 

Vor allein sind die griechischen Höllenphantasien sehr früh 
eingewandert in die christliche Eschatologie. Die Petrusapo- 
kalypse ist dafür das berühmteste Beispiel. Da lesen wir von dem 
finstern Ort der Qual, von den verschiedenen Klassen der Sünder 
und der Strafen, jeder an einem besonderen Ort, von den peinigen- 
den Strafengeln etc. Es sind lauter Phantasien orphischen Ur- 
sprungs, zu denen Virgil, Plutarch, Lukian Parallelen geben; 
aber sie sind alle durch ein jüdisch- christliches Milieu hindurch- 
gegangen und empfingen dort die letzte sprachliche und theolo- 
gische Färbung. Es ist immerhin ein Trost, dass diese Höllen- 
phantasien, für die das Christentum schwer genug verurteilt 
worden ist, gerade griechischen Ursprungs sind. Auch dem Ju- 
stin war die Aehnlichkeit der zu seiner Zeit in der Kirche gelten- 
den Eschatologie mit der griechischen aufgefallen. Er erinnert 
an die Lehren des Empedokles, Pythagoras, Piaton, Sokrates, an 
die Grube bei Homer und an den Abstieg des Odysseus zur Be- 
trachtung der Unterwelt und an diejenigen, welche Aehnliches 
wie diese vortrugen. Der einzige Unterschied der Christen und 
der Griechen sei der, dass an Stelle von Minos und Rhadamantys 
Christus die Toten richte und dass die Strafen auch den Leib 
treffen, nicht nur die Seele. Die griechischen Namen, die Ju- 
stin aufzählt, sind gerade die Vertreter dieser orphischen Escha- 
tologie und Homers Hadesbuch das erste Dokument derselben. 
Ein Beleg mehr für den wirklichen Zusammenhang dieser Escha- 
tologien. 

Allerdings war ein weiterer Unterschied der, dass für die 
Griechen der Tod, für die Juden erst das Weltgericht Gottes 
Strafurteil ausspricht. Indes, das Hess sich vermitteln entweder 
durch Annahme einer Steigerung der Höllenqualen nach dem 
Weltgericht oder durch ihre Verlegung hinter dasselbe. Jeden- 
falls drohte von da aus der alten jüdischen Eschatologie keine 
Auflösung. Dagegen musste ihr die griechische Himmelsvor- 
stellung sofort gefährhch werden. Schon vor Entstehung des 
Christentums hatten sich manche Juden in Alexandria an die 
griechische Lehre von einer Entrückung der besonders Begna- 
digten zu den Göttern in den Himmel gewöhnt und sie auf das 

Wer nie, Anfänge. 20 



306 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Schicksal der Märtyrer und besonders Frommer angewendet. 
Aehnliche Lehren finden früh in christhche Kreise Eingang! 
Aber hier zog man die konsequente Folgerung, dass die Seligkeit 
im Himmel sich mit einer späteren Freude auf der Erde nicht 
verträgt. Man erklärte , dass es keine Totenauferstehung gebe, 
oder dass sie für den Christen schon dagewesen sei, nämlich bei 
der Taufe. Die Pastoralbriefe, Polykarp, Justin bekämpfen diese 
neumodische Eschatologie als gnostischen Irrtum. Das hinderte 
nicht, dass das „in den Himmel kommen" später über alle 
jüdische Reichgotteshoffnung gesiegt hat. 

Ein Dokument für diese Gräzisierung der Eschatologie 
scheint auch das Johannesevangelium zu sein, obschon dessen 
Verfasser seine wahre Meinung stark verhüllt. In den Abschieds- 
reden proklamiert Jesus eine seltsam unjüdische Zukunftshoff- 
nung. „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen; liätte 
ich euch, wenn dem nicht so wäre, gesagt, dass ich hingehe, euch 
eine Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingegangen bin und 
euch die Stätte bereitet habe, komme ich wieder und werde euch 
mitnehmen zu mir, damit, wo ich bin, auch ihr seid. Und wohin 
ich gehe, ihr wisset den Weg", d. h. zum Vater. Das kann kaum 
etwas anderes heissen als, dass Jesus die Christen in den Himmel 
zu Gott abholen , selbst aber keineswegs auf der Erde residieren 
werde. Allein es ist nicht gewiss, ob das nicht bloss eine apolo- 
getische Verkleidung der jüdischen Eschatologie sein will, von 
der wir den Glauben des Autors selbst unterscheiden müssen. 
Das Reich Gottes und die Totenauferstehung, diese Hauptpunkte 
der jüdischen Eschatologie, stehen unbedingt fest für den Ver-. 
fasser der johanneischen Schriften. In der Lazarusgeschichte zeigt 
er, dass einst durch das Machtwort Christi alle Verstorbenen mit- 
samt ihren früheren Leibern aus den Gräbern hervorgehen 
werden. AVer so denkt, der ist von einer Auflösung und Spiritua- 
lisierung der jüdischen Eschatologie weit entfernt. Er würde 
auch nicht das Fleisch Christi auf Erden und selbst nach der 
Auferstehung so kräftig betonen, wenn er nicht über das Fleisch 
ganz anders dächte als jene Leugner der Auferstehung. Im Grund 
ist er durchaus ein Vertreter der alten ungriechischen Escha- 
tologie, der aber freilich auch darin als Apologet den Griechen 
entgegenkam, dass er ihnen die christliche Hoffnung mundgerecht 
zu machen suchte. Zum Glück besitzen wir durch Irenäus eine 
sehr alte Auslegung des Spruchs von den vielen Wohnungen in 



B. Christentum und Griechentum. 2. Die heidnische Religion. 307 

des Vaters Haus, und zwar eine Auslegung von Presbytern, 
Schülern der Apostel. Sie deuteten jenes ßätselwort auf die 
verschiedenen Plätze der Seligen, die je nach der Stufe ihrer 
Frömmigkeit im Himmel oder im Paradies oder im heiligen 
Land vpohnen werden nach der Auferstehung. Das ist dann eine 
Verbindung alter und neuer Eschatologien, wie sie in der That 
dem auf der Grenze so verschiedener Welten stehenden Johannes 
zuzutrauen ist. 

Ein kleines Beispiel, wie griechische oder römische Escha- 
tologie den Christen Eindruck machte, muss selbst der Hirt des 
Hermas geben, der sonst ganz auf die Seite der jüdischen Escha- 
tologie gehört. In der Gegend von Kumae erscheint ihm eine 
alte Frau und giebt ihm Offenbarungen in einer Buchrolle. Ge- 
fragt, wer die Frau gewesen sei, antwortete er: die Sibylle. Du 
irrst, heisst es, es war die Kirche. Das kleine Gespräch hat 
typischen Wert für den Uebergang der heidnischen Ideen ins 
Christentum! Hermas weiss von Virgils Aeneis her, dass die 
kumäische Sibylle eine Kennerin des Lebens im Jenseits, des 
Himmels und der Hölle ist. Sie gilt im Grunde ihm und vielen 
Christen als wahre Prophetin und daher Kumae als der Ort, wo 
es Offenbarungen giebt. Aber als kirchlicher Mann verdrängt er 
den Sibyllenglauben durch seine Kirchenphantasie. Nur muss 
dann freilich die Kirche die Gestalt der Sibylle annehmen und 
selbst ihre Behausung bewohnen. Das Heidentum ist verchrist- 
licht, das Christentum romanisiert. 

Wäre es denn ein so grosser Schaden gewesen, wenn die 
Griechen mit ihren Sehgkeitsgedanken über die jüdische Escha- 
tologie der Christen gesiegt hätten ? Von Jesus selbst war eine 
Arbeit ausgegangen , die in ihrer Konsequenz eine Reinigung, 
Vereinfachung der alten Reichshoffnung, eine Erhebung der Hoff- 
nung in die Sphäre d^r Ewigkeit erstrebte. Paulus hat diese 
Arbeit Jesu fortgesetzt durch seine grosse Theorie vom geistigen 
Wesen des Gottesreichs. Von da aus erscheint es wie ein Ab- 
fall, wenn die Christen des nachapostohschen Zeitalters die ganze 
massive Apokalyptik der Juden, sowie die wilden Höllenphan- 
thasien der Griechen mit Begeisterung aufnehmen und einzig die 
Lehre vom Aufstieg der Seele zu Gott, also gerade das Höchste 
und Reinste griechischer Hoffnung, als Ketzerei bekämpfen. 
Und dennoch, ein guter Instinkt war bei dieser Entscheidung der 
Kirche mitbeteiligt. Jene griechische Lehre brachte die Gefahr 

20* 



308 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirclil. Theologie. 

mit sich, dass das Gemeinschaftliche, Sittliche im Hoffnungsbild 
völlig ausgelöscht wurde zu Gunsten eines Gottesgenusses der 
einzelnen Seele. Die Folgezeit bewies es zur Genüge, wie eine 
egoistische Himmelssehnsucht den Menschen von seinen irdischen 
gemeinschaftlichen Aufgaben entfremden kann. In der ersten 
Zeit hätte vollends die Preisgabe der alten Reichshoffnung den 
Verzicht auf den Vorsehungsglauben und die Arbeit in der Welt 
bedeutet. Es war die Zeit des Kampfes und der Verfolgung. 
Wer soll auf dieser Welt siegen, Rom oder Christus? Auf eben 
diese Erde kam es an. Für die Verfolger die Hölle, für die Mär- 
tyrer das Herrschen im Reich! Wenn Christus nur den Himmel 
behielt und der Drache die Erde, lohnte es sich nicht, ein Christ 
zu sein. Vermutlich hätten Jesus und Paulus sich gleichfalls auf 
Seite der Chiliasten geschlagen. Es war auch Rehgion, dass man 
auf dieser Erde fest stand und stehen wollte. 

3, Die griechisclie Philosophie. 

Der Apostel Paulus war noch ein Verteidiger der Laien- 
religion gewesen, wenn er mit der Philosophie nichts zu schaffen 
haben wollte. Menschenweisheit und Gottesoffenbarung standen 
für ihn in reinem Gegensatz. Allein längst zuvor hatten in 
Alexandria und selbst in Palästina Menschenweisheit und Gottes- 
offenbarung einen Bund geschlossen. Philosophischer und reli- 
giöser Monotheismus, philosophische und religiöse Ethik hatten 
sich begegnet und staunend gefunden, dass sie Geschwister seien. 
Ohne diesen Bund keine Welteroberung des Christentums. 

Zunächst traf man sich in der Kritik des alten Götter- 
glaubens. Griechische Philosophen hatten Lehrbücher geschrie- 
ben, in denen alle Mängel and Schwächen der Mythologie ge- 
sammelt und kritisiert waren. Sie hatten dann die verschiedenen 
Theorien zur Erklärung des grossen Betruges aufgestellt, darunter 
die Theorie des Euhemerus. Josephus kann sich in der Streit- 
schrift gegen Apion einfach auf die Mehrzahl der Philosophen, 
besonders Plato berufen. Aristides folgte in seiner Kritik ganz 
sicher griechischen Vorlagen. Freilich sagte er, er habe die Philo- 
sophen gegen sich; aber es war doch nur eine Gruppe, welche 
behauptete, dass nur eine Natur, den verschiedenen Göttern zu 
Grunde liege. Justin führt in seinen Apologien auf Schritt und 
Tritt die Philosophen als Belege an. Vermöge dieses Zusammen- 
treffens mit der griechischen Philosophie in der Aufklärung 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 309 

konnte sich das Christentum früh rühmen, eine Macht der Bil- 
dung zu sein. 

Wichtiger war das positive Zusammentreffen im Monotheis- 
mus. Freihch meinten ja ursprünglich Griechen und Juden etwas 
sehr Verschiedenes mit dem gleichen Namen, da die Griechen aus- 
gingen von den Gesetzen der Naturordnung, die Juden von den 
Wunderthaten der Geschichte. Thatsächlich bedeutet daher das 
Zusammentreffen in der Formel sofort das starke Einströmen der 
philosophischen Weltanschauung ins Judentum und Christentum. 
Das beginnt in den jüdischen Schriften schon im AT selbst, im 
9. Kapitel der Sprüche. Philo ist darin völlig Grieche, dass ihm 
die Welt eine von göttlichen Kräften erfüllte ewige Ordnung ist. 

Zuerst in den kleinen apologetischen Reden der Apostel- 
geschichte (Kap. 14 und Kap. 17) meldet sich diese griechische 
Anschauung, natürlich noch mit jüdischen Begriffen vermischt. 
In der Rede in Lystra wird Gott zuerst als der Schöpfer in der 
Vorzeit eingeführt mit den bekannten jüdischen Ausdrücken. 
Echt jüdisch ist dann die partikularistische Behauptung, dass 
Gott sich zunächst nur mit Israel beschäftigte und die Heiden 
behandelte nach dem laisser aller, laisser faire. Allein wenn 
trotzdem die ganze Naturordnung als ein Wohlthun Gottes für 
die Heiden und insofern als ein Beweis („Zeugnis") angeführt 
wird, so ist dies griechische Popularphilosophie in schlichtester 
Form, kenntlich auch an der Betonung der Güte Gottes. In der 
Rede in Athen stehen gleichfalls jüdische Sätze im Vordergrund: 
Gott der Schöpfer, Polemik gegen den heidnischen Kult, speziell 
die Bilder, am Schluss die eschatologische Drohung. Dazwischen 
aber eine Fülle griechischer Anleihen! Die Bedürfnislosigkeit 
Gottes wird schon, wie in späteren Apologien, hervorgehoben und 
positiv damit begründet, dass alle Güter der Natur Geschenke 
Gottes seien, z. B. das Leben und der Atem. Auch die Heiden 
haben von Gott ihre Zeiten und Grenzen erhalten, damit sie Gott 
suchen und finden könnten. Darauf folgt die echt griechische 
pantheistische Formel: „in ihm leben, weben und sind wir" und 
deren Begründung mit dem Citat aus Arat, dass die Menschen 
alle Gottes Geschlecht seien. Schon das Wort „das Göttliche" 
verrät, dass der Hellenismus eindringt und an Stelle der Person 
das Abstraktum setzt. 

Völlig durchdrungen von griechischer Popularphilosophie 
ist dann der Brief des Klemens an die Korinther, besonders dessen 



310 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Kap. 19 — 21, 24 f., 60. Da erscheint die Gottheit als Vater und 
Schöpfer der ganzen Welt, d. h. in einem vom urchristlichen weit 
abliegenden Sinn des Gottvaterglaubens, oder als der grosse De- 
miurg und Herr des Alls. Dann wird in breiter Ausführung die 
Festigkeit und Unveränderlichkeit der Natur als das Werk Gottes 
gefeiert: Wie der Himmel fest steht durch Gottes Hausordnung 
(dioikesis), wie Tag und Nacht sich ablösen ohne Schaden des 
einen, wie Sonne, Mond und Sterne ihre festen Bahnen wandeln. 
Die Erde hält ihre Zeiten inne, das Meer seine Grenzen. Fest 
ist die Ordnung der Jahreszeiten, der Lauf der Winde, der Fluss 
der Quellen, die Brunst der Tiere. Das alles hat der Herr des 
Alls zu Eintracht und Frieden bestimmt, wohlthuend allerwege. 
Aeusserlich ist ja diese Naturschilderung nicht weit von derjenigen 
der Psalmen entfernt. Hier wie dort ist alles Einzelne auf Gottes 
Befehl zurückgeführt. Trotzdem ist die Stimmung mehr griechisch 
als jüdisch. Die Selbständigkeit der Natur ist grösser, zwischen 
ihr und Gott steht dessen feste Dioikesis. 

Die Kap. 24 und 25 bringen uns den ersten Versuch einer 
rationalen Begründung des Auferstehungsglaubens mit Analogien 
der Natur. Es giebt überall eine zeitliche Auferstehung: den 
Wechsel von Tag und Nacht, von Saat und Ernte. Darin zeigt 
sich die Herrlichkeit von Gottes Vorsehung. Dazu kommt als 
weitere Stütze das grosse Auferstehungswunder des Vogels 
Phönix und zuletzt ein magerer, aber hinreichender Schriftbeweis 
aus dem AT. 

Das Schlussgebet richtet sich wieder an den Demiurgen des 
Alls, der den ewigen Bestand der Welt offenbart hat durch seine 
Wirkungen. Auf Grund dieses allgemeinen Vorsehungsglaubens 
erhebt sich dann das oben angeführte Gebet für die Fürsten, die 
unter dieser Obrigkeit stehen. 

Am allereinleuchtendsten ist der Einfluss der griechischen 
Kosmologie und ihres Optimismus am Eingang der Apologie des 
Aristides. „Ich, o König, kam durch Gottes Vorsehung in die 
Welt. Und da ich den Himmel schaute und die Erde und das 
Meer und die Sonne und den Mond und das Uebrige, da erstaunte 
ich über die Ordnung (dioikesis) dieser Dinge. Da ich aber sah, 
dass die Welt und was darin ist, nach Notwendigkeit sich bewegt, 
verstand ich, dass der sie Bewegende und Beherrschende Gott 
sei. Denn das Bewegende ist stärker als das Bewegte und das 
Beherrschende stärker als das Beherrschte. Ihn nun nenne ich 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 311 

Gott, den, der alles leitet." Hier ist direkt ein Grundsatz des 
Aristoteles in populärer Form übernommen. Griechisch ist auch 
die Begeisterung für die Schönheit der Weltordnung. 

Durch diese griechische Popularphilosophie werden Gott 
und die Welt fester zusammen gebunden als im jüdischen Glauben. 
Der Vorsehungsglaube erhält die Basis der natürlichen Reli- 
gion. Lactanz konnte erklären, dass er ein vor aller Offenbarung 
feststehendes Gemeingut aller Religionen sei. Eine rationalistische 
Kosmologie wird zur Unterlage des Christentums. Indes war das 
nur die eine Strömung, die die neue Religion in sich aufnahm. 

Denn gleichzeitig werden Gott und die Welt auch ausein- 
andergerissen, wird Gott alles konkreten Inhalts entleert und zur 
reinen Transscendenz, zur Negation der Welt verflüchtigt. Man 
kann von ihm nur sagen, was er nicht ist. Dadurch wird die 
Religion zur Weltflucht und Mystik angewiesen, wenn sie Gott 
doch haben will. 

Auch hier waren die Juden vorangegangen. Philo und nach 
ihm Josephus hatten schon lange Kataloge der negativen Prädi- 
kate Gottes aufgestellt: ungeworden, unveränderlich, ohne Be- 
dürfnis, unbekannt dem Wesen nach, unfassbar, ohne Eigen- 
schaften. Ausdrücklich erklärt Josephus, dass der jüdische 
Gottesbegriff genau der philosophische sei, wie ihn Pythagoras, 
Anaxagoras, Plato, die Stoiker, beinahe alle Philosophen lehrten. 
Hier, wie überall, hatten die Christen nur den Weg zu verfolgen, 
den ihnen die Juden vorangegangen waren. 

Schon in NTlichen Schriften finden sich die ersten Spuren 
dieses negativen Gottesbegriffs, und zwar in den Pastoralbriefen 
und bei Johannes. Da heisst Gott der „König der Aeonen, der 
unvergängliche, unsichtbare, einzige Gott" oder „der selige und 
eine Gott, der allein Unsterblichkeit hat, wohnend im unzugäng- 
lichen Licht, den nie einer der Menschen gesehen hat, noch sehen 
kann." „Gott hat niemals jemand gesehen." Wie weit liegen 
diese griechischen Gedanken ab vom realistischen Gottesglauben 
der früheren Juden, die an den Theophanien die grösste Freude 
hatten ! 

Selbst Hermas hat in sein kurzes Gebot des Gottesglaubens 
die Formel aufgenommen: Der alles umfasst, selbst aber nicht 
umfasst wird. Den ältesten christlichen Katalog mit negativen 
Gottesprädikaten giebt ein apologetischer Traktat aus dem An- 
fang des 2. Jahrhunderts, die Predigt des Petrus. Der Christen- 



312 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

gott, heisst es hier, ist ein Gott, der den Anfang von allem 
machte und die Macht über das Ende hat, 

der Unsichtbare, der alles sieht, 
der Unfassbare, der alles umfasst, 
der Bedürfnislose, des alles bedarf, 

der Unbegreifliche, Ewige, Unvergängliche, Unerschaffene, 
der alles schuf durch sein Machtwort. 

Aristides, der die Predigt des Petrus kennt, schildert Gott 
als den Anfangslosen, Unsichtbaren, Unsterblichen, Bedürfnis- 
losen, höher als alle Leidenschaften und Mängel, als Zorn und 
Leid und Unwissenheit etc. Durch ihn besteht alles. Er be- 
darf nicht Opfer und Spende, noch irgend eines Sichtbaren, son- 
dern ihn bedürfen alle. Dem Aristides schliessen sich alle 
anderen Apologeten mit längeren oder kürzeren Katalogen an. 

Dadurch ward nun in den Gottesglauben ein Riss gesetzt, 
da die stoische Immanenz, der die Lehre von der Dioikesis ent- 
spricht, und die von Plato herstammende Transscendenz, die in 
den negativen Prädikaten zum Ausdruck kommt, nicht zu ein- 
ander passen. Das eine Mal geht Gott ganz auf in der Welt- 
ordnung, das andere Mal gilt er als reine Negation der Welt. 
Sehr häufig ist dieser Widerspruch gar nicht bemerkt worden; 
man schob Gott weit hinter die Welt zurück, ohne deshalb auf 
seine beständige Weltvorsehung zu verzichten. Wo aber der Kiss 
bemerkt wurde, da trat die Lehre von den Mittelwesen ein, die, 
ohne Gott in das Endliche herabzuziehen, doch seine Kraft im 
Endlichen nachwies. 

Für den Volksglauben stellten Engel und Dämonen die Ver- 
mittlung dar zwischen dem weltfernen Gott und den sichtbaren 
Dingen. Die Philosophie setzte an Stelle der Engel die Logoi 
oder den Logos und den Geist. 

Hier hatte Philo den Christen vorgearbeitet. Stoa und Pla- 
tonismus hatten sich bei ihm vereinigt. Die Stoa gab den Namen 
Logos und den Begriff der die ganze Welt durchwirkenden 
Naturkraft, während der Piatonismus zu einer Trennung und 
Verselbständigung des Logos sowohl gegenüber Gott als gegen- 
über der Welt Anleitung gab durch seine Ideenlehre. Schon 
hiess der Logos erstgeborener Sohn Gottes und zweiter Gott 
und war das AT auf ihn hin interpretiert worden. 

Andererseits hatte die Weisheit Salomos den Christen vor- 
gearbeitet. Da erscheint der Geist der Weisheit als die alles 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 313 

durchdringende, unendlich feinkörperhche Weltvernunft nach der 
Stoa, zugleich jedoch geschieden von Gott selbst. 

Unter den Christen hatte zuerst Paulus Christus als solchen 
Weltverniittler, höher als alle Engel, aber tiefer als Gott, gefasst, 
noch ohne den Namen Logos. Probleme der Philosophie hatten 
ihn freilich nicht dazu bewogen. Er wollte im ganzen AT 
Christus finden; das war nur möglich durch eine grosse Gebiets- 
abtretung seitens Gottes und der Engel. Aber allerdings wird 
Jesus dadurch der in der Welt wirkende Gott. 

Dann hatte der Verfasser des Hebräerbriefs die paulinische 
Christologie ausgebaut mit direkt alexandrinischen Begriffen. 
Der Sohn Gottes ist der Vermittler der Weltschöpfung, der Ab- 
glanz der Herrlichkeit Gottes und Abdruck seines Wesens, tra- 
gend alle Dinge durch das Wort seiner Kraft. Er wird in Psalm 45 
Gott genannt, freihch eben als Sohn, d. h. als Untergott. Ge- 
rade das Wort „Abglanz" ist in der jüdischen Weisheitsschrift 
ein Attribut der Weisheit. Aber den Logosnamen auf Jesus an- 
zuwenden, hat dieser Philoschüler noch nicht gewagt. 

Dafür erscheint dieser Name klar und deutlich im Prolog 
des Johannesevangeliums. „Im Anfang war der Logos, und der 
Logos war bei Gott, und ein Gott war der Logos." Abhängig- 
keit von Philos Schriften ist möglich, obschon nicht einmal abso- 
lut nötig. Der philosophische Ursprung geht aus den rein kosmo- 
logisch gehaltenen Sätzen des Anfangs klar hervor. Der Logos 
steht mitten inne zwischen Gott und der Welt. Einerseits ist 
er „zu Gott hin", anderseits ist durch ihn alles geschaffen. 
Er heisst ein Gott, aber nicht der Gott; gerade so unterschied 
Philo zwischen Gott mit oder ohne Artikel und wies im AT diesen 
Unterschied nach. Der passendste Name ist Sohn Gottes, und 
zwar einziger Sohn, zur Unterscheidung von den „Kindern" 
Gottes, die erst durch seine Vermittlung die Kindschaft erlangen. 
Für die Welt ist er nicht nur der Schöpfer, sondern auch Er- 
halter, da alles Leben in ihm ist. 

Es ist nun äusserst wichtig, dass der Mann, der den Logos 
in das Evangelium einführt, selbst kein Philosoph war und vom 
Problem der Vermittlung zwischen Gott und Welt gar nicht be- 
drückt wurde. Er hat gar kein selbständiges Interesse an den 
kosmologischen Fragen. Auch der Logosgedanke steht bei ihm 
im Dienst der Apologetik, nicht der Philosophie. Wenn er trotz 
alledem dem Logos eine kosmologische Bedeutung giebt, so muss 



314 -Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

ihn schon eine feste Tradition dazu bestimmt haben. Von Philo 
oder von anderswoher stand es schon fest, dass der Logos die 
Welt geschaffen und erhalten habe. Diese fertige Ansicht über- 
nimmt der Evangelist, um von da aus den Uebergang zur Apolo- 
getik zu finden, auf die sein ganzer Prolog allein hinzielt. 

Er lebte in einer Zeit, da die Gnostiker schon anfingen, ihre 
endlosen Genealogien von Aeonen zwischen den rein negativen 
Urgrund aller Dinge und die bestehende Welt einzuschieben. 
Dass Mittelwesen zwischen Gott und uns stehen, war dadurch 
noch festerer Glaubenssatz geworden. Er selbst beschränkt diese 
Mittelwesen auf eines, auf dasjenige, für das die Griechen am 
meisten Verständnis hatten. Das Kühne ist nur, das er das in 
einem Evangelium thut. 

Schon Justin berief sich darauf, dass in einer der Memoiren 
der Apostel von Jesus stand, „er sei dem Vater des Alls der 
einzige Sohn gewesen, auf besondere Weise aus ihm geworden als 
Logos und Kraft." Es war die berühmte johanneische Stelle, die 
den Logosgedanken in der Kirche herrschend machte. Im Grund 
steht Justin zum Logos nicht anders als sein grosser Lehrer. Er 
benützt ihn apologetisch-, das Kosmologische interessiert ihn nicht. 
Es ist ein traditioneller Satz, dass Gott durch den Logos die 
Welt geschaffen und geordnet hatte, keine neue Lehre Justins. 
Nur an einem Punkt erkennt man den Fortschritt der Zeiten: 
Das Hervorgehen des Logos aus Gott wird ein Gegenstand des 
Nachdenkens. Kein Wunder! Was hatten die Gnostiker alles 
über das Hervorgehen der Aeonen aus dem Urgrund spekuliert! 
Justin findet im Feuer die passendste Analogie. Wie aus dem 
einen Feuer ein zweites sich entzündet, ohne dass das erste ver- 
mindert wird, so geht der Logos als ein zweites göttliches Wesen 
aus Gott hervor, ohne dass Gott selbst dadurch verkürzt wird. 
Eine andere Analogie, der Logos gleiche dem Sonnenstrahl, der 
von der Sonne ausgeschickt und bei ihrem Untergang wieder 
zurückgezogen wird, verwirft er entschieden, weil sie die persön- 
liche Selbständigkeit des Logos aufhebt. 

Es konnte nicht fehlen, dass, wenn Gott so völlig hinter die 
Welt zurückgesetzt war, dass all sein Regiment sich durch Mittel- 
wesen verwirkhchte, die Materie dafür desto selbständiger erschien 
und ihreEntstehung ein Problem für die christHchen Lehrer wurde. 

Wieder hatten die Juden die Theorien ausgebildet mit Hilfe 
griechischer Begriffe, die dann die Christen übernahmen. Es 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 315 

scheint, dass sie im Interesse ihres Monotheismus zur Lehre von 
der Schöpfung aus Nichts gekommen sind. 

Sie findet sich zuerst im zweiten Makkabäerbuch ausge- 
sprochen: „Schau auf zum Himmel und zur Erde, und hast du 
alles darin gesehen, so wisse, dass aus dem nicht Seienden (s^ 
oox övTwv) Gott es schuf und so das Menschengeschlecht ent- 
stand." Darauf soll der Glaube an ein Leben nach dem Tod sich 
gründen. 

Diese Theorie fand früh Eingang bei den Christen. Paulus 
nennt Gott den, der das Nicht-Seiende (ta {!'?] ovra) zum Sein ruft. 
Er denkt dabei an die Totenauferweckung-, doch gilt für die 
Schöpfung das gleiche Wort. Der Hebräerbrief formuliert den 
Schöpfungsglauben nach dieser Theorie: Im Glauben erkennen 
wir, dass die Welt geschaffen ist durch das Wort Gottes, damit 
aus nicht Erscheinendem ([vq s% ©acvojxsvwv) das Sichtbare entstehe. 
Die gleiche Theorie legt Hermas nieder im ersten Gebot: Gott 
ist es, der alles schuf und vollendete und alles machte aus dem 
Nicht-Seienden (sx toö [xt] ovtoc) zum Sein. Obschon hebräischen 
Ursprungs ist diese Theorie doch griechisch in der Form. Sie 
erinnert daran, dass bei Plato die Materie das Nicht-Seiende 
({X'?] ov) ist. 

Eine zweite Theorie setzte die Materie als ewig, jedoch in 
chaotischem Zustand, und lässt durch Gottes Schöpfung aus dem 
Chaos den Kosmos entstehen. Diese Theorie konnte an Gen 1: 
„Die Erde war wüste und leer" anknüpfen. 

Sie findet sich auf jüdischem Boden in der Weisheit Salo- 
mos, wo es von der Weisheit heisst : Sie schuf die Welt aus ge- 
staltloser Materie. Von den Christen, die wir kennen, nimmt zu- 
erst Justin sie auf: „Alles hat Gott im Anfang als der Gute 
geschaffen aus gestaltloser Materie. Indem Gott die gestaltlose 
Materie umwandelte, schuf er die Welt." 

Die beiden Theorien: Schöpfung aus Nichts, Schöpfung aus 
dem Chaos, sind im Grunde gar nicht so weit verschieden. Philo 
z.B. braucht Worte der ersten Theorie und denkt nach der zwei- 
ten. Wenn nur der Gedanke der Schöpfung streng gewahrt 
bleibt, ist das übrige einerlei. 

Eigentlich ausführliche Kosmologien haben die alten Christen 
nicht aufgestellt, da ihnen die Erzählung der Genesis genügte 
und sie kein besonderes Bedürfnis nach dieser Seite hatten. Die 
Welt war ja Gottes, dieser Glaube stand in der Kirche fest. 



316 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Erst die Gnostiker, die Schöpfung und Erlösung auseinander- 
rissen, mussten die griechische Philosoijhie für kosmologische 
Fragen ausplündern. 

Das Zusammentreffen der Griechen, Juden und Christen im 
Monotheismus, seiner Begründung und seiner Ausführung trug 
zu einer mächtigen Erweiterung des Horizonts der alten Christen 
bei. Es war auf einmal klar, dass das Heidentum keineswegs die 
gottverlassene, vom Teufel verführte Masse des Verderbens war, 
für die man es früher ansah, sondern dass es in seiner mono- 
theistischen Philosophie eine grosse, der Wahrheit zugekehrte 
Seite besass. Dasselbe ergab eine auch nur oberflächliche Be- 
trachtung der griechischen Ethik. Längst waren in Alexandrien 
stoische Ethik und jüdisches Gesetz als Bundesgenossen zusam- 
mengetroffen. Die vier griechischen Kardinaltugenden werden 
auch von der Weisheit Salomos, vom 4. Makkabäerbuch und von 
Philo den Juden angepriesen. Schon Paulus hatte sich ethische 
Begriffe der Popularphilosophie, wie Vernunft, Natur, Gewissen 
angeeignet und vor der bei Griechen und Juden weit verbreiteten 
Idee des in das Herz geschriebenen Gesetzes nicht zurückge- 
scheut. Er und seine Nachfolger fanden, dass bei aller Verschie- 
denheit heidnischen und christhchen Lebens doch eine weit- 
gehende theoretische Uebereinstimmung in den Grundbegriffen 
des Sittlichen, in dem, was gut und böse zu nennen sei, konstatiert 
werden dürfe. 

Je mehr nun diese Erkenntnis einer gewissen Verwandtschaft 
des Christentums mit dem Guten und Gesunden des Griechen- 
tums bei den christlichen Lehrern sich festsetzte, desto eifriger 
musste die Apologetik trachten, aus dieser Verwandtschaft Nutzen 
zu ziehen. Es galt nur einen kühnen Schritt, um auch in den 
ausserchristlichen Religionen Göttliches anzuerkennen. Eine dop- 
pelte Aufgabe erwuchs der Apologetik: Sie musste den Grund 
der Verwandtschaft des Christhchen und Ausserchristlichen auf- 
weisen, zugleich aber dafür sorgen, dass die Ueberlegeuheit des 
Christentums ausser Frage stand. Sie musste den absoluten An- 
spruch der Kirche ausgleichen mit dem relativen Becht der so- 
genannten natürlichen Rehgion. 

Eine grosse Schranke stand ihr im Weg, die alte von Paulus 
ausgebaute Theorie vom Geist als dem Alleinbesitz der Kirche. 
Von Haus aus fühlen sich ja die Christen im reinen Gegensatz 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 317 

ZU der sie umgebenden Welt. Ihre Gedanken, Gefühle, Erlebnisse 
kamen ihnen vor als etwas durchaus Eigentümliches, das zu- 
nächst nur Widerspruch hervorrief und sich in diesem Wider- 
spruch als etwas nicht aus der Welt Stammendes offenbarte. Auf 
Grund dieser gemeinchristlichen üeberzeugung stellte Paulus 
jene Theorie auf, gemäss welcher der natürliche Mensch von den 
Dingen des Geistes nichts versteht und verstehen kann. Trotz 
der harten kirchlichen Zuspitzung offenbart diese Theorie das 
Kraftgefühl des Eigenen und Souveränen, ohne welches das 
Christentum sich nie durchgeschlagen hätte durch die Welt. Das 
alles geriet nun ins Schwanken, wenn die Apologetik sich plötzlich 
auf das Entgegengesetzte, auf die Verwandtschaft mit dem Ausser- 
kirchlichen berißf. Die Eigenart der christlichen Religion drohte 
in Frage gestellt zu werden. 

Was zu erwarten ist, geschah: Die neuen Gedanken setzten 
sich zunächst neben den alten fest, ohne diese zu verdrängen 
oder zu schwächen. Das wundervolle Dokument, das uns mitten 
in den Umwandlungsprozess hineinversetzt, das den alten Wider- 
standstrieb und die neue Werbekraft zugleich offenbart, ist das 
Johannesevangelium. 

Nach der einen Seite ist diese Schrift ein rechtes Denkmal des 
fanatisch sektenhaften Zuges im alten Christentum. Die Theorie 
vom Geist tritt hier in der allerschroffsten Form auf. Während 
andere christliche Lehrer, wie der Verfasser des I. Petrus- und 
Klemensbriefes unbesorgt annehmen, dass der christliche Geist 
schon aus den Propheten des ATs redete, erklärt Johannes: 
es existierte in der früheren Zeit gar kein Geist bis zu Jesu Ver- 
klärung nach seinem Tode. Energischer kann der Geist und 
damit die höhere Erkenntnis nicht der Kirche reserviert werden. 
Die Abschiedsreden stellen daher Kirche und Welt in schroffsten 
Gegensatz. Nur die Kirche bekommt den Geist der Wahrheit von 
Jesus zugeschickt. Die Welt kann ihn nicht empfangen, weil sie 
ihn nicht schaut noch kennt. Ihr kennt ihn, denn bei euch bleibt 
er und in euch lebt er! Eine Illustration dazu bildet das Gespräch 
Jesu mit dem jüdischen Rabbi Nikodemus, in dem Christ und 
Jude wie Geist und Fleisch sich gegenüberstehen. Nur wer getauft 
ist und den Geist empfing, ist im stände, die christHchen Geheim- 
nisse zu fassen. Dem Menschen ausser der Kirche ist alles Thor- 
heit; er kann nicht einmal die christliche Sprache verstehen und 
taumelt von einem Missverständnis zum anderen. Man versteht 



318 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

diese Rede falsch, wenn man die Geburt von oben vor allem als 
ein sittliches Erlebnis auffasst. Das Sittliche ist hier Nebensache; 
Sittliches lässt die Rede gelten auch vor dem Eintritt in das 
Christentum. Auf dem Erkennen, dem Verständnis, liegt der 
Nachdruck allein. Nikodemus ist der Typus eines Juden, dem 
trotz aller Weisheit eben die Hauptsache, der Sinn für das Christen- 
tum fehlt. Diesen hat man nur in der Kirche. Das sind Gedanken, 
ähnlich denen des Paulus im I. Korintherbrief. Sie schliessen 
konsequenter Weise alle Apologetik aus. Es ist das alte Christen- 
tum, das so redet. 

Aber diese enge Geistestheorie hat ihr reines Gegenstück 
an der Logoslehre des Prologs. Da wird Apologetik getrieben, 
und in welcher grossartigen Freiheit! Es giebt Gottesoffenbarung 
auch ausserhalb der christlichen Kirche. Zunächst im Juden- 
tum, dem Eigentumsvolk des Logos, wo die Patriarchen und 
Propheten etwas von Gott zu hören und zu sehen bekamen ; aber 
nicht nur dort. Der Logos ist das Licht der Menschen. Er er- 
leuchtet jeden Menschen, der in die Welt kommt. Er war in der 
Welt längst vor dem Erscheinen Christi. Alles, was in der Welt 
von Gottesofifenbarung, von Wahrheit existierte und noch existiert, 
das geht zurück auf den gleichen Logos, den die Christen ver- 
ehren. Wohl hebt der Prolog deutlich das tragische Gesamt- 
ergebnis der Geschichte hervor. Die Offenbarung stiess auf Wider- 
stand, die Welt erkannte den Logos nicht an. Natürlich, das be- 
zeugt die Thatsache des Heidentums, als Ganzes genommen. 
Auch Israels Geschichte zeugt mehr von Widerstand gegen die 
Offenbarung als von gläubiger Annahme. Dennoch, es gab Gottes- 
kinder vor Jesu Erdenleben. Das Christentum ist keine Neuerung, 
sondern etwas Uraltes, älter als die Welt. Alles Vernünftige in 
der Welt ist göttlich, stammt aus Offenbarung. Worin besteht 
denn aber der Vorzug des Christentums? In ihm allein ist der 
Logos Fleisch geworden, sodass die volle göttliche Herrlichkeit 
den Menschen sichtbar und greifbar entgegentrat. Das Christen- 
tum hat vor allen anderen Rehgionen den Vorzug der überwälti- 
genden Evidenz des Göttlichen in der Person Jesu. Darum ist es 
die Vollendung, der Abschluss der ganzen Ofifenbarungsgeschichte. 

