(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Die Antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert V. Chr. Bis in die Zeit der Renaissance"

Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commcrcial parties, including placing technical restrictions on automatcd qucrying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send aulomated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogX'S "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct andhclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http : //books . google . com/| 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch fiir Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .corül durchsuchen. 





! 






.^%:. 


'; 7 W- 


. _ ^/ K 


.I.W : ^' 




.K«i 




nj3^,- ;■; 




rr 

1 'i ^ f ■ 






^^^^ 


HMn 'li 










DIE 



ANTIKE KUNSTPßOSA 



VOM VI. JAHRHUNDERT V. CHR. 
BIS IN DIE ZEIT DER RENAISSANCE 



VON 



EDUARD NORDEN 



ERSTER BAND 




LEIPZIG 

DRÜCK UND VERLAG VON B. G. TEÜBNER 

1898 



ALLE RECHTE, 
EINSCHLIESBLIOH DES ÜBEB8ETZUN08SECHTS, VOBBEHALTEN. 



R NORDEN 



DIE ANTIKE KUNSTPROSA 

VOM VI. JAHRHUNDERT V. CHR. 
BIS IN DIE ZEIT DER RENAISSANCE 




Alh«tiae nobiOggima 
GraecoTum urbs, quae 
etincHs nationum lingui» trümit toUut 
fiorea eloqitmtiae. „^ g g^,^ ^j^ gg 

0. S. B n 717. 



LEIPZIG 1898 S B. G. TEUBNER 




S70.9 
^ Vi 82.9 

VOL. . I 



FRANZ BUECHELER 



ZUGEEIGNET 

.-j t T ? b 5' « 



Das vorliegende Werk reicht in seiner äuTseren Entstehung 
zurück bis in den Sommer 1894. Damals veranlafste mich die 
Interpretation des Minucius Felix in unserm philologischen Semi- 
nar, den eigenartigen Stil dieses Schriftstellers genauer zu prüfen, 
um ihn vor allen Dingen historisch zu begreifen. Dadurch kam 
mein schon längere Zeit gehegter Plan, der Entwicklungsge- 
schichte der antiken Eunstprosa nachzugehen, zur Reife. Ich 
wurde dabei unaufhaltsam nach rückwärts und vorwärts geführt; 
es dauerte geraume Zeit, bis ich in dem Labyrinth den leitenden 
Faden fand, dann aber lichtete sich das scheinbare Chaos und 
ich vermochte alles auf eine einfache Formel zu bringen. Das, 
was ich aus den vorhandenen Denkmälern selbst herauslas, fand 
ich auf meinem Wege allenthalben durch direkte Aussprüche 
antiker Zeugen bestätigt, so dafs sich mir im Lauf der Zeit das 
Gkuize zu einem festgefügten Gebäude ausgestaltete. 

Dafs dieses Gebäude solche Dimensionen annehmen würde, 
hatte ich nicht erwartet und selbst am wenigsten gewünscht. 
Die Furcht vor dem i^dya ßvßXiov war bei der Freude des 
Suchens und Findens das einzige störende Moment. Aber je 
weiter ich kam, desto mehr begriff ich, dafs sich das Thema nur 
auf breitestem Untergrunde behandeln lasse. Die Form der Dar- 
stellung ist im ganzen Altertum mit dem Inhalt so eng ver- 
wachsen gewesen, dafs die Kunstprosa recht eigentlich einen 
wesentlichen Teil der Litteraturgeschichte ausmacht. Ich mufste 
daher, wenn ich nicht bei ÄuJserlichkeiten stehen bleiben wollte, 
öfters weit ausholen. Gelegentlich ist dabei der Rahmen zu grofs 
för das Bild geworden, aber, wie ich hoffe, nur da, wo es sich 
am Beantwortung einschneidender prinzipieller Vorfragen han- 
delte, z. B. betr. der Stellung sowohl der altchristHchen als auch 
der mittelalterlichen Litteratur zur antiken. Es kam hinzu, dafis 



Vm Vorwort. 

der Stoff gelegentlich Proben verlangte, um durch sie das theo- 
retisch Ausgeführte zu bestätigen und zur lebendigen Anschau- 
ung zu bringen. 

Ich bin mir bewuTst, keine in allen Einzelheiten abgeschlos- 
sene Geschichte der antiken Eunstprosa geschrieben zu haben. 
Das ist meiner Überzeugung nach vorläufig überhaupt noch nicht 
möglich; denn dazu fehlt uns eine Unzahl von Vorarbeiten, die 
ein Einzelner gar nicht zu liefern vermag. Ich habe vielmehr 
nur in grofsen Zügen den Gang des stetigen Fortlebens dar- 
stellen wollen, den die antike Eunstprosa in einem Zeitraum 
von 2000 Jahren genommen hat: litterar- und stilgeschichtliche 
Zusammenhänge zu ermitteln, die Theorie der kunstvoll gewählten 
Diktion im Geist der Antike selbst darzulegen, sind meine 
hauptsächlichen Ziele gewesen. Dafs man die poetische Littera- 
tur der Antike nicht begreift ohne ein genaues Verständnis der 
Metrik, ist allgemein zugegeben; während wir daher in dieser 
Disziplin oft zu tieferer Erkenntnis vorgedrungen sind als aus- 
gezeichnete Metriker des Altertums selbst, sind wir auf sehr 
vielen Gebieten des Prosarhythmus, einer der wesentlichsten 
Eigentümlichkeiten der antiken Eunstprosa, noch nicht so weit 
gekommen wie einzelne ganz untergeordnete antike Techno- 
graphen. Und doch läfst sich hier vieles sicher beweisen, einiges 
freilich nur fühlen. Auf antikes Fühlen rechne ich daher auch 
bei meinen Lesern: wer nicht bedenkt, dafs ^Eunstprosa' im an- 
tiken Sinn sich oft mit demjenigen deckt, was wir Modernen 
als ^Manier' bezeichnen, imd dafs daher vieles, was dem modernen 
Gefühl als schwülstig oder geziert erscheint, bei hervorragenden 
Stilkritikem des Altertums als erhaben oder zierlich gegolten 
hat, der versteht weder Thukydides und Tacitus, noch Isokrates 
und Cicero. Freilich hat die Antike auch auf dem Gebiet der 
kunstmälsigen prosaischen Darstellung ein Ideal der Schönheit 
erreicht, das — frei von jeder Manier und, wie alle höchste 
Eunst, sich mehr verhüllend als zur Schau stellend — in seiner 
hoheitsvollen Unnahbarkeit auch auf uns Moderne so wirkt wie 
die Poesie des Sophokles oder die Skulpturen des Parthenon; 
aber während der Ästhetiker im Schauen dieses Ideals seinen 
Schönheitssinn nährt und mit ihm abschliefst, will der Historiker 
den Weg ermitteln, der zu ihm emporgeführt und den es im 
Wandel der Zeiten genommen hat; der emporsteigende Weg ist 



Vorwort. IX 

beispiellos kurz, der absteigende beispiellos lang gewesen: der 
Historiker, der im Gegensatz zu dem stolzen Ästhetiker ent- 
sagnngSYoll sein muls, darf sich nicht scheuen, auch diesen 
langen Weg zu durchmessen, mag er dabei auch finden, dafs 
jenes objektive Schönheitsideal, das keine Yeränderungen duldet, 
eben durch diese Veränderungen sich selbst mehr und mehr ent- 
fremdet worden ist: wie er die stille Grolse der alten Kunst in 
die maniera grande oder die posierende Zierlichkeit der jüngeren 
übergehen sieht, so wird er neben der vornehmen Grazie Piatons 
den affektierten Pomp Senecas, neben den Blitzen des Demo- 
sthenes die Lichter des Isokrates und Cicero gelten lassen, so- 
bald er in die Notwendigkeit dieser Entwicklung Einsicht ge- 
wonnen hat. 

Einzelne Epochen, die mir keine Veranlassung boten, eigne 
und neue Resultate vorzulegen, habe ich kürzer oder ganz kur- 
sorisch behandelt, z. B. die Epoche der attischen Beredsamkeit, 
die uns in der vortrefflichen Behandlung von F. Blafs vertraut 
ist (doch habe ich meine abweichenden Ansichten über die rhyth- 
mische Kunst des Demosthenes im Anhang II kurz dargelegt); 
eine gewisse daraus sich ergebende Ungleichmälsigkeit einzelner 
Teile habe ich lieber dulden als durch Wiederholung von Be- 
kanntem den Umfang des Buches noch vergrofsern wollen. 

Dafis ich die moderne Litteratur überall aufs genaueste zu 
benutzen versucht und jedesmal, wo ich sie benutzte, auch citiert 
habe, bedarf keiner Versicherung; mir wird dabei auf einem so 
weiten Gebiet manches entgangen sein, aber ich habe wenigstens 
redlich gesucht und es mich nicht verdriefsen lassen, stets nach 
dem ei)Q£tijg einer jeden wichtigen Thatsache zu forschen; dafs 
ich dabei öfters als ich erwartet hatte, bis auf den Humanismus, 
ja bis ins Mittelalter zurückgeführt worden bin, ist meinem 
Werke selbst zugute gekommen: denn das Herumstöbern auf 
jenen Gebieten, die vom Fufs des Philologen so selten betreten 
werden, hat mich instand gesetzt, das Fortleben von Gedanken 
und die Macht der Tradition bis zu einem Grade nachzuweisen, 
der mich selbst in Erstaunen setzte. Zu meinem Bedauern ist 
es mir nicht gelungen, mir eine Reihe französischer Abhand- 
lungen aus früheren Jahrhunderten und aus der ersten Hälfte 
dieses Jahrhunderts zu verschaffen: in den gröfsten deutschen 
Bibliotheken existieren sie nicht und die französische National- 



X Vorwort. 

bibliothek darf nach einem Statut keine gedruckten Werke nach 
auswärts verleihen; ich bedaure das umsomehr, als ich, wie der 
Leser erkennen wird^ gerade durch die aulBerordentlich geist- 
vollen Beobachtungen französischer Stilkritiker aller Jahrhun- 
derte sehr gefördert worden bin. 

Meine Arbeit ist im August 1896 abgeschlossen worden (bis 
auf die beiden Anhänge, die erst im März 1897 fertig wurden). 
Inzwischen habe ich natürlich in einigen Punkten umgelernt; 
femer bin ich bei einzelnen, allerdings nur durchaus nebensäch- 
lichen Dingen auf treffende Bemerkungen neuerer Gelehrter auf- 
merksam geworden, die mir bisher entgangen waren; auch ist 
inzwischen manches erschienen, was mir zu verwerten nicht mehr 
möglich war, z. B. für den Stil der Logographen das neue Phere- 
kydesfragment, für die Bemerkung über das Vorkommen von 
lateinischen Buchstaben in griechischen Werken (S. 60, 2) die 
interessante Notiz von E. Nestle in der Berl. phil. Wochenschr. 
1897, 1469 f. Ich bemerke aber, dafs ich ^Nachträge und Be- 
richtigungen' prinzipiell ausgeschlossen habe; nur in den späteren 
Teilen des Werkes habe ich einiges mittlerweile Erschienene 
in der Korrektur noch kurz erwähnen können; störende Druck- 
fehler werden kaum stehen geblieben sein (die metrischen Zeichen 
S. 136, Z.9 wird der Leser leicht selbst berichtigen); die Korrektur 
der ersten Hälfte hat mit mir mein Schüler Dr. 0. Altenburg 
gelesen, dessen S. 163, 1 erwähnte Dissertation über den Stil der 
ältesten lateinischen Prosadenkmäler demnächst in dem neuesten 
Band der Supplemente zu den Jahrb. f. Philol. erscheinen wird. 

Ich habe das Werk nicht als Nachschlagebuch, sondern, so 
groüs es auch ist, zum zusammenhängenden Lesen bestimmt. 
Denn da es ein durchaus einheitliches Ganzes ist, so würde das 
Einzelne in der Isolierung den wichtigsten Teil seines Gehalts 
verlieren; wollte z. B. jemand das, was ich über Thukydides, 
Piaton, Cicero, Seneca oder Tacitus vorbringe, ohne Zusammen- 
hang mit den jedesmal vorangehenden theoretischen Unter- 
suchungen lesen, so würde er die Stellung, die ich jenen in der 
Entwicklung anweise, nicht begreifen, und so in jedem einzelnen 
Fall. Durch fortlaufende allgemeine Inhaltsangaben am oberen 
Bande und Stichworte am seitlichen Bande, durch Zusammenfas- 
sungen der Besultate an besonders eingreifenden Abschnitten, 
durch möglichste Absonderung der ausführenden Anmerkungen 



Vorwort. XI 

vom Text, und durch kursiven Druck der lateinischen Citate 
hoffe ich die Lektüre so weit erleichtert zu haben, wie das bei 
einem so weitschichtigen Stoff, der gelegentlich auch im Text 
kompliziertere Erörterungen nötig machte, überhaupt möglich ist. 

Dem Herrn Verleger, der sich nicht gescheut hat, bei dem 
gegenwärtigen äuiserlichen Niedergang der optimae litterae ein 
Werk von diesem Umfang zu übernehmen und mit seinem per- 
sonlichen Interesse zu begleiten ^), schulde ich, wie so viele Fach- 
genossen vor und mit mir, wärmsten Dank, wie einst die Re- 
naissancephilologen dem Aldus Manutius. 

Zu nicht geringerem Danke bin ich meinem Kollegen 
A. Gercke verpflichtet. In fast täglichem Gedankenaustausch 
hat er sich mir durch ngotgineiv zum Richtigen uud &7CorQdneiv 
vom Falschen als Freund im Sinne seines Aristoteles, Ghrysippos 
und Seneca bewiesen. Eine auf S. 492 mitgeteilte Bemerkung 
G.'s habe ich wohl nicht ganz korrekt wiedergegeben: aus meinen 
Untersuchungen über das sprachliche Verhältnis des Lukas zu 
Matthäus und Markus folgt vielmehr, dafs groise Partieen des 
Evangeliums dem Lukas bereits in der sprachlichen Fassung 
des Matthäus und Markus vorgelegen haben. 

DaJb die lateinische Litteratur das Produkt der griechischen 
ist, dals die beiden Litteraturen zeitlich nach rückwärts und vor- 
wärts unbegrenzt sind, daCs die antiken Autoren gefühlt werden 
müssen, wenn sie begriffen sein wollen: das sind Ideen, durch 
die wir in der Bonner Schule herangebildet worden sind, zu 
einer Zeit, die mir als die gröfste meines Lebens immerdar ge- 
weiht sein wird. Dieses Bewufstsein — um abzusehen von dem, 
qtiod lotet arcana non enarrabile fibra — veranlafste mich dazu, 
Buecheler um die Entgegennahme der Widmung dieses Werks 
zu bitten. Es war ihm ab Gabe zum sechzigjährigen Geburts- 
tag bestimmt: nun kommt es etwas später, aber Ehrfurcht, Dank 
und Treue sind an keine Zeit gebunden. FriQdöxoL jtollä diddöxanf. 

1) Die auf dem Titelblatt reproducierte bekannte Statue des redenden 
Römers im Typus des 'Egnijg Xdyiog schien uns besonders geeignet, diesem 
Buche als Schmuck beigegeben zu werden. 

Greifswald, den 14. Januar 1898. 

E. Norden. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Einleitung 1 

Erstes Buch. 

Das Altertum. 

Erster Teil. 

Von den Ani^iigeii bis znm angnsteischen Zeitalter. 

Erster Abschnitt. 

Die griecliische Knnstprosa. 

Erstes Kapitel: Die Beffrundtmg der attischen Kunatprosa .... 15 

A. Die gorgianischen Redefiguren 16 

1. Die Antithese 16 

2. Das Wortspiel 23 

8. Antithese und Wortspiel vor Gorgias 25 

B. Die poetische Prosa 80 

C. Die rhythmische Prosa 41 

Zweites Kapitel: Die Postulate der griechischen Kunstprosa. ... 50 

Drittes Kapitel: Gorgias und seine Schule 63 

Viertes Kapitel: Die klassische Zeit der attischen Prosa 79 

Die Beziehungen der Geschichtsschreibung zur Rhetorik .... 81 

Die Beziehungen der Geschichtsschreibung zur Poesie 91 



Seite 

1. Thukydides .... 96 

2. Xenophon 101 

3. Aeschines d. Sokra- 
tiker 108 

4. Piaton 104 



5. Isokrates 113 

6. Attische Redner 119 

7. Theopompos u. Ephoros. . 121 

8. Epikur 128 

9. Der Aziochos 125 

10. Aristoteles u. Theophrast . 125 



Fünftes Kapitel: Die Entartung der griechischen Prosa, Demetrios 

von Phaieron und die asianische Beredsamkeit 126 

Polybios 162 



Inhaltsyerzeidmis. XIIL 
Zweiter Abschnitt. 

Die rSmische Knnstprosa. 

*^ Seite 

Erstes Kapitel: Die nationale Prosa 166 

Zweites Kapitel: Die Umgestaltung der nationalen Prosa durch den 

Hellenismus (bis zu StOlas Tod 78 v. Chr.) 164 

1. Die Redner 169 

2. Die Historiker 176 

3. Resultate 177 

Drittes Kapitel: Das eiceronianische Zeitalter 181 

A. Allgemeine Vorbemerkungen 181 

B. Die einzelnen Schriftsteller 194 

Seite 4. Caesar 209 

1. Varro 194 | 6. Cicero 212 

2. Sallost 200 I 6. Livius 234 

3. Nepos 204 j 7. Resultate 237 

Zweiter TeiL 

Die Kaiserzeii 

Einleitung 240 

Erster Abschnitt. 

Von Angnstus M8 Traian. 

Erstes Kapitel: Die Theorie 261 

A. Der Kampf des alten und des neuen Stils. Atticismus 

und Asianismus 261 

1. Die Alten und die Neuen im allgemeinen 262 

2. Die Alten und die Neuen im Stil 266 

3. Der alte Stil und der Atticismus 268 

a. Der alte Stil der Atticisten in ciceronianischer Zeit . . 268 

b. Der alte Stil der Atticisten in der ersten Kaiserzeit . . 260 

4. Der neue Stil und der Asianismus 266 

6. Die Vermittler zwischen den beiden Parteien 268 

B. Der neue Stil 270 

1. Das Allgemeine 278 

2. Das Inhaltliche der Deklamationen 276 

3. Die Form der Deklamationen 277 

4. Resultate 299 

Zweites Kapitel: Die Praxis 300 

Seite ! 6. Valerius Maximus 303 

1. Seneca d. 1 300 i 6. Curtius Rufus 304 

2. Pompeius Trogus . 300 | 7. Pomponius Mela 306 

8. VitruT 301 I 8. Seneca d. J 306 

4. Velleius 302 1 9. Plinius d. Ä 314 



XIV InhaltsYerzeichnis. 

Seite 

10. PUnius d. J S18 

11. Tacitus 321 

Zweiter Abschnitt. 

Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

Einleitung 344 

Die zweite Sophistik 361 

Erste Abteilung. 
Die Theorie 

A. Der alte und der neue Stil 366 

B. Der alte Stil und der Atticismus 367 

1. Die Griechen 367 

2. Die Lateiner 361 

C. Der neue Stil und der Asianismus 367 

1. Direkte Zeugnisse 367 

2. Indirekte Zeugnisse 372 

D. Der neue Stil und die alte Sophistik 379 

E. Vermittlungsversuche zwischen dem alten und neuen 
Stil 387 

F. Resultate 891 

Zweite Abteilung. 

Die Praxis. 

Erstes Kapitel: Die griechische Litteratur mit Ausschluß der christ- 
lichen, 

I. Der alte StiL 

A. Die freien Archaisten 892 

Seite 4. Cassius Dio 896 

1. Plutarch 392 6. Dexippos 398 

2. Lukian 394 6. Plotin 399 

3. Arrian 394 

B. Die strengen Archaisten 401 



4. Synesios 406 

6. Qaza 406 

6. Byzanz 407 



Seite 

1. Aristides 401 

2. Libanios 402 

3. Themistios .... 404 

II. Der neue Stil. 

Allgemeines 407 

A. Die Redner und Deklamatoren 410 



Seite 

1. Proben aus den Cita- 

ten bei Philostratos 410 

2. Ps.-Iosephos .... 416 



3. Aristides 420 

4. Die Rede des Favorinus . . 422 
6. Himerios 428 



InHaltsyerzeichnis. XY 

Seite 

B. Das Proömium des pseudozenophoDteischen Eyne- 
getikos 431 

C. Die erotischen Romane 434 

D. Historiker 442 

E. Inschriften 443 

Zweites Kapitel: Die griechisch-christliche Litieratur. 

I. Allgemeine Vorbemerkungen 461 

1. Die prinzipiellen Gegensätze zwischen hellenischer und christ- 
licher Litteratur 462 

2. Der Eompromifs zwischen Hellenismus und Christentum. . 460 

3. Prinzipielle Vorfragen 465 

U. Die Litteratur des Urchristentums 479 

1. Die Evangelien und die Apostelgeschichte 480 

2. Die Briefe des Paulus 492 

3. Die Briefe des Ignatius und Polykarp 510 

in. Die Entwicklung der christlichen Prosa seit der Mitte 

des U. Jahrhunderts 512 

A. Die Theorie 512 

1. Theorieen über die Sprache des Neuen Testaments .... 517 

2. Theorieen über den Stil der christlichen Litteratur .... 529 

B. Die Praxis 534 

1. Die Praxis im allgemeinen 534 

2. Die verschiedenen Gattungen der Predigt 537 

3. Der Stil der griechischen Predigt im zweiten und dritten 
Jahrhundert 545 

4. Der Stil;.der Predigt im vierten Jahrhundert 550 

a. Die allgemeinen Verhältnisse 550 

b. Die Hauptvertreter der christlichen Eunstprosa im vierten 

Jahrhundert 558 

a. Die Streitschrift des Eunomios gegen Basileios . . . 558 

ß. Gregor von Nazianz 562 

/. Basileios und Joannes Chrysostomos 569 

5. Die Ausläufer der griechischen Eunstprosa in Bjzanz . . . 572 

Drittes Kapitel: Die laUeinische LitUr<xtur 578 

L Der alte Stil 

1. Allgemeine Vorbemerkungen 576 

2. Die Vertreter des alten Stils (Juristen, Lactanz, Sulpicius 
Sevems, Hilarius, Claudianus Mamertus, Salvian, Boethius) 581 

n. Der neue Stil 586 

A. Afrika 588 

1. Das ,,afrikam8che Latein** 588 

2. Die Sophistik im Stil der afrikanischen Profanautoren des 

n. Jahrhunderts (Florus, Appuleius) 598 

3. Die Sophistik im Stil der frühchristlichen afrikanischen 
Autoren (Minucius, Tertoilian) . 605 



XVI Inhaltsyerzeichnis. 

Seit« 

4. Der Stil der Predigt in Afrika (Cyprian, Augustin) .... 615 

5. Der sophistische Stil der Spätzeit in Afrika 624 

6. Volkstümliche Prosa in Afrika 626 

B. Gallien 631 

C. Die übrigen Provinzen (Symmachus, Amniianus Marcellinus, 
Hieronymus, Ambrosius) 642 

Schlufsresaltat 654 

Zweites Buch. 

Das lHQttelalter und der Humanismus. 

Erster Abschnitt. 

Die Antike im Hittelalter nnd im Hnmanismas. 

Erste Abteilung. 

Die Antike im Mittelalter« 

Erstes Kapitel: Die Zeit des Übergangs vom Altertum zum Mittel- 
alter (Cassiodor, Iren, Angelsachsen) 661 

Zweites Kapitel: Die Stellung der Artes liberales im mittelalterlichen 

Bildimgswesen 670 

1. Die propädeutische Wertschätzung der Artes liberales von 

der platonischen Zeit bis auf Augustin 670 

2. Die propädeutische Wertschätzung der Artes liberales im 
Mittelalter. 

a. Die Theorie 680 

b. Die Praxis 685 

Drittes Kapitel: Die Äußeres im mittelalterlichen Bildungswesen. 

Der Gegensatz von Auetores und Artes 688 

Viertes Kapitel: Die klassicistischen Strömungen des Mittelalters. 
Der Kampf der Auetores gegen die Artes. 

I. Das neunte Jahrhundert. 

1. Das Zeitalter Karls des Grofsen 693 

2. Die humanistische Bewegung in Frankreich: Karl der Kahle 

und Servatus Lupus 698 

U. Das zehnte Jahrhundert: Gerbert 705 

in. Das XI.— Xm. Jahrhundert 711 

1. Der litterarische Streit der Klassicisten und Scholastiker, s. 

XI. Xn. Die Schule von Chartres 712 

2. Die Fortsetzung dieses Streites s. XUi: Artes und Auetores. 

Die Schule von Orleans 724 



Inhaltsyerzeichnis. XVH 

Seit« 

Zweite Abteilung. 
Die Antike im Hiunaiiismas« 

Erstes Kapitel: Petrarcas geschichüiche SteUtmg 732 

Zweites Kapitel: Die ForUetstMg des mtttelditerlichen Kampfes der 

Auetores gegen die Artes in der FrOhzeit des Humanismus . 743 

Zweiter Abschnitt. 

Der Stil der lateinischen Prosa im Mittelalter nnd im 

Hnmanismns. 

Erstes Kapitel: Der Stü der lateinischen Prosa im Mittelälter, 

1. Der alte Stil 749 

2. Der neue Stil 753 

a. Die Mischung von Prosa und Vers 755 

b. Die rhythmische Prosa 767 

c. Die Beimprosa 760 

Zweites Kapitel: Der Stil der lateinischen Prosa in der Zeit des Hu- 
manismus. 
L Die allgemeinen Verhältnisse 763 

U. Das Humanistenlatein und seine Einwirkung auf die 
modernen Sprachen. 

A. Der Ciceronianismus und seine Gegner 773 

B. Der Einflufs des Humanistenlateins auf den Prosa- 
stil der modernen Sprachen im XYI. und XVU. Jh. . . 780 

1. Der Klassicismus 781 

2. Der Stil der Pointen (pr^cieuses) und des Schwulstes (gali- 
matias) 783 

3. Der Stil der formalen Antithese (Euphuismus). 

a. John Lyly 786 

b. Antonio Gueyara 788 

c. Guevara und der spanische Humanismus 789 

d. Der Ursprung des Antithesenstils im XYI. und XVÜ. Jh. 
Isokrates und Cicero bei den Humanisten 795 

Schlufs 807 

Anhang I. 
Über die Gtosohiohte des Reims. 

I. Prinzipielle Fragestellung 810 

TL Der Parallelismus als Urform der Poesie und der Beim in Formeln . 818 

ni. Resultat und spezielle Fragestellung 824 

IV. Der rhetorische Reim in der quantitierenden Poesie des Altertums . 829 
y. Predigt und Hymnus. Das Eindringen des rhetorischen Reims in 

die Hymnenpoesie 841 

Horden, antik« Knnitpro««. b 



XVin Inhaltsrerzeichnis . 

S«it6 

VI. Resultate 867 

yn. Die mittelalterliche und humanistische Tradition über den rhe- 
torischen Ursprung des Reims . 871 

Vni. Rhetorik und Poesie 888 

Anhang IL 
Über die Gtoschiohte des rhythmischen Satzsohlusses. 

I. Allgemeine Vorbemerkungen 909 

n. Demosthenes 911 

in. Die spätere griechische Prosa 917 

IV. Die lateinische Prosa 923 

V. Folgerungen fOr unsere Texte 952 

VI. Terminologie des rhythmischen Satzschlusses 953 



Einleitnng. 



Die antike Litteratur unterscheidet sich in formaler Hinsicht Altertum 
von den Litteraturen aller modernen Völker dadurch, dafs sie y^i^eu 
einen unvergleichlich höheren Wert auf die Form der Darstellung 
legt: eine antike Litteraturgeschichte also, welche die stilistische 
Entwicklung auJser acht läfst, ist ebenso unwissenschafklich wie 
eine Stilgeschichte, die nicht in steter Fühlung mit der litt^ 
rarischen Entwicklung bleibt. Werke, die bloJGs durch die Fülle 
ihres Inhalts wertvoll waren, ohne eine künstlerische Vollendung 
in der Form zu zeigen, rechnete das Altertum noch weniger als 
wir zur eigentlichen Litteratur: sie blieben beschränkt auf den 
kleinen Kreis der Fachgelehrten, so die pragmatischen Schriften 
des Aristoteles. Aber solche Werke waren überhaupt selten, 
denn im allgemeinen bestrebte sich auch ein Veij^reter der 
exakten Wissenschaften, elegant zu schreiben, weil er nur so 
hoffen durfte, weitere Kreise zu interessieren: selbst bei Werken 
über Tierarzneikunde muüsten die Charitinnen des Stils es sich 
gefallen lassen, Patendienste zu leisten. Wenn ein Autor einen 
der kunstvollen Darstellung unüberwindliche Schwierigkeiten be- 
reitenden Stoff der Öffentlichkeit übergab, so befahl ihm der 
gute Ton, sich deswegen zu entschuldigen: so macht es Plinius 
in der Vorrede zu seiner Naturgeschichte, so Quintilian in einer 
Vorbemerkung zu seinem dritten Buch, in dem er die sterile 
Statuslehre vorträgt. Bevor man ein Werk edierte, pflegte man 
es — wenigstens in späterer Zeit — zur stilistischen Korrektur 
Freunden vorzulesen oder zu übersenden. Im allgemeinen darf 
man sagen, dafs es im Altertum dem Schriftsteller gröüsere Mühe 
machte, kunstlos als kunstvoll zu schreiben; so stark war die 
Macht der Tradition, der Erziehung und vor allem der Anlage. 

Noriten, antike Knnstproaa. 1 



2 Einleitung. 

Deiin diese durchgreifende Verschiedenheit der stilistischen 
Maximen in Theorie und Praxis ist tief begründet in der Charakter- 
anlage der Völker. Den Hellenen war der Schönheitssinn ^ das 
Gefühl für Harmonie und die Kraft zu plastischer Gestaltung 
des Gefühlten in unerreichtem Mafse eigen. Kunst war ihr ganzes 
Leben ^ und ihr Stempel hat alle Erzeugnisse des griechischen 
Geistes geadelt. Durch Vermittlung der Römer wurde sie weiter- 
gegeben an die Barbarenvölker^ und erst mit der ästhetischen 
Civilisation des Orbis terrarum hatte der griechische Geist seine 
Kulturmission erfüllt. 

Aber nicht überall fand er einen gleich günstigen Boden, 
in den er seine Keime senken konnte. Die nächsten Geistes- 
verwandten der Hellenen waren die Römer: kraft ihres guten 
Willens und ihrer Fähigkeit, sich anzupassen^ machten sie sich 
— wenigstens bis zu einem gewissen Grade — den empfind- 
samen Sinn der Griechen für reine, in sich selbst ruhende Schön- 
j^eit der Form zu eigen, und da in ihnen fast noch mehr als in 
jenen ein Hang zum Pathos und zum Grandiosen lebendig war, 
so besafsen sie jene beiden Eigenschaften, aus deren Vereinigung 
es sich erklärt, dafs die Kunst der Rede im Altertum eine wahre 
Zaubermacht auf die Gemüter der Menschen ausübte. Diese ganz 
nachzuempfinden und auf sich wirken zu lassen, vermag keins 
der modernen Völker, am wenigsten das deutsche; denn wer 
wollte leugnen, dafs das romanische Ohr noch jetzt empfindsamer 
ist für den Wohllaut sowohl zierlicher als pathetischer Sprache?^) 



1) Der Spanier Antonius Lullus (Balearis), De oratione 1. VIT (Basel 
1558), führt in vollem Ernst aus (1. V c. 6 p. 404 ff.), dafs jede gute Rede 
einem verhaltenen (besang ähnlich sein müsse und in seiner Nation that- 
sächlich sei; daher bestehe seit den Zeiten des Chiron die Anschauung, 
Studium musicae necessariuni esse oratori. — Nur unter den romanischen 
Nationen war jener Wettkampf denkbar, der im 17. Jahrh. mit grofser Er- 
bitterung zwischen Franzosen, Italienern und Spaniern um die Schönheit 
der Sprachen gefährt wurde, cf. Bouhours, Les entretiens d*Ariste et d'Eu- 
gene (1671) c. 2 mit der Erwiderung von Muratori, Della perfetta poesia 
Italiana (1723) III c. 9 f., der bemerkt, dafs keine Sprache so wie die ita- 
lienische die armonia und die maestä de' periodi bewahrt habe. — Nur von 
einem Franzosen konnten folgende Worte geschrieben werden (Y. Ballu, 
Observations sur les dl^ments musicaux de la langue fran9aise in: Phone- 
tische Studien herausg. von Victor TI [Marburg 1889] 303): le caracUre pro- 
pre ä chaque proposäion du langage irouve tOi{iours un analogue dmis Je 



Einleitung. 3 

Nur in Italien, wo das Volk noch heutzutage in wohlgebauten 
Perioden spricht und den zierlichen Concetti wie den pathetischen 
Ergüssen seiner Parlamentarier und Eanzelredner Beifall zollt, 
wie einst der Populus senätusque Romanus dem Cicero und die 
Mailander Gemeinde dem Ambrosius, konnte der Humanismus 
geboren werden, nur in Frankreich (und anfangs auch in Spanien) 
bald so begeisterte Aufiiahme finden, während er sich bei den 
Germanen, die sich an die schillernde Formglätte und das rhe- 
torische Pathos ungern und schwerföllig gewohnten, nur lang- 
sam Bahn brach und, was gerade das Bezeichnende ist, in einer 
seinem Ursprung entfremdeten Gestalt. Denn anfänglich war er 
ja eine wesentlich formale Reaktion gegen die Barbarensprache 
des Mittelalters gewesen, und demgemäfs berauschten sich die 
romanischen Humanisten an dem wohlkadenzierten Rhythmus 



caracUre des phrases Juirmoniques, ce qui permet une application facile de 
Vidie musicale ä Vidie exprimee en mots. tPaffirme qu'un hon musicien 
dcit pouvoir accompagner ä Vaide de son piano, par exemple, un oratewr 
qui d^lame bien, et que le sens des periodes musicales aidera singuli^ement 
ä comprendre le sens des phrases prononcees (at$ssi ne suis -je ntUlement 
surpris, quaiid je lis que les Grecs d6clamaient en ce faisant accompagner par 
des instruments, et que les orateurs romains avaient un musicien pres d'eux 
pour maintenir et rappeler le ton); und dafs dies nicht blofse Theorie ist, 
zeigt z. B. Zola, Genninal IV c. 4 p. 278 (von einem Volksredner): Un si- 
lence profond se fit. II parle. Sa voix sortait p&nihle et rquque. . . Peu ä 
peu, il Venflait et en tirait des effets paiMtiques. Les hras ouverts, accom- 
pagnant les pModes d'un balancement d*epaules, il avait une iloquence qui 
tenait du pröne, une fagon religieuse de laisser tomber la fin des phrases, 
dont le ronflement monotone finissait par cofivaincre. Im Verlauf dieser 
Untersuchongen wird uns eine grofse Anzahl von Zeugnissen für den aus- 
gepiügten Formensinn der romanischen Völker begegnen; andere findet 
man in dem inhaltreichen und geschmackvollen Büchlein von A. Philippi, 
Die Kunst der Bede (Leipzig 1896) 35 ff. (Italiener) 59 ff. (Franzosen). Ich 
will auch nicht unterlassen zu bemerken, dafs unter den neueren syste- 
matischen Darstellungen der griechischen Rhetorik die Theorie du style in 
A. Chaignets Buch La rhitorique et son histoire (Paris 1888) 413 ff., was 
antikes Empfinden betrifft, ebenso viel höher steht als der entsprechende 
Abschnitt in R. Volkmanns bekanntem Werk (Die Rhetorik der Griechen 
und Römer' [Leipz. 1885] 393 ff.), wie die feinen rhetorischen Theorieen des 
vorigen Jahrhunderts in Frankreich (z. B. Voltaires und anderer Encyklo- 
pädisten) höher stehen als die hausbackenen, der X''Q^9 entbehrenden Stil- 
theorieen eines Gottsched (1736), Jo. Andr. Fabriciua (1739), Gellort (17.51) 
u. 8. w. 

1* 



4 Einleitung. 

der ciceronianischen Perioden und der sülBen^ aber doch kraft- 
vollen Melodie der vergilischen Verse: bei den germanischen 
Yölkem fand dies formale Moment spät und nur unvollkommen 
Wiederhall, aber dafQr erwarben sie -sich — entsprechend ihrer 
auf das Innerliche gerichteten Naturanlage — das Verdienst, 
mehr in den tiefen Gehalt der neu entdeckten Litteraturen einzu- 
dringen, ihn durch die Reproduktionen ihrer gröfsten Dichter 
von neuem zu beleben und der modernen Welt in seiner edlen 
Reinheit wie in einem Spiegel zu zeigen, 
prftche. Die Oriechen besa&en nun nicht blois den empfindlichen 

Sinn fiir Schönheit der Rede, sondern die mit dem Oenius in 
ewigem Bündnis stehende Natur hatte ihnen auch eine Sprache 
geschenkt, die wie keine andere fähig war, die zartesten Re- 
gungen des Oefühls in plastischen Formen zu verkörpern. Dais 
sich der Charakter der Nationen in ihren Sprachen wieder- 
spiegelt, ist eine von W. v. Humboldt begründete Erkenntnis, die 
er niedergelegt hat in der seinem Werk über die Eawi-Sprache 
vorausgeschickten ^Einleitimg über die Verschiedenheit des mensch- 
lichen Sprachbaues und ihren Einflufs auf die geistige Entwicklung 
des Menschengeschlechtes' (Berlin 1836). *Die Sprache', sagt er 
(p. XVni), ^ist das Organ des inneren Seins, dies Sein selbst, wie 
es nach und nach zur inneren Erkenntnis und zur Äufserung 
gelangt. Sie schlägt daher alle feinste Fibern ihrer Wurzeln in 
die uationelle Geisteskraft, und je angemessener diese auf sie 
zurückwirkt, desto gesetzmäfsiger und reicher ist ihre Entwick- 
lung.'^) Die Sprache des Volkes nun, für das die jtcudsia mit 
der (wvöixtI zusammenfiel (Plat. Prot. 326 B. Symp. 187 D. Ges. 
812 C flF.), war durchaus musikalischer Natur; ein bekannter Aus- 
spruch V. Bülows: *Im Anfang war der Rhythmus' hat für das 
griechische Volk, dessen Xöyog Musik war, eine besondere Be- 
rechtigung.^) Der Accent des griechischen Wortes war ein 
wesentlich musikalischer; je näher hierin ein Volk dem griechi- 

1) Cf auch H. Wedewer, Über Buffons Ausspruch 'Le style est rhomme 
in§me' oder über die Bedeutung des Stjls für das Charakteristische der 
Völker, Progr. der Selektenschule Frankfurt a. M. 1860. 

.2) Feine Bemerkungen darüber bei H. Blair (einem litterarischeu 
Ästhetiker und Redner des XVin. Jahrh.), Lectures on rhetoric and helles- 
lettres (Lond. 1783), 14. Vorlesung, in der er vom Bau der Rodesätze und 
ihrer Harmonie handelt. 



EinleituDg. 5 

sehen steht ^ um so leichter wird es im stände sein, die ganze 
Melodie eines griechischen Satzes in Vers oder Prosa aufzufassen, 
und ich bin daher, so paradox es auch erscheinen mag, über- 
zeugt, daljs in dem Chinesen dieses rein äufserliche Gefilhl stärker 
geweckt wird als in allen modernen Eulturvölkem, und unter 
diesen wieder starker in den Romanen und Serben, als in uns 
(Germanen, bei denen das tonische Moment des Accents hinter 
dem expiratorisch -energischen noch viel mehr zurücktritt als bei 
den beiden zuletzt genannten; im Lateinischen scheint wenigstens 
in der klassischen Zeit das tonische Moment neben dem andern 
nicht ganz gefehlt zu haben, war aber keinesfalls so stark aus- 
geprägt wie im Griechischen. 

Wir haben aus dem Altertum selbst einige Zeugnisse für 
die Sensibiliiät der Menschen jener Zeit gegenüber der Musik des 
gesprochenen Wortes. Dionys von Halikamafs (de comp. verb. 11) 
beruft sich für den musikalischen Charakter der Rede in Poesie 
und Prosa sogar auf den &iiov6ov SxAov, der bei einem Fehler 
des Zither- und Flötenspielers sofort zu lärmen anfange, und er 
schliefst daraus, äg qn)6vKif^ tig iörlv andvxcyif fi(i&v olTuiötrig 
XQog sifuXBidv xb xal sifQvd'fiiav. Ebenso (aus derselben Quelle 
wie Dionys) Cicero de or. HI 196. Dafs dies nicht blofse Theorie 
war, mögen zwei Stellen Augustins lehren. Er führt (de doctr. 
Christ IV 26, 56) aus, dafs man sogar in der niederen Gattung 
der Rede (genus submissum), deren Zweck Belehrung sei, nicht 
jede suavUctö verbannen dürfe, denn: maadme qtuxndo adest ei 
qtwddam decus tum appetitum sed quodammodo naturale et noti- 
nuUa tum iactanticula sed quasi necessaria atque ut ita dicam 
ipsis rdms extarta numerositas dausidarum, tantas acclama- 
tiones excitat, ut vix inteUigatur esse submissa. Von sich 
selbst berichtet er conf. V 13: studiose audidmm disputanteni 
in populo (Arnbrosium)y tum rhetor, non intentione qua debui 
sed quasi explorans eius facundiam, utrum conveniret fafnae suae 
an maior mincrve proflueret quam praedicabaiur, et verhis eius 
suspendebar intentus, rerum autem incuriosus et con- 
temptor astabam et delectabar suavitate sermonis. Ahn- 
lich erzahlt noch Michael Psellos, dafs er bei der Lektüre der 
Beden des Gr^or von Nazianz oft so hingerissen werde von der 
Diktion, da(s er gar nicht an den Sinn der Worte denke (Mich. 
PselL or. ad Pothum ed. H. Coxe in: Catalogi codd. mss. bibl. 



Q Einleitung. 

Bodl. [Oxford 1853J p. 744). Eine vielleicht wenigen bekannte 
Thatsache ist es, dafs man im Altertum laut zu lesen pflegte. 
Über derartige Dinge, die in den Augen der Menschen, die sie 
treiben, selbstverständlich sind, pflegt eine Tradition zu fehlen, 
und so ist es denn in diesem Falle auch bezeichnend, dafs an 
der einzigen Stelle, an welcher diese Sache erwähnt zu werden 
scheint, von dem leisen Lesen eines Mannes als einer Abnormität 
gesprochen wird, wodurch die Stelle^) freilich für uns um so 
lehrreicher und beweisender ist. Augustin erzählt conf. VI 3, 
er habe selten zu Ambrosius Zutritt erhalten: jener sei mit Ge- 
schäften überhäuft gewesen, und die wenige Zeit, die ihm übrig 
blieb, habe er sich mit Lektüre beschäftigt; er und seine Freunde 
hätten ihn dann oft beobachtet, wie er seine Augen über die 
Zeilen der Seite gleiten liefs: vox atUem et lingim quiescebant 
Augustin ist das so unbegreiflich, dafs er nach Gründen für dieses 
tacite legere sucht: entweder habe Ambrosius es gethan, um nicht von 
den gerade Anwesenden — denn man konnte, ohne sich anzu- 
melden, eintreten — über den Sinn einer dunkeln Stelle gefragt 
zu werden, oder um seine empfindliche Stimme zu schonen.*) 

Wenn wir ims diese Naturanlage der beiden antiken Völker 
vergegenwärtigen, so begreifen wir, dafs die Rhetorik bei ihnen 



1) Sie ist mir mitgeteilt von 0. Seeck. — Die Humanisten empfanden 
derartiges instinktiv nach: cf Leonardus Brunus Aretinus (f 1444), De 
studiis et litteris (ed. in: Consilia et methodi aureae studiorum optimc 
instituendorum coli. Th. Crenius [Rotterd. 1692] 470 ff.) c. 3 contenta 
interdum voce legere iuvabit: sunt enim non versu modo, verum etiam so- 
luta in oratione numeri quidam et velut concentus a sensu dememi et cogniti 
flexionesque et gradtts aliqtii, ut modo se demittat vox, modo attollat, colaque 
et commata et periodi mira concinnitate inter se connexa, quae in optimo 
quoque scriptore maxime adparent; ea ergo cum alte leget, manifestius 
deprehendet repleri aures veluti harmonia qu<idam, quam et sentiens, postea 
scribens, imitabitur. 

2) Über die in Griechenland seit ältester Zeit verbreitete und von da 
nach Rom gebrachte Sitte des Vorlesens nicht blofs von Gedichten, sondern 
auch von Prosawerken cf. die reiche Stellensammlung bei Rohde, Der griech. 
Roman (Leipz. 1876) 304, 1. Welchen Wert man auf gutes Vorlesen legte, 
zeigen die bekannten Inschriften von Chios und Teos (CIGr n 2214. 3088) 
mit ihren Prämien auf die Icvdyvfoaig, sowie die Duris-Vase Arch. Zeit. VI 
(1874) Taf. I, cf. auch Plat. Ges. VII 810 E. Auch an den &v(xyvui(sxr^g des 
ypa^fuxrtxöff ist zu erinnern: es kam darauf au, dafs er jedesmal das Ethos 
der betreffenden Stelle zum Ausdruck brachte (üionys. Thr. ars 2). 



Einleitung. 7 

eine geradezu centrale Stellung in Leben und Unterricht^) ein- 
nehmen mufste, dafs sie Reichtum^ Ehren, Konnexionen, Ruhm bei 
Mit- und Nachwelt gab (Quint. Xu 11, 29), dafs sie von einigen 
mit der Staatskunst identificiert wurde ^), dafs sie der Zauberstab 
war, durch den der Redner sein Publikum bannen oder in Ekstase 
versetzen konnte: wenn die Sophisten seit der platonischen Zeit 
bis ins ausgehende Altertiun ihre Kunst im xtiXbIv^ ^iXyBiv taug 
av^Qcijcovg^) sahen, und wenn man das fi&Xv^ das der Gott der 
Rede dem Odysseus giebt, als die Zauberkraft der Rede deutete, 
so liegt darin für antikes Empfinden nichts Unnatürliches. Die 
Öffentlichkeit des Lebens, gegeben durch Klima und Verfassung, 
begünstigte den Einfluls des gesprochenen Wortes auf die 
Hassen/) Wir begreifen auch, dals die antike Beredsamkeit in 



1) Cf. G. Boissier, L'instruction publique dans Tempire romain in: 
Revue des deux mondes 1884 p. 341 jQP. 

2) Cic. de inv. I 6 über die civilis ratio (Staatskunst): eius quaedam 
magna et ampla pars est artificiosa eloquentia, quam rhetaricam vocant. 
nam negue cum iis setitimus qui civilem sdentiam eloquetUia tum putant 
indigere, et ab iis qui eam putant omnem rhetoris vi et artificio contineri, 
wiagno opere dissentitnus. Jene ersteren waren die Philosophen (cf. be- 
sonders Cic. de or. I 84Jff.), die letzteren die Rhetoren selbst: es war der 
Standpunkt des Kallikles im platonischen Gorgias und dann wieder der- 
jenige der späteren Sophisten (cf Pollux FV 16 (rj^ogiTirj, i] airti] xal itoXi- 
ti%ri xal co(pvaxi%riy ib. JY]Toptx($?, 6 aiytbi xal 'jtoXiti%6g)\ gegen dieselbe 
unverschämte Anmafsung der Rhetoren polemisiert ausführlich Philodem 
in seiner Rhetorik. Der vermittelnde Standpunkt Ciccros (resp. seiner 
Quelle) ist der der jüngeren Stoa. 

8) Schon Thrasymachos bei Plat. Phaedr. 267 D; von Gorgias und den 
älteren Sophisten überhaupt Philostr. ep. 73, 1 dietpoitmv ^iXfovtig iiingdg 
ri %al luiiovg n6ltig tbv 'Ogtpimg xal Sapivgov tg^nov. Dann zu verfolgen 
durch die ganze Litteratur, z. B. noch Themistios or. 29,347 b u. ö.; 
cf. Boissonade in seiner Ausgabe des Zacharias von Mitylene (Paris 1836) 351 f. 

4) F^n^on, Dialogues snr TEloquence (Paris 1718) 270 f. Iis avoient 
plus de culture pour VHoquence que notre nation n'en peut avoir. Chez les 
Grees Umt dipendoit du peuple, et le peuple depe^idoit de la parole. Dans 
leur forme de gouvemement, la fortune, la riputaiUm, Vautorite dtoient atta- 
dUes d la persuasicn de la muUitude. Le peuple etoit entraine par les rhe- 
teure artificieux et vehemens. La parole itoit le grand ressort en paix et en 
guerre. De la tfiennent tant de harangues, qui sont rapportees dans les histoires, 

et qui nous sont presc^ue incroy alles, tant elles sont loin de noa mceurs 

La parolfi n*a aucun pouvoir semblabe chez nous. Les assemblees n*y sont 
que des ceremonies et des spectacles. Tl ne nous reste guH-es de monumens 



g Einleitung. 

ihrer ganzen Art von der modernen verschieden sein mulste. 
Den Hellenen gestaltete sich alles, was sie fohlten, sagten und 
bildeten, zu einem Kunstwerk. Nur liegt das Wesen der Kunst 
nach antiker Auffassung nicht in genialischem Schaffen, sondern 
iii der Unterordnung individuellen Wollens und Könnens unter 
eine strenge Gesetzmäfsigkeit, aber „eben darin besteht das 
Grofse in der Entwicklung der griechischen Kunst, dafs selbst 
die strengsten Grundregeln nie zu willkürlichen Satzungen und 
zur Unfreiheit führten, sondern vielmehr dazu dienten, innerhalb 
des Gesetzes dem schaffenden Geiste des Künstlers eine um so 
gröfsere Freiheit zu gewahren"^); in diesem Sinne war auch die 
Beredsamkeit im Altertum die bewufste Kunst, während * Natur- 
beredsamkeit' damals ein rein akademischer Begriff gewesen ist, 
der nie aus der Theorie in die Praxis übertragen wurde.*) Dazu 

d'une forte eloquence, ni de nos anciens Parletnens, ni de n08 J^tats Gene- 
raux, ni de nos ÄssemhUea de Notables. Tout se decide efi secret dans le 
cabinet des Princes, ou dcms quelque nSgociation particUliere etc. 

1) Brunn im Rhein. Mus. V (1847) 346. 

2) Die Frage, ob die Rhetorik eine Kunst sei oder nicht, war eine 
der berühmtesten Streitfragen der hellenistischen Zeit. Jenes behaupteten 
aufser den zünftigen Rhetoren die Stoiker, dieses die jüngeren Peripatetiker 
und Akademiker. Die Akten dieses Streits liegen uns vor bei Cicero de or. 
I 91 ff.; Philod. rhet. 1. II; Quint. 11 17, 6 ff. (besonders 11); Seit. Emp. adv. 
rhet. 10 ff. (besonders 16). Alle Vertreter der zweiten Ansicht beriefen 
sich darauf, dafs thatsächlich oft solche, die keine ausgebildeten Redner 
gewesen wären, ihre Zwecke besser erreicht hätten. Es ist kürzlich von 
L. Radermacher (Festschrift des klass.-phil. Vereins in Bonn zur Kölner 
Philologenyers., Leipz. 1896 p. IX ff.) festgestellt worden, daÜB die genannten 
Autoren in letzter Instanz zurückgehen auf den Peripatetiker Kjitolaos, der 
diese Argumente gegen die Stoiker Torbrachte. Aber die unmittelbare 
Quelle ist nicht die Schrift des Kritolaos, sondern die eines jungem 
Akademikers gewesen, der die Argumente des Kritolaos wiederholte: das 
zeigt besonders die genannte Stelle Ciceros, die Radermacher nicht kennt; 
sie ist in diesem Zusammenhang schon angefahrt worden von C. Liers, 
Rhetoren und Philosophen im Kampf um die Staatsweisheit (Progr. Waiden- 
burg i. Schi. 1888) 9 f — Die allgemeine Stellung, die man zu dieser Frage 
nahm, formuliert Hermogenes de ideis I 1 (p. 266 f. Sp.) so: ij fUftriaig %ocl 
6 j^ijXos 6 nQÖg iTieivovg (sc. tohg &(fxaiovg) fuxcc fi^9 ifinsi^iag tfttXfjg %al 
xivog &X6yov tgißfjg Yi96fuvog oim ^9 olpLai dv9ccixo %%}y%dvnv xo^ ö^^ov, 
n&y ndw Ti« i%ji tp^öBmg sl' toijwavtlop yäg htog av aifxbp %al aipdXXoi 
ft&Xlov tä xfjg tpvastog nlBovtxti^f^ara x^Q^9 '^^X^S xiwbg dloymg axxovxu 
ngbg 3 xi aal xv%oi und das weiter Folgende. — Speziell für das Kunst- 
mäfsige in der rhythmischen Komposition der Rede cf. noch Dionys de 



Einleitung. 9 

kommt noch ein weiterer Unterschied. Der heutige Prediger, 
Adyokaty Parlamentarier will nur durch sachliche Gründe über- 
zeugen, wie weit der Zuhörer dabei Vergnügen empfindet, ist ihm 
entweder ganz gleichgültig oder nebensächlich; dagegen spekulierte 
der antike Redner neben den sachlichen Argumenten auf die Leiden- 
schaftlichkeit imd den Schönheitssinn seines Publikums; jener 
kam er entgegen durch Erregung der Affekte — bekanntlich in 
einem Grade, den heutzutage nur der Südländer nachempfinden 
kann (cf. z. B. Quint. VI 1, 30 ff. 2, 3 ff.) — , diesem durch 
kunstvoUe, oft an Raffinement grenzende Darstellung, denn der 
antike Zuhörer yerkngte nicht bloJs im Theater, sondern auch 
auf dem Forum deiectcUio^y^ in den verschiedenen Gattungen der 
Rede war die Frage also nicht, ob, sondern wie viel ddectatio 
zulässig sei (cf. z. B. Quint. VIU 3, 11 ff IX 3, 102. XII 10, 
58 ff. Fronto p. 54 N.). 

Die Rhetorik konnte bei der centralen Stellung, die sie im 
antiken Denken und Handeln einnahm, nicht beschränkt bleiben 
auf die eigentlich gesprochene Rede, sondern mit Notwendigkeit 
erstreckte sie im Lauf der Zeit ihren Einfiufs auf alle Litteratur- 
gattungen, auch die Poesie. Es kam schlielslich dahin, dafs 
doquenüa gleichbedeutend war mit dem, was wir ^Litteratur' 
nennen.*) An dem Übermafs dieses Einflusses ist allmählich 

comp. Terb. 26, wo er heftig polemisiert gegen die, welche eine rhyth- 
mische Komposition der Rede verboten: das seien Leute xfjg ftkif iy%v7iXiov 
M€uSilag £irf»^oft, tb S' Ayogatoif xfjg (rjitoQinfjg fUgog 6dov xt %al tixvrig 
X^^ig initfidi^orxBg und slmd'dxsg %Xivdj^Biv xä naQayyiliutxa tobv xex^oav. 

1) Cf. Quint. m 6, 2. IV 2, 46; 121 f V 14, 29; 33 jff. X 7, 17. Dagegen 
erwähnt er V pr. 1 f. Leute, welche nur im docere das Ziel der Beredsam- 
keit sahen, während sie das movere und delectare für überflüssig oder schäd- 
lich hielten. Bezeichnend Fronto ep. ad M. Caes. I 8 (vom J. 142) p. 21 N.: 
bei einer glänzenden Stelle seiner Bede sei laut Beifall gerufen worden, 
bei einer andern, wo er Hohes mit Niedrigem verglichen habe, pauculi ad- 
tmirmurati sunt. quor8t4m Juh; rettUi? uti te, domine, ita conpares, uhi quid 
in coetu hominum recitahis, ut scias auribus serviendum; plane non ubique 
nee omni modo, aUamen nonnumquam et aliquando; so willfahre man dem 
Volk auch bei den Tierhetzen, selbst wenn es die Ehrung und Freilassung 
eines Verbrechers wegen seiner Tapferkeit fordre. ubique igitur populus 
dominatur et praepollet. i^ur ut populo gratum erit, ita fades atque dices; 
es komme nur darauf an, ein gewisses Mafs dabei zu beobachten, was er 
dann im einzelnen ausführt. 

2) Cf. G. Boissier im Journal des Savants 1887 p. 660. J. Burckhardt, 
Die Zeit Gonstantins d. Gr. (2. Aufl. Leipz. 1880) 878 ff. 



10 Einleitung. 

Poesie und Prosa beider Völker inhaltlich zu Grunde gegangen. 
Denn nur von der grofsen Zeit der Griechen gilt, was W. v. Hum- 
boldt (L c. CCXXXI) als ihren am meisten charakteristischen Zug 
preist^ 7;ihi^6 Scheu vor allem Übermäfsigen und Übertriebenen, die 
Neigung, bei aller Regsamkeit und Freiheit der Einbildungs- 
kraft, aller scheinbaren Ungebundenheit der Empfindung, dennoch 
immer alles, was sich ihnen gestaltete, innerhalb der Grenzen 
des Ebenmafses und des Zusammenklanges zu halten. Sie be- 
safsen in höherem Grade, als irgend ein anderes Volk, Takt und 
Geschmack.'^ Aber wie die bildende Kunst von ihrer erhabenen 
Höhe langsam herabsank, wie an die Stelle ihrer stillen Gröfse 
und Einfachheit grandioses Pathos oder Schnörkelei trat, so ver- 
wilderte auch der Stil der Rede durch die Manier. 

Ebenfalls nur auf die Blütezeit der griechischen Prosa läTst 
sich das feine Wort des Verfassers der Schrift tcsqI üifovg (22, 1) 
anwenden: t&ce i^ tdx''^ tiXeiog, iivlvü av gytiöig bIvui, dox$, ii 
f ai qyuöig imxvxifig^ Ztav Xavd'dvovöav TCSQidxv ti(v tixpip/y 
oder, wie Cicero (de or. IH 197) es ausdrückt, ars cum a natura 
profecta sit, nisi natura moveat ac deledet, nihil sane egisse vi- 
deatur: damit war es vorbei von dem Augenblick an, als die 
Kunst Selbstzweck wurde, als sie prahlerisch sich zur Schau 
stellte, als man von ihr nicht mehr sagen konnte: Varie che 
tuüo fd, niente dice. Die Geschichte dieser Entwicklung wird 
uns in einigen ihrer hauptsächlichen Phasen im Folgenden be- 
schäftigen. Es ist^ wenn man so will, eine Geschichte des lang- 
samen Niedergangs, der dem Niedergang der beiden Völker selbst 
parallel geht: diejenigen, welche ein feines Gefühl, wie bei 
Phidias uud Praxiteles, so bei Sophokles und Piaton, Vergil und 
Cicero festhält, werden vielleicht mitleidig auf den blicken, der 
sich nicht scheut, die antike Litteratur zu verfolgen, bis sie, 
aus ihrer reinen Sphäre mehr und mehr heraustretend, im Nebel- 
meer des Mittelalters versinkt, und werden ihn kaum begleiten 
wollen auf einem Wege, der abwärts führt und der ihn zwingt, 
mehr bei Fehlern als Vorzügen zu verweilen. Aber wie von 
Helios gilt: dvöfisvog yäg ofiog i^hög iötiv hi^ so ist auch die 
hellenische Formenschönheit nicht glanzlos zum Orkus hinab- 
gegangen: wir begegnen grofsen Männern, die dem Verfall Ein- 
halt zu thun sich mühen, andern, die verständnisvoll einen Kom- 
promifs zwischen dem Ideal der alten Herrlichkeit und dem 



Einleitung. 1 1 

Realismus einer entarteten Gegenwart zu schliefsen versuchen; 
wir sehen jene grolste Welthistorie, den Kampf des sinkenden 
Heidentums mit der jugendlich sich erhebenden neuen Religion, 
auch auf dem Schauplatz der Stilgeschichte sich abspielen , imd 
wer das Mittelalter nicht als Auslaufer des Altertums gelten 
lassen will^ der lasse es sich als Vorgänger der Renaissance ge- 
fallen. Vor allem werden wir Moderne , speziell wir Deutsche, 
uns hüten müssen, unsere ästhetischen Begriffe von Formen- 
YoUendung im Stil der Prosa zu identifizieren mit denen des 
Altertums: wir müssen versuchen, da, wo wir nicht mitempfinden 
können, wenigstens nachzuempfinden. 

Bevor ich zum einzelnen übergehe, habe ich noch kurz eine Tueone 
Vorfrage zu berühren: welchen Einfluls hatte im Altertum die Tidnaiit&i 
Individualität des Schriftstellers auf seinen Stil oder, mit andern 
Worten, wie weit gilt auch für jene Zeit Buffons Ausspruch le 
style est V komme mSme?^) Zwar hatte auch das Altertum ein 
Sprichwort: olog 6 tQÖxog, toioirtog Tcal 6 Aöyog*), aber wir 
dürfen nicht verkennen, dab der Satz in der Praxis nicht so 
grolise Bedeutung hatte wie bei uns. Der Stil war damals eine 
erlernte Kunst, deren Regeln im allgemeinen keiner seiner In- 
dividualität zuliebe übertreten durfte, wie ja überhaupt das 
Altertum in viel höherem Mafse als die moderne Zeit vom In- 
dividuum die Unterordnung seiner Eigenart unter die Autorität 
der von hervorragenden Kunstrichtern sanktionierten Tradition, 
die Zurüekdrängung des Genialischen, verlangt hat. Daraus er- 
giebt sich zweierlei. Erstens: die Individuen treten zurück hinter 
allgemeinen Richtungen der Zeit, deren Repräsentanten sie sind. 
Zweitens: ein und derselbe Schriftsteller konnte nebeneinander 
in ganz verschiedenen Stilarten schreiben, indem er bald diese, 
bald jene iSia verwendete, je nachdem sie ihm für das vor- 

1) Das berfihmte Wort steht in seinem auch sonst durch viele feine 
itili«tiaehe Bemerkungen ausgezeichneten Discours prononc^ a Tacadämie 
fran^aiBe, gehalten am 26. Aug. 1753, jetzt am bequemsten zugänglich in: 
Cbe£i-d*oenYre littäraires de BufPon par M. Flourens 1 (Paris 1864) 1 if. 
(dort p. 9). 

2) Mir sind folgende Stellen bekannt: Plat. Bep. III 400 D. Aristid. 
or. 46, vol. n 138 Dind. (i^ nagoiiiia 17 Xiyovaa^ olog 6 tgonog, toio^tov slvai 
xal TÖv Xoyov). Quintil. XI 1, 30 {nee sijie causa Graeci prodiderunt, nt 
vpxU, qu^mque etiam dicere). Seneca begründet es im einzelnen ep. 114 
and 115, cf 76, 4. 



12 Einleitung. 

liegende Werk zweckentsprechend schien. Wir Moderne haben 
dnrch Verkennen dieser Thatsache vielfach geirrt i), aber die 
Zeiten sind vorbei, wo man auf dies Argument hin dem Piaton 
den Menexenos, dem Xenophon den Agesilaos, dem Tacitus den 
Dialogus, dem Appuleius die Schrift De mundo und so vielen 
Autoren so vieles aberkannte, oder wo man sich darüber 
wunderte, dafs der Aristoteles der pragmatischen Schriften in 
seinen Dialogen so dämonisch zu schreiben verstand. Selbst die 
so beliebten Schlüsse von der Stilverschiedenheit zweier Werke 
eines und desselben Autors auf eine verschiedene Abfassungs- 
zeit, sind selten zwingend und oft durch Thatsachen anderer 
Art zu widerlegen. Der Stil war im Altertum nicht der Mensch 
selbst, sondern ein Gewand, das er nach Belieben wechseln 
konnte. Wir werden Beispiele genug dafür finden.^ 



1) Richtig urteilte darüber schon Mabillon, De studiis monastiöis (Paris 
1691), edit. Venetiis 1729 p. 198 ff., wo er schliefslich zu dem Resultat kommt: 
non semper styli uniformitatem aut diversitatem argumenio twhis esse ineluc- 
tahili ad iudicandum de legitinio cdicuius operis auctore, nisi condiciones re- 
liquae ac coniedurae intersint 

2) Daraus ist auch zu erklären, dafs wir oft über einen und denselben 
Schriftsteller ganz verschiedene Stilurteile vernehmen. Z. B. wird an Pole- 
mon seine Leidenschaftlichkeit, sein gotiog hervorgehoben (cf. die Stellen 
bei W. Schmid, Der Atticismus I [Stuttgart 1887] 46), aber in den uns er- 
haltenen Deklamationen ist davon nichts zu spüren, und auch die Deklama- 
tion, die M. Aurel bei ihm hörte, mufs mehr in der Art der uns erhaltenen 
gewesen sein, cf. ep. ad Front. II 5. Fronte selbst empfiehlt seinem Schüler 
1 8 (p. 20 ff. N.), wenn er zum Volk rede, eine möglichst geschmückte Rede- 
art (sogar compositionis strticturaeqm mollitiam^ aber die Probe einer an 
M. Antoninus gerichteten Rede Frontos, aus der M. Aurel ep. I 6 p. 13 tf. 
viel mitteilt, ist nichts weniger als geziert, vielmehr (aufser einigen etwas 
gehobeneren Partieen) sicca, was Macrob. Sat. V 1 als den Stilcharakter 
Frontos nennt. Wenn nun Claudianus Mam. in seinem Brief an den Rhetor 
Sapaudus (Corp. Script, eccl. Vind. XI 203 ff.) die Reden Frontos pompati- 
cae nennt, so bezieht sich das auf die epideiktischen Reden, für die Fronto 
selbst III 16 p. 54 das pompaticum genus dicendi empfiehlt. — Cf. auch 
0. Seeck, Gesch. d. Untergangs d. ant. Welt I (Berlin 1896) 427. — Über 
Aristoteles sehr fein schon W. v. Humboldt 1. c. CCL f. 



Erstes Buch. 

Das Altertum. 



Erster Teil. 

Von den Anfangen bis znm angnsteischen 

Zeitalter. 

Erster Abschnitt. 
Die griechische Knnstprosa. 

Erstes Kapitel. 
Die Begründung der attischen Konstprosa. 

Als Begründer der kunstmäbigen Prosa galten dem Altertum ThrMy- 
Thrasymachos von Chalcedon und Gorgias von Leontini. Die o^gu^. 
neueren Untersuchungen haben das sichere Resultat ergeben, dafs 
jener der ältere von beiden war.^) Thrasymachos hat zuerst 
das für alle Folgezeit bindende Gesetz aufgestellt^ dafs die gute 
Prosarede periodisiert, d. h. rhythmisch sein müsse. Darüber 
werden wir bald genau zu handeln haben. 

Gorgias wurde vom gesamten Altertum als sigstiig der oorgiM. 
öxiiiutta angesehen, die nach ihm den Namen Fo^yCeta erhielten, 
und die, wie wir im Verlauf dieser Untersuchungen sehen werden, 
für die Litteraturen der meisten Kulturvölker eine geradezu sin- 
gulare Bedeutung erlangen sollten. Die Notiz von Gorgias als 
ihrem Erfinder begegnet uns zuerst bei Timaios (Diodor XII 53) 
und ist von da an die einzige, unwidersprochene.^) Bei Diodor 

1) Cf. Diels in: Hermes XXm (1888) 285: Thrasymachi secta Gorgiae 
non immeriio prcieltisisse credüur et agmm hietificasse, in qw> paulo post Si- 
cula seges incredibilem in modum puJlularit. E. Schwartz, De Thrasymacho 
Chalcedonio (Ind. lect. Kostoch. 1892) 3 f. 

2) Unwesentlich Philostr. yit. soph. I 13 über Polos: tlal 8' vT tpaai nal 
TU noQtaa xal tä Scvtl^tra xal rä 6fioiotilevTC( lluiXov cu^ijxeWc nguitov, 



16 I. Die griechische Kunstprosa bis Angustus. 

heifst es: ^^Als er (Gorgias) nach Athen kam und vor dem Volk 
auftrat, redete er zu den Athenern über das Bündnis und ver- 
setzte sie durch das Fremdartige seiner Redeweise in staunende 
Verwunderung, da sie von guter Naturanlage und Freunde der 
Rede waren; denn er zuerst gebrauchte die besonderen und sich 
durch ihre Kunst auszeichnenden Redefiguren, ivttö'sra und iöö- 
x(oXa und lUXQLöa und biioiotdXsvta und einige andere derartige, 
denen damals wegen des Fremdartigen ihrer Mache bereitwillige 
Au&ahme zuteil wurde, die aber jetzt für kleinlich gelten und, 
häufig und bis zum Überdrufs gesetzt, lächerlich erscheinen/' 
Dafs die Stelle aus dem von Diodor nicht citierten Timaios 
stammt^ ist längst erschlossen durch Dionys. y. Hai. de Ljs. 3: 
„es ergrifiP auch die athenischen Redner die poetische und figür- 
liche Redeweise, womit, wie Timaios sagt, Gorgias den Anfang 
machte, als er auf einer athenischen Gesandtschaftsreise die Zu- 
hörer in der Volksyersammlung in staunende Verwunderung 
versetzte." 

Wir haben uns nun längst gewöhnt, in solchen Dingen über 
die antike gelehrte Tradition hinauszugehen: während diese meist 
nur die Männer nennt, welche eine mehr oder weniger latente 
Bewegung zu energischer Bethätigung brachten und sie durch 
den Einflufs ihrer Persönlichkeit auf die Nachwelt fortpflanzten, 
spüren wir eben jener Vorphase der cil^fuxra nach. Dabei wird 
sich im vorliegenden Fall ergeben, dafs Thrasymachos und Gor- 
gias so wenig die ^Erfinder' jener Kunstmittel der Rede waren, 
wie etwa ihr Zeitgenosse Protagoras der 'Erfinder' der eristischen 
Reden und der Agone, wozu ihn die antike Tradition macht 
(Laert. Diog. JX 52. Suid. s. v.) Es handelt sich für uns also 
darum, die drei wesentlichsten Charakteristika der Kunstprosa 
auf ihre Ursprünge zu verfolgen: die gorgianischen Redefiguren, 
die mit poetischen Worten ausgestattete Prosa, die rhythmische 
Prosa. 

A. Die gorgianiflohen Bedeflgaren. 

1. Die Antithese. 
Bmpedokieg Aristotcles hat in seiner öwayayij xbxv&v die Anfange der 
oorgtag. Rhetorik aus Sicilien abgeleitet: Cicero Brut. 46 flf. ait Äfisto- 

o^x dgd'&g Xiyovrsg' xfj yocQ roiäde &ylaTa rov l6yov TJäiXos shffrifitvjj xarf- 



Gk>rgiani8che Redefiguren. 17 

ieles, cum sublatis in SicUia tyratmis res privatae longo nUervallo 
imäicüs repeterentur, tum jpnmum, guod esset acuta iüa gens, e con- 
iroversia natam artem et praecepta Sicidos Coracem et Tisiam con- 
seripsissCf nam antea neminem solitum via nee arte sed accurate 
tarnen et descripte plerosque dicere. Nun wurde in Agrigent 
Thrasydaios 472 vertriebeu^ in Syrakus Thrasybulos 466; an 
diese beiden Fakta knüpfte er also die Anfange. Wie er bei 
Cicero f&r Syrakus den Eorax und Tisias nennt^ so bei Laert. 
Diog. YIII 57 (aus einem Dialog) fdr Agrigent den Empe- 
dokles. Da nun nach einer Nachricht (Satyros bei Laert. 
Vni 59) Gorgias zu einem * Schüler' des Empedokles gemacht 
wird, so hat Diels in einer Abhandlung, in der er den schlagenden 
Nachweis von der Beeinflussung des Oorgias durch Empedokles 
in einer philosophischen Lehrmeinung erbrachte^), zugleich die 
Vermutung aufgestellt, Gorgias möchte auch in der Rhetorik, 
speziell in der Anwendung der Elangfiguren, von jenem ab- 
hangig sein. Für letzteres ftlhrt er Verse des Empedokles an 
wie die folgenden: 

63 St. Soi^ äl ^hnjft&v ydveöi^y doti) d' iMÖUiifig 

67 f. fiAAoT« fihf q>iXATfitL <SwBQ%6\ksv^ slg h^ Satavta , 

fiUor« d* cA dC% itiaöta g>OQBiifisva vstTUog i%^Bi 
61 f. xox\ (ilv yäg h^ 17^(1}^ fidvov ilvai 

ix nkaivmvj toti d* ai SUfpv nJJova i^ ivbg clvai. 
Man, muls zugeben: in diesen Versen tritt die Antithese mit 
gelegentlicher Parisose und Homoioteleuton so stark hervor, 
dalis eine bewuSste Absicht gar nicht geleugnet werden kann, 
und wenn BlaGs*) gegen Diels behauptet, diese Figuren traten 
bei Empedokles nicht stärker heryor als bei Homer, so mochte 
ich dagegen auf eine Arbeit^ hinweisen, in der diese tf^^fictira 
aus Homer zusammengestellt sind: bei Empedokles Berechnung, 
bei Homer natürlich keine Spur davon. Allein trotz des äulseren 
Scheins glaube ich aus folgenden zwei Gründen nicht, dafs wir 
in der Geschichte der Eunstprosa eine Linie zwischen Empedokles 
und Gorgias ziehen dürfen. Erstens: wenn wirklich eine Anlehnung 

1) '(Gorgias und Empedokles' in: Sitzongsber. d. Berl. Ak. 1884, 343 fif., 
cf. F. Dümmler, Akademika (Giefsen 1889) 36, 1. 

2) Gesch. d. att. Bereds. I' (Leipz. 1887) 17, 2. 

8) A. Nieschke, De Thucydide Antiphontis discipulo et Homeri imi- 
iatore, Wiss. Beilage zum Progr. d. ßealprogymn. zu München 1886. 

Norden, antike Knnitpro««. 2 



18 I. Die griechische Kiinstprosa bis Augustus. 

des Gorgias an Empedokles auch in der Rhetorik anzunehmen 
ist, so fand sie nach einem Zeugnis des Aristoteles nicht auf sti- 
listischem, sondern auf technisch-rhetorischem Grebiet statt. Denn 
Aristoteles sagt (de soph. el. 183b 31), Tisias habe lutä toifg 
TtQtotovg die Rhetorik begründet, wo unter den ^q&tol nach 
jenen Stellen bei Cicero und Laertios sicher Korax und Empe- 
dokles gemeint sind^); da nun die Leistungen des Eorax und 
Tisias auf rein technischem Gebiet (nach antiker Terminologie 
auf dem Gebiet der s^Qsöig^ nicht dem der Id^ig) lagen, so folgt 
Hvakiit. dasselbe für Empedokles. Zweitens, und das ist das Wichtigere: 
wir können diese Klangfiguren schon vor Empedokles nach- 
weisen. Empedokles selbst zeigt uns den Weg. Denn wenn 
wir uns die citierten Verse ansehen, so erkennen wir sofort, dafs 
die antithetische Fügung der Gedanken sich ihm aus seiner 
Lehre von den beiden sich entgegenstrebenden Prinzipien, dem 
Nstxog und der Oildttig^ mit innerer Notwendigkeit ergab. Nun 
aber ist ja diese Lehre nicht seine Erfindung: die berühmte 
Stelle bei Piaton (Soph. 242 C flF.) giebt uns den direkten Beweis 
für das, was wir freilich auch aus den Systemen selbst wissen 
würden: Heraklit sei sein Vorgänger gewesen, nur habe Empe- 
dokles dessen allzustraffe (öwtovariga) Lehre, nach welcher der 
Streit ein fortwährender sei, dahin gemildert, dafs er abwechselnd 
auf eine Periode des Streits eine solche der Liebe folgen lasse. ^) 
Dem gewaltigen Ephesier, der seinen Weg einsam und im 
Gegensatz zu aller Welt verfolgte, haben sich zum ersten Mal 
die Antinomien des Seins und des Scheins geoffenbart, und ihm, 
der da lehrte, dafs aus dem Verschiedenen die yollendete Har- 
monie entstehe^ haben sich diese Gegensätze mit einer gewissen 
logischen Konsequenz auch in der Sprache hypostasiert: man 
höre nur folgende Sätze: 

20 ccjttöfievov (lixQa Tcal oTtoößsvvvfievov fidtga. 

21 Tcvgbg rgojcal jCQ(5tov d'dlaööa, d^aXdtSörig di rb fiiv 9^^i6v 
yi]^ rö di ^(iiöv ngriöti^Q. 

22 xvQog ivta^sißstac icdvxa xal nvQ anavrtov^ &6xeQ xQv6ov 
XQi^fiata xal XQW^''^^^ XQVöög. 



1) Cf. Spengol, Art. script. (Stuttg. 1828) 23, HS, 

2) Cf. Zeller, Gesch. d. Philos. d. Gr. P (Uipz. 1892) 833 ff., cf. 667,3. 
771, 2. 



Gorgianische Redefiguren. 19 

25 5g fivQ riyv yijg d'dvcctov 7(al iijQ gg rbv nvgbg ^dvarov 

{fdmp {;§ rbv iigog ^dvarov, y^ rbv ßäatog. 
39 tä ifVXQä d'dgetai^ ^SQfibv ilrv%sxai' iygbv alaivetca, 

xaQtpakiiyif vori^Btac, 
44 xö^Bnog Kivtav ^ihv TtatiJQ iöti icävtcov Sh ßaöUBvg^ tucI 

toi>g (thf d'6<ybg idsil^e nrög dh iv^gditovgy toifg ^v dov- 

lovg iftoitjös t(yi>g dh ikBv^SQOvg. 
52 %iXafHfa ^dtog xad'aQ(otatov xal iiucgatatov^ (x^vöi fiiv 

n6xi\kov xal öcan^gcov ivd^gAnoig dh Stforoi^ xal öXi^giov, 
59 öwdifcucg ovXa xal ovxl oiXa, öviig>€Q6(ik£vov 8iag>£Q6- 

(i€V(nfy öwääov Siädov ix itdvxfov ^v xal il^ ivbg ndvta* 
61 TC9 iikv d'sß xaXä %dvxa xal dya^ä xal Slxaia^ &v%'Q(oxoi 

dl & fiiv &dixa vit6LX7ig>a6iv & dl dixaca. 

67 id'dvarot ^vrjftot^ ^vrixol id'dvatoi,^ iä^vteg tbv ixsCvfov 
^dvatov, tbv d' ixsivayv ßiov tB^s&tBg. 

68 irvxfjöL yäg d'dvarog Cöcdq ysviö^ai, üöatL dl ^dvatog 
yijv ysviö^ai^ ix yi^g dl iidog yivetaij i^ iidatog dl ^^i}- 

111 nokXol xaxoi, öXiyoi dl dyad'oi. 
An diesen Stil des gleich bei seinem Erscheinen in ganz 
Griechenland; gerade auch in Sicilien hochberühmten hera- 
klitischen Werkes^ dessen Signatar die oft durch äufsere Elang- 
mittel ftir das Ohr noch verschärfte Antithese ist, lehnte sich 
Empedokles der Dichter und Gorgias der Prosaiker an.^) Aber, Eieat«n. 
wird man sagen, steht damit nicht in Widerspruch, dafs das 
Altertum die wesentlichen philosophischen Lehren des Gorgias 
an den Eleaten Zenon anknüpfte? Vielmehr wird dadurch das 
Gesagte nicht blofs bestätigt, sondern wir erkennen daraus 
sogar, dafs auch den Gorgias eine innere Notwendigkeit auf 
Heraklits Werk hinwies. Gorgias bewies seine drei Behauptungen 
(nichts ist; wenn es ist, so ist es begrifflich nicht fafsbar; wenn 
es begrifflich fafsbar ist, so ist es einem andern nicht mitteilbar) 



1) Auch gedanklichen, in der äofseren Form nicht zum Ausdruck 
kommenden Antithesen des Heraklit, wie 3 tpdxig aixolai ficc^vQhi nagi- 
09t€ig icmtifccij 40 0%ldvri0i xal tfvyayn, nQ6csi0i xal änsiai^ 25 (j^ 
«^ rbv yfjg ^dwatov stellen sich berüchtigte Bonmots des Gorgias an 
die Seite: aus dem Epitaphios der Anfang des grofscn Fragments: xi yaQ 
itnifv totg avdqaai xovtoig &v det icvS^dai TiQoattvai; und der SchluTs: 
i[9'dvatog iw &a(oiuixoig aSpLccai ^fi o{y imvxoav, sowie da» famose yvnfg 
flfii^ifXOi xdq>oi {n. ^. 8, 2). 

2* 



20 !• ^^ griechische Kuustprosa bis Aug^tos. 

mit Hülfe der zenonischen Dialektik, wie schon das Altertum 
wufste (cf. Zeller 1. c. I* 1001 flf.); diese beruhte aber auf der 
ivavrcoXoyCa (Plut. Per. 4), d. h. er setzte den Fall^ dab die 
Behauptung des Gegners richtig sei, und bewies dann das 
Gegenteil. Es ist klar^ dafs der Stil Zenons dadurch ganz anti- 
thetisch werden mufste^ cf. z. B. die Stelle bei SimpL phys. 
p. 140 D: sl nokld iöti, (sc. t& ivta\ ivdyxti ocixä (iiXQd t$ elvai 
Tcal iisydXa, inxgä fMhf &6xb fAi) H^i^y iiJyBd'og, luydXa öl &6tB 
6%BiQa elvai. Nun war aber Zenon nicht der Erfinder dieser 
Art des Argumentierens, sondern er hat sie von Heraklit ge- 
lernt Zwar stehen sich kaum zwei andere philosophische 
Systeme des Altertums in ihren Einzelheiten so diametral 
gegenüber wie das heraklitische und eleatische: nichts bleibt 
sich immer gleich, sondern alles ist in ewiger Bewegung — das 
Eine ist unveränderlich und unbeweglich. Aber Heraklit und 
Parmenides berührten sich eng darin , dals beide die sinnliche 
Wahrnehmung, der die meisten folgen, hinter der Vernunft- 
erkenntnis durchaus zurücktreten liefsen. Zenon, dem Schüler 
des Parmenides, konnte die Ähnlichkeit nicht verborgen bleiben, 
und so hat er die antithetische Art des Argumentierens von 
Heraklit übernommen, cf. Zeller 1. c. 735: „wenn Zeno die Vor- 
stellungen der Menschen über die Dinge dialektisch zersetzt, um 
seine Einheitslehre zu begründen, so vollzieht sich dieselbe Dia- 
lektik bei Heraklit objektiv an den Dingen selbst, indem sich 
die ursprüngliche Einheit durch die rastlose Umwandlung der 
StofiPe aus der Vielheit ebenso unablässig wiederherstellt, wie sie 
andererseits beständig in die Vielheit auseinandergeht^^ 
^ntitheie Auf diese Weise lernen wir den Gorgias auch als Prosaiker 

7. jahrh. historisch verstehen und urteilen milder über die uns ofk pueril 
erscheinenden Künste seines Stils, wenn wir bedenken, dafs sie 
nur ein Niederschlag jener grofsen Umwälzungen sind, welche 
die griechische Welt im fünften Jahrhundert auf geistigem Gebiet 
erfuhr. Wie dämonisch erscheinen uns noch heute, wo wir nur 
ihre traurig zerstückten Glieder haben, die Geistestitanen jener 
Zeit, die in ihrem stürmischen Erkenntnisdrange gleich nach 
dem Höchsten strebten und es wagten, die Gotter und ihren 
heiligen Hypopheten Homer von den altehrwürdigen Thronen zu 
stofsen. Das gemeinsame Band, welches sie alle umschliefst, ist 
der Kampf gegen das traditionell Bestehende, und er findet 



Gorgianische Redefiguren. 21 

seinen sinnlichen Ausdruck in der antithetischen Sprache. Hera- 
klity der Verächter der sophistischen Rhetorik ^), war in Wahrheit 
ihr Vater. 

Ich schlielse gleich eine kurze Bemerkung über ander- N»oh- 
weiiige Nachahmungen des heraklitischen Stils an. Unter dem Hen^uto! 
nnmittelbaren EinfluGs sowohl der Denkungsweise wie des S^^l» j^^"*^j^' 
des Heraklit stehen nach den Nachweisen von J. Bemays^) und und 
J. nberg^ mehrere jener latrosophisten, deren Werke in das 
hippokratische Corpus aufgenommen sind. Es genügt, eine 
kurze Stelle der Schrift nagl Sucirrig (476 L.) zu citieren: xdvta 
t(t6tä xal (yi xainA. q>dog Zrivl 6x6tog ^Aid\i^ tpdog ^ACd'Q öxötog 
Ztp^L q>onä xal iistaxLvsttai Tulva &ia xal rdöe xb16b näöav &Qriv^ 
Mäö€CP xAfftpf^ diaitQijöööiisva xetvd xa tä t&vöb xdSs xb xd xsivcov. 
xal rä nhf ngi^ööorxfL odx otdaöiv, et d^ oi xqijööovöl doxdovöiv 
itdivai. Tcal xä iiiv bgeovöLv ov yLvaöxovöiv, iXXd xfog ainolöv 
xdvta yivBxai di' ivdyxrjv ^eiriv xal & ßoiikovxai, xal & fii) ßov- 

lovxai W^oqiii S% naöiv äjc* iXXi^Xmv^ reo iid^ovi änb xov 

luiovag xal xp \uCovi iaih xov [li^ovog. ai^axai xb fid^ov änb 
roi) iki66ovog xal xb iXa<S6ov inb xov iid^ovog.*) 



1) Philodem rhet. p. 861. 864 Sudh., cf. Gomperz in: Z. f. d. östr. 
Gjnin. 1866, 698 f. und Rh. Mas. XXXTT (1877) 467 f. Diels in: Arch. f. 
Gesch. d. PhüoB. m (1890) 464 f. ÄhnHch Demokrit fr. 109 N. (146 M). 

2) Heraclitea, diss. Bonn 1848 » Ges. Abh. ed. üsener I 1 £f. 

8) Stadia Pseudippocratea (dies. Leipz. 1888) 28 ff., cf. auch E. Maafs 
in: Herrn. TXU (1887) 666 ff. 

4) Was ich Ton Hippokrates selbst gelesen habe (es ist freilich nicht 
Tiel), scheint mir zu beweisen, dafs er solche Affektation nicht kennt, denn 
Sfttse wie tä Sh vdccta d-SQfuc xal atdcijia nivovaiVj in6 xs to^ riXiov 01}- 
MOfUpa %al (mb xA9 ö^ißf^p inaviav6iuva (de aer. et aq. 16, vol. 11 61 L.) 
oder T^ ^igi xQt^itevoi 0^ lafingm, &lXcc x^f^^^f^ ^^"^^ diegm (ib. 62 L.) sind 
natfirlich ganz unabsichtlich. Aber wie verhält es sich mit dem berühmten 
Atiftmg der Aphorismen (17468 L.) 6 ßiog ßgaxhg, ij dh tixvri fucxgi^' 6 dh 
utuifbg 6f;hgy ^ dh nttifa ctpalfffii^ fi dh xgUtit 2^^^*^? ^^b hier keine Ab- 
sicht Yorliegen soll, wird man Lobeck, De praeceptis quibusd. grammaticor. 
enphonicis, in seinen Paralip. gramm. graec. I. 64 f. so wenig glauben 
ktanen, wie dafs im folgenden Paragraphen (der nebenbei auch einen ganz 
antithetischen Satz enthält) inißlineiv o(fy Sst xal 2^9^^ ^^^ mgriv xal 
^fiUnlflp ntd 9^covs die starke Parechese zuföllig sei, zumal gerade diese 
beiden Worte, wie Lobeck selbst bemerkt, in der (im Text zitierten) Stelle 
der Schrift ««9I Sialrris zusammenstehen und der Verfasser des pseudo- 
platonischen Hipparchos 226 C ausdrücklich sagt: tig ovv inicnifimv nsgl 
9VT^ tftg diUtg, iv (Moltf ££ia t^vtw^f^ai xal mqtf %al x^Q^'t ^^^ ^^ ^^^ 



22 I- I^ie griechische Eunstprosa bis Augustus. 

Mit dem Stil Heraklits berührt sich femer aufs engste der 
des Demokrit, dessen Bruchstücke ja auch inhaltlich oft eine 
frappante Ähnlichkeit mit denen des Heraklit zeigen.^) Wenn 
man davon absieht, daCs an die Stelle der gedrängten Dunkelheit 
Heraklits eine leichte, einschmeichelnde Klarheit getreten ist, 
die im Verein mit der grofsartigen , für alle Folgezeit mals- 
gebenden Bildersprache dem Demokrit den Ruhm eines der be- 
deutendsten Prosaisten neben Piaton eingetragen hat^), so ist 
im übrigen die Art, zu denken und das Gedachte in Worte zu 
kleiden, unverkennbar heraklitisch: der Philosoph, der auch 
seinerseits dem Zeitgedanken von dem Widerspruch des tradi- 
tionellen Brauchs und der objektiven Wahrheit {v6(ip — ^£$) 
Ausdruck gegeben hat, denkt und schreibt fast durchweg in 
Antithesen: er stellt dem, was nicht ist oder nicht sein soll, 
das gegenüber, was ist oder sein soll. Nur ein paar Beispiele 
aus vielen für die Antithese mit den üblichen Klangmitteln.') 

Fr. phys. 1 M. v6np yXvxv tulI v6(ig} nixQÖVj vö^p ^sqiiöVj 
f/d/ifii ilfVXQ6v, vöfip XQOi'tj' itefj dl Stofuc xal X€v6v. Sacaq vofii- 
istai (ihv slvai xal doiä^Btai rä alc^rd^ oix ictv dh xarä ikif^- 
&€iav tavta' ikXä t& firofict iiövov xal xevöv. 



ijlksts tdtv GOtp&v QrjfLatmv ifißdXtoikSv, &v ol Ss^iol mgl ticg dL%ae 
%aXXiBno^vtai,. Also entweder — was das Wahrscheinlichere ist — sind 
solche Stellen der Aphorismen nicht hippokratisch, oder von Hippokrates 
gilt dasselbe wie von Herodot, über dessen Stellung zur sophistischen Kunst- 
prosa ich weiter unten handeln werde. Wer sich den Unterschied des Stils 
der alten und der hochmodernen medizinischen Litteratur recht deutlich 
vergegenwärtigen wiU, der lese hintereinander den OQ%og (TV 628 ff. L.) mit 
seiner ergreifenden Einfachheit und Grofsheit und den v6iiog (IV 638 ff. L.) 
mit seinem durch allerlei abgebrauchte Kniffe und Bilder aufgeputzten, in 
Geschwätz ausartenden sophistischen Raisonnement. 

1) Wie schon lange erkannt ist; so: Dem. fr. 88 Nat. (77 Mull.) ^i^^p 
fux2€<r^<xi ;|rale9röi' wörtlich » Her. fr. 105, Dem. 190 (140) noUol nolvfid' 
d'€sg voop o^x Üxovci <~ Her. 16 noXvfmd'iri p6ov ix^iv oi didatfxci, Dem. 79 
(36) das Wortspiel ^hv votp und iw6v wie Her. 91, Dem. 70 (66) lUiovsg 
dge^isg ni^ovag ivSsiag noi^vai <>^ Her. 101 h6qoi yag fisiopsg fi^iovag polgag 
Xayxdvovai. Anderes bei P. Natorp, Die Ethika des Demokritos (Marb. 1893) 
67, 17. 114, 38. 

2) Die Stellen sind oft gesammelt, cf. Bitter-Preller, bist. phil. Graec' 
(Gotha 1888) § 146 Bb. 

3) Einiges steDt Th. Birt bei Natorp 1. c. 184 zusammen, wo er viel 
richtiger urteilt als Natorp selbst p. 85. 



Gorgianische Redefiguren. 23 

Fr. eih. 7 N. (2 M.) ägiötov äv^qmctp xov ßiov didyeiv i>g 
MXsi9ta B^^fifid'ePTt xal iki%i,6xtt äviri^ivti,. 

15 (5) o0r£ 6afia6i o^s %qTfi\ia6i,%f sidaiiioveovöiv äv^QO- 
sroi, äXX* ögdvöiivfi xal noXv(pQo6'6fni. 

2 (8) oigog yäg l^v^tpÖQmv xal H^v^öqcov t^Q^ig Tcal ixBQi^iri. 

68 (26) TCBviti TCkoihog 6v6^ta iväeirig Tial xöqov' oike oiv 
xloiiö&og 6 ivSimv o{k£ nivrig 6 |üii^ ivdifov. 

71 (27) iinvxi^g 6 inl lurgioufi, xi^^uLOw svdvfuö^svogj 
dvffvv%ijg 81 & inl noXkotöi dvödviuöiisvog. 

61 (26) e'dyvAfiav 6 (lij kvTteöi^svog itp* ol6iv ovx i%Bi akkä 
%aiQGiv ifp^ olöiv ix^i. 

229 (32) ßiog ivsögraörog fiax^ 6dbg inaväöxsvtog. 

46 (111) dixrjg xvdog yvAfirig ^agöog xal ä^afißCrj^ adixirjg 
dh dBtfut iviig>0(f7ig tigfuc. 

153 (201) qfQOvij6iog iQyov ^skXovöav adixitiv q)vXdl^a6d'aLj 
ivttkYfflifig i^ ti^v yevoiiivriv (lii ai/Lvvaö^ai. 

2. Das Wortspiel. 
Aufli die bedenklichste aller gorgianischeu Redefiguren, die Wortspiele 
ihm vor allem im ganzen Altertum den Vorwurf des * Puerilen' v. jSirh. 
(juiQOKi&dcg) und ^Frostigen' (tfwxQiv) eintrugt), das mit dem 
ifiouniXevtov eng zusammenhängende^) sog. Cöop, wie es von 
Piaton (Symp. 185 C), oder die nagovo^aöia, wie sie von den 
Späteren genannt wird, finden wir bei Heraklit ausgebildet; so, 
um nur die stärksten Beispiele anzuführen^ fr. 66 rov ßiov oü- 
yofur ßü)gj iqyov 8\ d'dvatog, 91 ivvöv i6xi nä6i rö q)Q0V6£iv' 
ibv vÖG} Xiytyvxag l6xvQCt,B6^ai xQ^ ^^ ^w^ navtav. 101 ^6qoi 



1) Cf. Quint. IX 8, 74 Gorgias in hoc (er spricht von der Paronomasie) 
imwu>dieus. Zuletzt Sjnes. ep. 83 (an einen gewissen Xgvcris) nginrnv ictl 
vo^ PfvCiA Xfficcif» totg tQonoigy sl dsl \U xi xal '^v%Qhv tlmlv aal Pogy^siov; 
ep. 184 T^viptufi (dsl ydg xi aal iv tovxoig 'ftfvxgbv tlmtv %al FoQyCeiov) 
tgvfp & pra SAga nagsaxsvdoccfisv. 

2) Da0 'Wortspiel' wird von den alten Rhetoren in genauem Zu- 
sammenhang mit dem SfiototiXsvtow behandelt, cf. Quint. IX 3, 71 it*. canii. 
de fig. ▼. 109 ff. [Plut.] de yit. et poes. Hom. II 37. Die Zusammengehörig- 
keit ist ja auch eine sehr enge: sobald der Gleichklang auf die Silbe vor 
der Endung zurQckgreift, ist es kein reines dfLouniXsvxov mehr; cf. Quint. 
IX 8, 80: nachdem er als Beispiel für das dfioioxiUvxov angeführt hat 
eztinguendam — infringendam^ audacta — amentia, bringt er ein Beispiel 
för 6fi. mit nagovofucüia: tnatritnonium — Patrimonium. 



24 !• IMe griechische Eonstprosa bis Angustus. 

yäf (litovsg (U^ovas ^oCqoq Xayxdvavöi, In der oben (S. 21) aus 
Psendohippokrates angefahrten Stelle findet sich das starke Wort- 
spiel 7t&6av BffiVj TC&cav x^QV^y anderes steht aus diesen Schriften 
bei Ilberg 1. c. 26 f. (darunter so Starkes wie ^b^iuc x^f^^» 
nkriCthUicLi 7CQ'q6^Bt6aC). Aus Demokrit stellt Ähnliches zu- 
sammen Birt 1. c. 185. Nur einem oberflächlichen Beurteiler 
kann das als Ausdruck der dem Griechen angeborenen Laune er- 
scheinen, mit seiner, unendlicher Wandlungen fähigen Sprache 
spielerisch zu scherzen^): den Philosophen, die in den Worten 
die sichtbaren Abbilder unsichtbarer Wesenheiten sahen, war es 
heiliger Ernst, wenn sie im Ringen nach Erkenntnis von den 
Worten wie von geoffenbarten Wahrheiten ausgingen. That- 
sächlich muls man daher Heraklit, ihn, der allein von allen die 
Stimme des A&yog vernehmen zu können glaubte, den Vater 
auch der Grammatik, d. L der Lehre vom geschriebenen Wort, 
nennen: denn die exakten Untersuchungen der Sophisten, wie 
des Protagoras und Prodikos, der sog. jüngeren Herakliteer, 
sowie endlich der Stoiker sind notorisch durch ihn angeregt. 
Auch für Empedokles, den Landsmann des Gorgia8,%nd für 
Philolaos (cf. Boeckh, Philolaos p. 188) ist durch die bekannten 



1) Über das 'Wortspiel' ist im Altertum yon den Bhetoren viel ge- 
handelt worden (seit Aristot. Bhet. n 28. 1400 b 18). Von den Neneren 
sammelte, um nur einige zu nennen, Beispiele überhaupt G. I. Vossius, Instit. 
erat. (1606) L V c. 4 (p. 840 ff. der 8. Ausg.), Lobeck, De praeceptis qui- 
busdam grammaticorum euphonicis in: Paralipom. gramm. Qraec. I (Leipz. 
1887) 68 ff., speciell aus den Tragikern: Yalckenaer zu Eurip. Phoen. 635 
(689 Valck.) und Lobeck zu Soph. Aias Index s. t. agnominatio; aus De- 
mosthenes: Behdantz-Blafs, Bhet. Ind. zu Demosth. s. y. „Wortspiel*'; aus 
christlichen Schriftstellern, die ja darin schwelgen (Mdvrig (ucviLg, Mtiag 6 
ip€»tHv6s bez. 6 a%<nH96g und tausend dgl.): Boissonade in Not. et Extr. 
des mss. de la bibl. du roi XI 2 (1827) 141, 2 (dort sehr richtig erkl&rt 
par les opinions superstiHeuses des anciens, qui, preague tous fatdIisUa, atta- 
choient aux noms propres une sarte d'influence swr les Svenemens, au moins 
une Sorte de pr^sage et d'attgare); manche Wortspiele wurden geradezu 
typisch, z. B. läfst sich die beschichte yon Aotf^s nal X^u6s über die Eyan- 
gelien bis in die alexandrinische Liturgie (p. 18 a ed. Swainson) y erfolgen. 
Für das Lateinische hat E. Wölfflin manches gesammelt: Das Wortspiel 
im Lat., in: Sitzungsber. d. bajr. Ak. 1887 II 187 ff.; für die spätlateinischen 
Autoren cf. besonders die indices zu den Ausgaben der Mon. Qerm. Eist. 
(Sedulius, Sidonius, Gregor y. Tour, Venantius), femer Koffinane, G^esch. d. 
Kirchenlai I (Bresl. 1879) 149 f. 162 ff. 



Gorgianische Redefiguren. 25 

SteUen Plai Gorg. 493 A ff. Phaed. 62 B Grat 400 B die Vor- 
liebe flEbr das Wortspiel bezeugt, ebenso für den im Gewände der 
Mythologie philosophierenden orphischen Dichter^) bei Piaton 
Phaedr. 252 B. 

3. Antithese und Wortspiel vor Gorgias. 

Wir haben erkannt, in welchem Sinn es zu verstehen ist, orieohiMi 
wenn das Altertum den Gorgias zum * Erfinder' der nach ihm JiJ^. 
benannten Redefiguren machte. Er hat allgemeine Eigentüm- 
lichkeiten der Zeit in bindende Form gebracht und sie spielerisch 
im ÜbermaCs verwertet, indem er sie aus den gelehrten Disputen 
der philosophischen Schriften an das Licht der Öffentlichkeit 
stellte. Er wufste, dafs die Attiker in ihrer Freude an Witz 
und Grazie diese sülsen Zierden der Rede sich nicht weniger 
gern gefallen lassen würden als seine Landsleute, deren Esprit 
berühmt war und deren Behagen an den Antithesen ihrer Redner 
Epicharm so köstlich parodiert hat.^) Es kam hinzu, dals den 
Griechen eine ausgesprochene Neigung zu antithetischer Gegenüber- 
stellung der Gedanken angeboren war'), die gewissermalsen ein 

1) Cf. Fr. Passow zu Musaeus p. 66. Welcker zu Philostr. imagg. 
p. see Jacobs. 

2) Für den Charakter der Sicilier cf. aofser der oben (8. 16 f.) ange- 
fahrten Stelle des Aristoteles: Timokreon fr. in Bergks Poet. Ijr. m* 689: 
Ik%9l6g nofkfpbg &91J9. Plat. Qorg. 498 A. %oi»^bg &nigt tomg 2k%sl6g rig rj 
'Jtttltnig (cf. Böckh, Philolaos 188). Plant. Pen. 894 f. Siculi logt neben 
ÄtUci logi. Varro sat. 416 DionyHus (tyrawnus), homo garruXua et (Mcer 
(Ton diesem Dionysios fGlhrt einige Wortfacetien an Athen. Xu 98 D); viel 
bei Cicero, z. B. Tusc. I 16 de or. II 217 pro Scaur. 24 und besonders oft 
in den Verrinen: cf. Halm zu IV 96; Caelius or. bei Quint. VI 8, 86. — 
Dab Epicharm mit seinen antithetischen Facetien hat parodieren wollen, 
steht fest: Aristoteles (Bhet. m 9. 1410 b 8) spricht von seinen '^fv^ff^ 
iwrMcttt, und das fGlhrt dann Demetr. de eloc. 24 weiter aus, indem er 
Yon Epichaims xtdiuifj yiXmfonoi.stVj c%Amxhv xahg (i^toQag spricht; daher 
ist aoch fr. 28 (p. 268 Lor.r bei QeU. I 16, 16) als Parodie zu fassen, zu- 
mal dies der Inhalt nahe legt: ait XiyBw %^* iacl dBiv6sj icHa aiyijir &dv- 
MBVog (der Üysiir dnvig ist natürlich ein Bhetor). 

8) Cf. Blafs L c. I' 66: „Nicht erst (Gorgias brauchte die Partikeln 
piv'di zn erfinden.** Daher war es den alten Bhetoren leicht, in ihrer Be- 
weiifthrang, dafs Homer der Vater der Rhetorik gewesen sei, aus ihm eine 
Anzahl von Antithesen mit den üblichen Elangmitteln anzufahren, womit 
schon Aristoteles vorausging (Rhet. in 9. 1410 a 81), dann unter Hadrian 
Telephos ntgl x&v nctQ* 'OfirJQtp c%fntdxaiv ^r\xogi%Av a' ^' (Suid.), woraus 



26 I- Die griechische Eunstprosa bis Augustus. 

sichtbarer Ausdruck ihrer Freude an iy&veg und CvyTifiöBig^), 
an präziser und harmonischer Formulierung des Gedankens ist') 



in letzter Instanz yermutlich stammen sowohl die gelegentlichen Bemer- 
kungen des Eustathios, z. B. zu A 404 f. als auch besonders die betreffende 
lange Partie der pseudoplutarchischen Schrift niffl ro<^ ßiov xal tfjs iroii{- 
asae ^OfirJQOv II 27 ff. (wo z. B. angeföhrt sind: xqti islvav naqiovta tpdstv, 
i&iXovta ÖS nifLTtHv. aüdeöQ'sv ftkv &vi/jva<f9ai,^ ötlüav 6' ^odi%^ai. fi^' 
vi^fibv nl9 &noQQtilfaiy q>iX6tr}ta S* iXiad'ai, für das Tolkstümliche Element 
bezeichnend, weil es Gnomen sind wie der von Blafs zitierte HedodTers 
Erg. 858 Sofg iksv irt^ idmuvj &9m%'Q S* a^ig idmnsv). — Wie spezifisch 
griechisch diese Partikeln sind, kann man überall da hübsch beobachten, 
wo Nichtgriechen oder Mischyölker in griechischer Sprache schreiben. Der 
Nubier Silko (s. VI p. Chr.?) hat auf seiner 21 zeiligen Inschrift (Henn. X 
[1876] 129 ff.) nur einmal tö ftkv HQ&tov &na^ (!) ohne folgendes di^ die 
Slzeilige Inschrift des axumitanischen Königs Aizanas (s. IV p. Chr., CI 
Gr. 5128) kennt es überhaupt nicht, wohl dagegen die von einem Kundigen 
verfafste Inschrift eines unbekannten axumitanischen Königs (s. IL p. Chr., 
C I Gr. 5127 B). Auf der langen Inschrift Ton Rosette nur § 12. In den 
Yon Römern yerfafsten Inschriften, selbst den stilisierten Briefen imd Senats- 
beschlüssen, ist es unverhältnismäfsig selten. Ebenso in den Büchern des 
NT, besonders den Eyangelien (cf. die Concordantiae omnium Yocum N. T. 
ed. Bruder, Leipz. 1888). Sehr lehrreich ist auch der Vergleich der JSöqpta 
SalofiAv und der Zotpia 'Iriaov; jene ist Ton Anfang an griechisch ge- 
schrieben und graecam eloquentiam redolet (Hieronym. in der Vorrede zu 
seiner Übersetzung), diese ist yon einem des Griechischen kaum mächtigen 
Juden stümperhaft aus dem Hebräischen übersetzt: nun hat jene in ihren 
neunzehn Kapiteln 26mal iiiv-di, diese in ihren ersten neunzehn ebenso 
langen Kapiteln nur Imal (14, 18), und zwar in einer wohl aus einem be- 
rühmten Homeryers entlehnten Stelle (II. Z 146 ff. cf. $ 464 ff.). 

1) Cf. 0. Hense, D. Synkrisis i. d. ant. Litt., Prorektoratsrede Freib. 
i. Br. 1898. Man erkennt den Zusanmienhang deutlich z. B. in der Lysias- 
rede des platonischen Phaedrus, die in ihrer ovynQioiß des i^aarifs und 
seines Widerparts fortlaufende Antithesenreihen aufweist (cf. auch Symp. 
184 DE über dasselbe Thema); auch Demosthenes, der so selten yon dem 
Kunstmittel der Wortantithese Gebrauch macht, hat sie reichlich in der 
berühmten avy%Qiais zwischen sich und Aeschines de cor. 265; Cicero gerade 
da, wo er caiisas contendit, z. B. in Cat. II 25, in Verr. IV 121. 123; ebenso 
Rhetoren bei Sen. contr. VII 4, 5. IX 6, 14; christliche Autoren oft bei der 
yergleichenden Beschreibimg der zwei Wege, z. B. Hieronym. ep. 148, 10 
(I 1100 Vall.): vide, quanta inter hos vias separatio sU quantumque diserimen: 
iUa ad mortem, haec tendit ad vitam; illa celebratur et teritwr a muUis, haec vix 
invenitwr a paucis u. s. w., ganz ähnlich Ambros. in ps. I 25 (14, 988 Migne). 

2) Cf. Aristot. Rhet. III 9. 1410 a 20 ijdsia dh iarlv ij Touxvtri Xi^ig 
(die Antithese), Zti x&vavria yvmQmmtara xal nag* &XXr}Xa yk&lXov yvmifiiut. 
Sehr gut zeigt das Rehdantz im Index rhet. seiner Demosthenesausg. (2. Aufl. 



Gorgianische Redefiguren. 27 

und uns am vollendetsten in der Strophe des Melos und des 
Dramas^) sowie in dem Formenparallelismus der alten Kunst') 
entgegentritt. 

Dab nun wirklich der Attiker nicht zum ersten Mal aus iierodot. 
dem Munde des Siciliers diese gerade damals so beliebten Bede- 
kunststückchen zu hören bekam, dafär läfst sich ein schlagender 
Beweis erbringen: freilich nicht aus der attischen Prosa, denn 
sie beg^innt ja in ihrer kunstmäJsigen Form erst nach Gorgias' 
Auftreten')^ sondern aus der ionischen Prosa und aus der rheto- 
risehen Poesie. Herodot war, wie wir später noch genauer 
adien werden, von dem neuen Geist der Sophistik wie jeder Ge- 
bildete der damaligen Zeit ergriffen. Nachdem zuerst Diels im 
Hermes XXII (1887) 424 darauf hingewiesen hatte, dafs die 
Kunststücke der Sophistik sich auch in seinem Stil nachweisen 



von Bla£s) s. ▼. Parataxis p. 124, cf. auch G. Gebauer, De hypotacticis et 
paratacticis argumenti ex contrario formis (Zwickau 1877) 79; H. Blair, 
Lectures on rhetoric and belles-lettres (1783), übers. Ton Schreiter £1 121, 
mid besonders die Lobpreisungen der Antithese bei den Humanisten und 
Franzosen des XYL Jahrb., z. B. bei Caussin, Eloquentiae sacrae et huma- 
nae parallela (1619) 284. 

1) Eine aus zwei längeren n&Xa bestehende Antithese des Demosthenos 
Yergleicht Hermogenes de id. 326, 21 f. Sp. mit atgoq>i/j und &vTiatQoq)ri. 
Der Vergleich geht auf Aristoteles zurück, der Rhet. m 8. 1409 a 26 die 
periodische Rede (für ihn besonders die antithetische: 1409 b 33 ff.) diiolav 
Toi£ vdfl^ iLQxaüap noirjft&v (der Dithyrambiker) &vti.<n:Q6q)oig nennt, cf. 
Kaibel, Stil und Text der noUtsLa 'A^vaLmv des Aristoteles (Berlin 
1898) 82 und A. Hug in seiner Ausg. des platonischen Symposion (2. Aufl. 
Leipz. 1884) p. 68 zu 186 AB. Wie weit die Analogie geht, zeigt die be- 
kannte Thatsache, dafs in Strophe und Antistrophe sowohl ganze Teile 
identisch lauten, als auch, g^nz wie in den paraUelen mAXa der Prosaredo, 
an den korrespondierenden Stellen der Parallelismus durch Tonmalerei ge- 
hoben wird, z. B. Aesch. SuppL 40 K. vi)v 9' ininsnloitipa n^ 47 Svt' 
iM$X§iait,d9a, lOA {kiX 8a ^Qeoii,iva<^ 113 relsa rBlonivmv,6i9in€Xd'i- 
tm f^ 657 ininifaipitm etc., cf. G. Jacob, De aequali stropharum et anti- 
strophanun conformatione (diss. Berlin 1866) 35. 

2) Cf. Brunn in: Rh. Mus. V (1847) 322: „Das erste und einfachste 
Gresets, welches ihrer (der ältesten Denkmäler) Komposition zu Grunde liegt, 
ist ein strenger Parallelismus, ein durchgehendes Entsprechen der einzelnen 
Glieder im Räume." 

8) Was E. Maafs, Parerga Attica (Prooem. Greifswald 1889/90) X f aus 
der peeudoxenophontischen Schrift yom Staat der Athener anführt, um da- 
durch SU beweisen, dafs der Verfasser rhetorisch gebildet war, erscheint 
mir nicht stichhaltig. 



28 !• Die griechische Eimstprosa bis Aagustns. 

lieÜBen, ist dieser Gesichtspunkt von P. Kleber, Die Rhetorik bei 
Herodot (Progr. Lowenberg i. Schi. 1889) und De genere dicendi 
Herodoteo quaest. sei. (ib. 1890), sowie von A. Nieschke, De 
figurarum quae yocantur öxiiiutta Fo^yisicc apud Herodotom usu 
(Progr. München 1891)^), weiter verfolgt worden. Dabei hat 
sich ergeben, daCs Herodot die Antithese mit den üblichen EQang- 
figuren als Eunstmittel des Stils gebraucht hat, und zwar in be- 
wufster Absicht, denn er verwendet es nur in den Reden und 
gehobeneren Partieen der Erzählung. Nur wenige Beispiele aus 
vielen: I 210 ivtl fihv doiikcav iitoiriCag iXev^ifovg nd(f0ag 
slvaiy I innl dh &Q%B6^ai hii &kkiov &q%sw iacdvtmv. lH 14 r^ 
li^lv ^vyatd(fa b^ioav netiaxmfUvr^v \ xal tbv natda ixl d'dvatov 
6XBC%ovxa I oik« ivdßaöag | oiks iatifckavöag, 65 ehB 86lp 
ixovffi aitiiv xxfi6&{uvoiy \ 86Xqi inaiQB^fi^vai ^ | bIxb xal öd'dvBi 
tBp xatBQya6d(Uvoij \ 6^dvBV xatä tb naiftBfbv &va6ib6a6%ai. 
72 bnoCmg &v 5 xb iXrid'iiöpLBvog ifevd'^g Bttj \ aal b ifBvdöfUVog 
iXrj^g. TV 132 r^ ^ij Hgvid'Bg yBvöiuBvoi ivanxf^ö^B ig oifa- 
vbv I tj fiiiBg yBvöfikBVot xatä T^g yf^g wxxad'&riftB \ ^ ßixQa%oi 
yBvöfLBvoi ig tag Xiiivag igxridiieritB (ein tQixmXov wie auch 
in 80. IV 114). Vn 11 noidBiv ^ na^Btv XQOxdBtai &y6v, Iva 
ij taÖB TCavta im "EXXriCi ^ hulva xdvta inb niQ6ij6i yivti- 
t€CL — I ^ tb dl &(fKa6^Bi6imv 67tovdiiv Koi,if^6a6^ai, tifMOQdBiv 
ivoiitavj I tb dl ^riÖBfiiav &Qtiv i%Biv öatpgdvav. 5 tä yäf tb 
ndXai fLBydXa ^i/, | tä noXXä ain&v öfitxQä ydyovB' | tä dh 
isc iyLBv fyf HBydXa, \ ng&tBQOv fiv 6fiLX(fd. Y 6 tb ^v i6tC%^ai, 
B'byBvhg xixQitai, \ tb di &6ti,xtov AyBwig. Viel starker tritt 
das sophistische Element im Stil der rhetorischen Poesie vor 
EaripidM. Gorgias hervor. Wir besitzen solche Reden in Versen von dem 
Zögling der Sophisten Euripides. In der vier Jahre vor Beginn 
der Wirksamkeit des Gorgias angeführten Medea liegt eine 
Reihe der mit seinem Namen bezeichneten 6xiifMxta Xd^Bmg 
bereits entwickelt vor. Darüber haben M. Lechner (De Euripide 
rhetorum discipulo, Progr. .Ansbach 1874) und Th. Miller (Euri- 
pides rhetoricus, Diss. Gottingen 1887 p. 20 f.) gehandelt Die 
grofsen Reden der Medea und des lason (465 fiP. 522 ff.) sind 



1) Letzterer sucht freilich, wie bei Thnkjdides, alle diese Figaren aus 
der Poesie seit Homer zu erklären, aber er hat sich selbst durch die yon 
ihm angeführten Beispiele widerleg^ cf. oben 8. 16, H. 



Gorgianische Bedefiguren. 29 

inhaltlich und formell mit höchster Kunst gearbeitet: werden sie 
doch V. 546 ausdrücklich als eine &(i.ilXa X6y<ov bezeichnet. Vor 
aUem herrscht nun in ihnen die Antithese mit Parisose vor, 
dazu die anderen aus Gorgias' Deklamationen und der an ihn 
anknüpfenden Prosa geläufigen Elangmittel. Ich hebe folgendes 
hermos: 

406 ffl TCQog dl xal %Bq)VKa^Bv 

nuaUtup d\ Ttivtmv tixtoveg öotparatai^ 

473 ff. iyA %s yäf Xdl^a6a xov(p\i6^ii6o^ai 

in)xi^ xaxibg 6s xal 6i> Xvni^6€L xX'öav. 
ix xibv i\ nqAxfov Xfibtov fi^goftat Xdyeiv, 
iömöa 6* hg Cöaölv 'EkXifpfiov Z6oi,^) 
xwinhv 6wsi6dfifi6av *A(yy^ov 6xJupogy 
nsiup^ivta taiiQmv 7cv(fjcv6mv inuixAtriv 

502 f. vvv TCol TffixmiAai; n&tBQa nqhg fcaxqhg döfiovgj 
Of^g öol TtQodoikfat xal icixQav itpixöiiip;; 

506 ff. lx€i yä(f oGtag' totg ^iv otxof^BV tpiXocg 

ix^ifä xad'i6tfi%\ ovg öd [i oix ixQ^v xax&g 
dfäVj 6ol %d(fiv (pdQOvöa noXsfiiovg i%€a. 

513 tplXmv i(fijiiogy 6i>v tdxvocg [lövri [lövoig 

534 f. luCißo ys {kdvxoi tijg iii^g ömtijfüig 

BÜXfiipag ^ dddmxagj i>g iyh ip(fd6<o. 

548 f. dv tpia ÖBtia nffibxa ^Iv cotphg yeyägj 
ixsita öAtpQmVy slta öol [idyog ipiXog. 

Den Namen eines bestimmten Sophisten nennen zu wollen, nach 
dessen Regeln Euripides Disposition und Diktion seiner Reden 
gestaltet habe — man hat z. B. von Thrasymachos gesprochen — , 
halte ich für völlig illusorisch. Nur das können wir mit Sicher- 
heit schlielsen, dals durch den Einflufs der in Athen sich auf- 
haltenden Sophisten die attische Rede schon vor Gorgias durch 
künstliche Mittel gehoben war. 



1) Da schon im Altertum dieser Vers in der bekannten Art parodiert 
wurde, lo scheinen einige heute anzunehmen, dafs der Dichter onaBsicht- 
lieh diese ßiyfuxta gesetzt habe , was ja freilich recht arg wäre. Aber das 
wideriegen schon die folgenden n und t. Es war ein rhetorisches Kunst- 
mittel, das um noch öfters begegnen wird. Cf. Kaibel zu Soph. El. 103. 169. 



30 I. I^ic griechische Eunstprosa bis Augustus. 

B. Die poetisolLe Prosa. 

proM and Gorglas hat nicht blols durch die Antithese und die mit ihr 

verbundenen Klangmittel seinen Stil gehoben und typisch ge- 
staltet, sondern noch durch ein Weiteres seinen Einflufs bei Zeit- 
genossen und Nachwelt begründet. Er war der erste kunst- 
mäfsige Prosaschriftsteller, der in voUbewufster Absicht den 
poetischen Ausdruck in die Prosa hinübergeleitet hat, ein Vor- 
gehen, dessen durchgreifende und weitgehende Eonsequenzen wir 
später durch die Jahrhunderte werden zu verfolgen haben. 
Die früheste und wichtigste Stelle über diesen Schritt des 
Gorgias findet sich bei Aristoteles Rhet. III 1. 1404a 24: ixsl 
(J' of Ttoirjtal Xdyovtsg av^d'ri äiä tiiv ki^iv idöxow 7t0(fi6a6d'at 
ti^vds n^v dö^aVy diä rovto^) xonfitiTcij Ttgarri iyivBto olov 
1^ FoQyCov' xal vvv Izl ot TtoXkol r&v inaidsvtav toi>g tocov- 
tovg otovtai diaXdysö&aL 7cdkXi6ta, xoHrco d' oim lötiVy Sdl* higa 
k&yov Tcal 7toni6£(og ki^ig iötiv: diese Verschiedenheit der Prosa 
und Poesie erkenne man auch aus der Entwicklung der Tragödie, 
denn um sie mehr der gewöhnlichen Prosarede anzunähern, habe 
man den Jambus an die Stelle des Trochäus gesetzt und die un- 
gewöhnlichen Worte beseitigt. Im folgenden führt Aristoteles 
Belege für die poetische Diktion des Gorgias an, die von Spengel, 
Art. Script. 69 f., zusammengestellt sind. Versuchen wir es nun 
auch hier, dem Gorgias einen Platz in der Entwicklung an- 
zuweisen. 

Wenn wir gewohnt sind, Prosa und Poesie sich gegenüber- 
zustellen, so dürfen wir nie vergessen, dafs diese Unterscheidung 
durchaus sekundärer, keineswegs prinzipieller Natur ist. Wenn 
wir die verschiedensten Völker, mögen sie auf einer hohen oder 
niedrigen Kulturstufe stehen, in den primitivsten Äufserungen 
ihrer gehobenen Redeweise beobachten, so erkennen wir, dafs 
die von uns modern empfindenden Menschen gezogene Grenzlinie 
zwischen Prosa und Poesie nicht vorhanden ist. Zauber- und 
Bannformeln, die Sprache des Rechts und des Kultus sind überall 
in Prosa konzipiert worden, aber nicht in der Prosa des gewöhn- 

1) Dasselbe Argument klingt durch in den von Spengel im Kommentar 
angeführten Worten dos Dionys. n. fufi>. p. 31 Us. Pogy^ccg tf^v noirttiniiv 
§Qfii7lveiav nBti/jvsYiiSp flg Xoyovg TeolitiHOVi oifn &^idiv o^oiov tbp (i/jtoga 
Xüti Idi&tatg tivai. 



Poetische Prosa. 31 

liehen Lebens, sondern in einer Prosa , die durch zweierlei 
Momente der alltaglichen Sphäre entrückt ist: erstens ist ihr 
Vortrag immer feierlich gemessen nnd wird dadurch rhythmisch 
mid dem Gesang zwar nicht gleich, aber ähnlich (recitativisch), 
zweitens ist sie meist ausgestattet mit bestimmten , allen 
Menachen, den wilden wie den höchstzivilisierten, angeborenen 
änlseren Elangmitteln zur Hebung der Rede und Unterstützung 
des Gedächtnisses, vor allem durch Silbenzusammenklaiig am 
Anfang oder Schluls bestimmt gestellter Worter (Allitteration 
oder Beim). Diese Art von Prosa hat es gegeben, ehe eine 
konstgemälse Poesie existierte^); denn es ist klar, dafs wir 
ans den uns erhaltenen Litteraturdenkmälem, in denen die 
Poesie meist zeitlich voransteht, keinen gegenteiligen Schlufs 
ziehen dürfen: jene Prosa wird uns wegen der Gebiete, denen 
sie angehört, nur selten überliefert. Wir werden im Verlauf 
dieser Untersuchungen eine Anzahl von Beweisen für diese Be- 
hauptung kennen lernen. Hier mufs es genügen, die Thatsache 
als eine allgemeine, durch ihre Einfachheit von selbst sich 
empfehlende Wahrheit hinzusteUen, von der zu wünschen wäre, 
deSa sie mehr Berücksichtigung fände, als es heutzutage der 
Fall zu sein scheint, wo z. B. uralte lateinische und umbrische 
Gebetsformeln oder germanische Rechtssprüche von einigen für 
* Poesie' gehalten und durch Gewaltmafsregeln in deren Normen 
gezwängt werden. 

Über das Verhältnis von Prosa und Poesie ist, wie im Antike 
vorigen Jahrhundert^), so auch schon im Altertum gehandelt 



ZeagnitM 



1) Cf. darüber auch den wichtigen Essai de rylhmique comparie yon 
iUonl de la Grasserie in : Le Mus^on X (1891) 301 ff. 

8) Bichtig haben schon die französischen Theoretiker des vorigen 
Jahrhunderts geurteilt, als über die Frage nach dem Verhältnis von Poesie 
und Prosa viel gehandelt wurde. Während einige den Begriff 'poetische 
Prosa' leugneten, verteidigten ihn andere mit Hinweis auf ihre praktische 
Anwendung in F^^ons T^^maque. Die Annalen dieses Streites findet 
man bei Gk>ujet, Biblioth^que fran9oi8e III (Paris 1741) c. 15 p. 851 ff. 
Feine Bemerkungen darüber auch von Chateaubriand in der Vorrede zu 
seinen in solcher Prosa geschriebenen Martyrs (1809) in: Oeuvres compl^tes 
XVn 20 ff. In deutscher Sprache schrieb damals solche Prosa z. B. Gefsner 
in seinen Idyllen aus Nachahmung des Longos (cf. H. Wölfflin, S. Gefsner 
[Fraoenfeld 1889] 120) und Goethe in den gehobenen Partieen des 'Werther', 
besonders in den aus Ossian üborsetzten Stücken (Macpbersou selbst ahmte 



32 I- Die griechische Eonstprosa bis Aogustus. 

worden. Wenn wir absehen von der uns in ihren Einzelheiten 
verlorenen Erörterung des Aristoteles in einem seiner Dialoge 
(cf. fr. 72 f. Rose)^ so giebt es darüber folgende drei Stellen: 
Erstens: Plutarch de Pythiae orac 24 p. 406 C — F. In ältester 
Zeit wurde, bei einer glückseligen Anlage der Menschen, alles 
in das Gewand der Poesie gekleidet, die töxogCa und q>ilo6wpCay 
jedes Tcd^oq und XQ&yfucj das eines feierlichen Ausdrucks be- 
durfte. Aber mit dem Wandel des Lebens und der Anlagen der 
Menschen wurde auch die Form des Ausdrucks eine andere: wie 
nämlich die Not (x9^^) ^^^ Menschen zwang, die kostbare 
Tracht mit einer einfacheren zu vertauschen und überhaupt an 
die Stelle des Prunkenden und Zierlichen das Schlichte und Un- 
gemachte treten zu lassen, so nahm auch die Rede teil an diesem 
Umschwung (firra/SoAij): xardfiti ^v ixb t&v [lixQtov &67C6(f 
dxfiiuitanf i) l^xogCa xal x& nB^^p (idkiöxa xov fivd'dadovg ixe- 
xqI%^ x&ki^d'ig' (piXo60(pitt di xb 6a(phg xal dt8a6xahxbv &67Ca- 
6aiidvri i^&XXov tj xb iTcsikilxxov dtä Xöyav ixoi^stxo xipf %'i/j(tri6iv. 
Zweitens: die berühmte bei Strabon I p. 18 cbg d' bIucbIv^ 6 
jceibg X6yoq^ 8 ya xaxs67Uva6(Uvog^ [UiMfuuc xov Ttoifjftixo^ iöxi. 
n(fd)Xi6xa yä(f i) noirjftixii ocaxaöxsvij n€C(^kd'ev eig xb fii6ov xal 
€idoxi(i,ri6€V' elxa ixsivfiv fti/iot;/i£i/ot, X'ööavxsg xb (Uxifov, xaXla 
il gwXdl^avxeg xä noirixticdy öxwdyQcctffav ot Keifl KidyLOv xal 
OsQexiidrj xal 'Exaxatov. elxa ot üöxbqov ifpavgovvxeg &sC tt x&v 
xoiovxmv Big xb vijv sldog xaxi/^yayov hg &v ixb G^fovg xivög: so 
sei auch die Komödie konstituiert aus der Tragödie, indem man 
die Sprache der letzteren aus der Höhe herabgeführt habe zu 
dem, was man jetzt prosaisch (koyosi^dig) nenne; auch die That- 
Sache, dafs die Alten isidsiv für (pgct^stv gebrauchten, sei be- 
weisend; endlich auch xb xs^bv Xsx^^^ai xbv 6vsv xoij {Utffov 
köyov iyLtpaCvei xbv &Kb üifovg xivbg xaxaßdvxa xal dx'iiiuxtog slg 
xoijda(pog. Drittens: Varro bei Isidor orig. I 36, 2: tarn apud 
Crraecos quam apud Latinos lange antiquiorem curam fuisse carmi- 
num quam prosae; omnia enim prius versibus condAantu/r^ prosae 

den Stil der alten irischen Epen nach, die in solcher Prosa geschrieben sein 
sollen). — Rein philosophisch hat dies Thema (fOr mich nicht überzeugend) 
zn behandeln yersncht H. Steinthal in: Z. f. Völkerpsychologie VI (1869) 
285 flf. — Die Dissertation von J. Wallenius, De poesi prorsa, Gryphiae 1799, 
enthält nur allgemeines Raisonnement. Mehr den Inhalt als die Form be- 
handelt J. Dunlop, The history of fiction (Edinburgh 1814 u. 5.). 



Poetische Prosa. 33 

autem studtum sero viguit primas apud Oraecos Pherecydcs Syrius 
sohUa amtione scripsit^ apud Bamanos atäem Appius Caecus ad- 
versus Tyrrhum solutam orationem primus exercuit tarn exhinc et 
cderi prosae doquentia contenderunt,^) Offenbar geboren die beiden 
letzten Stellen eng zusammen gegenüber der ersten: in dieser 
wird die ganze Frage in eine prähistoriscbe Vergangenheit 
zurückrerlegt, in jenen wird sie blofs für die vorliegende älteste 
Litteratur, d. L das Epos und die Logographen angeworfen. 
Sehen wir zunächst von dieser Verschiedenheit ab, so berühren 
sich die Worte Strabons') darin mit denen Plutarchs, dafs in 
beiden der Niedergang der Poesie zur Prosa mit dem Herab- 
steigen vom Wagen verglichen wird.') Nun hat kürzlich 



1) Diese Stelle war ffir die Anschauung des Mittelalters entscheidend. 
Dante de vulgari eloquentia 1. n in., sagt, er wolle erst von der gebundenen 
Bede handeln, da diese das Vorbild fEbr die Prosa, nicht umgekehrt, ge- 
wesen sei, cf. E.Böhmer, Ober Dantes Schrift De vulg. el. (Halle 1867) 17. 

8) D. h. Hipparchs, denn wenn man die Stelle im ganzen Zusammen- 
hang (Ton p. 16 an) liest, so sieht man, dafs Hipparchs Schrift gegen Era- 
toithenes tou Strabon ausgeschrieben wird. 

8) Ober die Bezeichnung der Poesie als der 'hochfahrenden' Rede, 
der gehobenen Prosa als der ' hochtrabenden ' Rede, der niederen Prosa als 
des l6fog ml^6g habe ich einige Stellen gesammelt in Fleckeisens Jahrb. 
Snppl. AYill (1891) 274 f. Ich trage hier folgendes nach, und zwar in 
chronologischer Reihenfolge. Lukian de bist, conscr. 45 (die Historie 
dürfSß bis zu einem gewissen Grade der Poesie gleichen), i^ Xd^ig dh Zfias 
^^ y4ff ßfßtl*ita>y t& {ikp hloKXh xal x& iksyi^ei t&v Isyoiiivmv cwinaiifo- 
|ft/n| %al ebg l«ri fuilutta öiioiovfLSvri j ^svl^owra Sh firid* ^Iq tbv luci^^bv iv- 
^ovtffAtfa* nMvpog yicQ a^fj t6tt fidyiatog naQaTiivfjeai xal nctxspsxdilvai 
ig t^ tl^g noiriftinijg xoQvßavta, mats luiXufta nBUftiov Tf\vi%a^a tm xo^Xiv^ 
ned ümipgoTrjtioVy ilSdtag mg lxnotvq)la tig xal iv X6yoig nd^og oi iktngbv 
ylfwitai. &^ipo9 olv iq>' tnnov dxovfiivfj tdts t$ yp^fJ^V ^^ kgfLTivsiav 
mH cviixaga^tlv^ ixofiimiv toii itpinnlovy &g iiii &xoXiinoi.to tfjg q)OQ&g. 
Der«. Demosth. enc. 6 (der Verehrer des Demosthenes sagt zu dem des 
Homer) dlfiiav cb^ ti^v noirj^tmiiv ^gyov riyfj lUvov, tohg 61 (ritogmavg X6yavg 
wctcapifavitg (SrejirAg olo9 Inmifg nagcc nttohg iXavvav. Aristides or. 8 
(▼o1. I p. 84 Dind.) xencc <pvai9 fi&XX6v iativ Stv^gAnm ns^A X6ym jr^^^dai, 
m4n9Q yi %al ßadl^nv olfuct ii&XXov rj 6xov^po9 tpigBC^ai. or. 49 (vol. 11 
p. 616) fpigi Sil xal higov %6a(iop ^nnov nardfuc^i (er meint den De- 
mosthenes; der Ausdruck lehnt sich an Odyss. & 492 an), ib. p. 531 wendet 
er auf die Redner die Verse an II. Z 509 ff. i^oi) 6h %dgri l^ci, d^upl 6h 
Xaittti I Sfu»ur' &leaovtai' 8 6' dyXatfifpi nncot^^ \ (i(upä k yoihfa tpigei 
l^ä rj^ia xal voi^bv tnnmv. Mit Anspielung auf dieselbe Stelle Her od es 
Atticus bei Philostr. yit. soph. I 25, 7 yon Polemoii: %Qoalvfip (sc. IloXt- 

Kord«ii, »ntik« Knnfiprota H 



34 1* 1^6 griechische Eunstprosa bis Augustas. 

R. Hirzel, Der Dialog H (Leipz. 1895) 208, die SteUe Plutarchs 
mit höchster Wahrscheinlichkeit auf Dikaiarch's Kulturgeschichte 
zurückgeftlhrt, f&r den ja auch die Parallele mit dem fiiog, sowie 
die Ausdrücke [utafioXii und X9^^ vortrefflich passen. Wir 
werden dadurch also für diese Untersuchungen in peripatetische 
Kreise geführt, und daTs wir richtig geleitet sind, beweisen die 
Worte StraboDS, die sich mit denen des Aristoteles über Grorgias 

Utova) iv Totg t&v ^o^iaav xagLotg o^dhv ftstow tc9 *OfLrigino9 tnnav. ib. 
Md^ov dh To4> aiftOKQdtOQog ngbg aiftbv (*H^^i2«r) Bl%6ptog *tl tfot dornt 6 
noXi(tav;* ati^cag tohg 6ip&ccXyA>ifg 6 ^HQ^drig '^^nrcM' fA*9 H^j dntvx6dmv 
&fnpl ntvnog o^ata ßäXXii^j MnnvifkBvog 9^ tb inlxQOtov %al tb i^xhg 
t&v l^yiov. Eunapios yit. soph. p. 158 Boiss.: Prohairesios beginnt zn 
reden mentQ innog tlg mdlav nXrid'sCg (diese und die vorhergehende Stelle 
schon bei Cresollius, Theatr. rhet. III c. 17 p. 126 DE). Hirn er i ob or. 
14, 17 slifi/jcstai^ dh taüta %a&' Zcav 3 te xaigbg nal tb toi X6yov fUtQOv 
MlSmci' %aitoiyB ißovX6iiriv xa^dnti^ ti^ ^nnog äipBtog xa&rnUvov ntdlov 
Xaß6iitvog toeoitov Sgaikstv iv totg X6yoig Zeov ilxbg AvS^bg tocovtov (pvmv 
iLvanriov^ai tm yivsi tm t&v ^EXXi^vmv onMovta. Danach zu verstehen aach 
ecl. 18, 86 (p. 236 f. Wemsd.) nqb Bl t&v SiUmv oLnavtav 6 t&v ifk&v nA- 
Xmv iiccifxog n&Xog legbg nal &yi(fmxog^ otovg *HXlm 9"$^ Nicatoi nialovg «oh 
Xi^ovoi' to^ov iym tbv n&Xov ^aXloig noa^ii/joag Mova&v nal tatg Xagltav 
(iltQaig ZXov noii/jcag &vdSetov &cnfQ ti^vi 9b& ti^g iiiijg &yiXrig &naQx^9 
tpiomv &vid^%a. Ähnlich Gregor Nyss. de infant. 46, 141 Migne. 
Isidor. Peius, ep. IV 67 p. 449 B stellt den ns^bg X6yog der h. 
Schrift dem iytfniXbg X6yog der Sophisten gegenüber. — Ennius bei Cic. 
de sen. 14 ^sic ut fortis equus, spiUiis qui saepe supremo Vicit Olympia, 
nunc aenio confectus quiesciV, equi fortis et victoris senectuH camparat 9w»m. 
Vergil georg. H i. i. sed nos immenswn spatiia confecimus aequor Et iam 
tempM equom fumantia solvere colla. Laus Pisonis y. 49 ff. ein durch- 
geführter Vergleich des Redners mit einem Wagenlenker, seiner B«de mit 
den Rossen. Quintilian IX 4, 118 (einige schreiben in kleinen abge^ 
zirkelten Sätzen) nonne ergo refirigeretur sie calor et impetus pereat, ut equo- 
rum cwrsum delicoH minuHs passilms frangunt? cf. X 8, 10. Sidonins ep. 
rV 8, 9 excrescit amplit%tdo proloquii angtistias reguläres . . . emicatgue ut 
equi potentis animositas, cui frementi, si inter tesqua vel confragosa frenorum 
lege teneatur, intellegis non tarn cursum deesse quam campum. Ders. ep. IX 
16 , 8 Y. 87 f. (von seinen Hendecasyllaben) nimc per undenas equitare sue- 
tus Sylldbas lusi celer. — Aus diesem Vergleich erklärt sich der Gebrauch 
von phalerae fOr die gehobene Diktion, sehr oft seit Terent. Phorm. 600, be- 
sonders bei den Schriftstellern des IV. und V. Jahrh. n. Chr., z. B. mit einer 
Pointe in einem Brief des Sedatus, Bischofs yon Nimes (ed. Engelbrecht im 
Corp. Script, eccl. lat. Vindob. XXI 449) an Ruricius: equum, quem per fra- 
trem nostrum preshyterum transmisistis, accepi magnificis verborum vestn^rum 
phaleris oneratum, gern auch im Mittelalter, z. B. Virgilius fcderatus Canti- 
lena in S. Qallum (Mon. Germ. ed. Pertz II p. 33); die richtige Erklärung 



Poetische Prosa. 30 

(oben S. 30) darin genau berühren^ dafs das sidoxifistv der 
poetischen Bede herTorgehoben und zum Beweis für die Priorität 
der Poesie aof das Herabsteigen einer bestimmten Dichtungsart 
Yom Hochpoetiscben zom Prosaischen hingewiesen wird. Mit 
dem allgemeinen Resultat, daJG9 Untersuchungen über diesen 
Gegenstand von Peripatetikem auf Grund von Anregungen ihres 
Meisters ausgefOhrt wurden, können wir uns hier genügen 
lassen, denn uns interessiert vielmehr die Frage, ob die von den 
Theoretikern gegebene Lösung des Problems auch richtig ist: 
denn da im Altertum einer Theorie zuliebe oft ganz konstruktiv 
▼erfahren wurde, müssen wir das Resultat stets an den realen 
Thatsachen nachprüfen. Dafs nun der Gedanke jenes Peri- 
paietikers, der vermutungsweise als Dikaiarch bezeichnet wurde, 
zwar ganz phantasievoll, aber weiter auch nichts ist, wird jeder 
zugeben; nach meinen obigen Bemerkungen ist, wenn wir die 
Frage nach dem Verhältnis von Prosa und Poesie in vorlittera- 
rischer Zeit aufwerfen, das Gegenteil dessen, was der Peri- 
ptttetiker behauptet, wahr: in seinem unhistorischen Bestreben, 
die graue Vorzeit mit dem Schinmier alles höchsten Glücks zu 
vergolden, hat er sich zu einer Konstruktion verleiten lassen, die 
wie sein ganzes Phantasiegemälde vor der Forschung nicht be- 
steben kann. Es handelt sich also nur darum, ob die Auf- 
steUung jenes anderen Peripatetikers, die uns bei Strabon und 
Varro vorliegt, richtig ist, d. h. ob die älteste bis zu einem ge- 
wissen Grade kunstmäisige griechische Prosa, also die Logographie, 
an die vorausgehende Poesie, also das Epos, angeknüpft hat. 

Diese Frage ist nun im allgemeinen schon richtig be- Logo- 
antwortet worden von E. Zamcke, Über die Entstehung der^^Kp^" 



giebt schon Augustinus Dathus Senensis, Libellus de elegantia cum comment. 
Af^^^^in"^ (s. a. [1608] 8. p.): Phdlere in plurM numero dictmtur amamenta, 
qwmiam equi si generasi sunt in phaleris animum extoUunt et generosius in- 
eedtmi. unde tractum est metaphorice, ut oratio quae omcUe et moüiter in- 
etdai, phaierata dicatur. Femer erklärt sich daraus auch der Ausdruck 
CMTSiM oratiams, über den vgl. Anhang IL Ich bemerke endlich, dafs, als 
Yergil den berühmten Vers schrieb Aen. VIII 596 Quadrupedante putrern 
samiu quatit ungula campum, er damit eine besondere Absicht yerband, 
wie G.Amsel, De vi atque indole rhythmorum quid veteres iudicayerint in: 
Biesl. Fhil. Abh. I (1887) 14 , 1 erkannte durch Vergleich mit Longin. pro- 
legg. in Hephaest. euch. p. 84, 11 Westphal: *0 dh (vd'ii6g yiperat . . aal 
Xü^ifi avXlaßfjg . . . xal innmv 6h nogeia (v&itbg ivo^ic9ri. 



36 I. Die griechische Eunstprosa bis Augustos. 

griechischen Litteratursprachen^ Leipz. 1890, wo er zu dem Schlafs 
kommt, ,,dals die ältesten Erzeugnisse der ionischen historischen 
Prosa einerseits unter dem weitgehendsten Einflub der Dichtung 
auf Worte und Wendungen geschaffen worden, andererseits sogar 
direkt aus ihr durch die yerbindende Brücke der Prosaauflösungen 
herausgewachsen seien^'J) Für die Beurteilung im einzelnen 
reichen ja die wenigen längeren Fragmente der Logographen vor 
Herodot kaum aus; doch müssen wir Tersuchen^ wenigstens 
einiges, was sich sicher feststellen läfst^ herauszuheben.*) 

Das poetische Kolorit der alten Logographie hat, soweit 
wir zu urteilen vermögen, weniger in den einzelnen Worten ge- 
legen (insofern nicht der ionische Dialekt von selbst poetisch 
wirkt) ^), als yielmehr in einer gewissen Naivität und behaglichen 
Breite, die allerdings stark an das Epos erinnert. Der Eindruck 
des Naiven wird vor allem durch den Satzbau hervorgerufen. 
Zu den feinen Bemerkungen, an denen das dritte Buch der 



1) So formnliert er selbst das Ergebnis in: 'Griech. Stadien Lipsins 
zum 60. Gebnrtst. dargebr.' (Leipz. 1894) 120 ff. , wo er dasselbe Thema 
nochmals behandelt hat. Was er dort über Dionys y. Hai. sagt, ist gewifs 
richtig, aber die Stelle Cic. de or. 11 61 f. scheint mir verkehrt interpretiert 
zu sein. Wenn Cicero (vermutlich nach Varro) sagt, die ältesten griechi- 
schen EUstoriker Pherekydes, Akusilaos, Hellanikos hätten wie die ältesten 
römischen sine uUis amamentis geschrieben, so meint Zamcke, dafs dies 
Urteil dem des Strabon widerspreche, und sucht die Stelle durch eine ge- 
waltsame, den Worten nicht entsprechende Interpretation anders zu deuten. 
Aber viel richtiger hat er selbst in der ersten Abhandlung darüber ge- 
urteilt, „dafs Ciceros Gewährsmann bei seinen Worten gar nicht an eine 
Abhängigkeit yon der Poesie gedacht, sondern nur die Einfachheit des 
Satzgefüges habe betonen wollen; diese Dinge schliefsen sich ja nicht aus.** 
Das ist schon deshalb die einzig mögliche Interpretation, weil es keinem 
griechischen Stilkritiker eingefallen ist, die Logographen zur Eunstprosa 
zu rechnen, die ja eben erst mit Gk)rgias anhebt (X6yos natscyisvaeikipog bei 
Strabon kann nur gemeint sein im Gegensatz zur gemeinen Bede des all- 
täglichen Lebens). — Über die inhaltlichen Beziel^ungen der XayoYQ<tq>oi 
(d. h. der Prosaschriftsteller) zum Epos sind jetzt besonders zu vergleichen 
J. Stahl, Über d. Zusammenhang d. ältest. griech. Geschichtsschreibung mit 
d. ep. Dichtung, in: Fleckeisens Jahrb. 1896, 869 ff. und 0. Seeck, Die 
Entwickl. d. antiken Geschichtsschreib., in: Deutsche Bundschau 1896, 108 ff. 

2) Ganz oberflächlich F. V. Fritzsche, De initiis prosae orationis apud 
Graecos (Ind. lect. Bostoch. 1876/6) 8. 

S) Cf. Hermog. de id. 362, 14 Sp. ii 'lag ovca iroiijrix^ q>^n icriv 



Poetische Prosa. 37 

aristotelischen Rhetorik so reich ist, gehört auch das berühmte, 
eine allgemeine Wahrheit enthaltende Urteil über den Unter- 
schied der aneinandergereihten und der gewundenen Diktion 
{Uiß^ elQOiidvfi und Xdl^ig xccTeöTQaft^ivii)^): in jener, also der 
parataktischen, hätten die <^»x^tot bis Herodot miteingeschlossen 
gesprochen und geschrieben, erst mit der Erfindung der zweiten, 
also -der periodisierten (U^ig xatsötQafi^dvij z=s f^ iv TtsQiödoig^ 
lat. conversio anAüus Cic. de or. III 186), beginne die eigentliche 
Knnstprosa. Überall da, wo uns längere Fragmente jener alten 
Autoren erhalten sind, beobachten wir die Richtigkeit des 
aristotelischen Ausspruchs, so, um beliebig ein Beispiel heraus- 
zugreifen: Hekataeus bei Athen. II 35 B (FHG I 341) '0(f€0^6i>s 
6 ^svxaXüovog ^Msv eis Aixmklav inl ßaöilda. xal xvmv avrov 
tf%iJiB%og hens. xal hg ixdXsvösv aitbv xatoQvx^r^cci. xal i^ 
aitov Ikpv RfotaXog xokvözAtpvkog. dih xal xhv airtov %alSa 
9m wv ixdXsöe, to^ov d* Olveitg iyivsto xkvfiBig iato x&v 
ilixiXmv ol yä(f xakai^ol '^EXkriveg otvag ixdXow tag iiutikovg. 
Olvdag d' iyivsto AltnX6g. Für Pherekydes cf. Athen. XI 470 C 
(FHG I 80), schol. Soph. Trach. 354 (ib.), schol. Apoll. 
Rh. III 1185 (ib. 83), schol. Eur. Phoen. 53 (ib. 85), schol. 
Od. A 289 (ib. 89) : die letztere Stelle besteht aus sechsundzwanzig 



1) Dafs die l^£tg slffoiiivri überhaupt das wesentliche Kennzeichen 
primitiTer Bede ist, weifs jeder ans der Sprache der Kinder und Natur- 
TÖlker. Für letztere bringen die Folk-Lore-Studien zahlreiche Belege, z. B. 
ein tfirkisches M&rchen aus der Gegend des Altai, dessen Anfang in der 
Cbenetznng von W. Radioff, Die Sprachen d. türk. Stämme Süd-Sibiriens 
I 1 (St. Petersb. 1866) 8 ff., so lautet: „Es war ein Kaufmann; der hatte 
drei £Mtfine. Zu diesen drei Söhnen sagte der Kaufmann: Sehet zu im 
Tnmue, was ihr fOr Weiber nehmen werdet. Die Söhne gingen. Der 
iltetie Sohn kehrte zurück. Als er zurückkehrte, sprach er: Eines Kauf- 
manns Tochter habe ich genommen. Der mittlere Sohn kehrte zurück. Als 
er xurfickgekehrt, sprach er: Im Traume nahm ich die Tochter eines Be- 
amten*' n. 8. w. Für das Lateinische vergleiche die Verse beim auctor ad 
Herenninm I 9, 14: 

Aihmis Megaram vespert advenit Simo: 
ubi advenU Megaram, insidias fecit virgini: 
insidias postquam fecit, vim in loco adtulit 
(Ob aus dem Argumentum einer Komödie? Das ist der Ton, den wir 
da gewöhnt sind, während mir aus den Stücken selbst nichts derart er- 
innwlich ist. Dann vielleicht aus einem akrostichischen Argumentum: 
dgvi^ivtfig und 6Qvi^o%6iuii sind Komödientitel). 



38 I- I)ie griechische Eunstprosa bis Augustus. 

kurzen Sätzen, von denen nicht weniger als siebzehn blofs mit 
dd angereiht sind (darunter elf unmittelbar hinter einander), f&nf 
mit icaiy je einer mit ydg^ dvj iTiHxa, — Aber nicht blofs in 
dieser Art primitiven Satzbaus liegt das naive und daher 
poetische Moment. Schon der Verfasser der Schrift IlBQi ihlfovg 27 
hebt die naive Einfachheit der unmittelbar einsetzenden direkten 
Rede hervor in folgender Stelle des Hekatäus (FH6 I 28): üTffvS 
dh ravta dawä tcouöiisvos aircixa iniXsvB tiybg ^HQaxXeCdag i%i^ 
yövovg ixxfogiBW {yb yäg {)(itv dwatög al^ki i^yi/^yBiv, hg fi^ &v 
ainoC re iacoXiaö^B Ti&iuk tgaöBts^ ig Rllov tivä d^fiot/ inoixBö^Cj 
womit er sehr passend vergleicht II. O 346 ff. 

"ExtmQ dl TqAbööiv iicixXsto {laxQbv äiiöccg 
VTjvölv ixiööB^Böd'at^ iäv d' ivaga ßQorÖBVta* 
Zv d' ttv iyhv iativBv^B vb&v Btigm^i voi^^a}^ 
(tötov ot ^ivatov liijvüfoiuci xrX.*) — 
Mit dieser Naivität paart sich jene behagliche epische Breite, 
die auch dem Stil Herodots solche yXvxikrig verleiht; z. B. in 
dem folgenden Fragment des Pherekydes (beim schol. Find. 
Pyth. IV 133; FHG I 87) lihvBv 6 RBkiag zm HoöBidAvi xal 
XQoetTtB xäöi TCttQBtvai. ot d\ ^6av oi xb &Xkoi TCoXttai xal 6 
IijöfoV itv%B d% iQotQBvcov iyyi>g tov ^jivwÖQov «ora/Dtot). &6(iV' 
daXog dh dußaivB rbv xotafiöv, dtaßäg dh rbv ^ihv ÖBl^ibv ino- 
ÖBltai, %6öa^ zbv d% iQi6tBQbv iiciXi/i^Bxai, xal iQ^Btai otkag ixl 
SbIkvov. Idbv di 6 ÜBXCag 6vykßdXXBi xb iiavxiii^ov, xal xöxs iikv 
fj^rixot^By xfi d' i^xBQaia (uxanB^i^ifoiii^BVog Ijqbxo 8 xv noi^oirjy bC 
axndi x(^öd'Biti im6 xov x&v tcoXixAv ixod'avBtv. 6 dl ^iTJöan^, 
TCB^ilfai, &v Big Alav aiycbv iiil xb xAag xb XQ^^^V^^^^^j ä^ovra 
&v anb Ahf^XBio. xai^a d% rc3 ^Ii^öovi, "Hgri ig vöov ßdXXsij &g 
iX^oi fj Mi^ÖBia xa ÜBXCa 7cax6v. Ähnlich beim schol. Od. X 320 
(FUG I 90 und 97, wo z. B. ganz episch: xal aindi [Sri6Bt] 4 
'Ad'fjvä naQa6xä6a TuXBiiBL r^i/ ^AQiddvriv iäv). 
uerodot Während wir für die Beurteilung des Stils der ältesten 

und dM ° . 

Epoi. Logographen auf dürftige Fragmente angewiesen sind^ liegt uns 
das Werk Herodots ganz vor. Wir würden dem Vater der 
Geschichtsschreibung nicht gerecht werden, wollten wir ihn auf 
eine Linie mit seinen Vorgängern stellen. Wenn Aristoteles 1. c 



1) Von ähnlicher köstlicher Naivität ist auch die Stelle heim schol. 
Plat. p. 33ö (FHG I 98). 



PoetiiBche Prosa. 39 

seinen Stil als Typus der Xil^ig eigoiidvri nennt, so hat er dabei 
nur die eine Seite seines Stils im Auge^ die uns allen geläufig 
ist aus Sätzen wie I 8: oitog dil iv 6 KavdavXris '^(fda^ri tfjg 
iovrot) yuvaiMÖg' igaö^slg dl ivöiiiii ot ilvai ywatxa xokXbv 
natfimv TcaXXüf tffv. &6zb d\ xavza vofiilavy ^v ydg oC t&v 
aljj^wp6Qatv r^iyqg 6 daöxiiXov igsöxöiuvog iidkufzuj toiitp 
t^ Fiiyfl xal tä öxovdaiiöxBQa r&v nqayiidxmv imsQBtid'iTo 6 
Kavdtt^Xfig. In Wahrheit ist Herodot noch viel mehr als Heka- 
taios ein Kind der neuen Zeit, und der Hauptreiz seiner Persön- 
lichkeit sowohl wie seines Werkes nach Inhalt und Stil liegt ja 
gerade in der wundervollen Mischung von altväterlicher Strenge 
und modemer Subjektivität, von Naivität und Reflexion. Eine 
nicht geringe Anzahl von ethischen, sozialen und politischen 
Problemen, wie sie die damalige Welt bewegten, hat er, wie es 
üblich war, in ivtiXoylai oder iy&vBg erörtert, nicht in der 
Weise, dab er bestimmten Sophisten — man hat von Protagoras 
und Hippias gesprochen — Einzelheiten entlehnte: aber es ist 
derselbe Geist, aus dem heraus sie alle die gleichen Probleme 
in ähnlicher Weise behandelten. Über den Stil des Herodot hat 
daher zuerst Diels im Herm. XXII (1887) 424 ein wirklich be- 
freiendes Wort gesprochen, durch das es auch in stilistischer 
Hinsicht um Herodot als * naives Naturkind' geschehen ist: „Neben 
der traditionellen Naivität der ionischen Xoyoxoiia vernimmt 
man schon oft die scharfgespitzte Antithese und die Perioden- 
zirkelei der gleichzeitigen Sophistik'', und in demselben Sinne 
äolsert sich Eaibel, Stil und Text der ^A^rivaCayv nokixBCa des 
Aristoteles (Berlin 1893) 66: „Er schreibt nicht, wie man sich 
das gelegentlich vorgestellt hat, wie ein naives Naturkind, sein 
Stil ist das Produkt mühevoller Kunstübung . . . Seine Haupt- 
knnst besteht in der anmutigen und kunstlos scheinenden 
Mischung der Stile: wie sollte er denn auch von den Einflüssen 
sophistischer Stilkimst unberührt geblieben sein?^ (cf. auch 
p. 77, 1).^) Die alten Kritiker freilich haben Herodot noch nicht 



1) Cf. £. Maars im Hermes XXII (1887) 581 ff. F. Dümmler, Akademika 
(Giefsen 1889) 247 ff. (beide Abhandlungen behalten ihren Wert, mag auch 
die Namengebung der einzehien Sophisten problematisch sein). B. Schoell, 
Die Anf&nge einer politischen Litterator bei d. Griechen (Festrede in der 
Akademie zu München 1890) 11. IS. St. Schneider in: Eos (ed. Öwili6ski) 
n (1895) 18 ff. (über die Beden des Mardonios und Artabanos; leider yer- 



40 I- l^ie griechische Eunstprosa bis Augustus. 

zu den von der Sophistik beeinflulsten Prosaikern gezählt, ihn 
daher nicht zur eigentlichen Kunstprosa gerechnet^ insofern mit 
Recht, als bei ihm jene stilistischen Finessen sogar im Vergleich 
zu Thukydides durchaus zurücktreten und oft mit einer gewissen 
liebenswürdigen Unbeholfenheit angewendet worden sind, worüber 
ich schon oben (8. 28) gehandelt habe. Hier geht uns nur die 
andere Seite seines Stils an, die nach rückwärts gewandt ist. 
Wenn wir die in neuerer Zeit sorgfältig gesammelten^) Re- 
miniscenzen der herodoteischen Sprache an die Sprache des Epos 
überblicken, so müssen wir sagen, dafs sie erheblich starker sind 
als bei den älteren Logographen, wobei aber nicht zu vergessen 
ist, dafs die Beispiele wesentlich auf die Reden fallen, die, 
wie uns ausdrücklich berichtet wird (Marcellin. vit. Thucyd. 38), 
in solcher Ausführlichkeit zuerst bei ihm vorkamen. Wenn er 
also von den Späteren gewöhnlich der Homer der Geschichts- 
schreibung genannt wird (6fti}^txi6rarog heifst er Iligl ütlfovg 13,4), 



stehe ich das Einzelne nicht wegen der czechischen Sprache). Ein Urteil 
wie das von E. Meyer, Forsch, z. alt. Gesch. I (Halle 1892) 202: „Von Ein- 
flüssen der Sophistik kann bei Herodot so wenig die Bede sein wie etwa 
in der Beredsamkeit des Perikles'* ist nicht zu rechtfertigen. Wer weiCs 
denn, wie der Freund des Anaxagoras gesprochen hat? Wenn aus Thuky- 
dides ein SchluTs erlaubt ist, so spricht er eher gegen Meyer als für ihn. 
Jeder Gebildete war damals mehr oder weniger von der Sophistik beein- 
flufst, wie im XVIII. Jahrhundert vom Rationalismus. Natürlich gab es, 
wie in allen Aufkl&rungsepochen, Schlagwörter: ein solches war das vom 
Gegensatz der tpvütg zum y^fiOff, speziell das (seiner ursprünglichen Bedeu- 
tung entfremdete) pindarische 96fiog 6 ndvxmv ^aeikivqi wenn also Eallikles 
bei Plat. Gk)rg. 484 B imd Herodot m 38 dies gebrauchen (Dümmler L c), 
so braucht deshalb letzterer keine geschriebene Quelle benutzt zu haben. 
1) In Anlehnung an die Kommentare von P. Cassian Hofer, Über die 
Verwandtschaft des herodotischen Stiles mit dem homerischen, Progr. Meran 
1878. Von den dort p. 18 ff. gegebenen 'homerischen Reminiscenzen ' sind 
die frappantesten (s&mtlich aus Reden) VI 11 «^ K 173 ff.; VH 28 o^c cb 

fM>9 toi, &tQe%ioig xataXi^m «^ d 350 -|- K 413; VII 159 ^ xe iiiy' olpJiiBtsv 
6 UeXonldrig 'Ayaitiiivoav <^ H 125 ^ %8 fiiy' oliim^SiS yi^tav innriXdta JTrjXet^; 
V 106 ßacdsüf notov itp^iy^ao Unog «^ A 552; IE 82 oi yccQ äfieivov <^ 
A 217; m 14 inl yi/igaog oi}d^ (Satzschlufs) o^ St 487. Aber das Wenigste 
läfst sich sagen: das sind meist Dinge, die sich nur fahlen lassen. — C?f. 
übrigens: Hermogenes de ideis 421 Sp. r|| Xi^u notritixj nixffritai 6i6Xov 
(das ausführliche Urteil, das Hermogenes über den Stil des Herodot giebt, 
ist das beste der zahlreichen ähnlichen des Altertums). 



Rhythmische Prosa. 41 

80 beruht dieser Vergleich nichts wie so viele ähnliche im Alter- 
tnniy auf geistreicher Kombination, sondern auf Wahrheit: man 
kann auch von ihm sagen, er habe Homer so nachgeahmt, dals 
er erkannt sein wollte. 

Wie \m den Logographen, so bemerken wir auch in dem, ^^»"«»opJ»^ 

und Gpofl 

was uns sonst von alter Prosa erhalten ist, ein stark poetisches 
Kolorit Heraklits Werk nennt Piaton Soph. 242 D 'IdÖsg 
AfoiXHu; Tieles ist bei ihm aus der Sprache des homerischen 
Epos genommen, und die gewaltige Bildersprache (ich erinnere 
nnr an die den Helios verfolgenden Erinnyen oder den mit 
einem Sandhäoser bauenden Kinde verglichenen Atmv) mahnt an 
die grandiosen Phantasieen orphischer Dichtung. Von Demo- 
krit gilt das Gleiche (s. oben S. 22 £). In dem kurzen wortlichen 
Fragment des Protagoras bei [Plut.] cons. ad Apoll. 33 
p. 118 EF finden sich hochpoetische Worte: vtptivd'dag, sidirij 
eüunftüij ahnlich in dem Mythus, den ihm Piaton Prot. 320 C ff. 
in den Mund legt. 

Ans dem Gesagten ergiebt sich, dafs Gorgias, wenn er seine i^oigeraof 
Prosa der Poesie annäherte, nichts absolut Neues schuf, sondern 
auch hier das abschlieJDsende Glied einer naturgemäisen Ent- 
wicklnngsreihe bildet. Der Fehler, in den er aber auch hier 
verfiel, war die Übertreibung: nicht die einfache Hoheit des 
Epos, sondern den Enthusiasmus der dithyrambischen Diktion 
und den pathetischen Kothurn der Tragödie führte er durch 
überkflhne Wortkompositionen und Metaphern in die Prosa ein; 
das war es, was das ganze Altertum, soweit es nicht auf seiner 
Seite stand, tadelte^), soweit es in seinem Bann stand, ihm 
nachmachte; da die letztere Partei die Oberhand gewann, so ist 
Gorgias, der Begründer der antiken Kunstprosa, an ihrem Ruin 
schuld geworden. 

0. Die rhytbmisohe Prosa. 

Es ist schon zu Anfang dieses Kapitels bemerkt worden, Thruj- 
dab zuerst Thrasymachos das für die Folgezeit bindende Postulat 



1) Dithyrambus: Dionjs. de Lys. 3. Tragödie: IleQl i^avg S, 2. Noch 
Procop T. Gasa (s. VI) ep. 186 (an einen sich in Ägypten aufhaltenden 
Sophisten Hieronymos): mg dh xal cotpusxma eoi tä ygafifiata' %al thv Fop- 
7(00 t%ip09 id6^ow 6q&v ^siv yccQ tbv NbIXov itfnig i% yfjg xal nl(otj}v 
90Ul9 T^y ndXat ßati^v. 



