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Full text of "Die Antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert V. Chr. Bis in die Zeit der Renaissance"

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DIE 



ANTIKE KUNSTPROSA 



VOM VI. JAHRHUNDERT V. CHR. 
BIS IN DIE ZEIT DER RENAISSANCE 



VON 



EDUARD NORDEN 



ZWEITER BAND 




LEIPZIG 

DEUCK UND VEELAG VON B. G. TEUBNER 

1898 



l I. X. 



^^-Z ^ 



ü^^mMUXS^OACH Vm ISEKSKTZUJ^GSKECHTS, TOmBEHALIXS. 



Zweites Kapitel. 
Die griecMsoli-oliristliolie Litteratnr. 

I. Allgemeine Yorbemerkangen. 

Libanios berührt in seinen Reden öfters eine ihm sehr un- Niederguii 
angenehme Thatsache: das Sinken des Interesses an der Bered- B6r«dMm. 
samkeit. Am ausführlichsten änfsert er sich darüber in der^ wie ^^^^ 
mir scheint^ litterarhistorisch wichtigen 65. Rede (jcgbg toi>g elg 
xijiv naidalav ainhv ixoöxdnlfavtagy vol. III 434 ff. R.). Seine 
Gegner hielten ihm vor, dab er keine Schüler heranbilde. Er 
weist den Vorwurf von seiner Person zurück, indem er die all- 
gemeine Weltlage als Ursache angiebt. Von den einzelnen Mo- 
menten, die er hervorhebt, geht uns hier nur das folgende an.^) 
Seitdem Konstantin die Tempel niedergerissen und alle heiligen 
Gesetze getilgt hat, ist es mit der Beredsamkeit zu Ende: denn 
die XöyoL sind unlöslich verknüpft mit den Ugdj das wissen 
Redner, Philosophen, Dichter; wem föllt es jetzt noch ein, sich 
der Rhetorik zu befleifsigen, wo er sieht, dals der Kaiser auf 
die Gebildeten weder hört noch sie anredet, sondern zu Rat- 
gebern und Lehrern bestellt ßagßdQOvg ävd'QAxovg, xatastt'ifftovg 
xal ludiiovtag sivovxovg? Die natürliche Folge ist, dals die 
Väter ihre Söhne nicht mehr zu den Rhetoren schicken, denn 
iöKettac rö isl nfic6fi£i/ov, äiulattai de tb iu^^öfuvov. Wir 
atmeten, sagt er, auf, als lulian diesem Treiben ein Ende machte, 
aber ein feindlicher Dämon zeigte ihn uns zugleich und nahm 
ihn uns (p. 436 ff.). 



1) Doch bemerke ich, dafs p. 441 f. eine interessante Stelle über die 
nach Libanios^ Ansicht übermäfsige Zunahme des juristischen Stadiums in 
Berytos zu lesen ist. 

Norden, antike KonstproB«. H. 30 

1'^ loSO 



452 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

Diese AusfQhrung erscheint nns wunderlich: zu derselben 
Zeit; wo die christliche Beredsamkeit in dem Dreigestirn Gre- 
gorios - Basileios - loannes in bisher ungeahntem und später nie 
wieder erreichtem Glänze strahlte, spricht der Sophist von einem 
Niedergang der Beredsamkeit. Und doch hat er recht, denn er 
meint ja nur die Beredsamkeit der selbst im Niedergang be- 
griffenen Weltanschauung, deren Adept er ist; der Stoff, mit 
dem die heidnische Rhetorik wirtschaftete, hatte thatsächlich in 
der neuen Weltordnung den Lebenskeim verloren. Aber klingt 
es nicht wie eine tragische Ironie, wenn der Sophist sagt, [afd 
und köyoL seien unlöslich verbunden und da die ersteren fehlten, 
sei es auch mit den letzteren zu Ende? Nun, bei der anderen 
Partei gab es Ugd und in ihren Dienst hatten sich die Xöyoi, 
gestellt. Wie waren sie beschaffen? Immer wieder und wieder 
zieht es uns in jene Zeiten, wo eine tausendjährige greisenhafte 
Kultur, die den Menschen das Herrlichste in Fülle gebracht 
hatte, in den Kampf trat mit einer jugendfrischen Gegnerin, 
einen Kampf, wie er gewaltiger nie ausgefochten worden ist, 
und der mit einem Kompromifs endete, wie er gro&artiger nie 
geschlossen worden ist. Viel ist darüber seit den Zeiten Plotins 
geschrieben worden, aber noch immer fehlt uns eine Verstän- 
digung in prinzipiellen Fragen: ich mufs auf sie in aller Kürze 
wenigstens insoweit eingehen, als sie den G^samtcharakter der 
litterarischen Produktionen beider Kämpfer betreffen. 



1. Die prinzipiellen Gegensätze zwischen hellenischer 

und christlicher Litteratur. 

Hellenismus und Christentum sind zwei Weltanschauungen, 
die sich im Prinzip ausschlie&en. Der Ring der Vergangenheit 
hat sich geschlossen, es beginnt eine neue nsgioSogj zunächst — 
das kann gerade heute für sog. kritische Philologen gar nicht 
genug betont werden^) — ohne Zusammenhang mit der vorigen. 
Daher sind auch die beiden Litteraturen sich im Prinzip 
entgegengesetzt. Um die Verschwommenheit, die darüber bei 
vielen besteht, zu klären und zugleich den Gang meiner spe- 



1) v.Wilamowitz, Weltperioden, Eaisergeburtstagsrede 1897, hat darüber 
das Richtige in tiefen Worten ausgesprochen. 



Gegensätze der heidnischen und christlichen Litteratur. 453 

ziellen Untersuchungen zu motivieren, hebe ich — zunächst mit 
absichtlicher Übergehung von Ausnahmen im einzehien — die 
konträren Punkte hervor, indem ich die beiden Litteraturen als 
groüse ganze Einheiten sich gegenüberstelle. 

1. Der christlichen Litteratur fehlt die Freiheit der an- Anfhabiu 
tiken. Das Altertum hat in seiner Blütezeit keine Autoritäten indiTidui 
anerkannt, selbst seinen Göttern stand es in stolzer Menschlich- ^°^^* 
keit gegenüber; dafür war die Unabhängigkeit des Individuums 
um so gröfser: dieses hatte sich nur der Macht der Tradition 
zu fügen, die aber keine autoritative war, sondern ein Ausdruck 
des allgemeinen Fühlens und Denkens, dem sich daher der Ein- 
zelne leicht unterordnete. Das Christentum brachte die Autorität 
und hob daher die Individualität auf, und zwar in doppelter 
Weise: einmal gegenüber der Gottheit, denn die Religion war 
eine historische und geoflfenbarte und bot als solche den Gläu- 
bigen absolute Garantie ihrer Wahrheit^ aber zugleich auch ab- 
solute Überzeugung der individuellen Machtlosigkeit; zweitens 
gegenüber den kirchlichen Dogmen: alle, die an ihnen zu rütteln 
sich unterstanden, haben hellenisch gefühlt, und ihre individuellen 
Lehrmeinungen, die sie sich selbst, wie einst die griechischen 
Philosophen, ^wählten' (atQsrixoi)^), sind von der allgemeinen 
Kirche verdammt worden. Durch diese Aufhebung der Freiheit 
des Individuums ging das stolze Gefühl der Selbstherrlichkeit 
verloren, durch eigene, bis zum Übermenschlichen angespannte 
Kraft des Wollens die Leidenschaften zu knechten und auf Erden 
ein Gott zu werden: Stoa und Christentum sind prinzipiell 
Gegensätze, was heute wohl hervorgehoben zu werden verdient, 
wo es Mode wird, die scharfen Grenzlinien zu verwischen, die 
einst Lorenzo Yalla, der Feind aller Unklarheit des Denkens 
und Vater der kritischen Philologie, in seinem Dialog von der 
Lust erkannt hat. AiiöBi, fi' 6 dal^arv airtögj Stav iyh d'ikm 
ruft der stoische i^Aijrijg, bevor er zum letzten Gang sich auf- 
macht; ndtsQ fiov^ si dvvar&if iöttVj nagsl^dta) (br' i(iov rö 



1) Cf. Th. Zielinski, Cicero im Wandel der Jahrhunderte (Leipz. 1897) 
78 mit Berufung auf Tert. de praescr. haer. 6: nobis nihil ex nostro arbitrio 
indülgere licet, sed nee eligere quod aliquis de arbitrio auo in- 
duxerit. apostolos domini habermis auctores, qui nee ipsi quicquam ex suo 
arbitrio quod inäucerent elegenmt, sed acceptam a Christo disciplinam fide- 
liter nationibüs assignavenmt. 

30* 



454 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

xoti^Qtov rothro. jtXi^ oi% &g iyio d'dXo), iXX* &g 6v der 
christliche; oderunt peccare boni virtutis amare ist der Ausdruck 
des antiken Sittlichkeitsidealismus, tä dtlfmvia tijg afuqftCag d'd- 
vcctog der des christlichen Dogmas. Verloren ging auch jene 
Freude, durch eigenes Wollen und eigenes Können die Wahrheit 
zu suchen, jener Mut zu irren, jenes stolze Siegesgefühl, ge- 
funden zu haben, also gerade das, wodurch die antike Wissen- 
schaft so Gewaltiges geleistet hatte; der Zweifel war aus der 
Welt geschafft und mit ihm die Kritik, es galt fortan das Credo 
ut intelligam, während fQr den antiken Menschen ein Glauben 
im christlichen Sinne nicht existiert hatte: Jtiötavöov ist christ- 
lich, {kiyLvMo i%i6XBlv hellenisch; qtiid Äthenis et Hierosolymis? 
quid academicte et ecclesiae? nabis cufiositate optis non est post 
Christum lesum nee inquisitione post evangelium. cum credimus, 
nihil desideramus ultra credere (Tert. de praescr. haer. 7) und 
mitte illos semper quaerentes sapientiam et numquam invenientes 
(Paul. Nol. ep. 16, 11) ist christlich, die Lobpreisung eines der 
Erforschung des Wahren und Seienden geweihten ßiog d'soQti- 
tix6g ist hellenisch. So ist es mehr als ein Jahrtausend ge- 
blieben: ein Scotus Erigena, der in Zweifelsfallen die Vernunft 
über die Autorität stellte^ ist eine isolierte Erscheinung (er hat 
an Piaton, den individuellsten Hellenen, angeknüpft); erst die 
Renaissance hat mit ihrer Negierung einer tausendjährigen Ver- 
gangenheit das antike Fühlen auch auf diesem Gebiet wieder- 
gebracht: sie war in den ersten Jahrhunderten ein revolutionäres 
Auflehnen gegen den Autoritätsglauben, ihr Heros wagte es, von 
der kanonischen Autorität des kirchlich-scholastisch ausgelegten 
Aristoteles zu behaupten, er sei ein Mensch und als solcher 
nicht blofs a priori Irrtümern ausgesetzt, sondern er habe no- 
torisch in den grofsten und wichtigsten Dingen geirrt'); die 
Folgenden wagten sich an scheinbar historisch verbriefte Ur- 
kunden der Kirche, zuletzt an das kirchliche Dogma selbst. Der 
fundamentale Unterschied ist den Hellenen selbst nicht verborgen 
geblieben: Galen spricht von den &vait6dsixtoi vöfiot der 
Christen (VHI 579 K.) und Julian sagt stolz (bei Greg. Naz. 
or. 4 c. 102; vol. 35, 637 Migne): inUzBQO^ ol köyot xal tb ik- 
XrivC%siVj bv xal xh ödßsiv r(ybg d'so'ög' ifi&v Sh ij äXoyCa %al fi 



1) Petrarca de ignorant. p. 1042 (Opera ed. Basil. 1681). 



Gegensätze der heidniBchen und christlicheii Litteratur. 455 

iyQO0cCa^ xal oidhv {}jtiQ tb Iliötsvöov tifg {fiistigag iötl tfo- 
g>iag. — Mit der individuellen Freiheit der antiken Litteratur 
im Gegensatz zu der korporativen Geschlossenheit und Gebunden- 
heit der christlichen hängt aufs engste zusammen das gröCsere 
schriftstellerische Selbstbewufstsein, das Hervordrängen der Per- 
sönlichkeit in jener; verstärkt wurde dies Moment durch die 
spezifisch christliche Tugend der Demut, wofür dem Altertum, 
das im personlichen Ruhm, in der irdischen Unsterblichkeit das 
höchste Ziel des Lebens und Strebens sah, Begriff und Wort 
gefehlt hatte. Derselbe Boden der Campagna, der die Riesen- 
denkmale mit pompösen Lischrifben trägt^ birgt die Gebeine 
zahlloser Christen^ von deren Ruhestätte oft nur Tafeln mit dem 
schlichten m pace Kunde geben, während ihre Namen unbekannt 
von ewiger Nacht gedeckt werden; derselbe Gegensatz bei der 
litterarischen Lidividualität: exegi monufnentum und was weiter 
folgt, ist antik, dod^ö^ai, iiitv xC kaXi^östCj oi yäf ii^stg iötl 
ot XaXoiJvxBg iXX& tb nvBÜfia tov natgbg ifi&v t6 kakoihf iv 
ifütv ist christlich. So blieb es mehr als ein Jahrtausend. 
„Noch fOr Dante ist die Ruhmbegier, h gran disio deW eccellensfa, 
verwerflich, die armen Seelen im Lifemo verlangen von ihm, er 
möge ihren Ruhm auf Erden erneuern***); Ciceros Bücher über 
den Ruhm hat bezeichnenderweise das Mittelalter nicht tradiert, 
aber Petrarca, dessen Leben, Denken und Dichten mit der Sehn- 
sucht nach Ruhm ausgefüllt war, bildete sich ein, sie einst be- 
sessen zu haben, indem er seinen heifsen Wunsch durch eine 
Art von Hallucination realisierte. 

2. Der christlichen Litteratur fehlt die Heiterkeit der Aufhebunj 
antiken. Der weltflüchtige Gedanke, nach dem das irdische neitarkei« 
Leben das Janunerthal war, gab jener einen ernsten^ die un- 
antike Tugend der Entsagung einen schwermuts vollen Charakter; 
heiter war sie nur, wo sie die Freuden des Jenseits schilderte: 
da entlehnte sie die Farben dem Elysium; aber während sie hier 
die pindarische Farbenpracht nicht erreichte, hat sie die ho- 
merisch -orphisch-vergilische Hölle ins Grausige und durchaus 
Unantike ausgemalt. Sponte miser, ne miser esse qtieat^), ist der 
christliche Mönch, q)oiy(Ofuv Tcal nüoinev, aÜQLov yäg aTtodifrjöxO' 



1) J. Burckhardt, Die Cultur d. Renaiss. I* (Leipz. 1885) 156. 

2) Butil. Nam. de reditu suo 444 von den Mönchen. 



456 ^on Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

fi£i/ sagt der antike Plebejer, (ieqtiam memento und was folgt der 
ästhetisch gebildete antike Genuibmensch. So blieb es wiederum 
mehr als ein Jahrtausend: bei Dante sind die fleischlichen 
Sünder in der Hölle und mittelalterliche Mönche haben Ovids 
Liebeslieder allegorisch ausgelegt zum Lobe der Jungfrau Maria. 
Aber in der Renaissance hat man wieder das itlvBiv Koi Ttalisiv 
nicht blofs in Versen yerhimmelt, die nach der Maxime Gatulls 
ebenso moUictdi wie parum pudici sind, sondern auch praktisch 
geübt, ohne sich dadurch bei einer Gesellschaft unmöglich zu 
machen, die — ganz im antiken Sinne — die strenge Moral der 
graziös-heiteren Ausprägung freier Lidividualität gern zum Opfer 
brachte. 
Lnfhebang 3. Der christlichen Litteratur fehlt die nationale Ex- 

naüoxuJen klusivität der antiken. Die hellenische Litteratur war in 
RikiuBiTi- w^^ev Blütezeit exklusiv national: dafs die Barbarenseele knech- 

kat (167 An- 

tike. tisch gesinnt sei, war die stolze Maxime, nach der praktisch 
verfahren wurde. Dagegen ist die christliche Litteratur von An- 
fang an international gewesen und hat gerade in der Verbindung 
der Völker, durch Nivellierung der Unterschiede ihre höchste 
Eulturmission bewufst vollzogen. Xq& totg fikv "EXkriöLv ig 
"EXXtiöLVj totg dh ßaQßdQoi^ ing ßaQßaQoi^ ist die Weisung, die 
der griechische Philosoph einer Tradition zufolge seinem die 
Welt erobernden Schüler Alexander auf den Weg mitgab; noQsv- 
%ivxBg iiadTitsiiöars itdvta tä idvij sagte der Stifter der christ- 
lichen Religion zu seinen Schülern, als er sie in die Welt aus- 
infliebimg saudtc. — Der christlichen Litteratur fehlt femer die soziale 
sosiftien Exklusivität der antiken. Populär ist die antike Litteratur 
^^'^* bei den Griechen nur in der ältesten Zeit gewesen, als das 
tike. Volksepos geschaffen wurde, und dann im perikleischen Athen, 
weil in diesem das Durchschnittsmals der ästhetischen und in- 
tellektuellen Bildung so hoch war wie nie wieder nachher. Li 
Rom hat es eine eigentliche populäre Litteratur überhaupt nicht 
gegeben, da sie von Anfang an unter dem Zeichen des Hellenis- 
mus stand: auch Plautus war Eunstdichter, und die Atellane, die 
in der Republik noch am meisten volkstümlich war, wurde von 
den stadtrömischen Dichtem sofort stilisiert, verschwand auch 
ganz von der Bildfläche, als die soziale Bewegung, von der sie 
getragen wurde, beseitigt war. Li der Eaiserzeit besafs der 
Grieche nur seinen Homer, aus dessen Vorstellungskreisen er 



Gegensätze der heidnischen und christlichen Litteratur. 457 

entwachsen war, der Lateiner seinen Virgil, der doch eigentlich 
nur fCLr das Rom der Ixdier gedichtet hatte. Dagegen brachte 
das Christentum eine volkstümliche Litteratur, die durch ihren 
rein menschlichen, an keine bestimmte Zeit und Verhältnisse 
gebundenen Lihalt unmittelbar auf die Gemüter auch der Armen 
im Geiste wirkte; und za einer Zeit, wo der Hellene an Poesie 
kaum mehr etwas hatte als den Homer, dessen Mythenwelt ihm 
nur noch durch allegorische Umdeutung verständlich war, der 
nichtgläubige Occidentale nichts als den Yirgil, den er als all- 
wissenden Zauberer mehr fQrchtete als liebte, pries der Christ 
in Antiochia und Konstantinopel die Jungfrau Maria, in Gallien 
und Mailand Gott Vater und Sohn in Versen, die von den 
Dichtem formell und inhaltlich dem Fühlen und den Ideen- 
kreisen des Volkes angepafst waren. ^) Ob es damals heidnische 
Volkslieder gab? Es ist wahrscheinlich, da der Häretiker 
Arius nach der Schilderung des Athanasius an sie angeknüpft 
zu haben scheint, aber sie hat kein Mensch zur Litteratur 
gerechnet. ^Ex^ccigm nävxa tä SijfAÖöLa ist antik, xoqsvsö^s 
ixl tag Su^ödovg r&v 6S&Vj oucl Söiyvg iäv BÜQrixs xakiöccvs 
ist christlicL 

4. Die christliche Litteratur als Ganzes betrachtet ermangelt Aufhebu 
der antiken Formenschonheit. Der sozusagen äuTsere Grund Formen 
ergiebt sich unmittelbar aus dem zuletzt Erörterten. Es findet ^^^^ 
sich, wie ich im Lauf dieser Untersuchungen schon öfters be- Antike 
merkt habe, in der ganzen antiken Litteratur (abgesehen von 
einzelnen &chwissenschaftlichen Schriften), kein stilistisches 
ßtsxvov, was sich eben aus ihrem dem gemeinen Leben ab- 
gewandten, aristokratischen Grundcharakter erklärt. Behandelte 
einmal ein Schriftsteller realistische Stoffe des taglichen Lebens, 
so stilisierte er sie doch mehr, als uns modern empfindenden 
Menschen lieb ist, man denke an Herondas, Theokrits Ado- 
niazusen, Petron. Hätten wir die Inschriften nicht, so würde 
uns aulser den paar zufällig überlieferten Soldatenversen kein 



1) Es ist aber bezeichnend, wie langsam sich die auch in der Form 
populären Gedichte die Anerkennung der Gebildeten erwarben: Commodian 
wird von Hieronymus ignoriert und erst von Gennadius mit zweifelhaftem 
Lob genannt. Augustin (retr. I 20) entschuldiget sich geradezu wegen der 
volkstümlichen Art seines Psalms gegen die Donatisten. 



458 Von Hadrian bis zum Ende der Eaberzeit. 

heidnisches lateinisches Dokument verraten; wie sich das Volk 
mit der Metrik abfand. Dagegen haben wir unter den christ- 
lichen Gedichten die des Commodian and den Psalm des 
Angnstin gegen die Donatisten^ am von den späteren gar nicht 
zu reden. Ebenso die Prosa: die Evangelien mausten auf das 
formale Gefühl eines antiken Lesers ebenso verletzend wirken 
wie aus der späteren christlichen Litteratur etwa die Predigten 
des Augustin; wir werden später sehen^ dab unter den christ- 
lichen Autoritäten ein Jahrhunderte langer Kampf geführt wurde 
über die Frage^ ob man gut oder schlecht schreiben solle, eine 
Diskussion, die für einen antik empfindenden Menschen a priori 
gegenstandslos war: ein (wenn auch übertreibender) Ausspruch 
wie der Gregors d. Gr. (moral. praef. i. f.): ipsam loquendi artem 
despexi. . . ., quia indignum vehementer existimo, ut verba caelestis 
oraculi restringam sub regidis Donau, verglichen mit einem be- 
liebigen Ausspruch eines griechischen oder lateinischen RhetorS; 
zeigt deutlich die Eluft, die zwischen antikem und christlichem 
Empfinden gähnte. — Aber wenn wir diesen Verzicht auf 
äu&ere Formvollendung der christlichen Litteratur einzig aus 
ihrem Zweck, auf die Massen des Volkes zu wirken^ ableiten 
wollten^ so würden wir den Fehler begehen, ein bloüs sekundäres 
und mehr äufserliches Moment geltend zu machen, das eigent- 
lich treibende zu übersehen. Den Kampf zwischen Griechentum 
und Christentum kann man, wenn man eine und zwar eine 
wesentliche Seite ins Auge faist, einen Kampf zwischen Form 
und Lihalt nennen. Nach Schönheit lechzend hatte das Hellenen- 
volk kein Mittel verschmäht, den Durst zu stillen: die schöne 
Form war sein Ein und Alles, und in seiner grölsten Zeit war 
sie thatsächlich mit dem Inhalt kongruent gewesen. Dann aber 
war ihm die Fähigkeit, einen tiefen neuen Lihalt zu schaffen, 
langsam abhanden gekommen, während die Kraft kunstvoller 
Gestaltung der Form ihm geblieben war, ja auf Kosten des Li- 
halts sich einseitig gesteigert und zu einer Art von Virtuosen- 
tum ausgebildet hatte. An dieser Form berauschten sich nach 
wie vor die schönheitsdurstigen Seelen: sie wufsten, dais es nicht 
der Saft lauterer Wahrheit war, den sie einsogen, aber so 
mächtig war die Sinnlichkeit des Empfindens, dafs sie mit vollem 
Bewuistsein das Gift schlürften, weil es suis war und sie in 
einen Taumel befriedigten ästhetischen Genusses versetzte: die 



•ben und christlichen Litteratur. 



459 







iffht als verwerflich gegolten, wenn sie 
anftrat und dem SchönheitsgefÜhl neue 
Richter und das Volk haben gewufst, 
«Mf itoren Lippen die Peitho safs, sie gelegent- 
hat das ja selbst einmal mit göttlicher 
ezpliciert und aus jedem beliebigen Lehr- 
Mit den Zeiten des Eallikles konnte man 
ichten. Daher war auch der Kampf der 
die Rhetorik von Anfang an ein hofi&iungs- 
den Gebieten des Seins und des Scheins war 
omiis möcrlich: in einer varronischen Satire trat an 
VT .<r.r)histice aperantologia Übersättigten heran cana 
itft/v-.v 'Hilosophiae aJumna. 
^t? ■ rihrhoit, aber nicht die durch philosophische Speku- 
.:•• ' luiifsig abstrahierte, sondern die unmittelbar 
I tn in das Herz gesenkte, erschlofs die neue Reli- 
ns uch tsvoll nach einem Positiven ausblickenden 
^ Jie innere Öde ausfallen konnte. So wurde die 
• l'-rzens wieder geboren. Seit dem Hymnus des 
.' in griechischer Sprache nichts so Inniges und 
• randloses geschrieben wie der Hynmus des Paulus 
('. Es ist bezeichnend, dafs uns vor allen noch die 
itt^ligion so nahe stehenden neuplatonischen Schrift- 
Lii'en, wenn sie uns in ihrer Verzückung, in der das 
.:st zum Glauben wird, mit sich raffen ins Reich der 
Vereinigung mit der Gottheit. Aber wohin wir sonst 
eine gleichf5rmige Wüste, aus der dem ermüdenden 
r nur selten Oasen entgegenlächeln: so steht mitten 
ji abgeschmackten Reden des Himerios ein tiefergreifender 
.':i auf den Tod seines hoffnungsvollen Sohnes (or. 23), 
itd durch Wärme des Gefühls, Einfachheit der Sprache 
.Mangel an Raffinement. Wer diesen Erguis liest, wer den 
■ liisten in vollem Glauben reden hört von dem Todesdämon, 
den Sterbenden würgt, von den Erinnyen mit ihren Fackeln, 
• m Neid der Gotter, denen er flucht, der begreift, dafs 
'lillionen, die sich in ähnlichen Qualen verzehrten, und die 
für die Philosophie teils zu sehr Gefühlsmenschen teils zu 
ungebildet, für die Magie zu aufgeklärt, für die Mysterien 
zu arm waren, sich der neuen Religion in die Arme warfen, 



r] 



i-'J 



4U<j Von Uiidrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

diis brachte, wonach die ganze Welt sich sehnte: Erlösung durch 
hlohen Glauben. 



2. Der Eompromifs zwischen Hellenismus 

und Christentum. 

AU- Aus den grolsen Antinomieen durch berechnende Steigerung 

' des Oomeinsamen und geschickte Niyellierung des Verschieden- 
»rtigeii eine naXivtovog &QiiOvüt gemacht zu haben, ist die 
grUrsto Geistesthat der alten Kirche und der gewaltigste Akt in 
diesem Weltendrama überhaupt gewesen: gerade dadurch, dafs 
sie niclit ausschlielslich zerstörend vorging, sondern in gegebenen 
Qrmmm Toleranz übte, ist die katholische Kirche Siegerin über 
das I'antboon geworden. Nicht völlig ist es freilich gelungen, 
die ungeheuere Kluft zwischen den sich widersprechenden An- 
schauungen auszufüllen, die Ringe der beiden Ketten haben nie 
ineinaridergogriffen, sondern sich stets nur an einigen Punkten 
berührt. Holunge die Menschheit zur antiken Kultur ein inneres 
VerhllHnis gehabt hat, ist in einzelnen tiefer angelegten Naturen 
der alle Kampf immer wieder von neuem ausgefochten worden: 
wie llieronymus hat mancher mittelalterliche Mönch visionäre 
tjualen wegen der Desohäftigung mit der alten Litteratur ge- 
duldet und wie Augustin hat noch Petrarca gerungen. Erst 
seiifleiii die Welt vom Jugendrausoh der Renaissance sich er- 
iiilolikerk und die aiilike Kultur als einen Tempel ewiger und vor- 
liitdliolii^i' Hohnnlieil in objektiver Ruhe und Kühle zu betrachten 
t^MIfMlWiiiieh hüll isl der ifroflie Kampf bu Grabe getragen, denn 
mt die iieuesleii Hohmllhrufe lilterarinoher Proleten und Hero- 
«MHilvt HU(i|i nur MU aiilworien, dafür denken wir alle zu stolz 
sm\ flthleii wu lieillit. Hs itiebi noch kein Werk, in dem alle 
\\\^\\ VeiliHliiiiMMe wluNeimeliaftUoh dargelegt wlren — nur filr 
\Uli HM||Hm \m\ den KuUmh haken Hamack und Usener die 
\(^\^l^\\ \\^M\\\\W\\ ifentelU und iMHUilwturiot -, und hier ist 
w)U(>Yl»l*«iiHlHU(^k \\\M der Ort« trit^dwie uUier darauf ein- 
IMM^MII Mf \\\^ Hs'm^^i db \\^ V<Mreehmel«uiigsprozef8 der 
IMMW yitoVktttlMI kt^wUkWn» tMMTtthl^ ie)u IVnm w&hrend oben 
4irM \li^raw)«Wm IU\l)^leir(Vittunit<'n die Rede war, 
*^ttH| MtlMki Mk ^ \\w ht^)l<Mueohen Litteratur 

** lUt« WlA Mt^^tttirOmungen vor- 



mus. 



Kompromifs zwischen Heidentum und Christentum. 461 

banden waren, die bis zu einem gewissen Grade einen Ausgleicb 
der Gegensätze ermoglicbten. 

1. Als das Altertum seine Jugendlieben Ej*afte zuerst in sinkende 
titaniscbem Wagemut, dann in idealistiscber oder auf den Tbat- ^Tidiuoii 
sacben gegründeter Forscbung erschöpft batte, begann es, sieb 
seine Autoritäten zu setzen: die nacbaristoteliscben Systeme legen 
redendes Zeugnis davon ab. Piaton batte die Seligkeit des 
^ritetv gepriesen, aber f£lr seine späten Adepten galt: ut rationem 
Plato nuUam adfert, ipsa auctoritate frangit (Cic Tusc. I 49); f&r 
die Epikureer und Pytbagoreer waren die Stifter der Systeme 
die alles erleucbtenden Sonnen, die offenbarenden Götter, und 
Cbrysipp galt als inkamierte Stoa. So war der Boden fQr die 
Aufnabme eines döy^a im cbristlicben Sinn^), d. b. eines autori- 
tativen, vorbereitet. Es ist doch höchst bezeiebnend, daüs Gregor 
von Nazianz 1. c. (oben S. 454) dem Julian auf seine Worte 
oiSiv %mi(f rö üiötevöov tilg ifitetdQag iötl 6oq>ücs erwidert, 
er solle docb auf die Pytbagoreer seben, olg tb Airbg itpa xh 
XQ&tov xal yLiyi,6%6v iöxi r&v doyfkixmvj und in gleicbem Sinn 
bat es einmal Hippolytos gewagt, die b. Scbrift als Offenbarungs- 
urkunde mit den Dogmen der Philosophen zusammenzustellen: 
bom. adv. Noei 9 (p. 50, 15 Lag.): bIq ^eög^ &v oix &kko^ev 
hciyivAifxo^v ^ ix x&v icyimv ygutplbv. 81/ yäg xgiicov idv 
xig ßovXffi^ xilv 6oq>lav xoi> al&vog xovxov äöxetv^ oinc ällmg 
dwT^öBXcci xoiixov xv%Blv^ iäv fiil döyiiaöi q>ilo66q>mv ivxiixjjj 
xbv ainhv dij xqöxov Söoi ^BOöißBiav &6xbIv /SovAdfiC^a, oix 
&XI0&BV &6xi^6o(iBv 4 ix x&v Xoyimv xov deot): tbatsäcblieb 
beifst ja g/riöi fQr die Platoniker IlXdtayif wie fQr die Christen 
^BÖg oder *Iti6ovg oder ö äxööxoXog oder 1} ygccgyij überhaupt. 
Aber solange die pbilosopbiscben Satzungen als solcbe von 
Menseben, wenn auch von göttlieben Menseben aufgestellte 
galten, blieb doeb immer ein gewichtiger Unterscbied besteben, 
den cbristlicbe Schriftsteller gelegentlich hervorheben, z. B. Mar- 
cellus V. Ancyra (s. IV) fr. bei Euseb. contra Mareell. 14 p. 43 
ed. Gaisford: xb döynaxog 81/Ofux x^g ivd'Qmnivrig S%Bxai ßovX^g 
XB ocal yvAfifig, Sxi dh xov^* ofhcog i^Bi^ na(fXV(fBt fikv txav&g ^ 
doy(Mctixii x&v IccxQ&v xi%vri, yMQxvQBl d\ xal xä x&v (piXo66tpmv 



1) Cf. für das Allgemeine auch E. Hatcb, Griechentum und Christen- 
tum, übers, von E. Preuschen (Freib. 1892) 88 f. 



4^2 Von JJadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

XM)jr/)li$:Vu AAyuata. Sri, di xal tä övyxXi^tm Sö^avta hi xal vvv 
d6yfn/.ru avyxli^tov Xiyetai oviiva Ayvostv olfiai. Auch diesen 
Unlizrtnih'u'jl hat daher charakteristischerweise Porphyrios, der 
('AtnüU'Tifc'uul, udf^ehoben, indem er durch die Heranziehung der 
Orskkt'l tU:n Orad der heidnischen Offenbarung so steigerte, dafs 
iirjrh NJn zu einer absohiten wurde. So begegneten sich die 
\nu(Uiti Milchie im Streben nach PositiTismuS; und der Eom- 
(iromÜH ^iii^ (ininorklich yon statten. — Die im Prinzip un- 
vffnrinbiirrti WoltaiiMchuuungon der Stoa und des Christentums, 
(I. h. flnr HidbHlhtTrlichkoit des auf sich gestellten Weisen und 
fU^r Hfili^priMHiing d<*H geistig Armen, haben sich an entscheiden- 
tU'H Ptiiikinn berührt: vor allem konnte bei der stoischen 
ThiMidinMi dio WilleiiNfroilioit nur theoretisch aufrecht erhalten 
Mriirilnii, in (h«r Praxi» hat sie fast zur Aufhebung des Indivi- 
iliiiiliNniiiN gofniirt. Auch auf heidnischer Seite ist daher das 
HnwiilHt-NtMii und Streben nach schriftstellerischer Individualität 
(i^iiHunkon: nuin vorghuche die stolze Anmarsmig des Empedokles 
tiiil. dnr /urückhultenden IVseheidonheit de« Lucrez (I 1^21 ff. gilt 
mir dnr diehleridchon Kormgebung\ Platou mit Plotin. Der 
|ini'Hi\nhohii liuhni int von siimtliohou Philo8opbensohuleu in der 
Thndi'io viM'woifon wortleii: die grimiuigt^ Polemik der Christen, 
V.- II doM (jro^or von Naxiauir, gegen die finYo^iff oder xivodol^ia 
kiiiniln diihni* mit den Watfou der Hellenen gt^ttthrt werden imd 
laihl Imi den tiebittMon unter diesen keinen Widerspruch; in 
dk«i PintiM Hinil Nieli die Thri^ten der entwickelten katho- 
IlMoltnii l\nelie ho ivenig kon8ei{ueut gi^blieben wie die helle- 
HlMrlii«n PliiloHiiplien: die liobon»gt^«ehichte des Oregor von 
Nh^Imu» liMWiitMt, diilk er von unstillluirer Uuhmessehnsucht 
dui'iditflülit wni*, und in den KatakomlHni liegen neben den Ge- 
büiiiMh der NHiiii>iiloiieii und Ihibeweinten die der Papste und 
MRrKvi'tii'i Wt^leltii nu dem ittiuialc^u Oaiuiwu» ihren heiligen Sanger 

1^- S, Nur tu ihrmi UMMnk^humkti^r i«! die antike Litteratur 
n IMmIIi nioIlM itlld Mil ih^m Sclwtten trflber, welt- 

i «ad XülglMlUmi hml^Vi. E» hat seit sehr 
i^ HAMV tii« den K&iper als Grab, 

und die» Anschauungen 
iMW d«m OUubigen ein 
ll Wtil» Kreiie. Die Stoa 



KoraptoniirB zwischen Heidantam tmd ChriBtentam. 463 

femer macht mit ihrem aBketiscben Bestreben tod TOroherein 
keinen ganz rein hellenischen Eindruck; ein am ao wichtigeres 
Bind^lied «orde sie in demgrorsenEompromUs: PaoloB, Seneca, 
Epilctet, alle drei ä^lL^al z&v xa^&v, konnten leicht znaammen- 
gebracht werden; die finstere Rede des Dio (Charid. 10 £f.) von 
dem grolsen Weltengeßngnis, in dem die irdischen Menschen 
schmachten, sowie die Meditationen des kaiserlichen Philosophen 
aber die Nichtigkeit dieser Welt mtissen auf christliche Leser 
grolsea Eindruck gemacht haben; das Gefühl des politischen, 
sozialen und moralischen Rückgangs ist in der heidnischen 
Litt«ratur der ersten Jahrhonderte sehr stark zum Aaedrack 
gekommen and die aufiallige BeTorzagong der Kalte von 
Heilq^ttern beweist, dafs das BewuTaisein von der eigenen 
Haehtlofligkeit und von der Notwendigkeit einer Erlösung 
■eitens hSherer Mächte damals überhaupt aafs stärkste aus- 
geprägt war. 

3. Dieselbe Stoa hat dazu beigetragen, die Ezklasirität im 
Leben der Völker unter einander aufzuheben; nnd wenn sie, an- i 
knBpfend an den Eynismns, die vönifia ßagßaifixä in der 
Theorie mit den hellenischen gleichgestellt, ja sie in Geftthls- 
■mrandlai^en von im Grunde nnhellenischer Sentimentalität 
•ogar aU vorbildlich fttr diese erklärt hat, so hat das Zeitalter 
AlsEUiden d. Gr. diese kosmopolitischen Theorieen znm ersten 
Ual in die Praxis Übertr^en, und seitdem sind die völker- 
Tarkliflpfenden Tendenzen dieses über sich selbst hinaus - 
gewaehaanen Hellenismus nicht wieder zum Stillstand gekommen. 
Abv doa ist ja gerade das Grolsartige gewesen, daJÄ die 
_ 1 weniger Generationen von Thukydides bis Aristoteles 
Äonen vorbildlich geworden sind: dasjenige, was jene 
i unter den Menschen in stolzer einseitiger Beschränkrmg 
• adJosiv national gehalten hatten, war in seinem innersten 
I so sehr der Ausdruck edelster Menschlicbkeii überhaupt, 
I es, olle nationalen Schranken durchbrechend, das vSlkerver- 
mde Ferment der intellektuellen, ästhetischen and ethischen 
; k&nftiger Jahrtausende hat werden können: graeca le- 
; M ommbus fere gentibus sagt Cicero, tö ixQißätg "EXltivo! 
Ht d^6vaaftttt zolq iv&fftbxois i^oiuXijeat Synesios. Diese 
1 Unterschiede nivellierende allgemeine Menechen- 
iit die Basis gewesen, auf der die christliche Kirche, 




464 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

diese grofse YÖlkerverbindende Macht, ihren stolzes Bau auf- 
soBiAiimui führen konnte. — Dieselbe Stoa hat auch den im Grunde gleich- 
H«uaii8< falls nnhellenischen Begriff des allgemeinen Menschenrechts 
'^^^ innerhalb der verschiedenen Stande eines und desselben Volkes 
zum ersten Mal mit ausschlaggebender Energie — die Keime 
liegen, wie für die gesamte stoische Ethik, schon in der sokra- 
tischen Lehre -— in der Theorie aufgestellt und, wie die rö- 
mischen Gesetze zeigen, bis zu einem gewissen Grade in die 
Praxis einzufahren vermocht. — Da nun die Ideen der Stoa 
überhaupt in das AUgemeinbewufstsein aller Gebildeten, ganz 
unabhängig von ihrem philosophischen Standpunkt, übergegangen 
sind, so erklärt es sich, daJjs der exklusiv aristokratische 
Charakter der antiken Litteratur leicht einem volkstümlichen 
Platz machen oder ihm wenigstens eine geduldete Existenz- 
berechtigung zuerkennen konnte: zu den Fülsen des phry- 
gischen Sklaven hat im zweiten Jahrhundert der Herr der Welt 
gesessen, und das kommunistische Staatsideal des Gnostikers 
Epiphanes lehnt sich aufs deutlichste an die berüchtigte zeno- 
nische tcoXixbCu an. 
Theoreüiche 4. Auch in ihrer Verachtung der schönen Form der Dar- 
gttittgkeii steUung hatten die christlichen iptk66oipov an den hellenischen 
gegen ihre Vorgäuffer: denn in der Theorie haben auch diese seit dem 

Formen- . 

sohonheit. ^aloq IlkAcmv auf die äufsere Form nichts gegeben und einige, 
wie der Aristoteles der pragmatischen Schriften, Chrysipp und 
Epiktet haben die Theorie auch in die Praxis umgesetzt: im 
allgemeinen aber haben sie trotz aller ihrer Versicherungen mit 
^ Bewulstsein sorgfältig und schön geschrieben. Ebenso die christ- 
ner liehen Schriftsteller: es soll im folgenden gerade dargelegt 

in^Kunit werden, wie die christliche Litteratur seit dem Moment, in dem 
LittJnftur. ^^® ^ ^^® Sphäre des Hellenismus trat, trotz aller Theorieen 
und trotz hei&er Konflikte zwischen Sollen und Wollen doch 
kraft des Gesetzes der immanenten Notwendigkeit sich in 
steigendem Mause die äuTseren Mittel der hellenischen Dar- 
stellungsart angeeignet hat und so auch auf diesem Gebiet die 
grofse Erhalterin gewesen ist. Wie in der bildenden Kunst, so 
mufste sie, wenn sie verständlich sein und wirken wollte, auch 
in der redenden die antiken Formen beibehalten: das Grofse aber 
war, daÜB sie diese Formen, die bei dem mangelnden Gehalt 
Selbstzweck geworden und wie ein für sich selbst bestehendes 



Kompromifs zwischen Heidentum und Christentum. 465 

Ornament der Schnorkelei anheimgefallen waren, mit neuem 
Inhalt gefüllt und dadurch dem Menschengeschlecht fQr alle 
Zeiten übermittelt hat. Das ist ihre litterarische Mission ge- 
wesen, das ist es, was sie auch uns Philologen lieb und wert 
macht; die wir uns durch den Inhalt oft befremdet fühlen. Wer 
nicht ohne das Geftihl heiligen Schauers, das der grofse welt- 
bewegende Zug der Ideen auf die Menschen ausübt, die Kirche 
im Pantheon, den guten Hirten im Gewände des Orpheus, die 
Madonna mit dem Kinde in der Kaiserin -Mutter mit dem 
künftigen Herrscher dieser Welt schaut, wer in der gnostischen 
Legende das * Mädchen' Persephone als Maria, in der katholischen 
die listenreiche Tochter des Zeus in der schonen Sünderin Pela- 
gia, die Symbole der Mysterien im Kultus der (konstituierten) 
Kirche, die altheidnischen Sühnfeiem in den kirchlichen Bitt- 
gängen, den christlichen Märtyrer oder Bischof im Philosophen- 
mantel wiedererkennt, wer den Asklepios-Soter, den der Apostat 
dem galiläischen lesus-Soter als unvereinbar höhnend gegenüber- 
gestellt hatte, mit diesem sich in Wort und Bild freundlich ver- 
binden sieht, der wird ohne Verwunderung das herrliche Gebet 
am Schluüg des platonischen Phaidros nur leise umgebogen aus 
dem Mund eines Bischofs des sechsten Jahrhunderts ertönen 
hören, der wird ohne ästhetisches MiTsempfinden am Symposion 
der Nonnen teilnehmen, die nicht den Eros und die Kallone, 
sondern ihren himmlischen Bräutigam preisen, der wird von den 
innigen Herzensergüssen, die der grolse Nazianzener in den 
klassischen Formen hellenischer Poesie niedergelegt hat, ergriffen 
werden, der wird die kynisch-stoische Homerexegese und die 
aristarchische Homerkritik durch den gewaltigen Alexandriner 
gern auf die heiligen Urkunden der Christen übertragen sehen, 
der wird endlich, was uns vor allem naher beschäftigen wird, 
als etwas Selbstverständliches die Thatsache entgegennehmen, 
dafs die (entwickelte) christliche Predigt im Gewände der 
sophistischen Rhetorik erscheint: tdSe yäg yLBxaxBö&ma ixetvä 
iöti xixetva nikiv {UtanB6&ma tavta. 

3. Prinzipielle Vorfragen. 

Bei allen Untersuchungen, die sich bewegen „auf der breiten * ^^ 
Fläche gemeinsamen Besitztums, die zwischen dem Felsen der äjuJ'^»^ 



4(U( Von Hadrian bb zum Ende der Eaiserzeit. 

Lehre Christi und dem rein heidnischen Lande liegt ^ auf dem 
Watt, über das einst die Flut des Heidentums sich ergofis^^), 
ist die grölste Vorsicht notwendig; wenn man nicht ausgleiten 
oder versinken will. Zwar die Zeiten sind Yorüber, wo man 
Hellenismus und Christentum wie durch eine Mauer dauernd ge- 
schieden glaubte, wo man die beiden um den Besitz der Welt 
kämpfenden Mächte als zwei Gewalten ansah, zwischen denen ein 
äönovdog nal iaiiiQxmtog nöXenog bestanden habe, ein Krieg des 
xcc9Ü)g daifioiv gegen das Prinzip des Guten: in jenes Dunkel der 
ivi6to(ffi6ia hat das helle Licht der geschichtlichen Auffassung, 
das Sfifia ttiXccvyig der so einfachen und doch so lange yer- 
borgouen Wahrheit vom Werden alles (Gewordenen hinein- 
geleuchtet. Aber infolge des gerade unser Jahrhundert aus- 
zeichnenden Forschungsdranges, überall das höchste Gesetz der 
Entwicklung in seinem Walten zu erkennen^ überall die Wurzeln 
bis in ihre feinsten Fasern zu zergliedern, gehen einige auf 
diesem Gebiet meiner Überzeugung nach oft zu weit und treiben 
mit dem Begriff der * Entlehnung' Milsbrauch: die Falle, in 
denen eine Entlehnung in dem rein äuÜBerlichen Sinn der direkten 
llerUbemaiime peitens der Christen erfolgt ist^ sind weitaus die 
seltonoron, und wo sie erfolgt ist^ handelt es sich nie um 
die Idee als solche, sondern nur um die Formen, in 
welche sich die Idee in der Welt des Hellenismus ein- 
gekleidet hat: wo immer wir direkte Entlehnung einer 
tnubenden Idae des Christentums aus dem reinen (d. h. dem 
nicht judalsierten) Hellenismus angenommen haben, da haben 
wir geirrt. Man mufs bei Behandlung dieser Fragen die ein- 
«ttlnen FUlle nach inneren Gründen streng zu scheiden suchen, 
witim mau »u iripmd welcher Klarheit und Sicherheit der Re- 
Mulialu gelangen will: dafii die Untersuchung dadurch erheblich 
Miiliwitirlgtir wirti als wann man sie nach rein äufserlichen 6e- 
sluliUltuukUu anstt^Ut, ist freilich gewilk Folgendes scheint mir 

[liHgjHy l, lu yi^au KiUlai^ wo aiuigd vun ^Entlehnung' sprechen, 

lum^^li ^ *i^ i^ Wahrh<»i( um spontanes Wachsen 

^Vf tk^lU Uruu^t you lU^au» Ui« aU ^^Gemeingut des 

Mt^f^H i]kfl^)^a¥a Qk^athaupt h^ttacbtet werden 

iBMltk IM««a I vlMa l;Wta> p IX. 



Die griechisch-chriBtliche Litteratur: prinzipielle Vorfragen. 467 

müssen/'^) Hier moTs also an die Stelle des Begriffs * Ent- 
lehnung' der der ^Analogie' treten. Giebt es nun Kriterien, 
beide zu scheiden? Vieles wird hier immer dem subjektiven 
Gefähl überlassen bleiben , aber oft bietet der ganze Charakter 
eines Schriftstückes die Möglichkeit zu unterscheiden, ob es sich 
um Entlehnung oder um Analogie handelt. Das Bild des Paulus 
vom Wettkämpfer (ad Cor. I 9, 24 ff.) stammt, wie jeder in der 
griechischen Litteratur Bewanderte zugeben muTs, aus der 
popularisierten stoischen Moralphilosophie ^, deren Gedanken 
damals in das allgemeine Bewulstsein übergegangen waren. Das 
Bild Yon den zwei Wegen in der Beigpredigt (ey. Matth. 7, 13 ff., 
also aus dem spätesten Teil) erinnert zwar gleichfalls aufs 
stärkste an das seit der Zeit Hesiods und der alten Sophisten 
so überaus populäre Bild von den zwei Wegen, von denen der 
eine, eng und domig, zur Tugend, der andere, breit und glatt, 
zum Laster fOhrt: aber von einer direkten Beziehung kann gar 
keine Rede sein^); es stammt vielmehr, wie uns der Barnabas- 
brief und die Lehre der zwölf Apostel zeigt, aus jüdischen Vor- 
Stellungskreisen. ^) Je näher also ein Schriftsteller dem Hellenis- 
mus steht, um so grö&er ist die Wahrscheinlichkeit einer 
unmittelbaren * Entlehnung': bei Gregor von Nazianz gröfser als 
bei den Mönchen der nitrischen Wüste, bei jedem Häretiker 
grölBcr als bei jedem Katholiken u. s. w. 

2. Li vielen Fallen brauchen wir uns nicht innerhalb derHeUeniaoh 

AnAlogiaen 

1) Usener 1. c. 

2) Aber wahrscheinlich nur indirekt durch Vermittlung der jüdisch- 
hellenischen Litteratur (s. weiter unten sub S), cf. Sap. Sal. 4, 2 (von der 
&(fBti/j): iv t& al&vi ctetpumiipoQoaöu arofiare^Ci tbv t&v &(iidvtmv &&lmv 
&y&vu vixi/jöaüa und 10, 12 (von der öoipla): &yätva UsxvQbv ißgdßsvcBv 
ainm. Wie beliebt das stoische Bild auch in der späteren alexandnnischen 
Schule war, weifs man aus Philon, cf. z. B. P. Wendland, Phil. u. d. kyn.- 
sto. Diatr. (Berl. 1896) 44, 1. 

8) So wenig wie das Gleichnis vom Gk)ttesreich mit einem (Gastmahl 
(ev. Luc. 14, 16 ff.) etwas zu thun hat mit dem ähnlichen Bilde, das in der 
griechischen- Popularphilosophie häufig ist (cf. besonders Dio Girys. or. 
80, 28 ff.). 

4) Cf. besonders die interessanten Nachweise von C. Taylor, The 
teaching of the twelve apostles with illustarations from the Talmud, Cam- 
bridge 1886; auch Hamack, D. Apostellehre u. die jüdischen beiden Wege ' 
(Leipz. 1896) 28 ff. 67 ff., F. Spitta, Z. Gesch. u. Litt. d. Urchrist. U (Leipz. 
1896) 884. Der Ausgang war Jeremias 21, 8. 

Nord«n, anUka Kuiutprota. IL 81 



468 ▼<Mi Hadriaa bis sam Ende der Eaiseneit 

sehr weiten Sphäre der allgemein menschlichen Ideen za be- 
wegen, sondern können die Grenze enger ziehen. Seit Jahr- 
hunderten hatten die hellenischen Ideen auf die ganze ciTilisierte 
Welt starker oder schwächer eingewirkt, der Boden war yor- 
bereitet^ auf dem die weltgeschichtliche Macht des Synkretismus 
zwischen Heidnischem und Christlichem feste Wurzeln fiEU»en 
konnte, zumal der Hellene, so exklusiv er sonst war, gerade in 
religiösen Dingen von jeher synkretistischen Ideen g^enüber 
sich sympathisch verhielt. Da also im Glauben und Denken 
sowie in gewissen Kulthandlungen die charakteristischen Merk- 
male dem Prozelis einer allgemeinen Niyellierung leicht unter- 
worfen wurden, so war die Möglichkeit gegeben, dafe gleiche 
Erscheinungen aus gleichen Ursachen durch spontanes 
Entstehen sich entwickelten. Wir haben also auch in 
diesen Fällen blolse Analogieen zu konstatieren, die sich aus 
gleichartigen GrundToraussetzungen erklären. Die Sammlung 
solcher Analogieen hat deshalb einen wenigstens relativen Wert, 
weil sie die Möglichkeit einer so schnellen Ausbreitung der 
neuen Weltanschauung in ein helles Licht rückt ^) und uns z. B. 
eine Persönlichkeit wie Synesios verständlich macht: man muTs 
sich nur hüten, diesen relativen Wert zu einem absoluten zu 
steigern, indem man fQr bewuTste Entlehnung hält, was in Wahr- 
heit nur Fortwuchem einer Idee ist. Von diesem Gesichtspunkt 
aus betrachtet sind Parallelen, wie sie Ghitaker in seinem Kom- 



1) Cf. G. Weizsäcker, D. apostol. Zeitalter * (Freib. 1892) 99 f. : „Die 
Beweise des Paulus für den Monotheismus sind schon durchaus gerichtet 
auf die Herstellung des Verlangens nach einer Erlösung. Wir können nur 
vermuten, wie weit die monotheistische Bichtung, welche yon der Philo- 
sophie ausging, damals auch schon in die Bevölkerung eingedrungen war; 
und ebenso wie es sich in der gleichen Hinsicht verh&lt mit der An- 
erkennung eines allgemeinen sittlichen Verderbens in der Welt und der 
Verzweiflung an den bestehenden öffentlichen Zuständen. Das aber läfst 
sich mit Sicherheit sagen, dafs der Eingang, welchen das Christentum 
zuerst bei den Heiden gefunden hat, durch nichts anderes vermittelt ist 
und keinen anderen Grund hatte, als dafs diese Motive der reinsten Reli- 
gion, der andächtigen Weltbetrachtung und des lebendigen Gewissens ihren 
Widerhall in den ersten heidnischen Hörern fand.^^ Wer die Entwicklung 
der Philosophie seit Aristoteles, vor allem die populären, in das allgemeine 
Denken aufgehenden Ideen der späteren Stoa kennt, kann sich das alles 
selbst belegen. 



Die griechisch-christliche Litieratur: prinzipielle Vorfragen. 469 

mentar zu M. Anrel (1652) z. B. zwischen Stellen der Bergpredigt 
und der Stoa und Baur zwischen Sokraies und Christus^ Seneca 
und Paulus zog^ höchst dankenswert und lehrreich, aber wenn 
derselbe Gelehrte in der dritten seiner berühmten Abhandlungen 
nach Vorgang Yon yielen anderen dem Philostratos in seiner 
Lebensbeschreibung des ApoUonios yon Tyana die bewufste 
Tendenz unterschiebt, in seinem Heiligen ein Gegenstück zu 
Christus zu geben , so ist das ein Irrtum ^)| vergleichbar dem- 
jenigen , der viele (seit Gregor von Nazianz) verführt hat, das 
für christlich anzusehen, was vielmehr von kynischen, stoischen 
oder pythagoreischen Moralphilosophen herrührt^: das alles sind 
vielmehr blo&e Analogieen, die deutlich beweisen, wie in dem 
aufgeklärten Hellenismus jener Zeit Strömungen wirksam waren,, 
die vermöge der gleichen Tendenz sich mit der groüsen, alle 
Dämme durchbrechenden Überflutung durch das Christentum 



1) Die Einzelheiten, die Baur Torbringt, lassen sich alle aus den Zeit- 
verh&ltnissen selbst erkl&ren (jetzt bieten auch die Zauberpapyri Material). 
Das Fundament der ganzen Behauptung ist unhaltbar: Damis, der Jünger 
des ApoUonios, den Philostratos selbst als seine Hauptquelle nennt, soll 
eine „apokryphische** Person sein, denn — das giebt auch Baur zu — 
gleich nach dem Tode des Apollonios (um 100) sei eine Tendenzschrift 
gegen die Christen nicht glaublich. Nun aber liegt nicht der leiseste 
Grund vor, Damis, von dem und yon dessen Schrift Philostratos allerlei 
Detail angiebt, aus der Welt zu schaffen: das gesteht auch Zeller, Phil. d. 
Gr. m 2* (Leipz. 1881) 181 Anm. zu, behauptet aber, jene Schrift sei auf 
den Namen des Damis geHQscht, und Philostratos habe sich täuschen 
lassen; allein er giebt keine Gründe fOr diese Ansicht an. Es muTs also 
dabei bleiben, dals Hierokles der Erste gewesen ist, der das Werk den 
Christen mit Hinweis auf Christus entgegengehalten hat, dafs aber dem 
Philostratos bezw. Damis dieser Gedanke ganz fem lag. 

2) Werden wir es denn nie lernen, in solchen Fragen wissenschaft- 
licher zu urteilen, als im Jahrhundert der äviatogricla? Th. Zahn hat in 
seiner Bede 'Der Stoiker Epiktet u. sein Verhältnis zum Christentum' (Er- 
langen 1894) beweisen wollen, dafs Epiktet die Evangelien und die Briefe 
des Paulus gelesen habe und Ton ihnen beeinfluTst sei. Gegen alles und 
jedes, was da rorgebracht wird, mufs laut Protest erhoben werden: eine 
Widerleg^ung erspare ich mir, da der Philologe wie der der griechischen 
Philosophie kundige Theologe die ganz haltlosen Argumente ohne weiteres 
aus seiner eigenen Kenntnis widerlegen wird (ganz verständig urteilt 
A. Braune, Epiktet u. d. Christentum in: Z. f. kirchl. Wiss. u. kirchl. 
Leben V [1884] 477 ff.). Wie in Fragen dieser Art zu urteilen ist^ habe 
ich an ein paar konkreten Fällen gezeigt in meinen 'Beiträgen z. Gesch 
d. griech. Philos. ' in Fleckeisens Jhb. Suppl. XIX (1892) 886 ff. 

81* 




470 V//* BiUnm Im nm Iom 

luieht iferhindf^ mA uhikSäA vnomtfimktm^zm 

Verbälfcni« (^h^te m aMgeditfatlEt, <da£i a 
Ittiitfii, wii« H^riUii, £okni«t, Pin» Goii 
üif«ribftrt bsb«, O04 der in gicidb« Si 
Lufcbi^r wkd^rh^lU WnoMh Angnithtt, Cbiitai 
Märi0ii?r; dUt vor dasr Offenbanuig des Heils dorek iiiie Tvgcndoi 
«xiriiiplsrbeb uimI sllg<mi«ifMrr Bewundemiig triihsftig gevoiden 
iM^ki^, üuif di^r (1//Ik trrlTjMetif hat doeh etwas ebenso Gmlsut^ies 
wift UüUntiuUmJ ) Aoeb Einzuleiten sind Ton solchen Ge- 
sii'JiU|HiiikUn stts zu iHmrUsilen. Wer z. B. den Kult der Mär- 
tyrer mm iUtm A^f l\tif(mi erklären wollte, würde einen Fehler 
Siti^tiUm^ ti^HH difu schon Theodoret und Cyrill za kämpfen 
imiUtii*)^ w$$r uU:U nhw etwa aus Pausanias und Philostratos' 
ititfuU'un tii4i frommulHuWmH Htimmnng der hellenischen Welt in 
t^^m^Utih tltsr Httnmi^itmhruun vergegenwärtigt^ wird begreifen, 
iM)i lUti vurwfifMlU Miirtyrer Verehrung bei den Hellenen leicht 
M)mk»»ii|{ IUuUii niu\ nkh in ihrem BewaCstsein mit jener innig 
i^KHKlMftbMn honnl^i Khhtmo int die Idee des Mönchtnms keines- 
w<*UA iUlp\^i l^im ilor hnllnnischmi philosophischen Askese herüber- 
K'HiMiiHMdii, miwUini \mi mv.h im Christentum wie in Beligions- 
«V«l'*i|MtMi Miilni'Kr Vnlki^r iiilolK^^ einer lleaktion einzelner gegen 
illit lM«iiiM iiimI Ulli «Itsr Wnlt ptiktierende Moral der Gesamtheit') 
(ImmIihmm M|iMMUh ii|il.wi(«ktill| t^hi^r in ihren Erscheinungsformen 
hni *i(oh iliitHM In dm* OhriHliMihtiit seit den Zeiten des Hermas 
VMiltiuiilithii l>\inliMMnK oint^r li^hort^n, auf der Askese begründeten 
MmiiiI mit iilMlolmi'l>l|Ai»n, Ktn*mlo dnumls im stoisch beeinfluTsten 
NiMi|ilHliiMlHhmai iMtHunilorM krliftigt^n^^ Onmdströmungen des 
lli«lli«Ml«tUM« viiiolMl^i, MH diUk t\\v <)rigt«nt»i| Kusobios u. s. w. der 
MtUh-h \\\\i \W\\\ ui\\\ik\A\\\\\ MJiui>AMliitf, »oiuo Ideale mit den 
«tl'uUt'ht^n H^Mn^^fii^i^H #u«Hnuuim(iul0M. W^v ft^rnor bei den Sym- 

\^ \\\^\\Ay\\ \^\\ vUwwi U^ iii y 4 \\\\ 41I( <I0 Mv|tM« V^'t Beil I. A%. 
''\ \^ ^n^^^ \s\ ti\« y sw \\\\\ n\s\\\\\ ^su l^Muiu IWI«^i»\Wu Wi Th. Zielinski 
\w \m \\.^\v\M \\\*v m^4^ \\\^\\m |m»o H\i 

^M ^ \^.iU\\ \K'U>^vv |\^v\ V «'^\^vl«, \^ \\'^y\\%w vi ChmWatums Wi den 



Die griechiscli-chrifitliche Liiteratar: prinzipielle Vorfragen. 471 

holen der Taufe und des Abendmahls an eine direkte Entlehnung 
aus den Eleusinien denkt, irrt: wer aber zeigt^ welche Macht die Idee 
Yon Mysterien mit Eultsymbolen^) auf die Gemüter der Menschen 
jener Zeit ausübte und daraus die mit innerer Notwendigkeit 
sich vollziehende Anlehnung spezifisch christlicher Symbole an 
altüberlieferte heidnische erklärt*); steht viel mehr auf dem Boden 
historischer Forschung als jene anderen, die da glauben, daCs das 
Wesen jeder Fortentwicklung nur in bewuHster Herübemahme 
und Entlehnung besteht. 

3. Man darf den Einflufs des Judentums auf das JüdiMi 
Urchristentum nicht unterschätzen, mufs im Gegenteil 
a priori für die früheste Zeit ihn höher taxieren als 
den des Hellenismus. Prinzipiell sind darüber alle, die eine 
klare Vorstellung von der Entwicklung des Christentums haben, 
einigt), aber der Grrad der Beeinflussung durch das Judentum 



1) Cf. G. Anrieh, D. antike Mysterienwesen in seinem EinfloTs auf das 
Christentmn, GOttingen 1894, übrigens nach Vorgang yon C. Schmidt in 
seinem an ausgezeichneten Beobachtungen reichen Werk: Gnostische 
Schrifben in koptischer Sprache in: Texte u. Unters. VIII (1892) 514 ff. 

2) Cf. Hamack 1. c. 

3) Cf. Weizsäcker 1. c. S70: „Die gröfste Gefahr, welche in letzter 
Absicht den grofsen Zielen des Paulus drohte, war das Zerfahren der 
Sache, das Übergewicht der zuwachsenden Einflüsse des fremden Bodens, 
die Umbildung des Glaubens, das Auseinandergehen in yerschiedenartige 
Schulen, welche nach eigenem Urteil und Geschmack sich aneigneten, was 
ihnen gut dünkte. Es ist nicht zu ermessen, wie viel zur Überwindung 
gerade dieser Gefahr das Fortbestehen des historischen Ausgangspunktes, 
das Richtmafs, welches hierfür Ton der Urgemeinde ausging, beigetragen 
hat. Dadurch yor allem kam das Christentum zu den Heiden 
als ein neuer Glaube und doch als eine historische Religion, ja 
als eine Religion überhaupt, die sich nicht in eine Philosophie 
auflösen liefs.'' Gerade uns Philologen, die wir das nachfühlen kOnnen, 
was die '^llrivBs jener Zeit fohlten, leuchtet das, sollt* ich meinen, ein und 
nur der, welcher nicht genügend nachgedacht hat, kann es leugnen. Aus 
dem genannten Ghrunde schreibt auch der Verf. des Eolosserbriefs (2, 8) : fif} 
xig ^iiäg %mai 6 cvlaymy&v dicc Ti}ff ipiXoöoipUcg xal msvfjg &ndtrig xor^ x^v 
Ttagadociv t&v &vd'QS7CiDv, xara tä 6toix8ta toO xötffiov %al o{> xctra 
X(ficr6v: hätten die häretischen Gnostiker, deren einer ganz im Sinn des 
exklusiven Hellenismus das alte Testament verwarf und damit die historische 
Garantie unserer Religion aufhob, gesiegt, so wäre es um das Christentum 
als Religion geschehen gewesen, sie hätte sich in algicsig, in dt^dacnalsla 
aufgelöst und sein Stifter wäre als Religionsphilosoph ilg noXl&v gewesen 



472 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

ist kontrovers , da alle modernen jüdischen Gelehrten diese Be- 
ziehungen mafslos zu übertreiben ^); manche modernen christ- 
lichen Gelehrten ihn auf ein Minimum zu beschränken lieben*); 
bei der ungenügenden Chronologie der in Betracht kommenden 
jüdischen Urkunden ^ besonders des Talmud; ist eine Einigung 
hier schwer zu erzielen. Für die uns interessierende Frage kommt 
aber das Judentum als Ganzes auch gar nicht in Betracht, sondern 
nur das hellenisierte Judentum.- a) In vielen Fällen, wo man 
in den frühesten Urkunden des Christentums einer hellenischen 
Vorstellung begegnet, wird man sich hüten müssen, sie direkt 
aus dem Hellenismus abzuleiten, sondern wird vorsichtig zu sagen 
haben, dafs dieses hellenisierte Judentum*) das ver- 
mittelnde Glied gewesen sein kann. Die Entscheidung 
wird im einzelnen schwierig sein, weil die Thatsache der sehr 
frühen Verbreitung des alexandrinischen Judentums in Palästina 
durch historisch beglaubigte Fakta feststeht, nicht ihr Umfang. 
Wer in dem Stoff der synoptischen Evangelien irgendwelchen 
hellenischen Einflufs annimmt, begeht nach meiner festen Über- 
zeugung einen prinzipiellen Fehler: die Übereinstimmungen sind 
aus dem sub 1) erörterten Gesichtspunkt als allgemeine Analo- 
gieen aufzufassen. — b) Etwas anders steht es mit der religions- 
philosophischen, vom Verf. frei komponierten Einleitung des aus 
einem Centrum hellenischer Kultur hervorgegangenen johan- 
neischen Evangeliums. Der Satz: „Im Anfang war der köyog 
und der Xöyog war Gott, alles wurde durch ihn und ohne ihn 

und jener Kaiser, der ihn neben Orpheus und Apollonios von Tyana an- 
betete, hätte recht behalten. 

1) Z. B. F. Nork, Babbinische Quellen u. Parallelen zu neutest. 
Schriftstelleni , Leipz. 1889. M. Friedländer, Zur Entstehungsgesch. d. 
Christentams, ein Exkurs von der Septuaginta zum ETangelium, Wien 
1894. Während ersterer einige Einzelheiten richtig beobachtet, gelangt 
letzterer durch tendenziöse Interpretation zu ganz perversen Folgerangen. 
— Übrigens ist die Quelle für alle Untersuchungen jüdischer wie christ- 
licher Gelehrter das heutzutage — wie es scheint, mit Recht — der Ver- 
gessenheit anheimgefallene grofse Werk J. Lightfoots, Horae Hebraicae et 
Talmudicae (1658—1664 ; ich kenne nur den Nachdruck Leipz. 1676—1679). 

2) Richtig urteilt natürlich Hamack in seinem Nachwort zu Hatch, 
Griechent. u. Christent. (Freib. 1892) 266 und Dogmengesch. P (Freib. 

1894) 47, 1; cf. auch H. Vollmer, Die alttest. Gitate bei Paulus (Freiburg 

1895) 80 f. 

8) Cf Harnack 1. c. 68 ff. und besonders 108 ff. 



Die griechisch-christliche Litteratur: prinzipielle Vorfragen. 473 

wurde nichts, was geworden ist'' hatte wörtlicli so von einem 
Stoiker geschrieben werden können, und Heraklit hat ja wirk- 
lich, wie der Evangelist, sein Werk begonnen mit den Worten, 
dafs der köyog von Ewigkeit her war und eine vernehmliche 
Sprache zu den Menschen redete, die ihn aber nicht begreifen 
wollten; wenn man nun bedenkt, wie populär die Ideen der Stoa 
waren — man kann sich diese Popularität gar nicht grofs genug 
denken — , dafs femer das heraklitische Werk von Christen — 
orthodoxen wie häretischen — gern gelesen wurde (Justin 
apol. I 64 rechnet Heraklit zu den XQiöuavoi, da er iura 
1.6 yov gelebt habe, ähnlich Origenes c Gels. I 5), dafs, wie die 
Citate zeigen, gerade sein Anfang hochberühmt war, dafs endlich 
diese Einleitung des johanneischen Evangeliums nach dem glän- 
zenden Nachweis Hamacks (Z. t Theol. u. Kirche II [1892] 
189 ff.) nicht - oder wenigstens, wie auch die Gegner Hamacks 
zugeben, nicht sehr eng — mit dem Evangelium selbst zu- 
sammenhängt, sondern sich an Leser wendet, die über eine 
Logoslehre orientiert waren: so wird man meiner Ansicht nach 
die Vermutung aussprechen dürfen, dafs in einer der gran- 
diosesten Schöpfungen menschlichen Geistes eine direkte und 
bewuljste Reminiscenz an das gedankengewaltige Proomium des 
ephesischen Philosophen vorliegt; aber interessant ist nun gerade 
zu sehen, wie die hellenischen Vorstellungen^) hier durch helle- 
nistisch-jüdische leise beeinflufst sind: Heraklit begann (vorher 
ging nur etwa: ^HQoxXsvrog *Eg>d6iog xAds Xdysi): rai> dh Xöyov 
rovd' iivTog alei, der Evangelist ersetzte aisi durch iv igx^ 



1) Die meisten alten Exegeten kommen in Behandlung der Stelle 
ganz mit dem A. T. aus, so Hippolytos adv. Noet. p. 52, 8 ff. Lag., Ori- 
genes comm. in ev. loh. I c. 42. n c. 1 ff. (vol. I 88 ff. Lomm.). Dagegen 
überträgt Clemens AI. Paed. 261 F. den heraklitisch - stoischen Xoyog un- 
mittelbar auf den christlichen (cf. über die Stelle des Clemens J. Bemays, 
Die heraklit. Briefe [Berl. 1869] 40 Anm.). Beides beweist aus einem im 
Text sub 6 anzuführenden Grunde fOr uns nichts. Aber interessant ist 
doch, dafs Amelios, der Schüler Plotins, den Anfang des Hera- 
klit mit dem des lohannes zusammengestellt hat, was sich Eu- 
sebios, der dies berichtet (pr. ev. XI 19, 1), wohl gefallen läfst. — Dafs 
übrigens der hochgebildete, in Ephesos lebende Verf. des Eyangeliums das 
heraklitische Werk kannte, darf mit Bestimmtheit behauptet werden: 
kannten es doch gerade zu jener Zeit so elende Skribenten wie die Ver- 
fasser der Heraklitbriefe, darunter ein hellenistischer Jude. 



-sTx "^m. ^fcfriBf iB xmL Snttt hsr ^ÜHzasÜL 









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miL »«mar sh iasoL «rüm»; o. i^ffxsiSfa sx izucüi 








1 «bi» iK -w'iiii. 3tf%:a i^mc xmtm'V jcotfuic mr u«<r immGac ^ 
fiACum ^T^Mu ai^M V/rf» vx iüiUKo. ^ .ic^^r«: iui^Ic. m ir insr 3ixs lae 

ö.> .r-j;^««»*- lau 'i'ijc*^«.'* iia*» ia^ iv,'r ms tui^i:(; i*vüi" jriib.tviWQ XsN^ 
-. UJw ','») VSuiUt» iK=*«r^ '.^*:i) ^*.:A-i;i.i» ),».^ :us: mwI 4»v\ii ^iiicija *- ■» zM 



Die griechisch-christliche Litteratur: prinzipielle Vorfragen. 475 

steller, ans Unkenntnis sowohl der allgemeinen Verhältnisse wie 
der erhaltenen Schriften jenes Kreises nicht berücksichtigen. 
Selbst wenn ich z. ß. zugeben wollte — was mir als Philologen 
natürlich nicht einfallt — , dafs die Rede, die der Verfasser jenes 
Teils der Apostelgeschichte den Paulus auf dem Areopag halten 
läfst, von diesem gehalten worden sei^), so würde ich noch 
immer nicht zugeben, dafs aus dem Aratcitat tov yä(f ocal yivog 
i6^iv (act. ap. 17, 28) folge, der Apostel habe den Dichter ge- 
lesen, denn Aristobul hatte denselben Vers citiert (Euseb. pr. 
eT. Xm 12, 6), und daCs dessen Schriften dem Paulus bekannt 
waren, hat bei seinen notorischen Beziehungen zu alexandrinischen 

— Folgendes ist wohl noch nicht bemerkt. Der Vf. des Briefs an die Ko- 
losser kann 1, 16 die Bezeichnung des Sohnes als «patrordxoff ndeiig ^tlasmg 
deshalb nicht aus sich selbst haben, weil derselbe Ausdruck (nur f&r den 
l^og) gebraucht wird von Theophilos (ad Autol. II 22), der nirgends die 
paolinischen Briefe (bezw. was man damals för paulinisch hielt) citiert; 
man erkennt auch aus den folgenden Worten des Briefes (y. 16 ff.), dafs 
der Vf. bemüht ist, einen ihm überlieferten Ausdruck seiner Oedankenreihe 
durch Interpretation einzufagen. Nun kennt auch Philo diesen und den 
analogen Ausdruck nQonoyövos vom X6yog (H. Cremer, Bibl.-theol. WOrterb. * 
600). Daraus folgt also, dafs eine uns nicht erhaltene Schrift, in welcher 
der Logosbegriff vom Standpunkt des alten Bundes behandelt war, für den 
Vf. des Kolosserbriefs, Philo und Theophilos die Quelle gewesen ist. — 
Nach solchen Gesichtspunkten müTste man einmal den paulinischen Nach- 
lafs untersuchen; dazu wäre freilich vor allem eine — auch an sich 
dringend erwünschte — Bearbeitung der griechisch-jüdischen Litteratur er- 
forderlich (Benutzung Philos durch Paulus ist trotz Vollmer 1. c. [S. 472, 2] 
unerweislich). 

1) Der Beweis der ünechtheit gehört zu den absolut sicheren Er* 
gebnissen der Forschimg, cf. Baur, Paulus I' (Lpz. 1866) 191 f., de Wette, 
Erkl. d. Apostelgesch. 4. Aufl. von Overbeck (Leipz. 1870) 277 ff.; was kürz- 
lich vom archäologisch - topographischen Standpunkt für die Echtheit vor- 
gebracht ist, hat sich als nichtig herausgestellt. Wer den jedem Eom- 
promifs in prinzipiellen Fragen abgeneigten Paulus des Römerbriefs und 
den kampfesmutigen Paulus des Galaterbriefs liebt, der wird der langen 
Reihe yemichtender Indizien, die gegen die ürkundlichkeit sowohl der 
konzilianten Rede in Athen wie der inkonsequenten Briefe an Timotheus 
und Titus ^vorgebracht sind, gern Oehör leihen, weil die Gestalt des Apostels 
aus der Athetese reiner und geschlossener hervorgeht. Wenn einmal ein 
wissenschafbliches Buch über die Beziehungen des Christentums zur grie- 
chischen Philosophie geschrieben wird, so hat die Rede in Athen als 
frühester (s. U, erste Hälfte) katholischer Eompromifsversuch zwischen 
Christentum und rein hellenischer Stoa, wie der Prolog des johanneischen 
Evangeliums zwischen Christentum und jüdisch-hellenischer Stoa, zu gelten. 



476 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

und griechiflch gebildeten palästinensischen Juden ^) grolseWahr- 
scheinlichkeity ja, ist für mich ebenso begreiflich, wie ich mich 
gegen die Behauptung, Paulus habe ^hellenische' Schriftsteller 
gelesen y skeptisch verhalte: worüber ich weiter unten noch Ge- 
naueres zu sagen habe. 
Miwhung 4. In einigen Fällen wird man trennen müssen, indem man 
lenisohem Hciduisches uebeu Christlichem (oder Jüdischem) gelten läfst. 
'^uo^^*^ Für das Proömium des Johannesevangeliums ist das soeben ver- 
sucht worden, wahrscheinlich zu machen. Es erinnert femer 
z. B. in den jüdisch-christlichen Vorstellungen vom Jenseits, wie 
uns kürzlich vor allem durch die Petrusapokalypse klar ge- 
worden ist, vieles an das Elvsium und den Tartarus: einiges 
darunter - z. B. die Bestiimnung über die fi«,,o. - ist so 
eigenartig, dafs man eine Beeinflussung von heidnischer Seite 
wird annehmen dürfen und das um so mehr, weil die Brücke 
gebildet wird durch die orphisch-pythagoreische Ausmalung des 
Jenseits, die durch apokryphe Litteraturwerke und durch die 
Mysterien grofse Verbreitung erhalten hatte: aber anderes — 
z. B. das Feuer an dem Marterort und einzelne der Strafen — 
ist teils zu allgemein teils auch in spezifisch jüdischer Apo- 
kalyptik zu sehr ausgeprägt, als dafs man dabei an heidnische 
Elemente denken könnte.^) 
sondernng 5. In allen Fällen hat man die Zeiten und die verschiedenen 

und sirö- Strömungen aufs schärfste auseinanderzuhalten. Es ist un- 

rnungen. 

1) Sein Freund und Mitarbeiter Apollos war ein alezandrinischer Jude 
(ep. ad Cor. I 8, 6 ff., act. ap. 18, 24 ff.). In Jerusalem safs Paulus we- 
nigstens nach dem Bericht der Apostelgeschichte (22, 8) zu FüTsen des 
Gtemaliel, von dem der Talmud berichtet (cf. Friedländer 1. c. 104), dafs in 
seinem Hause unter tausend Knaben fünfhundert in der griechischen Weis- 
heit unterrichtet wurden, selbstverständlich in der jüdisch-griechischen, d. h. 
der alezandrinischen Weisheit. 

2) Cf. meinen Aufsatz: Die Petrusapokalypse u. ihre antik. Vorbilder 
in der Beilage z. Allgem. Zeit. 1898 n. 29 (ich füge hier hinzu, dafs eine 
sehr interessante Stelle einer Hadesvision im Martyr. Perpetuae c. 7 p. 49 
ed. Harris-Gifford [Lond. 1890] wohl sicher aus Übertragung des Tantalus- 
mythus zu erklären ist, cf. auch Theophil, ad Autol. I 14. Pseudoiustin 
coh. ad gent. 27 f. Pseudohippolytos ad Qraec. p. 68 ff. Lagarde). Über 
die jüdische Apokalyptik aufser A. Hilgenfeld, D. Ketzergesch. d. Urchristen- 
tums (Leipz. 1884) 129 f. besonders A. Dieterich, Nekyia (Leipz. 1893) 214 ff. 
Über diese ganze Frage jetzt auch E. Hennecke, Altchristi. Malerei und 
altkirchl. Litt. (Leipz. 1896) 188 ff. 



Die griechisch-christliche Litteratur: prinzipielle Yoriragen. 477 

historisch und innerlich pervers, die nentestamentlichen Schrift- 
steller, die häretischen Gbostiker, die katholischen Gnostiker, 
die Kirchenväter des lY. Jahrhunderts mit demselben Malisstab 
zu messen. Die Geschichte der Verweltlichnng der Kirche be- 
weist, dals der hellenische Einfluiis in den ersten vier Jahr- 
hunderten gestiegen ist und zwar stetig, wenn man absieht von 
der ^akuten Hellenisierung' (Hamack) in den Kreisen der häre- 
tischen Gnostiker. Wenn also z. B. im Matthäusevangelium das 
Gleichnis der zwei Wege gebraucht wird, so ist das, wie be- 
merkt, jüdisch: wenn es Spätere, z. B. Hieronymus und Am- 
brosius, anföhren, so tragen sie unwillkürlich die Farben des so 
ähnlichen prodiceisch-xenophonteischen Gleichnisses hinein.^) Für 
den Verfasser des Johannesevangeliums liegt in iiovoysvijg vCög, 
wie man es auch immer fassen mag, jedenfalls keine heidnische 
Vorstellung^; aber Valentinus hat daraus den (wvoysvijg ^sög 
der Orphiker gemacht.') Bei Paulus ist 6q)(faytis6d'at noch 
durchaus aus jüdischem Vorstellungskreis herausgewachsen: erst 
nach ihm — freilich sehr bald — sind damit Begriffe der 
hellenischen Mysterien verbunden worden.^) In der Apostel- 
geschichte (7, 48 f.) beweist Stephanus, dafs die Welt der Tempel 
Gottes sei, mit einem prophetischen Spruch des A. T., aber Ba- 
silius und viele andere jener Zeit tragen in ihren Homilien über 
die Schopfungsgeschichte die so ähnlichen Lehren der Stoa in 
den Gedanken hinein. Wer also die christlichen Schriften nicht 
aufs strengste scheidet nach den Zeiten, in denen sie ent- 
standen sind, und den Kreisen, aus denen sie stammen, begeht 
genau denselben Fehler, der bis auf unsere Tage die Beurteilung 
zweier alttestamentlichen Schriften verwirrt hat: die Weisheit 
Salomos ist, wie jedem bekannt, ein von griechischer Philo- 



1) Cf. Amhros. in psalm. I 26 (14, 983 Migne), z.B.: 8% ad sempitema 
ifUendat, virtutem eligit; 8% ad praesentia, voluptatem praeponü. Auch 
Hieronjmas ep. 148,10 (1 1100 Yall.) läfst auf dem Wege des Lebens die 
virtutes wohnen. 

2) Cf. Gremer 1. c. 230. Harnack 1. c. (oben S. 472, 2) 198 und be- 
sonders H. Holtzmann in: Z. f wiss. Theol. N. F. I (1898) 889 ff.; in der 
Sap. Sal. 7, 29 steht fiovoysvhg nvs^fia. 

8) Cf. G. Wobbermin, Beligionsgesch. Studien (Berl. 1896) 114 ff. 

4) Cf. Anrieh 1. c. (oben S. 471, 1) 120 ff. 148. 3; er urteilt richtiger 
als Wobbermin 1. c. 144 ff. , der die Zeiten nicht genügend scheidet. Cf. 
auch £. Bohde in: Berl. phil. Wochenschr. 1896, 1580 f. 



478 Von Uadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

Sophie durchtränktes spätes Produkt, aber daraufhin auch in dem 
noch ganz hebräisch empfundenen Prediger Salomos auf Helle- 
nismen (und gar Heraklitismen) Jagd zu machen, ist eine un- 
geheure Perversität; die von einsichtigen philologischen und 
theologischen Kritikern mit Recht gebrandmarkt ist. 
Prüfung der 6. lu allen Fällen sind die Zeugnisse der christlichen 
^tüMe^"^ Schriftsteller über die Beziehungen des Christentums zum Helle- 
nismus nur mit grofster Vorsicht zu benutzen, aus folgenden 
drei Gründen. Erstens. Sie gingen oft zu weit in der Ab- 
lehnung jeder Beziehung von Christlichem zu Heidnischem: 
die Häretiker hatten sie gelehrt ^ welche Folgen die völlige 
Fusion haben konnte, so dafs man fortan mifstrauisch gegen 
alle derartige Zusammenhänge wurde. Zweitens. Sie gingen 
oft absichtlich zu weit in der Annahme solcher Beziehungen^ 
wobei die Gründe wieder verschieden waren, a) In den Nach- 
weisen des Hippolytos über den ^EXXrivt6(i6g der Gnostiker ist 
ja sehr vieles treffend, wie uns die erhaltenen gnostischen Ur- 
kunden und die empedokleische Ni^aug auf der Aberkiosinschrift 
beweisen; aber auf der anderen Seite geht er oft viel zu weit, 
weil ihm daran liegt; die Häretiker eben wegen ihres 'jBAAij- 
vi6(uig zu brandmarken, b) Aber auch im Dienst der eigenen 
Sache sind einige Katholiken zu weit gegangen, wenn es näm- 
lich für sie darauf ankam, ihre Kunst der Auslegung für den 
Synkretismus der Religionen nutzbar zu machen, d. h. den Hel- 
lenen zu beweisen, dafs Hellenismus und Christentum wohl 
vereinbar seien, weil die Hauptvertreter der hellenischen Reli- 
gion, Piaton und die Stoiker, ihre meisten und besten Gedanken 
aus denjenigen Religionsurkunden gestohlen hätten, die auch für 
das Christentum die Grundlage bildeten, nämlich aus den Büchern 
des alten Bundes: wie man weiüs, ein altprobates Mittel, das 
schlaue Juden, erfolgreich spekulierend auf die &vi6tOQri6Ca der 
meisten Menschen, in den Zeiten des beginnenden Synkretismus 
ausfindig gemacht hatten, und das von den intelligentesten Christen, 
wie Clemens, Origenes, Eusebios und Augustin, wie ich bestimmt 
glaube, ohne Arg^) gebraucht worden ist. Drittens. Sie haben 



1) Denn die &viaroQri6La war in diesen Dingen grofs und die Hellenen 
selbst haben ja, wie man z. 6. aus dem ProGmiom des Laertios Diogenes 
weiis , den EinfluTs des Orientalischen auf ihre Philosophie sehr hoch an- 



Die Litteratur des ürchristentnms: Allgemeines. 479 

gelegentlich geirrt in der Annahme solcher Beziehungen ; z. B. 
hat Simeon der Metaphrast die Aberkiosinschrift wegen des 
Ttoif/Lif^v and wegen des l%^vg fOr christlich gehalten, was einige 
der modernen Interpreten lange irregeführt hat, bis kürzlich der 
Sachverhalt besonders durch die glänzende Entdeckung A. Die- 
terichs aufgeklärt wurde. — 

Alle diese Bemerkungen mulste ich vorausschicken, weil ich 
den vorsichtigen Standpunkt, den ich im folgenden einzunehmen 
beabsichtige, motivieren zu müssen glaubte gegenüber jenen 
Heilsspomen, die, ohne lange, wie es sich gehört, über diese 
Dinge nachgedacht zu haben, iack&coi^Q xolg Ttofflv €t67Cijd&6i.v eis 
tä xakd oder doch Wahres mit Falschem mischen und dadurch 
den Gegnern die Waffen zur Widerlegung selbst in die Hand 
geben. — Ich bin durch die Lektüre der Quellen sowie durch 
das Studium der für mich vorbildlichen Arbeiten Hamacks und 
üseners und deren Schüler genug fortgeschritten, um erkannt 
zu haben, dafs derjenige, der über diese Dinge mitreden will, 
viel gelesen, viel gedacht und viel im eigenen Inneren geirrt 
haben mufs, bevor er lernt, dab es, wenn irgendwo, so auf 
diesem Gebiete Schranken giebt, an denen es sich ziemt. Halt 
zu machen und an denen das i7ti%sw der Skeptiker oder das 
^yv&ritM des Stagiriten ehrlicher und klüger ist als wüstes Kom- 
binieren oder planloses Raten. 



n. Die Litteratur des Urchristentums. 

Ober die Formengeschichte der christlichen Litteratur giebt au- 
es eine sehr wichtige Abhandlung von Fr. Overbeck, Über die «®™®*"®*- 
Anfönge der patristischen Litteratur in: Histor. Zeitschr. N. F. 
XII (1882) 417 ff. Es ist hier der Nachweis erbracht worden, 
dafs die Urkunden des sog. Urchristentums, also die neutesta- 
mentlichen Schriften und die Schriften der sog. apostolischen 



geschlagen. Dazu kam, dafs litterarischer Diebstahl im Altertum noch 
häufiger war als in der Jetztzeit, so dafs man, die Thatsachen oft ver- 
drehend, eine förmliche Litteraturgattimg ntgl nXonrig schuf, wie aus Athe- 
naeus und Macrobius bekannt ist. Übrigens hat Celsus den Spiefs um- 
gedreht und behauptet, dafs die Sprüche Jesu aus (mifsverstandenen) Sätzen 
Piatons abgeleitet seien: die Stellen aus Origenes bei Hamack, Dogmen- 
gesch. I ^ 224, 1. 



480 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

Väter, den Hermas miteingeschlossen^ nicht zur Litteraturgeschichte 
gerechnet werden dürfen, weil sie sich nicht der Formen der 
eigentlichen litteratur bedient und daher auch nicht fOr die 
Fortentwicklung, d. h. die Geschichte, der christlichen Litteratur 
die Grundlage gebildet haben. Diese beginnt vielmehr erst, 
nachdem die urchristliche Litteratur ihren Abschlufs gefunden 
hat, also seit der Feststellung des Kanons in der zweiten 
Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Dieser Zeitpunkt fallt mithin 
zosammen mit dem Begimi des Eintritts der neuen Religion in 
die Kreise des gebildeten Heidentums, d. h. also mit dem Beginn 
ihrer Verweltlichung. Die Apologeten eröffnen die eigentliche 
Litteratur, aber da sie sich nicht an die Christen selbst wenden, 
gehören sie noch nicht zu der spezifisch christlichen Litte- 
ratur; diese wird eröfihet durch Clemens von Alexandria, den 
frühesten konstruktiven christlichen Schriftsteller wenigstens 
auf katholischer Seite; denn dafs die von Overbeck nicht un- 
absichtlich übergangene , sondern prinzipiell ausgeschlossene 
Gnosis, wie sie ja überhaupt in ihrer ^akuten Hellenisierung ' 
den späteren katholischen Standpunkt anticipiert hat, auch auf 
dem Gebiet der Litteratur vorangegangen ist, indem sie fast alle 
Formen ausprägte, ist ein wichtiger Nachtrag, den Hamack 
(Dogmengesch. I' 230, 1) zu der Abhandlung des genannten 
Forschers gemacht hat. Wenn nun also auch jene Urkunden 
einen litterarhistorischen Zusammenhang weder nach rückwärts 
noch nach vorwärts aufweisen, so bieten sie doch gerade wegen 
dieser Isolierung ein zu grofses Interesse, als dafs ich die wich- 
tigsten unter ihnen hier einfach übergehen möchte, zumal sich 
unter ihnen doch wieder gewisse Gradunterschiede in der äuüseren 
Formengebung zeigen, die mich für meine Zwecke interessieren. 

1. Die Evangelien und die Apostelgeschichte.^) 

.ngeuen. Die Evangelien stehen völlig abseits von der kunstmälsigen 

Litteratur. Auch rein äufserlich als litterarische Denkmäler be- 
trachtet tragen sie den Stempel des absolut Neuen zur Schau. 

1) Als nachstehendes längst geschrieben war, erschien das neueste 
Buch von F. Blafs, Grammatik des neutestam. Griechisch, Göttingen 1896 
Wo ich mit ihm zusammentreffe, werde ich es bemerken. In einer prin- 
zipiellen Frage weiche ich freilich von ihm ab; er erklart (p.VI), die 



Die Litteratur des Urchristentums: die Evangelien. 481 

Als Litteratur gattung bieten zu ihnen die nächste Analogie 
(aber auch nur dies) die acht Bücher des Philostratos mit dem 
Titel Tä is ti>v Tvavia *AnokX(bviovi dafür scheint mir ganz 
bezeichnend zu sein, dafs lustin die Evangelien iatoiuvrnuoveriiuxta 
nennt, denn so hatte — in Anlehnung natürlich an die Schüler 
des Sokrates, Musonios und Epiktet — Moiragenes, ein Vorgänger 
des Philostratos, seine Au&eichnungen über Apollonios genannt 
(Orig. c. Gels. VI 41); dieser Name pafst besonders gut, wenn 
man an die älteste, durch Papias bezeugte und für uns allem 
Anschein nach in den Besten des berühmten Fayüm - Papyrus 
noch nachweisbare Einkleidung der Evangelien in Xöyut^) denkt, 
welche die Schüler aufzeichneten, cf. Usener, Beligionsgesch. 
Unters. I 95 f.') Auch die Apostelgeschichte steht als Litte- 
raturgattung ziemlich isoliert da, war aber hellenischem Em- 
pfinden lange nicht so fremdartig wie die Evangelien; denn 
wenn die falsche Vorstellung, dafs sie zur Geschichtsschreibung 
zu rechnen sei, auch abgethan ist, so mulste sich der Hellene 
doch schon bei dem — natürlich eben deshalb gewählten — 
Titel an seine einst recht umfangreiche ^^agct^ - Litteratur er- 
innert fühlen. 

Von den drei Synoptikern — das vierte Evangelium habe 



höhere Kritik über die Verfasser der einzelnen Schriften beiseite lassen 
and z. B. alles unter Paulus' Namen Überlieferte als paulinisch ansehen 
zu wollen: zweifellos mit Becht, wo es lautliche und formale Dinge betrifft 
(denn in ihnen herrscht wohl ziemlich völlige Identit&t), firaglich ob mit 
Becht, wo es sich um Syntaktisches handelt, sicher nicht mit Recht in der 
Stilistik, wo man eine Stellungnahme zu den sicheren Ergebnissen der 
Forschung erwarten darf: denn der Verf. z. B. des Briefs an die Ephesier 
schreibt doch anders als Paulus z. B. an die Eorinthier, und der echte 
Lukas anders als der Interpolator. — Das wirre Buch von Chr. Wilke , Die 
neut. Rhetorik, Leipz. 1843, darf aber durch die klare Anordnung des Stoffs 
bei Blass als endgültig beseitigt betrachtet werden. 

1) Cf. Hamack in: Texte u. Unters. V 4 (1889) p. 483 ff. Usener 1. c; 
eine glänzende Bestätigung für Weizsäcker, Unters, üb. d. evang. Oesch. 
(GK>tha 1864) 129 ff. (cf. Das apost. Zeitalter 373 ff.) und eine urkundliche 
Widerlegung dessen, was gegen ihn von A. Hilgenfeld in Z. f. wiss. Theol. 
1866, 189 ff. vorgebracht ist. 

2) Die Bezeichnung siayyiXiav war bekanntlich nicht die litterarische, 
cf. Hamack, Dogmengesch. I ^ 160, 2. Man lese nach, wie sich Origenes im 
ersten Bande seines Kommentars zum Johannesevangelium (I 10 ff. Lomm.^ 
abmüht, zu explicieren, was darunter zu verstehen sei. 



ieh noeb nidit «iaraofbia untcmidii — sducibi^ wie ja wohl 
Hn44>«r«a- »aeb nehon gv^UgentHeli too aoderai bcm^t ist^ Lakas, der 

f^^' rieebiiehi^ Arzt toid als folcfaer bei der damaligen Bitdimg der 
rzUs zneh LitUfnt^)^ den relaür besien StiL waa fibrigena 
nchfjftt dem Hieronjmiu anfgefiülen iat: Damacoa bafcie bei ihm 
m^efra^, waa OMma bedeute, HieronTmoa ep. 19 e^liri ea 
al» eine weder im Gneehiflefaen nocb im Lateiniacbcn wieder- 
zi]((ebende Interjektion nnd ffihrt ans, dals die Eraiigeliaien 
Matthäus (21, 2), Marcos (11, 9) and Johannes (12, 14) ea nn- 
ferSndert beibehalten hätten, dagegen Lnkas (19, 38): qm imter 
omne$ evangelistas gratet sermonis eruditissimus fuii, 
fjuippe ut medicus et qui eoangdium Graeds scripta, quia se oidtf 
proprietatem semumü trangferre non posse, mdms earbUraims est 
iacere quam id ponere quod legenii faeeret quaestkmemj worin nnr 
c]f;r Grand nicht ganz scharf angegeben ist: Lnkas hat, einem 
griechischen Stilprinzip gemals (s. o. S. 60, 2), das hebnische 
Wort als eine ßdgßaQog yX&ööa vermieden, wie er überhaupt in 
der Angabe der palästinensischen Lokalitaten znrückhaitender 
ist, wie er der einzige Evangelist ist, der bei dem Ort der 
KnMizigung nicht den hebräischen Namen angiebt, sondern nnr 
die Obersctzung, wie bei ihm das Wort &(iiiv am seltensten vor- 
kommt, wie er (hier mit dem vierten Evangelisten überein- 
stimmend) die letzten Worte lesa nicht in aramäischer Sprache 
anführt. Nach solchen and ähnlichen Gesichtsponkten sind die 
Kvangidien noch nicht systematisch untersucht worden, und 
doch scheint mir derartiges charakteristisch genug zu sein. Ich 
will^ was Lukas betrifft, die Methode angeben, nach der man 
mninur Meinung nacli hier zu verfahren hat, mit einigen spe- 
'/«ielloii Proben. Krstons. Man hat das Evangelium von der 
A|M)fil.nlfj(ciHchichle gesondert zu betrachten. Denn einmal hat der 
Vt^rf. in jimem durchwog Quellen benutzt, in dieser teilweise 
iV(M komponiert, und ferner hat er in jenem die Quellen nicht 
NO Hiiirk ühorarhfutot wie in dieser, mit gutem Grunde und 
Initioni Oofühl: doiin, wie das von späteren Christen den 
N|ii^iiiNrli(Mi Ittunnrkiingcn der Hellenen sehr richtig entgegen- 



n Nooli SynitMui MoUphruNU^H llirst iu Beinern romanhaften ^dfiyTjfux 
\\\\o\ (Ihm Lnhon doH LukiiH dioHon aller hulloniachen naidkia teilhaftig 



Die Litterator des Urchristentums: Stil des Lukas. 483 

gehalten warde, ein Evangelium in einer Ennstsprache wäre ein 
Unding gewesen. Zweitens. In dem Eyangelium hat man den 
einzigen Satz, den der Verf. ganz frei komponierte, durchaus 
abzutrennen vom übrigen: das ist der eine Satz, in dem das 
ganze Proömium enthalten ist und der neben dem AnfiEUigssatz 
des Hebraerbriefs anerkanntermaüsen ^) die bestgeschriebene 
Periode im ganzen N. T. ist: insidiiitsQ leolXol ixexsifriöav 
ivcetä^aö^ai, di^i^yriövv \ xsqI r(bv xsfCkifi(foq>0(friiidva}v iv '^^ltv 
TtQayiuitayvj | xad'hg naQiÖoöav fjfitv oC iai i4f%fi% aiyc6nxai nuti 
i)7cri(fitai, ysvöfLevoi^ rov Xöyov^ \\ iäoJ^sv xifiol xaQtpcokovdTixöti 
av(o9'sv 7tu6iv ixQiß&g \ xa^B^f^g 601, ygA^taiy xQtitiöts 966g>i^j \ 
Iva hciy^^g lUffl bv xatrixfi^s Xöyiov tijv &6(pdXsucv. Wenn 
der Mann, der diesen nach Inhalt und Form hellenisch ge- 
dachten Satz geschrieben hat, im Eyangelium selbst einen ganz 
verschiedenartigen Stil zeigt, so beweist er damit, dafs er — 
aus dem angegebenen Grunde — hier nicht so hat schreiben 
wollen. Drittens. In der Apostelgeschichte sind die ver- stiUitiMhc 
schiedenen Schichten, deren Vorhandensein von der höheren a^JJ^Ji, 
Kritik unwiderleglich festgestellt worden ist*), durchaus zu"^«'Teu« 
scheiden, a) Es giebt Partieen, die gut stilisiert sind, und wieder 
solche, an denen der griechisch empfindende Leser sofort Anstofs 
nimmt. Zu ersteren gehört der vermutlich von Lukas selbst 
geschriebene Bericht des Augenzeugen, der sog. „Wir-Bericht", 
z. B. läfst sich nichts Klareres und Sachlicheres denken als die 
Darstellung der Seefahrt und des Schiffbruches (c. 27 f.); von 
dem Verfasser dieses Berichts ist auch ziemlich sicher das 
kurze Proömium, dessen Verfasser bekanntlich identisch ist 
mit dem des Lukasevangeliums: wenn nun dieses Proömium 
nach dem wieder echt griechischen Anfang rbv fikv nQ&rov 
X&yov iTCOL'qftdfiijv nefl nävtcov, & 9e6g>tX€ xxk, kläglich in 
die Brüche geht, so begrüfst man ein absolut sicheres, 
auf Gründe von unantastbarer Gewahr gestütztes Ergebnis 



1) Cf. Blass 1. c. 274. M. Erenkel, losephus u. Lukas (Leipz. 1894) 
50 ff., dessen weitere Folgerungen aber unhaltbar sind. 

2) Cf. u. a. Weizsäcker 1. c. 199 ff. A. Gercke im Hermes XXIX (1894) 
374 ff., dessen scharfsinnige Darlegungen und Schlüsse für mich überzeugend 
sind, während ich mit der neuesten Hypothese so wenig mitkommen kann 
wie Hamack (Sitzungsber. d. Berl. Ak. 1896, 491 f.) u. a. 

Norden, antike Konitprosa. II. 32 



484 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

der Kritik^) auch yom stilistischen Standpunkt aus mit 
Genugthuung: diese Vorrede ist schwer interpoliert und da- 
durch ist der Satz gründlich verdorben worden. Aber nicht 
blofs der Verf. des „Wir - Berichts " schreibt gut, sondern 
auch der unzuverlässige Berichterstatter, dessen Erzählung 
von der jerusalemischen Gefangenschaft des Paulus mitten 
zwischen die Wir -Stücke eingekeilt ist (21, 18 Mitte bis 
26, 32), auf den die Schilderung des inhaltlich in dieser Form 
undenkbaren Apostelkonzils (c. 15; hier z. B. dreimal, V. 22. 
25. 28, das echt griechische iÖol^ev airtotg, sonst nur noch ev. 
Luc. 1,3, sowie der vortreflFlich geschriebene Brief V. 23 flf.) 
und des ebenfalls so unerhörten Aufenthaltes des Paulus in 
Athen (17, 15 ff.) zurückgeht. Alle diese und andere gut ge- 
schriebenen Partieen zeigen eine gewisse Übereinstimmung in 
einigen Einzelheiten, z. B. kommt nur in ihnen die gut grie- 
chische Figur der Litotes vor, darunter ein so griechischer Aus- 
druck wie oix * tvxAv (19, 11. 28, 2).*) Ob der Verf. der 
Wir- Stücke (Lukas) und der Anonymus gleich gut schrieben, 
oder ob der endgültige Redaktor auch stilistisch uniformiert 
hat, wird nicht sicher festzustellen sein, aber wahrscheinlicher 
ist das erstere, weil man sonst nicht begreifen würde, warum 
der Redaktor eine so groDse Zahl von Partieen stilistisch nicht 
gebessert haben sollte, b) Wer sich von dem Stil dieser schlecht 
geschriebenen Partieen eine Vorstellung machen will, der lese 
z. B. die Rede des Stephanus c. 7 und vergleiche sie mit den 
Reden, die Paulus c. 22 ff. hält: der Mann, der jene verfafst hat 
(inhaltlich der Sachlage wenig angemessen: Weizsäcker 1. c. 56, 
und durch ihre sonderbaren Abänderungen der Septuaginta- 
Überlieferuug aus allem übrigen herausfallend), fühlt und 
schreibt ungriechisch: wer von Judengriechisch eine deutliche 
Vorstellung hat und beispielsweise weifs, dals eins seiner Spe- 
zifika die mafslose Häufung der obliquen Easus von aitög ist 
(aufser den jüdischen Schriften bieten auch die Evangelien 
massenhafte Belege^), findet das hier wieder, z. B. in folgendem 

1) Cf. M. Sorof, D. Entstehnngsgesch. d. Apostelgesch. (Berlin 1890) 
51 f. und (unabhängig davon) Ocrcke 1. c. 389 f. 

2) Cf. Krenkel 1. c. 328; 336. 

3) Cf. A. Buttmann, Gramm, d. nt. Sprachgebrauchs (Berlin 1859) 
93 if. 105 f. 



Die Litteratar des ürchristentams : Stil des Lukas. 485 

Satz: V. 4 f.: tits il;€l&hv ix yijg XakÖaCmv xcetpxriöev (sc. 
*j4ßQad(i) iv XaQgdv. x&xstd'sv yLBxä xh Ano^avatv thv naxiga 
avtov fjLStpxi(f£V avrbv slg xi^v yf^v xaiitijv slg i\v {}^6tg vvv 
xaxoi^xstxej xal oix idoxev aixm xkriqovofiCav iv aixy oidl 
ßfjfia nodögj xal iicriyytCkttxo öovvav aix^ slg xaxA6%66i,v aix'^v 
xal xdi öndQfLOXi aixov {ux* aixov oix üvxog aixm xixpov. 
In der ganzen Rede (53 Verse) findet sich kein einziges (idv^ 
geschweige denn (idv — di (cf. darüber oben 8. 25^ 3), auch sonst 
ist der Partikelgebrauch, dieses sicherste Kriterium fdr den 
griechisch Denkenden^ von grenzenloser Dürftigkeit, dagegen 
allenthalben Hebraismen in Fühlen und Sprechen. Doch ver- 
folge ich diesen Gesichtspunkt hier nicht weiter für andere 
Stücke der Apostelgeschichte: das Gesagte mag genügen, einer- 
seits zu beweisen, daTs es bedenkUch ist, trotz solchen Kennern 
wie Holtzmann (Z. f. w. Theol. 1881, 414) und kürzlich wieder 
Blass, philologische Untersuchungen sprachlicher Natur über die 
Apostelgeschichte wie über ein einheitliches Werk anzustellen, 
andererseits zu zeigen, wie hier m. E., in engster Fühlung mit 
der höheren Kritik methodisch vorgegangen werden mufs. 
Viertens. Bei dem unter Lukas' Namen überlieferten Evan- sprach- 
gelium ist die sprachliche Analyse deshalb einfacher, weil wir gtuittisoho 
hier die anderen Evangelien, vor allem also Matthaeus und ^e7dref 
Marcus, zum Vergleich heranziehen können; ich bemerke aber, Sjnoptikei 
dafs Lukas aus dem oben angegebenen Grunde nur mit sehr 
schonender Hand gefeilt hat. Ich habe an der Hand der äufser- 
lich bequem eingerichteten „Synopse der drei ersten Evangelien^' 
von A. Huck (Freiburg 1892) eine stilistische Vergleichung — 
wenigstens oberflächlich — vorgenommen, wobei sich mir das 
Resultat ergab, dafs Lukas an einer überaus grofsen Anzahl von 
Stellen das vom klassicistischen Standpunkt aus Bessere hat 
(besonders bemerkenswert sind die von mir in den Anmerkungen 
angeführten Stellen der atticistischen Lexika), während die 
gegenteiligen Fälle quantitativ und qualitativ kaum in Betracht 
konmien. Ich will die wesentlichsten Punkte hier tabellarisch 
zusammenstellen, wozu ich nur bemerke, dafs überall da, wo ich 
die eine Tabelle leer lasse, der betr. Evangelist den betr. 
Stoff nicht aufgenommen hat; da ich bei den Lesern sprach- 
liches Gefühl voraussetze, werde ich nur selten nähere Moti- 
vierungen anzugeben brauchen; die Beispiele sind einigermafsen 

32* 



486 



Von Hadrian bis zum Ende der Euserzeit. 



saclilich geordnet; von den Fällen , in denen Lukas mit einem 
der anderen gegen den dritten das Bessere hat, sind nur ganz 
wenige aufgenommen.^) 



Marcus. 

16, 15 tbv *Iriaoi)v q)Qa- 
ysXlAaag nccgidioTtsv 

12,42 XentädvOfSiativ 
%odQdvtrig 

12, 14 Tifjvaov 

15, 39 %Bvtvql(av 

11, 9 f. diOavvd 

14, 45 ^ap^Bl 

15, 22 inl xhv Fol- 
yod'&v tinovj Z i- 
ativ (i€9eQfirivev6fie- 
vov KgavCov t6nog 

15, 34 iXwt iXoat lafiic 
aaßax^'avi 



13, 16 6 eis tbv &yqhv 
lii} iniaTQBrpdtü) slg 
Toc öniücü („zurück- 
kehren") 



Matthaeus 
5, 26 %o8Qdvxriv 
27, 26 ebenso 



22, 17 ebenso 

27, 54 k%uxovxdg%rig 

21, 9 ebenso 

26, 49 ebenso 

27, 83 Big x6nov Uy6- 
fisvov FoXyod'äf Z 
iötiv KquvIov tdnog 
Xsyöfitvog 

27, 46 ebenso 



24, 47 dfii^v 

23, 39 0^ f*i} M ^^n^^ 
&n' &QTI i<og ^v 

26, 29 &n' &Qti 
. 26, 64 &n' Äprt ') 

24, 18 6 iv tA &yQÄ fii} 
iTtiötQStpdta 6nia(o 



Lukas 
12, 59 XBnx6v 
23, 25 tpQayBXX&ccig 
fehlt 

21, 2 XBUxa dvo 

20, 22 (poQOv 

23, 47 knaxovxdgxrig 

19, 38 &, fehlt 

22, 47 f fehlt 

23, 33 htl xhv xdnovxbv 
TiaXovfiBvov K^avCov 



23, 46 abgeändert mit 
Auslassung des Ara- 
mäischen 

12, 44 &Xrfi&g und so 
öfters*) 

13, 35 oi) fi^ üdBti fiB 
icag TJ^Bi 3tB BÜnrixs 

22, 18 Q;7r6 xov vvv 
22, 69 anb xoi) vüv 
21, 21 oi iv xatg xc^patg 
(lil Bl6BQXBa9'(06av slg 
aisx^v (sc. x^v n6Xiv) 



24, 38 XQ&yovxBg*)%a\ 17, 27 f^o^iov hcivov^ 
nivovxBg^ yafiovvxBg iydfiovv iyafil^ovto 

xal yaiilSovTBg 



1) Was C. Nösgen in: Theol. Stud. u. Krit. 1877, 472 ff. über die Sprache 
des Lukas anfülirt, ist wertlos ; einiges (nur z. T. Richtige) Krenkel 1. c. 44 f. ; 
besser schon J. Hug, Einl. i. d. N. T. II ^ (Stuttg. 1826) 159. 

2) Cf. Cremer 1. c. (o. S. 472, 1) p. 144 : „Bei L. findet sich &(iijv am 
seltensten, er ersetzt es durch ^Xrid-öbg (9, 27; 12, 44; 21, 8), in icXri^slag 
(4, 25), vai (11, 51), nX^v (10, 14; 22, 21), Xiyto ^fitv, Xsyoi coi (cf. L. 7, 9 oo 
Mt. 8, 10, und so öfters)." — Fremdsprachliche Worte fehlerhaft: s. o. S. 60, 2 ; 
üher tiodQdvTrig u. yifjvaog cf auch Th. Zahn, Einl. in das N. T. (Leipz. 1897) 46. 

3) &7c' ccQti für &7TÜ rov vvv wird von den Atticisten gerügt: cf. Lobeck 
zu Phryn. p. 21. 

4) Phot. p. 231 N. TQSyBiv oixl xb iaQ-isiv anX&g^ iXXce xa XQayi^fittra 



Die LitteratuT de» ürchristentamB; Stil des Lokaa. 



487 



1 , 36 ngcait üvw^cc 
Xiav 



24, 28 Znw) iccv ^ t6 
nt&(ia^\ i%8l 6VV' 

xoL 
24, 46 xl^ &Qa iotlv 6 
ni^nbg doüXog nai 
q>Q6vtfiogf hv %ati' 
0tria8v 6 %vQiog inl 
ti^ ol%8tBiag ai- 

24, 49 cwdovXovg^ 

24, 51 vno%Qit&v 
(„Heuchler") 

25, 14 indlsasv tovg l- 
diovg dovXavg 

25, 19 evvaigst Xoyov 
fi£r' a{ft&v („hält 
Abrechnung mit 
ihnen") 

25, 20. 22 itiigdfiöa*) 
nivre xaXavxa 

25, 21 8h 

25, 24. 26 di8C%6üni' 
eag^) 

3, 9 ftT^ dofijra Xiy8iv 

iv iavtotg („tragt 

euch nicht mit der 

Einbildung zu sa- 
gen") 



17, 37 Snov rb 6dltfia, 
iuBt xal 6vpax9^' 
aovtai ol &8toL 

12, 42 tig &Qa iarlv 6 
mctbg ol%ov6fiog 6 
tpQÖvtykog^ hv nata- 
ariJ68t 6 HVQiog inl 
tljg ^SQanslag ai- 
roO 

12, 45 tohg natdccg xal 
xkg naidicaag 

12, 46 &niat(ov *) 

19, 13 %aXicag S\ 8i%a 
liovXovg kavxo^ 

19, 15 durch Umschrei- 
bung beseitigt 



19, 16. 18 beidemal d. 
Umschreibung besei- 
tigt 

19, 17 f^ye«) 

19, 21. 22 beidemal l- 
ansiQag 

3, 8 fiii &(f^ria&8 X. L L 



4, 42 y8voiiivrig dh i^ii' 
Qug 



nal XQwnxoc yMovfUva^ cf. manducare. Auch das asyndetische xsxgdmoXov 
ist gewähljce Diktion, cf. meine oben (S. 289, 8) genannte Abhandlung. 

X) Ux&iuc gebrauchten ol v^v für den Toten, die Alten hätten dann 
aber ijnmer v8%Qo(i hinzugefügt: Phryn. 875 L., in Wahrheit ist aber nicht 
Guur^al nx&iuc v8%ifoe attisch, cf. Lobeck z. d. St. 

2) Moeris p. 273 P. 6it>6dovXog &xxi'K&g, avvdovXog iXXrivtyt&g. 

8) Doch hat er sonst öfters das in diesem Sinn unantike Wort bei- 
behalten: Cremer 1. c. 570 f. 

4) ünattisch: Lobeck 1. c. 740. 

5) Als Akklamation beliebter als sh. 
ß) Unattisch: Lobeck 1, c. 218. 



488 



Von Hadrian bis zum Endo der Eaiserzeit. 



6, 86 ijdfi &Qas noXlfje' 
yBvoiiivrig 

14, 17 d^lccs ysvofiivrig 

15, 42 &ipLae yBV0(iivrig 
1, 32 &ipiccg ysvofiivrig 



M 



9, 42 (i^Xog övtnog 
12, 20 0^ &(pfj'Ktv^ 
antQfiM („hinierliefs 
keine Nachkommen- 
schaft") 
12, 22 <yb% &(pflyLav 

14, 38 yffriyoQstte *) 

14 , 49 iTigatBlti fi£ 
(„suchtet mich zu 
greifen") 

12, 12 iti/itovv ai>Tbv 
HQtttfjaat 



14, 66 (ccnUf(iMavv a{)t6v 

ilaßov 
10, 25 (atplg 
5, 41. 42 yiOQciöMP^) 



'14, 15 öipiag dh yBvo- 
lifvrig 

26, 20 ebenso 

27, 57 ebenso 
8, 16 ebenso 

18, 6 ebenso 

'22, 25 iiLii l^%<ov cniq\ia 
Aqffj'KBv rriv yvvatna 
aiftoi) Tip &d£X(ptp 
aiycov 



26, 41 ebenso 
'26, 55 ixQctnjaati ^is 



21, 46 iriroi}VTsg a{)tbv 
nQatijacct 

5, 39 3atig 6S (aniisi 
26, 68 tlg iattv 6 nal- 

aag 6S 
19, 24 ebenso 
9, 24. 25 ebenso 



'9, 12 17 ^^ iH^iga Hgiavo 
TnXCvBiv 

22, 14 ZxB iyivsTO ij &qu 

23, 50 6. y, fehlt 

4, 40 dvvovtog dh tov 

iiUov ') 
17, 2 Xi^og iivXi%6g*) 
' 20, 29 icni^apsv atsavog 



20, 31 o^ %uxiXinov te- 

xya*) 
22, 46 &va6zdvteg {jtQOö- 

22, 53 i^Btslva9€ tag 
XSiQccg ifc' ifii 

20, 19 itv^riöav inißa- 
Xetv in' aiycbv tag 
XBlgag 
6, 29 Tflo tvnzovti ob 
22, 64 wie Matthaeus 



l 



18, 25 (JfXiJvjj*) 
8, 51. 54 beidemal ^ 
nalg 



1) '(hpCa substantivisch wird von den Atticisten gerügt, cf. R. Reitzen- 
stein, Gesch. d. gr. Etymologika (Leipz. 1897) 393; gut ist Mr. 11, 11 &ipCag 
^dij o%crig tf^g &Qag\ mgag noXXilg (ohne yBvofiivrig) hellenistisch (Polyb. V 
8, 3), ij &Qa die bestimmte Zeit gut griechisch. 

2) Die Atticisten (Moeris 262) unterscheiden ^ivXog (der untere Mühl- 
stein) und 6vog (der obere M.), also kann danach fwXog dviaög nicht gesagt 
werden. 

3) Es ist doch sehr bezeichnend, dafs Lukas das in diesem Sinn he- 
braisierende Wort aniqyM (cf. darüber die feinen Erörterimgen Cremers 
1. c. 898 ff.) nur an zwei Stellen hat, von denen die eine (20, 28) ein 
Citat aus der Septuag., die andere (1, 55) eine direkte Beziehung auf 
diese ist. 

4) ünattisch und von den Atticisten gerügt: Lobeck 1. e. 119. Lukas 
hat es zweimal, aber da, wo die ursprüngliche Bedeutung durchschimmert: 
12, 37. 39. 

5) Phiyn. 90 L. PbXovti xal ^BXovonmXrig &g%a.la. ij Ss (acplg tC ietiv 
o'byL av Tig yvolti. 

6) Wird von den Atticisten einstimmig mit den schärfsten Ausdrücken 
gerügt: Lobeck 1. c. 73. 



Dio Litteratar des Urchriatentnms: Stil des Lpkas. 



489 



15, 21 &yyaQ£vovai(f,BiQ 
nötigen") 

1, 88 yuoit,{m6l£ig 

3, 6 avfißovXiov inoLriaav 
xar' a'btovj Snoas ai- 
xbv dnoliacaatv 



11, 2 svQfjasts nätlovde- 
dsfiivov, iq>' 8y o^- 



15, 42 'Icaaritp 8{f6xiJlKov 
ßovXsvtrig 



12, 7 TtQÖg iavtovg et- 
nav 

6, 39 inha^sv ccbtolg 
&vanllvat ndvtag 
avfiitoaia avfino- 
6ia inl ro9 x^^9^ 
X^Q^fP' ^^^ &vsn£- 
accv yCQaaial nga- 
aiaij Tiatä kuccrbv 
xal xofra nsvn^novtci 

10, 22 ^f yäQ Ixov xrtj- 
fuxra noXXd 

12, 44 avrri ndvta Zca 
tlxiv ^ßalev, ZXov 
thv ßlov ainiig 



27, 32 riyyaQSvaap 



12, 14 avfißovXiov iXa- 

ßov TLtX. 

5, 26 ^nrigitTig 

6, 26 oifx i>(iBtg (i&XXov 

diaqfigsts x&v res- 
tsiv&v; („seid ihr 
nicht viel besser als 
die Vögel?") 



8, 9 dv^ganog^nbi^ov- 
eiav 



11, 21 ndXai av iv adm- 
xco xocl (TTTodflo fifre- 
vÖTiaav 

21, 38 sinov iv kavtotg 



19, 22 ebenso 



23, 26 durch Umschrei- 
bimg beseitigt*) 

4, 43 ndXeig 

6, 11 disXdXovv ngbg dX- 
Xi/jXovgj xi IStv noi- 
iJ6aisv xtp 'Iriaoü 

12, 58 ngdyixmQ („Ge- 
richtsvollzieher") 

12, 24 nöetp näXXov {>- 
(istg diaq>iQSXi x&v 
uBXHvibv 



19, 30 k. n. d. , i. 8. 
oi) 6 Big nmn ot e 
&v9'QAnmv ^ x a ^ t - 
asv 

7, 8 &. V. L xaaa6(isvog 

23, 50 7. ßovXevxiig ^- 

10, 13 TtdXat otv iv ad%' 
xfld xal anoda xa^i{- 
(isvoi fisxev6ri6av 

20, 14 SisXoy^ovxo ngbg 
dXXi/jXovg Xiyovxsg 

9, 14 ncixccriXivaxs ai- 
xovg %Xiolag dva*) 
ntvxi/iiiovxcc 



18, 23 i^v yocQ nXovatog 

6fp6dQa 
21, 4 avxri ^"J^^^xa xbv 

ßiov hv bIx^v ißccXev 



1) Das Wort gehört der xoivri an und wird als ßdgßuQog qxovij von 
den Klassicisten nicht gebraucht; cf. auch Zahn 1. c. (486, 2) 46 f. 

2) Hier ist die doppelte Negation nicht griechisch. 

3) Das Perf. ist nur hellenistisch. 

4) &vd in distributivem Sinn ist der Hotvi/i imbekannt, von den Atti- 
cisten restituiert: W. Schmidt, D. Atticismus IV (Stuttg. 1896) 626. 



490 



Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 



13, 2 ai ftii &q>e»1l U- 
&09 inl XC&ov („es 
soll nicht ein Stein 
auf dem andern ge- 
lassen werden") 

26, 16 iSi/itst 8^%aiQlav^ 

15, 38 vb natccxitaaiia 
iaxlö9ri elg d^o &nb 
ävmd'Bv img xcErco 

14, 71 o{}% olda tbv &V' 



14, 30 tiflg f(£ &7caQvi/J6'ii 

12, 28 iCQoaBl&aiv elg] 

ygafiiuctsvg 
10, 17 fCQOöÖQafiav slg 

inriQmva ai>x6v 
14, 66 {lia t&v naidia%&v , 



24, 2 ebenso 



21, 6 oi (L. &. Xi^og i%\ 



27, 51 tb X. i. äwto^sv 
img %drm elg dvo 

'26, 74 ebenso 

25, 12 o^x olda 'bfiäg 

26, 34 ebenso 

8, 19 ebenso, cf. 22, 35 



' . 



19, 16 slg ngoaeX&cDv 

aitx^ slnev 
,26, 69 fiia fcatSianTi 
13, 8 iöovtai asusfiol 24,7 iaovtai Xtftol %al 
%axä tonovg, iaovxai asiöfLol %atä t6novg 

Xifiol 



22, 6 i. s^%aiQiav vov 
nagado^vai aiyt^v 

23, 45 %b X. ic%io%^ fU- 
cov 

'23, 60 oi)% olda 8 Xiysig 

13, 25 oi%olda^iUcgn6' 

&BV iati^) 
22, 34 tglg &naQvrjay 

(lil sldivai fus *) 
10, 25 voftinLog rig ävi- 

atriy cf. 9, 57 
18, 18 intiQmrriaiv tig 

a{)x6v 
, 22, 56 nai8Lü%r\ tig 
21, 11 asiaiiol ts iieyd- 

Xoi xal %atä ronovg 

Xifiol xal XoiiLol^) 

icovxai 



Auch einige Perioden bildet Lukas besser als die beiden an- 
deren (ohne dafs er durchweg gut periodisierte), doch habe ich 
mir aus yielem nur weniges notiert, z. 6.: 

1, 10 f. xal Bi>^hg kva- 3, 16 f. e^^^g kvi^ii\itnb 3, 21 f. iykvf^xo d\ ivv^ 
ßalvmv i% xo^ vöa- toü vdaxog. xal Idov ßanxia&ijvai anavxa 



1) So wird es erst gut griechisch. 

2) Luc. 22, 57 steht iiQvi^aaxo aixöv nur in einigen Ausgaben, die 
Hds. haben a{jx6v nicht; aber Luc. 22, 61 hat äna^vBlc^ai c. acc. der Person 
wie Mr. 14, 71. Mt. 26, 75 und ic^veUs^ai, c. acc. d. Pers. 12, 9. 

3) Eine seit Hesiod und Piaton äufserst beliebte allittericrende Ver- 
bindung. In den Evangelien konmit nur noch ein Wortspiel vor, und zwar 
ein sehr berühmtes: Mt. 16, 18 %&ym di aot Xiyat oxt av sl IlixQog, xal inl 
xavx'd xfj nixQa olTiodoin/jaco fiov xriv innXriaiav: selbstverständlich ist das 
X6yiov so nicht ursprünglich, sondern erst von einem griechischen Bearbeiter 
zurecht gemacht, denn über den Standpunkt-, wie er im vorigen Jh. z. B. 
von dem Neapolitaner D. Diodati in seiner Schrift De Christo graece lo- 
quente (1767) vertreten wurde, sind wir hoffentlich ein für alle Mal hinaus 
(den losephud anzuführen wird sich der Kundige hüten, cf. auch Zahn 
1. c. 8,1; 40,1). Cf. über jene Stelle Weizsäcker 1. c. 467. 



Die Litieratur des Urchristentums: Stil des Lukas. 



491 



tog ilSsv axttofii' 
vovg tohg ovgavovg 
xal rb fcvsvfjLoc &g 
nsQiatfQäv Kataßat- 
vor elg ccvt6v. %al 
qxovil iyivBTo i% t&v 
ovgav&v Sv hl b 
viög (lov 6 äyanri- 
rdff, iv aol Bvdd- 
xriaa 



ijvstpx&Tiftav ol ovga- 
volj nccl sISbv nve^' 
lia d'80^ naraßatvov 
cbtffl neQKnsgäv ig- 
x6fMvov in' avx6v. 
«crl Uioh qxori} ix 
t&v ovgaw&v Xiyov- 
<ta %tX. 



Besonders eine bestimmte Art der Periode, 
Participialkonstruktion gebildete hat Lukas 
Xi^ig elgoiiivri der anderen: 



10, 28 ISoh 'fifutg &q)i/i' 
naiieif ndvta %al ij- 
xoXov^xaiUv <toi 

11, 7 xal (pigovaiv tbv 
n&Xov ngbg tbv 'It}- 
60ÜV xal inißdXXov- 
civ airz^ tä lyMXia 
kavt&v xal iiid^i' 
OBv in' aiycbv 

14, 49 xa&' ijiiSQav ij- 
IJkriT ngbg {>fi&g iv 
vm Ugip diddaiuov 
xal oix ixQavstti fte 

cf. 12, 18 
cf. 14, 16 



10, 17 Ti noir^aon^ iva 
tmriv almvLOv xXriQO- 
voyLr\0(o 



19, 27 ebenso 



21, 7 ijyayov tbv 6vov 
xal tbv n&Xov xal 
inidiqxav in' aitt&v 
ra indticc xal ins- 
%d9'i6Bv indvco a{f- 
t&v 

26, 55 "mlO"' iifiigav iv 
tm Isgm inad'siöftriv 
SUidaxmv xai oi)x i- 
xgati^aati (ib 

22,23 

cf. 25, 14 

cf. 8, 21 

19, 16 tl &ya&bv not- 
riam^ 2va a%& Sonriv 
aUbviov 

25, 29 tm yicQ ix^vti 
navtl dodi^öBtai xal 
nBQLaöBv^astar tov 
dh iiri ixovtog, xal 
8 ^X^i &Qdi/ia£t ai &n* 
aifto^ 



tbv Xabv xai 'Iri- 
aoü ßantia&ivtog %al 
ngoöBvxoiiivov &vb- 
ipX^^^'' ^^ (ybgavbv 
%al xataßfjvai tb 
nvBii(ia tb &yiov am- 
fuxnxco büSbi &g nB- 
QiCtSQäv in' avt6vy 
%al tpmviiv ii ovQa- 
vo4) yBvia^at xtX,^) 

nämlich die durch 
oft gegenüber der 

18, 28 Idoh iifAStg dtpsv- 
tsg tcc I9ia i\%oXov' 
9"fiaaikiv aoi 

19, 35 xal rjyayov av- 
tbv ngbg tbv 'Iriaoüv 
xal inigifpavtsg aih- 
tmv tcc Ifidtta inl 
tbv n&Xov inBßißoL- 
aav tbv 'Iriaovv 

22, 53 xad'' ii^igav öv- 
tog iiov ftBd'* 'bfi&v 
iv tm Ibq<p o^x i^B- 
tBlvatB titg x^^Q^S 
in' i(iB 

20,27 

22, 13 

19, 13 

9, 59 

18, 18 tl noiT^aag J^to^v 
aUiViov xXriQOVOfii/}' 
ato 

19, 26 navtl t& ^;|royrt 
dod'i^öBtai^ &nb dh 
tov f(^ ix^vtog xal 
8 ix^i &Q&ijastai. 



Dagegen habe ich das umgekehrte Verhältnis so gut wie nie 



1) Wer das f^d'og der Stelle besser getro£Pen hat, Lukas oder einer der 
anderen, fühlt wohl jeder. 



492 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

gefundeD, doch vgl. Mt. 24^ 45 tQotpiiv Lc. 12, 42 öitoiistQcov 
(Phryn. 383 verbietet, statt öttov (istQStö^ai zu sagen öLto^- 
XQstöd'aLj Diodor hat öcto^BXQiccy Plutarch öltö^tqov). Mt. 24, 48 
XQOvi^sc (lov 6 xvQiog, Lc. 12, 45 fügt iQxeöd-ai hinzu. Mt. 19, 25 
tig &Qa Svvccxai ffoDQ'fivai', besser als Mc. 10, 26 und Lc. 18, 26 
xal rig Stivatai 6(o%f^vav\ Mt. 21, 46 iritorrvtag aircov XQatijöaL 
iq)oß^d7i6av roi)g Sx^ovg gegenüber Mc. 12, 12 ^gijrovv ccircbv 
XQarfiöccL xal ifpoßild-riöav tbv Z%Xov und Lc. 20, 19 i^T^vriöav 
iTCißaXstv in aitbv tag x^^Q^S ««^ i(poßii9ri6av tbv Xaöv. 

Die Wichtigkeit solcher denkbar einfachen, rein sprach- 
lichen Analysen, deren Vermehrung dringend erwünscht wäre, 
leuchtet ein, z. B. belehrt mich für den vorliegenden Fall mein 
Kollege Ä. Gercke, daJB dadurch die Benutzung des Matthaeus- 
evangeliums seitens des Lukas endgültig erwiesen werde, da es 
ja undenkbar sei, dafs im umgekehrten Fall Matthaeus die 
stilistisch guten Ausdrücke des Lukas absichtlich vulgarisiert 
haben solle. 

2. Die Briefe des Paulus. 

Liitermr- Auch sic will Overbcck 1. c. (o. S. 477) 429 noch nicht 

steUnng. zur eigentlichen Litteratur gerechnet wissen. Denn, wie er sagt, 
„das geschriebene Wort ist hier, ohne als solches etwas be- 
deuten zu wollen, weiter nichts als das durchaus kunstlose und 
zufällige Surrogat des gesprochenen. Paulus schrieb an seine 
Gemeinden nur um ihnen schriftlich zu sagen, was er ihnen 
mündlich gesagt hätte, wenn er jedesmal an Ort und Stelle ge- 
wesen wäre.*' Das ist richtig: Paulus selbst hat auf seine 
schriftstellerische Thätigkeit gewifs noch weniger Gewicht gelegt 
als Piaton; aber die Brieflitteratur, selbst die kunstlose, hat 
nach den Anschauungen d^r damaligen Welt doch eine viel 
gr(*)rsere Htterarische Existenzberechtigung gehabt als wir heute 
nachempfinden können: der Brief war allmählich eine litte- 
rarische Form geworden, in der man alle möglichen Stoffe, ge- 
rade auch wissenschaftliche, in zwangloser Art niederlegen 
konnte. So erklärt es sich, dafs die pauliuischen Briefe dem 
hellenischen Empfinden wieder um einen Grad näher stehen 

^i^^^;;"*f^"'mufsten als die Apostelgeschichte. 

•HeiJeiii«- Der Apostel Paulus hat in dem 2. Brief an die Korintlner 

Miius. das berühmte Wort von sich gesprochen (11, 6), Idiioxrig tiS 



I . 



Die Litteratur des Urchristentums: Paulas. 493 

löyp, «AA' 0%} tri yv66eij und an dieselben schreibt er(I2, Iff.): 
xayh iiJ&hv nQog ifiäg^ ideXfpoi^ ^Mov oi xa^' wcsQoxiiv Xöyov 

rf 6oq)iag TcatayyikXcav ifitv rö (laQtvQiov tov d'sov xal 

6 Xöyog fiov xal rö xij(fyyii(i (lov oinc iv xei^ot 6oq>iag Xöyoig^ 
iXXä iv äTCoöei^et TCvsv^uxtog xal dvvd(uag. Man mufs sich die 
Zeitverhältnisse vergegenwärtigen, um das Gewicht dieser Worte 
gauz zu fassen: er schrieb das zu einer Zeit, als die Kunst der 
Rede alles galt, Weisheit ohne sie nichts, er schrieb es vor 
allem an Bürger einer Stadt, in der die Rhetorik anerkannter- 
maisen in hohem Ansehen stand. ^) Wie verhält sich nun zu 
diesen Au&erungen der Stil, in dem er thatsächlich schreibt? 
Wollte ich genau darauf eingehen, so müiste ich zuvor die 
äuiserst schwierige Frage behandeln, inwieweit Paulus Kenntnis 
der heidnischen Litteratur besals, überhaupt wie er sich zum 
Hellenismus stellte. Meine allgemeine Ansicht in dieser Frage ^) 
habe ich schon oben (S. 472 S.) ausgesprochen. Während ich 
früher, wenn ich seine Briefe las, geneigt war, zwischen den 
Zeilen Piaton und die Stoa zu lesen, bin ich jetzt längst über 
einen solchen — unwissenschaftlichen — Standpunkt hinaus- 
gekommen, den, wie ich zu meiner Verwunderung sehe, sogar 
einige Theologen noch einnehmen.^) Unter den Neueren hat 
wohl keiner das hellenische Element der Briefe des Apostels 
mafsloser übertrieben als C. Heinrici, Erklärung der Korinthier- 
briefe II, Berlin 1887. Gegen die Methode, mit der in diesem 
Werk die hellenische Litteratur, vor allem die Redner und 
Philosophen, herangezogen werden, mufjs ich laut Protest er- 
heben. Ich bitte denjenigen, der etwas von antiker Rhetorik 



1) Cf. besonders die oben (S. 422 ff.) behandelte korinthische Rede des 
Favorin. Das hat übrigens schon Johannes Chrys. de sacerdotio IV 5 (48, 
667 Migne) bemerkt: öiaQQridriv diioXoyst Ididtrriv iavtbv slvai xal tavta 
KoQivd'lois iniatiXXmv volg &nb tov Xiysiv d'aviuciofiiwois xal fteya inl voi)to 

tpQOVO^ftlV. 

2) Cf. auch E. Hicks, St. Paul and Hellenism in: Studia biblica ot 
ecclesiastica IV (Oxford 1896) 1 ff., der gleichfalls vorsichtig urteilt; ebenso 
Hamack, Dogmengesch. P 91. 

3) Wenn einige aus der Thatsache, dafs Paulus die wenigsten Briefe 
mit eigener Hand geschrieben hat, eine Ungeübtheit im Griechisch- 
Schreiben glauben erschliefsen zu müssen, so ist das natürlich wieder nach 
der andern Seite viel zu weit gegangen; wie darüber zu urteilen ist, habe 
ich im Anhang H g. E. auseinandergesetzt. 



494 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

versteht — der Verf. scheint seine wesentliche Kenntnis aus 
Volkmann zu schöpfen — die Kapitel 10 — 12 des zweiten Ko- 
rintherbriefs zu lesen und sich zu fragen^ ob er darin ^^die be- 
währten Mittel der antiken Verteidigungsrede^' (p. 403) erkennt: 
gewifjS; insofern jeder Mensch^ der sich zu verantworten hat^ ver- 
wandte Töne anschlägt^ aber mufs er die von anderen erlernen? 
Von demselben Genre ist^ was p. 573 nach Comificius und 
Aphthonios über die Chrienform — & ^eol xal d'sai — von 
ep. ad Cor. I 8 — 10 vorgetragen wird, und anderes der Art, 
was, wer Lust hat, bei dem Verf. selbst nachlesen mag. Paust 
etwas nicht ganz genaui dann heilst es: y,selbstver8tändlich ist 
hier nicht eine schulmälsige Nachahmung, sondern eine freie 
und zweckentsprechende Ausnutzung bewährter Beweismittel be- 
hauptet*' (p. 573, 2), oder es wird von blofser 'Analogie* ge- 
sprochen. In letzterem Punkt befinde ich mich ausnahmsweise 
mit dem Verf. in Übereinstimmung: aber die ganze Haltlosig- 
keit seines Standpunktes ergiebt sich gerade aus dem Mifs- 
brauch, den er mit diesem Wort treibt; er ist sich offenbar 
selbst darüber völlig im unklaren, wo er von 'Analogie', wo er 
von direkter 'Benutzung' reden soll; ganz rätselhaft ist mir, 
was er meint mit Worten wie p. 403: ,,Paulus könnte sich 
für dies Verfahren die Worte des Demosthenes an- 
eignen: 'So verschlagen du auch bist, Aeschines, so hast du 
doch dies ganz thöricht geglaubt u. s. w.'.^^ Nicht selten 
operiert der Verf. mit Autoritäten: Augustin, Calvin, Casau- 
bonus, Mosheim werden als Zeugen für die technische Bered- 
samkeit des Apostels angeführt. Nun, mit welcher Vorsicht 
Urteile der Kirchenväter in diesen Dingen benutzt werden 
müssen, darüber werde ich späterhin zu handeln haben ^); was 
aber die Autoritäten der vorigen Jahrhunderte betrifft*), so 



1) Übrigens citiert der Verf. einmal (p. 78) die Worte Augustins (de 
doctr. Chr. FV 7): sicut ergo apostolum praecepta eloquentiae seciitum fuisse 
non dicimus, ita quod eius sapientiam secuta sit eloquentia nan negamtM, 
Merkt er denn nicht, dafs er damit sich selbst widerlegt? 

2) Es existierten zwei Parteien, von denen die eine Paulus als uni- 
versalen Gelehrten, die andere als Ignoranten in weltlicher Bildung hin- 
zustellen liebte : beide glaubten damit dem Apostel den gröisten Dienst zu 
erweisen und befehdeten sich heftig. Auf beiden Seiten finden wir die 
gröfsten Namen: dort vor allem Salmasius und Casaubonus, hier Melanch- 



Die Litierator des Urchristentoins: Paulus. 495 

dächte ich, wären wir darüber hinaus, den naiven Standpunkt 
der Humanisten und Gelehrten einzunehmen, als ob unsere reli- 
giösen Urkunden in glänzender Sprache geschrieben und mit 
antiker Erudition vollgestopft sein müfsten: eine Anschauung, 
die sich jenen ebenso unwillkürlich aufdrängte, wie sie für uns 
absurd ist.^) Zu den nichtigen Argumenten gehört auch der 
fortwährende Rekurs auf Tarsus, z. B. p. 78, 3: „Wir werden 
auf diese Beziehungen noch öfters hinzuweisen haben, welche 
beweisen, dafs Paulus nicht mit geschlossenen Augen in der 
PflanzstILtte rhetorischer und stoischer Weisheit aufgewachsen 
ist'^ (u. ö. ähnlich). * Tarsus' ist ja überhaupt seit Jahr- 
hunderten') das Schlagwort, welches immer und immer wieder 
in die Wagschale geworfen wird, wo es sich um diese Frage 
handelt. Dagegen ist aber zweierlei zu bemerken: erstens sagt 
Paulus selbst in seiner Rede in der Apostelgeschichte (22, 3), 
er sei „geboren in Tarsus, aufgezogen in Jerusalem, zu den 
Füfsen des Gamaliel gebildet nach der Genauigkeit des 
väterlichen Gesetzes'', und wenn man dagegen einwenden 
könnte, dafs diese Rede wie die ganze Episode der jeru- 
salemischen Gefangenschaft nicht ganz zuverlässig sei^) und dafs 



thon, Erasmus, Sturm, Grotius. Im vorigen Jahrh. haben dann kleine 
Geister das Material jener grofsen wieder hervorgekramt: da wuchsen 
seitens der einen Partei aus dem Boden Abhandlungen mit Titeln wie ' de 
stupenda eruditione Pauli', seitens der andern kam es so weit, dafs ein 
angesehener Theologe (bei G. W. Kirchmaier, nagallriXiciibe Novi Foederis 
et Polybii [Wittenberg 1726] 7) schreiben konnte: ,^aulus hat die gröfste 
Erudition, Wohlredenheit und andere hohe Gaben, und was er in der Aka- 
demie gelemet, allgemach wieder ausgeschwitzet: ie einfaeltiger er wurde, 
ie mehr er an diefsen abnahm, ie mehr Geist war in ihm. Man sehe nur 
die letzte Epistel ad Timotheum, die kurtz vor seinem Todt geschrieben." 

1) Ein starkes Stück ist, dafs der Verf. p. 578, ^ wagt, das ungeheuer 
lächerliche ,JiOngin"-Fragment eines Evangeliencodex, wonach Paulus auf 
efne Linie gestellt wird mit Demosthenes, Lysias, Aeschines, 'Timarchos' 
(den der elende Fälscher offenbar mit Deinarchos verwechselte) u. s. w., für 
echt zu halten, wozu, soviel ich sehe, seit J. A. Fabricius, der wohl zuerst 
die Fiktion erkannte (bibl. Gr. lY c. 31 p. 445), keiner den Mut gehabt 
hat, cf. Chr. Thalemann, De eruditione Pauli ludaica non Graeca (Leipz. 
1769) 40 f. 

2) Z. B. M. Strohbach, De eruditione Pauli (Diss. Leipz. 1708) 14 ff. 
8) Cf. Weizsäcker 1. c. 439. Obwohl gerade die citierten Worte 

solches Detail enthalten, dafs sie schwerlich ganz erfunden sind. Dafs 



496 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiflerzeit. 

dem Apostel; als er von den Juden bedrangt in Jerusalem diese 
Rede hielt, daran liegen mniste, das jüdische Element seiner Er- 
ziehung geflissentlich zu betonen, so ist zweitens zu bemerken^ 
dals er, der Sohn rechtgläubiger, auf ihren Zusammenhang mit 
den Pharisäern stolzer Eltern, der vor seiner Bekehrung mehr 
als irgend ein anderer für das jüdische Gesetz geeifert hatte, 
selbst wenn er in Tarsus länger geblieben wäre, dort von der 
hellenischen 6oq>ia schwerlich irgendwie tiefer beeinflufst sein 
würde. Dafs er in Jerusalem zu denjenigen Schülern des 
Gamaliel gehört habe, die von ihm in griechischer Weisheit 
unterrichtet wurden (s. oben S. 474, 1), wird zwar nicht über- 
liefert, ist aber jedenfalls als sehr wahrscheinlich zu bezeichnen: 
aber wer von den griechischen Strömungen im damaligen 
Palästina eine klare Vorstellung hat, der weifs, dafs darunter 
nicht rein hellenische, sondern jüdisch hellenische Weisheit ver- 
standen werden mufs und zwar in Palästina eine solche, in der 
nicht wie in Alexandria das hellenische, sondern das jüdische 
Element überwog.^) Dafs Paulus, als er seine Mission in der 
hellenischen Welt ausführte, sich eine Kenntnis der Fundamente 
verschafft habe, auf denen diese Welt ruhte, ist zwar selbst- 
verständlich^); aber man darf dies Moment nicht zusammen- 
werfen mit der Frage, inwieweit hellenische Ideen in seinen 
Schriften nachzuweisen sind: dals Paulus z. B. etwas von Piaton 
gelesen haben könne, wage ich nicht zu bestreiten (so sehr 
sich mein subjektives Gefühl dagegen auflehnt), aber was nützen 
uns solche problematischen urteile? Auf den Beweis käme es 
an und den zu führen, dürfte schwer halten. Denn man mache 



Paulus in seiner Jugend nach Jerusalem kam, hat ja auch gar nichts Auf- 
fälliges: dort gab es in der Synagoge eine Partei tmv &nb KiXiyiias act. 
ap. 6, 9. 

1) Über die Partei der act. ap. 6. 1 S. erwähnten 'EXXriviatai in Jeru- 
salem cf. Weizsäcker 1. c. 51. Die 'AXs^avdgBtg werden als eine besondere 
Partei neben diesen genannt ib. y. 9. 

2) Cf. Weizsäcker 1. c. 211: „Wie Paulus das Christentum in die 
griechische Sprache eingeführt hat, so hat er sich auch der griechischen 
Bildung gewachsen gezeigt; bei aller jüdischen Grundlage hat er eine 
Weise des Denkens entwickelt, welche auch auf diesem Boden fesseln und 
siegen konnte." Vor allem zeigt es die Polemik des Römerbriefs: Weiz- 
säcker 08. Vgl. auch E. Curtius in : Sitzungsber. d. Berl. Ak. 1893, 928 fF., 
der aber in Einzelheiten viel zu weit geht, und Zahn 1. c. (o. S.486,2) 33 ff. 



Die Litteratur des Urchristentums: Paulus. 497 

sich klar: bei einem christlichen Schriftsteller des vierten Jahr- 
hnndertSy also der Zeit der vollzogenen Verbindung zwischen 
Hellenismus und Christentum, genügt uns eine auch nur an- 
nähernde Konkordanz des Ausdrucks mit Platon^ um dadurch zu 
dem Schlufs berechtigt zu sein^ jenem Schriftsteller sei Piaton 
bekannt gewesen; dagegen bei Paulus, dem der Gedanke eines 
Kompromisses zwischen Christentum und Hellenismus noch fem 
lag, berechtigt eine solche annähernde Übereinstimmung nicht 
zu dem gleichen Schlufs, sondern wer hier etwas Sicheres be- 
weisen will, von dem verlange ich, dafs er schlagende Beispiele 
bringe, und die sind bisher nicht gebracht, oder besser noch: 
nicht einmal Anklänge sind weder an Piaton noch an irgend 
einen anderen hellenischen Schriftsteller nachgewiesen worden, 
denn was man als Beweise oder Anklänge auszugeben pflegt, 
erweist sich bei auch nur flüchtigem Zusehen als ganz und gar 
nichtig.^) Ist es denn nicht klar, dafs dem Apostel, selbst an- 



1) Geradezu kindlich ist (um von Früheren ganz zu schweigen), was 
F. Röster (Ob St. Paulus seine Sprache an der des Demosthenes gebildet 
habe? in: Theol. Stud. u. Erit. 1854 I 805 £P.) vorbringt; man höre z. B. 
„1 Cor. 4, 4 o{)dhv ifiavta avvoiSa. Wörtlich ebenso sagt Aeschines: [iridhv 
airm avvnSSg und ähnlich Demosthenes: s^voiav iftavt^ a^voida. Col. 
1, 18: Tira yivritai iv n&aiv ainbg nQcotsvmv, Ebenso bei Dem.: tb ngo}- 
TSVHT iv «fifftv" u. s. w. Seitenlang. Was Heinrici für Piaton vorbringt, 
mag man bei ihm selbst nachlesen, z. B. p. 575; was er p. 576, 1 sagt: 
„Merkwürdig stimmt in dem rhetorischen Charakter das Fragment des 
Eleanthes (gemeint ist der Hymnus) mit ep. ad Cor. I 15, 39 f. überein, bis 
zu wörtlichen Berührungen" ist mir total unerfindlich. Kürzlich hat 
Major in: Classical Review X (1896) 191 behauptet, dafs die bekannten 
angeblichen Worte Piatons (cf. Plut. Mar. 46 u. a.), er danke seinem 
Dämon, dafs er ihn habe werden lassen einen Menschen, einen Mann, einen 
Hellenen und einen Zeitgenossen des Sokrates, von Paulus gekannt worden 
seien, als er an die Galater schrieb 3, 28 0'6x ivi 'lovdatos o^Sl "EXXriVy o^x 
ivi dovXos oiSh iXtv^SQog, oi)% ivi &q6Sv xal &ijXv' ndvteg yccg 'b[istg slg 
iöth iv xQi'Otä 'Iriaov (cf. ad Col. 3, 11): credat ludaeus Apella. — Auf viel 
näher Liegendes scheint dagegen noch nicht hingewiesen zu sein. Der Satz 
(Rom. 2, 14 f.) 3tav ^%'vri xa \l^ v6fiov ?;|rovira (pvasi tcc toü v6fiov noiA- 
öiVy avtoi v6fiov iLT} ^xovtsg iavtoig alaiv v6iiog^ oitivsg ivSsUwvtai tb 
igyov xov w6fjtov ygantbv iv tatg %ccQdiaig aix&v ist, wie der Philologe 
weifs, ganz griechisch empfunden: die Identität der &yQa(poi v6iLot und der 
qivatg wurde seit der Zeit der alten Sophisten aufs lebhafteste diskutiert; 
aber der Philologe weifs auch, dafs gerade diese Idee durch die Vermitt- 
lung der Stoa in das Allgemeinbewufstsein aufging, so dafs sie von keineip 



498 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

genommen, er habe die hellenische Litterator gekannt, daran 
liegen mufste, das eher zu verbergen als zu zeigen? Man halte 
mir nicht die bekannten hellenischen ^Citate' entgegen^): das 
sind geflügelte Worte, bei denen kein Mensch an ihren Ursprung 
dachte, geschweige denn dafs daraus folge, Paulus habe Me- 
nanders Komödien gelesen, eine Perversität der Vorstellung, der 
sich schon Hieronymus schuldig gemacht hat.') und da mochte 
ich doch fragen: wer Paulus liebt und bewundert, würde ihn der 
sich lieber etwa wie einen Clemens von Alexandria denken, ge- 
schmückt mit den Floskeln platonischer Diktion und gewappnet 
mit dem Rüstzeug hellenischer Sophisten, oder so wie er ist, 
ganz aus sich selbst heraus verständlich in seiner einzigen 
Eigenart? 
Dor Stil Das unhellenische Element') zeigt sich nun auch im Stil 

de« Pftaluf. 1 -rfc , X o 

des Paulus. 



aus Büchern entnommen zu werden brauchte, so wenig wie das paulinische 
Bild vom i^Xrivrig (s. oben S. 466). 

1) Die Stellen hat schon Clemens ström. I c. 14 gesammelt, cf. auch 
E. Maass, Aratea (= Philol. Unters. XU 1892) 265 f. Aber das *Citat* 
der ep. ad Tit. 1, 15 (ebenfalls ein geflügeltes Wort) mufs ausscheiden, 
weil sie nicht paulinisch ist; ebenso muTs ausscheiden das Citat der 
Apostelgesch. 17, 28 (s. oben S. 473). Es bleiben also als paulinisch nur 
die beiden sich unmittelbar folgenden * Citate ' in der ep. ad Cor. I 15, 82 f. 

2) Hieron. comm. in ep. ad Tit. c. 1 (VE 706 Vall.): ad Carinfftios 
quoque, qui et ipsi (nämlich wie die Athener, deren angebliche Altar- 
aufschrift der angebliche Paulus citiert act. ap. 1. c.) AtHca facundia ex- 
politi et propter locorum viciniam AtJienienmim sapare conditi sunt, de Me- 
nandn comoedia versum sumpsit iambicum ^ corrumpunt mores bonos coUoquia 
maW. Dem Hieronymus war es natürlich dienlich zu behaupten, der 
Apostel habe heidnische Autoren gelesen : auch Clemens 1. c. hat die ' Citate ' 
gewisscrmafsen zu seiner Selbstverteidigung gesammelt. Den sprichwört- 
lichen Charakter menandrischer Monosticha (gegen Zahn 1. c. 86; 50, 19) 
beweisen jetzt auch die Papyri. Ähnlich zu beurteilen sind die Anklänge 
an griechische und römische Anschauungen des täglichen Lebens, auf die 
Weizsäcker 1. c. 99. 101 hinweist. 

8) Es ist doch höchst bezeichnend, dafs gerade in dem eigenhändig 
von ihm geschriebenen Grufswort (bekanntlich diktierte er meist) des ersten 
liriefs an die Korinthier zwei aramäische Worte vorkommen (die einzigen 
in seinen Briefen): d icenaG^thg tfj ifiy x^''Q^ UavXov. bI rtg oi> tpilst tbv 
nvQiov, i]t(o Scvdd'Bfia' fiagdv Scd-d (d. h. ^ der Herr kommt', auch in der 
Didache 10, cf. Taylor 1. c. [oben S. 405, 4] 77 f. und besonders schon Light- 
foot 1. c. [oben S. 470, 1] 268 ff.). ^ X^Q^S ^^^ kvqIov 'Iriaov fied'* 'bfi&v' ij 
(iydnri fiov (istä ndvttov vfimv Iv %QiCz^ 'ijicov. 



Die Litteratar des Urchristentams: Paulas. 499 

Panlas ist wenigstens fdr mich ein Schriftsteller, den ich i. un- 
nur sehr schwer verstehe; das erklart sich mir ans zwei Q^^^tein- 
Gründen: einmal ist seine Art zu argumentieren fremdartig^), ^"**'^- 
und zweitens ist auch sein Stil, als Ganzes betrachtet, un- 
hellenisch. Mir bestätigt sich diese Erklärung durch die That- 
sache, dals wenigstens ich den sog. Hebräerbriei^ an dem man 
schon in alter Zeit eine ganz andere, unter hellenischem Einflufs 
stehende Stilistik bemerkte^), von Anfang bis Ende ohne jede 



1) Cf. F. Nork 1. c. (oben S. 472,1): „In den alten jüdischen Schriften 
erblickt man ganz dieselbe mystische Weise der Parabeln, Allegorieen etc., 
wie sie in den Büchern des N. T., besonders in den Paulinischen Briefen 
YorkolUen, wie auch Paulus Darstellung und Sprache überhaupt die 
frappanteste Ähnlichkeit mit den Midraschim hat, was auch jeder bezeugen 
wird, der dieselben nur einigermafsen kennt." Belege im einzelnen haben 
schon Gelehrte firüherer Jahrhunderte gegeben, cf. die Oitate bei J. Schramm, 
De stupenda eruditione Pauli (Herbom 1710) 16; dann Nork 1. c. 217 £f., 
der aber sehr übertreibt; einige treffende Beispiele bei Hamack, Dogmen- 
gesch. I" 95, 2, Weizsäcker 1. c. 111, Taylor 1. c. 24 u. ö. Was Fried- 
länder L c. 166 ff. (nach Vorgang anderer) von dem 'alexandrinischen 
Anflug' in Paulus' Sprache und Exegese sagt, ist verwirrend und falsch. 
Der klassische Philologe fühlt sich — was natürlich blofse Analogie ist — 
ofb an die Beweisführung der Sophisten erinnert; auch Hieronymus schildert 
Paulus ganz wie einen griechischen Sophisten, die Worte sind für Hiero- 
nymus höchst charakteristisch; ep. 48, 18 (I 222 Vall.): PafdtMn apostolum 
quoUenscumque lego, videor mihi non verba audire sed tonitrtta. legite 
epistolas eiua et maxime ad Bomanos, ad Galatas, ad Ephesios, in quibm 
totus in certamine positus est , et videbitis eum in tesHmoniis quae sumit de 
ffetere testamento, quam artifex, quam prudens, quam dissirnukUor sit eius 
quod ctgU, videntur quidem verba simplicia et quasi iwnocentis hominis ac 
rusticani. .,, sed quocumque respexeris, fülmina sunt, haeret in causa, capit 
omne quod tetigerit, tergum vertit ut superet, fugam simuUxt ut occidat. ca- 
lumniemur ergo iUiMn atque dicamus ei: tesHmonia quibus contra ludaeos 
vel ceteras haereses usus es, cditer in suis locis cditer in tuis epistolis sonant. 
Übrigens machte das Verständnis der Briefe schon in sehr früher Zeit 
Schwierigkeit, cf. ep. Petr. 11 (s. 11, 1. Hälfte) 3, 16: iv alg ifftw dvev^d 
tiwcc. Später hat Paulinus von Nola dem Augustin eine ganze Serie von 
Fragen über Stellen des Paulus, die ihm dunkel blieben, vorgelegt (ep. 
60, 9 ff.). 

2) Cf. das bekannte Zeugnis des Origenes bei Euseb. h. e. VI 26, 11 ff.: 
3t i 6 xaga^tiiQ tfjs Xi^Brng tijg ngbg 'Eßgaiovg imysyQafifiivrig i^i^oXtjg o^x 
Ixii' tb iv X6yqi l8i(oti%bv rot) änomdlov öitoXoyifeavtog iavtbv IdiStriv slvai 
t^ l&ftOy tovtsmt T$ (pQoiasiy &Xld iatyv ^ inustoXii öw^iasi tfjg Xi^srng kX- 
XfiPinaniQa, n&g d inictdusvog hlqCvbiv (pQaesmv Siaq>OQccg öfioXoyi/ieai &v. 
Da aber die Gedanken durchaus paulinisch seien, so vermute er, dafs ein 

Korden, antike Kunitprosa. II. 33 



500 ^on Hadrian bis znm Ende der Eaiserzeit. 

Schwierigkeit durchlese, ebenso den sog. Bamabasbrief, dessen 
Verfasser gelegentlich mit Absicht kunstvoll periodisiert, und 
den (ersten) Clemensbrief, in dem wenigstens die Gedanken- 
entwicklung und die ganze Art der Beweisführung griechisch 
ist.^) Ich finde dieses subjektive Gefühl femer bestätigt durch 
eine Ausführung Benan's (Saint Paul [Paris 1869] 231), die der 
Philologe als berechtigt anerkennen mufs: Renan sagt u. a.: 2> 
style Spistölaire de Paul est le plus personnel qu'il y ait jamais eu. 
La langue y est, si fose le dire, hroyee; pas une phrase suivie, II 
est impossihle de violer plus audacieusement .... le 
gdnie de la langue grecque . .; on dirait une rapide ean- 



Schüler des Apostels sie aufgezeichnet habe, nach einigen Clemens Ro- 
manns, nach anderen Lukas (cf. Euseb. m 38, 2. VI 14, 2). Cf. H. y. Soden 
in: Hand-Eommentar zum N. T. von Holtzmann etc. m 2 (2. Aufl. Freib. 
1892) p. 6 : „Der Verf. ist ein vielseitig und fein gebildeter Christ. Er ver- 
fügt über einen reichhaltigen Wortschatz (140 &7ia^ Xsyöfusva^ in dem sich 
eine grofse Anzahl der Bibelsprache fremder, dem Profangebrauch an- 
gehörender Worte finden (z. B. vitpog, vd&otj aliiMteiixvölaj fnad'oatodoalcc). 
Die sprachliche Diktion ist gewandt, blühend, sobald er es fär angebracht 
hält (z. B. 1, 3), reich an feinen syntaktischen Wendungen, an schön- 
gebauten Perioden, nicht ohne Wortspiele (5, 8. 9, 16 f. 10, 38 f. 11, 87. 
13, 14 [darunter ein seit Aeschylos berühmtes : ifucd-sv - inad'sv, eins, welches 
ich mich erinnere auch sonst gefunden zu haben: ficye» - ft£>Uet]), treffend 
durchgeführten Bildern (6, 7. 12, 1 — 3), scharf beleuchteten Gegensätzen." 
Cf. auch Blass 1. c. 274. 290 f. (was er aber über angebliche Hiat- 
vermeidung vorbringt, widerlegt sich aus dem von ihm selbst vorgelegten 
Material) und B. Weiss in seinem Eonunentar (6. Aufl. Götting. 1897) p. 9 f. 
Bezeichnend ist auch, dafs z. B. c. 7 nicht weniger als siebenmal fiiw - di 
vorkommt, d. h. in einem Kapitel so oft wie in ein paar paulinischen 
Briefen zusanuneu (s. oben S. 26, 3). 

1) Z. B. ist ganz griechisch, wie er c. 4 ff. durch Anführung einer 
langen Reihe von 'bnodsiyfiMta beweist, dafs t^l^og xal q>9'6vog verderblich 
seien. (Wenn man freilich behauptet, dafs er je einmal Sophokles und 
Euripides nachahme, so ist das völlig illusorisch, um gar nicht zu reden 
von der Thorheit, dafs er auf eine Stelle des — Horaz anspiele!) Der Stil 
ist gelegentlich hochrhetorisch, cf. z. B. die starken dfioiotilswa c. 1 
p. 10 Lightfoot; 2, 12 f.; 3, 20; 6, 34; 21, 76 f.; 45, 137; 59, 174, sowie die 
fast übermäfsigen Anaphern c. 4 p. 23 ff.; 32, 98 f.; 36, Ulf.; 48, 147; 
49, 148 f , ein Wortspiel vielleicht c. 5 p. 26: laßcoiisv tfjg ysvsäg ijfi&if 
tä ysvvaZoc 'bnoSsiyiiata. Bemerkenswert aber ist, dafs in den 65 Kapiteln 
nicht ein einziges Mal iiiv - di vorkonmit. Ganz anders auch im Stil ist 
der sog. zweite Clemensbrief (die Homilie): keine rhetorische Figur, aber 
in 20 Kapiteln doch zweimal (liv-di (3 u. 10). 