Nur ein griechischer Begriff, der Logos, hat diese Apologetik 
ermöglicht. Der Evangelist setzt voraus , dass die Leser seiner 
Schrift mit dem Logosgedanken vertraut sind. Deshalb kann er 
hoffen, sie zu Christus zu führen; da man Christus nur in der 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 319 



Kirche hat, ist der Zweck der Apologetik klar: Wollt ihr den 
Logos ganz haben, ganz vernünftig sein, so werdet Christen ! 

Im Verlauf der Erzählung kehren diese Gredanken des Pro- 
logs nicht wieder. Hierin wahrt der Autor Geschmack, dass er 
seine eigene apologetische Theorie nicht Christus unterschiebt. 
Aber auf anderem Weg bleibt er seiner Apologetik treu. Er 
giebt der ausserchristlichen Sittlichkeit eine vorbereitende Stel- 
lung als der Propaideutik des Christentums. Auch das war eine 
kühne Neuerung. Paulus hatte wohl einmal theoretisch ein- 
geräumt, es könne auch Heiden geben, die das Gesetz erfüllen. 
Dies Zugeständnis hatte aber bei ihm nur den Zweck, das Pochen 
der Juden auf ihren Besitz des Gesetzes niederzuschlagen. 
Praktisch beurteilt er alle Heiden ausnahmslos als verlorene 
Sünder, in denen nichts Gutes wohnt, die alle Kraft zur Er- 
füllung des götthchen AVillens erst vom Geist Christi in der 
Kirche empfangen müssen. Das war bei der Mehrzahl der Chri- 
sten feste Annahme: alle Heiden sind „Ungerechte", „Sünder", 
Thäter des Guten giebt es unter den Christen allein. Folge davon 
war, dass man draussen von den Christen als einer Bande licht- 
scheuer Verbrecher, die Straflosigkeit suchten, zu reden begann. 
Man brauchte nur hinzuweisen auf die zum Teil wirklich ver- 
Avorfenen Elemente, denen die Kirche Eingang gewährt. Es 
scheint, dass schon der Verfasser der Lucasschriften aufmerksam 
wurde auf das Gefährliche, das in der Auffassung des Christen- 
tums als einer Religion nur für Sünder lag. Darum erklärt Petrus 
in der ersten Heidenrede: In aller Welt, wer Gott fürchtet und 
recht thut, ist ihm angenehm und kann ein Christ werden. Dar- 
über geht der vierte Evangelist noch weit hinaus, wenn er gerade- 
zu das Christentum als die Religion des Guten und Gesunden 
hinstellt. Allerdings wie vorher Logos und Geist, so ringen hier 
Anerkennung und Verwerfung der ausserchristlichen Sittlichkeit 
heftig mit einander um die Herrschaft. Die Abschiedsreden ver- 
treten die alte These: Wie die Bebe von sich allein ohne den 
Weinstock nicht Frucht bringt, so kann der Christ ohne Jesus 
nichts thun, d. h. ausserhalb des kirchlichen Glaubens keine 
wahre Sittlichkeit. Allein eine ganz andere Sprache redet die 
grosse nach aussen gerichtete Apologetik der zwölf ersten Kapitel. 
Für sie ist das Dasein guter Menschen ausserhalb der Kirche 
eine unentbehrliche Voraussetzung. „Jeder, der Schlechtes thut, 
hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit nicht seine 



320 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Werke überwiesen werden. Wer aber die Wahrheit thut, kommt 
zum Licht, damit seine Werke offenbar werden, weil sie in Gott 
gewirkt sind." Infolgedessen tritt die Sündenvergebung ausser- 
ordentlich stark zurück in allen Reden Jesu. Sie fehlt zwar 
nicht, denn dass die AVeit der Rettung bedarf, bleibt bestehen. 
Aber bei weitem ist Jesus nicht mehr der Sünderheiland, wie 
im Lucasevangelium. Der Autor wendet sich laut und vernehm- 
lich an alle gesunden und sitthchen Naturen durch die Ein- 
ladung : Wer Gottes Willen thun will, der wird die Göttlichkeit 
des Christentums erkennen. Gerade solche reine, edle Menschen 
wie Nathanael zieht der Vater zum Sohn, d. h. lässt sie Christen 
werden. 

Für uns entsteht hier nur die Frage, worin denn nach dieser 
Seite der Vorzug des Christentums besteht, wenn es ausserhalb 
der Kirche Thäter des göttlichen Willens giebt und doch der 
Weg zur Seligkeit nur durch die Kirche geht. Darauf würde 
wohl der Autor erwidern, dass das Schauen des Gottesreichs, 
die Gabe des ewigen Lebens, die Totenerweckung, die innige 
Gottesgemeinschaft in jedem Fall göttliche Geschenke bleiben, 
die das Thun des göttlichen Willens nicht von selbst gewinnt 
oder verdient. Der Gehorsam gegen Gott, der sich im sittlichen 
Leben äussert, ist wohl eine Bedingung der Seligkeit, aber nicht 
die Seligkeit selber. So denken alle alten Christen; der einfache 
Beweis ist ja ihre Eschatologie. Also um der Seligkeit willen 
muss auch der sittlich gesunde Mensch doch erst noch ein Christ 
werden. Ausserdem aber zeigt ein Blick in den ersten Johannes- 
brief, wie hoch der Evangelist persönlich über die Gabe der 
Vergebung denkt. Alle Christen sind Menschen, die Vergebung 
empfangen haben. Es ist doch seine letzte Meinung, dass das 
Leben ohne Christus ein vielfaches Sündigen ist, wenn selbst 
das Leben mit Christus die Sünde nie ausrottet. Darnach sind 
jene Sätze von den Lichtnaturen, die zum Licht kommen, in 
ihrer prinzipiellen Tragweite einzuschränken-, sie haben nur 
apologetischen Wert. Gross bleibt trotzdem dies merkwürdige 
Beispiel einer Apologetik des Christentums ohne Sündentheorie, 
rein auf Grund des Glaubens an die Anziehungskraft des Guten. 

Das Eigentümliche der johanneischen Theologie ist eben, 
dass in ihr Logos und Geist noch neben einander Platz haben. 
Vermittelt sind sie nirgends. Weltoffenheit und Weitherzigkeit 
dort, fanatische Engherzigheit hier, beide in der Seele des 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 321 

gleichen Mannes wohnend. Er steht auf dem AVendepunkt der 
Zeiten. JN^och bäumt sich in ihm der alte Sektengeist des Christen- 
tums gegen jede Annäherung an die Welt auf. Aber zugleich 
treibt der apologetische Werbedrang ihn hinaus über alle engen 
Schranken. Philosophie und Antiphilosophie in der gleichen 
Schrift. So sehen die Werke und die Menschen aus, denen eine 
Wirkung auf weite und entgegengesetzte Kreise geschenkt ist. 

Nicht lang nach Johannes schreibt ein gleichfalls unbekann- 
ter Autor die Predigt des Petrus. Er feiert darin Jesus als das 
Gesetz und die Vernunft. Schwerlich hat dieser Apologet bei 
dem Wort Gesetz an das jüdische Gesetz gedacht. Die Zu- 
sammenstellung mit Vernunft spricht dagegen. Es ist das 
Gesetz, das alle Menschen kennen und besitzen, die Summe der 
sittUchen Erkenntnisse, welche die damalige Welt jedem zugetraut 
hat. Wenn Jesus also Vernunft und Gesetz heisst, so soll er 
damit als der Höhepunkt aller religiösen und sittlichen Erkennt- 
nis bezeichnet werden. 

Ausführlich finden wir diese Anschauung bei Justin, dem 
philosophischen Fortsetzer des Johannes. Die Apologien arbeiten 
mit dem Logosgedanken, der Dialog mit Trjpho mehr mit der 
Gesetzesidee. Aber nun sind die Konsequenzen der johanneischen 
Apologetik gezogen. Die Pneumatheorie ist fallen gelassen. Das 
war schon eine notwendige Folge der veränderten Weltlage des 
Christentums. Die Lehre vom Geist entsprach seiner früheren 
sektenhaften, weitabgewandten Existenz. Diese gab es völlig auf, 
als es Schutzschriften an römische Kaiser adressierte, denen 
ja die Berufung auf den Geist der Christen als ein kindisches 
Versehen erscheinen musste. Jetzt galt es, sich der Welt zu er- 
wehren, ausgerüstet mit ihren eigenen Waffen. Ebenso aber 
machte die Sitte der Disputation mit jüdischen Rabbinen die 
alte Geisttheorie unmöglich. Wer sich auf den Geist beruft, 
kann und darf nicht disputieren. Die Disputation, dies geistige 
Duell, erforderte die Anwendung gleicher Waffen, Schriftkenntnis, 
rechte Auslegung, rechte Schlüsse. Hätten wir freilich erbau- 
liche oder doch antignostische, also innerchristliche Schriften 
Justins, so würde sich vermutlich ergeben, dass unter Christen 
noch genug vom Geist ausgesagt wird. Aber aus den Apologien 
und Disputationen musste er verschwinden. 

Die Aussagen Justins über den Logos nehmen sich wie ge- 
lehrte Ausführungen des johanneischen Prologs aus. Auch für 

Wer nie, Anfänge. 21 



322 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirclil. Theologie. 

Justin ist der Logos das Licht der Menschen überhaupt; nur 
dass Justin diesen Satz bewusst auf die griechische Philosophie 
anwendet, woran Johannes noch nicht gedacht hatte. In jedem 
Menschen wohnt Vernunft. Alles, was mit Vernunft geschieht, 
ist Wirkung des Logoschristus. In den Propheten war der Logos 
nicht mehr als in den Philosophen, Sokrates, den Stoikern, den 
Dichtern gegenwärtig. Dabei eignet sich Justin in der zweiten 
Apologie den stoischen Ausdruck vom samenartigen Logos an. 
Aber wie bei Johannes ist die volle Offenbarung des Logos nur in 
der Kirche vorhanden. Hier allein wurde der Logos Mensch und 
nahm Gestalt an; hier allein erschien er ganz, nicht stückweise, 
und zwar so klar, dass alle Missverständnisse ausgeschlossen sind. 

Die Aussagen Justins über das Gesetz erheben nun erst die 
Andeutungen des Johannes von einer ausserkirchlichen Sittlich- 
keit zur klaren Theorie. Es giebt ein natürliches Sittengesetz, 
das längst vor der mosaischen Aufzeichnung in den Herzen der 
Menschen existierte. Die Patriarchen lebten darnach und ge- 
fielen deshalb Gott wohl. Aber auch griechische Philosophen 
und Dichter hatten davon Kunde vermöge des Logossamens. 
Dies natürliche Sittengesetz, das im Laufe der Zeit vielfach ver- 
gessen, verdunkelt, entstellt war, hat Christus wieder hergestellt 
und auf den einfachsten ewigen Ausdruck erhoben. 

Das ist eine völlig neue Art der Apologetik gegenüber der 
früheren paulinischen. Der Unterschied liegt in dem viel grös- 
seren Mass des Zugeständnisses an die griechische Welt. Den 
Christen kommt es zum Bewusstsein, dass ihre Religion dem 
Griechentum so gut verwandt ist, wie dem Judentum. In drei 
Hauptstücken, dem monotheistischen Gottesglauben, der Ansicht 
vom Sittengesetz und der sittlichen Freiheit, der Jenseitshoff- 
nung treffen sie mit griechischen Philosophen und Dichtern zu- 
sammen. Von dieser Thatsache geht jetzt die Apologetik aus. 
Ihre zwei grossen Hilfsbegriffe sind die griechischen Ideen Ver- 
nunft und Gesetz. Diese werden als Gaben Christi, der Mensch 
Jesus wird als ihre Verkörperung und Vollendung gedeutet. 
Durch Vernunft und Gesetz werden alle Menschen bis an die 
Thür der Kirche geleitet. Aber erst der Eintritt in die Kirche 
führt sie zur absoluten Wahrheit und Gewissheit. Diese Apolo- 
getik beginnt so tolerant und weit wie möglich, aber sie endigt 
schmal und eng. Sie meint es um kein Haar weniger kirchlich 
als die paulinische Theorie. Aber religiös gemessen steht sie 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 323 

hinter ihr tief zurück. Bei Paulus stand die Erlösung im Mittel- 
punkt, hier die Offenbarung, dort das neue Leben, hier das höhere 
Wissen. Es ist eine Apologetik der Aufklärung; nicht umsonst 
steht die Vernunft an ihrer Spitze. Eine solche Apologetik 
musste freilich den Griechen erwünscht sein. Aber dadurch, 
dass sie das Christentum auf die intellektuelle Stufe herabzog, 
nahm sie ihm einen guten Teil seiner erneuernden sittlichen 
Kraft. Diese Griechen werden sich einst um das Verhältnis der 
Vernunft zur Gottheit streiten, aber sie werden keine von Sünden 
und Not befreiten Kinder Gottes sein. 



Die entschlossene Aneignung philosophischer Begriffe durch 
die Apologetik ist aber nur eine Seite in der allmählichen grossen 
Verwandlung des Christentums in eine Philosophie ähnlich der 
philonischen. Verschiedene andere Erscheinungen deuten nach 
der gleichen Richtung. 

Längst zuvor hatten ja Philo und Josephus die jüdische Re- 
ligion als Philosophie ausgegeben. Das lag der ersten christ- 
lichen Verkündigung noch völlig fern. Für Paulus war das Wort 
Philosophie nur die Bezeichnung einer schlechten, ungöttlichen 
Kunst, und so dachten lange Zeit fast alle Christen. Es dauerte 
fast ein Jahrhundert von Paulus an, bis ein kirchlicher Christ, 
Justin, das Christentum die einzig sichere und nützliche Philo- 
sophie zu nennen wagte. Aber freilich, die Sachen pflegen den 
Namen weit vorauszugehen. Bereits zwei in den Kanon aufge- 
nommene Schriften, der Hebräerbrief und das Johannesevange- 
lium, sind Dokumente dafür, dass das Christentum anfängt, selbst 
philosophisch zu werden. 

Der Hebräerbrief steht noch ganz unter jüdisch alexandri- 
nischem Einfluss. Philosophisch ist seine Schriftbehandlung, 
sein Aufstellen von Definitionen und Dogmen, seine platonische 
Terminologie. Nirgends im NT findet sich eine solche Definition 
des Glaubens, wie die in Hebr 11 i und solche Dogmen über 
Weltschöpfung und Wesen Gottes, wie Hebr 11 3—6. Griechisch 
ist die oft raffinierte Schlussfolgerung, die Verteilung der Citate 
an verschiedene Personen. Das AT gilt als ein geheimnisvolles 
AVeisheitsbuch, das nach platonischen Voraussetzungen auszu- 
legen ist. Zu Grunde liegt die Unterscheidung zweier Welten, 
der jenseitigen Ideenwelt und des ihr nachgebildeten Diesseits. 

21* 



324 Die Ausbilduug d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Dort sind die himmlischen und wahrhaftigen Dinge, die Bilder 
(Ideen), hier der Schatten, die Abbilder oder Gleichnisse. Auf 
dieser Unterscheidung ruht die Definition des Glaubens, dass er 
„Ueberfiihrung vom Unsichtbaren" sei, d. h. Gewissheit der 
Ideen. Nur erhält nun dieser ganze Piatonismus eine unerwartete 
christliche Wendung dadurch, dass das platonische Jenseits mit 
der Eschatologie verknüpft wird und in Zukunft sichtbar werden 
soll. Eben durch diese Wendung kommt das Hoffnungsmoment 
in die Definition des Glaubens hinein. So ist — theoretisch an- 
gesehen — das Christentum des Hebräerbriefs platonische Philo- 
sophie + christliche Hoffnung. Zugleich ist freilich klar, woher 
das wirkliche Leben kommt. 

Es fragt sich, ob auch das vierte Evangelium eine solche grie- 
chische Philosophie, wenn nicht predigt, so doch voraussetzt. 
Dafür spricht schon die Thatsache, dass es das Lieblingsevange- 
lium der alexandrinischen Philosophen wurde. Das ist schwerlich 
die Folge eines reinen Missverständnisses. 

Gewiss ist die Hauptidee des Johannes : die Herabkunft 
des Gottessohnes zur Offenbarung, ganz unphilosophisch. Sie hat 
ihre Analogie in den Mythen, aber nie in den Systemen. Das 
philosophische Denken hört da auf, wo die Geschichte mit dem 
Irrationalen, das ihr Wesen ist, einsetzt. Sieht man jedoch ab 
von diesem Geschichtswunder und betrachtet nur den Inhalt der 
Offenbarung, so tritt sofort das stark Rationale hervor. Wie im 
Hebräerbrief stehen sich Ideenwelt und irdische Welt, oben und 
unten gegenüber, und erhalten die Dinge dieser Welt dadurch 
Wert, dass sie Ausdruck von Ideen sind. Glaube und Erkennt- 
nis erscheint ähnlich wie dort als das Wissen der Ideen und die 
Teilnahme an ihrer Unvergänghchkeit. Das AT ist das Weis- 
heitsbuch, in dem die Ideen sich abspiegeln. Und so tritt in der 
That Christus an die Stelle des philonischen Moses als der Führer 
in die höhere, allein wahre Welt. Ja es tritt viel stärker als im 
Hebräerbrief das Eschatologische zurück. Während der Hebräer- 
brief vom Piatonismus ausgeht, um ihn in Eschatologie umzu- 
setzen, verflüchtigt das Johannesevangelium eher — wenigstens 
für griechische Leser — die Zukunft in die obere Welt. 

Freilich der Eindruck des Philosophischen tritt immer wie- 
der zurück hinter der religiösen Begeisterung des genialen Werks. 
Erst die Vergleichung mit den Synoptikern zeigt, in welchem 
Sinn dieser Cliristus zum Philosophen wurde. Man muss nur 



B. Christentum und Griechentum. 3. Die griech. Philosophie. 325 

darauf achten, was alles nicht mehr von ihm erzählt wird, und 
sodann, welche Sprache er redet. Es sind zum grossen Teil 
Gleichnisse, die der ungebildete Zuhörer gar nicht verstehen 
kann, Worte mit verschiedenem Sinn, Definitionen Gottes und 
des ewigen Lebens. Neben der Gottheit Jesu tritt gar nichts an 
ihm so stark hervor, wie der Lehrer; das ist aber eben der Philo- 
soph. In den ersten Evangehen wird ja Jesus nicht der Erlöser 
genannt, aber als Erlöser geschildert. Ueberall ahnt man die 
Kraft, die von dem Geheimnis seiner Person noch mehr als von 
seinen einzelnen AVorten ausging. Der Jesus des Johannes- 
evangeliums ist nicht Erlöser , sondern höchstens Lehrer der 
Wahrheit, dass er der Erlöser sei. Er liebt es, eine Fülle von 
Geheimnissen in scheinbar einfacher Sprache auszustreuen, wie 
ein Jahrhundert später der Klemens des Stromateis. Dadurch 
kommt selbst in die Abschiedsreden gelegentlich etwas frostig 
Lehrhaftes. In diesem Sinn allein ist das vierte Evangelium das 
tiefste, sofern es philosophisch ist. Aber eben dadurch hat es 
das Evangelium der Sphäre der Laien entzogen, für die es doch 
eigentlich bestimmt war. 

Schliesslich bleibt das alles immer noch Offenbarungsphilo- 
sophie nach Art der Gnosis. Verständlich will sie ja nur für die 
Eingeweihten, die Pneumatiker, sein, als welche hier alle Christen 
gelten. Der Beweis dafür ist ja die Thatsache, dass Logos und 
Geist noch unausgeglichen neben einander stehen, dass der Geist 
noch nicht als Ausfluss der Weltvernunft erscheint. Es war von 
da aus ein Fortschritt, wenn Justin auch die christliche Offen- 
barung als vernünftig betrachtete und allerorts Analogien zu ihr 
entdeckte. Erst diese Gleichsetzung des KirchHchen mit dem Ver- 
nünftigen vollendet die Umbildung des Christentums zur Philo- 
sophie. 

Im ganzen muss alles, was vom Einfluss des Griechentums 
auf das Christentum in diesem Zeitraum zu sagen ist, als ein 
Vorläufiges und daher Unfertiges betrachtet werden. Es ist erst 
ein Anfang der grossen Hellenisierung des Christentums; daneben 
existiert die alte Frömmigkeit in voller Kraft und die jüdischen 
Einflüsse halten den griechischen die Wage. Aber bedeutungs- 
voll ist dieser Anfang allerdings. Im Keim ist die ganze grosse 
Umgestaltung des Christentums fast schon um das Jahr 100 vor- 
handen. Aeusserlich freilich heissen die Griechen nur die bösen 



326 Die Ausbildung d. Kirche. 11. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Heiden, deren Götter Teufel sind. Während das Christentum 
sich als das wahre Judentum proklamiert, will es dem Heidentum 
gegenüber nur als Feind betrachtet werden. Und trotzdem, welche 
Anleihen macht es auf religiösem und philosophischem Gebiet! 
Es erhält von der griechischen Religion das Geschenk des neuen 
Gottes Jesus, die Sakramente, die Höllenphantasie; von der 
griechischen Philosophie rationalen Glauben und AVeltanschau- 
ung, eine ganz neue Apologetik mit Vernunft und Gesetz, über- 
haupt eine philosophische Religionsbetrachtung. Der Zuwachs 
all dieser Geschenke hat aus dem Christentum eine neue Religion 
gemacht. Dies ist das griechische Christentum dem Urchristen- 
tum gegenüber in der That. Zwei Punkte charakterisieren es vor 
allem. Auf rehgiösem Gebiet der Mysterienglaube, die rituelle, 
sachliche Auffassung der Religion , auf philosophischem der In- 
tellektualismus, die Hochschätzung des Spekulierens und Dispu- 
tierens. Beide Faktoren sind scheinbar Gegensätze: wie verträgt 
sich die Aufklärung und das Sakrament! Sie haben sich in der 
That teilweise verteilt auf ein niederes und ein höheres Christen- 
tum. Aber beiden ist gemeinsam die völlige Gleichgiltigkeit gegen 
den sittlichen und persönlichen Charakter des Evangeliums Jesu. 
Man kann die Weihen erleben und spekulieren , ohne auch nur 
eine Spur ein Christ zu sein. Den Beleg dafür bietet eben die Ge- 
schichte des griechischen Christentums, das in unserem Zeitraum 
anfängt. 

O. Katholizisratis und Grnostizisniiis. 
1. Der Ursprung des Gnostizismus. 

Da das vielverzweigte und verwickelte Phänomen des Gno- 
stizismus zur Stunde von der theologischen Forschung immer 
noch unbewältigt ist, hat die Darstellung, will sie nicht vöUig 
problematisch erscheinen, sich vorsichtig an das Wenige, was 
klar ist, zu halten. Die Ursprungsfrage geht sie nur in einem 
sehr beschränkten Sinn an: lässt sich der Gnostizismus aus der 
gleichen Wurzel herleiten wie der Katholizismus oder nicht? 
Ist er von aussen in das Urchristentum hineingetragen oder stammt 
er aus ihm selbst heraus? 

Die Frage kann nur beantwortet werden, wenn der Gnosti- 
zismus selbst in den äussersten Umrissen vor der Seele des Lesers 
steht. Selbstverständlich kann es sich nur um die Hauptzüge, 
das Gemeinsame der vielen gnostischen Sekten handeln. 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 327 

Folgende Punkte sind wenigstens einem grossen Teil der 
gnostischen Schulen und Sekten gemeinsam: 

1. Ein bestimmtes Autoritätsprinzip. Der Geist ist Quelle 
und Norm aller Erkenntnis. Alles Wissen tritt mit dem Anspruch 
der Offenbarung auf. Heilige Bücher spielen eine grosse Rolle, 
apokryphe mehr als kanonische. Aber der Geist entscheidet, was 
in ihnen göttlich ist und was nicht , und er allein versteht die im 
heiligen Buch enthaltene Offenbarung. Da das AT der Kanon 
aller Christen war, verfällt es gerade schärfster Kritik und teil- 
weiser Verwerfung oder doch einer Auslegung, die der Ver- 
werfung ähnlich sieht. In jedem Falle ist es nicht höchste Autori- 
tät, sondern der Geist, der es auslegt. Dasselbe gilt Jesus und 
den Aposteln gegenüber. Auch ihnen gegenüber entscheidet der 
Geist über Annahme oder Verwerfung und über die Auslegung. 
Natürlich thut dies der Geist nicht als eigener Geist des Men- 
schen, sondern als göttliche Offenbarung in ihm. 

2. Ein bestimmter Gottesglaube. Der bis dahin von Juden 
und Christen verehrte Gott, der Weltschöpfer und Regent des 
Volkes Israel, ist nicht der höchste Gott, den Jesus offenbarte. 
Dieser ist vielmehr ein neuer, bis dahin verborgener Gott, der 
hoch über der Welt und über allen Geistern, auch hoch über dem 
Weltschöpfer thront. Er ist nicht der Gott dieser Welt, der die 
Menschen schuf und erhält, wie überhaupt diese Welt nicht ihm 
direkt gehört. Praktische Folge davon ist die Aufhebung des 
Vorsehungsglaubens, die feindliche oder doch indifferente Stel- 
lung des Christen zu dieser ganzen Welt, der Natur, dem Fleisch, 
den menschlichen Ordnungen, die alle kein Werk des höchsten 
Gottes, sondern etwas aus Gott Herausgefallenes sind. 

3. Eine bestimmte Eschatologie. Das Ziel des Menschen 
ist seine Heimkehr aus der Welt der Gottesferne, des Abfalls 
ins oberste Lichtreich zu Gott. Dieser Heimkehr fähig ist nicht 
das Kreatürliche am Menschen, sein Fleisch, sondern nur sein 
aus dem Lichtraum stammendes Element, der Geist oder die 
Seele. Diese hat die Bestimmung, sogleich nach dem Tode den 
Rückweg nach oben anzutreten mitten hindurch durch die un- 
zähligen feindlichen Geister, die sich zwischen Gott und der 
unteren Welt gelagert haben, 

4. Eine bestimmte Christologie. Der Erlöser Christus ist 
ein Geisteswesen, aus dem obersten Lichtreich auf diese Erde 
herabgesandt zum Zweck der Offenbarung oder Aufklärung der 



328 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 



Menschen. Als göttliches Wesen ist er weder geboren noch ge- 
storben, nur zum Schein Mensch wie wir gewesen, indem er sich 
mit einem menschlichen Leib bekleidet hat. Sein Werk bestand 
wesentlich in der Mitteilung des höheren Wissens und der heiligen 
Weihen. 

5. Eine bestimmte Erlösungslehre. Die Erlösung ist gänz- 
lich Sache des Einzelnen, nicht der Gemeinschaft. Sie geschieht 
durch die Befreiung des Menschen aus der Knechtschaft der 
unteren Götter und durch die richtige Vorbereitung auf die 
Rückkehr nach oben. Die Befreiung selbst erfolgt durch die 
Mitteilung der höheren Erkenntnis, die Aufklärung des Menschen 
über seinen Ursprung, sein Ziel, die Hindernisse und deren 
Ueberwindung. Dadurch wird das Göttliche in ihm, der Geist, 
seiner selbst bewusst. Der Christ hat sich alsdann vorzubereiten 
auf seine Heimkehr durch den Empfang der Weihen und Siegel, 
die ihm nach dem Tod den Durchgang durch alle feindlichen 
Geister erzwingen, und durch Askese, Abtötung des Kreatür- 
lichen an sich, das vom Weltschöpfer stammt. Stellenweise ist 
an Stelle dieser Askese frecher Libertinismus getreten aus der 
gleichen Wurzel, dem Dualismus heraus. So geht die Erlösung 
intellektuell, magisch, physisch vor sich. 

6. Eine bestimmte Einteilung der Menschen. Die Menschen 
sind ungleich von Haus aus. Der Unterschied ist ein physischer: 
der Besitz oder die Ermangelung des geistigen Teils aus der 
oberen Welt. Nur diejenigen Menschen sind der Erlösung fähig, 
die mit dem geistigen Samen ausgestattet sind. Für diese allein 
ist Christus erschienen. Sie kehren nach dem Tode zu Gott zu- 
rück, während die ganze übrige Menschheit der Vergänglichkeit 
anheimfällt. Gelegentlich sind zwischen die Fleischlichen und 
Geistigen noch die Gerechten, die Mittelklasse der Braven, ge- 
setzt, die durch ihre Tugend sich eine Halbseligkeit verdienen. 

Dies in Kürze die gnostische Theologie. AVelches ist ihr 
Ursprung? 

Nach der Theorie der späteren antignostischen Kirchen- 
väter entstand der Gnostizismus durch einen runden Abfall von 
der katholischen Theologie. Die katholische Kirche, heisst es, 
ist sich immer gleich geblieben; verändert hat sie sich nie, ver- 
ändert haben sich immer nur die Ketzer. An dieser Theorie ist 
etwas sehr Richtiges: Der Katholizismus hält im ganzen die ge- 
rade Entwicklungslinie des Urchristentums ein. Aber gänzlich 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 329 



falsch ist diese Annahme eines Abfalls der Gnostiker aus dem 
fertigen, unveränderlichen Katholizismus heraus. Beide zu- 
sammen, Gnostizismus und Kathohzismus, sind erst geworden 
aus einem Dritten, der Theologie und Frömmigkeit des aposto- 
lischen Zeitalters, die weder gnostisch, noch katholisch war. 
Zum Teil ist der Katholizismus sogar erst das Produkt der anti- 
gnostischen Kämpfe. Es gab eine Zeit , wo die späteren feind- 
lichen Brüder noch friedhch neben einander lebten, wo die spä- 
teren Katholiken selbst einer Menge gnostischer Ideen in sich 
Raum gaben. Denn es hat der Kirche von Anfang an nicht an 
einer Menge spontan dem Gnostizismus zulaufenden Tendenzen 
und Stimmungen gefehlt. 

AVo liegen im Christentum der ersten Zeit Anknüpfungs- 
punkte und Ursachen der gnostischen Bewegung? 

Eins ist klar von vornherein. Der geschichtliche Jesus und 
der Gnostizismus haben rein nichts mit einander zu schaffen. 
Obschon Jesus in den Mittelpunkt der gnostischen Systeme ge- 
setzt wurde, gehen er und seine Anbeter sich gar nichts an. Speku-- 
lation und Mystik sind Dinge, die Jesus nicht kannte. Nie ent- 
fernt sich seine Predigt vom Praktischen, Sittlichen, von den Auf- 
gaben des menschlichen Lebens. Wohl weiss er sich von der 
Geisterwelt umgeben, aber seine Neugierde schweift nie dort 
hinüber. Vom Sturz des Satans vom Himmel hören wir in einem 
Gelegenheitswort, das ein einziger Evangelist erzählt und das 
nur dazu diente, die Jünger zu trösten. 

Schon die Christustheorien des Paulus haben sich sehr selten 
mit dem geschichtlichen Jesus berührt. Was Paulus von Jesus 
aussagte, das war im Grund ein Mythus und ein Drama, zu dem 
Jesus den Namen hergab. Allein Paulus vertritt daneben das 
ganze praktische Evangelium Jesu 5 er ist in allem , was er ver- 
langt und erstrebt, ein treuer Jünger seines Herrn. Das macht 
den grossen Unterschied zwischen ihm und den Gnostikern aus. 
Das einzig bestätigen uns beide, dass die höchsten Spekulationen 
über Jesus gar keine Garantie des Christlichen bieten. 

Trotzdem hat die spätere Zeit auch bei Jesus gnostische 
Anknüpfungen gefunden. Sie sind darum lehrreich, weil sie uns 
zeigen, wie stark in der Kirche selbst gnostisierende Tendenzen 
lebten. 

1. Jesus hatte in Gleichnissen zum Volk geredet. Warum 
that er das? „Gleichnisse" (Parabeln) bedeuteten für das ganze 



330 Die AusbilduDg d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

hellenistische Judentum Rätselreden, nichts anderes. Das Dunkle, 
der Erklärung und Auflösung Bedürftige war ein Hauptmerkmal 
des Begriffs. So mussten denn auch die Gleichnisreden Jesu als 
Rätsel und Geheimnisse betrachtet werden. Das ist überall im 
NT der Fall. Nach den Synoptikern sind in Jesu Gleichnissen die 
Mysterien des Gottesreichs enthalten. Das Volk soll sie nicht ver- 
stehen, aber auch die Jünger können es nicht, sie sind zu schwer. 
Nur die „Auflösung" Jesu eröffnet die Gnosis der Parabeln. 
Der Evangelist Matthäus beruft sich für das griechische Wort 
„Gleichnisse" aufPs 78 2, wo „Verborgenes von der Schöpfung 
her" damit in Parallele steht. So wird Jesus zum Philosophen, 
der mit Rücksicht auf die Unfähigkeit der Massen für einen 
kleinen Kreis von Vertrauten in scheinbar einfältigen Sprüchen 
tiefe göttliche Geheimnisse niedergelegt hat. 

Nun waren bei Marcus die Jünger, die allein den Tiefsinn 
der Gleichnisse verstehen dürfen, als Repräsentanten der Ge- 
meinden gedacht. An Geheimnisse für die Christen selbst denkt 
• Marcus nicht. Aber wie leicht fügte sich das hinzu! Sobald 
die Anschauung verschiedener Klassen von Christen, also die 
Uebertragung des Unterschieds von „Volk" und „Jünger" auf 
die Christen selbst, aufkam, war in den Gleichnissen Jesu ein 
Anstoss zum höheren Wissen gegeben. 

Zunächst kam es auf Grund der Synoptiker zu der Meinung, 
dass Jesus überhaupt in Gleichnissen und Rätseln geredet habe, 
nicht nur wegen der Verstockung des jüdischen Volks, sondern 
wegen des Unverständnisses der Jünger. Hieran erkennt man 
den plötzlich sich einstellenden Abstand der späteren Zeit von 
Jesus selbst. Die Herrnworte in den Synoptikern erscheinen 
auf einmal dürftig, ärmhch, der Tiefe ermangelnd. Es fehlte 
darin gänzlich das, was man suchte, das Spekulative und Mysti- 
sche. Was fehlte, das musste notwendig in dem Vorhandenen 
verborgen sein. Hier setzt dann die Theorie vom Geist ein. 
Für Johannes sind die Reden Jesu überhaupt Gleichnisse. Das 
Verständnis der Jünger reichte nicht an Jesus heran, solang 
er lebte, und Jesus selbst konnte noch nicht alles offenbaren. 
Daher der Verweis auf den Geist, d. h. auf das vierte Evange- 
lium. Während Jesus bei Marcus Einzelnes parabolisch sagte 
und sofort den Jüngern auslegte, hat er bei Johannes beinahe 
alles parabolisch gesagt und das Verständnis der späteren Zeit, 
dem Geist überlassen. Diese Theorie ist gnostisch. Man darf 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 331 

vermuten, dass diese Verallgemeinerung und diese Geistestheorie 
überhaupt zur Zeit des vierten Evangeliums begann. Im ganzen 
2. Jahrhundert herrscht zwischen Kirche und Häresie vöUiges 
Einverständnis über das Wesen der Parabelreden Jesu. Das 
ist besonders deutlich in den Nachbildungen des Hermas, zu- 
mal im fünften Gleichnis. Der Unterschied zwischen Gnosti- 
kern und Katholiken in diesem Punkt ist ein relativer: Die 
Gnostiker werfen sich früher und stärker auf die Parabeln Jesu, 
während die Katholiken, z. B. Barnabas und Justin mit Vorliebe 
bei den Parabeln des ATs verweilen. Daher ist z. B, ein Irenäus 
eigentlich wehrlos den Gnostikern gegenüber; er hilft sich nur 
durch die beständige Berufung auf die Glaubensregel, durch den 
Verweis von den doppeldeutigen Worten Jesu auf die klaren. 

2. Eine zweite Anknüpfung boten die Unterschiede im Ver- 
trauenskreis Jesu. Bei Marcus erschien der Kreis des Petrus 
und der Zebedaiden an mehreren Stellen besonderer Liebe und 
besonderen Vertrauens gewürdigt. Sie allein z. B. sahen das 
Geheimnis seiner Verklärung, von dem sie nicht reden dürfen 
bis zu seiner Auferstehung. Ihnen und dem Andreas allein er- 
öjEfnete Jesus die Zukunft. Sie waren die bevorzugten Lieblings- 
jünger Jesu. Sollte er ihnen nicht manche Geheimnisse eröffnet 
haben, welche die anderen Jünger nicht kannten? Schon die 
Verklärung war ein Beweis dafür, dass solches geschah. Hier 
hatte Marcus selbst mit einer esoterischen Theorie begonnen: 
er erzählt eine Geschichte, die der Mehrzahl der Apostel zu 
Lebzeiten Jesu unbekannt war. Im nachapostohschen Zeitalter 
musste das Bedürfnis nach Geheimtraditionen solcher Ver- 
trauensmänner noch viel grösser werden. Johannes geht auf 
dies Bedürfnis ein durch die Einführung des grossen Unbe- 
kannten, des Jüngers, den Jesus lieb hatte. Es verhält sich 
freilich damit ganz eigentümlich. Er erhält gar keine Spezial- 
offenbarung, sondern stützt bloss durch seine Autorität die Er- 
zählung des vierten Evangeliums. Durch die Theorie vom Geist 
wird sogar jede Spezialoffenbarung geleugnet. Da zeigt sich 
also, dass der Evangelist sich wohl anschliesst an Tendenzen 
seiner Zeit, zugleich aber sie ganz umbiegt. Wir dürfen daraus 
schliessen, dass diese Berufung auf Vertrauensmänner für Ge- 
heimtraditionen in vielen christlichen Kreisen Mode war. Papias, 
der bei allen alten Christen herumfrägtj was Andreas, was Petrus, 
was Philippus, was Thomas, was Jakobus, was Johannes, was 



332 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 



Matthäus gesagt haben, legt indirekt Zeugnis dafür ab. Aber 
für die Kirche trat die Zahl der Gesamtapostel an die Stelle aller 
einzelnen Lieblinge. Das ist doch auch nur ein relativer Unter- 
schied. 