42 I* l^ie griechische Kunstprosa bis Augastus. 

einer periodisierten, d. h. rhythmischen Prosa aufgestellt hat; 
denn periodisierte und rhythmische Bede sind nach antiker Vor- 
stellung identisch^): iQid'fibv i%€i ij iv X€(fi6doig Xil^ig sagt 
Aristoteles Bhet. IQ 9. 1409b 5, sind doch sogar die Ausdrflcke 
für die prosaische Periode und ihre Teile der poetischen Termino- 
logie entnommen.^ Das wichtige Zeugnis, das dem Thrasy- 



1) Cf. Cic. or. 170 ff. de or. m 195 ff. Quint. IX 4, 22. Die ausfahr- 
lichste Behandlung der Periode aus dem Altertum bei Hennog. de inT. IV 
3 p. 288 ff. und de id. I 815 ff. Sp. (er hatte Vorg^üiger, die er p. 821/ 14 
citiert); das grofse Spezialwerk des Lachares (s. V) nsgi xAXov %al %6(^uc' 
TOff %al n8Qt69ov ist leider verloren, cf. Anon. in Bhet. Gr. VII 980 W und 
Ps. Castoris ezcerpta rhetorica ed. Studemund in der Breslauer Festschrift 
1888; die aus einer kleineren Schrift des Lachares (über denselben Gegen- 
stand) von B. Graeven im Herrn. XXX (1895) 289 ff. veröffentlichten Bruch- 
stücke sind dürftiger. — Von modernen Behandlungen der antiken Periodik, 
die wirklich im Geist der Antike gehalten sind (Werke wie das N&gels- 
bachsche gehen, ihrem Zweck entsprechend, vom deutschen Gefühl aus), 
sind aus unserm Jahrhundert zu nennen die vortreffliche Arbeit von E. Bern- 
hardt, Begriff u. Grundform der griech. Periode, Progr. Wiesbaden 1854; 
Eaibel 1. c. 64 ff.; BlaTs Lei' 188. II* 160 ff.; 181; E. Belling, De Anti- 
phontearum periodorum symmetria, Diss. Bresl. 1868; H. Schacht, De Xeno- 
phontis studiis rhetoricis (Diss. Berlin 1890) 85 ff.; 44 ff.; 0. Guttmann, De 
earum quae vocantur Caesarianae orationum Tullianarum genere dicendi 
(Diss. Greifswald 1888) 47 ff. Ausgezeichnete , heute mit Unrecht der Ver- 
gessenheit verfallene Werke sind darüber in den früheren Jahrhunderten 
verfafst: Johannes Sturmius, De periodis, zuerst Strafsburg 1550, dann ed. 
V. Erythraeus 1567; kürzer als Sturm, aber mit weniger Worten dasselbe 
lehrend, J. Strebaeus, De verborum electione et collocatione (Bas. 1689) 1. 
n c. 16; im wesentlichen nach Sturm: Jovita Bapicius Brixianus, De numero 
oratorio libri V (Vened. 1554), darin 1. IV De periodü; G. J. Vossius, Inst 
or. (Lugd. Bat. 1606) ]. IVc. 8; G. Linck, De oratione concinna, Diss. Altorf 
1709. Einige andere Werke führt an: M. Car. Henr. Langius, Institutiones 
stili Bomani, ed. 2 (Lubecae 1745) 194 f. 

2) JIsQMogj %&lovy %6iiiuc cf. B. Westphal, Sjst. d. ant. Bhythmik 
(Breslau 1865) 100 ff.; Bofsbach- Westphal, Theorie d. mus. Künste I* (Leipz. 
1885) 187; W. Christ, Metr.« (Leipz. 1879) 119. 616; Blafs 1. c. II" 160 f; 
F. V. Fritzsche, De numeris orationis solutae (Festschr. Bost. 1875) 7 f.; 
M. Consbruch, De veterum nsgl «oiiffuxro; doctrina (Bresl. 1890) 42. Auch 
nQooLfiiov sowie Bezeichnungen anderer Teile der epideiktischen Bede 
stammen aus der poetischen Terminologie: Quint. IV 1, 2 f. IX 2, 85. 
Augustin de rhet. 19 (Bhet. lat. min. I 149 H.), cf. Blafs 1. c. I 18 und be- 
sonders 0. Immisch im Bh. Mus. XLVni (1898) 521 f. Umgekehrt schliefsen 
sich sp&tere Metriker (auch Varro) in ihrer Terminologie an die Bhetorik 
an: cf. Leo im Herm. XXIV (1889) 280 ff. 



Rhythmische Prosa. 43 

maehos die Erfindung zuschreibt, steht bei Suidas, der aus vor- 
zflglicher Quelle berichtet: xg&tog jcsgiodov xal x&kov ocatideiis 
tud rbv vihf xf^q ffitOQixflg xq6%ov el6riyif^6a%o. Wir finden das 
bestätigt durch folgende vier Zeugnisse: Aristoteles Bhet. III 8. 
1409 a 2 sagt, dab seit ihm der Päan am Anfang und Schlufs 
berorzugt sei; Cicero nach Theophrast spricht an zwei Stellen 
Ton den kleinen Sätzchen des Thrasymachos, deren Rhythmus so 
auffällig sei, dals er an Verse erinnere (or. 39. 40)*, das interes- 
santeste Zeugnis ist endlich das des Piaton, Phaedr. 267 CD: 
man braucht seine Worte nur zu lesen, um sofort zu begreifen, 
daüs die Bede ganz rhythmisch ist (ich werde das besonders 
stark Rhythmische durch den Druck hervorheben und in xAXa 
teilen): x&v ys f&^i/ | olxxQoyöav | ixl yflgag xal na- 
piav I iXxofidvav Xöyav || xexgaxrjxdvai xdxvg fioi q>aCvBtai 
%o rot; XaXxridoviov 6^dvog, dgyiöai, xs ai noXXoi>g afkcc 
iMtvbg iviiQ ydyovev. Wir erkennen aus dieser Parodie, die 
für uns denselben urkundlichen Wert hat wie die später zu be- 
trachtenden Parodieen des Symposion, dals, wie zu erwarten, die 
rhythmische Rede auch ausgezeichnet war durch hochpoetische 
Worte und Wortverbindungen, daüs also gleich von Anfang an 
die poetische 6iivd'söig dvoiuxtmv mit der poetischen ^xAo;^ 6vo- 
fuitnv zusammengeht. Mit diesen Zeugnissen steht nur in 
scheinbarem Widerspruch die einzige längere Probe von der 
Diktion des Thrasymachos bei Dionys. de vi Dem. 3: die Sprache 
ist einfach, und ein besonderes Streben nach Rhythmisierung ist 
nicht zu erkennen. Aber dies Stück gehört einer für einen 
anderen geschriebenen Gerichtsrede an, für die von Anfang an 
natorgemäls ganz andere Gesetze mafsgebend waren als für die 
Epideixis; bemerkenswert ist, dafs in dem Stück sich keine 
gorgianische Figur findet: wie weit Thrasymachos in seiner 
spateren Zeit das yoQyidisLV mitgemacht hat, wissen wir nicht ^); 
es ist auch nicht von Belang, da Gorgias im ganzen Altertum 
als Erfinder'' dieser Figuren gilt. 



1) Aus Cic. or. 89 folgt es nicht mit Sicherheit, da hciec nicht auf das 
omnittelbar Vorhergehende bezogen zu werden braucht. In dem bei Dionys 
a. a. 0. überlieferten Stück einen Satz wie {tolg) xriv likv naQiWoiicav 
inUffav &yetn^ij T^y d' imoiiaav 9i9i6ci als gorgianisch zu bezeichnen, wäre 
gewifs ungerechtfertigt. Ebensowenig glaube ich, dafs F. V. Fritzsche, De 
Dumeris orationis solutae (Festschrift Rostock 1876) 9 mit Recht folgende 



44 I. Die griechische Kunstprosa bis Augastus. 

loniBche Natürlich hat Thrasymachos die rhythmische Bede nicht 

*** * erfunden'. Von diesem grolisen Stil virtuosen des fOnften Jahr- 
hunderts gilt dasselbe 9 was Diels^) von dem des vierten sagt: 
yjsokrates hat keine der Künste, welche f&r seinen und für den 
gebildeten Stil des vierten Jahrhunderts charakteristisch, sind, 
selbst ^erfunden'. So etwas wird überhaupt nicht er- 
funden/' Die Bede der Griechen selbst war Musik, und es ist 
a priori gar nicht zu bezweifeln , dafs, lange ehe man anfing, 
seine Gedanken in kunstgemäfser Prosarede aufeuzeichnen, Sprecher 
und Hörer den Bhythmus der Worte instinktiv gefühlt haben. 
Dabei bin ich auch der Ansicht, dafs, wenn wir in den ältesten 
uns fragmentarisch oder ganz erhaltenen Prosaschriftstellern den 
Bhythmus der Bede in stärkster Weise ausgeprägt finden, wir 
hier noch nicht annehmen dürfen, dafs eine Eunsttheorie auf die 
Komposition von Einflufs gewesen ist, sondern dab vielmehr die 
in Anlehnung an das Epos sich entwickehide Prosa wie in der 
Wahl der Worte so in ihrem rhythmischen Fall von jenem ab- 
hängig war. So sind in Hfiraklits Fragmenten hexametrische 
^Satzschlüsse häufig genug: 3 q>dtig aitotöi iiaQtvgiei. xaQeöv- 
tag ixBtvai. 21 xvqhg tgonal xq&xov ^dXaööa^ d'aXci66ijg di 
tb fiiv fjfiiöv yfly rb dh iliii6v XQti^tiiQ. 37 ^tveg &v dia- 
yvolBv. 126 (A tv ytvm^xmv ^€oi>g oiö' tlgmag, olttvig 
b16i^ und wer fühlte nicht den gewaltigen Bhythmus besonders 
gehobener Partieen wie 12 Uißvkka dh {laivoiidva ötöfian. iyi- 
ka6xa xal i!KaXXAni6ra xal iiivgufta q)d'€yyo(iJvri %iXCayif driiov 
H^ixvhrai xfi tpatv^ diä tbv ^sövj 44 xöXefAog xdvxanf [ihf xa- 
xi/lQ i6xi xävxmv dh ßa6iXsvg, 9ud xovg iikv &€oi>g idsi^s t(ybg di 
ivd'QAxovg^ xoi>g (ihv doiikovg ixoiijöe xoi>g dh iksv^dQOvg. Aus 
Demokrit führt Birt L c. (oben S. 22, 3) 187 ff. einiges an (wenn 
er auch in der rhythmischen Zergliederung des Einzelnen viel 
zu weit geht); aus der pseudohippokratischen Schrifk negl qrvö&v 
hat Ilberg 1. c. (oben S. 21, 3) 25 f. einige sehr bezeichnende Proben 

Stelle aus der Rede des Thrasym. bei Platon, Rep. I 844 A als gorgianisch 
bezeichnet: navtav öh (jtata futd^aei, iäv inl tijv tiXBondtriv &Si%lav Ifl^ff, 
^ tbv lihv &dt%i/jcocvta B{>daifk09iiStat09 notel^ tobs Sh &di%rfiiv%ag mal iSi- 
%^ai o^H IStv i^iXoptag &^luDtdxovg. [firr» Sh toiho rvffamfCg^ ^ o(> matä üfuUQbif 
t&XHtQuc xal Xd&Q^ xal ßla &(paiQBttai> xal Uqcc xal Sffux xal ISia xal SruMCuc^ 
iXXcc ^IXi/jßdriv, Piaton karrikiert sonst nirgends in der Bepublik den Stil 
des Thrasymachos. 

1) In: Gott. gel. Anz. 1894, 293. 



Rhythmische Prosa. 45 

notiert, z. B. ganze jambische Trimeter wie 6Qf} ts detvd^ ^ly- 
yJoßBt d* ifidicav und xal 6tay6vBg iacoximovöiv ijtb rcbv xm^La- 
Tov, femer einen jambischen Trimeter, an den sich ein 
trochaisches Kolon von gleicher Länge anschliefst: dUQxerai tb 
MVBviuz dUi rot) ^Afuctogj \ üöte navXdv tiva ysvi^d'at tßbv %6- 
vmvy auch Anapäste: ixb iikv nXsövmv xal in)XQOtiQ(ov löxvQÖ- 
TBQov. Hexametrische Satzanfange und Satzschlüsse sind bei 
keinem späteren Prosaiker so häufig wie bei Herodot; keiner 
seiner Nachfolger würde z. B. geschrieben haben: oi yäg i& 
^Qovdsiv (idya 6 d'sbg 6Xkov ^ ieavzöv (YII 10, 5) oder &g xal 
ig röSs ainoC %b üv^qomoi xal ^ yH ain&v htAwy^oi xov Tcata- 
6tQei;andvov xaXiovxai (YII 11). 

Aber von hier ist noch ein weiter Weg zu den Rhythmen 
der attischen Eunstprosa: denn die angeführten Beispiele zeigen 
deutlich, daüs von einem Zusammenhang des Rhythmus mit einer 
kunstvollen Gliederung der Periode hier noch keine Spur vor- 
li^t. - Wo der Autor einen hohen Schwung nimmt, läfst er 
metrischen Wortfall eintreten, ganz ohne Rücksicht auf den Bau 
des Satzes. Das aber ist etwas, was die spätere Eunsttheorie 
nicht gelobt, sondern getadelt hat. Finden wir nun nicht vor 
Thrasjmachos Ansätze zu einer nach Eola gegliederten 
rhythmischen Prosa? 

Wir haben einige alte Inschriften aus dem fünften Jahr- in^chrifto 
hundert, in denen der Wechsel des Rhythmus regelmäfsig mit 
dem Beginn eines neuen Kolon eintritt. Ich meine die folgenden: 

1) Eaibel ep. gr. 745 

*Id(fa)v 6 ^BivoyJvtog 

xal xol SvQaxdöioi 

t&L ^l Ti6(fdv iacb Kiifiag. 
„Dedicavit Hiero 61. 76, 3 (a, 473) Tyrrhenis apud Cunias de- 
vietis. — 3. paroemiaeum adgnovit Boeckh, neque priores duo versus 
timmerarum specie carere videntut^ (Kaibel). 

2) Die Aufschrift der von Chares, dem Herrn von Teichiussa 
bei Milet, dem Apollo dedizierten Statue (zuletzt in: Anc. greek 
inscr. in the Brit. Mus. IV 1 n. 933): 

Xd(frig siiil 6 KXdötog Te^xf^oii^Yig aQx6g. 
"AyaXiia xovjAnöXXcovog.^) 

1) Cf. die einzeilige Aufschrift cp. 485 (Theflpiae, s. Via.): Mpuu' M 



46 I- I^i^ griechische Kunstprosa bis Augostus. 

3) Schol. Eur. Hippol. 231 Jimv dl ngArog Aaxsdaifiöviog 
%h hXvyMi&8\, (440) ivUtfiBv *Evhaig Xnno^^ &g IlokiyLWv 
(Fr. 19 Prell.) töxoQst^ xal htiyQo^B xfi slxövt' Aimv AaxBdai- 
ftövtog Innoiöi vtx&v 'Evdtaig ^Avtixksida naxi^Q. Dazu 
bemerkt Th. Preger, Inscr. gr. meir. (Leipz. 1891) n. 128: ^n- 
scriptioni epigratnma subesse iam PreUer stispicatus est ex forma 
XnnoiöL Anapaestos esse vui^/ Wilamowitz, Eydathen p.79 A. A. \ In- 
%oig vix&v ^Evitaig \ 'AvrtxXstda naxigog. Ego dubitanter restitui 
hexametrum quem sequuntur tres anapciesti: Aimv AaxedM(i6vu)g 
S^Bvhaig Inxotöiv ivCxmv | ^Avtixkslda natiQog}' Sollte es sich 
nicht empfehlen, keine Änderungen aus metrischen Gründen vor- 
zunehmen, sondern nur in drei Zeilen abzuteilen? 

Aimv Aaxsdatiiöviog 

%nnoi6i VLX&v ^Evira^ 

^AvxMikBCda xaxi^Q (xargög PreUer).^) 

Auf dieselbe Stufe wie diese Inschriften mochte ich das be- 
rühmte Gebet der Athener (bei M. Antonin. V 7) stellen, so ab- 
geteilt in vier Zeilen: 

^Töov iöov i tplXs Zev 

ocatä xflg iQovQag 

xvjg *Ad^vaÜDv 

xal x(bv nsSCmv. 

Sophron. Nuu haben wir aber ein sicheres Beispiel solcher nach Kola 

gegliederten rhythmischen Kede aus dem fünften Jahrhundert: ich 
meine die Mimen des Sophron. Nach endlosem Schwanken der 
Ansichten steht heute fest^): 1) sie waren in Prosa geschrieben: 
das bezeugt Suidas; 2) diese Prosa stand in der Mitte zwischen 
reiner Prosa und reiner Poesie: das bezeugt Aristoteles (Poet. 1. 
1447 b 10 und IIbqI %oirix&v bei Athen. XI 505 C); 3) genauer 
war es eine Art von rhythmischer Prosa: das bezeugt das be- 
rühmte, von Montfaucon (Bibl. Coisl. [Paris 1715] 120) ver- 
öffentlichte Scholion zu Gregor von Nazianz, dessen Bedeutung 
zuerst von Valckenaer zu Theokrit (1773) p. 200 erkannt worden 

rd^mvi %&Qiato%QdtH y wozu Eaibel bemerkt: nescio an nutnerosa scriptori 
oratio obversfxta sit. 

1) Dreiteilig auch der Ruf des eleusinischen Hierophanten (Hipp. ref. 
haer. V 28): U^hv frcxs | n^via noi^Qov \ B^ifioi B^tfi^. 

2) Cf. L. Botxon, De Sophrone et Xenarcho mimographis (Progr. Lyck 
1856) 26 tf. 



Rhythmische Prosa. 47 

ist Ich muiSs mit wenigen Worten den Sachverhalt wiederholen. 
Das erste rhythmische Gedicht in griechischer Sprache ist der 
A6fQq XQh^ naQ^dvov xa^atvat^xög des] Gregor von Nazianz, 
ediert z. B. in: Anth. Graec. carm. Christ, ed. Christ (Leipzig 
1871) 29. DaTs in den Handschriften dies Gedicht nicht bei den 
metrischen Gedichten Gregors überliefert ist, sondern unter 
seinen Reden, ist, wie wir später sehen werden (Anhang I), für 
den Nachweis der Entwicklung der rhythmischen Poesie aus der 
hochrhetorischen Prosa von grolser Wichtigkeit. Die einzelnen 
Kola sind in einer Handschrift durch Punkte abgeteilt.^) Das 
Gedicht besteht aus Langzeilen von 14 — 16 Silben, die in zwei 
Halbzeilen von verschiedener Silbenzahl zerfallen; die vorletzte 
Silbe der zweiten Halbzeile mufs betont sein, sonst besteht kein 
Gesetz, doch pflegt jambischer Wortfall vorzuherrschen. Z. B. 
xa^dviy vfifiqyri XQiötov ^^ döl^af^d öov tbv vviupCov' \ &al xa- 
^tuQa öavtijv ^^ iv Xöyp xal 6oq>la^ | iva XaiinQa tp XaiiJtQp f^ 
^vii^öfig tbv aUbva' \ x(fsC66mv yä(f aikri noXk^ <^ tilg q>^a(ft^g 
^vivyiccg u. s. w. Zu diesem Gedicht lautet nun ein Scholion : 
iv taikm x^ X6ym tbv SvQaxoiiöiov ZkbipQOva fiiiuttat' oitog 
yäQ HiAvog noi^rit&v ^v^fiotg xb xal xAkoi^g ixQi^öaro novtjttxfig 
iBVuXoylag xataq>Qovii6ag, Das Gemeinsame also der Mimen 
Sophrons und des Hymnus Gregors ist, dais beide in rhythmi- 
scher, nach Kola gegliederter Prosa geschrieben sind (weiter 
will das fiiiuttai nichts besagen). Das wird bestätigt durch alle 

1) Wir werden sp&ter (Buch II) dafOr eine frappante Analogie aus 
dem lateinischen Mittelalter finden (in den Komödien der Hrotsvitha). 
Oberhaupt scheint im Altertum nicht blofs nach syntaktischen, sondern 
auch nach rhetorischen Prinzipien interpungiert zu sein, cf. darüber 
A. Oercke in: Fleckeisens Jahrb. Suppl. XXII (1896) 162 ff. Bei Hyper- 
eides epitaph. 9 thp dii touc^ag %a(^BQlag — ä6%viog ^ofistvai tovg 
M9Uxec£ nifotgt^ii^pov Asatc^irri — %al tohg x&i xoio^mi öxgatrjyän ngo- 
^ipmy üvwaymirmäg ctp&g a^ohg nccQa6x6rfcig — &if' (yb Suc xi^v tijg Aqs- 
x^g iM6d9iiiif ^vxslß . . . ifofttatsov sieht es so aus, als ob die nagay^atpoi 
mehr rhetorischer Natur sind. Cf. auch SC de Orop. a. 73 a. Chr. ap. 
Bnms, fontes* n. 40. Pap. Graec. ed. Leemanus n 77ff s. n p. Chr. Qe- 
Dauer wird sich darfiber erst urteilen lassen, wenn wir eine Geschichte 
der antiken Interpunktion besitzen, für die wir jetzt aus früher Zeit auf 
Inschriften und Papyri (cf. Blafs in J. y. Müller Hdb. d. kl. Alt. I' 286 f.) 
so reiches Material haben und für die auch in sp&ter Zeit die Quellen 
sehr reichhaltig sind (z. B. in den meist noch unedierten Scholien zu des 
Gregor von Kazianz Reden, cf. darüber Hermes XXVII [lb92J 622 ff.). 



48 I- 1^6 griechisclie Kunstprosa bis Augustus. 

längeren Fragmente Sophrons^ die uns Demetrius^) de eloc, nnd 
Athenaios überliefern: 

33 (Botz.) ai ya (Utv Tcöyxav HönsQ at x 

i^ ivbg xsXev^uctog 
xBxivavxi &nlv naöai' 
TÖ dh TCQfjg ixiötag i^sx^L, 

34 tde xaX&v xovQidmVy 

tÖBy fpiXa^ d'äöat fuivj 

&g i(f\}d'Qai X ivxX 

xal IsiotQtx^&öaL. 
39 tivsg 8i ivxC nojca^ q>iXa^ 

taCÖB xal (uccxQal xöyxaL; 

I^akfivdg d-Tiv tovtoi ya, 

yXvxvtSQOv xoyxvKiov, 

X^QOiv yvvaix&v Xixvsvfia. 
71 XQCykag fidv ys niovag^ 

xQiyöka S* 6%i6^ia. 

19 x&v S\ x^^^^f^^^^ 

xal x&v i(fyvQ(Oiidt(ov*) 
iydgyaiQSv & olxCa. 

Sophron der Syrakusauer hat also in seinen volkstümliclien 
Mimen eine sicher volkstümliche Art der Rede verwandt, selbst- 
verständlich künstlerisch stilisiert (denn ein &tBxvov giebt es in 
der antiken Litteratur nicht). Thrasymachos aus der megarischen 
Kolonie Chalkedon hat ein dem ganzen griechischen Volk ge- 
meinsames, vielleicht in seinem Stamm besonders ausgeprägtes 
Gefühl in bindende Norm gefafst und als solche in die grie- 
chische Eunstprosa eingeführt. 

Seitdem war der in der ionischen Prosa herrschende Satz- 
bau mit seiner Parataxe und seinen bei gelegentlichen Versuchen 

1) Er hat sie, wie man deutlich sieht, selbst gelesen; es ist sehr be- 
zeichnend, dafs das I. Jahrhundert n. Chr., welches die stark rhythmische 
Schreibart so liebte, den Sophron wieder hervorzog. Die früheren Rhetoren 
ignorieren ihn. 

2) Dies ist das einzige Beispiel eines hfkoiotiXivtov in den Fragmenten, 
und daher ist kaum mit Botzon (p. 30) nnd R. Hirzel, Der Dialog I (Leipz. 
1 895) 23, 3, eine bewufste Anwendung anzunehmen (Fr. 64 hat Botzon ganz 
willkürlich verbessert, und 110 ist ein Sprichwort). 



Rhythmische Prosa. 49 

za periodisieren sich gern einstellenden Anakoluthen zu Gunsten 
der durch Hypotaxe kunstvoll gegliederten und in sich ge- 
schlossenen Periode^) beseitigt , oder, wie man das auch aus- 
drücken kann: das psychologisch-kunstlose Element des Satzbaus 
war dem logisch- technischen gewichen. Man empfindet das be- 
sonderSy wenn man irgend welche Stücke ionischer und ent- 
wickelter attischer Prosa nacheinander liest. Z. B. sind in der 
Schrift des Hippokrates tuqI Üqiov xtL die Sätze c. 3 fitig (ihv 
nölig XQbg tä nvBii^xa xistai tä ^bq^uSt ta^a d* iöxai /MTa^^ 
xf^q t€ xeiiUQivfjg ivatolilg tov iiliov xal r&v dvöfUmv xibv %ei' 
fLSQiv&v, xal wbxiu xaiüxa xä nvtv^ccxd iöxi ^^thvofuc, x&v dh 
ixb xSnf &(fxxmv xvsvfiätayi/ öxijtff iv xaikfi xfj nöXei iötl xä 
XB füeeta xolXd xxL und c. 6 ÖTCÖöat d* Avxixiovxav xovximv itQbg 
xä Tcv&ii/Laxtt xä ifv%(fi . ., xal aixiyöi xai)xa xä nvB^fiaxa ha- 
jjibQuk iöXiVj TOt> di vAxov xal x&v d-BQfUbv xvBVfuixa^v öxixfij 
tii i%Bi xbqI xibv n6kiaiv xomiiov psychologisch ja höchst fein 
wie alle i(f%ala lß^iq^)j aber die strenge Logik hätte Hypo- 
taxe der einzelnen Satzteile yerlangt, ebenso die xi%vri wenigstens 
nach der Ansicht der alten Kritiker, die als kunstmäbig nur 
einen durch Periodisierung auch äulserlich harmonisch wirkenden 
Sais gelten lie&en: wer freilich Freude an der psychologischen 
und natürlichen Ausdrucksweise hat, der wird, wenn er eine 
isokrateiache Periode, in der alles durchdacht, jedes Wort an 
seinen Platz gestellt, jedes Anakoluth, jede ^Ellipse', jede Un- 
ebenheit rermieden ist, in ihrer bewulsten Eunstmäfsigkeit wie 
ein kostbares Mosaikwerk bewundert hat, sich immer wieder 
gfin erfrischen an der lebensvollen Natürlichkeit der ionischen 
Prosa, die in der Hand ihres gröfsten Meisters Herodot untor 



1) (Soero de or. m 178 ff., vergleicht eine solche Periode mit der 
YoUendimg des Weltalls, des menschlichen Körpers, eines 
Tei^els (des Kapitols, sagt er, was gar nicht gut pafst: der griechische 
Aalor, dem er hier, wie man sofort fOhlt, folgt — wohl sicher Theophrast: 
cf. 184. m — wird den Purthenon genannt haben). 

1) CtewinermaTsen das Ringen der Parataxe mit der Hypotaxe sieht 
aaa am ebiem 8ats wie Hipp, progn. 1 iwtiSii Sl ol Sv^omnoi iato^Mjcnav' 
9K9^ ei fkw srely ^ waXktai thr /i}Tp6fr ^b rl^g lex^og x^g va^av, ol Sl ual 
fcBglisrfpfMi tta^ifHiui ittlfvrticav ol fi^y W^9^^ 1^^^^ U^avtig ol dl 
iUjm nlimvm 1/^61909, vflv ^ xhw Itixffhw rf tix^ij w^ fnaetow po^^fuui 
ip I K|09/0ft#Su* ' j9mptit oiv X9h ^^^ na^imv tär totovtii»w tag tfvßtag. 



50 I- Die griechische Eunstprosa bis Aagustus. 

der Hülle scheinbarer Kunstlosigkeit eine solche Fülle von x^Q^S 
nnd ylvx'&trig birgt. 



Zweites Kapitel. 
Die Postnlate der griecliisclien Kunstprosa. 

Die drei Die drei wesentlichsten Postulate, die von den Sophisten an 

eine gute Prosa gestellt wurden, dais sie nämlich durch Bede- 
figuren geschmückt, daüs sie der Poesie nahestehen, dafs sie 
rhythmisch sein solle, gehen von der Grundvorstellung aus, dafs 
eine oratorische Komposition einer musikalischen verwandt sein, 
also wie diese auf die Sinne wirken müsse; wenn man z. B. ein 
gorgianisches Homoioteleuton hört, so werden die Ohren dadurch 
in derselben Weise angenehm berührt wie in der Musik durch 
die Zusammenfassung bestimmt geordneter Töne, d. h. durch die 
Harmonie; durch die Verbindung von Bhythmus und Harmonie 
entstellt die Melodie in Musik und Bede. Diese Postulate sind 
von allen Späteren in der Theorie angenommen und in der 
Praxis durchgeführt worden. Nicht ob sie richtig und zu er- 
füllen seien, hat man in der Folgezeit untersucht, sondern nur 
inwieweit sie theoretisch berechtigt und praktisch durch- 
zuführen seien. Diese Frage hat bis zum Ausgang des Alter- 
tums im Mittelpunkt des litterarischen Interesses gestanden und 
ist mit viel Zorn und Parteilichkeit diskutiert worden. Über 
die theoretische Seite des Streits geben uns die rhetorischen 
Schriften des Altertums, deren Zahl ja für moderne Begriffe un- 
verständlich grols ist, über die praktische Seite die erhaltenen 
Werke der Schriftsteller selbst reichen Aufschlufs. Ich be- 
absichtige nicht, eine Geschichte der Stiltheorieen des Altertums 
zu geben, sondern werde mehr versuchen, festzustellen, wie sich 
uns die Theorie in die Praxis umgesetzt darstellt. Doch mufs 
ich, damit wir einen sicheren Mafsstab zur Beurteilung des 
Einzelnen erlangen, vorher in aller Kürze die wesentlichsten 
Punkte auch der Theorie erörtern. 

Figuren. 1. Unter den Bedefiguren^) dienten Antithese, Parisose 

1) Eine brauchbare äufsere ZusammensteUung giebt G. Dzialas, Rhe- 
torum antiquorum de figuris doctrina I (ö%i/ift>ata li^srng), Progr. des Maria- 
Magdal. - Gymn. Breslaa 1869. Ders., Quaestiones Rutilianae, Diss. Bres- 
lau 1860. 



Bedefiguren. 51 

mit Gleichklang wesentlicli dem ^^1$, iucundum (Aristot. rhet. 
m 9. 1410a 20; Rat Lup. II 16; Quint. IX 3, 102). Daraus 
ergab sich für ihre Yerwendong zweierlei: 1) sie waren weniger 
passend f&r das ydvog dtxavtxdv und das yivog övfißovkBvtiTCÖv 
als f&r das yivog iittdßiTttiTcöv; 2) sie durften nur mit Mab an- 
gewendet werden. Es genüge ftlr diese im ganzen Altertum 
(c£. noch Augustin de doctr. Christ. IV 25 , 55) herrschende 
Anschauung Epikur-Philodem und Quintilian zu citieren: 

Epicurea p. 113, 13 ff. üs. im ainov dh tov flxov xal t&v 
MiQiödmv xal t&v na(fC6<ov, öfiOuiQxtan/ xal 6fu>tOT£A£tkan/ irvxa- 
ymyoüiuvoi ei^g dij XQOöedöxriöav (die Schüler der Sophisten, 
d. h. nach Epikurs Sprachgebrauch der Eunstredner), el totovtoi 
&vffpivfi6aVi x&v iv ixKlt^öiaig xal dixa6xri(fCoig ei ixaXXdtxsiVj 
od öwofAvteg Stt oid* &v '^eixovto^ sl iv ixxXijöiai xal di- 
Ma0tii(fimi oOtmi kaXovvtog Ijxovov (danach ergänzt Sudhaus 
auch Phüod. rhet II p. 33, 13 ff.). Cf. Philod. rhet IV 
p. 162, 8 ff. Sudh. Xiym^uv di^ Sr^ t&v ftk/ ^r^tOQix&v 6oq>i6t&v 
ot iiiytötoi^ totg 6iiOiOtßX€ikoig xal bfioioxtAtoig xal b^ioio- 
xaxdifxxoig inQixiötata q>aivovtai nsnlavtifiivoL xal oidafi&g 
oidl dvofuxtarv iv tfj itQoq>0(fät nokX'^v ififiiXeuxv nenotjTCÖteg. 

Quintilian im Anfang der Untersuchung über xagiöa^ 
inouniievta u. s. w. IX 3, 74: magnae veteribus curae fuit, grcUiam 
dkendi et paribus et conirarüs acquirere. Gorgias in hoc immo- 
dieus; copioeus, aetate prima tUique, Isocraies fuit. delectatus est 
his eHam M. TuUius, verum et modum adhüniit non ingratae, 
»ist copia redundetf voluptati, et rem, cdioqui levem, senten- 
Oarum pandere implevit. nam per se frigida et inanis af- 
fectatio^ cum in acres incidit sensus, innata videtur esse, 
non arcessiia. Am Schlufs § 100 ff.: Ego ülud . . . adiciam bre- 
vifer, sieut oment orationem opportune posüae (figurae), ita ineptissi- 
ma$ esse, cum immodice petantur. sunt qui neglecto rerum pondere et 
viribus sententiarum, si vel inania verba in hos modos depravarunt, 
summas se iudicent artifices, ideogue non desinant eas nectere; guas 
sine substantia sectari tam est ridiculum quam quaerere habitum 
gestumque sine corpore. (101) 8ed ne eae quidem, quae recte ßunt, 
densandae sunt nimis .... (102) Sciendum vero in primis, quid 
quisque in orando postulet locus, quid persona, quid iempus. maior 
enim pars harum figurarum posita est in delectatione. 
vbi vero atrociiate invidia miseratione pugnandum est, quis ferat 



52 I- 1^6 griechische Eunstprosa bis Angastns. 

contraposiUs et pariter cadekUbus et ccnsimiUbus irascentem flentem 
gementem? cum in his rd>us cura verborum deroget affecHbus fidem 
et iibicumque ars ostentcUur, veritas abesse videatur. 
.Poetitohat 2. Über das Verhältnis der Prosa zur Poesie herrscht 
durchaus die Anschauung, daüs die gehobene Prosa, besonders 
also auch hier die der epideiktischen Bede, der Poesie ähnlich 
. sein müsse, aber nicht gleich, denn in dem Übermaüs des 
Poetischen^) liege der schwerste Fehler. Daf&r ein paar Zeug- 
nisse der Hauptautoritäten. 

Isokrates ne^l ivtMösag 46 f. von seinen Reden: o&g 
Snavtsg Üv qnlösiav iiioiotiQOvg slvai totg lutä iiavtfiw9jg xal 
^v^fidv TCBTCoiriiiivoig ^ rolg iv diTtaöxriQÜp XsyofJvoig. xtd yäQ 
rg l^st xoifitixmtdQa ocal itOiXilmtiQa tag XQd^ig di^Aoi^t, xal 
totg iv^(t^(iaöiv dyxmdeötdQOig xal xaivotiffoig %iffi6^ai (i}To{>- 
6iVy ht dl tatg Slkavg Idiavg inupavsötdQaig xal nXeioöiv 8lov 
tbv Xöyov dvovxovaiv. &v Rnavteg iatovovteg xaiQOvöiv aidlv 
ijttov 4 t&v iv totg fiitQOvg nsxoififidvov.^) 

Aristoteles hat in dem berühmten Kapitel 3 des dritten 
Buchs der Bhetorik eindringende Untersuchungen darüber an- 
gestellt, wie weit der Bedner sich in seiner li^ig der Poesie 
nähern dürfe; das Besultat ist: dst ötoxd^Böd'ai tov lutQiov 
(1406a 16); wer das nicht thut, wie Gt)rgias und Alkidamas, 
verfallt in das iruxQÖv; dieses besteht für den Bedner in kühnen 
Wortkompositionen, wie sie nur dem Dithyrambiker erlaubt sind 
{jttaxöftovöog x6ka^ Gorgias), in veralteten Worten, die sich be- 
sonders für den Epiker eignen (^ tijg g)'66£mg ixad^aXla Alki- 
damas), in zu langen oder unpassenden oder häufigen Hinzu- 
f&gungen und Umschreibungen {iyyffhv tdQ&ta Alkidamas, ögo- 



1} Cf. Philostr. V. soph. I 9 von Gk>rgias: ^rspi^ßiiXeTO d\ %al noir^vuLU 
6v6iiata (mhg %6c(mv xal C6ftp6triTog. Dagegen von Hippias I 11 l^^i^evf 
de o(f% illmäig älXä negittebg %al %cctä (p6ciVy ig ÖXiya Ticctatpi^aif x&9 in 
noi'r\ti.%f^ 6p6iucta^ und von Kritias I 16, 4 rijy Sh lÖiav ro<^ X6yov dof- 
fkaxiag 6 Kgitlccg xal noXvyvSiuoif, cepLvoloyfjeal te liiaif^tatos^ (yb xi^v dUht- 
QaftßiiSri eenwolaylav oitS^ xatatpe^ovötxv ig tä i% noiritMljg 6v6fuct€c^ &XX' in 
t&v KVQUotdtmv cvyxstftirriv %al %uxä tpveiv ixovcav. 

2) Scheinbar das Gegenteil sagt er Euag. SIT.: die Dichter seien gut 
daran, da sie durch ihre Eunstmittel die Menschen bezaubern könnten; der 
Redner dürfe keins dieser Mittel benutzen. Aber, schlau wie er ist, sagt 
er das nur, um sich einen gröfseren Glorienschein zu verschaffen, da er es 
trotz dieser Nachteile so ausgezeichnet mache: das steht zu lesen § 11. 



Poesie und Rhythmik. 53 

fMia Tg t^ i^vx^is ipf^f} för öfföim) und Big ti^v t&v *l6^iii(ov 
xmnljyvQiv fOüc eig tä Ittd-^ia derselbe), Metaphern^) {ixnBl%i6iia 
tibv vöfuov von der q>iXo€oipia Alkidamas). 

Theophrast: Quint. X 1, 37 plurimum dicit oratori con- 
ferre Theophrastus lectionem poäarum muUique eins iudicium se- 
qmmimr, neque immerito. namque ab his in rebus spirüus et in 
verhis sublimitas et in adfectibus motus omnis et in persanis 
decor petUur. 

3. Auch in betreff der Rhythmik der Bede ist seit 
Thrasymachos in den mafsgebenden Kreisen nie die Frage auf- 
geworfen, ob die Rede rhythmisch sein müsse, sondern nur in- 
wieweit: in diesem Punkt gingen die Ansichten zu den ver- 
schiedenen Zeiten und bei verschiedenen Individuen auseinander, 
cL Hermogenes de ideis p. 272, 20 ff. Nur in der XQaxeta öw- 
^4*99 ^^ 2ur Anwendung kommt, wo der Redner seinen Un- 
willen in heftigen Ausdrücken kundgiebt^ empfiehlt Hermogenes 
(p. 301, Iff.) absichtliche Zerstörung des Rhythmus; dagegen soll 
in dem i4yog M&utXXaxiöiiivogy dessen Typus der isokrateische 
ist, der Rhythmus so gesteigert werden, dab er fast zum fid- 
t^ovj nur nicht ganz, wird, c£ ib. p. 340, 5 ff.^ Das Gesetz 
lautet also: die Rede darf nie metrisch, mufs immer 
rhythmisch sein: 

Isocrates ari fr. 12 (Baiter-Sauppe): Zkmg d\ 6 k6yog fi^ 
l6yog l^tOj itiQbv ydQ' jitidh iniuxQog^ xaxaq>avhg ydQ^* &XX& 
miuix^m xavxX ^v^fifH. 



1) Cf. Demetr. de eloc. 78 n^Aza fikv ohv lutaipoQatg ^^^tfrfoy (näm- 
lich im yirog pkiyalonQtMig) ^ ahrai yäg luiXuna «al i^dovriv cvfißiiXXortcu 
t99s l6yoig Mid luyt^og^ /üt) (Uiftoi wvnpceSg, (ml toi SiMffaftßov &rtl l6yov 

S) Beseichnend ist ja auch, dafs der antike Name für die rhythmi- 
sierte Prosarede: Ui^s xorcflv^ofifUyi}, orcUio vincta (im Gegensatz zur X. 
ti^öpdwfi^ o. soltito) von uns auf die Poesie übertragen ist: ^gebundene Rede'. 

8) In der alten yorsophistischen Prosa mied man das nicht nur nicht, 
•ondem, wie wir sahen, suchte es sogar. Sp&ter aber galt es bekanntlich 
tfii das gröfste yitium, und daher hat man schon im Altertum eine förm- 
liche razzia yeranstaltet auf solche Verse oder Yersteile, die einem Autor 
ohne Wissen und Wollen unglücklicherweise entschlüpft waren. Mit Iso- 
krates selbst hat der Peripatetiker Hieronymus den Anfang gemacht: die 
Bosheit wird richtig beurteilt von Cicero or. 189 f. Dafs Livius die Anfangs- 
worte der Vorrede fac^rusne operae preHum sim absichtlich hexametrisch 



54 I- I^ie griechische Eunstprosa bis Augustus. 

Aristoteles rhet. in 8. 1408b 30: fv^fünf ÖbZ i%Biv riv 

TOthro Sh lötav iäv lii%Qi tov g.^) 

The oph rast bei Cic. de or. III, 184: ego HUad adsenUor 
TheophrastOf gut putat arationem, qaae quidem sit pölita atque facta 
quodammodo, tum abriete sed remissias numerasam esse oportere. 
e. q. s.*) 



gestaltet habe, ist trotz Quintilian IX 4, 75 nicht wahrscheinlich. Die seit 
der Hnmanistenzeit so oft wiederholte Behauptung, dafis Tacitos seine An- 
nalen mit einem ganzen Hexameter beginne, ist kürzlich von Leo (Nachr. 
d. Gott. Ges. d. Wiss. phil.-hist. El. 1896 p. 191, 1} hoffentlich endgültig 
Zurückgewiesen worden. — Aus Anlafs dieser Anfänge der grOCsten Ge- 
schichtswerke hat man dann, ebenfalls seit der Hnmanistenzeit, solchen 
* Versen' nachgespürt, und hübsch ist wenigstens, was Vaugelas, Remarques 
sur la langue fran9oise (1647) ed. Ohassang (1880) toI. E 140, sagt, nach- 
dem er die AnHüige des Livius und Tacitus notiert hat: Boccace a aussi 
commenei son Decameron par un vers ^Hitmana cosa i haver oompasnane* ^ 
et comme il faisoü de mauvais vers et que celuy-lä est (usez hon, on disait 
de luy qu'il ne faisoü jamais des vers que lors qu'ü n'avait pas dessein d'en 
faire. Eürzlich hat L. Badermacher im Rh. Mus. XLYII (1892) 669 ff. aus 
einer Deklamation des Antisthenes Trimeter des Tragikers Theodektes ge- 
winnen woUen: man lese, was über solche Versuche Cicero 1. c. geurteüt 
hat. E. Peters, De Isocratis studio numerorum (Progr. Parchim 1883) 18 f., 
der die Cicerostelle kennt, fischt trotzdem aus Isokrates ^ Verse' heraus, 
darunter drei 'Hexameter', die sämtlich metrisch falsch sind. Was soll 
man femer davon sagen, wenn man die Behauptung hört, in Cic. de or. 
111 20 ac mihi quidem veteres iUi maius quiddam animo complexi plus 
muUo etiam vidisse videntur, quam quantum nostrorum ingenio- 
rum acies intueri potest seien die hervorgehobenen Worte ein Hexa- 
meter -f- Pentameter? als wenn Cicero nach complexi nicht pausiert und 
als wenn er wie ein Dichter die auf -m auslautenden Silben mit folgendem 
Vokal verbunden hätte. Ebenso lächerlich ist es, wenn als Hexameter an- 
gefahrt wird Cic. pr. Arch. 1 in qua me non infitior mediocriter esse 
versaium, als wenn nicht Cicero esse versatum (j. ^^ l j. J) verbunden hätte. 
In ähnlicher Weise werden andere griechische und lateinische Schriftsteller 
vergewaltigt. 

1) Das kann man auch so ausdrücken: die Rede mufs ei^^t^fioff, 
darf nicht f^vgv^fLos sein; das ivgv^fiov tadelte daher der Isokrateer Epho- 
r08 negl Xi^Bmg bei Theon progjmn. p. 71, 25 Sp. Aus peripatetischer 
Lehre wie gewöhnlich Demetr. de eloc. 118 rpvxQ^ 9h aal tb ftitga tt%^iwai 
cws%fl^ %a9^ansQ tivig, xal fii} %lsnt6iifpu {ntb tfjg öwBxsiecg' no^tifux yccQ 
aiuxiQOif ilfvxif6if. 

2) Cf. über diese ganze Stelle M. Consbruch, De veterum nsgl aroii}- 
(jMtog doctrina (Breslau 1890) 122 f. 



Musik und Rhythmik. 55 

Die Grfinde sind oft angegeben: der innere Grund ist das 
mosikalische Element der Sprache selbst , der äaijsere das dem 
Menschen angeborene Gef&hl für Rhythmus und Musik: 

Dionys. de comp. yerb. 11: /iot;<y(xij xig fyf xal ii t&v 
xoJUttx&v löymv hciöti^iiri^ rdl xoö^ diakkAtxovöa xf^g iv pdatg 
xal ÖQydvoiSj o^l tp leoi^' xal yä(f iv taikjj xal fiilog i%iyv6iv 
at Xiisig xal ^d^iibv xal lutaßok'^v xal nQÜcoVj &6xb xal hil 
twitriQ 4 ^^ tiffTCStav i^kv xolg fiiXeöiv, Sysxai dh xotg fv^itotg, 
itfxiißxai di xäg inBxaßoXdg, no^et '()' ikl xdvxmv xb oixstov, ^ 
di duicXXay^ xaxä xb liäXXov xal fpnov. 

Longin. rhet. I p. 305 Sp.: noXkä yäQ xä xtiXovvxa xbv 
ixQoaxijv 6viv xvjg dtavoiag xal xilg jegayfiaxixflg xaxaöxBvHg xal 
x^g i^uc^g %i^av6xf[tog' xb yäff fiov^i^xlbv xal süxaxxov x^g iQfifi- 
Piiiö€a}g ifupvxov Sxaöi xal xütg iyelaioig ioioig, oüxi ye xoli- 
Xiwp xal Xoytxp xal xdl^emg al6^0iv elkritpöxt. el xoCvw xb 
fnov6i9i6v XB xal ivaffpLdviov xal fv^fitxbv ^vftficrpdi/ xe xal |t;fi- 
fi^ihg iiaQyioaio Tial dianoviiöaig sig xb ixQißiöxatov x&v ($hv 
iup€UQ(bv ULiQivi xolg d% nQOödxxav^ iv xaiQA xal XQBÜf xal xal- 
lovfj iutiuxQ&v xb diovj ^xat öot ni^avAxaxog 6 Xiyog xal ffi- 
xoQiMmtccxog. Ib. dst yäQ dvo xoikovg notiiöaöd'av öxoTtovgj xijv 
iiiXaHfiv xov XQayfiaxog xal xb /i£^' fidovvjg drilovV ov yäff iwxa- 
ymyijöeig /i^ yotixsvav fiaxd xtvog xaQixog xal f^dovilg ftsxaßol^ 
xs nal noixikCa x&v ivofuitav, — 

Der Vortrag einer solchen Rede in einer Sprache ^ die n. dm 
musikalischer Natur war, ist begreiflicherweise ganz anderer Art kauioba. 
gewesen, als wir das in unseren Sprachen nachzuempfinden ver- ^' ^' ^® 
m5gen (s. oben S. 4 ff.). Dals die Stimme des leidenschaftlichen 
Redners in der Mitte zwischen der gewöhnlichen Sprache und 
dem Gesang stehe, galt im Altertum für selbstverständlich. 
Dats der singende Klang der Stimme in gesprochener Rede ein 
Zeichen störkeren Affekts sei, hat schon Aristozenos deutlich 
ausgesprochen, cf. härm. 19: er erklärt den Unterschied 
zwischen Sprechen und Singen daraus, dafs bei jenem die 
Stimme stetig fortschreitet, bei diesem auf Tonhöhen stehen 
bleibt, also in Intervallen fortschreitet; dtönsQ^ fdgt er hinzu, 
iv x^ diaHyBöd-ai q>Bvyoii€v xb töxavav xiiv 9091^, Stv ^ij diä 
xi^og xoxi Big xoiavxriv xlvq^iv ivayxaöd'&iiBV ik^Blv^ 
iv d% XQÜ [ukpdetv xo'övavxiov ;roiOt)fi£v, xb yäff üWBxkg (fBvyo- 
fUVj xb d' iöxdvav x^v q>mviiv &g ^kiöxa dubxo^iBv. Daher wird 



56 I* I^® griechische Eunstprosa bis Angastas. 

der y ollendete Redner, si^t Cicero (or. 55 ff.), je nach den 
Affekten, die er erregen will, den Ton seiner Stimme wählen: 
volet et cantetUa voce atroeiter dicere et summissa Uniter et nuHmala 
videri gravis et inflexa miserdbiUs. mira est enim gu/oedam natura 
vocis, cuius quidem e tribus ornnino sonis, inflexo acuta graivi, tanta 
Sit et tarn suavis varietas perfecta in cantibus. est autem etiam 
in dicendo quidam cantus ohscurior. Über dieselbe Sache 
spricht ausfOhrlicher Qnintilian I 10: nachdem er eine lange 
Erörterung über die Bedeutung der Musik fOr die Erziehung 
aus einem gelehrten griechischen Autor abgeschrieben hat (§§ 9 
bis 22), führt er, ebenfalls nach einer griechischen Quelle, aus, 
daijs fdr die Bede dasselbe gelte, was f£Lr die Instrumental- und 
Vokalmusik: da das seit den ältesten Zeiten so gewesen sei, 
wolle er das Sichere nicht durch eine ängstliche Verteidigung 
zweifelhaft machen (§§ 22—33; cf. IX 4, 10; XI 3, 19. 22 S. 
167 ff.; aus guter Quelle auch Auct. ad Her. III 11, 19 iL). 
Das behielt zu allen Zeiten Gültigkeit; so, um nur noch zwei 
Zeugnisse anzuführen: 

Longin. rhet. I 312, 14 Sp.: olxxii6ikBvov d% dat luta^if 
Xöyov XB xaX pdfjg xhv lixov xoiijöaöd'aL' oGte yäg ducXeyöfuvög 
iiStiv (ivaxsi^si yä(f olxtog iiadeiVj Sd-sv iQxal fMvaucilg 
XaQfMvii XB xal At^i;, xov q)^iyitaxog insysiQOiidvov XQÖg xi^v 
[uxaßoXijv xflg Xiisa)g)j oüts pd^ ioiocBv^ äXlä xücxsi iiBxalif 
xo^xaw. 

Cassiodor. var. U 40 (an Boethius über den Wert der 
Musik): fhaturalis rhythmus animatae voci cognoseUur attributus: 
giii tunc melos pulchre custoditf si apte taceatj congruenter loquatur 
et per accentus viam musicis pedibus cornposita voce gradiatur. m- 
venta est guoque ad permovendos animos oratorum fortis ac suavis 
oratio, ut criminosis irascantur iudices, misereantur errantibus: et 
quicquid potest eloquens efficere, ad huit^ disciplinae tum est dubium 
ghriam pertinere. 

Mit der Theorie ging die Praxis Hand in HiEmd. Piaton 
Menez. 235 E bis 236 A setzt als selbstverständlich yoraus, 
dafs der Unterricht in der Rhetorik mit dem in der Musik 
vereinigt werde. Demosthenes und Äschines haben sich gegen- 
seitig das Raffinement vorgeworfen, mit dem sie durch 
Biegungen der Stimme ihr Publikum zu gewinnen suchten: 
Demosth. de cor. 259. 280. 291; Aesch. adv. Ctes. 70 f. Dafe 



Musik. 57 

flieh C. Gracchus, wenn er redete , durch einen versteckt hinter 
ihm stehenden Sklaven auf einer Stimmpfeife (xovdQiov), wie sie 
der fpAvaaxog brauchte, die jeweilig zu wählende Stimmhöhe 
und Stimmlage {xiöio) angeben liefs (auf deren Bedeutung für 
den Redner oft hingewiesen wird: Aristot. rhei III 1. l403b 26; 
Chrysipp. bei Flui de Sto. rep. 28 u. a.), ist eine Thatsache, 
die 80 gut wie nur eine bezeugt ist, und die nur moderne 
ivtu6^6la ßtcQßagiipaivog bezweifeln kann.^) Wir werden bald 
sehen, dab die von den grölsten Autoritäten geteilte Ansicht^ 
nach welcher die leidenschaftliche Rede in der Mitte zwischen 
gewöhnlicher Sprache und Gesang stehen solle, f&r uns ein 
wiehtige. Kriterium abgiebt zur Beurteilung einer Richtung, die 
auch hier das Mab verlieb, indem sie die Rede dem Gesang 
nicht mehr ähnlich, sondern ihm gleich sein lieb. 

Den deutlichsten, auch f&r uns noch erkennbaren Ausdruck >. Butr« 
fand das Musikalische der Rede in der Hiatvermeidung, die Iso- 
krates als Gesetz formulierte und durch seine Autorität für Jahr- 
hunderte sanktionierte; das musikalische Element der Yer- 
meidimg der öiiyTCifiyüöig ^>ayvriivt(ov wird ausdrücklich hervor- 
gehoben von Longin rhet. I 306, 8 ff. Sp. und Hermogenes de 
id. p. 338, 29 ff; 340, 5 ff«) 

Das Musikalische tritt aber auch in den einzelnen Buch- s. Bnoh 
Stäben hervor, aus denen die Worte zusammengesetzt sind. Wer ' worto" 
abo musikalisch schreiben wollte, mubte xä Xiyöiuva xalä 
iw6§itmc anwenden (Theophrast bei Dem. de el. 173), d. h. 
solche, die ihrer Bedeutung nach wohlanständig, ihrem Klang 
nach aus * schönen' Buchstaben zusammengesetzt waren, wie 
schon Likymnios lehrte (Plat Phaedr. 267 C; Aristot. rhet III 2. 
1406 b 6). Mit einer fdr uns unverständlichen Sensibilität haben 
die alten Schonredner besonders auf das letzte in Theorie und 
Praxis geachtet: gestatteten sie doch sogar sprachliche Fehler 
der Enphonie zuliebe (Cic. fragm. 43 p. 142 Baiter). Die Laut- 
physiologie ist im Altertum nie eine selbständige Wissenschaft 
geweaen, sondern eine Dienerin der Rhetorik: nur um fest- 



1) Die Stellen werden gut besprochen von B. Büttner, Porcios Licinus 
(Leips. ia98) SO ff. Cf. E. Seelmann, Die Aassprache des Latein (Heilbronn 
1SS5) S7. 

S) Cf. W. Schmid, Der Atticismus I (Tübingen 1887) 59, 28. Eaibel 
L c. (oben S. 89) 9. 



58 I- I^ie griechische Eunstprosa bis Augustus. 

zustellen, welche Laute schön und daher in gewählter Prosa zu 
brauchen, welche unschön und zu meiden seien, hat man Unter- 
suchungen über die Natur der Laute und die Art ihrer Aus- 
sprache angestellt, die neben vielem für uns Albernen doch auch 
manche feinen Beobachtungen enthalten.^) Diese Untersuchungen 
liegen uns vor besonders in der Schrift des Dionys tuqI öwd-i- 
ösmg övondxmv 14 f., bei Lucilius IX (der litterarische Kreis 
des Philhellenen Scipio war für diese Fragen sehr interessiert), 
bei Cicero or. 153 ff. und in den Fragmenten aus Yarros Schrift 
De sermone latino, deren Nachwirkung bis auf Dante De yulgari 
eloquio 11 7 zu verfolgen ist Dafs sie auf die Zeit der An- 
fönge der Eunstprosa zurückgehen, zeigen aufser dem platonischen 



1) Für einzelnes cf. R. Volkmann L c. (oben S. 2, 1) 514 ff. — Cicero 
or. 158 (aus irgend einer römischen Quelle, yermutlich Varro) meint, ans 
aadUa maxiHa vexiUum pauxillus sei deshalb cUa mala vektm pauUus ge- 
worden, weil die elegantia sermonis latini das z als eine vasta lütera yer- 
schm&ht habe; das £ erklärt auch Dionys. de comp. verb. 14 als ein äxc^fi 
ötoixBtov und Yarro de serm. lat. fr. 49 Wilm. erklärt crux trux ffir 
asperae voces. Auf derselben Stufe steht, wenn Cicero or. 158. 162 die 
Abschaffung der alten PiAposition af daraus erklärt, dafs f eine inauaivissima 
littera sei (cf. Quint. XII 10, 29). Von Appius Claudius Caecus lautet die 
bekannte Tradition bei Mart. Cap. KI 261 (nach Yarro): z idciroo Äppim 
Claudius detestatur, quod denUs mortui dum exprimitur imitatur\ in den 
riltselhafben Worten hat Mommsen (Böm. Forsch. I 304) morhii ändern 
wollen, aber Buecheler (mündlich) weist darauf hin, dafs nur durch dies 
Wort die detestoHo yerständlich wird (cf. Hör. epod. 5, S9). Ich glaube, die 
Worte einigermafsen erklären zu können. Celsus de med. II 6 fShrt unter 
den Zeichen des herannahenden Todes an: ubi is qui mewtis 8uae non est 
neque id facere sanus solet, dentibua atridet; nun ist stridere cvQltHif, 
Stridor cvQiyiUg, dieser aber galt bei den Lauten fOr besonders häßlich: 
Dionys. 1. c. &xaQi Öh xal &ri6hs tb tf, xal U nlBOpdcsu, a<p6dQa XwesV 
dTiQtAdovs yccQ xal dl^yov (i&XXov ^ loyin^g i(pdnt£c4^cu Sonst (pmHjg 6 
cvQiyiL6g, und im folgenden verwirft er aus demselben Grund das (; ygL 
auch Quint. XII 10, 29 (vom f) paene non humana whx vel omnino non voce 
potius inter dentium discrimina efflanda est. Unser Gefühl ist in diesen 
Dingen oft yom antiken y erschieden, cf. Lobeck zu Soph. Aias ' y. 61 p. 104 f. 
und y. 726 p. 834 f., sowie besonders ders. De praeceptis quibusdam grammati- 
corum euphonicis in: Paralipomena I (Leipz. 18S7) 3 ff. — Dagegen- sind die 
lautphysiologischen Bemerkungen in den Fragmenten des Nigidius Fignlus 
(p. 76 f Swoboda) ganz achtungswert^ und der lateinische Grammatiker der 
Bepublik, der die bis auf den heutigen Tag üblichen Buchstabennamen er- 
fand (cf. F. Marx, Studia Luciliana [diss. Bonn 1882] 8 ff.), mufs, wie mir 
Th. Siebs bemerkt, phonetisch geschult gewesen sein. 



Musik. 59 

Eraiylofl die Titel der musischen Schriften des Demokrit 
(Laert. IK 48) iteQl xalXo67itn/ig inimv^ UBifl Biq>mva)v jcal dvötpA- 
vm¥ yQaftputtav nnd des Hippias (Hipp. maL 285 C) xsqI yQaii- 
fdxmv iwd{umg wtl övXlaß&v. Aach in dem nach sophistischen 
Lehrrai modernisierten Schulunterricht Athens im fünften Jahr- 
hundert wurde auf richtige Aussprache grofses Gewicht gelegt, 
cL Arifltoph. Wölk. 870 ff. und Buecheler im Rhein. Mus. XX 
(1865) 302. Die Buchstaben^ die man für schönklingend oder 
besonders wirkungsvoll hielt^ setzte man gern an die Anfänge 
mehrerer aufeinanderfolgender Worte: wie nennen das mit einem 
Eunstausdruck des 15. Jahrhunderts ^Allitteration'.^) Die alte 
Eunstprosa hat von diesem übrigens schon Homer und den 
alten Tragikern bekannten und an gewissen Stellen instinktiv 
zur Anwendung gebrachten Eunstmittel starken Gebrauch ge- 
maehty und es ist bezeichnend, dals gerade Demokrit und Hippias 
Yoranstehen (während Gorgias hier mehr zurücktritt, da er die 
Elangwirkung an das Ende der Worter zu legen liebte): aus 
jenem führt Birt 1. c. (oben S. 22, 3) 185 an: fr. 148 Nai luyCöttiv 
pLttdxei [kotfccv 6 ti(iäg il^iag tdiivmv 160 xxBivsiv XQ^ ^^ 9^- 

1) Antike Aiudrücke sind «a^^^tfig, 9rap((fUHoy, 6itoionQ6fpoQOv; die 
beiden letzten wurden von lateiniflchen Technikem übernommen, da eine 
lateinische Bezeichnung nicht gepr&gt wurde (auct. ad Herenn. IV 12, 18 
msita assidmtaa eiusdem littertie), cf. Volkmann 1. c. 514. Das Mittelalter 
flbemahm die Bezeichnung paramoeony aher in barbarisierter Form parono- 
Wioeon^ was sich auch in Hss. des Donat und Charisius findet, cf. D. Beich- 
ling in seiner Ausgabe des Doctnnale von Alexander de Villa -Dei (Mon. 
Genn. Paed. Xu 1898) zu y. 2447. Der Ausdruck (UlittertsUo ist, wie L. Buch- 
hold, De paromoeoseos ap. vet. Born. poet. usu (diss. Leipz. 1888} 15, 3, 
festgestellt hat, eine Erfindung des Joh. Jovian. Pontanus (1426—1508), und 
iwwr in seinem Dialog Äetius (Opera, ed. Basileae s. a. [1556] toI. II p. 1872 ff.). 
Er drang aber nicht gleich durch, noch Andr. Schottus, Cicero a calumniis 
Tindicakis (Antrerp. 1618) c. 10 p. 148 (der Ausg. von Jo. Alb. Fabricius, 
Hamb. 1780): IZk^x^^*^ ^' ^f^QVZ^C^ rhetarum filii Schema naminant &nb 
To6 ««fi]xcfr. Budaeo * adfwminationem^ nobis ^ resuUaiticmem^ nommare 
laüme Ueeat, tU in poeUa anÜquM^ praeserHm Marone, Javianus Pontanus 
* äüiUeraiUmem* 8oUt%u est appellare. — Über Allitteration ist in unserm 
Jahrhundert unendlich yiel geschrieben und yon den meisten ohne Kenntnis 
ihrer Vorg&nger; ich könnte zu der Litieraturangabe in den ^Jahresber. üb. 
d. Fortschr. d. klass. Alt.' LXXVU (1893) 884 f. sehr viele Nachträge machen. 
Auf einzelnes werde ich gelegentlich zurückkommen müssen; für Homer und 
die Tragiker verweise ich auf J. Mähly im N. Schweiz. Mus. IV (1864) 207 ff. 
(anch Lobeck zu Soph. Aias* v. 866 p. 880 f.; Eaibel zu Soph. El. p. 108. 159). 



60 I- 1^6 griechische Ennstprosa bis Augnstas. 

(mivovta na(fä dCTcqv xavta n€(fl xavtögj xal tavta 6 noiimv 
ei^fiirig xal dütfqg xal ^d(f6$og xal xtiiöiog iv navtX xötfiip |*^ 
gof/a (AotQav iu9'il^€i 165 TUpdwog xccM&g iatoinv u. ä. Den 
Hippias läCst [Piaton] Hipp, mal 286 A sagen, er habe in 
Sparta gehalten X6yov xayxdlag övyxsifuvov xal &3LXmg si dux- 
xeiij^vov xal totg dpö^ucöi und das Xifdöxfifia dieses Xiyog sei 
folgendes: ixeidii i} T(foia ijXa^ Idyn 6 Hyog^ Svv Nsimtölifiog 
NiötoQa i(fOitOj xotd idti xaXä initfidsiinataj St &p tig i%v^ 
tfidBvöag viog hv sidoxifubtatog yivoixo' li^ctä taika ii^ kiyanß 
iötlv 6 NiötfOQ xal imoxiJ&ifkwog ait^ nifucokXa xal xiyxaia. 
Piaton hat dies Konstmittel im Menexenos parodistisch ver- 
wendet, z. B. 238 A oi yäg y^ ywatxa [u^intitai xwjöei xal 
yswiiöeij iliä ywij yijv 247 A &v ivsxa xal nqünov xal Htfra* 
tov xal diä Ttavtbg näöav xdvtmg %ifo9vfUag xsvgäö^s i%Biv 
249 G Ttäöav navtaiv TCaffä %dvta xhv xqövov hcifUleiav nowv^ 
nJvri 241 B xal nkifitat xal nloikp (cf. Th. Bemdt^ De ironia 
Menezeni Platonici [diss. Münster 1881] 28). In dem Epi- 
taphios des Lysias (?) steht § 36 xavtaxö^sv TCBQUUtvdpui xXi^- 
d-og nolBiUiov. Aus Enripides, der das Mittel nicht mehr wie 
die anderen Tragiker instinktiv und selten, sondern bewolst und 
häufig anwendet, ist schon oben (8. 29) einiges angefahrt. In 
der späteren Eunstprosa ist dies Mittel zur Hebung der Bede im 
Vergleich zu anderen zurückgetreten.^) 

Bei dieser Empfindlichkeit des Ohrs ist es begreiflich, dals 
es im ganzen Altertum, ja im Mittelalter und in der Humanisten- 
zeit für häCslich galt, durch eine ßdQßaQog y3i&06a mit ihren 
harten Lauten das Ohr zu beleidigen und den sanften Flu& der 
Rede zu stören.') 



1) Massenhaft begegnet es erst wieder in der lateinischen Prosa angel- 
sächsischer Schriftsteller, z. B. des Aldhelmus und Bonifatins, aber bei 
ihnen ist es eine lokale, aus ihrer nationalen Sprache zu erklärende Eigen- 
tümlichkeit. 

2) Bei Plaut US Capt. 881 ff. schwört der Parasit Ergasüus bei ita- 
lischen St&dten: yol ticv Kigav^ wal täv JlQuivietriify val ticw ^ovcivApcc^ 
vid tuif 'AXdtQiav^ worauf ihn Hegio fragt: quid tu per harbaricas %irln8 imraa? 
Erg. quia enim asperae Sunt, iU tuam victwn autumabaa eaae. Das hatte 
für den Griechen mehr Sinn als fOr den Bömer der plautinischen Zeit. — 
Die Gnechen pflegten die Wörter der lateinischen Sprache (die sie fOr eine 
Barbarensprache hielten, bis einige auf den schlauen Gedanken kamen, sie 
für eine Abzweigung des aeolischen Dialektes zu erklären) der ihrigen 



Musik. Ql 

Wie der Rhythinas dem Ohr durch den Klang der Worte hlacü 
nimfallig wird, so dem Auge durch die harmonische Bewegung 
des Korpers. Man weiis, welchen Wert das Altertum darauf 
gelegt hat: est enim actio quasi corporis quaedam doqttentia sagt 

m^S^ichst sn assimilieren, am liebsten yermieden sie sie ganz, cf. Plntarch 
de fort Born. 10, 822 F lägveato d' ohf {Zigfitog TvXXiog) T4fxn9 ^9^ ^ 
pk9 KoMWtmUtp x6 tljg IlQifuyBPslag Xiyoiiivrig, h »^»roy^ov Xig &v hq^kri- 
9i4€§u' «ol x6 tilg '(hpenovivtis^ fjv ol {ikv nsiJ^wtov ol &h iuiXCxmv elvai 
fl«fUtov«t. iUtllo9 dh xii(f. 'Pai^aXnäg idüag dvoftaeLag 'EHf^viCTl rag 
99pdfb9tg Tto id(fv(idtüiv neig^oiMi xcctaQi^^i^cce^ai. Besonders die Atti- 
dsten waren darin empfindlich: Lukian de hist. conscr. 21 von einem 
Historiker seiner Zeit: ^h to« xo|u^9} 'Atti%6g Blvai %ai äno%e%cc»d^ai 
tifw y » ^ » ig th inLQißiütatov 'fiilaeav a^og %cA tä 6p6fucta fistccKOiljeai 
fit *Flmfudmß «ol fitrsyy^tt^a» Ig xb 'EkkrivMAv^ &g Kq6wiov it^w ücctovifvlvov 
lifHw^ ^^^69X19 &h x^ ^^if^vxopccj Tixävtow dh xbv Tixucvbv %al &XXa noXXA 
f^Loi&x$pa (doch gab sich Lnkian selbst den Schriftstellemamen Avntvog). 
Apollonios Ton Tyana tadelte sogar den Gebrauch rOmischer Namen 
bei den Hellenen (ep. 71. Philostr. ▼. Ap. IV 6). Es ist von höchstem Inter- 
6Me, sa Terfolgen, wie trotz der Bemühungen der Atticisten lateinische 
WMer ins Griechische eindringen, den griechischen Lautgesetzen sich mehr 
oder weniger assimilierend, womit die fernere Untersuchung zusammenhängt, 
weit die Kenntnis des Lateinischen bei den Griechen in den Terschie- 
Zeiten ging (es herrschen darüber, wie ich sehe, bei vielen ganz 
Vorstellungen); ich habe seit Jahren begonnen, das ungeheure 
Material zu sammeln (aufser den Inschriften bieten besonders die Eirchen- 
bistoriker viel, und natOrlich die Byzantiner); einiges findet man darüber 
in: The apostoUc fathers Part n (ed. 2) ed. Lightfoot (London 1889) yoI. I 
409 ff. n 362 und besonders bei Caspari, Quellen z. Gesch. d. Tau&ymbols 
n. der Olaubensregel m (Christiania 1875) 267 ff. In der ganzen griechischen 
Litterator, soweit ich sie kenne, ist mir nur eine Stelle begegnet, wo im 
grieebifleben Text ein lateinisches Wort mit lateinischen Buchstaben ge- 
schrieben ist: Didymos Alex, (f 396) de trinitate I 15 (39, 299 f. Migne), 
wo er in Sachen des arianischen Streits in den Worten iw d^xH ^^ (®^- 
Job. 1, 1) das ^w plusquamperfectisch verstehen will, um damit das arianische 
4^ 8f« efo liw (sc. der Sohn) als absurd zu erweisen: i) yicQ U^ig if *iv' 
kma^ip/t^atig i€xi9' *P»iuctcxl dh i) dacaifiiupaxag hu. 9^o Xi^tmif evy%sixai' 

piUS<|U^a)peRf eCTUS * i^^n^e^^ai dh *nUov n xiXitog\ &axi 9^ änai- 

ui pe q^fl f m ^i^x9^^^ 4 &vaifxog^ wozu der Herausgeber der Schrift 
(Job. Aloys. Mingarelli, Bononiae 1769) eine gelehrte Bemerkung macht (die 
lateiniBchen Buchstaben stehen so in einem Cod. Vatic. s. XI). Bei lustin 
sp. I 23 und Eus. h. e. 11 13, 3 schreiben unwissende Editoren JESl ZAr- 
KTSi gegen alle Hss. mit lateinischen Buchstaben. Das Edikt bei lust. 
ip. I 68 las Eus. h. e. IV 8, 8 in seiner Hs. des lustin lateinisch. — Vollends 
ein Granen erregten WOrter aus den eigentlichen Barbarensprachen (cf. 
Strab. XIV 361 f.), daher pflegen sich besonders Geographen und Kultur- 



62 I. Die griechische Eonstprosa bis Ang^stus. 

Cicero or. 55; bekanntlich sind darüber seit Thraaymachos (Ar. 
rhet. in 1. 1404a 13) und besonders Theophrast (cf. Diela^ 
Abb. d. Berl. Ak. 1886, 32 f.) die detailliertesten Vorschriften 
gegeben, deren Einzelheiten besonders in Quintilians elftem Buch 

historiker, sowie die christlichen Übersetzer aus dem Hebräischen bei ihren 
Lesern zu entschuldigen: Plinius, n. h. praef. 18 sterüis materia, rerum 
natura, hoc est vita, narratwr, et haec sardidissima sui parte, ut plurimarum 
rerum aut rusticis voeabulis aut extemis, immo barbaris, eHam cum honoris 
praefatione ponendis; cf. Mela praef. (auch Strabon äuTsert sich irgendwo 
ähnlich, doch finde ich die Stelle nicht wieder). — Gregor Nyss. ep. 20 
(46, 1080 Migne) n^bg 'AdiXtpiov axolaati%6v' i% t&v Ibq&v Oiavanätv (cfyt 
fii^ iLdi%& %aX&v inixtoQitog xbv x6nov) xavxr^v cov riiv ini^oXiiv disxtxifaia, 
didinelv di (prifii xbv i&qop^ Zxi ft/rfilv i%ei yXaqwgbv inmwvfdoy %a\ ^ xoue6xri 
To4) xAnov x^Q*'S ^ cvvBfupaivexai x& raXaxi%m xo^fxto nQOC^fuxti^ iXk* dip- 
^aXii&v iaxi XQBia xätv k(fii^vsv6vxav xfjv x'^Q''^- Hieronymus praef. chron. 
(VUl 6 Vall.) klagt, dafs die barbara nomina bei Eusebios ihm die Über- 
setzung erschweren; in ep. 20, IfP. läfst er sich (auf Bitten des Damasus) 
in Detailerklärung des hebräischen Urtextes ein, den er in lateinischer Um- 
schrift anfahrt und Buchstaben für Buchstaben analysiert, dann bricht er 
§ 4 ab quoniam hae minutiae ei istiusmodi disputeUioms arcanum prqpter. 
barbariem linguae parüer ac litterarum legenti molestiam tribuunt und weist 
zum Schlufs (§ 6) noch einmal auf das Unangenehme solcher fremdsprach- 
lichen Untersuchungen hin. Cassiodorius de inst. div. litt. 15 (70, 1127 
AB Migne) schreibt seinen Mönchen eigens vor, keine Änderungen an den 
hebräischen Eigen- und Ortsnamen beim Abschreiben vorzunehmen. — Ffir 
das Mittelalter vgl. Namensänderungen, wie Winfrid-Bonifatius, Willibrord- 
Clemens u. ä., und folgende bezeichnende Stellen: Adamnanus vita S. Co- 
lumbae (verf. zwischen 692 u. 697) praef. (ed. W. Reeves in: The historians 
of Scotland VI 1874 p. 106) beati nostri patroni . . vitam descripturus . . . 
in primis eandem lecturas quosque admonere procuräbo, ut ... res magis 
quam verba perpendant . . . et nee ob aliqua Scoticae, vüis videlicet linguae, 
aut humana onomata aut gentium, obscu/ra locorumve vocabvXa, quae ut puto 
inter aJias exterarum gentium diversas vilesctmt linguas, utilium . . . despi- 
ciant rerum pronwntüxtionem. Otfrid (s. IX) im Prolog zu seinem Gedicht 
p. 10 Piper: der trostlose Zustand, in dem sich die deutsche Sprache be- 
finde, zwinge ihn öfters zu Soloecismen, die er nach Gattungen aufzählt; 
horum supra scriptorum omnium vitiorum exempla de hoc libro theotisce po» 
nerem, nisi inrisionem legentium devitarem. nam dum agrestis linguae tti- 
cuUa verba inseruntur latinitatis planitiae, cachinnum legentibus prebent. 
Servatus Lupus (s. IX) vita S. Wigberti praef. (119, 681 f. Migne): id 
autem a periti benevolentia lectoris obtinuerim, ut sicubi latini sermonis lenitas 
Jwminum locorumve nominibus Germanicae linguae vemciculis asperatur, mo- 
dice ferat ac meminerit non carmen me scribere, ubi poetica licentia nonnum- 
quam nomina muHlantur atque ad sonoritatem Bomani diriguntur eloquii vd 
penitus immutantur^ sed historiavi, quae se obscurari colorum obliquitatibus 



Gorgias. 63 

mitgeteilt werden^); das meiste hat sich 'in Italien bis auf den 
henügen Tag erhalten. Ein griechisches Zeugnis aus dem yierten 
Jahrhundert n. Chr.: Libanios or. 63 (vol. m 376 Reiske): 
iv fni^ ifwsviyxij tä 6%if^iiaxa totg k6yoiq^ &3cAXs6s ti[v si)tp(ovl€cv 

K(fatovv%sg oi iuxi%ovxBg tov xivBlöd^ai xaX&g ^nrov süipQavocv' 
scoülol dl xatä qxiaviKV Ismöiuvoi t^ icsqI tb 6%iriiiLatllß6^aL 
nlsatfe^fa TtQb xSbv xQSittAvan^ itd^öav. Auch hier ist das 
Obermab charakteristisch filr die später zu betrachtende Ent- 
artung der Rede: wir werden sehen, dafs dieselben Leute, die 
auf der Rednerbühne sangen, dort auch tanzten. 



Drittes Kapitel. 

Oorgias und seine Schule. 

Es ist natürlich nicht meine Absicht^ auf alles einzelne ein- 
nigehen. Leonhard Spengel hat in seinem bahnbrechenden Buch 
{Svpayayil tB%v&v sive artium scriptores, Stuttgart. 1828), durch 
das eine wissenschaftliche Geschichte der Rhetorik inauguriert, 
ja fbr gewisse Gebiete gleich abgeschlossen wurde, alles Wesent- 
liche gesagt, und einiges ist dann näher von Blass ausgeführt 

ftnuU , GozbertuB (s. IX) de mirac. S. Galli (Mon. (^enn. ed. Pertz n 22) 
m qmdem namina ecrum qui »cribendorum festes sunt vel fuerunt, propter sui 
barbariem, ne Latini sermanis infidant honorem, praetermitHmus. Cf. auch 
D. Compaietti, Yirgilio nel medio ayo p. 118, 1 der deutschen Übersetzung 
TOB H. Dfitschke (Leipz. 1876). — Was für ein Grusehi die Humanisten vor 
nationalen Namen hatten, ist bekannt; ich eitlere nur: Leonardus Bru- 
•oa Aretinns, Dialogus de tribus vatibus Florentinis (verfafst 1401) (ed. 
Wotke, Wien 18S9) 16 iOa barbaria, quae trans oceanum habitat, in illam 
(9C. tUaleeÜettm) impetum feeU. atque genUs, dii boni, guorum etiam nomina 
peHknrtMeo: Fcnrabrich, Buser, Occam aliigue eiusmodi, qui omnes mihi vi- 
demimr a Badamantis cohorte traxisse cognomina. Der Humanist und bay- 
rische ffiitoriker Aventinus (f 1688) treibt es zur Verzweiflung seiner 
modemen Leser so weit, dafs man oft mühsam interpretieren mufs, was er 
agentlich meint, so wenn er die Truhendinger ^Druidi' nennt u. dgl., cf. 
'ATontins Leben' in: Joh. Turmairs genannt Aventinus Werke herausg. von 
d. k. Ak. d. Wisi. zn München I (1880) XLIV. — Noch heute ist der Romane 
gegen den Klang fremder Namen viel empfindlicher als der (}ermane und 
gestaltet sie sich daher seinem Idiom gem&Ts um. 
1) Cf. B. Yolkmann, 1. c. 576 ff. 



64 I. Die griechische Eunstprosa bis Aogastns. 

worden. Doch mufs ich dasjenige, wodurch der gorgianische 
Stil für alle Folgezeit so verhängnisvoll geworden ist; etwas 
genauer und von anderen Gesichtspunkten als jene behandeln. 
zeibMkter 1. Wer uur ein paar Sätzchen des Gorgias^) nach einander 

*^ liest, empfindet als das am meisten charakteristische Merkmal 
die mafslose Zerhacktheit des Satzbaus: es sind lauter ganz 
kleine x&ka oder nur xö^^iata, die den Vortragenden fortwährend 
zwingen, mit der Stimme anzuhalten. Da nun der Rhythmus 
durch Kola und Pausen entsteht*), so steigert sich das rhyth- 
mische Gepräge mit der wachsenden Zahl dieser Kola und 
Pausen. So sind die Sätze des Goi^as in einem weit über die 
Grenzen des Zulässigen hinausgehenden Malse rhythmisch 
Cicero or. 39 gebraucht von diesen Satzteilchen des Thrasy- 
machos und Gorgias den Ausdruck: tninuta et versiculorum 
similia, und sagt ib. 40, Isokrates habe, da ihm Thrasymachos 
und Gorgias concisi minutis numeris erschienen wären, zuerst 
die Bede verbreitert und die Sätze mit weicheren Rhythmen 
ausgefüllt. An jedem Satz läfst sich diese Eigenart zeigen, 
z. B. Hei. 2: 

iym dl ßoiikofiai w ^ v/ _ ^ _ 

Xoytöfiöv XLva tä köyoi} doifg sjj.j.^j^^^^^ 

tilv fihv xuTi&g ixoiiovöav 

xavöai tilg altüxg ||, 



toifg dl [Ufupo^dvovg 

xal äst^at t&Xrid'hg 

xal 7cav6M xf^g i^d^iag 



J. ^ 1. J. \J 1, 

y. v/ _ \jsj _ 

y ~ - - _ v> 

-t _ - _ K^KAJ^ 



1) Die mit seinem Namen überlieferte Helena halte ich mit den meisten 
für echt. Wenn die ineptiae noch gröfser sind als die des Palamedes und 
des Epitaphios, so ist eben zu bedenken, dafs die Helena am Schlafs aus- 
drücklich als nalyviov bezeichnet wird, und dafs Aristoteles rhet. HI 7. 
1408 b 20 von sehr kühnen Assonanzen (^i^fiijf^ xal fit^fifjf') und hoch- 
poetischen Worten sagt, Gorgias habe sie gemacht fier' sl(faiv€lag. 

2) Cf. aufser dem früher Angeführten Theophrast bei Gic. de or. III 
186: numerus in conHntuUiane nullus est; distinctio et cieqtudium aut saepe 
variorum intervdllorum percussio numerum conficit; quem in cadentibuB guttis^ 
guod intervaüis distinguuntur, notare possumus, in amni praecipiUmte non 
possumus. Hermogenes de id. 269, 10 fP. tfjg d* al Xiis<og i%o6cfig itdvmg 
rivä Tial aiftijg Idi&crjta ndXiv ccl axf/jf^rd xi iütl tiva %al x&Xa, <fvp^iciig 
te xal Sivanavaeig, xal tb ig äfttpolv tovtoiv evviatdiisvov, 6 (v&iUg' i} ya^ 



staUung. 



Oorgias. 65 

Der rhythmische Eindrack wird dadurch verstärkt, daGs sehr ins 
Ohr fallende Rhythmengeschlechter ans Ende des Satzes treten, 
z. B. Hei. 6 tb iikv xQstööov '^stM^avj rö dh f^66ov S%B6^ai 
11 8<Mm Sk Stfovg icsqI S6(ov xal hcsusav xal neiöovöi 8h ifcvdij 
löyov xldöavtsg 12 ti^v dl diivafitv tijv aixi^v i%Bi. 

Er erzielt diese Rhythmen sowie seine Wortklingeleien sehr wort- 
oft nur durch starke Yerkehrung der natürlichen Wort- 
folge. Für die Rhythmen cf. Hei. 15 bI y&Q igag (i ^aj J) \ ^ 
6 t€e€ta %ivxa n^ä^aq {j. ^ ^ w j. ^j ^ J) \ oi xaXex&g diatpsliis' 
tai (^ VA/ _ VA/ - V _) I Tijv tilg Xsyo^dvrig ysyovivai \ ifiag- 
xlag mlxCav (die beiden vierten Päone ksyo^ivfig ysyovivai 
bilden einen vibrierenden Rhythmus, dann schliefst im Gegensatz 
dasa das Gkinze gravitätisch u|zu^zv^:l) 17 f^dri di xtvag 
IMvxBg q>oßsQä xal rot) icagövxog iv x& xaQÖvxi xQÖvm 
^foviiftaxog iJ^iöxriöav (die beiden letzten Worte: u/va/^.-v/; 
ingleich sollten xaQ&inog und nag&inL nahe zusammenstehen) 
19 MAg Sv 6 ^66av sttj \ xovxov inmöAc^ai \ xal ifiiiva6&ai 
dvvatög (die beiden ersten Eola: zva^^_^., zva^u^«, das 
dritte: x v ^ - -t va/ u). Für die Wortklingeleien cf. Hei. 16 a:dxixa 
yitQ iitav noldiua eAfiaxa xoldfiiov inl icoXsfiioig (mkiöfi xööfiov 
lalxoO xal 6idiJQ(yü. Pal. 37 xoifg XQtbxovg x&v xqAxiov 
''EHfivag EXliivav und viel dgl. 

Wir müssen bei diesem Faktum kurz verweilen, so schwer 
es uns Modernen auch föUt, mit unseren von ganz anderen 
Prinzipien beherrschten Sprachen uns in das antike Idiom 
hineinzufOhlen. Die feinsten Bemerkungen über die Verschieden- 
heit der Wortstellung in den einzelnen Sprachen machte schon 
im Jahre 1844 H. Weil, De Vordre des mots dans les langues 
aneiennes compar^es aux langues modernes (2. Aufl. Paris 1869, 
3. Aufl. ib. 1879): seiner Zeit vorgreifend betonte er das psycho- 
logische Moment in den Menschen imd erklärte die freie Wort- 
stellimg der antiken Sprachen^) im Gegensatz zu den modernen 



«Nie #^9^ftfi^ t&9 ToO X6yov ftc^c&y xal tb M£ mog Avcatfnaiiad'ai tbv Xdyov 
itUit pii Ml «out xb xoUv9s äXlot iti^ toi6vds elvai tbif (v^fUv. 

1) Und zwar geht das Griechische als die viel psychologischere Sprache 
bekanntlich noch erheblich weiter als das Lateinische. Diesen Unterschied 
empfand ffieronymuSf als er sich an die Übersetzung der Chronik 'des Eu- 
lebioe machte: die hyperhatomm anfradMS im Griechischen erschwerten ihm 
das Oborsetzen (YIU 8 Vall). 

Mord«A, »ntike Konitprota. 5 



66 I' Die grieddache Kiiiis^HroBa bis Angaitaa. 

daraus y daiis in jenen das Wort ein mehr unmittelbares Bild 
der Gedanken sei^), während es in diesen dnrdi sjn^taktische 
Gesetze ein mehr konventionelles Aassehen bekomme^ ohne dab 
jedoch das syntaktische Moment ToUstandig das psjchologisehe 
Terdrange (was in den von Weil herangesogen«[i Sprachen nnr 
beim Türkischen der Fall zn sein scheint). Das ist gewils 
richtig; nur wird dabei der Einflds des Rhythmus und der 
sigxovCa ftlr die alten Sprachen zu gering angeschlagen (erst 
ganz am Schlufs wird auf nur einer kleinen Seite angefügt tm 
mot 9ur le nombre oratoire)\ er findet sich dabei in direktem 
Gegensatz zur antiken Lehre, was nach seinem eigenen Dafür- 
halten (p. 69; cf. 6 ff.) sehr kühn ist. Die Wahrheit liegt wohl 
in der Mitte: das wichtigste Moment, das psychologische, dessm 
Bedeutung den antiken Theoretikern verborgen blieb und ver- 
borgen bleiben mulste, weil sie ja keine entgegengesetzten 
Normen folgende Sprachen zum Vergleichen hatten, ist stark 
modifiziert durch ein konventionelles Gesetz, aber nicht, wie bei 
den neueren Sprachen, das der Syntax, sondern das des Wohl- 
klangs. Der Ausdruck hxBgßax&if kommt zum ersten Mal Plat 
Prot. 343 £ in der Erklärung des simonideischen Gedichts vor, 
d. h. Begriff und Wort sind, wie das meiste derartiger Termino- 
logie, schon von den alten Sophisten geprägt worden. Die 
Rhetoren haben es als wichtiges Mittel des hohen ^ Stils 
anerkannt, Dionys von Hai. hat diesem Thema eine ganze Schrift 
gewidmet, vgl. femer z. B. Auct. ad Herenn. IV (V) 32, 44 
tramgressio est^ quae verborum perturbcU ordinem perversiane anU 
transiectione. perversüme sie: ^Hoc vobis deos immortaies arbiträr 
dedisse vir tute pro vestra* (zur Erreichung der beliebtesten 
Klausel, die uns später beschäftigen wird, i ^ i. x J), transiecticne 
hoe modo: ^Instabilis in istum plurimum fortuna valuit* 



1) Cf. Eaibel 1. c. (oben S. 89) 96 ,,Allgemeingiltige Gesetze fOr die 
Wortfolge giebt es im Griechischen kaum : ein so ein&cher Säte wie ol d' 
'Adrivatoi tohg Aa%idouiu^vlovg ivUriaav läTst eine sechs^Mhe Ordnung der 
drei Begriffe zu, eine jede wird nnter dem Drucke des Gedankenganges die 
einzig richtige sein kOnnen. Der Gedanke ordnet die Worte, nicht ein Sprach- 
gesetz, und je klarer der Gedanke, desto klarer und einfeusher nicht nur 
der Ausdruck, sondern auch die Wortstellung/^ 

2) Im laxvbg xagccxti/JQ soll der aatpiivBuc halber die t^an^ ta^ig tAv 
dvoiidxmv heiTschen: Demetr. de eloc. 199. 



Gk>rgia8. 67 

(Klausel: x u u u y^ ebenfalls beliebt). ^Omnes invidiose eripuit 
hme vivendi casus facultates* (Klausel: z u a. ^ . wie im ersten 
Beispiel), huiiismodi iraiectio, quae rem non reddit obscuram, 
mviUmm proderit ad continuationes (Periodisierung). Quintilian 
Vm 6, 62 ff. Hyperbaton quogue^ id est verbi transgressionemj quo- 
niam frequenter ratio compositionis et decor poscit, non immerito 
inter virkdes habemus. fit enim frequentissime aspera et dura et 
€ÜS€iuia et hians oratio, si ad necessitatem ordinis sui verba re- 
diganimr et^ ut quodque oritur, ita proximis, etiamsi vinciri non 
poltest, adligetur e. q. s., cf. IX 3, 91; 4, 26 ff. Danach ist in der 
Praxis ver&hren worden^ und auch hier ist das Mals Kriterium 
des Kunstvollen und des Yerkünstelten gewesen. Wie Isokrates, 
der gröfste bewufste Künstler des Stils, es fast immer erreicht 
bat, den Hiat zu vermeiden, ohne dafs er den Worten durch 
Umistellung allzu grofse Oewalt anthat^), während weniger gute 
Stilisten wie Polybios') und Tatian oder elende Skribenten wie 
der Verfasser des Aristeasbriefes zur Erreichung desselben Zwecks 
die Sprache mehr oder weniger vergewaltigten: so schreibt 
Piaton, der gröfste instinktive Künstler des Stils, rhythmisch 
ohne Zwang (obwohl auch er einer gut bezeugten Tradition zu- 
folge gefeilt hat) und bis zu einem gewissen Grade auch Cicero, 
dem die Kunst zur Natur geworden war, während bei einem 
Gorgias und Hegesias, einem Coelius Antipater und Maecenas das 
Raffinement sich in einer dem Rhythmus zuliebe verkünstelten 
WortsteUung zeigt; diesen Yerirrungen werden wir später noch 
im einzelnen nachzugehen haben. 

Aufser dem Streben nach rhythmischer Diktion war auch 
das Haschen nach Ungewöhnlichem besonders für spätere 
Autoren ein Grund zur Abänderung der natürlichen Wortfolge; 
so empfiehlt Longin Rhet. I 308, 24 Sp. die lUtäd'Eö^ t&v 
liyoiUvmVy Stccv tijg öwTi&ovg x^Q^S ixxiötj xal xfi XBnatriiiivy 
wiöfLOv xeQuhcty, d}g i&v Idyaiisv ^oidiv di* £AAo' ical ^tovtov 



1) Von den Beispielen, die E. Peters, De Isocratis studio numerorum 
(Progr. Psrchim 1888) 16 für die Verletzung der üblichen Wortfolge zu- 
mnmengestellt hat, sind zutreffend nur 4, 80 t^ noist9 bI cf. 63 t&v sl 
wovifiAwtmv^ 4, 62 tolf Stdinovii^voif icel t&v *£XXijjrioy, 9, 89 iAka nsgl a{>to^ 

8) Cf. F. Ellker, Quaestioues de elocutione Polybiana in: Leipz. Stud. 

UT (1880) 867 ff. 

6» 



68 !• I^e griechische Kanstprosa bis Aogastas. 

tömg' xal ^iördga toCwv Ä^xrfrij*, und wenn z. B. Eunapios ▼. 
soph. p. 15 Boiss. schreibt: sropft^ovrat 8\ %atä ti^v &Qav slg 
tä rddaga tov Itovg^ so thut er das nur, weil ihm die fest- 
stehende Verbindung Sqcc hovg zu gewöhnlich ist. Gewisser^ 
mafsen prototypisch fQr diese ganze Richtung könnte man die 
Inschrift unter Gorgias' Statue in Olympia (Arch. Zeit XXXY 
[1877] 43) nennen: XaQfiavtidov FoQyCag Asovttvog.^) 
concetti. 2. Übertrieben und imnatürlich wie der Stil waren die Ge- 

danken, die, häufig in die Form von yv&fuu gekleidet, wie ein 
Raketenfeuer des Esprits aufsteigen, um sofort zu verpuffen. 
Theophrast hat den Grund dieser und ähnlicher Yerirrungen 
feinfühlig aufgedeckt: den Tugenden sind die Fehler benachbart^ 
und so kommt es, dafs Schriftsteller, die groüsiartig oder einfach 
oder zwischen beiden reden wollen, schwülstig oder platt oder 
kraftlos werden, während die wahre Kunst gerade darin besteht, 
die Extreme zu vermeiden. Als man nun fELr jede dieser drei 
möglichen guten Redearten unter den klassischen Autoren Muster 
aufstellte, faXste man alle jene Yerirrungen imter dem Namen 
der * üblen Nachahmung', xoMolriXCa^ zusammen. Gorgias ge- 
hörte zur ersten Kategorie der xaxo^i^kCaj von der es bei dem 



1) Bemerkt von Eaibel, Epigr. gr. p. 634. Hier sind vor allem 
Spezialuntersuchmigeii bei einzelnen Schriftstellem nötig, wie sie Yahlen 
(Prooeminm Berlin 1894^ p. 10 f.) bei Valerius Maximas angestellt hat, 
wodurch er eine ganze Breihe von Stellen vor Änderungen geechütst 
hat. Ich erinnere mich z. B., dafs der Verfasser ksqI ^ov$ in der Um- 
stellung sehr weit geht; so schreibt er 9, 6 &vatQOitiiv dh ZXov %al 9iA<naciv 
To4) %6c^ov Xaitpdvovtog (wo Jahn nach Ruhnkens Vorgang 9h (ßiy6lav 
ändert); c. 10, 1 8 itiv yäif tf i%loyfl tbv äxQOcctiiv täv Xrift^dtaw, 8 dh 
tfj «vnvdtaBi tätv inlelBynipwv «Qoadyetai (wo früher entweder tAv li]/»fMiS- 
xav vor x6v &KifoceTifiv gestellt oder tbv d%Qoatiiv getilgt wurde). Einmal 
haben sogar die alten Abschreiber Anstofs genommen: o. 10, S üvnsQ ol- 
fuci, xal inl t&v xBifiAvmv tQ6itov 6 noiriti^g imXaftßdvH tAv »apoKoXov^o^- 
xoHf xä xalendtTaxa: hier steht in der Hs. dnsif und xbv ist über x&9 (vor 
XHii6v(ov) geschrieben worden; die Emendation Zvn§Q ist schon Ton Ma- 
nutius gemacht. Für Demosthenes Tgl. Blafs 1. c. m 1* p. 141 ff. — Für 
die Dichter fehlt aufser den paar Bemerkungen yon Naeke zu Valer. Cato 
284 ff., Haupt, opusc. n 1S4 ff., Eaibel zu Soph. El. (cf. Register s. 'Wort- 
stellung'), sowie der Dissertation von H. Boldt, De liberiore ling. graec. 
et lat. colloc. yerb., Göttingen 1886, noch alles: und doch, welch ein Unter- 
schied z. B. zwischen Vergil und spätem Epikern wie Valerius Flaecus! 



Gorgiaa. 69 

hier nach sehr guten Quellen berichtenden Auct. ad Herennium 
heilst (lY 10, 15): gravi figurae (er meint das adQÖv oder [uya- 
ioM^fsnig) quae laudanda est, propinqtM est ea quae fugienda: quae 
rede videbüur appeUari, si swfflata nominäbitur. nam ita ut cor- 
poris honam habüudinem tumor imüatur saepe^ item gravis oratio 

saepe inperitis videtur ea quae turget et inflata est In hoc 

genus plerique cum declinantur et ab eo quo profecti sunt aberrarunt, 
specie gravitatis falluntur nee perspicere possunt ora- 
tionis tumorem. Mit spezieller Anwendung auf Gorgias und 
seine Nachfolger drückt das der Verfasser der Schrift vom Er- 
habenen so aus: in der Absicht, neu, geistreich (xofiifoC^) und 



1) Hier einiges, was ich mir ffir diesen und die gleich folgenden 
Ausdrucke gesammelt habe (Emestis Lexic. technol. bietet fast nichts). 
%9i^^69 sierlichy dann überhaupt geistreich (besser entsprechen französisch 
pE^enx, englisch euphnes, die italienischen concetti) stammt aus der 
alten Sophistenzeit, das sehen wir aus Aristophanea, Euripides, Piaton; bei 
Aiifltoph. Nab. 6i9ff. verspricht Sokrates dem Strepsiades, er wolle ihm 
beibringen t&a» non'tifbp iv avvovol^, indem er ihn in der Rhythmik (dem 
iiübfyiX^ besonders des Hippias) unterrichte, cf. Ban. 967; Av. 197; fr. 
ine. 106 (ü 1801 Mein.); Eurip. Suppl 426 ff. (Theseus' Antwort auf die Bede 
des s4^vt) %oii/t^6g y' 6 %fiffvi %al naifiQydtrig X6y(ov. \ intl ^ Ayßbva nal av 
%M^ ^jjmvlcmj \ &%av'' afkiXlav yäif c^ nQO^dTjnag Idymp^ Hipp. 986 iya 9' 
hboi^^og §ig öxlav ia^vai layop; sehr oft braucht es Piaton, nie ohne deut- 
bclie Ironie: die Stellen aus ihm und den Spätem bei Buhnken zu Tim. 
s. T. nofi^bg X6yog (ed. 8 p. 88) und s. y. %€%6i»^§vtai. (p. 84). Lateinisch 
hifllli das bellum: Sen. contr. I 4, 10 (pmnes aliquid belli dixerwU iüo loco) 
Süd sonst sehr oft; Pers. 1, 86 crimina r(uis lAbrat m cmltiihe^is, doctas po- 
wmsae figuitas Laudcthsr: ^heüum hoc*, hoc bellum? an, Bomule, eeves? 
Martial n 7, 1; X 46, 1. — Für ifvx96v (frigidum Sen. 1. c.) genügt es, 
sof Budaeus, Comm. ling. graec. (Parisiis 1548) 12 zu verweisen. — tb ol- 
So%9 schon Aristoph. Ban. 940 yon Aeschylos; Plut. Cic. 26 olda^vxa ^i{- 
fqa, Lat. tumidum-, Sen. contr. IX 2, 26 Uli qui tumenU, qui abwnda^Uia 
Isftorcml, ib. 27. X praef. 9. suas. 1, 12 und 16. Gleichbedeutend ist suf- 
flatus (Auct ad Her. L c, Varro bei GFell. VI 14, 5) und in flatus (Sen. suas. 
1, It). — ^siQaxiäiSiq (seltner naiSoLQiAdHt 9iaQ6p) Polyb. XQ 261, 3 
(Ton Timaios); Dionys ep. ad Pomp. 2 (p. 760 B.) luiXista toig Fo^uloig 
iaud^mg «cd lUt^eaumiAg ivaßgvif stai (6 lUthrnw^ cf. ep. ad Amm. 11 17, de 
Thw^d. 46 in., de Isoer. 12, 18 i. f., 14 i. f., de Isaeo 19 nennt er den (Gor- 
gias natda^iMti; Philostr. v. soph. II 8 und 14. Proklos in Plat. Bep. in: 
AnaL Sacr. ed. Pitra V 16; mit diesem Schlagwort bezeichneten einige den 
StQ des platonischen Phaedrus, cf. die Zeugnisse bei A. Erische in: Gott. 
Stadien 1847, 2. Abt. p. 982; Lncilius 168 L. 166 ff. Baehr. Es wird gern verbun- 
den mit iatii^aiuieXUc: Lukian de bist, conscr. 60 (tii ilg %6ifov itfiSh &nnifo%almg 



70 I« I^e griechische Eunstprosa bis Augrastns. 

erhaben zu sein, verfielen sie in falsches Pathos: h^ov6i&v iav- 
totg doiunhnsg oi ßaxxevovöiv aXXä nai^ovöiv (ß, 2); daher 
lache man heute über gorgianische Bonmots wie Sigirig 6 t&v 
IleQö&v Zevg und ywceg Ifiitvxoi tifpoL Er gebraucht daf&r die 
Ausdrücke: schwülstig (tö oidovv), pueril (juiQaxi&dsg)^ frostig 
{ifvxQ^v) und im allgemeinen affektiert (xaxöiqXov)] mit diesen 



li/r^dh veaQ&g^ Greg. Nyss. adv. Eunom. I 262 B ^ridiig dh fi^yaXoQffr^ikOPStv (u 
8uc tovttov oUad'to t&v Xoymf^ eb^ hnlq tiiv nifoco^cav S^afuv inl ii>€ctaloi£ 
nofatdtorta^ o^ ya^ AnBigonuUmg ilg l6ymv &iuXXa9 ^ (tnuitmv inIdBtiiv 
avyxad'Blvai tm äv^QSnm n^f^ i^iganiSdri xivä tpilotiidav nQO<iyoiuti. cf. XII 
968 A. Phot. bibl. cod. 66 vom Stil des Theophylaktos : vsavinii Axetgo- 
xaXia. Besonders gern steht es zusammen mit änaii^ov (über dessen Be- 
deutung ich in Fleckeisens Jhb. Suppl. XVIII [1891] 808, 1 und 861 f. ge- 
sprochen habe; hinzuzufügen ist dort: Hermog. de id. p. 896, 12 ff., Quin- 
tilian IX 3, 102, wo er bezeichnenderweise gerade beim 6iunatil9vt09 das 
tempus zu wahren befiehlt): so in der ersten angeführten Stelle des Dionys; 
Agatharchides bei Phot. bibl. cod. 260 p. 446 a 17 ff. Bekk. (von Hegesias); 
Photius selbst cod. 102 (von einem Bischof Gelasios); in einer SaturaYarros 
nsgü sinaiffLas lautet ein Fragm. (660 B): tu quidem ut taceas censeo^ quo- 
niam tu quogue adhuc ctdulescentiaria (viaviivfi), was ich Bh. M. XLIX (1894) 
688, 1 in diesen Zusammenhang einordnete, den ich jetzt bestätigt finde 
durch Fronte bei Gell. XITT 29, 6. Lat. puerile: Auct. ad Her. Öfters, cf. 
den Index der Ausg. von Marx; Sen. contr. I 7, 10. Vn 1, 21. IX 6, 12, cf. 
suas. 2, 23. — na%6jiriXov (den allgemeinsten und jüngsten Begriff) finde 
ich am besten definiert bei Diomedes GL I 461 E cacogelia est per affbeta- 
tionem decoris corrupta sententia, cum eo ipso dedecoretur oratio quo iRam 
voluit auctor omare, haec fit aut nimio cuUu aut nimio tumore. nimio 
tumore: 'luppiter omnipotens, c<ieli qui sidera torques, Ore tuo dicenda loquor*. 
(Dichter unbekannt.) nimio ctiUu: ^aureus cutis erat^ temo aureus, aurea 
summae Curvatura rotae, radiorum argenteus ordo, Per iuga chrysoliihi posi- 
taeque ex ordine gemniae (Ot. Met. II 107 fF.) ' ; andere Stellen bei F. Beheim- 
Schwarzbach, Libellus nsifl k^ftriviUcs qui Demetrii nomine inscriptus est, 
quo tempore compositus sit (Diss. Kiel 1890) 88, wo noch hinzuzufügen der 
Titel einer Schrift des Caecilius xivt äuctpigsi 6 'Atti%^ tfjXog x&O *Actawoh 
(Suid. s. Kou%lXiog) und der des Eallinikos jcbqI na%oifilCag (rito^nljg 
(Suid. 8. %a%oiriUcc). Übrigens hat schon Joh. Sturm gut über das Wesen 
dieses Begriffs gehandelt: Hermogenis Tarsensis rhetoris acutissimi de ra- 
tione inyeniendi oratoria libri im, latinitate donati et scholis explicati atque 
illustrati a Joanne Sturmio, Argentori 1670 s. p. (p. 26 ff. yon rückwärts). — 
Dafs die im Text behandelte Scheidung der x^^axT^^e; Xiieag mit ihren 
benachbarten Fehlem auf Theophrast zurückgeht und dafs nur zweifelhaft 
ist, inwieweit dieser auch schon die Namen der fehlerhaften Stilarten ge- 
prägt hat, weist H. Rabe, De Theophrasti libris nsgi Xiisag (Diss. Bonn 
1890) 24 ff. überzeugend nach. 



Gorgias. 71 

Ausdrücken pflegten solche Verirrungen im ganzen Altertum be- 
zeichnet zu werden, und sie können uns oft geradezu als Weg- 
weiser tOi die Stilrichtung der Autoren nach Gorgias dienen. 
Belege bietet jeder Satz in dem, was wir Ton Oorgias haben, 
z. B. der Schlufs des Epitap^os: (uc(ftvQuc 81 tiy&tmv tQ67CauL 
hnljpavxo tAv noksfUmv^ Jibg fikv iyälficcta ainibv 8\ iva^- 
funay ovx änBiQOi o{hr£ ifi^'dtov "AQBog oGzb vofiiiuov i(fAt(DVy 
o6ts ivojcXCüv iQidog oOts q)LXo7td)iov 6C(fiivrigy ösfivol fikv JtQbg 
roi>g ^Boi>g tj5 dixaip Z6101, 8\ nqhg toi)g toxdag t{} d^eganeia^ 
dixavoL fihv XQbg toi)g iötovg t^ top siöeßetg dh nQbg toi^g tpi- 
Xüvg Tg fclöXBi,. tOiyuQOvv airt&v i«od'av6vt<ov 6 n&&og w 
6vpaxiO'av£v, &Xl* id'dvatog iv ieaiidtoig 66(ia6i gg oi iAvtfov. 

Dieser Manu, der den Stil zum Spielzeug seiner maCslosen 
Selbstgefölligkeit gemacht und dadurch entwürdigt und entwertet 
hat, ist von Mit- imd Nachwelt viel gepriesen^) und viel ge- 
scholten worden. Schliefslich ist mit dem Sinken des grie- 
chischen Geistes und des schriftstellerischen Könnens seine Stil- 
richtung durchgedrungen. Das Fortleben mehrerer seiner Bon- 
motSy welche wir später Yon Jahrhundert zu Jahrhundert bis auf 
Himerios verfolgen werden, wird uns ein wichtiges HQlfsmittel 
f&r die Bestimmung der stilistischen Tendenzen der Spätzeit 
abgeben. 

Was wir über die mit Gorgias gleichaltrigen oder die von Hippi» 
ihm abhängigen Sprachkünstler jener Zeit teils aus ihren Frag- ^^"^^^^ 

1) Fhilostr. ▼. soph. I 16 iyo^lalav iv BsttaXiqi func^al %al lul^avg 
it6lng ig Fo^yUcv SqAöm tbv Asavttvov. — Einer seiner Verwandten, 
Enmolpos, setzte unter die Statae des Gk)rgia8 in Oljmpia jene In- 
schrift, die uns erhalten ist (876a Eaihel); sie ist, wie die Über- 
schrift (s. oben S. 68, 1) ganz in gorgianischem Stil gehalten, der Paral- 
lelismns tritt schon äufserlich durch die 2x4 Verse herror. Wenn 
Eumolpos von sich sagt: "Zg §U6va n/ivif &vi9iri%iv \ dtaaäv, naidelag %al 
^tXlag frffica und dies damit begründet: Fo^lav iauljoai ^xh^ &ifixflg 
ig ityAvag \ a(tSe£g nm 4htqtAv nalUov' i^Qi tixrriv^ so imitiert er Stil und 
Gedanken seines Verwandten, cf. das Ton Bemays (im Rh. Mus. VUI [1868] 
432 f.) aus Clem. AI. ström. I 427 Sylb. hervorgezogene Fragment des Oor- 
gias: xb &ySviciia diöc&v dri &ifit&v dettai, x6XiMfig %al tf(Hp(ag, x6liLrig 
fikv xbv nCvSvvov (yjtoiistvai 60<pLag dl xb nliyiuc (corr. Diels im Herm. XXIII 
[1888] 284; alvtyyM codd.) yf'dirai. xb yaQ xif^vyfux xaXcf yikv xbv povl6fLB' 
9oy, «rt^ayol dh tbv Svvdfuvov, für dffvf fy E. Scheel, De Qorgiae disciplinae 
▼estigüs (Diss. Rostock 1890) 12 f., für dufad Hei. 10 Palam. 2. 6. 19. Epi- 
t^h. fr. init. 



72 I- I^ie griechische Kunstprosa bis Augnstus. 

menteii; teils aus den Parodieen Piatons wissen, bestätigt das 
über Gorgias Gesagte. Ich hebe nur weniges hervor. Des 
Hippias bombastischen Wortschwall hat Piaton Protag. 337 C 
bis 338 A hübsch imitiert: es sind nicht wie bei Gorgias kleine 
zerstückelte Sätzchen, sondern vie/grofse glanzvoll dahinroUende 
Perioden, voll unerhörter Bilder.*) — Für Alkidamas, der, wie 
der Sophist Antiphon *), weniger die Zierlichkeit als den Schwulst 
des Gorgias nachgeahmt und gesteigert zu haben scheint, genügt 
es, auf Vahlens Abhandlung zu verweisen (Der Rhetor Alkidamas 
in: Sitzungsber. d. Wiener Ak. 1863 p. 491 ff.). 

1) Bei [Platon] Hipp. mai. 282 A sagt er: slto^a (Uptoi fyioy« Toig 
naXaiovg rs %al nQOtigovg ^fL&v nQ6tBQ6v ta %al i^&XXov iy%mfuA' 
[hv 1] roifg v^v, B4>Xapovfk8vos ft^v (p9'6vov x&v l&vxtavy ipopov(H90s 
dh filjviv t&v tBtsXsvtrj%6tmv. Das ist ganz gorgianisch, cf. F. Dfimm- 
1er, Akademika (Giefsen 1889) 23. 

2) Bei keinem dieser Sophisten können wir^ infolge der zahlreichen 
Fragmente (die wir der Namensgleichheit des Sophisten mit dem Bedner 
verdanken) die von Aristoteles so gerügte poetische Diktion genauer er- 
kennen: er braucht 1. Worte, die sonst nur bei Dichtem (und dann wieder 
in der späten dichterischen Prosa) vorkommen {n&cfLogy naliyiifnog^ necta- 
MfMOff, X'önfiiucj dQvyv&a^ai), 2. übermäfsige Bilder (wie Fr. 1S8 Blass), oft 
80 unnatürlich wie 181: tpQovtldmv Hdri ndvta nXia »al iioi%trai x6 vio- 
ti/i6iov aniiftrifAa i% tfjg yv&ii/rig (er hat auch zuerst das später so beliebte 
9sect(f i%6v (fxfjita Yom Biog, der personifiziert wie auf der Bühne auftritt: 
Fr. 131), 3. gewöhnliche Worte in anderer Bedeutung (112 icvi^nla « i) x&v 
itvdQ&v ^Xixia, 89 dBiioBig » iväBlag, 90 inaXXd^Big » cwaXlayog, 94 Bm- 
axaeig Weltordnung «= diM%6cihri0ig^ 100 ä^tog »= nXoiaiog [wie Homer £{«- 
Xog ^Xri «B noXviioXog'] u. s. w.), 4. unerhört viele Neuprägungen, z. B. 80 
Mhltog aoE 6 füj^ey^ff 9B6iiavog^ 86 &imrog » ^((povog, 97 &BU9tS ^^ iOdU- 
Tf]ff, 108 ^BaiSimatog » d'Bo^ Idiav l^iov, 122 &x9t4^aQxi^ u. s. w. Nun 
gab es von einem Antiphon xi%vai (rixoQmal^ worin er nach Ghden expL 
gloss. Hipp. XIX 66 K auch lehrte, iintog xä xaivä Mfutxa notffxiov (that- 
sächlich werden aus diesen xixvai 7 Neubildungen citiert). Seit Spengel 
schreibt man sie dem Redner zu; das ist unrichtig, denn 1. pafst das von 
Ckden Hervorgehobene ebenso gut für den die Worte wie Münzen umprägen- 
den Sophisten wie schlecht für den Bedner, der nur sehr wenige wirkliche 
Neubildungen hat (Fr. 20 iiotifoXoyxfjcai » Anteil bekommen, 3S XQißoMfBV' 
Ba^ai » Bänke schmieden), 2. sagt PoUux VI 148 &icaQour%B6ai yvA^y iv 
xotg nsQl äXri^Blag 'Avxwpätv bUibv^ &naQaa%8vacxov dh iv xaig (rixoifinatg 
xixvaig: das erste mufs man nun als Fr. 102 des Sophisten, das zweite als 
Fr. 74 des Redners suchen und bei Polluz nimmt man eine Verwechslung 
an! — Bemerkenswert sind auch die Wortverstellungen Fr. 181: xi(ud yicQ 
%al a^Xa, dBXiaxa & 6 ^Bbg idwMv Av^Q^tnoig, y^ByaXmv n6vmv %al 
l^Q^xav slg &vdy%ag %a^iax&eiv. 



Zeitgenossen und Schüler des Gorgias. 73 

Bei einem Punkt ^ der für meine weiteren Untersuchungen Poetiiohe 
▼on Bedeutung ist und in den bisherigen Darstellungen nur ^^ 
Torübergehend gestreift wird, muCs ich etwas länger verweilen. 
An den SehtQem des Gorgias und den zeitgenossischen, Ton 
seiner Manier beeinflulSsten Schriftstellern beobachten wir mit 
besonderer Deutlichkeit die völlige Vermischung von Prosa und 
Poesie. Ich will gar nicht davon reden, daiÜB gewisse poetische 
Ausdrücke bei allen wieder auftauchen (Pindar hatte gesagt 
vöfiog 6 xivtaiv ßa6iXsi>g dvat&v ts xal i^avdxmvi darin 
schwelgen mit geringen Variationen Hippias, Agathen, Alki- 
damas; cl Vahlen 1. c 493 f.), noch davon, daCs, wie man aus 
Piaton weifs, die Sophisten die ersten Ausleger* von Dichtem 
waren: es kam so weit, dafs öo^uftiig imd noi^i^iig gar nicht 
mehr unterschieden wurden. Alkidamas de soph. 2 von den 
Sophisten, welche nur Bücher schrieben: xoki> dviuciAzsQov av 
Mourftäg ^ 6oq>t6täs xgoöayoQsvsöd'ai,, 12 oC {Xöyoi) totg ivö- 
fM6tv iacftßibg iisiifyaöfidvo^ xal fiäUov xoiii(uc6iv ^ Xöyoi^g ioi- 
x&tsg (cf. auch [Isoer.] ad Demonic. 51). Auf einer rpasrcga an 
des Isokrates Grab waren Büsten von jcoivftai und 6oq)i6tai 
gestellt, auf Isokrates selbst wies eine Sirene hin: [Plut.] vit. 
dec. or. 838 D. Am besten aber erkennen wir das Verhältnis an 
der würdigen Trias Buenos, Likymnios, Agathen; sie waren 
Sophisten und Dichter in einer Person: Euenos aus Paros Ele- 
giker, Likymnios aus Chios Dithyrambiker, Agathen aus Athen 
Tragiker. Von Euenos wissen wir, dafs er seine tixvri in Verse 
brachte (was nicht viel heifsen wollte^ da man allgemach schon 
80 abgeschmackt geworden war, die verzierte Sprache sogar in 
diese trockenste aller Materien hineinzutragen: Plat. Gorg. 448 C; 
Phaedr. 267 C; Aristot. Rhei IH 13. 1414b 17): es sind die 
ersten versus memoriales gewesen (ßviifirig %iQiv\ Plat. Phaedr. 
267 A).^) DaCs Likymnios der Dithyrambiker und Likymnios 
der sophistische Rhetor eine und dieselbe Persönlichkeit waren, 
hat zuerst Spengel 1. c. 91 f. erwiesen, dann hat die Verquickung 
der Poesie und Rhetorik in diesem Mann, der seine Dithyramben 
mit seinen Wortwitzeleien, seine Prosa mit seinen dithyrambi- 



1) Yen den paar erhaltenen Versen der Elegieen sagt v. Wilamowitz, 
Ariftoteles und Athen n (Berl. 1898) 404, 2: „Mancher der Verse dieses 
Enenos ist nichts als sufiÜIig der Messung nach Hexameter bildende Prosa." 



74 I- Die griechische Eunstprosa bis Augnstus. 

sehen Worten verunstaltete, F. Schneidewin^) in den Gott gel. 
Anzeigen 1845 Bd. 2 p. 1121—1132 ausgezeichnet gewürdigt. 
Am genauesten kennen wir den Gorgiasschüler Agathon^ den 
Prosaiker aus der Imitation Piatons im Symposion^ den Dichter 
aus der Imitation des Aristophanes und den erhaltenen Frag- 
menten. Die Imitation Piatons (Sjmp. 194 E bis 197 E) ist ein 
imerreichtes Meisterstück einer nicht zu sehr karrikierenden 
Parodie'); uns interessiert hier das starke poetische Kolorit 
dieser Rede. Nicht nur treten die Rhythmen gelegentlich so 
stark hervor wie 196 C: n&s yäQ ixhv '^am xäv ixtiQBtBtj 
nicht nur kommen hochpoetische Ausdrücke wie ivsiUöritov 
vor (195 A), nicht nur finden sich Verse oder Halbverse von 
Dichtem in die Rede eingeflochten ; ohne dals sie als Citate 
äufserlich irgendwie gekennzeichnet wären (196 C Pindar und 
Sophokles; 196 E Euripides; 197 B ein unbekannter Dichter)'); 
sondern gegen den Schlufs, unmittelbar bevor er sich dem 
Taumel gorgianischer Diktion überläfst^ sagt er (197 G): aütms 
ifiol dox€ty & OatdQSj '^qmq XQ&tog ccizbg Stv xdXluftos xal 
&Qi6rog [Uta tovto totg RXlotg &XX<ov tOLOvtav aüttog 
sIvul: das ist schon eine Art von Hexameter, der beabsichtigt 
ist, denn nun geht es weiter: hciQXBzm Si fioi ti xal i^(i€tQov 
sinstv Sn oinög iötiv 6 noi&v 

eigijvtiv fihv iv Avd'QAnoig, nsldysi äi yaXi^v^ 
vrivefiiav ivifimvj xoCxtiv ünvov t' ivl xi^iet. 

Diese Verse (ganz in sophistischer Manier: v. 1 Antithese mit 
Gleichklang, v. 2 vij^efiiav ivi^CDV imd die Synonyma xoCtrjy 
^vov xb) sind nicht orphisch (wie Welcker zu Philostr. imag. 
p. 266 ed. Jacobs meinte); sondern ; wie schon Hermog. de 
id. 363 bemerkt; von Agathen selbst gemacht: der Affekt ist 
auf seinem Höhepunkt angelangt, den nicht einmal die poetische 



1) M. Schanz scheint diese fast vergessene Abhandlung nicht xu 
kennen: denn sonst hätte er die ganz richtig überlieferte Stelle Plat. Phaedr. 
367 C nicht mit eignen und fremden Konjekturen (und was fär welchen!) 
überschüttet. (Nur ftovösla X6ymv deutet auch Schneidewin noch unrichtig: 
' Tummelplätze der Beden ' ; es sind vielmehr 6v6iLata iiov6i%&s <rvyxff(fft«iw). 

2) Weniger auffällige Parodieen in den Beden anderer Teilnehmer 
am Symposion notiert A. Hug zu 182 E 184 D 185 A 186 C. 

S) Cf. darüber die adn. crit. Useners in Jahns Ausgabe. 



Sophisten und Dichter. 75 

Prosa zu erreichen yermag: sie schlägt daher geradezu in 
Poesie um. 

Aber nicht bloljs wurde die rhetorische Prosa der Poesie sophi«u- 
angenähert^ sondern — und das war das VerhängnisToUere — 
auch umgekehrt wurde die Poesie^ speziell die Tragödie, von der 
sophistischen Rhetorik aufs stärkste beeinflulBt. Wie hätte es 
auch anders sein können bei der von den meisten und Einflufs- 
reichsten geteilten Ansicht, dals der öo^iötiig ein jtoifrjtiig und 
umgekehrt sei? Aristoteles sagt an einer berühmten Stelle der 
Poetik (6. 1450a 38 ff.): die alten Tragiker sprachen wie die 
alten Redner sachlich, indem sie ihre eigene Reflexion hinter der 
Individualität (dem ^^og) der handelnden Personen zurücktreten 
lielsen; dagegen die jetzigen Tragiker wie Redner sprechen rhe- 
torisch, indem sie an die Stelle des ^^og der handelnden Per- 
tonen ihre eigene verstandesmäGsige Reflexion, das dialektisch- 
rhetorische Räsonnement setzen.^) Wir beobachten das ja am 
deutlichsten bei Euripides, den aber Aristoteles, wenn er von 
totg VW spricht, noch nicht mit eingeschlossen hat; bei seiner 
Beurteilung haben die Neueren daher mit Vorliebe dies rhe- 
thorische Moment hervorgekehrt.^ Auch im Altertum hat er 
seit Aristophanes und Piaton wegen des Sophistischen in Inhalt 
und Sprache viel Lob oder Tadel geemtet, je nachdem man das 
Rhetorische in der Poesie billigte oder verwarf: die einen hatten 
ihre helle Freude an den iy^^^^ onniXoyiaLj kaJUai seiner ngöö- 
«MT«, sowie den äm^iöBig und dem damit zusammenhängenden 



1) Ich habe mich in der Paraphrase der aristotelischen Stelle z. T. 
wörtlich angeschlossen an die lichtvolle Auseinandersetzong Yahlens, Ari- 
stotdes* Lelure von der Bangfolge der Teile der Tragödie (in: Symbola phil. 
Bomi. in hon. Fr. Bitschelii [Leips. 1864—67] 176 f.). Für den Aosdrack 
«oXnfft«^ (sachlich) cf. jetzt auch C. Brandstaetter, De notionnm noUxi%6g 
et #o^H^Tifff osn rheterico (in: Leipz. Stad. XY 1898) 146. 159. Einige rich- 
tige Bemerkungen über die Stelle machte übrigens schon Castelvetro, Poetica 
d*Aiistotele vnlgarizzata e sposta (1570) ed. Bas. 1576 p. 147. 

t) Schon D. Heinfios, De tragoediae constitutione (Logd. Bat. 1611) 
MO f.: die vielen tententiae in der Tragödie seien fehlerhaft, daher h&tten 
■ie aoch Aeschylos nnd Sophokles nicht gebraucht, sondern sie seien erst 
an^kommen nach dem Eindringen der corrupta eloq%enJtia. Daher sei 
Enrqptdes mmllbu in parvia, subtüis in sentenHis, creber in argwnentis^ rhetar 
im f k e aho , ideoque ediseendus eloquentiae studiona. Vortrc^ch F. Jacobs 
ia: Solzers Theorie der schönen Künste, Nachträge Bd. V (Leipz. 1796) 860 ff. 



76 I- ^16 griediisolie Kunstprosa bis Aagastns. 

Schmuck seiner XS^ig^ die anderen verhöhnten sie.^) Wir Mo- 
dernen werden ihm aber, meine ich, hierin gerecht, erst wenn 
wir ihn, soweit wir das noch vermögen, an denen messen, die 
nach ihm kamen: bei ihm dient das rhetorische Pathos, ge- 
steigert durch allerlei sophistische EunstmitteP), einem höheren 
tdkogj der Individualisierung seiner Personen und der psycho- 
logischen Motivierung der ttgäyficcraj also dem, was Aristoteles 
l^d-og nennt, und gerade durch diese Vereinigung ist er auch 
nach unserm Gefühl 4®r tQayixdnatog der Dichter, der eigenes 
Leiden der Seele, eigenen grüblerischen Zweifel und eigenen 
heiligen Glauben auf die von der Sage überlieferten Personen 



413. Einige neuere Litieratnr bei Vahlen 1. c. adn. 49. Zuletzt die schon 
oben (S. 28) angefüUirten Arbeiten von M. Lechner und Th. Miller mit einigen 
Nachträgen bei £. Schwartz, De Thrasymacho Chalced. (prooem. Rostock 
1892) 18 ff. 

1) Hier die m. W. noch nicht voUständig gesammelten SteUen. Die 
Kritik des Aristophanes (besonders in den Fröschen und Thesmophoria- 
zusen; cf. auch Fr. 642 K.) wird gat beurteilt von Ed. Mfiller, G^sch. d. 
Theorie d. Kunst bei d. Alten I (Bresl. 1834) 166 ff.; Piaton an mehreren 
Stellen, besonders Bep. VIII 668 A (richtig beurteilt von Th. Heine, De ra- 
tione quae Piatoni cum poetis Graecorom intercedit [Diss. Bresl. 1880] 44); 
Anaximenes Bhet. c. 18 a. E. , cf. Cicero de inv. I 60, 94 und [Dionys.] ars 
rhet. c. 8, 11; die gemeinsame Quelle (etwa s. m. a. Chr.) des Dionys. de 
imit. p. 21 üs., des Quintilian X 1, 68, des Dio Chrys. XVIU 477 B. ; Aristides 
or. 46 vol. n 179 f. Dind. (aas guter Quelle). Dazu die Bemerkungen der 
Scholiasten, die man leicht nach dem Index der Ausgabe Yon Schwartz findet. 

2) Das Einzelne findet man bei Lechner und Miller; einiges mufste 
ich oben (S. 29) zu einem besondem Zweck anführen. Auf einen Punkt, 
der wohl noch nicht hervorgehoben ist, machte ich hinweisen. Die älteste 
der uns erhaltenen Tragödien, die Alkestis, ist noch y Oll ig frei Yon jenen 
rhetorischen Kunstgriffen, yon denen die zweit&lteste, die Medea, wimmelt 
(man vergleiche z. B. blofs die Wechselreden des Admetos und Pheres 
614—706 mit denen des lasen und der Medea 446—687. Die dfMiatiUvt« 
Alk. 782 ff. sind sicher anders zu beurteilen als die sophistischen der spä- 
teren Stücke [Lechner p. 19] : jene stehen in der Rede des trunknen Hera- 
kles und sollen das komische Pathos sowie die iMcla%£a der vorgetragenen 
sardanapalischen Lebensauffassung heben); daraus folgt doch wohl, dafs 
der Einflufs der sophistischen Theorieen auf Euripides erst zwischen 4S8 
u. 431 fällt. Die Untersuchung müjjste für jedes der Stücke besonders ge- 
führt werden, sowohl nach ihrem Inhalt (z. B. war natürlich der Palamedes 
stark rhetorisch) als nach ihrer Chronologie (kommen z. B. auch in älteren 
Stücken so starke Fälle vor wie etwa Orest. 688 f. X^\ $1 yoQ ibucg, ictiv 
0^ aiyii X6yov \ n^tlaamv yivoit' &Vy §otip oi (fvyfjg l&yog?). 



Sophisten und Dichter. 77 

überträgt y der die Vorgänge uralter Vergangenheit in einer 
leidenschaftlichen y von Problemen zerwühlten Gegenwart sich 
spiegeln läfst, wie es einst schon der titanische Geist des 
Aeschylos im Prometheas tastend unternommen hatte. Bei den 
Nachfolgern des Euripides ist dagegen, wie wir dem Aristoteles 
glauben dürfen (L c. und 1450 a 25), das ^d'og verloren ge- 
gangen: das rhetorische Räsonnement und die sophistischen 
Konststficke wurden Selbstzweck. Der Typus dieser entarteten 
Tragödie war eben Agathon: derselbe Mann, der entsprechend 
seiner eigenen pMlaxia die Kraft des tragischen (idlos brach 
durch Einführung der chromatischen Tonart und der Flöten- 
musik ^)y hat, wie man weiTs, auch die liiig des tragischen 
Dialogs durch übermäfsigen Gebrauch der weichlich - schlaffen 
Wortkünste entwürdigt: man höre nur 

fr. 3 N.' xrffiag ixBVQdfUö^a fUKQtvQag xffwpilgj 

fl xov nod'sivbv x^f^ Ttai^iyuffy fpQBvL 
ixmwiAOv yovv ai&vg löxoiuv xldog^ 
Korigriteg elvai^ xovq^imv xaQiv tQix^g, 
6 r/jrviy tvxtiv iötefis xal tiixv tixvqv. 

8 nal f^'^v xä fidv ye ty tdxvji ttgäööeiv, tä dh 
^^tv Avdyxy xal tvxxi nQO0yiyv£tai. 

9 tax* iv xig elxbg ainb rovr' elvai liysij 
ßgoTOtöi xoXXä xvyxdvsiv oix slxöxa, 

11 xb fih/ TCOQBffyov igyov &g 3COiov(U^a^ 
xb d* ifyov i}g ndgsQyov ixxovoviu^a, 

12 el filv fpQdöm xiXr^d'dgy oö^l tf' B'dq)(fav&' 
il d* si>q>Qav& xi <f', ov%L xiXifi%\g g>Qd6(0. 

14 ywij xoL öA^iaxog di iQyiav 

i^x^g fpQ6vfi6iv ivxbg oix ägybv q>OQBt. 
27 }^c6/&i} d^ xQBt666v iöxiv ^ ^cSfii} x^Q^* 
30 ivx^fpQa6\utj eine gewaltsame Neubildung, von den 
Grammatikern erklärt rö ivavxiov x^ sitpQoövvjj. 

Dazu der Hohn, mit dem Aristophanes Thesm. 49 ff. den 
iehönrednerischen, Worte drechselnden (cf. Plat. Phaedr. 234 E), 
leimenden, giefsenden^ schmelzenden, umnennenden Dichter über- 



1) Flut, qnaesi conv. HI 1, 1 p. 646 E, Zenob. prov. 1 2, cf. R. Volk 
mann in seiner Au8f(abe von [Plut.] de miiR. (Leipz. 1856) 107. 



78 I* 1^6 griechische Kunstprosa bis Augustas. 

schüttet; unter den schönen yv&iiat, in denen er redet , steht 
auch folgende 198 f.: 

tag 6v^q>0Qäg yäg oixl totg texvdöfiaöiv 
tpigeiv dCxaiov &kkä totg 7Ca&ijfuc6iv. 
In den zweiten Thesmophoriazosen (fr. 326 K) kam der Vers vor: 

xal xat ^Ayid'iov* ivti^stov i^vi^inivov 
(m antüheton raatim Pers. 1, 85), und noch Aelian y. h. XIV 13 
weifs zu berichten: xoXXotg xal noXldxig X(f^tai rotg ivti^itoig 
6 ^Ayäd-mv iicd dd xtg olov inavoQ^O'iiUvog aircbv ißwiketo 
xeQiaiQBtv aizä r&v ixBivov ÖQafidtioVj elxev* ^HXä 6^ ySj ysv^ 
vats^ XiXr^d'ag ösctvthv xhv *Ayd^a}va ix tov ^Ayi^Givog iapa- 
vCifov^. oüfrog ix6iuL inl rovroi^ ixstvog xal ^bxo xiiv iavxov 
XQaypdiav xavxa elvai. 

Durch den Einflufs der Rhetorik ist die Tragödie zugrunde 
gegangen, und nicht nur sie. Die Aufhebung der Schranken 
zwischen Prosa und Poesie hatte zur Folge, dafs die letztere 
nach und nach abstarb: an die Stelle des Epos trat die Geschichts- 
schreibung, an die Stelle der gnomologischen Dichtung die pro- 
saische Ttagaivsöig (Demokrits Ethika, die Rede des Hippias 
nach [Plai] Hipp. mai. 286 A, Isocrates ad Nicoclem cf. dort 
§ 43, Pseudoisocr. ad Demonicum), an die Stelle des poetischen 
iyxAfuov die Lobrede (cf. Isoer. Euag. 8 fiP.), an die Stelle des 
^Qflvog auf die im Kriege Gefallenen der Xöyog iTtLxdtpiog^)^ so- 
wie später die {lova^dCay an die Stelle der Elegie das pointierte 
Epigramm, an die Stelle des Dithyrambus die hohe Prosa über- 
haupt.') Aber ein kleiner Ersatz trat ein: denn nach dem Ab- 
sterben aller hohen Gattungen der Poesie wurde Platz filr die 
niederen, die in der gemütlich heiteren, zwar stilisierten, aber 
doch realistischen Darstellung des taglichen Lebens Grofses 
leisteten. Dafs die Lyrik des Herzens nicht gleich ganz ver- 
stummte, hat uns kürzlich ^Mädchens Klage' gelehrt^ ein Gedicht, 
das y. Wilamowitz in einen litterarhistorischen Zusammenhang 



1) Anklänge an den Hymnus des Simonides auf die Thermopylen- 
kämpfer, eines der edelsten Stücke in griechischer Sprache, lassen sich 
seit Gorgias nachweisen, cf. v. Wilamowitz bei Diels in: Abh. d. Berl. Ak. 
1886 p. 36, 1. Noch bei Himerios finden sich Anklänge. 

2) Cf. über letztere 0. Immisch im Rh. Mus. XLVIII (1893) 520 ff. — 
Die religiöse Poesie hat freilich im Hymnus des Kleantbes eine ihrer 
edelsten Früchte gezeitigt. 



Sophisten and Dichter. 79 

Ton groCster Weite eingeordnet hat^): aber das ist doch gerade 
beieiclinendy dafs wir ein solches Eabinettstückchen dem Zn&n, 
nicht der normalen Überliefemng verdanken, für die ein Produkt 
Ton solcher Unmittelbarkeit, solchem ^d-og und Tcdd-og nicht exi- 
stierte; denn was die Rhetorik noch übrig liefs, vernichtete völlig 
die gelehrte Poesie. Erst der neuen Religion (z. T. auch dem 
nenplatonischen ivd'oveuxeinög: Porph. v. Plot. 15) war es vorbe- 
halten, aus der reichen Fülle ihres Inhalts eine neue, herrliche 
Poesie zu erzeugen. Aber auch diese hat ihren Znsammenhanir 
mit der RhetoS nicht verleugnen können, freüich der Rhetorik 
nicht des Kopfes, sondern des Herzens: wir werden später^ sehen, 
ein wie enges Band Poesie und Rhetorik mehr als tausend Jahre 
zusammengehalten hat: das Fundament dieser Entwicklung haben 
die alten Sophisten gelegt, diese ersten Lehrer Griechenlands 
und damit der Welt. 



cam«M. 



Viertes Kapitel. 

Die klassische Zeit der attischen Prosa. 

Bei dem Plane dieses Werkes, welches in grofsen Zügen iHonyt to 
nur die Entwicklungsphasen der antiken Kunstprosa darlegen 
soll, kann es nicht meine Absicht sein, jeden einzelnen Prosa- 
schriftsteller dieses Zeitraums zu charakterisieren; ich greife 
rielmehr nur einige typische heraus, um ihre Beziehungen zu 
der von den Sophisten begründeten Kunstprosa aufzuweisen. 
Yen vornherein könnte es am empfehlenswertesten scheinen, sich 
dabei an die umfangreichen Charakteristiken des Dionys von 
Halicamass anzuschliefsen« Allein bei näherem Zusehen erweist 
sich das als bedenklich. So verfehlt es im allgemeinen ist, 
antike Urteile — zumal auf diesem Gebiet — dem modernen 
Empfinden von uns Nachgeborenen unterzuordnen, so muft ich 
doch bekennen, dafs mir der von vielen bewunderte Kritikus 
Dionys ein äuüserst bornierter Kopf zu sein scheint.') Das 

1) Nachr. d. K. Qes. d. Wiss. zu Geltungen 1896 p. 209 ff. 

8) Anhang I. 

8) Ich frene mich, in meiner Schätzung des Dionys übereinzustimmen 
mit L Bknns, Die atticistischen Bestrebungen in der griech. Litt. (Kaiser-Ge- 
burtfltagnede Kiel 1896) 12 ff. 



80 I- 1^1^ griechische Kunstprosa bis Angustas. 

Gute, ja Ausgezeidmete^ was er enthalt^ hat er aus den feinen 
Erörterungen eines Theophrast und seiner Nachfolger: das 
können wir ihm auf Schritt und Tritt mit mehr oder weniger 
Sicherheit nachweisen durch Vergleiche teils mit früheren 
Autoren ; aus denen er nicht geschöpft hat (besonders Cicero); 
teils mit späteren Autoren, die nicht aus ihm geschöpft haben 
(z. B. Demetrius, Hermogenes), wie er überhaupt erst spat (etwa 
seit s. lY./V.); als die alten guten Werke in Vergessenheit geraten 
waren, Bedeutung erlangt hat. Gemessen an seinen ungeföhren 
Zeitgenossen, dem Cicero und jenem genialen Unbekannten, dem 
der Verfasser nsgl vi^ovg sein Bestes verdankt (yermutlich 
Caecilius, weil er diesen gelegentlich schilt), sinkt Dionys nur 
noch tiefer. Es giebt nichts Thörichteres als die Vorstellung, 
die sich dieser Mann Yon dem Schaffen der attischen Schrift- 
steller macht, wie im Gegensatz zu den Lobrednem des Dionys 
yon H. Liers, Die Theorie der Geschichtsschreibung des D. y. H. 
(Progr. Waidenburg i. Schi. 1886) p. 10 f., vortrefflich ausgeführt 
iat. Dionys macht die grofsen Männer zu ebensolchen Pedanten, 
wie er, dieser 6%oXa6xix6g yom reinsten Wasser, selbst einer 
ist. Er projiziert in unglaublicher Verkennung der thatsäch- 
lichen Entwicklung die scholastische Theorie seiner Zeit auf die 
lebendige Praxis der Vergangenheit.^) Wir werden gewils nicht 
leugnen, dafs schon die ältesten attischen Prosaiker mit Bewulst- 
sein sich gelegentlich an die rhetorische Technik angelehnt 
haben, aber wenn es nach Dionys ginge, so müfsten wir glauben, 
dafs Thukydides und Piaton ihr Leben lang dagesessen hätten, 
Rhythmen an den Fingern abzählend, Worte abzirkelnd, Lehr- 
bücher der r/jjrt/i} wälzend, wie raffinierte Sophisten erwägend, 
durch welchen neuen und in welcher neuen Form yorgetragenen 
Gedanken sie ihre Leser in Ixstlr^l^ig yersetzen könnten. Von 
keinem sind unwürdigere Worte über den ^stog IIXAcmv^ den 
wir als den gröüsten Künstler auch des Stils bewundem, ge- 
sprochen worden als yon diesem Epigonen, der sogar yon seinem 
oder yielmehr seiner Zeit Liebling Demosthenes nichts Höheres 

1) Ganz frei yon diesem Fehler ist freilich kaum einer der späteren 
Beurteiler; sie alle suchten oft Absicht, wo eine solche nicht y erliegt Z. B. 
hält Hermog. de id. p. 386, 26 f. bei Thukydides Ym 16, 1 fOr beabsichtigt 
Zatilav fdav (sc. vaar\ was aber nach dem Zusammenhang der Stelle wohl 
ausgeschlossen ist. 



Historiographie und Rhetorik. 81 

zu sagen weifs, als dafs er sich aus allen das Beste zusammen- 
gelesen nnd daraus ein neues Gewebe gemacht habe. Wie viel 
yerstandiger urteilt Cicero ^ dessen Worte Liers sehr passend 
heranzieht: de or. I 146 Ego hanc vim intdlego esse in praeceptis 
imtnümSj non ut ea sectM oratores eloquentiae laudem sint adepH, 
sed qu€ie siua sponte homines eloquentes facerent ea quosdam oh- 
servasse ixtqkie id egisse; sie esse non eloquentiam ex artificio 
sed artificium ex eloquentia natum. Wir werden uns also 
hüten, uns durch die Nörgeleien oder perversen Lobsprüche eines 
Dionys die Beize oder die richtige Beurteilung der grofsen 
Schriftsteller yerderben zu lassen. Dafs wir ihn im einzelneu 
trotzdem öfters werden nennen müssen , verdankt er nicht sich, 
sondern seinen Quellen. — 

Bevor ich zu Thukydides komme, bei dem sich die Be- 
einflussung durch die Sophisten in eigenartigster Form zeigt, 
muls ich zu charakterisieren versuchen, welche litterarische 
Stellung das Altertum der Geschichtsschreibung angewiesen hat. 

Folgende zwei Stellen lateinischer Schriftsteller, die aber 
auf griechische Gewährsmänner zurückgehen, betonen die beiden 
wesentlichen Punkte, nach denen ich den Stoff gliedern werde, 
aufs kürzeste: 

Cicero de leg. I 2, 5 Opus (historiae) unum hoc Ora- 
torium maxime. 

Quintilian X 1, 31 Historia est proxima poetis et quo 

dam modo Carmen solutum. 

A« Die Besiehimgen der G^sehlohtssohreibiing zur Rhetorik. 

Die der unsrigen diametral entgegengesetzte Auffassung des Theoru d 
Altertums kommt am deutlichsten in folgender Thatsache zum ^^'^^^^' 
Ausdruck: der einzige antike Historiker, der mit aller Kraft dem 
Einfluüs der Rhetorik auf die Geschichtsschreibung entgegen- 
getreten ist und der daher von allen dem modernen Standpunkt 
am luU^sten steht, Polybios, gehört nach dem Urteil des Dio- 
nysios von Haliparnass, der hier wie oft die allgemeine Auf- 
fassung formuliert, zu den ungenielsbaren Schriftstellern, die 
man nicht zu Ende lesen kann (de comp. verb. 4), imd, was 
auf dasselbe hinauskommt: Ephoros, der im Gegensatz zu seinem 
Nebenbuhler Theopompos den EinfluTs der Rhetorik sehr zurück- 
treten liefs und dessen tpQdöiq daher dem Polybios (XII 28, 10) 

KordcD, abtikc Kanttprota. G 



82 I- I^ie griechische Kunstprosa bis Augastns. 

genehm ist, wird bei demselben Dionysios (auf Grand alterer 
Quellen) von den für die ^i^rjöLg in Betracht kommenden 
Autoren ausgeschlossen (Dionys. jcsqI fiifu^öBog p. 50 Us.). 
Überhaupt zeigt uns die bittere Polemik gegen die rhe- 
torisierenden Historiker, von der das ganze Werk des Polybios 
durchzogen ist, aufs deutlichste, wie fest und allgemein das Vor- 
urteil des Altertums war. Die Hauptstellen sind: die grofse 
Polemik gegen Timaios in B. XII, gegen Zenon von Rhodos, 
den Darsteller der Geschichte seiner Heimat, XYI 17, 9 f., gegen 
den Alexanderschriftsteller Phylarchos II 56, gegen Philinos und 
Fabius, die Schriftsteller des ersten punischen Krieges, 1 14. Wir 
sehen aus dieser Polemik, dafs man die Geschichtsschreibung ganz 
panegyrisch auffafste, d. h. sie sollte ein iyxdi^iov der Freunde, 
ein iföyog der Feinde sein, wie Polybios besonders drastisch . 
zeigt in der Charakteristik der vom karthagischen Standpunkt 
geschriebenen Geschichte des Philinos und der yom römischen 
des Fabius: nach jenem haben die Karthager alles q>QOviiimgj 
xaX&g, ivÖQmd&g ausgeführt, nach diesem gerade auf die gegen- 
teilige Art^); wo bleibt da, ruft Polybios aus, die iXi^d'^uc^ das 
höchste Ziel der CatoQia? Zwar Timaios selbst habe, als er nach 
dem Vorgang des Ephoros über den Unterschied der töxogla und 
der imdsixxLTiol X6yoi sprach ^), jene mit den wirklichen Häusern, 
diese mit den Phantasiebildern der Coulissenmaler verglichen 



t) Cf. Lukian de hist. conscr. 14 (von einem ungenannten zeitgenössi- 
schen Historiker) htl tiXet tov (pQOi(uov i>ntaxvstto duxQQi^driv nal ccupAf^ 
inl ftelj^ov fLhv aügeiv tä ijfLitSQa, tovg ßaQßaQOvg dh nccranoXeniicHv nal 
a{>t6st ^S ^^ dvvritai %xX, 

2) Cf. Polybios selbst von seiner enkomiastiscben Spezialschrift über 
Philopoemen X 21: er habe darin lange verweilt bei der Jogenderziehung 
des Philopoemen und der Entwicklung seiner Interessen, dagegen habe er 
über die &%(»,'q nur %6(palauDdmg gehandelt; das müsse er jetzt umgekehrt 
machen: mcnsQ yccQ i%stvos 6 tdnog^ ^aQ^mv iyauünucattiidg j dn^H thv 
iiBq>alaimdTi xal fLSt' aij^i/jösmg tmv nQayfidtmv Anoloytafiov^ o^e»g 6 
tfjs Uftogias, noivbg mr inaivov xal ilf^ov, iritst r6y &Xri^ xal tbv i^t' 
&nodsi^sa>g %al tmv kndaroig naQsnonivmv övXXoyvafuäv. Wir können den 
Unterschied schlagend beobachten in dem einen Fall, wo wir Yon einem 
und demselben Schriftsteller sowohl das iyyLd>(nov wie die IctoqUc erhalten 
haben: Xenophons Agesilaos und Hellenika. Erstere Schrift hat man ihm 
früher eben wegen jener a^^rictg t&v ngayitarmv im Vergleich zu der Dar- 
stellung der Hellenika abgesprochen; jetzt urteilen wir richtiger darüber, 
cf. besonders E. Lippelt, Quaestiones biographicae (Diss. Bonn 1889) 18 ff. 



Historiographie und Rhetorik. 83 

(Polyb. Xn 28 y 8 ff.)^ aber das wolle nicht viel bedeuten, denn 
er lobe freilich niemanden oder wenige, schimpfe aber aus 
Prinsip auf alle oder fast alle. Und welcher Art sei die Dar- 
stellung dieser Historiker? Da sitzen sie in ihrer Studierstube 
und sammeki und sammehi und feilen und feilen; ohne eine 
Ahnung yon Strategie und Topographie zu haben, schildern sie 
glänzend und in einer auf die ixxXtil^ig ihrer Leser berechneten 
pomphaft-theatralischen Weise Belagerungen und Aufstellung 
Ton Schlachtreihen; besonders gern üben sie ihr Pathos im de- 
taillierten Ausmalen yon Schauergeschichten, um das Mitleid der 
Leser zu erregen; bei jeder Gelegenheit legen sie Beden ein, 
ohne sich zu fragen, weder ob einer in jenem Fall habe reden 
können noch was er wirklich gesagt habe noch was er habe 
sagen müssen, sondern sie behandeln dieses allerdings durchaus 
notwendige Ingredienz der Geschichtsschreibung ganz jungenhaft 
und wie in der Schulstube (juiQaxiG)ä&g xal diargißLX&g 
XII 25i, 3); kurz, an den XQiyfiata ist ihnen gar nichts ge- 
legen, sondern sie werden yon ihnen mit einer geradezu mafs- 
losen Leichtfertigkeit behandelt, dagegen kommt ihnen alles auf 
die xat€c6xBv^ U^srng an, und obwohl ich, sagt er (XVI 18, 2), 
keineswegs so thöricht bin, zu behaupten, daCs man auf sie keine 
Sorgfalt yerwenden soll, so darf sie doch nicht zu einer {meg^ 
ßolil XBQaiBlag werden. 

Es ist für die Beurteilung yon Einzelheiten wichtig, zu Tbeori« a 
sehen, wie sich das spätere Altertum in dieser Frage ver- Au'rtum 
halten hat; ich werde die mir bekannten Stellen^) möglichst 
chronologisch vorlegen:« man wird sehen, wie die einzelnen 
Autoren je nach ihrer Individualität teils der extremen, von 
Polybios getadelten Richtung zuneigen, teils einen Kompromifs 
achliefsen, wie aber keiner ganz die Ansicht des Polybios teilt. 
Cicero Brut. 42: Concessum est rlictorihis emeniiri in hisforiis, 
ut äliguid dicere possint argutius. 



1) Ein paar der bekannteren schon bei 0. Riemann, fitudes sur la 
laague et la grammaire de Tite-Live (Paris 1879) 16 ff. und L. Auffenberg, 
De orationum Thuc. origine etc. (Progr. Crefeld 1879) 6, 8. Den Standpunkt 
des Dionys y. H. hat H. Liers 1. c. so yortreffh'ch behandelt, dafs ich nichts hin- 
nifttgen kann. Dagegen bietet nichts hierher (Gehöriges H. Ulrici, Charak- 
teristik der antiken Historiographie (Berlin 1838), es sei denn in dem Ab- 
schnitt Aber Theopomp und Ephoros p. 55 ff. 

6* 



84 I* 1^6 griechische Kunstprosa bis Angastos. 

Cicero or. 66 (▼ermutlich nach Theophrast): Hute generi 
(dem der sophistischen imdsC^sig) histaria finituma est, in qua et 
narratur omate et regio saepe aut pugna descrüntur, interponuntur 
etiam cantiones et }u>rtationes; sed in hi$ trada qua,edam et fluens 
expetitufj nan haec contorta et acris oratio, 

Cicero de leg. I 5 ATTICVS: Lest enim histaria litteris 
nostris, ut et ipse inteUego et ex te persaepe audio, potes autem tu 
profecto satis facere in ea, quippe cum sit opus, ut tibi quidem 
videri solet, unum hoc Oratorium maxime (folgt ein Urteil über 
die anderen römischen Historiker^ die aufser Sisenna das Ora- 
torische yernachlässigten). 

Quintilian X 2, 21: Id g^wque vitandum, in quo magna 
pars errat, ne in oratione poetas nohis et historicos, in Ulis operibus 
oratores aut declamatores imitandos putemus. sua cuviue proposiia 
le/jCy suus decor est. 

PI in ins ep. V 8, 9: Habet quidem oratio et historia multa 
communiaj sed plura diversa in his ipsis quae communia videntur. 
narrat üla, narrat haec, sed aliter: huic pleraque humilia et sordida 
et ex medio petita, Uli omnia recondita splendida excelsa conveniunt: 
hanc saepius ossa mtisculi nervi, illam tm'i quidam et quasi iubae 
decent: haec vel maxime vi amaritudine instantia, üla tracfu et 
suavitate atque etiam dulcedine placet. postremo alia verba, alius 
sonuSf alia constructio. nam plurimum refert, ut TJiucydides aü, 
xrfl^a sit an iyavLöfia: quorum alierum oratio, cdterum historia 
est. ex his causis non adducor ut duo dissimilia et hoc ipso diversa 
quod maxima confundam misceamque, ne tanta quasi coUuvione tur- 
hatus ibi faciam quod hie debeo. ♦ 

Lukian de hist. conscr. 7: 'AfieXijöavtsg ol nokXol ain&v 
rot) CötoQstv rä yayBvrnUvtt totg inaCvoig &q%6vx(ov xal örgoxri- 
y&v ivdiaxQißovöi, roi>g fihv olxiiovg sig iitl^og inaiQOvrBg, xoi>g 
noks^iovg d% niffa roi) futg^ov xaraQQintovtsg^ iyvoovvtsg Sg 
ov 6tBV^ reo» iöd'^a Srngietai xal diaxBXBixi^ötaL fj CöxoQia Ttgbg 
xb iyx6iiiov, &Xlu xi ^iBya xstxog iv ^eöco iöxlv ait&v xal xb 
x&v iiovöix&v dl) roOro, dlg diä Ttaö&v iöti ngbg &kkrika^ Bt ya 
rc9 fi^v iyxcofiid^ovri [uivov ivbg ilUbl^ bjcmöovv hcatviöai xal 
BVifQavav xbv inaLvov^evov ^ Tial al ^Bv6aiiiv(p VTtdgxBi xvxbIv 
xov xdXovgj bkCyov &v q>QovxC6auv' i] ö\ oi)x &v xi ^aviog 
ifijtaöbv fi Cöxogia ovdi axagiatov avaöxoiro. In den eingelegten 
Reden erlaubt er hohe Diktion: 58 ijv öi nors xal köyovg 



Historiographie und Rhetorik. 85 

igowra xiva dei^öj] aiödysLVj fudhöta ^ilv iotx&ca xp nQoöAn^ 
xa\ Tcaf XQdyiucxi olxeta ksydö^m, ineixa &g öatpiöxaxa xaX xavxa^ 
%liliv kpelxai 6ov x6xb tcoI ^xoqsvöul xal iitidst^aL r^v x&v 
köyan/ dsw&cr{ta, 

L. Yerus ad Frontonem II 3 p. 131 f. N.: ein höchst 
lehrreicher Brief, in welchem der Imperator seinem Lehrer An- 
weisungen giebty wie er seinen PartherfeldzDg beschreiben solle. 
Er solle, heifst es zum Schluls, dafür sorgen, dafs klar zu Tage 
trete, wie überlegen die Parther vor seiner Ankunft gewesen 
seien, ut quantum nos egerimns appareat, in summa meae res gestae 
tantae sunt quantae sunt scilicetj quoiqtwimodi sunt: tantae autem 
videhmtur, quantas tu eas videri voles. — In einem Brief an 
Antoninus Pius (II 6 p. 107 ff.) spricht Pronto über die ver- 
schiedenen 0xijiiaxa Xdi^csg in der Rede und in der Geschichts- 
schreibung. 

Hermogenes de ideis p. 417, 28: Ildvxtog det xal xovg 
i6xoQi(yyQdq>ovg iv xotg xav'qyvQiKotg xexdxd'aL^ &6nBQ olyLat xal 
ilötvy hcel xal ^isyi^ovg xal fidov&v 6xo%d%ovxai xal x&v &ll(ov 
olnav 6xedbv oacdvxmv. 

Philostorgios h. ecci. I 1 bezeichnet die Schrift des Ps. 
Josephos negl ainoxQdtoQog Xoyiöiioi> (sog. IV. Makkabäerbuch) 
ÜB <y6% l&coQÜcv (laXXov r\ iyxA(ii0Vj was es thatsächlich ist. 

Photios bibl. cod. 77 nennt das Geschichtswerk des Euna- 
pios einen dia0VQfi6g der Christen und ein iyxAiiiov auf Julian. 
Dem entspricht, wie das Stilurteil des Photios und die grofsen 
ans erhaltenen Fragmente lehren, der pathetische hochrhetorische 
Ton der Diktion, besonders eben da, wo er auf den von ihm yer- 
götterten Julian zu sprechen kommt. 

Die praktischen Folgen dieser Auffassung*) können wir seit p»xi«. 
den Zeiten des Thukydides') beobachten: die Historiker waren 
rhetorisch gebildet'), und umgekehrt die Rhetoren behandelten 

1) Sie war noch im Mittelalter die herrschende; so nennt Gkiufredus 
Malaterra (BenediktinermOnch s. Xlü) historia Sicala praef. (ap. Muratori, 
Script rer. Ital. V 547) den Sallast: inter historiographos laudMlem rhetarem, 

2) AIb den ersten Historiker, der xara t^v (ritoQtxiiv %i%vriv schrieb, 
betrachtete das Altertum aber erst den Philistos: Suid. s. v. 

8) Cf. besonders Kaibel im Hermes XX (1886) 512, der auf die drei 
Zeitgenossen Dionys, Caecilius, Theodorus verweist, die alle Rhetoren, alle 
Getcfaichtsschzeiber waren und sich alle theoretisch über die Prinzipien der 
Historiographie ge&ulsert haben. 



86 I- Die griechische Kimstprosa bis Augastus. 

seit Isokrates gern historische Stoffe; dafs die letzteren dabei, 
um Pointen zu gewinnen, nicht blols übertrieben oder tendenziös 
entstellt; sondern notorisch gefälscht haben , sagt uns z. B. 
Seneca contr. Vll 2, 8, und wir können das seit Isokrates (cf. 
Blafs Leu' 49) noch massenhaft belegen.^) Das hatte dann 
wieder seine Rückwirkung auf die zünftige Geschichtsschreibung, 
deren Yeriitungen Lukian gegeifselt hat und die den heutigen 
Forscher zur Verzweiflung bringen. 

Boden. Eiuc wcitcrc unmittelbare Folge dieses Zusammenhangs war 

die Sitte, in die Geschichtserzählung Reden einzulegen; ihr hat 
sich auch Polybios nicht entzogen, im Gegenteil sagt er an einer 
der Stellen, wo er sich theoretisch darüber äufsert: St 0xsdbv 
KBfpikaia x&v itgil^sAv iöti xal övvdxsi tiiv ZXriv tötOQÜcv 
(XII 25 a, 3), cf. F. La-Roche, Charakteristik des Polybius (Leipz. 
1857) 63 ff.; H. Welzhofer in Fleckeisens Jahrb. CXXI (1880) 
539 ff. Ich citiere für die Erklärung dieses feststehenden') 
Brauchs des Altertums die trefienden Bemerkungen zweier mo- 
dernen Gelehrten: L. Spengel, Über das Studium der Rhetorik 

' bei den Alten (München 1842) 26 f.: ,,Es ist im Charakter eines 
demokratischen Volkes, dafs es, wenn der Geschichtsschreiber 
Ursache und Veranlassung bedeutender Ereignisse an- 
zugeben') hat, diese, wie in der Wirklichkeit bei ihm zu ge- 
schehen pflegt, in Form der Verhandlungen dramatisch auf- 
geführt und die Zustände gleichsam in einem Bilde vergegen- 
wärtigt wissen will. Ganz besonders mulsten die Athener, die 
auf öffentliche Verhandlungen allen Wert legten, die Notwendig- 
keit einer solchen dramatischen Darstellung in ihrer Geschichte 
fühlen, und eine Erzählung, welche die wichtigsten Ereignisse 



1) Cf. die Anm. Bursians zu Seneca suas. 2 them. : der Perser- und der 
peloponnesische Krieg, sowie die demosthenische Zeit wurden zu einer Reihe 
historischer Romane, deren jeder aus einer Serie von Pointen bestand. 

2) Eine auffallende Stellung nahm (wie in vielem) Pompeius Trogus 
ein: Justin XXXYIII 8, 11 quam (oratumem) obliquam Pompeius Trogus ex- 
posuU, quoniam in Livio et in SallusHo reprehendit, quod conUones direeku 
pro sua oratione operi suo inserendo historiae modum excesserint- Polybios 
geht gern Yon der indirekten Rede in die direkte über: cf. Laroche 1. c. 65, 
ebenso sein Nachahmer Appian. 

8) Cf. darüber auch die treffenden Bemerkimgen von 0. Seeck, Die 
Entwicklung der antiken Gleschichtsschreibung in: Deutsche Rundschau XXII 
(1896) 265. L. Auffenberg 1. c. (S. 83, 1) 9 ff. 



Historiographie und Rhetorik. 87 

ihrer Zeit nicht aus der Volksversammlung heraus auch im 
Geiste des Lesers lebendig wieder entstehen liefs, mufste wie 
ihrer Gewohnheit so ihrem Gefühle des Passenden widerstreben'^ 
G. Nipperdej; Die antike Historiographie (in seinen Opuscula ed. 
R. Schoell, Berlin 1877) 415 ff.: ;,Aus dieser plastischen Nach- 
bildung der Ereignisse erklären sich die Reden in den Geschichts- 
werken der Alten. Die Alten , deren ganzes Leben ein öffent- 
liches war, bei denen an dem Leben des Staates die Gesamtheit 
der Bürger unmittelbar als handelnde Personen Teil nahmen, 
mausten sich, wenn sie eine Rolle im Staate spielen wollten, zum 
Redner bilden , die einzige Möglichkeit, auf die Massen zu 
wirken. So wurde denn auch jeder Anlafis ergriffen, Reden zu 
halten^), and bei den Befähigten gestaltete sich jede Ansprache 
Ton selbst künstlich. In einer plastischen Nachbildung der Er- 
eignisse konnten also diese nicht fehlen Die Reden 

in den Geschichtswerken der Alten haben, wenn man 
ihren Totaleindruck auf den Leser betrachtet, nicht weniger 
Wahrheit als unsere Charakteristiken der Verhältnisse 
and Personen*), nur dafs jene Reden die erreichbare Wahrheit 
zur plastischen Anschauung bringen/' 

1) Anreden an die Soldaten {naQcenilBvöBig, nagaivhaig heifsen sie in 
ansem ThukydidesBcholien) waren so üblich, dafs die Eriegsschrifbsteller 
Tondirieben, zum Feldherm zu wählen einen Inccvbv liysiv^ cf. S. Dehner, 
Hadiiani reliqniae I (Bonn 1883) 10. 

2) Welcher moderne Historiker hätte sich eine Charakteristik des Peri- 
Um und Alkibiades entgehen lassen? Thukydides liefs sie reden, und jedes 
Wort atmet den Geist der M&nner und ihrer Zeit, cf. Auffenberg, l. c. 14 ff., 
T.WilamowitB, Antigonos 148. I. Bruns, Das literarische Idealportr&t (Berlin 
1896) 24 ff. DaÜB Thukydides durch seine Reden charakterisieren wollte, wuTste 
schon das Altertum: Markell. v. Th. 50 nennt ihn dsivbv ii^oyQaq>flcai. Ib. 61 
^^ibp fUfii}ri^ %al &Qiata ducyffaqtsvg. Htpst yoüv naQ* ai)X& (pQdrrnuc IIsQiuXiovg 
wak Klietnrog a6% old* Zzi 2^y itnoi ri;, 'Alxißiddov v66vriTaj GsfuotomXiovg 
ndvta (!), Ntulov x^at^rita xrX. Xenophon hat in der Anabasis häufiger, in 
den Hellenika nur einmal charakterisiert und da hält er es für nOtig, das nach- 
Mglich einigermafsen zu motivieren (V 1, 4): derartiges gehörte eben nicht 
in die Geschichtsschreibung, sondern in das Enkomion, cf. I. Bruns, De Xeno- 
phonÜB Agesilai capite undecimo (üniyersitätsschrift Kiel 1896) 19. Von 
den antiken Historikern haben Theopomp und Sallust wohl am meisten 
charakterisiert (daher ist ersterer von Plutarch stark benutzt, cf. C. Bünger, 
Theopompea [Diss. Strafsb. 1874] 17 f.); Tacitus, der grOfste Psychologe 
onier den Historikern, ist doch sehr zurückhaltend: über Augustus und 
seinen Liebling Gtermanicus giebt er die rumores poptdi wieder. 



gg I. Die griechische Kunstprosa bis Augustus. 

nrip der Dafs die Historiker die Beden, Urkunden, Briefe^) mit 

keit.^ ihren eigenen Worten wiedergeben*), ist eine bekannte That- 
sache, die man gern bestätigt sah, als die inschriftliche Bede 
des Claudius de iure honorum GdUis dando zum Vorschein kam 
und so die Kontrolle des Tacitus ermöglichte; vielleicht noch 
belehrender war die Auffindung jenes Bruchstücks des Vertrages 
zwischen Athen und Argos-Mantinea-Elis: Thukydides hat ihn 
zwar wörtlich in sein fünftes Buch aufgenommen, aber dieses 
Buch ist, wie zwei andere, in denen solche Aktenstücke stehen, 
stilistisch von ihm nicht mehr überarbeitet worden.") Der 
Grund für die Umformung liegt nicht blofs in der Unsicherheit 

1) Der stilisierte Brief war ja nur eine Form der Bede. Leider fehlen 
für diese im Altertum weitverzweigte, bis ins Mittelalter und in die Hnma- 
nistenzeit heruntergehende Litteraturgattung (der Vorg^Lnger der päpstlichen 
und kaiserlichen Eabinettssekretäre war kein anderer als Isokrates selbst, 
cf. Ps.-Plut. vit. X or. 837 C Ps.-Speusipp. in ep. Socr. 30) zusammenhangende 
Untersuchungen; das griechische Material liegt in Herchers bekannter Sanun- 
lung und in den Ausgaben der Patristik vor; unter den kirchlichen Schrift- 
stellern haben sehr viele aufser rein dogmatischen auch sophistische Briefe 
geschrieben, manche nur solche der letztem Art, so aufser den bei Hercher 
vereinigten Firmus, Bischof von Eaesarea in Eappadokien im Anfang 
des y. Jh. (77, 1481 ff. Migne). Das Beste über die rein rhetorische Seite 
der Epistolographie: Chr. Aug. Heumann, De anonymis et pseudonymis, 
Jena 1711 (einen Teil davon kritisiert E. Bouvy, De S. Isidoro Pelusiota 
[Nimes. 1884] 10 ff.), cf. v. Wilamowitz, Aristoteles und Athen 11 (Berlin 1898) 
392, und Antigenes 161, 15. R. Hirzel, Der Dialog I (Leipz. 1896) 304. 