Die Litteratar des ürchristentams : Panlns. 501 

versaUon st^nographiee et reproduite sans corrections. Ich habe Antik« 
dann vor allem gesucht^ wie die groCsen Begründer einer christ- *"* ****' 
lich-hellenischen Bildung im vierten Jahrhundert über Paulus 
als Schriftsteller geurteilt haben , obwohl ich nicht verkenne, 
dals diese Zeugnisse mit Vorsicht benutzt werden müssen; denn, 
wie wir weiter unten sehen werden, hat man in dem instinktiven 
Bestreben, den Standpunkt des vierten Jahrhunderts mit dem 
des ersten zu identifizieren, oft den Thatsachen Gewalt an- 
gethan, so daTs diese Zeugnisse für uns nur da beweiskräftig 
sind, wo wir an den Thatsachen selbst die Kontrolle der Richtig- 
keit üben können. Von den Griechen führe ich an loannes 
Chrysosi de sacerdoi L IV c. 5 f. (48, 667 S. Migne). Die 
Gewalt der Bede sei für den Prediger das wichtigste Mittel zu 
wirken. Dann laust er sich den Einwurf machen: warum denn 
Paulus diaQ^driv b\iokoyBt IdviSytriv £avtbv elvai xal taih:a Ko- 
Qiv^ioig inuSxiXhov totg &nh toi) Xdyecv ^av^ia^oiidvoi^ xal (idya 
hcl toikp ipQov<yö6t,; Darauf weist er sehr ausführlich nach, 
dals Paulus bei Christen, Juden und Heiden gerade wegen seiner 
Bedegewalt bewimdert worden sei, die bis ans Ende der Dinge 
den Menschen aus seinen Briefen entgegentönen werde. Freilich 
sei es nicht die Beredsamkeit der Welt: bI (ihv ti^v Xai&trixa ^lao- 
XQotovg iac'dftow xal xhv ^rifMö&ivovg Syxov xal xiiv Sinncv- 
didov 6s(iv&tfixa xal xb Illdxan/og ßtifog, idst q^igaw elg (idöov 
tavxriv tav IlaiHov xiiv \ia(fxvQlav' vvv d\ ixstva (ikv navxa 
itplvilih xal xhv nBgUgyov x&v i^ad-Bv xaXXa^iöiiöVj xal oidiv 
fLOi, ipQdösag oi>öi iitayyBkCag (idkev iXX* i^döxm xal xfi kSisi 
7tt(o%BiiBiv xal xiiv öxjvd^xriv x&v övoiiätaw iatk^v xiva slvai. 
xal iq>BXfl^ (lövov fiil yvd>6Bv xvg xal rg x&v doy^dxan/ iTCQcßsia 
Idi&xrig i4xai^) Unter den lateinischen Zeugnissen sucht der 
Briefwechsel des Paulus mit Seneca (jedenfalls vor Hiero- 
nymus, der ihn kennt) an köstlicher Naivität seinesgleichen: 
ep. 7 mahnt ihn Seneca: vellem, eures et cetera, ut tnaiestati ea/rum 
(nämlich der Briefe) cultus sertnmiis non desit; ep. 9 schickt er 
ihm ein Buch de verborum copia; ep. 13 schreibt er: aUegorice et 

1) Cf. auch Greg. Nyss. adv. Eonom. 1. I (46, 258 B Migne), er wolle 
nicht die öxi/jiiata des Eunomios nachahmen, insl xal 6 yinfaios i>7tTiQitrig 
T(H) Xdyov IlaeXos {Utviß rf älrfiBlff %oe\LO^ihBvoq ai)x6q ve ratg toia6tatg 
noiniXiaig alaxgbv Ssto yiataöxriii'OCTiSsiv tbv Xdyov xal ijfi&g ngbg x^v &Xij' 
^sucv fudvriv &(poQ&v i^ena^dsvas, naX&g xai TtQOftrindvtmg vofio^it&v. 

83* 



O'.^S: Vvjti iiM/irma biw zum Ende der Kaiflerzeit. 

««f»<;M»a«^<^ mviita a U usqueqtutque opera condudunkar et ideo 
/«TvtM ttfnia m H muneris tun tributa tum omamento verbomm 
^/x fHi^ qwßdam dncoranda est. nee verearCy quod saepius te dixisse 
f*%if^jjj muUo9, fjui lalia a/fectetU, setisus corrumpere^ virtutes rerum 
4y/*r<irt. cat^utn fnilti eoncedos velim latinitati marem garere, ho- 
:n/:Hii UßeHnm HjH-eieni adltibtre^ ut gcnerosi muneris cancessio digne 
1 U: fßfjmt txftffäiri, worauf ihm Paulus antwortet (ep. 14): navum 
U aucUfftm /'ticerin lenu (Jhristi jyraveofiiis ostendendo rhetaricis ir- 
fijffifluftifUHlefn Htßftluam, llioronymus, in Theorie und Praxis einer 
liarftiiiiHimi ('JiriMilich4)ti StUiHten, spricht ihm in seinen Kommentaren 
ofitirn «rififi i^nwiftHo Ki^nntuiH der litterae saeetdares zxXj so comm. in 
tili, ud (inl 11 (;. 4 (VI! 471 Vall.); dagegen geringe Kenntnis des 
Uniu:U'imiUt*n, cf. 1. ct. 111 c. (p. 520): Hebraeus ex Hebraeis et 
f/ui tfini'i in virwtcido smnoue doctissimits, pro fundos sensus aliena 
Ufif/ua i'jpriitmr. Htm vaUintty nee eurahat magnopere de verbiSf qnum 
hmnum hahnrt in tuh und besonders in ep. ad Ephes. 1. III c. 5 
(p. liH7): mts quotivsquumque soloecisfuos aut tdle quid annotavimus, 
HÖH npostolum pulsamuSf ut nudivoli crimipiantury sed inagis apostoU 
nnmitim-H HumuH, quod Hebraeus ex Hebraeis, absque rhetarici nitore 
sermonis et verlninun eofniHysitione et eloqtüi venustate nunquam ad 
fidnn ( 'hristi Mum mundum trausdueere valuisset, nisi evangdisasset 
mm non in satncntia vtrbi, sed in virtute dei.^) 
111.. iiio Wenn man nun aber auf Ci rund des allgemeinen G^samt- 

rikhiKm oindrucks» ilon die liriefe dos Apostels in stilistischer Hinsicht 
i.ii.uii.Ht. ^^^j. ^1^^^ ^j^jj moderne Loser macheu, glauben wollte, dals sie 

uucli im einzelneu jedes Aufputzes durch die kunstmäfsige Rhe- 
torik entbehrten, so würde man sehr fehlgehen. Man ist oft 
frappiert, mitten iu Partieen, die nur mit der Rhetorik des 
Herzens in ungefoilter Sprache geschrieben sind, alte JSekannte 
aus der zünftigen griechischen Kunstprosa anzutreffen: Rom. 1,29 
f&£tfrotv qjd'ovou (povov igido^. 31 aövvdtovg i^vp^d^ 
Tov^r) — Cor. II S. 2l* ev xoXXot^ aoXXdxig 6xovdatov. 

t Zur ZAi Karls d. ^^r. rühmt ihn der Grammatiker Petrus wegen 
>!eiii»*r vollt»udt»teu Spniohe, woraut' Paulus antwortet, er wisse nichts und 
';chi-i»ib«» iranz aiiir*? lehrt Poet, aovi Carol. l p. -k> f.V 

'2 Daniber stiebt es eine g^uz uutzlUhe ZusauiuieusteUung Ton J. Fr. 

lir.rtvh.T. 0'» par..mv>miisia tiiiici;ui^iliio ti tj^riiris Paulo a^K^stolo frequen* 

arirt. uein.:. IS'J4; nur wird hier das Syri<*.he und Hebräische statt des 



Die Litteratur des ürchristentams : Paulus. 503 

9^ 8 dwaret di 6 d-sbg näöav %aQiv TCsgiööevöai Big ifiägj Iva 
iv navxl xävtots Jtaöav avt&QtcBiav i%ovxBg TCeQiöösiii^ts Big 
nav igyov iyatöv. [Ephes.] 3, 6 Blvac rä idvri övyxXriQovöiia 
xal 6v66fo\jLa xal övi^iiitoxcc tflg inayyBkiag. — Cor. 11 1, 4 6 
TCaQaxak&v '^(utg iicl ndtfy rf; ^XlifBt iifL&Vj Big xh diiva^tai 
'^(i&g itagaxakBtv rovg iv Ttdöy d-X^tlfsi diä tilg naQaxXnjöBoag 
ijg xaQaxaXoviiBd'a aircol xntb rov d'BOv. ib. 13 f. oi y&Q 
&XXa yQäq>oiiBV ifitv iXX' rj & &vayivA6xBXB. ikjtC^(o öl Sri 
B&g tiXovg intyvAaBöd-B xad-iag xal iTciyvmtB fi^iag iTtb fiB- 
(fovg, — Rom. 2, 1 iv ä xgCvBig thv BXBQOVy öBaxrtbv xata- 
xgivBig. 5, 16 rö ft^i/ yäQ XQt[f,a i% ivbg Big xatdxQciia 
Cor. n 3, 2 yivc36xoiiivri xal ivayivmöxoiiivri. Rom. 14, 23 
6 dh dLaxQLvöiiBvog^ iäv q>dyijj xataxixQLtat^) — Cor. I 13, 8 
iydTcri oiSinozB nCxtBi, bItb S\ 7tQoq>ritBia, xatagyrid^i^östai.' bütb 
yX&66aij navöovtar bIxb yv&6ig^ xatagyr^d-i^öBtaL (wo aber 
die Wiederholung des letzten Wortes wieder stillos ist), 
ib. 15, 39 ff. ov na6a 6&Qi ^i aiti^ 6dQliy iXkä &XXij (ibv dvO^qA^ 
TtfoVj &XXri äl öägi xxriv&v^ &Xkri 8% tfäpg nxriv&v, aXkri d% 
lX^(ov. xal 6(hiiara inovgdvia xal öAiiata iniysta' iXXä itiffa 

[ihv ^ t(bv iitovQaviav dd^a, itiqa Sl fi t&v iniyBltov 

öiCBVQBtai iv g>^0Qäy iysigBxaL iv d^^aQöCa' önsigBrat 
iv äxiikCa^ iyBCQBtai iv W^g* (SUBCQBtav iv iad-BVBia, iyBi- 
QBtai iv öwd^BL' öTCBiQBtav 6&iia ilrv%vx6vj iyBCQBxav 6&na 
nvBv\jLaxix6v u. dgl. sehr viel. 

Natürlich ist derartiges einem so feinen Kenner wie „-^"l'« 
Augustin nicht entgangen. Er warnt davor zu glauben, daTs 
der Apostel diese Redefiguren deshalb angewandt habe, weil er 
durch ihre Effekte habe wirken wollen: darin hat er yielleicht 
recht, aber wir sehen doch, dafs Paulus sie gekannt und an 
passenden Stellen halb bewuTst halb unbewulst angewendet hat. 
Die Ausfiihrungen Augustins sind auch für Philologen interessant 
genug, um sie hier ziemlich vollständig mitzuteilen.*) De doctr. 



Zeugniiie. 



1) Mehr Beispiele für jede dieser Figuren bei Böttcher 1. c 

2) Die rhetorische Analyse einer grofsen Anzahl von Bibelstellen, die 
er in dieser Schrift giebt, ist auch deshalb interessant, weil man daraus 
erkennt, wie elend, das Verständnis erschwerend und oft yerhindemd die 
in den heutigen, über alle Welt verbreiteten Bibeln eingeführte Vers- 
einteilung ist. Ihr Erfinder war ein Mann, der sich durch andere Werke 
besser um das Menschengeschlecht verdient gemacht hat: Robert Stephanus, 



504 Von Hadrian bis znin Ende der Kaiserzeit. 

Christ. IV 7, 1 1 : guis enim non videat, quid völuerit dicere et quam 
sapicnter dixerit apostölus (Rom. 5, 3—5) xav^co/icO"«^) iv talg 
d'XitlfSöiVf sldötsg StL ^ ^Xttlfig intoitovilv xategyä^etaij i^ dh ixo^ 
liovil doxi(iijvy 1^ dh doxtfxi^ ihxCSa, fi 8\ iknlg oi wxxaiöx'Avei^ 
Srt 1^ iydTtrj rov ^sov ixnixvtav iv tatg xagSCaig ^^i&v dvä jcvs^ 
Hatog äylov tov do^ivxog fuiXv. hie si quis, ut ita dixerim, int' 
perlte perüus, artis ehquentiae praecepta apostolum sectUum fuisse 
contendatj nonne a Christianis doctis indodisque ridehiUji/r? et tarnen 
agnoscitur hie figura, quae xXt(uci graece, latine vero a quibusdam 
est appellata gradaiio, quoniam scalam dicere nöluerunt, cum verba 
vel sensu conectuntur alterum ex ältero, sicut hie ex tnbuUUione 
patientiam, ex patientia pröbationem, ex probatione spem cofiexam 
videmus. agnoscitur et aliud decus, quoniam post aliqua pro- 
nuntiationis voce singula finita, quae nostri membra et caesa, Grraeci 
autem xCbXa et xd/ifiara vocant, sequiiur ambitus sive circuitus, quem 
xegiodov Uli appellant, cuius membra su^penduntur voce dicentis, 
donec ultimo finiatur. nam eorum quae praecedunt circuitum, mem- 
brum ülud est primum ^quoniam iribulatio patientiam operatur\ 
secundum ^patientia autem probationem% tertium ^probatio vero 
spem*. deinde subiungitur ipse circuitus, qui trüms peragitur mem- 
bris, quorum primum est ^qpes autem non confundit% secundum 
^quia Caritas dei diffusa est in cordibus nostris% tertium ^per spi- 
ritum sanctum qui datus est nobis*. at haec atque huiuscemodi in 
elocutionis arte traduntur. Besonders dann ib. e. 17 flf. Er unter- 
scheidet nach teil weisem Vorgang Ciceros drei Arten der Bede: 
is erit eloquens, qui ut doceat poterit parva submisse, ut ddectet 
modica temperate, ut flectat magna granditer dicere. Bei der 
zweiten, die es auf delectatio abgesehen hat, kommen omamenta 
zur Anwendung (19, 38. 20, 42. 25, 55. 57), für sie giebt er 
ein Beispiel 20, 40 freilich aus dem unpaulinischen Brief an 
Timoth. I 5, 1 f.: xgsößvtiQ^ fn^ ininkiffyiig^ &Xkä Tcagaxdksv &g 
TCatigay vecatiQovg i)g &d€Xq>ovgj TCQBößvxigag &g {Mfitigag^ 



und zwar fertigte er sie an 1651 irtier equitanduni^ wie sein Sohn bemerkt, 
cf. C. Gregory in seinen Prolegomena zum N. T. ed. Tischendorf, ed. 
mal. 8 (Leipz. 1894) 167 ff. und E. Reuss, Gesch. d. h. Schriften des N. T. 
6. Aufl. (Braunschweig 1887) 483 f. 

1) Weil es uns auf die Worte des Paulus ankommt, habe ich sie da, 
wo Augustin sie in extenso anführt, griechisch citiert, während ich hinterher 
bei der Einzelanalyso das Lateinische habe stehen lassen. 



Die Litteratur des Urchristentums: Paulus. 505 

vBansgag &g &dsXg)dg. Dann fährt er fort: et in Ulis (Rom. 12, 1) 
na(fa7cal& oiv vfiäg, idaX^poC xtX, et totus fere ipsius exhortaiionis 
locus temperatum habet elocutionis genus, ubi iUa pulchriora sunt, 
in quibus propria propriis tanquam dehita debitis reddita decenter 
excurrunt, sicuti est (ib. y. 6 ff.): i%ovtBg xagCö^utta xatä tiiv 
Xägiv xifv do^stöav fnklv diM^poQaj BttB stQogyqtsiav ttaxä t^v 
ttvakoyiav tfjg niörsmgy stzs dianovCav iv t^ diaxovCa^ etxB 6 
dcddöxmv iv XTß dcdaöxaXiuj Btts 6 nagaxaX&v iv tfi naga- 
xXiiöSLj 6 ftstadcdovg iv aiiX6xrixi^ 6 7tifol'6xd(uvog iv öTtovdfi^ 6 
iXe&v iv [XaQÖxriXL (das letzte ein isokolisches XQcxmXov). f^ 
äydstri ivxmÖTCQcxog. &no6xvyovvxBg xh TtovriQÖv, \ xoXXmfLSvoL xdi 
iya^^, II x^ g)cXa8eXg)£a Big äXXif^Xovg q)iX66xo(fyoc, \ x^ xc^uy 
dXXijXovg JCQoriyov^Bvoc, \\ xfj öJtovdfj (lij dxvrjQoiy || xdi nvsvfiaxv 
iiovxBg^ I r^ xvqCg) dovXevovxsg, \ rg iXTtidi xaiQOvxBg, \ t$ 
^XiifBi tmoiiivovxBgj \ xy TtgoöBVXJJ XQOöxaQXsgovvxBg, j xatg 
XQBlaig x&v uyCmv xocvavovvxsg, \ xijv (piXo^Bvlav diAxovxsg. || 
Bi)XoyBlxB xovg diAxovxagj svXoyBtxs xal fti) xttxagäö^B. x^^Q^^'^ 
luxä x^^Q^'^'^^'^9 xXuCblv (isxä xXaiövxmv. et aliquanto post 
(13; 6 f.): Big aixb roi)ro TtQoöxagxBQoihnBg iTtödoxs Ttaöi^v xäg 
öq>BiXdg^ xp xhv q>6QOV xbv q>6Q0V^ xp xb xiXog xo xiXog^ xdi xhv 
q>6ßov xbv g)6ßov, xdi xiiv xifi'^v xi^v Ttfiiji/. quae membratim fusa 
claudtintur etiam ipsa drcuitu, quem duo membra contexunt (ib. 8^ 
anschlieUsend an die citierten Worte): (iridsvl fLrjdhv itpslXstB^ bI 
ft'^ xb dXXi^Xovg dyan&v, et post paululum (ib. 12 ff.): i^ vi>i 
nQoixojIfBv, I 1^ dh fm^iga fjyyixBV. \\ dstod'afiBd^a oiv xä igya 
xov öxöxovgj I ivdv6d}(iBd'a dh xä ZnXa xoij gxDXÖg. \\ xxX. 
Dann gebt Augustin 20^ 42 über zum grande genus dicendi, in 
dem jene amamenta sein könnten, aber nicht müfsten; als 
Stellen, die omamenta haben, führt er an Cor. 11 6, 2 — 11 (wo 
V. 4 ff, viele Antithesen), Rom. 8, 28 — 39 (ebenfalls); dann 
citiert er eine Stelle, die bloUs granditer, nicht aber auch tem- 
perate oder omate gesagt sei (Gal. 4, 10—20), und es ist cha- 
rakteristisch, dals er an ihr den Mangel von Isokola, Anti- 
theta etc. ausdrücklich hervorhebt: numquid hie aut con- 
traria contrariis verba sunt reddita aut aliqua gra- 
datione sSn subnexa sunt, aut caesa et membra circuitusve so- 
nuerunt? et tarnen, non ideo tepuit grandis affectus, quo ^^S^i^^^^chMotku 
fervere sentimus. *«' pauiini 

. , •oben Hhe 

Den von Augustin citierten Stellen lieljse sich noch eine toruc 



506 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

groCse Anzahl hinzuffigen. ^) Aber das Angeffihrte genügt^ um 
daraus mit Sicherheit zu schliefsen, dals der Apostel trotz seiner 
souveränen Verachtung der schonen Form dennoch oft genug 
von den — in den Evangelien fehlenden — geläufigen 
Mitteln zierlicher griechischer Rhetorik^ Gebrauch gemacht 



1) Einiges bei Blass 1. c. 292 fP., z. B. darunter ein so starkes Stückchen 
wie ep. ad Rom. 12, 3 f»^ ifnsQtpgopslp nag* 3 dBl q>Q0P9tp^ &XXa 990- 
vtlv Big th aoDtpQOPBlv. Sehr beachtenswert ist die Entdeckung von 
Weizsäcker 1. c. 427 f., dafs Paulus öfters als man sonst annahm, Worte 
der Gegner citiert (ohne sie ausdrücklich als solche zu bezeichnen), um sie 
dann sofort zu widerlegen; das ist ganz die Art der im Diatribenstil üb- 
lichen dialektischen Disputation; einmal führt Paulus sogar den un- 
bestimmten Gegner mit dem jedem Philologen z. B. aus Bion, Epiktet, Se- 
neca geläufigen (priaL ein: ep. ad Cor. n 10, 10: *al inunoXal fiiv', (priclw 
(einige Ausgaben absurd tpaaiv\ 'ßagBlai xal laxvgcci, ^ dh nagovaLa vo4i 
eAluctog &a&Bviig xal 6 X6yog i^ov&BVTiiLivog* , tofno loyiiia^a 6 toioi^xog^ 
2ki, olol iaiiBP tip Xdym di' intatoX&p &n6vtBg, to^oütoi xal nag^vtBg ttp 
tgy<p. Einige gute Beispiele für axrjiiata diavolag in seiner Argumentation 
bei Blass 1. c. 296 f. 

2) Dagegen gelingen ihm Perioden meist schlecht, z. B. Böm. 1, 1 — 7; 
8, 28—27 und andere SteUen z. B. bei W. Schmidt in seinem Artikel 
♦Paulus' (Real - Encycl. f. prot. Theol. u. Kirche X« [Leipz. 1888] 380), 
sowie bei Blass 1. c. 278 S. Die Hauptursache der langen, formlosen, ana- 
koluthischen Sätze sind, wie die Leser der Briefe wissen, die überaus 
häufigen Parenthesen, was einige auf die Vermutung geführt hat, das seien 
Randbemerkungen, die er nachträglich seinem Diktat hinzugefügt habe, cf. 
Chr. Wilke 1. c. (oben S. 480,1) 216. Übrigens teilt er den Mangel an Kunst 
des Periodisierens mit griechischen Schriftstellern jener Zeit, wofür ich oben 
(S. 296 ff.) den Grund angegeben habe. Gelegentlich baut er aber seine 
Sätze auch besser, z. B. im Proömium des zweiten Korinthierbriefs. 
Wenigstens sind aber seine Perioden nie von der ermüdenden Langeweile 
derjenigen, die sich in den unpaulinischen Briefen an die Ephesier und 
Kolosser finden (die beiden Briefe gleichen sich auch sonst, cf. Eph. 4, 16 
no Col. 2, 19. Eph. 6, Ifi". no 3, 18 flf., s. aufserdem Weizsäcker 1. c. 642 f.): 
hier wird oft innerhalb einer Periode ein Satz an den anderen angeleimt^ 
z. B. Eph. 1, 6 if. drei Relativsätze, noch mehr Col. 1, 8—23. 2, 8 fif. (auch 
die massenhafte Anhäufung der obliquen Kasus von aMg Eph. 1, 4 ff. 
17 fi*. ist, soviel ich mich erinnere, durchaus unpaulinisch, aber für den in 
der Septuaginta und sonstiger griechisch -jüdischer Litteratur Bewanderten 
nichts Neues, cf. oben S. 484 f). Die Seltenheit rhetorischer Figuren, an 
denen die echten Briefe so reich sind, ist für die genannten Briefe sowie 
den zweiton an die Thessalonicher (dagegen halte man den ersten an die- 
selben!) (loch auch recht bezeichnend. Ich habe mich übrigens in dem, 
was ich als i)aulini8ch citiert habe, an die Ansicht der M&nner an- 



Die Litieratar des Urchrisientoms : Paulus. 507 

hat, freilich — das hebe ich, um Mifsyerstandnissen zuvor- 
zukommen; ausdrücklich hervor — nicht von solchen, die er 
sich aus der Lektüre von griechischen Schriftstellern angeeignet 
hat, sondern vielmehr von solchen, die in der damaligen ^asiani- 
schen' Sophistik gelaufig waren: von den Rhetoren, die dieser 
Richtung angehorten, ist aber oben gerade im Gegenteil nach- 
gewiesen, da& sie die Litteratur der Vergangenheit ignorierten, 
was zu beherzigen ich dringend alle die bitte, die sich einbilden, 
Paulus habe, weil er die Waffen der Rhetorik gelegentlich so 
schneidig zu handhaben versteht, den Demosthenes studiert^ eine 
ungeheuere Perversität der Anschauung, beleidigend für De- 
mosthenes nicht weniger als für Paulus. Im Gegensatz zu den 
gleichzeitigen Rhetoren waren aber für Paulus die äulseren rhe- 
torischen Kunstmittel blofses Beiwerk, sie dienten nur dazu, der 
dewötrig und ösfivötrjg seiner Gedanken Ausdruck zu geben. 
Da& die Antithese dominiert, ist sehr begreiflich. Wir haben 
früher (S. 20 f.) festgestellt, dafs im Y. Jahrh. v. Chr., als alles 
Bestehende in Frage gestellt wurde, die gewaltigen Revolutionen 
der Ideen sich in einer antithetischen Sprachform gewissermafsen 
hypostasierten: wieder stand man jetzt an einem Wendepunkt 
und die Negation des Bisherigen war eine ungleich schroffere; 
ist es da zu verwundem, dafs der kampfesmutige Mann, der sich 
daran machte, eine Welt der Schönheit iu Trümmer zu schlagen, 



geschlossen, die fär mich in diesen Fragen Autoritäten sind, z. B. Weiz- 
säcker. Der Philologe, der es so oft mit Falsa zu thun hat, die er als 
solche mehr fühlen als beweisen kann, mufs den Theologen geradezu be- 
neiden wegen der Evidenz, zu der er es in gleicher Lage oft bringen kann. 
Z. B. wünschte ich, dafs irgend ein heidnisches Falsum durch eine so un- 
geheuere, wahrhaft erdrückende Masse von Kriterien innerer und äufserer 
Art entlarvt wäre wie die beiden Briefe an Timotheus und der an Titus: 
Motive und Art dieser Fälschung sind auch f&r den Philologen von eigen- 
artigem Interesse: die beste Zusammenfassung bei Holtzmann, Die Pastoral- 
briefe, Leipz. 1880, cf. auch Usener 1. c. Bei. Unters. I 88, 21. (Es scheint 
übrigens noch nicht notiert zu sein, dafs Hegesippos bei Euseb. h. e. m 82, 8 
die berüchtigten Worte tfjg ipevdmwviiov yvSeeae o» ep. ad Tim. I 6, 20 citiert. 
Dafs die Fälschung vor M. Aurel fällt, wufsten wir freilich ohnehin.) In- 
wieweit Hamack, Die Chronol. d. altchr. Litt, bis Euseb. I (Leipz. 1897) 
480 fP. mit Becht in einigen Fällen eine Überarbeitung echter paulinischer 
Briefe annimmt, vermag ich nicht zu beurteilen, glaube aber nicht, dafs 
der Beweis erbracht ist (vgl. über den Ursprung von Fälschungen ganzer 
Briefe Harnack selbst in: Texte u. Unters. II 1 [1884] 106, 22). 



508 Von Hadrian bis zum Ende der EaiBerzeii 

seine umstürzenden Ideen in antithetische Formen kleidete, indem 
er die Gegensätze von Himmel und Erde, Licht und Finsternis, 
Leben in Christus tmd Tod in der Sünde, Geist und Körper, 
Glauben tmd Unglauben, Liebe tmd Hals, Wahrheit und Irrtum, 
Sein und Schein, Sehnsucht und Erfüllung, Vergangenheit und 
Gegenwart, Gegenwart imd Zukunft in oft schroffen, bis zur 
Dunkelheit zusammengedrängten, monumentalen Antithesen offen- 
barte? Bebg iatoSdöBi ixdötm xatä tä igya ainov^ totg [ilv 
KuQ^ {fTCOfiovilv i(fyov iya^ov döl^av xal tcfiilv xal iipd'agöiav 
^ritovöiv t<o^v alüvvov totg 8% i^ igid'siag xal ittBid'ovötv tfj 
äkrfi'BCa^ neid-ofiivotg dl rg idixicCj ÖQyij xal dv^g (Rom. 2, 6 ff.), 
oder: 6 löyog xov ötavgov totg filv ixoXXvfidvoig (imgia iötivj 
totg d\ 6(oioiUvoig fj^tv d'&i/a^i.g ^sov iötiv (Gor. I 1, 18), oder: 
ilfistg fimgol diA %qi6x6v^ iffistg dh g)(f6vi(ioc iv %Qi6X(p' fiyi^Btg 
iö^ßvetg^ ifietg dh l6%vQoC' {)^tg Ivdo^oi, fifLBtg dh &tiiiot. &xqi 
tilg ^^^ &Qccg • . . XocdogoviisvoL siXoyovfisv^ dimx6(i€voi avsx^ 
fis&a^ ßXa6gnj[iov(isvoL naguTcaXov^v (ib. 4, 10 ff.), oder: iv 
navtl övvtötdvovtsg iavt(ybg üg ^eov Siaxovoi • . • Siä t&v 
5nXa>v tf^g diTiaioöiivvig t&v ds^i&v xal iQcöteg&v, diä dö^rjg xal 
itcfiiag, diä dvöqnj^iiag xal ei^pruLCag^ &g nXdvoi xal iXrjd'stg, &g 
AyvQov^voi, xal ijetyivofffxöfievoiy üg iTCod'vijöxovtsg xal ldoi> 
t&(iev, üg naidsvöfievoi, xal [t/ii d'avatovfisvoc, &g Xvnov[i€voL 
iel dh xaC(fovtag^ hg moixol noXXoi)g d\ xXovti^ovtsg, &g (ii^dhv 
ixovteg xal ndvxa Tcatdxovteg^): das ist der Ton, der wie eine 

1) Diese Stelle war gerade wegen ihrer Antithesen hochberühmt. Sie 
wird dafür citiert vom schol. Pers. 1, 86, cf. besonders noch Angustin. de 
civ. dei XI c. 18: neque enitn d^ua ullum, non dico angehrutn, sed vel ho- 
minum crearet, quem malum futurum esse praescisset, nisi pariter nosset quihus 
eos bonorum usibus accommodaret atque ita ordinem saecülorum tamquam 
pulcherrimum Carmen etiam quibusdam quasi antiihetis honestaret. antitheta 
enim quae appeUantur in omamentis elocutionis sunt decenüssima, quae laHne 
ut appellentur opposita vel, quod expressius dicitur, contraposita, non est 
apud nos huius vocalmli consuetudo, cum tarnen eisdem omamentis locutionis 
etiam sermo latinus utatwr, immo linguae omnium gentium, his antithetis 
et PatUus apostolus in secunda ad Corinthios epistüla illum locum suaviter 
explicat, uhi dicit\ *Per arma iustitiae dextra et sinistra: per gloriam et 
ignobilitatem, per infamiam et honam famam; ut seductores et veraces, ut qui 
ignoraremur et cognoscimur; quasi morientes et ccce vimmu^, ut coerciti et 
non mortificati; ut tristes, semper autem gaudentes; sicut egeni muUos aiUem 
dita/ntes; tamquam nihil habentes et omnia possident€s\ sicut ergo ista con^ 
*xmtrariis opposita sermonis pulchritudinem reddunt, ita quadam non 



Di» Litterator des ürchrisientums : Paulus. 509 

naXivtovog &(fnovia aus Paulus* Schriften zu uns hinüberklingt, 
und es ist gewifs nicht zufällig, dafs das Christentum gerade 
zur Zeit seines Kampfes auch in nachpaulinischer Zeit in Rede 
imd Schrift keine Figur mehr bevorzugt hat als die Antithese. 
Wie mufs Paulus aber erst gesprochen haben, wenn es nicht 
galt zu kämpfen oder kontroverse Meinungen zu entscheiden, 
sondern Gott und seine Werke zu preisen, die Menschen zu 
einigen in der Liebe zu ihm und unter einander. Nur selten 
klingt in seinen Briefen dieser Ton an, aber dann schlägt auch 
die Flamme seiner Begeisterung mit hinreifsender Gewalt empor: 
jene beiden Hymnen auf die Liebe zu Gott und die zu den 
Menschen (Rom. 8, 31 ff. Gor. I 13) haben der griechischen 
Sprache das wiedergeschenkt, was ihr seit Jahrhunderten ver- 
loren gegangen war, die Innigkeit und den Enthusiasmus des 
durch seine Einigung mit Gott beseligten Epopten, wie er uns 
in solcher Heiligkeit nur bei Piaton imd zuletzt bei Eleanthes 
begegnet. Wie mufs diese Sprache des Herzens eingeschlagen 
haben in die Seelen der Menschen, die gewohnt waren, der 
albernen Geschwätzigkeit der Sophisten zu lauschen. An diesen 
Stellen erhebt sich die Diktion des Apostels zu der Höhe der 
platonischen im Phaedrus, und es war für mich eine wohl- 
thuende Bestätigung dieses GefUhls, als ich fand, dafs Paulus in 
jenem Kapitel des ersten Eorinthierbriefs, wo seine Sprache den 
höchsten Schwung nimmt, unwillkürlich zu demselben Mittel ge- 
griffen hat wie Piaton: beide haben da den Ton der Hynmen 
angeschlagen, der Attiker den des Dithyrambus (s. o. S. 109 f. 
111 f.), der orientalische Hellemst den des Psalms: denn Paulus, 
der sonst den unhellenischen Satzparallelismus der Septuaginta 
und vieler Partieen der Evangelien nicht kennt ^), hat sich an 

verborum sed rerum ehquentia contrariorum oppositione saecuU pulchritudo 
componitwr. apertisaime hoc positum est in libro ecclesiasHco isto modo 
(Sirach 88 [al. 86], 15): * contra malum honum est et contra mortem vita, sie 
con^a pium peccator. et sie intuere in omnia opera altissimi, bina bina^ 
unum contra unum^. — Hieronymus hat natürlich auch gemerkt, um was 
für axi/inctta es sich in der Stelle des Eorinthierbriefs handle: man lese 
nur seine Übersetzung, um zu sehen, wie er sich bemüht, die 6(uoKnilBvta 
wiederzugeben, z. B. einmal egentes (für egeni)^ weil vier solche Participia 
damit korrespondieren. 

1) Es giebt Tiele ävalö^toiy die auch bei den deutlichsten Fällen 
nicht unterscheiden können, was hebräischer Gedanken- und hellenis''* 



510 Von Hadrian bis znm Ende der Eaiserzeit. 

dieser eineu Stelle^ selbst emporgehoben durch das was er sagen 
wollte^ dieses Mittels bedient: 

iäv tatg yXAööatg t&v iv^güntov kaX& xal t&v &yyiXmVj 
iy&itriv S\ fti) ix(o^ yiyova xaXxhg ii%&v ^ xiinßaXov Ha- 
Xd^ov. 

xal iäv ixio ngoipi^tecav xal £id& t& (ivötiJQia ndvxa xal 
näöav t^i/ yv&6cv^ xctv sx(o naöav xiiv xiötiv &6t6 tigti 
fisd'cötdvacj iydjtijv dh ft^ ix(Of oi^ev elfiv. 

x&v ilffofiiöco ndvxa tä ixdQxovtd ftovj xal civ nagaöA xb 
6&(id iiovy Iva xavdi^öofiaij dydnrj^ d^ fii^ ^2^9 ^d\v 
d)g>€Xov^ac. 

3. Die Briefe des Ignatius und Polykarp. 

igiifttiua. Unter den übrigen Dokumenten der apostolischen Zeit er- 

innern an Paulus am meisten die sieben Briefe des Ignatius 
von Antiochia (f 109), die er in ESeinasien, auf der einem 
Triumphzug gleichenden Reise nach Rom, wo er den Märtyrer- 
tod erleiden sollte, an die kleinasiatischen Gemeinden und an 
Polykarp von Smyma schrieb. Sie sind das Herrlichste, was 
uns aus dieser Zeit erhalten ist, hinreifsend durch die lodernde 
Glut einer Seele, die danach dürstet, dem Irdischen entrückt zu 
werden durch einen grausig-himmlischen Tod. Eine bedeutende, 

FormenparallelismuB ist: darüber einiges im Anhang I. Übrigens urteilt 
Heinrici 1. c. 677 in dieser Sache richtig: ,,Der Parallelismus der Glieder 
begegnet kaum, vgl. etwa I 15, 54", n^ hätte er vielmehr die im Text von 
mir ausgeschriebene Stelle nennen müssen, denn die Worte Cor. I 15, 54 
Ztav tb tpQ'aqfthv toüvo ivdvaritai &tp9aqclav xal xb 9vr\xhv xovxo ivd^crittu 
Mavaaiav, x&ce ysvi/iasxai 6 X6yog 6 ysygafiiiivog nxX. sehen dem he- 
bräischen Parallelismus nur deshalb ähnlich, weil Paulus in den beiden 
Kola zweimal dieselben Worte (roihro, ivd^arixoci) wiederholt, was ein ge- 
schickter griechischer Stilist nie gethan hätte, bei Paulus aber auch sonst 
vorkommt (cf. die Stellen bei Wilke 1. c. 182): dafs dann eher ein vom 
Standpunkt der strengen Eunstprosa mangelhaftes stilistisches Können als 
eine Anlehnung an hebräische Ausdrucksweise (cf. ev. Matth. 5, 22. 29 f. 
Luc. 7, 33 f.) zu sehen ist, geht hervor aus solchen Stellen, an denen von 
hebräischem Parallelismus keine Rede sein kann, z. B. ist Rom. 9, 18 8y 
d'iXsL iXBBij hv dh %iXsi c%X7\QvvBi — bis auf das bei Paulus wie bei an- 
deren nicht rein hellenischen Autoren öfter fehlende als stehende ^liv: 8. 
oben S. 25,3 — gut griechisch, ebenso Rom. 14, 5 og [tlv ytQ^vsi iiiiigccv 
nag' ijfitgav, Zg dh ytQivsi n&cav iifiigav u. ö. 



Die Litteratur des Urchristentums: Ignatius und Poljkarp. 511 

mit wunderbarer Schärfe ausgeprägte Persönliclikeit atmet aus 
jedem Wort; es läfst sich nichts Individuelleres denken. Dem- 
entsprechend ist der Stil: von höchster Leidenschaft und Form- 
losigkeit.^) Es giebt wohl kein Schriftstück jener Zeit, welches 
in annähernd so souveräner Weise die Sprache vergewaltigte. 
Wortgebrauch (Vulgarismen, lateinische Wörter), eigene Wort- 
bildungen und Konstruktionen sind von unerhörter Kühnheit, 
grofse Perioden werden begonnen und rücksichtslos zerbrochen; 
und doch hat man nicht den Eindruck, als ob sich dies aus 
dem Unvermögen des Syrers erklärte, in griechischer Sprache 
sich klar und gesetzmäCsig auszudrücken, so wenig wie man das 
Latein Tertullians aus dem Punischen erklären kann: bei beiden 
ist es vielmehr die innere Glut und Leidenschaft, die sich von 
den Fesseln des Ausdrucks befreit. Auf das Einzelne hat J. B. 
Lightfoot in seiner bewundernswürdigen, durch ihre sprachlichen 
und sachlichen Bemerkungen auch für den Philologen wertvollen 
Ausgabe hingewiesen.^) Bemerkenswert scheint mir, daüs auch 
er, wie Paulus, gelegentlich in Antithesen spricht'), nicht zierlich 
gedrechselten, sondern solchen, wie sie sich den id'Xritatg iv 
nvB'öiMxxt von selbst aufdrängten^), z. B. ep. ad Ephes. 8 (p. 51 L.) 
ot öagxixol tä nvsv^atcxä XQdööeiv oi dvvavtai ovd\ oC jcvsv- 
fuxtixol rä öagxixtt^ &67Cbq o'bS'k fj nC6xig tä tf^g &ni6tCaq oiS\ 
4 iaciöxla tä tf^s niötsog. ib. 10 (p. 58 £) ^gbg rag ÖQyäg aih 
t&v iffutg jcgaetg^ ngbg tag fisyaXoQtifioö^vag ain&v i^istg taitsi- 
vöifQovsgj nQÖg tag ßXaögyqfilag ain&v vfiBtg tag Ttgoösvxdg^)) 



1) Cf. Hamack, Dogmengesch. P 209. 

2) The apostolic fathers. Part 11. See. ed. vol. I— m. London 1889; 
cf. besonders I 408 S., wo er die Ansicht von Leuten widerlegt, die es 
wirklich fertig gebracht haben, den unvollkommenen Stil als ein Argument 
ffir die Unechtheit der Briefe zu verwerten. 

3) Aber bezeichnend ist auch hier, dafs in den sieben z. T. recht 
umfangreichen Briefen nur siebenmal iiiv-Si vorkommt: ad Eph. 14 
(p. 67). 18 (p. 76). ad Magnet. 4 (p. 116). 5 (p. 117). ad Trall. 4 (p. 161). 
4 (p. 162). ad Rom. 1 (p. 196). 

4) Das ist auch von E. v. d. Goltz, Ign. v. Ant. als Christ u. Theologe 
(in: Texte u. Unters, ed. v. Gebhardt u. Hamack XU 8 [1894] 91 f.) hervor- 
gehoben worden. 

5) Die kühne Ellipse, die in der interpolierten Fassung der Briefe 
durch Hinzufügung von &vtitd^ats beseitigt ist, dient hier deutlich der 
prägnanten Fassung der Worte, cf. Lightfoot z. d. St. 



512 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

ngbg ti^v nXdvriv ait&v i>(i€tg idgatoi rg nCötsi^ ngbg tb Rygiov 
ait&v {f^tg fjfieQO^ ib. 11 (p. 61) f\ yäg r^i/ [idXXovöav 6(fyilv 
(poß-q^&yLBv ^ xiiv ivBöt&öav %Aqiv iyascijöio^Vj ^v t&v d'6o. 
ib. 12 (p. 63) ol8a xCg bI[ii xal xCötv ygdqxo. iyä) xcctdxQitogy 
{ffutg ^Xeri^dvoi,' iyh &r6 tUvSwov, {>^tg iötfiQiyiUvoi. ad Rom. 
c. 8 (p. 228 f.) oi) xcctä ödifxa ifitv Sygaifa, iXXä xatä yv&nniv 
^eov, iäv Ttdd'io^ iid'sXijöate' iäv iaeodoxiiuMd'&y iiuöi^tfccvs,^) 
Foijkarp. In denkbar starkem Kontrast zu diesen ignatianisclien 
Briefen steht der Brief des mit ihm befreundeten Polykarp von 
Smyma (f 155 oder 156) an die Philipper (bei Lightfoot vol. III 
321 ff.). Man liest ihn schnell herunter, ohne anzostoüsen, 
während Ignatius fast in jedem Satz Probleme bietet. Die 
Sprache ist weder zu loben noch zu tadeln; kein ungewöhnliches 
Wort^ kein Anakoluth, aber auch kein origineller Gedanke, keine 
Rhetorik weder des Herzens noch des Kopfes (z. B. fehlt jede 
Antithese).^) Nur den Tod des Märtyrers hat dieser Mann mit 
seinem Freunde gemein gehabt.^ 



TU. Die Entwicklung der christliehen Prosa seit der Mitte 

des n. Jahrhunderts. 

A. Die Theorie. 

tum nnd ;,Das Evangclium wäre wahrscheinlich untergegangen^ wenn 

chriftott^*^^® Formen des * Urchristentums' ängstlich in der Kirche be- 

tom. 



1) Cf. noch 14 (p. 67 und p. 68). 16 (p. 69). ad Trall. 1 (p. 168). 6 
(p. 164). ad Rom. 6 (p. 218). ad Smym. 4 (p. 299 f.). 7 (p. 308). ad Po- 
lyc. 6 (p. 862 f.). Für die Anapher cf. ep. ad Ephes. 10 (p. 59). ad Magnet. 7 
Q). 122 f.). 

2) ii,iv ' di kommt in den zehn Eapitehi nicht vor. Bezeichnend aber 
ist, dafs in dem gut stilisierten Brief der Smjmäer an die umliegenden 
Gemeinden (über Polykarps Martyrium, bald nach diesem verfafst) diese 
Partikeln in zwanzig Kapiteln 10 mal vorkommen (bei Lightfoot vol. HI 
863 ff.). Offenbar ist dieser Brief von einem recht gebildeten Christen ge- 
schrieben worden; er berührt sehr sympathisch durch die mafsvolle Rhe- 
torik und die edle Einfachheit, mit der der Vorgang erzählt wird : um das 
zu würdigen, vergleiche man etwa die oben besprochene Schrift des Ps.-Io- 
sephus und spiltere christliche Martyrologien. 

3) Cf. Lightfoot vol. I p. 596 f. : TJie profmetvess of quotations (bibli- 
scher Stellen) in rolycarp's Epistk (im Gegensatz zu denen des Ignatius) 



Die Litierator der katholischen Kirche: die Theorie. 513 

walirt worden waren; nun aber ist das * Urchristentum' unter- 
gegangeU; damit sich das Evangelium erhielte/' Diese Worte 
Hamacks^) finden ihre Anwendung auch auf die Entwicklungs- 
geschichte der christlichen Prosa. Uns ergreift die erhabene 
Schlichtheit der Evangelien; die rührende Einfachheit der Di- 
dache, die sinnige Naivität des Hermas, die liebenswürdige An- 
mut der novellistischen Legenden; uns reust hin der Tiefsinn 
des Paulus imd die Glut des Ignatius; uns würden alle diese 
Schriften im Gewand eines pompösen, reflektierenden Stils mifs- 
fallen. Aber schon waren neue Aufgaben an die junge Religion 
herangetreten: sie wollte sich in der ganzen Welt verbreiten, 
das war aber bei der damaligen Lage der Dinge durch die 
bloJbe Sprache des Herzens nicht möglicL Hätten die Apolo- 
geten des zweiten Jahrhunderts^ ihre an die Kaiser, den Senat, 
das gebildete griechische und romische Publikum gerichteten 
Schriften in dem Stil geschrieben, dessen sich gleichzeitig 
Ignatius und Polykarp in ihren nur für die christlichen Ge- 
meinden bestimmten Schriften bedienten, so hätten die Adres- 
saten sie entweder überhaupt nicht gelesen oder daraus den 
SchluJb gezogen, dafs diese BeUgion wirklich das war, wofür 
man sie hielt: eine orientalische Superstition der ixaidsvtoi. 
Der Verfasser der ügd^stg 9iXl7cnov xov &3to6x6kov Zte siöfjX^sv 
Big tiiv *EXkAda xi^ Sva (p. 95 flf. Tischend.) lä&t den Philippos 
in Athen mit den Philosophen zusammentreffen, die ihn um 
etwas * Neues' bitten, worauf er ihnen antwortet: iiutg fih/ 



arises from a iDcwd of origvnality. The Epistle of P. ü essentidlly common 
jplace, and therefore esaentially intelUgible. It hos intrinsicaUy no literary or 
iheological interest. On ihe other hand fhe letters of Iffnatius have a markeä 
individuaUiy. Of all early Christians toritings fhey are preeminent in this 
respect etc. 

1) Im Nachwort zu E. Hatch, Griechentum u. Christentum, übers, von 
E. Prenschen (Freibnrg 1892) 268. 

2) Am besten schreibt der Vf. des pseudoiustinischen nagaivstiube 
ngb^ 'lElXrivccgi sein Stü ist bewuTst demosthenisch (cf. auch Hamack in: 
Sitznngsber. d. Berl. Ak. 1896, 648). Von den an einzelne Personen ge- 
richteten apologetischen Schriften ist die des Theophilos an Autoljkos nach 
Inhalt, Disposition, Stilistik und Sprache die schlechteste, während der 
Brief an Diognet nach allen diesen Gesichtspunkten zu dem Glänzendsten 
gehört, was von Christen in griechischer Sprache geschrieben ist (cf. be- 
sonders c. 6 — 7). 



514 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

iya7t&f & &vdQsg t^g ^EXXdSog^ xal [iccxoQiia} i^ag Blqutpi&tag Sri 
&yan&yLBv xi xacvöxBQOv, xal yäg natSsCav Zvtag viav xal xat- 
viflf tjvsyxBv 6 xvgvög ^ov Big xbv xööfiovj Iva näöav i^a- 
XB^iffi xo6fii.x^v naCdBv6i,vi auf solcher Grundlage lieCs sich 
eine Einigung nicht erzielen, im Gegenteil muTste die im Evan- 
gelium gebotene Gleichsetzung der sojßientia saectdaris mit der 
stuUitia (z. B. Tert. de praescr. haer. 7) die gebildeten Heiden 
verletzen. Solange man femer völkerrechtlich die Christen ent- 
weder mit den Barbaren identifizierte oder sie neben Hellenen 
imd Barbaren als tertium gmvs des Menschengeschlechts be- 
trachtete^), war die notwendig zu vollziehende Verschmelzung 
beider Kulturen eine Unmöglichkeit: lulian wollte — von seinem 
Standpimkt aus ganz konsequent — den ^Galiläem' als ^Bar- 
baren' den Gebrauch der griechischen Sprache verbieten (Greg. 
Naz. or. in lul. 1 c. 100 ff.). Die Christen wehrten sich seit 
dem zweiten Jahrhundert in erbitterter Polemik gegen jene 
Unterscheidung: in der Praxis haben sie sie aufgehoben durch 
das schwere, aber notwendige Opfer der Verweltlichung ihrer 
Religion auf dem Boden des Synkretismus, für den die heid- 
nische Welt durch die seit der Zeit Alexanders des Grofsen in 
immer steigendem Mafse wirksamen kosmopolitischen Ideen wohl 
vorbereitet war. So wurde aus der Religion des Glaubens und 
des Herzens eine Religion des Dogmas und des Kultus'); denn 
in der ^philosophischen' Lehrmeinung sah der Gebildete^ in der 



1) Cf. meine oben (S. 469, 2) citierte Schrift p. 407 flf. Die trotz aller 
Irrtümer grofsartigen völkergeschichtlichen Untersuchungen des Eusebios 
und besonders des Augustin (cf. auch Paulin. Nol. ep. 28, 5) hatten den 
Zweck, dem Christentum in der Geschichte der Völker seinen Platz an- 
zuweisen. Aus jenen frühen Zeiten erhielt sich übrigens, als das Christen- 
tum längst aus seiner isolierten Sphäre in die Begion der allgemeinen 
hellenischen Kultur eingetreten war, die Bezeichnung der Nichtgläubigen 
als '^XXrivBi^ so hatten sich einst die Anhänger der alten Religion stolz 
selbst bezeichnet, um sich von dem cUterum genus hominum zu unter- 
scheiden; daher nannte lulian die Christen Falilatoi, d.h. jSa^jJa^ot, während 
lulians Panegyriker Eunapios '^ElXriv als eine ehrende Auszeichnung ge- 
braucht (p. 86 Boiss. (piXo&vtrig «^ ^^^ SiafpBgdvttDg "IEXXtjv, cf. p. 29). 

2) Cf. C. Schmidt 1. c. (oben S. 471,1) 515 f. Die ausführlichsten heid- 
nischen Kultformulare, die wir besitzen, die iguvinischen Tafeln, berühren 
sich aufs engste, oft bis in Einzelheiten der Terminologie, mit den christ- 
lichen Liturgieen. 



Die Litierator der katholischen Sarohe: die Theorie. 515 

äu£9erlichen Bethätigang sah das Volk die religiöse Überzeugung 
und die GewiDsheit auf Erhorung seitens der höheren Mächte 
beschlossen. So mulfite auch die Sprache, die nur auf das Ge- 
müt wirkte, mit derjenigen, die den Geist anregte und die Sinne 
befriedigte, ein Bündnis schlielsen. Denn wenn man bedenkt, 
wie grob damals die Gewalt des Wortes war^) und wie empfind- 
lich die Menschen in der Bede alles äuTserlich Unvollkommene 
und Unschöne berührte, so begreift man leicht, dals vor allem 
die Gebildeten nie und nimmer durch die edle Einfachheit der 
biblischen Sprache und die rührende Schlichtheit ernster Er- 
mahnung für die neue Religion gewonnen werden konnten, dals 
sie im Gegenteil abstoCsend auf sie wirken und mithin der Aus- 
breitung des Christentums hinderlich sein mulste.') Auch das 



1) Cf. Villemain, M^anges historiques et litt^raires m (Paris 1827) 
857: La parole, chez Ums ces peuples d'origine grecque, äait le tälisman du 
culte. Hs Haient convertis par des pretrta üaquens, comme ils avaient iti 
d*abord gowoemis par des orateurs et ensuite amusis par des sophistes. 

2) Lehrreich für die steigende Empfindlichkeit scheinen mir die sprach- 
lichen und stilistischen Änderungen, zu sein, die ein Unbekannter in der 
zweiten Hälfte des IV. Jh. mit den ignatianischen Briefen (ed. Lightfoot 
1. c. m 149 ff.) vorgenommen hat. Ich habe mir folgendes notiert. Er 
ändert mehrere ungewöhnliche Worte: ep. ad Trall. 4 dyyeXixal rd^ttg für 
&. tono&Biiiai. ib. 8 nQa6trig für ngavitd^Bia. ib. 11 naQonnLiux für 
nagavta; er setzt &Qa fOr &Qa oiv ib. 10. Er ändert seltenere Kon- 
struktionen: ep. ad Smjm. 6 &ydnrig a{>tots oi iiiUi fär nsgl äydnrig ^^^* 
ad TraU. 18 hi yäg inl mvSvvmv e/fi/ für ht yccQ 'bnb %ipdvv6v üyi,i. Er 
bessert unbeholfene Perioden dos Ignatius: ad Philad. 1 in., ad Smym. 1 
a. E. Besonders merkwürdig ist, dafs er die bei Ignatius sich findenden 
bykoioxiXBvta gern verstärkt oder ganz neue einführt: Ign. ad Trall. 1 o(> 
%axcc XQfjctp &XXä nuxtä tp^aiv nu Ps.-lgn. o^ %atä Xiffjoiw &Xla wxtit ntfjaip, 
Ign. ad Smym. 9: 6 tifiSv ini<s%onov inb d'eoQ rstlfi^tai' 6 Xd&ga iKi9%6- 
nov ti ngdeaatp x& dtaß6X(p Icctgs'ön <^ Ps.-Ign. 6 xifiAv inUrnonoif {>nb 
^eo4 xiiiri^T/jeexai^ &aniQ oiv 6 Axiitd^oiP a(fxbv ^b d-saii nolaa^T/iasxai. 
Ganz neue hat er eingeführt: ad Trall. 6 Xiyovai yäg Xgiüx&Vy oij% tva 
XQiaxbv uriQ^^ouiip &XX' iva Xgtcxbv Msxi/iüacip' xal a6 v6yi,ov ngoßdXXovüiv 
Tme p6fiop avaxi/iümaiv, &XX' tva &vo\LCav mxxccyyslXmeiv xbp pkhv yäg Xgiaxbv 
&XXoxQioeat xfAi nocxQÖg, xbv dh p6itop xoii XQiaxoü u. s. w. in Antithesen, 
ad Smym. 6 '6 xmg&v xoDQBixaj 6 duo^av &%ovixai^ (er stellt also diesem 
cxfif/M zuliebe neben einander Matth. 19, 12 -f- 18, 48). x^og xal d^ionfui xal 
nXo^og it/ridipa tpvaio'öxoi}' ddo^ia xal nsvla {krfiiva xannvoixm. ibid. 6 
a. E. dydnrig aiycolg oi) fi^Xst, x&v ngoaSotuDii^ivmp dXoyoiiCLj xa naQ6vxa &g 
i6x&xa XoyC^oreai, xccg ivxoXocg nccQOQ&üiv, X^Q^^ ^^^ ÖQ(pavbv nsgiOQ&cip^ 
^Xiß6ii£vov SianxvovaiVy dsdsiitvov yBX&aiv: das hat er gemacht aus d^ 

Norden, antiko Konatproaa. II. 84 



516 Von Hadrian bis zum Ende der EaiBeneit. 

walkte der Apostat: wenn er die Galiläer höhnend anf die Bar- 
barismen ihrer religiösen Urkunden verwies und erklärte^ solche 
Leute seien unwürdige in der Weisheit der Hellenen^ speziell der 
Rhetorik, unterrichtet zu werden, so wollte- er damit dem schon 
stattlich emporgewachsenen Baum die Fasern der Wurzel zer- 
schneiden. Denn seit langem lauschten Hunderttausende den ge- 
waltigen Predigern, die ihre Reden ganz und gar in das Mode- 
gewand der Sophisten gekleidet hatten, und seit langem war der 
Inhalt der neuen Lehre auch durch die Schrift der gebildeten 
Welt in formvollendeten Werken zugänglich gemacht worden. 
Seitdem das geschehen, war der grofse Zwiespalt da: die heiligen 
Urkunden waren in der Sprache von * Fischern'^) gehalten, ihre 
Auslegungen in der von ^Sophisten'. Jahrhunderte lang hat 
dieser Zwiespalt die Gemüter der Menschen bewegt.^ Es ist 
nicht ohne Interesse, und fiir meine Zwecke unumgänglich notig, 
darauf etwas genauer einzugehen; da die allgemeinen Verhältnisse 
in der kirchlichen Litteratur des Ostreichs keine anderen waren 
als in der des Westreichs, trenne ich bei ihrer Darlegung die 
lateinischen Zeugnisse nicht von, den griechischen. 

1. Theorieen über die Sprache des Neuen Testaments. 

Dm N.T. ein Das Ncuc Testament in griechischer Sprache wurde bekannt 
&tixvov. ZU einer Zeit, als in den gebildeten Kreisen die Sensibilität für 
alles, was mit Sprache und Stilistik zusammenhing, auf ihrem 
Höhepunkt angelangt war. Ein nichtatiisches Wort zu ge- 
brauchen, galt für das schwerste litterarische Verbrechen, ein 

Worten des echten Ignatius: nsgl äyditrig a6 iiiXn aircotg^ o^ nsgl ;t^^ag, 

1) Cf. Lactani div. inst. V 2, 17, wonach Hierokles in seinen Büchern 
un die Christen Paülum Petrumque, ceteros discipulos rüdes et indoctas 
fume testattis est, nam quosdam eorum piscatorio artificio fecisse 
quacstum; qtiasi (sogt Lactanz) aegre ferret, quod illam rem (die christliche 
liolij^ion) mm Äristophanes aliquis aut Äristarchas commenUxtus sit. Celsos 
hattt^ ^OHOgt, die Kvangolion seien von paihai verfafst, cf. Orig. c. Gels. 1 62. 
Pio Christon ihrorscitH rühmten sich gerade wegen des piseatorius sermo 
ihror Urkunden, wie man seit Origenes 1. c. (cf. VI 1) durchs Mittelalter yer- 
iolgon kann. 

ä) Noch im XVII. und XVIII. Jahrh. stritt man sich über den Stil 
dos N. T., darüber manches bei Chr. Sigism. Georgi, Hierocriticus N. T. s. 
de Btvlo N. T. 1. III (Wittoborgae et Lipsiae 1733). 



Die Litteratar der katholischen Kirche: die Theorie. 517 

nicht mit den Figuren der Rede geschmücktes Werk hatte 
keinen Ansprach auf einen Platz in der Litteratur; kurz: gut 
oder schlecht schreiben galt als das Distinktiv von Griechen und 
Barbaren. Ein solches Publikum mufste die religiösen Urkunden 
der Christen als stilistische Monstra betrachten.^) Man kann 
sich den Kreis derjenigen Heiden^ welche sie überhaupt lasen^ 
gar nicht klein genug denken. Es wird darüber oft falsch ge- 
urteilt, weil man sich ungern entschliefst zu glauben, dafs Ur- 
kunden, die für uns von Wichtigkeit sondergleichen sind, damals 
unbeachtet geblieben sein könnten. Aber man muJb bedenken, 
dafs in den ersten Jahrhunderten nur wenige Scharfblickende 
dem Christentum gröfsere Bedeutung beilegten als irgend einer 
der zahlreichen orientalischen Sekten, deren Schriftstücke durch- 
zulesen sich ein gebildeter Heide gar nicht einfallen lieCs. Man 
überlege sich auch die Praxis der Apologeten: entweder citieren 
sie überhaupt nichts aus ihren Urkunden, wie Minucius Felix, 
oder sie legen — ganz gegen die Gewohnheit guter Schriftsteller 
(s. oben S. 88 flf.) — seitenlange Citate ein, wie lustin und 
Theophilos, und aus beiderlei Praxis folgt, dals sie bei ihren 
heidnischen Lesern keine Kenntnis der Urkunden voraussetzen. 



1) Bezeichnend ist, dafs sie sich vor allem an den vielen fSr die neuen 
Begriffe notwendigerweise neugepiAgten Worten stiefsen: Hieronym. comm. 
in ep. ad Galatas 1. I zu c. 1 v. 12 (Vn 1 p. 887 ValL): verbum quogue 
ipsum iatwuxX^smg id est revehxtionis proprie scripturamm est et a nidlo 
sapienHum sfiectUi apud Graecos usurpatum. unde mihi videntur, quem- 
admodum in (üiis verbis quae de Hebraeo sepbuagvnta interpretes transiiderunt, 
ita et in hoc magnopere esse conati, wt proprietatem peregrini sermanis ex- 
primerent nova novis rebus verba fingentes . , . 8i itcique hi qui di- 
sertas saectUi legere cansuevenmt, coeperint nobis de novitate et vilitate 
sertnonis Hindere, mittamus eos ad Ciceronis libros qui de quaestionibus 
Philosophie praenotanhir, et videcmt, quanta ibi necessitate compulsus sit, 
tanta verborum portenta proferre quae numquam latini hominis auris audivit: 
et hoc cum de Graeco quae lingua vicina est transferret in nostram: quid 
patiuntur iUi qui de hebraeis difficuJtatibus proprietates exprimere conantur? 
et tarnen multo pauciora sunt in tantis voluminibus scripturarum quae novi- 
totem sonent, quam ea quae iUe in parvo opere congessit. Das läfst sich am 
besten illustrieren durch die oft citierte Stelle des Augustin serm. 299, 6: 
Christus Jesus, id est Christus Sdlvator. hoc est enim latine lesus. nee 
quaerant grammatici, quam sit latinum, sed Christiani quam verum. saJus 
enim latinum nomen est; salvare et sdlvator non fuerunt haec latina, ante- 
quam veniret scdvator: quando ad Latinos venit, et haec latina fecit, 

34* 



518 Von Hadrian bii zum Ende der EaiBeneii 

Ich glaube daher nicht za irren, wenn ich behaupte, daXs Heiden 
nur dann die Evangelien (und die Briefe) gelesen haben,* wenn 
sie sie, wie Celsns, Hierokles, Porphyrios und lolian, widerlegen 
wollten.^). Die Argumente, die man kürzlich vorgebracht hat^ 

1) Th. Zahn 1. c. (oben S. 469, 2) 21, 1 hat eine Beihe von Stellen an- 
gefahrt, durch die bewiesen werden soll, dafs Heiden das N. T. lasen. Die 
Citate beweisen, wenn man sie nachschlägt (Zahn hat keins vollständig 
ausgeschrieben), entweder nichts oder das Gegenteil. Zu denen, die nich'"> 
beweisen, gehören 1) die, wo es sich um das A. T. handelt, das notorisch 
von Heiden gelesen wurde (wie wir längst wuTsten), 2) die, wo es sich um 
Heiden nach ihrer Bekehrung handelt, 8) die, wo Christen die Heiden zur 
Lßktflro auffordom, was eben meist nur fromme Wünsche blieben. Das 
Uegcutoil wird bewiesen durch eine Stelle Tertullians, die Zahn (auf Grund 
einer von ihm mifsverstandenen Notiz des Lactanz) als 'rednerische Über- 
treibung* bezeichnet: TertuU. test. an. 1: tantwn dbest, tit nostris liUeria 
awnuant hominea, ad quas nemo venit nisi iam Christianus. Soviel 
ich sehe, giebt es — natürlich abgesehen von den im Text genannten 
Männern, die es mit ihrer Widerlegung ernst nahmen — nur zwei Heiden, 
von denen überliefert ist, dafs sie das N. T. gelesen haben: den ersten 
kennt Zahn nicht, den zweiten entnimmt er längst bekannten modernen 
Autoron. Jener war der Platoniker Amelios, von dem Euseb. pr. ev. XI 
19, 1 ein hochinteressantes Fragment überliefert, in dem der ßagpagog, d. h. 
Johannes (ev. 1, Ifif.), citiert wird; da übrigens alle Neuplatoniker jener 
Zeit mit dem Christentum um ihre Existenz kämpften, so ist es 
durchaus nichts Besonderes, bei einem Genossen des Porphyrios Kenntnis 
christlicher Schriften zu finden: es beweist also nichts gegen die allgemeine 
von mir aufgestellte Behauptung. Der zweite, Ton dem wenigstens wahr- 
Hchoinlich ist, dafs er etwas von den Evangelien gelesen hat (sicher ist es, 
wie man sehen wird, nicht), ist Galen. Die Theologen (z. B. Hamack, 
Dogmengosch. I ' 224, 1) citieren dafür eine äufserst interessante Stelle, die, 
weil sie, wie es scheint, in philologischen Kreisen wenig oder gar nicht 
beachtet wird, hier Platz finden mag. Ihre Quelle ist, wie mir Dr. G. Jacob 
in Halle {W>undlichst mitgeteilt hat, das Kämil des Ibn al-Athtr, der i. J. 
1282 starb; aus ihm wird die Stelle citiert von dem kompilierenden Histo- 
rikor Abulfodä (f 1331) in seiner vorislamischen Geschichte, die von 
H. Floischer mit lat-oinischer Übersetzung Leipz. 1831 ediert ist: nach dieser 
iHtoinioohen Ol>entotzung hat derjenige, der die Stelle ausfindig gemacht 
(nämlich wohl der von Hamack 1. c. genannte J. Gieseler, Lehrb. d. K.- 
(^osch. 1 1* [Bonn 1844) 167, 16\ oitiort: Jacob hat die Übersetzung mit 
der nuB orhaltonon Quelle do8 AbulfedA verglichen. Im K&mil des ge- 
imunicn Araber« hoifst es also: frci/^ii tempore rvligio Christtanorum magna 
i'cim incmumta ce^Krat, eonimq^te mmtioticm fccit Galrnus in libro de 
srfifrfitiiü Politiar Plnfonicuf, bis trrhi.^: ^homifwm fürrique orationem 
dnnouatrotiiuim ctnitinuam iiini/r assequi nequcunt: quare imiigcfit, ^t m- 
tititutuitur j^iniMis^ ;»<ir«?^>/«i»< dicit narrninHic^ de pmemiis et poetiis in 



Die Litteratur der katholischen Kirche: die Theorie. 519 

zum BeweiS; da& Epiktet die L Schrift gelesen habe, halten bei 
genauer Prüfling nicht stand. ^) Der den Heiden oft gemachte 

vüa futura exipeetandis — . ^veluH nostro tempore videmus, homines ühs qui 
ChrisÜani vocaniur, fidem suam e parabolis petiisse, hi tarnen interdwn tdlia 
faeiunt, qudlia gut vere phüosophantwr, nam guod mortem contemnunt, id 
quidem omnea ante oculos habemus; item quod verecwndia quadam ducti ab 
usu rerum venerearwn ahhorrent. stmt enim inter eos et feminae et viri, gut 
per totam vitam a concuhiiu ahstintierint ; sunt ePiam, qui in animis regendis 
coercendisque et in acerrimo honestatis studio eo progressi sint^ ut nihü ce- 
dant vere phHosophantibus* haec Galenus. In diesen Worten ist pardbola 
Obersetzung des arabischen rame, welches nach Jacob bedeutet: ,,Rät8elf 
Andeutung und Siegel im Sinne der Stenographen**; die Worte poro^oZa« — 
exspectandis hat der Araber zugesetzt: sie sind also für die Meinung Galens 
nicht verbindlich, man denkt an die evangelischen Vergleiche, von denen 
sich ja einige auf das beziehen, was der Araber verstanden wissen wiU. 
Was die Glaubwürdigkeit des Citats anlangt — ich habe mich gewöhnt, 
allem, was wir aus orientalischen Quellen für das Griechische zulernen, 
vorerst zu mifstrauen ~, so bemerkt mir darüber Jacob, dafs eine arabische 
Erfindung ausgeschlossen sei: schon aus dem Wortreichtum könne man er- 
kennen, dafs es ein unarabisches Produkt sei. Ich wandte mich dann 
Galens wegen an dessen ersten jetzigen Kenner Dr. H. Schöne in Berlin, 
der mir folgendes zu schreiben die Güte hatte: „Das Galencitat war für 
mich ein Novum . . . Ich sehe keinen Grund, warum man an derAuthen- 
ticität desselben zweifeln sollte, obwohl eine Schrift 'de sententiis Politiae 
Platonicae ' weder erhalten noch in Galens Schriftenverzeichnissen (mgl tfjg 
td^ttD£ t&p IdUov ßtßXUov und nsgl t&v Idlmv ßißXloiv) aufgeführt ist. Ich 
vermute daher, dafs Galen das betreffende Buch in seiner letzten Zeit, als 
er jene Schriftenverzeichnisse schon publiziert hatte, verfaÜBt hat/* — 
Übrigens hat es einen anderen Weg gegeben, auf dem die Kenntnis der 
Schrift den Heiden vermittelt wurde: durch Vorlesen; wir erkennen das 
aus einem Traktat, in dem dagegen polemisiert wird: Pseudoclemens de 
virginitate II 6 (erste Jahrzehnte s. m, nur in syrischer Übersetzung des 
griechischen Originals erhalten, cf. Hamack in: Sitz.-Ber. d. Berl. Ak. 1891, 
363 ff.): „Wir singen den Heiden keine Psalmen vor und lesen ihnen die 
Schriften nicht vor, damit wir nicht den Pfeifern oder Sängern oder 
Weissagern gleichen, wie Viele, die also wandeln und dies thun, damit 
sie sich mit einem Brocken Brodes sättigen, und eines Becher Weins wegen 
gehen sie und 'singen das Lied des Herrn in dem fremden Lande' 
der Heiden und thun was nicht erlaubt ist. Ihr, meine Brüder, thut nicht 
also; wir beschwören euch, Brüder, dafs solches nicht bei euch geschieht, 
vielmehr wehrt denen, die sich so schmählich betragen und sich wegwerfen 
wollen. Wir beschwören euch, dafs dies so bei euch geschehe wie bei uns.** 
1) Auch für Lukian hat es Th. Zahn, Ignatius v. Antiochien (Gotha 
1873) 692 ff. nachweisen wollen, aber mit ebenso geringem Erfolg wie bei 
Epiktet (s. oben S. 469, 2). Folgende Gründe widerlegen ihn. 1) Von dem 



520 ^on Hadrian bis znm Ende der Kaiserzeit. 

Vorwurf, sie Temrteilten, was sie überhaupt nicht kennten, hatte 
also eine grolse Berechtigung.^) Wie verhielten sich nun diesen 



JBuQip T9 in vfjg IlaXcaetlittig r^ ixl to6tm9 (wunderbare Heilungen) cotpimef 
(Philops. 16) wild durchaus im Pr&sens gesprochen. Zahn sagt fireilich 
(p. 592), dafs es ein ,,yölliges Verkennen der Schreibweise Lukians" sei, 
wenn man dies nicht yon Jesus yerstehe. Ich behaupte viehnehr auf Grand 
meiner Kenntnis LuMans, den ich ganz gelesen habe, dafs er sich nirgends 
einer so peryersen „Schreibweise" bedient hat. 2) Nun sollte man aber 
wenigstens erwarten, dafs eben dieser £6qos die Heilung yollzieht, auf 
deren Analogie zu ey. Marc. 2, 11 f. Matth. 9, 6 f. Luc. 6, 24 f. Zahn sol- 
ches (Gewicht legt. Aber das ist nicht der Fall, sondern sie wird einige 
Paragraphen yorher (§ 11) yon einem ganz anderen, n&mlich einem Baby- 
lonier, erzählt 3) Bei dieser Heilung (die übrigens yiel mehr an act. 
Thomae 30 ff., p. 216 ff. Tischend, erinnert) heifst es freilich: der Kranke 
(ein Winzer) wbtbs AgduBvog xhv axiiinoda, iq>' ov iiu%6fU6to, ^^o ig 
tbv &YQbv &in6>v^ wie im Eyangelium (Marc. 1. c.) coX Xiyo, fyei^c if^ov xbw 
%Qdißatt6^ eovj %al vnayB slg xhv ol%6v aov. %al 'fyfiQ^ *al ii^g ägag 
thv %Qdßattov i^t&8v: aber was ist denn daran sonderbar, dafs man 
seinen Sessel, auf dem man krank getragen wird, gesund selbst tiftgt? 
Auch die yon Apollonius y. Tyana erweckte Tote (Philostr. y. Ap. IV 48) 
'geht wieder nach Haus', aber da sie auf einer idlrri gebracht ist, nimmt 
sie diese nicht selbst mit. — Auf das, was C. Fr. Baiu:, ApoUonius y. Tyana 
u. Christus (1832) in: Drei Abh. z. (resch. d. alt. Philos. ed. Zeller (Leipz. 
1876) 137 Anm. yorbringt, ist erst recht nichts zu geben. 

1) Bekanntlich ist es auch den litteransch hochgebildeten Christen 
schwer genug geworden, sich über ein ihnen angeborene? Vorurteil hinweg- 
zusetzen. Wir haben die Zeugnisse des Hieronymus (ep. 22, 1 116 ValL) 
und Augustin (conf. m 5 f.). Darüber hat J. Bemays, Üb. d. Chron. d. 
Sulp. Sey. >» ges. Abh. 11 148 f. yortreffUch gehandelt, und jeder, der die 
litterarischen Verhältnisse jener Zeiten kennt, wird ihm recht geben, wenn 
er sagt: „Wenn dies den ernsteren Naturen widerfuhr, was muTsten nun 

erst Menschen wie z. B. Ausonius empfinden * Er und die aquitanischen 

'Professoren', welche er besingt, hätten um ihres Glaubens willen wohl 
jede andre Not und Schmach gelitten, als die Not, solche Solöcismen zu 
lesen, und die Schmach, solche Barbarismen in die Feder oder den Mund 
nehmen zu müssen, wie sie jeder Vers der Itala oder der Septuaginta ent- 
hält." — Mir scheint auch recht bezeichnend, dafs ChoriMos das N. T. 
ignoriert, während er das alte oft citiert, cf. besonders p. 179 ff. Boiss. 
Überhaupt kann man beobachten, dafs die christlichen Autoren in den für 
ein gelehrtes Publikimi bestimmten Schriften sparsam mit wörtlichen Bibel- 
citaten sind: man sehe daraufhin durch z. B. die Briefe des Paulinus yon 
Nola oder SidoniuB. Lucifer von Cagliari zeigt auch darin seinen Mangel 
an 'Bildung', dufs er überall seitenlange Stellen der Bibel wörtlich citiert, 
in einem Umfang, wie wohl kein anderer Schriftsteller. £ine interessante 
"«tcrsuchung dächte ich mir, die stilistischen Änderungen nachzuweisen, 



Die Litteratur der katholischen Kirche: die Theorie. 521 

Insiuaationen gegenüber die Christen? Sie schlugen zwei Wege 
der Verteidigung ein: entweder gaben sie die sprachlichen und 
stilistischen * Fehler' der Schrift zu^ erklärten sie aber aus der 
ganzen Tendenz der Schrift; oder sie suchten zu beweisen^ dafs 
die Verfasser der einzelnen Bücher keineswegs ungebildete Leute 
gewesen seien, sondern die Mittel kunstvoller Diktion gekannt 
und angewandt hätten. Betrachten wir zunächst den ersteren 
Losungsversuch. 

1. Man hielt den Spöttern das entgegen^ was die Wahrheit zagestäiK 
war: die neue Religion habe die Welt gewinnen wollen ^«j^.«' 
und sich daher einer allen yerständlichen einfachen 
Sprache bedienen müssen. Ich lasse dafür einige Zeug- 
nisse folgen. 

Am schönsten und wärmsten hat Origenes dieser Em- 
pfindung Ausdruck gegeben in seiner Erwiderung auf den Vor- 
wurf des CelsuS; die Eyangelien seien in der Sprache von vavvav 
abgefaist. Würden — erwidert er darauf (I 62) — die Schüler 
des Herrn sich der dialektischen und rhetorischen Künste der 
Hellenen bedient haben^ so hätte es ausgesehen^ als ob Jesus als 
Gründer einer neuen Philosophenschule aufgetreten wäre: nun 
aber redeten sie yoU heraus aus des Herzens Tiefe ^ so wie es 
ihnen der Geist eingab; da fragten sich die Menschen erstaunt: 
,,woher haben jene wohl diese Überredungskraft; denn nicht ist 
es die bei allen anderen gebräuchliche'^^ und so glaubten sie^ 
dais es ein Höherer war^ der aus ihnen sprach: wie ja auch 
Paulus gesagt hat: „Mein Wort und Verkünden stand nicht auf 
ÜberredmigskuBst der Weisheit, sondern auf dem Erweise Ton 
Geist und Kraft: damit euer Glaube nicht stehe auf Menschen- 
Weisheit^ sondern auf Gottes-Eraft.^' In besonders eigenartiger 
Weise und, wie gewöhnlich^ stark übertreibend hat Johannes 
Ghrysostomos die Frage erörtert hom. in ep. I ad Cor. 3 c. 4 
(61; 27 Migne): ;,Wemi die Hellenen gegen die Schüler des 
Herrn die Anschuldigung der Unwissenheit erheben ^ so wollen 
wir diese Anschuldigung noch steigern. Keiner möge sagen^ 
Paulus sei weise gewesen, sondern indem wir vielmehr die bei 



die Ton christlichen Schriftstellem in ihren Citaten des N. T. vorgenommen 
sind. Das Material zu den Evangelien findet sich jetzt bei A. Bescb. 
Aossercanonische Eyangeliencitate bei ehr. Schriftstellern, Lpz. 1896 f. 



522 ^on Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

den Hellenen fQr grob geltenden und ob ihrer WoUberedsam- 
keit bewunderten Männer erheben^ wollen wir behaupten, daCs 
alle zu uns Grehörigen unwissend waren. Denn so werden wir 
die Gegner gar gewaltig zu Boden werfen , und glänzend wird 
der Siegespreis sein. Das aber sagte ich, weil ich einst einen 
gar lächerlichen Disput zwischen einem Christen und Heiden 
anhörte, die in ihrem wechselseitigen Kampf beide ihre eigene 
Sache widerlegten. Denn was der Christ hätte sagen müssen, 
das sagte der Heide und was naturgemäljs Worte des Heiden 
gewesen wären, das brachte der Christ vor. Die Frage drehte 
sich nämlich um Paulus und Piaton, wobei der Heide zu zeigen 
yersuchte, daüs Paulus ungebildet und unwissend war, während 
der Christ in seiner Einfalt den Beweis zu bringen sich ab- 
mühte, daüs Paulus beredter als Piaton war. Wenn diese Be- 
hauptung zu Recht bestände, so wäre der Sieg auf Seiten des 
Heiden: denn wäre Paulus beredter als Piaton, so würden viele 
entgegnen, Paulus habe weniger durch die Gnade als durch seine 
Wohlberedsamkeit die Übermacht erhalten. Also wäre das Yon 
dem Christen Gesagte für den Heiden günstig, das von dem 
Heiden Gesagte für den Christen. Denn, wie gesagt, war 
Paulus ungebildet und überwand trotzdem den Piaton, dann war 
der Sieg ein glänzender: denn er, der Ungeschulte, wuiste alle 
Schüler jenes zu überzeugen und auf seine Seite zu bringen, 
woraus sich ergab, dafs nicht kraft menschlicher Weisheit die 
Botschaft siegte, sondern kraft der Gnade Gottes. Damit es uns 
nun nicht ergehe wie jenem und wir in solchen Disputen mit 
den Heiden ausgelacht werden, wollen wir gegen die Apostel 
aussagen, sie seien ungebildet gewesen: denn diese anklagende 
Aussage ist ihr Lobpreis.'' Theodoretos (saecY) hat in seinem 
Werk in dieser Sache öfters das Wort genommen. Gleich in 
der Vorrede sagt er (83, 784 Migne): nokXimg {lov x&v xf^Q 'Ek- 
XtIvMfjg ^vd'oXoyiag i^rj^ri^dvav ^wtervxrjxöteg ti^vhg ti^v xs 
7tl6tiv ixai[i^dri6av xijv f^ksviQav .... wd xf^g x&v iaco6x6X<ov 
xatrjyÖQOtyi/ änatdevöiag^ ßagßdQOvg inoxaXovvxeg xb yXa^gbv 
xilg eieneiccg oinc i%ovxag. Über einzelnes äuüsert er sich im 
weiteren Verlauf seines Werkes folgendermalsen: L V (ib. 946 f.) 
aixlTia xolvvv xal xa^pdovöiv Ag ßdQßaga tä övö^ata (nämlich 
Mccxd'atovy Bagd-olo^atovy 'Idxmßovy M(ov6ia etc.)' fiyi^Blg 81 ab- 
x&v xijv iiiTtkriliav öXoqyvQÖiud'ay Zxt> dij ÖQ&vxsg ßaqßaQo^Avovg 



s 



Die litterator der katholischen Kirche: die Theorie. 523 

&v^Qdncovg t^ ^EULfiPixilv siyXfottiav vevixiptötag xal rov^ xe- 
xofi^evfi^vovg fit^ovg xcnnsXS^g i^BXriXaiUvovg xal toi>s ikisvt^ 
%oi}g 6oloiXi6iU}'bg toi>g ^Attiwybg xataXaXvwkag ]^XXoyi6noi>g 
oix i(iv&Qi&6iv adi* iyTialvmovtai^ &JiX ividtfv {fXBQiucxovöi tijg 
xXdvfig xxL Sehr ansführlich motiviert er die einfache Sprache 
des N. T. L YIII (ib. 1008 £): es seien keine X&yoi xBxoyL^sv- 
lUvoi xal xatayXamuf^ivoty sie besäCsen nichts von der sog. 
svötoiiücy nichts Yon Piatons s^lamüx, Demosthenes' detv&crjg, 
Thukydides' tiyxogy noch von den Spitzfindigkeiten des Aristoteles 
nnd Ghrysipp; es sei freilich der Gottheit leicht gewesen, auch 
solche xiiifvxag tijg ilfid-BÜicg zu schafifen, aber sie habe es nicht 
gewollt^ damit die Welt sie verstehe. — Ebenso äoTsert sich an 
einigen Stellen Isidor von Pelnsium (saec. Y) in seinen 
stilistisch auf der Hohe der Zeitbildung stehenden Briefen: 
lY 67 (78, 1124 Migne): 8ib xal t^ d'eüxv altv&vxav ygatpifi/ 
[lij t^ XBQvtt^ xal 7CBxaXkami,6iUvtp xQonivriv X6yq)j &klä rcSf ra- 
lUiv^ xal neip. iXl* fli^stg fihv avvotg ivzsyxaX&iuv tflg qf^Xccv- 
xiag^ Sti döJ^fjg iQ^xd'ivxeg z&v &Xhov fjxiöta iq)Q&ini6ttVy tilv dh 
^zCav fivx(og yqaq^ iacaXXatt&iuv x&v iyxXrnidtav XdyovtBgy Srt 
oi tflg obceiag iöl^i^g^ rffg di t&v ixovöövtcav öatfjQÜicg iqiQÖvxv- 
6€v. sl dl iirrjXHg q>(fd66(Dg iQpsVy fiavd^avdxmöaVy oxi &n£tvov 
xoffä ididnov xiXrid'ig rj Ttafä 6oq>i.6xov xb i^evdog luc^stv 6 (ikv 
ydcQ axX&g xal 6vvx6n(og ^fga^et, 6 dl noXXdxig i6ag>£ia xal xo 
xfig iXri^siag hctxgvxxet xdXXog xal xb i^Bvdog x^ xalXurcsia 
xoffiiiiöag iv %(fv6l8i xb driXtixiiQiov ixi(fa6ev. sl 81 fi iMfi'eia 
xfi xaXXuiiBÜf 6vvaip^BCri, dvvaxai [kkv xohg TtSTiaideviiivovg d}g)€' 
Ulöaij xotg 8* SXXoig Sstaöiv &xQfi<fxog i6xai xal iva}q>BXi/ig, 8i 8 
xal fi yQaqy^ xij^v äXi/fisiav XB%(p Xöyp iiQ^iivBVöBVy Iva xal ^iQ- 
xai xal 6oq)ol xal 7tat8Bg xal yxrvatxBg luid^ouv. ix fikv y&Q rov- 
xov ot nlv 6oq)ol oi8lv naQaßXdjcxovxaiy ix 8* ixBivov xb xXiov 
tijg olxovfidv7ig (Ugog jtfoöBßXdßri. 6v xivmv oiv ix^fjfif fpQovxC- 
6ai^ [idXiöxa iihv x&v nXBiAvoiv, i7CBi,8äv 81 xal ndvxmv iq>q6vxi' 
öBVy 8Bixvvxai XaiutQ&g d^sia oiöa xal oigdviog. Und dazu das 
triumphierende testimonium ex eventu IV 28 (ib. 1080 £): Xav^d- 
VQV6VV ^EXXi/iv(ov 7tat8Bgj 8i &v XiyovöiVy iavxohg dvaxgijcovxBg. 
i^BvxBXiiiyvöt yäg xifv %BCav ygatp^v Ag ßaQßagöqxovov xal ivo- 
IMCXonoUaig ^dvaig 6wtBxay(iivriVy öwSiöiimv 81 dvayxaifov iX- 
Xsütovöav xal nBQtxx&v TtaQBvd'ijocg xbv vovv x&v XByo^dvatv ix- 
xaQdtxovöav. iXX* iytb xovxav iiavd-avixaöav xi^g iXtjd'BÜig * 



524 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

I6x6v, n&g y&Q Insiöev fi iyQOi^xttoiievrf xi[v siyXantüxv; elxa- 
t(D6av ot öotpoly n&Q ßa^ßagi^ovöa xarajcgätog xal 6okoixC%€v6a 
vevUrpiB tijy ittixC^ovCav nXAvr[V' n&g IlXatfov fiivj t&v il^a^ev 
q)tXo66q>(ov 6 xoQVtpatog, oidsvbg TCBQieyivsto xvgdwovj ccfkri 8h 
yHv ts xal d-dkattav hctjy dysto; — Nicht anders im Westen: 
Lac tanz selbst^ Mer christliche Cicero'^ schreibt darüber diy, 
inst, y 1: haec imprimis catisa est, cur apud sapientes et doctos et 
principes huitis saeculi scriptura sancta fide careatj quod prophetae 
communi ac sirnplici sermone, ut ad poptdum, sunt hcuti. conr 
temnuntur itaque ab üs^ qui nihil audire vel legere nisi expolitum 
ac diserhim vohmt, nee quicquam inhaerere animis eorum potest, 
nisi quod aures hlandiori sono permtdcet. tUa vero, quae sardida 
videnlur, anüia inepta vulgaria existimantur. adeo nihü verum putant, 
nisi quod auditu suave est, nihü credibile, nisi quod potest incutere 
voluptatem. nemo veritate rem ponderat, sed omatu. non credtmt 
ergo divinis, quia fuco carent, sed ne Ulis quidem, qui ea inter- 
pretantur, quia sunt et ipsi aut omnino rüdes aut parum doctij 
nam ut plane sint eloquentes, perraro cotitingiL Derselbe ib. VI 
21, 3 ff.: homines litterati cum ad dei religionem accesserint, si non 
fuerint ab aliquo perito doctore fundati, minus credunt; adsueti enim 
duUibus et politis sive orationibus sive carminibus divinarum litte- 
rarum simplicem communetnque sermonem pro sordido a^aemantur, 
id enim quaerunt quod sensum demukeat; persuadet autetn quidquid 
suave est et animo penitus, dum delectat^ insidet. num igitur deus 
et mcntis et vocis et Unguae artifex diserte loqui non potest? immo 
vero summa Providentia carere fuco voluit ea quae divina sunt, ut 
omnes inteUegerent quae ipse omnibus loquebatur. — Arnobins 
ady. gentes I 58 ff., eine berühmte Stelle^); aus der ich nur 
einiges heraushebe: ^ab indoctis Jiominibus et rudibus scripta sunt 
(eure Religionsurkunden) et idcirco non sunt facili auditione cre- 
denda.^ vide ne magis haec fortior causa sit, cur üla sint nuUis 
coinquinata mendaciis, mente sirnplici prodita et ignara lenocinüs 
ampliare. ^trivialis et sordidus sermo est,' numquam enim veritas 
sectata est fucum nee quod exphratum et certum est circumduei 

se patitur orationis per ambitum longiorem ^barbarismis, 

soloecismis dbsitae sunt, inquit, res vestrae et vitiorum deformitate 



1) Eine ähnliche Invektive bat Tatian or. adv. Graec. c. 26; sie war 
dem Aruobius wohl bekannt. 



Die litterator der katholischen Kirche: die Theorie. 525 

poUtäae.' puerüis sane atque angusU pectoris reprehensio . . . . qui 
minus id quod dicitur verum est, si in numero peccetur aut casu 
praqposiU(me participio coniunctione? pompa ista sermonis et oratio 
missa per regulas contiontbus litibus foro iudiciisgue ser^ur detur- 
que Ulis imtno^ qui voluptatum delenimenta quaerentes omne stium 
Studium verborum in lumina contulerunt (es folgt weiterhin die 
sprachwissenscliaftlich interessante Stelle über den Streit zwischen 
Analogie und Anomalie: aus letzterer leitet er die Berechtigung 
der Soloecismen ab). — Hieronymus ep. 63, 9: ndlo offendaris 
in scripturis sanctis simpUcitate et quasi vüitate verborum^ quae vel 
vitio interpretum^) vd de industria sie prolata sunt, ut rusticam 
eontionem facilius instruerent et in una eademque sententia äliter 
doctus aliter audiret indoetus. — Endlich noch ein Zeugnis aus 
dem Mittelalter, damit man sieht, wie lange diese Frage die 
Gemüter der Menschen beschäftigt hat. Ermenrich, Mönch 
von St. Gallen, in seinem Brief an den Abt Grimald (f 872), 
ed. E. Dümmler, Progr. Halle 1873, p. 12 (er hat aus Matth. 
24, 43 perfodiri, aus Luc 7, 8 alio als Dativ und aus Luc. 11, 7 
deinius angeführt): sed cur haec prosequimur^ cum multa his si- 
müia in divinis libris indita repperiu/ntur, quae grammaticis con- 
traria esse videntur? sed non ita per ofnnia sentiendum est, quia 
quicquid Spiritus sanctus, auctor et fons totius sapientiae, per os 
sanctorum suorum hquitur, non est contra artem, immo cum arte, 
quia ipse est ars artium, cui omne mutum hquitur et insensibile 
sentit . . . quapropter cum honore veneremur ea quae per sanctos 
ad nos perlata sunt, et ne procaci contentione sttuleamus illud cor- 

m 

rigere quod constat esse rectissimum. hinc enim beatus Gregorius 
ait: ^stultum est, ut si velim verba cflestis oractdi concludere sub 

reguiis Donati' haec itaque idcirco dixi, ut ne quis tam 

süperbe audeat loqui contra dicta euuangdistarum apostolorum vd 
prophetarum, sed dicat tacitf cogitationi suae illud apostoli (1 Cor. 
4, 7) ^quid est quod hohes quod non accepisti? si autem accepisti, 
quid gloriaris quasi non acceperis?' quia si auctorem donorum 
amnium cogitas, non hohes in dictis eins quod reprehendas, vitia 
tantum scriptorum cavenda sunt d emendanda,^) 



1) Dieses merkwürdige Argument auch in der Vorrede seiner Über- 
setzung des Eusebios (Vill 5 Vall.), sowie ep. 49, 4. 

2) Sollten wirklich einige perfodi korrigiert haben? Das scheint mi 



526 Von Hadrian bis zum Ende der EaiBerzeit. 

Yenmche, 2. Seltener schlug man den anderen Weg ein, sich auf eine 

cktjt^ov ein angeblich künstlerische Vollendung der h. Schrift zu be- 
*'^J|J^j^"" rufen. Wenn Philo, losephos, Origenes, Eusebios und, auf sie 
sich berufend, vor allem Hieronymus die Behauptung aufstellten, 
die poetischen Bücher des A. T. seien nach den Gesetzen antiker 
Metrik verfaist^), so wird mau darin wohl das instinktive Be- 
streben erkennen dürfen, das spezifisch Orientalische an das 
Hellenische anzugleichen. — Ambrosius schreibt in einem Briefe 
(ep. 8; 16, 912 Migne): negant plerique nostras secundum artem 
scripsisse, nee nos abnüimur, non enim secundum artem scripserunt 
sed secundum gratiam guae si(per omnem artem est: scripserunt 
enim guae spirif*tö iis logui dabat sed tarnen ii gut de arte 
scripseruntj de earum scriptis artem invenerunt et condiderunt com- 
menta artis et magisteria: diese bei einem eifrigen Philo-Leser 
nicht befremdende Ansicht beweist er an einigen Stellen der 
Bibel, in denen sich die drei Erfordernisse der tdxvti fanden: 
atxiovy CXri^ ijtotdXeöiia, — Vor allem aber hat mein Interesse 
erregt eine grofs angelegte systematische Schrift Augustins, in 
der er zu beweisen versucht, dafs in beiden Testamenten die 
Figuren der Rede in weitestem Umfang zur Anwendung ge- 
kommen seien: das vierte Buch des Werks de doctrina Chri- 
stiana^ ist diesem Unternehmen gewidmet; die Veranlassung 
und Tendenz spricht er § 14 aus: male doctis hominibus reqrni- 
dendum fuit, gui nostros auctores contemnendos putant, non guia 
non lidbent sed guia non ostentant guam nimis isti diligunt eloguen- 
tiam. Ich habe schon oben (S. 503 ff.) aus diesem Werk einige 
Stellen citiert, in denen er Perioden des Paulus auf Grund dieser 
Anschauung analysiert; auch das A. T. zieht er dort in diesem 
Sinn heran (cf. IV 16 ff. die rhetorische Analyse von Amos 6, 1 



hervorzugehen aus folgenden Worten Notkers (f 1022) in: P. Piper, Die 
Schriften N/s u. seiner Schule I 676, wo er unter den vitia orationis als 
corruptum nennt perfodiri, ut quid am legunt in evangeliis pro perfodi, 

1) Cf. Hieron. praef. in chron. Euseb. VHI 3 flf. Vall. ; praef. in lob IX 
1099; ep. 63, 8 =» I 276. Nachwirkungen im Mittelalter: cf. U. Chevalier, 
Poc^sio liturgique du moyen fige in: L'universitd catholique X (1892) 164 f. 

2) Richtig gewürdigt ist dies glänzende Werk Augustins unter allen, 
die sich darüber geäufsert haben, nur von Fr. Overbeck, Zur Gesch. d. 
Kanons (Chemnitz 1880) 46, 1; er übersetzt den Titel richtig „über die 
christliche Wissenschaft". 



Die litterator der katholischen Kirche: die Theorie. 527 

bis 6). Aber auf noch viel breiterer Grundlage hat er dies 
höchst eigenartige Unternehmen in einem uns verlorenen Werk 
aufgebaut. Da die Kunde von der Existenz dieses Werks gänzlich 
yerloren zu sein scheint^ so teile ich hier mit^ was ich darüber 
weifs: man wird aus den mitgeteilten Zeugnissen ersehen^ dafs 
Cassiodor der letzte war^ der es noch gelesen und benutzt hat^ 
während die Späteren es nur aus ihm kennen.^) Cassiodorius 
de inst. diy. litt. c. 11 (70^ 1111 Migne): scripsit (Augustinus) 
de modis locutionum Septem miräbües libros, übt et Schemata sae- 
cularium litterarum et muUas cdias loaUiones divinae scripturae 
proprias, id est guas communis usus non haberet, espressit, con- 
siderans, ne compositionum novitate reperta legentis animus non- 
nullis offensicnibus angeretur, simulque ut et iOud ostenderet magister 
egregiuSf generäles locutiones, hoc est Schemata grammaticorum 
atque rhetorum, exinde fuisse progressa et aliquid tamen Ulis pe- 
culiariter esse derdidum^ guod adhuc nemo doctorum saecularium 
praevaluit imitari. Cf. auch c. 15 (1127 A). Derselbe setzt in 
der Vorrede seines Kommentars zum Psalter (c. 15; ib. 19 ff. 
Migne) auseinander, er wolle in diesem Kommentar eloquentiam 
totius legis divinae einschlieüsen: nam et pater Augustinus in 
libro III de doärina Christiana ita professus est: ^ Sciant autem 
lüteraH modis omnium locutionum, quos grammatici graeci nomine 
fropos vocant, auctores nostros usos fuisse\ et paulo post sequitur: 
* Quos tamen tropos, id est modos locutionum, qui noverunt agnoscunt 
in litteris sanctis eorumque scientia ad eas intelligendas aliqtuintulum 
adiuvantur,^ ctiius rei et in äliis codidbus suis fedt emdentissimam 
mentionem. in libris quippe quos appdlavit de modis locutionum 
diversa Schemata saecularium litterarum inveniri probavit in litteris 
sacHs; cdios autem proprios modos in divinis doquiis esse declaravit, 
quos grammoHci sive rhetores nuUatenus aüigerunt dixerunt hoc 
apud nos et alii doctissimi patres, id est Hieronymus Ämbrosius 
Hüarius (wo?), ut nequaquam praesumptores huius rei sed pedisequi 
esse videamur.^ Von Baeda besitzen wir eine kleine Schrift 



1) Dafa man, wie aus dieser Thatsache hervorgeht, dies Werk im VI. 
und Vn. Jh. nicht abgeschrieben hat, ist bezeichnend für die Abneigung 
jener Zeiten gegen die Verweltlichung der Kirche. 

2) So bemerkt er zu ps. 1, 1 {'heatus vir qui non ahiit in consüio im* 
piarum et in via peccatorum non stetit et in cathedra pestilentiae non sedit' 
p. 29: nota quam pülchre singüla verba rebus singulis dedi , id est ^äbii 



528 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeii 

De schematis et tropis sacrae scripturae (90^ 176 ff. Migne), die 
aber ohne Kenntnis Augustins nach sekundären Quellen (be- 
sonders Cassiodor) gearbeitet ist. Karl der Grofse in seiner 
Encyclica de litteris colendis (787; gerichtet an den Fuldenser 
Abt Baugulf) Mon. Germ. Leg. sect. II tom. I p. 79: quam ob 
rem hortamur vos, Utterarum studia non solum non negligere, verum 
etiam humiUma et deo placita mtenUone ad hoc certatim discere, ut 
facilius ei redius divinarum scripturarum mysteria valecUis penetraire. 
cum enim in sacris paginis scemata, tropi et cetera his simüia 
inserta inveniantur, nuUi dubium quod ea unusguisque legens tanto 
citius spiritualiter inteUegit, qiuznto prius in litterature magisterio 
plenim inshvdus fuerit Notker Balbulus von St. Gallen 
(saec. IX) de interpretibus divinarum c. 2 (ISl^ 995 Migne): in 
cuius (psalterii) expianationem Cassiodorus Senator cum muUa dis- 
seruerit, in hoc tanhim videtur nöbis utüis, quod omnem saecuJarem 
sapientiam, id est scematum et troporum dulcissimam varietatem 
in eo totere manifestat^) 

Was wir über diesen Versuch Augustins zu urteilen haben, 
liegt auf der Hand: er hat (aufser bei Paulus) keine innere Be- 
rechtigung; sondern ist dem Bedür&is entsprungen^ den heiligen 
Urkunden auch das zu geben , was er selbst und mit ihm alle 
Gebildeten so gern in ihnen finden wollten: Vollendung auch ia 
der äufseren Form.*) 



^stetü^ et ^aediV ; quae figura dicitur hypozeuxis, quando diversa verba 
singulis apta clausulis apponuntwr\ zu 97, 5 {'iubilate deo^ omnis terra; com- 
täte et exsuUate etpsallüe') p. 690: quae figura dicitwr hamoptoton (sie), quda 
in aimües sonos exierunt verba. 

1) Wörtlich so (nur nöbis videtwr) bei E. Dümmler, Das Formelbucli 
des Bischofs Salomo IQ y. Eonstanz (Leipz. 1857) 66 f. 

2) Die dargelegte Kontroverse hat sich bis in das vorige Jahrhundert 
fortgesetzt; über die Vertreter der einen Partei s. oben S. 492, 2, über die 
der anderen z. B. Fr. Delitzsch^ Über die palästinische Volkssprache, welche 
Jesus und seine Jünger geredet haben, in: Daheim 1874, 430: „Joachim 
Jungius erregte in Hamburg seit 1630 einen nicht zu beschwichtigenden 
Sturm, als er behauptet hatte, das N. T. sei so wenig in reinem Griechisch 
geschrieben als Christus reines Hebräisch geredet. Ein Jahrhundert später 
durfte Bengel das Paradozon münzen : dei dialectus soloecismus, welches sich 
aneignend Hamann vom Stil des N. T. sagt: ^Das äufserliche Ansehen des 
Buchstabens ist dem unberittenen Füllen einer lastbaren Eselin ähnlicher 
als Jonen stolzen Hengsten, die dem Phaethon den Hals brachen'". 



Die LiHeratar der katholischen Kirche: die Theorie. 529 



2. Theorieen über den Stil der christlichen Litteratur. 

Welche Konsequenzen haben nun aus diesen Verhältnissen widerttreit 
die christlichen Autoren für die Gestaltung ihres eigenen The^riT 
Stils gezogen? Um es kurz zu sagen: in der Theorie haben p^^ 
sie von den ältesten Zeiten bis tief in das Mittelalter hinein fast 
ausnahmslos den Standpunkt vertreten^ dais man ganz schlicht 
schreiben müsse ; in der Praxis haben sie das gerade Gegenteil 
befolgt. Nach den obigen Ausführungen kann dieser Zwiespalt 
nicht auffallen: der Religionsstifter hatte die Weisheit dieser 
Welt von sich gewiesen ^ er hatte zu Fischern gesprochen ^ er 
hatte an erster Stelle selig gepriesen die im Geist Armen, seine 
Jünger hatten in schlichter Sprache das Mysterium verkündet 
Danach sollte man also auch handeln, aber man konnte es 
nicht: denn war der Ursprung der neuen Religion das auüserhalb 
der hellenistischen Kultur stehende Palästina gewesen, so war 
jetzt ihr Schauplatz die hochcivilisierte Welt geworden: die 
einstige Trösterin der Armen und Unterdrückten wollte jetzt den 
Hochgebildeten alles ersetzen, was ihnen bisher heilig und lieb ge- 
wesen war. Da jeder in der patristischen Litteratur nur einiger- 
mafsen Bewanderte weiüsi, wie sehr die Menschen in der Theorie 
die Notwendigkeit eines schlichten Stils anerkannt haben, so will 
ich aus der endlosen Masse der Zeugnisse nur solche anführen, 
die entweder durch ihre Vertreter oder ihren Inhalt einiges 
weitere Interesse haben dürften. Ich wähle sie aus den einzelnen 
Jahrhunderten aus. 



a) Forderung eines einfachen Stils. 

Basilius ep. 339 (32, 1084 Migne) an Libanios: fjiistg ^iv^ Theorie for 
i d'ovfidois, Mm6sl xal 'HXia Kai xotq (^x(o lucxagioig AvSgdtft ^ ^' "° 
öiivBö^sVy ix tilg ßaQßccQov q)(ovfls diakeyoiiivoig fi^tv rä iavr&Vj 
xal tä TtaQ* ixdvfov ip&syyö^ed'a, vovv (liv ciAi^-ö"^, Xi^iv dl «fi«- 
•O-q. el ydg ti xal ^nsv naq v(i&v didax^dvrsg, iicb xov %q6vov 
insXa^öiu^a.^) 



1) Er meint das natürlich ganz scherzhaft (wie ja auch die pikante 
Verwendung des axiJitM gerade in den Worten vovv filv &Xri^, U^tv dh 
<ifia^ zeigt), und so fafst es auch Libanios in seiner Antwort auf. 



530 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

Hieronymus hat oft in dieser Sache das Wort genommen, 
z. B. ep. 21; 42 (an Damasus): er solle ihm den Stil yerzeihen, 
cum in ecdesiasticis rebus non quaeranhir verba sed sensus, id est 
panibns sit vita sustentanda non siliquis. Derselbe ep. 49, 4 
quae (seine ifTCoiiviinata zu den Propheten) si legere volueriSf pra- 
häbiSy guantae difficultatis sit divinam scripturam et maxime pro- 

pl^etas inteUigere porro doguentiam quam pro Christo in 

Cicerone contemnis, in parvulis ne requiras. ecclesiastica interpretatio 
eUam si habet eioquii venustatem, dissimülare eam debet et fugere^ 
ut non otiosis phüosophorum scholis paucisque discipuüs, sed uni- 
verso loquatur hominum generi. 

Augustinus in psalm. 36 v. 26 Qtota die miseretur et fene- 
ratur': S6, 386 Migne): ^feneratur' quidem latine dicitur et qui 
dat mutuum et qui accipit: planius hoc autem dicitur, si dicamus 
^fener(xt\ quid ad nos, quid grammatici vdvnt? melius in batior 
rismo nostro vos intdligitis, quam in nostra disertitudine vos de- 
serti eritis. Derselbe in psalm. 123, 8 (37, 1644): primo quid 
est ^forsitan pertransiit anima nostra?' quomodo potuerunt enim, 
Labini expresserunt quod Graeci dicunt &(fa, sie enim graeca habent 
exemplaria ßga: quia dubitantis verbum est, expressum est quidem 
dubitationis verbo quod est ^fortasse% sed non omnino hoc est. pos- 
sumus ülud verbo dicere minus quidem latine coniuncto, sed apto 
ad intetligentias vestras. quod Punici dicunt ^iar% hoc Qraeci &Qa: 
1u>c Latini possunt vd sölent dicere ^putas\ cum ita loquuntur: 
^putaSf evasi hoc?* si ergo dicatur ^forsitan evasi\ videtis quia 
non hoc sonat; sed quod dixi ^putas'j usitate dicitur, latine non ita 
dicitur. et potui illud dicere, cum tracto vöbis : saepe enim et verba 
non UUina dico, ut vos intdligatis. in scriptura autem non potuit 
hoc poni, quod latinum non essd, et deficiente latinitate positum est 
pro CO quod non hoc sonaret. 

Sulpicius Severus vita S. Martini praef. (ep. ad Desi- 
derium) p. 109 f. Halm : bona venia id a lectoribus postuUbis, vi 
res potius quam verba perpendant d aequo animo ferant si aures 
eorum vitiosus forsitan sermo perculerit, quia regnum dei non in 
doquentia sed in fide constat. meminerint etiam salutem saeculo 
non ab oratoribus, sed a piscatoribus praedicatum. ego enim cum 
primum animum ad scribendum appuli^), quia nefas putarem tanti 



1) „Also den Teronz nachzuahmen kann er selbst in der Fischer- 



Die Litteratur der katholischen Kirche: die Theorie. 531 

viri lakre virtutes^ apud me ipse dectdif ut soloedsmis non eru- 
hescerem. 

Synesios homil. fr. 1 p. 296 B Pet. (66, 1661 Migne): oi- 

fUMQoloyücv 6v'yyQaq)iKifjiv. 

Gregor d. Gr. (saec VI/ VII) moral. praefat. i. f. (75, 516 
Migne): ipsam loquendi artem quam magisteria disdpUnae ex- 
terioris insinuant servare despexu nam . . non mytacismi coUisianem 
fugiOf non barharismi confusionem devUo, Hiatus motusque etiam et 
praqaositionum casus servare contemno, quia indignum vehementer 
existimo, ut verba cadestis oraculi restringam sub regtdis Donati.^) 

Vita S.Viyentii auctore anonymo in AA. SS. BoU. 13 lan. 
I p. 813 Yon dem Bischof Agilmar y. Glermont (saec. IX): qui 
venerahilis pontifex saepius relegens conversionem ac actus 8. Vi- 
veniii simplices ac paene incultos atque inerti sermone descriptos 
deosctdansque dicebat: beata ac henedicta priorum rusHdtas, quae 
plus studuit optima qperari quam loqui, et magis novit sancta ho- 
nestaque esse quam dicere. 

GuDzo epistola (geschrieben 960) in: Martine et Durand, 
Ampla coUectio I (Paris 1724) 298 quis tarn excerd)ratus , ut 
putet verha sacri doquii stringi regulis Donati aut Prisciani? 

Albericns Cardinalis (monachns Casinensis f 1088)') vita 
S. Dominici in AA. SS. Boll. 22 lan. II p. 442 sq.: veneräbüis 



spräche sich nicht versagen" Bemays, ges. Abh. U 160, 58. — Dafs man 
solche Versicherungen übrigens nicht ernst zu nehmen hat, zeigt er selbst 
dial. I 27: ein aus dem eigentlichen Gallien stammender Schüler des Mar- 
tinus bittet um Entschuldigung, wenn er ganz ohne rhetorische Mittel reden 
werde, worauf der Aquitanier erwidert: cum sie scholasticus, hoc ipsum quctsi 
scholasticus artificiose facis, ut excuses imperitiam, quia exüberas eloquentia. 
sed negue monachum tarn astutum neque Gallum decet esse tarn caUidum. 

1) Über diesen berühmten (von den Späteren ofb citierten) Ausspruch 
bemerken die Mauriner in ihrer Ausgabe (1706) vol. I p. Xu, er beruhe 
auf derselben Bescheidenheit wie der ähnliche des Sulpicius Seyerus, der 
doch der Sallustius Christianus sei ; wenn er fnetiri venerari persequi imi- 
tari passiyisch brauche, so sei das in der Entwicklung der Sprache be- 
gründet gewesen. Ebenso bezeichnet Montalembert, Les moines d'occident 
II (Paris 1860) 152 die Worte als eine exagg^ation d'humiliU. Cf. auch 
K. Situ in: Arch. f. lat. Lexicogr. VI (1889) 660 f. 

2) Cf. Petrus Diaconus, Chron. mon. Casinensis HI 85 (Mon. Germ., 
Script. Vn 728): Älbericus diaconus vir disertissimus ac eruditissimus . . . 
Cothposuit . . . lihrum dictaminutn et salutationum. 

Norden, antike Knnstprosa. II. 35 



532 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

patris Dominici ortum vitam öbHumque . . . Icicinioso impolitoque 

nimis quidam sermone descripserat Stylum in hoc qpere 

fiffurae sum mediocris prosecutus, qui et peritiorum auribus harrori 
esse non debeat et minus eruditorum intelligentia percipi non refugiat 
Petrus Damiani (f 1072), ep. 1: ad vos, venerabiles patres, 
ista conscnbo et impolüo sHlo quasi rauds vocibus perstrepo; aber 
sofort folgt eine meisterhaft geschriebene Invektive gegen die 
verderbten Sitten der Zeit: eine lange Reihe rhetorischer Fragen, 
die das Studium Ciceros deutlich verraten; dann aber ruft er 
sich zurück: sed ne tamquam cotumati tragoediam videamur at- 
tollere, stifficiat nobis apostolica dumtaxat siiper his verba referre 
etc. Derselbe opusc. VI c. 38: non hie, qtmeso, ductibratae 
didionis phalerata discutiatur urbanitas, non accuratae dicacitatis 
acrimonia requiratur, sed rtidis simplicitas et sermo pauperctiluSf 
qui vix queat explicare quod sensit, proposui enim serias qmsdam 
ac necessarias res fratrum meorum cordOms magis tUüiter quam 
luculenter exponere nee verborum inanium lenociniis aurium tue' 
cebris deservire, non enim ignoratis, qiiia vivacitatem sententiarum 
sermo ex industria cuUus evacuat et didorum vim splendore labora- 
tus enervcU. Uli sane grandiloquis et trutinatis verbis inserviant, qui 
favorabiles piatmis hominum aucupari delenificae locutionis amoena 
quadam venustate desudant; nos autem, qui nudis pedibus ire prae- 
cipimur, cotumati scribere non debemus, et qnibus censura tacitumi- 
tatis indicittir, luocuriantis eloquentiae laciniosa proliadtas congruere 
non videtur. Ahnliche Aufserungen von ihm bei A. Dresdner, 
Kultur- u. Sittengesch. d. ital. Geistlichk. im 10. u. 11. Jh. 
(Breslau 1890) p. 192.*) 



1) Cf. aufserdem etwa noch Sozomenos h. eccl. I 11, wo er erzählt, 
jemand habe einen chriBtIichen Redner wegen des Gebrauchs von exlftnavg 
statt des von den Atticisten (cf. Phrynich. ecl. p. G2 Lob.) gerügten x^aß- 
ßatog getadelt mit den Worten: oi av ys &iisiv(ov toü ngdßßaTov dgrix^og. 
Belehrend ist der Vergleich von Lukian Philops. IG icgdiisvog rbv cxLii- 
7t o See, i(p' ov insyiSfiLato , ^Z^o h "^ov &yQbv &ni6nv mit ey. Marc. 2, 18 
&Qas rbv tigaßparov i^fjXd'sv f^itngoad'sv itdvttov (Matth. 9, 6 sagt nXLvriv, 
Luc. 6, 24 nXiviSiov). Palladios (s. IV) ep. ad Lausum (34, 1001 f. 
Migne): bei ihm beruht es wenigstens auf Wahrheit. Gregor ius Nys- 
senus (s. IV) lehnt die typische Einteilung der Lobreden ab: de vita 
Greg. Thaumat. (40, 896 Migne). Proklos episc. CP. (s. V) sermo de 
circumcisione doniini II c. 1 (05, 837 Migne) über sMXsia der christlichen 
Rede im Gegensatz zur hellenischen. Ky rill ob t. Alexandria (s.V) schiokt 



Die Litteratnr der katholischen Kirche: die Theorie. 533 

b) Forderung eines erhabenen Stils. 

Dafs ein gater Stil im Dienst der Kirche lobenswert sei, Theorfo rai 
finden wir bei der instinktiven Scheu, die ein der katholischen ainvdnu. 
Kirche Angehöriger im Gegensatz zu den meisten Häretikern 
Yor dem offenen Zugeständnis heidnischen Einflusses auf irgend- 
welche christliche LebensäuTserung hatte, sehr selten aus- 
gesprochen. Es ist bezeichnend, dafs gerade ein Grallier un- 
umwunden sich dahin geäuTsert hat, eine so hohe Religion dürfe 
nur in würdiger Sprache verkündet werden: Hilarius v. Poitiers 
de trin. I 38 und in psalm. 13, 1; da(s ebenfalls ein Gallier^ 
A vi tu 8 V. Vienne, schreibt (ep. 53 p. 82 Peiper), es sei selbst- 
Terstandlich, dafs sich aller Pomp der heidnischen Beredsamkeit, 
nachdem er sich so lange mit nichtigen Stoffen abgegeben habe, 
jetzt^ wo es gelte, die Wahrheit zu befestigen, ganz in den 
Dienst dieser grofsen und besseren Aufgabe gestellt habe; dafs 
drittens wiederum ein Gallier, Paulinus aus Bordeaux (Bischof 
von Nola), einem Freunde rät, die Litteratur der Heiden liegen 
zu lassen und sich zu begnügen, ah Ulis linguae copiam et oris 
omatum quasi guaedam de hostilibus armis spolia cepisse, ut eomm 
nudtis erroribus et vesUtus ehquiis fucum illum faamdiae, quo dc- 
cipU vana sapientia, plenis rebus accommodes (ep. 16, 11 p. 124 
Hartel).^) Augustin, der sich, wie wir sahen, in seinen für 
das weitere Publikum bestimmten Werken meist geringschätzig 
über diejenigen äufsert, welche auf die Sorgfalt der Darstellung 
Gewicht legen, hat doch den entgegengesetzten Standpunkt mit 
Energie vertreten in dem sich an den Kreis nur der Hoch- 
gebildeten wendenden bewunderungswürdigen Werk de dodrina 
Christiana j aus dem schon oben (S. 526) einiges angeführt 
worden ist. Die Tendenz des die Kunst der Bede betreffenden 
Abschnitts hat er selbst in folgenden Worten ausgesprochen: 
rV 2, 3: cum per artem rhetoricam et vera suadeantur et falsa, 
quis audeat äicere adversus mendacium in defensoribus suis inertneni 

mehreren seiner dtidlai koQtaatiiiai eine ngo^stogia yoraus, in der er die 
Zuhörer bittet, bei ihm keine sityloatt^ zu erwarten (vol. 77 Migne). 

1) Cf. Sidonius ep. IX 3, 5 (an Faustus, Bischof y. Riez): praedicationes 
tuas, nunc repentinus nunc, ratio cum popascisset, elucubraUM raucus plosor 
audivi, tunc praecipue^ cum in Lugdwiensis ecclesiae dedicatae festis hehdo- 
madilms coUegarum sacromnctorum rogatu exorareris, ut perorares. 

35 ♦ 



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5^M Von Iladrian bis zum Ende der Eaiaeneit. 

dfbiTe coHsiskre veriiatem, tU videlicet Uli qui res falsas persuadere 
Cf)9Mntur noverifit auditorefn vel lenevolum vd intentum vd docüem 
f^Hurmio facerc: isH atttan non naverint? Uli falsa breviter aperte 
ir$'i^militer et isti vera sie narrent, iä audire taedeai, nUeUigere 
mm fHiteaty credere postremo non libeat? Uli fdUadbus argumentis 
txfitaie^H t>i>pufftiattj asserant falsitatem: isti nee vera defendere nee 
/(if.<(i ixileant refntare? Uli animas at$dicntium in errarem maventes 
imfHUmtesque dicendo tcrrcaut contristetit exhilarent cxhortarentur 
ar^iefitcr^ isti f^ro t^eritate lenti frigidiqtie dormiient? guis Ha dt- 
sipiat^ nt hoc sapiat? cum ergo sit in media pasita facultas 
etoquii^ quae ad persuadenda seu prava seu recta valet 
plurimum, cur non bonoru9n studio comparatur^ ut militet 
rcritati^ $i cam mali ad obtinendas perversas vanasque 
causas in usus iniquitatis et erroris usurpant? Unter den 
l)ri^'hou tiiulet sich die Thatsaehe am klarsten formuliert bei 
Isidor V* IVlusium ei^ V 2Sl (7S, 1500 Migne): t^j ^sias tfo- 
^<A^ ^ ^h* A$l^ü «f^V« ^ m*oia di ovQtnroii^xtig' r^g dl £|od£y 

^^i'V <^4^ ^t* ^X^'^* ^"i** h^'Oiirr^ r^^ öl ri^r ^pcrtfir, ffo^pm€cvog 
At* Aumiiftv x^^««i\'* di^irrai }xtQ 5p}*criH>y ffroi rij^ ^Ms^xoö^Uov 
d«^«^ 1^ f iV'A^ifTi«« fi* mr^cbif^ tfduii tvji vxoxhhto ^ &6%iq 
Aiy« Ai>(Ki>Jf!k fk^i^r fi)^r CMko^^^r mirorofiotea rwr^por, if^ri- 

r^r iM^ir mi Joi^JUivfir iV^^^^^^^ i^'fid^vi« jMUior ii tvpov- 
1"«^' i^fii f9 fiiMii iV|i4>\M« f^^kdT^'.xid(^-t«i er «/^ duuuu^ und 
Ihm Ohorikio* iu Marv'ian. ejnsc. Gai. or. 2 p. lOS f. Boiss.: 
\Utkian\Vi ^'i ;^^WK^hI iu limmmAtik v,l*^ktüi^ der Dichter) und 
K!;oU\r(k wie iu dor TluvU^^io aus^bildeu iift di aun^fog 
•iv»M^*i>j***V» •<>' i»^»' -f i\' A*»rf .Ar ;«'»^;o4kf>\v, ^fe di njy ^^^Z^ 

VA« «^'i\v\ ixsc ^. U^vc ^M\«A>»v'«Tc^^vr <s^\rft>fir. orxorr 6^p^ 

W i^ ' vls^- v;vv\v**>".\ .'A,< .v.<* VhxVT^.' ;"*.r.e cv^^i^Ue war: die 
,..,'.'. '^Nwl.Xi,-,' w *0 .'UN^ o,.*; K';vi?*" «*-:3>^''v. viie^n^ Stil ent* 



Die Litteratnr der katholischen Kirche : die Praxis im allgemeinen. 535 

sprechend dem der heiligen Urkunden, die anderen einen er- 
habenen Stil, wof&r sie sich entweder in halbbewufster Selbst- 
tauschnng auf dieselben Urkunden oder in Anerkennung der 
realen Verhältnisse auf die inzwischen anders gewordenen Be- 
dtlrfiüsse der christlichen Kirche beriefen. Auch die Praxis hat 
ein doppeltes Gesicht gezeigt, mag für uns auch nur das eine 
deutlich erkennbar sein. Denn nur die mehr oder weniger 
kunstmäfsigen Predigten sind uns erhalten, die anderen ver- 
schollen: dafs sie existiert haben, wer wollte es leugnen? Noch 
um die Mitte des III. Jh. bestand nach dem Zeugnis des Tertul- 
lian (adv. Prax. 3) die gröfsere Anzahl der Gläubigen aus simpUces^ 
imprtukntes et idiotae, und dafs das nie anders geworden ist, be- 
weisen, wenn es überhaupt eines Beweises fiir das Selbst- 
verständliche^) bedarf, die Steine. Dafs vor diese Armen im 
Geiste an allen Orten, wo das Evangelium in griechischer oder 
lateinischer Zunge verkündigt wurde, Prediger getreten sind, die 
mit ihnen in ihrer Sprache, in der einfachen Sprache des Herzens 
geredet und dadurch oft mehr gewirkt haben als viele andere 
durch ihre glänzende Diktion, ist ebenso selbstverständlich.^) 



1) Cf. auch Lactanz div. inst. I: non credunt ergo (^sc. genüles) divinis, 
quia fuco carent, sed ne Ulis quidem gut ea interpretantur, quia sunt et 
ipsi aut omnino rüdes aut certe parum docti, nam ut plane sint 
eloquentes, perraro contingit Augustin de genesi contr. Manich. I 1 
(34, 173 Migne): placuit mihi quorundam vere Christianorum sententia, qui 
cum sint eruditi libercdibus litteris, tarnen aJios libros nostros, quos adversus 
Manichaeos edidimus, cum legissent, viderunt eos ab imperitioribus aut vix 
aut difficüe intelligi et me benevolentissime montier tmt, ut commwnem loquendi 
eonsuetudvnem non desererem, si errores illos tam pemiciosos ab animis etiam 
mperitorum expeUere cogitarem. hunc enim sermonem usUoitum et simpilicem 
etiam docti intelligunt, iUum autem indocti non intelligunt. 

2) Cf. Dionys. Alex. (s. HI Mitte) bei Euseb. h. e. VIT 24. 6: cvvsxd' 
Xi6a Tovg nQeüßvtSQOvs xal didaöKoXovs t&v iv tatg nmiiaig (von Ägypten) 
&delq>&v. Origenes comm. in ep. ad Rom. 1. IX c. 2 (VII 292 Lomm.): 
rdms ipsis saepe compertum est, nonnüllos eloquentes et eruditos viros non 
sölum in sermane sed et in sensibus praepotentes, cum miUta in ecclesiis 
dixerint et ingentem plausum laudis exceperint, neminem tamen auditorum ex 
his quae dicta sunt compunctionem cordis accipere nee proficere ad fidem nee 
ad timorem dei ex recordatione eorum quae dicta sunt incitari (sed suavitate 
quadam et delectatione sola auribus capta diseeditur), saepe autem viros non 
magnae eloquentiae nee compositioni sermonis studentes verbif 
simplicibus et incompositis multos infidelium ad fidem convi 



536 Von Hadrian bi» zum Ende der Kaiserzeii. 

Waren doch unter den Predigern selbst trotz den Vorschriften 
der Gemeindeordnung eine ganze Anzahl solcher idiotae. Von 
der groüsen Mehrzahl der predigend umherreisenden Asketen und 
von Bischöfen^ die auf Konzilen nicht imstande waren, ihre 
Namensunterschrift zu geben, wird man nicht erwarten, dafs sie 
sich einer kunstmäfsigen Sprache bedient hätten: aber auf die 
schlichten Gemeinden, die sie zu leiten hatten, werden sie nicht 
minder stark gewirkt haben als Gregor von Nazianz oder Hi- 
larius von Poitiers auf das vornehme Publikum, das sie durch 
den Glanz ihrer Diktion mit sich rissen. Aber das, was jene 
Männer in der Einfalt ihres Sinnes sprachen, hat nicht die Hand 
von taxvyQdq)Oi nachgeschrieben^), denn es gehörte nicht zur 
Litteratur, die nur das fixiert hat, was bleiben sollte. Gregor 
von Nyssa erzählt folgende ganz bezeichnende Geschichte: ein 
von Gregorios Thaumaturgos, dem Schüler des Origenes, in Eo- 
mana (Kappadokien) eingesetzter Priester Alezandros, seinem 
Beruf nach Köhler, wurde einst veranlafst, in der Kirche zu 
predigen; gleich beim Proömium merkte man, dalis seine Bede 
zwar voller Gedanken, aber roh in der Form sei; zufallig war 
ein junger Mann dort zu Besuch, der sich etwas darauf einbildete, 
aus Attika zu stammen: der lachte laut auf, weil Alexandros 
seine Rede nicht mit attischer xsQUQyia aufgeputzt hatte (Greg. 
Nyss. de vita Greg. Thaumat. vol. 46, 937 Migne).*) Freilich 

terc, HupcrhüS inclinare ad humilitatem, peccantibua atimulum 
conversionis infigere. 

1) Wie es bei den grofsen Predigern üblich war (übrigens ganz wie 
bei den Sophisten jener Zeit: cf. Eunap. v. soph. p. 83 Boiss.). Über diese 
TKxvyQdipoi (auch inoyQtttpslg genannt) cf. Lightfoot 1. c. (oben S. -472, 1) 
jirolegg. 197, S. Gothofredus zum Cod. Theod. T. 1 44. II 472 f. Valenos 
zu Amni. Mure. XIV 9 p. 60. Das bezeichnendste Beispiel trage ich nach: 
Diitti',n iu den Predigten des Ambrosius zur Schöpfungsgoschichte stehen 
die Worte serm. 8 iu. (= 1. V c. 12), vol. 14, 222 Migne: et cum pau- 
luluin conticuisifct, itcrnm sermonem adorsus ait: 'fugerat nos, 
f rat res dilectimmi^ etc. Die l^Iauriner haben jene Worte richtig als eine 
I3em<'rkuug dos notiirius gefufät. Cf. aulserdem noch Exmodius op. 8 
p. ;ja3, tr. Ilurtel. 

2) Cf. dan Stilurt-eil des Photios (,bibl. cod. 172 ff.) über die Homilien 
i\vH loaimes Chrysost. /.ur Genesis: die (pQaaig sei in ihnen inl tb raimvo- 
tt{fov nnfvfivfyuLivT}^ worüber man sich nicht wundem dürfe, da er auf sein 
ZuhOrerpublikum liabc Kücksicht nehmen müssen. Man merkt bei ihm 
thatsächlich, dai's er spinöse exegetische Erörterungen nicht zu lange aui- 



Die Litterakir der katholischen Kirche: Gattungen der Predigt. 537 

wäre 68 eine Täaschungy wenn man glauben wollte^ daUsi solche 
Predigten und Schriften^ wären sie erhalten, auf uns stets den 
Eindruck schlichter Einfachheit machen würden: denn wir dürfen 
nie vergessen^ erstens dafs die Zahl der einigermafsen Ge- 
bildeten damals eine gröfsere war, und zweitens daCs das Wohl- 
gefallen an schöner Form des Vorgetragenen in allen Schichten 
ein erheblich gröüseres war als heutzutage. Hieronymus sagt 
von seiner Lebensbeschreibung des Paulus Eremita ep. 10^ 3 (I 
25 Yall.): prqpter simpliciores quosque muUum in deiciendo semione 
läboravinvus: die Diktion ist nach unserem Gefühl noch hoch 
genug. Wir erkennen das femer deutlich aus den Predigten, die 
nicht blofs für die Gebildeten bestimmt waren, sondern die zu- 
gleich auch von der grofsen Masse des Volks verstanden sein 
wollten. Solche Predigten besitzen wir z. B. von Augustin und 
Caesarius v. Arles, die beide diese ihre Tendenz ausdrücklich 
bezeugt haben: wer diese Predigten gelesen hat, weiis, daijs sie 
heute selbst den Gebildeten inhaltlich Schwierigkeiten machen 
und äufserlich durch ihre bei aller angestrebten Einfachheit doch 
oÜ geradezu raffinierte Formgebung überraschen. 

2. Die verschiedenen Gattungen der Predigt. 

Da in den mir bekannten Untersuchungen über diesen 
Gegenstand^) die Gattungen weder zeitlich noch inhaltlich genau 



dehnt, sondern sie meist ziemlich unvermittelt abbricht, um zu einer mehr 
allgemein gehaltenen und allen verständlichen, meist paränetischen Er- 
örterung überzugehen, vgl. z. B. die Homilien über das Johannesevan- 
gelium. — Aus den Predigten des Petrus Ghrysologus (Bischof von Ra- 
venna, f c. 460) führt C. Weyman im Philologus N. F. X (1897) 469 einiges 
an, wodurch bewiesen wird, dafs dieser Prediger seinem theoretischen 
Grundsatz populis populariter est loquendum in der Praxis treu geblieben ist. 
1) Cf. F. Probst, Lehre u. Gebet in den drei ersten ehr. Jahrh. 
(Tübingen 1871), wo das 4. Kap. (p. 189 S.) über die Homüetik handelt. 
Derselbe , Katechese u. Predigt vom Anf. d. IV. Jh. bis z. Ende d. VI. Jh. 
(Breslau 1884) 184 ff. E. Hatch, Griechentum u. Christentum, übers, von 
E. Preuschen (Freiburg 1892) 62 ff. Letzterer scheint mir hier, wie auch 
sonst gelegentlich, in der Annahme des hellenischen Einflusses zu weit zu 
gehen, wenigstens die Zeiten und Arten nicht genügend zu scheiden. Die 
älteren Abhandlungen von Kothe, Augusti etc. sind für die Erkenntnis der 
Entwicklung wertlos, ebenso das umfangreichste Werk über die patristische 
Beredsamkeit: Jos. Weissenbach, De eloquentia patrum, Augsburg 1776 in 



538 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

unterschieden werden^ so rnuDs ich nach den Quellen die That- 
Sachen kurz vorlegen, 
nie Das Christentum trat als eine mit bestimmten Zukunfts- 

jÄtiungen. g^^yj^^jgg^ f]Qj, jjg Gläubigen ausgestattete Offenbarungsreligion 

in die Welt; infolgedessen geschah seine Verkündigung von 
Anfang an durch Weissagung und Belehrung: aus dem pro- 
phetischen und paräuetischen Element setzen sich daher die 
Beden schon seines Stifters zusammen. Da diese Offenbarungs- 
religion als solche urkundlich verbrieft, also historisch war, so 
tritt als drittes Element das exegetische hinzu: z. B. knüpft 
bekanntlich Jesus im ersten Teil der Bergpredigt (ev. Matth. 5, 
17 — 48) an Gesetzesvorschriften an, sie erklärend und ergänzend 
(xkriQ66agy)] die Bede des Stephanus in der Apostelgeschichte 
c. 7 ist ein Lehrvortrag auf Grund einer groüsen Anzahl von 
Stellen des A. T.; auch Paulus, dessen Briefe ja grofsenteils nichts 
anderes sind als ein notwendiger Ersatz für die mündliche Bede*), 



9 Bänden. Für denjenigen, der die Quellen kennt, wird dies heutzutage, 
wie es scheint, fast vergessene Werk nicht viel Neues bieten, doch behält 
es einen gewissen Wert durch die reichhaltige Sammlung von sonst schwer 
zugänglichen Urteilen aus früheren Jahrhunderten. 

1) Das eigentliche Distinktiv der Beden Jesus ist das Parabolische: 
dafs dies in der Folgezeit, wenn ich nicht irre, ganz verschwand (höchstens 
aus dem Hermas liefse sich einiges vergleichen, aber wie ganz anders sind 
z. B. die Vergleiche bei Paulus ep. ad Gor. I 9, 24. ad Phil. S, 12 ff.), ist 
ein Zeichen, dai's das Christentum das orientalische Gewand auch in der 
Darstellung der Lehre früh abgelegt hat, denn diese Parabeln sind ja 
völlig unhellenisch; wer sie mit den Gleichnissen, deren sich die Sprache 
der griechischen Philosophen so gern bedient hat, auch nur als analog ver- 
glichen wissen will (P. Wendland in : Arch. f. Gesch. d. Philos. V [1892] 
248), begeht einen fundamentalen Fehler. 

2) Predigten in Brießbrm sind uns ja auch sonst aus der alt- 
christlichen und späteren christlichen Litteratur genug überliefert: der 
zweite Brief des Clemens Romanus, der erste des Petrus und der des 
lacobus (cf. Hamack, Die Chronol. d. altchr. Litt, bis Enseb. I 488 ff. 
451. 487 f.), der sogenannte Hebraerbrief (cf. Weizsäcker 1. c. 478), 
manche unter Cjprians Briefen. Für die Profanlitteratur genügt es, an 
Scnecas und die pscudoherakli tischen Briefe (s. I/II p. Chr.) zu erinnern: 
CS sind reine SiaxQißai auf konventioneller brieflicher Unterlage. Man 
mufs eben bedenken, einmal dafs die meisten Schriftsteller diktierten (s. 
Anhang II; z. B. steht es von Paulus fest), andererseits dafs viele Briefe 
zum Vorlesen bestimmt waren, so die paulinischen : cf. ep. ad Thess. I 
5, 27 (ad Col. 4, 16), Weizsäcker 1. c. 186. Wenn es uns also auffällig er- 



ttta. 



Die Litteratur der katholischen Kirche: Grattangen der Predigt. 539 

knüpft mit Vorliebe an die Schriften des alten Bundes 
anJ) Endlich kam noch das panegyrische Element hinzu. 

1. In der ältesten Zeit dominierte das prophetische Ele- i n^oipi-- 
ment*); diejenigen^ die es besaüsen, waren überzeugt, kraft eines 
besonderen xd^i^yM im Besitz des xvav^a zu sein, das aus ihnen 
spreche (aber in der Art, dafs der vovg selbstthätig mitwirkte: 
Paulus ep. ad Gor. I 14 , 15. 19). So hatte es Jesus selbst ge- 
wollt, als er zu seinen Jüngern sagte: dod^öetai i^tv xC AaAij- 
6B%8^ oi> Y&Q {fiutg iötl oC XaXovvtsg &XXä rö xvBv^a rot) natgbg 
ifliibv tb XaXovv iv i^tv (ev. Matth. 10, 19 f.). Dafs sich diese 
Form der Predigt lange erhielt, ja dafs sie die reguläre war, 
wissen wir aus Bemerkungen des Paulus und derjenigen, die 
unter seinem Namen schrieben, aus der Apostelgeschichte, sowie 
vor allem aus dem berühmten Abschnitt der didax'^ t&v 06- 
dsxa &no6t6X(xyv oder vielmehr aus der glänzenden Verwertung, 
die gerade dieser Abschnitt durch Harnacks bahnbrechende 
Forschung^ erfahren hat. Danach zogen solche nifotpffcai durch 
alle Länder des Beichs, überall guter Aufnahme gewils; noch 
Lukian hat den von ihm verhöhnten Peregrinus als ^Propheten' 
bezeichnet. Wie wir uns solche Prophetieen — wenigstens in 
litterarischem Gewände — zu denken haben, zeigt der iToifiijt/ 
des Hermas: der Verfasser schreibt ja nieder, was ihm die Er- 
scheinungen eingeben, und liest es dann seinen &8skq>oC vor; er 
selbst hat einen solchen Propheten sehr deutlich geschildert 
mand. 11, 9: Ztav oiv iX^ 6 av^gonog 6 ixcav tb nvavfia tb 
^Btov Big öwaycoyi^v ivÖQcbv dixaioDV t&v ixövtav 7tl6tiv ^bCov 
TCVBvnatog^ xal ivtsv^tg yivvixai ngbg tbv ^Bbv tilg övvaytoy^g 
t&v avdg&v ijuivatv^ töts 6 SyyBlog tov xgoqnitixov xvBv^atog 
6 XBifiEvog xgbg avtbv JtXriQoi tbv avd'QODXov xal JcXtjQcod'Blg 6 
av9Q(o:tog rtp xvBiiiiati tp ayic} XaXBl Big rö nXf^^og^ xa^hg 6 



scheint (cf. Hamack 1. c. 442 ff.)» dafs das eine unter Clemens' Namen 
gehende Schriftstück, das durchaas die Form der Homilie hat, von frühester 
Zeit bis auf Photios als iniötol'q bezeichnet wird, so liegt darin für antike 
Auffassung nichts Besonderes. 

1) Cf. besonders die interessante Beobachtung von Weizsäcker 1. c. 
110 f. 

2) Cf. N. Bonwetsch, Die Prophetie im apostolischen u. nachapost. 
Zeitalter in: Z. f. kirchl. Wiss. u. kirchl. Leben V (1884) 408 ff. 

3) Lehre d. zwölf Apostel in: Texte u. Unters. II 1 (1884) 98 ff. 



MO Von lladrian bis zum Ende der S^aiseneit. 

x^Qiog fiirvXetai.^) Dafs auf die Darstellung in solchen Pro- 
photioen keine Sorgfalt verwendet wurde ^ versteht sich von 
MolbHt: sogar die litterarischen Prophetieen des Hermas sind 
darin denkbar anspruchslos, freilich gerade durch diese Naivität 
üigoiiartig fesselnd. Als dann aber die Gemeinde der Gläubigen 
im zweiten Jahrhundert sich zu einem festen, wohl organisierten 
Verbünde ku entwickeln anfing, da mufsten die freien Äuüsemngen 
dos h. Geistes notwendig eingeschränkt werden, da sie der sub- 
jektiven Willkür des Einzelnen zu grofsen Spielraum lieüsen: 
schon die z/ida^i} luid Hermas warnen vor tl^evdoxQoqnitai, haben 
doch gerade häretische * Propheten' wie Yalentinos und die 
Monlaniston') zu ihren Anhängern in einer Flammensprache 
gorodet. So ,,starb die Prophetie, als die katholische Kirche ge- 
borou wurdet') 
f "i^iir*i***< 2. Mittlerweile war nun aber seit der Fixierung des Kanons 
it««v«Mu<M^ oiu tuideros Bedürfnis gebieterisch hervorgetreten: die Urkunden 
iler Lehre, also neben dem A. T. (besonders den Propheten) das 
Evangelium und die apostolischen Briefe, mufsten erklärt werden, 
und mit der Erklärung wurde die Ermahnung verbunden. Wir 
ki^nnon dalier diese Art der Predigt speziell die exegetisch- 
paränetisehe nennen. Wir haben zwar gesehen, dals beide 
Mouionte schon in der frühesten Form der Predigt vorhanden 
wartMi» aber wulirend sie (vor allem die Erklärung) dort hinter 
vier Vorheilsung zurüokgeti*eten waren, begannen sie jetzt aos- 
sohUggi^bend xu wenlen: war ja auch an die Stelle der glühenden 
llotVuuiigen auf eine nahe Weltauflosung und Vergeltung eine 
kühlere« vonurnftgemSfätere Reflexion getreten, wie z. B« der 
Naohin^jc »um johaimeischeu Evangelium zeigt. Über die 
äulWrt' Einrichtung dieser neuen Form der Predigt haben wir 
mehr\>rt» /ougius$e*\ vor allen da$ berühmte des lustin apoL I 
t>T: er«»i*fUfiHfi^« yiVfrai xal rA iarofin;fiom*paTa rdr ixo&t6Xov 

V AttsWiv Stollen bot IVnw\*t*vh l o -»61 rf 

V lY H,«'.iaA \ V iX t* le.^ t l\vtuei^:^*cii P 2i:>. i, 2J«, 1. 

^v^.x .-.; v.v; V' s'x^' V. :^ IV,;' »^ivsioV.vT utlicrs* |v*rt. l toI. II [Lond. 



Die Litteratnr der kathoÜBchen Kirche: Gattungen der Predigt. 541 

eira, XttvöafLivov tov ivayivAöxovtog 6 TCQoeöthg diä Xöyov xi^v 
vov^iöiav xal TtQÖxXriöiv tfig t&v xaX&v toikcav ^ini^ösag tcoi- 
Ettaiy wozu kommen: Clemens Rom. (ep.) II 19: &vayiv(b6x(Q 
'bykXv ivtsv^w slg tb 7Cifo6i%Biv xolq ysyQa^iiivoi^y Origenes 
c. Gels, m 50: xal iC ivayvtoöiiätfov xal 8iä t&v elg aixä 8i^ 
tffi/l^Baiv nQOTQi^ovxBg fiii/ ixl tiiv elg rbv ^sbv t&v Skmv siöi- 
ßiutv xal tag öwd'gdvovg taik^g &Q6tdgy Gonst. apost. II 54: 
fuxä tij^v iviyvaöiv (xal ti^ tlfaXiiadiav) xal tiiv inl tatg yga- 
tpalg 8Uia6xakCav. Die Sitte war ihrem Ursprung nach jüdisch, 
cf. act. aposi 15, 21 und Philo de sap. lib. 12 (II 458 M.) von 
den Essäem: in den Synagogen 6 fih' tag ßißXovg ivaytvAöxst 
XaßAv, hsQog öl t&v inxstQotättov Söa fii^ yvthQLim xagsMiov 
ivadiddöxBL Da in dieser Art der Predigt das lehrhafte Moment 
im Mittelpunkt stand, so nannte man sie b^iXCa {serm6)^\ ein 
Wort, in dem die Anschauung ausgesprochen liegt, dafs der Pre- 
diger zu seiner Gemeinde in rein persönliche Beziehung trat, 
wenn er sie fast im Tone gewöhnlichen Gesprächs belehrte: mit 
demselben Wort wurde seit alter Zeit von den Griechen die per- 
sönliche Belehrung bezeichnet, welche die Philosophen ihren 
Schülern (tolg b(iiXfitatg) zuteil werden liefsen, cf. Xenoph. mem. 
I 2, 6. 12. 15. 48. Lukian Tim. 10. Aelian v. h. III 19 und 
besonders deutlich Porphyr, v. Plot. 8. 18. Gelegentlich finden 
sich dafür nahverwandte Worte, die das gelehrte Moment etwas 
starker betonen: diäXs^ig (so nennt z. B. Euseb. h. e. VI 36, 1 
cf. 19, 16 die Predigten des Origenes)^, dispuiatio (so nennt 
Augustinus conf. Y 23 die Predigten des Ambrosius und tract. 
in loann. ev. 89, 5 seine eigenen). Als das früheste wertvolle 
Dokument dieser Art von Predigt hat man den sog. zweiten 
Brief des Glemens Bomanus anzusehen, der jetzt wohl ziemlich 

1) Einige Stellen aus der frühen christlichen Litteratur bei A. Hilgen- 
feld, Eetzergesch. d. Urchristentoms (Leipz. 1884) 11, 17, wo aber die drei 
ältesten fehlen: Lakas act. ap. 20, 11 (cf. auch 24, 16. ev. 24, 14 f.; keiner 
der anderen Evangelisten kennt das — echt griechische — Wort), Ignat. 
ad Polyc. 6, act. lohannis (s. 11, erste Hälfte) p. 219, 15 Zahn. Schon in 
der Sept. steht prov. 7, 21: iv noXX^ dfiiXia, wo das hebräische Wort 'Be- 
lehrung' bedeutet (cf. Lightfoot zu Ignat. 1. c). Für die Vorstellung des 
freundlichen Herablassens , die mit dem Wort verbunden war, ist [Isoer.] 
ad Dem. SO f. lehrreich. 

2) Schon bei Lukas act. 20, 7 wechselt 8iaXiyh6%av mit 11 öf^ilcty, cf. 
auch Hesjch. didXk%tO£' diulia. 



542 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

allgemein als die älteste christliche Homilie gilt^ jedenfalls sich 
in den Formen einer solchen bewegt. Besonders charakteristisch 
ist gleich der Anfang der eigentlichen Predigt c 2 ff.: ^e6q)Qdv' 
^ijTi, fSXBlQa 4i oi tbctovöa' ^|oi^ ^ ß6i]6av, ^ oix &divov6a^ 
Sri xoXXä tä thtva xj\g i^fiov fiäXXov tj tflg ixoiiöi^g r6y &vd(fa* 
(Jes. 54, 1). S bIxsv ^ eöfpfdv&titv ötbIqu ^ oi tiTctovöa* ^fucg 
slxev' 6t€tQa y&Q fyf 4i ixxXri6ia ^i^&v xgb tov da^i^pcu aiv^ 
tixva. S dh ehcsv ^ß&qöov ^ oix d}divavfja' rothro Xfyei KtL: 
nachdem er in dieser Weise noch eine Anzahl von Schriftstellen 
erklärt hat, folgt c 4 die Ermahnung: &6t£ oivj idBXq>oi, iv 
totg €(fyoig ccirbv (tbv xAqmv) b^ioXoyibiuv, iv & iyaxäv iccvtirbg 
9ctL (ähnlich im weiterhin Folgenden). Diese Form der Predigt 
war lange die einzige; sie blieb bestehen, auch als eine neue 
Form auftrat. Die Predigten des Origenes, wenigstens die uns 
erhaltenen, sind sämtlich von dieser Form, ebenfedls die des 
Hippolytos gegen die Noetianer (p. 43 fL Lag.), die fElr den 
familiären Ton ganz bezeichnend ist: er untersucht gewisser- 
mafsen gemeinschaftlich mit seinen Zuhörern, die er in üblicher 
Weise mit idsXq>oi anredet (43, 14. 45, 4. 46, 21. 50, 9. 16. 
52, 23. 53, 28. 54, 21. 55, 18), und Ton denen er sich Ein- 
wQrfe machen läGst mit iget fioi rig (53, 18), iQBtg ^oi (54, 25).^) 
Aus dem IV. Jahrhundert haben wir solche Predigten von 
Augustin und loannes Chrysostomos*), aus dem Y. Jh. be- 



1) Nach Art dieser 6fuXla (so ist sie in der Hs. bezeichnet) hat man 
sich m. E. die 6fuXiai des Eirenaios, des Lehrers des Hippolytos, zu denken, 
von denen Phot bibl. cod. 121 spricht {6inloi^9xog Eigriwalov, worfiber 
Hilgenfcld 1. c. 10 ff. und andere dort Genannte wohl nicht ganz richtig 
urteilen: SiuXtlv steht, absolut gebraucht, was einige nicht för erlaubt 
halten, auch in der Apostelgesch. 1. c. und act. loh. p. 226, 9; sp&ter oft, 
z. B. Euseb. h. e. VI 19,17, Photios selbst p. Il8b 19 Bekk.). Cf. auch 
Hippol. de Chr. et Antichr. 23 (p. 12, 4 Lag. » p. 16, 9 Ach.) nach einem 
langen Citat aus Daniel: i^iil o^v dvc9Wtvu rt«i doml eftwi ttt^a xä fw- 
CT^n&i tigripL^va, ovShv rorrov axox^p|^ofl<v ^Q^ iwiypmciv roig ^iQ m>^ 
«c«ri]^('voiff, worauf die Auslegung folgt (^dies ist aber eine Abhandlung, 
keine IV'digt). 

2"^ über des letzteren Homilien zur Apostelgesch. cf. die Einleitung 
bei Migne rol 60 und Seeok im Philol. N, F. VI ^^1894) 460. — Auch 
Gregor v. Nyssa mitten iu einer Trauerrede (auf Pulcheria c. 3, vol. 46, 
868 f yigne>: die Wort<* sind sehr bezeichnend: n' orr «^ rovroos ^ficüp; 
9^X ^l^^^90v f^oi^ufr, a^fZqpor, lo}*or, alle: rf;v arafvmöd^BUav i^iüv i% to6 
M^ffiliov (flcip jfcr^a O^r« ff du cO^a rinovcarf ya^ Uyortog roö xv^oo ' &tpBT9 



Die Litteratar der katholischen Kirche: Gattungen der Predigt. 543 

sonders Ton Hilarios ▼. Arles^), und bis auf den heutigen Ti^ 
hat sich der Brauch in unseren Kirchen erhalten ^ obwohl ihm 
seine eigentliche Basis, die allegorische Auslegung'), entzogen 
ist.^) Die Sprache dieser Predigten ist, dem lehrhaften Ton 
gemälsy einfach, und ftir Bhetorik ist nicht viel Platz da (sie 
sind oft von Abhandlungen kaum zu unterscheiden^)); nur an 
den Stellen, wo sich an die Auslegung eine xaQccivBötg oder eine 
Lobpreisung anschliefst, wird begreiflicherweise der Ton wärmer, 
die Sprache gewählter, die Rhetorik hoher, wie man z. B. in 
der genannten Homilie des Hippolytos durch Vergleich von 1 
bis 7 mit 8 ff. deutlich beobachten kann. 

3. Als Gregor von Nazianz im J. 381 auf den Bischofsstuhl s. nav»]- 
▼on Eonstantinopel erhoben wurde, machten seine Gegner ihm ''''^"' 
u. a. den Vorwurf, dals er die hellenische Rhetorik in die Kirche 
trage: auf die * Fischer' des Evangeliums wiesen sie ihn hin; 
„den Fischern, erwidert er, wäre ich gefolgt, wenn ich wie sie 
hätte Zeichen und Wunder thun können, nun aber blieb mir nur 
meine Zunge und sie stellte ich in den Dienst der guten Sache 
(or. 36, 4; vol. 36, 269 Migne).'' Darin liegt der Wandel der 
Verhältnisse deutlich ausgesprochen: an die Stelle der Prophetie, 
der die schonen Worte nichts galten, war die reflektierende. 



TU natdia %tX.\ worauf er diesen Sprach mit seinen eigenen Worten para- 
phrasierend verknüpft. 

1) Cf. traci in ps. 13, 2 n. 14, 1: qui lectua est psalmus; id. 67, 1160 
Migne: in lectione evangelica, quae nobis de decem fnrginibus recitaia 
est Vgl. C. Arnold, Caesarius v. Arelate (Leipz. 1894) 137, 432. 

2) Es ist doch bezeichnend, dafs gerade Häretiker es waren, die gegen 
den Wahnsinn dieser Methode Front machten: Markion und die antioche- 
nische Schale, aas der Arias hervorging: cf. Hatch, Griech. a. christl. Aas- 
legnng 1. c. 58 f. and Usener Bei. Unters. I 88, 19. 

3) In Byzanz gab es (i^OQsg elg rb igfirivs^siv tag yQcctpdgy cf. Mich. 
Ang. Giacomelli, Praef. in Philonis Carpasii episcopi (s. TV) enarrat. in 
cant. cant., abgedruckt in Mignes Patrologie, patr. graec. yoI. 40,11. 

4) Daher berührt sich tractattis, der bekannte christliche Terminus für 
die Schriftexegese (i^riyijasig schrieb schon Papias, von denen wir leider 
nichts Genaueres wissen), oft mit Predigt, cf. G. Eoffinane, Gesch. d. Kir- 
chenlat. I (Bresl. 1879) 84. E. Watson in: Studia bibl. et eccles. IV (Oxford 
1896) 272, 1. Hieronymus und Rufin nennen die Uomilien des Origenes ge- 
legentlich tractattis, cf Hamack, Gesch. d. altchr. Litt. I (Leipz. 1893) 339. 
D. Huetii Origeniana III 1, 3 (XXIV 121 Lomm.). Über die tract<itores cf. 
Cresollius, Theatr. rhet. III 2 p. 87 BC. 



544 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

durch äuCserliclie Mittel auf die Sinne der Zuhörer wirkende 
Rede getreten.^) Man kann sie im Gegensatz zur prophetischen 
und exegetischen die synthetische nennen; innerhalb dieser 
Gattung kann man als Arten unterscheiden die panegyrischen, 
dogmatischen und Gelegenheitspredigten. ^) Es dürfte 
wahrscheinlich sein^ dafs von diesen Arten wenigstens die erste 
weit hinaufreicht in die Zeiten des Urchristentums selbst: denn 
was lag näher^ als Gott und seine Werke bei den sonntaglichen 
Zusammenkünften nicht blofs in Hymnen, sondern auch im feier- 
lichen Vortrag einer Rede zu preisen? Allein wir wissen, so- 
weit meine Kenntnis reicht^ von solchen Predigten, — wenn man 
die ziemlich sicher unechte des Hippolytos auf die Theophanien- 
feier beiseite läfst — nichts vor der Mitte des lY. Jahrhunderts. 
Das ist begreiflich genug, denn die eigentliche panegyrische 
Rede hat zur Voraussetzung hohe, kirchlich festgesetzte Feier- 
tage. Diese Predigten, vor allen die panegyrischen, berühren 
sich aufs engste mit den gleichzeitigen sophistischen Prunkreden 
der Helleneu, aber bei aller Ähnlichkeit, die z. B. die Reden des 
Gregor von Nazianz mit denen des Himerios, die des Joannes 
Chrysostomos mit denen des Themistios haben, ist doch — wenn 
wir absehen von den rein enkomiastischen Reden, wie der des 
Gregor auf Basilius — das unterscheidende Moment immer ge- 
wesen, dafs die christliche Predigt auch dieser dritten Gattung 
auf der Grundlage der Schrift sich erhob und darin nie ihren 
Ursprung verleugnet hat. Ich weifs wohl, dafs gelegentlich bei 
Dio Chrysostomos, Epiktet, Maximus Tyrius Verse des Homer 
oder Euripides herangezogen werden, die der Redner gewisser- 
mafsen auslegt — so war es seit Bion und Teles Sitte — , aber 
das ist eine blofs äuüserliche Analogie, die das Wesen der Sache 
nicht berührt: von den hellenischen Sophisten wird selbst 6 
TTOfti^ri^^, ihre höchste Autorität, nur zur Bestätigung der eigenen 
Aufstellungen herangezogen, während für die christlichen Redner 
die Stellen der Schrift den Ausgangspunkt bilden: die Freiheit 
der hellenischen Weltanschauung, für die keine — wenigstens 



1) Man lese auch, wie Augustin de doctr. Chr. IV 32 f. das oben 
(S. 639) citierte Wort Jesus auslegt, um es mit seiner Forderung einer 
rhetorischen Predigt in Einklang zu bringen. 

2) Diese Bezeichnungen nach Probst in der zweiten der genannten 
Abhandlungen 181 ft\ 



Die Litteratur der grieclÜBchen Kirche: die Predigt saec. U. DI. 545 

keine allgemein gültige und öffentlich anerkannte — Offenbarung 
und daher kein d6y^a im streng christlichen Sinn existiert, und 
die Gebundenheit der christlichen Lehre, für welche die Offen- 
barung und das döyfia der Anfang und das Ende ist, kommt 
darin trotz aller Ähnlichkeit (s. o. S. 452 ff. 460 f.) immer wieder 
zum Ausdruck. 



3. Der Stil der griechischen Predigt im zweiten und 

dritten Jahrhundert. 

In einer den verwöhnten Anforderungen der Zeit ent- nio onori« 
sprechenden Form ist das Evangelium zuerst^) von den Häre- 
tikern gepredigt worden. Der Gnosticismus, dieser Bannerträger 
des Hellenismus, der mehr als irgend eine andere Richtung dazu 
beigetragen hat, ;,das Christentum seiner partikulär -jüdischen 
Stellung zu entheben und auf dem Boden der griechisch-römischen 
Welt zu einer Universalreligion zu stempeln'', und der sich daher 
in seiner Gesamtheit als eine „grofsartige Anticipatiou des 
späteren Eatholicismus'' darstellt^), ist auch auf diesem Gebiete 
vorangegangen.^) Wir haben aus den Homilien des Valentinos 
(t c. 160) ein paar Fragmente*) bei Clemens von Alexandria 

1) Von Aristides, demselben, dessen an Hadrian gerichtete Apologie 
kürzlich wiederentdeckt ist, giebt es eine nur im Armenischen erhaltene, 
bisher nur von den Mechitaristen zu S. Lazaro 1878 mit lateinischer Über- 
setzung edierte Predigt *de latronis clamore et crucifixi responsione'. Sie 
ist aber, wie zuletzt P. Pape in: Texte u. Unters. XII 2 (1896) gegen Th. 
Zahn u. a. absolut überzeugend bewiesen hat, unecht; der vorauszusetzende 
griechische Urtext muFs, wie noch die lateinische Übersetzung aus dem 
Armenischen zeigt, hochrhetorisch gewesen sein, vgl. die Homoioteleuta im 
Proömium (p. 16) und Epilog (p. 22 f.). 

2) Hamack, Über d. gnost. Buch Pistis Sophia in: Texte u. Unters. 
Vn 2 (1891) p. 98. 

8) Cf. Origenes c. Gels. III 12 (11, 933 Migne): iitBl gsiiv6v xi i(pdvri 
toig &9^QAnoig X(fiaviaviaii6g, oi iidvoig — mg KiXcog oüstai — ro^ icvöga- 
nodmdsöT4(fois , &llcc %ai noXXoig tmw nag' '^Xiriai (piXoX6y<DV, &vay%aC(og 
(mhtriisav o^ ndvtmg 8uc ütdüsig %al tb (ptX6ifBiK0v algiang, äXXcc Sia tb 
anavddtfiv övviivui tic XQUfTiaviöfiOv xal t&v (piXoXoytov nXslovag. Einen 
so weiten Blick in der Beurteilung dieser Sache hat kein anderer Kirchen- 
schrifbsteller gehabt. — Über die Bedeutung des Gnosticismus für die 
Formengeschichte der altchristlichen Litteratur eine wichtige Bemerkung 
von Hamack, Dogmengesch. I* 230, 1. 

4) Qesammelt z. B. bei A. Hilgenfeld 1. c. (oben S. 541, 1) 298 ff. 



546 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

erhalten: sie lassen trotz ihrer Kürze erkennen^ dafs das Urteil 
Tertullians (adv. Val. 4)^ der Mann habe sich durch Geist and 
Beredsamkeit ausgezeichnet^)^ wahr ist: in ihrer Mischung von 
tiefsinniger Grübelei und gaukelnder Phantastik umfangen sie 
uns wie die ganze Gnosis gleichsam mit „einem schwülen Hanch^ 
der aus unnahbarem Garten wundersamen Duft herüberträgt^^'). 
Durch geschickte Verbindung von Christlichem mit Stoischem 
weilä er die Unsterblichkeit hier auf Erden in herrlichen Worten 
zu schildern y aber nicht ohne antithetische Pointen inhaltlicher 
und formaler Art (bei Clem. Strom. IV 13, 91): iac ci^x^^ ^^^' 
vatoi iöts xal rixva ^ODrlg iöts aiaviag xal rbv ^avaxov ii^iketB 
fisQLöaö^ai eig iamo^jg, Iva öanavi/^^vits airbv xal ivaXA6rits xal 
äitod^ävy 6 ^dvatog iv i)^lv xal 8C i^&v Ztav yäg xhv yihf 
xööiiov Xvrits^ ifLBtg di [lij xatalvr^ö^ej xvQwdete tflg Tctiösag xal 
Tilg 9>^0Qag anäörig.^ In einem anderen Fragment (bei Clemens 
1. c. 92) findet sich folgende scharfe Antithese: bn66ov ikdxtmv 
il eixhv xov i&vxog jtQOöAxov, xoöovtov tj66av 6 Ttööii^og tw 
i&vtog al&vog. In allen Fragmenten ist auf die Rhythmik 
grofses Gewicht gelegt^ besonders deutlich bei Clem. VI 6, 52, 
wo alle Eola auf die uns bekannten Klauseln x^ij.^j,\j^ 
j. ^ ^ ausgehen: nokXä x&v yeygaii^iiivav iv xatg dtmoöCa^g ßi- 
ßXoig sxfQiöxsxai ysygaiiiiiva iv xji ixxXijöia xov d'BOv' tä yä(f 



1) Ein ähnliches glänzendes Urteil über ihn aus Hieronymus bei 
Hamack, Dogmengesch. P 216, 1. 

2) Usener, Beligionsgesch. Unters. 1 24. 