3. Von grosser Bedeutung war sodann ein ganz vereinzeltes 
harmloses Wort Jesu, das Marcus zuerst überliefert, die Ver- 
heissung des Geistes nach Jesu Tod. Es war damit gemeint, 
dass die des Redens unkundigen Jünger durch eine höhere Kraft 
befähigt werden sollten, sich vor Gericht zu verteidigen. Daraus 
bildete sich die Meinung, dass die Jünger im Geist den Ersatz 
und Fortsetzer Jesu bekommen sollten. Das konnte nun etwas 
sehr Verschiedenes bedeuten je nach dem Begrift" vom Geist. Aus 
dem Geist konnten Orakel stammen, oder Zungenreden, oder 
Weisheit und höhere Erkenntnis. Wurde das letzte betont, so 
ergab sich, dass die Jünger erst nach Jesu Tod die höhere Er- 
kenntnis erhalten haben. Nun konnte jede spätere christliche 
Erkenntnis, für deren Auftauchen im Verlauf des Lebens Jesu 
kein Platz war, aus dem Geist hergeleitet werden — falls man 
nicht, was auch ein beliebtes Mittel war, sie in Worte des Auf- 
erstandenen kleidete. Im vierten Evangelium ist der Paraklet — 
so heisst hier der Geist als Anwalt der Jünger — der Geber aller 
höheren Erkenntnis. Er war noch nicht da zur Zeit des irdischen 
Jesus. Seine Existenz datiert erst aus späterer Zeit. Aber aus 
ihm stammt alles, was das tiefe universale Verständnis Jesu er- 
öffnet hat. Er bekommt dann freilich als Geist der Wahrheit 
eine orthodoxe Wendung. Allein ein formeller Unterschied zwi- 
schen der höheren Weisheit des Johannes und derjenigen aller 
gnostischen Offenbarungen besteht nicht. Beide arbeiten bewusst 
an einer Ergänzung des Evangeliums Jesu. 

4. Dazu kam endlich das seltsam radikale Wort Jesu: 
„Niemand hat den Vater erkannt, als der Sohn", das Jesus im 
Gefühl seiner Ueberlegenheit über die Schriftgelehrten, die berufs- 
mässigen Kenner Gottes, ausgerufen hatte. Es schien so, als 
habe Jesus hier seine Offenbarung als etwas absolut Neues, mit 
nichts Früherem zu Vergleichendes hingestellt. Es war wie ein 
Strich durch das ganze AT. Das Losungswort: „Der neue Gott 
und die neue Offenbarung" konnte sich darauf stützen. Was lag 
näher, als zu sagen: Den Judengott kannte man schon vor Jesus, 
also war es nicht der Gott, den Jesus allein offenbarte. Im 
Johannesevangelium erklärt Jesus den Juden, dass nicht sein 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 333 

Vater, sondern der Teufel ihr Gott sei. Der jüdische Mono- 
theismus muss diesem Autor sehr wertlos erscheinen, denn den 
Vater erkennt bloss, wer den Sohn hat. Solche Sätze sind rein 
gnostisch. Der Evangelist Jobannes ist auch in der That der 
Meinung, dass Gott sich nie früher schauen Hess. Freilich setzt 
er dann den Logos als den Offenbarungsgott des ATs ein und 
rettet dadurch den Zusammenhang mit der ATlichen Geschichte. 
Nach ihm legt Justin das synoptische Herrnwort so aus: Die 
Juden erkannten nicht, wer der Vater ist, und wer der Sohn. 
Sobald man mit diesen Sätzen des Johannes und Justin Ernst 
machte, musste man zum Schluss gelangen: der Gott des ATs 
sei nicht der Vater Jesu Christi. 

Das sind aber auch alle gnostischen Anknüpfungen bei Jesus. 
Im Grund ist das alles nicht der wirkliche Ausgangspunkt der 
gnostischen Bewegung. Es bleibt dabei: Jesus und die Gnostiker 
gehen sich nichts an. Aber nachdem man einmal dem Gnosti- 
zismus zu tendierte — das thut auch der Verfasser des Johannes- 
evangeliums — konnte man von rückwärts aus auf die angeführte 
Weise Jesus in die gnostische Theologie hineinziehen. Das ge- 
schah von dem Augenblick an, da die synoptischen Evangelien 
sich in der Heidenkirche einbürgerten. Da der Grundstock der 
Synoptiker noch gar keine gnostische Gefahr spüren lässt, die 
Johanneischen Schriften dagegen darauf Rücksicht nehmen, fällt 
die entscheidende AVendung in die zwei letzten Jahrzehnte des 
1. Jahrhunderts zwischen die Entstehung des Marcus- und des 
Johannesevangeliums. 

Ganz anders als Jesus hatte Paulus dem Gnostizismus vor- 
gearbeitet. In seiner Erlösungslehre, seiner antijüdischen Apo- 
logetik, seiner Gnosis lagen Anknüpfungspunkte für die gnosti- 
sche Richtung in Hülle und Fülle da. 

1. Die paulinische Erlösungslehre geht aus von der völligen 
Schlechtigkeit dieser Welt. Die Theorie vom Fleisch legte es 
nahe, in der Materie als solcher den Sitz des Bösen zu suchen. 
Seine Abfallstheorie riss Gott und die jetzige Welt auseinander 
und gab der letzteren eine gewisse Selbständigkeit. Seine Geistes- 
theorie setzte den Satan zum Gott dieser Welt oder redete jeden- 
falls von ihm in dualistischen Worten. In diesem Stück folgen 
ihm Johannes und Ignatius, denen auch der Teufel der Fürst 
dieser Welt ist. Auch für Johannes ist der Kosmos etwas Selb- 
ständiges, Abgefallenes, der Rettung bedürftig und doch ihrer 



334 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

nur in beschränktem Mass fähig: Jesus bittet nicht für diese 
Welt. Fleisch und Geist stehen sich wie zwei verschiedene 
"Welten gegenüber. Allerdings macht dann die Fleischwerdung 
des Logos alle dualistischen Konsequenzen unmöglich. Aber 
diese Konsequenzen konnten gezogen werden und wurden ge- 
zogen. Dann ergab sich direkt die Trennung des Weltschöpfers 
vom Gott Jesu. Sie allein krönt den Pessimismus dieses Systems. 
Auch hat Paulus ihr praktisch an einem Stück vorgearbeitet, in 
der Stellung zum Geschlechtlichen. 

Die Christologie des Paulus enthält im Keim alle Momente 
der gnostischen Ausbildung. Jesus heisst der Erlöser (Soter). 
Er ist ein Wesen, das gar nicht aus der unteren Welt stammt, 
sondern vom Himmel her. Seine Natur ist eine himmlische. Im 
Himmel führte er ein vorzeitliches Dasein, bis er sich zur Er- 
niedrigung herabliess und sich vomPleroma entleerte. Nun wurde 
er Mensch. Allein, da er von Natur anderer Art ist, war ihm das 
Menschsein etwas Fremdes. Daher das „Bild" oder „Gleichnis'' 
des Sündenfleisches, des Menschen, in dem er erschien. Wie 
nahe lag da die doketische Konsequenz. Es wäre ein Wunder 
zu nennen, wenn sie nicht gezogen worden wäre. Nach kurzer Zeit 
stieg er dann wieder zum Himmel hinauf, nachdem er die Dämonen 
bezwungen hatte. Sein Erlösungswerk war die Offenbarung des 
Gottes der Liebe und die Eröftnung der jenseitigen Welt. 

Diese paulinischen Theorien sind bei Johannes angewandt 
auf die evangelische Erzählung. Auch hier ist Jesus der Soter, 
der im Himmel weilt und dorther kam, dessen Heimat der Him- 
mel ist. Er allein ist von oben, wir alle sind von unten. Jedoch 
kommt es bei Johannes nur halbwegs zu einer Erniedrigung. Der 
Soter hat schon auf Erden alle Kräfte der himmlischen Herrlich- 
keit ausgestrahlt und dadurch den verborgenen Gott geofienbart. 
Sein Werk ist, die Menschen aus dem Kosmos zu retten, ihnen 
den ihnen unbekannten Gott zu offenbaren und ewiges Leben zu 
schenken. Das alles setzt den konsequenten paulinischen Pessi- 
mismus voraus. Wie nahe steht aber der johanneische Christus 
dem Doketismus! Er braucht nicht zu essen und zu trinken, kann 
bloss sterben, wenn er will. Er sieht in jedes Menschenherz, thut 
lauter Wunder Gottes, wird entrückt etc. Das ist die reine Kon- 
sequenz nicht der Logosidee, sondern überhauj)t des himmlischen 
göttlichen Ursprungs Jesu. Zugleich ist klar, dass für diese ganze 
Betrachtung die Parusie und das Eschatologische überhaupt fast 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 335 

wegfällt. Höchstens dies steht am "Werke des Erlösers noch aus, 
dass er uns in die obere Welt heimholt. Ganz anders dachte in 
Wirklichkeit Johannes als Gemeindechrist. Im Evangelium 
schreibt er als Gebildeter. 

Auch die Erlösungslehre im engeren Sinn tendiert schon bei 
Paulus stark auf das Gnostische hin. Der Geist ist der Faktor, 
auf den alles ankommt. Er ist bei Paulus ein Geschenk Gottes 
oder Christi, das bloss die an den Soter Glaubenden bekommen. 
Die Erlösung besteht im Empfang und im Wachstum des Geistes. 
Der Geist ist aber an Medien gebunden, wie vor allem die 
Kirche, die Sakramente. Durch Kirche und Sakrament erhält 
der Christ die neue Kraftzufuhr von oben, durch die oft hart 
das Asketische streifende Bändigung der Triebe hilft er selbst 
mit, dem Geist ein würdiges Heim zu bereiten. Schon jetzt ist der 
Christ neues Geschöpf, auferstanden, Ghed am Leib Christi. Aber 
erst durch die Eschatologie wird der Prozess vollendet, das 
Fleisch ganz vernichtet und es kehrt der Geist in seine Heimat 
zurück, denn „Fleisch und Blut kann das Gottesreich nicht 
ererben". 

Nicht wesentlich anders denkt der Nachfolger des Paulus, 
Johannes, über die Erlösung. Der Anfang des Neuen ist die 
AViedergeburt oder Geburt von oben, der üebergang vom Tod 
zum Leben — das Ende die Heimkehr in die obere Welt. Aber 
der Geist tritt bei Johannes sehr stark zurück, während das, was 
der Mensch selbst thun kann und soll , im Vordergrund steht. 
Das ist bereits der Gegensatz zu der Ueberspannung der Geist- 
theorie bei den Gnostikern. Immerhin wird das neue Leben so 
geschildert, wie später bei Valentin, als der Sieg über die Welt 
und die Befreiung aus ihren Banden. Sehnsüchtig blickt der 
Christ dem Ende dieses Sieges entgegen. Die Taufe vermittelt 
die Geburt von oben, das Abendmahl bringt Himmelsspeise und 
kräftigt das neue Leben. Stark tönen überall gnostisierende 
Ausdrücke an, Gott wohnt in den Christen, sie sind in Gott. 
Gott und Christus kehren zusammen ein in der Seele des wahr- 
haft Frommen. Wie die Gnostiker sagen: „Wir sündigen nicht, 
und wir haben nicht gesündigt", so erklärt auch Johannes: „Wer 
aus Gott geboren ist, der kann nicht sündigen, denn Gottes 
Samen, der Geist, wohnt in ihm." Der Teufel darf ihn gar nicht 
anrühren. „Wir sind aus Gott und die ganze Welt liegt im 
Argen." So heftig Johannes die Gnostiker bekämpft, zum min- 



336 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

desten die Ausdrücke, die er braucht, sind oft den gnostischen 
zum Verwechseln ähnlich. 

Die Vollendung des paulinischen Pessimismus ist die Lehre 
von dem vom höchsten Gott verschiedenen Weltschöpfer, die der 
paulinischen Christologie der Doketismus , die der Erlösung 
durch den Geist die physisch-magische Erlösungslehre, die der 
Eschatologie die Leugnung der Auferstehung des Leibes. Frei- 
lich sind das lauter Konsequenzen, die Paulus selbst verabscheut 
hätte; es ist auch kinderleicht, sie auf Grund seiner Briefe zu 
widerlegen. Das Beste, das Christliche der paulinischen Theo- 
logie ist dem Gnostizismus entgegengesetzt. Immerhin enthält 
die paulinische Erlösungstheologie ein starkes gnostisches Fer- 
ment. Spekulationslust, Mystik, Askese, selbst Magie fand in ihr 
reichliche Nahrung. Die Fortsetzung, die Paulus in der johannei- 
schen Theologie fand, ist ein Beweis dafür, wie man in kirchlichen 
Kreisen, die sich gegen den Gnostizismus stemmten, von Paulus 
her stark gnostisch beeinflusst war. Der Unterschied der Gno- 
stiker und des Johannes ist öfters nur der, dass Johannes vor 
seinen eigenen Konsequenzen Halt macht. 

2. Auch die antijüdische Apologetik des Paulus konnte 
vielen wie ein halbes Ding erscheinen, das eine konsequente 
Ausbildung erforderte. Paulus hatte das jüdische Gesetz verwor- 
fen und zugleich für von Gott eingegeben erklärt. Konnte man 
dabei stehen bleiben? Hob doch Paulus gelegentlich selbst her- 
vor, dass das Gesetz von Engeln gegeben sei und den Weltele- 
menten nicht fern stehe. Das hiess doch soviel als: Es stammt 
nicht vom guten Gott. Barnabas, ein kirchlicher Lehrer, ging so 
weit, die wörtliche Befolgung des Gesetzes auf eine teuflische Ver- 
führung zurückzuführen. Zugleich leugnete er, dass Gott mit den 
Juden einen Bund geschlossen habe. Bei Johannes redet Jesus 
immer von eurem, — d. h. der Juden — Gesetz. Das alles rief 
die Theorie herbei, die den Gesetzesgott und den Vater Jesu 
Christi trennte. Freilich stand dem entgegen die positive Stellung 
Jesu selbst zum Gesetz. Allein die Synoptiker leiteten dazu an, 
Unterschiede im Gesetz zu finden. Das Ceremonialgesetz jeden- 
falls konnte nach seinem Wortsinn nicht vom höchsten Gott 
stammen. 

Folge davon war ein praktischer Antinomismus. Es kommt 
nur an auf Glaube und Liebe und Geist. Alles andere ist 
Nebensache. Für den Christen giebt es kein Gesetz und nichts 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 337 

Verbotenes. Alles ist erlaubt. Die Christen sind frei. Eine ganze 
Reihe paulinischerWorte — natürlich aus ihrem Zusammenhang 
herausgerissen — scheinen für den Libertinismus zu sprechen. 
Dabei konnte man dann diesen Libertinismus tiefsinnig oder ge- 
mein verstehen, je nachdem man wollte. 

In seiner Auseinandersetzung mit den Juden hatte Paulus 
die doppelte Prädestinationslehre aufgestellt. In ihr war dem 
Denken ein scharfer Widerspruch gegeben. Der gleiche eine 
Gott sollte Gefässe des Zorns und Gefässe der Gnade geschaffen 
haben. Undenkbar! Die doppelte Prädestination setzt einen 
doppelten Gott voraus. Vom Gott der Gnade stammten die 
Geretteten, vom Gott des Zorns die Verlorenen. 

Nun las man bei Paulus viel von sarkischen und pneumati- 
schen Menschen. Die Pneumatiker hatten ihr gutes Teil vom 
christlichen Gott empfangen. Aber woher hatten die Sarkiker 
ihr böses Teil! Darauf gab Paulus keine Antwort. Was lag 
näher, als für die Fleischesmenschen einen anderen Ursprung, 
einen anderen Gott anzunehmen? Sofort verbündet sich der neue 
Prädestinationsgedanke mit der Idee der zwei Menschenklassen. 

Diese Verbindung lässt sich bei Johannes am besten erken- 
nen. Er denkt scharf prädestinatianisch, aber zugleich dua- 
listisch. Es giebt Gotteskinder und Teufelskinder. Beide haben 
ewigen transscendenten Ursprung. Der Geist ist der Same, den 
das Gotteskind aus der oberen Welt mitbekommen hat. Von da 
aus ist die Freiheit aufgehoben. Johannes tritt dennoch für sie 
ein und sprengt den Dualismus. Er will auf die Seite der Apolo- 
geten, nicht der Gnostiker gehören. Aber ein Repräsentant der 
gnostischen Richtung ist er doch. 

3. Aber am allerstärksten hat Paulus durch seine Gnosis 
der neuen Richtung vorgearbeitet, die ja auch nach ihr benannt 
ist. In Betracht kommt dabei sowohl die Form der Gnosis, ihre 
Definition und die Bestimmung ihres Verhältnisses zum Glauben, 
wie der Inhalt, die durch pneumatische Exegese gewonnenen 
angelologischen und christologischen Spekulationen. 

Die Definition der paulinischen Gnosis lautete dahin, dass 
sie geoffenbartes Verständnis der Offenbarung ist. Drei Merk- 
male konstituierten ihren Begriff: sie steht höher als der Glaube, 
ist Eigentum Einzelner und stammt aus dem Geist. Genau die 
gleiche Auffassung vom Wesen der Gnosis vertreten die kirch- 
lichen Lehrer des nachapostolischen Zeitaltei"s, z. B. die Ver- 

Wernle, Anfänge. 22 



338 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

fasser des Hebräer-. Klemens-, Barnabasbriefs. Es macht nichts 
aus, wenn sie betonen, dass alle Christen die Gnosis besitzen 
sollten, da ja alle auch mit Geist ausgerüstet sind. Denn in 
Wirklichkeit wissen sich gerade diese Briefschreiber als die Ver- 
treter des höheren Wissens gegenüber ihren Adressaten, die sie 
erst dazu erziehen. Die klassische Stelle für die kirchliche Auf- 
fassung der Gnosis enthält der Hebräerbrief: „Ueber Christus 
Melchisedek ist viel zu sagen, und es ist schwer auszulegen, weil 
ihr harthörig geworden seid. Denn da ihr der Zeit nach solltet 
Lehrer sein, bedürft ihr vielmehr wiederum der Belehrung über 
die Elemente des Anfangs der Worte Gottes und habt es dahin 
gebracht, dass ihr Milch braucht statt fester Speise. Wer sich 
an Milch hält, versteht nichts vom Wort der Gerechtigkeit, denn 
er ist unmündig. Die feste Nahrung aber ist für Vollkommene, 
für die, deren Sinne durch Hebung geschult sind zur Unterschei- 
dung von gut und böse. Darum wollen wir das Wort vom An- 
fang Christi dahinten lassen und uns zur Vollkommenheit erheben, 
nicht abermals das Fundament legen mit Busse von toten Wer- 
ken, Glauben an Gott, Taufenlehre und Handauflegung, Toten- 
auferstehung und ewiger Verdammnis." Vom Geist ist hier nicht 
die Bede; der von Philo gebildete Verfasser folgt einer wissen- 
schaftlichen Auslegungsmethode, die für ihn fast die Stelle der 
Inspiration einnimmt. Aber deutlich ist die stolze Erhebung der 
Gnosis über die Pistis und des Lehrers der Vollkommenheit über 
die unmündige Menge. Zwischen kirchlichen und gnostischen 
Lehrern besteht kein Unterschied hinsichtlich des Wesens der 
Gnosis und ihres Rechts. 

Dazu kommt ein Weiteres. Die kirchlichen Lehrer übten, 
hierin dem Paulus folgend, ihre Unterscheidung des doppelten 
Schriftsinnes am AT aus. Der Verfasser des Hebräerbriefs 
thut dies in der platonischen Art, dass er zwischen Idee und 
Erscheinungsbild unterscheidet und allen ATlichen Realitäten 
nur den Wert von Erscheinungsbildern, Schatten zugesteht. Die 
Anwendung dieser Methode auf die Worte Jesu und die Schriften 
des Paulus tritt uns bei kirchlichen Lehrern noch nicht entgegen. 
Sie bestand aber auch zu Recht, wenn Jesus nach Johannes die 
meiste Zeit in Gleichnissen geredet hat. Die Gnostiker ent- 
fernten sich grundsätzlich nicht von den kirchlichen Lehrern, 
wenn sie die platonische Methode des Hebräerbriefs auf die Ob- 
jekte des christHchen Glaubens übertrugen. Dadurch kam eigent- 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizisraus. 339 

lieh erst Klarheit in das Verhältnis der Gnosis zur Pistis hin- 
ein. Es ist nicht derselbe Gegenstand, der sich dem Glauben als 
Thorheit, der Gnosis als Weisheit darbietet. Sondern der Glaube 
geht nur auf das Abbild, den Schein, während erst die Gnosis 
das Urbild im Jenseits erfasst. Das ist die spätere Valentinia- 
nische Methode. Die Kirche war ihr prinzipiell wehrlos preis- 
gegeben. Ansätze sind vielleicht schon bei Johannes vorhanden. 
Da gelten doch Taufe und Abendmahl als Sinnbilder höherer 
Wahrheiten, der Geburt von oben, der Speisung mit dem Logos. 
Die Wunder sind Allegorien geistiger Begriffe, z. B. die Heilung 
des Blindgeborenen und die Erweckung des Lazarus. Der Tod 
Jesu bedeutet scheinbar das Gericht über Jesus, in Wahrheit das 
Gericht über den Teufel. In der Konsequenz dieser Ansätze 
liegen die grossen Allegoresen des Lebens Jesu und des paulini- 
schen Kreuzes bei Valentin. Der Unterschied ist nur der, dass 
Johannes zugleich dem Wortsinn Bedeutung beilegt, während 
die späteren Gnostiker ihn ganz verwerfen. 

Aber auch der Inhalt der paulinischen Gnosis war bedeutungs- 
voll für die häretische Entwicklung. Geoffenbarte Auslegung des 
ATs sollte die Gnosis sein. Thatsächlich offenbarte sie lauter 
Dinge, die mit dem AT in nur losem Zusammenhang standen. 
Sie las aus dem heiligen Buch eine grosse überirdische Geschichte 
Christi und der Geister heraus, entdeckte die Geheimnisse vom 
Abfall, Kam^jf und Versöhnung der Geister, setzte Jesus und 
sein Kreuz als die Centralsonne ins Geisterreich ein, bildete die 
Begriffe von der Fülle (Pleroma) und der Entleerung (Kenosis) 
der Gottheit in Christus. Auch die Syzygie Christus und die 
Kirche, das Urbild der menschlichen Ehe, entdeckte Paulus im 
AT. Es lässt sich nachweisen, dass diese angelologischen und 
christologischen Spekulationen die kirchlichen Kreise tief auf- 
geregt und beschäftigt haben. Der Verfasser des Hebräerbriefs 
und Hermas arbeiten zum Teil in fast entgegengesetzter Weise 
daran, Christi Stellung zu den Engeln und Erzengeln abzugrenzen- 
beide geben ihm die Centralstelle im Geisterreich. Bei Johannes 
ist ein Wort im Gespräch Jesu mitNikodemus besonders wichtig: 
„AVenn ich euch das Irdische sagte, und ihr glaubt nicht, wie 
werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage!" Dem- 
nach hat der Christ von Christus oder dem Geist her ein geoffen- 
bartes Wissen über die himmlische Welt, zu dem jedenfalls die 
Gewissheit, dass der Satan der Vater der ungläubigen Juden ist, 

22* 



k 



340 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirehl. Theologie. 

und dass er vom Himmel gestürzt ist, gehört. Wie eine Aus- 
legung des Johanneischen Wortes sieht eine Stelle bei Ignatius 
aus in dessen Brief an die Trallianer. Ziel des christlichen Wissens 
sind die himmlischen Dinge. Dazu gehören die Rangordnungen 
der Engel und die Heere der Archonten, Sichtbares und Unsicht- 
bares, das alles in Beziehung auf Christus und das Kreuz. Denn 
auch die Engel und Geister macht einzig der Glaube an das Blut 
Jesu selig. Jedoch kommt dies ganze höhere Wissen sogar dem 
Ignatius fast zu hoch vor, geschweige den Unmündigen der Ge- 
meinde, die nur darunter Schaden leiden könnten. Das ist eine 
Probe für den Inhalt kirchlicher Gnosis. Sie ist der häretischen 
wesensverwandt. 

Man kann in der That den Paulus nicht davon freisprechen, 
dass er der gnostischen Bewegung Vorschub geleistet hat. 
Dinge, die bei Jesus ganz fehlen, kamen durch ihn in das Christen- 
tum hinein: Spekulationen verwegenster Art, die vor keiner 
Schranke des Geisterreichs Halt machten, Einführung der Mystik 
durch die Theorie von dem in uns wohnenden Christus oder Geist, 
Schlagworte des Libertinismus und zugleich Verherrlichung der 
Virginität, Wertschätzung der Erkenntnis in einem den Griechen 
entgegenkommenden Sinn. Der erstaunliche Mann hatte einen 
Reichtum geistiger Güter über die Kirche ausgeschüttet, der zu 
gross für sie war und ihr gefährlich wurde. Im Kern seines 
Wesens war Paulus trotzdem dem Gnostizismus völlig fremd. 
Das Sittliche, die Liebe, der Dienst, die Zucht stand ihm hoch 
über allen Spekulationen und Gefühlen. Alle Theorien, auch die 
verwegensten, stellt er in den Dienst der ruhigen Arbeit im Ge- 
meinschaftsleben. Er vergass seine eigene Seele samt allem 
religiösen Genuss, sobald er den Brüdern helfen konnte. Die 
Freiheit des Gewissens und der Ruhm der Erkenntnis sollen zu- 
rücktreten, sobald schwache und ängstliche Gemüter Not leiden. 
Das ist die helle Kehrseite des kirchlichen Charakters dieses 
Mannes. Er war Gemeinschaftschrist, nicht Geistesaristokrat 
und Egoist, wie die Mehrzahl der Gnostiker. Das hat ihm die 
Kirche gedankt, als sie sich durch alles Pochen der Gnostiker 
auf ihren Paulus nicht irre machen Hess an der Treue gegen ihren 
Gründer. 

Daraus folgt aber, dass die Berufung der Gnostiker auf 
Paulus nichts für ihren Ursprung beweist. Sie haben ihn benützt, 
sich an ihn angelehnt, aber sie sind nicht von ihm ausgegangen. 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 341 

Persönliche Schüler des Paulus sind überhaupt keine Gnostiker 
gewesen. Ihr Abhängigkeitsverhältnis von ihm datiert erst seit 
der Verbreitung der paulinischen Briefe in den meisten Gemein- 
den, also seit ungefähr den neunziger Jahren des 1. Jahr- 
hunderts. In Gedanken, die sie schon vorher hatten, wurden sie 
dann durch das Lesen seiner Briefe bestärkt. 

Wenn nun der Gnostizismus weder von Jesus herzuleiten 
ist, der ihm ganz fremd gegenübersteht, noch unmittelbar von 
Paulus her abgeleitet werden kann , weil bei Paulus die kirch- 
lichen antignostischen Züge nicht weniger stark hervortreten als 
die dem Gnostizismus Vorschub leistenden, so kann er nur durch 
die Einwirkung fremder Elemente auf das Christentum erklärt 
werden. Der Gnostizismus entstand dadurch, dass das junge 
Christentum in den grossen allgemeinen Religionssynkretismus 
hineingezogen wurde. Jüdische, babylonische, persische, syrische, 
ägyptische, griechische Einflüsse stürmten auf die junge Religion 
ein und erzeugten die seltsamen gnostischen Mischgebilde, die 
mehr der allgemeinen Religionsgeschichte angehören als der An- 
fangsgeschichte des Christentums. 

Und zwar müssen die jüdischen Einflüsse in der ersten Zeit 
am stärksten gewesen sein. Die Irrlehrer, gegen welche der Ver- 
fasser der Pastoralbriefe und Ignatius kämpfen, werden von ihnen 
als judaisierend geschildert. Hegesipp berichtet, dass die Gno- 
stiker aus jüdischen Sekten hervorgegangen seien. Der grosse 
Erzketzer der späteren Kirchenväter, der Magier Simon, w^ar ein 
Halbjude, Samaritaner. Freilich waren das alles keine korrekten 
Juden, wie etwa die Judaisten, welche gegen Paulus intriguiert 
hatten. Das offizielle, rabbinische Judentum hat solche gnostische 
Juden gerade so gut wie die Christen in den Bann gethan. Es 
waren Vertreter eines jüdischen Glaubens, der selbst fremden 
Religionseinflüssen unterlegen war. 

Es ist leicht zu erklären, wie es kam, dass Juden, scheinbar 
Anhänger der stabilsten, abgeschlossensten Religion, sich in die 
allgemeine Religionsmischung hineinziehen Hessen. Was den 
Juden zum Juden macht, ist etwas rein Praktisches, das strenge 
Festhalten am nationalen Gesetz. Der Begriff des Dogma exi- 
stiert hier gar nicht im gewöhnlichen Sinn. Der Glaube ist frei. 
Es hat daher gar nie Glaubensstreitigkeiten unter den alten 
Juden gegeben. Die Apokalyptik vertrug alle verschiedenen 
Zukunftsphantasien neben einander^ sie konnte griechische 



342 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl, Theologie. 

Höllenphantasien gerade so gut aufnehmen, wie babylonische 
Drachenmythen und persische Auferstehungslehren. Ein Ver- 
bot irgend welcher Eschatologie gab es nicht. So war auch der 
Engelglaube der Hauptsache nach importiert aus Persien und 
Babylonien. Man scheute vor ganz dualistischen Sätzen nicht 
zurück, wie man anderseits durch die Mittelwesen, das Wort, 
den Metatron, die Schechinah, den Monotheismus umrahmte. Das 
NT ist in vielen seiner Schriften selbst Zeugnis für die Zersetzung 
des jüdischen Glaubens. Ein Mönchsorden, wie die Essener, be- 
weist uns, dass solche fremden Phantasien schliesslich auch das 
praktische Leben umgestalten und dem nationalen Gesetz Kon- 
kurrenz machen konnten. Damit ist der Weg für die Entstehung 
des Gnostizismus im Judentum gebahnt. Er ist da, sobald die 
nationale Gesetzespraxis an einzelnen Stellen gelockert wird 
durch Folgerungen aus fremden Spekulationen, sobald das 
Fremde auch im Leben das Jüdische verdrängt. Samarien, wo 
der Magier Simon auftrat, war ja von Haus aus das Land der 
B-eligionsmischung. Kein Wunder, dass hier das Jüdische zuerst 
unterlag. 

Somit liegt der letzte Ursprung des Gnostizismus auch 
hinter dem Judentum zurück. Er ist dem Judentum selbst erst 
importiert worden. Auf Babylon weist die Rolle, welche die 
Sieben, die Gestirngötter, in den ältesten Kosmologien ein- 
nehmen, auf Persien der gute erlösende Gott, der die Macht der 
Tyrannen, der Gestirngötter, brechen kann. Babylonische und 
persische Rehgion trafen zuerst zusammen und erzeugten die Idee 
der Knechtung der Seele durch die Schicksalsmacht der unteren 
Tyrannen und ihrer Befreiung und ihres Aufstieges über alle 
Gestirne empor zum guten Gott des Lichts. Dann setzten sich 
diese Ideen in jüdischen Köpfen fest. Der Judengott, der die 
Welt erschuf, musste sich die Degradation gefallen lassen, selbst 
an die Spitze der Tyrannen zu treten. Die Thatsache, dass in 
allen gnostischen Systemen der Judengott der Weltschöpfer ist, 
beweist, dass die gnostischen Lehren den Umweg durch das 
Judentum gemacht haben, bevor sie zu den Christen kamen. Für 
die Christen, die solche Geheimtheorien vernahmen, setzte sich 
sofort ihr Herr Jesus in die Mitte der Spekulation als Erlöser 
ein, wie er das schon gewesen war in der Theologie des Paulus. 
Sie fanden, dass die paulinische antijüdische Erlösungstheologie 
ja ganz dasselbe ausdrückte, was die neuen gnostischen Lehren 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 343 

nur mit schrofferen Konsequenzen verkündeten. Leute, wie der 
Magier Simon, haben übrigens sich selbst die Hauptrolle im gno- 
stischen System gegeben. Denn Simon erklärte , dass der un- 
bekannte Gott unter den Juden als der Sohn, unter den Sama- 
ritanern als der Vater, unter den Heiden als der heilige Geist 
erschienen sei. Dadurch hat er sich über Jesus gestellt, so sicher 
als der Vater höher steht als der Sohn. 

Schliesslich sind diese gnostisch-babylonisch-jüdisch-christ- 
lichen Ideen zu den griechischen Christen gedrungen und em- 
pfingen dort erst die Läuterung und Verklärung durch die 
griechische Philosophie. Man merkt den Unterschied, wenn man 
die Systeme Valentins und seiner Schüler etwa mit den Speku- 
lationen der Ophiten vergleicht. Auch die höchsten Systeme ver- 
hüllen den barbarischen Ursprung nicht, aber sie nähern sich 
doch stark der dem Neuplatonismus zustrebenden Richtung der 
Gebildeten. Viele gebildeten Griechen wurden erst durch die 
gnostischen Geheimlehren dem Christentum zugänglich. Vorher 
erschien ihnen dieses ganz wie ein jüdisches Gewächs. Der jü- 
dische anthroj)omorphe Gott, ein Gekreuzigter als Erlöser, die 
jüdisch sinnliche Apokalyptik, das waren lauter Wahnvorstel- 
lungen für aufgeklärte Griechen. Jetzt erfuhren sie von einem 
höheren reineren Gottesbegriffe, vom blossen Schein des Kreuzes- 
todes, von einer Himmelswelt ohne Fleisch und Blut in rein jen- 
seitigen Farben. Die orientalische Mythologie der Gnostiker 
zeigte sich näher mit der griechischen Philosophie verwandt als 
die mit harten Geschichtsthatsachen rechnende Vorstellungswelt 
des Urchristentums. Wohl strebte ja auch das kirchliche Christen- 
tum mit Macht der Hellenisierung entgegen. Aber der Gnosti- 
zismus beschleunigte diesen Prozess. 

Nur muss man dann zu diesen klar erkennbaren Einflüssen: 
dem Jüdischen, dem Babylonisch Persischen, dem Griechischen 
noch hinzurechnen den ungeheuren Import von Aberglauben 
und Wahnvorstellungen aus der ganzen damaligen Welt des 
Völkerchaos, Es war etwas wirklich Internationales in der gno- 
stischen Religion. Zauberformeln aller Art, alte und neueste 
Mysterienweisheit, ein allgemeines asketisches Heiligenideal und 
dicht daneben tierische Verirrungen, alles nur Denkbare von 
Geheimnis und Schwindel hängt sich an die bis zu einem gewissen 
Grad erhabenen gnostischen Geheimlehren. Das Tiefsinnigste 
verschmolz sich mit Kindischem und Abstrusem. Das ganze 



344 E*ie Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl, Theologie. 

Völkerchaos brachte als erstes Geschenk allen religiösen Ge- 
heimniskram, dessen es sich rühmte, der neuen Religion dar. 

Es waren aber im Christentum des nachapostolischen Zeit- 
alters zwei Faktoren wirksam, die das Aufkommen des Gnosti- 
zismus mit all seinem internationalen Gefolge besonders be- 
günstigten. 

Man muss sich die älteste Zeit mit einer ungeheuren Frei- 
heit des Denkens und der Lehre vorstellen. Fest stand nur ein 
Glaubenssatz: Jesus der Herr oder der Erlöser. Alles andere 
war freigegeben an den Geist. Der Geist war reichlich aus- 
gegossen über Propheten und Prophetinnen, über Lehrer aller 
Art. Deshalb waren die theologischen Vorstellungen so flüssig 
und frei. Allerdings hatte man mit dem Judentum den ATlichen 
Kanon gemeinsam, allein noch war gar nicht fest ausgemacht, 
was darin stand und was nicht hineingehörte, und die rabbinische 
Auslegung, die einen Damm gegen die Gnostiker gebildet hatte, 
war verworfen. Jesus selbst hatte — so meinte man wenigstens 
— Unterschiede im Gesetz gemacht, Paulus hatte das Gesetz 
für abgeschafft erklärt. Wie konnte da das AT noch als heilige 
Autorität gelten! Fest standen allerdings gewisse praktische 
Grundsätze, wie sie später im Aposteldekret formuliert wurden. 
Allein Paulus z. B. hatte zum Götzenopferfleisch sich anders als 
das Aposteldekret gestellt. In dogmatischen Dingen aber gab es 
noch kein Dogma, so wenig als im Judentum. Der Gnostizismus 
entstand in einer Zeit, da die Apostel, Propheten und Lehrer 
noch obenan standen und jeder dieser Geistestrjiger Autorität für 
die weitesten Kreise besass. Es scheint , dass die ältesten Ver- 
breiter gnostischer Gedanken fast alle als Geistespersonen, 
Magier, Wunderthäter, Propheten und Prophetinnen aufgetreten 
sind. Das erklärt die ungemein rasche Verbreitung ihrer Gelieim- 
lehren, ihre Autoritätskraft und die Wehrlosigkeit vieler Christen 
gegen sie. Sie gaben ja gar nichts Neues, sie behaupteten bloss, 
wie alle christlichen Lehrer, das besondere Verständnis der Offen- 
barung zu besitzen. Solang diese Lehrfreiheit bestand, gab es 
keinen Schutz gegen die Ueberschwemmung des Christentums 
durch fremde Religionen. 

Dann aber war besonders entscheidend das Einströmen der 
heidnischen Massen in die christlichen Gemeinden und die Er- 
hebung der Aufgeklärten über das Massenchristentum. Schon 
der I. Korintherbrief des Paulus ist ja denkwürdig für die seit- 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 1. Ursprung d. Gnostizismus. 345 

same Zusammensetzung einer alten christlichen Gemeinde und 
die grossen Unterschiede in ihr. Diese christlichen Korinther 
waren zum grossen Teil der Auswurf der Grossstädte, die ver- 
sunkensten und verkommensten Elemente. Das ist nachher nicht 
anders geworden. Die Gemeinden rekrutierten sich lange Zeit 
grösstenteils aus den untersten Schichten der Bevölkerung. 
Daher dauerte es so lange, bis der Staat und die öffentliche Mei- 
nung auf die Christen aufmerksam wurden. Und daher war man 
dann so schnell bereit, ihnen alle scheusslichen Laster zuzutrauen. 
Diese rohen Massen schleppten natürlich eine ganze Fülle von 
heidnischem Aberglauben in die Gemeinden. Schon zur Zeit des 
Paulus haben manche sich in Korinth für ihre verstorbenen An- 
gehörigen einer zweiten Taufe unterzogen. Der grasseste 
Wunderglaube — Schweisstuch und Schatten in der Apostel- 
geschichte — , die Bluttheologie, der Dämonenglaube, die Reli- 
gion der Angst und Furcht und der Schutzmittel dagegen war 
hier zu Hause. So bildete sich von frühester Zeit an ein Massen- 
und Durchschnittschristentum, das von der Religion des Paulus 
gerade soweit entfernt war, wie jede Winkelsekte. Dokumente 
dieser Massenreligion haben sich in Partien der Apokalypse, der 
Apostelgeschichte, des Hirten des Hermas verirrt und erfüllen 
besonders die apokryphe und pseudepigraphe Literatur. Nun 
zeigt aber gerade der I. Korintherbrief, dass es von Anfang an 
über der Masse der Christen eine Anzahl Starke, Wissende, Auf- 
geklärte gegeben hat. Wir haben Erkenntnis, war ihr Lieblings- 
wort. Kleine freisinnige Kreise neben dem Massenchristentum 
gehören von Anfang an zur Signatur der christlichen Religion. 
In den folgenden Zeiten steigert sich die Kluft. Es kommt nicht 
darauf an, dass jene Aufgeklärten für unsere Begriffe oft nur 
Abergläubische höherer Ordnung waren. Sich selbst kamen sie 
als die Ueberlegenen vor, auch wenn sie bloss eine neue Zauber- 
formel vor den Gemeindechristen voraus hatten. 