2) Die sehr seltenen Ausnahmen sind dann meist so deutlich gekenn- 
zeichnet wie bei Sallust Cat. 34, 3 liUeras Q. CaJtulus in senatu reeitavit, 
qaas siH nomine CatHinae redditas dicebat; earum exetnplum infra ser^ 
twm est, ebenso 44, 6. Cf. Nipperdey zu Tac. ann. VI 6. Eine Inschrift bei 
Xen. An. Y 3, 13. — Bezeichnenderweise hat gerade Polybios viele Urkunden 
wörtlich wiedergegeben. Der hellenistische Jude Eupolemos (s. n. v. Chr.) 
hat den Briefwechsel zwischen Salomo und den ägyptischen und den phOni- 
kischen Einigen aus den Büchern der Chronik in seinen Stil umgegossen 
(wie es später Josephos machte), cf. J. Freudenthal, Hellenist. Stud. n (BresL 
1875) 106 f., der auch den Grund der Änderungen richtig angiebt. 

3) V. Wilamowitz, Die Thukydideslegende in: Hermes XH (1877) 838, 1 
hat zuerst auf diese höchst bezeichnende Thatsache hingewiesen, dafs Th. 
„urkundliches Material in den ausgearbeiteten Teilen niemals im Wortlaut 
mitteilt, sondern in seinen Stil umsetzt. . . . Prosaische Aktenstücke stehen 
nur in IV, V und YHI.** Für Eusebios hat Seeck, Das nicänische Eonzil 
in: Z. f. Eirch.-Gesch. XVH (1896) 58 nachgewiesen, dafs er die Urkunden 
stets stilisiert (glücklicherweise hat er es in der rein gelehrten praep. evang. 
anders gemacht). 



Historiographie und Rhetorik. gg 

der Überlieferung, den Thukydides I 42 für die Reden angiebt: 
denn warum hat er Urkunden nicht wörtlich angeführt? Den 
tieferen Grund hat Nipperdey 1. c. 418 f. entdeckt, dessen eigene 
Worte ich wiedergebe: ,,Je mehr man sich den Eindrücken des 
Sinnlichen hingiebt, um so mehr wird das Gefühl für die Form 
angeregt. Je mehr man nun diese an den Ereignissen beachtet, 
um so groÜBer wird auch das Bestreben sein, der Form, in 
welcher man die Ereignisse darstellt, die möglichste Vollendung 
zu geben. Deshalb stehen die Alten in der äuJüseren Form ihrer 
Greschichtswerke unendlich viel höher als die Neueren. Das 
Haupterfordernis nun einer Yollendeten Form ist die ' 
Einheit. Die Rede mulls einen gemeinsamen Charakter, einen 
gleichmalsig gehaltenen Ton haben, es darf in ihr durchaus 
nichts Fremdartiges sein. Die Alten haben also in der Staaten- 
geschichie durchaus alle Wörter fremder Sprachen ausge- 
schlossen^); sie haben aber auch alles ausgeschlossen, was zwar 
in der Sprache, in der sie schrieben, aber von einer anderen 
Person und darum in einem anderen Stil yerfafst war. Deswegen 
haben sie vorhandene Reden oder Briefe anderer in solche 
Greschichtswerke nicht aufgenommen, sondern, indem sie den 
Inhalt beibehielten, den Ausdruck im Einklang mit dem ganzen 
Werke umgestaltet,^ was er dann mit schlagenden Beispielen 
Yon Briefen und Reden erläutert^, besonders bezeichnend Tac. 
ann. XIII 63 in betreff der letzten Reden des Seneca: quae in 
vidgus edita eius verbis invertere supersedeo, was er richtig fafst: 
jyWas mit seinen eigenen Worten herausgegeben ist und ich daher 
umzuwandeln (seinem Inhalt meine Form zu geben) unterlasse.'' 
Es ist dasselbe Prinzip der Einheitlichkeit, welches dem antiken 
Schriftsteller verbot, Yerscitate ohne weiteres in seine Worte 
einznflechten'), überhaupt ohne besonderen Zweck zu viele und 

1) Cf. darüber oben 8. 60, 2. 

tj Heute liefse rieh (auTser der Rede des Claudius, die Nipperdey 
noch nicht kannte) etwa noch hinzufügen: Plutarch und Tacitus geben im 
'Otho' sonst ganz znsammen, weichen aber völlig ab in der letzten An- 
stäche Othos (Plut. c. 16. Tac. h. 11 47), cf. Mommsen, Herrn. IV (1870) 
S16, 1. Hfttlen wir den beiden gemeinsamen Quellenschriftsteller, so würden 
wir (das darf mit Bestimmtheit gesagt werden) eine dritte Fassung der 
Rede haben. — Cf. auch den schon genannten Brief des L. Verus an Fronte 
p. 181 f. N. 

8) Im allgemeinen hat es fOi <po^i*6v gegolten, Yerscitate in kunst- 



90 f- ^ic griechische Eunstprosa bis Augostus. 

zu lange Stellen zu eitleren^) oder gar Anmerkungen zu machen^ 
eine Erfindung unserer stillosen Jahrhunderte.') Auch gilt dies 

mäfsiger Prosa wörtlich zu geben: man pflegte die Verse yielmehr ganz 
oder teilweise aufzulösen: das ist ein von Piaton (denn Protag. 839 A ff. 
steht natürlich für sich) bis Himerios praktisch geübtes Verfahren (die 
Verse bei den attischen Rednern, besonders bei Lykurg, sind doch wohl 
nur für die Leseexemplare bestimmt gewesen; Chrysipp, der zahllose Verse 
in seine Prosa einlegte, war auch sonst als schlechter Stilist yermfen): für 
uns ist die Folge, dafs wir die disiecta membra poetarum oft gar nicht 
mehr zusammensetzen können, wie z. B. die Lyrikercitate des Aristides und 
Himerios. Gelegentlich kamen übrigens auch andere Momente hinzu, die 
eine nicht wörtliche Wiedergabe der Verse empfahlen : cf. [Menander] nsgl 
inidsixxix&v m 413, 23 ff. Sp. (in der selbstgemachten Probe eines löyog 
naQa(i/v^tvii6g): ''9'av(idtto dh sl fiii intXi/jXv9'iv\ iiitlv^ & naq&wzB^ yovclj?) 
ivvoBlVy & q>7iatv &QiCTog notjitiig E{>Qi.n£d7is ... * XQij yctQ 

tbv (jihv) ipvvta d'iftiretv elg Zc' fyx^''^'' ^<<^^ 
tbv S* ai d'avdvta %al n6va}w nsnavp^ivov 
Xalgovtag 8{fqniiu>iivtag i%nifi/nnv d6fuov.** 
o(f di/fCBig 9h i^dnavtog roclaußeta diä tb slvai aittä üvvi/jd'ri totg nol- 
Xotg %al fvthQ^a^ &lXä «agadAasig /idlXoy. Eine bemerkenswerte Stelle 
über Verscitate in der Prosa: Hermogenes n. (ib9: dstv. 460 f. Sp. und be- 
sonders n. 19. n 362 ff., wo er als wichtigste Forderung aufstellt, dafs die 
in die Prosa eingeflochtenen Verse mit dieser ein IV bildeten. 

1) Eine Geschichte des Citats im Altertum wäre dringend erwünscht. 
Man erkennt die Praxis gut z. B. an Plutarch, der nicht gern wörtlich citiert 
(cf. C. Bünger, Theopompea [Diss. Strafsb. 1873] 12 ff.), sondern, um mich 
so auszudrücken, tä robv &lXmv avvvq>aiv€i tolg iavzo^ (nur mit einigen der 
zahlreichen aus Krateros entnommenen Psephismen hat er eine Ausnahme 
gemacht, für die wir ihm nicht dankbar genug sein können): der antike 
Vergleich eines schriftstellerischen Ganzen mit einem Gewebe ist ja sehr 
bezeichnend für diese ganze Vorstellung der Einheitlichkeit. Auch dialek- 
tische Formen werden in Citaten nicht immer wiedergegeben: man ygl. z. B. 
die Citate aus Herodot beim Verf. n. vtpovg mit unserm Herodottext. Freies 
Citieren des N. T.: A. Resch, Agrapha in: Text. u. Unters. V 4 (1889) p. 14; 
C. Schmidt, Gnoat. Sehr. ib. VIII (1892) 660. Wissenschaftliche Werke und 
gelehrte Partieen innerhalb solcher stehen natürlich aufserhalb dieser Frage. 

2) Cf. B. Keil, Die solonische Verfassung in Aristoteles* Verfassungs- 
geschichte Athens (Berlin 1892) 179: „Die griechischen und römischen Au- 
toren haben deshalb so häufig grössere und kleinere Abschweifungen vom 
geraden Wege der Darstellung machen müssen, weil die Antike die un- 
künstlerische Anmerkung modemer wissenschaftlicher Darstellung nicht 
kennt. Auch die Renaissance und die ältere Barockzeit ist ohne Anmer- 
kungen ausgekommen; erst dem jedes künstlerischen Empfindens baren 
Zeitalter des greisenden Ludwig XIV. war es vorbehalten, diese Sicherheits- 
ventile modernen stilistischen Unvermögens zu erfinden.*^ Cf. Kaibel 1. c. 
16 ff. Unsere Sitte lehnt sich an die Noten der Scholiasten an, daher 



Hi8tx)riographie und Poesie. 91 

Prinzip nicht etwa blols fär die Geschichtsschreibung, sondern 
f&r jedes litterarische Kunstwerk, und schon aus diesem Grunde 
ihun alle die dem Piaton Unrecht, die glauben, dafs er den 
protagoreischen Mythus und den lysianischen Erotikos xarä Xi^iv 
wiedergegeben habe: auf einen solchen Gedanken konnte ein 
antiker Leser der guten Zeit überhaupt nicht kommen. 



B. Die Beiiehungen der G^esohiohtssohreibnng stur Poesie. 

Genau genommen schliejjsien sich [öxoqüc, die Erforschung Theorie. 
des Realen, und noi'qöigj die Schöpfung des Ideellen, aus; aber 
insofern der hroQixög mit Hülfe seiner Phantasie die Lücken 
der Tradition ausfüllt, ist er auch ein aroii^i;^. Da nun im 
Altertum bei den meisten Geschichtsschreibern die Phantasie 
eine gröCsere Rolle spielte als wir ihr heute einräumen, so er- 
klären sich die nahen Beziehungen beider leicht. — Ich werde 
auch hier wieder die mir bekannten Stellen möglichst chrono- 
logisch aufführen. 



stehen in Alteren Werken die Bemerkungen auch am Band. Übrigens hätte 
man — bei aller Anerkennung der antiken Sitte vom ästhetischen Stand- 
punkt — doch gewünscht, dafs einige Schriftsteller, die viel zu sagen hatten, 
nnsem Brauch gekannt hätten, z. B. Aristoteles, bei dem wir jetzt oft doch 
•ehr mühsam eine erg^üizende oder erklärende Notiz aus dem Text heraus- 
schälen müssen, die er beim mündlichen Vortrag leicht als solche kenn- 
seichnen konnte. Varro de ling. lat. schachtelt oft ganz chaotisch zusammen. 
Aber auch Schriftstellern, die gut schreiben wollten, ist es nicht immer ge- 
langen, uns über eine Nebenbemerkung ohne Störung hinwegzutäuschen, 
z. B. gehurt die gelehrte, mit haud fuerit absurdum tradere eingeleitete anti- 
quarische Notiz des Tacitus über den ältesten Namen des Mens Caelius 
(um. IV 66) nach unserm GtofOhl entschieden in eine Anmerkung, wie auch 
andere seiner staatsrechtlichen Exkurse (ganz ähnlich Cass. Dio Lm 16, 5 
über den Namen des Palatin); Clemens Alex, ström. I c. 14 zählt dio 
Weisen Griechenlands auf, bei Epimenides föllt ihm plötzlich der Vers des 
[Paulus] Ton den Kretern ein, woraus er Veranlassung nimmt, alle an- 
dern Stellen, an denen der Apostel Citate aus der hellenischen Litteratur 
hat| zu nennen, und erst dann geht es in der Aufzählung der Weisen weiter. 
Bei Herodot möchten wir dagegen seine liebenswürdige Art, bei Nennung 
irgend eines Namens oder einer Sache gleich über diese mehr oder weniger 
aosflDlurlich zu berichten (bei Ägypten ist es fast ein ganzes Buch) nicht 
miaMB, denn bei ihm ist das eine dem Epos abgelernte primitive Eunst- 
form, durch die er der Schöpfer der für die Geschichtsschreibung so folgen- 
reicbra Einrichtung des Exkurses geworden ist, cf. 0. Seeck 1. c. (S. 86, 3) 254 f. 



92 I- Die griechische Ennstprosa bis Augostas. 

Quintilian X 1,31 (vermutlich nach Theophrast): Eisiaria 
est proxima poetis et quodam modo Carmen solutum. 

Polybios n 56, 11 fP. giebt eine lange Auseinandersetzung 
(gegen Phylarchos) darüber, Sri xb tiXog CöroQÜcg xal tgayrndiag 
oi tainöv. 

Lukian de hist. conscr. 8: ^Ayvoslv ioixaöiv ot roiothrot ibg 
noii]rixi}g [uhv xal notrifidtav &Xlav {)no6%i6aig Tcal xavövsg tiioi^ 
töxogCag 6% &kXor ixet fikv y&Q ixQat'^g ^ iXsv^SQCa xal röftog 
elg rö dö^av rp xoii]t^' iv^eog yäQ xal xdtoxog ix M(w6&v 
(folgen Beispiele). — *H tötOQia dl fjv tvva xoXaxeiav toutfitriv 
nQOöXdßyj xl &XXo fj 7cs^i^ xig icoivixixii ylyvexav^ xr^g fiByaXoipah 
vCag (ihv ixBivr^g iöxsgri^svfi , xijv Aotori^ 81 xsQotsiav yvfiviiv 
x&v iiixQC3v xal d^' aixb ijtiöfiiioxiQav ixq>a£vov6av; xxX. cf. 22 
Toifg 81 xal itoirj^tixolg övöiiaöiv iv [öxoQia xQOifLivovg noi) 8* äv 
xig d^sirij xoi>g Xdyovxag jyiXiXt^^e ftiv fj f*i2X«*^5 ^^ '^^^og 81 
nsöbv fiBydXag i8ovnri6B", xal icdXiv iv ixigm (ligst r^g xaXijg 
töxogiag' ^^E8s66a ^h/ di) ovxfo xolg ZicXoig nsQUöfiaQayBtxo xal 
Sxoßog fjv xal xövaßog anavxa ix^ri/a", xal „6 öXQaxtjybg ^/xep/iij- 
Qi^BV CD xQÖTtc) (idXtöxa TCQOöaydyoi xgbg xb rar^jog". cf. 14 
Musenanrufung und sonstige Nachahmung Homers. 

Aristides or. 49 (vol. II 513 Dind.) nennt die Historiker 
xoifg li^sxa^v x&v xoti^x&v xs xal ^tixöqcdv. 

Demetrius de eloc. 215 von Ktesias: 6 ^oiijri^g oixogj 
xotrixilv y&Q ainbv xaXoiri xig sMxcog. 

Marcellinus vit. Thucyd. 41: ^ExöXfiriödv xivsg dfcoqyi/jva- 
6^ai Zxi a'bxb xb €l8og xrig övyygaifnjg ovx iöxt ^rjxogvxijg iXXa 
noi.fixixilg, 

Himerios or. 14, 27: 'if xov 'AXixa^aöifog noiriöig, 

Agathias erzählt in der Vorrede zu seinem Geschichtswerk 
(p. 135 Dind.): in der Jugend habe er sich nur im Dichten ver- 
sucht und als er später sich entschlossen habe, Geschichte zu 
schreiben, habe ein Freund seinem Bedenken, ob er wohl daftlr 
geeignet sei, ein Ende gemacht mit den Worten: Od xöqqw xb- 
xd%^ai [öxoQiav notrixiTcflg , dXXä &(L(pio xavxa Blvai i8BXipä xal 
bfAÖfpvXa xal fiövo) tömg xp yiixQp iXXi^Xcov imoxBXQiyiiva. &g 8ii 
oiv otxo^Bv otxa8B oHörig xfjg (iBxaöxdöBfog ^aQQOVVxd xb livai 
ixdXsvBv xal ö^ivat Jtawl i%B6^ai iQyov. 
praxu. Wie das rhetorische Element in den Reden, so kommt das 

poetische in den eingelegten Mythen und Exkursen aller Art, 



Historiographie, Rhetorik und Poesie. 93 

die dem Vergnügen und der Unterhaltung dienen sollen^ zum 
Ausdruck. Ich verweise dafür auf Liere 1. c. (oben S. 80) 6 und 
Livins IX 17, 1: Nihü minus quaesitum a pritwipio huius operis 
videri patest, quam ut plus iusto ab rerum ordine dedinarem 
varietatibusque distinguendo qpere et legentibus vdut deverticula 
amoena et requiem animo meo quaererem; tamen tanti regis ac 
ducis (des Alexander) mentio,quibus saepe tacitis cogitationihus volutavi 
(mimumy eas evoccd in medium, ut quaerere libeat, quinam eventus 
Romams rebus, si cum Älexandro foret hellatum, futnrus fuerit — 

Aus der Vereinigung beider Momente, des rhetorischen und 
poetischen, erklärt sich der pathetisch-dramatische Aufbau, den 
man der Geschichtsdarstellung zu geben sich bemühte; so hatte 
ein Alexanderhistoriker (vermutlich Eleitarchos^) die Thaten 
Alexanders wie ein Squiuc fidya dargestellt, dessen i^ödiov der 
durch Erfindungen aller Art tragisch erhöhte Tod des Helden 
war (Plut. Alex. 75), und in unerreichter Vollendung läfet Tacitus 
eine Reihe gewaltiger Tragödien mit bewufster künstlerischer Ge- 
staltung auch in der Schürzung des Knotens und Spannung bis zur 
xazaatQOipij an seinen Lesern vorüberziehen.^ Wenn man be- 
denkt, daJGs die römische Tragödie der Republik und der Kaiser- 
xeit durchaus rhetorischer Natur war, so wird man wohl sagen 
dürfen, dais die eigenartige Gattung der fabula praetexta, in 
der die fortia facta nationaler Helden zur Darstellung kamen, 
ein Ausflufs dieser pathetisch-dramatischen Geschichtsschreibung 
gewesen ist 

Aus dem Gesagten erklärt sich die aufserordentliche Sorg- 
hlt, mit der die Historiker des Altertums ihren Stoff stilistisch 
gestalteten. Wenn man heute nicht ganz einig darüber ist, in- 
wieweit der Geschichtsschreiber den Lesern ein künstlerisch ab- 
gerundetes Ganzes bieten müsse'), so ist im Altertum diese 

1) Das vermutet R. Geier in seiner Ausgabe der Alezandri bist, script. 
(Leips. 1844) 169 auf Grand von Cic. Brat. 43, wo von EQeitarcbos berichtet 
wird, er habe eine besondere Todesart für Themistokles erfanden: hanc enim 
mortem rhetorice et tragice amare potuit. 

t) Cf. Leo, Tacitus (Eaisergebortstagsrede Göttingen 1896) 18 ff. 

8) Ein Urteil ans dem vorigen Jahrhundert: Breitinger, Dichtkunst 
(Zürich 1740) 82 f. ,,Man kan nicht in Abrede sejn, dais der Historie- 
Schreiber, ungeachtet er als ein aufrichtiger Zeuge dessen, was würcklich 
geschehen ist, mehr durch die wundersame Abwechslung der Glücks- und 
Ung^fickB-Fälle, als durch die entzückende Kraft und das poetische Wesen 



94 I- Die griechische Eunstprosa bis Augostus. 

Frage überhaupt nicht aufgeworfen worden: blolse Material- 
sammlung (imofitn^iiara, commentarii) ohne äufseren Pnts legte 
man dem Publikum entweder überhaupt nicht vor oder wenn 
man es that, so hatte man Tadel oder zweifelhaftes Lob zu er- 
warten; dagegen war es Brauch , die Materialien, felis man zu 
ihrer künstlerischen Verarbeitung nicht selbst die Fähigkeit 
hatte, geeigneten Männern zur Verfügung zu stellen, die nun 
ihrerseits das notwendige Erfordernis erfüllten.^). 



in den Beschreibungen zu belustigen suchet, dennoch erlaubet ist, zuweilen 
den Pinsel des poetischen Mahlers zu gebrauchen, aber dieses nur insofern 
er dadurch seiner Haupt-Absicht aufhelfen, und in seiner Erzehlnng ein 
helleres Licht anzünden kan. Würde er diese geborgten Farben ohne 
Maafse anbringen, so müTste die Wahrheit der Erzehlnng darunter Abbruch 
leiden. Daher hat man an Q. Curtius nicht ohne Grund getadelt, dafs er 
den Character und die Glaubwürdigkeit eines aufirichtigen Zeugen der Wahr- 
heit durch den übermäfsigen Gebrauch des poetischen Zierraths yerl&uguet 
habe/* — Werke wie die von y. Treitschke, Mommsen, Taine und Macaulay sind 
auch im antiken Sinn Kunstwerke ersten Ranges, manche inhaltlich noch 
so wertvolle historische Forschungen neuerer Zeit sind dagegen vom Stand- 
punkt des Altertums blofse inoft/ifi^fuicta (s. die folgende Anmerkung). 

1) Die ^oiivi/juata des Aratos waren geschrieben diä t&v initv%6ptmv 
dvoiuittov (Flut. Ar. 8), dafCLr aber waren sie dtXrid'ivcc xal 6aq>ij (Polyb. I 
40, 4). Lukian de bist, conscr. 16 &XXos 9i xig aijtdbv ^6pyvmka t&v yiyo- 
v6tmv yvfi/iföp evvayaymv iv ygcctp^j noiiidfj neibv aal xaitaufitig^ olop jud 
argatiiSaTrig &v tig tu xa^' rjftiQuv &7coyQaq>6iievog evvi^%Bv i) TfxtcMr ^ 
xaTTTjZ«^ xiq aviinsQivoat&v tfj ctgatiä. nXiiv &XXcc fi€XQtAtiQ^ yi 6 idtAtrig 
ohtoi ^y, a^bg {ihv ocM'na Öf^Xos mv olog ^y, &XXa} 9i nvi xagii^tt mal 
dvvriaofiivtp Ictoglav iiBta%6VQleae^ai ngonsnovrin^s. Dagegen verlangt er 
48: nach Sammlung der Thatsachen fCQ&ra fikv 'bn6iivriiid xi cvvwpccipixm 
aifx&v xal eätfia noislxoa ä'naXXhg frt xal &duiQ9'Qmxov' elxa inid'ilg xijv xd^ßw 
inayixm xb adXXog xal ;|r^coyWra> xfj Xi^si xal axrifi^ti^Sita xal (v^^i^ixm. 
Photios bibl. cod. 80 von Olympiodoros (s. Y) : aaqfijg fikv xriv tpffdmvj &xov6g 
8h %al itiXsXvfiivog xal n^bg xriv fCBnocxT}fi4v7iv aaxsvrivByfiivog %vdaioX6y(a9, 
&6te firTjd' &^iog sl^ avyyQUfprjv &vayQdq>iOd'tti 6 X6yog. h xal aitxbg üetßg 
avvidmv oi Gvyygaq>i\v a^xm xai^a naxacatvocadilvoci , &XXä {fZijtr 6vyyQocq>fjg 
i-KTtoQiad'ijvai diaßsßaiovxai' ovxmg &(iOQq>og xal ävHeog xal a{fx^ xo^ X6y9v 
6 ;|ra^axr7)9 %ax6q>aLvsxo. — Ebenso die Lateiner. Bekannt sind die Urteile 
des Hirtius (bell. Gall. VIII praef.) und des Cicero (Brut. 262) über Caesars 
commentarii; wenn übrigens Cicero sagt: dum voluü alios habere parnUa,^ 
unde sumerent qui velUnt scribere historiam, ineptis grattim fort(U8e feeit, gut 
völent illa calamistris innrere: sanos quideni homines a scribendo deterruit, 
nihil est enim in historia pwra et illustri brevitate dtdciiM, so ist das (wie 
manches in diesem ganzen Abschnitt über Caesar) nicht seine wahre Herzens- 
meinuug, die sich vielmehr in jenem famosen Brief an Atticus (U 1, 1 f.) verxut. 



Thukydides. 95 

Daher brauchen wir es nicht fdr Übertreibung zu halten, 
wenn Dionys y. Halicamass uns berichtet (Arch. IV 21), dafs 
er 22 Jahre an seiner Geschichte gearbeitet habe, oder Cassius 
Dio, dab er zehn Jahre zur Sammlung des Stoffs, zwölf zur 
Ausarbeitung gebraucht habe (LXXV 23. LXXYI 2). 



1. Über Thukydides will ich folgende zwei neueren Modemo 
Urteile voranstellen: 

L. Spengel, Über das Studium der Rhetorik bei den Alten 
(München 1842) 27 f.: „Bei keinem Geschichtsschreiber des 
Altertums tritt die Rhetorik erhabener imd in schonerer Gestalt 
auf als bei Thukydides; man dari^ sagen, wie die bildende Kunst 
sogleich in voller Kraft im Phidias, die dramatische im Aeschylus, 
80 erscheine die rhetoriBche im Thukydides, zum Beweise, was 
sie, richtig angewendet, vermöge, und damit alle späteren mifs- 
lungenen Versuche nicht ihr, sondern der Unfähigkeit jener, 

welche sie ausgeübt haben, zugeschrieben würden — Die 

Darstellung (in den Reden) ist nicht in^der Sprache des Forums, 
die sich in behaglicher Breite gefällt und verstäudlich zu jeder- 
mann spricht, man sieht an ihnen das Studium, das Streben, mit 
wenigem viel zu sagen; sie sind ganz aus der Kunst der alten 
Sophistik geflossen und tragen ihre Abstammung überall sichtbar 
zur Schau, sie wollen studieri^, nicht gelesen sein/' 

M. Haupt, Herrn. III (1869) 150: Ad Thucydidis sermonein 
nUdlegendufn non prodest caeca gravissimi scriptaris admiratio, 
neque^ ut libere dicam quod sentio, anxia et operosa interpretum 
quorundam sübtilHas numguatn noctiit mtUttttn autem prodest in- 
formare animo imaginem hominis magno ingmio magnaque sapientia 
praediH toiamque rerum gestarum perscribendarum rationem ad 
artis severiiatem revocantiSy sed ea aetate, qua prosa Atticonim oratio 
wmdum satis exculta, rJietorum autem praeceptis modo conformari 
eoepia erat, üaque et abutitur oratoriis afiificiis novitate tum blan- 
dientibus ei luctcUur quasi Qum sermone multaqtie committit quae ex- 
eitsari posstmt, laudari autctn et tamquam perfectae artis exemplo 
commendari netUiquam debcnt. 

wo er über sein eignes ijtofivrnia spricht. Besonders auch lehrreich hierfür ist 
der Brief des L. Yems an Fronto (p. ISl f. N.). Commentarii zur Heraus- 
gabe bestimmt sind selten: Quiutil. X 7 30. 



96 I- Die griechische Eunstprosa bis Augustus. 

Anüke Dafs Thukydides unter dem unmittelbaren Einflufs der 

sophistischen Prosa seiner Zeit geschrieben hat; wufste man im 
Altertum genau, wie die vielen Zeugnisse für seine Anlehnung 
an Gorgias und Prodikos beweisen.^) Nachdem darüber schon 
Spengel (Art. scr. 53 f. 119) alles Wesentliche gesagt hatte, ist- 
das Einzelne in einer grofsen Anzahl von Spezialuntersuchungen 
dargelegt und von Blafs 1. c. I^ 203 ff. zusammengefalst worden')- 
Ich wiederhole davon nichts, sondern hebe nur einiges Allgemeine 
hervor. Den antiken Beurteilern war der Stil des Thukydides 
ein Problem ; weil er, trotz der Anlehnung an die sophistische 
Prosa im einzelnen, als Ganzes betrachtet doch isoliert dastand. 
Dionys v. H. denkt sich nun in seinen Kritiken den Thukydides 
als einen höchst eigensinnigen Schriftsteller, der, ergriffen von 
der Sucht, Neues und Ungewöhnliches zu bieten, immer das 
gerade Gegenteil von dem dachte und schrieb, was normale 
Menschen gedacht und geschrieben hätten. Das ist die Vor- 
stellung, die dieser Mann von Originalität hat. Aber darin hat 
er doch recht: Thukydides hat, wie Diels (Gott. gel. Anz. 1894 
p. 298) sagt, durchaus m>)dem sein wollen; das Moderne fiel aber 
damals mit dem ungewöhnlichen zusammen. Nur müssen wir ver- 
suchen, durch tieferes Eindringen eine würdigere Auffassung zu ge- 
winnen, als es Dionys gelungen ist, der von psychologischen Er- 
)M Neue, wägungen keine Ahnung hatte. Thukydides hat die Würde, das 
(il^cDfia, seines Werkes auch darin zum Ausdruck bringen wollen, 
dafs er nicht in der Sprache schrieb, wie sie in den für den Augda- 
blick bestimmten &y{ovi6(U)cta zur Anwendung kam. Er wählte 
daher, ähnlich wie die Tragiker, eine dem Leben fernstehende 
Sprachform, die seine späteren Kritiker treffend die archaisierende 
genannt haben. Aber damit ist nur eine Besonderheit bezeichnet: 



1) Dafs nicht blofs fonnell, sondern auch inhaltlich der Einflufs der 
Sophisten zu merken ist, hat K. Schoell in seiner hervorragenden Abhand- 
lung: „Die Anfänge einer politischen Literatur bei den Griechen" (Fest- 
rede in der Akademie, München 1890) 32 hervorgehoben: in ihrem Dialog 
mit den Meliem tragen die Athener die sophistische Lehre vom Recht des 
Starkeren vor (V 89). 

2) Ein beachtenswerter Anklang an Qorgias im thukydideischen Epi- 
taphios wird hervorgehoben von v. Wilamowitz im Hermes XI (1876) 294 f. 
Einige gute Beobachtungen bei E. Scheel, De Gorgianae disciplinae vestigiis 
(Diss. Rostock 1890) 35. 41. 52 ff. 



Thukydides. 97 

Thukydides hat sich nicht mit dem vorliegenden Sprachstoff be- Miichnnf 
gnfigt, um ihm seine Gedanken anzupassen, sondern seine Ge- '*' ''"' 
danken sind ihm die Hauptsache, und wo sich ihnen die Sprache 
nicht f&gt, schafft er den ihnen konformen Ausdruck mit der 
Rücksichtslosigkeit eines Autokrators. Die Berechtigung dazu 
gab ihm die durch die Sophisten begründete Theorie von den 
Neuschöpfungen der Wörter.^) Mit dieser souveränen Sprach- 
bildnerei verbindet sich mm ein ganz heterogenes Element: ein 
pedantisches Betonen des Sprachrichtigen, wie I 122, 4 ov yäQ 
8ii X€q)evyit€g tavta ixl f^v xXsictovg dij ßX&^a6av xaxa- 
fpQ6vri6iv 7u%(OifT/j[iuxxB^ ^ ix rot) noXXovg 6q>iXXeiv xh ivavtiov 
Svofur itpfoöjivri (Utayvöiiaötat oder II 62 livai dl totg i%^fotg 
bfk66B xal a^ivpaö^ai (lij tpQOviifiatt, ^6vov iXXä xal xccraq)QOVii' 
lucti' ipQivriiia [ikv yäQ xccl imb ifucd'iag einvxovg xal dsiXdi xvvi 
iyyiyvitaij xaxatpQ&injöig dl, bg &v xal yvfbiitj niöts^u t&v 
httvxlanf %Qoi%uv: das ist, wie man schon im Altertum wufste, 
der EinflnÜB des Sprachpedanten Prodikos. Infolge dieser 
Kreuzung sophistischer Sprach theorieen ist Thukydides oft in 
einem und demselben Kapitel der verwegenste Sprachneuerer 
und der peinlichste Beobachter des Sprachrichtigen. Der Ein- 
druck des ungleichartigen wird nun erhöht, wenn wir von den 
emzelnen Worten auf die Sätze blicken. Aus jener für den 
sprachlichen Ausdruck geltenden Parole erlaubter subjektiver 
Freiheit zog er die Konsequenz, daCs auch das aus den Worten 
tich ergebende Satzganze der individuellen Willkür des Schrift- 
Btellers anheimgestellt sei. Keiner der Sophisten ist ihm hierin 
vorangegangen, aber diese Konsequenz zu ziehen, dazu drängte 
ihn die Richtung seines ernsten Geistes, der die Fesseln des 
Schematismus sprengte, indem er an die Stelle des Verzierten 
das scheinbar Kunstlose setzte: der Gedanke, unendlich weit, 
überwuchert das Wort, das ihn kaum noch zu tragen vermag^); 



1) Cf. Spengel, Art. script. 85. 86. 88. 92. Über sie hat sich schon 
Arisiophanes in den JocitaXfjg lustig gemacht. Am weitesten ging darin 
der Sophist Antiphon (S. oben S. 72, 2), der thatsächlich auf Thukydides ein- 
gewirkt hat (cf. Hermog. de id. 414, 22 ff. 422, 17 ff.), und zwar, soweit wir 
sehen, mehr als sein Freund, der Redner. 

2) Cf. Cicero de or. n 56 ita creber est rerum frequenHa, ut verbarum 
prope numerum sententiarum numero cansequatur, ita potro verbis est aptus 
et presmiB, ut neseia», utrum res oratione an verba setUentiis iUustrentur. 

Morden, antike Kunetprota. 7 



98 I- I^i^ griechische Eunstprosa bis Augnstus. 

die Alten haben das treffend so ausgesprochen^ dafs Thukydides 
im Streben nach rd%og tilg örifiaöücg geworden sei {meQoxtmbg 
tfjg &xoXovd'ütg (Theophr. bei Cic. or. 40; Dionys. de Lys. 3 und 
sonst): diese Regellosigkeit^ dieses Aufheben des gleichma&igen 
Ausdrucks ist beabsichtigt^ denn jede Änderung der sprachlichen 
Form in inhaltlich parallelen Sätzen giebt dem Gedanken eine 
Nuance, fügt ihm ein Neues hinzu. ^) Das Eigentümliche aber 
ist, dafs wie beim Wortgebrauch so auch hier mit der Regel- 
losigkeit sich eine, wie man erwarten sollte, divergierende Linie 
kreuzt. Wäre der Stil des Thukydides im Bau der Sätze durch- 
gängig disharmonisch, so würden wir in der absoluten Regel- 
losigkeit die höchste subjektive Regel des Schriftstellers er- 
kennen; aber in Wahrheit steht neben dem Schroffsten »und 
Formlosesten, oft unvermittelt, das Glatteste und Yerkünsteltste, 
nämlich alle jene Spielereien des Gorgias*): derselbe Schrift- 



1) Die Thatsache ist ja jedem Leser des Thukydides bekannt, ich 
meine Fälle wie I 2, 2 tijs yäg iiMoglag oix o^cris lybd* inifuyv^rtsg &dB&g 
&llijlotg. y 9, 6 toü ^navUvai nXiov ^ rot) (uhomog (Über das substanti- 
vierte Partizip s. unten Anm. 2) tijv diavouiv i%ovßiv. Y 14 ganz: ^vpißti 
. ., mars noliiiov {ihv {iridlv Irt atpaad'at (iti^BtSQavgj n^bg dh tiiv sl^i/jwriv 
{jLäXXov x^v yv&yi/riv bI%ov^ ol (ukv 'A^ißoloi nXriyimtg inl %^ JriXlm . . . %al 
o^x ixovteg tiiv ilniSa tijg (Aiirig nunriv frt . . . ., xcel rohg ip(j^xov^ 

äfuc idsdiscccv .... iiBTBfiiXovto xb 3ti, %tX ' ol d' al Acc%B8cctji6vwi 

nagä yvmfiriv fihv &noßaivoißtog atpiei xo^ noXifJLOv . . ., nBQUiB96px sg dh xfj 
iv xfj vi^(f(p ^vfitpogä . . ., xal Xjj&CBvofuivrig xfjg %AQag, VI 24, 3 %al i^atg 
ivinsifs xotg n&aiv öftoüog innXBüaai' xolg fi^v TCQBcßvxigoig oitg ^ xccxacxQB- 
tl>oii4voig iq>* a ItcXbov Tj o{>9hv dkv aqiaXBZaap (tBydXriv 9vpa(iiv, xolg d* iw t{ 
^Xtx/a xf/g XB &novcr[g fc6d'<p öipsag xal d'BODQlag aal BÜXnidBg SvxBg em^- 
<Fe<F^ai* 6 dh noX^g ZiiiXog %al cxQaxuhxr}g &QyvQiov oücbiv. Eine nach rich- 
tigen Gresichtspunkten geordnete Sammlung solcher Anomalieen giebt E. Lange 
in seiner kürzlich zu Schulzwecken erschienenen Auswahl aus Thuk. (Leipz. 
1896) im Kommentar 173 ff., cf. auch E. Pannicke, De austera Thucydidis 
compositione, quatenus ex copulatione dissimilium orationis partium per- 
spici poBsit, Diss. Berlin 1867. 

2) Eine in den neueren Sammlungen übersehene Einzelheit: I 110 
roDroy Öh diu xb iiiyB^ög xb to{) iXovg oix idvpavxo kXBtv %al &fia (MJi%i- 
ILiiixaxol bUsi x&v Alyvnxlmv ol flciot, was schon Hermogenes de iny. IV 7 
p. 169 Sp. notiert hat. Über VUI 16, 1 Za\dav iilav (sc. va^p) kann man 
zweifeln, s. oben S. 80, 1. Eine wichtige wörtliche Anlehnung an Qorgias: 
E. Scheel 1. c. 35. — Eine der bemerkenswertesten rein sprachlichen Eigen- 
tümlichkeiten des thukydideischen Stils, die auch schon dem Dionys y. H. 
aufEel, ist die Substantivierung neutraler A^jectiva und Participia, z B. 



Thukydides. ' 99 

sieller, der sonst mit den Worten bis zur Dunkelheit spart, fägt 
nicht selten wegen des äuTseren antithetischen Satzbaus ein für 
den Gedanken überflüssiges Satzglied hinzu ^) und mafsregelt die 
Sprache einem äußerlichen Schema zuliebe'); derselbe Schrift- 
steiler, der in der Stellung der Worte nicht dem Rhythmus, 
sondern dem Gedanken zuliebe das Kühnste wagt^, zirkelt ge- 
legentlich in gorgianischer Manier parallele Sätzchen ab mit ge- 
nauester Responsion der einzelnen Worte. ^) Wo ist die Lösung 



II 59 tb 6ifyii6niP09 tfjg yvAfiris Y 66 tb iniiisXhg tov dgiiafiivov (schol.: ij 
IsifUXcia t&p yivonivmp); nun finden sich ein paar Beispiele auch beim 
Redner Antiphon, z. B. V 78 uQSiöoov xgii ylyveed'ai tb <biiitSQov dvvdfisvov 
ipti %miei9 Ij tb t&v ix^i^&v povX6pLsvov &dl%mg iis &noXXvvcci, aber beider 
Mutter war Gorgias, wie das Fragment des Epitaphios zeigt, wo sich in 
dinem Satz folgende Neutra zusammenfinden, die alle auch bei Thukydides 
nachweisbar sind: tb ixm%ig^ 9i%aiop, diov^ ^vfUfi^ov, &fpqov und, was be- 
sonders bezeichnend, mit dem gorgianischen tb €pq6viii4>v tijs yvAiiris deckt 
sieh bei Thukydides I 90 tb ^nontov tfjg ypiiiiirig und bei Antiphon 11 y 3 
tb 9vim6iu90v tljg ypAiitig: beobachtet von M. Nietzki, De Thucydideae 
elocationis proprietate quadam (Diss. Eönigsb. 1881) 37 ff. (später hat das 
besonders Epikur geliebt). 

1) Z. B. n 37 in. X9^P^^^ Y^Q noXitsla oö iriXo^üfj tobg t&v niXag p6' 
fuwg, necgtidHyfiM 8h (t&XXav aiftol ÖPtsg rtvl ^ iiiiiovfiepoi itiifovg. YH 
76, 8 ol tfibrteg %cctciX9in6iiivoi ti^avfuctLai ts mal &ad'ivetg noXif tAv tsd'psdt- 
tmw XwtTioSftBQOi ffiap %a\ t&v knoXmXotmv MXi&tiQOi. 

2) Z. B. Vn 67, 3 iv bXiytp yocQ noXXal (sc. vijeg) &ify6teQai {ihv ig 
tb 9^9 Vi &v ßo6Xovtai iüovtat, (qtctai dh ig tb ßXdntsad'ai &q>' irv ^fiitv 
u«i4f§€%96cL9taif wo ig nach (aatai statt des blofsen Infinitivs, der auch bei 
Th. selbst sonst steht, sprachlich singulfix ist. I 70, 3 f. aid'ig Öh ol fikv 
mtd «o^ dvvaiuv toXfMrital %al naffä yvAfuriv %ivdvvsvtal xal inl totg 
Stivctg MXnidig' tb dh {ffUtsgav tfjg te dvvdiiemg ivÖsä ng&^ai tilg ts yv&- 
|M|€ fifidh tolg ßißaioig niötsiiüai t&v ts dsiv&v firiÖinots oüsad'ai ScnoXv^- 
tffftf^oi. Mcl ikijv %al &o%voi n^bg (ffUtg pLsXXritccg %al Scnodrifirital n^bg 
ip9ri§Mtätavg^ wo die hervorgehobenen Worte kühne Neubildungen sind 
snliebe von ro2fM]ra( und ivdTifiotdtovg. 

8) Cf. Ph. Both, De Antiphontis et Thucydidis genere dicendi (Diss. 
Maibuxg 1875) 42 ff. 

4) Beispiele besonders bei J. Becker, De sophisticarum artium vestigiis 
apad Th. (Diss. Berlin 1864) 27 ff. H. Steinberg, Beitr. z. Würdigung d. thuk. 
Baden, Progr. des Wilh.-Gymn. Berlin 1870 prüft sehr gut das Ethos der 
einseinen SteUen, in denen die Figuren zur Anwendung kommeo. — Gor- 
gias und Prodikos vereinigt I 69, 6 xal firidslg 'bfi&v in' ^x^qu tb nXiov ^ 
oiri^t TOfUe^ tddt Xiysc^ai' altla fikv yag q>lXmv icvdg&v iativ äfucQtavov- 
T«9, «4m|yo^/a Sh ix^Q&p &di%fiadvti»v, 

7* 



100 L Die griechische Eunstprosa bis Augastos. 

idiTidnaii-des Rätsels, das ein solcher Stil aufgiebt?^) Ich denke , wir 
rrftdition. sehen in diesem Stil mit fast plastischer Deutlichkeit den 
Kampf des Individuellen mit dem Traditionellen, das Ringen 
eines gewaltigen Geistes, der zwar in den Bahnen wandelte, die 
ihm die eigene ernste Anlage und die Würde des Stoffes wies, 
der aber gelegentlich auch die betretenen Pfade einschlug und 
einschlagen mufste: denn jeder zahlt dem Geist der Zeit seinen 
Tribut, aber die überragende Persönlichkeit giebt sich darin 
kund, wie sie ihn reflektiert, und da mufs man sagen, dals die 
Individualität des Thukydides auch als Stilisten eine ebenso be- 
wundernswürdige ist wie die des Tacitus, des einzigen, der sich 
ganz mit ihm messen konnte und, wie wir sehen werden, messen 
wollte: auch er, der Verächter polierter Form vor der wuchttgen 
Gedankenschwere, ringend gegen den verderbten Geschmack 
seiner Zeit, aber auch er in gelegentlichen Künsteleien ihm seinen 
Tribut zahlend; der Grieche für alle Folgezeit der Repräsentant 
der 6B^v6tfigj der Romer von seinem Freund Plinius mit dem- 
selben Worte geehrt; beide einsame, vornehm zurückhaltende 
Naturen, die nie zu ihren Lesern herabsteigen; beide auch darin 
wahrhaft grofse Schriftsteller, dafs sie nie alles sagen, sondern 
stets eine unausgesprochene Gedankenwelt hinter ihren Worten 
vor dem Geist des mitarbeitenden Lesers sich auftürmen lassen. 
Gelesen wurde Thukydides daher nicht viel, wenigstens nicht 
von dem grofsen Publikum, und nicht durch seinen Stil, der 
selbst philologisch gebildeten Lesern des Altertums groCse 
Schwierigkeiten bereitete und der ihnen in seiner Herbigkeit 
und Originalität nicht sympathisch war, sondern durch die 



1) Hin und wieder traf ich auf die Behauptung, Thukydides h&tte, 
wenn sein Werk nicht ein Torso geblieben wäre, die Härten der Spradie 
beseitigt und das Ganze mehr uniform gestaltet. So können nur diejenigen 
urteilen, die sich nicht dem Fühlen jener Zeit und eines ihrer grOfsten 
Vertreter anzupassen vermögen. Auch wer glaubt, den Thukydides wegen 
seiner Verwendung der spielerischen Bedefiguren ^entschuldigen' ssu müssen 
(F. Stein, De figurarum ap. Thuc. usu, Progr. des Fr.-Wilh.-G7mn. Cöln 1881), 
wird ihm nicht gerecht. Im Tadel des Thukydides ist, gestützt auf die 
albernen Bemerkungen des Dionys, am weitesten gegangen Beiske in der 
Vorrede zu seiner 'Deutschen Cbers. der Beden aus dem Th.', Leipz. 1761: 
die — wirklich unerhörte — Stelle („schlechte und einstige Streiche des 
Th.". „Th. Vater der Witzlinge" u. dgl. m.) hat Steinberg 1. c. 4 mitgeteili 



Xenophon. 101 

würdige Behandlung des gewaltigen Stoffes ist seine stolze 
Prophezeiimg von der Ewigkeit seines Werkes zur Wahrheit ge- 
worden. 

2. Mit Xenophons Namen haben wir uns gewöhnt, die Natur m 
Vorstellung einfacher Grazie, also der spezifisch attischen Eigen- 
schaft^ zu verbinden. Auch dem Altertum galt er als Typus 
schlichter Natürlichkeit, und wer daher in der Eaiserzeit naiv 
schreiben wollte, der nahm sich wie in ionischem Dialekt den 
Herodot, so in attischem den Xenophon zum Muster: nur schade, 
dab bei diesen Epigonen die Naivität gesucht ist und daher 
entweder zur Sentimentalität oder zum höchsten Raffinement 
wird, 80 dab sie entweder süTslich oder affektiert oder beides 
erscheint. Nun hat es freilich im Altertum einsichtige Leute 
gegeben, die konstatierten, dafs dies Naturkind Xenophon sich 
gelegentlich doch gern putze, ja hin und wieder sogar mit recht 
bedenklich schillernden Flittern; aber diese Urteile sind selten, 
und im allgemeinen ist man voll des Lobes dieser attischen 
Biene. Daher war auch für Blafs in der ersten Auflage des 
zweiten Bandes seiner ^Geschichte der attischen Beredsamkeit' 
(1872) Xenophon das schmucklos schreibende Naturkind. Dann 
bewies aber H. Schacht in seiner vortrefflichen Dissertation 
De Xenophontis studiis rhetoricis (Berlin 1890), dafs auch 
Xenophon, wie ja nicht anders zu erwarten, im Bann der 
sophistischen Eunstprosa seiner Zeit stehe. Daraufhin hat dann 
Blab in der zweiten Auflage (1892) seine Ansicht etwas modi- 
fiziert, aber er bleibt dabei (p. 479), Xenophon sei „kein Kunst- 
redner, sondern ein Naturredner^^ Mir scheint das, so aus- 
gedrückt^ mindestens nicht vom antiken Standpunkt richtig, denn 
einen * Naturredner' im Gegensatz zu einem * Kunstredner' hat 
das Altertum nicht anerkannt (s. o. S. 8, 2). Ich möchte es 
lieber so ausdrücken: bei Xenophon ist die natürliche Schlicht- 
heit sowohl des einzelnen Ausdrucks wie des Satzbaus stark und 
absichtlich (beides leugnet Blafs) beeinflufst durch Anwendung 
aller Mittel der zeitgenössischen Rhetorik, und nur darin unter- 
scheidet er sich sehr zu seinem Vorteil von manchen gleich- 
seitigen Schriftstellern, dals er mit seinem gesunden Gefühl für 
das EinÜEUihe und Schlichte die Natur nicht durch die Kunst 
verdrangt, sondern beide zu einem harmonischen Ganzen ver- 
bunden hat. Er hat praktisch gezeigt, dafs die moderne Manier, 



102 I- I^e griechische Eunstprosa bis Augostus. 

mafsvoll gehandhabt; den Stil tbatsächlich zu heben ^) nnd zu 
verschönern imstande war: darin ein echter Athener mit seinem 
instinktiven Gefühl für das Malsvolle, die ipiXoxaXia auch im 
Stil. Dafs das Rhetorische wirklich stark und absichtlich hervor- 
sophitiik. tritt, mögen folgende Stellen der AaxedaifiöviDv xohtsia zeigen: 

1, 5 aldetö&ai ^ihv elöuivta öq>&ilvaij aldetö^ai d' i^iAvta. 

2, 2 &6Te noXX'^v ^ilv aid&j jcoXXiiv öl nsiO^m ixet övfknaQBtvai, 

3, 1 navovöi ^Iv iatb xaiday(oy&v, 7ia'6ov6i 8% &nh didaöxdXav. 
3y 2 xataiia^hv yäq xot^ xriXiTioi&toig {Uyusxov fih' q>Q6vfiiia 
iliq>v6nBV0Vj fiMXiöta di CßQiv hiinoXdiov6aVj l6%vQ(ytAtag 8% 
ixi^^iag r&v '^äov&v xagiötafiivag ^ trivtxavta xXsüftovg (ihv 
Ttövovg avtoig inißaXSj %XBl6xriv d% &6%oXlav ifn^xccvi^öavo. 

3, 5 ixstvcDV yovv fi(itov fihv &v qxovi^v ixoiiöaig ^ tßnf Xid'ivayVj 
fixxov d' av ZfifLaxa iuxa6xQdtl;atg tj x&v %aXx&v, aidrmoveöxdQOvg 
d* Rv ainovg '^yi^öato xal airt&v x&v iv xotg ^aXdiU)i.g naQ^ivtov. 

4, 2 6q&v ovVj olg av ^Xusxa q>iXov6Lxia iyyivrixaij xoikayv xal 
XOQOvg &l^taxQoaxoxdxovg yiyvofiivovg xal yvfiLvixoifg &y&vag 
Al^io^saxindxovg. 5, 4 ötpdXXovöi fiiv öAfutxa^ 6(pdXXov6i dl 
yvA^ag. 5, 6 &6x^ ixet ^i6xa filv {jßgiVj ijxiöxa 8h xaQOiviav^ 
i^xiöxa öi alöxQOVQyiav xal alöxQoXoyiav iyyiyvsö^ai. 5; 8 ot 
fi^t/ öianovoviuvot süxQOoi X€ xal eüöagxoi xal BÜQOjöxoi bIöw, 
ot d' ßnovot neqwöfifiivoi. xs xal alöxQol xal iöd'svstg ivagnti- 
vovxat, 9, 3 xotg iikv Ayad-otg siöaifioviav^ xotg öi xccxotg xaxo- 
8(DLiyL0vlav. 9, 5 xal fi^v iv böotg naqaxfOQrixiov ccvx^ xal iv 
^oKOig xal xotg veaxiQOig imavaöxaxsov xal x&g fihv Xifoörixo^öag 
xÖQag otxoi^ ^QBnxiov xal xatixaig xi\g &vav8Qiccg alxCav {>q>sxx60Vy 
ywatxl 81 xsvijv iöxiav xsQtoxxiov xal S^ia xovxov ^ijfiiav 
dnoxiöxeovy Xutagbv 81 oi> nXavKixiov, 0^8% ^nfiLrixiov xovg 
&veyxXi^xovg ^ fj nXriyäg imb x&v &(Uiv6va}v Xrpcxiov.^) Da 
mit vergleiche man, um den Unterschied deutlich zu fühlen, 
die pseudozenophontische ^A^valmv noXiXBia^ jene noch nicht 
von der sophistischen Kunstprosa beeinflufste oder sich ab- 
sichtlich von ihr fernhaltende älteste attische Prosaschrift!') 

1) Z. B. glaube ich dem Demetr. de eloc. 6, dafs in den Worten Anab. 
IV 4, 3 ohtos dh (der Flufs Teleboas) ^v {usyccg fikp o^, nalbg Si die Klein- 
heit der %&Xa die Kleinheit des Flusses malen soll. 

2) Gleichklang beim adiectiviun verbale auch Gorg. Hei. 6 Pal. 19; 
aus Isokrates 15 Stellen bei E. Scheel 1. c. (oben S. 71, 1) 29. 

3) Cf Kaibel 1. c. (oben S. 39) 50, 1. Diels 1. c. (oben S. 44, 1) 298. 

5, auch oben S. 27, 3. 



Xenophon. Aeschines. ] 03 

Für das Übrige sehe man die Nachweise Schachts ^)y denen ich 
nur noch ein schon im Altertum notiertes Kunststück hinzu- 
fSige: Hell. VII 1, 41 Ilsiöiav oiv rbv ^A(fyelov ctQattiyovvTa 
iv t^'jiQysi. Tcei^Si TtQoxaxaXaßstv tb "Ovaiov,^) 

3. Von Aeschines dem Sokratiker^ der sonst für schlicht aorgia- 
galt (cf. Hermog. de id. 356, 22; 419, 28 flf.; R. Hirzel, Der "'"''•• 
Dialog I 132 f.), sagt Philostratos ep. 73, 3 xal AlöiCv^g ö" 6 
iaio xov JSaniQdtovg . . . adx &xvBi yoQyui^etv iv x^ tcsqI xrls 
BoQytiUag X6ym. qyr^öl ydg xov &d6' ^^^agyrikia MiXviöCa \ iX- 
^w6a eig QsxxaXlav \ ^wriv ^Avxi6%p SexxaXS \ ßaöiXsvovxt 
Mivx€9v SsxxaX&v*^ : das erste und zweite Eolon haben je aclit 
Silben, das dritte neun, das vierte zehn. ^) Dieser Dialog gehört 
freilich nicht zu den sieben von Panaetius als echt anerkannten, 
aber stilistisch wäre nichts dagegen einzuwenden; denn die 
Worte stammen offenbar aus dem Anfang des Ganzen oder 
wenigstens eines gröfseren Abschnitts, und das yogyiä^siv eines 
f&r itpeXi^g geltenden Schriftstellers im Proömium seines Werks 

1) Ct. auch L. Radermacher im Rh. Mos. LI (1896) 608 ff. Einige 
gnie sprachliche Beobachtungen besonders über kunstvolle Wortstellung 
auch bei C. P. Schulze, Quaest. gramm. ad X. pertinentes, Beilage zum Pro- 
gramm des Fr. - Werd. - G^ymn. zu Berlin 1888. H. Sauppe hat in seiner 
Xenophon-Ausgabe Bd. V (Leipz. 1866) 290 im ganzen 816 poetische Worte 
(cf. Dem. de el. 80. 89. Hermog. de id. 419, 21) bei Xenophon gezählt (cf. 
Blab 477). Für den Agesilaos, in welchem entsprechend dem Zweck des 
Enkomion (so nennt ihn Theon, prog. p. 68, 27 Sp.) das Rhetorische beson- 
ders stark hervortritt (vor allem in cap. 11), cf E. Lippelt, Quaestiones bio- 
graphicae (Diss. Bonn 1889) 18 ff. I. Bruns, De Xenophontis Agesilai capite 
ondecimo, ÜniTersit&tsschrift Kiel 1895. 

2) Fflr die naifi/j%ri9ig citiert von Hermogenes de iny. IV 7 p. 169. Lo- 
beck, De praeceptis quibusdam grammaticorum euphonicis (in: Paralip. 
gramm. graec. I) 55 dürfte die Absicht Xenophons wohl nicht mit Recht in 
Frage stellen (s. oben S. 21, 4). — Bemerkenswert ist übrigens, was Vahlen, 
D. Bhetor Alkidamas 1. c. (oben S. 72) 491 f. hervorhebt: Xenophon hat 
sweimal 9ifynv in übertragener Bedeutung (Mem. IQ 8, 7 ^ysiv 9h tag 
i^vfitg t&9 Inniwv xal i^oi^y^sip ngbg tohg noXtfUovgj Eyrop. I 6, 41 ?)y tAv 
ü9Q€ctimfSb9 ei [ihv tcc oAfuita i^oxrifiiva ^, ei Sh al tffvxal tsd'riyfiivai)^ was 
Aristoteles Rhet. m 8. 1406 a 10 als ein ipvxQ6v des AUddamas anfahrt. 

3) Cf. Mich. Psellos de S. Gregorii theologi charactere bei A. Brinck- 
maan^ Quaestionum de dialogis Piatoni falso addictis specimen (Diss. Bonn 
1891) 6, 1 Toe £at%Qcefi%o^ AUs%ivov %r]v imieXfj ow^ifririP tätp liieatv, 
doch braucht das natürlich nicht auf solche Sätze wie den angeführten zu 
gehen. Bei Laert Diog. U 68 heifst es geradezu yon ihm: yMUcta (ufuttai 
r^gyiar tb^ Aeowtlpov. 



104 I- I^i® griechische Eimstprosa bis Augustus. 

(wo ja nach feststehender Regel gröfserer Schmuck erlaubt war) 
würde nicht unerhört sein^ denn BlaTs (I 89) hat selbst bei 
Archytas aus dem Proömium einer mathematischen Schrift 
folgendes notiert (Stob. Flor. XLIII 135): tb fikv &v fut^lv 
TiaQ &XX<p xal &Xl6xQiov' xh 6^ i%sv(fkv 8C aiktwrov xal ttiov. 
i^BVQkv d\ fii) ^axiovta^ &noQOv xccl öxdviov iiaxiovxa d% etbro^ov 

jtaUitttx&s 4. Bei Piatons Stil müssen wir zwischen den Partieen 
^^ u^lv. * unterscheiden, die den Gesprächston wiedergeben, und denen, die 
sich in fortlaufender Rede bewegen. Über die ersteren war 
schon das Altertum des Lobes voll. Hermippos und Caecilius 
hoben an ihnen hervor xh AxQtßig xal Tcad-aQdvy xb iacdgixxov 
xal sÜQvd'^ov (schol. Aesch. de fals. leg. in.); bei Dionys ep. ad 
Pomp. 2, 7 heifst es sehr fein (daher ist es nicht von ihm), die 
Hauptstarke Piatons als Schriftsteller zeige sich, Sxav xiiv itfxvijv 
xal ixQtßH xal doxovöav fuhv änolrixov elvatj xateöxsv^ 
aö^iivriv dl i(io(iiixaj xal &q)sX€t xaxaöxsvfj didXsxxov 
£l6q>iQji^ nach Quintilian IX 4, 77 ist er diligentissimus com- 
positioniSj und dergleichen Urteile liefsen sich noch viel an- 
führen. Hierin empfinden wir ganz wie das Altertum: ,,Platon, 
sagt y. Wilamowitz (Aristoteles imd Athen II 392), hat sowohl 
in der Theorie wie in der Praxis gezeigt, dafs selbst das Ge- 
spräch als Eunstform neben der älteren Ansprache gleich oder 
hoher berechtigt stünde.'^ Anders ist es mit jenen nicht im 
Gesprächston gehaltenen Partieen. Dieselben Männer, die in 
ihrer Bewunderung so weit gingen, dafs sie (mit einem allerdings 
etwas abgegriffenen Bonmot) von ihm sagten, el xal xaffä d-eotg 
didXaxxög iöxvv^ y xb x&v iv^QAxcav xdxQflxai yivog^ oint aXXmq 
6 ßaötXeifg &v aix&v diaXiysxai ^sbg ij i}g 6 ÜXdxanf (Dionys. 
de Dem. 23 cf. Plut. Cic. 24), haben ihn hier mit den schärfsten 
Ausdrücken getadelt, und der Bannerträger dieser Nörgler, Dio- 
nysius, versteigt sich in demselben Kapitel zu der Albernheit, 
über die wir uns ärgern würden, wenn wir sie nicht verlachten: 
wenn Piaton sich an zusammenhängende Rede mache, so sei 
man versucht, ihm zuzurufen wie Zeus der Aphrodite: oG roi, 
xixvov i^övy diSoxai noXsu^iffia igya' iXXä 6i y C^SQÖevxa fLSxig- 
XBO SQya ydfioio. Woher diese Urteile, die von Männern wie 
Caecilius, Longinus x^ xQvxixanAxm^ Plutarch gefallt worden 
sind, und wie haben wir uns zu ihnen zu stellen? 



Piaton. 105 

Plaion, der in sich eine Welt von Ideen trug und das Be- Dichtan. 
dürfiiifl und die Kraft beflafs, sie sich und anderen zu gestalten, Natoreu. 
war ein xoivftijg, der grolsten einer, die an die ^roti^rtxal d^Qai 
geklopft haben. Aristoteles hat den platonischen Dialogen eine 
Mittelstellung zwischen Prosa und Poesie angewiesen, denn nicht 
das Metrum sei das Kriterium, sondern die iiiiiriöi^g. DaCs dies 
Urteil richtig ist, fählt jeder von uns: das Symposion ist das 
Drama, der deötsf og X&yog des Sokrates im Phaedrus das lyrische 
Gedicht, der SchluTs der Bepublik die Fabel, der Timaeus das 
theogonische Oedicht, der Anfang des Phaedrus das Idyll in 
Prosa. Für uns bedarf es daher keiner Entschuldigung, dals 
dem enthusiastischen himmelanstrebenden Gedankenflug folgend 
die Sprache Piatons nicht immer ein xa^bg Xöyog bleibt, sondern 
eoetus Yolgares et udam spemit humum fugiente pinna.^) Aber 
im Altertum war man dagegen empfindlich; jene Tadler hätten 
z. B. lieber gewollt, dals Piaton den Phaedrus, in dem er sich 
wie ein unreifer Junge gebärde^, nicht oder nicht so geschrieben 
hatte. Genauer betraf ihr Tadel zwei Punkte: übermäfsigen Ge- 
brauch gorgianischer Figuren und dithyrambische Redeweise. 
Der erste Tadel beruht auf völligem Mifsverstehen der Tendenz 
gewisser Stellen, der zweite teilweise ebenfalls hierauf, teilweise 
auf einer verzeihlichen Reaktion gegen die dithyrambische 



1) Cf. auch Lnkian bis acc. 88 (der aber parodiert). Schön sagt der 
englische Dichter Shelley, A defense of poetry ed. A. Cook (Boston 1891) 
9: The dMncUon hetwem poets and prose voriters is a vulgär error . . . 
FkUo was eeeevUiaUy a poet: ihe truth and splendor of Ms imagery, and 
Ae mdody of Ms Umguage are the most intense (hat it is pomhle to con- 
eehe. He r^eeted Ihe harmony of the epic, dranuxiic and lyrical forme, he- 
ctmee he eought to iindle a Juirmony in thaughts diveeted of ehape and acHon, 
amd he forbore to in/oent cmy regulär plan of rhythtn which ujould includei 
under determinate forme, Ihe varied pauses of his style. Ähnlich Philipp 
Sidney, An apologie for poetrie (London 1595) in Arbers Engl, reprints 
n. 4 p. 21. 

S) Nur aus dem iu$Qec%i&SBg (s. oben S. 69, 1), das sie im Inhalt und 
Stil zu bemerken glaubten, schlössen' die alten Kritiker, dafs der Phaedrus 
der erste Dialog Piatons sei (cf. die Zeugnisse bei A. Erische, Über Piatons 
FliaedniB in: (lOttinger Studien 1847, 2. Abt. p. 982). Für uns ist das 
'Jugendliche', d. h. das JugendMsche und GeniaUsche, dieses Dialogs nur 
ein Beweis fOr etwas an sich Selbstrerständlicbes: dafs ein Piaton, eben auf 
der ^icfH{ seines Lebens angelangt, noch die Phantasie und Gestaltungs- 
krall einet Jünglings besals. 



106 I. Die griechische Konsiprosa bis Aagastus. 

Diktion einer (später von uns zu behandelnden) Prosa^ an deren 
Entstehung und Entwicklung aber Piaton ganz unschuldig ge- 
wesen ist. Ich kanUy zur Feststellung des Thatsächlichen, nicht 
umhin y den Angeklagten und die Ankläger sich gegenüber- 
zustellen. 
Jx^t/iata a) ^Gorgianische' Bedefiguren bei Piaton habe ich mir 

iitidttxtatu. ^^ folgenden Stellen notiert (wobei ich von vornherein von den 
Parodieen des Symposion^ die auch im Altertum als solche auf- 
gefftfst sind, absehe): 

1. Im X6yo$ ixitdq)iog des Menexenos durchgängig. 

2. Im lysianischen X6yog ifonixög des Phaedrus durch- 
gängig. 

3. Phaed. 102 G ovtmg &Qa 6 Si^yLlag ixmwfuav i%Bi 6iu- 
XQÖg XB xal lüiyag bIvm, iv (liöa !bv &(ig>ind(fmvj rot) 
lilv tp iiLsyi^si inugiiBiv xiflf öiiixQ&trjta h»i%iov^ tjSI S\ 
xh fiayßd'og xilg öiuxQÖxrixog naffixayif iyxBQi%ov. %al äfui 
fisididöagj "EoiTca, iq>riy xal livyyQaq)ix&g iQetVj ikJC wv 
ixei yd xov &g Xiyto. 

4. Bep. VI 498 D oi yäg ntbnoxB eldov (sc. ot xoXkoi) yi- 
vöfuvov xb vvv Xeyöiuvov^), iXXä xoXi> fiäXXav xoucvx^ 
axra ^ij(i4na Hisnixt^dsg aXXi^Xoig &iioia}iidva iXX^ ov» 
iatb xov cdxoiuctov^ &önBQ vvv^ ^viatBöivxa' StvÖQa d\ 
iQsxil^ %aQi0(O{kivov xal &iioimiidvov ikd%Qi xov dwccxov 
xsXdmg Ifyp xs xal Xöym^ dvvaöxaiiovxa dv %6Xbi dxdQtf 
xoucvxy^ oi xAxoxs i(DQaxaöi.v oüxs Sva o^xb nXalovg, 

5. Euthyd. 304 E (Eriton erzählt , daCs ihm jemand philo- 
sophische Disputationen als unnütz bezeichnet habe) xi 
ovv dq>aivovx6 6oi (nämlich ol diaXayöiiLSVoi^); Ti dh BXlOj 
^ d' 8^9 4 oldnsQ äel &v xig x&v xoi^ovxtov ixoiiöai Xri- 
QOiivxcDv xal x€qI oidevbg i^Cayv äva^av öTCOvöi^v xoi- 
ovfidvmv; oinaöl yaQ nmg xal shce xotg 6v6fUL6i. Wer 
gemeint ist, steht nicht fest: er wird 30ö C als dnvbg 
xal dsivabg Xiyovg öwxi^eig bezeichnet. 

6. Symp. 185 C Ilav^aviov dh TCdcvöafidvov, dtddöxovöi yig 
(IE t6a Xdyeiv oinmöl ol 6oq>oi^ Itpri tcxX, 

7. Gorg. 467 B & Xpöxi n&Xe, iva öl xqoöbücg) xfxxä öd. 

8. Gorg. 497 A, wo Sokrates auf die Worte des Kallikles 



1) Mit yi96fii90£ und Uyofuvos spielen Gorg. Hei. 3 und Ibocx. HeL IS. 



Flaton. 107 

oix old' Ott cc 6oq>ite^j & SAxQateg antwortet: ol6^\ 
iXXä iatsU^Hj & KaXXütXsig. 
9. Rep. VI 495 E dotutg ohv xi duapBQSiv ainovg (die nach 
der Philosophie strebenden Banausen) iästv i^yiigiov 
xtflöafiivov xalxdmg q>aXax(fov xal öfuxQoi}, vamötl i^kv 
ix ds0fi&v Xelviiivovj iv ßaXctviia) dh kBXov^ivoVy ve- 
ovQybv liuttiov ixiyinog, &g w(iq>Cov naQSöxsvaöiiivov^ 
diä xsviav xal iQtifUav rot) ÖBönötov r^ ^vyaxiffa (uX- 
Xovtog yaiutv] 

10. Lach. 188 B ii^ol fih/ oiv oifdlv Stif^eg ovä' av äfidlg 
'bxb ZkoxQdtovg ßaöavif^Bö^ai. 

11. Wortspiele mit Eigennamen, wie Symp. 198 B das Spiel 
mit FoQyiag und FoQyA. Apol. 25 C & MiXt^xB . ., 
öwpibg iacoq>aivBig xi^v öavxov äfiiXBucVj Zxi ovdiv 6oi 
lUBjUXrixBv tcbqI irv ifih BiödyBig cf. 26 B. Rep. X 614 B 
oi lUvxoi 601 *AXxivov yB iatöXoyov ipö, iXX^ iXxiiiOv 
ivÖQÖgj nnd vieles dergleichen, was gesammelt ist von 
M. Schanz in seiner erklärenden Ausgabe des Euthyphron 
(Leipz. 1887) zu 3 A p. 22, von A. Hug zum Symp. 174 B^ 
von Ast zum Phaedrus (Leipz. 1829) 244 A. 

b) Poetische Diktion, worunter ich hier nicht das ^^t^atä 
Poetische im allgemeinen, sondern speziell hochpoetische Worte ^' " ' 
mit eingeflochtenen (nicht blofs citierten) poetischen Remi- 
nifloenzen verstehe. Wenn wir auch hier von der Agathonrede 
absehen, so kommen, soviel ich weils, nur zwei Stellen wesent- 
lich (denn von Einzelheiten sehe ich ab) in Betracht: der xqö- 
XMfog Xiyog des Sokrates im Phaedrus 237 A bis 241 E und die 
Bede der Diotima im Symposion 208 C £P. 

Ich lasse nun die mir bekannten Stellen folgen, an denen Antike 
Piatons Diktion wegen der genannten zwei Punkte angeklagt wird. ^ "*' 

Dionys. ep. ad Pomp. 2, 8 xaixä (die gorgianische poeti- 
sierende Redeweise) yäg ol xb xar' aixov yBvöfiBvoi^ navxBg 
isuxiiU^iVj Av xä ivö^ucxa (Antisthenes? Isokrates?) ovdlv ÖBt 
fu XdynVj xal aibxbg iavx^ (rovro yäg xb XaitXföxccvov)' yö^Bxo 
yoQ xilg idCag iatBiQOxaXiag xal Svcfut £&bx^ ain^ xb ^ didvQuiißov^ 
(Pbaedr. 238 D cf. 241 E)* b vih; &v idiöf^rjv iyh XdyBiv iXtif^hg 
8t^. xoihco dl xad-Blv ioixBVj i}g iyb vo(Ulm^ x(faq)Blg i^iv iv xotg 
I!mxif€etixoig diaXiyoig l6%voxAxoig oi6i xal ixQtßBöxdroigj oi 
fülvug i* iv a'bxotg iXXä X'^g Fo^yiov xal Sovxvöiöov xaxaöxBv^g 



108 I- Die griechische Eunsiprosa bis Aagastus. 

igaö^tig' &6x* oidlv ll^(o rov slxötog 1(uXIbv xeiöeö^ai öndöag 
xiva xal rä)v &fia(ftfjndrcav &(ia totg iya^otg^ iv ixovöiv ol x(bv 
ivÖQ&v iiulvayv xaQcactf^QBg. Einige andere Stellen dieser Art 
mit bestimmter Beziehung auf den Phaedrus sind öfters ge- 
sammelt , cf. Stallbaum in der Praefatio seiner Ausgabe (Gotha 
1857) CXXX f., üsener im Rh. Mus. XXXV (1880) 134, 2. 

ib. 2, 4 £P. schliefst eine lange Tadelrede gegen den Schwang 
der platonischen Diktion: iiäXtöta totg roQyuioig ixaifmg xal 
fiBLQaxKod&g ivaßQvverai^* xal ^xoXvg 6 r£Xi0tiig iötiv iv totg 
toioikotg nag* aina'j i}g xal drujLi^tQiog 6 9alfiQBi>g slqfpU 
xov xal &Xkov övxvoi' <yA yäf ifibg 6 (ivd'og. 

ders. de Dinarch. 8 erwähnt Nachahmer Piatons, die sich nur 
seine ivöfAara didvfafißAdti xal q>o(ftixd zu eigen machten. 

Auct. xbqI ijtifovg 4, 6 und 32, 7 f. (an der letzteren Stelle 
ist Caecilius citiert) notiert einige kühne Metaphern und tadelt 
die schwülstig - bacchantische Diktion mit Anführung von drei 
Beispielen aus den Gesetzen. 

Demetr. de eloc. 78 £P. warnt vor übermäfsigem Gebrauch 
von Metaphern, ijtii tot didnigafifiov ivxl köyov yffd^foiisvy wofür 
80 Piaton genannt wird. 

Longinos rhet. epit. I 324, 16 Sp. wirft ihm vor %bv not- 
rUtixAxBQOv dyxov tilg ^^&ls itaXixtov. 

Plutarch bei Isidor. Peius, ep. II 42 (vol. 78, 484 Migne) 
nXovtdQx? So^^t tb 6a<plg xal Xetov yvijöiov slvai ^Atti9u6ii6v, 
oOro ydg, qyqöiv^ ildkriöav oC ^tOQeg. FoQyiag dh 6 Asovttvog 
ng&xog tijv vööov xavtriv Big tovg noXixixobg Xöyovg Bl6i/ffayB^ 
tb iflffiXbv xal txmixbv i6ita6d{kBvog Tcal t^ öaqyqvBÜc Xvfirivd- 
liBvog. ilifato dd, q>ri6Cv^ ii v66og aOtfi xal rot) ^avfiaötoO IlXä- 
ta^vog. 

Kolotes der Epikureer bei Proklos zu Plat. Rep. X 614 B 
in Anal. Sacr. ed. Pitra V p. 16 (p. 60, 32 flf. ed. Schoell.) Tot) 
dl KaXmtov tlrvxQBvofidvov Ttatä r^v Xd^iv tivtag Tcal inixaXoi>tnog 
r^ BlößoX^ rot) äifiyi^(i4nog &g fiB^faxiAÖBi diä tä ^AXxCvov xal 
iXxiiiov xaqdXXriXa xBlyLBva 6v6fiaxa^ xaX&g fiiv xal 6 TloQipiifiog 
aitbv inBQQdxi6Bv &g &yBv6tov Xoyoygafpixflg xal 6o<pi6tucfjg 
XdQ^tog xal fioiiöfig^ (bfiov äh ivBLÖiöag avx^ xal Zxi KtoXm- 
tdgiov aiftbv 6 diddöxaXog ixdXBi ^afiä xal oix igd'ibg ^xovbv 
{moxoQiio(iivov rot) ^EmxovQOv tbv KaXdnriv') oi (lijv iXXä xi- 
xstvo ^fitdovy 8r( totg '^d^^xotg 7cXd6\ka6i luiXiöta äßt xoifitixiig 



Piaton. 109 

xifütogy ixsl xal xoXXfjg yLSxi%ov6i tf^g touivtrig iäiccgj JtQog dl 
%olrfiw aidoiuiuat tä toiavta^ iuili6ta tucI t&v tov xäkkovg 0XV' 
fidtav i6tlv iKsivri öucxoQiig. 

Philostr. ep. 73 nXdttov xal ig tag Idiag x&v 6oq>i6x&v Xaxai 
%al o^B tp FoQyia Tta^lri^i xh iavxov yoQyid^iv, TCoXXd xb xaxä 
xijip *I%%Cqv xal üfonayÖQOv '^x^ q>d'dyyBxai, 

Es liegt nuiiy meine ich, auf der ELand, wie wir diese Prafüng 
Nörgeleien za beurteilen haben: sie sind entstanden aus einem zengniH« 
Verkennen der Absicht Piatons. Nehmen wir zunächst die 
gorgianischen Figuren. Der löyog ixixAq>iog im Menexenos 
ist als ein in scherzhafter Konkurrenz mit Gorgias geschriebenes 
Enkomion^)^ der lysianische löyog iganixög im Phaedrus als eine 
deutlich gekennzeichnete Parodie auszuschlielsen, so wenig wie 
jemand Piaton einen Gorgianer wegen der Agathonrede des 
Symposion genannt hat. Die übrigen oben von mir angefahrten 
Stellen braucht man nur genau zu lesen, um zu sehen , dafs an 
den meisten der Schriftsteller auf das Scherzende selbst hinweist^) 
und dais an den anderen nicht ohne Absicht dieser Schmuck der 
Bede angelegt ist (wie hübsch doch Nr. 9 die Schilderung des 
ßipavöogy^ die Wortspiele dienen entweder als naiyviov oder zur 
dtiv6xfig. DaCs wir so die Absicht Piatons richtig beurteilen, 
kann auch folgende Nachahmung des pseudoplatonischen Hip- 
parchoB 225 beweisen: xig oiv istiöti^fMOV xbqI q>vt&v xijg 
iifagj iv imoUi R^uc fpvxB%>^vai xal &Qa xal x^QV'y ^^^ ^^ 
nal ifiiiBlg x&v 6oq)&v ^fnidxmv ifißdXmfiBVj iv ot öb^ioI 
%bq\ x&g dixag xaXXiBnovvxai. 

Es bleibt der mit besonderer Heftigkeit erhobene Vorwurf 
gegen die poetische, speziell dithyrambische Diktion. 
Er richtet sich, wie die erste der angeführten Stellen des Dionys 
beweist, besonders gegen die erste Rede des Sokrates im Phae- 
drus. Nun gehört es zu dem vielen Unbegreiflichen, an dem die 
antike Kritik so reich ist, dafs man — trotz der ausdrückliebsten 
und handgreiflichsten Indicien — die Ironie dieser Rede ver- 
kennen konnte. Nur einer hat diese Tendenz nicht verkannt 



1) Cf. besonders die mich im wesentlichen überzeugende Kombination 
F. Dflmmlers, Akademika (Giefsen 1889) 18 ff. 

%) No. 4 wird von C. Reinhardt, De Isocratis aemulis (Diss. Bonn 1873) 
t9 auf Isokrales bezogen; ganz zweifelhaft bleibt trotz aller Kombinationen, 
w«r no. 6 gemeint sei. 



110 In Die griechische Eunsiprosa bis Auguatus. 

und dieser eine ist uns mehr wert als die anderen zusammen: 
Aristoteles Rhet. III 7. 1408b 11 ff. spricht über die hoch- 
poetische Diktion der Prosa: sie sei in zwei Fällen erlaubt, 
erstens wenn der Enthusiasmus des Redners und seiner Hörer 
auf den Höhepunkt gekommen sei, zweitens: (ist* slQmvBiag^ 
&6XSQ Fogyiag htoCei^ xal tä iv tp OaidQO), Wir haben also 
diese Rede des Phaedrus nicht zu verwerten zur Beurteilung des 
platonischen Stils, sondern des sophistischen, von Piaton 
imitierten: in diesem Sinn verstanden ist sie f&r uns wichtig, 
weil wir in ihr wieder jene vollständige Mischung von Prosa 
und Poesie^) finden, wie in der Rede des Agathon, die wir oben 
(S. 74) hierfür verwertet haben. Man sehe nur gleich den An- 
fang (237 A), wo ich das Metrische hervorhebe: SyBte di^j & 
MovtSai^ shs ÖL tpdiig slöog XCysiai, shs diä yivog iu>v6ixi>v tb 
Aiyvmv ra'ixieiv i0%BX* ijtavvfiiav^)^ \ l^v(i fiOL Xdßsö^s rot; 
ftvdov, Sv (16 ivayKu^Bi ö ßiktiöxog oinoßl kiyBiv^ Iva 6 hatQog 
ainov xal jtQÖtSQOv dox&v roi$ra> 6oq>bg slvai \ , vvv ixi 
(laXkov döl^y, cf. im folgenden 237 C BlSivai. ÖBt xbqI oi &v 
y fj ßovki^, fj xavtbg &(iaQtdvBiv ivAyxri. 241 C i^g oütB 
&v^Qd)xoi.g oütB ^Botg tfj ikrj^B^a ri^inhzBQOv oüts ioxiv oixB 
7Cox\ iöxai, Schliefslich geht, ganz wie im Symposion, die 
Rede in einen vollständigen Hexameter über (241 D), was So- 
krates selbst hervorhebt: oix ^tf^ov, Sri tldri ixri ^iyyofuti^ 
iXk' ovxixi. dtd^(fd(ißovg; (wie bisher, cf. 238 D xä vvv y&Q 
oixixi. jcÖQQO) did'VQd(iß(Dv tp^iyyo(LaC). — Aufser dieser Rede 
im Phaedrus kommt nur noch in Betracht ein Teil der Rede 
der Diotima im Symposion von 208 C an: auch hier sind ganze 
Verse und Teile von Versen unmittelbar in die prosaische Rede 
eingeflochten, wie iv^v^iti^Blg hg ÖBLV&g didxBivxai iffoni xov 
6vo(La6xo\ yBviö^ai, xal xkiog ig xbv isl %(f6vov id'dvaxov 
xaxad'iö^ai, oder: insl oübi. 6v, itpri, "j^Xxi^öxiv {neig *Ad(ii^ov 
aicod'avBtv &Vj ^ ^AxiXXia UaxQÖxXp ijtaxo^avBtv, ij iXQoaxo^avBtv 
xbv ifiixBQOv KöSqov {mi(f xfjg ßaöi^XBiag x&v naCdarv^ /ii) oloiU- 
vovg i^dvaxov (ivT^firiv &QBxfjg nigt, iavx&v iöBö&ai^ tjv vvv 



1) Cf. auch R. Volquardsen, Piatons Phaedros (Kiel 1862) 9 fF. 

2) Man bemerke das Fehlen des Artikels; cf. Protag. 341 E xo^o yi- 
gag im Vers des Simon ides, aber tovto tb y^gag 844 C in der Paraphrase 
des Sokrates. 



Piaton. 111 

fuutg ix^nsv; xoXXov ys det^ Sfpri^ &Xk\ oI^mi^ {mkQ &QBxf^g 
i^avAxov xttl touxvtfig öö^rig sixXeoiig ndvteg ndvxa Tto^ovöi 
XL B. w. Überhaupt ist der Ton sehr gehoben, wie z. B. in der 
letzten Stelle aus ixod'avstv, ixoacod'ccvstv, icgoano^avstv und 
aus Tcivxeg ndvxa 7Coigv6i hervorgeht und wie gleich durch die 
kühne Wortstellung beim Beginn der Rede: Bi tö^i^ ixsl xal 
x&v iv^QAnmv si i^iksig sig xijv q>iXoxi^iav ßXiifai^ 
^avudißig &v xxL angezeigt wird. Alles Einzelne geben hier 
die Kommentare von G. F. Rettig (Halle 1876) 291 ff. und von 
A. Hug. Liegt nun auch hier Ironie vor? Das läfst sich nicht 
behaupten. Aber wie wird diese Rede der Diotima von Piaton 
eingeführt? Kai iyh iaiov6ag xbv kiyov i^av^UKöd xb xal sItcov, 
EiaVj ^v d^ iydfj & 6oq>mxdxfi di^oxi^ia, xama hg dXrid'&g oikoog 
i%H; fcal tj, ööieBf oC xdXeoL 6oq>i6xalj Ei töd'i., ifpri^ & £6- 
XQoxig' ixBl xal xStv iv^gAnmv bI i^ilBig Big xijv q)i.Xoxifiiav ßXd- 
im$j ^aviidtoig &v xtX. Also auch hier wird der Übergang in jene 
andere, nämlich die sophistische Stilart deutlich gekennzeichnet. 

Ich fasse zusammen. Die Fraire: wie stellt sich Piaton zur Piatom 

ITntiat 

sophistischen Eunstprosa seiner Zeit (dem l^:vyyQa(pix&g XdyBiv, 
wie er es Phaedon 102 C nennt, s. o. S. 106), ist, meine ich, so 
zu beantworten. Erstens: ihre puerilen Auswüchse sind ihm 
antipathisch, er greift zu ihnen nur, wo es ihm darauf ankommt, 
entweder offen zu parodieren (Agathonrede, Lysiasrede) oder am 
geeigneten Orte seinen vielen Gegnern zu zeigen, dafs, wenn er 
nnr wollte, er es ebenso gut oder besser könne als sie (Mene- 
xenos), oder endlich zu scherzen. Zweitens: der hochpoetischen 
Diktion der sophistischen Prosa steht er nicht so ablehnend 
gegenüber: sie war seinem Naturell gemäls. Aber sie wird von 
ihm doch nur ganz oder halb spielerisch, und nur bei ver- 
hältnismalsig niederen Stoffen, verwendet: der nQÖxBfog Xöyog 
des Sokrates im Phaedrus ist in ihr geschrieben, aber im öbv- 
tifog Xiyog tritt sie ganz zurück^), und doch ist dieser der 



1) leb verstehe nicht, wie B. Hirzel, Der Dialog I 388 behaupten kann, 
dalB die beiden Vene im (fs^SQog Xoyog des Sokrates 262 B von Piaton 
■elbtt gemacht seien. „Die Schilderung des Eros gipfelt in zwei Hexametern, 
die zwar auf Homer zurückgeführt werden, als deren wahrer Verfasser aber 
anter dieser (welcher denn?) durchsichtigen Ironie sich der Bedner selbst 
lo ericennen giebt/* Sind denn aber die &n6^tta inri tAv 'OfkriQidap die 
homerischen Gedichte? Ist denn nicht langst erkannt, dafs diese Verse von 



112 I. Die griechische Eunstprosa bis Aügustus. 

denkbar grofsartigste Prosahymnus: das wird nicht durch 
äufserliche Mittel, wie Verse oder poetische Worte erreicht, 
sondern der lyrische Schwung der Gedanken rafift alles mit sich 
in die Sphäre, wo das Geschlecht der Götter und das selige 
Schauen ist. Ebenso im Symposion: Diotima redet öofpi^tuUbg 
nur solange sie bei den noch nicht höchsten iQonixd verweilt 
(208 G bis 209 E), aber bei den rüea xal inwtxixi (210 A ff.) 
schlägt sie einen anderen Ton an: der Hymnus auf die Idee des 
Schönen verschmäht niedere Mittel äufserlicher Axt So ver- 
einigen sich die Kulminationspunkte des Phaedrus und des Sym- 
posion und zeigen uns, worin die höchste Kunst Piatons als 
Schriftsteller beschlossen ist.^) 

Es giebt keinen Schriftsteller des Altertums, der über eine 
so reiche Skala von Tönen verfügt hat wie Piaton, keinen, der 
überall so in der Seele seines Lesers den Wiederhall zu wecken 
verstanden hat, gleich grols, mag er in seinem sonnigen Wesen 
über die kleine Erdenwelt und die vielen kleinen seine grolken 
Kreise störenden Geschöpfe gutmütig scherzen, oder mag er im 
Jenseits bei den öai^ovsg der Höhe und Tiefe weilen, oder mag 
er noch höher fliegen in das Reich des Überhimmlischen, wo 
die Sprache ringen mufs, sich mit dem Gedanken zu vereinigen. 
Er ist auch einer der wenigen Prosaschriftsteller des Altertums 
gewesen, die ein grofses Ganze gut zu komponieren verstanden 
haben, wie es vor allem das Symposion zeigt (der Phaedrus ist 
darin verfehlt): dafs er es konnte, verdankte er seiner poetischen 
Natur. Nur ein Redner war er nicht: dazu war er zu sehr 
Dichter, zu sehr Idealist und daher zu sehr ix^ccifiov itAvtu xä 
ÖT^fiööttt. Er ist unter den Prosaikern wie Homer unter den 
Dichtem derjenige Schriftsteller gewesen, der mehr als alle 
anderen die Richtung der Gedanken und die Form kunstvoller 
Darstellung für Jahrtausende bestimmt hat. Wer zählt die 

Piaton einem orphischen (Gedicht entnommen sind? Cf. Passow zu Mu- 
saeus p. 66 , Welcker zu Philostr. imagg. p. 266 Jacobs (ygl. auch Aristoph. 
Vög. 696 ff.)- 

1) Als Qreis hat wie Goethe auch Piaton anders geschrieben (worin 
sich gerade die Individualität ihres Stils zeigt). Der Verf. negl d^ov^, ein 
begeisterter Verehrer Piatons als Schriftstellers, führt, wie bemerkt, 4, 6; 
32, 7 f. drei Stellen der Gesetze (V 741 C; VI 773 C; 778 D) an, in denen 
er und andere (tptxül 32, 7) manieriert -schwülstige Diktion fanden, worin 
man ihnen yöllig beistimmen mufs. 



IsokraieB. 113 

Stellen, an denen direkt oder indirekt von Heiden und Christen 
die Worte citiert werden, die er im Ton eines Hierophanten ge- 
sprochen hat: tbv [ihv oiv itoirit^ ocal itatiffa tovds tov Xöyov 
i^QBtv %B Igyav xal eigövra sig Jtdvtag ädiivatov Xdyeiv 
(Tim. 28 C)? Die Worte der Lachesis aitia ikofLivov, ^sbg 
ivattiog (Rep. X 617 £) wurden maisgebend in der christlichen 
Lehre vom Ursprung der Sünde. Das litterarische Gebet der 
Christen wurde geformt nach den eine Welt von Schönheit und 
Frömmigkeit umfassenden Schluüsworten des Phaedrus (cf. Aeneas 
Gaz., Theophr. L f.; Zacharias Mytil. de op. mundi i. f.). Wollte 
man alle Stellen, an denen die Platane, der Quell, die Cikaden, 
die in der Sommerhitze schlafende Natur vorkommen , aus- 
schreiben, so erhielte man ein Buch, grölser als der ganze 
Phaedrus. Und doch wäre ein Werk, in dem der unermefsliche 
Einfluls der platonischen Schriften auf die ästhetische, sittliche 
und religiöse Läuterung aller folgenden Geschlechter zur Dar- 
stellung gelangte, die würdigste Spende, mit der wir diesem 
daiptiov f&r seine Epiphanie danken könnten. 

5. Der Vollender der griechischen Eunstprosa war Iso- laokrat« 
krates. Ich mufs bei ihm kurz verweilen, nicht in der Absicht, ucher 
viel Neues über ihn zu sagen, sondern das Allgemeine zusammen- ^-^ 
su&ssen und einige für die weitere Entwicklung der griechischen 
Prosa wesentliche Punkte hervorzuheben. Es wird uns schwer, 
dem Lsokrates als Menschen und Stilisten gerecht zu werden 
und einen Standpunkt einzunehmen, von dem aus wir die 
grenzenlose Einwirkung dieses Mannes auf die Nachwelt er- 
messen können. Urteilen wir nach unserer modernen Empfindung 
80 sehen wir einen Menschen vor uns, dessen Eitelkeit und 
Selbstgefälligkeit ihresgleichen suchen, der, wo er kann, von 
seiner eigenen Herrlichkeit redet, was um so peinlicher wirkt; 
weil er das Selbstlob gern in affektierte Bescheidenheit ein- 
kleidet: wenn er z. B. im Proömium des Panegyricus sagt, er 
werde etwas noch nie Dagewesenes leisten, und am Schlufs, er 
sei doch hinter der Sache zurückgeblieben und daher hätten 
andere Sophisten eine würdige Aufgabe, das Fehlende zu er- 
ganzen, so weiüs, wer ihn kennt; dafs dies nichts anderes heifsen 
will als: „versucht nur einmal, mehr und besser hierüber zu 
reden als ich, ihr werdet sehen, daCs das ganz unmöglich ist^. 
Sein Stil erscheint uns als ein Bild absoluter Leidenschafts- 

NordtB, aaükt KnntiprosA. S 



lotthenet. 



114 I. Die griechische Eunstprosa bis Aügnstus. 

loaigkeit; marmorglatty aber auch marmorkalt. Wie ein ruhiger 
FluTs gleitet er auf ebenem Terrain breit daliin: es giebt 
keine Berge zu durchbrechen, sondern sanfte Hügelketten be- 
gleiten ihn während der ganzen Dauer seines Laufes auf beiden 
Seiten. Dieser Strom hat auch nirgends Untiefen; manchmal 
wird er zwar recht seicht, hat aber immerhin noch Wasser 
genug, nicht ganz zu versanden. Ohne Bild gesprochen: dieser 
Mann hat geglaubt, dals in einer von Leidenschaften durch- 
wühlten Zeit die Athener durch schön gedrechselte Phrasen zum 
Handeln veranlaist werden könnten; er hat den von vornherein 
aussichtslosen Versuch gemacht, die panegyrische Bede, seine 
eigentliche Domäne, fQr die Praxis, in der ihm, dem 6%oXa6tix6q^ 
jede Erfahrung abging, zu verwerten. Er fordert uns Moderne 
i^d De-' daher unwillkürlich zum Vergleich mit Demosthenes auf. Wenn 
wir das eben gebrauchte (übrigens antike) Bild festhalten: De- 
mosthenes ^ nokbg ^£r', wie ein reifsender Strom widerstandslos 
alles mit sich fortraffend. Isokrates kann es nicht über sich ge- 
winnen, eine schöne Periode wegzulassen, auch wenn sie für den 
Gedanken nebensächlich ist: dem Demosthenes steht der Lihalt 
über allem, und ihm konform ist der Stil, jede Periode ein 
plastisches Abbild der Gewalt des Gedankens. Isokrates hütet 
sich, ein unfeines Wort zu brauchen — von seinem Leiden im 
Alter spricht er in einer wohlabgezirkelten Periode (Panath. 266 f.), 
nennt es aber nicht, weil das Wort ein iacQBnig sei (also etwa 
die ötQayyovQ^aj an der auch Epikur starb, oder eine ähnliche 
g>OQtixii ki^tg) — , Demosthenes scheut sich nicht, das Eond beim 
rechten Namen zu nennen. Der Stil des Isokrates hat, wie 
Hermogenes (de id. 412, 15) treffend sagt, etwas Seniles und 
Lehrhaftes {nQsößvttxbv xal diduöTcaliKÖv) , an dem des De* 
mosthenes pries man jugendliches tdxos ui^d eine durch die 
Wucht der Thatsachen packende energische deivötrig. Kurz: bei 
Isokrates merkt man überall die Kunst, bei Demosthenes ist es 
eine Xccv^ävovöa xixvri^ die tutto fä, niente dies. 

So etwa würden wir vom modernen Standpunkt urteilen; 
aber vom antiken wäre das unerlaubt und falsch. Was den 
Menschen Isokrates betrifft, so findet sein selbstgefölliges Wesen 
darin Entschuldigung, dafs einmal das Altertum gegen Selbstlob 
nicht so empfindlich war wie unsere Zeit und dafs femer der 
Konkurrenzneid in den damaligen Schulen sehr grols und daher 



Isokrates. 1 15 

die ünart^ seine eigene Ware anzupreisen^), allgemein verbreitet 
war. Was dann zweitens jenen stilistischen Vergleich mit De- 
mosthenes betrifiFt, der sich nns nnwillkürlich aufdrängt ^ so 
dürfen wir dabei nicht vergessen, dafs wir Heterogenes mit ein- 
ander vergleichen: das Altertum wuüste, dafs die epideiktische 
und praktische Beredsamkeit wie in ihren Zielen so in ihren 
Mitteln völlig auseinandergehen. Das hat auch Blafs bei seiner 
Prüfung vernichtender modemer Urteile über Isokrates richtig 
hervorgehoben. Nur in einigen Reden des Isokrates, in denen 
er, wie bemerkt, die nur in sich selbst Berechtigung findende 
iMÜsi^ in den Dienst des pulsierenden praktischen Lebens zu 
stellen versuchte, hat jener Stil wirklich etwas Verletzendes. 
Das, was ihn dem modernen Leser bei längerer Lektüre so lang- 
weilig macht, seine Leidenschaftslosigkeit und Glätte, hat im 
Altertum das höchste Entzücken hervorgerufen: Isokrates war 
imd blieb der gröfste bewufste Künstler des Stils. 

Die ELauptkennzeichen seiner Rede hat er selbst 13, 16 so i«okr»ui 
susammengefafst: totg ivdvfiiliiccöv itQ€it6vt(og SXov tbv Xöyov ohAraktai 
tttzttxouilhu xa\ totg iv6[uc6iv Bifii^fKog nal iiovöix&g eliCBtv 
(cf. 4, 9), also passende Gedanken in passender Form. In den 
Gedanken vermeidet er alles Auffällige, besonders alles, was den 
Anstand (tö ngiicov) verletzen konnte; eins ergiebt sich aus dem 
andern, und dadurch hat er erreicht, dafs die Mehrzahl seiner 
Schriften gut disponiert ist, was, wie schon bemerkt (oben 
8.112), im Altertum ziemlich selten ist.^) Die Worte sind sowohl 
im einzelnen fein und wohlklingend (s. darüber oben S. 57 £P.) als 
auch in ihrer Zusammenstellung im Satz (womit die Meidung 
des Hiatus zusammenhängt^ s. o. S. 57): in der dadurch erreichten 
harmonischen Periodisierung wurde er zum Vollender einer 
Kunst, zu der bisber nur Anfänge vorlagen. Gut ist das aus- 
gesprochen von E. Havet in seiner an feinen Bemerkungen über 
Charakter und Stil des Isokrates reichen Einleitung seiner Aus- 
gabe der Antidosis (Le discours d'Isocrate sur lui-mSme, Paris 



1) *0 60<piatiis tvy%dvBL &v iiinoQ6g tig ^ nditriXog t&v icytoylyMV &fp' 
^ i ^X^ tififpnat Plat. Prot. 813 C, cf. Soph. 223 D; 224 E; 231 D. 

8) Diels in: Gott. gel. Anz. 1894 p. 806 f. hat das durch einige Be- 
merkoiigen festgestellt, die von weittragender Bedeutung auch für die sog. 
bOhfire Ezitik sein dürften (z. B. wird man daraufhin auch die Eranzrede 
des Demosthenea in Bezug auf ihre Disposition richtig beurteilen). 

8* 



116 I. I>ie griechische Eunsiprosa bis AngUBtus. 

1862) LXXIV: Comme Isocrate a passS taus les oratewrs dans 
Vdoquence d^apparat, il est aussi U premier par le nomhre, et c' est 
toujours ä lui qu'on en rapporte Vhonneur. Sa phrcme rassembUe 
dans la plus heureuse harmonie la magnificence du metre poSiique 
et le mouvement libre et naturel du discours. On pourrait lui ap- 
pliquer les eapressions celebres de Montaigne sur la ^^sentence 
pressie aux pieds nombreux de la poesie*\ Teile periode d' Isocrate 
se faisait applaudir comme de beaux vers, et se gravait de meme 
dans les memoires. Es ist dies ein Gegenstand, bei dem ich knrz 
verweilen mufs; er lälst sich in die Frage zusammenfassen: wie 
verhält sich der Stil des Isokrates zu dem der sophistischen 
Eunstprosa? 
isokratM Isokrates ist (etwa um 410) in ein personliches Schüler- 

Oorgias Verhältnis zu dem damals in Thessalien sich aufhaltenden 
Gorgias getreten: das wissen wir durch Aristoteles bei Qnin- 
til. ni 1, 13; Cic. or. 176 cf. Dionys. de Isoer. 1. Auf seinem 
Grabe im Eynosarges stand auf einer rgdiee^a neben seiner Büste 
die des Gorgias (Ps. Plut. vit. dec. or. X 838 D). Er hat den 
Zusammenhang auch selbst nie verleugnet. In der ^Helena' ri- 
valisiert er mit dem gleichnamigen ncciyviov des Gorgias , im 
Panegyricus mit dessen Olympicus; das wird uns ausdrQcklich 
bezeugt (cf. Spengel, Art. scr. 65 f.), und die direkten An- 
spielungen liegen noch für uns deutlich zu Tage (cf. Vahlen, Der 
Rhet. Alkidamas 1. c. 618 f.; E. Scheel 1. c. 38 S.y) Sein 
ycaQayysXfiay das er Paneg. 8 ausspricht: of Xöyoi voiavti]v i%ov6i 
t^v q>'6aLv fitfd' olöv z slvai nsgl r&v ai&Töv noXXaxßfg H^ti- 
yi^öaöd^at, xal x& xb iisyäka tansivä noi^6ai xal totg ntXQOtg 
fidys^og icaQid'atvai^, xal xa xb nakaiä xaiv&g duX^Btv xal tcbqI 
x&v vBioötl yByBvrifiivav &QxaC(og duX^etv wird mit denselben 
Worten von Piaton Phaedr. 267 A dem Teisias und Gorgias zu- 
geschriebeu. So ist es begreiflich, wenn das allgemeine urteil 
des Altertums über Isokrates als Stilisten dieses war: er war 
der Vollender der von Thrasymachos und Gorgias zur 
Hebung und künstlerischen Ausgestaltung der Prosa 
^erfundeuen' Eunstmittel. So formulierte es Theophrast, 



1) Cf. noch Gorg. Hei. 3 naxffbg xoü filv ytvoftivov d£o4>, Xtyofiivov 9h 
^vriTOÜ f^ Isokr. Hei. 18 Orics^g 6 igy6ii9vog (ihv Alyiag, Yiv6(Uvog d* in 
IloaeiSavos. 



Isokrates. 117 

dem~es^ direkt und indirekt naclispreclien Dionys. de Isaeo 19; 
Cicero or. 40; 174 flf.; Quintil. IX 3, 74. Das Wesentliche, in 
dem Isokrates entweder mit den Sophisten zusammenging oder 
sich von ihnen schied, läfst sich so zuäammenfassen« 1) Er behielt 
bei den Schmuck der Antithese sowie der mit ihr yerbundenen 
Elangmittel und erst im Alter behauptet er an den beiden be- 
kannten Stellen (Phil. 27; Panath. 1 £P.), davon keinen so reichen 
Gebrauch mehr machen zu wollen. Er ist aber in Anwendung 
der Elangmittel nicht so weit gegangen wie Gorgias (Philostr. 
Y. soph. I 17, 1 noQiöa xai ivtCd-sta xal ö^iotiXexrta oifx ^igiav 
%Qdnog iXX* 6{)Qfiiidvoig £i Xin^^f^^'^^S^ ^f* besonders Cic. or. 176); 
eigentliche Paronomasieen (wie fw/ijfii^v— yiffw^v Pan. 186 Phil. 134, 
^lufig — yv6(iiig Pan. 45 wie bei Gorgias) sind selten und (nach 
Aristoteles Rhet. III 7. 1408 b 15) nur an gehobenen Stellen 
verwendet; die Reden, in denen die gorgianischen Figuren ent- 
weder im Übermais hervortreten oder durch Vergewaltigung der 
Sprache erzielt werden, sind aus anderen Gründen teils notorisch 
anecht (xQbg ^ti^övixov), teils sehr verdachtig (Trapeziticus)^): 
sie stammen aus denselben Kreisen wie der lysianische (?) Epi- 
taphios, d. h. ihre Verfasser stehen in der Mitte zwischen 
Gh>rgia8 und Isokrates und zeigen daher so recht deutlich, wie 
weit die vollendete, von Puerilitäten freie Kunst des echten Iso- 
krates über^ Gorgias hinausgekommen ist. 2) Über das Ver- 
hältnis der*prosaisohen Rede zum Gedicht bestimmte Isokrates 
folgendes. Zwar soll es die Prosa in jeder Beziehung mit der 
Poesie aufnehmen, — hierin stimmt er seinen Vorgängern 
bei — '), aber — behauptet er im Gegensatz zu diesen — sie 
darf keins von den spezifischen Mitteln der letzteren anwenden: 
ohne Metram, ohne kühne Metaphern, ohne neugebildete oder 
allzu dichterische Wörter, ohne ungewöhnliche Wortstellung will 
de den Zahörer bezaubern, und daher ist es viel schwerer, gute 
Prosa als gute Poesie zu schreiben (9, 8 ff.; 15, 45 ff.). 3) Wenn 
nun also die Prosa nicht metrisch sein darf, so mufs 
sie rhythmisch sein; dies ist das höchste Gesetz guter Prosa. 
Da nun Rhythmus durch Gliederung entsteht, so kommt alles 



1) Cf. E. Dremp, De Isocratis orationibus iudicialibua, in: Fleckeisens 
Jbb. SnppL XXII (1896) 868 f. 

S) Cf. B Keü, Anal. Isoer. (Leipz. 1886) 2 f. 



11g I. Die griechische Kunstprosa bis Augustus. 

auf richtige Periodisierung an. Vor allem dürfen die x&JIm nicht 
80 klein sein wie die des Thrasymachos und Gorgias, denn 
dadurch wird der Rhythmus zu stark fühlbar und das Ganze 
macht den Eindruck einer Reihe kleiner Verse: man mufs also 
die Perioden ausdehnen und an die Stelle der zerhackten Satzchen 
grofsC; volle, in rhythmischem Flufs rollende Sätze treten lassen. 
Dies ist die wesentlichste Neuerung des Isokrates, für die ich 
daher die Hauptstelle anführe: Theophrast bei Cicero or. 39 f. 
(er hat von den ävti^iöngy itaQiöA^eigj bfioiotikevra gesprochen) : 
haec iradasse Thrcisymachum Caichedonium primum et Leantinum 
ferunt Gorgiam, Theodorum inde Byeantium fnüUosque aUos, quas 
loyodai.däXovg appeUai in Phaedro (226 E) Socrates; quorum satis 
arguta mtdta, sed nt modo primumque nascmUa^ minuta et versv- 
culorum similia quaedam nimiumque depicta . . . Harum aetati 
sttccessit Isocrates . . . Cum concisus ei Thrasymachus minutis 
numeris videretur et GorgiaSy qui tamen primi traduntur arte 
qiiadam verba vinxisse . . ., primus instituit dilatare verbis et 
moUioribus numeris explere senteniias, cf. 175 f. Belege 
für die Richtigkeit dieser Beobachtung bietet jeder einzelne Satz 
des Gorgias verglichen mit fast jedem einzelnen des Isokrates.^) 
Als Typus mag folgende Periode dienen (Phil. 41), die nach 
dem Urteil strenger Eunstrichter das Rhythmische nur durch 
gewisse für den Gedanken überflüssige Flickworter» (9rapiurili}9C&- 
luata) erreichte, cf. Dionys. de Demosth. 17 f. (ich schlieüsie diese 
na(fanXfi(fAiMcta in Klammern ein): 
tig y&Q SlXod'sv insX^av 
{xal lui^Ttm 6vvdiBtp^aQ{kivog fnatv 
ikX^ i^altpvrig iniötäg totg ytyvo^ivoig) 
oix &v (jtaiveöd'at xal naQatpQOvetv '^i^äg vofitöBnVj 
oF (pUotifiovfud'a fihv ixl totg t&v nQoy6vmv igyoig 
(xal tiiv JcöXiv ix t&v t6tB TCQax^ivtmv 
iyxfDiiiä^Biv i^ioviisv), 
oidlv dh t&v ait&v ixeivoig itQdttoußVj 
(ikkä nuv tovvavtiov.) 
Dagegen ist bei ihm Ausnahme, was bei Gorgias Regel ist^ z. B. 
Paneg. 45 ^ii fiövov tdxovg xal ^cbfirig, 
ilkä xal X6y(ov xal yvAyLr\g 

1) Cf. K Peters, De Isocratis studio numerorum, Progr. Parohim 1SS3. 
Blafs, De numeris Isocrateis, Festschr. S[iel 1891. 



Isokrates. Die attischen Redner. 119 

Paneg. 76 otM' ixihxvov (ihv <bg läimvj 

'ijfiiXovv d' &g iXXot(fi<DVy 

aX ixi^dovro filv &g olxaCtoVj 

iMBt%ovxo S*&6%BQ xQ^i t&v iif^dhv nQOöfixövtov: 
Areop. 70 oix dXtyaQxi&v 

oidh nXsovBii&v, 

&Xlä dixaiag xal xoöfiiag 

ixidvfiovvra noXitaCag, 
Isokrates hat im Leben viel zu kämpfen gehabt, um seinen isokntei 
Eonkurrenten den Rang abzulaufen, es ist ihm schliefslich ge- N«ehweii 
lungen: sein Haus^ sagt Cicero nach einem griechischen Autor 
(Brut 32; or. 40) , officina habita doquentiae est, und aus seiner 
Schule tamquam ex equo Traiano meri principes extenmt (de 
or. n 94); er machte tilg ^^^vaian/ xöJiemg ilxöva t^v iavtoi> 
^xoXijv xatä tag iatoixiag t&v Xöycov (Dionys. de Isoer. 1). Er 
blieb der Meister des geputzten (xBxaXXaxiöfiivog Hermog. de 
id. 331, 27; 332, 18; 412, 8) und geschminkten (xofifionrtxrf^ 
id. 331, 26, cf. Cic. ep. ad Att. 11 1, 1) Xöyog. Freilich steht 
den Bewunderern und Nachahmern eine grolse Zahl strenger 
Klassicisten gegenüber, die sich über den Perioden abzirkelnden 
und Worte leimenden Schulpedanten lustig machten, der ebenso 
▼iele Olympiaden dazu brauche, eine Rede zu verfassen, wie 
grofise Feldherren, Völker zu unterwerfen oder wie Perikles, 
Propyläen und Parthenon zu bauen; ihre Urteile werden uns 
weiterhin öfters begegnen. 

6. Bei den übrigen grofsen Schriftstellern dieser Epoche stouung 
werde ich kürzer verweilen, da sie auf der von mir zu ver- «ttiBohen 
folgenden Linie der antiken Eunstprosa, die mit Thrasymachos ^°*' 
und Gorgias beginnt und über Isokrates weitergeht, entweder k«°s^ 
überhaupt nicht stehen oder sie nur ganz gelegentlich betreten« 
Zu ihnen gehören vor allen die attischen Redner. Aristo- 
teles hat diese Redner noch so gut wie völlig ignoriert, weil 
sie mit ihren praktischen Tendenzen nicht zur eigentlichen 
kunstmalsigen Prosa gehörten; erst Theophrast ergänzte die 
grundlegenden Forschungen seines Lehrers darin, daCs er ihnen 
einen Platz in der Geschichte der Xi^ig anwies, was dann spätere 
Kritiker weiter ausführten imd einer etwa bis zur Mitte des 
ersten vorchristlichen Jahrhimderts öfters wechselnden, dann für 
tlle Folgezeit sanktionierten Geschmacksrichtung anpaisten. 



120 I- ^^^ griechische Eonstprosa bis Augnstas. 

Das Material dieser Untersuchungen liegt in den Kritiken des 
Dionys v. Hai. in einer Fülle und Feinheit vor, daCs es von Blafs 
in seiner Geschichte der attischen Beredsamkeit mit Recht aus- 
giebige Verwertung gefunden hat. Es ist; um nur ganz weniges. Ab* 
meine Zwecke in Betracht Kommendes anzuführen, bekannt, daCs 
auch Antiphon und LysiaS; dieser besonders in den epideiktischen 
Reden, unter jenem EinflulÜB stehen, nicht so sehr in dem 
poetischen Kolorit der Diktion als in der Ausschmückung der 
Diktion durch Figuren, unter denen die Antithese mit den 
üblichen Klaugmitteln voransteht: das hat man schon im Alter- 
tum konstatiert (z. B. Theophr. bei Dionys. de Lys. 14), und 
die Neueren sind dem im einzelnen nachgegangen.^) Lysias 
erinnert also, wie in seiner ganzen Art, so auch hierin an 
Xenophon. Von Demosthenes, der erst nach und nach 6 ^t^oq 
geworden ist, hat man schou im Altertum gewuist, dals auch 
er, der sich ja stets genau vorbereitete und die gehaltene Rede 
erst nach sorgfältigem Feilen herausgab, von den Mitteln der 
künstlerischen Rede ausgedehnten Gebrauch gemacht habe; die 
strengen Richter haben seine gelegentlich stark hervortretenden 
Antithesen^ (oft mit ihrem üblichen Schmuck) getadelt: schon 



1) Für Lysias cf. auTser Blafs noch E. Haenisch in seiner Aasgabe 
des Amatorius (Leipz. 1827) 56. 62 f. H. Frohberger in seiner Ausgabe aas- 
gewählter Beden des L. I (2. Aufl. von G. Grebauer, Leipz. 1880) p. 12 adn. 79. 
E. Scheel 1. c. (oben S. 96, 2) 48 ff. Grelegentlich tritt bei Lysias das Gorgia- 
niBche sehr stark hervor, z. B. in den Fragmenten einer von Theophrast 
als echt bezeugen, yon Späteren dem Lysias nur deshalb abgesprochenen 
Rede, weil man diesen Redner gern von solchen Auswüchsen befreien wollte, 
bei Dionys 1. c: *EXXi^vmv nXalm äfidxrixov %al &vavfid%rjtov ÖXi^gov. — 
Inixat fihv a{)tol t&v ^b&v na^l^ovtsgj nQo96tag Sh t&v Sffnuov iia&s iato- 
tpaLpovtsg^ AvaiiaXovvtBg ts avyyivsucv siiiiveucv, Dafs die Athetese des 
späteren Altertums ungerechtfertigt ist, geht schon aus der Persiflage Pia- 
tons im Phaedrus hervor, cf. auch Diels in: Abh. d. Berl. Ak. 1886 p. 29, 1. 

2) Z. B. or. 8, 88 ixQfjv ydig, m &w9Qsg 'Ad^ivaloi^ toitvamiov ^ iHbw 
&navxag xovg noXix^o^vovg 

iv iihv talg inTdrialccig ng^ovg %al tpiXav^Qibnovg ^iL&g i^l^Biv bIvcci' 

ngog yaQ i>fi^g airto^g %al tovg avft^fidxovg iw tavtaig ictl xä 9Uata' 

iv 9h xalg nagacmtvcclg to4) noXifiov (poßsQoiyg %al x^^^^^ohg htUiii%v4tvtu' 

nifbg yap xo^g ix^QO^g %ccl xo^g &vxin<iXovg i%Btv6g iö^' 6 &ydtp, 

wo, wie Rehdan tz bemerkt, der Parallelismus der Glieder so weit geht, 

dafs xo4jg ivxindXovg zu ix^'QOvg hinzugefügt wurde, um dem xohg cviikfui%ovg 

hinter ^fi^g aixoi&g das Gleichgewicht zu halten. Femer Tor allem die be- 



Die attischen Redner. Isokrateer. 121 

Aeschines de fiEds. leg. 4 und der Komiker Timokles bei 
Aihen. VI 224 B, cf. besonders auch die Kritiker bei Plutarch, 
Demosth. 9—11. Aber verständige Männer haben darüber das 
Sichtige znsammengefafst in die zwei Sätze: 1) er wendet diesen 
Zierat mit Maus an imd pflegt allzn grolise Gleichheit durch 
den Wechsel des Ausdrucks absichtlich zu zerstören; 2) er ver- 
wendet ihn nicht wie Isokrates und Genossen als Selbstzweck^ 
sondern er ist ihm Mittel zum Zweck der deivötrig, cf. besonders 
die verständige Beurteilung des Hermogenes de id. p. 332 ff. (zu 
Hermog. p. 333, 3 auch die Bemerkungen Syrians p. 64, 4 Rabe). 
Auch die Neueren haben das so aufgefafst, cf. aufser Blafs 
(ES 1 p. 137 ff.) den ausgezeichneten rhetorischen Index der 
Ausgabe von Behdantz s. v. Paratazis, 6fu>iotiXsvtov ^ Wort- 
spiel.^) Daus seine Rede in grofsen, natürlich sich ergebenden und 
nie zur Spielerei werdenden Rhythmen sich ergiefst, fühlt jeder, 
der weifis, dals man gehobene griechische Prosa nicht blofs nach 
den zufällig auf den Silben stehenden Accenten zu lesen hat, 
was kein Grieche that. Blaus (III 2 p. 359 ff.) hat einiges 
Spezielle nachgewiesen. Das meiste läüst sich zwar nur fühlen^ 
aber wer fühlt auch nicht, dafs der gerade wegen seines 
Rhythmus schon im Altertum hochberühmte Anfang der Kranz- 
rede so zu lesen ist: xq&vov ^iv^ \ &^&v8(feg ^A^valoi, (^l ou ^ 
2 -), I xolg ^£otg eCxoftai (j. ^ i. j, ^ i) \ ica6i xal leäöaig (^ u ^ 
X .)? Auf Demosthenes palst, was K Justi einmal schön aus- 
spricht (Winckelmann 11 2 p. 4): ,,Die mächtigste Beredsamkeit 
ist die, welche eigene Leidenschaft in ihre Worte hineinwirft 
und doch die Leidenschaft mit kalter Berechnung als Mittel 
verwaltet.^ 

7. Zu den Isokrateem^ gehören vor allen die unmittelbaren Tbeopom 
Schüler des Meisters, Theopompos und Ephoros. Jener, an- Ephoiw 



rthmte ^^yngie^s zwischen sich und Aeschines in der Eranzrede 266 und 
die tfvy^^itfiff zwischen den wahren und falschen Gesandten in der Bede 
«f^ xijs naifanQiaßslag 229 f. (auf letztere c^yigicig mufs sich die im Text 
dtierte Stelle des Aeschines beziehen, cf. auch § 174 der Gesandtschafbsrede). 

1) Das Beispiel der naQi/jxriüig, das aus Demosthenes Ton Max. Planudes 
7 480 Walz angefahrt wird: Snvbv ya^, d to^s iUHVy iStv lÜlaxny, o^ d- 
Mfoff U^fMiro» iUi/jcm ist nicht demosthenisch. 

2) Oi 'IC9%Qdt9un, ol &n' 'lüongdtovg u. ä., cf. H. Liers 1. c. (oben 
8. SO) 7 (aulier den dort angeführten Stellen noch n. ^. 21). 



122 I- ^^ griechische Eunstprosa bis Augustns. 

fanglich selbst ein gefeierter epideiktischer Redner, ist f&r die 
Nachwelt über tausend Jahre lang (noch Photios las ihn) der 
Typus des rhetorisierenden Historikers geblieben: das Stilurteil 
der alexandrinischen Zeit lesen wir bei Dio Chrys. XYIII 479 B. 
fritoQLXöv rt n€Ql xiiv änayyBkCav t&v X6ymv ixsi «^ Quint. X 1,74 
oratori magis similis^) Innerlich berührte dieser leidenschaftliche 
Mann sich nicht wie sein Kollege Ephoros mit seinem leiden- 
schaftslosen Lehrer, sondern vielmehr mit Demosthenes, über 
den er schöne Worte gesagt hat (bei Flut. Dem. 18)^ die um 
so mehr gelten bei einem Mann, der mehr zu tadeln gewohnt 
war. Daher ist das iid'og seiner Rede vielmehr demosthenisch 
als isokrateisch; was hätte man dem Isokrates zahlen müssen, 
dafs er Worte wie kdötavQogy tginogvoi^ ivdgöieoQvoi oder auch 
nur ivayxofpayilöai tä nQdyfiaxa (cf. xbqI {^. 31, 1) über die 
Lippen gebracht hätte? Dagegen die tdxvri des Stils erinnert 
mehr an Gorgias- Isokrates. Als Beispiel für diese eigenartige 
Mischung demosthenischen Ethos und isokrateischer Technik 
ma^ die berühmte Charakteristik Philipps (fr. 249) dienen, über 
welche antike Kritiker fein geurteilt haben, dafs wegen des 
affektierten Stils die den Gedanken innewohnende dsivöxrig in 
ihr Gegenteil, die tIfVXQÖtrigj umschlage (Demetr. de eloc. 27; 75; 
247): tovg ^h/ xoöfiiovg tä ^O'ij xal toi^g t&v ISCayv ixinsloty- 
ftsvovg inBdoxi(ß,aiSy t(ybg dl noXvteletg xal iSnrcag iv xiißoig xccl 
nötoig ixaiv&v hifia. totyagovv oi iiövov airtiybg romt>r' i^si^v 
naQ€67C€va^€Vy iXXä xal trjg &XXrig iÖMÜJcg xal ßdelvQiag id'Xritäg 
hcoiriiJe. xC y&Q t&v al6%Q&v ^ Sbiv&v ainotg oi scgoöi^^ 1j xl 
t&v xaX&v xal önovdaicav oinc &7triv^); oix oC fikv |t;poi$fi€VOi 
xal Xsaiv6(iBvoi dutikow ßvÖQeg üvteg^ ot d' iXXi^loig ixöXfUov 
inaviötaö^ai xAyavag {x^vöi'y xal iceQii^yovto iikv 8iio xal tQstg 
ixaiQOVfiivovg ^ aixol 81 xäg avxäg ixBlvoig x(y^^^^ Btigoiq na- 
Qßtxov Sd'sv äixaCag &v tig aitoig oix halQovg iXX* itatgag 
{miXaßsVj oidl ötQaxiaxag aXXä ;|rafiatrt^ag XQOöijyÖQewfsv. 



1) Cf. M. Caesar ad Front, ep. n 6 p. 81 N. htme audio apud Oraecoi 
disertissimum tiatum esse. 

2) Es scheint noch nicht ausgesprochen zu sein, dafs dies eine deat- 
liche Beminiscenz an eine der berühmtesten Stellen des Gorgias ist: der 
Anfang des grofsen Fragments aus dem Epitaphios laut-et: tl ydcp icnfjw totg 
&vdQoc€i To^roig &v dil &vdQdct naifilvai; tl Sl %al ngoafjv &p o^ dtt 



Theopompos. Epikuros. 123 

it»difOfp&ifOi yäg xifv tpv6i,v tivtsg ivd(f6xo(fvoi tbv XQdxov ^öav. 
xgbg dh xaikoig ivtl (ihv tov vi^fpeiv tb lud^Siv iiyoacmv^ &vtl 
d\ xov xoöftüog ^fjv igTcd^siv xal g>ovB'6eiv ili^tow Tcal rb (ikv 
iXffisveiv 9cal ratg biiokoyiaig iiifidveiv oinc olxetov ain&v ivö- 
fuiovj tb d' ixioQXstv xal fpBvanliaiv iv tp ösiivotdtoi {maldfi^ 
ßavovL xal t&v (ihv {maQ%6vxmv '/jfiiXoWj t&v dh &7t6vrayi/ hu- 
tvfLOw. Auf Einzelheiten brauche ich auch hier nicht ein- 
logehen, da zuletzt von Eadbel (1. c. 46; 105 £) über die Be- 
nehungen des Ephoros und Theopompos unter einander und zu 
ihrem Lehrer Isokrates aUes Wichtige gesagt worden ist.^) 

8. Kurz will ich noch bei einem Manne verweilen^ den hier 
zu finden mancher sich wundem dürfte. Epikurs Schriften 
waren im ganzen Altertum bekannt wegen ihres ungekünstelten 
Stilsy der^ fem von rhetorischem Putz, die Sprache des täglichen 
Lebens wiederspiegelte; die Freunde nannten seine Schreibweise 
die gewohnliche; volkstümliche, während seine Gegner sie nicht 
blols als die ungebildete bezeichneten^ sondern mit den aller- 
gemeinsten Schimpfworten belegten. Die interessanten zahl- 
reichen Zeugnisse hat üsener^ Epicurea p. 88 ff. zusammen- 
gestellt. Thatsächlich nimmt das wenige einigermafsen Zu- 
sammenhängende, was wir besonders von seinem Briefwechsel 
mit Mutter, Freundinnen und Freunden auf Stein und Papyrus 
besitasen, eine fast singulare Stellung in der antiken Stil- 
geschichte ein: ich wülste wenigstens nicht zu sagen, wo wir 
sonst in guter griechischer Prosa etwas hätten (abgesehen von 
einigem aus der frühchristlichen Litteratur, wie der Jidaxif) 
Ton jener wundervollen Natürlichkeit, die so ganz der Ausdruck 
eines zart und warm empfindenden Herzens ist; so, um beliebig 
etwas herauszugreifen, fr. 176 (aus den Herculanensischen 
Sollen): iupeiy^ud'a slg Aiyi^axov iyiaivovtsg iyh xal Hvd'oxXflg 
xal ^^fMQXog xal Kti^iJvxxogy xal ixst xatsiXi^fpaiiav i)yi,alvovtag 
BBfkUttav xal xoi)g kovjcoi)g tpUovg. ei dh xotetg xal 6i> sl iyi- 



1) Stern hat in den Gonuneni in hon. Stndemundi (Straasb. 1S89) 158 £F. 
& gorgianiflchen cxff^yMxa ans Diodor zusammengestellt, um zu beweisen, 
dab die betr. Partieen aus Theopomp abgeschrieben seien. Möglich, dafs 
eiiiiget sutreffend ist, aber es fehlt doch jedes Kriterium der Sicherheit. 
Etwas TOrsichtiger, aber doch auch ohne über mehr oder weniger Proble- 
Batisehes hinauszukommen, benutzt das sprachliche Moment bei der Ana- 
lyse Ten Flntaiohs Biographieen C. Bünger, Theopompea, Diss. Strassb. 1889. 



124 !• ^^ griechische Eunstprosa bis Augustos. 

aivsig otal fi f^^fifti} <^ot;, xal xcbtav xal MdtQOVi ndvta lutthnv 
&6nBQ xal i^QOöd'sv. ii yäg t6^i^ ii ahla^ Sri xal iyh xal of 
Aot^ol ledvtsg 6e fiiya g>tXoi>fi£Vj Stv xovzovg nat^ xdvtcu Auch 
in den Werken, die für das gröfsere Publikum bestimmt waren, 
liefs er sich gehen: ich kenne kein ästhetisches Stilorteil, 
welches schlagender den Unterschied des antiken und modernen 
Geschmacks bezeichnete, als folgendes bei Laert Diog« X 13: 
xiXQTixai, (6 *E7iixovQog) d} kS^Bi xvgia xcerä t&v HQayudtaVj ffv 
ZxL ldi,(oxatri iöxCv^ ^Jlgiöxotpävtig 6 yQa(i(iaxLxbg alxiäxai. (6ag>^ 
d* ^v ovxmg üg xal iv xa Ilegl ftixoQixflg i^tot (iridlv &lXo 1\ 
öaqy/^vBt^av äitaitetv). um so auffallender kann es scheinen, dalB 
aus einem Schriftsteller, der in bewufstem Gegensatz zu der 
konventionellen stilisierten Sprache schreibt^), einige Sätze an- 
geführt werden, die ganz rhythmisch gebaut sind: wir werden 
daraus nicht folgern, dafs er hier rhetorisch hat schreiben 
wollen, sondern vielmehr dies als eine erwünschte Bestätigung 
der Thatsache ansehen, dals das Gefühl f&r eityvd'fiia dem 
Griechen angeboren war. Die Hauptstelle über die gelegentliche 
rhythmische Schreibart Epikurs findet sich bei Theon pro- 
gymn. p. 71 Sp. iinfiskrixiov (dem rhetorischen Lehrer) ds xaL 
xfig ötn/d^iösmg x&v övoiiäxmv^ ndvxa di^ddöxovxa i^ &v diMtps^ 
^ovxat xh Ttax&g öwxi^ivai^ xal fuiliiJxa dl tifv lniistQOv xal 
ivQvd^liov Xi^iVj ä)g xä leokXä x&v ^Hyriöiov xov fifüOQog xal tibv 
*Aöiav&v xakovfiivmv frixÖQmVj Tcai xiva x&v ^Emxo'ÖQOv^ old xov 
xal itgbg *Jdon£via ygatpei, (fr. 131 Us.)* & ndvxa xi(iä xivi^- 
ULaxa I xsQnvä voiiiöag ix viov xal x&v XBQupBQOndvav 
d' &g ixBivov (fifiBtg d' oiSinm xal vvv aix& sigiöTtoiiBv iv totg 
övyygdynutöiv aixov) (fr. 105 Us.) liyB dij (jlol Uol'öaivB f 
övvajCBQi^Bv fiBydlrj xagä yivrjxai. Aus den dürftigen 



1) Daraus ist es auch zu erklären, dafs sich yielleicht bei keinem 
griechischen Schriftsteller auf so kleinem Raum eine solche Fdlle Ton &ra| 
iBydfisva nachweisen iSXst, wie bei Epikur: die Kunstsprache seit Isokrates 
hatte zwar die Neubildung von Worten yerpönt, aber die Volkssprache 
schuf aus unversiegbarem Born solche Worte: z. B. sind die yielen Neu- 
bildungen auf -fux bei Epikur (wie ilniüiuc Unac^ui &vaxQa&yaCfia li/j%fifui) 
unmittelbare Schöpfungen der Volkssprache, für die jenes Suffix noch pro- 
duktive; Kraft hatte, denn das beweist der Interpolator (bezw. Bedaotor) 
der Apostelgeschichte, bei dem sie sehr zahlreich sind (aber der sehr ge- 
bildete Lukas hat kein einziges 1), cf. auch Paulus ep. ad Eom. 6, 16. 



Epikuros. Ausläufer. 125 

Resten seiner Briefe könnte man versncht sein, noch folgendes 
anzuführen: fr. 99 bei Philodem «. siöeß, p. 125 Gomp. k&v 
%6l[€]ii[og ^^], Sbivov oim &(vy dits^av ^b&v Btka[mv Zvtfov]^ 
um so mehr als Philodem unmittelbar eine andere Stelle mit 
demselben Schluls anführt: Tta^agäv t[i^ ^toipi] dir^xivav xa[l 
dt£\^Biv 6vv airl&i] MätQovi d^Bl&v Bt]XB(ov üvtmv (sakral?). 
Fr. 116 iyh d* ig)* ^f^doväg öwBXBtg naQa7cak& xal oinc iic* iQBxäg 
XBväg xal luetaiag xal xagaxAdBi^ ixovöag x&v xagx&v tag 
H%lda$ (wo man den letzten vier Worten nur die reguläre 
Stellung zu geben braucht, um zu empfinden, dafs dadurch eine 
weniger rhythmische A^g^ entsteht) 204 yByöva^uv Sina^^ dlg 
d\ oix löti ysvdö^ai' dBt 81 xhv al&va (iijxdt* bIvui, (so: 
yitpdt ist überliefert). Man merkt an allen diesen Stellen den 
höheren Schwung, den die Rede nimmt: als sein sinnfälliger 
Trager stellt sich der Rhythmus ein. 

9. Das letztere gilt auch von der kunstvollen, aber nach ner 
unserem Geschmack zu überladenen Beschreibung des Elysiums ^ ^ 
im Axiochos (371 C), dessen Verfasser etwa ein Zeitgenosse 
Epikurs war: iv^a &q>^opoi fulv &Qai icayxaQUov yovrjg ßgvov^i^ 
%fiyui 8% idciffov xa^aQ&v ^eovöij navxotot dl XBi^i&vBg &v^b6i 
MoutiXotg iap&gdfia/ot , ducxQtßal dh (pilo66q)a)v xal d'iaxQa noirj- 

tAv, xal xvxXioL x^9^^ ^^^ [lovöixä ixovöfiaxaj övfinööid xs 
t^lulU xal BiXaxivai, ainoxog^yrixoi^ xal ixif^^axog &Xvnla xal 
ifiBta diaixa' oÜxb yäg ;|^ct|L(a ötpodgbv oüxs d'dXxog iyyiyvBxai, 
ilX edxQatog i'^g ;|r€rrat äxalatg fiXiov ixxtötv ivaxiQvdfiBVog. 

10. Endlich habe ich noch eine Frage zu beantworten: wie Axi^ouif 
Terhielten sich die gröfsten litterarischen Kritiker dieser Zeit, Tbeophrai 
Aristoteles und Theophrast, zu der zeitgenössischen, d. h. der 
isokrateischen Eunstprosa? Lehrer und Schüler sind einig in 

der Verwerfung der poetischen Diktion des Gorgias: xal vvv 
hij sagt jener ärgerlich (Rhet. III 1. 1404 a 26), oC noXXol x&v 
buLidiiixmv xoi>g xoiovxovg (die poetisch in der Prosa Redenden) 
ofof^tfi ducXdyBö^ai xaXXufxa. Anderes aus ihm und Theophrast 
ist im Yorhergehenden oft angeführt worden. Daher findet sich 
auch in der ^A^xivalarv noXixBia kein archaisches oder poetisches 
Wort (cf. Kaibel 1. c. 38 f.; 47 f.; 63) und für die Dialoge, deren 
Formenpracht und Reichtum an furchtbar packenden Bildern uns 
noch entgegenleuchtet, dürfte dasselbe gelten, was oben über den 
ToUendeten Stil Piatons gesagt ist In der Wertschätzung der 



126 I- IHe griechische Eonstprosa bis Aogastos. 

Antithese gehen beide etwas auseinander: Aristoteles erklärt sie 
für fideta (III 9. 1410 a 20)^), während sich Theophrast sehr ab- 
lehnend verhält (cf. Dionys. de Lys. 14)*); diese Abweichung 
des sonst stets in den FnlBstapfen seines Lehrers wandelnden 
Schülers fallt auf, aber es ist sehr wahrscheinlich^ dafs der alte 
Aristoteles anders geurteilt hat: wenigstens hat er in der *A0^ 
va{(ov scohxsia diesen Schmuck gänzlich verschmäht und dab 
dieses Werk stilistisch ein beabsichtigtes Gegenstück zu der 
damals unter Isokrates' Einflufs stehenden Geschichtsschreibung 
hat sein sollen, hat Eaibel (1. c. 106 ff.) zwingend bewiesen. 



Fünftes Kapitel. 

Die Entartung der griechischen Prosa. Demetrios von Fhaleron 

und die asianische Beredsamkeit. 

^"!^d"^* Bis hierher hatten wir eine reichliche Überlieferung sowohl 

Heuenis- der Praxis wie der Theorie. Nach 300 hört sie für Jahr- 
hunderte fast ganz auf: für die Praxis sind wij^ auf wenige 
Fragmente angewiesen , denen aber glücklicherweise eine grolse 
Inschrift sich ergänzend an die Seite stellt, und für die Theorie 
müssen wir uns mühsam aus Andeutungen besonders des Cicero 
und Dionys unterrichten. Es ist eine Periode des Niedergangs, 
die zusammengeht mit dem Verlöschen attischen Wesens und 
der Trübung reinhellenischer Eigenart überhaupt: was das 
gp-iechische Sprachgebiet an umfang gewann, verlor es an Inhalt, 
denn der kosmopolitische Gedanke ist so ungriechisch wie nur 
möiglich. Und doch ist gerade diese Periode für die Folgezeit 
von grolser Wichtigkeit geworden: sie liefert uns den Schlüssel 
zum eingehenden Verständnis nicht nur der litterarischen Be- 
wegungen in der griechischen Prosa der Eaiserzeit, sondern auch 
der Entwicklung der römischen Prosa, die ja erst in die Er- 
scheinung trat, als die grofsen Attiker längst der Vergangenheit 

1) Auch Anazimenes 26—28 verwirft diese und ähnliche Figuren nicht 
Die gedachte Vorrede und der gefälschte Schlufs wimmehi von ihnen : der 
Verfasser glaubte offenbar, dafs sie zum schönen Stil gehörten. 

2) Etwas anders Diels, Üher das dritte Buch der aristotelischen Rhe- 
torik (Ahh. d. Berl. Ak. 1886) 29. 



DemetrioB von Phaleron. 127 

angehörten und die Graecnli sich in der Stadt breit machten. 
Es kommt mir nun vor allem darauf aU; einerseits den Zu- 
sammenhang dieser Entartung mit der alten sophistischen 
Eunstprosa darzulegen , andererseits die Hauptcharakteristika 
dieser Entartung festzustellen , aus denen sich die weitere Ent- 
wicklung ableiten läfst; beides lag der Absicht fem, die Blafs 
in seinem Buche: ^^Die griechische Beredsamkeit in dem Zeit- 
raum von Alexander bis auf Augustus'* (Berlin 1865) verfolgte. 

Den tieferen Grund für den Niedergang der attischen Be- Bemetrio 
redsamkeit hat ein unbekannter griechischer Rhetor, dessen phiuieron 
Urteil wir bei Cicero (Brut. 37) lesen, darauf zurückgeftihrt, 
dals sie bei dem Mangel grofser nationalgriechischer Stoffe sich 
von der Öffentlichkeit in die Schulstube zurückzog; als Re- 
präsentanten dieser Richtung hat er Demetrius von Phaleron 
genannt Das wichtige, für die ganze weitere Entwicklung der 
Beredsamkeit entscheidende Faktum berichtet auch Quintilian 
(nicht aus Cicero) U 4, 41 fictas ad imiUxHonem fori consiliorunh 
qite materias apud Chraecos dicere circa Demetrium PhaHereum in- 
sHMum fere constat. Dieser Mann, weichlich von Charakter und 
Lebensart wie seine Zeit^), hat an die Stelle der kraftvollen und 
herben Rede des Demosthenes, den er tadelte (Flui Dem. 11), 
die entnervte und süJSse treten lassen.^) Cicero de or. II 95 
gHorum (der grofsen attischen Redner) quamdiu mansit imitatio, 
tamdiu genus iUud dicendi studiumque vixü; posteaquam exstindis 
kk amnis earum memoria sensim obscurata est et evanuit, dlia 
quaedam dicendi molliora ac remissiora genera viguerunt 
imk Demochares, quem aiunt sororis filium fuisse Demostheni; tum 
Phalereus iUe Demetrius omnium istarum mea sententia poli- 
foimii^ aliique horum simües extiterunt. Brutus 36 ff. nach einer 
Charakteristik der groüsen attischen Redner: haec enim aetas ef- 
fudä hanc capiam ety tä qpinio mea fert, sucus iUe et sanguis in- 
eofruptus Msque ad hanc aetatem oratonim fuit, in qua naturalis 
tndy non fxusatus nitor. Phalereus enim successit eis senibus adu- 
JaeenSj eruditissimus iUe quidem horum omnium, sed non tarn armis 

1) Cf. Chr. G. Heyne, De genio saeculi Ptolemaeorom in: Op. acad. 
I90C 

8) Cf. Diels 1.0. (oben 8.126,2)88, der Ton den 'parfUmierien' Beden 
te 'graziösen und gebildeten, aber kraft- und saftlosen Beredsamkeit' des 
Donetrios spricht Plutarch 1. c. z&hlt ihn za den xa^Uvri^. 



128 I- I^e griechische Kunstprosa bis Augastas. 

institutus qtiam palaesira, üaque delectdbat magis Athenienses 
quam inflammabat. processerat enim in solem ei pulverem, non ut 
e mäitari taberncumlo sed ut e Theophrasti docHssumi hominis 
umbraculis. hie primus inflexit orationem et eam möllern 
teneramque reddidity et suavis, sieut fuitj videri maluit 
quam gravis, sed suavitate ea, qua perfunderet ammoSy non qua 
perfringeret, tantum ut memoriam coficinnitatis suae, non^ quemad- 
modum de Pericle scripsit Eupolis^ cum delectatione aculeos etiam 
relinqtieret in animis eorum, a quibus esset audittis, cf. 285; de 
off. I ly 3. Näher charakterisiert er diese Art der Bede 
or. 92 ff.: sie gehört dem ^liöav yivog an, dem zukommen alle 
omamenta dicendi, alle lumina verborum et sententtarum^ denn es 
ist ein florens orationis, pidum et expolitum genus. Nichts anderes 
bedeutet Quintil. X 1, 33 versicolor illa, qua Demetrius Phalereus 
dicebatur uti, vestis non bene ad forensem pulverem facit, griechisch 
gesprochen: ^rjfn^tQi^og 6 Oaktiqaiyg äv^ivä XBQiißalB xi(v kiiiVj 
was Eratosthenes von Bion mit Bezug auf die Philosophie 
gesagt hat (Strab. I 15), d. h. also: wie Bion die Philosophie, 
so hat Demetrius die Beredsamkeit in ein blumenreiches, bunt- 
gesticktes Hetärengewand gekleidet, orationem fucatis et mere- 
triciis vestibus insignivit, wie Tacitus (dial. 26) von den Rednern 
seiner Zeit sagt.^) Den litterarhistorischen Zusammenhang dieses 
yivog giebt nun Cicero 1. c. 96 klar an: hoc totum (genus dicendi) 
e sophistarum fontibus defluxit in forum, und wirklich stimmt 
die Charakteristik, die er vorher (37 ff.) von der Bedeweise des 
Thrasy machos, Gorgias, Isokrates gegeben hat, mit der des De- 
metrius. 

An den wirklich gehaltenen Beden des Demetrius können 
wir das bei dem Mangel an Fragmenten nicht mehr nachweisen, 
wohl aber an einer seiner scholastischen Deklamationen, aus der 
uns ein längeres Fragment bei Stobaeus erhalten ist Um es 
in diesen Zusammenhang richtig einreihen zu können, schicke 



1) Die Deutung der Strabonstelle ist bekannt, cf. zuletzt 0. Hense, 
Teletis reliquiae (Freiburg 1889) p. XGV. Für den Vergleich mit Hetären 
cf. CresoUiuB, Theatr. rhet. in 21 p. 174 (wo noch hinzuzufügen Greg. Njss. 
contr. Eunom. I 25S BC); dcvG'tvol x^Töye; als Zeichen der tQvtpij aach Timon 
bei Athen. Xu 628 D. Die Quintilianstelle wird, wie ich sehe, richtig be- 
urteilt von F. Susemihl, Gesch. d. gr. Litt, in d. Alexandiinerzeit I (Leips. 
1891) 142, 713. 



Demetrios iron Phaleron. Die Diatribe. ]29 

ich eine kurze Bemerkimg über dieses litterarische yivog Toraos. 
Die ScImldeklamatioDy dunrpt/Jij, hat sich in der Weise aus dem 
Dialog entwickelt, daCs der sie vortragende Deklamator an die 
Stelle der beiden im Dialog sprechenden Personen sich selbst 
und eine fingierte Person setzte, mit der er nun die Xiyyofuxxia 
aosficht: die Diatribe ist also nichts anderes als ein in die Form 
der Deklamation umgewandelter Dialog.^) Daraus erklärt sich 



1) DaÜB die Diatribe nur eine Nebenform des Dialogs ist, l&Tst sich 
schon ans einigen Stellen der platonischen Dialoge zeigen, wo Sokrates die 
gewöhnliche Art der Dialektik yerl&Tst und, ganz wie es in der Diatribe 
geschieht, einen fingierten Oegner einfährt und mit ihm disputiert. Cf. 
Protag. 862 £ ff. C&i dii (Ut' ifuH) intxelifrieov ml^Hv %ov9 &94^QAxovg %al 
diddaiMv Z iiftiv Tot^o t6 nd^og, Z tpaatv imb t&9 iidav&v iittäcG'ai .... 
"Itmg yicQ Sy ZcyöjrroMr im&v Zti oim dg^&g XiystBy & &v^Qcimot, &XXa ^i^- 
^ftf^s, if^vitg* Stv iiii&g' A nQanay6Qtt ts %al £dni(fcet8g u. s. w. TL&Uv xotr- 
9VF, §1 hfoivto i^pAg' xl oIp tpcets ta^o tlvai, 3 i^f^clff i^txm elvai tätv i\do- 
9äf9 iUfOfkap^ ttnoin' ^tv fya>y« ngbg ainovg ^dr &%ovstB Si/j' nuffaadpke^a 
j^LQ ^fUv iyS t9 «ol nQanayÖQdcg tpQdüai. &XXo ti yc^p, & &vd'Qmnoi^f tpocth 
n. 8. w. 9atBv &v, airnLO^v iffoliu^' av a'btohg iyA ts %al ah ndUv u. s. w. 
Aber noch mehr: auch die in der Diatribe so beliebte Einführung personi- 
fixierter Dinge als redend kennen schon Piaton und der Sophist Antiphon; 
denn was anders ist die berflhmte Unterredung des Sokrates mit den N6itoi 
im Kziton 60 A ff.? (cf. auch Phaedon 87 A); Antiphon fr. 131 BlaTs*. Ja, 
sogar die spezifische Art der Einkleidung solcher Personifikationen haben 
schon Piaton und Antisthenes: Prot. 361 A %ai yMi do%il iniLänf i) &(fti l(o- 
Sog %^ t6fmw &aM§Q &v&Qantog nccvqyoifitv ti xol nataysläVj %al il tpaviiv 
Idßo^^ 9ln§t9 (St9 9r» &toMoi> y' icti, A ZSxQateg tt xal IIffmtay6Qa u. s. w. 
Antifthenes bei Laert. D. VI 9 %Qbg xb %ai^is%rnuttCiiy9 ainb t^ nldetfi 
fMi^tfbuofr, ^bImS fiOA, tprieiv^ tl (paviiv Xdßoi. 6 xaliiSg, ixl xlvi &y ofe» 
«^HTv^iJyoi; o. B. w. Daraus folgt also, dafs die charakteristischen Formen 
der Diatribe schon bei den Sokratikem und Sophisten vorgebildet waren. 
Man Teigleiche noch die Erz&hlung des Prodikos bei Xenopk Mem. n 1, 
tl iE. mit dem weiter unten im Text citierten Diatribenfragment des De- 
metrioi. Kur eine spezifische Eigentfimlichkeit der Diatribe können wir 
ent in ihrer sp&teren Form nachweisen: die bekannte Einführung des fin- 
gleiten Gegners mit t^rfil {mqmt)^ dessen Geschichte sich wie die andern 
Charakteristika der Diatribe bis in die christliche Predigt verfolgen l&fst 
(et Kauck, M^ gr.-r. IV [1880] 663, 61 ; A. Jahn in Fleckeisens Jhb. XLIX 
[1847] 42S; Greg. Naz. or. XXXTT 10; Greg. Nyss. contr. Eunom. 1. XII 986 A; 
fladreisens Jhb. Snppl. XVm [1891] 846. Der grolse Zusammenhang ist 
nsni von t. ^Hlamowitz in: Philol. Unters. IV [1881] 292 ff. erkannt wer- 
te): aber gerade dies zeigt den Zusammenhang mit den angefahrten pla- 
tonsehen Stellen, deqn was ist es anders als eine Verkürzung von i^ixo 
fe 4f^t ^^^ ali^uü (und ähnlichen Formen der occupatio, über die cf. 

V*r4*B, maftik* KunttpioM. 9 



130 I- I^ie griechische Eunstprosa bis Augpstas. 

die erste Eigentümlichkeit ihres Stils: die saloppe Diktion und 
die Auflösung der Periode in kleine Sätze. Da femer die Dia- 
tribe moralisierend ist und in sittenrichterlichem Ton gegen die 
Thorheiten der Menschen losföhrt^ teils sie tadelnd^ teils sie ins 
Lächerliche ziehend , so schlägt sie oft einen pathetischen Ton 
an, der bald an die Komödie, bald an die Tragödie erinnert. 
Daraus erklärt sich die zweite Eigentümlichkeit dieses Stils: 
seine Neigung zum theatralischen Pathos. Die Diatribe ist 
daher, alles zusammengenommen, Moralphilosophie im Mantel 
der Rhetorik, den ihr zuerst Bion angezogen hatte: die langen 
Tiraden über die Fortuna, gegen die luxuria u. s. w., wie wir 
sie in der Eaiserzeit bis zum Überdrufs bei den Deklamatoren, 
Geschichtsschreibern, Moralphilosophen, Dichtem lesen, haben 
ihre Wurzel in dieser Zeit. Der Hauptvertreter der iuczQißij 
ist, wie in der Kaiserzeit Epiktet, so in der uns beschäftigenden 
Epoche^) wenigstens für uns Teles, ein ganz unbedeutender 
Skribent, der von keinem Autor genannt wird und uns nur da- 
durch teilweise erbalten ist, dafs ein gewisser Theodoros Aus- 
züge aus ihm machte, die Stobaeus überliefert. Man kennt die 
genannten Charakteristika dieses Stils; hier nur ein beliebiges 
Beispiel (p. 3 f. Hense): dib xal el kafioi^ tpriölv 6 BicoVy 901^ 
rä nQiyyLaxa^ hv tgönov xal fnistg^ aal d'6vaixo dvTeaioXoystöd'cUj 
oinc &v BÜTtoi^y (priöivj äönsQ olxitrig Ttgbg xiigiov i(p* CsQbv xa^- 
iiSag dtTcaioXoystrar xC iioi ^xy; (m^ tC 601 xixXofpa; oi näv 
tb TCQOötattönevov iab 6ov not&; oi f^v ixotpogäv B^räxtatg 
60t (pdQO)] xal fj JlsvCa &v Btiiot ngbg tbv iyxakovvza' xi fioi 
fidxy; (lil TcaXov xivog dt' i^ih öxsQiöxy; fti^ 6m(pQo6vvrig; fiij d^ 
xatoö'&i/tig; fii^ ivdQsiag] u. s. w. Wir können diesen Stil nun 
aber schon erheblich früher nachweisen, und zwar bei keinem 
anderen als eben Demetrios von Phaleron^): man höre nur den 
Anfang des von Stobaeus flor. YIII 20 citierten Stückes: ainhut 
yäg sl xm nokefiovvxt xal naQaxexayfidvo) leaQaöxatav Ij xb 
^AvdgCa xal fj deiUa^ nöeov av otse^s diatpÖQOvg siitstv Jiiyovg; 



M. Seyffert, scholae lat. 11^ 70), die sich in der gesprochenen Diatribe von 
selbst ergab? Und wer weifs, ob nicht schon so Diogenes 6 Kvmv die 
Menschen andonnerte? 

1) Und zwar, wie A. Gercke zu beweisen verspricht, an ihrem Ende. 

2) Dafs die Form der Diatribe auch von Ghrysipp angewandt ist, hat 
üirzel aus Fronte p. 146 f. 1. c. 371, 1 evident bewiesen. 



Die Diatribe. Der Asianismus. 131 

Slq* o/iti 4i fihf ^AvdQia (livBiv xaleiioi ouxl f^v xd^iv diatpvXdt- 

IL s. w. Diese Form des Ausdrucks ist die für die Deklamation 
typische geblieben und daher, wie wir sehen werden, in den 
Khetorenschulen der Kaiserzeit mit dem Asianismus, dem sie in 
Bezug auf den Stil innerlich verwandt ist, zusammengeflossen: 
diesen Zusammenhang hat Rohde in seinem berühmten Aufsatz 
(Die asiauische Rhetorik und die zweite Sophistik) im Rhein. 
Mus. XLI (1886) 179, 1 schon geahnt, cf. auch Blaus L c. 
(S. 127) ff. Wir werden darauf noch zurückkommen. 

Es bedurfte nur eines Schrittes weiter auf der Bahn, dieAiUnitmt 
Demetrius von Phaleron, seinem Charakter und der Zeitlage 
entsprechend, betreten hatte, um die Beredsamkeit ihrer Würde 
zu entkleiden. Demetrius selbst that diesen Schritt nicht: er 
war trotz seiner SchlafiF^ieit und Weichlichkeit doch ein Attiker 
und ein Schüler des Theophrast; Cicero selbst, dem ja die zier- 
liche Diktion durchaus nicht unsympathisch war, sagt da, wo 
er in eigener Person redet: mihi quidem ex illius arationilms redo- 
lere ipsae Äihenae videniur (Brut. 285), was Quintilian (X 1, 80) 
so wiederholt: uUimus est fere ex Ätticis qui dici possit orator. 
Die eigentliche Korruption entstand nicht auf attischem Boden: 
war es einst ein lonier aus Sicilien gewesen, der die Natur 
durch die Manier verdrängt hatte, so waren es jetzt lonier aus 
Asien, die auf dieser Bahn weiterschritten. Für ein paar Jahr- 
hunderte beherrschten sie den Geschmack, woraus wir schlielBen, 
dab sie brachten, was das entartete Griechenyolk brauchte. 
Und nicht blofs in stilistischer Hinsicht waren sie Vertreter der 
Degeneration. Sie haben die strengen Gesetze der rhetorischen 
tiXPfl Temachlassigt und an die Stelle der bisherigen Regel- 
mäbigkeit regellose Willkür gesetzt; sie haben femer die Kunst 
der Bede auch losgelöst von dem Boden, auf dem sie in der 
groben Vergangenheit erwachsen war, von der iyxiixhog xair- 
diücj Yor allem auch von der (piko6(HpCa, Sie sind daher die 
ixtUdevto^ unter den Rednern, ihr Gewerbe ist die Rtsxvog und 
die iipild€og>og ^ijroptxij, gegen welche dann im zweiten Jahr- 
hundert Y. Chr. Hermagoras und im ersten die speziell so 
genannten Atticisten wie Caecilius und Dionys Front machten, 
indem sie Yon dem Redner wieder ernstes Studium der Theorie 

und allgemeine wissenschaftliche sowie philosophische Bildung 

9* 



132 I- Die griechische Eunstprosa bis Angustus. 

forderten.^) Doch interessiert uns hier wesentlich nur das 
Stilistische. 
Ghwakter Es ist Selbstverständlich, daCs der Name *Asianer' den Ver- 

tretern dieser Richtung erst gegeben wurde, als die auf die alt- 
attischen Muster zurückgreifende Reaktion sich Bahn brach. 
Damals erhielt der ^jätJiavbg xaQccxti^Q seinen Namen Yon der 
Herkunft seiner ersten und hauptsächlichsten Vertreter; aber er 
hat auch (das werden wir doch nicht leugnen dürfen) eine 
innerliche Berechtigung. Die Beredsamkeit ist der unmittel- 
barste Ausdruck des Nationalcharakters: wir haben gesehen, dafis 
Aristoteles das Spielerische der sicilischen Diktion aus der geist- 
reich-mutwilligen Eigenart der Sikelioten ableitete; in der 
attischen Beredsamkeit fand man das MaGsvoUe und Graziöse 
der Attiker gewissermafsen hypostasiert; so ist auch die 
asianische Beredsamkeit ein Produkt des Landes thatsächlich 
gewesen und als solches aufgefafst. Weichlichkeit imd hohles 
Pathos sind die Charaktereigenschaften wie der hellenistischen 
Asiaten so ihrer Beredsamkeit. Bis in die Zeit des Ammianus 
Marcellinus (XVI 17, 6; XVII 9, 3) lassen sich Zeugnisse bei- 
bringen für die levitas Asiaticorum, Asien war das Land der 
orgiastischen Kulte und der aus ihnen erwachsenen leidenschaft- 
lichen Musik, welche die Sinne der Hörer durch dithyrambische 
Weisen in Taumel versetzte oder durch weichliche und klagende 
Tonarten entnervte. Auf geistigem Gebiet ging der Osten seinen 
eigenen Weg teils, wie in früheren Zeiten, ganz neuemd, teils 
dem Vorhandenen den Stempel seiner Eigenart aufprägend. Ion 
von Chios kultivierte vielleicht zuerst Prosa und Poesie neben- 
einander; ein Reisebuch ferner, wie er es in Prosa schrieb, war 
und blieb lange ein litterarisches Unikum , und wie leichtfertig- 
graziös ist die ALuekdote, die er darin von Sophokles zu erzählen 
weiGs. Timotheos aus Milet, der Hauptrepräsentant des neueren 
Dithyrambus mit seinen tuxkaöfkiva ^aikri^ wagte zu sagen: Odx 
iBiSio xä nakai,i^ Katvä y&Q fuika XQsiööG)' Niog 6 Zei>g ßaö^ 
ksvsLj Tb nakav d' iiv Kgövog &qx(ov' ^AxCxm Moi>öa naXaia 
(Athen. IH 122 D), und das strenge Sparta widersetzte sich 



1) Cf. Dionys. de or. ant. 1 iLtp6iff}(Z09 &vaL6na dforpix^ «al äpdymyo^ 
Blafs 1. c. 88 und besonders Eaibel im Hermes XX (1886) 609 f. 



Asianer und ABianismus. 133 

seinen Neuenmgen. Hilarodie und Magodie; neue Litteratur- 
g^ttnngen %aQä t^v tQaypdüxv und naQä xi^v xca^pdiav^ 
stammten aus lonien und in ersterer zeichnete sich ein Musiker 
8imo8 aus Magnesia aus, dessen verderbliche Neuerungen mit 
denen seines Landsmanns Hegesias zusammengestellt werden 
(Strab. Xiy 648). Menippos, der Begründer einer neuen, min- 
destens von ihm eigenartig gestalteten Litteraturgattung, war 
aus Gadara in Cölesyrien: ihm sind unter den Griechen nur zwei 
Männer gefolgt^ die ebenfalls Syrer waren: Meleager von Gadara 
und Lukian aus Samosata. *H xalil MCkfjftog gab der lasciven, 
nach ihr benannten Litteraturgattung das Leben. Aus Gadara 
stammte der Rhetor Theodoros, der (im Altertum etwas Be- 
sonderes) die individuelle Freiheit in seiner Kunst höher zu 
stellen wagte als die starren Regeln der Tradition. So blieb 
denn auch die praktische Beredsamkeit nicht zurück: ut semel 
(sagt Cücero Brut. 51) e Piraeo doquentia evecta est, omnes pera- 
graoä insulas atque ita peregrincUa tota Asia est, ut se extemis ob- 
hnerel moribus omnemque ülam salubrüatem Atticae dictionis et 
quasi sanüatem perderet ac loqui paene dedisceret. Quintilian weifs 
auch den richtigen Grund anzugeben (XII 10, 17): quod Ättici 
UmaU et emunäi nihü inane omI redundans ferebant, Äsiana gens 
tumidior atque iactantior vaniore etiam dicendi gloria in- 
flata est; cf. YIII prae£ 17 Äsianis iudicium in doquendo ac 
imodus defuit. Ammianus Marcellinus (XXX 4) sagt in einem 
höchst merkwürdigen Exkurs über die Verderbnis der Bered- 
samkeit bei den orientaleSj in den eoae partes, daCs hier an die 
Stelle der attischen doquentia eine inanis quaedam fluentia 
loquendi getreten sei (§ 10). Der Verfasser der Prolegomena 
ra Aristides nennt das asianische yivog der Rede xsvivy xoi^tpovy 
sfi^ig (Aristides ed. Dindorf lU 742). 

Um nun tiefer iu das Wesen dieser Beredsamkeit ein- zwei 
mdringen und die Fäden, durch die sie mit einer Richtung der Ver- stu*rt«i 
gangenheit verknüpft ist, klarzulegen, kommt es vor allen Dingen 
darauf an, die zwei asianischen Stilarten, die von Cicero scharf 
geschieden werden, nach Möglichkeit auseinanderzuhalten. Wir 
werden sehen, dafs den beiden Seiten des asiatischen National- 
eharakters diese beiden Stilarten genau entsprechen: die Weich- 
lichkeit und Üppigkeit giebt sich kund in dem Sinnlichen, ich 
Ii5ehte sagen Wollüstigen des einen Stils, dessen Charakte- 



134 I- I^d grieohiBche Ennstprosa bis Augrutus. 

ristisches zierliche Sätzchen und schlaffe Rhythmen sind; die 
Eitelkeit, die Neigung zum Aufgeblasenen spiegelt sich in dem 
Pomphaften des anderen Stils. Die Worte Ciceros (Brut. 325) 
lauten: genera Asiatkae dictionis duo sunt: unum sententiosum et 
argutum, sententiis nan tarn crebris et severis quam caneinnis et 
venustis .... Aliud autem genus est nan tarn sententiis frequen- 
tatum quam verbis volucre atque incitatum^ quali est nunc Asia tota, 
nee flumine solum orationis, sed etiam exomato et facto genere ver- 
borum . .; in eis (seinen Vertretern) erat admirabüis oraiianis 
cursuSy omata sententiarum concinnitas non erai. Die Scheidung 
der beiden Stilarten ^) hat sich nicht gleich anfangs vollzogen, 
sondern die Keime, die später zur Differenzierung führten, sind 
noch vereinigt, aber so, dafs die erstere mehr hervortritt, bei 
dem Manne, der allgemein als der igxriyixiqq des Asianismus 
galt: Hegesias aus Magnesia am Sipylos. 
I. Die Seine Blütezeit fällt nicht allzu lange nach Alexanders Tod, 

stiurt. denn von diesem Zeitpunkt datiert Dionys. de orat. ant. 1 iL den 
^*K®'^*'' Beginn der asianischen Beredsamkeit. Von diesem Mann hat 
Cicero (or. 226) das bittere Wort gesprochen: wer ihn kenne, 
wisse was albern sei, und fQr Dionys (de comp. verb. 4) ist er 
der * Hohepriester des Blödsinns'; nicht höflichere Ausdrücke ge- 
brauchen die andern, die ihn erwähnen, als den ^Erfinder' des 
perversen Geschmacks in Bede und geschichtlicher Darstellung: 
denn auch in dieser brachte er seine Manier zum Ausdruck. 
Nur wegen seiner Verkehrtheiten wird er daher von Aga- 
tharchides, Philodem, Strabon, Dionys, dem Verfasser nsgl ü^jovg 
genannt und citiert. Die wesentlichen Kennzeichen seiner Manier 
sind folgende: 

1) Er beseitigte den in vollen und langen Perioden dahin- 
fliefsenden Satzbau des Isokrates und Demosthenes und setzte 
dafür an die Stelle kurze, zerhackte Sätzchen, die den Eindruck 
machten, als hüpfe die Bede: numerosam comprehensionem perverse 



1) 8ie ist nicht etwa von Cicero erfunden (er stfltzt sich ja auch in 
der Theorie der Rhetorik stets auf griechische Vorgänger): das l&fst sich 
aus Diomedes I 451 E. beweisen, der wie Cicero die mit dem Asianismiifl, 
wie man sagen darf, zusammenfallende %a%otriXia in zwei Gattungen ein- 
teilt: nimius ctdtus und nimius ^umor (die Stelle s. oben S. 69,1). Die Quelle 
des Diomedes hat natürlich mit Cicero direkt nichts zu thun, sondern beide 
gehen in letzter Instanz auf eine gemeinsame griechische ürqueUe snrück. 



Der Asianismus. Hegesias. 135 

fugiens Hegesias saUat incidens particulas Cic. or. 226. ^) Beispiele 
giebt jedes längere Fragment, z. B. 7 Müll. bQ& xiiv ixQÖ- 
xoliv I xal tb nsQLxtflg XQiaCvriQ ixBl%i, öfiftstov \ 6q& ti}v 'EXbv- 
ötva I xal t&v CsQ&v yiyova ^vöTtig. || ixetvo AecoxÖQiovj | rovro 
SfflBUyif. I ov dvvafiai. driX&öai, \ xad^^ h/ Sxaöxov.^) y Diese Auf- 
lösung der Periode sollte, wie wir späterhin sehen werden, 
ein fär die Stilgeschichte bedeutsames Faktum werden. 