3) „Gedicht in Prosa** nennt die Stelle Hamack in: Texte 1. c. 49, 1. — 
Die Worte hat C. Schmidt 1. c. (oben S. 471, 1) 636, 1 passend zusammen- 
gestellt mit einer Stelle aus dem zweiten Buch Jeü (bei Schmidt p. 197): 
„Und ich (Jesus spricht) sage euch, dafs sie (die der iwöt^qui teilhaftigen 
Menschen) schon, seit sie auf der Erde sind, das Reich Gottes geerbt haben 
(idriQovoiutv); sie haben Anteil (jHQlg) an dem Lichtschatze ('^6€ivQ6g), 
und sie sind unsterbliche did^dvatoi) Götter." Der vollendete Mensch 
ein Gk>tt auf Erden I das ist ganz hellenisch empfunden: iya d* ^^ifuv ^ibs 
äf^PifOvogf o^niti ^m^rbs Ilalsijfuci (istcc n&ci xettfiivos hatte Empedokles in 
seinen Landsleuten gesagt (355 St.), und einen berühmten Ausspruch des 
EanUit yon der Wesenseinheit des Lebens und Sterbens hatten Spätere, be- 

"^axi Stoiker, ethisch umgewandelt, so formuliert: icd-dvatoi d^njvol, ^^roi 

n, worftber cf. J. Bemays, Die heraklit. Briefe (Berlin 1869) 87 ff. 

«itet die Vorstellung von der Unsterblichkeit und Göttlichkeit des 

Mentehen in jenen Zeiten war, weifs jeder Leser des Clemens 



Die Litteratar der gpriechischen Kirche: die Predigt saec. 11. m. 547 

ocoivd^)y tfxikd iffti tä inb xagdiag ^iffiara, vö^iog 6 ygaarbg 
iv %a(fdlff. ovt6g iöriv 6 Xccbg 6 rot) '/lyanri^ivov 6 q)(,XoiiiiLevos 
%al ipiX&v aitöv,*) 

Was die gnostischeu Heifsspome und Phantasten im Sturmes- 
laof nnd mit offener Bekennung der Farbe zu erreichen suchten, 
die Verquickung des Christlichen mit dem Hellenischen, das er- 
reichte die katholische Kirche in vorsichtiger Arbeit, bei der sie 
weniger selbst treibend hervortrat, als vielmehr den grofsen Zug 
der Ideen seinen langsamen aber um so sichereren Gang gehen 
liels, bis ihr, als die Zeit gekommen war, die Frucht von selbst 
in den Schofs fiel, gereift in langem Wachstum und frei von 
dem *Gift' der Häresie. 

Auf katholischer Seite sind Hippolytos und Origenes die Hippoijtoi 
ersten Vertreter einer kunstm'afsigen Predigt gewesen.*) Wenn 
der Xöyog elg rä Syia ^Botpaveia wirklich dem Hippolytos ge- 
horte, müTste man diesen Bischof als Redner dem Gregor von 
Nazianz an die Seite stellen. Aber abgesehen von den schweren 
inneren Yerdachtsgründen durchbricht diese Rede auch rein 
stilistisch die Entwicklungsgeschichte der Predigt, insofern sie 
die Darstellungsart frühestens der Mitte des vierten Jahrhunderts 
anticipiert. Ich lasse sie daher der Vorsicht halber lieber ganz 
beiseite/) Von sonstigen Reden des Hippolytos haben wir nur 
eine by^Ma gegen die Noetianer, in der wir an den nicht rein 
lehrhaften Stellen eine durch die Eunstmittel der Rhetorik be- 



AI. und Plotin; eine Stellensammlong aus anderen Autoren jener Zeit bei 
Bemaya 1. c. 135 ff. und vor aUem bei Hamack, Bogmengesch. I' 114, 1. 

1) %^0L die Hss., verbessert von Hilgenfeld aus dem Zusammenhang 
bei Clemens. 

2) Der grofse Brief* des Valentinianers Ptolemaios an Flora bei 
Epiphan. haer. XXXIII 8 ff. (zuletzt ed. Hilgenfeld in: Z. f. wiss. TheoL 
XXiV [1881] 214 ff.) ist in sprachlicher und stilistischer Hinsicht geradezu 
musterhaft, cf. Anhang H. Auch das lange Fragment aus des Earpo- 
kratiaiiers Epiphan es Schrift ^re^l di%ui,06vv7i9 bei Clemens AI. Strom. III 
S, 6 fF. weifii den Kommunismus mit Farben , die der griechischen Philo- 
sophie (Piaton, und vielleicht Zenons noXixBla'i) entnommen sind, in herr- 
licher, stellenweise stark rhjrthmischer Sprache zu preisen. 

8) Der inhaltlich sehr interessante Panegyricus des Gregorios Thauma- 
tnrgos auf Origenes (yoI. 10, 1062 ff.) bleibt hier natürlich ganz aufser 
Betracht. 

4) Gtegen die Echtheit zuletzt H. Achelis in seiner Ausgabe (Corp. 
Bcript. eccl. graec. Berol. 1897) praef. p. VI. 

Norden, antike Ennstprosa. II. 86 



548 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

wirkte Steigerung des Tons deutlich wahrnehmen ^ z. 6. in der 
xagaivsöig p. 50, 21 Lagarde: ola totvw 9(ri(yü66ov€iv at ^Btai 
yQaq>al tdcaiisvj xal 3öa diddöxovöiv imyv&iievj ocal Sg d'dXn 
nati^Q mörs'ösöd'ai xtötsiiöcoiuvj xal &g d'dXst vCbv do^d- 
^Böd'ai do^äöauev^ xal Sg ^iksi ücvsv[ia Syiov dagstö^ai 
läßoDiieVj oder in der hyninenartigen Lobpreisung p. 56, 31 ff.: 
^afnög i6uv 6 vC6g [lov 6 äyanritög, ixoiists ai5ro€* (Matth. 17, 5). 
0*^0^ 6rsq)avoiycai Ttatä di^aßöXov^ oitög i6xiv *Iri6ovg 6 Na^a- 
Qatog 6 iv Kavä iv ydiioig xXrjd'Blg xal tb Cdag slg olvov (uta- 
ßaXiav xal d'aXd06y intb ßiag ivi^an^ xtvoviiivy hciuii&v xal hcl 
d'akdöörig TCBQiitax&v hg inl ^ifag yf^g^ xal tvtpXbv hc ysvevijg 
6(fav xot&v xal vsocgbv jid^aQOv rexQaiifUQOv ivi6x(bv xal xotKC- 
lag dvvdfUig inoxBk&Vy xal &^a(ftCag &q>€lg xal i^ovöüxv didoi>g 
laad^tatg xal alfia xal Cöcoq ig äyCag xXsvQäg ^sv6ag X6yxo w- 
ysig, toikiw %d(fiv V^liog öxoti^staiy ijiiiQa oi q>aniietar ^yvx)v- 
tai ich(fai 6xClsxav Ttaxanitaö^a* tä %B{Ukia yi^g öBietaCj ivoCyov- 
tai tdq>OL xal iysiQOvtac vsxqoI xal &QXOvt€g xaxai^x^vovtai, xbv 
y&Q xoöinitoQa tov xavrbg isd ötavQOv ßkijtovxBg xaimv66avta 
xbv 6q)^aXnbv xal xaQadAöavta tb xvsi^iMc ldov6a ^ fpv6^ ita- 
Qdööeto xal tijv a'drov {msQßdkXovöav dö^av xaiffflöat oi dwa- 
^dvrj iöxotC^sto u. s. w.: was wirkt in diesem Passus mehr, die 
grandiose Diktion des Panegyrikers oder das schlichte Wort des 
Evangeliums, an das er anknüpft?^) 
Clement. Hippoljtos hat die Häretiker bekämpft wegen des Inhalts 
ihrer Lehre: in der Formgebung hat er kein Bedenken getragen, 
sich wie jene der wirksamen Mittel der hellenischen Rhetorik in 
ausgiebiger Weise zu bedienen. Auch die imposanten Vertreter 
der alezandrinischen Schule haben gegen die hellenisierenden Hä- 
retiker gekämpft, aber wie Clemens') in seiner * Philosophie' dem 
Piatonismus weitgehendste Zugeständnisse machte und wie Ori- 
genes auf die Bibel die aristarchische Textkritik sowie die stoisch- 
philonische Exegese übertrug, so haben beide ihre Darstellung 
dem hellenischen Geiste unbedenklich angepaEst: vertraten sie 
doch überhaupt den freisinnigen Standpunkt, das Gute des Heiden- 
tums nicht zu verschmähen, was Origenes einmal (in Exod. 

1) Cf. auch de Christ, et Antichrist, p. 2, 12 ff. 8, 14 ff. Lag. — 4, 22 ff. 
6, 8 ff. Ach. 

2) Über seine Bedeutung für die Formengeschichte der christlichen 
Litterator cf. hesonders Overbeck 1. c. (oben S. 479) 454 ff. 



Die LiHerabir der griechischen Kirche: die Predigt saec. II. DI. 549 

hom. 11 c. 6, Tol. IX 138 f. Lommatzsch) ausführlich darlegt 
mit Bemfang auf das Wort des Apostels navxa doxiiiAißtSj xh 
%aXhv uaxi%BtB (Paulus ep. ad Thess. I 5, 21). Der Anfang des 
clementinischen Protrepticus gehört mit seinen zerhackten, 
rhythmisch fallenden^ figurengeschmückten Sätzen zu dem Raffi- 
niertesten, was es aus der sophistischen Prosa giebt, stark er- 
innernd an das etwa gleichzeitige Proömium des Hirtenromans 
des Longos (oben S. 439): *A(upC(ov 6 &tißatog \ xal *A(fC(ov 6 
Mft^viivttlog I aiMpm ^ilv 9i6xriv pdi^xA, \ iiv^og dh &ii^q)m' \\ — xal 
%b ^6fka elöhi xovto \ ^EXXijvwv adexav xoq^ — * H xi%vji rg imw- 
tfucg I 6 lihv l%^v 8BkB&6aq^ \ 6 8i &ijßas xsvx^ag. \\ Oq^xioq dh 
RXXog 6oq>i6xilg \ — Skkog oixog ^v^og ^EXXrivtxög — | ixi^dö- 
6SVS tä d^Qia I yviivfj xy tpdfjy \ xal dij xä divÖQa xäg fpriyo'bg \ 
fLiiBffmsvöB xy (MvöMy, H l^oi^* &v 6ov xal &XXov xoikoig adsX- 
^bv dtfiyi^6a6^ai \ fiv^ov xal pddv^ \ Eüvoiiov xbv AoxQhv \ xal 
xitxiya xbv IIv^ixöv || u. s. w. Origenes war nach Eusebios Origenet. 
(h. e. VI 36, 1) der erste, der seine Predigten sorgfältig aus- 
arbeitete (die Häretiker rechnet er natürlich nicht mit); die uns 
erhaltenen Predigten sind sämtlich von der Form, die ich in 
der obigen Skizze der Formengeschichte der Predigt als exege- 
tisch bezeichnet habe. In solchen Predigten war nicht viel 
Baum für einen glänzenden Stil: soweit ich sie kenne, fehlt in 
ihnen das rhetorische Pathos ganz, wenigstens erreicht er es 
nicht durch äulserliche Mittel. Das war auch wohl unnötig bei 
dem Publikum, vor welchem er sprach: denn die abstrusen Alle- 
gorieen, die er vortrug, waren keinesfalls für die Masse bestimmt, 
sondern für eine kleine Gemeinde, welche dida6xaXia, kein Ttd^og 
suchte. Er hat an mehreren Stellen seiner Homilien gegen 
Prediger geeifert, die dem Publikum zuliebe sich eines zu ge- 
schmückten Stils bedienten.^) Ein Redner war Origenes so wenig 
wie Aristarch, Varro, Philo, Hieronymus. 

Dagegen war Paulus von Samosata, der bald nach Ori- Paoiat 
genes' Tode Patriarch von Antiochia war (260 — 268), ein Pre- ^ *"**'* 



1) In Ezech. hom. 8, 8 (XIV 46 Lomm.): effeminatae sunt eorum ma- 
gistrorum et animae et voluntates, qui semper sonantia, semper canora com- 
ponwnt; et \tt quod verum est dicam, nihil virile, nihil forte, nihil deo dignum 
est in his qui iuxta gratiam et voltmUUem atidientium praedicant Diese 
Stelle entnehme ich ans Alberti de Albertis, Thesaur. eloquentiae (1G69) 
466 f.; ein paar andere bei Probst 1. c. (oben S. 587, 1) 285. 287, 20. 

86 • 



550 



Von Hadriatt bis mm Ende der Kaieerzeit. 



diger ganz nach Art der asianischeu Sophisten. Wir wissen dt 
zufällig, weil man für ihn, den Häretiker, diese Vortragsweise 
eharakterJatisch fand, Eusebios (h. e. VII 30) teilt aus dem 
gegen Paulus gerichteten encjklopädischen Brief der Bischöfe 
u. a. folgende bemerkenswerte Stelle mit (§ 9) : r^v iv rafg ^x- 
)tXij6tttOTixttls avvödoig ti^aztiav ftijjjttvärt« iJoIoxoäSv xcI qsaw- 
%«<StoxonC)V xal tks z&v ixegaioxigav liivxiis i^ois roioikoig wt- 
»Aijctrav, ßyiftcc [liv xal 9q6vov vipijkbv iavTä xaraaxsvaoäfuvog, 
O^X ^S Xpiatov jiaQrjtijg, «■»jxpTjTOi' dt, toancq o( zov xöaftov 
&Q%ovxcs, l%oyv r-E xal drofiä^av, naCtav Si tjj z^'P^ r^*" ftlpiv 
xal rö ß^fta ägättcov zoig zoal xal toig fi^ ixatvovöi (iTjäi 
äUmp iv Tofg &fäzQOLs xazttödox'Oi tatg 6&6vBig iii}S' ixßoäßi 
T£ xcd avaatjS&tSi xazä tä avtä rolg ä^up avzbv araaiihzatg dv 
Sffüai zt xal ywttioig, dxöefiojg oürraj äxtfoioiiivotg, zotg ä' ovv 
Sg iv ofxo) 9eov «t^voTtgutäg xal iviüxtag äxovovOiv intziftStv 
xal iwßQi^av xal stg toüs ä-xsl&övrttg ix zov ßiov zo^zov 
otviSv iiriyi}zäg toü i,6yov (poQzixäg iv zip xoivä xal [layai 
gi}(iov&v negl iavzov, xa^aTieQ ovx ijiiixoTtQg, iXf.ä 
ffiiüT^g xal ycitjg.'l 



4. Der Stil der Predigt im vierten Jahrhundert. 

a) Die allgemeinen VerhältniBse. 

fci*t"«i Die Beeinflussung der Predigt durch die sophistieche Rhe- 

PMdig.t torik erreichte im vierten Jahrhundert ihren Höhepunkt.*) „Die 

^j*^"**^ bedeutendsten christlichen Kanzelredner jenes Jahrhunderts sind 



1 



1) In den wenigen erhaltenen Fragmenten ist Ton einem affelctierten 
Stil uichta su merken, es Bei denn etwa iip 07^^ xvfvfuiri jp'offfle npon)- 
yopcvt^Tj Xftin6s, itoffjtüv kotü (fieiv, 9iiviuiTovey<!iy itttta xägiv (bei A. Mai, 
Swiyt. vett. no». uoll. VH p, 68; riavXov Satiataiitas' I" tu* tcütoö jr^i; 
Eaptvov iiyuv), oder tä »(atovfiEva zip Uyw tijs <pv<ietos 06» tfovaiv £««*- 
vov tä di exictt ipiUus x^ioiififvu vntifuivitä, fiia xul t^ avt 
ufoinifura, Oiä ^i&i kuI cfjg cürf]g {vfQytiat ^i^aioifuva (ib. p, G9: 

~ I )iBU Hemerknngpn dnnlber l>ei Joh, Bauer, Die Trostreden 

^0 ibr«iu Verbältnis z. antik. Rhetorik, Diaa. Marbnig 

■sieht ii:e«tellle grOäare Abhandlung „Cber die 

«r diM IV. Jh. in iluem Yeih. z. ant Rhet." 






Uaa B«aie und Wärmste, waa über 1 
»n Kirche geschrieben let, int die J 



Die Litteratnr d. griecli. Kirche: Allgemeines über die Predigt s. IV. 551 

geschult in der rhetorischen Methode und haben erst selbst 
Rhetorik gelehrt. Basilius und Gregor von Nazianz haben in 
Athen unter den berühmten Professoren Himerius und Pro- 
haeresius studiert, Chrysostomus unter dem noch berühmteren 
LibaniuB, der noch auf dem Totenbette von diesem Schüler 
sagte y er wäre am würdigsten, sein Nachfolger zu sein, wenn 
ihn nicht die Christen gestohlen hätten (Sozom. h. e. VIII 2)."*) 
Die Gebildeten gingen damals mit denselben Erwartungen in 
die Ejrche wie in den Hörsaal des Sophisten: sie wollten sich 
einen Ohrenschmaus verschaffen, ein Stündchen angenehmer 
Unterhaltung, imd viele Prediger waren ihnen darin allzu will- 
fahrig, so (wenigstens nach dem Bericht seiner Gegner) am 
Ende des dritten Jahrhunderts der eben genannte Paulus v. 
Samosata. Gegen diesen Mifsbrauch wandten sich die mafs- 
gebenden Männer; vor allen loannes Ghrysostomos hat 
sich öfters über das Verhalten seiner Gemeinde beklagt , z. B. 
hom. 3 in ep. 2 ad Thessal. c. 4 (62, 485 Migne): ^xC elöeQxo^ac 
(sc. slg xi(v ixxktiöiav), tpriölv^ ei ovx axot^o tivbg 6(nXovvtog'' ; 
rovvo nivta iacoXfnkBxa xal dUtpd-siQS, xC yäg xqbIk dficXriTov; 
ijtb tilg fifutigag Qa%viUag avtri rj xqbCu yiyovB. diu rC yäg 
byLiXCag %QBla*j nivta 6a(pfi xccl Bvd'ia zä nagä xatg d^Btaig yga- 
^atgj nivta xä ivayxata df^ka. aAA' inBidij xiQ^B&g iöxe axQoa- 
taCj diä toiho xal xaika ^rixBtxB. Blnh yig (loi, noip xdiinc) 
X&yov IlaOXog iXeyBv; iXX' o(i(og xr^v olKOVfiivrjv inixQB^BV. noiGi 
ik nixQog 6 iyQiykiutxog\^ Vor allem wendet er sich an vielen 
Stellen gegen das Beifallklatschen in der Kirche. Wir haben schon 
oben (S. 274 f. 295 f.) gesehen, da& dies ein stehender Gebrauch 
bei den Vorträgen der Sophisten war und dafs diese förmlich 



handlang von Villemain, De T^loquence chretienne dans le quatrieme 
litele in seinen M^langes historiqües et littöraires III (Paris 1827) 293 ff. 
Fflr die westliche Kirche tritt erg^lnzend hinzu: A. Ozanam, L'^Ioquence 
chrftiehne in seiner GiTÜisation au V. si^cle, soc. <5d. II (Paris 18G2) 149 ff. 
Sowohl über die griechische wie die lateinische Predigt dieser Zeit handelt 
F. Fkobst^ Katechese n. Predigt Tom Anf. des vierten bis zum Ende des 
«whitl« JahilL (Bred. 1884) 134 ff., gelungen besonders in der Charakto- 
xiitik der einaelnen Prediger. Doch ziehe ich es vor, auf Grund meiner 
LeUbe meine eigenen Wege zu gehen. 

1) Hetdh L c. (oben S. 618, l) 78 f. 

t) XWmlwili« Stellen bei J. A. Neander, Der h. Juh. Chrys. u. die 
I Ofld. im) 118 ff. 927 f. 



552 Von Hadrian bis Kam Endo der Kaiseneit. 

lebten von dem Beifall, der ihnen gezollt wurde. Dals die Sitte 
auf die Predigten übertragen wurde , hat außführlich nach- 
gewiesen schon Franc. Bern. Ferrarius, De ritu Hacrarum ec- 
clesiae catholicae concionum (Paris 1664) 1. II c. 23 — 26 p. 266 S. 
Die bezeichnendste der dort angeführten Stellen m^e hier 
Platz finden : loann. Chrys. hom. 30 in act apost. c. 3 (60, 22ö £F. 
Higne): „Noch schädlicher ist es, wenn einer zwar mit Worten 
schöne Lehren erteilt, mit den Werken aber gegen die Lehren 
streitet. Dies ist die Veranlassung Tieler Übel in den Kirchen 
geworden. Deswegen verzeiht mir, bitte, wenn meine Rede bei 
diesem Fehler verweilt. Viele geben sich alle erdenkliche Mühe, 
um, wenn sie aufgetreten sind, ihre Rede in die Länge zu ziehen, 
und wenn ihnen von der Menge Beifall geklatscht ist, so ist 
ihnen das ein Königreich wert; wenn sie aber unter Schweigen 
die Rede beendet haben, so sind sie darüber verzweifelter als 
über die Hölle. Das ist es, was die Kirchen ruiniert, dafs ihr 
nicht eine Rede zu hören wünscht, die euer Gewissen trifft, 
sondern eine, die euch zu amüsieren vermag durch den Schall 
und die Komposition der Worte, gerade so als ob ihr SSngem 
und Zitherspielem zuhörtet, wir schlaff and erbärmlich genug 
sind, euem Begierden zu wUl&hreu, statt sie euch auszutreiben. 
(Diese Redner, führt er aus, machten es gerade so wie Väter, 
die ihren kranken Kindern schädliche Süfsigkeiten geben.) Das- 
selbe widerfährt uns, die wir nach schönen Worten und Sätzen 
haschen und darauf aus sind, wie wir eine Harmonie erklingen 
lassen, nicht wie wir nützen, wie wir bewandert werden, nicht 
wie wir belehren, wie wir unterhalten, nicht wie wir ins Ge- 
wissen reden, wie wir beklatscht werden und nach erhaltenen 
Lobsprüchen abtreten, nicht wie wir eure Sinnesart in Harmonie 
bringen. Glaubt mir: wenn ich rede und beklatscht werde, so 
bin ich (warum sollte ich nicht die Wahrheit sagen) Mensch 
genug, mich darüber zu freuen und es mir gern ge&Uen zu 
lassen: wenn ich dann aber nach Hause komme und mir Ober- 
lage, dab die, welche geklatscht haben, keinen Nutzen gehabt 
f hnben, oder jedenfalls des Nutzens infolge des Beifallklatschens 
bjUid der Lolisjirüche verlustig gegangen sind, dann schmerxt es 
^ tteofee und weine imd fühle wie einer, der alles Yer- 
lft^ und sage zu mir: „Was nflfast mir nun all 
' " r Hörer aus meinen Worten keiaeti Gewinn 




Die Litteratnr d. griech. Kirche : Allgemeines über die Predigt s. IV. 553 

ziehen wollen?^' Und oft habe ich schon den Gredanken gefafst, 
ein Gesetz zu erlassen ; welches das Beifallklatschen yerhindert 
und euch bestimmt, schweigend und mit der gehörigen Ordnung 
zuzuhören. (Dies ftOirt er dann weitläufig aus.) Nichts ziemt 
der Kirche so wie Schweigen und wie Ordnmig: den Theatern ist 
der Lärm angemessen, den Bädern, den Aufzügen und den Ver- 
sammlungen auf dem Markte .... Wenn ihr euch so benehmt, 
werdet nicht nur ihr, sondern auch wir selbst Nutzen davon 
haben: wir werden dann nicht mehr den Nacken hoch tragen 
und nicht nach Lob oder Ruhm begehreu, nicht das, was unter- 
hält, sondern das, was nützt, sagen, nicht auf Satzkomposition 
und schöne Worte, sondern auf die Kraft der Gedanken jeden 
Augenblick verwenden. Geh in die Malstube und du wirst sehen, 
wie dort tiefes Schweigen herrscht; also auch hier, denn auch 
hier malen wir königliche, nicht gewöhnliche Gemälde 
mit den Farben der Tugend. Was ist das? ihr klatscht 
wieder? Nicht leicht scheint es euch zu werden, euch zu 
bessern.'^ (Das kühne, in seiner Art grofsartige Bild hatte die 
Zuhörer wieder fortgerissen.) Ist derartiges zu verwundern, 
wenn um dieselbe Zeit Asterios von Amaseia ohne Bedenken 
eine Homilie beginnen konnte mit der Mitteilung, er komme 
soeben in grober Erregung von der Lektüre der demosthenisclien 
Eranzrede (in S. Euphemiam, vol. 40, 333 Migne)? 

Nicht anders war es im Westen. Wir haben gesehen ^) ^ 
(S. 533 f.), dafs Augustin in seinem Werke de doctrina Chri- 
stiana den Nachweis führt, dafs die maüsvoU rhetorische Predigt 
nicht nur erlaubt, sondern auch nötig sei und sehr detaillierte, 
aus CiceroB rhetorischen Büchern abgeleitete Vorschriften darüber 
giebt^), ähnlich wie damals Ambrosius das System der christ- 



1) Dieser Standpunkt AugUBtins wurde für die Folgezeit sehr wichtig: 
auf ihn beriefen sich alle die , welche eine rhetorische I^digt für erlaubt 
und nfitig hielten. Man lese darüber Pauli Cortesii protonotarii apostolici 
prohoeminm in libmm prinmm sententiarum ad lulium 11 Pont. Max. (zuerst 
Born IftOS, dann Basel 1618). In demselben Sinne äufsem sich die in der 
Basetor Ausgabe vorausgeschickten Briefe des Beatus Rhenanus und Kon- 
nd Pöotiiiger. Als Titelvignette dieser Ausgabe ist dargestellt ein Wagen, 
darin litund eine in einem Buch lesende Frau 'Humanitas', der Wagen 
wird f or w tiis bewegt links von 'Vergilius' und 'Tullius', rechts von 'De- 
i' nad 'Homenis'. Cf. Joh. Sturm, De ludis literariis recte ape- 
Üft (ßkabb. 1688) 104. firasmus , Dialogus Ciceronianus p. U93 ff. (is 



554 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

liehen Moral auf Ciceros Büchern von den Pflichten begründete. 
Aber auch hier dieselben Ezcesse wie im Osten. Was sollen 
wir dazu si^en^ wenn Avitus, Bischof von Vienne (f c. 530), 
in einer Homilie mitten zwischen Schriftstellen zwei Citate aus 
Vergil bringt (homil. 6 p. 112 Peiper), oder es alles Ernstes für 
nötig hält, sich in einem eigens zu diesem Zweck geschriebenen 
Brief wegen eines vermeintlichen Fehlers zu verantworten, den 
er in einer zu Lyon gehaltenen Predigt bei der Messung des 
Verbum potiri hegangen haben sollte (ep. 57 p. 85 f.)?0 ^^^ 
allem herrschte auch im Westen die Unsitte des Beifall- 
klatschens, wofür zwei Zeugnisse Augustins angeführt werden 
mögen, die ich dem citierten Werk des Ferrarius entnehme: 
Augustinus serm. 339 c. 1 (38, 1480 Migne): quid ergo milU 
hodie maxime fadendum nisi ut commendem vobis perictdum meum, 
iä siiis gaudium meum? pericülum autem meum est, $i adtendam 
gtiomodo laudatis et dissimulem guomodo vivatis. ille autem navü, 
stib cuius ocülis loquor^ immo sub cuius ocuiis cogito, non me tarn 
deUctari landüms populanbus quam sHmülari et angi, qxwmodo vi- 
vant qui me laudant laudari autem a male viveniSms nolo ab- 
horreo detestar; dolori mihi est, non voluptaii. laudari autem a 
bene viventibuSj si dicam nolo, mentior; si dicam volo, timeo, ne 
sim inanitatis appetentior quam soliditatis. ergo quid dicam? nee 
pletie volo nee plene nolo. non plene volo, ne in laude humana 
pericliter: non plene nolo, ne ingrati sint quibus praedico. Sogar 

Yol. I der Ausg. von 1703). Sanctius, Minerva (zuerst 1587) p. 866 ff. (der 
Amsterdamer Ausg. von 1752). In Frankreich entspann sich über Augostins 
Vorschriften ein Streit: die einen verwarfen die künstliche Predigt^ die 
anderen verteidigten sie, cf. Gibert in: Jugemens des savants Ylll (Amsterd. 
1725) 460 ff. Der bedeutendste dieser französischen Schönredner auf der 
Kanzel war im XVII. Jahrh. Fl^chier; wohl hauptsächlich gegen ihn und 
seine Anhänger eifern F^n^on in dem von mir schon öfters citierten meister- 
haften 'Discours sur T^oquence' (Par. 1718) und der Jesuitenpater Bapin 
in seinen 'Reflezions sur T^oquence' (Oeuvres, Amsterd. 1709 voL II). 

1) Er nennt bezeichnenderweise einmal (hom. 21 in. p. 184) seine 
Predigt eine declamcUio. Ebenso sagt mit naiver Offenheit Grennadius de 
vir. ill. 9 von Honoratus, Bischof in Massilia (saec. V): t^ ehquena et 
ahsque ullo linguae impediniento ex tempore in ecclesia declamator, cf. 
für den Ausdruck Sokrates h. e. VII 12 von Ablabios, einem Schüler des 
als Hermogenes-Kommentator bekannten Troilos v. Side (s. V): oi yXcapvQal 
ngoooiiiXiai, xal avvTovot (pigomai . . . Tfjs iv Nvnaitf, x&v Nanottutiwdnr i%- 
Y,XriGla<s tnla-Konog yiat scrri, iv ravrw xal aotpiavBvmv iv ta^ji. 



Die Litt^ratur d. griech. Kirche: Allgemeines über die Predigt s. IV. 555 

nach Versen der h. Schrift, die ihnen besonders gefielen, 
klatschten sie: Augustinus enarr. in psalm. 147 c. 15 (37, 
1923 Migne): ^henedixit filios tuos in te, qui posuit ßios iuos 
paeem' (Ps. 147 v. 14). quomodo exsultastis omnes? hanc antäte, 
fratres mei. miiUum deledamur^ quando clanuU de cordibtis vestris 
pacis düectio. quomodo vos delectavit? nihü dixeram^ nihil ex- 
posueram; versum pronuntiavi, et exclamasHs. quid de vobis da- 
mavit? dilectio pacis. ^) Auch Ambrosius und Hieronymus haben 
sich über die unmäCsige Anlehnung der Predigt an die so- 
phistische Deklamation geäufsert. Ambrosius de officiis mi- 
nistrorum I 19, 84: vox ipsa non remissa, non fracta, nihil femi- 
neum sonans, quaietn multi gravitatis specie simulare consuerunt^ 
sed fonnam quandam et regulam ac sucum virilem reservans. hoc 
est enim pulchritudinem vivendi tenere, convenientia cuique sexui et 
personae reddere. hie ordo gestorum optimus, hie omatus ad omnem 
aeHonem accommodus. sed ut moUiculum et infractum aut vocis 
sonum atä gestum corporis non probOy ita neque agrestem ac rusti- 
cum, naturam imitemur; eiu^ effigies formula disciplinae, forma 
honestatis est. cf. 22, 101; 23, 104. Hieronymus comm. in ec- 
clesiasten c 9 (in 1 p. 467 ValL): quemcumque in ecclesia videris 
dedamcUorem et cum quodam lenocinio ac venustate verborum ex- 
citare plausuSj risus excutere, audientes in affectus laetitiae concitare, 
scito dignum esse insipientiae tam eius qui loquitur quam eorum 
qui audiunt. Derselbe comm. in ep. ad Gal. 1. III prooem. 
(VII 483 Vall.): iam amissa apostolicorum simplicitate et puritate 
verborum quasi ad Athenaeum et ad auditoria convenitur, ut plaur 
8us circumstantium st^scitentury ut oratio rhetoricae artis fucata 
mendacio quasi quaedam meretricula procedat in publicumy non tam 
erudüura pcpulos quam favorem populi quaesitura et in modum 
psaUerii et tibiae dulce canentis sensus demulceat audientium^ ut 
velus iUud prophetae Ezechidis (33, 32) nostris temporibus possit 
aptarif dicente domino ad cum: *et f actus es eis quasi vox cHharae 
suave canentis et bene compositae et audiunt verba tua et non fa- 
dunt ea'; cf. comm. in lesaiam 1. VIII pr. (IV 1 p. 327), comm. 
in lonam c. 4 (VI 420), ep. 52, 4 (I 1 p. 258). lulianus Po- 
merius (Presbyter in Südgallien s. VI) de vita contemplativa 



1) Zwei interessante Stellen aus dem VI. Jahrh. (Gallien) bei C. Ar- 
nold, Caesarius von Arelate (Leipz. 1894) 125. 



556 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

I 23 f. (59, 438 f. Migne) nach Anführung der Worte des 
Paulus ^etsi imperittis sermone, sed non scientia' (ad Cor. II 11; 6): 
unde datur intelluji^ quod non sc debeat ecclesiae doctor de accurati 
serinonis ostentatione iadarCj ne videatur ecclesiam dei non veUe 
aedificare, sed magis se gtiantae sit erudiHonis ostendere. non igitur 
in verborum splendore sed in opemm virtute totam praedicandi fidu- 
ciam ponat, noyi vocüms delecietur populi acclamantis sibi sed fletibtis, 
nee plaustim a populo studcat exspectare sed geniUum u. s. w. (es 
folgt ein durchgeführter Vergleich zwischen dem declamator und 
doctor). ' 

>utribeund Die aufscrc Form, in die sieh die Predigt kleidete, war bei 
Predigt, feiei-iichgu Gelegenheiten die des Panegyricus, bei mehr lehr- 
haften Stoffen die der Diatribe. Über das Wesen der Diatribe 
habe ich oben S. 129 ff. gehandelt und dort den Nachweis ge- 
führt, dafs sie sich in der Weise aus dem Dialog entwickelt 
hat, dafs der Vortragende sich mit einer von ihm fingierten 
Person oder mit einem redend eingeführten Zuhörer (bezw. Leser) 
unterhält. Sie wurde besonders gern von den herumziehenden 
Moralphilosophen in ihren Mahnreden angewendet und wurde, 
wie zuerst v.Wilamowitz 1. c. hervorhob, als die gegebene Form 
der paränetisch- doktrinären Predigt von den Christen über- 
nommen. Schon bei Paulus begegnen ein paar Stellen, die die 
Keime der späteren Entwicklung zeigen: ep. ad Cor. I 15, 35 f.: 
&XXä iget tig Il&g iyeiQOvtav ot vexgoi; noim dl öAfucti ig- 
Xovtai; &ipQ(0Vj 6i> S öjceigsig, oi ^ooTtoiettaL iäv fi^ äxo^ivy 
xtL ep. ad Rom. 9, 19 f.: igetg fiot oiv Ti ovv iti (idiMpsvai 
(6 d'sög); t^ yä(f ßovXtifuxti, aitov xlg iv^iöttixsv; i Syd-goxa, 
(uvoihf 6i> tig el 6 ivtcaeoxQivöiuvog tp d'sp; xtX. ib. 11, 19 f.: 
ifstg ovv ^EiexXiödTjöav xkddo^ tva iya iyxsvtQi6d'&. xa- 
XAg' tfi iacuftüf iisxXdö^öaVj öi) dh t^ nCfStH B6xfi%ag TtxJiJ) 
Ebenso der Barnabasbrief c. 9: &kl* igetg Kai fi^v nsQixitiii/i' 
xai 6 iUeoff Blq 6tpQwyt8a. äkXä xal nag SvQog xtL Der Ja- 
«^obnabrief macht von diesem Mittel schon eine weitergehende 
"t^nig^: 2, 14 tL: xC S^cAo^, idelipot fiov, iäv xi&gtv 



'Uunidt in: Beal-Encjkl. f. prot. Theol. n. Kirche XI' 
dM labbinischl 

seiner Zeit (s. n und zwar vielleicht erst aus der 
% D. Ghzonol. d. altchr. Litt. I 486 ff.). 



Die Litteratnr d. griech. Kirche: Allgemeines über die Predigt s. lY. 557 

Xdyg tig i%BiVy i(fya dl fii) ixy; iXX' iget ttg Sv 

niöxiv ix^ig, Tciyh igya i%(o, detl^öv {loi r^i/ nCönv 6ov xfoglg 
t&v iffymVj xiym 6ov dei^o ix x&v iQycav (lov t^v nlötiv, 6v 
niöts^sig Sxt aJg ^s6g iötiv, xaX&g xoietg' tcccI tä dai^^iövia 
mörtöoxHtiv xal g>Qi66ov6iv. ^iXsig dl yv&vai, & avd'QCJTCs 
xsvij 5t t 1^ niötig x^Q^S ^Av Igycov agyi^ iöriv; xtX, Auch die 
mit ßye o^ eingeleiteten direkten Apostrophen an die Hoffärtigen 
(4, 13 ff.) und die Reichen (5; 1 ff.) sind in ihrem Invektiventon 
ganz diatribenmäfsig. Für die didaktischen Homilien des III. Jh. 
sind schon oben (S. 548) einige Beispiele aus Hippolytos 
angefahrt worden: dafs dies damals etwas ganz Geläufiges war^ 
zeigen die Predigten des Origenes^ vgl. z. B. in leremiam hom. 
1 c. 8 (XV 116 ff. Lommatzsch). ^) Aber zur eigentlichen Ent- 
faltung kam; wie andere Kunstformen, so auch diese erst in der 
Predigt des IV. Jh.; hier zuerst^) begegnet auch das formel- 
hafte, für die Diatribe typische (s. oben S. 129, 1. 277) ^ijtf^ sc. der 
fingierte Gegner. Ein paar beliebige Beispiele aus Predigten des 
Gbrysostomos mögen das veranschaulichen. Hom. in evang. 
loann. 3 c. 3 (59, 41 Migne): Johannes sage mit Recht 6 Xöyog 
^, nicht 6 d'ebg iTCoitjös rbv löyop. Nai, q>ri6Cvy &Xk^ 6 Ili- 
XQog xovto shts 6aq>&g xal dtaQQi^dfiv. IIov xal Ttöxs; Xha ^lov- 
daioig ducXsyöfiBvog Hsyav Sxl ^^xiigiov aitbv xal ;|^(>t<yröi/ 6 
d'ebg ixoifiös/' TC ovv xal xb iiijg oi nQOöid-rjxag ort "rov- 
XQv xbv 'Ifjöovv 8v iiutg iöxavQaöaxs'^] '^H iyvoBtg 8rt ocxX. 
ii oix ^9^S^9 S^^ ^'^^•9 womit man, um die Identität zu er- 
kennen, ein beliebiges von den Hunderten von Beispielen aus Epiktet 
vergleiche, etwa diss. I 29, 9: ^T^etg oiv ot (piXööofpoi didäöxexB 
mttanpifovstv xAv ßaöiliav; Mii yivoixo .... NaC^ &kka xa\ 
xätv doyndtanf Rqx^^'^ d'ekm. Kai xCg 6oi xaAxriv xijv i^ovöiav 

1) Manches auch bei Tatian und Clemens, aber sie übergehe ich, weil 
es mir nur auf die eigentliche Predigt ankommt. 

2) Mit einer Ausnahme schon bei Paulus, s. oben S. 506, 1. 

8) Biese Wendung ist in der Diatribe sehr beliebt, z. B. Teles p. 34 H. 
*K 9§9la %mX4H MQÖg xb q>iXo€0(pstv ^ 6 dh nXoütog slg ralhra ;[rpi}(ri/iov. — 
(H% fX. 96aovg yic(f ofct dt' tintogiav ri dt* Msiav nalvd-ilvat axoldistv; ^ 
o^X 6^^g 9x1 mg inl tb noXv ol nx<o%6taxot tptloGotpovctv xrX. und viele 
andere Stellen in dem Ind. verb. der Hense'schen Ausgabe ; bei den Lateinern 
fMMi (die« h&nfiger als nonne) vides z. B. sehr oft in Yarros Satiren und bei 
Loorai (Lambin lu U 196), cf. £. Marx im Ind. lect. Kost. W. S. 1889/» 
p. 10 f. 



558 ^on Hadriaa bia zam Ende der Eariseraeit. 

didtucii xoü d^vaeai vtx^aart 36yfia äXiörptov; Ilgo^iiyeavy ^- 
eiv, avrp ipößov, vixifacD. 'Ayvottg Sn avtb abtb ivixtjßev, oix 
im' SXlov ivixij^; Chryaostomoe 1. c. 4, 3 (wo man auf die 
gajiz pktoniBche Art des fingerten Zwiegesprächs achte): Ei*i 
ydQ (tot, rö äxavyaan« rov i)Uov i^ vtivfjs iM(T]8ä r^g TOÖ 
'^lüyv tpvoems ^ Bkko&iv «oOev; &väyxn x&ea äftoAoj'^ffRi 

rbv (lij xal tag aia&^ecig ntJtfiQmftivov, Zxi i% ain^g 

Ti 8s; find iioi, oiix oC ai&vsg 8i airov ysy6v«eiv Sjcavresi 
äväyxri a&aa hfioloy^eai rbv fi^ «agasaCovt«. oifxo^ oidiv 
liiaov vtov xal itat(f6s ■ . ■ . Elah yi<f ^oi, o^% Spov tivä 
nifoSTi&eis Tp vtä . . . vbv xatiffa sffottvai Xiysts; Eüdiiiov 
5t(. Eiah ovv ^oi xrX. 



b) Die Hauptvertreter der christlichen Kunstproaa 
im vierten Jahrhundert. 

a) Die Streitschrift des Eunomios gegeu Baeiteios. 
Bevor ich auf die grofsen Prediger des lY. Jh. eingehe, be- 
spreche ich eine durch das stark hervortretende sophistische Element 
sehr charakteristische christliche Streitschrift derselben Zeit. 
Bopuitik. Der Ärianer Eunomios') wurde im J. 360 wegen seiner 

ketseriscbeu Gesinnung seines Episkopats in Kyzikos eotsetst 
und veröffentlichte daraufhin seinen äxoXoyritafds, der mia er- 
halten ist (bei Migue vol. 30, 837 S.). Diesen widerl^te Bui- 
leios in seinem ivatQsarixbs tov Satoioyrfcixoü rov ih)««tßoÖe 
Evvofiiov 4bb. (Migne 29, 497 ff.) Eunomios schrieb darauf 
eine neue Verteidigungsrede in Form einer Streitschrift gegen 
Basileios, der kurz vor deren Heraasgabe starb (379). Sie um- 
faTste nach Photioa bibl. cod. 138 drei Bficher und ist nna all 
Ganzes nicht erhalten, aber gegen sie schrieb nun wieder Gre- 
gorios von Nyasa ein am&ngreichea Werk: xi/bs Eivi^» 
ivTiQQtiTtxbe !i6yoB in 12 Büchern, die fut den ganien 46. Band 
der Migne'schen Pstrologie einnehmen. In dienm Werk hat 
Gregorios eine sehr grofee Aniahl Ton Stellen ans der nreiten 
Streitschrift des Eunomios wörtlich ciüert (wo er nur die dU 



1) Cf meine 'Beiträge t. Reach. d. gr ie c ii . Fhilosophip' 
Jahrb. Supplement XIX (Leijii tflOi) SOü 



Die Liiteraiar der griechischen Kirche saec. IV: Eunomios. 559 

vouc wiedergiebt^ sagt er es ausdrücklich: cf. coL 1048 D); mau 
mulis sie sich jetzt mühsam ans Gregorios sammeln^), da der 
Versuch einer Rekonstruktion der eunomiauischen Schrift, soviel 
ich weüb, nicht gemacht ist. Uns interessiert hier nur der Stil 
der Schrift, von dem wir uns ein recht deutliches Bild machen 
können, weil das Werk des Gregorios von Anfang bis Ende 
durchzogen ist mit einer Verhöhnung eben dieses Stils. Bevor 
ich hierauf eingehe, stelle ich das Stilurteil des Photios I. c. 
voran: 6 dh rot) köyov xagoxtilQ xd(fito$ ^Iv xal ^^dovfjs oid* eC 
tig iötiv odd' iyyvg yiyovB tov sidevai, xöfinov 8i tiva tsQatmdij 
xal d'öörixov ^xov fpcXotiiuttai iffo^stv r&v te öv^qxbvov tf} 
inaXXrikia xal x&v kH^eatv tatg dvösxfpQuötoig xal TCoXvövfiqxb' 
voig Tutl tov xoLt^tLxov xiinov^ ^ fiakkov axQißiöxeqov elnttv 
tov ÖL^vQaußixov eCSovg rvyxavovöaig. 6vvd"ijxi] ts avx& 
infießiaöfiivti xal övfi^nLSöiidvij xal ixxgotog, d)g avdyxriv 
clvai r^ AvayLvaöxovTL rä ixsCvov xvnxeiv öfpoSg&g xbv 
ÜQa xolg x^^^^^^v, ei iidXXoi xgav&g iatayyiklBiv et xsQixgaxv- 
vmv xal 6\HfXQiq>aiv iicstvog (lökig öwixaxts, fiaxgai xs ivioxs 
£ig &(it€X(fiav negiodoL ixxBiv6{iLBvaiy xal xh öxoxeivov xal 
Rdfilov dl Skov xBxvfkivov xov övyyQdfiii^axog. Gregorios ver- 
spottet gleich zu An£EUig die lächerliche Sorgfalt, die Eunomios 
auf die äulsere Form dieser Schrift verwendet habe^): er wisse 
zwar, dfkb jener ^Sophist und Rhetor' (so pflegt er ihn zn 
nennen) von jeher ein tgißtov x&v kdymv gewesen sei, aber an 
jenem Werk habe er (wie Isokrates an seinem Pancgyricus) gar 
yiele Olympiaden gearbeitet und daraus sei zu erklären fi %bqI 
xä 6%'Jifkaxa xatä tilv x&v ^r^^ivxmv 6vvd^Ki]v änaigoxakCa 
(I 262 BC).») Was die Wortwahl betrifft, so wirft er ihm 
Streben nach Atticismen vor, z. B. I 400 B: Zqa xä &vd^ xrig 
iifXaücg ^Ax^Uog. hg hcaöXQdxxei, rg 6vvxäiBi, xov k6yov xh Xeiov 
«od 9ummlfimiUvov xi}^ Xdl^emg, &g ykag>vQ&g xal noixiktog xfi 
&f^ xaO lAyov nsfiav^itexai, und bemerkt einmal (I 268 D) 



1) Des Haute ist bei Migne (nach der Morelli'Bchen Ausg. von 1638) 
jpfft tanifeB Lefttam gedruckt, aber nicht alles, so dafs man sich nicht 




Qfegor T. Kanani in seinen gegen die Eonomianer ge- 
-M, I. B. gleich der Anfang der 27.: ngb^ rohg iv 
ib. yXAtftfair 9^ctQO<poiß ixovüip u. dgl. öfter. 
Oben 8. 369 u. 384. 



660 Ton Hadrion bis zum Ende der Eoiseneit. 

hShniech, dafs er im Bestreben, ein attisches Wort zn ge- 
brauchen, sich vergriffen habe.*) Am meisten regt er sich auf 
über die rhythmische Diktion des Emiomios (noch dazti seien 
es die lascivsten and weichlichsten Rhythmen, die er gebrauche) 
sowie seine Figuren, speziell das Isokolon und Homoiote- 
lenton, z. B. I 253 A: o^ yÄp &v ixoi, rtj i^svQttv, jiQhs tiva 
ßXdxfov tStv ixl liöym yviofft^ofiiviov iavzbv elg roüra ffpotfyaj'EV, 
&e«tQ ttg tS>p iitl 0xi]i'^s &aviittToaoio^vzo}v, diä staffulXt^Kav 
Xttl iaoxAlav 6(iOiog>6va3V te xal {iftoioxarai.'^xtav ^rjiiä- 
tav olöv Ttfft xifordiotg Tfö räv ilf^td^cDV ^v^n^ dia- 
xvftßttXi^av tbv l6yov,') cotaücK yäff iati ftcrä «oki.Syv iti- 
(fcov xol tä iv nqooi^ioie ainoi) tSQStCafUtra rä ßXcixAdij tavta 
xal aa^ttTS&fvniiha etotädsia, & not doxtt rdxa fiijSi iiQt(ueCat 
9u%tivtti z^ ax'^yMxi, &iX iixoxifOTStv rp aodl') xal int^o^iäv 
TOf;; daxTvloig Xiyvgäg Sfia «QÖg rbv ^vd'ftöv ixupftiyYtts^at xal 
Xiysiv tö xal fitjdh' hi. deijeiiv "ft'f^* Xöymv hiffiav (iij'te nivmv 
iEvxigmv". I 256 A: Xiyoiv ovrmol t^ Üla tptov^ xatä ti)v 
A^datv ifffioviav ixsiv^v "xal t&v oix iv Six^ 9(faawo- 
fiivav dvv6iiat 8ixQ eatfufovelv ■^vayxaeftdvmv." XII 964 A: 
äXX' ixo^afOfttVy xStg xarä "tbv iatßaXövra t$ XQei? tqöxov xal 
tbv icpoXaßövta cilnov" — oGza yäf/ totg ittoföxotg tStv 6vo- 
nätmv xähv ^[itv ivtoifat^tai — , sAg 8ut to^zatv "3ucXiieiv 
fiBv" <pr}tli "tijv «Bifl ttitov yevofUvijv intövoiav, »efiHtiXXstv 
äh T^v tröi' ■^xartjfUvav ßyvoiav'\ ainaXg yäf ;;^(fop» toö di- 
d-vpaft^fffTot) tatg bftoioli^xTois tpmvatg. Ich fflhre noch 
ein paar von Gregorios citierte Stellen des Euuomioa an: I 
357 G: tpaxoTQlßiov etQatiAtris xal Syutg äiilyiatos, iacb vii«ta£ag 
(tiv wxfi&v incb Xixffiag di tpovStv. 280 A; dtivbg ifftttuiA^ 
iXri&tias i%9if6g, 9o^tavljs isateAv, talg tibv xoJUAv üi^/ug «st 

1) Du die Stelle von luttireaae iet, scbreibe ich sie hier auci 'iiiiite 
•/ig, tpriBiv, Zxi etam^pres iälm(tev, ättol-oyoiitev, xaxovpyoiv xul iiov;]«m» r^v 

liai, Kitl TCO XoyuSjim tiqus Mqui^ &v iji/jtlaxiiita im löym tbv aoXoixtOjiip I 
tirtagiiipi^e oi KaTcv6^al, xdvv eoßafüg Tg Xi^ii 'täv liatpi/tjoavtio 
inatrixiaat, äs i} XC')"6 ^it>) l^iv nagii rale luitDpSaiiidn rö* lifor, 

iixiorg hotxieftTi' ttll" o6tiv loCca xf^ f*» aiMiabr tiv i^iii«ifev. 

2) er. die oben S. 3SI sits la(«iuMh8a Autovw föt ^a 1 

riatik des Stils der ernten I 

3) Cf. obea S. 374, 2 u 



Die Litteratni der giiechiaclieii Kirche aaec IV: EnnomioB. 561 

(iv^fUHS ävTttarxöiuvoB, tbv ix x&v X(fttyp.tttiav oht atoivv6p.evos 
ikeyxov, oi ip6ßov xbv Ix r&v v6iiaiv, od ^6yov rhv /g &vf^(fä- 
»mv^) tiXaßtyüfiEVos, iXij&Eittv äeii'(ttip;og SiaxQiveiv oix ixiOtd- 
ftevDs (und das gleich Folgende). II 484 Ä: ov xoivavbv 1%'^"' 
vijs 9e6tJiTog, oi (ttifitf)v rijg S6ij}g, oi e^yxXtjQov r^g i^ovaütg, 
oö &6v9fovov rfis ßaailEiae. elg ydg laxi xa\ ^6vog fftbg b 
MavtoxQdrotQ, &cbg (ttfyv, ßaaiXiiyg zStv ßaoilcvövrctv, xv^tos t&v 
»vfitv6vteni. IV 628 B: {liyeni) ysyev^e^ai xaQ& toö xatQog 
tov vCov T^r oitfiav, oi xatä ixraaiv xgoßlrj&Btaav, oi xazä 
fevOtv H SikCqb9iv zi^g zov yiw^oavTog tsvfiipvtag änooaao&et- 
ifav, oi xarä ai^tjOiv zsXeua&eteav, oi xarä älXoißjaiv fto^qMD- 
^eUav, fiövj] äl vi) ßovXilasi tov yevv^aavros rb tlvai ia- 
lo^av.*) 

Zwar wird man nach den mitgeteilten Proben die über- 
trieben sophistische Diktion der Schrift zugeben mtlsBen, aber 
die urteile des Gregorios und Photios sind als echte Produkte 
fimatiacher Orthodoxie ebenso maTslos übertrieben wie die des 
AthanftBiOB über die Hymnen des Areios. Das zeigt deatlich der 
uns als Ganzes erhaltene Äpologeticus des Eunomios: zwar tritt 
aoch hier die aophistische Mache überall deutlich hervor^), aber 
man hat das Gefühl, dais man es mit einem Schriftsteller zu 
thon hat, der gut zu schreiben weifs und das Mafs des Au- 
Bbuides nie verletzt. Für die Stilgeschichte scheint mir diese 
Schrift nicht unwichtig zu sein als durchsichtige Imitation iso- 



1) Ei Iftbt im tveiten Qlied deu Aitikel vor (^v^piiire)!' aus, um ihm 
gleiche Silbensahl mit dem ereteo zu geben. 

t) Cf. aafiwrdem noch I 276 D, 297 AC; n 020 Ä, 668 B; IV6UCD; 
IX 801 AC (mit dem urteil öiegors flbei den fyxoe, daa ipimuia, die ve- 
WH^ivm l«{l9ia); XU 9&S A (liiixta, cf. 966 B, 976 B), »69 A, 97C A, 
lOM C («TMt). 10» C (jni^og), 1018 D, 1060 B (.sv(no^), 1060 D, 1073 A, 
L 1080 A, 1089 CD. Auf die Itingen Puioden, die PhotioB erwähnt, bezieht 
I lieh wohl IX 805 D; XII 970 A (»eiito« XiitSlnv und IvearvQliav toIs 
tv), 106S B, 1072 A. Die Daretellnng war ofTenbar echt sophistisch 
, cf. i S73 C: iv TOvxot (sc rimf) ipr}ttl ailloyor ytytvlja&ai tdr 

irn» tfMtoNfvi]t>. Dei SchuldeklamatiDn beschuldigt er 

inn a. B. noch c. 8, 887 CD; c. 3 Anf. ii. 

I, a. U, 868 A; C. 80 Bohl.: ndfuiolv dttv^- 

M4pM«( «onpiK^ noiofiwtos xttl imiiv &tp' 

I 




562 Von Hadrian bis zum Ende der Elaiseneit. 

krateischer Schreibart: man braucht nur die erste über ein 
ganzes Elapitel sich erstreckende, sorgfaltig gegliederte, mit dem 
Zierat von 6(ioiotik£vta, TCoXiijttotaj xagovo^aöiuL reichlich aus- 
gestattete Periode zu lesen, um das sofort zu merken (cf. auch 
die Periode c. 6). Es kommt hinzu die strenge, nach iso- 
krateischer Art normierte Meidung des Hiats. Auch dem Gre- 
gorios ist das natürlich nicht verborgen geblieben: er sagt YII 
748 C, Eunomios habe dem Isokrates seine ^ijfiara xal öxtifi^ccta 
abgerupft 

ß) Gregor von Nazianz. 

^^' Das vierte Jahrhundert war das für die Begründung und 

Entwicklung der alten katholischen Kirche wichtigste. Der 
Kampf gegen den Hellenismus war so gut wie überflüssig ge- 
worden: auf diesem Gebiet war die Ejrche längst aus der ^mi- 
litans' eine Hriumphans' geworden, das war gerade in der Re- 
aktionszeit unter lulian deutlich hervorgetreten. Die Hellenen 
lebten entweder in dumpfer Resignation dahin oder gaben sich 
schwärmerischen Träumen von einer Vereinigung des Menschen 
mit der Gottheit im Reich des Übersinnlichen hin: beide konnte 
man gewähren lassen. Aber es gab grofse andere Ziele: es galt^ 
die Häretiker zu bekämpfen, die bedrohlicher als je zuvor ihr 
Haupt erhoben, es galt, einer nach Millionen zählenden Masse 
in allen Teilen des Reichs die Hoheit der neuen Religion durch 
die Kraft des Wortes zu enthüllen und die grolsen kirchlichen 
Feste in würdigen Reden zu feiern. Diesen Bedür&issen der 
Kirche kamen die Prediger des vierten Jahrhunderts entgegen, 
unter denen vor allen hervorleuchtet das Dreigestim Gregor der 
Theologe, Basilius der Grofse, loannes Chrysostomos, die 
gröfsten Prediger, die die alte Kirche hervorgebracht hat, alle 
drei auf der Hohe hellenischer Bildung stehend, ausgerüstet mit 
den seit Jahrhunderten in Kamp^etümmel und Siegesjubel er* 
probten Waffen hellenischer Rhetorik, 
[ndividuau- Der feurigste der drei war Gregor von Nazianz in 
Kappadokien, wahrlich selbst eine der q>iS6$^ dtäxvQOL nal (U^ 
ydXaij von denen er einmal sagt (or. 32 c. 3), dab ohne ne 
iiaya xi xatOQ^adilvat xgbg iiöißatav ^ ifsvi^v JUAqv if^xaifip 
iöTiv. Viele haben damals glühend gehabt und heilig geUebt 
wie er, aber keiner hat alle Töne lodernder Tiftidimpd' ' 



Die litteratar der griechischen Earche saec. IV: Gregor v. Nazianz. 563 

einer solchen Meisterschaft in der Sprache zum Ausdruck ge- 
bracht^ gleich gewaltig^ mag er deu toten Apostaten, seineu 
einstigen Jugendfreund, in Worten maXslosen Hasses als wildes 
Tier schildern, oder den Basileios verherrlichen, oder seiner Ge- 
meinde in der Stunde drohenden Tumultes ein letztes Lebewohl 
zurufen, oder das eigene Irren, Suchen und Finden in innigen 
und zarten Versen erzählen, oder fast im Hymnenton an den 
groisen Festen — ein Mystagoge inmitten des Chors seiner 
Mysten — 'seinen' Jesus preisen. Sein eigentliches Gebiet 
waren die Lob- und Festreden, in denen er die reiche Kunst 
seiner Diktion am meisten entfalten und sein Genie schranken- 
los walten lassen durfte: daher haben unter den 45 offenbar 
bald nach seinem Tode mit sorgfältiger Auswahl zusammen- 
gestellten Reden weitaus die meisten einen panegyrischen Cha- 
rakter. Wie waren die äufseren Mittel dieser Art von Bered- Xa{jaxrt](t. 
samkeit beschafifen? Es giebt zwei Nachrichten, die für diese \ene°r 
Frage von Bedeutung sind: nach Sokrates h. e. IV 26 war er 
in Athen Schüler des Himerios und nach Hieronymus de vir. 
ilh 117 secuttis est Folemonem dicendi charadere (ebenso Suidas 
im ßiog). Daraus würden wir von vornherein nach dem über 
diese beiden früher Gesagten den Schlufs ziehen, dafs er in 
seiner Diktion nicht eigentlich ein Anhänger der atheistischen 
Klassicisten war. Das Wesen der Diktion Polemons wird uns 
als ^or^o^ xal nveviia geschildert (Philostr. v. soph. II 10, 4. 
15, 1): wie Sturmesrauschen ist auch die Sprache Gregors; wer 
femer hintereinander eine Rede des Himerios und eine der pane- 
gyrischen des Gregor liest, dem kann die Ähnlichkeit — natür- 
lich nur hinsichtlich der rein äuTseren Formgebung — nicht 
verborgen bleiben: hier wie dort ein höchst aufgeregter, nicht 
selten maMoser Ton, Kühnheit der Bildersprache, kurze Sätzchen, 
starke Anwendung der Redefiguren. Nicht blofs sein eigenes, 
zum Pathos neigendes, mit höchster Einbildungskraft aus- 
gestattetes Naturell wies ihn in diese Richtung: ich habe öfters 
hervorgehoben, dafs die atticistische Manier mit ihrer Parole 
der {Ufitriöig t&v iQ%al(ov ein Symptom der Senilität, des Verfalls 
selbstschöpferischer Kraft war, während die moderne Strömung, 
trotz ihrer ästhetischen Fehler, doch die innerlich allein be- 
rechtigte, weil lebendige, war. Ist es da zu verwundern, dafs 
die clirisiliehe Rhetorik, als sie zwischen deu beiden Richtungen 

VovAsa. aatlkt JCuitproia. II. 37 



564 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

zu wählen hatte^ sich unwillkiirlich, ihrer inneren Bestimmung 
folgend, der letzteren anschlofs? Reichstes Leben, Interessen 
von unmittelbar praktischer Bedeutung entrollten sich in der 
neuen Religion, der die Zukunft bestimmt war: fürwahr, nicht 
in dem mumienhaften Stil eines Libanios konnten ihre Vertreter 
reden. Gemäfsigter ^Asianismus' ist, um es kurz zu sagen, 
das Wesen der Rhetorik Gregors. Wer auch nur flüchtig irgend 
eine beliebige seiner Reden gelesen hat, der weifs, dafs dieser 
christliche Rhetor einen ganz ausgesprochenen Gefallen am 
äufseren Aufputz der Rede hat. Freilich, wenn wir gelegentliche 
Aufserungen von ihm selbst genau nehmen würden, so müTste 
gerade das Gegenteil richtig sein. In einem Brief an Nikobulos 
(209) sagt er: ivri&sra xal nuQiöa xal iöÖTcmla 6oq>i6tatg iatog- 
Qitlföiie^a' si di nov xal 7CaQakdßoi[iaVj i)g xatcacai^ovtsg fiäXkov 
tovto Tcovi^öoiiev TJ öTCOvdd^ovtBg^ und als Gregor von Nyssa das 
Lektoramt mit der Rhetorik vertauschte, gab der Nazianzener 
dem allgemeinen Unwillen darüber in einem Brief an jenen (43) 
Ausdruck: er solle ablassen von dieser SSo^og eido^ia (er fügt 
hinzu: Ti/' aCno} xa&* ifA&g, als ob er nicht selbst dergleichen 
Wortspielereien liebte) und ihm nicht kommen mit jenen xo^i^ä 
xal ^tjtOQLxä ^TJ^araj dafs es nämlich möglich sei, auch als 
Rhetor Christ zu sein: oida^iübg^ & ^avfiaöUj oüxow Söov elxög^ 
si xal ndQog xi doiri^ev. Wie solche Aufserungen aufzufassen 
sind, sahen wir oben: sie fliefsen aus einer allgemeinen Theorie, 
mit der die Praxis keineswegs notwendig im Einklang zu stehen 
braucht. Er selbst nennt seine Predigt ^auf die h. Taufe' eine 
didle^ig (or. 40 c. 1) und gesteht in der durch die Fülle per- 
sönlicher Bemerkungen ausgezeichneten Rede, in der er seiner 
Gemeinde in Eonstantinopel vorläufig Lebewohl sagt (er. 42), 
ganz offen zu, dafs ihm das Beifallklatschen und die sonstigen 
Zeichen der Bewunderung seitens der Zuhörer ein Bedürfnis 
seien: c. 24: deivöv, si 6ts(^66iisd'a k6ymv Tcal 6vXX6ymv xal 
navTjyvQSGjv xal t&v xQÖtav to'&tmVf ig>* &v msQOiifud'a und be* 
sonders gegen den Schlufs c. 26: xaifsts %&v iftänf Xöyanf 
igaöral xal dgö^iOL xal övvdQoyuxl xal ygatpidsg fpavsQ^A mü iUry- 
^dvovöai^) xal fi ßta^oykivf^ xvyxklq aihri} xot^ lugl xhv l6yo9 



1) Er meint die ofBriiilliw faovv««B«i!e f i. a- fi. 6IM> l) anH floldw^ di» 
privatim mitselaf*' 



Die Litterator der griechischen Kirche saec. IV: Gregor v. Nazianz. 565 

i^i^oiidvotg^) . . . XQOtTJöatB x^^Q^9f ^6* ßoiiöate, Spats slg üiffog 
tbv (i^toifa <6ftAv. öBöiyrixev {>(itv i^ 7CovriQ& ylMöa Ttal Xdlog^ 
o^ fi^^ öiyi^östai navxdnaövv' iiaxijösrai yäg diä x^'^Q^S x«l (li- 
Xavog' xb d* oiv Tcagbv ösöiyijxafisv.*) Dafs er mit allen mög- 
lichen Figuren seine Reden aufzuputzen liebte, haben schon die 
byzantinischen Rhetoren gemerkt, die bekanntlich keinen der 
christlichen Redner so häufig citiert haben wie den ^Theologen', 
in der richtigen Erkenntnis, dafs kein anderer in diesem MaTse 
alle Mittel äufserer Rhetorik zur Anwendung gebracht hat. 2) spesiei- 
Unter diesen Figuren spielt weitaus die gröfste Rolle die Anti- 
these in der Form des Isokolon mit Homoioteleuton. a) Figurei: 
DafQr werden z. B. von Gregor von Korinth zu Hermogenes 
xsqI fuMdov deivötritog (Rhet. gr. VII 2 p. 1227 flf. 1261 Walz) 
folgende Stellen citiert: or. 15 (in Machabaeorum lauJem) e. 9: 
iliol dl oi ted^i^xarBj (pCltatoi naidarvj &lV ixaQJcoq)OQiid^t6' ovx 
htliBkolTCate &Xkä ftezslriXvd'ats' ov xccrsldvd^B &XI& 6wB%ayriXB. 
ob ^qIov fJQjcaöBV 'bfucg, ov xvfia xaxixkvöBVj o'b Xr^öxiig 
didg>d'ei4f€Vj oi vööog didlvöevj oi je6X£[iog Tcagavakmöev. or. 24 
(in landem 8. Cypriani) c. 13: xaiha 6 x&v 6i]^s£(ov xal xcbv 
rsQdxmv d'sög' xavxa 6 xhv ^Im6^q> &yayhv slg Atyvnxov &viov 
diä äÖBXxp&v htr^QBlag 

xal iv yvvaixl doxifidöag 

Ttal iv öixodoöia do^döag 

xal iv ivtmviotg 6oq>i6ag' 

Iv inl iivi]g niöxBvd^ 

xal {)7t6 OaQah xiyLiq^ 

xal naxilQ yivqxai jcokk&v (ivgtddcov' 

dC Stg ( Atyvnxog ßaöavi^Bxai 
d'dlaööa xi^vBxai 
6(fXog ÜBxai 
i^liog löxaxai 

yf^ xf^g inayysXiag xXrjQodoxBtxaL 
ib. 19: dtiivbv d^aXiiotg äXänfa^ xal ylAööy XQcod'flvai xal ixoy 
dslBaa91jvai nal diä 9viiov ^iöavxog ifini^ödijvai xal ysvöBt 
rqgd^voi xal Aq^ luxXaxiö&i^ai^ Ttal xotg SycXoig xf^g tfco- 

oben (8. 817) aus Cic. Brat. 290 angefahrten Worte. 
■itrka den sehr ins Ohr fallenden rhythmischen Schlur«* 

37* 



566 Von Hadrian bis ztim Ende der Eaiserzeit. 

triQiag Zytloig d'avdtov xQijöaöd'ai. Der Kommentator des 
Hermogenes bemerkt dazu^ einigen erscheine derartiges öotpusti- 
xövj aber das seien ifiad'stg, denn Gregor habe hier nicht dem 
Ohr schmeichebi, sondern die Sache erhöhen wollen. Als ob 
nicht für das Publikum, vor dem Gregor sprach^ beides identisch 
gewesen wäre! Ahnliche Beispiele finden sich bei anderen Bhe- 
toren (z. B. bei dem Anonymus III 110 flF. 174 S. Spengel), 
aber es wäre ganz zwecklos, sie anzuführen. Denn diese Bei- 
spiele sind nicht etwa die Frucht mühsamen Suchens, sondern 
sie zählen nach Hunderten: man kann wohl kein Kapitel irgend 
einer dieser Reden lesen, ohne an Stellen, wo er besonders 
hohen Schwung nimmt, sofort auf ganz Analoges zu stoüsen: es 
ist geradezu die Signatur seiner Diktion, und ich bitte den 
Leser, dies im Auge zu behalten, weil es, wie wir sehen werden, 
für die Entwicklung einer besonderen Art der Poesie von weit- 
tragender Bedeutung werden sollte (s. Anhang I). 
b) Auf- Wir wissen, dafs diese Figuren mit ihrem starken rhyth- 

^'^Sriode*' mischen Wortfall am meisten dann dem Ohr zum Bewuüstsein 
kommen, wenn sie in kurzen Sätzchen auftreten, und dais dem- 
entsprechend das am meisten hervortretende Charakteristikum 
der asianischen Diktion die Auflösung der Periode in zerhackte 
xöfifiata war (s. o. S. 134f. 295 ff.). Bei Gregor treten daher auch 
lange Perioden durchaus zurück hinter den winzigen, man 
möchte sagen zerfetzten Satzteilchen. Eine erv^ünscht« Be- 
stätigung meiner Auffassung war mir, als ich Usener, Religions- 
gesch. Untersuchungen I (Bonn 1889) 253 von dem „raschen 
Tanz asianischer Kola" in einer Predigt Gregors reden sah. 
Um dem Leser eine Vorstellung dieser uns von Gorgias und 
Hegesias bis Himerios geläufigen Diktion zu geben, greife ich 
ein paar Stellen irgend einer Predigt Gregors beliebig heraus. 
Die Predigt über die Geburt Christi (38) beginnt so: XQUftbg 
yavvcctatj öo^döare' XQiötbg i^ ovquv&v^ äycavtiiöccvs' XQiörbg 
inl yijg, v^Ad'rixe. ^' aöars rc5 KvqIco^ näöa i^ y^'', Tcal 7v* iiupö- 
TBQa övvekmv sI'tkoj ^^ aixpQavviöd'Giöav oC oigavol Tud iycüL- 
Xidöd-OD ii yfi'^ dtä tbv inovQ&viov^ elta inCyevov. XQi6xbg iv 
öccQXL' tQÖfia) xal xo^Qä ayakhäöd'B' tQÖfic) diä ri^v &^a(ftüicVy 
;|ra()a dtä ti^v iknCda. XQiCtbg ix nagd'dvov' ywatxeg ticcq&s- 
vavEXB, Lva Xqlötov ydvtjöd^e yiritiQeg. rlg oi) XQOöxwst tbv iaC 
^QtW^ T-t'^ ov do|«£;ffc xbv rtXBvxalov\ Hdliv xb t$x6tog XiisttUj 



Die Litteratur der griechischen Kirche saec. IV: Gregor v. Nazianz. 567 

xdXvv tb ^p&g inpiöratM, naXiv Aüyvnxog öxörp xoXd^eraij nakiv 
^löQcdjX &tvXm (ponClerar 6 labg 6 xad^^isvog iv 6x6% bi ri\g 
AyvoCag lÖhco q>übg fi^ya tijg iniyvmöecog. ra icQxala naQfjkd'Bv' 
ldoi> yiyovB tä ndvra xaiva, xo yQcefina imoxcoQSt^ ro nvev^a 
%Xeov£XT6l, at öxial icaQaxQi%ov6iv^ ^ ak'/^^eia inaieiQxetai^ 6 
MeXxiöedhx öwdyerai^ 6 a/iifrcop ijcdtOQ yCvexai^ d(irjx(X}Q ro 
MQÖxeQiyv, iatdxfOQ xo öavxeQOv. vöfioc q)v66cog xaxaXvovtai. 
xltiQfo^fjyai dst xbv &vto xöc^iov. Xgiöxbg xbXbvbIj fiij dvxiXBlvG}- 
fiBV, ^^ndvxa xä ifhfri^ xgoxijöaxB ;i^£r()ag", Srt ^^icaidCov iyBvvtjdifj 
^fcfv, vtbg xal iä6^ri iiyLtv^ o5 ^ dQxh ^^^ ^^^ &^ov ainov (xc5 
y&Q 6xavQ& ffWBTtavQBxai), xal xakelxav xb Svo^a avxov fiBydXtig 
ßovXfig (xfjg roi> IlaxQbg) "Ayyalog^^. ^Imdvvrig ßodxco' ^' ixoindöaxa 
rifv bdbv KvqCov *'. K&yh ßoijtSoficci xfjg ijfidQccg xiiv Svvayivv, 'O 
&6aQxog öaQxovrai^ 6 Xöyog nax'ivaxai^ 6 &6Q(xxog bgazai^ 6 ava- 
fpiig ilrriXatpaxai^ 6 &XQ^'^^^ &QXBxai^ 6 vßg xov d'BOv vCbg avd'QOj- 
nov yivBxaiy *Ii^ö(ybg Xgiöxög^ x^^^ ^^^ öi^iilsqoVj 6 avtbg xal Big 
T(yi>g al&vag. *Iovdatot öxavdaXi^aöd'CDöav^ "EXkrivag diayaldxcDöav^ 
algetixol yXtoööakyBCxtoöav. xöxa TttöxBiiöovötv, Sxav tdcoöiv alg 
aÖQavbv ivsQx^fiBvov bI dh fiij xöxb, dXV Sxav i^ oigav&v bqx6- 
§uvov xal &g xgix'^v xad'B^öfiBVOv (cf. etwa noch 39, 14. 40, 3). 
— Wenn man dazu noch nimmt die häufigen Wortspiele^), c) ivtavit^. 
das d-BoxQtxbv <y;(^fia der Personifikation, mittelst dessen ^,."J^ixT 
einem unbelebten Wesen Persönlichkeit und Worte geliehen 
werden (z. B. or. 45, 30: iXX' & Ildaxa^ xb ^aya xal [a^bv xal 
navxbg xov xööfiov xad-dgatov, &g ydg iyLil)vxfp (Sol öiaXi^ofiai 
xtX. 32, 10: Td^ig [die Weltordnung] TcaXoig av atnoi^ al Xdßot 
q>o)vijv^ carm. 8 die Xoyofiaxia des Biog xoöfiixög und des Bcog 
jtvavfuttiTcögj s. o. S. 129, 1), die Einführung einer fingierten 
Person mit q>ri6i (z. B. or. 40, 20 in. 22 in. 28 in. 29 in., s. oben 
S. 556 f.), die grofsen Kühnheiten der Ausdrucksweise im 
einzelnen, die ihn öfters zu entschuldigenden Wendungen ver- 
anlassen (z. B. 29, 3: at öai xl xal vaavixd)xaQov alnalv, 38, 7: 
xoXyM XI vaavixbv 6 Xöyog. 42, 13: ßovXaöd'a itQOOd'&fiav xl xal 
veavixdnBQOv; 40, 16: & xrig ivevXaßovg aiXaßaCag^ al Sat xovxo 

1) Am bezeichnendsten wohl die Witzelei mit dem Doppelsinn von 
xo^f, die auB n^Ql vjpovg 4 bekannt ist: carm. 1. 1 sect. II 29 y. 20.S f. 
(87, 906 Higne): yQd'tpe not* öftiucta ndgvr] 'iB^dßsX ccyQL6d'V(jLog. Xvöf ys fi^v 
n6ffva9 cS\utxi noQviSUo (citiert von J. Tollius in seiner Longinausgabe 
[Traj. Blien. 1694] p. 86 cf. 33). 



568 



Von Hadriaa hia Eiun Ende der Kaieeneit 



tiaEiv), so hat man eine ungefähre Vorstellung vom Stil dii 
Reden und mag es vom Standpunkt der vielen Gegner, die der 
leidenschaftliche Manu hatte, eiiiigermarseD begreiflich finden, 
wenn sie diese mit allen Putzmitteln fast zu reichlich aus- 
gestattete Diktion als eine lietärenhafte hezoiclmeten , wie ei] 
Eratostheues die des Bion (s. oben S. 128). 'J 

Er wurde in sehr früher Zeit der christliche Klaasiker 
dem Gebiet der Rede: nur er wurde kommentiert, die uns in 
Handschriften seit dem IX. Jh. erhalteneu Schollen*) gehen wohl 
bis ins V. Jh. n, Chr. zurück. Mit welcher Begeisterung man 
noch in späten Zeiteu gerade das Stilistische dieser Predigten 
würdigte, zeigt eine Rede des Michael Psellos über Gregor als 
lledner, ed, H, Coxe in den Catalogi codd. mss. bibl. Bodl. (Ox- 
ford 1853) p. 743 £f. Er mifst ihn an allen heidnischen Rednern 
und stellt ihn natürlich Über alle; wenn er ihu lese, werde er 
so hingerissen von der Dilctiou, dafa er oft gar nicht au den 
Sinu der Worte denke (p. 744, s. o. S. 5). Bemerkenswert 
p. 747: äextQ npbg ivQuv ägftöaas airm rä aoiijfiata (er meint 
die Reden) ^v^itä nävr« jitqika^ßävn, oi iiö ixoXciaTO} & aoX- 
Aol T&v ^r]t6Q(ov ixq^Oavto itklci zä tltofpQOve6TÜxof ovä\ tfc; 
(iovoeidrj SmaptC^ei tbv >.6yov &v^zaveiv, mä SiaaoixiXiii rag 
xaraX^^iig.^) iori 6'k s(i(itTifog (liv &$ tä ftälisre, Soxet 6i fi^ 
&«oßa{vtiv 101' ÄE^oi). Besonders die packende Kralt der epi- 
deiktisclien Reden Bebildert pr treffend p. 749 f.*) Heute be- 

1) Die eigenartige Stelle findet «ich or. 42 c. 12: il6yuv) oii% lA-s tp- 
(iVUfiEv MX' ade fiyan^aatttv, nHi täy itofvi%äv, &s rig f cpT) diaavfav 
fjItSv ^Av nAfvrav aul Jtoyov xak ipdnoi', HUi hbI llav matpf6vwi/. Die 
Kritik, die Uregor von Njssa An dem Stil de« Eunomios ilbte (s. oben 
S. B68ff), findet thatflilcbüch in miiDclieii I'uniten auch auf den dej Vm- 
nanxener» Anwendung, und e» berührt eigeiiiu-tig, •xnaa liieaei 
ilia ao(iV*<'v Uyiof bei seinea Geguern epOttett (S, 669, 'i). 

i) KdUmd flbor diti \)i»hei vdierten mit Uituufägung einiger ati 
l-mra XX^Tl U8w2) 808 ff. sowie i» Z t «iBS, '1% 
ir da« IHiL-torisubo sind sie, eorii*\ ich sehe, 
i\»U din rbnUiriinheD Schnlien fa^t 
!,i 11, it(. lioiJi gnat bweichncnd. 

i:i'inhua« anf du» ron W Me 
I. vgl. Anhang LI. 

iK'Uu^ im gtuuen dürfen nir nfttOrllch n 
tim li'-r hibflgrifT des Ht>duer« uiid ur vereteitfl jj 
UbBitruibungen. UusHelbi! gilt (dq aeineT 



Die Litteratur dur griecb. Kirche s. IV: BMJleios. Chr^HOKtonoa. 5()1) 

flitzen wir weder eine billigen An8j>rüchen genügende Ausgabe 
der Reden und Gedichte nocb eine Würdigniig dos Sctrift- 
atellers.^) 

y) BasileioB und loannce Chrysostonioo. 
Von ihnen, besonders dem letzteren, habe ich nicht genug Trihui 
gelesen, um sie wie Gregor von Nazianz, den ich wiederholt ongon 
ganz las, stilistisch genau würdigen zu können. *) Aber man 
braucht nur eine beliebige Fredigt eines dieser beiden auf- 
zaschlagen, um gleich bei den ersten Sätzen den Eindruck zu 
gewinnen, daJs sie in einem ganz anderen Stil schreiben als 



gleichenden Charakteristik ilee Gregor, HasüiuB und lounneK ChryBciBtonios 
(gedruckt bei Migne »ol. 122, 901 ff.). Wan Riebt fs z. it. Falaehprp» uU 
den Stil Gregors mit dem dee DemoBthencs und gar den« des langweiligen 
kiafHoien Aristides zu Tergleichen? Das geschieht eben nur, weil diese 
beiden ala die naritiis toi liytiv galten, 

1) Ein paar kurze, aber zutreffende moderne L'rtoile mögen hier Plutz 
finden. Erasmua, Epist, praetixa edit. Cluudii Cbeiullonii a. lüS'J (ge- 
druckt bei Higne toI. S6, 809 f.); in Qrtgorio Naz. iiirtiis prvpemottwn ex 
ocgiia eertat eum fac%mdia, ged antat signiticauteg argut'tag, quag eo difficiliua 
at latime rtddere, guod ^erumque gttnt in verbis nitae. CauBsin, Elo- 
qnentiae ncrae et homuue puallela (1619) BIO: oratio delicaUmmig fto- 
rAw aapena, lumma sitamtai» Unperata ..... incalamistrata, d*. p. 74. 
Vjndlon, Dialognes snr l'Eloqnence (Paria 17181 33B; tSaint Gregoire de 
H. ttt phu amei» et plu> poitique (n&mlich lil^ Jo. Chrra.), tHuis itn peu 
awMt Oüpligittf ä la perauasion. Villemain I. c. (oben S. bCO, 2] .450: cetle 
nabtn ä la föis atUgiie et Orientale, gui milait taute» h» gräces, loitte» Jes 
MiBriMM du butgage ä Vielat irrigiüier de Vimagination, tmite la tcimec 
An rUttitr ä fmuUriU d'utt apötre, et quelqaefois le titxe affecte ilit hm- 
ftgt ä ftmolitm la piiu Matve et la pltu profonde . . . Ses Hoges funibres 
~iöiü det hynmes. DtrBelbe, Etüde am- Gr. de N. in: Journal des SuT&Dta 
1867 p. 77; Ce beau jinit d^vMe ipoque de deeadence, cet oratmir, qui, g'il est 
ptTMu de miler deax farM« contmirea, i%ou» temble un Isocrate passionne 
t dieaen Aosdruck (adelt mit Recht E. Havet, Le discoure d'isocrate sur 
B [Paria 1861] p, LXVII), te laiate entrainer parf'oi», datu ms dia- 
mr» mimea, ä des momemattt d'utie viracite presque Igrique; temoin Ken 
* trihtne pathanale de Contlantinople, ä sott peuple, ä koh aadi- 
I, «m »MKiuaire qt^ o Mfindtt, auas fidiiee qit'il a charmes, n la tent, 
iHniii «Am. 

Gregor v. Njua Tgl. Piobst 1. c. (oben S. 660, 8) 2S1 ff., Rtr 
IM^fllr ChiTsoatomoB dem. 361 ff. Weissenbach 1. c. (oben 




570 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

jener. Lange, wohldispoiiierte Sätze statt der kurzen zerhackten, 
und im allgemeinen sehr sparsame Verwendung der Redefiguren, 
nach denen man hei ihnen suchen mufs, während sie sich bei 
Gregor überall aufdrängen. Der Unterschied erklärt sich oflFen- 
bar teils aus dem gemäßigteren Temperament beider, teils wohl 
auch aus der Scheu, die Predigt ganz . in die sophistische Prunk- 
Hophi- rede aufgehen zu lassen. An geeigneten Stellen haben natürlich 
beide vou den äufserlichen EflFektmitteln der Rhetorik auch 
ihrerseits Gebrauch gemacht^): die Homilien des Basilius zur 
Schöpfungsgeschichte (vol. 29 Migne), von denen ich einige ge- 
lesen habe, weil sie für die Philosophie von Wichtigkeit sind 
und auch sonst ganz auf dem Fundament hellenischer TCaideia 
beruhen, sind, wie ich mich erinnere, wegen der fortwährenden 
ixg)Qd6€ig in dem für solche Stofie erforderlichen Stil, dem 
n^äöiua ävd'riQÖv (s. o. S. 285f.), gehalten, d. h. durch reichliche 
öx^iiiara aufgeputzt. Noch pathetischer hat gelegentlich Chry- 
sostomos gesprochen. Von ihm sagt Villemain 1. c. 392: Velo- 
quence de Chrysostofne a sans doute, pour des modernes, une Sorte 
de diffusion (isiatique. Les grandes images empruniees ä la naiure 
y reviennent souvent San style est 2^1^^^ edatant que varie; dest la 
splendetir de cette lumiere eblouissante et toiijours egale, qui hrüle 
stir les campagnes de la Syrie, Ich kenne eine solche Probe aus 
einem seiner Briefe (ep. 1 an Olympias, vol. 52, 549 Migne), die 



1) Ans Basilius habe ich mir anfser dem im Text AngefQhrten noch 

folgendes notiert: hom. in divites c. 8 f., adv. iratos c. 1: dicc dv^töv ital 

^Itpog imopßtai, ^dveetog Av^oSnov in XBtgbg Avd'QamHag tolii&tai. c. 2: 

röte dii x6^B xa o^re X^fp (rgtä o^b l(fy(p qpo^ra iniSstv iatt d'edfucta. 

de iavidia c. 1 in.; in baptisma c. 8. Während er aber in den Predigten 

jedenfaUs ftufserst spanam mit diesem Ennstmittel wirtschaftet, macht er 

beieiohnenderweise reichlichen Gebrauch davon in den an Libanios ge- 

■chxiebenen Brieftn: ep. 889 (vol. 88, 1084): ifo^ [i^if dXi]^, Xiiiw 9h ic^u- 

#4. — oMq d\ lnittM9 ^Up SHag foo^toi^ ixtatoXAp noto^iisvog, at 

4l M^mm Md iftäg o6% lliftov^i. 844 (ib. 1088): ^ yäq rb Uynv 

•^ «4 iwwflin» oH AvhotiUMß. 862 (ib. 1096): o^ yccQ i^ou 

' ftpfafttii ofo i^tßAfuttog liy»^ ovrAp, o^ üxgixtimvuiotg 

fittpadootg xijpHuq 9%fA&J^. 866 (ib. 1097): dM%fk- 

fSflE' Amat€oviU90i/e dh nf^bg St ygd^Big Awti- 

brigen, an andere Personen gerichteten Briefen 

Bflihjp to l u finden. — Noch wexüger als Basüius 

' vte'lijiM dieae Figur sn lieben, doch cf. in 

4 Hgnes land. in Stephanom ib. 701 und 721. 



Die Litteratnr der griech. Kirche s. IV^: Basileios. Chrysoötomos. f)71 

hier Platz finden mag, auch deshalb, weil jeder, der sie sich la- 
teinisch umdenkt, sich an den Stil erinnert fühlen wird, in dem 
im Westen ein paar Jahrhunderte vorher Appuleius, etwa gleich- 
zeitig Hilarius nnd überhaupt die Stilisten im Hjallicanus co- 
thamns' geschrieben haben, ein Zusammenhang, dessen einzelne 
Glieder ich später aufzuzeigen gedenke. Oigs 8^ aTtavrXiiöco 
60V T^g i^fitag rb iXxog xal diaöxeödöco rovg Xoyiöiiovg rö 
vd(pog tovto övvdyovrag. tl yag iöxiv o övyxal 6ov ri^v dva- 
voiav, Ttal Ivjc^ xal adrifLovBtg; Zxv äygiog 6 ;|^£ifiQ}i; 6 ro:^ ixxkri' 
öCag xaxakaßbv xal tfiq)mSr]g xal vvxxa äöiXrjvov nivxa slgya- 
6axo Ttal xad'^ ixdöxriv xoQVfpovxai xi^v f^Ligav^ mxQd xiva &iCv(ov 
vavdyuCf xal ati^axai ij navnke^QCa xf^g oCxovfitvrjg ; olda xovxo 
xiym xal oiäelg dvxBQSty xal al ßovkai^ xal alxova Avaitkarxcn 
rdv yivo^dvcDVf &6xe 6aq>66xaQav i^oi noifjöai xijv xgaymdiav, 
d'dkaööav 6q&ii6v dx ainflg xdxtod^av dvafioxkavofiivrjv xfjg dßvö- 
tfov, xlmx^Qag xotg Cdaöt vaxQovg iniitkiovxag^ axagovg {rnoßgu- 
Xiovg yevofiivovg^ t&g öaviöag xcbv nkoCmv dtaXvoiiavag^ xä töxCa 
iiMQQi^yvvfUva^ xobg töxovg diaxlcofidvovg^ xäg xd)nag xcbv ^jr^tpcäi/ 
x&v vavxfov dnoxxdöag, xoifg xvßsQvijxag avxl oidxmv inl x&v 
xaxaOxffmfuixanf xa^Yi^ivovg^ xäg xatgag xotg yövaöL naQinXaxovxag 
Xfd xgbg xijv dftrixaviav x&v yivoiiavav xcoxvovxag, o^dmg ßo&v- 
tagj ^fTjvol^ag^ 6lo<pvQO^dvovg ^övov, oix oifQavöv^ oi ndXayog 
qwivöfUvoVf illa öxöxog Tcdvxa ßadif xal d(payyig xal ^oip&dag 
hg oidh xoi>g nltiöiov imxgdnovxa ßkdnaiv^ xal TtoXvv xbv Tcdxa- 
yov x&v xvfidxayv xal 9i^Qia d-aXdtxta xdvxod-av xotg nkaovöiv 
ixixMiuva^ der reinste ^Asianismus '. Dafs er mit voller Be- 
herrschong der rhetorischen Technik schrieb, wufsten schon die 
alten christlichen Leser^ cf. Martyrios von Antiochia (saec. V) 
encom. in loann. Chiys., gedruckt bei Migne vol. 47 p. XLIII; 
aneh aus seinen Homilien haben die Byzantiner, wenn auch 
lange nicht so oft wie aus denen Gregors, Bedefiguren ex- 
cexpiertb Unter den Neueren war, soviel ich weifs, der einzige, 
der auch diesen Dingen sein Interesse f?eschenkt hat, Chr. Fr. 
Hatthaei in seiner Ausgabe von: loannis Chrys. homiliae IV, 
Mifsnae 1792. Er bemerkt (praef. p. XXIV fi'.), dafs der Kedner 
selbst auf kunstvolle Diktion Gewicht lege: 55, 155 Migne: Ttot- 
utÜMt/v Jif^ tb t^ dtdaöxaXiag eldog xal vvv yilv TCavrjyvQixc}' 
tif mv ^ wthß A äymvtaxtManBQoyv SnxBöd'ai köymv . . . xakko^nit^aiv 
{ Mtf «s wA &v6fLa0i xifv ifiitivaiav, daher snepins nimis quc 



572 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

Sita est elocutio, conUnuis ac dissimüibus translationibus referta, 
floribus multis et discoloribus obsita, ad ostentatianem et aurium 
volwptatem composita, mole laborans, inflata, tumens, et ut ipsius 
verbis (wo?) utar, ßQvovöa ßgid-ovöa, xoii&öa ötpQiy&öa. Für 
den Gebrauch der Homoioteleuta fQhrt er u. a. an 63, 518: fi^ 
di^ [lOi Xiye^ 8rt elg iörvv 6 ad^A^d^, rö nsQiöitovdaörov tdi d'sdi 
tmovj i)jehQ oi xoöavta iydvsxo, imhQ oi rö r^fitov alfia ix^idi] 
xal rtfti) xatBßXij^ri rotfai5ri}, di &v oigavbg itd^ Tcal ijliog 
ivijq>%7i xal öeXi^vi^ '^Q^X^'' ^^^ Tcotxilog iötigcov xataXäfinsL 
Xogbg xal äijQ finkä^ri xal d'ikaööa i^axvd'iq xal yfl id'SfisXuo^ 
xal nriyal ßQ'6ov6i xal TCotaiiol ^iovöi xal 8(M} nixiqysv xtL 
(ganz ähnlich 48, 1011; 1029. 49, 299). 



Mit diesen Triumvirn schliefst die eigentliche Entwicklung 
der altchristlichen Predigt in griechischer Sprache. Wie jene, 
gingen auch die späteren Prediger aus den Schulen der Rhetoren 
und Sophisten hervor; neue Formen hat daher seitdem die 
Predigt nicht mehr angenommen, aber freilich, die eine dieser 
Formen wurde so ausgebildet, dafs sich aus ihr unmittelbar die 
Hymnenpoesie entwickelt hat. Ich werde daher erst später, wo 
ich diesen Zusammenhang darlege (Anhang I), auf die jüngere 
Predigt genauer eingehen. 

5. Die Ausläufer der griechischen Eunstprosa 

in Byzanz. 

EBtartong. Dafür mufs ich, da mir die Möglichkeit eigenen Urteils hier 
fehlt, auf Krumbachers Angaben yerweisen. Ich habe daraus ge- 
lernt, dafs auch in Byzanz neben der wesentlich klassicistischen 
Richtung die andere parallel läuft, deren Hauptvertreter Eusta- 
thios der Romanschreiber für den Typus wahnsinnigster 6e- 
schmacksyerzerrung zu gelten pflegt. Die paar Seiten, die ich 
davon las, genügten mir, um die Berechtigung von Erumbachera 
Urteil (p. 764 f.') einzusehen: „Die Darstellung des E. gehört 
zu dem Wunderlichsten, was Byzanz au&uweisen hat; das ist 
kein style pr^cieux und kein englischer euphnism mehr, sondem 
ein in nervösen Windungen aufgeführter stilistischer Eiertani^ 
bei dem uns vor Augen und Ohren schwindelt; dabei verrät sich 
die Armseligkeit dieses Wortjongleurs in der steten Wiederkehr 



Byzanz. — Die spätlateinische Litteratur: Allgemeinea. 573 

der gleichen Ausdrücke und der gleicheu Eunststückchcn, von 
denen das wichtigste in der Häufung kurzer, um jeden Preis 
antithetisch gedrehter Satzglieder besteht/' Natürlich 
fehlt auch keine der andern Facetien, wie Wortspiel und Homoio- 
teleuton. Hätte man diesen Skribenten nach Hegesias gefragt, 
er hatte sicher weniger von ihm gewufst als wir, nach Gorgias, 
er hätte ihn jedenfalls nur mehr vom Höreusagen gekannt (sogar 
Maximos Planudes citiert ihn nur aus Dionys von Halikamass): 
aber, ohne dafs er es weifs (er glaubt nämlich, mit einem Bar- 
barenwort sich selbst Lügen strafend, zu schreiben ylAööjj 
irrixBvofiBvji XI 20), ist er ihr Geistesverwandter gewesen, denn 
durch die Macht einer anfangs bewufst, dann latent fortwirkenden 
Nachahmung sind die Geister des alten Leontiners und seiner 
Genossen nie zur Ruhe gekommen, sondern haben Jahrtausende 
lang ihr wunderliches Wesen getrieben, augenverblendend und 
ohrenbetäubend. 



Drittes Kapitel. 
Die lateinische Litteratur. 

Überblicken wir die lateinische Litteratur der Spätzeit in Orient und 

, Ocddent. 

ihrer Gesamtheit, so tritt ihre Inferiorität gegenüber der grie- 
chischen womöglich noch deutlicher hervor als in den früheren 
Jahrhunderten. Der geistige Principat des Ostens zeigt sich be- 
sonders in folgenden zwei Thatsachen. Erstens: die beiden ein- 
zigen wirklich bedeutenden Profanschriftsteller des Westens, 
Ammianus der Prosaiker und Claudianus der Dichter, waren ge- 
borene Griechen: zu einer geistigen Konzentration, wie ihn das 
schon durch die Gröfse seines Unternehmens, mehr noch durch 
die Kraft und Originalität der Ausführung imponierende Ge- 
sehichtswerk des Ammian voraussetzt, war das Abendland längst 
nicht mehr fähig, wie die armseligen sog. Scriptores historiae 
Angastae und die Verfasser der traurigen Kompendien der römi- 
schen Geschichte beweisen; und was läfst sich der Mgysia der 
claudianisohen Satire an die Seite stellen? Der weitaus be- 
deatendste Schriftsteller des ausgehenden Altertums war Boethius: 
mir dnreh eingehendes Studium der Griechen hat er sich seinen 
hnponiiweaDden Schwung der Gedanken erworben. Zweitens: 



574 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

das occidentalische Land^ in welchem die Litteratur fraglos ihreü 
höchsten Stand hatte, Gallien, war am stärksten durch die grie- 
chische Kultur beeinflufst: Ausonius las, was wir ihm vielleicht 
werden glauben dürfen, den Menander neben Terenz, wie einst 
die Philologen der Antoninenzeit; Hilarius von Poitiers, einer der 
besten Prosaiker der Spätzeit, hatte längere Zeit im griechischen 
Osten verkehrt. In den späteren Jahrhunderten hat Irland, wo, 
wie durch eine Fülle von Zeugnissen feststeht, die Kenntnis des 
Griechischen für mittolalterliche Verhältnisse abnorm hoch war, 
die führende Rolle im Occident übernommen und ist Banner- 
träger der Kultur geworden. — Das Verhältnis war also das- 
selbe wie von jeher: der Osten gab und der Westen nahm, wie 
sich auf allen Gebieten der Litteratur, vor allem auch der christ- 
lichen, zeigen läfst: z. B. begnügt sich sogar ein Mann von der 
Gröfse des Ambrosius, in seinen Predigten über die Schöpfungs- 
geschichte den Basilius z. T. wörtlich zu reproduzieren, und den 
Hymnengesang führte er in seine Kirche ein secundum marefu 
orientalium partium^ wie Augastin s^t (dasselbe hatte schon vor 
Ambrosius Hilarius gethan); die immense Produktionskraft des 
Hieronymus stützt sich auf die Vorarbeiten eines Origenes und 
Eusebios. Überall, wo wir vergleichen können, zeigt sich^ daCs 
das Niveau des Westens ein tieferes ist als das des Ostens: wie 
mufs Augastin im Vergleich etwa zu Gregor von Nazianz zu 
seinen Zuhörern herabsteigen, um ihnen verständlich zu werden, 
wie einfach sind die Formen, in die sich der lateinische Kirchen- 
gesang kleidet im Vergleich mit einem Hymnus etwa des Romanos, 
wie kontrastiert der hohe Schwnng der Ideen eines Plotinos und 
BynedoB lu der Flachheit eines Macrobius und der bis zur Un- 
ttadlifllikeit dnnkeln Grübelei eines Marius Victorinus. Es 
HoPKtnr des Westens vor allem das ideale und speku- 
KefbhU^ von dem die des Ostens mehr oder weniger 
>i dagegen hat in ihr das Utilitötsprinzip stets 
geipielt: es ist doch bezeichnend, dafs Ency- 
Rsmus, wie wir sie im Westen seit Gato und 
staigoider Zahl nachweisen können, im Osten, 
meht existiert haben: begreiflich genug, denn 
i«r mioht erschöpften Quelle des Wissens war 
\ Wissenschaft auf Flaschen zu ziehen, nicht 
d es gebieterisch hervortrat in einer (Gesell- 



Spätlateinische Litteratur: AUgemeiues. oTf) 

Schaft, die das Wissen nicht aus sich selbst produziert hatte. 
Speziell die christliche Litteratur des Ostens ist aufgeklärter als 
die des Westens: eine Schrift wie die des Basilius ngbg roi^g 
viovg ornog av ^| ^EXX'qvtxätv ätpeloivro Xoycov hat der Westen 
nie besessen, und es ist bezeichnend, dufs diese Schrift eine der 
ersten war, die in der Frührenaissauce ins Lateinische übersetzt 
und den mönchischen Widersachern entgegengehalten wurde: 
man besafs eben nichts Entsprechendes in lateinischer Sprache^); 
umgekehrt dürfte sich schwerlich aus der christlichen Litteratur 
des Ostens eine Stelle anführen lassen^), in der das mönchische 
Element in so grellen Farben erscheint wie in der des Cassianus 
(conl. XIV 12), der sich verflucht, dafs ihm während des Gebets 
und Absingens des Psalters der Teufelsspuk der virgilischen Ge- 
dichte vor Augen trete. Angesichts dieser Verhältnisse steigt 
nur um so hoher die ragende Gestalt des Augustinus, dessen 
litterar- und welthistorische Grüfse wohl zu erklären ist aus 
seiner einzigen Verbindung idealer griechischer Spekulationsgabe 
mit energisch-praktischer occidentalischer Konstruktionskraft. 
Sein geschichtsphilosophisches W^erk bleibt eine der imposan- 
testen Schöpfungen aller Zeiten, es setzt eine Kapazität und Ori- 
ginalität des Geistes voraus, wie sie damals und mehr als tausend 
Jahre hinfort keiner besessen hat 

Der eigentliche Grund, weshalb gerade in der Spätzeit des 
Altertums die abendländische Kultur der des Ostens ganz be- 
sonders inferior war, liegt in dem fortwährenden und progressiv 
wachsenden Prozefs ihrer Assimilation an barbarische Elemente, 
die ihr ein an der Antike gemessen immer fremdartigeres Ge- 
präge verleiht. Ganz anders im Osten, wo eine solche Kuuta- 
mination in diesem MaGse nicht stattgefunden hat. So kommt 
eSy dab man etwa Agathias und Georgios Pisides nach Ideca- 
gang und Darstellungsweise viel mehr zur antiken Litteratur 
rechnen kazm als etwa Gregor von Tours und Venaiitius. Im 



1) Die ÜbersetKung ist von Lionardo Bruui, vS. G. Voigt, D. AVicrlfM- 
beleb. d. cImb. Alt. II' (Berl. 1898) 104. 

S) HOchsteiiB die Rede des loanncs Chrysostomos "wider die Verricli ter 
des MOnchiweMiis' (besonders 1. III c. 18, vol. 47, 379 fl'. Migiie) liernc akh 
anfuhren, aber diese eigentümliche Scbrltl int nur ein l^rodukt der augen- 
blieklichen politisch-religiösen Verhältnisse gcwe^^en, cf. A. Puech, St. Ji^an 
CkzTB. (Paris 1891) IM f. 



f)7() Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

sputen Mittelalter hat sich dann das Verhältnis umgekehrt: der 
Occident übernahm die Führung auch auf geistigem Gebiet. Das 
erklart sich gleichfalls aus dem dargelegten Umstände. Denn 
im Westen war eben durch jenen Assimilationsprozefs eine fast 
neue Litteratur entstanden , verständnisvoll begünstigt durch ge- 
waltige Herrscher wie Theoderich und Karl d. Gr. und gepflegt 
durch deren grofsc litterarische Paladine: diese Litteratur war, 
weil sie sich gesetzmäfsig entwickelt hatte , frisch und lebens- 
kräftig, während die Litteratur des Ostens, dem Leben und den 
Interessen der Gegenwart fern stehend, der Senilität und dem 
Marasmus verfiel: in der zweiten Hälfte des XIU. Jh. hat Maxi- 
mos Planudes eine Reihe lateinischer Autoren ins Griechische 
übersetzt und in den folgenden Zeiten viele Nachfolger gefunden, 
eine höchst symptomatische Thatsache, denn sie bedeutet die 
Umkehrung eines anderthalb Tausend Jahre mit verschwindenden 
Ausnahmen^) konstanten Verhältnisses. Bei dem endlichen Ver- 
löschen des immer schwächer glimmenden Lebenslichtes des 
byzantinischen Reiches und seiner Litteratur wären daher die 
Vertreter der letzteren aus sich selbst nicht imstande gewesen, 
die verlorene Gröfse wiederzugewinnen: unter Führung des Westens 
wurde die gemeinsame Mutter aufgefunden. 

Diese Verhältnisse finden ihren Ausdruck auch in den Formen 
der schriftlichen Darstellung, wie sie sich im Westen entwickelt 
haben. 

I. Der alte 8tU. 

1. Allgemeine Vorbemerkungen. 

Wai veranlafste diese Epigonen, sich mit der alten Litteratur 
weiter za beschäftigen? Es war vor allem die eigne Un- 
Produktivität, die sie zwang, immer und immer wieder ihre 
blicke rückwärts zu lenken. So haben sie in den Zeiten, als die 
alfc« Knitor in Trümmer sank und neue Literessen von onmittel- 
Imrer Wichtigkeit an die Stelle traten, in der Schule sich voU- 
^ffmogßn AD Terenz, Vergil, Persius. Juvenal. Statins, an Salluat 
I CietfOw £b war aber nicht blofs daa Gi^fiüil eigner Unfähig- 

"^liirp De latiiM tcriptit quae GrMci t«I«i«s in lingnam 
18S6— 185a. 



Spätlateinische Litteratur: der alte Stil. 577 

keit^ welches ihnen die Pflege der alten Litteratur zur unabweis- 
baren Pflicht machte: es kamen hinzu zwei in hohem Mafse be- 
günstigende Momente. 

1. Zunächst die Reaktion gegen das Christentum. Die nie ait- 
Beschäftigung mit der alten Litteratur erhielt nämlich thatsäch- o*^tr*der 
lieh einen starken Impuls in den Zeiten, als die neue Religion ^^^° 
zur Herrschaft gelangte. In Opposition gegen sie traten die 
Männer^ die mit allen Fasern an der Vorzeit hingen und schmerz- 
erfüllt durch liebevolle Beschäftigung mit der alten Litteratur 
sich über die Miseren der Gegenwart hinwegzutäuschen ver- 
suchten. Vor allem habe ich hier natürlich im Auge den Kreis 
von hochadligen Männern, die sich um die Familien der Sym- 
machi und Nicomachi scharten und deren Thätigkeit wir viel- 
leicht die Erhaltung eines Teils der lateinischen Litteratur über- 
hauptj'edenfalls die ältesten Handschriften verdanken.^) Symmachus 
selbst las die alten Komiker und Sallust mit Vorliebe , sicher 
auch den Fronto, denn in einem Brief (III 11) sagt er: speciator 
tibi veteris monetae solus stipersum, wobei er an die Vorschrift 
denkt, die Fronto seinem prinzlichen Schüler giebt: vetereni mo- 
netam sectator (p. 161 N.)'); er hat das Bestreben, sich von den 
argutiae pla%isibüis sermonis seiner Zeit fernzuhalten (I 89). Ser- 
vins, ein Mitglied jenes Kreises, citiert (z. Aen. I 409) den Fronto 
80, dafs man sieht, er las ihn. Die Saturnalien des Macro- 
bius führen uns am lebendigsten ein in das Denken und Fühlen 
jenes Kreises und erhalten dadurch eine kulturhistorische Be- 
deutung. Wie viel weniger wüTsten wir doch von altrömischer 
Religion, wie viel weniger Fragmente der archaischen Litteratur 
hatten wir, wenn nicht diese Männer Interesse an solchen Dingen 
genommen und die darauf bezügliche Litteratur, soweit sie ihrer 
noch habhaft werden konnten, ezcerpiert hätten; denn wenn 
Macrobios, ein kleines Licht jenes Kreises wie Servius, auch 



1) Um eine klare Vorstellang von den berühmten Subskriptionen zu 
erhalten, ma£B man jetget hinzunehmen, was über die gleichartige Sitte zeit- 
genflssischer griechischer Christen mitteilt Hamack, Gesch. d. altchr. Litt. 
I SS7 (wo f&r a^xk x<^^ Tldy^ikog %al EMßiog Siogd'dtcavTO zu lesen ist 

S) Daraiis folgt doch wohl, dafs bei Symmachus sectator zu lesen ist, 
iraniif aneh führt Solin. praef. p. 4, 17 M.^: vestigia monetae veteris per- 
9€e%ii cpimtmu wnivenas eligere maluinnis potius quam inmvare. 



578 VoD Hadrian bis zum Kude der Kaieerzeit. 

nicht melir die selir alten Autoren gelesen bat, die er aus sekun- 
dären Quellen citiert, so verKcihen wir ihm dies nach antiker 
.\nBchauung sehr entschuldbare Yoi^ehen um so lieber, weil es 
ihm wohl bei den allerwenigsten (freilich nicht z. B. bei Tarro) 
möglich gewesen wäre, sie sich zu Terschaffen; bei einer Gelegen- 
heit läTst er über ihre Nichtachtung sprechen: VI 1, 5 (aus der 
Nachahmung älterer Dichter sei Vergil kein Vorwarf zu macheu, 
mau müsse ihm im Gegenteil Dank wissen,) quod non nulla ab 
Ulis in opus &ium quod aeterno ntansurum est transferemh fedt, 

ne omnino tncmoria vetcrum delerctur, gitos non solttm 

ncglectui verum etiam risui habere iam coepimus. — Auch 

anfserhalb Roms^) war damals Ansonius, der Freund des Sym- 

machus, Christ nur dem Scheine nach, wie alle damaligen 

Schöngeister, ein Liebhaber der Alten (speziell auch des Plautua), 

mit deren Floskeln et oft seine Werke anputzt. 

siüTkuDK 2. Das zweite Moment, welches die alte Litteratur schützte, 

NatioDiii- war die Reaktion gegen die Barbaren. Diese überfluteten 

'"*'"''"''"■ eine Provinz nach der anderu und es schien, als ob sie gesonnen 

wären, die alte Kultur gUnzlich zu zertrümmern. Ihre Sprache 

äöfate den Komauen Grausen ein^: Sidonius spricht von der 

sqttania s&^notiis Celtici (ep. 111 3), und es ist ihm ganz unfafs- 

bar, wie sich der aus altadliger Familie stammende, mit der 

Lektüre Vei^ils und Ciceros grofs gewordene S^agrius damit ab- 

1) Aber eigenüich lebendig war da« Gefübl fQr die groCse Vergangen- 
heit doch nur da, wo sie durch die Monumente unmittelbar za den Men- 
schen redete: in Rom wurden Vergil, Hoiaz, Liviua abgeBchrieben. In 
Oallicn war das Interesse wesentlich ein schöngeistiges! Panlinus tos Kola, 
geboren in Entdigala, erklfiit ausdrücklich, dafs er die HistorikeT nicht 
gelesen habe (ep. SS, 5 p. 846 Eartel); doch hatte man hier begreülicher- 
weiae fOr Caesars Gallischen Krieg {sowie die betr. Paitieen dea Lirini nnd 
SuetoDS Caesar-Vita) ein patriotiachea Interesse, wofür Tor allem beuichnend 
ist Sidou. ep. Dt 14, 7. 

!) Aus solchen Kreisen Htammt das Gedicht der AL 886 Biese: 

inUr eüs gotietim, scapia mattia m driMecm 

non mtdet juMjHam dignot edieen ventu. 

CaUiope mtadido trqiidat « itutgtre Baeeho, 

ne pedibut ntm $tet abria Mtua «mü. 
d. h. qZwiicluin dem gotiidliBB "Heil", dem "Sol 
Lritikea""; d«r i'uutuineter aju äubluffl isL uatÜrlicii J 



Spailaicizii*che Litt-rratur: dfr il:o S::l ;>Tj^ 

geben mag, sich aEzce:^en stuj'.am sen)i:}.is Gtrmanici uotitir.w^ 
so dal<> ihn jVizt wie ein Wunder aus einer aiuloru Welt an- 
starrten diese a^qu€ c.rporAns ac scusu ;;';;. jV iud'.^itiksque und 
dafs — \Tie er mii beifse::dem Spott hinzulugt — sich jetzt die 
Barbaren fürchteten, vor diesem Kenner in ihrer eignen Sprache 
einen Barbarismas zu machen; restat hoc nnum — schliefst er — 
vir facetissimc, ui nihilo segniiis, vd cufu vacahit. aliijiiitl hctioui 
operis impertdas cmtcdiasque hoc, prout fo clegmitiissimus, tewirra 
mefituM, ut ista tibi llngua icncatur, ne riticariSf illa cxcnratur, 
ut rideas (ep. V o)}) Gegenüber diesem Vordrlingin des barbari- 
schen Elements scharte sich, \\'ie ausdrückliche Zeugnisse lehren "\ 

1} Daraus erklärt sich auch die nachdrückliche Forderung der Autorou 
in den Provinzen, man solle ^K'imiäch* ^oder 'italiäch\^ sohroibou. Cliuri- 
siuB empfiehlt in der Vorrede seinem Sohn die Loktüre dos Huohos, ut 
quod originalis patriae natura dencgacit, cirtute aftimi affWdisse 
ridearis, Macrobius sat. praef. 11 f. nihil huic o])erae in.<trtuni puto aut 
cognitu inutile aut difficile perceptu, sed omnia quibus >i7 intjenium tuum 
vegetius, memoria adminiculatior, oratio soUcrtior, sirmo incorruptior, nisi 
sicubi no8 suh alio ortos caelo latinae linguae ctua non adiuvtt. 
quod ah his, st tarnen quibusdatn forte non numquam teinpus raJuntutiquc 
erit ista cognoscerej petitum impetratumque volumus ut tivqui botn'quc cousn- 
laut, si in nostro sermone natica romani oris elcgantiu dtsi- 
deretur. Beider Aussprüche können an sich auf allo Proviu/.ou lUilVorhalb 
Italiens gehen (z. B. entschuldigt sich ja Appuleius im Aufaii^ der Mola- 
morphoien ebenso, dafs er sich mit Mühe angeeignet habe (f^uiritium in- 
digenam sermonem), aber die höchste Wahrscheinlichkeit spricht doi-h dafür, 
dafs 80 Schriftsteller gesprochen haben, die (wie gleichzoiti«? Ammiaii) ge- 
borene Griechen waren (die angeblichen Übersetzungsfehler des Macrobius 
möchte ich nicht hoch anschlagen), wofür auch zu sprechou scheint 1) di\a 
Ton Macrobius in Fortsetzung der citierten Worte augeführte Beispiel des 
griechisch schreibenden A. Albinus, 2) die Sprache des Charisius und 
Hacrobins: man vergl. z. B. den Schwulst der Vorrede des Dioniedes mit 
der Reinheit degenigen des Charisius, 3) die Namen beider (weui^steus ein 
sekondäres Axgument). — Ob Diomedes (GL 1 4d<J) seine Deiinition latini- 
ta8 mi ineorrupte loquendi ohservatio secttfidum romanam linguam wörilidi 
BO ans dem gleich hinterher citierten Varro (fr. 41 Wilni.) gcnoniiiKiu Iiai, 
ist mir doch iweifelliaft. Martyrius (ein Sarde) de b et v liiteris beruft 
■ich (OL Yn 176) auf das Bomanum eloquium. Der Verf. der Ilisperica 
famina kann sich nicht genug darin thun, auf sein ' ausonischcs ' d. h. 
italitchm Latein im Gegensatz zu dem barbarischen in Irland gesprochenen 
Imimk Bit Stoli hinxnweisen. 

f) et SidoninB ep. VIII 2 credidi me, vir peritissimc , ncfas in btudia 
e '•^ «< Ji ifc iWMtfm ptoteq^i lamdilws, quod aholeri ia litteraa dintulisii, 

''Wb iam aepuHtarum suscitator fautor assertor concclebraria, 
U. 88 



580 



Von Hadrian bis zum Ende der Ealserzeit. 



der Adel der eiuzelDen Nationen zusaniineii und, ohnmäclitig 
Horden mit den Waffen zu begegnen, schrieb er auf seine Fahne 
die Pflege der Litteratur. Wenn man den Umfang der Lektüre 
eines Äusonius Sjmmachus Sidonius, ja einea Kunodius ermifst, 
80 hann man nicht umhin, ihnen, mag man sonst über sie denken 
was man mill, seine Achtung zu bezeugen, und von diesem Ge- 
sichtspunkt aus urteilt man, denke ich, mihler, selbst über ei 
solche Thorheit, Namen von alten Autoren zuaammenzuhäu: 
als ob man diese noch gelesen habe.') 



Uque per Gatlias uno magistro sub hac tempestate beüorttm Latina Imnei 
ora porlnm, cwm pertulerint arma naufragium .... Nam iant remoUa 
diiiMS dignitatvm, per qaas solebat ultimo a quoqae svmmtts jutsgue diecerni, 
Bofum erit pogthac nobilitatis indictum littcrai nogse (cf. auch 
n 10, 1), A^ituB ep. 9& (p. 102 Peiper) stellt auf eine Stufe barbaro» fugen 
und UUeris terga no» praebere. Eonodiua ep. VIU i (an Boethiua); fiterit 
in more veteribv» curulium tvlaitudinem catnpi sudore mercari et cotttemptit 
luctB honOTUm sole fulgere: eed aliud genus virtutis quaeritur, potl- 
quam praemium facta est Roma victorum, nämlich die BeBchaftigung 
mit der Litteratnr, wie et pomphaft aual'ührt. Aus diesen Verbältmaaen 
begreift e» sich , wenn SidoniuB deu Germanen Arbogast aufeiert als einen 
der wenigen Barbaren, die sich um die 1a,l«iniB(ihe Litteratur kümnierten 
(ep. JV 17); er abnte nicht, dafs dies ein paar Jahrbonderte epätei 
gans SelbstTerstSjidb'cheB sein sollte und dafs diese Barbaren best 
waren, die alte Litteratur zu retten. 

1) Am atHrksteu ClaudianuB Mamertus in einem Brief an den ( 
auB Sidon. ep. V lO bekannten) Rhetor Sapaudus aus Vienne (ed. Engel' 
brecht im Corp. acript. ecol. lat. Vindob. Xi 203 ff.); dieser BoUe sich neben 
FlautuB, Cato, Varro, Salluat, Cicero, Fronte auch NaeTius und Gracchus 
Bum Muster nehmen. Ihnlich öfters Sidouiua, t. B. carm. 9, 259 ff. (wo 
u. a. EnniuB und Lucilius). Von Jenen Autoren waren damals Naerios, 
Eiwius, Gracchus natürlich blofse Namen, auch LnciüuB. Plautus Bcbelnt 
wenigateoH Sidonius gelesen zu haben (cf. G, Geialer, De Äpollinaris SldonÜ 
Btudüa [Dia^ Breslau 1886] 40), sicher (imi tod Auaonius und Hieronjmus 
gar nicht xu reden) Faulinua von Nola (geb. in Bordeaux) und sein Freund, 
mit dem er darüber korrespondiert: ep, 22 p. 156 HarteL (Aus dieser Zeit 
etwa staiiuiit der codex Ä.) Yarros Antiquitates existierten damals wenig- 
stens noch, nie der hochinteressante Brief des Sidonius 11 <J beweist-, aber 
i üb nie hul-Ii lemaud Üb/ Wenn er bei SidoniuB (ep. IV 3) als guter StUüt 

I 'liuB (ep. 1 Iß) gar Ton Vaminin ehgantia s 

:\s sin ihn nicht gelesen haben i^wie anders 

;, i. oben ^. lai f.). Den Eindruck der Wahrhnl 

16, Hsitationtm de unturilatc faMiiit 

' 'tiIönciw Yarroncmg<ite perkctos rei'o'i 



] 



etw^^H 
1 (nt^^* 



Juristen. 



Spätlat. Litteratur: der alt« Stil: Juriätcu. 581 

2. Die Vertreter des alten Stils. 

Bei dieser Lage der Dinge hätte man nun erwarten sollen, 
daCs die spätlateinisclien Autoren bei ihrer Verehrung der alten 
Litteratur sie auch stilistisch sich zum Muster genommen hätten. 
Allein die Verhältnisse sind hier dieselben wie bei den Griechen: 
alle lobten die Vergangenheit, aber nur wenige wufsten die 
Theorie in die Praxis umzusetzen, da die Gegenwart gebieterisch 
ihre Rechte forderte.*) 

1. Unter den heidnischen Autoren vermag ich als Vertreter Die 
der klassischen Stilart nur die Juristen zu nennen, die sich 
überhaupt amore antiqui moris auszeichneten (Tac. aun. XIV 43). 
Jeder weifs, dafs sie sich durch die klassische Einfachheit ihrer 
auf das rein Sachliche gerichteten Sprache hervorgethan haben, 
in der nach meinem Gefühl zum letztenmal die römische dignitas 
nnd grayitas zum Ausdruck kam, wenngleich die meisten uns 
ganz oder teilweise erhaltenen Autoren fast alle aus dem Osten 
des Reichs stammen. Lorenzo Valla hat einmal gesagt: wenn 
die lateinische Sprache untergegangen wäre, so könne sie aus 
den Pandekten allein wiederhergestellt werden.^) Schon Quin- 
tilian (V 14, 34) sagt: iuris consulti, qnorum stimmtis circa vor- 
borum proprietatem labor est, und bezeichnend ist das Urteil, wel- 
ches Pomponius über die Schreibweise des Juristen Q. Aelius 
Tubero föUt: dig. I 2, 2, 46 Tubero docHssimus quideni Jiäbitas est 
iuris publici et privati et coniplures utriusque operis libros reliquit; 
sermone tarnen antiquo usus affectavit scrihere et ideo 
parum libri eius grati hahentnr. Dies Urteil stammt aus 
der Zeit der Antonine, als in den übrigen Kreisen die Manier des 
Archaismns herrschte. Das dieser Zeit angehörende Werk des 
Graias hat in seiner Sprache, verglichen mit der schlaffen oder 
Terkflnstelten Diktion andrer damaliger Schriftsteller, etwas un- 
gemein Erfrischendes: Mommsen nennt sie naturali sua simplici- 
tate et prisoo eandare nitentem. Auch die grofsen Juristen, die 
dem dritten Jahrhundert angehören, stehen sowohl stilistisch wie 

1) Das Sinken des Sprachbewafstseins selbst bei Gelehrten war enorm, 
irie vaoM perrene Erklftnmgen der Scholiasten zeigen, vgl. z. B. Servius zur 
ÄflansVIl490. 7111409. 

%) Cttiert von G. J. Yossius, Inst. or. IV 1 p. 12 ed. 8; cf. besoni 
fUlM Toneden mm 8. und 6. Buch seiner Elegantiae. 

38* 



582 



Von Hadrian bis mm Ende der ^iBeraeit, 



I 



rein sprachlich betrachtet durchaus abseits von der grofsea Masat 
der übrigen Autoren: sie schreiben einfach, klar, vornehm, üud 
zwar gilt das nicht etwa hlofe von den aus der Praxis hervor- 
gegangenen und für die Schüler oder Berufsgeuoseeii bestimmten 
Schriften, sondern auch von den durch Juristen verfafsten, aus 
dem kaiserlichen Kabinett erlassenen Konstitutionen. Aber gerade 
an letzteren kann man nun deuthch den Kontrast der Zeiten er- 
kennen: die aus dem codex Gregoriauus und Hermogenianus e»' 
haltenen Konstitutionen bis auf Diacletiau sind einfach, sachlich^ 
kurz, während die seit Constantin erlassenen des codex Theodo- 
sianus schwülstig, rhetorisch, geschwätzig -werden, kurz alle 
Fehler des bombastischen Stils der gleichzeitigen Schriftsteller 
zeigen. Man kann vielleicht behaupten, daüt diese Manier bis 
auf Jnstinian sich stetig gesteigert hat. Es ist, um es kurz zu 
sagen, die verschnörkelte Sprache der Kanzlei: sie blieb so im 
ganzen Mittelalter an den kaiserlichen, fürstlichen und päpst- 
lichen Kanzleien, deren Sekretäre immer rhetorisch gebildet waren, 
und hat sich von da aus in i]ie moderneu Sprachen verpflanzt. 
Das muTs sich alles im einzelnen nachweisen lassen: gewöhnlich 
wird heutzutage in deu massenhaften Einzeluntersuchungen über 
die Sprache der Juristen, deren Resultate m. E. meist proble- 
matisch sind, das Stilistische ganz beiseite gelassen. 

2. Unter den christlichen Autoren hat, wie jeder weifs, ni 
300 Lactantius in wahrhaft klassischem Stil geschrieben. Wj 
kennen seine Heimat nicht; iu der Rhetorik war Ärnobius seiul 
Lehrer, aber es giebt kaum zwei Schriften, die sich unähulichi 
sind als das rohe Pamphlet des einen und das von vornehmer 
Ruhe getragene, mit der Fülle edelster hellenisch -römischer 

L Weisheit durihtränkte Kunstwerk des sndem. — Im folgenden 
Jahrhundert ist das Centrum des geistigen Lebens in deiu Laude 
nördlich von den Pyrenäeu und .\lpen und innerhalb geiner wietler 
das eiuflt von Ibrrern bewohnte Aquitanien: ein Gallier wagto 
Aqiiitanier kaum den Mund aufzumachen: dum 

k [uiKt ein gallischer Teilnehmer am Gespräch bei Sulpic. Sev. di 
' homiMeni Gaftum hikr Aquilatios verba facturum, vi 
OS nimium urbatias aures scrmo rusUcior. aud» 
ut Gurdonicum') liominem nihü cum fuco aut eotht 






B|||Kl7p,36'i,r.<KDi 



!r Bemerkung im Iudex K, 



Spfttlat. Litteratur: der alte Stil: Lactanz, Sulpicius, Jlilarius. 583 

loquentem^) Hier schrieb um 400 Sulpicius SeveruS; wie suipicius 
Lactanz sich wendend an ein hochgebildetes Publikum, um ihm ^®^*'™** 
auch durch Sprache und Stil zu beweisen, dafs sich mit dem 
einfachen Geist und der kunstlosen Form der Religionsurkunden 
eine gehobene und formvollendete Darstellung sowohl der christ- 
lichen Lehre als der biblischen Geschichte gut vertrage. J.Bemays 
hat ihn in seiner berühmten Abhandlung auch stilistisch an den 
richtigen Platz gestellt: war des Lactanz stilistisches Ideal Cicero, 
den er virtim singalaris wgmü und eloquentlae ipsius unicum 
ezemplar nannte (de op. dei 1, 12. 20, 5), so schlofs sich Sulpicius 
vor allem an Sallust an, den damals am meisten gelesenen Pro- 
saiker.^) Aber schon etwa 50 Jahre früher hatte ein andrer 
Aquitanier die Augen der gebildeten Welt auf sich gezogen: 
Hilarius von Poitiers. Ich trage kein Bedenken zu behaupten, luiariuB. 
daüs er neben Boethius der formgewandteste Schriftsteller der 
spätlateinischen Periode gewesen ist, gleich grofs, mag er uns — 
darin ein geringerer Vorläufer Augustins — sein Suchen und 
endliches Finden der Weisheit in der aufs stärkste sallustisch 
gefärbten Einleitung des grofsen Werks %le üde' (= ^de trini- 
tate^ darlegen, oder seiner Tochter einen zärtlichen Brief schrei- 
ben, oder als der „Athanasius des Ostens'^ die fulminanten Streit- 
schriften gegen die Haeretiker und den sie beschützenden Kaiser 
in die Welt senden; auch seine Traktate zu den Psalmen stehen 
stilistisch höher als alle ähnlichen uns erhaltenen Schriften: ist 
er doch auch einer der wenigen christlichen Schriftsteller des 
Westens, der nicht, wie die andern fast alle, in falscher Be- 



1) Cf. auch Yenant. Fortunat. vita S. Albiiii c. 4, 6 (p. 28 Krusch) a^te 
vedram penUam ipaa Ciceronis ut mspicor eloquia currerent vix secura, et 
em apiid Caeaarem Borna aliquid deliberans Äquitanico iudice forsitan 
OfMam fbrmidaret, 

S) Gf. den An&ng der epietnla Vindiciani comitis arehiatrorum ad 
ValenÜniaimm imp. in: Marcell. Empir. ed. Helmreich p. 21 : ctitn snep*!, sacra- 
titdme imperator, humani generis fragilitas falsa de natura sua qucratur etc. 
^ K Klebf im Philol. N. F. DI (1800) 288 if. behauptet, dafs Sulpicius den 
YeDeliis naohahme (nach Vorgang von Buhnken in den Anm. zu seiner 
Anigabe desYelleiDi und Bemays, Ges. Abb. II i:3l). Das ist nicht richtig: 
in fiefatlfilit kftme nur Sulp, chron. II 26, 6 Pompeins victor omnium gentium 
fMt miitrai na YelL n 107, 3 victor omnium gentium locorumque quos adierat 
Otmatg WM al)er Tielmefar ein tonos aus der Rhetorenschule ist (s. 



584 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

scheidenheit sich seines stilistischen Unvermögens rühmte ; son- 
dern der zu Gott zu beten wagt, er möge ihm geben verhorum 
significafionem, intelligentiae lunwrij dictorum Jionoremy denn nur in 
würdiger Sprache könne das Wort Gottes verkündigt werden 
(de fide I 38, tract. in psalm. 13, 1 ; s. o. S. 533). Seine Rede nimmt 
gelegentlich einen sehr hohen Schwung, wenn er die Herrlich- 
keit der Natur preist oder seiner indignatio Ausdruck giebt, wo 
er dann so wenig wie Cicero die omamenta elocutionis spart: 
weht uns nicht z. B. aus folgender Stelle der Geist Ciceros ent- 
gegen, contra Gonstantium imp. 5 at nunc pugnamus contra perse- 
cutoreni fallentem contra hostenh blandientem contra Constantium anti- 
christum, qui non dorsa caedit sed ventrem paJpat, non proscribit 
ad vitam sed ditat in mortem^ non trudit carcere ad libertaiem sed 
intra pälatium honorat ad servüutem, non latera vexat sed cor occu- 
patf non captU gladio desecat sed animam auro occidit, non ignes 
publice minatur sed geliennam privatim accendit, non contendit ne 
vincatur, sed adulatur ut dominetur. Wo die Rede ruhig fliefst^ 
da bildet er meisterhafte Perioden: man lese dafür im Anfang 
des Werks Me fide' den sallustischen Ideengang in langen cicero- 
manischen Perioden, und frage sich, ob irgend jemand damals 
Gleiches geleistet hat. Freilich für die simplices fratres war das 
keine Eost: 8. Hilaritis Gallicano cothiimo attollitur et cum Grae- 
ciae floribus adornetur, longis inierdum periodis involvitur et a lectiofie 
simplidorum fratrum procid est, sagt Hieronymus ep. 58, 10 (1 32G 
Vall.)^), und auf Grund dieses Zeugnisses hat Erasmus, sonst ein 
so feiner Kenner dieser Dinge, ein nicht gerechtes Urteil über 
den Stil des Uilarius gefällt.^) Aber Hieronymus spricht ja nur 
von den 'einfältigeren Brüdern' und aufserdem verfolgt er an 
jener Stelle den Zweck, seinen gelehrten und stilistisch sehr ge- 
wandten (cf. auch ep. 85, 1) Freund Paulinus auf Kosten der andern 
von ihm genannten Autoren, darunter des Hilarius, gerade als 
Stilisten zu loben. Anders urteilt er, wo ihm solche Tendenzen 



1) Auf Beine Weise Venant. Fort, de virtutibus S. Hilarii c. 14, 50 

(p. 6 Ehuch): gms ahtmäantiam rigantis ingenii conUnd<xt evolvere aui eius 

verba verbis vaileai exaegwire? qualiter iUe itidivisae trinüatia libros stih 

mmk contexuU, aut scripturam Davitici carmini$ sermone coturnaio per 

^ reaeravit 

dar Vorrede zu seiner Ausgabe (Bas. 1623) «=■ epist. 613 (opera 



Spfttlat. Lit;ieratar: der alte Stil: Hilarius, Claudian, Salvian. 585 

fem liegen (ep. 70; 5; yol. I 430 Yall.): Hilarius duodecim Quinti- 
liani libros et stilo irnüahis est et numero. Bemerkenswert ist 
noch; dals Hilarius der griechischen Sprache in einem für die 
damalige Zeit beispiellosen Umfang mächtig war: das zeigen in- 
haltlich seine Schriften; in denen er oft auf das Griechische bezug 
nimmt; das zeigt die Nachricht; dafs er während seiner vier- 
jährigen Verbannung im Orient an der Synode zu Seleucia (359) 
in dieser Sprache thätigen Anteil nehmen konnte; ich glaube 
auch in dem ^og seiner Darstellung etwas von der griechischen 
xdQi^ zu fühlen ; die ihn vor der grassierenden occidentalischen 
barbaries bewahrte: die beiden besten lateinischen Stilisten der 
Spätzeit; Hilarius und BoethiuS; waren hervorragende Kenner des 
Griechischen. 

ImV. Jahrh. hat sich Claudianus Mamertus offenbar be- oiaadiani] 
müht; in einem von den schlimmsten modernen Fehlern freien 
Stil zu schreiben (seinen darauf bezüglichen Brief an den Rhetor 
Sapaudus werde ich später anführen); imd wenn man seinen Stil 
mit dem seines Freundes Sidonius vergleicht; mufs man zu- 
gestehen; dafs es ihm, soweit es noch anging; gelungen ist: frei- 
lich ist er; der Gallier aus Vienna; trotz seines BemühenS; nicht 
entfernt so klassisch wie die genannten Aquitanier^); während 
allerdings der aus der Rheingegend stammende Gallier Sal-Saivian. 
▼ianus in einem fast an Lactanz und Hilarius erinnernden Stil 
schreibt; an dem das genaue Studium Ciceros unverkennbar ist.^) 

In durchaus klassischem Stil von einer geradezu bewunderns- 
werten Reinheit ist endlich das edelste Werk des ausgehenden 



1) Cf, G. Arnold, Caesarius v. Arelate (Leipz. 1894) 89. Sidonius urteilt 
Über den Stil seines Freundes in einem Brief an diesen (lY 8): nova ihi 
fftrha, guia vetusta, quihusque conlatus tnerüo etiam a^Uiqtiarum litterarum 
Mus anüquaretur; quodque pretiosius tota illa dictio sie caesuratim succincta, 
quod profhtens. £influfs der Sprache des Appuleius: A. Engelbrecht in: 
SitaimigBber. d. Wiener Ak., phil.-hist. Gl. GX (1885) 423 if. 

fi) Cf. W. Zsddmmer, Salvianus u. s. Schriften (Diss. Halle 1874) 60 ff. 
Er hat z. B. Gicero de oratore I 227 f. geschickt benutzt ep. 4, 24 (ib. 20 wird 
LiviiiB citiert). Doch fehlen nicht gelegentliche Auswüchse, cf. Zschimmer 
68, 4 und de gab. dei YII 2, 8 illic (apud Aqxiitanos ac Novempopidos) omnis 
admodumj^gio aui intertexta vineis aut floruUnta pratis aut distincta cidttiris 
aut eandiia pomis aut amoen<Ua lucis, aiU inrigua fantibus aut interfusa 
fiumimbua aut crinita messibw fuit, wo ja freilich die infp^acii die viele' 
omainenta entschuldigt. 



586 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeii. 

Boetuns. Altertoms geschrieben, die Consolatio des Boethius. Es ist 
ausnahmsweise keine Phrase, wenn ihn Ennodias in zwei Briefen 
an ihn mit den veteres vergleicht (Vll 13. VIII 1). Der Schwung 
der Gedanken läfst ihn als Verehrer Platons, der Schwung der 
Sprache als Verehrer Ciceros erkennen. Mit Martianus Capella, 
mit dem er blofs die äuTsere Form der Komposition teilt ^), soll 
man sich hüten, ihn in einem Atem zu nennen. Aber wenn 
man dieses nach Inhalt und Sprache einsam dastehende Werk 
liest und sich in die so ganz verschiedene Ideenwelt jener Zeit 
hineinversetzt, so kann man sich eines sentimentalen Gefühls 
nicht erwehren: die Schrift ist, innerlich wie äufserlich betrachtet, 
zeitlos, was ein franzosischer Autor^ treffend so ausdrückt: 
croyant ä la vitalite romaine ^i pdlpitait encore dans son coettr, 
il ecrivait comme sHl se füt adresse ä des lettres, comme s'ü se füt 
entretenu avec les disciples de Giceron: il supposaü les Bomains 
aussi grands que luL 

n. Der nene Stil. 

»riosipien. Da ich ciuc Entwicklung darzulegen habe^ die vom ästhe- 

tischen Standpunkt als Verfall und Entartung bezeichnet werden 
mufs, so halte ich es für unthunlich, die einzelnen Erscheinungs- 
formen dieser Entwicklung an einem historischen Faden anzu- 
reihen. Und doch ist das Material quantitativ so ungeheuer, 
dafs ich mich nach irgend einem Prinzip der Einteilung umsehen 
mufs. Würde ich eine Litteraturgeschichte der untergehenden 
occidentalischen Welt zu schreiben haben, so wülste ich, dafs 
dies nach den einzelnen Provinzen geschehen mülste, so wie es 
für die Epigraphik in unserm Corpus, für politische und Kultur- 
geschichte von Mommsen im V. Band seiner Romischen Geschichte 
mit gröfstem Erfolg unternommen worden ist. Denn seitdem 
das Latein die Kultursprache der westlichen Reichshälfte ge- 
worden war, begann die Sonderentwicklung des geistigen Lebens 
in den Provinzen. Bei der topographischen Einteilung dieser 
Litteraturgeschichte würde der chronologische Rahmen, in den 
wir uns nun einmal gewöhnt haben alle Entwicklung einzu- 
schliefsen, nicht ganz zerbrochen werden: denn die politischen 

1) Auch Petron las er, cf. Petr. fr. V*> Buech. 

2) Fr. Moimier, Alcuin et Charlemagne (Paris 1868) 29. 



Späilateinische Litteratur: der neue Stil. 587 

Yerhaltnisse sowie vor allem die Geschichte der Ausbreitung des 
Christentums ; das ja vom Ende des zweiten Jahrhunderts das 
Ferment aller kulturellen und litterarischen Entwicklung wurde^ 
haben es mit sich gebracht, daiB einzelne Provinzen des Reichs 
sich in bestimmter Reihenfolge abgelöst haben: Afrika hatte bis 
zur Mitte des vierten Jahrhunderts die führende Rolle, ihm folgte 
Gallien, diesem Italien. In einer Stilgeschichte, wie ich sie 
schreibe, ist dagegen eine solche Einteilung innerlich unberech- 
tigt, und nur der äufseren Bequemlichkeit zuliebe habe ich sie 
beibehalten. Denn was ich nachzuweisen habe, ist gerade Fol- 
gendes. In allen Provinzen des Reiches entartet die stiige- 
Prosa in gleicherweise; die Formen der Entartung zuaammen- 
leiten sich her aus den seit Jahrhunderten bewufst und ^'°*^* 
unbewufst tradierten Effektmitteln der rhetorischen 
Kunstprosa. Die Linie, die ich von Gorgias bis auf die 
hadrianische Zeit für die griechische und die von dieser 
abhängige lateinische Eunstprosa zog (s. o. S. 392f.), geht 
in gerader Richtung und ununterbrochen weiter bis zum 
Ende auch der lateinischen Litteraturgeschichte. Wenn 
wir also die Stilfacetien eines Gorgias und Hegesias 
etwa bei Appuleius, Gregor v. Tours, Venantius und 
dann weiterhin im Mittelalter in genau denselben For- 
men wiederfinden, so konstatieren wir jetzt ohne wei- 
teres den grofsen litterarischen Zusammenhang, der 
zeitlich und ortlich durch gewaltige Zwischenräume 
getrennte Individuen kraft der Macht einer unverwüst- 
lichen Tradition mit einander verbindet. Das — wenig- 
stens nach modernem Gefühl — Manierierte und Bizarre, 
das der rhetorischen Eunstprosa von Anfang an eigen 
gewesen war und das nur durch den Geschmack und die 
Gestaltungskraft der gröfsten Stilvirtuosen ein ertrüg- 
liches Aussehen erhalten hatte, tritt in der spätlateini- 
schen Litteratur immer mehr in den Vordergrund und 
verdrängt schliefslich völlig das Normale, entsprechend 
dem „Glaubenssatz aller stilistischen Barbarei, dafs 
man sich tättowieren müsse um schön zu sein/'^) Aus 



1) J. Bemajs^ Gres. Abh. n 85. Dieselbe Entartung begegnet in der 
bildenden Künsten, cf. H. Bichter, Das weström. Reich (Berl. 1865) 23. 



588 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

dieser Thatsache ergiebt sich für die folgende Darstellung die 
notwendige Forderung, in noch gröfserem Umfang als bisher im 
wesentlichen nur auf die allgemeinen Verhältnisse einzugehen^ 
auf die einzelnen Individuen nur insoweit sie eine Art von ty- 
pischer Bedeutung gehabt haben. 



A. Afrika. 
1. Das ^^afrikanische'' Latein. 

'Afrika- Das ^afrikanische' Latein ist unter den ari?en Phan- 

Latein eine tomcu^ die in der Stil- und Litteraturgeschichte ihr Wesen treiben^ 
nSSwhe ®^^ ^®^ ärgsten, und es ist, denke ich, an der Zeit, es endlich 
Eifindung. wieder in das Dunkel zu bannen, dem es entstiegen ist. Dieses 
^afrikanische' Latein hat sich nachgerade zu dem grofsen Rühr- 
kessel herausgebildet; in den viele alles das hineinwerfen, was 
sie anderswo nicht unterbringen können oder wollen, denn bei 
dem Mangel jedes festen Prinzips ist hier der Unkenntnis und 
der Willkür Thür und Thor geöffnet. 

Die Hauptsache ist zunächst: wir müssen, wie überhaupt in 
der Geschichte der antiken Eunstprosa (s. o. S. 349 f.), Sprache 
und Stil sondern und bei der Sprache wieder das Lautliche, das 
Formale, das Syntaktische, den Wortgebrauch. Nun leugne ich 
natürlich nicht, dafs es ein afrikanisches Latein giebt, wenn man 
es Yon lautlichen imd formalen Dingen yersteht: dafür haben 
wir Zeugnisse der Grammatiker und vor allen auch eines so 
authentischen Mannes wie des Augustin, imd selbst wenn wir 
sie nicht hätten, würden wir es postulieren, weil wir die formelle 
und besonders lautliche Sonderentwicklung der lateinischen Sprache 
in den Provinzen an den heutigen romanischen Mundarten Yor 
uns sehen.^) Die Möglichkeit ferner, auf syntaktischem Gebiet 
imd im Wortgebrauch Eigenarten des in Afrika gesprochenen 
Lateins festzustellen, will ich, obwohl alte Zeugnisse zu fehlen 
scheinen, nicht leugnen: was aber heute darüber vorgetragen 

1) Cf. das oft citierte Zeugnis des Hieronymus comm. in ep. ad GaL 11 8 
tpsa luiinitas et regianibus quotidie mutaiur et tempore. Natürlich bezieht 
sich latinitas blofs auf das Lautliche und Formelle: Yarro-Diomedes fr. 41 
Wilm. Für die zeitliche Veränderung cf. auch Quint. IX 3, 1. 18 und Ter- 
tull. apol. 6 habitu victu, inMructu sensu, ipso denique sermone proavia 
renuntiastis (= ad nat. I 10). 



Spätlat. Lüteratnr: der neue Stil: 'afrikaiuBches Latein'. 589 

wird — ich sehe ab von den spezifisch christlichen Neuerungen, 
die natürlich in Afrika zuerst begegnen, ich sehe ferner ab von 
den Graecismen, die in dieser terra bilinguis häufiger sind als 
anderswo^) — , erscheint mir vorläufig mehr oder weniger proble- 
matisch. Doch das geht mich hier nichts an: ich habe es mit 
denen zu thun^ die von einem afrikanischen Stil sprechen. 
Diesen Irrtum (um mit Fronto zu sprechen) subvertendum cen- 
seo radicituS; immo vero Plauti notato verbo exradicitus. 

,,Schreibart (Africanische), Stylus Africanus, ist eine hoch- 
trabende, schwülstige imd afifectierte Schreibart, dergleichen sich 
ehemahls insonderheit die Africaner, und unter solchen zuförderst 
Appulejus bedienet.*' So Zedlers Universal -Lexicon vol. XXXV 
(Leipz.-Halle 1743) p. 1123. Das ist, wie es scheint, die Ansicht 
aller y die sich darüber geäufsert haben, und wohin man sieht, 
überall starrt einem der Humor Africus' wie ein Wüstengespenst 
entgegen. Da liest man überall von den „Afrikanern mit ihrem 
ungezügelt und üppig wuchernden Schwulst, der die aufgeblähte 
Latinität der Söhne Afrikas schlingpflanzenartig zu umranken 
pflegt^, überall von dem „Wüstenwind", der uns aus der heifsen 
Sprache dieser Söhne eines glühenden Klimas entgegenwehe, 
überall von dem „semitischen Schwung der Psalmen", der uns 
aus ihren hochpathetischen Werken entgegenhalle, von dem 
„orientalischen Blute", das in den Adern der Afrikaner rollte imd 
sie yeranlaüste, die Freiheiten der Dichter in der Prosa zu ge- 
brauchen, von dem „semitischen Satzparallelismus", den wir bei 
Appuleius und Genossen überall konstatieren könnten; ja, in dem 
neusten, vor zwei Jahren erschienenen Buch über ^die Afrikaner' 
wird uns erzählt von der „punischen Amme", welche den kleinen 
Afrikaner Appuleius aufzog und verschuldete, dafs er später, als 
er Latein lernte, all den Schwulst und all die stilistische Un- 
natur seines semitischen Idioms in die andere Sprache übertrug: 
ein schönes Genrebild, Appuleius als Baby an der Brust seiner 
Amme punisch lallend. Wenn ich keine Namen nenne, so habe 
ich meinen Grund: nicht der Einzelne ist hier verantwortlich, 
sondern eine perverse Tradition, deren Genesis ich nachgegangen 
bin und die ich hier zunächst darlegen will, r 

1) Ich will doch nicht versäumen, hinzuweisen auf eine sehr ausfahr- 
liche, ausgezeichnete Behandlung dieses Gegenstands bei K. Caspari, Ungedr. 
Quellen s. Gesch. d. Taufsymbols III (Christiania 1875) 267 if. 



^^90 Von Iladrian bis zum Ende der Eaisorzeit. 

Vor allen Dingen: es existiert auch nicht die leiseste 
Aufseruiig irgend eines antiken Zeugen über einen Hu- 
mor Africus'. Ich mufs das aufs nachdrücklichste betonen, 
weil einige es versichern, ohne den Schatten eines Zeugnisses 
anführen zu können. Vt^ir verdanken vielmehr den Begriff 
den humanistischen Giceronianern des sechzehnten und 
siebzehnten Jahrhunderts. Als das ciceronianische Latein, 
wie wir im zweiten Buch dieses Werkes genauer sehen werden, 
zu kanonischer Geltung erhoben wurde, liebte man es, gegen 
alle Autoren, die von ihm abwichen, den Bannstrahl zu schleu- 
dern, und der Umstand, dafs einer der gelesensten und beliebte- 
sten unter diesen Autoren ein Afrikaner war, wurde Veranlas- 
sung, alles schlechte Latein als ^afrikanisches' zu brandmarken. 
Dieser eine war Appuleius. Lifolge des ganz persönlichen Ver- 
hältnisses, in dem die Humanisten zu ^ ihren' Autoren standen, 
sind sie, wie mit Bewunderung und Liebe, so mit Verachtung 
und Hafs nicht sparsam gewesen: den Appuleius haben sie wegen 
seines Stils in den Staub gezogen. Da es sein Unglück wollte, 
dals er von einem Esel erzahlte, so ist irgend ein italienischer 
Humanist auf den Gedanken gekommen, zu sagen, die Sprache 
des Appuleius gleiche dem Schreien des Esels: wer jener Italiener 
war, weifs ich nicht zu sagen, aber ein deutscher und ein spani- 
Hcher Humanist eigneten sich das famose Wort an: Melanchthon, 
Eloquentiae eucomium (1523) 29^): quis ApnUium et eins simias 
ferdY sed recte Apuleiiis, qui cum asinum repracsentarei. rudere 
qvutm Utqtii mallet; Vives, De tradendis disciplinis (1531) L III 
p. 482*): Apuleius in asino plane rndit, in aliis sonat homincm, 
nifti quod Florida sunt rtdicula, sed excusat ea inscriptio,^) Daranf- 

1) Kd. K. Harifelder in: Lat. Litt-Denkm. d. XV. u. XVI. Jh., Heft 4, 

llArlin lAdl. 

S) Opera, ed. Bas. 1665 vol. I. 

B) Cf. noch die fomose Parodie bei Gaussin, Eloqa. sacr. ei hnm. pa- 

^tob (1619) p. 80 f., wo AppoleioB in der Unterwelt eine Bede hält, tun 

b fOf dearo sa rechtfertigen; er achliebt: datt mM^ imikcK f^ed habeo, 

10 tnH artrika aemper aut loqwtr aut rndam auf himmiöm. tU miuero, 

WlfUkntimimim aeeusatorem meum grandi imfc^rtmmic wkactaU: 9im 

iamutiiveriUSß hodie ad ultima miantm mwrian^m ^ierrmx imier 

Hmimot qiiondam fratres meos aentmmiit rd^nw m<ji»m cmciahi- 

H 90ee m aäenmm infelidiatuf lawkemiah."^. 'Szi wenige Ver- 

Befr«4f" Lipniu, der ja fibedumpi den ühectriehenen 



Späilat. Littezatar: der neue Stil: 'afrikanisches Latein*. 591 

hin prägte man den Begriff einer ^afrikanischen' Latinitüt, in 
der aufser Appnleius auch die andern Afrikaner geseh rieben 
haben soUten, über die man aber, da es Christen waren, ge- 
mäfsigter urteilte. Ich will nur ein paar Stellen anführen: 
Erasmus, Praef. in Hilarii editionem (1523) =» epist. G13^) 
(nachdem er yon der Gallicana grandiloquentia des llilarius, Sul- 
picius Severus, Eucherius gesprochen) mihi, veterum dictionetn 
variam consideranti, videtur rix ullos provincialcs felicito' reddidisse 
Roniani semianis simplicitateni irraeter aliquot, qui llomae a pticfis 
sunt educati. Nam et Tertulliano et Apuleio siius quidam est clia- 
racter et in decretis Afronwiy quae mxdta refert Augustinus contra 
Petilianum et Crescontiian, depreliendas avxiam affectatiotiefn eloqiieti- 
tiae, sed sie, ut Afros agnoscas, subolscunts ei suhmolestus est 7ion- 
nufnquam et Augustinus, nee omnino nihil Africum habet Cypria- 
nus, ceteris licet candidior. nee mirum si Gdllus refert Gallicum 
quiddam, si Poenus Punicum, quum in Livio nonmdlos offendat 
Pataviniias, Vives 1. c. Tertullianus perturbatissime loquifur ut 
Afer, Cyprianus et Amobius ciusdem gentis clarius, sed et ipsi 
nonnumquam Afre. Attgustinus jmdium habet Africitatis in 
contextu dictionis, $%on perinde in verbis, pracsertim in lib. de civiiaie 
deL Eine groCse Anzahl solcher Urteile (z. B. von Lipsius, 
CasaubonuSi Barth) über das ' africanische Latein' kann, wer 
Last hat, nachlesen bei Morhof, De Patavinitate Liviana (1684) 
a 9, cf. femer Caussin, Eloquent, sacr. et hum. parallela (1619) 
58, Balzac, Oeuvres (1665) voL II 623, Fenelou, Dialogues sur 
l'floquence (1718) 227. Job. Andr. Fabricius, Philos. Rede- 
kunst (Leipz. 1739) § 201 ff. p. 117 ff.^) 

Aber — werden die Vorkampfer Afrikas einwenden — wenn LatL-iniacii 
kein antikes Zeugnis für den afrikanischen Stil existiert, so folgt ^^u^l'^iu 
daraus nicht , dafs es einen solchen nicht gegeben hat; warum ^^^^^^ 
— werden sie hinzufügen — sollen die Humanisten, denen wir 



dcenmianiimiis entgegentrat, giebt zwar zn, dafs er sei tumidus for lasse, 
veframdiB et adfeeiatae elega/wtiae seriptor, ärgert sich aber über solche , die 
ihn (arftonim nennten, sie seien vielmehr selbst barhari: epistolic. quaest. 
1. n ep. S8. m la (ed. Lugd. Bat. 1685 p. 03. 90); anderes bei Morhof, De 
PataTinitate liviana c. 9 und Albertus de Albcrtis, Thesaurus eloquentiae 
(1669) 836. 

1) Opera T. m (Lngd. 1703) 695. 

S) Andere iltere citiert J. Weifsenbach 1. c. (oben S. 537, 1) II 8 «. 



592 



Von Ba^aa bis «um Ende der EaiBen^, 



I 



so viele feiuc BemerkungeD gerade über den Stil der lateiniadl 
Scliriftsteller verdaiikeii , uicLt auch hier intuitiv das Richtige 
erkannt haben? Nun, wer über lateinische Stilistik richtig em- 
pfinden lernen will, der lese, was darüber von Petrarca bis Lipsius 
geschrieben ist (das thun die wenigsten heute), suche aber bei 
ihnen nicht das, dessen sie völlig entbehrten und entbehren 
muTsten: historische Einsicht in die Entwicklung der Sprache 
und Eenntnia der Thatsache, dafs nur aus dem Griechischen das 
Lateinische zu verstehen sei. Die Annahme eines spezifisch 
afrikanischen, durch Einwirkung des Semitischen von den übrigen 
differenzierten Stils beruht auf zwei fundamentalen Fehlern: ich 
behaupte, dafs derjenige, der zur Erklärung der stilistischen 
Eigenart z. B. des Äppuleius das Punische heranneht, der seinen 
Schwung nud seinen parallelen Satzbau aus deu Psalmen erklärt, 
eine ebenso schwere Sünde gegen deu Geist der lateinischen 
Sprache begeht, wie derjenige, der an ihn herangeht, ohne zu 
wissen, wie damals die Griechen schrieben, Äppuleius ein Punier, 
und, wie sie sagen, punisches Patois gemischt mit Griechisch 
und Lateinisch sprechend! ^Y,a8 waren denn, frage ich, die Be- 
wohner Nordafrikas anders als kolonisierte Römer, wenigstens 
in den Städten, wo seit der ersten Kaiserzeit die punische Sprache 
erloschen ist (Mommsen, Rom. Gesch. V 642ff.), wo griechisch- 
lateinische Bildung und Wissenschaft herrschte, also in Leptis, 
Madaura, Uea, und vor allem Karthago'), das Augostinna (ep. 
118, 9 vol. 33, 436 Migne) neben Rom als die lUtcrarum lalina- 
rum artifex nennt und von dem Himerios (ecl. 36, 10 p. 314 
Werusd.) sagt: «6X.ig aa^ä roeovzov oi Sf/äzT}, xag Saov'PiaftriV 
aiaxvv£Ttti7 Beziehen sich etwa auf ein puniiicbes Afrika die 
oft cilüertcn Worte Salvians (de gub. mundi VII 16): Ulk onmia 
effidonim piMicoruin instrwnenta, Ulk arlium lUxialitim i 
itUe ^üosophorum offkinae, cunda deniqm vd lingnarum ^ 



".rindtira J. J. QuilelmUB Lagas, Stndiu lutioa prorincia] 

I --laj UfF, Diese Schrift (75 Seiten) acheinl in DeiiUol] 

it xa Min (»u^ A. Badiiiiaky, Die Aasbreitaog der Int Spl 

IbI m SU ttiuem gcliadeu nicht zu kemii^a), ich fiui 

r Bibltotbulc (auvb in Kerlic fehlt sie). 

r fibnr rien (regetutaad haben, aber natOrtich mal 

* wordca, du da« Material (besonden du ii 

!' ignoriert) aidi sehr vergröbert hat. 



Spätlat. Litteratur: der neue Stil: 'afrikauischea Lateiii\ 5().'> 

vel morum? Erst spätchristliclie Bischöfe liabcii, weil sie die 
pagani durch die Predigt bekehreii; die Bekehrteu erbauen woll- 
ten, punisch gelernt im Schweifse ihres Angesichts und mit in- 
nerm Widerstreben: man bedenke doch, dafs Tcrtullian notorisch 
gar kein. Augustin nur ein paar Brocken Punisch und Hebräisch 
konnten und dafs Hieronymus sich von der ganzen gebildeten 
Welt als monstrum der Gelehrsamkeit anstaunen liefs wegen 
seiner Kenntnis der semitischen Sprache. Wie viel weniger ist 
aus dem süfsen Mund des Appuleius eine gxovii ßccQßagog ge< 
kommen: man lese nur^ wie er höhnt über seinen Gegner, der 
loquitur numquam nisi punice et si quid adkuc a matre graecissaty 
atenim latinc loqui neque vult neque polest (apol. 98).^) 

Auf der andern Seite kann gar nicht stark genug der Ein- 
flufs des Griechischen hervorgehoben werden. Aber hierbei 
müssen wir die verschiedenen Epochen trennen. Seit c. 250 n. Chr. 
kann von einer Kenntnis des Griechischen, die grols genug ge- 



1) Schon Niebuhr in den oben (S. 3C1,2) eitierten V^orlcdungen leugnet 
das Bestehen eines afrikanischen Lateins. K. Zumpt hat in seiner Recen- 
sion der Appuleius- Ausgabe Hildebrands (.lahrb. f. wiss. Kritik 1843 vol. II 
698 ff.) darüber ganz verständig gearteilt, wenn er auch noch au den tumor 
Afxicus glaubt, von dem Ruhnken in seiner Vorrede zu App. gesprochen 
hatte. Cf. auch H. Becker, Studia Apuleiana (Berl. 1879) 7 f. : der Schwulst 
und die Kflnstelei sei aus dem falschen Geschmack der ganzen Zeit zu er- 
klftren und es sei nur Zufall, dafs für uns seine Ilauptvcrtreter aus Afrika 
stammten. Die deutsche Hetajagd auf ' Airicismen ' (so pflegt man das zu 
nennen) bei juristischen Schriftstellern hat einen italienischen Juristen zur 
Venweiflmig gebracht: E. Costa, Papiniano I (Bologna 1804) 283 f Begreif- 
lich: der Juzist weife nichts mit dem philologischen Phantom anzufangen. 
CL «ich £. Th. Schulze, Zum Sprachgebrauch der röm. Juristen in: Z. d. 
Sttvigny-Stift. rem. Abt. Xn 1892 p. 111 if. Am klarsten und eindringlich- 
•ten hat den richtigen Standpunkt kürzlich vertreten £. W. Watsou, The 
ifyle and langnage of St. Gyprian, in: Studia biblica et ecclcsiaätica, 
.eNay« chiefly in biblical and patristic criticism bj memberd of the uui- 
Terntj of Ozfozd IV (Oxf. 1896) 189 ff. : nachdem er im einzelneu die rhe- 
toiiichaii Elemente im Stil Cyprians aufgezählt hat, fafst er alles zusam- 
men p. 840 £; der Stil erinnere stark an den des Appuleius, aber man solle 
aiflli hüten, dai ala etwas spezifisch Afrikanisches anzusehen: the e/l'ortü 
mft&r r oimi dii^ of expressüm were commofi to the whole empii-e . . . It is 
d a mge ro u » io rtgarä as peeuliarities of African writers tchnt may onltj appear 
io he titdk, beea ae comparatively Utile has survived of the Ittera- 
(«re of oihar provinees in the third centtiry, und ähnliche treffende 



594 



Von Hadrian big zum Eade der Eftüeneit. 



weseu wäre, um den lateiniacheD Stil zu beeiufiaasen, in AI 
so wenig wie im ganzen Übrigen Occident mehr die Rede sein.') 
Wenn wir also Schriftatelier dieser Zeit in einem Stil schreiben 
sehen, wie ihn gleichzeitig die griechischen Sophisten anwandten, 
BO kommt da eine unmittelbare Berührung nicht in Frage, son- 
dern wir müssen feststellen, dafs dieser Stil damals in der latei- 
nischen Sprache durchaus eingebürgert war und sich durch sich 
selbst fortpflanzte. Aber bei allen Schriftstellern, deren Lebens- 
zeit in das zweite Jahrhundert und den Anfang des dritten fallt, 
ist diese Beeinflussung eine denkbar starke gewesen. Während 
es also von Cyprian höchst wahrscheinlich, von Augustin durch 
sein eignes Zeugnis sicher ist, dafs ihre Kenntnis des Griechi- 
schen mangelhaft war, gilt von Appuleius und Tertullian das 
Gegenteil. leb habe schon oben (S. 361 ff.), als ich den Archaismus 
Prontoa und seiner Schule aus der direkten Einwirkung der 
gleichzeitigen griechischen Sopbistik erklärte, darauf hingewiesen, 
dafs die damaligen Schriftsteller aus Afrika durchaus bilingues 
waren. Von Appuleius und Tertullian weifs es jeder: wir haben 
ihre eiguen zahlreichen Äufaerungeu über ihre Fertigkeit, in 
beiden Sprachen zu sehreiben, von denen ich nur eitlere die zwei 
am meisten bezeichnenden des Appuleius: die eine aus der n^o- 
laltd') zu seiner fiei-iiT) de deo Socratis (p. 4 Goldb.): iamilitdum 
scio, quid hoc signißcalu ßagitetis, ut latine cetera maleriae perae- 
guamur. nam et iit principio vobis diversa tendcntibus ila memini 
polliceri, ut neutra pars vestrutn, »ec qai graece nee qui latine pete- 
lalis, dictionis kuius expertes abiretia. quapropter si ita videtur, 
satis oratio nostra atHcissaverit. t0Hpt(S est in Zjatium demigrtjare 
äe Graecia; nam et qvaestionis hiiva fernie nudia ienemtts, tU, 
quiaitum mea opinlo f'ert, pars isla posterior prae illa gra&xi quae 
antenertit nee arytunenlis sit effetior ncc sententiis rarior nee exem- 
^is pavptrior nee oratione dtfectior (ebenso hatte er in einem 
DiiJog den einen Sprecher griechisch, den auderu laLeiniach 
(tüi lassen: Flor. 17 p. 33, 2ß. Kr., eüie ganz beispiellose 
g); die andere aua dem Anfang der Metamorphosen: 



*ie iMchrift CIL VUI T24 {1613 Buecb.), wo ein liJÄliriger 
les QriecliiKchei) buxeugt, ist aus aaec. IC, also wohl eher 
T «In xyrtstet ^Ule. 
Bicht)f[e diurflber hat nur Bohde geäugt in seiner Recen 
«nchou A.u*gnbt<, Jenaer Litt.-Zcit. m (IflTe) T8t. 