Mit der Zeit veränderte sich die Stellung dieser Wissenden 
dahin, dass sie der Urgestalt des Christentums überhaupt fremd 
gegenüberstanden. Der geschichtliche Jesus ging sie nichts mehr 
an. Seine Wunder, seine Sittensprüche, sein Leiden und Tod 
erschienen ihnen kleinlich und jüdisch befangen. Jener jüdische 
Rabbi und das Weltprinzip, das sie suchten, passten nur ganz 
äusserlich zusammen. Das Christentum musste philosophisch 
bearbeitet werden, um überhaupt brauchbar zu sein. Zu dem 



346 Die Ausbildung d. Kirche. II. AusbilduDg d. kirchl. Theologie. 

Zweck bildeten sich die Schulen der Gnostiker. Durch den 
Gegensatz des Laienaberglaubens und des Freisinns bildete sich 
ein doppeltes Christentum und eine doppelte Lehre. Darauf lief 
jetzt die alte Unterscheidung von Glauben und Wissen hinaus. 
In den Schulen redete man nach der Welt, damit die Welt höre 
auf die Redenden. 

Auch an dieser Entwicklung nahm die Kirche selbst teil. 
Das vierte Evangelium und der I. Johannesbrief haben beide den 
gleichen Verfasser. Aber welch ein Unterschied ! Im Evangelium 
redet er als Gebildeter, im Brief als Laie. Im Evangelium stellt 
er das Christentum als Offenbarungsphilosophie hin, im Brief 
als Moral und eschatologische Hoffnung. Im Evangelium preist 
er es als die Religion des Lichts für die Reinen und Guten, im 
Brief als die Religion des Sündentrostes für die sonst Ver- 
lorenen. Das sind ungeheuere Gegensätze, die jedoch zusammen- 
gehalten sind durch einen Mann, der sich ganz dem Dienst der 
Gemeinden hingiebt. 

Wo diese kirchhche Liebe fehlte, blieb nichts übrig als 
ein Auseinanderklaffen. Am Ende des 2. Jahrhunderts und 
später sind Klemens und Origenes in Alexandria die Männer, 
welche, wie Johannes, zugleich für den Glauben der Laien sich 
wehren und für das Recht der Philosophie. Aber die Kluft 
zwischen den „einfacheren" Christen und den Gnostikern haben 
auch sie nicht ausgefüllt. Diese Kluft war eine Folge der Ver- 
weltlichung des Christentums im doppelten Sinn: Es verwelt- 
lichten die Gemeinden durch die Aufnahme der Massen, und es 
verweltlichten die Aufgeklärten durch die Aufnahme der Philo- 
sophie. 

Die Entstehung des Gnostizismus bedeutet den Versuch des 
Völkerchaos, das Christentum ganz in sich aufzunehmen und zu 
verschlingen. Dieser Versuch musste kommen, früher oder später, 
sobald das Christentum in die Welt hinausgetreten war. Dass 
es so ausserordentlich rasch geschah, hängt damit zusammen, 
dass die Entwicklung des Christentums überhaupt wie die eines 
exotischen Gewächses verläuft, ähnlich wie nachher die des 
Islam. Es wohnte eine echt orientalische Wildheit und Feurig- 
keit in ihm. Die Frage ist, wer siegen soll: das Völkerchaos 
oder das Evangelium Jesu. 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 347 

2. Der Kampf "und seine Polgen. 
Der geistige Kampf. 

Schon zu Lebzeiten des Paulus ist es zum ersten Zusammen- 
stoss der Kirche und gnostisierender Richtungen gekommen. In 
Kolossae traten Irrlehrer auf, die bereits von dem allgemeinen 
Religionsmischmasch erfasst wurden. Sie rühmten sich der jüdi- 
schen Beschneidung und zugleich griechischer Philosophie, em- 
pfahlen Engelsdienst und asketische Uebungen. Paulus bekämpfte 
sie vom Standpunkt seiner Gnosis aus und stellte ihrer Askese 
christliche Lebensgrundsätze entgegen. Wir wissen nichts über 
die weitere Geschichte dieser Sekte. Es waren die Sturmvögel 
vor der allgemeinen Invasion. Diese begann in den zwei letz- 
ten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts und wird fast von allen 
aus dieser Zeit entstehenden kirchlichen Schriften signalisiert. 
Die Pastoralbriefe und die Johannesbriefe, ca. 100 geschrieben, 
geben uns zum erstenmale einen deutlichen Begriff vom Inhalt 
der gegnerischen Behauptungen. 

Es ist lehrreich, wie schnell man sich doch des Unterschieds 
bewusst wurde. Wir sehen, wie die paulinische Theologie auch 
kirchliche Lehrer, z. B. Johannes, stark in eine gnostische Rich- 
tung getrieben hat. Man schätzte die Spekulationen hoch, redete 
duahstisch von Gott und Welt, Geist und Fleisch, streifte fast 
den Doketismus in manchen evangehschen Dichtungen. Aber 
die gleichen Lehrer, die eine solche kirchliche Gnosis vertraten, 
lehnten instinktiv jede Annahme der eigentlichen gnostischen 
Theologie ab. Das ist nur so zu begreifen, dass das Gefühl für 
das, was christlich ist und was nicht, im ganzen so stark bei 
ihnen war, dass es durch keine der Gnosis zutreibenden Speku- 
lationen gefährdet werden konnte. Ein Glück und ein Ehren- 
zeichen für diese Männer. Ihre Theologie war eine sehr unvoll- 
kommene Ausprägung des Christentums. Der wirkhche Jesus 
passte weder zu den jüdischen, noch zu den griechischen For- 
meln, deren sie sich bedienten. Allein sie trugen die christ- 
liche Frömmigkeit in sich, die alle Spekulationen geduldig er- 
trug bis zu dem Punkt, wo sie selbst alteriert zu werden drohte. 
Dort reagierte sie sofort und gebot der Theologie ein Halt 
mitten in ihren Spekulationen. Und nun trat die kirchliche 
Theologie selbst in den Kampf mit der gnostischen und stellte 
jeder These der Gnostiker die Antithese gegenüber. Deuthch 



348 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

lässt sich jetzt erkennen, auf welcher Seite jedesmal das Christ- 
liche liegt. 

1. Am unglücklichsten war der Kampf um den ersten Haupt- 
punkt, das Autoritätsprinzip. Die Gnostiker proklamierten die 
Souveränität des Geistes. Sie war gleichbedeutend mit dem 
Recht der Willkür, mit dem Sieg des Ausserchristlichen über 
das Evangelium. Auf dem Weg dieser Geistestheorie musste 
geradezu das Christentum vom Völkerchaos verschlungen werden. 
Die kirchlichen Lehrer erklärten nun: einzig der Geist Christi, 
d. h. die christliche Tradition, darf entscheiden. Das war im 
höchsten Grad vernünftig. Aber die Festsetzung und Abgrenzung 
der Tradition stellte schliesslich an Stelle des Geistes das kirch- 
liche Recht. Wir werden bei Anlass der kirchlichen Machtmittel 
davon zu reden haben. Hier kommt etwas anderes in Betracht. 
Die Götthchkeit des ATs, selbst des Gesetzes, wird gegen die 
Kritik der Gnostiker behauptet. Der Geist der Gnostiker wusste 
sich ja in das AT am wenigsten zu finden, sie setzten es zum 
Werk niederer Geister, des Demiurgen oder gar des Satan herab, 
und benützten für ihre Legitimation alte und junge Apokryphen. 
Aber in der Kirche spürte man, dass die Zerstörung des ATs 
dem Christentum den Boden unter den Füssen entzog und es 
allen Stürmen preisgab. Dazu kommen wichtige praktische 
Motive. Man brauchte zur Apologetik den Weissagungsbeweis 
und zu diesem die alten Schriften. Und die Verteidigung des 
Christentums als der alten erlaubten Religion fiel zu Boden, 
sobald das AT verloren ging. Es war eine schwierige Position, 
das AT zugleich gegen die Juden und gegen die Gnostiker als 
christliches Buch festzuhalten. Aber diese Position wurde be- 
hauptet. Der Verfasser der Pastoralbriefe mahnt die Bischöfe 
daran, sich das AT durch die gnostischen Verdrehungen nicht 
verleiden zu lassen. „Jede von Gott eingegebene Schrift ist 
auch nützlich zur Lehre, zur Ueberweisung und Zurechtweisung 
und zur Zucht in der Gerechtigkeit." Er setzt die jüdische 
Lehre von der Theopneustie des ATs schon voraus, er kämpft 
nur für den kirchlichen Nutzen des ATs. Was soll nun aber 
zum AT gehören und was nicht? Darüber kam man nicht ganz 
in das Klare. Einerseits unterwarf man sich der Entscheidung 
der jüdischen Rabbinen in Jahne, die das hebräische AT genau 
nach seinem heutigen Umfang festsetzten. Infolge davon haben 
einzelne christliche Lehrer sehr früh auf den Gebrauch jüdischer 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 349 

Apokryphen verzichtet. Der Verfasser des II. Petrusbriefs, der 
den Judasbrief ganz abschreibt, tilgt oder verwischt sorgfältig 
die Citate aus Henoch und der Himmelfahrt des Moses. Damit 
stimmt überein, was später Hieronymus registriert, dass viele 
Christen den Judasbrief wegen seines Henochcitats verwarfen. 
Allein in dieser alten Zeit zählten Leute, wie der Verfasser des 
II. Petrusbriefs, zu den Ausnahmen. Die grosse Mehrzahl der 
Christen besass ja die griechische Bibel, für die jener Beschluss 
der Rabbinen unwirksam war. Bis in die Zeit des Origenes 
muss der Gebrauch apokrypher jüdischer Schriften in der Kirche 
sehr verbreitet -gewesen sein. Wie nun hier kein klares Urteil 
gefällt wurde, so auch nicht bezüglich der Auslegung. Das 
Recht der Allegorese blieb anerkannt trotz des gnostischen 
Missbrauchs derselben. Ohne Allegorese gab es keine Rettung 
des ATs. Wie weit man hierin gehen durfte , illustriert der 
Barnabasbrief am besten, wenn er die rote Kuh auf Christus 
deutet und die Gematrie des Elieser, die 318 Knechte Abrahams, 
ausrechnet auf Jesus den Gekreuzigten. Hauptsache blieb, dass 
nun das AT als göttliches Buch, als der Kanon für die Kirche 
gerettet wurde. Das war trotz allen schlimmen Folgen, die es 
brachte, im ganzen ein Glück für die Geschichte. 

2. Gegenüber der Trennung des Weltschöpfers und Erlöser- 
gottes hält man fest an der Einheit beider. Der Weltschöpfer 
ist kein Untergott, sondern der wahre, höchste Gott, der Erlöser. 
Zum erstenmale bekämpft der Verfasser der Pastoralbriefe die 
gnostische Gottestheorie, indem er die Einheit Gottes betont und 
der Askese entgegentritt. „Jedes Geschöpf Gottes ist gut. Die 
Speisen hat Gott den Christen zum Genuss mit Danksagung ge- 
schaffen." Klar erkannte man in der Kirche, dass es sich nicht 
um blosse Spekulation handle, sondern um das Recht des christ- 
lichen Vorsehungsglaubens. Hat der Christ in dieser Welt Gott 
über sich oder den Teufel? Verdankt er sein Leben, seine Ge- 
sundheit und natürliche Kraft dem Gott, der ihn erlöst oder 
einem Feind desselben? Gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts 
treten die alten Ausdrücke: „Der Teufel der Fürst dieser Welt" 
etc. in christlichen Schriften stark zurück. Ireiiäus rechtfertigt 
durch eine kühne Exegese, dass Paulus den Satan nicht Gott 
dieser Welt genannt habe. Dafür tritt Gott als Schöpfer Himmels 
und der Erde in das alte Symbolum ein. Auf alle Fälle soll 
eine positive Stellung zur Welt festgehalten werden. 



350 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

3, Als eine Konsequenz des Gottesglaubens ergab sich die 
Verteidigung der „Auferstehung des Fleisches" gegen die rein 
spiritualistische Eschatologie der Gnostiker, Schon die Pasto- 
ralbriefe kennen die Irrlehre: Die Auferstehung sei schon ge- 
schehen, Polykarp und Justin signalisieren sie weiter. Die prak- 
tische Bedeutung des im Grund ja jüdischen Dogmas werden sich 
wohl diese alten Lehrer, ähnlich wie später Irenäus und Tertul- 
lian, klar gemacht haben. Soll der Christ sich zur Welt und Na- 
tur positiv stellen und die asketischen Neigungen aus dem Feld 
schlagen, so muss sein Fleischesleib, den ihm Gott der Schöpfer 
gab, nicht wie etwas Schlechtes der Vergänglichkeit verfallen. 
Dazu kam, dass man auf das alte Erbstück, die jüdische Escha- 
tologie, nicht verzichten wollte, allein das erste Räsonnement gab 
den Ausschlag. Da hat aber Paulus durch seinen Satz : Fleisch 
und Blut werden das Gottesreich nicht ererben, den kirchlichen 
Lehrern grosse Schwierigkeit bereitet. L-enäus bezeugt uns, dass 
er die Hauptstütze der Gnostiker war. Schon Justin musste in 
einer uns verlorenen Schrift sich bemühen, jenem Satz des Pau- 
lus eine kirchlich passende Wendung zu geben. Aber wichtiger 
als Worte des Paulus erscheinen die Erzählungen vom auferstan- 
denen Jesus. Hier fand die Theorie von der Auferstehung des 
Fleisches ihre Illustration. Es ist doch etwas Grossartiges, wie 
die alten Märtyrer in den Tod gehen mit der Gewissheit, dass 
der Gott, der ihren Leib erschuf, ihn wiederherzustellen die 
Macht hat. 

4. In der Christologie wird das Beste, die Menschheit Jesu, 
gerettet gegen ihre doketische Verflüchtigung bei den Gnostikern. 
Dieser Doketismus trat ungemein früh auf, auch wohl in weiteren 
als nur gnostischen Schulen, als natürliche Konsequenz der 
„Gottheit" Christi. Ihm gegenüber tritt schon der Verfasser 
der Pastoralbriefe für die Menschheit Jesu ein : Ein Mittler 
zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus. 
Der Verfasser der Johannesbriefe hat Gegner vorsieh, welche 
leugnen, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen sei, und 
welche Jesus auflösen, d. h. unterscheiden zwischen dem himm- 
lischen Christus und dem irdischen Jesus, wie z. B. Kerinth dies 
that. Dieselben leugnen auch das Blut, d. h. den Tod Jesu. 
Ihnen gegenüber verficht Johannes den Fleischesleib Christi, 
seinen wirklichen Tod und die Einheit Jesu Christi, des Erlösei'S. 
Bald darauf begegnen uns die Schlagworte des Doketismus bei 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 351 



den Irrlehrern, die Ignatius bekämpft : Zum Schein hat er ge- 
litten, alles Menschliche, das von Jesus erzählt wird: Davidsohn- 
schaft, Geburt, Essen und Trinken, Sterben, Auferstehen hat 
Jesus nur zum Schein durchgemacht. Im Gegensatz dazu stützt 
sich Ignatius auf die Sätze des Symbols und fügt zu jedem sein 
„wahrhaftig" hinzu. Auch hier verficht die Kirche ein prak- 
tisches Interesse: Soll die persönliche Heilsgewissheit auf einem 
Phantom ruhen oder auf einer Reahtät ? Prächtig hebt es Igna- 
tius hervor : Wozu soll ich mich den Tieren vorwerfen lassen für 
einen Glauben,, der auf Schein beruht ! Hier hatte die Kirche zu- 
dem an Paulus den mächtigsten Bundesgenossen. Der ganze 
Paulinismus fiel zusammen, wenn sein Mittelpunkt, das Kreuz, 
ein Phantom war. Die Ausgleichung der so kräftig verteidigten 
Menschheit mit der Gottheit Christi macht zunächst keine Sorge. 
Gerade Ignatius nennt Jesus mit Vorliebe Gott, Auf das „Dass" 
kam es an, das „Wie?" überliess man späteren Geschlechtern. 
Dankbar dürfen wir diesen Männern immer bleiben, die Jesus 
gerettet haben vor der gänzlichen Auflösung. 

5. Am allerwichtigsten war die Verdrängung der physischen 
Erlösungslehre durch die moralisch -kirchliche. Die Gnostiker 
berufen sich auf die Pneumalehre des Paulus , die sie einseitig 
und willkürlich auslegten. Man erkennt dies indirekt daran, 
dass in den Pastoralbriefen, wie im Johannesbrief die Erlösung 
durch den Geist so vollständig zurücktritt. Johannes teilt uns 
eine Menge Redensarten der Gnostiker mit: „Ich habe Gott er- 
kannt, ich bin im Licht, ich wohne in Gott, ich bin in Gott ge- 
boren und Gottes Same wohnt in mir, ich bin vom Tod zum 
Leben hindurchgedrungen , ich liebe Gott, die Liebe Gottes ist 
in mir vollendet! Wir sündigen nicht und haben nicht gesündigt." 
Voran steht immer die Erkenntnis, in zweiter Linie die Mystik 
als Frucht der Erkenntnis, der Flug der Seele über alle Welt 
zu Gott und die Einwohnung Gottes in der Seele. Dies Fröm- 
migkeitsideal hatte keineswegs Libertinismus notwendig im Ge- 
folge. Aber selbst bei hohen edeln Seelen war es in der Regel 
mit Vernachlässigung und Geringschätzung der schlichten Moral, 
der Liebe, der Gemeinschaftlichkeit verknüpft. Ignatius charak- 
terisiert diese religiösen Genussmenschen treffend: „An der Liebe 
liegt ihnen nichts, nichts an Witwen, nichts an Waisen, nichst an 
Kranken, nichts an Gebundenen oder Freigelassenen, nichts an 
Hungernden und Dürstenden. Der Eucharistie und des — kirch- 



352 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 



liehen — Gebets enthalten sie sich." Es ist ein Zeichen der Ge- 
sundheit der kirchlichen Kreise, dass sie der Verführung zur 
mystisch-contemplativen Frömmigkeit, die sich so fest auf Worte 
des Paulus berief, ebenso fest widerstanden. Der Verfasser der 
Pastoralbriefe und der der johanneischen Schriften stehen hier 
Schulter an Schulter neben einander in dem Eifer für das prak- 
tisch-sittliche Verständnis des Evangeliums Jesu, in der Abwehr 
der Spekulationen, der Mystik und Askese, Glaube und Liebe, 
sagt der Pseudopaulus, ist die Hauptsache, die gesunde Lehre. 
Auf Gerechtigkeit, Glaube, Liebe, Eintracht mit den kirchlichen 
Christen kommt es an. Gute Werke sollen die Christen hervor- 
bringen , das ist gut und den Menschen nützlich. Kein Christ 
darf fruchtlos sein. Frömmigkeit, die zu allem nütze ist, ist 
besser als Askese, die wenig fruchtet. Der I. Johannesbrief 
bringt die gleichen Gedanken, nur in der so viel mächtigeren 
Sprache, die ihm eigen ist. Die Kennzeichen eines Christen sind 
das Halten der Gebote, das Thun der Gerechtigkeit, die Bruder- 
liebe. Auf gar nichts anderes kommt es an. Erkenntnis und 
Mystik sind leere Phrasen, sobald die schlichte Moral und Liebe 
fehlt. Wo aber diese da ist, da ist auch die Erkenntnis und 
Gottesgemeinschaft. Da Gott kein direktes Objekt unserer Liebe 
sein kann, sollen wir die Gottesliebe an den Brüdern bewähren. 
In beiden Briefgruppen ist die pneumatische Erlösungslehre ge- 
radezu aufgegeben, weil sie der Moral Schaden brachte. An 
Stelle des Geistes treten Kirche und Sakrament; in ihnen tritt 
die rettende Gnade zu den Menschen. Dann aber soll der Christ 
selbst arbeiten und schaffen an seiner Erneuerung. Es liegt nur 
in der Konsequenz dieser Betonung der Moral, dass Justin und 
nach ihm Irenäus die Freiheit des Willens gegen die Gnostiker 
zu verteidigen beginnen. Natur und Wille war von da an die 
Parole. Diese Antithese entsprach den wirkhchen Gegensätzen. 
Es handelte sich um Sein oder Nichtsein des Christentums als. 
der höchsten sittlichen Religion. 

6. Wie die physische Erlösungslehre sich nur mit einer ari- 
stokratischen Unterscheidung der Menschenklassen verträgt, so 
sind umgekehrt die kirchlichen Lehrer von ihrer Hochschätzung 
der Moral aus zur Proklamation der Gleichheit aller Menschen 
gekommen. Die Pastoralbriefe wie der erste Johannesbrief be- 
kämpfen den partikularistischen Satz, dass nur die Pneumatiker 
gerettet werden, und Christus auch nur für sie erschienen sei. 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 353 

Ignatius scheint Gegner vor sich zu haben, die mit einem Sakra- 
ment der Salbung die Christen zu Wissenden einweihten, die dann 
über der Masse des Verderbens stehen sollten. Aehnliches kann 
schon zur Zeit des I. Johannesbriefs geschehen sein. Im Gegen- 
satz dazu verfechten die Verfasser der genannten Briefe einmal 
den Universalismus des Heils: Gott will, dass alle Menschen ge- 
rettet werden, Jesus ist der Erlöser aller Menschen, die Versöh- 
nung für die ganze Welt — und sodann die Gleichheit aller 
Christen in der Erkenntnis und Reife. Johannes geht am ein- 
fachsten vor, indem er Glauben und Erkenntnis gleichsetzt. Der 
Glaube ist Erkenntnis, alle Gläubigen sind auch Wissende. „Ihr 
habt die Salbung vom Heiligen und seid alle wissend. Ihr habt 
es nicht nötig, dass euch jemand lehrt." Genau so denkt der 
Verfasser der Pastoralbriefe: Der Glaube ist die Erkenntnis der 
Wahrheit, etwas Höheres giebt es nicht. Ignatius warnt die 
Epheser vor dem falschen Salbungssakrament: „Warum denn 
werden wir nicht alle vernünftig, da wir die Erkenntnis Gottes, 
nämlich Jesus Christus, empfangen haben? So soll der demo- 
kratische Charakter des Christentums gewahrt bleiben; keine 
Unterschiede werden anerkannt als die des Fortschritts oder Zu- 
rückbleibens im sittlichen Wandel. 

Es ist kein schlechtes Stück Christentum , das die Kirche 
um jeden Preis gegen die Gnostiker festhalten wollte. FreiHch 
war nicht alles, das sie verteidigte, von gleichem Wert. Das 
Christentum hält fest an seiner AT liehen Grundlage, es behält 
die drei Stücke, die es vom Judentum übernahm: den Glauben 
an den Schöpfergott, die centrale Stellung der Moral, die Hoff- 
nung. Dass es dabei auch für die jüdisch-sinnliche Eschatologie 
und für das rabbinische Inspirationsdogma kämpfte, war zeitge- 
schichtlich erklärlich und schadete nicht so viel. Ebenso hält 
die Kirche vom Evangelium Jesu das Beste fest: seine Verheis- 
sung und Forderung, seinen demokratischen, das Licht aufsuchen- 
den Grundzug. Auf keinem einzigen Punkt haben die Gnostiker 
das Evangelium Jesu für sich. Insofern war der Vorwurf des 
Abfalls völlig berechtigt. Etwas anders steht es um das Verhält- 
nis der zwei streitenden Parteien zu Paulus. Beide haben Stücke 
von ihm ergriffen, der Paulus, den die Kirche schliesslich behielt, 
war nicht der ganze, sondern ein kirchlich beschnittener Paulus. 
Unleugbar haben die Gnostiker da und dort Konsequenzen des 
Paulinismus gezogen. Der paulinische Pessimismus, die Escha- 

Wernle, Anfänge. 03 



354 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

tologie, selbst die Erlösimgslehre und die antijüdische Apologetik 
waren sehr leicht gnostisch zu interpretieren. Allein die Kirche 
hat mit grossem Takt das für sie Brauchbare herausgefunden — 
es ist zugleich das Christliche — den Glauben, die Liebe, die Be- 
tonung der Werke, den Zusammenhang mit dem AT. Fragt 
man, wohin Paulus sich selbst gerechnet haben würde, so ist 
zweifellos klar: auf die kirchUche Seite. Der Paulus der Pasto- 
ralbriefe entspricht dem wirklichen Paulus — so tief er auch an 
Geisteskraft unter ihm steht — hundertmal besser als der Pau- 
lus, den die Gnostiker sich zurechtstutzten. 

Die kirchlichen Lehrer, die dem AT, dem Evangelium Jesu 
und dem — kirchlichen — Apostel Paulus Treue hielten, haben 
dadurch das Christentum gerettet vor der grössten und glänzend- 
sten Gefahr. Der Gnostizismus war ein Versuch des Völkerchaos, 
das Evangelium Jesu zu verschlingen. Das Völkerchaos erklärte 
sich bereit, Jesus die allerhöchste Stelle in der gnostischen Er- 
lösungsreligion zu geben, wenn er sich gefallen lasse, dieses Pro- 
dukt des Völkerchaos, bestehend aus Aberglaube und Philosophie, 
Mysterien Weisheit, asketischem Ideal, Mystik, Sehnsucht, der 
Führer zu sein. Es war der wirkliche Teufel, der zu Jesus sagte: 
alle Religionen der Welt sind dein , wenn du niederfällst und 
mich anbetest. Aber die kirchlichen Lehrer, die Jesu Sache führ- 
ten, widerstanden der Verlockung. Lieber ein armer menschlicher, 
ein gekreuzigter Jesus mit seiner ernsten Moral als dieser König 
und Gott im Reich des Aberglaubens. In dieser ihrer Antwort war 
ein ehrliches Stück Achtung vor den Realitäten und ehrlicher 
Zorn gegen den Schein. Es war etwas von Geradheit, demo- 
kratischem Trotz, beschränkter, hausbackener Gesundheit darin, 
ein grosses Nein gegen alle Religion der Auserwählten, der 
Aristokraten und religiösen Genussmenschen. Zweifellos rea- 
gierte hier der wirkliche Jesus gegen den phantastisch erdachten. 

Wenn es nur eine ganze Rettung, ein voller Sieg gewesen 
wäre! Aber das Völkerchaos gräbt seine Spuren tief in das kirch- 
liche Christentum ein ; wo es ganz zurückgeschlagen wird , da 
zahlt die Kirche teure Kosten, und sie erreicht doch nicht, was 
sie erreichen wollte, die Ausrottung der Wurzeln statt der Symp- 
tome. Die gnostischen Spekulationen werden abgelehnt und die 
kirchlichen dadurch befestigt. Aber sind die kirchlichen so viel 
besser oder gescheiter? Die Gottheit Christi und der Logos- 
christus sind genau so heidnische Gebilde wie der gnostische Soter ; 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 355 

bloss ist es unendlich schwerer, sie mit dem Menschen Jesus aus- 
zugleichen, als dies für die gnostische Christologie war. Die christ- 
liche Trinität sieht wie eine ärmliche Reduktion der gnostischen 
Aeonenlehre aus, unchristlich sind beide. Vor allem bleibt die 
Hochschätzung der Erkenntnis, der Intellektualismus bestehen 
trotz den Invektiven der Pastoralbriefe dagegen , das entstehende 
Dogma ist Beweis genug. Der Glaube selbst ist ja ein Wissen, und 
dies Wissen steht vor der Thür der Seligkeit, Ebenso ist die 
gnostische Mysterienreligion zurückgeschlagen, d. h. reduziert. 
An Stelle der. vielen Weihen und Riten hält die Kirche zunächst 
zwei fest, Taufe und Abendmahl. Damit erhält aber ein Stück 
der physischen und rituellen Erlösungstheologie kirchliche Sank- 
tion. Dies eine Stück reicht aus, um Länder und Jahrhunderte 
der christlichen Religion der Herrschaft des Aberglaubens aus- 
zuhefern. Alle kraftvolle Betonung der Moral ist nicht im stände, 
die Gefahr, welche die Sakramente heraufbeschwören, zu besiegen. 
Endlich das asketische Lebensideal hat dem sittlichen des Evan- 
geliums weichen müssen. Wie mächtig wettert der Verfasser der 
Pastoralbriefe gegen die, welche das Heiraten hindern wollen! 
Allein derselbe Autor erklärt Leute, die zweimal verheiratet 
waren, als untauglich für Episkopat und Diakonat. Das ist eine 
Konsequenz asketischer Anschauungen von der Ehe. Bestehen 
bleibt auch in der Kirche die Meinung, dass die Ehe befleckt, und 
als ihre Folge die Hochschätzung der Virginität als des heiligeren 
Standes. Daraus wird später das Mönchstum in der Kirche her- 
vorgehen. So besteht trotz des scharfen Gegensatzes immer noch 
mehr als genug Uebereinstimmung zwischen Kirche und Gnosti- 
zismus. Intellektualismus und Dogma, Sakramentsreligion, aske- 
tische Beurteilung des Geschlechtlichen sind die Belege. Es ist 
höchst lehrreich, das diese drei Erscheinungen an Jesus gar keinen 
Anhalt haben, dagegen aus paulinischen Schriften reichliche Nah- 
rung ziehen. Aber schon gelten Sätze des Paulus so viel wie 
Herrnworte. 

Wie teuer im übrigen der Sieg der Kirche bezahlt wurde, 
wird der nächste Abschnitt zeigen. Der Verzicht auf die Freiheit 
war der Preis. Jetzt erst, im Kampf gegen gnostische Willkür und 
Subjektivismus, entsteht das, was man den Kathohzismus nennt, 
die Kirche des Rechts und der Institutionen. Zwei dem ältesten 
Christentum ganz fremde Dinge, Orthodoxie und Kirchlichkeit, 
kommen auf und treten an die Spitze aller Forderungen. Nach 

23* 



356 Die Ausbildung d. Kirche. IL Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

den kleinen Johannesbriefen werden alle christlichen Gemeinden 
auf zwei Punkte geprüft: auf die Wahrheit, d. h. das orthodoxe 
Bekenntnis und auf die Liebe, d. h. hier in erster Linie den 
engen kirchlichen Zusammenschluss. Alles andere kommt hinten- 
drein. 

Indem die Kirche den Aristokratismus der Gnostiker, ihr 
hochmütiges Zerlegen der Menschheit in Geistesklassen, bekämpft, 
proklamiert sie: es giebt nur einerlei Christentum. Das entsprach 
völlig der Meinung Jesu, der wohl den Unterschied der Führer 
und der Geführten anerkennt, aber unter den Jüngern selbst keine 
Klassenunterschiede duldet. Allein die gutgemeinte kirchUche 
Proklamation war undurchführbar. Die grossen Unterschiede 
waren thatsächlich da. Einmal der Unterschied der Philosophen 
und der Laien, der „einfachen Christen", sodann der Unterschied 
der Heiligen und der gewöhnlichen Weltchristen. Jener war die 
Folge der Hellenisierung des Christentums zu einer Zeit, da es 
gleichzeitig durch den Import des internationalen Aberglaubens 
verroht wurde. Dieser war die Folge des seit Paulus bemerk- 
baren Daseins asketischer und enthusiastischer Tendenzen. Das 
von Jesus begründete Christentum ist darum Laienreligion, weil 
es nach Jesu Wort einzig auf die Früchte der Herzensreinheit 
und Gerechtigkeit, der Bruderliebe, des Gottvertrauens vor Gott 
ankommt und sonst auf nichts. Eben deshalb gewährt es weder 
den Theologen noch den Mönchen irgend einen Vorzug. Aber 
schon im apostolischen Zeitalter haben sich die Spekulationen, 
die Mystik und Askese an diese grossen Hauptsachen angesetzt. 
Damit entstand sofort ein doppeltes Christentum, welches die 
Gnostiker für sich ausnutzten und die kirchlichen Lehrer trotz 
guten Wollens nicht aus der Welt schaffen konnten. 

Aber trotz allem, es war ein Sieg des Evangeliums in den 
für die damalige Zeit einzig möglichen Beschränkungen. Die 
kirchlichen Lehrer, welche die Gnostiker zurückschlugen, ver- 
traten das alte Christentum , sowie sie es selbst überkommen 
hatten und verstanden. Deshalb kann sie kein Tadel treffen. 
Das Erreichbare gewollt und durchgesetzt zu haben, bleibt ihr 
Verdienst und sicherte dem Christentum das Fortbestehen. 

Die kirchlichen Machtmittel. 
Es ist bei dem geistigen Kampf zwischen katholischen und 
gnostischen Lehrern nicht geblieben. Ja, so bitter dies Ein- 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seiue Folgeo. 357 

geständnis ist, die geistigen Waffen der Kirche hätten zum Sieg 
nicht ausgereicht. Der Kampf war entbrannt, als die Kirche 
nur höchst primitive, enthusiastische Formen besass. Noch waren 
die Geistesmänner, Apostel, Propheten, Lehrer die einzigen Auto- 
ritäten neben den Herrnworten und dem Kanon des ATs. Es 
bestand freie Lehrfreiheit, grosse Freiheit der Kultusübungen, 
weitherzige Ausdehnung des Christennamens über alle, die Jesus 
den Herrn nannten. Das Dasein dieser Zustände gefährdete und 
zerrüttete die Gemeinden und erschwerte die klare Scheidung 
der Gegensätze. Von dieser Notlage aus sind die kirchlichen 
Machtmittel zu begreifen und teilweise zu entschuldigen. Die 
Kirche hat die frühere Freiheit durch drei Massregeln zerstört: 
die Aufhebung der Lehrfreiheit, die Centralisation des Kultus 
und Gemeinderegiments unter den Bischöfen, den Ausschluss und 
die Verdammung der Häretiker. Erst von diesen Massregeln an 
datiert die katholische Kirche. 

1. Die Aufhebung der Lehrfreiheit erschien als das einzige 
Mittel, dem Chaos der Lehrmeinungen eine Grenze zu setzen. 
Alle Widerlegung der Irrlehren half nichts, solange doch jeder 
Lehrer sich auf den Geist berufen konnte. Die Frage musste 
gestellt werden: Ist es jedem Beliebigen gestattet, gestützt auf 
den Geist, seine neuen Lehren vorzutragen? Diese Frage stellen, 
liiess sie verneinen. 

Die Verfasser der Pastoralbriefe, der Johannesbriefe und 
Ignatius gehen einig im Bestreben , die Lehrfreiheit aufzuheben. 
Aber sie brauchen zwei verschiedene Mittel. 

Einmal die Theorie vom Amtsgeist der Bischöfe. Diese 
Theorie will reine Organe für die Lehre schaffen. Der Geist der 
Erkenntnis ist im Besitz weniger, nämlich der Apostel und ihrer 
Nachfolger, der Bischöfe. Sie allein bewahren die göttliche Tra- 
dition (Mitgabe, depositum). Durch Handauflegung wird der 
Geist der Wahrheit übertragen vom Vorgänger auf den Nach- 
folger. Die Pastoralbriefe, die zuerst diese rechtliche Theorie 
aufstellen, wünschten, dass die Presbyter zugleich die Lehre 
selbst ausübten. Ein vergebliches Postulat! Die Beamten hatten 
zu viel zu thun, und es gab Lehrer neben ihnen. Trotzdem siegte 
der Kern dieser Theorie, die Lehre vom Depositum in den Hän- 
den der Bischöfe. Sie kehrt später bei Irenäus wieder mit um- 
fassender Begründung, nämlich verbunden mit der römischen 
Theorie der apostohschen Succession. Es war nun nicht mehr 



358 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

nötig, dass der Bischof zugleich Lehrer war. Eein als Bischof 
war er Garant der Lehre. So fasst schon Ignatius seine Stellung 
auf. Er kannte Bischöfe, denen die Gabe des geistlichen Redens 
versagt war, die besser schweigen konnten. Schadet nichts! Der 
Bischof ist doch Stellvertreter Gottes. Wer sich — auch in der 
Lehre — nicht zu ihm hält, ist fern von Gott. 

Sodann die Theorie der Glaubensregel. Sie will die reine 
Lehre selbst schaffen. Es ist bezeichnend, dass wir ihr in den 
Johannesbriefen begegnen. Deren Verfasser ist kein hierarchi- 
scher Mann, Stärkung des Amts ist nicht seine Sache. Er will 
einen Grundsatz aufstellen, der jeden Christen, nicht allein den 
Bischof, zum Richter einsetzt. Man soll die Geister, d. h. die 
Propheten und Lehrer prüfen, ob ihr Geist aus Gott stammt oder 
nicht. Zu dieser Prüfung genügt Kenntnisnahme ihrer Lehre. 
Wer doketisch lehrt, ist nicht von Gott. „Jesus Christus im 
Fleisch gekommen" heisst hier die regula fidei. Damit erreicht 
Johannes dasselbe, was die Pastoralbriefe wollen , nur auf kür- 
zerem Weg, ohne Stärkung der Bischöfe. 