2) Diese Sätzchen waren so gebaut, dals jedes einzelne 
einen stark rhythmischen Wortfall hatte, der nun durch seine 
Häufigkeit aufs stärkste ins Ohr fiel: Theon. prog. p. 71 Sp. 
ixifisXfixeov xfjg öwd^döemg x&v dvo^rav^ ndvxa diddöxovxa i^ 
iv 8iag>siii(}vxai, xb xax&g 6wxi%ivaiy xal luikiöxa dh xiiv {^fis- 
XQOv xaL ivfvd'^ov A^ti/, itg xä nolXä x&v *Hyri6Cov xov ^- 
xoifog xal x&v ^AöiavSxv xakov^Uvonv ^rixÖQmv, Diese Rhythmen 
waren von lasciyer oder schlaffer Art: Dionys. de Demosth. 43 
(yon Jahn zu Cic. or. 230 richtig auf die Asianer bezogen) 
^v^fLol {moifxijfucxi^xol xal ^JAvixoi xal äcaxl6(uvoi,j und be- 
sonders beliebt war die Klausel mit dem Ditrochäus ^u 2.^ 
(Cic. or. 212), dem weichlichen, mit dem lonicus a maiore eng 
Terbnndenen Rhythmus, sowie eine Form, die uns später noch 
Tiel beschäftigen wird: i.sji. ±0, um Rhythmen zu erreichen, 
scheuten sie sich nicht vor Flickwörtern: Cic. or. 231 "apud 
AsiaHeas numero servientes inculcata reperias quaedam verba quasi 
eomplementa numerorum; dazu kamen zu demselben Zweck Wort- 
nmstellungen unerhörter Art. Diese rhythmische Rede, vor- 
getragen mit modulierender Stimme, war kein verhaltener Gesang 
mehr, der, wie wir sahen (o. S. 57), erlaubt war, sondern artete in 
förmliches Singen aus: Cic. or. 27 inclinata ululantiquevoce more Asi- 
atico canere. ') — Beispiele solcher Rhythmen bietet jedes Fragment ; 

1) Dab ich diesen Aosdruck so richtig erklärt habe, kann z. B. Quin- 
tilian IX 8, 42 zeigen: etiam monosylkiba, si plura sunt, male continuahuntur, 
qtna neeesse eH composüio mtiltis daustUis cancisa subsultet. 

2) Cf auch Cic. ad Att. Xu 6, 1 de Caelio vide, quaeso, ne quae lacuna 
tU in aiwro. ego isla non novi; sed certe in colluho est detrimenti satis. huc 
(mmm si aeeedit — sed quid loquor? tu videbis. habes Hegesiae genus, 
gnotf Varro laudat. 

8) Besonders geschah das im Epilogus (cf. Cic. or. 67), wo es darauf 
inkam (R.yolkmann, Rhetorik' 262 ff.), Mitleid zu erregen; aus einem 
solchen Epilog stammt das von Rutilius Lupus I 7 übersetzte Fragment 
des Hegesias mit seinem dreimaligen miseremini. Für die canquestio 



X36 I- 1^0 griechische Kunstprosa bis Angustus. 

SO citiert Dionys. de comp. verb. 4 für das *Hyfi6iaxbv tfzi}fux 
folgende drei Satze mit zum Teil unerhörter Wortstellung: 

1) ii iya^ijg io(ftilg j. ^ ^ jl kj ^ ^ 
&ya^&i[v &yo(Uv &XXr[v. \j \j jl \j \j kj jl ± 

2) inh Mayvi^öiag eliil kj kj jl jl yj j. jl ^j 
rfjg f/LByAXrig E^nvXB'ig. j. \j \j j. \j \j ± 

3) od y^ff luxgäv sig Orißaimv ßdmQ yjj.^±^±^j.\jL 
imvösv 6 ^^övvöog. ± ^ ^ v^v/u j. \j 
ildi)g ikkv ydg iötij -|x g ^ ^ u 

nout dl lutiveö^ai^. .|z vy A. ^ u 

Femer z. B. das längere fr. 2: 

Gi^ßag xatMTiA^ag^ _ | / vy ^ -^ _ 

üg &v bI 6 Zsitg i ^ ^ j. - 

ix tilg xat* oigavbv ^sgidog _-tu»»^^vyuu 

ixßdkoL f^v öiki^vriv. ^ u ^ t \j m ^ 

xhv yä(f ^Atoi/ 'bxoXBiicoiiai xatg ^u_v^u|uv^^^x|^u — 

^A^vaig. 

dtio yäg a{nai xöXsvg s^ ^ v/ x j. yj ^. 

tfjg ^EXXddog Ijöav iilfsig, ^ i u yj\j. ^ — 

dib xal X€(fl tflg itigag iym- v/vy^uujiv/u / \j\x 

vi(b vvv, 

b fi^v yäg slg aiftöv 6<pd'aX^bg kj±^±^±^± kj\± 

fl BfißaCmv 

ixxixomai, nöXig. ± ^ i. jl ^ x 

Das schon citierte fr. 

bg(b f^v ixgdxoXiv u|x . v^ vy u v^ 

xal tb xagmilg xgialvrig -Oi^y|/u 

ix€t^i 6ri(i€tov. 

bg& xiiv *EXBv6tvaj 

xal r&v Csg&v yiyova (ivtftrig. . x v^ u .| 

iTUtvo ABioxögvav' 

toiho 9ri6etov. 



u . . 



\j\j. Kj X j. \j 

U J.\l <J L l u 

\\J \J \J J. . 
\j J. \j \j ^ \j yj \j 
J. yj L l \J 



empfiehlt auch der auct. ad Herenn. III 14, 25 (aus guter Quelle): in can" 
guesHone utemur voce depressa, incUnato sono, crebris intervaUis (wodurch 
das Singen verursacht wird, e. oben S. 66 f.), hnffia apoHis, magnis commu» 
iationtbus. 



Der AjBianismus. Hegesias. 137 

oi diivaiuci di}AAtfat . o <j . :. ^ . oder 

J. \j \J iL « 

xa9* hf ixaötov ^ c» u . «j 

3) Nicht bloüs die Komposition im ganzen war ^ krank '^ 
sondern anch die Ansdmcksweise im einzelnen erhob das Un- 
gewöhnliche zur Regel: unsinnige Metaphern mit völliger Kata- 
chrese der natürlichen Bedeutung der Worte, z. B. i^ iXxlg öwi- 
ifaiuv sig tb roAfiav. — toi>g &XXovg dgy^ ngööqfatog iniii- 
MQiKto. — aC ywalxBg fuxif^i^ri6av Big MaxedovCav^ xi^v n6Xiv 
t^i^a^ai tiva zqAxov u. dgl. m. Dazu kommen abgeschmackte 
Umschreibungen statt des präzisen einfachen Ausdrucks (wie in 
dem angef&hrten Fragm.: i^ xar' oigccvbv ^uglg für oi&pavd^); 
das fiel schon im Altertum auf und Santra bei Quint. XII 10,16 
gab eine naive Erklärung: quod paülatim sermone graeco in 
proxitnas Asiae civitates influente nondum satis periti loquendi for 
eundiam cancupierint ideoque ea guae proprie signari poterant cir- 
cuiiu coeperint enuniiare ac deinde in eo perseverarini; wir werden 
bald eine richtigere Erklärung finden. Endlich Wortwitzeleien 
besonders gern mit antithetischem Sinn, z. B. läfst er die Olyn- 
thier sagen, als Philipp ihre Stadt zerstört hat: tivo^ia xatekd- 
ßofiw nöXiv %axaXi7i6vxsgj und ähnlich sagt er über das von 
Alexander zerstörte Theben: thv yäg (Liyiöra qxovi^öavta tö- 
%ov &g>mvov ii 6viiLq>0Qä nsxoiijTUj von Olynth: ix iivQidvdQOv 
MÖlamg ^SfjA^ov, hciötgafpelg d* oiiUx^ bIöov^ von beiden 
Stiuiten: %l dal Xiynv X)kvvd-iovg xal BrißaCovg^ ola xaxä 7c6ksig 
ino^avövtsg xsxöv^aaij von einer der beiden: aC dl xöXeig 
«t nkt^^tov ixXaiov xi^v nökiv ÖQ&öat ti^v tcqözsqov ovöav 
^i}xix* oiöaVf von Theben: ösivbv xi^v %&(fav &6xoqov slvcu 
tifp xai>g 6xa(fxoi}g xexoi^öav^), womit Agatharchides folgende 
Thorheiten eines andern (sonst ganz unbekannten) Asianers 
Hermesianax zusammenhält, der in einer Lobrede auf Athene 
sagte: ix y&Q xf^g xov ^ibg yeysvtutdvri xsg> aliig Blxöxmg i%Bi, 



1) Cf. auch das von BatiliuB Lupus II 2 übersetzte Fragment des He- 
geiias: divena studia adolescentium animum cutverteramtis, tatnetsi fratres 
tnmt, uno atque eodem sanguine arti. äUer in stadio latidia versäbatur et 
^f^diutria tnrtuHs viam glorioiam sed lahoriosam 8equeb<xtf*r; <ilter in 
Mfenda pemnia occupaius et habendi cupiditate depravatus summaa 
^Mictf fiMiiiiam virtutem exietimabat. hie nimirwn magia eraJt laboriosus, 
9^ hborem condendi non utendi causa suscipiebat 



138 I- ^io griechieche Kunstprosa bis Aogustas. 

tilg eidai^iioviag tb x6(pdkai.ov^ und folgende zwei Sätze: tig 

8* &v Svvairo noif^6ai rifv Kii(fov dööiv &xv(fov; tönog dl xätg 

ydvoit &v ßßarog ßdtov TCSQVTUiyiivov; 

Der zier. Aus den angeführten Thatsachen müssen wir den Schlolls 

und die ziehen: der Asianismns knüpft wieder an die alte so- 

^^^J^^^^'^^^^phistische Kunstprosa an. Wenn wir früher fanden, dab in 

jener charakteristisch waren die kleinen, abgezirkelten , stark 

rhythmischen Sätze, so finden wir dasselbe hier: in den oben 

unter 2) angeführten Beispielen entsprechen sich die Sätzchen 

mit gleichem oder ähnlichem Rhythmus genau oder fast genau 

an Silbenzahl, vgl. dafür noch fr. 2: 

ßaöLhxy ^aviif nQ06nxaC6a6a n6Xi^ (13 Silben) 
tQaymdiag iXBSLVOti(fa yiyovsv (13 Silben); 
daher spricht Cicero (Brut. 287) von der concinnüctö, die He- 
gesias freilich durch puerile Mittel erreiche. Die gern in anti- 
thetischer Form auftretenden Wortwitzeleien, die hochpoetischen 
Wörter, die verwegenen Metaphern: alles fanden wir firüher bei 
Gorgias und Genossen; wenn Santra (1. c.) die periphrastische 
Diktion der Ajsianer aus ihrer Unfähigkeit zu sprechen ableitete, 
so urteilen wir richtiger, wenn wir bedenken, dafs Aristoteles 
(Rhet. in 3. 1406a 10 ff.) dasselbe an Alkidamas tadelt: sagte 
Hegesias ij xat' oifQavbv ^SQig für oi^avög, so Alkidamas nach 
Aristoteles nicht Big "löd^iiia, sondern sig r^v t&v ^lö^fUtov %av- 
ifyvQw, nicht vöiiovg^ sondern zoi^g x&v xdlemv ßatf^Xetg vofU' 
fiovg, nicht äQÖfimj sondern d(fOiia(a rg ti^g tirvxfig 6qii^ u. s. w. 
Ffeilich Hegesias selbst bildete sich ein, wenigstens im Satzban, 
d. h. der Auflosung der demosthenischen Periode, dem Gharisios, 
einem attischen Rhetor zur Zeit Menanders, ähnlich zu sein, der 
seinerseits sich an Lysias anschlofs: ein Urteil, welches Cicero 
(Brut. 286 or. 226) mit Hohn zurückweist.^) 

Es läfst sich nun auch durch Vergleichxmg gewisser Stellen 
Ciceros nachweisen, dals die Ähnlichkeit dieses asianischen Stils 
mit dem der sophistischen Eimstprosa auch dem Altertum nicht 
verborgen blieb. Cicero (Brut. 325 f.) hebt als Charakte- 
ristisches dieses ersten asianischen ydvog hervor sententiosum 



1) Wenn sich Gharisios und Hegesias den Lysias so vorgestellt haben, 
wie derjenige, der am diese Zeit auf Lysias' Namen den Epitaphios ge- 
fälscht hat, 80 kann man das Urteil schon eher gelten lassen. 



Der AflianismuB and die sophistische Konstprosa. 139 

et argutumf senimtiis item tarn gravibtis et severis quam con- 
einnis et venustis; von der epideiktischen Eunstprosa der 
Sophisten sagt er (or. 38) dtxtur etiam venia concinnitati sen- 
tentiarum et arguti certique et circumscripti verborum 
ambitus eonceduntur; jene Asianer nennt er (or. 230) tnaxtiine 
nmnero servientes und sie hätten das oft durch Flickwörter er- 
reicht: von den Sophisten sagt er (I. c); in deutlicher Absicht 
messen sie die Worte ab^ so dals eins dem andern entspricht, 
denn in der Rhythmisierung der Rede gehen sie sehr weit; das 
fivog des Hegesias nennt er (Brut. 287) minutumi denselben 
Ausdruck braucht er (or. 39) von dem yivog des Gorgias und 
der andern alten Sophisten-, er sagt (Brut. 326) , die asianische 
Beredsamkeit passe mehr für Jünglinge als Männer: Isokrates 
(Panath. in., PhiL 27) hatte im Alter dasselbe mit Bezug auf 
jene in der Schule der Sophisten gelernten Kunststücke gesagt 
und Cicero (or. 38; 176) führt diese beiden Stellen ausdrücklich 
in diesem Zusammenhang an; nach Cicero (Brut. 325) ist Ti- 
maios Anhänger jenes ersten yivog *Aöiccv6v; von demselben Ti- 
maios sagt Dionys (de Diu. 8), er habe den Isokrates nach- 
ahmen wollen und sei dadurch frostig geworden; Hegesias, der 
ganz gewohnlich öotpiöti^g genannt wird (durchgängig bei Aga- 
tharchides und Dionys)^), wird mit Alkidamas zusammengestellt 
Ton Philodem (Rhet. 180, 24 Sudh.), weil beide nicht blofs die 
Metaphern, sondern alle Kunstmittel der zünftigen Kunstbered- 
samkeit anwandten; von dem Verfasser n6(fl firifovg (3, 2) wird 
Hegesias und seinesgleichen mit Gorgias zusammengestellt, indem 
als das Gemeinsame hervorgehoben wird 7CoXXaxoi> yä(f iv^ov- 
6Utv icctnotg doxoi^vteg oi ßa%x6iiov6iv iXXä Tcai^ovöiv] wie jener 
war sie also der schlimmsten stilistischen Verirrung, der xaxo- 
trilia^ unterworfen, und daher werden von ihnen wie von Gorgias 
sowohl dieser allgemeine Ausdruck als die speziellen Be- 
leichnungen iruxQÖVj nstQaxt&ÖBg gebraucht, wofür die Belege 
schon oben (S. 69, 1) angeführt sind. 



1) In den oben (8. 61) aus Philodem angeführten Worten Epikura über 
die Wortkünste der cofpiazal (d. h. nach Epikurs und Philodems Sprach- 
gebrauch: Kunstredner) ist nach C. Brandstaetter , De notionum noXixiyL69 
ei «o^i^nfg nsn rhetorico (Leipz. Stud. XY 189) 236 Hegesias mitrerstanden: 
Tielleicht ist das richtig. 



140 I- I^io grieohiflche Eunstprosa bis Augostas. 

IL Die Die zweite asianische Stilart charakterisiert Cicero 1. c. so: 

%9ti9oh9 cdiud genus est non tarn sententiis frequentatum quam verbis vo- 
aIu'* !ucr6 atque incitatumj qmli est nunc Asia tota^ nee ßumine 
3ohot T. solum orationis sed etiam exornato et facto genere verborum; 
ge*^^* in quo fuit Äeschylus Gnidius et meus aequalis Müesh^ AßsMnes. 
in eis erat admirabilis orationis cursus^ omata sentenüarum 
concinnitas non erat. Für diese Stilart gab es aus früher Zeit 
kein Beispiel^ bis im Jahre 1890 das gewaltige, aus dem Lmem 
Asiens selbst stammende Denkmal bekannt wurde , welches. 
Regen,* Schnee, Stürmen und der unendlichen Reihe der Jahre 
auf dem Nemrud-Dagh trotzend, der Ewigkeit bestimmt war, 
wie sein Schöpfer ihm prophezeit hatte. Wohl jeder dieser 
Dinge Kundige hat gleich bei der ersten Lektüre die Riesen- 
inschrift des Königs Antiochos von Kommagene aus dem ersten 
Jahrh. v. Chr., deren Text wir der Kühnheit und Kunst Humanns 
und Puchsteins (Reisen in Kleinasien und Nordsyrien, Berlin 
1890) verdanken, in den richtigen stilgeschichtlichen Zusammen- 
hang gerückt.^) Die Inschrift ist einzig gut erhalten und liest 
sich wie ein fortlaufender Schriftsteilertext. Da sie yielleicht 
nicht jedem gleich zur Hand ist und man sie doch anzusehen 
hat als das bedeutendste Denkmal griechischer Prosa ''einer Zeit^ 
aus der sonst so gut wie nichts erhalten ist, und da man sie 
gelesen haben mufs, um Ciceros Stil zu yerstehen, so mag sie 
hier ganz Platz finden. Es wäre ein Leichtes gewesen, die 
langen Perioden rhythmisch zu zerlegen, aber was sollte ich 
dem Leser dieser Untersuchungen, bei dem ich Gefühl für diese 
Dinge voraussetzen darf, vorgreifen? Nur bei drei Abschnitten 
(2 — 4) habe ich angedeutet, wie nach meiner Überzeugung die 
Lischrift gelesen werden mufs: andere werden vielleicht noch 
stärker zerlegen wollen. Ich bemerke nur noch, dals die weitaus 
beliebteste Klausel, deren Geschichte ich später^) bis tief ins 
Mittelalter verfolgen werde, ^ u ^ ^ «j, 49 mal vorkommt*), 
darunter 19 mal mit Auflösung der zweiten Länge des Gre- 



1) Von H. Diels und A. Brinckmann weifs ich es durch mündliche 
Mitteilung. 

2) Vgl. Anhang ü. 

3) § 14 ist Saifio€iv tovtoig statt dalfMCi, Tovroi^ sicher absichtlich, 
denn sonst (2; 6; 11) ist v vor Konsonant nicht gesetzt. 



Der Asianismus. Antiochos Ton Eommagene. 141 

tieos: j, yj ^ ^j jl ^ (esse videcUur)] von den 49 Fällen kommen 14 
auf den Schlnfs des ganzen Satzes.^) Die zweitbeliebteste 
Klausel, die in ihrer Geschichte ^ wie ich zeigen werde , der 
ersten parallel geht^ ^ u ^ ^ w ^, zähle ich 20 mal, darunter 3 mal 
mit Auflösung der zweiten Länge des ersten Oreticus: ^ v> <^ ^ 
^ v/ !k;: § 11; 12 (bis) und zwar an letzterer Stelle sehr stark so: 

n&p tb ytaQcctvyxdvov j. <j ^ sj ^ u 6 
xk'^d'os incxmQiov j. \j ^ kj j, ^ ^ 

xal xa(f€nidri(iov ^ u ^ ^ ^ v^, 

2 mal mit Auflösung der ersten Länge des zweiten Greticus : ^ _ ^ o ^ 
Kj 1. (% 12] 16); von den 20 Fällen kommen 5 auf den SchluTs des 
ganzen Satzes. Auch der Ditrochäus findet sich häufig und 
zwar gerade an sehr wirkungsvollen Stellen (z. B. § 9 rö (ihv 
yäg SöMv Saiav xovq>ov iqyovy ri^g di &6sßBiag 6m6^oßaQ€t$ 
ivdyxai) und am SchluJts von längeren Abschnitten (§ 11; 12; 
13; 14; 15; 17). 

1. Ba6iXsi>g (li^yccg ^AvxCo%og Bahg ^Lxa^og [^Exi(p]av[iig] 
OiXoQAfLaiog xal 9i,ki[lX]riv 6 ix ßaöiXimg Mi^Qa8dx(yv KaXU- 
vbfov xal ßa6iXi66ijg jiccodlix'\rig Ssäg Q>UadiXg)Ov rflg ix ßaöi- 
iUiD[g] *jivti6xov *Exi(pccvovg 0iXoiii^o(fog KaXXivixov i^tl xa^m- 
öiaindvmv ßd6s<ov iöiiXotg yifdiiyLaöiv iQycc x^9^''^^S üiccg eig 
XlfAvov iviyQccifev alAvi,ov. 

2. 'jE^di Tcivtmv iya^&v oi ^övov xtf^6iv ßsßaLOtdtriv &XXä 
Mal icM6kav6iv iidC^xr^v iv^Qmxoig ivö^i^öa xi^v svödßsvav^ 
tifr o^ifv ts XQÜfiv xal dwäfisog eiftvxovg xal XQ'^^^^S fiaxa- 
(fiötllg atxlav l6xov^ naQ^ Zkov xs xbv ßCov &(p^v anaöi ßaöi- 
Xiia$ iit^ig xal q>'iXaxa lei^öxoxaxijv xal xiQtIfiv ifUiitixov fiyo'ö- 
liivog I xiiv b6i6xrixa^ öl & xal xivdiivovg (uydXovg TcaQadöicog 
dU^fvyov xal xffäl^Bmv dvösXxiaxmv Biiirixivog insxQdxriöa xal 
ßlov xoXvsxoOg (ucxaQiöxAg i7cXfi(fA^riv. 

3. *Eyh xccxQmucv [<i]pz^v r^]ap[«^]«|j']ß'*^ ßaöiXsiav [fi]iv 
i|io[r]g ^xi^xoov ^(fövoig xoLviiv d's&v oatdvxcov siöeßsiai 
yvAfLfig ififlg diaixav inidaiiaj iio(fq>ilg p}v ixövag navxolai, 
xijyri^j JMfO'' S TcaXaibg X6yog IIbqö&v xb xal^'EXXiivov — 
ifftoO yivovg B'bxv%s6x&xri ^C^a — naQadidmxB, xoöiii^öagj 
fh}6taiQ d\ xal xavtiyiiQBötVj hg &(fx^^^S '^^ vö^iog xal xoivbv 



1) Es kommt yielleicht hinzu die Form Ouua. zg (§ 9 i^aephg &fl 



142 I- I^ie griechische Eunstprosa bis Augastns. 

&v^Q6n(ov i^og' hl d\ i(iii dixaia q)(fovtlg XQOöelrivQS t^iiäg 
img)av&g ysgaQcig. 

4. *E7cel dh Cegod'eöiov tovds xgriTcetda iTtög^i^rov X9^' 
vov Xviiaig \ oigaviov &y%i6xa &q6v(ov xataöti^öaöd'ai 
7t(fo^svo7}d'i]Vy iv &L fiaxagiörbv &xqi [y]iiQcog 'ÖTcägiav \ ö&fia 
^OQq>rlg ifiijg Tcgbg ovgavlovg ^ibg '^QO^dödov d'QÖvovg 
&€0(pLkfl ilwxilv 7CQ0XB^ii;av aig xov &71biqov al&va xotfiijöB- 
xar . x6tB Sij xal xövde %&(»oi/ [ßgbv ocaavxav xoivbv Avadal^ai 
d'B&v iv^QÖviöfia TCQOsiXäyLijv, SncDg fii^ fiövov iii&v Ttgoyövav 
ovTog bv bgäg i^p^t(o)g Xöyog i^uctg imiiskscaLg ijcdQXV xa^i- 
dgviiavog, äXkä xal dainövov inifpav&v d'stog xvnog iv &yüoi 
lötpcoc xad'OöKo&slg ^i]Sh x6vöe xbv xönov 6Qg)avbv i^iflg s^ös^ 
ßBlag ixfl iidgxvQa. 

5. ^lÖTtSQ d}g bgag ^vog xs '^go^idödov xal 'AxöXltovog 
MC^QOv ^Hkiov 'Egfiov xal ^Agxdyvov 'HgaxXiovg ^'Agsmg ifi^g xs 
Tcaxgldog navTg6(pov Kofiiiayrivfig d'songsic^ xaiha iyäk[iaxa xad'ir- 
igvödfir^Vy aic6 xs ki^elag fiLäg öaCyLOöiv iicr^x6oig ö'övd'govov %a- 
gaxxrjga fiogq>ilg ififjg öwaved'Yixa xal xvxt^g viag iikixi&xiv ig- 
xaCav &£&v fisyaX&v xLfiiiv iitoitiödyLijVj iiifirjiia öCxaiov qn)kd66(OV 
d^avdxov (pgovxidog, rj nokkdxig i^ol xagaöxdxig img)ccvilg slg 
ßoijd'siav &yG)V(ov ßaöikix&v svfisviig icogaxo. 

6. XAgav xs Cxavi^v xal xgoöödovg i^ aircfig dxsvvi^xovg sig 
^6l&v nokvriksiav djtivsifiaj ^sgansCav xs iviyksmxov 'tioL 
Csgstg ixiks^ag öiyv ngsjtovaaig iad'flöi UsgöLTi&i ydvsc xaxitfXfi^Oj 
Tcööi^ov xs xal kixovgyiav Tcaöav i^icog xvx'^g ififig xal daiii^vanf 
imegox^jg dvad"rioca. 

7. Ilsgl dh Isgovgyi&v didimv dtdxa^iv ngiicov6av ixoitiöd- 
(iriVj 57t(og övv alg igxatog xal xoLvbg vö^og ha^sv dvöCaig xal 
viag sogxäg stg xs %sS>v ösßaö^ibv xal i^sxigag x^iiäg Satantag oC 
xar' ifjkiiv ßaövksiav inixsk&ew, 6d)^axog ^ily yäg ifiov ysvi^kiov 
A{)8vaCov axxaidaxdtriv, diadTifiaxog dl AAiov daxdxtjv dipugaöa 
fiaydkcov daifiövoiv inifpavaCaig^ alxivag ifiol xad'rjyafiivag aizvxovg 
dgx^ig xal ßaöikaiai ndorii, xoiv&v iya^&v alxCai, xaxiöxtjöav. 

8. Xdgiv xa ^\6i&v'\ nki/^^ovg xal fuyid'ovg aimxCag d'6o 
7cgo6xa^a)6i(o6a iniagagj axaxigav xovxov ivcavöiov aogxiiv. ßaö^ 
kaCag S% nkf^^og alg övvayayäg xal navriyvgaig otal dvöücg tcnkag 
diakiov xaxä xfhfiag xal xökaig xotg ayyiöxa xa^kivaeiv hg tjgiiolav 
ixdöxoig xaxd yaixvCav ivaogxd^aiv &gi0a. xov S% koi%ov xQ^ov 
xaiä fifiva fiiav 6f((Din;fU)v xatg aigrinavaig — {fnlg [ihv yavi^aiog 



Der AsianismuB. AntiochoB Ton Kommagene. 143 

xittiv — isl d^ä t&v U^itov yagaigsöd'aL aagijyyeiXa. 

9. ^laiiovilg dl tovtav svsxsvj i\v ifi (pQOvifioig ivögäöi 
s^ißlg itl ti^QstVj oi fL&i/ov eig zvfiiiv iifietigav ilXä xal ^laxa- 
QMftäg iXjtCdag Idlag ixdötov tv%rig iyh Tta^oötmöag iv 6t7lX[a]ig 
iöiiXoig ixdga^a yvA^tii, d'S&v Csgbv vöfiov^ bv ^iyng äv^gAiKov 
yevdaig iativxonf^ ovg otv %g6vog ä^stgog Big SiaSo%iiv %d>gag 
xttitrig IdiaL ßCov (loCgai xata0tij6rii, trigetv &6vXov^ sidörag, ig 
lalßx^ vdfLSöLg ßaöLXiTt&v dai,fi6v(ov ti^ficogbg öfioiag i^aXlag xa 
*aX üßgamg iöißacav dt(6x£(, xa^aöLmitivoav ta '^gAoav &Taiiiaöd'alg 
vöi^og ivaLkaxiyog ixai, nowdg, xh (ihv yäg Sölov axav xovq>ov 
i(fyoVf Xfjg di iöaßaiag dxLöd'oßagatg avdyxaL. v6(iov dh xovxov 
ifmvi^ (tiv H^i^yyaLkav ifii^j vovg dl ^a&v ixvg(06ev. 

NöfLog. 

10. 'lagaifg Söxig im' ifiov xa&iöxaxai d'a&v iigdxov xa x(y&c<ov^ 
€^ %agl xogvfpiiv TavgaCmv aixivmv tegod'aöüov öA^ucxog iiiov 
xa^aiögvödfitiv^ Zöxig xa av iöxdgcDi %(»dt/(Dt xdl^iv Xdßy xavxriv^ 
ixatvog ^Xat)d'aQmiiivog &XXrig %galag indötig &vayM68i6xog ingo- 
^öiöxög xa Cagod'aölmi xovxcDt ngoöxagxagaixco xgovoov^avog 
^BlfoxaCag xa xal xööfiov ngdnovxog lag&v dyaXfidxiov. 

11. ^Ev dl yava&Xioig fii^dgaigj ctg i^ni^vovg iviav6Covg xa 
\H>Qftäg'\ ^a&v xa xiiiov xatä xäv hog dal öiaxdxa%a^ x66(iov 
IlagöLxflg d6^ij;xoi d[v]ccXa(ißdvG)v, bv xal [x\dgi^ i(iil xal ndxgiog 
vdfiog '^luxdfov ydvovg ain&L nagU^rixa^ 6xa(paviy6t(o ndvxag xotg 
Xgvöotg 6xaq>dvovg^ ovg dyh xad'tdgoöa daifi6va)v aiöaßdöi xtiiatgj 
Mgoöödovg xa Xafißdv€9V dnb xa)fi&v^ &v dyh xad^möimöa qyvöamg 
4^g(oi7ä\g %dgi6tv lagalg^ ixi^vöaig d(pavdatg Xißavmxov xal dgm- 
^uttmv iv ßmyLolg xoiixoig xocaie^o) dvölag xa xoXvxaXavg alg xifiäg 
^aAv XB xal fmaxdgag d^img istixaXaixco. 

12. [Tg]axdfiag [ilv [agäg 7tgaitov6rig ^oivrjg y«ft^S]aM/, xga- 
tilgag dl imoXriviovg d^övov xgdiiaxog xXi^g&v dax^fuvög xa 
öi>v ^agaxalai «av xh 7iagaxvy%avov nX^i^og inixAgiov xal 
jtoQSxidfifLOv xoivij[v &Jc6Xav6iv aogxf^g naga%dxm 6%)vay(oyatg 
ox^iMVy aifxbg ft^ i}g Id'og. Cagoövvrig rtfi^t ydgag iiaigov^Lavogj 
xotg dl XoMotg %dgiv ifiiiv alg iXavd'dgav ffdovifv diavdiuovj 
Smmg Sxa^xog iv tagalg fj^dgaig dvaXXinf^i xogijyiav Xa^ßdvmv 
ioviUHpdvxrixov IxTJ x^v aogx'^v aixoxovfLavog Stcov ngoaigatxai. 
tolg ts ixMAfLaöiV olg iyh xa^aUgcoöa diaxovaiö^coöav, amg &v 
iv UfAi. xdxmi öwödov xotvflg liaxaXaiißdvmöiv. 



144 I. I^ie griechische Konstprosa bis Augnstiu. 

13. Uöov XB xkfil&oq elg rothro xa^Biigm^a iMvöin&Vj xal 
560V av ii6t€(f0v Tuxd'oöio^, vtoC te xo'&cmv xal dvyatdQsg Ix- 
yovot TB aix&v anavtsg didaöxöiisvov tag aiväg ti%vag iacaQBv- 
6%k'qtoi fihv r&v äkXav &jcavx<ov &q>Bl6^m6oiv^ tatg dl dta- 
tBxay^ivaig v% iyiov övvödocg ivtavd'a nQ06%a(ycBQBCxm6av iaCQQ- 
q>a6C6tmg xb xäg XBixovQyiag j ig)^ Söov &v ßo'ölrixm xqövov ^ 
övvodog^ TCOVBiö^möav. li'qd'Bvl dh Sölov löxa fiijxB ßa6iXBt fi/^s 
SvvdötBv fLi^xB UqbI fjn^xB &Q%ovxL^ xovxovg iBQodo'öXovgj o&g iyi) 
^Botg XB xal xtp,atg ifuctg xaxä daifiöviov ßoiiXijöiv ividijxaj 
firiöh fti)v xatdag ixyövovg xb ixBivav^ OL[xi\vBg &v iv &%avxi 
Xq6v(oi xoiho yivog diadixavxav, fiifre ainöi^ xaxaSovXAöaö^aL 
^ijxB Big BtBQOv &naXXoxQi&6ai tqötcoi, (iridBvl (ii^xb xaxAöai xiva 
xovxmv ^ TtBQLöndöaL XB^xovgyiag xavxrig^ iXX* ijCL^BXBiö^möccv 
^Iv aiz&v iBQBlg^ ina^vvixfo6av d\ ßaöLXBtg xb xal &QxovxBg 
Idc&xai XB 7td[v]xBg' o\lg^ &7C0XBL6Bxai 7ca(fä ^b&v xal infAtav xdfig 
BiöBßBiag. 

14. 'Ofioiag öh iitidh xAfiag^ ctg iyh xa^BUgmtfa dal(io6iv 
xovxoig, (LfiÖBvl Söiov löxa fii^xB il^iSidöaöd'ai fiijxB iiaXXoxQi&öai 
fiijxB fuxadiaxdl^ai fii^xB ßXdtl;ai xaxä i^r^diva xqöjcov ocA^iag ixBivccg 
4 ngö^odovy rjv iyh xxf^yLa dai^idvav &6vXov dvi^xa^ Ü6aiixtag 
d\ fir^dl &XXriv nagBVQBöiv Big üßgcv tj xajCBivaövv ^ xaxdXv6iv 
&v iq>G)0lG)xa dv6i&v xal övvödcov iniiirixcctniöaöd'ai (M^dsvl xaxä 
xiiif^g fi^Bxigag dxCvSvvov iöra, 

15. "06rig d' &v Stard^BGig xaiki^g dvvaiuv tBg&v ^ xifLipf 
iigmixT^v, rjv d^dvaxog xgiöig ixvgmöBVy xaxaXvBiv ^ ßXdxxaiv 1j 
öOfpl^B^d^at ÖLxaiov vovv ijcißdXrirai, xoykcot daiiiöviov ögyil xal 
d'B&v andvxmv ain&i xal yivBi nghg &na6av xifUogCav ivBl- 
Xaxog iöxa, 

16. TvTtov Sh BiöBßBcag, rjv d'Botg xal ngoydvoig Bl6g>dQSiv 
SöirOVy iyh TtaLölv ixyövotg xb ifiotg iiKpavfji. xal di* ixigayv 9K>A- 
X&v xal di^ xovxcov ixxd&Bcxa, voiil^m xb aixoi>g xaXln^ ^6- 
dBiy^ia liifiT^öaö^ai yivovg a^^ovxag &bI övyyBVBtg xifiäg b^oimg 
t' ifiLol noXXä ngoö^i^öBiv iv d^xfi^t XQ^^'^ Idüov Big xöö^unf 
olxBtov* olg xavxa jtgdaöovöLV iyh ytaxgaiovg Snavxag ^6oi>g ix 
üsgöidog xal MaxBxCSog yf^g Kofiiucyrjvfig xs iöxlag BXXsmg alg 
TCäöav jrecpii; £{;;|rofuxt Sia^ivBiv. 

17. T9<yTtff XB &v ßaaiXBig fl öwd^xr^g iv (uxxgAi {^(fvio^ 
xavxriv dgx'h'^ nagaXdßj^j vö^iov xovxov xal xi^iäg fifiBxigag öta- 
tpvXdööav xal Ttagä x^g ifir^g B'öx'^S IXBmg öaCykovag xal d'Boi>g 



Der Asianismus. Antiochas Ton Kommagene. - 145 

xivtag ixirm' xaQavöfLai dl yvAiAtii xaxä daifiövoov Ttfi^g ouxl 
imglg iiiutd(f€tg igäg Tcccgä d's&v ix&(fä navxa. 

Welche andere Bezeichnung giebt es für dieses Prunkstück 
rhetorischen Könnens als: Dithyrambus in Prosa? Der Rhetor, 
der ihn f&r Antiochos verfafste^ wufste, dafs dieser König; der 
mit Göttern wie mit seinesgleichen verkehrte, nicht wie ein ge- 
wöhnlicher Sterblicher zur Nachwelt reden dürfe: und man mulfi 
sagen y dals er erreicht hat; was er erstrebte. Eine gewisse 
eigene Art von Qrandiositat, die ihren Ausdruck in dem leiden- 
schaftlich gehobenen Stil findet; läfst sich dem Gunzen doch 
nicht absprechen. Im einzelnen wimmelt alles von hoch- 
poetischen und neugebildeten Worten (cf. besonders die Fluch- 
androhung 9), der Hiatus ist mit einer weit über Isokrates 
hinausgehenden Strenge gemieden^), die Wortstellung dem 
Rhythmus zuliebe oft von grofser Freiheit^; die Gespreiztheit, 
der Schwulst^ und die Zierlichkeit^) des Ausdrucks ist uns 

1) Aufser bei den Namen (5 MI^qov 'HUov ^E^fuH; xal 'Afftdyvov *HQa- 
uUovg^ 7 AifSvalov htnaidtKcitriv) und im Titel (1 6 in^ was aber auch oitx 
gelesen werden kann) ist er nur nach %aL zugelassen (5; 7; 9; 10; 13 bis). 
Also moTs 14 itr^Stvl Zci.ov mit Synalöphe gelesen werden (cf. Allen in Pa- 
pers of the American school IV [1888] 153. 157), ebenso wie ich 14 die 
starke Interpunktion zwischen &vi^%a aaa^tmg beseitigt habe. 

2) Z. B. 1 sls xq6vov &viyQaipBv alaviov 9 &vBildtovg ix^'' ^oi- 
vag 9 tpmvii f^^^ ifijyyfiXfiy ifiifj 10 td^iv ^dß^ xavxriv^ 8 iftotg 
ixfl%6ov ^Q6voigf 3 moiviiv d'e&v andvvmv 8{)asßslai yvdiiirig ififjg Siai- 
tav ifciSsi^a^ 4 x^Q^^ IsQbv andptcov %oivbv dvaStl^ai ^eöbv iv&Q6- 
vio^a ar^of tXafii]y, 3 l%6vag .... nocfii^aag durch 15 Worte getrennt 
wegen der Klausel nagaSiSmne xoafiijaag. Aus Cicero ist derartiges 
jedem geläufig, ebenso die langen rollenden Perioden (z. B. 4) sowie das 
dreimalige (2; 4; 9) oi (i^vov — &lXcc %aL 

3) Z. B. 4 a&fuc {lOQfpijg ifi^fjg 10 tp^ascog iiQomxfjg xf'Q'^^^ IsQalg 15 ^^- 
nauMf 9(Hhr inißdlritcu. Das sind solche überflüssigen Umschreibungen, wie 
sie Ariitoteles (s. o. S. 138) an Alkidamas rügt (s. o. S. 72) und jene Manier 
der Afliaten, Ton denen Santra (s. o. S. 137) sagt: ea quae proprie signari 
poterarU circuitu coeperunt enttntiare, jene inanis fluentia loguendi, wie sie 
Ammian (s. o. S. 133) nennt. 

4) Z. B. 2 oi itövov %ttjaiv ßBßaiotdtriv dXXcc %al &n6Xavöiv iiSiatriv^ 
ib. »al dwd(U€9g s{>tvxoiig xal XQ^^^^9 lUcnaQtctfjg , ib. xal tpvXana nioto- 
xdxfiv %ai xiqf^iv &(kl(iritov, ib. %al %tv9vvovg fiLeydXovg naffccSö^mg Stitpvyo^f 
wal 9r^(ti09 ävailnlötmv siffirixdvag ins%Qdtriaa %al ßlov noXvstoiig ftaxa- 
^urrA^ itfXrigA&riv. 5 tvxrig viag iiXniiAtig d^^^^ ^^ Nepos Att. 7, 3 vetere 
instituio vitae effugü nava perictUa. 

Horden, antike Konitproia. 10 



146 I- I^ie griechische Eunstprosa bis Augusius. 

meist unerträglich, wie man besonders empfindet, wenn man 
versucht, die Worte ins Deutsche zu übersetzen (im Stil der 
ciceronianischen Marcelliana würde es sich viel natürlicher 
machen), z. B. § 3. „Ich erklärte nach Übernahme der väter- 
lichen Herrschaft das meinen Thronen unterthänige Reich in der 
Frömmigkeit meines Herzens für den gemeinsamen Wohnsitz 
aller Götter, teils indem ich Statuen mit mannigfaltiger Kunst, 
so, wie es alte Tradition der Perser und Hellenen (meines Ge- 
schlechts glückseligste Wurzel) überliefert hat, schmücken liels, 
teils durch Opfer und Festversammlungen, so, wie es uranfang- 
liche Satzung will und gemeinsame Sitte der Menschen; femer 
aber hat mein gerechter Gedanke hinzuerfanden herrlich pran- 
gende Ehren.'' ^) 

1) In demselben Stil ist die kurze Inschrift, die Mithradates (KaXU- 
vt%og)^ der Vater des Antiochos I, im Anfang des 1. Jh. t. Chr. seiner Mutter, 
Schwester und Nichte setzte „in den Vorhöhen des Tauros, kaum eine Tage- 
reise von Samosata** (Puchstein 1. c. 217), ediert yon Humann -Puchstein 
p. 225: TÖ fikv Ugod'ieiov 'lauiSog töSs, fjw paaiXsi}g (lifag MtS'QaSatrig (Lri- 
tiga olaav Idiav, iifsl totg [£]XXo»[ff] cbff nalbv 4i^va[y«]a[r]oi[ff] n&öiv 4x6- 
aiiriaiv^ tBlBvtaCag tavtrig tifiijg ii^Uaaiv. [''dg^&tjri if[h 'A]vt[i]oxlg iv ttbtäe 
xerr[ai], Sito^ir^Qla ßaciXi<og &Sel(pi/j, %alXlaxri ywai%&v, ^g ßQux^g fft^r i 
ßlog^ fiMngal Sh inl t&i [ucnQ&t [T]tfial xQÖvmi. 'Afup6T{fQa]i Sh Sg ÖQäig 
a^ds iq>eaT&ai xal iura to^ttav ^^onrpt^i} natg, 'AvtioxiSog ^vydtriQ 'Anla' 
P]lov tau lut' &XX[i^lmv *al tfjg ßaciXtmg riiifjg imofirriiut. — Bei dieser 
(Gelegenheit ein paar Worte über den Stil der Inschriften dieser Epoche. 
Soviel ich sehe, halten sie sich, auch die der kleinasiatischen Städte, im 
dritten und zweiten Jahrh. t. Chr. noch frei von rhetorisierender Manier 
(cf. z. B. Antiochia Lebas -Waddington 2713 a CIGr 4474), die in sie erst 
eindringt im ersten Jahrh. y. Chr.; aus dieser Zeit cf. z. B. Bhodus (Inscr. 
Graec. ins. mar. Aeg. fasc. 1 n. 149) tairca Uyovtsg taiftcc (pgopoihmBg ijlO'Ofuv 
tccv &pJxQrit09 ddbv ilg 'AtSav. 'AQXutva^ Kvdla Nievgiog Tud Eiwxlg Mti- 
tQod^QOv ZagSiava XQ^^^^ x^^^^ &fupitsQOi. Halikarnass (Ancient 
Qreek inscr. in the Brit. Mus. IV 1 n. 894), wo es von Augnstus heifet: 
hcBl 1^ alSviog xal Mdvatog toii narcbg tpvcig xh (tiytcxov äya^bv ni^hg 
{mBQpaXXo{>cag €{>SifyBelag &vd'QA%oig ixccglaccto^ Kaiaa^a thv Zeßacrbv iveih- 
%ttlUrri tbp t& %a&' iliUtg i^öaLfkOvi ß^tp naxiqa ii^v zfig kavx(i% naxqidog 
e-iäg 'P^fiT]ff, Jla dh noctifmov xal eatfjQa tov noivoii t&9 iivd'^SMmp yipovg^ 
04^ 1^ nQ6vota tag ndmmv ei^^ <^ ^3rli}^<ra ^i^ov iXkä %al i^e^^y 
e^YjyevotMTi p^v yotg yfj xal ^dlccrxa^ x^Ici^ Sh äv^o^ciw BiyvofUai hfkovoia 
T£ xal iifitriQlif, &xfii/i ti xal tpo^ic navtdg icxiv &ya^o9, ilxlifmw piv X9n' 
et&v ngbg tb (UXXov^ ci^vfilag S^ slg xb na^bv t&v inf^g^nmv imtnlr^pd- 
vm9 (hier bricht der Zusammenhang ab). Aber hier ist der Ton, wenn 
auch ein sehr gehobener, so doch durchaus würdiger, ein deutlicher Aus- 



Der Asianismus. Inschriften. 147 

Auch von dieser zweiten asianischen Stilart fähren deut- Der bom 
liehe Fäden zur alten sophistischen Eunstprosa zurück. Ichsuianddl 
denke mir das selbstverständlich nicht so, als ob diese Redner !?^**^*"*'* 
irgend einen bestimmten alten Sophisten sich zur iiiiifj^ig er- 
koren hätten^ so wenig ich das bei Hegesias annehme: was liegt 
an Namen, wo es darauf ankommt, Ideen und Richtungen in 
ihrem halb bewufsten, halb unbewufsten Fortleben zu verfolgen. 
Diese Asianer, welche ihr Naturell zu leidenschaftlichem Pathos 
und einer gewissen grandiosen Phantastik hindrängte, haben die 
Waffe gebraucht, die ihnen ein Gorgias, Hippias, Alkidamas ge- 
schmiedet hatten: bacchantische dithyrambenähnliche Prosa ^) 
mit der Parole, daTs das höchste Gesetz in der Willkür liege. 
Wer mit diesem Monument des Antiochos die turbulente Rede 
des Hippias bei Piaton (Prot. 336 f.) vergleicht, die zum Schlufs 
in dithyrambischen Schwulst übergeht, oder den unerträglichen 
Schwulst (ubertas nennt ihn — für ihn selbst recht bezeichnend 
— Cicero Tusc. I 116) in den Fragmenten des Alkidamas bei 
Aristoteles (Rhet. lU 3, cf. Yahlen L c. 607 ff), der weüs, dafs 
sie alle zusammen von emem Geiste erfüllt sind. 

Auf die einzelnen Vertreter des Unsinns einzugehen, wäre Amiiufe 

des 

druck dessen, was die Welt empfand und was der Kaiser selbst von sich ' ""^ 

in Yomehmer Bube einst der Welt verkünden wollte. — . Das Ehrendekret 

der Priester von Theben in Ägypten aus der Zeit der Eleopatra (zwischen 

46 u. 87 V. Chr. CIGr 4717) in affektiert schwülstiger Sprache, z. B. 4>n6 

90i%lXmv mgictdaemv xatstp^aQfiivriv r^v n6Xiv i&altpev. — inmaleadiitvog 

tbp %al x^s cviinaifaatdvta a^ra> fiiyt4nov ^•sbv xal sityBv&s fi6vog ^oaräg 

tb ßdffog ndXiv mentQ Xaiuegög &atiiQ xal daifuov &ya&6g iniXafi'ips. tbv 

yoQ iavtoü ßLov 6loc%S(f&g &vi^8to totg XQilcd'at ßovXofiivoig, i[nupavicTaTcc 

dl ißarf^ö$9] totg %aTOi%ovci tbv mgl Si/ißag, xal diad'Q^^ag %al aaaag 

xdvtag ahv yvvai|l «al xi%voig %a\xa d^vafiiv o>g i£ &vTi]ndlmv xHfiwvca9 

9lg i'hdivahg Ufiivag rjy ayev. — AuTserdem etwa noch: Mallos in Eilikien 

(Leba«-W. 1486). Earyanda in Earien (ib. 499). — Unter den Inschriften 

Ton Pergamon könnte für eine rhythmische Klausel höchstens in Betracht 

kommen die Weihinschrift anläfslich eines Sieges über die Galater n. 166, 

wo Fr&nkel Zeile 2 [c^|afi€v]o^ laq)VQm9 glaubhaft ergänzt hat. — Maro- 

neia BulL corr. hell. V 89, 2. — Das Ehrendekret aus Assos (s. ni/II v. 

Chr.) ist mäfsig stilisiert (Papers of the Amer. school I p. 13). 

1) Über die Beziehimgen der asianischen Beredsamkeit zum Dithy- 
rambus einige richtige Bemerkungen von 0. Immisch im Rh. Mus. XLVill 
(1898) 620 ff. (aber die Änderung von sictUorum in dühyrambarum bei Cicero 
or. 280 ist sa gewaltsam, richtig jedoch die Widerlegung der Konjektur 
0. Jahns versieuhrum; für Sicülorum vgl. S. 25, 2; 148, 3). 

10* 



148 I- I^ie griechische Kimstprosa bis AnguBias. 

zwecklos: die Notizen sind zuletzt von F. Sosemihl, Griech. 
Litteraturgesch. in der Alexandrinerzeit II (Leipz. 1892) c. 35^ 
mit bekannter Zuverlässigkeit zusammengestellt.^) Es mag ge- 
nügen zu sagen ; dafs etwa von 300 v. Chr. an die Manier in 
Rede und Geschichtsschreibung grassierte: unter den Vertretern 
der letzteren waren von ihr ergriffen nicht nur die speziell so 
genannten Alexanderhistoriker'), sondern auch der Sicilier Ti- 
maeus^). Die griechische Sprache war in Gefahr, zu einem 

1) Asianem jener Zeit gehören Tielleicht an die Beispiele in dem Ab- 
schnitt nsQl xaxofYJAoy des Demetrios de eloc. 186 ff. Daninter ist eins 
durch seinen ionischen Rhythmus sehr bemerkenswert (§ 188): f hxtStyt- 
xaig \ inscv(fiis nitvg a^gaig (y^ _ _ uuu ). — R. ELirzel, Der Dia- 
log I (Leipz. 1896) 380 ff. glaubt, dafs die menippeische Eompositionsart 
mit dem Asianismus zusammenhänge. Der Grund ist die Mischung von 
Prosa und Vers. Wo aber findet sich die bei den Asianem, deren Prinzip 
eben war, die Prosa in den Vers und den Vers in die Prosa ganz auf- 
gehen zu lassen? Man kann diese Hypothese schlagend auch dadurch 
widerlegen, dafs Lukian, der geschworene Feind der Asianer seiner Zeit 
(wie Hirzel selbst n 830 bemerkt), ein Nachahmer Menipps war. 

2) Cf. im allgemeinen R. Greier in seiner Fragmentsammlung der Script, 
bist. AI. M. (Leipz. 1844) 154 ff. 224 ff.; C. Müller in seinen Script, rer. Alex. M. 
fragm. (Paris 1846) 76 ff. Für Elitarch jetzt noch Philodem. Rhet. I 180, 
24 Sudh. und 0. Immisch im Rhein. Mus. XLVIII (1893) 517. 

3) Cic. Brut. 325 nach Charakteristik des ersten genus Asianum : qualis 
in historia Timaetis; ntgl wpovg 4, 1 wird er erw&hnt neben Qorgias, He- 
gesias etc. Am deutlichsten zeigt sich der Zusammenhang darin, dafs das 
berüchtigte Bonmot über den Brand des Artemistempels in Ephesos yon 
Cicero (der natürlich seine helle Freude daran hatte) de or. U 69 dem Ti- 
maeus, von Plutarch Alex. 3 dem Hegesias zugeschrieben wird: wer die 
Priorit&t hat, wissen wir nicht, da wir die Zeit des Hegesias nicht genau 
genug kennen (cf. Ruhnken zu Rut. Lup. I § 7). Die Fragmente des Timaeus 
zeigen uns seine Art noch deutlich genug; z. B. sind sprachlich ebenso 
pointiert wie sachlich falsch die Worte, in die er seine Behauptung ein- 
kleidet, Euripides sei an demselben Tage gestorben, an dem der ältere 
Dionys geboren sei: &fta vi^g Tvir^g rbv fufiijr^r i^ayownig täv T^oytiUhr 
wa^&v na) rbv dyArter^v htfufayovcris (fr. 119). Pathetisch - theatrahsch 

fr. 132: Plut Timol. 36 t&v d\ TtnoUawtog igyütv oMiw ictiv i ^ij 

t6 ro<^ £ofponX4ovg^ Ag <pyj<ri Tifurio;, ixuptüvetv lkp£«^- » ^foi, xlg &Qa 
KvxQig 1) rig "ifugog roOdf «rrn^^aro; Über die vielen und langen, den 
Verhältnissen und Personen durchaus unangemessenen Reden, die Timaeus 
in sein Geschichtswerk einlegte, hat Polybios in der berühmten Kritik des 
Mannes den Stab gebrochen (cf. besonders c. 25 a, 3—25 b, 4; 85 i, 2— 26 b, 4; 
s. auch oben S. 82 f.) : er vergleicht sie durchgängig mit Aufsätzen von Schal- 
jungen {^{^xo^icug rdbr fut^cnu^tv rdbr i9 tatg Siar^tßidg^: in den Ton ihm 



Die atticifltische Reaktion. 149 

bloDsen &9vQfut leichtfertiger Witzeleien zu werden, ihre casHUiS 
za yerlieren: das kann z. B. zeigen die in diesem Zusammen- 
hang gar nicht uninteressante Erzählxmg Plutarchs reg. et imp. 
apophth. 182 E ^tOQog ixo-öcov (sc. 6 'Avtiyovog) Xiyovtog^ Stt 
%^ovoß6Xog ii ßga yBvoyL^vri X^noßotavBlv inodjös t^v xcigav^ 
*oi xcniöji ftoi, Blnevy &g üxXp %(»c6fi€vo^'; womit man zusammen- 
halten mag die Ungeheuerlichkeiten des Alexarchos, des Bruders 
des Eassandros, bei Athenaeus III 98 E. 

Bald nach 200 v. Chr. ist dann jene Reaktion eingetreten, unpnme 
die man als die atticistische bezeichnet. Sie war im Gegensatz Atticiima 
ZQ der modernen asianischen Richtung eine archaistisch-klassi- 
cistische, also eine durchaus gelehrte, begründet auf der fi/fti^tftg, 
die fortan ein litterarisches Schlagwort wird. Die Frage, von 
wo jene atticistische Reaktion ausgegangen sei, ist in den letzten 
Jahrzehnten aufs lebhafteste erörtert worden, aber sichere Re- 
sultate sind nicht erzielt, da uns die Tradition im Stich läfst. 
Ich finde übrigens, dals auf den Namen * Alexandria' oder *Per- 
gamon' wenig ankommt, sobald wir nur einmal erkannt haben, 
dats auch diese rhetorische Reaktion eine notwendige Folge der 
klassicistischen Richtung gewesen ist, die infolge der Be- 
strebungen der grofsen Gelehrten an den Höfen der Diadochen 
sich auf alle Gebiete der Litteratur erstreckt hat. Dafs man in 
Alexandria, wo man fQr die altattischen Dichter ein so pietat- 
ToUes Interesse hatte, an den altattischen Rednern achtungslos 
Torübergegangen sein sollte, ist undenkbar: hatte man dort we- 
niger Sinn fQr Rhetorik, nun, so las man die Redner als Schrift- 
steUer, und dals man sie als solche gewürdigt hat, steht ja 
durch Ruhnkens und üseners Nachweis fest; man las doch auch 
Piaton dort, ohne zu philosophieren. Aber freilich, die Auf- 
stellung eines Kanons von attischen Rednern zur rhetorischen 
fUftffiig überliefs man den zünftigen Rhetoren: dies ist etwas 
Sekundäres und darf nicht mit der Frage nach dem Ursprung 
der atticistischen Reaktion zusammengeworfen werden. Dafs 
wir diese weder für Alexandria noch für Pergamon monopoli- 

mitgeteüten Proben (Hermokrates veranstaltet eine mit allerlei Dichter- 
dtaten aufgeputzte ö^yngioig ilififivrig xal noliiiov zu Gunsten der ersteren, 
als ob das jemand seiner HOrer bezweifelte; Timoleon unterrichtet seine 
Soldaten unmittelbar Tor Beginn der Schlacht über die Bedeutung eines 
Sprichworts) muls man ihm beistimmen. 



150 ^' ^^ griechische Eunstprosa bis Augustas. 

sieren dürfen^ sondern sie aus dem Geist, der beide Centren be- 
seelte, zu erklären haben ; kann ja auch die Thatsache zeigen, 
dafs von den beiden frühesten Schriftstellern ^ die um rund 200 
gegen die asianische Rhetorik Front gemacht haben, der eine, 
Agatharchides, am Hof der Ptolemäer, der andere, Neanthes, am 
Hof der Attaliden lebte. Das Wahrscheinlichste also ist, dafs, 
wie auf anderen Gebieten, Alexandria auch hier vorangegangen, 
Pergamon, welches durch die besonders nahen Beziehungen zu 
Athen gerade für die attischen Redner besonderes Interesse 
haben mufste, gern gefolgt ist: war es umgekehrt, so kommt 
darauf, wie gesagt, meiner Meinung nach nicht sehr viel an.^) 
Seitdem in der Mitte des 1. Jh. v. Chr. diese Reaktion, 
durch welche an die Stelle der individuellen Willkür Gesetz- 
mäfsigkeit, an die Stelle zügelloser Leidenschaft attisches Mafs, 
an die Stelle der änaiSevaia die (pvk660(fOi ^tiroQtxnj trat, we- 



1) Wenn feststände, dafs es erlaubt sei, in solchen Fragen von der 
bildenden Kunst auf die redende zu schliefsen (was die Alten in allge- 
meinen Fragen bekanntlich gern thaten, cf. auch Biehl, Eulturstudien [Stuttg. 
1869 u. ö.] XVI f.), so würde man gern die klassicistiseh-reaktionäre Strö- 
mung in Alezandria, die modern -fortschrittliche in Pergamon lokalisieren. 
Die alezandrinische Kunst nimmt als eine archaisierende in Anspruch Fr. 
Hauser, Die neuattischen Reliefs (Stuttg. 1889) 186 £P.: wie weit das richtig 
ist, vermag ich freilich nicht zu beurteilen. Auf der andern Seite urteilt 
(was ich nachfühlen kann) A. Reifferscheid in seiner Eaiser-G^eburtstagsrede 
im Breslauer Index scholarum 1881/82 p. 7 über die pergamenische Giganto- 
machie: „Die Composition der Gigantomachie zeigt uns . . . zuweilen ans 
Handwerk streifende Virtuosität der Technik, declamatorisches Pathos, das 
uns die Art der asianischen Bedeübungen ins Gedächtnis ruft. — Es 
spricht aus ihr kein rein griechischer Geist: allerdings giebt das griechische 
Element den Grundton an, daneben aber macht sich eine Phantastik gel- 
tend, wie sie nur dem Orient eigen ist.** — Von dem Weihgeschenk, das 
Attalos der Akropolis Ton Athen stiftete, sagt er 1. c. 6: „Auffällig sind 
die Berührungspunkte zwischen diesen Statuen und dem gehackten, kleine 
Sätzchen und gebrochene Rhythmen liebenden Stil, den in der unmittelbar 
Torhergehenden Generation das Haupt der älteren asianischen Schule, He- 
gesias der Magnesier, in die Beredsamkeit eingeführt hatte." Dies zweite 
scheint mir etwas gesucht. — Vgl. auch Th. Schreiber, Die Barockelemente 
der hellenistischen Kunst (in: Verh. d. 41. Philologen-Vers, zu München 1891} 
73 ff. : er charakterisiert die Kunst jener Zeit als eine teils bis zur Schnür- 
kelei gezierte, teils als „Bewegung und Leidenschaft, ein Komponieren im 
grofsen Stil, eine maniera grande, ein Zug zum Grandiosen**, wie sie am 
blendendsten entgegentritt am pergamenischen Altarfries. 



Asianismus und Atticismus. 151 

nigstens in der Schätzung gelehrter Kreise den Sieg erfochten 
hatte, galt * Asianismus', d. L die * betrunkene' * wahnsinnige' 
* kranke' * pöbelhafte' * hetärenartige' Beredsamkeit (alle diese 
und eine Reihe ähnlicher Ausdrücke brauchen die Gegner) ftLr 
das schlimmste litterarische Schimpfwort (wohl daher liefs sich 
Theodoros von Gadara lieber ^Rhodier' nennen: Quint. III 1, 17), 
und selbst seine notorischen Vertreter haben, im Glauben, dafs 
gerade sie das Spezifikum echt attischen Wesens besäJüsen, jene 
Bezeichnung mit Entrüstung abgewiesen, was uds, die wir das 
Fortleben dieser Geschmacksrichtung zu verfolgen haben, die 
Untersuchung sehr erschwert. 

Fragen wir nach der Berechtigung jener Angriffe, so haben i>er »i^ 
wir folgende Antwort zu geben. Nur vom Standpunkt der Tut s^ 
reaktionären Partei sind sie berechtigt, aber dieser föllt nicht 
zusammen mit dem höchsten Gesetz litterarischer Entwicklung, 
dem Gesetz stetigen Fortschritts; ob dieser ein Fortschritt zum 
Besseren oder Schlechteren ist, darauf kommt für die objektive 
Litteraturgeschichte zunächst gar nichts an, erst die subjektive 
ästhetische Betrachtungsweise, die sich der historischen stets 
unterordnen soll, hat darüber ein Urteil abzugeben. Fassen wir 
das Verhältnis so, dann müssen wir sagen: die ^asianische' 
Beredsamkeit hatte als die moderne innere Berechtigung, die 
*atticistische' als die archaisierende hatte sie nicht; die eine 
brachte mit ihrem Realismus das, was die anders gewordene 
Welt brauchte, der Idealismus der anderen war nicht mehr zeit- 
gemäls: denn die griechische Litteratur hatte sich zwar gerade 
durch ihren Idealismus in beispiellos kurzer Zeit zur denkbar 
höchsten Vollendung emporgeschwungen, aber dann war die Er- 
schöpfung eingetreten und der fortdauernde Idealismus ver- 
tauschte den vorwärtseilenden, schöpferischen Charakter mit 
einem nach rückwärts gewandten quiescierenden: au die Stelle 
des Zweifeins und Suchens, der Freude zu finden und d^ Mutes 
zu irren, trat die bisher unbekannte greisenhafte Macht des 
Autoritätenglaubens, der mit seiner Parole der (ii(iri6ig t&v 
i4f%almv und der Ächtung des vBmxBQlf^w den Frühling aus dem 
hellenischen Geistesleben herausnahm. ^J Für uns hat der Segen 



1) Man erkennt die Macht dieses Autorit&tsglaubenB drastiflch aus 
folgender Thataache. Der puerile Verfasser der Schrift an Herennius dis- 



152 I- 1^0 griechische Eunstprosa bis Aug^uBtus. 

dieser Entwicklung ja darin gelegen, dafs uns so viel von der 
klassischen Litteratur erhalten worden ist, aber bei objektiver 
Betrachtung werden wir doch sagen müssen, dals das alexan- 
drinische Zeitalter für die griechische Litteratur dasselbe be- 
deutet wie das hadrianische ftlr die römische, eine Parallele, die, 
wie wir sehen werden, für die litterarhistorische Einreihung des 
römischen Archaismus von Bedeutung ist. Diese allgemeine 
Auffassung findet ihre Bestätigung in den Thatsachen: denn wer 
glaubt, dafs der Asianismus durch die atticistische Reaktion ge- 
tötet sei, macht nicht bloCg einen aprioristischen Fehler — denn 
rein gelehrte Strömungen können eine aus innerer Entwicklung 
sich ergebende Geschmacksrichtung nie reformieren — , sondern 
befindet sich auch, wie wir sehen werden, in direktem Wider- 
spruch mit überlieferten Zeugnissen. Wir werden nun später- 
hin den Jahrhunderte lang dauernden Kampf dieser 
beiden Richtungen zu verfolgen haben, und zwar 
wollen wir dabei den Asianismus als den ^neuen Stil', 
den Atticismus als den ^alten Stil' bezeichnen: die 
innere Berechtigung für diese Bezeichnung bieten die soeben 
dargelegten Erwägungen, die äufsere eine Reihe von Zeugnissen 
aus dem Altertum selbst, von denen hier vorläufig nur eins an- 
gefELhrt werden soll: Dionys von Halikarnass stellt in der Vor- 
rede zu seinem Werk über die zehn Redner den Atticismus und 
Asianismus sich scharf gegenüber und bezeichnet durchgehends 
jenen als &Q%alaj diesen als via ^'qxoQixij. 



süi der Bevor ich dies Kapitel schliefse, habe ich noch kurz eine 

Frage zu erörtern, die sich an den Stil des Polybios knüpft, 
des einzigen griechischen Prosaikers, der uns aus dieser Epoche 
in gröfserem umfang erhalten ist. Wir haben schon oben 
(S. 82 f) gesehen, dafs ihm die rhetorisierenden Historiker wie 
Timaeus, Zenon von Rhodos, Phylarch Greuel waren; trägt sein 

kutieri mit unerhörter Breite in der Einleitung seines yierten Baches die 
Frage, oh es erlauht sei, für die elocutio eigne Masterheispiele sn bilden, 
statt sie aas den 'Alten ^ sa nehmen; anter den Gründen, die dagegen an* 
geAihrt werden, nennt er die auctoritas antiquorumy welche hominum 
shufia €ul imiiandum alacriora rfddit {§ 2). Die ganze ErOrterong scheint 
einer griechischen Quelle etwa aus der Zeit des Hermagoras zu entstammen. 



Polybios und die Inschriften. 153 



/-i 'm i J 



Stil also die Signatur der atticistischen Reaktion, deren Zeit- 
genösse er war? Dafs davon nicht die Rede ist, kann aDein die 
Thatsache zeigen, dafs lür einen so erklärten Atticisten wie 
Dionys von Halikamass Polybios seinerseits ein Greuel war. 
Nun hat man ja in unserem jahrhunderi, als die grofsen In- 
schriften und Papyri zu Tage kamen oder zum ersten Mal 
wissenschaftlich bearbeitet wurden^ erkannt, dafs man zum Yer- 
siSndnis der polyDiiEmj8chen''Diktion iBfcn an diese Urkunden zu 
wenden hat^), und dadurch ist für das Verständnis der Sprache 
dieses Schriftstellers viel gewonnen worden: wir wissen, dafs es '^, 
die Sprache der litterarischen xoti/ij ist^ in der er schreibt. Was \ 
nim von der Sprache im einzelnen (Wortgebrauch, Grammatik, ^ 
Syntax) gilt, das ^t, wie mir scheint, auch vom Stil, wenn man 
ihn als uanze8''1)etrachtet. AJs sein Charakteristisches möchte 
ich bezeichnen das Fehlen sowohl rhetorischer Schnörkel als ( 
ai\ch jedes Schematismus, wodurch er im Gegensatz einerseits \ 
zu dem hohen pompösen Stil der Modernen, andererseits zu dem 
imitierenden Stil der Yerganffenheit steht; positiv gesprochen: 
es ist die in schriftstellerische Sphäre gehobene Sprache der 
Kanzleien« ÄufserlicH fallen am meisten äui die mangelhaft 
gegliederten, gröisen Sätze mit ihren. vielen und schweren Ana- 
koluthen: Isokrates inilsäüit seiiien Schülern und Polybios sind 
stilistische Antipoden. Wohin Polybios als Stilist gehört, 
empfindet jeder,' der z. B. das sog. Monumentum Adulitanum aus 
der Zeit des Ptolemaeus Euergetes I (247—222) OIGr 5127, 
oder die Briefe des Attalos II (f 138) an den Priester Attis von 
Pessinus (ed. Domaszewski in Arch. ep. Mitt. aus Östr. VIII 
[1884] 95 ff.), und überhaupt die uns aus den Kanzleien von 
Alexandria und Pergamon erhaltenen Schriftstücke liest; dazu 
steUen sich dann andere grofse Inschriften und litterariscbe 
Schriftstücke dieser Zeit: das Ehrendekret von Olbia (s. III 
V. Chr.) CIGr II 2058, die Inschrift von Sestos (c. 125 v. Chr.) 
Herm. YII (1873) 113 ff., deren rein sprachliche Analogie zu 
Polybios von W. Jerusalem in Wien. Stud. I (1879) 32 ff. unter- 
sacht ist, die Inschrift über die Skythenkriege des Mithri- 
dates VI Eupator (c. 100 v. Chr.) Inscr. ant. orae sepi pont. 



1) Das hat meines Wissens zuerst betont A. Peyron, Pap. graec. regii 
TaorinensiB mns. Aegyptii I (Taurini 1826) 21. 



I." 



154 I- Die griechische Eunstprosa bis Augustos. 

Eoz. ed. Latyschev I n. 185; der Kommentar des Apollonios 
von Eitiam (s. I v. Chr.) zu Hippokrates nsgl 6Q&Qmvy ed. 
H. Schöne Leipz. 1896 (cf. besonders die den drei Büchern 
vorausgehenden, an Eonig Ptolemaeus gerichteten Einleitungen), 
griechische Briefe romischer Beamten der Republik (P. Viereck, 
Sermo Graecus etc. [Göttingen 1888] 75 ff.), bis zu einem ge- 
wissen Grade auch der Brief des sogenannten Aristaios. Aus 
* ihnen allen klingt mir in ihrer bequemen, aber nicht auf- 
dringlichen AusfÜhrlicl^eit, ihrer stilisierten aber nicht ver- 
künstelten SprsSche, ^der Ton entgegen, den wir an Polybios ge- 
wöhnt sind. Dadurch ist das Werk^ <les Polyhios auch f&r die 
Geschichte der griechischen Stilarten von so singulärer Wichtig- 
keit, dals es in einem Stil geschrieben ist, den wir nachher ver- 
gebens wieder suchen^): der Atticismus hat in seiner Reaktion 
wie den Asianismus so die xoivi^ geächtet; mit seinem Kampf 
gegen die xoti/i{ hatte er in einer Zeit, die alles Gewöhnliche 



\/ y -^ 



1) Auch sein Fortsetzer Posidonius schrieb ganz anders. Darüber 
das bekannte Zeugnis Strabons ILI 147 UocBidSviog dh %b nlffiog tAv in- 
tttXXmv (in Spanien) inaiv&v %al tijv &QStiiv oi% isnixitai tfjg cvpij&ovs 
QTitOQslag, &Xla cvvsvd'ovci^ tatg {>n6QßoXaiSf was er dann durch 
Citate aus der betreffenden Partie des Posidonius beweist, z. B. %a^6lov 
d* ctv eins (qnieiv) ld6v Tt; to^s tönovs d^ieavQO^g ilvai (p^ceag &Bvdovg tj 
rafUBtop ijysfiovlas' &virdBintov ' o{> yäg nXovcla {l&vov &XXa %aX im&nXov%iig 
f^v (qyriclv) ^ X^Qcc^ xal nag' insCvoig mg &Xf\^dlig xbv hnojfi6viov t^nov o(>% 
6 "AiSfig &XX* 6 nXo^tav %atoMSl. Dafs der Stil des Posidonius poetisch- 
rhetorisch war, ohne in die Abgeschmacktheiten des Timaeus zu verfallen, 
wissen wir nicht blofs aus dieser Stelle. Denn Strabon, der ihn nicht 
weniger geplündert hat als Diodor den Timaeus und Ephoros, hat dafür 
gesorgt, dafs wir ihn auch an den natürlich weitaus zahlreicheren Stellen 
deutlich erkennen, wo er nicht citiert wird : wo Strabons trockner philister- 
hafter Ton einen hohem Schwung nimmt, hat er Posidonius ausgeschrieben. 
Das hat an einem Beispiel gezeigt R. Zimmermann im Herm. XXUl (1888) 
103 ff. (Strab. I 63, wo der herrliche Vergleich des flutenden und ebbenden 
Meeres mit einem aus- und einatmenden Lebewesen steht); ich kann es 
noch für einen grohen Abschnitt des Werkes durch Vergleich mit Varro, 
der seinerseits dem Posidonius folgt, nachweisen, will das aber hier, wo es 
mich zu weit führen würde, unterlassen. Das meiste wird jeder stilistisch 
geschulte Leser bei der Lektüre Strabons sofort instinktiv fühlen. — Plu- 
tarch, der den Posidonius auch stark benutzt, war ihm kongenialer, er hat 
daher seinen Stil mit dem des Posidonius leichter zu verschmelzen gewufat. 
— Übrigens hat auch Cicero (ad Att. n 1) den Posidonius als rhetorisieren- 
den Historiker zu schätzen verstanden. 



Poljbios und die Inschriften. 155 

Terdammte, leichten Erfolge wahrend sich der ^Asianismus' nicht 
so mcbi ans dem Felde schlagen liefs. Bevor wir aber darauf 
naher eingehen, müssen wir unsere Blicke lenken auf riiv ndvxmv 
%i^ütxov6av ^PAiLfiVj XQog iaxrc^v ivayTcd^ovöav tag SXag xöXetg 
ixoßX&tsiVj der Dionys v. Hai. (de orat. ant. 3) insofern mit ge- 
wissem Becht den (zeitweisen) Sieg des Atticismus zuschreibt, 
als man dort, wie von I. Bruns, Die atticistischen Bestrebungen 
in der griech. Literatur (Festrede Kiel 1896) 9 sehr richtig be- 
merkt wird, die griechische Sprache erlernen mulste und sich 
daher mit besonderem Eifer auf die Imitation der alten attischen 
Klassiker warf. 



ItoUker. 



Zweiter Abschnitt. 
Die rSmische Kunstprosa bis Augastiis. 

Erstes Kapitel. 

Die nationale Prosa. 

BhTth- Die römischen Litterarhistoriker haben die lateinische Littera- 

Prosft der tur crst Yon dem Augenblick an beginnen lassen, als sie in die 
Sphäre der griechischen trat. Was vorausging, erregte dem ver- 
feinerten Sinn Schaudern und man fühlte sich nicht gern an die 
einstige Barbarei erinnert: auch die reaktionärsten Stil-Archaisten 
hüteten sich wohl an das zu rühren, was jenseits Livius An- 
dronicus und Cato lag. Was uns nicht die Steine erhalten 
haben, verdanken wir der gelehrten Forschung von Grammatikern 
und Antiquaren. Nichts davon gehört zur kunstmälsigen Prosa, 
welche Latium wie alle artes von Hellas erhielt; aber um das 
Werden dieser zu verstehen, dürfen wir nicht unterlassen, einen 
flüchtigen Blick auch auf jene Reste vorlitterarischer Prosa zu 
werfen, die wie verfallene Ruinen emporragen. Sie betreffen die 
zwei Seiten menschlichen Empfindens, die überhaupt in den An- 
fangen der Völker die herrschenden sind: die Regelung des Ver- 
hältnisses vom Menschen zu den höheren Mächten und vom 
Menschen zum Menschen, d. h. Gebete und Gesetze, denn auch 
das Gebet des primitiven Menschen ist nichts weniger als ein 
lyrischer ErguUs, sondern ein Eontrakt mit der Gt)ttheit: gieb 
und nimm. 

Das berühmte Gebet, welches vom pater familias bei der 
Sühnung von Hof und Grundstück durch ein Suovetaurilienopfer 
gesprochen wurde, lautet nach Cato de agr. 141 (in einer gleich 
zu rechtfertigenden Abteilung und der Übersetzung des mittleren 
Teils in teilweisem Anschluls an R. Westphal): 



Die Komposition der itaÜBchen Gebete. 157 

Mars pater te precor quaesoque tUi sies volens propitkis mihi 
domo famüiaeque meae quoius rei ergo agrutn ierram fundumque 
meum suovetaurüibus drcunuxgi iussi, 

1 tUi tu morbos \ visos invisosque „auf dafs du Seuchtuni; | sicht- 

bares unsichtbares; 

2 viduertatem \ vastüudinemque dafs du Verwaisung , | daüs du 

Verwüstung, 

3 ealamüaies \ intemperiasque schadvolles Unheil, | Wetter und 

Winde 
Aprohibessis defendas \ averrun- fernhaltest, abwehrst, | weg von 

cesque; uns treibest; 

5 ut fruges frumenta \ vineta vir- dafis du des Feldes Frucht, { Wein- 

gvitaque stock und Weiden 

^grandiredueneque \ evenire siris, wachsen und gut | uns gedeihen 

lassest, 

7 pastares pecuaque \ salva ser- Hirten und Herden | heil uns er- 
vassis haltest, 

8 duisque duonam stüutem \ vale- gutes Heil gebest, | kraftvolles 
tudinemque Wohlsein 

9mihidomo \ fafniliaequenostrae mir, meinem Hause, | unserm 

Gesinde." 

harumce rerum ergo, fundi terrae agrique mei lustrandi lustrique 
faciendi ergo, sie uH dixi, tnacte hisce suovetaurüibus lactentibus 
immclandis esto, macte hisce suovetaurüibus lactentibus esto. 

Ohne weiteres empfindet man die rhythmische Gestaltung 
des mittleren Teils, des eigentlichen Gebets: ausdrücklich darauf 
hingewiesen hat wohl zuerst R. Westphal in seiner Griech. Metrik 
(2. Aufl. Leipz. 1868) 37 flf., cf. Fr. Allen in Kuhns Zeitschr. XXIV 
(1879) 584 S. In Einzelheiten weiche ich aber ganz von beiden 
ab. Zunächst ist klar die Zweiteilung der einzelnen Zeilen, die 
oft durch Allitteration bezeichnet ist (1; 5; 7), dann besonders 
der Rhythmus der zweiten Zeilenhälfte: genau der strengsten 
Form des Satumiers entsprechen 1; 2; 6; 7, mit Unterdrückung 
der ersten Senkung 4, mit Auflösung der ersten Hebung 9, mit 
Unterdrückung der ersten Senkung und Auflösung der zweiten 3. 
Es bleiben noch 5; 8, die das Gemeinsame haben, dais sie beide 
mit Auftakt beginnen, der sich, wenn auch selten, so doch in 
lieberen Beispielen der Satumier findet, cf Buecheler im Rhein« 



158 n. Die römische Euilstprosa bis Augusttis. 

Mus. XXXTII (1878) 274 f.; die Halbzeile 5 hat Interesse noch 
dadurch; dafs sie am SchluTs um eine Silbe länger ist als die 
gewohnliche Form: que ist offenbar hinzugefügt, weil auch die 
vier vorhergehenden Halbzeilen damit endigen; solche um eine 
Silbe längere Saturnier sind ebenfalls, wenn auch selten, so doch 
sicher bezeugt, cf. Buecheler 1. c. XXXV (1880) 495 f. — Ganz 
anders verhalten sich nun aber die ersten Yershälften: nur drei 
von ihnen lassen sich saturnisch messen: 4; 5; 8; Westphal und 
Allen wollen auch die anderen fünf Zeilenhälften, ja sogar den 
prosaischen Anfang und Schlulis des ganzen Gebets in satumisches 
Yersmafs (d. L was sie darunter verstehen) zwängen, müssen 
aber zu den stärksten Licenzen greifen, darunter besonders 
Längungen durch den Accent: diese sind aber doch (ganz ab- 
gesehen von der Frage nach ihrer prinzipiellen Berechtigung') 
schon dadurch ausgeschlossen, dafs sie in den zweiten Zeilen- 
hälften nicht nur nicht vorkommen, sondern Zeile 9 sogar ver- 
mieden sind, wo nostrae an die Stelle von meae im ersten pro- 
saischen Absatz getreten ist. Bei der Strenge der zweiten 
Hälften kann ich daher auch nicht zugeben, dais wir es mit 
^ rohen Saturniem' zu thun haben, sondern bin der Ansicht, dafs 
wir den mittleren Teil des Gebets seiner Form nach zu be- 
zeichnen haben als rhythmische Prosa mit dem Prinzip der 
Zweiteilung der Zeile und der satumischen Messung der zweiten 
Hälfte; dafs nur diese zweite Hälfte metrisch ist, erklärt sich 
einfach daraus, dafs in ihr, d. h. dem Schlufs der jedesmaligen 
Gedankenreihe, der Rhythmus kräftiger ins Ohr fallen mu&te 
als am Anfang, wo er daher nur ein paar Mal angewendet ist 
Etwas genau Entsprechendes scheint es sonst im Lateinischen 
nicht zu geben, obwohl ich bemerken will, dais bei dieser An- 
nahme vielleicht auch Licht fallt auf die Form der Dvenos-In- 
schrift, die nach Buechelers sicherem Nachweis (Rhein. Mus. XXXVI 
[1881] 244 f.) in einigen Zeilen satumische Messung zeigt, 
während diese in den anderen Zeilen nur durch Zulassung 

1) Ich erwähne bei dieser Gelegenheit, dafs die Frage zuletzt vortreff- 
lich behandelt ist von U. Ronca, Metrica e ritmica latina nel medio evo 
(Rom 1890) 48 ff. : vor allem wird hier nachgewiesen, dafs die Behauptung, 
man habe den Saturnier im Altertum fOr rhythmisch und nicht für quanti- 
tierend gehalten, auf falscher Interpretation der in Betracht kommenden 
Stellen beruht. 



Die Komposition der italischen Gebete. 159 

starker Licenzen ermöglicht wird. Aber, um das Unsichere bei- 
seite zu lassen^): dafs der Begriff * rhythmische Prosa' für das 
älteste Latein wirklich angenommen werden darf, scheint mir 
aus ein paar Proben feierlich gehobener Prosa herrorzugehen, 
die, ohne satumischen Rhythmus zu haben , doch nach dem 
soeben festgestellten Prinzip der Zweiteilung gegliedert ist und 
so durch die Gegenüberstellung unwillkürlich rhythmischen Fall 
amiimmt. Macrobius führt sat. Y 20, 18 aus einem liber vetus- 
tissimorum carminum^ qui ante omnia quae a Latinis scripta sunt 
campositus ferdatur folgende Worte an^ in denen ein Vater seinem 
Sohn Vorschriften über Ackerbau giebt: 

htbemod polverid \ vemod lutod 

grandia fara \ casmile metes.^ 
Was sind diese Worte, an denen einige, um sie in ein Metrum 
zu pressen, wahrhaft frevelhafte Änderungen vorgenommen haben, 
anders als feierliche, deutlich gegliederte und daher rhythmisch 
wirkende Prosa? Verhält es sich nicht ebenso mit einem prae- 
eq^tum Marcii vatis, das Isidor or. VI 8, 12 überliefert: 

postremus dicas, \ primus taceas — ? 
Wenn ich mit solchen Zeilen wirkliche Satumier zusammenhalte, 
die ebenfalls deutlich ihre Gliederung zeigen, z. B. das incanta- 
mentum bei Festus 123: 

vdtus navum vinum bibo, \ veteri novo morbo medeor^ 
wo beide Hälften noch viersilbig sind, so drängt sich mir die 
Überzeugung auf, dafs der satumische Vers nichts anderes ist 
als die metrische Ausgestaltung der seit uralter Zeit in feier- 
licher Bede angewandten rhythmischen Zweiteilung der Zeile: 
daraus würde sich mir auch erklären, dafs in dem Gebet bei 
Cato beide Formen gewissermaisen ineinander geschoben sind, 
daraus auch das Nebeneinander beider Formen in dem umbrischen 
Devotionsgebet, welches sie nach vollbrachtem Lustrationsopfer 
scbweigend beten (tab. Ig. VI B 58 f.): 

1 totam Tarsinateniy \ trifo Tarsinateniy 

2 Ihiscom Naharcom \ labuscom nome, 

3 totar Tarsinater^ \ trifor Tarsinater, 

1) Doch bemerke ich, dafs auch die Augnralformel bei Varr. de 1. 1. 
Yn s nur in ihrem mittleren Teil metrisch ist. 

2) Damit die Worte nicht zu modern aussehen, hahe ich sie in alter- 
tiSmlicher Lautienmg gegeben. 



150 n. Die römische Eunstprosa bis Augustus. 

4 Tuscer Naharcer \ labuscer nomner 

5 nerf sihüu anhihitu^ 

6 iovie hostatu anhastatu 

7 tursitu tremitUy 

8 hondu holiu, 

9 nindu nq^Uu^ 

10 sonitu savitUf 

11 preplotatu previlatu. 

Diese Worte hat Westphal 1. c. 37 sämtlich als accentuierende 
Satumier messen wollen^ was schon dadurch ausgeschlossen wird, 
dais wir bei den Umbrem sicher quantitierende Satumier haben, 
die Buecheler, ümbrica (Bonn 1883) 148 nachwies*); aber auch 
ohne diese schon zu kennen, hätte Westphal seine Hypothese 
deshalb nicht aufstellen dürfen, weil in diesem Gebet selbst Z. 1 
bis 4 ja sicher quantitierende Satumier sind, und wer wird 
glauben, dafs die übrigen accentuierend seien? Also: dieses 
Gebet geht von vier regulären Satumiem, die zu einer Formel 
erstarrt waren (cf. VI B 53 f.), über zu dem feierlichen Fluch: 
dieser besteht aus mehreren Reihen von je zwei durch AUitte- 
ration aneinander gebundenen Begriffen, die, da sie unter sich 
von gleicher Silbenzahl sind^), rhythmisch fallen. 

Hält man dies alles zusammen, so wird man vielleicht 
geneigt sein mit mir anzunehmen, dais es auch bei den Italikem 
eine Zeit gegeben hat, in der zwischen Prosa und Poesie nicht 
der Schnitt gemacht wurde, den die spätere Entwicklung mit 
sich brachte, sondern in der hohe feierliche Prosa sich den 
Formen der Poesie näherte oder ganz in sie umschlug; empfohlen 
wird jedenfalls diese Auffassung nicht nur durch die früher 
(S. 30 ff.) angestellten allgemeinen Erwägungen, sondern auch 
durch ein in sehr hohes Alter zurückgehendes Wort, in dem die 
innige Verknüpfung der beiden Ajrten menschlicher Bede ge- 
wissermafsen hypostasiert ist. Man weifs, eine wie lebhafte 

1) £8 kommt vielleicht noch hinzu VI AI, die Weisimg für den Augur, 
er solle das Augurium anstellen 

parfa curnake dersva, \ peiqu peica merstu, 
Torausgesetzt, dafs in cumaie das a lang ist wie in Isqu%i. 

2) Nepitu ist, da die Buechelersche Zusammenstellung mit Nep-tuma 
evident ist, nepitu gesprochen worden (cf. auch E. Huschke, Die iguv. Ta- 
feln [Leipz. 1859] 253), also rhythmisch = nindu. 



Die Komposition der italischen Gebete. 161 

Kontroverse in den fün&iger Jahren unseres Jahrhunderts über 
die Bedeutung von Carmen geführt worden ist: jetzt steht fest, 
dafs ^Gedicht' eine späte Beschränkung des ursprünglich viel 
weiteren Begriffs war: Carmen ist jeder laut hergesagte feierliche 
Spruch, gleichgültig oh in der äuTseren Form von Prosa oder 
Vers: Zauberspruch*), Gebet, Eidesformel, Bündnisvertrag und 
dgl. m.*). Diese Ausdehnung der Begriffssphäre würde unerklär- 
lich sein, wenn die in ein Carmen gefalsten Worte ge wohnliche 
Prosa gewesen und als solche vorgetragen wären; vielmehr 
werden wir uns von der Recitation solcher Gebete, wie wir sie 
im alten Latium und in Umbrien finden, die beste Vorstellung 
machen, wenn wir etwa den feierlich gehaltenen, sangreichen 
Vortrag- des katholischen Meispriesters oder des hebräischen Vor- 
beters vergleichen, oder wenn wir uns in die Zeiten hineindenken, 
ab die germanischen Rechtssprüche in feierlich gehobener, 
rhythmisch fallender Prosa vorgelesen wurden.*) Auf solchen 
Grebieten pflegen sich sonst getrennte Eulturkreise zu berühren. 

1) Wie lange diese Bedeutung lebendig blieb, zeigen die berühmten 
Worte des Ambrosius über seine Hymnen (serm. c. Auzent. 34 aus dem 
J. 886) hymfiorum quoque meorum carminibus deceptum populum ferunt 
(die Arianer). plane nee hoc äbnuo. grande Carmen istud est, quo nihü po- 
teniius. Dafs J. Eayser, Beitr. z. Gesch. u. Erkl. d. alt. Eirchenhjmnen 
{%. Aufl. Paderborn 1S81) 129 hier Carmen richtig als ^Zauberspruch' fafst, 
zeigen die durch den Druck herrorgehobenen Worte. Eine Analogie aus 
dem Finnischen bei D. Comparetti, Der Ealewala (Halle 1892) 24. 

8) Cf. H. DOntzer in: Z. f. d. Gymnasialw. XI (1867) 1 ff. 

8) Den Hinweis hierauf verdanke ich Th. Siebs. Da die Sache wirk- 
lich aufklärend auch für das Altitalische sein dürfte, will ich hier kurz 
das Wesentliche darüber mitteilen. B. Eögel hatte in seiner Gesch. d. 
deutsch. Litt. I 1 (Strafsb. 1894) behauptet, dafs die alten germanischen 
fieehtsquellen in Allitterationsversen abgefafst und als solche vorgetragen 
worden seien. Gegen diese innerlich unberechtigte Hypothese wendet sich 
Siebs in: Z. f. deutsche Phil. 1896 p. 406 ff., indem er schlagend nachweist, 
dab wir es vielmehr mit einer gehobenen Prosa zu thun haben, in der die 
einzelnen Kola nach dem Sprechtakt rhythmisch gestaltet und die meist 
doppelt gepaarten (oft tautologischen) Wörter jedes Kolons gern durch die 
Allitteration zusammengebunden sind. Er führt hierfür Beispiele aus alt- 
friesischen, bis ins XL Jh. zurückgehenden Bechtsquellen an, z. B. „ende 
ick dr^gha hemmen ur | ende stände hemmen | toe gr^e ende grönd, | 
den &yndoem mit der byslttingha | toe äwigha dägghum. | Ende ick ner 
myn ndykommen, | ner n^mmen fan mynerweghena | deer nimmer meer 
b^th I nän spr^eck oen toe habben | in da riuchte ner büta riuchte . . . . | 
toe satten, toe seilen, | toe brüken, toe bfjsghien** u. s.w. (d.h. „und 

Vordeo, antÜM Kanstprof*. 11 



162 n. Die römische Kunstprosa bis Angustas. 

luufohe Auf den Stil der ältesten, von griechiscliem Einflofs noch 

unberührten; eigentlichen Prosa habe ich hier nicht einzugehen, 
obwohl es mich reizen würde, eine noch gar nicht in Angriff 
genommene Arbeit fertig zu stellen, nämlich durch Kombination 
der ältesten lateinischen Monumente mit den iguvinischen 
Tafeln und dem Stadtgesetz von Bautia ein Bild italischer Prosa 



ich übertrage ihnen | und gestehe ihnen zu | Grünland und Grund, | das 
Eigentum mit dem Besitzrecht, | auf ewige Tage. | Weder ich noch meine 
Nachkommen, | und Niemand von meiner Seite, | wollen da ninunermebr, | 
niemals Anspruch erheben, | im Rechte noch auTserhalb Bechtens ... | zu 
versetzen zu verkaufen, | zu brauchen zu betreiben**), die ich hier lieber 
ersetzen will durch einige Übersetzungen, die J. Grimm in seinen Deutschen 
Rechtsaltertümem ' (Qött. 1881) 88 ff. fdr einen andern Zweck angefahrt hat 
Eine altnordische Formel, die gesprochen wurde, wenn sich die Erben des 
Ermordeten nach erlegter Bufse mit dem Mörder aussöhnten, lautet nach 
der Übersetzung Grimms : „Sie soUen teilen miteinander || Messer und Braten 
(Jcnif ok hiöt heifst es in der dänischen Übersetzung, die Grimm der seinigen 
zu Grunde legt)|, und alle Dinge wie Freunde und nicht wie Feinde ||; wer 
das bricht I, soll landflüchtig und vertrieben sein, || soweit Menschen land- 
flüchtig sein können, | soweit Christenleute in die Kirche gehen | und 
Heidenleute in ihren Tempeln opfern; || Feuer brennt | und Erde grünt; |l 
Kind nach der Mutter schreit, | und Mutter Kind gebiert; Q Holz Feuer 
nährt, I Schiff schreitet; || Schild blinket, | Sonne den Schnee schmelzt; || Feder 
fliegt, I Fohre wächst; || Habicht fliegt den langen Frühlingstag, | und der 
Wind stehet unter beiden seinen Flügeln, || Himmel sich wölbt, | Welt ge- 
baut ist; II Winde brausen, [ Wasser zur See strömt, | und die Männer Korn 
säen. II Ihm sollen versagt sein j Kirchen und Gotteshäuser, | guter Leute 
Gemeinschaft und jederlei Wohnung, | die Hölle ausgenommen. || Aber die 
Sühne soll bestehen | fSr ihn und seine Erben, || gebome und ungebome, | 
erzeugte und unerzeugte, | genannte und ungenannte, || solange die Erde ist, | 
und Menschen leben. || Und wo beide Theile sich treffen, || zu Wasser oder 
Land, | zu Schiff oder auf E[lippe, j zu Meer oder auf Pferde Bücken, 1 sollen 
sie theilen mit einander || Buder und Schöpfe, j Grund oder Diele, | wo es 
Not thut, I und freundlich untereinander sein || wie Vater gegen Sohn | und 
Sohn gegen Vater | in allen Angelegenheiten." Oder eine Bannformel aus 
dem Bheingau: „Der Bichter spricht mit hoher Stimme: Ich neme dir 
heutzutage | dein lantrecht u. all dein ere, | um den todschlag, den du hast 
getan j uf des reiches straßen j u. teile darum || deinen leib den lantleuten, | 
dein lehen dem heren, | dein erbe den es gebühret, | dein elich weib zu 
einer wißenÜichen witwen, | deine kinder zu wißenÜichen waisen, | und 
setze dich || aus gerichte in ungericht, j aus gnade in Ungnade, j aus laat* 
fried in unfried, || also das niemand an dir frevelt.*' Ebenso in Segens* 
formeln, z. B. dem kürzlich von A. Schönbach, Eine Auslese altdeutscher 
Segensformeln, in: Analecta Graeciensia (Graz 1893) 80 publizierten Bienen- 



Formlose Prosa. 163 

za entwerfen.^) Aach hier wQrden wir deutliche Entwicklung 
erkennen: denn welch ein Schritt ist es von den kurzen, ohne 
jede Spar von Hypotaxe gebildeten Sätzen der zwölf Tafeln 
(z. B. VIII 12 $i nox furtum faxsity si im occisit, iure caesus esto: 
die kunstvollste Periode der erhaltenen Fragmente) bis zu den 
Monstra von Perioden in den späteren Gesetzen. Hier wie dort 
herrscht eine Art von Formenlosigkeit^ die man unwillkürlich 
mit den kyklopischen Mauern vergleicht; hinter dem Gedanken 
tritt jede Sorgfalt um die Form völlig zurück^, aber dabei 
welche Kraft und Natürlichkeit^ welcher Ernst und Würde^ welche 
sanctitas, kurz welches echt italische Wesen. Wer wird nicht 
feierlich gestimmt, wenn er die Formulare für die Lustration des 
Stadtberges von Iguvium oder die alten Evocations- imd De- 
votionsformeln (bei Macrob. sak III 9) liest? Man denke sich 
den Brief der Konsuln vom J. 186 v. Chr. in Oiceros Stil um 
und frage sich, ob Konsuln, die in seinem Stil geschrieben 
hätten, noch berechtigt gewesen wären, mit solcher Indignation 
von fremdländischen Kulten zu reden. 



Mgen: „Item, daz chain pein oder imbt hin flieg noch verderben, schreib 
anff ein plej: In nomine patris et fil\i et spiritus sancti und leg es nnder 
das peickar [d. h. Bienenstock] und sprich also: 'Ich peswer ench pey dem 
allmachtigen got, das ir in chainen wald | noch in chain veld nicht kompt 
mid chain flucht von hin habt noch tAt. || Sand Abraham der pehab euch, 
Sand Jacob der pring euch wieder zu, | Sand Abraham der volg euch, | Sand 
Josephen der hab euch zesamen. || Ich peswer euch pey unsser frawen Maria, 
der ewigen magt, | Ich peswer euch pey Sand Josephen, | das ir von diser 
stat nicht komt | wan zu rechtem flug an ewr stat. || Ich peswer euch pey 
per Patrem, per Filiom, per Spiritom sanctum, | das ir chainen urlab von 
hin habt | ze fliegen zu chainen menschen. ' || — Analoges aus dem la- 
teinischen Mittelalter wird später vorkommen und im Anhang I werde ich 
über den Parallelismus als Grundform aller gehobenen Rede genauer zu 
handeln haben: die dort angeführten lateinischen incantamenta mag man 
ihrer Form wegen schon hier vergleichen. 

1) Mein Schüler 0. Altenburg ist gegenwärtig mit der Behandlung 
dieses Themas besch&fdgt. 

t) Daher die vielen constructiones ad sensum, cf. Buecheler zur lex 
Otca tab. Baut. 2, 9 f. in Fontes iur. Rom. ed. Bruns* p. 50. W. Weifs- 
brodty Observ. in SC. de Bacch. part I [unica] (Braunsberg 1879) 6 f. zu 
Zeile 9 und 18. 



U 



164 ir. Die römische Eunstprosa bis Angnstus. 



Zweites Kapitel. 

Die Umgestaltung der nationalen Prosa dnrcli den Hellenismus 

(bis zu Sullas Tod 78 v. Clir.). 

c«to. An der Spitze dieser Epoche*) steht der alte Cato, wie 

unter den Dichtem Naevius, so er unter den Prosaikern die 
originellste Erscheinung der älteren lateinischen Litteratur- 
geschichtO; für die Späteren der Repräsentant der yiri magni 
antiqui« Er gehörte der Zeit an^ in welcher die Frage nach der 
Stellungnahme der lateinischen Litteratur zur griechischen mit 
grofster Erbitterung von förmlichen factiones diskutiert wurde. 
Nichts zeigt so sehr die innere Notwendigkeit des Sieges des 
Hellenismus; als dafs derselbe Mann^ der seinem Sohne in be- 
absichtigtem Prophetenton vom Griechenvolk verkündet hatte: 
quandoque isla gens suas litteras ddbitj omnia cornimpet (Plin« n. 
h. XXIX 14); der seine auf Q. Ennius gesetzten Hoffnungen so 
bitter enttäuscht sah, der die graeca factio mit so bitterem Spott 
verfolgte, dafs dieser Mann dem Zuge der Zeit zuerst unbewuTst^ 
in seinem Alter bewufst und gern sich hingab. Zwar wollte er 
nicht wie jene Graecomanen, die den Spott und die Verachtung 
aller Patrioten herausforderten ^ ein Aufgehen des römischen 
Wesens in das griechische^ aber den vermittelnden Bestrebungen 
des ScipionenkreiseS; dessen Mitglieder alles vermieden, was den 
hochangesehenen und beliebten Mann verletzen konnte ; gelang 
eS; auch ihn zu überzeugen, dafs eine Veredlung des römischen 
Wesens durch die hellenische Kultur nicht mit einer Vernichtung 
des ersteren identisch sei. So hat er, um nur eins anzuführen^ 
in seinem Alter alles, was sich die Griechen über griechische 
Elemente in der frühsten Bevölkerung Roms ausgedacht hatten, 
auf Treu und Glauben angenommen (cf. Orig. fr. 19 Pet.). 

Seine Sprache war der Ausdruck seiner Persönlichkeit: 
orationi vita admodum congruens (Cic. de rep. II 1), und daher 
gehört das, was wir von ihm haben, zum Originellsten der 
lateinischen Litteratur. Uns geht hier nur das Stilistische an, 
wobei wir die verschiedeneu Werke scheiden müssen. Der Stil 



1) J. Manso, Über das rhetorische Gepräge der röm. Litteratur, Gjmn.- 
Progr. Breslau 1818, enthält nur allgemeines Baisonnement. 



Der Stil der catonischen Werke. 165 

der Schrift de agri cultura ist ganz roh: natürlich, denn das 
Bach 80II dem praktischen Gebrauch des Bauern dienen und zu 
ihm redet er im Ton, der dem rusticus, wenn er an den Markir 
tagen in die Stadt kam, aus den Gesetzen entgegenklang: alle 
Erscheinungen, die wir in der Gesetzessprache antreffen, finden 
sich hier wieder, vor allem auch der Mangel künstlicher 
Periodisierung« Darin liegt für uns der Hauptreiz dieser Schrift; 
welch ein Kontrast zu Varros Büchern: der schreibt doch wahr- 
lich auch nicht elegant, aber immerhin fQr homines urbani. Viel 
entwickelter ist der Stil des Geschichtswerks, kurz, derb, kraft- 
voll: fr. 93 (von den Spaniern diesseits des Ebro): sed in his 
regionibtis ferrareaej argenti fodinae pulcherrimaey mans ex säle 
mero magnus: quantum demas, tantum adcrescit. venttis cercius 
cwn hguare buccam impletf armatum hominem plaustrum oneratum 
perceUit; während er fr. 86 den Maharbal zu Hannibal nach der 
Schlacht bei Oannae sagen läfst: mitte mecum Bomam equitatum: 
diequinti in CapHolio tibi cena cocta erit, ändert das Livius 
(XXn 51, 2): die qtdnto in Capitolio epuhberis. Um über ein- 
zelnes zu urteilen, reichen die wörtlichen Fragmente nicht aus. 
Dagegen haben wir von den Reden, alles zusammengenommen, 
an umfang ungefähr so viel wie eine Rede Ciceros. Die Reden 
waren es, die seinen Namen in lebendigstem Andenken erhielten. 
Er selbst hielt sie für wert, der Nachwelt überliefert zu werden, 
an seinem Lebensabend sammelte er sie und gab sie heraus: 
daran erkennt man deutlich den griechischen Einflufs. Man 
kann sich keine drastischere Diktion denken als die catonische; 
jedesmal trifft er den Nagel auf den Kopf; er ist nicht zimper- 
lich in der Wahl der Worte (z. B. XVIII 1), aber er sagt meist 
mit einem Wort mehr als Cicero mit einem Satz: er erzählte 
selbst, die Athener hätten sich über die Kürze und Schärfe 
seiner Diktion gewundert, denn w'as er mit wenigen Worten 
gesagt hatte, dazu wären für den Dolmetscher lange Umschweife 
Ddtig gewesen: den Hellenen kämen eben die Worte von den 
Lippen, den Römern aus dem Herzen (Plut. Gat. 12). Wie 
verhält sich nun sein Stil zu dem der griechischen Redner? Er 
leigt, wenn ich richtig empfinde, ein eigenartiges Schwanken: 
bald schreibt er in kurzen, aneinander gereihten Sätzen, bald in 
dem ungehobelten Stil der Gesetzessprache, bald baut er 
Perioden, in denen der Einflufs griechischer Rhetorik un- 



166 n. Die römische Eunstprosa bis Augastns. 

verkeimbar ist und gelegentlich mit einer gewissen naiven Anf- 
dringlichkeit sich breit macht. Ein Beispiel für die Xi^ig itgo- 
(idvri XXXVII 3: Jwmines defodertint in terram dimidiatos ignemque 
circumposuenint, ita interfecerunt (wofür Cicero geschrieben hätte: 
homines in terram defossos igni circumposito interfecerunt) ^ cf. 
Vin 1 ; IX 1 ; XLVII. Mit welchen Angen mag Cicero Perioden 
wie die folgenden gelesen haben: or. XXI: nam periniurium siet, 
cum mihi ob eos mores guos prius häbui honos detur^ uhi daim est, 
tum uti eos mutem atque alii modi siem (wo man den Satzbau 
der Gesetzessprache in dem eingeschachtelten übi datus est und 
der Wiederau&ahme durch tum ubi eos deutlich merkt); LI: 
atque ego a maiorihus memoria sie accepi, sigtiis quid dUer ab 
altero peterent, si amho pares essent^ sive honi sive mäli esscnt, 
quod duo res gessissent, uti tesies non interessent^ Uli unde petitur^ 
ei potius credendum esse (was nichts ist als das Gesetz in in- 
direkter Rede); LII: audite sultis milites^ siquis vestrum beUo 
super fuerit, siquis non invenerit pecuniam, egebit (wo die beiden 
mit si aneinandergereihten Sätze ein genaues Analogen haben an 
dem eben angeführten Gesetz und der oben S. 163 citierten lex 
der XII tab.). Dagegen ist z. B. folgendes eine Periode , die 
Cicero nur ganz leicht geändert haben würde (in der Rede für 
die Rhodier): si honorem non aequum est haben ob eam rem, quod 
bene facere voluisse quis dicit neque fecit tamen: Ehodiensibus ob- 
eritj quod non male fecerunt sed quia voluisse dicuntur facere? So 
konnte nur schreiben^ wer das so aulserordentlich beliebte iv9^ 
li^rilia des sog. argumentum ex contrario aus den griechischen Rednern 
gelernt hatte. ^) Ahnlich ist die wirklich glänzend geschriebene 
indignatio in or. IX, von der Gellius X 3, 17 nicht mit Unrecht 
sagt; dafs Cato hier dem Cicero gleichkomme. Eigentümlich 
ist bei Cato die Häufung synonymer Wörter: I 1: scio ego atque 
iam pridem cognovi atque intellezi atque arbiträr rem ptMicam 
curare indusiria summum periculum esse; I 27: censores qui poslhac 
fient formiduhsius atque segnius atqxie timidius pro r. p. nitentur. 
VIII 1: tuum nefarium facinus peiore facinore operire poslulas, 
succidias humanas facis, tantam trucidationem facis, dccem funera 
faciSj decem capita libera interficis, decem hominibus vitam eripis, 



1) Cf. G. Gebauer, De hypotacticis et paratocticis argumenti ex con- 
trario formis, Zwickau 1877. M. Seyffert, schol. lat. I' (Leipi. 1878) IMC 



Der Stil der catonischen Werke. 167 

mdida causa iniudicatis incondemnatis, cf. X 2; XI 1. Orig. V 1 
(aas der oratio pro Rhodiensibus): scio solere plerisqtte hotninSrns 
rebus secundis atque prolixis atque prosperis animum excellere atque 
superbiam atque ferociam augescere atque crescere. TV er sich an 
die Vorliebe der attischen Redner, besonders des Demosthenes 
erinnert y eme und dieselbe Sache durch zwei oder mehrere 
Worter auszudrücken, und bedenkt, dals die Rhetoren darin ein 
Mittel zur dsivöxrig fanden, welches besonders angebracht sei 
onerandi tel exprobrandi criminis causa (Gell. XIII 25, 9): der 
weifs, dafs der alte Romer dieses beliebte Mittel mit Bewufst- 
sein angewandt hat, aber so roh und plump, dafs er uns, die 
wir wissen, mit welcher Eleganz es Cicero benutzte, ein Lächeln 
ablockt; nicht anders hat übrigens schon Gellius 1. c. den Zu- 
sammenhang aufgefafst. ^) Wenn Cato XI 4 sagt: alitid est pro- 
perarCj aiiud festinare. qui unum qnicquid mature transigit, is pro- 
perat; qui mtdta simul incipü neque perficit, is festinat^ so ist das 
die Figur des ögi^fiög (definitio), die zurQckgeht auf die ög^ö- 
xfig ivo^dtmv des Prodikos (cf. die Parodie Piatons Prot. 337 AB) 
und sich in der Litteratur von Thukydides (s. oben S. 97) an ver- 
folgen läfst; der Verfasser der Rhetorik an Herennius giebt 
dafür mehrere Beispiele (IV 25, 36), so: non est ista diligentia 
sä avaritia^ ideo quod diligentia est accurata canservatio suorum, 
avariüa iniuriosa adpetitio alienorum. Mit Bewufstsein hat er 
auch die ^AUitteration' (s. oben S. 59, 1) angewandt XL 1: num* 



1) Für Demosthenes cf Dionys de Dem. 6S. Theon prog. S4, 5 Sp. und die 
erU&renden Ausgaben ; Blafs 1. c. III 1 ' p. 97 ff. Aus der spätem Litteratur reiche 
StellenBammlnng yon Boissonade zu Eunapios p. 163 ff. Über die Vorliebe för 
lolche H&ufimgen in der griechischen Sprache überhaupt cf. Lobeck, Para- 
lip. gramm. graec. I 60 mit Anm. 28 und zu Soph. Aias V. 146 (p. 186 ff.). 
Für Cicero cf. GkUius 1. c. 9 ff., ihn selbst de part. orat. 20 ifdustris est or<Uio, 
H et verba gravitate deleeta ponuntur et trdkUa et <id nomen adiuncta et 
dupUcaUi^ et idem significantia und als Beispiel etwa noch pro Plane. 2 
mMc auUm vtster, iudices^ conspectus et cansessus iste reficit et recreat men- 
fem meam, cum intueor et cantemplor unumquemque vestrum; cf auch B. Volk- 
mann, Die Rhetorik d. Griech. u. Böm. (Leipz. 1886) 472 f. Vieles, was die 
heutige Vulgärerklärung als Sv Siä Svotv bezeichnet, ist vielmehr yon 
diesem Gesichtspunkt aus zu erklären, cf. G. Hatz, Zur Hendiadys in Ci- 
oeroe Reden, Progr. Schweinfurt 1886. J. Straub, De tropis et figuris De- 
motthenis et Ciceronis (Diss. Würzburg 1888) 122 ff. Ph. Spitta, De Tadti 
in componendis enuntiatis ratione (Diss. GOttiugen 1866) 49 ff. 



168 n. Die römische Eunstprosa bis Angustas. 

quam tacet quem morbus tenet loquendi tamquam vetemosum U- 
bendi atque dormiendi. quod si non conveniatiSj cum convocari 
iubety ita cupidus orationis conducat qui auscültet. itaque auditis 
non auscultatis tamquam pharmacopolam. Oato hat auch von den 
Griechen gelernt, dafs der Rede an sehr gehobenen Stellen, be- 
sonders in ixg)Qä<fB^g, poetisches Kolorit zukomme: I 8: deinde, 
postquam Massiliam praeterimus, inde omnem classem ventus auster 
lenis fertj mare velis ßorere videres; dasselbe Bild hat 
Lucrez V 1442, der es um so sicherer aus Ennius nahm, als 
uns durch Servius zur Aen. VII 804 bezeugt wird, dafs dieser 
florere oft in übertragener Bedeutung gebrauchte: daraus folgt 
also, dafs es Cato aus Ennius hat. Ebenso: ine. 17: dum se in- 
tempesta nox praecipitat; das ist sicher dichterisch (trotz 
H. Jordan im Rh. Mus. XIV [1859] 262), und da es auch 
Yergil Aen. II 9 hat, so entnahmen es beide aus Ennius. Man 
sieht also, dafs Cato, wie er in seinem ganzen Wesen zwischen 
Ablehnung und Aneignung des Hellenismus schwankte, so auch 
in seinem Stil halb ein Eind der alten Zeit, halb von dem neuen 
Geist beeinflufst war, dem zu siegen bestimmt war.^) 

Daher urteilten auch die Späteren, an Kraft seien die Reden 
Catos unübertroffen, in der Form noch ziemlich roh: Cicero de 
or. I 171: eloquentia tanta fuü quantam illa tempora atque itta 
aetas in hac civitate ferre maximam potuit und or. 152 nennt er 
seine Reden horridulas; Gellius XIII 25, 12: doquentiae latinae 
tunc primum ezorientis lumina quaedam sublustria und besonders 
VI 3, 53: ea omnia distinctius numerosiusque fortassean dici po- 
tuerinty fortius atque vividius potuisse dici non videntur (c£ I 23). 
Die Thatsache allein, dafs man mit ihm die lateinische Bered- 



1) Auf eine inhaltliche Entlehnung aus dem Griechischen möchte ich 
noch hinweisen. Plutarch Cat. 2 sagt, Cato habe iv totg iMOfptiypMui %al 
xatg yvmfioXoylaig vieles aus dem Griechischen übersetzt (cf. H. Jordan 1. c. 
261 ff.); das läfst sich in einem Fall noch zeigen. V 1 cogitat€ cum animia 
vestris, siquid vos per laborem recte feceritis, labar iUe a vobis cito recedet, 
hene factum a vobis dum vivitis non abscedet. sed siqua per vduptatem ne- 
quiter feceritis, voluptas cito abibit, nequiter factum iUud apud vos semper 
manebiti diese Worte fahrt Gellius XVI 1 an, indem er mit ihnen eine 
Sentenz des Musonius vergleicht: «Sfy rt n^dl^g "nalhv (letä «^ov, 6 iikw 
n69og oUxBtai xb dh naXbv fiipH' &v ti non/jaffg alaxQbv iistcc ^Sovfjg, tb pkv 
i^Sv oUxBxai xb öh aiaxQov fitvsi. Wir werden daraus folgern, dafs beide 
den Gedanken aus alter griechischer Lebensweisheit übernommen haben. 



Cato. Die Anf&nge der BeredBamkeit. 169 

samkeit beginnen liefs, zeigt , dafs man ftlUte und wuTste, er 
habe sieb, wenn ancb in geringem Mafse, an griechischer r^;|rn} 
gebildet. 

Ich werde jetzt in grofsen Zügen den wachsenden EinfiuTs 
des Hellenismus auf den Stil der Rede und der Geschichts- 
schreibung bis auf den Beginn der ciceronianiscben Zeit unter 
AnfUirung geeigneter Beispiele aufzeigen. 

1. Die Redner.*) 

Die verschiedenen Etappen giebt Tacitus dial. 18 kurz so DieManiei 
an: Catoni seni comparatus C. Gracchus plenior et ulerior; sie 
Graceho polüior et amatior Crassus; sie utroque distinctior et ur- 
haniar et aÜior Cicero, womit im ganzen der Abrifs der Ge- 
schichte der romischen Beredsamkeit in Giceros Brutus überein- 
stimmt. Nur die Aristokraten huldigten der hellenisierenden 
Tendenz: Marius stand ihr noch viel schroffer gegenüber als 
Cato. Wenn wir finden werden, dafs nicht der groDse Fluls der 
demosthenischen Perioden^ sondern die abgezirkelte Schnorkelei 
der sophistisch-isokrateischen Diktion bei den Romern nach- 
geahmt wurde, so müssen wir bedenken, dafs die romische Prosa 
zu einer Zeit in den Bannkreis der griechischen trat, als diese, 
wie wir oben gesehen haben, unter dem Einfluls der Asianer 
▼on Demosthenes zu Isokrates und den Sophisten zurückkehrte. 
So gut also die Römer in der Poesie und Grammatik sich an 
das anschlössen, was gleichzeitig in Alexandria und Pergamon 
Mode war, so lernten sie die Verfeinerung ihrer Prosa zunächst 
▼on den damaligen Modeschriftstellern. Wie sehr damals die 
manierierte Prosa auch in Rom herrschte, zeigen zwei Fragmente 
des Lucilius. Im ersten (993 L.; 56 B.), welches Cicero an 
mehreren Stellen seiner rhetorischen Werke citiert, um zu 
zeigen, dafs man zwar groJGse, aber nicht kleinliche Sorgfalt auf 
die Struktur der Satze verwenden müsse, wird der verschnörkelte 
Stil des ganz zum Griechen gewordenen Albucius verspottet: 



1) Cf. auch A. Tartara, I precursori di Cicerone. Considerazioni sullo 
Bfolgimento dell' eloquenza presse i Romani, in: Annali delle nniversitä 
Toteane XVm (Pisa 1888) 291—628. Diese auf breiter Basis ruhende, in 
Deutschland wenig bekannte Abhandlung ist ein sehr wertyoUer Beitrag 
rar römischen latteratorgeschichte der Bepublik. 



170 n. Die römiBche Eunstprosa bis Augustus. 

quam lepide lexeis compostae ut tesserulae omnes 
arte pavimenio atque emblemate vermiculato. 
Im zweiten (152 ff. L.; 145 B.), das Gellius XVIII 8 eben des- 
wegen citierty schreib b er scherzhaft an einen Freund^ der, wie 
er selbst, ein Gegner dieser Künstelei ist: 

quo me habeam pactOy tarn etsi non quaeris, doabOf 
quando in eo numero mansti, quo in tnaxima nunc est 
pars hominum, 

ut periisse velis quem visere nolueris, ctim 
debueris. hoc * nolueris* et *debueris* te 
si minus ddedctt, quod &xb%vov et Eisocratium est 
kriQ&Ssöqtie simul totum ac 6v(i(isiQaxi&8sg^ 
non operam perdo. 
I. Die Die Beden des jüngeren Africanus, des Hanptes der ge- 

0. 100t. Chr. mäfsigt hellenistischen Partei, zeigen, obwohl sie Qointilian Xu 
10, 10 noch zu den horridiores zählt, in der Kunst des Stils 
einen erheblichen Fortschritt gegenüber Gatö. Ein Satz bei 
Gellius Vn 12 lautet: nam qui quotidie unguentatus adversum 
speculum ometur, cuius supercilia radantur^ qui barba volsa femir 
nibusque subvolsis ambulet, qui in conviviis adulescenitdus cum 
amatore cum chiridota tunica interior accubtierit, qui non modo 
vinosus sed virosus quoque sit: eumne quisquam dubitet quin idem 
fecerit quod cinaedi facere soUnt? (kunstvolle Periodisierung, 
Wortspiel, '^^oxoUa rot) xivaidov). Zwei Fragmente werden 
von Isidor. or. II 21, 4 für die Figur der Klimax angeführt: 
ex innocentia nascitur digniias, ex dignitate honor^ ex Jumore Im- 
perium, ex imperio libertas, — vi atque ingratis coactus cum iUo 
sponsionem feci, facta sponsione ad iudicem adduxij adductum primo 
coetu damnavi, damnatum ex voluntate dimisi (wo man auch beide 
Male das xBvgayiioXov beachte). 

Nichts ist uns erhalten von M. Aemilius Lepidus Porcina 
(cos. 137), von dem Cicero (Brut. 95 f.) sagt, bei ihm habe sich 
zuerst jene levitas (Aftrfriyg) Graecorum und Periodisierung (ver- 
borum comprehensio), kurz ein artifex stihis gezeigt. Ebenso 
wenig ist etwas erhalten von C. Papirius Carbo (cos. 120): er 
war nach dem Urteil eines Zeitgenossen bei Cicero 1. c. 105 ein 
orator canorus et volubilis, valde dulcis et perfacetuSj der auch, 
bevor er aufgetreten sei, Übungen angestellt und sich Notizen 
gemacht habe. 



Die Anfänge der Beredsamkeit. 171 

Der nach dem einstimmigen Urteil der Nachwelt be- 
deutendste Redner dieser Epoche war C. Gracchus: es will viel 
sagen, wenn ihn Cicero 1. c. 126 noch seiner Zeit dringend zum 
Studium empfiehlt. Sein Lehrer war der Rhetor Menelaos aus 
Marathus in Phönicien, also ein Asiate wie Diophanes von Myti- 
lene, der Lehrer seines Bruders. Dem leidenschaftlichen Tem- 
perament (flagrantissimum ingenixitn Yal. Max. YIII 10, 1) dieses 
genialen Menschen mufste die aufgeregte asianische Beredsamkeit 
ein willkommenes Mittel sein, seinen Gedanken den entsprechenden 
Ausdruck zu leihen; wir hören von seiner Aufsehen erregenden 
Aktion: er ging erregt auf der Tribüne hin und her, schlug sich 
den Schenkel, rifs sich an seiner Toga (Oic de or. III 214; 
Plut. Ti. GraccL 2), alles Einzelheiten, die er den griechischen 
Rednern jener Zeit abgelernt hatte ^); auf die sicher verbürgte 
Nachricht Ton dem Flötenspieler, der ihm während der Rede 
Stimmhöhe imd Stimmstarke angab, ist schon oben (S. 57) hin- 
gewiesen.^ Berühmt war wegen ihres Pathos eine Stelle, die 
Cicero de or. III 214 und andere citieren: quo me miser con- 
feram, qtto vertam? in Capitoliumne? at fratris sanguine redundat. 
an damum? matremne ut miseram hmentantem videam et ab- 
ieetam? Wem weht daraus nicht der Geist der catilinarischen 
Reden entgegen?') Unter den Fragmenten ist eins, welches 
durch seine geradezu raffinierte Ausdrucksweise die Verwunderung 



l) Cf. besonders die ausgezeichnete Sammlung des CresoUins in seinen 
Vaeationes automnales, Paris 1620. 

8) Ich begreife nicht, dals ' man noch immer an der Deutung dieser 
gaas ein&chen Stelle zweifelt (cf. M. Hertz, Berl. phil. Wochenschr. XUl 
[1S98] 1461 f.). Ich will fOr den hinter Gracchus aufgestellten servus doch 
eine Parallele anführen, die vielleicht überzeugt: Seneca contr. IV praef. 8 
berichtet yon dem leidenschaftlichen Haterius: regt ah ipso non poierat; 
oliogHi Uberium hahehat euipareret] sie ib{U, quomodo ÜU aut coneitav^ai 
eum aiU refrenaverat iubebat eum üle transire, cum dHquem locum diu 
dixerat: transtbat; insistere iuhebat eidetn loco: permanebat; iiibehat epHogum 
Heere: dieebat. in sua potesUxte hahehat ingenium, in aliena modum. Cf auch 
Cic. de leg. I 2, 6 Dionys. ep. ad Pomp. 4. Auct. ntgl ^ovg 8 (und dann 
0. Immisch im Rh. Mus. XLVHI [1893] 512 ff.). 

8) Tartara 1. c. (oben S. 169, 1) 468 adn. hat beobachtet, dafs diese 
SieUe nachgeahmt wird yon Cicero in der peroratio der Rede für Murena 
88 t: quo ee mieer vertet? domumne? ut . . . videat? an ad matretn, quae 
. . . eonepieiat? tbü igitur in exilium miser? quo? ad orientisne partis . . .? 
ot AoM magnum doiofem etc. 



172 n. Die rOmische Eimstprosa bis Angiutas. 

schon des Gellias XI 13 erregte: quae vos cupide per hosee atmos 
appetistis atque voluistis, ea si temere repudiaritis, abesse non potest 
quin aut olim cupide appetisse ant nunc cupide repudiasse dicamini, 
wozu Gellias bemerkt^ diese Worte seien aus dem Anfang einer 
(im J. 123 gehaltenen) Rede und zwar: collocata accuratius 
modulatiusque quam veterum oratorum consuetudo fert: abgesehen 
von der scharfen Gegenüberstellung der Begriffe und der ener- 
gischen Klausel mit den zwei Eretikem mufs man sich die i6o- 
xmUa vergegenwärtigen: der Vordersatz hat 32 SilbeUi der 
Nachsatz 31 und innerhalb des letzteren die mit aut-cuU sich 
gegenübergestellten xöiiiiaxa je 10 Silben: das hätten Gorgias 
und Isokrates nicht besser machen können. Ähnlich ist unter 
den Fragmenten seiner Reden nur noch das von Isidor. or. II 21 
überlieferte: pueritia tua adulescentiae tuae inhonestamentum fuäf 
adulescentia settectuti dedecoramentumj senectus rei puhlicae flct- 
gitium, eine Klimax, wie wir sie schon beim jüngeren Scipio 
fanden, nur hier in der Form des tgixmXov und gehoben durch 
das sehr starke ifioiordlsvrov. — Von C. Pannius (cos. 122), 
dem Gegner des C. Gracchus, 4iahen wir zwei Fragmente, in 
denen das rhythmische Element stark hervortritt. Das erste 
wird von Cicero de or. III 183 eigens wegen des kretischen 
Rhythmus citiert, es stammt aus dem Anfang einer Rede: si 
Quirites minas illius (zu^ ^ujl z^^) und ist, wie E. Marx 
(in den Prolegomena seiner Ausgabe des auct. ad Herenn. [Leipz. 
1894] 99) bemerkt, eine offenbare Imitation des berühmten Ein- 
gangs der Kranzrede: tot$ ^sotg süxo^ai n&öi xal ndöatg. In 
den beiden Sätzen des zweiten Fragments (aus der Rede gegen 
Gracchus, bei lul. Vict. 402 Halm) herrscht der Ditrochäus: si 
LoHnis civitatem dederitis, credo, existimatiSy vos ita ut nunc 
constitisse% in contione hdbituros locum, aut ludis et festis diebus 
interfuturos? nonne illos omnia occupafuros putatis? — Q. Lu- 
tatius Oatulus (cos. 102): non antiquo ülo morCy sed hoc nostro 
eruditus (Cic. 1. c. 132), der, wie R. Büttner (Porcius Licinus 



1) Dies Wort ist viel geändert worden, z. B. consuestis Spengel, eon- 
stitistis Mommsen, aber es ist in die Satzkonstmktion des acc. c. inf. hin- 
eingezogen: derartige 'psychologische' Syntax kann ich viel in der alten 
Sprache nachweisen. Es heilst also, wie Mommsen (in: Ber. üb. d. Yerh. 
d. Sachs. Ges. d. Wiss. 1864 p. 167) übersetzt: „Ihr meint alSo auch dann, 
so wie ihr jetzt vor mir steht, in der Versammlung Platz finden zu kennen?** 



Die Anfange der Beredsamkeit. 173 

und der litterarische Ereis des Q. Lutatius Catulus [Leipzig 
1893] 132 ff.) nachgewiesen hat, die philhellenischen Be- 
strebangen des Scipionenkreiscs mit Bewofstsein fortsetzte , der 
elegante Übersetzer zierlicher griechischer Epigramme^ der Ver- 
fasser der Geschichte seines Konsulats in xenophontischem Stil; 
wurde als Redner vor allem wegen seiner gewählten , auf sorg- 
faltigen lautphysiologischen Erwägungen beruhenden Aussprache 
der Buchstaben gerühmt (Büttner 160 ff.): wir haben gesehen 
(8. 55 ff.), als ein wie wichtiger Bestandteil einer guten Rede dies 
den Griechen galt. — Von Q. Caecilius Metellus Numi- 
dicus (cos. 109) hat Gellius VI 11; XII 9 zwei Fragmente über- 
liefert, welche in Verwendung des Rhythmus und der Wort- 
figuren die Beeinflussung durch griechische Rhetorik aufs 
deutlichste zeigen. Das erste stammt aus der im J. 107 ge- 
haltenen Rede gegen Cn. Manlius tr. pl, der vor allen seine 
Bückberufung aus Numidien zu Gunsten des Marius durchgesetzt 
hatte: nunc quod ad iUum pertinet, Quirites, (^ v^ _ -), quoniam 
se ampliorem ptitat esse, si se mihi inimictim dictitaverit, quem ego 
mihi neque amicum recipio neque inimicum respicio, in eum ego 
non 8um plura dicturus (^ w i j. J). nam eum indignissimum 
arbiträr eui a viris honis benedicatur (x va^ x ^ J), tum ne id(h 
neum guidem cui a probis maledicatur (^ ^ i. j. J). Das 
zweite Fragment (aus der im J. 107 gehaltenen oratio de 
triumpho) ist ganz auf Antithesen basiert: qua in re quanto uni- 
versi me unum antestatis (ii u _ J), tanto vdbis quam mihi ma- 
iorem iniuriam atque contumeiiam facit^ Quirites (x u . .), et 
quanto jprobi iniuriam facüius accipiunt quam altert tradunt 
(x u X j. J), tanto nie vobis quam mihi peiorem honorem habuit: 
nam me iniuriam ferre, vos facere vult, Quirites (^ ^ . J), ut hie 
eonquesHOy istie vituperatio relinquatur (^ u x -t u).*) — Von 
G. Papirius Carbo (tr. pl. 90 oder 89) überliefert und ana- 
lysiert Cicero or. 213 f. folgende ganz ^asianische' Periode: 
Marce Druse (^ u - J), \ patrem appeUo (je 5 Silben), 
tu dicere solebas (a ^ ^j j, J) \ sacram esse rempubli- 
cam (x u 1 j Kj ^) (7:8); 



1) Bemerkenswert ist aach die yon Geliius XV 14 angefahrte und als 
OrftcitmoB erkannte Ansdmcksweise socios pecunias maximas exactos esse 
{iU9U^dioct6 fit iiQyvQiop), 



174 U. Die römische Ennsiprosa bis Aogastas. 

quicumqm eam violavissent (z ou i ^ -); | ^ amnibus 
esse ei poenas persolutas (z v^ _ «). 

patris dictum sapiens \ temeritas fili (7:6) 

comprobavit (^ u _ J). 
n. Antonios AIs die beiden bedeutendsten Redner der vorciceronianischen 
crMiQi. Zeit galten allgemein M. Antonius und L. Licinius Grassus, 
die uns Cicero mit solcher Anschauliclikeit geschildert hat. 
Jener legte kein grofses Gewicht auf die Schönheit der Worte^ 
ohne darum nachlassig zu sein; Orassus dagegen war nach allem, 
was wir aus Cicero wissen, ein Anhänger der ^asianischen' 
Rhetorik. Er liebte es, nicht in langen Perioden, sondern kurzen 
Satzgliedern zu sprechen, cf. Cicero Brut 162 or. 223 und be- 
sonders de or. in 190, wo Crassus selbst sagt: negue semper 
utendiim est perpetuiiate et quasi conversione verharum, sed saepe 
carpenda membris minutioribus oratio est^ quae tarnen 
ipsa membra sunt nnmeris vincienda. Das läTst sich an den 
meisten der von Cicero aus Crassus' Reden wortlich mitgeteilten 
Fragmente zeigen; cf. Cic. or. 222 f.: 

missos faciant patronos: ipsi prodeant (von Cicero 
selbst als Senar notiert) 

cur clandestinis consiliis \ nos oppugnant (j. )? 

cur deperfugis nostris \ cqpias comparat is contra nos (z )? 

Vor allen aber ist charakteristisch folgende Ton Cicero (de 
or. n 225 f.) angefahrte und aufs höchste bewunderte Stelle: 

Brüte quid sedes (^ s^ _ v^ .)? 

quid ülam anum patri nuntiare vis tuo (x u _ u x u .)? 

quid Ulis omnibus, qtiorum imagines duci vides{j. u . . z v/ .)? 

quid maioribus tuis (jl ^ ^ yj j. yj J)7 

quid L. Bruto, qui hunc populum donrinatu regio lihe- 
ravit (x w _ J)? 

quid te agere; cui rei, eui gloriae, cui virtuti studere (^ u . u)? 

patrimonione augendo (jl u x z .)? 

at id non est nobilitatis {j. yj kj x J). 

sed fac esse (z u _ J): 

nihil superest^ libidines iolum dissipaverunt (z ^ ^ z _) 

an iuri civili (z » ^ z »)? 

est paternum (zu. J). 

sed dicet te, ctim aedes venderes, ne in rutis quidem et eaesis 
solium tibi paternum recepisse (x v^ a. z u) 



Die Anfänge der Beredsamkeit. 175 

an rei militari (zw. .)? 

qui numquam castra videris (x . . w ^ u .)? 

an eloquentiae (z ^ . u _)? 

quae neque est in te et, quidquid est vocis ac linguae (^ ^ i ^ .), 

omne in istum turpissimum calumniae quaestum contulisti 

tu lucem aspicere^audes (ü u ^ ^ .)? 

tu hos intueri (x ^ « -)? 

tu in faro^ tu in urbe, tu in civium esse conspectu {j, yj ^ j. _)? 

tu iUam mortuam, tu inuigines ipsas non perhorrescis 

(2. \j 1, J. v/)? 

gpnibus non modo imitandis sed ne collocandis quidem tibi locum 

ullum reliquisti (x v ^ ^ -). 
Endlich noch ein Wort über das umfangreichste und wich- m« bii« 
tigste Sprachdenkmal der sullanischen Zeit; die Rhetorik an HemmliDu 
HerennioS; der erst kürzlich durch die Ausgabe von E. Marx 
(Leipz. 1894) der gebührende Platz in der Geschichte der latei- 
nischen Litteratur angewiesen worden ist. Der Verfasser schreibt 
da, wo er dem Vortrag seines Lehrers etwas Eignes hinzuf&gt, 
wie ein Schuljunge^ indem er seine kümmerlichen Gedanken mit 
allen Füttern der Rhetorik behängt. Marx hat dafür in den 
Prolegomena 86 ff.; 167 ff. viele Beispiele gegeben, von denen 
ich hier nur wenige, um die Art zu bezeichnen , anführe: 
IV 19| 26: iUud tardius et rarius venit, hoc crebrius et cderius 
pervenit in 11, 20: quoniam altera natura pari tur, altera eura 
eomparatur IV 25, 35: ut neque pluribus v^bis opor^i^sa dici 
videatur neque breuius potuisse dici putetur. Seine Perioden 
gestaltet er fast durchweg mit rhythmischer Klausel, cf. Marx 
p. 100 £, doch will ich dafür hier keine Belege anführen, sondern 
sie mir aufsparen bis zu dem Abschnitt, in dem ich die Ge- 
schichte dieser Klausel von Thrasymachos bis ins Mittelalter im 
Zusammenhang darstellen werde (Anhang 11). 

2. Die Historiker. 

Cicero hat an den beiden Stellen, wo er in kurzen Zögen 7. ni« 
eine Geschichte des Stils der lateinischen Historiographie giebt •^^*"*^^^' 
(de or. II 52 ff.; de leg. I 6 f.), zwei Gruppen geschieden. Die 
erste wird gebildet durch die alten Aimalisten, das sind die 
exHes auclores, denen es nur darauf ankommt, dafs sie, nicht 



176 n. Die rOmische Eunsiprosa bis AugtutuB. 

wie sie die Thatsachen erzählen. Wir erkennen das, da wir 
von ihm die längsten wörtlichen Fragmente haben, am deut- 
lichsten an Q. Claudius Quadrigarius, der am Ende dieser 
und noch am Anfang der nächsten Epoche schrieb. Für seinen 
meist ganz kunstlosen Stil schwärmten die ArchaisteU; z. B. 
fr. 81 (bei Gell. XV 1): cum SüUa conaius esset tempore magno ^ 
eduxil copias, ut Archelai turrim unam quam iUe interposuit ligneam 
accenderet. venitj accessü, ligna subdidit, std>movU Graecos^ ignem 
admoviU satis stmt diu conaU, numquam quiverunt ineendere: üa 
Archelaus omnem materiam ohleverat alumine. quod Suüa atque 
müites miräbantur, et postquam non succendit^ reduxit copias. Man 
/ male sich auS; wie das Livius erzählt hätte. ^) 
II. Dl« Eine neue Wendung brachte der erste Vertreter der zweiten 

mtfti«« Gruppe L. Caelius Antipater: freilich fehle ihm (sagt Cicero) 

MtaSinmg! ^^^^ ^^® ^^^'^^ f *^®^ ®^ hahe doch den Versuch gemacht^ 
wenigstens mit der Axt seinem Werk eine erträgliche Form zu 
geben, und so gehöre er denn schon zu den exomatares rerum, 
während die übrigen blofse narratores rerum gewesen seien. Er 
war in jeder Hinsicht eine epochemachende Persönlichkeit, und 
es ist bezeichnend, dafs kein geborener Romer den Bruch mit 
der Vergangenheit vollzog. Er hat als erster in lateinischer 
Sprache einen Spezialstoff behandelt und zwar mit der bewulsten 
Absicht eleganter d. h. rhetorischer Darstellung: so ist er auoh^ 
wie CS scheint, der erste gewesen, der in reichem Mause fingierte 
Reden aufnahm und lächerliche rhetorische Übertreibungen nicht 
scheute (fr. 39 Pet., vermutlich aus Silenos). Über seinen Stil 
lassen uns die wenigen wortlichen und immer nur ganz kurzen 
Fragmente nicht urteilen; aber eme Thatsache wissen wir, und 
diese lehrt uns gerade genug, um dem Mann seine Stellung in 
der Geschichte des Stils anzuweisen. Cicero or. 229 £ warnt 
vor einer gekünstelten, durch traiectio erzielten Wortstellung^ um 
dadurch die Rede rhythmisch zu gestalten, und mokiert sich 

1^ Von dem Stil des C. Licinios Macer ^tr. pl. 73, f 66) urteilt 
Cicero d« leg. I 7: cmim.< loqmmtas hab€i aliquid aryutiamm, nte id tarnen 
tx ilki trmiita GriHW^ntm ct>jH<i. «w< rx libranoiis latimif, d. h. er war ein 
Anhfta^^r der Uitini rhitti^rtf^ daher auch seine toq Cicero gleich hinterher 
g^rügtif it^pmkHtia. die Cra^us in seinem Edikt gegen die laHmi rMam 
vbei Ciw de or. 111 M^ brandmarkte, Beteichnendenreise war anch llaeer, 
wie die andern Anhänger dieeer Richtung, ei» eifriger Paiteiginger der Pleb% 



Die Anfänge der Geschichtsschreibung. 177 

über die Naivität des Coelius, der in der Einleitung seines Werks 
dem L. Aelins Stilo; dem es gewidmet war, versicherte, er würde 
sich dieses Mittels nur notgedrungen bedienen. ,,0 der naive 
Mann/' ruft Cicero aus, „der uns nichts verheimlicht, aber gegen 
sein Versprechen doch so häufigen und so schlechten Gebrauch 
von diesem Mittel macht!'' Durch die glänzende Entdeckung 
von E. Marx, Studia Luciliana (Diss. Bonn. 1882) 96 S. wird uns 
ermöglicht, diese Worte Oiceros zu prüfen: der auct. ad Herenn. 
warnt lY 18 vor der traiectio verborum: quo in vitio est Gadius 
assiduas, ut haec est: Un priore libro häs res ad te scriptas 
Lud misimus Äeli\ wo man statt Caelius früher gegen die 
Handschriften Lucilius las. Er wagt also die für die damalige 
Zeit in Prosa unerhörte Losreifsung der beiden Bestandteile des 
Namens, wodurch er einen (nach Ennius' Muster) regulären^ 
Hexameter erhält. Wir wissen, dafs er damit zwar gegen den 
Kanon des Isokrates und Aristoteles sündigte, aber der liifLStgog 
li^ der Asianer huldigte: charakteristisch ist, dafs er Lehrer 
und Freund des Grassus war (Oic. Brut. 102; de or. II 54), 
dessen Standpunkt wir soeben kennen lernten.^) — Den L. Cor- 
nelius Sisenna, dessen Todesjahr schon jenseits dieser Epoche 
liegt (f 67), stellt Cicero de leg. I 6 mit Elitarch zusammen: 
m historia puerile guiddam consectatur, ut unum Clitarchum neque 
praeterea quemquam de Graecis legisse videcttur. In den erhaltenen 
Fragmenten ist manches recht schwülstig oder geziert: 104: 
SHbUo mare persubhorrescere caecosque fluctus in $e pervolvere leniter 
oecqfü 123: utrumne divi cuUu erga se mortalium laetiscant an 
mpema agentes humana neglegant Ein Fragment (45) beginnt 
ganz episch: tum subito tacuit Dafs er ein Anhänger der Asianer 
war^ zeigt aufser seiner Zusammenstellung mit Elitarch und 
seiner Übersetzung der Milesiaca vor allem seine berüchtigte 
Sucht, ungewöhnliche oder neugebildete Worte zu gebrauchen, 
worüber ich im nächsten Abschnitt zusammenhängend handeln 
werde. 

Wir haben erkannt, wie der Hellenismus, unaufhaltsam fort- B«auiut< 
schreitend, den Stil der lateinischen Prosa immer stärker um- 
gestaltete. Freilich war man noch weit entfernt, das agreste 

t) Gekünstelte WortsteUuBg auch fr. 44: ipse regis eminus equo ferit 
pedui advorsum (/ u 2. z J), congenuclat percussus, deiecii dominum. 

Horden, antik« Kunttprota. *" \^ 



178 n. Die römische Eonstprosa bis Aagastns. 

Latium mit der ars der Griechen zu einem harmonisclien Gbinzen 
zu verbinden: überall zeigten sich noch die vestigia ruriSf die 
sich von dem gelegentlichen Raffinement nur um so deutlicher 
abhoben. Als Ganzes müssen daher diese Werke einen empfind- 
lich unharmonischen Eindruck gemacht haben, ähnlich wie die 
uns auf Inschriften dieser Zeit erhaltenen Gedichte.^) Die Zeit 
war noch nicht reif für die Meister der Sprache , die an die 
Stelle des gestaltlosen Gemenges eine enge Verbindung setzen 
sollten. So kommt es, dafs z. B. C. Gracchus, der, wie wir 
sahen, gelegentlich an den Schwung ciceronianischer Diktion 
hinanreichte, an Stellen, wo das Pathos durch den Gegenstand 
dringend erfordert wurde, eine ganz matte Sprache zeigte, wie 
bei Gellius X 3 sehr fein ausgeführt wird, und dafs derselbe 
Mann neben jenen Perioden von überkünstelter Feinheit auch so 
schlechte bauen konnte wie etwa die beim Schol. Bob. Gic 
p. 365 Or.: si vellem apud vos verba facere et a vobis postulartj 
cum genere summo ortus essem et cum fratrem prqpter vos ami- 
sissem nee quisquam de P. Africafii et Tiberi Gracchi famüia nisi 
ego et puer restaretmis, ut pcUeremini hoc tempore me quiescere, ne a 
sHrpe genus nostrum interiret et uH oZigtia prcpago generis nosiri 
religua esset: hatid scio an lubentibus a vobis impeirassem. So 
kommt es andererseits, dafs jener Quadrigarius, den wir oben 
haben stammeln hören, gelegentlich (in Beden und Schilderui^^en) 
einen höheren Ton anschlug, cf. fr. 88: crudditer illCj no$ miserl- 
cordücr; avariter ille, nos largiter 89: sed idcirco me fecisse, quod 
utrum ueglegenÜa partim fnagistratum an avaritia an calamitate 
populi J?. evcfiisse dicam uescio (^ u « - -t u .) und besonders 
in der Schlachtenschilderung, fr. 78: equae hinnibundae inter se 



1) Wie passen z. B. die facetiae der Sprache so gar nicht zu dem 
ehrwürdigen satumischen Yersmafs des letzten in diesem Metrum verfafsten 
Scipionenologium CIL I S4 = 9 Buech. (Dafs schon die Inschrift des fiUos 
Barboti grioehischon Einflofs zeige wegen duonoro optumo cf. lutnaoav 
fAcexd^rarf Aeschyl., aya^dtw ngdvictog Xenopb. u. dgl. wird von £. WOlfFlin 
in: Sitzungsbor. d. Münch. Ak. 1892 p. Slä unrichtig behauptet, denn ans 
Liv. XXIX 14, 8, den W. selbst citiert, folgt, dals diese Bezeichnung der 
Scipionen durchaus Tolkstümlich war). Wenn es Ton der Claudia heilst 
(CIL I 1007 »5ä Buech."^: ilomum »rtorit. lanam fecit, so klingt das feier- 
lich und echt italisch, aber schlecht dazu pafst die arge Witzelei heie est 
$tpHlcntm Min jm/ctmw ^mknu femihat und die spitzfindige Antitheoe gnatas 
«/mos cmic^. honthc aJtfmm \ tu ittra hnqmä, alium smb terra locat. 



Mischung des rohen und kunstvollen Stils. Wortstellung. 179 

spargentes terram calcibus (ganz trochäisch), was Peter 
(Historicomm rom. reliquiae I prolegg. CCCIII) wegen der 
poetischen Worte und des rhythmischen Wortfalls so seltsam 
zu sein schien, dais er, weil Nonios citiert Claudius annälibus 
l XVI, dies Fragment lieber einem andern Claudius zuschreiben 
wollte: aber wir haben oben (S. 177, 1) gesehen, dafs ihm Caelius 
Antipater in der rhetorischen Schilderung gerade eines Reiter- 
treffens Torangegangen war.^) 

AuCserlich ist, um dies hier hinzuzufügen, wohl am be- Wort- 
merkenswertesten, dafs durch die Übertragung der rhythmischen. J * ^** 
Gesetze der griechischen Eunstprosa auf die lateinische die pri- 
mitiTe Wortstellung der lateinischen Sprache aufs stärkste be- 
einflofst worden ist, wie wir besonders deutlich z. B. bei Anti- 
pater sahen. Die Thatsache selbst ist so einleuchtend, dals sie 
nicht bewiesen zu werden braucht (der einzige, der meines 
Wissens mit ein paar Worten darauf hingedeutet hat, ist 
W. Schmid, Der Atticismus II [Stuttg. 1889] 283 f.), aber für 
die Erkenntnis des Einzelnen fehlt uns noch alles, da es keine 
Untersuchungen giebt über die Norm der Wortstellung sowohl 
in den Denkmälern der noch nicht vom Griechischen beeinflulsteu 
lateinischen Sprache (samt den italischen Dialekten) als auch in 
den Werken, welche wegen des niederen in ihnen behandelten 
Stoffes die rhetorische Wortstellung ausschlielsen. Jeder weifs 
z. 6.y dafs Cicero und alle späteren Eunstschriftsteller Substantiv 
und Attribut gern durch Zwischenstellung anderer Worter 
trennen; das scheint der alten Sprache fremd zu seinT in den 
Fragmenten der XII tab. stehen Substantiv und Adjektiv immer 
zusammen bis auf eine Stelle, die sinnlos überliefert ist^); das- 
selbe gilt wohl für alle alten Gesetze: wenn im SC de Bacch. 
Z. 11 steht: ti^ve pecuniam quisquam eorum comoinem habuise 



1) Cf. auch fr. 8 (Gell. XVn 2, 13) von Manliue Torquatus: er sei so 
reich mit Tugenden ausgestattet gewesen, iU facüe inteUegeretur magnum 
viaHeum (Jkp^iov) ex ae atque in se ad rem publicam evertendam habere 
10 (Gell. IX 13, 17) Hispanico (sc. gladio) pectua hausit: da Vergil Aen. X 
814 tagt gladio latus haurit apertum, so folgern wir mit gleichem Recht 
wie oben (S. 168) bei Cato, dafs der Ausdruck aus Ennius stammt. 

2) I 4 Schoell (hei Gell. XYI 10, 5) adsiduo vindex adsiduus esto; 
proletario iam civi quis volei vindex esto (übrigens fehlen tarn ctrt in 
cmigen Hss.). 

12* 



IgO n. Die römische Eunstprosa bis Angushis. 

velety 80 heilst das nicht ^^keiner von ihnen wird gemeinsames 
Geld za besitzen haben^^, sondern ;,Geld wird keiner Ton ihnen 
gemeinsam zu besitzen haben''; d. h. ^^mit einem andern in der 
gemeinsamen Easse'^, also comoinem gehört prädikativisch zu 
habuisej wie in dem oben (S. 166) aus Cato citierten Satz 
homines defoderunt in terram dimidiatos das letzte Wort prädika- 
tivisch zu defoderunt gehört: ;,sie gruben Menschen halb in die 
Erde^'^): wäre communis pecunia damals schon ein fester Begriff 
gewesen, wie er es später wurde, so hätte die Trennung sicher 
nicht stattgefunden. Dagegen wagte der Redner L. Grassus in 
der vorhin (S. 174) angefahrten langen Periode zu sagen quid 
patri nuntiare vis tuOj wodurch er trochäischen Rhythmus er- 
zielte, und Sisenna fr. 42: omnia quae diximt4S loca statim 
potitus (Ditrochaeus) 45: propriam capere non potuerat quietem 
(Ditrochaeus) 83: fasces sarmentorum incensos supra vtiUum 
frequentes (Ditrochaeus, doch ist hier frequentes mehr prädika- 
tivisch). ^ Ebenso scheint die bei Cicero so beliebte Zwischen- 
stellung eines zu zwei Begriffen gehörigen Yerbum der alten 
Sprache fremd zu sein; im SC de Bacch. Z. 10 — 12 inter- 
pungieren einige so: magister neque vir neque mulier quisquam 
eset. neve pecuniam quisquam eorum comoinem häbuise vdet 
neve magistratum, neve pro magistratud neque virum neque mu- 
Herum quiquam fecise velety indem sie quiquam fassen „in irgend 
einer Weise'' (cf. aliqui, quipiam): sie wurden dazu veranlaüsi^ 
weil sie ein quiquam «» quisquam nicht anerkennen wollten, aber 
die alte Sprache schied die Indefinitiva nicht genau, cf. R. Schoell 
zu den XII tab. p. 75 f. (Cato de agr. 145): daher ist das Komma 



1) Falsch interpretiert W. Weifsbrodt 1. c. (oben S. 163, 2) 26, indem er 
eorum zu comoinem zieht >» pectmiam qu€ie eorum communis 9it; dafs aber 
eorum neben quisquam stehen kann, zeigt Z. 4 n«t quis eorum BtteamU 
hdbuise vekt 

2) Cato hat an zwei Stellen scheinbar mehr als ein Wort Einsehen 
Substantiv und Attribut gestellt: or. IV operam rei ptiblicae fortem atque 
strenuam perhihet, Yü 6 mons ex sale mero magnus, doch sind in beiden 
Fällen die dazwischengestellten Worte mehr oder weniger eng zusammen- 
gehörige Begriffe. Cf. A. Reckzej, Üb. gramm. u. rhet. SteU. d. A<y. bei 
den Annalisten, Cato und Sallust, Wiss. Beil. z. Progr. d. Loisenstädt. Gymn. 
zu Berlin 1888 (der aber nirgends tiefer eindringt). Wir brauchen zur 
sicheren Beurteilung eine vollständige Materialsammlung aus dem Sprach- 
schatz bis Cicero. 



Wortstellung. Beseitigung des rohen Stils. 181 

nach magistratum zu tilgen und nach veUt zu setzen, wodurch 
die aufiällige Stellung schwindet.^) 



Drittes Kapitel. 

Das ciceronianische Zeitalter. 

A« Allgemeine Vorbemerkungen. 

Der E^lassicismns der römischen Litteratur ist das Produkt Bi<>0«i^ti< 
ihrer innigen Verbindung mit der hellenischen. Wenn wir die urbaniui 
Litteratur dieses Zeitraums als Ganzes betrachten, so erkennen 

1) Die Dialekte haben manches Eigenartige, z. B. wechselt auf der 
oskischen tab. Bant. Z. 3 d<U maimas cameis senateis tanginud (= de maxi- 
mae partis senatus sententia) mit Z. 7 dcU senateis tanginud maimas cameis 
(was dem Lateinischen ganz fremd ist), cf. Eirchhoff in den Umbr. Sprach- 
denkm. 11 888; cf. de maiaris partis tutorum sententia ed. perpet. V 3 LeneL 
Auf derselben Inschrift wechselt merkwürdig die Wortstellung in einer Formel 
(wie schon Eirchhoff, Das Stadtrecht von Bantia [Berlin 1863] 6 aufßel): Z. 17 
kme svaepis herest meddis moltaum, licitud Z. 12 u. 26 svaepis ionc meddis 
wuiUawn herest, lidtud. Merkwürdig auch ib. Z. 28 pr. svae praefuctis pod 
post exac Bansae fast wOrtlich «= praetor si praefectus ve posthac Bantiae 
erit, cf. Kirchhoff 1. c. 42, Buecheler in Bruns Fontes iur. Rom.* 49. Das 
RelatiTum braucht weder im Osk. noch im ümbr. beim Substantiv zu stehen: 
tab. Bant. Z.Spis pocapit post exac comono hafiest meddix (= ^t quan- 
doque post hac comüia habehit magistratiis)^ tab. Iguv. VI A 26 persei ocre 
Fisie pir orto est (»» qui in arce Fisia ignis orttis est). Auf der grOfseren 
oskischen Deyotionstafel (Inscr. Ital. infer. dialect. ed. Zvetaieff n. 129) steht 
Z. 6 tvai nep, avt svai Hium idik fifikus pust eis; da fifikus den Buch- 
staben nach s> fiaceris^ dem Sinn nach == decreveris zu sein scheint, so 
mfilste das durch Verstümmelung der Zeile am Schlufs ausgefallene Wort 
dn InfinitiT sein: Buecheler, der so erklärt (Rh. M. XXXIU [1878] 27 ff.), 
b&lt deshalb für wahrscheinlich, dafs tiium nicht =» te sondern «» tu und 
der zu ergänzende Infinitiv ein passivischer sei, also: st nee, aut si tu id 
decreveris postea (^fieri\ da bei der Annahme von tiium =■ te und folglich 
Ton einem aktiven Infinitiv si nee, aut si te id decreveris postea (^facerey 
sich eine Wortstellung ergebe, die kunstmäfsiger Prosa angemessener sei 
all schlichter Volkssprache. S. Bugge, Altital. Studien (Christiania 1878) 
9% £ wendet dagegen ein, dafs auf der bantinischen Inschrift, deren Wort- 
tteUung sehr schlicht sei, doch das Subjekt und das Prädikatsnomen eines 
Accus, c. Inf. durch das regierende Verbum vom Infinitiv getrennt sei: Z. 10 
pod valaemon tovticom tadait ezum; aber das ist doch kein analoges 
BeiipieL — Eigentümlich ist die Diskrepanz in der Stellung des Zahlworts 
im Alt- und Neuumbrischen: auf der alten Tafel I ist die Reihenfolge tref 
^f (fifß wüuf) ebenso konsequent wie auf den jungem VI VII die umge- 
kehrte Reihenfolge, cf. Aufrecht-Eirchhoff II 126 f. 



182 n. Die römische Eunstprosa bis Augustus. 

wir^ dafs das Hauptbestreben auf möglichste Eleganz der 
Sprache und des Stils ging. In der Poesie holte man sich seine 
Vorbilder statt aus Unteritalien und dem griechischen Mutter- 
land jetzt aus Alexandria: die Folge war^ dafs die Poesie inhalt- 
lich gelehrt, in ihrer Form aufs äufserste gefeilt wurde; bei 
den Hexametern des Ennius, die einst für vollendet gegolten 
hatten, überlief diese Dichter schon ein Schauer ähnlich dem- 
jenigen, den einst Ennius bei den satumischen Versen empfand. 
Natürlich wurde so, was in den römischen Poeten überhaupt 
von Anlage steckte, durch die Technik unterdrückt; das Dichten 
wurde eine Arbeit: qui solus legit et facti poetas sagten sie von 
ihrem Oberhaupt Valerius Cato, als wenn noutv noirixdg nicht 
absurd wäre; an Lukrez ist eben das Grofse und fast Einzige, dals 
er sein gewaltiges ingenium durch die ars zwar regelte (wie es 
alle echten Dichter thun), aber nicht yerkümmem liefs.^) In 

1) Über die Interpretation der famosen Worte Ciceros ad Q. fr. 11 9, 3 
Lxicreti poemata ut scrihis ita simt: mtiltis luminibus ingenii, tnüUae tarnen 
artis scheint nocli immer keine allgemeine Verständigung erzielt zu sein: 
L. Schwabe in Teuffels Gesch. d. röm. Litt. ^ (Leipz. 1890) § 203, 2 nnd R. 
Reitzenstein, Drei Yermut. z. Gesch. d. röm. Litt. (Marburg 1894) 52 ff. irren 
durchaus (dafs multa ars „viele technischen Partieen" bedeuten könne, be- 
streite ich letzterem pflRzipiell). Aus Horaz weifs man doch, dafs es eine 
alte Streitfrage war, wie sich beim Dichter fpvatg und tixvri verhalten 
müfsten: ingenium misera quia fortunatius arte Credit (Bemocntus) u. s. w., 
und: natura fieret laudahüe Carmen an arte Quaesitum est, das sind die 
Gedanken, die sich durch einen grofsen Teil des Briefes hindurchziehen, 
und natürlich entscheidet sich Horaz wie sein Gewährsmann und überhaupt 
alle Kritiker des Altertums: ego nee Studium sine divite vena Nee rüde quid 
prosit Video ingenium (409 f). Also sagt Cicero: bei Lukrez ist es das 
Grofse, dafs die Lichter seines Genies so zahlreich sind und er dabei doch 
sich in den Grenzen strenger Eunstübung hält, tpvois ^nid &ox7iatg verbindet 
(dafs Cicero die ingetiia der Dichter liebte und zu schätzen wofste, steht 
übrigens nicht blofs bei Plin. ep. IQ 15, 1, sondern er sagt es selbst or. pro 
Sest. 123, cf. Vahlen in: Monatsber. d. Berl. Ak. 1877, 480. Die novi poetae, 
bei denen nur ars vorhanden war, waren ihm unsympathisch, cf. 0. Har- 
necker im Philol. XLI [1882] 465 ff.). Dafs dies wahr ist, weifs jeder z. B. 
aus dem dämonischen und dabei so kunstvoll gegliederten Prooemium. Mit 
Hinblick auf wen Cicero das gesagt haben kann, zeigt Ovid trist. H 424: 
Ennius ingenio maximus, arte rudis. Für die Form des Ausdrucks bei 
Cicero mag man vergleichen (obwohl es mir gar keines Vergleichs zu be- 
dürfen scheint) das Urteil des Seneca (contr. praef. I 17) über Porcios Latro: 
memoria d natura qnidem felix, plurimum tarnen arte adiuta. 



Die Eunstsprache der Poesie und Prosa. 183 

fonneller Hinsicht worden an die Prosa die gleichen An- 
forderungen gestellt. Man säuberte sie von den vestigia ruris^ 
das Stadtrömische wurde als die Norm hingestellt: latinitas, de- 
finierte Varro (fr. 41 Wilm.), est incarrupte loquendi observatio 
secundum Ronianam linguam^): daher kam in dieser Zeit das 
Wort urbani4S^B,\x{ (Quint. VlII 3, 34 f.), das sich schon im 
Altertum leichter empfinden als definieren liefs: man mafs es an 
seinem Gegenteil, dem rusticum, cf. Quint. VI 3, 17: urbanitas, 
qua sigmficari video praeferentem in verbis et sono et asu proprium 
quendam gustum urbis et sumptam ex canversatione doctorum 
tacitam eruditionem, denique cui contraria 8it rusticitas. Der Begriff 
selbst reicht schon in die vorige Epoche hinauf: in der Zeit, als 
die Italiker die römische Giyität erhielten, hatte der Nichtrömer 
Accius es wagen dürfen und zeitweise durchsetzen können, das 
römische Alphabet durch einige von den Italikem entlehnte Be- 
sonderheiten zu reformieren, aber die Reaktion des national- 
römischen Bewulstseins hatte sofort eingesetzt in der ablehnenden 
Haltung des Scipionenkreises. In unserer Epoche erreichte die 
Empfindlichkeit ihren Höhepunkt; der Stadtrömer blickte mit 
ebenso souveräner Verachtung auf die Provinzialen, wie heut- 
zutage der Pariser, oder, wie Cicero (de or. III 42 f.) sagt: der 
ungebildetste Römer ist in dem Spezifikum der Urbanität dem 
gelehrtesten Provinzialen ebenso überlegen wie der ungebildetste 
Athener dem gelehrtesten Mann aus einer Stadt Eleinasiens. 
Wir beobachten diese Reaktion am Sprachschatz: wie in der 
vorigen Epoche Terenz, der Günstling der litterarisch fein- 
f&hligen Aristokraten, die derben Ausdrücke des Plautus ver- 
mieden hatte, so gingen in dieser Epoche all die herrlichen 
Kraftwörter unter, die uns nicht nur in den Atellanen, sondern 
auch bei Gato begegnen: weder aus dem Munde noch aus dem 
stilus eines Gaesar und Gicero kamen Worte wie lurchinäbunduSy 
tuburchinabundus , die Gato gebraucht hatte. -— Bezog sich der 
engere Gegensatz zum urbanum^ das rusticum, nur auf die 
italische Bauemsprache (speziell die des rus Latium), so der 
weitere, das peregrinum, auf die auswärtigen Dialekte: Gic. 
L c. 44: guare cum sit guaedam certa vox Bomani generis urbisque 
propria, in qua nihil offendi, nUiil displicere, nihil animadverti 



1) Cf. K. Sittl in: Arch. f. lat. Lexicographie VI (1889) 659. 



184 U. Die rOnuBche Eimstprosa bis AngastoB. 

possit, nihü sonore out olere peregrinumj hanc sejuamur, negue 
solum rusHcam asperitatem sed etiam peregrinam insolentiam fugere 
discamus; zu solchen verba peregrina gehorten anliser denen der 
Barbarensprachen (besonders des Gallischen und Spanischen) 
auch die des Griechischen (cf. Quint. I 1^ 12; 4, 14; XI 3, 30): 
letztere wurden zwar (wie bei uns die franzdfsischen) in der 
Konversationssprache seit Plautus' und Lucilius' Zeiten weiter- 
gebraucht, wie Yarros Satiren und Giceros Briefe an Atticus 
zeigen, aber von der yomehmen Sprache wurden sie verbannt: 
Lucrez gebraucht nie atatnus und klagt zweimal über die egestas 
patrii sermonis, die ihn bei Bearbeitung dieses Stoffs hindere 
oder ihn zwinge^ ein griechisches Wort beizubehalten (I 136 ff.; 
830 f.). Man weiis^ wie Cicero sich quälte , die griechischen 
Worte wiederzugeben^); seine Theorie spricht er aus de off. 1 111: 
ne ut qnidam graeca verba incülcantes iure optimo rideamur^ und 
Tusc. I 16: scis me graece loqui in latino sermone non plus soUre 
quam in graeco latine. Die Scheu der strengen Puristen der früh- 
augusteischen Zeit, besonders des Messala (den Seneca contr. 
n 4, 8 latini Sermonis observatorem diligentissimum nennt), 
kennen wir aus Horaz sat. I 10, 20 ff. Die Folge dieser Scheu 
vor griechischen Worten, wo man die Begriffe doch nicht ent- 
behren konnte, war ein Zuwachs an neuen Worten^), die, anfangs 
meist zögernd mit ut iia dicam, si verbo uti licet xl dgl. ein- 
geführt, sich allmählich einbürgerten (wie affectus), aber natür- 
lich nicht annähernd die Verarmung der Schriftsprache durch 
Tilgung der verba rustica ausglichen. 
üMioffie Diese Verarmung der Schriftsprache wurde noch yergrolsert 

tuoumai: ^^^^^ ^^ Auathem, welches von den stimmfdhrenden Männern 
"'n^m' *^^ ^^® Neuprägung von Worten*) überhaupt gesetzt wurde: ich 
dangen, meine die SprachmaGsregelungen dieser Zeit durch die ^Ana- 
Theori*. logie'. Ich Ycrwcile dabei kurz, weil ich glaube nachweisen zu 

1) Cf. Ubertus Folieta, De ling. lai usu et praestantia (1674) ed. Mos- 
heim (Hamburg 1728) 187 f. 

ä) Zwei Hauptstellen, an denen sich Cicero darfiber äuÜBert, bei Hieron. 
comm. in Pauli ep. ad Qalat. i^c. 1 v. 12), vol. VII 1 p. 387 ValL und bei 
Sidonius carm. 14 praef. 4 (« fr. 16 p. 145 Baster). Cf. auch die Auft&h- 
lung der Ton ihm übersetzten Kunstausdrficke bei Flut. Cic. 40. 

3) Seneca spielt Cicero gegenüber einen Trumpf aus, indem er ihm 
solche Torh&lt i^bei Qellius XII S, 7). Cf. Cic. de or. m 154. er. 68. de part. 
or. 72. 