1 



Spätlat Litteratar: der neue Stil: ''afrikonischeR Latem\ 595 

mettos AtUca et Isthmos Ephyrea et Taenaros Spartiaca . . • mea 
f;e^tf0 prosapia est. %bi lingttam Ätthidem primis süpendiis merui, 
mox in urbe Latia advetia studionim Quiritium indigcnam semio- 
nem aerumnabili läbore nullo tnagistro praceunte aggressus excolui. 
en ecce praefamur veniamy si quid exotici ac forcnsis sertnonis rudis 
locutor offendero}) Appuleius war ein Sophist so gut wie seine 

1) Das Letzte ist natürlich nicht ernst zu nehmen (ich bemerke das 
nur, weil einige es för die 'Africitas' seines Lateins immer und immer 
wieder Terwerten). Solche affektierte Bescheidenheit war bekanntlich ein 
rosroff des Proömiums, wofQr ich doch ein paar charakteristische Zeugnisse 
anfahren wiU: Libanios or. 11 (1276 f. K.) %oivbv rdtv iyyuofiiaiovtaiv f^og 
iBlnsa^ai tptMxsiv triv airr&v &c&ivBiav xov nsyid'ovg tav igycov olg Ttgoad- 
yovffi rlhf IL6yoVf xal avyyv&iiriv altslv Ttagä rmv icKOvSvrtov^ el ßovXofisvot 
T^g &iüx£ iyyifg iX&etv &%ovtsg iXdttovg yiyvoivto, Sulpicius Sevcrus dial. 
I 27: GkdluB, ein Schüler des Martinus von Tours, bittet wegen der Einfach- 
heit seiner Sprache um Entschuldigung, worauf ihm Postumiunus, der 
Freond des Severus, erwidert: cum sis scfiolastictuf, hoc ipswn quasi scholasti- 
cus ariificiose facis, ut eaxuses imperitiam, <j^aa exuberas eloquent ia. Sidouius 
ep. IV 17, 1 urbanitas, qua te ineptire facetimme allegas. Ennodius ep. 1 15 
iäem est terminum in adrogantia non tetiere quod in humilttate transceiulere. 
supereüii affeetus est iusto amplius esse stibiectum: familiäre est graviter 
hiafMma novas invenire blanditias et graiidis cotumus in eloquentia simulare 
fonnidinem vel exatfien metuere de laude securum. Beispiele lassen sich, wie 
jeder weifs. Hunderte anführen aus allen Zeiten und Sphären der Litteratur, 
und iwar kann man sicher sein, dafs unter 100 FäUen 99mal daraus genau 
das gerade G^egenteil für den Stil des betr. Autors folgt; er will damit nur 
sagen: pa&t einmal auf, wie ausgezeichnet ich meine Sache mache. (Ein 
pMur bezeichnende Beispiele bei K. Sittl in: Archiv f. lat. Lexicogr. VI 
[1889] 660 f., und G. Arnold, Gaesarius v. Arelate [Leipz. 1894] 85, von denen 
die Erscheinung richtig beurteilt wird). So kommt es, dafs wir derartige 
FroQiDien gerade den stüistisch allerraffiniertesten Werken vorausgeschickt 
finden, i. fi. den in hochtrabendem Stil geschriebenen Heiligen viten, oder 
emem so monströsen Werk wie der Geschichte des Theophylactos Simocatta 
(p. 88 de Boor: n(fbg f^v [Ictogiav] imdgaitoünai xa^o?, sl %al fisttov i] xar 
i^th %k iyxalf^TipM dUc tb tfjg Xi^smg icyBvvhg rätv XB vorindroDv tb icÖgaviara- 
«S9 f4s VI toB X6yov aw^nrig tb Anall^g x6 xb xf^g oUovoiäccg &xB%y6xuxov)' 
Wer also in jenen Worten des Appuleius ein Zugeständnis seines schlechten 
Tiateins sieht^ der wird s. B. auch dem Tacitus glauben, dafs der Agricola 
tneomivto ac mcft voce geschrieben sei (c. 3), oder (was wahrhaftig kürzlich 
geschehen ist) dem Fronte, wenn er p. 242 N. der Kaiserin-Mutter schreibt 
(auf giieoliisch), sie solle es ihm nicht verargen, wenn ein unattisches Wort 
in seinem Brief Torkomme, denn er sei Ai^vg xmv Aißvoav x&v voiiddtou. — 
Durch die Ausftlhmngen yon J. van Vliet im Hermes XXXII (1897) 7911'. 
ist alles, was Bohde über das Proömium der Metamorphosen klar aus- 
ainandeiEgel^gt hat, wieder durcheinandergewirrt worden. 

Vof4«B, SBtIko Xamtpioia. II. 39 



596 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

ausschliefslich griechisch sprechenden Kollegen: mit einigen von 
ihnen hat er auch das Schicksal geteilt, für einen (idyog ge- 
halten zu werden.^) 

Auf Grund dieser Thatsachen brauche ich es demjenigen^ 
welcher meinen bisherigen Untersuchungen gefolgt ist, nicht erst 
zu sagen, dafs der bombastische und zugleich gezierte 
Stil der Afrikaner nichts ist als der griechische Asia- 
nismus (Manierismus) in lateinischem Gewände.*) Zwi- 
schen dem von mir früher aus Nachahmung griechi- 
scher Muster erklärten Stil der extremen Moderhetoren, 
des Valerius Maximus'), des Plinius (panegyr.) einer- 



1) Hat man schon die äulsere Analogie zu dem Sophisten Adrianos 
(unter Marcus und Commodus) bemerkt? über ihn sagt Philostratos t. 
soph. II 10,0 itBlsvra 8h äfigtl xa 6y^oi{xovra sr?], ovros rot fi^c^ifMff, &£ 
xal noXkol^ y6rig 86^ai. ort yi^hv ovv &vriQ TCBnaiÖsvfiivog oix &y nots ig 
yoijtatv ^Ttax^'slri tixvag, i^avätg iv totg {mhg Jiovva£ov Xoyoig cr^Tjxa* 6 84, 
oZftat, tsgatsvoiisvog iv talg ^o^ioBai nngii tä r&v fuiyoav ijdifi r^y ixmw- 
fiiav xafftr\v nag' aitolg ianaasv (solche {mo&iasig haben wir bekanntlich 
in Ps.-Quintilians Deklamationen). 

2) Ich habe gesucht, wer schon vor mir das Griechische herangezogen 
hat, und nicht ganz vergeblich. Fr. Bitter, Die ersten christl. Schriftsteller 
Africas in: Zeitschr. für Philosophie u. kathol. Theologie, Heft 8 (Köln 
1883) p. 44: „Diese Eigentümlichkeit (die SfiouniXsvta) hat App. teils ans 
den alten Komikern [das ist falsch], toUs nach dem Vorbilde der attischen 
Sophisten, welche ebenfalls nach Gleichklängen und Gegensätzen strebten, 
mit eiaer solchen ungezähmtcn Nachahmongssucht aufgenommen, dafs seine 
ganze Darstellung sich um Gegensätze und Gleichklänge drehet." H. Eretsch- 
mann, De latinitate L. Ap. Mad. (Diss. EOnigsb. 1889) 7f. : gut circa Ha- 
driani et AnUminorum tetnpora ibi summa gloria et auctoritate floruerunt 
sophistae minores, earum oratio quae vocatwr demonstrativa, muUa habet com- 
munia cwn Ap, Nam tumida et lasciva dictione mhü nisi aures permühere 
studebant, verbis antiquds et Atticis promiscue cum puerili guadam osten- 
tatione utebantur et nota licentius fingebant (Luc. rhet. praec. 17), ad poetarum 
simüitudinem non verbis solum verum etiam numeris adspirabawt, Mommsen, 
BOm.Gteioh. y 656: ,^8 herrscht in diesen Kreisen (der gelehrten Afrikaner) . . . 
eiiie, üble grieohiBohe Muster übler nachahmende, Leichtfertigkeit, wie sie 
<n dem EMkraman jenes Philosophen von Madaura ihren Gipfel eneicht** 

^■teu für die Metamorphosen des Appuleius spricht auch E. SitÜ in: 
Ist Lezioogr. VI (1880) 669 von „den malslosen Ghraecismen und 
^ damaligen Sophistik*'. 

I Manmni leistet sich bekanntlich in der Unnatur das Un» 

. B. Tannag, wenn er folgenden Satz liest V 7 in. det 

\ affeetiu parentium erga lUteros indutgentia sälübrique 



Sp&ilat. Lifcteratur: der neue Stil: 'afrikanisches Latein'. 597 

seits und dem des Florus, Appuleius und Tertullian 
andrerseits besteht höchstens ein gradueller oder quan- 
titativer^ kein prinzipieller oder qualitativer Unter- 
schied. Wenn man also von asianischem Latein statt von 
afrikanischem redete^ so würde das meiner Meinung nach sich 
mit der antiken Vorstellung besser decken. Wenn man die 
Thatsache, dafs gerade dieser Stil in Afrika so beliebt wurde ^)^ 
aus dem feurigen Naturell erklären will^ welches nach einer oft 
citierten Stelle des Sidonius den Afrikanern eigen war (ep. 8, 11 
urhium cives Africanaruni, quibas ut est regio nie est mens arden- 
iior\ so will ich dagegen nichts sagen: nur höre man auf, von 
einer in Afrika geborenen Latinität zu reden. Ich werde weiter- 
hin beweisen, daij9 derselbe Stil später in Gallien herrschend 
wurde; daCs er uns zuerst in Afrika begegnet, hat nichts Be- 
fremdliches. In keinem Lande war im zweiten Jahrhundert und 
der ersten Hälfte des dritten die Kenntnis des Griechischen mehr 
verbreitet (dann ging es bekanntlich reifsend bergab), und Afrika 
hat überhaupt in jener Zeit die führende Bolle in der lateinischen 
Litteratur übernommen, während Spanien (speziell Tarraco) etwa 
seit Hadrian fQr Jahrhunderte ganz zurückgetreten war und Gal- 
lien erst im vierten Jahrhundert sich zu hoher Blüte entfalten 
sollte. Daher ist für uns die lateinische Litteratur in den ge- 
nannten Jahrhunderten wesentlich durch Afrika vertreten. Es 
kommt hinzu, dafs gerade die Rhetorik dort eifrige Pflege und 



amra prwoeäa gratam suavUatis dotem secum afferat oder IX 12 ext. 6 ur- 
hamMem dieU crebro anheiitu cachmnorum prosecutus senile gtUtur salebris 
gpirüuB gravannt, einen Unterschied zu Appuleius zu erkennen? Und diese 
Beitpiele stehen nicht etwa allein, sondern, wer Lust hat, kann ein ganzes 
Spicilegimn dieser Axt nachlesen z. B. bei Glelbcke, Quaest. Valerianae 
(Diu. Berlin 1866) 14 fr. Nun hat Erasmus thatsächlich über Valerius ge- 
mteüt: Valenua Afro poUus quam Italo similis (cf. die Vorrede von Eempf 
vor teiner Ausgabe Berlin 1864 p. 41). Aber Valerius Maximus ist nun 
anmal ein Italer gewesen. Auch hieraus mag man ersehen, dafs das 
'afrikanische' Latein ein reines Phantasma ist. 

1) Sehr passend fahrt L. Schwabe in Teuffels Gesch. d. röm. Litt^ 
(Leips. 1890) p. 870, 10 dafOr eine auch durch ihren Stil so charakteristische 
Ludizift des Ed. Jahrh. an: CIL Vm 2891 (Thamugadis in Numidien): 
P. Fl. PitdmU FornpoHiano ü. c. . . . multifariam laquentes litteras amplianti, 
JUieam faetmdiam adaegtumU lUmano nitori, ordo ificola fontis patrono oris 

lAm» H ßü ß nU i, natro aUeri fonti. 

89* 



598 Von Iladrian hin zum Ende der Eaiserzeit. 

Vcrntändnis fand: Juvcnals ^nutricula causidicorum Africa' läfst 
.sich aus dem acliteii Bande des Corpus der lateinischen Inschriften 
kommentieren.^) 



2. Die Sophistik im Stil der afrikanischen Profan- 
autoren des II. Jahrhunderts. 

Fhirin. Der früheste dieser afrikanischen Stilvirtuosen ist Florus. 

Er hat in seinem Enkomion auf Rom den Schwulst und die 
Phrase mit Meisterschaft gehaudhabt. Wie ein solches Mach- 
werk stilistisch zu beurteilen ist^ kann man lernen aus der vor- 
trefflichen Vorrede des Graevius zu seiner Ausgabe vom J. 1680: 
er stellt ihn zusammen mit Gorgias, Hegesias, den Deklamatoren 
bei Seneca, Valerius Maximus, nennt seine Diktion xaxö^riXov 
(so hatte sie schon Scaliger bezeichnet: zu Euseb. p. 114) und 
wendet auf sie die tadelnden Worte an, die der Verf. xsqI vtffovs 
von den Asianem der früheren und seiner eignen Zeit braucht.^ 
Wenn wir doch erst so weit wären, alle diese Autoren auf solche 
Weise zu beurteilen! Der Mann ist Deklamator, sein Werk ein 
Dithyrambus in Prosa; bezeichnenderweise hat er den Lucan 
ausgiebig benutzt.') Man kann ihn förmlich kommentieren aus 
den Niederschlägen! die uns von den Deklamationen der ersten 
Eaiserzeit erhalten sind. Wenn er z. B. von D. Brutus sagt 
(I 33 sa II 17 p. 53^ 11 Jahn): D. Brutus aliquante latius Celticos 
Lusitanosque et omnis Gallaeciae populos formidatumque müitüms 
flumen OUivianis (sc. transiü)^ peragratoque vietor Oceani 
litore non priua Signa eonvertit quam cadentem tu maria 
solem ohrutumque aquis ignem non sine quodam saerilegii 
mein et horrore deprendit, so überträgt er — lächerlich genug 



1) Ot P. Monoeaiiz, L« Afiricains. £tade sor la litt^ratore latine 
Lh FUtans (Pbrii 1894) 60. 74, 2. 

B gnto wOgpmmBB Charaktezistik giebt auch J. Reber, Dai Ge- 
Vlom (Freiniig 1865) 41 S. 

bewiesen von H. J. Müller in: Jahns Jahrb. UMIl 

von E. Westerbnrg in: Rhein. Mus. XXX Vn tl882) 

i ¥011% illnsoriseh, was man von seiner Benntning des 



SpftUat. Litteratur: der neue Stil: Afrika: FIoruR. 599 

— auf ihn das Thema einer berühmten Alexander -Suasorie^ cf. 
Seneca snas. 1 (s. oben S. 200, 1). Auf Calpumius Flamma tr. 
mil., der mit dreihundert Leuten einen Hügel verteidigte, bis 
das übrige Heer sich in Sicherheit gebracht hatte, werden in 
alberner Weise die TCoXv^QvXrira nagadetyiiata des Leonidas und 
Othryades (Sen. suas. 2, cf Ph. Kohlmann im Rh. Mus. XXIX 
[1874] 463 ff.) übertragen (I 18 = H 2 p. 30, 16): pulcl^rimo 
cxitu Thermopylanitn et Leonidae famam adaequamt, hoc inltistrhr 
noster, quod expediHoni tantac supe^fuerit, licet niliil inscripsent 
sanguine. Vom zweiten punischen Krieg (I 22 = H 6 p. 35, 30) : 
tibi semd se in Hispania movit illa gravis et lucttwsa Punici belli 
vis atque tempestas destinaiumque Eomanis iam diu ftdmen Sagtin- 
Uno igne canflavit, statim quodam impetti rapta medias perfregit 
Alpes et in Italiam ab Ulis fabulosae altitudinis nivibns 
velut caelo tnissa descendit: woher das Bild stammt, weifs 
man aus Horaz sat. II 5, 41. Petron. c. 122 f Derartiges mufs 
sich noch massenhaft nachweisen lassen (cf auch oben 8.3(^2, 1). 
Danach wundert es uns nicht, wenn die Signatur des Stils dieses 
Deklamators die Antithese ist, sowohl die gedankliche wie die 
formelle. Nur je ein Beispiel: I 13 = 1 18 p. 24, 9 quinam Uli 
fuerunt mi quos ab elephantis prinio proelio öbtritos acccpinms? 
omnium wlnera in peetore, quidam Jiostibus suis morte sua com- 
mortui, amnium in manibtis ensis et relict^ie in voltibus minac, et 
in ipaa morte ira vivebat, cf Gorgias fr. epitaph. i. f rotyaQovv 
«ininf iixo^ttv6vxoav 6 %6^og oi) övvandd'avsv^ iXX äd-dvarog iv 
iamfuttoig eAfLOöt t$ oi gc&i/ron/, Polemon decL p. 5, 18 Hinck. 
— 1 11 i« I 16 p. 20, 19 pepultis liomanfis Samnitas invadit, gen- 
km, si qpulmüam quaeras, aureis et argenteis annis et discolori 
veste ¥8que ad cunbitum omatam; si fallaciam^ saltibiis fere et man- 
imm firamde grassantem; si räbieni ac furoreni, sacratis legibus hu- 
mamague hastiis in exitium urbis agitatam; si pertinaciam^ scxie^ 
rvpto foedere eladibusque ipsis animosiorem (ein tetQdxcokov). Das 
nnaosgesetEte Haschen nach Pointen fuhrt zu iiEtQaxceiiiiara 
nngeheaerlichster Art: I 5 =» 1 11 p. 15, 12 (Cinciunatus) vichs, 
ne quid a rustiei operis imitatione cessaret, niorc peciidum sub iugum 
mML 1 13 — 1 18 p. 25; 15 niJiil libenfius p, IL aspexit qwim 
Wob quas Ha timuerat cum turribus s^iis beluas, quae non sine 
aeimi eaptimtalis smmmissis cervicibus victores equos sequebantur. 
Aber ich mfllste ihn Ton Anfang J»is Ende abschreiben. In der 



()00 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

Ausdrucksweise ist eine völlige Fusion mit der Poesie^) ein- 
getreten: L. Spengel') hat ausgerechnet, dafs selbst er 125mal 
für nötig gehalten hat, durch qtuisi die Tollkühnheit des Aus- 
drucks zu mildem. Am abscheulichsten ist für unser Gefühl 
(das sich aber mit dem des Publikums, für welches Florus 
schrieb, in keinem Punkte berührt) die Eatachrese des Aus- 
drucks, die wir schon bei Hegesias kennen gelernt haben, z. B. 
I 18 = I 21 p. 30, 25 M, Atilio Eegxdo diice iam in Africam na- 
viyaiat bellum, ib. p. 31, 4 prooemium belli fuit civitas Capua, 
I 19 = II 3 p. 33, 13 denique utrique cotidiani et quctsi domestici 
hostes tirocinia tnilitum inhuerant, nee aliter uiraque gente quam 
quasi cote quadam papidus Bonianus ferrum suae virtutis 
acucbat, u. s. f. Endlich weise ich noch auf das stark hervor- 
tretende rhythmische Gepräge der Satzklauseln hin: darüber 
handle ich später (Anhang II) im Zusammenhang, die citierten 
Sätze geben genügend Beispiele für die uns schon bekannte be- 
liebteste Form: ^ ^ yXi jl^.^) 
Appuitiai. Alles, was vor ihm war, hat Appuleius übertroffen, der 

virtuoseste Wortjongleur, den es gegeben hat. Dieser Mann, 
dessen Ehrentitel zu seinen Lebzeiten und lange nach seinem 
Tode phüoso^^us Platonicus war, der von Piaton als dem ^seinen', 
von Sokrates als seinem ^Vorfahren' spricht (Flor. 15 p. 19 Kr. 
1 p. 1), hat die Sprache entwürdigt. Bei ihm feiert der in bac- 



1) Es ist natflrlich £eil8ch, überall gerade Vergil zu wittern, wie es 
Fr. Sehmidinger, Unters, üb. Florus in Fleckeis. Jhb. Suppl. XX (1894) 
788iF. that 

I) Über die (Jeschiohtsbflclier des Florus in: Abb. d. bayr. Akad. d. 

pliaoi.-pbiloL GL IX (1860) 326. 

9 Fslnioa hatte grofsen Gto&llen an Florus: iififia^' Flori florentis- 

hrmriku, § i e gam ae mccineta Flori brevitaSj Fhrw brevis et eomptus 

m efta, e£ P. de Nolhac, P^trarque et l*humamsme (Paris 1898) 444. 

«h da Hmnamit bei Jahn praef. p. XXXVIII. In den 'Perroniana et 

a' (OolflgM i6S4) 868f. heiftt es: Je mets Florus le plus haut apres 

tadkh Cutim, der fttr ihn 2e premier de la LatiniU ist); e'eet taute 

1 «I jj JUgamL Ahnliche Urteile hanuuiistischer Anticiceronianer, 

Jagmam mid Salmauns, unter den testimonia in der Ausgabe Dükers 

Bat 1744). — Das Schriftchen ^Vergilius poeta an orator' habe ich 

A am dem Spiel gelassen. Stilistisch ist es erheblich einfacher 

^fcwAi«. ^ef. Q. Lafaye, De poetarum et oratorum ap. reteres cer- 

■ [BmoM 1888] 8Sf.X aber wir werden uns natürlich hüten, daraus 

^ es Ton einem andern Verfasser stamme. 



SpftÜat. Litteratur: der neue Stil: Afrika: Appuleius. 601 

chautischem Taumel dahinrasende, wie ein wilder Strom sich 
selbst überstürzende^ in ein wogendes Nebelmeer wüster Phan- 
tastik zergehende Stil seine Orgien; hier paart sich mit dem 
ungeheaerlichsten Schwulst die affektierteste Zierlichkeit: alle 
die Mätzchen, die dem weichlichsten Wohlklang dienen, werden 
in der yerschwenderischesten Weise angebracht, als da sind AI- 
litterationen, Ohren und Augen verwirrende Wortspiele, abge- 
zirkelte Satzteilchen mit genauester Korresponsion bis auf die 
Silbenzahl und mit klingelndem Gleichklang am Ende. Die 
Tömiache Sprache, die ernste würdige Matrone, ist zum prosti- 
bulum geworden, die Sprache des lupanar hat ihre castitas aus- 
gezogen. Met. II 10 iamqne aetnula libidim in anwris parüitatem 
congermanescenti niecum, iam patentis oris inJialatu cinnmneo et oc- 
CHTsanUs lingwie inlisu nectareo prona ciipidine adlibescente ^pereo^ 
iN^tfam etc. V 6 imptimens oscula snasoria et ingerats verba mul- 
cenHa et inserens membra cohibentia. IX 14 nvdier saeva scaeva, virosa 
dniosa^ pervkcuc pertinax, in rapinis turpibm avara, in sumptibus 
foedibua profusa Y 15 tnellita cantus dulcedine mollita. Derartiges 
lieÜB sich nicht in einem anständigen Stil ausdrücken: einem 
Geschlecht, das an der wollüstigen Sprache, mit der eine Fotis 
und ihre tf^i^futra beschrieben werden, Gefallen fand, ist mau ver- 
sucht mit Persius die entrüstete Frage vorzulegen: haec fierent, 
81 testieuli vena uUa patemi viveret in vobis? Und doch ist er in 
demselben Hetärengewand als öffentlicher Redner aufgetreten und 
hat^ wie er gern hervorhebt (Flor. 9 p. 9. 18 p. 21»;, seine Hörer, 
darunter den höchsten Magistrat, in Ekstase versetzt: in diesen 
Beden wirkt der Flitterstaat nur um so greller, als mit ihm 
amwoben werden nicht blofs Papageien, für die er pafst (12 p. 14), 
sondern die griechische Philosophie oder die damals von den 
Heiden wirklich geübte Werkheiligkeit, z. B. gleich zu Anfang 
der Florida: u^ ferme religiosis viantium moris est, cum aliqui 
lueus aul aligui locus sanctus in via oblatus est, votum posttdarc, 
pomum adponere, paulisper adsidere: ita mihi, inyresso sanctissimam 
istam eivitatem, quamguam oppido festinem, praefanda venia et ha- 
benda oratio et inhibenda prpperatio est; neque enim instius religio- 
sam moram viatori dbiecerit aut ara floribus rcdimita aut spelunca 
fromdXbus inumbrata aut quercus comibus onerata aut fagus pellibus 
coronatOf vel enim cöUiculus saepimine consecratus vcl tnmcus dola- 
mine rffigiaius vel caespes libamine f'umigatus vcl lapis unguir 




S02 Von Hadiiao bis tum Ende der Eai«eraeit. V 

ddtbtihis. parva haec qu,ipi>e et quaniquam pauds peramtanlibm 
adorata, tamm ignorantibiiS transcursa. Und wie brüstet er sich 
mit dieser seiner 'philosojihiachen' Diktion: 13 p. 15 non enim 
mihi pliilos(^}iia id gmus orationem largita est, ut natura quibus- 
(iam avibus brevem et temporarium cantutn commodavit, AiVundmi 
matutinum, cicadis meridianum, noctuis serum, tdiilis vei^ertim 
bubonibus ttoelumum, gallis aniclvcanum. quippe Jiaec onii 
inter se vario tempore et vario modo occinunt et occipiunt carmi 
scÜicet galli expergifico, hubones gemuto, ululae qfterulo, noduae ti 
cicadae obstrcpero, hirundines perarguto. sed enim philosophi 
et oratio tempore iitgis est et auditn venerabilis et intelleetu utilia 
modo omnica»(J. Im einzelnen ist bekannt) ich die Sprache 
behandelt, dafs man nur mehr von einer Vergewaltigung reden 
kann: nicht mehr ordnet der Schriftatelier sein Wollen und 
Können dem vorhandenen Wortschatz unter und sucht in seiner 
geschmackvollen und keuschen Verwendung das Ideal des Sl 
aouderu mit tyrannischer Selbstgefälligkeit nimmt er sich 
Recht freieater Wortprägung, besondera wemi er aeine Eiudereii 
anbringen will: Met. XI 9 mvlieres candido splendentes amicimme, 
vario laetanles gcstamine, vemo florenles coronamine, Flor. 10 p. 13 
steUa lovis benefica, Veneris vobipHfica, pernix Mercuri, perniciosa 
Satiimi, Mortis ^nila. Und dann das Tollste: mit dieseu zucht- 
losen Worten gehen einträchtig gepaart die gravitatiacheD Worte 
des PlautuB und der alten Sprache überhaupt, „Vnde ftacc 
lago hquendif'? Nun, ich denke, die beliebig herausgegriff* 
Proben ssgen es dem Leser mit greller Deutlichkeit: Gor| 
Hegesiaa und ihrosgleicben sind die Geistesverwandten dii 
Sprachjittuberers, und hätten wir des Ariateides oder seines Ül 
Setzers mileaiache Qeschichteu, so würden wir den Zusammi 
bang noch klarer durchschauen.') Appuleius bat ebensoviel 
grieühisch wie auf lateinisch geachrieben: in Athen {All 
Altieis, wie er gern mit Plautus sagt) gebildet, war er einer 
»eitflo' Sophtstcti un<l zwar von der extrem modernen Richtii 
Jbe eich selbst als Naclikomme des Hippias, dessen Bei 
er bewunderte {Flor. Ü p. 10 f.). Nur in diesem 

Hädclieii werden vgn Vorro (sat, 370— 8TS. 375. «32) mit d 
JTarben biwcbriubiin wie von Appulei\ia (x. B. HeU 11 ] 
fau «oniit al« HO* jonem cchlUprerigon Roman? AI« ] 
lut ut ja auch Helbst aein Werk baxeiclmet. 



Spätlat. Litieratur: der neue Stil: Afrika: Appulcius. iU^i 

sammenhang kann man seinen Stil yersteheu, in ihm aber auch 
ganz: den Schwulst, die aöektiertc Zierlichkeit, den mafslosen 
Gebrauch der auffälligsten und pikantesten, auf das Ohr wie 
Schellengerdate wirkenden Kedefiguren — speziell der Antithese, 
des Isokolon ^) mit Homoiotcleuton, des Wortspiels ^) — , die völ- 
lige Transfusion des prosaischen und poetischen Ausdrucks^), die 
frivole Art, die Sprache zum Versuchsobjekt für Neubildungen 
zu verwerten, mit gelegentlicher Einmischung veralteter Worte.*) 
Als Stilist ist Appuleius noch in einer anderen Hinsicht 
interessant. Er schreibt, wie schon die Humanisten hervorhoben, 
in jeder Schrift in einem andern Stil. Ich wüGste keinen an- 
tiken Schriftsteller zu nennen, an dem man einen Fundamental- 
satz der antiken Stillehre, wonach für die verschiedenen Arten 
des Stoffes ein durchaus verschiedener Stil angewandt wurde, 
so genaa studieren könnte wie an Appuleius. In der Apologie 
schreibt er, abgesehen von einigen gehobenen Partieen, einfach 
und klar, gelegentlich an Cicero erinnernd; die Schriften Do 
dogmate Piatonis und De mundo sind sachlich und nüchtern, 
letztere in solchem Grade, dafs man sie ihm deshalb hat ab- 
sprechen wollen. Auf der andern Seite stehen die Metamor- 
phosen^) und die Florida. Eine Mittelstellung zwischen beiden 



1) Besonders gern trikolisch und tetrakolisch : Beispiele im Grcif»- 
walder Frooemiiim Ostern 1897 p. 62 f. 59. 

2) El wirkt um so empfindlicher, wenn es mit einem yeraltet<?n Wort 
voEgenommen wird: Apol. 62 lignum a me toto oppido et quidem oppido 



') is^PP^ hat es in nngewOhnlicher Weise verstanden, die Doppel- 
najnr des poetifierenden Bhetors nnd des in Prosa darstellenden Dichters 
festenhatten** L. Friedl&nder, 8itt.-Ge8cb. m^ (Leipz. 1881) 421. 

4) C£ fttr das letite die schon von H. Kretschmann a. a. 0. (oben 
8. AM, f) henngeiogene Stelle Lukian rhet. praec. 17: der Moderhotor soll 
alte Wolle anf die ftannenden Zuhörer losBchiefsen, ivloxB ob xa2 aitxog 
9ol§i WKUßä lud i[ll6%otu iv6iucta k«1 yoftod'itsi rbv filv igiiriveüacci dsivbv 

5) J. T. Vliet L c. (o. S. 696, 1) 81 erscheinen die Worte der Vorrede, 
in denen Aptpoleiiii selbat den Stil dieses Werkes als dcsnUoriae scientiae 
atHm beiaiehnet, riltseUiaft, und er giebt eine sonderbare ErkK^rung, die 
m wiedwholen ich keine Lust habe. Varro schrieb eine Satire Desultorius 
sBlfl f»V TfiE^ffiir, was schon Buecheler im Rhein. Mus. XX (ISGö) 4ü8, 6 
ans dem spnmgweifen Wechsel dieser Kompositionsart nach Inhalt und, 
wai M Yttzo, Seneca, Petron, Martian und Boetliius hinzukommt, nac>* 



604 Von üadrian bis zum Ende der Eaiserzeit 

Gruppen nimmt ein die philosophische Deklamation De deo So- 
cratis: sie sollte zwar, wie die Florida^) (die ja nichts anderes 
als yLBXitai sind), der delectatio dienen und ein Prunkstück rhe- 
torischen Könnens sein, aber der Stoff war doch ein zu ernster, 
als dafs die Lascivität bis zu dem Grade der Florida hätte ge- 
steigert werden können. 

Eine der dringendsten Aufgaben aus dem Gebiet der an- 
tiken Stilistik wäre m. E. eine nach den beiden angedeuteten 
Gesichtspunkten^ auf Grund brauchbarer Ausgaben durchge- 
führte wissenschaftliche Analyse des Stilcharakters der Werke 
dieses merkwürdigen, nach allen Richtungen hin so interessanten, 
für die Geschichte der Kultur seiner Zeit einzig wichtigen Men- 
schen und Schriftstellers. Das noch immerfort citierte Buch 
von H. Koziol, Der Stil des A., ein Beitr. z. Kenntn. d. sog. afri- 
kanischen Latinität (Wien 1872), dient als unkritisches Sammel- 
surium mehr dazu, die Erkenntnis des Richtigen zu vernichten 
als sie zu begründen und zu befestigen: Büchern über einen 



Form (cf. auch Bekker Anecd. Gr. 198, 11 b. &va^<ktri9\ erklärt hat. Hätten 
wir den Roman des Aristides, so würden wir die sprunghafte Art der Dar- 
stellung an der Quelle studieren können; aber bezeichnend ist doch, dafs 
der Übersetzer des Aristides, Sisenna, ausdrücklich gesagt hat, er wolle in 
seinem G^eschichtswerk nicht sprunghaft schreiben: fr. 127 P. (bei Gell. Xu 
15, 2): ne vellicatim aut saltuatim scribendo lectorum animoa impediremus. 
Das Sprunghafte der Komposition erkennt man ja auch an Horaz^ Sermonen 
noch deutlich genug. 

1) Sie beurteilt richtig Cresollius, Theatr. rhet. m c. 10 in GronOYS 
Thes. graec. antiquit. X (Venedig 1785) 105 8%Mipsit ad ostentoHonem Florida, 
ubi tamquam in speculo antiquitoHs sophisticiim marem mihi noktre videor, 
nam curiosa quaedam attingit et 7eaQad6iovg ivvoLag^ dulces fabdlas, narra- 
Uu/nculas plenas stMvitatis, quas varie intexitf ut in Fhrygio parapekumate 
miUtis colorihus variegato. tum dictio ipsa est conciwna, nonia et ineUnaÜs 
artificiose mcülis ut stellulis irradians et canteastu ipso oroHonis yoijre^ovtfa, 
praestigiis velut guihusdam audiewtium ammos deleniens^ et ut hremter dicam, 
ut in scaena choragium lucukntum eaeponit sophisHca pompa digtmm. 

2) Als dritter kommt noch hinzu: es muls innerhalb der euiselnen 
Werke geschieden werden nach den einzelnen Gegenständen, die darin vor- 
kommen: die Räuber oder der betrogene Schmied sprechen anders als einer, 
der in Juno oder in Isis betet, die FoÜb wird mit andern Mitteln der §m- 

geiohflderi als die Weltg<)tfcin oder die Fortana auf ihrer Kugel, 
*^din all ein Zanbeigarten oder ein Feenpalast, und 
-«^inftfea libidinis, andere 'es war einmal ein 
dni gar lohOne TltohtaP. 



Spfttlai. Litteratur: der neue Stil: Afrika: Appuleius, Minncius. 605 

lateinischen Autor wie Appoleius, in denen auf 350 Seiten kaum 
der Name eines griechischen Autors^ kaum ein griechischer Buch- 
stabe vorkommt, ist der Stempel der Perversität von vornherein 
aufgedrückt. 



3. Die Sophistik im Stil der frühchristlichen 

afrikanischen Autoren. 

Würdig erofiEhet die unübersehbar lange Reihe der christ- Mium 
liehen lateinischen Prosaiker Minucius Felix mit seinem zu 
allen Zeiten vielgepriesenen ^Octavius', der uns wie durch ein 
handBchriftliches Wunder überliefert ist.^) Da ich eine kommen- 
tierte Ausgabe des Dialogs vorbereite, gehe ich hier auf ein- 
zelnes nicht ein^ und das um so weniger, als ich das meiste hierher 
Grehorige in meiner Abhandlung De Minucii Felicis aetate et 
genere dicendi (Wiss. Beilage zum Vorlesungsverzeichn. d. Univ. 
6reifi9wald Ostern 1897) bereits berührt und der Schrift ihren 
Platz in der Geschichte der antiken Eunstprosa angewiesen habe. 
Minucius hat es mit einzigem Geschick verstanden, auf dem 
Grunde der Philosophie Ciceros und der Diktion Senecas in 
einem den verwöhntesten Ansprüchen genügenden hocheleganten 
Modestil die neue Religion den gebildeten Heiden zu empfehlen; 
die zierUchsten Figuren des modernen sophistischen Stils, vor 



1} Bekanntlich als ^liber octavus' des Amobius (cf. über dies Ver- 
sehen meine o. S. 469, 2 citierten 'Beiträge z. (resch. d. griech. Philos.' 429, 1). 
— Den Arno bi US schlierse ich übrigens von dieser Betrachtung mit gutem 
Gnmde ans: man braucht nur ein paar Kapitel zu lesen, um sofort zu er- 
kennen, daft er, stilistisch (nicht sprachlich) offenbar Anhänger einer mehr 
k1ftstiiiniiiii*hftr Richtung, in eiaem ganz andern Stil schreibt als Appuloius 
und die übrigen Afrikaner: lange Sätze ohne Parallelismus und ohne die 
Wortflgoren des sophistischen Stils. Einen um so reichlicheren Gebrauch 
macht er von den cxi/iftata diavolagi es dürfte keinen Schriftsteller geben, 
der die riietorische Frage so im Übermafs angewandt hätte. Das stimmt 
gut in dem gansen Ton dieses infttmsten Pamphlets, welches das Altertum 
uns ftberliefert hat und welches den feingebildeten Christen selbst höchst 
peinlich war: denn es ist doch gewifs Absicht, dafs Lactanz in der Auf- 
rthlntg der KUeraH, die das Christentum verteidigt hätten (div. inst. V 
1, tt £), das Werk seines Lehrers Arnobius totschweigt: der fanatische 
Sdmier hatte die neue Religion offenbar mehr kompromittiert als gerecht- 
teligl; das, mi er verdorben hatte, machte das edle Werk des Schüler» 
vfategnb 



00() Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

allem den Gliederparnllelismus mit Gleichklang am Ende^ weifs 
er mit einer Grazie anzubiingen, die, obgleich sie keine natür- 
liche, sondern eine durch Studium und gelegentlich durch Raffine- 
ment erworbene ist, doch nirgends verletzt wie bei Appuleius. 
Aber freilich: wie sein Christentum kein tiefes und dogmatisches 
war, so genügte auch dieser selbst bei der gröfsten indignatio 
immer zierliche und posierende Stil nicht den Anforderungen, 
die an die schriftliche Verteidigung des noch mitten im toben- 
den Kampf stehenden jungen Glaubens gestellt wurden, 
frtuiiun. Tertullians Naturell und Stil war für diesen Kampf ge- 

schaffen: dieser ardeus vir (Hieron. ep. 84,2) hat in einer Flammen- 
sprache geredet. Ein Fanatismus ohnegleichen tobte in ihm, 
eine ihn selbst und andere verzehrende Glut. Mafslos wie sein 
Hafs gegen die Heiden und die heterodoxen Christen, zügellos 
wie seine Phantasie ist seine Sprache. Von keinem ist die la- 
teiuische Sprache auf einen so hohen Grad der Leidenschaftlich- 
keit gehoben wie von ihm; das Pathos, das Tacitus mit vornehm 
verhaltener Indignation zurückdümmt, vrird bei ihm zu einer 
alles Widerstrebende mit sich wirbelnden Sturmflut; er hat die 
hoheitsvolle Ruhe des Tacitus mit der turbulenten Leidenschaft- 
lichkeit und dem pamphletistischen Ton des Juvenal sowie mit 
der affektierten Dunkelheit des Persius verbunden (die beiden 
ersteren hat er nachweislich gern gelesen). Es giebt keinen 
lateinischen Schriftsteller, bei dem die Sprache in so eminentem 
Sinn der unmittelbare Ausdruck des inneren Empfindens gewesen 
wäre. Er ist ohne Frage der schwierigste Autor in lateinischer 
Sprache; keiner stellt so rücksichtslose Anforderungen an den 
Leier: er deutet meist nur an, verlafst einen Gedanken plötzlich, 
«m ohne anknüpfende Partikeln^) zu einem andern überzuspringen, 
■Des ein Aueflnla übersprudelnder Leidenschaftlichkeit und hastiger 
hnialiSt des Denkens. Er hat mehr als irgend ein antiker 
inftateller das hSehste Gesetz antiker Kunstanschauung ^ die 
iwdmuig des Individuellen unter das Traditionelle, verletzt: 
Doa mit vollem Bewufstsein und mit Absicht, denn was 
'nabeeverwandter im Osten, Gregor von Nazianz, einmal 

« flitkmikt das hflbBch durch Vorgleich des lateinischen Originals 
mit der von Eusebios benutzten griechischen TberseUnng, 
in Text^ u. Unter«. VTII 4 ;18l)e p. 20 ff. bemerkt. Öfters 
Vgl und überhaupt die Prägnanz seines Aasdracks verflacht. 



Sp&Üat. Liüeratnr: der neue Stil: Afrika: Tertnllian. 607 

sagt: tä iQ%ata nai^k^BV ISov ysyove rä ndvxa xaivd^ das war 
auch seine fundamentale Überzeugung. Mit einer geradezu bei- 
spiellosen Willkür meistert er die Sprache^ um sie in die Fessebi 
seines herrisclien Denkens zu zwängen; er ist so recht eigentlich 
der Typus des christlichen Sprachschöpfers gewesen, aus den 
gewaltthatigen Neuprägungen atmet der Geist eines Mannes, der 
Yon dem Glauben durchdrungen war, dafs das Christentum als 
eine neue Gröfse in die Welt gekommen sei und daher neue 
Faktoren für seine Ausdrucksweise beanspruchen dürfe. ^) Die 
yerhältnismäfsig grofse Biegsamkeit und Geschmeidigkeit, die 
der lateinischen Sprache in sehr alter Zeit eigen gewesen war 
und die sie durch die Bestrebungen der Puristen und Aualogisten 
in stetigem Fortschreiten verloren hatte, ist ihr thatsächlich durch 
das Christentum wiedergegeben worden, freilich in einer Art und 
in einem Umfang, die ihrer gravi tas widersprachen. Um gar 
nicht zu reden von den nach Hunderten zahlenden völligen Neu- 
bildungen, durch deren Aufzählung einst D. liuhnken das Gruseln 
seiner Leser vor diesem *Afer' erwecken wollte*): was seine 
Lektüre besonders erschwert, sind die Bedeutungsänderungen, 
die er mit herkömmlichen Wörtern vornahm; das, was nach der 
Ansicht der griechischen und lateinischen Reaktionspartei das 
ärgste Brandmal eines Schriftstellers war, war für ihn die höchste 
Devise: iiBzaxdfatts xb vöiiiöna, so, um aus der grofsen Masse 
nur einiges anzuführen, das ich mir zufällig notierte: für ihn 
ist äbrumpere »^ desciseere, condicere = cotisentire, detinere = con- 
vmeere und «» accusarej erogare = consumcre und = interficei'e, 
expm^gere = perficere und = absolvere, ohduccre = convincere, rc- 
peraäere «=« refutare, resignare = violare, suhscriberc = coficedere, 
sustinere «= exspedare; antecessor = doctor; porro = atqtän. Im 
engsten Zusammenhang damit steht, dals er, der homo bilinguis, 
dem griechischen Idiom auf das lateinische einen derartigen Ein- 
floJJi gestattete, wie es weder vorher noch nachher jemand ge- 
wagt hat. Wenn er freilich philosophische Eunstausdrücke mit 
neuen lateinischen Worten wiedergiebt, wie yLd^6ig discentia 
iofd^vffli^ reminiscentia^ xb &v(iix6v indignaüvum xb imd^v(irixi- 



1) Gf. auch H. Leopold, Üb. d. Ursachen d. verdorb. Lat. bei d. Eirchen- 
Tfttem in: Z. f. bist Theol. (ed. Ilgen) VIII (= N. F. II) Heft 2 (1838) tio ff. 
S) Leopold 1. c. 33 f. 



g08 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

x6v cancupiscentivum u. dgl. viel^), so unterscheidet er sich darin 
weder in der Theorie noch in der Praxis von Cicero und Seneca^ 
aber er hat sich keineswegs auf solche nicht zu umgehenden 
Fälle beschränkt, sondern die Sphäre der Gräcismen in Über- 
setzung griechischer Worter und Konstruktionen ganz beträcht- 
lich erweitert. Auch hierfür ein paar aus der Menge heraus- 
gegriffene Beispiele: dUegradia avis {njfißcetog (de yirg. Tel. 17) 
conrecumbere 6vyxataKkivE6^ai> (de test. an. 4)^ tnultivorantia et 
mulHniibentia noXvtpayCa xal xokvyafiia (de iei. adv. psych. 1), alia 
delida erunt remissibüiaf alia inrenUssibüia ätp^ia — oint &q)svda 
(de pud. 2); salutificatar tfaiti}^ (de pud. 2 u. o.; später einigte 
man sich bekanntlich fär salvahr), sed et huic materiae propter 
snavüfidios nostros graeco quoque stilo satisfecimus (piXoxaiyiMvag 
(de cor. 6)^ caeli ambitus nunc subdivo ^lendidus nunc nübüo sor- 
didus tp imaid'Qp (de pall. 2); commune est nomen viH etiam 
nondum viri xov oihcm Zvtog ivÖQÖg (de yirg. vel. 8), ex quo se 
intellegere coeperit (mulier) et sensum naturae suae intrare et de 
virginis exire tov rrjg na^ivov i^Uvav (ib.), inter se dissensiones 
at 7t(fbg iXXi^Xovg diatpoQai (ad mart. 1), taiia et tanta fuHUa 
eorum xoiavta tucI xo6avta tä ain&v xsvi i6uv (de pud. 2); in 
pridie usque atog xov XQoiijv (ad Scap. 2)^ nomina sie sunt insti- 
tuta, ut fines su>os habeant inter dici et esse luxa^ xoi> Idysöd-at 
xal xov slvav (ad nat. I 5), desponsata quodammodo nupta, tarnen 
inter quodammodo et verum satis interest inBxa^if rot) xAg (de Yirg. 
vel. 6), per ubique orbis dtä %avxa%ov yf^g (de pall. 2), de viro et 
mutiere apostolus tractat, cum ülam oporteai velari, ülum vero non 
xbv de (iii (de virg. vel. 8), etsi mundus non est f actus ex Uta 
(materia), sed haeresis facta est &Xk* ^ ys aX(fB6ig (adv. Hermog. 23)*), 
si oblectari novisse nolumuSj nostra iniuria est, si forte, non vestra 
etnsff &Qtt (apol. 38, eine seiner Lieblingsphrasen, cf. Dehler zu 
de cor. 5), cuius (vacculac) et dorso vehebatur et, si quando, ubere 
alebatur atnaQ noxi (ad nat. 11 14 u. oft so), recognoscite si men- 
tior (apol. 13 statt des Konjunktivs, cf. Dehler zu ad mari 2), 



1) Wesentlich auf diese Seite der tertullianischen Wortbildung be- 
schränken sich die ausgezeichneten Abhandlungen von G. Haoschild, Die 
Grundsätze und Mittel der Wortbildung bei T., Progr. Leipzig 1876 und 
Frankf. a. M. 1881. 

2) Cf. H. Kellner in : Theol. Quartalschr. LVm (1876) 240, der dies sed 
aber unrichtig beurteilt. 



Spftüat. Lüteratnr: der neue Stil: Afrika: TerMlian. 609 

neseio ne plns de vobis dei vesiri quam de ndbis querantur fii^ Aya- 

vaMxaüöi (ad nat. I 10, cf. Dehler zu apolog. c. 2 i. f.), nicht 

nur est aesümari (de tesL an. 5), sondern auch est recognosci (de 

cor. 8) und exüus quem saepe evenire est (de pud. 8, cf. Wolflflin 

im Archiv £ Lex. 11 136, Priedländer zu Petron 67); griechischer 

Gebranch des Particips ^), z. B. manifestus est Idbefactans fidueiam 

ipopagög iffti 6q>dXX(ov (de res. 81), praevenio admonens ^avm 

ipapLvi^ag (de praescr. 9), magis damncUi quam absoluti gaudemus 

xatadtxaiöfievoi' fL&XXov ^ &noXv6fisvoi %aCQoyLSv (ad Scap. 1)^; 

griechischer Gebrauch des InfinitiTS, z. B. promptam mederi fheria- 

com (ad Scorp. 1), si quis praevenerat descendere üluc (de bapt. 5), 

ng» occasianem tum Juxbere cui debitum solveres (de exh. casi 10, cf. 

Oehler zu de pud. 13); das Futurum ftir den Optativ mit fii/*), z. B. 

liaee erunt exempla tavt^ &v etii xaQadEtyfioTa (de ieiun. 16); der 

Infinitiv des Perfekts für den des Aorists^), z. B. ostendisse dAueras 

Idsi 66 ix^sl^ai (adv. Marc. U 16); multa dicendum fuit xoXkä 

ilqftfiiov fyf (de pall. 3, cf. ib. 4 Sardanapalum tacendum est), 

exempti Senium ä^iftuiivoi tö y^gag (de pall. 1, cf. ib. 2 Tuscia 

Vulsinias deusta, Campania erepta Pompeios), gloria illicitum est 

(de virg. vel. 13 u. oft so, cfl Oehler zu de pall. 1); Gebrauch 

transitiver Verba als Intransitivs^ z. B. in der Schrift de pallio 

eruetare explicare exierminare inquietare mutare obhumare producere 

stipare suspendere'^ Yertauschung des Akkusativs und Ablativs bei 

in wie im Griechischen gerade auch jener Zeit iv für dg oder 

umgekehrt, z. B. in insuiis rdegamur (apol. 12), Christianos esse 

m causam (ib. 40).^) Die Einwirkung seiner Neuerungen auf 

die Nachwelt ist eine unberechenbar grolse gewesen. „Er hat. 



1) Cf. EeUner 1. c. 239. 

2) Vergü sagte zuerst aen. X 500 quo nunc Turnus ovtxt spolio gau- 
detque potitus, [Tibull] DI 4, 60 nee gaudet casta nupta Neaera domo; etwas 
anders Orid a. a. I 845 gaudent tarnen esse rogatae, indem er auf gaudere 
übertr&gt eine Konstruktion, mit der Catull vorangegangen war: 4, 1 ait 
fudsse nafnum celerrimus, was wohl zuerst Lucan auf die Verba des Meinens 
ausgedehnt hat: IX 1087 tutumque putavit tarn bonus esse socer. 

8) Cf. Kellner 1. c. 288 f. 

4) Kellner 1. c. 285, der die Erscheinung aber unrichtig beurteilt. 
Dieses Infinitivs haben sich seit Tibull die Elegiker bekanntlich zur me- 
trischen Erleichterung des Pentameters bedient. 

5) Cf. P. Langen, De usu praepositionum Tertullianeo (Ind. lect. Mfln- 
ster 1869/70) 14, der aber unrichtig von einer 'Nachlässigkoit' des T. spricht. 



610 ^on Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

sagt Harnack (Sitzungsber. d. Berl. Ak. 1895, ^6)> ^^^ lateinischen 
Christenheit die Sprache scha£fen helfen; vor ihm hat sie nur 
gestammelt^ von ihm hat sie reden gelernt. Weder einer der 
Yulgärdialekte, wie wir sie in altlateinischen christlichen Schriften 
finden y noch die Kunstsprache des Minucius und Lactantius ist 
zur Edrchensprache geworden , sondern die Sprache Tertullians, 
wenn auch ohne seine Extravaganzen und mit der unverwüstr 
liehen Politur, die ihr Gyprian gegeben/' Wenn sich bis in die 
romanischen Sprachen griechische Konstruktionen erhalten haben, 
so ist das in letzter Hinsicht durch Tertullians Praxis, die mit 
derjenigen der ältesten Bibelübersetzungen übereinstimmt, be- 
dingt, z. B. fpikatv i%(o amare häbeo io amerö (c£ Dehler zu de 
fug. in persec. 12, Ph. Thielmann im Arch. £ Lex. TI 60 £f.), oW 
8rt sdo quod (quia) io so che: wenn wir erst eine wissenschaft- 
liche Darstellung über die Gräcismen im Lateinischen besitzen 
werden, so wird sich herausstellen, daüs das Griechische, zunächst 
die Sprache der Gelehrten und der urbanen Konversation, indem 
es sich, wesentlich auch durch den Einflufs des Christentums, 
zur Weltsprache ausbildete, hauptsächlich in den drei ersten nach- 
christlichen Jahrhunderten ein bedeutsames Ingrediens des sog. 
Vulgärlateins geworden ist, ein Prozeüs, dessen Anfänge (s. oben 
S. 183 f. 193 f.) man schon in Plautus (aber hier nur in geringem 
Mafse) und in Ciceros Briefwechsel erkennt, und der durch Pe- 
trons Cena gewissermafsen urkundliche Bestätigung erhält. 

TertuUian, in seiner Sprache im einzelnen der subjektivste 
und individuellste Schriftsteller und ein Verächter jeder Tradi- 
tion, ist in seiner Darstellungsweise im ganzen, speziell in seinem 
Stil durchaus ein Kind seiner Zeit und ein Repräsentant einer 
mehr als halbtausendjährigen Tradition. Ich wü&te kaum einen 
andern griechischen oder lateinischen Autor zu nennen, in dessen 
Schriften die Kontinuität der von den alten Sophisten ausge- 
gangenen Entwicklung mit gleicher Deutlichkeit zu erkennen 
wäre wie in den Schriften Tertullians. Mit unglaublichem Raf- 
finement versteht er es zhv ^rroi X6yov XQsitrm xotatVj seine 
stets eminent subjektiven Ansichten mit den überlieferten That- 
sachen der h. Urkunden durch verwegene Interpretation oder 
durch scheinbar zwingende Kettenschlüsse in Einklang zu bringen^ 
wie es einst die alten Sophisten mit den homerischen Gedichten 
machten, und durch lange Antithesenreihen und Advokatonknifle 



Sp&Üateinifiche Litteratur: der neue Stil: Afrika: Tertollian. 611 

aller Art den Leser in seine turbulenten Gedankenkreise zu 
zwängen; warum soll man sich scheuen, die Wahrheit zu s^en: 
in der Art der Argumentation unterscheidet sich dieser christ- 
liche Sophist und Bhetor nicht im geringsten von den E3opf- 
fechtern und Haarspaltern, die Piaton besonders im Euthydem 
gezeichnet hat — auch darin gleicht er den alten Sophisten, 
dafs er grofsere oder kleinere Gedankenreihen aus eigenen früheren 
Schriften in spätere herübemimmt, z. B. ad nat. fast ganz aus dem 
apolog., de virg. veL teilweise aus de or. — , und nur dadurch ver- 
söhnt und erwärmt er, dafs er das, was er sagt, wirklich ftihlt 
und die sophistische Form nur als Mittel zum Zweck betrachtet, 
indem er seine Kunststücke in den Dienst einer grolsen Sache 
stellt« Wenn man die Bücher gegen Marcion liest, so hat man 
den Eindruck, dafis ein Sophist dem andern mit gleichen Waffen 
zu Leibe rückt: das Raffinement, mit dem er die scharfsinnigen 
Aufstellungen seines Gegners dialektisch zerlegt und widerlegt und 
dessen Antithesen seine eignen Antithesen entgegenhält, ist gerade- 
za staunenerregend und erinnert aufs lebhafteste an die haai- 
scharfen XiyyoiJM%üicL des Gorgias, Chrysipp und Eleanthes mit den 
döicu der entgegenstehenden aCifdesig; dieselben Mittel der Dialek- 
tik verwendet er da, wo er die griechischen Philosophen bekämpft, 
z. B. de test. an. 2. Oder wer fühlt sich nicht an altbekannte 
sophistische Eunststückchen erinnert, der ihn z. B. mit folgenden 
Worten auf seine Gegner losfahren hört, die den Ehebruch zu 
den durch Reue sühnbaren Verbrechen rechneten und ihm durch 
die Erlaubnis der Wiederverheiratung steuern wollten: ctir ergo 
et crimina postmodum indtdgent paenitentiae nomine^ quorum reme- 
dia praesiUuunt mtUtinubentiae iure? nam et remedia vacäbunt, cum 
crimina indiügentur ^ et crimina manebunt^ si remedia vacabunt 
itaqtte utrdbique de soUicitudine et neglegentia ludunt, praecavendo 
vanissime guibus parcunt et parcendo inqptissime quüms praecavent, 
cum aut praecavendum non sit ubi parcitur aut parcendum non sit 
ubi praecavetur. praecavent enim quasi nolint admitti aliquidf in- 
dulgent autem quasi velint admitti; quando, si admitti nolint, non 
dAeant indutgere^ si induigere velint, non debeant praecavere (de 
pud. 1), oder auf diejenigen, die aus der Thatsache, dafs die h. 
Schrift die Bekränzung nicht verbiete, folgerten, daUs sie erlaubt 
sei (de cor. 2): facHe est statim exigere, ubi scriptttm sit ne coro- 
nemur. atenim scriptum est, ut coronemur? expostulantes enim scrip- 

Korden, antike Knnttproia. II. 40 



f512 



1 Hadrian bis b 



1 Bnde dar Kaisenwit. 



^ 



turae pafrocintum tit parte diversa praeitidicant sitae quague fKJ^H 
scripbtrae patrodmum aäesse debere. nam si ideo dicäur coronari 
Ikcre, guia non prohibeat sa-ip^ra, aeque retorguebitur ideo coronari 
no» licere, quia scriptura non mbcat. quid faciet discipUna? tttrutn- 
que redpiet, qtuisi neutrum prohibitum sit? an vtrumque reiciet, 
quasi tmttnim praeceptum sit? 'sed quod non prohibetur, uUro per- 
missum est") immo proh^eUir qtiod non ultro est pemnssum{l). 

Eis (leutliches Abbild acicer Stellung zur Sophistik ist auch 
sein Stil als Ganzes betrachtet: Tertulüan ist ein geradezu exem- 
plarischer Vertreter der 'modernen' Stilrichtung, die ich aus der 
sophistischen Kmistprosa der platonischen Zeit abgeleitet und 
deren Charakteristika ich früher (S. 277 ff. 381 ff. 408 S.) für die 
Litteratur der Kaieerzeit zu sammeD gestellt habe. Es ist begreif- 
lich genug, dafs die hervorragendste Eigentümlichkeit der so- 
phistischen Kunstprosa, die Antithese, geradezu die Signatur 
des tertuUiani sehen Stils ist: diese Figur war wie keine andere 
geeignet, den Gedanken eines Mannes Ausdruck zu Yerleihen, 
der nicht zum Aufbauen, sondern xum Zerstören geschaffen war. 
Gelegentlich hat er durch sie eine wahrhaft grofsartige Wirkung 
erzielt, so, wenn er in seiner Schrift an die Märtyrer (c, 2) den 
Nachweis ftihrt, dafs ihr Kerker die wahre Freiheit sei^ aber in 
den weitaus meisten Fällen hat er sie in jene seit Gorgias ge- 
läufigen, eug zuHammengedriingten und pointierten Formen ge- 
kleidet, die dem antiken Empfinden ebenso schmeichelten wie 
eie das unsrige verletzen; so wenn er de pud. 1 ausführt, die 
Keuschheit der Heiden wäre nutzlos, selbst wenn sie existiert 
hätte, malim nuilwn bottum quam vanum: quid prodest esse qmd 
esse tum prodest? oder ad nat. I 5 von den falschen Propheten: 
nOM xtaHm sunt quia diaintur, sed qvia non stml f'ntslra dicunttir, 
oder de pall, 2 sidcrum distinda confusio oder ib. vom toten Meer 
Mortem cirtf. Ära häufigsten tritt die Antithese anf in der Form 
de« (besonders drei- oder viergliedrigen) isokolischen Sati- 
'allelismus mit Homoioteleuton, also jener Figur, deren 
■ichte Hcit Gorgias wir verfolgt haben, an gehobenen Stellen 
Utiger Berücksiclitigung des rhythtnischen SatzscbluM 



'«» dor Diatribe Btamniende {e. o. S. ISS, I. S 
•t{)OuLia' runvmidet er anfserord^ntlic'h oft, cf rtwx ■ 



Sp&ÜateiniBche Litteratur: der neue Stil: Afrika: TertuUian. 613 

über den ich im Anhang II handeln werde ^ so, nm aus den 
Tausenden von Beispielen nur ganz wenige anzuführen: de pudic 
in. pudicitia flos tnorum honor corporum decor sexuum (j. u }. j. ^ ^), 
integritas sanguinis fides generis fundamentum sancHtaiis pradudi- 
dum cmnis bonae mentis {j. kj i. i. J), quamquam rara nee facüe 
perfecta vixqtie perpetua (j. ^j i. ^i^ J), tarnen aliquatenus in saeculo 
moräbitur, si natura praestruxerit {j. ^ i. j. ^ ^) si disciplina per- 
suaserit (^ u a. z ^ 6) si censura conipresserit (j. kj i. jl k^ ^), siquidem 
amne animi honum aut nasdtur aut eruditnr attt cogitur (j. y^ i^ j. ^ ^). 
sed ut nuüa magis vincunt (o^ u ^. j^ _); quod ultimorum temporum 
ratio est {j. ^ ^ s^ J), bona iam nee nasci licet ita corrupta sunt 
semina {j, kj i. j. ^ ^) nee erudiri ita deserta sunt studia (^ u i. o^ u) 
nee cogi ita exarmata sunt iura {j. kj ^ j. J)y ib. 3 i. f. ita nee paenir 
tenOa huiusmodi vana nee disciplina eiusmodi dura est. deum anibae 
honorant. üla nihil sibi blandiendo facilius impetrdbitj ista nihil sibi 
adsumendo plenius adiuvabit, de test. an. 1 novum testimonium ad- 
voeOj inimo omni litteratura notius omni doctrina agitatius omni 
edüione vulgoHus toto homine maiuSy id est totum quod est hominis. 
consiste in medio anima: seu divina et aetema res es secundum 
plures phüosophos^ eo magis non mentieris: seu minime divina, quo- 
niam quidem mortaliSj ut Epicuro soli videtur, eo magis mentiri 
non äAAis: seu de eado exciperis seu de terra conciperis seu nur 
meris seu aiomis concinnaris seu cum corpore incipis seu post cor- 
pus induceriSf undeunde et quoquo modo hominem facis animal 
rationale sensus et scientiae capacissimum , ib. 5 haec testimonia 
ammae quanto vera tanto simplicia, quanto simplicia tanto vulgaria, 
gwnUo mdgaria tanto eommuniay quanto co^nmunia tanto naturalia, 
quanto naturalia tanto divina. de pall. 1 tamen et vobis habitus 
dliter olim tunicae fuere et quidem in fama de subteminis studio et 
Itfuitiiis eoncüio et mensurae temperamento, quod neque trans crura 
proäigae nee intra genua inverecundae nee bracdiiis parcae nee 
mumibuß artae^ ib. 2 ceteri quoque eius omatus quid non aliud ex 
dUo mukmiy et monUum scapulae decurrendo et fontium venae ca- 
viOando et fhminum viae dbhumando; de pud. Sita primofdio 
Beamdum oecasiones paräbolarum ipsas materias confinxerunt doc- 
tnnammf de cor. 3 hanc (coronam) si nulla scriptura determinavit, 
eerle eanmietiido eorreboravit, quae sine dubio de traditione manavit, 
ib. 15 ri totes imagines in visionCy quales veritates in repraesenta- 
Hone? de test an. 6 suspectam habe cofivenientiam praedicationis 

40* 



614 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

in tanta disconvenientia conversationis. Diesem Parallelismus zu- 
liebe hat er oft zu ungewohulichen Wortformen und Konstruk- 
tionen gegriffen, eine Erscheinung, die ich f&r mehrere griechische 
und lateinische Schriftsteller im Greifswalder Prooemium Ostern 
1897 festgestellt habe, die bei Tertullian aber einer eignen Unter- 
suchung bedarf^), vgl. etwa de yirg. vel. 17 fadem üa tegunt, ut 
uno ocülo liberato contentae sint dimidiam frui lucem qiuifn iotam 
fadem prostituere, adv. Marc. I 1 feritas fabulas scaenis dedit de 
sacrifidis Taurorum et amorUms Colchorum et crucä^us Caueasorumf 
apol. 46 philosophus famae negotieUor, verborum et factorum Operator^ 
rerum destructor, veritatis interpolator et furatar, wo opercftor de- 
structor furator Neubildungen zuliebe den andern Substantiven 
sind.^) Wenn man endlich noch hinzunimmt die massenhaften, 
für unser Gefühl meist höchst frostigen Wortspiele, z. B. ad 
nat. I 3 nomen (der Ohristenname) in causa est, qxiod quaedam 
occulta vis per vestram ignorantiam oppugnat, tU nolüis sdre pro 
certo qiAod vos pro certo nescire certi estis (cf. Pers. sai 1, 27), ib. 8 
fidem vestram vanüaübus potius quam veritatibus deditamy apol. 50 
ad lenonem damnando Christianam potit^s quam ad leonem, de pud. 2 
limitem liminis, adv. Marc. I 1 quis tarn castrator camis castor quam 
qui nuptias abstulit, ib. UI 13 infantes Pantid qui ante normt lem- 
ceare quam landnare (kauen), de yirg. veL 17 dum in capite secura 
estf nuda qua maior est capitur tota cum capite^), so wird man 
behaupten dürfen, dafs Tertullian, der ernste Eiferer, sich von 
Appuleius, dem nichtigen Flattergeist, in den äulseren Mittel- 
chen, mit denen er seinen Stil aufputzt, gar nicht unterscheidet^): 
beide haben in die lateinische Sprache übertragen, was sie bei 
den griechischen Rhetoren lernten, die ihrerseits Sophisten vom 
reinsten Wasser waren, würdige Nachfolger des Gorgias und 



1) Cf. auch Fr. Ritter 1. c. (o. S. 596, 2). 

2) Cf. Jos. Schmidt, De nom. verb. in tor et triz desinentiiiin ap. T. 
copia (Gynm.-Progr. Erlangen 1876) 12. 

3) Andere Beispiele bei E. Noeldechen, Tertullian (Gk)tha 1890) 483, 1. 

4) Man vergleiche z. B. die Schilderung des Pfaus (de pall. 8) pavo 
pluma vestis et quidem de caJtaclisHs, immo omni conchylio pressior qua catta 
florent et amni patagio aurcUior qua terga fulgent et omni syrmate soMior 
qua caudae iacent, multicolor et discolor et veraicolor, numquam ipaa semper 
alia et semper ipsa quando alia^ toties d^nique mtUanda quoties movenda 
mit den i%(pQdasiß der Florida. 



e Lhlentnr: der neae Stü: Afrika: Tertallian. i>15 

Hegesias. Mmn kann daher aa« Tertnllian för Appuleius etwas 
lernen: die duiXd^is des letzteren, aus denen unsere Florida be- 
kanntlich AnsKfige sind, haben wir uns in ihrer Tollstandigen 
Gestalt genan nach Analogie der Schrift Tertullians De pallio 
zu denken; die Veranlassung ist hier wie dort eine personliche, 
die aber im weitem Verlauf hinter der sophistischen Schau- 
stellung pmnkhaften Wissens Ton allerlei mehr oder weniger 
tändelndem und amüsantem Raritätenkram zurücktritt oder fast 
ganz verschwindet.^) Dagegen sind Cyprian und Lactanz seine 
stilistischen Widersacher: Tertnllian verhält sich zu dem behag- 
lich breiten und nie übermä&ig leidenschaftlichen Cyprian wie 
Tacitus zu Livins (was um so stärker hervortritt, weil Cyprian 
inhaltlich in bewulster Abhängigkeit von ihm steht: man lese 
nebeneinander z. B. Tert. de patientia und Cypr. de bono patieu- 
tiae)| zu dem urbanen, maCs vollen ^ im Stil weder zu knappen 
noch SU breiten Tiactanz (cf. dessen verwerfendes Urteil über 
den Stil Tertullians div. inst. V 1) wie die Deklamatoren bei 
Seneea zu Cüeero. 

Wie ftr Appuleius, so gebrauchen wir f&r Tertullian drin- 
gend eine sprachliche und stilistische Analyse, femer einen Kom- 
mentar in der Art, wie wir ihn von Salmasius besitzen zu De 
pallioy der schwierigsten Schrift in lateinischer Sprache, die ich 
gelesen habe. 

4. Der Stil der Predigt in Afrika. 

Wir haben oben (S. 550 S.) gesehen , dals die entwickelte Aiig^ 
Predigt sich die Mittel der profanen Rhetorik angeeignet hat, 
and aaeh die Gründe dafür, dafs es so geschehen muTste, kennen 
gelernt. Die allgemeinen Verhältnisse waren im Westen zwar 
dieselben wie im Osten; die Weltreligion konnte nicht in der 
Spradie der Bergpredigt verkündet werden. Aber im einzelnen 
miib doeh, wie bereits früher (S. 573 £f.) angedeutet ist, ein ge- 
wieser unterschied konstatiert werden. Im Osten wurde die 
helleniaelie Knltor verhaltnismäfsig rein durch eine Reihe von 
Jelmliimderten bewahrt, es war eben, wenn auch ein greisen- 



1) Bas griechische Gegenstück ist die o. S. 422 ff. besprochene Rede 
des wafOEUL 



616 ^on Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit. 

hafteS; 80 doch ein einheitliches und durch das Band derselben 
Sprache zusammengehaltenes Reich; im Westen d^egen fand 
die lateinische Kultur ihre Mission darin, die Barbarenvölker in 
ihre Kreise zu ziehen, mit ihnen eine Art von Yerschmelzungs- 
prozefs einzugehen, wodurch sie notwendig degenerieren mulsie. 
So erklärt es sich, dafs die Predigten etwa des Augustin oder 
Caesarius von Arles formell betrachtet nicht auf der Höhe derer 
des Joannes Chrysostomos oder des Proklos von Konstantinopel 
stehen: jene konnten ihrem Publikum nicht dasselbe zumuten 
wie diese ; sie mulsten auf ein niedrigeres Niveau herabsteigen, 
um verstanden zu werden. So kommt es, daCs die Predigten 
der Occidentalen viel mehr als die der Orientalen den Eindruck 
von Unterhaltungen des Geistlichen mit seiner Gemeinde machen, 
also viel weniger dem ursprünglichen Sinn der Predigt entfremdet 
wurden, als die mit der Sophistik fast ganz verschmelzenden des 
Orients. Freilich hat es auch im Occident Prediger gegeben, 
die die Mittel der profanen Rhetorik in umfangreicher Weise 
verwendet haben: das beweisen nicht blofs die Angriffe, die sie 
wegen ihres deklamatorischen Stils seitens ihrer Kollegen zu er- 
dulden hatten (s. o. S. 553), sondern auch die gemälsigt rhe- 
torischen Predigten des Ambrosius, die hochpathetischen eines 
Hilarius von Poitiers. Aber das waren doch nur Ausnahmen. 
Im allgemeinen, muTs man sagen, hat sich seit dem dritten Jahr- 
hundert in allen Kulturländern des Westens eine eigne Art von 
Predigtstil entwickelt, der sich zwar von der in völligen Schwulst 
und Raserei verfallenden sophistischen Diktion durch eine dem 
vulgären Verständnis angemessene Sprache vorteilhaft abhebt^ 
der aber auch seinerseits keineswegs auf gewisse, die Sinne 
stark erregende, rhetorische Klangmittel verzichtet. 
Die Theorie Als ciust Gorgias die in Olympia versammelten Hellenen 
wie ein Priester in feierlicher Rede apostrophierte, da bezauberte 
er sie durch jene Klangmittel, die von ihm den Namen erhielten 
und unsterblich werden sollten. Mit ihnen haben die christlichen 
Prediger die Ohren ihrer Gemeinde bezaubert, deren Herzen sie 
durch den Inhalt ihrer Lehre gewannen. Wir haben schon ge- 
sehen (S. 562 ff.), wie reichlichen Gebrauch von ihnen die grofsen 
Prediger des Ostens machten: in noch erhöhtem MaTse gilt 
es von denen des Westens. Die Signatur des Stils der 
christlichen Predigt in lateinischer Sprache ist der 



Spätlat. Litteratur: der neue Stil: Afrika: die Predigt. (317 

antithetische Satzparallelismas mit Homoioteleutoiiy 
nicht etwa; wie der Semitist vielleicht denken kÖDnte, jener 
^parallelismas membrorum', wie er sich in der hebräischen Poesie^ 
den Reden der Propheten^ den Beden Jesus findet (er war ganz 
anderer Art; vgl. Anhang I), sondern derselbe, deu in griechischer 
Bede Gorgias begründet hatte und dessen Geschichte in den 
Sprachen beider Völker wir verfolgt haben. Kein anderer uls 
Augnstin selbst hat uns das gesagt. Seine vier Bücher De doc- 
trina Christiaua enthalten die erste christliche Homiletik, aufge- 
baut, wie er selbst überall durch direkte Gitate eingesteht, ganz 
und gar auf der saectdaris sapientia (s. o. S. 526). Der grofse Lehr- 
meister war Cicero, der atictor Baniani eloquiiy wie er ihn nennt 
(lY 34). Die drei ersten Bücher enthalten die Lehre von der 
invmtiOy das vierte die von der eloctäio; die Grundlage des letz- 
teren bildet das von ihm öfters direkt citierte Werk Oiceros De 
oratore. Er unterscheidet danach die drei genera dicendi: das 
stännissum, das tempercttum^ das grande\ das erstere komme in 
Betracht wesentlich für das docere, das zweite für das movere^ 
das dritte für das flectere. Würde der Prediger nur 'belehren' 
wollen und also die ^niedrige' Bedeart anwenden, so würde, sagt 
er (§ 26), ad pamoos quidem studiosissimos shias pervetiire fnicim, 
qui ea guae discenda swntj quamvis abiecte inculteque dicantiir, scire 
desiderant. guod cum adqpti fuerint, ipsa delectabüiter veritate pa- 
scmntwr^ banorumgue ingeniorum insignis est indölesj in verbis vertitn 

amare non verba Sed quoniam inter se liabent nonnullam simüi' 

Uidinem vescentes atque discentes, propter fastidia plurimorum 
etiam ipsa sine quibus vivi non potest alimenta condienda 
sunt Das aber leiste nicht das sübmissum genus^ sondern die 
beiden andemi in denen die delectatio freilich nicht Selbstzweck 
werden dürfe, aber als Mittel zum Zweck des movere und flectere 
erlaubt I ja nötig sei Die delectatio bestehe in den ornamenta 
verhorum, Fflr ihre Verwendung im temperattim genus giebt er 
als Beispiele einige Stellen aus Paulus' Briefen, die ich schon 
oben (S. 503 ff.) angeführt habe: sie bestehen aus fortlaufen- 
den Antithesenreihen, wozu Augustin bemerkt (§ 40): totus 
fere locus temperatwm habet docutionis genus, ubi illa pulchriora 
sunt, in quibus propria propriis tamquam debita reddita^) 



1) Die Aosdrücke nach Cic. de or. U 268. or. 164 ff. 



«19 



Ton Hadri»a kii mm Ende der Kaiaeneit 



^llecenter czcurrunl. Er giebi dann fBr diese Diktion Beispiele 
tun» Cyprian und Anibrosius, in denen die Figur des Satzparalle- 
liamuit (propria proprih tantquam dcbita reddita) mit stArkea 
lEumoioteleuta herracht, z. B. Cyprian de habitu virginam c. 24: 
}u,omodo jyortavimiis imaginem eius qui de limo est, sie portavimus 
t imaginem eiua qui de caelo est. liaitc itnaginem virginilas portat, 
jrlat integritaa, sanctilas portat et Caritas, portant äisctpUnae de» 
memores, iustitiam cum religüme retinentes, stabiles in fide, humües 
Win iimore, ad omncm toleranliam forles, ad suslinendas iniurias 
Wmitas, ad faciendam misericordiam faciles, fratema pace unaninKS 
, aique concordes. Im gründe genus dürften die omamenta verhorum 
L faet nlie vorkommen, aber mit dem Unterschied, dafa sie hier, 
, die Äfi'ekte aufs höchste zu steigern, nicht gerade 
iht wflrdeo, wenn sie sich nicht von selbst darboten: daher 
t «r nach dem Citat einer hochpathetischen Stelle des Paulus 
i 44: nwmquid hie aut contraria contrariis verba sunt red- 
dita? woraus man sieht, wie wesentlich ihm diese Figur bei 
dem mittleren Genus erschien.'} 
• Wie stellt sich nun zu dieser Theorie die Praxis? Ich be- 

schränke mich in diesem Abschnitt auf die Afrikaner und wühle 
auch aus ihnen nur zwei aus: aufser Augustin selbst Cyprian, 
denn ihn darf man unbedingt unter die Prediger stellen, weil 
die meisten seiner Briefe und Traktate (ganz wie der zweite 
sog. Clemensbrief) nichts anderes sind als geschriebene Predig- 
: citiert doch auch, wie wir sahen, Augustin den CypriBn 
- d«n Stil der Predigt. 

prian wurde schon in alter Zeit als Stilist dem Tei^ 

seinem Lehrer, mit ähnlichen Ausdrücken gegenüber^ 

dlt, wie einst Livins dem Sallnst,') Wie seiner Persönlich- 

Bo ist auch seinem Stil der Stempel der Uilde und de« 

ns aufgedrückt Er ist daher der erst« christliche Scbrifl- 

in Uteiniacher Sprache, dessen in behaglicher Breite 

fthinfiiersender, mit Btbelstellen durduogener Stil etwas 

1 salbungSTollen Ton der Fredigt hat (wie im GnedüaelMa 

ilie des sog. zweiten Clemeoshriefe): qime wte 




^ SOS, 1) «^tfthrte 8M1« ic cn. da S 
*-****■*—■ m dfr W«Ha*4ang «ad 



M 

M 



Sp&Üat Litteratur: der neue Stil: Afrika: Cjprian. 619 

sagt Augustin adv. Donat. Y 17, e^ saepe repetmtem non satiant. 
tania ex eis iuctinditas fratemi amoris exhälat, tanta dukedo cari- 
tatis exvibenxty und: heaius Cyprianus, velut oleum decurrens in om- 
nem suavitatem, wie sich Gassiodor (de inst. div. litt. c. 19) Ise- 
aseidmend aasdrückt. Er war bekanntlich de rlietore Christiamtö 
geworden und hat seinen einstigen Beruf in seinem Stil nie yer- 
leugnet.^) Über diesen hat kürzlich E. Watson a. a. 0. (oben 
S. 593, 1) vortrefflich gehandelt: ich kann für alle Einzelheiten 
auf diese Arbeit verweisen, aus der zu ersehen ist, von welchen 
Gresichtspunkten ein Autor dieser Zeit stilistisch betrachtet 
werden muls.*) Die Signatur seines Stils ist der Satzparalle- 
lismus mit Homoioteleuton; die Beispiele sind so überaus 
zahlreich, daCs ich mich damit begnügen mufs, aufser dem be- 
reits von Augustin citierten (s. o. S. 618) ein paar beliebig 
herauszugreifen: ep. 76, 2: 

conservomtes firmiter dominica mandata: 
in sitnplicitate innocentiam, 
in caritate concordiam^ 
modestiam^ in humilitaUj 
düigentiam in administrationej 
frigüantiam in adiuvandis läborantibuSf 
misericordiam in fovendis pauperibus, 
in defendenda veritcUe constantiamy 
in disciplinae severitate censuram. 



1) Cf. aufser den bekannten Stellen (ib. § 882, 1) noch Gassiodor 1. c. 

(nach den angefahrten Worten) : declamator ifisignis doctorque mirahüis 

fNier äUa guae nobia facundiae suae clara monimenta derelinquit, in exposi- 
Hone CfaÜoma dtnnnUeae gwie contra suhrepentia vitia veltU invicttis ch'peus 
»emper oppamtur, UheUum declamatoria venustate conscripsit — Watson 1. c. 
106 bonerkt, dafs G. (wie Tertullian: s. o. S. 611) nicht selten sich selbst 
wArtiüoh aoBBchreibt: so haben es die Rhetoren seit dem V. Jahrh. y. Ghr. 
ffduilteiL 

S) Was er jedoch p. 217 ff. über den rhythmischen Satzschlufs vor- 
liriiigt, ist meist falsch, was mich umsomehr wundert, als er W. Meyers 
bahnlnechende Arbeit kennt. Ich komme darauf später zurück. — Was er 
ferner p. 8fi6 ff. als 'parataxis' bezeichnet, hätte vielmehr noXvnrtotov oder 
ma^OftoiaMtg genannt werden müssen. 

8) Den Chiasmus, den er Öfters anwendet, hat er dem Minucius Felix 
abgelemt: die stilistische und inhaltliche Abhängigkeit von diesem gek 
noch yiel weiter als man annimmt. 



620 Von Hadrian bis zum Ende der KaJBeneit. 

ib. c. 2 pedes fdiciter vindi, 

qui nan a fälso sed a Domino resolvuntur. 

pedes fdicUer vincti, 

qui itinere saiutari ad paradisum dirtguntur. 

pedes in saeculo ad praesens ligaü, 

tU sint semper apud deum liberi. 
(Anderes bei Watson 1. c. 221 £f.). Unter den andern Elang- 
mitteln ränmt er der Allitteration einen bedeutenden BAum 
ein (I. c. 225 f.), z. B. de cathol. eccl. unit. 11 hos eosdem denuo 
DominiLS designat et denotat dicens\ sie steigert sich zur Parono- 
masie, cf. in der zuerst eitierten Stelle ventate-severUaie^ Worte 
desselben Stammes werden sehr oft nahe beieinander oder an 
entsprechende Stelle der Kola gestellt: ad Demetr. 16 cum statu 
oris et corporis animum tuum statue, ep. 58, 2 et vivit in aeter- 
num et vivificat, ep. 65, 2 qui idolis sacrificando sacrilegia sacri- 
ficia fecerunt, sacerdotium dei sibi vindicare non possunt, de habitu 
yirg. 17 deum videre non poteris, quando oculi tibi non sunt quos 
deus fecit sed quos diaholus infecit (L c. 226 f.). Der durch eine 
Masse synonymer Ausdrücke oft übermäüsig angeschwellte Aus- 
druck (1. c. 230 ff.) pafst gut zu dem feierlich -erbaulichen Ton 
des Ganzen.^) 

Einen ganz andern Ton schlägt er dagegen stellenweise in 
der durch ihre glänzende Darstellung und ihren nicht dogma- 
tischen Ton auch für den Philologen anziehendsten, sittengeschicht- 
lich wichtigen kleinen Schrift Ad Donatum an. Dort kommt in 
der Einleitung ein Satz vor, der durch seinen (ganz an die Meta- 
morphosen des Appuleius erinnernden) Schwulst Augustins Auf- 
merksamkeit erregte: de doctr. Christ. lY 31 Hn populo autem 
gravi de quo dictum est deo laudabo te* (ps. XXXTV 18), nee iUa 
suavitas ddectäbüis est, qua non quidem iniqua dicuntur, sed exigua 
et fragüia bona spumeo verborum anibitu omantur^ quali nee magna 
atque stabüia decenter et graviter omarentur. est täte aliquid in 
epistola beatissimi Cypriani, quod ideo puto vel accidisse vd 



1) Cf. Fän^on, Dialognes sor rdloquence (Paris 1718) 227. B. Samt 
Oyprien, qu'en dites-vous? N'est-ü pas atMsi enfU (sc. comme TertuUien)? 
A. II Vest 8<ms deute. On ne pouvoU gueres etre autrement dans son siicie 
et dans son pays. Mais quoique son etile et sa diction sentent Fenflure de 
son tems et la dwreti Äfricaine, il a pourtant beaucoup de force et d'Elo- 
guence. 



Sp&tlat. Litteratur: der neue Stil: Afrika: Cjprian, Augustin. 621 

cansülto factum esse, ut scirettir a posteris, quam linguom doctrifiae 
chrisHanae sanitas ab ista redundantia revocaverit et ad eloquentiam 
graviorem modestioremque restrinxerit, qualis in eius cofiseqtientibus 
litteris secure amattir, religiöse appäitur, sed difficillime impletur. 
ait ergo guodam loco (c. 1) ^petamus hanc sedem: dant secessum 
vidna secreta, uhi dum erraiici palmitum lapsus pendulis nexibi^ ^) 
per arundines baiulas rqptant% viteam particum frondea teda fece- 
runt' non dictmtur ista nisi mirabiliter afluentissinia fecunditate 
faamdiae, sed profusione nimia gravitati displicent. qui vero Jiaec 
amant, profecto eos qui non ita dicunt sed castigatius eUquuntur^ 
ncn passe ita eloqui existimantf non iudicio ista devitare. quapropter 
iste vir sanctus et posse se ostendit sie dicere, quia dixit alicübiy et 
noUey quoniam postmodum nusquam. Man sieht hieraus deutlich, 
dafs nach Augustins Ansicht der manierierte Schwulst der so- 
phistischen Prosa von der spezifisch christlichen Beredsamkeit 
ausgeschlossen wurde , während er ihre zierlichen, durch das 
lledium der Ohren auf die Sinne wirkenden Klangfiguren im 
vollen Umfang bestehen liefs. 

Augustin ist auch als Stilist die gewaltige, Vergangenheit Augaitij 
und Nachwelt überragende Persönlichkeit. Nicht die in mehr 
klassischem Stil und (soweit das möglich war) klassischer Sprache 
verfafirten, an die ganze gebildete Welt gerichteten grofsen Werke 
kommen hier für uns in Betracht, sondern seine für das Volk 
bestimmten Predigten, denn in diesen hat er den Stil angewandt, 
der die Sinne seiner Zuhörer packte, weil er nicht gelehrt ar- 
chaisierend war, sondern durch tausendjährige, ununterbrochene 
Fortentwicklung seine ünverwüstlichkeit bewiesen hatte. In 
diesen Predigten herrscht der von ihm theoretisch empfohlene 
(s. o. S. 617 f.) Satzparallelismus mit Homoioteleuton in 
einem noch höheren Grade als bei Gyprian. Die sich jedem 
Leser aufdrangende Thatsache ist, freilich ohne dafs man die 
theoretischen Äulserungen Augustins herangezogen oder gar die 
nach rückwärts und vorwärts fahrenden Fäden erkannt hätte, 
öfters herroi^ehoben worden, nicht etwa blofs von Neueren wie 
E. WölSFlin') und A. Reignier^), sondern natürlich schon von 

1) nexQms pendulis unsere CyprianhsB. 

%) rtpunt dieselben. 

S) „Der Beim im Lateinischen** in: Archiv f. lat. Lexicogr. 1 (1884) 360 ^ 

4) De la latinitä des sermons de S. Augustiu (Paris 1886) 115 ff. 



622 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiseneit. 

Älteren; wie Matth. Dresser ^) und Thom. Gampanella.^ Als Probe 
kann jede beliebige Stelle^ dienen, z. B. die Condnsio des serm. 
199, 2 (38, 1028 Migne) : 

eo fMScente superi novo honore clanierunt, 
quo moriente inferi novo timore iremuerufU, 
quo resurgente discipuli novo amore exarserunt, 
quo ascendente codi novo dbsequio patuerunt. 

serm. 219 (ib. 1088) g. K: 

vigüat iste, ut laudet mecUcum liberatus, 
vigüat ille, ut blasphemet iudicem condemnatus. 
vigüat iste mentibus^) piis fervens et lucescens, 
vigilat iUe dentibus suis frendens et tabescens 
denique istum Caritas 

iUum iniquitaSj 
istum Christianus vigor 
illufn diabolicus livor 
nequaquam dormire in hoc celebritate permütiL 

serm. 191, 1 (ib. 1010) das- dem hoben Sto£f entsprechend pom- 
pös ausgestattete Proomium einer Weihnachtspredigt: 

ipse apud patrem praecedit cuncta spatia saeculorum, 
ipse de matre in hoc die cursibus se ingessit annorum. 

homo (actus hominum faotor^ 

ut sugerel ubera regem sidera, 

tU esuriret pcmis 

ut sitiret fons 
dormiret lux, 
ab itinere via fatigaretur 
falsis testibus veritas accusaretur^ 

iudex vivorum et mortuorum a iudice mortali iudicaretur 
ab iniustis iustitia damnaretur, 
flageUis disciplina caederetur 



1) Bhetoricae inventionis, dispositionis et elocutionis libri IV (Lips. 
1584) 617. 

2) Bhetorica («=» rationalis philosophiae pars tertia, Paris 1688) 75. 

3) Ich wähle sie aus den Zusammenstellungen Beigniers. 

4) Nur wegen dentibus. Derartiges mit unserm Beimzwang Vergleich- 
bare findet sich bei ihm massenhaft, vgl. meine Abhandlung über Minucius 
Felix 1. c. (o. S. 614) 16 fif. 



Sp&üflt. Litteratar: der neue Stil: Afrika: Augustin. 623 

spinis hotrus coronaretur 

in ligno fundamentum suspenderetury 

virtus infirmaretur 

Salus vulneraretur 

vita moreretur. 
Dazu kommen^ wie bei Cyprian, nur ebenfalls quantitativ viel 
zahlreichere Wortspiele (cf. Reignier 116 ff.); wie distulit securim, 
dedU securitatem (72, 2), habens in deo sandos amores et ideo bonos 
mores (78, 3), cetera onerant, non honorant (85, 5), die ^haibeo' sed 
*db eo* (94, 14), quid strqpis, o munde immunde (105, 6), est enim 
severitas quasi saeva veritas (171, 5) u. s. w., Metaphern (Rei- 
gnier 129 ff.), wie si possent inspicere agrum cordis suij profecto 
lugerenty dum ün non invenirent quod in os mentis mitterent (8, 7), 
ouncm, paUorem terrae; argentum, livorem terrae; honorem, tem- 
poris fumum (19, 5) u. s. w. Gewifs, uns kommt das, wie man 
gesagt hat^), geschmacklos und gesucht vor, aber wie einst 
Gorgias durch eben solche Spielereien die Athener elektrisiert 
hatte, wie zu Augustins Zeit im Osten die griechische Gemeinde 
den gleichen Spielereien des Gregor von Nazianz zujubelte, so 
&nd Augustin im Westen ein für derartiges begeistertes Publi- 
kum. An einer Stelle vergleicht er die Welt mit dem Schöpfer: 
grols sei jene gröiser dieser, schön jene schöner dieser, lieblich 
jene süfiser dieser, dann gewissermafsen nagä ngoedoxlav die 
Antithese des Gedankens: malus est mundus et honus est a quo 
f actus est mundus , das entzückt die Gemeinde, laut lobt sie den 
Redner, der bestürzt fortfahrt: quomodo potero absolvere et explir 
eoßrt quod dixi? adiuvet deus. quid enim dixi? quid laudastis? ecce 
quaesHo est, et tamen iam laudastis, quomodo nuüus est munduSy si 
bonus est a quo factus est mtmdus? etc. (serm. 96, 4). und was 
die Wortspiele betrifft, so hat er danach kaum zu suchen ge- 
branehty sondern sie boten sich ihm durch lange Gewöhnung 
unwillkürlich dar und sein Publikum nahm sie als etwas Selbst- 
verständliches entgegen; denn sonst würde man nicht begreifen, 
wie er eine (schon oben S. 530 angeführte) Expektoration gegen 

1) Reignier 1. c. Cf. F^dlon 1. c. 229 B. Saint Äugttstin, n'est-ce pas 
VEerivam du monde le plus accoutum^ ä se joiUr des parolcs? Le defen- 
dres-vous aussi? — A. Non, je ne le döfetulrai point lu-desstis. C'est le di- 
faul de son tems, auquel san esprit vif et subtil lui donnoit wie pente na- 
tureUe. Cela montre que Saint Augustin n*a pas etS un Orateur parfait. 



«24 



Ton Ha^rian bi* lam Ende der Kaiserzeit. 



das grammatikalische Sprechen mit den Worten hatte scbliels 
können: nifliua in barbarismo nostro vos inieUigitis, gnam in n 
disertitudine vos deserti eritis (in psalm. 36 t. 26).^) 



5. Der sophiatische Stil der Spätzeit in Afrika. 

Während sich so in der christlichen Predigt durch t 
ausachliers liehe Anwendung der auf die Sinne am stärksten < 
kenden zierlichen (gorgiauischen) Redefiguren ein Stil ausbildet«^ 
der mit seiner leichten Verständlichkeit mdA seiner breiten, sal- 
bongavoUea Behaglichkeit mehr und mehr ein spezifisch christ- 
liches Gepräge erhielt, nahm in den übrigen Litteraturgattungen 
der bis zur Unverständlichkeit gesteigerte, mit affektierter Zier- 
lichkeit zu einem abschreckenden Gemengsei vereinigte Schwillst, 
gleichfalls ein Erbteil der alten sophistischen Kunstprosa i 
dea aus dieser entwickelten Asiauismus (s. o. S. 69 ff. 140 ff.), « 
gehemmt weiter seinen Weg. *) Es ist zwecklos, das im einzeln 
darzulegen; dafs für Skribenten wie Martianus Capeila und FiJ 
gentius den Mytho logen das stilistische Ideal Appuleius 
dem nachzueifern, den zu überbieten man sich alle erdenklicl 



1) ÜbrigeaB fehlen dieee Figuren begreiflicherweise auch in seine» 
Qbrigen Schriften keineswegs. Aus De doctr. Cbi. IV 61 habe ich mir 
notiert: ifui utnvmqiK non potest, dicat »apienter qwui hom Aieil eloquentw, 
potiu* quam dicat eloquenter quod ilicit insipienter. TV 36 promia haec eit 
■H iloMfuIo etogwiUia, qua fit dicendo non ut libeat qitod korrtbat amt wt fiat 
^uotl pitf<bat, ted ut appareat qttod taiebal a. dgl. viel, auch Wortqüele wie 
I 98 «Hn doetor iste debcal reruin dictor esee magnantm. Am der Schrift 
De virginitat« citiert Hatth. Dresser 1 c: inspiet vwbwni CApitti m enta 
fmtUntü, aoH^iuDi mortfiUü, praium rojimentü, eieminta wiwryft'«. 
ea|Nrf haM imclinalum ad oäeutanduni , cor aperttiim ad ^Kfemdmm, mawmt 
ad atnplretmdurm, totum aiTpu» vxpoaitwm vi rtd j meninwt (aJao 
r gehobene ätelle); aas De spirita et littei» «. IS doMlbe: g«Mtf 
imperat, hoc lex fidri eredenäo imptbvl. (Ana d«n Pac- 
I Werka d« ciTiUt« dei, die ich gelesen habe, ist mir nieUa äer- 
, wae aber ZuibU sein dfirft«.) 
■ iat, mn lich des OegeneaUes deutUch bewuU ni vad^ Mv- 
in Ton Ans angustinischen g«h&ltonen Predigt« iet afrtburiachMi 
rmtinB Kcmodiu {aanc VT; bei Migne nL CT) nil «enan 
"■baatiKben Briefen ^beeoodera dea tos A. ItiilTuMhiiil in 
wuMia' BroBtaaei Frooeminm W. 9. 1871 paUtnnica) n 




Spätlat. littenlur: der neue Stil: Afrika: der tumor. 625 

Mühe gab^); weifs jeder. Nicht aus ihnen will ich daher Proben 
geben, sondern ein Dokument mitteilen, das — f&r diese Fragen 
ganz unverwertet — mir bezeichnend genug scheint, um es hier 
zur Hälfte mitzuteilen, ich meine die von Emeritus (Bischof von 
lulia Caesarea) abgefafste Sentenz des Konzils von Bagal, 
welches im J. 394 von den Donatisten gegen die Sekte der Maxi- 
mianisten abgehalten wurde und in den Streitschriften Augustins 
gegen die Donatisten aufbewahrt ist, bei Mansi, Conc. III 857 f. : 
Cum omnipotentis dei et Christi scUvatoris nostri voluntate ex 
universis pravinciü Africae venientes in ecclesia sancta Bagaiensi 
concilium gereremus. . . . (Namen), placuit spiritui sancto, gpU in 
nobis est, pctcem firmäre^) perpetuam et Schismata resecäre sacrilega, 
— licet enim viperei seminis noxios parius venenati uteri^ alvüs 
diu texerit et concepÜ sceleris uda coagula in aspidum membra tarda 
se calore vaporaverint^ tarnen concqptum virus evanescente umbraculo 
occüliari non potuit nam etsi sero, publicum tamen facinus et parri- 
ädium suum feta scderum vöta pepererunt: quod ante praedictum 
est, ^parturiit iniustitiam, concepü dolorem et peperit iniquitatem' 
(Psal. Vn 15). sed guoniam serenum iam fulget e nubilo nee est 
confusa criminum sUva, cum ad poenam designäta sunt nomina 
(indulgentiae enim antehac fuerat), dum clementiae dimiUimus li- 



1) Von rein sprachlichen Gesichtspunkten hat den Einflufs des Appu- 
leius anf die spätere Prosa vortrefflich nachgewiesen C. Weymann in: 
Sitsiiiigsber. der K. Bay. Ak. d. Wiss., philos.-philol.-hist. Gl. 1898 II 321 ff. 
— Ober den Stil des Folgentias urteilt M. Zink, D. Mytholog Fulgentius. 
IL Teil (Würzb. 1867) 89 „Sein Satzbau ist überladen, in Folge dessen der 
Inhalt oft yerschwommen, so dafs es dem Leser nur mit Mühe gelingt, vor 
Wortschwall zum Yerst&ndnis des Gedankens zu gelangen und den lang- 
gestreckten Unholden von Perioden ihren spärlichen Inhalt abzulauern,'* cf. 
p. 66, wo er Antithesen und Paronomasieen aufzählt. Fulgentius selbst 
nennt de aet. mond. p. 8 seine Bede eopiosum dictionis enormeque fluefOuin 
(ef. R. Helm im Rh. Mus. LII [1897] 186), womit man die inanis laqu^ndi 
ftuenOa Tergleiche, die Ammian (s. o. S. 188) an den Asianern hervorhebt. 

S) Da die Sentenz ganz nach den Gesetzen des 'cursus oratorius' stili- 
siert ist, über den ich im Anhang n handeln werde, habe ich jedesmal die 
mn^ Wbe mit einem Accent versehen. Die Formen sind :z^^2 0, zuv^c» 
aOpawJLOuOyX.xt^uO (diese nur zweimal); ji «^ i, z ^ ^; z w ^ w, 
j, ^ M \j (einmal). 

8) Man achte auf die gleichmäfsige Verteilung der Adjektiva: das 
gehArfc mit stur Manier dieses tänzelnden Stils. Für Cypnan hat Beispiele 
gaeammelt E. Watson 1. c, fttr Appuleius gilt dasselbe. 



626 



Yon Hadrian h» Tvaa Ende d«r KaiMneit. ' 



neam, invenit causa jmos puniat. — Quod veridica unda in 
scopulos fionnullorum naufraga proie'cta sunt membra, et AegypHo- 
rum admodum exemplo pereuntium funeribus plena sunt Uttora, 
quänis in ipsa tnorte mäior est pocna, quod post extortam aquis 
ultricibus anhnam nee ipsam ittveniünl sepuUuram. — Loquamur, 
carissimi fratres, schismatis causas, quia iam non possumus taaire 
personas. Maximianum, fidei aemulum, veritatis adulterum, ecclesiiK 
matris inimicüm, Dathae Chore et Abiron ministrum, de pacis 
gremio sententiae fülmen eaxnssit et quod adhuc eum dehiscens terra 
non sorbuit (Num. SVT), ad maius supplicium siiperis reservat 
raplus enim poenam suam compendio lucräverat funeris 
nunc gramores cöUigit fenoris, cum mortieus interest vivis etc. 



6. VolkHtamliche Prosa in Afrika. 



rm 



I 



'b- GewisBärmaTBen das Sftfiu t^kavyis der antiken Stilgescliichte 
ist, wie wir gesehen haben, das Gesetz gewesen, dafs die kunst- 
märsige Prosa rhythmisch aeio müsse. Dies Gesetz war im Ge- 
fühl des Volkes selbst tief begründet, welches lange vor dem 
Beginn bewufater Kunatübung seine feierlichen Formeln in einer 
zwischen Prosa und Poesie die Mitte haltenden Sprache con- 
cipiert hatte (s. oben S. 156 &.). Wir werden im Anhang IT 
sehen, dalii sich im Lauf der Zeiten hauptsächlich für den Satz- 
schluls, in dem der Rhythmus besonders deutlich zum Bewofst- 
sein kommt, ein feates Schema herausbildete, dessen Wesen, ge- 
mäffl einem ebenfalls fundamentalen Stilgesetz, darin bestand, 
dafs die erforderlichen Kadenzen mit den Ausgängen der ge- 
lanfigeQ Versarten ao wenig wie möglich Ähnlichkeit zeigten. 
Aber daneben hat in später Zeit eine andere Art von rhyth- 
mischer Prosa bestanden, in welcher das rhythmische Element 
■riel starker ausgeprägt war, indem die von den Früheren ver- 
pönten metrischen Satzausgänge nicht nur nicht gemieden, son- 
dern vielmehr gesucht wurden. Diese Art von Prosa, die also 
gewisser mausen in der Mitte zwischen Xi^iq ivQv9itog and il^ts 
iHliirt/oe steht, können wir innerhalb des lateinischen Gebiets 
^-"f ollem auf afrikioiischeu Inschriften und zwar solchen, die 
'n Kreisen des Volkes stammen, nachweisen. Mit diesen 
Inschriften stimmen in ihrer Form eine Reibe T(y 
Übereiu, die ebenfalls aus später Zeit und 



SpäÜat. Liiiieratur: der neue Stil: Afrika: rhythmische Prosa. 627 

Kreisen von Halbgebildeten stammen nnd die ich daher in diesem 
Znsammenhang mitbehandeln will. 

Die Verwertung dieser Art von Inschriften wird aber da- i. in- 
durch erschwert, dals man sehr oft nicht weifs, ob das Durch- "'*'*'**" 
einander von Prosa und Yersteilen auf metrischem Unvermögen 
der Verfasser oder auf Absicht beruht. Z. B. liegt gewifs Ab- 
sicht vor in der afrikanischen Inschrift CIL VIII 352 homo bonas, 
rdms hominibusq(u^) pemecessarias, 

quem guaerit pcUriae maximus hie popultis, 
während ein Erythräer, der in barbarischer, stellenweise unver- 
ständlicher Sprache folgende Inschrift (Lebas-Wadd. 58) verfafste, 
Verse hat machen wollen, ohne es zu können: 

N'6(iq>Mg Nai,A6iv iyaXX6(ievog iv^a UißvXXrigj 

sl(fiivfig Sg^ag EitvxLavbg rb nägotd'Cj 

daxAvaig BtolfMig &yoQav6fiog tpMxBUkog^ 

6(i(p(0 d' €iir6x(og ein/ BAtv%uxv& naidl nccvtiyvQiaQxri 
ix nQ0668(ov Idicav xy naxQldi ro üdmQ, 

qnxidifiivsv ts yQatpatg i7ttxo6fiii6ag tb aüXiov, 
livrinööwov t\oih:o] tot6iv [i7t6ö6o(idvotg]y 
wozu Waddington bemerkt: c'est une de ces d^dicaces bizarres^ 
ecrite en mauvaise prose avec une Sorte de cadence metriquey tdles 
gylan en rencontre assee satwent dans les bas temps. J'ai dispose 
les lignes de maniere ä faire ressortir Vintention de VatUeur, gut a 
vauJu imHer ou a peut-Stre cru icrire des vers hexametres et penia- 
mebres. Aus der citierten Sammlung führe ich noch folgende 
Beispiele an, in denen wohl eine beabsichtigte Mischung anzu- 
nehmen ist: 116 (Teos) iwda xal ddx* iz&v fjiiriv iu nagd^ivog^ 
bI%* iyait>fi6a* slko6^ d* ixtski6a6a XQÖvovg lyxvog oiö* i^avov' 
Mstfuu d* iv fifißoig ivß(fsq>og oi6a, Blakog, ^ tb nakai öEfiv^ 
n^fdöodog, {kBlva6a xqövov ^X&s dh KvxQeig xal isv^ev Zfoöifio} 
ig sAvi^p' ^Ms dl MotQa xal Xvöbv f^ iexakf^ nQ66odov, 2122 
(Batuiaea) tiXßu ivÖQ&v^ OCkuau^ dovxvivdQu xAlEmg dovxög^ 
bg fV^fLa ffihf aiXf ix ^efuXianf iyaCgag &nq>BQii>a6o 6i)v aldvrj 
^utffOMotxi xtA tixvoi6i alg xliog &bC. Die beiden letzten Floskeln 
finden sich ebenso auf metrischen lu Schriften derselben Gegend 
(2118.2139. 2145'').^) — Bei den lateinischen Inschriften können 

1) (jL anlser den citierten Beispielen etwa noch 2188 (Batanaea). 2465 
(KaflliOBilii). HeiMnetrische Versansg^lnge auf griechischen Zauberpapyri 
B. B. bei 0. WeMdj in: Denkschr. d. Wien. Ak. XXXVI (1888) 51 Z. 261 £P. 
VordcBi MrtDwKaBstpfOML n. 41 



und eine 
Redeweise 
lören h^M 

it, lul^^^ 



628 ^on Hadriftn bis mim Ende der Kaiseraeit. 

wir eine rohere Form unterscheiden, wo obne Plan der Pro 
eingeatreut werden ganze oder Teilverse, die, wenn eignes Fabri- 
kat der Vei'faaaer, stets von der allerrohsteu Art sind, und eine 
kunstgemäfsere, bei der in wohlerwogener Absicht die Redeweise 
rhyÜunisch gestaltet wird. Zur erstercD Gruppe gehöi 
Schriften wie CIL VIII 403 (1329 Bueoh.): 
non d^na cotiiux cito vita [exire dejcrevisti, misella. 

vivere debueras annis fere centu(m), licebat. 

fuit enim forma certior moresgtte facimdi, 
fiiit et pudmtia, quam in alis nee fuisse dicam »ec esse conta 

sed quia sunt Manes, sit tibi terra levis. 
4551 C. Digno Innocenti viro gtii impleta tempora cessit, 
pater erat, gut vixit annis Txxx . 10827 (110 Buech.) Gabiniae 
Matronae. Comiti defundae sors et fortuna improba. guae dum 
per annos bis XVIII vila gerit, non ut mentit vicla fmicta est, 
subito ei cönsäus acter (die beiden letzten Worte aus Verg. Aen, 
IV 167, cf. n. 1788 Buech.). 10945 (575 Buech.) hie sita est 
Kat(pumia) FUwia cognömine dicla, q(ondam) decemviri Kal(pumi) 
Taneini filia, quam consUtit vixisse (folgen die Zahlen). ha&: tibi 
pro meritis Aemilius, Viiellianus cognömine dichts, coniux pia, 
praemia ponit. Die zur zweiten, uns näher angehenden Gruppe 
gehörigen Ißscbriften hat Baecheler in seine Sammlung unter 
n. 1563 — 1622 zusammengestellt, cf. auch seine Bemerkung zu 
n. 116, wo er diese Form der Kompositiou sehr passend 
mtisam pedestrcm bezeichnet. Ich wähle als Probe die, wenn 
man so sageu darf, kuustvollsten aus. Von drei in einer 
derselben Grabkammer gefundenen afrikaniacheu Inschriften 
ten die beiden ersten') (die dritte ist verstümmelt): 
G46 (116 Buech.) C. lulio Fortunatiano pat^. 

filio memoriae titulum sibi erepto rcddidit. 
in annis viginli duobus, quos Parcae pra6f~ 
rani edito 



id als 
wenn 
r ua^^_ 

1 



1) Hiatus und Messung nach dem Wortaccent habe ich geglaubt, 

' afiika,tii«cliem Bodea als gelegentlich zugelassen erachten ku dürfeni 

"^t den enteren unsere PI autus -Überlieferung und apeEiell die Argu- 

filr die letttere das bekannte Zeugnis Auguittins für die Sorglofi^ 

Ukuiitr gegendber der Silbenquantität und seinen eigenen 1' 

loostnten. 



Sp&tlat. Litteratar: der neue Stil: Afrika: rhythmische Prosa. 629 

innümeris vitae laudibus \ ömnem aetatem reddidü. 
nam puer pubertatis exempla optumd hene vivendo 

dedit, 
pubertatis initia iuvenüi corde edidüf 

iuventütis vitam mcucuma \ üccmamt ghria, 
sie namque ut in exiguo tempore \ mültis annis 

vixerit. 
puer ingenio vcUidus, pub4s pudicus, iüvenis ora- 

tor fuü 
et piAlicas aures togatus siudiis delectavit suis. 
in parva itaque tempore vita muUis laudibus. 
inque isto patrio operd iuvenis [nunjc ut senex 
perpetua quiescit requie, conditori [perjgrato spi- 

ritu. 

647 (116 Buech.) Palliae Satuminae lulius Mäximus quondam 

suae 
hanc operis struem dicavit, semper ut haberet 

muneri, 
simulque memoriam piae coniugis faceret lectori 
inque eo suo tempore semet cum ea concluderet, 
in annis triginta, quibus datum est, sai probe 

midier cum viro vixit stu), 
nihil potius cupiens quam üt sua gauderet domus, 
nam in rebus mariti et suis, maier communis 

iüvenis, 
simplici animo vivens vix muliArem mundüm 

vindicabat sibi. 
in virum rdigiosa, in se pudica, in fämüia mater 

fuit, 
irasci numquam aut insüire quemquam noverat. 
ctdtu neglecto corpofis moribus se ömabat suis 
et [piujm [an]im[u]m (?) pudore solo comita- 

batur suo. 

Dazu kommt noch eine andere^ durch die Anwendung des ora- 
torischen oarsuB (s. Anhang II); der Allitteration und vor allem 
des bfiowtiXevtov besondera interessante Inschrift 2756 (1604 
Buech.) qme fuerunt praeteritae vitae testimonia, nunc declarantt'^ 
hoe serMura postrema. haec sunt enim mortis solacia, ubi conti 

41* 



630 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

tur nominis vel generis aetema memoria, Ennia hie sita est Fruc- 
tiwsa, karissima coniunx, certae pudicitiae, honoque dbsequio lau- 
danda matrona, quinto decimo anno mariti nomen accq^it, in quo 
amplius quam tredecim vivere non potuit, quae nön ut meruit ita 
mortis sortem retulit: cärminibtis defixa iacutt per tempora muta^ 
ut eins Spiritus vi extorqueretur quam natura redderetur^ cuius ad- 
missi vel manes vel di caelestes erunt sceleris vindices. Adlius hanc 
posuit Proculinus ipse maritus, legionis tantae tertiae Augustae 
tribunus, 
2. Qneroius. Mit dicseii afrikanischen Inschriften hat nun Buecheler im 
Eh. Mus. XXVII (1872) 474 (cf. zu carm. epigr. 116) die Kom- 
positionsart des Querolus zusammengestellt, eine Kombination, 
die, wie die Proben zeigen werden, ohne weiteres einleuchtet. 
Er hat femer auf Grund der Thatsache, dafs wir die letztere 
Art von Inschriften hauptsächlich auf afrikanischem Boden finden, 
die Vermutung geäufsert, daCs auch der Querolus ebendahin ge- 
höre; da sie auf alle Fälle hohe Wahrscheinlichkeit hat, schlieüse 
ich eine kurze Bemerkung über dieses merkwürdige, nach un- 
gefährer Schätzung etwa dem Anfang des V. Jh. angehörige 
Litteraturprodukt hier an. Nachdem schon ältere Gelehrte, dar- 
unter Caspar Barth, die Stilart als yersähnliche Prosa bezeichnet 
hatten^); herrscht jetzt, da die entgegengesetzte Theorie L. Havels 
nirgends Glauben gefunden hat, darin Übereinstimmung, dab wir 
' es mit einer sehr stark rhythmisierenden Prosa zu thun haben. 
Der Verfasser selbst bezeichnet in der Vorrede seinen sermo als 
poeticus und sagt zum SchluTs derselben: prodire autem in eigen- 
dum non auderemus cum clodo pede, nisi magnos praedarosque 
in hoc parte seqtieremur duces, womit er die Zwitterstellung dieses 
Stils deutlich genug bezeichnet.^ Anfange oder Schlüsse der 
Sätze, oft beide, sind dem sermo comicus entsprechend iambiscli 
oder trochaisch (wobei öfters der Wortaccent die Quantität Yer- 
tritt), das übrige ist Prosa, z. B. I 2 QVER. fortma, o fars 



1) C£ die Znnammeniitellnng in der Ausgabe Ton EHnkhamer (Amsterd. 

^"«iMo pn$a (prana, rekomponiert bei Plantiu pravona) ist die 

^vio bei Ind. Oxig. I 88, 1; im Mittelalter oft oratio pkmm, 

^ttad. rar Gesch. der Herzogin Mathilde y. Canossa [Progr. 

•Did in: Forsch, i. deutsch. Gesch. XI [1878] S87), deren 

«otm; wer also beide Terbindet, hinkt 



Sp&üai Liiiieratur: der neue Stil: Afrika: rhythmische Prosa. 631 

fortuna o fcUum sceleratutn atque impium. si gtiis mmc mihi tcie 
osknderet, ego nunc tibi facereni et constitnerein fatum inexsuperabile. 
LAR. Sperandum est hodie de tridente; sed quid cesso interpellarc 
atque adloqui? saive, Querole. QYEB. Ecce iterum rem fnolestam: 
^sdlv€y Querole.' istud cui bono, tot hominibus hoc atque illac Juive 
dicere? etiam si prodesset, ingratum foret. LAR. Misanthropus herclc 
hie verus est: unum conspicity turbas putat u. s. w. Wenn er an 
der citierten Stelle der Vorrede von seinen ^grofsen Vorgängern' 
in dieser Art der Komposition spricht, so meint er niemand an- 
deren als Piautas und Terenz: denn dafs man schon zu jener 
Zeit gezweifelt hat, ob die alten Komiker in Versen oder in 
einer Art von Prosa geschrieben hätten ; geht aus der Schrift 
des Priscian De metris Terentii hervor^ in der er beweisen will, 
dab Terenz wirkliche Verse gemacht habe. ^) 



B. GallieiL 

Gallien war berufen^ in der romischen Kaiserzeit und wäh- Augc- 
rend des ganzen Mittelalters in höherem Mafse als das eigent- 
liche Mutterland Italien die Erhalterin der antiken Kultur zu 
sein. Von Barbaren überschwemmt^ von Klöstern übersät hat 
es, sich selbst zum Ruhm, der Menschheit zum Verdienst jahr- 
hundertelang die Fahne der alten Bildung hochgehalten. Der 
Grund hierfür ist klar: nirgends war der Sinn für diese Bildung 
empfimglicher als bei den romanisierten Kelten. Es giebt dar- 



1) Schon B. Peiper hat, ohne die Priscianschrift (GL III 418 ff. E) zu 
kamifin, richtig geurteilt (in seiner Ausgabe Leipz. 1876 p. XXXVII adn.): 
n$e Mmm gum kaec ratio sU nata ex male vel non aatis intellecta versuum 
Ttrmtiiamorum confomuxHofie, Gloetta, Beitr. z. Litteratnrgesch. d. Ma. u. d. 
Ben. I (Halle 1890) 4, 2 yerweist für die Thataache, dafs man im Mittel- 
altar niolift gewnürt habe, ob Terenz Verse oder Prosa schreibe, auf ein 
JafcorMiantoi, Ton Gh. Magnin in der Bibl. de T^c. des Chartes I (1839— 
1840) 617 iL pnblisiertes Dokument, eine Art von Prolog zu einer (nicht er- 
baltenen) KomOdie, in welchem ein Delusor mit Terenz ein Zwiegespräch 
lUirfc und ihm u. a. sagt (p. 684 f.) an sit prosaicum (dein Werk) ^lescio an 
■nfc'feiiw. Dab dieses Stflck aus s. VU stamme, wie der Herausgeber meint, 
lUrt neh nicht beweisen und ist aus innem Ghründen unwahrscheinlich : die 
Hii. ist HU a. XL Übiigens yendchert auch HrotsYitha von Gandersheim 
im d» Tomde m ihren Komödien (p. 187 Barack), sie ahme den Terenz 

dJeMkmii penere; in Wahrheit schreibt sie in gehobener Beimprosa. 



632 Von Hadrian bis zum Ende der E^aiserzeit. 

über noch kein Werk in zosammenfasBender und auf dem ge- 
samten, freilich Ungeheuern Material fufsender Darstellung; aber 
wir haben wenigstens einige Arbeiten^ in denen der Anfang dazu 
gemacht ist.^) Ich habe auf die allgemeinen kulturellen und 
litterarischen Verhältnisse nicht einzugehen; für die Stilgeschichte 
des gallischen Lateins , auf die bisher so gut wie gar nicht ge- 
achtet ist, glaube ich einiges Neue beibringen zu können. 
OaiiiBohet Gallien war von jeher das Land der Rhetorik ^): Gato orig. 

* ^^ 1. II 2 J. : pleraque GaUia dtias res industriosisstme persequüur, 
rem milüarem et argute loqui und Hieronymus contra Yigilan- 
tium c. 1 (II 1 p. 387 Yall.): sola GcUlia monstra non habet, sed 
viris semper fortibus et eloquentissimis abundavit sind die beiden 
bekanntesten rühmenden Zeugnisse. Schon in den geheimnis- 
vollen Institutionen der Druiden wurde die Macht der Rede hoch 
geschätzt^ wie man aus Lukians (Herc. 1) eigenartiger Nachricht 
weilis: sie verehrten einen Gott Ogmius, den sie darstellten als 
einen Greis, der in der rechten Hand die Keule, in der linken 
den Bogen führte; seine Zunge war durchbohrt und durch die 
Löcher liefen Ketten, an denen die Ohren der ihm willig folgen- 
den Menschen befestigt waren: so symbolisierten sie die Gewalt 
der Rede. Mit diesem Sinn begabt traten die Gallier zu einer 
Zeit in den Kreis der römischen Bildung ein, als diese, wie wir 
sahen, mit der Rhetorik zusammenfiel: was war, zumal bei dem 
lebhaften Nachahmungstrieb dieses Volkes'), begreiflicher, als 
daüs sie gerade diese Kunst zur höchsten Vollendung ausbildeten? 
Die römischen Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts erkannten 



1) Ich nenne nur (um vom Mittelalter vorläufig abzusehen) J. Ampere, 
Eist, litt^raire de la France avant Charlemagne (Paria 1840), A. Osanam, 
La civilisation chr^tienne au V si^cle (sec. ^d. Paris 1862), Lagus L c. (oben 
S. 692, 1) 29 ff., Mommsen, Rom. Gesch. V 100 ff.; im wesentlichen fOr das IV. 
und V. Jh. die hervorragende Abhandlung von G. Eaufinann: Bhetorenschulen 
und Elosterschulen oder heidnische und christliche Cultur in Gallien in: 
Histor. Taschenbuch ed. v. Baumer, Vierte Folge, zehnter Jahrg. (Leipz. 1869) 
1 ff.; fOr das VI. Jh. C. Arnold, Caesarius von Arlate, Leipzig 1894. 

2) Cf. C. Monnard, De Gkdlorum oratorio ingenio, rhetoribus et rhe- 
toricae scholis, Diss. Bonn 1848, von Früheren besonders auch L. CresoUius, 
Vacationes autumnales (Paris 1620) SS ff. D. Morhof, De Patavinitate Li- 
viana c. 10 (in seinen Dissert. acad. et epistol. p. 558 ff.). 

8) Caesar b. G. Vn 22 summae gens sollertiae atque ad anmia mittmda 
et efficienda quae ab quoque tradtmtur apHssimum. 



Spätlat. Litteratur: der neue Stil: Gallien. 633 

Gallien den Vorrang in der Beredsamkeit zu; nicht blofs in der 
südlichen Provinz und nicht blofs an den grofsen Bildungscen- 
tren hatte sie ihren Sitz aufgeschlagen, sondern sogar in Reims, 
wie wir durch Fronto (p. 262 N.) wissen. Das dritte Jahrhun- 
dert war, wie f&r das Reich überhaupt^ so besonders fär Gallien 
das traurigste: die Schulen verfielen, die Wissenschaften lagen 
danieder. Der grofse Aufschwung aller Verhältnisse, der am 
Ende jenes Jahrhunderts begann, kam vor allen Gallien zugute: 
es war keine blofse Phrase, wenn die Panegyriker Galliens die 
Kaiser auch als Förderer der Bildung feierten. Wie hoch die 
Beredsamkeit in den folgenden Jahrhunderten geschätzt wurde, 
lernen wir aus Autoren wie Ausonius, Sulpicius Severus, Sidonius, 
Ennodius und aus den Erlassen der zu Trier residierenden Kaiser.^) 

Wie war nun diese Rhetorik und folglich auch der Stil der oahucIio 

Stil. 



1) Welchen Respekt noch Venantius Fortonatua vor der gallischen 
Beredsamkeit hatte, zeigen seine Worte in der Vorrede sur Vita S. Marcelli 
c. S (p. 60 f. Kmsch) : er sei nicht würdig sie zu schreiben, praesertim cum 
vdbis (dem Germanns, Bischof von Paris) muliorum prudentium famosae 
abwndantiae aufficiat eloquentia Gallicana et quadratis tuticturis verba 
truHnaia procedant. — Für die litterarische Bedeutung Lyons im V. Jh. 
mochte ich nachtragen das Zeugnis eines Autors, der zwar 400 Jahre später 
lebte, aber überall vorzüglich orientiert ist, des Mönchs Hericus yon Auxerre : 
in der Vorrede zu seinen Miracula S. Germani ep. Autissiodorensis erwähnt 
er das ihm yorliegende Werk über denselben Gegenstand von Constantius, 
eiiiem Presbyter von Lyon, der etwa 40 Jahre nach dem Tode des Ger- 
manuB (440) gelebt habe; er rühmt die Eleganz des Werkes und bemerkt 
bei der GMegenheit (AA. SS. BoU. Jul. VH p. 266): ea tempestate Lugdunen- 
SNMi dvikis, prima ac praecipua Gälliarum, professiane quoque acientitw 
mrtmmque disciplina inter amnes extulerat caput; offensa nam^pie sapieyitia, 
qmae prqpter aeipsam tantum appetenda est^ quorumdam Iticris turpibtis, mttZ- 
tofum mdiscipimata vita, omfiiwn postretno tepide se appetentium inkonesta 
demdia^ praecqptarum inopia intercedente priorumque studm paem collapsis, 
kmu8 nostrae exitkUiter peroaa regionis, Lugduni sibi cdiquamdiu familiäre 
eomtittoriMm coUocavii. ibi quas dict^nt discipHfiarum liberalium peritia, 
guoBque ordme currere hoc tempore fahula tantum est, eo tisque convaluit, 
«1 «pMiiliMii ad ic^kolaa publicum appellaretur citramarini orbis gymnasium, 
ei, ut aHiguid rationis afferre videar, eo %d argumento colUgimus, quod quis- 
§p§e artmm profUendarum afficeretur studio, nofi ante professis inscribi mere- 
Mur, g^UMM hue exphrata diligentia eooaminatus abiret. cui rei satyricus 
^ftoqm oft^pifZalifr, qui, ut exefnpli circumstantia res eluceat, primo sui operis 
lüfro aerOer diuque in impudicos invectus refert eos conscientia frequentati 
$odma perinde paUescere, *tU L^gdunemem rhetor diciurus ad aram* (luv. 
1, 44). «to claret hanc sapientibus et pahnas et nomina olim fuisse largitam. 



634 Von Hadnaji biB zun Ende der Eaüeneit. 

Prosa beschaffen? Aach liier kam das gallische Ingenium der herr- 
schenden Moderichtang merkwürdig en^^egeo. Diodor betont ia 
seiner berühmten Charakteristik (V 31) zweierlei: ihre Vorliebe 
für eine an tragödenhaftes Pathoe streifende hTperbolische Rede, 
und für scharf zugespitzte Gedanken; das letzte versteht anch 
Cato unter dem argute loqui. Man erinnere sich nun an die 
Charakteristiken, die der ältere Seneca von den lateinischen 
Deklamatoren entwirft (s. o. S. 273 ff.), um zu begreifen, welches 
Entgegenkommen ihre Manier in dem romanisierten Gallien finden 
mufste. Thatsächlich ist in keinem Lande, auch nicht in Afrika, 
der moderne Stil, dessen Geschichte wir verfolgen, mit solcher 
Virtuosität gehandhabt worden wie in diesem Lande. Die B9mer 
haben das gewufst: bei Tacitns vertritt Aper aus Gallien die 
Partei der Modernen, und Messalla, der Sprecher der reaktionären 
Partei, erwähnt einmal (c. 26) höhnisch den Gallier Gabinianns, 
dessen eoncinnas declamationes noch Hieronymue kannte.*) Es 
giebt aus der späteren Zeit eine Reihe interessanter Zeugnisse 
für das Fortleben dieses Stils in Grallien, die anzofOhren mir 
wichtiger scheint als eine Analyse des Stils der einzelnen 
Autoren. 

1. Das frühste dieser Zeugnisse findet sich bei Hiero- 
nymus. Als ich es las, fand ich darin eine erwünschte Be- 
stätigung meiner Ansicht, dals der manierierte Stil der 
spätlateinischen Prosa aller Länder eine in allen Ein- 
zelheiten unverkennbare und durch die historische Ent- 
wicklung begründete Verwandtschaft mit dem Asianis- 
mus habe, und wen meine bisherige Darlegung davon nicht 
überzeugt hat, der glaubt es vielleicht einem in allen littera- 
rischen Dingen so aasgezeichnet bewanderten Kenner wie Eie- 
ronymus. Er schreibt an Busticus (ep. 125, I 2 p. 935 ValL): 
audio rdigiosam habere te matrem, muiiorum onnontm viäitam, 
guae aluit, qtiae eruäivit infantem ac post studio Gtäiiamm quae 
vd ftitrentissima sunt misit Somam, non pareens aMt^tSnu et a&- 

1) Cf. Tenfiel- Bdiwabe, BSm. Littwai-Oeiah. | iU, tt mmmjmt. ia 

lesaiam 6 praef. (IT SS0 VilL): < 

utatttmet detitkroHt, Ugtmt IWKnm QtmMiamim GaOioMM ( 

'in Mesitalla bei Tacitii» 1. l. an Iimius Gallio seine (iitniiiM t 
h bei Hieronj'muB sicher nuf ilm die coucinnae lieclas 




Sp&üat. Litteratur: der neue Stil: Gallien. 635 

senHam ßü ape sustinens fuiurorum, ut ubertatem Gallici nito- 
remque sermonis gravitas Botnana candiret nee calcaribus in te 
sed frenis uteretur: quod et in disertissimis viris Graeciae legimus, 
gui Asianum tumorem ÄUico siccdbant seile et luxuriantes flor 
geUis vineas fakibus reprimehanty ut eloguentiae torcularia non ver- 
herum pampinis sed sensuum quasi uvarum esqpressionibus redun- 
darent^) Worin die römische gravitas bestand, lernen wir aus 
einer Reihe anderer Zeugnisse: man ging damals nach Bom^ um 
Jurisprudenz zu studieren, oder studierte sie nach der Kodifika- 
tion des Rechts in Gallien selbst. Unter diesen Zeugnissen 
interessiert uns am meisten eins') aus dem YII. Jahrb., weil in 
ihm die Worte des Hieronymus fast wörtlich herübergenommen 
werden, woraus wir ersehen, dafs sich im Lauf der Jahrhunderte 
die Verhältnisse nicht geändert hatten: Vita S. Desiderii Cadur- 
censis (Cahors) episcopi (f 665) ab auctore coaevo (87, 220 
Migne) Desiderius vero, summa parentum cura enutritus, litterarum 
studiis adplene entditus est (nämlich in der merowingischen schola 
Palatii). quorum diligentia nadus est post litterarum insignia-studia 
GäUicanam quoque eloguentiam (quae vel florentissima sunt vel exi- 
mia^ contubemii regalis adductis inde dignitatibus), ac deinde leg um 
Romanarum indagationi studuü, ut ubertatem eloquii Galli- 
cani nitoremque gravitas sermonis Romani temperaret.^) 

2. Wird in diesen Zeugnissen die Fülle und Zierlichkeit des 
*gallicanischen' Stils hervorgehoben, so in anderen, zur Bezeich- 



1) Bezeichnend genug för ihn, dafs er selbst in den Fehler yerföllt, 
den er rfigt. Seine Kenntnis des Asianismus hat er natürlich aus Cicero, 
wie auch eine andere Stelle zeigt: in Oseam 1. I c. 2 (VI 25 Vall.): neque 
emm EJämuiwm profhetam edisserens oratoriis debeo declamatitmculis ludere 
et ff» nafratiamima atque epüogis Aaiatico more cantare (cf. Cic. or. 27). 
S) leh fand es bei J. Pitra, La yie de S. L^ger (Paris 1846) 82, 2 und 
nh daim, da& auch Ozanam 1. c. p. 407 adn. es citiert. 

t) Gf. ButiL Namat.I 207 f. (von seinem Freunde Palladius): facundus 
immmm €Mhrwm miper ab arvis Missus Bamani dUcere iura fori. [Con- 
staHÜni], Yila 8. Oennaal episcopi Autissiodorensis (Auxerre, f 448) in: AA. 
fSL BolL tl. Juli Tu p. 902 ut in eum perfectio litterarum plene conflueret^ 
mw iU o ria ChMeana kUra urbem Bomatn iuris scientiam plenitudine 

Diese Stelle entnahm ich der fOr das Studium der 
L-dMiialigen Rom wichtigen Abhandlung von H. Conring, 
MKImi nrbis Bomae et CP (1666) in: Nov. Thes. anti- 
d» Bulkiigxe m (Venetiis 1785) 1212. 



ti3(> Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit 

uung des Pathetischen, der Gullicanus cothurnus (tBtQayojdri- 
(levoi nenut die Gallier Diodor L c.)- Ich kenne folgende Stellen: 

Hieronjmus an Marcella ep. 37, 3 (I 173 Yall.) über die 
Schriften des Rheticius, Bischofs von Antun: innumerabilia sunt 
quae in tUius mihi commentariis sardere f?isa sunt est quidem sermo 
compositus et Gallieano eothurno fluens, sed quid ad inter- 
pretem, cuius professio est, nan quo ipse disertus appareeU sed quo 
cum qui lecturus est sie faciat inteUegere, quomodo ipse inteUexü 
qui scripsit. 

Hieronymus an Panlinos ep. 58, 10 (I 326yalL): Sanctus 
Hilarius Gallieano eothurno attolUtuTj et cum Graedae fioribus 
adometur^ longis interdum periodis invdvitur et a lectione simpiUcio- 
rum fratrum procul est 

Sulpicius Seyerus dial. I 27: dort sagt ein aus dem eigent- 
lichen Grallien stammender Schüler des Martinus von Tours zu 
den Aquitaniem, er wolle nichts reden cum fuco out eothurno, 
nam si mihi tribuistis Martini me esse discipulum, älud etiam con- 
ceditCf^ ut mihi liceat exemplo ülius inanes sermonum phaieras et 
verborum omamenta contemnere. 

Ennodius ep. I 15 grandis coturnus in eioquentia, cf. ep. 
111 24 p. 89, 25 Hartel. 

An den Schluls dieser Zeugnisreihe setze ich eine zwar aus 
dem tiefen Mittelalter stammende, aber, wie mir scheint, recht 
iiiteresaante Stelle, die (wohl ganz singular in ihrer Art) eine 
Hiilkritik gallischer und spanischer Autoren der sieben ersten 
Jahrhunderte enthalt: 

Ekkehart IV von St. Gallen (f c. 1060) in einer Rand- 
bufoerkuug zu dem von ihm selbst abgeschriebenen Prognosticon 
iulikui^j: (^idam hunc librum ad solitum stUum emendarunt ne- 
McimUe», quod Hispana faeundia et Galliens coturnus öbscurius 
mkrUum et sen^losius currere nidentur. oeeurrit eiiam hoc ad- 
kkC in lock suam plurimis vidercy quod nisi ledor, gm in Bamana 
' wmdia ioliuit, eaiutius hie ingrediaiur, non semd offendat; in pro- 
I ditop kmus luliam Toletan^ facundi^ setUentüs, nan autem 



iM VW Totodo 680—690. Dm Plra^wwbnm ist ediert bei 
li» BwMrinmg des Ekkohait tm E. Dümmler in: Zextschr. 
4«. BMq^ N. F. n (1869) 31. 



Späüat. Litterator: der neue Stil: Gallien. 637 

inirodudis (id est Äugustinif Gregorü et cft.y). lege Severum Postur 
mianum et GaUum*), maxime autem vitam sancti BricHi^ .... 
sanctum Gregorium qxioque lege in libris miraculorum vd in cfteris 
sui caraeteris operibus. quid dicam luvencum, poetam ecclesif pri- 
mum (immo Prtidentium)^) et Avitum^ nodose guidem in suo co- 
tumo facundos? Prosperum etiam ülum metro et prosa summe 

egregium? Sedülium vero nimis co se^) et iocunde evangeli- 

cum?^) cum etiam Lucano Bomano post Chorduham facto id velud 
elogium dicunt: Virgilius cum in X locis propter Grecum modum 
sii inviduSf Lucanus in decies X repugnat invictissimus. hfc non 
earpens, sedy ne lector stilum nesciat, asscripsi. 

3. Wenn die bisher angeführten Zeugnisse^ im allgemeinen 
den Schwulst^ die Zierlichkeit, das Pathos des gallischen Stils 



1) Diese citiert lulianos nämlich oft. 

%) Er meint die Dialoge des Sulpicius Severus, in denen auTser diesem 
selbst seine Freunde Postumianus und Gallus reden. Diese hätte er hier 
aber nicht nennen dürfen, da sie in klassischem Stil abgefafst und daher 
leicht yerständlich sind. 

8) Bischof ▼. Tours f 447 ; uns ist die vita selbst nicht erhalten, son- 
dern nur das, was daraus mitteilt Gregor y. Tours hist. Franc, n c. 1. 

4) Eine von ihm selbst gemachte Glosse. 

6) „Ftlr copiase ist der Baum zu grofs, ein Wort wie conterUiose oder 
dgl. mnÜB an dieser erloschenen Stelle gestanden haben" Dümmler. 

e) Danach wäre also Sedulius keinesfalls, wie Teuffei- Schwabe § 473, 2 
bei dem Mangel jeder Nachricht zweifelnd vermuten, ein Italer, sondern 
entweder Sjmnier oder Gallier und zwar wegen der Verbindung mit Lucan 
eher Spanier. Ob freilich das Zeugnis dieses Spätlings irgend welchen Wert 
hat, steht dahin. 

7) Ich habe mir femer aus mehreren gallischen Autoren ähnliche Aus- 
drfioke gesammelt, die ich, weil sie für ihren stilistischen Geschmack 
diaiakteristbch sind, hier mitteile. Sehr häufig ist der Vergleich mit einem 
FlnfSy einem wogenden Meer: Auson. comm. prof. Burd. 1, 17 dicendi 
Ufrrmm tM eopia, Sidon. ep. Vm 8, 8 f. 10, 1. IX 7, 2 ff. Ennod. p. 1, 3 ff. 
H. 0, 10. n, S4. 46, 22. 48, 14. 18. 68, 9. 89, 22. 102, 18. 126, 6. 188, 1. 264, 7. 
197, 6. S08, 1. 40S, 16. Daher das Lob der copia, uhertas, ahundantia, 
üf/tueniia (so, mit ff, scheinen diese Autoren schon zu schreiben) : Sidon. 
ep. IV 16, 1. Ennod. 17, 18. 46, 18 übertaa linguae^ castigcUua sermo, LaUaris 
iMfHi, guadrata eloeuHo. 92, 9. 21. 179, 22. 381, 7. Buric. ep. I 4 p. 867 
A^ieüxr. — Pompa: Sidon. ep. lü 14, 2. IX 9, 10. Ennod. (cf. Harteis Ind. 
a. T.) B. B. 46, 14 verborum pondus vel pompa. 178, 16 pompam quam in 
UlitH§ ftigHii Mmetis, nee aliud est loqui vestrum nisi declamatianum tn- 
$lßtim cmlorfirtf. Atüos y. Vienne ep. 58 p. 82 Peiper oa pompis adsuetum 
et fmmtif MimdmMme Bamuleae profunditatis irriguum. -— Ardens elo 



638 Von Hadrian bis som Ende der Eaiserzeit. 

heryorhoben, so giebt es eins, das durch seine speziellen An- 
gaben fUr meine Untersuchungen wertvoll ist: es steht in dem 
Brief, den der nach klassicistischer Diktion strebende Claudianus 
Mamertus an den Rhetor Sapaudus schreibt: er rät ihm (p. 205 
Engelbr.); tU spräis novitiarum roHuncularufn puerüibus niigis 
nullum lectitandis his tempus insutnat, quae quasdam resonantium 
sermuncuhrum taureas rotant et oratoriam fortüudinem ploMdentibus 
cancinentiis evirant, d. h. er soll vermeiden den bombastischen 
Schwulst und das Geklingel (tinnüus oben S. 634, 1) der Bede, 
welches entsteht durch das Zusammenschlagen gleiohtonender 
Silben: einst hatte Quintilian (IX 4, 142) in gleicher Weise ge- 
warnt vor einer Diktion, die weibisch werde Uiscivissimis synto- 
norum modis (s. oben S. 291); man erkennt daran die Kontinui- 
tät der Entwicklung, 
oiousohe Auf die einzelnen Schriftsteller beabsichtige ich nicht näher 

einzugehen. Wer Sidonius*), Ennodius^, Gregor von Tours ge- 

cutio n. dgl. Sidon. ep. V 17, 9 vir flammeus qwidamque facundiae fims 
inenchaustus IX 9, 10. 7, 1 fUlmen in verbis, flumen in claumlis, Ennod. 
49, 22 Umare eloguio. 449, 12 itibar dicHonis, — Zierlichkeit, blumige 
Diktion u. dgl.: Sidon. ep. IV 8, 2 vemantia eloquii flos. 16, 1. Ennod. 20, 
19 dictio redimita floribus. 28, 8. 424, 26. 468, 11 dicHonum floscUU vemant 
et ridentia verborum germina. — Süfse: Ennod. 188, 16 u. 226, 17 meUa 
sermonum, cf. 18, 8 dum favos loqueris et per domaa cereas eloquentiae nee- 
tare liquenüs elementi meUa componis. — Buntheit: Sidon. ep. VIU 6, 6 
dixit disposite graviter ardenter, magna acrimonia maiore factmdia maxima 
disciplina, et ülam Sarranis ebriam sucis inter crepitantia segmenta pahna- 
tam plus picta arationey plus aurea convewustavit, Ennod. 20, 10. 189, 16 
ostrum loquendi. 198, 10. 446, 14. 644, 6 fucaiae verborum imagines^ cf. 882, 
10. 446, 18. 462, 11. — Figuren: Sidon. ep. VII 9, 2 exacte peraranUbus 
mos est , , ., poetica Schemata aptare. IX 8, 6 immane euspicio dicUmdi istud 
in vöbis tropologicum genus ac figuratum. IX 7, 2 urbanitas in figuris. 
Ennod. 26, 26 scema et pompa sermoniim. 888, 6 logueHae scemata. 

1) Er wird gerichtet durch das Lob, das ihm der wahnwitzigste aller 
Stilisten hat zuteil werden lassen: Alanus de Insulis (Byssel in Flandern, 
saec. XII) in seinem 'Anticlaudianus' L IQ c. 8 (210, 618 Migne): 

illic Sidonii trabecstus sermo refülgens 
sidere muUijplici splendet gemmis^pie colorum 
lucet et in dictis depictus pavo resultat, 
SidoniuB selbst urteilt freilich anders über sich ep. YIII 16, 2 lectari non 
tantum dictio exossis tenera delumbis quantum vett*scula torosa et quasi 
mascula placet. 

2) Er versichert gelegentlich, einfach schreiben su müssen: ep. I 16 
rhetoricam in me dixisti esse verstUiam, cum diu sit quod (mUorium Schema 



Sp&üai. Litteratnr: der neue Stil: Gallien. 639 

lesen hat^ weifs, dafs die Prosa, ganz wie bei den afrikanischen 
Schriftstellern^), oft bis zur völligen ünverständiichkeit verzerrt 
ist, dab zwischen ihr und der Poesie an gehobenen Stellen jede 
Schranke gefallen ist^, dafs die normale Stellung der Worte 
ganz und gar degeneriert *), dafs verwegene Neologismen sich 
mit hocharchaischen Worten paaren, dafs all die Spielereien, vor 
allem der Elingklang des Homoioteleuton^) und der Wort- 



affeetUB a me oraHonis dbsciderit et nequeam occupari verhorum floribus, quem 
ad gemUus et preees evoeat clamor officii, cf. ep. IT 6 p. 46, 14 ff. III 24 
p. 89, 15 f. IV 9 p. 105, 5 f. Das hat er nirgends gehalten, so wenig wie 
das was er ep. n 18 schreibt: ut trtidit quaedam eloquenüae persona sfiblimis, 
lex est in epistulie neglegentia et auctorem genii artifex se praehet incuria, 
oder das, was er einem andern anbefiehlt (dict. 8 p. 463, 10): verhorum 
htxuriem artis faJce trunetwe. 

1) Mit der afrikanischen Latinit&t vergleicht die gallische C. Petersen, 
Siadia latina provincialium (Helsingfors 1849) 45 und H. Eretschmann, De 
latmitate Sidonii (Progr. Memel 1872) 8 f. Das Gefühl der Wahlverwandt- 
schaft sog diese Schriftsteller, vor allem den Sidonius, zu Appuleius hin, 
cf. A. Engelbrecht, Unters, über die Spr. d. Claud. Mamert. (Wien 1885) 16 f. 
18 ff. K. Sittl in Bursians Jhber. LXVIII (1891) 236, 1. 

2) Z. B. die Frühlingsbeschreibung bei Ennodius dict. 1 (p. 424 f. Har- 
te!), die er selbst als florulenta bezeichnet: cum terrae suctis per venas aren- 
tkun virguHorum eurrit in germina et ailvus sicci fomitis umore maritcUa 
tmrgeKit, cum tu hkmdam lucem noveUi praesegminis comae explicantur arbo- 
reae o. s. w. 

8) Meist ist der rhythmische SatzschluTs daran schuld, z. B. Sidonius 
I 6, 6 öbOer Oremonam praevectus adveni, cuius est ölim Tityro MantiMno 
largum suspirata proonmitas, ib. 6 cum sese hinc salsum portis pelagus 
i m p m g eret^ ib. 9 omnem pratinus sensi mernbris male fortibus explosum esse 
languorem, VI 1, 6 qwmtum meas deprimat oneris impositi massa cer- 
vieee; Eonodins ep. 11 9 p. 48, 24 dum secundis in altum loquelae vestrae 
poriarenhir vda proventibus, op. 8 p. 381, 8 ipsas eminentissimas ut 
puUmiwr in Boecuh vana inflatione personas \ si quis ventoso nimium 
sMhterit devare praeeonio, ib. p. 882, 8 ut sattem cruda per ordinem 
äigeram facta meritorum. Aber auch ohne diesen Zwang, z. B. Sidon. V 
14, 1 seabris coMmatim ructata pumicibus aqua, Ennod. ep. I 7 p. 46, 
SS mei rnadei hmge m fMmt^aX studii, u. viel dgl. 

4) Bei Sidonius auf jeder Seite; z. B. ep. I 4, 1 macte esto, vir am- 
pUetiwie, fatcibm partie äote meritorum; quorum ut titulis apkibusque potiare, 
HO» maiemoi reditua man avitas Jargitiones non uxorias gemmas non patemas 
p ec mmo i mtmeramsti^ quia tibi e contrario apud principis domum inspecta 
sincenlaf, $peetata aedulitas, admissa 8od€ditas laudi fuere, o terque quater- 
gpte h e atm m I«, de emus euHmine dat%*r amicis laetitia, lividis poena, posteris 
gloHat Ulm praeterea vegetis et ailacribua exemplum, desidibus et pigris h 



640 Von Eodrian bis zum Gscie d«r Kaiseneit. ^H 

Witzeleien*) in erschreckendem umfang Verwendung finden, JU 
dals die Sprache teils in bacchantischem Taumel dahinrast, wie 
ein schlammiger Strom allea mit sich fortraffend, teils zu förm- 
lichem Schellengeläute ausartet. Was nützt es, wenn wir aner- 
kennen müssen, dafs einige dieser Autoren in der alten Litteratur 
wohlbewandert sind: Sallust- und Cicero -Reminiscenzen steigern 
auf solchem Grunde nur den Eindruck des Bizarren.*) — 
tamentwui,' et tatiitn, si qui sunt, qui te qaocwngw ani'ino äevnce^ aemula- 
btmtur, sibi forsitan, gi te conseqiiantvff, debtant, tibi dehehunt procul dubio, 
quod Btqmtnhtr. Meist in ganz kleinen Satzgliedern, Kweifelloa auch diea 
in NackahmoDg des Appuleius (speziell der Florida), z. B. I &, 10 studia 
aikant negotia quiescant iudicia conticescant. 8, S muri eadunt oguoe elanl, 
tmres /luwnC i\atws aedenl, aegri deambulant media iacent, aigent Guinea 
domieilia amflagrant, sUiwnt vivi fwtant sepuüi, vigitmtt furea dormiutit po- 
U^aies et«. II 1, 2 aperte invidet, abiecte fingtt, strviliter etq)erbit; indicit 
«( domimts, exigit vt lyratmus, calummatur ut barbarwi toto die a metu 
armatui, ab avariUa ieiunus, a cupiditate terribilis, a vanitcae crudetia. 2, 14 
Ate tarn quam volupe auribug insonare cicadas meridie concrepanU», rama* 
cr^usculo incumbente blalerantes, eygnos atgue anseres concubia nocte elan- 
getUeg, intempesta gallos galUttuciog coticinefOes, osdnes corvos voce triplieata 
pumceaui »urgetUig Aurorrte fiuxm consalutanits^ dtluculo aufetn Philtymelatn 
inter frutices sibilantem, Prognen intcr asscra minurientein. So noch be- 
Bondera IV 1, 2 und 4; 8, 3 und 5 und 0; V 11, 2; IX 9, 14. Daa ist offen- 
bar die dictio caeguratim succincta, die er an einem Freunde rübrat IV 3, 3. 
Den Sidonina ahmt auch hierin nach Ruriciua, z, B. ep. I 3 (p. 8S& Engelbr.) 
per quam (pietalemj flectuntw^ rigida saxea moüiuntw, sedanMr tunüda 
leniuntitr aspera, tumescunt lenia miletount saeva eaeviunt milia, aecenduntitr 
plncida acmmlur bruta, dominantur barbara immania placantur (cf. 1 5 
p. 8&e, II. 18; G p. 359, 4). — Bei Kunodioa findet aicb derartiges nicht, 
was ioh mir daraus erkläre, dals damals dies StUomament schon so aua- 
scblieralich Tür die Predigt charakteristisch geworden war, doTs dieser Ton 
sich und anderu gefeiert« Schänachreiber ea iu seinen eotti-intuUitniee (so 
nennt er seine und H,nderer Briefe öfters) aowie seinen panegyriachen und 
sopliistiacben Beden mied. Dafür ist er der Bauptvertj-eter der pomphaft 
dithyrambischen Scbreiborl, — Aus Gregor von Tours hat M. Bonnet in 
MÜnem berühmten Buche p, 721 ff. viele Beispiele für Antithesen mit Komoio- 
telent« xusammengestellt, 

l) Cf. Sidonias IV 2&, 2 pritedae praedia ioTr:,\Ul 3, 3 tum iam fmU 

«Mm frotUe, 11, 1 ubstrvcto anhtUttt gttltare dbstrieto, IX 7, 2 fiumen in verbia 

m in dmumli», ib. 6 faewtdis feetmdare coUoqaiis und hundert« von 

*HeiipieleR. Ennodius hat auch dies weniger, aber e, B. op. 6 

it orondi l'agtidivm, dum perornndi tenebar cupiditate, nttnari. 

'. Tours viel dgl. b«i ßonuet 1. c- 

r<ue Uahnosg opus e»t ut sine digaimuiatione lectiU», sine 
U 10, D) hat Sidonius ~ das inuls man ihm lassen — 



Sp&Uat. Litteratnr: der neue Stil: Gallien. 641 

Was den Stil der Predigt betrifiFb, so habe ich dem oben Predigt in 
(S. 615 ff.) Ansgefährten nichts Neues hinzuzufügen. Als Typen 
fdr Gallien können die Predigten des Faustus von Biez (Beii) 
(t c. 500) und Caesarius von Arles (f 542) dienen, um so 
mehr als die ersteren kürzlich von A. Engelbrecht neu heraus- 
gegeben sind mit einer auch den Stil berücksichtigenden Ein- 
leitung (Corp. Script. Eccl. Vind. XXI 1891), dem letzteren von 
C. Arnold a. a. 0. 84 ff. 115 ff. eine vortreffliche Behandlung zu- 
teil geworden ist. Auch in ihnen tritt neben andern rhetorischen 
Mitteln der Satzparallelismus mit Homoioteleuton stark 
hervor^), wenn auch, wenigstens bei Caesarius, nicht in dem 
Umfang wie bei Augustin, so, um zwei beliebige Beispiele heraus- 
zugreifen: Faustus serm. 13 in pcissione quae hodie recitata est, 
fratres carissimif evidenter ostenditur iudex ferox, tortor cmenttAS, 
martifr invidus. in cuius corpore poenis variis exarato iam tormenta 
defecerant et adhue membra durdbant tot convida miraculis per- 
sistebat inipietas, tot vexata suppliciis non cedebat infirmitas: cogno- 
seakur ergo operata divinitas. quomodo enim corruptibüis pulvis 
contra tarn immania tormenta duraret, nisi in eo Christus habitaret? 
IL 8. w. Caesarius homil. 12 (vol. 67, 1071 Migne) nee Uli qui 
boni mnt se debent quasi de suis meritis extoUere nee iUi qui negle- 



treulich selbst befolgt; und zwar las er sowohl die alten Autoren (Sallust, 
von Cicero wenigstens die Yerrinen) wie die modernen (aufser Appuleius 
TOT allen Symmachos, cf. E. G^isler, De Apollinaris Sidonii studiis [Dies. 
Bmlaa 1886] 78 fL\ ganz wie er von einem Freund berichtet (ep. YIII 11, 8) 
legebat niee$ia»Uer auctores cum reverentia antiquas, sine invidia recentes; 
Müich gehört fttr ihn auch Taeitns zu den alten, cf. ep. IV 22, 2 vetusto 
§emmr€ manannäi iwre Cknneliwn (mtecenis, Ennodius, der ebenfalls grofses 
Gawioht auf die Lektfire legt (fl^ucit sermo non cibsonus, lectionia tarnen opi- 
hm ampHtmdm schreibt er seinem Neffen ep. VI 23), hat von Cicero ge- 
leaea neher die Bücher De oratore und einige Beden (in Pis., pro Cluent.), 
et WuMb ladax und die Testimonia p. 46. 290. 291, sowie den Anfang 
der iSMo % p. 480 credo ego vos, frairea earissimi^ vener aH etc. nach Cic. 
pco Bote. A. 1 tredo ego vos, iudicea, mirari, sowie ep. n 6 in. p. 46 quoua- 
fNf fcmliiw KesM äbsUnmOiae? guousque fama ndbilis . . . veterescet? nach 
mOiliLI 1. 

1) C£ flbtr FamtoB die bei A. Engelbrecht 1. c. XXXIT angeführten 
Wests Y0B B. Cabrol (Revue des qnestions historiques 1890 p. 238): aon 
iÜl • • . itfSwte Ici pkipairt du iemps une forme antithäigue, , . . II recherche 
te «MMMN0M «I Ici rime au däriment de VidSe qui devient Vesclave de la 



642 Von Hadrian bis znm Ende der Eaiseneit. 

gentes sunt de dei misericordia desperate; sed xUi cum humüüaJle 
dei dana ct^stodiant et isti cum grandi compunctione cderius ad 
poenitentiae vd correctionis medicamenta confugiant, guia qui btrnm 
est, si superbire coeperit, cito huinili4itur, et qui superbus est, si se 
humiliat, per dei misericordiam sublevatur. Die ganz im Stil von 
Deklamationen gehaltenen Homilien des rhetorisch hochgebildeten 
A vi tu 8 von Vienne machen von diesem Mittel, den Vorschriften 
der Kunst gemaJDs, wohl nur an sehr pathetischen Stellen Ge- 
brauch, z. B. in der Peroratio der 20. Homilie (p. 134 Peiper): 
laetemur ergo exultatione concordi: effectu conditor, concursor ad- 
sensu, populus lucro, telius öbsequio, fidelis ut permaneat, ne re- 
manecU infidelis u. s. w. 



O. Die übrigen Frovinien. 

Qftiuiche Der Einfluls Galliens erstreckte sich bis nach Eonstantinopel, 

vor allem auch nach Rom. Ausonius feiert (prof. Burd. 1) den 
aus Burdigala gebürtigen Minervius, der in Rom lehrte^); von 
einem andern Rhetor derselben Zeit bezeugt es Hieronymus 
(z. J. Chr. 337) *), und kein Geringerer als Symmachus verdankt 
seine rhetorische Ausbildung einem Gallier "), möglicherweise 
dem genannten Minervius.^) 



1) Cf. Teuffel-Schwabe, Gesch. d. röm. Litt.» § 417, 2. 

2) Cf. Bemays in Gea. Abb. 11 88, 8. 

8) Symm. ep. IX 88 fatendum tibi est amice: Gallicanae facundiae 
haiMtus requiro; non quod his Septem monttbus eloquentia Lcttiaris exeessU; 
sed quia prctecepta rhetoricae pectori tneo senex olim Odrumnae ahtmnus im- 
mülsity est mihi cum scholis vestris per dactorem ituta cognaüo, quidquid in 
me est, quod scio quam sit exiguum, caelo tuo deheo. riga nos ergo demto 
ex Ulis Camenis, quae mihi lac honarum artium primwn dederunt. 

4) Cf. 0. Seeck in seiner Ausgabe des Symm. praef. p. XUX. — Im 
folgenden Jahrhundert gingen die Gallier Studien halber nach Rom: am 
anschaulichsten der Studiengang des Partenius, des Neffen des Ennodias, 
cf. den Ind. nom. der Hartelschen Ausgabe s. Partenius; ferner Ennodius 
an einen Simplicianus (ep. VII 14): tibi, erudite puer, häbeo graüas, quod 
quamvis dicendi splendore nituisses et in iUa urbe litterarum scienUa ad- 
stipulante lauderis, mei quoque desideras adiumenta praeconii .... Constüit 
concavatis (was heifst das?) Latiaris elocuUo, dum per alveum «um» Bo- 
manae eloquentiae unda praektbitw. — Im sechsten Jahrh. hebt Cassiodor 
(yar. YIII 12) es als bemerkenswert hervor, dafs der aus Lignrien gebürtige 
Arator trotz seiner nicht römischen Abkunft ein zweiter Cicero geworden 



Sp&tlat. Litteratur: der neue Stil in den Übrigen Provinzen. 643 
Der Name dieses Symmaclius übte auf die Gebildeten sjm 



des ganzen Erdkreises den gröfsten Zauber aus. Ein Briefchen 
von ihm, auch des nichtigsten Inhalts, aber geleckt und gedrech- 
selt in der Form, adelte den Empfanger; man hielt zuweilen den 
Boten auf dem Wege auf und liefs die Bestellung nicht an den 
Adressaten gelangen, worüber der gefeierte Mann mit befriedigter 
Eitelkeit klagt. Der berühmteste transalpine Litterat Ausonius 
war stolz darauf, sein Freund zu heifsen und tauschte mit ihm 
Komplimente aus. An ihn wendete man sich von Mailand aus, 
um den dortigen Stuhl der Rhetorik zu besetzen: eine Ironie 
des Schicksals wollte es, dafs er den Augustin empfahl, den er 
dadurch dem Ambrosius und dem Christentum zuführte, er, einer 
der letzten und mächtigsten Pfeiler des dem Einsturz verfallenen 
Pantheon. In den Mauern der Stadt, die noch immer das Cen- 
tram der Welt war und als solches allen erschien, hafteten die 
Augen des Mannes auf den alten Tempeln und Altären; die Ge- 
danken des hochgestellten Beamten galten freudelos der Gegen- 
wart, die des Menschen versenkten sich mit liebevollem Ent- 
zücken in die Litteratur der herrlichen, durch ihre bitteren 
Schicksale nur noch verklärten Vergangenheit. Er suchte sich 
auch in seinem Stil von den Excessen der Modernen freizuhalten, 
aber Wollen und 'Können deckten sich nicht: ep. III 11 sumpsi 
pariter liUeras tuas Nestorea, ut ita dixerim, manu scriptas, quarum 
sequi gravitatem laboro, trahit enim nos usus temporis in 
plausibilis sermonis argutias. quare aequus admitte linguam 
saeeuli nostri et deesse huic episiulae Atticam sanitatem boni 
amsuJe. quodsi novitatis impatiens es, sume de foro arbitros, mihi 
an abi stüi venia poscenda sit. crede, cahulos plures merd>or, noti 
er aequo ae bano, sed quia plures vitiis communibus favent itaqucy 
ut ipse namnumquam praedicas, spectator tibi veteris monetae^) 
arins supersum; ceteros delenimenta aurium capiunt stet igitur 
mkr nos ista pactio, ul me quidem iuvet vetustatis exemplar de 
OMtogirapho tuo sumere, te autem nan paeniteat scriptorum meorum 
fam novitatem, was er natürlich nicht gar so ernst meint. Er 
Yerlengnet in seinem Stil nicht den Einflufs seiner durch einen 



— BhetoxiBche Vorträge in Rom: Sidon. ep. IX 14, 2 dignus omnino, 
pkmmbüis Borna foveret ulnis guoque recitante crepitantis Athenaei suh- 
mUta ommkL guakren^ur, cf. carm. 8, 9 f. 9, 299 ff. Vgl. aach oben S. 634 f. 
1) Cf. oben S. 864 f. 

SotA«b, •bUIeo KnnttproM. n. 42 



machas. 