Aber die Aufstellung der Glaubensregel ist älter als Jo- 
hannes. Im Grund kennt der Verfasser der Pastoralbriefe bereits 
beide kirchlichen Massregeln. Es gab eine alte „Predigt von 
Christus", eine kurze Zusammenstellung der Hauptpunkte der 
Christologie. Schon Paulus hatte seine Gemeinden einen solchen 
Abriss gelehrt: gestorben, begraben, auferweckt am dritten Tage. 
Dies Bekenntnis wurde allmählich vermehrt, zunächst ohne Rück- 
sicht auf gnostische Gegner, bloss zum Unterricht neu hinzu- 
tretender Christen. Der Verfasser der Pastoralbriefe kennt fol- 
gende Erweiterungen: aus dem Geschlecht Davids — unter Pon- 
tius Pilatus — der kommen wird zu richten Lebende und Tote. 
Sowohl das Fehlen der Jungfraugeburt, wie die ältere Ansicht 
der Davidsohnschaft verbürgt uns, dass zu dieser Zeit die Erzäh- 
lung von der wunderbaren Geburt Jesu noch nicht offiziell rezi- 
piert war. Erst Ignatius kennt diese Erweiterung des Abrisses, 
wenn auch keineswegs die Verdrängung der Davidsohnschaft. 
Er überliefert entweder: aus dem Geschlecht Davids, aus Maria, 
oder: aus dem Samen Davids, aus heihgem Geist. Bald darauf 
wurde die Davidsohnschaft entweder aus dem Bekenntnis ent- 
fernt — so im alten römischen Symbol: aus heiligem Geist und 
der Jungfrau Maria, — oder der Maria zugeschoben — so bei 
Justin: durch Maria, die Jungfrau, die aus Davids Geschlecht 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 359 



ist. Aber alle diese Erweiterungen und Veränderungen sind 
nicht aus antignostischem Interesse hervorgegangen, sondern aus 
dem Zwang, den Unterricht mit dem bereicherten Glauben in 
Einklang zu bringen. Wir wissen sogar, dass Gnostiker diesen 
Unterricht von Christus doketisch interpretieren konnten. Trotz- 
dem war dies Bekenntnis von Nutzen im antignostischen Kampf. 
Es enthielt eine feste bündige Formulierung eines Hauptteils 
der Lehre. Darauf konnte man stehen und von jedem gefähr- 
deten Punkt sich darauf zurückziehen. Schon Ignatius braucht 
nur dem „geboren, gestorben" etc. sein „wahrhaftig" hinzu- 
zufügen, so hat er die Gnostiker schon geschlagen. Die Ge- 
meinden wies man an, das Bekenntnis scharf antignostisch zu 
verstehen und als Schutzwaffe zu brauchen. Sehr früh im 2. Jahr- 
hundert wurde es da und dort mit dem Tauf Bekenntnis : Vater, 
Sohn und Geist, verbunden ; diese Verbindung schaßt das apo- 
stolische Symbolum. Sie ist für Rom zuerst nachweisbar. 

Fest standen nunmehr zwei Bestimmungen für die Lehrer: 

L Ein Lehrer hat, wo er auftritt, sich unter den Bischof zu 
stellen und sein Lehrrecht von ihm approbieren zu lassen. 

2. Jeder Lehrer hat seine feste Norm an der regula fidei. 

Folgenschwere Veränderungen ergeben sich daraus. Die 
Aufhebung der Lehrfreiheit bedeutet negativ das Sistieren der 
freien theologischen Produktion, positiv die Heiligerklärung der 
kirchlichen Tradition, d. h. der Apostel und ihrer Schriften. Das 
nachapostolische Zeitalter wird durch eine ungeheuere Steigerung 
des Ansehens der ersten Apostel charakterisiert. Alle Evan- 
gelien, die Apostelgeschichte, der I. Klemensbrief, Ignatius, der 
Judasbrief, die Apostellehre sind dafür Zeugen. Die frühere 
Zeit, vor allem Paulus, hatte aus dem Geist herausgedacht. Jetzt 
tritt an Stelle des Denkens aus dem Geist das Denken aus den 
Aposteln. Die Apostel sind der Geist. Dafür sind die Ab- 
schiedsreden bei Johannes besonders instruktiv. Hier finden 
wir einen letzten Ausläufer der alten Geistestheorie, aber nur zu 
Gunsten der apostolischen Traditionen. Die Apostel werden 
durch den Geist in die ganze Wahrheit eingeführt. In den Apo- 
steln wird Jesu Bild recht verklärt, d. h. in seinem Tiefsinn und 
Weitsinn verstanden, aber so, dass doch nichts wirkhch Neues 
hinzutritt, sondern nur eine Erinnerung an das, was Jesus früher 
sagte. Zeichen eines Christen ist nach Johannes das Bleiben, 
d. h. das Festhalten an der Tradition im Gegensatz zum Vor- 



360 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirehl. Theologie. 

wärtsschreiten der Gnostiker. Es bildet sich jetzt — gerade 
durch diese Theorie vom Spezialgeist der Apostel — die An- 
schauung aus, dass die Apostel Christi Person und Werk authen- 
tisch und erschöpfend festgestellt haben und dass die spätere 
Theologie lediglich die Aufgabe hat, das apostolische Verständnis 
zu überliefern. Schon die Apostelgeschichte arbeitet im Dienst 
dieser Auffassung mit ihrer Heiligendarstellung und Verherr- 
lichung der goldenen apostolischen Zeit, mit der verglichen die 
Zeit des Verfassers selbst sich als Epigonenzeit vorkommt. Aus 
dieser Auffassung entspringt auch die Abfassung zahlreicher pseu- 
donymer apostolischer Schriften, vor allem der katholischen 
Briefe. Ohne starkes Epigonengefühl wäre es nie dazu gekommen. 
In der Regel sind es Schriften der harmlosesten Art, die jeden- 
falls die Glaubensregel nicht verletzten durch eine neue Produk- 
tion. Wenn z. B. der I. Petrusbrief die Idee der Hadesfahrt 
Christi vorträgt, so ist das ein Zeichen, dass man sie sich schon 
kirchlich zurechtgelegt hat in weiteren Kreisen. Kam sie doch 
später sogar ins Symbolum. 

Diese Steigerung des Ansehens des Apostolischen hatte die 
neue Kanonsbildung zur Folge. Zunächst natürlich nur die Samm- 
lung apostolischer Schriften. Damit ging es aber sehr schnell 
vorwärts. Der I. Klemensbrief, von Rom nach Korinth ge- 
schrieben noch im 1. Jahrhundert, setzt eine Anzahl Paulusbriefe, 
den Hebräerbrief, synoptische Evangelien, die Apostelgeschichte 
als bekannt voraus, Ignatius, Bischof von Antiochia, zwei Jahr- 
zehnte später alle vier Evangelien, die Paulusbriefe mit Einschluss 
der Pastoralbriefe, die Apokalypse, Polykarp, Bischof von Smyrna, 
kurz darauf auch noch Apostelgeschichte, I. Petrus- und I. Jo- 
hannesbrief. Der Polykarpbrief ist besonders lehrreich für das 
rasche Werden des Kanons. Da schreibt ein gefeierter Bischof, 
der noch mit Aposteln oder doch Jüngern Jesu persönlich ver- 
kehrt haben soll. Aber was er zu sagen hat, ist fast nichts 
Eigenes, sondern fast lauter Sprüche aus dem späteren NT. Da- 
bei setzt er voraus, dass die grösseren Gemeinden in ihren 
Archiven Exemplare apostolischer Schriften besitzen. Papias, 
Bischof von Hierapolis und Zeitgenosse Polykarps zeigt uns, 
welch grosses Interesse man noch der mündlichen Tradition der 
Apostel schenkte. Er hat überall herumgefragt nach Aussprüchen 
der Apostel und darauf gestützt in seinen „Auslegungen der 
Herrnworte" eine Anzahl apokrypher Sprüche und Legenden 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 361 

gesammelt. Voraussetzung seines ganzen Unternehmens ist aber, 
dass jedermann die Hauptmasse des evangelischen Gutes aus den 
geschriebenen Evangelien kennt. Der Anfang der Kanonsbildung 
ist wirkUch da sehr bald nach dem Jahr 100. Er ist gegeben mit 
der Sammlung der apostolischen Schriften und dem Epigonen- 
bewusstsein. Alles Weitere , die Heiligerklärung , die Gleich- 
stellung mit dem AT kann sich ohne Bruch und Neuerung daran- 
schliessen. 

Es ist damit in gewisser Beziehung ein Schluss des Ur- 
christentums erreicht, da dieses im NTHchen Kanon sich selbst 
objektiviert und seine Vergangenheit anbetet. Man kann sagen, 
dass damit auch jene Heldenverehrung, das Treibende der ersten 
grossen Zeit, jetzt zur Ruhe kommt. Man hat die Schriften der 
Helden als Gesetz statt ihrer selber. Dadurch ist, ein halbes 
Jahrhundert vor dem Montanismus, der Tod der Prophetie und 
des lebendigen Heldenhaften ausgesprochen. Die Kirche der 
Tradition ist da. Ihre Lehrer, Justin, Irenäus haben Recht, 
wenn sie behaupten, nur konservativ zu sein, das alte heilige Gut 
weiter zu überliefern. 

2. Nicht weniger einschneidend war die zweite Massregel, 
die Centralisation des Kultus und Kirchenregiments im — bald 
nur noch monarchisohen — Episkopat. 

In der alten Zeit ruhte alle Autorität in den Händen der 
Wanderprediger, die für die Gesamtkirche als Organe Gottes 
galten. So oft sie in eine Gemeinde eintraten, so traten alle Vor- 
steher hinter ihnen zurück. Man glaubte, dass ein Prophet z. B. 
kräftiger beten könne als ein Bischof. Auf dieser Lage beruhte 
die Macht der Gnostiker. Sie ermöglichte es ihnen, in jeder Ge- 
meinde Anhang zu finden, Zweig vereine ihrer Schulen und Sekten 
zu bilden an jedem Ort. So hat man sich Gemeinden zu denken, 
in denen katholische und gnostische Vereine fröhlich neben ein- 
ander bestanden, wie vor Zeiten die verschiedenen Hausgemein- 
den, die Rm 16 voraussetzt. Ja das Wachstum des Gnostizis- 
mus ruhte zum grossen Teil auf dem Zauber, den fremde Pre- 
diger immer in einer Gemeinde ausüben. 

Wollte man daher dem Gnostizismus an die Wurzel gehen, 
so galt es, die Freiheit des Kultus und der kirchlichen Hand- 
lungen aufzuheben. Das geschah zur Zeit der Pastoralbriefe noch 
nicht. Es ist wohl schon im Anzug, wenn es heisst: Wer nicht 
hinzutritt zu den gesunden Worten und der frommen Lehre, d. b. 



362 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

doch auch zu den kirchhchen Gottesdiensten, der ist aufgeblasen. 
Allein klare Massregeln der Centralisation fehlen noch und das 
ist bei kollegialer Vorsteherschaft nicht zu verwundern. Die Cen- 
tralisation des Kultus lässt sich straff durchführen nur bei mo- 
narchischem Episkopat. 

Auch die Johannesbriefe, kaum viel später als die Pastoral- 
briefe geschrieben, sind ein Beweis dafür, dass die Centralisation 
des Kultus noch nicht vollendet ist zu ihrer Zeit. Der III. Jo- 
hannesbrief lässt erkennen, dass die alten Wanderprediger immer 
noch herumziehen und sich Gehör verschaffen wollen, dass aber 
der Vorsteher einer Einzelgemeinde, vermuthch der Bischof, 
ihnen die Aufnahme verweigert. Hier ist beides im Anzug: die 
Tendenz zum monarchischen Episkopat — Diotrephes, der gern 
der erste sein will — und zugleich die Centralisation des Kultus 
— der Ausschluss der Wanderprediger. 

Was dort noch im Anzug ist, das ist bei Ignatius vollendet. 
Der monarchische Episkopat ist seine Voraussetzung, wenig- 
stens für Kleinasien und Syrien; für ihn wird nicht gekämpft. 
Gekämpft wird aber für die Centralisation des Kultus und der 
Leitung in der Hand des Bischofs und Presbyteriums. Das ist 
dasjenige Kampfmittel, das allein die Gefahr der Häresie ab- 
schneiden soll. Und es ist etwas relativ Neues, denn es erhält 
den stärksten Nachdruck. Ignatius ist so ganz davon erfüllt, 
dass er selbst in ekstatischem Zustand davon redet. In Smyrna 
rief er mitten in einer Versammlung mit lauter Stimme, mit 
Gottes Stimme: „Zum Bischof haltet und zum Presbyterium und 
den Diakonen." Er versichert nachträglich die Smyrnäer, er 
habe noch gar nichts von Spaltung in der Gemeinde gewusst, 
der Geist habe ihm das eingegeben. Kein Wunder! Wes das 
Herz voll ist, geht der Mund über. Dem Ignatius ist der Bischof 
so das zweite Wort, wie etwa älteren Christen das Reich Gottes. 

Nie hat ein Mensch extravaganter von der kirchlichen 
Wichtigkeit des Bischofs geredet als Ignatius: Wo der Hirt ist, 
da folgt als Schafe! Wo der Bischof erscheint, da soll die Ge- 
meinde sein, wie da, wo Jesus Christus ist, die allgemeine Kirche 
ist. Getrennt von Bischof, Presbytern und Diakonen giebt es keine 
Kirche. Alle, welche Gott und Jesus Christus gehören, die 
halten es mit dem Bischof. Praktische Folge dieser Verherr- 
lichung ist der alle Briefe gleichmässig durchziehende Befehl: 
Thut nichts ohne den Bischof. Wer ohne den Bischof etwas 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 363 

thut, dient dem Teufel. Diejenige Eucharistie soll als gesetz- 
mässig gelten, die unter dem Bischof sich vollzieht oder unter 
dem, dem er es erlaubt. Es ist nicht erlaubt, ohne den Bischof 
zu taufen oder ein Liebesmahl zu veranstalten, sondern, was er 
für recht findet, nur das ist Gott wohlgefällig. Auch die Ehe- 
schliessung soll mit Einstimmung des Bischofs geschehen. „Ein 
Fleisch Christi, ein Kelch, ein Altar, wie ein Bischof samt Pres- 
byterium und Diakonen." So redet der erste Pfalf ! 

Ignatius erreichte seinen Zweck. Die Centralisation des 
Kultus und Kirchenregiments setzte einen Damm gegen die Irr- 
lehrer. Es blieb ihnen kein anderer Ausweg, als auszutreten 
und offizielle Konkurrenzgemeinden zu gründen. Zu einer strafien 
Organisation haben sie es selten gebracht; Tertullian giebt ihnen 
gerade in diesem Punkt das schlechteste Zeugnis. Wo eben 
der Geist entscheidet, kann es keine feste Kirchenordnung geben. 

Aber für die Kirche ist es mit der alten Freiheit vorbei. Sie 
hat ihren Sieg durch Uniformierung und Erstarrung erkauft. Das 
reiche bewegliche Leben der früheren Zeit hört auf. 

3. Die Aufhebung der Lehr- und Kultusfreiheit zog den 
Ausschluss aller derer nach sich, die sich in die neue gesetzliche 
Ordnung nicht fügen wollten. Diese letzte Massregel ist die am 
meisten bedauerliche, weil sie den Fanatismus zu einer dauernden 
Macht in der Kirche erhebt. 

Eng und auch fanatisch war ja die Kirche seit der Zeit des 
Paulus, aber doch nur nach aussen, gegen die Ungläubigen hin. 
Jeder ungläubige Jude oder Heide galt wohl als erlösungsfähig, 
jedoch zunächst als Kind des Zorns, vom Teufel gefangen und 
der Verdammnis entgegenschreitend. Dafür kannte die frühere 
Zeit im Inneren eine grosse Weitherzigkeit. Jeder, der Jesus 
seinen Herrn nannte, wurde als Glied der Gemeinden betrachtet, 
einerlei welcher Art seine Gnosis war. Daraus erklärt sich die 
reiche Mannigfaltigkeit der Ansichten auf dem gleichen Glaubens- 
grund. 

Das änderte sich durch den Ausbruch des Kampfes mit dem 
Gnostizismus. Es bildete sich der Begriff der Häresie, zunächst 
in Anlehnung an den jüdischen und griechischen Gebrauch des 
Namens, bald aber mit einer neuen christlichen Verpfuschung. 

„Häresie" heisst zunächst Sondermeinung und wird in diesem 
Sinn z. B. von Paulus (I Kor 11) und von Josephus gebraucht, 
von letzterem in Bezug auf die Sondermeinungen der Pharisäer, 



364 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

Sadducäer, Essener. Die Apostelgeschichte lässt die Juden von 
der Häresie der Nazarener reden, die der Häresie der Pharisäer 
gegenübersteht. Das Wort bedeutet dann auch Gemeinschaft 
auf Grund von Sondermeinungen. In dem allem liegt nichts Ge- 
hässiges. 

Anders steht es da, wo der Titusbrief zum erstenmale vom 
häretischen Menschen redet: Er sei ein oder zweimal zu er- 
mahnen ; folgt er nicht, so sei er abzuweisen, da ein solcher ver- 
dorben ist und sich selbst zur Verdammnis sündigt. Hier liegt 
der neue Begriff der Häresie vor. Häresie ist die Abweichung 
von der Kirchenlehre und zieht als solche Ausschluss und Ver- 
dammnis nach sich. Ihr Gegenstück ist die Zustimmung zur 
reinen Kirchenlehre, die Orthodoxie; dieser Ausdruck findet sich 
ungefähr, nicht wörtlich, zuerst bei Justin. 

Die Pastoralbriefe sind auch das älteste Dokument für die 
ganze Hässlichkeit des kirchlichen Fanatismus. Ihre Polemik 
gegen die Gnostiker zeichnet sich durch kirchlichen Hochmut, 
sittliche Verdächtigung und das Urteil teuflischen Wesens aus. 
Das letztere ist noch am leichtesten begreiflich für Theologen, die 
das ganze Luftreich von Teufeln erfüllt wissen und überdies den 
Paulus zum Meister haben, der selbst schon in jedem anderen 
Evangelium eine teuflische Verführung sah. So heisst es denn: 
die Widersetzlichen sind in des Teufels Schlinge, sie hängen 
Irrgeistern und Teufelslehren an. Aber ganz besonders hässlich 
nimmt sich die sittliche Verdächtigung aller Häretiker aus, zu 
der der Pseudopaulus alle seine kirchlichen Nachfolger anleitet. 
Er liebt es, lange Lasterkataloge auf seine Gegner abzuladen, 
in denen neben Fehlern, die sie wirklich hatten, ihnen auch lauter 
solche zugeschrieben werden, die man jedem gottlosen Menschen 
zutraut. Von jedem, der sich gnostischen Ideen zuwendet, darf 
angenommen werden, er sei ein moralisch schlechter Mensch ge- 
wesen. „Einige haben ihr gutes Gewissen verloren und infolge- 
dessen am Glauben Schiffbruch gelitten." Schuld am Zulauf der 
Gegner sind nur „die Lüste der Christen, d. h. ihre sittliche 
Fäulnis". Die Irrlehrer tragen samt und sonders „das Brandmal 
in ihrem eigenen Gewissen". Wir werden gleich sehen, dass diese 
Art der Polemik nicht wirkungslos blieb. Das Verdächtigen der 
Häretiker ist seitdem ein AVesensmerkmal der Orthodoxie ge- 
worden. Praktisch soll das Verfahren des Bischofs gegen gnosti- 
sche Gemeindeglieder ein möglichst kurzes sein. Das Disputieren 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 365 

wird ihm verboten. Weise sie kurz ab! Zuerst zweimalige Zu- 
rechtweisung; hilft die nichts, dann Ausschluss. Die Kirche 
soll die Gegner dem Satan übergeben, wie Paulus einst den Blut- 
schänder ihm übergeben hatte. Hieran erkennt man grell den 
Unterschied der Zeiten. Abweichung von der reinen Lehre wird 
80 bestraft, wie früher ein sittliches Verbrechen. Immerhin war 
doch diese erste Orthodoxie nicht wie die heutige vielfach gegen 
sittliche Fehler laxer als gegen Glaubensirrtümer. 

Die Johannesbriefe reihen sich den Pastoralbriefen würdig 
an, da ihr Verfasser, der sogenannte Apostel der Liebe, sich von 
einer erschreckenden Virtuosität im Richten und Verdammen 
zeigt. Wie er im Evangelium seinen fanatischen Hass gegen die 
ungläubigen Juden, diese Teufelskinder, Diebe und Räuber kund- 
giebt, so offenbart er hier im Brief denselben Hass gegen seine 
anders denkenden Glaubensgenossen. Die Gnostiker sind Lügner, 
in denen die Wahrheit nicht wohnt, die in der Finsternis wandeln. 
Will man sie recht begreifen, so muss man den Antichrist 
in ihnen sehen; nur als teuflische Verführung der letzten Zeit 
sind sie verständhch. Die praktische Folgerung zieht der zweite 
Brief. Da alle Doketen Betrüger und Antichristen sind und 
Gott nicht haben, soll man sie nicht in das Haus nehmen und 
nicht grüssen. Denn wer sie grüsst, nimmt an ihren schlechten 
Werken teil. Dazu passt die Anekdote, dielrenäus von Johannes 
erzählt: Als Johannes einst erfuhr, dass Kerinth im gleichen 
Bad wie er verweile, sprang er aus dem Bad heraus mit dem Ruf: 
Lasst uns fliehen, damit das Badhaiis nicht zusammenbricht, da 
Kerinth drin ist, der Feind der Wahrheit. Sollte diese Anekdote 
geschichtlich zuverlässig sein, dann haben freilich die Johannes- 
briefe den Geist dieses Johannes treu bewahrt. 

Da Ignatius und Polykarp die Pastoralbriefe, wie die Jo- 
hannesbriefe kennen , so sind sie ein Dokument für den schönen 
Erfolg der Ketzerrichterei der älteren Lehrer. Die sittliche 
Verdächtigung der Gnostiker setzt sich bei Ignatius fort: „Wer 
ohne den Bischof etwas thut, ist nicht rein im Gewissen. Die 
Gegner haben kein gutes Gewissen, da sie nicht zur Haupt- 
versammlung kommen." Ebenso der Vorwurf teuflischen Ur- 
sprungs. „Ihr Kultus ist Teufelskult, ihre Salbung Teufelssalbung. 
Man soll die Ränke und Nachstellungen des Fürsten dieser Welt 
in ihnen fliehen. Sie sind keine Pflanzung des Vaters, sondern 
böses Unkraut, das todbringende Frucht gebiert. Jeder Irr- 



366 Die Ausbildung d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

lehrer wird in das unauslöschliche Feuer kommen, ebenso wer 
auf ihn hört. Wer einem Sektengründer folgt, kann das Reich 
Gottes nicht erobern." Daraus folgt praktisch, dass die ortho- 
doxen Christen ihre häretischen Brüder als ausserkirchlich, ja 
als schlimmer als Ungläubige behandeln sollen. Denn „wer sich 
nicht zum Bischof hält, gehört ja nicht zur Kirche. Jeder Doket 
lästert den Herrn und ist ein Atheist, d. h. ein Ungläubiger. 
Nur mit Arglist tragen sie den Christennamen. Man soll ihnen 
wie Bestien ausweichen, denn sie sind tolle Hunde, Heimlichbeis- 
ser, Thiere in Menschengestalt. Man soll sie nicht nur nicht auf- 
nehmen, sondern nicht einmal ihnen begegnen, bloss für sie beten, 
ob sie sich bekehren mögen, was freilich schwierig ist". Selbst die 
Namen der Ungläubigen mag Ignatius nicht nennen, ja nicht 
einmal an sie denken. Er verbietet, von den Gnostikern zu reden, 
öffentlich wie privat. In diesem ganzen Ketzerhass steht ihm 
sein Freund Polykarp getreu zur Seite. „Jeder, der nicht be- 
kennt Jesum Christum ins Fleisch gekommen, ist ein Antichrist. 
Und wer das Zeugnis vom Kreuz nicht bekennt, ist vom Teufel. 
Und wer die Worte des Herrn verdreht nach seinen eigenen 
Lüsten und sagt, es gebe weder Auferstehung noch Gericht, der 
ist der Erstgeborene des Satans." Als einst Polykarj) dem Marcion 
begegnete, und dieser ihn fragte, ob er ihn kenne, da antwortete 
Polykarp: „Ich kenne dich, den Erstgeborenen Satans." Das 
waren die Früchte der Saat, welche die Verfasser der Pastoral- 
briefe und Johannesbriefe gesäet hatten. 

Allerdings stand den Gnostikern auch jetzt die Thür zum 
Wiedereintritt offen. Nurmussten sie Kirchenbusse thun. Gnos- 
tische Ansichten galten als genau so schlecht, wie grobe sittliche 
Dehkte. Ein grosser Vorteil war ja nun erreicht durch das ge- 
hässige Kampfmittel. Es war Klarheit geschaffen. Man durfte 
sich innerhalb der Kirche rühmen, einen Glauben, ein Bekennt- 
nis zu haben. Aber das Christentum, das sich um diese Bekennt- 
nistreue scharte, hatte Eigenschaften verloren, die sein Herr 
und Meister am höchsten gestellt hatte: Liebe und Menschlich- 
keit. Gerade das Gebet um die Bekehrung der Gnostiker ist 
mehr pharisäisch als christlich und geht nicht aus schlichter 
menschlicher Liebe hervor. 



Das Auseinandertreten von Orthodoxie und Häresie hatte 
zur Folge, dass das Christentum nun vollends den Charakter der 



C. Katholizismus u. Gnostizismus. 2. Der Kampf u. seine Folgen. 367 

Schule gewann und in bedenklichem Grade seine ursprüngliche 
Eigenart, sittliche Religion zu sein, verlor. 

Ursprünglich trug das Christentum gar keinen Schulcharak- 
ter. Es war Laienfrömmigkeit unter der Führung eines Pro- 
pheten. Dogmen besass es gar keine, denn der einzige Glaubens- 
satz: „Jesus der Messias" gehörte in das Gebiet der rehgiösen 
Hofifnung und war daher unbeweisbar. 

Das änderte sich zuerst durch die Disputationen mit den 
Juden. Wir haben freilich kein Dokument aus der allerersten 
Zeit, aber was wir aus der Apostelgeschichte und dem Johannes- 
evangelium erschliessen können, zeigt, dass sich die antijüdische 
Apologetik früh in ein Schulgezänk verlor. Man stritt über alles, 
nur nicht über die Hauptsache. Es galt, das Bild Jesu mit den 
Dogmen der Messiastheologie auszugleichen, zu beweisen, dass 
Jesus nach jüdischem Dogma doch der Messias sei. Wie wenn 
damit das Geringste für das Recht der Sache Jesu gewonnen 
wäre! Dass von Jesus eine Erlösung ausging, dass er durch die 
Vereinfachung seiner Predigt das Judentum sprengte, das alles 
kam nicht in Frage. So wurde in der That das Christentum eine 
Häresie, eine Sondermeinung, wie die der Pharisäer, wenn auch 
wegen der Kühnheit des Bekenntnisses keine kirchlich geduldete 
Häresie. 

Da war es zuerst ein Glück, dass das Christentum zu den 
Griechen kam. Denn hier, wo man vom Gezänk der Messias- 
theologie nichts verstand, konnte es sich nur als neue Religion 
Geltung verschaifen. Die Predigt des Paulus ruht freilich auf 
einer Unmasse von dogmatischen Voraussetzungen, aber sie giebt 
sich doch als Weg zur Rettung beim Weltgericht, rechnet mit 
Geist und Wunder und postuliert eine neue Kreatur in Christo 
Jesu. Die älteste heidenchristliche Religion war die Anbetung 
der Gottheit Christi. Wer sich zu ihr bekannte, gehörte keiner 
Schule an, sondern war Glaubensgenosse. Zu einzelnen Sätzen 
philosophischer Schulen hat kein Christ der ältesten Zeit christ- 
liche Sätze in Vergleich oder Gegensatz gestellt. 

Da brachte der Gnostizismus die Wendung, die früher oder 
später vom Einfluss der griechischen Philosophie hätte kommen 
müssen. Er wollte die dem Glauben gegebene Offenbarung ver- 
stehen und sich zurechtlegen, freilich in dem Wahn, selbst dabei 
vom Geist getrieben zu sein. Sofort treten nun die Meinungs- 
verschiedenheiten, die Häresien auf. Wie die jüdischen Rab- 



368 Die AusbüduDg d. Kirche. II. Ausbildung d. kirchl. Theologie. 

binen die Orakel des ATs verschieden auslegten und darnach sich 
in Schulen spalteten, so machten es die Gnostiker mit dem christ- 
lichen Glauben. Es bildeten sich eine Menge von Schulen mit 
einer Menge von Dogmen aus. Sie waren den Gnostikern selbst 
gar nicht die Hauptsache, aber sie zunächst fielen den kirchlichen 
Lehrern auf und wurden Gegenstand ihrer Bekämpfung und ihrer 
Antithesen. 

Indem nun die kirchlichen Lehrer die Gnostiker bekämpften^ 
gingen sie selbst auf deren schulmässige Betrachtung des Chri- 
stentums ein und setzten nur kirchliche Lehrsätze den gnostischen 
entgegen. Die Entstehung des Kampfes um die Glaubensregel 
bedeutet den Sieg des Christentums als Schule. Es ist damit ge- 
sagt, dass die reine Lehre die Hauptsache in der Rehgion sei, 
dass von der Zustimmung zu ihr das Reclit des Christennamens 
abhänge, dass da keine Kirche und kein Christentum sei, wo die 
reine Lehre im mindesten angetastet wird. Eben dies besagt die 
Gleichsetzung von Christentum und Orthodoxie. 

Auf dieser neuen Auffassung beruht die ganze Fortbildung 
des kirchlichen Dogmas, dessen Gegensatz immer die Häresien, 
d. h. die Schulmeinungen sind. 

Damit vollzog sich die allertiefste Veränderung des Christen- 
tums. Das Praktische, Persönliche ist aus dem Mittelpunkt ver- 
drängt. Ursprünglich waren Merkmale des Christentums die 
Feurigkeit seiner Hoffnung, die Strenge des neuen Lebens, die 
Begeisterung für Jesus. Derjenige galt als Christ, der sich von 
Jesus, wie immer er über ihn dachte, erlösen liess zur Frei- 
heit eines Gotteskindes. Nach Dogmen hätte ihn kein Mensch 
gefragt. Und so war die älteste Gemeinde eine Genossenschaft, 
vereinigt durch die gleiche Begeisterung für das gleiche Ziel. 
Diese Auffassung des Christentums wurde im Kampf mit dem 
Gnostizismus verdrängt durch die schulmässige dogmatische 
Betrachtung. Das neue Bekenntnischristentum ist Schulchri- 
stentum. 

Der Ausdruck „kathohsche Kirche" begegnet zuerst im 
antignostischen Kampf bei Ignatius und bezeichnet dort die 
Grosskirche, welche die ganze Christenheit umfasst, im Gegensatz 
zu den Partikulargemeinden. Es war damals ein geographischer 
Begriff, nicht, wie später, ein antihäretisches Schlagwort. Aber 
der Sache nach standen sich allerdings seit dieser Zeit Katho- 



Die Frömmigkeit im nachapostolischen Zeitalter. 369 

liken und Ketzer gegenüber. Denn in der That giebt es eine 
katholische Theologie und Kirche erst, seit es gnostische Theo- 
logien und Gemeinden giebt. Der ganze Katholizismus entstand 
als Reaktion der Kirche gegen die fremden Einflüsse des Völker- 
chaos. Insofern ist er eine Neuerung. Das Verdienst, das er 
sich gleich beim Entstehen erwarb, ist auf alle Fälle grösser 
als der Schaden , den er brachte. Er hat alle gesunden , sitt- 
lichen, evangelischen Kräfte des alten Christentums gesammelt, 
zusammengebunden, siegeskräftig gemacht. Er rettete die christ- 
liche Religion vor dem rapiden Aufgehen im Völker- und Reli- 
gionsgemisch, sicherte ihr eine starke, ruhige Zukunft und den 
Sieg über die Welt. Der Gnostizismus machte aus Jesus ein 
göttliches Phantom , der Katholizismus nahm den wirklichen 
Jesus zu sich hinüber. Er ist auf alle Fälle die mehr geradlinige 
Fortsetzung des Urchristentums. Die schlechte Neuerung, die 
es brachte, war die Erhebung der Orthodoxie und Kirchlichkeit 
zu Hauptmerkmalen des Christentums im Gegensatz zu der Lehr- 
freiheit und kirchlichen Ungebundenheit der Gnostiker. Von 
jetzt an gehört zum Christenstand in erster Linie die Zustim- 
mung zur reinen Lehre und die Unterwerfung unter den 
Bischof. Die alten Hauptmerkmale kommen hernach. Anders 
ausgedrückt: die Feindschaft gegen die ungläubigen und unkirch- 
lichen Christen wird ein Zeichen des wahren Christentums. 
Und das ist leider durch die Reformation nicht anders geworden. 

III. Die Frömmigkeit im nachapostolisclien Zeitalter. 

Seine Theologie hat das Christentum nicht spontan, sondern 
eher unfreiwillig produziert im Kampf mit den feindlichen Bil- 
dungsmächten draussen und drinnen. Dieser Prozess gewann 
sein vorläufiges Ende mit dem Verbot der freien Produktion 
und der Erhebung der Tradition zur Norm der Wahrheit. Fast 
an jedem Stück der christlichen Theologie lässt sich erkennen, 
ob es aus Berührung mit dem Judentum oder dem Griechentum 
oder aus antignostischem Interesse hervorging. Es giebt keine 
originale christliche Theologie in der Zeit nach Paulus. Alle 
Theologie ist Zurechtlegung des Evangeliums nach den Zeit- 
theorien. So sind z. B. die Sätze über den Tod Christi jüdisches 
Erbe, die Gottheit Christi ist heidnisches Gut, die Betonung der 
Orthodoxie Resultat des antignostischen Kampfes. Alle diese 

Wernle, Anfänge. 24 



370 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

Stücke sind nicht das Evangelium Jesu, sondern Vermittlungen 
desselben mit den geistigen Zeitmäcliten. Sie treten im Lauf des 
2. Jahrhunderts so stark hervor, dass man oft in Versuchung 
gerät, sie für das Christentum jener Zeit zu halten. Den Nach- 
weis, dass sie das nicht sind, giebt die Aufzeigung des Evange- 
liums als einer Lebensmacht auch im Zeitalter des werdenden 
Katholizismus. 

1. Die cliristliche Hoffnung. 

Nicht die altkirchliche Eschatologie soll hier dargestellt 
werden, wie zur Reichsgottespredigt Jesu paulinischer Spiritua- 
lismus, jüdische Apokalyptik, griechische Hadesphantasien, gnos- 
tische Himmelssehnsucht getreten sind und aus diesem grossen 
Wirrwarr von Zukunftsbildern sich allmählich ein festes kirch- 
liches eschatologisches Dogma gebildet hat. Einzig auf die Be- 
deutung der Hoffnung für Gefühl und Phantasie und folglich für 
das praktische Leben kommt es hier an. Die gleiche Kraft und 
Wichtigkeit der Hoffnung verträgt sich mit ganz verschiedenen 
Vorstellungsformen, wie umgekehrt das gleiche eschatologische 
Dogma mit ganz verschiedener Wärme und Begeisterung. Ueber- 
dies treffen alle noch so verschiedenen Eschatologien in einem 
Hauptpunkt zusammen : sie rechnen nie mit Zukunft und Fort- 
schritt dieser Erde, etwa wie die moderne Reichgottesidee. 
Selbst der Chiliasmus hält die alte Ansicht fest, dass Wunder 
und Katastrophen das irdische Gottesreich herbeiführen. An- 
ders als supranatural hat kein Christ , auch kein Gnostiker 
gehofft. 

Wie stand es aber nun mit der Erfüllung der von Jesus 
gegebenen, von Paulus gestärkten Verheissungen? Jesus hatte 
einigen seiner Jünger versprochen , dass sie den Tod nicht 
schmecken sollten , bis sie sehen das Gottesreich gekommen in 
Kraft. Ebenso sollte seine Parusie von der jetzigen Generation, 
zumal von seinen Richtern, erlebt werden. Paulus schrieb den 
Korinthern: „Nicht alle werden wir sterben, alle aber werden wir 
verwandelt werden" und den Römern: „Die Rettung ist näher 
herbeigekommen als damals, da wir gläubig wurden. Die Nacht 
ist vorgerückt, der Morgen graut." Keine dieser Versprechungen 
ging in Erfüllung. 

Wohl brachte die Zerstörung des Tempels in Jerusalem die 
Bestätigung eines Prophetenwortes Jesu. Aber daran schloss 
sich nicht, wie erwartet war, die sofortige Wiederkunft. Alle 



1. Die christliche Hoffnung. 371 

Evangelisten vom ältesten bis zum jüngsten suchen in ihren Be- 
richten den Enttäuschungen, d. h. den Verschiebungen des Kom- 
mens Jesu Rechnung zu tragen. In dem alten apokalyptischen 
Flugblatt aus den 60 er Jahren, das Marcus in seine Parusierede 
eingesetzt hat, stand noch: „Sofort nach der Drangsal jener Tage 
kommt der Menschensohn." Aber Marcus hat das „sofort" aus- 
gelassen. Lucas berichtet, der Stimmung seiner Zeit folgend, ein 
wehmütiges Herrnwort: „Es werden Tage kommen, da ihr be- 
gehren werdet, einen der Tage des Menschensohnes zu sehen, und 
ihn nicht seilen werdet." Jesus hatte vom unerwarteten Kommen 
des Herrn bei Nacht geredet; Lucas malt die Ungeduld seiner 
Zeit: „Wenn er erst in der zweiten und wenn er gar erst in der 
dritten Nachtwache kommt." Die Parusierede des Marcus be- 
arbeitet er stark in dem Sinn, dass die Nähe der Parusie hinaus- 
geschoben wird. „Das muss zuerst geschehen, aber nicht bald das 
Ende." Auf die Frage: kommt das Reich Israels in dieser Zeit? 
giebt selbst der Auferstandene bei Lucas eine ausweichende Ant- 
wort, und wie dann Jesus gen Himmel fährt, lässt er die Engel nicht 
zu den Jüngern sagen: „Ihr werdet ihn so kommen sehen, wie ihr 
ihn habt gehen gesehen", sondern nur: „Er wird so wieder kom- 
men." Dies Finale des Lebens Jesu bei Lucas erinnert auffällig an 
das ähnlich gestimmte Finale im Matthäusevangelium : „Siehe ich 
bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Das ist der Ersatz 
der Wiederkunftsverheissung. In derThat drückt der erste Evan- 
gelist die Verzögerung des grossen Ereignisses so stark wie der 
dritte aus im Gleichnis von den klugen und thörichten Jung- 
frauen. Der Bräutigam zögert, ein Teil der Jungfrauen schläft 
ein. Für die Christen kommen statt der erhofften goldenen Zeiten 
böse Sichtungszeiten: „Die Liebe der meisten wird erkalten." 
Der Grund ist eben das Ausbleiben der Parusie. Trotzdem hat 
die erste Zeit gehofft und weiter gehofft. Als einer der Jünger 
Jesu nach dem anderen starb und so den Tod schmeckte, ohne 
den Anbruch des Gottesreichs erlebt zu haben, da setzte man den 
ganzen Rest der Hoffnung auf die letzten noch Ueberlebenden. 
Es scheint, dass ein Johannes — wohl ein anderer als der Zebe- 
daide, dem Jesus den Märtyrertod verhiess, — alle anderen 
Jünger überlebte, so dass es in christlichen Kreisen laut wurde: 
„Dieser Jünger stirbt nicht vor der Parusie." Zuletzt starb auch 
er, und der vierte Evangelist beeilt sich, Jesus von dem Vorwurf 
eines nicht erfüllten Wortes zu entlasten. Aber auch über Petrus 

24* 



372 I^ie Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

kursierte eine solche Legende. Man erzählte von Worten Jesu, 
an ihn gerichtet, wie „die Pforten des Hades werden dich nicht 
überwältigen", oder „wahrlich, dein Auge wird in Ewigkeit nie 
geschlossen werden für das Licht dieser Welt". Auch diese 
Hoffnung trog. Die genannten Herrnworte wurden verdrängt 
oder erlebten nur in ganz veränderter Gestalt kirchliche Rezep- 
tion. Wie die Parusiereden Jesu, so mussten sich auch andere 
eschatologische Stellen in alten Schriften eine Verblassung gefallen 
lassen, da das erwartete Weltende nicht kam. Im Barnabas- 
brief steht das Wort: „Nichts wird uns die ganze Zeit unseres 
Glaubens nützen, wenn wir nicht jetzt in der gottlosen Zeit und 
den kommenden Aergernissen , wie es Kindern Gottes ziemt, 
widerstehen, dass der Schwarze nicht Eingang finde." Damit ver- 
gleiche man die Form dieses Wortes in der Apostellehre: „Nichts 
wird euch die ganze Zeit eueres Glaubens nützen, wenn ihr 
nicht in der letzten Zeit vollkommen werdet." Gerade das, was dem 
Wort sein Leben gab, das „jetzt" fällt weg. Dem entsprechend 
schliesst die ganze Apostellehre mit dem dogmatischen Satz: 
„Dann wird die ganze Welt den Herrn kommen sehen auf den 
Wolken des Himmels"; die „ganze Welt", nicht, wie die alte 
Zeit sagte: „ihr" oder „wir". 