Die Ennsisprache der Prosa. 185 

können, dafs sie in engster Beziehung zu den atticistischen Be- 
strebungen dieser Epoche stehen, über die ich nachher zu reden 
habe.^) Wir haben gesehen^ dafs schon die alten Sophisten sich 
in dem Haschen nach ungewöhnlichen, neugebildeten Worten 
nicht genug thun konnten, dals einer von ihnen, Antiphon, eine 
förmliche tixvrj für die Neuprägung der Worte erfand, dafs diese 
Manier von Aristophanes schon in seinem ältesten Stück verspottet 
wurde (S. 72, 2. 97, 1); wir sahen femer, dafs zwar Aristoteles 
diese Neuerungssucht der Sophisten brandmarkte, dafs sie aber 
bei den Asianem und in der hellenistischen Prosa überhaupt 
alle Schranken durchbrach (S. 149). Wenn wir objektiv ur- 
teilen, so müssen wir eingestehen, dafs die moderne Richtung 
wie auf stilistischem so auch auf rein sprachlichem Gebiet die 
innerlich berechtigte war: die griechische Sprache mit ihrer un- 
endlichen Bildungsföhigkeit ermöglichte und forderte die fort- 
währende Neuprägung von Worten; was kümmerte sich das 
frisch pulsierende Leben um die Schranken, innerhalb derer sich 
ein Lysias oder Demosthenes gehalten hatten? Hatte doch 
selbst dieser sich nicht gescheut, einige Schmähworte neu zu 
bilden (ilafißsioq>dyog , yQaii(iatox'6q>(ov) , die sogar von den 
späteren strengen Kritikern ausnahmsweise, eben weil sie von 
Demosthenes gepr^ waren, in Gnaden angenommen wurden 
(Hermog. de id. p. 303, 4 flf., cf. Demetr. de eloc 275). Aber 
dann kam die Gegenströmung: die Rückkehr zu den attischen 
Mustern, die Parole der (liiiriötg t&v &QxaÜDv hatte zur Folge, 
dals alle von der öwi^d-Bi^a geprägten Worte verpönt, die 
Sprache des Lebens zu Gunsten einer archaisierenden Kunst- 
sprache eingeschränkt wurde. ^) Dafs nun die analogetischen 
Sprachreformen der auf die Sammlung und Erklärung eben dieser 
alten Litteratur ausgehenden alexandrinischen Gelehrten ein 



1) Der Zusammenhang ist übrigens schon angedeutet von Mommsen, 
Rom. Gesch. m ^ 67S. 

2) Den Reichtum der noch immer so bildungsfähigen Sprache kennt 
man ans Polybios, der Septuaginta, dem Aristaiosbrief, den Inschriften 
jener Zeit. Interessant ist in dieser Hinsicht eine etwa dem I. Jh. v. Chr. 
angehörende Inschrift von Branchidae (Anc. greek inscr. in the Brit. Mus. 
IV 1 n. 925): mehrere der hier wie bei Polybios vorkommenden Worte werden, 
wie der Herausgeber G. Hirschfeld bemerkt, in den atticistischen Lexika 
gertgt. 



186 n. Die römische Ennstprosa bis AngustuB. 

Symptom dieser ganzen reaktionären Zeitstimmxmg waren ^ ist 
eine von selbst sich darbietende Vermutung; fest steht jedenfalls^ 
dafs die Lehre von der Analogie in Rom praktische Anwendung 
fand fdr die Regelung des Wortgebrauchs in der Kunstsprache. 
Das beweisen folgende Thatsachen. Der Kreis des Sdpio und 
sein litterarischer Hauptvertreter Lucilius waren Anhänger der 
analogetischen Richtung: Scipio sprach pertisumj weil man eon- 
cisum, iniquum sage (Fest. 273; Gic. or. 159) und Lucilius hat 
seine Flexionsregeln auf analogetischer Grundlage aufgebaut (wie 
aus Quint. I 6, 8 f. hervorgeht und sich durch Vergleich des 
IX. Buchs seiner Satiren mit dem Abrifs der Analogie bei Cic 
or. 158 ff. näher zeigen lassen mufs)^): derselbe Mann ist es nun 
auch gewesen, der gegen die ungeheuerlichen, die Sprache ver- 
gewaltigenden Neubildungen in den Wortkompositionen der zeit- 

1) Mir scheint aber bemerkenswert, dafs Lncilins keineswegs einen 
rigorosen Standpunkt vertrat, sondern dieselbe Vermittlung zwischen ratio 
und consuetudo anstrebte wie Aristarch (Varro de 1. 1. IX 1) und sp&ter 
Varro: während Scipio pertisum befahl, mokierte sich Lucilius leise über 
Leute, die so sprachen (842 L.), und er hatte offenbar dabei die consuetndo 
im Auge, welche in den (noch deutlich als solche gefühlten, cf. z. B. Ter. 
Hoc. 58) Kompositionen mit per- die Yokalabstufong in der folgenden 
Silbe nicht eintreten liefs {persalms, persapiens, perfacHis neben insulsus, m- 
sipiens difficilis, cf. W. Lindsaj, The latin language [Oxford 1894] 196; 198; 
587); er wird also ebensowenig das yon Scipio der consuetudo zum Trotz 
befohlene reder guisse (Fest. 273) gebilligt haben, wie er ja auch betre£& 
der Assimilation zwischen ctdbihere und abhxbere, adcurrere und accurrere 
freie Wahl liefs (380 cd L.). Wir brauchen dringend eine neue Behandlung 
des IX. Buches des Lucilius auf Grund solcher Betrachtungen. Überhaupt 
mufs eine Geschichte der Analogie und Anomalie, wofQr wir so massen- 
haftes Material haben, noch erst geschrieben werden. H. Steinthal, Gksch. 
d. Sprachwiss. bei den Griech. u. Rom. * (Berlin 1891) 127 ff. halte ich fSr 
yerfehlt, da er die Hauptstelle des Charisius I 117 mit ihren Angaben über 
die %av6vsg des Aristophanes und Aristarch für verdächtig erklärt, was 
sich schon durch die Grammatik des Dionysios Thrax und die speziellen 
Angaben Varros de 1.1.1X43; 91 widerlegt. Wie weit liefs femer Aristarch 
die avvijd'iuc gelten? Zu allgemein darüber A. Ludwich, Aristarch. Text- 
krit. II (Leipz. 1884) 108 ff. Die Sprache des Terenz mufs unter diesem 
Gesichtspunkt untersucht werden : ihre grofse Uniformität im Vergleich mit 
der plautinischen in lautlicher, formeller und syntaktischer Beziehung be- 
ruht sicher auf der Theorie des Litteraturkreises, in dem er lebte: Caesar 
wufste wohl, weshalb er ihn als puri sermonis auctorem pries (Sueton, Tit. 
Terent. p. 34 Reiff.). — Es ist übrigens zwar höchst merkwürdig, dafs auf 
der lex lulia municipalis quamtus tamtus (beide oft) senUmtiam (4mal) 



Die Eimstsprache der Prosa. Ig7 

genossischen Tragiker Front gemacht hat (cf. Hör. sat. I 10, 53 
und das. Porphyrie; 1. XXVI fr. 462 S. Baehr, besonders 
fr. 548 L. 468 B.; 620 L. 472 B.; 561 L. 475 B.j 616 L. 
480 B.; 565 L. 481 B.).*) Wie empfindlich man wurde, zeigt 
die bekannte Notiz Varros (de 1. 1. VI 59), novissimtis in der 
Bedeutung extremas hätten Aelius Stilo und senes aliquot als ein 
mmium novum verbum getadelt^): man verlangte eben überall 

damdum (1) damdam (1) faciumdei (1) tuemdus (6) gegenüber nur drei- 
maligem n (locandutn, referundum, tuendam) geschrieben wird, dafs das 
aber mit einer Theorie Caesars zusammenhänge (Lindsaj 1. c. 66), widerlegt 
sich aus Bnms, Fontes* 87, 13; 110, 6. 

1) Die sorgßlltigen Erörterungen von Fr. Stolz, Die lat. Nominal- 
komposition in formiJer Hinsicht (Innsbruck 1877) und Fr. Skutsch, De 
nominum latinorum compositione quaestiones selectae (Diss. Bonn 1888) 
scheinen mir nach solchen und nach historischen Gesichtspunkten der Er- 
weiterung bedürftig zu sein. Die älteste Sprache war offenbar Verhältnis- 
m&fsig biegsam: in ihr wurden Wörter wie suovetaurüia, strufertarius, albo- 
gakrus, hosticapas gebildet. Dann verlor sie diese Biegsamkeit für lange 
Zeit Dann kamen die Dichter, welche griechische Werke nachbildeten und 
dabei sehr frei mit der Sprache schalteten: Plautus und vor aUem die 
Tragiker. Oegen letztere polemisierte Lucilius vom analogetischen Stand- 
punkt aus; vieUeicht hat Accius darauf geantwortet (Rh. Mus. XLIX [1894] 
688). Terenz ist bezeichnenderweise auch hier ganz zurückhaltend. Noch 
▼eiter gingen die Neoteriker, besonders Laberius und Laevius, bei letzterem 
wurde wie der Inhalt so die Sprache zum reinen naiyviov. Zu derselben 
Zeit schnürten dann wiederum vom Standpunkt der Analogie aus Caesar 
und Cicero die Sprache ein: über die Theorie der neugebildeten Wort- 
kompositionen äuTsert sich Cicero z. B. de or. m 154; 167 und in der 
PraxiB umschreibt er lieber, als dafs er an der Klippe einer Neuprägung 
scheiterte (cf. G. Landgraf zur Bosciana [Erlang. 1884] p. 163). Aber die 
Sprache ging ihre eignen Wege: die Schriftsteller über die griechischen 
f^ya», wie Architektur, Medizin, Botanik, konnten solche Neubildungen 
gar nicht vermeiden; vor allem kam dann das Christentum, welches auch 
in der Sprache mit offen zugestandener (Augpistin serm. 299, 6. Hieronjm. 
in ep. ad Galat. 1. I c. 1) Freiheit schaltete. Daher das massenhafte Auf- 
treten unerhörter Neubildungen in der Eaiserzeit; sie wurden befördert 
durch das Schwinden des SprachbewuTstseins. 

2) Cf. Charisius 207 ^novimme^ Tiro in Pandede nan rede aü dici 
adieeitque quod sua coeperit aettUe id adverbium. uhi Flavius Caper de La- 
UmUMie *mirar, inguit, id diocisse Tironem, cum Valerius Äntias libro II 
^'maUr cum naviasime (ugrotasset, inguit, novisse fertur*^ (folgt ein zweites 
Citat auf Antias). Der Tadel des Caper ist ungerecht, da der im J. 4 v. Chr. 
alt Hundertjähriger gestorbene Tiro sich gut gerade auf Antias beziehen 
konnte. — Über den Gebrauch des Worts in dieser Epoche cf. H. Hellmuth, 
Üb. d. Spr. d. Epistolographen C. Sulpicius Galba und L. Cornelius Baibus 



188 U. Die rCmisclie Eunstprosa bis AagastoB. 

die auctaritas et vetusUis und fragte wie die Atticisten der 
späteren Zeit stets xov xettat] Besonders klar ist der Zu- 
sammenhang dieser Bestrebungen mit denen der Atticisten in 
der ciceronianischen Zeit: Cic. or. 25: Curia et Phtygia et Mysia, 
quod minume politae minumeque elegantes sunt^ asciverunt aptum 
suis auribus opimwn quoddam et tamquam adipatae dietianis genus^ 
quod eorum vieinij non ita lato interiecto mari, Bhodii numquam 
pröbaverunty Äihenienses vero fundittis repudiaveruwt: quorum semper 
fuit prudens sincerumque iudicium, nihü ut possent nisi ineorruptum 
atidire et elegans. eorum religioni cum serviret oratoTj nullum 
verlum insolens, nullum odiosum ponere audebat Daher 
sagt er (Brut. 274) von Galidius, dem notorischen Atticisten, bei 
ihm finde sich kein verbum durum aut insolens out humile out 
longius ductum. Die Spitze dieser Entwicklungsreihe wird ge- 
bildet durch das berühmte Wort Caesars, des Anhängers der 
Atticisten^ in seiner Schrift de analogia: habe semper in memoria 
et in pectore, ut tamquam scopulum sie fugias inauditum atque 
insolens verbum; von hier aus können wir eine gerade Linie 
nach Alexandria ziehen: denn Caesars Lehrer in der Orammatik 
war M. Antonius Gnipho, der aus Alexandria nach Bom ge- 
kommen war (Suet. de gr. 7)^ und von ihm gab es ein auf 
den strengsten Regeln der Analogie begründetes Werk de ser- 
mone latino, aus dem Quint. I 6^ 23 eine bezeichnende Notiz er- 
halten hat. Im Gegensatz zu dieser Richtung (cf. Cic Brut. 260 £) 
war Cornelius Sisenna, der Nachahmer des Elitarch und Über- 
setzer der Milesiaca^ berüchtigt wegen seines kühnen Schaltens 
mit der Sprache: Sisenna, sagt Cic. Brut. 259 £^ quasi emendator 
sermonis t^tati cum esse vellet, ne a C. Busio quidem deterreri 
potuit, quo minus inusitatis verbis uteretur e. q. s., was wir in 
seinen eben deswegen citierten Fragmenten noch deutlich be- 
obachten können. Ein anderer Neuerer dieser Art war D. La- 
berius: über seine Sprachmeisterei handelt ein bekanntes Kapitel' 
des Gellius XVI 7 (cf. XIX 13, 3). — Wir werden später sehen, 
wie in der Kaiserzeit sich genau dieselben Verhältnisse wieder- 

(Progr. Würzb. 1888) 21 f. E. Gebhard, De D. lunii Bruti genere die. (Dias. 
Jena 1891) 47 ff. L. Bergmüller, Üb. cL Lat. d. Briefe d. Plancos (Erlang. 1897) 
40 f.: danach hat es Cicero nur or. pr. Rose. com. 30, je einmal SaUmt, 
Nepos, Hiriius (Caesar nur in dem technischen novissitnum agmer^^ oft die 
Epistolographen bei Cicero. 



Die Eunsisprache der Prosa. 189 

holt haben: Lukian schleuderte vom atticistischen Standpunkt 
den Bannstrahl gegen die Wortneuerungen der Asianer seiner 
Zeit. Hier will ich nur noch ein nicht weit jenseits unserer 
Epoche liegendes Zeugnis anführen^ aus dem ebenfalls klar hervor- 
geht, dab die Frage , ob und wie weit in der Sprache Neu- 
bildungen erlaubt seien , in engstem Zusammenhang mit der 
analogistisch-anomalistischen Kontroverse behandelt wurde. Horaz 
hat in einem langen Abschnitt seiner ars poetica (46 — 72) diese 
Frage erörtert; er kommt zu dem Resultat, dafs die Sprache als 
ein lebendiges Wesen (als solches fausten sie schon die Hera- 
kliteer auf) fortwährenden Wandlungen unterworfen sei und 
dals man daher die Neuprägung von Worten nicht durch starre 
Segeln einschränken dürfe: 

martalia facta peributUf 
nedum sermonum stet honos et gratia vivax. 
muUa renascentur guae tarn cecidere cadentque 
qwxe nunc sunt in Tumore vocabüla, si volet usus^ 
quem penes arlitrium est et ius et norma loquendi. 
Das sind die bekannten Schlagwörter der Anomalisten: nicht 
die auetoritas, nicht die vetustasy sondern der usus (öwiid^suc) ist 
die narma (xavdni). Liest man die ganze Episode bei Horaz, so 
f&hlt man, dafs sie durchaus auf griechischer Basis ruht; Neo- 
ptolemos aus Parion in der Troas stand naturgemäüs in dieser 
Frage auf Seiten der pergamenischen Schule. 

Wir betrachten nun kurz die praktischen Konsequenzen ii. nie 
dieser Theorieen. Wenn wir alles zusammennehmen, so werden ^'•*^* 
wir sagen müssen: in der Zeit, in der die lateinische 
Schriftsprache ihre höchste stilistische Formenvoll- 
endung erreicht hat, ist sie in ihrem Wortschatz am 
ärmsten gewesen. Aus dem überfliefsenden Reichtum der 
alten Sprache, deren Kenntnis stetig sank^), wurde eine be- 



1) uns w&re es heutzutage ein Leichtes, irgend ein Gesetz der caesa- 
rianiflchen oder augusteischen Zeit in die Sprache etwa des zweiten puni- 
schen Krieges umzuschreiben: die Römer jener Zeit sowie der nachfolgen- 
den Jahrhunderte konnten es nicht, ohne Fehler zu machen. Ich habe für 
dieses Sinken des altertümlichen Sprachbewufstseins im Rh. Mus. XLUL 
(1894) 202 f. aus Cicero, Sallust und Livius einige Belege gegeben; hier ein 
paar Kachtrftge. Der alte Ortsadyerbien- Ablativ in advorsua ea (SC do 
Bacao. 24, cf. adversus hoc im Plebiscit bei Fest 246) wurde später nicht mehr 



190 n. Die römische Eunstprosa bis Augustus. 

schränkte Anzahl von Worten ausgelesen , deren Beden tongs- 
sphäre sich dafQr erweiterte^ z. B. kennt die Epistola coss. de 
Bacanalibus für geheime Verbindungen folgende Worte: can- 
iurare convovere canspondere compromitterey wovon nur das erste 
übrig blieb ^). Wir können das allmähliche Schwinden der früheren 
Wortfiille noch deutlich beobachten durch Vergleich der Schriften 
des jungen Cicero mit denen des alten; dafür hat vieles nützlich 
gesammelt Ph. Thielmann^ De sermonis proprietatibus quae le- 
guntur apud Gomificium et in primis Giceronis libris (Diss. 
Stra&burg 1879), woraus ich einiges anführe. Viele Komposita 
schwinden, z. B. hat Cicero absumo nur in der Rede pro Quinctio 
und in einer aus Sophokles übersetzten Stelle, es fehlt bei 
Caesar und Nepos; antistarej in alter Zeit sehr beliebt^ schwindet 
zu Gunsten von praestare] transfugere hat Cicero nur in der ge- 
nannten Bede, dann tritt dafür perfugere an die Stelle. In der 
Schrift de inventione kennt er noch extranus extraneus, später 
beschränkt er sich auf extemus. Die vielen Adjektiva auf 'bilis 
sterben aus: im Anfang hat Cicero noch comparabüis conduci- 
hilis ignorabilis. Man kann sagen: das, was Cicero im Gegen- 
satz zu andern entweder ganz meidet oder nur in seinen früheren 
Schriften und den Briefen hat, ist vulgär oder von den Autoritäten, 



yerstanden, sondern als Neutrum plnr. gefafst, z. B. Wilmanns 464 si quis 
adversus ea qfnae) $(upra) sfcripta) sunt fuerint etc., ebenso ib. 316, 28 und 
auf der lex met. Vipasc. CIL n 6181 Z. 29 8% adversus fhoc quid fecerit, 
Cf. WeiTsbrodt, Observ. in SC de Baccli. p. I (Braunsberg 1879) 16. — 
Wenn Livius IE 12 schreibt iüberem macte vir tute esse, si pro mea patria 
isla virtus staret, so weifs er nicht mehr, dafs macte ein an den Imperativ 
gebundener Vokativ ist. Cf. Conington, Appendix zu Verg. Aen. IX (voL 
n 221 ff.). — Die alte Bedeutung von privatus (der einzelne Angeklagte 
gegenüber der richtenden Volks versamml nng) ist fOr Livius u. a. schon in 
Vergessenheit geraten, wie L. Lange, Die osk. Inschr. d. tab. Bantina (Oöt- 
tingen 1863) 60; 62 schön darlegt. — Vergil längt in der Caesur nach 
Ennius* Vorbild manche Silben, geht aber darin zu weit, indem er im 
Gegensatz zu Ennius oft ursprüngliche Kürzen, wie supSr, ebür, als L&ngen 
behandelt, cf. NetÜeship in Coningtons Vergilausgabe III 466 ff. — Die 
pseudosallustischen Werke zeigen zu starke Archaismen, ebenso wie die 
Inschrift der Columna rostrata (deren Vf. nebenbei grobe Fehler begeht) 
und einige Prologe sowie die meisten akrostichischen Argumente der plan- 
tinischen Stücke. 

1) In dieser Epoche scheint hinzuzukommen consentire (z. B. Cic. Phil. 
n 17), was aber doch wohl alt ist wegen der dei consentes. 



Die Eonstspraclie der Prosa. 191 

entweder allen oder einzelnen, aus irgend einem Grunde ver- 
urteilty 80 dedita opera, nequiqtiam, repentinOy satius est, nihüo 
seäus.^) — Auch mit der wuchernden Fülle der Flexions- 
formen ist es zu Ende: sie werden geregelt und eme wird 
kanonisiert; z. 6. bleibt nach Lucrez von necesstis necessum ne- 
eessis necesse nur letzteres übrig; willkürliche Analogiebildungen 
wie nueerum regerum, wie magistreis fadeis (für magistri fadiy) 
werden ausgemerzt; das Schwanken zwischen aktiver und de- 
ponentialer Form wird meist zu Gunsten der letzteren auf- 
gehoben , ein Prozeüsy den man schon von Plautus bis Terenz 
beobachten kann (nur in jener frühesten Bede hat Cicero noch 
comfiexus passivisch und Itidificare). — Ebenso wird die Syntax 
normiert, z. B. wird die Freiheit in der Konstruktion der 
Verben uti etc. zu Gunsten des Ablativs aufgehoben und die 
Schulregel, dals bei ponere etc. in c. Abi. konstruiert wird, 
ist erst ein Produkt der ciceronianischen Zeit (was darüber in 
imseren Grammatiken und der sog. historischen Syntax gelehrt 
wird, ist völlig ungenügend); mit Boheiten wie hi contemnentes 
eum assutyere ei nemo voluit (Galpurnius Piso fr. 27 Pei), copias 
in oecupatas futurum, sole occaso, muUis interitis (alles aus Quadri- 
garius) ist es nun ein für alle Mal vorbei; vorbei aber ist es 



1) Wenn er in seinen späten Schriften ein ungewöhnliches Wort hat, 
80 hat das immer einen Grund, z. B. gebraucht er Phil. II 101 ein sicher aus 
alter Poesie stammendes Wort grandifer (notiert von Hart. Cap. Y 611): der 
Ton der Stelle ist feierlich: hae arcUiones in popidi Ramani pcOrimanio 
gnmdifer<Me et fructuosae ferebantur. 

2) Ich halte sie für Bildungen nach der pronominalen Deklination: 
wie von i-s eei-s, von qui-s que-s, so zunächst von hie hi-s-ce, dann von 
oathu oeuH-s, vir virei-s etc., daher nebeneinander bei Plaut. Mil. 874 hisce 
oeuUi, CIL I 566; 666 heisce magistreis (während die gerade in den Flezions- 
fonnen sehr sorgfältige epistula coss. de Bacanal. scheidet: eeis und ques, 
aber vire%). Doch das mag unsicher sein: dafs wir diese Formen aber 
(anfiser dem einen plautinischen Beispiel 1. c.) auf Inschriften nur aus dem 
ktsten Viertel des 2. Jahrh. v. QShx. nachweisen können, erkläre ich mir so : 
wir wissen, dafs damals der auf -X auslautende Genitiv sing, der 0-Stämme 
iifolge unreiner Aussprache des i auf -ei auslautete und dadurch mit dem 
Nom. plur. auf -ei zusammenfiel. Dafs man damals das Bedürfnis zur 
Scheidung empfand, zeigt die — wie stets — mit der historischen Ent- 
wicklung übereinstimmende Lehre des Lucilius: huitis pueri, plures puerei; 
joie Formen auf -s sind meiner Meinung nach nur als ein anderer Differen- 
nenmgsversuch ebenderselben Zeit aufzufassen. 



192 n. Die römisclie Eunstprosa bis Aogastas. 

auch mit jener den modernen Sprachforscher so erhebenden 
Jugendfrische der nicht an Regeki gebundenen Sprache , wof&r 
ich ein paar Beispiele geben will. Die alte^ noch nicht an feste 
Kegeln gebundene Sprache liebt die sog. canstrudianes ad senaumj 
d. h. der Gedanke erhält das Übergewicht über die Form, das 
psychologische Prinzip über das logische; z. B. steht im SC de 
Bacchanalibus zweimal (Z. 9 und 18): keiner sollte das und das 
thun dürfen, wenn er nicht den praetor urbanus angegangen 
hätte ; isque de senatuos sententiad, dum ne minus senatoribus C 
adesent quam ea res cosoleretur, iousisent; hier an beiden Stellen 
iousiset zu schreiben, wie meist geschieht, ist doch recht bedenk- 
lich; dafs wir thatsächlich in der alten Sprache die freie. Beweg- 
lichkeit des Numerus anzuerkennen haben, zeigen z. B. folgende 
Stellen: das oskische Gesetz von Bantia Z. 9 f.: tavto deivcUuni 
tanginom deicanSy siom dat eissasc idic tangineis deicum, pod va- 
laemam tavticom tadait emm d. h. populus iurati sententiam 
dkanty se de eis id sententiae dicere^ quod Optimum pubücum cenr 
seat esse, wozu Buecheler (in Fontes iur. Rom. ani ed. Bruns^ 
p. 50) Verwandtes aus lateinischen Gesetzen anführt; ferner: 
Cato or. bei Gell. XIV 2 (p. 62 Jord.) siquis quid alter ab aiterc 
peterent (aus einem Gesetz) und ib.: si ^^sionem fecissent OtUim 
cum lurio; Quadrigarius fr. 85 Pet.: sagiüarius cum funditan 
utrimque summo studio spargunt fortissime; das haben dann 
archaisierende Schriftsteller nachgeahmt: Sallust Cat. 43) 1: Lm- 
tvius cum ceteris constituerant, lug. 38, 6: cohors una Ligurum 
cum dudbus turmis transiere, lug. 101, 5: Bacchus cum peditibm 
Ramanorum aciem invadunt^), Vergil Aen. X 238: iam loca iussc 
ienent forti permixtus Etrusco \ Areas eques (wo tenent der Medi- 
ceus und vermutlich die Veronenser Fragmente, tenet der Pala- 
tinus und Romanus bieten); die familiäre und volkstümliche 
Sprache hat sich derartiges nie nehmen lassen: Beispiele dafüi 
hat W. Weifsbrodt, Spec. gramm. (Coblenz 1869) 6 f. aus Ciceroa 
Briefen und Inschriften der Eaiserzeit zusammengestellt. Nach 
grammatischer Terminologie werden wir diese Erscheinung zu 
bezeichnen haben als ^Attraktion des Numerus': es ist bekannt, 

1) Von einer Nachahmung des Thukydides kann natürlich trotz Thuk. 
m 109 Jrjfioa^irrig fistä t&v avQoctriy&v cnivSovxai nicht die B^e Bein, 
wie J. Bobolski, Sali, quo iure Thucjd. secatus esse existimetur (Difis. Halle 
1881) 6 will. 



Die Kunstsprache der Prosa. 193 

. daÜB gerade die sog. Attraktion ein Charakteristikum psycho- 
logischer Diktion ist^)^ daher spielt sie auch in einer so sinn- 
lichen Sprache wie der griechischen eine so bedeutende Bolle, 
und während die starre Gesetzmäfsigkeit der geregelten 
lateinischen Sprache sie beschränkt hat, lassen sich ihre Spuren 
sowohl in der Zeit vor der Regelung als dann wieder in der 
Zeit der Verwilderung allenthalben verfolgen: wie ungefüge, aber 
doch auch wie lebensvoll ist z. B. in demselben SC Z. 20 der 
Satz: Sacra ne guisquam fedse veletj neve inter ibei virei plous 
duobuSy mulieribus plous tribus arfuise velent, oder eine Modus- 
attraktion wie niemorari potestur, die in der alten Sprache so 
häufig ist und dann spät wieder auftaucht: z. 6. schreibt im 
Anfang des VI. Jh. n. Chr. Anthimus de observ. cib. p. 9, 3 Rose: 
rationem diversorum ciborum quemadmodum uti debeantur, denn 
so geben die Handschriften und man darf das nicht ändern: uti 
hat der Mann passivisch gefühlt.^) — Dagegen dringen nun 
griechische Konstruktionen in grofserer Anzahl ein. In einer 
historischen Syntax der lateinischen Sprache würde zunächst 
aufgeräumt werden müssen mit dem aus der Zeit der lateinischen 
Nationalgrammatik sich herschreibendeu Unfug, in der alten 
Sprache auf Gräcismen Jagd zu machen, z. B. wird bei Plautus 
nur sehr wenig der Prüfung standhalten.^) Dann wird nach- 
zuweisen sein, wie mit dem wachsenden Hellenismus, also seit 
der Ära der Scipionen und ihren Hauptvertretem Terenz und 
Lucilius, griechische Konstruktionen in die Sprache mehr und 
mehr eindringen: den Höhepunkt dieser ersten Epoche bildet 
unter den Prosaikern Sallust (von dessen Excessen lange nicht 
alles bestehen blieb, da Caesar und Cicero viel zurückhaltender 
waren), unter den Dichtem die Augusteer, speziell Horaz, während 
der Kreis des Messala mehr auf den purus sermo achtete. Die 
zweite Epoche wird dann durch das Zeitalter Hadrians und der 



1) Cf. H. Steinthal, Assimilatioii und Attraction, psychologisch be- 
leuchtet, in: Zeitschr. f. Völkerpsychologie I (1860) 93 ff. 

2) Auf ein fast durchgängig verkanntes Beispiel der Attraktion in 
einem Fragment des C. Fannius (cos. 122) ist oben (S. 172, 1) hingewiesen. 

3) Cf. die treffenden Bemerkungen Haupts bei Chr. Beiger, M. Haupt 
als akad. Lehrer (Berl. 1879) 282 ff. und J. Schauer, Die sog. syntaktischen 
Gräcismen bei den aug. Dichtem, Diss. München, Amberg 1884; speziell för 
Plaotos F. Leo, Plaut. Forsch. (Berlin 1895) 92 ff. 

Korden, antike Kanitprot«. 13 



194 n. Die rOmische Eunstprosa bis Aogustus. 

Antonine mit seiner völligen Fusion von Hellenischem und 
Römischem gebildet werden (Appuleius); die dritte durch die 
Einbürgerung des Christentums (TertulliaU; Itala). 

Mit diesen Bestrebungen nach Reinheit und Formenschonheit 
der Sprache ging nun zusammen die Tendenz nach möglichster 
Vollendung des Stils nach griechischen Mustern: nicht ob eine 
HifMri6tg der griechischen Autoren stattzufinden habe^ wurde mehr 
bezweifelt, sondern nur in der Wahl der griechischen Muster 
schwankte man* Cicero und Caesar trafen am meisten den Ge- 
schmack des gebildeten Publikums, sie wurden die von Mit- und 
Nachwelt gepriesenen Ideale. Nicht alle aber schrieben in ihrer 
Art: Nepos nicht, weil er es nicht konnte, Varro nicht, weil er 
es weder konnte noch wollte, auch Sallust ging teils aus anders- 
artiger Naturanlage, teils aus persönlicher Abneigung gegen 
Cicero seine eigenen Wege. Ich werde versuchen, einiges für 
meinen Zweck Notwendige hervorzuheben. 

B. Die einBolnen Schriftsteller. 

Ich stelle die drei voran, die entweder abseits vom Elassi- 
cismus stehen oder ihm nur in bedingtem Sinn angehören, 
itaiiioher 1. Varro. Ihn hat Mit- und Nachwelt zu den Wunder- 

männem an Gelehrsamkeit gezählt und, obwohl kein finderisches 
Genie sondern Eompilator in groüsem Stil und nicht genetisch 
sondern konstruktiv verfahrend imd daher der Vater unsäglicher 
Irrtümer imd eines für unsere Tradition verhängnisvollen Schema- 
tisierens, hat er doch welthistorische Bedeutung erlangt als 
der Vermittler griechischer Wissenschaft für den Occident: 
Augustin, der den Theologen Varro widerlegte, und, auf ihm 
fuJÜBend, Hrabanus Maurus haben dafür gesorgt, daJs sein wissen- 
schaftliches Lehrgebäude in allen prinzipiellen Dingen dem 
Mittelalter überliefert wurde; die Humanisten haben es, nachdem 
es sich selbst unähnlich geworden war, zertrümmert, aher aus 
seinen Trümmern ein neues Gebäude errichtet, in dem wir noch 
heute, uns selbst meist unbewuüst, wirtschaften. Darüber werde 
ich in einem andern Abschnitt Genaueres mitzuteilen haben; 
hier, wo es sich für ims nur um den Stilisten Varro handelt, 
müssen wir feststellen: Mit- und Nachwelt, die ihn als Gelehrten 
anstaunte, hat über ihn als Stilisten geschwiegen oder ahgeurteilt 
M. Varro y sagt Augustin de civ. dei VI 2, tametsi minus est 



Varro. 195 

swwis doquiOj docbrina tarnen atque sententiis ita refertus est, ut in 
omni eruditione . . . shidiomm rerum tantum iste doceat quantum 
studiosum verborum Cicero ddectat. denique et ipse TuUitiS huic 
iale tesHmonium perhibet, ut in Itbris academids dicat eam quae 
ün versatur disputationem se habuisse cum M. Varrone, ^^homine^' 
inquit ^^omnium facile (icutissimo et sine uUa dubitatione doctis- 
»mo". non ait ^^eloquentissimo^^ vel ^^facundissimo^\ quoniam re 
Vera in hoc facüUate multum impar est Wenn ihn Remmius 
Palaemon, dessen Grammatik yXatpvQAiucta waren wie die des 
Lokillos, ein * Schwein' nannte (Suet. de gr. 23), so dürfte er 
damit den Stilisten haben bezeichnen wollen. Yarros Ideale 
ruhten in der Vergangenheit^ bei den viri magni nostri maiores, 
wie er sie nennt (r. r. 11 in.); die avi et atavi sind seine Lieb- 
linge: ctfifi aiium ac caqpe eorum verba olerent, tarnen optume ani- 
moH erant (sat. 63); ihre Sprache liebt er mehr als er sich 
selbst bewnlst ist (de 1. 1. Y 9): medioxime, sagt er sat. 320^ ut 
qucndam patres nostri loqtiAantur und: sementivis feriis in aedem 
TeUuris veneram rogatus ab aeditumo, ut dicere didicimus a patribus 
nostrisj ut corrigimur a recentibus urbanis, ab aedituo (r. r. I 2, 1); 
kurz er war so ein richtiger difficilis querulus laudator temporis 
aeti Se puero castigaior censorque minorum; das hat er selbst 
empfanden: in einer Satire, die er als Sechzigjähriger schrieb, 
dichtete er, dafs man ihn als &x^og &QovQrig in den Tiber ge- 
worfen habe: „du käust deine Antiquitäten wieder'', sagten ihm 
die Leute auf seine Moralpredigt. So hat er auch als Stilist 
an den Fortschritten der neuen Schule unter Ciceros Führung 
keinen Anteil genommen: mit welchen Augen mag der die ihm 
gewidmeten Bücher de lingua latioa angesehen haben. Man 
wird wohl sagen dürfen, dafs dies gröfste Werk über diö latei- 
nische Sprache in dem schlechtesten lateinischen Stil geschrieben 
ist^ den irgend ein Prosawerk zeigt; im ganzen genommen kann 
man überhaupt kaum von einem Stil sprechen: es sind roh auf- 
einander getürmte Steinblocke, die von yielen modernen Kritikern, 
weil sie keinen klaren Einblick in die Arbeitsweise und den Stil 
Yarros haben, noch immer viel zu viel ineinandergefügt und 
poliert werden« Erheblich besser sind begreiflicherweise die 
Bücher über den Landbau geschrieben, in denen er viel Mühe 
auf die Form verwandt hat: aber auch in ihnen wird man ver- 
geblich nach der Kunst ciceronianischer Periodisierung suchen, 



196 n. Die römische Eunstprosa bis Angustus. 

während man sich häufig an die Sprache des Gesetzesstils 
erinnert fühlt. ^) Wo in Ciceros philosophischen Schriften (die 
Reden wäre unbillig zu vergleichen) findet sich ein Satz wie 
dieser (I 2, 9): nam <7. Licinium Stolonem et Cn. Tremdium 
Scrofam video venire: unum, aiius maiores de modo agri legem 
tulerunt — nam Stolonis üla lex quae vetcU plus D iugera habere 
civem B. — , ei qui propter diligentiam culturae Stohnum con- 
firmavit cognomen, qnod nulltis in eius fundo reperiri poterat stolOj 
quod effodiebat circum arbores e radidbus, quae nascerentur e solo, 
quos stolones appellantf 
Hisohimg Diesen Thatsachen gegenüber klingt es nun scheinbar ^ekTV^- 

liefen lüixd dox, dafs derselbe Varro nach Cicero (ad Att. XII 6, 1) Hegesiae 
^*^^^^f^^^ genus laudäbaty was wir innerhalb der ganz oder fragmentarisch 
erhaltenen Werke thatsächlich noch beobachten können. Um 
das zu verstehen, werden wir vor allem bedenken müssen, dafe 
die gravitätisöhe, querköpfige^ rechthaberische Art nur eme Seite 
seines Wesens ist, und dafs sich mit ihr eine unbezwingliche 
Neigung zu derbem Humor paart, der in allerlei Spielereien mit 
der Sprache zum Vorschein kommt. Was Cicero (de rep. II 1) 
von dem alten Cato sagt, in ihm sei gravitate mixius lepos, das 
gilt wie von so vielen altitalischen Bauemnaturen so auch von 
Cato's Widerspiel Varro^ einem Sohne des sabinischen Berglandes. 
Durch diese Mischung erhält sein Wesen wie sein Stil für uns 
etwas Barockes. Was giebt es Liebenswürdigeres als den Anfang 
der res rusticae mit seiner Mischung von Unbeholfenheit und 
spielerischem Witz: si otium essem consecutus, Fundania, com- 
modius tibi haec scriberem, quae nunc, ut potero, exponam cogitans 
esse properandum, quod, ut dicitur, si est homo buUa, eo magis 
senex. ' annus enim octogesimus admonet me ut sardnas conligamm, 
antequam proficiscar e vita. quare, quoniam emisti fundum, quem 
bene colendo fructuosum cum facere velis meque ut id mihi habeam 
curare roges, experiar u. s. w. So kommt es^ dafs bei einem 



1) Ich meine damit vor allem Perioden nach dem Schema des Ge- 
setzes der XII tabb. si nox furtum faxit, si im occisit, iure caesus esto^ e. B. 
de r. r. I 23, S fdbalia, si ad siliquas non ita pervenit, ut faham legere ex- 
pediat, si ager macrior est, pro stercore inarare solent (ganz wie die oben 
S. 166 ans Cato angeführte Periode); ähnliche Parataxen mit cum U 4, 20; 
7, 9, cf. G. Heidrich, Varroniana II (Progr. Melk 1891) 16 f ; 19 f. und meine 
Ausführungen im Rhein. Mus. XLIX (1894) 647 ff. 



99 



Varro. 197 

Manne, dessen Blick rückwärts gewandt war und der die Misere 
des nunc so gern in liebevollem Gedenken des ttmc vergafs, doch 
die modernste und verkünsteltste aller Stilarten mit der altertüm- 
lichsten und einfachsten ' eine äufserliche, höchst disharmonisch 
wirkende Verbindung eingehen konnte. Wer ihn gelesen hat^ 
wird dies empfunden haben, und ich fürchte fast, durch An- 
führung von ein paar Einzelheiten dem Gesamteindruck zu 
schaden. De lingua latina Y 4 f.: ita fieri oportere apparet^ 
quod recto C(isu quom dicimtis ^Unpos^% obscurius est esse a potentia 
quam cum dicimus *Unpotem^\ et eo obscurius fit, si dicas ^^pos 
quam "twpos", videtur enim ^^pos^' significare potius ^^pontem 
quam'^^potentem'\ vetustas pauca non depravat, multa tollit quem 
puerum vidisti formonsum, hunc vides deforme^n in senecta (Silben- 
zahl 10 : 10). tertium saeculum non videt cum hominem, quem vidit 
primum. quare üla quae tarn maioribus nostris ademit öblivio^ fugi- 
tiva secuta sedulitas Muti et Bruti retraliere nequit. non, si non 
potuero indagqre, eo ero tardior, sed velocior ideo, si quiero. 
VI 95 f.: Äöc ipsum ^^inlicium^^ scriptum inveni in M. lunii com- 

ineniariiSf quod tarnen ibi idem est quod illicit et illexit, quod I 

cum E et C ctim G magnam habet communitatem. sed quoniam in 
hoc de paucis rebus verba feci plura, de pluribus rebus verba faciam 
pauca. V 9: quodsi summum gradum non attigero, tarnen secundum 
praeteribOy quod non solum ad Aristophanis lucernam sed etiam ad 
Cleanfhis luctibravi. volui praeterire eos qui poetarum modo verba 
ut sint ficta expediunt. non enim vidd>atur consentaneum quaerere 
me in eo verbo quod finxisset Ennitis causam y neglegere quod ante 
rex LoHnus finxissety cum poeticis multis verbis magis delecter quam 
utar, antiquis magis utar quam delecter (die letzten beiden Worte 
wird, wer Varro kennt, als öx^ii^atog p^v ivexa naqanXriQfoyLatvxAy 
fA)i\v d\ öfiijucivovta bezeichnen). Die Bücher rerum rusti- 
carum wimmeln ja von solchen Faceticn. Man denke an die 
derbhumoristischen Spielereien mit den Eigennamen, aber auch 
mit andern Worten, die nach unserm Gefühl oft einem leidlichen 
Kalauer ähnlich sehen (wie I 2, 27: die sodeSy inquit Fundanius: 
nam mdlo de meis pedibus audire, quam quem ad modum pedes 
betaceos seri oporfeat), öfters einem sehr schlechten (wie I 7, 7: 
idem ostendity quod in locis fcris plura ferunty in iis quae sunt 
euUa meliarä): in diesen Wortwitzen kreuzt sich die Lust zu 
scherzen, mit der zu etymologisieren. Dazu kommen dann allerlei 



198 II- ^^6 römische Eunstprosa bis Aug^ustuB. 

raffinierte Sätze, wie I 2^ 19: itaqtie propterea institutum diversa de 
causa ut ex caprino genere ad alii dei aram hostia adduceretur, ad 
alii non sacrificardury cum ab eodem odio alter videre nöUety alter 
etiam videre pereuntem vellet. Wenn ich solche Sätze mitten 
zwischen ganz ungehobelten lese, so fühle ich mich stets ver- 
anlafsty ihm das Sprichwort zuzurufen ^ das er selbst in den 
Satiren in ähnlichem Zusammenhang (er handelte xsqI toi) ixaC- 
Qcog iv rö kiyetv iieiQaxis'öeö^aL cf. fr. 550) gebrauchte: toixl rg 
q>axfi iivQov. Aus den Fragmenten lie&e sich manches Ahnliche 
anführen (z. B. utüe utamur potius quam ah rege abutamur bei 
Priscian GL. 11 381, 11), ich gehe aber nur auf die Satiren 
noch kurz ein, weil in ihnen diese Verhältnisse besonderd klar 
sind. Die Satirenfragmente geben uns in ihrer verwirrenden 
Buntheit des Inhalts ein überraschendes Bild auch von dem viel- 
seitigen stilistischen Können Yarros. In den Versen sind fast 
alle damals bekannten Metra, von den einfachsten bis zu den 
kompliziertesten zur Anwendung gekommen, auch hier ein buntes 
Gemisch von Altem und Jungem, Groteskem und Zierlichem, 
tragisch Ernstem und komisch Spielerischem. Die prosaischen 
Stücke sind von grölster Unmittelbarkeit, Frische, Realistik, die 
das Derbste unverblümt zu sagen nicht scheut: so wollte es der 
xvvixbg tQÖTtog. Auch hier finden wir manche Sätze von ganz 
archaischer, echt varronischer Struktur, z. B. 364: non tndisti 
simülacrum leonis ad Idam eo loco, ubi quondam subito eum cum 
vidissent quadrupedem gaUi tympanis adeo fecerunt mansuem^ ut 
tractarent manibus? 439: quod in eius dei templa calceaU intro 
eunt, nam in oppido quae est aedes Äpollinis et quae ibi ad Her- 
culiSy ut intro eat, nemo se excalceatur. Aber es überwiegen die 
zierlichen, mit allen Mitteln der Technik (besonders Wortspielen, 
die zum yeXotov des xvvtxbg t(f67Cog gehörten) aufgeputzten 
Sätze, z. B. 44: quod non solum innuibae fiunt communis, sed etiam 
veteres repuerascunt et multi pueri pueUascunt 64: socius es hostibus, 
Jwstis sociiSy bellum ita geris ut bella omnia domum auferas 80: 
denique si vestimenta ei opus sunt quae fers, cur conscindis? si 
non opus sunt, cur fers? 241: neque in bona segete nuüum est 
^icum nequam neque in mala non aliquod bonum 264: lex neqtie 
innocenti propter simultatem obstringiUat neque nocenti prqpter ami- 
citiam ignoscit 296: sin autem delectationis causa venamini, quanto 
satius est salvis cruribus in circo spectare quam his desccbinatis in 



Vaarro. I99 

säffa eursare? * Wie nett weifs er auszudrücken; daTs beim Gast- 
mahl vier Dinge zusammenkommen müssen ^ um es in allen 
Punkten vollendet zu machen: si beUi homunctili canledi sunt, $i 
dedus locus, si tempiis lectum, si apparatus non negledus (335); 
and wie hübsch vom Nachtisch: beUaria ea maxime sunt meUita 
quae metlüa non sunt, xifiinaötv enim cum nirIfBv societas infida 
(341). Am reizendsten aber sind zwei Sätze, welche ixq>(fd6sig 
hübscher Mädchen enthalten; hier hat er alle Mittel aufgeboten, 
um die Sinnlichkeit zum Ausdruck zu bringen: 375: ante (mris 
modo ex suMibus parvtdi itUorti demitt^nlur sex cincinni, ocüli 
sigopaekdi nigeUis pupulis quam hüaritatem significantes animi, 
ridus parvissimus ut refrenato risu roseo: seit Scaliger ist vielfach 
versucht, durch gewaltsame Änderungen dies in Verse zu bringen, 
aber die Satire handelt xsqI iyxfoyilfov und nachdem er an einer 
andern Stelle derselben eine solche lxq>Qa6ig in gleichfalls ent- 
zückenden Versen gegeben hat, von denen noch sechs erhalten 
sind (fr. 370 — 372), versucht er es an jener Stelle in Prosa, 
freilich einer Prosa, die wenn irgend eine als * poetische' be- 
zeichnet werden mufs: wer sich an die Fotis des Appuleius 
(Met. n 8 f.) oder die zahllosen xuQ^ivoi der griechischen 
Romane erinnert^ weifs, dafs dies der Stil war, mit dem Arisüdes 
und Sisenna den Kitzel ihrer Leser erregt haben. ^) Das zweite 
Fragment (432) dieser Art ist von jener sinnlichen Zartheit, die 
wir aus griechischen Epigrammen (z. B. Anth. Pal. IX 567) 
kennen: Chrysosandälos locat sibi (nämlich bei Prometheus) amt- 
adam de lade et cera Tarentina quam apes Müesiae coegerint ex 
Omnibus floribus libanteSy sine osse et nervis, sine pelle sine pUis, 
puram putam proceram, candidam teneram formosam. Wer erkennt 
darin den alten Romer vom Schlage Catos wieder? Aber so steht der 
Mann vor uns mit seiner Doppelnatur: wie als Theologe erfüllt von 
frommer Begeisterung für die altehrwürdige italische Gotterwelt, 
in deren Wesen er oft mit verständnisvollem Nachfühlen ein- 
dringt, und doch zugleich der Mode entsprechend Rationalist im 
Sinne der alles verwässernden modernen Aufklärung, so als 
StiliBt reaktionär und doch zugleich in die vorwärts führenden 
Fnbstapfen der Jüngsten tretend; daher hat er — eine seltsame 
Ironie der Tyche, oder richtiger ein Fluch aller Halbheit — den 



1) Cf. E. Marx in: Berl. philol. Wochenschr. 1892, 118. 



200 n. Die römische Eunstprosa bis Augastiis. 

groüsen christlichen Theologen zugleich mit dem Material auch 
die Waffen gegeben es zu widerlegen, und als Stilist entlockt 
er mit seinen dem alten Untergrund aufgesetzten Schnörkeln 
dem Leser nur gutmütiges Lächeln, nie Bewimderung, die man 
nur dem Einheitlichen, dem in sich Geschlossenen und Harmo- 
nischen zollt, 
jiuit und 2. Sallust war wie Varro ein Sohn des Sabinerlands. 

Aber sie trennte ihr verschiedener politischer Standpunkt: jener 
der. erbittertste Gegner des Pompeius, dieser sein wärmster An- 
hänger; daher hat Varro nach dem Tode des andern die chro- 
nique scandaleuse über ihn zu bereichem für gut befunden 
(logist. fr. bei Gell. XVII 18). Aber in emem Pimkt berührten 
sie sich doch: auch Sallust war ein Verehrer Catos. Wie mit 
Varro, so war er aus demselben Grunde mit Cicero, Varros 
Freund, zerfallen.^) Von dem Stil Ciceros unterscheidet sich der 
des Sallust in seiner Art ebenso stark wie der des Varro. JBo- 
mani generis disertissimum nannte er den Cato unmittelbar im 
Anfang der Historien; man mufs nachfühlen, was darin liegt: 
für die andern war damals Cicero der disertissimus Bomuli ne- 
potum. Man male sich den Gegensatz weiter aus: hätte Cicero 
— zu seinem Unglück — den Plan ausgeführt, Geschichte zu 
schreiben (cf. z. B. Plut. Cic. 41), so hätte er es im Stil des 
Theopomp und Timaeus gethan, denn an ihnen hat er sein Ver- 
gnügen (ep. ad Att. H 1; de deor. nat. II 69), und man darf es 



1) Sallust hatte yon Pompeius höhnisch gesagt: seine Schmeichler 
redeten ihm ein, er sei dem Alexander ähnlich, und er glaube das wirk- 
lich (Hist. III 7 D.). Cicero hat zu diesen Schmeichlern gehört: denn wenn 
er von Pompeius sagt (in Catil. in 26) fine8 imperii non terrcte aed caeli 
regionihua tcrminavit, oder (ib. IV 21) cuius res gestae atque virttUes isdem 
quibus 8ol%8 cursus regionibus ac terminis continentur (cf. pro Sest. 67), so 
hat er ein in den Rhetorenschulen mit Beziehung auf Alexander aufge- 
brachtes Bonmot auf Pompeius übertragen, wie aus Senecas erster Suasorie 
folgt, denn hier wird dasselbe mit fast genau denselben Worten von Alexander 
ausgesagt. (So ist das Verhältnis aufzufassen: anders C. Morawski, De 
rhetoribus latinis obserrationes , in: Abh. der Krakauer Akad. 1892 p. 381, 
der meint, dafs die Rhetoren bei Sencca die ciceronianische Wendung auf 
Alexander übertragen hätten. Aber was kümmerten sich diese Rhetoren 
um Cicero und noch dazu um so gelegentliche Äufserungen; und dafs ein 
Grieche das Diktum aufgebracht hat, wird bewiesen durch eine yon Mo- 
rawski selbst p. 388, 1 angeführte Stelle Lukians dial. mort. 12, 4, wo 
Alexander von sich sagt: 'Slynavbv Sqov inoiriacifiriv tijg äQxi}g). 



Varro. Sallust. 201 

80 wenig f&r seine Herzensmeinung halten, wenn er Caesars 
commentariiy denen aller ornatas fehle, in den Himmel hebt 
(Brat 262), wie wenn er, entsprechend der konventionellen 
Theorie, den Thukydides preist (or. 30 flF.; Brut. 287): Sallust 
dagegen hat sich, wie schon das Altertum wufste, Thukydides 
zum Vorbild genommen und einzelnes wortlich übersetzt (Livius 
bei Senec. contr. IX 1, 13 f.). Diese Wahl ist für Sallust ebenso 
bezeichnend wie jene andere für Cicero. Wenn sich in einer 
Zeit, in der die Frage nach der (liiiriatg lebhafter als irgend 
eine andere litterarische behandelt wurde, jemand einem Vorbild 
anschlolB, so that er es mit Überlegung: wirklich hören wir, 
dalB es damals einigen beliebte, in der Geschichtsschreibung dem 
Thukydides zu folgen (Dionys. de Din. 8; de Thuc. 52). Für Sallust 
war es aber nicht, wie für manche Griechen vielleicht schon 
damals, sicher später, ein spielerischer Einfall, wenn er gerade 
dem Thukydides folgte, sondern durch eigene Anlage des Geistes 
wurde er auf ihn hingewiesen. Dem Leichtsinn der Jugend 
hatte tiefer Ernst und nachdenkliche Lebensanschauung Platz 
gemacht; eine solche Natur konnte sich unter den griechischen 
Historikern nur zu Thukydides hingezogen fühlen, und unter 
den Römern mufste er sympathisch berührt werden von der 
sitteniichterlichen Strenge Catos. Wie diesen beiden kam es 
ihm darauf an, in wenig Worten viele Gedanken zu bergen: von 
jenem Bomani generis disertissimtis sagte er: multa paucis absolvU 
(Hist. in.). So erreichte er durch prägnante Kürze dasselbe 
tdxog xflg ötniaöüjcgj das die Alten an Thukydides rühmten, 
während Cicero als Historiker jene Geschwätzigkeit gezeigt 
haben würde, die man an Timaeus tadelte.^) So wurde er femer 
der scriptor seriae et severae orationis, wie ihn Varro 1. c. nennt; 
er bildet mit Thukydides und Tacitos die Trias der ösyLvoC^ daher 
auch die vielen Gnomen, die in ihrer Prägnanz dem Fronto so 
sehr als das Urbild der Vortrefflichkeit erscheinen, dafs er eine 
Gnome nicht besser loben kann als mit den Worten: ut poni in 
Ubro Sallmtii possit (p. 48 N.). Er legte gröfstes Gewicht auf 
die Form, aber nicht zur Abzirkelung schöner Perioden wie 
Cicero und Livius — er hat im Gegenteil absichtlich das 



1) Gnt stellt Appuleius apol. 95 der opulentia Ciceros die parsimonia 
de« SalloBt gegenüber. 



202 II- IWe römische Kunstprosa bis Augustus. 

Rhythmische der Diktion gemieden^) •— ^ sondern um sein Stil- 
ideal, die bretdias, zu erreichen wie Thukydides und Tacitus; 
Quiutilian (X 3, 8) berichtet die peinliche Sorgfalt des Sallust 
im Feilen seiner Werke auf Grund irgend einer Tradition (ae- 
cepimus), die aber vermutlich auf einem blofsen Rückschluijs aus 
seinem Stil selbst beruht^ denn darin hat Quintilian gewils 
recht, wenn er hinzufügt: et sane manifestus est etiam ex apere 
ipso Idbor: er wollte, so gut wie Thukydides, mit dieser 
prägnanten Kürze etwas Neues geben^ und wenn er das Fremd- 
artige durch das archaische Kolorit im Gegensatz zu Cicero und 
seinem Gönner Caesar^) noch verstärkte; so haben wir das nicht 
blofs aus seiner Vorliebe für Cato^ sondern auch aus einer 
Theorie zu erklären: man wuTste, daüsi Thukydides auch durch 
Anwendung der yXcoöötifiatiX'^ xal iairiQ%ai,(oyLivvi Xd^ig (Dionys. 
de Thuc. 52 u. ö.) seinen Stil erhaben und ernst gemacht habe^ 
und dafs altertümliche Worte diesen Effekt haben^ giebt auch 
Cicero, der sie sonst so wenig wie Caesar (cf. Gellius I 10) 
liebt, gemäüsi einer Theorie zu (de or. III 153), cf. Quini Vm 
3, 24: prop'iis (verbis) dignitatem dat antiquüas. namque et 
sanctiarem et magis admirabüem faciunt orationem.^) umgekehrt 
hat kein Schriftsteller der guten Zeit in der Syntax so viel ge- 
neuert wie Sallust, keiner dem Griechischen einen so weiten 
Spielraum auf die Neuprägung von Konstruktionen verstattet; 
da nun auch Thukydides mehr als jeder andere griechische 
Schriftsteller an der Sprache geneuert hatte und als Haupt- 
vertreter der g>Qd6ig ^ivti xal '/iXXotcoiiivTj allgemein galt, so 
dürfte SaUust die Berechtigung auch zu seinen Neuerungen aus 
seinem Vorbild abgeleitet haben. 
Aiiait nnd Dafs einem Mann so ernster Geistesrichtung der Flitterkram 
vulgärer rhetorischer Effektmittel zuwider war, versteht sich von 



1) Das ergiebt sich anch ans Seneca ep. 114, 17 SaUusUo viffente am- 
putatae senUntiae et verha ante exspectatutn caäentia . . . fixere pro 
cultu; 80 bezeichnet er selbst § 16 und 100, 7 die den Rhythmus vernach- 
lässigende Komposition. 

2) Den stilistischen Gegensatz zu diesem erkennt man besonders deat- 
lieh an der Rede, die er ihn im Catilina halten läfst, cf. Fr. Schnorr 
T. Carolsfeld^ Über die Reden u. Briefe bei Sali. (Diss. München, Leipzig 
1886) 84 S. 

8) Poetische Worte hat er dagegen gemieden; falsch darüber L. Con- 
stans, De sermone Sallustiano (Paris 1880) 266. 



SaUufit. • 203 

selbst^); das einzige Eunstmittel^ welches er^ allerdings überaus 
häufig, verwendet, ist^ wie schon dem Pronto (p. 106) auffiel, die 
Antithese*): nie aber hat er sie zum Spiel, sondern stets zur 
^harfpointierten Darstellung benutzt, besonders gern in Cha- 
rakterzeichnungen wie Cat. 5, 4: alieni adpetens^ sui profustis; 
satis eloquentiae, sapientiae parum 7, 6: laudia avidi, pecuniae 
liberales erant (wo im ersten und letzten Beispiel der eine Ge- 
nitiv nur dem präzisen Ausdruck zuliebe gewagt ist), sowie in 
den Reden, wo das beste Beispiel die 6iiyxQi6ig ist, die Marius 
zwischen sich und der Nobilität anstellt: lug. 85. Dabei ist 
aber der abgezirkelte Satzparallelismus, der sich bei gezierten 
Autoren so gern einstellt, recht selten, wie Cat. 51, 12 (in der 
Rede Caesars): qui demissi in öbscuro vitam häbenty si qtiid ira- 



1) Über die von Cicero abweichende Art der sallastischen Periodi- 
sienmg fehlen noch Untersuchungen (vor allem auch, ob sich nicht die 
drei Werke wie sprachlich [darauf hat zuerst hingewiesen £. Wölfflin im 
Philologus XXV 1867 p. 95; 102 u. ö.] so auch stilistisch imterscheiden). 
Einiges bei E. Meyer, Die Wort- und Satzstellung bei Sali., Progr. des 
Pädagogiums zu Magdeburg 1880, der dabei aber gerade auf die rhetorische 
Wortatellung nicht eingeht. Mir scheint z. B. folgendes bezeichnend: im 
Gegensatz zu Cicero trennt Sallust keine grammatisch zusammengehörigen 
Begri£Ee aus rhetorischem Grund (auch nicht in den Beden): 1. Das Verb, 
subst. wird sehr selten und dann ohne rhetorische Absicht von seinem 
Verbum getrennt, wie lug. 17, 7 interpretatum nobis est. 2. Das Adjek- 
ÜTum wird selten Tom Substantiyum getrennt, und fast nie durch mehr 
als ein Wort, wie lug. 85, 45 honum habete animutn (Bede des Marina), 
or. Macri 10 ^i scdestum imposuerat servitium, hist. 10 D. sub Jumesto pa- 
trum aut plebei nomine 55 neque praesidiis uti soluerat composiUs u. dgl. ganz 
Gewöhnliches. Cf. auch A. Beckzey 1. c. (oben S. 180, 2) 31. 8. Ebenso wird 
der zu einem Substantiv gehörige Genitiv von diesem selten getrennt imd 
nie 80 weit wie lug. 65, 8 hortatur, ut contufneliarum imperaUtri cum suo 
auxilio poenas petat, wo die Lesart unsicher ist. 4. Von andersartigem 
notierte ich mir nur lug. 22, 8 quo plura hene atque strenue fecisset, eo 
animum suwn iniuriam minus tolerare (wo eo aber fast adyerbialisch ist). 
— Bhythmischen Satzschlufs ignoriert Sallust, und zwar, wie es scheint, 
aus Prinzip: z. B. h&tte Cicero den Satz Cat. 51, 12 (in der Bede Caesars) 
qui demissi in ohscuro vitam JMbent, si quid ircunMulia ddiquere, pauei seiunt; 
qui magno imperio praediti in excelso aetaiem agunt, eorum facta cuncti mor- 
tdUs novere sicher geschlossen: cuncti novere mortales (j. u l j. _), und 
umgekehrt h&tte er nie die Bede des Bocchus (lug. 110, 8) rhythmisch falsch 
schliessen lassen hatMl repulsus abibis {j. <j \^ ^ J), 

8) Cf. E. Elebs in: Festschr. f. L. Friedländer (Leipz. 1895) 227, wo er 
nachweist, dals Hegesippus sie dem Sallust abgelernt hat. 



204 n. Die römische Eonsiprosa bis Augostas. 

cundia deliquere, pauci sciunt; qui magno imperio praediti in ex- 
celso aetatem agunt, eorum facta cuncÜ martales novere^)] dagegen 
z. B. Cat. 33, 1: plerique patriae sed omnes fama atque fartunis 
expertes sumus 25^ 2: litteris Oraecis et Latinis doda, psaUere 
saltare elegantius quam necesse est probae^ multa alia quae in- 
strumenta lusuriae sunt (also mit dreimaligem Wechsel) 17, 6: 
incerta pro certis, beüiim quam pacem malebant lug. 86, 3: alii 
inopia bonorum, alii per ambitionem consulis 88, 4: qtuxe post- 
quam glariosa modo neque belli patrandi cognovü 89, 8: cibus 
Ulis advorsus famem atque sitim^ non lubidini neque Itixuriae erat: 
diese absichtliche Zerstörung der Eonzinnität, die so ganz un- 
ciceronianisch ist, hat er, wie wir wissen (s. oben S. 98, 1), dem 
Thukydides abgelernt, und dem Sallust bildet sie dann wieder 
Tacitus nach: auch hier gehen die drei Schriftsteller, denen der 
Gedanke, der ja durch den Wechsel des Ausdrucks stets etwas 
nuanciert wird, höher steht als die schönen Worte, bezeichnender- 
weise zusammen, 
üiast bei Ein Werk in dieser Sprache und in diesem Stil muliste auf 

weit. die für Cicero schwärmenden litterarischen Kreise abstolsend 
wirken. Livius, der Verehrer ciceronianischer Fülle, versetzt 
diesem — wie ihm schien — affektierten Streber nach brevitas 
einen bösartigen Hieb (bei Seneca contr. IX 1, 13); Seneca dem 
Vater, für den Cicero der Höhepunkt der Beredsamkeit ist, ge- 
nügen Sallusts Reden nicht (contr. III praef. 8); Quintilian 
warnt vor der SaUustiana brevitas und seinem abruptum sennonis 
genus (IV 2, 45 cf. IX 3, 12; X 2, 17) ; wegen seiner archaischen 
Worte sind sie alle über den priscorum Gatonis verborum ineru- 
ditissimum furem hergefallen. Kurz, das Resultat, zu dem die 
Gegner kamen, war: homo vita scriptisque monstrosus (Lenaeus 
bei Suet. de gr. 15), aber für Martial (XIV 191) ist primus 
Romana Grispus in historia und für seinen Geistesverwandten 
Tacitus (ann. HI 30) rerum Bomanarum florentissimus audor. 
ihaitund 3. Ncpos, dicscm ^iiivii(ov\ wie ihn Atticus in einem Brief 

■einei »n Ciccro mit leiser Ironie nannte (Cic. ad Att. XVI 5, 5), 
Werke». ßj^^jQ Mann, der, während er sich im Dunstkreis der Gröfsten 
seiner Zeit bewegte, selbst nirgends das Niveau auch nur der 



1) Diese und andere Beispiele bei J. Robolski 1. c. und Eonr. Meyer 
1. 0. (oben S. 203, 1). 



Salluet. Nepos. 205 

Mittelmälisigkeit erreichte, haben seine Schulexercitien den Ruhm 
gebracht, seit dem 17. Jahrh. der am meisten bekannte latei- 
nische Schriftsteller zu sein, obwohl sein Sprachgebrauch ganz 
noklasaisch ist. In unserm Jahrhundert ist es statt der früheren 
Überschätzung^) Mode geworden, ihn als Historiker und Stilisten 
zu schelten, aber das ist ungerecht: denn auf den Namen eines 
EKstorikers hat er selbst keinen Anspruch erhoben und als 
Stilist hat er das zu leisten sich bemüht, was der puerile 
Stoff erheischte. Was Nepos gewollt hat, ist von E. Lippelt, 
Qnaestiones biographicae (Diss. Bonn 1889) ins richtige Licht 
gerückt worden; ich muJs seine wesentlichsten Argumente in 
aller Kürze wiederholen, weil nur von diesem Gesichtspunkt aus 
auch der Stil des Mannes verständlich wird. Li den Rhetoren- 
schulen lernten die Knaben nach Suet. de rhet 1, Graecorum 
scripta converiere ac viros inlustres laudare vel vituperare. 
Rhetorische laudationes von Feldherren zählt Cicero auf de 
or. n 341: Crraeci magis legendi et deledationis aut hominis cuiiis- 
dam amandi quam tUüitatis forensis causa laudationes scripti- 
taverunt; quomm sunt libri quibus Themistocles Aristides Agesilaus 
Epaminondas Phüippus Alexander aliiqiie laudantur. Wir haben 
das iyxAiiiov Xenophons auf Agesilaos und erkennen durch Ver- 
gleich mit den Hellenika, dafs für das Enkomion ganz andere 
Gesetze bestehen als für die tötoqCa: dort tffsvdog zu Gunsten 
des Gelobten auf Kosten seiner Feinde, hier im allgemeinen 
Hi^d'suc. Nepos hat keine Geschichte, sondern ßioL schreiben 
wollen: im Anfang des Pelopidas sagt er ausdrücklich, der Stoff 
sei hier so reich, dafs er nur die Hauptsachen auswählen wolle, 
ne non vitam eius enarrare sed historiam videar scribere; 
eine * Geschichte' in würdiger Sprache erwartete er von Cicero 
und nach dessen Tod sei Rom um diese Hoffnung betrogen 
(fr. 26 Halm). Als Quelle hat Nepos benutzt die massenhafte 
Litteratur Ttegl ivdö^aw ivögänf, in der es Gesetz war, nur weils 
oder schwarz zu malen; die Quellen dieser Schriftsteller waren 
selbst wieder stark rhetorisierende Historiker wie Theopomp 
und Timaeus, die daher von Nepos öfters citiert werden, gewifs 

1) Z. B. sagt ein Mann wie D. Morbof, der doch sonst ganz verständig 
in diesen Dingen urteilt, von Nepos: quo nil venustius Eamatius scribere 
poUst eoAamus (De Patavinitate Liviana [1684] c. 12 in: Dissert. ac. et epistol. 
[Hamb. 1699] 668). 



Bhetorlk. 



206 H- I^i^ römisclie Eunstprosa bis Augastus. 

ohne daCs er sie je benutzt hätte. Wir erkennen das rhetorische 
Element bei Nepos vor allem an folgenden zwei handgreiflichen 
Thatsachen: 1) Er berichtet manche Einzelheiten^ von denen wir 
nachweisen können^ dafs sie in den griechischen Rhetorenschnlen 
behandelt worden sind, so z. B. in der yita Eimons: dafs er sehr 
arm war, dafs er für seinen insolventen Vater Miltiades im Ge- 
fängnis sals; daüsi er seine Schwester Elpinike heiratete. 2) Da 
er den Betreffenden jedesmal als einzig in seiner Art hinstellt, 
kommt es gelegentlich vor, dafs er in zwei Yiten genau das 
Gegenteil erzählt, z. B. wird in der vita des Timotheos 1, 3 
dieser gerühmt, dafs er nicht, wie Agesilaos, vom Perser Geld 
genommen habe, während in der vita des Agesilaos 7, 2 dieser 
gepriesen wird, dafs er sich vom Perser habe beschenken lassen 
puezUe und dadurch das Vaterland gerettet habe. — Diesem rhetorischen 
Inhalt hat er nun auch die Sprache konform zu machen yersuchi 
Dafs es ihm nicht besser gelang, liegt an seinem mäfsigen 
schriftstellerischen Können und seiner ungenügenden rhetorischen 
Vorbildung: wie es aber zu gehen pflegt, verraten sich solche Leute 
am leichtesten, weil sie das Wenige, was sie von dem eleganten 
Modestil gelernt haben, in übertriebener Weise zur Schau 
tragen. Dals er die Absicht hatte, rhetorisch zu schreiben, ist 
erwiesen nach Vorgang schon von C. Nipperdey (in den Prolegg. 
zu seiner gröfseren Ausg. [Berlin 1849] XXXIV f.) z. B. von 
B. Lupus, D. Sprachgebr. des C. N. (Berlin 1876) 195 ff. Er 
pflegt aber nur da seine Zuflucht zur Rhetorik zu nehmen, wo 
er glaubt, einen höheren Ton anschlagen zu müssen, besonders 
in den Charakteristiken, wo es seit Theopomp Mode war. Da 
er in den andern Partieen oft mit unerhörter Nachlässigkeit 
schreibt, ohne sich die geringste Mühe zu geben — ich erinnere 
nur an die vielen Wiederholungen desselben Worts kurz hinter- 
einander, cf. Nipperdey zu XIV 5, 6, und an die oratio des At- 
ticus 21, 5 f., die in ganz vulgärem Gesprächston gehalten ist, — 
so bekommt das Ganze, ähnlich wie bei seinem grofsen Freunde 
und Gönner Varro, den Anblick von etwas durchaus Unharmo- 
nischem. Das Rhetorische zeigt sich besonders in folgenden 
vier Punkten: 1) Die Antithese, sowohl die der Gedanken wie 
die der Form, beherrscht die Darstellung: jedes Kapitel bietet 
Beispiele, man lese z. B. Attic. 6; in der Ausgabe von H« Ebe- 
ling (Berl.-Leipz. 1871) sind über 150 Beispiele zusammen- 



Nepos. 207 

gestellt y und das sind noch lange nicht alle (cf. auch Lupus 
L c. 200). Man muls ein paar Kapitel Caesar oder Liyius neben 
Nepos lesen, um zu sehen, daCs es kein Zufall ist, und ein paar 
Kapitel Sallust, um zu sehen, dafs bei Nepos Ziererei ist, was 
bei Sallust innere Notwendigkeit. Gelegentlich macht er es so 
thöricht wie Att 7, 3: vetere instUtUo vitae effugit nova peri- 
adOj wo er durch nova eine ganz ungehörige Pointe erzielt, ebenso 
wie Antiochos von Kommagene § 5 (oben S. 145, 4). Mit der 
Antithese verbindet sich oft der Gleicbklang am Ende, z. B. 
XVni 13, 1: sie Eumenes anmrum quinque et quadraginta, cum 
ab €mno vicesimo . . . sq^tem annos Philippo apparuisset, tredecim 
apud Alezandrum eundem locum obtinuisset, in his unum equitum 
alae praefuisseiy post autem Älexandri Magni mortem imperator 
exereUus duxisset summosque duces partim repulisset partim itUer- 
feeisset, capius non Antigoni virtute sed Macedonum periurio talem 
hibuü exitum vitae. II 6, 1: Piraeus . . moenibus drcumdatus, ut 
ipsam uriem dignitate aequiperaret, utüitate superaret XIY6, 6: 
eoaeH sunt cum eis pugnare ad quos transierant, ab iisque stare 
quos rdiquerant Ati 15, 1: eius comitas non sine severitate 
erat neque gravitas sine fadlitate. Einmal hat er auch dieser 
Spielerei zuliebe ein neues Wort gebildet: I 8, A: sed in Mit- 
tiade erat cum summa humanitas tum mira communitas (cf. 
Nipperdey z. d. St.). Die Folge der Vorliebe für die Antithese 
ist^ dafs die Sätze meist aus kurzen Teilchen bestehen, die nur 
durch adversative oder kopulative Partikeln in den Fugen ge- 
hatten werden; grölsere Sätze sind fast immer entweder roh 
(langer Vordersatz, kleiner Nachsatz) oder gehen ihm infolge 
der Einschiebung von Parenthesen elendiglich in die Brüche. 
Wir beobachten also schon hier den Prozefs der Auflösung 
der Periode, worüber wir bei den Autoren der Kaiserzeit ein- 
gehender werden handeln müssen. 2) Die ^Allitteration'^) 
wird in abgeschmackter Häufigkeit angewandt, oft auch da, wo 
es sich um gewöhnliche Dinge handelt, z. B. II 10, 4: iUum ait 
Magnesiae morho mortuum neque negat fuisse famam venenum 
sua Spante sumpsisse VII 5, 5: tanta commutatio rerum facta 
estf ut Laoedaemonii qui paulo ante victores viguerant perterriti 
paeem peterent XXIII 11, 7: pedestribus copiis pari prudentia 



1) Cf. besonders B. Pretzsch, Zar Stilistik des C. N., Progr. Spandau 1890. 



208 II* Die römische Eunstprosa bis Angustos. 

peptdit adversarios Att. 2, 6: modus mensurae medimnus 
Äthenis appellatur. Oft bleibt sie nicht auf den Anfeings- 
buchstaben beschränkt, sondern greift weiter, so dafs ein * Wort- 
spiel' entsteht (die Alten haben beides nicht geschieden, s. o. 
S. 23, 2), z. B. y 1; 2: häbehat (Cimon) in matritnonio sororem 
germanam stiam non magis amore quam more IX 3, 3: necesse 
est, $i in conspectum veneris, venerari te regem XVIII 2, 2: 
data sive potius dicta XVIII 8, 4: se parem non esse paratis 
adversariis (ganz ähnlich Yelleius II 39, 3: parendi confessionem 
extorserat parens) XX 1, 3: parere legibus quam imperare 
patriae satius duxit Att. 3, 2: actorem auctoremque und be- 
sonders stark XV 9, 4: satis vixi, invietus enim morior: aber 
gerade das letztere hat er aus der Rhetorenschule, denn dieselbe 
Spielerei finde ich wieder bei Cicero Phil. XIV in den auch 
sonst höchst gewagten Schlulsworten der ganzen Bede, sowie in 
den von Seneca aufbewahrten Deklamationen: exe. contr. V 1 
(p. 243, 17 Müll.): Cn. Pompeius in Pharsalia victus ade vixit 
cf. suas. 2, 16 (p. 542, 2 und 10), 3) Er beobachtet den rhyth- 
mischen Satzschlufs, vgl. in den oben (unter 1) angeführten 
Sätzen: exitum vitae (^ w a. -t «), utilitate superaret {j. yj ^ yj 
^ ^ «= esse videatur), facilitate (v^ vy ^ ^ ^: Ditrochaeus). Das 
ganze dritte Kapitel des Epaminondas, welches die Charakteristik 
enthält, . zeigt die Beobachtung dieses Gesetzes: adeo veritatis 
diligenSf ut ne ioco quidem mentiretur. idem continens^ demens 
patiensque admirandum in modum, non solum populi sed etiam 
amicarum ferens iniurias, in primis commissa Celans, quod interdum 
non minus prodest quam diserte dicere, Studiosus audiendi: ex hoc 
enim fadUime disci arhitrabatur. itaque cum in circulum venisset, 
in quo aut de re publica disputaretur aut de philosophia sermo 
haberetur^ numquam inde prius discessit, quam ad finem sermo 
esset adductus. paupertatem adeo facile perpessus est, ut de re 
publica nihil praeter gloriam ceperit {^ yj i. j. yj ^). amicarum in 
se tuende caruit facultatibus, fide ad alios sublevandos saepe 
sie usus est, ut iudicari possit omnia ei cum amicis fuisse com- 
munia u. s. w. Im folgenden Kapitel, wo er zur Erzählung 
übergeht, hört das auf: man, sieht also, dafs man (auch in der 
Interpunktion) bei ihm darauf zu achten hat Natürlich merkt 
man bei ihm den Zwang oft recht deutlich an der Wortstellung: 
in den angeführten Sätzen stellt er deshalb esset adductus, fuisse 



Nepos. Cäsar. 209 

eomfmmia wie Att. 7^ 2: sunt secuti, und die Trennung von ami- 
earum — faciütatibus ist ziemlich stark. Oft verstellt er aber 
die Worte auch nur, weil er überhaupt salopp schreibt, z. B. 
Xin 3, 1: Aihenienses nndique premi sunt coeptiy Att. 16, 2: ut 
ne frater guidem ei Quinius carior fueriL Das miiüste alles noch 
genauer untersucht werden. 4) Fortwährend werden Gemein- 
plätze eingestreut, die stets ebenso bieder wie banal sind. 

4. Caesar. Er hatte dieselben Lehrer wie Cicero: in der Thtorie. 
Grammatik den Analogisten M. Antonius Onipho (Suet. de 
gr. 7), in der Rhetorik den zwischen Asianismus und Atticismus 
vermittelnden Molon (Plut. Caes. 3). Den Ruhm, als Schrift- 
steller mit Cicero zu konkurrieren, wies er mit feiner Urbanität 
zurück: sein Leben sei das eines Soldaten, den Cicero aber 
apostrophierte er: omnium tnumplwrum lauream adeptus es ma- 
iarem, quanto plus est ingenii Bomani terminos in tantum pro- 
mavisse quam imperii (Plin. n. h. VII 117; Plut. 1. c), ein Kom- 
pliment^ das er nicht ohne leise Ironie dem eitlen Manne machte 
f&r den Vers cedant arma togae, concedat laurea linguae.^) Hätten 
wir seine Reden, so könnten wir ihn unmittelbar mit Cicero 
yergleichen. Wie wir ihn kennen, dürfen wir wohl vermuten, 
dab ihm die überschwengliche Art Ciceros unsympathisch ge- 
wesen ist: er stand, wie aus Tac. dial. 21 deutlich hervorgeht^ 
der extremen Partei der Atticisten viel näher als der Manier 
Ciceros.') Wie mag er das wohl angehört haben, was ihm 
dieser in der Marcelliana sagte: ich denke, etwa so wie Trajan 
den Panegyricus des Plinius anhörte. Dafs er freilich, wo es 
darauf ankam, die Waffen auch der zierlichen Rhetorik zu führen 
wuÜBte, zeigen uns ein paar Notizen aus dem Anticato.'J Ganz 



1) Cf. auch Cassius an Cicero ep. fam. Xu 18, 1. 

2) Mit Calyns korrespondierte er (Suet. div. Inl. 73. Caes. ed. Nipper- 
dey p. 77B); jener adoptierte die orthographische Neuerung Caesars optimus 
etc., cf. W. Brambach, Neugestalt, d. lat. Orthogr. (Leipz. 1868) 108; 111. 

8) In dieser (Gegenschrift gegen Cicero hatte er alle Arten sophistischer 
Argomente Yorgebracht (Cic. Top. 94) ; man erkennt das noch etwas am Stil 
in den zwei Citaten: Plin. ep. III 12, 2 quem (Catonem) C. Caesar ita re- 
prd^ettdU, ut laudet. describit enitn eos quibus ohvius fuerat cum caput ebrii 
retexissent, erubuisse; deinde adicit ^putares non ab Ulis Catonem, sed 
iUo$ a Catone deprehen808\ Plut. Cat. min. 62 (Cato nahm nach dem 
Tode des Hortensius seine von diesem zur Erbin eingesetzte Gattin Marcia 
wieder zu sich ins Haus, woraufhin ihm Caesar tpiXonXovxlav %al ftiC^ccQ- 
VordtB, tm,tün KanttproM. 14 



210 n. Die römische Kunstprosa bis Angastof. 

Praxi!, anders die commentarii; sie^ vor allem der über den gallischen 
Krieg, dieser „militärische Rapport des demokratischen Generals 
an das Yolk^' (Mommsen, R. G. III 615), zeigen das Tendenziöse 
auch im Stil: während Fompeius, der selbst ahunde disertus 
rerum stiaruin narrcUar war (Quint. XI 1, 36 cf. Tac. diaL 37), 
seine Erfolge im mithridatischen Krieg durch Theophanes von 
Mytilene in der üblichen schwülstigen Weise hatte verherrlichen 
lassen und während (nach Suet. de rhet. 27) L. Voltacilius Pi- 
tholaus, Pompeius' Lehrer in der Rhetorik, dessen Thaten offenbar 
rhetorisch feierte (etwa in der Art des ciceronianischen £n- 
komions), schrieb Caesar kühl imd sachlich, wodurch schon in 
dem damaligen Leser das Gefühl erweckt sein wird, dafs er es 
nicht für nötig hielt, angesichts solcher für sich sprechender Er- 
folge sich seiner Thaten in einem prahlerisch-rhetorischen Stil 
zu rühmen. Aber gerade deswegen glauben wir noch heute aus 
ihnen den sermo imperatorius entgegentönen zu hören, den das 
Altertum an seinen Reden bewunderte (Fronto 123; 202). Mit 
den allereinfachsten Mitteln weifs er die gröfsten Effekte zu er- 
zielen, z. 6. wie unübertrefflich wird de bdlo civ. I 6 die un- 
ruhige Hast der Italien verlassenden Pompejaner in ganz kleinen 
asjndetischen Sätzen gemalt. Von den Mitteln der Rhetorik 
verwendet er nur die natürlichsten: kraftvolle Asyndeta (z. B. 
de b. c. I 3; 3; 6, 8; 15, 2; 34, 4 £) und die Anaphora^), da- 
gegen sind Antithesen sehr spärlich und nie gesucht. Wohl 
vereinzelt steht eine sehr kunstvolle Periode in der ganz be- 
sonders lebhaften, fast pathetischen Schilderung des Yemichtungs- 
kampfes gegen die Nervier, bei der er seine vornehme Kühle 
ausnahmsweise ablegt und dadurch dieselbe Wirkung erzielt wie 
Tacitus, wenn er gelegentlich (z. B. bei Arminius' Tod) warm 
wird: hostes etiam in extrema spe sältUis tantam virhitem prae- 
stUeruntf ut cum primi eorum cecidissent, proximi iacentibas in- 



viav inl t^ ycififp vorwarf) tl yccQ fedsi nccQaxmQStv 8s6iJk8vov yv9ai*6g 

tb y^vcctov *OQtricL<p xal viav l^xQriaBv^ tva nXovaiav &noXdßfi; 

1) Cf. E. Lorenz, Über Anaphora und Chiasmus in Caesars b. G., Progr. 
Creuzburg 1875. Von den Beden ist mit bewofster Kunst (aber nicht in 
Äufserlichkeiten) abgefafst nur die des Critognatus b. G. Vn 77, cf. Ph. 
Fabia, De orationibus quae sunt in commentariis Caesaris de b. G. (Paris 
1889) 86 ff. 



Caesar und seine Fortsetzer. 211 

sisterent cUgue ex eorum corporibus ptignarentj his deiectis et coa- 
cervatis cadaveribuSy qui Si4peressent ut ex tumulo tda in nostros 
conkerent et pila intercepta remitterent: ut non nequiquam tantae 
viriutis homines iudicari deberet ausos esse transire latissimum 
flumen, ascendere altissimas ripas, subire iniquissimum 
locutitf quae facilia ex difficillimis animi magnitudo redegerat (cf. 
etwa noch de b. c. HI 69, 4). 

Von den anonymen Fortsetzungen Caesars will ich nur eine, Paniuu 
das bellum Hispaniense, erwähnen/weil es für die hier an- 
gestellten Untersuchungen nicht ohne Interesse ist. Es ist ohne 
Frage eins der kümmerlichsten Machwerke der Litteratur aus 
guter Zeit^)y obwohl man ihm noch zu viel Ehre anthut, es 
überhaupt zur Litteratur zu rechnen: denn es ist gewifs kein 
Zufall, dafs wir seinen Verfasser so wenig kennen wie die der 
andern Fortsetzer der caesarianischen commentarii aufser dem 
bedeutend hoher stehenden Hirtius: der in der bessern Gesell- 
schaft herrschende Grundsatz des Odi profanum volgus hat 
diesen Skribenten^ die Verewigung des Namens versagt. Aber 
nichts ist bezeichnender, als wenn jener brave miles, der den 
spanischen Krieg beschreibt, sich aufs hohe Pferd setzt und, 
gerade im Stande, richtig zu deklinieren und zu konjugieren 
und sein hene muÜi, bene ntagnus zahllose Male anzubringen, nun 
einen rhetorischen Stil affektieren will: das thut er regelmäfsig 
bei der Beschreibung eines irgendwie bedeutenderen Gefechts 
und bei den zwei Reden, die er sich nicht versagt hat, in 
direkter Form zu verbrechen. Bei den Schlachtberichten hat er 
zweimal Ennius citiert: 23, 3: hie tum, ut ait Ennius, nostri 
eessere parumper 31, 7: hie, ut ait Ennius, pes pede premitur etc., 
was einem so vorkommt, als wenn ein Wachtmeister in seinem 



1) „Joseph Scaliger fand das Latein im bell. Hispan. sehr schön und 
interessant**: diesen Satz finde ich, ohne ihn nachprüfen zu können, bei 
S. Schmid, Unters, üb. die Frage d. Echth. der Rede pro Marcello (Diss. 
Zürich 1888) 20. Scaliger hatte, wie Lipsius, Freude an Pointen; das wird 
ihn zu dem wunderlichen Urteil veranlafst haben. 

2) Man könnte auf sie anwenden, was Lukian de hist. conscr. 16 von 
einem Historiker seiner Zeit sagt: &iiog di tig a^Ay ^6iivrifia x&v ytyo- 
w6^mv yviMfhv avpa^ayrnv iv yQ(xq)fl %oiiidi nsibv %al ^c^f^i^^i^^ff» olov %al 
n^cetUnrig &9 ttg roc %a^' ijuiffav &vayQaq>6fUBvog 6vvidji%ev i) tintiov i) 
%aMril6g t(^ ttvunBQivoat&v xfj argana. 

14* 



212 n. Die römische Konstprosa bis Angastiu. 

Bericht sagen würde: ,,Daraaf wurde das Signal zum Auftitzen 
gegeben^ wie Schiller sagt: wohlauf Kameraden, aufis Pferd, aufs 
Pferd/' Einmal (25, 4) gar: hic^ ut fertur AchtlUs Memnonisque 
congressuSf Q. Pompeins Niger, eques Bofnantis Itälicensis, ex aeie 
nostra ad congrediendum progressus est, xoiml tf} qxxx^ fLiigov. 
Und nun höre man, was er von rhetorischen Stilfinessen kennt: 
6, 5: quae res cum ad maiorem contentionem venisset, ab utrisque 
comminus pugna iniqua, dum cupidius locum Student tenere, propter 
pontem coangustabantur, fluminis ripas adpropinquanks coangu- 
statt praecipitabantur. hie alternis non solum morti 
mortem exaggerabant, sed tumulos tumulis exaequabant 
17, 1: postero die TüUius legaius cum Catone Lusitano venu et 
apud Caesarem verba fecit: „uiinam quidem dii immortales fedssmt, 
%ft tuus potius miles quam Cn. Pompei factus essem et hanc virtutis 

constantiam in tua vidoria, non in illius calamitate praestarem 

Propter patriae luctuosam pemiciem dedimur hostium numero, qui 
neque in illius prospera ade primam fortunam, neque in adversa 
secundam obtinuimus victoriam, 42, 5 (Rede Caesars): aptid vos 
beneficia pro maleficiis, maleficia pro beneficiis habentur. ita neque 
in otio concordiam neque in bello virtutem üllo tempore relinere 

potuistis In quo vos victores existimabatis? an me deleto 

non animadvertebatis habere Ugiones populum Romanum, quae non 
solum vöbis obsistere, sed etiam caelum diniere possent, q>£i>. Also 
überall Antithesen, die er sonst durchaus nicht kennt (non 
solum — sed etiam kommt nur an diesen beiden Stellen vor). 
Einmal hat er in lebhafter Rede auch ein tQixmXov: 13, 6: ibi 
cum in oppidum revertissent^ relato responso, clamore sublato, omni 
genere telorum emisso pugnare pro muro toto coeperunt, einmal ein 
sehr abgeschmacktes Wortspiel 29, 4: huc accedebat, ut locus Uta 
planitie aequitatem omaret diei solisque serenitate, ut mirificum 
et optandum tempus prope ab diis immortalibus illud tributum esset 
ad proelium committendum, wo ja auch die andern Worte seine 
Bemühung zeigen, pathetisch zu werden.^) 
riniipitue 5. Ciccro. Wenn ich behaupte, dafs ffir eine gerechte 

gan^ftr Würdigung der Bedeutung Ciceros als Redners und Stilisten 

OiOtTO. 



1) J. Degenhart, De auctoris belli Hisp. elocntioiie et fide historica (Diss. 
Würzb. 1877) spricht Yon dem hierher Gehörigen nur über Wortstellung 
(p. 84), Chiasmus (p. 86), poetische Worte (p. 40). 



Caesars Fortsetzer. Cicero. 213 

heutzutage noch so gut wie alles fehlt^ so weifs ich, dafs darin 
mehrere Männer, deren urteil mir massgebend ist, mir bei- 
stimmen. Seine Gröfse erscheint uns so zweifellos^ dals wir es 
nicht f&r notig erachten, uns nach den Gründen im einzelnen zu 
fragen. Er selbst hat, obwohl er wufste, dafs cum amnis arro- 
ganüa adiosa est tum iUa ingenii atque eloquentiae mülto molestis- 
sima (diy. in Caec. 36), an nicht wenig Stellen mit nicht mifs- 
zuverstehender Deutlichkeit sich für den grofsten Schriftsteller 
in lateinischer Sprache erklärt; von seinen Zeitgenossen ist er 
gepriesen worden als der ^ Konig in den Gerichten', und nur 
wenige unter ihnen haben in tendenziöser Weise ihn zu ver- 
kleinern gewagt; die Nachwelt hat ihn vollends in den Himmel 
erhoben und ihm seine Unsterblichkeit richtig prophezeit (Asin. 
PoUio bei Sen. suas. 6, 24; Velleius 11 66), seine Gegner sind 
fär GeUius XVII 1 prodigiosi et vecordes und er vergleicht sie 
mit den monstra haminum qui de dis impias fcdsasque opiniones 
prohderunt; Bomani nominis tittdum nennt ihn Cremutius Cordus 
bei Seneca suas. 6, 19, Ingenium quod sölum populus B. par im- 
perio suo häbuit Seneca selbst contr. 1 praef. 1 1 ; er war 6 ^ijtmQ 
wie bei den Griechen Demosthenes, für Quintilian ist er die in- 
kamierte Beredsamkeit: X 1, 112: apud posteros id consecutus est^ 
fä Cicero tarn non hominis nomen sed eloquentiae habecAur. So ist 
es geblieben sogar im Mittelalter, als man seine Beden kaum 
mehr las und einen Stil schrieb, den der Gefeierte selbst nicht 
mehr verstanden hätte. Dann berauschten sich an ihm die Hu- 
madisten und gerieten beim blofsen Hören seines Namens in 
einen Taumel der Begeistenmg: das ist die Zeit gewesen, in der 
nach mehr als tausend Jahren der Mann zum ersten Mal wieder 
mit den Augen gelesen und den Ohren gehört wurde, wie er es 
verdiente und wie er es erwartete. Wer von uns Modernen, der 
jene Zeiten kennt, würde behaupten, dafs wir den Redner Cicero 
heute auch nur annähernd so verstehen wie die Männer, die ihn 
stolz zu den Ihrigen zählten und ihr Leben nicht achteten, wo 
es galt, eine neue Bede aus den Kellern der Barbaren auf- 
erstehen zu lassen? Wir haben grofse Fortschritte in der Er- 
klänmg des Einzelnen gemacht und dürfen kühn behaupten, 
dab erst unser Jahrhundert den Gedankeninhalt vieler Beden 
in juristischer und historischer Hinsicht erschlossen hat; wir 
haben auch eine Menge von den Gesetzen ciceronianischer 



214 n. Die römische Kunstprosa bis Augustus. 

Diktion besser erkannt als z. B. Lorenzo Yalla. Aber jene 
Männer haben es verstanden , Cicero so zu hören, wie einst 
Augustin den Ambrosius: verbis eim suspendebar intentuSf verum 
autem incuriosus et contemptar astabam et ddectabar suavitate ser- 
monis (s. oben S. 5). Ich bekenne daher , dalB ich f&r Cicero 
das Meiste lernte, seit ich anfing, ihn durch Vermittlung der 
Humanisten zu betrachten, und mein Ziel ist, ihn nicht blols zu 
yerstehen, sondern auch zu fühlen: denn nur von demjenigen, 
dem Cicero in dieser Weise gefallt, gilt, glaube ich, der Satz, 
mit dem Quintilian seinen unübertrefflichen Panegyricus auf 
seinen Heros schliefst (X 1, 112): ille se profecisse sciat, cui 
Cicero valde placebü. Es würde bei dem Fehlen fast aller Vor- 
arbeiten jahrelanges Studium dazu gehören, ein Werk zu 
schreiben, dessen unsere Wissenschaft, wie ich meine, dringend 
bedarf: aber schon jetzt weifs ich, um was es sich dabei handeln 
mufs. 1) Es mufs geprüft werden, wie weit bei ihm die von 
ihm selbst dargelegte Theorie mit der Praxis zusammengeht 
Speziell die Kunst der Periodisierung mufs nach den Grund- 
sätzen erörtert werden, wie sie das Altertum und vor allem 
Cicero selbst in seinen rhetorischen Werken aufgestellt hat: 
hierfür haben die Gelehrten der Renaissance manches richtig und 
fein vorgearbeitet (s. o. S. 42, 1); besonders auf das stark hervor- 
tretende rhythmische Element wird dabei zu achten sein, denn 
wer eine ciceronianische Periode in moderner Art blofs ^nach 
dem Sinn' liest, kann sicher sein, dafs er nie zum Verständnis 
der höchsten Kunst dieses Redners gelangen wird; natürlich 
wird bei dieser Untersuchung die Wortstellung genau zu prüfen 
sein, denn wenn ich richtig fühle, wagt er darin in den späteren 
Reden mehr als in den früheren.^) 2) Es müssen die grie- 



1) Findet sich z. B. früher etwas wie in Catil. IV 14 otnnia et provisa 
et parata et cansHtuta su/fU cum mea summa cura atque diligentia tum etiam 
multo maiore popidi Bomani ad summum imperium retinendum et ad eom- 
mwnes fortunas conservandas voluntate, ib. 16 qui tum tantum, quantum 
audet et quantum potest, conferat ad communem saJutem voluntatis. pr. Arch. 18 
quantum ceteris ad suas res obeundas, quantum ad festos dies ludorum cele- 
brandos, quantum ad alias voluptates et ad ipsam requiem animi et corporis 
conceditur temporum, Phil, m 30 qui cum exercitu Bomam sit ad interi- 
tum nostrum et ad dispersionem urbis venire conatus (an allen vier Stellen 
erreicht er dadurch seine Lieblingsklauseln j. kj i. j. sj und u, \j ^ jl \j ^)7 



Cicero. 215 

ellischen Bedner heraDgezogen werden: denn ihnen verdankt er 
das Beste^ wie er selbst überall eingesteht nnd wie auch seine 
begeistertsten Bewunderer in alter und neuerer^) Zeit zugegeben 
haben. 3) Es muISs in gröfserem umfang, als es bisher ge- 
schehen ist, der Versuch gemacht werben, die Entwicklung der 
Kunst Ciceros, die, wie wir sehen werden, von ihm selbst be- 
zeugt und auch von späteren Eritikem (M. Aper in Tac. dial. 22) 
anerkannt worden ist, chronologisch zu verfolgen: es ist das Ver- 
dienst 6. Landgraf 's, hiermit wenigstens den Anfang gemacht 
zu haben in seiner Dissertation De Ciceronis elocutione in ora- 
tionibus pro P. Quinctio et pro Sex. Boscio Amerino conspicua 
(Würzbuig 1878). 4) Hierbei würde aber vor allem ein Fehler 
zu vermeiden sein, der den Wert auch der nützlichsten Arbeiten 
dieser Art um ein beträchtliches schmälert: man darf nicht 
blofs chronologisch verfahren, sondern mufs innerhalb des 
chronologischen Rahmens a) die Reden im ganzen scheiden nach 
den drei genera dicendi, — denn keinem der Theorie Kundigen 
braucht gesagt zu werden, dafs er anders für Baibus, anders für 
Pompeius, anders gegen Antonius reden mufste — , b) die einzelnen 
Reden nach ihren Teilen — denn was würde es uns z. B. nützen, 
wenn wir wüüsten, dafs die und jene Redefigur in einer Rede 50mal 
vorkäme und uns nicht gesagt würde, dafs davon 20 Fälle auf das 
Proomium, 20 auf die Peroratio, nur 10 auf die dazwischen- 
liegenden Teile kommen? — , c) das ^^og jedes einzelnen der in 
Betracht kommenden Sätze prüfen, denn man kann sich darauf 
verlassen, dals bei Cicero eine starke rednerische Ausschmückung 



1) Cf. das Urteil Aschams in seinem Brief an Sturm v. J. 1668 (in der 
Ansg. von Aschams Werken v. Giles n n. 99 p. 181) hälmit üle quidem Bo- 
wui€ OracckoSj Crassos, Antonios, rarimma cid imitcmdum exempla: sed 
exemjpia dUa ipse alicu gwierit, Proprietatem Bomanae lingtMe simuH cum 
laete Bomae, pwrissima aetate, ex ipso Latinitatis laetissimo flore hausit lUe 
tarnen sermonem iUum Lixtinum suum divinum, superioribus non cognitum, 
poeteris tarn admirabilem, aliunde sumpsit; et alio modo quam Latino usu, 
quam Latina institutione, et auxit et aluit lUe enim sermo non in Italia 
natus est, sed e Graecorum disdplina in Itdliam traductus. Nee satis habuit 
Cicero, ut ling%ta eius proprietate domestica casta esset et omata, nisi mens 
eüam Graecorum eruditione prudens efficeretur et docta. ünde evenit^ ut 
sola Ciceronis oratio inter religuos omnes Eomanos, qui Uli aetate aut superiores 
amt aequales aut suppares fuere, non colore solum vemaculo pure tincta, sed 
raro et transmarino quodam plene imbtUa tam admirabiliter resplendesceret. 



216 U. Die römische Kunstprosa bis Aagustus. 

eines Satzes — wenigstens in den Beden, die ihn anf der Höbe 
seines Könnens zeigen — nie einem banalen Gedanken gilt, dsfs 
sich vielmehr auch darin seine Kunst zeigt, wenn er im Gegen- 
satz zu so vielen Schriftstellern der nächsten und zu eilen 
Schriftstellern der späten Jahrhunderte Licht und Schattet in 
so meisterhafter Weise zu verteilen weifs, dals das Ganze — 
um einen antiken, dem Cicero selbst sehr geläufigen (z. B. ad 
Att. II 1, 1) Vergleich zu gebrauchen — sich zu einem farben- 
prächtigen Gemälde gestaltet. 5) Wir brauchen eine Geschichte 
des Studiums Giceros von seinen Lebzeiten bis zu seiner Auf- 
erstehung. An der Hand der indirekten Überlieferung muij sich 
zeigen lassen, dafs auch bei seinen Reden im Lauf der ersten 
fiinf Jahrhunderte eine Auswahl der besten stattgefunden hat. 
Über die Stellung des Mittelalters zu Cicero werde ich versuchen, 
in einem späteren Abschnitt wenigstens einiges Bemerkenswerte 
hervorzuheben. 
cicOTo all Auf einzelnes würde ich bei dem Plane dieser ünter- 

Bedner. suchungcu uicht einzugehen haben, selbst wenn ich es schon 
vermöchte. Nur einiges wenige, was ich nicht glaube umgehen 
zu dürfen, will ich hervorheben: keine allgemein gehaltene 
^Ehrenrettung', wie sie lange üblich waren, soll es sein, sondern 
nur ein auf thatsächlichem Material fuTsender Versuch , den 
Mann als Redner und Stilisten — beides fallt zusammen — aus 
seiner Zeit heraus zu verstehen. Wenn wir einem Schriftsteller 
und vor allen einem Redner gerecht werden wollen, so müssen 
wir zunächst fragen, was er beabsichtigt hat, dann, ob er das, 
was er beabsichtigte, erreicht hat, und erst in letzter Instanz, 
ob die Absicht und ihre Durchführung von unserm Standpunkt 
zu billigen ist. Dafs er als antiker Redner nicht bloCs sachlich 
persuadere, sondern auch — und in viel höherem Mals als jeder 
moderne Redner — pathetisch movere und ästhetisch ddectare 
mufste, ist in der Einleitung mit Beweisstellen, die teilweise 
seinen eigenen Schriften entnommen sind, hervorgehoben worden: 
daher sind xd^og (dsiirötrig^ tftpodQÖtrig] dolor nennt er es selbst 
de or. HI 96 u. ö.) und xdQtg (tb TtQixov) die beiden EbrUpt- 
merkmale seiner Diktion (Plut. Cic. 3; 13; 24; 25). Hierdurch 
hat er oft mehr als durch die Kraft der Argumente eine halb 
verlorene Sache zu einer gewonnenen, eine schlechte Sache zu 
einer guten gemacht: summus tractandorum animorum artifex 



Cicero. 217 

QaintiL XI 1, 85; Milo glaubte, dals, wenn Cicero die Bede so 
gdialten hätte, wie er sie nachher aufschrieb, seine Freisprechung 
erfolgt wäre (Cass. Dio XL 54). Durch diesen Glanz seiner 
Diktion gefiel er dem Volk: Quintil. YIII 3, 3 (der omatu8 sei 
für die Bede notig): an in causa C. Comdi Cicero cansecutus 
esset docendo iudicem tantum et ulüiter deimitn ac latine per^picueque 
dieendo, ut poptdus Ramanus admirationem siuMn non acdamatione 
iantmn sed etiam platASu canfUeretur? Für die philippischen Beden 
bezeugt dasselbe Livius bei Seneca suas. 6, 17. £r hat also er- 
reicht, was er beabsichtigte, denn er wollte, wie er selbst sagt 
(bei Quint. VIII 6, 20), dem Volk * imponieren*, und Bewunderung 
zu erregen war sein Ziel: eloquenHam quae admirationem non habet, 
nuUam iudico schreibt er an seinen prinzipiellen Gegner Brutus 
bei Quint. Ym 3, 6, und im Brutus 290 sagt er sehr bezeichnend 
(was so ziemlich noch f&r das heutige Italien gilt): völo hoc 
cratori coniingal, tä, cum auditum sit eum esse dicturum, locus in 
subseUiis occupetur, compleaiur tribunal, gratiosi scribae sint in dando 
ä cedendo loco, corona multiplex, iudex erectus; cum surgat is qui 
dktfurus sit, significetur a corona silentium, deinde cr^ae assen- 
siones, multae admirationes; risus cum velit, cum velit flettis: ut 
qui haee procul videat, etiamsi quid agatur nesciat, at placere tamen 
ä in scaena esse Boscium inteUegat; cf. Tusc. 11 1, 3: orationes 
muUitudinis iudicio probar i volAamuSj popularis est enim iUa fa- 
cultas et effectus doquentiae est audientium adpröbatio^); daher, sagt 
er (ib. 185), ist das Volk der höchste Kritiker des Bedners, und 
dessen Urteil haben sich die docti homines von jeher an- 
geschlossen: itaque numquam de bono oratore aut non bono doctis 
kaminüms cum populo dissensio fuit. Dürfen wir ihn deswegen 
tadeln, dafs er seine Begabung in dieser Weise zur Erreichung 
seines Zwecks benutzt hat? Wir mülsten es, wenn er je zum 
Geschmack des Pöbels herabgestiegen wäre: aber jeder wird zu- 
geben, dals er ihn nicht blofs in der Theorie (ep. ad fieim. YII 32) 
Teraehtet hat. Die einzig gerechte Beurteilung läfst ihm hierin 
Qnintilian XII 10, 52 zu teil werden: si mihi des consüium iudicum 
sapienUum, perquam muUa recidam ex orationibus non Ciceronis 
modo sed etiam eius qui est strktior müUo, Demosthenis. neque 



1) Cf. auch ep. ad Att. I 14, 3 f., wo er noch offner ist als in den für 
weitere Kreise bestimmten Schrifben. 



218 n. Die römische Eunstprosa bis Augustus. 

enim adfecttis omnino movendi erunt nee aures ddectatume mutcm- 
dae . . .; proprie et significanter rem indicarey probatitmes coUigere 
satis est cum vero iudex detur aut populus aut ex populo laturigue 
sententiam indocti saepius atque interim rusHci, omnia quae ad ob- 
tinendum quod intendimus prodesse credemus adhibenda sunt etc.; 
war doch sogar Calvus, als er den Vatinius gegen Cicero an- 
klagte, seinem Prinzip untreu geworden, indem er hoclipatlietisch 
gesprochen hatte: eine oratio auribus iudicum accommodata nennt 
sie Tacitus dial. 21; 34; 39 a. E. cf. Senec. contr. Vü 4, 6. 
ingebUoher Wegen dieser Neigung sowohl zum Grandiosen als zum 
Zierlichen ist dem Cicero in dem litterarischen Streit der Parteien, 
der bald nach 55 v. Chr. begann und seinen Höhepunkt schon 
etwa im J. 50 erreichte, der schwere Vorwurf gemacht worden, 
er gehöre der asianischen Richtung an, d. h. nichts anderes als: 
ihm fehle das iudicium, er sei &vai<fd^tog in stilistischen Dingen. 
Dieser Vorwurf ist bis auf unsere Zeit wiederholt worden, be- 
sonders häufig und heftig im 16./17. Jahrhundert, als gegen den 
Ciceronianismus der Frührenaissance die Reaktion der Anti* 
ciceronianer sich erhob, et z. B. Turnebus, Adversaria (1580) 
1. XXVin c 22, Cresollius, Vacationes autumnales (1620) 564 f., 
Cellarius, De scriptoribus solutae orationis scholarum usui 
publico commendandis (1706) in: Cellarii dissertationes aca- 
demicae ed. Walch (Lips. 1712) 705, Fen^lon, Dialogues sur 
Feloquence II 91 fif. (ed. Paris 1728), sogar Anhänger Ciceros 
wagten nicht zu widersprechen wie A. Schottus, Cicero a ca- 
lumniis vindicatus (1613; ed. lo. Alb. Fabricius im Anhang zu: 
M. Tullii Ciceronis filii vita Simone Vallamberto auctore, Ham- 
burg 1730) c. 11 p. 158 und im Anhang dieser Schrift (Pro 
Ciceronianis) p. 170; Petrus Ramus, Ciceronianus (1556) p. 91 ff. 
u. ö. Oegen diesen Vorwurf hat ihn damals am ausfQhrlichsten 
in denkbar erregtestem Ton verteidigt der Jesuit lulius Nigro- 
iiius in drei im J. 1583 gehaltenen Reden De imitatione Cice- 
ronis (n. XVI — XVm seiner gesammelten Reden, ed. Moguntiae 
1610), gemäfsigter Caussin, Eloquentiae sacrae et profanae 
parallela (1619) 1. II c. 14. Da sich jedoch diese Manner nur 
in allgemeinen Expektorationen ergehen^), so muls ich kurz die 
wichtigeren Urteile des Altertums anführen und prüfen. 



1) Das gilt auch yon J. Figl, Cic. qnaienus ad ÄBiaaum dicendi genui 



Cicero. 219 

Das eine dieser Urteile ist enthalten in polemischen Polemik 
Änfserongen zeitgenössischer Gegner Ciceros, das andere in Attidttes 
seiner bekannten Selbstkritik. Über das erstere würden wir 
mehr wissen, wenn wir den Briefwechsel des Calvus und Brutus 
mit Cicero besälsen, den Quintilian und Tacitus noch lasen* 
Tacitos sagt diaL 18: satis constat ne Ciceroni quidem öbtrectatores 
irfuissej guibus inflatus et tumens nee satis pressus sed supra 
modum exsultans et superfluens et parum Ätticus videretur, 
kgistis titique et Ccdvi et Bruti ad Ciceronem missas epistulas^ ex 
quibus facäe est deprehendere Calvum quidem Ciceroni visum ex- 
sanguem et aridumj Brutum autem otiosum et diiunctum, rurstAsque 
Ciceronem a Calvo quidem male audiisse tamquam solutum et 
enervem, a Bruto autem, ut ipsius verhis utar, tamquam fractum 
atque elumbem. Quintilian hat diesen Briefwechsel an mehreren 
Stellen berücksichtigt, denn wenn er von ^Zeitgenossen Ciceros 
als seinen Tadlem' spricht; so meint er natürlich jene beiden, 
die er einmal (XII 1, 22) ausdrücklich nennt (aus einem Brief 
des Cicero an Brutus citiert er eine Stelle VIII 3, 6). Wir 
sehen daraus, daCs sie zweierlei an ihm auszusetzen hatten: das 
zu stark hervortretende rhythmische Element seiner Diktion 
(K 4, 1; 4, 53 ff.; 64 cf. 146; XII 1, 22; 10, 12)*) — speziell 
weichUche, ja weibische Rhythmen, womit verbunden sei eine zu 
häufige Anwendung von Redefiguren (speziell repetitiones, d. h. 
bcavatpoQaCj cf. auct. ad Her. IV 19; Cic. de or. III 206) — und 
Schwulst: XII 10, 12 f.: quem (Ciceronem) suorum homines tem- 
forum incessere audebant ut tumidiorem et Asianum et re- 
dundantem praecipue vero presserunt eum qui videri 

Attieorum imitatores cancupierant. haec manus quasi quibusdam 
saeris initiata ut alienigenam et parum supersiitiosum devinctumque 
üUs legÜMS insequebatur, unde nunc quoque aridi et exsuci et ex- 
sangues. Wir brauchen uns mit der Widerlegung dieses Urteils 
nicht aufzuhalten: es geht von Männern aus, welche die Beredsam- 
keit nach einem scholastischen Prinzip mafsregeln und die ange- 
borene Kraft des Redners in Fesseln legen wollten. Cicero selbst hat 

accenerit, Progr. Görz 1870. H. Lantoine, De Cic. contra oratores Atticos 
disputante, Thes. Paris 1874. 

1) BratoB yermied (wie alle Atticisten) absichtlich rhythmische Rede: 
Qoint. IK 4, 76; aus derselben Stelle wird bei Teuffei -Schwabe, Gesch. d. 
r0m. Litt * .$ 810, 2 Tersehentlich das Gegenteil geschlossen. 



220 n. Die römische Kunstprosa bis Aagustns. 

ihnen öfifentlich geantwortet im Brutus^ orator und der Vorrede 
zu seiner Übersetzung der demosthenischen Eranzrede^); Galvus 
war; als diese Schriften erschienen^ eben gestorben und Brutus, 
den Cicero za sich herüberzuziehen hoffte, verhielt sich ablehnend 
(ad Att. XIV 20, 3). Für den Gegensatz der beiden ist wohl 
am bezeichnendsten das Urteil, welches Cicero in einem Brief 
an Atticus (XV Ib, 2) über die von Brutus am 17. März 44 auf 
dem Kapitol gehaltene Rede fällt: Brutus nosier misit ad me ora- 
tionem suam habitam in contione CapitoUna petivitque a tne, %d 
eam sine ambitione corrigerem^ ante quam ederet. est autem oratio 
scripta elegantissime sententiiSy verhis ut nihü possit ultra: ego 
tarnen, si illam causam hdbuissem, scripsissem ardentius, imi- 
^s6ig vides quae sit et persona dicentis, itaque eam corrigere non 
potui: quo enim in genere Brutus noster esse volt et quod iudicium 
habet de optimo genere dicendi, id ita consecutus est in ea oratione^ 
ut elegantius esse nihil possit. sed ego secutus aliud sum, sive hoc 
rede sive non rede, tu tarnen velim orationem legas, nisi forte iam 
legisti, certioremque me fadas, quid iudices ipse: quamquam vereor 
ne cognomine tuo lapsus hyperatticus sis in iudicando; sed si re- 
cordabere ^ijfioö^ivovg fulmina, tum intdleges posse et ittixdnata 
et gravissime dici.^) Dafs Cicero im Recht war, kann für einen 
objektiven Beurteiler gar keinem Zweifel unterliegen. Granz ab- 
gesehen davon, dafs jene, von ängstlicher Scheu vor dem Zuviel 
befangen, die Begriffssphäre des ^Attischen' zu eng begrenzten 
— wer diese ^Attiker' auf Kosten Ciceros rühmt, mufs 



1) Dafs diese Schriften seinen Standpunkt rechtfertigen sollten, hat 
zuerst 0. Jahn in den Vorreden seiner erklärenden Ausgaben hervorgehoben; 
dann ist es yortrefflich ausgeführt von Franz Müller, Brutus eine Selbst- 
Verteidigung des Cicero, Progr. Colberg 1874, einiges auch bei Hamecker 
in Fleckeisens Jahrb. CXXV (1882) 601 ff. (wertlos ist E. Weber, Quibos 
de causis Cic. post libros de or. editos etiam Brutum scripserit, Progr. 
Leisnig 18^0). 

2) Merkwürdig ist, dafs er trotzdem in seinen dem Brutus gewidmeten 
Tusculanen folgendes zu schreiben wagt (11 1, 8): reperiehantwr non mdU 
qui nihil laudarent (an seinen Beden) nisi quod st imitari posse confideretU 
guemque sperandi sibi, eundem bene dicendi finem proponerent, et cum obrue^ 
rentur copia sententiarum atque verborum, ieiunitatem et famem se maUe quam 
überteuern et copiam dicerent^ unde erat exoritnn genus Ättioorum, iis ipsit 
qui id sequi se profUebantur ignotum: qui iam conticuerunt paene ab ip$o 
foro inrisi. 



Cicero. 221 

bedenken^ dafs sie den Demosthenes verpönten; dem 
Cicero wie einem Ideal nachstrebte — : der ganze Streit 
Ciceros mit der Gegenpartei war^ um es kurz zu sagen^ ein 
Streit des Praktikers mit den Theoretikern; letztere setzten^ wie 
er sagt (Brut. 283), dem Volk eine Kost vor, die es nur wider- 
willig hinunter würgte, und die Folge war, dals man, wenn sie 
redeten, sich langweilte und bald nach Haus ging (ib. 288): ,yich 
dagegen, führt Cicero in einer langen Episode (183—200) aus, 
kümmere mich um das Urteil der docti und inteUegentes nur, in- 
soweit es die Stimme des Volks, dessen Kritik eine viel feinere 
ist, als man gemeinhin glaubt (de or. III 195 ff.), wiedergiebt, 
denn die existimatio bei diesem ist mir das Höchste/'^) 

Von grolserer Bedeutung als das Urteil dieser prinzipiellen s«ibitkria 
Gegner ist die Selbstkritik Ciceros im Brutus 301 — 328: ich *'*"*' 
verweile bei ihr etwas ausführlicher, weil ich glaube, auf sie 
gestützt einiges feststellen zu können, was zum Verständnis der 
Entwicklung der ciceronianischen Bedekunst dient. In dieser 
Selbstkritik mifst er sich, wie man weils, an Hortensius, der 
damals seit vier Jahren tot war. Sie rivalisierten in den 
gröftten Prozessen, bis ihm Cicero den Rang ablief. Hortensius 
hatte ein überaus leidenschaftliches Temperament (cf. auch Cic 
div. in Caec. 46): entsprechend dieser Naturanlage schlofs er 
sich an die asianische Rhetorik an und zwar verband er die 
beiden Arten dieser Rhetorik mit einander: Pathos und Zierlich- 
keit; auch seine Stimme war wie die der Asianer canoraj und 
er kleidete sich, wie einst die Sophisten, mit übertriebener Sorg- 
falt (Macrob. sat. IH 13). Anfangs war sein Erfolg gewaltig, 
später nahm er ab, was Cicero daraus erklärt, dafs man sich von 
einem jungen Menschen jene Leidenschaftlichkeit und Geziertheit 
gefallen liels, nicht mehr von einem Greise, bei dem man 
auctoritas zu sehen wünschte. Dieser Mann beherrschte schon 
die Gerichte, als der acht Jahre jüngere Cicero im J. 81 zum 
ersten Mal auftrat: er gedenkt daher in der damals gehaltenen 
Bede des gefeierten Mannes mit der gröfsten Hochachtung. Im 
folgenden Jahre hielt er die Rede, die ihn wegen seines person- 
liehen Mutes als Anwalt, wegen der kunstvollen Diktion als 



1) Of. auch sein Urteil über Calvus ep. ad fam. XV 21, 4 muUat erani 
d rtconäüae UUerae, vis non erat. 



222 n. Die römiBche Eunstprosa bis Augnstos. 

Redaer berühmt gemacht hat. Diese beiden Beden umfassen die 
erste Periode seiner Beredsamkeit. Die zweite beginnt nach der 
griechischen Reise, die die Jahre 79 — 77 umfaTste. Er selbst 
hat in der erwähnten Selbstkritik (313 ff.) diese beiden Perioden 
scharf von einander geschieden: nachdem er geschildert hat^ wie 
er auf dieser Reise bei den berühmtesten asianischen Rednern 
in die Schule ging und sich dann nach Rhodos zu Molon begab, 
fahrt er fort (314): is (Molo) dedit qperam, ut nimis redun- 
dantis nos et superfluentis iavenüi quadam dicendi impunitate 
et licentia reprimeret et quasi extra ripas diffluentis coerceret, 
ita recepi me hiennio post non modo exercitatior sed prcpe mutatus: 
nam et contentio nimia vocia resederat et quasi deferverat oratio. 
Als er 77 nach Rom zurückkehrte, gab es zwei Redner, die 
beiden bedeutendsten, die ihn zur Nachahmung hätten reizen 
können: C. Aurelius Cotta (geb. 124), der Typus des nüchternen 
verstandesmäTsigen Redners, und Hortensius; es konnte keine 
Frage sein, auf wen seine Wahl fallen mufste: dem Hortensius, 
den er schon Tor der Reise bewundert hatte, fühlte er sich durch 
seine eigene Naturanlage wahlverwandt; auch sah er, dafs dieser 
gröüsere Erfolge aufzuweisen hatte; dazu kam die theoretische 
Überzeugung: acrem oratorem et incensum et agentem et canorum 
coficursus hominum forique strq^itus desiderat (L c 317). Dann 
schildert er, wie er bis 69, dem Eonsulatsjahr des Hortensius, 
mit diesem zusammen um den Ruhm des gröfsten Redners ge- 
wetteifert, wie er dann infolge der Erschlaffung seines Rivalen 
bis zu seinem Konsulat das Forum allein beherrscht, wie sich 
dann Hortensius aufgerafft, aber nicht mehr solche Wirkung wie 
früher ausgeübt habe. 
Cictro Wir können diesen ÄuTserungen Ciceros über sich selbst 

rhetoret uoch ctwas hinzufügen. Im J. 55 schrieb er das Werk de oratore, 
welches wir, wie ich glaube, aufzufassen haben als eine auf 
grolser Grundlage aufgebaute Streitschrift gegen die UUini rhe- 
tores, in deren Geschichte und Tendenzen wir erst durch Marx' 
oben (S. 175) genannte Ausführungen klare Einsicht bekommen 
haben. Die Gründe, die mich zu dieser Auffassung bestimmen, 
sind folgende. Erstens die Hauptperson des Gesprächs und die 
Zeit, in der es Cicero stattfinden läfst: der Träger des Ghmzen 
ist L. Licinius Crassus, der als Censor im J. 92 das bekannte 
Edikt gegen jene Leute erlassen hatte: in das Jahr 91 verlegt 



latini. 



Cicero. 223 

Cicero das Gespräch und läfst den Grassus selbst eingehend über 
jenes Edikt und die Gründe, die ihn dazu bewogen hatten, 
sprechen (III 93 f.). Zweitens die Zeit der Abfassung der Bücher 
de oratore. Im J. 56, also ein Jahr vorher, fand ein Prozefs 
statt^ in dem L. Plotius Gallus, das Haupt der lateinischen Bhe- 
ioren, fQr L. Sempronius Atratinus eine Rede gegen Ciceros 
Freund M. Caelius Rufus yerfafst hatte, der sich seinerseits in 
seiner Verteidigungsrede durch einen Hieb auf Plotius rächte 
(Suet. de rhet. 2; Marx 1. c. 141). Drittens die ganze Tendenz 
der ciceronianischen Schrift. Die lateinischen Rhetoren ver- 
langten vom Redner blofse Routine, die er sich, wie sie glaubten, 
erwerbe durch Beobachtung rein formaler Regeln; auf diesem 
Standpunkt steht ' der Verfasser der Schrift an Herennius: im 
Gegensatz dazu verlangt Grassus, d. h. Gicero, vom Redner eine 
universale wissenschaftliche Ausbildung (vor dem Spezialismus 
in der Wissenschaft wird III 132 ff. dringend gewarnt), in 
welcher jener Formalismus zwar nicht ganz überflüssig sei, aber 
doch nur den untersten Rang einnehme (I 137 — 147).^) Man 
lese nun folgende Stellen, um die Polemik deutlich zu erkennen: 
I 19: guamobrem mirari desinamus, quae catisa sit doquetUium 
paueüatis, cum ex eis rebus universis eloquentia constet^ in quibus 
singulis dabarare permagnum est, hortemurque potius liberos nostros 
ceterasg[ue, quorum gloria nobis et dignitas cara est, ut animo rei 
magnüudineni campleäantur neque eis aut praeceptis aut ma- 
gistris (das scheint ihr offizieller Titel gewesen zu sein: cf. III 
93 f.) aut exercitationibus^ quibus utuntur omnes, sed aliis 
quihusdam se id quod expetunt consequi posse confidant 
n 10 (in der Einleitung, wo Gicero in eigner Person spricht, 
was der Stelle erhöhte Bedeutung verleiht): iiec vero te, carissime 
firater cUque optime, rhetoricis nunc quibusdam libris, qtu>s tu 
agrestiores |Mito (gerade das ^Bäurische' der lateinischen Rhe- 
toren verhöhnten ihre urbanen Gegner: Suet. 1. c. Varro sat 257; 
Marx L c. 141; 148), insequor iU erudiam, sed sive iudicio . . . 
ske . . • pudere a dicendo et timidikUe ingenua quadam re- 
fugisH . . ., non tarnen arbiträr tibi hos libros in eo fore 



1) Man sehe, wie kurz und widerwillig von Cicero das abgethan wird, 
jene voigaris docirina^ wie sie uns in dem Werk an Herennius vorliegt, 
aosmachte (m 209 ff.)- 



224 n. Die römische Eunstprosa bis Augustos. 

genere^ quod merito propier eorumi qui de dicendi ratione 
(so bezeichnet auch der Verf. ad Herennium seine Schrift IV 
12, 17, cf. Marx 75) disputarunt, ieiunitatem bonarum 
artium possit illudi. III 54: guare istos omnes me auäore 
(Crassus redet) deridete aiqiie contemnite, qui se horum qui nunc 
ita appellantur rhetorum praeceptis omnem oratarum vim 
complexos esse arbitranturj neque adhuc quam personam teneant out 
quid profiteantur intellegere potuerunt. ^) Endlich der Grundgedanke 
der ganzen Untersuchung: die universale Bildung des in Crassus' 
und Ciceros Sinn vollkommenen Redners muTs auf den Funda- 
menten ruhen, welche die groDsen Griechen in Theorie und 
Praxis gelegt hatten: im Gegensatz dazu wollten jene lateinischen 
Bhetoren in ungeheurer Selbstüberschätzung ^on den Griechen, 
denen sie doch alles verdankten, nichts wissen, wie man be- 
sonders aus den puerilen Ausfallen des Autors ad Herennium 
weifs (z. B. I 1,1: üla quae Graeci scriptores inanis arroganiiae 
causa sibi assumpserunt, reliquimus) und wie von Marx im ein- 
zelnen gezeigt ist.^) So ist dieses vornehmste, selbständigste 
und gediegenste Werk Ciceros') eine Tendenzschrift im besten 
Sinne des Worts gewesen (so gut wie der orator und der 
Brutus, nur nach einer andern Front gerichtet), als solche von 
den Zeitgenossen natürlich noch viel lebhafter empfunden als 



1) Cf. femer noch lU 70 isti scriptores artis. 75 ^t arUs rhetorieas 
exponunt perridiciili. 81 clamatores odiosi ac molesti. 92 quod iradunt isH 
gut profitentur se dicendi magistros, 121 non est paucorum libeUarum hoc 
mtinus, ut ei qui scripserunt de dicendi ratione arbitrantur. 122 de oratoris 
arte paucis praecipiunt libeUis eosque rhetorieas inscrxbwü (wie Cicero selbst 
sein rhetorisches Erstlingswerk, die fälschlich sog. Bücher de inyentione 
betitelte, cf. W. Hällingk in: Comm. in hon. Studemundi [StraTsb. 1889] 837 £). 
125 ne ille (der allseitig Gebildete) haud sane, quemadmodum veirba stntai 
et illuminet, a magistris istis requiret. 136 eloguentiam quam in cJatnore et 
in verborum cursu positam putant 188 hunc non declamator aliqui ad 
clepsydram lairare docuercU. 142 malim e^idem indisertam prudentiam quam 
stultitiam loquacem. 

2) Darauf bezieht sich auch, wie ich glaube i Verg. catal. 7, 1 f. «fe 
hinc, inanes, ite^ rhetorum ampuüae, | inflata rore non Ächaico verba, 

8) Das dritte Buch ist in seiner Komposition dem platonischen Phae- 
drus nachgemacht: 143 beendet Crassus seine Rede, die ihn tief in die 
Philosophie geführt hat, dann folgt der zweite, technologische Teil, zu dem 
Crassus sich nur ungern versteht, endlich der Schluls, das vaücinium auf 
Hortensius. 



Cicero. 225 

uns das heute möglich ist; zugleich war es eine Sühne fQr jene 
rhetorische ErsÜingsschrift, die er einst — ganz im Bann seiner 
spatem Gegner — verfällst hatte und deren er sich jetzt selbst 
schämte (I 5; Quint. UI 6, 60). 

Ans dem Bildungsgang des Redners Cicero geht klar hervor; Entwiok- 
dab er der asianischen Richtung in stilistischer Hinsicht keines- Konit. 
wegs prinzipiell ablehnend gegenüberstand: seine ersten Reden 
▼erüaliste er unter dem Einfluis des erklärten Asianers Hortensius, 
dann ging er eigens nach Asien, um diese Art von Rhetorik an 
der Quelle zu studieren; er nennt seine dortigen Lehrer alle mit 
Achtung^), einen mit Hochachtung; er f&hlte sich, nach Rom 
zurückgekehrt y wieder als Geistesverwandten des Hortensius, 
wenngleich, wie er sagt, der mälsigende Einflufs der rhodischen 
Schule das Überschäumende seiner Diktion gebändigt hatte. 
Wir können das noch an den erhaltenen Reden erkennen. Es 
ist^ wie bemerkt; das Verdienst 6. Landgrafs, im ersten Teil der 
genannten Dissertation (7 — 13) in Kürze auf einige wesentliche 
Stilverschiedenheiten der beiden frühesten Reden von den 
späteren hingewiesen und dadurch den Grund gelegt zu haben, 
auf dem weiter gebaut werden mufs. Die redundantia invenilis, 
die Cicero 1. c. an den Reden vor seiner Studienreise tadelt, erkennt 
er z. B. in so abgeschmackten Sätzen wie pro Quinct. 10: quum 
M tantisque difficultoHbus adfectus atque adflictus in ttiam 
fidem veritatem misericordiam Quindius confugerit^ quum 
adlmc ei profter vitn adversariorum non ius par, non agendi 
patestas eadem, non magistratus aequus reperiri potuerit, quum 
et sumnuxm per iniuriam omnia inimica atque infesta fuerint, 
ie, (X Aquüi vosque qui in consilio (xdestis, orat atque obsecrat, 
ut muUis iniuriis iactatam atque agitatam aequitatem in hoc 
(andern loco consistere et confirmari patiamini Das Über- 
schwengliche dieser Jugendreden besteht aber nicht blofs in 
solchen äulserlichen Einzelheiten: die ganze grofse xaQadii^yriöcg 



1) Nach AufE&hliing seiner Lehrer in Asien fährt er fort 316: hi tum 
in Ana rhetorwm principes numerfibantur. quibus non contentus Bho^ 
dum veni, was von Müller 1. c. (oben S. 220, 1) 6 falsch gedeutet wird „durch 
diese nicht befriedigt'S Es heifst natürlich: „an diesen liefs ich es mir 
noch nicht genug sein", wie zum Überflufs lehren kann die in Erinnerung 
an dieie Stelle geschriebene Skizze des Bildungsgangs Ciceros bei Tac. 
diaL 80. 

Vord«ii, MililM KonttproM. 15 



226 n. Die römische Kunstprosa bis Augustiu. 

de parricidio in der Rosciana 62 — 73 ^ von einer alle Grenzen 
überschreitenden Malslosigkeit des Tons und einem Schwulst^ 
von dem man oft nicht weifs, ob man über ihn lächeki oder 
sich über ihn ärgern soll: davon mag z. B. der bekannte Ab- 
schnitt über die Strafe der Vatermörder 71 f. eine Vorstellung 
geben: o Singular em sapientiam, itidices: nonne videntur hunc ho- 
minem ex rerum natura st^sMisse et eripuisse, cui repente cadum 
solem aqmm terramque ademerint, ut, qui eum necasset, unde ipse 
natus esset, careret eis rdms omnibus, ex quibtts otnnia nata esse 
dicuntur? noluerunt feris corpus öbicere, ne bestiis quoque, quae 
tantum scelus attigissent, immanioribus uteremur; non sie nudos in 
flumen deicere, ne, cum delaü essent in mare, ipsum polluerent, quo 
cetera quae violata sunt eapiari putantur; denique nihü tarn vile 
neque tarn volgare est cuius pariem uUam reliquerint (72) etenim 
quid est tarn commune quam Spiritus vivis, terra mortuis, mare 
fluäuantibus, litus eiectis? ita vivunt, dum possunt, ut ducere am- 
mam de caelo non queant; ita moriuntur, ut eorum ossa terra non 
tangat; ita iactantur fluctibus, ut numquam adluantur; ita postremo 
eiciuntur, ut ne ad saxa quidem mortui conquiescant Über diese 
Stelle des Sechsundzwanzigj ährigen hat später der Sechzigjährige 
geurteilt (or. 107): quantis iUa damoribus adulescentuli diximus, 
quae nequaquam satis defervuisse post aliquanto sentire 
coepimus ... (er citiert § 72): sunt enim omnia sicut adulesceiUis 
non tam re ei maiuritate quam spe et exspectatione laudatL Es 
Heise sich noch viel mehr derartiges aus diesen beiden Gerichts- 
reden anführen, was der ältere Cicero nicht einmal in den epir 
deiktischen Reden gewagt hätte^ aber ich übergehe das und ver- 
weile nur bei einem Punkt; der mir ganz besonders geeignet zu 
sein scheint, die mit den Jahren gewachsene Selbstzucht des 
grofsen Redners zu beobachten. 

Wir haben oben (S. 134; 138 f.) aus Cicero selbst erfahren, dafs 
die charakteristische Eigentümlichkeit der einen asianischen Stil- 
art in zierlich gebauten concinnen Sätzchen bestand, die Cicero 
selbst in Zusammenhang mit den ivxi^iöei^^ iööxalaj 6fi0UH 
xiXsina der alten sophistischen Eunstprosa setzt. Jeder weils, 
daüs diese lumina in keiner seiner Reden ganz fehlen und dafs 
er auch in der Theorie mit unverhohlenem Behagen von ihnen 
zu sprechen pflegt (cf. besonders or. 135; 164 f.; 223 f.); dafa 
die concinnitas das am meisten Charakteristische der ciceronia- 



Cicero. 227 

nisch^i^) Diktion ist; lernt man schon auf der Schule, und 
dals die Falle , wo er diesem Prinzip zuliebe zu einem un- 
gewöhnlicheren Ausdruck, einer selteneren Konstruktion, ja zu 
Flickwörtern (was er selbst in der Theorie verurteilt or. 230) 
greift , yiel häufiger sind als die, wo er die äufsere Form dem 
regulären Ausdruck hintansetzt, könnte ich an einer grofsen 
Zahl von Beispielen zeigen.^ Aber darauf ist noch nicht hin- 
gewiesen worden, dafs er in seinen ersten Beden von diesem 
Redeschmuck einen ungehörigen Gebrauch macht, während er 
ihn später erheblich temperiert hat. Unter den ersten Reden 
verstehe ich auch die f&r den Schauspieler Roscius: sie ist un- 
mittelbar nach der Rückkehr Ciceros 77 oder 76 gehalten, cf. 
neuerdings Landgraf 1. c. 47. Diese Rede ist auch sonst 
stilistisch höchst merkwürdig: es giebt wohl keine, die stärker 
zu dem Bilde kontrastiert, das man sich von Ciceros Stil macht: 
kleine zerhackte, man möchte sagen zerfetzte Sätze meist in 
Frageform jagen sich förmlich, während Ansätze zu längeren 
Perioden sich so gut wie gar nicht finden, und, wo sie sich 
finden^ fast ohne Ausnahme der Manier unterworfen sind, von 
der ich sprechen will: in dieser Rede ist von der fast völligen 
Verwandlung, die er in Molons Schule durchgemacht haben will, 
noch gar nichts zu merken, sie ist vielmehr noch ganz in der 
Manier der Asianer geschrieben, nur viel weniger sorgfältig als 
die beiden ersten.') Wie das zu erklären ist, weifs ich nicht; 
88 macht fast den Eindruck, als ob er keine Zeit gehabt hätte, 
sich genügend vorzubereiten oder bei der Edition zu feilen. In 
den ersten 50 Paragraphen der Rede pro Sex. Roscio ^) sind nun 



• «> 



1) Von G. Antonius, dem Sohn des grofsen Redners, cos. 63, führt 
Qnintil. IX 8, 94 folgendes raffinierte tgUalov an: sed neque accusatorem 
tum wietuo guod aum innocens, neque compeHtarem vereor quod sum Antonius, 
neque eanauUm spero quod est Cicero. 

2) Cf. einiges im Qreifswalder Prooemium Ostern 1897. — Ein paar 
Beispiele fttr Verletzung der Goncinnität bei E. Eühnast, Die Hauptpunkte der 
Hvian. Synt.' (Berlin 1872) p. 828 adn. 193. J. Madvig zu Cic. de fin.' 
(Haimiae 1876) 810. 

8) Landgraf 1. c. fahrt einiges an für die Fülle des Ausdrucks. Affek- 
tiert ist § 48 mentitus est Cluviua? ipsa mihi Veritas manum inicit et paulisper 
emm$iere et eommorari cogit, cf Varr. sat. 141. 

4) Die für P. Quinctius führe ich im Text nicht an, weil sie — ge- 
m&b ihrem sterileren Stoff — überhaupt sparsamer mit den Mitteln der 

15* 



228 n. Die römische EonstproBa bis Augnstiu. 

jene Figuren. 20 mal angewendet (darunter 14 im Proomium von 
14 Paragraphen); und zwar in der aufdringlichsten Form (oft 
noch mit allerlei anderen facetiae, besonders Wortspielen aus- 
gestattet); z. B. § 4 f.: a me autem ei cantenderunt, qtä apud me 
et amicitia et beneficiis et dignitate plurimum possunt^ quarum ego 
nee henevoUntiam erga me ignarare nee atictoritatem aspemari nee 
voluntatem neglegere debeam. his de caims ego huic causae pcttranus 
exstiti, non eUcttis unus qui maximo ingenio sed rdictus ex omnOms 
qui minima periaüo possem dicere, negp4e uU satis firmo praesidio 
defensus Sex. Beseite, verum uti ne amnino desertus esset. 9: his 
de rebtis tantis tamque atrocibus neque satis me commode dicere 
neque satis graviter conqueri neque satis libere vociferari passe tn- 
tellego; nam cammaditati ingenium, gravitati aetas, libertati tempara 
sunt impedimento. 13 (Schlufs des Proomiums) vier lange parallele 
Sätze, die wieder bestehen aus je zwei unter sich parallelen 
x&la. 32: patrem meum cum proscriptus non esset iuguiastis, oe- 
cisum in proscriptorum numerum retttdistis; me domo mea per vim 
expulistiSy Patrimonium meum possidetis (in diesem SixaXav mit 
je 2 xrffifAara haben xdfi/ur 1 und 2 je 15, 3 und 4 je 
11 Silben I). — In der Rede f&r den Schauspieler Roscius finden 
sich in 50 Paragraphen (das Proomium fehlt in der Über- 
lieferung) gar 57 dieser Figuren, meist mit derselben Aufdring- 
lichkeit; z. B. § 2: scripsisset ille, si non iussu huius expensum 
tulisset? nan scripsisset hie, quad sibi expensum ferri iussüset 
(17 -\- 16 Silben)? nam quem ad madum turpe est scribere quod 
nan dd)eatur, sie improhum est non referre quod debeas; aeque enim 
tabulae condemnantur eius qui verum nan rettulit et eius qui falsum 
perscripsit. 7: quid est quad neglegenter scrÜKimus adversaria? 
quid est quod diligenter conficiamus tabulas? qua de causa? quia 

Rhetorik wirtschaflet. Doch finden sich im Proomium Ton 10 Paragraphen 
6 Fälle, in der Per oratio von 9 Paragraphen 12 Fälle, darunter so starke 
wie § 95 miserum est deturhari fortunis Omnibus, tniserius iniuria; aeerlmm 
est ab dliquo circumveniri, cicerhius a propinquo und so noch fOnf weitere 
Glieder, im ganzen also sieben, die ich aber unter den 12 F&Uen nur als 
einen einzigen gerechnet habe. Unter den übrigen auch Elangmittel wie 
94 sin et poterit KaevitM id, quod Übet, et ei libebit id, quod non licet, 
quid agendum est? qui deus appellandus est? cuius hominis fides impUh 
randa est? 98 ab ipso repudiatus, ab amicis eius non sMevatus, ab 
omni magistratu agitatus. Solche tglntoXa zähle ich natfirlich nur als 
einen Fall. 



Cicero. 229 

haec sunt menstrua, ülae sunt aetemae; haec delentiir statim^ iUae 
servantur sancte; haec parvi tetnporis memoriam, ülae perpeiuae 
existtnuUianis fidem et religionem amplectuntur; haec sunt disiecta, 
iüae sunt in ordinem confectae.^) 23: labarem quaestus recepitt 
quaestum lahoris reiecit; populo Romano adhuc servire non destUit, 
sibi servire tarn pridem destitit (cf. besonders noch § 55). — Mit 
diesen Zahlen vergleiche man nun die der zeitlich folgenden 
Reden: pro M. Tullio (gehalten 72/71) hat in 50 Paragraphen 
nur 10 Beispiele (davon 2 im Proömium von 2 Paragraphen), 
darunter am stärksten das, mit dem das Proömium schlieDst: 
mihi autem difficüe est satis copiose de eo dicere, quod nee atrocius 
verbis demonstrari potest quam re ipsa est neque apertius oraMone 
mea fieri quam ipsorum confessione factum est; daneben freilich 
auch noch eine jener subtilen scholastischen Wortdistinktionen, 
wie wir sie oben (S. 175) in den Musterbeispielen des auctor 
ad Herennium kennen gelernt haben und wie sie sich in der 
Rede für Sex. Roscius sehr häu6g finden, § 5: verum et tum id 
fed qtiod oportuit et nunc faciam quod necesse est (in den späteren 
Reden ist es, denke ich, damit ganz vorbei). — Aber, wird man 
sagen, diese Rede pro M. Tullio gehört zu den sterilsten (wozu 
sie Tac. dial. 20 ausdrücklich rechnet) und aus ihr lälst sich 
daher nicht beweisen, dafs Cicero diese dem Schmuck der 
Diktion dienenden Figuren im Laufe der Zeit absichtlich ein- 
geschränkt hat. Dieser Einwurf wird am schlagendsten widerlegt 
durch die Thatsache, dafs in der im J. 70 gehaltenen vierten 
verrinischen Rede, d. h. also in derjenigen, welche die Glanz- 
stücke der Kunst in der iKq)Qa6ig enthält, das Verhältnis sich 
nicht anders stellt als in der Rede für Tullius: in den ersten 
50 Paragraphen finden sich nur 9 Beispiele, darunter keins von 
jener empfindlichen Härte der früheren^; das Gleiche gilt von 



1) Solche %6fmafa sind in der angegebenen Zahl von 57 Beispielen 
BOT fElr 1 Beispiel ges&hlt! 

2) Höchstens könnte man anfahren 20: hi te homines auctoritate 8ua 
iübievent,, qui te neque debent adiuvare 8% posaint neque possunt si 
9elint Diese stärkste Form der Antithese {&vri(iBtaßoXi/i ^ commutatio cf. 
aact ad Her. IV 28, 89 Quint. IX 3, 85; das Monstrebeispiel ist esse oportet 
ut vivM, non vivere ut edaa) geht direkt auf Grorgias zurück: Palam. 5 o^s 
yicQ ß<nfXri^tl£ idwdii/riv civ o^ts dvvdfievog ißovXi^&riv igyots ifcixiiQitv xo- 
MvfOfff. Cicero fand daran viel Freude (Beispiele aus den Beden Quintil. 



230 n* ^i^ römische Eunstprosa bis Augustus. 

den 4 Beispielen der §§ 51—100; unter den 10 Beispielen der 
letzten 50 Paragraphen (101 — 151) ist das herrorragendste die 
von Cicero selbst (or. 167) als Muster eines &vxl&sxov im Stil 
des Gorgias citierte Parallelisierung des M. Marcellus und Yerres 
§ 115: conferte hanc pacem cum illo hello, huius praetoris adventum 
cum Ulms imperatoris victaria, huius cohartem impuram cum ülius 
cxercitu invictOy huius libidines cum illit/^ continentia: ab iUo gtct 
cepit conditas, ab hoc qui constitutas accepit captas dicetis Syracusas 
(cf. auch § 121): welche Kraft liegt darin trotz des Raffinements, 
und wie schwächlich nehmen sich dagegen aus die durch ihre 
Häufigkeit und besonders den Kontrast zwischen Inhalt und 
Form verletzenden Figuren jener frühen Reden. Das Gleiche 
gilt von den späteren Reden, z. B. hat die Miloniana in 105 Para- 
graphen nur 12 Beispiele, darunter im Proömium (§ 10) wohl 
das berühmteste von allen, das er selbst ebenfalls mit Genug- 
thuung citiert (or. 165): est igitur haec, iudices, non scripta sed 
nata lex, quam non didicimus accepimus legimus, verum ex naiura 
ipsa arripuimus hatisimus expressimus, ad quam non docti sed facti, 
non instUuti sed imhuii sumus. Wenn in der angeführten Stelle 
der Verrinen der angestellte Vergleich von selbst seinen Nieder- 
schlag in antithetischer Sprache fand, so ist hier der reichliche 
Schmuck sowohl durch das Pathos auf dem Kulminationspunkt 
des Proomiums als durch die yv6firi bedingt.^) Wenn in den 
34 Paragraphen der Marcelliana sich 16 Beispiele finden, so darf 

1. c, 0. Guttmann, De earuin quae vocantur Caesarianae orationmn TuUia- 
narmn genere dicendi pDiss. Greifswald 1883] 34 f.): Brut. 287 oraHones ^ptas 
interposuit (Thucydides), eas ego laudare sdleo; imitari neque possim si 
velim nee tielim fortasse si possim. Ähnlich ist Brut. 145, wo er über 
den Redner Crassus und den Juristen Scaevola folgendes urteil referiert: 
eloquentium iuris peritissumus Crassus, iuris peritorum eloquen- 
tissumus Scaevola; ihm gefällt diese Redewendung so, dafs er 148 
folgendermafsen darauf zurückkommt: nam, ut patdo ante dixi, consulto- 
rum alterum disertissumum, disertorum alterum consultissumum 
fuisse, sie in reliquis rebus ita dissimües erant inter sese, statuere ui tarnen 
non posses, utrius te malles similiorem: Crassus erat elegantium parcissu- 
mus, Scaevola parcorum elegantissumus; Crassus in summa comi- 
täte hahebat etiam severitatis satis, Scaevolae multa in severitaie 
non deerat tarnen comitas. licet omnia hoc modo, sed vereor ne fingt 
videantur haec, ut dican ur a me quodam modo: res tamen sie se habet. 
1) Ahnlich der glänzende Schlufs eines längeren Abschnitts in der 
Sestiana § 35. 



Cicero. 231 

man nicht glauben; dafs durch diese yerhältnismäfsig grolae 
Anzahl die Richtigkeit des von mir verfolgten Prinzips in Frage 
gestellt wird: denn diese Rede ist ein Xöyog iitideixtixög und 
einem solchen kommt nach feststehendem, von Cicero selbst oft 
genug in der Theorie ausgesprochenem Gesetz dieser Schmuck 
in erheblich höherem Mafs zu als einer Rede niederer Grattang. ^) 

Ich habe — um zusammenzufassen — , ausgehend von jenem Sollend 
dem Cicero in alter und neuer Zeit gemachten Vorwurf, er stehe 
der asianischen Manier näher als es sich gehöre, an einem be- 
stimmten Beispiel nachgewiesen, dafs er zwar in seiner Jugend 
sich der herrschenden Mode so wenig entzog wie die meisten 
andern^ dafs er aber mit fortschreitendem Alter sich weise Be- 
schrankung auferlegte. In jenen ersten Reden merkt man noch 
häufig den in Schul traditionen steckenden An^ger, dann ent- 
wickelt er sich in aufsteigender Linie zu dem souveränen Künstler, 
der eine der höchsten Anforderungen aller Kunst, Licht und 
Schatten richtig zu verteilen und gerade die grellen, auf die 
Gefählsnerven besonders stark wirkenden Farben nur sparsam 



1) Auch die philippischen Beden, von denen neuerdings (cf. 0. Gatt- 
mann 1. c. 8 £f.) behauptet ist, dafs Cicero in ihnen wieder in seine Jugend- 
sünden zurückgefallen sei (als ob der Verfasser der vierzehnten Antoniana 
dem der Bosciana noch gliche, und als ob nicht das Urteil eines Livius 
[bei Senec. suas. 6, 17] und Juvenal 10, 128 höher stände; wenn sich, was 
wenigstens in einzelnen dieser Beden thatsächlich der Fall ist, einige Bede- 
jSgnren [z. B. die Paronomasie] wieder häufiger finden als in den früheren, 
so mufs man doch bedenken, dafs diese Beden von allen die am meisten 
pathetischen sind und sein mufsten), durchbrechen nicht das Prinzip: ge- 
prüft habe ich die erste sowie die zweite und vierzehnte (die beiden glän- 
zendsten): in den 194 Paragraphen dieser Beden finden sich nur 16 Bei- 
spiele, d. h. ebensoyiel wie z. B. in den 15 ersten Paragraphen der Bede 
für den Schauspieler Boscius! Wenn sich in einem Paragraphen (80) der 
dritten Philippica nicht weniger als 82 Eoigunktive des Perfekts, alle auf 
•erü endigend, am Schlufs der %6fiiuicTa hintereinander finden, so mufs man 
die Stelle lesen, um zu sehen, dafs hier keine Antithese vorliegt, sondern 
dafs die einander förmlich jagenden Formen in hervorragender Weise der 
StLpm6ig dienen ähnlich wie Vn 16. Übrigens findet man eine Anzahl von 
Beispielen für die von mir behandelte Figrur (aufser bei Quintilian IX 8, 
76 ff.) bei: Strebaeus, De verb. elect. et coUoc. (Basel 1689) 203 f ; 218 f. 
Sturm, De amissa dicendi ratione (Argentor. 1548) f. 49 a und vielen andern 
Autoren jener Zeit (am meisten Freude hatten sie an dem ersten Satz der 
Bede für Gaecina, den sie als Muster der Periode aufstellten); neuerdings 
Straub 1. c. 140 £f. Aber was nützen blofse Zusammenstellungen? 



232 n. Die römische Kunstprosa bis Angasias. 

aDzuwenden, mit vollendeter Meisterschaft erftiUt und dadurch 
in die Praxis umsetzt, was er in einer von besonderer Feinheit 
des Urteils zeugenden Stelle seiner Schrift de oratore (HI 96 ff.) 
theoretisch gelehrt hat. Er hat femer sein Naturell , welches 
ihn einerseits zum Pathos und einer gewissen Überfälle, anderer- 
seits zu affektierter Spielerei^) drängte, gebändigt, nicht freilich^ 



1) Ihm gefiel die uhertas des AUddamas: Tnsc. I 48, 116. Die copia et 
überlas sententiarum et verborum ist sein Ideal. Selbst Qnintilian , der ihn 
anbetet, urteilt an zwei Stellen (VI 3, 5. XII 1, 20), es könne bei ihm eher 
etwas hinweg- als hinzugenommen werden. — An Pointen hat er stets 
seine helle Freude, z. B. sagt er in Yerr. m 47: campus Leontinua, euius 
ante Specks Jmec erat ut, cum obsitum vidisses, annonae carttatem non vererere, 
sie erat deformis atque horridus^ ut in uberrima Siciliae parte Siciliam 
quaereremus; diese Form der Pointe hat er aus einem griechischen Autor, 
denn sie findet sich wieder bei Schriftstellern der Eaiserzeit, die in der 
Bhetorenschule grofs geworden sind: Sen. ep. 91, 2 von dem yerbrannten 
Lyon: Lugdutnum, quod ostendebatur in Gallia, quaeritur und Florus 1 11, 16: 
ita ruinas ipsas urbium diruit, ut hodie Samnium in ipso Samnio requiraiur 
(die drei Stellen zusammen bei Bouhours, La maniäre de bien penser dans 
les ouvrages d'esprit [Paris 1687] 100). Bezeichnend ist sein Urteil über 
Timaeus (den er überhaupt gern citiert, auch Verr. IV 117 cf. de rep. lU 43) 
de nat. deor. II 69: concinne, ut multa, Timaeus, wofür als Beleg jenes fa- 
mose Diktum (s. o. S. 148, 3) folgt, um dessen Erfindung sich Hegesias und Ti- 
maeus stritten imd das Ton Plutarch (Alex. 3) als Gipfel des Abgeschmackten 
gebrandmarkt wird (vergeblich sucht Muratori, Della perfetta poesia Italiana 
[Venezia 1748] 300 ff. das innere Behagen, welches Cicero an dem Bonmot 
empfindet, wegzuinterpretieren). Von demselben Timaeus sagt er de er. n 
58 longe eruditissimus et rerum copia et sententiarum varietate abundanHssi- 
mus et ipsa compositione verborum non impolitus magnatn elo- 
quentiam ad scribendum attuJit, cf. auch Brut. 326: wie anders ur- 
teilte z. B. der Verf. tcsqI vipovgl Zu seinem griechisch geschriebenen 
vn6fivrifia über sein Konsulat hat er alle Farbenkasten des Isokrates und 
dessen Schüler gebraucht: ein Glück für ihn, dafs es nicht erhalten ist, 
denn schon das, was er darüber an Atticus schreibt (11 1), kompromittiert 
ihn. In der Cluentiana (gehalten im J. 66) wagt er (freilich in der ftuTserst 
erregten Peroratio) etwas, das an die gefährlichsten Kunststücke der spa- 
teren Deklamatoren erinnert: die Mutter des Cluentius nennt er § 199 uxor 
generi, noverca fili, filiae pellex. Die starken Pointen der Marcelliana 
(wie deren ganze den Asianem viel näher als den Attikem stehende Manier) 
waren für F. A. Wolf einer der Gründe, aus denen er die Rede zum Sehen 
athetierte: wenn zuletzt wieder Siegfr. Schmid, Unters, üb. d. Echtheit der 
Rede pro Marcello (Diss. Zürich 1888) 46 ff.; 106 ff. aus der überm&rsigen 
Verwendung der . rhetorischen Kunstmittel die Unechtheit dieser Bede ge- 
folgert hat, so kennt er nicht die Vorschriften für den Stil der epideiktischen 



Cicero. 233 

indem er sich starre Fesseln anlegte, die jede freie Be- 
wegung hemmten ; nicht indem er sich dem lebenslosen^ 
scholastischen Atticismus in die Arme warf^ sondern indem 
er die genialen Kühnheiten seines feurigen Temperaments 
durch die strenge Formenschönheit, die er vor allen an De- 
mosthenes studierte, und durch die universale hellenische Bil- 
dung yeredeltC; und alles zu einem harmonischen Ganzen ver- 
band: gerade durch diese Selbstzucht, die seinen Hang zum 
Grandiosen und Pompösen, zum Zierlichen und Gewählten zwar 
einschränkte, aber nicht verkümmern liefs^), ist er der Redner 
in lateinischer Sprache geworden, der besser als die andern ge- 
bracht hat nicht blols was seine eigne Zeit suchte {nee uUa re 
magis aratares aetatis eiusdem praecurrü quam iudkio Tac. dial. 22), 
sondern auch was bei den strengen Eunstrichtem der folgenden 
Generationen Begeisterung hervorrief, und was die Probe auf 
die Ewigkeit so gewifs bestehen wird, als der nachempfindende 

Beden (richtig hat, wenigstens über diese Bede, schon gearteilt 0. Gutt- 
mann L c. 68 £f.). Die letzte Bede, die Cicero gehalten hat, schliefst mit 
einer effektvollen Pointe, die um so empfindlicher wirkt, weil sie einen 
sehr langen, g^anz im Knrialstil gehaltenen Antrag abschliefst: \dique, guae 
praemia senattis tniliHbus ante constituitj ea solvantur eorum qui hoc hello 
pro patria occiderunt parentibus liberü coniugibus frcUribus, eisque tribtuintur 
quae militibus ipsis irtbui oporteret, si vivi vicissent qui morte vicerunt 
(cf. über dies Wortspiel oben S. 208). Ähnliches wird sich aus allen 
Beden anfOhren lassen, um ganz zu schweigen von den Witzen, in denen 
sich der ridictdus eonsul so gern erging and deren sich der Stadtklatsch 
bemächtigte, was ihm schliefslich selbst so fatal wurde. — Dürfen wir 
aber einen Mann tadeln, der das Schlechtere liebte, aber ihm nur selten 
folgte? Der Franzose Caassin hat in seinen Eloqaentiae sacrae et profanae 
parällela (1619) in einem Kapitel de acttta styli brevitate sentenHisque ab- 
rtipiis et suspiciosia (1. 11 c. 14) yielmehr das Mafshalten Ciceros in solchen 
Pointen bewandert and über eine bekannte Stelle der Marcelliana (§ 12) 
fein bemerkt (p. 74): guod alius in conclitsione post vibratam forte ex eius- 
modf aeuminibus periodum haud timide dixisset apud Caesarem: Uu ipsam 
victoriam, Caesar, vicisti' , iUe verecimde sie insintmns: ^vereor ut 
hoc quod dicam perinde intellegi possit auditum atque ipse cogi- 
tans sentioi ipsam victoriam vicisse videris, cum ea quae illa 
erat adepta victis remisisti.* 

1) Etwas zu viel l&fst er wohl den Atticas sagen de leg. I 4, 11 : to 
ipse mwtasti et Mud dicendi instituisti genus, ut, quem<idmodum Boscius in 
seneetuie nwmeros in eantu cecinerat ipsasque tardiores fecerat tibias, sie tu 
a eontentiontbuSf quibus summis uti solebas, cottidie relaxes aliquid , ut tarn 
oratio tua non muUum a phHosophorum lenitate absit; cf. aach Brat. 8. 



234 n. Die römische Eunstprosa bis Augustus. 

Sinn ftir grolsartige Formenschönlieit der Sprache nie aas- 
sterben wird. 
Theorie. 6. Livius. Er gehört seiner ganzen Richtung entsprechend 

noch zu den republikanischen Autoren. Er, der Sohn einer 
Stadt^ die als Hort der alten severitas und pudicUia galt (Plin. 
ep. I 14, 6. Mart. XI 16) und die in den Kämpfen, welche zur 
Gründung der Monarchie führten, auf Seiten der republikanischen 
Partei stand (Cic. Phil. XU 10), lebte mit allen seinen Gedanken ^ 
und Sympathieen in der guten alten Zeit, in die er sich ver- ' 
tiefte, um sich, wie er in der Vorrede sagt, abzuwenden a can- 
spectu malonim quae nostra tot per annos vidit aetas. DaCs 
Augustus, dem sein politischer Standpunkt wohl bekannt war 
(Tac. ann. IV 34), ihm trotzdem gewogen blieb, ist ganz ver- 
standlich: dem Wiederhersteller der durch die Bürgerkriege ver- 
nichteten republikanischen Institutionen, für den er gelten wollte, 
mufste ein Werk wie das des Livius nicht weniger willkommen 
sein als das des Vergil; Livius nennt ihn einmal (IV 20, 7) tem- 
phrtim omnium conditorem ac resiitutorem: das bezeichnet deut- 
lich das Verhältnis, als solchen hat ihn auch Horaz gefeiert. 
Es ist begreiflich, dafs ein Mann von dieser politischen Über- 
zeugung auch als Schriftsteller nicht die Mode der jüngsten 
Generation, wie wir sie im nächsten Abschnitt kennen lernen 
werden, mitmachte, sondern in einem seiner selbst und des von 
ihm behandelten Stoffes würdigen Stil schrieb. Man kann die 
von ihm vertretene Richtung kurz so charakterisieren: er war 
ein ebenso erklärter Gegner Sallusts wie Anhänger Ciceros. In 
der ersten Eaiserzeit kannte man noch seine Urteile über beide: 
dem Sallust machte er zum Vorwurf affektierte, bis zur Dunkel- 
heit gesteigerte Kürze, in der er den Thukydides noch habe 
übertrumpfen wollen (Sen. contr. IX 1, 13 f.), und entsprechend 
dieser Abneigung gegen Sallust erzählte er in dem an seinen 
Sohn über die rhetorische Ausbildung geschriebenen Brief: fuisse 
praeceptorem aliquemy qui discipülos öbscurare quae dkerent iuberet, 
Graeco verbo utens ötcöxiöov (Quint. VIII 2, 18); auch war er ein 
Feind derer, qui verba antiqua et sordida consectantur et orcitionis 
obscuritatem severitatem piäant (Sen. contr. IX 2, 26). Auf der an- 
dern Seite schrieb er seinem Sohn, legendos Detnasfhenen (Uque 
Ciceronemy tum ita ut qnisque esset Demostheni et Oceroni simiUi' 
mu$ (Quint. X 1, 39); vor allen bewunderte er die philippischen 



Lmos. 235 

Reden (Sen. suas. 6, 17) und nachdem er Ciceros Tod in würdigen, 
Yon der Manier der zeitgenossischen Rhetoren wohlthuend sich 
abhebenden Worten erzählt hat, schliefst er seine Charakteristik, 
in der er die grofsen Fehler Ciceros als Menschen nicht yer- 
heimlicht: si quis tarnen virhUibus vitia pensarit^ vir magnus ac 
memorabilis fuit et in cuius laudes exsequendas Cicerone 
laudatore opus fuerit (bei Sen. suas. 6, 22 cf. 17). Ent- Pwxit. 
sprechend dieser Abneigung und Vorliebe sind die hervor- 
stechendsten Merkmale seines Stils nach dem bekannten Urteil 
Quintilians (X 1, 32; 101) clarissimus candor und lactea 
uberias;^) dazu kommt in den ersten Dekaden der Hauch einer 
nicht affektierten, sondern durch den Stoff unmittelbar gegebenen 
Altertümlichkeit, in den er mit ebensolcher Meisterschaft und 
Liebenswürdigkeit das Ganze eingehüllt hat wie Yergil seine 
Aeneis, sowie ein leises poetisches Kolorit, das er nach dem 
oben (S. 91 ff.; 168) über die Beziehungen der Geschichtsschreibung 
zur Dichtung Gesagten zweifellos nicht ohne Bewuistsein teils 
aus seinen Quellen herübergenommen, teils ihnen selbst hinzu- 
gefügt hat.*) Wenn man seine Verehrung Ciceros erwägt, so 
wird man wohl sagen dürfen, dafs er die theoretischen Vor- 
schriften, die dieser für den historischen Stil gab, mit Bewulüst- 
sein praktisch zur Anwendung gebracht hat: thatsächlich passen 
ja auf Livius wie auf keinen andern die Charakteristika des 
historischen Stils wie sie Cicero (de or. II 54 u. 64. or. 66) be- , 
schreibt: ein tractus oraMonis Unis et aequahiliSy Beschreibungen 
von Gegenden und Kämpfen, eingefügte Reden, in denen aber 
verlangt werde eine oratio tracta qttaedam et fluenSj non hacc con- 



1) Letsteres umschreibt Hieronymus ep. 68, 1 (I 271 Vall.) Livius lacieo 
eloquentiae fönte fnanans. 

8) Auf einzelnes Dichterische hat schon Joh. Jov. Pontanus (1426— 
1608), Actius dialog^ in: Opera (ed. Basileae s. a. [1656] 11 1895 ff.) hin- 
gewiesen, cf. auch 0. Riemann, iStudes sur la lang^ue et la grammaire de 
T. Lire (Paris 1879) 13, 2; 17, 8. E. Wölfflin im Philol. XXVI (1867) 180, 11 
und besonders S. Stacey im Archiv f. lat. Lezicogr. X (1896) 17 ff., wo aus 
der Übereinstimmung yon layluB mit Lucrez und Vergil selbstverständlich 
richtig geschlossen wird, dafs die Quelle aller Ennius ist (z. B. ^ec tibi 
dieta dedit, tn viam faciimt, cf. fU via vi u. dgl.). Dagegen verstöfst der 
Versuch von W. Deecke in Berl. phil. Wochenschr. XIII (1893) 886 f., die 
Verse des Ennius zu restituieren, gegen das oben (S. 54) behandelte Ge- 
setz des Aristoteles. 



236 U. Die römische Kunetprosa bis Angostas. 

tarta et acris,^) Jeder kennt an ihm die behagliche, nicht selten 
zur naxQoloyCa werdende Breite, er gebraucht einen Satz, wo 
Sallust und Tacitus mit ein paar Worten auskommen; wenn 
man aber an die zerhackten Sätzchen denkt, in denen die Bhe- 
toren bei Seneca und nicht viel später Yelleius schreiben, so 
darf man wohl sagen, dafs das beständige Periodisieren des 
Livius als eine Folge sowohl der bewuTsten Anlehnung an Cicero 
wie der bewuTsten Abneigung gegen die moderne Manier au&u- 
fassen ist. Seine Periodisierung ist freilich im Gegensatz zur 
ciceromanischen, die er sich zum Muster nimmt, oft schwerfallig 
geworden, besonders durch das Bestreben, viele wichtige Einzel- 
heiten in einem langen Satz zusammenzufassen (worüber Madvig 
eine meisterhafte Abhandlung geschrieben hat in den EL philol. 
Schriften 356 ff.), überall empfindet man, dafs die ciceronianischen 
Perioden gehört, die livianischen gelesen sein wollen^: Kaiser 
Claudius spricht in seiner Bede de iure honorum QaUis dando wie 
ein Buch in Perioden, die nicht ciceronianisch, sondern livianisch 
sind: daran ermifst man den Unterschied und giebt dem Kaiser 
recht, wenn er sich — originell wie immer — von den ver- 
sammelten Vätern wegen seiner Weitschweifigkeit zur Sache 
rufen läfst (Z. 20 ff.). Von den äufsem Effektmitteln der Rhe- 
torik hat Livius auch in den Reden sparsam und nur da^ wo 
sie am Platz waren, Gebrauch gemacht: man muis sich an die 
gleichzeitigen, die Grenze des Unsinns meist erreichenden und 
oft sie überschreitenden Proben bei Seneca erinnern, um das zu 



1) Cf. C. Nipperdey, Die antike Historiographie in: Opuscola ed. Schoell 
419. P. Petzke, Dicendi genus Tacitinum quatenus differat a Liviano (Dist. 
Eönigsb. 1888) 16 f. Biemann 1. c. 17. 