644 



Ton HadriaB bis t 



1 Ende der Kaiaeneit. 



galliaclien Rhetor erhaltenen Äasbildung (S. C43). 
teile der Zeitgenoeaen und der Späteren^) sind bezeichnend 
Ansonius I 32 (der BriefaammluDg dea Syinmachus): suavissmus 
nie floridus tui sermonis efflabis. haud quisquam ita nitet, 
ui comparatus tibi non sordeat. ÄmbroaiuB ad Yalentiuianam 
ioD. (= adv. Symm. 2): aurea est Ungua saptentium litieratorum, 
quae phaleratis doUzta scrmonibus et quodam splendenÜs 
eloquii velut coloris pretiosi corusco testtltans capit aninto- 
rum oculos specie formosi visuque perstringif. Prudentius adv. Symm. 
II praef. Qu.6 nunc nemo diserlior Exxütat frcmit intonat Ventisque 
eloquii turnet. Macrobins sat. V 1, 5 fF. oratortim non Simplex 
ncc una natura est, sed hie fluit et redundat, contra ille hrevitcr et 
äreumcise dicere adfeetat, temiis quidam et siccus et sobrius amat 
quandam dicendi fnigalitatem, alius pingui et luculcnta et 

florida oratione lascivit copiosuvi (genus dicendi est) 

in qvo Cicero äominatur, breve in quo SallusHus regnat, sicctim guod 
Frontoni adscr3>itar, pingue et floridum in quo PUnius 8e- 
cundus quondam et nunc nvllo veterum minor noster Sym- 
machus luxuriatur. Sidonius ep. I 1 Symmachi rotundilatem. 
Wir können die Berechtigung dieser Urteile an seinen Briefen, 
sowohl den spielerischen an Privatleute als den offiziellen an 
die Kaiser gerichteten, und an seinen Reden prüfen: überall c 
selbe Zierlichkeit (besonders Antithesen mit dem üblichen Zifl 
rat^)), die in den panegyrischen Beden mit starkem Pathos i 



1) Ich entnehme nie der Znaammenstelliutg von A. Uai in Beiaer « 
Ausgabe der Beden (Mailand ISIS) praef. p. 1 f. Cf. aucb die gute i 
meine Beurteilung von Chr. O. Heyne, Ceneura ingenii et morum Q, Aoi 
Symiaaclii (Qött. 1801 = opusc. VI 1 ff,). 

t) Ana den Reden cf. z. B. in ValontiniaDum laud. I 6 (p. 830 S«M 
futfit aliquia in pace iuwtuJtis, sed ttian rebus Irepiäia parum felüe; 
timuerint factiosi, eeil despeetui haliuere concordti; hunc tfiolavdum i 
cmdidit, »011 fanwti eiiam sublittuutdttni aliquii aegiimavü; ilti Aonomn r 

t eicercittie, seil idem lattiit ittUc privatw: te ununi tiTMnt rebella, i 
tdieantes, ijaem mmo audax in fwore amUmpsü, nemo conrnKui i 
raettriil. quid inttreat, saetnat mika an sajpiat? tibi i'ra ett, tu » 
<Mft{ilKii f«, tu Bohia tligerig. ib. § lO (ib.) mniore i 
-'UtnmtH, qttam adeptu» es probatns imperiunt- 
1 jftrma renovarH, ptr easdtm catli lineas labe 
I aut in rtnataendo variai mutaret effigüs <tii( i 
attatm. % 9 (p. SSO) itejue tnim tanlum ilh'^ 
militant- in Valentiaian. Innd. 11 @ fl (p. 326) 



Sp&tlat. Litteratur: der neue Stil in den übrigen Provinzen. 645 

mischt wird^ wohl kadenzierte Sätze mit strenger Beobachtung 
des rhythmischen Kursus am Schlufs, jedes Wort überdacht^ wie 
wir besonders erkennen aus jenen bessernden (d. h. stets die Zier- 
lichkeit steigernden) Bemerkungen , die er an den Rand einer 
neuen Ausgabe der Reden nachtrug und die wir nun mit der 
ersten Fassung vereinigt im Text lesen. ^) Wir würden, auch 
ohne dafs es uns ein Zeitgenosse sagte (Macrob. 1. c), fühlen, 
dafs der jüngere Plinius sein stilistisches Ideal ist, dessen Manier 
er gelegentlich durch ein paar Archaismen nach Frontos Muster 
aufputzt. Aber man kann nicht sagen, dafs er je geradezu ge- 
schmacklos geworden wäre wie Appuleius oder Sidonius, der 
sich auch einbildet, den Plinius zu imitieren. Er hält eine ge- 
wisse Mitte glücklich ein, so dafs von ihm selbst gilt, was er 
von einem (nicht weiter bekannten) Redner Antonius schreibt 
ep. I 89: praeter loquendi phaleras guibus te tuxtura ditavü, 
sentte quiddam planeque conveniens auribus patrum gravi- 
täte sensuunif verborum proprietate sanuisH. denique etiam 
hi, guarum Minerva rancidior est, non neganty facundiam tuam 
euriae magis quam caveae convenire; at iUi, gpios cothumus aUior 
wkit et structurarum pigmenta delectant, neque tristem soHdi- 
totem neque lascivum leparem consona laude celebrarunt Mec sunt 
enim condimenta tui oris et pectoris, quod nee gravitate horres 
nee venustate luxurias, sed ratione fixus ac stabilis germanos 
cölares rebus öbducis. Ja, einmal hat er es verstanden, aufs tiefste 

kiMlexmuB te ideo praemisisse nonnuUoa ne esset tarda vidoria, ideo pleros- 
que iemne se ne esset muUitudo suspecta (solcher Chiasmus in den Beden 
nur hier, offenbar dem rhythmischen SchluTs zuliebe), in Gratian. laud. 4 
(p. 380) spe eleetus es, re probatus. pro Flavio Severo 1 (p. 886) vos tarnen 
flifSwnMs nm diffidentia istud fieri sed revereniia. pro Sjnesio § 3 (p. 337) 
«OH iieo Sifnesius in eenahim legendus est, quia mihi amicitia iwngitUTy sed 
Mm amkm est nuM, quia dignus est qui legatur. ib. § 4 (ib.) siguidem 
dt§miia§ kmaia feUeiMis est, delata virtutum. Aus den Briefen: I 8 p. 6, 
«OL I t5 p. 14| 27. m 8 p. 70, 27. IQ 46 p. 85, 29. IV 56 p. 117, 15. V 86 
pu 140, tl eto. (also nicht eben h&ufig). Wortspiele nicht oft» z. B. laud. in 
YriliiHii n 1 16 (p. 826) servitus miaeras, quod amiserat^ extruehat ep. 1, 10 
haee opera intermitHt, amiUit. 
1) Kiie irichtige Entdeckung Seecks, praef. p. X ff. (Ob das Verhältnis 
mlUlai Yernimen bei Dio Chrys. or. 11, 22 f. [I p. 120 f. Arnim] analog 
vtaOen ist?) Ein Vergleich der älteren und jüngeren Fassung ist 
L IfllBveioli, um den stilistischen Qeschmack dieser Spätzeit zu er- 

42* 



646 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

zu ergreifen: in jener berühmten^ im J. 384 an Theodosius ge- 
richteten Relation (= ep. X 3) über den Altar der Victoria 
und den Kult der Vesta: das Todesseufzen, das die Worte der 
in Trauergewand auftretenden und selbst redenden Roma^) durch- 
zittert, tönt mit ungeheuer packender Gewalt noch zu uns herüber: 
ein Dokument von ganz einziger Bedeutung, in dem die Rhe- 
torik des Herzens mit einer seit Demosthenes und Cicero bei- 
spiellosen Reinheit zum Ausdruck kommt, weitaus das Grofs- 
artigste, was nach Tacitus von einem Anhänger der alten Religion 
in lateinischer Sprache geschrieben ist, und hinter dem Ambrosius 
weit zurückblieb, mochte seine Gegenschrift auch der yictrix 
causa gelten: das ergreifende Bild von der trauernden Roma ist 
bis auf Dante, Petrarca und Cola nicht vergessen worden.^) — 
Ammianns Mit Sjmmachus befreundet war, wie es scheint^), Ammia- 

linuB. nus Marcellinus, dem mit Recht ein ehrenvoller Platz in der 
spätlateinischen Litteraturgeschichte eingeräumt wird. Es ist, 
wie bemerkt (o. S. 573), für die andauernde geistige Superiori- 
tät des Ostens über den Westen äufserst bezeichnend, dals die 
beiden einzigen Schriftsteller, die sich in dieser späten Zeit noch 
zu wirklich bedeutenden Gesamtkompositionen in lateinischer 
Sprache aufschwingen konnten, geborene Griechen waren, neben 
Ammian der Dichter Claudian, Wer auch nur, wie ich selbst, 
ein paar Bücher Ammians gelesen hat, ist von der Frische 
der Darstellung, von der Kunst des Charakterisierens, in der 
auch Claudian Grofses leistet, von der derben Natürlichkeit 
und Originalität des im Wafifenhandwerk erprobten Schrift- 
stellers, von der starken Subjektivität in Hafs (Constantius) und 
Liebe (lulian) aufs angenehmste berührt. Selbstverständlich darf 
man ihn nicht an Sallust und Tacitus messen, die er neben 
Florus (cf. XI Y 6, 3) besonders studiert hat (gegen Sallusts 
Historien XYII 11, 4, nach Tacitus' Tiberius und Gtermanicus 

1) Cf. übrigens auct. ad Her. IV 58, 66. [Dio Chrys.] de fort. er. 2 § 16 
(II 162, 10 V. Arnim). 

2) Eine gerechte Würdigung des Inhalts dieser welthistorischen Ur- 
kunde mit der Gegenschrift des Ambrosius bei G. Boissier, La fin du pa- 
ganisme II (Paris 1891) 817 ff. — Wieviel bedeutender Syimnachiii war 
als sein Zeitgenosse libanins, erkennt man dentlieh, wenn man die adhwich- 
liehe Bede des 1«***^ ^ ** lÜm die Daldnifg des heidnisohen 



SfAtlat. Litteratur: der neae Stil in den übrigen Provinzen. 647 

die brillante Schildenmg des Constantius und lulian), sondern 
mulii ihn mit den armseligen Geschichtskompilatoren seiner eignen 
Zeit yergleichen. Dafs er historischen Blick hatte , zeigt die 
Aosf&hrlichkeit in der Behandlung der Germanen- und Perser- 
kriege, sowie seine bei aller Schwärmerei fär lulian verständige 
Auffassung des Christentums ^ von dem er allerdings nur ganz 
gelegentlich spricht: letzterer Umstand mag uns, die wir wissen, 
daÜB das Christentum gerade in jener Zeit der entscheidende 
Faktor der inneren Weltverhältnisse war, wunderlich erscheinen, 
aber wir müssen bedenken, dafs eine Darstellung der allgemeinen, 
die Welt bewegenden Ideen von der antiken Geschichtsschreibung 
überhaupt nie erreicht, ja nicht einmal angestrebt worden ist. 
Natürlich fehlt es bei allen Vorzügen nicht an Sonderbarkeiten, 
die ihn als Eind seiner Zeit zeigen: besonders durch seine Ex- 
kurse, die er nach althergebrachter Manier einlegt, bringt er 
den modernen Leser zur Verzweiflung, denn er zieht sie an den 
Haaren heran und sie sind mit wenigen Ausnahmen (so den 
geographisch-ethnographischen) unsäglich banal und in ihrer ge- 
spreizten Schaustellung von allerlei gelehrtem oder dilettanten- 
haftem Baritätenkram widerlich: die Kluft, die den Graeculus 
und den Spätling von Tacitus scheidet^ tritt in ihnen besonders 
stark hervor; aber wir können uns darauf verlassen, dafs gerade 
diese Exkurse auf seine Zuhörer, denen er das Werk etappen- 
weise vorlas, einen besondem Eindruck machten und sie zwischen 
all den fränkischen, alamannischen und sarazenischen 6v6nata 
ßafßccQ^xd angenehm berührten. Der Stil im ganzen betrachtet 
ist der Mode gemäfs hochpathetisch: die Rhetorik drängt sich 
bei ihm in einer für uns ebenso verletzenden Weise vor wie bei 
Yelleius, Florus und Eonsorten; Libanios (ep. 983) nennt seine 
Vorlesungen imdst^sig, von seiner Schilderung der Thaten Julians 
sagt er selbst (XVI 1, 3): ad laudativam paene materiam pertinebit 
(also wie bei Eunapios), und er hat notorisch als Quellen auch 
Panegyriken benutzt; daher merkt man allenthalben die Ein- 
flüsse der Deklamatorenschule, so in der Schilderung der Foltern 
(XIV 9, 6, s. o. S. 286) oder der Wechselfälle der Fortuna (XIV 
11, 26 £y s. 0. S. 276) und in der grolsen indignatio über den Ver- 
fiA der Bitten und der Beredsamkeit (XXX 4, s. o. S. 245 f. 309). 
Wnlfii ist die Stilisierung fast durchweg von einem ganz 
dieii Sehwulst; ungeheuerliche Metaphern jagen sieb 



048 Von Ilailriun bis zum Kndc ilcr Eaiserzeit. 

förmlicli; XIV 5^ 1 Constantitis insolentiae pondera gravius 
libratis Gcrontium exulari maerore multavit 6, 3 tefnpare 
(jHO primis auspiciis in mundamim fulgorem surgeret victura 
dum crtmt Iwinines Borna XY 7, 1 dum hos ex^itwrum commu- 
nium dades suscitat turbo feralis XYI 12, 57 spuinans cruore 
harbarico decolor alvcus instieta stupebat augmenta (cf. XVII 4, 14) 
XVIII 4, 1 oricntis fortuna periculorum tcrribües tubas inflabat 
(cf. XV 2, 1, XVI 8, 11, XVIII 4, 1) 5, 4 PalaHna coliors palt- 
nodiam in cxitium concinens nostrum, ebenso Bilder, wie XIV 1, 
10 Caesar aoius efferatus velut contumadae quoddam vexillxim 
altius crigens 9, 7 ferociens Gallus ut leo cadaveribus pastus (Bil- 
der aus dem Tierleben liebt er sehr, cf. 4, 1, XV 3, 3, XVIII 
4, 4). Der Stil als Ganzes gehört also zu der Richtung, die 
wir als die 'moderne' bezeichnet haben. ^) Aber der Stil im 
einzelnen steht fast isoliert da. Es giebt auiser TertuUian 
keinen lateinischen Schriftsteller, der in dieser Weise gräcisierte. 
Und zwar ist dieses Gräcisieren kein beabsichtigtes, sondern 
die natürliche Folge der Unfähigkeit des Schriftstellers^ sich in 
korrektem Latein auszudrücken: er denkt griechisch. Vieles 
läCst sich nur fühlen, vieles aber auch beweisen (was es bbher 
darüber giebt, ist ganz ungenügend), z. B. XIV 10, 16 mox dicta 
finierat, multitudo onmis ad quae imperator voluit, consensit, svdifg 
rov Xiyov xsQUivoiiivov nav xo nk^^oq alg a 6 avrojcparop ißov- 
JUro övyxati^stOj XIV 4, 4 exaggerare incidentia, xa tfvfure- 
6&tfxaj XMI 12, 6 urendo rapiendoque occurrentia mäUaris tufio 
castabai, xä xvxövxa, XVIII 1, 1 muUa conducentia dispotuibatj 
xa tvfupiQwnttj 3, 6 multa garritbat et saeta xoUi ual iava; 
in dem Satz XY 5, 6 f. Mailobaude spondenk guod remeahU . . . ., 
haec quae ipse pdUiciius est impleturum. testaifahtr emim id st 
proad dubio sdre guody siqui mitteretur extermmSj smcpte üngenio 
SUoamus owipasvfai forte tnrbabit ist im Modos dreimml gegoi 
den Geist der lateinischen Sprache gesündigt» wahrend er im 
Cfacieeliiaehen korrekt wäre; am meisten fiel mir anf da fiber 
Ige Gebrauch Ton Partisipialkonstroktionaiy die im Lateini- 

abor sehr bemeikeniwerti daCi er Uokels sad BsbohMriU 

ab sncU, entweder weil er ^boa Aer ^axb mun 

ft^ (a o. a 40t £), oder wol ät ük n ^vlksttaüicb 

ftosal wann: klikiu Mt walmakaaliebcc da 

iiidit, aaSLesa|4. 



SpftUai. Litieratur: der neue Stil in den übrigen Provinzen. 649 

sehen ebenso unbeliebt wie im Griechischen beliebt sind, z. B. 
XIY 2j 13 tibi conduntwr nunc usque cotnmeatus distribui müüibus 
amne latus Isauriae defendentibus adsueti, 6, 7 laeditur hie 
coetuum magnificus splendor lemtate paucorum inconditUy ubi naii 
sunt nan reputantium, ib. 8 quidam aetemitati se cammendari 
passe per statuas aestimantes eas ardenter adfectant, ivioi t^ 
ai&vi övöti^ösiv iavtovg di &v8(fi,dvx(ov oUfLBVoi deiv&g avt(yvg 
XBQucoiovvxai (aber lateinisch hätte es heüsen müssen: quidam 
slatuas quüms aetemitati se eommendari posse aestimant ardenter 
adfectant), XYIII 2, 15 post saepimenta inflammata et obtrun- 
catam haminum multitudinem visosque cadentes multos, cf. XIV 
5, 4. 6, 10. XV 6, 2 L f . 7, 9 L f.; daher hat er nicht selten 
mÜBgestaltete Perioden, z. B. XTV 7, 7 Serenianus, pulsatae maie- 
statis imperii reus iure postulatus ac lege, incertum qua potuit 
suffragatiane absdvi, aperte canvictus familiärem suum cum pileo, 
quo Caput operUbat^ incantato vetitis artibus ad templum misisse 
faüdieumf XV 2, 10 Gorgonius otmspiratione spadonum iustitia 
eoncimuMs mendaeiis obumbrata perictilo ecclutus abscessit. Auch 
das Cref&hl f&r die Proprietät der lateinischen Wortstellung geht 
ihm ab, wodurch seine Lektüre uns sehr erschwert wird; er 
ändert nicht nur die übliche Wortfolge wegen des rhythmischen 
Satzsehlusaes (^ 3 j. ^ 3 oder z 3 . ^ . ^ oder z ^ ^ z, s. Anh. 11)^ 
z. B. XIY 2f 17 quarum tutela securitas poterai in solido locari 
cunelarwn, 7, 21 quam neoessario aliud reieci ad lempus, h, 'A 
vestigia daritmimis pristmae numstrat admodum pauca, 10, 5 
Salus est m tnäo loeata praefectij 10, 14 qw>s fama per pla- 
garum guogue aeeolas eztimarum diffundit, XV 7, 3 Marcus 
eomUdit imperator, 7, 5 suppiieio est eapitali addictus, XVII 
2^ 1 exfkri se posse praedarum opimitati sunt arbitrati, 4, 1 
abdisem Htmm m cireo erectus est mazimo, 4, 12 aller in 
eau^po loealus est Martio^ 4, 14 circo inlatu» est mazimo, 
XVm 1, 2 erat mdeämabSUs iust/jrum iniusU/rumque diaiinctor, 
XVI % ^^tmggerato Uaque negotio ad arfnirium tempr^um cum 
amM jmC isswsesda multorum meettireimr \ iudieesqwt haerereni 
mmhiguig I imsiem veritas respirofH opprehna e/ in af/rui/to 

■fier Bufinum taHus marMwu c^mfM^r auctorem, \ 
fimJititi' smpf^etta ^), wandern auch ohne iiftt'Asn Onrifi, 

m ötfc «rlaobt, das htrxhi:,^ zzLit^j^ «ib mA/tm 



650 Von Hadrian bis zum Ende der Kaiserzeit 

wie XV 5; 25 ut ad imperatoris novelli per ludibriosa auspicia 
virium accessu firmandi sensum ac voluntatem dux fMnlis ver- 
teretur, 6, 1 ne reos atrocium criminum promiscue citari faceret 
multoSf XVII 1, 1 praedam Mediomatricos servandam ad re- 
ditum usque suum duci praecipit — Eine genaue stilistische 
Würdigung des Ammian, die ebenso wie eine gute Ausgabe ein 
dringendes Bedürfnis ist^ wird das alles im einzelnen darzulegen 
haben. Ich führe zum Schlufs noch eine treffende Charakteristik 
des ammianischen Stils von y. Gutschmid an (El. Sehr. V 583 f.): 
^yAmmian schreibt ein blumiges und barbarisches Latein; sein 
gesuchter, outrierter Stil steht unter dem Einflüsse der 
asianischen Rhetorik, die in seiner Zeit den Geschmack be- 
herrschte. . . Als Grieche und Soldat schreibt er unsicher. Aber 
die Diktion ist trotz des Schwulstes nicht ohne Kraft. . • Die 
Perioden sind gedunsen imd leiden an Wortüberfülle. Poetische 
Worte sind sehr zahlreich, nicht minder obsolete Worte ^), Me- 
taphern und Neuerungen im Gebrauch der Worte. Er vermeidet 
griechische Worte, die er immer nur mit einer entschuldigenden 
Formel anbringt; um so häufiger sind Graecismen aller Art. . . 
Am übelsten sind die schlechten Constructionen und die barocken 
Wortstellungen, die erst bei einiger Überlegung den Sinn des 
Schriftstellers ergeben." — 
merony. Ilierouymus, weitaus der gelehrteste aller christlichen 

lateinischen Schriftsteller, der zu den heidnischen Autoren ein 
so intimes Verhältnis hatte wie kein anderer, tadelt zwar oft 
genug den Schwulst und die Ziererei in der Diktion seiner Zeit- 
genossen'), aber wie er inhaltlich ganz als Rhetor schreibt^ nn- 
mäfsig im Lob wie im Tadel je nachdem es ihm gerade palst, 
sophistisch in der Argumentation'), so hat er sich auch formell 
nicht überall von den Auswüchsen des pathetischen StUs frei- 



Tempus zu setzen: 8% Numa PömpUiiAS vd SocraUs bona guaedam 
de spadane, a veriUUe descivisse arguebaniur. 

1) Z. B. XIV 1, 9 non nisi luce palam egrediens ad agenda quae 
putabiU aeria cemdHxhiNr. et haec qmdem medulUius müUia gewtenübui 
ogebanitHr. 

2) CL oben 8. M6. Ferner ep. 40, 2 (I 187) numqmd aohta Onoiui 
«Mphii 4 JM wHkhun vetieamm tummHa buecis trutmatur m- 

^h q mUi am nor« mUmamio, 

n. worden, of. i. B. Job. Glericos, Qoae- 



Sp&Uat Litteratur: der neue Stil in den übrigen Provinzen. 651 

gehalten^); z. B. setzt er den ganzen Apparat der sophistischen 
Deklamationskünste in Bewegung bei der Schilderung der Fol- 
tern einer Christin und ihrer wunderbaren Rettung (ep. 1)^ und 
es finden sich bei ihm genug Stellen wie die folgende (ep. 14^ 10, 
I p. 36 Vall.): sed quoniam e scopulosis locis enavigavit oratio d 
inter cavas sputneis fltictibus cautes fragilis in dUum cymha pro- 
cessU, expandenda vela sunt ventis et quaestionum sccpulis Irans- 
vadatis laetantium more nauiarum epilogi cdeuma cantandum est. 
desertum Christi fhribus vemans^ o solitudo in qua Uli nascuntur 
lapides de quibus in apocälffpsi civitas magni regis extruitur, o ere- 
mus famüiarius deo gaudens. quid agis frater in saecülo, qui inaior 
es mundo? u. s. w. Von Asella^ der Schwester seiner gelehrten 
Freundin Marcella schreibt er (ep. 24, 5, I 130 Yall.) nMl illius 
severitate iucundius nihil iuctinditate severius, nihä stiavitate tristius 
nikU tristitia suavius. ita pallor in fade est, ut cum continentiam 
indicet non redoleat ostentationem. sermo silens et silentium loquens, 
negleda mundities et in culta veste cuttus ipse sine cuUu, Unter 
seinen Briefen ist der 117te eine grimmige Invektive gegen eine 
Jungfrau in Gallien, die sich mit ihrer Mutter entzweit hat. Er 
schildert ihr Treiben mit so lebhaften Farben, als ob er selbst 
dabei gewesen wäre, und läfst sie selbst den Einwurf machen 
(c. 8) : unde me nosti et 'quomodo tarn longe positus iactas in me 
oculas tuos? Schliefslich (c. 12) hält er es selbst für nötig zu 
sagen: haec ad brevem lucubratiunculam celeri sermone dictavi .... 
quasi ad scholasticam materiam me exercens . . . simulque 
ut ostenderem dbtredaioribus meis, quod et ego possim qttidquid 
venerit in buccam dicere. Daher machte ihm sein Gegner Vigi- 
lantius den Vorwurf, den er selbst berichtet contra Vigil. c. 3 
(vol. II 389 Vall): scd iam tetnpus est, ut ipsius verba ponentes 
ad singüla respandere nitamur, fieri enim potest, ut rtwsum ma- 
Ugnus interpres dicat fictam a me materiam, cui rhetorica 
deelamatione respondeam, sicut ülam, quam scripsi ad Oallias, 
wudris et fiUae inter se discordantium. — 

Von Ambrosius als Stilisten gilt das Gleiche, wie sehr er Ambrodm 

1) Er entschuldigt sich einmal eingehend, dafs er ein Werk nicht ge- 
nflgond stilistiBch habe feilen können: comm. in Zachariam 1. III praef. 
(toL 71 S p. 880 f. YalL), und ärgert sich über einen Mönch, der seine 
Sfcpaitaehrift gegen lorinian wegen ihres Stils getadelt hatte: ep. 50, 2 f. 
a Ul f.). 



652 ^OB Hatlrian bis zum Ende der Katserzett. 

auch als MeuBch den Hieronymus überragt. Was ist aucli 
greiflicher, als daXa der gewaltige Prediger, der den jungen 
Auguetm durch die Schönheit seiner Diktion bezauberte (Aug. 
conf. V 13, oben S. 5), sich wenigateoB ia den Predigten') des 
modernen Stils bedieute, der auf die Herzen und den Sinn der 
Zuhörer den gröfsten Eindruck machen mufste? Am stärksten 
tritt dies Bestreben hervor in den Predigten, die er in Nach- 
ahmung des BasileioB über die Schöpfungsgeschichte hielt, z. 
um eine beliebige Stelle herauszugreifen, Hexaem, III 15, 
(14, 183 Migne): inexplicahile est singulamm rerum exquirere 
proprietatcs et vel diversilates earum mattifesla teslificatione du 
guere vel latentes oceultasqite causas indeficientibus aperire 
mentis. una nempe atgue eadem est aqua et in diversa3 plenimque 
sese mvtat speäes: aut inter arenas flava aut intcr catttes spumea 
aut inter netnora viridantior aut inier florvlcnta discolor aut inier 
lüia fidgentior aut inter rosas nitilantior, aut in gramine ligjiidior 
aut in palude turbidior aut in fönte perspicacior aut in mari 6b- 
scttrior, assumpto locorutn quOtus infinit colore, decurril. r^orem 
qtwgue pari rakone commutat, ut inter vaporantia fcrveat, inter 
umbrosa frigescat, sole repercussa exftestuet, nivOnis irrigata glaäali 
humore canescat u. s. w. Eine ähnliche Periode aus dem Anfang 
des zweiten Bucha De virginitate analysiert Äugustin de doctr. 
Christ. IV 48 als ein Muster des grande dicondi genus.^) — 

Die absolute Geschmacklosigkeit drang aber, wie in (üallien, 
auch in den andern Provinzen erat seit der Mitte des V. Jahr- 




De ofs'o^^H 

eleaen, <>4^^^| 



1) Sachlicher und einfacher scliteibt er, soweit ich mich 
der auf Ciceroa Büchern Ton den Pflichten aufgebauten Schrift De 
imnistroram, cf. R. Thamin, 8. Ämbroise et 1a morale ebr^tienne 
Piris 1B9G. Von den äbrigen Schriften habe ich zu wenig gelesen, 
darüber nrtcilen zu kennen. 

2) Der Ciceroniftner in Eraarntta' dialogua Ciceronianus (p. 1008 B der 
Äuignbe Ton ITOÜ vol. 1} lu-teilt aber Ambrosius: gaudet argntia alttmonibw, 

[ aeclamMionibus, «ec praeter scntenliae quicguam lo^itur: membrii meitis 

•••tatibua mioia-osus ik modulatus eumn quoddam dictnHi genm habet atiiis 

le, $td a TuHiano gcnere diiKr»i»simvm. Fänälon, Dialogues aar 

ip^s ITIS) !34 Saint Ambroise sut't qntlquefeiis la mode de 

tmne ö ton dinwtr« Uf omeme^u qit'on tttimoU 

ftattda homme» gut avoitia des nl£s p^hs havtcs gw I 



VBIogttmce, se conformoienl au goül du (eiw, pour fi 
parok de J)icu, rt pour insinaer Its rtriltt de t 



SpäUat. Liiteratur: der neae Stil in den übrigen Provinzen. 653 

hunderte ein. Wer einiges aus den Gesetzessammlungen jener 
Zeit^ aus Cassiodors Variae, aus Venantius Fortuuatus' Prosa- 
schriften gelesen hat, weifs^ dafs der Stil bis zur völligen üu- 
yerständlichkeit verzerrt wurde. In den Kanzleien der Kaiser 
bildete sich das aus, was wir unter ^Kanzleistil' verstehen: schon 
in den Briefen Konstantins des Grofsen liegt er fast ausgebildet 
Yor^): Gespreiztheit und Schwulst sind seine Charakteristika^), 
aber darin unterscheidet er sich von der uns geläufigen Vor- 
stellung , dalB er nicht affektiert archaisierend, sondern hoch- 
modern ist, indem er ohne Rücksicht auf die castitas der alten 
Sprache sich mit all den bekannten Mittelchen raffinierter Rhe- 
torik aufflittert, z. B. empfiehlt Gassiodor (im J. 511) im Namen 
Theoderichs den Gallier Felix dem Senat mit folgenden Worten 
(var. II 3): litter arum stxtdüs dedicatus perpetuam doctissimis disci- 
plinis mandpavit aetaieni. non primisy nt aiunt, Idbris eloquentiam 
consecuius toto se Aonü fönte satiaviL vehenietis disputator in libri^, 
amoenas declamatar in fäbulis, verhorum novellus sator acqui- 
peraverat prorsus meritis qtios lectitarat auctores. Was man da- 
mals fdr guten Stil ansah, erkennen wir aus Venantius, wenn 
er lobt pompasae facimdiae flonüenta germina (praef. p. 1, 15 Leo) 
oder erepitantia verhorum tonitrua (c. III 4, 1 p. 52, 6), und be- 
sonders aus folgenden Worten (c. V 1, 6 p. 102, 19): quid loqtiar 
de perihodis q^ichirematibus enthymemis syllogismisque perplexis? 
quo laborat quadrus Maro, quo rotufidus Cicero, quod apud illos 
estprofundum, hie profluum, qtiod iUic difficillimum, hie in promptu: 
comperi paucis pundis quoniam quo volueris colae pampinosae dif- 
fundis propagineSj quod vero libuerü aeuti commatis falce succidiß, 
iä cauii vinitoris studio moderante nee in hoc luxurians germinet um- 
bra fastidium et illuc tensa placeat propago cum fructu. Ihm selbst 
gehen lange Perioden meist jammervoll in die Brüche (z. B. c. V 
6, 1 p. 112, 1 ff.), während ihm besser gelingen Wortklingeleien 
wie (praafl 1 p. 1, 1 ff.) acuminum siwrum luculenta veteris aetatis 
vngeim qui natura fervidi, curatura fülgidiy usu tritt, auso seciiri, 
cre freHf mare festivi^ praeclaris operüms cehArati posteris stupore 



1) Z. B. in denen, die er in Sachen der Donatisten schreiben licfs 
(Goip. BCiipi. eccl. Vindob. XXVI 204. 210), oder in dem an Porfyrius Opta- 
tiaiuu gerichteten (p. 4 Müller). 

8) Cf. Sidon. Apoll, ep. VIII 3, 8 declamationes qtms oris regit vice 
eomfieiB. 



654 Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

laudanda rdiquere vestigia, certe iüi invenHone pravidi, partitione 
seriiy distnbtUione librati, epilogiarum calce iticundi, colae fönte pro- 
flui, comtnate stuxnso venusti, iropis paradigmis perihodis qnchire- 
matibus coronaH pariter et cothumaü taie sui canentes dederutd 
specitnen, ut adhtui nostro tempore quasi sibi postumi vivere credan- 
tur etsi non came vel carmine. — 

Für die Predigten jener Zeit gilt das Gleiche , was oben 
über die des Augustin gesagt ist: unter den angewandten Bede- 
figaren dominiert das Isokolon mit Homoioteleuton , vor allem 
in den Predigten Gregors des Grofsen (f 604), worüber die 
Mauriner in ihrer Ausgabe (1705) vol. III 2 pg. II bemerken: 
Crregorius fere semper graditur periodis himenibrtbus et qtuisi W- 
pedibus similiter cadentibus und Erasmus 1. c. (S. 652, 2): Isocrati- 
cae striActurae quasi servit oratio, sie enim puer in, scholis asstieverai. 



SohluTsresultat. 

Schlafs. Blicken wir zum Schlufs dieses Buches kurz zurück auf den 

langen Weg, den wir bisher durchmessen haben. Eine Ent- 
wicklungsreihe von tausend Jahren liegt hinter uns: in ihnen 
ist von dem feinstorganisierten aller Völker ein Tempel der 
Schönheit aufgebaut worden, die, zeitlich und örtUch unbegrenzt, 
ihren Siegeslauf genommen hat und eine Erzieherin der Nationen 
geworden ist. Denn da für dieses Volk der Begri£F der Schön- 
heit mit dem edler, stolzer Menschlichkeit zusammenfiel, haben 
die Wunderwerke, die es geschafien, seinen eignen Untergang 
überdauert: ihre Ideen waren imendlich dehnbar, ihre Formen 
auf heterogene Verhältnisse übertragbar. Was in ein paar Jahr- 
hunderten das kleine Hellenenvolk geschafien hatte, wurde ewig 
vorbildlich für den Orbis terrarum. Wir haben diese litterar- 
historische Maxime — die gröfste, die es überhaupt für die 
Völker unseres Eulturkreises giebt — in den vorangegangenen 
Untersuchungen für ein kleines Gebiet, die Formgebung kunst- 
mäJjsiger Prosa, bestätigt gefanden. Aus dem Born der Schön- 
heit, die in den klassischen Meisterwerken attischer Prosa des 
fünften vorchristlichen Jahrhunderts niedergelegt wurde, haben 
die Menschen, sich selbst zuletzt unbewulist, kraft einer unver- 
wüstlichen immanenten Tradition, welche die BeachfltBeriii alles 



Schlufs. 655 

wahrhaft Orofsen und Guten ist^ getrunken. Freilich die klas- 
sische, Tomehm in sich selbst ruhende und äufserliche Mittel 
stolz Terschmähende Schönheit hat keiner der Nachahmer , so 
yiele sich auch darum bemühten ^ erreichen können: die Nach- 
ahmung war mehr oder weniger schablonenhaft und mumien- 
artig; ein deutliches Abbild der langsam aber stetig alternden 
Welt der Antike. Dagegen die äufserlichen, auf die Nerven 
stark wirkenden und daher dem Oeschmack des Durchschnitts- 
publikums angemesseneren Schönheitsmittel der prosaischen Dik- 
tion, wie sie gleichfalls im fünften Jahrhundert von den so- 
phistischen Schönschreiben! als verbindlich aufgestellt wurden, 
haben in Wahrheit gelebt: in den Entwicklungsphasen der 
Litteraturen beider Völker sind sie von Anfang bis zum Ende 
konstante Gröfsen gewesen, die sich aus sich selbst stets von 
neuem wieder erzeugten. Die Anhänger der ersteren Partei, 
die sich an der Nachahmung der klassischen Muster Atfcikas 
versuchte, nannten sich, wie wir sahen, mit Stolz die ^Alten', 
die der anderen Partei, die in stetem Fühlen mit den Bedürf- 
nissen der Gegenwart blieb, die *Neuen'. Der Kampf der bei- 
den Parteien in Theorie und Praxis bildet den wesentlichen In- 
halt der bisherigen Darstellung. Wenn wir Epigonen von der 
Warte kühl reflektierender Beobachtung auf den Kampf zurück- 
blicken, so werden wir nicht umhin können, nur der Partei der 
^Neuen' objektiv historische Berechtigung zuzuerkennen, denn 
nur das Lebende besteht zu Recht. Anders werden wir freilich 
urteilen, wenn wir unsere subjektive Empfindung als Mafsstab 
anlegen. Denn gemäfSs dem Erfahrungssatz, dafs^ je stärker ein 
Reiz auf unsere Sinne wirkt, um so leichter das Gefühl der Er- 
schla£fung oder Übersättigung eintritt, haben nur die gröfsten 
Stilvirtuosen jene äufseren Effektmittel der alten sophistischen 
Kunstprosa mit solchem Mafs und solchem Takt angewendet, 
dals ihre Schöpfungen auf uns wirken wie Gemälde, in denen 
zwar starkwirkende Farben aufgetragen sind, aber nur am rechten 
Ort und so, dafs sie in ihrer Gesamtheit das Auge eher erfreuen 
als verletzen: eius demum vera est cUque absoluta ars, qui quan- 
tum inpenderit qperae dissifnuiat magis quam profitetur, ut facüius 
jUaeere aliquid persentiscamus quam quid placeat intdlegamus^) Die 



1) Kaibel in: Gomm. in hon. Momms. 826. 



G5G Von Hadrian bis zum Ende der Eaiserzeit. 

grofse Masse der Stilkünstler ist an der schwierigen Aufgabe 
gescheitert; indem sie, um mich eines anderen, gleichfalls antiken 
Bildes zu bedienen, die starken Oewürze zur Speise selbst ge- 
macht hat: die Folge war, dafs die antike Kunstprosa, indem 
sie sich mehr und mehr dem nur für starke Kost empfönglichen 
Geschmack der langsam von der früheren ästhetischen Hohe 
niedersteigenden Völker anpafste, stetig degeneriert ist und in 
ihrer einstigen Scliönheit erst wiedererkannt werden konnte von 
uns Epigonen, die wir durch andere Sprachen und andere Lebens- 
gewohnheiten abseits stehen von dem grofsen Strom der Ent- 
wicklung, der die in ihm Befindlichen widerstandslos mit sich 
fortreifst. 



Zweites Buch. 



Das Mittelalter und der 

Humanismus. 



Erster Abschnitt. 

Die Antike im Mittelalter nnd im Humanismns. 



Erste Abteilung. 
Die Antike im Hittelalter. 

Als eine der grofsen historischen Errungenschaften unseres Aiigo- 
Jahrhunderts darf gelten, daCs derjenige, der das Mittelalter °* 
noch mit den Schmähworten der Humanisten bezeichnet, ähn- 
licher Schmähworte seitens der heutigen Forscher gewärtig sein 
mufs. Die Bedeutung des Mittelalters auf litterarhistorischem 
Gebiet besteht in der Vermittlung der antiken Bildung für die 
moderne Zeit. Es verdient gerade heutzutage gegenüber den 
Verächtern der klassischen Studien betont zu werden, dafs, wie 
die folgenden Untersuchungen zeigen werden, der Stand der all- 
gemeinen Kultur und Menschenbildung im Mittelalter nie tiefer 
gewesen ist als in den Zeiten der völligen Abwendung vom Alter- 
tum, nie höher als in denjenigen Jahrhunderten, in denen Kaiser 
und Könige aufs nachdrücklichste die Bückkehr zur Antike be- 
fohlen haben, um durch sie die stagnierende Kultur ihrer eignen 
Völker zu beleben. Eine zusammenfassende Behandlung dieser welt- 
geschichtlichen Thatsachen giebt es noch nicht; das erklärt sich 
teils aus der Fülle des Ungeheuern, überall verstreuten, meist noch 
ungesichteten, ja unedierten Materials, teils aus dem Umstand, 
dab der klassische Philologe, der auf seinem eigensten Arbeitsfelde 
noch so viele Blumen in prangenden Farben mühelos pflücken 
kann, ungern auf dem Acker eines Fremden die zwischen Disteln 
und Domgestrüpp sich verirrenden matten Blüten sammelt, der 
Historiker des Mittelalters sich ebenfalls nur gezwungen an eine 
ihn doch nur mittelbar und nicht sehr wesentlich berührende 

V«f <•>, maSSk» KoaitproM. IL 43 



. 660 Die Antike im Mittelaltar. ■ 

Aufgabe macht. Ich habe mich, 80 gut ich konute, auf ävm 
mir von Haus aus fremden Gebiet zurechtzufinden gesucht, auf 
das mich nicht eigne Neigung führte, sondern das Bedürfnis, 
einerseits den eich scheinbar fast verlierenden VerÜatelungeE der 
antiken Kultur nachzugehen, andererseits das Wiederaufleben 
dieser Kultur in aeiuer geschichtlichen Notwendigkeit zu be- 
greifen. Nachdem ich dies, soweit ich vermochte, erreicht 
habe, werde ich nie wieder die stille Reinheit der Antike 
dem phantastisch wogenden Nebelmeer des Mittelalters 
tauschen. Die Gesichtspunkte, nach denen ich das Material ge- 
ordnet habe, zum gröfsten Teil auch das auf Grund der Quellen 
selbst gesammelte Material, glaube ich mit wenigen als solche 
angegebenen Ausnahmen als neu bezeichnen zu dürfen.*) Ich 
muTs das alles hier vorlegen, weil die Stilgeachichte eng damit 
verknüpft ist und eben nur durch diese Verknüpfung einiges 
Interesse gewähren mag, dessen sie isoliert entbehren würde. 
Den allgemeinen Entwicklungsgang der klassischen Studü 
im Mittelalter hat schon Melajichthon in grofsen Zügen treffe 
geschildert in seiner zu Wittenberg am 29. Aug. 1518 gehall 
Antrittsrede De corrigendis adulescentiae studiis.*) Nach 
Verwüstung Italiens durch Gothen und Langobarden waren 
Irland und Britannien in ihrer friedlichen Abgeschiedeuheit 
PBegstätten der alten Litteratur; Italien, Gallien, Deutschland 
lagen danieder, bis Karl d. Gr., selbst hochgebildet, eine Er^ 

1) Daa ÄsBehen, welchei die bekannte AUg. Geacb. der Lit. ilee I 
im Abendlonde bia zum Beginn des XI. Jh. von A. Ebert geniefst, ertdb 
sich nur daraus, dafa ea über diesen Gegeuatond nichts bosaerea Zusammen- 
foBsendea giebt: Biugraphieen der Verfaaaer und ermüdende Tuiialts angaben 
ihrer Werke sind wahrlich keine Litteratni'geaohichte , am wenigsten eine 
solche dea Mittelalters, wo ea darauf ankonunt, den grolsen Gang der Ideen 
darxuatetlen and wo die ohnehin ja ao spärlich vorhandenen Individaen 
nur inBofem GeHang beaitKen, ab sie weaentliohe Träger dieser Ideen 
sind. Ich werde daher dieses Wert, aus dem ich so gut wie nichts balu 
lernen kGnnen , im folgenden fast ganz ignorieren. Die angekündigte ( 
teinigche Litteraturgesohichte des Ma. von L. Traube wird, i 
dürfen, die empfindliche Lücke ausfOllen. Dafs ich in den folgenden ün) 
suchungen den nnermeratichen Stoff' nicht habe erachSpfen kCnnen , 
fflr Wissende keiner Bcgrfindung oder Entschuldigung. 

S) Am besten ediert von K. Hartfelder in: Lst. Litteratnrdenkm. ' 
XV. n. XVI Jahrh , Lerausgeg. von Hermann v. Seamatälski , Hefl 1 (B« 
1881) 3 ff. 



ich t 



iniges 

de. ^^m 

^udie^^H 

efTe^^H 

a ni«^H 



Die Übergangszeit. 661 

neuemng der Litteratur (littercts instaurandas) beschlofs^ und zu 
dem Zweck Alcuin aus England nach Gallien kommen liefs. Von 
da an wurde Paris ein Hort der Studien , aber noch nicht war 
Aristoteles hier der Mittelpunkt^ sondern Wissenschaft aller Art 
blühte: Zeuge ist der Benediktinerorden^ dessen Mitglieder durch 
gelehrte Thätigkeit berühmt wurden. Zu ihrem Unglück ver- 
fielen dann die Menschen auf Aristoteles ^ nicht den echten und 
reinen, sondern den durch barbarische Übersetzungen verzerrten: 
von dieser Zeit an pro honis tum bona doceri coepta. Aus dieser 
Schule gingen hervor Männer wie Thomas^ Scotus^ Durandus und 
eine Legion andrer: ihnen verdanken wir es, daCs die alte Littera- 
tur abgeschafft wurde und so viele Tausende von Schriftsteilem 
rettungslos dem Untergang verfielen. Dann kam die Zeit, in 
der die humanitas und mit ihr die lüterae wieder geboren wurden. 
„Glücklich ihr Jünglinge'^, ruft der Praeceptor Germaniae aus, 
dessen kürzlich gefeiertes Gedenkfest seinen Manen angesichts 
des Niedergangs der ^besten' Wissenschaft als Hohn erscheinen 
muljste, ^ygiücklich ihr, deren Leben in diese Zeit fällt !^' — Es 
wird also zunächst darauf ankommen, die allgemeinen Verhält- 
nisse aus der Zeit des Übergangs vom Altertum zum Mittelalter 
in aller Kürze zusammenzufassen. 



Erstes EapiteL 
Die Zeit des Obergangs vom Altertum zum Mittelalter. 

Als das Heidentum aufgehört hatte, einen Faktor zu bilden, Kiedere 
mit dem man zu rechnen hatte, als die katholische Kirche im umi!« 
wesenÜichen vollendet war, brachen seit dem Y. Jh. die Barbaren- ^^^^^' 
liorden mit stürmender Hand in das romische Reich ein, nicht 
mehr gewillt, geduldet zu sein und zu gehorchen, sondern zu 
dulden nnd zu befehlen. Um dieselbe Zeit beginnt daher auch 
flbr die Litteratnrgeschichte zunächst eine Epoche der Barbarei: 
ÜB Xioberar, die zunächst nur daran dachten, das Alte zu zer- 
dHra^leikiten swar die lateinische Sprache, aber entweder ent- 
^meh die Manier zu völliger Unverständlichkeit oder 
gkeity sich in dem fremden Idiom auszudrücken, 
meliu Li Gallien geben Ausonius, Sidonius, 

43* 



66g Die Antike im Mittelalt«!-. 

Gregor von Toura, in Italien Symmaclius und Venantins 
Vorstellung von dem stufeuweieen Niedergang des EünnenB und 
des Geschmacks. Wenn Gregor (f 593) sagt (liist. Franc, praef.), 
die Pflege der Wissenschaften werde vcrnachiässigt und wenn 
er um Eutschuldigung bittet, doTe er die Geschlechter der Sub- 
Btantive nicht mehr unterscheiden könne und die PrUpositionen 
mit falschen Kasus verhinde, ao ist das, wie seine eigne Sprach^, 
zeigt, keine Phrase. So war die Gefahr grofs, dafs die antil 
Bildung gänzlich verloren ging. Zwei Momente von weltgeschichl 
licher Bedeutung haben ihre Restanration angebahnt und durcl 
geführt: der Sieg des Christentums und die friedliche Ki 
solidierung der Barharenreiche, beide Momente ihrem inni 
Wesen nach, wie es auf den ersten Blick acheinen könnte 
wenigsten dazu bestimmt, das Alte zu konservieren. Dafa aber 
das Christentum von dem Moment an, wo es tn die antike 
Kulturwelt eintrat, sich wesentlich als erhaltende und vermit- 
telnde, nicht als zerstörende Macht bewährt hat, ist au mehreren 
Stellen dieses Werkes hinlänglich hervoi^ehoben worden; die 
Thatsache tritt, um nur das hier noch zu bemerken, mit besi 
derer Deutlichkeit in folgendem Ereignis hervor: lulian hal 
den christlichen Lehrern verboten, die heidnischen Litterati 
werke ihrem Unterricht zugrunde zu legen; daraufhin nnter- 
nahmen es die beiden Apollinarios, Vater und Sohn, eine eigne 
christliche Litteratur (in heidnischen Formen) zu schaffen: der 
Vater bearbeitete die Schriften des alten Bundes episch und 
dramatisch, der Sohn die des neuen dialogisch nach platonischem 
Mnster; man hätte erwarten sollen, dafs sich diese Arbeiten er- 
hielten, aber kaum war mit dem Tode des Apostaten die Keak- 
L iion eingetreten, verschwanden sie spurlos: iv tea roü ft^ yQ«- 
«w Aoyi^ovTKi, wie Sokratesj der dies berichtet (h. e, III 16) 
I sich ausdruckt: sie machten wieder den heidnischen Werken 
F Plittz'), die, wie wir aus der berühmten Rede dos Basilius npös 
bg viovs wissen, in der Schule gelesen wurden; so fest haftete- 
er Schule und im Leben der Christen die antike Tradition! 
iaker in der genannten Zeit diese in Vergessenheit zn 
drohte, hat die Kirche sie als Grundlage der Kultur 



nen 

I 



ttODli erliiclt sich, wenn A. l.ndwidi in: Eünigab. BiaA. I (1837) 79 1 
1, ilie btaametrische Pealterparaphrasc. 



Die Übergangszeit. 663 

schützt — lu derselben Richtung wirkte das zweite Moment. 
Dieselben Barbaren, die anfangs als Zerstörer der uralten Kul- 
tur auftraten, erwiesen sich als ihre Beschützer, seitdem sie be- 
gannen, auf dem Boden dieser Kultur in friedlicher Arbeit neue 
Beiche zu gründen. Sie brachten in das altersschwache Reich 
alles, was diesem fehlte: freudige Siegesgewifsheit, wie sie jungen 
Nationen eignet, Mut und Kraft nicht blols zum Zerstören des 
Alten, sondern auch zum Aufbauen eines Neuen; nur eins brach- 
ten sie nicht, eine auf tausendjähriger Vergangenheit ruhende 
Kultur und als deren Trägerin eine gleich alte Litteratur; so 
haben sie es zwar yermocht, durch die Gewalt ihrer Fäuste 
auf die Throne der Cäsaren Männer ihres Stammes zu setzen, 
aber ein kulturelles Äquivalent vermochten sie nicht zu bieten: 
daher amalgamierten sie sich das Fremde und obwohl sie es 
dadurch seiner Eigenart beraubten, so haben sie es doch er- 
halten. — Von den beiden Momenten ist das erstere sowohl 
das ältere als auch das wirksamere und eigentlich entscheidende 
gewesen: denn die antike Kultur wurde den Barbaren ja eben 
durch das Christentum vermittelt und mit diesem übernahmen 
sie die Ghnmdlage, auf der jene sich aufbaute, die alte Litteratur. 

Es sind hauptsächlich drei in derselben Richtung wirkende Hobongdor 
Faktoren gewesen, in denen diese beiden Momente ihren Aus- sTadien!^ 
druck fanden: die Bestrebungen des Cassiodorius, der Iren, der 
Angelsachsen. ^) 

1. In Caasiodor') vereinigen sich beide Momente. Alsi.casaiodor. 
Minister und litterarischer Beirat der ostgothischen Barbaren- 
kSnige, die Römer sein wollten und denen er den Gefallen that, 
8ie durch sein Geschichtswerk als solche zu legitimieren, hat er 
in deren Sinn die (auf italischem Boden ja freilich vergebliche) 
Tendenx einer Verschmelzung des romanischen imd barbarischen 
Elements auch in der Litteratur durchzuführen versucht. Fol- 



1) Von Iflidor preist Braulio, Bischof von Saragossa (f 651) in der 
Vorrede sn seiner Ausgabe Isidors (I 9 Arevalo) : quem deus 2^ost tot defectus 
Hüpaniae novissimis iemporibus suscitam, credo ad restauranda anti- 
quorum monumenta, ne usqueqiMqite rnsticiUite veterasceremus^ quasi quan- 
dam oppotwU desHnam, Aber Spanien stund seit der Zeit der Antonine 
auTserhalb der grofsen Heerstrafse der Kultur. 

S) Le h^ro8 et le restawrateur de la scicnce nennt ihn Montalembert, 
Les moinea d*Ocoident IE (Paris 1860) 80. 



664 



Die Antike im. Mittelaller 






gendc Worte, die er den Athalaricli sagcu liLfst (var. IX 2l| 
etwa aus dem J. 533), scheinen mir dafür besondera bezeichnend 
ZQ Bein: fframmaika magistra verbontm, omatrix hmnani gener is, 
quaeper exercitationem pulcherrimae lectionts anttquorum 
nos cognoscitur iuvare consilUs. kae non utuntur iarhari 
reges: apud legales dominos n%anere cognoscitur singularts. 
arma enim et reliqua gentes habcnt: sola reperitur eh 
quentia, guae Eomanortim dominis obsecundat. hinc 
torum pugna civilis iuris classiciim canit, hinc canctas prt 
ndbilissima diseftitiAdo conanendat, et ut reliqua taceamus, hoc guodf 
loquimur inde est. Überhaupt unterlälst er es im Namen der 
Konige bei Empfehlangen von Kandidaten nie, deren litterarische 
Bildung hervorzuheben (z. B. var. Ul 6. 12. V 4. 22). — In 
gleichem Sinn wie als Minister hat er als Geistlicher gewirkt. 
Als er sich in sein Kloster zarückzog, hat er es vermocht, sich 
auf den hoben Standpunkt des Augustin und Hieronymua zu 
stellen, indem er seinen Mönchen gründliche wissenschaftliche 
Vorbildung zur Pflicht machte; denjenigen Mönchen, denen ihre 
geistige Veranlagung eine litterariache Beschäftigung unmöglich 
machte, empfahl er als nützlichste Arbeit den Ackerbau, aber 
auch dies bezeichnenderweise nicht ohne den Hinweis, in der 
Klosterbibliothek fanden sie die auctores de re njstica: die älteste 
römische Prosaschrift würden wir also ohne diesen Mann ver- 
mutlich nicht besitzen. Man kann diese Organisation Caesiodors 
nicht hoch genug anschlagen; denn man vergegenwärtige sich, 
wie ee mit der Bildung der Klöster in den Zeiten vor ihm aua- 
ßah. Für Gallien gab um 400 der Presbyter von Massilia, 
sianus, die Mönchsregel: wir dürfen wohl annehmen, dafs 
Mann, der von GewiBsensqualen gepeinigt wurde, weil ihm bi 
Absingen des Psalters und beim Gebet die 'Teufelsgestalten' der 
vergilischen Gedichte vor Augen traten (conl. XIV 12), seine 
Mitbrüder vor derselben Gefahr durch Verbot heidnischer Lektüre 
geschützt haben wird. Und Benedictua, der Patriarch der abend- 
ländischen Mönche? Im J. 480 in Umbrien geboren, besuchte 
er die öffentlichen Schulen Roms, zog sich aber bald in die 
Einode zurück; im J. 529 hat er auf dem Mona Cassinus, auf 
den Fundamenten eines zerstörten Apollotempels, das Kloater 
gegriindet, das einst ein Centrnm der Wissenschaft südlich der 
Aljiei' 'ler hat — das kann nicht 



Die Übergangszeit. 665 

eiDdringlich genug betont werden, weil es von einigen immer 
wieder vergessen wird — der Oedanke, seinen Mönchen eine 
wissenschaftliche Vorbildung zur Pflicht zu machen , durchaus 
fem gelegen: in seiner regula findet sich keine Verweisung 
darauf.^) Diese Ordensregel erhielt bekanntlich noch zu Leb- 
zeiten ihres Stifters , sowie fernerhin durch seine Schüler, Be- 
deutung für einen grofsen Teil des Abendlandes, und vom DL Jh. 
an wurde sie für alle lateinischen Mönche kanonisch: dafs aber 
der Benediktinerorden früh seine von der weltlichen Bildung 
abgewandte Haltung aufgab, dafs er Träger der Kultur durch 
die Wissenschaft wurde, ist nicht die Absicht seines Stifters 
gewesen, sondern das unsterbliche Verdienst Cassiodors, des Ver- 
üftssers der institutiones. Er war weder ein origineller noch ein 
produktiv wissenschaftlicher Denker, was beides Boethius war: 
dafär erfafste er aber mit dem praktischen Blick des Staats- 
manns die Weltlage besser als jener Idealist; gerade dadurch, 
daCs er das Wissenswerte der Vergangenheit teils excerpierte, 
teils in seiner Bibliothek sammelte und zu vervielfältigen befahl, 
wurde sein Vorbild für die folgenden Generationen mafsgebend, 
die eine Selbständigkeit des Schaffens auf diesen Gebieten weder 
selbst besassen, noch von andern verlangten. 

2. War der mit der allgemeinen Weltlage wohlvertraute s. nie inn 
Mann kraft eigner Ansicht und kraft der Überzeugung, dafs der 
durch die Barbaren und die einseitige Auffassung des Christen- 
tums zugrunde gehenden Kultur eine neue Stütze gegeben werden 
müsse, auf den Standpunkt der freisinnigen christlichen Geistes- 
heroen des vierten Jahrhunderts zurückgekehrt, so hatten die 
Iren (oder vielmehr, wie sie bis zum Ausgang des Mittelalters 
heilsen, die ^Scotti') ihn überhaupt nie verlassen. Im III. und 
IV. Jahrh. von britannischen Missionären christianisiert, blieb 
Irland dank seiner Abgelegenheit von den Stürmen der Völker- 
wanderung, die im ganzen übrigen Abendland die Kultur fast 



1) Gf. Hamack, D. Mönchtum (4. Aufl., Giefsen 1896) 42 f. A. Dan- 

r, Les monastöres bän^dictins dltalie (Paris 1866) I c. 10 (La science et 

Im I flth a s daas one abbaye b^n^dictine) scheidet nicht zwischen dem ur- 

luHflfcfW Zustand imd dem späteren. Richtiger also als viele Neuere hat 

** — Uiieü t im XI. Jh. Petrus Damiani, wenn er opnsc. XITT c. 11 

I Muif die parvi pendentes regtUam BenedicH regulis gaudent 

et auch C. Arnold, Caesarios (Leipz. 1894) 102 f. 



666 Die Antike im MittelBller. 

vernichteten, verechoufc, und in den zahlreichen Klöstern 
hier in rascher Folge entstanden, konnte an den Zustand d< 
Bildung im IV. Jh. unmittelbar angeknüpft werden. Die 
Occideut sonst fast verlorene Kenntnis des Griechischen') 
bei den Iren so verbreitet, dafs man schlofs: wenn jemand grie- 
chisch verstehe, so werde er wohl aus Irland stammen. Für 
den ganzen Gang der Kultur wurde entscheidend die fast spricb- 
wörtliche Wanderlust der Iren. So kam es, dafs sie die lieid- 
uisch- christliche Kultur, die aie im III. und lY. Jh. empfangen 
Latten, im VI. und VH. Jh. den siidliehen Ländern, wo sie in- 
zwischen verloren war, wieder übermittelten: zu derselben Zeit, 
als Gregor von Tours über die litterariscbe Verwahrlosung des 
Frankenreichs klagte, gründete am Westabhang der Vogesen ein 
Utterarisch hochgebildeter, in Grammatik, Rhetorik und Geo- 
metrie wohlbewanderter Mann, Columbanus, drei Klöster, darunter 
das bekannteste Luxovium (Luxeuil). Wechselvolle Schicksale 
führten ihn im J. 613 zur LangobardenkÖnigin Theudelinde, jener 
klugen und mächtigen Frau, die von Papst Gregor d. Gr. für 
den römischen Katholicismus gewonnen war: dieses Nebenein- 
ander des irischen (d. h. antirömischen), langobardischen und 
römisch-katholischen Elements ist höchst bemerkenswert, dt 



1) Über die Schicksale der griecbischen Spracbe im Westen i 

ginn der Berühi-ung GrriecheDlandti mit Rom Lia zu dem Zeitpunkt, 

Petrarca durch Vermjttluug dea Barlaam aus Ealabrien sich eine uotdürf- 

tige Kenntnis der griecbJBchon Spiacio erwarb, liabe ich mii', wie umge- 

kelirt für die Schickaale der late-iniacben Sprachß iiu Oiten his anf die 

Cberaetzujigsthätigkeit des Maxi mos Plaaude« und Demetrios Kjdonee, 

Zeugiüsae gecanunelt; aber das za Terarbeiteode Material ist so ungeheuer 

grofs und e. T. auf Gebieten verstreut, die meiaeu Studien und intetesson 

f«m liegen, dafs ich zu seiner vOUigen Sammlung und Verarbeitung noch 

Juhie gebrauchen werde. Das Best«, was es darüber giebt, sind noch immer 

Kwei Programme von Fr, Cramor, De graecis per occidentcm gtadiis inde 

a primo medio acvo usqne ad Carolum M, , Stralaund 1B4S, 1853; ferner 

L. Traube inr Abb. d. Bayr. Ak. d. Wisa, S1X(1S92) 344—361. K. Kram- 

bacJuer in; Sitzungiber. der Bayr. Ak. d. Wiss. (1S9!) 363 ff. (dort auch 

t)1» Littuiatuinavhweite), L. Stein La: Anh. f. Gesch. d. Fhilos.' N. 

■ T>idDl, Aide Hanuoc tl'niU 1876) Einleitung. K. Ci 

d. TnnfsTRiboIs ii. d. Olaubensregel TTI (Chrisl 

(liiechiacfa in d. rOm. Geiueinde ; 

Tb. Zalin, Oeech. d. neut. Kanon* 1 I 



1 



Dio übergaugszeit. 667 

eben diese Elemente bat später Karl d. Gr. vereinigt. In dem 
Reicbe dieser Fürstin, unweit südlicb von ibrem Haaptsitz Pavia^ 
gründete Golumban das Kloster Bobbio ^), dessen Name das Herz 
des Philologen stärker scblagen läfst. In einem Gedicbt spricbt 
Golumban zu einer Zeit, als Gregor der Gr. es für unwürdig 
erklärte, dafs aus demselben Munde der Name Christi und Ju- 
piters komme, unbefangen von den Trojanern, Ampbiaraus, Dauae, 
Pluto: diejenigen Mönche, die in spätem Jahrhunderten über die 
schönen alten Handschriften des Plautus, Cicero und Fronto die 
Texte der Yulgata, des Augustin und der Konzilsakten schrieben, 
haben nicht im Sinn Columbans gehandelt. Columbans Schüler 
Gallus, der ihm wegen Krankheit nicht nach Bobbio folgen 
konnte, legte um 613 den Grund zu der später nach ihm be- 
nannten Abtei St. Gallen, der zweiten grofsen Fundgrube von 
Handschriften in der Zeit des Humanismus.^) 

3. Der Philologe kann die Bedeutung der irischen Kultur 3. uio 
für die Erhaltung der klassischen Litteratur gar nicht hoch B»ch8en. 
genug anschlagen: was uns von Handschriften, welche die Für- 
sorge der romischen Adelsfamilien im IV. und Y. Jh. anfertigen 
liels, erhalten ist, verdanken wir direkt oder indirekt den Iren, 
die sie aus Rom nach Bobbio u. s. w. geschafft haben; den Ale- 
mannen, Langobarden, Franken, Bayern haben wesentlich die 
Iren eine reiche geistliche, auf der Antike basierende Bildung 
gebracht: eine lange Beihe glänzender Namen vom siebenten 
bis sehnten Jahrhundert bezeugt es im Verein mit den erhal- 
tenen Handschriftenkatalogen jener Zeiten. Am frühsten und 



1) Cf. A. Peyron, De bibliotheca Bobiensi in seiner Ausgabe der Cicero- 
tegmente (Stattig. 1824), praef. lU ff. 

8} Gf. A Oianam, La civilisation chretienne chez las Francs = Oeu- 
vraa oompl^tefl IV (6. 6d., Paris 1803) 100 ff., B. Huurdau, Singularites hi- 
itoriqnea et litt^raires (Paris 1861) c. 1 (Ecoles dlrlande), L. Traube 1. c. 
846 Q. 0. und besonders H. Zimmer, Über die Bedeutung des irischen Elc- 
menti für die mittelalt. Cnltar in: Preuss. Jahrb. 1887 p. 27 ff.; derselbe 
ins Neaaiiu tindieatos (Berlin 1898) 288 ff. (doch cf. G. Wissowa in: Gott. 
gaL Abb. 1896 ^ 788 ff.). Interessant sind die bekannten Bibliothckskata- 
löge Ton St. Gallen und Bobbio aus dem IX. u. X. Jahrb. bei G. Becker, 
Gaftalogi biMiothecanun antiqui (Bonn 1886) 43 ff. 64 ff. Übrigens stehen 
a— gMwiflhufltfi Difltiohen des Bischofs Liyinus yom J. 633 in: Vetemm 6pi- 
■tolaram ffibernioanim aylloge ed. J. Usher (Herbem in Nassau 1696) p. 17 f. 
(fcBlHehii Stadium de« Ovid v. 68 ff.). 



668 Die Antike im Mittelalter. 

nachhaltigsten haben sie derjenigen Nation die Schätze ihres 
Wissens mitgeteilt, die ihnen ortlich am nächsten wohnte, den 
Angelsachsen, deren Christianisierung Gregor d. Gr. begonnen 
hatte. Eine grofse Anzahl von zeitgenossischen Zeugnissen^) 
beweist, dab dieses Volk mit mafsloser Bewunderung auf die 
Gelehrsamkeit seiner Nachbarn sah und sie sich anzueignen 
trachtete. Die Angelsachsen besuchten die irischen Klöster und 
fanden hier das bereitwilligste Entgegenkommen: guas {sc. Anglos), 
sagt Beda h. e. III 27, omnes ScoUi libeniissime suscipientes victum 
eis cotidiantMn sine pretio, libros quoque ad legendum et magisterium 
gratuüum praebere curabant Die Kenntnis des von den Iren 
ihnen übermittelten Griechischen wurde bei ihnen dadurch noch 
vergrofsert, dafs im J. 668 Theodoros, ein Mönch aus Tarsos, 
vom Papst nach England geschickt wurde, wo er im Verein mit 
seinem ebenfalls des Griechischen kundigen Begleiter, dem Abt 
Hadrian, Elosterschulen errichtete.^ Die beiden groüsen Schrift- 
steller Aldhelmus (f 709) und Beda (f 735) schreiben zwar, 
wie alle Angelsachsen, ein stilistisch verwildertes (übrigens 
grammatisch korrektes) Latein, aber die Bedeutung dieser irisch* 
angelsächsischen Kultur liegt auch weniger in den eignen Werken 
ihrer Träger, als darin, daüs diese das Wissen des Hieronymus, 
Augustinus und Cassiodorius zusammenfafsten und dadurch für 
das Mittelalter die angesehensten und einfluüsreichsten Schrift- 
steller wurden. Aus diesen Kreisen, in denen es als selbstver- 
ständlich galt, dals klassische Bildung die notwendige Voraus- 
setzung der Theologie sei, stammte Winfrid. Wir haben von 
ihm Briefe in schwülstiger Sprache, durchmischt mit halblatini- 
sierten griechischen Worten, Gedichte in antiken Metren, sogar 
ein grammatisches Werkchen über die acht Redeteile; doch nicht 
in diesen seinen Schriften liegt seine litterarhistorische Grofse, 
seine kulturhistorische Bedeutung, sondern darin, dafs er, wie 
Cassiodor und die irischen Vorgänger, diese auf durchaus wissen- 
schaftlichem Unterbau ruhende Kultur in seinen deutschen Grün- 
dungen eingebürgert hat. Mit hoher Bewunderung, die alles 
Grofse in der Geschichte des Menschengeistes erweckt, lesen wir 



1) Gf. Zimmer, 1. c. 34 f. und Nemiius 296 f., der auch andere Zeug- 
nisse als das gleich folgende anführt. 

2) Näheres bei Zimmer, Nennius 1. c. 



Dio CbcrgangHzeit. 669 

dcD Bericht, wie Sturm, der Schüler des Bonifacius*), iu die 
Einöden der Buchonia vordringt, wie er bei Hairuvisfelt Halt 
macht, dann von seinem Lehrer geheifsen wird weiter zu ziehen, 
wie er dann Fulda gründet, das Karlmann im J. 744 bestätigt. 
Diese mit bedeutenden Privilegien ausgestattete Abtei wurde im 
Verein mit dem bald nachher als Kloster eingerichteten Hers- 
feld die Bivalin von St. Gallen in geistiger Bildung: hier wurde 
Einhart erzogen, der eleganteste Autor des Mittelalters, hier 
war Hrabanus Maurus Abt, der Augustins Wissensschätze der 
Welt von neuem zugänglich machte, hier ist Tacitus gelesen 
und teilweise erhalten worden: es wurde die Schule nicht bloCs 
Germaniens, sondern des ganzen karolingischen Reichs. Vor 
der Thür des Saals, in dem die Kopisten arbeiteten, stand eine 
lateinische Inschrift, die — ganz im Sinne Cassiodors — zur 
Vervielfältigung der Bücher aufforderte und — gleichfalls nach 
dessen ausdrücklicher Vorschrift — vor Interpolationen warnte. 
Ein Mönch studierte hier so eifrig Virgil und Cicero, dafs mau 
ihn im Scherz beschuldigte, er reihe sie den Heiligen ein.*) 

Ein Schüler Bedas war Egbert, Erzbischof von York; ein 
Schüler Egberts AIcuiu, der berufen war, unterstützt durch das 
verständnisvolle Entgegenkommen des gewaltigen Imperators, die 
angelsächsische Kultur in das geistig verwilderte Frankenreich 
hinüberzuleiten; ein Schüler Alcuins (in Tours) war der genannte 
Hrabanus Maurus^, der nun die Methode Alcuins in sein Kloster 
Fulda übertrug und dadurch dem dort schon eingebürgerten 
wissenschafUichen Sinn neue Nahrung zuführte. Doch verfolge 
ich dies zunächst nicht weiter, sondern wende mich zur Er- 
örterung einer Frage, die richtig zu beantworten vor allem 
wichtig ist: welche Stelle nahmen in der mittelalterlichen Bil- 
dung die klassischen Studien ein. 



1) So sicher ea ist, dafs der Name etymologisch Bonifatius zu 
ichraiben ist, so wenig steht fest, ob er sich selbst noch so geschrieben 
hat: auf dem ravennatischen Papyrus vom J. 474 (Fontes iur. Rom. ed. Brans * 
n. 108 p. 881) wird der gleiche Name Bonif actus geschrieben. 

2) Gf. Osanam 1. c. 150 ff. 

8) Cf. Fr. Monnier, Alcuin et Charlemagne (Pari» 18C3) 264 f. 



670 Die Antike im Mittelalter. 



Zweites Kapitel. 

Die Stellang der Artes liberales im mittelalterliclLen 

Bildungswesen. 

Über die *artes liberales' ist sehr viel geschrieben worden^), 
aber die mich interessierende Frage wird selten aufgeworfen. 
Kürzlich hat M. Guggenheim in der Beilage zum Progr. der 
Kantonsschule in Zürich (1893) über die ^^Stellung der liberalen 
Künste oder encyklischen Wissenschaften im Altertum" vortreflF- 
lich gehandelt; in manchen der im folgenden entwickelten Ideen 
bin ich mit dem Verfasser zusammengetroffen, dessen Schrift 
ich den Leser zu vergleichen bitte, um das richtige Verständnis 
zu gewinnen, müssen wir zeitlich weit zurückgreifen. 

L Die propädeutiBChe Wertschätzung der Artes liberales von 
der platonischen Zeit bis auf Augustin. 

Fiaton Piatons Streit mit den Sophisten ist bekanntlich keineswegs 

sophiHen. ^^ hlob akademischer gewesen, sondern wurde durch aktuelle 
Interessen von unmittelbarer Bedeutung für beide Parteien aus- 
gefochten. Es handelte sich darum, ob die Erziehung der helle- 
nischen Jugend nach den Maximen Piatons oder denen der So- 
phisten vorgenommen werden solle. Jener sah das einzige Heil 
in der q>iXo6oipia und verwarf gemäfs seinem idealistisch -aristo- 
kratischen Standpunkt im Prinzip die gewöhnlichen Bildungs- 
mittel. Umgekehrt die Sophisten: sie standen dem praktischen 
Leben näher und kannten daher besser seine Bedürfiiisse: die 
g>Uo6o(pia galt ihnen nichts, dagegen alles jene naidsüiCj die 
zum Fortkommen im Leben am meisten dienlich war. Sie haben 
thatsächlich mit BewuTstsein schon alle diejenigen zi%vM gelehrt, 
die von der spätem Zeit unter die iytciKXioq naidsCa^ d. h. die 
gewöhnliche, alltägliche Bildung, begriffen wurden und die im 



1) Am besten: P. Gabriel Meier, Die 7 freien Künste im Ma. Jahres- 
bericht d. Lehr- u. Erziehungsanstalt Maria-Einsiedeln 1885. 1886, cf. auch 
0. Willmann, Didaktik als Bildungslehre I' (Braunschw. 1894) 264, 1, wo 
mir die Stelle aus Tzetzes neu war. — Über ihre Stellung im antiken 
Unterricht cf. auch Rohde, Rh. M. XL (1885) 73 f. und Mommsen-Blümner, 
Der Maximaltarif des Diocletian (Berlin 1893) 116 ff. 



Die Artes liberales. 671 

ganzen Altertam und Mittelalter in Geltung bleiben sollten: 
Zeugnisse aus dem Altertum selbst nennen Hippias den 
Begründer des auf den freien Künsten basierten Er- 
ziehungssystems. ^) Isokrates hat dann^ was seiner ganzen iiokratcs 
Parteistellung entsprach, zwischen den beiden extremen Ansichten 
in der Weise vermittelt, dafs er die gewöhnliche Bildung als 
eine Yorbereitende zur höchsten und eigentlichen, der 91A0- 
6oq>{a^ bestehen liefs und in sein pädagogisches System auf- 
nahm.^ Dieser Standpunkt blieb fortan der mafsgebende, zu- 
nächst für das Altertum'); zwar fehlte es nicht an solchen 



1) An Hippias fiel schon den Zeitgenossen das encyklopildische Wissen 
auf; wir erkennen aus dem, was uns [Plat.] Hipp. mai. 285 D und Cicero 
de OT. in 127 darüber mitteilen, dafs er alle jene später mafsgebenden 
xiivai lehrte: Astronomie, Geometrie, Arithmetik werden ausdrücklich ge- 
nannt; in der yQoc(uiuir<ov dvva(itg %al avllaßav *ul (v^(t&v xal olqiiovl&v 
liegt Grammatik und Musik; Rhetorik und Dialektik versteht sich für den 
Sophisten von selbst. Es ist also ganz korrekt, wenn Cicero 1. c. von ihm 
sagt, er habe gelehrt die artes quilrns liberales doctrinae atque ingenuae 
continemtwr und Quintil. XE 11, 21: El^is Hippias, gut liberalium disci- 
plinarum prae se scientiam tülit. Sokrates bei Xcnoph. mem. IV 7 er- 
wähnt ABtronomie, Geometrie, Arithmetik. 

8) Gf. z. B. AntidosiB 267 f. 

8 Hier ein paar Nachweise. Cicero, Hertens, fr. VI Us. ut ei qui 
canhibi purpuram volunt, sufficiunt prius lanam medicamentis quibusdum, 
sie UUerii liberalibusque doetrinis ante excoli animos et ad sapientiam cofi- 
eipiendam tn&ift et praeparari decet (cf. anch de fin. I 72). — Auf einer 
Inschrift von Branchidae (Anc. greek inscr. in the Brit. Mus. IV 1 n. 925), 
die ihrer Sprache nach (besonders auffällige Berührungen mit Polybios) 
noch ans dem I. Jh. y. Chr. zu sein scheint (cf. die Bemerkungen G. Hirsch- 
feldsX wird von Melanien gesagt (Z. 18 fP.): fv re totg oUdotg tilg iilmiag 
Meuäe6iuc§tf iuit€tyip6iU9og mal iv tolg %axcc tpiXoaotplccv l6yoig l%aviiv i^iy 
«al »(OKiMri^ i^x^i*^' — Nikolaos von Damaskus begann, wie er in seiner 
Selbstbiographie erzählt (FHG HI 349), mit der Grammatik, durch die er 
die ganze Dichtkunst erlernte, später machte er sich an die Rhetorik, Mu- 
sik und Mathematik, endlich kam er zur Philosophie. Er vergleicht (wie 
YaiTO sat fr. 418 £, Epiktet disa. EI 23, 36 ff., cf. auch Philo de congr. 3) 
die naidtla mit einem Wege: wie man in der einen Herberge kürzer, in 
der anderen länger bleibt, so auch in den einzelnen Bildungsstationen, bis 
man achlielBlich rb inelwov XQ^^P^^ %axao%aiv int t^v mg &Xri9'&g natQtpav 
iatUip it99Xi&d»p ipilo€oiptt — Biotin erachtet wenigstens Mathematik, Logik 
und Dialektik als nötig für den Philosophen, der den Weg ins Reich des 
Intelligibeln machen will (cnn. I 3, 3 f.). — Von Porphyrios berichtet Eu- 
napios y. soph. p. 10 Boiss.: oiSev naidsiag slöog habe er übergangen, 



Philosophen y die iicii wnni^sccriiä in Jer Theorie der extremen 
Anschauung Piatons iinsciilossen wir wissen es von den Kyni- 
sto«, kern, Zenon, Epikur. den Skepcikem ^ . aber die jüngere Stoa 
hat, ganz entsprechend der VermitiiungsroUe, die sie auf allen 
Gebieten zwischen den Gebildeten und dem Yolk^ zwischen philo- 
sophischem Idealismus und dem Realismus der gegebenen Ver- 
hältnisse gespielt hat. ein filr alle Male die iyxvxXiot xi%vai 
als nffontzidsvaaxa zu der wahren Maidiia, der (p$Xo- 
6oq>iay hingestellt. Seneca giebt uns in dem berühmten, fQr 
diese Fragen einzig wichtigen SS. Brief auch den Namen des 
Mannes^ der diese Auflassung scharf formuliert hat: Poseidonios. 
Wenn Seneca in jenem Brief Tom Standpunkt der alten Stoa 
aus gegen Poseidonios polemisiert, so ist das natürlich (ganz wie 
bei den Skeptikern) ein blols akademischer Streit: folgt doch 
sogar ein so rigoroser Denker wie Epiktet in dieser Frage ganz 
der vermittelnden Richtung (diss. III 23, 36 ff.). An Poseidonios 
haben sich drei Mäimer angeschlossen, von denen notorisch fest- 
Hlelit, dals sie überhaupt in seinen Bahnen zu wandeln pflegen: 



v^uiiiut' Ol- ;iut Kühlt Schritleu über Rhetorik, Grammatik, Arithmetik, 6eo- 
iiuitiiu, Muäik. Yielleioht mit besonderer Rücksicht auf Poiphyrios sagt 
Kiiriübiud ^i: UV. \LV 10, 10 vou den Philosophen überhaupt: TtBQupigoveiv 
uvu) xui xavu> ^vXoi^ifte^ xvc fME^fiora, SbIv i^ &navtog q>da%a9Teg ro^ 

kuytinf äväifu xul (pil6ciKpow aMot9lBa9ilvai &li' oifdh rfjg t&v Ihftmp dlri' 

^kiu^ ^aOfitti ffti) tiwtnv iv ypvxj vfjg yvmitttag nffovvxad^iicrig, — Synesios, 

l>iuu p. 1)1 tt'. l*ot., führt in herrlichen, feierlich schwungvollen Worten ans, 

ilttl'H durjttuigo, der die höchste Philosophie, die ihm als Neaplatoniker die 

Koligiüu i»t, erreiohen d. h. der Idiair teilhaftig werden wolle, sich suerst 

<siuwüihuu lasMui müsse in die tHämla d. h. die Künste, die von den Chari- 

tiuuttu uad Musen gepflegt werden, vor allem Rhetorik und Poesie: denn 

dun»h aiei die «^osmdt^fMxva, erreiche man tb AttQtßAg "SUi^va elwxif rovre- 

ff* Mv«f#«ft xot8 &99iiAxoig Igofulftfo», s. besonders auch p. 68 f., wo 

mHprftlhrt wivd, wie KaUiope die den steilen Weg rar Togend d. h. zur 

fUkMOphl» Hinaawandelnden auf blumigen Auen ei^rischt mit den SüTsig- 

An ttMitihir Beda und Poesie, und wo das sckOne Wort steht, dafs es 

k hM dHB sieht Mhleoht bestallt sei, der, statt weiter hinaufiuklimmen, 

li MVMMtompal bleibe, denn er sei, wenn auch kein tpiloeotpog^ 

in FleekeiaeM Jahrb. SnppL XVIII (1891) 
Krto Liitw al i, ra der jcirt Guggenheim 1. c. kommt 



Die Altes liberales. 673 

Varro^), Strabon^) and Philon. Der letztere hat diese Anschau- 
uDg den Christen übermittelt^ bei denen natürlich die hellenische 
q>tXo6(Hp(cc durch die christliche g>LXo6o<pia d. h. die Theologie 
ersetzt wurde und die TtQtmai.ds'öficita eben die klassischen Stu- 
dien bedeuteten. 

Philo hat diese Frage sehr oft berührt') und sie dann vor pwio. 
allem in einer eignen Schrift behandelt: mQl i^^ff sis tc^ xqo- 
jucvdBviiccta 6vv6dov (De congressu quaerendae eruditionis gratia 
I 519—545 M.). Die Worte der Sarah zu Abraham (Gen. 16, 1), 
er solle, da sie selbst nicht gebären könne, mit ihrer Magd, der 
Ägyptierin Hagar, Kinder zeugen, werden so gedeutet: (§3 p. 520), 
„es heilst nicht, dafe Sarah überhaupt nicht gebäre, sondern dafs 
sie ihm persönlich nicht gebäre; denn wir sind unfähig, den 
Samen der Tugend zu empfangen, wenn wir nicht vorher mit 
deren Dienerin verkehrt haben. Dienerin der Weisheit ist aber 
die durch die Yorschulfächer erreichte allgemeine ästhetische 
und verstandesmäCsige Bildung (d'eQaxaivls dh 6oq>iag i^ diä t&v 
nQOXaidsviuiTiov iyxiixkios iiovöixii xal loyixiiy^ wie dann weit- 
läufig in der ganzen Schrift bewiesen wird von der yQcc(i(iauxfjy 
ysafuZQicCy iötQOvoiiia, ^ijtOQix^^ iiov6ix% rg &XXji Xoyto(/fj ^£(d- 
QÜc 7ci6^. Man hat bemerkt^), dafs diese Allegorie ihre Ent- 
stehung einem berühmten Bonmot aus der älteren kynisch- 
stoischen Schule verdankt, welches Plutarch (de lib. educ. 10, 
7 D) dem Bion, Stobaeus (flor. IV 110) dem Ariston zuschreibt^): 
lyhübsch sagte Bion, diejenigen, die, aufser Stande der Philosophie 
teilhaftig zu werden, sich mit den andern unnützen Bildungs- 
fachem abquälten, glichen den Freiem, die, aufser Stande sich 
der Penelope zu nähern, sich mit deren Dienerinnen einlie&en/' 
Die in diesem Diktum hervortretende rigorose Ansicht der älteren 
Stoa von der absoluten Verwerflichkeit der nQoxccLdaviuctcc ist 



1) Sai fr. 418 f. mit meiner AuBlegung 1. c. 

t) Im L Buch. Dafs übrigens Poseidonios an Eratosthenes anknüpfte, 
gebk aus p. 16 Gas. hervor. 

•) Cf. Zeller, Philos. d. Gr. m« 2, 408, 1. Guggenheim 1. c. 17 ff. 

4) et Zeller 1. c Guggenheim 1. c. 

6) Nach andern soll es von Aristipp herrühren, cf. Gaggenheim 22, 1 
md A I[ie£Blisg zu Hör. ep. I 8, 88. Dafs es auf keinen Fall von Gorgias 
henrflhrt (dem es eine sehr schlechte Oberlieferung zaschreibt), betont A. 
Oefeke in seiner Ausg. des Sauppe'schen Gorgias (Berlin 1897) p. VI, 5. 



yk,*/, rr»r* Fr..>, z*zl1^ ii^r ax*ryi A'.-ff'Un; •» jungem Stoft 

Im <:T*W£. Boiii i^iLirs zr:i*:i ^7*^iiLiaKi.izi Werkes hat er 
*,*z\r.H h'^.J.'.:,:z z-^ .•,-=, i^^iIth Biliir^ i:i5flLriich begründet. 
Mä:* ii«r. *ih.<iraL zTri*^!*;! I-til Z^ilrn «ii-r bittere Polemik gegen 
k\h prinzipieller '•^z^SzzizT i^z L^UriiisciLezi jr<»4fia: gelegentlieh 
jf j>bt HT ihr acich ^iind*.**lb4res Aa5*imck. so I 1, 18 (p. 326 P): 
,,Icb kenne ^r vobi iie Redereies. gewisser ans Mangel an Bil- 
rlrin^r ängatiicher ^lenschen. die da sagen, man müsse sich nnr 
rnit dem Notwendigsten tind dem, was den Glauben zusammen- 
hält, beschäftigen, das aaTserhalb Stehende und Überflüssige über- 
(fehen, da es uns doch nur Tergeblich aufhalte und an Dinge 
fessele, die zur Erreichung des Ziels nichts beitrügen. Einige 
glauben sogar, daCs die Philosophie zum Verderben der Menschen 
durch die Erfindung einer Art Ton Teufel ins Leben hineinge- 
kommen sei''; cf. 9, 43 p. 341. Diese Widersacher hatten sieh 
sogar berufen auf eine Stelle der Schrift: ,,halte dich nicht an 
ein schlechtes Frauenzimmer, denn Honig traufeit Ton den Lippen 
einer Hure'' (Spr. Sal. 5, 3): das deuteten sie auf die Philosophie 
(5, 29 p. 332). Dem gegenüber legt nun Clemens eingehend 
zweierlei dar: 1) Die hellenische Bildung, vor allem auch die 
Philosophie, ist „ein Werk der göttlichen Vorsehung'* (1, 18 
p. 327); denn „von allem Schonen, mag es nun hellenisch, mag 
es unser sein, ist Gott der Urheber" (5, 28 p. 331), und „durch 
ihre Bildung hat Gott die Hellenen auf Christus erzogen, wie 
die Hebräer durch das Gesetz" (ib.). Jene Stelle der Schrift sei 
falsch ausgelegt: sie beziehe sich, wie der Zusammenhang be- 
weise, vielmehr auf die Sinnenlust. 2) „Wie diese hellenische 
Bildung die Hellenen selbst zur Gerechtigkeit enog, so soll sie 
uns zur Gottesfurcht erziehen: denn sie ist eine Vorschule {%qo- 
xaideCa) für die, welche den Glauben auf dem Wege des Beweises 
sieh erwerben wollen" (5, 28 p. 331). Denn „wie es meiner An- 
lioht nach möglich ist, gläubig zu sein ohne Wissenaehafk, so 

*y Bemerk a nswert ist, dafs auch Paulus ep. ad GaL i» n ff. die alt- 

■üKohfl Stelle allegoriBch gedeutet hat: maa Tngkiche wxne Alle- 

dsr philoniflchen, um den fundameatalm ratertekied des palästi- 

nikmsnhen und des alexandriniirb • hellMMAca Jadeatuu lu 



Die Artes liberales. 675 

sind wir nns darüber einige dafs es ohne Bildung unmöglich sei, 
das in der Glaubenslehre Gesagte zu verstehen; denn das gut 
Gesagte sich zu eigen zu machen^ das Gegenteilige sich fem zu 
halten, ist nicht Sache des einfachen, sondern des wissenschaft- 
lichen Glaubens (6, 35 p. 336)/' Um zu diesem Glauben zu ge- 
langen, sei die hellenische ngonaideia, d. h. die iyxvxkLa (ladi^^ 
l/Loxa und die tpiXo6oq>Cay iiötig, aber nur als Mittel zum Zweck, 
wie er mit ausführlicher Behandlung des philonischen Gleich- 
nisses von Sarah und Hagar darlegt (5, 30 ff. p. 333 ff.); abgesehen 
Yon anderem sei eine solche Vorbildung auch zum Verständnis 
der h. Schrift nötig, in der oft grammatische, dialektische und 
wegen ihrer absichtlichen Dunkelheit inhaltliche Schwierigkeiten 
zu losen seien (9, 44 f. p. 342). Die Stellen, an denen Paulus 
vor der weltlichen, speziell der philosophischen Bildung warnt, 
bezogen sich nur auf die entartete Bildung, wie sie von den 
Sophisten der Gegenwart vertreten würde (8, 39 f. p. 339 f. 10, 
49 f. p. 346 f.). 

Origenes, der eigentliche christliche Fortsetzer Philons in origonea. 
der allegorischen Deutungsmethode ^), hat an die Stelle der ge- 
nannten stoisch - philonischen Allegorie eine andere von genau 
derselben Tendenz gesetzt: sie ist für alle Folgezeit bindend ge- 
worden. In seinem Brief an Gregorios (Thaumaturgos) handelt 
er über das Thema: y,Wann und wem die philosophischen Kennt- 
nisse nützlich sind zur Erklärung der heiligen Schriften, auf 
Grand eines Schriftzeugnisses" (vol. I 1 ff. Lomm.). Er bemerkt 
zu Anfang, Gregorios sei so gut veranlagt^ dafs er sowohl ein 
vollendeter römischer Jurist wie griechischer Philosoph werden 
könne. Aber, fahrt er fort, „ich wünschte, dafs du die ganze 
Kraft deiner guten Anlage hinsichtlich des Zwecks {zbXiti&s) 
ansschlielslieh dem Christentum widmetest, dafs du aber als 
Mittel zum Zweck {noiririx&g) von der hellenischen Philo- 
sophie die dem Christentum gewissermafsen dienlichen Kennt- 
nisse des gewöhnlichen Lebens oder der Vorschule (iyxvxXia 
luc9iiliLata ^ XQOXaidBiiiuxta) hinzunähmest, desgleichen von 
'der Geometrie und Astronomie das zur Erklärung der heiligen 

1) Por^yr. adv. Chrifli bei Euseb. h. e. VI 19, 8 behauptet, Origenes 
habe leme aUegorische Anslegungsmethode von der Stoa gelernt, was in- 
direkt richtig ist; denn wer etwas Origenes gelesen hat, wcifs, dafs er 
dnreli das Stadium Philons auch zn dessen stoischen Quellen geführt wurde. 
XordtB, aatlka Ktmitpros». II. 44 



670 I^ie Antike im Mittelalter. 

Schriften Brauchbare^ damit wir das^ was die Philosophen von 
der Geometrie, Musik, Grammatik, Rhetorik und Astronomie 
sagen, sie seien Gehülfinnen der Philosophie, unsererseits auch 
von der Philosophie selbst hinsichtlich ihres Verhältnisses zum 
Christentum sagen können^^ Es folgt nun eine in der Zukunft 
hoch berühmt gewordene allegorische Deutung von Exod. 11, 
1 sq. („Es sprach der Herr zu Moses: Noch eine Plage will ich 
über Pharao und Ägypten kommen lassen, darnach wird er euch 
von hier entsenden. . . So sage nun insgeheim zum Volke, es 
solle ein Jeder von seinem Nächsten fordern silberne 
und goldne Gefäfse und Gewänder") Wie diese aus Ägyp- 
ten mitgenommenen Kostbarkeiten zu dem von Gott befohlenen 
Bau des Allerheiligsten verwandt worden seien (cf. Exod. c. 37 flF.), 
so solle man es auch mit den weltlichen Wissenschaften machen, 
denn diese seien zu verstehen unter den Agyptiem, bei denen 
die Kinder Israel lange gelebt hätten, um sich endlich von ihnen 
zu befreien.^) Aber vorsichtig müsse man das aus Ägypten Mit- 
gebrachte verwenden: gröfser sei die Zahl derer, denen es ver- 
derblich geworden sei: das seien die Häretiker.*) — Dieser 
Theorie entsprach die Praxis, die Origenes bei seinen SchQlem 
anwandte: derselbe Gregorios, an den er die obigen Worte schrieb, 
hat uns darüber in seinem Panegyricus auf Origenes c. 7 (10, 
1076 f. Migne) interessante Mitteilungen gemacht (genannt sind: 
Dialektik in Verbindung mit Rhetorik, Musik, Astronomie, be- 

1) E. Bernheim weist mich darauf bin, dafs dieselbe Stelle schon bei 
Irenaeus liaer. IV 30 allegorisch gedeutet wird; freilich ist die Deutung ver- 
schiedenartig, aber man lernt doch aus Irenaeus, besonders wenn man ihn 
mit Tertull. adv. Marc. II 20 cf. IV 24. V 13 kombiniert, wie Origenefl 
gerade auf diese Stelle geführt wurde; Marcion hatte nämlich in seinen 
&9tid-i6sig den Diebstahl der Kinder Israel als Argument für seine Ver- 
werfung des A. T. benutzt: denn Jesus habe seinen Jüngern nicht einmal 
erlaubt einen Stab mitzunehmen, wie g^z anders also der Judengott. Da- 
durch erhielt die Stelle offenbar auch in katholischen Kreisen eine gewisse 
Celebrit&t: Irenaeus, Tertullian und Origenes deuteten sie sämtlich allegorisch 
um, aber jeder yon ihnen auf Tenchiedene Weise. 

S) Er denkt wohl i. B. an die H&resie des Artemon, von der eine 

«Hidirift ani dem Anfang des m. Jh. bei Enseb. h. e. V 28, U be- 

■ipri g tag itflag to6 4^eo4) Ytftapiig ynofur^/cnr iniviidsvovetp 

■Mfit tum» flrfvAv 9i2ojrtfiN»ff yesficr^ilrai, *AQi9totiXfig 

ifilNWM' IVlqyAff y&f fiMiff ^6 turnt %al %ifoauv- 



▼. Nozian«. 



Die Artes liberales. 677 

sonders auch Geometrie), ebenfalls Eusebios li. e. VI 18, 3 f. wo 
er berichtet: noXXovg ivfiyav inl r« iy^vTiXia ygäfiiiccra (kurz 
vorher nennt er sie 7CQ07Cai,dsv^ata)^ ov (itxgäv avtotg 
B6e69ai g>döx(ov i^ ixsivav inLxri8Bi6zii]xa slg t»)v t&v 
&si(ov ygatp&v d^sagiav xb xal jtaQaöxsvilv (aus Eusebios 
Hieron. de vir. ill. 54).^) 

Clemens und Origenes waren die grofsen Lehrer der folgen- owgor 
den Theologen des Ostens wie des Westens. Unter den ersteren 
nimmt Gregor von Nazianz eine hervorragende Stelle ein: 6 
^BoXöyog war seine ehrende exemplarische Bezeichnung. Daher 
mögen zwei Zeugnisse aus ihm zeigen, dafs die Thesen des 
Clemens und Origenes: die profane Bildung ist notwendig, aber 
ihr gebührt nur die Rolle einer Dienerin, Geltung behalten haben. 
An der einen dieser beiden Stellen polemisiert er ganz wie Cle- 
mens gegen die Verächter dieser Bildung (paneg. in Basil. c. 11, 
vol. 36, 508 f. Migne): „Es herrscht wohl bei allen Verständigen 
darüber volles Einvernehmen, dafs Bildung von allen unsern 
Gütern das erste ist, und zwar nicht nur jene edlere und uns 
gehörige Bildung, die alle anspruchsvolle Zierlichkeit in den 
Beden gering achtet und nur das Heil und die Schönheit der 
Gedanken zum Zweck hat, sondern auch die profane, welche eine 
sehr grolse Zahl von Christen als eine hinterlistige und gefähr- 
liche und von Gott weit entfernende verabscheut: ein böser Irr- 
tum". Nachdem er das im einzelnen gezeigt und bemerkt hat, 
dafs man nur in der Auswahl vorsichtig sein müsse, schliefst 
er: ,^icht also darf man die Bildung gering achten, weil einige 
dieser Ansicht sind, sondern man mufs Leute dieses Schlages viel- 
mehr ftlr querköpfig und dumm halten, die freilich gern wollten, 
dab alle so wie sie seien, damit in der Allgemeinheit ihre Sonder- 
stellong verborgen bleibe und sie so der Überführung ihrer 
Dummheit entgehen". In einem Gedicht betont er die dienende 



1) Gf. auch die achOnen Worte des OrigeneR in Exod. hom. 11 c. 6 
(IX 188 f. Lomm.) *et amdivit Moses vocern soceri sui et fecit quaecumque 
dixU ei' (Ezod. 18, 84) ... . Unde et nos si forte aliquando invenimus ah- 
qmid BOpimUr a gmMbua dichim, non continuo cum auctoris nomine sper- 
MMV Memm H dieta, nuec pro eo, guod legem a deo datam tettemits, ivnvcnit 
UM tmut m mtperbia «I tpemere verba prudentium, sed sicut apostolus dtcit: 
^amma p rö bt mlii, quod honum ett tmentes* (ad Thessal. I 6, 21). 



678 Die Antike im Mittelalter. 

Stellung, die der profanen Wissenschaft gebühre (carm. ad Seleac 
240 flf., vol. 37, 1592 f.): 

xal rilv (iddifiöiv r&v nag^ "EXlriötv Xöymv 

&6nsQ ÖLxaötilg Ivvogiov iln\(pov tpigtov 

imi^Qststöd'ai td^ov, &g i6rl nginov, 

ry zßyv &Xrfi&v doyfidt(ov nagQtiöCa 

ty 7Cav66q>(p xs x&v yQaq>&v ^sagia. 

xal yäQ dCxaiov ti^v 6oq>(av roi) nvavfjLatog 

ävmd'sv oiöav ix d'sov % ätp^yfiivriv 

diönoLvav slvai tiig xdrm 7tai>ds'66s(og 

&6XSQ ^BQanaCvrig fi'^ (läri^v fpvöafiivfig 

inriQBXBtv d\ xo6iii(og sid'iöfidvrig' 

r$ Tov d'sov yäQ ^ xdrm dovXsvita, 

Nach diesen Prinzipien haben nicht bloüs die grofsen Manner 
auf der Höhe ihres Wirkens gelebt, sondern nach denselben ist 
auch der Unterricht auf den Schulen und Universitäten des 
Ostens geregelt worden; für denjenigen, der den Lebenslauf des 
Gregor von Nazianz und Basilius, sowie die fär alle diese Fragen 
ganz besonders interessante Rede des letzteren (nQbg toi>g vdtwgj 
Zxmg &v i^ ^Ekkrivix&v &(pBXotvzo X6yfov^ vol. 31, 564 ff. Migne) 
kennt, bedarf es dafür keiner weiteren Beweise. Julian hatte 
durch sein berüchtigtes Verbot des hellenischen Unterrichts bei 
den 'Galiläem' die Axt an die Wurzel der verhafsten Religion 
gelegt und nach seinem Tode brach ein Sturm der Entrüstung 
gerade auch über dieses Verbot unter den gebildeten Christen 
aus: über die Art der Abwehr seitens der letzteren hat beson- 
ders der Kirchenhistoriker Sokrates (h. e. m 16) interessante 
Dinge mitgeteilt ^) und zugleich seinen eignen Standpunkt in 
der ganzen Frage der profanen Ausbildung eingehend dargelegt^ 
der sich von dem des Clemens und Origenes nicht unterscheidet: 
TÖ Y&Q xaköv, iv^a ctv r), tdiov tf^g dlri^sCag iötlv sagt er auf 
Grund derselben Worte des Apostels, die auch Origenes dafür 
citiert hatte (s. o. S. 677, 1). Von gebildeten Männern hat, so- 
viel ich sehe, nur emer, Joannes Chrysostomos, sich in gegen- 



1) S. 0. S. 662. Dafs das Verbot übrigens wirklich praktische Kon- 
Hpquonzon Imtto, jjoht aus folgender Thatsache hervor: Manns Victorinns, 
dainal« »t'hon üborzoiigungstreuer Christ, legte sein Lehramt nieder (Angnst. 
vouW VUl f>). 



Die Artes liberales. 679 

teiligem Sinn geäufsert, aber bei einer besondem Gelegenheit: 
in seiner Ilede Vider die Verächter des Monchswesens' machte 
er den Vorschlag, die Kinder statt zn weltlichen Lehrern zehn 
bis zwanzig Jahre zn den Mönchen zu schicken (1. IQ c. 18, vol. 
47; 379 ff. Migne); Ernst ist es ihm damit natürlich nicht ge- 
wesen: es lag ihm daran, die Sache der Mönche zu heben. — 

Genau ebenso verfuhr man im Westen und hier finden wir Auguttin. 
nun eine folgenreiche Anknüpfung an jene Allegorie des Origenes, 
deren Spuren mir im Osten nicht begegnet sind.^) In dem zweiten 
Buch seiner bewunderungswürdigen Schrift De doctrina Christiana 
(s. o. S. 526) erörtert Augustin von einem sehr freisinnigen 
Standpunkt die Frage ^ was der Christ von den Heiden lernen 
dürfe und müsse. Nachdem er alles im einzelnen genau aufge- 
zählt und ausgeführt hat, schlieiBt er mit folgenden Worten 
(60): ,;Wie die Ägyptier nicht blofs Götzenbilder hatten, die das 
Volk Israel verabscheute, sondern auch Gefafse, goldene und 
silberne, Schmucksachen und Gewänder, die jenes Volk bei seinem 
Auszug aus Ägypten für sich selbst gewissermafsen zu einem 
bessern Gebrauch heimlich in Anspruch nahm (und zwar nicht 
aus eigner Machtvollkommenheit, sondern auf Befehl Gottes, in- 
dem die Ägyptier, ohne es zu wissen, dasjenige ihnen liehen, von 
dem sie selbst keinen guten Gebrauch machten): also enthalten 
die Lehren der Heiden nicht blofs falsche und abergläubische 
Erdichtungen und überflüssigen Ballast, sondern auch die zum 
Dienst der Wahrheit passenderen freien Künste (liberales disci- 
plinas) und einige äuüserst nützliche Moral Vorschriften, ja in 
betreff der Verehrung des einen Gottes findet sich bei ihnen 
einiges Wahre. Dieses, also gewissermafsen ihr Gold und 
Silber, mufs der Christ ihnen entwenden, um es in ge- 
rechter Weise bei der Verkündigung des Evangeliums 
zu gebrauchen; auch ihre Gewänder, d. h. Einrichtungen, die 
zwar von Menschen stammen, aber der menschlichen Gesellschaft, 
ohne die wir nun einmal nicht leben können, darf er in Empfang 
nehmen und für den christlichen Gebrauch behalten/' 



1) Wenigstens ähnlich Gregor v. Nyssa de vita Mosis vol. 44, 360 
Migne. Dafs die Allegorie des Origenes aber berühmt war, zeigt ihre 
Au&ahme in die von Gregor y. Nazianz und Basilius aus seinen Werken 
zosammengestellte <Pdo%aXia c. 13 (XIY 66 f. Lomm.). 



680 Die Antike im Mittelalter. 

2. Die propädeutisohe WertsohätEiing der Artes liberaloB im 

Mittelalter. 

a. Die Theorie. 

Zeugnisse. Diese Wofte Augustins sind öfters citiert worden, zuerst 

von Cassiodor de inst. div. litt. 28 (70^ 1142 Migne), so dafs 
das Mittelalter sich also zur Rechtfertigung des in ihnen ausge- 
sprochenen Gedankens auf seine Hauptgewährsmänner, Augustin 
und Cassiodor, berufen konnte. Statt aber diesen Spuren nachzu- 
gehen^), will ich lieber einige Belege bringen für die allgemeine 
in ihnen niedergelegte Anschauung, dafs die artes, d. h. die 
ganze heidnische Bildung, keinen Selbstzweck, sondern 
einen blofs relativen Wert habe, insofern sie der Kirche 
nutzbar zu machen sei. In dieser dienenden Stellung 
der Wissenschaften liegt der fundamentale Gegensatz 
des Mittelalters zum Humanismus ausgesprochen.') Ich 
werde, wie ich es in andern Partieen dieses Werkes gethan habe, 
aus einzelnen Jahrhunderten die bezeichnendsten mir bekannten. 
Zeugnisse aufführen (sie würden sich leicht vermehren lassen), 
weil ich glaube, so am besten die allgemeine Gültigkeit') dieses 
Standpunktes beweisen zu können. 



1) Z. B. Ratherius, Bischof von Verona, citiert von H. Guides, Gesch. 
des deutschen Volkes und seiner Kultur zur Zeit der Karolinger etc. 1 658, 
cf. auch Guggenheim 1. c. 20, Petrus Damiani (s. XI) op. XXXIT c. 9 (p. 250 
der Pariser Ausgabe 1642), citiert von Montalembert, Las moines d^Occident 
VI (Paris 1877) 205, 4. Die beiden frühsten Stellen aus dem Ma.: Sma- 
ragdus (unter Karl d. Gr.) comm. in Donat. prolog. ed. H. Keil (De gramm. 
quibusd. lat. infimae aetatis (Progr. Erlaug. 1868) p. 20, und Ambrosius 
Autpertus (f 781) conmi. in apocal. 1. VIII praef., citiert bei J. Haufsleiter 
in: Realencycl. f. prot. Theol. u. Kirche (3. Aufl., 1896) 308. 

2) Cf. auch 0. Willmann 1. c. (o. S. 670, 1) 289 ff. 296 ff. 

3) Ausnahmen sind selten. Man kann im allgemeinen sagen, dafs 
deijenige, der die klassischen Studien ihrer selbst wegen betrieb, yerfolgt 
wurde, cf. H. Reuter, Gesch. d. relig. Aufklär, im Ma. I (BerL 1875) 72. 
78 ff. (Gerbert). 191. 229 H 4 ff . (Abälard und die von ihm ausgehenden 
Richtungen, besonders die Schule von Cliartres). — Umgekehrt fehlen auch 
nicht ganz Stimmen, welche die artes völlig verwerfen (für die Griechen 
vgl. z. B. ülympiodor. Alex, in eccles. c. 7, 26 f. = 98, 672 Migne). Z. B. 
gicbt es einen grimmigen Ausfall gegen die Künste des trivium Ton Ekke- 
hard IV. von St. Gallen f c. 1060 (ed. E. Dünmder in: Haupts Zeitschr. 
f. deutsches Altert. N. F. U [1869] 62 ff.), also von demselben Mann, der 



Die Altes liberaleB. 681 

Ennodius ep! IX 9: eine Verwandte liatte ihren Sohn in mmo. vi. 
jungen Jahren dem geistlichen Beruf übergeben, ohne ihn Yorher 
skidia liberälia treiben zu lassen. Später beschloß sie das nach- 
zuholen und wendete sich an Ennodius. Dieser tadelt sie wegen 
des Versäumnisses, denn eigentlich sei es jetzt zu spät: pro- 
perantes ad se de discipUnis saectdaribus säluHs opifex non refutai, 
sed ire ad illas qtiemquam de stw nitore non patitur. iam si eum 
mundo subiraxeras^ dicendi in eo Schemata non requiras: erubesco 
ecclesiastica profitentem omamentis saecularibus expolire. Doch wolle 
er einmal eine Ausnahme machen. — Derselbe, opusc. VI p. 401 iL 
Hart.: er preist in Versen die Verecundia, Castitas, Fides; darauf 
fährt er fort: diesen Tugenden dürfe aber nicht fehlen stt^diorum 
liberalium düigentiam, per quam divinarum bona rerum quasi pre- 
tiosi monüis luce sublimentur^ worauf Verse auf die Grammatik 
und Rhetorik folgen.^) 

Karl d. Gr. encycl. de literis colendis (Mon. Germ. leg. sect. «»ec- ix. 
II tom. I p. 79): kortamur vos, litterarum skidia non solum non 
negligere, verum etiam humilUma et deo placita intentione ad hoc 



eine ganz aufserordentliche Belesenheit in der heidnischen Litteratur be- 
safs. Otloh, der auch in profaner Wissenschaft gelehrte deutsche Mönch 
des XI. Jh. (cf. Wattenbach, Deutschi. Geschichtsq. 11 • 66 ff.), liber metri- 
cus de doctrina spirituali (ed. Pez, Thes. anecd. nov. EEI 2 [1721] p. 431 ff.) 
c. 11 (de libris gentilium vitandis) p. 442. Vor allem bezeichnend sind 
einige ÄuTserungen des sehr gelehrten Petrus Damiani (cf. auch A. 
Dresdner, Kultur- u. Sittengesch. d. ital. Geistlichkeit im 11. Jh. [Breslau 
1890] 219 ff.), z. B. opusc. XIII c. 11: er eifert dort gegen die Mönche, die 
parvi pendentes regulam Benedicti regulis gaudent vacare Donati. Sie be- 
gründen ihre Beschäftigung mit den exteriores artes damit, ut locupletius 
ad 8tt*dia divina proficiant Doch sucht Damiani entsprechend seiner Stel- 
lung in dieser Frage dies Argument zu entkräften. Femer opusc. XLV (de 
sancta simplicitate scientiae inflanti anteponenda), wo er einen Mönch tröstet 
wegen seiner mangelhaften Kenntnis der artes z. B. c. 1 ecce, f rater, vis 
grammaticam discere? disce deum plurcUiter declinare; artifex enim doctor 
dum artem obedientiae noviter condit, ad colendos etiam plurimos deos in- 
auditam mundo declinationis regutam introducit c. 7 kann er es sich nicht 
versagen, zwei selbstgemachte Hexameter auf einen sapienter indodum ein- 
zufügen, wofür er sich dann sofort tadelt: heu me miserumi . . versiculos 
facimus ad similitudinem puerorum. Den allgemein gültigen Standpunkt 
vertritt er dagegen op. XXXVI c. 6. 

1) Ähnlich Fulgentius super Thebaide c. 5 (ed. B. Helm im Bhein. 
Mus. LH [1897] 181 f.). 



682 I>ie Antike im Mittelalter. 

certatim discere^ ut facilius et rectius diversarum scriptu- 
rarum mysteria valeatis penetrare.^) 

Alcuinus grammatica (vol. 101 p. 853 f. Migne): Discipulos: 
quos toties promisisti, septmos Oieorasticae disdplinae gradus nobis 
ostende. Magister: sunt igitur gradus quos qmeriüs: grammatica, 
rhetorica, diälecticaj arithmetica, geomebriay musica et asirologia. . . . 
per has verOj filii carissimij semitas vestra quotidie currat adoles- 
centta, donec perfectior aetas et cmimus sensu röbustior ad culmina 
sandarum scripturarum perveniat, quatenus hinc inde armati verae 
fidei defensores et veritatis assertares omnimodis invincibäes effi- 
ciamini. 

Babanus Maurus de clericomm institatione 1. III c. 16 ff. 
(107, 392 ff. Migne) wiederholt z. T. mit wörtlichem AnschliÜB 
die von Augustin de doctr. Christ. II gegebenen Weisungen.*) 
iMo. x/xL Notker Labeo (f 1022) in seinem Brief an einen Bischof 
von Sitten (Eanton Wallis), zuletzt ediert von P. Piper, Die 
Schriften N.'s u. s. Schule I (Freib.-Leipz. 1882) p. 859 ff j dort 
p. 860: artibus illiSy quihus me onustare vultis, ego renunciavi neque 
fas mihi est eis aliter quam sicut instrumentis frui; sunt 
enim ecclesiastici libri et precipue quidem in scolis legendi, quos 
impossibile est sine Ulis prelibatis ad intellectum in- 
tegrum duci, worauf er seine diesem propädeutischen Zweck 
dienenden Schriften aufzahlt.^) 



1) Ganz in demselben Sinn ist das Dekret des Papstes Engenins II 
vom J. 826 (Mon. Germ. leg. t. II append. p. 17): de quHmsdam locis ad 
no8 refertur non magistros neque cwram inveniri pro studio liUerarum: id- 
circa iti UMiversis episcopiis st^iectisque plebibus et aliis locis, in quibus ne- 
cessitas occurrerit, omnino cura et diligentia acffiibeatur, ut mctgistri et doc- 
tores constituantur, qui studia litterarum liberaliumque artium häbentes 
dogmata assidue doceant, quia in his maxime divina manifestantwr aique 
declarantur mandata. 

2) In demselben Sinn folgende Bemerkung aus dem IX. Jh. bei Thorot 
in: Not. et extr. des ms. XXII (1868) 61 f.: eo liquidius potueris sacras per- 
scrutari pagi^ias, quia peritia gramwaticae artis in sacrosancto senUinio laho- 
rantihus ad subtiliorem intellectum, qui fjrequenter in sacris scripturis inseri' 
tur, vdlde utilis esse dinoscitur, eo quod lector huius expers arHs in muUii 
scripturarum locis usurpare sibi illa quae non habet et ignotus sibi ipsi esse 
comprobatur. Cf. femer Ermenrich von St. Gallen (tB72) ed. £. Dumm- 
ler (^Progr. Ilalle 1873) p. 6. 

3) Cf denselben in einem rhetorischen Traktat ed. Piper 1. a 687 x 
Diso.: an sapicntia sine elo^uentia oberit? Mag.: obdrtf flm'diW ^ 



Die Altes liberales. 683 

Honoriüs Angustodunensis de artibas ed. Pez^ Thes. «aoo. i 
anecd. noyiss. II (1721) 227 ff. Er unterscheidet die scientia von 
der sapientia: durch erstere, d. h. die artes liberales, gelange man 
ad sacram scripiuram quasi ad veram patriam, in qua multiplex 
Sapientia regnat. 

Auch Abälard steht durchaus auf diesem Standpunkt, cf. 
besonders den Anfang des IL Buches der Introductio ad theo- 
logiam (Abaelardi opera ed Cousin vol. 11 [Paris 1859] 67 ff.); 
sein Grundsatz ist: äbsit ut credamus deum qui malis quoque ipsis 
bene utitur, non bene eUam omnes artes quae eius dona sunt ordi- 
näre, ut haec qtioque eitis maiestati deserviant, quantumcumque male 
his (Autuntur perversi (p. 67); dieser Mifsbrauch besteht 
eben darin, dafs einige sie nicht als Mittel zum Zweck, 
sondern um ihrer selbst willen treiben: von diesem Ge- 
sichtspunkt aus erklärt sich auch, wie er nachweist, ein so ver- 
werfendes Urteil über die Beschäfbigung mit der heidnischen 
Litteratur, wie es z. B. von Papst Gregor d. Gr. überliefert wird 
(p. 70); daher ist auch Hieronymus mit Recht von Gewissens- 
qualen wegen seiner Lektüre der Heiden gefoltert worden, weil 
er non pro utilitate aliqua, sed pro oblectatione eloquentiae illius 
intendAat neglecto sacrae scripturae studio, cuius quidem, ut ipsemet 
ait, incuÜus ei sermo horrdxU (p. 71); nach A. hat die Grammar 
tik und Rhetorik Wert nur, insofern diese Künste reflektiert 
werden auf die h. Schrift. 

Hugo de S. Victore erudit. didasc. L III c. 3 (176, 768 
Migne): sunt artes liberales quasi optima quaedam instru- 
menta et rudimenta, quibus via paratur animo ad plenam 
philo sophieae veritatis notitiam. hinc trivium et quadri- 
vium nomen aeeepit, eo quod iis quasi quibusdam viis vi- 
vax animus ad secreta sophiae introeat^) 



doquenHam vim mam exierü (1. exserif) sapientia; verutntamen »ajnenUa jiro- 
desi sine doqumUa, eloquentia auiem numquam prwlerit nine mpienti^i. ■-■ 
Cf. auch Landnlfns bist. Mediol. II 36 Ol G scnpt. VIU 71; nUr Hi#; Kin- 
richtang der MaüSiider Schule 8. XI, und AnfielmuH der TcriimU;tik«;r\ 
Bethorimachia (ed. E. Dfimmler, Halle 1872) L II. 

1) Bme interessante Stelle aas Bernhard ▼. Clairvaux, nerm. 3G in 
caaBtt. (18Sy967fll Migne), angeführt von Mabillon, De Htud, iflonaiit. (fA, 2 
YwilwKir ITM) M. Dia dienende Stellang der arte» kommt «ehr thttjiVwh 

■^«r Abbildung^ weldia Herrad ▼* Landviicrg, khiinmn 



684 Die Antike im Mittelalter. 

Joh. Sarisberiensis entheticus v. 373 f. (vol. V p. 250 
Giles) nach Aufzählung der artes liberales, die in der Philosophie 
ihren Abschlufs finden: 

quum cunctas artes, quum dogmata cuncta peritus 
noverit, imperium pagina sacra tenet. 
und besonders v. 441 flf. von der h. Schrift: 

haec scripturarum regina vocatur, eandem 
divinam dicunt, nam fadt esse deos. 

est Sacra, personas et res quae consecrat omneSy 
hanc Caput agnoscit Philosophia suum; 

huic omnes artes famulae.^) 
aec. XIV. Die Humanisten haben, wie wir später sehen werden, wie 

mit den artes überhaupt, so auch mit der dienenden Stellung 
der heidnischen Studien gebrochen. Als ein Dokument aus der 
Übergangszeit mag hier folgende Darstellung angeführt werden, 
auf die ich aufmerksam geworden bin durch E. Gebhart, Les 
origines de la renaissance en Italic (Paris 1879) 58: auf dem 
Fresko des Taddeo Gaddi (f 1366) im Capellone dei Spagnuoli 
zu Florenz ist dargestellt: Thomas von Aquino zwischen Pro- 
pheten und Evangelisten; darunter 14 weibliche Gestalten, näm- 
lich die 7 artes liberales mit ihren Hauptvertretem sowie: Liebe 
(Augustin), Hoffnung (Johannes v. Damaskus), Glaube (Dionys. 
Areop.), praktische Theologie (Boethius), spekulative (Petrus 
Lombardus), kanonisches Recht (Papst Clemens V), weltliches 
Recht (Justinian).^) Da alle 14 Figuren auf gleicher Linie 
stehen, bemerkt Gebhart richtig: iciy la pensee est, bien moins gue 
dans le reste de VOccident, ancilla theologiae^) 



von St. Odilien (f 1195), ihrem Hortus deliciarum beigegeben hat : Herrad 
V. L. etc. von Chr. Engelhardt (Stuttg. 1818) Taf. Vm, cf. 0. Willmann 
1. c. (o. S. 670, 1) 276. 

1) Absichtlich übergangen habe ich in der obigen Zeugenreihe eine 
Stelle, auf die ich einst grofsen Wert legte: Gregor d. Grofse in primum 
librum regum cxpositiones 1. V c. 3 § 30 (79, 356 f. Migne). Das Werk ist 
nämlich allem Anschein nach ein Erzeugnis des späten Mittelalters, cf. die 
Bemerkungen der Mauriner zu ihrer Ausgabe (1706) vol. III pars 2 praef. 
Da ich also das Zeugnis zeitlich nicht einreihen konnte, habe ich es ganz 
woggelassen. 

2) Genaueres in Crowe-Cavalcaselle, Gesch. d. ital. Malerei (Ühersets. 
von M. Jordan) I (Leipz. 1869) 306 f. 

3) Die streng-theologische Auffassung befindet sich ja noch heute mit 



Die Artes liberales. 685 

b. Die Praxis.*) 

Vita^) loannis Damasceni (saec. VIII), yermutlich von Jo- Zeugnis* 
hannes VI von Jerusalem f c 969, c. 9 (94, 441 Migne): ein 
Mönch aus Calabrien, Cosmas, ist in saracenische Gefangenschaft 
geraten; dem Vater des Johannes giebt er in Damascus eine 
Schilderung seiner Studien, die jenen veranlafst, ihn zum Er- 
zieher seiner Söhne zu machen. Der Mönch führt aus: Sri 
näöav fistysiv &v%'Qf07clvviv 6og>iav xal tiiv iyxvxlLOV 
TtQoiJTtsd'iiiriv &6X6Q d'Sfiiliov. r§ ^xoQixy tifv yX&06av 
^gij(Txijfia& ' tatg duclextixatg yi,ed'68oig xal inodei^Eat tbv k6yov 
7t£7taid6viittt' zi^v '^d'ix'^v ^tysLV Zcriv 6 ZtayBiglzvig tulX Zotiv 6 
tov ^j4qC(Sx(ovoq TcaQaSiSfoxB' xä nsgl xi^v gyvöLxiiv ^aagiav &7Ca- 
öavj üg Cxavhv äv^Q^na^ ivxBd'swQtixa' iQt^iitixvxfig Sh xoi^g kö- 
yovg iieiidd'rixa' yemiiBtQiav slg Stcqov il^TJöxrifiai' agfiovoXoyiag 
dh fiovaixfig xal ivaXoyCag s'bxdxxovg 0€iivoxQS7t&g xax6(f^cjxa' 
oöa X6 7C€(fl xiiv oiQavvov xivriCiv, xi^v x&v aötigcDv negifpogäv 
ov TCaQskvTCov .... ivxsvd'Bv slg xä xr^g d'eoloyiag iiexBßrjv 
livCxT^gLUy ^v xe natSsg 'Ekkif^voav Ttagidfoxav xal ^r oC xa^' 
fliiäg d'BoköyoL dLSöd(pri6av Ankaviöxaxa. Dann wird c. 11 ge- 
schildert, wie er in diesen Wissenschaften den Johannes imd 
dessen Bruder imterrichtete. 

Vita S. Gregorii Magni papae (f 604) auctore lohanne dia- 
cono (s. IX), AA. SS. Boll. 12 Mart. II lib. II c. 2, 13 p. 150 
tunc rerutn sapientia Botnae sibi templum visibiliter quodam- 
modo fäbricarat et septemplicibus artibus, velut colnmnis 
nobilissimorum totidem lapidum, apostolicae sedis atriutn 
fulciebat nullus pontifici famulantium barbarutn qtwdlibet in 
sermone vel habitu praeferebat, sed togata Quiritium more seu tra- 



Augustin und dem Mittelalter im Einklang. Auch Melanchthon urteilte so, 
cf. K. Hartfelder, M. als Praeceptor Germaniae, in: Mon. Germ. Pacdagog. 
VII (Berlin 1889) 162. Im J. 1543 hat er dies in seiner Rede De uccessaria 
coniunctione scholarum cum ministeriis eyangclii durch den historischen 
Nachweis gestützt, dafs die Schulen von jeher mit den Klöstern verbunden 
gewesen wären. 

1) Die Zahl der Beispiele könnte ich besonders aus den Acta Sanc- 
torum leicht vermehren. In den landläufigen Darstellungen des Schul- 
wesens im Mittelalter wird gerade auf solche Biographieen kaum Rück- 
sicht genommen. 

2) Citiert von Mabillon L c. 44. 



686 ^6 Antike im Mittelalter. 

beata latinitas suum Latium in ipso Latiäli pälatio singtdarHer 
obtinebat reflamerant ibi diversarum artium sttidia^) 

Vita S. Abbonis abbatis Ploriacensis (f 1004) auctore Ai- 
moino monacho (139, 390 Migne). Zunächst im Kloster (Fleury) 
liberälium artium sumebantur exercitia. Dann: maiara gliscens 
scientiae scrutari arcana diversorum adiit sapientiae ofßcinas loco- 
rum, uty quia grammaticaey arithmeticaey nee non diaUcticae iam ad 
plenum indaginem attigerat, ceteras ingenio sw) pergeret superadicere 
artes. quapropter Parisitis atque Bemis ad eos qui phüosophiam 
profitebantur profecttis aliquantulum quidem in astronomia, sed non 
qtumtum cupierat, apud eos profedt inde Aurdianis regressus 
musicae artis dulcedinemy qiMmvis occulte propter invidos, a quodam 
clerico non patuns redemit nummis. itaque quinque ex his quas 
liberales vocant plenissime imbuius artibus sapientiae magnüudine 
amicos praeibat coaetaneos. supererant rhetorica, nee non geometriay 
quarum plenitudinem etsi non ut voluit attigit, nequaquam tarnen 
ieiunus ab eis fundittis remansit nam et de rhetoricae ubertate 
facundiae Victorinumy quem Hieronymus praeceptorem se habuisse 
gloriatur, legit, et geometricorum multiplieiUxtem numerwn non 
mediocriter agnovit. . .denique quosdam dialecticorum nodos syHogis- 
morum enucUatissime enodavii, . ,de solis quoque ac lunae seu plane- 
tarum cursu a se editas dispositiones scripto posterorum mandavit 
notitiae, 

Guibertus, Abt von Nogent (Diöcese Laon) f 1124, de vita 
sua libri III (156, 837 flF. Migne). Er besuchte die Elementar- 
schule seiner Vaterstadt Beauvais, aber, wie er berichtet (I 4 
p. 844): erat paulo ante id temporis et adhuc partim sub meo tem- 
pore tanta grammaticorum Caritas, ut in oppidis pene nulluSy in 
urbibns vix aliquis reperiri potuisset, et quos inveniri contigerat, 
eorum scientia tenuis erat nee etiam moderni temporis dericulis 
vagantibus comparari poterat is itaque cui mei qperam maier 
mandare decreverat, addiscere grammaticam grandaevus incqperat 
tantoque circa eandem artem magis rudis exstüity quanto eam a 
tenero minus ebiberat. Sechs Jahre brachte er in dieser Schule 
zu, ohne etwas anderes als Prügel davongetragen zu haben. 
Noch in jungen Jahren trat er in das Kloster Flavigny ein, wo 



1) ÄhnHch Vita S. PauU Virdunensis (f c. 649) AA. SS. Boll. 8. Febr. 
II 176 f. Einiges andere derart bei J. Pitra, La vie de S. Läger (Paris 1846) 62. 



Die Altes liberaleB. 687 

er sich eifrig wissenschaftlicher Beschäftigung hingab , aber 
(c. 17 p.872 f.) cum versificandi studio uUra omnem modum tneum 
animum immersissemy ita ut universae divinae paginae seria pro 
tarn ridicüla vanitate sqponerem^ ad hoc ipsum duce mea levüate 
tarn veneramy ut Ovidiana et Bucolicorum dida praesumerem et 
lepores amatorios in specierum distributionibus epistolisque nexilibus 
affectarem. Er erzählt dann, wie er die von ihm nach diesen 
Mustern verfaTsten Gedichte unter falschem Namen seinen Freun- 
den vorgelesen habe, bis ihn der h. Anseimus, damals noch Prior 
jenes Klosters, durch die Lektüre der Schriften Gregors d. Gr. 
auf den richtigen Weg zurückführte. 

Vita des spätem Erzbischofs von Mainz Adelbert 11 (f 1141), 
beschrieben von einem Anseimus, ed. Jaff(£, Bibl. rer. Germ. lU 
(Berlin 1866) 565 ff. Gaboren in Saarbrücken hätte er, wie zu 
erwarten gewesen wäre, die berühmte Schule zu Mainz besucht, 

si non cura chori foret huic invisa labori 
nee rigor ecdesuie daret impeditnenta sophiae: 
nam psaimodia disconvenit atque sqphia 

(67 ff.). So begab er sich auf die Schule zu Hildesheim, wo er 
Grammatik lernte, sowie in Vers und Prosa zu schreiben (130 ff.). 
Dann kehrte er nach Mainz zurück, doch riet ihm sein Oheim, 
der damalige Erzbischof (Adelbertus I), die Stadt wieder zu ver- 
lassen, um auswärts Weisheit zu lernen. Er ging nach Reims 
(270 ff. wird beschrieben, was da noch an alten Göttertempeln 
zu sehen sei), wo er auTser der Jurisprudenz die artes liberales 
erlernte. Aber noch war sein Oheim nicht zufrieden: er schickte 
ihn abermals fort, und zwar nach Paris. Bei dem berühmtesten 
dortigen Lehrer studierte er Grammatik, Logik und besonders 
Rhetorik. Auf dem Rückweg von Paris lernte er dann noch in 
Montpellier Medicin und Physik. Im J. 1138 wurde er nach 
dem Tode seines Oheims Erzbischof ^) 



1) Solche Bildungsreisen waren schon im IX. .Th. üblich, sogar bei 
Mönchen, cf. Cuissard - Gaucheron , L'ecole de Fleury in: M<$moirea de la 
soci^t^ archdol. et bist, de TOrldanais XIV (1876) 682. 



688 I^ie Antike im Mittelalter. 

Drittes Kapitel. 

Die Anctores im mittelalterliolieii Bildimgsweseii. Der Gegensatz 

von Anctores nnd Artes. 

verpönimg Es kommt mir in diesem Kapitel nur darauf an, die allge- 

Antoren. meinen Verhältnisse festzustellen, und da wird man sowohl aus 
allgemeinen Erwägungen als auf Grund der Quellen sagen dürfen: 
während die artes das Ferment der höheren wissenschaftlichen 
Bildung waren^ traten die klassischen anctores ganz in den Hinter- 
grund oder wurden geradezu als gefährlich ausgeschlossen.^) Das 
ist begreiflich genug. In dem System der artes , das im Mar- 
ianus und den zu einzelnen Teilen seines Werkes verfafisten 
Kommentaren vorlag und fiir bescheidenere sowie spezifisch 
christliche Ansprüche im Lauf der Jahrhunderte immer mehr 
zusammengedrängt worden war^ hatte man das Wesentliche und 
Nützliche der klassischen Bildung in bequemer und vor allem 
unanstöfsiger Form zusammen; was brauchte man die anctores, 
in denen auf jeder Seite gefährliche Dinge zu lesen waren, über 
die man sich nur durch die bei schwachen Gemütern versagende 
Gewaltkur der allegorischen Auslegung hinweghelfen konnte? 
Und wenn einer sich gar daran machte , auch Ovids Liebes- 
gedichte für Nonnen zu allegorisieren^), so war das doch ein 
zu starkes Stück selbst für die in solchen Dingen seit den Zeiten 
der seligen Stoa stumpf gewordenen Sinne auch von Gebildeten. 
Ästhetischen Genufs gewährten die Schriftsteller auch nicht einer 
Generation von Menschen, die meist Geschmack an dem Bizarren 
und Perversen hatte und dem Denken und Fühlen der Antike 
entwachsen war. Besser also, man warf den alten Plunder in 
die Ecke und begnügte sich mit dem auf Flaschen gezogenen 
Bildungsextrakt der artes. Warnende Beispiele hatte mian ja 
genug. Die famose Vision des h. Hieronymus war den Gemütern 
fest eingeprägt: eine ganze Reihe von gebildeten Männern des 
Mittelalters hat in angstvollen Träumen dieselben Prügel zu be- 
kommen fest geglaubt, die einst dem Hieronymus in jener 



1) Schon auf dem sog. vierten karthagischen Konzil (436) wird ver- 
ordnet: ut episcopus gentilium libros non legat (III 946 ff. Mansi, c. XVI). 

2) Cf. das Gedicht ed. Wattenbach in: Sitzungsber. d. Bayr. Akad. 
1873, 696 ff. 



Auctores und Aztes. 689 

Schreckensnacht zuteil geworden waren, weil er es nicht lassen 
konnte, lieber für einen Ciceronianus als f&r einen Ghristianus 
zu gelten.^) Cassianus, der Stifter des occidentaiischen Mönchs- 
Wesens, hatte sich verflucht, dafs ihm beim Gebet und beim 
Absingen des Psalters die Teufelsgestalten der heidnischen My- 
thologie Tor Augen tanzten (s. o. S. 575). 

Für die prinzipielle Trennung der artes und auctores giebt 
es auch direkte Zeugnisse. Schon Serratus Lupus (s. IX) ep. 1 
(ad Eginhardum: 119, 433 f. Migne) berichtet, er habe zuerst 
die artes liberales bei seinem Lehrer getrieben, dann audorum 
voluminibitö spatiari aliquanUim coepi: er war eben zu hoch ge- 
bildet, als dafs er sich mit der Alltagskost der grofsen Masse be- 
gnügt hätte. Auf dem oben (S. 683, 1) angeführten Bilde aus dem 
Hortus deliciarum der Herrad von Landsperg (f 1195) nehmen 
die Personifikationen der artes einen höchst ehrenvollen Platz 
ein, aber unter dem Ganzen sitzen an ihren Pulten vor aufge- 
schlagenen Büchern vier Männer, von denen zwei Feder und 
Federmesser in den Händen halten; jedem flüstert ein Rabe 
etwas ins Ohr. Ihre Beischrifb: Poete vel magi spiritu immundo 
insiindi und: isH immundis spiritihtis in^rati scribunt arteni 
tnagicam ac poetriam - i • fabulosa commenta. Vor allem lehrreich 
ist eine lange Ausführung des gebildeten und ziemlich frei- 
sinnigen Hugo von St. Victor (f 1141) erud. didasc. 1. III c. 3 f. 
(176, 768 Migne). Er hat von der Notwendigkeit gesprochen, 
sich die sieben artes gründlich anzueignen, denn aus ihrer gegen- 
wärtigen Vernachlässigung erkläre es sich, dafs es früher so viele 
Weise gegeben habe, jetzt nicht mehr. Aber man müsse, wie 



1) Cf. A. Dreedner, Kultur- u. Sittengesch. d. ital. Geistlichkeit im 10. 
u. 11. Jb. (Breal. 1890) 228 f., Th. Zielinski, Cicero im Wandel der Jahr- 
hunderte (Leipz. 1897) 71 und besonders Wattenbach, Geschichtsquellen d. 
Ma. I* (Berlin 1898) 824 f., sowie H. v. Eicken, Gesch. u. System d. ma. 
Weltanschauung (Stuttg. 1887) 691 ff. Noch Petrarca erzählt dasselbe von 
sich (cf. A. Hortis in: Archeografo Triestino N. S. VI 120), aber er koket- 
tiert wohl mehr damit, während man bei dem stark ausgeprägten Gefühls- 
leben des Mittelalters an der Realität solcher Visionen (cf. G. Fritzsche, Die 
lat. Visionen d. Ma., Diss. Halle 1886 und in Vollmöllers "Rom. Forsch. 11 
[1885] 247 ff. III [1887] 887 ff.) gar nicht zweifehl darf. Noch Lorenzo Valla 
widerlegt in allem Ernst die Ansicht, dafs aus dem Traum des Hieronyn 
etwas für die klassischen Studien zu folgern sei: Elegantiae (c. 1440) L 
praef. (ed. Argentorat. 1617) f. 109 ff. 



f;i>(> Die Antike im Mittelalter. 

or aufs eindringlichste betont, scharf scheiden zwischen den artes 
und deren ^Appendix', den antiken auctores: ebenso notig wie 
die aries für die Bildung seien , so unnötig an sich die Schrift- 
steller , denn das Nützliche , was in diesen stehe, lerne man ja 
alles in den artes; höchstens deshalb möge man, wenn man 
gerade MuCse habe, die Schriftsteller lesen, quia aliquando plus 
(lelectare solent seriis admista ludicra. verumtantm in sqptem Hbe- 
ralibus artibus fundamentum est omnis doctrinae. — 

KriiÄituiJK Trotz dieser, wie ich glaube, im allgemeinen zutreffenden 

Auiorun Lage der Dinge sind uns nun aber die überwiegend gröüste Zahl 
der klassischen Schriftsteller nur durch Abschriften des Mittel- 
alters erhalten worden. Widersprach also die Praxis der Theorie 
oder lassen sich andere Momente finden, welche diese beiden 
scheinbar auseinanderfallenden Thatsachen verbinden? 

I fiurrh di« Das eine Moment ist der wissenschaftliche Sinn, der in den 
Klöstern durch die oben dargelegten Bestrebungen des Cassiodor, 
der Iren und der Angelsachsen ein für alle Male eingebürgert 
war und der in den verschiedenen Ländern des Abendlandes zwar 
nicht in gleichem MaCse verbreitet war (Frankreich stand voran, 
Italien zu unterst) und oft in einem und demselben Kloster 
nicht zu allen Zeiten gleich stark hervortrat (Bobbio und Monte- 
^ cassino geben die deutlichsten Beispiele), aber nie ganz ausstarb. 

Doch liegt dieses Moment hier aufserhalb meiner Betrachtung, 
wo es mir darauf ankommt, den allgemeinen Zug der Ideen dar- 
zulegen, der uns das Werden der Renaissance historisch ver- 
stehen läfst: denn nicht an diese von dem Treiben der Welt 
abgeschiedene Thätigkeit unbekannter bücherabschreibender 
Mönche^) haben die Humanisten angeknüpft, mögen sie auch 



1) Das Beste, was es bis jetzt darüber gicbt, ist auTaer den biblio- 
j^raphisrlion Arbeiten Montfaucons, G. Beckers, Th. Grottliebs und L. De- 
liziös' die buchst dankenswerte, nach Autoren geordnete Zusammenstellung 
von M. Manitins, Philologisches aus alten Bibliothekskatalogen bis 1300, 
im Khcin. Mus. XliVIII ErgOnzungsheft (1892), cf. auch L. Traube, Cber- 
liofonmgsgcsch. röm. Schriftst. in: Sitzungsber. d. Bayr. Ak. 1891 p. 387 ff. 
Was wir aber noch brauchen, ist folgendes: I. Eine wissenschaftliche Qe- 
schichte der einzelnen Klöster, wie wir sie für Corbie Ton Delisles (Re- 
chcrchos sur ranciennc bibL de C, Paris 1860), für Gluny von E. Sackur 
(Die Glaniacenser, Halle 1892—1894), für Montecassino yon A. Dantier 
(Lm monastörea b^n^dictins d'Italie, Paris 1866), für Hersfeld in dem kurzen, 

ishattfonoii Abiifs Ton 0. Holder-Egger (in seiner Ausgabe des Lam- 



sance. 



Auetores und Artes. G91 

ihnen das Material zu ihrer Repristination der Antike verdanken. 
Uns interessiert hier vielmehr das zweite Moment: es hat zu 2. durch di 
allen Zeiten im Mittelalter namhafte Männer gegeben ^ die sich der Be^i!iB 
über die Vorurteile der grofsen Masse hinwegsetzten xmd mit 
den antiken Autoren, den Vertretern einer im wesentlichen über- 
wundenen Weltanschauung y freien Sinns verkehrten. Auch das 
Abendland hat seine Photios, Arethas und Psellos gehabt. Da 
sie mit geringen Ausnahmen Geistliche waren und zwar fast 
alle solche, die hohe Stellungen einnahmen, so war ihr Einflufs 
und ihr Beispiel bedeutend, und, da sie zu verschiedenen Zeiten 
und in den meisten Kulturländern, vor allem aber in Frank- 
reich^), auftraten, anhaltend und weitverbreitet; auch auf die 



bert, Hann.-Leipz. 1894, p. XU ff.) besitzen (die älteren Behandlungen wie 
die Fuldas von J. Gegenbaur, Bobbios von A. Peyron reichen längst nicht 
mehr aus). IL Eine Erörterung der Motive, die für die Überlieferung gerade 
der uns erhaltenen Schriften mafsgebend gewesen ist. Diese waren 1) äufserer 
Art^ z. B. sind die ersten Annalenbücher und die Germania des Tacitus, bis 
zu einem gewissen Grade auch Ammian, begreiflicherweise gerade in Deutsch- 
land, die Bücher Caesars vom gallischen Krieg in Frankreich, Catull in 
Verona gern gelesen worden, ebenso wie es gewifs kein Zufall ist, dafs 
die Schrift Frontins über die Wasserleitungen gerade in Montecassino ab- 
geschrieben ist, von wo aus man die Campagna überblickte, cf. auch die 
folgende Anmerkung; 2) innerer Art, insofern das utilitaristische Inter- 
esse durchaus vorherrschte, nämlich a) das der Schule (aufser den Gram- 
matikern Vergil, Terenz, Sallust: darüber einige interessante Einzelheiten 
bei C. Weyman im Philol. N. F. VI [1897] 472 f.; in zweiter Instanz Lucan, 
Statins, Persius, luvenal), b) das des Lebens, nämHch a) für die praktische 
Nachahmung: so für die Abfassung von historischen Werken aufser Sallust 
auch Sueton und Livius, für die Abfassung von Reden die Beden und rhe- 
torischen Schriften Ciceros und die Beden aus Sallust, für die Abfassung 
von Gedichten in den antiken Metren Ovid etc., ß) für die Moral, auf die 
es dem Ma. vor aUem ankam: daher das aufserordentUche Interesse für 
Seneca und Ciceros philosophische Schriften von den Zeiten des Ambrosius 
und Augustinus bis tief in die Zeit der Renaissance , ja die Zeit der Re- 
formation (Melanchthon) und der Aufklärung (Voltaire), woraus es sich z. 
B. erklärt, daÜB noch auf unsem heutigen Gymnasien Cicero de officiis ge- 
lesen wird; daher ist auch Valerius Maximus erhalten (cf. besonders einen 
c. 1160 geschriebenen Brief des Wibaldus, Abtes von Corvey, in Bibl. rer. 
Germ. ed. Jaffö I 280), den noch Petrarca (ep. de reb. fam. IV 16 p. 238 
Frac.) und sein französischer Gegner (Galli anonymi invectiva in Petrarcam 
p. 1062 f. der Basler Ausgabe des Petrarca vom J. 1664) als philosophus 
moralis auffassen. 

1) Es ist doch recht bezeichnend, wie sich, wenn wir das Allgen 

Korden, antike KnnstproM. n. 46 



C92 I>ie Antike im Mittelalter. 

Kloster haben ihre Bestrebungen wieder eine segensreiche Rück- 
wirkung gehabt, da sie meist selbst aus diesen hervorgegangen 
waren und oft wieder in sie eintraten. Wir dürfen diese Männer 
in höherem oder geringerem Grade als Vorgänger der Huma- 
nisten bezeichnen und sind ihnen wie diesen zu Dank Terpflichtet, 
denn ohne ihre Bemühungen würde auf dem weiten Trümmer- 



ioH Auge fassen, die Oberliefenmg der verschiedenen Grattungen yon antiken 
Schriften über die romanischen Länder und Deutschland yerteilt. Dort 
Qberwog das ästhetische (stilistisch-poetische), hier das sachliche Interesse. 
Poggio wufste, dafs er auf Ciceros Reden in Frankreich fahnden müsse: 
thatsächlich boten Cluny und Langres viele, während er in St. Gallen ver- 
geblich suchte, dafür hier freilich Asconius fand; in Lüttich, also auf ur- 
sprünglich französischem Boden (erst 870 kam es durch den Vertrag von 
Ifersen an Deutschland) fand Petrarca zu seinem Erstaunen zwei Cicero- 
reden, darunter vermutlich die für Archias; im Kloster von Hildesheim 
waren um 1150 Ciceros philippische Reden und de lege agraria, aber, wie 
ausdrücklich bemerkt wird, de Francia adductas (Bibl. rer. Germ. ed. Jaffe 
1 327) ; Brunetto Latini (f 1294) hat als erster drei Ciceroreden ins Italienische 
übersetzt (darüber Näheres später); der Brutus ist nur durch Italien er- 
halten, die Bücher De oratore und der Orator durch Italien und Frankreich 
(über Cicero in Frankreich zur Zeit der Revolution cf. Th. Zielinski, Cicero 
im Wandel der Jahrhunderte [Leipz. 1897] 50 ff.); Festus (den man sti- 
listisch verwertete , cf. die Vorrede des Paulus) ist durch Italien erhalten, 
in Frankreich bekannt gewesen (Manitius p. 39); auch die durch Italien 
erhaltenen Bücher Varros de lingua latina wurden aus stilistischen Grün- 
den tradiert, denn Grammatik und Stilistik deckten sich im Ma. ; Properz 
ist uns wohl durch Frankreich erhalten: denn nur dort wird er im Ma. 
einmal erwähnt (cf. Manitius 1. c. 31) und von da wird also wohl Petrarca 
die Hs. mitgebracht haben, die er las und von der unsere abstammen (cf. 
P. de Nolhac, Pdtrarque et Thumanisme [Paris 1892] 141 ff.); Tibull ist 
im Ma. nachweisbar nur in Frankreich (cf. Manitius 1. c. 31 und unten S. 704. 
718, 2) und Italien (cf. Baehrens praef. p. VI und Haupt opusc. I 276 f.); 
Catull ist entweder durch Frankreich oder durch Italien erhalten (cf. 
Haupt, Quaest. Cat. 3 f.); nur durch Frankreich, nämlich durch die beiden 
berühmten Kxcerptenhandschriften s. IX/X (cod. Sannazarianus «= Vindob. 
277 und cod. Thuaneus = Paris. 8071) Ovids Halieutica, Grattius, Ne- 
mesians Cynegetica (letztere im Ma. erwähnt nur von Hincmar y. Reims 
t 8K2, cf. Haupt vor s. Ausg. p. 42); bei Horaz überwiegt quantitativ und 
ciualitativ Frankreich. Dagegen wurden die Historiker (aufser Caesar, fSr 
den auch Frankreich begreiflicherweise Interesse hatte) mit besonderer 
Vorliebe in Deutschland gelesen, wie z. B. für das IX. Jh. in Fulda durch 
Einharts Vita Caroli feststeht: an unserer Überlieferung des Tacitus hat 
(neben Italien) Deutschlaud den gröfsten Anteil, ebenso an der des Florus, 
auch bei Li v ins überwiegt Deutschland. 



Das IX. Jahrh. : Karl der Grofse. 693 

felde des Altertums, wie es Petrarca und seine Nachfolger an- 
trafen, eine noch gröfsere Anzahl von Säulen zu Boden gestürzt 
sein. Ich werde im folgenden Tersuchen, diese Manner und die 
von ihnen ausgehenden Richtungen in ein helleres Licht zu 
rücken. Die unmittelbare Veranlassung zu diesem Versuch war 
für mich das wissenschaftliche Bedürfnis, einen Petrarca nicht 
blofs als ein an keine Zeiten und keine Verhältnisse gebundenes 
Genie anstaunen, sondern als den grofsten Nachfolger einer Reihe 
von mehr oder weniger bedeutenden Vorgängern bewundem und 
die Möglichkeit seines Erscheinens und damit des Humanismus 
überhaupt historisch begreifen zu können. 



Viertes Kapitel. 

Die klassicistischen Strömungen des Mittelalters. Der Kampf der 

auctores gegen die artes. 

I. Das nennte JaJrrhnndert« 

1. Das Zeitalter Karls des Grofsen. 

Das Zeitalter Karls des Groüsen pflegt man als die Epoche Karo- 
der ersten Renaissance zu bezeichnen. Darin ist eine gewifs nnd eigent- 
richtige Erkenntnis ausgesprochen. Das unmittelbare Verdienst ^^J^^^. 
des gewaltigen Imperators liegt in dem Verständnis, das er den ^- »«rüh- 
kulturellen und litterarischen Bestrebungen der vergangenen Jahr- 
hunderte entgegenbrachte y und in der Centralisation dieser Be- 
strebungen an seinem Hofe. Thatsächlich waren ja dort die er- 
lesensten Männer aller derjenigen Nationen versammelt, die wir 
als Kulturträgerinnen kennen gelernt haben, der Iren^), Angel- 
sachsen^) und Langobarden'), zu denen sich Gelehrte seines 
eignen Volks und Spanier gesellten. Es liegt mir selbstverständ- 
lich fem, auf ohnehin bekannte Einzelheiten einzugehen; nur ein 



1) Zimmer 1. c. (oben S. 667, 2) 86 ff. 

2) Über Alcuin urteilt A. Hauck, Eirchengesch. Deutschl. 11 (Leij 
1889) 116 ff. viel richtiger als Ebert 1. c. IT 12 ff. 

8) W. Giesebrecht, De litt. stnd. ap. Italos prim. med. aev. saec, 
gramm d. Joachimsthal. Gymn. Berlin 1846. 

46* 



'•;ff4 Die Antfze im Ulttifflaltg. 

pa^r allgemeine Ponkte mochte ich herrorhefaen. Das Moment, 
weiehei» die karolingische Wisaenschafb von derjenigen der Ver- 
gän^^enheit onterscheidety ist ein gewisser freierer Zog, der fde 
an.) den Maaem der weltabgeschiedenen Kloster mitten in das 
pn bierende Leben eines glanzenden Hofes stellte. Die Achtung, 
mit welcher der Konig den Litteraten begegnete, der freie Ton, 
fUm er ihnen erlaubte^ fordert unwillkürlich za Vergleichen mit 
einer fernen Vergangenheit ond einer fernen Zukunft auf: Augustus 
und Vergil, Karl und Alcuin, Robert Ton Neapel und Petrarca^); 
die Akademie an seinem Hofe hat etwas gemein mit jenen, die 
sich einst im Paradiso degli Alberti und um Pomponias Laetus 
konstituieren sollten: wie die Mitglieder der ersteren haben Al- 
cuin und Genossen über theologische und philologische (gram- 
matische) Fragen disputiert, ond wie die der letzteren sich halb 
im Scherz, halb im Ernst antike Namen beigelegt. Ein Werk 
wie die Lebensbeschreibung des Kaisers von Einhart darf sich 
mit der Geschichte Caesars von Petrarca inhaltlich und formell 
messen; in der Vorrede spricht er von dem *ßuhm', der Sehn- 
sucht; seinen Namen auf die Nachwelt zu bringen, ganz im Geist 
der Antike und des Humanismus; nichts aber ist so bezeichnend 
wie die fast durchgängige Projektion der zeitgenössischen Ver- 
hilltnissc auf die des Altertums^): er nennt sich selbst hominem 
barhariim (praef.), Karl läfst sammeln barbara carmina (c. 29), 
,,der Hatz c. 15 deinde omnes barbaras ac feras ncUiones quae 
inter lilienum ac Visulam fltivios oceanumque ac Danubiutn positae 
Germaniam incolunt ist so gehalten, dafs er ebensogut von Taci- 
tus oder einem anderen Ilömer geschrieben sein konnte^', „die 
fränkischen Heere haben ihre Winterlager, die neueroberten Ge- 
biete heifsen Provinzen, die Sachsen scheiden sich in senaUis ac 
populm^\ während andere Autoren von Niumaga und Mohin reden, 
nennt sie Einhart Novioniagns und Moenus u. s. w.*), alles Dinge, 
die aus der l\umanistisclien Geschichtsschreibung nur zu gut be- 
kannt sind. Man mufs die historischen Werke Einharts etwa 
mit donon dos Gregor von Tours vergleichen, um den Ungeheuern 

n (T. G. KöriiuK, Petrarca (Leipz. 1878) 169. 

*2) Cf. M. Manitiua, Kinharta Werke und ihr Stil in: Neues Archiv d. 
UoH. f. iUt. aoutHihc Cu-Hvh. VII (1882) 665 ff., derselbe, Die humanist. Be- 
\vt»^nm>^ untvr Karl <I. (ir. in: Z. f. alljjr. Gesch. I (1884) 428. 

;r. Manitius 1. o. 66S u. 428. 



Das IX. Jahrb.: Karl der Grofse. 695 

Unterschied zu erkennen; ja^ man kann noch mehr sagen ^ Ein- 
hart hat den Sueton besser reproduziert, als irgend einer der 
Verfasser der nachsuetonischen Kaiserbiographieen. Gerade diese 
Biographie Einharts giebt nun aber auch den Schlüssel zum 
Verständnis der ganzen Bewegung: Karl erscheint in ihr durch- 
aus als römischer Imperator, mit den Ansprüchen und den Rechten 
eines solchen ausgestattet^), wie denn auch der Akt des J. 800, 
bei dem ihm inmitten der römischen Vornehmen und unter den 
Jubelrufen des römischen Volkes die römische Kaiserkrone auf- 
gesetzt wurde, ein greifbarer Ausdruck jenes in ihm lebendigen 
Gedankens einer Repristination der Antike war.*) Er liefs sich 
nicht nur selbst und seine Kinder in den freien Künsten sehr 
eifrig unterrichten (Einh. vit. 19. 25), sondern auch:' legebantur 
et historiae et antiquorum res gestae (ib. 24), d. h., nach der Lek- 
türe Einharts selbst zu urteilen, besonders Caesar, Livius und 
Sueton; Tacitus' Germania und die ersten Bücher der Annalen, 
beide damals nachweislich in Deutschland gern gelesen, wer- 
den nicht gefehlt haben: der erste römische Kaiser deutscher 
Nation, der Besiegerin des Weltreichs, lauschend den Lobes- 
worten, die der prophetische Geist des grofsen Römers den 
Ruhmesthaten derselben zum ersten Mal an die Pforten des Im- 
periums pochenden Nation zollt, ein welthistorisches Bild. Wir 
dürfen wohl annehmen, dafs der Kaiser, umringt von einer 
Schar Gelehrter und Dichter, die sich mit den Namen der 
litterarischen Gröfsen der augusteischen Zeit belegten, sich selbst 
als neuer Augustus gefühlt hat: dafür scheinen mir die Worte, 
mit denen Paulus (natürlich Diaconus^)) seine Epitome des Festus 
an Karl schickte, recht bezeichnend zu sein: in cuius serie quae- 
dam secundum artem, quaedatn iuxta etymologiam nan inconvenien- 
ter posita invenietis et praecipue civitatis vestrae Romuleae 
viarum portarum montium locorum tribuumque vocabnla 



1) Cf. W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Ma. I* 
(Berlin 1893) 185. 

2) Cf. Gregorovius, Gesch. d. St. ilom im M. 11 (Stuttg. 1869) 542 ff. 

3) Die unbegründeten Zweifel an der Autorschaft dieses Paulus sind 
durch die Bemerkungen von Waitz in der Ausgabe der Script, rer. Langob. 
(1878) 19 f. und von Mommsen im N. Arch. d. Ges. f. alt. d. Gesch. V (187' 
55 endgültig gehoben. 



696 Die Antike im Mittelalter. 

diserta reperietis.^) In diesem Sinne, denke ich, „lieCs er die 
alten Kunstwerke nach Aachen führen, seine Bauten nach den 
Hegeln des Yitruy auffOhren und. die alten Schriftsteller nach 
den alten Handschriften mit der sorgsamsten Genauigkeit ab- 
schreiben."^ ^ 
2. Unter- Dafs nuu frcilich die profane Litteratur hinter der geist- 
"». Da» liehen zurückstehen mufste, verstand sich bei einem so frommen 
'^Jr^*^^® und kirchlichen Mann, wie es Karl d. Gr. war, von selbst. Be- 
sonders nach auilsen hin liefs er diesen Gesichtspunkt hervor- 
treten: allen seinen auf diese Dinge Bezug nehmenden Erlassen') 
liegt der Gedanke zugrunde, dafs eine ausreichende wissenschaft- 
liche Vorbildung (durch die artes) im Dienst der Kirche 
durchaus notwendig und dafs daher der ungebildete Priester zu 
suspendieren sei.^) Das in seinem Auftrag von Paulus Diaconus 
zusammengestellte Homiliar empfahl er mit der Begründung: 
non stimus passi nostris diehm in divinis lectionibus sacrarum offi- 
ciorum inconsonantes perstrepere soloecismos atque earundem lectio- 



1) In seiner Langobardengescliiclite erwähnt er Strafsen, Thore und 
Brücken Borns: V 31. VI 36. Man lese, um zugleich die Verwandtschaft 
und die gewaltige Verschiedenheit zu erkennen, den entzückenden Brief 
Petrarcas über seine Spaziergänge in Rom (ep. de reb. fam. VI 2). 

2) Wattenbach 1. c. 165. — Mehr als in allem oben Angefahrten würde 
die humanistische Idee jenes Zeitalters zum Ausdruck kommen in folgenden 
Versen, die G. Kaufmann, Deutsche Gesch. bis auf Karl d. Gr. 11 (Leipzig 
1881) 379 f. in deutscher Übersetzung ohne Stellenangabe citiert (^so sangen 
die Männer von ihrer Zeit'): „Sieh, es erneut sich die Zeit, es erneut sich 
das Wesen der Alten ; Wiedergeboren wird heut, was dir in Rom einst ge- 
glänzt"; da ich das Citat trotz eifrigen Nachforschens nicht habe auffinden 
können (eine Anfrage beim Autor ist erfolglos geblieben), so habe ich um- 
soweniger gewagt, es im Text zu benutzen, als meinem Gefühl nach die 
Übersetzung mindestens sehr frei sein mufs: ich leugne, dafs ein Mensch 
jener Zeit so gedacht haben kann. 

3) Wohl am vollständigten bei G. Salvioli, L'istruzione pubblica in 
Italia nei secoli Vm— X in: Rivista Europea Xm (1879) 700 f. 

4) Cf. Hauck 1. c. 116 ff. Cesare Balbo, Della letteratura negli undici 
primi secoli dalFera cristiana in: Lottere di politica e letteratura di C. B. 
(Firenze 1855) 156 ff. Merryweather, Bibliomania in the middle ages (Lond. 
1849) 105 ff. H. Reuter, Gesch. d. relig. Aufkl. im Ma. I (Berl. 1876) 6 f. 
Schou MabilloD, De studiis monasticis (1691) 1 9 (der lat. Übersetzung Vened. 
1729) bebt die Bedeutung Karls richtig hervor. (Veraltet sind die Werke 
von J. Baehr, De lit. stud. a Carole M. revocato, Heidelb. 1855 und: Gesch. 
d. röm. Litt, im karol. Zeitalter, Carlsruhe 1840). 



Das IK. Jahrh.: Karl der Grofse. 697 

nuni in melius reformare tramitem mentem intenditnus^) Bei dem 
einflufsreichsten seiner litterariscilen Paladine^ dem Angelsachsen 
ÄlcuiD; trat dies Moment starker hervor als bei dem Franken 
Einharty begreiflich genug, da jenem die politischen Ideale des 
andern fremd waren; er hat eine ganze Anzahl Ton nützlichen 
Werkchen yerfafst, in denen er die artes^ besonders die Gram- 
matik^ für den Bedarf seiner Zeit ganz im Sinne seines Lands- 
mannes Bonifacius zurechtmachte, aber wie gering war seine 
Kenntnis der auctores: dafs er Vergil las, war nicht viel Be- 
sonderes und in seinem Alter hätte er gewünscht, es lieber 
unterlassen zu haben ; in dem Kloster von York, seiner Bildungs- 
stätte, waren nach seiner eigenen Angabe^) aufser Vergil noch 
Statius, Lucan, Justin, Plinins d. Ä., Aristoteles (d. h. Boethius) 
und Ciceros rhetorische Schriften vorhanden, aber in seinen 
Werken fehlen im Gegensatz zu Einhart Spuren ihres Einflusses.') 

Dieses starke Betonen des kirchlichen Interesses und, was b. Das 
damit eng zusammenhängt, der blofs relativen Bedeutung der Moment 
antiken Bildung ist das erste Moment, welches bei allem Ge- 
meinsamen, das diese sog. erste Renaissance mit der späteren 
verbindet, den unterschied doch deutlich hervortreten läfist. Dazu 
kommt ein weiteres. Die germanische Nation war der romani- 
schen zu fremdartig, als daüs die bei dieser lebhaft Anklang 
findenden rein formalen humanistischen Bestrebungen bei jener 
rechten Boden hätten finden können: der romische Kaiser hat 
als germanischer Yolkskönig mit dem weiten Blick, der ihn aus- 
zeichnete, die nationalen Denkmäler seines Volkes sammeln und 
eine eigentliche deutsche Litteratur zum ersten Male erstehen 
lassen^), während der eigentliche Humanismus, wie später ge- 
nauer bewiesen werden soll, als höchste seiner Forderungen die 
Ablehnung des Nationalen aufstellte^); Alcuin hat sich trotz 

1) Cf. MabiUon, Ann. ord. S. B. H (Par. 1704) 828. 

2) Poet. lat. aev. Car. I p. 208 f. V. 1540 ff., cf. Hauck 1. c. 127 ff. 
8) Cf. Fr. Monnier, Alcuin et Gharlemagne (Par. 1868) 12 ff. 

4) Es verdient zu der Zeit, in der wir leben, wohl darauf hingewiesen 
zu werden, dafs dieses erstmalige Entstehen einer deutschen Litteratur aufs 
engste mit dem Aufschwimg der klassischen Studien zusammengeht. Ein 
analoger Vorgang hatte sich im alten Rom abgespielt: die römische Littera- 
tur verdankt ihr Entstehen dem Interesse, das die römischen Aristokraten 
der griechischen Litteratur zuwendeten. 

5) Man lese, was Petrarca über das römische Kaiserreich deutsch« 



698 ^ie Antike im Mittelalter. 

der dringendeu AufforderuDgen des Imperators nur schwer ent- 
schliefsen konneD, nach Rom zu kommen , und hat bedauert, 
dals er dtUces Germaniae sedes verlassen mufste^): man lese Pe- 
trarcas uns so modern anmutende Rom-Briefe (ad fam. II 9. 14 
VI 2); um zu empfinden, dafs er doch einer ganz andern Ideen- 
welt angehörte. Es scheint mir daher sehr bezeichnend zu sein, 
dafs die ferneren humanistischen Bestrebungen des Mittelalters 
in ihrem weitaus überwiegenden Teil nicht in Germanien, son- 
dern in Gallien, dem westlichen Teil des karolingischen Reiches, 
stattgefimdcn haben.') 



2. Die humanistische Bewegung in Frankreich: Karl 

der Kahle und Servatüs Lupus. 

Karl Der Niedergang des litterarischen Interesses unter Karls 

d. kau«. jfachf olger fiel schon den Zeitgenossen auf. *; Da ist es nun 
höchst bezeichnend, dafs ein neuer Aufschwung begann unter 
Karls d. Gr. Enkel Karl dem Kahlen (840—877), der den 
französischen Teil des Reiches zugewiesen erhielt. Während in 
den ostfränkischen Klöstern, Tor allem auch in Fulda nach Ra- 
banus Maurus, der wissenschaftliche Sinn sich fast ausschliefs- 
lieh in der rein kirchlichen Litteratur bethätigte, preisen die 
Zeitgenossen in begeisterten Worten die Sorgfalt, die Karl d. EL 
auf die Hebung der Studien verwandte. Einer*) vergleicht ihn 



Nation urteilt ep. de reb. fam. XX 2: Ckieaarwn fcUum et in occasu sölis et 
8%U> austro, denique ubilibet felicius fuerit quam 8%U> arcto: ita ibi gelida am- 
nitty wuUus ardor nohilis, nullus vitcUis ccUar imperii, und was weiter folgt 

1) Cf. Hauet 1. c. 123. 

2) Italien trat im späteren Mittelalter infolge seiner politischen Lage 
zurück. Was darüber (besonders über Montecassino) zu sagen ist, hat 
zuerst festzustellen gesucht Muratori, De litt, statu, neglectu et cultura in 
Italia post barbaros in eam invectos, usque ad a. Chr. MC in: Antiq. Ital. 
diss. XLm (vol. m [Mediol. 1740] 809 ff.), dann W. Giesebrecht 1. c, A. 
Ozanam in Oeuvres compl. vol. 11 (ed. 2) 866 ff., einiges auch bei F. Haase, 
De med. aev. stud. philol., Progr. Breslau 1866, zuletzt Salvioli 1. c. vol. 
Xni— XV (1879). 

3) Zeugnisse bei Hauck L c. 666 f. 