Es lohnt sich, auf alle diese kleinen Aeusserungen getäuschter 
oder aufgeschobener Hoffnung wohl zu achten. Sie beweisen, dass 
die Verfasser dieser Schriften nicht gedankenlos gewesen sind, 
sondern sich genau Rechenschaft gaben über den Kontrast der 
wirklichen Geschichte mit der Weissagung. Jesus kam nicht, das 
Reich Gottes blieb aus. Während sich nun jene Evangelisten 
durch die Theorie des Aufschubs über das Schmerzliche hinweg- 
trösteten, entstand in vielen Kreisen der Christenheit ein ver- 
haltenes oder lautes Murren über betrogene Erwartungen. Das 
älteste Dokument dafür ist der Hebräerbrief. Die Leute, an die 
er adressiert ist, standen nahe daran, die christliche Hoffnung 
aufzugeben. Sie wiesen daraufhin, dass eine ganze Reihe Christen 
starb, „ohne die Verheissungen erlangt, ohne die Erlösung em- 
pfangen zu haben." Infolge dessen kam ihnen das ganze Christen- 
tum als etwas Aermliches, Kümmerliches vor. Hohe Versprech- 
ungen ohne sichere Garantie, das Resultat: Enttäuschung! Von 
den 90 er Jahren des 1. Jahrhunderts an müssen die kirchlichen 
Schriftsteller beständig Rücksicht nehmen auf solches Murren 
und solche Zweifel. In einem Apokryphon, das die beiden söge- 



1. Die christliche Hoffnung. 373 

nannten Klemensbriefe eitleren, ist von Zweiflern die Rede, die 
sagen: Solches haben wir gehört schon zur Zeit unserer Väter, und 
siehe, wir sind alt geworden und haben nichts davon erlebt." Wenn 
die Verfasser beider Klemensschriften diesen Spruch mit der be- 
ruhigenden Antwort darauf anführen, so müssen eben solche 
Zweifelsworte zu ihrer Zeit geäussert worden sein. Im zweiten 
Petrusbrief hören wir von ähnlichem Murren: „Wo ist die Ver- 
heissung seines Kommens? Seit unsere Väter starben, bleibt 
alles so von Anfang der Schöpfung an." Auch die Leser des 
Jakobusbriefs sind enttäuscht und ungeduldig geworden; immer 
hörten sie das Wörtchen „bald", aber es kam nie. Aehnliches 
lässt sich aus der Apostellehre , dem Barnabasbrief , dem Hirten 
des Hermas vermuten. Da lässt sich überall der Zweifel ver- 
nehmen, ob es denn wahr ist oder nicht. Vielleicht darf man aus 
diesen zerstreuten Stellen einen sehr weit reichenden Schluss 
ziehen: Ein sehr grosser Teil der Christenheit empfand die 
ganze Wucht der Enttäuschung und verlor infolgedessen den 
Mut und die Freudigkeit. Das Christentum, das Pastoralbriefe, 
Jakobusbrief, Hermas und andere Schriften in den Gemeinden 
voraussetzen, ist auch deshalb so kraftlos, gleichgiltig und leicht- 
sinnig, weil es die grosse Enttäuschung nicht verwinden konnte. 

Bewundernswürdig erscheint auf diesem Hintergrund die 
Freudigkeit und Gewissheit der Hoffnung, die aus den meisten 
Schriften der kirchlichen Lehrer dieser Zeit spricht. Mag das 
Gottesreich und die Wiederkunft sich verzögern, die Hoffnung 
bleibt bestehen und triumphiert über alle Zweifel und Bedenken. 
Beinahe alle katholischen Briefe und apostolischen Väter sind 
voll sicherer Verweise: es ist letzte Zeit. Die meisten sehen in 
dieser letzten Zeit den Anbruch der grossen Drangsal mit den 
letzten schrecklichen Versuchungen für die Christen. Sonst ent- 
fernen sie sich in Lebhaftigkeit und Schwung der Hoffnung oft 
sehr weit von einander, um gerade die Wahrhaftigkeit jedes 
einzelnen , der auch in der Hoffnung eben auf seine besondere 
Weise hofft, zu bewähren. 

Einige Christen — es wird eine sehr grosse Zahl gewesen 
sein — leben mehr in der Furcht vor dem kommenden Gericht 
als in der Hoffnung auf die Gnade, so der Prophet Hermas und 
der Prediger, dem der IL Klemensbrief gehört. Hermas ist 
eigentlich über die jüdische Unsicherheit des Heils nicht hinaus- 
gekommen; auch als Christ bleibt er der Mann der Angst, der 



374 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

alles andere kennt, nur nicht das Vertrauen. Auch die Offen- 
barung, die er erhält: „Es giebt noch eine Busse" muss das Ge- 
fühl der Verantwortlichkeit für die Zeit nachher, somit das 
Angstgefühl im höchsten Grad steigern. Er vergegenwärtigt 
sich, dass ganze grosse Klassen von Christen nicht in das Reich 
Gottes eingehen. Wohin gehört er? Das wird erst das Ende 
zeigen. Dann sieht er die grosse Drangsal nahen in der Gestalt 
des feindlichen Tieres, Wohl schlägt er sich im Geiste tapfer 
durch, aber doch nur mit grössten Aengsten. Töne der Sehn- 
sucht kennt er nicht. Das Einzige, was er herbeiwünscht, ist eine 
klare Scheidung zwischen den Sündern und den Gerechten. Der 
IL Klemensbrief zeigt uns, wie ein christlicher Prediger seine 
in vielen Sünden verstrickten und verweltlichten Zuhörer durch 
die Gerichtsbotschaft zur Busse ruft. Er beginnt zwar mit den 
Verheissungen und dem Dank, aber nur wenn er droht, bewegt 
er sich in seiner Sphäre. Solang wir noch auf der Erde sind, lasset 
uns Busse thun-, denn nach dem Ausgang aus dieser Welt giebt 
es keine Möglichkeit der Busse mehr. So stellt er dann den 
Gerichtstag und den Weltbrand vor die Phantasie seiner Hörer 
und malt ihnen den Schrecken der Sünder und den Triumph 
der Gerechten vor. Nichts wird uns retten vor der ewigen Strafe, 
wenn wir Gottes Geboten ungehorsam sind. Es giebt keinen 
Parakleten bei Gott. Jeder erhält, was er verdient. So dachte 
die Mehrzahl der Christen. Ihr Christentum war im Grund die 
jüdische und heidnische Furcht vor den unbekannten Schrecken 
der Vergeltung nach dem Tode, nichts Besseres. 

Bei anderen Christen nimmt die Hoffnung die Form eines 
festen, ruhigen, sogar etwas dogmatischen Vergeltungsglaubens 
an. Zu ihnen gehören die Verfasser des I. Klemens- und des 
Jakobusbriefs, Justin, schliesslich auch der Hermas der 12 Ge- 
bote. Sie alle kennen keine eigentliche Sehnsucht nach der Voll- 
endung, obschon Jakobus ihr nahe kommt. Von diesem ab- 
gesehen, denken sie überhaupt bei ihrer Hoffnung wenig an die 
Wiederkunft Christi und den ganzen dramatischen Phantasie- 
apparat. Das Wort Vergeltung sagt für sie alles. Die Sünder 
sollen bestraft werden, die Frommen und Gerechten die Ver- 
heissungen erwerben, der Gnade teilhaftig werden, aber eben der 
verdienten Gnade. Dieser Vergeltungsglaube ist stark genug, 
eine Lebensmacht zu sein, da er das ganze gegenwärtige Leben 
unter die Augen der Ewigkeit stellt. Aber er wirft selten etwas 



1. Die chnstliche Hoffnung. 375 

von dem Jauchzen, Hangen und Bangen, der Ungeduld, mit der 
ein Paulus hoffte, in die Seele. Es ist auch nicht gerade etwas 
bestimmt Christliches darin. Juden und Stoiker sind sich im 
gleichen Vergeltungsglauben begegnet. Da der I. Klemensbrief 
noch aus dem I.Jahrhundert stammt, ergiebt sich, wie ungemein 
rasch eine solche Abkühlung und Dogmatisierung der ersten stür- 
mischen Hoffnung stattfand. Hier war schon die Form gefunden, 
die nach dem Zusammenbruch aller dramatischen Phantasien dem 
Ewigkeitsgedanken eine feste Stelle im Christenleben gab. Dieser 
Vergeltungsglaube konnte das Ausbleiben der Parusie ruhig über- 
winden. 

Die eigentlichen Herzenstöne der Hoffnung treten da am 
stärksten zurück, wo die kirchlichen Interessen der Gegenwart 
den Schriftsteller ganz gefangen nehmen. Das gilt vom Ver- 
fasser der Pastoralbriefe. Ein Mann der Hoffnung ist auch er 
selbstverständlich, wie alle alten Christen ; der Gedanke an die 
Pflicht des Martyriums erweckt ihm sogar begeisterte Hoö'nungs- 
worte. Aber da, wo er sich mit den Gnostikern auf der ganzen 
Linie herumschlägt und die kirchliche Verfassung befestigt, denkt 
er selten über die Aufgaben der Gegenwart hinaus. AVer so eifrig 
wie er an der Ordnung der Kirche arbeitet, dem fällt es schwer, 
zu denken, dass dies alles nur ein Provisorium von vielleicht ein 
paar Wochen ist. „Gott wird die Parusie Christi geben zu seiner 
Zeit." Kein Mensch darf diesen Lehrer deshalb tadeln. Nicht 
für müssige Sehnsucht — für Kampf und Recht war jetzt die 
Zeit. Immerhin ist er ein Beispiel dafür, dass Eifer für die 
Kirche und Sehnsucht nach dem Gottesreich nicht leicht oder 
doch nicht in gleicher Stärke sich vertragen. 

Der Verfasser der johanneischen Schriften, der gemeinsam 
mit dem Pseudopaulus der Pastoralbriefe die Gnostiker bekämpft, 
ist doch darin sein reines Gegenstück, dass die rechtliche Kirche 
mit ihren Ordnungen ihm gar nicht am Herzen liegt. Sofort 
zeigt sich als Folge davon eine gewaltige Kraft von Sehnsucht 
und Hoffnung, Ihm steht das Provisorische aller jetzigen Zu- 
stände, selbst der Gotteskindschaft, klar vor der Seele. Die 
Weltchristen erinnert er daran, dass die Welt mit aller ihrer 
Lust vergeht, während nur die sittlichen Personen ewigen Be- 
stand haben. Aber auch den ernsten Christen ruft er zu: „Noch 
ist nicht erschienen, was wir sein werden. Wenn es erscheint, 
dann werden wir ihm gleich sein, denn wir werden ihn schauen, 



376 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

wie er ist." Das ist ein B,uf der Sehnsucht, der an Paulus er- 
innert. Allerdings steht an der Thür der Seligkeit der ernste 
Gi-erichtstag, wo mancher faule Christ zu Schanden wird. Aber 
unser Autor strebt daraufhin, dassbei ihm und seinen Freunden 
die Furcht- und Angstreligion gänzlich überwunden werde. Der 
Christ soll mit Mut und Zuversicht, mit echter Freudigkeit vor 
seinen Herrn treten können. Das ist ihm möglich, sobald er 
fest in der Liebe steht, in der Liebe Gottes zu ihm und in 
seiner Liebe zu den Brüdern. Wer liebt, hat nichts zu fürchten 
beim Gericht. Infolge dieser freudigen Gewissheit des Heils 
wird ihm das ewige Leben zu einem festen gegenwärtigen Besitz. 
Der Christ hat das ewige Leben, er erwartet es nicht als etwas 
Ungewisses, das vielleicht ausbleibt, sondern ist seiner absolut 
sicher. Der Tod und das Gericht kann ihn nicht erschrecken. 
Alle Sätze in Brief und Evangelium über das ewige Leben sind 
Hoffnungssätze. Nur darin unterscheidet sich Johannes von den 
meisten Christen, dass er die Gewissheit dieser Hoffnung und, 
da diese in der Gegenwart liegt, das jetzige Glück der Hoffnung 
stärker als alle betont. Er ist einer der grossen Männer, die fest 
auf dieser Erde wandeln können, weil der Himmel ihnen gewiss 
ist. Ergreifend drückt die Lazaruserweckung seine eigene Hoff- 
nung aus. Der Tod ist ein Schlaf. Mag der Leib verwesen und 
stinken, was liegt daran! Christus hat Macht, am jüngsten Tag 
durch ein lautes Wort Leib und Seele aus dem Grab heraus- 
zurufen. Das hat seine grosse Bedeutung für die Märtyrerzeit, 
in die der Verfasser getreten ist. Christus ist die Auferstehung 
und das Leben. Wer an ihn glaubt, ob er schon stirbt, wird 
leben. Mit diesem Glauben lohnte es sich, in den Tod zu gehen. 
Ueberhaupt war die Verfolgung das allerstärkste Motiv zur 
Erneuerung der Hoffnung. In solchen Zeiten lodert die ganze 
alte Zukunftssehnsucht der Christen in Flammen auf. Nun ist 
es klar, dass die Christen die elendesten Menschen sind ohne die 
Hoffnung. Alle Versuchungen, Leiden, Qualen stürmen auf sie 
ein. Nur wer hofft, kann alles überstehen. Der I. Petrusbrief ist 
dazu geschrieben, um Gemeinden, die in der Verfolgung stehen, 
zur feurigen ernsten Hoffnung zu erwecken. Er stellt ihnen die 
Grösse der letzten grossen Prüfungszeit vor die Seele. Für die 
Bekenner Trost, für die Namenschristen Gericht! Jetzt heisst 
es in sittUcher Zucht und in Gebet auf das Ende hin harren, da 
der Teufel wie ein brüllender Löwe herumgeht und sucht, wen 



1. Die christliche Hoffnung. 377 

er verschlingen möge. Aber unser Autor gehört zu den Christen, 
denen die Begeisterung alle Furcht vertrieben hat. „Gelobt sei 
Gott, der uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung 
durch Christi Auferstehung!" Wie sehr ihm diese Hoffnung ein 
und alles ist, zeigt der Ausdruck: „Rechenschaft ablegen über 
die Hoffnung, statt über den Glauben. 

Der etwas ältere Hebräerbrief ist in trüben Zeiten geschrie- 
ben, da die Gemüter erschlaö't sind, weil das Ausbleiben der 
Verheissung Zweifel erweckt und die Freude dämpft. Hier fehlt 
gerade das, was dem Petrusbrief seine Kraft giebt, der furcht- 
bare Ernst des Kampfes um Tod und Leben. — Aber dafür 
schreibt hier ein Christ, der mit Wehmut auf die goldene Ver- 
folgungszeit zurückschaut und für seine Person Märtyrermut 
und Märtyrerhoffnung genug besässe. Die langweihge Trocken- 
heit dieses Melchisedekgelehrten macht auf einmal Herzens- 
tönen der Sehnsucht und Begeisterung Raum, sobald er sein 
Innerstes, die Hoffnung, berührt. Ja selbst mitten in gelehrten 
Ausführungen unterbricht den Leser der Weckruf: Vorwärts 
die Blicke! Es kommt! Haltet euere Hoffnung fest bis ans 
Ende. Die Hoffnung ist ihm geradezu die Religion. Wie der 
Verfasser des I. Petrusbriefs redet er vom Bekenntnis der Hoff- 
nung statt vom Glaubensbekenntnis. Und da unter seinen Adres- 
saten Stimmen laut wurden, die Hoffnung erfülle sich ja nie, 
Christen sterben, ohne die Verheissung ererbt zu haben, führt er 
ihnen in dem bekannten 11. Kapitel die lange Reihe der Glaubens- 
männer des ATs bis auf Jesus vor, die, alle Hoftnungsmänner, 
alle scheinbar enttäuscht waren, deren Hoffnung aber eben die 
Kraft hatte , alle Enttäuschungen zu überwinden. Da findet er 
denn auch für seine Sehnsucht das einfachste Wort. „Wir haben 
hier keine bleibende Statt, wir suchen die kommende." Wir sind 
Gäste und Fremdlinge auf der Erde, die dem himmlischen Vater- 
land zuwandern. Das „Himmelan, nur himmelan!" stammt aus 
dem Hebräerbrief. 

Wie zu erwarten, tritt die christliche Hoffnung am kühnsten, 
oft auch am wildesten, bei den Märtyrern selbst auf kurz vor 
ihrem Tod. Ignatius ist ja eigentlich eine hierarchische und in- 
sofern diesseitige Natur, wie der Verfasser der Pastoralbriefe. 
Noch auf seiner Deportationsreise beschäftigen ihn die kirchlichen 
Angelegenheiten im vollsten Masse. Seine sechs nach Kleinasien 
gerichteten Briefe gehen beinahe auf in der Bekämpfung der 



378 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

Judaisten und Doketen und dem Streben, die Gemeinden ganz 
und gar dem Bischof unterzuordnen. Trotzdem tritt schon hier 
die Hoffnung viel stärker als in den Pastoralbriefen hervor. Der 
Unterschied kommt daher, dass diesmal ein Märtyrer zu uns 
redet, der weiss, dass er in wenig Wochen vor der Ewigkeit steht. 
Das nach Rom gerichtete Schreiben ist das klassische Dokument 
des Märtyrerenthusiasmus aus dieser Zeit. Ignatius kennt da 
nur eine Angst, die: es möchten einzelne Glieder der Gemeinde 
ihr Ansehen beim Hof benützen und seine Begnadigung erwirken. 
Er fleht die Römer, das doch nicht zu thun. Seine einzige Sehn- 
sucht ist, zu Gott zu kommen so bald wie möglich, einerlei durch 
welche schreckliche Art. Zu Gott kommen und auferstehen ist 
für ihn dasselbe; gar nichts bedeutet der Zwischenraum zwischen 
seinem Tod und dem jüngsten Tag. Allem Diesseitigen hat er 
den Abschied gegeben. „Nichts Sinnenfälhges ist gut." „Nichts 
soll mir helfen das Ergötzen dieser "Welt, nichts die Königreiche 
dieser Zeit. Besser sterben zu Christus Jesus hin, als herrschen 
über die Enden der Erde. Ihn suche ich, den für uns Gestor- 
benen, ihn will ich, den für uns Auferstandenen. Die Geburt 
steht mir bevor, hindert mich nicht zu leben, wollt nicht, dass ich 
sterbe!" „Meine Liebe ist gekreuzigt, kein Feuer, das die Materie 
liebt, ist in mir, sondern lebendiges Wasser, das in mir redet, 
von innen zu mir sagt: Auf zum Vater!" „Die wilden Tiere sind 
der Weg zu Gott." Es ist freilich eine exaltierte Sprache, die 
der Märtyrer redet, aber wer weiss, was alles vorgehen muss in 
der Seele eines dem sicheren Tode geweihten Mannes ! Von 
Polykarp ist in den Märtyrerakten ein sehr viel ruhigeres Gebet 
überliefert, das er vom Scheiterhaufen aus gebetet haben soll. 
Es passt in Ton und Sprache nicht schlecht zu der uns aus 
seinem Brief bekannten Nüchternheit und Ruhe dieses Mannes. 
Es heisst darin: „Ich preise dich, dass du mich dieses Tages 
und dieser Stunde gewürdigt hast, teilzunehmen an der Zahl 
deiner Zeugen, am Kelch deines Christus zur Auferstehung ewigen 
Lebens an Seele und Leib in Unvergänglichkeit heiligen Geistes. 
Möchte ich doch heute unter sie aufgenommen werden als fettes 
und wohlgefälliges Opfer, wie du es vorher bereitet, zuvor offen- 
bart und erfüllt hast, du nie lügender, wahrhaftiger Gott." Wenn 
das Gebet echt ist, so bestätigt es, dass dem Polykarp eigene 
Gedanken und Worte nicht zu Gebot standen. Er ist in allem 
Christ der Tradition. Aber wie hoch muss man von dieser Tra- 



1. Die christliche Hoffnung. 379 

dition denken, die einem Menschen auf dem Scheiterhaufen ein 
solches getrostes, gefasstes Hoffnungsgebet diktiert! 

Etwas Beschränktes, der Welt Abgewandtes Hegt zweifellos 
in der Hoffnung der alten Christen. Fortschrittsgedanken giebt 
sie ihnen keine. An die allmähliche Erneuerung der Welt, die 
Durchdringung aller Lebensgebiete mit christlichem Geist, das 
Heranwachsen einer neuen christlichen Menschheit hat kein Christ 
der alten Zeit geglaubt. „Die Welt ist reif fürs Ende" ist das 
Motto der meisten Christen, im Grund auch der ChiHasten, welche 
die Verklärung der Erde durch ungeheuere Katastrophen er- 
warten. In alldem äussert sich die Stimmung einer alten, dem 
Verfall entgegeneilenden Kultur. Die kleinen verfolgten und ge- 
hetzten Christen konnten sich nicht einbilden, dass sie einmal in 
der Geschichte der Völker ein Wort mitzureden haben sollten. 
Ihr Vaterland war ja im Himmel. Hier auf der Erde lebten sie 
als Gäste und Fremdlinge, als Pilger nach der Heimat. 

Aber was für eine Kraft besass diese Jenseitshoffnung! 
Zwei grosse Dinge hat sie geleistet: Sie überwand die Ent- 
täuschung, dass Jesus und das Reich Gottes nicht gekommen 
sind. Männer wie der Verfasser des Hebräerbriefs und der jo- 
hanneischen Schriften schöpfen aus ihrer Hoffnung solche Freudig- 
keit und Zuversicht, dass das Früher oder Später der Erfüllung, 
das „kommen wir zu Jesus? oder kommt Jesus zu uns?" ganz 
gleichgiltig für sie ist. Mehr noch, diese Männer ahnten, dass 
die Sehnsucht aufhören würde, Sehnsucht zu sein, wenn ihr auf 
Erden ein erreichbares Ziel gesetzt wäre. Sodann überwand die 
Hoffnung die Todesfurcht. „Christus hat die befreit, welche 
durch Todesfurcht im ganzen Leben in Sklaverei gehalten waren." 
Die Hoffnung hat aus den Christen ein Märtyrervolk gemacht, 
das den Tod für einen Schlaf ansah und aller Drohungen und 
Martern spottete. Dazu kommt dann erst der grosse Gewinn, 
den die ernsten Christen für ihr gegenwärtiges Leben aus der 
Hoffnung zogen. Das Leben im Licht der Ewigkeit muss selbst 
ein Leben im Ewigen, in Gott und im Guten werden. Die sitt- 
liche Zucht, der Ernst, die Selbstverleugnung, die Freiheit von 
der Welt werden gekräftigt durch den festen Blick auf das Ge- 
richt und das Schauen Gottes. Allerdings bei den ernsten Chri- 
sten, nicht bei der Menge. 

Während sich die Theologie durch wechselvollen Kampf 
und Vertrag mit Juden, Griechen und Gnostikern ein völlig 



380 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

neues Gewand anzog, ist dieses Hauptstück der Frömmigkeit, 
die Hoffnung, sich gleich geblieben. Das hoffende Christentum 
ist das alte Christentum. Die Märtyrer Polykarp, Ignatius, Justin 
stehen zu Gegenwart und Zukunft, Tod und Leben genau wie 
Jesus und Paulus ein Jahrhundert vorher. Wo die Hoffnung 
erlahmte oder gar erlosch, ist sofort das Christentum mit er- 
loschen. 

2. Ch.ristliche Lebensfülirung. 

Von Anfang an bestand ein grosser Unterschied zwischen 
dem Christentum , das thatsächlich in den Gemeinden gelebt 
wurde, und dem Christentum, das kirchliche Lehrer in ihren 
Schriften postulierten. Es ist die alte Kluft von Wirklichkeit und 
Ideal. Jene thut man gut sich auf einem möglichst tiefen Niveau 
vorzustellen. Die Verweltlichung ist nicht durch einen Abfall in 
die Gemeinden eingedrungen; sie steckte von Anfang an darin — 
das zeigt der I, Korintherbrief des Paulus — und war nur damals 
durch die übertriebene Begeisterung mehr oder weniger verdeckt. 
Es mag ja einzelne Idealgemeinden gegeben haben , Philippi ge- 
hörte dazu, aber nie eine Idealkirche. Freilich der I. Klemensbrief 
malt uns die Gemeinde von Korinth in ganz idealem Licht vor: 
alles war in ihr vollkommen, der Glaube, die Frömmigkeit, die 
Gastfreundschaft, die Erkenntnis, die Ordnung, die Demut, die 
Eintracht, die Wohlthätigkeit. Ein herrliches Bild! Der Abfall 
aus dieser Höhe in die Wirklichkeit erscheint nachher wahrlich 
bejammernswert. Allein das ist schönfärberische griechische 
Rhetorik zum Zweck der Kontrastwirkung. Das wirkliche 
Christentum der Korinther hat uns Paulus, nicht Klemens vor- 
geführt. Von einem Fortschritt der Verweltlichung im nach- 
apostoHschen Zeitalter wird man allerdings reden müssen. Das 
Erlahmen der Begeisterung, der „ersten Liebe" und das Ein- 
strömen der Massen machte die Lage verzweifelter. Die Ver- 
weltlichung tritt da und dort in ganz unverschämter Offenheit 
auf, sodass sehr früh die scharfe Grenzhnie zwischen den Gemein- 
schaften und der Welt verwischt wird. Dazu kamen die bösen 
gnostischen Wirren, die vollends die Gemeinschaften zerrütteten 
und oft ganz auseinanderrissen. Die eintretende Verfolgung hätte 
eine sittliche Erneuerung begünstigen sollen, that dies aber selten 
und begünstigte Abfall und Heuchelei. 

Beinahe alle Schriften aus unserer Zeit zeugen für den 
grossen Schaden der Verweltlichung, am stärksten die Pastoral- 



2. Christliche Lebensführung. 381 

briefe , der Jakobusbrief und der Hirt des Hermas. Die Ver- 
derbnis begann bei den If ührern, um von da durch die ganze Ge- 
meinschaft bis zu den eben bekehrten Proselyten zu dringen. Zu- 
erst verkamen die alten Wanderprediger, da ihnen der entbeh- 
rungsvolle Missionsberuf im Heidenland entschwand, in frechem 
Genuss ihrer Privilegien und schwärmerischer Zuchtlosigkeit. 
Das hatte zur Folge, dass der „Geist" in Misskredit kam und das 
Amt an seine Stelle trat. Allein es ergab sich, dass die alten 
Vorsteher selbst vielfach zu verkommen waren, um den neuen 
grossen Anforderungen zu genügen. Der Verfasser der Pastoral- 
briefe muss wieder mit den elementaren Geboten des Anstandes 
und der Ordnung an sie herantreten. Trunkenheit , Geldgier, 
Roheit, ünkeuschheit, Unordnung im eigenen Hauswesen 
scheinen selbst unter Vorstehern nichts Seltenes gewesen zu sein. 
Solche Vorsteher zogen den Christen den Spott der Heiden zu 
und vermochten keine Autorität in den Gemeinschaften zu er- 
langen. Es kam etwa vor, dass Proselyten sofort nach der Taufe 
Bischöfe wurden, um dann „durch ihre Aufgeblasenheit dem Ge- 
richt des Teufels zu verfallen". Das änderte sich auch später 
nicht. Von Polykarp erfahren wir, wie in Philippi ein Presbyter 
Valens samt seiner Frau vornehmlich durch Habgier, aber auch 
durch andere Dinge, grosses Aergernis erregte. Hermas klagt 
in Rom über Diakonen, die Witwen und Waisen den Lebens- 
unterhalt zu entwinden und sich selbst daraus Gewinn zu ziehen 
wussten. Es war ein wahres Verhängnis für die christliche Kirche, 
dass von Anfang an die Gemeindebeamten nicht auf der Höhe 
ihres Berufs standen , vielmehr die Klagen gegen die Bischöfe 
und Priester so alt sind wie das Christentum selbst. Durch die 
gnostische Propaganda kam nun das Verhetzen und Konkurrenz- 
machen unter den Führern auf. Viele Gemeinden zerspalteten 
sich. Neben der Hauptversammlung des Bischofs bestanden die 
Winkelversammlungen der gnostischen Propheten. Ja selbst wo 
keine Gnostiker auftraten, wie zur Zeit des Hermas in Rom, gab 
es doch solche falsche Propheten, die im Geheimen wahrsagten 
und den Bischöfen entgegenwirkten. Wie dann die Scheidung 
zwischen Orthodoxie und Häresie klar vollzogen wurde und da- 
durch mehr Frieden in die katholischen Gemeinden kam, da 
stellte sich heraus, dass die Bischöfe an den Heiligen Konkur- 
renten in den eigenen Gemeinden besassen. Der Asket galt mehr 
als der Priester bei allen nicht asketischen Verehrern des aske- 



382 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

tischen Ideals. Aber diese Heiligen, zu denen ja auch die Witwen 
gerechnet wurden, besassen selbst oft keine wetterfeste Heiligkeit. 
Wir hören sehr früh von Witwen, die auf Grund ihres Ehrentitels 
die Verköstigung der Gemeinde genossen, nichtsdestoweniger 
jedoch üppig lebten oder ganz einfach aufs Heiraten ausgingen. 
Es war so bequem und vorteilhaft, Witwe zu heissen, dass reiche 
Frauen, die Mittel genug zu ihrer und ihrer Kinder Unterhalt 
besassen, sich in den heiligen Stand einschreiben liessen. Später 
kam dann noch eine neue Konkurrenz für die Bischöfe auf. Geist- 
volle Lehrer gründeten Schulen und wurden der geistige Mittel- 
punkt der Gemeinden, sehr zum Verdruss mancher Hirten. 

Wenn so die Führer, statt der Verderbnis Halt zu ge- 
bieten, selber durch ihr Beispiel ihr Thür und Thor öfi'neten, ist 
es nicht wunderbar, wenn auch der Stand der Gemeinden im 
ganzen früh ein tiefer war. Wir gewahren bereits die einzelnen 
Klassen von Christen mit ihren besonderen Klassensünden sich 
sondern. Bei den Frauen nimmt die weltliche Putzsucht über- 
hand bis über die Grenzen des Anstandest sie tragen den Ge- 
meindeklatsch in den Häusern herum. Ganz bedenklich klingt 
die Mahnung des Titusbriefs, die alten Frauen möchten sich nicht 
von zu viel Wein knechten lassen. Die Klasse der Reichen ver- 
fällt früh in das Welt- und Namenschristentum. Jakobus muss 
schon so über sie herfahren , dass der Leser seines Briefs sich 
fragt: Gehen diese Strafworte nicht auf ausserkirchliche Reiche? 
Allein für diese schreibt Jakobus nicht, er meint wirklich die 
reichen Christen. Sie lästern den christlichen Namen dadurch, 
dass sie ärmere Glaubensgenossen vergewaltigen und vor die Ge- 
richtshöfe schleppen, weil ihnen das Geld mehr als der Glaube 
gilt. Indem sie den Arbeitern, die auf ihren Feldern geschnitten 
haben, den Lohn zurückhalten, sind sie schuld an den Rache- 
seufzern der Arbeiter zu Gott. Sie schwelgen und prassen aber 
unbekümmert weiter. So schildert ein tapferer Lehrer keine 
hundert Jahre nach Christus die reichen Christen seiner Zeit. 
Bestätigt wird diese Busspredigt durch die Schilderung des 
Hermas aus Rom. Auch für ihn gelten die Reichen und die 
Kaufleute als die Hauptvertreter des Weltchristentums. Die 
Kaufleute gehen auf ihren Reisen ihren Geschäften nach und 
halten sich nicht zu den Gemeinschaften. Auch die Reichen 
thun dies nicht, aus Furcht, sie möchten angebettelt werden. 
Häufig kommt es vor, dass Christen durch Glücksverhältnisse 



2. Christliche Lebensführung. 383 



plötzlich reich und bei den Heiden angesehen werden; da schiesst 
ihnen der Hochmut in den Kopf, sie besuchen die Versammlungen 
nicht mehr und leben fortan mit den Heiden. Ausschlaggebend 
ist bei dieser Beurteilung eben der Gesichtspunkt, dass die Ge- 
meinschaft mit den meistens ärmeren und wenig geehrten Chri- 
sten von den Vornehmen als lästig empfunden wird. Allein die 
unteren Klassen haben sofort auch ihre Zeichen der Verwelt- 
lichung genau wie die oberen. Besonders der Sklavenstand 
machte den ernsten Predigern viele Sorgen. Bald fehlte die pri- 
mitivste Sitthchkeit, Sklaven stahlen oder unterschlugen ihren 
Herren und brachten dadurch das ßenommee der Gemeinden in 
Verruf. Oder sie meinten, als Christen nun weiser zu sein und 
ihren Herren widersprechen zu dürfen. Wenn ein christlicher 
Sklave auch einem christlichen Herrn gehörte, so wurde das 
Verhältnis mehr erschwert als erleichtert. Emanzipationsgelüste 
tauchten auf, die Sklaven betrachteten sich als den Herren gleich- 
stehend, oder auch höher stehend, wenn sie christhcher waren. 
Zu diesen Sünden der einzelnen Klassen traten dann erst 
noch die allen Christen mehr oder weniger gemeinsamen Zeichen 
der Verweltlichung hinzu. Am meisten machte den Gemeinden 
die Unzucht in all ihren Formen zu schaffen. Es scheint, als 
seien die Unkeuschheitsfehler am Anfang die notwendigen unzer- 
trennlichen Begleiter des Christentums. Das konnte gar nicht 
anders sein, weil die strenge Keuschheitsforderung des Evange- 
liums jetzt zusammenstiess mit der aller und jeder Unsittlichkeit 
selbst der Bestialität gewährten Toleranz des heidnischen Alter- 
tums. Wo jede allmähliche Erziehung der Massen zu gesunden 
Begriffen von Reinheit und Anstand fehlte und statt dessen die 
tausenderlei Versuchungen der Oeflfentlichkeit und Winkel glei- 
cherweise infizierenden unsittlichen Roheit den Christen auf 
Schritt und Tritt begegneten, musste der Abstand vom Ideal ein 
sehr grosser sein. Die Verderbnis war bald derart, dass selbst 
die Gegenbestrebungen teils durch das Uebermass der Tugend, 
teils durch die Ausmalung des Lasters von der unreinen Seuche 
angesteckt wurden. Wenn asketische Kraftproben , wie das ge- 
meinsame Schlafen christlicher Brüder und Schwestern, sich da 
und dort Ansehen erwarben — selbst Hermas spielt darauf an 
— so war ja damit der Unkeuschheit nur ein neuer Weg eröffnet. 
Oder wenn die Erbauungsliteratur sich auf das Erdichten von 
Bekehrungen grosser Sünder und Sünderinnen oder von Bewah- 



384 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

rung der Jungfräulichkeit unter allen Versuchungen verlegte, so 
nahm sie dadurch den Feind, den sie bekämpfte, in sich selber 
auf. Der Eingang des Hirten des Hermas verrät schon einen 
verdorbenen Geschmack bei Verfasser und Lesern. AVie mögen 
erst weniger sittliche Autoren als dieser brave Durchschnitts- 
mensch geschrieben haben! 

Ein anderes Hauptübel , das alle Christen betraf, war die 
sogenannte Dipsychie, die faule Halbheit, die sich weder für noch 
gegen Jesus klar entscheiden wollte. Sie äusserte sich vor allem 
in der Fortsetzung heidnischer Gebräuche und Ceremonien, die 
gegen den Monotheismus verstiessen. In Rom liefen die Chri- 
sten heimlich zu Wahrsagern, genau wie die Heiden auch. 
Eine ganze Fülle heidnischen Aberglaubens wurde dadurch ins 
Christentum eingeschleppt, dort zuerst öffentlich verboten und 
heimlich geübt, bis es zuletzt christlich umgedeutet und reguliert 
wurde. Die christliche Hoffnung, das Gebetsleben, die christ- 
liche Sitte litten schwer unter diesem Schwanken und Probieren. 
Die Grenzlinie gegen die Welt wurde dadurch oft noch mehr ver- 
wischt als durch grobe sittliche Verirrungen. Dann aber war 
ein grosses Zeichen der Verweltlichung die starke Abnahme des 
Gemeinsinns. Darin war ja die apostolische Zeit bewunderns- 
wert gewesen auch nach dem Zeugnis des Paulus. Seine Ge- 
meinschaften waren Pflanzstätten der Liebe , die Jesus in die 
Welt gebracht hatte. In der nachapostolischen Zeit mehren sich 
die Klagen über schlechten Besuch der Zusammenkünfte , Ab- 
sonderung einzelner Personen und Kreise. Die gnostischen Theo- 
rien wirkten hier verderblich ein. Sie gaben den Christen die 
Anweisung zum rehgiösen Genuss, zur Loslösung von aller Welt 
in gänzlicher Isolierung der Seele. Um die Liebe, d. h, um 
Arme, Kranke, Gefangene, Hungernde haben sie sich nicht ge- 
kümmert; solche Werke waren gut genug für die „Braven", 
denen der Geist fehlte. Indessen, wo keine Gnostiker waren, da 
stand es um den Gemeinsinn nicht viel besser. Es hielten meistens 
diejenigen treu zusammen, die der Unterstützung bedurften. Die 
anderen, die Weltmenschen, gingen ihren eigenen Weg, der Ehre 
und dem Reichtum nach. Etwas Notwendiges lag auch in der 
ATjnahme des Gemeinsinns in der That. Die Blütezeit des Ge- 
meinschaftslebens war damals, als es noch keine christlichen 
Familien , keine christlichen Sklavenbesitzer etc. gab, und daher 
der Einzelne nur in der Gemeinschaft leben und sich halten 



2. Christliche Lebensführung. 385 

konnte. Sobald aber das Christentum tiefer in die Welt eindrang 
und folglich in die natürlichen Gemeinschaftsformen, die längst 
vor ihm bestanden, verlor das Gemeinschaftsleben allmählich seine 
centrale Bedeutung. In solchen Uebergangszeiten tritt dann oft 
nur der grosse Nachteil der Veränderung hervor, während für 
das, was gewonnen wird, der Sinn fehlt. Und doch ging die Ent- 
wicklung des Christentums diesen Weg, die Gemeinschaften nach 
und nach überflüssig zu machen, d.h. nur noch kultisch werden zu 
lassen, bis dann später unter veränderten Verhältnissen das Be- 
dürfnis nach ihnen spontan wieder entstand. 