2) Cf. G. L. Walch, Emendationes Livianae, Berl. 1816. E. Wesener, 
De periodorum Liyiananun proprietatibus (Progr. Fulda 1860) 16 ff. G. Qneck, 
Die Darstellung des Liyius, Progr. Sondershausen 1863 (wertlos ist: W. Eiiebel, 
D. Periodenbau bei Cic. und Liv., Diss. Rostock 1873). Madvig 1. c. 868: 
,^er reiche und abwechselnde Periodenbau Ciceros trägt im ganzen das 
Gepräge, auf dem Grunde der veredelten mündlichen Rede, des parlamen- 
tarischen und Gerichtsvortrags erwachsen zu sein und ist von besonders 
schwerfälligen und steifen Kombinationen frei. Livius ist dagegen nicht 
nur der Repräsentant der völlig ausgeprägten Schriftsprache, sondern seine 
Schriftsprache zeigt sich in ihrem methodischen, berechneten Fortschreiten 
zum Schwerfälligen, ja wird durch ihre Kunst bisweilen im Verhältnis des 
Baues der Periode zum Gedanken inkorrekt und unnatürlich.*' 



Liyius 237 

würdigen. ^) Schön nnd treffend wie immer hat Petrarca gearteilt 
(rer. mem. I 2): quo studio putandus est arsisse T, Livius Patavinus, 
q%u> omnem Bomanam historiam a. u. c. ad Caesarem Äugustum cm- 
tum quadraginta dtuibus voluminibus scripsü, opus ipsa mcie mirch 
nie stupendumque praesertim, quia in eo nihil raptim et tumuUuario 
ut aiunt stilo, sed tanta maiestate sententiarum tantaque verborum 
modesHa complevü omnia, ut ab arte doquentiae non mülhim abesse 
videaniur. ^ 



Wenn wir diese ganze Epoche überblicken, so werden wir BMuiut«. 
als ihr Resultat hinstellen müssen die völlige Durchdringung der 
römischen Eunstprosa durch den Hellenismus: kann man doch 
seinen Einfluis aufs deutlichste sogar in der formalen Gestaltung 

1) Über das rhetorisclie Moment in der Erzählung und den Beden hat 
besonders gehandelt H. Taine, Essai sur T.-Liye' (Paris 1860) 289 ff., doch 
beurteilt er ihn viel zu streng, indem er ihn statt an den antiken Histori- 
kern an dem modernen Begriff der geschichtlichen Darstellung miTst; so 
tadelt er (281 f.) mehrere Antithesen, wie in 50, 10 haec Virginio vociferanti 
»tteelamalHxt multittulo, nee ülius dölori nee suae libertati se defuturos, IV 
88, 6 suis flammis delete Fidenas^ quas vestris beneficiis placare non potuistis. 
XXm 9, 10 ego quidem quam patriae debeo pietatem, exsolvam patri. Eine 
helle fausseti soll z. B. sein XXI 10, 11 hunc iuvefiem (Hannibalem) tamquatn 
furiam facemque huius belli odi ac detestor: das ist yielmehr der Ton, den 
man aus Ciceros Philippicae kennt (man nimmt an, dafs XXI 18, 12 eine 
wörtliche Beminiscenz an Phil. II 119 sei); ebensowenig yermag ich seinem 
Urteil über III 11, 7; Y 27, 6 ff. beizustimmen. Hübsch ist dagegen, wie 
er das rhetorische Element in der Darstellung des Livius mifst durch den 
Vergleich der Schilderung des Alpenübergangs Hannibals bei Livius und 
Polybios nnd des Kampfes zwischen Manlius und dem Gallier bei Livius 
(VII 10) und Quadrigarius (bei Gell. IX 18). — Von den Redefiguren ist 
hftufig nur die natürlichste und wirksamste, die Anapher, cf. Petzke 1. o. 
49 ff. Als ausnahmsweise starkes Beispiel des Parallelismus habe ich mir 
notiert XXII 89, 80 (Rede des Q. Fabius Maximus) : sine iimidum pro cauto^ 
tardum pro considertUo, inbellem pro perito belli vocent. malo te sapiens 
hostis metuat quam stuUi cives laudent. omnia audentem contemnet Hannibal, 
mdhä temere agentem metuet. Cf. im allgemeinen E. Eühnast 1. c. (oben 
8. 227, 2) 808 ff. 

2) Ähnlich Georgius Trapezuntius (1896 — 1486), Rhetoric. liber V 
(Baal. 1622) f. 172 r. Urteile von Gelehrten des 17. Jahrh. bei D. Morhof 
L c. (oben S. 206, 1) 607 ff. Über die von Asinius Pollio gerügte Patavinitas 
worden in früheren Jahrhunderten grofse Abhandlungen geschrieben, vor 
allem die genannte des Polyhistors Morhof. Wir wissen gar nichts darüber, 



238 n. Die römische EonstproBa bis Augustos. 

des taglichen Briefstils beobachten,^) Wie Varro die ganze 
Fülle griechischer Erudition nach Born hinübergeleitet und — 
freilich in verhängnisvollster Weise — zur Erforschung der nar 
tionalen Sprache und Sitte verwendet hat, so ist durch Cicero 

begreifen aber, dafs ein Mann, dem Cicero so unsympathisch war und der 
offenbar zur Partei der extremen Atticisten gehörte, an der livianischen 
ubertas keinen Gefallen finden konnte (cf. Morhof 604 f.); syntaktische Ab- 
normitäten, auf die Madvig 1. c. hingewiesen hat, sowie manche lexikalische 
Besonderheiten, die wir nur bei ihm finden, mögen ihm im speziellen Ver- 
anlassung gegeben haben, den Mangel an urhanikis (denn das ist doch das 
wesentliche) zu rügen, was der schlimmste litterarische Vorwurf in jener 
Zeit war. Jedenfalls bedurfbe es, um das an Livius zu erkennen, jenes hyper- 
sensiblen iivKtf/iQj an den Pollio mit grofser Impertinenz einen nach dem 
andern aufhängte. 

1) Die bekannte Formel zu anfang der lateinischen Briefe findet sich 
im Griechischen wohl zuerst bei Epikur, fr. 176 üs. &qfsfyiiB9a slg AdpiAffa' 
%ov {>yialvomBg iya> xal IIv^oyLXfjg xal '^EgfiMQxog %ccl Kttjcutnogy %al i%it 
%ccteiXiliq>cc(iBv 4>yucivortag Osfiiatav xal tovg Xomovg q>iXavg. ei ihnoidtg 
%ccl ah bI iiyialvBig xal ^ fidfifiri öov. Für Born wurde die Formel 
vermittelt durch die Diadochenreiche, speziell Ägypten, wo wir sie auf den 
Papyri jetzt massenhaft nachweisen können (an den umgekehrten Weg kann 
jetzt niemand mehr glauben). Eine eigentümliche Anwendung wird davon 
gemacht in dem Dekret von Priene an Köm'g Lysimachos zwischen 287 — 
281 V. Chr. (Anc. greek inscr. of the Brit. Mus. in n. 401): dBd6x9'ai x& 
^i^iup kXio9'ai nQB6p[svtäg i% n£\vtmv t&(i noXix&v &v9Qag dinta o7ti9Bg 
&(pi^6fi[Bvoi] ngbg cci)tbv t6 tB "ipt^tpiCfia iaiod&aovoi xal <rvi^i2tf[^]i{<roiriraf 
x& ßccaiXBt Zti aitrög te iQQontai, xal ^ d^pcciiig xal tä Xomä 
fCQdüüBt %atcc yv6(i>riv, worauf dann Lysimachos mit denselben Worten 
erwidert, die Gesandten hätten sich ihres Auftrags entledig^ (n. 402). 
"löxvB xal iylatPB schliefst noch der Brief, den Palladios an Laosos 
schreibt: vol. 84, 1001/2 Migne. Auch das Tempus haben die Lateiner Ton 
den Griechen, cf. den Brief des Attalos n von Pergamon (f 188) an den 
Priester ron Pessinus (ed. v. Domaszewski in: Arch. epigr. MitteiL aus Oestr. 
Vni p. 98): "AttaXog "Attidi. IbqbI laCi^BW. bI iggacai, bI &v ixoi^ n&ya dh 
'bylccivov, Mriv6daQog, hv &nBatdX%Bigy f/jv tB naqd tfov inuftoX^v 
&nida)%iii, fioi u. s. w.; Beispiele aus offiziellen römischen Briefen in grie- 
chischer Sprache aus republikanischer Zeit bei Viereck, Sermo Graecus etc. 
(Gott. 1888) 66; auch Paulus an die Eorinthier I 6, 11; 9, 16 u. 0.; act. ap. 
18, 24 £f.; 23, 80; Bamab. ep. c. 1; ep. Abgari ap. Euseb. h. e. I 13, 8; mart. 
Petr. et Paul. c. 21 (act. ap. apocr. I 138, 2 Lips.); act. Philippi p. 18 Tisch.; 
Herm. Trismeg. poem. 14, 1 (p. 129, 1 Parthey); pap. mag. ed. Wessely in: 
Denkschr. d. Wien. Ak. XXXVI (1888) p. 48 v. 169. — Ich kenne über diese 
Dinge so wenig etwas Zusammenhängendes, wie über den litterarischen 
Brief (interessantes Detail z. B. bei Symmachus ep. 11 86 ; IV 30 p. 109, 7 
Seeck. 82 p. 118, 6. Prokopios y. Gaza ep. 116). 



Hellenisierung der römischen Prosa. 239 

der grofise Verschmelzimgsprozers auch auf formalem Gebiet voll- 
zogen worden: während wir am Schlafs der voraufgehenden 
Epoche nur ein von keinem tieferen Verständnis echt hellenischer 
Formenschönheit zeugendes Gemenge konstatieren konnten, ist 
jetzt eine unlösliche Verbindung an die Stelle getreten. Die 
Hinüberleitung der grofsen attischen Muster in die lateinische 
Beredsamkeit und in die Litteratursprache überhaupt , die Ver« 
edlung des italischen robur duich das zarte aus der Fremde im- 
portierte Reis war die grofse That jenes Jahrhunderts. Segens- 
reich wurde sie auch für die griechische Litteratur, denn die 
Bewunderung y die der alten attischen Herrlichkeit von der 
Herrin des Erdkreises gezollt wurde, gab den klassicistischen 
Bestrebungen, die von den Griechen selbst ausgingen, einen 
mächtigen Impuls und einen kräftigen Rückhalt: in diesem 
Sinne ist es richtig, wenn Dionys y. Halikamass (de or. ant. 3) 
der xdvzmv XQaxoiiöji *Pdi(iij^ XQbg iavti^v ivayxa^oiiöjj tag Skag 
xöliis iaioßXixHv den Sieg des Atticismus zuschreibt. 



Zweiter Teil. 

Die Eaiserzeit. 



Einleitung. 

Wenn wir uns die Frage vorlegen; wodurch wir berechtigt 
sind, die Litteratur der Eaiserzeit von derjenigen der vorher- 
gehenden Jahrhunderte abzusondem, so können wir, obwohl 
wir nns nie darüber täuschen dürfen, dafs eine Einteilung der 
Litteraturgeschichte wie jeder Entwicklung in Epochen etwas 
durchaus Sekundäres ist und von den Epigonen meist nur aus 
äufseren Rücksichten vorgenommen wird, in diesem Fall mit 
einer gewissen Berechtigung die Antwort geben: bisher stand 
die Litteratur mitten im Leben des Einzelnen und der Gesamt- 
heit, von jetzt an geht sie neben ihm her (ich sehe vorläufig 
ganz von der christlichen Litteratur ab). Für die griechische 
Litteratur gilt das eigentlich schon etwa von dem Zeitpunkt an, 
als sich Demetrios zum Herrscher von Athen machte und es 
nicht blofs in der Theorie mit der alten attischen Herrlichkeit 
zu Ende war. Für die lateinische Litteratur gilt es seit Augustusf, 
aber erst seit der zweiten Hälfte seiner Regierung. Denn die 
Generation, die, im Freistaat geboren und aufgewachsen, der 
faktischen Neuordnung der Dinge entweder ablehnend gegenüber- 
stand oder sie nur gezwungen und in bewuTster Selbsttäuschung 
mit der Vergangenheit identifizierte, war von Augustus mit 
äufserster Schonung behandelt worden; erst als sie einer neuen, 
in der Unterwerfung grofs gewordenen Generation Platz gemacht 
hatte, zog der alternde Herrscher die Zügel straffer an. Aber, 
klug wie er war, liefs er es nur wenige, die sich gar zu störrisch 
gebärdeten, fühlen: die grofse Masse dukedine oHi peüexU^ wie 
Tacitus (ann. I 2 cf. Agr. 3) von ihm sagt und wie es die Zeit- 



tar Tom 
Leben. 



Allgemeine Verhältnisse. 241 

genossen in Büchern und auf Steinen preisen. Dieses otium Abwendong 
kam der Litteratur zugute, wenigstens was ihre Expansion be- *' ***"' 
triflft. Einst hatten sich Varro und Cicero in trüber Resignation 
auf ihre Villen zurückgezogen und in litterarischer Beschäftigung 
Vergessenheit der sie umgebenden Miseren gesucht: das ist die 
Stimmung, die uns aus den Einleitungen Ciceros zum Brutus 
und zum dritten Buch de oratore sowie aus den Fragmenten der 
Tarronischen Satire Serranus entgegentönt. Fortan brauchte 
man nicht mehr aufs Land zu gehen, um procul negotiis litte- 
rarischer Mulse zu leben: die Wafien ruhten und des Krieges 
Stürme schwiegen, Hermes und die Musen konnten, vom Kaiser 
und seinen Grolsen gehegt, ihren Einzug in die Stadt halten. 
Und nicht mehr aus Resignation, im Gefühl, etwas Besseres 
dafür zu opfern, pflegte man die Wissenschaft: sie wurde jetzt 
Selbstzweck, was sie in den Freistaaten, sowohl dem griechischen 
als dem romischen, nie gewesen war. Dem Cicero hatten es 
einst sogar seine Gönner zum Vorwurf gemacht, dafs er, ein 
Mann Yon solchen Verdiensten um den Staat, seine Kraft mit 
der Unterweisung junger Leute zur Rhetorik und mit der Ab- 
fassung Ton gelehrten, aber dem praktischen Leben fernstehenden 
Schriften vergeude (or. 140 fl^.): fortan wurden solche Vorwürfe 
nicht mehr laut, im Gegenteil, die litterarische Beschäftigung 
adelte und gab — wenigstens in der späteren Kaiserzeit — An- 
recht auf Beförderung im Staatsdienst. Die Verhältnisse hatten 
sich also gerade umgekehrt. Einst klagte man, dafs es einem 
in den politischen Wirren nicht ermöglicht sei, dem Staat seine 
Diehste weiter zu widmen und sah mit mitleidsvoller Verachtung 
auf die FQaixol %al 6%ola6ti%oCj die — vaterlandslos, wie sie 
waren — nichts Besseres zu thuu hatten, als litterarischcr Mulse 
zu leben: dem Fronto dagegen ist sein Konsulat zur Last, und 
er sucht es sich je eher desto lieber vom Hals zu schaffen, wenn 
es nur nach den leidigen Gesetzen anginge (33 N.); ähnliches 
berichtet für das III. Jahrhundert von einem Senator Rogatianus 
Porphyrios im Leben Plotins 7. Wie sehr das die Empfindung 
der Gesamtheit war, zeigt uns mit empfindlicher Deutlichkeit 
folgende Thatsachc. Im J. 209 hatte Dezippos mit grofsem 
persönlichen Mut und strategischem Genie seine Vaterstadt Athen 
vor den germanischen Horden gerettet; diesem Manne setzten 
seine Kinder eine uns erhaltene metrische Ekreniuschrift (CIA 

NordtOi antike Konttprosa. 16 



242 Die Kaiserzeit. Einleitung. 

III 716), in der er nur als ^cdq ocal 6vyy(fag>6vg gepriesen wird, 
während seiner Heldenthat, Ton der er selbst sich sixlsCav 
ieifivfjötov versprach (Hist. Graec. min. I 188 Dind.), mit 
keinem Worte gedacht wird. Das erschien dem modernen Em- 
pfinden so unerhört, dab man daraus schlofs, diese Inschrift sei 
vor dem J. 269 gesetzt worden. Da sich nun aber durch eine 
solche Annahme ganz unlösbare chronologische Aporieen ergeben 
würden, urteilte schon Niebuhr (im Corp. Script, hist. Bjz. I 
p. XVI) richtig: concedendum est laevam hominum in honoribus 
aestimandis mentem .... librorum fantam extulisse, res fortUer 
gestas silentio transmisisse: rem, propter eins aevi pravitatem, plane 
non incredibilem. Aber sechshundert Jahre früher war dem 
Dichter und Marathonkämpfer Aeschylos aufs Grab ein Stein 
gesetzt, der nur tbv Maga^&vi XQoxivdweiiöccvta feierte: so 
änderten sich mit den Zeiten die Menschen. 

Aber die Litteratur hat sich die Freistatt, die ihr in der 
ganzen Eaiserzeit (mit vorübergehenden Ausnahmen) gewährt 
wurde, teuer genug erkauft. Denn was sie an Expansion ge- 
wann — es ist vielleicht zu keiner Zeit quantitativ mehr ge- 
schrieben worden — , das verlor sie an Gehalt. Die Frische, 
die sie bisher durch den unmittelbaren Eontakt mit dem pul- 
sierenden Leben und den politischen Verhältnissen bewahrt hatte, 
ging ein für alle Mal verloren. Die Satire des Lucilius war 
eine flammend persönliche gewesen, Varro hatte es gewagt, die 
Triumvim Caesar, Pompeius und Crassus zu kritisieren, Lenaeus, 
den Caesarianer Sallust zu zerfleischen, und Catull hatte wie 
seiner Liebe so seinem Hafs in leidenschaftlichen Worten Aus- 
druck gegeben: wie zahm ist dagegen die gelehrte litterarische 
Satire des Horaz, wie allgemein sittenrichterlich und gegen Ende 
wie senil die des luvenal.^) Man vergegenwärtige sich femer 
den Kontrast innerhalb der Litteraturgattung, die von allen die 
persönlichste ist, der des Briefwechsels. Cicero und Plinins sind 
die beiden uns am genauesten bekannten Persönlichkeiten des 
Altertums, beide reden — zu ihrem Schaden — von nichts 
lieber, als von sich selbst. Ciceros Briefwechsel ist eine der 
wichtigsten historischen Quellen einer maCsIos bewegten Zeit: 



1) Claudian, der geborene Grieche, macht bezeichnenderweise eine 
Ausnahme, wie unter den späteren Historikern Ammian. 



Allgemeine Verhältnisse. 243 

was lernen wir aus Plinius' Briefen (mit den paar bekannten 
Ausnahmen) anderes als das beschauliclie Stillleben der höchsten 
Kreise? Marcus, der spätere Kaiser, weifs als Caesar seinem 
Lehrer nichts zu schreiben und um den Platz doch nicht leer 
zu lassen, plaudert er über das Wetter, was ihm schliefslich 
selbst albern vorkommt (Fronto 60 ff. N.). Was hätte uns Sym- 
machos alles mitteilen können, wenn ihn und seine Freunde 
Wettrennen und die Farbe von Pferden nicht mehr interessiert 
hätten als die hohe Politik? Auch die hohen Gattungen der 
Litteratur gingen ihren Weg ohne Zusammenhang mit dem 
Fühlen der Zeit. Vergil freilich verstand es so meisterhaft, den 
Herrscher mit dem römischen Volk und dieses mit jenem zu 
identifizieren, dafs er beide für sich gewann, und wuliste trotz 
der tendenziösen Absicht so sehr die allgemein nationalen 
Gefühlssaiten anzuschlagen, dafis er der populärste römische 
Dichter für alle Zeiten blieb; aber im allgemeinen stand die 
Litteratur abseits vom Leben: denselben Dichter, der in dem 
offiziellen Festgedicht die Ewigkeit der Stadt prophezeit hatte, 
ignoriert der Soldat Yelleius und die Wände Pompejis zeigen 
keinen Vers von ihm; Seneca (cons. ad Pol. 8, 27) bezeichnet 
die aesopische Fabel als ein intenipiatum romanis ingeniis optts: 
der Sklave Phaedrus existiert für den Aristokraten nicht ^); wie 
eine Ajrt von Phänomen zog Epiktet die Augen auf sich, dafs 
toio^ög TiQ &vilQ dovXag dnb fuctQbg itix^fj^): aber gerade er, 
den die Späteren sich gern als Christ dachten, zeigt vordeutend 
in die Zukunft: die neue Religion sollte dereinst bestimmt sein, 
die Kluft zwischen Volk und Gebildeten auch in der Litteratur 
SU überbrücken. 

Aber bei dem vielen Schatten fehlt auch das Licht nicht. indM. 
Die Litteratur der Kaiserzeit ist, als Ganzes betrachtet, indivi- 
dueller und daher, wenn ich so sagen darf, nach unserm Gefühl 
modemer als die der Vergangenheit. Das war durch die Ver- 
hältnisse gegeben. Die Augen aller waren jetzt auf einen ge- 



1) Diese von Baecheler (mündlich) gegebene Erklärung ist zweifellos 
richtiger als die vulgäre: Seneca habe damals in der Verbannung gelebt 
und daher die Fabeln des Ph. noch nicht gekannt. 

2) Inschrift aus Pisidien, Papers of the American school of class. stud. 
at Athens m (1885) n. 438, für Epiktet ein ebenso wiinderyolles Dokument 
wie die Felseninschrift von Oinoanda für Epikur. 

16* 



244 Die Eaiserzeit. Einleitung. 

richtet, von dessen Individualität das Wohl oder das Wehe der 
Gesamtheit abhing; in seiner Umgebung befanden sich die 
Grofsen des Reichs^ die wiederum durch ihre Persönlichkeit den 
Herrscher im Guten oder im Schlechten beeinflulüsten. Ober- 
haupt mufsten sich jetzt die Charaktere mit bestimmterer, indi- 
viduellerer Prägung ausbilden: denn hatte der Freistaat das Auf- 
gehen des Einzelnen in das Fühlen der Gesamtheit verlangt^ so 
löste sich in der Monarchie, als das Fühlen der Gesamtheit als 
solches aufhörte, das Individuum als ein in sich geschlossenes, 
gerade durch seine Eigenart existenzberechtigtes Sonderwesen 
von der Masse ab, ganz wie es einst in Hellas seit dem Beginn 
der makedonischen Zeit der Fall gewesen war. Ein solches 
Zurückdrängen der eignen Persönlichkeit, wie wir es bei Thu- 
kydides und Piaton finden, ist für Tacitus und Seneca nicht 
mehr denkbar. Die Folge war, daCs die Litteraten anfingen, auf 
das Individuelle auch der von ihnen geschilderten Persönlich- 
keiten mehr Rücksicht zu nehmen, als das früher der Fall ge- 
wesen war, man denke nur an Plutarchs Biographieen, die zwar 
alles eher als Geschichte sind, aber auch keinen Anspruch darauf 
machen. Durch diese neue Richtung der Geister erstarkte die Gabe 
der psychologischen Analyse, die Kunst des Charakterisierens. 
Sallust, der Repräsentant der Übergangszeit, ist der erste, der 
tief in das Seelenleben des Individuums hineingeschaut bat. Es 
folgen die grofsen Historiker des ersten Jahrhunderts der Eaiser- 
zeit, vor deren Augen in unablässiger Folge ungeheure Frevler 
und gewaltige Tugendhelden, heuchlerische und liebenswürdig 
offene Naturen vorbeizogen, die sie zusammenfafsten zu packen- 
den Seelendramen, in denen das düstere, pathologische Moment 
mit einer Art von nervöser Hyperästhesie oft auch da einseitig 
hervorgekehrt wurde, wo es nicht oder nicht in solchem um- 
fang vorhanden war: jener Schriftsteller, dem Tacitus und Dio 
(cf. besonders LYII 1) folgen, hat zwar den Charakter des Ti- 
berius verzeichnet, aber was er dadurch als Historiker fehlte, 
hat er als Dichter wieder gut gemacht, denn die Verzeichnung 
ist eine grandiose und wahrhaft poetische, gegen die man eine 
objektive und nüchterne Darstellung um so weniger gern ein- 
tauschen möchte, als uns die Thatsachen selbst ja überliefert 
werden, nur eben in jener düstem Umkleidung, die gerade dieser 
Partie des taciteischen Werkes etwas so Dämonisches verleiht. 



Allgemeine Verhältnisse. 245 

Zuletzt hat es dann noch Ammian verstanden, Charakteristiken 
von packender Lebendigkeit zu geben: der Charakteristik des 
Constantius, die offenbar derjenigen des taciteischen Tiberius 
nachgebildet ist, folgt man mit atemloser Spannung. Von 
den Heiden haben die Christen in einer mafslos bewegten 
Zeit die Kunst, Bösewichter zu konstruieren und sie als solche 
za schildern, gelernt: Marcion und Arius werden als Kinder der 
Holle in grellsten Farben gemalt, das Edle und Grolse, das sie 
dachten und thaten, wird verschwiegen oder verzerrt. Die Waffen 
dazu lernte man schmieden in den Rhetorenschulen, die in der 
Kaiserzeit in noch höherem Grade als früher das allgemeine 
Fühlen widerspiegelten und sich in dessen Dienste stellten. 

Denn es ist begreiflich, dafs auf die Kunst der Beredsam- Niedergan 
keit, die sich im Freistaat entwickelt hatte und in ihm mit liehen bo 
allen Fasern wurzelte, der Wandel der Verhaltnisse den stärksten '«^*»°»^«* 
und sichtbarsten EinfluJGs ausübte. Wir haben über ihren ra- 
piden Niedergang eine ganze Anzahl von Urteilen aus der ersten 
Kaiserzeit, aus denen wir sehen, dafs man eifrig nach dem Grund 
dieser Erscheinung forschte. Anfangs fand man ihn in einer 
durch die allgemeine Erfahrung bestätigten litterarhistorischen 
Maxime: fatij sagt Seneca (contr. I praef. 7) maligna perpeluaque 
in rebus omnibus lex est, ut ad swnmum perducta rursus ad in- 
fimum, velocii4S quidem quam ascenderant, relahanUir, und so sei 
es nach dem gesegneten ciceronianischen Zeitalter, in dem alle 
groÜBen Genies vereinigt waren, mit rasender Eile bergab ge- 
gangen. Dasselbe Motiv bringt Velleius I 16 f. vor und sucht 
es als maßgebend für die ganze griechische und lateinische 
Litteraturgeschichte zu erweisen. Da diese glänzende Ausein- 
andersetzung gewifs nicht seinem eignen Kopfe entstammt, so 
müssen wir annehmen, dafs es eine weitverbreitete litterar- 
historische Maxime des Altertums war,4eren Ursprung mir ver- 
borgen ist.^) Sie findet sich schon bei Cicero, mit spezieller 
Anwendung auf die uns beschäftigende Frage: Tusc. II 5 ora- 
tarum laus ita ducta ab humili venitad summum, ut tarn, quod 
natura fert in omnibus fere rebus, senescat brevique tempore ad 
nihilum Ventura videatur. Neben diesem Grund wird ein anderer 
angeführt: der allgemeine Niedergang der Zeiten, vor allem die 



1) Cf. auch R. Uirzel, Der Dialog II (Lei^z, 1805) 51, 2. 



246 ^^^ Kaiserzeit. Einleitung. 

fortschreitende Sittenverderbnis habe auch die Kunst der Bered- 
samkeit in den Verfall hineingezogen^ so Seneca contr. 1. c. und 
besonders eingehend der Sohn in ep. 114, womit sich xbqI ^(wg 
44, 6 ff. nahe berührt; fQr den Niedergang der übrigen Künste 
bringt Petron 88 dasselbe Argument vor. Aber aufser diesen 
beiden allgemeinen Erklärungsversuchen finden wir einen dritteui 
durch den der unmittelbare Grund dieser Erscheinung richtig 
festgestellt wird. Wer erinnerte sich nicht gern an den glänzen- 
den Schlufs des taciteischen Dialogs (c. 36 ff.) ? Die groiÜBen 
Tumulte der Republik, besonders der ausgehenden, waren der 
Stoff, an dem sich die Beredsamkeit entzündete, um dann in 
hellen Flammen emporzuschlagen. Diese Zeiten der Verwirrung 
und Zügellosigkeit boten bei dem Mangel emes Leiters dem 
Redner Gelegenheit, das irrende Volk für sich zu gewinnen, 
grofsen Einflufs bei den Spitzen des Staates, Gewicht beim Senat, 
Berühmtheit bei der Plebs zu erlangen. Und abgesehen von 
diesem Lohn, der dem Redner winkte, lag auch ein Zwang Tor, 
kraft dessen er selbst unfreiwillig auftreten mulste; und es ge- 
nügte nicht im Senat kurz seine Stimme zu geben, sondern man 
sollte durch Geist und Beredsamkeit seine Ansicht vertreten, 
geschweige denn dafs es erlaubt gewesen wäre, abwesend oder 
durch Stimmtäfelchen Zeugnis abzulegen. „Dazu kam der Glanz 
der Angeklagten und die Gröfse der Prozesse, denn es macht 
einen grofsen unterschied, ob man über Diebstahl, die Prozels- 
formel, das prätorische Interdikt zu reden hat, oder über Be- 
stechung der Komitien, Plünderung der Bundesgenossen, Nieder- 
metzlung der Bürger. Sicher zwar ist, dafs dies alles besser 
nicht vorkommt und sicher sind diejenigen politischen Verhält- 
nisse die wünschenswertesten, unter denen uns nichts dergleichen 
widerfährt: aber ebenso sicher ist, dafis dies, als es vorkam, der 
Beredsamkeit einen gewaltigen Stoff lieferte. Denn es wachst 
mit der Gröfse der Dinge die Kraft des Geistes, und keiner ver- 
mag eine Rede zu Ansehen und Glanz zu erheben, der keinen 
entsprechenden Prozels findet. Nicht, meine ich, machen De- 
mosthenes zum glänzenden Redner die Vormundschaftsprozesse, 
noch Cicero die Verteidigimg des Quinctius oder Archias: Cati- 
lina, Milo, Verres und Antonius haben ihn mit diesem Ruhm 
umkleidet."^) Nur die herrliche, begeisternde Ausführung des 

1) Dasselbe Motiv klingt auch ann. IV 82 an. 



Allgemeine Verhältnisse. 247 

Einselnen ist hier eignes Gut des Tacitus^): das Argument selbst 
findet sich auch bei dem Verf. nsgl üijfovg 44 und dort wird der 
Grundsatz, cb^ ^ drjiioxgaria r&v (isydXcov iyad'^ rtdijvd^, ^ 
liövji 6%Bdhv xal öwT^xfiaöav oC xegl Xöyovg dsivol ocal övvand^ 
^avov als ixetvo tb d'QvXoiifiBvov bezeichnet. Thatsächlich 
hatte ja schon Aristoteles die Entstehung der sicilischen Rhe- 
torik Yon dem Sturz der Tyrannen an datiert, und Cicero, der 
dies berichtet (Brut. 46), sagt in dem unmittelbar vorhergehen- 
den Satz, also sehr wahrscheinlich auch noch aus Aristoteles, 
jedenfalls in dessen Sinn: in impeditis ac regum dominatione de- 
vinctis nasci cupidiUtö dicendi non solst.^) Was war es schliefs- 
lieh anderes, wenn man, wie wir sahen (S. 126 ff.), den Verfall 
der griechischen Beredsamkeit allgemein an die Zeit des Deme- 
trios Yon Phaleron anknüpfte? Die Argumentation desjenigen 
Schriftstellers, auf den die Ausführungen des Verf. Ttßgl ii^ovg 
und des Tacitus zurückgehen, trifft offenbar den Kern der Sache. 
Das lehrt uns nicht blofs das Altertum, in dem die philippischen 
Reden des Demosthenes und Cicero die Höhepunkte der Bered- 
samkeit bezeichnen, sondern auch die Geschichte der modernen 
Staaten, vor allem Englands und Frankreichs, wo die politische 
Rede durch die grofsen Revolutionen und die daran sich an- 
schliefisenden Yerfassungskämpfe geboren wurde. ^) Sehen wir 



1) Er macht auch keinen Anspruch auf Neuheit: c. 28 in. — Auch 
jene hübsche, uns durch ihre Romantik so anmutende Stelle über die Dichter, 
die sich in die lauschige Stille der Haine zurückziehen (c. 9 i. f. 12), womit 
man passend verglichen hat Plinius ep. IX 10 (an Tacitus), 2 poemata quies- 
cunt, quae tu inter netnara et lucoa commodissime perfid putas, ist nicht 
specifisch taciteisch: cf Qnintilian X S, 22. 

2) Cf. de or. I 30 haec una res (die Beredsamkeit) in omni lihero 
populo fMLximeque in paaxtis tranquülisque civitatibus prciecipue semper 
floruit semperque daminata est. Abweichend von der Argumentation des 
Verf. n, v^ovg und des Tacitus sind darin die pacatae tranquillaequc 
civiUxtes, wie ebenfalls im Brutus auf die citierten Worte folgt: pacis est 
eomes otique sacia et iam bene canstitutae civitatis quasi älumna (xid7iv6g 
aact. TT. &^. 1. c.) quaedam eloquentia. Das hat also jener Schriftsteller 
(selbstverständlich ein Grieche), der dies Argument zuerst auf die Eaiser- 
zeit anwandte, entsprechend abgeändert. Übrigens geht aus der obigen 
Aaseinandersetzung wohl deutlich hervor, dafs alle diese Argumente in 
Quintilians Spezialschrift de causis corruptae eloquentiae vereinigt waren. 

3) Das ist im einzelnen sehr schön gezeigt worden von A. Philippi 1. c. 
(oben S. 2,1) 84 f.; 88 ff. 



redsam« 
keit. 



248 1^6 Eaieerzeit. Einleitung. 

nicht noch heute in unserm eignen Staate^ dals die Demokraten 
an oratorischer Begabung den Rednern der Ordnungsparteien 
im allgemeinen überlegen sind? 
jiüt« der Die praktische Folge dieser Verhältnisse war, dals die Be- 

"^:Be: redsamkeit sich vom Forum und aus der Kurie, wo sie so gut 
wie nichts mehr zu thun hatte ^j, zurückzog in den Hörsaal: die 
eloqiientia wurde zur declamatio. Es ist ein bezeichnendes Zu- 
sammentreffen, daTs uns von eben jenem Demetrios von Phaleron, 
von dem an man den Niedergang der griechischen Beredsamkeit 
datierte, berichtet wird, er habe sie vom Markte in den Hörsaal 
yerpflanzt und zu seiner Zeit sei es aufgekommen, über fingierte 
gerichtliche und beratende Stoffe zu reden (S. 127 f.): das Gleiche 
findet seine Anwendung auf die römische Beredsamkeit der Eaiser- 
zeii Denn wenn es auch, wie wir besonders aus der Rhetorik 
an Herennius ersehen, in den Kreisen der latini rhetores schon 
längst Sitte gewesen war, solche imo^iöst^ zu behandeln^, so 
hatten doch die mafsgebenden Männer mit vornehmer Verach- 
tung auf diese ^ Bauern tölpel' und * Rabulisten' herabgesehen.*) 
Am deutlichsten zeigt sich der Wandel der Dinge in der ver- 
änderten sozialen Stellung der Deklamatoren: während zu Giceros 
Zeit ihre Thätigkeit fUr eine des freien römischen Bürgers nicht 
würdige galt und daher den Graeculi oder libertini überlassen 
wurde^), begreift im Anfang der Kaiserzeit Seneca der Vater 
nicht mehr, dafs es eine Zeit habe geben können, wo diese ptd- 
cherrima disciplina verachtet wurde und wo die perverse Sitte 



1) Klingt es nicht wie tragische Ironie, wenn Quintilian sich in seinem 
Idealgemälde eines Redners zn der Bemerkung versteigt: dieser werde sich 
nicht nur in kleinen Prozessen hervorthun, sed tnaiorihus operibus dariua 
elucebit, cum regenda senaiits consilia et popularis error ad meliora dticendus? 

2) Den unmittelbaren Zusammenhang der latini rhetores mit den De- 
klamatoren der Eaiserzeit bezeugt ausdrücklich Tacitus dial. 85. 

3) Cicero hat auch 'deklamiert' (Brut. 310. ep. ad fam. VII 38; XVI 
21, 5 ad Q. fr. m 3, 4. Suet. de rhet. 121 Reiff. u. a), aber jene Dekla- 
mationen waren anderer Art (Sen. contr. I praef. 11 f.), besonders, wie er 
selbst sagt (or. 46 f.), die von den {mo^icBig ganz yerschiedenen ^4€it^ 
(allgemeine Themata), die ja schon Aristoteles eing^fOhrt hatte. Übrigens 
spricht er von diesen seinen Übungen stets mit Geringschätzung, sie gelten 
ihm als etwas ganz Nebensächliches. 

4) Cf. Th. Fromment, ün orateur r^publicain sous Auguste, Cassius 
Seyerus (in: Annales de la facult^ des lettres de Bordeaux I 1879) 188. 



Allgemeine Verhältnisse. 249 

bestanden habe, ut turpe esset docere quod honestum esset discere 
(contr.II praef. 5). War doch sogar Augustus selbst geduldig genug, 
sich diesen Unsinn anzuhören (Sen. contr. II 4, 12 f.; 5, 20; IV 
prae£ 7; exe. VI 8 i. f.; X 5, 21; suas. 3, 7): zeigte sich doch auch 
wahrlich kaum irgendwo anders das otium, das er der Welt geschenkt 
hatte, deutlicher als in der Zurückgezogenheit des Hörsaals. Denn 
die Abwendung vom praktischen Leben war eine völlige: forensis 
und scholasticus wurden Gegensätze (Asin. PoU. bei Sen. contr. 
II 3, 13); einer der tüchtigsten Deklamatoren, Porcius Latro, 
soll, als er auf dem Forum für einen Verwandten einen Prozefs 
f&hrte, so verwirrt geworden sein, daTs er seine Rede mit einem 
Solocismus begann und bitten mufste, die Verhandlung in einem 
Saale fortzusetzen (Sen. contr. VIII praef. 3, und aus ihm, wie 
oft, Qnint. X 3, 17 f.). Viele übertrugen nach Quint. VI 1, 42 f. 
ihre YTorte aus der Deklamatorenschule, wo sie sich den Gegner 
in beliebiger Situation denken durften, auf das Forum, wo sie 
in lächerlichen Kontrast zu den realen Verhältnissen gerieten: 
tendit ad genua vestra supplices manus, haeret in complexu liberorum 
miser sagten sie, ohne dafs etwas von dem wirklich vor sich 
ging; ein junger Mann apostrophierte den Cassius Severus: „was 
schaust du mich mit finsterer Miene an, Severus?'^ worauf dieser: 
„wahrlich, das that ich nicht, aber da du es nun mal so ge- 
schrieben hast, meinetwegen: da sieh hier'' und er blickte ihn so 
wild er konnte an (Quint. 1. c). Daher versteht man es, wenn 
derselbe Cassius Severus, ein verhältnismäfsig vernünftiger Mann 
dieser Zeit (Tac. dial. 26), sagte: „Was ist in der Schulberedsamkeit 
nicht überflüssig, da sie selbst überflüssig ist? Spreche ich auf 
dem Forum, so thue ich doch etwas; deklamiere ich aber, so 
kommt es mir so vor, als ob ich im Traum mich um etwas ab- 
mühe. Es ist etwas ganz anderes zu kämpfen als Lufthiebe zu 
schlagen'' (Sen. contr. III praef. 12). Dem alten Seneca selbst, 
einer der originellsten Erscheinungen in der späteren lateinischen 
Litteratur, wurde sein Werk zum Schlufs so zuwider, dafs er in 
der Vorrede zum letzten Buch der Kontroversen (X 1) an seine 
Sohne schreibt: „Lange genug habt ihr mich gequält: fragt, 
wenn ihr noch was wollt und lafst mich dann von diesen jugend- 
lichen Studien zu meinem Greisenalter zurückkehren. Ich will 
es euch nur gestehen: ich habe jetzt genug von der Sache. Zu- 
erst habe ich mich gern daran gemacht, in der Zuversicht, mir 



250 l^ie Eaiserzeit. Einleitung. 

dadurch den besten Teil meines Lebens zurückzufülirein: jetzt 
schäme ich mich nachgerade, als ob ich eine nicht ernste Sache 
betreibe. So ist es mit den Stadien der Scholastiker: rührt 
man sie obenhin an, machen sie Spafs; betastet man sie derb 
und rückt sie nahe heran, langweilen sie/'^) Aber was half 
es, dafs verständige Männer aus den beteiligten Kreisen selbst 
ihre warnende Stimme erhoben, was half es, dals in der ganzen 
Kaiserzeit die Philosophen gegen das äulsere Scheingepränge 
und die innere Hohlheit der Rhetorik eiferten^): die Strömung 



1) Ähnliche Urteile anderer und des Seneca selbst: contr. IV praef. 
2 i. f. Vn praef. 4. IX praef. 1 ff. 

2) Liers, Rhetoren und Philosophen im Kampfe um die Staatsweisheit, 
Programm Waidenburg i. Schi. 1888 hat die yersprochene Fortsetsung (Ton 
Dionys v. Hai. an) leider nicht gegeben. Der Streit ist seit den Zeiten 
des Gorgias, Piaton und Isokrates nicht zur Ruhe gekommen. Cicero ist 
erbost über die Philosophen, die in die Domäne der Rhetorik Eingriffe 
machten: ihm ist der Rhetor der wahre Philosoph (de or. m 59ff.; 108 ff.; 
122 f.; 129), daher war es fdr ihn keine iiitdßaeig ilg &XXo yiwag^ wenn er 
über Philosophie schrieb. In der Eaiserzeit, als die Sophistik wieder die 
gefährliche Rivalin der Philosophie wurde, tobte der Streit mit erneuter 
Heftigkeit; wie früher, behaupteten die Rhetoren, die seit Demetrios Ton 
Phaleron und Bion gelernt hatten, ihre tdnoi nsgl tvxris^ tgwpfjs u. s. w. 
(Sen. ep. 100,10) mit gehöriger Verve auszufilhren, und die darin das Wesen 
der Philosophie beschlossen sahen, mit unerhörter Impertinenz, dafs sie im 
Besitz der wahren Philosophie und also Philosophen neben ihnen über- 
flüssig seien: das spricht nach sogar ein solcher Biedermann und ein solcher 
ävriQ &q)iX6ao<pog wie Quintilian (I prooem. 9 ff. cf. X 1, 36): man merkt an 
dem erregten Ton, den man sonst gar nicht an ihm gewohnt ist, dafs es 
sich um eine praktische Lebensfrage handelte: q>9-ovist ysltovi yslrmv. Bei 
Tacitus (dial. 5) äufsert sich der Moderedner Aper verächtlich Über den 
Stoiker Helvidius Priscus, während Messala, der Vertreter der diQx'^^h he- 
zeichnenderweise die Philosophie sehr hoch stellt und in ihrer Vernach- 
lässigung einen Grund für den Niedergang der Beredsamkeit findet (c. 81 f.). 
Am unglücklichsten ist Fronto über die Konkurrenz, die ihm sogar seinen 
kaiserlichen Zögling abspenstig machte; wie kläglich hört sich an, was er 
diesem darüber schreibt : er komme ihm so vor wie einer, der beim Schwim- 
men lieber einem Frosch als einem Delphin ähnlich sein wolle, gebe es 
doch in der Philosophie kein prooemium cum cura excolendum, nulla ntMr- 
ratio breviter et dilucide et callide collocata, nihil exaggerandum u. s.w. (146; 
150; 154 N.; cf. die alberne Bemerkung in einem griechischen Brief an 
einen Freund 174: nuidslav Xiym xiiv x&v ^fit6Qmv' aZtti Y^9 domt fioi 
ävd'QamivTi tig slvai' xobv (ptXoöStpav 9'sla tig ^axon^ cf. 183; 184); aber er 
hatte bei der edlen, nach hohen Idealen strebenden Natur des Herrschers 
auf die Dauer kein Glück : schon der fänfundzwanzigjährig^ Caesar schreibt 



AllgBmeine Verhältnisse. 251 

der Zeit war kräftiger als sie und hat das grölste Terrain der 
Litterataren beider Volker überflutet. 



Erster Abschnitt. 
Von Angastiis bis Traian. 

Erstes Kapitel. 
Die Theorie. 

A« Der Kampf des alten und des neuen Stils. Attioismua 

und Asianiamus. 

Um den Leser von vornherein über meine Ziele zu orien- 
tieren, will ich in greisen Zügen die wesentlichen Resultate der 
nachfolgenden Untersuchungen vorwegnehmen. 

Die zwei uns schon lange bekannten Stilrichtungen (s. oben 
S. 149 ff.) lassen sich sowohl in der griechischen wie in der la- 
teinischen Prosa auch in der Eaiserzeit deutlich unterscheiden: 
die klassicistische, die ihrer Tendenz nach archaisie- 
rend ist (of &Qxcctoi)^ und die moderne (of vsmtBQoi.). 



ihm begeistert über die Bücher des Ariston und er zürnt sich, quod viginti 
quinqm natus annos nihildum bonarum opinwnum et puriorum rationum 
animo hauserit (75 f.), und als Kaiser registriert er unter dem, was er von 
seinem Lehrer Bosticus gelernt habe: tb &noöxijvai ^ro^txQ; (dg ^avr. I 7). 
Von gleich unversöhnlichem Hafs gegen alle Philosophen, soweit sie nicht 
seines eignen Schlages sind, d. h. aotpiötal im Sinn der von Piaton be- 
kftmpften (sie finden auch vor Frontos Aug^n Gnade: p. 176), ist Aristides, 
cf. H. Banmgart, Aelius Aristides (Leipz. 1874) 24 ff. Der Bhetor Appian 
legt in sein Geschichtswerk eine Invektive gegen die Philosophen ein 
(Mithr. 28, hierfür citiert von Eaibel im Herm. XX [1885] 501). Die 
Philosophen haben es dann den Bhetoren heimgezahlt: Epiktet (über den 
Fronto 115 eine unwürdige Bemerkung macht) schleudert gegen sie eine 
Invektive (diss. in 23, cf. E. Hatch, Griechentum und Christentum, deutsch 
von E. Preuschen [Freiburg 1892] 73 f.), ebenso Maximus Tyrius (diss. in 21), 
ond am erbittertsten sind die von der Sophistik zur Philosophie überge- 
tretenen Dio und Lukian. Späterhin vollzog sich dann ein Ausgleich, z. B. 
ist Eunapios dem Plotin und Porphyrios so sehr gewogen wie sich selbst 
und seinesgleichen. Cf. besonders noch Rohde, D. gpdech. Roman 320 ff. 



252 Von AugastuB bis Traian. 

1. Die Ideale der ersteren sind bei den Griechen die Attiker. 
Unter den Rednern gewinnt bei ihnen Demosthenes (und f&r den 
panegyrischen Stil mehr Piaton als Isokrates) das Übergewicht, 
entschieden unter den Antoninen (Aristides, Hermogenes), bei 
den Lateinern Cicero (Quintilian). Auch die Historiker kopieren 
die alten Muster, teils Xenophon (Typus des ig>BXig), teils Hero- 
dot (ykvxv), teils Thukydides (öBfivöv), sogar Hekataios wird 
von solchen, die ganz natürlich, ohne jede iTtifiiXsta und KÖö^iog 
schreiben wollen, hervorgezogen (Hermog. de id. p. 423 f. Sp.). 
Die lateinischen Historiker schwanken zwischen Livius (iacun- 
(Utas d candor, entsprechend Herodot: Quint. X 1, 101) und Sal- 
lust (obscuritas et hrevitaSy entsprechend Thukydides: Quint. 1. c). 
Diese klassicistische Richtung wird von einigen ins Extreme 
fortgesetzt: das sind die Hyperatticisten, denen bei den Lateinern 
Fronto mit seiner Schule entspricht. 2. Auf der andern Seite 
stehen die Modernen, die ihre eignen Wege gehen: sie sind alle 
beeinflufst von der neuen Rhetorik und unterscheiden sich nur 
graduell in dem Mafs, welches sie ihr einräumen: die Extremen 
stellen sich dar als Fortsetzer der alten sophistischen Eunst- 
prosa mit allen ihren Auswüchsen und des aus dieser erwach- 
senen Asianismus; die GemaXsigten schreiben zwar in dem mo- 
dernen Stil, hüten sich aber vor seiner Entartung, einige suchen 
sogar eine Art von Eompromifs zwischen dem alten und dem 
neuen Stil zu schliefsen (zu letzteren gehören die besseren Ver- 
treter der sog. zweiten Sophistik). 

Liitera- 1* ^^^ Altcu uud die Neuen im allgemeinen. 

Isohe Strö- 

inngen in Ich betrachte zunächst die Anfänge des Antagonismus von 

HkUnJii. Reaktion und Fortschritt in der lateinischen Litteratur, weil 
für sie hier die Überlieferung sowohl der Theorie als der Praxis 
eine reichere ist. Wenn ein Volk eine gewisse Hohe der Kul- 
tur erreicht hat, stellt sich erfahrungsgemäfs eine Reaktion ein, 
deren Vertreter meist mit einer Art von romantisch-sentimen- 
taler Schwärmerei in der guten alten Zeit das Heil der Welt 
beschlossen sehen. Diesem allgemeinen Erfahrungssatze, dessen 
Wahrheit schon in den homerischen und hesiodischen Gedichten 
verbrieft ist (ein Vitium malignüatis hutnan<ic nennt es M. Aper 
bei Tacitus dial. 18), hat 0. Seeck in einem der geistvollen Es- 



Reaktion und FoHschritt. 253 

says Beiner 'ZeitpliraBeii'(Berlin 1892) Ausdruck gegeben. Auf die la- 
teinische Litteraturgeschichte hat ihn in einigen mehr allgemein ge- 
haltenen Grundzügen M. Hertz in seinem bekannten Vortrag ^Renais- 
sance undBococo in der romischen Litteratur' (Berlin 1865) und mit 
spezieller Beziehung auf die Poesie F. LeO; Plautinische Studien 
(Berlin 1895) 22 ff. angewandt.^) Letzterer hat hervorgehoben, 
dals die archaistische Reaktion, der wir in der letzten Hälfte 
des ersten Torchristlichen Jahrhunderts begegnen'), in einer 
Schwärmerei wurzelt^ welche die Menschen ihre Blicke aus der 
trQben, von Ungeheuern Parteiungen und oft kleinlichen Sonder- 
interessen zerrissenen Gegenwart zurückwenden liels auf die Ver- 
gangenheit, in der man mit unwillkürlicher Idealisierung alles 
Reine und Erhabene beschlossen sah. Ihr Repräsentant ist der 
Alte aus den Bergen des Sabinerlands, für Horaz vielleicht der 
Typus jenes difficäis, querulus, laudator temporis acti Se pueroj 
castigatoT censorque minorum. Er sah ein neues Dichtergeschlecht 
aufwachsen, für welches in der feinen, polierten Form das Wesen 
der Dichtkunst enthalten war und dessen iQir^yixriq die Verse 
des Lucilius dem verfeinerten Geschmack durch Korrekturen 
genielsbar machte.') In dem Jahr, als er, ein Mann, der sich 
selbst überlebt bat, starb, nahm der neue Herrscher den Namen 
an, der beweisen sollte, dals er mehr als ein Mensch sei und 
eine neue bessere Ära herbeiführe. Freilich war er zu klug, 
um es auszusprechen, was er fühlte und wollte: er trat auf als 
Wiederhersteller des Alten, welches er in Wahrheit zertrümmerte, 
aber dadurch umgab er sein geweihtes Haupt mit dem Schimmer 
der Romantik, und er — alles eher denn ein Gefühlsmensch — 



1) K. Sittl giebt in den Comment. Woelfflinianae (Leipz. 1S91) 403 ff. 
('Archaismas') ein paar zusammengeraffte, zusammenhangslose Notizen mit 
•ckweren MifsYerständnissen (z. B. wird p. 404 Lektüre des alten Cato aus 
Persius 8, 44 gefolgert, wo es sich um eine Deklamation üher den mori- 
iwnts Cato handelt, u. dgl. m.). Besseres gab schon Cresollius, Vacationes 
antomnales (Paris 1620) 576 ff. 

8) Schon c. 100 Jahre vorher sagt der Dichter des Prologs zur Casina 
(t. 7 f.) antiqua enim opera et verba quam vobis placent, \ aequomst placere 
ante alias v et er es fabulas. Das ist, wie seit Ritschi feststeht, die Reaktion 
gegen die modern yerfeinemde Komödie des Terenz. 

8) [Horaz] sat. I 10 in. Ähnlich wird wohl zu verstehen sein das 
Untemehmffli eines gewissen Snrdinus, der in der augusteischen Zeit Grae- 
eas fabulas eleganter in sermonem latinum vertit (Sen. suas. 7, 12). 



254 Von AugustuB bis Traian. 

wuHste, wie gut ihm der in den Augen der Menschen stand. 
Aus dieser Anschauung heraus hat Yergil gedichtet und in un- 
nachahmlicher Weise hat er den Ton zu treffen gewuCst: über 
dem Ganzen ist ein leiser Hauch der Romantik ausgebreitet, 
dessen Wehen man fühlt auch in der ganz modernen, aber doch 
gelegentlich leise archaisierenden Sprache (über die vortrefflich 
urteilt Quintilian VIII 3, 24 f.). Was er fühlte, sagten andere 
Dichter jener Zeit gelehrter, aber über Liyius' Werk liegt der- 
selbe Schimmer wie über dem des Dichters. Das Grolse, was 
die beiden brachten, war, dafs sie die Vergangenheit mit dem 
Gewand umkleideten, das der neuen Ära angemessen war: dadurch 
verdrängte der eine den Ennius, der andere das Chaos delr Hi- 
storiker vor ihm. Horaz wurde, weil er, wie Leo bemerkt, von 
allen der am wenigsten romantische war, der eigentliche Pro- 
phet der neuen Ära. Vor allem in der Praxis. Er machte den 
Lucilius neu, nicht indem er ihn im einzelnen korrigierte, wie 
es einige versuchten, sondern indem er in seinem Geiste etwas 
Neues schuf, das die vornehmen Ohren nicht mehr verletzte; er 
schenkte der Stadt die äolische Poesie, ein Meister im An- 
empfinden und besonders ein Virtuos in der Form. Und dann 
in der Theorie. In der berühmten Epistel, die an Gewicht da- 
durch gewann, dals sie an den Kaiser selbst gerichtet war, warf 
er den Fehdehandschuh allen deixen hin, welche die Litteratnr 
mit Livius Andronicus beginnen und ein Jahrhundert vor der 
Gegenwart endigen lielsen: selten hat sich wohl jemand, in seiner 
Zeit stehend, doch so klar als Eind einer neuen Ära geschaut 
und erfafst wie Horaz in diesem Brief. ^) Die Mitwelt gab ihm 
recht: das Eind der neuen Zeit machte das heilige Festgedicht 
zum Geburtstag der Stadt in denkbar modernster Form, und 
Vergil wurde — ein grofses Ereignis — in den Unterricht der 
Schule eingeführt. Auch die Nachwelt hat ihm ein halbes Jahr- 
hundert lang fast einstimmig recht gegeben: die moderne Rich- 
tung erreichte in Poesie und Prosa ihren Höhepunkt in der 
neronischen Zeit mit deren Repräsentanten Seneca, wie schon 



1) Cf. J. Manso, Über Horazens Beurteilung d. alt Dichter (Oyinii.> 
Progr. Breslau 1817) 7. — Dafs die Polemik sich wesentlich gegen Yarro 
richtet, halte ich für höchst wahrscheinlich: cf. Bergk, De rel. com. Att. 
ant. (Leipz. 1838) 146. Ritschi, op. III 431. 



Romantik und Fortschritt. 255 

J. Steup, De Probis grammaticis (Jena 1871) 62 ff. ausgeführt hat. 
Aber in eben dieser Zeit erfolgte, wie es zu gehen pflegt^ wenn 
eine Bewegung ins Extreme geht^ der Rückschlag: es setzte die 
reaktionäre Thätigkeit des Probas ein, deren Bedeutung für die 
Überlieferungsgeschichte der lateinischen Litteratur erst von Leo 
L c ins rechte Licht gerückt ist. Auch Probus darf man jedoch 
nicht isoliert betrachten, denn Zeugnisse besonders in Senecas 
Briefen, die wir gleich näher kennen lernen werden, beweisen, 
dafs auch in der nachaugusteischen Zeit die archaisierende Gegen- 
strömung keineswegs ganz zum Stillstand gekommen war.^) Aber 
stiLrker zu fluten begann sie erst wieder seit der Zeit Yespasians, 
wo, wie K. Nipperdey (EinL zur Ausg. von Tac. ann. ^ p. XXXVI) 
fein bemerkt, die Reaktion in der Sitte mit derjenigen in der 
Litteratur zusammenfiel, und gelangte zur Herrschaft unter 
Hadrian.') 

Ich werde nun diese Skizze etwas genauer ausführen für 
das Gebiet der Rhetorik, die uns hier um so mehr angeht, als 
ihre Geschichte in dieser Zeit durchaus mit der Gestaltung der 
kunstmälsigen Prosa zusammenföllt. 



1) Für die Zeit des Tiberius cf Tac. ann. U 83 cum eenaeretwr (dem 
gestorbenen Oermanicos) clipeu8 auro et magnitudine insignis inter auctores 
eloquentiae, adseveravit Tiberius solitum parernque ceteris dicaturum: neque 
emm doquentiam fortuna discemi, et saus inliMtre, si veter es inter acrip- 
tores habereiur. Tiberius, der in litterarischen Dingen auch sonst einen 
eigenartigen Geschmack zeigte, wurde yon Augustns wegen seiner Sucht 
nach exoUtae et recanditae voces Terspottet (Suet. Aug. 86), und daher ist 
es Tielleicht Absicht, wenn Tac. ann. IV 38 ihn duint sagen iSXst. — Unter 
dandiuB hat ein Grammatiker zwar mit vielen Versehen, aber doch mit 
anerkennenswerter Kenntnis in Einzelheiten die Inschrift för die Basis der 
Colnmna rostrata verfafst. 

9) Dafs die archaisierende Richtung in der bildenden Kunst yiel früher 
aufkam als in der römischen Kaiserzeit, hat Fr. Hauser, Die neuattischen 
Reliefs (Stuttgart 1889) bewiesen (cf. besonders p. 158 ff.). Vielleicht ist 
aber doch wenigstens eine Steigerung anzuerkennen, cf. Quint. XII 10, 3 
primi, qmrum quidem apera non vetust€Ui8 modo gratia visenda sint, clari 
pietores fuisse dicuwtwr Polygnotus atqtie ÄgUwphon, quorum nimplex color 
tarn mU studiosoa adhuc habet, ut illa prope mdia ac vehU futurae mox 
artis primordia maximis qui post cos extiterunt auctorihits praeferant, pro- 
prio guodam intellegetidi , ut mea opinio est, amhitu. 



256 Von AxigusiuB bis Traian. 

2. Die Alten und die Neuen im Stil. 

Antike In der ersten Kaiserzeit gab es zwei Parteien | die sich 

.engniso. g^j^^^^ ^^^ einander sonderten. Die eine befahl eine einfache, 
naturgemäljse^ ja absichtlich saloppe Diktion^ die andere eine 
geschmückte^ durch alle Mittel des Raffinements gehobene; jene 
sah ihr Ziel in der Nachahmung sowohl der ältesten lateinischen 
Schriftsteller als der sich auch ihrerseits an die letzteren an- 
lehnenden ^Atticisten' wie Calvus^ diese wollte von Nachahmung 
überhaupt nichts wissen^ geschweige denn von einer Nachahmung 
jeuer ältesten Autoren und der Atticisten. Am präcisesten treten 
die beiden Anschauungen hervor in mehrfachen Formulierungen 
bei Quintilian: sie stelle ich daher voran, obwohl sie längst nicht 
die zeitlich frühesten sind. Quint. II 5, 21 f. duo genera tnaxime 
cavmda pueris puto: uniim, nc quis eos antiquitatis mmitts ad- 
mirator in Graccliorum Catonisque et aliorum similium Icctione 
durcscere velü, fient enim horridi et iciuni: nam neqtie vim 
eorum adhuc intellectu consequentur et elocutione quae tum sine 
dubio erat optima sed nostris teniporibus aliena est contetiH^ quod 
est Pessimum, similes sibi magnis viris mdebuntur, alterum, quod 
huic diversum est, ne recentis huius lasciviae flosculis capti 
voluptate prava deleniantur. VIII 5, 32 f. (einige sprechen nur 
in gewagten Sentenzen) huic quibusdam contrarium Studium, qui 
fugiunt ac reformidant omnem hanc in dicendo voluptatem, nihil 
probantes nisi planum et humile et sine conatu. ita, dum 
timent ne aliquando cadant, semper iacent . . . . ^est (sagen diese 
ängstlichen Leute) quoddam genus, quo vtteres non utebanlur*. 
ad quam usque nos vocatis vetustatem? nam si illam extremam, 
multa Demosthenes, quae ante eum nemo, quo modo potest probate 
Ciceronem, qui nihil putet ex Catone Gracchisque mutandum? 
IX 4, 3 ff. neque igno^o quosdam esse, qui curam omnem com- 
positionis excludant atque ülum horridum sermonem, ut forte 
fluxerity modo magis naturalem, modo etiam magis virilem esse 
contendant . . . (das sei verwerflich), neque, si parvi pedes vim 
detrahunt rebus, ut sotadeorum et galliamborum, et quorundam in 
oratione simili paene licentia lascivientium, compositionis 
est ittdicandum, X 1, 43 quidam solos veter es legendos putant 
neque in ullis aliis esse naturalem eloqucntiam et robur viris dig- 
num arbitrantur, alios recens hacc lascivia deliciaeque et omnia 



Die Parteien. 257 

ad voluptatem maltitudinis imperitae composita delectant XII 10^ 
40 ff. quidam ntdlam esse naturalem putant eloqaentiam , nisi 
quae sü coHdiano sermoni simillima . . ., quidquid huc sit adiectumy 
id esse adfectationis et ambitiosae in loquendo iactantiae, remotum 
a verikde fMumque ipsorum gratia verhorum, quibus solum natura 
sit officium attribuium servire sensibus (was dann ausgeführt wird) 
. . . denique antiquissimum quemque maxime secundum na- 
turam dixisse contendunt (was Quint. widerlegt; das Kriterium 
sei yielmehr: quo quisque plus efficit dicendo, hoc magis secundum 
naturam doquentiae dicit). quapropter ne Ulis quidem nimium re- 
pugno, qui dandum putant nonnihil etiam temporibus atque 
auribus nitidius aliquid atque adfectius postulantibus. itaque non 
solum ad priores Catone Gracchisque, sed ne ad hos quidem 
ypsos oratorem adligandum puto. — Man weifs^ dafs sich um den- 
selben Streitpunkt im taciteischen Dialogus der Disput zwischen 
Aper und Messalla dreht, ich brauche keine Belege zu geben. 
Ein aemuius veterum erscheint bei Plinius ep. I 16, 3. Aus 
der neronischen Zeit ist die Hauptstelle Seneca ep. 114, 13 ff. 
Nachdem er zunächst über den Gebrauch einzelner Worte ge- 
sprochen hat, die einige aus dem Zeitalter des Appius, Gracchus, 
Cato holten, während andere nur glänzende und poetische wählten, 
andere sich überhaupt nicht darum kümmerten, geht er zur Kom- 
position über: ad compositionem transeamus: quot genera tibi in 
hac däbOy quibus peccetur? quidam praefractam et asperam pro- 
banty disturbant de industria, si quid pladdius effluxit, nolunt sine 
8ald)ra esse iuncturam, virilem putant et fortem qui aurem inae- 
qualitate percutiat. quorundam non est compositio, modulatio 
est: adeo blanditur et molliter lahitur. Um dieselbe Zeit hat 
Persias in der ersten Satire den perversen Geschmack seiner 
Zeit gegeifselt (V. 63 ff.): die männliche Kraft der alten Tragiker 
sei verschwunden, nur das gefalle jetzt den Nachkommen des 
Romulus, was durch schlaffe Sinnlichkeit in Rhythmus und Aus- 
druck lumbum intret^ sowohl in Versen wie in der Prosa, wo 
man dem Advokaten Beifall zolle, wenn er singe und glatte 
Antithesen setze: an Bomule (ruft der Dichter aus) ceves?^) 

1) Von der epideiktischen Redeweise des Calpurnius Piso (f 65) sagt 
der Verf. der lans Pisonis^ V. 62 ff. : Dulda seu mavis liquidoque fluenüa 
eunu Verba nee incluso sed aperto pingere flore, IncHta Nestorei cedit tibi 
§raHa meüia und von seinen in Neapel gehaltenen griechischen Reden 

Morden, Antik« Kojutprota. 17 



258 Von Augustus bis Traian. 

Lassen sich nun diese beiden nicht nur bis zur traianischen 
Zeit bestehenden^ sondern , wie wir sehen werden ^ die ganze 
Kaiserzeit in beiden Sprachen herrschenden Strömungen auf ihre 
Quellen zurückverfolgen? können wir ihre historischen Zusammen- 
hänge erkennen? Wenn ich behaupte, dafs die Archaisten 
und Naturredner der Kaiserzeit Anhänger and 
Nachfolger der Atticisten, die Modernen und Kunst- 
redner solche der Asianer gewesen sind^ so glaube ich^ 
dafs schon von vornherein diese Behauptung einen Anspruch 
auf die höchste innerliche Wahrscheinlichkeit hat. Denn wir 
haben schon oben (8. 149 ff.) gesehen^ dafs die asianische Rhetorik 
von vornherein die moderne, die atticistische mit ihrer Reaktion 
die archaisierende Richtung repräsentiert. Es lä&t sich jener Zu- 
sammenhang nun aber auch zu voller Evidenz erheben. 

3. Der alte Stil und der Atticismus. 

Es läfst sich beweisen, dafs die Partei der Alten eine Fort- 
setzung der Atticisten der ciceronianischen Zeit war. Dieser 
Zusammenhang wird um so begreiflicher sein, wenn zunächst in 
Ergänzung des oben (S. 184 ff.; 219 fi*.) Ausgeführten hier bewiesen 
wird, dafs diese lateinischen Atticisten der Republik ihrerseits die 
alten lateinischen Autoren sich zur ninri6ig in der Komposition 
erkoren hatten wie die griechischen Atticisten die ihres Volks. 

a. Der alte Stil der Atticisten in ciceronianischer Zeit. 

Das wichtigste Zeugnis stammt aus der ciceronianischen 
Tch»ismiu Zeit selbst. Cic. Brut. 63: Catonis orationes non minus muUae 

and 

ttioiimai. fere sunt quam Aüici Lysiae . . ., et quodam modo est non- 
L^buL' ^f<^^^ i^ ^is etiam inter ipsos similitudo, acutisunt, degtmtes 
faceti breves, sed ille Graecus ab omni Umde fdiciar. Dafs er hier 
eine bestimmte Ansicht im Auge hat, wird in den Kommentaren 
zu dieser Stelle mit Recht geschlossen aus Plut. Gai maL 7: ai» 
oläa tC nenövd'aöLv oC t^ Av6Cov Xöyß) (idktöta ipdftsvoi 
7tQ06€0ixsvaL tbv Kdrovog, Aber wie? wird man erstaunt 



V. 98 ff. QiMlis, 10 superi, qualis nitor oris amoenis Vocibus: hinc solido ful- 
göre micantia verha Implevere locos, hinc exomata fiffuris ÄdvoUxt excusso 
velox sententia tomo. Er sprach also gelegentlich zwar sehr zierlich, aber, nach 
dem, was wir sonst von ihm wissen (Tac. ann. XY 48), offenbar mitlfab. 



ArchaismuB und Atticismus. 259 

fragen: giebt denn Cicero diese von seinen Gegnern behauptete 
Gleichsetzung zu? Man merkt wohl schon an dem Tone, dafs 
er eine fremde Ansicht referiert, die er selbst nicht recht 
billigt; er hat aber^ wie auch 0. Jahn z. d. St. bemerkt^ dafür 
gesorgt^ dafs kein Zweifel über seine Meinung bestehen bleibe, 
denn gegen Schlufs des Ganzen^ wo er den von ihm gegebenen 
Abrüjs der Geschichte der lateinischen Beredsamkeit durch 
Atticus kritisieren lälst^ legt er diesem die Worte in den Mund 
(293): equidem in quibusdam risum mx tenebam: cum Attico 
Lysiae Catonem nostrum comparahaSy magnum tneherctde ho- 
minem vd potitis summum et singularem virum — nemo dicet 
secus — , sed oratorem? sed etiam Lysiae simüem? quo nihil potest 
esse picüus. beUa ironia^ si iocaremur; sin asseveramus, vide ne 
religio nobis tarn adhibenda sit, qitam si testimonium diceremus 
e. q. 8. Dem Zeugnis aus der ciceronianischen Zeit schliefsen 
sich an folgende drei auch recht bezeichnende: Quintilian XII 
lOy 39: non Scipio Laelius Cato in eloquendo velut Attici Ro- 
manorum fuerunt? Tacitus dial. 18 (Aper von den antiqui): 
sunt horridi et impoliti et rüdes et informes et quos utinam nulla 
parte imitiUus esset Calvus vester aut Caelius aut ipse Cicero 
(den letzteren fügt er hinzu^ weil auch dieser ihm noch nicht 
modern genug ist), und besonders ib. 22 in., wo Aper sagt: ad 
Ciceronem venio, cui eadem pugna cum aeqtuüibus fuit quae mihi 
vobiscutn est. Uli enim antiquos mirabantur, ipse s^wrum tem- 
porum eloquentiam anteponebat. Aus der letzten Stelle kann 
man meiner Meinung nach etwas über die Tendenz des Brutus 
lernen: durch die hier gegebene Geschichte der römischen Bered- 
samkeit wollte Cicero der überschätzenden Verehrung entgegen- 
treten, welche die Alten bei den Atticisten seiner Zeit genossen; 
er verwirft sie keineswegs, aber stellt sie auf den ihnen ge- 
hörenden Platz in der Entwicklung: auch hier vertritt er also 
durch den Nachweis der stetigen Vervollkommnung das histo- 
rische Prinzip, seine Gegner mit ihrer reaktionären Tendenz das 
unhistorische. ^) 



1) Auch der Redner, Jurist und Historiker Q. Aelius Tubero, der 
Oegner Ciceros im Prozef« des Ligarius, hat der Partei der Alten angehört, 
cf. Pompon. Dig. I 2, 2, 46 sermone antiquo usus affectavit scribere et ideo 
parum libri eius grati hahentwr. 

17* 



260 Von Augustus bis TFaian. 

■ 

b. Der alte Stil der Atticisten in der ersten 

Kaiserzeit. 

ersten Ich lasse nun die Zeugnisse — zunächst nur bis in die Zeit 

Traians — folgen^, aus denen hervorgeht, dafs die Partei der 
Altertümler dieser Periode mit derjenigen der Atti- 
cisten identisch ist. Erstens das durch seine Schwierigkeit 
berufene, erst von Buecheler (Rhein. Mus. XXXVJII [1883] 
507 f.) lesbar gemachte und erklärte vergilische Catalepton 
2 auf Annius Gimber, den auch Augustus in . einer nachher 
zu behandelnden Stelle (Suet. Aug. 86) unter die Altertümler 
rechnet: 

Corinthiorum amator iste verborunif 
iste iste rhetor^ iamque quatenus totus 
ThucydideSf tyranmis Atticae fd>ris. 

Dafs die verba Corinthia bedeuten verha propter vetustcUem aeru- 
ginosa^), ist längst erkannt, vor allem aus Quint. VllI 3, 28 f., 
der die Worte in diesem Zusammenhang citiert. — Zweitens 
Aper in Tacitus dialog. 23 von denen, qui se antiquos orch 
tores vocant: vdbis utiqt4e versantur ante octdos Uli, qui Lucilium 
pro Horatio et Lucretium pro Vergilio legunt, quibtis eloquentia 
Aufidi Bassi aut Servilii Noniani ex comparatione Sisennae aut 
Varronis sordet, qui rhetorum nostrorum commentarios fastidiunty 
Calvi mirantur. quos more prisco apud iudicem fabulantes non 
auditores sequuntur, non populus audit, vix denique lüigator per- 
petitur: adeo maesti et inculti illam ipsam quam iactant Sanitätern 
(das aus Cicero bekannte Schlagwort der Atticisten) non firtni- 
tate sed ieiunio consequuntur, und entsprechend lobt Messalla, der 
Vertreter der Alten, in seiner Erwiderung (c. 25) die attischen 
Redner und neben Cicero die Atticisten Calvus, Pollio, 
Caesar, Caelius, Brutus. — Drittens Plinius ep. I 20 (an 
Tacitus): frequetis mihi disputatio est cum quodam dodo homine et 
peritOf cui nihil aeque in causis agendis xd brevitas placet . . . iUe 
mecum auctoritatibus agit ac mihi ex Graecis orationes Lysiae 
ostentat, ex nostris Gracchorum Catonisque, quorum sane 



1) Cf. z. B. Seneca de brav, vitae 12, 2 illHm tu oUosum voccuf qui 
Corinthia, paucorum furore pretiosa, concinnat et tnaiorem dierum pariem 
in aeruginosis lamellis consumit? 



Archaismus und Atticismus. 261 

plurifnae sunt drcumcisae et hreves; hierzu kommt ep. VIT 12: er 
hat einem Freund von der Partei der Vorsichtigen auf dessen 
Bitten eine Schrift zur Korrektur geschickt; natürlich werde 
jener (sagt er halb ärgerlich, halb scherzend) sie durch seine 

* Verbesserungen' vielmehr Werderben', ifistg yctQ oC sH^rikot 
optima ijmeque detrahitis; er habe daher gleich jenes ^Bessere', 
in Wahrheit- * Schlechtere', über den Zeilen hinzugeschriebeD, 
nam cum suspicarer futurum ut tibi tumidius videretur, guoniam 
est sonantius et datitis, non (dienum existimavi, ne te torquereSy 
addere statim pressius quiddam et exilius vel potius humüius et 
peius,, vestro tarnen iudicio rectius; cur enim noh usquequaque 
tenuitatem vestram insequar et exagitem? (alles Ausdrücke, mit 
denen schon Cicero die Schreibart ^der Atticisten seinei: Zeit 
belegt und die sie selbst von sich brauchten; besonders bezeich- 
nend ist ot si^rikoi, das Gegenteil der asianischen xaxtf^i^Aot). — 
Viertens einige Stellen bei Quintilian: XTT 10 , 15 praecipue vero 
presserunt cum (den Cicero) qui videri Atticorum imitatores 
concupierant. haec manus quiisi quibusdam sacris initiata ut 
aUenigenam et parum superstitiosum devinctumque Ulis legibus 
insequebatur, unde nunc quoque aridi et exsuci et exsangues. 
hi sunt enim, qui suae imhecillitati sanitatis appellationem quae 
est maxime contraria obtendant: qui quia clariorem vim eloquentiae 
vebit solem ferre non possunt, unibra magni nominis dditescunt, cf. 
X 1, 44; 2, 17. 

Wir sehen also, dafs die eine der beiden Parteien, welche 
sich dem Fortschritt entgegenstemmte, mit deutlichem Bewufst- 
sein sich als Nachfolgerin der Atticisten gefühlt hat; ihre Parole 
ist, wie die jener: Vermeidung alles dessen, was zuviel scheinen 
kann, lieber trocken, nüchtern, hart, dürftig, als das Gegenteil, 
dies ist die fechte Nachahmung', jenes die ^schlechte', dies die 

* Gesundheit', jenes die * Verderbnis'. Ein Vertreter dieser ex- 
tremen Partei war Asinius Pollio, jener groCse Nörgler, dem po^wo- 
es keiner recht machte, der es aber selbst auch keinem recht 
machte, und über den urteilsfähige Männer, die zwischen den 
beiden Richtungen vermitteln wollten, Seneca der Vater, Quin- 
tilian und Tacitus den Stab gebrochen haben, keiner erbitterter 

als der erste, den sein meist abfälliges urteil über Cicero 
ärgerte: „lest, schreibt er seinen Söhnen, des Pollio Historien 
nnd ihr werdet dem Cicero Genugthuung verschafifen'^ (suas. 



262 Von Augustus bis Traian. 

6, 25). Bei Tacitus (dial. 21) erscheint er unter den Atti- 
cisten als durus et sicctiSy als ein Mann qui videtur inter Me- 
nenios et Äppios stiiduisse, der den Accius und Pacnyius 
nicht nur in seinen Tragödien, sondern auch in seinen Reden 
zum Ausdruck brachte; bei Quintilian (X 2, 17) heifst es: tristes 
dc ieiuni Pollionem aefnulantur. Der jüngere Seneca fügt etwas 
hinzu, was mir sehr charakteristisch für den Standpunkt des 
Pollio und seiner Clique erscheint und was ich kurz berühre, 
weil es in der sich nur auf grammatische Einzelheiten er- 
streckenden Beurteilung, die ihm vor nicht langer Zeit anlalslich 
der bekannten Hypothese zuteil wurde ^), gar nicht berücksichtigt 
worden ist. Bei Seneca ep. 100, 7 wird an Pollio getadelt seine 
salehrosa et exüiens et ubi minime exspectes relictura campositiOj 
d. h. wie der Zusammenhang bei Seneca zeigt und wie auch 
ohnehin verständlich ist: er schrieb geflissentlich salopp, un- 
rhythmisch, indem er sich nicht scheute, die Worte absicht- 
lich zu verstellen nur der Zerstörung des Rhythmus zuliebe, wie 
es Quintilian IX 4, 76 für ihn und Brutus (s. o. S. 291, 1) und 
wie es Tacitus (dial. 21) verallgemeinernd für alle Atticisten 
bezeugt.*) Wir können das nun — und mir scheint das wichtig 
zur Beurteilung nicht blofs des Pollio — noch nachweisen an 
den bei Seneca suas. 6, 24 aus den Historien des Pollio mit- 
geteilten Worten, in denen er mit bittersülser Miene, weil es 
der Stoff so wollte, Cicero preist: darunter sind Sätze mit einer 
Wortstellung, die dem Gepriesenen Grauen erregt hätte: huius 
ergo viri tot tantisque operihus mansuris in omne aevum praedicare 
de ingenio atque industria supervacuum est. — iam felicissima con- 
sulatus ei sors petendi et gerendi (magna munera deum) cansHio 
industriaqtie (was ist daran nicht alles durch Konjekturen und 



1) Arch. f. lat. Lex. VI (1S89) 93. C. Asini Polionis de bello Africo 
commentarius ed. Wölfflin-Miodofiski (Leipz. 1889) praef. p. XXTV. 

2) Daher sagt Quintilian IX 4, 81 von Domitius Afer (cos. 89), dem 
Anhänger der v et er es (Xl, 118): solebat Afer Domitius traicere in dausulas 
verbatantum asperandae compositionis gratia, et maxime in prooemiis, 
ut pro Cloatilla: * gratias agam continuo^ (fär continuo grdtids agam 
j. Kj j. Kj 6) et pro Laelia: 'eis tUrisque apud te iudicem periclitahtr Ladia^ 
(för eis utrisque apud te iudicem Laelia periclitatur x kj 2 J). adeo rt- 
fugit teneram delicatamque modulandi voluptcUem, ut currefUibus per te nu- 
meris quod eos inhiberet obiceret. 



Der Asianismug. 263 

Umstellangen geändert worden!). — inde stmt invidiae tempestates 
coortae graves in eum (auch hieran ist korrigiert). So etwa 
müssen wir uns also auch die Reden des Brutus und Calvus 
stilisiert denken.^) 

4. Der neue Stil und der Asianismus. 

Ebenso sicher, wie sich zeigen liefs, dafs die archaisierende Neoteru 
Richtung an die Atticisten anknüpfte, ist das andere, dafs^^,;;;,,^; 
durch die Partei der Modernen die ^asianische' Rhe- 
torik repräsentiert wird. Das Hauptzeugnis dafür, welches 
gerade durch die Gegenüberstellung der beiden Parteien be- 
sonders lehrreich ist, verdanken wir einer AuCserung des Octa- 
▼ian, welche sich in dem Bericht Suetons über die stilistischen 
Tendenzen des Kaisers findet. Ich mufs die wesentlichsten 
Sätze des betreffenden Kapitels (86) hersetzen. Genus eloquendi 
secuius est degans et te^nperatnmy vitatis sententiarum ineptiis 
atque concinnitate et reconditorum verhorum, ut ipse dicit, 
faetoribus, praecipuamque curam duxit, sensum animi qtiam aper- 
tissime exprimere .... Cacozelos^) et antiquarios, ut diverso 
genere vitiosos, pari fastidio sprevitj exagitabatque non- 
numquamy in primis Maecenatem suumy cuius ^myrobrechis*, ut ait, 
^cincinnos' usque quaque persequitur et imitando per iocum irridet 
sed nee Tiberio parcit et exoletas interdum et reconditas voces 
aucupanti. M. quidem Antonium ut insanum increpat^ quasi ea 
scribentem quae mirentur potius homines quam inteüegant; deinde 
htdens malum et incofistans in eligendo genere dicendi ingenium 



1) Übrigens sprach Pollio nach Seneca contr. IV praef. 4 in den De- 
klamationen floridius als in den wirklich gehaltenen Reden. Aus letzteren 
(nnr diese werden von den Grammatikern citiert) vgl. das von Priscian 
wegen des passivischen consolari angefahrte Fragment aed cum ob ea quae 
speraveram doleham, consoldbar ob ea quae timui, wo freilich die Antithese 
recht pointiert, der Rhythmus aber zerstört ist: durch Stellung von conso- 
laJbar an den Schlufs hätte er eine dispondeische Clausel erzielt. 

2) Die gewöhnliche Bezeichnung für die Asianer, cf. die Stellensamm- 
long oben S. 69, 1, wozu ich hier noch hinzufüge eine recht bezeichnende. 
Sneton-Donat vit. Verg. p. 66 Reiff. M. Vipsanius a Maecenate eum (Ver- 
güium) suppositum appellabat novae cacozeliae repertorem, non tumidae (d.i. 
des Asianismus) nee exilia (d. i. des extremen Atticismus), sed ex com^ 
munibus verbia atque ideo latentis (ein sonderbares Urteil). 



264 Von Augustus bis Traian. 

eius addit haec: ^tugue duhitaSj Cimberne Annius an Veranius 
Flaccus imitandi sint tibi, ita ut verbis quae Orispus SaUtisHt4S ex- 
cerpsit ex originihus Catonis lUaris, an potius Äsiaticorum ora- 
torum inanis sententiis verborum volubilitas in nostrum 
sermonem transferenda?' Dafs Antonius Anhänger der asianisclien 
Rhetorik war, sagt ausdrücklich Plutarch Ant. 2: ixQijto äh ra 
xakoviisvG) iilv 'yäöiavp S^Ao) t&v k6y(ov Avd'of/vtL (idXiöta 
xar' iicetvov tbv ;i^(>rfi/oi/, B%ovxi 8\ nokkijy öiiotöti^ta TtQbg xbv 
ßCov ainov xoiiTcmdri Tcal tpQvayiuixCav ivta Tcal xevov yavQi- 
d(iarog xal (ptkotiii^ag ii/aiidkov iisötöv,^) — Ein weiteres 
direktes Zeugnis dafür, dafs im Altertum der Zusammenhang 
des modernen, in den Rhetorenschulen, wie wir sahen, herrschen- 
den Stils mit dem Asianismus bekannt war, bietet der Anfang 
der uns erhaltenen Partie des Petron: num cUio genere furiarum 
declamatores inquietantur^), qui declamant: ^haec vulnera pro liber- 
täte publica excepi, hunc oculum pro vöbis impendi: date mihi ducem 
qui nie ducat ad liberos meos, nam sxiccisi poplites membra non 
sustinent'?^) haec ipsa tolerabilia essent, si ad eloquentiam ituris 
viam facerent nunc et rerum tumore et sententiarum vanissimo 
strepitu Jioc tantum proficiunt^ ut cum in forum venerint, putent 
se in alium orbem terrarum delatos, et ideo ego adulescentulos 
existimo in scholis stultissimos fieriy quia nihil ex his quae in usu 
habemus aut audiunt aut vident, sed piratas cum catenis in lücre 
stantes (folgen andere derartige ^iösig) . . ., sed mellitos ver- 
borum globulos et omnia dicta factaque quasi papavere 
et sesamo sparsa (wie anders war es in den Zeiten der grofsen 



1) Cicero stichelt in den philippischen Reden gern auf die dicaciUu 
des Antonius, besonders auch auf seinen Unterricht bei dem latinus rhetor 
Sex. Clodius. Ganz bezeichnend ist II 42 vide autem, quid intersü inter ie 
et avum tuum: iJle sensim dicebat quod causae prodesset, tu cursim dicis 
aliena. Das bezieht sich wohl auf die verborum volubilit<i8. — „Zu viel 
Ehre war es wohl, wenn man ihn deshalb (wegen seines falschen Pathos 
und sonstiger Fehler) einen Anhänger der asianischen Redeweise nannte*' 
Teuffel-Schwabe * § 209, 8. Eine Ehre? 

2) Cf. Varro, Eumenides fr. 148 ff. B., wo die Scene offenbar eine ganz 
ähnliche war. Wenn er fr. 144 von der sophistice aperantologia spricht, so 
wird er wohl eben die Asianer meinen, deren Diktion damit passend be- 
zeichnet wird (so Lukian dial. mort. 10, 10 von den Moderhetoren seiner Zeit). 

3) Man beachte den rhythmischen Schlufs l ^ i. f ^^ i und das ducem 
— ducat. 



Der Asianismns. 265 

Tragiker, Lyriker, des Piaton und des Demosthenes) . . . grandis 
et Hi üa dioam padiea oratio non est maculosa nee turgida^ sed 
naturali pulchriiudine exsurgit nuper ventosa istaec et enormis 
loquacitas ex Äsia commigravit animosque iuvenum ad magna 
surgentes veluti pestilenti quodam sidere afflavit^ semelque corrupta 
regtda eloquentia stetit et öbmutuit. ad summam, quis postea 
Thucydidis, quis Hyperidis ad famam processü? ac ne Carmen 
quidem sani cöloris enituit e. q. s. — Dazu kommt ein für eine 
spezielle Eigentümlichkeit des neuen Stils von Quintilian (XI 
3, 58) angeführtes Zeugnis: Cicero illos ex Lycia et Caria 
rhetores paene cantare in epüogis dixit (or.57), nos etiam cantandi 
severiorem paulo modum excessimus. 

Dies sind innerhalb der uns vorläufig beschäftigenden Epoche Fortieb« 
die einzigen Stellen, in denen der Zusammenhang zwischen der Atianismii 
asianischen Beredsamkeit und dem modernen Stil der ersten 
Eaiserzeit ausdrücklich bezeugt wird: wir werden sie bald (siehe 
unter B) durch spezielle Nachweise in allen Einzelheiten be- 
stätigt finden. Aber, wird man nun fragen, hatte nicht am 
Ausgang der romischen Republik Dionys von Halikarnass das 
vaticinium gegeben, die moderne asianische Beredsamkeit, die 
sich wie eine Räuberin auf die alte attische geworfen habe und 
auf dem besten Wege gewesen sei jene zu verdrängen — sie, 
die Metze, die Matrone; sie, die ungebildete, die philosophische; 
sie, die rasende, die vernünftige — , sie kehre jetzt wieder in 
die asiatischen Höhlen, aus denen sie hervorgekrochen sei, 
zurück, friste nur noch in einigen Städten Asiens ein kümmer- 
liches Dasein, und es sei zu erwarten, dafs in kurzer Zeit jede 
Spur von ihr von der Erde vertilgt sein werde, denn die Welt- 
beherrscherin Roma und ihre grofsen Regenten lenkten die 
Blicke aller auf sich und zwängen alle, sich nach ihr zu richten 
(de or. ant. 1 flF.)? Gewifs, so prophezeite er; aber er war ein 
falscher Prophet, er glaubte, was er wünschte, und täuschte sich 
— kurzsichtig und urteilslos wie er überhaupt ist, sobald er in 
eigener Person redet — über die realen Verhältnisse. Die 
moderne Beredsamkeit hatte eine viel zu grofse innere Be- 
rechtigung, war mit viel zu grofser geschichtlicher Notwendig- 
keit aus dem Leben beider Nationen herausgewachsen, als dafs 
sie durch die Reflexion von feinen Ästhetikern wie Caecilius*) 

1) Er schrieb nach Snidas: tivt ductpigit 6 'Atxi%bg tfilog rot) *Aaiavoii 



266 Von Augastos bis Traian. 

oder blöden Stubengelehrten wie Dionysius hätte beseitigt werden 
können. Wenn wir ehrlich sein wollen, so müssen wir auch 
hier wieder wie früher (oben S. 151 f.) sagen, dafs der moderne 
Stil trotz aller Auswüchse der einzig berechtigte war: nur er 
war der wesenhafte Ausdruck der modernen Menschen, die nicht 
mehr schreiben und reden konnten wie Piaton und Demosthenes, 
weil sie nicht mehr dachten wie sie; die Zeiten hatten sich ge- 
ändert und mit ihnen die Menschen: diese ewige Wahrheit 
wurde ja auch immer und immer wieder von den einsichts- 
vollsten Vertretern der modernen Richtung betont. Und wahr- 
lich, nur das Lebendige hat Existenzberechtigung: was hat denn 
jener kleine, sich selbst so grofs dünkende Prophet fertig ge- 
bracht? Er hat die alten Klassiker, die er auf den Schild 
heben wollte, in so erbärmlicher Weise verstanden, dafs er nicht 
wert war, mit diesen Geistern, die er nicht begriflF, Umgang zu 
pflegen; er hat ein Geschichtswerk geschrieben, von dem man 
trefiPend gesagt hat, dafs es wenig mumienhaftere und leblosere 
Bücher gebe als dieses.^) 

Wir erkennen ja nun auch thatsächlich, dafs es mit den 
Asianem keineswegs so zu Ende ging, wie Dionys glaubte. Bu- 
tilius Lupus hat in seine Übersetzung des Gorgias unbeanstandet 
Beispiele aus Hegesias und anderen asianischen Rednern auf- 
genommen. Durch Strabon^) und besonders den älteren Seneca 
lernen wir eine ganze Reihe asianischer Redner kennen'): Hy- 
breas, Grandaos (Asiani declaniatores contr. I 2, 23), Adaios 
{rhetor ex Äsianis nan proiecti nominis ib. IX 1,12), Eraton 
(yenuötissimus homo et professus Äsianus ib. X 5, 21, von dem 
er amüsante auf den asianischen Standpunkt des Mannes bezüg- 
liche Geschichtchen erzählt), Arellius Fuscus (ib. IX 6, 16), der 
besonders verhängnisvoll wurde, weil er die asianische Manier 

und 2 Bücher xara ^gvy&v. Dafs das letztere Werk gegen die Aaianer 
gerichtet war, äufsert zweifelnd C. Müller in: Fragm. Hist. Graec. m 831, 
68 ist ganz sicher, cf. Dionys. de or. ant. 1 ?) ^x riptop ßagd^oav tf^ 'Aüiag 

1) I. Bruns, Die atticist. Bestrebungen in d. griech. Litt. (Kiel 1896) 18. 

2) Die bei Strabon genannten Redner stellt zusammen £. Stemplinger, 
Str. litterarhist. Notizen (Diss. München 1894) 82 ff. 

3) Cf. W. Baumm, De rhet. graec. ap. Senecam, Progr. Ereuzbux^g 1886. 
Wer aber mögen die novi declamatores sein, die Seneca an folgenden Stellen 
nennt: p. 63, 10 Müll. 64, 3. 88, 11. 90, 16. 169, 4. 288, 20 (Eo^j.). 810, 5? 



Der Asianismiis. 267 

in lateinischer Sprache repräsentierte und viel bewundert wurde 
(Lehrer z. B. des Ovid und des Papirius Fabianus^ an den sich 
seinerseits wieder Seneca der Sohn anschlofs; Freund des Mae- 
cenas, dessen Diktion von dem jüngeren Seneca ep. 114 mit fast 
denselben Ausdrücken gerügt wird wie die des Arellius von dem 
älteren Seneca suas. 2, 10; 23); und wer vermag zu sagen, wie 
viele dieser Rhetoren au&erdem noch aus Asien waren (Seneca 
giebt nur ganz gelegentlich die Heimat oder die Stilrichtung 
der Rhetoren an)? Man kann sicher behaupten , dafs an den 
massenhaften Stellen, wo Seneca etwas als furiostim, insanum, 
puerüe etc., besonders aber als corruptunij d. h. dtstp^aQfisvov^) 
bezeichnet, der betreffende Rhetor entweder aus Asien war oder 
jedenfalls der asianischen Richtung angehorte. Dasselbe gilt 
von den Rhetoren, die in der Schrift jcsqI ütffovg bekämpft 
werden, denn dafs in dieser die Fragen nicht etwa rein aka- 
demisch erörtert werden, sondern dafs, ganz wie etwa 100 Jahre 
vorher bei Cicero, einer herrschenden Geschmacksrichtung ent- 
gegengetreten werden soll, hat noch wohl keiner ihrer Leser be- 
zweifelt, es geht ja auch klar hervor (abgesehen von dem 
Schluis) aus c. 5, wo nach Aufzählung der einzelnen Fehler 
(Schwulst, Puerilität, falsches Pathos, frostige Wortspiele u. dgl., 
kurz alles, was die asianische Manier kennzeichnete) fortgefahren 
wird: &xccvxa (livtoi. x& oikag ßösiiva dtä fiiccv iyLtpvstai, totg 
Xöyotg altlavy diä tb jccqI tag vo^löstg Tiaivöönovdov^ negl 8 dij 
fuxJUöta xoQvßavri&6iv ol vvi/.*) Von den bei Philostratos er- 
wähnten Sophisten gehorten dieser Epoche noch an Niketes aus 
Smyma, Isaios der Assyrier, Skopelianos aus Klazomenae, aber 

1) Ich citiere die SteUen för corruptum (nach Seiten und Zeilen der 
Mfillerschen Ausgabe): 66, 12. 121, 18. 181, 7. 210, 11. 220, 11. 286, 19. 
811, 2. 891, 8. 412, 12; 14. 489, 21. 491, 9; 14; 19. 602, 9. 603, 13. 606, 16. 
627, 18. 628, 8; 18. 680, 20; 22 (hier der Gegensatz sanum). Es ist (im 
Oegenaatz zu aanuin^ woför ich die griechische Bezeichnung nicht kenne) 
daa alte Schlagwort zur Bezeichnung des Asianismus (schon Cic. or. 26. 
de opt. gen. or. 8 f.); für das griechische cf. auch Strabon XIV 648 von 
Hegesias: ^^{e fuUieta tov 'Jatavov Xfyofiivov ti^Xov nagatpd'hlQag tb 
na^iotag i^og r6 'Atti%6v. 

2) Theon prog. n 71, 10 Sp. ol 'Aaiapol %aXovii^voi, (i^tOQBg bezieht 
sich freilich auf die Vergangenheit, aber es ist doch bemerkenswert, dafn 
er sie erw&hnt. Er mufs ein ungefährer Zeitgenosse des Verf. ntgl wpovg 
gewesen sein, cf. 0. Hoppichler, De Theone Hermogene Aphthonioque (Diss. 
Wflrsb.lbS4) 27 ff. A. Brinkmann, Quaest. de dial. Plat. (Diss. Bonn.l891),Thes.VI. 



268 ^on Angustns bis Traian. 

wirkend in Smyrna; besonders der erste und dritte waren echte 
Asianer, wie ich im nächsten Abschnitt zeigen werde. 



5. Die Vermittler zwischen den beiden Parteien. 

Zwischen den Parteien der Alten und Neuen^ also der 
^Atticisten' und ^Asianer', stand vermittelnd eine dritte, der alle 
urteilsfähigen Männer dieser Epoche angehörten. Sie begriffen, 
dafs die neue Zeit auch im Stil neu sein mufste, aber sie wufsten 
das Mafs zu bewahren, was immer das schwerste ist. Voran 
iugustuB. stand Augustus selbst, der die neue Zeit inaugurierte: er ver- 
spottete, wie wir sahen (8. 263 f.), die extremen Archaisten und 
Neoteriker in gleicher Weise, er selbst wollte, wie Sueton 1. c. 
sagt, sensum animi quam apertissime exprinxerey seine Beredsam- 
keit war prompta ac profluens qxiaeque deceret prindpem (Tac. 
ann. XIII 3): so spricht er denn auch — hoheitsvoll, unnahbar, 
kühl — zur Nachwelt in dem Monument, welches die XQdl^eig 
des gottgewordenen Menschen enthält, der nicht in den Orkus 
hinabgegangen war, proinde ac famul infumus esset, sondern der, 
im Olymp gelagert neben Herakles und den anderen gott- 
gewordenen Wohlthätern der Menschen, nachdem er den Erd- 
kreis unterworfen und allen Ruhe und Frieden geschenkt hatte, 
jetzt mit purpurner Lippe Nektar schlürfte, wie es sein Priester 
Horaz in der Entzückung geschaut: nur diese Auffassung des 
Denkmals, die v. Wilaraowitz (Hermes XXI [1886] 623 ff., cf. 
Mommsen in Sybels Hist. Zeitschr. 1887, 395) aufgestellt hat, 
ist die richtige, weil nur sie (aber sie auch ganz) dem Empfinden 
der damaligen Zeit entspricht. Auch die Konige der Diadochen- 
reiche hatten sich so verewigt, aber während 'Avr^oxog Seög, 
der kleine Herrscher von Kommagene, des äufsersten Pompes 
der Bildwerke und der Sprache bedurfte, um sich seinen Unter- 
thanen als Gott zu erweisen, verschmäht der Herrscher über die 
Welt jedes Wort, das nicht zur Sache gehört; seine Sprache ist 
wirklich, wie ein griechischer Schriftsteller^) von der lateinischen 
Sprache der Gesetze überhaupt sagt, 6v6xri^cctito^dvrj rg il^ovöia 
tt] ßa6LXixri und verliert daher in der griechischen Übersetzung 
viel von ihrer gravitas.*) — Als dann seit der vespasianischen 

1) Greg. Thaumat. paneg. in Orig. 1 (vol. 10, 1063 Migne). 

2) Ein griechischer Brief des Augustus an die Knidier (bei Viereck, 



Eompromifsversnche zwischen den Parteien. 269 

Epoche der Streit mit erneuter Heftigkeit entbrannte^ war auch 
Quintilian, der erbitterte Gegner der extremen Neoteriker^ zu ver- Quintiiia 
ständig, als dafs er die Excesse der archaisierenden Richtung billigen, ächaie. 
das Vernünftige des neuen Stils nicht hätte anerkennen sollen. 
AUes, was jenseits der ciceronianischen Epoche lag, hatte für ihn 
blols historische, keine praktische Bedeutung, wie man besonders 
deutlich aus der Au&ählung der litterarischen Gröfsen im zehnten 
Buch sieht (z. B. begriff er nicht, dafs es Leute gebe, die den 
Lucilius dem Horaz vorzögen: X 1, 93 f.); daher waren ihm die- 
jenigen unsympathisch, die mit Berufung auf die Alten jede 
Sorgfalt in der Diktion absichtlich vermieden (z. B. I 10, 29; 
IX 4, 3 ff.), und noch mehr die, welche durch Anwendung ab- 
gestorbener Ausdrücke gelehrt erscheinen wollten (VIII 2, 12).^) 
Auf der anderen Seite erkannte er bereitwillig an, dals man der 
neuen Zeit gewisse Konzessionen zu machen hätte (z. B. IV 
2, 122; VIII 5, 32 ff.); in seiner Beurteilung mafsvoller zeit- 
genössischer Schriftsteller ist er daher durchaus gerecht (X 
1, 118 ff!.); wenn er freilich (sagt er IX 4, 142) zwischen der 
modernen Überkultur und der archaischen Rohheit zu wählen 
habe, dann sei ihm letztere doch lieber. So nahm er auch 
theoretisch Giceros Standpunkt ein, indem er wie jener zwischen 
den extremen Parteien zu vermitteln suchte.*) — Von Pli- 



Senno Graecus etc. n. IX) ist sehr elegant geschrieben, z. B. am- 
(pifaxt6iiB90i Z. 19, und hiatlos (ivitg^ai itvaaxsSdaavta ist kein Hiat), 
cf. auch E. Wölfflin in: Sitzongsber. d. bayr. Ak. 1896 p. 161 ff. — Ein 
würdiges Dokument dieser Zeit ist auch die landatio der Turia 
(CIL VI 1627) von Q. Lncretins Vespillo (cos. 19 v. Chr.). Es giebt nicht 
viel ans dem Altertom, was trotz seiner Stilisierung durch seine Unmittel- 
barkeit so packt, und dazu diese Vereinigung von Zartheit des Empfindens 
mit römischer gravitas, die wir in dem ergreifenden Proömium Quintilians 
SU seinem 6. Buch vermissen. Dafs die Bede an Velleius erinnere, wird 
Mommsen (cf. Abh. d. Berl. Akad. 1868 p. 465) nicht aufrecht gehalten 
haben. Wie viel mehr damals ein vornehmer Mann konnte als ein ge- 
wöhnlicher, sieht man aus dem Vergleich dieser Lobrede mit der des 
MurdiuB. 

1) Die andern Stellen, wo er die Manier der extremen Archaisten ta- 
delt, Bind: Vm 8, 24 ff. (dies ist die Hauptstelle). II 6, 21; 28. VIII prooem. 
81. X 1, 48. XI 1, 49. Xn 10, 42; 46. (Zu IV 1, 58 cf. Cic. de or. III 150. 
168. 170. 201. or. 80. 201. de part. or. 17. 72). 

2) Wer sich Quintilian als einseitigen Ciceronianer denkt, macht 
sich ein verkehrtes Bild von ihm. — Gelegentlich putzt er auch seine 



270 Von Augostus bis Traian. 

nius d. J. und Tacitus werden wir später sehen, dafs auch sie 
in der Theorie die Ansicht Qnintilians teilten , in der Praxis 
freilich jeder auf seine Weise mehr der Partei der Modernen 
zuneigten, jener, indem er gelegentlich nicht vor ihren Aus- 
wüchsen zurückscheute, dieser, indem er mit höchster Kunst ihr 
Gutes und Berechtigtes sich aneignete und selbstschopferisch 
gestaltete. 

B. Der neue StiL 

über- Wir haben eine reiche Überlieferung über die charakte- 

ristischen Eigentümlichkeiten dieses neuen Stils: die Urteile des 
älteren Seneca besonders in den Vorreden , aber auch überall 
verstreut in den einzelnen Büchern; das Werk Quintilians, aus 
dem überall die Polemik gegen die Modernen durchblickt und 
das man überhaupt als Tendenzschrifb im Sinn der reaktionären 



eignen Worte etwas auf, z. 6. IV 6, 21 (wenn man zu verteidigen hat eine 
causa parutn verecunda sed quae iure tuta sit und der Richter vor allem 
den Nachweis der probitas und modestia verlangt, so muCs man ihn wäh- 
rend des Nachweises des ius durch allerlei Mittel gefügig zu machen 
suchen) sie utraque res invicem iuvabit eritque iudex circa ius nostrum spe 
modestiae aüentior, circa modestiam iuris probatione proclivior. V 18, 3 
schliefst er eine lange Reflexion über die gröfsere Schwierigkeit der defensio 
im Vergleich zur accttsatio mit einer Sentenz, die er ganz wie Seneca ein- 
leitet: ut, quod sentio, semel finiatn: tanto est accusare quam defendere^ quatUo 
facere quam sanare vulnera facilius. IX 4, 18 dehita actionihus retpiraUo 
et cludendi incohandique sententias ratio. Xu 10, 54 (gut agieren und gat 
schreiben sei identisch) aut eos (Oiceronem et Demosthenen) praestantissimoi 
oratores alia re quam scriptis cognoscimus? melius egerunt igitur an peius? 
nam si peius, sie potius oportuit dici, ut scripserunt, si melius, sie potius 
oportuit scribi, ut dixerunt. (Ähnliches aus den Institutionen bei C. Ritter, 
Die quint. Declam. [Freib. 1881] 191). — Er vertrat darin ganz den Stand- 
punkt seines Vorbildes Domitius Afer, des unter Caligula und Claudius 
blühenden Prozefsredners (von dem er X 1, 118 sagt: quem in numero ve- 
terum habere non timeas): dieser, der das grave et lenHtm actianis genut 
liebte (Quint. bei Plin. ep. II 14, 10) und daher einen seine Leidenschaft- 
lichkeit auch äufserlich zu sehr zeigenden Redner tadelte (Quint. VI 8, 54), 
war zwar so sehr Feind der zierlichen rhythmischen Diktion, dafs er die 
Worte absichtlich anders stellte (IX 4, 31, s. oben S. 262 f.), aber gebrauchte 
doch folgendes laoTimXov (IX 3,79): amisso nuper infelicis Auli si {auleis eodA.^ 
meine Verbesserung ist wohl sicher; er nennt so den Sohn seines Klienten) 
non praesidio inter pericula tarnen solacio inter adversa. 



Der neue Stil. 271 

Partei würdigen mnfs; der Dialog des Tacitos, in dem freilich 
die spezielle Polemik des Messall a gegen den neuen Stil in der 
groCsen Lücke untergegangen ist; endlich gelegentliche Aufse- 
rongen in Briefen Senecas des^ Sohnes , des Plinius und in 
andern Schriften. Wenn man alle bei diesen Autoren sich 
findenden Notizen zusammennimmt, kann man den Verlust der 
Spezialschrift Quintilians einigermafsen verschmerzen.^) 

Natürlich waren die Griechen auch hier tonangebend: ^^dieses Griechen 
Volk, sagtLehrs (Pop. Aufs.* [Leipz.1875] 365), welches gewöhnt war, Bömer. 
alles, was es betrieb, künstlerisch zu gestalten, hat auch seine 
Geschwätzigkeit zur Kunst gemacht^^; der alte Seneca, der ein 
stark ausgeprägtes Nationalgefühl hatte, ist auf sie nicht gut zu 
reden: eine halbe Anerkennung wie suas. 1, 16: ex Graecis de- 
damatoribus nvili mdius haec suasoria processit quam Glyconi, sed 
tum minus multa magnifice dixit quam carrupte ist eine Seltenheit; 
die Regel sind Ausdrücke wie Glyconis valde levis et graeca sen- 
tenÜa est (contr. I 6, 12) oder Damas corruptissime (dixit), Craton 
furiasissime (X 5, 21), non minus shdte Aemüianus quidam graecus 
rhetoTy quod genus stultorum amabüissimum est ex arido fatuus 
(ib. 25) XL dgL Die Lateiner nahmen mit ihnen den Wettkampf auf: 
Spj/ridion honesta dixisse Bomanos fecit, multo enim vehementius 
insanU quam nostri phrenetici . . ; sed nolo Romanos in ulla re 
vinci: restituet aciem Murredius qui dixit etc. (X 5, 27 f. cf. X 
4, 22). Seneca hat, wie man weilüs, eine Anzahl von Proben 
griechischer Deklamatoren beigegeben, um, wie er selbst sagt 
(X 4, 23)y zu zeigen, primum quam facilis e graeca eloquentia in 
laUnam transiius sit et qiiam omne, quod bene dici potest, commune 
Omnibus gentibus sity deinde ut ingenia ingeniis conferatis et cogi- 
tetis Uriinam linguam facultatis non minus habere, licentiae minus. 
Wir sehen aus diesen Proben, dafs die Lateiner vieles wörtlich 
oder fast wörtlich übersetzten (cf. VE 1, 4 p. 275, 17 Müll. = 



1) Die Rekonstruktion mufs aber auf viel breiterer Basis vorgenommen 
werden als es bei A. Reuter, De Quintiliani libro qui fuit de causis corrup- 
tae eloquentiae, Diss. Breslau 1887 geschehen ist, das wird die folgende 
Erörterung zeigen. Wertlos ist £. Bonnell, De mutata sub primis Caesaribus 
eloquentiae Romanae condicione, Progr. des Gymn. z. grauen Kloster, Berlin 
1886. Auch aus H. Buschmann, Charakteristik d. griech. Rhetoren bei Seneca, 
Progr. Parchim 1878 und W. Baumm, De rhetoribus graecis a Seneca adhibitis, 
Progr. Kreuzburg 1886 habe ich nichts lernen können. 



272 Von Aogustus bis Traian. 

1, 26 p. 287, 17; VH 1, 25 p. 286, 19; X 4, 18—21; X 5, 26); 
sie thaten das ganz offen: memini Ft^cum, cum haec Adaei sen- 
tentia obiceretur, non infitiari transtülisse se eam in latinum; et 
aiebat non commendationis id se aut furti, sed exercitaHonis causa 
facere, do, inquit, operam, ut cum optimis sentenHis certem^ nee 
illas corripere conor sed vincere (IX 1, 13 cf. IX 6, 16). Das war 
ja auch nicht zu verwundem, da diese Deklamatoren die grie- 
chische Sprache so beherrschten, dafs sie an einem Tage in 
beiden Sprachen deklamieren konnten, worüber Seneca (IX 
3, 13 f.) einige Bonmots der damaligen Gesellschaft berichtet 
Auf der andern Seite kam es, wenn auch seltner, vor, dafs die 
griechischen Deklamatoren, die damals, soweit sie in der Stadt 
lebten, der lateinischen Sprache meist mächtig waren (wie man 
aus manchen Stellen Senecas ersieht, z. B. deklamierten die 
Griechen Gestius und Argentarius nur lateinisch: IX 3, 13), 
Stoffe und Sentenzen ihrer lateinischen Kollegen übernahmen, 
cf. IX 2, 29. Kurz, es war ein Geben und Nehmen und die 
beiden Kulturvölker überboten sich darin, die Raketen ihres 
Genies und Witzes leuchten zu lassen; hatte früher eine Helden- 
that auf dem Schlachtfeld Ehre und Ruhm verliehen, so jetzt 
eine solche in der Arena des Auditoriums; von hier drang die 
Kunde der grofsen That in die Provinzen: stolz sagt Aper, der 
Anhänger dieser modernen Beredsamkeit, bei Tac. diaL 20: tu- 
venes in ipsa studiorum incude positiy qui profectus sui causa ara- 
tores sectantur, non solum audire sed etiam referre domum aliquid 
inlustre et dignum memoria volunt; traduntque in vicem ac saepe 
in cohnias ac provincias suas scribunt, sive sensus aliquis arguta 
et brevi sententia effulsity sive locus exquisite et poetico cultu enihiity 
während Messalla, der Lobredner der alten Schule, klagt (c 28): 
qtme mala prinmm in urbe nata, mox per ItcUiam fusa, iam in 
provincias manant; diese Männer meinen hier Spanien und be- 
sonders Gallien; ein halbes Jahrhundert später trat Afrika, 
welches schon damals eine nuiricula causidicorum war, führend 
auf den Plan, doch den Nachweis dieser Zusammenhänge spare 
ich mir für später auf; hier kommt es mir darauf an, einige 
wesentliche Charakteristika dieser Deklamationen hervorzuheben. 
Jeder, der eine oder die andere der von Seneca im Excerpt 
mitgeteilten Deklamationen liest, hat die Empfindung, d&b sein 
normales Denken für Augenblicke stillstehen muls, damit er sich 



Der nene Stil. 273 

nur einigermafsen in dieser Welt des Schwulstes , der Manier, 
der Phrase^ knrz der Yerkehrung alles Natürlichen zurechtfinden 
könne; nur gezwungen wird er sich daher der Mühe unterziehen, 
die einseinen Symptome der Korruption festzustellen , aber er 
mufs es, weil das volle Verständnis der meisten Schriftsteller 
der Eaiserzeit sich nur so ihm erschlielst. 

1. Das Allgemeine. 

Bei Seneca (contr. IX praef. 1) charakterisiert ein einiger- weien der 
ma&en verständiger Bhetor jener Zeit, Yotienus Montanu», sein uon™^ 
Handwerk so: gut dedamationefn parat, scribit non tU vincat sed 
ut plaeeai. omnia itaque lenocinia conquirü; argumentationeSj quia 
möUstae sunt et minimum habent floriSy relinquit: sentenUiSj explica- 
Hanibus audientis delenire contentus est. cupit enim se approbare, 
non causam. Darin ist das Wesentliche ausgesprochen: die Kunst 
der Deklamatoren ist eine prahlerische, sie will sich zeigen und 
scheut sich nicht, sich als geputzte Hetäre zu prostituieren, um 
nur gesehen zu werden; das ist es, was auch Quintilian öfters 
hervorhebt an den ambitiosi institores eloqxientiae (XI 1, 50), denen 
es nur auf die iadatio und ostentatio ankommt (IV 2, 122; 3, 1); 
perire artem putamus, nisi apparecU, cum desifuU ars esse, si ap- 
paret (IV 2, 127), daher bemühten sich die Alten, ihre Bered- 
samkeit zu verbergen (IV 1, 9); aber wie anders war es jetzt 
geworden: Augustus hatte einen Advokaten in Tarraco gelobt 
mit den Worten: numguam audivi patrem familiär disertiorem, 
aber als dieser sich in Rom produzierte, hatte er keinen Erfolg: 
man pries ihn als Familienvater, liefs ihn aber als Redner nicht 
gelten, denn partem esse eloquentiae putabat doquentiam abscondere 
(Sen. contr. X praef. 14). War es doch dahin gekommen, dafs 
sogar in wirklichen Prozessen sehr ernster Art die Richter 
es übel nahmen, wenn man ihnen die schwere Kost sachlicher 
Argumentation vorsetzte: die sterilen Teile der Rede mufsten, 
wie es in den Deklamatorenschulen üblich war, ausgelassen oder 
auf das Notwendigste eingeschränkt und ersetzt werden durch 
glänzend ausgeführte Schilderungen und überhaupt solche Stellen, 
die das Ohr kitzelten {titülare Sen. contr. I 1, 25) und dem 
Amüsement dienten; wer liefse sich, sagt Aper bei Tacitus 
dial. 20, heutzutage noch die sterilen juristischen Deduktionen 
gefallen, die Cicero in seinen vor den reciperatores gehaltenen 

Horden, antiko KnnitproML 18 



274 Von Aogostiu bis Traian. 

Reden vorbrachte? praecurrü hoc tempore iudex dteentem^ et nisi 
aut cursu argumentorum aut cohre sententiartim aut nüore et cuUu 
descriptionum invUatus et eorrtqftus est, aversatur dicentem; dasselbe 
bezeugen Seneca (contr. IX praef. 1 f.) und Quintilian (lY 1, 57; 
2, 122; 3, 1 f.; 12, 23; VII 1, 41 «.; XII 8, 2 f.; 9, 2 «.; 9, 8); 
wenn dann auch das Resultat oft war, dals bei dem Mangel 
sachlicher Argumente der Klient nicht durchkam, nun, so hatte 
man doch den Ruhm, geistvoll gesprochen und die Richter 
unterhalten zu haben, cf. Quint. Y 8, 1 pars altera prdbationum 
(nämlich aufser den Zeugenaussagen), quae est tota in arte constatque 
rebus ad faciendam fidem adpositis, plerumque aut omnino negleffitur 
aut hrevissime attingitur ab iis, qui argumenta vdut horrida et 
confragosa vitantes amoenioribus hcis desident, negue aliter quam ü 
qui traduntur a poetis gustu cuiusdam apud Lotophagos graminis 
et Sirenum cantu deleniti voluptatem saluti praetuiissey dum laudis 
falsam imaginem persecuntur, ipsa propter quam dicüur victoria 
cedunt, cf. XI 1, 49 ff. — Die Hauptsache für diese Redner war 
der clamor und plausus der Zuhörer, ihm opferten sie alles, auch 
ihre Würde, und das lebhafte Temperament des Südlanders, der, 
wie man noch heute beobachten kann, das Bedürfiiis hat, seinen 
Empfindungen äuTseren Ausdruck zu geben, kam ihnen hierin 
bereitwilligst entgegen. Auch die Reden Ciceros^) müssen wir 
uns von lebhaften Akklamationen der Richter, des Senats, des 
Yolks noch ganz anders unterbrochen denken als es in unserem 
Parlament Sitte ist, während die Sitzungen der französischen 
und italienischen Kammern schon eine bessere Analogie geben. 
In der Theorie verlangt er vom vollendeten Redner, dals, wenn 
er sich erhebe, significetur a Corona süentium, deinde crebrae as- 
sensiones, multae admirationes (Brut. 84), und in der Praxis hat er es 
sich wenigstens in den philippischen Reden, wo ihm daran liegen 
muTste, sich im Einvernehmen mit den anderen zu zeigen, nicht 
versagt, sogar bei der Publikation der Reden die Stellen auf- 
zunehmen, in denen er sich für den ihm gezollten Beifall be- 
dankte: besonders die vierte Rede ist reich an solchen Stellen, 
z. B. gleich im Anfang hatte er einen Satz geschlossen nam esi 



1) Auch die von L. Licinins Crassus im J. 92 gehaltene Bede gegen 
Cn. Domitius wnrde von lauten BeifaUsäufseningen unterbrochen (Gio. 
Brut. 164). 



Der neue Stil. 275 

hosHs a senaiu nondum verbo appdlatus, sed re iam iudicatus An- 
Umius; darauf begeisterter Beifall, denn er föhrt fort: nunc vero 
muUo 8um erecHar^ quod vos quoque illum hostem esse tanto con- 
sensu tantoque clamore apprcbavisHs. Gleich nachher: C. Caesar, 
qui rem publicum libertaiemque vestram suo studio consäio patri" 
manio denigue hUatus est et tutatur, maximis senatus laudibus 
omaius est (Beifall), laude, laudo vos, Quirites, quod graüssimis 
animis prosequimini nomen darissimi adtdescentis, und so 5; 7 
(zweimal); 8, cf. XIY 6; 16. In den Bhetorenschulen wurde 
die Sitte zur Unsitte: jede gelungene Sentenz wurde beklatscht 
und mit Beifallsrufen aufgenommen (cf. Sen. contr. VII 2, 9; 
IX praef. 2 f. u. o. Quint. IV 1, 76 f.; 2, 36 ff; VII 1, 41; XII 
8, 2 f.; 9, 8; 10, 73 ff.). So ist es im ganzen Altertum ge- 
blieben^), und wir werden später sehen, dafs in der altchrist- 
lichen Kirche die Praxis keine andere geworden ist, weil die 
Menschen keine anderen geworden waren. 

2. Das Inhaltliche der Deklamationen. 

Ich brauche darauf nicht naher einzugehen, da alle in Be- verhuttt 
tracht kommenden Einzelheiten besonders von Rohde (D. griech. ^a Fon 
Roman 288 ff.) mit solcher Meisterschaft dargestellt und zu 
einem grofsen Bilde zusammengefafst sind, dafs ich nichts hinzu- 
mf&gen habe. Nur auf einen Punkt mag hier noch hingewiesen 
werden: das ungeheure Mifsverhältnis zwischen Inhalt und Form, 



1) Einige Belege bei Rohde, D. griech. Roman (Leipz. 1879) 311 und 
in den dort genannten Schriften (auch W. Schmid, D. Atticismus I [Stuttg. 
1887] 42, 16). Vgl. noch: Fronte ep. ad M. Caes. 1 8 p. 21 N. und eine hübsche 
Stelle des Libanios (die Sievers, Leben des L. p. 27, wo er über die Sitte 
handelt, nicht anführt): or. 24 vol. II p. 80 R. dettai yocQ hiaCwov (sc. 6 
€atpi9v^\ tLoX To4Hroy lif%Bxui diä tdiv loymv ola6f^8wog. %(f(vBi 61 a{fxm ti^v 
^lUgaw BtrB A^bIwodw shi xslQmv i) ßorj^ fisiiav iihv olaa i%slvOj ßgaivtsifa 
81 TO^o. &XQStog dh t6t8 o^dsigj o4> cxaihg, oi> XBigotixrrig, o^ ctgatiStTig, oif% 
MXririigj oi naidayioyhg, o^x ol tcc ßißlia totg vioig in' &fuov fpegawig, &XXä n&g 
6 ev9Mfpi^m9 itio^v ^OQvßov %al o^og loyotg iniiiovQla. (Für das Theater 
cf. die ganze 41. Rede vol. II p. 379 ff., die sich gegen den Unfug bezahlter 
p9Sk9fig richtet, die ihren Feinden durch Stillschweigen schaden). Themist. 
26 p. 816 bc; Prohairesios verbat sich bei einer in Athen gehaltenen Eon- 
knrrenzrede ausnahmsweise den %Q6rog: eine Zeit lang hielten die Zuhörer 
et auiy dann gerieten sie in Ekstase: Eunap. v. soph. p. 84 Boiss. 

18^ 



276 ^on AngOBtus bis Traian. 

was mir eine bezeichnende Eigentümlichkeit dieser Entartung 
zu sein scheint. Nur ein paar Beispiele von vielen. Zwei Brüder 
hassen sich in einer elenden Streitsache: sie werden mit Atreus 
und Thyestes verglichen (Sen. contr. I 1, 21; 23). Jemand hat 
ausgesetzte Kinder aufgenommen und verstümmelt, damit sie ihm 
durch Betteln Geld einbringen: das veranlaGst mehrere De- 
klamatoren, auf die Gründung Roms durch den ausgesetzten 
Romulus hinzuweisen und einer von ihnen sagt: ergo si Ulis 
temporibus iste camifex apparuisset, conditorem suum Borna non 
haheret (X 4, 5 cf. 9). Jemand hat die Tochter eines Piraten ge- 
heiratet: um zu beweisen, dafs quidam ignohiles nati fecere posteris 
genuSj müssen Marius, Pompeius, Servius, ja die *casa Romuli' 
herhalten (I 6, 3 f.; die letztere wird auch U 1, 5 in ab- 
geschmackter Weise hineingezogen). Überhaupt werden histo- 
rische Beispiele in mafslosester Weise verwendet, wofür die 
meisten Themata Belege bieten. Absurd ist auch, dafs keiner 
so leicht einen wenn auch noch so geringfügigen Anlafs vorbei- 
gehen liefis, ohne eine lange Tirade über die Launen der For- 
tuna einzufügen: es ist der locus de forhmae varietate^ wie ihn Se- 
neca contr. I 8, 16 und suas. 1, 9 nennt (cf. 11 1, 1; exe V 1; 
exe. VI 6; exe. VIII 4; suas. 2, 3). Überhaupt überwuchern 
solche ethischen Reflexionen die eigentliche Sache, z. B. contr. II 
1, 10 S.: es handelt sich um das Thema: „Ein Reicher abdicierte 
drei Söhne; er wünscht den einzigen Sohn eines Armen zu 
adoptieren; der Arme erklärt sich bereit, das zu bewilligen, um 
diesem Sohn, den er liebt, Reichtümer zu verschafiTen; den Sohn, 
der sich weigert, abdiciert er;^' das benützt Papirius Fabianus, 
der philosophische Deklamator, von dem der jüngere Seneca so 
viel gelernt hat, zu endlosen Tiraden gegen den Reichtum, die 
er dem Sohn des Armen in den Mund legt: kämpfende Heere 
werden malerisch geschildert u. dgl.; aber damit nicht genug: 
nun folgt eine noch längere Tirade gegen den perversen Ge- 
schmack und die Übersättigung (fastidium) der Reichen: un- 
sinnig hohe Häuser, die durch ihren Zusammenbruch Brände 
verursachen (die nun wieder malerisch geschildert werden), und 
in den Häusern Imitationen von Bergen, Wäldern, Meeren, 
Flössen (was Gelegenheit giebt zu einer iocq>Qa6i$ der Schön- 
heiten der wahren Natur). Wozu nun, fragen wir, diese ganze 
lange zweite Tirade? Das wird in einem kurzen Sätschen 



Der neue Stil. 277 

zam ScUoGs angeleimt: et miraris, si fasHdio rerum naturae 
laboranUbus tarn ne liberi quidem nisi alieni placent? 



3. Die Form der Deklamationen. 

Der Ton war immer ein leidenschaftlicher. Gefordert wurde oeniu 
ein gentis dicendi non remisswn cml languidum sed ardens et con- ^^®"^' 
citatutn, wie Seneca selbst zugesteht (contr. III praef. 7); die 
eaidi dedamatcreSj die vom iv^ov6iaöii6g^) fortgerissen sprachen, 
gefielen (snas. 3, 6), während Cicero diesen Leuten nicht ^warm' 
genug, zu * nüchtern' und * trocken', zu sehr ^Palsgänger' war 
(Tac. dial. 20; Quint. XII 10, 13; Sen. ep. 40, 11); vigor, im- 
peius, tarrens waren die Schlagwörter (Sen. contr. IV praef. 7 ff.; 
X praef. 5; Quint. m 8, 58 ff.; Vin 2, 17; IX 2, 41 f.). Hin- 
gerissen Yon ihrem furor sahen sie alles leibhaftig vor Augen: 
Stare ante octdos Fortuna videbatur et dicere talia e. q. s. sagt 
AreUius Fuscus (Sen. I 1, 16); sie wird überhaupt oft apo- 
strophiert: graves, Fortuna ^ vires tuas ib. 17 cf. VII 1, 4; 6; 
ein anderer schaut in seiner Phantasie die Ahnenbilder (IX 1, 8), 
ein anderer Tempel und Gesetze (IX 4, 22); angerufen werden 
die GrStter, der Staat, die Griechen vor Troja, Decius, Cicero 
(Vn 1, 25; n 5, 4; X 6, 2; X 2, 3; X 3, 3). Wer die stärkste 
Imaginationskraft hatte, wurde am meisten bewundert: einen 
Vater, der seinem Sohn wegen einer Frevelthat erst auf der 
Richtstatte verzeiht, lä&t Triarius cum scholasticorum summa 
fragore sagen (II 3, 19): at tu, quisquis es camifex, cum strictam 
sustuleris securem^ antequam ferias, patrem re^ice, ein Diktum, 
welches Asinius PoUio yerhohnte. Hieraus erklärt sich auch die 
beliebte lebhafte Einführung des Gegners durch ein qyri^l, inquU 
oder auch ohne dieses unmittelbar mit seinen eigenen Worten; 
man nannte diese Form contradictio (Sen. suas. 2, 17 u. 18), sie 
giebt, wie man z. 6. aus Epiktet (cf. auch Lukian abdic. 21 
a. E.) weils, der Rede einen ungestüm leidenschaftlichen Cha- 
rakter; wir sahen schon oben (S. 129, 1), dafs die declamatio dies 
mit der diatQi.ßii seit den Zeiten Bions gemeinsam hat. 



1) Cf. Chr. Jac. Gntennaim, Diatribe de enthusiasmo veterom bo- 
pbiitaram atqne oratormn, Jena 1720; H. Baamgart, Aelius Aristides 
(Leip^ 1874) 46 l 



278 ^^^ Augustas bis Traian. 

^axoCt}Ua, Welcher Art war nun im einzelnen der Flitterstaat, in den 

sich die prostituierte Kunst kleidete, welcher Art die Mittel, 
durch die sie die Menschen anlockte? Quintilian hat an einigen 
Stellen die einzelnen Schäden der kranken Beredsamkeit zu- 
sammengefaßt: YIII 3, 56 ff. xaxö^riXov id est mala affectatio per 
omne dicendi genus peccat: nam et tumida et pusilla et prae- 
dulcia et abundantia et arcessita et exsultantia sub idem 
nomen cadunt, denique cacoeelon vocatur, guidquid est ultra vürttUemj 
quotiens ingenium iudicio caret et specie boni faüUu/r^ omnium in 
eloquentia vitiortitn pessimum: nam cetera parum vitantur^ hoc pe- 
titur, est autem totum in elocutione: nam rerum vitia sunt stuUum 
commune contrarium supervacuum, corrupta oratio in verbis 
maxime inpropriis, redundantibus, comprehensione ob- 
scura, compositione fr acta ^ vocum similium aut am- 
biguarum puerili captatione consistit: dicitur aliter, quam se 
natura habet et quam oportet et quam sat est. X 2, 16: qui non 
introspectis penitus virtutibus ad primum se vdut aspectum oraticms 
aptarunt ety cum iis felicissime cessit imitatio, verbis atque numeris 
sunt non multum differentes, vim dicendi atque inventionis non ad- 
secuntur sed plerumque declinant in peius et proxima virtutibus 
vitia comprehendunt fiuntque pro grandibus tumidi^ for- 
tibus temer ariij laetis corrupti, compositis exsultantes. 
XII 10, 73: vitiosum et corruptum dicendi genus aut verborum 
licentia exsultat aut puerilibus sententiolis lascivit aut 
immodico tumore turgescit atd inanibus locis bacchatur 
aut casuris si leviter excutiantur flosculis nitet aut prae- 
cipitia pro sublimibus habet aut specie libertatis insanit 
79 f.: sed et copia habet modum, sine quo nihü nee laudäbUe nee 
salutare est, et nitor üle cultum virilem et inventio iudicium. sie 
erunt magna non nimia^ sublimia non abrupta, fortia non 
temeraria . . . ., laeta non luxuriosa, iucunda non disso- 
lutay grandia non tumida. Man sieht, dafs die einzelnen 
Fehler sich aus einem Grundfehler erklären: man wollte zwar 
das Gute, hielt aber aus Mangel an ästhetischem Urteil 
das Schlechte für gut, oder, wie Horaz (a. p. 25 ff.) es aus- 
drückt (man sieht daraus, dafs die ganze Argumentation in viel 
frühere Zeit zurückgeht): decipimur specie recti: brevis esse laboro, 
Obscurus fio; sectantem levia nervi Deficiunt animique; professus 
grandia turget, Serpit humi tutus nimium timiduaque procdlae 



Der neue Sidl. 279 

(dies ist auch der Standpunkt des Verfassers tcsqI ü^fovg, cf. be- 
sonders c. 3 — 5). Wie der Ursprung der einzelnen Fehler ein 
gemeinsamer ist, so auch ihre Folge: die Überschreitung des 
Maises und die dadurch bedingte Yerkehrung der Natur^); 
nobis sordet omne quod natura dictavit sagt Quintilian YIII pro- 
oem. 26 y etwas in natürlicher Weise auszudrücken, galt für 
ordinär, alles wollte sein <Txf|/ifl( haben (Sen. contr. I^iraef. 23 £ ; 
Quint IV 2, 36 ff; Vm pr. 24; VUI 2, 17), daher vergleicht 
Quintilian (II 5, 10 ff.) den Geschmack an diesen Beden mit 
dem an Terwachsenen oder in irgend einer Art monströsen 
Körpern; wenn man sich an die Vorliebe für Zwerge und allerlei 
sonstige MüSsgestalten erinnert, die zu jener Zeit in den höchsten 
Qesellschaftskreisen fashionable war, so mufs man sagen, dafs 
der Vergleich sehr passend gewählt ist (cf. auch Sen. contr. X 
praef. 10); hatte doch Orid selbst, eins der famosen Grenies auch 
in deiL Cirkeln der Deklamatoren, als man ihm einige seiner die 
Ghren^ des Normalen überschreitenden Facetien yorhielt, ge- 
antwortet: interim decentiorem fadem esse, in qua aliguis naevos 
esset (Sen. contr. 11 2, 12). Die mannhaft starke Bede fand 
keinen Wiederhall bei dem entarteten Geschlecht: man * kastrierte' 
sie: Quint. V 12, 17 ff.: decUmuxUones olitn tarn ab illa vera ima- 
gme arandi recesserunt aique ad solam campasüae voluptatem nervis 
earenty non aUo medius fidius vitio dicenUum, quam quo manci- 
piorum negoUatcres farmae puerarum virüüate excisa Unocinan- 

hur sed mihi nattiram intuenti nemo non vir spadone 

fomuysior erit nee tam aversa umquam vid(i>üur ab qpere suo pro- 
videnHoy ut dibüitas inter optima inventa sit, nee id ferro ^pedosum 
fieri puiaho quod si nascerelur, monstrum erat . . . quapropter eUh 
queniiamf licet hone — ut sentio enim, dicam — lUndinosam re- 
supina voluptate auditoria prdbent, ntdlam esse exisUmabo, quae ne 



1) Cf. F^älon, Lettre k Tacad. Fran9. sur T^oquence (angeh&ngt der 
Ausg. seiner Dialogues sur T^loquenoe Paris 1718) p. 802 f.: Le gaiU com" 
wienfoit ä se gdter ä Borne peu de tema apris celui d'AugusU. J%iA)enal a 
MOMii de dilieaUsse qu'Horace; Seneque Je tragice et Lucain ont une enflure 
(^oquatUe . . . Les rafinemena d^eaprit avaient pr^vdlu . . . On ne croyait 
poM, qu^il fAt permis de parier d'une fOiQon simple et naturelle. Le monde 
ÜoUf pour la parole, dans Vüat oü il seroit pour les hahits, st personne 
n^oeoU paroUre vHu d'une belle äoffe, sans la charger de la plus Spaisse 
kroderie. 8uiva$U cette mode, ü ne faUoit point parier, ü faUoU diclamer. 



280 Von Aagastas bis Traian. 

minimum quidem in se indicium masctüi et incorruptif ne dicam 
gravis et sancti viri ostentet (cf. I 8, 9; II 5, 9; VIII prooem. 18 AT. 
u. ö.). Während die Gegenpartei Rückkehr zur Natur predigte, 
die mit der Ennst zusammenfalle (Quint. YIII 3, 71; 86), war 
das Schlagwort der Modernen * Genieß welches sich nicht an 
Regeln kehrt, sondern sich selbst Regeln schafft (Sen. contr. II 
2, 12; X ptaef. 9 f.; suas. 7, 12. Quint. II 5, 10 ff: ; VIII pro- 
oem. 25; VIII 2, 21; 5, 22; XII 9, 8; Plin. ep. IX 26, 7); man 
wuTste, dafs dem Genie vieles verziehen würde — illtid semper 
factum est: nullum sine venia placuit ingenium. da mihi^ quem- 
cumque vis, magni nominis virum: dicam, quid Uli aetas sua igno- 
veritj quid in ülo sciens dissimulaverit (Sen. ep. 114, 12) — , und 
handelte im Bewufstsein dieser Thatsache: *man kannte und 
liebte seine Fehler* (Sen. contr. II 2, 12 von Ovid; IX 6, 11. 
Quint. X 1, 129 f. von dem jüngeren Seneca). 

Am glänzendsten hat zu allen Zeiten der Funke des Genies 
ntensen- gesprüht in kurzcu, schlagenden, überraschenden, pikanten iWnten : 
inu>niui. daher ist in einem Zeitalter, welches charakteristischerweise auch 
im poetischen Epigramm das Vollendetste leistete, die poin- 
tierte Sentenz, wie man sagen kann, geradezu das Cha- 
rakteristikum dieser Eloquenz und damit des gröfsten 
Teils der Litteratur der Kaiserzeit geworden; sie galt 
für die höchste Vollendung der Rede (Quint. I 8, 8); einer 
Sentenz zuliebe sprach man über gar nicht lur Sache gehörige 
Dinge, während doch die wahre Sentenz aus den Dingen ent- 
springen mufs (id. II 4, 31); ihr zuliebe stellte man sich den 
Gegner als einen dummen Jungen vor (V 13, 42); wenn sie nur 
hervorleuchtete, konnten die umliegenden Teile der Rede schmutzig 
und niedrig sein (II 12, 7); kurz: nan mtdtas plerique sententias 
dicunt, scd omnia (aniquam sententias (VIII 5, 31), die sich dann 
natürlich gegenseitig verdunkeln (XII 10, 46 ff.). Diejenigen, die 
etwas sparsamer damit umgingen, pflegten solche lumina mit 
Vorliebe an den SchluTs eines Satzes oder einer Exposition zu 
setzen (VIII 5, 2: lumina praecipueqm in clausula posHa sentetUias 
vocami4S; 5, 13: vocattir aliquid et clausula: quae si est quod com- 
clusionetn dicimus, et recta et quibuschim in partibus neoessaria 
est . ,, scd nunc aliud volunt, ut omnis locus, omnis sensus in fine 
sennonis feriat aurepn): wer darauf achtet, kann dies Bestreben 
schon bei Cicero ganz deutlich beobachten (man vergleiche nur 



Der neue StiL 281 

den ScUoIjs der 14. philippischen Rede), bei den Schriftstellern 
der Eaiserzeit (Tacitns nicht ausgenommen) ist es zur Manier 
geworden.^) Die vitia der Sentenzen fafst der jüngere Seneca, 
der, wie wir sehen werden, ganz im Bann dieser modernen Be- 
redsamkeit stand, ohne es selbst zu wissen, in dem f&r die Ge- 
schichte der Stilarten so wichtigen Brief 114 in die Worte zu- 
sammen (§ 16): nan tantum in genere sententiarutn viHum est, si 
out pusillae sunt et puerües aut imfrdbae et plus ausae quam pu- 
dore sdlvo Ucet, sed si floridae sunt et nimis dukes, si in vanum 
exeunt et sine effectu nihil ampUus quam sonant; zwei dieser Cha- 
rakteristika finden wir immer wiederholt: von einer im Sinne 
der Deklamatoren gelungenen Sentenz wird verlangt, dafs sie 
dulcis sei, d. h. auf das Ohr und die Sinne einen angenehmen 
prickelnden Reiz ausübe (Sen. contr. I 4, 7; II 1, 24 ff.; 6, 8; 
suas. 7, 12. Quillt. II 5, 21 ff.), und vor allem, dals sie mehr als 
das Normale wage, auf gefahrlicher Spitze jäh am Abhang stehe, 
was für sublime galt; das sind die sententiae grandes, quarum 
optima quaeque a periculo petitur (Quint. II 11, 3, cf. X 1, 121), 
die sententiae praecipites, abruptae, pendenies (Sen. contr. X 
praef. 15. Sen. ep. 114, 11. Quint. VII 1, 41; XII 10, 73; 80), 
Yon denen verständige Zuhörer wie der alte Seneca oft nicht 
wu&ten, ob man sie bewundem oder über sie lachen sollte 
(Sen. contr. I 7, 18); denn, so urteilt jener, vom Erhabenen zum 
Lächerlichen sei nur ein Schritt (Sen. suas. 1, 16; 2, 10): aber 
eine gewisse Verwegenheit sei erforderlich, denn es sei nichts 
Greises, wenn derjenige keinen Fehltritt mache, der nichts wage, 
so wenig es ein Verdienst der HäCslichen sei, wenn sie scham- 
haft blieben (contr. 11 1, 24). Man sieht, dafs auch ein so 
braver Mann wie der alte Seneca das Grandiose, Genialische als 
durchaus berechtigt anerkennt und nur das Überschreiten der 



1) Sehr bezeichnend Fronte p. 212 N. ut novissimos in epigram- 
maus versus habere oportet dliquid luminis, senterUia clatfi dliqiM vel fibula 
ierminanda est^ und vor allem Hieronymns ep. 62, 4 (I 1 p. 268 Vall.) 
ne a me quaeras pusillas declamaUones, sententiarum floscuios^ verborum leno- 
cima et per fines capitulorum singulorum acuta qwjudam breviterque concluaa, 
qitae plaueus ei clamores excitent audientium. Sidonins entschuldigt sich, 
dafs er in einer vor einem zusammengewürfelten Volkshaofen gehaltenen 
Bede nicht habe anwenden können scintiUas controversalium clausularum 
(ep. yn 9); er lobt (ep. IX 7) ftümen in clausuUs. 



282 Von Augastus bis Traian. 

Grenze brandmarkt; schon bedenklicher klingt die Formolienmg, 
die dieser Ansicht der Sohn leiht (1. c. 11): sunt gut nan usgue 
ad vitiufn accedant, necesse est enim hoc facere aliquid grande 
temptanti; aber nirgends tritt diese Auffassung, welche für die 
meisten Autoren aus der Theorie in die Praxis fibertragen 
wurde, mit solcher Schärfe hervor wie in einem dadurch sehr 
interessanten Brief des Plinius IX 26. Ein Freimd hatte ihm 
in seinen Schriften angestrichen als tumida, was er selbst för 
stiblimia, als improba, was er selbst ffir audentia, als nimia, was 
er selbst für plena hielt. Um ihn zu widerlegen , knüpft er an 
ein Bonmot an, welches er über einen Redner ausgesprochen 
hatte, der zwar rectus et santis (also ein Atticist), aber parum 
grandis et omatus sei: nihil peccat^ nisi quod nihil peecat 
Darauf schildert er sein Ideal vom Redner: dd)et oratar erigi at- 
toUiy interdum etiam effervescere efferri, ac saepe accedere ad 
praeceps. nam plerumque altis et excdsis adiacent äbrupta^ tuiius 
per plana sed humilius et dqfressius iter; frequehtiar currentHms 
quam reptantibus lapsus, sed his non labentibus nuUa, iUis non 
nuUa laus etiamsi lahantur. nam ut quasdam artes ita eioquentiam 
nihil magis quam ancipitia commendant; so entfesselt der Seil- 
tänzer, der in jedem Augenblick fallen kann, einen Beifallssturm^ 
und ungerühmt läuft der Steuermann nach ruhiger Fahrt in den 
Hafen ein, aber wenn sausen die Seile, sich krümmt der Mast^ 
die Steuer stöhnen^ dann ist er berühmt und zunächst den 
Göttern des Meeres: sunt enim maxime mirabüia quae maxime 
insperatay maxime pericutbsa uique Oraeci magis eajmmunt nafd- 
ßoXa; darauf folgen, als wenn er tcsqI Cinyog schriebe, Beispiele 
aus Homer, Demosthenes, Aeschines, aus denen hervorgehen soll, 
dafs sie in ihrem Wagemut oft bis an die Grenze des Erlaubten 
herangegangen seien ^); diesen Gröfsen yergifst er dann natürlich 
nicht, zum Schlufs sich selbst anzureihen: was er da eben über den 



1) Aus Cicero, sagt er (§ 8)^ fahre er keine Beispiele an, denn bei ihm 
bezweifle es keiner. Der wahre Grund ist wohl, dafs er die griechischen 
Beispiele aus einem Autor negl ^ovg bequem abschreiben konnte, denn 
wer ihn kennt, weifs, dafs er sich nicht aus Demosthenes 12 Beispiele seihst 
zusammengesucht hat. Thatsächlich findet sich die homerische Stelle sowie 
eine der demosthenischen in demselben Sinn verwendet in der ans erhal- 
tenen Schrift nspl vipovg (die, wie man annehmen darf, nur eine Ton vielen 
war) 9, 6. 82, 2. 



Der neue Stil. 283 

Staim auf dem Meer geschrieben habe^ das werde der Freund 
sicherlich auch mit einem ößeXbg nsQUötiy^dvog versehen^ aber 
das solle er ruhig thun: „wenn wir mündlich darüber sprechen, 
wirst entweder du mich furchtsam, oder ich dich tollkühn 
machen/' — Ein besonderes Raffinement verwandte man femer Ktmo. 
darauf diese Pointen in möglichst schlagender Form zu geben: 
so sehr man sich in Schilderungen und dergleichen amonen 
tAxoi die Zügel schieüsen liefs, so straff zog man sie hier an, 
denn die Sentenz muüs vibrans et concitata sein (Quint. XII 9, 2) ; 
als etwas Abweichendes hebt Seneca (ep. 100,5) an einem hervor 
sen^is non coactos in sententiam sed latius dictos. ^Eürze' ist 
daher hier das Losungswort: den Thukydides lobten sie wegen 
seiner Kürze, den Sallust noch mehr, weil er sie gesteigert habe 
(Sen. contr. IX 1, 13); ein griechischer Deklamator brachte es 
fertig, eine yvAfiri in zwei Worte zusammenzufassen (id. 1 1, 25); 
explicationes plus sensuum quam verborum habentes (Sen. contr. III 
praef. 7), äbruptae sententiae et sttspiciosae, in guibus plus in- 
tdlegendum esset quam audiendum (Sen. ep. 114, 1) waren das 
Ziel, dem sie nachstrebten, aber natürlich hielten sie auch darin 
nicht Hals, daher die Klagen der Kritiker: saepe minus quam 
audienti saus est doquitur sagt Seneca (contr. II praef. 2) von 
Fabianus (über den der Sohn, der es ja ebenso macht, ep. 100, 5 
anders urteilt); Quintilian sagt tadelnd pUraque significare melius 
puiamus quam dicere (YIII pr. 24); cf. Vm 2, 19 ff.: brevitatem 
aemulati necessaria quaque orationi subirahunt verba et, velut saHs 
Sit seire tjisos quid dicere veUnt, quantum ad alias pertineat nihüi 
pulant . . . pervasitque iam muUos ista persuasiOf ut id iam demum 
deganter atque eocqtiisite dictum putent, quod interpretandum sit. 
aed auditaribus etiam nannuUis grata sunt haec, quae cum in- 
tdlexerunt, acumine suo dekctantur et gaudenty non quasi audierint 
sed quasi invenerint (ähnlich IX 2, 78 f.; 94). YIII 5, 12: est et 
quod appellatur a novis ^noema\ qua voce omnis intellectus 
aeeipi potest, sed hoc nomine donarunt ea quae non dicunt 
verum intellegi volunt. Sehr hübsch erkennt man dies 
Streben nach pointierter Kürze in einem urteil Ovids, das Se- 
neca (contr. VII 1, 27) berichtet: in Yarros Argonautica kamen 
folgende Yerse vor: 

desierant latrare canes urbesque sUebant; 

omnia noctis erant placida composta quiete. 



284 Von Augustus bis Traian. 

Ovid meinte von diesen Versen , potuisse fieri lange meliares, si 
secundi versus ultima pars abscideretur et sie desineret: 

omnia noctis erant. 
Ganz ähnlich meinte (nach Sen. suas. 2, 19 f.) Messalla, Yergil 
habe in folgenden Versen (Aen. XI 288 fif.): 

quidquid ad adversae cessatum est moenia Troiae, 
Hectoris Äeneaeque manu victoria Qraium 
haesit et in decimum vestigia rettuUt annum 
mit haesit aufhören müssen; das merkte sich ein poetisierender 
Rhetor dieser Zeit und dichtete folgende Verse: 

ite agite, o Danaij magnum paeana canentes, 
ite triumphantes: belli mora concidit Hector 
und die letzten Worte erhielten , wie Seneca bemerkt , grofse 
Celebritäty was wir noch bei Dichtem der ersten Eaiserzeit be- 
obachten können.^). — Aus diesem Streben nach pointierter 
Kürze erklärt es sich, dafs die Extensität der Worte zu ihrer 
Intensität im umgekehrten Verhältnis steht: ihr Inhalt erweitert 
sich bei abnehmendem Umfang. Sätze wie die des Sallust omnia 
in virtutem trahebantar (lug. 92, 2), omnium partium decus in 
mercedem corruptum erat (bist. I 13) weisen, wie man sofort 
fühlt, Yordeutend auf Seneca und Tacitus hin. 

Dafs in diesem Raketenfeuer genialer Bonmots manche 
Leuchtkugeln aufstiegen, die den Feuerwerkern alle Ehre machten, 
ist begreiflich genug. Wir empfinden bei der Beurteilung einer 
gro&en Anzahl dieser Sentenzen, wie wahr es ist, dab die 
höchsten Tugenden den schlimmsten Fehlem benachbart sind; 
soll man es z. B. genial oder albern^) nennen, wenn einer, der 
für die Beerdigung eines Selbstmörders plädiert, ausruft: „Curtius, 
du hattest das Begräbnis verloren, wenn du es nicht im Tode 
gefunden hättest^' (exe. contr. VIII 4), oder der Spartaner, als 
die Krieger der übrigen Staaten abgezogen sind: „jetzt freut es 
mich, dafs sie geflohen sind: sie haben mir die Thermopylen 



1) Cf. C. Morawski, De rhetoribus latinis observationes (in: Abh. der 
Krakauer Akad. Ser. n T. I 1892) 377. 

2) Als insanae^ stultae, ineptae u. s. w. bezeichnet Seneca aelbst folgende 
Sentenzen: p. 49, ISMfiU. 54, 2. 65, 4. 69, 17. 82, 1. 220, 10. 272, 8. 286, 19. 
309, 13 ff. 381, 17. 48y, 20. 491, 9; 12; 19. 502, 8; 10. 508, 16. 504, 6; 7. 
505, 14. 527, 13. 529, 2; 3. 530, 19. 543, 7. 549, 16. Nach unsenn Oefahl 
hätte er die zehnfache Zahl so nennen müssen. 



Der neue Stil. 285 

^1% gemacht'^ (suas. 2, 8)? Wenn man an das in. den Rhetoren- 
schulen und der davon abhängigen Litteratur so beliebte Bild 
denkt * Marios sitzt auf Karthagos Trümmern, sie blicken sich 
an und trösten sich gegenseitig ', so wird man das ohne Be- 
denken f&r eine in ihrer Art grandiose Gonception erklären. 
Hier ist aber das subjektive Gefühl des Einzelnen ausschlag- 
gebend und man wird vielleicht zu einer gewissen Milde in der 
Beurteilung geneigt sein, wenn man bedenkt, dafs so viele herr- 
liche Blüten bei dem Philosophen Seneca und bei Tacitus doch 
eben nur durch diese Manier gezeitigt sind. 

Neben der yvdnirj war es vor allem die ixtp^aöi^gj in der Besohrei 
diese Rhetoren einen Tummelplatz für ihr Genie fanden. Schon ^^^^^ 
bei Schriftstellern des vierten Jahrhunderts, wie Philistos und 
Theopompos, finden wir eine Neigung dazu, die naQixßaöig über 
den Hain bei Henna und den Raub der Proserpina in Ciceros 
vierter Verrine war schon im Altertum hochberühmt ^), aber 
erst in der frühen Kaiserzeit wurde sie als eigene Gattung aus- 
geprägt und findet sich seitdem bekanntlich regelmäfsig in den 
Progynmasmen.*) Von der in ihr verlangten Diktion sagt 
Theon prog. c. 11 p. 119, 30 Sp. 6vveio(ioi.oikfd'ai. xq"^ totg {mo- 
xBi^liivoig tijv inayyeXiav, ß6te si (iiv siav^ig %i sttj tb öriXoii- 
fuvovj siav^ii xal xifv g>Qd6vv slvccr el dl aixMQ^^ 4 ^oßsQbv 
Ij ixotov dii notSj fii}d^ tag iQ^rivsiag iaeadeiv ti^g (piiöscjg 
a^Av, cf. Proklos ehrest, gramm. ecl. bei Phot. bibl. cod. 239 
p. 318 b 26 vom nXdö^ (Stil) iv^ri(f6v: &(fii6tei, twcoyQaq>laig 
atol XBifLAvmv ^ iX6&v i7cq)Qd6söiv, Das haben die Schrift- 
steller wacker befolgt: wie sie alle Süfsigkeit der Diktion walten 
lielsen, wo es galt, den Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, 
Meeresstille und glückliche Fahrt, einen Hain, ein schönes Haus, 
besonders eine Villa (Tempel, Kirche) oder Gemälde, eine Stadt, 



1) Cf. auch die iyupgaaig der Natur in hOchst gewählter Sprache de 
deor. nat. 11 98 S. (nachgeahmt von Minucius Felix und Ambrosius im 
Hexaemeron). Für die ampUficatio empfiehlt er part. or. 66 aulestia divina, 
ea quarum obscurae causae, in terris mtmdoque admirahUia quae mint — 
Über die impodasig cf. besonders Rohde 1. c. 335, der ihren Ursprung mit 
Recht in der deskriptiyen Poesie (besonders der Alexandriner) sieht, mit 
welcher die Rhetoren wetteifern wollten. 

2) Cf.W. Schmid, D. Atticism. U (Stnttg. 1889) 268, 11 und im Rhein. 
MuB. XLIX (1894) 159. 



286 Von AngustuB bis Tr&ian. 

ein niedliches Mädchen, ein stattliches Tier n. dgl. zu beschreiben, 
so haben sie andererseits bei Beschreibung von schaurigen Hohlen, 
dem Ocean und seinen Schrecknissen (der über ihm lagernden 
Nacht, den Ungeheuern der Tiefe), Sturm und Schiffbruch, 
Foltern, Totschlag u. dgl. Tone aufgesetzt, die einem wirklich 
durch Mark und Bein gehen, uns wird später derartiges öfters 
begegnen; hier fähre ich nur an die Aufserungen und Proben 
bei Seneca contr. II praef. 1; 3; II 1, 13; VII 1, 4; 10; 26 (hier 
ein griechisches Beispiel); 27; exe. VIII 6 p« 867, 17 ff. MülL; 
suas. 1, 1; 15; Sen. ep. 122, 11 ff.; apocol. in. Quint. IE 4, 3; 
IV 3, 12; IX 2, 44; Plin. ep. II 5, 5; Lukian de hist. 
conscr. 19 f.; 57. An mehreren dieser Stellen wird aus- 
drücklich gesagt, dafs man in solchen hupQi66ig ganz poetisch 
sprechen dürfe: so erklärt es sich, dais wir dieselben Stoffe bis 
zum Überdrufs bei den rhetorisierenden Dichtem der S[ai8erzeit 
wiederfinden, was wenigstens für eins dieser Themata von C. Lied- 
loff. De tempestaüs etc. descriptionibus (Diss. Leipz. 1884) nach- 
gewiesen ist. 
>o8tie und In der Diktion mied man sordida et cotidiana vocabuia, was 

keine Kleinigkeit war, da ja gerade %i6Bi,q aus dem Alltagsleben 
die häufigsten waren und das lupanar eine nicht geringe Rolle 
spielte: einer sagte absichtlich, um nicht als scholasticus zu 
gelten, acetumf püleium^ Umtema, spangia (Sen. contr. VIE praef. 3, 
cf. I 2, 21; IV praef. 9; IX 2, 25; X 1, 13). Man suchte mög- 
lichst gewählt und glänzend zu sein, cuiUus und splendor waren 
hier die Schlagworter; politura nennt es Seneca der Sohn 
ep. 100, 5, und bei Tacitus (dial. 20; 22) sagt Aper, die Bede 
solle nicht gleichen rohgebauten Tempeln und Häusern, die nur 
Schutz gegen Unwetter gewähren, sondern den neuen Marmor- 
tempeln und Prachtbauten. Natürlich ging man auch hier über 
das Erlaubte hinaus (Sen. contr. II praef. 1; lY praef. 10; X 
praef. 5; Quint. III 8, 58; VIII pr. 18 ff; 3, 6; XH 10, 46; 
73 ff.; Tac. dial. 20; 22). In den Worten herrschte Ausgelassen- 
heit (lascivia ist der Ausdruck, mit dem dies yitium alle Kritiker 
brandmarken: Sen. contr. II praef. 1; II 6, 8; Sen. ep. 114, 2; 
Quint. n 5, 22; X 1, 43; 56; XII 10,73): Hyperbehi (Quint. VHI 
6, 73 ff.), Metaphern (Sen. contr. VII 3, 8; Sen. ep. 114, 10), Ver- 
gleiche, die aber offc ganz falsch waren (Quint. VIII 3, 76); be- 
sonders werden auch poetische Worte und poetisches Eo- 



Der neue Stil. 287 

lorit überhaupt^) von den Eritikern gertigt (Sen. ep. 114^ 13. 
Quint n 4, 3; Vni pr. 25. X 2, 21. Plin. ep. IX 26, 8): wir 
erkennen das noch deutlich an mitgeteilten Proben, z. B. sagte 
einer: nax erat cancubiüy et omniüj iudicea, canentia sub sideribus 
muta ercmt, was schon die Zeitgenossen als Imitation berühmter 
yergilischer Verse (VIII 26 f.) erkannten (Sen. contr. VII 1, 27); 
sie traten in offen eingestandene Konkurrenz mit Vergil: man 
sehe, wie einer der extravagantesten dieser Deklamatoren, Arellius 
Foscos aus Asien, den Wechsel der Witterungsverhaltnisse nach 
Vergils Vorgang beschreibt (bei Sen. suas. 3, 1; 5); ein grie- 
chischer Deklamator ruft den Poseidon an: &^ur(f1i^(ov diönoxa 
fiv&AVy xifv ivHuyv xkriQio6a(uvs ßaöUeiav (Sen. contr. VII 1, 25) 
und ein anderer beschrieb den Schild des Polyphem in so ge- 
wagten Ausdrücken (id. suas. 1, 12), dafis man früher geglaubt 
hat, sie stammten aus dem Dithyrambus des Philoxenos. Die An- 
näherung der Poesie an die Prosa war in jenen Ejreisen und der 
ganzen von ihnen abhängigen Litteratur so weit fortgeschritten, 
dafs sie sich überall berührten, bei manchen völlig in einander 
aufgingen; die poetische Ausdrucksweise wurde im Lauf der 
Eaiserzeit mehr und mehr entwertet, man empfand sie nicht 
mehr als solche; daher ging die Poesie zugrunde und wurde 
durch eine in poetischen Farben schillernde Prosa ersetzt. Nur 
in dem Mab der Verwendung des Poetischen unterscheiden sich 
sowohl einzelne 'Schriftsteller von einander als auch ein und 
derselbe in seinen verschiedenen Werken, z.B. geht Florus etwas 
weiter als VeUeius, viel weiter als Tacitus, aber Appuleius wieder 
viel weiter als Florus, und Appuleius selbst erlaubt sich in den 
Florida mehr als in den Metamorphosen, in diesen mehr als in 
der Apologie und den philosophischen Schriften, unter denen aber 
ihrerseits die Schrift über die Gottheit des Sokrates als De- 
klamation wiederum poetischer ist als die rein dogmatische über 
die Lehre Piatons. 

Natürlich spielten bei diesem Schmuck und Glanz der Rede Figorea. 
die Figuren eine Hauptrolle, und zwar, wie Quintilian (IX 
3, 3 C) sagt, nicht die gewohnlichen, denn sie seien schon zu 



1) Poetische, z. T. neogebildete Wörter der griechischen Asianer bei 
Seneca sammelt W. Schmid, Der Atticismus I 44, 18. Cf. im allgemeinen 
L. Friedlftnder, Sitiengesch. d. röm. Kaiserz. Wl^ (Leipz. 1881) 860. 



288 Von Ancpistog bis Traian. 

abgegriffen und würden als solche gar nicht mehr empfunden, 
sondern: secretae (figurae) et extra vulgarem usutn positae ideoque 
magis notabiles ut novitate aurem excitant ita cqpia saHant et se 
non obvias fuisse dicenti, sed canquisitas et ex omnibus latebris ex- 
tractas congestasque declarant Seneca erzählt eine hübsche Ge- 
schichte davon (contr. YII praef. 7): einer hatte im Gentumviral- 
prozefs ein hübsches (fx^t"^ gesagt^ worauf ihn sein Gegner fest- 
nagelt; jener: Schema dixi und: ista ratume Schemata de rerum 
natura tolluntur, dieser: töüanturj poterimus sine Ulis vivere; die 
Centumvim entscheiden auf Grund des <fx^C^) worauf jener, tief 
beleidigt, sich ein für alle Mal vom Forum zurückzieht. Von 
Antithese dcü Wortfigurcu War, wie nicht anders zu erwarten, die Anti- 
paraueus- thcse am beliebtesten: sie machte am meisten Furore: excqpta 
"*"■* est sententia (Sen. contr. VII 6, 19 a. E.; suas. 5, 6), was sich 
durch Persius 1, 85 ff. hübsch illustrieren läfst: 

^fur es' ait Pedio. Pedius quid? crimina rasis 
librat in antithetis, doclas posuisse figuras 
Jaudatur: ^bellum hoc^^). hoc bellum? an, Bomule^ ceves? 
Die Zahl der Beispiele für diese Figur bei Seneca wird 100 
weit übersteigen; von den Arten mögen folgende beliebig heraus- 
gegriffene Proben eine Vorstellung geben. Antithese mit iöö- 
x(oXov und gelegentlichem iiuoLotHsvrov z. B. xdJiai [ih/ ix- 
^ixoiq xivdwog fjv tb ^Ltp^vai^ vvv d\ xo tQag>fjvat (contr. X 
4, 21), ei nvgl xal öidi/JQO} ^ayQafpovvtat^ tlvv rvQowoiivttu; 
(X 5, 23), hoc unum sciOj ncc fieri quod non potest nee portenttim 
esse quod potest (I 3, 4), lege damnata est: haheHs itsdudum. de- 
ieda est: habetis exemplum (ib. 6), pater rogabat ut occiderem^ 
mater ut viveret; pater ne nocens inpunita esset, maier ut ego in- 
nocens essem; pater recitabat legem de adülteriis, mater de parri- 
cidiis (I 4, 9), merito abdicasti an immerito? si immerito abdicasti, 
odi patrem tot eicientem innocentes: si merito, odi domum tot for 
cientem nocentes (II 1, 4), perit äliqua ctim viro, perit aliqua pro 
viro; illas tainen omnis aetas honorabit, omne celebrabit ingenium^ 
(n 2, 11 von Ovid), alam qui propter debüitatem alitur^ non alam 
qui propter alimenta dä)ilitatur (exe. III 1), alter quos roget non 



1) Cf. über diese Akklamation C. Morawski 1. c. 876 f 

2) Durch die Umstellung celebrabit ingenium wird zwar das di^ouni- 
Xavtov verwischt, aber dafür die Klausel aux üu k^ erreicht. 



Der neue Stil. 289 

videty alter guibus roget non habet (VTI 4, 9)^); etwas anderer 
Art: refulsit inter privata pocula ptiblicae securis acies (IX 2, 24, 
wo Seneca selbst die Thorheit notiert, privata pocula wegen 
puhlicae securis zu sagen). Ohne Parallelismus (Gedanken- 
antithese): VII 4, 9 redet ein Vater seine Sohne, von denen 
der eine beim Tyrannenmord die Augen, der andere in der 
Schlacht die Hände verloren hatte, an: exsurgite nunCy viva ca- 
davera; exe. VIII 6: einer kommt, der Gefahr eines SchiflF- 
bruchs mit Not entronnen, ans Land, wo ihn sein Feind er- 
wartet, das drückt er so aus: adhuc tarnen bene, itidices, navi- 
gamus; naufraginm maius restat in litore.^) Am liebsten tritt 
der Parallelismus in der Form des t(fixa)Xov (und tstQd- 
xaXov) auf^, z. B. contr. I 3, 2: damnata est quia incesta eratj 
deiecta est quia damnata erat, repetenda est quia et incesta et dam- 
nata et deiecta est II 2, 4: vir, dum nimis amat uxorem, paene 
causa periculi fuit; uxor, dum nimis amat virum, paene causa 
luchis fuit; pater, dum nimis amat ßiam, abdicat 11 3, 5: hoc si 
reo diciSj non curo; si iudici, videbo; si dementi, non inteUego 
exe Yl 4: sie egit ut deprehenderetur, sie deprehensus est ut exoror 
retur, sie bunt ut viveret, IX 3, 14: ergo ego tollere potui, edueare 
potui, tacere non potui? IX 6, 18: invenit^ quomodo damnata ac- 
cusaret, moriens occideret, torta torqueret suas. 7, 8: videlieet Cicero 
audiat Lepidum, Cicero audiat Antonium, nemo Ciceronem. An 
zwei Stellen spricht Seneca ausdrücklich über die Sucht, un- 
bekümmert um den Sinn diese Figur nur um ihrer selbst willen 
zu verwenden: contr. 11 4, 12: hanc controversiam cum declamaret 
Maximus (Fabius M. f 14 n. Chr.), dixit tricolum tale qualia 



1) Der parallele Satzbau war Veranlassung , dafs in unsem Hand- 
schriften eine grofse Zahl von Stellen lückenhaft ist, z. 6. ist sicher rich- 
tig ergänzt 11 1, 15 si omnes mcUi sunt, quid isto patre (miserius? si omnes 
boni sunt, quid isto patre} furentius? cf. II 2, 4 u. ö. Seneca selbst liebt 
die Figur auch, cf. contr. IV praef 1 (p. 224, 9 Müll.). IX 4, 21 (p. 413, 6). 