4) Hericus monachus Antissiodorensis (f c. 881) in der an Karl d. K. 
gerichteten Widmungsepistel zu seiner Lebensbeschreibung des S. Germanus 



Das IX. Jahrh. : Karl der Kahle, Servatus Lupus. 699 

deshalb y wenn auch in etwas zu panegyrischen Worten , mit 
seinem Grofsvater: illud vel maxime vohis aetemam parat memo- 
riam, quod famatissimi avi vestri Caroli Studium erga immortales 
disciplinas non modo ex aequo repraesentaiiSy verum etiam incom- 
paräbiU fervore transscenditis, dum qtiod üU sopitis educit cineribus 
vos fomento muUiplici tum ienefidorum tum audoritatis tisquequague 
provehitis, . .; ita vestra tempestate ingenia hominum duplici nitun- 
tur adminiculo, dum ad sapientiae abdita persequenda omnes quidem 
exemplo allicitiSj quosdam vero etiam praemiis invitatis . . . . Id vobis 
singulare Studium effecistis^ ut sicubi terrarum magistri florerent 
artium, quarum principalem operam philosophia poUicetur^ huc ad 
puhlicam eruditionem undecumque vestra celsitudo conduceret u. s. w. 
An der Hofschule dieses Königs wirkte Johannes Scotas (Eri- 
gena), nnter den gelehrten Iren der geistig weitaas hervor- 
ragendste, in griechischer Litteratur sehr bewandert, dessen be- 
rühmtes Postulat von dem Prinzipat der Vernunft über der 
Autorität ganz antik und ganz modern, aber ganz und gar nicht 
mittelalterlich gefühlt ist: dafs der Konig ihn gegen die erbit- 
terten Angriffe der Kirche in Schutz nahm, gereicht ihm zu 
hoher Ehre. 

Glücklicherweise ist uns aus dieser Zeit der Briefwechsel senraiuB 
eines Mannes erhalten, dem wir f^lr die lateinische Litteratur zu 
demselben Dank yerpflichtet sind wie dem ein halbes Jahrhundert 
später lebenden Arethas^) für die griechische. Dieser Mann war 
Servatus Lupus, ein geborener Franzose, 842 — 862 Abt von 
Ferriferes in der Diöcese Sens. Aus den 130 Briefen, die wir 
von ihm besitzen'), weht uns wirklich ein leiser, aber deutlich 
wahrnehmbarer Hauch des Geistes entgegen, der ein halbes Jahr- 



AA. SS. Boll. Jul. Vn p. 221 ff. Cf. auch Vita B. Herifridi episcopi An- 
tissiodorensis (f 909) 1. c. Oct. X p. 210. Auf beide Zeugnisse weist kurz 
hin auch J. Lebeuf, Dissert. sur Tätat des Sciences dans les Gaules depuis 
la mort de Charlemagne jusqu'ä celle du Roy Robert, in: Recueil de divers 
Berits pour servir d'eclaircissemens ä Thistoire de France T. 11 (Paris 1788) 6. 

1) L. Stein, Die Continuität der griech. Philosophie in: Arch. f. Oesch. 
d. Philos. N. F. n (1896) 227, weist auf die gleichzeitig bei den Arabern 
beginnende intensive Beschäftigung mit der antiken Litteratur hin. 

2) Die neueste Ausgabe von G. Desdevises du Dezert (Paris 1888) läfst 
kritisch zu wünschen übrig, enthält aber eine gute Einleitung und brauch- 
bare historische Anmerkungen. Ich citiere die Briefe nach der Anordr 
dieser Ausgabe. 



700 Die Antike im Mittelalter. 

tausend später ganz Europa im Sturm durchfliegen sollte. C'est 
un veritable hufnaniste ä la maniere des humanistes du XV^ et du 
XVP siede sagt J. Ampere (Hist. liti de la France avant le 
Xn« si^cle m [Par. 1840] 237) und viele Laben sich ähnlich 
geäulsert.^) Die Zeit; die ihm sein geistlicher Beruf in diesen 
politisch so unruhigen Jahren liefs^ verwendete er auf die Lek- 
türe von Schriften, unter denen die Bibel, Augustin, Hierony- 
mus u. s. w. durchaus auf gleicher Stufe mit den klassischen 
Autoren standen, und zwar nicht etwa blola denjenigen, die zu 
kennen kein besonderes Verdienst war, wie Yirgil Donat Pris- 
cian Boethius, nein, hier begegnen meist zum ersten Mal seit 
400jähriger Vergessenheit wieder Namen wie Cicero — und nicht 
nur die auch sonst viel gelesenen unter seinem Namen gehenden 
Bücher an Herennius, sondern auch die Schrift De oratore (ep. 
111)*), ferner die Briefe*) (69), die Tusculanen (9), die Aratea 
(69), ja sogar die Verrinen (45) — , Caesars commentarii (37), 
Sallusts Catilina und Jugurtha (45), Livius (10. 93), Quintilians 
Institutionen (76. 111), Sueton (20. 33), Gellius (la.E. c£ 5a.E.), 
Macrobius (9).^) Man muTs selbst lesen, wie er sich bemühte, 
dieser Schriften habhaft zu werden und nicht eher ruhte, bis 
es ihm gielang: meist suchte er zunächst in der Nachbarschaft^ 
d. h. offenbar^) in Fleury, dann wendete er sich an andre 
französische Klöster, dann an die deutschen (Fulda), die eng- 
lischen (York), einmal (ep. 111) sogar an den Papst selbst (Bene- 
dict III 855 — 858) : er hatte nämlich auf einer Reise nach Rom 
(849) dort eine Handschrift von Cicero de or. und eine von 



1) Die ausfOhrlichste mir bekannte Darstellung ist von Maxime de la 
Bocheterie: Un abb^ au neuviäme siäcle, in: Acad^mie de Sainte-Croix 
d'Orldans. Lectures et m^moires I (1865^1872) S69— 466. Einige treff- 
liche Bemerkungen von L. Traube 1. c. (oben S. 690, 1), cf. auch Maniiins 
1. c. (oben S. 694, 2) 645 f. 

2) Um sie bittet er im J. 866 den Papst, nachdem er sie in Born ge- 
sehen hatte. Er war also inzwischen klüger geworden: in dem 1. Briet 
(an Einhart vom J. 830) verwechselt er sie mit der Schrift De inventione, 
wie kürzlich festgestellt hat F. Marx in der Praef. zu seiner Aoag. des 
[Comificius] p. 10. 

3) Die 'ad familiäres', cf. Marx L c. 

4) Mit der vermeintlichen Lektüre des CatuU ist es aber nichts: cf. 
L. Schwabe im Hermes XX (1885) 496. 

5) Cf. Traube 1. c. 400 f. 



Das DL Jahrb.: Servatos Lupus. 701 

Quintilians Institutionen gesehen, von denen beiden er nur Teile 
besafs, femer eine von' Donats Terenzkommentar; diese drei solle 
ihm der Papst schicken. Wer fühlt sich bei dem allen nicht 
erinnert an die Briefe der Humanisten mit ihrem sehnsüchtigen 
Verlangen nach neuen und vollständigen Autoren? Ja, in einem 
Punkte ist er sogar den meisten Humanisten voraus: er will 
nicht blofs Texte, sondern gute Texte, z. B. schreibt er ep. 69: 
Tullianas epistolas, quas mi^H, cum nostris conferri faciam, ut ex 
utrisqne^ si possit fieri, veritas excuJpatur (cf. ep. 9 und 45): wer 
denkt nicht an die Symmachi und Nicomachi? Noch eine An- 
zahl andrer Autoren hat er gelesen, wie die (längst nicht alle 
als solche erkannten) Citate beweisen, mit denen er teils unter 
Nennung ihres Autors teils ohne eine solche manche Briefe aus- 
stattet, z. B. Horaz^), Martial, Yalerius Maximus ^), Justin. Er 
korrespondiert nicht weniger als viermal über Fragen der Proso- 
sodie (6. 7. 9. 10), was freilich auch Schriftsteller des ausgehen- 
den Altertums und des frühen wie späten Mittelalters gethan 
haben, über Grammatik (das Activum locupktare beweist er aus 
Cicero: ep. 10), über Wortbedeutung (ib.), über Altertümer (ep. 
46 erklärt er auf eine Anfrage hin aus Servius, was pater pa- 
tratiis sei). Wie ein echter Humanist schämt er sich, als ihm 
einige sagen, er sei, um sich die Kenntnis des Deutschen anzu- 
eignen, nach Fulda gereist; „das hätte, erwidert er, die lange 
Reise nicht gelohnt: gelesen habe ich dort und Bücher abge- 
schrieben ad dblivionis remedium et eruditionis augmentum (ep. 6). 
Ja, auch die ganze Tendenz dieser ersten Renaissance in Frank- 
reich fällt zusammen mit derjenigen der späteren: denn aus einem 
Briefe (11) erkennen wir, daGs das Interesse an der klassischen 
Litteratur ein wesentlich formalistisches war, bis zu dem Grade, 
dafs sich Lupus veranlaCst sieht, dagegen aufzutreten: reviviscen- 
tem in his nostris regUmibus sapienHam quosdam studiosissime co- 
lere pergratum hdbeo, sed hinc haudqmqtuim mediocriter maveor, 
guod qxddam nosbrum partem illius appetentes insolenter partem re- 



1) Ep. 1 in silvam ne ligna feras aus sat. I 10, 84. ep. 41 non poUtt 
vox missa reverti aus de a. p. 390. Dagegen ist ep. 43 itixta tShtd JBm 
tiantim ^tneos dividerem libenter annos* ein Versehen, aber der (bedanke j 
mir aus antiker Poesie gel&ufig. 

2) Seine und eines seiner SchtQer Bemühungen um diesen Schrift' 
steiler lassen sich noch handschriftlich nachweisen, cf. Traube L c. 



702 Die Antike im Mittelalter. 

ptidiant omnium autem consensu nichü in ea est, quod iure ex- 
dpi aut possit aut dä)eat guare apparet nos ipsos nobis esse con- 
trarioSy dum insipienter sapientiam consequi cogitemus. etenim 
plerique ex ea cuUum sermonis quaerimus et paucos ad- 
modum reperias qui ex ea morum pröbitatem . . . proponant addiscere. 
sie linguae vitia reformidamus et pxirgare contendimus, vitae 
vero delicta parvi pendimus, . . . Quocirca si vigilanter poliendo 
ineumhimus eloquio, mxdto maxime conseqtiendae honestati atque 
iustitiae operam impendamus oportet. Die formalistische Tendenz, 
gegen deren Ausschliefsliclikeit er hier polemisiert, tritt aber 
bei ihm selbst entgegen in dem schönsten seiner Briefe, in dem 
er sich und diesen Studien ein leuchtendes Denkmal gesetzt hat: 
er ist der erste der ganzen Sammlung, den der damals (830) 
ganz junge Mensch an den auf der Höhe des Buhmes stehenden 
Einhart richtet, zehn Jahre bevor durch Karls des Kahlen Für- 
sorge die Studien einen neuen starken Impuls erhielten: amor 
litterarum ab ipso fere initio piieritiae mihi est innatus, nee earum 
ut nunc a plerisque vocantiir superstitiosa otia fastidiviy et nisi inter- 
cessisset inopia preceptorum et longo situ collapsa priorum studio 
pene interissent, largiente domino meae aviditati satisfacere forsitan 
potuissem, siquidem vestra memoria per famosissimum imperatorem 
Karolum, cui litterae eo usque deferre debent ut aetemitati parent 
memoriam, coepta revocari aliquantulum quidem extulere caput, 50- 
tisque constitit veritate stibnixum praeclarum tum^) dictum: ^honos 
alit artes et accenduntur omnes ad studia gloria^ (Cic. Tusc I 4); 
nunc oneri sunt qui aliquid discere affectant, et velut in edito sitos 
loco studiosos quosqus imperiti vulgo suspectantes^) , si quid in eis 
culpae deprehenderint, id non humano vitio sed qualitati disciplina" 
rum assignant. ifu dum alii dignam sapientiae palmam non capiuni, 
alii famam verentur indignam, a tarn praeclaro opere desHterunt 
mihi satis apparet propter seipsam appetenda sapientia, 
cui indagandas a sando metropolitano episcopo Aldrico^) delegaius 
doctorem gramm^ticae sortitus sum praeceptaque ab eo artis accepi. 
sie quoniam a grammatica ad rhetoricam et deinceps ordine ad 
caeteras liberales disciplinas transire hoc tempore fabula tantum est, 



1) Cum cod., verbessert von Traube 1. c. 402. 

2) aspectantes cod., verbessert von demselben 1. c. 

3) Abt von Ferrieres, seit 828 Metropolitanbischof von Sens. 



Das IX. Jahrh.: Servatus Lupus. 703 

cum deinceps auctorum voluminibus spaüari äliquanttdufn coe- 
pisseni et dictatus nostra aetate confecti displicerent, pro- 
pterea quod ab illa Tulliana caeterorumque gravitate, quam 
insignes quoque Christianae rdigionis viri aemulati sunt, aherra- 
rent: venit in mani^ meas opus vestrum, quo memorati imperatoris 
clarissima gesta . . . darissime Utteris allegastis. ibi elegantiam 
sensuum, ibi raritatem coniunctionum^), quam in auctoribus 
notaveram, ibidemque non longissimis perihodis impeditas et implici' 
tas sed modids absolutm spaciis sententias inveniens amplexus sum. 
Wie also Petrarca, von Grauen ergriffen vor dem Latein der 
Scholastiker, zu Cicero zurückkehrte, so begrüfste Servatus Lupus 
in einer Zeit tiefer Depravation des Lateins mit Jubel die in 
klassischer Sprache geschriebene Vita Karls d. Gr., und nährte 
sein stilistisches Schönheitsgefühl an dessen Urquell Cicero. Wie 
Petrarca und allen Humanisten, so ist auch ihm der Buhm eine 
Triebfeder, und in den schönen Worten von der Selbstgenügsam- 
keit der Weisheit werden wir keine blofse Phrase aus Ciceros 
philosophischen Schriften, sondern die Überzeugung erkennen 
dürfen, die allen Humanisten eingepflanzt war: dafs die wahre 
Wissenschaft frei und sich selbst ihr höchster Zweck sei.*) — 

Wir erkennen aus den Briefen des Servatus Lupus, dafs er i^jp««* 
mit seinen klassicistischen Interessen keineswegs allein stand ^: 
überall iu den französischen Klöstern und Bischofsitzen regte 
sich das Wehen eines freieren Geistes. In die Zeit der letzten 
Karolinger fiel auch die Romfahrt jenes unbekannten Mönchs, 
von der er die berühmte Inschriftensammlung mitbrachte. Momm- 
sen^) hat das Faktum mit den humanistischen Bestrebungen jener 



Zeit- 
gonoasen. 



1) Was mag er damit meinen? 

2) Seine Erklärung der in Boethius vorkommenden Metra ist unge- 
druckt, cf. R. Peiper vor seiner Ausgabe des B. p. XXIV. 

3) Z. B. werden von ihm oft genannt Heribold, Bischof von Auxerro, 
und der berühmte Hincmar, Metropolitanbischof v. Reims, Theodulfus, 
Bischof von Orleans, dessen Verse von klassischer Reinheit sind (cf. K. 
Liersch, Die Gedichte Th.'s, Halle 1880). Dazu kommt sein Schüler Heine, 
über den cf. Traube 1. c. 389 u. ö. Wir können hinzufügen den sonst nicht 
weiter bekannten Hadoard, dessen Ciceroezcerpte (aufser aus den philo- 
sophischen Schriften auch aus De oratore) P. Schwenke im Philol. Suppl. 
V (1889) 399 ff. ediert hat. 

4) Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss. 18ö0 p. 289, cf. H. Jordan, Topogr. d. 
St. Rom n (Berl. 1871) 333. 



Frank- 
reichs. 



704 I)ie Antike im Mittelalter. 

Zeit in Zusammenhang gebracht. Wenn man Kleines mit GroCsem 
vergleichen darf, so kann man sagen, dafs jener Mönch ein Vor- 
gänger des Cola di Bienzo und des Poggio gewesen ist.^) Dem- 
selben Interesse fQr das Altertum wird man übrigens wohl die 
Überlieferung des aus dem I. Jh. n. Chr. stammenden Testamentes 
eines römischen Bürgers in Gallien im Gebiet von Langres ver- 
danken, also jenem Ort, der dem Poggio einst eine so reiche 
Ausbeute von Ciceroreden gewähren sollte: die ausführliche und 
durch allerlei Detail merkwürdige Inschrift wurde aus einer in 
Basel befindlichen Pergamenthandschrift des X. Jh. zuerst von 
A. Kiefsling i. J. 1863 ediert und ist dann öfters wiederholt 
worden (zuletzt in Fontes iur. Rom. ed. Bruns* n. 99 p. 275 flf.). 
Kameritchet Für die Überlieferung der klassischen Litteratur ist diese 
gewicht Epoche Wahrscheinlich von noch viel gröberer Bedeutung ge- 
wesen, als wir auch nur zu ahnen vermögen: die stattliche Reihe 
von Handschriften aus dem IX. und der ersten Hälfte des X. Jh., 
die aus Frankreich stammen oder von deren einstiger Existenz 
wir durch alte Kataloge Kunde haben, zeugt dafür. Das be- 
trächtliche Übergewicht Frankreichs über Deutschland kann man 
auch aus folgender Thatsache ermessen. Die Zahl der aus Kata- 
logen deutscher Klöster des IX. Jh. bekannten Handschriften be- 
trägt nach G. Beckers Sammlung (Catal. bibl. ant. Bonn 1885) 
1460 (wenn wir zunächst den einen Katalog von S. Gallen n. 15 
Becker und den von Lorsch n. 37 beiseite lassen), vertreten sind 
darin die Bibliotheken von Freising, Fulda, 8. Gallen, Reichenau, 
Weifsenburg, Würzburg; darunter sind 26 Grammatiker (Donat, 
Pompeius, Priscian u. a.), von Dichtem Terenz (Freising), Ver- 
gil (4mal), Ilias latina (Freising), Avian (Reichenau), von Pro- 
saikern Hygin (Reichenau), Plinius maior (Reichenau), Solin 
(S. Gallen), Justin (S. Gallen), Servius' Yergil - Kommentar 
(S. Gallen), Martianus (Freising), Vegetius (2mal). Damit ver- 
gleiche man den Katalog einer (unbekannten) französischen Biblio- 
thek des IX. Jh. (Becker n. 20): unter dessen 12 Nummern^ 
befinden sich: Terenz, TibuU, Horaz, Lucan, Statins, Juvenal| 

1) Wattenbach, Geschichtsqa. P 281 vermutet, dafs die Sammlnng 
von einem Schüler Walahfrids Strabo, des Abts von Reichenau, herrfilut, 
da die Urschrift der Einsiedler Hs. aas Reichenau zu stammen scheine. 

2) Das sind natürlich nur die libri scolastici, cf. Th. Gk)ttlieb, Üb. ma. 
Hiblioth. (Leipz. 1890) 303. 



Das X. Jahrh. : Gerbert. 705 

Martial, Claudian; Ciceros Catilinarien, Verrinen, pro Deiotaro, 
Sallusts Reden: also eine höchst erlesene Auswahl; mit der nicht 
einmal der sonst reichste S. Galler Katalog dieses Jahrhunderts 
(n. 15 Becker) konkurrieren kann^ der unter 356 Nummern fol- 
gende Autoren hat: Ovid, Persius, Juvenal, Silius, Statins, Clau- 
dian; Sallusts Catilina, Senecas Briefe und nat. quaest., Justin, 
Solin, Vegetius (2mal), Macrobius' Satumalien, Martianus (4mal), 
wobei also gerade die Raritäten, die der französische Katalog 
hat, fehlen (Ciceros Reden, TibuU, Horaz). Am nächsten kommt 
dem französischen Katalog der von Lorsch aus s. IX oder An- 
fang s. X (37 Becker), der unter seinen 590 Nummern aufser 
einer gewaltigen Anzahl von grammatischen Werken enthält: 
Vergil (4mal), Horaz, Lucan, Martial (2mal), Juvenal; Cicero 
pro Cluent., pro Mil., in Pis., pro Süll., ep. (4mal), de oflF., Seneca 
rhet., Seneca de ben., de dem., ep. (2mal), Plinius mai. (2mal), 
Plinius min., Frontinus, Florus, Justinus, Solinus, Macrobius, 
Vegetius, Dares. 

n. Das zehnte Jahrhundert: Gtorbert. 

Auch in diesem war es ein aus dem Centrum Frankreichs Oerbert. 
stammender Mann, der die klassischen Studien vor allen andern 
Gelehrten hegte: Gerbert, geboren c.940, in einem wechselvollen 
Leben Scholasticus unter dem Erzbischof Adalbero von Reims, Abt 
von Bobbio, dann selbst Erzbischof von Reims, endlich in den vier 
letzten Jahren (f 1003) Papst als Silvester 11. Seine umfassen- 
den, in allen Zweigen des Wissens, besonders der Mathematik 
und Astronomie das gewöhnliche Mafs weit überschreitenden 
Kenntnisse haben ihn bekanntlich in den Verdacht der Nekro- 
mantie gebracht: wir bewundern den Mann, der in einem Zeit- 
alter voller Kriege und Intriguen^), selbst mit Geschäften über- 
häuft und im Mittelpunkt der politischen Ereignisse stehend, 
den Studien oblag und von sich selbst das schöne Geständnis 
ablegen konnte: in otio, in negotio et docemus quod scimus et addi- 
scimtis quod nescimus (ep. 44). Das Interesse für die klassische 
Litteratur scheint freilich bei ihm weniger ein ideales als ein 
hauptsächlich durch praktische Motive bedingtes gewesen zu 

1) Begnorum ambitio, dira ac miseranda tempora fas vertenmt in nefa$ 
(ep. 130 der Ausg. von J. Havet, Paris 1889), und oft ähnlich. 



706 Die Antike im Mittelalter. 

seiD. Wenigstens schreibt er an den Abt von Tours (ep. 44): 
cum ratio morum dicendiqm ratio a philosophia nan se^rentur, 
cum studio bene vivendi semper coniuncxi Studium bene dicendi, 
quamvis solum bene vivere praestantittö sü eo quod est bene dicere 
curisque regiminis absoluto alterum satis sit sine altero. at nobis 
in re publica occupatis utraque necessaria. nam et apposite di- 
cere ad persuadendum et animos furentium suavi oratione 
ab impetu retinere summa utilitas. cui rei praeparandae 
bibliothecam assidue comparo. et sicut Romae dudum ac m 
aliis partibus ItaliaCy in Germania quoque et Belgica scriptcres 
auctorumque exemplaria muUitudine nummorum redemi adiutus 
benivolentia ac studio amicorum comprovincialium^), sie idenOdem 
apud vos fieri ac per vos sinite ut exorem. qfios scribi vdimus, tu 
fine epistölae designaibimus^) Also auch hier begegnen wir wie- 
derum der treibenden Idee aller dieser humanistischen Bestre- 
bungen: die schöne Sprache war^ wie man wuTste, einzig und 
allein aus dem Studium der klassischen Autoren zu gewinnen. 
Dem entsprechend hatte nun Gerbert ein besonderes Interesse 
für Cicero, nicht blofs fiir dessen rhetorische *) und philo- 
sophische "Werke, sondern vor allem für seine Beden. Er er- 
bittet sich ein vollständiges Exemplar der Rede für Deiotarus (9); 
dem Scholasticus Constantin von Fleury, der ihn besuchen will, 
schreibt er (86): comitentur iter tuum Ttdliana opuscula vd de 
rcpublica^) vel in Verrem vel quae pro defensione muliorum 



1) Cf. ep. ISO unum a te interim plurimum exposco, quod et sine peri- 
culo ac dctrimento tut fiat, et me tibi quam niaxime in amicicia constringat, 
nosti quanto studio libronim exemplaria undique conguiram; nosti, quot 
scriptores in urhibus ac in agris Italiae passim habeantur, worauf folgte 
was er haben will. 

2) Diese Liste ist leider nicht mit überliefert worden. 

3) Unter diesen übrigens nicht nur, wie fast alle andern, für die sog. 
'Rhetorica Ciceronis' (d. h. die Bücher an Comificius und die Bücher De 
inventione), sondern auch, ganz wie Servatus Lupus, für die Bücher De 
oratore: das wissen wir zwar nicht aus den Briefen, aber aus der Sab- 
scription des aus s. X stammenden Teils der Erlanger Hs. n. 76: Venerando 
abhate Oerhcrto phiJosophante Sutis place^is Ayrardus scripsit^ cf. C. Halm, 
Zur Handsebriftenkunde der cic. Schriften (München 1860) 8, 6. 

4) Es wäre natürlich ganz falsch, daraus mit Fr. Jol. Schmidt (Ger- 
bort als Freund und Förderer klass. Studien [Progr. Schweidniii 1843] p. 15 
mit adn. 7), zu folgern, dafs das Werk damals noch existierte: entweder 



Das X. Jahrh.: Gerbert 707 

plurima Bomanae eloquentiae parens conscripsit; cf. ep. 167 
agite ergo ut coepistis et fluenta M. Ttdlii sicienH praebete. M. Tulr 
litis mediis se ingerat curis quibtis . . implicamur^ 158 fadte vestra 
Itberaiitate, ne absentia honestatiSy fuga öbtimarum artiutny effidar 
sedaiar CatUinae, qui in otio et negotio praeceptorum M. Tuüii 
diligens fui executor. Daher hat er Oiceros Beden (besonders 
die catilinarischen und die für ciceronianisch geltende Invektive 
gegen Sallust) oft citiert^ mit oder ohne Nennung des Autors^), 
aber nicht nur das: er hat sich so in sie hineingelebt, dafs er 
wirklich ihr ^d-og gut zu reproducieren versteht^ wozu in den 
turbulenten Zeiten flir ein so kampfesfreudiges , ja gelegentlich 
etwas intrigantes Gemüt wie das Gerberts Gelegenheit genug 
war; nur eine kleine Probe in einer harmloseren Sache: ep. 105 
quousqm abutemini pacientia, fidissimi qttondam, ut putcibatury 
amici? caritcdem verbis praetenditis rapinam exercere parati. cur 
sanctissimam societatem abrumpitis? quosdam Codices ndbis vestra 
sponte obtulistis^ sed nostri iuris nostraeque ecclesiae contra divinas 
humanasque leges retinetis. out librorum restitutione cum adiuncto 
Caritas redintegrabitur aut depositutn male retentum bene merito sup- 
plicio condonabäur (cf. etwa noch ep. 32. 79).*) Um die Bedeu- 
tung dieser Thatsache zu würdigen, muls man bedenken, dab 
flir das allgemeine Bewulstsein Cicero als Bedner im Mittel- 
alter so gut wie nicht vorhanden war: man las eifrig die ^Bhe- 



war 68 (ähnlich wie bei Petrarca mit der Schrift De gloria) ein frommer 
Wunsch, oder, was wahrscheinlicher, der für Mystik und Astronomie inter- 
essierte Mann meinte das Somninm Scipionis. Man kann mit der Ver- 
wertung solcher Notizen nicht Torsichtig genug sein; dafür ein Beispiel. 
Dafs Hermannus Contractus, Abt von Beichenau (f 1064), Oiceros Hortensius 
gelesen haben soll, wird auf Grund der bekannten Stelle (Mon. Germ. V 
268) nun wieder Ton 0. Piasberg, De M. Tullii Ciceronis dialogo (Diss. 
Berl. 1892) 16 f. behauptet. Aber das ist ganz illusorisch: gerade darin 
liegt das Wunder, dafs er in der Nacht vor seinem Tode in exstasi qua- 
dam von dem Inhalt einer Schrift tr&umt, die er nicht gelesen hatte, aber 
von deren einstiger Existenz und allgemeiner Tendenz er gar wohl aus 
Augustin und Boethius wuTste. (Dafs aber an dieser Stelle nicht der Lu- 
culluB gemeint sein kann, hat Piasberg richtig bemerkt). 

1) Einiges hat J. Hayet 1. c. angemerkt, aber das würde eine eigne 
Untersuchung erfordern. 

2) Um den Kontrast zu empfinden, lese man dagegen den Brief Ottos UI 
an (Herbert (no. 186). 

Korden, antike Konstprosa. II. 46 



708 Die Antike im Mittelalter. 

torik' und einige philosophische Schriften; die Reden^ deren ak- 
tuelle Bedeutung man doch nicht erfassen konnte^ da die ge- 
nügenden Kenntnisse der Geschichte und Altertümer fehlten, 
konnten ein Interesse haben eben nur für die yerhältnismälsig 
verschwindende Anzahl von Männern^ die sich an ihrer Form- 
vollendung erfreuten und bilden wollten. Dem Einflufs Ger- 
berts verdanken wir daher ohne Frage die Erhaltung 
vieler von den Humanisten speziell in Frankreich ge- 
fundenen Beden Ciceros.^) Aufser um Cicero hat er sich 



1) Für eine Geschichte Ciceros im Mittelalter fehlt uns noch 
so gut wie alles. Th. Zielinski, Cic. im Wandel der Jahrh. (Leipz. 1897) 
86 geht nicht näher darauf ein. Das Beste, was ich kenne, ist P. Deschamps, 
Essai bibliographique sur C, Paris 1863. A. Graf, Roma nella memoria 
del medio evo n (Turin 188S) 269 ff. P. de Nolhac, Pätrarque et l*huma- 
nisme (Paris 1892) 179, 4, dazu einige beachtenswerte Notizen bei L. Mehus, 
Vita Ambrosii Camaldul. (Florenz 1769) p. CCJXm f., G. Meier, Die 7 freien 
Künste im Ma. (Jahresber. y. Maria - Einsiedeln 1886/86) 19. — Ein paar 
Einzelheiten aus meinen Sammlungen mOgen hier Platz finden. Die rhe- 
torischen und philosophischen Schriften wurden aus dem oben (S. 690, 1) 
näher erörterten utilitaristischen Gesichtspunkt weitaus beyorzugt. Ein- 
hart citiert in der Vorrede der Vita C. die Tusculanen, die auch sonst yon 
ihm am meisten benutzt sind, dazu kommen die oratorischen Schriften, Ton 
den Beden durch Nachahmungen gesichert Verr. n, Catil. I, MiL, cf. Ma- 
nitius 1. c. (S. 694,2) 642. Über Lupus s. oben S. 700. Notker (f 1022) 
in seinem Brief an den Bischof von Sitten (Kanton Wallis) ed. P. Piper 
(Die Schriften N.'s u. s. Schule I) p. 861 : Itbros vestros • i • phüippica et 
commentum in topica ciceronis peciü a me ahhas de augia pignore dato quod 
maioris precii est: pluris namque est rethorica ciceronis et victorini nobile 
commentum que pro eis retineo et eos non nisi vestris repetere non valet. 
(üioquin sui erunt vestri et nullum dampnum est vohis. Conradus Hir- 
saugiensis (c. 1100) dial. sup. auctores (ed. Schepps, Würzburg 1889) 61: 
TulliiM nobilissimtis auctor iste libros plurimos philosophicos studiosis phiUh 
sophiae pemecessarios edidit et vix similem in prosa vel praecedentem vel sUlh- 
sequentem Juibuit: er kennt nur den Laelius und Gato. — Lambert t. Hers- 
feld (s. XI) hat nach dem Nachweis von 0. Holder-Egger in seiner Aus- 
gabe (Hann.- Leipz. 1894) p. XLV. 241. 399 ff. etwas von Ciceros Beden 
gelesen, aber nur bei den Gatilinarien (p. 241. 416. 420. 431. 461; 431; 449. 
486; 417) scheint es mir g^anz, bei pr. Mur. (p. 409. 472) und pr. Süll, 
(p. 476) einigermafsen sicher, während die andern Stellen (pr. Balb. p. 420, 
Font. 426, Man. 446, Mil. 421, Phil. 422. 428, Bosc. 473) entweder zu farb- 
los sind oder ebensogut aus andern, z. T. von Holder-Egger selbst citierten 
Autoren stammen können. — Li dem von L. Delisle, Inventaire des ms. de 
la bibl. nat. , fonds de Cluni (Paris 1884) publicierten Katalog der Clunia- 
censer Bibliothek aus s. XH finden sich 3 Codd. mit Briefen, 3 mit Beden, 



Das X. Jahrb.: Gerbert 709 

noch bemüht um Abschriften bezw. bessere Exemplare von Cae- 
sar (8), Plinius (7), Statins' Achilleis (148), Sueton (40), Sym- 
machns (40), den Terenzkommentar des Eugraphius (7). Aus 
seinen Citaten geht hervor, dafs er, was nicht zn verwundern, 

5 mit philosophiscben , 7 mit rhetorischen Schriften. — In dem Gtoneral- 
katalog der Sorbonne vom J. 1838 (ed. Delisles, Cabinet des ms. de la bibL 
nat. III [Paris 1881] 9 ff. ist keine Hs. mit Beden , dagegen 24 mit den 
philosophischen nnd rhetorischen Schriften sowie den Briefen (was bedeuten: 
LI 5 Tullius ad Lucülum, ine. canswnpsiaset, 6 ToUius ad Cecilium oratorem, 
ine. incommodis, 25 Tullius de accusaciane, ine. lega [sie], in pen. severiUxte?), 
— In dem von Delisle edierten Inventaire des ms. de la Sorbonne, Paris 
1870 sind 14 Hss. mit den philosophischen und rhetorischen Schriften sowie 
den Briefen, aufserdem zwar 4 Hss. mit Reden, aber, was doch sehr charak- 
teristisch, keine früher als saec. XV, also aus einer Zeit, als der Humanis- 
mus an der Hochschule Platz griff (n. 16232 ist sogar eine Schrift des Pe- 
trarca). — Wilhelmus Malmesbiriensis monachus (f vor 1142) de 
gestis regum Anglorum ed. W. Stubbs, Lond. 1889, citiert nach dem Index 
dieser Ausgabe Cicero yiermal (regem factmdiae Bomantne nennt er ihn 
p. 144), darunter zwei Citate aus de off., eins (angeblich) aus der Rhetorik, 
eins aus pr. Mil. 11: licet, ut quidam ait, Ugea inter arma sileant: doch 
glaube ich nicht, dafs er das geflügelte Wort aus eigner Lektüre der Rede 
hatte, weil er hier nur von quidam spricht, sonst Ciceros Namen stets 
nennt. — Abälard kennt nur die rhetorischen und philosophischen Schrif- 
ten (von letzteren citiert er je einmal de off. und parad.), cf. den Index der 
Ausg. von Cousin vol. H (Paris 1859) und S. Deutsch, P. Abälard (Leipz. 
1883) 66. — Selbst ein so belesener Mann wie Peter v. Blois (f 1200) 
kennt von Cicero zwar einige philosophische Schriften und die Briefe, aber 
nicht die Reden. — Auch Johannes Sarisber. (f 1180), der fast sämt- 
liche philosophischen Schriften, de inventione und ad Herennium, ep. ad 
fam. so oft citiert, bringt nur einmal ein Citat aus einer Rede (pro Lig. 12 : 
Polycrat. Vm 7), cf. C. Schaarschmidt, J. S. (Leipz. 1862) 87. 92 f. (Dafs 
er pro Caecina citiere, ist eine irrtümliche Behauptung Chr. Petersens im 
Kommentar zu seiner Ausg. des Entheticus [Hamb. 1843] 81.) — Besonders 
interessant eine (mir von meinem Bruder Walter, Stud. der Creschichte in 
Berlin, nachgewiesene) Stelle aus dem Briefwechsel des Wibaldus, seit 
1146 Abtes von Corvey (cf. Wattenbach, Deutschi. Gkschichtsquellen im 
Ma. n» 269 ff.), bei Ph. Jaffö, Bibl. rer. Germ. I (Berl. 1864) 326 f. Er 
verlangt von Reinaldus, Abt in Hildesheim, Tuüii libroa und motiviert 
seine Bitte so: nee pati possumus^ quod iJZud nobile ingeniitm, tUa splendida 
inoenta, iUa tanta rerum et verhorum omamenta öblivione et negligentia de- 
pereant; set ipsius opera universa, quantacunque inveniri pot- 
erunt^ in unum volumen confici volumus; daraufhin erhält er ans 
Hildesheim die philippischen Reden, de lege agraria und die Briefe. — A/ 
Brnnetto Latini (f 1294), dem Lehrer Dantes, steht fest, dafs er — 
sehr bemerkenswertes Faktum — drei Ciceroreden, pro Marc, Lig., De!« 

46* 



710 ^i^ Antike im Mittelalter. 

Terenz, SaJlust, Vergil, Seneca (die Briefe) kannte; bemerkens- 
werter ist^ daCs ihm von Horaz nicht blofs die Episteln (cf. 
p. 178; 4. 238, 5 Havet); sondern auch die Oden geläufig waren 
(ep. 55). 

ins Italienische übersetzt hat: cf. P. Chabaille in der Vorrede zu seiner 
Ausgabe der Liyres dou tresor par Brun. Lat. (CoUection de documents in- 
^dits sur lliist. de France, S^r. I fasc. 45 [1863]) p. VII: diese Übersetzungen 
sind zuerst 1568 in Lyon gedruckt, dann in Mailand 1832 wiederholt (ich 
habe keine von beiden Ausgaben gesehen); ob auch eine Übersetzung der 
ersten catilinarischen Bede von ihm^st, steht nicht ganz fest, cf Chabaille 
1. c. und überhaupt J. Schuck in Fleckeisens Jhb. XCII (1865) 281 f Be- 
zeichnend aber ist, dafs er im III. Buch seines Tresor, wo er über die Rhe- 
torik handelt, als Muster nicht Cicero, sondern die Reden des sallustischen 
Catilina zugrunde legt (Schuck 1. c. 289), die er nach einer Mitteilung tou 
Mehus 1. c. p. CLVU f. (dies ist noch immer die Hauptstelle über Latini) 
auch in eignen Schriften übersetzt hat. (Die Notiz über Latini, die sich 
nach G. Voigt, Die Wiederbeleb, d. class. Alt. 11 » [Berl. 1893] 159, 1 bei 
Zacharias, Iter litt, per Italiam [Vened. 1762] 29 finden soll, hab^ ich nicht 
identifizieren können.) — Dagegen kennt Dante nur de amic, sen., off., fin., 
inv., parad. (Schuck 1. c. 264). — Vincenz v. Beauvais kennt 12 Reden: cf. 
E. Boutaric in: Rev. des quest. bist. XVII (1876) 5 ff. Orelli ed. Cic. m * (1845) 
p. X f. — Unter den Reden waren (wie schon im Altertum) die gelesensten 
die Verrinen, die catilinarischen, die philippischen. Nur die beiden letzteren 
Gruppen kennt Baudri, Abt von Bourgueil (1079 — 1107), dann Bischof von 
Dol (bis 1130): aus seinen, im cod. Vat. 1351 vereinigten lateinischen Ge- 
dichten hat Delisle in: Romania I (1872) 23 ff. einiges mitgeteilt, darunter 
(p. 46) die Anfangsverse von sechs auf fol. 130^ stehenden kleinen Gedichten 
auf Cicero. Mein Freund H. Graeven hat sie mir abgeschrieben: sie be- 
stehen aus je 3 Distichen und feiern in sehr pathetischer Weise (z. B. 5, 1 f. 
qui tenet ac tenuit, docet aetemumque docebit Ärtem dicendi verbifluus Cicero; 
4, 1 ingenium cuius semper mirabitttr orhis u. dgl. m.) Ciceros Verdienste 
um den Staat während der catilinarischen Verschwörung und seine Reden 
gegen Antonius. — Über die im Ma. relativ häufigen Reden vgl. auch G. 
Voigt, D. Wiederbeleb, d. klass. Alt. I» (Berl. 1893) 41 f. -- (In dem von 
Wattenbach in: Sitzungsber. d. bayr. Ak. 1873, 703 aus einem cod. Tegems. 
19488 saec. Xn/XTTT mitgeteilten Gedicht beklagt sich einer, dals ihm zum 
Vorwurf gemacht werde, quod scripta lego Ciceronis, doch sagt er nichts 
welche Schriften.) — Natürlich darf man nicht glauben, dafs alle diejenigen, 
die seine Beredsamkeit preisen, ihn gelesen haben; im Gegenteil ist das 
meist Phrase, z. B. wenn in karolingischer Zeit jemand neben Cicero Sappho 
preist (MG. n 585). Was noch Petrarca von der Schätzung Ciceros bei 
seinen Zeitgenossen sagt (ep. de reb. fam. XXIV 4) fama rerum eeleberrima 
atque ingens et sanarum nomen, perrari autem Studiosi gilt für das ganze 
Mittelalter. 

1) Für Deutschland werden aus dem X. Jh. klassische Studien aus- 



Das XI.— Xm. Jahrb.: die Gegner der Scholastiker. 711 



m. Das XL — TTTTT. JahrlmncLert. 

Es war die Zeit, in welcher zum Abschlufs kam das^ was weaen de 
wir mit ^Scholastik' bezeichnen, einem Namen^ der vielen noch 
dasselbe Grauen einfiofst wie einst den Humanisten des XIY. 
und XV. Jh.: zweifellos mit Unrecht, wenn wir uns auf histo- 
rischen Boden stellen — das wird eine wissenschaftliche Dar- 
stellung dieser in der Geschichte des menschlichen Geistes viel- 
leicht am meisten vernachlässigten Epoche einst zu beweisen 
haben — , sicher mit Recht, wenn wir den Standpunkt jener 
Humanisten einnehmen, die der Ästhetik zuliebe eben mit 
der historischen Entwicklung gebrochen haben. Denn für die 
Geschichte des Studiums der klassischen Schriftsteller bedeutet 



drücklich bezeugt von Meinwerk v. Paderborn und Bemward v. Hildesheim, 
cf. die Zeugnisse bei A. Heeren, Gesch. d. class. Litt, im Ma. I (Göttingen 
1797) 196 f. Einer der gelehrtesten Männer dieses Jahrh. in Deutschland 
war Bruno, der Bruder Ottos I. Von seinen Kenntnissen weifs der Bio- 
graph Wunderdinge zu erzählen (cf. die Vita in Mon. Germ. Script. IV 
254 fP.), aber er übertreibt offenbar maTslos (wie auch Heeren 1. c. 197 be- 
merkt); doch scheint wahr zu sein, dafs Bruno einer der wenigen war, die 
griechisch verstanden (c. 11. 12); bemerkenswert sind seine Bemühungen 
um Sorgfalt in der lat. Sprache: lucttbrcUionihus intentissimus inveniendis^ 
in dictatu, quaecumqiie sunt honestissima , ctcuHssimus fuit. Latialem eh- 
quentiam non in se aolutn, vhi exceUuit^ sed et in tnultis aliis politam reddi- 
dit et iUustrem; nuUo autetn hoc egit supercüio, sed omh domestico lepore^ 
cum urbana gravitate. Möglich, dafs infolge dieser Bestrebungen des ein- 
flufsreichen Mannes vieles in Lorsch, Eonrey, St. Gallen abgeschrieben 
wurde. Cf. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Ma. I* 322 f. 
Mit Bruno stand in nahen Beziehungen Ratherius (f 974), geb. in Lüt- 
tich, also auf ursprünglich französischem Boden (s. oben S. 691, 1), später 
Bischof von Verona; er war neben G^rbert am meisten in der klassischen 
Litteratur bewandert und schreibt einen guten Stil; über die vielen von 
ihm citierten Autoren cf. B. Ellis vor seiner Gatullausgabe (2. Aufl. Oxford 
1878) p. Vni, 1. Es ist doch höchst wahrscheinlich, dafs die reichen 
Schätze, die in der Renaissance aus der Bibliothek des Domkapitels in 
Verona zum Vorschein kamen, von diesem Manne — wenigstens teilweise 
— aus Frankreich dahin geschafft worden sind. — Ein deutliches Beispiel 
der Verbreitung antiker Vorstellungen auch auf politischem Felde bietet 
Widukind, der Otto I., ohne seines späteren Römerzuges (962) zu gedenken, 
schon nach dem Ungamsiege des Jahres 966 ganz nach altrömischem Muster 
zum Imperator ausrufen läfst: triumpho celebri rex f actus gloriosus ab exer- 
citu pcUer patriae imperatorgue appeUatus est (MG. SS. IH 469). 



712 1^0 Antike im Mittelalter. 

diese Zeit anerkanntermaCsen den groüisten Bückscliritt. Die 
*artes' waren an den Universitäten^ vor allen an der Sorbonne, 
das wesentlichste Bildungselement, und nicht einmal sie in der 
reinen; überkommenen Gestalt: die Grammatik wurde ^Spekula- 
tiv'^), Donat ^moralisiert'*), ja schlief slich traten an die Stelle 
der alten Lehrbücher zwei neue: das berühmte, oder besser in- 
folge der Verhöhnung der Humanisten berüchtigte ^Doctrinale' 
des Alexander von Villa Dei (Villedieu in der Normandie) und 
der ^Grecismus' des Eberhard von B^thune, in denen das eigent- 
lich mittelalterliche, d. h. antiklassische Latein als Norm zu- 
grunde gelegt wurde. Gegen diese dunkle, durch die Universi- 
täten sanktionierte Richtung sind nun von Anfang an Bestre- 
bungen in durchaus entgegengesetztem Sinn aufgetreten, die wir 
daher ohne weiteres berechtigt sind als echte Vorläufer der 
Renaissance aufzufassen. Ihre Entstehung und ihr Wirken aus 
zeitgenössischen Quellen kennen zu lernen war vielleicht nicht 
blofs für mich von Interesse: ich lege daher im folgenden meine 
darüber angestellten Untersuchungen vor. 

1. Der litterarische Streit der Elassicisten und 
Scholastiker s. XL XTT. Die Schule von Ghartres. 

johanneiT. Seit der Mitte des XI. Jh. wurde in Frankreich von zwei 

Parteien ein erbitterter Streit geführt, dessen Tendenzen wir 
aus den beiden fdr die Geschichte der Wissenschaft im spatem 

1) Von Duns (f 1308) giebt es eine 'grammatica specolativa', die in 
der Lyoner Gesamtausgabe vom J. 1639 in Bd. I p. 89 — 76 steht: ich habe 
sie nicht gelesen. Cf besonders Böcking zu den epp. obsc. vir. 11 421 1 
G. Meier, Die 7 Künste im Ma. (Jahresber. M.-Einsiedebi 1885/86) 21 1 
Melanchthon tadelte es, dafs die Scholastiker sogar in der Grammatik ihn 
instdsissinMS caviUationes vorgetragen h&tten: K. Hartfelder, M. als Pkaa- 
cept. Germ, (in: Mon. Germ. Paed. YU 1889) 159. 

2) Johannes de Gerson, der berühmte Kanzler der üniversitiU ¥wdM, 
^doctor Christianissimus^ (1363 — 1429), hat ein feunoses Büchlein 'DMiatu 
moralizatus' verfaTst, yon dessen Art folgende Probe eine Vorsiellim^ giebt: 
§ XI Cuius casus (sc. homo est)? — NominaHvi et Voeativi, i 
iam mortalis qui immortalis erat creaius, et fx>catur operariuB, qui 
quirti erat deputatus % Xu Cuius decUnationis? — Tertia^ 
et humiliari dcbet tripliciter, scilicet coram deOy eorom pn m m 
Das Schriftchen ist noch 1692 mit denkbar ausfShrlichem Kommienlar ediert 
Yon Jo. Fr. Heckel (zu Plauen i. V.). 



Das XL— Xni. Jahrh.: die (Gegner der Scholastiker. 713 

Mittelalter wichtigsten Schriften des Johannes Saresberiensis 
(c. 1110 — 1180) kennen lernen: dem Entheticus und Metalogicns. 
Die eine Partei setzte sich zusammen aus Verächtern jeder, vor 
allem der klassischen Wissenschaft: ihr Ziel war, unter dem 
Deckmantel einer spitzfindigen und haarspaltenden Philosophie, 
die sie ^Logik' nannten^ Schule zu machen. Die eignen Worte 
des Johannes zeigen am besten, was das für Leute waren. 
Metalog. I c. 3 (vol. V p. 16 ed. Giles) nennt er ein paar Fragen, 
wie sie in den Schulen jener Partei behandelt wurden^), z. B. 
insolubüis in illa phüosophantium schola Urne temporis quaestio habe- 
hatur, an porcus qui ad venalitium agüur, ab homine an a funicuh 
teneatur; item an capucium emerü qui cappam integratn comparavit 
XL s. w. Es ist dies, wie C. Schaarschmidt, Joh. Sarisb. (Leipz. 
1862) 220 bemerkt, jene Art spitzfindigen, haarspaltenden, un- 
fruchtbaren Disputierens, die man gewöhnlich erst späteren 
Zeiten des Mittelalters zuschreibt, die aber hier schon für das 
Xn. Jh. bezeugt wird. In dieser Schule, fährt Joh. Saresb. fort 

(1. c), sufßdebat ad victoriam verbosas clamor poetae, historio- 

graphi habebantur infames, et si quis incumbebat labori- 
bus antiquorum, notabatur u. s. w. p. 17 ecce nova fiebant 
omnia: innovabatur grammatica, immutäbatur diaiedica, contemne- 
bahir rhetorica et novas totius quadrivii vias evacuatis priorum re- 
gtdis de ipsis philosophiae adytis proferebant Speziellere Notizen 
giebt der ungefähr gleichzeitige Entheticus, der zuerst von Chr. 
Petersen Hamburg 1843 (mit Kommentar) ediert wurde. Wir 
lernen hier die Gegner genauer kennen: sie gehören der Schule 
dreier Scholastiker an, des Adam du Petit-Pont (so genannt nach 
dem Quartier in Paris, wo er lehrte; f 1180)'), Robert von Melun 
(t 1167)*), Albericus von Reims.*) So heifst es von ihnen in 
dem Kapitel De nugacQms mentientibus logicam: (Enth. Y. 41 ff. 
vol. V 240 G.) : 

si sapis auctoreSf veterum si scripta recenses, 
ut statuas, si quid forte probare velis, 

1) Cf. auch Polycrat. VII c. 12 (vol. FV 123 Gilee). 

2) Cf. Hißt. litt, de la France XIV 189 f. Einen lexikographischen Trak- 
tat von ihm edierte A. Scheler, Lexicographie latine du Xu® et du X 
si^cle, Leipz. 1867. 

3) Ib. Xm 371 ff. 

4) Über ihn ist wenig bekannt, cf. Petersen 1. c. p. 80. 



714 I^ie Antike im Mittelalter. 

undique damabunt: ^vetus hie quo tendit aseOm? 

cur veterum nöbis dicta vel acta refert? 
a nohis sapimus, docuit $e nostra iwoentuSy 

non recipit veterum dagmata nostra cöhors. 
non onus accipimus, ut eorum verba sequamur, 

quos habet auctores Graecia, Roma colit. 
expedit ergo magis varias confundere linguas, 

quam veterum studiis insipienter agi. 
quos numeros aut quos casus aut tempora iungant, 

grammatid qu^aerunt, verha rotunda cavent: 
torquentur studiis, cura torqtientur edaci, 

nuUa stbi dantur otia, nuUa quies 

qui numeros numeris, qui casus casibus aptat, 

tempora temporihus, desipit et miser est, 
magnus enim labor est, compendia nuila sequentur, 

tempora sie pereunt, totaque vita simul. 
äbsque läbore gravi poteris verhosior esse, 

quam sunt quos cohibet regula prisca patrum. 
quicquid in os veniet, audacter profer, et adsit 

fastus: hohes artem qtiae facit esse virum 

hos lilri impediunt, iUos documenta priorum, 

successumque vetat magnus habere labor. 
disputat ignave, qui scripta revolvit et artes: 

nam veterum fautor logicus esse nequiU^ u. s« w. 

Dazu bemerkt dann der Verf. (V, 109 fit): 

ha^c ubi persuasit aliis error puerüis, 
ut iuvenis discat plurima, pauca legat, 

laudat Äristotelem solum, spernit Ciceronem 
et quicquid Latiis Graecia capta dedit, 

conspuit in leges, vüesdt physica, quaevis 
litera sordescit: logica sola placet 

Die Folge davon sei eine völlige Verwahrlosung der lateinischen 
Sprache ; die durch Vermischung mit der modernen^) barbari- 
siert werde (133 fif.). 

Dem immer weiter um sich greifenden Verfall der Wissen- 
schaft traten nun, wie Metalog. I c. 5 (p. 21) berichtet wird, 

1) Die Stelle wird dadurch recht interessant, ist aber zu lang, um 
hier citiert zu werden. 



Das XI.— Xm. Jahrh.: die Schule Ton Chartres. 715 

die amatares litterarum entgegen: es sind die Lehrer , bei denen 
Job. Saresb. selbst in die Schule gegangen ist, nachdem er durch 
den Unterricht der andern abgeschreckt war. Ihr Ziel war: 
Begründung einer wissenschaftlichen PhUosophie in gebUdeter 
lateinischer Sprache auf der Basis einer ausgedehnten Gelehr- 
samkeit, die Yor allem — und das ist nns das Wichtigste — 
durch die Lektüre der alten Klassiker erworben werden sollte. 

Im Mittelpunkt stand die Schule von Chartres mit ihrem Bemardut 
glänzendsten Vertreter älterer Zeit: Bernardus Silvester chartm. 
(t c. 1160). Über ihn haben wir den ausführlichen Bericht 
seines Schülers, des Johannes Saresberiensis , im Metalogicus 
1. I c. 24 (vol. V 57 ff. Giles): mit Recht hat C. Schaarschmidt 
1. c. 73 ff. diesem Bericht als einem der wichtigsten Dokumente 
für mittelalterliche Bildung seine Anfmerksamkeit geschenkt.^) 
Wenn man den Bericht des Johannes liest, so mufs man sagen: 
wenn irgendwo, so haben wir hier einen Vorläufer des Petrarca 
zu erkennen. Denn der fundamentale Unterschied zvnschen der 
Lehrmethode des übrigen Mittelalters und der des Bernardus 
liegt in der Stellungnahme zu den klassischen Autoren: sie sind 
für ihn schon durchaus Selbstzweck, nicht wie sonst bloDs Mittel 
zum Zweck geistlicher Bildung. Femer: er hat die Künste des 
Triyium nicht getrennt von den Autoren gelehrt, sondern hat 
vielmehr diese seinem Unterricht zugrunde gelegt. Endlich, 
und das ist nicht am wenigsten bedeutsam: er hat (wie Pe- 
trarca) die Klassiker vor allem als Stilisten gewürdigt und 
auf ihre imitatio (jenes Losungswort der Humanisten) das 
grofste Gewicht gelegt. Ich setze, um das Gesagte zu be- 
legen, einige Stellen des genannten Kapitels her: metaplasmufn 
schematismumgue et oratarios tropos^ midtiplicitatem dictionum quum 
affuerint, et diversas sie vel sie dicendi ratianes ostendat (sc. der 
Lehrer) et crebris commonitumüms agat in memoriam auditorum. 

1) Einiges fügt hinzu C. Barach in der Vorrede zu der von ihm und 
J. Wrobel herausgegebenen Schrift des Bernardus De mundi universitate, 
Innsbruck 1876, cf. auch G. Kanftnann, Gesch. d. deutsch. Univers. I (Stuttg. 
1888) 38 £f. Ein Versehen ist es, wenn Barach 1. c. XITT als mutmafslichen 
Inhalt eines (verlorenen) Liber dictaminum des Bernardus angiebt ^eine 
Sammlung seiner praktischen Weisheitslehren': dafs dictamina vielmehr, 
wie überhaupt im Mittelalter (cf. Anh. II), ^Stilezercitien' bedeutet, zeigen 
die Verse eines Schülers des Bernardus (Matthaeus v. Vendöme) bei B. 
Haur^a in^ Joum. des sav. 1884, 209. 



716 



Die Antike im Mittelalter. 



auctores excutiat et sine intiientium risu eos plumis spoliel, {p9^| 
ad modum comieulae ex vanis disäplinis, ut color apttor sit, mm 
operibas indiderunt. qitantum pluribus discipUnis et abnndaniius 
quisqtK imbulus fuerit, ianto elegantiam auctorum plenius in- 
tu^ititr planiusque docelnt .... Ergo pro capacitate discenlis attt 
docentis indtistria et diligentia constat frtictits praelectionis auctorum. 
sequebatur hunc morcm Bernardus Carnotensis, exundan- 
tissimus modemis temporibus fons Uterarvm in GaUia, et in auc- 
torum lectione quid simplea: esset et ad imaginem regulae posi- 
tutn, ostendehal; figuras grammaticae, colores rhetoricos . . proponebat 
in media . . Et quin ^lendor orationis aut a proprietate est (id est, 
guum adiedivum aut verbum suhstantivo eleganter adiungitur), aut 
a translaHone (id est, uM sermo ex causa probabüi ad alienam 
Iraducitw signißcationem), haec sumpta oecasionc inculaä>at meniibus 
auditorum. et quoniam memoria exercitio ßrmatur ingeniumque 
aeuitur ad imitandum ea quae audiebant, alios admoniHontbus, 
alios flageUis et poenis urgebat. cogebantur exsolvere singuli die 
seguenti aliqiiid eorttm quae praecedenti audierant . . Vespertinum 
exerätium, guod declinatio dicebaüir, tanta copiositate grammaticae 
referium &'at, ut siquis in eo per annum integrum versaretur, ra- 
tionefn loquendi et scribendi, si non esset h^etior, haberet ad 
manum .... Quäms aulem indicebantur praeexerdtamina puerorum 
in prosis aut poematibus imitandis, poetas aut oratores propone- 
bat et eorutn iubebat vestigta imitari ostendens iuncturas 
dictionum et elegantes sermonum clausulas. siquis autetn 
ad splendorem sui opms alienum pannum assuerat, deprehensum 
redarguebal furtum . . Sic vero r^argutum, si hoc tarnen meruerat 
inepta posilio, ad exprimendam auctorum imaginem modesta 
indulgentia eomcendere iub^at faeiebatque, ut qui maiores imita- 
batwr, ßeret posteris imitandus. id quoque inter prima rudimeiUa 
docd}at et infigebat animis, quae in oeconomia virtus, quae in de- 
core rerum, quae in verbis laudanda sunt: übt ienuiias et qwui 
macies strmonis, uiii copia prob(ätilis, uhi excedcns, übt omnitim 
modus. historiaSf poemala percurrenda monebat diligcnler 
.. et ex singulia aliquid reconditum in memoria, diumum d^iimn, 
dü^enti instantia exigebnt. superflaa tarnen fugienda dic^at et ea 
sufficere, quae a claris auctoribus scripta sunt ...El qrtia in 
•) praeexercitamme erudiendorum nihil utilius est quan 
i' ex arte oportet assucscere, prosas et poemata • 



Das XI. — ^Xin. Jabrh.: die Schule Ton Chartres. 717 

scriptitatant et se muUHs exercdnint coUoHonibus, quo guidem 
exercitio nihil utilius ad doquentiam^ nihü expedüius ad sdentiam. 
Von demselben Mann f&Iirt Johannes an einer andern Stelle 
(Metal. 1. III c. 4 p. 131) ein denkwürdiges Wort an. Joliannes 
bespricht dort, allerdings zunächst nur in Bezng auf die Philo- 
sophie^ die imyergleichliche Grofse des Altertums im Verhältnis 
zur Jetztzeit; die freilich in Einzelheiten mehr wisse, aber nicht 
durch sich selbst, sondern gestützt auf die grofse Gelehrsamkeit 
der Vorzeit; dicebai, fährt er dann fort, Bemardus Camotemis 
nos esse quasi nanos gigantium humeris insidenteSj ut possimus 
plura eis et remotiora videre^ non utique proprii vistis acumine aut 
eminentia corporis, sed guia in altum subvehimur et extoUimur magni- 
tudine gigantea. 

Dieses Mannes und seiner wenigen gleichgesinnten Freunde Die sohui 
Schüler war Johannes Saresberiensis: daher sein für die da- BemArdai 
malige Zeit musterhaftes Latein und seine ganze klassicistische 
Richtung, der er einmal mit folgenden Worten Ausdruck giebt 
(Polycr. VII c. 9, vol. IV 112 G.): poetas historicos oratores tnatJie- 
maticos quis ambigit esse legendos? tnaxime qutmi sine his viri esse 
nequeant vd non soleant literati: qui enim istorum ignari sunt, 
iüiterati dicuntur, etsi Uteras noverint Diesem Kreise nahe stand 
auch Hugo von St. Victor (f 1141), den Johannes gelegent- 
lich mit grofser Ehrfurcht nennt und den jene unwissenschaft- 
lichen Eristiker denn auch nicht mit ihren Angriffen verschon- 
ten, aus Neid auf seine Gelehrsamkeit (Metalog. I c. 5 p. 22): 
der freisinnige Standpunkt, den dieser Mann, wie wir sahen 
(o. S. 689 f.), in seiner Eruditio didascalica der Lektüre der auc- 
tores gegenüber einnimmt, erklärt sich so ohne weiteres.^) 

Die Resultate einer auf Grund klassischer Lektüre einge- J^^\ 
richteten Erziehung liegen fast noch klarer als bei Joh. Saresb. 
bei dessen Frermd und Gesinnungsgenossen Peter von Blois 
(f 1200) zu Tage. Wenn man seine von ihm selbst auf Befehl 
Heinrichs H von England gesammelten 243 Briefe durchblättert, 
so findet man, dafisi diejenigen, in denen nicht haufenweis Citate 
aus heidnischen Prosaikern rmd Dichtem stehen, zu den Aus- 

1) Gegen den scholastischen Betrieb der Grammatik eifert er 1. 111 
c. 6 (176, 769 Migne): sunt guidam, gut . . . nMi arH quod sutwi esf ' 
Imere norunt, sed in singt^ia legunt omnes. in grammatica de syUogi» 
ratione disputant, in diäkctica inflexiones casuales inqmrunt. 



Bloii. 



718 I^ie Antike im Mittelalter. 

nahmen gehören. Er rechtfertigt sich gegen Angriffe wegen 
dieser Citierwut^) in Brief 92 (207, 289 ff. Migne), z. B.: sicut 
in libro Satumalium et in libris Senecae ad Ludlium legimuSy apes 
imitari debemus, quae colligunt floreSj quibus divisis et in fa/oum 
dispositis varios sticcos in unum saporem artifici mistura frans- 
fundunt Er kennt, um ganz von den Dichtem, die er fort- 
während citiert, zn schweigen*), von Prosaikern z. B. Cicero 
(aber nicht die Beden), Sallust, Livins, Curtins, Seneca (Briefe), 
Frontin (strat.), Justin, Valerius Max., Quintilian (inst.), Tacitus, 
Sueton, Appuleius (philos.), Martianus Capella. Es hat daher 
wenig auf sich, wenn er einmal jemanden anfahrt mit den Wor- 
ten: Friscianm et Tidlias, Lucanas et PersiuSj isti sunt dii vesiri 
(ep. 6 p. 18), oder in einem salbungsvollen Brief an einen an- 
dern, der sich mit Yersemachen abgab und den Stil des Evan- 
geliums durum insipidum infantilem zu nennen wagte, 68 Bibel- 
citate, nur 2 aus heidnischen Autoren verwendet (ep. 76 p. 231 ff.). 
Interessant ist nun, dafs er auch in der Theorie sich durchaus 
auf dem Standpunkt jener Vertreter der klassicistischen Rich- 
tung befindet. Das geht hervor aus ep. 101 (p. 311 ff.)*0 Ein 
Archidiacon von Nantes hatte ihm zwei jugendliche Verwandten 
zur Erziehung anvertraut und besonders den etwas älteren em- 
pfohlen, der schon vorgebildet sei und grofse Erwartungen er- 
rege. Petrus antwortet ihm, der jüngere, der noch in keiner 
Schule gewesen sei, gefalle ihm besser; denn: Wülelmum predig 



1) So stehen in einem ganz kleinen Brief (72) 20 heidnische Citate, 
kein biblisches. 

2) Einer seiner Freunde, ein tnagister B. Blondus^ hatte in einem 
Brief an ihn Tibull citiert (ep. 62 p. 186), nach der Erwähnung in dem 
französischen Bibliothekskatalog s. IX (20 Becker, vgl. o. S. 691, 1. 706), wohl 
das erste Mal, dafs dieser Dichter wieder genannt wird seit der 2ieit des 
Sidonius (zwar nennt ihn in karolingischer Zeit Petrus v. Pisa neben Vergil 
und Horaz als hervorragend eloquio [Poet. lat. aev. Carol. ed. Dümmler I 
p. 48], aber da in den sonst fast wörtlich übereinstimmenden Versen seines 
Freundes Paulus Diaconus [ib. 49] vom Veronensis TibuHus gesprochen 
wird, so ist eine Verwechslung mit Catull wahrscheinlich, wenn die beiden 
sich überhaupt etwas dabei dachten): die berühmten Excerpte in der Pa- 
riser Hs. (Notre Dame 188) sind etwa 60 Jahre später geschrieben. P. Bles. 
selbst kennt ihn nicht. 

3) Besser als bei Migne jetzt ediert im Chartolarium uniT. Paris. I 
(Paris 1889) 27 ff., wonach ich citiere. 



Das XI.— XIIL Jahrb.: die Schule Ton Chartres. 719 

COS subtüioris vene et acutioris ingeniif eo quod grammatice et 
auctorum sdentia pretermissa volavit ad versuiias logicorum. tum 
est in tälibus fundamentum sdentie Utteralis, muUisque perniciosa 
est ista subiilitas^), quam extollis. ait namque Seneca^: ^odibüins 

nidiil est sübtilitatej ubi est sola subtüitas' guidam antequam 

discipUnis elementariis imbuantury docentur inquirere de puncto^ de 
linea, de superficie, de quantitate anime^ de fato, de pronitate nature^ 

de casu et libero arhürio, de materia et motu (etc.). prmi- 

cianda erat etas tenera in regtdis artis grammatice^ in ancdogiiSf in 
barbarismiSf in soloecisfnis, in tropis et scematibus^ in quorum om- 
nitim doctrina Donatus Servius Priscianus Ysidorus Beda 
Cassiodorus plurimam düigentiam impenderunt: quod equidem non 
fecissenty si sine hiis passet hdberi scientie fundamentum (folgen 
Zeugnisse des Qnintilian und Cicero), et que utüitas est scedulas 
evolvere, firmare verhotenus summas et sophismatum versucias in- 
versare^ dampnare scripta veterum et rqprdbare omnia que non 
inveniuntur in suorum cedülis magistrorum? scriptum est, ^quia 
in antiquis est scientia' (Hiob 12) ... nam de ignorantia 
ad lumen scientie non ascenditur, nisi antiquorum scripta 
propensiore studio relegantur. (folgt je ein Zeugnis des 

Hieronymns und Horaz) profuit michi frequenter inspicere 

Trogum Pompeium, losephum (natürlich in Cassiodors Be- 
arbeitung), Suetonium, Egesippum, Quintum Curtium, Cor- 
nelium Tacitum^), Titum Livium, gui omnes in historiis quas 
referunty multa ad morum edificationem et ad profectum scientie 
liUeralis interserunt legi et alios, qui de historiis nichil 
agunt, quorum non est numerus, in quibus omnibus quasi in 
ortis aromatum flores decerpere et urbana suavitate loquendi meUir 
ficare sibi potest diligentia modernorum. Er solle sich daher über 
die langsamen Fortschritte Wilhelms nicht wundem: er müsse, 
wie bei Martianus Capella die Philologie^ erst all die überflüssigen 
Bücher, die er verschluckt habe, wieder von sich geben.*) 



1) Das bekannte Schlagwort der Scholastiker, über das sich später 
auch die Humanisten lustig machten. 

2) ep. 88. 

3) Ob das freilich auf Wahrheit beruht, ist sehr fraglich, cf. E. Cor- 
nelius, Quomodo Tac. in hominum memoria versatus sit (Progr. Wet^" 
1888) 41. 

4) Ganz ähnlich äufsert sinh an einer für die Geschichte der mi 



720 Die Antike im Mittelalter, 



Litten- Fragen wir uns nach dem Ansgangi den dieser Kampf nahm, 

■a^en^ SO müssen wir sagen: die klassicistische Partei unterlagt die der 

hftnge. 



alterlichen Bildung wichtigen Stelle Giraldns de Barri (Cambrensis, weil 
aus Wales gebürtig) im Anfang seines Speculum ecclesiae (verf. c. 1220): 
Giraldi opera ed. Brewer, London 1874 (vgl. auch H. Bashdall, The uni- 
yersities of Europe in the middle ages I [Oxford 1895] 69 adn.); er ver- 
langt Bildung non solum in trivio verum etiam in authoribus zum Zweck 
des recte lepide omate h^i. Im J. 1280 wiederholt dieselbe Klage Hugo 
von Trimberg, Schulmeister in Bamberg: cf. die Vorrede zu seinem Be- 
gistrum multorum auctorum (ed. J. Huemer in: Sitzungsber. d. Wien. Ak. 
1888, 145 ff.) y. 21 ff., wo es z. B. heilst: 30 ff. omne vetus Studium perit 
accedente modemo; quondam apud veteres lecH sunt auctores, an deren 
Stelle jetzt die scholastischen Subtilitäten getreten seien. — Aus dieser 
Zeit und aus diesen Kreisen stammt die schon oben (S. 718, 2) kurz er- 
wähnte Pariser Excerptenhandschrift (Notre Dame 188), beschrieben 
von E. Wölfflin im Philol. XXVII (1868) 158; sie enth&lt Excerpte .aus 
lateinischen Dichtem meist sententiösen Inhalts, und zwar aus Prudentius, 
Claudian, Ovid, Horaz, Juvenal, Persius, Martial, Culex, de laud. Pisonis, 
Terenz, Querulus, Tibull, femer an philosophischer Litteratur ziemlich viel 
aus Cicero (de off., Lael. , Cat., Tusc.) und aus Seneca, dann Rhetorisches, 
Grammatisches, Metrisches, sowie verschiedenes aus Gtellius, Macrobius, 
Sidonius, Cassiodor, Caesar, Sallust, Sueton. Es würde sich lohnen, ent- 
weder alles abzudrucken, oder wenigstens genau die einzelnen Stellen an- 
zugeben (bisher sind nur die kritisch so wertvollen Tibullexcerpte publiziert). 
Für die Auswahl der Autoren giebt es c. aus dem J. 1100 den von G. Schepps 
(Würzburg 1886) edierten Dialogus super auctores des Conradus von 
Hirsch au. Er teilt die auctores in 2 Klassen, die inferiores und die 
superiores. Zu ersteren gehören die bekannten Elementarlesebücher des 
Ma. : Donatus, Cato, Hesopus (sie), Avianus. Eine Art Mittelstellung nehmen 
ein: Sedulius, luvencus, Prosper, Theodolus (d. h. Theodulus). Darauf fährt 
er fort p. 46: Magister: veniamus nimc ad Bomanos auctores Aratorem Pru- 
dentium Tullium Salustium Boetium Lucanum Virgilium et OratiiMn moder" 
norum studiis usitatos, quia veterum auctoritas multis dliis idest histariographis 
tragedis comicis musicis usa probatur, quibus certis ex causis modemi minime 
utuntur. Discipulus: causam huiics rei scire cupio. Magister: teste I^riaciano 
grammatico et nonnuUis aliis multi gentilium libri Christiana tempora praC" 
cesserunt, in quibus antiqui studia sua contrivenmt^ quae non recipit nee 
approbat nunc ecclesia^ quia facile respuitur vana et falsa doctrina, tibi in- 
cipiunt clarescere divina. Er behandelt im folgenden aber auTser den Ge- 
nannten noch Boethius, luvenalis, Homerus (Pindarus Thebanus), Pendns, 
Statins. — Für das XI. Jh. cf. auch das, was von Halinard, Abt von S.- 
Bönigne de Dijon, seit 1046 Erzbischof von Lyon, berichtet wird im Chro- 
nicon S. Benign, bei D'Achery, Spicileg. vet. Script. 11 (Paris 1665) 892; an- 
deres derart bei Ch. de Montalembert, Les meines d'Occident VI (Paris 
1877) 201, 2. 204 f. 



Das XI. — Xm. Jahrb.: Scholastik und ElasBicismos. 721 

Lektüre der anctores feindlich gegenüberstehende, die Sprache 
yernachlässigende, in unsinnige Spitzfindigkeiten sich verlierende 
Partei triumphierte: das ist die Partei, an die man gewöhnlich 
denkt, wenn man von der Scholastik im schlechten Sinne redet; 
eine Zeit lang boten ihr noch die glänzenden Vertreter der 
scholastischen Philosophie das Gegengewicht, aber als die neue 
Sonne Petrarcas aufleuchtete, da war überall, besonders in Paris, 
der Hochburg dieser Studien, tiefe Nacht, in der jene Klopf- 
fechter in vermeintlichem Scharfsinn die Waffen ihrer Dialektik 
schwangen in barbarischer Sprache: denn eine Grammatik als 
selbständige Wissenschaft gab es nicht mehr, sie war der Logik 
Unterthanin. Den unmittelbaren Zusammenhang jener von 
der Schule y. Chartres im XIL Jh. bekämpften Richtung mit 
derjenigen Generation, über welche die Humanisten des XY. Jh. 
die Flut ihrer Schmähreden ergehen liefsen, will ich an einem 
schlagenden Beispiel zeigen. 

Hugo von St. Victor, wie bemerkt der Parteigenosse des 
Saresberiensis, sagt in seiner Eruditio didascalica 1. IH c. 5 (176, 
769 Migne) über die Scholastiker seiner Zeit: in grammatica de 
sylhgismorum raiione disputant, in diadedica inflexiones ctisuäles 
inquirunt, et quod magis inrisione dignum est, in tüulo totum pene 
legunt Itbrum, et Uncipit* tertia vix lectione expediunt non alias 
docent huiusmodi^ sed st/iam ostentant scientiam. Diese Stelle 
überträgt nun, ohne die Quelle zu nennen, wortlich auf die 
Scholastiker seiner Zeit Geiler von Eaisersberg in seinen im 
J. 1498 zu Straüsburg gehaltenen Predigten über S. Brants 
Narrenschiff: gerade diese Stelle ist zufällig abgedruckt in den 
Mitteilungen, die Fr. Zamcke in dem Kommentar zu seiner Aus- 
gabe des Narrenschiffs (Leipz. 1854) aus den lateinischen Pre- 
digten Geilers macht: p. 354.^) — 

Es ist im obigen wesentlich nur von den Prosaikern gesprochen KiaMioii- 

miM in der 
Poesie. 



1) Was in der Stelle des Hugo und Geiler die Worte 'incipU^ tertia 
vix lectione expediunt bedeuten, mag, wer den Wahnsinn in Methode ge- 
bracht sehen will, nachlesen in den Proben, die Zamcke p. 348 ff. aus 
scholastischen Kommentaren zu Donat, Alezander de Villa Dei u. a. giebt. 
Über die Worte incipit dydlogus Donati de partibus orationis octo feliciter 
wird z. B. anderthalb grofse Seiten in geradezu wahnwitziger Weise ge- 
redet: und das ist ausgedacht und vorgetragen zur Zeit der Entdeckunj 
Amerikas, über 100 Jahre nach Petrarcas Tod. 



722 Die Antike im Mittelalter. 

worden« Auch in der lateinischen Poesie läfst sich in Frank- 
reich bei Männern, die zum Kreis der Elassicisten gehorten, seit 
dem Xn. Jh. ein deutlicher Aufschwung erkennen, der an die Zeiten 
Karls d. Gr. erinnert, in denen u. a. Theodulfiis, der Bischof von 
Orleans, seine technisch meisterhaften Verse machte. Die alten 
Dichter, besonders Statins, Lucan und Ovid, aber auch Tibull 
und Properz (s. o. S. 691, 1) wurden inhaltlich wie formell studiert, 
vgl. z. B. die Gedichte des von Mit- und Nachwelt viel gefeierten 
Matthaeus von Yendöme, eines Schülers des Bemardus Sil- 
vestris.^) Der leoninische Vers trat daher zurück: Giraldus de 
Barri, ein Zeitgenosse des Saresberiensis, antwortet auf ein in 
Distichen verfafstes Gedicht mit Hexametern, die am Ende 
reimen, aber er entschuldigt sich: er habe Podagra und so stehe 
ihm nur die morbida Musa zur Verfügung.^) Einer der besten 
lateinischen Dichter des Mittelalters war Hildebert, geb. 1055 
bei Vendöme, Bischof von Le Maus, Erzbischof von Tours, 
f 1134. Seine Poesieen sind von erstaunlicher Reinheit der 
Form: Vergil, Horaz, die Elegiker und Martial sind seine Vor- 
bilder; der heidnischen Göttemamen bedient er sich ohne die 
geringsten Skrupel. Er that sich auf diese Klassicitat etwas 
zugute: 

öbscuros versus facis, Htigo, parumque laHnos, 
quos vitio linguae vix reticere potes, 

vis videam versus? expone laiinius Mos 
vel tcuxas. melius, si reticere potes,^) 

Man kann die Thatsache seiner auffalligen Fähigkeit am besten 
daran erkennen, dafs eine ganze Anzahl seiner Gedichte als 
noch dem Altertum angehörig in die Anthologia latina seit Bur- 
mann aufgenommen sind, von denen sich erst später heraus- 
stellte, dafs sie von Hildebert stammen, darunter ein berühmtes 
auf Rom, das auch durch seinen Inhalt so über alles ahnUche 



1) Cf. die Proben bei Wattenbach in: Sitzungsber. d. Bayr. Ak. 1878, 
II 570 ff. 

2) Giraldi Cambrensis opera 1. c. (oben S. 719, 4) I 884. 

3) B. Haur^au, Notices sur las m^langes po^tiques d'Hildebert, in; 
Not. et extr. des ms. XXVIII 2 (1878) p. 289 ff.; diese Abhandlung mnis 
mau jetzt notwendig zu der Ausgabe des Mauriners A. Beangendre (Pwia 
1708) und dem Abdruck dieser bei Migne vol. 171 hinzunehmen. . 



Das XL— Xlli. Jahrb.: Scholastik und Elassicismas. 723 

dem Mittelalter Angehörige hervorragt, dafs hier einige Stellen 
daraus Platz finden mögen ^): 

par tibi, Roma, nihil, cum sis prope tota ruina: 

quam magni fueris inteffra, fr acta doces. 
longa tuos fastus aetas destruxitj et arces 

Caesaris et superum templa pälude iacent 
iUe lahor, labor üle ruit, quem dirus Araxes 

et stantem tremuit et cecidisse dolet, 
quem gladii regum, quem provida iura senatus, 

quem superi rernm constituere caput, 
quem magis optavit cum crimine solus habere 

Caesar, quam socius et pius esse socer. . . . 
urbs cecidit, de qua si quicquam dicere dignum 

moliar, hoc potero dicere: Roma fuit. 
non tarnen annorum series, non flamma, nee ensis 

ad plenum potuit hoc abolere decus. 
. cura hominum potuit tantam componere Romam, 

quantam non potuit solvere etwa deum. 
confer opes marmorq\ie novum superumque favorem, 

artificum vigilent in nova facta ntanus: 
non tarnen aut fieri par stanti madiina muro 

aut restaurari sola ruina potest, 
hie superum formas superi mirantur et ipsi, 

et cupiunt fictis vultibus esse pares, . . 
urbs feliXy si vel dominis urbs iUa careret 

vel dominis esset turpe carere fide. 

Diese Verse dichtete er, als er sich im J. 1106 in Rom 
aufhielt: die Augen dieses Mannes haben auf den Ruinen schon 
mit jener sentimentalen Sehnsucht geruht, die seit Petrarca ge- 
wöhnlich war. Man darf vielleicht vermuten, dafs vor allem 
von diesem Mann die klassicistische Richtung ausging, die sich 
im weitem Verlauf des XII. imd XIII. Jh. in der lateinischen 
Poesie Frankreichs zeigte, denn sein Ruhm war bei Zeitgenossen 
und Nachwelt ungemessen: in England kannte man seine Ge- 
dichte, und Kardinäle, die nach Frankreich kamen, brachten sie 



1) Das Gedicht ist überliefert von Wilelmus Malmesbiriensis (f vor 
1142) de geatis regum Anglonim ed. W. Stubbs TI (Und. 1889) p. 403; cf. 
auch Gregorovius, Gesch. d. St. Rom i. Ma. IV (Stuttg. 1862) 238 f. 

Norden, antike Knnstprosa. 11. 47 



724 Die Antike im Mittelalter. 

nach Rom. Man nannte ihn divinum und empfahl, seine Werke 
auswendig zu lernen. Ich glaube daher, dafs durch diesen Mann, 
bezw. die Richtung, die er vertrat und die an ihn anknüpfte, 
Tibull und Properz erhalten worden sind (s. o. S. 691, 1. 704. 

718, 2). 

2. Die Fortsetzung dieses Streites s. Xin: artes und 
auctores. Die Schule von Orleans. 

Der Streit der Schulen von Paris und Orleans im XHI. Jh. 
ist nicht blofs wichtig für die Geschichte der klassischen Studien 
im Mittelalter überhaupt, sondern auch als neues Dokument für 
das Erwachen einer weiteren freieren Geistesrichtung hundert 
Jahre vor dem Auftreten Petrarcas. 
Orleans Die Schulcu von Orleans führten sich zurück auf den Bischof 

' Theodulfus, den Akademiker Karls d. Gr., der ihn zum Bischof 
von Orleans und Abt von Fleury erhob; er war klassisch hoch- 
gebildet, das zeigen seine musterhaften Verse und seine Bekannt- 
schaft mit den alten Autoren, cf. besonders carm. ^De libris quos 
legere solebam' in den Poet. lat. aev. Carol. I 543 f.^) Diese 
Tradition wurde in Orleans aufrecht erhalten, wozu die Nähe 
von Fleury und Chartres nicht wenig beigetragen haben wird. 
Aus dem XI. Jh. konnten die Verfasser der Histoire litteraire 
de la France (VII 100 f.)*) eine ganze Reihe angesehener Ge- 
lehrter aufzählen. Im XII. Jh. war Orleans neben Chartres ein 
Hauptsitz der Wissenscliaften, seiu Einflufs erstreckte sich bis 
nach England'); aus seiner Schule gingen drei Männer hervor, 



1) Cf. Hist. litt, de la France lY 459 £f. und B. Haar^ao, Singolarit^ 
historiqaes et littt^raires (Paris 1861) 37 ff. 

2) Mehr Einzelheiten giebt die sorgfaltige Arbeit der M"^ A. de Foul- 
qnes de Yillaret: L'enseignement des lettres et des sciences dans rOrl^anais, 
in; M^oires de la soci^t^ arch^ologique et historique de TOrl^anais XIV 
(1876) 899 ff. 

8) Im J. 1109 starb Ingolphos, Abt des Klosters Croyland, dessen Ge- 

ichichte er Terfafst hat. Sein Nachfolger wurde Jofiridus, der in der 

Bohnle Ton 0rI6uiB gebüdet war, cf. Petri Blesensis continnatio ad historiam 

*<|*^^lii in: Benim Anglicamm script. yei ed. lo. Fellns 1. 1 (nnicns) (Oxoniae 

^* 9mlm H mtirüms Äureliams, ab infanUa monasUrio a parentilmi 

UberaUum acieiUiam mperateroL Er schickte auch 
'"T«» Mflnche aemes Klosters, um die dortig« Schale 



Das XIII. Jh. : Kampf d. ma. (artes) u. human, (auctores) Riebtang. 725 

die Sekretäre der Päpste Alexander III (1159—1181) und Lu- 
cius III (1181 — 1185) waren ^); auch eine bedeutende Dichter- 
schule liatte dort ihren Sitz, deren Vertreter sich durch Kenntnis 
der antiken Poesie und Wahrung ihrer Formen im Gegensatz 
zu den Verskünsteleien anderer auszeichneten.^ Ein besonderes 
Interesse gewinnt die Schule von Orleans aber erst im XIII. Jh. 
durch ihren Streit mit der Sorbonne. 

Man hätte erwarten sollen, dafs die Provinzialstadt sich der OriAoni 
Metropole anschliefsen würde, allein das Gegenteil geschah: Or- 
leans^) wurde gegenüber der Hochburg der Scholastik die Trä- 
gerin einer freieren Geistesrichtung. Hier vernachlässigte man 
die Philosophie und legte einzig Gewicht auf die Grammatik und 
die Reinheit der Sprache, die man — und dies ist das Bedeut- 
same — aus den Autoren des Altertums selbst lernte. Man 
kann den Unterschied kurz so formulieren: in Paris domi- 
nierten die artes und wurden die auctores völlig ver- 
nachlässigt, ja verpönt, Orleans hob die auctores auf 
den Schild.*) Wir können noch mit einiger Klarheit die Be- 



nach dem Muster der von Orleans zu reformieren, 1. c. 114 (mit interessan- 
tem Detail!). 

1) Cf. Hist. litt. IX 59 f. Sie erfanden auch eine besondere Art des 
dictamen in der Beobachtung des curstts; nach ihnen nannte man die 
Schreibart stilus Gallictis, cf. Ch. Thurot in: Not. et extr. des ms. XXII (1868) 
488, 4. Cf. auch Delisle, Les ^coles d'OrMans au Xu. et XlII. siäcle in: 
Annuaire-BuUetin de la soci^t^ de Thistoire de France 1869, 140, und über 
die bedeutende Bechtsschule daselbst: H. Denifle, Die Univ. des Ma. bis 
1400, I (Berl. 1885) 251 ff., H. Fitting, Die Anfänge der Bechtsschule zu 
Bologna (Berl.-Leipz. 1888) 45 £f. 

2) Cf. Delisle in: Bibl. de IMcole des Chartes XXXI (1870) 309. B. 
Haur^au in: Not. et extr. des ms. XXIX 2 (1880) p. 296 und in: Joum. des 
aav. 1888, 210. St. Endlicher, Catal. cod. phü. Vindob. n. CCCLIX p. 251. 

3) Freilich nicht die dortige Universität, in der die Rechtsstudien 
dominierten, cf. Denifle 1. c. 

4) Für die Geschichte der Pariser Universität ist kürzlich eine 
neue Ära eröfi&iet, seitdem begonnen worden ist mit der Veröffentlichung 
der Urkunden. Bisher war man angewiesen auf das grofse Sammelwerk 
des C. BulaeuB, Hist. univ. Par. (1665), bezw. das Excerpt daraus von Crd- 
▼ier, Hist. de Tuniv. de Paris (1761). Für den Verfall seit dem XI. Jh. hat 
BolaeuB I 611 ff. n 142 ff. IV 892 f. einiges gesammelt. Für das gänzliche 
Zurfickireten der auctores verweise ich besonders auf folgende Aktenstück 
Ghartularinm univers. Paris. I (Paris 1889) 78 f. vom J. 1215^ an die nr 
giiiri axtium: legant libros Äristotelis de dialectica tarn de veteri quam 

47* 



72G Die Antike im Mittelalter. 

schäftigung der Schule von Orleans mit Vergil und Lucan nach- 
weisen, cf. Delisle 1. c. 144 f., deutlicher aber als diese Spuren 
sprechen ein paar von Delisle angeführte zeitgenössische Urteile, 
die ich hier wiederholen mufs.^) 

Matthaeus von Vendome (s. XII)*), v. 33 f.: 

nova in scolis ordinarie et wow ad cursum. legant etmm in scolis ordinarie 
diW8 Priscianos vel alteru^n ad minus, non legant in festivis diebus nisi 
philosophos et rhetoricas et qiMdrutndlia et barbarisnium (so hiefs das dritte 
Buch der ars maior des Donat, cf. Ch. Thurot in: Not. et extr. des ms. 
XXII 2 p. 94) et cihicam, si placet, et gtiarttim topichorum. non legantur 
libri Äristotelis de methafisica et de naturali philosophia, nee »umme de eis- 
dem. — In einem Statut der Artistenfakultät der englischen Nation vom 
J. 1262 wird für das Baccalaureatsexamen verlangt der Nachweis, bestimmt« 
logische und psychologische Schriften des Aristoteles und Boethius gehört 
zu haben; femer nur noch: quod atidiverit Prissianum minorem et barba- 
rismum bis ordifiarie et ad minus airsorie, Prissianum magnum semel cttr- 
sorie. — Ähnlich das Statut der Artistenfakultät zu Paris vomJ. 12 55 (Chaitul. 
I 277 f.). — Im J. 1276 erliefs die Pariser Universität eine Ordination, nach 
der es den magistri und baccalarei verboten wird, für sich {in locis priratis) 
andere Bücher zu lesen als logische und grammatische (Chart. I 538 f.). — 
Noch 1478 wies ein Edikt König Ludwigs an die Universität darauf hin, 
dafs schon Papst Gregor d. Gr. die Jünglinge vor der süfsen, bezaubernden 
Rede Ciceros gewarnt habe, und so solle es künftig bleiben: bei BulaeusV 
70G. — Zwar ist zu bemerken, dafs in den oben (S. 708, 1) citiertcn Kata- 
logen der Sorbonne eine Reihe von Hss. klassischer Autoren genannt sind: 
Plautus, Terenz, Vergil, Horaz (serm.), Ovid (met., fast., trist., de Pont.), 
Persius, Lucan, Statins, Juvenal, Claudian; Cicero (s.o. I.e.), Sallust, Livius 
(I Dec), Seneca rhet., Valerius Max., Seneca phil. (ep., de benef., trag., 
apocol. und die falsa), Ps. Quintilian (decl.), Sueton, G^ellius, Justin, Solin, 
Nonius, Martianus Cap., aber weitaus die meisten dieser Hss. gehören erst 
der Benaissancezeit, einige dem frühen Mittelalter (s. IX und X) an. — Ein 
etwas freierer Ton scheint auf der in den 20er Jahren des XIII. Jh. ge- 
gründeten Universität Toulouse geherrscht zu haben, wie aus dem amü- 
santen Programm- und Konkurrenzschreiben der dortigen Magister vom 
J. 18S9 (ed. in: Charta!, univ. Par. I 129 ff.) hervorgeht, in dem sie u. a. 
die Stadenien darauf hinweisen, dafs in Toulouse völlige libertcu acoiasiiea 
liBinche und Wein, Brot, Fleisch, Fische für ein Billiges m haben seien. 
Si werden Mercurioa, Fhoebns, Mmerra, Bacchus, Ceres, Achilles, Thersitet, 

mid die Achilleis des Statins citiert, der fOr einen ctrü 

m aii^gegeben wird. Anch wird bemerkt, dafs die in Paris Ter- 

■nvinaiieliaftliehen Bflcher hier gelesen werden dürften. Im 

■ich, wie das Pkxigramm xeigi, das Stadium im ge- 



"4 dritte filge ich hinin. 

wh in: Sitmngsber. d. Bayr. Ak. 1872 II 671. 



Dan XIII. Jh.: Kampf d. ma. (artes) u. buman. (aactores) Richtung. 727 

Parisius logicam s^ibi iactitet, Aurelianis 
' auctores: elegos Vindocinense soltitn. 

Galfredus von Vinesauf in seiner an Papst Innocenz III 
(111)8—1216) gerichteten Poetria nova^) v. 1009 ff.: 

in morhis sanat medici virtute Salemum 
aegros. in cansis Bononia legibus armat 
nudos. Parisius dispensat in artibus illos 
paneSf unde cibat robustos. Aurelianis 
educat in ctmis autorum lacte tenellos. 

Heliuand^ ein gelehrter Mönch^ in seiner im J. 1229 zu Tou- 
louse vor den Studenten gehaltenen Predigt*): ecce quaerunt derici 
Parisiis artes liberales^ Aurelianis auctores, (Bononiae 
Codices, Salemi pyxides, Toleti daemones et nusguam mores), 

Alexander Neckam (f 1215) de laudibus divinae sapien- 
tiae«) V. 607 ff.: 

non se Pamassus tibi conferat, Aurelianis: 

Pamassi vertex cedet uterque tibi, 
carmina Pieridum, multo vigiktta labore, 

expofii nulla certius urbe reor. 

Alexander von Villadei, selbst ein Vertreter der Pariser 
Schule^ bezeugt unfreiwillig dasselbe in seinem Ecclesiale^): 

sacrificare deis nos edocet Aurelianis, 
indicens festum Fauni, lovis atque Liei. 
Jiec est pestifera, David testante catJiedra. . . . 
Aurdianiste via non pcUet ad paradisum, 
ni prius os mutet 

Johannes von Garlandia ars lectoria (verfafst 1234 zu 
Paris)^): 



1) Ed. Leyser in seiner Uist. poct. et poem. med. aevi (Halle 1721) 920. 

2) Angeführt in der Hist Utt. XVÜI 95. 

3) Ed. Th. Wright in: Alex. N. de natnris remm p. 464. 

4) Ed. Ch. Thurot in: Not. et extr. XXTT 2 p. 115. Das Ecclesiale ist 
jedenfiills nach dem Doctrinale geschrieben, dessen Abfassnngszeit aller- 
dingt nur annfthemd auf c. 1200 bestimmt werden kann, cf. D. Reichling, 
Das Docir. d. Alex. » Mon. Germ. Paedag. XU [1898] p. XXIV. 

6) Einiget daraus (darunter die folg. Verse) edierte zuerst A. Scheler 
Lenoographie latine du XU« et XIII«' siecle (Leipz. 1867) 8 f. Wie dii 
Yene idgan, tteht er, der Autländer, vermittelnd zwischen beiden Par> 



72S Die Antike im Mittelalter. 

vos, vates magni, qtios aurea cmiparat auro 
fama, favete mihi, quos Aurelianis ah tirbe 
orbe trahit ioto Pegasei gloria fontis. 
vos dens elegity per quos fundamina firma 
astent eloquii studio succurrere, cuitis 
fundanienta labant: einarcet lingua latina, 
autorum vemans exaruit area, pratum 
florigcrnm boreas flatn livente perussit 
Parisius supcris gaudens tünquam paradisus 
philosophos alit egregios, ubi quicquid Athenac, 
quicquid Aristoteles, quicquid Plato vel Galienus 
cdiderant, legitur; td)i pascit pagina sacra 
stibtilcs animas celesti pane refcctas. 

Noch deutlicher aber als aus diesen Zeuguissen wird der 
Streit beider Schulen aus dem Gedicht des zeitgenössischen Trou- 
vore Henri d'Andeli: La bataille des sept arts.^) ,,Paris 
— dies ist der wesentliche Inhalt des Gedichts — und Orleans 
sind zwei, und das ist sehr schade. Die Ursache ihres Streits 
ist, dafs die immer streitsüchtige Logik es sich hat einfallen 
hissen, die Gelehrten von Orleans „Glomeriaux" und ihre Au- 
toren „Autoriaux''^) zu nennen; die Grammatik hat, durch die 



teien: das Werk ist gewidmet dem damaligen Kanzler der Pariser Uni- 
versität Gautier de Chiiteau-Thierry. 

1) Ed. A. Jubinal in: Oeuvres de Rutebeuf, 2. t^d. vol. III (Paris 1874) 
S25 if. Schon vorher hatte eine Inhaltsangabe gemacht Legrand d'Aussy 
in: Not. et estr. des ms. V ^1800) 496 iX.: ihr sohliefse ich mich im wesent- 
lichen im. Auf die Bedeutung des Gedichts bin ich aufmerksam geworden 
durch eine kurze Notiz bei R. v. Liliencron, über den Inhalt der allg. Bil- 
dung in der Zeit der Scholastik, Festrede gehalten in der Sitzung der K. 
Bayr. Ak. d. Wiss., München 1876 p, 47. V. Le Clerc, Hist. litt, au XIV» 
siöcle (2. i<d., vol. I [Paris 1865]) 430 f., der es kurz erwähnt, hat es nicht 
richtig gewürdigt. Denn wenn er, um das Zeugnis abzuschw&chen, auf 
Nicolaoa TriTettus (f 1S28) verweist, der Livius, Valerius Maximas, Juvenal, 
Seneca^ Ovid kommentiert habe, so braucht man, um zu erkennen, welcher 
Alt diese Eommeiiftare waren, nur aufzuschlagen Fabricios-Mansi, Bibl. lat. 
d. et inf. aei V (Florenz 1858) 127: dedamationes Schecae heme ef pukkre 
Bmtmc Von dem Ovidkommentar sagt Le Clerc selbst p. 4SI, es 
'^oologieehe und mondieche Erklänmg. Solche Sachen stehen also 
Sfofe mifc Genom Donatiu moralizatos (s. o. 8. 71^ 2): 
T^oaftee nicht einmal zu polemisieren. 
lUUt neh not einer Einrichtong der UniTersitAt Cam- 



Das XIII. Jh. : Kampf d. ma. (artes) u. human, (auctores) Richtung. 729 

Augriffe ihrer Rivalin gereizt^ sich entschlosseu, Rache zu nehmen 
und ihr den Krieg zu erklären. In dieser Absicht pflanzte sie 
aufserhalb Orleans das Bauner auf und rief dort ihre Trappen 
zusammen. Sofort sah man zu ihr herbeieilen Homer^ Claudian, 
Priscian, Persius, Donatus und manche andre gute Ritter und 
Knappen. Die Ritter aus Orleans^ die die Waffen fär die Au- 
toren trugen^ beeilten sich auch zu erscheinen. Sie hatten an 
ihrer Spitze Endes , Garnier, Jean de Saint-Morisse und Balsa- 
mon. Die versammelte Truppe marschierte, ohne Zeit zu ver- 
lieren, auf Paris. Auf die Kunde hiervon erschrak Logik. 
„Weh, rief sie, ich hatte an Raoul de Builli einen furchtbaren 
Verteidiger, und der Tod hat mir ihn genommen !'' Doch verlor 
sie nicht den Mut und beschäftigte sich damit, ihre Truppen 
zusammenzuziehen. Aus Toumai entbot sie Johann den Pagen, 
Poilaue mit den Gamaschen, Nicolaus mit dem hohen Steifs; sie 
stellten in einem Wagen auf eine Kufe Trivium und Qua- 
drivium und setzten sich in Bewegung. Der Wagen wurde 
gezogen von den Kirchendienern und geleitet von Robert dem 
Zwerg und Cheron dem Alten, die, den Stachel in der Hand, 
das Gespann pikten. Schon war Rhetorik in Mont-rH^ri^) an- 
gelangt mit den Lombardischen Rittern. Das sind Leute, die 
sich darauf verstehen, sich der Erbschaften zu bemächtigen und 
die Dummen zu betrügen, die ihre Zuflucht zu ihnen nehmen. 
Sie trugen zimgenbefiederte Wurfspiefse. unterdes wuchs die 
Armee der Logik täglich. Von allen Seiten sah man ihre Ver- 



bridge, über die Rashdall, The universities of Europo in the middle ages 
(Oxf. 1896) n 2 p. 655 handelt: dort existierte in losem Zusammenhang mit 
der Universität eine Art von Latein- Vorschulen, deren Schüler glotnereUi und 
deren Vorsteher magistri glameriae hiefsen. Über die Bedeutung dieses 
Wortes finde ich die beste Erklärung im Century Dictionary s. y. (vol. III 
p. 2642): glomery^ middle engl., a word found, wiih ita derivatiati ^glomereV, 
q. V. appar. ahly in the recards of the University of Cambridge; a vor, of 
ghmery glawmery glamer glamour, more orig. gramery, gramary etc., used 
in the deflected sense of ^enchantment^, but orig. identical toith grammar. 
— Für Äuctoriaux wird von Rashdall 1. c. ü 1 p. 67, 2 verglichen ein von 
Papst Honorius m im J. 1220 an die Universität Palencia in Spanien ge- 
■andtes Schreiben (bei Denifle, Die Univ. des Mittelalters bis 1400. Bd. I 
p. 476 adn. 1089), wo der Grammatiker im Gregensatz zum Logiker aueto 
genannt wird. 

1) Sohlofs bei Paris. 



730 I^ie Antike im Mittelalter. 

teidiger in Rotten zu ihr herbeieilen; darunter war Hochwissen- 
schaft. Aber kaum war diese angekommen, als ihr Easzler 
den Parisem befahl, sie 'mit allen Weinen zu beschenken, die sie 
in ihrem Keller hätten; und Paris lieferte sie ihr aus. Physik 
führte Hippocrates und Galen herbei ... (es folgen Chirurgie, 
Musik, Nekromantie, Astronomie, Arithmetik, Geo- 
metrie). Endlich wurde der Kampf begonnen, und zwar von 
Donat, der Plato angriff. Aristoteles stürzte sich seinerseits auf 
Priscian, dem er einen derartigen Stofs mit der Lanze beibrachte, 
dafs er ihn aus dem Sattel hob; schon machte er sich gar daran, 
ihn unter die Füfse seines Pferdes zu treten, als der Besiegte 
Hülfe bekam von seinen beiden Neffen, dem Doctrinale und dem 
Graecismus.^) Die beiden jungen Krieger verwunden das Pferd 
so, dafs Aristoteles abgesetzt wird. Nichtsdestoweniger kämpfte 
er mutig weiter und warf sogar Grammatik über den Haufen. 
Aber plötzlich werfen sich auf ihn Persius Virgilius Hora- 
tius luvenalis Statins Lucanus Sedulius Propertius 
Prudentius Arator Terentius Homerus, sowie Priscian 
und seine Neffen; und er wäre unfehlbar unterlegen, wenn nicht 
Elenchus, die Logik, Peri Hermenias, die Topik, das Buch von 
der Natur und Ethik ihm zu Hülfe gekommen wären im Verein 
mit Nekromantie, Physik, Porphyrius, Boethius und Macrobius.*) 
Herr Barbarismus, obgleich Lehnsmann der Grammatik, hatte 
die Waffen gegen sie ergriffen, weil er Domänen im Lande der 
Logik besafs. — Unter allen Kämpfenden war es Logik, die 
sich durch ihre Helden thaten am meisten auszeichnete, und die 
Autoren hatten Mühe, ihr zu widerstehen. Was die Partei der 
letzteren schwächte und sie um den Vorteil brachte, den sie 
hätten haben können, war die grofse Zahl von Fabeln, die mit 
ihnen gemischt waren. Aber sie erwarteten eine Verstärkung 
von ihrem zweiten Aufgebot; und thatsächlich erschien die Hülfs- 
mannschaft, geführt von Primas^) von Orleans und Ovid. Man 
sah dabei Martianus, Seneca, Marciacop und Anti-Claudianus. 
Bernardin-le-Sauvage hatte sich ihnen verbündet mit einem be- 



1) In der Hs. steht Agrecime, eine Französieruug des GredsmiM des 
Eberhard v. Bethune. 

2) Offenbar iät das Somnium Scipionis gemeint. 

3) Ein berühmter lateinischer Dichter dieser Zeit. 



I>ci3 XIII. Jb. : Kami)f d. nia. (artes) u. human, (auctores) Richtung. 731 

sondern Corps, welches in seinen Reihen Avien, Cato und Pau- 
filus hatte. ^) — Bei dem Anblick dieser neuen Armee erschrak 
Logik. Rhetorik und Astronomie rieten ihr^ das Schlachtfeld zu 
verlassen und sich auf Mont-rHeri zurückzuziehen. Sie folgte 
diesem Rat; aber die Truppen der Grammatik machten sich zur 
Verfolgung auf und begannen die Belagerung, mit dem Schwur, 
nicht fortzugehen, es sei denn im Besitz des Forts. In dieser 
IJedränguis schickte Logik einen Friedensverhändler zu ihrer 
Rivalin. Aber der Abgesandte, den sie für diese Botschaft wählte, 
kannte so wenig die Regeln der Sprache und drückte sich so 
schlecht aus, dafs man ihn nicht anhören wollte und er zurück- 
geschickt wurde. Trotzdem änderte sich alles bald und die Be- 
lagerer erkannten, dals ihre Kräfte und ihr Mut nutzlos seien. 
Astronomie, zur Verzweiflung gebracht, schleuderte den Blitz- 
strahl auf sie, verbrannte ihre Zelte, zerstreute ihre Armee, so 
dafs sie nur noch an die Flucht dachten. — Seit diesem Tage 
hat sich die höfische Poesie zwischen Orleans und Blois zurückge- 
zogen und wagt es nicht mehr sich da zu zeigen, wo ihre Rivalin 
herrscht. Indes achten sie die Engländer und Deutschen noch; 
aber die Lombarden verabscheuen sie und ihr Hafs ist derart^ 
dafs sie sie erdrosselten, fiele sie in ihre Hände. — „Meine 
Herren, so wird es noch etwa 30 Jahre dauern. Aber 
wenn eine neue Generation geboren sein wird, so wird 
diese auf die Grammatik halten, was man auf sie hielt 
zur Zeit Henri's d'Andeli. Darauf wartend erkläre ich 
euch, dafs jeder Gelehrte, der nicht die Regeln der 
Sprache kennt und danach nicht seine Reden formt, 
ein Mensch zum Anspucken isf 



1) Wer Marciacop war, weifs man nicht. Pauphilc war, wie es scheint, 
ein französisch schreibender Moralist, Bcmardin ein Dichter des XIII. Jh. 
und Vf. eines französischen Doctrinalc; unter dem Anti-Claudianus ist Alanus 
de InBoliB verstanden, unter Cato die unter seinem Namen so verbreiteten 
Sprüche 



732 I^ie Antike im Humanismus. 



Zweite Abteilung. 
Die Antike im Hamanismus. 



Erstes EapiteL 
Petrarcas gescUclitliclie Stellung. 

Petrarcas Wie ein vaticinium klingen die zuletzt angefahrten Worte 

natur. des Trouvere zu uns herüber. Nur dauerte es etwas länger, als 
er glaubte, bis der Mann geboren wurde, der, wie ein späterer 
Humanist^) einmal sagt, primiis ex lutülenta harbarie os caelo at- 
tollere ausus est, eine der liebenswürdigsten Gestalten in der 
Reihe der Geistesheroen, für alle Zeiten umweht vom Zauber- 
hauch der Romantik und umgeben mit dem Strahlenkranz des 
Genius. Aber wenn Petrarca in den zahlreichen neueren Dar- 
stellungen seines Lebens von der gesamten Vergangenheit ab- 
solut losgelöst wird, so entspricht das, wie ich zeigen will, weder 
den allgemeinen Verhältnissen noch der thatsächlichen Über- 
lieferung des Einzelnen. 

1. Das AU- „Der Mensch knüpft immer an Vorhandenes an. Bei jeder 

gemeine: _ , 

Kampf des Idee, deren Entdeckung oder Ausführung dem menschlichen Be- 
i]kh^n*u^d streben einen neuen Schwung verleiht, läfst sich durch Forschung 
zukunfts- zeigen, wie sie schon früher und nach und nach wachsend in 

menschen - -^ 

in p. den Köpfen vorhanden gewesen. Wenn aber der anfachende 

Odem des Genies in Einzelnen oder Völkern fehlt, so schlägt 

das Helldunkel dieser glimmenden Kohlen nie in leuchtende 

Flammen auf.^^^) Petrarca selbst hat sich die richtige Stelle in 

der Geschichte des menschlichen Geistes angewiesen: ego velut 

in confinio duorwni populorum constitutus simul ante retroque 

praspicio (rer. mem. I 2). Gerade diese lanusnatur giebt ihm 

aber seine welthistorische Bedeutung, und dadurch, dafs wir in 

n Bwei verschiedene Weltanschauungen sich bekämpfen sehen, 

ir mxB auch menschlich so nahe gerückt. Derselbe Mann, 

er Höhe der Diocletiansthermen, seinen Livius im Kopf 

w. Soaliger, Poet. 1. VI c. 4. 
miboldt, Üb. d. Kawi-Spr. I (Berl. 1836) p. XXIX. 



Petrarcas geschichÜiche Siellimg. 733 

und im Herzen^ mit dem Blick über die Ruinenfelder, die Grolüse 
Borns an seinen trunknen Augen vorüberziehen läüst^ sieht viele 
Monumente in dem dämmerhaften Nebelschleier wie der mittel- 
alterliche Pilger, der einst an der Hand der Mirabilien voll 
phantastischen Glaubens die ewigen Stätten durchzog; derselbe 
Mann, der, mit geradezu staunenswerter Divinationsgabe eine 
tausendjährige Vergangenheit ignorierend und seiner eignen Zeit 
um ein Jahrhundert vorauseilend, die kanonische Autorität des 
scholastischen Aristoteles zu zertrümmern und an dessen Stelle 
auf Piaton den Idealisten, seinen eignen Geistesverwandten, als 
Apostel der Zukunft hinzuweisen vermag, ohne von ihm mehr 
als die oberflächlichste Kenntnis zu besitzen, zeigt sich in seiner 
philosophischen Weltbetrachtung durchaus beherrscht von dem 
in seiner Art ja auch grofsartigen, aber unfreien und grüblerischen 
Mysticismus des Mittelalters^); derselbe Mann, der seinen Yergil 
nicht mehr mit abergläubischer Furcht als einen Zauberer verehrt, 
der, als man ihn selbst wegen seiner Liebe zu diesem Dichter 
für einen Zauberer hält, mit bitterm Hohn ausruft en quo sttidia 
nostra dilapsa sunt (ep. de reb. fam. XIH 6), der sich vielmehr 
in echt antikem Fühlen an dem Wohllaut der vergilischen Verse 
berauscht, zeigt sich wie Fulgentius und die lange Reihe von 
Dunkelmännern bis auf Dante sehr oft noch im lähmenden Banne 
der allegorischen Interpretation dieses Dichters befangen; der- 
selbe Mann, der seinen vielgeliebten Cicero als Stern der latei- 
nischen Eloquenz im Triumphzug der Geister einherziehen läfst, 
der ihm, die Seele von Begeisterung geschwellt, einen sehnsuchts- 
vollen Brief ins Reich der Schatten sendet und der Melodie 
seiner Perioden mit Entzücken lauscht, schreibt in einem Latein, 
das in seiner widerspruchsvollen Mischung von Wollen und 
Können ; von scholastischer Barbarei und antiker Eleganz dem 
alten Römer stellenweise fürchterlich gewesen wäre. In diesem 
Sinne glaube ich sagen zu dürfen, dafs Petrarca einerseits die 
oben dargelegten klassicistischen Strömungen des Mittelalters, 
von dessen Denkweise er sich noch nicht voll loslösen konnte, 
zum Abschlufs gebracht, andrerseits sie aber mit einem neuen. 



1) Dafür findet man jetzt, was die Lektüre P.'s betrifft, Belege be- 
sonders bei P. de Nolhac, De patrum et medii aevi scriptorum codd. in 
bibl. Petrarcae olim collectis (.Paris 1892) 29 £f. 



734 Die Antike iui Humanismus. 

bisher ungeahnten Inhalt gefüllt hat: denn selbst den gelehr- 
testen Männern des Mittelalters waren die Autoren in letzter 
Hinsicht doch nur Mittel zum Zweck einer korrekten Sprache 
gewesen, ein Motiv, das bei Petrarca keineswegs gefehlt hat, 
aber vertieft und geweiht ist durch ein höheres, das ihm die 
Autoren zu seinen geliebten Freunden machte, denen allein er 
alles danken wollte, was er geworden war, denen er die heiligsten 
Geheimnisse seines leichtbeweglichen Herzens in der traulichen 
Stille seines Studierzimmers anvertraute zum Dank dafür, dafs 
sie ihn sich auf den Flügeln der Phantasie aus dem Jammer 
der Gegenwart in die versunkene Zauberwelt hinüberträumen 
liefseu: nunc tibi tetnjnis est (schreibt er seinem Livius: ep. de 
reb, fam. XXIV 8) ut graiias agam tum pro mtiltis tum pro eo 
nominatim qiwd ohlitiim saepe praesentium nidlorum saectdis nie 
felicio^ibus inseris, ut infer legendtim saltem ciim ComeliiSy Scipiotii- 
bus AfricaniSy Laeliis, Fabiis Maximis, MetelliSj Brutis, Dccüs^ 
CatonihuSy Eegulis, CursoribuSj Torquatis, VcäeriiSj CorviniSy Salina- 
torihus, ClatidiiSj MarcelliSy Ncronibus, Äemiliis, Fulviis, Flaminiis, 
ÄtiliiSy Quintiis, Curiis, Fdbriciis ac Camillis, et non cum his ex- 
trefnis furihus, inter quos adverso sidere natus sum, mihi vidcar 
aetatem agere. et oh si totus mihi contingeres, quibus dliis quan- 
tisve nominibus et vitae solatium et iniqui temporis dblivio quaere- 
retur: der Mann, der dies und hundertfaches dergleichen schrieb, 
der sich bei Mantua am murmelnden Quell unter dem Schatten 
des Baumes auf dem Rasenstück niedersetzte, wo, wie er dachte, 
Vergil einst geruht haben möchte, der im Exemplar seines Quin- 
tilian zu den Worten (X 1, 112) hoc prqpositum nöbis sit exem- 
plum, nie se profecisse sciat, cid Cicero vdlde placebit sich notierte: 
Süvane (so nennt er sich selbst) audi, te enim tangit und zu den 
Worten (X 2, 27) imitatio, nam saepius idem. dicam, non sit tan- 
tum in verhis folgendes: lege, Silvanc, memoriter^), der hat Livius 
doch ganz anders gelesen als einst Einhart in seiner Kloster- 
zelle, der hat in Vergil neben den tiefen mystischen Gedanken 
doch auch etwas anderes zu finden gewuCst, der hat sich um 



1) Gf. F. de Nolhac, Fdtnuque et rhumanisme (Paris 1898) 288, die 

bedentendste neuere Leiatong auf diesem Gebiet^ vor allem wertvoll durch 

bniff dar von F. benuiarteii HandBchriften, deren Bandnotimi 

■ uderM in die Gedankenwelt des Manne« ein- 



Petrarcas gescliiclitliche Stellung. 735 

Ciceros Reden doch noch in einem ganz andern Sinn bemüht 
als einst Gerbert, ebenso wie den unglücklichen Tribunen, der mit 
seiner unsinnigen Phantastik das Gegenstück zu der stimmungs- 
vollen Phantasie seines grofsen Freundes bildete, doch ganz 
andere Impulse zu seiner berühmten Sammlung römischer In- 
schriften trieben als den ungenannten und unbekannten Pilger 
des zehnten Jahrhunderts. Um dieses Neue zuwege zu bringen, 
dazu gehörte der Boden Italiens, die Stimmung der ganzen Zeit 
und die mächtige Individualität Petrarcas, die sich, wie uns zu- 
erst — das pflegt jetzt vergessen zu werden, wo der Gedanke 
zum Allgemeingut geworden ist — Jakob Burckhardt in seinem 
bahnbrechenden Werk gelehrt hat, in bestimmender Weise von 
dem korporativen Massengeist der mittelalterlichen Weltanschau- 
ung scharf abhob. Aber bei dem quantitativ und qualitativ so 
bedeutenden Neuen, welches das Genie Petrarcas in den Lauf 
der Geschichte der menschlichen Gedanken eingeschaltet hat^), 
wollen wir doch das Gemeinsame, das ihn mit der Vergangen- 
heit und seiner Zeit verknüpft, nicht vergessen, weil wir nur so 
dieses Neue in der Notwendigkeit seines Entstehens begreifen 
können. Gewifs, keinen seiner Vorgänger hat er gekannt, und 
hätte er sie gekannt, so hätte er sie verachtet*): aber über dem 
Einzelwesen steht die Welt der Ideen, und in wem sie ihre sinn- 
lichste Form annimmt, der ist der Grofse^ an dessen Namen die 
Nachwelt eine neue Epoche anknüpft, und insofern gilt auch 
von Petrarcas Auftreten das tiefe Wort, dafs auf der lebendigen 
Flur der Welt alles Frucht und alles Samen ist. Alle gewaltigen 
Begebenheiten vollziehen sich, wie schon der titanische Geist 
des ephesischen Denkers wufste, nach dem Prinzip der Anti- 
nomie: auch der Humanismus ist ein Widerspruch gegen die 
auf ihren Gipfel gelangte Perversität der Scholastik gewesen, 
vom Standpunkt der Geschichte aus betrachtet die unge- 
heuerste Reaktion, die es je in der Entwicklung des mensch- 
lichen Geeistes gegeben hat, und daher, wie jede Reaktion, un- 



1) Er war sich des Neuen wohl bewurst: zu Quiutil. Xu 10, 25 (gc^en 
die NOigler, die mit Berufung auf Autoritäten da« Neue verpönten) notiert 
er sich: fiofot«, a9im, quos nee nomine digner (Nolhac 286). 

8) In semer Apologia contra Galli calumnias zahlt er eine lieihe 
framOÜBeher Gelehrter des Ma. verilchtlich auf: p. 1080 der Basler Gesamt 
MUgaibe vom J. 1664. 



736 1^16 Antike im Humanismus. 

erhört und dem Wesen normalen Werdens widersprechend, aber 
Yom Standpunkt der Ästhetik, die eine absolute und unver- 
änderliche Gröfse ist, einer der gewaltigsten Fortschritte, der 
je gemacht wurde: die antike Welt hat ihre unverwüstliche 
Jugendfrische nie glänzender bewährt, als durch die Thatsache, 
dafs sie in dem grofsen Yerjüngungsprozefs einer greisenhaften 
und lebensmijden Welt den wesentlichen, ja anfangs den einzigen 
Faktor hat bilden können. Wir haben gesehen, wie Jahrhun- 
derte lang die Überzeugung, dafs man die Stagnation und De- 
pravation der Gegenwart durch die in ihrer Formenschönheit 
ewig junge Vergangenheit beleben und bessern müsse, in den 
Geistern wirksam gewesen ist: dann ist endlich einer gekommen, 
der, getragen von der eignen Grölse und begünstigt von den 
äuTseren Umständen, das in bindende Worte gefafst hat, was 
Hunderte und aber Hunderte fühlten und ersehnten. Dafs durch 
solche Betrachtungsweise die Gröfse des Genies vermindert werde, 
können nur Banausen glauben; „in den grofsen Wendungen der 
Geschichte werden die Träger des Geistes nicht kleiner dadurch, 
dafs sie das Wort aussprechen für das, was sich in vielen be- 
wegt und dunkler oder heller verlangt wird. Auch dadurch 
nicht, dafs andere neben ihnen oder selbst vor ihnen die ersten 
Schritte thun auf der neuen Bahn."^) 
!. Das Ein- Aber um vom Allgemeinen auf einiges Spezielle zu kommen: 

Vorläufer auch in Italien bereitete sich seit dem XL Jh. eine freisinnigere 



P.'B in 
Italien. 



1) C. Weizsäcker, D. apost. Zeitalt.' 88 von Paulus. — Das greschicht- 
liche Verhältnis, in das ich Petrarca einzuordnen versucht habe, ist ähn- 
lich demjenigen, in das Gemisthos Plethon kürzlich von L. Stein, Die Con- 
tinuität der griechischen Philosophie in der Gedankenwelt der Byzantiner 
in: Arch. f. Gesch. d. Philos. N. F. 11 (1896) 226 fP. gestellt worden ist; cf. 
dort p. 234: „Von Psellos führt eine grade Linie der Entwicklung zu jenem 
Gemisthos Plethon und zu Marsilius Ficinus, der Psellos übersetzte, welche 
die Schwärmerei für den Piatonismus von Byzanz nach Florenz verpflanzen 
und damit in entscheidender Weise auf den Gedankenverlauf der Renais- 
sance eingewirkt haben. . . . Hatte die Figur des Gemisthos Plethon fBr 
die meisten Darsteller der Renaissance etwas Providentiellefl , weder aus 
dem geschichtlichen Zusammenhang Ableitbares noch aus dem wissenschaft- 
lichen Milieu seines Zeitalters Erklärbares, so verschwindet das EmpÜT« 
und Unvermittelte an der Wundergestalt des Gemisthos, wenn wir erfahren, 
dafs auch sein Piatonismus keine creatio ex nihilo, sondern nur das Schlols- 
glicd einer Entwicklungsreihe von Platonschwärmem ist, die mit Psellot ein- 
gietzt, um in Gemisthos ihren Höhepunkt zu erreichen." Dafs die yom ftnfiwr- 



Petrarcas geschichtliche Stellung. 737 

Richtung deutlich vor, wie besonders W. Giesebrecht^) gezeigt 
hat. Im Xni. und in den ersten Jahrzehnten des XIY. Jahrh. 
sehen wir, wie sie um sich greift. Tn der bildenden Kunst be- 
gannen im XIII. Jh. Niccolö Pisano und Giotto, die Antike sich 
zum Muster zu nehmen.^) In einer in Oberitalien verfafsten 
lateinischen Grammatik s. XIII (ed. Ch. Fierville, Paris 1884) 
werden im Gegensatz zum Doctrinale des Alexander die Bei* 
spiele genommen aus Sallust, Vergil, Horaz (serm.), Ovid, Lucan, 
Juvenal. Im J. 1253 citiert sogar Papst Innocenz IV. in einem 
Rundschreiben einen Ovidvers (Chartul. univ. Paris. I 262), Eine 
im J. 1329 zu Verona geschriebene Hs. (Cod. capituli Veronensis 
CLXVIII [155]) giebt eine Blütenlese aus biblischen und pro- 
fanen Autoren, unter letzteren Ciceros Briefe, Varro (de r. r.), 
CatuU, Tibull, Petron.*) Im J. 1335 hat ein Italiener, sicher 
noch nicht beeinflufet von Petrarca, eine Sammlung von Alter- 
tümern angelegt.*) Aber wenn man von Petrarca spricht, denkt 
man an Cicero; über sein Verhältnis zu ihm in ganz jungen 
Jahren, als er den Sinn der Worte noch gar nicht verstand, hat 
er uns besonders in einem vielcitierten Brief (ep. rer. sen. XV 1) 
Mitteilungen gemacht, dort stehen die für ihn und den ganzen 
Humanismus so bezeichnenden Worte: sola me verborum dulcedo 
quaedam et sonor itas detinebat, ut quicquid aliud vel legerem vel 
audirem, raucum mUii hngeque dissonum videretur, d. h. er wufste, 
wie Cicero gelesen oder vielmehr wie er gehört sein will. Aber 
wufste er es allein und er zuerst? Sollten nicht jene Franzosen, 
die, wie wir sahen, sich um ciceronianische Redeh bemühten, 
etwas Ähnliches empfunden haben? Doch nicht darauf will ich 
zurückgreifen, sondern lieber aus Petrarcas Heimatsland ein paar 
Zeugnisse anführen. Brunetto Latini (f 1294) hat als erster die 

sten Westen nnd vom änfsersten Osten ausgehenden Linien sich gerade in 
Italien schnitten, beruht auf den kulturellen Voraussetzungen dieses Landes, 
die Jakob Borckhardt vorbildlich dargelegt hat. 

1) In der oben (S. 698, 3) angeführten Abhandlung. Vgl. noch eine von 
Mabillon (Do stud. mon. p. 40) citierte Äufserung des Anselmus, ep. I 66 
(158, 1124 Migne), geschrieben vor 1078. 

2) Cf. E. Müntz, Les prdcurseurs de la renaissance (Paris 1882) 6 fP. 

3) Es sind freilich sämtlich Moralsprüche, daher auch die üntcrschrifb: 
flores moralium (Uoritatum, cf. D. Detlefsen in Fleckeiscns Jahrb. LXXXVII 

1863) 552. 

4) Cf. J. Burckhardt, D. Cult. d. Ren. I* (Leipz. 1885) 206. 



738 Die Antike im Humanismus. 

drei caesarianischen Reden Ciceros ins Italienische übersetzt (s. o. 
S. 708, 1). Der im J. 1306, also zwei Jahre nach Petrarcas Ge- 
burt, gestorbene umbrische Dichter Jacopone da Todi sagt in 
seiner ergreifenden Binunzia del mondo Str. 20^): 

lassovi le scritture antidie, 
che mi eran cotanto amidie, 
et le Tulliane rubriche^ 
che mi fean tal melodia. 

Petrarcas Vater hatte, wie uns der Sohn in dem genannten Brief, 
erzählt, eine ganz besondere Vorliebe för Cicero: seine Bibliothek 
ermöglichte dem Sohn die Lektüre und er zweifelt, ob ihn eigner 
Instinkt oder das Vorbild seines Vaters zu Cicero geführt habe. *) 
Bemerkenswert ist femer der jetzt in Troyes befindliche, von 
P. de Nolhac') beschriebene Cicero - Sammelband. Er stammt 
aus der ersten Hälfte des XIV. Jh. und kam vor c 1344 in den 
Besitz Petrarcas, der ihn seiner Gewohnheit gemäfs mit Rand- 
notizen versah. Der Mann, der ihn schrieb, hatte ein besonderes 
Interesse för Cicero, wie besonders zeigt die vorausgeschickte 
epytJwma de vita gestis scientie prestantia et libris ac fine viri da- 
rissimi et iUiistris Marchi TuUii Ciceronis,^) Der Mann war aller 



1) Le poesie spirituali del B. Jacopone da Todi (Venetia 1617) p. 5. 
Ich wurde auf diese Stelle aufinerksam durch eine Notiz bei E. Grebhart, 
Lea origines de la renaissance en Italie (Paris 1879) 157. 

2) L. c. ab ipsa pueritia, quando ceteri omnes aut Prospero inhiant out 
ÄesopOy cgo Ubris Ciceronis incubtii seu naturae instinctu seu parentis 
hortatu, qui auctoris illius vener ator ingens fuii, facile m dltum 
erasurus nisi occtipatio rei familiaris nobile distraxissH ingefiium . . . (folgen 
die oben citierten Worte sola me rerborum duicedo etc., dann:) erat hac, 
fateor, in re ptteri non puerile iudicium, si iudicium dici debei quod nmUa 
ratione subsisterct, illud mirtun, nihil intelligentem id seniire .... Crescebat 
in dies desiderium weum et patris admiratio ae pietas aliquamdin 
imntaturo facebat studio et ego hac una non segnis ttt re, cum vixtesta 
effracta aliqnam nuclei dulcedinem degustarem^ nihü utnquam de cantingenti' 
Intii intcrmisi, paratus sponte meum genium fraudare, quo Cieeromis libros 
undevumque coftquirerem. sie coepto in studio nullis externis egens 
st im Ulis procedebam. 

S) IVtrarquo et rhumanisme 186 ff. 

i^ Abgedruckt bei Nolhac 190 ff. £r citiert als seine Quellen com^ 
mrnta; uus solchen mufs auch der Satz stammen: hie podarum mira benigm- 
täte forit ingenia ^Plin. ep. III 15), denn Plinius d. J. war den ersten Ho- 
manist<^n unbekannt. Der auf ein Granimatikercitat larückgehende Inrtum, 



Petrarcas geschichiliohe SteUnng. 739 

Wahrscheinlichkeit nach ein Italiener, weil Pithon (yermntlich 
Petras) den codex besessen und ihn also wohl, wie die übrigen, 
aus Italien erhalten hatte. Zu dem nähern Kreis des Petrarca 
scheint aber der Unbekannte nicht gehört zu haben, denn dieser 
behandelt ihn in den Bandbemerkungen sehr unglimpflich (p in^ 
dode, frivolum u. dgl.). Man wird also wohl sagen dürfen, dals 
etwa gleichzeitig mit Petrarca ein andrer Italiener sich mit Vor- 
liebe diesem Autor zuwandte. Dafs dies nichts Besonderes war, 
zeigt ein Brief des Petrarca selbst (ep. fam. XXIV 2), in dem 
er sehr ergötzlich über sein Zusammentreffen mit einem alten 
Mann in Vicenza berichtet, der ärgerlich gewesen sei, daJGs Pe- 
trarca an Cicero überhaupt auch nur das Geringste auszusetzen 
habe, cf. z. B. p. 259 Frac: nihü aiiiid vel mihi vel aliis quod 
responderet habebat, nisi ut adversus omne quod diceretur splendorem 
hominis obiectaret et rationis locuim teneret auctoritas. siuxiamat 
identidem protenta manu: ^parcius, oro, pardus de Oicerone meo^j 
dumque ab eo quaereretur, an errasse umquam uUa in re Ciceronem 
opinari posset, claudebat oculos et qtiasi verbo percussus averiebat 
frontem ingeminans ^heu mihi, ergo Cicero meus arguitur?', quasi 
non de homine sed de deo quodam ageretur. quaesivi igitur, an 
deum fuisse TuMium opinaretur an hominem; incunctanter *deum' 
iUe respondit, et quid dixisset inteUigens ^deum, inquit, eloquii\ Pe- 
trarca führt dann weiterhin aus, er begreife nicht, dafs dieser 
alte Mann noch jetzt so über Cicero denken könne, während er 
selbst einst in seiner Jugend auch dieser Ansicht gewesen sei, 
aber jetzt im Alter verständiger auch über diesen seinen Lieb- 
ling urteile. Man sieht also, daJGs Petrarca selbst gar nicht den 
Anspruch darauf gemacht hat, mit seiner Vorliebe für diesen 
seinen Heros allein zu stehen; nur darum haben seine Ideen 
ihren Siegeszug zunächst durch Italien so ungehemmt halten 
können, weil sie überall verwandte Saiten anschlugen, wie vor 
allem bei dem phantastischen Unternehmen des Cola di Rienzo 
zu Tage trat. — 

Es sind besonders zwei Punkte, durch die sich der Huma- MitteiAite 
nismus — innerhalb des engen, uns hier allein angehenden Ge- "°^^ 
bietes — vom Mittelalter unterscheidet. An die Stelle der 



dafs Cicero de orthographia geschrieben habe, findet sich übrigens schoi 
bei ihm. 

Norden, antike KonttproM. II. 48 



740 



Die Ästihe im Homanisinaa, 



Enormität und Diffusion des Wissens, wie sie dem occidenQ 
lischen Mittelalter, besondere dem ausgehenden, eigen war^), 
trat eine fast einseitige Beschränkung und Konzentration, die 
dem Spezialismua und damit aller eigentlichen Forschung freie 
Bahn schuf. Das wird einem besonders deutlich, wenn man 
Petrarca an einem so gelehrten Zeitgenossen wie dem englischen. 
Staatsmann und Bischof von Durham Rieh, de Bury (1287 bia 
1347) mifst, mit dem Petrarca in Avignon 1330 persönlich be- 
kannt wurde und von dem er gern einen Brief erhalten hatte 
(cf. ep, de reb. fam. III 1). In dessen 'Philobiblon' paart sich 
quantitativ unermefsliches Wissen, das aber qualitativ den Ein- 
druck einer chaotischen moles macht, mit Spekulation uud Phan- 
tasterei. Im Vergleich hierzu ist der Umfang des Wissens Pe- 
trarcas gering, aber wie klar und echt antik heiter ist weitaus 
das meiste, das er in seiner liebenswürdigen Art zu sagen weifs. 
Es ist daher wohl eine richtige Vermutung des letzten Heraus- 
gebers des Philobiblon*), dafs das Stillschweigen des Hyper- 
boreers gegenüber den an ihn gerichteten Briefen Petrarcas aus 
innerer Antipathie, aus Mangel an Verständnis für die Bestre- 
bungen des Neuerers sich erkläre.*) 

Der zweite Punkt interessiert uns hier uumittelbar. Die 
eigentliche Signatur des Humanismus war das sehnsüchtige Ver- 
langen, aus der abstrusen Formlosigkeit der Scholastik sich 
emporzuringen zu strenger Formenschönheit. Die stilistisch- 
rhetorische Tendenz war von Anfang an ein wesentliches 
Moment und wurde nach Petrarca, als die romantische Idee 
einer auch inhaltlichen Hepristination der Antike gescheitert 
war, immer mehr zum einzigen, was es dann auf lange Zeit 
hinaus blieb. Elegatitia war das Schlagwort dieser Kreise. Me- 



1) Eine Art EncjklopELdie ist »chon das Werk des ßabimu» de uuiv erso. 
Diinn B. Xil: Bernhard v. Cburtree, megacoemus et microcosmusi Ouillaume 
de CoQches; Hoaorius t. Äutun, imago mundi u. philoxophia, rnuadi; 9, XIII: 
Omona, image du monde (cf. Legrand d'Auaa; in: Not. et eitr, V [ISOOj 
S4G); Brünett« Latini; Vincenz v. Beauvaia. Ein eigenartiger Nitciizüg]i 
aua dem XVL Jb. Tb. Zwinger (Ar;it und Litterat in Basel), tbeatrum vitae 
bumanae, Baa. 1665, eine ma. Encyklop&die auf huinaniatiBcher Orundl 

2) E. Thomaa (London 1888) praef. p. XXXVI. 
8) Cf. aber diesen ersten Punkt auch A. Hortis, M. T. Cicerone 

opere del Petr. e del Boccaccio, ricerche intomo alln aloriii della emdizioM 
clastica nel medio evo in: Archeografo Trieatino N. S. VI (1979—80) 61 ff 



vitae 
lla^^H 

ZIOM ^ 



MittelalteT nnd Hnmanismiu. 741 

lanchthon^ dem das Verdienst gehört, die Annalen Lamberts 
aufgefanden zu haben; scheut sich nicht , seinem Freunde, dem 
er den Fund mitteilt, zu schreiben: si iudicaris diffnam esse 
historiam editiane, quaeso incumbetö, ut praelis emendatissima man- 
detur, sin cUiter viddntur, facile faciam scriptum non elegan- 
tissimum interire,^) Daher waren schon die ersten Genera- 
tionen erfüllt von dem Kampf gegen die spatmittelalterlichen 
Lehrbücher, Grammatiken wie Lexika, die besonders in der con- 
tentiosa Parisitis kanonisches Ansehen genossen, überall dem 
Unterricht zugrunde gelegt wurden und nur schwer zu ver- 
drängen waren, da sie sich als praktisch erwiesen hatten und 
von jenen anfar^lich blofs destruktiven Genies durch nichts 
Besseres ersetzt wurden.*) Wenn man die Ungeheuern Pamphlete 



1) Bei 0. Holder-Egger in seiner Ausgabe Lamberts (Hann.-Leipz. 1S94) 
p. XLVm, 2. 

2) Einige litterarische Nachweise, die von andern leicht zu yermehren 
sein werden, dürften erwünscht sein. Die beiden berühmtesten gramma- 
tischen Lehrbücher des späten Mittelalters waren bekanntlich das Doc- 
trinale und der Grecismus, die jetzt in zwei ausgezeichneten Ausgaben 
vorliegen: das Doctrinale des Alexander de Villa Dei ed. Reichling in den 
Mon. Oerm. Paedag. Xu, Berl. 1898 und der Grecismus des Eberhardus 
Bethuniensis ed. Wrobel, Breslau 1887. Über die verschiedene Wertschätzung 
der beiden Grammatiken giebt es ein (übersehenes) Zeugnis: Henricus Ghuida- 
vensis (f 1293) de Script, eccles. (ed. in: Bibl. eccles. ed. Fabricius, Hamb. 
1718) 128: Alexander Dolensis scripsit metrice librum quem doctrinale vocant, 
cuius libri in scholis gratnmaticarum magnus U8U8 est temporibus kodier- 
nis. Ebrardus Betwniae oriundus scripsit librum quem Orecismum vocant, 
grammaticis non ignotum. In einem Statut der artistischen Fakultät 
in Paris vom J. 1866 ist an Stelle von Priscianus das Doctrinale und der 
Grecismus eingeführt (Chartul. un. Par. m p. 145); ersteres wurde ebenso 
zugrunde gelegt in Wien und Oxford (cf. Rashdall, The universities of 
Europe in the middle ages IT 1 p. 240, 2. 608 f.). Angriffe der Humanisten 
auf das Doctrinale und zwar 1) Versuche zur Vermittlung: am inter- 
essantesten die erste und bedeutendste pädagogische Programmschrift von 
einem Humanisten diesseits der Alpen, der Isidoneus (von ttaodog^ viog) des 
Jac. Wimpheling, erschienen zuerst c. 1497, mir bekannt nur aus der 
genauen Inhaltsangabe von B. Schwarz, J. W. der Altvater des deutschen 
Schulw. (Gotha 1876) 122 ff. Obwohl er seinen Gegner einen zweibeinigen 
Esel, Maulwurf, träge Bestie etc. nennt, wagt er sich doch nicht recht an 
den Alexander heran: er beschränkt sich darauf zu befehlen, dafs alles 
Oberflüssige aus ihm zu verbannen sei, vor allem die unnützen scholastischen 
Definitionen und Sophismen; besonders müsse man die Schriftsteller selbst 
lesen, denn Leute, denen Jahre lang die zwei partes des Alexander eingebläut 

48* 



742 I^ie Antike im Humaniimiu. 

dieser Hnmanisten gegen die zeitgenossischen Scholastiker liest 
— man darf wohl behaupten, dals niemals öfter und maTsloser 
geschimpft ist als auf der Grenze jener beiden Zeitalter — , f&hlt 
man sich lebhaft erinnert an die von gleicher Tendenz getragenen 
Angriffe der Hnmanisten des Mittelalters auf die Frühscholastiker, 

seien, wüTsten sich der Erfahrung gemäTs nie richtig lateinisch auszudrücken. 
Femer vermittelnd Pylades Brixianus, der 1606 zu Mailand herausgab 
In Älexandrum de ViUadei annotaUones, in denen er ihn im einzelnen durch- 
geht, korrigierend, aber im allgemeinen mit gemäfsigtem Ton. Dies Schrift- 
chen ist neben L. Vallas elegantiae interessant, weU es die Fortschritte der 
Humanisten auf diesem Gebiet besonders lebhaft vor Augen fShrt. 2) Po- 
lemik. Von Antonius Nebrissensis (de Lebrixa, geb. 1444), einem 
der frühsten Humanisten Spaniens, der lange Zeit in Italien mit den dor- 
tigen Gelehrten verkehrt hatte und dann in Spanien die Beform der la- 
teinischen Grammatik auf humanistischer Basis durchführte, sagt N. Antonio 
in seiner Bibl. Hisp. vol. I (Rom 1672) 104, dafs er die bisher allgemein 
gebrauchten scholastischen Lehrbücher, darunter das des Alexander und 
Eberhardus, verdrängt habe. Alphonsus Garsias Matamorus berichtet 
1689 in dem seiner Ausgabe des Ant Nebrissensis vorausgeschickten Brief 
(Matamori op. omn. [Matriti 1769] 90 f.): als er 1637 berufen wurde, in 
Saetabis Grammatik und Rhetorik zu lehren, habe er zun&chst ein Examen 
veranstaltet und erkannt, dafs die gute Anlage der Schüler prodigiotis gwt- 
btisdam grammatieat praeceptis cofUaminatatn, carruptam, nüüa non ex parte 
perditam esse ; unter den monstra von Grammatiken nennt er dann auch den 
Alexander: gut unus in re grammaUea iüis deus erat, nattis nemini eedere, 
nee ipst Varroni guidem. Ähnlich der schwäbische Humanist H. Bebelias 
in seinem 1600 erschienenen Schriflchen De abusione ling. lat (gedruckt in 
seinen opusc. Strassb. 1613) f. LX'. Am ergötzlichsten die Epist. obsc 
vir. I p. 243 f. U p. 297 fif. Böcking. — Der Grecismus wird sogar von 
Petrarca noch zweimal citiert, cf. de Nolhac 1. c. (S. 733, 1) 80 f. Über 
seine Fortdauer cf. A. Jubinal, Oeuvres compl^tes de Butebeuf , 2. 4d. vol. 
m (Par. 1874) 338, 1. Die deliramenta Graecistae geÜBclt auf 6 Seiten H. 
BebeliusLc. XXX^ ff. — Im allgemeinen cf. besonders die famose Satire 
in Rabelais' Gargantua (1632) c. 14 {Comment G. fnU instiM par vn So- 
phiste en lettres latines): mit seinem Lehrer, dem Sophisten Thubal Holo- 
fernes liest er 13 Jahre 6 Monate 2 Wochen Donat Facetos Theodoletos 
Alanus in parabolis. Darauf mit demselben 18 Jahr 11 Monate de modis 
significandi (von lohannes de Garlandia, cf. Bebel 1. c. XXXIU^ u. a. dgL, 
wodurch er es so weit brachte, seiner Mutter an den Fingern zu beweisen, 
dafs de modis significandi non erat scieniia. Darauf las er bei demselben 
Lehrer 16 Jahr 2 Monate den Computus. Dann kam er zu einem andern 
alten „Huster'^ genannt maistre Jobelin Bridi (Herr Gimpel), bei dem er 
las Hugutio, den Graecismus, das Doctrinal, die partes^ das guid est, dai 
suppletnenium , Marmortret de moribus m mensa servandis^ Seneca de guat- 
tuor virtutilms cardinalibus, Passavantus cum commento. SchlieCdich sah 



Kampf der anotores gegen die artes. 743 

wie wir sie im Vorhergehenden kennen gelernt haben. Dafs 
ich diesen Männern als Vorgängern der Humanisten 
ihre litterarhistorische Stellung richtig zugewiesen 
habe, will ich noch an einer besonders deutlichen That- 
sache zeigen. 



Zweites Kapitel 

Fortsetzung des mittelalterlichen Kampfs der auctores gegen die 

artes in der Frühzeit des Humanismus. 

Ich habe oben (S. 688 ff. 724 ff.) gezeigt^ dals die mittelalter- 
lichen Humanisten im Gegensatz zu den artes der Scholastik die 
auctores auf den Schild erhoben hatten und dalis im XIII. Jh. 
ein französischer Dichter den kommenden Sieg der letzteren pro- 
phezeite (S. 728 ff.). Derselbe Kampfe von beiden Parteien mit 
denselben Schlagwörtern ausgefochten^ dauerte nun in den ersten 
Jahrhunderten des Renaissance-Humanismus mit unverminderter 
Heftigkeit fort. 

1) Eine ausgezeichnete Darstellung des Konflikts zwischen Fr»no. 
den beiden Weltanschauungen, welcher in der zweiten Hälfte des 
XIV. Jh. die Gemüter der Menschen bewegte ^ hat Alessandro 
Wesselofsky gegeben in den Prolegomena zu seiner Ausgabe des 
Paradiso .degli Alberti, vol. I (Bologna 1867) part. 2 c. 4. Die 
Partei der Alten lebte mit ihren Erinnerungen und Gefühlen im 
Mittelalter^ bei den grolBen Scholastikern und Dante; die Partei 
der Jungen blickte yerächtlich zurück auf das Dunkel und die 
Barbarei der vergangenen Zeit. Das Bildungsideal der Alten 
waren nach wie vor die sieben artes, yor allem die des Trivium; 



sein Vater, dafs er von dem allen n&rrisch, albern, tr&nmeriach, einfältig 
wurde: da nahm er ihn aus der Schule. Ähnlich Erasmus, Conflictns 
Thaliae et Barbariei in: Opera I 89S. — Von den ma. Lexicis ist wenig 
gedruckt; einige Auszüge (z. B. aus dem Mammotrectus) bei lo. Henr. Stuss, 
De primis coenobiorum scholis (Progr. Ilfeld 1728) § X adn. s, sowie vor 
allem bei S. Berger, De glossariis et compendiis exegeticis quibusdam medii 
aevi, sive de libris Ansileubi, Papiae, Hugutionis, Guill. Britonis, de Catho- 
licon, Mammotrecto, aliis. Diss. Paris 1879; cf. auch G. Salvioli 1. c. 
(S. 696, 8) XIV 746 ff. und Fr. Eckstein, Lat. u. griech. Unterricht (Leipz. 
1887) 58 f. 



744 I^ie Antike im Humanismus. 

dem stellten die Neuen gegenüber die ans jahrhundertelangem 
Schlaf wiedererweckten auctores. Für diesen letzteren Gegen- 
satz ist von besonderem Interesse ein von Wesselofsky zum 
ersten Mal ediertes Dokument. Ein Hauptführer der Alten war 
der Florentiner Francesco Landini, zubenannt il Cieco oder degli 
Organi (1325—1397).^) Von ihm teilt Wesselofsky p. 295 ff. 
ein in guten Hexametern geschriebenes Gedicht mit, welches in 
der Handschrift betitelt ist: 

IndpiurU versus Francisci organistae de Fhrentia, missi ad 

dominum Antonium plebanum de Vado, grammaticae loicae re- 

thoricae opümum instructorem, et facti in laudem loicae Ocham. 

Im Traum erscheint ihm Wilh. von Occam im Minoritenkostüm 

und beklagt sich in rührenden Worten über seine Widersacher, 

besonders einen: 

novus in nostras idiota rudissimus artes 
qui furit et saevit, nostri quoque pestifer hostis. 

Es folgt eine begeisterte Lobrede auf die Dialektik , die dieser 
protervus idiota verachte; von demselben heiüst es weiterhin: 

loicos ceu mortem exterritus odit 
fallacesque vocat altercantesgue sophistas. 

Wen hebt er dagegen auf den Schild? Cicero, dessen Name 

auch für uns der höchste ist, den jener Widersacher aber miCs- 

braucht: 

Marcus, romanae gloria linguae, 

ingenium cuius dudum aurea Roma potenti 

par tulit imperiOy sibi quem temerarius iste 

(prdh scelus) ascrünt: divina volumina nomque 

allegatf recitat non inteUecta popeüo 

nee sibi; percurrit tua cuncta volumina y Marce, 

teque suum appelkU Ciceronem, et nomine crebro 

nunc hoc nunc ülud rugosa fronte volumen 

nominat: exterrent ignota vocabula vulgus; 

laudibus immensis Ciceronem ad sidera toüit. 

Und nicht genug mit Cicero: den Seneca nennt er seinen *Vater^, 
und überhaupt: 

gravis ineessu, sermone superbus 
omnia sub pedibus repuUat: trnic ncmina mük 

1) NUiaret über ihn bei Wessaloftky L e. toL I pari 1 p. 101 C 



Kampf der aactores gegen die artes. 745 

auetorum äüegat^ quarum nisi namma tanium 
nescit et in hicas vomit exitiale venenum 
viperei cordis scdertttaque iurgia fundii,^) 

Während Occam noch mehr sagen will, yerschencht ihn der er- 
wachende Tag und Francesco Landini erwacht mira turhaim 
imagine somni, 

2) Anderthalb Jahrhunderte später sagte Melanchthon in MeUuioh 
seiner berühmten humanistischen Programmrede De corrigendis "^"^ 
adulescentiae studiis'), gehalten am 29. Äng. 1518 zu Wittenberg 

Ton dem damals Einnndzwanzigjährigen, p. 22 nach einer yer- 
nichtenden Invektive anf die mittelalterliche Erziehungsmethode, 
der es zu yerdanken sei, dais so viele Schriftsteller rettungslos 
dem Untergang verfallen seien: vdbis^ adtUescentes, vestram grahdor 
felicitatem, quibus henignüate optimi ac sapientisstmi principis nostri 
Friderici, ducis Saxoniae, dectoris contigit longe scduberrimis erudiri: 
fontes ipsos artium ex optimis auctoribus hauritis. hie 
nativum ac sincerum Aristotelem, %Ue Quintilianum rhetorem, hie 
Flinium . . ,, iUe arguUas sed arte temperatas docet. accedunt, sine 
quibus nemo potest eruditus eenseri, malhematica, item poemata oror 
tores, professoribus nan proUtariis. haee si eognoveritis quo ordine 
tractanda sint, certo scio et facUia et admirandi profectus vidAuntur. 

3) Sehr deutlich kommt der prinzipielle Gegensatz der Par- Epist. obi< 
teien zum Ausdruck in der 46. epistola der Epistolaeobscuro- 

rum yirorum (novae) (p. 258 f. Böcking), aus der ich nicht 
umhin kann, die bezeichnendsten Stellen herauszuheben. Man 
erkennt unter der Karikatur leicht das Thatsächliche. Herr 
Mag. Cunradus Unckebunck schreibt an Herrn Mag. Ortvinus 
Gratius: intdlexi, quod habetis paucos auditores, et est querela vestra 
quod Buschius^ et Caesarius^) trahunt vöbis scholares et supposita 
dbinde .... credo quod diabolus est in Ulis poetis. ipsi destruunt 
omnes universitaies. et audivi ab uno Antiqua Magistro lApsiensi 
qui fuit Magister XXXVI annorum, et dixit mihi, qttando ipse 



1) Man vergleiche hiermit vor allem die oben (S. 718 f.) aus Johannes 
von SaUsbuzy angefahrten Verse, um die Identität der beiden Richtungen 
and ihres Kampfes zu erkennen. 

S) Ed. K. Hartfelder in: Lat. Litteratnrdenkm&ler d. XY. n. XVI. Jh. 
henuug. von Hemnann xl Szamatölski, Heft 4. Berlin 1892. 

i) GC Böeking p. 880 ff. 

4) ib. 883 £ 



746 1^6 Antike im Humanismus. 

fuisset iuvenis, tunc üla universitas bene stetisset, quia in XX 
miliaribus nullus poeta fuisset. et dixit etiam quod tunc supposiki 
düigenter compleverunt lediones saas formales et Maleriäles seik 
hursäles: et fuit magwum scandäluin quod cUiquis studens iret in 
platea et non häberet Petrum Hispanum^) cmt Parva logicaUa sub 
hrachio. et si fuerunt Grammatici^ tunc portabant Partes Alexandri 
vel Vade mecum vd Exerdtium puerorum, aut Opus minus ^ aut 
dicta lohannis Sinthen,^) et in scholis advertdmnt düigenter: et 
habuerunt in honore magisiros Artium: et quando videnmt umim 
Magistrum y tunc fuenmt perterriti quasi viderent unum diabolum 

sed nunc supposita vohint audire Virgilium et Plinium 

et alios novos autores: et licet audiunt per quinque AnnoSj tarnen 
non promaventur. et sie g^iando revertunt in pairiam, dicunt eis 
parentes ^Quid es?^ Bespondent quod sunt nihü, sed studuerunt in 

Poesi. tunc parentes non sciunt quid est Et dixit mihi 

quod ipse LiptsAgTc olim habuit quadraginta domicellos, et quando 
ivit in Ecclesiam vd ad forum vd spaciatum in Rubetum, kmc 
iverunt post eum. et fuit tunc magnus excessus studere in poetria. 
et quando unus confUebatur in confessiane quod occulte audierü 
Virgilium ab uno baculario, tunc Sacerdos imponebat ei magnam 
penitentiam . . , et iuravit mihi in conscientia sua quod vidit quod 
unus magistrandus fuit seiectus^ quia unus de examina/toribus semd 
in die festo vidit ipsum legere in Terentio (folgt eine Klage 
über Verminderung der Studenten an den üniyersitaten und das 
Gebet quod moriantur omnes poete). Ähnlich ep, 7 (p. 12). 17 
(p. 26). ep. noy. 63 (p. 285).^) 



1) Ib. 393 f. 

2) Ib. 472 f. 

3) Hans Sachs* Meisterlieder aus der Jugend des Dichters (1511 — 1520) 
beschäftigen sich, wie mit andern scholastischen Problemen, so auch mit 
den 7 arte 8. Seit 1523 ist davon nichts mehr zu merken: er ist ein Käm- 
pfer für die Gedanken der Reformation geworden und nun nimmt er seine 
Stoffe teils aus der Bibel, teils aus den ihm durch Übersetzungen bekannten 
Autoren, die der Humanismus erweckt hatte: cf. R. ▼. Liliencron 1. c 
(S. 728, 1) 39. — Es hat lange gedauert, bis die artes gftnzlioh beseitigt 
waren: Salutato ruft in dem Elagebrief über Petrarcas Tod: fletU totmm 
trwium atgue quadrivium (Colucci Salutati ep. ed. Bigaooi [Flor. 1741] 11 
ep. 7 p. 58). Im J. 1489 schrieb Alonio de la Torre La Tinon del^ytable 
de la Filosofia j artes Liberales (Tolosa 1489; 8. Ausg. Sevilla 1638); nach 
der Inhaltsangabe des (&a£serst seltenen) Werkes bei L. CSanu, DarstelL d. 



Kampf der auctores gegen die artes. 747 

span. Litt, im Ma. 11 (Mainz 1846) 169 ff. treten hier die 7 Künste wie bei 
MartianuB Capeila auf. Im J. 1588 schrieb GuiUamne Telin ein Brey Som- 
maire des sept Vertus, sept Arts liberaux (Paris 1688), mir unbekannt. 
Einiges ÄhnHche bei K. Hartfelder 1. c. (S. 745, 2) p. XVm f. — Gewisser- 
mafsen eine Übergangsperiode bezeichnet der Bildungsgang des Heidelberger 
Humanisten Peter Luder, cf. seine im J. 1456 gehaltene Antrittsvorlesung 
(ed. Wattenbach in: Z. f. d. Gesch. d. Oberrheins XXH [1869] 100 ff.) p. 102 f.: 
nachdem er die (Mrtes gelernt habe, t^ ad hasce omnes aut ad tmamquamque 
ülarum verum et infaMihüe fM/ndameiitwn miehi ponerem, ad studia hunumi- 
tatiSj historiographoe oratores scilicet et poetas^ toto me mentis ardore convertk 



Zweiter Abschnitt. 

Der Stil der lateinisclieii Prosa im Mittelalter 

nnd im Hnmanismns.') 



Erstes Kapitel. 
Der Stil der lateinisclien Prosa im Mittelalter. 

Der alte Wir haben gesehen, dafs sich die scheinbar so yerschieden- 

neue stiL artigen Stilarten» des Altertums sehr einfach unter zwei Gresichts* 
punkte fassen lassen: die klassicistische Richtung ist re- 
aktionär, ihre Vertreter schreiben in einem durch Nach- 
ahmung erlernten alten Stil; die Vertreter der neo- 
terischen Richtung passen ihren Stil der jeweiligen 
Zeit an, sie schreiben modern. Der alte Stil hält sich bei 
einigen Autoren, die ein besonders ausgebildetes stilistisches An- 
empfindungsvermogen besitzen, auf einer anerkennenswerten Hohe, 
macht aber den Eindruck des Künstlichen und Erlernten; der mo- 
derne Stil steht mitten im Leben und degeneriert mit ihm in dem 
langsam, aber stetig fortschreitenden Prozefs des Verfalls, der 
besonders fühlbar wird, als die Barbaren das Reich über- 
schwemmen und den Stempel ihrer Anästhesie der Litteratur 
aufdrücken. Auch im Mittelalter laufen die beiden Stile 
nebeneinander her. 

1. Der alte StiL 



mus. 



KiMsioii- Den künstlich archaisierenden Stil suchten, so gut sie es 

vermochten^, alle diejenigen Männer anzuwenden, deren Tendenz^ 

1) Besonders für das Ma. beschränke ich mich auf die Darl^ixuig nur 
der Hauptrichtongen, da alles Einzelne für mich kein Interesse hat. 

2) Grammatische Fehler kommen selbst bei den Besten, wie Einbari, 
Yor. Denn man mafste die Sprache ja mühsam erlernen, daher wurde keine 
der artes mit gröfserem Eifer getrieben als die Grammatik. In dem 
Katalog der Bibliothek Yon York, den Alcnin de sanctis Eboricensis eode- 



Elassicismas: Einhaxt, Paulas Diaconns. 749 

wie ich im yorigen Abschnitt zeigte, eine klassicistiBche war. 
Der Stil Einharts ist yon Manitins 1. c. (oben S. 694, 2) yor- 
trefflich behandelt worden; er hat sich in die Diktion der Hi- 
storiker so hineingefühlt, daüs er yiele Sätze hat, deren sich 
Caesar und Liyios nicht geschämt hätten, z. B. um beliebig 
einen herauszugreifen yit. Gar. 9: cum enim assiduo ac paene 
continuo cum Scixonibus belle certaretur, disposüis per congrua can- 
finiarum loca praesidiis Hispaniam quam maximo poterat belli ap- 
paratti aggreditur, säUugue Pyrenaei superato omnibus quae adierat 
oppidis atque casteUis in deditionem acceptis sälvo et incolumi exer-^ 
diu revertitur. Besonderes Interesse hat der Nachweis von Ma- 
nitius p. 548 f.; dafs Einhart in seinen nicht streng historischen 
Werken in einem andersartigen „deutsch - lateinischen'' Stil 
schreibt: man sieht daraus, dafis derjenige der historischen Werke 
mühsam studiert ist: freilich lälst sich ja das Gleiche bei Huma- 
nisten wie Petrarca konstatieren, dessen Briefe salopper sind als 
seine Geschichte Caesars. — Paulus Diaconus schreibt nicht 
ganz so rein und klassisch wie Einhart; er besafs aber doch ein 
lebendiges GefElhl fQr den guten Stil, wie seine yon Mommsen 
(in: N. Arch. d. Ges, f. alt. deutsche Gesch. V [1879] 53, 1) nach- 
gewiesenen stilistischen Besserungen an Gregor y. Tours zeigen; 



siae y. 1540 ff. giebt, befinden sich yon heidnischen Autoren nur wenig 
(8. oben S. 697), aber eine ganze Reihe Grammatiker: Probus, Focas, Do- 
natus, Priscianus, Servius, Eutjehius, Pompeius, Comminianus. Besonders 
bezeichnend ist der im J. 960 geschriebene Brief des Italieners Gunzo an 
die Mönche yon Beichenau (bei Martine et Durand, Ampla collectio I 
[Paris 1724] 894 ff.) Im Kloster 8t. Gallen, wo er halb erfroren nach der 
langen Reise aus Italien angelangt war, hatte er das Unglück, den Akku- 
satdy fOr den Ablativ zu gebrauchen, worauf ein St. Galler pusio, wie er 
ihn nennt, ein Spottgedicht yerfafste, in dem es u. a. hiefs, dafs der Greis 
Gunzo Prügel verdiene wie ein Schuljunge, um sich nun zu rechtfertigen, 
schreibt er diesen mit aller möglichen Gelehrsamkeit vollgepfropften Brief, 
in dem er sich aber einmal (p. 298) doch zu dem Gest&ndnis herbeiläfst: 
faiso putavU 8, GaUi monachuB me remotum a scienHa grammaticae artis, 
Ueet aliquando retarder U8u nostrae vulgans Unguae, quae latmitati vicina 
ttt Für die zahUosen spätmittelalterlichen Grammatiken ist für alle Zeit 
grundlegend die berühmte Abhandlung von Gh. Thurot, Not. et extraits de 
divers mss. lat pour servir ä. lliistoire des doctrines grammaticales au 
moyen fige in: Not. et extr. des ms. XXII 2, Paris 1868. Wesentlich auf 
Grund davon Fr. Eckstein, Lat. u. griech. Unterricht (Leipz. 1887) 54 ff. ; cf. 
auch G. Salvioli 1. c. (S. 696) XIY 732 ff. 



750 ^ei^ Stil der mittelalterlichen Prosa. 

über sein Werk als Ganzes urteilt Mommsen 1. c. 53 f.: ,;Wer 
auch nur einigermafsen die stammelnden und stümperhaften 
Schriftstücke kennt, wie sie in jener Zeit yerfertigt wurden, der 
betrachtet mit Verwunderung und zuweilen mit Bewunderung 
dieses durchaus klare, meistens bequeme Latein, diese yerstan- 
dige und doch aller Affektierung frei stehende Wortfügung, diese 
Fähigkeit zu gestalten und zu stilisieren.'' — Für den Stil des 
Seryatus Lupus erinnere ich an jenen Brief, in dem er seinen 
Freund Einhart beglückwünscht, dais er yon dem häfslichen Stil 
der Modernen zu dem eleganten Ciceros und anderer (mdtores zurück- 
gekehrt sei (o. S. 702 f.), und an den andern, in dem er die Lektüre 
der Alten als Mittel fCLr die Zierde der Bede und für die Politar 
des Ausdrucks hinstellt (o. S. 701 f.). — Sein Schüler Heiric, Mönch 
y. Auzerre, schreibt gewandt und einfach in seiner Epistel an 
Earl den Kahlen, was um so deutlicher heryortritt, weil er zwei 
Briefe aus dem Anfang des Vll. Jh. einlegt, deren Stil geschwollen 
und y erzerrt isi^) — Von Gerbert wurde bemerkt (o. S, 707), 
daCs sein Stil wirklich etwas yom ciceronianischen Ethos habe. 
— Li dem auf Gerberts Veranlassung yerfeübten Geschichtswerk 
seines Schülers Rieh er tritt jene ganz an die humanistische 
Historiographie erinnernde Manier, antike Bezeichnungen auf 
mittelalterliche Begriffe unmittelbar zu übertragen, die wir schon 
bei Einhart und Widukind antrafen (S. 694. 710, 1), stark heiror: 
„er macht einen Grafen zu einem vir consulariSf er spricht yon 
Legionen und Cohorten, nennt, indem er die in Caesars Commen- 
tarien gegebene Einteilung Gralliens auch für seine Zeit festludt^ 
die Lothringer Belgier."*) — Alle überragt Lambert yon 
Hersfeld, nicht als ob seine Sprache im einzelnen durchaus 
korrekt wäre (im Gegenteil ist ihm darin z. B. Einhart über- 

1) AA. SS. Jul. Vn 221 ff. 

2) A. Ebert L c. (o. S. 660, 1) UI (Leipi. 1887) 441. Ähnliches ans an- 
dern ma. Schriftetellem : F. Bühl, Die Verbreitoiig des Iiutmua im Ma. 
(Leipz. 1871) 13, 1, wo aber ein Haaptbeispiel fehlt: Ekkehart lY (f 1060) 
spricht in den Casus S. Gkdli von einem ^Senat der Brüder*, yon einer toga 
praetexta, bei der Beschreibung des UngameinfaDs yon priwmpäana, prim ' 
cerii$8^ hgiones; er nennt Petras einen himmlischen 'Consul' und Gallns 
einen himmlischen ^Prätor*: die Stellen bei G. Meier, Gesoh. d. Schule ▼. 
St. Gallen im Ma., in: Jahrb. f. schweix. Gesch. X (1886) 96. Wir werden 
weiter unten die gleiche Erscheinung in der Zeit der Benaiswaoe wieder- 
finden. 