Eine ganz besondere Gefahr erwuchs aber dem Christentum 
aus seiner rasch sich steigernden Hellenisierung, welche durch 
die gnostischen Wirren gefördert wurde. Die griechischen Chri- 
sten verloren — resp. sie gewannen nicht — das Gefühl dafür, 
dass die christliche Frömmigkeit etwas durchaus Praktisches, 
Einfaches ist. Eine ungeheure Lust, zu spekulieren und zu dispu- 
tieren erwachte in den griechischen Gemeinden. Diese Griechen 
machten die Gegenstände des christlichen Glaubens zum Ziel 
ihrer Verstandeskünste, wie jeder Rhetor sein Thema. Sie fanden 
es ergötzlich und auch lehrreich, dass sie jetzt neue Probleme von 
diesen barbarischen Orientalen erhalten hatten. Infolge dessen 
drängten sich so viele zum Lehrerberuf. Wer nur eine grosse 
Zungenfertigkeit besass, konnte hoffen, ein berühmter christ- 
licher Lehrer zu werden. Auch in den Kreisen, denen die eigent- 
liche rhetorische Bildung fehlte , riss das Laster des frommen 
Schwatzensein. Wenn manche Christen aus der Versammlung fort- 
gingen, rühmten sie den geschickten Prediger, ohne auch nur zu 
denken, dass das Thun des Gesagten die Hauptsache sei. Das 
dumme Geschwätz über Glauben und Rechtfertigung entstand 
auf Grund der Vorlesung paulinischer Briefe. Die Parole vom 
seligmachenden Glauben wurde zur Untergrabung der Moral be- 
nutzt, nicht von Gnostikern, sondern von Katholiken selber. 
Das Hässliche aber war der Kontrast der geistlichen Ge- 
schwätzigkeit zu dem elenden Stand des elementaren , sittlichen 
Lebens. Eifersucht, Zank, Verleumdung, Parteiungen ertrug 
man ohne ein Gefühl des Widerspruchs gegen das sittliche Ideal. 
Das ist der Anfang des späteren griechischen Christentums. 
Nach dem I. Korintherbrief sind die Pastoralbriefe und der 
Jakobusbrief seine ersten Enthüllungen. Dies Christentum ist 
ganz geeignet, das christliche Dogma zu schaffen und auszubauen, 

Wernle, Anfänge. 25 



386 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

da sich dies mit seiner Faulheit und Untüchtigkeit vollkommen 
verträgt. 

Das war das Christentum , das im nachapostolischen Zeit- 
alter gelebt wurde. Selbstverständlich fehlten ihm die Licht- 
seiten nicht; ohne sie wäre der grosse fortwährende Zuzug nicht 
verständlich. Wie es verkehrt ist, das Ideal der Briefe für Wirk- 
lichkeit zu nehmen, genau so verkehrt wäre es, die Schattenseiten 
für das ganze Christentum zu halten. Aber die fatalen Züge 
waren da, und laut dem Urteil mancher Lehrer standen sie oft 
so im Vordergrund, dass sie unsere Aufmerksamkeit noch heute 
verdienen. 

Ja man muss noch weiter gehen und sagen, dass das christ- 
liche Lebensideal selbst, das in so erfreulichem Gegensatz gegen 
alle die genannten Verirrungen von den kirchlichen Lehrern be- 
hauptet wird, in den allgemeinen Prozess der Verderbnis mit 
hineingezogen wurde. 

Es bleibt zwar bestehen, aber es erhält einen dogmatisch- 
kirchlichen Vorbau. Der Kampf mit den Gnostikern ist an der 
Entstehung dieses Vorbaues schuld, aber nicht er allein. Viel- 
leicht hätte die Kirchenbildung von selbst dazu geführt. Die 
Forderung des orthodoxen Bekenntnisses wird das erste Haupt- 
stück des Christentums, die Voraussetzung für jede Anerken- 
nung christlichen Lebens. Schon bei Paulus und vorher waren 
die Christen die Gläubigen, aber der Glaube war noch einfach 
formuliert. Die Erweiterung des christologischen Bekenntnisses 
zeigt, wie auf Inhalt und Umfang des Glaubens ein immer grös- 
seres Gewicht fällt, wie der Glaube ein formuliertes Wissen, eine 
primitive Gnosis wird. Dann bringt der Kampf gegen die Gno- 
stiker erst den strengen Begriff der Orthodoxie auf; das Be- 
kenntnis wird innerchristliches Unterscheidungszeichen. Wer das 
orthodoxe Bekenntnis nicht hat, gehört dem Teufel. Sofort zei- 
tigt diese neue Orthodoxie ein ganzes System von Lieblosigkeit, 
Richtgeist, Verleumdung, wie es kaum der Steigerung fähig ist. 
Die Feindschaft gegen die ungläubigen Christen wird das Kenn- 
zeichen des wahren Christen. Das war ein erster Abfall vom 
Evangelium. 

Ein zweites Hauptstück des Christentums wird die Kirch- 
lichkeit, die Unterordnung unter den Bischof und sein Recht. 
Ursprünglich forderte der christliche Gemeinschaftssinn die gegen- 
seitige Dienstleistung aller Brüder in Liebe und das Achten auf 



2. Christliche Lebensführung. 387 

die Stimme des Geistes in den Propheten. Als sich im nach- 
apostohschen Zeitalter die neue bischöfliche Verfassung aus- 
bildete.^ trat der Gehorsam gegen die kirchlichen Beamten immer 
stärker hervor. Der I. Klemensbrief zeigt, wie es auch ohne den 
gnostischen Kampf zur Forderung der Kirchlichkeit an erster 
Stelle kommen konnte. Der Verfasser, der im Auftrag der römi- 
schen Gemeinde schreibt, bemüht sich, in Korinth, wo ein Auf- 
ruhr der Jüngeren gegen die Aelteren stattgefunden hatte, den 
kirchlichen Frieden wiederherzustellen. Er schreibt zu dem 
Zweck in einem Ton, als seien Christentum und Kirchlichkeit 
dasselbe. Jedes Verlassen der Ordnung, jede Störung der kirch- 
lichen Eintracht soll als ganz grosse Sünde taxiert werden, da 
die kirchliche Ordnung göttlichen Ursprungs ist. Jetzt wird 
selbst das paulinische Lobhed der Liebe zum LobHed der kirch- 
lichen Eintracht umgewandelt, Unterwerfung unter die Aelte- 
sten gilt als konstitutives Merkmal des Christentums. In einer 
langen Reihe scheinbar mit dem Haupttheraa nur lose zusam- 
menhängender Predigten wird Wert und Segen der Kirchlich- 
keit an Hand des ATs und der Naturordnung den Korinthern 
vorgeführt. Themata bilden die Eifersucht, die Ursache des 
korinthischen Aufstandes, die Busse, d. h. hier die Rückkehr 
zur kirchlichen Ordnung, der Gehorsam, d. h. hier die Unter- 
ordnung unter Gottes (kirchliclie) Ordnung, die Demut, die das 
Gegenteil der Erhebung über die kirchliche Ordnung ist, der Frie- 
den, d. h. die Harmonie, die sich wie in Gottes Schöpfung, so 
auch in der Gemeinde auswirken soll, die Ordnung überhaupt. 
Ganz gewiss ist nur die Lage des Augenblicks daran schuld, dass 
die persönlichen Aufgaben des Christen in diesem Brief hinter 
den kirchlichen so stark zurücktreten. Aber dass sich hier der 
Katholizismus anbahnt , ist zweifellos. Der Kampf mit dem 
Gnostizismus hat diese Entwicklung der Kirchlichkeit beschleu- 
nigt und fast überstürzt. Es wird jetzt Hauptpflicht des Chri- 
sten, vor allem anderen treuer Unterthan des Bischofs zu sein und 
nichts ohne ihn zu unternehmen. Wer etwas ohne den Bischof 
thut, dient dem Teufe], heisst es von jetzt an. Vor allem bei 
Ignatius hat die Hierarchie sich fest ins christliche Leben einge- 
nistet. AVir stehen wieder da, wo Jesus begonnen hatte. Das 
ist der zweite grosse Abfall vom EvangeHum. 

Beides, Orthodoxie und Kirchlichkeit, gehört von jetzt an an 
die Spitze des christhchen Ideals, das niemand besitzt, der auf 

25* 



388 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost, Zeitalter. 

jene Forderungen verzichtet. Trotzdem gilt es die Augen offen 
zu halten für die grosse Treue dieser Zeit gegen das alte Christen- 
tum. Der Kampf gegen die Gnostiker musste gerade dazu dienen, 
den Blick der Lehrer zu schärfen für die praktische, sittliche 
Eigenart des Evangeliums. Ausserdem beweisen Männer, wie 
der Verfasser des Jakobusbriefs, dass selbst ohne diesen Kampf 
von den Ernstgesinnten die Hauptsache nicht vergessen wurde. 

Mit begeisternder Einmütigkeit verkünden es die meisten 
Vertreter des werdenden Katholizismus: Das Christentum ist 
praktische Frömmigkeit, ein neues sittliches Leben, ein Wandel, 
ein Thun von Werken, und zwar des täglichen Berufs und der 
Bruderliebe, nicht der Extrawerke. Selbst wo katholische Extra- 
dinge Geltung finden, kann ein Hermas erklären: besser Wohl- 
thun mit dem, was man sich versagt, als blosses Fasten, und der 
Verfasser des H. Klemensbriefs stellt das Almosen höher als 
das Fasten. Spekulationen, Mystik, Schwärmerei, frommes Ge- 
schwätz, Askese sind nicht das Christentum, sondern etwas ihm 
gänzlich Fremdes. Dieser herrliche Grundsatz wird mit aller 
nur wünschbaren Deutlichkeit von den kirchlichen Lehrern ge- 
predigt. 

Die Pastoralbriefe, die johanneischen Schriften und der 
Jakobusbrief sind die glänzendsten Urkunden dieses praktischen 
Verständnisses des Evangeliums. 

Der Verfasser der Pastoralbriefe offenbart gegen alles Spe- 
kulieren und Disputieren einen instinktiven Hass. Er spürt klar, 
dass diese Dinge das Christentum nichts angehen. Er will 
Frömmigkeit, d. h. rein sittliche Bethätigung der Religion. Ganz 
unbefangen schreibt er von ihrem Nutzen. Gott will nicht Wort- 
gezänk, sondern gute Werke, weil diese allein den Menschen 
nützen. Die Frömmigkeit ist nütze zu allem. Das klingt nicht 
gerade tiefsinnig, aber es rettet die Religion vor der sittlichen 
Fäulnis. Wo keine Früchte da sind, hat sich zweifellos Fäulnis 
angesetzt. Ebenso wie die Spekulationssucht bekämpft der Autor 
die asketischen Tendenzen, wie Cölibat, Enthaltung von Speisen 
und Wein, körperliche Uebung, die wenig nützt. Auch dadurch 
rettet er die schlichte Moral und den Vorsehungsglauben, die 
mit der Askese eben unverträglich sind. So weit geht er in der 
Bekämpfung des Asketischen, dass er die Ehe des Bischofs ver- 
langt und dem Timotheus das blosse Wassertrinken verbietet. 
Auch in der Behandlung der Witwen verrät sich sein gesunder 



2. Christliche Lebensführung. 389 

antiasketiscber Sinn. Er schränkt die vita religiosa ein, soviel 
als möglich, und führt die Frauen zu den Aufgaben des gewöhn- 
lichen Lebens, vor allem der Kindererziehung zurück. Junge 
Witwen sollen wieder heiraten, sonst holt sie am Ende der Teufel. 
Vom Bischof wird keine „höhere" Sittlichkeit gefordert als die 
evangelische. Er soll ein ganzer Christ und ein Vorbild christ- 
lichen Wandels sein, das ist gerade genug. Wert gelegt wird 
deshalb auf christliche Eheführung und Haushaltung, auf Ehr- 
barkeit, Bescheidenheit, Freiheit von Geldliebe, Nüchternheit 
und freundliches Wesen. Derart soll der Klerus sich reformieren 
auf Grund des schlichten Evangeliums. Ein niedrig gestimmtes 
Durchschnittschristentum vertreten die Pastoralbriefe keines- 
wegs. Vielmehr ist die Abwehr der Spekulationen und der 
Askese, also des Mönchischen, die Vorbedingung der echten Auf- 
fassung christlichen Lebens. Allerdings redet eine stark haus- 
backene Nüchternheit ohne Schwung und ohne Feuer aus diesen 
Briefen. Aber im Kampf mit lauter exaltierten Schwärmern 
und Sophisten war diese Nüchternheit die Rettung des Christen- 
tums. Der Verfasser ist ein durch und durch gesunder Christ, 
der, wie wenige, das Recht hatte, die gesunde Lehre für sich in 
Anspruch zu nehmen. 

Der Verfasser der johanneischen Schriften hat schon in 
seinem Evangelium dafür gesorgt, dass der praktische Charakter 
des Christentums klar hervortritt. Das Christentum ist ihm, wie 
dem Verfasser der Pastoralbriefe, Glaube und Liebe. Der Glaube 
steht voran; seiner Empfehlung und Verteidigung dienen die 
12 ersten nach aussen gerichteten Kapitel. Das eigentliche Wesen 
der Jüngerschaft, die den Glauben voraussetzt, offenbaren uns 
nun die Abschiedsreden als etwas rein Praktisches. Zuerst die 
Fusswaschung als Beispiel der dienenden Liebe, dann das 
Testament der Bruderliebe, das neue Gebot. Aber die Haupt- 
belehrung über das Wesen der Jüngerschaft eröffnet das Gleich- 
nis vom Weinstock im 15. Kapitel. Das Fruchtbringen, die 
Aeusserung der Religion in guten Werken, ist das Ziel der 
Jüngerschaft. Dieses Fruchtbringen ist nur möglich in der Ge- 
meinschaft mit Jesus, im „Bleiben" bei Jesus, wie Johannes 
sagt. Der Ausdruck klingt mystisch, und es ist sogar möglich, 
dass ihn Johannes von den Gnostikern entlehnt hat. Allein er 
selbst biegt den mystischen Ausdruck sofort in das Sittliche um. 
Die Gemeinschaft mit Jesus besteht in der Treue gegen sein 



390 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

Wort. Einzig das Halten seiner Gebote garantiert ihren Bestand^ 
voran die Bruderliebe, die bis zur Hingabe des Lebens für die 
Brüder gehen soll. So giebt es auch keine Freundschaft mit 
Jesus ohne dass „ihr thut, was ich euch gebiete". Logisch ist 
dieser Gedankengang freilich nicht. Die Gemeinschaft mit Jesus- 
soll einerseits Bedingung für die Früchte sein, anderseits selbst 
durch das Halten der Gebote — das sind ja die Früchte — be- 
dingt werden. Aber klar ist die Absicht dieser Predigt: Glaube 
und Sittlichkeit gehören untrennbar zusammen, und zwar ist das 
Sittliche das, worauf Gottes Absicht geht, wenn er uns mit 
Jesus verbindet. Genau die gleichen Gedanken durchziehen den 
ersten Brief, nur dass ihnen der Gegensatz gegen die gnostischen 
Redewendungen eine schärfere Form verleiht. Herrlich ist schon 
der Eingang der Polemik, die rein sittliche Auffassung der 
Gotteserkenntnis. Wenn Gott Licht ist, folgt für uns die Pflicht, 
im Licht zu wandeln. 

Keine Gotteserkenntnis ohne Thun der Gebote, 
Keine Liebe Gottes ohne Halten seines Worts, 
Kein Sein in Gott ohne Wandeln nach Jesu Vorbild, 
Kein Sein im Licht ohne Liebe zu den Brüdern. 

Ein Christ ist ein Gotteskind, wenn er die Gerechtigkeit 
thut und die Brüder liebt. Das ist das einzige Kriterium vor 
Gott und Menschen. Die Liebe besteht nicht im mystischen Auf- 
schwung der Seele zu Gott; Gott ist ja unsichtbar, so kann man 
ihn auch nicht direkt lieben. Alle Gottesliebe muss sich als 
Bruderliebe beweisen, und zwar nicht in AVorten, sondern in 
der That, von der Freigebigkeit an bis zum Sterben für die 
Brüder. Grossartiger kann der sittliche Charakter des Evange- 
liums nicht ausgesprochen werden als in dem ernsten Wort : Die 
Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber Gottes Willen thut, 
bleibt in Ewigkeit. Einzig die beständige Wiederkehr der For- 
derung des orthodoxen Bekenntnisses als der Voraussetzung aller 
Sittlichkeit erinnert uns an den Abstand von den Sprüchen Jesu. 
Ein Mystiker ist kein Mann sowenig wie dieser Johannes, dem 
die Moral das einzig Ewige ist. AVohl braucht er oft mystische 
Worte, so an der berühmten Stelle von der Einkehr des Vaters 
und des Sohnes in den Herzen der Jünger. Das kommt daher, 
weil zu seiner Zeit solche Ausdrücke unter Christen viel ge- 
braucht worden sind, als Nachklang der alten Lehre von der 
Einwohnung des Geistes. Aber jedesmal wenn Johannes ein 



2. Christliche Lebensführung. 391 

solches mystisches Wort sich aneignet, betont er mehr als das 
verheissene Glück die sitthche Forderung, das Halten der Ge- 
bote. Das Schauen Gottes kommt doch erst in der Zukunft. 
Der Weg dahin geht durch die schlichte Moral und Liebe, nicht 
durch Spekulieren und nicht durch religiösen Genuss. Das ist 
das Motto des johanneischen, praktischen Christentums. 

Die Verfasser der Pastoralbriefe und der johanneischen 
Schriften sind durch ihren Kampf mit gnostischen Lehrern, die 
Spekulationen, Mystik und Askese empfahlen, zu ihrer Betonung 
des Praktischen im Christentum veranlasst worden. Ohne diesen 
Anlass steuert der Jakobusbrief auf das gleiche Ziel hin. Aeusser- 
lich besehen, zerfällt er in eine Anzahl lose disponierter und 
schlecht verbundener Sprüche, als wäre es ein Konglomerat 
jüdischer und christlicher Spruchweisheit. Und doch hat er seine 
klare, alles beherrschende Einheit einfach in dem Weckruf zum 
thätigen Christentum im Kampf gegen alles, was faul, schläfrig, 
krankhaft in den Gemeinden ist. Vor der Seele des Autors steht 
das Ideal des Christen als des thatkräftigen, werkthätigen, rast- 
los arbeitenden Mannes. Dies Ideal predigt er nicht systematisch, 
sondern in lauter Antithesen zu den Schäden der Wirklichkeit. 
Kein blosses Hören, sondern Thun des Worts! Kein Gottes- 
dienst, der im Kultus aufgeht, sondern praktischer Gottesdienst, 
Barmherzigkeit gegen Witwen und Waisen und Reinheit der 
Welt gegenüber! Kein Pochen auf Glauben und Rechtfertigung; 
die Werke gehören zum Glauben, sonst ist er tot. Kein frommes 
Schwatzen über geistliche Dinge, sondern Schweigen und Han- 
deln!' Kein Sich-Rühmen über theoretischen Weisheitsbesitz; 
am Wandel soll sich die Weisheit zeigen, an den Früchten der 
Keuschheit, Friedfertigkeit, Güte! Der Verfasser dieses Briefs 
war gewiss kein geistestiefer Lehrer, dem Paulus, dessen miss- 
brauchte Formeln er bekämpft, nicht von ferne gewachsen. Aber 
was für ein prächtiger, gesunder Christ im Sinne Jesu ist er 
doch! Eine wahrhaft tröstliche Erscheinung im nachapostolischen 
Zeitalter, vom hellenischen und gnostischen Geist völHg unbe- 
rührt, gar nicht reich im Denken, aber ein Held an sittlicher 
Tüchtigkeit. 

Hätten sie doch unter ihrem eigenen Namen geschrieben, 
diese schlichten Retter des Christentums in seiner schwersten 
Zeit! Sie haben das Evangelium Jesu besser verstanden als alle 
späteren katholischen und protestantischen Dogmatiker. Der 



392 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

Pseudojakobus ist zudem von Orthodoxie und Kirclilichkeit gänz- 
lich unberührt. Aber die beiden anderen Autoren sind ein guter 
Beleg dafür, dass das praktische Christentum durch jenen dog- 
matisch-kirchlichen Vorbau nicht verfälscht wurde. Orthodoxie 
und Kirchlichkeit waren der notwendige Panzer für die Substanz 
des Evangeliums Jesu, das der Welt drinnen und draussen gegen- 
über eines solchen widerstandskräftigen Schutzes bedurfte. Die 
Hauptsache waren sie nicht, selbst denen nicht, die für sie 
kämpften. Die Hauptsache waren auch jetzt die Früchte, das 
Thun des Willens Gottes, wie Johannes in Jesu Sprache sagt. 
Genau so dachten und schrieben die Verfasser des Hebräer-, 
I. Petrus-, I. und II. Klemensbriefs, Ignatius, Polykarp, Justin. 
In diesem Hauptpunkt sind sie alle evangelische Christen, 

Es fragt sich nur, welche Wandlung das praktische Ideal 
selbst erlebte, welche Seiten an ihm infolge der veränderten ge- 
schichtlichen Lage besonders hervortreten müssen. Im Grund 
handelt es sich noch immer, wie im Evangelium Jesu, um die 
rechte Stellung zu den drei grossen Wirklichkeiten, der eigenen 
Seele, dem Bruder und Gott. Nur treten, wie schon bei Paulus, 
infolge der Gemeinschaftsbildung und dem Gegensatz zur heid- 
nischen Umgebung einzelne spezielle Forderungen schärfer vor 
anderen in den Vordergrund, und ausserdem muss den natür- 
lichen Gemeinschaftsformen eine immer grössere Aufmerksamkeit 
geschenkt werden. 

Für den Einzelnen im Verhältnis zu sich selber ist Heiligung 
das Losungswort. Das Wort bedeutet wie früher den Bruch mit 
der sündigen Welt und die Weihe des ganzen Personenlebens an 
Gott. Dazu gehört natürlich der Bruch mit allen elementaren 
Fehlern, der Trunksucht, dem Diebstahl und der Lüge, allen 
Formen des Götzendienstes, der Zauberei etc. Aber alle anderen 
Forderungen überragt der Keuschheitsentschluss, der oft gerade- 
zu als das Wichtigste bei der Bekehrung erscheint. Justin erzählt 
von einer lasterhaften Römerin, die, durch einen christlichen 
Lehrer Ptolemäus gewonnen, zu allererst und sofort der Unkeusch- 
heit den Abschied gab. Der Fall ist typisch. Was den Christen 
vom NichtChristen unterscheiden soll, ist in erster Linie das 
Anderssein und Andersurteilen als die Heiden in Bezug auf die 
Laxheit und den Schmutz des geschlechtlichen Lebens, Der Ge- 
gensatz gegen die sittliche Roheit wurde sehr früh in das Aske- 
tische überspannt; kennt doch schon unsere Zeit den Anfang des 



2. Christliche Lebensführung. 393 

Mönchsideals. Ebenso wurde bei vielen schon jetzt auf die äussere 
Reinheit mehr Wert gelegt als auf die Reinheit des Herzens. Die 
strenge Kirchenzucht welche Hurer und Ehebrecher unerbittlich 
ausschloss, die bösen Gedanken dagegen selbstverständlich nicht 
kontrollieren konnte, musste unter Umständen direkt der Heuche- 
lei in die Hände arbeiten. Aber trotz allem hatten die alten 
Christen mit der Strenge gerade dieser Forderung Recht. Alle 
anderen christlichen Tugenden, die Bruderhebe, das Gottver- 
trauen, die Geduld, die Friedfertigkeit, können nicht gedeihen 
oder gelten mit Recht als heuchlerisch, wo der Einzelne noch nicht 
die Macht über seine Triebe gewonnen hat. Wie hätten auch die 
Christen den Kampf mit der ganzen Welt aufnehmen dürfen, wenn 
sie die strengste Keuschheitsforderung nicht aufgenommen hätten 
in ihr Ideal ! Das ist gerade das Grossartige an dieser ersten Zeit, 
dass die Christen noch keine Kompromisse schliessen, sondern rund 
und ganz das Höchste vertreten in einer allerdings dazu unfähigen 
Welt. Trotz aller Rückfälle mancher Einzelner durften die Ge- 
meinschaften bekennen, Stätten der Reinheit und Gesundheit 
zu sein, und das hiess etwas ! 

Das ist denn auch ganz selbstverständhch der oberste Ge- 
sichtspunkt der christlichen Lehrer bei ihren Vorschriften für die 
Ehe, die christliche wüe die gemischte, dass das Ideal der Rein- 
heit und Treue in ihr verwirklicht werde. Die Polemik gegen 
Luxus und Putzsucht hat gerade hier ihren Grund. In der Zeit 
des Ignatius fängt die kirchliche Eheschliessung vor dem Bischof 
an, eine heilsame und glückliche Sitte, da sie zur Selbstbesinnung 
und Offenheit trieb. An der Hebung der Frau und der Veredlung 
der Ehe arbeitet der Verfasser des I. Petrusbriefs durch seine 
verständige Ermahnung der christlichen Ehemänner. Er zugleich 
warnt die Frauen heidnischer Männer vor falscher Bekehrungs- 
sucht und weist sie an , durch den Wandel ohne Wort Einfluss 
zu gewinnen. Die Pastoralbriefe fordern in besonderer Weise 
gute Ordnung und rechtschaffene Erziehung im Haus und ver- 
langen haushälterische Frauen. Beinahe alle Lehrer der nach- 
apostolischen Zeit sehen ihre Pflicht darin, die Grundsätze des 
Evangeliums auf den Ehestand wie übrigens auch auf Jungfrauen 
und Witwen anzuwenden. Scheinbar einfache und selbstver- 
ständhche Dinge! Aber immer handelt es sich darum, eine feste 
christliche Tradition da zu schaffen , wo oft der primitivste Sinn 
für Anstand und Recht fehlte. Aus dieser christlichen Tradition 



394 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

stammt all der Segen reiner und gesunder Begriffe und Gewohn- 
heiten, deren wir uns noch heute erfreuen dürfen. 

Die Verengung der Bruderliebe auf den Kj-eis der Gemein- 
schaftsleute hat sich seit der Bildung der organisierten Gemein- 
schaft eingestellt. Sie war notwendig und nicht ohne weiteres 
ein Schaden. Die Erinnerung an das Gebot der alle Grenzen 
übersteigenden Liebe, speziell der Feindesliebe, fehlt nicht. Der 
I. Petrusbrief und Ignatius geben darüber mitten in der Ver- 
folgungszeit herrliche Ermahnungen, die geradeso im Evangelium 
stehen könnten. Am verhängnisvollsten war es, dassdergnostische 
Kampf die Feindschaft und Verdammungssucht in die Gemeinden 
selbst hineintrug, und so die Bruderliebe selbst eingeengt wurde 
auf den Kreis der orthodoxen Glaubensgenossen. In den johannei- 
schen Schriften begegnet uns die Beschränkung der Liebe in 
schlechthin unchristlicher Form. Nicht für die Welt bete ich, 
sagt Jesus im hohenpriesterhchen Gebet ! Wie kümmerlich ist 
schliesslich das neue Gebot der Liebe zu einander, d. h. der 
Christen unter sich, verglichen mit der grossartigen Weite der 
Liebesforderung in der Bergpredigt! Wie das johanneische 
Evangelium direkt engherzig die Grenze der Liebe umschreibt 
gegenüber der Welt, so thun es die Briefe gegen die Häretiker 
in den Gemeinden. Selbst der Gruss, diese Form der Mensch- 
lichkeit, ist dem zu verweigern, der die Lehre: „Jesus Christus im 
Fleisch gekommen" nicht hat. Für Todsünder soll die Pflicht 
der Fürbitte nicht gelten. Evangelisch sind alle diese Sätze nicht, 
da das schlichte christliche Gewissen sich nicht in sie findet. 
Gross ist freilich dann die Intensität der Liebe in diesem engen 
Kreis bei Johannes. Da strömt lauter Glut und Wärme aus 
seinem engen Herzen. Ueberhaupt gilt die christliche Bruder- 
liebe, die sich besonders in Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit 
äussert, in allen Schriften aus unserer Zeit als Hauptstück der 
Religion. Heiligung und Bruderliebe stehen vielfach neben ein- 
ander als Summe aller Forderungen. Den Gnostikern gegenüber 
wird die Liebe als Kennzeichen orthodoxen Christentums gerühmt, 
zum Teil mit Recht, da die gnostischen Theorien den rehgiösen 
Egoismus sanktionierten. Auch darin äussert sich die ungeheuere 
Hochschätzung der Liebe, dass der Spruch: „Liebe deckt der 
Sünden Menge" direkt und indirekt fast alle nachapostolischen 
Schriften beherrscht und geradezu dem Satz vom sündenverge- 
benden Glauben Konkurrenz macht. Jeder, der sich durch grosse 



2. Christliche Lebensführung. 395 

Werke der Barmherzigkeit ausgezeichnet hat, darf hoffen, bei 
Gott am Gerichtstag Gnade zu finden. So gewiss diese An- 
schauung der späteren katholischen Werkgerechtigkeit und Ver- 
dienstUchkeit schon jetzt Vorschub leistet, hat sie doch etwas 
Erfreuliches an sich, die Erhebung der Liebe, dieses wahrhaft 
Göttlichen in uns, über alles andere. Das mächtige Schlussstück 
der Parusiereden Jesu im Matthäusevangelium, das die ewige 
Seligkeit allen, denen verheisst, die einen von den geringsten 
Brüdern Jesu gespeist, getränkt, beherbergt, bekleidet, gepflegt, 
im Gefängnis besucht haben, dagegen alle, welche das nicht thaten, 
der Verdammnis zuweist, steht doch der Person Jesu näher als 
alle Sätze über Glauben und Unglauben, die ihm der Evangelist 
Johannes in den Mund legt. 

Die konkreten Bethätigungen der Bruderliebe im nachaposto- 
lischen Zeitalter hat uns in der Hauptsache soeben Matthäus auf- 
gezählt. Voran steht gewöhnlich die Gastfreundschaft, die Beher- 
bergung und Pflege der Missionare und der vielen durchreisenden 
Brüder; hier hat auch der Akt der Fusswaschung, den die Pasto- 
ralbriefe und Johannes als feste Sitte voraussetzen, seine Stelle. 
Aus der Einzelgemeinde selbst ergaben sich die Aufgaben der 
Armenpflege, das Speisen, Tränken, Bekleiden, die Unterstützung 
der Witwen und Waisen, der Krankenbesuch und die Kranken- 
pflege. Für die Witwen gab es später eine Gemeindekasse, und der 
Bischof hatte speziell die Fürsorge für sie, allein noch der Jakobus- 
brief macht es allen Christen zur Pflicht, Witwen und Waisen in 
ihrer Not zu besuchen. Da und dort bestand die Sitte des Los- 
kaufs christlicher Sklaven von ihren Herren. In der Verfolgungs- 
zeit kam eine neue Aufgabe dazu: der Besuch der gefangenen 
Christen, von dem uns der Spötter Lucian die älteste Schilderung 
giebt. Alle diese Liebesdienste waren in der alten Zeit persön- 
liche, nicht sachliche Werke und wurden von allen Gemeinde- 
gliedern, nicht allein vom Bischof geleistet. Von den Reichen 
und Vornehmen speziell nahm man an, dass sie dadurch ihr 
Christentum legitimierten. Sehr früh kam aber die Almosen- 
frömmigkeit auf, die das Hauptgewicht auf die sachhche Leistung 
legte. Die Lucasschriften, später die Apostellehre, der zweite 
Klemensbrief haben sie aus dem Judentum her in der Kirche zu 
Ansehen gebracht. Schon vernimmt man die bedenklichen Schlag- 
worte: Das Almosen erleichtert die Sündenlast oder erlöst von 
Sünden und vom Tod. Lucas und Hermas stellen die Theorie 



396 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

auf, dass der Reiche durch seine Wohlthätigkeit an armen Christen 
sich den Himmel und, nach Hermas, sogar irdischen Segen er- 
werben kann. Religion hat nach dem zweiten Gleichnis des Hermas 
im strengen Sinn nur der arme Christ, und zwar als Armer. Nur 
seine Gebete finden den Zugang zu Gott, die des Reichen nicht. 
Will der Reiche an der Religion teilhaben, so muss er durch 
Wohlthätigkeit die Vermittlung des Armen erwerben. Das war 
freilich die Karrikatur des evangelischen Ideals der Liebe. Die 
meisten christlichen Lehrer wussten, dass das Schenken von Geld 
und Gütern nur ein kleiner Ausschnitt jener umfassenden Forde- 
rung ist. Die Gemeinschaft erwartet vom Einzelnen, vom Reichen 
wie vom Armen, viel mehr: das gegenseitige Tragen, Verzeihen, 
Trösten, Stärken, da jeder sich jedem unterordnet und nur an 
das Wohl des anderen denkt in Sanftmut und Geduld. AVie weit 
sich diese Liebe in den Gemeinden verwirklichte, wissen wir nicht. 
Aber schon das Festhalten am alten Ideal war ein Segen. Viele 
Proselyten zog am meisten der Reichtum und die Vielseitigkeit 
der christlichen Bruderliebe an. Umgekehrt schadete nichts einer 
Gemeinde so sehr, wie wenn einzelne reiche Glieder sich der Liebe 
entzogen. In Verfolgung und Not bewährte sich die Liebe am 
schönsten; da erfuhren die Glieder einer Gemeinde, dass die 
ganze Christenheit mit ihnen betete und litt. Gaben wurden ge- 
sammelt, Briefe gewechselt, Rat und Trost gespendet. Die Liebe 
war die Kraft des siegenden Christentums. 

Jetzt gewinnt auch die Forderung des Gottvertrauens einen 
ganz bestimmten Sinn : die Pflicht , im Leiden bis zum Tod Ge- 
duld und Tapferkeit zu bewähren. Alle anderen Ermahnungen 
Gott gegenüber treten zurück. Für alle äussere und innere Not 
sorgt die Liebe der Brüder. Aber dem Feind gegenüber hängt 
sich der Einzelne an Gottes Trost und Verheissung, Die Apo- 
kalypse, dann der erste Petrusbrief, eröffnen die Reihe der Trost- 
und Malmschriften für die Märtyrer. Alle späteren Schriften 
setzen die gleichen Töne fort. Mächtig wirkte jetzt das Beispiel 
Jesu, des ersten Märtyrers, auf die bedrängten Gemeinden. Die 
Apokalypse, der I. Petrusbrief, Johannes stellten ihn als Führer 
in Leiden und Tod vor die Christen hin. „Seid getrost, ich habe 
die Welt überwunden", also überwindet sie auch der Jünger, wie 
der Herr. Die Forderung des heroischen Gottvertrauens rich- 
tete sich an die Führer zuerst. Für sie zeichnet Johannes das 
Bild des wahren Hirten, der für seine Schafe stirbt, und des 



2. Christliche Lebensführung. 397 

feigen Mietlings, der sie verlässt und flieht, wenn der Wolf 
kommt. An Beispielen des Abfalls und der Verleugnung fehlt 
es nicht von Anfang an. Die Trennung von der Familie, die 
Leiden des Gefängnisses , die Folterqualen und alles Grausige, 
das dem Martyrium vorherging, haben manchen tapferen Christen 
einen Augenblick schwankend gemacht. Aber dann entschied der 
Blick nach vorwärts auf den Siegeslohn. Es war doch etwas 
Mächtiges in 'diesen Christen, von denen keiner wusste, ob er 
nicht zum Märtyrer auserlesen sei. 

Der eschatologische Ausblick war für das Leben der Chri- 
sten von allergrösster Bedeutung. Er gab dem Leben aller 
Ernstgesinnten eine starke Richtung auf die Ewigkeit. Das 
Wort: „die Welt vergeht mit ihrer Lust" haben sie angewandt 
auf alle Güter der antiken Kultur. Darum fehlen die kultur- 
freundlichen Züge so gut wie völlig in der alten Ethik. Am gün- 
stigsten beurteilen sie den Staat — trotz der Verfolgung — da 
er Ordnung und Frieden garantieren kann und soll. Von der 
Wissenschaft nehmen sie, was derErbauungundder Verteidigung 
dient. Alles andere, Kunst, Geselligkeit, Vergnügen gehört 
nach dem Urteil der meisten zum Teufelsreich, weil es von hun- 
dert Versuchungen zur Sünde erfüllt ist. Selten treffen wir auf 
ein wirklich weltüberlegenes, freies Wort, das zeigt, wie der 
Christ als Herr über diese Welt geht. Das Motto giebt Johan- 
nes: „Habt nicht lieb die Welt. Alles, was in der Welt ist, ist 
nicht vom Vater." Etwas Sektenhaftes, Beschränktes hat sich 
von der Anfangszeit her in der christlichen Ethik festgesetzt. 
Das war die Kehrseite ihrer Kraft. Als Rebellen gegen die herr- 
schenden Religionen und Sitten traten die Christen auf. Sie 
führten Krieg mit dem Glauben, der Mode, der Gewohnheit, der 
Toleranz. Die Welt war ihr Feind, wie hätten sie diesen lieben 
sollen ! Für eine positive Beurteilung der weltlichen Güter war 
die Zeit nicht da. Jetzt brauchte man Märtyrer, die den Tod für 
ihren Glauben höher stellten als alles Glück der Welt. 

Grossartig ist, wie klar die Erkenntnis der evangelischen 
Forderung bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts sich erhält. 
Ein Christ — das steht fest — ist ein Mensch , der seiner selbst 
Herr ist, die Brüder liebt und Gott vertraut selbst im Tode. 
Katholische Trübungen, wie die Hochschätzung des Almosens, 
des Fastens, der Virginität, sind freilich im Anzug, aber sie ver- 
dunkeln die Hauptsache noch nicht. Der Prediger, der in ziem- 



398 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

lieh junger Zeit den sog. II. Klemensbrief verfasste, hat 
wahrlich kein schlechtes Verständnis des Evangeliums Jesu. 
Apologeten wie Aristides und Justin führen den Heiden die 
sittliche Grösse des Christentums vor. Freilich das sind zu- 
nächst lauter Worte, Theorien. Der wirkliche Zustand vieler 
Gemeinden war kein hoher. Der Prozess der Verweltlichung ist 
in vollem Gang. Es zeigt sich, dass die Gemeinschaften ihre 
Aufgabe, Medien der Erlösung zu sein, auf die Dauer nicht er- 
füllen können. Allein nicht darauf kommt es an. Das Christen- 
tum, das Jesus in die Welt brachte, kann, da es etwas Persön- 
liches ist, im strengen Sinn immer nur in einzelnen Menschen 
sich verwirklichen. Alle Gemeinschaftsformen verwirren es mit 
der Welt, erzeugen ein Gewirr von Ideal und Wirklichkeit. Chri- 
sten sind jederzeit Einzelne. Solche Einzelne gab es in der 
nachapostoHschen Zeit, es gab sie wohl in grösserer Zahl als 
später. Diese Einzelnen prägen der gesamten damaligen Chri- 
stenheit erst den christlichen Charakter auf. 