2) Aus dieser Antithesensucht erklärt sich die Vorliebe der Deklama- 
toren ftir die gern in antithetischer Form auftretenden Sentenzen des Pu- 
blilius Syrus; darüber giebt eine interessante Ausführung Sen. contr. VII 
8, 8, wo aus Syrus angeführt wird: tarn dest avaro quod habet quam quod 
non habet y desunt luxuriae muüa, avaritiae omnia, o vita tnisero longa fe- 
lici brevis. Cf. die Sentenzen bei Seneca ep. 108 und W. Meyer, Über die 
Sprachsammlung des Publ. Syrus (Leipz. 1877) 37 f. 

8) Cf. meine Untersuchung im Greifswalder Progr. 1897 p. 41f; 49. 
Horden, antike Knnitprota. 19 



290 Von Augastos bis Traian. 

sunt quae hasüicam infedant.^) dicebat (udem a park (pairis): 
^omnes aliquid ad vos inbeeiUi aUer aUerius onera detulimus: ae- 
cusatur pater in ültimis annis, nepos in primis ^adoptatur, in 
mediis abdicatur}^) filitisJ' YIII 2, 27: dixä Murredius ülud 
tetracolon ^senndxU forum cubiculo, praetor meretrici, carcer can- 
viviOf dies nocti* novissitna pars sine sensu dicta est, td impUretur 
numerus, quem enim sensum habet: ^serviebat dies nocH*? hanc 
ideo sententiam rettuli, quia et in tricolis et in omnibus huiuf 
generis sententiis curamus ut numerus constet, non curamus an 
sensus. ') 
Bthythmni. Ein Wesentliches Charakteristikum dieses Stils war der 

Rhythmus. Ich muTs darauf etwas näher eingehen, weil dies 
Moment besonders wichtig ist, um diesen Stil in seiner histo- 
rischen Entstehung und Fortentwicklung zu begreifen. Wir 
wissen (s. o. S. 53 ff.), dafs seit den Zeiten des Isokrates kein 
unter der Theorie stehender Schriftsteller seine Diktion on- 
rhythmisch gestaltet und kein Stilkritiker eine solche Diktion 
für ezistenzberechtigt gehalten hat; wir wissen aber ebenfalls 
(s. o. S. 135 ff.), daCs schon früh in gewissen Ejreisen die Xd^ig 
BÜQv^fiog zur Xdl^tg ivQv%^oq wurde, vor der die angesehensten 
Kritiker vergeblich warnten. Bei den Deklamatoren der Eaiser- 
zeit wiederholen sich die Verhältnisse aufs genaueste und auch 
hier suchen die angesehensten Männer vergebens dem Verfall 
des Geschmacks Einhalt zu gebieten. Das IX. Buch Quintilians 
ist speziell der Lehre vom Rhythmus gewidmet und daher ganz 
durchzogen von einer Polemik gegen. die Ezcesse seiner Zeit in 
dieser Richtung; er tadelt vor allem die Vergewaltigung der 
Wortstellung dem Rhythmus zuliebe, und zwar eines ganz 



1) Insectant codd., corr. 0. Jahn. Die in Müllers Ausgabe aufgenom- 
mene Änderung von £. Thomas haaüicani sectantur ist yiel unwahrschein- 
licher. Für die hcisilica cf. San. contr. IX praef. 8 a. £. 

2) Diese Worte ergänzt Müller, andere ähnlich; der Sinn steht fest 
8) Auch Wortspiele fehlen nicht, obwohl sie durchaus nicht häufig 

sind: Sen. contr. IL 1^ S2 sie de me dives meruit, ut iUi et dare fiUum para- 
tu8 sim et commodare, X 1, 10 mülier quem virum paire relieto secuta fuerat, 
patre viso conaecuta est, suas. 7, 11 dixit (der Name ist ausgefallen) «e»- 
tenttam cacozeliae genere humültmo et sardidissimo , quod detraetu (»ut adiee- 
tiane eyllabcie facit sensum: 'pro facinus indignum: peribit ergo quod Cicero 
scripsit, manebiU quod Antonius proscripsit?* exe. V 1 Cn. Pompeius in Phar- 
salia victus acte vixit (cf. oben S. 208). 



Der neue Stil. 291 

weichlichen und weibischen Rhythmus, der auf das Ohr keinen 
andern Eindruck mache, als das ESingeln von Schellen und 
Glockchen ^): IX 4, 28 (es sei erlaubt, mit Mafia die Worte des 
Rhythmus wegen umzustellen): quaedam vero transgressiones et 
Umgae sunt nimis . . . et Interim etiam compositione vitiosae, quae 
in hoc ipsum petuntur^ ut exultent atque lasciviant 4, 6: neqtie si 
parvi pedes vim detrahunt rebus, ut sotadeorum et galliam- 
horum et quarundam in oratione simüi paene licentia lascivientium, 
campositionis est iudicandum ib. 66: mediis quoque non ea modo 
cura süf ut inter se cohaereant, sed ne pigra, ne longa sint, ne, 
quod nunc maxime Vitium est, hrevium contextu resultent ac 
sonum reddant paene puerilium crepitaculorum 112 f.: totus 
vero hie locus (sc. de numero oratorio) non ideo tractatur a nobis, 
ut oratio quae ferri debet ac fluere dimeUendis pedibus ac perpen- 
dendis syüabis consenescat, nam id cum miseri tum in minimis oc- 
eupati est, neque enim qui se totum in hac cura consumpserit, po- 
tiaribus vacabit, si quidem relicto rerum pondere ac nitore contempto 
Hesserulas, ut ait LuciliuSj struet et vermiculate inter se 
lexis committet! nonne ergo refrigeretur sie calor et impetus 
pereat, ut equorum cursum delicati minutis pedibus frangunt? 
142: in Universum, si sit necesse, duram potius atque asperam com- 
posüionem malim esse quam effeminatam et enervem, quaHs 
apud muUos et cotidie magis lascivissimis syntonorum modis 
saltantes.^ Schon die beiden Seneca haben gelegentlich auf 
dies Vitium hingewiesen: an AreUius Fuscus aus Asien tadelt 
der altere eine composiiio verborum mollior und eine fracta com- 
positio (contr. praef. II 1; suas. 2, 23); der jüngere tadelt 
ep. 100, 5: verba huius saeculi more contra naturam suam 



1) Tinnüli nennt diese Deklamatoren Qoint. 11 3, 9 ; Unnitus GcUlümia 
Tac. dial. 26. 

2) Was das heifst, ist zu ersehen aus folgender Note des Salmasius 
zu (Flay. Vop.) vit. Carini c. 19 (in der Ausgabe Lugd. Bat. 1671 vol. n 
p. 840) scabeUa, quod sine tUla tont variatiofie tenore quodam cantinuo et 
aequali ad pedem feriebantur, inde etiam syntona sunt appellata, avwtovov 
enim Graed non tantum, quidquid vehemens est rigidum et incit<Uum, dicunt, 
$ed etiatn quod unius toni eiusdemque tenoris est. Hesychius avvtx^g inter 
aUa interpretatur : avvtovov atpodgbv laxvgbv avvexh$ ^inc avvtova iXxHv 
apud Euripidem 'aequali nisu trahere\ apud eundem avvtova quae in tono 
eomenHunt et eiusdem toni sunt: in Aulide Uys xal ariiiatv', iva %a\ yXmcctj 
a^vtava totg aolg ygdiifiaaiv aid&. 

19* 



292 Von Angastos bis Traian. 

posita et inversa, beweist das ep. 114^4 ff. an einigen ans 
Maecenas angeführten Proben, die wir gleich genauer zu be- 
, trachten haben^ und sagt im allgemeinen ep. 115, 2: oratio cuUus 
animi est: si circumtonsa est et fucata et manu facta^ ostendit ülum 
guoque non esse sincerum et habere aliquid fractü non est oma- 
mentum vmte concinnitas. — Beispiele lieisen sich (um mich 
zunächst auf die erste Eaiserzeit zu beschränken) genng an- 
führen, doch kann man hier das meiste nur fühlen; so sah Se- 
neca (contr. IX 2, 24) eine mollis compositio in folgenden Worten 
eines gewissen Florus: 

inter temülentas ^ j, j,\yj j. j. 

ebriorum reliquias j, ^ ^ ^ s^ ^ ^ 

humanum everritur caput .^vy_|-tu_ucr; 

die ersten beiden Worte malen mit ihrem baccheischen, d. h. 
nach römischer Auffassung ionischen Rhythmus die Trunkenheit, 
wie bei Plaut. Pseud. 1246 ff, es folgen Reihen, die beide 
trochäisch {fiaXaKArsgov Dionys. de comp. 19) auslauten. Von fol- 
genden Worten eines Griechen (Sen. contr. VII 1, 25) gilt, was Quin- 
tilian 1. c. (66) sagt: „durch die Zusammenfügung von Kürzen 
hüpfen sie und geben einen Schall wie die Klappern der Einder"": 

Ilööstäov^ äfAStgiJTODv ddöxota ßvd'&v w ^ v> | va^ z ^ | ^ vaa^ . 

ri)i/ ivahov xXtiQtoadusvs ßaöiXsiav _ Ouu^ | _ j, uuu \\ju j. j. 

&vdytxaL ücatQoxt6vo$' o^ v^ z | ^^ u 6 

fietä naxiQa dixaöov va^ v^ v^ vu (dochm.), 

und wie weichlich sind folgende Rhythmen (ib. 26): 

69cdg>og iQtifiov &v66tov rtJ^i^S« ^a>u j.\^ju j. j,\kj j, 

vavaybg &nb kifidvayi/ äv^yov, j. jl kj^ v^va^ _ v> ^ u. 

Arellius Fuscus sagt in einer ixfpQaöig (bei Sen. suas. 3, 1): ne- 
gatis imbrihtAS exurunt (sc. siderd) solumj et miseri cremata 
agricolae legunt semina: man stelle sich die letzten fünf 
Worte nur so um, dafs sie regulär gestellt werden, um sofort 
zu fühlen, dafs der raffinierte Rhythmus (/va/ x^j .w | saa> ^v^i ^w 6) 
verloren geht. Berüchtigt war bekanntlich wegen seines Stils 
Maecenas: man fand in den bis zur Entnervung schlaffen 
Rhythmen und den bis zur Rücksichtslosigkeit verwegenen 
Worten und Konstruktionen seines Stils ein Abbild des Mannes 
selbst, wie besonders der jüngere Seneca ausgeführt hat 
(ep. 19, 9; 114, 4 ff.); er und Quintilian IX 4, 28 haben uns 



Der neue Stil. 293 

einige Monstrebeispiele dieses Stils des Maecenas aufbewahrt, in 
denen das rhythmische Gepr^e so deutlich ist, daCs sogar Sca- 
liger und Lipsius sich abmühten, durch Änderungen einige in 
Verse zu bringen, obwohl sie ausdrücklich als Prosa citiert 
werden.^) Quintilian führt die folgenden Sätze an, aus denen 
man die dem Rhythmus zuliebe gewählte kühne Wortver- 
schränkung ersehen solle: 

söle et aürörä \ rubent plurima^ 

inter sacra \ mavit aqua \ fraxinos^) 

ne exequias quidem unus inter miserrimös viderem meäs.^) 

Bei Seneca stehen folgende Beispiele für verba impröbe stmcta, 
neglegenter äbiecta, contra consuetudinem omnium posita: 

dmne stlvisque \ ripa comantibus || vide ut alveum \ lintribus 
arent || versoque vado \ remittunt hortos — ^) 

feminae cincinno^ crispat \ et labris colümbätür \ iimpltque 
süspirdns 



1) Ich habe im folgenden versucht, das besonders ins Ohr Fallende 
absuteilen und durch den Druck herrorzuheben. Mit Accenten habe ich 
versehen nur die Formen j. u i, j. \j ^ und i ^ i. j. o. Über einzelnes werden 
andere nach subjektivem Empfinden anders urteilen. — Fr. Härder, Über 
die FragniL des Maecenas (Wiss. Beil. zum Progr. des Luisenst&dt. Gymn. 
zu Berlin 1889), müTste ganz neu gemacht werden: in der Erklärung begeht 
er die schwersten Mifsverständnisse und von der Art dieser Prosa hat er 
gar keine Vorstellung. 

2) Das zweite x<$fifia dochmisch. 

8) Die Erkl&rung ist zweifelhaft. Vielleicht ist nur gemeint, dafs er 
statt aqua fraxinos movit die Worte so umgestellt hat, dafs sie in drei 
%6muxra zerfallen, deren beide ersten je 4 Silben und gleichen rhythmischen 
Fall haben. 

4) Zum Inhalt der sonderbaren Worte: Claudius sieht bei Sen. apoc. 12 
sein Begräbnis: Clauditis ut vidit funus suum, inteUexit se mortuum esse. 
Wegen des burlesken Gedankens etwa aus dem Prometheus. 

6) Das zweite %&Xov schliefst mit dem y^ixQov y^CovQov^ welches Lnkian 
in der Tragodopodagra und Plautus im Pseudolus da braucht, wo er den 
betrunkenen Sklaven auf die Bühne bringt V. 1299; 1301. (Seneca 
nennt die Diktion des Maecenas die eines ehrius homo.) Daran schliefst 
iidi ein ionicus a maiore mit Anaklomenos. 

6) ciwno die Hss., woraus andere auch cirro machen; auf keinen Fall 
darf man eificinnos (cirro 8) schreiben: in dem an labris angeglichenen Ab- 
lativ liegt eben eine Verwegenheit. 



294 Von AugastuB bis Traian. 

ut cervice lassa fanantur \ nemoris tyranni^) 
inremediäbUts fäctio: \ rimantur epulis \J) lagonäque tem- 

ptänt domds \ et spe mortem exigunt^) 
genium feste \ vix sud festem 

tenuisve ceret filä \ 6t crepäcem moläm*) \ focum mater aut 

tixor tnvestiÜ7it 
ipsa enim altüudo \ ättonät sümmä,^) 

ngartiger Was ist null begreiflicher^ als dais eine so komponierte 
^ Bede beim Vortrag in formlichen Gesang ausartete? Ich moTs 
für meine weitere Untersuchung die Zeugnisse hierfür yoU- 
ständig vorlegen, werde aber vorläufig nur diejenigen anführen, 
die nicht jenseits der Zeit des taciteischen Dialogus liegen. Die 
Hauptstellen sind folgende: Seneca suas. 2, 10: recolo nihü 
fuisse me iuvene tam notum quam hos explicationes Fusci, qttas 
nemo nostrum non alius alia inclinatione vocis vdut stia quisqtte 
modulatione cantabat (cf. contr. 11 1, 25 f., wo in dem an- 
geführten Beispiel ein förmlicher Refrain auftritt, der be- 
zeichnenderweise mit einem ionicus a maiore auslautet). Au ct. 
xsqI ti^ovg 41^: [iixQOTtocovv d* aidiv ofitag iv totg infn^kotg 
&S ^vd'fibg xexXaöitivog Uyov xal ösöoßtiiiivog ^ olov dij xvQgi- 
Xioi xal XQO%atoi xal dtxÖQSioi^ xHbov Big ÖQXfl^tixbv öwBxxi- 
nxovxBg. Bi^i)g yäg xävta tpaivetai tä ocazdQv^fia xofi^ä xal 
fitxQoxa(^ Tcal äna^iöxata di& xi^g biiosidsücg im^oXa^ovra' xal 
hl xovroov xb ;|^£^p6tfT0i/ 8r^, &67tBQ xä pddQia xoi>g &XQOccTäg ixb 
xov xgdyfLarog &tpiXxBi xal itp" ainä ßid^sxaiy oCxmg xal xä jcatBQ^ 



1) Dem Inhalt entsprechend (denn natürlich sind die nemoris tyranni 
die GälU cf. Catnll 63. Ovid de a. a. m 712. Prob, zu Verg. georg. n 84) 
galliambischer Rhythmus (3 ßanx^toi bezw. fioXoacoi -\- Anaklomenos von 
der Form ^uiu--\ cf seine Verse bei Baehrens, fragm. poet. Rom. p. 389. 

2) Cf. Anm. 6. S. 293. 

3) Das letzte %6iiiu3c trochäisch. 

4) Eine unerhörte Verwendung des sog. Accus, graecus. inveaHwU 
%ccTaxQriatt%&g. 

5) Von Sen. ep. 19, 9 als ehrius sermo bezeichnet und als atUmita 
habet summa erklärt. — Zu den oben citierten Fragmenten konunen fBr 
den Rhythmus noch: Serv. z. Aen. VlII 310 die Klausel iuventae redüeit 
bona und Priscian I 536 pexisti \ captllum | ncUürae \ munirtbtu \ gratum 
(oder: müneribüs gratum). 

6) Schon Ton F. Leo im Herm. XXIV (1889) 285, 8 richtig auf die 
Asianer bezogen. 



Der neue Stil. 295 

qv^iu6fdva t&v Xsyondvmv aif rö tot; löyov xd^og ivdidoDöt 
rotg ixaöovöt^ rö di rot) ^v^^v, &g ivCots ngoBiditag xäq ötpBL- 
loiidpag xataXi^l^Big ainoi^g imoxQoiistv rotg kiyovöi, xal ffd-d- 
viymag hg iv xoq^ xivi n(fOoatodid6vai xijv ßi6iv. Per- 
sius 1, 88 flf.; Seneca ep. 114, 1; 15; Quintilian XI 3, 57 flf.: 
quodcumque ex his Vitium magis tulerim quam, quo nunc maxime 
laboratur in causis omnüms sckolisque, cantandi, quod inutilius 
sit an foedius nescio, quid enim minus oratori convenit quam mo- 
dulatio scaenica et nonnumquam ebriorum aut comisantium li- 
centiae similis? .... nam Cicero illos ex Lycia et Caria rhetores 
paene cantare in epilogis dixit (or. 57), nos etiam cantandi se- 
veriarem paulo modum excessimus. quisquamne, non dico de homi- 
cidio sacrUegio parricidio, sed de cälculis certe atque rationibus, 
quisquam denique, ut semel finiam, in Ute cantat? quod si omnino 
recy^endum esty nihil causae est cur non illam vocis modu- 
lationem fidibus ac tibiis^ immo mehercule, quod est huic 
deformitati propiuSj cymbalis adiuvemus; cf. IV 2, 36 fiP,; 
XI 1, 56; Plinius ep. II 14, 12 f.: pudet referre, quae quam 
fracta pronuntiatione dicantur, quibus quam teneris damoribus ex- 
dpiantur. plausus iantum ac potius sola cymbala et tympana 
Ulis canticis desunt Tacitus dial. 26: quod vix auditu fas esse 
debeai, laudis et ghriae et ingenii loco plerique iactant cantari 
saltarique commentarios suos. Wenn man dazu noch nimmt, 
dafs diese Reden mit der lebhaftesten und lascivesten Gesti- 
kulation, welche die strengen Kritiker mit ausgelassenen Tänzen 
vergleichen, vorgetragen wurden (Quint. XI 3,71; 120; 126; 
183. Tac. 1. c. nach den angeführten Worten: unde oritur illa 
foeda et praepostera scd tamen frequens quibusdam exclamaiio, ut 
oratares nostri tenere dicere, histriones diserte saltare dicantur), so 
hat man ein ziemlich deutliches Bild von der Art des Vortrags 
dieser Deklamationen. 

Das Streben nach stark ausgeprägter Rhythmisierung einer- Auriöioo 
seits und nach möglichster Zusammendrängung des Gedankens in Periode. 
kurze Sätzchen hat nun zur Folge gehabt, dafs den Schrift- 
stellern, die im Bann dieser Stilprinzipien standen, die Kunst 
des Periodisierens abhanden kam. Man war gewohnt, nach 
jeder Sentenz eine Pause zu machen, während welcher die Zu- 
hörer das Bedürfnis, ihren Beifall kund zu geben, befriedigen 
konnten: Sen. contr. IX praef. 2, cf. Pliu. ep. II 14, 10 ff.; wie 



296 ^on Augustus bis Traian. 

nötig es war, unter diesen Umständen in kleinen Sätzchen zu 
sprechen, kann man, um ein Zeugnis späterer Zeit anzafcLhren 
(was bei der Kontinuität dieser Entwicklung erlaubt ist), aus 
der Klage des Libanios (or. I 179 R.) ersehen: wenn Piaton und 
Demosthenes vorgelesen wurden, lärmten die Zuhörer bei ein- 
zelnen Teilen der langen Sätze so, daCs man das dazwischen 
Liegende gar nicht zu hören bekam. Was also war begreiflicher, 
als dafs man es lieber so machte wie Prohairesios, der Zeit- 
genosse des Libanios, der, wie Eunapios y. soph. p. 83 Boiss. 
berichtet, &Q%Bxai, (ihv kiysiv ^vSriv xatä tbv XQÖtov iva- 
xavmv ixatftijv xegioSov? Für die vorliegende Epoche wird 
dasselbe bezeugt: Quint. YIU 5, 27: fadt densüas sentenüarum 
concisam quoque orationem: subsistit enim omnis sententia ideoque 
post eam utique aliud est initium. unde soluta fere oratio et e 
singulis non membris sed frustis collata structura caret^ 
cum itta rotunda et wndique circumcisa insistere invicem negueanU 
%6qX v^ovq 42: hy ye (lijv vil^ovs iisiouxbv xal ^ &yav ti^g 
ipQdöstog 6vyxo7tii^)' xriQot yäQ tb (idysd'og, Stav slg kCav 6x}vd- 
ytjxac ßQccxv' äxaviö^o dh vvv fii) xä oi deövtag 6w£6tQa[iiidvay 
&kk^ S6a &vrM(fvg ^ix(fä xal xataxsxeQ^tiöiidva' 6vyxo7til liiv 
yäg xoXovsc tbv vovVj öwtoyiCa d' ixav&vvsL. Der Einfluls dieses 
Stilprinzips auf die Litteratur der Kaiserzeit tritt ja, um das 
gleich hier zu bemerken, handgreiflich zu Tage. Aus der Zeit 
des älteren Seneca will ich je ein griechisches und lateinisches 
Beispiel anführen. Dorion liefs einen Vater etwa so sprechen 
(bei Sen. contr. I 8, 16)^): tig ijtiSviiiay xixvov^ rnucyiiiva nutv^ 
fl(iayiiidva q>aystv; q)oßoviiaCj ftij xov ycaQaral^Lg^ fiij xov Xtiiög, 
litj nov xddTj tf' €kjj. ipoßovinav xsqI trjg (j6flg ttJ;fijs>. oItcoi 
ndv£. rt, tdxvov, g>Qvd66y; Von Argentarius sagt Seneca contr. 
IX 2, 22 (Flamininus läfst auf Bitten seiner Geliebten einen 
Verurteilten beim Gastmahl hinrichten): Argentarius in quae so- 
lebat Schemata minuta tractoHonem violentissime infregit: ^age lege: 
sciSj inquity quid dicat? interdiu age^ in foro age. stupet lidor. 
idem dicit quod meretnx sua: hoc numquam se vidisse\ Der Ver- 



1) Cf. dtaxsxoftfiit^ (pgdatg Ael. Harpocr. ars rhet. ap. anonym. Speng. 
I 459, 29. 

2) Einzelne Worte sind unsicher, wie bekanntlich in den meisten der 
griechischen Citate bei diesem Autor. Ich gebe den Text der Müllerschen 
Ausgabe. 



Der neue Stil. 297 

fasser der Leichenrede auf Murdia (CIL VI 10230) weifs zierlich 
zu sagen: constüit ergo in hoc sibi ipsa, ut, a parmtibus dignis 
viris data^ matrimonia obsequio probitate retineret, ntipta meriteis 
grtUior fieret, fide carior haberetur, iudicio omatior rdinqueretur, 
posi deeessum consensti civium laudaretur, quam discriptio partium 
habeat gratum fidumque animum in viros, aequalüatem in liberos, 
tustitiam in veritate, aber an der langen Periode am Schlulis des 
Ganzen scheitert er zweimal in kläglichster Weise. ^) Yelleius 
kann keine langen, kunstvoll gegliederten Perioden bauen (nur 
die isokolisch gebauten gelingen ihm wie dem Verfasser der lau- 
datio der Murdia, z. B. B. n in.): wo er es versucht, gehen sie 
ihm in die Brüche (z. B. 11 18, 1). In dem kurzen Edikt des 
Claudius de civitate Anaunorum (CIL Y 5050) ist eine Periode 
(7 ff.) verfehlt {isque wird nicht in is zu ändern sein). Seneca 
der Jüngere schreibt in minutissimis sententiis, die vor den 
Augen des an ciceronianische Perioden gewöhnten Quintilian 
keine Gnade finden (X 1, 130), wie bezeichnenderweise um- 
gekehrt Seneca an den gleichmä&ig fliefsenden Perioden Ciceros 
keinen Gefallen hat (ep. 114, 16). Bei dem altem Plinius sind 
gutgegliederte Perioden (wie YII 186: L. Domitius . • apud 
Massüiam vidt^Sf Corfini capitis ab eodem Caesare, veneno capto 
propter iaedium vitae, postquam biberat, omni ope ut viveret adnisus 
est) Seltenheiten; im allgemeinen gilt, dals bei ihm da, wo er 
zu periodisieren versucht, wahre Satzungetüme entstehen, die 
man nur mit Mühe entwirrt.^) Über Tacitus werden wir später 
genauer zu handeln haben. Das SC de sumptibus ludorum gla- 
diatorum minuendis vom J. 176/7 (CIL II 6278) zeigt an drei 
Stellen (48 ff.; 54 f.; 62 f.) völligen Mangel an Gefühl für Periodi- 
sierung. Unter den Griechen weils selbst Dio Chrysostomos nicht 
geschickt zu periodisieren: man lese z. B. den Ei>ßotx6g, in dem 
ihm die Imitation der kdl^tg elQondvr^ des Jägers sehr hübsch 
gelungen ist, während die langen Perioden des zweiten Teils 
meist unbeholfen sind. Favorin weifs in seiner unter den 
dionischen stehenden korinthischen Rede die kleinen Sätze zier- 
lich zu bauen, aber lange Perioden milslingen ihm (§ 20 ff.; 25). 



1) Cf. A. Eudorff in: Abh. d. Berl. Ak. 1868 p. 250. 
«) Cf. Job. Müller, D. Stil d. alt. Plin. (Innsbr. 1883) 24 ff. ; man lese 
z. B. Vn 843. XXVI 14. XXXVI 117. 



298 Von Augastus bis Traian. 

In dem langen, aus der Zeit des Commodus stammenden Pro- 
ömium des pseudoxenophontischen Eynegetikos findet sich nor 
am Schluls eine ganz einfache kleine Periode, sonst lauter kleine 
Satzteile.^). In erhöhtem Malse crilt das für die jenseits unserer 
Epoche liegenden christlichen Redner wie Gregor von Narianz 
und Proklos Yon Eonstantinopel, worüber später genauerea') 
Schwulst Wenn wir alles überblicken, so begreifen wir, mit welchem 

Ziererei. Rccht die strcugeu Eunstrichter diesen Stil mit dem Namen des 
^kranken', des ^korrupten' gebrandmarkt haben, denn dies ist 
seine feststehende Bezeichnung.'). Die Xdl^ig di£g>9oQvtaj cor- 
rupta ist identisch mit der Xil^ig xaxtfgijAog, so hat sie daher 
Quintilian an der oben (S. 278) ausgeschriebenen Stelle (Vm 
3, 56 S.) genannt und charakterisiert. Nach der besten uns er- 
haltenen Definition (s. o. S. 69, 1) besteht das Wesen der xa- 
xo^rikÜK in zweierlei Fehlem, Schwulst und Ziererei: Diomedes 
GL I 451 E.: cacoeelia est per affectationem decoris carrupta sei^ 
tentia, cum eo ipso dedecoretur oratio, quo iUam voluit audar 
Omare, haec fit aut nimio cultu aut nimio tumore. Ebenso 
sagt Quintilian (XII 10, 73) corruptum dicendi genus . • aut pu- 
erilibus sententiolis lascivit aut imtnodico tumore tur- 
gescit. Für den affektierten Schmuck der Diktion imd die wohl- 
abgezirkelten Sätzchen ist oben genug angeführt; nicht weniger 
häufig wird der tumor gerügt: das Wort (bezw. das Adjektivum) 
findet sich bei den Autoren, denen wir im wesentlichen gefolgt 
sind, an folgenden Stellen: Seneca contr. IX 2, 27; X 1, 14; 
suas. 1, 12 (dort auch inflattim); 16. Seneca ep. 114, 1. Quin- 
tilian II 3, 9; VIII 3, 56; X 2, 16; XH 10, 73; 80. Plinius 
ep. IX 26, 5; einige Proben eines gewissen Rhetors Musa giebt 
der ältere Seneca contr. X praef. 9, sie mögen hier, um die Art 
zu veranschaulichen , angeführt werden: von Feuerspritzen sagte 
er caelo repluunt, von Sprengungen odorati imbres, von einem 



1) Cf. L. Radennacher im Rhein. Mus. LU (1897) 27. 

2) Über die frühere Zeit s. oben S. 64; 134 f. und A. Brinkmann, De 
dial. Plat. (Dias. Bonn 1891) 14, 4. 

8) Bei Seneca d. Ä. kommt das Wort an folgenden Stellen vor (ich 
citicre nach Seiten und Zeilen der Müllerschen Ausgabe): 66, 12. 121, 18. 
181, 7. 210, 11. 220, 11. 286, 19. 311, 2. 391, 8. 421, 12; 14. 489, «1. -491, 
9; 14; 19. 502, 9. 508, 13. 505, 15. 627, 13. 528, 3; 13. 630, 20; 22 (an 
letzter Stelle der Gegensatz sanutn). 



Der neue Stil. 299 

woUgepflegten Park caelatae silvaey von einem Gemälde nemora 
surgentioj tind von plötzlichen Todesfallen horte ihn Seneca fol- 
gendes Ungeheuerliche (z.T. auf Gorgias Zurückgehende) sagen: 
qtUdqiad avium volitai, quidquid piscium natatj quidquid ferarum 
discurritj noshris sepditur ventribtts. qtuiere nunc^ cur sttbito mori- 
amur: mortSms vivimus. Wenn Plinius in dem oben (S. 282 f.) 
angefahrten Brief (IX 26) schreibt: nequaqtiam par guhematoris 
est virtus, cum placido et cum turbato mari vehüur: tunc admirante 
nuUo inlaudatus ingloriosus subit partum, at cum stridunt funes, 
curvatur arbor, gubernacula gemunt^ tunc ille elarus et 
dt 8 maris proximus und zum Schluls mit einem a£Fektierten 
Scherz sagt, er fürchte, sein Freund würde ihm diesen Satz als 
schwülstig anstreichen, er halte das aber für erhaben, so können 
wir nur dem Freunde recht geben. 



4. Resultate. Litterar- 

hittorlioh 

Die genaue Prüfung der Einzelheiten des neuen Stils hat ergeben, zuiunm« 
dab die oben (unter 4 S. 263 ff.) aufgeführten antiken Zeugnisse, 
nach denen er als Fortsetzung des Asianismus seit dem lY. Jh. 
Y. Chr. galt, zu Recht bestehen. Hier wie dort fanden wir de- 
klamatorisches Pathos, pointierte Sentenzen, zerhackten Satzbau, 
TdUige Rhythmisierung (und zwar in den weichlichsten Rhythmen- 
geschlechtem), singende Vortragsweise, Aufgehen der Prosa in 
die Poesie, dieselbe Abwendung yom Natürlichen, dieselbe * Er- 
krankung'; wir fanden, dafs die beiden Kardinalfehler des alten 
Asianismus, die Cicero hervorhebt, Ziererei und Schwulst, von 
den Stilkritikem der augusteischen und traianischen Epoche auf 
den Stil der zeitgenossischen Deklamatoren übertragen wurden. 
Da nun früher (8. 138 f.; 147) der Nachweis erbracht worden ist, 
dafs der Asianismus der alten Zeit sowohl in seiner allgemeinen 
Erscheinung als Schuldeklamation als auch in allen seinen Einzel- 
heiten eine natargemälse Weiterentwicklung der sophistischen 
Eunstprosa der platonischen Zeit war, so gelangen wir zum 
Resultat, dafs wir in der Entwicklungsgeschichte der 
antiken Eunstprosa eine direkte Verbindungslinie zwi- 
schen dem V. Jh. v. Chr. und dem II. Jh. n. Chr. ziehen 
dürfen. Bevor ich nun aber die in gerader Richtung noch 
Jahrhunderte lang weiter gehenden Yerrängerimgen dieser Linie 



300 ^on Augustus bis Traian. 

verfolge, will ich zunacbst an einigen uns erhaltenen lateinischen 
Autoren der vorliegenden Epoche zu zeigen versuchen , wie uns 
die Theorie in der Praxis entgegentritt. 



Zweites Kapitel. 
Die Praxis.*) 

Senecad. Ä. 1. Scucca der Ältere, der so för Cicero schwärmt^ dab 
er einmal sagt, nach ihm hätten die ingenia aufgehört (contr. X 
praef. 7), ist in seinem eigenen Stil, den wir aus den Vorreden 
erkennen, doch ein Kind seiner Zeit: sein Stil ist ähnlicher dem- 
jenigen der von ihm citierten und so offc gerügten Autoren als 
dem Ciceros, er liebt Pointen und verfällt gelegentlich (z. B. X 
praef. 6) in pathetische Deklamation. 
Trogug. 2. PompeiusTrogus scheint mir von Fr. Aug. Wolf viel zu 

ungünstig beurteilt zu werden, wenn er von ihm schreibt (in der 
Praef atio zu seiner Ausgabe der Marcelliana [Berlin 1802] XXXII): 
prosam orationem et historiam simili labe (nämlich durch die Rhe- 
torik wie Ovid die Poesie) inquinavit Tragus Pompeius, pendens mar 
xitne a TheopompOy in quo antiquitas scholam Isocratis rhetoris agno- 
vit^) In der von lustin wörtlich mitgeteilten, von Trogus selbst in 
indirekter Rede gegebenen Rede des Mithridates (XXXVIII 4 fL) 
ist er in der Anwendung rhetorischer Mittel durchaus mafsvoU; 
würde es überhaupt ein stark rhetorisierender Historiker über 
sich gebracht haben, direkte Reden prinzipiell auszuschliefsen 
und ihren Gebrauch bei Sallust und Livius zu tadeln (Inst 
XXXVni 3, 11)? Auch bei lustin*) selbst, von dem wir nicht 

1) Über die meisten Schriftsteller werde ich kurz hinweggehen. 

2) Ganz ähnlich schon vorher Ruhnken, Praef. zu Vell. Paterc. (Lngd. 
Bat. 1779) 8. p. und J. Chr. H. Krause Praef. zu Vell. Pat. (Lips. 1800) 29. 

8) Die gewöhnliche Annahme, er habe zur Zeit der Antonine ge- 
schrieben, halte ich für falsch. Wer attaminare virginem, stctgnare se ad- 
versus invidias sagt, gehört nach meinem Gefühl frühstens ins dritte Jahr- 
hundert, also etwa die Zeit, wo Festus den Yerrius epitomierte. Ins vierte 
Jahrh. möchte ich deshalb nicht hinabgehen, weil fiir die damaligen Be- 
dürfnisse diese Epitome zu ausführlich ist. Die Zusammenstellung der 
nachklassischen Wörter bei Fr. Fischer, De elocutione lustini (Dias. Halle 
1868) ist ganz nützlich, aber er hat sie zeitlich nicht genügend verwertet. 



Seneca d. Ä. Trogns. Vitrav. 301 

wisseiif wie weit er stilisidscli geändert hat^ tritt das rhetorische 
Element gar nicht stark hervor, wenn man ihn z. B. an Florus 
mÜBt; einen Satz wie XII 16, 11: cum ntdlo hostium unquam con- 
gressus est quem non vicerü^ nuUam urbem öbsedü quam non ex- 
pugnaverüf mdlam gentem adiit quam non caicaverit laust man sich 
an einer panegyrisch gehaltenen Stelle gern gefallen, wie ahn- 
liches, was Cicero einst von Pompeins sagte. ^) 

3. Vitruv ist nicht blofs wegen seiner viel Vnlgäres ent- vitmr. 
haltenden Sprache interessant (ich erinnere nnr an 1400 maliges 
is neben 5 maligem üUf offenbar weil für den Mann iUe schon 
nicht mehr pronominal gefühlt wurde), sondern auch wegen 
seines Stils. Er hat Yarro (z. B. de architectura, de bibliothecis, 
de admirandis) förmlich geplündert, wie sich besonders durch 
Vergleich mit Plinius näher zeigen lassen mufs'); er schreibt 
auch wie Yarro, roh, unbeeinfluDst von der modernen Technik. 
Er bittet I 1, 17 den Augustus imd seine Leser um Entschul- 
digung, wenn er grammatische Fehler mache, er sei weder rhetor 
diserius noch grammaticus, sondern architedus, das merkt man 
überall. In den langen Vorreden, die ohne inneren Zusammen- 
hang mit dem Werk sind und nur dazu dienen sollen, die ency- 
dias eruditio des Verfassers, d. h. seine Lektüre der varronischen 
Disciplinae zu zeigen (der Kaiser, an den sie gerichtet sind, wird 
wohl Besseres zu thun gehabt haben als sie zu lesen), nimmt 
er gelegentlich einen etwas höheren Schwung, wie II praef.: 
mihi autemy imperatar, staturam non tribuit natura, faciem de- 
farmavit aetas, vcUetudo detraxit vires VI praef.: ego autem, Caesar, 
mm ad pecuniam parandam ex arte dedi Studium, sed potius te- 
nuitatem cum hona fama quam abundantiam cum infamia se- 
quendam prdbavi; aber er wird dann meist entweder abgeschmackt 
(so wenn er sich I praef. 2 Caesaris virtutis studiosum nennt 
oder ib. 11 sagt, man müsse erst die übrigen Künste durch- 
machen, bevor man gelange ad summum templum architecturae) 
oder er hat die betreffende Partie abgeschrieben (so die Ge- 
schichte von den Karyatiden I 1, 5 f.). 

1) Über die Figuren bei Instin ganz dürftig Fr. Seck, De Pompei 
Trogi sermone, pars, n (Progr. Konstanz 1882) 24. Besonders beliebt ist 
Pftrallelitmas und Dreiteilung mit Anapher. 

9) Auch die peinlich genaue Rekapitulation am Anfang der einzelnen 
Bflcher findet sich sonst wohl nur so bei Yarro. 



302 "^on Augustus bis Traian. 

veueios. 4. Yellelus ist fiir uns der erste, der, jedes historischen 
Sinnes bar, Geschichte nur vom Standpunkt des Rhetors ge- 
schrieben hat. Der Eriegsmann hat ofiTenbar in seiner Jugend 
Zeit gehabt, die Schule der Deklamatoren durchzumachen; man 
hat das, was den Inhalt angeht, schon im einzelnen nach- 
gewiesen^) und ich brauche mich nicht damit aufeuhalten. Für 
die Sprache gilt das Gleiche. Das hauptsächliche Mittel, durch 
das er Effekt erzielt, ist die Antithese, sowohl in ihrer concisen 
Form (II 4, 6: spes desperatione quaesüa) als in der Form des 
parallelen Satzbaus, z. 6. 11 11, 1: quantum hello qptimus, tantum 
pace pessimus und der absichtlich das zweite Buch einleitende 
Satz: potentiae Romanorum prior Scipio viam apemerat, luxuriae 
posterior aperuit; quippe remoto Carthaginis metu süblataque imperi 
aemiüa non gradu sed praecipiti cursu a virtute descitumf ad vitia 
transcursum; vätis discipüna deserta, nova inducta; in samnum a 
vigiUiSy ab armis ad voluptates, a negotiis in otium conversa eivHas. 
Selten verfallt er geradezu in Geschmacklosigkeiten, wie II 4, 6 
(von Scipio Aemilianus): eius corpus velato capite eUUum, cuius 
opera super totum terrarum orhem Roma extulerat capwt {BiyyB)\ 
II 39, 3: parendi confessionem extorserat parens] H 15, 4: nee 
triumphis honoribusque quam out causa exUi aut exilio aut reditu 
clarior fuit Numidicus. I 11, 6: quaüuor filios sustuiit, mortui 
eius lectum pro rostris sustulerunt quattuor flii (Figur der ibnra- 
vixka6i^\ Quint. IX 3, 68). Die Wortstellung ist gelegentlich 
verschränkt^: I 9, 6: u< &tö milliens centies aerario contulerit HS 

1) Aufser den kurzen Andentungen von Pet. Burmann und Dav. Buhxi- 
ken in den Vorreden zu ihren Ausgaben cf. Jo. Chr. Heinr. Eranae in der 
Vorrede zu seiner Ausg. Leipz. 1800 p. 24 ff. (den etwas erweitert, ohne ihn 
zu nennen, Fr. Eritz vor seiner Ausg. Leipz. 1848 p. XLVI ff.) und gans be- 
sonders H. Sauppe im Schweiz. Mus. f. bist. Wiss. 1887 p. 178 ff. Efirzlich 
hat C. Morawski, De rhett. lat. observ. (in Abb. d. Krakauer Akad. Ser. IL 
T. L 1892) 382, 1. 384 sehr hübsch durch Vergleichung des Velleias und 
Florus die gemeinsame rhetorische Quelle nachgewiesen, cf. auch denselben 
in: Philologus XXXV (1876) 715, Wiener Studien IV (1882) 167 f., Eoa (ed. 
Cwikli^ski) 11 (1895) 1 ff. Vgl. noch II 66 die grofse indignatio über den 
Ciceromörder Antonius =» Sen. contr. VII 2 (cf. Sauppe 1. c. 178); 11 49 der 
Vergleich zwischen Caesar und Pompeius cf. Lucan I in. ; 116 die Reflexion 
über den plötzlichen Verfall der Litteratur nach ihrer höchsten Blüte, cf. 
Sen. contr. I praef.' 7. 

2) Cf. Fr. Milkan, De Vellei genere dicendi quaest. sei. (Diss. Königsb. 
1888) 9 f, cf. ib. 11 ff. über Allitteration u. dgl. 



Velleius. Valerins Marimug. 303 

13, 4: maximorum artificum perfectas mantbus tabulas; wenn man 
darauf achtet, wird man bemerken^ dafs er an gehobenen Stellen 
gern den rhythmischen SatzschlolB beobachtet^ z. B. I 2, 3: Co- 
drum cum morte aetema gloria^ Atheniensis secuta vtdoria^est (wo 
man nur zu stellen braucht^ was man erwartet victoria secuta est, 
nm den Unterschied zu f&hlen) und im gleich folgenden Satz: 
quis cum non miretur, qtii his artibus mortem quaesierity quüms ab 
ignavis vUa quaeri soleL Auf den durch die Vorliebe für die 
Antithese und kurze Sentenzen veranlafsten Mangel einer or- 
ganischen Periodenbildung ist schon oben (S. 297) hingewiesen 
worden.^) Man mufs ihm aber lassen, dafs er bei aller Manier 
oft packend und glänzend schreibt, besonders in den Charakte- 
ristiken (z. B. des Mithridates, Pompeius, Maecenas), die er 
gemäb dem seit Theopomp in der rhetorischen Historiographie 
üblichen Brauch einlegt. Er will nicht mit Livius yerglichen 
sein (man kann eben nicht Heterogenes vergleichen), sondern mit 
Nepos einerseits und Florus andererseits: jener schreibt wie ein 
pner für pueri, dieser wie ein insanus für insani: den Velleius 
liest man gern Yon Anfang bis zu Ende, nicht als Menschen 
oder als Historiker, aber als Schriftsteller, der in der Manier selten 
kindisch oder absurd wird. 

5. Valerius Maximus ero&et die lange Beihe der durch v»ieriiu 
ihre Unnatur bis zur Verzweiflung unerträglichen Schriftsteller 
in lateinischer Sprache. Der Mann hat sein Werk für die 
Khetorenschule gemacht, denn solche facta und dicta brauchte 
man dort zur Ausschmückung: Croesus und Crassus waren 
exempla corrueniium inter divüias suas, Cincinnatus und Fabricius 
fOr die paupertas maiarum (Sen. contr. II 1, 7 f.); man pflegte 
an&uzahlen exempla eorum qui fortiter perierant (Sen. suas. 7, 14), 
exempla honarum coniugum (contr. X 3, 2) und scheute sich nicht, 
solche exempla bei den Haaren herbeizuziehen (ib. VII 5, 13). 
Dafs jener Skribent wirklich diesem Bedürfnis entgegenkam, läfst 
sich z. B. aus folgendem Umstand beweisen. In einer beliebten 
Snasorie riet man dem Cicero, den Antonius nicht um sein 
Leben zu bitten, sondern tapfer zu sterben; zu dem Zweck 
ählte man auf exempla hominum qui ultra mortem adprehenderunt 
(Sen. suas. 6, 8), von denen einer natürlich Cato war (ib. 2). 



1) Cf. auch E. Klebs im Philol. N. F. Xu (1890) 287 f. 



304 Von Augustos bis Traian. 

Nun zählt Seneca der Sohn ep. 14, 4 S. ebenfalls Beispiele f&r 
ocagtsQÜc auf: zunächst Rutilius und Metellus, die das Exil stand- 
haft ertrugen, dann Mucius Scaevola; dann lälst er sich unter- 
brechen: decantatae, inqtiis, in omnibus scholis fabuUie istae 
sunt: tarn mihi, cum ad contemnendam mortem ventum fuerü, Ca- 
tonem narrabis, was er dann auch wirklich thut, indem er hinzu- 
fügt: non in hoc exempla nunc congero, ut ingenium exerceam, 
sed ut te adver sus id quod maxime terribUe videtur, ezharter; es 
folgt endlich noch, zum Beweis, dafs auch Feiglinge tapfer ge- 
storben seien, Scipio, der Schwiegervater des Pompeius. Bei 
Valerius Maximus lesen wir alle diese Beispiele zu ebendemselben 
Zweck. — Auf das Widerliche seines Stils, an dem der tumor 
am meisten charakteristisch ist, habe ich keine Lust ein- 
zugehen^): er illustriert praktisch, was ich oben über die Theorie 
ausgeführt habe. Auf die manierierte Wortstellung hat Yahlen 
im Berliner Proömium 1894/5 p. 10 f. hingewiesen und duxch 
diese Beobachtung eine Anzahl von Stellen yor Änderungen ge- 
schützt. Diese Frage mufs für alle Autoren der Eaiserzeit, im 
Zusammenhang mit der rhythmischen Gestaltung der Diktion, 
untersucht werden (s. o. S. 65 fif.). 
corüut. 6. Curtius Bufus ist dagegen eine sympathische Er- 

scheinung. Dafs die Haltung des Werks rhetorisch ist, ist 
selbstverständlich, das war, abgesehen yon der prinzipiellen 
Stellung des Altertums (S. 81 ff.), schon durch Quellen wie 
Eleitarchos bedingt; aber das rhetorische Element betrifft mehr 
den Inhalt (viele Beden, Schilderungen, psychologische Analysen 
der handelnden Personen z. B. III 15, 5 ff. Gedanken der Soldaten 
bei der Erkrankung Alexanders'), Schilderungen z. B. des 
Oceans IX 4, 18^), allgemeine Reflexionen) als die Sprache, die 
sich Yon den Auswüchsen der herrschenden Moderhetorik fernhält 

1) Einzelnes bei C. Eempf vor seiner gröfseren Ausgabe (Berl. 1S64) 
34 ff. C. Gelbcke, Quaestiones Valerianae (Diss. Berl. 1895) 8 ff. Bemerkens- 
wert ist n 7, 10 humanae imbecillitatis efficacissimum duramentum est ne- 
cessiias oo Sen. contr. IX 4, 6 necessitas magnum humanae imbeciüitcttia pa- 
trocinium est, citiert von Morawski in : Eos 1. c. (o. S. 302, 1) 8. 

2) Wenn also Tacitus ann. I 9 f. 11 73 statt Augnstus und Ctormaniciu 
zu charaMerisieren, die Stimmung des Volks über beide wiedergiebt, so 
ist das ein geschickter, in der Rhetorenschule gelernter Kunstgriff der rhe- 
torisierenden Historiker. 

3) Cf. darüber Morawski 1. c. 7. 



Cuiüas. Mela. 305 

und AnsdilaJüs an Livius sucht. Es ist, wenn ich so sagen darf, 
ein geschickter Versuch , den alternden Boden zwar mit den 
neuen Eunstpflanzen zu zieren, aber mit solchen, die keine 
grellen, sondern gemäfsigte Farben haben; z. B. treten die Anti- 
thesen, dieses beliebteste aller Eunstmittel des Stils, nicht blofs 
quantitativ sehr zurück^), sondern, wo sie auftreten, geschieht 
es in decenter Weise. Das pflegt man zu verkennen^, obwohl 
man nur ein Kapitel des Velleius neben einem des Curtius zu 
lesen braucht, um den Unterschied zu erkennen. Über das Ein- 
zehie hat S. Dosson, i^tude sur Q. Gurce (Paris 1886) 267 ff. gut 
gehandelt. An pathetischen Stellen hat er von dem rhythmischen 
SatzschluJüs') stärksten Gebrauch gemacht, z.B. an der folgenden 
berühmten Stelle X 9: sed iam fatis admovAantur Macedonum 
genü hella civilia: nam et insociabüe est regnum et a pluribus 
expetehatur. primum ergo cofdisere vireSy deinde disperserunty et 
cum fJuribus corpus quam capiebcut onerassent, cetera membra de- 
ficere coeperunt, quodque imperium sub uno stare potuisset, 
dum a pluribtis sustinetury ruit. proinde iure meritoque populus 
Bamanus salutem se principi suo dehere profitetuTy qui noctis 
quam paene supremam haibuimus novum sidus inluxit. huius, her- 
euUy non solis ortus lucem caliganti reddidit mundo, cum sine 
suo eapik discordia membra trepidarent quot üU tum extinxU 
faceSy quot condidit gladios; quantam tempestatem subita sereni- 
täte discussit, non ergo reviresdt solum sed etiam floret im- 
perium. äbsit modo invidia, excipiet huius saeculi tempora eiusdem 
domus uiinam perpettm certe diuturna posteritas. 

7. Pomponius Mela^) klagt freilich zu Anfang, diese Meu. 



1) Cf. die Sammlang bei Dosson, £tnde sur Q. Curce (Paris 1886) 
286, 8. Er zfthlt nur 17 auf: so viel hat Velleius fast in jedem Kapitel. 

S) A Benter 1. c. (o. S. 271, 1) 37 behauptet, man könne aus dem Qe- 
8chicht0werk des Curtius schliefsen, dafs er als Bhetor ein exemplar insanae 
ehquentiae gewesen sei; was bleibt da für Florus und Eonsorten übrig? — 
Ein eigenartiges Urteil steht in den Perroniana et Thuana (Köln 1694) 869: 
QuitUe Curce est le premier de la Latiniti, si poli, si terse, et est si ad- 
wUrabk qu'en ses subtüitez ü est facile, clair et intelligibh; das letztere ist 
richtig. 

3) 8. oben S. 140 f. und Anh. U, also: ^ux^u!^;^ui^o, v^ia/ 

1. J, O^ 2. \J ^ \j 2. O^ JL Kj 1. v^'vO. 

4) Ich glaube, dafs die Worte II 96 tamdiu clausam (Britanniam) 
aperU eoce prineipum maximus nee indomitarum modo ante se verum igno- 

Voxdta, antik« KtuutprosA. ^Q 



306 ^on AngoBtus bis Traian. 

Arbeit sei nicht facundiae capax, aber er hält sich durch zahl- 
reiche Beschreibungen yon Gegenden^ Flüssen, Hohlen n. dgl. 
schadlos. Sein Satzbau ist abgerissen, mit yielen Pointen. 
seneoa. 8. Scueca galt der Nachwelt gewissermaGsen als der litte- 

rarische Bepräsentant der ersten Eaiserzeit: im Mittelalter war 
er bekannter als Cicero, und in unsem Zeiten verwerfen ihn 
selbst- die Kreise nicht, die im übrigen das Anathem über die 
heidnische Litteratur verhängen. Der Erzieher desjenigen Prinzen, 
dessen Genie sich zum grandios Fürchterlichen wendete^ der Be- 
rater und Vertraute des Kaisers, dann eins seiner Opfer, der 
ernste Philosoph, dessen groüse Sittenpredigten in fulminanter 
Sprache zu uns herübertönen, hat von jeher die Augen der 
Menschen auf sich gezogen: HaCs und Liebe, bittere und milde 
Beurteilung sind keinem anderen Menschen und Schriftsteller des 
Altertums in gleichem MaTse zuteil geworden und noch heute, 
kann man sagen, schwankt von der Parteien Hafs und Gunst ver- 
wirrt sein Charakterbild in der Geschichte. Über den Menschen 
hat Zeller, D. Philos. d. Griechen III 1 p. 718 in seiner ruhigen, 
Gut und Böse gleichmäfsig abwägenden Art schon geurteilt 
Wie der Mensch der Schriftsteller: Seneca selbst hat dies Dogma 
so energisch ausgesprochen wie keiner im Altertum (ep. 114^ 
s. 0. S. 11, 2) und ich glaube, man kann sagen, bei keinem 
besteht es so ganz die Probe auf die Richtigkeit. Wir können 
es nicht leugnen: es liegt etwas Theatralisches im Wesen dieses 
Mannes, das iactare ingenium, wie es Tacitus nennt (ann. Jüll 11); 
wie sein Leben ein merkwürdiges Widerspiel zwischen Wahrheit 
und Schein war, so auch sein Ende: grofsartig durch sich selbst^ 
grofsartiger durch die ergreifende Schilderung des grolsten Seelen- 
malers, war doch auch dieses nicht frei von berechneter Ab- 
sicht: man sollte an Sokrates' Tod denken. Theatralisch ist 
auch sein Stil: es genügte ihm nicht, das, was er fühlte, in 
schlichter Form zu bieten, sondern er hat das rhetorische Pathos 



tarum quogue gentium victor propriarum rerum fidem ui beUo adfeetavü üa 
triumpho declaratums portat nicht auf den Triumph dea Caligula (40 n. Chr.), 
sondern den des Claudius (44) gehen; denn clausam scheint dieselbe An- 
spielung zu haben wie Seneca apoc. 8 non mirutn quod in curiam impdum 
fecisti: nil tibi clausi est. So spielt Curtius X 9, 4 mit seinem caliganti 
auf Caligula an (cf. Teuffel-Schwabe § 292, 1) und Tacitus ann. XVI 18 
auf Petronius Arbiter (cf. im allgemeinen oben S. 24, 1). 



Seneca. 307 

in einer uns oft yerletzenden Art walten lassen. Er hat dadurch 
erreicht, daCs wir nnr zu häufig das Gefühl haben, als wenn er 
zufriedener ist, wenn wir ein geistreiches Aper9u beklatschen, 
als dem der umgebenden Phrase entkleideten Gedanken wegen 
seines innem Gehalts folgen. Er versichert uns freilich oft genug 
des Q^enteils: quae veritaU operam dat araäOf incomposita debet 
esse et simpkz (ep. 40, 4), haec sit proposiÜ nostri summa: quod 
sefUimusloquamury quod loquimursenHamus: concordet sermo cum vüa 
(ep. 75, 4), aber wird es uns nicht schwer, einem zu glauben, der 
eben diese propositi summa in ein pointiertes öxHiia kleidet? 
Nicht sein Stil hat ihm die Ewigkeit verschafiFt, sondern sein 
moraÜBcher Gehalt, der dem Mittelalter genehm war: Johannes 
Y. Salisbury tadelt, auf Quintilians yemichtendem Urteil fufsend, 
das eammoHctwn genus dicendi, quod brevüer et suocinctas senientias 
ceiOigü, omatu verborum spkndet, aber: ut pace Quiniiliani hquar, 
mtUus inter gentües ethicus invenüur aut rarus, cuius verbis aut 
seiUenUis in omni negotio commodius uU possis (Metalogicus I 22, 
ToL V p. 54 Giles, yerfafst c. 1150). 

Sein Stil war die cause c^^bre fOr die archaistischen Ejri- 
tiker von Traian bis zu den Antoninen. Nicht blofs scholastische 
Naturen wie Quintilian, sondern yor allem nichtige Individuen 
wie Fronto und G^Uius^) haben sich an dem dämonischen Schrift- 
steller yergri£fen und den Wunsch ausgesprochen, er wäre einer 
ihresgleichen gewesen. Der Grund für die Erbitterung und fdr 
eine solche Erbitterung ist klar: im Kampf der Parteien, der in 
der traianischen Zeit, nachdem er lange unter der Asche ge- 
glimmt hatte, emporflammte, in diesem Kampf, in dem sich die 
(Gemüter der thatenlosen Menschen erhitzten, hielt die Partei der 
Modernen das Banner hoch, auf dem der Name Senecas leuchtete, 
wihrend die reaktionäre Partei dies Banner herabreifsen und ein 
anderes mit Cicero als Deyise aufpflanzen wollte. Seneca selbst 
war schuld gewesen: im klaren Bewufstsein, Kind einer neuen 
Zeit zu sein, deren neue Ideen auch neuer Formen bedurften, 
hatte er die altehrwürdigen Autoren in den Staub gezogen: den 



1) Ihre nnd Quintilians Urteile über Seneca als Stilisten werden sorg- 
fUtig geprfifb von A. Gercke, Seneca-Studien (in: Fleckeisens Jahrb. Suppl. 
XXn 1896) 188 ff., dessen Erörterongen über Senecas Stil ich überhaupt 
mü den meinigen zu vergleichen bitte. Weniger ergiebig ist S. Boche- 
Uftfe, De IL Fabio Qnintiliano L. Annaei Senecae indice, Paris 1890. 

20* 



308 Von Augustus bis Traian. 

jungen Nero a cognitiom veterum oratorum avertU, quo diutius 
in admiratione sui detineret (Suei Ner. 52)^), cf. Qnint X 1, 126: 
quem (Senecam) non equidem omnino conabar excutere, sedpotioribus 
praeferri non sinä>am, quos ille non destiierat incessere, cum diversi 
sibi conscius generis placere se in dicendo posse 0$ quibus Uli 
placerent diffideret. Aach an Cicero hatte er sich gewagt: mit 
Entrüstung teilt Gellius XII 2 miüsgünstige Urteile Senecas über 
diesen mit, und in dem für Stilgeschichte der E^aiserzeit so 
wichtigen 114. Brief zählt Seneca die Komposition Cüceros, iUam 
in exitu lentam^ devexam et moUiter detinentem nee cUäer quam 
sola ad morem suum pedem^ue respondentem, zu den fehlerhaften. 
Vollends ein Greuel war ihm, was vor der ciceronianischen Zeit 
lag; er hat selbstverständlich nichts davon gelesen (dürfen wir 
das doch auch von Quintilian voraussetzen) ^ aber er mirsbüligt 
es prinzipiell: über ein paar halb gravitätische , halb zierliehe 
Verse des Ennius amüsiert er sich: das sei etwas gewesen für 
den hircosum populum] dafür erhält er bei Gellius, der das mit- 
teilt (1. c), die Bezeichnang homo nugator, ineptus et insvlmbts. 
Höhnisch sagt er von extremen Archaisten seiner Zeit ep. 114^ 
13 f.: multi ex älieno saeculo petunt verba, duodecim täbulas lo- 
quuntur. Gracchus iUis et Crassus et Curia nimis euUi et reeentei 
sunt, ad Appium usque et ad Coruncanium redeunt. 

Er war in der modernen Bhetorenschule grob geworden, 
wir erfahren von seinem Vater die Namen mehrerer Bhetoren, 
die er gehört hatte (contr. X praef. 2; 9; 12, cf. VII 5, 10); wie 
sehr die drei Söhne für die Deklamatoren schwärmten, geht aas 
gelegentlichen gutmütig scheltenden Worten des Vaters hervor, 
der es in seiner Jugend nicht besser gemacht hatte (suas. 6, 16; 
27). Er ist als Philosoph imd Dichter Deklamator geblieben; 
wir haben oben (S. 276) gesehen, dafs moralische Invektiven 
zu dem Rüstzeug der Rhetorenschule gehörten: Senecas unmittel- 
bares Vorbild war Papirius Fabianus, jener philosophierende 
Deklamator oder deklamierende Philosoph, dessen Stil er selbst 



1) Dafs man damals Reden zu hören bekam im Stil der alten Autoren, 
zeigt die Rede des Claudius im Senat de iure bonorum GkiUis dando Tom 
J. 48. Er spricht wie ein Buch, in Perioden, die zwar nicht an die Cicexos, 
aber an die des Livius erinnern (cf. oben S. 286). Ähnlich die künlich 
m Ägypten gefundene Senatsrede (nach den Herausgebern Ton daudioB 
selbst gehalten) : Ägjpt. Urk. aus den Egl. Mus. zu Berlin U 8 (1896) p. S54 ff. 



Seneca. 309 

ep. 100 und 40, 12 rühmt , den der alte Seneca in der Vorrede 
zum zweiten Buch der Kontroversen charakterisiert und von dem 
er in diesem Bach mehrere Proben mitgeteilt hat; einzelne 
Briefe Senecas lassen sich durch die Tirade des Fabianus gegen 
den Reichtum (contr. II 1,10 ff.) geradezu kommentieren, auch 
naturales guaestiones behandelte dieser Mann (suas. 1, 4; 9); mit 
ihm, seinem Schüler Albucius (contr. YII praef. 1; 4, cf. suas. 
6, 9), dem Labienus, der insedcibatur saecidi vilia (ib. X 4, 17 f.), 
dem stoischen Deklamator Attalus (suas. 2, 12) mufs man Seoeca 
zusammennehmen. Die diaxQißij des vierten und dritten vor- 
christlichen Jahrhunderts war in deklamatorische ^döSLg auf- 
gegangen, und daher finden wir sie in Senecas Schriften wieder, 
daher hat er z. B. seine Freude an den bioneischen Dikta. Er 
mnls erklart werden, indem man im weitesten Umfang die 
Deklamatoren und^die von ihnen beeinflulsten Prosaiker und 
Dichter (besonders Ovid, den er, für ihn sehr charakteristisch, 
poetarum ingeniosissimum nennt an der auch sonst für ihn so be- 
leichnenden Stelle nat. quaest. III 27, 13, und Lucan) heran- 
zieht, z. B. stammt eins seiner Lieblingsthemen, der in unersätt- 
lieher Gier an den Küsten des indischen Oceans stehende und 
einen neuen Erdkreis für seine Thaten suchende Alexander (ep. 
94, 63; 119, 7 f.; de ben. I 13; VII 2, 5 £; nat. quaest. V 18, 10) 
direkt ans der Bhetorenschule : manches aus diesem Bilde stimmt 
wörtlich mit der ersten Suasorie des alteren Seneca (z. B. wird 
dort § 2 in. resiste gegen Änderungen geschützt durch de benef. 
I 13, 2).^) Auf den 24. Brief, in dem er nach seinem eigenen 
Zugeständnis über Beispiele de cantemnenda morte nach den Re- 
septen der Bhetorenschule deklamiert, habe ich schon oben 
(8. 309) hingewiesen. 

Die Signatur seines Stils ist, wie bekannt, die Auflosung 
der Periode in minuUissimae sententiae, die Quintilian X 1, 130 
rügt; die in langem, ununterbrochenem Flufs dahinströmende 
Bc^ wird von ihm ausdrücklich getadelt ep. 40 u. 114, 16. Ich 
habe schon oben (S. 295 ff.) bemerkt, dafs diese Zerstörung der 
Periode für den neuen, in den Rhetorenschulen herrschenden Stil 

1) Auf eine Einzelheit weist hin Morawski in : Eos 1. c. (S. 302, 1) 9 f. : 
Sen. ootts. ad Marc. 28 quidquid ad summam pervenit, ad exitium prope est. . . 
Nmm ubi mcremento loctts non est, vkinua occasua est =» Sen. snas. 1, 3 
fmdqmä ad mtmmam pervenit, incremento non reliquü locum. 



310 ^011 Augastns bis Traian. 

typisch ist. An Umfang winzig haben diese Sentenzen regel- 
mälsig einen weiten Inhalt, der durch diesen Kontrast um so 
mehr zu BewuTstsein kommt; sehr bezeichnend für ihn selbst ist 
das Lob, das er dem Stil seines Freundes Lucilius spendet 
ep. 59; 5: pressa sunt omnia et rei aptata. loqueris quantum vis 
et plus significas quam loqueris, womit man die oben 
(S. 283) aus Quintilian angeführten Worte yergleichen muls. 
Entsprechend den Regeln der Kunst (S. 280 f.) werden diese in 
wenige Kraftworte zusammengeprefsten inhaltsvollen und poin- 
tierten Sentenzen von ihm mit Vorliebe an den SchluDs eines 
Abschnitts gesetzt und die Antithese spielt dabei natürlich eine 
Hauptrolle; so schlieCst, um aus den Hunderten von Beispielen 
ein beliebiges herauszugreifen, ep. 10 mit folgenden Worten: vide 
ergo ne hoc praecipi salubriter possit: sie vive cum hominibus, 
tamquam deus videat; sie loquere cum ä^o, tamquam ho- 
mines audiant^) 

Das Merkwürdigste ist, dafs er als Stilist seine eigenen 
Fehler nicht kennt und an anderen tadelt, was ihm selbst an- 
haftet: an Sallust tadelt er amputatas sententias et verba ante ex- 
spectatum cadentia et öbscuram bretntatem (ep. 114, 17) und zu den 
vitia rechnet er äbruptas sententicis et suspicioscts, in quüms phis 
inteUegendum esset quam audiendum (ib. 1), als ob er das nicht 
gerade an dem Stil seines Freundes gelobt und selbst mehr als 
ein anderer befolgt hätte. Daher verhöhnt auch Fronto 
(15Ö ff. N.) seine verba modulate collocata et effeminate fluenÜa, 
seine sententias modulatas, eordaces^), ünnulas, d. h. eben das^ was 



1) Cf. Gercke 1. c. 155: „Er liebt es, die Oedanken in parallele Glie- 
der zu zerlegen, fast in der Art der 'hebräischen Poesie"; nur moDi an 
Stelle der letzteren die gorgianische Eunstprosa treten. — Das Gleiche gilt 
Yon den Tragödien, in denen er gerade durch die Antithese die effektvoUi^eii 
Pointen erlangt, auch in der Form des Parallelismus, z. B. Tro. 510 f. ftUa 
81 miseros tuvant, Habes sdlutem; fata si vitam negant, Hohes sepuicrum. 

2) Das bedeutet (was ich bemerke, da geändert wird) senUntiae guae ui 
ebrii ?u)mines obscaene saltant, cf. Dionys. de Dem. 43 fv^fiol 4fxoQX'il'^xtiMA 
xal 'loovtxol nal duc%Xafisvoi (yon den Asianem). Sen. ep. 114, 4 a. £. Quini 
XI 4, 66; 142; besonders Aristides or. 50 (narä r&v i^OQxoviUvaw^ d. h. der 
asianischen Redner) yol. II p. 564, wo der %6Qdai ausdrücklich erwiLhnt 
wird, und Philostr. y. soph. II 28 yon dem Sophisten Vams aus Laodicea: 
^y (Ixiv iifqmviav alax^vwv %a(knatg ^Ofidtav^ cds ic&jr ^o^i^oiufö Tt£ 



Seneca. 311 

Seneca selbst an Maecenas ^) tadelt (s. o. S. 292 ff.). Was Fronto 
damit memt, malus jeder fühlen, der seine Schriftsteller nicht 
nur mit den Augen liest, sondern mit den Ohren hört: Seneca 
schreibt ganz rhythmisch, indem er die uns nun schon hinläng- 
lich bekannten (s. o. S. 305, 3) rhythmischen Satzschlüsse genau 
beobachtet, und da er nun — mit seltenen und beabsichtigten 
Ausnahmen (z. B. in Proömien und gelegentlichen ixtpfdöBig) — 
in kleinen, zerhackten Sätzen schreibt, tritt das rhythmische 
Element mit jener Aufdringlichkeit herror, die wir bei den alten 
Asianem gefunden haben (s. o. S. 135 f.). Ich greife ein paar 
beliebige Stellen der Schrifk de Providentia heraus^): 2, 6: non 
fort ulhiim ictum ifüaesa felicitas: at übi adsidua fuit cum in- 
eammodis suis rixa^ caUum per iniurias duxit nee Ulli malo 
eedity sed etiamsi cecidU de genu pugnat 3, 3 (Bede der For- 
tuna): quid ergo? istutn mihi adver sarium adsumam (^ u u i 
x J)? statim arma submittet non opus est in iUum iota po- 
tentia mea (^ u . ^ ^ u .): levi comminatione pelletur. non 
potest susHnere voltum meum. aiius circumspiciatiMr cum quo 
eonferre possimus manum {j. ^ ^ ^ x u S): pudet congredi 
cum homine vvnci parato. 4, 5: unde possum scire, guantum ad- 
versus paupertatem tibi animi sit, si divitiis diffluis (j. j^^ ^ ± 
sj 6)? unde possum scire, quantum adversus ignominiam et infamiam 
odiumque populäre constantiae habeas, si inter plausus senescis, 
si te inexpugndbüis et indinatione quadam mentium pronus favor 
sequitur? unde scio, quam aequo animo laturus sis orbitatem, 
si quoBCumque sustulisti vides? audivi te, cum alias con- 
solareris\i tunc conspexissem, si te ipse consolatus esses, si 
te ipse dolere vetuisses. 4, 7: hos itaque deus quos probat quos 
amatf indurat recognoscit exercet (^ u i ^ ^ j. ^ u). eos autem, 
quibus indulgere vide\tur quibus parcere^), moUes venturis malis 
servat 4, 9: quem specvdaria semper ab adflatu vindicaverunt, 

1) Schon Balzac, der berfihmte StiÜBt und Siilkritiker, hat gesagt, 
man müsse yon Seneca dasselbe sagen, was er yon Maecenas sage (Oeuvres 
ToL n der Ausg. Paris 1666 p. 558). NatürUch ist das in dieser apodik- 
tischen Form so wenig richtig wie das yom Hafs eingegebene Urteil Frontos, 
aber es Hegt etwas Wahres darin. 

2) Die gewöhnlichen Formen des rhythmischen Satzschlusses sind nur 
durch den Druck hervorgehoben. 

8) Äutem quibus indulgere videtur zu verbinden w&re natürlich 
falsch. 



312 "^on Augastns bis Traian. 

cuius pedes inter fomenta subinde mutata tepueruni^ cuius ceHa- 
tianes subditus et parietibus drcumfusus cdlor temperavit, hunc 
levis aura non sine periculo stringet A, 13: sie sunt nauticis 
Corpora a ferenda mari dura, agricolis manus tritae, ad ex- 
cutienda tda militares lacerti valent, agilia sunt membra Cur- 
sor ibus: id in quoque validissimum^est quod exercuit^). 4, 14: 
perpetua illos hiems, \ triste caelum premit, maligne solum 
sterile sustentat, inibrem cülmo aut fronde defendunt, super 
durata glacie stagna persultant, in älimentum feras eaptant. 
Selbst an öden Stellen der naturales quaestiones hat er meist 
sorgfältig darauf geachtet; wo er anders schreibt^ hat er meist 
seinen Grund dafür, z. B. wenn er de prov. 6, 8 schreibt: Cor- 
pora opima taurorum exiguo concidunt volnere et magnarum 
virium animalia humanae manus ictus impellit; tenui ferro com- 
missura cervicis abrumpitur et cum articulus ille qui caput coh 
lumque committit incisus est, tanta illa moles corruü, so hat er 
den SchluTs offenbar deshalb abweichend gestaltet , weil die 
Trochäen j.kj-sj±^j.^^ das rdxog malen sollen: das merkt 
man deutlich, wenn man sich etwa corruit moles geschrieben 
denkt. Die Wortstellung hat er dem Rhythmus zuliebe nur 
leicht und unauffällig geändert, vergl. etwa noch 6, 7: prono 
animam loco posui. ib.: vidd>itis quam brevis ad libertatem et 
quam expedita ducat via. ib. 8: omne tempus, omnis vos locus 
doceat ib. 9: non certum ad hos ictus destinavi locum. 

Aber trotz aller Fehler werden wir, wenn wir uns in der 
Beurteilung seines Stils nicht auf den unhistorischen Standpunkt 
Quintilians und Frontos stellen wollen, ohne Bedenken aus- 
sprechen dürfen, dafs neben Tacitus keiner den modernen Stil in 
so glänzender Weise zum Ausdruck nicht nur der eigenen Per- 
sönlichkeit, sondern der ganzen Zeit gemacht hat: ingeaiium 
amoenum et temporis eius aureus accommodatum sagt Tacitus 
(ann. XIII 3), nicht ohne leisen Tadel, Yon Seneca; wer mochte 
wünschen, dals dieser Schriftsteller, erfüllt yon Pathos und ge- 
tragen von einer maniera grande, in einer Zeit voll malsloser 
Aufregimgen in dem ruhigen, von dem Leben and Treiben der 



1) Dafs Sjnalöphe auch in Prosa eintreten kann, ist bekannt genug; 
für Seneca beweist es e. B. de proy. 4, 6 calamitas virtutia oceasio^est 

{i \j ^ 1 \j l). 



Seneca. 313 

grolsen Welt nicht berührten StU der philosophischen Schriften 
Giceros geschrieben hätte? Gerade weil er dem Fühlen einer 
Zeity in der Genie und Verbrechen, Grandioses nnd Fürchter- 
liches in einander übergingen wie später am Hofe eines Cesare 
Borgia, durch seinen Stil in Bewunderung und Verdammung so 
gewaltigen Ausdruck zu leihen verstanden hat, gehören seine 
pompösen Stilmalereien, seine Deklamationen über die Selbst- 
genügsamkeit der Tugend, die Glückseligkeit des wie ein Fels 
im Meer stehenden von Schicksalsstürmen umtosten Weisen, den 
siegreichen Kampf des Geistesathleten mit den alle anderen 
Menschen unterjochenden Leidenschaften, die ungeheure Ver- 
derbnis in Religion imd Sitte zu dem Grofsartigsten, was wir 
aus dem ganzen Altertum besitzen. Die von Natur pomp- 
hafte Art der rigorosen Stoa hat im Charakter sowohl des 
Menschen Seneca, der Bhetor und Philosoph in einer Person 
war, als des Stilisten, der abseits vom grofsen Haufen wandelnd 
das Ungewöhnliche, Packende, ja Raffinierte durch Zusammen- 
drängung langer Gedankenreihen in sensationelle Pointen suchte, 
einen Ausdruck erhalten, der seinen Schriften eine Stellung in 
der Weltgeschichte des menschlichen Denkens eingetragen hat: 
denn was in der ostlichen Welt das Handbüchlein des phry- 
gischen Sklaven und die Meditationen des Gäsars, das wurden 
im Westen die Schriften des romischen Aristokraten, eine Quelle 
des Trostes und der Erbauung für die, deren Geist nicht einfach 
genug war zum Verständnis der natürlichen Menschlichkeit der 
neuen Lehre. ^) 



1) Ich stelle ein paar ältere urteile über Seneca als Stilisten, die ich 
mir notiert habe, hier zusammen. Petrarca hatte an seinem Stil grofsen 
(}e£Edlen mid er tadelt in einer Notiz am Rande seines Quintilian diesen 
wegen seines verwerfenden Urteils über S.*s Stil: P. de Nolhac, P. et llia- 
manisme (Paris 1892) 282; sein eigner Stil zeigt starke Beeinflussung durch 
8.: Nolhac 1. c. p. 317; aber in seinem Brief an Seneca (ep. de reb. fam. 
XXIV 6 Yol. m p. 271 Frac.) spricht er doch folgenden Tadel aus: verum 
ti tibi pdlam loguens secretiora conHcui, nunc autem quando ad te mihi 
termo est, putasne silebo quod indignatio veritasque suggesserint? adeas modo 
€t aceede propius, ne qua externa auris inierveniat sentiens non nobis aetatem 
remm tuarum notUtam abstulisse. testem nempe certissimum habemtis, et qui 
de Bummis viris agens nee metu flectitur nee gratia, SueUmium Tranquillum. 
is igitur quid aii? avertisse te Neronem a cognitione veterum oratorum, quo 
9cilicet in iui illum admiratione diutiua detineres. . . . Prima est miseriarum 



314 Von Augastus bis Tradan. 

liniaid.Ä. 9. Plinius der Altere. Sein Werk gehört^ stiliBtisch be- 
trachtet, zu den schlechtesten, die wir haben. Man darf nicht 
sagen, dafs der Stoff daran schuld war, denn Columella hat Yor- 
trefflich, Celsus gut geschrieben, und dafs gerade eine Natur- 
geschichte stilisiert werden kann, hat Buffon gezeigt. Plinius 
hat es einfach nicht besser gekonnt, so wenig wie Yarro, an den 
er überhaupt erinnert: wer so unendlich viel las, wie diese 
beiden, der konnte nicht gut schreiben. Bei beiden steht die 
Fülle des Thatsächlichen, das sie bieten, in keinem Verhältnis 
zu der Art, wie sie es bieten. Plinius hat sich auch durch den 
Stil der von ihm gern gelesenen Autoren stark beeinflussen 
lassen; wem fällt z. B. nicht Cato ein^ wenn er etwa liest 
XYIII 232: per brutnam vitem ne colüo. . . bubtis glandem tum 



tuarum radix ah animi levitate, ne dicam iHlüate profecta. inanem studiorum 
gloriam^ dwre senex, nimis moUiter^ ne rtirsus dicam puerüüer, ooncupisti, — 
Eine feine Charakteristik mit Gegenüberstellung von Cicero giebt Nicol. 
Caussin, Eloq. sacr. et hum. parall. (1619) 1. 1 c. 78 (p. 54) z. B. üle (Cicero) 
süperbe graditwr, nihil tentat nisi magnum grave excelsum, verba eeUgit pul- 
ehra sonantia luculenta, sensus habet altitis ductos et magnificos, sed ad po- 
pularif4m aurium captus diffusos, Spiritus rerum gravissimarum cdlidos aeres 
incensos, quHms eloquentia effervescit, voliUU, ignescit, penetrat in pectora, 
mollit animos quamvis feros; hie graves et a plebeis auribus remotas conquirit 
sententias, hos districta quadam et concinna hrevitate campingit, tcius dicHs 
eruditis ut awro vestis rigescit, atigtistatur in seria quaedam aeumina, quae 
a%tdientis awrem veUicant, animiwi perpetuo erigunt, perpetuo fodicant atque 
exstimulant. u. s. w. — p. 75 totus his dictorum purpibris coUucet ut coeium 
stellis. — Pallavicino, Considerationi sopra Farte dello stilo e del dialogo 
(angeführt yon Bouhours, La maniere de bien penser [1649] p. 296) pro- 
fwna i suoi concetti con im ambra e con un zibetto che a lungo andare 
dam,no in testa: nel principio dilettano, nel processo stanccmo. — Diderot, 
Essai sur la vie et les Berits de Sen^que I p. 837 c'est un autewr de beau- 
coup, mais de beaucoup d'esprit plutot q%^un icrivain de grand go/^ — 
Macaulaj, Treveljans Life p. 448 (angeführt von Petersen in seiner Aus- 
gabe von Quintilians 1. X Oxford 1891 p. XL adn. 1): His works are made 
up of mottoes, There is hardly a sentence which might not be quoted; but 
to read him straight forward is like dining on nothing but andMvy sauoe. 
— Sehr fein auch Bayle in seinem Dictionnaire historique et critique 8. t. 
'Priolo', in der 6. Ausg. Bas. 1741 vol. UI p. 816 adn. L. (über Seneca, 
Lucan, Tacitus, Plinius). — Ähnliche Urteile älterer französischer Schrift- 
steller findet man bei Giber in: Jugemens des savants T. VIII (Amsterd. 
1726) 344 fF.; 854 fF. — Hübsch spricht Fr. Aug. Wolf in der Vorrede rar 
Marcelliana (Berlin 1802) XXXITI yon Senecas dulcia sed qpiMdamwtodo gene- 
rosa vüia. 



PliniuB d. Ä. 315 

t eanvenit in iuga singuia madios. . . . maieriae caedendae 
tempus hoc dedimus. rdi^pia opera nocturna maxime vigüia constenty 
cum sint noctes ia/nto ampliores, gpmlos cratis fiscinas texere, faces 
mddere^ ridicas praeparare interdiu XXX, poHos LX et in luojh 
hraüone vespertina ridicas V, pahs X, totidem antelucano. Die an 
Yespasian in Briefform gerichtete Vorrede ist stilistisch ganz 
verdreht^ wie schon Melanchthon bemerkt hat.^) Er hat den 
schlimmsten Fehler der Komposition nicht zu meiden verstanden, 
die TJngleichmaisigkeit; mitten in ganz öden Partieen, in denen 
stilistisch gar nicht verarbeitetes Material roh aufgehäuft ist, 
nimmt er plötzlich und unvermittelt, in einer fQr verständige 
Leser geradezu verletzenden Art, einen Anlauf, wir müssen uns 
eine Zeit lang mehr oder minder manierierte Gedanken und 
Satzbildungen gefallen lassen, dann versiegt seine Erafb, Lust 
und Fähigkeit, und es geht auf dem holprigen Wege weiter. 
Er hätte sich aber diese in eine steinige, baumlose Gegend hinein- 
improvisierten Eunstbeete um keinen Preis nehmen lassen, denn 
wenn er an Yespasian schreibt (12 f.): meae qtiidem temeritati 
accessit hoc quoque, quod levioris operae hos tibi dedicavi libdlos. 
nam nee ingenii sunt capaces, quod aiiogui nclbis perquam mediocre 
erat, neque admittunt excessus aut orationes sermonesve aut 
casus mirabiles vel eventus varios, iucunda dictu aut legentibus 
Uanda. sterilis materia, rerum natura hoc est vita, narratur, et haec 
sardidissima sui parte, ut plurimarum rerum aut rusticis vocabuiis 
aut extemis, imrno bariaris, etiam cum honoris praefaOone ponendis, 
so hat er offenbar auf die Exkurse, die er trotz dieser Ver- 
sicherung einlegt und die gewählten Worte, in die er sie kleidet, 
ein gro&es Gewicht gelegt. Beschreibungen boten sich ungesucht, 
so die seit Varro beliebte von Italien (III 39 ff.); da er nicht 
gut redende Personen einführen konnte, so benutzt er jede Ge- 
legenheit, mag sie sich freiwillig bieten oder an den Haaren 
herbeigezogen werden, teils um selbst mit grofser Verve z. B. 
den beliebten tinog über das menschliche Elend auszuführen 



1) Melanchthon, Elementa rhetorices (zuerst 1619) im Corp. reform. 
TTTT 496 s&hlt ihn zu denen, die coacervant sententias male cohaerenUa et 
in his ipsis saepe gramnuxticum vocum ordinem perturhant hyperbatis. huius 
rei exemplum est videre in exordio Plinianae praefationis , cuius membra in 
mea paraphrasi partim eocemi, partim ordine disposui, ut principalis sententia 
ckmus eonspici atque int^gi poaset. 



316 "^on Augastua bis Traian. 

(Vn 3 ff.) oder über die luxuria zu deklamieren , was er in der 
Schule gelernt hatte (z. B. IX 67 f.; 104 f.; XIX 54 ft; 
YXXnT 4; 26 f.; XXXVI 5 £), teils um mit einem ebenfaUs 
scholastischen Eniff personifizierte Wesen oder Gottheiten reden 
zu lassen^ z. B. apostrophiert das Plejadengestim in ausführlicher 
Rede den Landmann (XYIII 251 ff.), die Pomona redet XXTTT 2; 
überhaupt leistet er sich in solchen Personifikationen das 
Stärkste, z. B. in Lobpreisungen der guten alten Zeit (dem sol- 
lenmen Gegenstück zu den Tiraden gegen den Luxus) XYIII 19: 
qucienam ergo tan,tae ubertaHs causa erat? ipsorum tunc manüms 
imperatorum colebantur agri, ut fas est crederej gaudente terra 
vomere laureato et triumphali aratore, sive Uli eadem cura senUna 
tractabant qua bella eademque diligentia arva dispondnmt qua castra, 
sive honestis manibus omnia laetius praveniunt^ quoniam et curiasius 
fiunt. XXXV 7: foris et circa limina animorum ingenHum imagines 
erant adfixis hostium spöliis quae nee emptori refigere liceret, trium- 
phabantque etiam dominis mutatis ipsae domus. erat haec sUmu- 
latio ingens exprobrantibus tectis cotidie inbellem dominum inirare 
in alienum triumphum. Auch für die casttö mirabiles vel eventus 
varios weifs er sich schadlos zu halten, denn scagädo^a gab es 
ja in der Natur genug: mit Vorliebe verweilt er wie die Natur- 
forscher seit Aristoteles (für den dies aber nur Nebensache ge- 
wesen war) bei diesen, z. B. registriert er unnatürliche Todes- 
falle sorgfältig (Vn 180 ff.); vom Phoenix, diesem Paradestück der 
Folgezeit, sagt er freilich nur kurz, aber mit höchst manierierter 
Wortstellung, damit man gleich fühle, es sei etwas Besonderes: 
X 3: aquilae narratur magnitudinCy auri fulgore circa coüa^ cetero 
purpureus, caeruleam roseis caudam pinnis distinguentibus^ 
cristis fauces caputque plumeo apice honestare; wohl das tollste 
Stückchen, das er bietet, eins der tollsten in lateinischer Sprache 
überhaupt (Appuleius wird seine Freude daran gehabt haben), 
steht IX 102 f., wo er, um die „grofse Mannigfaltigkeit der 
spielenden Natur'^ bei den Schaltieren zu malen, selbst anfangt^ 
sein Spiel mit der Sprache zu treiben: tot colorum differenHae^ 
tot figurae planis concavis longis luntxtis^ in orbem circumacHs, di- 
midio orbe caesis, in dorsum elatis levibus rugatis denUcidatis siriatis, 
vertice muricatim intortOy margine in mucronem emisso^ foris effuso, 
intus replicato, iam disüncHone virgulata crinita crispa^ candlicU' 
latim pecHnatim divisa, imbricatim undata, canceUaUm retiadata, in 



PliniuB d. Ä. 317 

Miquum in rectum expansa densata porreäa sinuatay brevi nodo 
lig(Ui8j toto latere canexis, ad plaustrum apertiSf ad hucinum re- 
ciim& navigant ex his Veneriaej proAentesque concavam sui partem 
et aurae opponentes per summa aequorum vdificant saliunt pectines 
et extra volüant seque et ipsi carinant In solchen Exkursen 
scheut er nicht vor den raffiniertesten Pointen zurück, z. B. folgt 
auf die eben citierten Worte eine ganz im Stil Senecas ge- 
haltene Invektive gegen den Luxus im Tragen von Purpur und 
Perlen; sie schliefst (§ lOö): quid mari cum vestibus, quid undis 
fluctibusque cum veUere? non rede recipit haec nos rerum natura 
nisi nudos, esto, sit tanta ventri cum eo societas; quid tergori? 
parum est, nisi qui vescimur periculis etiam vestiamur (g>sv). adeo 
per totum corpus anima hominis quaesita maxime placetit (& roD 
ipti^drov). Mit Pointen formlich gespickt ist die groCsartig sein 
sollende laudatio terrae (U 154 ff.), so um nur eine Stelle heraus- 
zuheben (in welcher übrigens auch der rhythmische x&XoV' 
Schluüs beobachtet ist): quin et venena nqstri miseritam (sc. na- 
turam) instüuisse credi potest, ne in taedio vitae fames, mors 
terrae meriOs alienissima, lenta nos consumeret tahe, ne lacerum 
corpus dbrupta dispergerent, ne laquei torqueret poena prae- 
postera induso ^ritu cui quaereretur exitus (svysX ne in profunde 
quaesita motte sepultura pabulo fieret (<fog>&g), ne ferri cnunatus 
scinderet corpus u. s. w. Wer wird sich über derartige Scherze 
wundem, wenn er liest, dafs ihr Urheber in seinem Jugendwerk, 
den Studiosir quibus oratorem ab incunabulis institiiit et perficit 
(Plin. ep. m 5, ö), auch rettuUt plerasqtie sententias quas in 
declamandis controversiis lepide arguteque dictas putat 
(L c.)? Über sein Unvermögen, längere Perioden übersichtlich 
zu gliedern, habe ich schpn oben (S. 297) gesprochen; ihm ge- 
lingen fast nur die in gorgianischer Manier ohne Periodisierung 
parallel gebauten Sätze, so in dem eben angeführten Hymnus 
auf die Erde § 15ö: aquae subeunt in inibres, rigescunt in gran- 
dineSf tumescunt in fludus, praecipitantur in torrentes; aer densatur 
nubibus, furit proceUis, oder X 81 f. (yom Gesang der Nachtigall): 
VMdulatus editur sonus et nunc continuo spiritu trahitur in longum 
nunc variatur inflexo, nunc distinguitur conciso, copulatur intorto 
promittitur revocato infuscatur ex inopinato, inte^'dum d secum ipse 
murmurat; plenus gravis acutus, creber extentus ubi visum est vi- 
Irans, summus tnedius imns, oder praef. 15: res ardua vetustis novi- 



318 "^on AuguBtas bis Traian. 

tatem dare novis auctoritatem, obsöUUs nüarem obscuris lucem, fasUr 
ditis gratiam dtibiis fidemy omnibus vero natwram et natwrae suae 
omnia, — Dabei wimmelt es in den pathetischen Stellen Yon 
hochpoetischen^ teilweise auch neu gebildeten Ausdrücken, und 
die Wortstellung ist gelegentlich dem Raffinement des Gedankens 
zuliebe von beispielloser Gewaltsamkeit.^) 
oitiid. j. 10. Plinius der Jüngere^) ist als Persönlichkeit und 
Schriftsteller der am meisten charakteristische Repräsentant der 
ersten Eaiserzeit, mehr als Seneca und Tacitus, weil er nicht so 
eigenartig veranlagt war^ sondern mehr das Durchschnittsma(s 
aufweist, wenn er auch selbst davon überzeugt war, es weit zu 
überschreiten. Denn Eitelkeit , die wir nur deshalb milder be- 
urteilen, weil er sie mit so liebenswürdiger Naivität als etwas 
Selbstverständliches hervorkehrt, ist der Grundzug seines Wesens, 
und als homo bellus et pusillus verrät er sich auch in seinem 
' Stil, mit dem er kokettiert wie mit sich selbst: alles ist geleckt 
und gedrechselt, mag er nun seine reizenden Villen oder den 
furchtbaren Yesuvausbruch schildern. Es ist schwer, im einzelnen 
sich ein Bild seiner stilistischen Tendenzen zu entwerfen, denn 
er äufsert sich selbst widersprechend, ein typisches Beispiel f&r 
das schwankende Tasten jener Zeit nach dem Richtigen. 

Er hörte gleichzeitig bei Quintilian und Niketes Sacerdos 
aus Smyma (VI 6, 3), d. h. bei zwei Männern, von denen jeder 
das für richtig hielt, was der andere verurteilte, denn von dem 
letzteren sagt Philostr. v. soph. I 19, 1: ^ Idda t&v kdyoiv toO 
fth/ &Q%alov Ttal ^oXirixov iacoßdßriTUVy im6ßax%og 8\ xal 8t%v- 
ga^ißmärig (also ganz asianisch), was Tac. diaL 15 bestötigt. 
Plinius schwärmte für Isaeus (II 3), jenen Sophisten, dessen 
Diktion nach luvenal (3, 75: sermo pramptus et Isaeo torrentior) 



1) Hierfür, sowie fiLr alles andere die Sprache im einzelnen Betreffende 
genügt es auf die vorzügliche Schrift von Joh. Müller, D. Stil d. &. Plinius, 
Innsbruck 1883, hinzuweisen, fast die einzige der mir bekannten Arbeiten 
über die Darstellung eines Schriftstellers, die sich nicht mit einer nnantik 
gefühlten schematischen Zusanmienstoppelung begnügt, sondern den Stoff 
nach richtigen und höheren Gesichtspunkten gliedert.. Für das rhetorische 
Pathos und den diesem entsprechenden Stil vgl. zu den obigen Ausführungen 
auch A. Gercke 1. c. (oben S. 807, 1) 332 s. v. 'Plinius'. 

2) P. Morillot, De Plinii minoris eloquentia, Thes. Grenoble 1888, ent- 
hält viele zutreffende feine Bemerkungen. 



Plinius d. J. 319 

einen starken Wortschwall hatte. Er stellte sich im allge- 
meinen auf einen vermittelnden Standpunkt . wie Quintilian und 
Tacitus: ep. VI 21, 1: sum ex iis qui miraniur antiquos, non 
tarnen^ ut quidam, temporum nostrarum ingenia despido^ neque enim 
quasi lassa et effeta nahira nihä tarn lauddbäe parü. Er ahmte 
gelegentlich einmal in einer nnd derselben Schrift Demosthenes, 
CalTus und Cicero nach (I 2, 2; 4); letzteren nennt er sein Ideal, 
dem er nacheifere (IV 8, 4 f.), und einmal sagt er ausdrücklich 
(I 5, 12 f.): est mihi cum Cicerone aemuUüio, nee sum contentus 
eloquentia saecnli nostri. nam stuitisstmum credo ad imitandum 
non optima quaeque proponere (wo man den Schüler Quintilians 
hört)^); dementsprechend tadelte er an Rednern seiner Zeit den 
singenden Vortrag (11 14, 12). Aber aus seinen sich wider- 
sprechenden Urteilen heben sich doch drei Punkte scharf heraus. 
Er liebte erstens das Volle, ja bis zum Übermafs Volle. Er 
sagt selbst in einem Brief an Tacitus (I 20), ihm sei die brevitas 
nicht genehm und wenn er schon einen Fehler machen müsse, 
so wolle er lieber, dafs man ihm immodice et redundanter als ie- 
iune et infirme zurufe: non enim amputata oratio et absdsa sed 
lata et magnifica et excdsa tonat fülgurat, omnia denique perturbat 
ac miscet (§ 19 f.). An einen anderen, dem er eine Schrift zur 
Korrektur schickt, schreibt er: da er voraussehe, dals jener ihm 
vieles, was sonans et eUitum sei, als tumidum anstreichen werde, 
habe er gleich, damit jener sich nicht zu quälen brauche, über 
den betrefiFenden Worten pressius quiddam et exüius vd potius %m- 
müius et peius hinzugefügt (VH 12). Ganz ähnlich schreibt er 
in dem für ihn und seine Zeit besonders wichtigen, schon 
oben (S. 282 £) benutzten Brief IX 26, wo er als Beispiel der 
nach seinem Geschmack erhabenen, nach demjenigen seines 
Freundes schwülstigen Diktion seinen eigenen Satz anführt: ideo 
nequaquam par gubematoris est virtus, cum placido et cum iurbato 
mari vehitur: tunc admirante nuUo itUaudatus ingloriosus subit 
partum, at cum strident funes^ curvatur arbor, gvibemactda gemunt^ 
tunc iUe darus et dis maris prozimus (§ 4 cf. 13); diese Diktion 



1) M. Hertz, Benaissance und Rococo in d. röm. Litt. (Berlin 1866) 
11 irrt, wenn er, auf solche Äufsemngen bauend, den Plinius zu einem 
Ciceronianer macht: es sind das Phrasen, denen weder die Praxis der Briefe 
noch des Panegyricus entspricht. 



320 ^on Augustus bis Traian. 

finde mehr Beifall als die gedrängte (II 19, 6). Er liebte 
zweitens die zierlich geputzte Diktion: an Isaeos bewunderte 
er verba quaesita et excuUa (II 3; 2). In einer Bede für seine 
Vaterstadt y die er einem Freund zur Korrektur sandte, kamen 
viele Ortsbeschreibungen vor: diese habe er, wie er sagt (U 5), 
in sehr schöne, poetische Worte gekleidet, und wenn es jenem 
etwas zu viel scheine, so möge er es wegschneiden, aber nicht 
zu streng dabei verfahren. Von seinem Panegyricus berichtet 
er III 18: er hätte ihn einem gewählten Ereis von Freunden 
vorgelesen und dabei bemerkt, dafs severissima guaeque am 
meisten gefallen hätten, was ihn deshalb besonders wundere, 
weil doch gerade bei diesem Stoff eine anmutige und gewisser- 
mafsen ausgelassene Diktion angemessener sei: er hoffe zwar und 
bete, ut quandoque veniat (uünamque tarn venerit) quo austeris iUis 
severisque dulcia haec blandaqne vel iusia possessione decedantf aber 
vorläufig sei man noch nicht so weit: omnes enim qtU placendi 
causa scribunt, qualia placere viderint scribenL Drittens hat er 
Vergnügen an scharf zugespitzten Sentenzen. Ein Senator, mit 
Namen Valerius Li^inianus, hatte sich, aus Rom, wo er prak- 
tischer Redner gewesen war, verbannt, in Sicilien als Professor 
der Rhetorik niedergelassen und begann seine Eröffnungsrede 
mit den (wohl dem herrlichen Prolog des Laberius nachgeahmten) 
Worten: quos tibi, Fortuna, ludos fads? facis enim ex senatortbus 
professoreSf ex professoribus senatores, wozu Plinius ebenfalls mit 
einer Pointe bemerkt (IV 1 1, 2) cui sententiae tantum bilis, iantum 
amaritudinis inest, ut mihi videatur ideo professus ut hoc diceret. 
Seine besondere Freude hatte er daran, wenn diese Sentenzen 
bis an die Grenze des Erlaubten herangingen und gewissermaCsen 
am Abgrund schwebten: der Brief (IX 26), in dem er dies aus- 
führlich begründet und über einen Redner seiner Zeit, der allzu 
sicher ging, das charakteristische Wort gesprochen hat nihil 
peccat, nisi quod nihil peccat, ist schon oben (S. 282 f.) ver- 
wertet worden; in diesem Brief hat er solche Redner, die nach 
seinem Sinn sind, mit Seiltänzern verglichen: vides,quiper funem 
in summa nituntur quantos soleant excitare damores, cum iam 
iamque casuri videntur: kann sich jemand mehr selbst richten? 
Seiner Theorie entspricht die Praxis, die wir auüser an 
einigen Briefen besonders an dem Panegyricus beobachten, diesem 
hervorragendsten Denkmal epideiktischer Beredsamkeit aus der 



Plinius d. J. Tacitus. 321 

Eaiserzeity welches in der Folge eine solche Bedeutung erlangen 
sollte. 6iebt uns Seneca in seinen rhetorischen Büchern wesent- 
lich die Theorie der neuen Beredsamkeit; so Plinius in seiner 
Bede ihre praktische Anwendung. Obwohl man sich bei einer 
epideiktischen Bede nach durchgehender antiker Vorstellung an 
Putz des Ausdrucks und Verwegenheit der Gedanken das Doppelte 
gefallen lassen mufs^ so kann man doch nicht umhin zu ge- 
stehen, dafs das hier Gebotene fQr die Nerren modemer Menschen 
zuviel ist; eine Antithese jagt die andere und man mochte ihm 
mit seinen eigenen Worten zurufen: fere in nuHo, o hone^ enun- 
tiato tum peccctö. Mit welchen Ohren mag Traian Sätze wie die 
folgenden angehört haben (wenn er derartiges nicht erst in der 
herausgegebenen Bede einfügte): non ideo vicisse videris ut Mum- 
phareSj sed triumphare quia vicisti (11), sali omnium contigit tibi, 
ut pater patriae esses antequam fieres (21); Traian lafst sich nicht 
mehr tragen, sondern geht zu Fuls: ante te prindpes fastidio 
nastri et quodam aequäbüitatis metu lisiim pedum amiserant. ülos 
ergo umeri cervicesque servorum super ara nostra^ te fama te glaria 
te civium pietas te libertas super ipsos prindpes vehunt, te ad si- 
dera tollit humus ista communis et confusa principis 
vestigia (24). Die Wände der Häuser, der Nil, ja ganz Ägypten 
werden beseelt und redend eingeführt, kurz fast alles bewegt 
sich entweder in bacchantischem Taumel oder raffinierten 
Pointen: es wird uns schwer, das Ernste und Gehaltene heraus- 
zufinden, was einige seiner Freunde allein lobten (ep. III 18, 8 f.).^) 

11. Tacitus wird wohl zu den letzteren gehört haben, wie T»oitni 
wir uns überhaupt die Freundschaft zwischen ihm und Plinius, 
die sich noch in der Überlieferung einer unserer Handschriften 
abspiegelt^ nur durch eine xaXivtovog &Qiiovia erklären können. 
Wie muis dem ernsten Mann mit dem weiten Blick und der 
magischen Fähigkeit, in die Seelen der Menschen zu schauen, 
ihm, der uns von sich, auch wo er es konnte, fast nichts erzählt, 
dieser tändelnde, kurzsichtige, von nichts lieber als von seiner 
eigenen Wenigkeit und ihrer einstigen Ewigkeit redende Durch- 



1) Eine Anzahl von delicatissiinae sententiae hebt ans dem PanegyricaB 
beraiu (man brancht nicht lange zu suchen) Bonhoon, La mani^re de bien 
penser dans les oeuyres d^esprit (1681) p. 162 f. Er sagt yon ihm (p. 8d2): 
ü veut taüjoura avoir de Vesprit, 

Worden, antilM KnntiproM. 21 



322 Von Augustus bis Traian. 

schnittsmensch vorgekommen sein? Von die&iem dämonischen 
Mann, der, sein imd die folgenden Jahrhunderte wie eine einsame 
Säule stolz überragend; am Ausgang der grofsen Zeit des Alter- 
tums steht, von diesem Schriftsteller, der wie sein griechischer 
Geistesverwandter kein iyAviöiux ig rb ücafaxifflfuc^ sondern ein 
xt^ficc ig ist hat geben wollen, ist es schwer ein volles Bild in 
der Seele zu erfassen: den Weg hat F. Leo, *Tacitu8*, Eaiser- 
Geburtstagsrede, Göttingen 1896, gewiesen, wo in grofsen Zügen 
der Versuch gemacht ist, den Menschen und Schriftsteller als 
Individuum und als Eind seiner Zeit zu begreifen«^) 
Chronologie Ich mufs zuuächst auf Grund einer Andeutung Leos (p. 6; 

dos 

Buiogui. 9), die er mir persönlich näher begründet hat, dem herrschenden 
Vorurteil entgegentreten, der Dialogus sei durch eine lange 
Reihe von Jahren von der übrigen Schriftstellerei des Tacitos 
getrennt.^) Auf welche Gründe stützt sich diese Annahme? Es 
giebt, wie auch jeder zugesteht, nur einen: die stilistische Ver- 
schiedenheit; man hielt es für unmöglich, dafs Werke, die 
stilistisch solche Gegensätze bilden, in dieselbe oder fast dieselbe 
Zeit fallen können: hatte man doch früher auf kein anderes als 
eben dieses Argument gestützt den Dialogus dem Tacitus ab- 



1) Bei A. Dräger, Über Syntax und Stil des Tacitus. 8. Aufl. Leipzig 
1882 wird 'Rhetorisches' auf ly, Seiten abgethan, darunter nichts Wesent- 
liches, wohl aber, dafs Tacitus auch Barbaren, deren Sprache er nicht 
kenne, als Redner auftreten lasse, so den Germanen Arminius; nüt einem 
Ausdruck wie ' schulmäfsiges Elaborat' (p. 122) sollte er doch Torsichtiger 
sein; unter 'rhythmischen Stellen' versteht er (p. 121) Verse, und das Kap. 
'Kürze und Fülle des Ausdruckes' beginnt (p. 104): „Die Kürze des Aus- 
druckes ist hervorgegangen aus dem Bedürfhisse einer energischen Ob- 
jektivierung und in der gesammten antiken Litteratur ohne Parallele'' o. b.w. 
— Dagegen gehören die drei Abhandlungen von E. Wölfflin im Philologoi 
XXV 92 ff. XXVI 92 ff. XXVII 113 ff. (1867 f.) zu dem Besten, was es über 
Tacitus und antike Stilistik (im engem Sinn des Wortes) überhaupt giebt, 
betreffen aber nur ganz gelegentlich das hier Auszuführende. 

2) B.Wutk, Dialogum a Tacito Traiani temporibus scriptum essei Progr. 
Spandau 1887, stützt sich für diese Behauptung auf einen Brief des Plinini 
an Tacitus (I 20) aus dem J. 97, aus dem hervorgehen soll, dafs damals der 
Dialog noch nicht vorgelegen habe. Aus dem von W. falsch interpretierten 
Brief folgt das aber keineswegs (cf. G. Helmreich in: Jahresber. über die 
Fortschr. d. klass. Alt. Band LV 1890 p. 16 f.); doch urteilt W. p. 18 £ 
richtig darüber, dafs das Nebeneinander verschiedener Stüarten bei ver- 
schiedenen Werken möglich sei. 



Tacitus. 323 

gesprochen; nachdem man diesen Irrtum eingesehen hatte^ wurde 
er för ein Jngendwerk erklart. Nun ist aber von vornherein zu 
sagen, daCs ein auf dieses Argument gestützter Schluls vom 
antiken Standpunkt jeder Berechtigung entbehrt. Ich habe 
schon zu Anfang dieser Untersuchungen (S. 11 f.) darauf hin- 
gewiesen, dais die yerschiedenen Stilarten ofk von einer und der- 
selben Persönlichkeit neben einander gebraucht worden sind 
und dals daher die moderne Anschauui^, der Stil sei mit dem 
Menschen verwachsen, im Altertiun keine unbedingte Berech- 
tigung hatte: wozu hat Hermogenes und so mancher vor ihm 
seine Idiai geschrieben? Keineswegs, damit der eine diese, der 
andere jene je nach seinem Naturell auswählen solle, sondern 
damit jeder imstande sei, entsprechend dem verschiedenen Stoff 
einen verschiedenen Stil zu schreiben: anders redete man zum 
Volk, anders zum Richter, anders zu einer Festversammlung, 
anders stilisierte man einen Brief, anders eine Beschreibung, 
anders ein Märchen, anders schrieb man innerhalb einer und 
derselben Rede die Einleitung, anders die ErzJJilung, anders den 
Schluik Das sind allbekannte Dinge und der antike Unterricht 
sorgte dafOr, dafs man schon aus der Vorschule als ein mehr 
oder minder grofser Stilvirtuose hervorging. Daraus folgt: 
stilistische Argumente (ich verstehe unter Stil nur das, was die 
Alten darunter verstanden, also alles rein Sprachliche, Gramma- 
tische und Syntaktische ist ausgeschlossen) berechtigen uns 
weder eine Schrift einem Autor abzusprechen noch sie in eine 
bestimmte Lebensperiode desselben zu setzen. Das typische Bei- 
spiel hierfür ist Appuleius: jedes einzelne seiner Werke ist in 
verschiedenem Stil geschrieben und es ist ja auch ihm thatsäch- 
lich nicht erspart geblieben, der Schrift Me mundo' beraubt zu 
werden, da man sich den phantasievollen oder vielmehr phan- 
tastischen Mann, der sonst seine Rede in bunte Gewänder steckt, 
nicht in dem Famulusmantel des dürren Scholastikers denken 
mochte: heute glaubt an die Unechtheit dieser Schrift wohl 
niemand mehr. Aus der Zeit des Tacitus mag noch hingewiesen 
sein auf den jüngeren Plinius: er hat nicht nur in einer und 
derselben Rede ganz verschiedene Stilarten gebraucht nach dem 
bewährten Rezept, dafs wer vieles bringt, manchem etwas bringen 
wird (c£ ep. II 5), sondern er hat gelegentlich es auch in einer 
ihm sonst fremden Stilart versucht: ep. I 2: hunc (librum) rogo 

21* 



324 Von Augustus bis Traian. 

ex consuetudine tua et legas et emendeSj eo magis, quod nihil ante 
peraeque eodem stilo scripsisse videor. temptavi enim imUari De- 
mosthenen semper tuum, Cälvutn nuper meum. Um nun zu Tacitos 
zurückzukehren: aus der Stilart des Dialogus folgt für seine 
Zeit gar nichtS; er kann der frühen Epoche, kann aber auch der 
späten angehören. Dieses negative Resultat ist sicher, man sieht 
also, dafs diejenigen, die ihn dem jugendlichen Tacitus anweisen 
und daraufhin eine prinzipielle Änderung seiner stilistischen 
Tendenzen annehmen, auf unsicherem Fundament operieren. 
Nun ist ebenso sicher ein zweites negatives Moment: der Dia- 
logus ist nicht unter Domitian verfafst, denn Tacitus sagt aus- 
drücklich, er habe die fünfzehn Jahre unter dessen Regierung 
geschwiegen (Agr. 3). Es bleibt also für diejenigen, die ihn der 
frühesten Epoche des Schriftstellers zuweisen, nur die Zeit des 
Titus, und so scheint man sich im allgemeinen auf das Jahr 81 
zu einigen, wogegen ja an sich nichts zu sagen ist: denn wenn 
Q. Sulpicius Maximus als Einähriger elende griechische Verse 
machte, warum sollte in jener Zeit der frühreifen Genies ein 
Tacitus als etwa fünfundzwanzigjähriger nicht ein glänzendes 
Schriftchen in Prosa haben verfassen können? Nun glaube ich 
aber beweisen zu können, daCs der Dialogus nach 91 geschrieben, 
folglich, da er unter Domitian nicht fallen kann, frühestens unter 
Nerva anzusetzen ist. Gassius Dio LXVII 12 berichtet zum 
J. 91 von Domitian: MdrsQvov öotpiötilp^ 8rt xatä zvQdwav 
dni T( &6X&V (d. h. declamans), iacdxtscvBv. Dals hier der 
Dichter gemeint ist, der im Dialogus auftritt, hat man zu leugnen 
versucht^), aber mit was für Gründen? 6og>i6ziig bezeichne einen 
Schulredner und es sei ganz unwahrscheinlich, daCs Matemus, 
der sich nach seinen eigenen Worten bei Tacitus (c. 4) ermüdet 
vom Sachwalteramt zurückgezogen und der Muse gewidmet habe, 
in seinem Alter in die Rhetorenschule übergegangen seL Das 
scheint mir hinfällig zu sein: erstens ist es an sich ganz be- 
greiflich, dafs ein Sachwalter, dem die Plackerei auf dem Forum 
zu viel wird, sich in das otium des Deklamationssaals zurück- 
zieht, und zweitens wird dieser Übergang im vorliegenden Fall 
gerade dadurch um so wahrscheinlicher, weil Matemus sich 



1) Cf. L. Schwabe in Teuffels Gesch. d. röm. Litt. » § 818, 1. E. Zarncke 
in Jahresber. flb. d. Fortschr. d. klass. Alt. LXXIU (1898) 280. 



Tacitus. 325 

der Dichtkunst widmete; denn, frage ich, welcher Dichter der 
damaligen Zeit deklamierte nicht in der Bhetorenschole? Ich 
will hier die Belege nicht yorwegnehmen, die ich später (An- 
hang I) fOr die völlige Yerquickung der Rhetorik und Poetik, 
des 6o(pi6tiig und X0Li]ti^g^ in der Eaiserzeit zu geben habe. 
Wenn ich noch hinzuf&ge, dals der Dichter Matemus, wie die 
Stoffe seiner Tragödien zeigen^), mit grolsem Freimut über die 
bestehenden Verhältnisse geurteilt hat {pjfendit potentium animos 
Tac dial. 2) und Domitian einen Matemus hinrichten liels, der 
shii XI xatä tvQdwan/, so wird man doch wohl aufhören, an 
der Identität beider zu zweifeln: wie Matemus einen ^Thyestes', 
so hatte einst unter Tiberius Mamercus Scaurus, ebenfalls Sach- 
walter, Deklamator und Tragodiendichter in emer Persoui einen 
^Atreus' gedichtet, der ihm den Eopf kostete (Tac. ann. VI 29; 
Snet Tib. 61; Dio LYIII 24). Aus dem Gesagten ergiebt sich 
aber, dals der Dialogus nach dem J. 91 yerfalst ist, denn Ta- 
citus hat keine Lebenden erwähnt: einmal folgt dies aus der sich 
bekanntlich bis in Einzelheiten erstreckenden Nachahmung der 
Bücher Ciceros *de oratore', und ferner daraus, dafs von Aper 
und Secundus, den beiden anderen Mitunterrednern, gelegentlich 
als von nicht mehr Lebenden gesprochen wird (c. 2).') 



1) Cf. B. Schoell in: Comm. Woelfflinianae (Leipz. 1891) 894 ff. 

2) Die Zeit, in welcher Tacitus das Gespräch gehalten sein l&Dsty ist 
natürlich ganz unabhängig yon der Zeit der Abfassung. Ich wfirde das 
gar nicht erw&hnen, wenn ich nicht in der Lage wäre, ein allgemeines 
kleines Versehen durch eine Bemerkung, die mir A. Eiefsling im J. 1898 
knn TOT seinem Tode machte, hier zu berichtigen. Kap. 17 sagt Aper: 
tft de Cicerone ipso loquar, Hirtio nempe et Pansa conaulibus, ut Tito liber- 
tu$ eius scribU, sepHmo idus Decembres occieus est, quo anno divus Äugustus 
in loeum Pansae et Hirtii se et Q. Pedium consules suffecit. statue sex et 
quinqiMginta annos, quibus mox divus Äugustus rem pubJicam rexit; adice 
Tiberii Pres et viginti, et prope quadriennium Gai, ac bis quatemos denos 
Chmdii et Neronis annos, atque iUum GaXbae et Othonis et Vitellii Jongum 
et immn annum, ac sextam iam felicis huius princip<xtus staHonem, qua Ve- 
epaeianus rem publicam fovet: centutn et viginti anni ab interitu Ciceronis in 
kunc diem coUigtMtur, Nun sagt man: das 6. Jahr Vespasians ist 75 n. Chr., 
das 120. Jahr nach Ciceros Tod 77 n. Chr., also stimmen beide Angaben nicht zu 
einander, letztere wird aber wohl die approximative, erstere die richtige sein. 
Nun ist ja aber aus den Worten ganz klar, dafs die sexta staHo keineswegs 
das e.Begiemngsjahr des Vespasian bedeutet, sondern: statio I Äugustus, st. 11 
Tiberius, st. m Gaius, st. IV Claudius und Nero, st Y Galba Otho Yitellius, 



326 Von AuguBtas bis Traian. 

Der Dialogns darf mithin nicht als Dokument f&r die all- 
mähliche Entwicklmig der taciteischen Diktion verwertet werden, 
sondern man mufs sagen: es ist ein litterarischer Essai, wie in 
der ganzen Anlage, so auch im Stil und, soweit das eben möglich 
war, auch im sprachlichen Ausdruck gehalten in ciceronianischer 
Manier^): so gut wie noch Autoren des sechsten Jahrhunderts 
in Gaza und Mytilene und solche der folgenden Zeit in Byzanz 
in ihren Dialogen platonisch redeten, so war für die lateinisch 
schreibenden Autoren Cicero auf diesem Gebiet das bestandige 
Vorbild. Erst mit den beiden feinen Essais, dem biographischen 
und dem geographisch-ethnographischen^) — im Altertum schied 
mau beides nicht: auch das Volk hat seinen ßiog — beginnt 
die Entwicklung des Tacitus, wie als Historikers so als selb- 
ständigen Stilisten: von da ab ist es ein Weg, der ununter- 
brochen aufwärts fElhrt, seine Signatur ist das immer stärker 
werdende Streben nach dem Ungewöhnlichen, hervorgerufen 
durch seine immer mehr sich ausprägende Subjektivität, 
indi- Diese Subjektivität tritt um so stärker hervor, weil der 

Schriftsteller sich bestrebt, sie zurückzudrängen und dort kühl 
und leidenschaftslos zu scheinen, wo er von innerer Erregung 
glüht. So berichtet er bei der Erzählung vom Tode des Ger- 
mauicus scheinbar objektiv, dafs die auswärtigen Völker über 



st VI Yespasianus. Also ist eine Zeitangabe nur in den 120 Jahren nach 
Giceros Tod zu finden, d. h. das Gespr&ch fällt ins Jahr 77 n. Chr. 

1) B. Hirzel , Der Dialog 11 (Leipz. 1896) 60 f. glaubt „durch die 
weiten Falten des ciceronianischen Mantels schon den kr&ftigen Gliederbau 
des selbständigen Stilisten und Künstlers zu erkennen", führt aber keine 
Belege an, was ihm auch schwer fallen dürfte. Ganz verfehlt ist L. Kleiber, 
Quid Tac. in dialogo prioribus scriptoribus debeat, Diss. Halle 1888, wo 
er p. 73 ff. auf Grund nichtiger Argumente den EinfluTs Senecas nach- 
weisen will. 

2) Die Germania ist ein den grofsen Gteschichtswerken Torausgesehiek- 
ter Essai in der Art der des Seneca über Indien und Ägypten (Leo münd- 
lich; Seneca spricht öfters Ton den Germanen, ganz im Sinne des Tacitus, 
cf. den Index der Haase'schen Ausgabe). Tacitus selbst hat später (ann. 
rV 38) diesen Stoff zu denen gerechnet, die den Leser unterhalten und er- 
götzen (cf. auch Strab. XIIT 681); die Griechen pflegten seit Herodot und 
Theopomp solche geographisch - ethnographischen Schilderungen in Form 
Ton Exkursen zu geben (z. B. Poljbios, Poseidonios), was die römische 
Geschichtsschreibung nicht mitmachte, cf. Mommsen, Über T. (Jermania in: 
Sitzungsber. d. Berl. Akad. 1886 p. 45. 



Tacitus. 327 

ihn traaerten^ aber wirkt das nicht mehr, als wenn er ihn der 
Mode gemäfs in einem langen Xöyog htvtafpiog gepriesen hätte, 
wissen wir nicht trotzdem, dals er sein erklärter Liebling war? 
Der Schriftsteller aber, der mit seinem Pathos so sparsam wirt- 
schaftet, hat vor andern dann voraus, dafs er doppelt wirkt, wo 
er einmal ans sich herausgeht: welches schönere Geschick konnte 
dem Arminius zuteil werden, als in dem ernsten, zurückhaltenden 
B5mer den Lobredner seiner Gro&e zu finden? 

Durch diese Subjektivität unterscheidet sich Tacitus von den i. meOc 
meisten antiken Schriftstellern und übertrifft auch die, welche potitton 
ihm dann ähnlich sind. Dieses Überströmen einer mächtigen 
Lidividualität, die, sich selbst dessen unbevnifsti allen Menschen 
und Begebenheiten ihren Stempel aufdrückt, weist Tacitus eine 
£EUit singulare Stellung in der antiken Litteraturgeschichte an, 
in welcher die Unterordnung des Individuellen unter das Tradi- 
tionelle fast ein Dogma war. Und doch ist auch Tacitus kein 
Phänomen, auch er ist ganz nur aus seiner Zeit heraus zu ver- 
stehen, die er überragt: er erhebt sich über sie, indem er ihre 
Fehler vermindert und fast zu Tugenden gestaltet, und ihre 
Tugenden auf die höchste Spitze steigert. Ich verstehe darunter 
das Malerische seiner Darstellung^), sowie vor allem die unüber- 
troffene Kunst in der Wiedergabe von Stimmungen, worin er 
scheinbar das Fühlen anderer, in Wahrheit sein eigenes nieder- 
legt'), imd in der psychologischen Charakteranalyse, mit der er 
uns sowohl milde Naturen als auch besonders grandios genia- 
lische Frevler in ihrer ganzen dämonischen Gewalt vor die Seele 
steUt, und den dieser Kunst so konform gestalteten Stil: eine 

1) Z. B. der Brand Borns (a. XV 88), der Brand und die Plünderung 
Cremonas (h. m Z^^ die Erstürmung und der Brand des Eapitols 
(L m 71 ff.); am deutlichsten wird einem das, wenn man entsprechende 
Partieen be! dem trocknen Sueton vergleicht, z. B. die Katastrophe 
der Agrippina bei Tac. XVI 1 ff. mit Suet. 34 oder die Abdankung 
des Vitellius bei Tac. m 67 mit Suet. 15. — Auch einzelnes, z. B. die un- 
überlegte Hast der auf dem Eapitol Eingeschlossenen (m 78): trepidi 
mäUes, dux segnis et velut capitis €tmmi non lingtM, non aumbus compeUre; 
neque alienia consüiis regt, neque stM expedire; Jmc illttc clamorihis hasHum 
dreumagi; qtMe itisserat vetare, quae vetuercU iu5fre, u. s. w. 

2) Z. B. die rumores der Stadt über Augustus (ann. I 9 f.) , Nero 
(Xm 6), die Neuerungen im Bühnenwesen unter Nero (XTV 20), die Er- 
mordung der Octayia (XIV 68); die Stimmung der Generale im J. 69 (bist. 
n 7), der Vitellianer vor der Katastrophe (JE 66). 



SaUuit. 



328 ^on AugnstoB bis Traian« 

Reihe gewaltiger Tragödien, komponiert mit der Eiinst des 
groDsten Dichters^) und in monumentaler Sprache. Aber wir 
d. Schrift- dürfen dabei zweierlei nicht vergessen. Zunächst: Tacitos hatte 
'und einen gro&en Vorgänger, an dem er sich gebildet hat: wie 
Sallust nicht ohne Thukydides, so ist Tacitus nicht ohne Sallust 
zu verstehen. Er hat ihn einmal rerum Bomanarum florentissimum 
auctorem genannt (ann. III 30), wo wir den Superlativ ganz im 
eigentlichen Sinn verstehen müssen, denn nicht viel früher war 
er von Martial (XIV 191) als primus Bomana Criyms in historia 
bezeichnet worden. Man hat seit Lipsius oft auf die nahe Be- 
rührung der beiden hingevnesen^); die Ähnlichkeit beruht nicht 



1) M. Haupt sagte, Tac. sei aufser zum Historiker zum tragischen 
Dichter geboren gewesen (Chr. Beiger, M. H. als acad. Lehrer 268); c£ H. 
Nissen im Rhein. Mus. XXVI (1871) 509: „Die Genauigkeit des Details 
wird preisgegeben, um eine desto stärkere Gesamtwirkung auf den Leser 
auszuüben. Dies Bestreben offenbart sich in der Anordnung des Stoffes. 
Tacitus sieht von der streng chronologischen Folge der Begebenheiten ab 
und reiht sie Tielmehr nach Inhalt und Schauplatz zu einheitlich gerun- 
deten Bildern zusammen." Auf diese Komposition im groDsen wird auch 
in den leidlichen erklärenden Ausgaben (von einer guten, die gerade bei 
Tac. auch fär Wissende ein Bedürfnis ist, sind wir noch weit entfernt) 
keine Rücksicht genommen, obwohl er doch gerade darin sich yor sämt- 
lichen antiken Historikern auszeichnet. Eine gute Bemerkung darüber bei 
G. Bardt im Hermes XXIX (1894) 458, 1. Am grandiosesten ist wohl die 
Darstellung der Ereignisse des Jahres 69, weil hier die Einheitlichkeit 
durch den dramatisch yerlaufenden Gang der Dinge selbst gegeben war 
(besonders bist. III). Auch rein äuTserlich tritt dies Moment hervor: B. IL 
VI. XI. XII. XIY. XV der Annalen enden mit dem Tode des Arminius, des 
Tiberius, der Messalina, des Claudius, der Octavia, der Teilnehmer an der 
pisonianischen Verschwörung, vor allem des Seneca; dazu am SchluTs ein- 
zelner Bücher (ann. I. XI. XIV) spannende Verweise auf die Zukunft, wenn 
erst ein Teil des Tragödienkomplexes zu Ende ist. Man mufs bedenken, 
dafs politische Tragödien in der ersten Eoiiserzeit wirklich verfafst wor- 
den sind. 

2) Cf. Lipsius zu ann. III 21 (citiert yon Bemajs in Ges. Abh. II 
204, 1, der einiges nachträgt). A. Gerber, De Tacito rerum scriptore etc. 
(Progr. Leutschau 1860) 18 f. E. Wölfflin 1. c. XXVI 122 ff. (wo ich be- 
sonders bemerkenswert die Beobachtung finde, dafs urbem Bomam a prin- 
cipio reges hdbuere auf den Anfang des berühmten sallustischen Exkurses 
urhem Eomam, sieut ego accepi, condidere aique hdbuere inüio Traiani Be- 
zug nimmt, cf. übrigens auch den Anfang des Exkurses in der inschrift- 
lichen Rede des Claudius I Z. 8 guondam reges hanc tenuere urbem), Schön- 
feld, De Tac. stud. Sali., Diss. Leipz. 1884. Das stärkste Beispiel ist wohl 



Tacitus. 329 

bloüi im allgemeinen darauf^ dals beide Meister in der psycho- 
logischen Analyse von Charakteren sind; sondern manche Cha- 
raktere sind bei Tacitus mit denselben Farben ^ ja teilweise in 
wortlicher Anlehnung an Sallust gezeichnet^ vor allem Poppaea 
Sabina (ann. XIII 45) nach Sempronia (Cat. 25), Seianus (lY 1) 
nach Catilina (Cat. 5); wenn Sallust von Catilina sagt (c. 5): 
älieni appetens sui profusus, so sagt Tacitus (bist. I 49) umgekehrt 
von Galba: pecuniae alienae non appetens, stii parcus (cf. Germ. 31: 
prodigi (Uieni, contemptares sui). Beiden gemeinsam ist die pessi- 
mistisch ernste Weltanschauung, die verhaltene Leidenschaft, das 
souveräne Streben nach dem Ungewöhnlichen. Diese Ähnlichkeit 
mit Sallust, durch Eongenialität der Naturen bedingt und durch 
Studium bei Tacitus gesteigert, ist das eine, was wir bei seiner 
Beurteilung nicht vergessen dürfen. Dazu kommt dann einT.d.8ohrifl 
weiteres. Die Darstellungsart der in den Bhetorenschulen auf- und die 
gewachsenen Schriftsteller der Eaiserzeit hat überhaupt etwas ^^JX" 
Malerisches (s. o. S. 285 ff.)0' ^^^ speziell die Geschichts- 
schreibung jener Zeit hat das psychologische Moment so stark 
betont, daCs sogar ein Velleius es verstanden hat, packende Cha- 
rakteristiken zu geben; wir wissen (s. o. S. 244 ff.), dals die 
Neigung dazu in der ganzen Zeit lag, die sich, nachdem die 
Möglichkeit zu selbständigem energischen Handeln fast aus- 
gehoben war, mit bei^nderer Liebe dem eigenen Innenleben und 
dem der anderen zuwandte, und dafs daher die Kunst der Ana- 
lyse innerer Vorgänge in der Bhetorenschule gelehrt wurde. 
Doch hat sich Tacitus stets davor zu hüten gewufst, der Manier 
oder der Schablone zu verfallen: wenn seine Werke auch in ihrer 
ganzen Anlage und Ausführuug dem Geschmack der Zeit ent- 
sprechen und vieles nur aus ihm zu erklären ist, so wird ihm 
das kein Verständiger vorwerfen wollen, sondern vielmehr das 
Urteil bewunderu, welches ihn das Gute auszuwählen und es zum 
Besten zu gestalten befähigte. Dasselbe gilt von seinem StiL 

Man kann das Wesen dieses Stils mit einem Worte be- s. ni« st 

Uatik. 



rxj 



(et M. Krenkel, Josephus u. Lucas [Leipz. 1894] 85) Sali. lug. 101, 11 
Tac. Agr. 87. Auch das auffallend herbe Urteil des Tacitus über Pom- 
peius (ann. IQ 28) erinnert an den Standpunkt des Sallust. 

1) Schilderung von Bränden, wofür aus Tacitus oben (S. 827, 1) einiges 
angefahrt wur^e, waren in den Rhetorenschulen beliebt: Sen. conir. n 1, 
11 f. ezc. m 6; 8. Y 6. 



330 Von Augostos bis Traian. 

zeichnen: Plinius (ep. 11 11, 17) sagt von einer Bede des Tacitns, 
sie sei; wie gewöhnlich, 6£(iv&g gesprochen^): ösfivitfig ist der 
Ton^ aaf den er alles gestimmt hat — er selbst spricht hist. 11 50 
von der gravitas seines Werkes — , wie einst Thokydides, den 
das Altertum den Typus der ösfiv&crjg nannte'); wie dann Sallust^ 
dieser scriptor seriae ac severae oratianis. Der Ernst eines Schrift- 
stellers macht immer den Eindruck einer beabsichtigten Feier- 
lichkeit: daher rühmt Apollinaris SidoniuS; ein eifriger Leser des 
TacituS; dessen pampa (carm. 2; 192). Nur so konnte Tacitus 
schreiben als Mensch und Kind seiner Zeit. Sehr schon sagt 
Nipperdey (Die antike Historiographie, in Opusc. ed. B. Schoell 
p. 420): ;;6ewirs hat dieser Stil (der anniutige und behagliche 
des Herodot; Xenophon, Livius) seine grofse Berechtigung. Indeüs 
liegen doch gröfsere Motive in der Geschichte, denen zu genügen 
er schwerlich im Stande ist. Die gewaltigen Kämpfe, die un- 
geheuren Wechselfalle grofser Individuen und ganzer Nationen, 
die unbändigen Leidenschaften, die mit einander ringen, sie 
werden, wenn wir uns ihrer ganz bewuiüst sein sollen, doch in 
einem andern Stil uns dargestellt werden müssen, als dem, dessen 
Grundabsicht ist, uns zu ergötzen. Dieser stärkern Motive vor 
allen sind sich die grölsten Historiker des Altertums bewulkt 
gewesen, Thukydides, Sallust und Tacitus, und man kann sagen, 
aafs eben in diesem Bewufstsein ihre Gi^fse liegt. Sie haben 
es als die Aufgabe der Geschichte erkannt, nicht zu ergötzen, 
sondern zu ergreifen und hinzureifsen und dem Leser dieselbe 
gewaltige Bewegung mitzuteilen, die im Leben der Geschichte 
tobt.« 

Wer 6£iiv&g schreibt, der schreibt nun zunächst vornehm. 
Es giebt in der gesamten antiken Litteratur, die doch bis in die 
Zeit ihres Verfalls den Stempel einer aristokratischen Exklusi- 
vität trägt, keinen Schriftsteller (höchstens Thukydides aus- 



1) Eine ungefähre Yorstellong, wie Tacitns geredet haben mag, werden 
wir uns etwa aus ann. XIV 43 ff. machen dürfen, weil es sich da nm eine 
wirkliche causa handelt, in deren Wiedergabe er gewifs ganz frei verficüiren 
ist. Die Rede schliefst bezeichnenderweise mit einer yt^^fu}. — Lateinisch 
ist 68itv6g sancttM (was gern mit augtutM und antiquua verbunden wird, 
cf. Quintil. VIII 3, 6 ; 44) oder gravis. 

2) Joh. Chiys. hom. de sacerdotio lY 6 p. 669 Migne (citiert von R 
Yolkmann, Rhetorik' p. 658 adn.). 



Tacitus. 331 

genommen), der so durchaus voruehm geschrieben hat wie Ta- 
citus. 'Ex^aiQm ndvxa tä druiööuc tönt uns aus jedem Satz ent- 
gegen.^) Nie steigt er zu seinem Leser herunter, er verlangt, 
daCs man zu ihm komme, aber er macht es schwer: er ver- 
schmäht es, zur Unterhaltung des Lesers anmutige Exkurse ein- 
zulegen; es finden sich ja ein paar Exkurse, aber sie dienen 
nicht zur delectatio, sondern sind, ähnlich wie bei Thukydides 
und Sallust, staatsrechtlichen oder kulturhistorischen oder per- 
sonlichen (besonders a. lY 32 S.) Inhaltes. Daher schreibt er 
auch nicht wie das volgus: er sucht das Ungewöhnliche, sagt 
nichts, was der Leser auch gesagt haben wQrde, jedenfalls nicht 
80| wie dieser es gesagt haben würde; er, der sonst mit jedem 
Worte kargt, wird weitschweifig, wo es gilt, sordida vocabula zu 
vermeiden, so wenn er ann. I 65 statt palae et liganes sagt: per 
quae egeritur humus aut exciditwr ccbespes^)\ sogar staatsrechtliche 
Begriffe umschreibt er lieber oder giebt sie in einer besonderen 
Form (z. B. tribunus pld>ei, circenses ludi wie Gapüolinus mons, 
Vetera Caslra)^\ poetische Worte und Wortverbindungen, die er 
teils bewulist, teils auch wohl unbewuUst verwendet^), erhöhen 

1) Was das G'egenteil von csitv6g ist, zeigt [Isoer.] ad Dem. 80 ylyvov 
%Qhg tahg nXriaidtowtag 6inlriti%6g iiXXu fitj CBykv6g und Isoer. ad Nie. 84, 
wo ^tfTcroff als das Gegenteil genannt wird: beides ist Tacitus eben nicht. 

8) Cf. bist, n 49 luce prima in ferrum pectore inctilmit (Otho): was 
die Quelle gab, steht bei Suei Oth. 11 uno se traiecit ictu infra laevam 
papillam; Martial VI 82, 4 hat wie Tac. peclMS, XIV 4 ptctori haerens'>-* 
8net. Ner. 84 papillas exoscUUxtM. XITI 26 deverHcula oo Snet. Ner. 26 
papimie. XITI 44 mansitare cum müliere. bist. ÜI 88 ecorta et scortis 
similes. Ausnahmen sind beabsichtigt: z. B. VI 1 (obscOne Worte zur 
Beseichnimg der sexuellen Perversität des Tiberius), XIV 16 cauponcie (der 
dBi9m6i£ wegen). — Dafs diese Vermeidung des Gewöhnlichen und Gemeinen 
auf Abficht beruht, kann man z. B. aus der gegenteiligen Praxis des Sueton 
(nicht blols in den angefahrten Fällen, sondern überhaupt) und seiner Fort- 
setser ersehen. 

8) Cf. G. Andresen, De voc. ap. T. colloc. (Progr. d. (Jymn. z. gr. 
Kloft Berl. 1874) 18 fT. Bardt 1. c. 468 f.; cf. auch h. m 78 und a. Xm 16 
fetU» Satwmi didms. 

4) Bei augusteischen Dichtem läfst sich gelegentlich eine &noqla aus 
Tacitus lösen und umgekehrt. Vergil Aen. VI 802 ipse (Charon) raUm 
cotUo iubigit velisque ministrat: schon Servius zweifelt, ob velis Dativ oder 
Ablativ sei, also ob * er bedient die Segel ' oder * er bedient das Schiff mit 
den Segeln'. Alles spricht für den Ablativ, zunächst die Eonzinnität des 
Ausdrucks, die Vergil nachweislieh sehr liebt, sodann die Nachahmung so« 



332 Von Augustus bis Traian. 

den Yomehmen Charakter, und zwar steigert sich, wie besonders 
WolfiTlin 1. c. nachgewiesen hat, das Streben nach dem Un- 
gewöhnlichen vom Agricola an bis zu den letzten Büchern der 
Annalen: er steht schliefslich als souveräner Sprachmeisterer vor 
uns, über dessen Kühnheit wir staunen, wenn wir der strengen 
Starrheit der klassischen Sprache gedenken.^) 

Wer .66(iv6g ist, ist femer ein Feind des Kleinlichen in 
Inhalt und in Form. Daher verschmäht Tacitus die seit lange 
üblichen äufserlichen Mittelchen zur Hebung der Darstellung. 
Ich verstehe darunter die durch Wortverschränkung erreichte 
rhythmische Komposition^, die zierlichen und weichlichen Bede- 
figuren ^), vor allem die Konzinnität des Ausdrucks, die ihre 

wohl desVal. Flacc. XU 38 ipse rotem vento stdlisque nUnistrcU als auch be- 
sonders die des Tacitus Germ, 44 naves velis ministrantur. — Tac. Gtom. 18 
dotem non uxor marito, sed uxori marittM offert interswmt parentes ei pro- 
pinqui ac munera prohant, tnunera non ad delicuM muliehres quaesUa sed 
etc.: das von den meisten getilgte zweite mimera hat hier E. Baehrens 
richtig verteidigt durch Properz I 8, 26 omnicigue inffrato largtbar munera 
somno, tnunera de prono saepe voluta sinu; wer die augusteischen Dichter 
kennt, weifs, dafs sie sich (in Nachahmung der Alexandriner) dieses Mittels 
zur Hebung des ^d^og oft bedient haben. — Archaismen, die sehr selten 
sind, erklären sich teils aus dem sermo poeticus, teils aus Nachalunang 
des Sallust, z. B. gute, patrare (bellum u. dgl., cf. Quintil. VIII 8, 44). Ersteres 
gilt auch von den scheinbaren Gi^ismen: Tacitus, ein Feind der Qraeculi, 
ist bis zu dem überhaupt zulässigen Grade strenger Purist (Nipperdey zu 
XIV 15). 

1) Beispiele sind überflüssig, doch vgl. etwa h. m 79 ÄnUmiue mUto 
tarn noctis serum auxUium venit (statt: Ä. muUa tarn nocte serus auxiHo venU), 

2} Man lese einen beliebigen Satz z. B. des Seneca (über dessen Be- 
obachtung der rhythmischen Klausel s. o. S. 811 f.) neben einem des Tacitos 
(etwa die B«de, die er den Seneca vor Nero halten läfst XTV 68 f.), um 
sofort den fundamentalen Unterschied zu fühlen (ob es Zufall ist, dafs die 
letzten Worte, die Seneca vor seinem Tode spricht XV 68 rhythmisch sind : 
vüae delenimenta monstraveram tibi, tu mortis decüs mdvis: non inviddbo 
hximplö. Sit huius tam fortis exitus penes tUrosque par, clantudinis pku 
in tud fine? Vermutlich war das seine ai^toqxovUc). Die Wortstellong ist 
bei ihm denkbar einfach: Trennung des Zusammengehörigen (s. B. Substan- 
tiv und Attribut) aus rhetorischen Bücksichten sind bei ihm hOdist selten, 
cf. die paar Stellen bei Nipperdey zu a. I 67 (und über dichterische Nach- 
stellung von Präpositionen zu XIII 47), auch darin stinmit er also mit Sal- 
lust überein (s. o. S. 203,1); sogar Eakophonieen (scheinbare?) wie XTV 69 
Pelagone spadone, a. IV 75 aviam Octaviam beseitigt er nichts cf. Nippor- 
dey zu a. I 59. 

8) Man kann sich bei ihm wie bei Sallust darauf verlassen, daCs eine 



Tacitufl. 333 

deutlicliste Form im Satzparallelismus findet. Man hat nach- 
gewiesen ^)y dafs — um von dem Dialogus ganz abzusehen — 
von bescheidenen y fast schüchternen Anföngen im Agricola und 
in der Grermania an (z. B. Agr. 41 : teineritate aut per ignaviam ; 
Oerm. 37: Satnnis Poeni Hispaniae Galliaeve Parihi) ein be- 
standiges Abnehmen des konzinnen Ausdrucks zu konstatieren 
ist, bis er schliefslich in den Annalen zu seiner völligen Zer- 
störung gelangt, indem er die konventionelle Form der Dar- 
stellung mit einer subjektiven Willkür ohnegleichen vergewaltigt. 



BedefigOT nie ohne bestimmte Absicht angewendet wird, und daher erzielt 
er durch sie stets ^d'og %al ndd'og; z. B. das Asyndeton und Wortspiel: 
h. I 3 praeter mültiplices rerum humanarum casus caelo terrague prodigia et 
fitiminum monitus et futurorum praesagia, laeta tristia, ambigua manifesta; 
nee enim umquam atrociorib%^s populi B. cladibus magisve iustis indicibus 
adprobatum est non esse ewrae deis securitatem nostram, esse uUumem. 10 (in 
einer Charakteristik) Itunma industria, comitate adrogantia^ malis banisque 
artibus mixtus. a. XTIT 44 tum, ut adsolet in amore et ira, iwrgia preces, 
esprobratio satisfactio (oft drei- und viergliedrige Asyndeta in lebhaften 
Schlachtbeschreibungen); Parallelismus mit Anapher, oft dreiglie- 
drig: a. XIV 44 (Bede) servis si pereundum sit, ni prodant, possumus sin- 
ffüi inter plures, tuti inter anxios, postremo non imUti inter nocentes agere. 
Alll 82 post luliam interfectam per quadraginta annos non cultu nisi lugu- 
M, non animo nisi maesto egit 85 ipse cultu levi capite iwtecto, in agmine 
in läborilms frequens adesse; laudem strentns, solacium invdlidis, exempium 
omnilme ostendere, h« IQ 68 nee quisquam adeo rerum humanarum immemor 
quem non eommoverat üla fades, Eomanum principem et generis humani 
pernio ante dominum relicta fortunae stMe sede per populum, per urhem exire 
de imperio. ^Z non dignitas, non aetas protegehat, quo minus stupra caedi- 
hu8, eaedes stupris miscerentur. 72 arserat et ante Capitolium civili beUo, 
$ed firaude privata: nunc pdlam ohsessum palam incensum, quibus armorum 
camtis quo tantae cladis pretio?, besonders auch 88^ wo er den Zustand der 
von den Parteien des Yitellius und Yespasian zerfleischten Stadt schildert: 
saeva ae deformis urbe tota fades: alibi proelia et vtdnera, alün balineae 
popinaeque; simul cruor et strues corporum, iuxta scorta et scortis similes; 
quemium in luxurioso otio libidinum, quidquid in acerbissima captivitate 
sederum, prorsus ut eandem dvitatem et furere crederes et lasddre, eine 
Periode, von welcher der Cavaliere Tesauro in seinem famosen Buch De]r 
argnta et ingeniosa elocutione (Venetia 1668) gesagt hat (p. 186), sie sei 
eine rosa fktrüa nel ginepraio del suo pungente e duro stile: es ist eben eine 
iw^p^eMig. — Über die Antithese s. u. S. 889. 

1) Cf. Ph. Spitta, De T. in comi>onendis enuntiatis ratione (Diss. GOt- 
ting. 1896) 90; 186. WOlfflin 1. c. Eucera, Üb. d. tac. Inconcinn., Progr. 
OlmfitB 1882. 



334 ^on Augostiis bis Traian. 

sie zersprengt und abwirft wie eine lästige Fessel^); was würde 
Cicero wohl geurteilt haben über einen Satz wie a. I 3: äbolendae 
magis infamiae quam aipidine proferendi imperii aut dignwm ob 
praemiumj den er etwa so gebildet hätte: incensus cupidine 
äbolendae magis infamiae quam proferendi imperii aut digni aed" 
piendi praemii, oder über folgenden a. lY 38 : quod älii modesHam^ 
mülti quia diffideret^ quidam ut degeneris animi interpretabantur, 
wofür er etwa gesagt hätte: quod (üii modestiam^ alii difßdentiam^ 
älii degeneris animi Signum interpretabantur^ Durch diese Zer- 
störung der Form erreicht er aber eine Vertiefung des Inhalts: 
denn, wie ich schon oben bei Thukydides bemerkte, giebt jeder 
Wechsel des Ausdrucks dem Gedanken eine, wenn auch noch so 
feine Nuance.*) 

Endlich ist ein Zeichen des 68nv6v die Kürze. Das hat 
schon Hermogenes gesagt (de ideis II 294 Sp.): x&Xa dh ösiivdj 
RjcsQ Ttal xa^agd, Xiya) tä ßgaxiksQa. Dies ist diejenige Eigen- 
schaft des taciteischen Stils, die sich jedem zuerst aufdrängt^ 
und die sich auch in ihrem stetigen Steigen von den EroÜings- 
schriften an verfolgen läfst.^) Die livianische ubertas ist in ihr 
Gegenteil umgeschlagen, es giebt keinen lateinischen Schrift- 
steller (ausgenommen TertuUian, der ihm auch in dem souveranen 
Schalten mit der Sprache ähnlich ist), der in diesem Mause 
weniger gelesen als gedacht sein will: kurze Sätze, kein Wort 
zuviel, im Gegenteil: was irgendwie fehlen kann, fehlt, daher 
aber auch jedes Wort inhaltsreich, eine Welt von Gedanken 
bergend und der Phantasie des mitdenkenden Lesers einen un- 
begrenzten Horizont eröfihend. Ganze Gedankenreihen werden 
oft ausgelassen und nur durch ein folgendes an, tainen, aiiogum 
u. dgl. angedeutet, besonders in den gelegentlich nur skizzierten 



1) Vor allem lehrreich ist, was Wölfflin 1. c. XXV 124 über das Vor- 
kommen der korrespondierenden Partikeki bemerkt, z. B. kommen neque 

— neque, nee — nee in Dial. Agr. Germ. Hist. zusammen 64mal vor, in d«B 

— umfEuigreicheren — Annalen nur 8mal; non modo — sed etiam nnd vd 

— vel finden sich in den Annalen nur in Reden (die überhaupt ein — ganx 
geringes — Plus in der konzinnen Form zeigen), und zwar ersieres Imal, 
letzteres 2mal. 

2) Cf. F. Haase in der Yorrede zu seiner Ausgabe (Leipz. 1866) p. UIL 
S) Eine ganz brauchbare Sammlung giebt schon Boetticher in seinem 

Lezicon Taciteum (Berlin 1880) LXXm ff. 



Tacitus. 335 

Beden y vor allen den indirekten. Er kann — das darf mit Be- 
stimmtheit behauptet werden — auch für romische Leser nicht 
leicht gewesen sein, und hat es so wenig sein wollen wie Thu- 
kydides für griechische. 

Ich habe die wesentlichen Merkmale des taciteischen Stils :T.dftr8tiii 
Vornehmheit, Vorliebe fQr das ÜDgewohnliche, Kühnheit, Kürze stmott.- 
bisher ganz aus der Individualität des Tacitus zu erklären yer- 
sucht. Das Bild wäre aber unvollständig, wenn wir nicht die 
Fäden verfolgten, durch die er auch auf dem Gebiet des Stils 
mit dem ihm wahlverwandten Sallust zusammenhängt, wenn wir 
femer vor allem ihn nicht aus seiner Zeit heraus beurteilen 
wollten. Beides liegt nicht weit von einander ab, ja fallt teil- 
weise zusammen: Sallust, selbst Kind einer Zeit, in der alles 
Bestehende in Frage gestellt wurde, Pessimist und Eiferer gegen 
die Verderbnis der Sitten, war mit seiner Vorliebe für das Be- 
sondere im Stil, für die pointierte Kürze, die so gegen die Breite 
des Cicero und Livius kontrastierte, den grolsen Schriftstellern 
der ersten Kaiserzeit kougenial: Seneca spricht (ep. 114, 17) von 
solchen, die nachahmten Sallusts amputatas sententias et verha 
ante exspectatum cadentia et öbscuram brevitatem, Quintilian urteilt 
über die Kürze des Sallust: sie sei in der Gerichtsrede zu ver- 
meiden, aber in einer für hochgebildete und nachdenkliche Leser 
bestimmten Geschichtsdarstellung das Vollkommenste, was es 
gebe, nur müsse man sich davor hüten, das, was bei Sallust ein 
Vorzug sei, durch Übertreibung zu einem Fehler zu machen 
(Quint. IV 2, 45; XI, 32). Man sieht daraus, dafs sogar ein 
Oiceronianer wie Quintilian für den historischen Stil die Kon- 
zession macht, Sallust habe in ihm das Hervorragendste ge- 
leistet. Das ist der eine Gresichtspunkt, von dem aus man den 
Stil des Tacitus historisch beurteilen mufs: was ist denn dessen 
berufene Inkonzinnität im Ausdruck anders als eine — quanti- 
tative und qualitative — Steigerung desseu, was wir schon bei 
Sallust deutlich beobachten können?^) Ich habe dafür schon 
oben (S. 204) ein paar Beispiele angeführt: Cat 17, 6: inoerta 
pro eertiSy beUum quam pacem maldHint lug. 86, 3: alii inopia 
bonorum, alü per ambitionem consülis 89, 8: cibus Ulis ad- 



1) Schon Boettdcher 1. c. LXXII fahrt ein paar Beispiele aus Sallust 
vergleichsweise an. 



336 ^on Augustus bis Traian. 

vorsus famem atque sitim^ non lubidini neque luxuriae 
erat, vgl. noch Ing. 32: fuere qui auro corrupH ekfhantas 
lugurthae traderent, alii perfugas vendere, pars ex pacatis 
praedas agebant, womit man etwa yergleiche: Tac. a. I 64: de- 
liguntur legiones quinta dextro lateri, unetvicensima in laevum, 
7: per uxorium ambitum et senili adoptione, Agr. 22: iU 
erat comis bonis, ita adversus malos iniucunduSj a. XIV 49: 
quae probaverant deseruere, pars, ne principem öbiecisse invidiae 
viderentur, plures numero tuti. Wie also einst Tbakydides, der 
ernsten ; dem Spielerischen abgeneigten Richtung seines Geistes 
folgend die zierlichen konzinnen Antithesen der sophistischen 
Prosa^ wie dann, ihm folgend^ Sallnst die ciceronianische Eon- 
zinnität zerstört hatten, so ist auch Tacitus dieser von vielen 
seiner Zeitgenossen geteilten Manier in steigender Abneigung^) 
entgegengetreten. Was er durch diese Zerstörung der zierlichen 
Gleichm'afsigkeit hat erreichen wollen und thatsächlich erreicht 
hat, können am besten die — tadelnden — Worte des Schon- 
schreibers Seneca über einige Schriftsteller seiner Zeit zeigen 
(ep. 114, 15): quidam praefractam et asperam (composüianem) 
probant, disturbant de industria, si quid placidius effluxit, nolunt 
sine salebra esse iuncturam, virilem putant et fortem qui aurem 
inaequalitate perctitiat. 
r.derstuist Die zweite Vorbedingung fQr ein historisches Verständnis 
Bhetoren- dcs taciteischcu Süls ist, ihn in Zusammenhang mit der zeit- 
schule, genössischen Rhetorik zu betrachten. Theoretisch hat er seine 
Stellung zu ihr im Dialogus begründet, aber dem Charakter des 
Gesprächs gemafs in mehr verschleierter als klarer Weise; doch 
urteilen gewifs diejenigen richtig'), welche herauslesen , dafii er 



1) Bemerkenswert ist, dafs der parallele Satzbau in den sp&teren 
Werken besonders noch in Beden gelegentlich auftritt, z. B. hiat, I 16. 
ann. I 28. 11 71. IU 60; 63 f. 

2) Cf. zuletzt R. Hirzel 1. c. 11 49, 8. 65 ff. (Nichts bietet E. Walter, 
De Taciti studiis rhetoricis, Diss. Halle 1873.) Man mufs die Stellen hinsa- 
nehmen, an denen er in den historischen Werken Redner nennt, wo er 
Zusätze wie facundia clarn8 u. dgl. zu machen pflegt: sie sind zusammen- 
gestellt von Q. Gudeman in seiner Ausgabe des Dialogus (Boston 1894) 
p. XLIII adn. 86; für seine Anschauung bezeichnend sind: 1. ann. lY 62 
Äfer primoribus oratorum (iddüus, divulgato ingenio et secuta adseveroHone 
Caesaris (Tiberii), qua suo iure disertum eum appellavit (Domitius Afer 
wurde von Quintilian sehr hoch geschätzt und unter die veteree get&hlt: 



Tacitus. 337 

die extremen Ansicliten beider Parteien miJBbilligte; wie er auch 
später den Standpunkt vertrat, dafs man über der Lobpreisung 
einer grofsen Vergangenheit nicht die vielen Vorzüge der (regen- 
wart vergessen dürfe (cf. besonders die bekannten Aufserungen 
Agr. 1; ann. U 88 i. f.; III 55 i. f.), so hat er auch in dieser 
litterarischen Tagesfrage eine vermittelnde Stellung eingenommen: 
ein rücksichtsloses Hineintragen der alten Rhetorik in die Gegen- 
wart ist nach ihm ebenso pervers wie ein völliger Bruch mit 
ihr, beides widerspricht dem Prinzip historischer Entwicklung. 
Nur die Ezcesse der modernen Rhetorik sind ihm zuwider, das 
fühlt man deutlich an der Kritik, welche der Rede des Aper zu 
teil wird. Dafs er sich nun von der modernen Rhetorik aufs 
stärkste hat beeinflussen lassen, ist ganz zweifellos und auch oft 
genug mehr oder weniger energisch betont worden. ^) Seine Vor- 
liebe, die gewähltesten Worte zu gebrauchen, teilt er mit den 
Deklamatoren (S. 286); bei den ix(pQd6sis der Stürme (ann. 170; 
II 23 f.) hat er die aus der Rhetorenschule geläufigen (S. 286) 
Farben aufgetragen; wenn im Agricola der britannische Feldherr 
sagt (c. 30): raptares orbis, postquam cunda vctötantibus defuere 
terrae^ tarn et mare scrutantur und der römische (c. 33): nee in- 
glarium fuetUf in ipso terrarum ac ncUurae fine cecidisse, so ist 
das dieselbe Tonart, in der man den Alexander und seine Rat- 
geber in einer berühmten Suasorie (Sen. suas. 1) an der Küste 



X 1, 118 cf. Plin. ep. 11 14, 10). 2. ann. IV 61 Q. Haterius üoquenUae 
quoad vixit celebraUu: numimenta ingeni eius ha^id perinde reti^ientur, Bcilicet 
impeiu magis quam cura vigehat^ utque aliarum meditatio et labor in posUrum 
vdktcU, sie Haterii canorum illtul et profluens cum ipso exstinctum est (daraus 
kann man etwa ermessen, was er seinem Freund Plinius auf dessen An- 
fnge [ep. I 20], ob nicht die ubertas der brevitas vorzuziehen sei, ge- 
antwortet haben mag). 3. Das bekannte Urteil über Seneca (ann. XIII 3, cf. 42), 
wo man einen leisen Tadel nicht verkennen kann: oratio a Seneca com- 
pomia (für Nero) müUum cultus (ein Schlagwort der Modernen: s.o. S. 286) 
praeferebat, %U fmt iUi viro ingemum amoenum et temporis eius auribus ac- 
commodatum. Dazu konmit 4. eine von Gudeman übersehene Stelle: ann. 
I 63 sagt er Ton Ti. Sempronius (Gracchus: soUers ingenio et prave fa- 
eundus, es ist derselbe, den Ovid (ex Pont. IV 16, Sl) als Tragiker nennt, 
er wird abo wohl der perversen von dem älteren Seneca getadelten Qe- 
sohmacksrichtung angehört haben. 

1) Cf. L. Doederlein, Öffentl. Reden (Frankf. -Erlang. 1860), 484 „Ta- 
citos war unverkennbar der Zögling einer Rhetorenschule". 
Horden, antik« KonatproM. 22 



338 Von Augustus bis Traian. 

des indischen Oceans reden liels^), und die daher auch in Yel- 
leius bei der Landung Caesars in Britannien (II 46, 1) an- 
klingt.^ Vor allem ist es aber dann die brevitas, die wir oben 
(S. 283 f.) als die Signatur des modernen Stils festgestellt haben: 
kann man das Wesen des auf der Hohe seiner Entwicklung 
angelangten taciteischen Stils besser bezeichnen als mit den 
Worten, die Seneca lobend von dem Stil seines Freundes Lu- 
cilius gebraucht: plus signifims quam loqueris (ep. 59, 5), oder 
mit den ganz analogen oben (1. c.) angefahrten, in denen 
Seneca der Vater und Quintilian die Sitte der Deklamatoren- 
schule schildern? Sehen wir nicht auch hier wieder die enge 
Beziehung dieser ganzen Stilrichtung zu der sallustischen? 
Lobten doch diese Deklamatoren nach dem ausdrücklichen 
Zeugnis Senecas (contr. IX 1, 13) den Thukydides wegen seiner 
Kürze und noch mehr den Sallust, der sie gesteigert habe. 
Daher (s. o. S.280ff.; 288) also auch seine Vorliebe für pointierte, 
oft kühne, aber nie das Mafs der Vernunft überschreitende') Sen- 



1) Cf. C. Morawski 1. c. (S. 302, 1) p. 884. 

2) Die Eiitlelmangen des Tacitus aus Velleius, die E. Elebs im PhiloL 
N. F. in (1890) S02 hat nachweisen wollen, sind yOllig illusorisch, ebenso 
wie umgekehrt die des Florus aus Tacitus bei A. Egen, De Floro elocntionis 
Taciteae imitatore, Diss. Münst. 1882 und bei £. Cornelius, Quomodo Tac. 
in hominum memoria yersatus sit etc. (Progr. Wetzlar 1888) 16 f.; letcterer 
weifs sogar (p. 16), dafs der Geograph Ptolemaeus und Lukian den Tacitiu 
benutzt haben! Solche Arbeiten erscheinen jetzt fOr alle griechischen and 
lateinischen Prosaiker und Dichter dutzendweise. Wie ganz anders stellt 
sich die Sache da, wo wirkliche Benutzung des einen Autors durch den 
andern vorliegt, z. B. des Tacitus durch Ammiau, cf. £. Wölfflin im Pfailol. 
XXIX (1870) 658 ff. und H. Wirz ib. XXXVI (1877) 634 f. (kompiliert Ton 
Cornelius 1. c. 18 ff.). 

3) Darin zeigt sich eben die Kunst des SchriftsteUers, und das be- 
dachten nicht die, welche ihn früher deshalb tadelten, so der Verf. des 
Artikels ** Stiles' in den Perroniana et Thuana (Cologne 1694) 368 f.: C'e^ 
le plus michawt stüe du monde que celui de TaciU et est le moindre de tout 
ceux qui ont Scrit Vhistoire. Tout son Stile consiste en 4 ou 5 ekoses, en 
Äntitheses, en reticences: une page de Quinte Owrce vaut mieux que 30 de 
Tacite. MafsvoUer F^n^on, Lettre ä, Tacad^mie Fran9oise sur r^oquence 
etc. (angehängt an die Ausgabe seiner Dialogues sur T^loquence Paris 
1718) 382: Tacite mantre beaucoup de ginie, avec une profonde connoissanee 
des coewrs des plus corrompus; mais il affecte trop une hrieteti mysterieuse. 
H est trop plein de toitrs poHiques dans ses descriptions. II a trop ^esprU: 



Tadtus. 339 

tenzeiii die am liebsten in der Form der Antithese, und zwar 
der gedanklichen Antithese auftreten, selten — und wohl nicht 
mehr in den Annalen — in der Figur des äufserlichen Parallelis- 
mus und nicht oft durch äufseren Wortklang gehoben (gern 
effektvoll an den Schlufs gestellt^), wie man deutlich sowohl im 
Agricola als in der Germania und in den grofisen Werken be- 
obachten kann; z. B. bist. I 19: ipsi medium ingenium magis 
extra vitia quam cum virhUibus . . .^ et omnium consensu capax 
imperii nisi imperasset. 65: uno amne diseretis conexum odium. 
88: per incerta tutissimi. II 39: nee perinde diiudicari potest, quid 
opUmum factu fuerit, quam pessimum fuisse qtiod factum est. 
III 25: factum esse scdus loqtinntur faciuntque (Schiurs) 31: paeem 
ne tum quidem oräbant, ctim Mlum posuissenL IV 68: Damitiani 
imdomitae libidines. Y 25: m noxH capitis poena paenitentiam fa- 
tean^tur (am Schlufa einer Rede), ann. II 52: spe victoriae indueti 
sunt ut vincerentur. III 76 (Schlufs des Buches): praefulgdxint 
(beim Leichenbegängnis der lunia, der Schwester des Brutus 
und Gemahlin des Cassius) Cassius atque Brutus eo ipso, quod 
rffigies eorum non visAantur. XIY 14: eius flagitium est, qui pe- 
cuniam ob ddida potius dedit quam ne ddinquerent*) Aus dem 
Streben nach Kürze und Pointen erklärt sich, wie wir oben 
(S. 295 ff.) sahen, daüs lange und kunstvolle Perioden in cice- 
ronianischer oder livianischer Art bei den Schriftstellern der 
Kaiaerzeit zu den Seltenheiten gehören. Dafs dies auch bei Ta- 
citus der Fall ist, weifs jeder; aber es ist noch nicht darauf 
hinge wiesen, dafs die wenigen, vom Standpunkt der Elassicität 
regelrechten Perioden (fQr die der Abi. abs. und das Particip. 
coni. besonders charakteristisch sind) sich wesentlich nur in 
solchen Partieen finden, wo er res hello gestas darstellt und der 
Ton naturgemäfs ruhiger und getragener ist; z. B. bist. III 13: 
at Caedna defectione dassis vulgata primäres centurianum et paucas 



ü rafine trap. (Ähnlich auch Bouhours, La maniäre de bien penser 1649 
p. 812 f.). 

1) Über die Theorie s. o. S. 281, 1. 

2) Mehr bei Haase 1. c. LIU. Gerber 1. c. 16. Joh. Müller, Beiir. z. 
Krit. o. Erkl. d. Tac. II (Innabr. 1869) 29 f. In den reiferen Werken hatte 
er nicht mehr geschrieben, was er noch in der Germania wagte c. 89 i. f. 
centum pagi iis (Semnonibui) habOantur magnoque corpore efßcitur, ut se 
Sueborum caput credant. 