ElasBiziamuB: Seryatos LupuB, Gerbert, Lambert. 751 

legen): aber er hat es yerstanden, die PriU^iBion Sallusts und die 
Behaglichkeit des Livius in einer Weise zu yereinigen, dais man 
ihm seine Bewnndenmg nicht versagen kann. Die Nachahmung 
ist nicht so schablonenhaft wie die Einharts und gewinnt da- 
durch an Frische und Beweglichkeit. Wenn er sich nicht scheut^ 
germanische Namen und Bezeichnungen zu gebrauchen, so spricht 
das nur für seinen Takt, der ihm das Übermafs als pervers er- 
scheinen liels und der ihn befiLhigte, trotz des gelehrten Studiums 
der Antike ein von nationalem Geist durchwehtes, sowie ein in- 
dividuelles Werk zu schaffen. Die Kunst schlagender Charak- 
teristik und der Ableitung von Ereignissen aus ihren Ursachen 
hat er dem Sallust, die Kunst der Erzählung in langen, aber 
nicht überladenen Perioden dem Livius abgelernt. Die Figuren 
der Rede (besonders die Anapher und das Homoioteleuton) ver- 
wendet er mit einem stilistischen Anstandsgefühl, das den meisten 
Autoren des ausgehenden Altertums und des Mittelalters abgeht. 
Von der Proprietät der lateinischen Wortstellung hat er, was 
stets etwas Besonderes ist, ein lebhaftes BewuTstsein. Man kann, 
wie bei Einhart, so auch bei ihm beobachten, daJs er da besser 
schreibt, wo er sich an antike Vorbilder anlehnen kann, als da, 
wo er auf sich selbst angewiesen ist; z. B. ist eine geschickte 
Nachahmung des Livius (U 6)^) die Stelle ann. p. 71 f.^) nee 
mora: dato müitHms signo ad pugnam equis subdunt caicaria et 
pari utraque pars audacia, paribus odiis in mutua vulnera ruunt 
ibi in prima fronte Brun et Otto, ambo pleni irarum, ambo sui 
legendi inmemores dum hostem ferirent, tam concitatos in sese vi- 
cissim impetus dederunty ut uterque aUerum primo incursu equo ex- 
ctissum letali vulnere transfoderet. omissis ducibus aliquamdiu tUram- 
que aciem anceps pugna tenuit. sed Ecberdus, qtiamquam gravüer 
sauciuSy dolore tamen interempH fratris efferatuSf rapido cursu in 
confertissimos hostes praecipitem se mittit, Bemhardi cofnitis filium^ 
egregium adolescentem sed vixdum müiciae maturum, interficit, cae- 
teros languidiuSy quoniam ducem perdidissent, pugnantes in fugam 
eonvertii; di^egen ist in der Wortwahl und Periodisiemng unbe- 
holfener z. B. p. 75 ego exacta peregrinatione lerosolimiiana XV, 



1) Bemerkt von L. Bockrohr in: Forsehimgen z. dentsch. Gesch. XXV 
(1886) 671 ff. 

2) Ed. 0. Holder-Egger, Hann.-Leipz. 1894. 



752 1^6r Stil der mittelalterlichen Prosa. 

Käl, Octobris ad monasterium reversus sum, et quod in omni iUa 
profediane mea praecipuum a Deo postidaveram, Meginherum ab- 
totem superstitem inveni. timAam scüicet, quoniam sine benedictiane 
iUius profectus fuissem, si offenstis inreccncUiatusque decessissd, 
magni criminis reum me teneri apud Deum. sed non abfuit pro- 
picia divinitas redeunti, quae tanto ülo iUnere sepe usqtie ad tdti- 
mam necessHatem periditatum misericordissime texerat. incolumem 
repperi, peccatum indulsit. Alles in allem wird man sagen dürfen^ 
dafs es im Mittelalter keinen Schriftsteller gegeben hat, der ihm 
in der Kunst der Nachahmung guter antiker Muster und gleich- 
zeitiger Wahrung von Originalität und Individualität überlegen 
crewesen ist, und dafs es der Greschichtsschreibunir des Humanis- 
L der Renaissance erst nach vielen Irrwegen gelungen ist^ 
ihren mumienhaften und yemunftwidrigen Charakter abzulegen 
und auf die Höhe des Könnens jenes einfachen Mönchs zu ge- 
langen.^) — Auch lohannes Sarisberiensis und die zu jenem 
Ejreise gehörigen Männer (z. B. auch Abälard^) bemühen sich, 
ihrer antischolastischen klassicistischen Tendenz gemäüs einfach 
und korrekt zu schreiben. Derartiges würde sich noch mehr 
anführen lassen^), doch kommt es mir, wie bemerkt, weniger 
auf das Einzelne an, das ich doch nur unyollkommen beherrsche, 
als auf die Skizzierung der Hauptrichtungen. 

1) Einzelne Nachweise für die von ihm gelesenen Autoren giebt Holder- 
Egger 1. c. 399 ff. und in: N. Arch. d. Ges. f. alt. deutsche Gesch. IX (1884) 
296 ff. — Der Stil Ottos von Freising steht, wie ich mich durch die 
Lektüre von ein paar Kapiteln überzeugte, nicht auf der Höhe des Lam- 
bert^schen; durch die EinfÜgimg von Versen (meist vergilischen) und ma- 
nierierte Wortstellung hat er ein mehr mittelalterliches Gepi^e und den 
für die reine Latinität verderblichen Einflufs der Pariser Scholastik glaubt 
man auch an seiner Sprache und seinem Stil zu merken. Immerhin gehurt 
er sowie sein Fortsetzer Bähe w in (bei dem das für Otto nicht direkt nach- 
weisbare Studium des Sallust hervortritt, ohne dafs er sich dessen Art so 
zu eigen gemacht hätte wie Lambert: er begnügt sich meist mit wörtlichem 
Abschreiben, cf. G. Jordan, B.*s gesta [Diss. Strassb. 1881] 80 ff.) zu den 
besseren Stilisten des Ma., die sich die barbarischen Auswüchse des Mode- 
stils fem gehalten haben. Ein paar Bemerkungen über Otto bei W. Lü- 
decke, D. bist. Wert d. I. B. von 0. v. F. (Diss. Halle 1884) 18 ff. 

2) Cf. S. Deutsch, P. Abälard (Leipz. 1888) 62 f. 

8) Z. B. sind merkwürdig korrekt die Predigten und Briefe des in 
Oberitalien gebildeten Abts von S.-Bänigne Wilhelmus (962 — 1081), was mit 
Becht als bemerkenswert hervorhebt G. Chevallier, Le vänärable Guillaume 
(Pans-Dijon 1875) 211 (dort 218 ff. sind seine Werke veröffentlicht). 



Neoterismas: Dante. 753 



2, Der neue StiL 



In ihm pulsiert noch wirkliches Leben: wenn er bizarr, negenara- 
phantastisch; grell, yerschnorkelt ist^ so offenbart sich eben darin 
die herrschende Geschmacksrichtung des Mittelalters. Es giebt, 
soviel ich weÜB^ kein fQr die stilistische Geschmacksrichtung 
des Mittelalters bezeichnenderes und durch den Namen seines 
Urhebers interessanteres Zeugnis als dasjenige Dante's^) de 
Yulgari eloquentia II 6*): 5ti9t^ gradus constmctionum quamplures, 
videlicet insipidus, qui est ruJium, ut: „Petrus amat midtum domi" 
nam Bertham". est pure sapidus, qui est rigidorum scholarium vel 
magistrorum, ut: „Piget me civitatis^, sed pietatem maiorem iUarum 
hdbeOf quicumque in exilio tcibescentes patriam tantum somniando 
revisunif\ est et sapidus et venustuSf qui est quorundam superfide 
tenus rhetoricam haurientium, ut: ,Jjaudabüis discretio marckionis 
Estensis et sua magnificentia, praeparata cunctiSj illum facit esse 
düectum". Est et sapidus et venustus, etiam et excelsus, qui est 
didcUorum iUustriuin, ut: jyEieda maxima parte florum de sinu 
tuOy Fhrentia, nequicquam Trinacriam Totüa^) sems adivü'*. hunc 
gradum constructionis excellentissimum nominamus, et 
hie est, quem quaeritnus, cum suprema venemur, ut dictum 
est Ihn hält er einzig brauchbar für die hohe Gattung der 
Poesie, und in seiner Prosa befolgt er ihn selbst. Also die 
Einfachheit und Natur wird verpönt, der Schwulst und die Un- 
natur sanktioniert.^) Das liefse sich aus allen Jahrhunderten 
belegen, doch fehlt mir dazu die Lust. Eine Hauptfundgrube 
sind die Acta Sanctorum, über die der Card. Pitra eiaige feine 



1) Über seine Stellnng zum Ma. am besten A. Wesselofsky in seiner 
Ausgabe des Paradiso degli Alberti I 2 (Bologna 1867) 9 ff., besonders auch 
p. 16 f. über seine Stellung zu den artes. Cf. auch B. v. Liliencron 1. c. 
(S. 728, 1) 29 ff. Über sein Verhältnis zu den klassischen Studien : J. Schuck 
in: Fleckeisens Jahrb. XCII (1865) 258 ff. 

2) Vol. II > 216 in: Opere minori di D. Alighieri ed. FraticeUi, Flo- 
renz 1861. 

8) CuncHs edd., corr. E. Böhmer, Über D.'s Schrift de yulgari eloquentia 
(Halle 1867) 22, 8. 

4) D. h. Carl v. Valois (FraticeUi). 

5) Qanz ähnlich ist eine Äufserang des Rieh, de Bury (1287 — 1845) 
1. c. (o. S. 740, 2) 7. 



764 I)er Stil der mittelalterlichen Prosa. 

hierher gehörige Bemerkungen gemacht hat^), die sog. Prosen 
und Tropen des X. und XI. Jh.*), die sog. ^dictamina', worüber 
genaueres im Anhang ü, die in absichtlich dunkler Latinitat 
yerfalsten Werke. •) — Auf andere Weise degenerierte der Stil 



1) Histoire de S. L^ger, ey^qae d'Autnn et martyr, et de T^lise des 
Francs au septi^me si^de (Paris 1846) p. LXXXYI fiP. Natürlich sagen fiut 
alle diese Skribenten in der Vorrede, daiÜB sie in roher, unwürdiger Sprache 
schrieben (s. oben S. 696, 1). Nur selten ist das nicht rhetorische Floskel^ 
sondern Wahrheit, cf. Merryweather, Bibliomania in the middle ages (Lond. 
1849) 108. 

2) Cf. L. Gantier, La po^sie religieuse dans les dottres des IX® — XI* 
si^les (Paris 1887) 88 ff. Sie gehören mit zn dem Haarstrilabendsten, was 
je in lateinischer Sprache geschrieben ist: Schwulst und Unnatur feiern 
bacchantische Orgien, und dabei yersichem diese „Dichter** gewöhnlich, 
dafs sie einfach wären. Das Wunder von Eana wird beschrieben: naturas 
lymphoeas hodie mutavit in saporiferoa hatuttis (p. 86 Gautier); die Heiligen 
heifsen pleba martyriea, tarn wranica^ sorte hgica phalanx deiea (p. 87), na- 
türlich auch Wortspiele wie lauream regni Unet LaurenHuB (p. 40), nnd so- 
gar tibi {deo) eahibet Phoeba ac Titan digna famiäitia (ib.). Cf. auch O. 
Dreves, Anal. hynm. med. aeyi YU (Leipz. 1889) 10 ff. Das Einzige, was 
ihnen einigermafsen an die Seite zu stellen ist, sind die Hisperica fa- 
mina, an die sie auch durch ihre wunderliche Sprachmischerei (griechische 
Brocken oft halb mifsverstanden) und wahnsinnige Neubildung besonders 
Ton Adjektiven (allein yon Bildungen mit -fluus finden sich in den ^(Ge- 
dichten': laudifluus, dulcifluw, eUmifluua, mellifiuua) erinnern, sowie der 
Liber de planctu naturae des Alanus de Insulis (210, 481 ff. Migne) 
aus s. Xn. 

8) (3f. W. Giesebrecht 1. c. (S. 693, 8) 22 f. A. Ozanam, La cirilisation 
chr^t. chez les Francs p. 645, 1. V. L. Clerc, Hist. litt, de la France au 
XIV. siäcle, 2. ^d. I (Paris 1866) 428. Z. B. (aufser den Hisperica famina) 
aus dem X. Jh.: Atto iunior Vercellensis episcopus, polypticum ed. A. Mai 
in: Script, vet. nov. coli. VI 48 ff., worüber jetzt besonders G. Gk>etB, Über 
Dunkel- u. Gteheimsprachen im späten u. ma. Lat. in: Ber. üb. d. Verh. d. 
S&chs. Ges. d. Wiss. 1896, 62 ff. Aus dem Xm. Jh.: Brief eines Mag. Adam 
Balsamiensis (ein Engländer) ed. M. Haupt in: Berichte der Sachs. Ges. d. 
Wiss. 1849, 276 ff. (er fängt an: fakae tholum cillentibui radOs eon^aieuum 
cum iam prospicerem, (xccelerantem eece morahctntur tesqua cmhi sooMs, du- 
mtta cwn quisquüiis, et confraga rubetis eireumvdllata) und das 'disUgium^ 
ed. in: Not. et eztr. XXVÜ 2 p. 27 ff. Gegen solchen Stil (besonders die 
tolle Wortstellung) eifert s. X Bather y. Verona phrenesis c. 8 (186, 869 
Migne) und s. Xu der deutsche Cistercienser Günther (cf. A. Pannenlxttg 
in: Forsch, zur deutschen Gesch. XTII [1878] 262 ff.), de oratione etc. bei 
Migne 212, 104. Boncompagno (Prof. der Grammatik in Bologna s. XU) 
bei G. Tiraboschi, Storia de la litteratnra Italiana IV (Modena 1788) 466. 



Neoterismus: Mischung von Prosa und Vers. 755 

in der Spätzeit der Scholastik. Jene Schriftsteller mit ihrem 
barbarisch tättowierten Stil glaubten schon zn schreiben und 
verwandten unsägliche Mühe darauf^ ihre Farbenklexe überall 
anzubringen: die Scholastiker, denen es nur auf ihre subtilen 
Distinktionen ankam, yemachlässigten die ästhetische Seite der 
Sprache ganz und gar und liefsen sie auf ihre Art verwildern,^) 
Die exakte Grammatik wurde von oben herab angesehen: sie 
mufste der Logik und Dialektik weichen.^ 

Nur von drei Erscheinungsformen des mittelalterlichen Stils 
will ich in aller Kürze handeln, weil sie für ihn am bezeichnendsten 
sind und sich unmittelbar aus der antiken Tradition ableiten 
lassen. 

a. Die Mischung von Prosa und Vers. 

Die Anfänge reichen, wie wir sahen (o. S. 74 f. 109 f.) in die Antike 
Zeit des Gorgias und Piaton zurück. Die Neigung der Kyniker ^°'«*"8*'' 
zur Parodie, besonders von Versen Homers und der Tragiker, 
mag dem Menippos von Gadara im III. Jh. v. Chr. den Anlafs 
gegeben haben, in seinen burlesken, der Komödie stark ange- 
glichenen Kompositionen Prosa und Vers mit einander wechseln 
zu lassen^): in welcher Art freilich und in welchem Umfang, ist 
uns nicht mehr möglich, auch nur zu vermuten; wenn wir aus 

1) Cf. S. Deutsch, P. Abälard (Leipz. 1883) 62 f. — In der ffist. litt, 
de France XXIII 226 wird hingewiesen auf ein paar Verse der Vie St. 
Thomas le martir von Quemes du Pont de St. Mazence (geschrieben 1175) 
ed. Imm. Bekker in: Abh. der Berl. Akad. 1838, 55: 

Deuant le pape esturent U messagier real. 
aJquant diseient bien, pluisw diseient mal, 
li aJquant en Latin, tel ben tel anamal, 
tel gui fist personel del uerbe impersonal, 
singuler e plu/rel aueit tut par igal. 

2) Cf. aus s. Xn den Brief des Boncompagno bei Ch. Thurot in: Not. 
et Extr. des ms. xyn (1868) 90, 2 : cum sit grammcUica lac primarium, quo 
addiscentium corda nutriuntur, miror quod sine ülius notitia te ad diaiecticam 
transtulisti: nam gui partes ignorat, se ad artes transferre non debet, guia 
non convalescit plantula gue humore indiget primitivo, worauf der Student 
antwortet: ars grammatica potest male asinarie assimilari, gue, dum laborioso 
impulsu volvitur, grana in farinam convertü, de gua ß nutritivus panis per 
adiutoria su^cessiva. unde cupio per auxilium dialetice gramaticam adiuvare. 
sane gui proficit in dialetica, gramaticam non öbmittit S. auch o. S. 712, 1. 

3) Cf. R. Hirzel, D. Dialog I (Leipz. 1895) 389. 

Norden, antiko Kunitprosa. II. 49 



756 Der Stil der mittelalterlichexi Prosa. 

der bewufsten Nachahmung seines Landsmannes Lukian einen 
SchluTs auf Menippos selber ziehen dürfen, so würde er nur 
parodierte Verse eingelegt haben. ^) Ob in dem Roman des 
Aristides Verse in die Prosa eingelegt waren, wissen wir ebenso 
wenig sicher: immerhin ist es möglich, weil sein Übersetzer 
Sisenna von Fronto 62 N. mitten zwischen Dichtem genannt 
wird und weil eins der aus Sisenna citierten Bruchstücke nach 
Rhythmus und Sprache poetisch ist.^) Erst bei den lateinischen 
Schriftstellern kommen wir auf festeren Boden, denn bei ihnen, 
die stilistisch viel ^a%vrBQov waren, hat bezeichnenderweise diese 
bizarre Art der Komposition, die bei den Griechen nie recht in 
Aufnahme kam und gewissermafsen nicht als salonfähig ange- 
sehen wurde (das zeigt die ausführliche Verteidigung Lukians), 
sich grofser Beliebtheit erfreut. Varro, stilistisch alles weniger 
als ein Feinschmecker, hat sie — angeblich in Anschluls an 
Menipp, vermutlich aber dessen xigiteg vergröbernd — einge- 
bürgert; ihm sind dann die andern gefolgt, deren allbekannte 
Namen ich nicht aufzuzählen brauche.') 
Bai lüttei- Für das Mittelalter wurde nun entscheidend, dafs danmter 
*^**^'' seine beiden Hauptautoren, Martianus und Boethius, waren. Zu 
einer Zeit, als alles Krause und Bizarre des Stils für schon galt, 
war die Mischung von Prosa und Vers für den hohen Stil aufser- 
ordentlich beliebt. Man prägte auch einen eignen Namen dafür, 
der in den Stilistiken des XII. und XIII. Jh. auftaucht: prosi- 
metrum.^) Beispiele brauche ich nicht anzuführen, da die That- 



1) Dafs das nagtodsiv (sowohl als einfache ii^fir}ai^ und als Travestie) 
jedenfalls eine besondere Rolle spielte, zeigt noch die Nachahmung der 
Römer, cf. für Varro die Citate bei Buecheler ' p. 260 und den tgayiTibg 
TQdnos von fr. 269 ff. 423 flP., für Seneca 2. 7. 12, für Petron 4 (Lucilius), 65 
(Syrus) 119 ff. (Lucan) und die Vergücitate 68. 111. 112. 132. 

2) Nocte vagatrix bei Chans. 208 K., wozu Buecheler im Anhang seiner 
Weinen Ausgabe des Petron (3. Aufl. Berl. 1882) 237 bemerkt: carminis 
puto verha. 

3) Cf. übrigens auch Sidonius ep. IX 16. Ennodius op. 6 p. 402, 4 ff. Hart. 
Parthenius presbyter (Africa, s. VI) in Anecd. Casinensia ed. A. Reifferscheid 
(Ind. lect. Breslau 1871/2) 8. 

4) Ich kenne folgende Zeugnisse: Hugo Bononiensis rationcs dictandi, 
ed. Rockingcr in: Quellen z. bayr. u. deutsch. Gesch. IX 1 (München 1863) 
47 ff. aus dr(;i IIss. des XII. Jh. (in Salzburg, Pommersfelden, Wolfenbüttel) 
c. 2 p. 64 diio quidem dictaminum genera novimua, imum videlicet prt^saicum, 



Neoterismus: Mischung yon Prosa und Vers. 757 

Sache bekannt ist: wo die Bede einen hohen Schwung nahm, 
war der Übergang in Verse eins der bequemsten Hülfsmittel^), 
z. B. bei Gebeten^), bei den in eine Geschichte eingelegten 
Reden ^j, im pathetischen Stil der Urkunden*), in Subscrip- 
tionen^) u. s. w. Die Humanisten haben dann auch hiermit ge- 
brochen, indem sie ihren Abscheu offen aussprachen.^) 

b. Die rhythmische Prosa (s. o. S. 41ff.). 

Das merkwürdigste Dokument frühmittelalterlicher rhyth- Hiiperfo» 
mischer Prosa'') sind die durch ihre dunkle, kaum mehr als 
lateinisch zu bezeichnende Sprache berüchtigten Famina Hi- 

alterum q;uod vocatur metrictim, metricum vero . . . repperitur tripliciter: auf 
cum pedum meiisura et Carmen vocatur, vel numero dumtaxat siUabarum cum 
voaim cofisonantia et tunc riddimus (ridmus Guelf., rithmius Pom.) appei- 
Jatur, seu utroque mioctum quod quidem prosimetrum conpositione dicitur 
(folgen Beispiele). Thomas Capuanus (f 1239) dictator epistularis s. summa 
dictaminis ed. S. Fr. Hahn in seiner CoUectio mon. vet. et rec. I (Braun- 
schweig 1724) 279fF., dort 280 f. dictaminum vero gener a tria sunt a veteribus 
diffinita, scilicet prosaicum, metricum et rühmicum. prosaicum ut Cassiodori^ 

metricum ut Virgilii^ rühmicum ut JPrimatis (s. ohen S. 730, 3) quodsi ex 

his fiat commixtio, ex tali commixtione denominationem asstimit, ut dicatur 
prosimetricon sive mixtum, unde dictamen Boetii veteres prosimetricon 
appellanmt. Ganz ähnlich in einem Werk De modo prosandi aus s. XIH^XIV, 
woraus Bockinger 1. c. IX 2 (1864) einiges mitteilt, die betreffende Stelle 
p. 726. — In der Summa de arte prosandi des Conrad Ton Mure, Terfafst 
i. J. 1275, ed. Rocldnger 1. c. IX 1 wird p. 473 f. auf die Frage, ob man in 
einem Brief Prosa und Vers mischen dürfte, geantwortet, man müsse darin 
zurückhaltend sein. 

1) Cf. auch W. Giesebrecht, De litterarum stud. ap. Italos (Progr. 
Berl. 1846) 28. 

2) Cf. das Beispiel bei A. Ozanam, La civilisation chr^tienne chez Ics 
Francs (Paris 1849) 466, 1. 

3) Besonders bei Liudprand, cf. A. Ebert, G. d. Lit. d. Ma. III (Leipz. 
1887) 423. 

4) Cf. A. Giry, Manuel de diplomatique (Paris 1894) 460 if. 

5) Cf. Ozanam, Des ^coles en Italic auz temps barbares (in: Oeuvres 
compl^tes. 2. 6d. vol. n [Paris 1862]) 417. 

6) L. Castelvetro, Poetica d' Aristotele vulgarizzata et sposata (1570) 
ed. Basil. 1676 p. 21 erklärt eine solche Mischung für ein mostro wie die 
Fabelwesen der Centauren (dies Bild nach Uoraz und Lukian); nicht einmal 
prosaische Vorbemerkungen wie bei Statins und Martial läfst er gelten. 

7) Den Prosastil nennt ^wosaica wo^Zw^aftoAunarius, Bischof v. Auxcrre 
8. VII in.), bei Hericus, Vita S. Germani in: AA. SS. BoU. Jul. VII 222. 

49 • 



758 Der Sta der mittelalteriiclieii Prosa. 

sperica, denen kürzlich dorch H. Zimmers glänzenden Nach- 
weis^) eine herrorragende Stellung in der Liüeratnr- und Kultur- 
geschichte der Übergangsperiode des Altertums zum Mittelalter 
angewiesen worden ist. Sie sind, wie Zimmer bewiesen hat, 
im VI. Jh. in einem südwestbrittannischen Kloster yon einem 
Britten yerfalst, der seinen Goniratres, yor allen den irischen, 
zeigen wollte, wie man nach seiner Meinung hisperisches, d. h. 
abendländisches, ausonisches oder italisches Latein schreiben 
müsse. Über den Satzbau urteilte schon P. Geyer, der nach der 
erstmaligen Veröffentlichung durch A. Mai (Class. auci. Y 
[Rom 1833] 479 ff.) die Aufmerksamkeit wieder auf das sonder- 
bare Schriftchen gelenkt hat (in: Arch. £ lat. Lexicogr. 11 [1885] 
255 ff), richtig *), dais in den Sätzen ein bestimmter Rhythmus 
heryortrete, der durch eine ganz bestinmit normierte Wort- 
stellung innerhalb kleiner, nichtperiodisierter, sondern sich parallel 
laufender und fast gleich langer Sätze heryorgerufen werde: das 
Verbum nimmt die Mitte des Satzes ein und die übrigen Satz- 
teile werden um dasselbe gruppiert, wobei die logisch und gram- 
matisch zusammengehörigen Begriffe, besonders Substantiy und 
Attribut, fast prinzipiell yon einander getrennt werden, z. B. c. 6^: 

Titanetis olimphitim inflammat arotus täbulattim, 
thalasicum illustrat vapore flvstrum^ 
flammivomo secat polum corusco supemum, 
almi scandit camaram firmanienti.^) 

Der Verfasser that sich offenbar etwas darauf zugute, denn 
er sagt in der Vorrede c. 2: hacc compta dictaminum fxdget sparsiOj 
at nullos vitioso aggere glomerat logos, ac sospitem lecto 
libramine artat vigorein et aequali plasmamine, nieUifluam 
populans ausonici faminis per gutttira spargineni; er scheint, wie 



1) Nennius vindicatus (Berlin 1893) 291 flF.; s. auch o. S. 754, 2. 3. 

2) Cf. übrigens schon A. Ozanam, La ciTÜisation chrätienne chez les 
Francs (Paris 1849), 481, der das Ganze nennt ime sorte de po€m en 
prose. 

3) Ed. J. Stowasser in: Jahresber. über d. Franz-Joseph-Gymn. in Wien 
1886/87, cf. dens. in: Arch. f. lat. Lexicogr. EI (1886) 168 ff. 

4) Die einzelnen Kola, die ich als Verse abgeteilt habe (cf. Hartel in: 
Z. f. d. östr. Gymn. 1888, 471), sind in einigen Hss. meist durch grofse An- 
fangsbuclistaben gekennzeichnet, cf. Zimmer in: Nachr. d. Ges. d. Wies, zu 
Göttiugeu 1895, 154. 



NeoteriBinus : Rhythmische Prosa. 759 

J. Stowasser 1. c. 17 bemerkt, das Kunststück der daktylischen 
Poesie abgelernt zu haben, in der Wortverschränknngen wie 
mollia luteola pingü vaccinia calta (Yerg. ed. II 50) 
mollia securae peragebant otia gentes (Ovid met. I 100) 
beliebt gewesen seien, doch hat die Zwischenstellung des Yerbum 
zwischen Substantiv und Attribut, wie sie ja auch z. B. Cicero 
besonders an gehobenen Stellen liebt, in der spätlateinischen 
Litteratur genug Analogieen: wird sie doch von einem antiken 
Rhetor ausdrücklich empfohlen.^) 

Mehr an die Art der rhythmischen Prosa des Querolus Anden 
(s. o. S. 630f.) erinnern die mittelalterlichen Schriftstücke, deren 
Sätze an gehobenen Stellen hexametrisch auslauten, z. B. 
lautet eine Stelle im Prolog der Vita S. Eligii (s. VII) ed. 
d'Achery IV (Paris 1723) p. 76: cum gentües poetae studeant sua 
figmenta prolixis pompare stilis et saeva nefandarum renovent con- 
tagia rerum, ac plürima Niliacis tradant mendacia chartis eorumqtie 
vana tantum discurrat gloria, qua veterum nectuni mendacia: ctir 
nos Christiani salütiferi taceamus \ miräcula Christi^ cum possimus 
sermone vel tenui aedificationis historiam pändere pld)i? So endigen 
in einem Brief des Bonifacius (4 p. 29 Giles) zwei sehr nahe 
zusammenstehende Sätze reüa dignoscuntur, limina latrat, und in 
einer merkwürdigen aus dem XIII. Jh. stammenden rhetorischen 
Anweisung für künftige Volksredner*) heifst es in einem Muster- 
beispiel (de naufragium passis et spoliis eorumdem): miseremini, 
venimus non dllaturi salutem, qua nos et tota patria nostra caret 
singultus et lacrymae genas madentes et ora nostra tristes praepe- 



1) Cf. lul. Vict. ars rhet. c. 20 p. 433 Halm: inter nomina aut pro- 
nominal in eosdem casus cadentia nomen diversi casus interveniat, was z. B. 
auch Martianus Capella befolgt, wenn er schreibt Y 426 mülta terrestrium 
plehs deorum u. viel dgl. Hrotsvitha Terschränkt in der Vorrede zu ihrem 
Gedicht auf Otto I. (p. 802 ff. Barack) fast prinzipiell die Worte. Über die 
Arengen von Urkunden aus der Zeit Heinrichs IV. sagt W. Gundlach, Ein 
Dictator aus der Kanzlei Heinrichs IV. (Innsbr. 1884) 82: „Das Verbum 
geht dem zugehörigen Substantivum oder Participium in der rhetorischen 
Bede mit einer gewissen Stetigkeit voran und, wenn das Substantivum mit 
einem Attribut verbunden ist, wird es in deren Mitte gestellt." Noch 
Aeneas Sylvius, Rhetorica praecepta(Bas. 1551)996 giebt als^praeceptumXIE' : 
inter adiectivum et substantivum aliquid mediare dehet. 

2) Bei Muratori, Antiquit. Ital. IV 95 ff., cf. A. Ozanam, Des dcoles en 
Italie aux temps barbares 1. c. (o. S. 757, 5) 426 f. Man lese nach dem Accent. 



760 ^f Stil der mittelalterlicheii Proea. 

di%mi, naiufragium promere nastrum. sed pietas vestrOj quod neguä 
exprimere linffuOy penset öbnäas insanis esse carmas aguis. devatio 
pia, terrae sandae succurrere voUntes^ aceinxerai armis müües quin- 
gmios d ultra iotidemque plebeias: qtws ardma p^ppis educta nor 
valäms undis ordimiSnts gemmis aeoepU in sedibus aptos. at htvevtes 
rfwigare sucH subiio reducunt ad fortia pedora remos et currens 
saUu vdoci seoabaf aequora navis. Auch in den ^Valedietiones' 
Ton Briefen sdieint es Sitte gewesen zu sein, so zu sdireiben: 
über ein Werk, in dem solche GroMormeln gesammelt waren, 
K. B. vdle raptim ex Parrhisius ada tarn coena oadenie humime soUSj 
vale ex Borna odabris decima vdocius euro, dum nox Uderat süeHÜa 
ierris etc. geeist die Schale seines Zorns aas der Tfibinger 
Humanist Henricus Bebelins, Commentaria epistolarom 
darum ^^1513) f. IX\ XX. 



c. Die Beimprosa. 

M" Das &fKHor£l£vroy war, wie im Verlauf der Toranagi^aiigenen 

B». Untersuchungen gezeigt worden ist, die wesentlichste und am 
meisten charakteristische Wortfigur der antiken Kunstprosa. Wie 
Wliebt sde auch b^im Volk war, haben wir besonders an 
Augustins lYesügten y^S. 621 ff "^ und der oben (S. 629£) angefahrten 
Inschrift eines Afrikaners gesehen. Gerade die Autoren des aus- 
gehenden Altenums in beiden Sprachen haben reichlichen Ge- 
brauch Ton ihr gemacht« und so wurde sie, wie man sagen kann, 
die eigentliche Signatur der gehobenen mittelalterlichen 
Prosa. Da nach dem seit Gorgias bestehenden StUgesetz die 
blioiQTii£VTa in gewissen, sich entsprechenden Satzteilen auf- 
treten^ so erhalt dadurch die Bede eine ausgeprägt rhythmische 
Färbung: die Reimprosa ist also eine und zwar die am hiufigsten 
Torkommende Species der rhythmischen Prosa. Das rhythmische 
Element i£t so stark, da£s man gelegentlich solche Prosa f&r 
wirkliche Verse angesehen hat, die aus Tolkstümlicher Ober- 
liefenmg in die lateinische Sprache herübergenommen seien; so 
urteilt A. Ozanam \^La cirilisation chretienne chez les Francs 
[Paris 1><49] 122 adn.) über folgenden Passus der Vita S. Galli 
''Monum. Germ. ed. Pertz II 5): ecce pereffrini renenifi/ qui me de 
templo eiecenmt. en umis illomm es/ in pelago, cui numquam 
nocere potero. volui enim reiia sua laednr, S(d wie vidmm probo 



*v. 



Neoterismus: Beimprosa. 761 

lugere. signo orationis est semper clausus nee umquam oppressus: 
„peut-etre faulril y reconnaitre le reste cCun anden chant populaire 
panni les populatums latines de la Suisse, recueüU plus tard par le 
biographe de Saint- GalV\ und in einer gereimten Partie des 
Prologs zur Lex Salica wollte in analoger Weise jemand die 
Spuren eines fränkisclien Volksliedes wiederfinden, cf. G. Waitz, 
Deutsche Verfassungsgesch. ü* 1 (Kiel 1882) 125. Das ist der- 
selbe Fehler, den Philologen und Theologen begingen, wenn sie 
aus hochpathetischen Stellen, z. B. der pseudohippokratischen 
Briefe, der griechischen Deklamatorenfragmente bei Seneca^ einer 
Stelle des [Paulus] (ep. ad Tim. I 3, 14flF.), des Homilien&agments 
am Schlufs des pseudoiustinischen Diognetbriefes, der Fragmente 
des Maecenas und des pseudoxenophontischen Eynegetikos, Verse 
herauslasen. Bemerkenswert ist, dafs in den Prosadramen der 
Hrotsvitha (s. X) die einzelnen rhythmischen, meist reimenden 
Kola durch Punkte von einander getrennt zu werden pflegen.*) 
Über die Geschichte der Reimprosa im Mittelalter zu handeln, 
muTs ich den Historikern überlassen^)'; mir genügt es, festgestellt 



1) Das hat aus der Hs. (cod. Monac. s. X) festgestellt J. Bendixen in 
seiner Ausgabe der Komödien (Lübeck 1867), praef. Xff. Z. B. Interim 
eram constematus mente. ex ostensae visianis terrore. — Postquam evigilans 
huius aolamine visianis. temperäbam tristitiam prioris. — Nam nimium can- 
fundor, cordetenus contristor, anxio. gemo. doleo super gravi impietate 
mea. — Eapido impetu adveniens, candidulam secus ine columbam repperie^is. 
cepit devoravit. subitoque comparuit. Cf. auch R. Köpke, Hrotsuit von 
Gandersheim = Ottonische Studien II (Berlin 1869) 162 ff. Die Thatsache 
scheint ganz vereinzelt zu stehen, denn eine verwandte Erscheinung (Accente 
zur Bezeichnung des Rhythmus in Prosaurkunden) dürfte noch nicht sicher 
genug festgestellt sein: cf. G. v. Buchwald, Bischofs- u. Fürsten-Urkunden 
des XII. u. Xm. Jh. (Rostock 1882) 44. 

2) Es giebt nämlich verschiedene Formen dieser Reimprosa, z. B. ist 
besonders merkwürdig eine Form des VII. Jh. : Cinq formules rhythmdes et 
assonanc^es ed. A. Boucherie, Montpellier-Paris 1867 (kurze, ganz versähn- 
liche Glieder mit eigenartigen Reimen); femer eine ganz rohe Form dieser 
Reimprosa, wo die Glieder an Länge ganz verschieden sind und unmotiviert 
ein nicht sich reimender Satz zwischen gereimte geschoben wird, cf. 
P. Scheffer-Boichorst in: Z. f. G. d. Oberrheins N. F. HI (1888) 182 ff. über 
Urkunden s. XQ. Wissen möchte ich vor allen Dingen, wann man ange- 
fangen hat, als Reim aufzufassen und zu behandeln auch solche Worte, 
die zwar auf gleiche Silben ausgehen, aber keine diioioriXsvta im antiken 
Sinne sind, weil sie von ungleicher Flexion sind, wie in dem S. 762 Anm. 2 



762 I>« 2< 

zu haben, daüi sie das Resultat einer ta eisend jiKr igen 
Entwieklnng seit Gorgias gewesen ist und die Sparen ihrer 
Entstefanng durchaus bewahrt hat: dazu gdLÖrt, dad sie sich nur 
(oder doch fast aosschHeisIich} an gehobenen Steüoi findet^ 
z. B. mit besonderer Vorliebe in den Arengen, d. h. den hoch- 
rhetorischen Exordia der Urkundoiy und dad sie, wozu der 
Parallelismus der Glieder von sdbet führte, gern in der Figur 
der Antithese auftritt.^ Man nannte diese Schreibart entweder 
allgemein Maus retkcricHS^) oder später, als man für die einzelnen 
Stile besondere Xamen er&nd, stäms Isidariimus.^) Die Huma- 



angefahrteii Beispiel renere — habere, oder bei HzotffTitha adoni — ere- 
WMtri etc. — Ist ferner die besonders stark mo^eprägte Beunpro«a der 
Chronik des fog. Isidoms ron Beja geschrieben 7»4 in Säd5panien\ woraus 
R. Dozj, Becherches snr V histoire et Im Utteratnre de Y Espagne pendant 
le mojen äge. Ed. 2 I «Xejden 18<o; 2 ff., Proben Toeffentlicht hat, auf 
Bechnnng des Arabischen za setzen oder hat man anch sie ans der Eni* 
Wicklung des lateinischen Stüs za erklären? Yielleicht waren beide MoÜTe 
wijiuam. — Über deutsche Beimprosa im ICttelalter cf. W. Wackeniagel, 
Hdb. d. deutsch. Nationallitt. I > (Basel 1879 § 40. 

Ij Man erkennt das z. 6. dentlich aus Ekkehart (t 1080) casus 
S. GalH, in den Mon. Germ. ed. Pertz 11 85. 

2) Cf. W. Gnndlach, Ein Diktator aus der Kanzlei Kaiser Heinrichs IV 
.""Innsbr. 1884) 32. 51. 125; z. 6. quam sicut eeteris fpeeiälius dileetione nastra 
dignamur, ita qaoqy^e nobis preciosiora eidem eeteris speeialibus addere ca- 
namur, — deus, qui et intisibHi diseiplina ut vertat animum informat et ad 
exsequenda in visünlibus guae vortrat soüicitat. — inimicos regis . , . ut sieut 
periurii infamia sunt exleges ita bonorum suorum omnium fiant tjkeredes, 
Cf. auch Hugo Bononiensis (s. XII) ars dictandi ed. Bockinger in: Quellen 
z, bajer. n. dentsch. Gresch. IX 1 (1863) 58 sunt prtter hoc duo necessaria^ 
id est coma et cola (im Ma. ist dies Wort fem. gen.), sine quibus orator per- 
fecta non utitur eloquentia. est coma divisio^ ridelicet subsequens precedenti 
non multum inpar positio, quando scilicet distinctione videntur quasi currere. 
et sint fere conpares. verbi gratia: ^restrae dilectionis et fraiemitatis litterae 
tneas ad aures usque venere: quorum presentiam vtUem si possem pre ocuJis 
semper habere \ hoc in epistola est necessarium sine quo tncoMCtfiniijfi con- 
fftat omne prosaicum (er giebt dann noch mehr Beispiele). Auch Vincentins 
BelloTacensiB behandelt im Speculum doctrinale IV c. 129 unter den Wort- 
figuren am ausführlichsten das Antitheton, gestützt auf je ein Beispiel aus 
Cicero und der Bibel (ersteres hat er aus den lateinischen Bhetoren, letzteres 
aus Augustin). 

3) Cf. Odile vita S. Maioli in AA. SS. BoU. Mai. vol. E 688. 

4) Cf. Johannes Anglicus (s. XIII) ars dictandi ed. Bockinger 1. c. 602. 



Die allgemeiiien Verhältnisse. 763 

nisten haben damit aufgeräumt^ indem sie die Anwendung des 
byLOiotiksvxov auf die bei Isokrates und Cicero eingehaltenen 
Normen zurückführten. 



Zweites Kapitel. 
Der Stil der lateinisclien Prosa in der Zeit des Hiunanlsians. 

I. Die allgemeinen Verhältnisse. 

1. Die rhetorisch-stilistische Tendenz war in dem Zeitalter^ fQr PoiemUc dor 
welches der Begriff der allgemeinen Bildung echt antik mit dem gegen aJ* 
der * Eloquenz' zusammenfiel, zwar von Anfang an stark ver-™** ^***^ 
treten, aber im ersten Jahrhundert doch noch nicht die einzige: 
man denke an Petrarcas glühende Begeisterung für das auf 
Restitution der alten Roma ausgehende Unternehmen Colas, an 
die Gründung der platonischen Akademie, an die Sehnsucht nach 
Kenntnis Homers als des Urquells der Poesie. Man kann also 
sagen: anfangs war die Verbesseruug des Stils nur eine Aus- 
strahlung des allgemeinen Ringens nach Klarheit und Reinheit 
auf Grund der Antike im Gegensatz zum Formenchaos des Mittel- 
alters. 

Schon Petrarca verglich das Monchslatein einem ver- 
krüppelten Baume, der weder grüne noch Früchte trage.*) 
Vor allem charakteristisch aber für ihn und die ganze Stellung 
des Humanismus zum Mittelalter in Fragen des Stils ist ein von 
Petrarca selbst (ep. de reb. fam. XHI 5) mit seiner gewohnten 
antiken Liebenswürdigkeit und Eitelkeit geschilderter Vorgang 
aus dem J. 1352. Zwei befreundete Kardinäle haben ihn zum 
Sekretär der päpstlichen Kanzlei vorgeschlagen, einem Amte, zu 
dem man sich seit alters die besten Latinisten aus aller Herren 
Länder kommen liefs; Petrarca hat keine Lust, sich irgendwie 
zu binden, weifs aber nicht recht, wie er mit guter Manier ab- 
lehnen kann: da kommt ihm die Kurie selbst zu Hülfe, sie fordert 
nämlich, er solle seinen hohen Stil erniedrigen, denn so gezieme 
es sich für die Niedrigkeit des römischen Stuhls. Dieses An- 
sinnen erfüllt Petrarca, wie er sagt, mit einer Freude, wie sie 



1) Cf. G. Voigt, D. Wiederbeleb, d. class. Altert. I » (Berl. 1893) 85. 



764 I^6r Stil des Humanistenlateins. 

der empfindet; der auf der Schwelle des yerhafsien Kerkers 
seinen Befreier unverhofiFk erblickt: denn in der Probeschrift ent- 
faltet er nun erst recht alle Schwingen seines Genies und ver- 
sucht eS; so hoch zu fliegen, daüs diejenigen, die ihn fangen 
wollen, ihn aus dem Gesicht verlieren möchten: und die Musen 
und Apollo stehen ihm bei: quod dictaveram^ magnae parti non 
satis intelligibile, cum tarnen esset apertissimum, quibusdam vero 
graecum seu magis barbaricum visuni est. en guibus ingeniis rerum 
summa committitur. Drei Stilarten, führt er weiter aus, erkennt 
Cicero an, den hohen, mittleren und niederen:; in dem ersten 
vermag jetzt so gut wie niemand zu schreiben, in dem zweiten 
wenige, in dem dritten viele; was aber darunter ist, iam pro- 
fecto nullum orationis ingentiae gradnm tenet, sed verborum potius 
quaedam et agrestis et servilis ejfusio est, et quamquam mille 
annorum observatione continua inoleverit^ dignüatem tarnen, 
quam naturaüter non habet, ex tempore non Jiäbebit .... Quid est 
igitur quod me poscunt? certe quo nie uti iubent et quem ipsi stüum 
nominant, non est stilus . . . Has ad scholas ire iubeor iam 
senescens, g^as iuvenis semper fugi. Den Göttern, führt er aus, 
sei Dank, dafs Cicero, Seneca und Juvenal, die gegen den Verfall 
der Beredsamkeit geeifert haben, diese Zustände nicht erlebt 
haben! Man erkennt den Unterschied zwischen der Diktion 
mittelalterlicher Menschen und der des Petrarca am deutlichsten, 
wenn man neben einander Dokumente liest, die in einer und 
derselben Angelegenheit von beiden Parteien verfafst sind, z. B. 
die Invektive des Franzosen (eines echten Pariser Scholastikers) 
gegen Petrarca und dessen Antwort^), den Brief Karls IV. an 
Petrarca*) und die — zum Teil glänzend geschriebenen — Briefe 
dieses an jenen ^); diese Dokumente sind um so bezeichnender, 
als sowohl der französische Anonymus wie der böhmische König 
(bezw. sein Sekretär) in ihren Schreiben an den berühmten 
Latinisten sich viel Mühe gegeben haben, aber ohne Erfolg. — 
In demselben Sinn hat Salutato speziell gegen die mittelalter- 



1) Beide Schreiben in der Basler Ausgabe Petrarcas vom J. 1554 
p. 1060 ff. 

2) Bei J. de Sade, M6m. pour la vio de Fr. Petr. 11 (Amsterd. 1764), 
piöce just. XXXIV. 

3) Z. B. ep. de reb. fam. X 1. XIII 1 u. ö. 



Die allgemeinen VerbfiliausBe. 765 

liehe Reimprosa geeifert^); und für alle Späteren ist, wie jeder 
weifs^ bis auf die Epistulae obscuronim viromm das scholastische 
Latein ein ^^Schlammpfuhl^ in dem sich Menschen wtlhlen, die 
man besser Schweine nenne''; „Menschen, die Gott zur Strafe in 
jenem durch Barbarei verseuchten Zeitalter habe leben lassen^, 
^^MenscheU; die mehr Soloecismen als Worte machten und die 
man daher lieber schnarchen als reden höre" und so weiter.*) 
Peinlich war es, dafs man auch Dante, den allgemein verehrten, 
von diesem Gesichtspunkt aus mitsamt den übrigen Terwerfen 
mufste*): aber das wollte nicht viel heiisen, genügten doch 

1) Da die Stelle nicht bekannt zu sein scheint, will ich sie anführen: 
Lini Coluci Salutati epistolae ed. Rigacci I (Florenz 1741) ep. 80 (p. 183 f.): 
Episcopo Florentino, vidi gavisusque sum elegantissimam illam orationetn 
vestram quam mihi dignatus fuistis (sie) vestra benignitate tranamittere .... 
Et quum omnia placeant, super omnia gratum erit, guod more fratrum 
ille sermo rythmica lucubratione non ludit, non est ibi sylla- 
barum aequalitas, quae sine dinumeratione fieri non solet, non 
sunt ibi clausulae quae similiter desinant aut cadant. quod a 
Cicerone nostro non aliter reprehenditur quam puerile quiddam, quod minime 
deceat in rebus seriis vel ab hominibus, qui graves sint, adhiberi. bene- 
dictus Sit deus, quod sermonem unum vidimus hoc fermento non 
contaminatum et qui legi possit sine concentu et effeminata con- 
sonantiae cantilena. — Ganz ähnlich verurteilt der (unbekannte) Verf. 
einer in Köln 1484 gedruckten Ars dicendi (bei Panzer, Ann. typ. I p. 292 
n. 117. Ich habe sie auf der Kgl. Bibl. zu Berlin benutzt): 1. Xm tract. VI 
cap. XII (De similiter desinente) die Beimprosa als puerilitas und erbost 
sich über quidam modemi predicatores, die sie trotzdem anwendeten. 

2) Aufser den ep. obsc. vir. vgl. etwa noch die Sammlung von K. Hart- 
felder, Melanchthon als Praeceptor Grermaniae (in: Mon. Germ. Paedag. VU 
1889) 165 ff. L. Bruni Aretini dial. de trib. vatibus Florentinis (1401) ed. 
Wotke (Wien 1889) 14f. Erasmus dial. Ciceron. (Opera 1703 vol. I) 1008 D. 
G. J. Vossius inst. orat. (1606) 1. IV c. 1. Wie selten dagegen einmal ein 
Wort der Anerkennung! Melsöichthon or. de art. lib. (1617) 1. c. (oben S. 746, 2) 
von den Scholastikern: aridi sunt ac ieiuni sermonem, fecundi sema. Muretus 
notae ad Senecam p. 383 (citiert von Mosheim in der Vorrede zu s. Ausg. 
von Vberti Folietae de linguae lat. usu et praestantia [Hamb. 1723] p. 23): 
Seneca (ep. 58) klage, dafs er tb öv nicht übersetzen könne, Thomas und 
Duns hätten es gethan und es sei unrecht, sie deshalb zu verlachen. 

3) Der Stimmung dieser Kreise leiht, ohne sie selbst zu teilen, Worte 
Lionardo Bruni in der berühmten Invektive gegen die florentinischen Trium- 
vim (1401): Leon. Bruni Aretini dial. de trib. vatib. Florent. ed. Wotke 
(Wien 1889) 20 f.: de his loqaamur qua^ ad studia nostra pertinent, quae 
quidem ab isto ita plerumqxie ignorata video, ut appareat id quod verissimum 
est, Dantem quodlibeta fratrum atque huius modi molestias lectitasse^ libff 



766 I^6r Stil des Humanistenlatems. 

späteren Generationen bei immer steigender stilistischer Em- 
pfindlichkeit nicht einmal Petrarca und Boccaccio mehr.*) 
Folgen für 2. Die vom Standpunkt der Humanisten selbst höchst Ter- 
ni»tenutoin:hängnis vollen Folgen dieser steigenden Einseitigkeit waren un- 
ausbleiblich. Sie sind für uns erkennbar in folgenden zwei für 
die ganze Eulturentwicklung sehr wichtigen Symptomen. 



autem gentilium, tmde maxime ars stM dependehat, nee eos quidem gut nohis 
reliqui stmt attigisse. d^nique ut alia omnia sihi adfuissenty at certe latinitas 
defuit. n08 vero non pudehit eum poetam appellare et Virgilio etiam ante- 
ponere, qui latine loqui non potest? legi nuper quasdam eins litUras, quas 
nie videhatur peraccurate scripsisse — erant enim propria manu atque eitts 
aigillo obsignatae — , at fnehercule nemo est tarn rudis, quem tarn inepte 
scripsisse non puderet quam ob rem, Colucci, ego istum poetam 
tuum a concilio literatorum seiungam atque eum zonariis, pi- 
storibus et eius modi turbae relinquam. sie enim locutus est, ut vi- 
deatur huic generi hominum valuisse esse frater. Das Urteil über Dantes 
lateinische Prosa wird nicht, wie die andern Beschuldigungen, im zweiten 
Teil des Dialogs zurückgenommen. — Über den Stil des Albertino Mussato 
(t 1329) cf. Voigt 1. c. 18; des Ferreto von Vicenza ib. 19; des Cola di 
Bienzo ib. 63. 60, 1 ; des Salutato ib. 201 f. ; des Giovanni di Conversino 
ib. 218. 

1) Cf. Paulus Cortesius (f 1610) de hominibus doctis (ed. Florentina 
1734): huius sermo nee est latinus et aliquanto horridior, sententiae autem 
multae sunt sed concisae, verba abiecta, res compositae diligentius quam ele- 
gantius. fuit in illo ingenii atque memoriae tanta tnagnitudo, ut primus 
ausus Sit eloquentiae studia in lucem revocare: nam huius ingenii magni- 
tudine primum Italia exhilarata et tanquam ad studia impulsa ctique ineensa 
est, declarant eius rhythmi, qui in vulgus feruntur, quantum iUe vir con- 
sequi potuisset ingenio, si latini sermonis lumen et splendor affuisset: sed 
homini in faece omnium saeculorum nato illa scribendi Orna- 
ment a defuerunt . . . . : qimmquam omnia eius nescio quo pacto sie inor- 
nata delectant... Et iisdem temporibus fuit Johannes Boccaccius . . . 
Huius etiam praeclarissimi ingenii cursum fatal^illud malum oppressit: excurrit 
enim licenter multis cum salebris ac sine circumscriptione uUa ver- 
borum; totum genus incondituin est et claudicans et ieiunum, 
multa tarnen videtur conari, multa veUe: ex quo intelligi potest, naturale eius 
quoddam bonum inquinatum esse pravissime loquendi consuetudifie. L. Vives 
de tradendis disciplinis (1631) in: Op. ed. Bas. 1565 I p. 482: non est Ofnnino 
impurus (Petrarca), sed squalorem sui saeculi non valuit prorsum 
detegere. Ant. Sabellicus de lat. ling. reparatione (Cöln 1529) 10 preist 
den Gasparinus Barziza als den ersten, qui ad veteris eloquentiae umbram 
oculos retorsit, quum mille et amplius amws semper o^nnia in peius abiissent. 
Wie viel gerechter die schönen Worte eines älteren Humanisten bei Nolhac 
1. c, (0. S. 734, 1) 426. 



Die allgeineinen Yerh&ltnisse. 767 

Erstens. Der lateinischen Sprache, die im Mittel- *) na« 
alter nie ganz aufgehört hatte zu leben^) und dem- eine tota 
gemäfs Veränderungen aller Art unterworfen gewesen ^p"®'^®- 
war, wurde von denselben Männern, die sich einbildeten, 
sie zu neuem dauernden Leben zu erwecken, sie zu einer 
internationalen Eultursprache zu machen'), der Todes- 
stofs gegeben. Die Geschichte der lateinischen Sprache 
hört damit endgültig auf, an die Stelle tritt die Ge- 
schichte ihres Studiums. Das ist von vielen modernen 
Forschern sehr richtig hervorgehoben worden'); ja, wenn man 
genau zusieht, findet man, dafs die Erkenntnis den Humanisten 
selbst nicht ganz verborgen blieb. Sie kommt deutlich zum 
Ausdruck in einem litterarischen Streit des Picus de Mirandula 
und Melanchthon, in welchem ersterer die Freiheit des scho- 
lastischen Lateins gegenüber der Gebundenheit des künstlich 
archaisierenden verteidigt (Corp. reform. IX 678 ff.). Man ver- 
gleiche ferner den in den ep. obsc. vir. (ep. 1 p. 4, 35 Bock.) 
vertretenen Standpunkt der Scholastiker: non obstat quod 
^nostro — tras — trare' non est in usu, qui possumus fingere 
nova vocabula, et ipse aUegavit super hoc Horatium (nämlich de 
a. p. 52 nova fictaque nnper hdbebunt verha fidem) mit folgenden 
Worten des Melanchthon de imitatione (zuerst 1519) p. 493*): 
cum hoc tempore tota nobis latina lingua ex libris discenda 
est, facile iadicari potest necessariam esse imitationem, ut certum 
sermonis genust quod tibique et omnibus actatibus intelligi possit, 
nobis comparemus. quis enim inteUigit istos, qui genuerunt no- 
vum quoddam sermonis genus, quales sunt Thomas, Scotus 
et similes. certa igitur aetas autorum eligenda est, qui propriis- 



1) Cf. G. Salvioli 1. c. (S. 696, 8) XIV Ö26 f. 

2) Francisc. Yayassor or. m (gehalten 1636, in: Opera ed. Amstelo- 
dami 1709) p. 203. 

3) Wohl zuerst von Fr. Haase, Do med. aev. stud. philol. (Progr. Bresl. 
1866) 26 f. Femer: Yahlen, Lorenzo Valla (in: Almanach d. Kais. Akad. 
d. Wies, in Wien XIV 1864) 193. Ch. Thurot 1. c. (S. 748, 2) 600 ff. H. Kämmel, 
Gesch. d. deutsch. Schulwesens im Übergang vom Ma. zur Neuzeit (Leipz. 
1882) 381. A. Graf, Roma nella memoria e nelle imaginazioni del mcdio 
evo n (Turin 1883) 169. H. Rashdall, The universities of Europe in the 
middle ages II 2 (Oxford 1896) 696. Alle von einander unabhängig. 

4) Ein Teil seines Werkes Elementa rhetorices ed. im Corp. Reform. 
Xin 413 ff. 



768 ^6f S^ d^s Humanisienlateins. 

sime^) etpurissifne locuü sunt.^) Petrarca selbst hatte sich freilich, 
auch darin den Instinkt und den weiten Blick des Genius be- 
während, eine durchaus freie Stellung den geliebten Autoren 
gegenüber zu wahren gewufst: wie es ihm eine Herzensfreude 
ist, wenn er sie loben, ein Gram, wenn er sie tadeln muüs, so 
will er in der imitatio durchaus nicht seine eigne so unendlich 
stark ausgeprägte Individualität verleugnen: das Nachahmende, 
sagt er einmal (ep. fam. XXIII 19), solle mit dem Nachgeahmten 
nicht die Ähnlichkeit eines Porträts, sondern die des Sohnes zum 
Vater haben: providendum, ut cum simile aliquid sit, mülta sint 
dissimüia et id ipsum simile lateat nee deprehendi possit nisi tacita 
mentis indagine, vi intelligi simile queat potius quam dici. utendum 
igitur ingenio alieno utefidumque cohribus, äbstinendum verbis: iüa 
enim similitudo latet, haec eminet.^) Das war der Standpunkt der 
grolsten Stiltheoretiker des Altertums gewesen (Petrarca kennt 
ihn aus Quintilian)^), aber wie im Altertum nur die bedeutendsten 
Stilisten, allen voran Cicero, ihn in der Praxis haben behaupten 
können, die meisten zu imitatores^ servum pectis herabsanken, so 
auch in der Zeit dieser stilistischen Wiedergeburt der Antike: 
die Last, die das gestaltende Genie leicht auf den Schultern 
trug, drückte die Epigonen nieder; statt die ^Fehler' der 
Sprache und des Stils Petrarcas zu rügen, sollte man lieber 
hervorheben, dafs er gerade dadurch so liebenswürdig und indi- 



1) Eine seltsame Laune des Zufalls, dafs ihm das Wort gerade in 
diesem Zusammenhang in die Feder kommen muTste. 

2) Cf. ib. p. 500 sMtum est, nunc de numeris praecipere, cum sonus 
Unguae latinae hoc tempore non sit mUivus. Ähnliche Äufserungen bei 
Erasmus (de rat. conscr. epist. 4 = Op. I 348 A und ep. 633 = Op. HI 724 
D — F) cf. G. Glöckner, Das Ideal d. Bildung u. Erzieh, bei E. (Dresden 
1889) 12. 

3) Besonders eingehend hat er sich darüber ausgesprochen ep. fam. XXn2, 
z. B. vitam mihi alienis dictis omare, fateor, est animus^ non stüum . . . 
Decet non omnis scribentem stilus: suus cuique fatmandus servandusque est... 
Quid ergo? sum quem priorum semitam sed non semper cdiena vestigia sequi 
iuvet . . . Sum quem similitudo delectet, non idetititas, et simili' 
tudo ipsa quoque non nimia, in qua sequacis lux ingenii emineat, 
non caecitas, non paupertas. sum qui satius rear duce caruisse 
quam cogi per omnia ducem sequi u. s. w. 

4) Das geht mit Sicherheit hervor aus seiner Randbemerkung (bei 
Nolhac 1. c. 288) zu Quint. X 2, 27 (^tmttofu), nam saepius idem dicam, non 
sit tafitum in verbis^): lege^ Silvan£, memoriter. 



Die allgemeinen Verli&ltiiiBse. 769 

yiduell schreibt im Gegensatz zu der mnmienliaften Diktion der 
Späteren. 

Zweitens. Die endgültige Beseitigung des Lateins i>) Anf- 
als lebender Sprache hatte zur Folge^ dafs jetzt den moderner 
einzelnen Yolksidiomen eine freiere Bahn zu selb- ^p*»«*»«" 
ständiger Entfaltung gegeben wurde. Denn war jenes 
Barbarenlatein bis zu einem gewissen Grade fähig gewesen, dem 
Gefühl und Denken der Menschen auch bei den praktischen, in 
Staat und Kirche eingreifenden Fragen einen deutlichen Ausdruck 
zu verleihen, so war das in dem klassischen Latein, der toten 
Sprache, nicht mehr möglich^). Dadurch hatte sich nun aber 
der Humanismus selbst den schwersten Stofis versetzt. Denn 
was waren diese Volkssprachen der Kulturländer in den Augen 
der Humanisten? Vom Deutschen und Englischen stand es 
ein für alle Mal fest, dals es Barbarensprachen seien, an die 
man blofs zu denken brauchte, um ein Fieberschütteln in den 
Gliedern zu spüren. *). Die Volkssprachen der romanischen Länder, 
das Franzosische und vor allem das Italienische selbst, mufsten 
aber den Humanisten, die linguistisch noch unwissender waren 
als die Gelehrten des Altertums und daher von einer spontanen, 
gesetzmälsigen Entwicklung der Sprachen keine Idee hatten, als 



1) Cf. Kämmel 1. c. (S. 767, 3) 381. 

2) Auch im Mittelalter galt bei den Gelehrten die Gleichung Teil- 
tonice logui und harharice lo^i. Wer liest heute ohne Lächeln die langen 
Expectorationen Otfrids in dem lateinischen Prolog zu seinem Gedicht, 
wo er sich darüber beklagt, dafs er in einer solchen agrestis lingua schreiben 
müsse? Die Barbarismen und Soloecismen dieser Sprache mifst er an der 
lateinischen, die für ihn die Norm alles Richtigen ist (p. 10 Piper). Notker 
(t 1022) mufs sich in seinem berühmten Brief (zuletzt ed. Piper, Die 
Schriften N.*s und s. Schule I 860 f.) weg^n seiner Übersetzungen aus dem 
Lateinischen ins Deutsche geradezu entschuldigen: scio quia primum ah- 
horrebitis quasi ab insuetis; sed paiUatitn forte incipiant se commendare vobis 
et prevaUbitis ad legendum et ad dinoscendumj quam cito capimvtur per 
patriam linguam, que^ aut vix aut non integre capienda forent in lingua nofi 
proprio. Solche Äi^fserungen wie diese Notkers sind gewifs ganz vereinzelt, 
die gewöhnliche Anschauung finde ich besonders drastisch ausgesprochen 
in-Ekkeharts IV (f c 1080) casus S. Galli c. 3 (MGH 11 98), wenn er den 
Teufel in seiner höchsten Not deutsch sprechen läfst: tot iam ictus et in- 
cussiones ferre non sustinens barbarice damans: au wi! mir wi! voci- 
feravit. Cf. auch R. v. Raumer, Die Einwirkung des Christentums auf i 
althochdeutsche Sprache (Stuttg. 1846) 201 f. 



770 I^er Stil des Hnmanistenlateins. 

sog. ^depraviertes Latein' erscheinen.^). So hatten sie also 
glücklich der Hydra des scholastischen Lateins den Eopf ab- 
gehauen^ aber sofort waren neue Köpfe nachgewachsen^ die sich 



1) Man sah nämlich Hunnen, Yandalen and besonders Gothen als 
die Zerstörer der lateinischen Sprache an. Dieses in solcher Einseitigkeit 
ganz wesenlose Phantom spukte in fast allen Köpfen der Gelehrten des 
XV.— XVn. Jh. ; cf. L. Valla, Elegantiae (c. 1440) 1. HI praef. (ed. Argentor. 
1617) f. 76^ postguam hae gentes (Gothi et Vandali) semel iterumgue 
Itäliae infiuentes Bomam eeperimty ut imperium eorutn ita Unguam quoque, 
quemadmodum dliqui putant, accepimtts et plurimi forsan ex Ulis oriundi 
mwius. argumento simt Codices gothice scripti, quate magna muüitudo est. 
guae gens si scriptitram ranumam depravare potuit, quid de lingua ptUan- 
dum est? M. Antonius Sabellicus de lat. ling. reparatione dialogus (Colon. 
1529) 2 und 8: die Verderbnis datiere sich ex Gothica tempestate; Erasmus 
dial. Ciceronianus I 988 (der Gesamtausgabe vom J. 170S) Gotticas voces 
atU Teutonum soloecismos. Viel Material bei: A. Schott, Tullianae quae- 
stiones (1610) 41. 43. 16S und besonders bei: Ch. Cellarius de origine ling. 
Italicae (1694) 90 ff. (in: Cellarii dissertationes academ. ed. Walch, Leipz. 
1712). Von der französischen Sprache behauptete man natürlich dasselbe, 
cf. Vavassor or. 3 (gehalten 1636) in: Opera ed. Amstelod. 1709 p. 203. 
Balzac, Oeuvres U (Paris 1666) 670. Bouhours, Les entretiens d* Aristo et 
d' Eugene (1671) 124. 139 (er citiert Jul. Caes. Scaliger, der als selbstver- 
ständlich hinstellt, linguam GaUicatfi, Itdlicam et Hispanicam linguae La- 
tinae ah ort um esse). Cf. auch unten Anhang I 4b Anm. — Sollte nicht dies 
Vorurteil einige national gesinnte und zugleich humanistisch gebildete 
Franzosen des XVI. Jh. yeranlafst haben zu den tollen Herleitungen fran- 
zösischer Worte aus dem Griechischen statt aus dem Lateinischen? Wer 
kann z. B. glauben, dafs ohne eine bestimmte Veranlassung Henri Estienne 
in seiner Schrift Conformit^ du langage fran9oyB avec le grec (1666) nicht 
gewufst haben soll, dafs frz. despense sich leichter von dispensa als von 
dandvriai.g, coin von cuneus als von ymvia herleiten lasse, oder dafs ein 
späterer Etymologe bei der Erklärung von vestement an vestimentum vorbei- 
gegangen wäre xmd iad^g als Grundwort für das Franz. aufgestellt hätte 
(cf. E. Egger, L' hellänisme en France I 110 ff.)? Die Abneigung gegen 
'gothische' Drucktypen (cf. A. ßirch-Hirschfeld, Gesch. d. frz. Litt. I 109 f.), 
hängt jedenfalls damit zusammen, ebenso die uns geläufige Gegenüber- 
stellung des 'gothischen' und ^romanischen' Baustils. — Kur wenige 
Gelehrte der früheren Jahrhunderte haben sich von dieser Anschauung sn 
emancipieren vermocht. Im XVII. Jh. waren einige ^uf dem richtigen 
Wege, indem sie mit scharfem Blick die Gothen -Theorie als falsch er- 
kannten, weil sich schon viel früher deutliche Spuren der lingua vulgaris 
fänden, z. B. wies man schon ganz richtig auf die Cena Trimalchionis hin 
und tadelte diejenigen, die aus ihr die Vulgarismen entfernen wollten. Die 
Urteile dieser Gelehrten (zu denen z. B. auch Lipsius gehörte) sind ge- 
sammelt von D. Morhof, De Patavinitate Liviana (1684) c. 6 (in seinen 



Die allgemeinen Yerli&ltniBse. 771 

trotz heifsen Bemühens als imyertilgbar bewiesen. Dieser Kampf 
der Humanisten gegen die Volkssprachen^ die nnpatriotisclien, 
beleidigenden Anfsenmgen^ die in ihm zuliebe einem aulserhalb 
jeder Entwicklung stehenden unklaren Phantasiegemaide gefallen 
sind, bilden in der Geschichte der menschlichen Irrtümer wohl 
eins der unerfreulichsten Kapitel*), dessen genauere Behandlung — 
sie mufs ja bekanntlich leider schon mit Petrarca beginnen — 
ich andern überlasse, wenn sie sich überhaupt lohnt.*) Nur auf 
em Dokument, welches uns den lebendigsten Einblick in diesen 
Streit gewährt, mochte ich aufmerksam machen: die Schrift des 
Ciceronianers Ubertus Folieta aus Genua (1516 — 1581) de 
ling. lat. usu et praestantia libri III, Rom 1574 (bekannter in 
der von Mosheim zu Hamburg 1723 besorgten Ausgabe). In 
Form eines Dialogs legen die beiden Gegner ihre sich schroff 

Dissert. academ. et epistol. ed. Hamburg 1699) 517 ff. Das erste mir be- 
kamite (von Morhof übersehene) Zeugnis ist: Celso Cittadini in seinem 
Trattato della vera origine e del processo e nome della nostra lingua 
(1601) ed. Gigli (in: Opere di C. C, Roma 1721). Er polemisiert c. 1 gegen 
die Grothen-Theorie und weist weiterhin nach, dafs die Anfänge der ml- 
g^en Diktion viel früher liegen. Das Werk ist für jene Zeit wirklich be- 
wundernswert (uns erscheint das alles als selbstverständlich): es werden die 
ältesten Inschriften und Schriftisteller herangezogen, dann auch spätlateinische 
Inschriften und Autoren, Zeugnisse über den sermo müitaris und rtuticua. 

1) Ein Analogen aus einem verwandten Eulturkreis ist der Kampf 
der Attidsten gegen die xotvif, eins ans einem getrennten Knlturkreis der 
Kampf der jüdischen Gelehrten g^en die aramäische Volkssprache zu 
Gonsten des klassischen, aber toten Hebräisch (cf. Th. Zahn, Einl. in d. N. T. I 
[Leipz. 1897] 17, 9). 

2) Für die ältere Zeit cf. Voigt 1. c. 18. 117f. 166. 881; der Brief (de 
reb. fam. XXI 16), in dem Petrarca sich wegen seines gleichgültigen Ver- 
haltens gegenüber Dante zu verwahren sucht, macht — wenigstens auf 
uns — den Eindruck nicht einer Selbstverteidigung, sondern einer Selbst- 
anklage, bei der versöhnend nur das uns auch so fremdartige Motiv wirkt, 
dafs er ebenso verächtlich auf seine Lauralieder herabsieht. Aus Erasmus 
hat höchst bezeichnende Aussprüche gesammelt G. Glöckner, Das Ideal d. 
Bild. u. Erzieh, bei E. (Dresden 1889), 10, cf. A. Richter, Erasmus-Studien 
(Leipz. 1891) p. XIX. Der humanistisch gebildete Verf. der zu Köln 1484 
gedruckten Ars dicendi (genauer oben S. 766, 1) gesteht bei einem Abschnitt 
über die vulgäre Reimpoesie (1. XITI tract. VI c. Xu): er würde gern Bei- 
spiele geben, aber da er sie nur aus den 'Barbarensprachen' (er meint die 
franz. und deutsche) geben könne, so lasse er es lieber. Nachher läfst er 
sich aber doch herab, ein Beispiel zu bilden: possum ffraviter aufferre, guod 
in mimdo tat sunt guerre. 

Norden, antike Konitproia. II. 60 



772 Dm Hrnnairirtenlatein imd die modernen Sprachen. 

entgegenstehenden Anschaunngen dar. Der Vertreter des italieni- 
sehen Idioms fahrt filnf Gründe an (p. 94£ Mosh.): 1) Es ist 
a priori mmatörlich, nicht in der Sprache zn schreiben , die im 
taglichen Gebrauch ist. 2) Es ist Tom rein praktischen Gresichts- 
ponkt ans falsch , denn das Latein wird als eine tote Sprache 
nur von den Gelehrten mehr verstanden. 3) Es kostet eine 
lange Reihe von Jahren, es zu einer annähernden Vollkommen- 
heit im Gebrauch dieser Sprache zu bringen. 4) Wenn aus den 
bisher vorgebrachten Gründen folgt, daCs das Latein nicht mehr 
geschrieben werden soll, so folgt aus dem jetzt voizubringenden, 
dals es gar nicht mehr geschrieben werden kann. Denn jede 
Sprache ist dazu da, den Gedanken Ausdruck zu verleihen; das 
kann das Latein nicht, weil inzwischen eine vollständige Ver- 
änderung aller Verhältnisse eingetreten und eine unzählige Reihe 
von Dingen erfunden ist, für die es keine lateinischen Ausdrücke 
giebt. 5) Aus diesen Gründen würde folgen, dais man italienisch 
schreiben müsse, auch wenn es eine hälsliche Sprache wäre; 
nun aber giebt es thatsächlich keine schönere. — Diese Gründe, 
die uns so vernünftig erscheinen, sucht nun der Gegner zu entr 
kräften. Von der Bitterkeit, mit der der Streit geführt wurde, 
kann z. B. die Diskussion über den fünften Punkt eine Vor- 
stellung geben (p. 115): Quare dd)emus (beginnt der Vertreter 
des Lateinischen) vestigia priscorum persequentes nobüissimam, 
patriam, latinam linguam nostram teuere^ popuiari ItcUica prae iUa 
ignobili et manca spreta, quippe quae nihil aliud sit quam laüna 
lingua carrupta et depravata, — Hoc vero aures ferre non possunt 
ingensque piaculum commiüi puto linguam patriam nostram Italam 
ita aspere et probrose appeUare, quae non latina corrupta vocanda 
sit, sed pulcherrimae mairis latinae linguae pulchrior filia. — 2Vi 
vero illam, ut libet, filiam appellato, modo id meminerisy tum eam 
conceptam et natam, cum misera parens omni barbararum gentium 
colluvioni prostituta ex incesto concubitu iUam protulii. — Tu vero 
vide, quanto te parricidio patriae obstringas, — Meo pericuio pecco. 
quid autem per deum immortalem est indignius, quam filiam hone 
degenerem et notham tanta esse audacia tamque proieda impudentiaf 
ut matrem per summum scelus et impietatem extinguere conetur? 
Sie sei gerade gut genug für vulgus et opifices, denen man sie 
immerhin lassen möge. 



Der CiceronianismuB und seine Gegner. 773 

n. Das Htunanistenlatein und seine Binwirknng auf die 

modernen Sprachen. 

A. Der Ciceronianismus und seine Gegner. 

Wir haben gesehen, dals durch den Humanismus die latei- i. iMe 
nische Sprache zu Grabe getragen wurde. Petrarca hatte das ^^ 
Monchslatein einem verkrüppelten Baume verglichen und ein 
franzosischer Dichter (Clement Marot) von den Ejiospen ge- 
sprochen, die zu neuer Blüte sich erschlossen, nachdem ein 
eisiger Wintersturm sie hatte verdorren lassen. Nun (um im 
Bilde zu bleiben), diese neuen Pflanzen wuchsen nicht mehr auf 
einem, wenn auch gealterten, so doch noch zeugungsfähigen 
Boden, sondern waren Eunstpflanzen des Treibhauses. Die 
Parole lautete von jetzt ab: imitatio, aber die Frage war: 
imitatio wessen? Um sie wurde der Kampf länger als ein 
Jahrhundert mit einer Erbitterung geführt, die wahrlich einer 
besseren Sache wert gewesen wäre: quiie (imitatio), sagte einer ^), 
cum vehementer muttomm animis non solum in Italia sed et in 
aliis regionibuSf in quibttö Jxmae liUerae vigent, insederit, ita liUera- 
torum ingenia torquet^ ut nulla unquam de re acrius magis- 
que capitali inter eos odio meo iudicio certatum sit Für 
Petrarca spielte, wie bemerkt (S. 768), diese Frage verhältnis- 
mäfsig noch eine Nebenrolle: stand auch für ihn in der Prosa 
Cicero, wie in der Poesie Virgil, schon durchaus im Vorder- 
grund, so dachte er doch nicht daran, ihn allein auf den Schild 
zu erheben und sich ihm als Sklave unterzuordnen: er umfafste 
sie alle mit zärtlicher Liebe, * seine' auctores, weil ihm jeder 
Einzelne das Bild jener Zeiten vervollständigte, in die er sich 
sehnsuchtsvoll hineinträumte, er korrespondierte wie mit Cicero, 
so auch z. B. mit Varro und Seneca. Aber als bald nach 
Petrarca das rhetorisch-stilistische Element sich mehr und mehr 
vordrängte und schliefslich zum allein herrschenden wurde, als 
durch die Bemühungen der grofsen Sammler der Kreis der 
Autoren, die man glaubte auffinden zu können, geschlossen war, 
da wurde man wählerisch: an die Stelle der Vielheit trat für 
die imitatio der grofse Eine, Cicero. Die Nachahmer Ciceros 



1) Floridas Sabinus adversus Stephani Doleti Aarelii calmnnias b'^'^ 
(Rom 1541) 7. 

60^ 



774 I)&8 Homanistenlatein und die modemen Sprachen. 

nannten sich und wurden von ihren Gegnern genannt Cicero- 
niani, eine nicht gerade klassische Bezeichnung, die man wohl 
einem berühmten Brief des Hieronymas (ep. 22) entnahm. 

Eine Geschichte dieses Streites giebt es noch nicht/), auch 
beabsichtige ich nicht, obwohl ich mir seine Akten einigermaGsen 
vollständig, wie ich glaube, gesammelt habe, sie zu liefern, weil 
sie, an sich unerfreulich^, einem zu geringen Interesse begegnen 
dürfte. Doch mufs ich zum Verständnis des Folgenden (B), das 
mir wichtig und allgemein interessant erscheint, ein paar mehr 
allgemeine Momente herausheben. 

Es waren hauptsächlich zwei Argumente, mit denen die 
Anticiceronianer operierten. 
2. DieAnti- Erstcus. Ihr könnt, sagten sie, eine Unzahl von Dingen 
nianer. dcs gewöhnlichen Lebens nicht ausdrücken, weil euch dafür die 



1) B. Sabbadini, Storia del Ciceronianismo, Turin 1886, behandelt nur 
die Anfänge. Eine gedrängte Übersicht bei Q. Bemhardy, Grundrifs d. röm. 
Litt.* (Braunschw. 1872) 116 fF. Über die verschiedenen Parteien orientiert 
gut schon der spanische Humanist Matamoro de formando stilo (1570), c 11 
(in: Opera ed. Madrid 1769 p. 603 ff.)* Einige die imitatio betreffende 
Schriften sind abgedruckt in: Fr. Andr. Hallbauer, Collect, praestantissi- 
morum opusc. de imit. orat., Jena 1726. Die Hauptführer der Ciceronianer 
fafst zusammen Will. Camden in einem lateinischen Gedicht auf den 
englischen Ciceronianer Boger Ascham, gedruckt bei Giles in seiner Ausg. 
A.*s I 1 (Lond. 1866), sowie Ascham in einem Brief an Sturm vom J. 1568: 
bei Giles vol. U ep. 99 p. 186 f. 

2) Aber — das sei erlaubt, in einer Anmerkung zu betonen — man 
kann doch sehr vieles daraus für das Verständnis Ciceros lernen, wie ich 
schon oben (S. 213 f 218) hervorgehoben habe. Für mich wenigstens haben 
manche dieser Schriften das Verständnis ciceronianischer Kunst geradezu 
vermittelt, und meine Ansicht ist, dafs tmser Schulunterricht in vielen 
Punkten daraus verbessert werden könnte. Wie wenige nehmen heutzutage 
aus der Schule ins Leben mit sich die Bewunderung Ciceros als Redners 
und Stilisten! Aber ist das auch anders denkbar, wo es vorkommt , dals 
Lehrer ihre Schüler sofort übersetzen lassen, ohne dafs vorher die latei- 
nischen Worte gelesen werden, auf deren Stellung und Zusammenf&g^ng 
doch eben der hauptsächliche, oft alleinige Beiz beruht? Wir müssen 
Ohren und Zunge schulen durch wiederholtes lautes Lesen, erst des einzelnen 
(vorher sorgfältig auf seine oratorische Kunst analysierten) Satzes, dann 
des ganzen Abschnitts, dann der ganzen Bede: dann werden wir unsere 
Schüler nicht langweilen, sondern sie etwas von dem Zauber empfinden 
lehren, durch den die Hörer des Mannes und zahllose Generationen nach 
ihm gebannt wurden. 



Der Ciceroniaidsmns und seine Gegner. 775 

Worte bei Cicero fehlen; ihr müfst daher zu Umschreibimgen 
greifen^ die absurd und oft anyerstandlich sind. Diese An- 
schauung tritt besonders klar hervor in der Kritik, der Jnstus 
LipsiuSy ein Führer der Anticiceronianer, die venetianische 
Geschichte (Rerum Yenetamm historiae 1. Xu, erschienen 1551, 
vier Jahre nach des Verfassers Tod) des Pietro Bembo, des 
Haupts der Ciceronianer, unterzieht in einem Brief an Janus 
Dousa (wahrscheinlich aus d. J. 1588). ^) Er tadelt die affektierte 
Nachahmung Ciceros, die zur Folge habe, dafs universa scriptio 
composita et formata ad aevum priscum et omnia sie de re Veneta 
quasi de potenti illa re Bomana. hoc fero; etiamne verha oninia 
ex iüorum moribus tracta ad hos nostros . . .? hoc, ut mea guidem 
fnens est, damno et faUor aut tu et viri omnes tnecum. ecce patres 
conscripti semper Venetorum senatus, ipsae VeneHae xor' i^ox^ 
urbs, anni numeraü non a Christo nato sed ah urbe condita .... 
üla iam yslaötä xal iy&x htuixcä: rex Urbini, rex Mantuae, 
rex Populoniae: quid censes eum dicere? duces; atque item dur 
catus ipsos regna .... nee in titulis solum isti lusus sed in no- 
minibus ipsis. quäle iUud de Ludovico Gaüorum rege, quefn 
Aloysium (magis ^fOfuctötC scUicet) ubique appeUat et alibi cum 
faceta additiunctda quem isti (qiii isti? barbari nos et inepti) 
Ludovicum appellant. quid quod etiam in divinis rebus haec 
sibi permittit et fides nostra non nisi persuasio Uli est, excom- 
municatio aqua et igni interdictio, peccata morituro remittere 
deos superos manesque Uli placare, ipse deus raro in stilo 
aut animo, sed prisco ritu dii immortales .... atque adeo, quod 
oninem skdtitiam superet, prudens Hie senatus Venetus ad lulium 
pontificem publice scribit uti fidat diis immortalibus, quorum 
vicem gerit in terris. fdicem te geniis et patriae, Bembe: quia 
si nostrum äliquis trans Alpes sie scripsisset, profeeto non tulisset 
impune. iam quae periphrases in eo et circuitus verborum: senatus 
Venetus dono misit Aloysio regi Oallorum aquilas sexaginta ex 
earum genere quibus in aucupio reges consueverunt quid 
aquilas? ita falcones tibi dicere religio est? . . . scribis ibidem da- 
natas regi pelles pretiosiores canis ab summa inter nigrum 
colorem conspersas ducentas. quae istae sunt? genettas dicis 
an potius zebdlinas? quin, malum, exprimis et res novas novo 



1) In den Epist. misc. centur. II n. 57. 



776 ^^^ Humanistenlatein und die modernen Sprachen. 

dliguo nomine dids? si purüati sermonis tui metuiSj adde *ut vtdgo 
dicimus': nihil infuscas u. s. w. Wer mehr dergleichen wünscht, 
findet es bei Erasmus in seinem Dialogos CiceronianuS; der er- 
götzlichsten in dieser Sache 'geschriebenen Satire, op. (ed. 1703) I 
992£^) Strebaens de verb. elect et coUoc. (Bas. 1539) 109. 
Gaussin eloquentiae sacrae et homanae parallela (1619) 627. 
H. Stephanus, Nizoliodidascalns (Paris 1678) 169 ff. Mabillon 
de studiis monasticis (1619) 185 f. (der Ausg. Yenetiis 1729). 
Wenn in der oben (S. 771) citierten Schrift des Ubertus Folieia 
im zweiten Buch, welches die ganze Frage ausführlich behandelt, 
die Berechtigung der modernen Worte dadurch motiviert wird, 
daCs auch Cicero griechische Worte gebrauche, so ist das doch 
ein verzweifelt schlechter Ausweg, denn das Griechische war in 
Ciceros Augen eine, vielmehr die Eultursprache, die modernen 
Idiome in den Augen der Humanisten Barbarensprachen. Wenn 
wir unser Urteil in dieser ganzen Frage fällen, so werden wir 
sagen: das Vorgehen der Ultras im ciceronianischen Lager war 
widersinnig, aber der Besserungsvorschlag der Gegner gUch dem 
Versuch, einem Toten neues Leben einzuflöCsen. Das Facit lautet: 
man war aa einem Punkt angelangt, wo es nicht weiterging, 
der Humanismus hatte sich infolge seiner einseitigen Beschrän- 
kung überlebt und mufste seine Rechte an die vielgeschmähten 
modernen Sprachen abtreten. 

Zweitens. Cicero allein sollte nicht zur imitatio dienen, 
so weit war man endlich gekommen, denn die Ultras hatten den 
unablässigen Angriffen nicht standhalten können, besonders 
durch die scharfe Zunge des Erasmus waren sie ziemlich all- 
gemein zum Gespött geworden. Wen also sollte man nach- 
ahmen? Das war nun die weitere Frage, in der eine Einigkeit 
nicht zu erzielen war, denn hier waltete individuelle Neigung 
ob. Lipsius zog bekanntlich Seneca und Tacitus dem Cicero vor 
und setzte daher an die Stelle der langen und kunstvollen Perioden 
den zerhackten pointierten Satzbau; auch liebte er alte Worte. ^) 



1) Für Christus sagten sie z. B. Apollo oder Aesculapias, sehr cha- 
rakteristisch. 

2) Cf. z. B. Balzac Oeuvres n (Par. 1666) 608, wo er mitteilt rtri 
magni iadicium de imitatione Lipsianae Laiinitatiß: Si quiß scribere L<sUne 
vellet, a Pacuvio et Ewnio demortua accersebantur verba; sältiUibcifU periodi; 
maera teiuna ac famelica oratio, aucco omni, nervis destiMa omnibua et 



Der Ciceroniamsmus and seine Gegner. 777 

Das lielis man sich scUielslich noch gefallen^ denn jene beiden 
waren Antoren^ die offen zu tadehx man sich doch nicht recht 
herausnahm; obwohl einige sich für die Herabsetzung Senecas 
auf Quintilian beriefen.^) Aber nun kamen andere , die sich an 
die allgemein verpönten Autoren heranmachten, vor allen an 
den Unglücklichen; dem es nicht vergessen wurde, dab er einst 
in einen Esel verwandelt worden war. Man fing an, blendend 
und pikant zu schreiben, indem man alle jene pigmenta anwandte, 
mit denen, wie früher gezeigt wurde, die spätlateinischen Schrift- 
steller ihre ärmlichen Gedanken herauszuputzen versuchten: es 
begann die Periode der concetti, zunächst im lateinischen Stil. 
Über diese Skribenten fiel nun alles her, sowohl was sich 
Ciceronianer wie was sich Anticiceronianer nannte, denn den 
Gebildeten unter den letzteren war es natürlich höchst peinlich, 
dafs man sie in einer Gesellschaft sah, die ihre Partei nur 
kompromittieren konnte. Ein wunderliches Durcheinander, in 
dem Schimpfwörter fielen, als ob es sich um Majestätsverbrechen 
handelte. Für uns, die wir kühlen Sinnes, von der sicheren 
Warte der historischen Beobachtung in dies Gewimmel hinab- 
blicken, bietet sich eine frappante Parallele aus dem Altertum 
selbst. Hatte doch einst Quintilian und seine Partei mit nicht 



copia, pundulis guibusdam et ätttmunculis aut membria inierim praecisis et 
interrogatiunculis äbrupta, nauseatn fastidiumque sui pariehat o. 8. w. Dm 
meint Io8. Scaliger in dem interessanten Gedicht De stilo et charactere, 
in dem er die verschiedenen Arten des lateinischen Stils seiner Zeit Revue 
passieren läXst, ohne direkte Nennung der einzebien Vertreter, aber so, dafs 
man wenigstens damals wissen mufste, wer gemeint sei. Auf Lipsias be- 
ziehen sich sicher folgende Verse: 

offendit cUioa planiUu aegudbüis, 
quam (Jaesar olim, quam colebat TuUius, 
canstrictae in arctum quas iuvant argutiae, 
quae per sälebras stUtitant, tum ambulant, 
et dum legentis haeret exapectatio, 
inteUigendum quam Ugendum plus ferent 
(los. Scaligeri poemata omnia ex maseo Scriverii, ed. 2 [Berlin 1864] n. 14 
p. 20flF.). 

1) Z. B. l&fst der Jesuit Vavassor or. 8 (Pro vetere genere dicendi 
contra novmn, gehalten 1686, in seinen Werken ed. Amsterd. 1709) p. 208 
den Quintilian auftreten und ihn perorieren gegen die Verehre?^ '^ 
quem vo8 in amaribt^ nwnc habetis, quem tanquam numen ot 



778 l^&B Humanistenlatein und die modernen Sprachen. 

geringerer ivKftoQriöia als Bembo und Genossen die Nachahmung 
Giceros dekretiert^ und was war die Folge gewesen? Nach 
kurzem erfolgreichen Bemühen war der Zusammenbruch der 
ganzen Scheinarchitektur erfolgt: der Lebende forderte gebieterisch 
sein Recht und nahm es sich trotz dem Entsetzen der reaktionären 
Theoretiker; es erstanden Appuleius, Sidonius und wie sie sonst 
heÜBen, jene Skribenten der Decadencezeit: ihre treuen Spiegel- 
bilder sind eben diese Autoren der Spätrenaissance^ die sich mit 
ihren Farben putzten.^) 
Ende dM Etwa seit dem letzten Drittel des XVII. Jh. hat dieser Streit 

aufgehört. Endlich begann man, wesentlich gestützt auf das 
Griechische, dessen Kenntnis sich erweiterte^ das einseitig rhe- 
torisch-stilistische Moment des Humanismus zurücktreten zu 
lassen und in den wahren und unvergänglichen Geist der Antike 
einzudringen. Diese Vertiefung ist wesentlich ein Verdienst des 
entwickelten deutschen Protestantismus gewesen , während der 
jesuitische Unterricht nach wie vor ängstlich bemüht war, die 



streitet. 



1) Es giebt zahlreiche Belege, yon denen ich nur ein paar anführen will. 
Pico della Mirandola (in: Bembi opp. Vened. 1729) 882 vetustoa üha et cario- 
808 Bomanorum augurtwi et Mutiorum frcUrum coph%no8 adewnt, atque cum 
re8civertmt Catonem et Ennium dita88e patriam, in eorum etiam 8upeUecHlem 
praedabundi et populabundi penitus irrwunt. nee deswnt q\U asinum cum 
exisUment bellum animcd et aureum, de iUiu8 pili8 8%b% l(icemam conficiunt. 
Andr. Schott us S. J., Tullianae quaestiones (Antwerp. 1610) 44: vixertmt 
hoc temporum infeliciUxte haXbi potiu8 quam di8erti 8cnptore8, Symmcu^MS 
Appuleiu8 Ca8siodoru8 Sidoniu8 ApoUinart8 Fulgentius Planciade8 Martianus 
Capella et Boeihiu8, in quibu8 illustrandie hac tempestate recentiores tantum 
operae ac düigentiae po8ui88e vehementer eguidem miror, neglecti8 interim 
meliori8 notae auctoribu8\ yon Appuleius: cum quo rudere hoc 8aecfdo pleri- 
que quam cum Cicerone loqui mdlunt (cf. gegen ihn besonders noch p. 58 ff.). 
Femer etwa noch: Paul. Cortesius prohoem. in 1. I sententiarmn ad Inl. IL 
pont. max. (1508) ed. Bas. 1518 f. 1^. Vives de ratione dicendi (1582) 
1. n p. 114 (in: Opera ed. Bas. 1555). Baco de Verolam de augmentis scien- 
tiarum (1605) L I p. 15 f. (in: Opera ed. Lips. 1694). Vavassor S. J. 1. c 
(S. 777, 1). lanus Nicius Erythraeus oft, z. B. ep. ad diverses (ed. J. Chr. 
Fischer, Köbi 1789) 1. m 10 (1630). IV 13 (1684). V 10 (1636). Albertus de 
Albertis S. J. Thesaur. eloquentiae sacrae profanaeque per actionem 
contra eiusdem corruptores erutus (Coloniae 1669) 9, 49 f., 80 f., 97 ff., 190f, 
429 ff.; an letzter Stelle giebt er eine (selbstgebildete) Probe mitsamt Ver- 
höhnung, ebenso H. Bebel, Commentaria epistolarum conficiendamm 
(1513) f. 15^, cf. id. de modo bene dicendi et scribendi (c. 1505) f. CXXIIII' 
(der Ausg. von 1515). 



Der Ciceronianismus und seiiie Gegner. 779 

Autoren nur als Mittel zur Bildung des Stüs zu leaen^). Doch 
jene neue Richtung der humanistischen Studien zu verfolgen 
gehört nicht hierher. Ich will vielmehr versuchen, der Frage 
näher zu treten, welchen Einflufs die soeben dargelegten 

1) Vortreffliche Bemerkungen darüber bei dem anonymen Verf. (es ist, 
wie mir mein Kollege J. Hanssleiter mitteilt, G. F. Nägelsbach) eines noch 
heute lesenswerten Aufsatzes: „Das BewuTstsein der protestantischen Kirche 
über die Noth wendigkeit und Methodik des klassischen Unterrichtes** in: 
Z. f. Protestantismus u. Kirche (herausg. yon Harless, Erlangen) 1888 p. 66fif. 
83 ff. Nur ist nicht richtig, wenn der Verf. dies Prinzip schon yon Anfang 
an in den protestantischen Schulen mafsgebend sein ISist: das widerlegt 
doch schon das Stürmische Gymnasium, über dessen Anlehnung an die 
jesuitische Unterrichtsmethode G. Paechtler S. J., Ratio studiorum et in- 
stitutiones scholasticae s. J. (in: Mon. Germ, paedag. V 1887 p. VI) richtig 
urteilt. Luther freilich hat auch hier einen yiel weitem Blick gehabt, wie 
die yon Nägelsbach p. 70 aus seinen Schriften angefahrten Sätze beweisen, 
aber es fehlte yiel, dafs diese theoretische Einsicht gleich praktisch durch- 
geführt wäre, dazu war die Zeit noch nicht reif, wie keiner besser als 
Melanchthon, der enragierte Ciceronianer (cf. Corp. ref. XTTT 492 ff.), lehrt. — 
Für die Geschichte des jesuitischen Unterrichts besitzen wir jetzt das ge- 
nannte ausgezeichnete Werk eines Mitglieds der Gesellschaft G. M. Paechtler, 
welches sich über mehrere Bände der Mon. Germ. Paedag. erstreckt (TL. V. 
IX. XVI, der letzte yon B. Duhr S. J.); hier findet man für die im Text 
ausgesprochene Behauptimg massenhafte Belege, z. B. wird in der Studien- 
ordnung yom J. 1586 in dem Abschnitt De libris (Mon. V 179 f.) sogar die 
Lektüre der Dichter einzig wegen des rhetorischen Materials, das sie bieten, 
empfohlen und eine Auswahl aus den yerschiedenen Gattungen der Poesie 
gewünscht, woraus zu ersehen sei, quis Stylus historicus^ quis poeticus, qu,i8 
epistolaris, quae dicendi genera. — Daher waren die Jesuiten im XVI. und 
XVn. Jh. die Vorkämpfer des Ciceronianismus: die gröfste Anzahl der S. 778, 1 
Genannten gehörten ihrer Gesellschaft an, cf. aufserdem noch eins der 
frühsten dieser Werke: Gauss in S. J., Eloquentiae sacrae et humanae pa- 
rallela 1619, reich an feinen stilistischen Bemerkungen und yon mir öfters 
citiert; Perpinianus S. J. (yerherrlicht yon Andr. Schottus S. J. in seiner 
'Hispaniae bibliotheca' 11 [Frankf. 1608] 287 ff.) ad Bomanam iuyentutem 
de ayita dicendi laude recuperanda or., gehalten zu Bom i. J. 1564 ed. in: 
Petri loannis Papiniani Valentini e S. J. or. duodeyiginti. Ed. IV. Ingol- 
stadt 1599 p. 888 ff.; Nigronius S. J. de imitatione Ciceronis, gehalten 1583, 
in seinen zu Mainz 1610 edierten Beden n. XVI. XYIL Xvill, gerichtet gegen 
die, welche Cicero einen 'Asianer' nannten. Die berühmteste jesuitische 
Rhetorik wurde yerfafst yon Cyprianus Soarez aus Ocana (f 1598); sie 
erschien zuerst 1566 unter dem Titel De arte rhetorica libri tres ex Aristo- 
tele, Cicerone et Quintiliano deprompti und erlebte eine grofse Anzahl 
yon Aullagen, die zusammengestellt sind yon A. de Backer in : Bibliothöqne 
des ^criyains de la compagnie de J^sus 11 (Liäge 1854) 569. 



7^> IM« Hatn— iiferahtea und die 

Yorginge aaf die Aasbildong des Prosastils der mo- 
dernen Sprachen gehabt haben. 

B« Der Einflnfs des Hnmanistenlateins anf den Prosa- 
stil der modernen Sprachen im XYL und XML Jh. 

SßmTtiMMip Die Hnmanisten haben, wie bemerkt, die Ton ihnen Ter- 
p&nten modernen Sprachen dnrch den Todesstols, den sie der 
lateinischen Sprache gaben, in ihrer Entwicklung gefordert 
Wenn sie sich einmal herablielsen, der 'barbarischen' Idiome zn 
gedenken, so pflegten sie daran die Ermahnung za knüpfen, jene 
sollten sich den antiken Stil zum Master nehmen; so sagt der 
spanische Humanist Vives de tradendis disciplinis (1531; in: 
Opera ed Bas. 1555 yoL I) 463: die romanischen Sprachen (das 
Italienische, Spanische und Französische) seien aus der latei- 
nischen abgeleitet, quas maxime expediret latino sermcm assuescere, 
tum ut cum ipsum et per eum artes amnes probe inißOigeretU, tum 
ut sermonem suiim patrium ex illo vdut aqua eopiosiics ex 
fönte derivata puriorem atque opulentiorem redderent Wie 
selbstverständlich diese Anschauung war, ersieht man besonders 
daraus, dafs sogar ein Schriftsteller, der im Gegensatz zu den 
meisten anderu der damaligen Zeit die Vollkommenheit der 
französischen Sprache nachzuweisen unternahm, Du Bellay, in 
seiner 1549 erschienenen Deffence et illustration de la langue 
Franfoise ein Kapitel (8) einlegt, welches handelt öT amplifier^) 
la langue Francoyse par V immitation des anciens Aucteurs 
Grecz et Bomains.^ 

1) Diei, das opülenttorem reddere, wie es Vives 1. c. nennt, scheint der 
gewöhnliche Terminus gewesen zu sein. Vgl. noch folgende (von Fr. Land- 
mann, Der Euphuismus [Diss. Giefsen 1881] 62 citierte) Äufserung des Sir 
Thomas Eljot in der Vorrede zu seinem 1633 erschienenen Buch Of the 
knowlodge which maketh a wise man: His hignesse (König Heinrich VIII) 
henignely receyving my bocke, whiehe I named the Gov€rnour (erschienen 1631), 
in te redynge iherofsoone perceyved, (hat I intended to augment ourEnglyshe 
tonguc und zwar, wie er ausführt, aus dem Griechischen, Lateinischen und 
andern Sprachen. Cf. auch Alphonso Matamoro, den spanischen Humanisten 
8. XVI, in: Opera ed. Matriti 1769 p. 429: Ciceronem omnihus eoneiona- 
toribvs propomiy quem in omnibus Unguis nemo non imüaretur: de vtdgaribus 
autvm Unguis loquor, quae nohis sunt vemaculae, quas Ciceronis artificio 
informandas censeo. 

2) DüDselbou Standpunkt vertrat Ronsard, worüber cf. E. Borinski, 
Poetik der Renaissance (Bcrl. 1886) 206f. 



Die 'Verbesserong' der modemen Sprachen. 781 

Dafs die aulserordentliche Verbreitong der Kenntnis derDerEinUnf 
klassischen Sprachen im XVI. und XVII, Jh. auf die Gestaltung giJJetoin. 
des modemen Prosastils bei allen europäischen Eulturyölkern 
von bedeutendem Einfluls war, ist allgemein bekannt und zu- 
gegeben. ,;In allen Litteraturen des modemen Europa labt sich 
der Gährungsprozeis^ der sich in dem Bestreben nach Einführung 
neuer Ideen ^ neuer Formen ^ ja selbst neuer Konstruktionen in 
der heimischen Sprache äuiserte, verfolgen und man muls sagen, 
in der ersten Zeit; ja in den ersten Jahrhunderten, hat dieser 
ProzeCs auf die selbsstandige Entwickelimg der Sprachen und 
Literaturen Europas in gewisser Beziehung nachteilig gewirkt 
Italien machte diesen Prozefs am schnellsten durch und war 
am frühesten fertig, es folgen dann die übrigen romanischen 
Literaturen, besonders Frankreich und Spanien, dagegen haben die 
germanischen Literaturen, namentlich England und Deutschland, 
längere Zeit gebraucht, das Neue mit dem Einheimischen zu 
verschmelzen.^^) Die anfönglich nachteilige Wirkung erklärt 
sich daraus, dals im XVI. und XVII. Jh. in Bezug auf die Aus- 
wahl der klassischen Muster jene Perversität des stilistischen 
Geschmacks herrschte, die ich eben behandelt habe; die beste 
Analogie bildet das Verhältnis des Rokoko- und Barockgeschmacks 
zum Elassicismus der eigentlichen Renaissancekunst. Ich will 
nun versuchen, das durch ein paar Beispiele zu beweisen; da 
mir die Führer fehlten, habe ich mich mit den Quellen selbst 
vertraut gemacht, wobei mir gewifs manches entgangen ist. 

1. Der Elassicismus. 

Dafs Frankreichs Boden für die Au&ahme der antiken Frankrcioi 
Rhetorik so geeignet wie möglich war, hat sich aus den Unter- .^tike 
suchungen dieses ganzen Werks ergeben. Bis auf den heutigen ^'*'*^'*** 
Tag gut, dafs „der franzosische Prosastil sich den Vorrang be- 
wahrt hat, als Eunstprosa mit der antiken und nicht blofs der 
romischen Eunstprosa verglichen werden zu können*'.*) Die 



1) Fr. Lan^^T^ftTiTi^ 1. c. 26. — Einflüsse der lateinischen Periodisienmg 
auf französische Autoren der ersten HfiJfte des XVI. Jh. werden gestreift 
von A. Birch-äirschfeld 1. c. (o. S. 770, 1) 78. 79. 80. 92. 121. 278 mit 

280 f. mit Anm. 14. 

2) V. Wilamowitz, Eur. Her. II« 200, cf. o. S. 2, 1. 



782 DS'S Humanistenlatein und die modernen Sprachen. 

rhetorischen Schriften des Dionys von HalikamaDs gehorten hier 
zu den am frühsten gedruckten Büchern ^ die feinsinnigste rhe- 
torisch-stilistische Schrift des Altertums (fitsQl ütlfovg) fand hier 
früh volles Verständnis; schon 1562 druckte Henri Estienne die 
Reden des Themistios, 1567 die des Polemon und Himerios.^) 
BaiMc. Yüi einen der besten Prosaisten galt bei seinen Zeitgenossen 

und gilt wohl noch heute Balzac (1594 — 1654); virum ad ele- 
gantias omnes factum nennt ihn einer ;^ es giebt; wie auch ich 
zu konstatieren vermag; vielleicht keinen Schriftsteller ^ der in 
einem modernen Idiom mit solcher Grazie den Stil der besten 
alten Autoren nachgeahmt hat, der ihn^ was mehr sagen will; 
sich so zu eigen gemacht hat; daCs man die Nachahmung nicht 
mehr als solche unangenehm empfindet. Er besafs einen er- 
lesenen Geschmack: er bewundert Aristoteles und Cicero als 
Theoretiker; DemostheneS; CicerO; Livius als Redner und Schrift- 
steller; Terenz und Yergil als Dichter ; während er die Autoren 
der späteren Zeit mit Phaethon und Icarus vergleicht (Oeuvres II 
[Par. 1665] 558); er besitzt eine aufserordentliche Belesenheit 
in der griechischen Litteratur, so dafs er einem Schriftsteller 
Entlehnungen aus Themistios nachzuweisen vermag (ib. 569); 
er spricht sich energisch gegen Übergriffe der Poesie in das 
Gebiet der Prosa aus (ib. 570 f.). Und wenn er auch Pointen 
keineswegs scheut^), so hat er doch dabei die schmale Grenze 
des Erhabenen gegen das Lächerliche selten oder nie über- 
schritten.*) 

1) Cf. im allgemeinen E. Egger 1. c. (o. S. 770, 1) 11 147 ff. 

2) D. Morhof de Patavinitate Liviana (1684) c. 7 (Dias. acad. et epistol. 
p. 533). Von ihm sagt, ohne ihn zu nennen, sein Zeitgenosse de la Mothe 
le Vayer, De V Eloquence Fran9oi3e 1638 (in: Oeuyres II 1 [Dresden 1756] 
236): paur ce gut est des nombres et du sott des periodes, ü fawt awuer que 
notre laiigage a regu depuis peu tant de graces pour ce regard, que naus ne 
voions gueres de periodes mieux digeries, ni plus agreäblement toumies dans 
Demosthene ou dans Ciceron, que sont Celles de quelques-uns de nos JEcrivains . . 
L' un d' entre eux, que je croi avoir le plus meriU en cette parHe^ comme 
au reste des ornenums de notre Langue, a couru la fortune de tous ceux qui 
excellent en quelque profession, par V envie qui s* est particulierement attach^e 
ä lui. 

3) Proben bei Bouhours 1. c. 264 und im 3. Dialog. 

4) Nicht ganz gerecht scheint mir über ihn zu urteilen £. Havet, Le 
discours d' Isocrate sur lui-m6me (Paris 1862) p. LXXXIf. Man mufs ihn 
an seinen Zeitgenossen messen! 



ElassicisinTis und Manier in Frankreicli. 783 

2. Der Stil der Pointen (precieuses) und des 

Schwulstes (galimatias). 

1. Frankreich. Der eigentliche Geschmack der Zeit war yerderbni 
ein anderer als derjenige Balzacs. Seine beste Darlegung findet ^^^^ 
sich in dem zierlichen^ an geistvollen stilistischen Bemerkungen •^»»»«>« 
reichen und daher von mir schon öfters citierten Werk von niMisten. 
Bouhours, La maniere de bien penser dans les ouvrages d' esprit, 
1649 (ich benutze die Ausgabe Paris 1687). In Dialogform 
werden die sich gegenüberstehenden Stiltheorieen diskutiert. Der 
Vertreter der neuen begeistert sich an Wortspielen und Hyper- 
beln, seine erkorenen Schriftsteller sind Yelleius, Seneca, Lucan, 
Tacitus, sowie die pointierten Epigramme des Martial und 
Ausonius, er freut sich, dafs sogar Cicero an dem tollen Apercu 
des Timaeus über den Brand des ephesischen Tempels (oben 
S. 232, 1) Gefallen findet. Auf p. 56 j£ werden eine lange Brcihe 
falscher Pointen aus französischen Predigten angeführt, besonders 
die Frauen seien darüber sehr entzückt gewesen , z. B. als ein 
Prediger am Ostertage cherchant pourquoy Jesus-Christ ressuscite 
apparut Sähord aux Maries, dit froidement que (fest que Dieu 
vouhit rendre public le Myst^e de la Besurrection, et que des 
femmes sgachant les premi4res une chose si importante, la nouveUe 
en seroit hientost rSpandue par taut Besonders schwärmte man 
für Seneca, gegen den daher die Vertreter des besseren Stils 
im Sinn und mit den Worten Quintilians polemisierten. Wie 
weit die Vorliebe ging, zeigt besonders deutlich das, was Bouhours 
p. 504 f. aus einem Buch Les demi^res paroles de Seneque (von 
wem?) citiert; der sterbende Philosoph sagt eine Pointe über 
der andern, so, um nur zwei anzuführen: Ce poignard qui ne 
rougit que du sang de Pauline, comme s'ü avoit honte d'avoir hlessc 
une femme, apres avoir fait les premieres ouvertures inutilefnent, 
fera les demieres avec effet — Tout insensible q%Cü est, il a pitie 
de Neron, et le voyant travaüU Sune soif enrag^, il luy ouvre des 
sources <yu sa cruaute se pourra desalierer dans le sang, qui est son 
breuvage ordinaire. Zusammenfassend sagt Bouhours p. 316 ff.: 
On s'expose quelquefois ä passer Je but, quand on veut aUer phis 
hin que les autres. Les Modernes tombent d'ordinaire dans 
ce d^faut d4s qu'ils veulent rencherir sur les Anciens, waa 
er dann beweist durch eine Reihe von Nachahmungen des Martial^ 



784 Das Humanistenlatein und die modernen Sprachen. 

TacituS; Seneca n. s. w.') Den bis zur Dunkelheit gehobenen 
Stil nannte man galimatiaSy den glänzenden und pointenreichen 
phebus, die brillanten concetti pensSes alambiquees cf. Bouhours 
p. 333. 346. 355.*) 

Ein treffendes urteil über diesen yerkünstelten Stil giebt 
auch Fran9ois Ogier. Dom Jean Goulu hatte in seinen Donze 
livres de lettres de Philarque ä Ariste den Stil Balzac's ange- 
griffen, in dessen Namen Ogier 1627 antwortete in seiner an 
Richelieu gerichteten Apologie pour M. de Balzac.') Seine An- 
greifer seien Leute, in deren Stil herrschten (p. 123) de fausses 
sübtüiteis, des sottises estudiees et des raisons contraires aux honnes. 
Touiefois ü meritent quelque excuse, puisqu'en cela ils ont imitS 
les Änciens, et que devant enx ü y a en des fous de la mesme 
especey tele que Oorgias le Leontiny CallisOieneSy Cliiarchus, 
Amphicatres, Hegesias, et auires, dont nous n'avons pas les Uvres, 
et ne connoissons les defatäs que par le rapport que Je Saphiste 
Longin en a fait. 

2. In Italien herrschte dieselbe Manier. Am besten er- 
kennt man das Einzelne aus der bittem Invektive des Muratori^ 
Della perfetta poesia Italiana I (Venezia 1748) 10 ff. 417 ff., be- 
sonders II 428 ff. III 172 ff.: wenn man sich für die hoch- 
poetische, mit Figuren überladene Prosa auf die Alten berufe, 
so solle man nicht vergessen, dafs sie bei ihnen in Gebrauch 
war erst nach den Zeiten des Demosthenes und des Cicero. Die 
Verwandtschaft dieser manierierten italienischen Prosa mit der 
spätlateinischen weist er an einigen geschickt ausgewählten Bei« 
spielen nach.*) Unter den Poeten war bekanntlich der Typus 



1) Appoleius wird hinzugefügt yon Strebaeos de yerb. eleciione et 
collocatione (1539) 2 f. : seine Florida ahme man nach statt Cicero. Appn- 
leius wurde in Frankreich zuerst 1522 übersetzt. 

2) Cf. auch CauBsin S. J., Eloquentiae sacrae et humanae parallela 
(1619) 2. 619. 629. 

3) Sie ist angehängt der Pariser Ausgabe der Werke Balzac^s (1666) 
T. II p. 105 ff. 

4) Cf. auch: Del segretario del Sig. Panfilo Persico libri quattro, n^ 
quali si tratta dell* arte, e facoltä del Segretario, della Istitutione e yita 
di lui nclle Republiche e nello Corti. Della lingua, e deir arteficio dello 
scrivere, Del soggetto, stile, e ordine della lettera, Dei titoli etc. Yenetia 
1620 p. 86—103 (bes. p. 100). 



Die Manier in den modernen Spraohen. 785 

dieser perversen Art Marino^); als abschreckendes Master des 
yerkünstelten Geschmacks in der italienischen Prosa stellt der 
französische Kritiker de la Mothe le Yayer 1. c (oben S. 782, 2) 
234 den Virgilio Malvezzi (1599—1654) hin.^ 

3. Auch England, Spanien und Deutschland sind in 
Prosa und Poesie von dieser Stilmanier infiziert worden. In 
England') traten vor allem Roger Ascham in seinem Schole- 
master (Lond. 1570) 99 (in Arbers reprints n. 23) und Philipp 
Sidney in seiner Apologie for poetrie (Lond. 1595) 68 (in Ar- 
bers reprints n« 4) diesem Geschmack entgegen. In Spanien 
war Gongora der berüchtigte Typus, gegen den sich alle urteils- 
fähigen Männer wandten wie einst griechische Stilkritiker gegen 
Hegesias/) In Deutschland steht wegen dieser Manier die sog. 
zweite sehlesische Schule in schlechtem Andenken.^) 

Franzosen, Italiener und Spanier haben sich gegenseitig als 
Erfinder dieses schlechten Geschmacks angeklagt^; es ist bei 
dem beständigen Geben und Nehmen gerade dieser Nationen 
in jener Zeit auch fraglos^ dafs eine bedeutende Wechselwirkung 
stattgefunden hat — besonders der Einflufs des auch in Frank- 
reich hochgefeierten Marino war verhängnisvoll — , aber die 

1) Cf. jetzt besonders M. Menghini, La yita e le opere di Giambat- 
tista Marino. Rom 1888. 

2) Die deutlichsten Beispiele bietet sein Romolo (1635). Von derselben 
Art soll (nach la Mothe 1. c.) des Malvezzi Dayid persegnitato sein, von 
dem ich nur die lateinische Übersetzung (Virgilii Malvezzi Historia politica 
de persecutione Davidis, Lngd. Bat. 1660) kenne. In seinem Jugendwerk, 
den Discorsi sopra Comelio Tacito (1622) tritt dies Haschen nach Effekt 
lange nicht so stark hervor. — Beispiele ans italienischen Predigern bei 
Bouhours 1. c. 124. 162. 306. 

3) Cf. E. Schwan in: Engl. Stnd. VI 106 ff. 

4) Cf. N. Antonio in seiner Hispan. bibliotheca 11 29 f. und Bouhours 
1. c. 367 u. ö. 

6) Ihre litterarischen Zusammenhänge mit Frankreich und Italien sind 
von J. Ettlinger, Chr. Hofman v, Hofmanswaldau (Halle 1891) 67 ff. 89 ff. 
sehr gut klargestellt worden. 

6) Cf. Bouhours 1. c. im 3. Dialog passim. Muratori 1. c. HI 172 ff. 
(der französische diälogista, gegen den er dort polemisiert, ist eben Bou- 
hours und zwar dessen Entretiens d'Ariste et d'Eugene [1671] c. 2 p. 42 ff.). 
Mascardi, Dell* arte historica trattati (Rom 1636) 614 beschuldigt den Frp 
zosen Matthieu (dies Citat aus de la Mothe 1. c. 234). Cassaigne in sei] 
Vorrede zu Balzac's Werken (Par. 1666) 33. Für Spanien cf. Mengli 
1. c. 816 ff. 



786 I^as Hnmanistenlatem und die modernen Sprachen. 

gemeinsame Quelle aller war die Nachahmung schlech- 
ter antiker Muster, mit denen die modernen Sprachen 
ebenso wie das gleichzeitige Humanistenlatein kon- 
kurrieren wollten.^) 



3. Der Stil der formalen Antithese (Euphuismus). 

Formftier Lag die Perversitat der eben gezeichneten Richtung wesent- 

,tu'^°'lich auf dem Gebiet des GedankenS; der in pointierte oder 
schwülstige Worte gekleidet wurde, so werden wir im folgenden 
eine Stilmanier kennen lernen, die sich auf bloüs formalem 
Gebiet bewegte« Es kann nicht stark genug betont werden, 
dafs, wenn wir zu irgendwelcher Klarheit gelangen wollen, wir 
beide Richtungen von einander trennen müssen.^ 

Die Signatur dieses zweiten Stils ist die formale Anti- 
these. Man kann behaupten^ dafs sie in jenen Jahr- 
hunderten das internationale Eunstmittel des Stils ge- 
wesen ist. Bei ihrer Behandlung muDs ich ausführlicher sein, 
da ich nur so glaube, die vielbehandelte Frage mit absoluter 
Sicherheit beantworten zu können. 



a. John Lyly. 

I. In Im J. 1579 erschien in England ein Roman mit folgendem 

England, rpj^^i. ^^E^phues. Thc Anatomy of Wit. Verie pleasaunt for all 

Gentlemen to read, and most necessarie to remember, wherein 

are contained the delightes that Wit foUoweth in his youth by 



1) Mit diesem Resoltat glaube ich die bis in die neueste Zeit (cf. das 
citierte Werk Menghinis p. 315 fif.) diskutierte Streitfrage endgültig gelöst 
zu haben. 

2) Das hat schon Landmann 1. c. (o. S. 780, 1) gethan. Gut darüber 
auch Schwan 1. c. Auch die Zeitgenossen haben geschieden, z. B. schilt 
Bouhours 1. c. mafslos auf Gbngora, während er in seinen Entretiens 
1. c. 186 den Spanier Guevara, den Hauptrepräsentanten des zweiten StUs, 
wegen seiner netieti et elegance in ausdrücklichem Gegensatz zu den anderen 
Spaniern lobt. Dafs gelegentliche Berührungen beider Stilarten vorge- 
kommen sind (z. B. bei Shakespeare) weifs ich, übergehe das aber, um 
nicht zu verwirren; die Behauptung Menghinis 1. c. 846: Veufuiamo fu in 
Inghilterra cid die fu il ^gongorismo* in Ispagna, V'esprit prMeux* in Fraw- 
cia, il 'manirismo* in Itaiia ist notorisch falsch und irreführend. 



Antithesenstil: Lyly. 7g 7 

tlie pleasantnesse of love^ and the happinesse he reapeth in age 
by the perfectnesse of Wisedome"; diesem ersten Teile folgte 
ein Jahr darauf der zweite: ^^Euphnes and his England. Con- 
taining his Yoyage and adventures^ myxed with snndry pretie 
disconrses of honest Love^ the description of the countrey, the 
Court^ and the manners of that Isle.^ Der Verfasser war John 
Lyly, der ältere Zeitgenosse Shakespeares.^) ,;Die Bedeutung 
dieses Buches — sagt Fr. Landmann in seiner für immer grund- 
legenden Dissertation: „Der Euphuismus; sein Wesen^ seine 
Quelle, seine Geschichte'* (Giefsen 1881) 6 — beruht nicht auf 
dem Inhalte der Erzählimg, der für uns ein recht langweiliger 
und ermüdender ist, sondern auf dem Umstände, dsSa es in einem 
Stile geschrieben war, welcher die englische Prosa (bekanntlich 
auch die gewählte Shakespeares) in jener Zeit beherrschte und 
welcher als Eonversationssprache der höheren Stände, sowohl 
am Hofe der Königin Elisabeth, wie in guter Gesellschaft Jahr- 
zehnte hindurch Mode war.'* n^^ Hauptmerkmal des 

Euphuismus bildet die Antithese. Dieselbe ist in solchem 
Umfange durchgeführt, dafs sich nur wenige Seiten in dem 
ganzen Buche finden, wo dieselbe fehlte. . . . Diese Antithese 
ist bei Lyly etwas rein Formelles, Äufeerliches, eine Gegen- 
überstellung von Sätzen und Wörtern, welche entweder 
wirklich einen Kontrast enthalten oder nur der Kon- 
formität der Sätze zuliebe gegenübergestellt sind*' 
(ib. 12 f.). Jeder beliebige Satz kann das illustrieren; ich führe, 
da ich den Roman selbst nur flüchtig durchblättert habe, ein 
paar der von Landmann gegebenen Beispiele an. p. 74 Arb. 
Gentleman, as you may sttsped me of idlenesse in giving eare io 
your taJJcey so nuiy you convince me of lightnesse in aunswering 
such toyes: certes as you have made mine eares glow at the rehear- 
saU of your love, so have you gaUed my heart unih the remem- 
braunce of your folly. p. 65: Friend and fellow, as I am not 
ignoraunt of thy present weakness, so I am not privie of the catise: 
and although I suspect many things, yet can I ossäre myself of no 
one thing. Therefore my good Euphues, for these doubts and dumpe^ 
of mine, either remove the cause or reveale it. Thou hast helher 
founde me a cheerefull companion in thy myrOh, and nowe shc 

1) Jetzt am bequemsten zu lesen in Arben reprints n. 9. 
Norde D| antike Konstproso. II. 61 



788 ^^ Hmnanistenlatein und die modernen Sprachen. 

tJiau finde me as carefidl with thee in thy moane. If dttogeÜier 
thou maist not he cured, yet malst thou hee comforted, If ther he 
any thing yat either hy my friends may he procured, or hy my 
life aUeined, that may either heale thee in part^ or helpe thee in 
all^ I protest to thee hy tJie name of a friend, that it shaU raiher 
he gotten with the losse of my hody, then lost hy getting a hing- 
dorne. Die Antithese wird oft den Ohren fühlbarer gemacht 
durch Allitteration; Assonanz, Reim; z. 6. p. 47 Leaming wühout 
läbour and treasure wiihout travaile. 51 Why goe I about to 
hinder the course of love unth ühe discourse of law. 43 We merry^ 
you melancholy: we eecAous in affection, you iealous in aU your 
doings: you testie unthout came, we hastie for no quarreil. 

b, Antonio Guevara. 

II. In Woher stammt dieser Stil der englischen Prosa? Nach- 

1. GueTaro. dem darüber viel Falsches gesagt war, wies Landmann mit 
völliger Evidenz und unter allgemeiner Zustimmung^) die Quelle 
nach: es ist der berühmte Roman des Spaniers Don Antonio 
de Guevara, El libro de Marco Aurelio, erschienen 1529. Der 
Verfasser ,^ebte am Hof der Königin Isabella und trat dann in 
den Franziskanerorden ein. Bald jedoch spielte er eine bedeu- 
tende Rolle am Hof Karls V., wo er sich zum Historiographen 
des Kaisers emporschwang und Hofprediger, wurde. Er starb 
im J. 1545, als Erzbischof von Mondofiedo und Guadix."*) Sein 



1) Die sehr umfangreiche Litteratur findet sich jetzt am besten ver- 
einigt bei: Clarence Griffin Child, John Lyly and Euphuism in: Münchener 
Beitr. z. rom. u. engl. Philol. (herausg. von Breymann u. Koppel), Heft VII 
(1894). Hinzuzufügen ist dort noch: in enphuistischem Stil schreibt auch 
Edw. Young (1684 — 1765), durchgängig in seiner Schrift A true estimate of 
human life (The Works of the author of the night-thoughts vol. V Lond. 
1773 p. 11 ff.). Er wird deshalb getadelt von H. Blair, Lectures on rhetoric 
and belles-lettres , deutsche Übers, von Schreiter H (Liegnitz-Leipz. 1785) 
124. Ib. 126 wird bemerkt, dafs Alex. Pope (1688—1744) mit grofser Kunst 
den antithetischen Stil kultiviert habe. Manche Beispiele aus Autoren von 
Shakespeare an giebt schon H. Homer, Elements of criticisme (1762) c. XHI. 
— Ich bemerke noch, dafs der erste, der die Antithese als das wesentliche 
Charakteristicum erkannte, Nathan Drake war in seiner Schrift: Shake- 
speare and his time 1817, vol. I 441, angeführt von Schwan 1. c. (oben 
S. 785, 3) 96. 

2) Landmann 1. c. 65. 



Antithesenstil: Gnevara. 789 

Bucli erhielt sofort nach dem Erscheinen einen Weltruf und 
wurde bald in viele Sprachen übersetzt. Die englische Über- 
setzung Yon Thomas North (1568) war die unmittelbare Quelle 
des englischen Euphuismus^ dessen Hauptrepräsentant eben Lyly 
war: aber nicht der einzige; demi; wie schon Landmann be- 
merkte und andere wiederholten ^); hatte er mehrere Vorgänger, 
besonders an George Pettie^ dessen 1576, also 3 Jahre vor Lylys 
EuphueS; erschienene Novellen denselben Stil in Anlehnung an 
die genannte englische Übersetzung des Guevara schon recht 
deutlich, wenn auch noch nicht so einseitig, ausgeprägt zeigen. 
Ein paar Proben aus dem Werke des Guevara führe ich nach 
Landmann an: Quedate a Dios mundo ^ pues prendes y no fudUis 
atas y no afloocas^ Ictötimas y no cösaeUis, röbas y no restituyes, 
'alteras y no pacificas, desonras y no lidlagas accusas sinque aya 
quexaSy y smtencias sin oyr partes: por manera, que en tu casa^ 
mundo nos maias sin sentendar: y nos entierras sin nos morir, 
— No hay oy generoso seüor ni delicada senora: que antes no 
suffriesse una pedrada en la cabega que no una cuchillada en la 
fama: porque la herida de la cabega en un mes se la darä sana: 
mas la mägilla de la fama no saldra en toda su vida. 



c. Guevara und der spanische Humanismus. 

Mit der Erkenntnis, dafs die unmittelbare Quelle des eng- s. Frage- 
lischen Euphuismus im Spanischen zu suchen sei; haben sich ' ^^ 
die Anglisten begnügt: sie war ja auch für ihre Zwecke aus- 
reichend. Aber ich; dem das Englische nebensächlich war^ fragte 
weiter: woher hat diesen Stil der Spanier? Die Antwort ergab 
sich mir sofort: dieser Antithesenstil oder, was dasselbe 
ist; dieser Satzparallelismus kann nur eine der vielen 
Erscheinungsformen jenes alten gorgianischen öx^fia 
seiU; dessen tändelnde, auf Ohr und Auge sinnlich wirkende 
Art seit zwei Jahrtausenden auf Menschen verschiedenster Zunge 
seine Wirkung ausübte und zur Nachahmung reizte, wie wir im 
ganzen Verlauf dieser Untersuchungen erkannt haben. Aber, 
fragte ich mich weiter, besteht hier auch ein wirklich hi^tn- 



1) E. Koppel, Stud. z. Gesch. d. ital. Novelle, in: Quellen o, 
z. Sprach- u. Culturgesch. d. germ. Volk., Heft LXX (1892) 24 ff. 

61 • 




Eice Gcsdcekte des H^BaBssnss ik S 



rii^Lt ^.TTA Auflege z^ ei&er aclgfeffp. frosi koflaoL Es blieb 
sukj zitkXM ^brfgy &Ij die QcelläL seIcss n l^&mgen, was aber 
in ToLem ümfuig n^ir in Spaziieii selbst no^ick vire, da die 
wiüiIgiteD dieser Werke di€sseiss der PrreiuefL bdaaat geworden 
niui Die Thatiaebe ihrer Existenz erkennt man aber ans den 
groben, im XVIL Jh. acgelegioi Bibliotbekskasalogcn des An- 
dreas Sehottas (Hispaniae bibliotheca, Frankl 1606) und beson- 
ders des Nie. Antonio (Bibliotheea Hispana« Born 1672). Die 
dort rerzeiehneien Werke dreier, der berühmtestoi, Homanisien 
sind aneh in unsem gröberen Bibliotheken Terbreitet: die des 
Lud« Vires, des berühmtesten und Teriiiltnismälsig selbstän- 
digsten spanütehen Homanisten (1492 — 1540; Opera ed. Basileae 
l:/}0), die des Alphonso Garsias Matamoro (seit 1542 Pro- 
fessor der Rhetorik in Alcala, f 1572. Open ed. Mairiii 1769^ 
und die (nur füi syntaktische Fragen in Betracht kommende) 
Minenra des Francisc Sanctius (1587). Liest man die Werke 
der beiden ersten nnd sammelt sich aas den genannten Elata- 
logen die stattliche Reihe der Humanisten, so erkennt man, dals 
die formalistische Benaissancerhetorik seit dem Ausgang des 



AntdthesensiQ: GKieTara. 791 

XV. Jb. in Spanien eine aoTserordentlich groCse Rolle spielte^), 
was ja bei dem stark ausgeprägten oratoriscben Naturell dieses 
Volkes aucb begreiflieb genug ist. Selbständiges scheinen diese 
spaniscben Humanisten so gut wie gar nicbt produziert zu haben: 

1) Ein paar Beispiele aus der Bibliotheca des Antonio (die alpha- 
betisch geordnet ist, so dafs man Mühe hat, aus dem Chaos das heraus- 
zufinden, was man gerade sucht): 

Alphonsus de Alyarado: In Giceronis orationes analyses et enarra- 
tiones etc. Basileae 1544. id. Artium disserendi ac dicendi indissolubili 
vinculo iunctarum libri duo. ibidem 1600. 

Alphonsus Garsias Matamoros: De ratione dicendi libri duo. 
Compluti 1548 et 1561. De tribus dicendi generibus sive de recta infor- 
mandi styli ratione. ib. 1570. De methodo concionandi iuxta rhetoricae 
artis praescriptum ib. 1570. etc. 

Alphonsus de Torres: Progymnasmata Rhetoricae, Compluti 1569. 

Andreas Baianus: In Aphtonium de elementis Rhetoricae (s. 1. s. a., 
Anf. s. XVH). 

Andreas Semperius (f 1572, gepriesen als grammaticorum Äristar- 
chus, Bhdhorwn OorgiaSj in antiquitate Varro alter^ Latinarum Graecarum" 
que literarum Coriphams, tertiua Uiieensis Cato, eloquentiae ac doctrinae oni' 
nis instauraior, cuius in hibiis Ciceroniana dicendi facuUM, in pectore 
Demosthenica, in capite PUUonica sapientia residehant): Methodus oratoria; 
De Sacra concionandi ratione (Valentiae 1568); In Tabulas rhetoricae Cas- 
sandri; In Ciceronis Brutum. 

Antonius lolius: Adiuncta Ciceronis, sive quae yerba Cicero simul 
dixit tanquam synonyma aut vicini sensus. Barcinone 1579. 

Antonius Nebrissensis: Artis rhetoricae compendiosa coaptatio ex 
Aristotile, Cicerone et Quintiliano. Compluti 1529. 

Antonius Lullus: Progymnasmata rhetorica. Basileae 1550. 

Antonius Pinus Portodomeus: Ad Fabii Quintiliani oratoriarum 
institutionum librum III scholia (s. XVI in.). 

Ferdinandus Mancanares Flores (inter rhäores nascentium in 
Hispania liberdliufn disciplinartim aut verius renascentium tempore numera* 
batur, qui Äntonii Nebrissensis magistri iussu oUm edidiU) Bhetoricam s. de 
dicendi yenustate, de yerborum sententiarum coloribus, de componendis 
epistolis (s. 1. s. a.). 

u. s. w. Yiyes yerfafste Deklamationen nach antikem Muster, cf. Opera 
I 179 ff., sowie eine lange Reihe andrer rhetorischer Werke. — Ein paar 
humanistische Werke yerzeichnet E. Wotke in der Einl. zu seiner Ausgabe 
des Gyraldus de poetis nostrorum temporum (Lat. Litteraturdenkm. des 
XV. u. XVI. Jh. Heft 10. Beriin 1894) p. XXm f. — Eine „Rhetorica en 
lengpia castellana en la quäl se pone muy en breye lo necessario para saber 
bien hablar y escriyer y conoscer qui en habla y escriye bien. Alcala ' 
Henares, en casa loan de Brocar. 1541, in 4. goth.^* als bibliographiM 
Seltenheit erwähnt yon Brunet, Manuel du libraire. IV 5 ^d. (Paris 186 



792 I^äs Humanisienlaieiii und die modernen Sprachen. 

sie beschränkten sich^ wie im allgemeinen auch die Homonisien 
der andern Lander^ auf eine Hinüberleitong der Theorieen ita- 
lienischer Gelehrter — einer der frühsten spanischen Humanisten, 
Antonius Nebrissensis (de Lebrixa^geb. 1444), yerkehrte lange 
Zeit in Italien mit den dortigen Gelehrten^ s. o. S. 741, 2 — ^) 
und ihre praktische Einführung in den Schulunterricht: der 
Kampf gegen die scholastischen Lehrbücher stand auch hier im 
Mittelpunkt; wie oben (S. 741, 2) durch ein Zeugnis bewiesen 
wurde. Dafs dabei in Spanien wie überall die Lehre Ton den 
oratorischen Stilfiguren eine Hauptrolle spielte, erkennt man 
deutlich z. B. aus Vives de tradendis disciplinis L HI (1531) in 
den Opera I 476: eine Übersichtstafel der Figurenlehre (wie 
uns mehrere aus jener Zeit erhalten sind, z. B. von Petrus Ba- 
mus) solle an die Wand gehängt werden, ut deambulanti stndioso 
occurrant fignrae et quasi ingerant se ocülis. 
4. Urteile Dafs uuu Gucvara in einer humanistischen Schale erzogen 

oaerarM wurdc, ist bei einem Mann von solcher Herkunft von Yornherein 
^^"' begreiflich, auch zeigt es überall sein im Altertum handelnder, 
mit Anspielungen auf die Antike geradezu vollgestopfter Boman'). 

1267. — Von einem Pietr. Joh. Nunnez aus Valencia, Professor der Rhe- 
torik in Barcelona (f 1602 fast achtzigjährig), giebt es Institationes rhe- 
toricae (Barcelona 1578 u. ö.), notiert von D. Morhof, Polyhistor I (ed, Fa- 
bricius, Lübeck 1747) 953, eine kurze Inhaltsangabe (aber wohl nach Miraens 
de Script, sec. XVI c. 133) bei Gibert in: Jngemens des sayants T. Vm 
(Amsterd. 1725). — Quintilian in Spanien s. XV./XVI.: Ch. Fierville in 
seiner Ausgabe des I. Buches (Par. 1890) p. CXII. CXV adn. 1. CXXII. — 
Lehrstühle der Rhetorik an den Uniyersitäten : Andr. Schottas 1. c. I c. 2 
p. 31 ff. — Briefwechsel des Erasmus mit humanistisch gebildeten Spaniern: 
A. Helfferich in: Z. f. d. bist. Theologie N. F. XXIII (1859) 592 ff. — Für 
die Geschichte des Humanismus wichtig jetzt auch der Katalog der lat. 
Hss. des Escorial Ton W. Hartel in: Sitzungsber. d. Wien. Ak., phil.-hist. 
Cl. CXII (1886) 161 ff. Die von mir (in: Fleck. Jhb. Suppl. XIX [1892] 
378, 1) vermutete Benutzung eines Hippokratesbriefs durch Velez de Gue- 
vara in seinem Diablo cujaelo erscheint mir jetzt gesichert, seitdem ich 
weifs, dafs diese Briefe dort in lateinischer Obersetzung bekannt waren 
(Hartel p. 162). 

1) Aus G. Voigt, die Wiederbeleb, d. klass. Altertums I* (Berl. 1898) 
351 u. 458 habe ich mir notiert, dafs schon um 1430 bei Filelfo in Florenz 
spanische Zuhörer waren und dafs König Alfonso v. Neapel, der Aragonier, 
von Spanien aus mit Lionardo Bruni korrespondierte. 

2) Das Ganze ist eine fabulose Erfindung, wie auch die ans Dares- 
Dictjs entlehnte Einleitung zeigt. Die EIrfindungen deckte zuerst auf Pe- 



Antiihesenstil: GneTara. 793 

Dafs er daher^ wie den Inhalt, so auch den Stil nach antiken 
Mustern gestaltet hatte, ergab sich mir als selbstverständliche 
Folgerung. Ich fand sie bestätigt zunächst durch die einzigen 
lateinischen Worte, die es von ihm zu geben scheint, nämlich 
seine selbstyerfaTste Grabschrift, die ich hier folgen lasse, aber 
nicht in einem fortlaufenden Satz, wie sie in N. Antonio's Kata- 
log, sondern so, wie sie in der Frankfurter Ausgabe seiner Briefe 
vom J. 1671 (p. 272) gedruckt ist: 

Garolo V. Hispaniarum rege imperante 

Illustris D, Dominus Frater Antonius de Oaevara 

Fide Christianus 

Natione Hispanus 

Patria Alavensis 

Genere de Guevara 

Beligione S. Francisci 

Hahitu huius conventus 

Professione theologus 

Officio praedicator et chronista Caesaris 

Dignitate episcopus Mondoniensis. 

Fecit anno Domini MDXLIL 

Posui finem ciiris. ^es et Fortuna valete. 

Eine weitere Bestätigung fand ich in Urteilen von Zeitgenossen 
die den Stil des Guevara ohne weiteres auf eine Linie stellten 



trus de Kua in drei Briefen unter dem Titel Cartas del Bachiller Rua 
(s. XVI), cf. Schott 1. c. 667. Antonio 11 187. Der uns Philologen wohl- 
bekannte Landsmann des Guevara, Antonius Augustinus, urteilt über 
den Inhalt des Werks (Dialogos de las medallas, inscriptiones y otras anti- 
guidades 1575; ins Lat. übersetzt von A. Schott: Antonii Augustini anti- 
quitatum dialogi [Antwerp. 1617] 152): acire se antiqua Bomanasque historias 
fingit eaque comminiscitur, quae nee visa nee audita mortalibtu: nemo ut 
divinare queat^ in quos ille libros inciderit nova itaque notnina scriptorum 
excogitavit somniaque venditat ohtruditque quae apud nullum reperias auo- 
torem. Ähnlich Miraeus, Bibl. ecclesiastica, pars altera (Antwerp. 1649) 47: 
quod ad ^horölogium principutn^ seu librum *de vita Marci Aurelii Imp.* 
attinet, est is totua fabulose confictuSy non ex priscis historiis Bonumis petUus, 
quod moneo, ne quis erret, ut in Uispania et Gallia atdici passim errant, 
ubi cupid^ nimis in sinu manibusque gestari a viria nobilibus merito eruditi 
indignantur. idem iudicium est de Guevarae epistolis, quae ineptiarum stmt 
plenae nee 'aurearum epistolarum^ titulum inerentur, quo eas Gallicum vtUff^- 
indigeUU. Eeins dieser Zeugnisse scheint bekannt. 



794 I^as Homanisienlatein und die modernen Sprachen. 

mit dem entsprechenden antiken; da sie nicht bekannt sind^ 
teile ich sie hier vollständig mit. 1) Das frühste dieser Qrteile 
(drei Jahre nach dem Erscheinen des Bomans) stammt von 
ViveSy wo freilich Guevara nicht genannt, aber für jeden Leser 
mit absoluter Deutlichkeit bezeichnet ist: de ratione dicendi 
(1532) 1. II 114: das Gegenteil der gravis et sancta oratio sei 
eine oratio deliciosa lasciva Itidibunda, cum semper ludit omnibus 
translationum generibus et figuris et schematis et periodis con- 
tortis et comparatis, tum sententiolis argutis concinnisqu€y molli 
structura et delicata,, sälihuSy allusionibus ad fäbellaSy ad historiolas^ 
ad carmina, ad dicta in scriptoribtis celehria: in quam orationis 
fonnam degeneravit ea quae aulica dicitur, multorum itidem, 
qui se enascentium linguarum studio dediderunt — 2) Ma- 
tamoro hat sich^ als Zeitgenosse des Guevara^ begreiflicher- 
weise gelegentlich über ihn und seinen Stil geäufsert^ aber nur 
einmal direkt, nämlich in seiner Gelehrtengeschichte Spaniens 
(De adserenda Hispanorum eruditione sive de viris Hispaniae 
doctis 1553) 64 (der genannten Ausgabe): decräum mihi erat, 
nihil de praestantissimo viro et antiqme nobüitatis praesule Min- 
doniensi (d. i. Guevara), qui solus aulicorum manibiis proximis 
annis gestäbatur, privato iudicio statuere: nisi me invitum et plane 
repugnantem libellus vulgatus a Petro Efiu^a Soriensi, homine cum 
paucis erudito, in lianc censuram pertraxisset. ego vero sie existimo, 
virum hunc mirae facundiae fuisse et incredWilis uhertatis naturae, 
sed omnia rerum mo^nenta, quod Pedio obiecit PersiuSy Vasis 
lihrat in antithetis, doctas posuisse figuras^ laudari con- 
tentus (Pers. 1, 85 flf.): fxdgurat interdum et tonat, sed non totam, 
ut olim PericleSy dicendo commovet civitatem, et dum nihil vült nisi 
culte et splendide dicere, saepe incidit in ea quae derisum effugere 
non possunt. qui si illam extra ripas effluentem verborum copiam 
artificio dicendi repressisset . ., dübito quidem, an parem in eo eUh 
quentiae genere in Hispania esset inventurus. An ihn wird er da- 
her auch wohl gedacht haben, als er in dem 1548 verfalsten 
Werk De ratione dicendi schrieb (p. 296): man habe sich vor 
nichts so zu hüten, wie vor der fortwährenden Anwendung der 
Schemata, wodurch man alles verderbe und die Rede verweich- 
liche, hoc vitiOf fügt er hinzu, quum iuvenes essemus, orationefn 
corrupimus, quam ^de laudibus Davidis* Valentiae scripsimus; nam 
frequentissimis tropis et schemate perpetuo totam orationem effemi- 



Antithesensiil: GneyanL 795 

navinms (diese Rede ist nicht erhalten), ceterum haee luxuries 
dictionis commendatur in iuvenibuSy quam speramus tarnen stilo 
cum aetate depascendam esse. — 3) A. Schott L c. (1608) 250 £ 
scripsit lingua patria tum disertissimus , ut Caroli V ecdesiastes 
atque historicus sit delechtSj vemactüo sermonCy in quo affectasse 
nimium Schemata visus, pompa quadam tumens, et antithetis 
putide nimium iteratis lectorem enecat. guiny ut poetae verbis utar 
(Hör. de a. p. 97): proicit ampuUas et sesquipedcUia verha. Über 
dies Urteil ereiferte sich ein Ordensbruder des Guevara, Lucas 
Waddingy in den Scriptores ordinis Minorum (Rom 1650) 32: 
multa scripsit patrio ac ciiltissimo quidem et sublimi sermone, qua 
de causa et ob variam gratamque per omnia opera sparsam erudi- 
tionem in omnes ferme Europeae gentis linguas translata sunt, 
nescio itaque, unde tantus livor auctori Bibliothecae Hispaniccte, ut 
quem inprincipio elogii dixerat Hingua patria tum facundum.,.{iAG.Yj 
postea iniuriose nimis circa stilum vituperet Dagegen wieder Nie. 
Antonio I. c. I (1672) 98, der sich dem Urteil des Matamoro und 
Schott gegen Wadding anschliefst und hinzufügt: demus tatnen 
aliquid auctoris aevo, quando scüicet non bene adeo fundata ea 
Hispani sermonis, quae nunc in summo est, purifatis et eloqtientiae 
forma hisce aurium lenociniis, quae ex antithetis et syllabarum 
paritate veniunt, quasi extollere se ex socco ad cothumum videbatur, 
uti olim fatiscentis iam linguae latinae vitia crebris vocahulorum et 
periodorum figuris abscondi suhtrahique imminenti ruinac sequior 
aetas credidit, — 4) George Puttenham, The art of english 
poesie (London 1589) 219 f. (in Arbers reprints, n. 15): das 
Antitheton gebe oft dem Redner und Dichter grofse Anmut^ 
aber Isocrates was a litle too füll of this fgure, and so tcas the 
Spaniard that wrote the life of Marcus Äurelius, and many of 
cur moderne umters in vulgär use it in excesse and incurre the 
vice of fond affectcUion: otherunse the figure is very commendable. 

d. Der Ursprung des Antithesenstils im XVI. u. XVII. Jh. 
Isokrates und Cicero bei den Humanisten. 

Guevara stand mit seiner Vorliebe für diese Rede-iii imHu 
figur keineswegs allein: im Gegenteil gab er durch ihre utein aber 
Verwendung nur einer bei den Humanisten aller Länder ^^^* 
verbreiteten theoretischen Überzeugung und prakti- 
schen Anwendung besonders lebhaften Ausdruck. 



796 ^^ Humanistenlatein und die modernen Sprachen. 

Dafs die Humanisten die reichliche Verwendung dieser Rede- 
figur als das wesentlichste Erfordernis eines gewählten Stils an- 
sahen ^ erklärt sich aus ihrer Vorliebe für Isokrates, der schon 
im Altertum als der Hauptrepräsentant des antithetischen Satz- 
baus galt^), und für Cicero, bei dem diese Figur in Theorie 
und Praxis eine so bedeutende Rolle spielt. 

1. Isokrates. 

1. Nach- Er wurde schon in der Schule Vittorino's da Feltre neben 

des uo- Demosthenes gelesen.^) Vives übersetzte im J. 1523, also sechs 

^'*^°^®°Jahr vor dem Erscheinen jenes spanischen Romans, den Areo- 

a) bei IUI., pagiticus und Nicocles ins Lateinische (I 306 flf.); er preist im 

Span.« ijTaxus. _ 

u. dentsoh. Vorwort die Reden des Isokrates: in quibus est mira sermonis 
nirt©^ dulcedo et aptissima compositw^ numeris ad omatum adstrida^ wo- 
mit er eben die itaQiöcoötg^ das ivri^srov meint, Figuren, deren 
Schönheit er in seinen rhetorisch -stilistischen Schriften ofiers 
preist.') In seiner Schrift De tradendis disciplinis (1531) nennt 



1) Dafs sich die Fignr bei Isokrates finde, bemerkt anch Landmann 
1. c. 65 (cf. 15. 19. 47), doch fehlten ihm die Mittel, mehr als einen blofsen 
Vergleich anzustellen. 

2) Cf. Voigt 1. c. I 641. 

3) Besonders de ratione dicendi (1582), vol. I 97: periodi vim htibent 
incisa quaedam apte inter se quadrantia: ^Ad amentiam te natura peperit, 
ad scelus exercuit educoHo, ad supplicium fartuna reservavit* (Cic. in Cat. 
1, 25). ipsa enim congruens applicatio nexus habet vicem, ut in stmctura 
lapidum sine calce vel gypso quadrantium, venustissimae sunt periodi, 
quae fiunt vel ex antithetis, de quihus mox loquimur^ vel acute concluso 
arcftitnentOj atque adeo sunt quidam, qui acute concinnata argumenta et hre- 
viter conclusa et contorte vihrata eas demum veras periodos esse censeant, ut 
Hermogenes; über die antitheta spricht er dann ansföhrlich p. 101 f., wo 
er Beispiele giebt wie ^saepe vicit alea, saepe victus est proelio*, 'dicendum 
quod non sentias aut faciendum quod non probes\ ^non tarn cdlicere volui 
qiMm dlienare noluV u. s. w. Er wirft dann die Frage anf, wie es komme, 
dafs die Antithesen solche venustas besäfsen; er meint: hahent adversa haec 
gratiae plurimum ad gentes omnes propter iUam rerum pugnantium com- 
plexionem, similem naturali compositioni elementorum, qua constant humana 
Corpora. Infolge der ganz mangelhaften Disposition der Schrift kommt er 
noch einmal darauf zurück p. 107 : eine oratio florida sei u a. die, in welcher 
verha verbis quasi demensa et paria respondeant, ut crebro can- 
ferant pugnantia, comparent contraria, ut pariter extrema terminentur eun- 
demque re ferant in cadendo sonum. hoc oratümis genus et florens et iucun- 
dum et laetum dicitur et pictum atque expolitum , in quo omnes verborum, 
omnes sententiarum illigantur lepores, ut inquit Cicero (or. 38). 



Antithesenstil: Isokrates im Humanismiu. 797 

er unter den auf der Schule zu lesenden griediischen Autoren 
zuerst Isocratem, quo simplicius ac purius cogifari nihü potest 
(ib. 480). An einem portugiesischen Redner der ersten Hälfte 
des XVI. Jh. wird gelobt Isocratica iuctmditas lenitcisgue (Nie. 
Antonio 1. c. I 411). Gleich das erste in Frankreich mit grie- 
chischen Lettern gedruckte Buch brachte etwas von Isokrates: 
es ist der im J, 1507 erschienene Liber gnomagyricus, dessen 
interessante Entstehungsgeschichte u. a. E. Egger^ L'hellenisme 
en France -I (Par. 1869) 154 S, erzählt. Während es sich hier 
nur um den gnomologischen Gehalt dieses Autors handelte, hob 
Estienne Dolet in seiner Schrift La maniere de bien traduire 
d une langue en autre (1540)^) die Wichtigkeit einer nach seiner 
Ansicht aus keinem Autor besser als aus Isokrates zu lernenden 
rhythmischen und harmonischen Diktion herror, die sich in 
Wortstellung und Periodenbau zeige. Im Anfang des XVII. Jh. 
ging man in Frankreich so weit, dais man nach dem Muster 
des Isokrates das Zusammentreffen zweier Vokale in zwei Wör- 
tern mied^; auch von der Kanzel herab ertönten die nach iso- 
krateischem Schema geleckten und gedrechselten Perioden '), 



1) Ich kenne nur das, was Gibert in: Jugemens des sayants Vlil 2 
p. 647 ff. daraus mitteilt. 

2) Cf. De la Mothe le Vayer, De l'^oquence Fran9oise (1638): in Oeu- 
vres n 1 (Dresden 1756) 242, cf. auch 0. Oerber, D. Sprache als Kunst I 
(Bromberg 1871) 417. 

8) Der Hauptvertreter war Flächier (1632 — 1710), neben Bossuet der 
berühmteste Eanzelredner des XYII. Jh., cf. über ihn und seine Manier 
Crevier, Rhätorique Fran9oise n (Paris 1767) 141 ff. und den Artikel in 
Michauds Biogr. uniy. XTV 211. Ein Beispiel aus seiner Oraison funebre 
de M. le Ghancelier le Tellier (gehalten 1686) in: Recueil des oraisons 
funebres prononcäes par Messire Esprit Flechier, ev^que de Nismes. Nouv. 
äd. (Paris 1706) 322 f.: Dans Viloge que je fais at^ourd'huy de , , . Messire 
Michel le Tellier . , ., j'envisage non pas sa fortime, tnais sa vertu; les Ser- 
vices qbCil a rendus, non pas les places qu'il a remplies; les dons qu'il a 
receus du Ciel, non pas les hanneurs qu'on luy a rendus sur la terre; en un 
mot, les exemples que votre raison vous doü faire suivre, et non pas les gran- 
deurs que votre orgueü pourroit vous faire desirer. ' In solchen parallel ge- 
bauten Sätzen, wo einem Wort das andere entspricht, bewegt sich sein Stil 
fast immer. — Mit viel gröfserer Feinheit hat Bossuet (1627—1704) den 
Isokrates nachgeahmt; ich wähle ein von A. Chaignet, La rhätorique et son 
histoire (Paris 1888) 448 citiertes Beispiel aus einem Panegyricus: 1. L'hotnme 
lui a downe premihrement une forme humaine; \ 2. ensuite il a adore ses pro- 
pres ouvrages; \ 3, enfin il a fait des dieux de ses propres passums^ || afin que 



798 DftB Humauistenlatem und die modernen Sprachen. 

eiu Unfug, gegen den feinfühlige Männer ilire warnende Stimme 
erhoben^ wie einst die Gegner des Isokrates gegen diesen.^) Der 
Jesuit Nigronius aus Genf sagt in einer 1579 gehaltenen Rede^: 
undenam affulsit Isocrati et apud AiJwnienses et apud posteros in 
Graecia, Europa tanta gloria, tanta latis ab doquentia, tantus splefh 

Vhomme, n*ayant plus devant les yexix P 1. ni VatdoritS de 80n nom, \ 2. ni 
Ics conduites de sa providence, \ 3. wi 7a crainte de ses jitgements, n'eüt pius ] 
1. d'autres rcgies que sa volonte, \ 2. d'autres guides que ses passions, \ 3. en- 
fin plus d'autres dieux que lui meme. — Ähnliche Beispiele aus französischen 
Panegyriken giebt Bouhours 1. c. p. 39; 105; 107; 113. Cf. auch den Ar- 
tikel 'Antithese' in der Encjclop^die mt^thodique, Grammaire et littärature 
1 1782. — In die Geschichtfischreibung führte diesen Geschmack ein Pierre 
Matthieu (1563 — 1621), der in seinem der Histoire des demiers troubles 
cn France (1594) Torausgeschickten adyertissement den Satz aofistellt, qH'il 
est permis ä Vhistoire de faire le Ehetetir et que ceux qui otU esent les 
llistoires Grecqucs et Latines^ les ofU ainsi embellies. 

1) Cf. Rapin S. J., Beflexions sur Tdloquence (Par. 1684) in seinen 
Oeuvres (Amsterd. 1709) 11 21. 64. 68. Lamy, La rh<§torique on Vart de 
parier (Par. 1670), cd. Amsterd. 1699 p. 298 f. Cassaigne in der Yoxrede 
zu seiner Ausgabe der Werke Balzac's (Paris 1665) 31: 72 (Balzac) »'crt 
bien dontie de garde de tomber dans Vaffection de ces discipües d'hocrate, 
qui faschoicnt par tout d'arrondir egalemcnt leur Stile, qui de toutes leurs 
pcriodes faisoicnt autant de cercles, et qui ne songeoient pas, que comjne dans 
la prononciation il n'y a point de plus grand defaut que la manaUmie, aussi 
le plus vicicux de tous les stiks est celuy qui manque de varieU. Sehr fein 
auch Balzac selbst in seiner Dissertation De la grande ^oquence (vol. 11 
519 ff.). Vor allem Ft5n^lou in seinen Dialogues sur F^loquence en gene- 
ral, et sur celle de la chaire en i>articulier, erschienen Paria 1718 nach 
seinem Tode (nach Gibert in den Jugemens des savans YUI 2 p 558 sind 
sie ein aus unbekannten Gründen nicht erschienenes Jugendwerk F.'s; der 
Grund ist aber doch klar: die mafslosen Angriffe würden einen so einflufs- 
reichen Mann wie Flechier f 1710 verletzt haben). Du« Tendenz ist, dem 
herrschenden Geschmack entgegenzutreten und Vorschriften für eine ver- 
besserte Art des Predigens zu geben. Das Vorbild dieser Redner sei Iso* 
krates, dessen blomenreicher, weichlicher, antithesenreicher Stü es den 
modischen „Isokratessen^ angethan habe; ihn unterwirft er daher einer 
Temichtenden Kritik, immer mit Hinblick auf die Nachahmer, die er nicht 
neonen wolle (cf. 16 ff. 1S4. 151 ff.); er verurteile nicht prinzipiell alle Anti- 
ÜMMii, wolle aber nur die gelten lassen, wo die Dinge, von denen man 
qpndiei, durch ihre Natur sich entgegengesetzt seien (156). Da er bemerkt, 
dbfii auch christliche Prediger, vor allem Augnstin, jenen parallelen Satz- 
tea beromigten, so wagt er es, sich auch gegen diese zu wenden, cf. 238 
L die ingehAngte Lettre toite ä Tacademie Fran^ise sur lYloqnence 301 f. 
t) Or. de f^lo optimo dicendi magistro in der Ausg. seiner Reden 
■IlttO) 



Antithesenstil: Isokratea im Hnmanismas. 799 

dor, %d eius memoria numqtiam interitura videatur? A styh, dicendi 
magistro.^) Im Stil des Rudolph Agricola (f 1485) fand Eras- 
mus^) etwas von der orationis stnictura des Isokrates.*) Vor b) bei eng- 
allem aber gefiel er in England, wo ihn Roger Ascham (f 1568), mwütte^ 
der bekannte Humanist, einbürgerte.^) Im J. 1550 schreibt er 
an seinen Freund Sturm in Strafsburg (The whole worhs of 
Ascham, ed. Giles I 1, London 1865, ep. 99) über seine Schülerin, 
die damals eben sechzehnjährige Prinzessin Elisabeth, von den 
vielen humanistisch gebildeten Frauen jener Zeit die erlauch- 
teste: Gallice lialiceque aeque ac Änglice loquüur; Latine expedite 
proprie considerate, Graece etiam mediocriter mecum freqnenter libefi" 
terque colloquuta est . . Perlegit mecum integrum fere Oceronem, 
magnam partem Titi Limi, ex his enim propemodum solis duohus 
auctoribus Latinam linguam hausü, exordium diei semper novo 
tesiamenio Graece tribuit, deinde sclectas Isocratis orationes et 
Soplwclis tragoedias legeboit. . . Orationem ex re natam, proprietate 
castam, perspicuitate illustrem libenter prohat. verecundas Irans- 
lationes et contrariorum collationes apte commissas et feli- 
citer confligentes unice admiratur. quarum rerum diligenti 
animadversione aures eius trit<ie adeo teretes factae sunt et iudicium 
tam intelligens, ut nihil in Graeca, Latina et Änglica oratione vel 
solutum et pervagatum, vel clausum et terminatum, vel numeris aut 
nimis effusum aut rite temperatum occurrat, quod non illa inter legen- 
dum ita religiöse attendit, ut id statim vel magno rejiciat cum fastidio 
vel summa excipiat cum voluptate.^) Man sieht aus den angeführten 

1) In dem jesuitischen Catalogus perpetuus der oberdeutschen Provinz 
vom J. 1602/4 (Mon. Germ. Paedag. XVI [1894] 1 ff.) findet sich unter der 
verschwindend kleinen Zahl griechischer Autoren auch Isokrates, und zwar 
nicht blofs seine ethischen Reden, sondern auch der Panegyricus und 
Enagoras. 

2) Dialogus Giceronianns p. 1013 (vol. I der Ausgabe von 1703). 

3) Für Belgien cf. Ruhnken de doctore umbratico (Lugd. Bat. 1761) 25 f. 

4) Doch nicht er allein. Sir Thomas Elyot spricht 1541 von quicke 
and proper aentences of the GreeJce mit Bezug auf Isokrates (Landmann 1. c. 65) 
und in der Diktion des Thomas Monis (1480 — 1635) erkannte wenigstens 
Erasmus eine Hinneigung zur Isocratica strudura (Dialog. Ciceronianus 
p. 1018). 

5) Cf. über diese Studien der Prinzessin noch ep. I 191 (vom J. 1555). 
n 34 (vom J. 1562): sie habe leicht gefafst orationis omamenta et totius 
sermonis numerosam ac concinnam comprehensionem. Desselben 
Schoolmaster 1. 11 p. 180 Giles: sie übersetzte jeden Vormittag ans 



800 Dfts Humanistenlatein und die modernen Sprachen. 

Worten; daDs er die Freude seiner Schülerin an dem antithetischen 
Satzbau billigt; auch in seinem Urteil über den portugiesischen 
Humanisten Osorius (ep. I 161 vom J. 1553) hebt er hervor, 
dessen Stil sei frequens et felix in contrariis^ und in einem 
Brief an Sturm (11 99%om J. 1568) lobt er dessen Analyse 
mehrerer Antitheta aus Ciceros Rede für Quinctius. Er selbst 
schwelgt förmlich in diesem Stil, wie schon die oben angeführten 
Worte zeigen und jeder beliebige Brief bestätigt, so, um aufs 
Geratewohl eine Stelle herauszugreifen: ep. I 173 (vom J. 1554) 
an König Philipp : inter tot hodie in Iwc urbe praeclara spedacuia 
quae ocuios ttios ohlectant, inter tot laetas congrattiUUiones quae 
aures ttuis deniulcent, ecce vocem et gemitum pauperum^ quae ani- 
tnum tuum, ut speramus, etiam commovebunt, vocem quidem laetitiae, 
gemitum vero miseriae. • . Hie locus non scelercUorum carcer sed 
miserorum custodia et est et nominatur, et in hanc custodiam nas 
non intrudimur ab cdiis sed ipsi confugimus, et huc eonfugimus 
non metu supplidi sed ^e melioris fortunae. Von seinem lateini- 
schen Stil, in dem jeder die affektierte Nachahmung des Isokrates 
oder Cicero deutlich fühlt, übertrug er diese Manier nun auch 
auf die englische Sprache. Denn er hatte die ausgesprochene 
Absicht, in diese die Feinheiten der antiken Diktion einzubür- 
gern. So schreibt er im J. 1568 an Sturm (II 99), er verwende 
in seinem für Engländer bestimmten Traeceptor' die englische 
Sprache, was freilich ein gefahrliches Unternehmen sei: neque 
tarnen ipse sum tam nostrae linguae inimicus, quin sentiam ülam 
omnium ornamentorum quum dktionis tum sententiarum admodum 
esse capacem; besonders aber hat er diesen Standpunkt dargelegt 
in dem 1545 erschienenen Buch mit dem eigentümlichen Titel 
^Toxophilus, The schole of shootinge conteyned in two books. 
To all Gentlemen and Yomen of Englande, pleasante for theyr 
pastyme to rede, and profitable for theyr use to folow, both in 
war and peace'. Dies Buch hat abgesehen von seinem unmittel- 
baren Zweck, das Bogenschiefsen als nützlichste Übung für jeder- 



mosthenes und Isokrates ins Lateinische, jeden Nachmittag aus Cicero ins 
Griechische. — Isokrates bei Ascham noch: ep. I 13 (1542). 17 (1643) 186 
(1552?). 164. Toxophilus p. 52. Cf. E. Grant, De vita et obitu Rogeri 
Aschami, in seiner Ausgabe von 1576 (abgedruckt bei Giles III 318): 2>e- 
mosthenem et Isoiratem suavissimos oratores jfHvatim discipulis prculegtbat. 