3. Die Erlösung. 

Als Erlösungsreligion trat das Christentum in der Welt auf. 
Indem es den Menschen die ewige Seligkeit verheisst und als 
Weg dazu das Thun des Willens Gottes aufstellt, will es schon 
jetzt ihnen Mut, Kraft und Freude zum neuen Leben schenken 
durch das Glück der Gemeinschaft Gottes. Schon Jesus selbst 
war mehr als Prophet und Lehrer des Willens Gottes. Er kam 
als Erlöser zu den Menschen, um ihnen Gott nahe zu bringen 
und sie zu Kindern Gottes zu erheben. 

Nach seinem Tod wirkte seine Erlöserkraft in seiner Jünger- 
gemeinde fort, als der Geist Christi, wie Paulus sich ausdrückt. 
An Stelle seiner Person trat jetzt die Kunde von ihm, und mehr 
als das, der Eindruck des von ihm entzündeten neuen Lebens 
seiner Jünger. Stets hielt das Christentum an diesem Anspruch 
fest, nicht bloss das Ziel und den Weg zur Seligkeit zu weisen, 
sondern die Menschen thatsächhch auf den rechten Weg zu 
stellen und zum Ziel zu führen durch Mitteilung der Kraft 
Gottes, die in Jesus und seinen Jüngern lebt. Darum hat es 
die Botschaft der Liebe oder Gnade Gottes in seinem Mittel- 
punkt. 

Was erfahren wir von dieser. Erlösung im nachapostolischen 
Zeitalter? 



3. Die Erlösung. 399 



Scharf muss unterschieden werden zwischen den wirklichen 
Erlebnissen und den Postulaten, Den Postulaten gegenüber gilt 
es, sich mit dem allergrössten Misstrauen zu wappnen. Was 
hören wir nicht alles aus christlichen Schriften vom Wert des 
Todes Jesu und der Taufe, von Wiedergeburt, Empfang des 
Geistes ! Aber das sind teils apologetische, teils erbauliche Schlag- 
worte und Formeln, die einer dem anderen überliefert, die zur 
christlichen Sprache gehören , denen aber gar nichts Wirkliches 
zu entsprechen braucht. Der Barnabasbrief soll uns zum ab- 
schreckenden Beispiel dienen: „Wir steigen in das Wasser voll 
Sünde und Schmutz und steigen herauf, Frucht bringend im 
Herzen, da wir die Furcht und Hoffnung auf Jesus im Geist 
haben. Vorher war unser Herz eine Behausung der Dämonen- 
als wir die Vergebung bekamen und auf seinen Namen hofften, 
da wurden wir neu wieder von Anfang geschaffen." Das ist 
prächtig ausgedrückt ! Wenn es nur wahr wäre ! Die Verfasser 
des Hebräer-, des I. Petrus-, des I. Klemensbriefes, Justin leiten 
vom Blut Jesu die Reinigung und Vergebung her und beweisen 
hiedurch, dass man sich daraufstützte. Aber das sind Theorien, 
die nie im stände sind, ein neues Leben zu garantieren. Hören 
wir den Verfasser des Hebräerbriefs: „Wenn das Blut von 
Böcken und Stieren und die Asche der Kuh, welche die Befleck- 
ten besprengt, heiligt zur Reinheit des Fleisches, wie viel mehr 
wird das Blut des Christus . . . euer Gewissen reinigen von toten 
Werken zum Dienst des lebendigen Gottes!" Der gelehrte Mann 
hat freilich damit Recht, wenn er dem Blut der Opfertiere jede 
AVirkung auf das Gewissen abspricht; aber ist denn das Blut 
Christi irgend geeigneter zur Gewissensreinigung? Wie sollte per- 
sönliche, sitthche Schuld durch fremdes Blut getilgt werden 
können! Sehr viel Aberglaube hing sich in frühester Zeit an das 
Blut und die Taufe. Die Wirkungen wurden als magische ge- 
dacht, auch wenn gar keine sittlichen Folgen sich einstellten. 
Die Blut- und Sakramentstheologie brachte es mit sich, dass man 
sich mit dem Objektiven begnügte, ohne sich zu fragen: bin ich 
wirklich in meinem Leben ein erlöster Mensch? 

Auf eine Wirklichkeit dagegen treffen wir da, wo Christen 
von ihrer Bekehrung reden. Noch rekrutierten sich die Gemein- 
den in der Mehrzahl aus heidnischer Bevölkerung. Da war die 
Bekehrung ein Erlebnis , dessen Tag und Stunde jeder kannte, 
da es das ganze Leben in zwei Hälften schnitt. Es war für die 



400 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

meisten der Bruch mit einer schlechten Vergangenheit, der Aus- 
tritt aus dem Schmutz tierischer Roheit und kindischen Aber- 
glaubens. Grosse Geschenke empfing man von der christlichen 
Gemeinschaft: einen reinen sittlichen Gottesglauben, das Ideal 
des Lebens nach dem Evangehum und eine feste Hoffnung, die 
über alle Not emporhob. Ausserdem beim Eintritt die Gewähr 
der Vergebung aller früheren Sünden, eine Gabe höchsten Glücks 
für die ernsthaft Suchenden, für die unlauteren Elemente freilich 
ein Geschenk von zweifelhaftem Wert. Die Vergewisserung all 
dieser Realitäten war für die Neueintretenden die Gnade Gottes. 
Bei manchen rief der plötzliche üebergang in den neuen Zustand 
seelische Erschütterungen, geheimnisvolle, ekstatische Vorgänge 
hervor. Doch waren das Ausnahmen, Bei den meisten überwog 
ein halb rationales , halb superstitiöses Aufnehmen der grossen 
Gaben. Der ungeheuere Eindruck der Bekehrung, der scharfe 
Gegensatz von Einst und Jetzt äussert sich in vielen altchrist- 
lichen Schriften. Solchen Sätzen, wenn sie nicht gar zu formel- 
haft klingen, liegen Erlebnisse zu Grund. Doch hat sich auch 
darüber früh eine traditionelle liturgische Sprache gebildet, die 
mit Vorsicht aufzunehmen ist. 

Aber nun kam die Hauptfrage: Entspricht der Fortgang 
des christlichen Lebens der Bekehrung? Führt der Christ wirk- 
lich ein erlöstes Leben von der Taufe an? 

Was wir aus den Pastoralbriefen, dem Jakobusbrief, dem 
Hirten des Hermas , der Klemenspredigt lernen , sagt auf jene 
Frage ein lautes Nein. Ein sehr grosser Teil der Christen sind 
keine erlösten Menschen gewesen. Häufig war sogar der Unter- 
schied des einstigen und jetzigen Lebens ausserordentlich klein. 
Heidnische Laxheit und Lasterhaftigkeit, der Aberglaube, die 
Unsicherheit und Furcht, die Parteisucht, die Sorge, das alles 
kommt aus dem Heidentum in die christlichen Gemeinden hinein. 
Am deutlichsten reden die Voraussetzungen des Jakobusbriefes 
und die Persönlichkeit des Hermas. Die Leser des Jakobusbriefs 
stehen z. B. auf so geringem Niveau, dass der Zweifel begreiflich 
ist: sind es Christen oder nicht? Seine Reichen fährt der Autor 
mit einem AVehruf an, als stünden sie ausserhalb der Kirche. 
Begreiflich, denn sie lästern den christlichen Namen durch ihre 
unchristliche Aufführung. Aber die Mehrzahl der Gemeinde- 
christen scheint kaum viel besser zu sein. „Ihr begehret und be- 
sitzet nicht; ihr mordet und neidet und könnt es nicht erlangen. 



3. Die Erlösung, 401 



Ihr streitet und kcärapft und habt es nicht, weil ihr nicht betet. 
Ihr betet und bekommt es nicht, weil ihr sträflich betet, um in 
eueren Lüsten zu verzehren." „Machet rein die Hände, ihr Sün- 
der, und keusch die Herzen, ihr Unlauteren! Fühlet euer Elend 
und trauert mit Thränen." Sind das noch Christen? Ja oder 
nein, sicher keine erlösten Kinder Gottes. 

Der römische Prophet Hermas ist neben Ignatius der ein- 
zige Christ, den wir aus seiner Schriftensammlung persönlich 
kennen lernen. Er hatte seiner Zeit etwas Grosses erlebt, als 
ihm bei der Taufe die Vergebung seiner Sünden zugesagt wurde. 
Allein diese Vergebung erstreckte sich nur auf die vorchristliche 
Vergangenheit. Von der Taufe an, so wurde er gelehrt, sollte 
der Christ nicht mehr sündigen, sondern in Reinheit bleiben. 
Eine reine Unmöglichkeit für Hermas und seine Familie. Es ging 
unordentlich zu in seinem Haus. Seine Kinder lästerten Gott, 
verrieten die Eltern und gaben sich Ausschweifungen hin. Die 
Frau des Hermas sündigte fortwährend mit der Zunge. Er selbst 
aber ist gar kein Ideal. Gleich zu Beginn seines Buches muss 
er sich ein Gewissen machen wegen ehebrecherischer Gedanken; 
seine Phantasie ist ordentlich korrupt und schweift gern in das 
Unerlaubte. Gegen seine Kinder benimmt er sich wie ein guter 
Tölpel und drüciit die Augen zu. Ueber seine Wahrhaftigkeit 
bringt uns das 3. Gebot ein erschreckendes Geständnis: „Ich habe 
nie in meinem Leben ein wahres Wort geredet, sondern immer 
redete ich listig mit allen und gab meine Lüge als wahr aus bei 
allen Leuten, und nie widersprach mir jemand, sondern man 
glaubte meinem Wort." Daher weiss er sich auch in jedem 
Augenbhck seines Lebens ganz voll Sünden und hat stets Sün- 
denbekenntnisse auf den Lippen. Seine Willenskraft ist halb ge- 
brochen und feige. Jederzeit ist die Furcht oben auf in ihm. 
Das ganze Bild, das seine Schrift uns von ihm giebt, macht den 
Eindruck eines unerlösten Menschen. Die Sünde hält ihn fest 
als eine Macht, über die er nie hinauskommt. Daher seine 
bange Frage: Wie mag ich gerettet werden? Wie soll ich Gott 
versöhnen wegen meiner Thatsünden? 

Freilich ist dies Bild ein unvollständiges. Es ist nicht der 
ganze Hermas, so wenig der Esraprophet in seinen Bitten und 
Fragen der ganze Esra ist. Sein Ich ist gespalten in eine starke 
und eine schw-ache Hälfte. Jene wird durch den Engel repräsen- 
tiert, das bessere Ich des Hermas selbst. Zwar die Frau , die 

Wernle, Anfänge. 26 



402 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

ihm in der ersten Vision erscheint, repräsentiert nur sein böses 
Gewissen, das ihn unglücklich macht. Aber sonst hebt sich der 
Engel scharf von ihm ab, als die Seele des Guten, Getrosten, 
Fröhlichen und Kräftigen. Lauter kräftige Imperative gehen 
von ihm aus. Da heisst es: Fasse Mut, zweifle nicht, sei stark, 
glaube, wirf deine Sorgen auf den Herrn ! Anschaulich ist be- 
sonders die vierte Vision, wie Hermas die Schrecken des Tieres 
der letzten Drangsal überwindet durch die Erinnerung an die 
Stimme, die er hörte: Zweifle nicht, Hermas! Daraufzieht Her- 
mas den Glauben des Herrn an, denkt an die grossen Dinge, die 
er ihn lehrte, und fasst Mut. Und ebenso tröstlich ist sein Ge- 
spräch mit dem Engel am Schluss des 12. Gebots. Da erhält 
er auf seine zweifelnde Frage, ob denn Gottes Gebote erfüll- 
bar seien, die Antwort: „Wenn du dir vornimmst, sie können 
erfüllt werden, so wirst du sie leicht erfüllen, und sie werden nicht 
hart sein." Dadurch stellt sich am Ende doch das Bild eines 
Christen heraus, der trotz aller Schwäche und Korruption gute 
frohe Augenblicke hat, da er Kraft bekommt, seinen Weg tapfer 
unter die Füsse zu nehmen. 

Dazu kommt nun noch der grosse Trost, den Hermas sich 
und allen Christen verkündigen darf: Gottes grosse Barmherzig- 
keit gewährt allen Christen noch eine Gnade der Busse. Benützen 
sie diese sofort in der jetzigen Zeit, so soll ihr früheres — christ- 
liches — Sündenleben durchgestrichen sein. Hermas beschreibt 
im 4. Gebot den Eindruck, den ihm diese Botschaft machte: 
„Ich wurde zum Leben erweckt, als ich das genau so von dir 
hörte." Aehnlich sagt es die dritte Vision: „Es kam Kraft über 
euch, und ihr wurdet stark im Glauben, und als der Herr euere 
Erstarkung sah, da freute er sich." „Es ist, wie wenn einem 
Mann kurz vor seinem Tod ein Erbteil zufällt, das ihn frisch 
und kräftig macht." So wirkte die Vergebung auf die Christen. 
Freilich war es ein Gesetz der Gnade, das zur Kehrseite lauter 
Schrecken hat! Wehe den Christen, die jetzt noch einmal sün- 
digen I Aber es wurde doch mit lauter Freude aufgenommen, 
da es wieder hoifen Hess. 

An Lichtblicken fehlt es also bei Hermas nicht. Aber die 
Erlösung, die Jesus bringen wollte, hat er nicht an sich erfahren. 
Wie ihm Jesus selbst fehlt, so fehlt ihm auch der Gott Jesu 
und das Evangelium. Kein Vatername für Gott! Auch kein 
Gott der Liebe! Keine Gewissheit des Heils, kein Trost, der 



3. Die Erlösung. 403 



alle Sündenangst wegräumt, keine persönliche Kraft des Guten ! 
Gänzlich bleibt der Mensch seinen Stimmen und Stimmungen 
unterworfen; kein Höherer hebt ihn heraus. Es ist doch schliess- 
lich die Religion der Furcht und Hoffnung, die vor Jesus dawar, 
die Jesus überwunden hatte. Keine Rede von Gotteskindschaft. 
Die Kritik des Paulus am Judentum trifft auch dies Christentum : 
„Geist der Knechtschaft zur Furcht." Aber wie der Prophet, so die 
Gemeinde. Die Schilderung des Hermas von ihr zeigt uns überall 
das Halb- und Durchschnittschristentum. Von erlösten Menschen 
erfahren wir nichts. Der Mehrzahl der Christen fehlte die Kraft 
zum neuen Leben ; sie kamen nicht über gute Vorsätze hinaus. 
So oft Herraas seine Christen in Klassen geteilt an sich 
vorüberziehen lässt, jedesmal übertrifft die Zahl der schlechten 
Klassen die der guten. Das hängt aber damit zusammen , dass 
die Fehler der Christen jeweilen mehr in die Augen fallen und 
mehr von sich zu reden machen als ihre Tugenden. Von der 
grossen Schar der Christen in allen Gemeinden, die durch Jesus 
und seine Jünger andere Menschen wurden, vom Tod zum Leben 
hindurchdrangen , fehlt uns nur die Kunde , aber sie waren da. 
In einer Anzahl christlicher Schriften tritt uns die erlösende 
Macht des Christentums so ergreifend vor die Seele, dass wir 
spüren. Erlebtes teilt sich hier mit. Allen voran steht der I. Jo- 
hannesbrief voll des freudigsten und doch zugleich nüchternsten 
Bewusstseins der bleibenden Erlösung. Hier wird ein Leben über 
der Welt gelebt, frei von Furcht und Sorge in Liebe und Gottes- 
glück. Der Mund geht dem Autor vor lauter Lob und Jubel 
über. Was hat der Christ alles in seinem Besitz : die Gottes- 
erkenntnis, die Vergebung der Sünden, den Sieg über den Teufel, 
die Bruderliebe, die Gebetszuversicht, den Mut am Gerichtstag, 
die Gewissheit der Gotteskindschaft und des ewigen Lebens, die 
vollkommene Freude. Sehet, welche Liebe hat uns der Vater 
erzeigt, dass wir Gottes Kinder heissen, und wir sind es! Wer 
das alles an sich erlebt, der darf in kühnem Glauben das Urteil 
fällen, dass er aus Gott gezeugt sei, jetzt schon im Besitz des 
ewigen Lebens stehe. Das ist ein Glaubensurteil, kein empirisches 
Wissen, freilich ein Glaubensurteil, das sich auf empirische Merk- 
male — das Halten der Gebote, die Bruderhebe — stützt. Dar- 
aus folgt das triumphierende Schlussurteil des Briefs: „Wir 
wissen, dass wir aus Gott sind und die ganze AVeit liegt im 
Argen." Dass wir aus Gott sind, das bestätigt uns auch der 

26* 



404 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

Geist mit souveräner Selbstgewissheit, Der Christ trägt das 
Zeugnis in sich selbst, wie Paulus erklärt hat: der Geist giebt 
Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Wie aber 
Paulus sich immer wieder von diesem inneren Zeugnis auf das 
Objektive, den Liebesbeweis Gottes im Tod Jesu, zurückzog, um 
geborgen zu sein vor allen Schwankungen seiner Seele, so stellt 
auch Johannes neben das Geisteszeugnis Wasser und Blut, d. h. 
den Liebeserweis Gottes in der Hingabe seines Sohnes. Nur weil 
ihm an Jesus Gottes Liebe so unwidersprechlich klar geworden 
ist, nur darum kann er das frohe Leben aus der Vergebung der 
Sünden führen. Es ist freilich auch ein Trost für ihn, sich im 
Fall der Verfehlung und des bösen Gewissens versichern zu dürfen, 
dass der allwissende Gott grösser als unser uns anklagendes Herz 
ist und auf den guten Kern unseres Wesens schaut. Und doch, 
wie wankend w^äre dieser Trost für sich allein! Erregt doch der 
Gedanke an Gottes Prüfung in der Seele des gewöhnlichen Men- 
schen nur Furcht und Schrecken! Für Johannes ist der Blick 
Gottes in sein Innerstes ein Trost, weil er durch Jesus Gott als 
die Liebe kennt und im Glauben an diese Liebe der Verzeihung 
gewiss ist. Man muss nur einmal Johannes mit Hermas ver- 
gleichen, um zu spüren, was es für einen Christen ausmacht, ob 
Jesus beständig vor seiner Seele steht oder nicht. Der Abstand 
zwischen beiden ist ein ganz ungeheuerer, obschon sie fast noch 
Zeitgenossen sind. Hermas, der Mensch, der nie aus dem 
Schwanken von Furcht und Hoffnung herauskommt, der kein 
Vertrauen zu Gott und seiner Liebe hat, der über die Sünde und 
das Meiden der Sünde nie hinaussieht — Johannes, der nüch- 
terne Christ, der sich keineswegs für sündlos hält, dennoch aber 
durch das Erlebnis von Gottes Liebe festes Vertrauen, trotz der 
Sünde ein Gotteskind zu sein, gewonnen hat und in diesem Ver- 
trauen fröhlich, mutig, voll Liebe und Zuversicht der Verheissung 
entgegengeht. Es ist der reine Gegensatz des nicht erlösten und 
des erlösten Menschen. 

Solche beglückenden Töne, wie Johannes sie anschlägt, sind 
freilich nicht allzuhäufig. Am besten war noch die Verfolgung 
geeignet, das neue Leben in den Christen zu erwecken. Der 
Verfasser des I. Petrusbriefs und Ignatius sind Beispiele dafür. 
Angesichts der schweren Drangsal verschärft sich der Gegensatz 
gegen die Welt, der Teufel steht leibhaftig vor der Seele, die nur 
die klare Wahl hat, zu siegen oder ihn anzubeten. Versuchungen 



3. Die Erlösung. 405 



und Sorgen, die sonst die Christen hemmten und niederdrückten, 
überwinden sie jetzt, da Leben oder Tod in Frage steht, mit 
Leichtigkeit. Das Unkraut sondert sich vom Weizen. Jeder 
Christ, der am Bekenntnis festhält, vollbringt die entscheidende 
That, der ganzen Welt den Abschied zu geben im Blick auf die 
Verheissung. Das weckt in der Seele eine ihr selbst neue Begeiste- 
rung, ein Freiheitsgefühl gegenüber allen früheren Lasten, Freude, 
Sehnsueht, Gottgelassenheit, Jetzt preist der Christ Gott dafür, 
dass er eine lebendige Hoffnung hat, die über den Tod hinaus- 
blickt auf das Erbe im Himmel. Er ist fröhlich mit unaussprech- 
licher und verklärter Freude. Er tritt jetzt erst in Christi Ge- 
meinschaft ein, da er mit ihm leidet, um dann bei der Offenbarung 
seiner Herrlichkeit Wonne und Freude zu haben. Angesichts 
des Todes nennt er Christus sein wahres Leben, seine Hoffnung, 
seine Freude. Zu Christus zu kommen, ist sein einziges Ziel, „wie 
könnten wir ohne ihn leben!" Wo diese Märtyrerfreudigkeit zu 
uns redet, da setzt sie erlöste Menschen voraus, da die Freude 
überhaupt die beste Kunde vom neuen seligen Leben giebt. 

Aber die Erlösung ist auch überall da, wo die sittliche Auf- 
gabe klar empfunden wird und der Mut, sie zu erfüllen, sich ein- 
stellt. Die Christen unseres Zeitalters sind trotz ihrer über- 
schwänglichen Hoffnung keine Gefühlsmenschen wie Paulus ge- 
wesen, sondern eher nüchterne, selbst trockene Seelen. Wohl 
melden sich noch da und dort stürmische ekstatische Ausbrüche, 
aber sie werden stets als Ausnahmen empfunden und sind gerade 
den Lehrern, welche uns Schriften hinterlassen haben, ziemlich un- 
bekannt. Man gehe sie doch der Reihe nach durch, die Verfasser 
des Hebräerbriefs, der katholischen und Pastoralbriefe, die aposto- 
lischen Väter. Ausser Hermas, dem Apokalyptiker, rühmt sich 
ein einziger von ihnen persönlicher Offenbarungen, Stimmen des 
Geistes, Ignatius, aber die einzige Probe, die er uns mitteilt, 
trägt so bischöflichen, theologischen Charakter, dass der gute 
Mann auch ohne den Geist genau gleich geredet haben würde. Alle 
anderen — Johannes nicht ausgenommen — sind edle Moralisten 
mit sicherer Hoffnung und grossem sittlichen Ernst, eben als 
solche Retter des Christentums, jedoch keine Spur Ekstatiker. 
Aber genau so fremd wie die antiken Geisteswirkungen sind diesen 
Männern die modernen Gnadenerfahrungen. Keiner von ihnen 
rühmt uns den Umschwung vom armen Sünder zum begnadigten 
Gotteskind , den er als Christ in seligen Stunden erlebt hätte. 



406 Die Ausbildung d. Kirche. III. Frömmigkeit im nachapost. Zeitalter. 

Regel ist vielmehr bei den meisten, dass man auf die Vergebung 
als ein einmaliges Ereignis der Vergangenheit zurückschaut und 
in der Gegenwart alle Kraft darauf wendet, sie nicht mehr zu 
bedürfen. Darin liegt jedenfalls ein Stück der Grösse dieser Zeit, 
dass die Christen von ihren frommen Gefühlen und Spezialerleb- 
nissen gar kein Wesens machen. Einige ihrer Lehrer hätten 
selbst dagegen gewettert als gegen einen Unfug, der religiösen 
Selbstbetrug zur Folge hat, so der Verfasser des Jakobus- 
briefs. Eben diese grosse Nüchternheit hat nun zur Folge, dass 
überhaupt das Glück der gegenwärtigen Erlösung bei vielen 
keinen Ausdruck findet. Das ist kein Schaden, auch kein Zeichen 
eines Verfalls. Schon die ersten Jünger Jesu selbst haben das, 
was sie von Jesus empfingen, im Schema der Verheissung und 
der Forderung dargestellt; nur in ihrer begeisterten Schilderung 
Jesu äussert sich der Dank erlöster Menschen. Unsere Brief- 
schreiber der späteren Zeit hatten eben nicht von Jesus zu er- 
zählen, sondern ihren Gemeinden die Aufgaben der Gegenwart zu 
zeigen. Da ist das Einfachste und Natürlichste, sie sagen : Wir 
haben als Christen die allergrösste Verheissung zu erwarten: allein 
ihr Empfang ist an die Bedingung geknüpft, dass wir jetzt in der 
Gegenwart Gottes Willen thun. Das allein entsprach ihrem 
Zweck. Indem sie dann selbst die Hoffnung stärken und den 
sittlichen Eifer durch ihren Weckruf entflammen, Schäden auf- 
zeigen, gute Bäte geben, helfen sie thatsächlich an der Erlösung, 
ohne viel das Wort im Mund zu führen. Auch das ist kein 
schwerer Schaden, dass sie an den Willen ihrer Adressaten apel- 
lieren, statt an Gottes Gnade und Kraft. Denn genau so hat 
Jesus selbst gehandelt. AVas sind denn seine Worte anders, als 
Imperative, die sich an die Selbstentscheidung des Menschen 
wenden! Kein einzig Mal nimmt er das Wort Gnade dabei in 
den Mund. Also hatten auch die späteren Lehrer das Recht, 
ihre energischen sittlichen Ermahnungen sich nicht durch die 
Botschaft von der Gnade zu verwässern. Alle diese Moralisten 
sind im Grund gute Jünger Jesu und nehmen an der wirklichen 
— nicht an der theologischen — Erlösung teil. Denn wer die 
feste christliche Hofi'nung hat und im Blick auf das grosse Ziel 
den Weg des Gehorsams und der Liebe wandelt, ist in das neue 
Leben eingetreten, ob er davon fromme Worte macht oder nicht. 
Der grosse Fehler, ja die eigentliche Verirrung der nach- 
apostolischen Christen liegt anderswo, in ihrer falschen Anschau- 



3. Die Erlösung. 407 



ung von den Quellen des neuen Lebens. Statt an die Realitäten 
haben sie sich an Scheinobjekte gehängt. In Wahrheit ist doch 
die christliche Erlösung etwas ausschliesslich Persönliches, durch 
Personen Bewirktes. Sie fing an, als Jesus seine Jünger zu fester 
Hoffnung, sittlicher Kraft, Trost der Liebe Gottes, Ueberwindung 
der Welt, ja des Todes geführt hat durch sein AVort und seinen 
persönlichen Eindruck. Sie setzte sich von da aus fort durch die 
Gründung der Gemeinde, die unter Jesu Geist stand, in der 
daher jeder neu Eintretende mit Jesus selbst in Berührung trat. 
Alles weitere christliche Leben stammt von den wahren Jüngern 
Jesu, die in der Gemeinde Jesu Bild vermitteln und etwas von 
seinem göttlichen Leben an ihrer eigenen Person darstellen. Das 
sind die zwei festen Realitäten unserer Erlösung, Jesus und seine 
lebendigen Jünger, die vor jeder Prüfung standhalten, die grosse 
tröstliche Wirklichkeiten, Mittler der Liebe Gottes sind. Von 
ihnen ging auch alle wirkliche Erlösung im nachapostolischen Zeit- 
alter aus, einerlei ob sich die Christen davon Rechenschaft gaben 
oder nicht. Aber statt an diese Realitäten, haben sie an Schein- 
objekte, Blut und Sakramente, die Gewissheit ihres neuen Lebens 
geknüpft. Daran war vor allem die Unkenntnis Jesu in der 
allerfrühesten Missionszeit schuld. Paulus hat seine Predigt so 
stark und einseitig auf Tod und Auferstehung des Gottessohns 
beschränkt, dass daraus kein Eindruck des geschichtlichen Jesus 
entstehen konnte. Zugleich hat er den Gemeinschaftszeichen 
eine theologische Bedeutung gegeben, welche sie wichtiger er- 
scheinen Hess als die Gemeinschaft selbst. Die Blut- und Sakra- 
menttheorie war schon fertig und mit dem christlichen Bewusst- 
sein verwachsen, als die Verbreitung der schriftlichen Evangelien 
in der grossen Heidenkirche begann und Jesus selbst allen Chri- 
sten bekannter wurde. So blieb es denn bei dem Alten, dem 
paulinischen Erbe von Blut und Sakrament trotz des neuen Ein- 
drucks der Person Jesu. Die johanneischen Schriften sind dafür 
ein ganz auffallender Beleg. Ihr Verfasser, der an den synopti- 
schen Evangelien sich nährte und sich durch sie gedrungen fühlte, 
seinen Eindruck desEvangehenbildes selbst in Form eines Evange- 
liums niederzulegen, damit die Person Jesu aller Welt hoch und 
teuer werde, die Person Jesu, nicht sein Tod allein — derselbe 
Mann verrät im Brief, dass er fortfährt, praktisch all seinen 
Trost aus den alten Formeln vom Blut und Opfer zu schöpfen. 
Wenn das für einen Johannes gilt, wie viel mehr für die kleineren 



408 Die Ausbildung der Kirche. Schlussbetrachtung. 

Christen. Dazu kam ein zweiter ausschlaggebender Grund. Das 
Verlangen nach objektiven Garantien des Heils stürzt sich mit 
Vorliebe auf Thatsachen, d. h. auf Ereignisse und Sachen. Blut^ 
Wasser, Wein und Brot haben den Vorzug des Greifbaren und 
Sichtbaren, sie sind massiver als der unsichtbare Eindruck von 
Personen. Das niedere Bildungsniveau der ersten Zeit be- 
günstigte diese superstitiöse Neigung. Für das Verständnis rein 
persönlicher Hoheit und Grösse war diese Periode gar nicht 
reif, das lehren uns die Evangelien mit ihren Mythen und ihrem 
Wunderapparat selbst. Es ist erst eine hohe sitthche Erziehung 
nötig, um sich auch theoretisch klar zu werden, dass Personen, 
nicht Sachen, das ewige Reale sind. Daher kommt es, dass die 
Christen statt der Person Jesu sein Blut, d. h. dessen theologi- 
sche Deutung, statt der Gemeinschaft christlicher Personen die 
Sakramente zu den Garantien ihrer Erlösung erhoben haben. 
Das war ein empfindlicher Schade, da kraft dieser Verschiebung 
das Sittliche an die Peripherie, der Aberglaube in das Centrum 
der Religion eingesetzt wurde. Wer den persönlichen Eindruck 
Jesu und seiner Jünger erlebt, hat mehr empfangen, als Blut 
und Sakramente der Phantasie je mitteilen können, die Berüh- 
rung mit dem lebendigen Gott, die allein uns in das Ewige er- 
hebt. Er erlebt durch die Verbindung mit diesen Wirklichkeiten 
ein Glück und eine Freude, die er allen denen gönnen möchte, 
die noch unter der Macht der Scheindinge gefangen sind. 

Schlussbetrachtung. 

War das Dasein grosser Männer das Hauptmerkmal der 
ersten schöpferischen Zeit, so ist ihr Fehlen das Merkmal unserer 
Periode. Paulus findet keinen Nachfolger, der ihm gleicht. Die 
Wanderprediger, die Apostel und Propheten geraten in Verfall 
und müssen den Bischöfen und Lehrern die Leitung übergeben. 
Unter diesen giebt es reichlich kräftige, zielbewusste Charaktere, 
aber keinen bahnbrechenden Geist, dem kraft göttlicher Berufung 
die Führung zufiele. Die Anonymität oder Pseudonymität der 
kirchlichen Schriftsteller offenbart mehr als alles andere das 
Epigonengefühl selbst der leitenden Personen, die sich nicht mehr 
als persönlich von Gott berufen wissen. 

An Stelle der grossen Männer tritt jetzt die grosse kirch- 
liche Organisation. Sie stammt selbst noch aus der ersten Zeit, 
Paulus war einer ihrer Begründer. Aber erst in unserer Periode 



Schlussbetrachtung. 4Q9 



tritt sie ganz in die herrschende Stellung ein. Der bis dahin 
ungebundene schöpferische Geist bindet sich jetzt fest in den 
kirchlichen Formen und Institutionen, die eben deshalb ihre grosse 
Macht gewinnen, weil der Geist Jesu und der Apostel als ihr 
Ursprung gilt. Es kommt schon jetzt fast noch zu Lebzeiten 
von Jüngern Jesu zur Heiligsprechung der Vergangenheit, wo- 
bei, wie immer bei solchen Anlässen, Schöpfungen sehr später 
Zeit kritiklos der Vergangenheit zugewiesen Averden. Das ist 
sogar das eigentliche Hauptmerkmal der Kirchenbildung: diese 
tiefe Herabsetzung der Gegenwart unter die künstlich gesteigerte 
und ideahsierte Vergangenheit, die scharfe Unterscheidung der 
Zeit der Inspiration von der Zeit der Tradition. Echte und 
wahre Empfindungen und Reflexionen haben dazu getrieben, 
daneben aber auch etwas von Unglauben dem lebendigen Gott 
gegenüber. Als Merkmale dieser in die Anfangszeit zurück- 
datierten Kirche treten schon jetzt vor allem anderen die reine 
Lehre und die bischöfliche Verfassung hervor, beide fälschlich für 
apostolisch ausgegeben, da den Aposteln gerade an ihnen am wenig- 
sten gelegen war. Die Zugehörigkeit zur christlichen Eeligion 
bestimmt sich von jetzt an nach der Zustimmung zur reinen 
Lehre und der Unterwerfung unter den Bischof. Alle anderen 
Kennzeichen des Christentums gelten überhaupt nur, wo die 
kirchlichen Vorbedingungen erfüllt sind. 

Für die geistige Entwicklung des Christentums, die in der 
Theologie zum Ausdruck kommt, ist charakteristisch, dass ein 
kräftiger fortschrittlicher Trieb gebändigt wird durch ein ge- 
sundes Gefühl für das ursprüngliche Evangelium. Das Christen- 
tum tritt in die grosse Welt hinaus und assimiliert sich, w^as ihm 
irgendwie verträglich scheint mit seiner Eigenart. Selbst vom 
alten Judentum nimmt es fortwährend Nahrung in sich auf, wie 
Apokalyptik, Ethik, Kirchengedanken. Besonders aber wendet 
es dem Hellenismus 'in steigendem Mass die Aufmerksamkeit zu. 
Es predigt Jesus als den neuen Gott und bildet seine Gemein- 
schaftszeichen zu Mysterien um. Es schliesst, erst zögernd und 
bedächtig, den Bund mit der griechischen Philosophie, legt die 
Ideen vom Logos und vom Sittengesetz seiner Apologetik zu 
Grund, ja redet selbst von Gott in philosophischer Sprache. 
Schon fehlt es nicht an Ansätzen zum Intellektuahsmus, zur 
Umgestaltung des Christentums in eine Keligionsphilosophie. 
Aber wie nun in der gnostischen Bewegung das Evangelium in 

Wernle, Anfänge. 06** 



410 Die Ausbildung der Kirche. Schlussbctrachtung. 

Gefahr gerät, nicht nur dem Hellenismus, sondern der ganzen 
Religionsmischung des Völkerchaos zum Opfer zu fallen, gänz- 
lich aufzugehen in Spekulationen, Mysterien, Askese, Aber- 
glauben jeder Art, da wird sofort von der Mehrzahl der kirch- 
lichen Lehrer und Bischöfe das Halt! gerufen. Statt zur Auf- 
lösung dient die gnostische Bewegung dem Christentum zur 
kräftigen Bewahrung seiner Eigenart, zur Rettung des alten 
Gottesglauhens, der Moral, der Hoffnung. Ist auch der Sieg 
über den gewaltigen Feind nur durch die Einführung kirchlicher 
Machtmittel völlig durchgesetzt worden, es bleibt bei der Ret- 
tung des alten Evangeliums. In diesem geistigen Existenzkampf 
reagiert Jesus selbst gegen die Verfälschung seines Lebenswerks. 
Damit ist ausgesprochen, dass auch für die Zukunft alle christliche 
Theologie am alten Evangelium ihren Massstab zu finden hat. 

Gänzlich uneinheitlich ist aber das Bild, das uns die Be- 
trachtung der christlichen Frömmigkeit gewährt, je nachdem der 
Blick bald auf die Schatten, bald auf das Licht fällt. In den Ge- 
meinden macht sich allenthalben das Durchschnittschristentum 
breit, während gleichzeitig das asketische Ideal mit dem evange- 
lischen um die Herrschaft zu ringen anfängt. Schriften, wie der 
Jakobusbrief und der Hirt des Hermas, geben ein wahrhaft er- 
schreckendes Bild vom sittlichen und religiösen Niveau vieler 
Gemeinden. Fast scheint es oft, als habe das Evangelium ein 
gut Teil seiner alten Kraft eingebüsst durch die Verbindung 
mit der Welt. Und doch ist das gottlob nicht der ganze Ein- 
druck. Daran ist nicht zu zweifeln, dass auch jetzt noch die Ge- 
meinschaften besser sind als ihre Umgebung, dass sie durch die 
Predigt von Jesus und durch das Dasein lebendiger Christen 
etwas haben und bieten können, was die ganze Welt nicht be- 
sitzt. Vor allem aber auf die Einzelnen kommt es an. Aus man- 
chen Schriften unserer Zeit tönt uns nicht nur das christliche 
Ideal entgegen, sondern auch seine Verwirklichung in einzelnen 
Personen. Es giebt wohl in allen Gemeinden Männer und Frauen, 
aus denen in Zeiten der Ermattung wie des Kampfes die Hoff- 
nung, die sittliche Hoheit, die Bruderliebe, das Gottvertrauen 
überwältigend zu ihren Gemeindegenossen redet. Wo sie sind, 
da ist Jesus mit seiner Erlösung und ist der lebendige Gott; da 
ist auch Zukunft und Hoffnung für den Gang des Christentums 
durch die Weltgeschichte. 



b 



bJI INL^I l>l\J| l_tC» I 



IVUV i 1^44 







Religion. 




CD 






W 


^ 




Oi 


0) 




I>- 


fn 




cv 


(U 




'^ 


CO 
Ö 




d 




<u 




bo 




■3 


«H 




Cd 
a, 


s 




•k 


<D 




0) 


•H 




-ä^ 1 




ft 






0) 






% 






tr5 




• 




0:5 & 









University of Toronto 
Library 



DO NOT 

REMOVE 

THE 

CARD 

FROM 

THIS 

POCKET