22* 



340 ^^^ Augufltas bis Traian. 

militumf ceteris per tnilitiae munia dispersiSf secretum castrorum ad- 
fectans in principia vocat 25: is mox aduUuSf inter sepHmanas 
a Galba conscriptuSf öblatum forte pcUrem et vctnere slrakim dum 
semianimem scrutcUurf agnittis agnoscensque et exsanguem amplexus 
voce flfbili precdbahi^r placatos patris maneSf neve se ut parrieidam 
aversarentur. 29: is in vailufn egressus, deturbatis gm resHteranl, 
conqncuus manu ac voce capta castra conclanuwit (cf. 47: igüm 
Vitellü etc.; 56: nam cum iransgredi etc.). ann. XIII 36: m/ienm 
Corbulo legiofiHms intra castra habitis, donec ver adolesoeret, dis- 
positisque per idoneos locos cohortibus auxiliariis, ne pugnam priores 
auderent praedidt. 39: tum drcumspectis munimentis et quae ex- 
pugnationi idonea provisis hortatur milites, ut hostem vagum neque 
päd aut proelio paratum sed perfidiam et ignaviam fuga confitentem 
exuerent sedibus gloriaeque pariter et praedae constUerenL Man lese 
ferner etwa den zwischen die städtischen Ereignisse eingescho- 
benen Bericht über die FeldzQge in Armenien und Britannien 
ann. XIY 23 — 39, um zu fühlen, dafs das ^^og der Darstellung 
und daher die Periodisierung hier und dort verschieden ist.^) 

Vor allem ist nun aber die historische Quellenanalyse der 
beiden grofsen taciteischen Werke, zu der Mommsen durch seine 
1870 erschienene Abhandlung * Cornelius Tacitus und Cluyius 
Rufus' (Hermes IV 295 ff.) den Grund gelegt hat, nicht blofisi 
für die Beurteilung des Historikers, sondern auch des Schrift- 
stellers Tacitus von einschneidender Bedeutung geworden: sie 
hat freilich unserem Glauben an das rein individuelle Gepräge, 
welches diese letzten gewaltigen Schöpfungen der absterbenden 
heidnischen Welt auszuzeichnen schien, bis zu einem gewissen 
Grade Eintrag gethan, aber der wissenschaftliche Litterar- 



1) Viel häufiger als gute Perioden sind, wie überhaupt bei den Au> 
toren der Ealserzeit (s. o. 1. c), schlechte (immer vom klassischen Stand- 
punkt aus betrachtet), z. B. XIII 12 ignara matre, dein frustra obmtente 
penitus inrepserat per luxum et ambigua secreta, ne senioribus guidetn prtii- 
cipis amicia adversantihm , muliercttla nuUa cuiusquam inmria eupidines 
principia explente, quando uxore ah Octavia fato quodam, an gma^^prae- 
valent inlicitu, abhorrebctt metuebaturque, ne in stupra feminarum inlutirmm 
prorumperet, si illa libidine prohiberetur. h. n 41 eo metu etc. wird Ton 
Müller 1. c. 18 richtig gegen Änderungen geschützt. Eine ganz ÜTianiiche 
Periode wie die des unbekannten Historikers beim schol. luyenaL 1, 156 
dürfte sich bei Tacitus (natürlich abgesehen vom Dialogus) überhaupt nicht 
finden. 



Taciina. 341 

hiBtoiiker ist entsagungsvoll und giebt den Glauben an ein 
litterarisches Phänomen seinem eigenen GefQhl zum Trotz ohne 
Zögern preis dem Nachweis des historischen Werdens.^) Tacitus 
hat als Historiker in den uns erhaltenen Teilen seiner Werke 
gearbeitet, wie es im Altertum Regel war bei der Darstellung 
▼ergangener Zeiten: er verglich seine Vorgänger, schloüs sich 
entweder ihrer Ansicht an oder bildete sich aus dem von diesen 
gesammelten Material seine eigene Ansicht. *) Er hat nun, wie 
schon Mommsen hervorhob, aus seinen Quellenschriftstellern 
manches auch stilistisch so gut wie wörtlich herübergenommen, 
und zwar gerade derartiges, was wir früher als so ganz, so echt 
taciteisch angesehen haben: nun gehört es jenem Anonymus, der 
f&r uns verschollen ist, so gut wie die alten Annalisten durch 
Livius der Vergessenheit anheimfielen. Folgende Koincidenzen 
zwischen Plutarch im Leben des Galba und Otho und Tacitus' 
Historien geben die deutlichste Vorstellung: 

Tac. hist. I 22: non erat Otho- Flut. Galb. 25: oi xatä t^v rot) 
nis mdlis et carpori simüis öAiiatog luxkaxiav xal dijAv- 

anifnus xrita r$ i>^lfi ducted'QV(i' 

lidvog 

I 81: cum^timeret Otho, time- Flut. Oth. 3: (poßoviisvog im^Q 
hatur T&v ivÖQ&v aitbg ^v (po- 

ßsQbg ixeivotg 

II 48: neu patmutn sibi (Hhonem ib. 17: iiijts ixUa^iö^ai navxa- 
fuisse aut öbiivisceretur um- naöi iiiftB Ryav (ivrniovevsiv, 

quam (Salvius Cocceianus, 8iri Kai6aQa ^Hov l6%Bg, 

Oihos Neffe) aut nimiwn tne- 
minisset^ 



1) Wenn C. Nipperdey in seiner erklärenden Ausgabe des Tacitus I' 
(Berl. 1871) Einl. p. XXVI adn. gegen Mommsen schreibt: „Dadurch, dafi 
hiernach Tac. an sehr vielen Stellen auch die Worte und die rhetorische 
Wendimg einem seiner nächsten Vorgänger entlehnt haben müfste, ver- 
nrieilt sich diese Ansicht selbst auf das entschiedenste. Wie kann man 
dies einem Manne von dem Geiste und der Darstellungsgabe zutrauen, 
welche sich in seinen übrigen Schriften offenbart?** u. s. w. u. s. w., so ist 
das ganz nnantik empfunden. Natürlich gilt ihm daher Plutarch als der- 
jenige, der den Tacitus abgeschrieben habe. Dafs daran gar nicht zu 
denken ist^ haben inzwischen die neueren Untersuchungen fdr alle bewiesen. 

8) Für die Zeit des Tacitus cf. Plin. ep. V 8, 12 (er will Geschichte 



342 Von Augustus bis Traian. 

Das ist der Ton, der uns aus den Proben der besseren Rhe- 
toren bei dem älteren Seneca und ans den Werken des jüngeren 
Seneca geläufig ist, und ich kann nichts Besseres thun, als 
Mommsens Worte darüber (1. c. 316) zu wiederholen: ^^Tacitus* 
Eigentümlichkeit ist nur der vollendete Ausdruck der in der 
höchsten romischen Gesellschaft des ersten Jahrhunderts herr- 
schenden Stimmung; man kann dies an Petronius und dem 
jüngeren Seneca wie an den beiden Plinius verfolgen, so g^uuslich 
verschieden sie auch selbst von Tacitus sind. Es ist gewifs, daCs 
das Geschichtswerk, von dem Tacitus hier abhängt, ebenfalls auf 
antithetischer Reflexion ruhte, nach glänsender und wirkungs- 
voller Darstellung rang, so dafs Tacitus die Farben, die er 
brauchte, zum guten Teil schon auf der fremden Palette 
fand . . . Dafs Tacitus bestrebt war sie zu steigern, zeigt 
sich • . . auch darin, dafs er an einzelnen Stellen damit ver- 
unglückt ist. Wenn zum Beispiel Plutarch (18) von Otho sagt^ 
er habe ebenso viele und ebenso nachdrückliche Lobredner wie 
Tadler gefunden, denn nicht besser als Nero habe er gelebt, 
aber besser als dieser sei er gestorben, und Tacitus (II 50) dies 
also wendet: duobtis facinoribus, altero flagitiosissimo aUero egregio, 
iantundem apud posteros meruit bonae famae quantum nuüaef so 
hat diese letztere Fassung zwar mehr Pointe als die erstere, aber 
in der That ist sie falsch; denn durch keine einzelne Unthat, 
der man die Grofsthat seines Todes entgegensetzen könnte , ist 
Othos Leben, das ganz gemeine eines leeren und vrüsten Hof- 
adlichen, im Besonderen bezeichnet/'^) 
indi- Um zusammenzufassen: der Stil des Tacitus stellt sich uns 

ond dar als eine Vereinigung des Besten aus der modernen Rhetorik 

rradition. 

schreiben) tu tarnen iam nunc cogüa, quae poUsBimum tempora aggrediar. 
vetera et scripta aiiis? parata inquisitio, sed onerosa collatio; Tad- 
tus selbst ann. XIII 20. 

1) Doch ist letzteres wohl nicht ganz genau, denn was die Quelle 
unter dem facinus flagitiasimmum verstand, zeigt Gass. Dio LXIV 16, 8 

&Q%i\v agndöag äguita aitfjg &nriXldyri. — h. m 38 citiert er seine Quelle 
{eicut acc^mus) : die betr. Partie ist sehr rhetorisch, sie schliefst mit einer 
antithetischen Pointe (39 i. f.): sanctus, inturbidiM, nuUius repentini honoris; 
adeo non principatus appetens parum effugerat ne dignus crederetur. ib. 88 ff., 
wofQr er Messalla und Plinius citiert, sind yergilische Ankl&nge beson- 
ders stark. 



TacitDs. 343 

mit der dieser innerlich sehr nahe verwandten sallustischen 
Diktion. DaTs er in einem solchen Stil schreiben mafstey erklärt 
sich sowohl aus der ganzen Zeitlage als seiner Individualität. 
Der schriftstellerische Gedankenausdruck von Männern, die 
Furchtbares sahen und deren Blick trotz der wolkenlosen Gegen- 
wart soi^envoU in die ungewisse Zukunft gerichtet war — 
urgent imperii fata Germ. 33: das glaubte damals die ganze 
Welt — , die sich in ihrem sittlichen Idealismus, voll trüber 

m 

Resignation, aus der groben Vergangenheit exempla recti aut 
sciacia fnaii (h. III 51) holen mulsten, konnte nicht heiter sein 
wie der des Livius, an dem man das süTse otium jener Zeiten 
zu empfinden glaubt. ,,Es ist vergebens, sagt Niebuhr^), zu 
fragen: wer ist Tacitus' Lehrer? Ihn lehrte der Schmerz der 
Zeit.^ Aber Tacitus hat diesen modernen Stil krafb seiner ge- 
waltigen, ja gewaltsamen Individualität in stetiger Entwicklung') 
zu einer Vollendung gesteigert, die nie wieder erreicht wurde, 
eben weil sie nur von einer so mächtigen Persönlichkeit ge- 
tragen werden konnte, wie sie der müde Boden der zur Rüste 
gehenden alten Welt nicht wieder hervorgebracht hat. 



1) Yortr. üb. rOm. Gesch. ed. Isler III 224, cf. desselben History of 
Rome firom the first Punic war to the death of Clonstantiiie (gelesen 1829) 
edited by L. Schmitz 11 (London 1844) p. 259 f. It is in vain (hat we ask, 
who wert hi$ teathers? They may have been quite insignificatU men, and 
ihe adiooH in tohich he wm trained was the deep grief produced hy iKe op- 
pressüm of ihe iimee. Hie great soul was eeised toUh thie grief in iKe reign 
of DomiUan, and he recovered from it under Nerva and Trtyan, . . . It is 
only Ikoee vho are unable to underetand this feding of writers like SaUtMt 
and Taeihu, that ean have any doubt of the geniUneness of iheir style. The 
origin of it is a disgust and a aversion to all extiberances of style. There is 
not a trace of affectation in Ihose writers, for they have no oiher ofjject than 
not to waste cmy words. 

2) Nach Leo 1. c. 10 hat er im Agricola den Sallust, in der Germania 
den Seneca nachgeahmt. Ich kann diese Unterscheidung nicht zugeben: 
dafs er zu der Germania inhaltlich durch Senecas Schriften über Indien 
ond Ägypten angeregt zu sein scheint (s. o. S. 326, 2), kann für den Stil 
kamn beweisend sein; vielmehr dürfte sallustische Einwirkung mit jener 
Modifikation, die schon den späteren Stilvirtuosen gelegentlich erkennen 
l&fst^ in beiden Essais gleichm&fsig zu konstatieren sein. 



344 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 



Zweiter Abschnitt. 
Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

Einleitung. 

atern der Bis zur hadriaiiischeii Zeit bewegt sich die Litterator der 

beiden Völker noch auf einer emporsteigenden Linie, dann steht 
sie etwa ein halbes Jahrhundert still und geht yon da an ab- 
wärts. Wie Greise, die, um mit Yarro zu reden, daran denken, 
ihr Bündel zu schnüren^), machten sich die Menschen daran, 
das Beste, was die lange grofse Vergangenheit in frischer Jugend 
und in gereiftem Mannesalter erforscht hatte, zu sammeln und 
durch verständiges Excerpieren den weit geringem Bedürfiussen 
der Gegenwart anzupassen und der Zukunft zu übermitteln, die 
ihrerseits in demselben Sinne mit den aufgespeicherten Schätzen 
wirtschaftete, sie einem stetig fortschreitenden Verdünnongs- 
prozefs unterwerfend. 
Bomaniik In dem selten unterbrochenen Quietismus der Regierungen 

KiMdcii- des Hadrian, Antoninus und Marcus spiegelt sich die Stimmung 
™^'' des ganzen Zeitalters. Da den Menschen jener Zeit noch nicht 
zu Bewufstsein gekommen war, dafs in ihrer Mitte eine neue 
Ideenwelt im Bilden war, welcher die Zukunft gehören sollte, 
da sie ebensowenig begriffen, dafs jenseits der Berge neue jugend- 
frische Völkerstämme sich konsolidierten, welche das hinwelkende 
alte Riesenreich nicht mehr zu bezwingen imstande sein sollte, 
so gab es wenig zu denken und noch weniger zu thun: inmitten 
der sich vorbereitenden inneren und äufseren Revolution aller 
bestehenden Verhältnisse lebte man friedlich dahin, machte 
Reisen in uralte Kulturländer, verträumte am Golf von Neapel 

1) Das Gefühl des Alterns der Welt kommt besonders deutlich (und 
zwar hier nicht spezifisch christlich gefärbt) zom Ausdruck in der Schiift 
Cyprians ad Demetrianom (I 351 ff. Hartel), cf. dort vor aUem c. B üM 
primo in loco scire debes senuisse tarn saectdum etc. Aus sp&terer Zeit: 
Sidonius ep. VIII 6, 3 quis provocatus ad facta tnaiorum nan inerti88imu$, 
quis quoque ad verba non it^antissimtis erü? namque virttUes arUum teknrum 
meculis potius priscis saeculorum rector itigenuit, quae per aekUem mumdi 
iam senescentis lassatis veltU seminibus emediUlatae parum aliquid hoc tem- 
pore in quibuscumgtte, atque in paucis, mirandum ac memardbile oetentant. 



Allgemeine Charaktoristik. 345 

seine Tage und fand im Hafen der stoischen Philosophie das 
innerliche Symbol der äuTseren Buhe. Vor allem feierte die 
Litteratnr unter dieser milden Sonne ihren Nachsommer , die 
Herrscher selbst nahmen an ihr lebhaften Anteil und schufen 
ihr an den Eulturcentren des Reiches Freistätten« Das Wich- 
tigste war, dafs die griechische Litteratur, die in der letztver- 
gangenen Zeit merkwürdig zurückgetreten war, jetzt, durch den 
Philhellenismus der Kaiser^) gehegt, wieder die Bolle der Füh- 
rerin übernahm: Tacitus vermied ängstlich griechische Fremd- 
worter, aber Appuleius weiüs seine Kunststücke in beiden Sprachen 
gleich geschickt zu machen; Griechen lebten in Bom, Griechen 
in den Provinzen, die Kaiser buhlten formlich um die Gunst 
ihrer bedeutendsten litterarischen Vertreter, liefsen sich ihre 
Werke widmen, ernannten sie zu ihren Sekretären und Erziehern 
ihrer Kinder; mit einer beispiellosen Unverschämtheit dünkten 
sieh diese Sophisten die Herren der civilisierten Welt und 
lieisen sich in Bom, das sie auf ihren Kunstreisen zu berühren 
selten verfehlten, anfeiem; nur in ihrem Dunstkreise leben zu 
dürfen, ist einem Gellius die höchste Seligkeit, um die ihn 
Tansende beneideten. Vor allen nahm Athen durch die Muni- 
ficenz sowohl der Kaiser als auch einzelner reicher in der ein- 
stigen Gröüie sich sonnender Einwohner einen ungeahnten Auf- 
schwung und wurde noch einmal — für Jahrhunderte — der 
Name, der das Herz hoher schlagen machte und über die gleich- 
gültige Gegenwart den Schleier der Phantasie breitete: sogar 
Iromm glaubte man wieder werden zu können, wenn man die 
alten Feste der Götter erneuerte und ihre Tempel aufbaute.') 

Denn die Menschen dieses und der folgenden Jahrhunderte 
haben ihre Augen nach rückwärts gewendet. Wie Greise er- 
innern sie sich einer glücklicheren Kindheit. Ein Grieche re- 
gistriert die Monumente der Vorzeit weniger aus künstlerischem 
als aus antiquarischem Interesse: er ist dadurch eine unserer 
wichtigsten Quellen für Beligionsaltertümer geworden. Marcus 



1) Den Hadrian nennt Philosiratos (vit. soph. 1 24, 3) inttTidii6tceto9 
rdhr Molai faütXiwp yip6iur99 &Qit^g aif^fjöai^ sc. röv cofpiüt&v. Er flber- 
hftofte mit Ehren den Dionysios, Marcus, Polemon (I 22, 3. 24, 3. 25, 2 f.). 
Cf. Kaibel zu Epigramm 272 u. 888 a seiner Sammlung. 

2) Cf. E. Maals, Orpheus (München 1896) 36 f. W. Schmid, i>. 
Attidsm. lY (Stnttg. 1896) 571 f. 



346 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

als Caesar fährt nach seiner Villa^ aber er biegt Yom Wege ab, 
um Anagnia zu sehen: dcinde id qppidum anticum vidimus, minu- 
tulum quidem, sed multas res in se antiguas habet, aedes sanctasque 
caerimonias supra modum. nüllus angulus fuit, übt ddubrum aint 
fanum aut templum non sit praeterea multi libri lintei, quod ad 
Sacra adtinet deinde in porta, cum eximuSf ibi scriptum erat bi- 
fariam sie: ^flamen sume samentum\ rogavi aliquem ex pcpularibus, 
quid illud verbum esset ait lingua Hemica peUiculam de hostia, 
quam in apicem suum flamen cum in urhem introeat imponü, muUa 
adeo alia didicimus quae vellemus scire (M. Caes. ad Front. IV 4 
p. 66 f. Nab.). Das ist ein Stimmungsbild der Zeit und so ist 
es Jahrhunderte geblieben^ selbst als die Riegel des Reiches yon 
den Barbaren durchbrochen wurden, als die neue Religion, nicht 
mehr geduldet, sondern Siegerin, der im Todeskampf aufstöhnen- 
den Gegnerin den herrischen Fufs auf den Nacken setzte. Immer 
sind es oC Maga^&vL nQOxivdwsvöavreg und die zahllosen ähn- 
lichen Themata bis zur Schlacht bei Chaeronea, die in unend- 
lichen Variationen eines stereotypen Schemas vorgetragen werden.^) 
Uns erscheint das öde und lächerlich, aber wir dürfen doch nicht 
vergessen, dafs auch in dieser Romantik ein idealistischer Zug 
nicht fehlt: man versetzte sich mit liebevoller Pietät zurück in 
die Zeiten der grofsen Vorfahren, feierte unter den Stürmen der 
beginnenden Völkerwanderung in Ruhe die alten Feste und ent- 
floh so der Gleichgültigkeit der Gegenwart: denn was machte 
das Leben lebenswert, es sei denn die Erinnerung an ver8ch¥run- 
dene Pracht imd Gröfse? Das ist die Stimmung, die z. B. aus 
so manchen melancholischen Äufserungen des Dion Ghrysostomos 
uns entgegenklingt. ^ Dazu kam dann in den folgenden Jahr- 
hunderten der Schmerz, die altheiligen Tempel und Grötterbilder 
in den Staub sinken zu sehen unter den Händen von Barbaren 



1) Cf. auch J. Borckhardt, Die Zeit Constantins d. Gr. ' (Leips. 1S80) 
260 ff., wo mich besonders der Hinweis interessierte, dafs nach dem Be- 
richt des Gassius Dio LXVI 26 bei der Einweihung des Kolosseums und 
der Titusthermen zur Darstellung kam die vavfucx^ der Kerkyrfter und 
Korinthier, sowie an einem andern Tage die der Athener nnd Syrakusaaer, 
die schliefslich auf einer kleinen Insel sich zu einer n$iofta%Uc gestal- 
tete. Man sieht, wie tief das ins Leben und Fühlen der Menschen einge- 
drungen war. 

2) Sie sind zusammengestellt von W. Schmid 1. c. I (Stutt^. 1887) 74 f. 



Allgemeine Charakteristik. 347 

oder Fanatikern. Wenn ich mir denke, dalB, als Alarich mit 
seinen Horden alles den Hellenen Heiligste mit Feuer und 
Schwert vernichtend durch die Thermopylen in Achaia eindrang, 
irgend ein Sophist in Athen ein Enkomion t&v iv SsQii^oxiilaig 
MBödvzmv gesprochen haben sollte, so würde darin ja freilich 
eine grausame Ironie gelegen haben, aber wir würden die senti- 
mentale Schwärmerei, von der die ganze Zeit durchdrungen war, 
nicht gefQhllos verdammen. Wie ergreifend klingt doch jene 
Prophezeiung des eleusinischen Hierophanten von dem nahen 
Untergang des Tempels und damit der hellenischen Religion, 
was dann bald eintraf (Eunap. v. soph. p. 52 f.); und mag auch 
die siegreiche Sache Gott gefallen haben, so wirken auf unser 
Gemüt doch tiefer die Klagen des Libanios und Symmachus als 
die Triumphrufe des Gregor von Nazianz und Ambrosius. Dab 
jene Tiraden auf des alten attischen Reiches Herrlichkeit doch 
nicht blolse Phrasen waren, wird man zugeben, wenn man z. B. 
Himerios folgende Worte an einige eben aus lonien ange- 
kommene neue Schüler richten hört (or. 10, 2 f.): „Ich werde 
euch führen zu der Väter grofsen Denkmalen; zeigen werde ich 
euch auf dem Gemälde Marathon und eure Väter, wie sie den 
Ansturm der Perser durch Lauf oder Hiebe zunichte machten; 
zeigen werde ich euch auch meine Krieger, den einen, wie er 
mit der Natur selbst auf dem Gemälde kämpft (denn auch ge- 
malt wird Kallimachos euch mehr einem Kämpfenden als einem 
Toten zu gleichen scheinen), den andern, wie er mit den Händen 
die Perserflotte untertaucht und je nach den Forderungen der 
verschiedenen Elemente die Natur des Körpers teilt. Führen 
werde ich euch nach der Poikile, oben auf den Hügel, die 
Werkstatt der Athene. Dort könnt ihr euch an tausend Er- 
zählungen sättigen, indem ihr wie auf einem Gemälde die Denk- 
male der Väter erforscht'' u. s. w. 

Auch der Unterricht in den Schulen, deren Sorge sich viele 
Kaiser von Vespasian bis Gratian und Theodosius II., ja wenn 
man will, bis Karl d. Groben und seinen Nachfolgern angelegen 
sein liefsen^), war begründet auf den alten Klassikern. Dio 

1) Gf. aoDBer der wichtigen Anmerkung des Gothofredus zum XIU cod. 
Theod. tit. lU 1. 1 die vortreffliche Arbeit Ton G. Boissier, Kinstruction 
publique dana Fempire romain in: Revue des deux mondes LXII (1884) 816 ff. 
(besonderB auch p. 849 über die auf der Rhetorik basierte Bildung). 



348 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

Chrysostomos (or. 18, 479 f. R.) hält es für nötig, sich zu eni- 
schuldigen, dafs er einem iv^Q nolit^xös^ der sich im Beden 
vervollkommnen will, nicht nur die alten Redner (Demosthenes, 
Lysias, Hypereides, Aischines, Lykurgos) empfiehlt, sondern auch 
die vbAxbqoi koI dXiyov XQb i^fidi/, yne Antipatros, Theodoros, 
Plution, Eonon: es werde ihn zwar mancher deshalb tadeln, 
aber die Lektüre der Neueren habe den Vorteil, dals man ihnen 
nicht wie den Alten dedovkcjudvog ti^v yvAiitjv gegenüberstehe 
und hoffen dürfe, sie zu erreichen, was bei jenen unmöglich sei. 
Daher galt es als etwas Besonderes, wenn ein Neuerer unter 
die Alten aufgenommen wurde; dafür giebt es ein eigentümliches 
Zeugnis in dem Ehrendekret von Halikarnafs aus der Zeit Ha- 
drians (Lebas-Wadd. 1618): gefeiert wird ein uns ganz unbe- 
kannter Dichter C. Julius Longianus, dessen Recitationen {ix^ 
Ssiieig) in den karischen Städten grofses Aufsehen machten; in 
Halikarnafs wird beschlossen, ihm an hervorragenden Punkten 
der Stadt Erzstatuen zu setzen, darunter eine xaQä tbv nahuin» 
'Hgödorov, i^tpiöd'ai dl xal rotg ßvßXiovg adroi) driybotttav ivi- 
9b6lv iv X8 ßvßkiod^ijxaig tatg nccQ* fifistv^ iva xal hf to^itoig ol 
vioi naiÖBvcavtaL rbv avrbv VQÖTtov bv xal iv totg t&v xaXmSuv 
6vyy(fäfi(ia6(^v^) Bei den Lateinern war, wie man z. B. aus dem 
Kommentar des echten Servius weifs, der, Kreis der Schulautoren 
abgeschlossen mit der traianischen Zeit (luyenal ist der letzte); 
Terentianus Maurus, der sich für die tändelnden Formen der 
Metrik auf die noveUi poetae der hadrianischen Zeit berufen 
mufs, entschuldigt sich deswegen (v. 1973 ff.). 
Fortaobritt Die klassicistischo und daher archaisierende Richtung über* 

Manier, wicgt iu der ganzcu Kaiserzeit und ihr sollte künftig der Sieg 
vorbehalten sein. Mit ihr kreuzt sich die neoterische Richtung, 
die im allgemeinen bewufst oder unbewufst neue Wege ein- 
schlägt, gelegentlich aber ein Stück mit jener andern zusammen- 
geht, sodals die Scheidung nicht überall leicht ist. Denn das 
ist eben das Bezeichnende dieser wie jeder Zeit des Niedergangs, 
dafs Unvereinbares mit einander verständnislos gemischt wird. 



1) So wurde auch die Statue des Favorin an einem hervorragenden 
Platz der öffentlichen Bibliothek zu Korinth aufgestellt als Vorbild fOr die 
Jugend, wie er selbst erzählt (Pseudo-Dio Chrys. or. Gorinth. § 8, vol. II 
104 R.). 



Allgemeine Charakteristik. 349 

Wie war es z. B. möglich^ daTs Hadrian an Ennius Gefallen 
finden nnd doch im Stil der noveUi poetae (die mit ihren spiele- 
risch lasciven Yerskünsteleien überhaupt ein würdiges Gregenstück 
SU den modernen Rednern bildeten) jene an schlaffer Weichlich- 
keit nnd kindischer Tändelei ihresgleichen suchenden Yerslein 
dichten konnte^ die selbst einem solchen litterarischen ivaiö^- 
to$ wie seinem Biographen (c. 25^ 9) zuviel waren? Wer frei- 
lieh die phantastischen Sonderlichkeiten bedenkt, die er in seiner 
Villa in die Erscheinung treten liefs; wird sich über nichts 
mehr wmidem^ auch nicht darüber, dab lulia fialbilla, eine 
Dame ans der nächsten Umgebung des Kaisers und seiner Ge- 
mahlin, in äolischem ^) Dialekt dichtete (Eaibel 988 ff.). 

Auf einen Punkt sehe ich mich veranlaGst, noch ganz be- sprsoh« 
sonders hinzuweisen^ damit jedes Mifsverständnis Yon vornherein 
angeschlossen wird. Für die Sonderung der beiden Strö- 
mungen ist nicht die Sprache im engern Sinn, d. h. der 
Wortgebrauch, die Flexion und die Syntax das Ent- 
scheidende. Denn mit altattischen Worten, Formen und Wort- 
verbindungen haben auch die Moderhetoren ihren ganz unattischen 
Stil aufgeputzt^ wofür es vorerst genügen mag, auf Lukian rhet. 
praec 18, auf Favorins korinthische Rede (Pseudo-Dio Ghrys. 
or. 37, cf. dort besonders § 26) und auf Himerios zu verweisen, 
und umgekehrt haben viele Schriftsteller, die durchaus zu den 
iq%aXM gehören wollten, nichtattische Worte gebraucht, sei es, 
dab sie es versehentlich thaten, sei es, dafs sie ihre Darstellung 
dadurch beleben wollten. Das wesentliche Kriterium ist ^ 
vielmehr der Stil, d. h. das, was die antiken Theoretiker *^>- 
li|ig (auch q>Qd6ig) nannten und worunter sie aufser der Perio- 
dimerung vor allem das ganze ^og der Darstellung verstanden. 
Man begeht — deshalb mufs ich dies hier so eindringlich be- 
tonen — heute sehr oft den Fehler, beides zusammenzuwerfen, 
wodurch man sich in direkten Gegensatz zur antiken Theorie 
und Praxis setzt. Ich will das an einem bestimmten Beispiel 
zeigen« Arrian hat sich selbst als neuen Xenophon bezeichnet 



1) Nicht viel sp&ter sind nach Schrift, Sprache und Inhalt die drei 
in Piridien gefundenen, in dorischem Dialekt verfafsten Gedichte des Leon- 
tiaiiot, danmter das herrliche auf Epiktet (Papers of the American school 
of clast. itiid. at Ath. III [1884—1886] n. 488—440). 



350 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

und galt der Nachwelt als solcher; Photios bibl. cod. 58 fsSsi 
das Urteil in die Worte zusammen: l6%vhq ri)v ^ifA^tv i6tl xal 
liifL^itiig &£ ikfiO'&g Sevofp&vtog. Neuerdings hat man nun genaue 
Untersuchungen über die Sprache Arrians angestellt^ wobei sich 
ergab, dafs er im Gebrauch von Worten, in der Flexion und in 
der Syntax durchaus nicht immer auf altattischem Standpunkt 
ßteht. Daraus haben nun einige^) geschlossen, dab Arrian nur 
deshalb sich den zweiten Xenophon genannt und als solcher bei 
der Nachwelt gegolten habe, weil beide eine ivdßa^iq geschrieben 
hätten und wie der eine ein Schüler des Sokrates, so der andere ein 
Schüler des Epiktet gewesen wäre; wenn ihn Photios also wegen 
seiner (pQdöig mit Xenophon vergleiche, so sei das fialach. Nun 
braucht man aber nur einen ganz beliebigen Satz der arrianischen 
Anabasis zu lesen, um sofort mit denkbar gröüster Deutlichkeit 
den xenophonteischen Stil herauszufühlen, also eben jene töfyitfigf 
die Photios an ihm rühmt wie alle Welt an Xenophon. DaCs 
Arrian seinen Sprachgebrauch nicht engherzig dem seines Vor- 
bildes angepafst, sondern sich hier — natürlich innerhalb einer 
gewissen Grenze — seine Freiheit gewahrt hat, spricht f&r sein 
Taktgefühl als Schriftsteller, der zwar der konventionellen Mode 
gemäfs in einem künstlich erlernten archaischen Stil schreibt^ 
ohne aber — wie es andere thatsächlich gethan haben — an 
der Hand etwa eines atticistischen Lexikons die Sprache zu 
meistern und sie so dem Leben ganz zu entfremden. Dalfl ein 
in gemessenen Grenzen sich bewegendes Nebeneinander von ar- 
chaischen und modernen Worten auf der gemeinsamen Basis 
eines kunstmäfsigen Stils auf seine gebildeten griechischen Leser 
einen unangenehmen Eindruck gemacht habe, glaube ich nicht^ 
wenn ich mich aus unserer Litteratur beispielsweise an Gustav 
Frey tags Romane erinnere: die Stoffe Arrians lagen ja gleich- 
falls in der Vergangenheit 

Nach diesen Vorbemerkungen versuche ich nun im folgen- 
den, den Kampf der litterarischen Parteien, den wir in der trm- 
ianischen Zeit verlassen hatten, weiter zu verfolgen. Mit gutem 
Grund habe ich dabei für die Theorie griechische und lateinische 
Zeugnisse aus den verschiedensten Jahrhunderten auf gleiche 



1) Besonders A. Boehner, De Arriani dicendi genere in: Act. sem. phiL 
Erlang. IV (1886) 1 ff. 



Die zweite Sophiatik. 351 

Stufe neben einander gestellt: denn eine Sonderang des Griechi- 
schen und Lateinischen, die innerlich nicht berechtigt ist, würde 
uns die Erkenntnis wichtiger Znsammenhänge erschweren, und 
eine wie bisher von Epoche zu Epoche fortschreitende Darstel- 
lung läfst sich fortan noch viel weniger geben, als es überhaupt 
der Fall zu sein pflegt: denn die Litteraturen beider Volker 
tragen in diesen Zeiten einen wesentlich uniformen Charakter, 
▼or allem auf dem uns hier allein angehenden Gebiet des kunst- 
mÜsigen Ausdrucks der (bedanken in prosaischer Rede. 



Die zweite SoplilstÜL 

Die bedeutende Stellung, welche man der Sophistik in der au- 
Kaiaerzeit einräumte, erscheint uns modern empfindenden Men- ^"*^^ 
sehen zunächst unbegreiflich. Wenn wir uns aber in das Em- 
pfinden einer Gesellschaft hiueinzuversetzen suchen, die erstens 
niehta Besseres zu thun hatte als sich zu unterhalten, die 
zweitens noch immer die angenehmste geistige Unterhaltung in 
dem Beiz sah, welchen das gesprochene Wort auf ihre Ohren 
ausübte, die drittens — und das ist nicht unwesentlich — eine 
erheblich höhere Durchschnittsbildung besafs als es heute der 
Fall ist^), so verschwindet das Befremdliche und wir verstehen 
es, dala die Griechen — nicht mehr die "EkXtivsg der groben 
Zeit, sondern die Fqu^koI tcoI €%oKa€ti>%oC^ Graeculi — , die es 
von jeher .verstanden, alles zu einer Kunst zu gestalten, damals 
ihre Geschwätzigkeit zu einer Kunst ausbildeten.') Die vor- 
treffUchen Darstellungen, welche diese sog. zweite Sophistik in 
neuerer Zeit gefunden hat, vor allem die, welche Rohde in seinem 
Buch über den griechischen Roman gab, sind bekannt. Uns 
interessiert hier nur die stilistische Seite, imd ich will, damit 
man eine möglichst lebendige Vorstellung von der Vortragsweise 
dieser Sophisten für die nachfolgende Untersuchung mit auf den 
Weg nimmt, eine hübsche, wenn auch etwas karikierende Cha- 
rakteristik des Synesios (Dion p. 54 f. Pet.) voranstellen, die 



1) Darauf weist hin G. Boissier 1. c. 349; cf. Tac. dial. 19: es gebe 
jetit keinen Zuhörer mehr, quin elementis studiorum etsi non instntctus at 
eerU mimhu sit 

2) Cf. K. Lehrg in: Pop. Aufs, aus d. Altert.» (Leipzig 1876) 872 ff. 



352 Von Hadrian bis zum Ende der EjiiBerzeit. 

wir, da die Verhältnisse sich in jenen Jahrhunderten nicht 
änderten^ ohne weiteres auch auf frühere Zeiten übertragen 
dürfen. Er vergleicht sich, den in behaglicher Mufse auf seinem 
Landgut lebenden und von den höchsten Fragen in Anspruch 
genommenen Philosophen, mit den armseligen Sophisten: y,Wer 
so vielen ungleich gearteten Menschen gefallen mufs, wie sollte 
der nicht nach Unerreichbarem streben? Ein solcher ist nun 
eben der Yolksredner, der Sklave der Menge, der allen ausgesetzt 
ist und von jedem Beliebigen in schlechte Stimmung versetst 
werden kann. Lacht einer, so ist's um den Sophisten geschehen; 
macht einer ein finsteres Gesicht, so beargwöhnt er ihn. Denn 
als Sophist erstrebt er, gleichgültig welche Art der Bede 
er vertritt, äufseren Schein statt Wahrheit. Unangenehm ist 
ihm auch der sehr Aufmerksame, da dieser möglicherweise darauf 
lauert, ihn zu packen, ebenso sehr aber auch der, welcher den 
Kopf hierhin und dorthin dreht, da er das Vorgetragene nicht 
des Anhörens für wert halten könnte. Und doch hätte er 
eigentlich eine so harte und herrische Beurteilung nicht verdient, 
er, der um den Schlaf vieler Nächte kam, viele Tage auf der 
Folter lag und um ein kleines vor Hunger und Sorge, nur ja 
etwas Gutes zusammenzubringen, sein Leben hätte zerrinnen 
sehen. Und so kommt er denn und bringt etwas mit, das au- 
genehm imd lieblich zu hören ist, für seine stolzen Lieblinge, 
um derentwillen es ihm elend geht, so sehr er auch thut^ als . 
fühle er sich wohl. Vor dem angekündigten Tage badet er sich, 
erscheint dann prunkend in Kleidung und Haltung, damit es 
auch schön aussehe, lächelt dem Publikum zu und ist (sollte 
man denken) vergnügt: aber seine Seele wird gefoltert, hat er 
doch sogar Bocksdom gegessen, um nur ja klar und wohlklingend 
zu sprechen. Denn dafs ihm gar sehr an der Stimme liege und 
er alles, was sie betrifft, gehörig vorgesehen habe, das würde 
selbst der von ihnen, der am feierlichsten thut, nicht zu leugnen 
wagen: pflegt er sich doch mitten während des Vortrags umzudrehen 
und nach dem Fläschchen zu fragen, welches ihm der Diener 
hinreicht (denn von langer Hand her bereitet er es vor); jener 
aber schlürft davon und gurgelt damit, um sich frisch an die 
Gesangpartieen heranzumachen. Aber nicht einmal so findet er 
Gnade bei seinen Zuhörern: denn sie möchten freilich wohl, dafs 
er lossinge (würden sie doch dabei lachen können), aber sie 



Die zweite Sophistik. 353 

möchten ebenso gern, dafs er, wie eine Bildsäule, blofs Lippen 
und Hand öffiie, dann aber stummer als eine Bildsaule werde 
(wQrden sie doch dann loskommen, was sie schon lange 
wünschten)/' Die letzten Worte sind eine vom Hafs eingegebene 
Unwahrheit: das Publikum, an das sich der Sophist wandte, 
konnte nie genug bekommen und verhimmelte seinen Lieb- 
ling. Man lese blofs, was Eunapios v. soph. p. 82 & von Pro- 
hairesios berichtet. Bei einem Eonkurrenzreden in Athen befiehlt 
er durch den Prokonsul dem Publikum, ausnahmsweise ihn nicht 
durch Klatschen zu unterbrechen; dieses thut ihm den Gefallen, 
und nur halbunterdrücktes Stöhnen wird laut. Dann aber, als 
der Sophist, im höchsten Affekt auf der Tribüne hin- und her- 
laufend, dieselbe Rede sofort wörtlich wiederholt, oUte 6 iv^v- 
xatog ivtavd'tt taifg iavtov vöfiovg iq)'6kattev oGts rb ^iaxQOV 
xäg iaCHXäg xov &Q%(yinog' xal xä öxigva xov öotp^öxov nBQi- 
XBijjfLin^aiuvoi xa^dnsQ Ayakfiaxog iv&dov ndvxsg oC nagövxsg ol 
\kkv x68ag ot d\ X^tgag jcqoösxvvoWj ol 8\ ^sbv lq>a6av oC ds 
'E^fioO Aoyiov xvnov. 

Man pflegt heute zu glauben, dafs über die litterarhistorische 
Stellung dieser jüngeren Sophistik eine wesentliche Kontroverse 
zwischen zwei Autoritäten, Rohde (1. c. 288 ff.) und Kaibel 
(Hermes XX [1885] 507 ff.), bestehe: jener sage, daCs die zweite 
Sophistik mit dem Asianismus, dieser, dafs sie mit dem Atticis- 
mus zusammenfalle. Danach meinen die Neueren, die die zweite 
Sophistik für eine Regeneration des Asianismus halten, dals sie 
dafür auf Rohde verweisen können. ^) Nun aber hat weder Rohde 
das eine, noch Kaibel das andere behauptet. Jener spricht 
p. 325 ausdrücklich nur von manchen der neueren Sophisten, 
die ein begreiflicher Zug der Wahlverwandtschaft über die 



1) L. Friedländer, Sittengesch. III» (Leipz. 1881) 418. A. Reuter, De 
Qaintiliaiii libro qai fertur de causis corruptae eloquentiae (Diss. Königsb. 
1887) 70, 44. G. Brandstaetter, De notionum noliu%6g et ao(pusti/ig usu 
rhetorico in: Leipziger Studien XV (1893). Wohl auch J. von Müller, Galen 
als Philologe (in: Verh. d. 41. Vers, deutsch. Philol. u. Schulm. in München 
1891) 81, wenn ich seine Worte recht verstehe: „sie (die Sophisten) ver- 
meinten, die antik-attische Beredsamkeit wieder erneuern zu können, ohne 
freilich zu merken, dafs der korrekte Gebrauch attischer Wörter, Formen 
und Fflgongen ilften im Grunde asianischen Barockstil nicht vcr- 
deckte." 

Nord«B, antik« Kunst prosa. ^3 



354 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

eiDsten Redner hinaus, za den rhetorischen Manieristen Goigias, 
Hippias und den Asianem geführt habe, und er führt p. 316 ein 
antikes Zeugnis an, nach welchem z. B. Aristides in direkten 
Gegensatz zu den Asianem gestellt werde. Nichts anderes meint 
Kaibel, wenn er p. 508 konstatiert, dafs es unter den Sophisten 
solche gegeben habe, die dem Asianismus huldigten, da es sonst 
dem Aristides nicht hätte nachgerühmt werden können, dafs von 
ihm mit dem Asianismus gebrochen sei, wie er ja auch selbst 
eine Rede offenbar gegen die Asianer geschrieben habe.^) Ich 
hoffe nun, im folgenden die Richtigkeit der im Prinzip von 
Rohde und Kaibel geteilten Auffassung nachweisen zu können. 
Ich werde ebenso wie im vorhergehenden Abschnitt zunächst 
zeigen, dafs der Kampf des alten und des neuen Stils 
sich ununterbrochen weiterspinnt; dann, dafs der alte 
Stil mit dem Atticismus, der neue mit dem Asianismus 
identisch ist; dann, dafs dieser neue, asianische Stil an 
die alte Sophistik anknüpft, aus der, wie wir sahen, der 
Asianismus überhaupt herausgewachsen ist; endlich, dafs zwi- 
schen den beiden extremen Parteien eine dritte yer- 
mittelnd steht. Diese Einteilung presse ich nicht etwa mit 
Gewalt in eine von mir aufgestellte aprioristische Konstruktion 
hinein, sondern sie ergab sich mir ohne weiteres aus einer 
grofsen Reihe von Zeugnissen. Diese sprechen meist so deutlich 
für sich selbst, dafs ich sie fast alle ohne nähere Erklärung 
neben einander stellen kann. 



1) Die ganze loyoiucxla ist dadurch hervorgerufen, dafs Rohde an 
einer früheren Stelle (p. 290, 1), wo er nur gelegentlich diese Frage 
streifl, zu schroff sagt: ,,Die zweite Sophistik scheint überhaupt, in rhe- 
torischer Beziehung, nichts eigentlich Neues gebracht, sondern nur die 
asianische Manier erneuert zu haben.*' Das hat er aber doch an den im 
Text citierten Stellen, wo er die Frage eingehend behandelt, widerrufen 
oder wenigstens sehr modifiziert. 



Die Parteien. 355 



Erste Abteilung. 
Die Theorie. 

A. Der alte und der neue StiL 

Die beiden werden sich in präziser Form gegenübergestellt z«iigniaM. 
Yon Philostratos vit. soph. I 19,1: ^ Idia r&v Xöymv (nämlich 
des Niketes aas Smyma) rov (ikv aQxaCov xal noXmxov üto- 
ßißfptBVj {mößaxxog äh xal di^Qa(ißädrig. id. vit. Apoll. I 17: 
6 dh ^AicoXXAvioq Xöymv ISiav im/^6XTi]6Bv oi) t^v didvQa(ißiodfi 
xal q>X€yiia{vov6av Ttoiritixotg 6v6^a6tv oöd' av xaT€yXa)xri,6(idvriv 
xal 4msffaxtixC^ov6av, &rid%g yäQ xb vn%Q ti^v iiargtav ^At^lda 
iffBlxo. Als Skopelianos, einer der schlimmsten Moderedner, in 
Athen auftrat, liefs Herodes, der Vater des Sophisten, die Hermen 
der alten Redner zertrümmern, da sie ihm seinen Sohn verdürben 
(y. s. I 21,7). — Lukian rhet. praec. 9 flf.: auf der einen Seite wird 
zu dem jungen Adepten der Rhetorik ein sehniger ernster Mann 
treten, dem man die viele Arbeit ansieht, er wird ihn einen 
mühsamen Weg führen nach den Sparen des Lysias, De- 
mosthenes, Aeschines, Piaton und anderer längstvergessener 
*Alten': iQ%atog üg iXri^&g xal KQOVtxbg äv^Qmnog vb- 
XQoi>g ig iii(iri6iv naXaioi>g XQOXi^elg xal ävoQvxxBiv 
il^i&v Xöyovg xdXai xaxoQmQvy^dvovg &g xi> iiiyiöxov 
iya^öv. Auf der anderen Seite tritt an ihn heran ein Mode- 
rtutser und entnervter Weichling, der ihn einen bequemen Weg 
zu führen verheilst: 15—20 altattische Worte soll freilich auch 
er sich aneignen, aber nur auf keinen Fall einen der alten 
Schriftsteller lesen: &vaylyv(o6xB xä naXaiä (ihv ^il öv ys^ 
(ifldl st Xi 6 XfJQog *l6oxQdxfig 1\ 6 xaQttmv &iioiQog z/i}- 
fioö^ivfjg 4 6 i^vxQbg nXdtmv^ iXXä Toi^g xtbv dXiyov 
XQb ijii&v Xöyovg xal &g fpaöi xavxag ^leXitagj Sg ixfjg 
iaC ixeivav inufixiödfuvog iv xaiQp xaxaxQii^aö^at xad'dnsQ ix 
xtcfusCov XQoaiQ&v. — Endlich eine Stelle des Synesios in 
seinem *Dion', die ich ganz anführen muls, weil sie eine der 
wichtigsten ist. Synesios hebt die innere Wandlung hervor, die 
in Dio Torging, seitdem er den Beruf eines Sophisten mit dem 
eines Philosophen vertauschte. Dem ernsten Inhalt entsprach 
der veränderte Stil (p. 39 f. Pet.): reo fii^ naQeQy&g ivxvyxdvovxi. 



356 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

dijXri xal fj TTig iQ^tivsiag ISia diaXXdttovöa xal oix ov6a ^ia 
rp jdimvL xard xs rag 6oq)i,6ttxäg imod'iösig xal xatä tag noXi- 
xtxdg, iv ixsivatg filv yäg intidt^ei xal ÜQotiBxaLy xa^djteg 6 
taiag itSQcad^Q&v ainbv xal olov yavv(isvog inl tatg iyXatcug tov 
Xöyovj Site ngbg ?i/ rovro bg&v xal tsXog t'^v aitpmvCav xiti- 
[LBVog. 16x0) nagdöecy^a fj x&v T6(i7t&v (pgdöig xal 6 Mi^ivatv 
{iv xovz(p iiBV ys xal im6xvq)6g iöxL ^ SQ^rivBia). xä di xov dav- 
X6Q0V xQÖvov ßißkCa^ i^xtöx* &v iv ainotg tdoig %avv6v xt xal 
dianetpoQfi^ivov. i^eXavvsL ydg rot <piXo6oipia xal iacb yXmxxi^g 
xifvgyi^Vj xb ifißgi^ig xs xal xöö^iov xdXXog &yan&6aj 
bnol6v iöXL xb iQ%atov^ xaxä tpvöiv i%ov xal xotg vxo- 
xetfiivotg olxetov, oi [lexä xoi)g XCav igxaiovg xal ^Cmv 
intxvyxdv€Ly dtd xg)v Jtgaxxoiiivmv lc)Vy xav Xdyy xotv 
diaXiyrixai' iöxa nagdöscy^a xijg iq)€Xovg xal xvQiog ixiyv6fig 
iQ(iriv€iag 6 ixxXfi6ia6xix6g xs xal 6 ßovXevvtxögy el 8% ßovXei xal 
bvxivovv x&v ngbg xäg nöXecg sIqti^bvov x€ xal &vsyvm6fiiv&v 
TCQOXsx^f'Qi'^^ivog [dotg av ixaxiqav Idiav iQxaVxijv, &XX^ ov 
xfjg vemxsQag '^x^^S ^^? inijtotovörig x^ xdXXsi xf^g fpvösag^ 
bitolai at diaXi^ei^y &v XQÖöd'sv i^vri^iovEvöaiieVy 6 Mi(ivav xs 

xal xa Ti^uiTi^ X6yog xs oixog b xaxä x&v q)iXo66q)<ov^) 

^Hx^ucös ^dXiöxa iv rctf xaxä (piXoööqxov^ V^vxiva xal xaXov6tv 
dxnijv oC vsd}xsQOi' xovx* icxiv 'fiQ^ööaxo navrjyvQixdnsQOv 
dvÖQog iq)sXovgj xal (isvxoc ys slg xijv xotavxrjv Idiav aifxbg ai- 
xov xavxrj xgdxiöxog ido^sv. oi fisvxot xolovxov b /ICmv H^fOQXf^' 
6axo xijv dgxaiav ^rixoQtxiiv iv olg xal doxst 6aq)&g iva- 
XOQhtv T&v oUsCav ii^&v^ dyg av xal Xad^stv Sri ^Cav iöxl^ 
jtaQaxcvTJöag slg xb vs6xsqov' aXX' siXaß&g aitxsxai xr^g jtaQa- 
vofiiag xal al6xwoyiiv(p ys ioixsv^ Zxav xi naQaxsxtvdwsvfiivov 
xal vsavixbv ngosvsyxrixar &6xs xav alxiav fpvyoi dsiXucg, sl 
ngbg xijv vöxsqov ininoXd6a6av x&v ^rjxÖQav xöX^av ai- 
xbv i^sxd^oi(isVy xotg TtXsiöxoig dh x&v iavxov xal naQa ß(f€cxi> 
xotg SnaöL [isx^ ixsiv<ov xaxxiö^a x&v igxaCmv xs xal 6xa6{- 
(1(0 V QTixÖQCov, %a^ bvxivovv xal dijua) dcaXsx^vai xal ididyvg 
xov navrbg a^iog. oX xs yäg Qvd'fiol xov Xöyov xs7coXa6(idvoi xal 
xb ßdd'og xov i^d'ovg olov 6a)q)Qovi,0x}i xivi xal TCatdaymy^ «ffinov 
7i6Xs(og oXrjg dvoijxGjg diaxstiisvqg, 

1) Also auch diese Rede (die so wenig wie die andern dieser Art er- 
halten ist) gehörte zu den sophistischen imdil^sig, cf. H. ▼. Arnim im 
Hermes XXVI (1891) 37 f. 



Archaismus und Atticismus. 357 

B. Der alte Stil und der AttioismuB. 
1. Die Griechen. 
DaJs der Atticismns in der irriechisehcn Litteratur wie in *e/"*v«»' 

und 

den vorhergehenden Epochen so auch in dieser der Ausdruck änati^ut. 
des reaktionären archaisierenden Elements ist, versteht sich von 
selbst Auch liegen ja die äufseren Zeugnisse auf der Hand: 
wir haben die Invektiven Lukians, die atticistischen Lexika,^ 
deren bekanntestes mit den Worten beginnt: 56rtg iQxccitog 
xal doxi^fog id'ilai diaHysc^ai^ rdö' aita fpvkcoixia (Phryn. ecl. 
in.); den KBixovKBixog bei Athenaeus und so vieles andere derart. 
Die nakaiol "Ekktp/eg sind eben die Attiker: dafs er jene allein 
erklärte; rühmt Aristides (or. 12; 1 137 Dind.) an seinem Lehrer 
Alexander von Kotyaion; ^Axtixä 6v6[ucxa und &Q%ala (pcakaiä) 
dvöiucxa sind identisch: an Aristides wird gelobt (schol. in Aristid. 
or. 10; vol. I p. 113 Dind.) kd^eag xs ixQißiig ivdQyaia xal 
(UT* BvykaniCag iQxaiö^bg (pevymv 6fiot; xcaceivöxrixa xal iacai" 
Qoxakiavj an Kaiser Marcus, dem Schüler FrontoS; rühmt Hero- 
dian (12,2) k6y(ov &Q%ai6xrixa in griechischer und lateinischer 
Sprache, noch Isidor von Pelusium sagt ep. IV 91: nokvxQoxoi. 
x&v iv^gAnov xal at xsqI xovg köyovg iTCi^^iar ot yi,%v y&Q 
aifx&v iyanMi xb nakai&g &xxtxi^€tVj ot S% xb 6a(p&g sItcbüv 
xov &xxixi6^ov 7Cq6x6QOv Syovöt kiyovxsg* ^xC xb xigdog ix xov 
ixxixiinvy Zxav xä ksyöiisva &6%sq iv 6x6x(p XQvitxrixai tulI ak- 
kav Siffcai x&v elg tp&g a{)tä i^övxajv;^ und Eunapios (vit. 
soph« p. 99 Boiss.) nennt die ki^ig des Libanios eine altertüm- 
liche; weil er altattische Worte; wie von Eupolis und Aristo- 
phaneS; aus langer Vergessenheit wieder hervorgezogen habe. 
Die Sprache der dieser Richtung angehorigen Schriftsteller ist 
eine dem Leben abgewandte; es ist eine reine Buchsprache: mit 
verblüffender Offenheit ist die Theorie ausgesprochen worden von 
Aristides rhet. II 6: xegl dh ig^riveiag xoiovzov &v stycoi^ij 
fiijrf övöfiaxi, fiijr£ ^i^iiaxi, ;|^p^(fd'at äkkotg nkiiv xotg ix 
x&v ßvßkimv^), und für die Praxis ist bezeichnend; was uns 
Phrynichos (ecl, 271 Lob.) berichtet: der Sophist Polemon hatte 
im Anfang seines Geschichtswerkes das Wort xstpakaimdiöxaxov 



1) Cf. über diese Stelle W. Schmid, Der Atticismus I (Stuttg. 1887) 
204, 19. 



358 ^on Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

gebraucht; ^^ich wundere mich^ bemerkt der Atticist dazu, dab 
der Grammatiker Secundus^ der sich dach sonst auf die Sprache 
versteht und die Schriften seines Freundes Polemon verbessert, 
dies Wort schlechter Prägung übersehen hat." Neubildungen 
blieben, wie im Anfang der atticistischen Bewegung (s. oben 
S. 149flF.; 184 ff.), verpönt^), überhaupt wurde alles Lebendige in 
der Sprache, die övv^^slcc, geächtet: rb koiv6v d. h. das allgemein 
Gebräuchliche ist für die Atticisten synonym mit *EXlijvix6v und 
wird als solches gebrandmarkt und dem ^j^tuxöv gegenüber- 
gestellt. Diese völlige Verwerfung der ötn/i^^eia tadelt an denen, 
die in^ &Q%ai6xYitu dij tivi 6B^vvvovtai> und die da glauben, 
dafs das aQxcct^siv in dem Gebrauch seltener alter Worte be* 
stehe, ein verständiger Mann aus der Antoninenzeit, dessen r/jt^ 
^ritOQtxii unter Dionysios' von Halikamass Namen überliefert 
ist^) c. 10, 7 f. (p. 113): ivia x&v hvoyuttayv^ sagt er, to2^ töra 
xaiQolg öwT^d^ri ^t/ xccl yv^Qi^ucy S)v vvv fi %(fy6iq i^BQifAriXBV' 
ixBtvoi nikv ovv i)g yvogifiotg i%Q&vto^ 'fifiBÜg d' civ aitä sixAtmq 
ixxkivot(i€v.^) Man sieht: es ist die alte, seit den Anfangen 



1) Das zeigt vor allem der famose Streit über das Wort iagotpodg^ 
wegen dessen Verwendung Lukian von einem Gegner angegriffen war: er 
rechtfertigt sich in einer eignen Schrift, dem Pseudologistes ; einen Hanpt- 
trumpf spielt er dort 24 aus, indem er seinerseits dem andern den Ge- 
brauch Yon neugebildeten Worten wie (riai.fi,BtQBtv , &9^o%Qa%Bt9 vorh&li 
Cf auch rhet. praec. 16 f, wo er dem Adepten der ^neuen' Beredsamkeit 
den ironischen Rat giebt, sich etwa ein Dutzend altattischer Worte anzu- 
eignen, im übrigen frisch drauf los neue zu bilden. Bemerkenswert ist 
auch eine Stelle des Galen: VH 417 E. (citiert von J. v. MüUer, Galen als 
Philologe in: Yerh. d. 41. Philol.-Vers. 1891 p. 86, 6): v6fkog ictl noiwbg 
anaai rotg lE^XXriOLv &v nhv otv f;i;eo|Li£v dvö^ucta nQaypLdtcav nagä rot^ ngi^ßth' 
tigoig sl^riiiiva, xQ^^^^'' ^ovrot^, &v d' oij% fj^Ofiey, iJTOi (UtatpigHw lbr<( 
tivos o}V Ix^uev Tj noitlv aiitoh^ nax' &valoyUcv t^vä ti^v %Qbg tä narmvO' 
luccfiiva t&v n^ayiuitav rj %al natccxgfjad'cci, xotg i(p* ktiqwß ntiikiveig. Aber 
bei Neubildungen müdse man vorsichtig sein, wozu allerdings eine ordent- 
liche Schulung gehöre, die nicht* alle Ärzte seiner Zeit bes&fsen. — Nor 
wo es sich darum handelte, lateinische Begriffe zu umschreiben, war man frei- 
gebig, cf Athenaeus m 98 C: natürlich, denn ein Atticist h&tte sich lieber 
die Zunge abgebissen, als ein solches Barbarenwort gebraucht (s. o. S. eo, 2). 

2) Ed. üsener, Leipz. 1895, cf. dort über die Zeit praef. p. VI. 

3) Cf.Photiosbibl.cod.TOvonDiodor: N^jjr^firatqp^tfettfaqpeZTCKald^K^ffr^ 
nal latogia fidXiata HQeno^ajj, xal /Liifrc tag &£ ctv iünoi xig Xlav ifntgritvi- 
Kiaiitvag xal &(fx^^<^''Q^^<^^S Si&ytmv ewtd^ig fujre %ff6g ti^p nu9m- 
(iiXrinsvjiv vsvmv navTsXß)g, &XXä t£ fiiatp x&v X6yanß xagccnrllQi jg/^r. 



Archaismus und Atticismus. 359 

wissenschaftlicher Sprachbetrachtung so oft behandelte^ in der 
caesarischen Zeit mit dem Thema über die fi^fiq<r^ tAv igxaicav 
verquickte (s. o. 8. 184 ff.) Streitfrage, ob die Sprache in leben- 
digem Flufs befindlich und daher in ihren Schöpfungen frei und 
souyerän sei, oder ob sie in Erstarrung übergegangen und daher 
durch strenge Regeln zu binden sei: die Worte , in denen das 
nach griechischen Quellen von Horaz de a. p. 45 — 72 aus- 
gezeichnet formuliert ist (s. o. S. 189), könnten auf die Litteratur 
der ganzen Eaiserzeit angewendet werden. 

Nun blieb freilich einsichtigen Männern nicht verborgen, 
daCs eine solche , dem Leben abgewandte Sprache ein UncÜng 
sei. Sie suchten zu vermitteln: nicht das incBQamxifyiv sei das 
Richtige, sondern das imxiisiVj die Vertreter des ersteren hat 
Lukian besonders im ^tÖQav diddöxaXog und im ABicipdvfjs zur 
Zielscheibe seines Spottes gemacht; denn — dies ist sein Stand- 
punkt — %&v 3t€cXat&v övofiirtov tä (jl^v Xsxtiay rä d^ aü^ b%66a 
ccin&v fii} 6wii^ totg xokkotg^ iig fti^ tagdztoiiuv tag iicoäg xaX 
utQA6xoi(uv t&v 6\>v6vtmv tä Aza (pseudolog. 14), und nicht 
anders urteilen Longinos der Kritiker I 306 Sp.: KegyöJLaio toig 
Xlav ifxaioig Tud ^ivoig t&v 6vo(tdv(Dv xccta^iaivsiv tb 6&yM 
tf^g kUi^mg und Philostratos v. soph. I 16, 4: bQ& tbv &vdQa 
(Kritias) . . . äiTixi^avta oix ixgat&g oidh ixxpavkag^ tb y&Q 
ixi^föxaXov iv t^ ixtixC^Biv ßaQßagov^ iXJi &671bq ixtCvmv ui- 
yaX tä ^Attixä övöiuxta diafpaCvBtai tov X6yw)y v. Ap. 1 17: 6 da 
^AxoXXoviog X&ymv Idiav inij6xrj66v oi tijfv .... xateyXantiöiid- 
Vfiv xal imeQattuUiovöav, iridig yäg tb vxIq tiiv [istgiav ^At- 
^Ida iffBlto. Aber wo war die Grenze? Das war ganz der 
Willkür des Einzelnen überlassen, und so kam es, dais eine 
Richtung, welche die Eigenmächtigkeit des Schriftstellers 
gegenüber dem klassischen Kanon verurteilte, ihr doch wieder 
Thür und Thor öfinete: es ist bekannt, dafs Lukian seine eigenen 
Vorschriften gelegentlich verletzt hat^j, und für die subjektive 
Willkür der einzelnen Schriftsteller scheint mir bezeichnend, dab 
in der ti%vvi des Longinos I 307, 19 ff. unter den erlaubten 
attischen Worten sich mehrere finden, die Lukian verwirft. 



1} Ähnliches bei allen diesen Autoren: das lernt man aus den müh- 
samen und dankenswerten Zusammenstellungen in W. Schmidts bekanntem 
Werk, besonders IV 083 ff. 



360 Von Hadrian bis zum Ende der Kadserzeit. 

Überhaupt kann man sagen^ dafs nur die wenigsten in das 
Wesen des Atticismus einzudringen vermochten, die meisten an 
Äufserlichkeiten hängen blieben: wir wissen heutzutage besser, 
was attisch ist^ als die Herren vom Schlage des Phrynichos, die 
doch gar zu possierlich sind, wenn sie sich wegen eines nicht 
approbierten Wortes * ekeln*, * erbrechen*, *das Haupt verhüllen'. 
Die berühmtesten und verständigsten Vertreter der Theorie 
waren Hermogenes (f c. 250) und Cassius Longinus (f 273). 
Jener zeigt — darin weit hervorragend über Dionys von Hali- 
karnass — eine durchaus würdige Auffassung der alten Autoren, 
seine Werke sind, wie ich bei einer späteren Gelegenheit nach- 
weisen werde, von Polemik gegen die Moderhetoren seiner Zeit 
durchzogen. Longin war der gröfste Kritiker und Polyhistor der 
Zeit, ein Mann, dessen Einwirkung auf die ihn als inkamierte 
Gelehrsamkeit anstaunende Nachwelt gewifs viel gröüser war als 
unsere Überlieferung uns zu beweisen ermöglicht; in den Tisch- 
gesprächen, die an dem von ihm gegebenen Fest zu Piatons 
Geburtstag stattfanden, war nur von den iQxatoi die Bede 
(Porphyr, bei Euseb. pr. ev. X 3); in dem Excerpt, welches wir 
von seiner Bhetorik haben, warnt er vor dem übermäisigen 
Schmuck der Rede (Rhet. gr. I 323, 24 ffi Sp.) und empfiehlt 
als Stilmuster Aeschines den Sokratiker und Piaton, Herodot 
und Thukydides, Isokrates, Lysias und Demosthenes (ib. p. 324), 
doch warnt er davor, totg XCav iQX€ciovg xal %ivoig xSnf ovo- 
IKxtcDv xata(iLaiv6tv rb ööb^ia t^g Xslieag (p. 306). Die in einem 
Cod. Laurentianus erhaltenen Excerpte hc t&v AoyyCvov (bei 
Spengel II 325 ff.), die, wenn sie auch vielleicht nicht dem 
Longin selbst angehören, so doch sicher aus einem in seinem 
Geist geschriebenen Werke stammen^), enthalten fast durchgängig 
eine Polemik gegen die vioi, $ijtOQ€g (fr. 11) und die tfo- 
q)t6tai (21) zu Gunsten der igxatoL (3), speziell des Piaton, 
Thukydides, Aristoteles, Lysias, Demosthenes: mit letzterem zu- 



1) Dafs sie nicht von Longin selbst herrühren, scheint Spengel praef. 
p. XXm richtig zu bemerken (cf. auch p. 824, 15 ff. mit fr. 9). Wenn es 
aber fr. 2 heifst: 5ri 6 'AQiatotiXrig tovg ndvta [istatpiQovtag ccMyiuna 
y^dcpsiv IXBysv. dib Xiyovai Aoyylvog anavUog xix(f^^^^'' (^c. j^ij, cf. 
fr. 1) %al tovt(p rc5 stSst^ so darf man dafür weder mit Bahnken liyn 
Aoyylvog noch mit Spengel Xiyovai Aoyytvov schreiben, sondern Aoyylwog 
ist offenbar ein zu XiyovGi geschriebenes Glossem. 



Archaismus imd Atticismus. 361 

sammen genannt wird Aristides (5), von dem es fr. 12 be- 
zeichnenderweise heifsty dafis er zuerst mit der asianischen 
hcXvöig gebrochen habe. 

Aus dem energischen Zaruckgehen auf die alte vorisokra- 
teische Atthis dürfte es sich übrigens erklären, daCs seit der 
hadrianischen Zeit das ELiatgesetz im allgemeinen aufgehoben er- 
scheint.^) Sätze wie die aus der arrianischen Anabasis: tavta 
iyh i)g ndvxri ikri^f^ ivaygdqxo (aus dem Proomium), 6q&v 
{)liäg . . 01^2 ^fM)^ hl xri yvA^ji BKo^ivovg ^lot ig toig xivdv- 
vovg (Y 26; 3 aiis einer Bede), oder wie der des Herodian: xal 
yä(f aitol t&v otxoi öfioca iTadvfiia iaXmxaiiev (I 13, 4 ebenfalls 
aus einer Bede) würden auch diejenigen Schriftsteller aufs 
empfindlichste berührt haben , die wie Strabo, Philo , Plutarch, 
Galen das Gesetz nur frei beobachtet haben. 

2. Die Lateiner. 

Ich habe oben (S. 258 ff.) nachgewiesen, daCs die lateinischen Litterar- 
Archaisten sowohl der ciceronianischen Epoche als der ersten steiinnfl 
Eaiserzeit mit vollem Bewufstsein sich an die attischen Muster, 
als die Vertreter des Altertümlichen, angeschlossen haben; wir 
sahen, dafs yon dieser Partei Cato mit Demosthenes, Gracchus 
mit Lysias zusammengestellt wurde. Wenn ich nun behaupte, 
dafs der lateinische Archaismus der hadrianisch-anto- 
ninischen Epoche, den wir uns gewohnt haben, im engeren 
Sinne so zu bezeichnen, ebenfalls in die engste Beziehung 
zu den gleichzeitigen atticistischen Tendenzen der grie- 
chischen Prosa zu setzen ist, so würde das wohl einleuchten 
und Glauben finden, auch wenn es sich nicht durch sichere That- 
sachen beweisen liefse.') 

1) Cf auch W. Schmid l. c. IV (Stuttg. 1896) 471. 

2) Von dem yielen Verkehrten, was darüber geäufsert worden ist, 
führe ich nur das Neueste an: P. Monceaux, Les Africains (Paris 1894) 42. 
62. 86. 89. 241 erklärt den Archaismus, den er in Afrika lokalisiert, daraus, 
dafs dort die alten Autoren, die zur Zeit der Kolonisiening Afrikas ge- 
schrieben hätten, besser yerstanden worden seien als die jüngeren! Ich 
habe dann gesucht, wer das Richtige schon ausgesprochen hat, aber wenig 
gefunden, z. B. bei M. Hertz, Renaissance und Rococo in d. röm. Litt. 
(Berlin 1866) keine Spur, auch da nicht, wo er, wenigstens ganz im Vor- 
übergehen, die griechische Litteratur streift (p. 29). Dagegen freute ich 



dM Ut. A: 
cb«iimui 



362 ^OD Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

FrontO; der Hauptvertreter des lateinischen Archaismus, 
der begeisterte Verehrer der ältesten Litteratur, der erbitterte 
Feind des Neoterikers Seneca, war mit den hervorragendsten 
griechischen Atticisten eng befreundet: mit Herodes Atticus 
war er, obwohl er einmal in einem Prozels sein Gegner war 
(p. 111 u. 138 N., cf. ep. ad M. Caes. II 2—4), sehr vertraut (c£ 
den Index der Naberschen Ausgabe p. 266, wo aber ver- 
gessen ist der Brief Frontos an Herodes p. 244); Polemon wurde 
von M. Aurel in einem Brief an Fronto citiert (cf. Fronto 
p. 23), er horte ihn deklamieren (p. 29). 

Man bedenke femer folgendes. Die Einwirkung des Grie- 
chischen auf das Lateinische ist nie stärker gewesen als in jener 
Zeit, wo jeder Gebildete beider Sprachen Herr war^ wo sogar 
Griechen es nicht unter ihrer Würde hielten, lateinische Sprach- 
studien eifrig zu betreiben. Hadrian und Marcus, Gellius, Appu- 
leius und Tertullian sind der griechischen Sprache völlig mächtig 
und ein gewisser M. Postumius Festus, ein Freund Frontos 
(p. 200), wird auf einer Inschrift (CIL VI 1416) als arator tära- 



mich zu finden, dafs Niebnhr (The history of Roma from the first Pnnic 
war to the death of Constantin ed. L. Schmitz n London 1844 [gelesen 
1829] p. 271) den Archaismus Frontos mit der gleichzeitigen atticistiBchen 
Reaktion vergleicht, wofür er auf Lukians Lexiphanes verweist: nur scheint 
er (wie auch G. Fülles, De Ti. Claudii Attici Herodis yita [Diss. Bonn 1865] 
29) anzunehmen, dafs das Archaisieren von der lateinischen Litteratur aui 
in die griechische eingedrungen sei, obwohl er p. 264 von der griechiflchen 
Litteratur ganz richtig urteilt: in the time of Hadrian it was 90 pretHÜent^ 
that everything Bomain became HelUnized. (Wer das Griechische — zumal 
in prinzipiellen Dingen — durch das Lateinische beeinflufst sein läfsi, kann 
a priori annehmen, dafs er irrt. Das, was D. Ruhnken in seiner Antritts- 
rede De doctore umbratico, Leyden 1761, gelehrt hat, beherzigen jetst nur 
die wenigsten: mit nichts wird heutzutage mehr Mifswirtschaft getrieben, 
als mit der Annahme von Latinismen in der griechischen Sprache). Noch 
besser derselbe in den El. Schriften II 68: „Was die Bückkehr zu dem 
Alten verursacht, läfst sich schwerlich erraten. Vielleicht Wettkampf 
mit den griechischen Philologen.** — Für Appuleius deutet das Bidi- 
tige kurz an H. Eretschmann, De latinitate L. App. Mad. (Diss. KOnigsb. 
1869) 7 f. — Elar und deutlich A. Eiefsling zu Hör. de a. p. 70: „Horaz 
antizipiert mit dieser Betrachtung (s. o. S. 189) die archaisierende Str5- 
mung der hadrianischen Zeit mit ihrer Wiederbelebung des catonischen 
und plautinischen Wortschatzes: sah er doch eine entsprechende Be- 
wegung der griechischen Litteratur in der Rückkehr sum Atti- 
ci smus vor seinen Augen sich vollziehen.** 



Archaismus und Atticismus. 363 

que facundia maximtis bezeichnet^); umgekehrt werden Favorin 
und Herodes Atticns von Lateinern über lateinische Worte be- 
fragt und Appian benutzt in gröfserem Umfang , als es sonst 
griechische Historiker zu thun pflegen^ auch da lateinische 
Autoren^ wo ihm griechische zur Verfügung standen. Ist es 
unter solchen Verhältnissen nicht auch bezeichnend, daJs Fayorin 
und Herodes bei Gellius gerade über die alte lateinische Litte- 
ratur Auskunft geben können, dais Herodes einmal ein ganz 
veraltetes Wort (aertiscare) gebraucht^, daüs Appian nicht den 
Livius benutzt, sondern, wie jetzt angenommen wird, einen Anna- 
listen zwischen Valerius Antias und Liyius? Aber das Ent- 
scheidende ist folgendes. Da wir von Fronto allerlei Grie- 
chisches haben ^), so mufs sich daraus die Probe auf die 
Richtigkeit meiner Behauptung anstellen lassen: er muis sich 
hier als Atticist zeigen und altattische Worter gebrauchen. Nun 
höre man den Schluls des an Domitia, die Mutter des Marcus, 
gerichteten griechischen Briefes (der zu dem Albernsten gehört, 
was in dieser Sprache überhaupt je geschrieben ist): er bittet 
um Entschuldigung, iC xi rStv ivofiaxayy iv tatg ixiötolatg tat$- 

1) Yen der Afrikanerin Perpetua wird in ihrem Martyrium c. 13 (p. 57 
ed. Harris-Gifford) ausdrücklich gesagt, daTs sie sich mit dem Bischof Op- 
tatuB und dem Presbyter Aspasius ^EXXrivicxi unterhält, also sprach sie im 
aUgemeinen lateinisch. 

2) Bei Gellius IX 2, 8: das kann erst Gellius hineingetragen haben, 
aber nötig ist es nicht dies anzunehmen, weil Herodes nicht immer (wenn 
auch meist) griechisch sprach: Gellius I 2, 6 (wie Fayorin, sein Lehrer: 
Gell. XX 1, 20). Aus Gellius bemerke ich noch folgendes. Für ihn ist 
Herodes ein vir ingenio amoeno et graeca facundia cdeber (IX 2, 1), und er 
rflhmt an seiner Rede gravitatem atque copiam et elegantiam vocum: die 
letzte Bezeichnung pflegt er gerade für die vetustas sermonis zu yerwenden^ 
z. B. XVni 12, 1. Femer: wie Lukian im Lexiphanes sich lustig macht 
über den, der ganz yeraltete attische Worte braucht, so Fayorin bei 
Gellins I 10 über den, der in ganz totem Latein spricht, und wie Philostr. 
I 16, 4 und schol. Aristid. or. 10 (yol. I 118 Dind.) das &%Quväig ittmlinif 
als &%eiQ6%aXov bezeichnen, so Gellius XI 7, 7 als apirocalia das v^» 
bis uH nimis obsoUtis excukaüsque wie aphida, flocces u. dgl. 

3) Er mischt auch gern griechische Brocken in seine lateinischen 
Briefe ein (dies wohl nach dem Vorbild Ciceros, unter dessen Schriften er 
mit seinem abnormen Geschmack gerade die Briefe bewunderte), cf. die 
Stellen bei Th. Schwierczina, Frontoniana (Dias. BresL 1883) 18, 1. Man 
übertetite gern zur Übung aus dem Griechischen ins Lateinische: Fronto 
164 cf. 262. 



364 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeii. 

taig Btri Sxvqov rj ßdgßaQov fj äXliog ädixtiiov xal f»^ nAvv 
*j4tttx6v (242). Aus einer solchen affektiert bescheidenen Ab- 
bitte folgt natürlich, dafs er seiner Sache sicher ist^ man werde 
auch bei eifrigem Suchen kein unattisches Wort finden^): wie 
stolz mag er in Wahrheit auf die läppisch gehäuften Duale ge- 
wesen sein: i^ol d* ovx slg^ diio d' S^a ^Iak66<o iyQag>i6&fiVj oif 
d^ totv XQOöcoTCotv oidh xatv ^logipatv ^övatVy iXXä xal totv XQd- 
7C0LV Tcal tatv ägaratv oi (istgico fivxs äfUfo ovdh yQdq>B6^ai ^a- 
dl(o (241), oder auf Häufungen Ton Begriffen wie fpQdöm xal 
oinc iTCoxQvifOiiat (231), cf. tprj^l xal oix ixoxQ^toiiai (244). 
In dem zweiten, ebenfalls an Domitia gerichteten Brief nennt 
er seine Frau Gratia KgoxtCa (242). In dem Brief an Herodes 
braucht er almöciiog (244), in dem an Appian operiert er mit 
dem Begriff der ivtido6ig (250), im Drotikos (der Konkurrenz- 
rede gegen Lysias) stehen yXlxoyi^ai und xrivAkXmg (255; 257), 
alles verba emortua.^) Der Mann also, der nicht müde wird, auf 
die Lektüre der alten Lateiner zu dringen, die Yerachter dieser 
zu beschimpfen und einzuschärfen das colorem f^etusculum appin- 
gere (152), der über Cicero das monströse Urteil föUt: in omnibus 
eins orationxbus paucissima admodum repenas insperata atque 
inopinata verba, quae non nisi cum studio atque cura 
atque vigilia atque multa veterum carminum memoria 
indagantur (63), ist ein Atticist gewesen so gut wie seine 
griechischen Kollegen. Wenn er dem M. Antoninus befiehlt: 
monetam illam veterem sectator. plumibei nummi et cuitiscemodi 
adulterini in istis recentibus nummis Sozius inveniuntur quam 
in vetustiSf so überträgt er auf die lateinische Sprache ein den 



1) Die gerechte Strafe des eitlen Sophisten ist es freilich gewesen, 
daTä ihm in unserer Zeit grammatische Verstöfse nachgewiesen sind (von 
y. Wilamowitz im Prooemiom Göttingen 1884, 9). Das war ja überhaupt 
das Verhängnis dieser wie jeder Nachahmung, dafs man über kleinlichen 
und nebensächlichen Dingen die grofsen Hauptsachen vergafs: in den Geist 
der altattischen Sprache sind die Gröfsten unseres Jahrhunderts seit Lobeck 
tiefer eingedrungen nicht blofs als ein so armseliger Geselle wie Fronto, 
sondern auch als die meisten Griechen jener Zeit. Das liegt s. T. daran, 
dafs wir wissenschaftlicher geschult sind, z. T. aber auch daran, dafs wir 
nicht mehr in Konflikt mit der avvi/jd'Bitt kommen, die jene auch unfreiwillig 
in ihr ehernes Joch zwängte. 

2) Cf. besonders über trivdXXcDg Bergler zu Alkiphron I 19. 



Archaisinus und Atticismus. 365 

Atticisten geläufiges Bild: die iQxata övdiuxta sind ihnen die 
döxifiay die anderen die idöxma oder xißdriXa.^) Wie die 
Atticisten (s. auch oben S. 358) warnt er vor Neubildung von 
Worten, nam id qtddem absurdum est (162). Wie PoUux und 
Phrynichos hat er sich aus den alten Autoren Ezcerpte ftlr den 
Wortgebrauch gemacht und seine Schüler dazu angehalten.^ 

Fronto^) war schon zu seinen Lebzeiten eine Celebriiät: 
er selbst spricht von seiner secta (p. 95). 



1) Ersteres bei Phrynichos die gewöhnliche Bezeichnung, yon Fronte 
selbst in der angefahrten Stelle des Briefes an Domitia (242) gebraucht; 
%ißdrila: Phryn. epit. 362. 372. il8 Lob. Cf. auch Bentley zu Hör. de a. 
p. 69. Die Griechen spielten überhaupt gern mit övöfKxra r^ von^aiuxta: 
das Wortspiel läTst sich bis Themistios or. 23, 268 c. 33, 367 bc verfolgen. 

2) Cf. G. Bemhardy, Grundrifs d. röm. Litt.* 91. 

3) Über seine Stellung als Rhetor können wir uns aus zahlreichen 
Äufserungen seiner Briefe noch ein deutliches Bild machen. Hier nur ein 
paar Andeutungen. Wie ist es möglich, fragt man seit A. Mai (in der 
Vorrede zu s. Ausg. Mail. 1816 p. XXXVHI ff., cf. Hertz 1. c. 27. E. Droz, 
De Frontonis institntione oratoria [Besan9on 1885] 19 ff.), dafs er bei Macr. 
sat. y 1 ein Vertreter des sie cum genus dicendi heifst, w&hrend der gal- 
lische Rhetor Sapaudus (Corp. script. eccl. lat. Vindob. XI 206) sagt, er 
sei nützlich ad pompam? Das kommt daher, weil sie verschiedene Rede- 
arten im Sinn haben. Seine Geschichte schreibt er genau im Sinn und 
Stil des Sallust (cf. z. B. p. 205 die Charakteristik des Vologesus; 206 f. 
die Heerreform des Veras genau nach dem Schema derjenigen des Metellus 
bei Sali. lug. 44 f.; häufige yv&fUKt), die laudes fumi et neglegentiae im 
Stil der gezierten modernen Rhetorik, der Arion (eine ixtpQUitig, wie eine 
nQoXalut) ist in dem Stil jener affektierten &(piXsuc und Naivität geschrieben, 
die uns an Philostratos und Aelian so abstöfut; in den Gerichtsreden schreibt 
er nüchtern, trocken, schmucklos, wie die von M. Caesar p. 14 f. citierte 
Probe lehrt und wie er selbst p. 211 in der Theorie befiehlt; dagegen hat 
er in den epideiktischen Reden pompatke geschrieben, wie er selbst an 
mehreren Stellen erkennen läfst : p. 54 f. (von Mai selbst für die Stelle des 
Sapaudus citiert): nunc nuper caepisti legere omatas et pompaticas orationes: 
noli poeiulare statim eas imitari posse, denn omnia iv tm inidetxtixm ä9Q&g 
dicenda, ubigue omandum, uhique phaleris utendum; über eine solche Rede 
neineB Lehrers gerät der Schüler in Verzückxmg (p. 28): o inixtigj^fiava ^ o 
tdiig, elegantia, o lepos, o venustas, o verba, o nitor, o argutiae, o chariUs, 
o &ö%fi(tig, omnia; p. 20 ff.: wer beim Volke Erfolg haben wolle, müsse 
ihm nach dem Munde reden, aber es sei dabei ein gewisses Mafs zu be- 
wahren, und zwar potins ut in composiiiotm structuraeque mollitia sü delic- 
tum quam in sefitentia impudenti, wenngleich er einst über einen kühnen 
Vergleich in einer Rede des sehr jungen Antoninus geurteilt hatte: magni 
ingeni Signum esse ad eiusmodi sententiarum pericula audaciter adgredi 



366 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

Es blieb Sitte, die hinsterbende Sprache mit dem erborgten 
Flitterkram hocharchaischer Worte aufzuputzen ^) (wobei gelegent- 
liche schwere Versehen nicht ausblieben*)): so befahl es Mar- 
tianus Capella (Y 509), und manche der aus dem Ende des 
Altertums stammenden Glossare stellten sich in den Dienst 
dieser Sitte: finden wir doch in ihnen, wer weils durch eine wie 
grofse Reihe von Zwischengliedern, Worte, die nur im Salierlied 
und sonstigen ältesten Ritualbüchem gestanden haben können. 
Aus derartigen Worten hat dann bekanntlich jemand seine 
^praefatio' zusammengestellt, die uns überliefert ist (Anth. 
lat. I p. 69 Riese), und sie finden sich zum Entsetzen des 
heutigen Lesers oft inmitten einer schon degenerierenden 



(p. 97); kurz: mmmum eloquentiae genus est de mblimibua moffnifice, de 
tenuioribus frugaliter dicere (p. 127). Einen solchen höheren Ton scblägt 
er gelegentlich in den Briefen an Antoninus Pins und L. Verus an, wo er 
dann unerträglich abgeschmackt werden kann, so p. 108, 12 ff. p. 122 f. 
(auch in seinen andern Briefen lassen sich ax^/ipMxa Xigsmg nachweisen, 
z. B. p. 68 f. für die Antitheta cf. Th. Schwierczina , Frontoniana [Dias. 
Breslau 1883] 16, 1); la6%aXa und öfioiotiXsvra in den griechischen Briefen: 
cf. p. 240 iLi/jts in' &vi\Lov nagma^ivta, fn/jte (mb xBigbs *A&riv&g tj *Ak6X' 
Xfovog OffaXivta, mansg tä 'bnb Tsv%qov rj ra {mb x&v fivriet^Qmv ßXrfi'ivxay 
250, 1. 12 f. 13 f. 15 ff. 251, 3 f. 6 f., tgCxmXa und titQoiiuoXa im Qreifs- 
walder Prooemium 1897 p. 50 f. 58 f. — Das Hauptgewicht legte er auf 
die Wahl der Worte: p. 63 f. 96 f. 107, 10. 140, 8. 149, 8. 161, 8. 152, 9. 
154, 9. 169. 161 f. 224, 19. 253, 6; Verus tadelte ihn deswegen, wogegen 
er sich verteidigt p. 114, 20 ff. (in einer leider sehr lückenhaften Stelle: 
Verus hatte ihn auf Epiktets Verachtung sorgfältiger Wortwahl yerwiesen, 
wofür nun Fronte über Epiktet herfällt). In Betreff der Anwendung ar- 
chaischer Worte war er übrigens verständig genug zu urteilen (ad M. Caes. 
in 1 p. 40): quom in setuUu vel in contiane popüli dicendum fuU, nuBo 
verbo remotiore usus es, wie ja auch Hadrian in der uns erhaltenen ManOyer- 
rede an die Truppen in Lambaesis (CIL Vlil 2582) durchaus yemflnftig 
spricht, übrigens nicht ohne kraftvolle (tx^ficcta (er liebte solche Ansprachen: 
Fronte p. 206 Hadrianus prificeps regundis et facunde appellandia exer* 
citibus suis impiger); auch seine Leichenrede auf Matidia ist in würdiger 
einfacher Sprache gehalten (Z. 22 si potius ut nota dieereniur quam ut 
nova fiel kaum ins Ohr). 

1) In dem SC de sumptibus ludorum gladiatorum minnendis (CIL 11 
6278) steht aufser oUi (Z. 25 von den Kaisem Marcus und Commodus) noch 
formonsus (Z. 34, von einem Gladiator; sicher nicht zu ändern), wie Appu- 
leius zu schreiben pflegt. 

2) Cf. Lachmann zu Lucr. V 1006. Ober die frühere archaistische 
Epoche s. o. S. 189, 1. 



Neoterismus und Asianismus. 367 

Sprache, z. B. im Carmen de figoris; bei Sidonius^), bei Gregor 
Yon Tours^ in den famina Hisperica. Bezeichnend ist, dafs, wie 
eine Anzahl yon Zeugnissen *) beweist , Fronto lange in Mode 
blieb; sein Name war im vierten Jahrhundert so typisch, dafs 
er f&r Musterverse verwendet wurde (Diomedes 513, 29); die uns 
erhaltene Handschrift stammt etwa aus dem sechsten Jahr- 
hundert, ihr Schreiber hat am Band aufser Sentenzen und 
sonstigen Merkwürdigkeiten auch alte Wörter excerpiert und 
sich einmal die Weisung Frontos an seinen Schüler notiert: co- 
larem vetusctdum appingere (p. 152 c Nah.). Dann verschwindet 
auch Fronto: die Gelehrten der karolingischen Zeit kennen ihn 
nicht mehr, obwohl die Freude an unverstandenen alten Worten 
noch immer nicht erloschen war, zum Glück für uns, denn sonst 
Wülsten wir von Verrius Flaccus' Werk noch erheblich weniger. 



O. Der neue Stil und der AnJanismufl.^ 

1. Direkte Zeugnisse. 

Ich stelle eins der wichtigsten, wenn auch zeitlich eins der vM»r«^« 
spätesten Zeugnisse voran. Prokopios von Gaza, aus dessen ito^viUt 
tändelnden Briefen man sonst so wenig lernt, beklagt sich 
scherzend in einem Brief (116) an seinen Freund, den Sophisten 
Hieronymos (aus Elusa in Arabien, wohnhaft in Hermupolis), 
wegen eines ihm von diesem gemachten Vorwurfes. Prokop 
hatte nämlich einen Brief an Hieronymos begonnen mit den 
Worten: ÜQoxixiog 'Isgtovviip %aCQBiv, Das hatte Hieronymos 
in seiner Antwort getadelt, weil das xaiffsiv zwar bei den Alten 
flblich gewesen, gegenwärtig aber auüser Gebrauch sei; es ge- 



1) Obwohl er von sich gelbst mit falscher Bescheidenheit sagt ep. VIII 
16, 4 unde nobis ülud loquendi tetricum genus ac perantiquum? unde üla 
terba müiaria ttl SibyUina vel Sahinis dbusqye Curibun accita, quae magiitris 
pUfumque rdieentibus prompiiu» fetiaJis (üiqui/i aui flamm aut veUmcsut 
legaiiuM qmiestumum aenigmatisia paUfeoerii¥ non ojmncula nermone condi- 
dimnu arido exüi etc. 

2) Sie stehen bei Mai praef ond danach wiftdorhoH l»ci Nab«*r praef. 
p. XXXIV ff. 

3) Wer kennt oder liest jetzt noch: Boeckh, H« ratmania« stilo AniaDO 
(1S24) in seinen Opnsc. IV 208 ff.? Beror Spengül ff\r diiriie Ktudien freie 
Bahn schof, konnte über solche Dinge niemand richtig iiH^ilfn. 



368 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit 

zieme sich aber^ xa 6wii^ qyvXaxxBiv, Diese letztere Behauptung 
sucht nun Prokop zu widerlegen^ indem er Fälle anfOhrt, in 
denen es sich vielmehr empfehle^ gegen die Gewohnheit an- 
zukämpfen und zum Alten zurückzukehren; z. B. werde keiner 
jemandem einen Vorwurf machen^ xotv ei xijv vvv XQotovöav 
xffvgyfjv slg ösuvöxrjxd xig xijv aQ%alav itcaviysiv i^iXjiy xctv ei 
xijv fiovöMiiv ixne6ov6ttv eig ii^kovg [uk&v ocal dtifioxixilv 
(pXvuQCav eig xijv TegndvdQOv fiovöav aid-tg iv^yxoi. txinbg di 
7c6%^ev fiyitv^ Tcgbg OiXiov, öe^vog elvm doxetg, et n ^fJliM 
tp^iy^aio x&v ^Axxix&v Tcal xiixotg x&v inaivovvxmv üg iLQ%aXov 
xad'iöxrixe^ Tcagbv i(ig>0Qet6d'aL x&v ix XQiödov ^luitav xal 
xaina q>iQei,v inl xov ßi^iiaxog; ^ xi df^xa x&v [UiQaxüov xqo- 
xad^e^ö^vog otei xi ^iya <pQovstv ^A^iöxelSov xov ndw xgbg 
ixaivovy ei Xiyotg hg ai)x6g\ ^ <^ovX) HokificDV xi^g ^A6iavf^g 
xEQuxeiag xijv &Qxaiav ^tixoQixijv ixd&rjQev; eidh6olx6xe 
yevdöd'ai nttQi6%ev fi xv%riy xtt% &v fiot xal yQaq>iiv enevdyxaö^ai 
xax ixsLVOv doxstg, Sxt xä övvi^^ri TCccQtdcav ilcc^cov elvai ßov- 
kexuL Tcgbg ägiaCav ivay6(ievog (lovöav, 

Phil ostrat OS vit, soph. II 18: 'OvöfiaQxog 8i^ 6 ix r^^ 
"AvSqov 6oq)i6x7lg, oix id'avud^exo ^liv, ov iiefmxbg dl itpaCvexo, 
ixaidevöe fjkhv y&Q xaxä xQ^^ovg^ ovg ^Adgcavög xe xal XQ^öxog 
^Ad^vriöL, ngööoixog dl S)v xijg ^AöCag xr^g 'lavixrlg iddag 
olov difd'aX^iag iöTCaöe^ 67Covda^o(idv7ig ^dXiöra xg 
*Eq)i6G)j 5d'ev iäöxet xiölv oid^ '/jxQoäöd^ac ^HqAöov xarail;evdO' 
^livoig xov dvdgög. xb (liv yäQ xfjg eQ^riveiag naQdq)d'OQev (s. 
0. S. 298) iöd^* Snri öl' r}v etQrjTca aixCav^ at 6\ imfiokcd x&v 
vori^dxiov ^HgääeiOL xe xal dnoQQijxiog yXvxetai, — Wegen dieser 
^ephesischen' Art sagt er II 23, 1: &yei ^e 6 X6yog in* Svöga 
dXXoyt^iGixaxov ^a^iavbv xbv ix xfjg *E<pd6ov, Sd'ev iijj(fii6^a>6av 
2J(oxflQ0L xe xal £&6ot xal NiTcavÖQOL xal Oatdgoi KiJQoC xe xal 
OvXaxeg^ d^vQ^axa yäq x&v ^EXXijvov fioXAov o5xot it(fo6(ffi- 
d'stev &v ^ 60(pi6xal X6yov &iuoi. — Von Niketes aus Smyma') 
sagt er I 19, 1 (s. o. S. 355): ^ ^*^« ^^^ X6ymv xov yJhv 
&Q%aiov xal itoXtxixov ixoßdßtjxevj \m6ßax%og Sh xal di9ih 
Qttußadrigj und von demselben sagt Messalla^ der Vertreter der 



1) oif habe ich hinzugefügt, o{> för ^ Hercher. 

2) Er gehört noch der vorigen Epoche an, ich habe ihn aber des Zu- 
sammenhangs halber hier genannt. 



Neoterismos und Asianismus. 369 

Alten^ bei Tacitus dial. 15: video etiam Gratis accidisse ut hngius 
dbsü ab Aeschine et Bemosthene Sacerdos iUe Nicetes et si quis 
alius Ephesum vel Mytilenas concentu schdlasticonim et da- 
maribus quatit, quam Afer aut Africanus aut vos ipsi a Cicerone 
out Asinio recessistis. Endlich eine ebenfalls schon oben (1. c.) 
citierte Stelle aus der yita Apoll. I 17, wo der archaischen 
Diktion entgegengestellt wird die dtd^vQaiißädijg xal (plsyiiai- 
vov6a, 

Aristides war der geschworene Feind der zeitgenössischen 
Moderhetoren: gegen sie hat er, wie wir bald sehen werden, die 
50. Bede geschrieben; er nennt sie freilich dort nicht Asianer 
(war er doch selbst aus Asien)^ aber das Wort selbst giebt uns 
hier Longinos 6 xqiukös in einem Fragment rhet. gr. I 326 Sp. : 
Sri tiiv TCkBovAöaöav tcbqX t^v ^Aöiav IxXvöiv ivextijöato 
(d. h. correxit) ^Agi^teidr^g^ övvex&g Y^Q ^^"^^ ^ ^icav xal ni" 
^av6g. Daza kommt der (byzantinische) Verfasser der pro- 
legomena zu Aristides in Dindorfs Aasgabe vol. III 737 ff.: er 
unterscheidet drei tpoQai von Rednern, von denen sowohl die 
erste (ff iy(fA(p(og Uyov6a: Themistokles, Perikles u. s.w.) als 
die zweite (die 10 Redner) in Athen entstand; von der dritten 
heilst es dann: fj dl xv%fi xal t$ ^Aöia tovxov daQSttat g)OQdvj 
rQitfjv oi6av ^itftijfiiji/, ^g iön iJoA^fUDi/, 'HgAdrig^) xaVAgiöxeC- 
dfig xal ot xatä tovtovg toi>g xQÖvovg ysyövaöi $iitOQ€g^ und 
diese Redner hielten sich, obwohl Asiauer, frei von deren 
Fehlem: oidhv ix ti^g 'Aöiag i7C€<pdQ€to (Aristides) xsvbv rj 
xoi^qfov 1\ aüij^Bgj oidl tatg ZQonixatg t&v Xi^sov äjg itv%e 
jjf^fuvog oi)d% q>aiv6ii£vog totg ivtvyxdvovötv i}g iniJCoXflg, 
Hü* isl ßa^g &v xavtaxö^sv. 

Eallinikos, ein athenischer Sophist im III. Jahrb., 
schrieb nach Suidas s. v.: n^bg Aovxov xsqI xaxoiriklag ^tixo- 
^MC^g, also über den Asianismus wie einst Caecilius (s. o. 



1) Dafs er ihn hier nennt, erklärt sich daraus, dafs Herodes sich 
lange in Asien aufhielt, wo er nahe Beziehungen zu Polemon und Favorin 
anknüpfte: Philostr. y. soph. II 1, G. Fülles, De Ti. Claud. Att Herodis 
Tita (Diss. Bonn 1864) 8 ff. Dafs er wuTste, Herodes habe später in Athen 
gelebt und gelehrt, zeigt p. 789. Übrigens läfst der byzantinische Ver- 
fasser des Timarion thörichterweise den Herodes in Smyma geboren sein 
(ed. B. Hase in: Not. et Extr. IX 2 [IRIS] c. 46 p. 289). 

Norden, antike Kunitprou. 24 



370 ^on Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

S. 265, 1). Das Stückchen, was wir aus einer seiner Reden 
haben ^), ist thatsächlich verständig stilisiert. 

Eunapios vit. soph. p. 94 Boiss. von einem Bhetor Sopolis 
aus Athen: fy; ivijQ sig tbv &Q%alov %aQa%xf^Qa xhv Xöyov 
ivatpigsiv ßia^öfievog xal T^g i>yiaivo'66riQ Moiiörig (d. h. des 
Atticismus, s. o. S. 298, 3) '^avsi.v 6Qiyv6(i6vog. Es ist be- 
zeichnend, dafs mit diesem Mann Libanios, der Anhänger der 
alten Attiker, korrespondierte (ep. 881), von dem Eunapios p. 96 
fast dieselben Worte gebraucht. 

Himerios (selbst ein Anhänger der Neuen, wie wir unten 
sehen werden) or. 11, 2. Er preist in dieser Rede die Ver- 
dienste, die sich die lonier um Hellas erworben haben; dabei 
erwähnt er auch die Kunst der Rede: diese, sagt er, Af^nri^ 
tecog ovöav xal äöxsvov Sqov xb i%ov6av tbv Xöyov inl tä di- 
xaötilQia {^^^1^1/ &Qa iietsfOQiöavtsg (ist^ov ^x^dai zilig tQaypdücg 
inoCriöav. Man kann die asianische Beredsamkeit (die auch 
Philostratos 1. c. ^ionisch' nennt) nicht deutlicher bezeichnet 
wünschen. 

Endlich für das Fortleben des Asianismus die beiden letzten 
Zeugnisse, denen ich begegnet bin: 

Über Philippos von Side in Pamphylien (saec. V), einen 
Verwandten des uns durch seine wertlosen Prolegomena zu 
Hermogenes bekannten Sophisten Troilos, berichtet Sokrates 
hist. eccl. Vn 27: ifpUoxövsi öl Tcal nsgl köyovg xal xoXkä xal 
natnota ßißXia 6vv^ys. iijXihöag dh tbv ^A6iavbv x&v Xöyav 
XagaxrriQa icolXä 6vviyQaq>B xa xb xov ßaöiXdfog *IovXi€cvQV 
ßißXia &va6xBvdi(ov. xal xQiöxiav^v CöxoQiav öx^vd^rjXBVy ^v iv 
XQL&xovxa ^1 ßißXioig öuTXbVj worauf eine kurze Charakteristik 
des Werkes folgt, aus der uns interessiert: öwBx&g ixg>Qd6B^ 
XiyBv vi^öcDv xal ögitov xal divÖQCDv xal &XX(ov xiv&v BinsX&Vj 
dl* &v xal xf^vvtiv xijv ngay^iaxBiav Blgyaöaxo' dib xaly &g vo- 
(ii^<Oy &iQBCav avTijv xal ISiAxaig xal BxmaiÖBiixoig Tcsxolffxsv. 
oC Idi&xat fi^i/ yä(f xb xBxo(itlfBv(iBVOv xf^g fpQaösmg Idnlv 
ovx löxvovöLVj ot (Ji BVTCatdBvxoi xi^g xavxoXoytag xaxayiyvAöxoth 
6tv. Cf. Photios bibl. cod. 35: iön dl (Philippos) noXiixovg xatg 
Xi^BöLVj ovx äöxBtog dh ovöh i%C%a^i.g^ &XX& xal JCQoöxoff^g^ fiaX" 
Xov dl xal aridijg xal iniÖBixxixbg fiäXXov r\ afpdXiiiogj xal xaQBV- 



1) Ed. H. Hinck in Reiner Ausgabe des Polemon (Leips. 1878) 43 f. 



Neoterismus und Asianismus. 371 

riesig &g nXstöta (itidlv n(fbg tijv tötogCav övvtsCvovxay &$ 
oMh/ iiäXXov htofflav slvai Ij ngayfidtaiv ixiQ(ov ti^v xgay^a- 
xbCov didXtppiv.^) 

Photios ep. 98 {Nixfiig>6(fp q>iXo66g)p (lovdiotnij saec. IX): 
tb ilg ti^ yidqxvQa xfig ^ii&v siqwtag q>iXo7c6vrina xatä xilv öijv 
iiüo6iv hcsX^övxeg xf^g (ihv ^Aöiavf^g önoQ&g {hg &v xtg sCxov 
fii}d^ rjS M0V6&V övöfucxL X9^f^^^^9 ^f^ '^ ^ iöiavi^cDv) yvq- 
6ütv yoviiv^) otax8LXi^g>a(UVy 6q>aX(LAt(ov dl ovddvy xX'^v st nov 
XI X€gl övpxa^iv* xal xovxo 6näviov ijcsörjiifivdiud^a, sl di xi 
X(fbg X'^v SXXfiv xaXXovijv x&v (ri(idxa)v xaXbv dv Zii&g ixfxeQBtv 
i86xaiy xal xovxo vqhg xi^ övyysvfl (lOQqyfiv xb Xöyov xdXXog 

lU^IJfflÖÖüCXO.^) 



1) In dem Ton Dodwell, Dissertationes in Irenaeum (Oxoniae 1689) 488 
ans einem cod. Baroccianus (142) veröffentlichten Fragment über die Vor- 
steher der alezandrinischen Katechetenschnle findet sich begreiflicherweise 
nichts Geziertes, da es eine blofse Aufzählung von Namen ist. Auch die 
aus derselben Handschrift von C. de Boor in: Texte und Unters, herausg. 
Ton Gtobhardt-Hamack Y Heft 2 (1889) p. 167 fif. edierten Fragmente boten 
bei ihrem sachlichen , für uns hochwichtigen Inhalt keine Gelegenheit zu 
rhetorischem Putz. Auch in dem seit üseners Behandlung berühmten, von 
£. Bratke im Theol. Litt. Bl. 1894, 185 ff. auf Philipp y. S. zurückgeführten 
Stück aus dem Beligionsgesprftch in Persien (in: Anecd. Graeco-Byzantina ed. 
A. Yassiliey I [Mosk. 1894] 83 ff.) ist wenigstens in der uns überlieferten Be- 
arbeitung keine Ziererei zu bemerken. Aufserdem ist in einer Wiener Hs. 
(n. 848 fol. 80'— 92' nach dem Katalog Ton Lambecius 1. Y 137) daraus 
eine Disputation zwischen (Christen , Heiden und Juden über Christus, die 
unediert scheint. 

2) D. h.: deine Rede ist ein echtes Produkt des Asianismus, den ich 
nicht, wie es üblich ist, 'Aaucvii fio4)<ra nennen will (cf. die angeführten 
Stellen des Prokop und Eunapios), sondern, indem ich mich selbst einer 
echt asianischen Ausdrucksweise bediene, tfjg 'Aciavfjt cnogäg yvriaiav yovi/iv 
(geziertes Bild und Wortspiel). 

8) Yon diesem Nikephoros giebt es eine Rede auf den i. J. 895 ge- 
storbenen Patriarchen Ton Eonstantinopel, den h. Antonius Cauleas. Der 
lateinische Text steht AA. SS. BoU. 12. Febr. H 622 ff.; der griechische ist 
nngedmckt, er findet sich in einer alten (s. X/XI), das griechische Meno- 
logion des Februar enthaltenden Wiener Hs. (cod. graec. bist. eccl. XI, bei 
Lambecius, Comm. de bibl. Caesar. Yindob.* YUI 161 ff.) fol. 96'— 109''. 
Ich teile aus dieser Hs. nach meiner Abschrift das ProOmium mit, weil es 
mit seinem Schwulst, seiner langen, unübersichtlichen Periodisierung (an 
der er einmal selbst scheitert) und seiner oft perversen Wortverschränkung 
das Urteil des Photios erläutert. (H% ^p äffa t&v nQoXaf^mp naX&p dg 
nl9U9^ fi4 xdltt rbw xq6vov, %dtp id6%H yiyriQanivat, naQ€cnlrielovg yovug 

^4* 



372 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 



2. Indirekte Zeugnisse. 
'9cat9Qi^9tf Diesen unmittelbaren Zeugnissen für das Fortleben des 

und 

(Fort- ivsmsiv xal di' aijtSiV la%iktoiv dySipav ^oyoig a{>totg xal nQayfucci t&p 
letsung). q)^acdvta)v %aQn&v niat^aaa^ai tb na^dBo^ov &n' &Qxiig yug rij» dp^ffOH 
nivriv 6 nXdaxr^g nalaiiriadfisvog qtvaiv xal t&v icya^Siiß cnsQfidtaip ivxt^n- 
xcb; dfpoqiiiiq o{)% dqtijus ta^triv avyyriQdaiiHv t(p XQ^^y ^^' dvTißäp öcri- 
fi4(fai {mg iifiiffai cod.) xal tÖKOvg &dsl(povg t&v 9t^laß6vtav tpigstp, tfjg 
&va)d'6v avyysvsUcg tb Bijysvlg iv iocvtotg inKpBqoy^ivovg &v6d'Bvtop. oi yo;^ 
ixniQa natu %q6vov xal nqcatfp (istQSia^oci nitpvusp «i^^ftif, icXX* ddixdffrm 
yv6>fijj t&v natOQd'ovvtaiv xara tbv vvv Big 'bn69'6aiv sifqjrift^ag tm X6yip nQ<h • 
%si(isvoVj rg xa^' indatriv iniS6asi ZXjiv &vaßdvTa tiip t&v &q6t&p %Xi(unia 
xal dquyiiipov slg tb dng^tatov. dXX' iSsi tovx(p duc ßiov tijv dgitiiv fUiXsti/j- 
aavti tovg ^ta tov ßiov kbqI Xöyovg ianovdanötag BianXi%Biv tbp ixaivoVy 
oiJtBQ bIcI xal yX&aaav dya^ol xal Svvatol ^avfkx^fti/ dvdgbg xaro^nfiora, 
ilih 61 fiax^a aiyfj 6iS6vai tb atoiuc xal tr}v yX&ttav dBa^i,^ xal (titOQW^- 
t(ov &XX(ov iv diiQOcctatg HatccXiysad'ai xal t&v filv dvBXittBip tiiP n^fifiv^ 
&v ö^ig fioi xal nBtga XQÖvoig o4j avxvolg diddanaXog ^y, xal rg iXti^Bia 
ngoaiucQtvQStv tb dXrid'ig tB xal ßißcciov, t&v dyvoovftivoiv dh tf Siriyi/iaH 
diä tov X&yov xagno^a^ai tj}v BÜdriaiv, &XXä fii) dnaidBvtm yX6nfafj xal avy- 
HBxvfiivo} t(p tfig &dv(iiag vfq)Bi XoyiOfim ngbg öynov toao^ov nQdyfkotog 
dnodvsad'av, tbv totg ^nlg dvvaiii,v iyxBiQOüaiv inTiQtrjitivov nivdvvov ^tpoQ^ 
fUBvov. (fvasi yocQ ol X6yoi t&v ngayiidtav iXccttoüa^ai 7tBq)67iaai, ivtaü^a 
dh vüVy Znov xal XQ^^^S fJ^dXiütu ftaxQbg BufiBtQi/iaato ti^v &Qttiiv xal wo- 
Xvavdij XBift&va iiifuttai xaro^^(£»fiara, n^bg ti^v ndvtmv ifitixocvoihftig Suk" 
Xrirpiv Blnitcag avatiXXovtai' oiSh yotg tr}v iavt&v (pvciv^ oi) yikv ohv^ oidh 
tb t&v nQayiidtcov dyvoovai iiiyB&og' Zfuog XifytpBO^aC ti (i&XXov rj d&öBiv 
iXnlaocvtBg t& t&v &QBt&v ijyovvtoci, fiByid'Bi tr}v olnBiav &xo%Qvy)Biv dc^i- 
vBiaVy (iriS4va yccg üqLvblv tovg X6yovg tm t&v ngayfidtatv i%nXrivt6(Uvov 
^avfuctf dib xal Xa&Blv iXitL^ovaiv^ 6(iov xal nriQ^tBa^ai tf to6tav «Vfi- 
nXo%^ ^av(uci6iiBvoi. inBl Sh xal tfjg aitoxffdtOQog iv n&at yv&yktig i) ^- 
(pog %QatBl xal ftBta tr]v baiav &g id'og 6i%aio^ca vifkBiv tu 3ata t^ natgl, 
tf tattrig nBgl X6yovg xdQvti tb n&v initQitpavtBg — notv iatBQ^iBiv dvdyxri^ 
tb Xstnov ndvtcag iüBlvri TtQoad'i/jaBi, dXoatlafiatov dh ii&lXov t& X6ym JucffBiot 
t^v i7tav6Q9'aaiv, — B^bv kccvtovg inl ti]v diijyriatv inaq)lBfUv, %ctd'dxBg 
tivic xQTjntda tijv natgida itQotdiocvtBg. Daneben zierliche Figuren, z. R 
97' dvÖQBiovg fuhv ipvxijv^ dvSQBiovg dl a&fM. ib. noüft^Up iihv ^v^ijy, nocfdm 
dh n&ai tgdnoigy xal f j toü a6>fMxtog mga oim iwßgi^ovafi tb vfjg ^%f^ 
BiyyBvig. ib. f^v ^vvoiqlg inlarmog, ivvmQlg Tifi^a, ^waglg ^ijZcoti}. 98' tb yäg 
bXo^vxmg oclQB^hv Big inUtriaiv ßißaiov, tb dh ßBßalmg nQOHTLtri^hv nQ6xHffov 
Big ovvtifii^oiv. 99' xal bijqig%bv navta%ov tb (liyoc ntfjfia tb d-stov XiAß^' 
100' i^ avv accQul daagnog ducycayij. 104^ toiovvog 6 dQÖfAog^ oitog 6 ßlog^ 
ToiavTa ra xaTO^^o/Liara * iv dvdynaig tb iiaQtBQLii6v, tb dvdQitov iv MBffi- 
axdcBi' Iv n6voig tb B^tovov, iv %&Jtoig tb fiByaX&tffvxov ' iv tolg nat* df^iti^v 
IdQ&ai tb B^^viiovj iv da&BVBiaig tb ad-svagdv^ iv vdeoig tb d94nBivt9w 



NeoterismuH und Asianismus. 373 

Asianismus^) bis in die byzantinische Zeit f&ge ich nun einige 
Stellen hinzu^ an denen zwar der Name ^Asianismus' fehlt, die 
Bichtung aber so deutlich bezeichnet ist, dafs kein Zweifel 



itartiX&g %al äpoXanow. Verwegene Bilder, z. B. 98^ xal loinbw AvsTciatgö' 
tpmg x6 tfjg &a%i/janDg xiLQliBtai &QOtQov tovg vfjg &ifBxfjg a^Xaiiag i%ßad^ap 
xal ngbg %aifnoyoviap iiaX&g naQaansva^dfUPog. 99' £^i dl t&v lovXeav. 
xiffl tag nageucg äv^o^mcov xal ctiq)avovrtav tb nXfjQsg ^iUcg x^Q^'^og 
7iQ6caniop 6 xf^g n^auxinfig avpsnriv^si (piloaoq)lag X£tfu»y fi&al&g iv a^x^. 
ib. xol Xombp ^v fula cnovdii xb Sovl&aai, xijv cdgxa x& nvi^iucxt^ xal tä 
Xoyicii&v ^QB^HP ^gUcy %al xovg xriQ(xnohg &vaKa9alQBiv x&v ivpoi&v i%pri- 
XatoviUpap pi/jq)ovai %al qwXanxmotg ola nval raxia diavolag ngbg xä iiQsixxat 
Tunljctcip. 

1). Im ersten und zweiten Jahrhundert waren die kleinasiatischen 
Küstenstädte nach wie Tor die Hauptsitze des Asianismus. Vor allen 
Smyrna, die Vaterstadt des Niketes, und vieler anderer sehr be- 
rühmter Sophisten. Als die Elazomenier den Skopelianos, ihren Mitbürger, 
baten, doch bei ihnen seine Schule zu halten, erwiderte er, die Nachtigall 
singe nicht im Käfig, &an8Q dl &Xcog xi xfjg kavxoü B'ötpatviag xiiv Sfi^Qvap 
iejUipccxo %al xiiv iixon xrjp iitBl nXBlaxov &^iav di^d^. ndcrig yäg xfjg 'latpiag 
olop iiovCBiov nBnoXutitivTig &QXuoxdxriv in^x^i xä^iP ii ZfivQva^ na^dittif ip 
xotg ö(fydpotg ii (ucydg (Philostr. y. soph. I 21, 3). Dort strömten, um ihn 
zu hören, zusammen lonier, Lyder, Karer, Mäonier, Äolier, Mysier, Phiy- 
gier, Kappadocier, Assyrer, Ägyptier, PhOnicier, Athener (ib. § 6). Auch 
Polemon lehrte in Smyma, woför Philostratos I 26, 1 f ähnliche Gründe 
angiebt. — Neben Smyma dann auch Ephesos, wie uns besonders die 
Inschriften gelehrt haben ^ cf. Ancient greek inscriptions of the Brit. Mus. 
m n. 648 u. 627 mit den Bemerkungen Ton Hicks. — Bei Tacitus dial. 16 
wird aufserdem Mytilene als Hauptsitz der asianischen Rhetorik genannt. 
— Im HI. Jahrh. überflügelt Athen diese Küstenstädte: hier strömten sie 
zusammen aus der ganzen Welt, vor allem aus Asien. Denn fast aUo So- 
phisten des in. und IV. Jahrh. stammen aus dem Osten. So im HI. Jahrh.: 
Apsines aus Gadara (lehrend in Athen unter Mazimin), Genethlios und 
Kallinikos, beide aus dem peträischen Arabien (lehrend in Athen unter 
Gallien), lulianos Domnos aus Caesarea in Kappadocien (Zeitgenosse des 
Kallinikos), Paulos und Andromachos aus Sjrrien (lehrend in Athen zur Zeit 
des Dexippos), Sirikios aus Palästina (lehrend in Athen, Schüler des Andro- 
machos). Dagegen war Minukianos Athener. — Im IV. Jahrh. auTser The- 
mistios (Paphlagonien), Himerios (Prusa), Libanios (Nikomedia) bei Euna- 
pios erwähnt: Aidesios (Kappadocien), lulianos (Kappadocien), Ghrysanthios 
(Sardes), Eusebios (Mindos), Prohairesios (Kappadocien), Epiphanios (Syrien), 
Diophantos (Arabien), Anatolios (Berytos), Akakios (Palästina), Nymphi- 
dianos (Smyma), Beronikianos (Sardes), dazu die latrosophisten Zenon (Ky- 
pros), Hilarios (Bithynien), Magnes (Antiochia), Oreibasios (Pergamon), loni- 
ko8 (Sardes). Von den bei Eunapios genannten sind nicht aus Asien nur 
Apsines (Lacedaemon), Priskos (Molosser), Epigonos (Lacedaemon). 



374 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

bestehen kami; was gemeint sei AUes^ was ich firüher bei der 
Charakteristik der Asianer des III. vorchristlichen und des 
I. nachchristlichen Jahrhunderts hervorgehoben habe^ wiederholt 
sich hier.^) 

Wohl die grimmigste Invektive gegen die asianischen 
Sophisten ist die Rede des Aristides xatä t&v i^OQx^^^ 
(idv(ov.^) Er beabsichtigt darin vor allem^ den Einwand dieser 
Schönredner^ dafs nur so das Volk sich gewinnen lasse, zu wider- 
legen ^ was ihm natürlich auf Grund platonischer (remeinplätze 



1) Auch 80 aUgemeines wie das Folgende. Ich habe oben (S. 182,1) 
aus Dionjs t. Hai. de or. ant. 1 die Worte angefahrt, in denen er die on- 
wissenschaftliche Haltung der Asianer seiner Zeit brandmarkt: iifp6iffft9g 
ävccldiux &6atQi%i} xal &vdy<oyog %al o^ts q)tXocoipiag olk' &XXov naidt^iuxtag 
oidsvbg (i6t£iXri(pvUic Hsv^bqIov, Damit vergleiche man, was LoMan ihet. 
praec. 14 f. den Moderhetor von seinem Schüler verlangen läfst: *6ful^i 
tolwv tb fiiyunov (thv ti^v &fuc9lap^ iha ^gdcog inl to^fp nccl r6l(uc9 nal 
&vaiaxvvtlav und in Betreff der &(ucd'la noch im speziellen : nQox^f^n fMl^if' 
dyivi/jaag iiridh ntfyrfiBlg^ sl [ti) ngostslic^g i%8tva tä n^b tijg (ritOQinfjg^ 
bitoccL ij &XXri nQonaideia totg &poi/jtoig xal fuxxaloig (t^tä xoXlo^ «afiaroo 

2) i^oQxita^ai heifst exsuiUare, von lebhaftem ausgelassenen Tanz, 
ganz wie iKßaxxBvtad'ai^ mit dem es Herodian der Historiker V 4 verbindet. 
Warum es im Titel steht, zeigt besonders der Schlufs der Bede (p. 668 f): 
er vergleicht die Sophisten mit ausgelassenen Tänzern und läfst mit bitterm 
Hohn sie selbst sich verteidigen mit dem Argument, Herakles habe ja auch 
bei Omphale getanzt. Dafs Redner, die solches G^ewicht auf das Bhyth- 
mische und G^sangreiche der Rede legten, Gefahr liefen, ihre Körperbewe- 
gungen zu förmlichen Tänzen ausarten zu lassen, ist begreiflich genug; 
denn, wie Aristides selbst in einer (verlorenen) Rede bei Libanios or. 63 
(vol. ni 857 R.) sagt: 6gx''l<f^ ^<^^ %Cvricig t&v fuiX&v cvrrovog yata fir^y 
cxriiuitaiv xal (v^fi&p. Er hat noch in einer andern Rede gelegentlich die 
ausgelassenen Tanzbewegungen seiner Gegner gebrandmarkt: or. 49 (voL H 
583 Dind.): oi) ndvxtg ii^ol avviaaiiß Zaov to^av (sc. tfjg eotpietmilg jcwiriS- 
rritog xal toi) KOiiipsvsad'ai, <r;i;i{|iiaTOff ivena) x^Q^ ^^; o^ ^^^ itBQOw tb 
illiBtSQOv; .... noiccv rj x^^Q^'*^ ^^ %Lvriaiv r^ x*^^^ naQaymyrjp iiixitißtg 
neQuitigco tov ftstQiov PBv6in%a; notov iad-fjtog cxfjfux XvnriQ6v; cSinrc^ ^i} 

tivhg aitovg &7tiii(fwpav totg liiatioig äXXcc &XXo ti taioütov ndtnati 

inXaadiirivi &XXä dgx^^i'^^'' ^i^tvxoc mcnsQ itegol tivigi (d. h. „springe 
ich von einer Seite der Rednerbühne auf die andere?*'). Von früher citierten 
Stellen erinnere ich hier nur an das diserte saltare bei Tac. dial. 26, 
cf. aufserdem oben S. 291 und 310, 2. Im Gegensatz zu diesen Rednern 
nennt Synesios in der oben (S. 356) citierten Stelle die 'alten' Redner tohg 
ataaiiiovg. 



Neoterisinas und AsianiBmas. 375 

nicht schwer wird Leider will er nicht die einzelnen xtaiöiiä- 
tmv xQixovg in ihren Reden au&ählen, sondern sich mit dem 
allgemeinen Nachweis begnügen, Sri t^g iffstflg ^ybdafkia %(o 
iunUa tQixaiov iöttiösv (II p. 564 Dind.). Diese Leute haben 
es nur darauf abgesehen, ya(n^aXi6ai tä Ata (p. 551); (ucXaKt- 
{ovrai (ib.), ^^ov6i. X€qI toi)g köyovg (552; 554), sie gleichen 
iydQoyüvo^ tj ev^ot^^ot^ (566)] ifutg, ruft er ihnen zu (567), 
Stop Big i>akxQlag tdttrjöd^e xal tä t&v Mov6&v Z(fyia xQaivrjte 
iv tS dtiiioöipy xdttQOv fpilorifiüicg dixaimg &v ifjupiößritolrizs^ ^ 
ifivtsg &v xatOQiktoufd^e nBQ6i6xC\ Die gerechteste Strafe sei, 
dafs sie oft das Gegenteil von dem erreichten, worauf sie es ab- 
gesehen hätten, wie von ihm selbst an einem dieser Redner be- 
obachtet sei (564): jde i/lIv yäg iyxXCvag x&v xaQCttov li/£xa, 
ixQOXBkavziov S* insfp^iyysto igi* ixdötp r&v xofi(iati(ov &6jcbq 
iv fidXBc taiftöv. oC d' ixQoatal xal iQ&iuvoL ovtm 6(p6d(fa 
il^BMXiitxovto xal xatBixovto imb rot) (iHovg fitfd' Ztb dil iyfyvovto 
Xifbg Tj3 ^T^iioti^ ixyBXdöavtBg &v ainol imißakov^ oinc ivtaxod^ 
d&vxBg &6XBQ ^xh tiiv tpayvi^v^ &XXä xal TcgoXafißdvovxBg. xal 
8f[ta ii8i)g ^v 6 xo(fv<patog ibv xaxömv rot) x^Q^^- ^QOöfjxxov 
8i x^ xal &XXo rot) x6QSaxog o^Bxa (cf. Aristoph. Wolken 555 
und oben S. 310, 2), &6x^ iXsivbv xb X9^t^ '^^S 6wavXücg Blvai, 
xoi> XB 6og)i6xoi} xal x&v ixaigaw ig>* olg iTCxöfjxo,^) 

Vor allem finden wir, dafe diesen Rednern der schwere Vorwurf 
gemacht wurde, ihre Vortragsweise arte infolge der aufs äuTserste 
gesteigerten weichlichen rhythmischen Komposition in förmlichen 
Gesang aus. Wir sind diesem Vorwurf schon öfters begegnet: 
Cicero erhob ihn gegen die Asianer seiner Zeit (or. 27; 57) und 
oben (S. 294 f.) habe ich eine grofse Anzahl von Stellen an- 
geführt, um zu beweisen, dafs die Asianer der ersten Eaiserzeit 
darin ihren Vorgängern durchaus treu blieben, ja sie womöglich 
noch überboten. Die Verhältnisse wiederholen sich genau in 
dieser späteren Zeit, mit der wir uns jetzt beschäftigen. Ob- 
wohl darüber schon mehrfach gehandelt ist^), so mufs ich doch 



1) In einer andern Bede (61, n 681 Dind.) nennt er sie tohg TULta" 
xtviftovg aotptatdg, 

2) Vor allem von dem Franzosen Lud. Cresollius S. L, Yacationea au- 
tumnales (1G20) 472 ff. Diese heutzutage vergessene Schrift habe ich schon 
öfters zu citieren Gelegenheit genommen, weil sie eine Fundgrube für der- 
artige Dinge ist, wenn auch jeder Ansatz zu historischer Betrachtung fehlt. 



376 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

einige wichtige Belegstellen hier wiederholen, yiele hinzafQgen, 
nicht blofs um die Kontinuität der Entwicklung auch an einer 
solchen Äuüserlichkeit zu zeigen^ sondern auch weil ich den Zu- 
sammenhang zwischen rhythmischer Bede und Gesang^) später 
zu weiteren Folgerungen benutzen muDs (Anhang I). 

Dio Chrys. or. 32 (an die Alexandriner), 686 R.: d^'dfM^ 
81 i^drj (lot, doxet rö nQ&ypM (nämlich das Singen) xal r&v fri^ 
rögcnv anxBö^ai xal q>iko66q>(ov ivicovj [uHXov di toifg ^i^togag 
ovdl yvQivai, fadvov. iig yä(f 6q&6^ tijv önovdiiv i^av r^v xsqI 
tovto xal Tijv inidvfLÜcv^ ndvtsg d^ adovöv xal fi^OQBg xal 
6oq>i6t aij xal ndvra nsQaivsrai dt* piflg^ &6x st tig %aQloi di- 
xaöTi^Qtov^ oix &v yvoCri ^(fdlmg nötSQOV ivdov nivovöiv ^ di- 
xdtfivxar x&v 6o<pi6tov di otxtuia %Xr^6lov 17, ovx iötai yv&vai 
tijv dtatgißi^v. 

Philostratos vit. soph. I 8 von Favorin: i^sXys dl cv- 
Tovg (die des Griechischen unkundigen Römer) rot) Xöyov xal tb 
inl näöLV (also der inCXoyog\ S ixetvoi (ilv tiöiiv ixdXoWj iyio 
d\ tpiXoxnnlaVj iTCsidij totg iatodadsiyyLivoig itpv^vslxai. Für 
Favorin cf. noch Lukian Demon. 12: inal 6 9aß(oqlvog ixoiiöag 
zivbg d}g iv yiXfOxi noiotto tag 6(iMag aviov xal ^dXi6ta t&v 
iv avxatg fiaX&v rö i7CiXBxXa6(idvov 6g>6dQa Sg iysvvlg tuA 
yvvaixelov xal q>iXo6o<pia 9^xi6xa nginov^ XQOöeX^bv ^gdna röv 



Einiges daraus hat er wiederholt in seinem bekannteren (von Bohde L c. 
291, 1 richtig gewürdigten) Theatrum veterum rhetorom (Par. 1620), am 
bequemsten zugänglich durch den Abdruck in Gronovs Thesaurus graec 
antiqu. X (Venetiis 1785); dort p. 129 fif. AuTserdem Rohde L c. 812, 4. 
W. Schmid, Der Atticismus I (Stuttg. 1887) 41, 16. 

1) Diese Sophisten verglichen sich daher gern mit Singvögeln, cf. 
Skopelianos in den oben (S. 373, 1) aus Phüostr. v. soph. I 21, 8 angeführten 
Worten; sie sprachen daher auch gern über solche Vögel: Themist. or. 27, 
336 c fiij (iB &llmg vofUaTjg mQattBcQ'oci t^ x^xyco xal rj) inridovi^ %a9dn9(f oi 
xofii^ol aotptatal ol noiioiivtsg tohg X6yovg olov (pv%Uo %ixQrirrai rovroi^ totg 
dgvioig (cf. z. B. Lukian Heracl. 4 ff. und Himerios oft). Anderes bei Cre- 
sollius vac. 503 und theatr. 43 F 44 AB, Boissonade zu Eunapios (Amsierd. 
1822) 228 u. ö. und zu Zacharias Mjt. (Par. 1836) 352 fif., Bohde 1. c. 813, 1. 
— Interesse dieser Sophisten fcLr Dichter : Niketes und Skopelian studierten 
alle Gedichte, besonders die Tragödien, der (isyalwpavUc wegen: Philostr. 
I 21, 5; Adrianos war gewöhnt inid'sidisiv talg Movaaig (ib. II 10, 6) und 
seine aUzustarke Anlehnung an die Tragödie wurde getadelt (ib. 7); Nika- 
goras nannte die Tragödie die Mutter der Sophisten (ib. 11 27, 6); Hippo- 
dromos schrieb auch Lyrisches (ib.). Mehr darüber besonders bei Bohde 882 fi 



Neoterismus und Asianismus. 377 

Jijimvttxtaj tig !bv xlava^oi tä ainov' ^äv^QaxoQj iq>rij oix 
sioMatfita i%mv tä ina\ — I 20, 1 (von Isaios dem Syrer): 
rdl Sk MiXtiöim ^lowöip ixQoat^ Svri tag fuXitag |vv p8y 
nouwiUvp imnXi/^xxaiv 6 'löatog * (isiQaouov, itpri^ *I(ovix6vy iyh 
8i 6B ^dsiv ovx ixa£8€v6a\ — 11 5, 3 von Herodes (der es 
gegen seine Gewohnheit einmal mitmachte): ixidsixvviisvog dh 
T{3 jiXsidvdQa (einem berühmten Sophisten aus Eilikien) ti^v 
ts ^xio tUg dialil^sag ngoöfiQSv^ i%Bidii iyiyvmöxs toiitp xal fia- 
h6xa %aCQOvxa ainbv tp x6vm^ ^vd'^o'ög ts noixik(otd(fovg 
aiXo^ xal Xvgag iötiydyexo ig xbv Xöyov. — 11 10, 5 (von 
Adrianos): xataöxhv dl xal thv &vm d'QÖvov (den Rhetoren- 
stnhl in Rom) o^mg tijv ^PAiirjv ig ccötbv ixiötQBtlfsVj i)g Tial 
totg ilwitoig ykAttr^g ^EXXddog ignta naQa6%Blv ixQodöemg. 
flxQO&vto 81 &6n£(f eiötofiovötig iridövog (cf. Soph. Oed. 
G. 18) T^ siyXaittiav ixxsnXrffyiivoi xal th (fx^i^a xal tb 
i(i6tQoq>ov toO q>^iyiMctog xal toi)g xb^^ ts xal ^i)v ^d^ 
^v^fuovg, — II 28: ot thv Aaodixia OüaQov (einen Schüler 
des Favorin) Xöy&v iiioihnsg aitol ft^ i^ioiiö^anf XöycoVj xal 
y&Q siftsXiig xal ducxBxV^i^S ^ exn^d^g xal r^v bIxbv tdipoviav 
aUfx&i/0}v xaiixatg a^iidtmvy alg x&v ixoQx^'i^^''''^^ ^'^S ^^^ 
i6ekys6tiQmv. 

Plütarch de rat. aud. 7 p. 41 C: ^x£i di ti xal ^ Xi^ig 
&X€ctriX6vj Zxav iiÖBla xal noXXii xal (ist üyxov ti^vbg xal xata- 
6xB\}ilg ixtq>eQtitai totg ngdyiiaöLV. Sg yäg t&v ijt* aifXotg 
o^dövtfov aC xoXXal toi>g ixoiiovtag a(ia(fxiai dia<pBiiyovötVf otiro 
XBQLVC^ Tcal öoßagä Xii^cg &vti,XdyLnBi t^ ixQoaty xgbg tb dijAoiJ- 
luvov ... aC dl t&v xoXX&v diaXi^Big xal (isXitai 6o(pt6t(bv 
Qfb iiövov totg 6v6(uc6i jcagaitstdöiucöi XQ^^^^^^ ^^^ öiavoriiidtaiv^ 
dXXä xal tiiv q>aiviiv ifinsXBiaig ti,6l xal (laXaxötrjöi xal 
nagvömöBöiv ifptidvvovtsg ixßaxxsvovöi xal zaQaqii- 
QOVöL toifg ixQOOfisvovg^ xsvijv iidoviiv di86tnsg xal Tuvto- 
tdgav döl^av ivtiXafißdvovtsg (folgt ein Vergleich mit dem xi- 
f^aQOfdögX cf. auch 8 p. 41 F. 

Lukian pseudolog. 5 (von dem phönikischen Sophisten Ti- 
marchos, der über das Thema ^6 üv^ayögag xa)Xv6iisvog vno 
tLVog ^A^Kivalfov ^iBtixBiv t^g ^EXbvöIvl tsXsxf^g &g ßdgßagog, 5ti 
IXsyBV ainbg 6 TIv^aydQag ngb tovtov notl xal EZq^ogßog ys- 
yovdvai' eine iisXitri hielt) tijv fpmv^v ivtgi^ag Big ^iXog^ 
ig ^BtOj ^(fflvöv ti,va infi^iXBi rdf üv^ayöga, — Der im 



378 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit 

^ögmv di8d6xaXog parodierte Sophist (Pollax) empfiehlt dem 
angehenden Schüler, mitzubringen (idXog &val6%vvtov (15) 
und giebt ihm den Rat (21): ^ di jcoxb tuiI a6ai nutiQhg slvm 
doxfj, xdvta 6ov addöd'm xal iiiXog ysviö^fo. x% xovs iato- 
Qtitfijg ngäyiucrog cidixot), toi}g Svögag xoi>g 8i7uc6täg dvoiUiöag 
ifilisX&g nsTtXriQcmivai otov rijv agyLovlav seine Freunde 
sollen ihm Beifall klatschen, xal yäg a{> Ttal tovde (UBlirm 6o^ 
tbv xoQov i%ei,v oixstov xal övvadovta. — Cf. auch die 
bitteren Worte über die zyr Hetäre herabgewürdigte, in einem 
GäTschen wohnende Rhetorik, die sich nächtlicherweile ansingen 
läfst von ihren betrunkenen Verehrern (bis acc. 31). 

Musonius bei Gellius Y 1: cum phüosophus hortatur mottet 
suadet dbiurgat aliudve quid disciplinarum disserü, tum qui audümt 
si de summo et soluto pectare ohvias vulgatasque laudes effuHunt, si 
damitant etiam, si gestiunt, si vocum eius fesHvitatibus, si modulis 
verhorum, si quibusdam quasi frequentamentis arationis moveniur 
exagitantiir et gestiunt, tum scias et qui dicit et qui audiunt frustra 
esse neque Uli philosophum loqui sed tibicinem canere. 

Themistios stellt or. 26, 315 a — c seinem ösiivhv eldog 
tov Xiysiv das naiyvt&dsg der Sophisten gegenüber; dem letzteren 
eignet das adsiv xal ngoadsiv xolg iaiQOfQ^ivoig. or. 28,841c 
(nach einer Schilderung des prunkhafben Auftretens der Sophisten): 
nqhg 8% toi x66yLa> oiko XafinQ^ Svti xal xoXvteXet xal on&rol 
of Xdyoi, atyniXoi el6l xal fmsQßdXXovöi dsl^iörYjn xal fpiXav^och- 
nia, xvSaCvovxBg Ttal inalQovxBg xal iöxa^öiuvot toi>g d'smfLdvovg 
xal Tcäöag tivxsg qxoväg xal a6(iaxa adovxBg (uöxä ^dov^ 
&67C6Q SsiQUvsg. Eine merkwürdige Stelle noch or. 24, 301b: 
er gleiche nicht den Sophisten, die ihre Zuhörer anlockten, 
indem sie ihnen reichen Ohrenschmaus yerscha£ften und von 
denen of (liv xLveg inixAgiov adovxsg (idXog^ ot S% *ji66v(fiov 
xal ix Avßdvov^ xrjXovöiv ifiäg rg xs otxo^sv &Qiiavia xal x^ 
d^Qa^ev. Zu dieser Stelle bemerkt Petavius: psalmodiam ae 
musicam in ecciesia modulationem, tU opinor, innuit. sie enim ap- 
pdlare amat 'Aöövqiov (idXog pro Hebraeo, Das ist richtig, denn 
dreimal citiert er die Septuaginta (jedesmal dieselbe Stelle: proT. 
Sal. 21, 1) als 'AöOvgia yga^^xa (7, 89 d; 11, 147c; 19, 229 A). 

Synesios Dion p. 55 Pet. (s. o. S. 355 f.): rovro f/hf ohv 
oiö' av 6 ös^vöxaxog aix&v {x&v 6oq>i6x&v) ngoönoiijöaixo, ^i) 
ov navv (liXeiv avxdi xal neTtQayfiaxevö^aL xä nagl xi^v fpmt'i^f 



Der Asianismus und die alte Sophistik. 379 

ig ya xal furaii) tfjg ix^dsÜ^cag i6t(fdq>fi xal rö Xrjxv^iov yttiöe' 
xal 6 (»hf äxökov^og Ags^sv {ix icokXov yä(f xal ^aQsöxevaöBv), 
6 dl ixoQQOipst t€ xal &va%oy%vkCiBi,^ rot; vsaQ&g iteiti^eö^ac 
totg iidX€6L tvyxdvei 81 (ybS* Sig ixQoat&v ilsiov 6 dvörrivog 
Sv^lfoxog' iXXä ß(y6Xoivto (ihv &v aitbv i^ä6ai, {ysX^sv yäg 
6v)j ßwiXo^vto d' &v xal . . . ig>anf6t6QOv ivögiovrog ysviö^av 
{iaucXlaystev yäq &v xdXai dsöfisvoi). — id. enc. calv. 4 (66 B 
ed. Pet.): iyh di oiks yCQOoi(iia6dn£vog iaifuxXdv xi xal zoqöVj 
otf toi>g iymvufxixovg löyovg oC fi^roQeg &6xsq i(iß6Xoig rag 
tQi^iiQSig ixli^ovö^Vy oihs XQodöag Sxsq Aifov Inoltfit (iHog 
ivaßeßXriiiivov xal Xiyvffbv Sts XL^aQq^dixov vöfiov rot) 
Xöyov XQoavaxQovödiisvog^)' tivaötäg em^ev xahtoi>g ^sovg 
%f06€ixAvy SjciQ sta^a^ ixsfLcXovfii^v tf^g xtffii}^. xal y&Q itvyxa" 
vov fiaXax6t6(fov rb 6&iuc i%0Vy fi 8\ '/jiiiXtito ix xXeiovog:^. 

D. Der neue Stil und die alte Sophistik. 

Ich habe früher (S. 138 f.; 147) bewiesen, daDs der alte Asianis- stii- 
mus eine konsequente Weiterentwicklung der alten sophistischen uehe 
Konstprosa war. Es laust sich nun femer auf Grund unwider- ^"JJ|^"*" 
leglicher Zeugnisse der Nachweis fQhreU; dafs der Asianismus 
der zweiten Sophistik sich seiner Verwandtschaft mit 
der alten Sophistik bewufst gewesen ist') 



1) Jene Schrift stammt aus Dions sophistischer Periode und sein sang- 
reicher Vortrag war nicht i%XiXvii4pog , wie deijenige der Asianer, sondern 
&paßtßXfifiipog, d. h. 'gehalten'. 

2) Es liegt ja auch schon im Namen: ol &(fxaToi coqfiotai nach Brand- 
staetter 1. c. (oben S. 863, 1) 248 zuerst bei Aristides ars rhet. II 680, 14 Sp. 
KQitlav iiäXXov 6 toioi^o^ tg^og fldo^tp ilvai ij xipog t&v &Qxaliov cotpiatStv. 
Dann bei Philostratos, auch bei Menander HI 382, 27 Sp. xal x&v alAv 
%aX t&v toiovtap HSri riy^; t&v ndlcu cotpiat&v inairovg avpdygaipav. Da- 
her beginnt Philostratos seine ßloi der eigentlichen Sophisten mit Gk>rgia8. 
(Aach Pausanias erzählt bei Erwähnung einer Statue des Gorgias dessen 
Lebenslauf VI 17, 7 ff.) Daher konnte Dio Chrysostomos seine luTektiven 
gegen die Sophisten dem Eyniker Diogenes in den Mund legen (die Identi- 
tät der Zeiten spricht er selbst aus or. 8, 143 R.). Daher identifiziert sich 
Aristides {n, (rit, 1, (mlQ t&v ttttagav) sachlich (in der Sprache und im 
Stil hat er mit ihnen nichts gemein) durchaus mit jenen älteren und glaubt 
sich selbst zu yerteidigen, wenn er sie yerteidigt (cf. H. Baumgart, Aelius 
Aristides [Leipz. 1874] 29 fif.), und Themistios (im Zbqpunrifff, or. 28) führt, 
um den Namen eines aotpianig Ton sich abzuwehren, den Nachweis, dafs 



380 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiderzeit. 

Eraeuenmg Plutarch. der erbitterte Gegner der asianischen Redner 
gorgiani- Seiner Zeit; hat in einer nicht erhaltenen Schrift folgende 

sehen Stil.. Äufserung gethan (bei Isidor. Peius, ep. II 42, vol. 78, 484 Migne): 
{nkovtd(fX9^ ^oxet tb öatplg xal Xetov yvij6i.ov slvai, ^Amxi6ii6v)j 
oik<o ydg gyrjöivj iXdltjöav ol fiitogsg. FoQyiag di 6 Abov- 
rtvog nQ&tog tijv v66ov taiitriv slg tovg ycoXLUxo{>g löyovg aUfj^- 
yccye, rö itlniXbv xal xvnixhv iö^aöä^uvog xal rg öaqyrivsüc Avfftij- 
rdfievog. Wenn er sagt, dafs man den echten Atticismus an den 
zehn Rednern zu lernen habe, während er durch Gorgias yer- 
dorben sei, so scheint daraus zu folgen, dafs er einer Richtung 
seiner Zeit entgegentritt, welche dem Gorgias Einflufs auf den 
Stil zuerkannte. Dafs sich das nun thatsächlich so yerhalt, er- 
kennen wir aus einem Brief des Philostratos (73), dem ein- 
zigen in der ganzen Masse, aus dem wir wirklich etwas lernen. 
Er ist an die Kaiserin lulla Domna gerichtet, gehört also jeden- 
falls einer frühen Epoche im Leben des Philostratos an. Er 
enthält eine systematische Verteidigung des Gorgias, und 
zwar, wie aus dem Schlufs hervorgeht, mit einer Polemik gegen 
Plutarch, also vermutlich speziell gegen jene Schrift, aus der 
das obige Fragment stammt. Er führt zunächst aus, dafs Piaton 
in Wahrheit die Sophisten nicht beneidet, sondern ihnen nach- 
geeifert habe: aus seinen Schriften erkenne man, dala er die 
Stilarten des Gorgias, Protagoras, Hippias nachahme (wie darüber 
zu urteilen ist, haben wir oben S. 104 ff. gesehen), wie Xeno- 
phon die des Prodikos. Dann zählt er andere Nachahmer des 
Gorgias auf: Aspasia, Eritias, Thukydides, Aeschines der Sokra- 
tiker (aus dem er dafür anführt das S. 103 besprochene Frag- 
ment), manche Epiker.^) netd'S d^, schliefst er dann, xal 6Vy A 



er nicht so sei wie die von Piaton geschilderten. Wer also die Linie von 
Gorgias bis zur zweiten Sophistik herstellt, rechtfertigt nur die antike Tra- 
dition, während Brandstaetter, wenn er die Linie erst mit den sich aotpictai 
im engem technischen Sinne nennenden Asianem beginnen l&Tist und Ari- 
stides und Themistios der Konfusion anschuldigt, yergifst, dalk, wenn Gor- 
gias, Eritias, Isokrates etc. sich selbst auch 'Sophisten' im weitem Sinn 
des Wortes nannten, sie von den Späteren einfach in jene engere Begriffs- 
sphäre des Wortes miteingeschlossen wurden. 

1) AI d' &7ioatdaBig at ts nQoaßolal t&v X6yav roi^ylov inifa- 
QiaSov noXXaxoü iibv, (uiXiina d* iv tä t&v inonoi&v itvaltp. Was das heiffli, 
weifs ich nicht. 



Der Asianismus und die alte Sophistik. 381 

ßaölXeiOy tbv d'UQöaXedyeBQOv tov 'EXXriv^Teov nXoikaQ%Qv^) fi^ 
Sx^iö&m totg 6ofpt6xatg fiijd' ig diaßoXäg xcci&iata6&ac tov roQ- 
yi(n}. ei d^ oi5 xsi&eigj 6i) iidvy o7a 6ov 6o(pla xal itr^tig^ olö^a 
tC jjifii üvoiMc %i6^ai rp toi^ds^ iyh S* sinstv ix^ov oi Xdym.^ 

Man sieht, wie Philostratos sich die Ehrenrettung des 6or- 
gias') angelegen sein lälst. Er stand mit seiner Vorliebe fiir 
ihn nicht allein. Von seinem Lehrer Proklos aus Naukratis 
sagt er yit. soph. II 10, 6: t6 iilv oiv ducXax&flvai. airbv iv 
öxaviörot^ ixsitOy St 8 dh bgiJtijöeuv ig didXsiiVj ^Ixxid^ovti ts 
it&xai xal roQyid^ovtt, Von Skopelian ib. I 21, 5: &iUXbi d\ 
6oq>i6t(bv fihv iiäXiöxa FoQyCa reo AeovtCvfOy ^rjvÖQav de totg 
XaiutQbv iixovfiiv (das sind eben die ^Asianer'). Von Adrianos 
II 10, 6, er sei gefolgt tolg &QX^ioi,g 6o(pi6tatg^) 

Worin bestand nun die Anlehnung dieser Sophisten an ihre 
alten Namensgenossen? Deutlich genug erkennen wir es aus 
dem, was wir von ihnen haben: aber davon sehe ich vorläufig 
völlig ab, wo ich nur auf Grund thatsächlicher und unmittel- 
barer Zeugnisse operiere, was mir bei allen diesen wesentlich 
an das stilistische Fühlen von uns modernen Menschen ap- 
pellierenden Untersuchungen immer am wichtigsten zu sein 
scheint. Wir haben aus dem Anfang des dritten Jahrhunderts 



1) Ich brauche wohl nicht zu erinnern, dafs man an keinen jüngeren 
dieses Namens zu denken hat. Das nstd-s IRo^aQxov xrX., obgleich er 
längst tot war, ist echt manieriert gesagt, wie es diesem Skribenten und 
seinesgleichen eignet. 

2) Er meint ipiXtegog oder dgl. 

8) Den Prodikos imitiert er auf läppische Art vit. soph. n 10, 4 
iyac^slg dh a4)tbv (sc. 'AÖQutvbv tbv aoqjiatiiv) 6 aiftongdtaQ (sc. Mdgnog) 
inl fuiya f^QS donffsatg re xtt2 dAgotg. %aXäi dh dcoQiäg fihv rag ti 
cifi/iaBig xal tag itQOidQlag xal tag itslilag xal tb Itg&ad'ai xal Zaa äUa 
laii,nif6psi ävdQag, d&Qa dl xifvabv &qy^qov tnnovg ivS^dnoda xal üacc 
kQiLtiviißsi nloiitov. 

4) Die letzte SteUe sowie die über Prodikos hat schon Bohde 1. c. 
826, 1 angefahrt, um zu beweisen, „dafs ein begreiflicher Zug der Wahl- 
verwandtschaft manche der neuem Sophisten über die ernsten Alten hinaus- 
führte zu ihren eigentlichen Vorgängern, den rhetorischen Manieristen 
Gorgias und Hippias.** Er hat also ganz richtig geurteilt, cf. auch p. 888, 2 : 
„Aus der bekannten Darlegung des tpvxQ6v, welches aus der Anwendung 
poetischer Mittel in der Prosa des Gorgias, Alkidamas u. a. entstehe, bei 
Aristoteles rhet. IIl 8, wäre das Meiste auch auf die poetisierendeu Pro- 
saiker dieser späteren Zeit wohl anzuwenden." 



382 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiseneit. 

rhetorische Werke eines Mannes, der in seiner Jagend den 
Schwindel der zeitgenössischen Sophisten mitgemacht hatte, dann 
sich von ihnen abwandte und auf atticistischer Basis sein Lehr- 
gebäude der Rhetorik aufbaute, welches die Jahrhunderte über- 
dauern sollte: des Hermogenes von Tarsos. Wir haben seinen 
ßü}g bei Philostr. 11 7: der stellt es so dar, als ob Hermogenes 
in seiner Jugend ein hervorragender Sophist gewesen, im Alter 
völlig degeneriert sei, was er durch einige Witzworte seiner 
sophistischen Kollegen über Hermogenes bekräftigt. Wer Philo- 
stratos und jene Zeiten kennt, weifs, dafs dies in unsere, und 
überhaupt in normale Denkweise übersetzt heilst: Hermogenes 
war in seiner Jugend toll und wurde im Alter vernünftig und 
da fielen alle diejenigen, die toll geblieben waren, über ihn her. 
In seinem Alter*) schrieb er jene grofsen uns erhaltenen Werke, 
welche zur nC[Lri6ig r&v &Q%aC(ov anleiten sollten^): wer sie nicht 
blofs gelegentlich aufschlägt, sondern ganz durchliest, der mufs 
merken, dafs sie durchaus nicht so scholastisch sind, wie ge- 
wöhnlich angenommen wird, sondern dafs sie von Anfang bis zu 
Ende von einer mehr oder weniger hervortretenden Polemik 
durchzogen sind, die man oft freilich nur fühlt, wenn man die 
herrschende Gegenströmung kennt, z. B. erklärt sich die auf- 
fällig eingehende Kritik, die er zbqI Ids&v 272, 20 flf.; 280, 16 S. 
Sp. an der Ansicht gewisser Leute übt, die dem Rhythmus in 
der Bede einen übermälsigen Wert beilegen, ohne weiteres aus 
der ivQvd'iiog XS^cg der asianischen Redner seiner Zeit.^ Uns 
interessiert hier seine Polemik gegen die übermälsige Anwendung 



1) W. V. Christ, Gesch. d. griech. Litt. • (München 1890) 686 und H. 
Becker, Hermogenis de rhythmo oratorio doctrina (Diss. Münster 1896) 82 
irren, wenn sie sie in die Jugend des H. fallen lassen, offenbar nur, weil 
sie glauben, dafs der im Alter 'degenerierte' Mann sie nicht mehr habe 
schreiben können. Nein, ein Jüngling, der, wie er als achtzehigfthriger, 
vor Hadrian die albernen Worte sprach: ^oo tfo», ßaedsii^ (i/jttoif «ai^cryo- 
yovfisvog, ('^(oq iiliyUag ds6iisvos (Sopat. zu Hermog. ars Y 8 Walz), 
schrieb nicht die Werke, die eben solche Tändeleien verpönten. 

2) Cf. die Vorrede zu den Ideen 266, 11 ff. Von den psStg^i l&fst 
er nur einige gelten (cf. 273, 32; 265, 9), nämlich die archaisierenden, be- 
sonders den von ihm öfters citierten Aristides und den Nikostratos (866, 28; 
420, 8, cf. über diesen üsener, Praef. zu [Dionys.] de arte rhet. [Leipz. 1896] 
p. VI). 

3) Das hat auch IT. Baumgart 1. c. (S. 879, 2) 161 f. bemerkt 



Der Asianismus und die alte Sophistik. 383 

der seit Oorgias üblichen 6o<pi6uxit öx^ii^xta iu der Xil^is. Ganz 
unverblümt tritt sie hervor x€qI Ide&v 395, 19 ff.: (paivetai di 
Xöyog 86ivbg oix !bv toiovtog (S dii xal tgitov itpfpf dsiv&crjtog 
ildogslvai) 6 t&v 6oq>i6t&v^ kiyon x&v naifl Tl&kov xal Foq- 
ylav xcel Mivtova xal t&v xa^* 4^^^ oix dliytovy Iva (lij 
liym xdvtag. yivetaiyäQtb xketörov ^sglf^v Xd^vv^ ZxavxQa%Blag 
%aX 6g>odQdg tig ^ xal 6€(iväg övfifpogiiöag li^sig slr* H^ayyilXij 
taitaig ivvotag ixixoXaiovg xal xoivdgy xal (idkiöta bI xal tf^ij- 
fiatft ZP^^^ xi6Aot^ r£ xal totg &Xloi.g %a6iv ^ xi6i xsxaXXaniö- 
fJvoig ixfiaCoig xb xal öBfLvotg, Etwas genauer über dasselbe 
%bqI lud-ödov ÖBivdxrixog c. 13 p. 437 Sp. Er handelt hier xbqI 
t6aiv 6%'qyL&t(oVy die er in drei Arten teilt: die iy&viöxixa^ d. h. 
solche y die sich aus der Natur der Dinge von selbst ergeben 
und daher sehr wirksam sind (Beispiel: Demosth. de fals. leg. 8), 
die i%i,8Bixxixdy d. h. solche , die man absichtlich bildet, aber 
Bidfiiiivmg Big 'f^dov^v aTtoflg 66g)Q0va (Beispiele besonders aus 
Isokrates' ntcgaivdöBig), endlich: 6oq>i6xixdy d. h. solche, & vvv 
(ilv iicaiVBlxaiy 'bxb dl x&v naXai&v xtoyLfpdBlxai^ Zöa 
al6%Q&g xal XBV&g xoXaxBvsi xiiv äxotf^v^ St nXdxmv dia- 
ßdXXst, wofür er die bekannten platonischen Stellen anführt: 
Gorg. 467 B: & X^öxb II&Xb^ Iva jtQoöBixa 6b xatd 6b und 
Symp. 185 C: IlavöavCov S\ itavöafiivov. 

Unter den 6%tfi\uixa Xi^Brng ist es nun speziell das Anti- 
theton verbunden mit Isokolon (besonders gern trikolisch oder 
tetrakolisch) etc., welches, wie bei den alten Sophisten, so auch 
in dieser Zeit wieder massenhafte Anwendung fand So wird 
aus dem Syrer Isaios angeführt (bei Philostr. I 20, 2): iXiyxta 
Il'dtava nQOÖBdmx&ca x& xQif^öavxi, dfö, rcS äiiöavxt ^^f^9>9 ^^ 
ivatBiiiavxi 9iXlnntp. 6 (ikv y&Q oinc &v ixQ^^^^j *^ l^^ ^^^ ^^^ 
6 dl oix av idriöBv^ bI (i^ xoiovxog //v, 6 81 oix &v dvi^BV^BV^ 
bI fiij, 8C hv liX^BVy oi% BiQBv, Lukian schreibt in der aus 
seiner sophistischen Periode stammenden didXB^ig xbqI xov 
otxov 1: TcaXöv xb xal diavyfl xbv xoxaiibv Idhv xal i6g)aX&g 
ßa%iv xal nQOör^v&g d^iv xal vi^^aö^ai iidvv xal ^igovg &Qa 
in)%Q6vj ib.: olxov yLByi^Bi (liyiöxov xal xdXXsi xdXXiöxov xal 
q>anl q>ai8Q6xaxov xal XQvöp 6xikjiv6xaxov xal yQatpatg ivd^nfö- 
taxov u. dgl. m. Anderes werde ich später anführen. Auch in 
diesem Punkt ist der Zusammenhang mit den alten Manieristen 
ein bewufster gewesen, wie sich aus Gellius XVIII 8 ergiebt: 



384 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiseneit. 

6lJtoioxii€vta et löoxatAlrjxta et ndfufa et bfioiAmmta ceteraque 
huiusmodi scitamenta, quae isti apirocali qui se Isoer at tos 
videri volunt in conlocandis verbis immodice faciunt et raneide^ 
quam sint insuhida et inertia et piierilia, facetissime herde signi- 
ficat in V saturarum Lucüius, worauf die bekannten^ schon oben 
(S. 170) citierten Verse, folgen , in denen Lucilius selbst die 
Eunstredner seiner Zeit verspottete und die dann Quintilian 
(IX 4y 113) zn demselben Zweck benutzte (woran man also aach 
rein äufserlich den Zusammenhang deutlich erkennt). Daher 
ziehen auch die Gegner dieser jüngeren Sophisten mit be- 
sonderem Ingrimm auf diese Wortfiguren und ihre Vertreter in 
alter und neuer Zeit los.^) 

Ich will den durch die asianische Rhetorik vermittelten 
litterarischen Zusammenhang zwischen der alten und neuen 
Sophistik noch durch das Fortleben zweier gorgianischen Fa- 
cetien beweisen. Hermogenes de id. 292^ 15 bemerkt über den 
Gebrauch hochpoetischer Tropen in prosaischer Rede folgendes: 
n6Qait^Q(o öh xovxmv sl ngoik^ouv^ xal naxihsQOv xal öxedbv 
aircbv BixBXiöxBQOV noiovöi. xaQädeiy(ia xoikov ^riiio6^Bvtxbv 
filv eine &v XdßoLg' otJ yäQ iöxij xagä dl xotg {fXO^iiXoig 
tovxoig 6oq>i6xatg ndfinokXa sÜQOig 6v' tdfpovg te yäg 
i(iipvxovg xovg yvnag XiyovöLv, &V7Csq bM (idXufxa f^tot, 
xal &kXa xivä tl^vxQSvovxai, xd(i7tokXa, ixtgaxflXltfivöi S* airti^g 
OL xs XQayadiat xoXXä Tovrov ixovöai naQadsfyfucxay xal Zöoi 



1) Plutarch aufser in der oben (S. 377) angeführten Stelle besonders 
noch de glor. Athen. 8 p. S60 D ff., wo er sich in dem aus ntgl ^ov^ 4, 2 
bekannten Ton über Isokrates lustig macht, der zu Hause sitzt, Antitheta 
und Parisa und Homoioptota leimend und Isokola Silbe für Silbe abzählend, 
während in gleich langer Zeit Feldherren grofse Eriegsthaten yoUbrachten 
und Perikles Propyläen und Parthenon erbaute. Ähnlich gehässige Worte 
praec. reip. ger. c. 6 p. 802 E ff. über die nsQlodoi XQÖg %av6va Kai 9iapi/(n^ 
&nri%Qißainivai, in denen Ephoros, Theopomp und Anazimenes die Feldherren 
vor der Schlacht reden liefsen, wobei man sagen könne: oidilg cidififav 
ravta fuoQalvH nilag. Lukian läfst den Hermes einem Bhetor befehlen, 
bevor er in Charons Nachen steige, abzulegen tag ivtid'iciig %ccl nct^icd^cug 
xal nBQiMovg (dial. mort. 10, 10). Hermogenes warnt Tor zu häufigem 
Gebrauch dieser Figuren n. IS. p. 304, 21 fF. (richtig erklärt Ton Sjrian im 
Kommentar p. 61, 7 ff. Rabe) und giebt ib. S32, 23 ff. eine lange Auseinander- 
setzung, um zu beweisen, dafs Demosthenes sie eher gemieden als gesucht 
habe (zu p. 388, 8 cf. Syrian p. 64, 4). 



Der AsianismuB und die alte Sophistik. 385 

%&v »oiif€&v t(fayix(bxBQ6v mag UQoaiQwvxai^ &6n€Q 6 JUv- 
daQog. iXX* inthQ (ilv t(y6xiov oikcD xQfOfUvtov x^ Xöypy t&p 
tQayq}doxoi&v di JJyfo xal tot) IIivddQOv^ tax &v l%oiiiiv xi Xi- 
YBWy oi> tov xoQdvTog dh bv xatQOv slg rö d^oi; ävaßsßXiiö^a}^ 
{m^Q (livxot x&v iv noX^x^Ttp X&yip xoucvxcug XQOiidvav itaxv- 
xri6iv oidayUav inoXoyiav aigiöxm. ^ Geier, lebendige Gräber' 
war ein famoses Diktum des Gorgias, Ton dem zwar der Ver- 
fasser sr. üifovg 3, 2 sagt^ es werde verlacht, aber romische 
Dichter seit Ennius und Accius haben es verwertet (cf. Munro 
zu Lucr. y 993); keiner öfter als Ovid, der Zögling der mo- 
dernen (asianischen) Rhetorenschule, z. B. Met VI 665, wo er 
von Tereus nach der Verspeisung seines Sohnes Itys sagt: flei 
modo seque vocat bustum miserabile naii, und auch einer der 
tollsten Rhetoren bei Seneca, ein gewisser Musa, hat es im 
Sinn^ wenn er zu deklamieren wagt (Sen. contr. X praef 9): 
quidquid avium volUat, quidquid piscium natat, quidquid ferarum 
discurrit, nostris sepelitur ventribus. qtuiere nunc, cur subito 
moriamur: mortibus vivimus. Achilles Tat. III 5^ 4: sl dl xal 
^Qiatv '^^ag ßcgäv nhcQonai yeviö^ai, slg iffiag Ix^g iva- 

Xm0dx(Dy iita ya^xiiQ x^QV^^^j ^^^ ^^^ ^^ ix^'^(f^ xoiv^ 
xatp&i/Lev. Für die Kirchenschriftsteller cf. die gelehrte An- 
merkung von J. B. Lightfoot^) zu Ignatios ep. ad Rom. c. 4. — 
Noch weiter läfst sich die Linie bei einem zweiten Bonmot des 
Gorgias verlängern. Die gewagte Vorstellung einer *See- 
Schlacht auf dem Lande' und einer ^Landschlacht auf 
der See' geht auf Gorgias zurück. Das hat E. Scheel^ De 
Gorgianae disciplinae vestigiis (Diss. Rostock 1890) 35 für die 
Litteratur der früheren Zeit bewiesen. Erfunden ist das Bonmot 
für Xerzes, cf. Isokrates paneg. 89: ßovXri^sXg dl totothroi/ 
ftvri(utov xataXutBtv 8 fii^ xijg iv&Q(oxivtig ipvösag iöxiv, ad 
jtQ6x€Q0v inav6axo %qIv S^b^qb xal 6vvrivdyxa6Bv S nävtBg ^qv- 
AoDiTii/, &6XS xdi öXQaxonidp nXBv^ai iihv diä xijg '/jnBiQOVj xb- 
tBvöai dh diä xijg d'aXdxxtigj xbv [ilv 'EXXi^öxovxov tavlagj tbv 
& "A^fo dio^iag. .Dasselbe fast wörtlich so bei Ps.-Lysias 
epitaph. 29 (und Cic. de fin. II 34^ 112). Da ea nun aber älter 
ist als Isokrates, wie aus Thukydides IV 14 folgt (pX xb yäf 



1) The apostolic fathers. Part. U. ed. 2. vol. 11 (London 18S9) 20S, 2, 
der übrigens auch auf Soph. El. 1487 f. und Eorip. Ion 983 verweist 

Nord«ii, «ntike Kanitprota. 26 



386 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeii. 

Aaxidcciiiövvoi {mb XQO^fiiccg xal ix^Aiflfiog, hg BbulVy aXlo oMhf 
4 ix Y^q ivav(idxoWy o% xb ^Atrivatoi xQcctoihrcBg xal ßovX6iitBvoi t£ 
naQOvöy xvxq ä)g inl nkstötov ixeisMstv iaeb vb&v isteioyLdxiwv), so 
schliefet Scheel überzeugend^ dafs der Erfinder derselbe Mann war, der 
den Xerzes den Zeus der Perser nannte und der in seinem Epi- 
taphios nachweislich Ton Xerzes' Übermut sprach (6org. fr. 14). 
Die Autoren der späteren Zeit schwelgen darin. In einer De- 
klamation bei Seneca (contr. exe. VUI 6) steht wenigstens 
etwas Ähnliches. Einer wird schifiTbrüchig an die Heimatsküste 
geworfen, wo ihn sein grausamer Vater erwartet: er sagt: adhue 
tarnen lene, iudices^ navigamus: naufragium maius restat in 
litore. Polemon p. 5, 23: TCQ&tog ävtQAxav ivavyLd%ri6BV ix 
yi^gj was er noch zweimal wiederholt (13 , 16; 31, 21) und 
p. 11, 16 steht genau wie in der Deklamation bei Seneca xsQöata 
vavdyva. Auch der sonst so vorsichtige Aristides^) hat es sich 
nicht versagt: or. 13 p. 259. 276. Dann der Sophist Varus von 
Ferge bei Philostr. v. soph. 11 6 (mit Beziehung auf Xerxes). 
In grausenerregender Weise hat es dann der unter Marc Aurel 
blühende Sophist lamblichos ausgeführt an einer Stelle, die 
ich später genauer citieren werde (ed. Hinck in: Polemonis de- 
clamationes, Leipz. 1873 p. 45 f.). Aus ihm nahm es 
herüber Achilles Tatios IV 1 und vielleicht Heliodoros 
Aethiop. I 30. Endlich hat Himerios eine wahrhaft diabolische 
Freude daran: ecl. 1,7; 5, 4. or. 2, 27 cf. 14, 9 (meist mit 
Beziehung auf Xerzes); auch Sidonius führt es breit aus 
carm. 9, 40 ff.^) 



1) Angefahrt von W. Schm