Antithesenstil : Isokrates im Humanismus. 801 

mann zu empfehlen^), zugleich noch die Absicht^ die Kunst der 
lateinischen Sprache auf die englische zu übertragen. Das sagt 
er selbst p. 6 f. Giles*): „Wenn Jemand tadeln wollte, dafs ich 
... in englischer Sprache geschrieben habe, so mochte ich ihm 
Folgendes erwiedem. Was die lateinische und griechische Sprache 
betrifft, so ist in ihnen bereits alles so vortrefflich behandelt, 
dafs schwerlich Jemand diese Meisterwerke übertreffen wird. Was 
dagegen in englischer Sprache seither geschrieben wurde, steht 
sowohl nach Inhalt als Form auf so niedriger Stufe, dafs schwer- 
lich Jemand noch schlechter schreiben wird. Denn je geringer 
das Wissen, desto geneigter war man stets, zur englischen Sprache 
zu greifen, und die am wenigsten Aussicht hatten sich durch ihr 
Latein auszuzeichnen, glaubten um so unverschämter mit ihrem 
Englisch hervortreten zu dürfen. (Falsch sei es, dadurch die 
englische Sprache bessern zu wollen, dafs man sie mit Fremd- 
wörtern überschwemme:) Indem Cicero den Stil des Isokrates, 
Plato und Demosthenes zu seinem Vorbilde nahm, erweiterte 
auch er die lateinische Sprache, aber doch in einer durchaus 
andern Weise als jene. Dieser Weg bleibt von den meisten 
Schriftstellern unbenutzt: entweder können sie ihn nicht ein- 
schlagen, weil ihre Unwissenheit ihnen im Wege ist, oder sie 
wollen ihn nicht einschlagen, weil ihre Eitelkeit sie daran hin- 
dert." Er wolle das Versäumte nachholen.') Demgemäfs über- 
trägt er nun auch jenes Stilomament des parallelen (antitheti- 
schen) Satzbaus, das ihm als das wichtigste von allen erschien, 
in mafsloser Weise in seine englische Prosa; auch hier braucht 
man nur beliebig zuzugreifen, um ein Beispiel zu finden: so 
gleich in der an König Heinrich VIII gerichteten Vorrede des 
genannten Buches: 1 trust that your Grace shall perceive it to he 

1) Ob die Idee, das Bogenschiefsen neben geistiger Thätigkeit hergehen 
zu lassen, nicht, wie fast alles bei diesen hyperboreischen Humanisten, aus 
Italien entlehnt ist? Cf. G. Voigt Lei' 539 von der Schule des Yittorino 
da Feltre: „Neben dem Unterricht gingen die Spiele und Übungen in freier 
Luft her. — Täglich gab es Übungen im Laufen, Bingen und Schwimmen, 
im Reiten, Ballspiel und Bogenschiefsen." 

2) Ich führe die Worte an in der Übersetzung A. Eatterfelds, Roger 
Ascham, sein Leben und seine Werke (Strafsburg 1879) 49. 

3) Die englische Orthographie auf Grund der lateinischen zu refor- 
mieren yersuchte Th. Smith, De recta et emendata linguae Anglicae scrip 
tione," Lutetiae 1668. 



802 Das Homanistenlatein and die modernen Sprachen. 

a thing honest for me to torite, pleasant for some to read, and pro- 
ßäble for many to follow; containing a pastime honest for fhe 
mind, whöksome for (he body, fit for every man^ vüe for no man, 
using the day and open place for honesty to rüle ü, not Iwrking in 
comers for misorder to abuse iL 

Wenn man diese Verhältnisse überblickt, so dürfte man 
folgender Schlufsfolgenmg nicht aus dem Wege gehen können. 
Als John Lyly im J. 1579 seinen Boman schrieb , verwendete 
er in ihm den Stil, der damals infolge einseitiger, durch die Hu- 
manisten aufgebrachter Nachahmung des Isokrates (und Cicero) 
als der einzig feine galt imd aus dem Latein der Humanisten 
auf die modernen Sprachen übertragen wurde ^); der Spanier 
Guevara war nur einer dieser vielen, die das thaten; eine un- 
mittelbare Beziehung Lyl/s zu dem durch seine Stellung am 
Hof einflufsreichsten englischen Humanisten Ascham scheint sich 
klar auch daraus zu ergeben, dafs in dessen 1570 erschienenem 
^Schoolmaster' als erstes Erfordernis für einen jungen Menschen 
hingestellt wird, dafs er Bitpvif^g sein und gesunden Witz haben 
müsse (p. 106 f. Giles): der Titel des Lyl/schen Buches aber 
ist: ^Euphues. The anatomy of wit/*) 

2. Cicero. 
2. Nach- Unter den Ciceronianern des XVI. Jh. nahm eine her- 

des Cicero- Vorragende Stellung ein der berühmte Strafsburger Humanist 
'^%";;;°,'*"° und Pädagoge Johannes Sturm (1507-1589)»). Er hat den 



1) Die starke Anwendung der Allitteration in den korrespondierenden 
Worten (z. B. that all that are woed of love should he toedded to liMt) ist 
wohl etwas spezifisch Englisches: diese Sprache neigte yon Anfang dazn, 
wie die hierfür yon Landmann angeführten Beispiele zeigen. Bei dem 
Spanier wird dagegen ein anderes, uns mehr antik anmutendes Elangmittel 
zur Verstärkung der Parisosis verwendet, das Homoioteleuton, z. B. Costumbre 
es rescehir presto y alegres: y dar tarde y tristes. En lo uno presumptuosos: 
y en lo otro perezosos und sehr viel dgl. 

2) Landmann 1. c. 68 gedenkt Aschams auch, aber ganz im Yorbei- 
gehu: mir scheinen die Beziehimgen aber sehr eng zu sein. Ob übrigens 
e'ötpvtjg auch bei Humanisten anderer Länder in jener Zeit nachweisbar 
ist? A priori ist es sehr wahrscheinlich. 

3) Die Bedeutung dieses Mannes für den deutschen Humanismus ist 
vortrefilich hervorgehoben von Ch. Schmidt, La vie et les travaux de Jean 
Sturm, Strafsb. 1865 und H. Veil, Zum Gedächtnis J. Sturms in: Fostschr. 
d. prot. Gymn. zu Strafsb. (Strafsb. 1888) 3 AT. 



Antithesenstil: Cicero im Hnmaidtmiis. 803 

Cicerokultus förmlich organisiert. Er lielisi seine Schfiler auf- 
treten und mit Anwendung aller A£Fekte die ciceronianischen 
Prozesse fahren; erat etiam in eodem loco quaesitar iudicii ipsique 
iudices, fasees etiam consulares et lictares^ viatores etiam ei cjrcum- 
stans Corona eorum qui audiunt, inprimis vero rei et litigatores 
utrinque^ patroni et amici quos ipsi sibi advocarint qui causas dt- 
ctmt ... Es wurde ein Gegner aufgestellt^ der unterbrechen 
durfte, worauf dann der kleine Cicero ^im Geist des toten' ant- 
wortete; sie no8 Vera iudicia in veris causis instHuimus et quasi 
gladiatorum oratorum paria introducimus.^) Was den Stil betrifft, 
so hat er, wie sein Freund Ascham, eine aufserordentliche Vor- 
liebe fdr den parallelen (antithetischen) Satzbau, in dem 
er wie alle^ das Wesen der ciceronianischen concinnitas be- 



1) De exercitationibus rhetoricis (Strafsb. 1575) 71. 79 f. Übrigens 
war auch dieser Gedanke nicht originell , cf. G. Voigt 1. c. I ' 540 f. von 
Vittorino da Feltre: „Rednerische Übungen wurden in der Weise der an- 
tiken Bhetorenschule veranstaltet : die Knaben lernten fingierte Fälle be- 
handeln, so dafs sie bald yor Gericht bald vor eiuem Senat oder einer 
Yolksyersammlung ihre Beden hielten*' (s. o. S. 801, 1). Die analogen Auf- 
führungen antiker Dramen an dem Gymnasium Sturms haben ihre Quelle 
gleichfalls in Italien, cf. J. Crüger in der (S. 802, 3) citierten Festschrift 
p. 309. Dagegen heifst es in der jesuitischen Verordnung yom J. 1619 (Mon. 
Germ. Paed. XVI 1894 p. 186): in rhetoriea etiam exhiberi poterit aliquod 
Senatus constütum, iudicium, sed äbsque apparatu soknniori personarum v. 
theatri. 

2) Cf. z. B. Doletus de imitatione Ciceroniana adyersus Desiderium 
Erasmum pro Christophoro Longolio (Lugd. 1535) 68 f.: die concinnitas sei 
den Ohren erwünscht, daher Cicero anüfheta crebro confert, quae numerum 
Oratorium ipsa necessitcUe gignunt et sine industria conficiunt (wörtlich wieder- 
holt in seinem: Liber de imit. Cic. ady. Floridum Sabinum [Lugd. 1540] 17). 
— Strebaeus de yerborum electione et collocatione (Bas. 1539) 1. 11 c. 7 — 9 
(p. 202 ff.): er sieht in jenen Stellen Ciceros (or. 38 ff. 164 ff.) yon der Con- 
cinnität das wesentlichste Erfordernis für die suavitas der Bede. — P. Ra- 
mus, Ciceronianus (1556) 95 (der Ausg. Prancofurti 1580) nuUa parte Cicero 
mctgis Ciceronianus videtur quam in orationis compositione et structura: tam 
eleganter et venuste orationem composuit .... frequentibus verhorum figuris 
totum corpus exomat, dum prima primis^ postrema posiremis, prima mediis, 
media postremis, omniaque inter se paria eoncinnitate stui numerum quendam 
faciunt, vel gradaüm aliis consequentia praecedentium loco redeunt vel col- 
lusione vocum similium aut casuum varietate veluH concinunt, — Antonius 
Lullus Balearis de oratione (Bas. 1558) 1. V c. 7 über die concinnitas. — 
Fr. San et ins de arte dicendi (1573) in: Opera ed. Maiansius I (Genf 1766) 
362 f. mit richtiger Herleitung aus Gorgias. — Daher schärfen die je^ 

Norden, antike Kunstpros«. II. 52 



804 Ds^ HmKumisteiüatem nnd die moderneii Sprachen. 

schloss^i sah. In seiner Schrift De amissa dicendi ratione (zu- 
erst 1538) 1. n e. 14 analysiert er^) daraofhin ciceronianische 
Perioden wie: plus kuins inopia possit ad miserieordiam quam 
Situs apes ad cruddUatem (pro Qoinci 91) und non ab homint 
älieno neque ab aliguo calumniatcre atque improbo, sed ab eguiie 
Bomano, propinquo et necessario suo (ib. 87). Er rät, ut in eius- 
modi propositis exemplis adoUscentes exerceantur und führt eine 
selbstgemachte Probe an. Ahnlich in seinem — übrigens yor- 
trefflichen (s. oben S. 42, 1) — Werk De periodis (1567): als 
Proben der elegantiay der venustas citiert er (f. 87 \ 103') pr. 
Quinct. 26 denim, si veritate amicitia, fide societaSf pietate pro- 
pinqtiitas colitur, necesse est, iste qtä amicum socium affinem fama 
ac fortunis spoliare conatus est^ vanum sc ei perfidiosum ei impium 
esse fateatur; pr. Caec 1 si gtiantum in agro locisque deserUs au" 
dacia potest, iantum in faro atque iudiciis impudentia vdlarei: non 
minus in causa cederet A. Caecina Sex. Ädmtü impudenOae quam 
in vi facienda cessit audaciae; div. in Caec. 54 hie tUj si loesum 
te a Verre esse dices, patiar et concedam: si iniuriam tibi fadam 
quereris, defendam et negdbo. In derselben Weise analysiert er 
(f. 105'. 154^ — 156^) isokrateische Perioden wie oi yäg dij^ov 
ndtQtöv iöTtVj '^ystö^at tovg i^r^kvöag t&v avxox^6vaiv oi>d% 
Toi}g si na^övtag z&v si xotriödvrov oidh Toi}g txitag ysvofiJ- 
vovg r&v vjtods^aiiivov uad bemüht sich, sie möglichst genau 
ins Lateinische zu übersetzen.^) Auch Sturm wollte die Kunst 

tischen Rationes studiorum diese Figur vor allen andern ein, z. B. die 
vom J. 1622 (Mon. Germ. Paedag. XVI 1894) p. 217 cf. 219 f., und der Jesuit 
Julius Nigronius verwendet sie oft in seinen Reden, z. B. in der 1583 ge- 
haltenen (XV p. 483 der oben [S. 798, 2] citierten Ausgabe). — Sogar Lip- 
sius, sonst der erbitterte Gegner der ciceronianischen Goncinnität (s. oben 
S. 775), empfiehlt am Schlufs seiner Oratoria institutio (1573; ed. Eoburg 
1630 p. 106 f.), die inaignis periodus der Miloniana (e^ enim haec^ iudices, 
non scripta sed nata lex etc.) so umzusetzen in eine Bede De pietate in 
patriam: est enim haec, auditores, animis hominum innata virtus, ad quam 
non doctrifia nos instituit sed natura imbuit, quae non tradita nobis sed tn- 
fixa, non instilHta sed insita est, sowie den Satz (in Gatil. 1, 25) ad hanc te 
amentiam natura peperit, volufitas exercuit, fortuna servavit in folgenden: 
ad quam nos virtutem natttra peperit, doctrina exercuit, fortuna ipsa destinavit. 

1) Den Kommentar zur Quinctiana, in dem er nach Ascham ep. II 99 
GiloH solche Perioden analysierte, habe ich nicht finden können. 

2) Cf. noch Do universa ratione elocutionis (Strafsb. 1576) 412 ff.; 
665 tr. ; nur der exilis orator solle diese Figur meiden : De imitat. orat. (ib. 



AntÜhesenstil: Cicero im Hnmanionna. 805 

des lateinischen Periodenbaus in seine Muttersprache übertragen 
wissen, denn auch das Deutsche sei solcher Finessen fähig. ^) 
Aber er selbst hat sich für zu gut gehalten, um deutsch zu 
schreiben, und der Antithesenstil, der im Spanischen, Englischen, 
Französischen und Italienischen grassierte, hat in unsere Sprache 
meines Wissens überhaupt nur geringe Aufnahme gefunden.^ 

Ich konnte noch eine ganze Reihe Ton Belegen geben, aus 
denen zu ersehen ist, dafs im XYII. und XVIII. Jh. in den unter 
Einfluls des Humanistenlateins stehenden Sprachen eine wahre 
Antithesenwut herrschte. Doch lasse ich sie hier beiseite'), und 
will, statt den Leser zu ermüden, ihn lieber belustigen durch 
das tollste Stück, das auf diesem Gebiete geleistet wurde. Ein 
viel gelesenes Buch^) war das des Emanuele Tesauro: II can- 
nocchiale Aristo telico, osia idea deir arguta et ingeniosa elo- 



1576) 1. II c. 9 (p. 249). — Die Vorliebe Sturms steigert ins Lächerliche 
sein ^Scholiast' Valentinas Erythraeus: er (und mit ihm andere) zerlegt 
z. B. den oben ans der Rede für Gaecina angefahrten Satz si — potest in 
3 %6iifutta zu je 6 Silben: 8% guantum in agro | locisque deseriis \ audacia 
polest und um nun auch in dem folgenden korrespondierenden Satz von 
19 Silben tantum in foro atque itidiciis impudentia vakret 18 Süben heraus- 
zubekommen, liefs man entweder in aus oder schrieb ac für 'atque' (in der 
Anmerkung zu der citierten Stelle Sturms de periodis). 

1) De ezerc. rhet. 1. c. 81. 

2) Doch vgl. Anm. 4. 

3) Nur einen will ich hier noch anfahren, weil er recht bezeichnend 
ist. Die Rhetorik des Bartolomeo Gavalcanti (Yinegia 1669), ein unend- 
lich weitschweifiges Werk, handelt im fünften Buch vom Stil, wobei an 
verschiedenen Stellen mehr als jede andere Figur das la6%a)Xov gepriesen 
und mit Beispielen vor allem aus Cicero belegt wird, dessen theoretische 
Ausführung über diese Figur im Orator dem Vf. natürlich auch bekannt 
ist (cf. p. 314), wie überhaupt das ganze Werk auf antiker Grundlage ruht. 
Cf. p. 279 (wo er selbst folgendes Musterbeispiel bildet: costui neUa paee 
inquieto, nella giterra otioso, nei pericoli timido, nella sicwrezza ardito si 
dimastrava); 305; 312; 313 f. (er schliefst p. 314: quesH quattro omamenti, 
la paritä dico, i sitnili casi, le simili terminationi ^ la contrapposiUone aono 
quegli, i quali danno dcLSCwno per se stesao e senza altro artificio risanama 
ed harmania tnoUo suave al parlare, come negli esempi allegcUi possono i 
nostri purgaU orecchi comprendere). Doch warnt er vor dem zu häufigen 
Gebrauch , und zwar in so scharfer Form , dafs er offenbar jene Manie* 
seiner Zeit im Auge hat: p. 279. 

4) Deutsche Nachahmungen nennt J. Chr. Gottsched, Ausfährl. Redl 
kunst * (Leipz. 1739) 330 f. 

62* 



806 



Das Homanistenlatein und die modernen Sprachen. 



cutione, Venetia 1663. Von p. 114 an handelt er von den figure 
harmaniche. Das sei vor allem das iööxaXov mit seinen paral- 
lelen oder gegensätzlichen Gliedern und gelegentlichem Gleich- 
klang am Ende (das sei ciceronianische concinnitiis). Es ge- 
nügt ihm aber nicht , die unnachahmliche Schönheit dieser 
Figuren blofs dem Ohr bemerklich zu machen^ sondern auch 
das Auge soll sich daran erfreuen; zu diesem Zweck teilt er 
die einzelnen, meist Cicero entnommenen; Beispiele durch Linien 
ab, z. B. Cic. in Mü. 102: 

an 



Tu 

1 
Me 

Per hos 

I 

In patriam 

I 

Bevocare 

I 
Fotuisti 



Ego 

I 
Te 

I 
Per eosdem 

I 
In Patria 

I 
Eetinere 

I 
Non potero? 



Dann folgen noch ein paar andere derartige Analysen cicero- 
nianischer Perioden; von einer sagt er: di cui nel giardin delle 
Muse ntun' altro e piü fiorito, denn sie enthielte eine Komposi- 
tion dolceniente sonora e vigorosamente soave, omaixt insieme et or- 
dinafa, ricrea il Dotto, insegna VIdioto; ebenso Cic. pr. Scaur. 45: 



doinus tibi deerat: 
at häbehas 



pecunia supererat: 
at egebas; 



incurristi 


in alienas 


amens 


insanus 


in columnas 


insanisth 



Welchen erschreckenden Umfang diese Manier angenommen hatte, 
sieht man daraus, dafs nicht blofs Tesauro sich (p. 187 flF.) daran 
macht, alte Ehreninschriften auf Augustus und Constantinus nach 
diesem Schema umzuformen, sondern dafs man — ganz wie 
Guevara (s. oben S. 793) — damals thatsächlich solche Ehren- 
inschriften verfafste, von denen z. B. nach Tesauro (p. 189) eine 

lautet: 

Omasius Fagoniae Biuc 

Dominus y Victor ^ Princeps, Deus; 

Hie ia>ceo. 



Antithesenstil : Cicero im Humanismus. 807 

Nemo me nominet famelicus^ 

Praetereat ieiunus^ 

SältUet söbrim. 

Haeres mihi esto, qui potest; 

Stihditus qui vult; 

Hostis qui audet 

Vivite Ventres et välete. 

Doch man mufs diesen ganzen Abschnitt des Cavaliere lesen^ 
um einen Begriff von der Monomanie jenes Jahrhunderts für 
diese Spielereien zu bekommen. 



Schlafs. 



Der Mann, dessen Stilfacetien wir soeben keunen lernten, ZM^mmen 
hat in richtiger Selbstschätzung als seine und seiner Genossen 
Vorgänger gepriesen GorgiaS; den Sophisten Ton Leontini, so- 
wie jene gezierten spätlateinischen Autoren aus der Deklamar 
torenschule, ne' quali parve rinato Gorgia Leontino. Vernünftige 
Männer haben ihre in orgiastischem Stil schwelgenden Zeit- 
genossen darauf hingewiesen, dafs sie es nicht besser machten, 
als Gorgias, Hegesias und jene Asianer, deren Excesse Cicero 
und der Autor negl wlfovg Terponten. *) In diesen Vergleichen 
ist eine durchaus zutreffende historische Erkenntnis niedergelegt. 
Denn wenn wir, auf der Hohe angelangt, einen Rückblick werfen 
auf den langen Weg, den wir zurückgelegt haben^ so sehen wir 
hinter uns liegen eine zweitausendjährige, nie unter- 
brochene Tradition. Dem alten sizilischen Redekünstler, 
„dem Mann der Mache und des Esprit''^), hatte das für Geist 
und Witz so empföngliche und für sinnliche Formenschönheit 
auch der Sprache von der Natur einzig prädestinierte Athener- 
Yolk zugejubelt und die Süfsigkeiten, die er ihm bot, begierig 
eingesogen. Von Gorgias und Genossen haben die Attiker mit 



1) Fr. Ogier 1. c. (S. 784). R. Ascham, The schoobnaBter (London 
1670) 99 Arber. 

2) V. Wilamowitz, Hom. Unters. (Berlin 1884) 318. — Es hätte oben 
(8. 15, 1) bemerkt werden müssen, dafs v. Wilamowitz 1. c. 811 £P. zuerst 
dM zeitliche Verh&ltnis des Thrasymachos zu Gorgias richtig beurteilt hat 



808 Schlufs. 

ihrem merkwürdigen Geschick^ Fremdes sich anzueignen und 
durch den Stempel ihrer Eigenart zu adeln ; die Kunst gelernt, 
durch äulserliche Mittel den Sinn und Geist Ton Horem und 
Lesern zu bewegen. Die Klassicität der grolsen attischen Schrift^ 
steller beruht auf der Stellung^ die sie zur sophistischen Kunst- 
prosa einnahmen, deren Verkehrtheiten sie yermieden uud deren 
Vorzüge sie mit dem ihnen angeborenen Gefühl für Takt und 
Grazie zur Vollendung erhoben: am meisten gelang das Piaton, 
dem Dichterphilosophen, und den Rednern der Praxis. Aber da 
sie sich kraft ihres individuellen Könnens am weitesten Ton der 
bewufsten rix'^fi der sophistischen Kunstprosa entfernten, so 
geht deren eigentliche Entwicklungslinie nicht über sie fort. 
Vielmehr war es Isokrates, der Schüler des Gorgias, der die 
Praxis seines Lehrers und der sophistischen Bedekünstler über- 
haupt wissenschaftlich begründet und sie — nicht ohne wesent- 
liche, mildernde Änderungen — für alle Zeit den Gemalsigten 
verbindlich gemacht hat. Die asianische Rhetorik dagegen hat 
in unmittelbarer Anknüpfung an Gorgias und mit absichtlicher 
Übergehung des Isokrates (und Demosthenes) jene Manier ins 
Bizarre gesteigert. Gerade durch die grellen Farben, die sie 
auftrug, zog sie die Augen der Römer auf sich, sobald diese in 
die Sphäre der hellenischen Kultur eintraten. In den griechischen 
und lateinischen Rhetorenschulen der Kaiserzeit, bei den Ver- 
ehrern sowohl der alten Götter wie der neuen Gottheit, fand 
diese Manier begeisterte Adepten, die ihr bis ins byzantinische 
und occidentalische Mittelalter treu geblieben sind und weiterhin 
den an der Antike sich emporrankenden modernen Sprachen an- 
fangs ihren Stempel aufgedrückt haben. Diese von der alten 
sophistischen Kunstprosa ausgegangene und in Einzelheiten 
stetiger Umbildung und Weiterbildung imterworfene Stilrichtimg 
haben wir nach einem aus dem Altertum selbst stammenden 
ünterscheidungsprinzip die „moderne" genannt. Dem progres- 
siven Verfall hat sich von Anfang an eine reaktionäre Partei, 
die der „Alten", entgegengestemmt, die in Theorie und Praxis 
Rückkehr zum Archaischen und Einfachen befahl, das sie in 
den attischen Klassikern versinnbildlicht fand: ein vergebliches 
Unternehmen, da sie in romantisch - idealistischer Schwärmerei 
das Wollen mit dem Können verwechselte und den Anforderungen 
der wechselnden Generationen keine Rechnung trug: der gröfste 



Schlufs. 809 

und geschichtlich bedeutendste dieser reaktionären Versuche 
wurde von den Humanisten — auch auf dem Gebiete des Stils 
— unternommen, aber er scheiterte wie alle seine Vorgänger. 
Auch an Vermittlungsversuchen zwischen den „Neuen" und den 
y^Alten'^ hat es in der ganzen Zeit nie gefehlt: mit unerreichter 
und daher der Ewigkeit für würdig befundener Virtuosität schlofs 
diesen Kompromifs Cicero, und in langer ununterbrochener Ar- 
beit schlössen ihn auch die modernen Sprachen, iudem sie nach 
jahrhundertelangem Tasten und Irren zur Erkenntnis kamen, 
dafs nicht eine überstürzte mechanische Übertragung des Fremd- 
artigen, sondern nur ein langsamer inniger Verschmelzungs- 
prozefs zu dem Ziele führen könne, dem jedes Kulturvolk, nur 
seiner Veranlagung gemäfs mit gröfserer oder geringerer In- 
tensität, zustrebt, der reinen Schönheit der Form wie in der 
bildenden Kunst, so auch in der gesprochenen und geschrie- 
benen Rede. 

Weit über ihre zeitlichen Grenzen hinaus hat sich uns die 
Antike als die alles bewegende und belebende Kulturmacht er- 
wiesen. Die Barbarennationen, von denen sie zertreten zu werden 
in Gefahr war, hat sie ihrerseits veredelt und die rohen, planlos 
hinstürmenden Gewalten befähigt, durch edelste Menschenbildung 
die grofse Mission einer Givilisation des Erdkreises zu voll- 
bringen. Die feindliche Gewalt der neuen Religion hat ihre 
stolze Gegnerin nach einem Ringen, wie es länger und furcht- 
barer in der Weltgeschichte des menschlichen Denkens nicht 
stattgefunden hat, zu Boden geworfen, aber wie des Lichtes 
Fackel auch umgewendet emporschlägt, so ist die Besiegte von 
der hoheitsvollen Siegerin selbst wieder aufgerichtet worden und 
hat mit ihr, wie auf allen Gebieten, so auch auf dem des kunst- 
mälaigen Ausdrucks der Gedanken in Worten und in Schrift, 
einen Freundschaftsbund geschlossen, welcher der Menschheit 
zum Segen die Äonen hindurch dauern wird, so gewifslich wahr 
das Wort des ernsten Dichters von der Ewigkeit des Guten ist: 
t6 si vixä. 



Atihang L 

Über die Geschiclite des Beims. 



Es giebt wenige litienu'hisionBche Probleme, dber die so 
Tiel gesehrieben ist wie über das Tom Cispnmg des Reims. 
Eine blolse An&ahlimg der Titel dieser Abhandinngen, die ich 
ziemlieh rollstandig geben zn können glanbe — wer heute 
darüber sehreibt, thnt so, als ob er keine oder fiui kerne Vor- 
gänger hat — würde Seiten f&Uen^), und wollte ich den ganzen 
Stoff in allen seinen Einzelheiten bearbeiten, so bedürfte es dazu 
eines eignen Werkes. Ohne daher auf das Detail einzogehen 
und ohne mich mit einer genauen Widerlegung des yielen Fal- 
schen und Abenteuerlichen, das in dieser Frage rorgebracht ist, 
zn be£assen, werde ich mich darauf beschranken, die wesent- 
lichen Resultate meiner Untersuchungen vorzulegen; wenn ich 
trotzdem ausf&hrlich werde, so geschieht es deshalb, weil ich 
nur auf breitester Grundli^e das Problem lösen zu können 
glaube. 

L Prinzipielle Fragegtellug. 

Dt a«im Wer vor etwa hundert Jahren über dies Thema schreiben 

fomin wollte, mufste vor allem zu einer prinzipiellen Frage Stellung 
^^J^ nehmen: ist der Reim die ^Erfindung' irgend eines bestimmten 
Volks gewesen, von dem er den übrigen vermittelt wurde? Heut- 
zutage herrscht darüber Einigkeit, dals eine solche Frage in sich 

1) Die erste Bystematische üntersochung stammt von Muratori in 
seinen Antiqoitates Italiae medii aevi III (1740) diss. XL De rhythmica 
veterom poesi et origine Italicae poeseos, cf. besonders p. 686 £P. 



spontane Entstehung oder Entlehnung. 811 

selbst zusammenfällt: die aus allgemeinen Gesichtspunkten sich 
ergebende Anschauung , dafs etwas derartiges überhaupt nicht 
'erfunden' wird^ erhält immer neue positive Beweise durch die 
Erforschung der Sprachen primitiver oder wenigstens von der 
europäischen Kultur abseits stehender Völker. Wir erkennen; 
dafs der Hang zur Verknüpfung von Versteilen oder ganzen 
Versen durch gleichklingende Silben potentiell (um mich so 
auszudrücken) überall vorhanden ist^), dafs es sich mithin nur 
darum handelt^ ob; wann; in welchem Umfang und durch welche 
Einflüsse er aktuell geworden ist. — Jeder Gebildete weils, dafs Der ger- 
der Beim in der späten Eaiserzeit in die Verse der christlichen B^'t^'eiiu 
Hymnen*) eindrang und hier; von bescheidenen Anfängen ai^s-^^®^'^ 
gehend; mehr und mehr seine Herrschaft ausdehnte, die er end- lat Hym- 
gültig besafs; als die alte Welt zu Boden gesunken war und 
auf ihren Trümmern neue Völker zu wirtschaften anfingen. — 
Auch darüber herrscht jetzt allgemeines Einvernehmen, dafs 
das germanische Volk in Anlehnung an die lateinischen Hymnen 
diese Verszier f[ir seine Poesie nutzbar gemacht; d. h. dem Beim 
seine originalen Versformen geopfert hat.^) Zwar sträubt sich 
unser Gefühl anfangs gegen die Zumutung; ein wesentliches for- 
males Element der Poesie als Import aus der Fremde anzusehen. 
Aber es fehlen dafür nicht Analogieen. Über die Verse der 
Kirgisen urteilt der erste Kenner dieses und der verwandten 



nen 



1) Weite Verbreitung des Reims : George Puttenham, The art of eng- 
lish poesie (1589) in Arbers reprints n. 15 p. 26. Theophilus Swift, Essay 
on the rise and progress of rhime in: Transactions of the royal irish aca- 
demy IX (Dublin 1803) 3 ff., wo er ihn nennt: fhe universal voice of nations. 
J. Eayser, Beitr. z. Gesch. d. alt. Kirchenhymnen ' (Paderborn 1881) 110, 4 u. a. 

2) Ein wissenschaftliches Buch über die Geschichte des christlichen 
Gesanges fehlt. In den bekannten Darstellungen sucht man vergebens so 
wichtige Stücke wie den (jetzt durch M. E. James in Tezts and studies V 
[Cambridge 1897] 12 f. vervollständigten) Hymnus in den (aus s. 11 stammen- 
den) gnostischen acta lohannis p. 220 f. Zahn (genau wie es Tertull. de 
or. 27 beschreibt), den Hymnus des Valentinus bei Hippol. ref. haer. VI 
87, den der Naassener ib. V 10, die Lieder des ApoUinarios nach Sozom. 
h. e. VI 25 und die des Arius nach Athanas. I 247. 406. 728 ed. Maur. 
Künftig wird auch hinzuzunehmen sein der kürzlich in Ägypten gefundene, 
von üsener (Religionsgesch. Unters. I 189 f.) ins rechte Licht gestellte 
liturgische Antiphonengesang am Epiphanienfest. 

8) Wohl zuerst hat W. Wackemagel, Gesch. d. deutsch. Nationallitt. 
I ' (Basel 1879) § 30 das nachdrücklich hervorgehoben. 



812 Anhang I: Über die Geschichte des Reims. 

Völker, W. RadlofiF*), folgen dermalBeD: „Was die rhytbmiscben 
Gesetze betrifft, durch die die gebundene Rede geregelt wird, 
so sehen wir, dafs hier die persische Poesie einen grolsen Ein- 
flufs geübt. Die ursprünglichen türkischen VersmaCse sind ver- 
loren gegangen: an Stelle der akrostichischen Verse sind Verse 
mit Endreim getreten/' Die Perser haben, soviel ich weiCs, 
ihre originalen Versformen denen der Araber geopfert. Das 
nationalitalische Versmals, in dem Priester Hymnen, Dichter 
Epen, Aristokraten Grabschriften, Aristokraten und Plebejer 
Dedikationen verfafsten und nach dessen Takt der Landmann 
beim Erntefest tanzte und sang, ist durch die um 200 v. Ohr. 
importierten griechischen Versmafse bis zu dem Grade verdrangt 
worden, dafs Gelehrte um 50 v. Chr. von der alten Versform 
keine klare Vorstellung mehr besafsen und dab, was noch mehr 
sagen will, der Soldat Verse auf die Kaiser in trochäischen 
Langzeilen, die weise Frau Losorakel in Hexametern, der ge- 
wöhnliche Mann Grabschriften in Senaren oder Distichen kon- 
zipierte. So übte also die antik -christliche Kultur ihre über- 
wältigende Macht auch auf die Versformen der modernen Völker 
aus: der Germane, der gemäfs seiner Aussprache das charak- 
teristische Ornament des Verses von jeher auf die Anfangssilben 
gelegt hatte, begann nun, es auf die Endsilben zu legen und 
das in einer Zeit, wo die Entwicklung der eignen Sprache, 
nämlich der beginnende Verfall dieser Endsilben, umsomehr ein 
Festhalten an dem alten Prinzip empfohlen hätte: der allitte- 
rierende Vers des Hildebrandliedes wich dem gereimten, der 
wenigstens für uns zuerst und gleich voll ausgebildet in Otfrids 
Werk vorliegt, ohne dafs die Zufälligkeit imserer Überlieferung 
ausschlösse, dafs infolge der Einwirkung der lateinisch -christ- 
lichen Poesie der Reim schon vor ihm wenigstens partielle Ver- 
wendung gefunden haben könnte; denn erstens pflegt die volle 
Ausbildung irgend welcher Erscheinung primitive Vorstufen zu 
haben und zweitens ist, wie mich F. Vogt belehrt, die kanonische 
Geltung des Reims in der ganzen deutschen Poesie seit der 
karolingischen Zeit nicht aus Otfrids Werk zu erklären, das nur 
in gelehrten Kreisen gelesen wurde und dessen Einfluüs über- 



1) Die Sprachen der tfirkischen Stämme Süd- Sibiriens L Abt. 8. Teil 
(St. Petersb. 1870) p. XX IT 



Entlehnung von Formen. 813 

haupt sehr gering war. — Die Einwände; die früher gegen die 
Herkunft des Reims aus der lateinischen Hynmenpoesie gemacht 
wurden^ sind hinfallig. Wenn in altgermanischen Liedern ganz 
gelegentlich ein oder der andere Vers reimt^), wenn, wie wir 
nachher sehen werden, der Reim in germanischen Zauberformeln 
aus heidnischer Zeit begegnet, oder wenn selbst, was jetzt von 
mafsgebenden Forschem in Abrede gestellt wird, jene in der 
Notkerschen Rhetorik citierten altdeutschen Reimverse*) sehr 
alter volkstümlicher Poesie angehören sollten, was folgt daraus 
anders als das, was jeder ohnehin zugeben mufs: daüs das ger- 
manische Ohr für den Zusammenklang auch des Auslauts der 
Worte empfönglich war, dafs also (um mich des obigen Aus- 
drucks zu bedienen) der Reim auch im Deutschen seiner dwa- 
liig nach vorhanden war, ehe er durch die auf allen Gebieten 
des Denkens und Dichtens so einsdmeidende Einführung der 
christlichen Hymnen zur ivsQysuc wurde? — Da mithin die Der Beim 
Thatsache, dafs der Reim in der Poesie der modernen Hymnen 
Volker in aktuelle Erscheinung getreten ist durch 
Übertragung aus dem lateinischen Hymnengesang, als 
sicher zu gelten hat, wird die prinzipielle Fragestellung 
für die Volker unsres Eulturkreises zu lauten haben: 
wie ist der Reim in die lateinische Hymnenpoesie ge- 
kommen? Bevor wir aber diese Frage beantworten können, 
sind noch mehrere Punkte zu erörtern. 



U. Der Parallelismns als Urform der Poesie and 

der Reim in Formeln. 

1. Es war nicht blofis das allen Menschen angeborene Ver- ParaiieUs- 
gnügen an harmonischem Wohlklang, das den Reim potentiell ZZ^v 
bei den meisten Völkern hervorbrachte'), sondern es bedurfte ^^aSte 



1) Gf. C. F. Meyer, De theodiscae poeseos yerbomm consonantia finali 
(DisB. Berl. 1849) 9 flF. 

2) Bei P. Piper, D. Schriften Notkers u. s. Schule I 678 f., cf. darüber 
z. B. 0. Schrader in: Germania XIV (1869) 42 ff. 

8) Harsdörffer in seinem Poetischen Trichter, dritter Teil (Nümb. 1668) 
p. 79 (cf. E. Borinski, Die Poetik d. Renaissance [Berl. 1886] 206) antwortet 
auf die Frage Varum die Reimen das Ohr belustigen': „nemlich wegen 
ihrer ungezwungenen Lieblichkeit, welche sich etlicher Mafsen mit einei 



814 Anhang I: Über die (xeschicfale des Beiiiu. 

einer ganz bestimmten Gnindlagey ron der er nicht liMgeloofc 
werden kann, ohne seiner Existenzmoglichkeit Terlnstig n gdien. 
Das Substrat des Reims ist der Parallelismos, oder, wie 
Herder es einmal etwas weniger scharf ansdröckt: ,pDer Retm, 
das grolse Vergnügen nordischer Ohren, ist ja ein fortgehender 
Parallelismns.^^) Parallelismns ist yielleicht der wiehtigate for- 
male Yolkergedanke, den es giebL Treffend arteilt A. Wnitke^ 
D. deutsche Volksaberglaube d. Gegenwart' (Berlin 1869) 157 £: 
„In Formeln wie ^Mond nimt zu, Warse nimt ab' ^Glocken gehn 
Toten nach, Warzen gehn mit' liegt eine achte und nraprllng- 
liehe Volkspoesie, ein Parallelismus der Gedanken, wie er in der 
hebniischen Dichtkunst und in den Volkssprüchen und besondas 
in den Gleichnissen sich kundgiebt, der Ursprung aller Dicht- 
kunst überhaupt. Was der Reim im auberen Klange anadiücken 
will, das drückt sich hier in kemhafter Wirklichkeit ans, die 
innere Gleichstellung und Verbindung des äuberlich Cntersehie- 
denen.^ Wer die Veröffentlichungen der Folkloristen durchblür 
tert, findet genug Beweise daf&r; so kleiden die Stamme am 
Altai ihre Sprichworter so gut wie ausschlielslich in die Form 
des Parallelismns, z. B. 

„Was gedenkst du die Vogel des Himmels zu fiingen? 
Was gedenkst du die Fische des Meeres zu fangen ?* 
oder: 

„Wer hat gesehen, dals des Bockes Hom zum EUmmel reicht? 
Wer hat gesehen, dals des Eameels Schwanz zur Erde reicht ?^^ 
Ebenso Sprichworter der Tataren, z. B. 

„Des Alten Worte bewahre im Sack, 
Seinen Leichnam bewahre nach Gebühr.^ 



oder: 



„Des Menschen Dummheit ist innen, 
Des Viehes Buntheit aufeen."*) 



gleichkünstlicher ZnsammenstimmnTig in der Mosic rereinbahren ; aller 
Mafsen anch ein wolge«taltes and nach konstrichtigem Ebenmafs wolge- 
stelltes Gem&hl dem Ang beliebet. Ea ist dieses der Natur eingepflamet, 
dafs ihm angenehm ist, wa« eine Gleichheit hat und hingegen miüsfiUüg, 
was eine Ungleichheit answeisset.** 

V In seiner Abhandlung .,Vom Geist der ebrÜschen Poede'* 178S »bk 
Werke ed. Suphan XI SSS. 

2^ Radioff 1. o. I 1 ^St. Petersb. 1866^ 1 ff. 

Z) Ders. 1. c. 1 6 ^St, Petersb. 1S86) 7. 



Parallelismas als Urform der Poesie. 815 

Ein Eskimolied ^): 

„Den grofsen Eoonak Berg im Süden drüben, 
Ich sehe ihn. 

Den groCsen Eoonak Berg im Süden drüben 
Ich schaue ihn. 

Den leuchtenden Glanz im Süden drüben, 
Staune ich an. 
Jenseits von Koonak 
Dehnt es sich aus, 
Dasselbe was Eoonak 

Seewärts umschliefst. 
Schau, wie sie (die Wolken) im Süden 

Wogen und wechseln, 
Schau, wie sie im Süden 
Einander verschönem; 
Während er (der Gipfel) seewärts umhüllt ist 

Von wandelnden Wolken, 
Seewärts umhüllt, 

Einander verschönernd/^ 
Ein finnischer Sang^: 
A maiden waVced along the airs edge — a girl along the ^naveV 

of fhe sky, 
AUmg the outline of a doudj — along fhe heaven's houndaryy 
In stodßings of a bluüh hue^ — in shoes with omamented heels, 
A ivool'hox in her handy — nnder her arm a hairßled potich 

tL S. W. 

2. Dieser Parallelismus der Poesie und der gehobenen Prosa ^) Arten des 

PanUleli»- 

mn«: 

1) Bei E. Grosse, D. Anfange d. Kunst (Freib.-Leipz. 1894) 282. 

2) In englischer Übersetzung mitgeteilt von J. Abercromby, Magic 
songs of the Finns in: Folk-Lore, a quaterly review of myth etc. I (Lond. 
1890) 26 cf. p. 22 : In Finnish, the second line of a coupUt is nearly dtwaya 
a repetition in other toorda of its predecessor, and stände in apposUion to it, • 
Wem die Folk-Lore-Litteratur besser zugänglich ist als es einem Deutschen 
(selbst an den gröfsten Bibliotheken) möglich ist, wird zweifellos Beispiele 
auch anderer Völker beibringen können. Es wÄre dringend zu wünschen, 
dafs die Folkloristen (was jetzt Ausnahme zu sein scheint) stets genaue 
Mitteilung auch über die ftufsere Form der Lieder machten (am liebsten 
auch mit einer oder der anderen Probe im Original): allgemeine Inhalts- 
angaben allein genügen uns nicht. 

8) Cf. A. Jeremias, Die babylonisch -assyr. Vorstell, v. Leben nach dem 



81G Anhang I: Ober die Geschichte des Reims. 

— wir haben bereits oben (S. 30 ff.) gesehen und werden weiter- 
hin darauf zurückkommen , dafs beides nicht zu trennen ist — 
zeigt bei verschiedenen Völkern oft eine Terschiedene Erschei- 
nungsform: teils entsprechen sich die parallel laufenden Satze 
. ganz oder zumeist Wort für Wort, teils ist die Besponsion eine 
erheblich freiere; wenn wir den wesentlichen Unterschied ins 
Auge fassen, so können wir die erstere Erscheinung Parallelis- 
mus der Form, die zweite Parallelismus des Gedankens 
nennen, 
a. orieoh. a. Den Parallelismus der Form nannten die Griechen 

paraiieu«- naQl0(o0ig; wir haben gesehen, dafs diese das wesentlichste 
^^ Charakteristicum der griechischen, dann der lateinischen Ennst- 
prosa war; ein Satz wie der des Gorgias: 

t{ y&Q iatf^ xolg &vdQa6i tovroig &v Sei ivd^döi MQOöitvm; 
r{ dl xal nQOöf^ &v oi det XQOöBtva^; 
slxstv SwalyLriv St ßovXofuUj 
ßovkolyLriv d' & det' 

q>vyhv dh xbv &v^Q(bxivov g>&6vov 
mag typisch dafür sein. Die Griechen müssen es sich gefallen 
lassen, hier mit den Chinesen zusammenzugehen (deren Sprache 
übrigens charakteristischerweise wie die der Griechen den musi- 
kalischen Äccent haben soll: s. o. S. 5); über sie teilt G. ¥. d. 
Gabelentz folgendes mit (Zeitschr. f. Y olkerpsych. X [1878] 230 £): 
«,Der Chinese, ein stilistischer Feinschmecker der empfindlichsten 
Art, ist ein grofser Verehrer scharf zugespitzter Antithesen. 
Schärfer aber können die Spitzen nicht aneinanderstoüsen, als 
wenn man beide entgegengesetzte Gedanken in ToUig symme- 
trischer Gestalt, Glied auf Glied einander entsprechend, neb- 
sammen rückt. Dies ist eine der gebräuchlichsten Arten ihrer 
StilkuDst'', was dann durch ein auch für Laien yeraündliches 
Beispiel illustriert wird.*) 

TvHio Jweipu^ ISST^ 9: „Die Form der I>ant«llaiig (io der Höllenfikhri der 
Istar^ ist Parallel ismus der Glieder, eine Form der poetiachem Sprache, die 
»iohorlioh urspr&nglich keine bewafst kunstmäiag« ist^ tonden das natür- 
Hoho Krgebnis «chwnngToll gehobener Rede,** 

r Btruierkensweit i$t aoch. dafs ans diesem Fonnparalleli imns sich 
nach T «1. GaU^lentt die chine<i$>cbe Sitte erklärt, «ehr oft ohne Inieipank- 
VivMi i\\ ;^oUroilvn Auch der Gritvho brauchte i B. fieineii Goi^a« kamn 
SU intorj^uujjioron. 



Parallelismas als Urform der Poesie. 817 

b. Der Parallelismus des Gedankens tritt vor allem b. Hebr. 
klar entgegen in der hebräischen Sprache. Wer ihn zusammen- ^üuü: 
wirft mit dem griechisch-lateinischen, oder gar den Parallelismus "*"' 
im Stil jüngerer lateinischer Autoren (z. B. des Appuleius oder 
Augustin) aus dem Hebräischen ableitet, beweist, dafs er von 
der Art des hebräischen Parallelismus gar keine Vorstellung hat. 
Ich will, damit der Kontrast um so deutlicher hervortrete, nicht 
das Hebräische unmittelbar mit dem Griechischen, sondern das 
von Juden geschriebene Griechisch mit dem von echten Hellenen 
geschriebenen Griechisch vergleichen. Wer des nationalgriechi- 
sehen Parallelismus Kundige, der etwa den eben angeführten 
Satz des Gorgias liest, könnte auch nur in Versuchung kommen, 
ihn für identisch zu erklären etwa mit Jes. Sir. 1 

ütaöa 6oq>ia itaQä kvqCov^ 
ocal (ist' aitov iötvv sig rbv al&va. 
&[iliov d'aXa66&v xal örayövas ifBtov 
xal imiiQas ai&vag tig iiaQid'(i'^0si; 
iitlfog oiQavov xal nXdtog yfig 
xal &ßv66ov xal 6oq>Cav xlg i^LXvidösi; 
nQOziga navxoyif ixxi,6xai tsotpla^ 
xal övvsöig q>Q0viJ6€a}g i^ al&vog 
(u. s. w. in 51 langen Kapiteln), oder mit dem in den (griechi- 
schen) Thomasakten erhaltenen gnostischen Hymnus auf die 
Sophia (Act. apost. apocr. 195 f. Tischend.), dessen erste und 
sechste Strophe R. Lipsius, Die apokr. Apostelgesch. I (Braun- 
schweig 1883) 301 £ so übersetzt: 

„Das Mädchen ist des Lichtes Tochter, 
Der Abglanz der Könige wohnt ihr ein. 
Fröhlich und erquickend ist ihr Anblick, 
In strahlender Schönheit erglänzt sie." — 
„Ihr Brautgemach duftet von Balsam und allen Aromen, 
Gibt süfsen Wohlgeruch von Myrrhen und Laubwerk. 
Drinnen sind Myrthenzweige imd duftende Blumen gebreitet, 
Das Brautbett mit Schilfrohr geschmückt'',^) 
oder mit folgenden Sätzen aus den Reden Jesu^) im Evan- 
gelium Matth. 7, 13 f. 



1) Cf. in denselben Akten noch p. 198 f. 213 f. 216. 224. 

2) Dafs sie so komponiert sind, ist von D. Müller, Die Proph«* 



818 Anhang I: Über die Geschiebte des Reims. 

£l6iX^£xs diä tfls 6t£VYig nvkfig. 

Zxi nXaxala ii Tfdkri 

Kai si>Qvx(OQ0s '^ 6dbg 

^ &7tciyov6a slg ti^v &7t<oksiav 

xal noXkol bIölv ot b16£q%6(uvoi 8C aitriq. 

ort 6tBvii fi nvXri 

xal tsd'kifiiiivti fj böbg 

^ &7tdyov6a slg tiiv %miiv 

xal dXiyoL slölv ot s{)(fi6xovTsg avti^v. 
ib. 16 ff. 

&xb r&v xaQTC&v avt&v imyvAösöd'S aitovg' 

/Liiert 6vkkiyov6iv anh ixavd'&v 6taq>vkiiv 

^ &nh TQLßökav 6vxa; 

oUto) nav divSqov iya^bv xaQitoifg xakoifg aoisi* 

rb dh tsanqbv SivSgov xaQito'bg novriQoi>g noiBl, 

oi diivaxai öivÖQOv iya^bv xagnovg novi]QOi>g xoietv 

ovdl divSgov 6anQbv xaqnohg xakovg xovBtv, 

Ttäv divdgov fiij noiovv xagxbv xakbv ixxditxstai 

xal slg nvQ ßdkkstai' 

&Qa y£ inb r&v xagn&v air&v inLyvA0s6d'£ avroiig, 



ihrer ursprünglichen Form I (Wien 1896) 216 £P. richtig hervorgehoben, cf. 
schon Chr. Wilke, D. neutest. Rhet., Leipz. 1843, 192. (Für Paulas cf. jet«t 
J. Weifs, Beitr. z. paul. Rhet., Gott. 1897, wonach o. S. 609 f. zu erweitem). 
Auch A. Resch, Agrapha 1. c. (o. S. 474, 2) 244 £P. hat auf solche Parallelismen 
zu yier Gliedern in den X6yicc ytvQiatui hingewiesen und sehr belehrend ist, 
was derselbe p. 82. 35 notiert: bei Lukas 10, 16 

6 dh iy^ Msv&v MetBt tbv &nootBiXavxd \lb 

sind die in Klammem eingeschlossenen Worte nur in dem berühmten Co- 
dex Cantabrigiensis (s. VI), sowie in mehreren Übersetzungen und in Alteren 
Oitaten erhalten; der Philologe würde daraus einfach folgern, dafs sie in 
nnsem EyangelienhsB., mögen diese auch ein paar Jahrhunderte älter sein 
ala der Cod. Cant., ausgefallen sind: ob die Folgerung des genannten Theo- 
logen, ne gehörten dem ürerangeUum an und seien Ton Lukas ansgelaMen 
den. ixgend welche innere oder ftolsere Wahncheinlichkeit hat, wage 

^'v «j^be ei aber luoht. 



Parallelismas als Urform der Poesie. 819 

ib. 24 S. 

nag oiv ZtSug ixo'6sL (lov toi>g Xöyovg tovtovg xal nout aitovgj 

&lioi(o6(o ctötbv &vd(fl q>QOvliia)y 

Z0tig pxod6(ii]<fs tiiv olxiav airtov ixl tiiv nixqav* 

xal xatdßr] ^ ß(fOXi^j 

ocal ^k^ov ot nota(ioiy 

xal i%vsv6av ot &vB[kOij 

xal nQoöineöov r$ olxia ixaivfjj 

xal (yöx hc€66' 

XB^siiBliano yä(f inl f^v xixQav, 

xal nag 6 ixo'öayi/ (lov roi>g Xöyovg tovtovg xal (lij noi&v ainovgy 

6iiLOia}dii0Btai &vd(fl (KOQ^y 

S0tig pxod6iiLrj0ß f^v olxCav avtov inl tifv &(iiiov' 

xal xatißtj ^ ßQOxii, 

xal f^k^ov o[ notaiioij 

xal hcvBv6av ot &VBiioij 

xal n(fo0ixo^av tfi olxia ixBivg, 

xal inB0B' 

xal fyf fi nt&0ig aitijg (isydkri. 

Das ist derselbe Strophen-^ Satz- und Gedankenparallelismus^ der 
gelegentlich^ an besonders gehobenen Stellen, auch die Reden 
der Propheten auszeichnet: der hellenischen Prosa ist derartiges 
ganz fremd. ^) 

3. Was ist nun begreiflicher, als dafs in diesen beiden Arten Spon< 

^___^^________ tanei 

Beim ii 

1) Ich erwähne das alles nur, weil immer wieder von neuem der echt- Formell 
griechiBche und echtlateinische Parallelismus der Eunstprosa mit dem he- 
br&ischen Parallelismus zusammengeworfen wird. Am verwegensten ist die 
Behauptung Yon E. Deutschmann, De poesis Graecorum rhjthmicae usu et 
origine (Progr. Eoblenz 1889) 26: der Beim der christlichen Poesie sei aus 
der Septoaginta abzuleiten, denn : pscUtni illim versionis tarn pleni atmt ri- 
montm, ut prope ad fnacamas Ärahutn accedant, worin jedes Wort unrichtig 
ist. Über das Wesen des hebräischen Parallelismus hat schon B. Lowth 
In seinem berühmten Werk De sacra poesi Hebraeorum (1763) praelectio 
XIX xichüg geurteilt, cf. auch E. du M^ril, Essai philosophique sur le prin- 
dpe el las formes de la yersification (Paris 1841) in dem Eapitel, das han- 
ddt Da ihjthme bas^ sur les id^es (p. 47 fp.). Mit dem Hebräischen stimmt 
gOBMi die Knnische: der Ealewala zeigt durchgängigen Parallelismus, über 
Weton D. Comparetti, Der Ealewala (Halle 1892) 81 sagt: „Jeder 
i aiUii einen Tollständigen Gedanken oder einen yollständigen Teil 
Oe danken 8 enthalten, welcher im nächsten Verse in an- 
fcen wiederholt wird." 
OBi SoMlproM. II. t>^ 



820 Anhang I: Über die Greschichte des Beimi. 

des Parallelismns und zwar natnrgemäls weit öfters in der 
als in der zweiten die beiden sich gegenübergestellten Sitze 
durch den Zusammenklang der auslautenden Silben der letzten 
Worte ^gebunden' werden, wie wir mit einer bezeichnenden Me- 
tapher^) sagen? In der griechisch-lateinischen Eunstprosa ge- 
schah es durch bewulste Absicht der Schriftsteller, aber wie 
*) im La- tief der Hang dazu in der Volksseele selbst wunelte, zeigen 
' jene uralten ^carmina', die die antiken Volker so gut besalsen 
wie die anderen. Buecheler hat auf ihre Bedeutung auch f&r 
die uns hier interessierende Frage hingewiesen im Rh. M. XXXTV 
(1879) 345. Nach Anfährung einiger Beispiele gereimter Zauber- 
formeln urteilt er: recetUissima haec est latinorum poemaium fanma, 
elsi primordia eius ipsa quoque ad horridam antiquiiaiem, immo 
ultra gentis ronumae originem redeunt. Auf Anregung Buechelers 
hat dann R. Heim das Material yorgelegt: Incantamenta magica 
graeca latina in Fleckeisens Jahrb. Suppl. XIX (1893) 465 ff. 
Mustert man die Beispiele, so findet man, dals die Urform dieser 
'carmina' der Parallelismus ist, der gelegentlich durdi den Reim 
gehoben wird. Nur ein paar Beispiele wiederhole ich daraus. 
Die beiden ältesten stehen bei Varro de r. r. I 2, 27 und de 
1. 1. VI 21: 

terra pestem teneto 
salm hie maneto 

und: 

novum vetiis vinum bibo 

novo veteri morbo medeor; 

alt ist auch die Formel, die einem bekannten Vergilyers (ed. 8, 79) 

zugrunde liegt: 

limus ut hie dureseit et haee ut cera liquescit. 

Femer der accentuierende Vers bei Marc. Emp. YllI 191: 

nee huio niorbo caput erescat aut si ereverit tabescat; 

Marc. XV 11: 

si hodie naia — ^i ante nata 

si hodie creata — si ante creata 

hafic pestem — hanc pestilentiam 



l) et 0. Plaio, Die Kunstaasdrücke der Meistersinger in: Strafsboiger 
Studiou III vi$^8) 195 mit Belegen seit dem Beownlf. Die Metapher findet 
»ich abrigena »uch bei andern Völkern: cf. E. du M^ril 1. c. 21, 8. Dem 
Altertum war *ie Rlr die Toetie fremd, s. oben S. 53, 2. 



Spontaner Beim in parallelen Formeln. 821 

hunc dolorem — hunc tumorem — hunc ruhorem 

hos toles — hos tosilUis 

hanc strumam — hanc strumellain 
hanc religionem 

evoco educo excanto 

de istis menibris meduUis. 
id. XV 101: 

albula glandula 

nee doleas nee noceas 

nee paniculas facias 

sed liqtiescas tamquam salis in aqua, 
id. XXI 3. XXVm 16: 

pastores te invenerunt 

sine manibus coUigerunt 

sine foco coxerunt 

sine dentibus comederunt. 
id. XX 78: 

lupus ibat per viam per semitam 

cruda vordbat liquida bib^L 
id. VIII 199: 

ne lacrimus exeat 

ne extiüet ne noceat 
Pelagonins 19: 

si tortoniaius si hordiatus 

si lassatt4S si cakatus 

si vermigeratus si vulneratus 

si marmoratus si roborcxtus, 
wozu noch kommen: die Eyocationsformel bei Macr. sat. III 9, 7 f.: 
ut vos populum civitcUemque Carthaginiensem deseratis loca templa 
Sacra urbemque eortim relinquatis absque his abeatis eiqtie populo 
civUaU metum formidinem oblivionem inicicUis proditique Bomam 
ad me meosque veniatis, 
der Flach des Kochs im Testamentum porcelli (p. 242, 10 Buech.): 

de Tebeste usque ad Tergeste liget sibi Collum de reste^ 
sowie die Reimspiele in den ^Efpiöia ygäfifiata bei Cato r. r. 160: 

daries dardaries astataries 
nnd: 

huat huat huat 

ista pista sista. — 

68* 



ohiiohen. 



822 Anhang I: Über die Geschichte des 

Aus den igavinischen Tafeln habe ich schon oben (S. 159 £) 
einiges hierher Gehörige angeführt, was ich zu yergleidien bitte; 
aufserdem noch das Oebet 11 B 24: 

lupater Sase, tefe estu 
vUlu vufru sestu 

sowie die Execrationsformel VI B 54 f.: 

nosve ter ehe esti paplu 
sopir habe esme pople, 
portatu ulo pae mersest 
fetu uru pirse mers esL^) 

b) im Orifl- Für das Griechische habe ich mir folgendes gesammelt 

Die altehrwürdige Rhetra des Lykurg begannt hochfeierlich (Plut 
Y. Lyc. 6): jdibg ^EXXaviov xal ^AQ^avag ^EXXavCag Ufin^ tdifv6a§upoVj 
(pvXäg g>vX(iiavta xal Aßäg Aßä^avta, XQuixovta yBQovöiav 
6i>v &QxaYitaig xataöti^öavtaj &Quig i| &(fav^) iauXld^Biv, In 
dem alten Demeterhymnus stammt die formelhafte Yerbindong 
iyiXttötog &na6Tog (V. 200) aus der Mysteriensprache. *) Dann 
späte Beispiele, in deren Formulierung aber manches älter sein 
kann. Zunächst jene auf den Steinen sich oft findende Fluch- 
formely die in der Fassung einer Inschrift yon Halikamass lautet 
(Anc. greek inscr. in the Brii Mus. lY 1 m 918): d di tig ixg- 
XBiQijöi Q'etvai xiva^ firidh yH xa(^og)0^6oiro avt^ iif^dh d'diaööa 
nXmtii^ liridh tixvov 6vri6ig fiijd^ ßiov xQdti^öigy HXä SJlq 
:tav6Xvij wofür es in einem Punkte auf andern Inschriften (z. B. 
CIGr. 2667. 2826 u. o. Lebas-Wadd. 509. Petersen - t. Lnschan, 
Reisen in Lyk. u. Kar. 6) bezeichnender heibt: fii^£ }n} ßax^ 
^qre ^dXaööa srlcorf).^) Femer ein gnostischer Zauberspruch 
auf Amuleten (besonders Gemmen) bei W. Frohner im Philol. 
Suppl V (1889) 42 ffi und C. Wessely in Wien. Stud. VII (1885) 
180: ^tiQa luXdvii luXavmiU^j Sg Sqfig tilviöai | xal hg Idmp 



V et daxa die Anm. Baechelers p. 97 ond C. Pauli, AltitaL Stud. T 
vlSiiT^ 139 ff. 

ä' So T. WilamowitZy Isrllos p. 11 för iifcs 'S «f«?- 

3^ Cf. Diels, SibTlL Blätter 133. 

4' Horode» Atticus hat das stilisiert: T»rni jifrf yifw mcfsov ^pi^tw 
iiiff« ^ItXfS^aw ]iZi»fr;r firci «oncök^ tf chroIi#9ai teifv^ wal yfvo; (CIA m 
141 «\ — Cber P)iaruu^ von Aasdhicken wie ov rli^mr »vJl fi^mr» ß^jt^xtt 
Y^^ ii^Ti«rT«s et Näkuck zu Soph. 0. C. 1676. 



Spontaner Beim in parallelen Formeln. 823 

ßifvxä6ai I xal &g äfviov xoi^fiov d. h. ^^ystera^) schwarze ge- 
schwärzte, wie eine Schlange windest du dich; und wie ein Löwe 
brüllst du, und wie ein Lamm werde sanft/^ Eine Bronzetafel 
in Avignon bei Frohner 1. c. 44 ff. enthält einen Wettersegen 
gegen Hagel; Frost und alles was dem Felde schadet; dort 
heifst es nach Anrufung der Dämonen: xfi^ov ix tovtov tov 
XagCov itä6av %aXalav \ xal näöav viq>iXav \ xal Söa ßkimsi 
xAqav.^ — Ich bemerke noch, dafs auch in dem berühmten 
rhodischen Schwalbenlied (bei Athen. VIII 360 C) je zwei Verse 
gepaart werden, die meist durch gleichen Anfang oder gleichen 
Schlufs zusammengefaüst sind: 

f^M^y flXQ'B %BXidhv 

xaXäg ägag &yov6a 
xaXo'bs iviatnovgj 

iücl yaötiga Xevxä 
inl v&ta iiiXuLva, 

jcaXdd'av 6i> xgoxiixXsi 
ix nCovog otxoVy 

otvov XB 8ina6XQov 

XVQOV XB xdvVÖXQOV.^) 

Für das Deutsche habe ich bereits oben (S. 161, 3) einiges o) in 
zusammengestellt, was ich zu vergleichen bitte. Es lielise sich sprühen, 
manches' hinzufügen, besonders aus heidnischer Zeit die beiden 
Merseburger Sprüche, z. B. 1, 4 

insprinc haptbandun invar vigandun, 

2, 6 ff 

sose henrenJci sose bluotrenki 

sose lidirenht: 



t) Eine gnostische Göttin, cf. A. Dieterich bei F. Skutsch in Fleck- 
eisens Jhb. Suppl. XIX (1893) 567. 

2) Ans mittelgriechischen Ezorcismen mancheB derart in: Anecd. Graeco- 
Byzantina ed. A. Yassiliev I (Moskau 1893) 332 ff. 

3) Cf. auch das yon Demetr. de el. 156 aus Sophron (fr. 110 B.) ange- 
fahrte Sprichwort: t6Qvvccv i^Boev, n^fiipov ingtaev. Hierher gehört viel- 
leicht auch der Gleichklang in einem Orakel bei Ps. Eallisth. I 8 oitog 6 
tpvywf ßactXi^s {[{ci ndXiv iv Alyvntm, oi yrigdciinv &lXä vsa^av. 



824 Anhang I: Über die Geschichte des Beims. 

ben ei bena bluot ei hlmodaj 

Itd ei gdiden sose gdimidä sin. 

Kürzlich warde ich auf den yon Grimma Deutsche Myth. (Anh. 
no. IX) mitgeteilten Waffensegen König Konrads aufinerksam, 
den Olbrich, Ober Waffensegen in: Mitt d. Schles. Ges. ftr Volks- 
kunde 1897 p. 88 mit Recht als eine ^^uralte Formel^' ansieht: 

min buch st mir beinin, 
min heree st mir stahdin, 
min houbet si mir steinin. 

Viel Material aus dem Ehstni sehen findet man in: Myth. 
u. magische Lieder der Ehsten ed. Fr. Kreutzwald u. H. Neos, 
St. Petersburg 1854; z. B. ein Zauberspruch gegen Zahnschmerz 

(p.87): 

Jcoera amba kadunego, „In des Hunds Zahn mog' er schwinden^ 
hundi amba idanego, In des Wolfs Zahn mog' er wachsen, 
pöhja tuulde pogenegOj In des Nordes Wind entweichen, 
tuulesta tühja taganego! Aus dem Wind hinaus ins Leere !^ 

oder einer gegen Verrenkung (p. 99): 

luu luu asemele, ^Bein du, an des Beines Stelle, 
lüge liikme ligemale, Näher, du Gelenk, Gelenke, 
weri were asemele Blut du, an des Blutes Stelle, 

soon soone asemele! Sehne, an der Sehne Stelle!" 

Wer mehr in diesen Dingen bewandert ist als ich, wird die 
Beispiele zweifellos sehr vermehren können. 



in. Resultat and spezielle Fragestellang. 

spon- Fassen wir die bisherigen Ergebnisse zusammen, so laust 

^bewu?"- ^^^^ folgendes behaupten. Eine gewisse Neigung, parallele Verse 
ter Beim, durch den Gleichklang am Ende zu binden, hat in sehr be- 
schränktem Umfang bei den antiken Völkern bestanden; doch 
wurde der Reim nicht als solcher gesucht, sondern stellte sich 
nur ganz gelegentlich, durch spontane Entstehung ein. Ver- 
gleichen wir dies Resultat mit den Thatsachen der spateren 
eigentlichen Reimpoesie, so müssen wir konstatieren, dals letztere 
aus jenen Anfangen auf keine Weise direkt abzuleiten ist. Es 
muis vielmehr ein entscheidendes Faktum dazwischen getreten 



Der Ursprung des Hymnenreims. 825 

sein, welches die potentielle Neigung zur Aktualität umwandelte, 
welches die nur gelegentliche und spontane Verwendung zur 
gesetzmafsigen und beabsichtigten steigerte. Welches war dies 
nQ&tov xti/ow? Danach ist natürlich Yon vielen gesucht worden. 
Wenn heutzutage im allgemeinen angenommen wird, dafs der 
Übergang von der quantitierenden Poesie zur accentuierenden 
das entscheidende Moment war, so ist damit die Sphäre, inner- 
halb welcher das neue Formenprinzip wirksam wurde, ohne 
Frage richtig erkannt: denn jeder sieht ein, dafs sich, sobald 
die Metrik in der Auflösung begriffen war, das Bedürfois ein- 
stellen mufste, die rhythmischen Verse mit einem neuen Distinktiv 
auszustatten, das geeignet war, die feste Norm der Quantität 
einigermafsen zu ersetzen^), wie ja auch der ^Beim' schon durch 
seinen Namen mit dem ^Rhythmus' verknüpft ist.^) Aber es 



1) Cf. R. Gottschall, Poetik > (Bresl. 1873) 268: „Der Reim ist keines- 
wegs die Erfindung eines besonderen Volkes, der Araber oder irgend eines 
andern, er ist die innere Notwendigkeit der accentuierenden Poesie, denn 
er hebt den Accent hervor und kräftigt den Rhythmus/* 

2) Die etwas komplizierte, aber wohl allgemein interessierende Sache 
will ich hier kurz darlegen. 1) In den altgermanischen Dialekten heifst 
rim ' Reihe, Reihenfolge, Zahl ' (cf. z. B. F. Kluge, Etym. Wörterb. d. deutsch. 
Spr. '^ s. y.), was etymologisch mit rhythmiis nichts zu thun hat, aber der 
Bedeutung nach mit ihm zusammenfällt, denn (v^ii6g wird schon yon 
Aristoteles (Rhet. m 8. 1408 b 29) als igii^fUg definiert (offenbar brachte 
man, d. h. in diesem Fall ein Sophist der platonischen Zeit, beide Worte 
durch eine spielerische Etymologie zusammen) und bei den Lateinern ist 
die konstante Übersetzung yon (v&ftog numerus, cf. z. B. Yarro de serm. lat. 
fr. 64 mit den Zeugnissen bei Wilmanns. Auch das romanische rima 
kann nach dem urteil der mafsgebenden Forscher (cf. Diez im Etym. 
Wörterb.) lautlich nicht aus rhyihmus geworden sein, besonders deshalb 
nicht, weil im Italienischen daraus rimmo hätte werden müssen, wie 
flemma aus phlegma, dramma aus drachma, ammirare aus cidtnirftri etc.; 
daher wird angenommen, dafs das romanische Wort aus dem Germanischen 
entlehnt ist. (Früher brachte man rithmus mit rima in etymologischen 
Zusammenhang, cf. z. B. Maffei, Dissertazione sopra i yersi ritmici, in: 
Opere ^^T [Venezia 1790] 330). — 2) Also hat germ. rim ^rom. rima mit 
rhytkmuß lautgeschichtlich nichts zu thun, sondern wir haben eine Über- 
trag^ong auf Grund blofser Elangähnlichkeit zu konstatieren; um diese 
Elangähnlichkeit noch deutlicher zu erkennen, mufs man bedenken, dafs 
rhyihmus (wie alle griechischen Worte im Mittelalter) stärksten Ver- 
änderungen unterworfen war: die gewöhnlichen Formen sind rithmus ritmus 
ri^ünus rigmus; man findet yiele Belege in den Varianten, die J. Wrob»^ 
in seiner Ausgabe des Graecismus des Eberhard y. B^thune zu c. 8 V. 



g26 Anhang I: Über die Geschichte des Beims. 

ist klar, daCs durch jene Antwort die Frage nicht in ihrem 
ganzen Umüang beantwortet wird: denn, fragt man sofort weiter. 



p. 49 sammelt, femer in den Varianten der Onintilianhandsdiiiftea bei 
Halm ToL n p. 178, 11 und 179, lOf. (in den ep. obsc. Tir. wird 
rigmizare geschrieben: p. 28, 22. 285, 36 Bock.). Dats nnn unter di< 
Yerstfimmlongen öfters auch rymus nipt» begegnen, darauf will ich kein 
groCses Grewicht legen, weil die Möglichkeit besteht, dafs die Schreiber 
hier die ihnen aus den modernen Sprachen gel&ofige Form an die Stelle 
gesetzt haben, obwohl ich bemerke, erstens dals die Form ryams schon im 
cod. Ambrosianns des Quintilian aus s. XI vorkommt (bei Halm L c 179, 10\ 
zweitens dals auch innerhalb des sog. Mittellateins ans rigmm$ werden 
konnte rimus, wie die Schreibung sima für sigma bei Ebeihardus L c. Y. 2S8 
beweist. Wie dem aber auch sei: wenn man in rühwnu oder rigmmg die 
lateinische Endung fortliels, so war die Klan^hnlichkeit mit dem germ. 
rim grofs genug, um — auf Grund der BedeutnngsShnlichkeit — den Za- 
sammenfall zu bewirken. — 3) Natürlich hiels nun mlat. riikmus auf Gnmd 
des germ. rim ursprünglich nur 'Beimzeile', nicht das was wir jetzt unter 
'Beim' Tersteheu: man erkennt das z. B. deutlich aus der Definition in 
einer Ars rithmicandi, die Ton Wright-Halliwell, Beliq. antiquae I (Lond. 1841) 
aus einem Cod. Cotton. s. üV ediert ist, p. 30: rUhmus est conttma paritas 
stüabarum sub certo numero camprehensarum , wo rühmus die ganze Zeile 
bezeichnet, während der Verfasser den 'Beim' in unserm Sinne nie anders 
als c<ms(mantia nennt. Ebenso Henricus Gandayensis (f 1293), De scriptori- 
bas ecclesiasticis (ed. in: Bibliotheca ecclesiastica, ed. Fabricius, Hamburg 
1718) 128: WUhelmus numachus Affligeniensis (s. XTTl) . . . vitam domimae 
Lutgardis a fratre Thoma latine scriptum cofirertit in teutonicHm ritkwtice 
duobus sibi semper rithmis consonantibus. — 4) Wann ist nun jene 
Bedeutungsverengerung eingetreten, d. h. wann hat man einen allerdings 
wesentlichen Teil der Beimzeile, nämlich die consonantia an ihrem Ende, 
mit dem Namen des Ganzen zu bezeichnen begonnen? Ich kann das nicht 
genau sagen, will aber eine für diese Frage, wie mir scheint, wichtige 
Stelle mitteilen. Ich fand sie in den Flors del gaj saber estier dichas las 
levs d'amors, yerfafst 1356 von Guillaume Molinier, dem Kanzler des 
Poetenkollegiums von Toulouse (ed. in: Monumens de la litt^rature Bomane 
depuis le quatorzieme siecle, publi^s par Gatien-Amoult. Paris -Toulouse 
6. a. vol. I— IQ): vol. I p. 143 [ich gebe die Übersetzung des Herausgebers], 
in dem Abschnitt: Definition des rimts. Er definiert ihn nämlich so: la 
rime est une certaine suite dt syllabes, ä laqueUt onjmnt un autre vers pour 
lui correspondre , ayant meme accord et meme nombre de syllabes, ou un 
different (sc. accord et nombre; denn dafs sich different auch auf accord 
beziehe, sagt er später ausdrücklich). Dann fugt er hinzu: ü faut obserrer 
qu'aujourd'hui beaucoup de gens ont une opinion mal fondee, ou pour mieux 
dire abusive, gui cotmste ä ne point reputer ni tenir pour rimea des vers 
ayant meine nombre de syllabes, si la fin de Vun ne 8*accorde par assonancCy 
ronsotinance ou leonisme, atec ceUe de Vautre, ^i lui correspond , . , . En 



Der Ursprung des Hymnenreims. 827 

warum war es gerade der Beim; der diese Funktion übernahm? 
warum beispielsweise nicht die Alliiteration, zu der eine min- 
destens ebenso starke Neigung bestand? Solche Erwägungen 
mögen es gewesen sein, die den hervorragendsten Forscher auf 
diesem Gebiet, Wilh. Meyer, bestimmten, in einer berühmten 
Abhandlung: „Anfang und Ursprung der lateinischen und grie- 
chischen rhythmischen Dichtung"^) die Behauptung aufzustellen, 
dals der Reim aus der Poesie der semitischen Völker in die 
griechisch-lateinische Dichtung eingedrungen sei. Doch hat diese 
Hypothese mehr Widerspruch als Zustimmung erfahren. Man 



samme, an ne veut pas admettre que la ritne consiste dam im nombre egal de 
syllabes sans accord final. Das sei aber ganz verkehrt, denn nach dieser 
Theorie seien z. B. keine 'Reime' in folgendem Couplet: 

Fres et enclaus. estau dedins. j. cercle. 

On tne destrenh. osses, neivis. e canibas. 

Amors, e pueysh fam ayssi batr eh pökes 

Ckim li mariel. can fero aus lenclutge u. s. w. 
Ebenso äuTsert er sich im vierten Teil seines Werks, der Lehre von den 
rhetorischen Figuren: vol. m 331: compar est une autre fleur, Ce tnot 
signifie *pariti^ et designe un nombre 6gal ou presque igal de syllabes, avec 
une cadence agreable. Nous appellons ceite parite 'nw'. H n*est pas ni- 
cessaire de donner des exemples, chacun pouvant assez en trouver de lui- 
mime. Car partout oü il y a igaliti ou presque igaliU de syllabes^ quoiqu'ü 
n'y ait pas de consonnance, on a cette fleur appeUe ^ compar \ Für ihn ist 
also der Gleichklang am Ende etwas rein Accessorisches, keineswegs mit 
'Reim' in unserm Sinne verwandt, aber man sieht, dafs zu seiner Zeit jene 
uns geläufige Übertragung schon ziemlich allgemein durchgedrungen war, 
der er sich nur von seinem gelehrten Standpunkt widersetzen kann. Ganz 
ähnlich (auch recht lesenswert) Du Bellay, La deffence et iUustration de 
la langue Fran9oi8e (1549) c. 8. Für viele Humanisten war aber die ur- 
sprüngliche Bedeutung verloren, z. B. nennt der Verfasser der 1484 in Köln 
gedruckten Ars dicendi (Näheres über sie oben S. 765, 1) in seinem 
(übrigens ganz interessanten) Abschnitt über die gereimte Yulgärpoesie 
(L 7CTTT tract. VI cap. Xu) den 'Reim' rythmum (so, als neutrum), z. B. similis 
desinentia seu ryihma dictis vulgaribus metris solet aptan. In England ging 
man seit c. 1550 so weit in der Identifikation des lateinischen und ger- 
manischen Wortes, dafs man statt rime schrieb rhime oder rhyme (die 
Humanisten hatten nämlich inzwischen rh und y wieder eingeführt: be- 
sonders das erstere war dem Mittelalter in diesem wie in andern Worten 
abhanden gekommen), cf. The Century dictionary s. v. rime, 

1) In: Abh. d. Bayr. Ak. d. Wiss. I. Cl. Bd. XVH. 2. Abt. (München 1885) 
270—450. Die Recension von G. Dreves in: Gott. gel. Anz. 1886, 284 ff. wirc( 
den Verdiensten des Verf. nicht gerecht. 



828 Anhang I: Ober die Geschicliie des Beims. 

wandte vor allen Dingen ein, dafs kein Volk sich auf dem Ge- 
biet seiner Poesie ein so einschneidendes Mittel, wie es der 
Reim sei, als fremdländisches Produkt aufdrängen lasse. Aber 
das ist nicht richtig: nach meinen obigen Bemerkungen (8.811 f.) 
liefse sich aus der Poetik der Germanen und mehrerer dem 
europäischen Kulturkreise fremder Völker ohne weiteres der 
Gegenbeweis gegen diesen Einwand führen. Viel grölseres Ge- 
wicht würde ein zweiter Einwand haben: bei den semitischen 
Völkern spielt nach dem Urteil aller Spezialforscher der Beim 
nicht entfernt jene Rolle, die ihm Meyer anweist^): man mülste 
also annehmen, dafs die antiken Völker eine durchaus sekundäre 
Erscheinungsform der fremden Poesie übernommen und sie nun 
ihrerseits zur Norm ihrer eignen Poesie gemacht hätten, ein 
Entwicklungsgang, der a priori höchst unwahrscheinlich ist 
Ich glaube aber nicht, dafs wir hier mit Erwägungen allgemeiner 
Art zu sicheren Resultaten kommen können, sondern wir werden 
folgende Alternative aufstellen müssen: entweder ist der Ur- 
sprung des bewufsten Reims auf griechisch-lai. Boden 
nachzuweisen oder, wenn sich das als unmöglich heraus- 
stellt, so ist fremdländischer Ursprung anzunehmen; 
nur wenn das erstere sicher bewiesen ist, fällt ein für 
alle Male jede Hypothese der zweiten Art. 
Der Nun läfst sich, wie ich ho£fe, mit Sicherheit der Nachweis 

Beim führen, dafs der Reim eine durchaus originale Schöpfung der 

aus der 
Rhetorik . 



1) Cf. z. B. J. G. Sommer, Vom Reim in d. hebr. Volkspoesie, in seinen 
Bibl. Abhandl. (Bonn 1846) 85 ff. F. Bleek, Einl. in d. A. T. 8. Aufl. (Berl. 
1869) 242ff. P. Zingerle in: Z. d. deutsch, morg. Ges. X (18Ö6) 110. Cf. auch 
E. Wölfflin in: Arch. f. lat. Lexicogr. I (1884) 362. In Betreff der Hymnen 
des Bardesanes und Ephraem bemerkt A. Hahn, Bardesanes Gnosücus 
Syrorum primus hymnologus (Diss. Eönigsb. 1819) 42, dafs sich in ihnen 
das Homoioteleuton gelegentlich finde, aber E. Kessler bemerkt mir, dafs 
sämtliche dort gegebenen Beispiele sich aus dem Pi^ponderieren gewisser 
Formen der syrischen Nominalbildung erklären \md auch in der Prosa gans 
geläufig seien. Trotzdem wird immer und immer wieder eine Entlehnimg 
aus dem Syrischen oder Hebräischen behauptet, z. B. von H. Grimme, Der 
Strophenbau in den Gedichten Ephraems des Syrers in: Collectanea Fri- 
burgensia II 1893, Ph. Thielmann in: Arch. f. lat. Lexicogr. VH! (1893) 548: 
CS kann nicht dringend genug betont werden, dafs diese Ansicht ein 
Rudiment aus dem XVI. Jh., dem Zeitalter der &vi6to(friifla^ ist, cf. E. Borinski, 
Die Poetik der Renaissance (Berl. 1886) 46 f. 



Der rhetorische Reim in der quantitierenden Poesie. 829 

antiken Völker gewesen ist; dafs er sich mit einer gewissen 
Notwendigkeit ans dem Gang ihrer Litteratur ergeben hat. Um 
das Resultat der nachfolgenden Untersuchungen vorwegzunehmen: 
der Reim der Poesie war nichts anderes als jenes öfiOLO- 
tiXsvToVy welches, wie im Verlauf dieses Werkes ge- 
zeigt worden ist; das heryorragendste Charakteristicum 
der antiken Kunstprosa von Anfang bis zu Ende ge- 
wesen ist. Um eins mochte ich vorher den Leser bitten: da 
er weifS; dals ich eine so volkstümliche Erscheinung ^ wie es 
der Reim ist; aus der Kunstprosa ableiten werde, so möchte 
er mit einem gewissen Vorurteil an meine Argumente heran- 
gehen; doch bedenke er, dab; wie ich nachgewiesen habe, die 
antike Kunstprosa gerade deshalb eine solche Kontinuität in 
ihrer Entwicklung gehabt hat; weil sie tief aus der Volksseele 
selbst geschöpft war, ihren Regungen entgegenkam und aus ihr 
wiederum Nahrung empfing; und ist es nicht überhaupt der 
Triumph aller Kunst; gerade das Volkstümliche künstlerisch zu 
gestalten; den Bund zwischen sich und der Natur, der von Ewig- 
keit her besteht; immer aufs Neue zu befestigen? 



IV. Der rhetorische Reim in der quantitierenden Poesie 

des Altertums. 

1. Den Anstofs zu Untersuchungen über das Vorkommen Auiionde- 
des Reims in der quantitierenden Poesie des Altertums gab eine '^^on-' 
bekannte Abhandlung von W. Grimm, Zur Geschichte des Reims ^JJ^^^ 
in: Abh. d. Kgl. Akad. d. Wiss. zu Berlin 1851 p. 521—707, wo <i«"ti- 
er die von ihm als ;;Reime'' aufgefafsten Gleichklänge der latei- poeiie. 
nischen Hexameter und Pentameter einiger Dichter sammelte: 
leider eine ebenso mühsame wie von vornherein wenig frucht- 
bare Ajrbeit; deren Wert noch dadurch vermindert wird; dafs 
eine auCserordentlich groDse Zahl notorisch falscher Beispiele an- 
gefahrt ist. Für den entwickelten Satumier hat besonders 
K. Bartsch; D. sat. Vers u. d. deutsche Langzeile (Leipz. 1867) 27 f. 
die Beispiele gesammelt, für den trochäischen Septenar Usener 
in Fleckeisens Jhb. 1873 p. 175 f. (cf. Altgr. Versbau 116); für 
diesen und andere scenische Metra der Lateiner L. Buchhold; 
De paromoeoseos apud veteres Romanorum poetas usU; Diss. 



830 Anhang I: Über die Geschichte des Beims. 

Leipz. 1883. Dann sind diese Untersuchungen auf einige grie- 
chische Dichter der klassischen Zeit ausgedehnt: die Resultate 
findet man ^) in dem neuesten, vom Verf. gewiiüs nur för populäre 
Zwecke bestimmten, Büchlein über diesen ganzen Gegenstand 
von 0. Dingeldein, Der Beim bei den Griechen und Römern, 
Leipzig 1892. Aus allen genannten Untersuchungen hat sich 
ergeben, dafs die Dichter, von Homer und Livius Andronicus 
angefangen, in den durch die Hauptcäsur scharf abgeteilten Vers- 
hälften ganz gelegentlich gereimte Silben aufweisen^, z. B. 

^Eönsts vvv (loi Moi)6ai \ 'Oliiiutia dmiMcz* Ixovöai (Hom.) 

ix d* ißri aldoifi \\ xakij ^eög, ifapl di noitj (Hes.) 

sifpijiiois ^ivd-oig II xal xad-agotöL X&yoig (XenopL) 

(ijctstv xal TCetQioVj \\ KvQve, xax ^lißdttov (Theogn.) 

argdnteo polubro \\ aureo et glutro (Liv.) 

hkorpores gigantes || magnique ÄÜantes (Naey.) 

stülti hau scimus, \\ frustra ut simus, ^ u _ ^ ^ «^ . (Plaut.) 

Orüsdlf^ me hodie düaceravity \ Cmsälus me iniserumspoliavit(V]B,\it.) 

inde boves lucas \\ turrito corpore, tetras, (Lucr.) 

anguimanuSf belli \\ docuerunt volnera Poeni 

sufferre et magnas \\ Martis turbare catervas 

Cynthia prima fuit, \\ Cynthia finis erit (Prep.) 

cldre decore tuo, \\ care favore meo (Ov.) 

terramm dominos \\ evehit ad deos (Hör.) 

iam caeruleis || evecttts equis (Sen.) 

Titan summa \\ prospicit Oeta, 

Wie diese Erscheinung aufzufassen ist, ist nach dem vorhin 
(unter III) Ausgeführten sofort klar. Das ganz gelegentliche 
Vorkommen des Reims in der kunstmäfsigen, quanti- 
tierenden Poesie der Griechen und Lateiner erklärt sich 
bei den weitaus meisten Dichtern aus dem spontanen 



1) Es fehlt F. Gustafsson, De yocum in poematiB graecis consonantia 
in: Acta sog. Fennicae XI (Helsingfors 1880) 297 ff. 

2) Cf. auch Th. Birt, Ad historiam hezametri lat. symbola (Diss. Bonn 
1876) 60 f. und speziell für den Pentameter E. Eichner, Bemerk, üb. d. Ge- 
brauch d. Homoiot. bei Catull, Tibull, Properz und Ovid (Progr. Gnesen 1875) 
29 ff. Übrigens hat Lehrs, De Aristarchi studiis Homericis' (Leips. 1882) 
460 ff., besonders 472 ff., sich energisch gegen solche gewendet, die in den 
Versen Homers, Hesiods, Yergils u. s. w. auf 'Reime' Jagd machen; aber 
die Erfahrung zeigt leider, dafs er in den Wind gesprochen hat. 



Der rhetorisclie Beim in der quantitierenden Poesie. 831 

Trieb aller Sprachen; parallel geformte Sätze hin und 
wieder durch Oleichklang im Auslaut mit einander in 
enge Verbindung zu bringen. Wer solche in der kunst- 
mäfslgen Poesie ganz sporadisch auftretenden Reime als ^^volks- 
tümlich'^ bezeichnet; meint vielleicht das Richtige^ drückt es 
aber mit einem Wort aus, welches leicht zu mifsverstandlicher 
Auffassung verleiten kann und thatsächlich verleitet hat. Der 
Reim ist auch hier bedingt durch den in den Versteilungen 
stark hervortretenden; oft auch inhaltlich ausgedrückten und 
äufserlich durch gleiche Anfänge der Teile markierten Parallelis- 
mus der Form^): nur insofern dieser Parallelismus überhaupt die 
Grundlage des Reims ist; kann man jene Reime ,;Volkstümlich'' 
nennen; aber von einer bewufsten Anwendung eines volkstüm- 
lichen Elements kann nicht die Rede sein: wer das von den 
Satumiem der ersten römischen Dichter oder den trochäischen 
Langversen des Plautus behauptet; mufs es konsequenterweise 
auch für alle übrigen Versarten zugeben ; und wozu soll das 
führen? Schon die eine Thatsachc; dafs die in trochäischen 
Langzeilen geschriebenen uns erhaltenen Soldatenverse der Kaiser- 
zeit sovne die der Inschriften keinen Reim zeigen^); genügt zur 
Widerlegung jener Ansicht. 

2. Dab in den genannten Fällen eine bewuTste rhetorische Bheto 
Absicht vorliege; ist von keinem behauptet worden und ist ja Beim ii 
auch von vornherein ausgeschlossen. Aber es lä&t sich nun — uemde 
und das ist für meine weiteren Untersuchungen wichtig — der Po««i«: 
Beweis erbringen; dafs einige Dichter auch in quanti- 
tierenden Versen den Reim mit Bewufstsein als rhe- 
torisches Mittel verwendet, oder mit anderen Worten 
den beliebtesten Schmuck der Kunstprosa auf die Poesie 
übertragen haben. 



1) Schon W. Wackemagel, Gesch. d. deutsch. Hex. u. Pent. p. IX be- 
merkt, „dafs der syntaktische Farallelismus in den Hauptabschnitten beider 
Versarten auf den Beim hingewirkt und ihm seinen Platz angewiesen habe** 
(cf. auch G. Gerber, D. Sprache als Kunst U 1 [Bromberg 1873] 169 f.). Grimm 
citiert diese Worte (1. c. 679), legt aber wenig Gewicht darauf, weil er den 
Beim aus der „Yolkspoesie** ableiten will. Über den Pentameter hatte 
schon im J. 1816 Lachmann zu Prop. I 5, 20 richtig geurteilt; diese Be- 
merkung scheint Grimm nicht gekannt zu haben. 

2) Das hebt auch Dingeldein 1. c. 81 richtig herror. 



^;5;Ä JLaounr -r .i«r m» 



li >«r. diK ;&. Die Giieeke^ 



in£nt3sd£i wTsit hdl 0& der BaifSivpai ■nlribrr Didiier 
Ar^4i.2^x WTKT. ÜBT 3L «DBL TfiBA afl äe OiimibIi aa- 
^ntfffiSf . Äi^ «Dt ^voL FofinL pfsfcijpirte Praai arfwciii (Su 77). 




nrß Biot iUL AraCTOtfisiiB l ^iBMiL . 1^1 »«s B6t: 
rx? ann«i^ :«# ivj^ w»? njpdf ««#ir 

Aiiu'a SxriTÜfs. ig- Zogizig &r Scf^SaeBL htf jpefa|}m tlich 
:x n;2;s DffH^diar Aruzci* msb» Kition. J^A äews Knnsi- 
n^TSsi rftt»:«Kt: aiir s='i folgsi-ie flnf Siellta Wkumt'), Ton 

erssen den Sehlufi Üag^erer EnieBL oie fünfte eine 
iL k- sie gehören Pardeen an, wo juKk in der 
Prcsa ger»öe dies Mittel besonders beliebt wmr: 

Med. 313 C n^^^ ^i i^i^m 

iaxi fi oljulw juil ya^ rfiuLi^miroi 
öiyr^öoiuö^aj xi^iööowmv ruuisfvof 
Phoen. 1479f. xöliL d' iyav^g oT fuv sijvidöTmJOi 

Tg<J' i^ißrföavj oi di dvöTviförmtog 
Andr. 689 f. f^v d' öjv^^g^, öoI (up ^ yloööalyia 

Hec. 1250 f. iix' ixd xä (li^ xaXä 

JtQdö0HV iroltuig, tXfg^L xal xä f&]| 9« i a 

\, er V. HemnanowBki, De homoeoteleatis qnibosdam tngicomm, 
Diss. MtziVin 1881, daa relativ Beste, was es für die 'Reime' der Tragödie 
jJM»bt a^ingeldcin 1. c. 47 ff. kennt die Abhandlang za seinem Schaden nicht); 
jier a«"i- ^ier werden nicht die Arten geschieden, und das rhetorische 

^oriert. 



Der rhetorische Beim in der quantitierenden Poesie. 833 

Ale. 782ff. ßQOtotg &xa6i xatO'avetv 6g>siXstai 

xoinc l6xi Qvrir&v SöriQ H^eniötatai 
xi^v aÜQiov ^HXov0av sl ßi(o6£tat' 
tb tfjg Tvxrig yäg iipavlg ol nQoßijöetai.^) 

Bei meiner Lektüre der späteren griechischen Poesie traf ich Kaiii- 
dann den bewufsten rhetorischen Reim zunächst bei Kalli- "'"'''• 
mach 08.^ Er hat der Rhetorik einen nicht geringen Einflufs 
auf seine Verse eingeräumt, z. B. hat er von der Anapher einen 



1) Über die beiden andern Tragiker hier ein paar Worte. Für 
Aeschjlos habe ich mir nur notiert 

Pers. 170ff.E. aviußovXot X6yov 

XQ^di fto» yivead'e, Uigcaiy yrigalicc niatAnata' 
nuvxa yccQ tä %idv* iv ^iiiv iatl ftoi ßovXBvnaxa 
(Schlufs einer längeren Rede, also wohl gesucht; dafs Aeschylos schon im 
J. 472 ein Yon den Sophisten im letzten Viertel des Jahrhunderts ver- 
breitetes Eunstmittel kennt, ist nach dem oben S. 25 ff. Ausgeführten nicht 
befremdlich). Verwandt ist die lang beobachtete Thatsache, dafs unter den 
Tragikern besonders Aeschylos in korrespondierenden Stellen der Strophe 
und Antistrophos durch dies Mittel starken (durch die Musik wohl noch 
gehobenen) Effekt zu erzielen wuTste, z. B. 
Pers. 694ff. Strophe: 

aißoiuxi d* &vxi(x. Xi^ai 
ai^sv &Q%al(p iCBgl tagßBi 
700 ff. Antistrophos: 

dlefjMi. d' icvxlu (pda9'ai 
li^oci dvaXentu tpiXoiaiv. 
Bei Sophokles halte ich in der Stichomythie zwischen Elektra und 
Chrysothemis 

El. 1031 f. &n8Xd'6- aol yaQ anpiXtiaig oin ivi. 
l^VBCtiV &lXa aol iid^riaig ai naQu 
den Beim för beabsichtigt und glaube, dafs der zweite Vers gerade darum 
halbiert ist, um das ffiog zu steigern; aus demselben Grund dürfte 

Phil. 1009 ivd^iov (ihv aoi), natd^iov 6' ifiov 
halbiert sein. Auch 

AI. 666 f. toiyocQ tb Xombv sladiisa^a iihv ^eolg 

bPkbiVj ^ioc^r}a6ii8a^a S* 'AtQsl9ag aißeip 
ist beabsichtigt. — Qenauere Untersuchungen werden für alle drei Tragiker 
wohl noch mehr ergeben, cf. auch Vahlen im Progr. Berl. 1883, 12 f. 

2) In dem delphischen Apollonhymnus des Kleochares ist V. 14 itva- 
nldvatai ro V. 16 &vaiiiXnBtat rein musikalisch, cf. 0. Crusius im Philol. 
N. F. Vn (1894) Erganzungsheft p. 66. 



834 Anhang I: Über die Geschichte des Reims. 

für die frühere Poesie unerhörten Gebrauch gemacht^); und sie 
zweimal noch durch ein anderes Mittel; das uns interessierende, 
gesteigert: 

h. 2f 26 8^ fiA%Btai, ^axcigsööiv^ i(ip ßaöiXili fic^^oiTO* 
Söttg iiidi ßaöiXiiij xal *An6kX(ovi (idxoito 
4, 84 Niiiiq>av ^iv xaCgovöiv^ Srs dgiiccg üfißgog ii^ei* 
Nv^g)at d' av xXaiovöLV, Sts dgvölv oimitv gyöXla, 
und zu demselben Zweck hat er öfters seine eignen metrischen 
Gesetze vernachlässigt, z. B. in folgenden Versen^): 

ep. 25,2 £^€iv fiiJT£ g>iXov xQiööova^ [nirs tplkfiv 
(iambisches Wort am Schlufs der ersten Hälfte des Pentameters), 

h. 3,262 fii}d' iXatprißoXCiqv^ (irid' B'b6to%lriv igidaivsiv 
(Spondeus im dritten Fufs und Wortschluis nach der Länge des 
fünften Fufses), 

6, 91 Ag dh Mi(iavti xt(ov, Ag äsXip Svt nXayymv 
(ebenso), 

3, 63 oör' &vtfiv iisstv oüta xtvfcov oüaöi Six^av 
6, 73 of>xB viv Big igavtag oüte ^iwdeinvLa Ttiyatov 
(Spondeus im dritten Fufs und Oxytonierung eines trochäischen 
Wortes). 
Pfl.-Oppian Aber weitaus das meiste Material bot mir unter den un- 

bedeutenden Dichterlingen der Kaiserzeit einer der ärmlichsten, 
Pseudo-Oppian, der Verfasser der Kvvriyettxoi, die er dem 
Caracalla widmete. Er hat seine bekanntlich auch rein metrisch 
betrachtet schlechten Verse mit rhetorischen Putzmitteln in 
einer für antike Poesie widerlichen Aufdringlichkeit aufgeflittert 
(wie er ja auch inhaltlich stark rhetorisch ist, besonders in den 
zahlreichen ixq>Qdösig z. 6. I 173 ff.). Von der Anapher macht 
er einen albernen Gebrauch, z. B. 

I 504 scdvra XC^ov xal Tcdvra X6q>ov xal näöav ivaQmiv 
II 565 v66q>i nö^av xal v66fpi ydi/Ltov xal v66q>L töxoio 



1) H. 1, 2. 6f. 22ff. 46f. 55. 70f. 87f. 91f. 92; 2, If. 6f 17f. 82ff. 48ff.; 
3, 9f. 14. 33f. 43. 56 f. llOff. 130f. 136f. 138. 183ff.; 4, 39f. 70. lOSff. 194. 219. 
260ff. 324f.; 6, If. 4. 45. 127f.; 6, 18f. 34f. 46f. 122. 136f. 

2) Darauf hat zuerst Kaibel hingewiesen in den Conun. in hon. Momms. 
(1877) 32 7 f., vgl. aufserdem Fr. Beneke, De arte metr. Callimachi (Dibs. 
Strafsb. 1880) 15. G. Heep, Quaest. Callim. metr. (Dias. Bonn 1884) 18. 17. 
J. Hilberg, Das Gesetz d. troch. Wortformen etc. (Wien 1878) 14. W- ?«— — 
in: Sitzungsber. der Bayr. Ak. 1884, 982. 991. 



Der rhetorische Reim und die qnantitierende Poesie. 835 

II 410f. ZßQifi iQ(og, xööog iööi, ^öörj 6d&€v &7eXBVog Hxij, 
n666a voBtgj xööa xoiQavisvg, xööa^ SatfuoVj i&ijQBtg 
II 70 ^sivövtmv &iiotov xal d'Bivoitivmv xBQdeööiv,^) 

ebenso von Wortspielen, z. B. 

I 53 ff. l^evtriQi 

&yQrj vööfpt 7c6voio' %6v(p d' &yLa tig^ig iiiriSst 
fioiivfi, xal q>6vog oOtig, ava^iucTCTOi öl niXovxttv 

I 399 tpvXa ^ivBvv fiov6q>vXa 
II 376 aitödstov ßaivovöi xal aitö^oXoi nBQÖmöi,^ 

und von allerlei Witzeleien, z. B. 

III 68 (ieio6t lihv (iBi^mv xsXi^Biy fuydXfjöt öh ^uimv 
I 260 f. (von der iit^ig der Stute mit ihrem Füllen): 

1^ luv &qa tXi^fi(ov äyovov yövov (sc. &^Qri6Bv\ aircäQ 

8y' ultima 
alvöyaiiog xaxöXBXtQog AfiijtoQa itritiga öbi^Xi^v 
III 264 SbCiimxv Saifuovtp nBmijörBg. 

Aber einen ganz besonders unmäCsigen Gebrauch hat er von dem 
rhetorischen 6iu)ioxiXBvtov gemacht. 

I Iff. 6oij (läxaQf iBiS(Of yaCtig igixvSlg {gBiöfia^ 
tpiyyog iwaXimv xoXviiQatov AlvBaSdmv^ 
Ai)6ovCov Zfivbg yXvxBQbv ^dXog, ^AvttovtvB' 
xhv {uyAXvi ^uydXp (pixiöaxo ^öfiva SBßiJQm 
bXßCm Bivrid'Btöa xal ZXßtov d^öivaöay 
v^[Ag>ri &Qi,6xon66Bitty X8%h di xb xaXXvx6xBia^ 
^A66vQlri Kv^igBia, xal oi XBhtovöa SbXi^ 
so beginnt er, woraus man schon sieht, dafs er die Figur be- 
sonders oft in der Stelle der Hauptcasur verwendet; hier kann 
von einem blolisi zufälligen, durch Parallelismus der beiden Vers- 
glieder spontan entstandenen Reim nicht mehr die Rede sein, 
was allein schon ein Zahlen Verhältnis beweist^): die Odyssee hat 
in ihren ersten 100 Versen 5 solche Binnenreime, Pseudo- 



1) Cf. I 82. 224 ff. 330. 377 bis 386. 11 28. 34 ff. 376. 393. III 204. 284 f. 
d60f. 466. 606. IV 1. 48f. 

2) Dals F&lle wie l^a/tuxt — &staaty ixovaiv — ddovatv^ tglyXai — 
imoputif Mi^wtat — icnoyvfivm&staai, fiovvoieiv — iaaiv u. s. f. (alles aus 
Pseadooppiaii) nicht mitgezählt werden dürfen, versteht sich yon selbst 
doRtttige heterogene Flexionssilben sind im Altertum nie als Homoioteleii 

WQXdßSL 

IL 64 



836 Anhang I: Ober die Oeschichte des Reims. 

oppian 18, wobei nur als einfach gezählt sind die Falle, in 
denen sich der Beim über ly, Verse erstreckt, wie 

I 35 f. iiiXjts nö^ovg ^riQ&v te xal ivÖQ&v ayQSvx'qQfov' 
ULikitB yivri öxvXdxmv xb xal innrnv alöXa qwXa 
70f. r\ ^&ag xcQxoig ^ ^ivoxiqmxccQ i%Cvoig^ 
^ XdQOv aiydyQOig ^ xijtea %&vx iXitpavxi, 

Oft sind solche Binnenreime noch durch besondere Mittel fühl- 
barer gemacht, z. B. 

I 111 Viyi,axog i6xaiidvoio xal fj(iaxog &vo(iivoto 

290 aiiq>l dgöitovg xavaovg xs xal &ii>q>l növovg ilsysivovg 
297 ndööovsg elöiSisiv xal xQeiööovsg I9i>g öqovsiv 
IV 399 ö^i> XiXrjxs ^0Q0v6a xal bl^i) didoQXB Xaxovöa, 

manchmal hat er auch zwei Verse mit Gasurenreim hinter- 
einander, so 

II 207 f. ^Xvxigri xCxxbl^ x(fCßov ivd^Q^Ticov iXBBivBi^ 

oiivBXBv &XQanixol fiBQÖstmv %^qb66i ßißriXoi 
451 f. al%\jLal nBVTCBÖaval ^BXavöxQOOv Bldog i%ov6ai 
xal %aXxov ^rixxoto aidiJQOv xb xgvBQoto 

ni If. iXX^ 5xB dl} XBQa&v iiBCöayLBv idvBa ^riQ&v 

xavQOvg i}<}' iXdtpovg i)d' BVQvxdQfoxag äyavovg. 

Aber auch die Enden von Versen reimt er in oft sehr auffalliger 
Weise, so 

l 298 f. iöd'Xol d* '^bXiov (poQiBiv nvQÖBööav iQfoi^v 
xaC XB ^B6riiißQvvijv diipovg dgifUBtav ivtxijv 
31 7 f. öxixxhv &QC^riXoVy xoi)g loQvyyag xaXiovöiv^ 

rj Zxi xaXXixö^oiöiv iv oüqbölv iXdT^öxovaiv 
440f. iXX^ ikaqxov ^ nov (ucidi xi^aöoto XBaivrig 
il nov doQxaXiSav 1\ vvxxl7i6qoio Xvxaivrjg 
475f. iXX' bvv%B66i nödag XBXOQv^yiivov &QyaXioi6v 
xal ^a^LVotg xvv6dov6iv axax^dvov lo^6(foi6i 
II 12G£ aCkv &Bi6(iBvog xal xBixBog iyybg 6dft;a)v, 

%iQ6ov öfiov Ttal vf^60Vy iiiijv nöXiv, ^daxi xbvov 
I 50f. l%%i)v iönaiQOvta ßv%&v &3C0{LriQv6a6^ai 
xal xava(ybg ÜQVid^ag ht '/jigog BlQv6a6%ai 
rl %YiQ(5lv (povloKSiv iv oÜQBöt öfiQiöaöd'aij 

cf I 36Gf. 383f. 485f. II 264fiF. 589f. III 4G7f. Die Mitten und 
Enden reimen z. B. 



Der rhetorische Reim und die quantitierende Poesie. 837 

I 223f. alhf yivfhöxovöiv ibv tplXov iivio%f^a 

Tcal %QBii,i%^ov6iv ISövtsg iyaxXtnbv i^£fioi;^a 
II 167f. xaXxsioig yvanntotöiv iicslxaXoi, &yxC6xQ0i6iv' 
&kk^ ov% &g itigoiöiv ivuvxCov ikXijXoLöLv 
176 ff. val (lijv d)xxm6d(ov ikdq>iOV ysvog ixQatpBv ala 
svxigaov (isyakmxbv iQiXQSxlg ulok6v(otov 
ötixtbv iQi^ijXov ycorafitinÖQOv i^ixjiqr^vov 
niiXsov vthtotg xal Xentakiov xd}koi6iv, 
ovtiSav^ dsiQ'^ xal ßatordtti %Akiv ovqifi 
102 ff. atd'tovsg XQatsgol fieyaki^toQsg siQVfiixionoi 
&yQavkoL öd'SvaQol xsgaakxisg &yQi6dviiot 
(ivxfjTal ßkoövQol itiki^iiovsg siQvyivetov 
ikk' fyö makioi dinag iiAg>ikaq)hg ßagiid'ovöiv 
ovSh ndkiv ktndifcc(fxoi ibv di^iag adqaviovciv 
&S6 d-sSiv xkvtä d&Qa xBQtt66aiuvoi tpogiovöiv 
I 71 ff. ^(^fizfiQS X'ixovg ikeöav, ^ivvovg ährisg^ 
iyQevtflQsg 8IV9 tQi^Qiovag iXov dovaxfjsgy 
&QXtov ixaxtflQeg xal ^OQftvXov iönaXirjsgy 
xCygiv d' txni^sg Ttal XQiyXiSag ixd^ßoXfiagj 
TcdxQLOV ixvevtiiQsgy iridövag l^svtilQsg. 
Doch damit noch nicht genug: er hat nicht selten zwei oder 
mehrere Verse^ die sich ganz oder grofstenteils Wort für Wort 
entsprechen: rhetorische Isokola (wie üblich mit gelegentlichem 
Homoioteleuton) in der Poesie! 
I 39f. xal d^aXdfüovg iv 5q£66iv ddaxQ'ötoio xvd'siQtig 

xal toxstovg ivl d"q(f6lv iiiaisvtoio Xoxsitig 
II 20f. xal yä(f nvyiiaxigtft XvyQOvg ivagi^ato q)&tag 

xal öxvXdxaööi. ^oatg ßaXiovg iSa^dööato d'tiQag 
III 223 f. ov yövov ioq>6(fov TCava^BikCxroio dgaxaCvqg^ 
oi öxii^vov navdd'Söiiov bQiickdyxxoio ksaivqg 
I281ff. aietbg al^B(fCoi,6iv ini^ifov yvdkotöiv 

^ xi(fXog tava^öL tLvaöööfisvog 7CxsQ'6yB66iv 
^ ÖBXtplg itoXtotöiv dXi6^aivmv fod'ioiöi, 
lY 33ff. [o'öxlXaq>ogxB(fdB66v ^Qaövg^XBQdBööi di tavQogj 
cö yBviiBööiv igv^ XQaxBQÖgy ysvvBööi kiovxBg^ 
oi xoöl ^i^vöxBQOig niövvog^ itödsg ZnXa Xaym&v 
nÖQÖaXig old^ öXoij naXandmv Xoiyiov I6vj 
xal öd'ivog alvbg iXg ^iya XaVvdoio fistaicov, 
xal xthcifog ^ivog o18bv i&v ixigoTtkov 686vxiov 

64* 



838 Anhang I: Über die Geschichte des Reims. 

I 386 ff. Xtcxoi d' iyQarikoig in\ q>0Qßd6iv bnkClovtai^ 
xavQoi 8* iygotdQag inl xÖQtiag ÖQfiaivovöif 
xal KtCXov eCktxösvtsg iv staQi itriXoßat€v6i, 
xal xdxQOi xvQÖevteg inaixfidiovöi 6'6b66i^ 
xal %CyLa(fOi kaöiTjöiv i(piic%Bvov6i xtfiaifatg 
II 456ff. oijtB Y&Q sigipoio xvvbg tQoniovöiv fikay'iiaj 
ov övbg iygavkoio Ttagä 6xoitikoi6i q>Qvayfiaj 
oidl lihv oi taiigov XQUTBQbv ii'öxri^a q>dßovrccij 
nogSaklmv d' ov yrJQvv i^sidia %B(pQlxa6iv^ 
oiS* ttitov q>B'6yov6L iiiya ßg^xv^ka kiovrog^ 
oiS^ ßgot&v &kiyov6iv ivaidsijiöt v6oio. 
Spätere Ein Dichter, der auch nur in annähernd ähnlicher Art wie 

dieser Anonymus aus der ersten Hälfte des in. Jh. seine Verse 
mit den Mitteln der Rhetorik aufgeputzt hätte, ist mir aus dem 
Altertum nicht bekannt.^). Aus späterer Zeit (saec. YIII) fand 
ich nur noch eine von Lanckoroüski, Städte Pamphyliens und 
Pisidiens I (Wien 1890) 159, 12 edierte Inschrift von Attaleia 
in Pamphylien, wo unter 14 iambischen Trimetem 4 aufein- 
ander folgende so lauten (sie betreffen Leo lY, der die Stadt 
neu ummauerte): 

deMVvg iavtijg fiäkkov &6q>akB6xi(fav 
i%%'Q&g XB naörig ^rix^cv^g ivfoxigav. 
xal x^Iq f^^^ 4 (lövaQxog igyov TCQoaxdxig 
&g xal x^9V?^S ^^^ xak&v xal Ssönöxig. 
Ob es aus byzantinischer Zeit sonst derartiges giebt, vermag 
ich nicht zu beurteilen; mir ist nichts begegnet. Immerhin ist 
ganz bezeichnend für die theoretische Auffassung, dab Eustathios 
in seinen Kommentaren die gelegentlichen Cäsurenreime in den 
homerischen Gedichten als rhetorische Figuren erklärt, worüber 
sich Lehrs 1. c. (o. S. 830, 2) 465 f aufregt, mit Recht des Homer, 
mit Unrecht des Eustathios wegen. ^) 

1) Dafs Joannes y. Gaza (s. VI) in seiner iK(pQaaig und seinen Ana- 
kreontika Schlafsworte absichtlich gereimt habe, ist eine der yielen falschen 
Behauptungen von E. Seitz, Die Schule y. Gaza (Diss. Heidelberg 1892) 45, 1. 
Für Makedonios, den Epigrammatiker aus der Zeit lustinians, weniges und 
nicht sehr Auffälliges bei A. Dittmar, De Meleagri Macedonii Loontii re 
metrica (Diss. Königsb. 1886) 23 f. 

2) Die Stellen jetzt sämtlich bei H. Grofsmann, De doctrinae metricae 
reliquiis ab Eustathio servatis (Diss. Strafsb. 1887) 34 f. und Q. Lehnert, De 
scholiis ad Homerum rhetoricis (Diss. Leipz. 1896) 29. 



Der rhetorische Reim and die quantiüerende Poesie. 839 



b. Die Lateiner. 

Aus der alten Tragödie, die, wie später noch etwas näher b) bei d 
ausgeführt werden soll, von Anfang an hochrhetorisch war, ge- * ** 
hören hierher folgende sehr gehobenen Verse des Ennius bei Ennini. 
Cicero Tusc. I 69 

caelutn mitescere^ arhores frondescere, 
vites laetificae pampinis pubescere, 
rami biwarum uhertate incurvescere 

und ib. 85. IH 45 

haec omnia vidi inflammari^ 
Priamo vi vitam evitari, 
lovis aram sanguine turpari, 

Verse, an denen — begreiflich genug — Cicero seine helle oioero. 
Freude hatte. ^) Cicero selbst hat in jenem famosen Gedicht, 
das ihn kompromittierte, die rhetorischen Homoioteleuta an 
einer von ihm selbst citierten hochpathetischen Stelle zur An- 
wendung gebracht, wo er die Muse die Prophezeiungen der 
sibyllinischen Bücher verkünden laust: 

ingentem eladem pestemque numebant, 
vd legum exitium constanti voce ferebant, 
templa deumque adeo flammis urbemque iubebant 
eripere et stragem horribilem caedemque vereri, 
atque haec fixa gravi fato ac fundata teneri etc.') 

Es giebt meines Wissens keinen andern lateinischen Dichter, 
der ähnliches gewagt hätte; denn was etwa sonst angeführt 
werden könnte, beruht entweder auf ofifenbarem Zufall^ oder ist 

1) Zu letzteren Versen bemerkt er: praeclarum Carmen, est enim et 
rebus et verbis et tnodis lugubre; aufser den Homoioteleuta wird ihm das 
doppelte KOfit^^ in vi vitam evitari imponiert haben. 

2) G£ Dingeldein I. c. 15. 107. 

8) Z. B. Verg. Aen. IV 266 f. Mud aliter terras itUer caelumque volabat] 
liius harenosum ad Libyae ventosque secabat; immerhin würde die Auf- 
zählung der ziemlich zahlreichen Verse dieser Art bewirken, dafs man sie 
nicht mehr verdächtigt (cf. Bentley zu Hör. carm. I 84, 5. Heinsius zu Verg. 
Aen. Vin 896 f. Ribbeck zu Verg. Aen. X 804 f. Cf. übrigens schon Gebauer, 
Pro rhjthmis seu öfioiotsXBvrois poeticis in: Anthologicarum dissertab''^' 
über, Leipz. 1788, p. 284f. 827 adn. f. 835 f.). — Hexameter mit ^leonin 
Beim hat kein lateinischer Dichter ängstlich gemieden, aber soUi 



840 Anhang I: Über die Creschichte des Reims. 

anders zu erklären.^) Wie zurückhaltend die Dichter gegen dies 
Ornament wurden, zeigt allein die Thatsache, dafs sich selbst 
so rhetorische Dichter wie Ovid*) und Seneca') seiner enthielten. 

doch Vergil an zwei Stellen absichtlich geschrieben liaben: ecl. 8, 28 cum 
canilms timiäi venient ad poctda dammae, ge. I 188 aut oculis capti f ödere 
cubilia tdlpae? Zum ersten Vers bemerkt es ausdrücklich der interpolierte 
Servius und, ohne diesen zu kennen, auch G. Vossius, De poematum canta 
et de viribus rhythmi (Oxf. 1673) 26, cf. auch Gebauer I. c. 280 adn. g. 
(Bentley nahm übrigens — gewifs mit Unrecht — Anstofs an Manil. IV 217 
scorpioa armata violenta cuspide cauda, cf. Naeke zu Val. Cat. 286). — 
Zu prüfen wäre noch, wie weit auf wirklicher Beobachtung beruht die im 
Altertum aufgesteUte Behauptung, dafs zwei mit derselben Silbe endigende 
Wörter im Vers nicht nebeneinander gestellt werden dürften, weil das ein 
nanoavv&stov sei (Quint. IX 4, 42. Serv. z. Aen. IV 604. IX 49. 606. Serv. 
Dan. z. ecl. 3, 1. Aen. IV 487 , für das Griechische Eustathios an den Ton 
Grofsmann 1. c. [o. S. 838, 2] 29 ff. angeführten Stellen unter inuswifunioötg); 
mir ist aufgefallen, dafs Vergil thatsächlich gleiche Casnsaus^üige zweier 
aufeinander folgender Worte ungern gebraucht zu haben scheint, wenigstens 
braucht er an fünf Stellen hm^gus nach der 2. Deklination, wo kein Nomen 
mit gleicher Endung dabei steht, aber zweimal biiugis, wo ein Nomen der 
2. Dekl. folgt: ge. m 91 equi biifAgea Aen. XII 365 equos biiuges; ebenso 
zweimal qtiadrnugua (ge. HI 18 qiuidriiugos cttrrus Aen. XQ 162 quadriiugo 
curru), aber einmal quadriiugis: Aen. X 571 qwidriiugis in equos; ebenso 
Aen. X 425 pectus inermum XII 131 volgus inermwn, aber Aen. II 67 tur- 
hatus inermis cf XI 672, wo durch diese Form leoninischer Reim yermieden 
wird: dum subit ac dextram labenti tendit inermem; daher Aen. VI 161 richtig 
cod. M. socium exanimem (gegen exanimum PE), aber XI 51 iuvenem exam- 
mum richtig MP (gegen R). Cf auch G. Wagner, Quaest. Virg, xxx TTT 
(in der 4. Aufl. des Heyneschen Vergils, Leipz. 1832) p. 549. 

1) Eine durchaus spielerische, tändelnde, keine rhetorische Absicht 
liegt yor in dem hübschen Gedichtchen des Modestinus (etwa saec. IV in.) auf 
den schlafenden Amor AL 273 Riese, wo sieben Hexameter hintereinander 
neckisch enden auf ligemus metamus necemus perimamw crememus necemus 
volemus, und in dem Epigramm des Ausonius (29) auf den ndv&Bogy wie er 
in neuplatonischer Anwandlung einen Allerweltsgott nennt: es sind 7 aka- 
talektische iambische Dimeter, deren 4 erste enden auf vocant putant no- 
minant existimant, die 3 letzten auf Liberum Ädoneum ParUheum (yerfehlt 
ist die Ausführung yon W. Brandes in seinen sonst wertyoUen Beiträgen 
zu Ausonius, Progr. Wolfenbüttel 1895 p. 5 ff.). 

2) Z. B. hat er yiel weniger Binnenreime im Pentameter als Properz, 
cf Eichner 1. c. (o. S. 830, 2) 40. Dafs sich übrigens gerade bei den Elegikem 
im Pentameter so viele Reime finden, erklärt sich ganz einfach aus der 
bekannten Manier, Substantiva yon ihren gleichauslautenden Attributen zu 
trennen, cf Eichner 1. c. 36 f. 

3) Verfehlt ist, was Lehrs 1. c. (o. S. 830, 2) 474 darüber sagt. 



Predigt und Hymnus. 341 

Wir sind also zum Resultat gekommen^ daüs es in der Besuiut. 
quantitierenden Dichtung des Altertums einen rhetorischen 
Reim gab, vor dessen Anwendung aber die meisten und besten 
Dichter begründete Scheu hatten. Aber von hier führt kein 
direkter Weg zur Hymnenpoesie und daher auch nicht zur Er- 
klärung des Reims in dieser sowie den von ihr beeinflufsten 
neueren Sprachen. Um hier zur Erkenntnis vorzudringen, müssen 
wir vielmehr noch einen Umweg machen, auf den wir aber durch 
die soeben festgestellte Thatsache die Gewilüsheit mitnehmen, 
dafs es einen rhetorischen Reim in der Poesie wirklich ge- 
geben hat. 

y. Fredigt und Hymnus. Das Eindringen des rhetorischen 

Reims in die Hymnenpoesie. 

1. Das Bedür&is, den Schopfer und seine Werke im Gesang Prinzipien 
zu preisen, war in der christlichen Gemeinde früh empfunden ohriituohei 
worden. Das lehren zwei berühmte Stellen der pseudopaulinischen ^^■^«• 
Briefe: ep. ad Ephes. 5, 18 f. xX'^Qoi^ö^s iv jcvs'ö^ti Xccloihnsg 
iavtoZs iv tpalfiotg xal üiivoig xal aSatg, aSovteg xal tpAXXovrsg 
r§ naqSCa i^k&v xdi xv^ip^ ad. Col. 3, 16 6 Xöyog tov %Qf,6xov 
ivoixBCxm iv iyitv xkavöimg^ iv xdöy 6o(pCa Si^däöxovxsg xal 
vov^stoihti^eg iavtoiigy tpalnotg ü^ivoig ipöalg xvaviuczLxalgy iv 
rg 2^9^^^ adovtsg iv xalg xa(fdiaig i^&v tdi d'eä. Es ist be- 
kannt, wie dann die Häretiker sich die Ausbildung des Eirchen- 
gesangs als eines auf die Sinne besonders stark wirkenden Mittels 
angelegen sein liefsen, während sich die katholische Kirche in 
ihrem instinktiven Bestreben, sich von den Häretikern zu unter- 
scheiden und alle sinnlichen Elemente aus dem Kultus zu be- 
seitigen, lange Zeit zurückhielt, bis auch sie diese Scheu über- 
wand und dem innem Bedürfnis ihrer Mitglieder Rechnung trug, 
im Osten sich stützend auf die Autorität des loannes Chryso- 
Stornos, im Westen auf die des Hilarius (der sich lange im 
Osten aufgehalten hatte), des Ambrosius (der in vielem sich an 
die groüsen Vorbilder des Ostens anschlofs) und des Augustinui 
(der anfangs grofse Bedenken hegte, dem Ambrosius hierin zu 
folgen, bis ihn die praktischen Erfolge in der Mailänder Kirche 
veranlalsten, auch seinerseits sowohl in der Theorie wie in der 
Praxis nachzugeben). Dadurch war der Kirche eine neue, groise 



842 Anhang I: Über die Geschichte des Aeims. 

Aufgabe gestellt: es waren Hymnen nicht nur zu dichten, sondern, 
was viel schwieriger war, zu komponieren. 

Auf Grund der alten Yerskimst und Musik sollte und konnte 
das nicht geschehen. Es sollte nicht geschehen, weil die An- 
wendung heidnischer Metra zu orthodoxen Bedenken Veranlassung 
geben koimte; man lese, was darüber Nilos (s. IV/V) an einen 
Mönch schreibt, der Grammatiker gewesen war und sich noch 
weiter der epischen Form bediente (ep. II 49, vol. 79, 221 Migne): 
Paulus habe gesagt: ^ 6oq>ia tov xööiuw rot^ov iuoqCu xoifä z^ 
^€^ iötiv und es sei daher verboten, sich der Formen der 
Hellenen zu bedienen, der Hexameter und lamben; denn wenn 
geschrieben stehe (proy. 5, 3) itiXi iatoötä^i icxb iBi^Hmv ywai- 
xbg nö^vrigj so bedeute diese nÖQvtj die xaXXihcaia r&v ^EXXijvafv^ 
daher: xolXol z&v aCQStiTc&v noXXä iTtufvpha^av &Xl* oiSlv 
d)(pilfi6av, . .* ei Si d'avftd^BLg to'bg yQdtfovtag t& firi], &Qa 6oi 
xal ^AnoXkvvaQvov xov dvööeßfj xal 7UUVCit6yMV ^aviid^Biv, xoUä 
klav fLBXQijöccvTa xal iTtoxoii^öavtu xal [uxtaumoviiöentta xal 
Tcavxl xatQdi iv X6yotg ivoi/jftoig xcctatQißivta oUhlfiaimd ts tolg 
&x£(fdi6i t&v i%&v xal q>X€yiJLi^vavrcu Doch wäre dieses Moment 
allein nicht ausschlaggebend gewesen; denn Männer wie Methodios, 
Gregor von Nazianz, Synesios u. a. haben sich über dieses 
ängstliche Vorurteil hinweggesetzt^), und vor allem im Abend- 
land hat nicht bloüs eine Reihe von Dichtem in vergilischen 
Versen alt- und neu testamentliche Stoffe behandelt, sondern 
Hieronymus hat (auch hierin anknüpfend an griechische Vor- 
gänger) sogar zu beweisen versucht, dais sich in den religiösen 
Urkunden jene Versmafse vorfänden (s. oben S. 526). Wichtiger 
also war das zweite Moment: weitaus den meisten war das Ver- 
ständnis für die alte Verskunst und Musik längst abhanden ge- 
kommen, so dais eine Erneuerung der Hymnenpoesie auf der 
alten Grundlage gar nicht vorgenommen werden konnte. Für 
die Verskunst beweist es das nach Ausweis der Inschriften immer 
mehr schwindende Bewufstsein der nach Silbenquantität ge- 
regelten Metrik. Für die mit der melischeu Poesie verwachsene 
Musik bezeugt es (abgesehen von der Eolometrie unserer Texte)') 



1) Näheres bei Krumbacher, Gesch. d. byz. Litt. ' 66d ff. 

2) Die folgenden SteUen aus B. Volkmann in seiner Ausgabe von 
[Plutarch] de mus. (Leipz. 1866) p. 66. 101. 



Predigt und Hymnus. 843 

Dio Clirys. or. 19, 4 ta xoXXä aiyt&v (sc. x&v xif&aQpS&v tcoI 
imoTCQit&v) &Qx<xttt iöu not TCoXi) 6o(pani(fmv ivd(f&v ij x&v vvv' 
t& fiiv tilg TtcjupSiag &xavtay x^g dh XQaypdiag xä fihv löxvQä 
ifg ioiKS ^dv€t, Xiym dh xä lafißstay xäl xofkanf (liifij 8u^la6vv 
iv xotg d'BdxQoigj xä di luclaxcneQa iisQQiifixey xä tuqI xä fiilri 
und (aus später Zeit) anecd. ed. Bekker p. 752^ 1 xipf Av(»ix^i/ 
xoifiöiv dst fuxä lUkovg ivaytvAöKei^v , sl Tcal ft^ auQeXäßoitsv 
fiqd^ äxoiisiipijfisd'a xä ixsivcDv fUXvi. Interessant sind vor allem 
zwei Zeugnisse lulians, weil sie zeigen, wie er, offenbar als 
Platoniker und vielleicht in bewuijstem Gegensatz zu den Christen, 
die alte Musik künstlich wieder zu beleben suchte: Misop. 337 B 
dq>aiQitxm xifif iv xotg iiiXs6i ftovötxiiv 6 v&v ixiXQUX&v iv xolg 
Hsv^i(fOig xi^g naidsiag xQÖxogy at6%f,ov yäq slvai doxal vvv [Mvötr 
xifv ixiXfiSs'öeiv ^ xdXai, noxh i86xsi, xb nXovxetv idixmg und be- 
sonders ep. 56 p. 442 A S^i^öv iöxiv, BticsQ äXXov xivög^ xal xi^g 
U(f&g ix^itsXfi&Hvai ^ovöixrig: er setze Preise aus für die alexan- 
drimschen Knaben, die es darin am weitesten bringen würden, 
denn: Sxi 7t(fb ^^i&v avxol xäg iruxäg imb xi^g d'siag iiavöiTcHg 
xa&af^ivxsg ivijöovxaij ittöxevxaov xotg TCQoanofpaivofiivotg ögd'&g 
{;xhQ xoitmvj worauf noch ein spezieller Befehl an den Musiker 
Dioskoros folgt 

Eine Anknüpfung an die Veigangenheit war also unmöglich: 
ein neuer Weg mulste gesucht werden und er bot sich leicht. 
Während Orient und Occident in den Einzelheiten hier völlig 
auseinander gingen, war doch die gemeinsame Grundli^e der 
neuen Poesie dieselbe: als Prinzip wurde nicht die Quantität der 
Silben, sondern der Rhythmus aufgestellt. Dazu bedurfte es 
keiner Anleihe bei den stammfremden semitischen Völkern, 
sondern alle Grundvoraussetzungen waren in der hochrheto- 
rischen Prosa gegeben, die von alters her nach dem Prinzip des 
Rhythmus gegliedert und jene engen Beziehungen zur Poesie 
eingegangen war, wie wir sie festgestellt haben. Aus dieser 
rhythmischen Prosa hat sich die rhythmische Dichtung 
und der mit ihr aufs engste verknüpfte Reim heraus- 
entwickelt. Diese Ansicht, die sich mir mit notwendiger 
Konsequenz aus der Geschichte der antiken Kunstprosa ergab, 
ist, wie ich sehe, nicht ganz neu. F. Probst, Lehre und Ge^ 
in den drei ersten christl. Jahrhunderten (Tübingen 1871) 26 
hat, soviel ich weifs, als erster in unserm Jahrhundert (t 



844 Anhang I: Über die Geschicliie des Beinti. 

die frohere Zeit werde ich weiter unten zu handehi haben) das 
b^uniXimov der Rhetorik zu demjenigoi der Poesie in Be- 
ziehung gesetzt Ohne Probst zu kennen, hat dieselbe Ansieht 
aufgestellt und kurz begründet £. Boqtj, Poetes ei mäodes. 
Etnde sur les origines da ryÜune toniqne dans Phymnogr^bie 
• de l'eglise grecqne (Nimes 1886), 183 ffl nnd E. Erambaeher 
hat sie L c. 700 £ 704f. angenommen. Aber trotzdem bewegen 
sich alle neueren Untersnchongen noch im alten Crdeiae^ Dta 
mag daran liegen, daÜB eine nene Ansicht anf solchem Gebiet 
nur dann Anerkennong za finden pflegt, wenn sie anf Grand 
Tieles Beweismaterials allseitig begründet nnd ans der Sphäre 
einer blolsen Yermatnng in die einer historisch beweisbaren, ja 
notwendigen Thatsache erhoben wird. Den Nachweis dieser 
Thatsache will ich im folgenden zn erbringen Tersoehen. 
HeUmiMiM 2. Die rhetorischen, an den hohen Festtagen gehaltenen 
bjBM B. Predigten der Christen waren nichts anderes als Hymnen in 
Prosa. Nicht die Christen waren die Erfinder dieser litterarischen 
Gattong, sondern der yon allen Hellenen zugleich am tiefirten 
religiös gestimmte nnd poetisch am höchsten begabte llenseh, 
Piaton. Anf der Hohe seines Lebens schrieb er die Hymnen 
auf Eros, im Alier den auf das All und seinen Schopfer: im 
ersten Hymnus auf Eros werden zu Anfang (Phaedr. 237 A) die 
Musen angerufen und der lyrische Schwung steigert sich zu 
solcher Hohe, daCs er schlielslieh geradezu in den Dithyrambus 
umschlägt (241 E); der zweite Hymnus auf Eros (244 Äff.) ist 
das Grandioseste, was in der poetischen Prosa je geschrieben 
worden ist (s. auch oben S. 109 ff.); im Hymnus des Timaeus 
spricht er feierlich wie ein Hierophant. Es dauerte lange, bis 
er Nachfolger fand; denn Eleanthes hat seinen Hymnus auf Zeus, 
der an Innigkeit (wenn auch nicht an technischem Eonnen) 
seines Gleichen im Altertum sucht, im altheigebrachten Vers- 
maus der theologischen Dichtung yerfaCst. Dann aber kam die 
Zeit, in der das religiöse Empfinden, herrorbrechend aus den 
Herzen der im Chaos der Meinungen sehnsüchtig nach der Er- 

1) U. Konca, Metrica e ritmica laÜna nel medlo evo (Rom 1890), 151 ff. 
und Cultura medioevale I (Rom 1892) 341 ff. zieht, ohne die genannten Arbeiten 
zu kennen, wenigstens vergleichsweise die Prosa heran (auf Grund einer 
Bemerkung, die schon W. Meyer 1. c. 378 machte), aber er weifs keine Ver- 
bindung zwischen beiden herzustellen: das aber ist eben die Hauptsache. 



Predigt nnd Hymnus. 845 

lösuDg ausblickeDdcn Meuschen^ in vorher nie gekannter Stärke 
die weitesten Schichten ergriflF. Ein Kind dieser Zeit war der 
Rhetor Aristides; er hat nicht nnbewuTst wie Piaton, sondern 
mit deutlich ausgesprochener Absicht die prosaische Predigt als 
Lobrede auf die Gotter an die Stelle der Hymnen gesetzt: dafür 
haben wir sein eignes Zeugnis in der Einleitung zu seiner Rede 
auf Sarapis (8 p. 81 flF. Dind.). Warum sollen, führt er aus, die 
Dichter das Vorrecht haben, die Gotter zu besingen, obgleich 
die prosaische Rede es viel besser vermag? Wie die lange Recht- 
fertigung (p. 81 — 87) zeigt, thut er so, als ob er eine neue 
Gattung der Rede einführte: aber charakteristisch ist, dafs das 
Gebet, mit dem er anhebt (p. 87), hier wie in den andern Götter- 
reden (1 auf Zeus, 2 auf Athene, 3 auf Poseidon, 4 auf Dionysos, 
5 auf Herakles, 6 auf Asklepios) sich ganz deutlich, z. T. wortlich 
(z. B. 1 p. 2), an die gleichartigen platonischen (Phaedr. 237 A 
257 A Tim. 27 C) anlehnt, wie überhaupt die ganze Haltung 
dieser Reden aufs stärkste durch die platonischen beeinflufst ist. 
Er nennt diese Art der Komposition ifivstv &vbv [lizQOVj 
naxaXoydSriv aSeiv u. dgl., auch blofs ifivstv (8 p. 97)^); 
daher ist der Ton der Reden feierlich, hochpathetisch, dithy- 
rambisch weniger in den Worten (davor hütete sich der Rhetor 
seinem StUprinzip zuliebe) als in dem Schwung der Gedanken: 
Pindar wird oft citiert, wohl noch öfter benutzt. — Neben Piaton 
und Aristides') steht als Vertreter dieser Kompositionsart Julian 
mit seinen Reden auf Helios und die Göttermutter (4. 5): als 
Neuplatoniker glaubte er an seine Götter und suchte sich mit 
ihnen in nicht geringerer Inbrunst zu verbinden als die ge- 
schmähten Galiläer mit ihrem Gott. Man darf vielleicht an- 
nehmen, dals er — beseelt von dem Gedanken, ^die Menschheit 

1) Cf. schon Theon (s. I p. Chr.) progymn. 8 (109, 23 Sp.) tb slg to^g 
ti^iArtcg iynSiuov initdtpiog Xiyitai^ tb dh slg tovg 9'eo4jg ^fivog, Schema- 
tiBche Regeln für Enkomien auf Götter gab femer schon vor Aristides 
Alexander Nnmeniu (Bhet. gr. m 4ff. Sp.) und nach Aristides besonders 
'Menaader', der in der Einleitung mit Berufung auf Piaton nachweist, dafs 
es Prosahymnen gebe (Ul 334 Sp.). Cf. übrigens auch E. Maafs, Orpheus 
(München 1896) 122 f. 

2) Cf. aufser den angeführten Reden noch 45 11 p. 139 Dind. hi yctg 
fiäXUfP al napfiy^Qtig aal tcc t^g slfy/jvrig x^Q^^vta toi) nccg' ceötijg (tijg 

Z^ai taü/g iLya/^otg t&v &v8q&v dtpsiXovtai dma^ag sixpriiLiai. 



846 AwhAwgr I: Cber die Geschichte dea-Beims. 

aoB der Nacht des Tartarus wieder emporblicken zu lassen zum 
Glanz des himmlischen Lichts' (so drficken sich seine Lobredner 
Libanios, Himerios, Mamertinus ans) — mit Tollem Bewnlstaein 
und in bestimmter Absicht den christlichen Predigten, denen er 
in seiner Jugend erst glaubig, dann widerwillig zugehört haite^ 
diese heidnischen Hymnen in Prosa en^egengestellt hat. Auch 
er schliefst sich im ^^og und in manchen Einzelheiten an das 
Vorbild Piatons an, auch er spricht tou seinem i^vitw (131 D), 
wie denn z. B. der Schiulis der f&nften Bede ganz hymnenartig 
ist. — Auch lulians Zeitgenosse Libanios hat einen solchen 
Prosahymnus auf Artemis geschrieben: yoL L 225 ff. R. Er sagt 
selbst p. 225, es weihe der Gottheit ein %oiiir^ üpwop iv f^ff^ 
ein fijtoQixbg vyivov &v$v yiitQOVj spricht p. 226 Yon &8uv 
und nennt p. 240 seine Rede eine f^, die er mit der des 
Simonides auf die Dioskuren yeigleicht. — Endlich ist noch zu 
nennen der unbekannte Bhetor saec III (^Menander'), der am 
Schlals seiner Schrift xegl ixidsunuc&v (Bhet gr. m 437 £ Sp.) 
Vorschriften und Beispiele f&r prosaische Hymnen auf ApoUon 
Smintheus giebt: die Vorrede schlielst (p. 438): aMfim %aQä 
x(bv Movö&v fiavQ'ivsiv, xa^cbceQ IlivdaQog t&v Hiivtav xw^d- 
viral * ävaiupöifiiiyyeg {i[ivoi\ xö^sv [U xifij tijv i(fxh^ MOiii- 
öaö&ai; doout d' oiv fiot nQ&tov &q>efiiva tdmg toi) yivavg 
üfivov elg ainov ivatp^iy^aö^ai. Der Anfang dieses ^Hymnus' 
lautet, sehr poetisch: & S^Uv^ib "AnoXloVj xlva 6b x(f^ xqoöbi- 
xstv'y xötBQov ijXiov tbv tov q>anbg TayLCav xal xtjyilv tijg odpa- 
viov atyXtig V vovv, ig 6 rdh; ^eoXoyo'övtmv Xöyog, diiJHovta [ihv 
dcä x&v oiqavCoDVj iövta dh dt al^iqog inl xä x^dB\ ^ xdxsfov 
avxbv xhv x&v SXcnv dtifiiovQyöVj ^ nöxBQOv ÖBvxBQBiiovöccv dv- 
vayLLVy dv Zv öbXijvij [ihv xixxtjxaL öiXag^ yfj di xoi>g obutovg 
riydnriöBv Zqovg^ ^dXaxxa dl oi)% inBQßaCvBv xoi)g Idiovg {ivxoiig xxX. 
Das Ganze schlielst (p. 445f.) mit einem hochfeierlichen Gebet 
ganz im Stil der poetischen Gebete.^) 
ohriftiioh» 3. Um so vicl inniger und wahrer nun die christlichen 

bjmneö. Predigten sind als die zuletzt genannten rhetorischen Muster 

1) Cf. über letztere Maafs 1. c. 198 f. — An Piaton hat dann erst 
wieder Gemistos Plethon angeknüpft: seine ngoag^CBig und Bifxal an die 
Götter sind prosaische Umschreibungen neuplatonischer Hymnen (die Stücke 
stehen in der Ausgabe seiner Ndnot von Alexandre [Paris 1868] p. 44. 182 ff. 
278 f.). 



Predigt und Hymnus. Der Reim in den Prosahymnen. 847 

stücke, in desto höherem Sinn können wir sie Hymnen nennen, 
die zwar ävsv (litQOVy aber nicht &vbv ^v9(iov sind. 
Gregor Yon Nazianz feiert am Schlafs seiner zweiten theo- 
logischen' Bede (28 c. 31, vol. 36, 72 Migne), ganz wie Piaton, das 
Überhimmlische: er nennt das ävviivBtv und sagt zum Schlafs: 
roihra sl lihv Tcgbg il^ücv üfivi^taLy tilg TQiddog ^ X^9^- I^ 
der ersten Invektive gegen lalian ruft er — ganz wie gleich- 
zeitige heidnische Redner, besonders Himerios (s. oben S. 429) 

— sich einen *Chor' seiner Zuhörer herbei, denen er seine pdii 
Tortragen wolle (or. in lul. 1 c 7 — 17, vol. 35, 537 ff. Migne). 
Daher nennt Fenelon an einer oben (S. 569, 1) citierten Stelle 
seine Reden ^hymnes'. Was aber von diesem Prediger des lY. Jh. 
gilt, hat noch erhöhte Geltung für die der folgenden Jahrhun- 
derte, als der Ton der Predigten ein immer aufgeregterer wurde 
und sich dem Stil des Dithyrambus immer mehr näherte^), wo- 
für ich gleich Beispiele anführen werde. 

4. Die Signatur dieser hymnenartigen Predigten nerseim 
war nun der Rhythmus — das versteht sich nach der oben ^^^^. 
(S. 537 ff.) gegebenen Entwicklungsgeschichte der Predigt von selbst ^^^^ 

— und das öiioiotiXsvtov. Wir wissen aus den Darlegungen 
dieses Werkes, dafs beides aufs engste zusammenhängt, denn 
das 6iiOiotiXsvtov tritt ja nur in parallel laufenden, nicht zu • 
langen Sätzen auf, die durch ihren Bau, wie Cicero sagt, ^Versen 
ganz ähnlich sind und von selbst rhythmisch fallen'. Wir wissen 
femer, dafs das iiiouytdXevtov nach einer Praxis, die wir von 
Gbrgiaa an bis in das Mittelalter beider Sprachen verfolgt haben, 
nie willkürlich gesetzt wurde, sondern den Stellen des höchsten* 



1) *Tn99t9 auch Sophronios (s. VII), or. 7 in S. loannem Bapt. c. 1 
(vol. 87 m, S821 Migne) dlSoVy & tpap^ roü X6yoVy tpavi^if' 8i8ov ilfitv, & 
t^x^i Toe q>an6sf tiiv ai/i{ir' dlSov iiittv^ & toü X6yov ngdSgoiLB^ ta€ X6yov 
xh9 9q6imv^ twa as ngbg &iiav totg 6otg sixprifAi^eavtsg ivrQV(piJ6m(LBv C'^fis- 
ifop' ifivitw ydg as %cctcc xgiog natgipov. Cf. auch die {>iLvtpdia nQvnti/j 
eines (gnostiBch beeinflufsten) Traktats des Hermes Trismegistos (Poim. 13, 
17 ff.): näea ^^tfi^ *6aiiov nQoedB%ic&(o to6 v^vov r^ir dxoifir. &voiyj\^i yQ, 
itvovf^ftm fftot n&g {/MxXbg öi^ßgovj tä Sivöga (lij asUed'S' ifivBtw (lilXm rbv 
T^ vrUimg n^QiOv nal tb n&v %al xb ?v %tX, Vom (}ebet: Definition der 
orthodoxen Kirche bei W. Gafs, Symbolik d. gr. Kirche (Berl. 1872) 362 
4 «^otfMpf icti9 &vdßaaig roü vobg xal rfjg ^eXi^etag i^nAv ngbg tbv d's6p, 
Si' j^ xbp ^ibp 'bftvovusv ^ tbv naQocuaXovfisv rj roO BifxccQUtto^f^^ 
xit% iig ifitäg iis^ialag a^ot). 



848 Anhang I: Ober die Oeschichte des Reims. 

Pathos vorbehalten blieb. Ich will das hier noch an Doku- 
menten zeigen, deren einige ich absichtlich aus einem nicht- 
christlichen Kreise auswähle , damit man sieht, wie allgemein 
verbreitet diese Form der religiösen Rede war. 
ft)heue. a. Ein Traktat des Hermes Trismegistos (Poim. 6) 

^ieie. schliefst mit folgenden Worten (§ 11): xöts dd öe^ xovsqj iiitniöm; 
oüts yäg &Qav öov oike %q6vov xataXaßBtv dwcctiv. {nchg rA 
vog d^ 9cal v[ivii6(o; inlg &v ixotr^öag ij {rnkg &v oix ixotTjöag; 
diä tC d% Kai ifivijöa 66; Sg ifiawov &v; üg ixfov n tdiav; i}g 
aXXog &v; 6v yäg el 8 &v &, öi) et b äv tcol&j 6i> bI 8 &v Xiya. 
6i) yäQ ndvra el xal &XXo oidiv iötcv 8 fti) el, öif el xäv tb 
ysvöfisvovj 6i) xh fti) yevöfievovj vovg inhf vooii(Uvog^ aror^p 81 
öfj^iovQy&Vj d^ebg Sl ivBQy&Vj iyad^bg dh xal Tcdvxa xoi&v. üXtig 
filv yäq xb kexxofieQiöxeQov isi^Qj äigog d^ ifv%iij ^h^xAs 9^ vot^ 
vov 8% 6 ^B6g. — In einem der sog. Zauberpapyri des III./IV. Jh. 
tritt die Figur an der Stelle auf, wo die an den Ton der orphischen 
Hymnen erinnernde inixkviöig d'e&v beginnt (Pap. graec. ed. C. 
Leemans II [Leyden 1885] pap. Y col. 7* 7 ff.): i x&v xdvtmv 
i(o&v xe xal xed-vipc&tmv x(faxaLoij x&v iicl xoXXatg iviyxatg d'e&v 
xs xal ivQ'Qmncov diaxovöxai' & x&v q>aveQ&v xakvxtai' i x&v 
NefieöecDV x&v 6vv vfietv öiax(fsi,ßov6&v x'^v naöav &(fav xvßeQ- 
VT^xar & xfjg Moigag xfjg &itavxa xeifuöxafiivrig ixütofiJtoi* i x&v 
wt6Qsx6vx(ov inixdxxai' & x&v imovexayiiivfov vijf&xar & x&v ixo- 
xexQvniudvoav fpavBQ&xai' & x&v avifimv bSriyoi' & xv^uximv i^eyeg- 
xaC' & TCVQbg KOfitöxal xaxd xiva xaiQÖV & Ttdörig yivvrig xxlöxai, %al 
evBQyitai' & Ttdör^g yivvrig "^QO^poC' & ßaöiXimv xvqiol xal XQdxiöxoi 
— SX^axB BifiBVBtg i(p* 8 i^uäg inLxaXovfiai, ...,*Exdxovö6v ftov xvgUj 
oü xb ivofia fi yrj ixovöaöa iXeiiöBxai^ 6 adrig Axovcdv xagdööetai^ 
jcotafiol d'dkaööa kCyivai nr^yal &xov6a6ai nijywvtaij at xixQai 
axovöaöai ^TJyvvvxai' xal oigavbg filv XBq>aX'^j al^Q Sh ö&fucj yij 
TtöÖBg^ xb öi TtBQl öl vdtoQ G}XBavbg, dya^bg äaiiMov. öi} el xfiQiog^ 6 
ysvv&v xal XQifptov xal a{;go)t; x& ndvxa. TCg fio(fq>äg ^^(ov iicXaye; 
xCg 8\ Bi(fB xBXBvQ'ovg; u. s. w. in Hexametern; erst wo der Ton 
ruhiger iind sachlicher wird, setzt die Prosa wieder ein.^) — In 



1) Cf. auch die Stelle aus einem Gebet eines Leydener Papyrus bei 
A. Dietcrich, Abraxas (Leipz. 1891) 24 f. Wer etwa hier an einen auf das 
Hebräische zurückgehenden Parallelismus denken sollte (s. o. S. 817ff.), der 
kann sich selbst widerlegen aus den bei Leemans p. 77 ff. folgenden '£z- 
cerpta ex libris apocryphis Moisis', deren magische hicaniamenta sich in- 



Predigt und Hymnus. Der Beim in den Prosahymnen. 849 

einem Gebet an den löwenköpfigen Gott yon Leontopolis (ed. 
W. Frohner im Philol. Suppl. V [1889] 46) heilst es auf einer 
Gemme: xXvd'i fiot (sie), 6 iv Asovxm%6XL (sie) xiiv xaroixiav 
xsocXfiQmiiivogj 6 iv tp &yip öt^xm iviSQvpiivog^ 6 &6%Qa%&v xal 
ßfovt&v xal yv6q>ov xal ävifiav xvqloSj 6 ri^t/ ivovQdviov trjg 
iavUyv (sie) gjvösmg xixkrjQioiiivog ävivxriv (sie). 

b. Auch der Christ liebte diese Redefigur gerade da, wo b) ohriat- 
seine Rede am feierlichsten wurde, bei der Anrufung Gottes im apieie: 
Gebet ^); ich will dafür ein paar Stellen eitleren^ zunächst nicht 
aus eigentlichen Predigten. Aus den Liturgieen vgl. z. B. den Liturgieen. 
Passus der alexandrinischcD Liturgie^) p. 4^ deöfud^a xal Tcaga- 
xaXovyLiv ö6y q>i,kdvO'(f(07C6y iya^i^ iaiq)avov, XTigu, tb XQÖöamöv 
<fov ixl tbv agtov xovxov xal i%l xh xoxijifLOv xovxo^ alg [lexa- 
xoifjöiv xov ixQavxov 6(hfiaxog xal xov xiniov öov aZfurro^, iv 
olg 6a xneodixsxai XQdacala vcavayCa, UQatixij iiivpdia, iyyaXixij 
%0Q06xa6lay alg luxdXtjilfiv tfwx&v xal öfofidxcov, 32* ixt öi} 6 
d'abg "^fi&Vy 6 Xiimv xoi)g naaaSi](iivovgy 6 &vo(fd'&v xabg xaxaQ- 
fayuivovg, i^ iknlg x&v iTcalmöfiivatv^ i^ ßoi^&aia x&v ißoridijx(ov, 
4 ivdöxaöig x&v naaxooxötayv, 6 Xtfi'^v x&v x^'^i'^to^^varvj 6 ix- 
dtxog x&v xaxa7tovov(iiva)v' näöy i^oxfi j^(»t<^r£ai/g d-Xißofiivri xal 
naQiaxo(iivy dbg iXaogy dbg Svaöiv^ dbg äva^lrv^iv, 48* kvx^möai 
öaöfUovg, il^iXov xoifg iv iviyyiaig' naiv&vxag %($(»ra<^ov, dXiyotln)- 
Xovvxag naQaTcdXaöov, naxkavrifiavovg iniöxgatlfovj iöxotcö^ivovg 
ipanayAytjöov^ xsitxcoxöxag iyaiQOv, öaXsvofiivovg öxiJQLiov^ vsvo- 
ötpcdtag laöat, 60* ^ai, g)a}xbg yavvfjxoQj ^fofig iQXVy^y X^if^'^og 
xoifftäj al(ovl(av 9ayLakL&xaj yväöaag dfOQodöxa^ 6oq>Cag d'rjöavQd, 
iytmöTivrig diddöxaXa, 62* diöTCoxa xv^w 6 ^adg^ 6 navxoxQdxooQ^ 
6 xa9iiiiEvog ixl x&v x^QOvßiii xal dola^öiiavog inb x&v 6aQag)i^' 
6 i£ {)8dt(ov (yö(favbv 6xavd6ag xal zotg x&v döxigav x^Q^^S 
xoirxQV xaxaxoöfiijöag und oft ähnlich; cf. auch das lange litur- 
gische Gebet in den Constitutiones' apostolicae YII 33 — 38 
(p. 212 flf. Lagarde).^) — Aus den apokryphen Apostelge- ^po- 

haltlich mit den angefahrten Worten gelegentlich decken, während die 
Form eine ganz andere ist, mehr den PsaUnen ähnelnd, ohne Satzparal- 
lelitmns und ohne 6iu)iotiUvxcc. 

1) Cf. Clem. AI. Strom. VII 7 p. 864 P ftfttv, cbf sinstv toXfiriQ^SQOv, 

S) Ich citiere nach: The Greek Liturgies ed. Swainson, London 1884. 
8) Nicht so viel in den andern Liturgieen, doch cf. aus der des C 



850 AnhaTiy I: Über die Greachidite des 

schichten: act. Petr. 10 (p. 96 Lipsiiis) giptpiatü ötn odx h 

%Bil£öiw xovtois SQO&iilm(i£woig , ill' iniitQ tf^ 9^^ 

sijaQiatA 601, ßtufiisvj rg dia 6iyiig iroovpiirg, xg ^i| #y fpmv^m 
ixovo^Jvfij ^ ft4 't' oqyavwv ^ApLoxog aepofoif^, Tj} fii) /v öif- 
Tuwa ina xoQSvofgdvrj , Tg fti} ovöia ^pdsprg iamwifUvfi imd so 
noch mehrere Glieder; act. Andr. 10 (p. 121 'Hflch.) xnCifOiq i 
6tavQh 6 iv xm ömium rov Xqiöxov ifTUuvuö^ilg Mal ix tAv 

ful&v ainov insai p4tgya^xat$ xo6p.ii^s{g i iya9^h fftavfiy 

6 BvxQijuim xal ibpantn^ra ix x&9 p^linf rov xvpiov d^/i^urogj 
ixl xoXv ixix6^x§ xal ^xovdaüog iMt^v^f/tl xal ixtspAg ixir 
tfftovfuve, xal fjdi} ixuco^ov6iiq as x^g irvjjlg ^ov Mgov/xot^ua- 
iUvBj Xafik f&£ iaco xSrv äv^goxenß xtLj c£ ib. 13 (p. 126); martjrr. 
Bartholomaei 7 (p. 255 Tisch.) Big ^tbg 6 9can)p 6 iw vt^ xa\ 
ayia xvsvium yvmifi^öiuvogy slg ^ebg 6 vibg 6 ix xarpl xal hß 
ayCo xvaii^Laxi do§aS<(ftcvo^, Big d'Bbg xb xvsvfUL xb Sywv 6 ip 
xoxqI xal vtA XQoöxwovftBvog. act loann. cathoL 21 (p. 276 
TiscL, p. 249 Zahn) xoQBvofUvov fiov Xffög 6b ixoiOQV^^^ ^>^^ 
i/ixi^diJTOi 6x&togj ixovri^ata xdiuxog, 6ßB6^ijxa yiewa* icxokov- 
^fl^atoHiav &yYBloi, ipoßi^^xmöax daifwvBgj ^^ovtfdiJTOtfay Bn9^ 
XBg' dwd[uig öxötovg XBödraöav, ÖB^iol xixoi 6Xfpcixo6aXj iQUfXB- 
Qol fiif luivdrmöav ' 6 didßoXog (ptiim^xfOy 6 6axaväg xaxayaXaö^ijxm* 
i] navla ainov ^(^firiödt(Oy fj 6(^ aifxov X€ev6^ifta* xä xixva irdroD 
xatax^iixiOj xal SA17 aircov 1} QiXa cbcoppi^odi^cD.^) act. Andr. 



sostomos (a. XI) p. 129 f. (isuwriiupoi xoivw xi^ cmtr}(flov tuvtris Irrolijs sal 
navtiov t&v vnsQ fnimv ysysvr^iidvmv, roO ötcevQO^ rov rdfpav, rf^ rgni^df^ov 
äwaotdöstog TJ/ff slg oitgavovg äva^de^togy xf^ i% di^iav na^idifag, xijg Sev^ 
xigag xal ivdd^ov nuXiv naQovaiag y wo man die AbsichÜichkeit erkennt 
durch Vergleich mit der betr. Stelle in der Liturgie des Basilios (ebenfalls 
s. XI) p. 161 : (UfiVfiuivoi ovv, Sienaxa, %al fifutg x&v öüovriQimv it^o9 «a^- 
(laxcov, xov taoxoiov exavQov, xi^g XQirifiiQOv xtupilg, x^ i% 9i%gA9 iwaetd" 
aimgy xijg slg oi)Qttvoifg &v6SoVy xf^g in ds^iav aov xo9 ^so^ tulI xtcvQbg «a- 
^iSgag xal r^ ivÖo^ov xal (poßsi^g S&vxigag a^ov nagoveücg. Femer ein 
Abschnitt ans der pontischen Liturgie bei F. Brightman, Litnrgies eastem 
and wcstem I (Oxford 1896) 522. Auf Antithesen an sehr gehobcmen Stellen 
von angeblich liturgischen Partieen bei Clemens AL, Hippolytos, NoTatian 
u. a. weist hin F. Probst, Lit. d. erst, drei Jahrh. (Tübingen 1870) 91. 188. 
212 ff. 225: aber der Beweis, dafs die Stellen aus Liturgieen sind, scheint 
mir nicht erbracht. 

1) Th. Zahn in seiner Ausgabe der Acta lohannis (Erlangen 1880) 
XCIV IT. teilt die Beschreibung des Lebensendes des Johannes (bei Tischen- 
dorf p. 272 ff. §§ lü~21, bei Zahn p. 239 ff.) in ihrem ganzen Umfang dem 



Predigt und Hymnus. Der Beim in den Prosahymnen. 851 

gnostica ap. [Augustin.] de vera et falsa poenitentia c. 32 (cf. 
B. Lipsius, Die apokr. Apostelgesch. I 592 f. Das Original war 
griechisch) : ipse auiem coqdt dominum rogare ^ne me permiUas, 
domine, descendere viviMt, sed tempus est ut commendes terrae cor- 
pus meunu tamdiu enim iam portavi, tamdiu super commendatum 
vigilavi et läboravi, quod vettern iam ipsa cibedientia liberari et isto 
gravissimo indumento exspoliari: recordor qtiantum in portando 
onerosum, in fovendo infirmumj in coercendo lenium, in domando 
superbum lahoravi und was weiter folgt. — Aas gnostischen onotti- 
Schriften : in dem von C. Schmidt in : Texte u. Untersuch. VIII 
(1892) herausgegebenen zweiten^) gnostischen Werk in koptischer 
Sprache finden sich mehrere hymnenartige Partieen^ die auch 
noch in der deutschen Übersetzung (das Original war griechisch) 
den Parallelismus stark hervortreten lassen^ z. B. p. 304 Und die 
Mutter des Alls und der XQOJtdtoQ^ und der airtonAtcuQ und der 



Leukios zu, d. h. der ersten H&lfte des zweiten Jahrhunderts. Aber das ist 
sicher falsch, wie sich ans dem Stil dieser Partie ergiebt, der von den 
sicher bezeugten Fragmenten des Leukios ganz nnd gar abweicht; auch 
die Sprache (Wortgebrauch, Formen) ist andersartig. Hätte Leukios so ge- 
schrieben, wie in der genannten Partie, so hätte Photios (bibl. cod. 114) 
nicht ein so vei^htliches Urteil über seinen Stil abgegeben {cpqdöig slg tb 
navtstkg &vd»fucX6g xb xal «rafijlXayfiivij , Xi^is äyogalog xal nsnafrutivri). 
Der echte Leukios hat in den langen und feierlichen Beden, die er den 
Johannes halten läfst, die Figur des 6(koiotiUvTOv nur ein einziges Mal 
angewendet p. 280 Zahn (am Schlufs einer Bede): ^b iidovfjg (vnaQäg fii} 
hdv^vat, 4>nb (^^ii£ag fiTJ 'ijtxrfiijvai, (mb &%(ifig 6&iiatog (lii ngodo^'f^voci. 
Die genannte Partie stammt vielmehr aus einer frühestens dem vierten 
Jahrhundert angehörenden katholisierenden Bearbeitung des häretischen 
Werkes des Leukios, wie aus inneren Gründen von B. Lipsius, Die apo- 
kryphen Apostelgesch. I (Braunsohw. 1888) 600 ff. erschlossen ist. — Vor- 
stehendes war längst geschrieben, bevor es M. B. James glückte, ein grofes 
neues Stück der echten Leukios -Akten aufzufinden (Texte and studies Y 
[Cambridge 1897] 2 ff.): dadurch wird das Gesagte vollauf bestätigt. 

1) Welches sich formell und inhaltlich durch seinen griechischen 
Charakter von dem ersten unterscheidet, wie Schmidt im einzelnen ausge- 
zeichnet bewiesen hat. In jenem ersten findet sich bezeichnenderweise 
keine so komponierte Stelle; ebensowenig in der (überhaupt nicht stark 
von griechischen Ideen beeinflufsten) Pistis Sophia trotz der vielen dort 
ausdrücklich als v(kvoi bezeichneten Partieen. 

2) Die griechischen Worte sind im Koptischen beibehalten und zwar 
da, wo sie nicht in Klammem gesetzt sind, wörtlich, da, wo sie in £[lam- 
mem stehen, mit koptischer Flexionssilbe. 

Kord«ii, »ntik« KimitproM. II. 56 



852 Anhang I: Über die Geschichte des Reims. 

x(fiyyeviit<o(f und die Kräfte des Äons (alAv) der Mutter ^immtei^ 
einen grofsen Hymnus (pii^vog) an, indem sie den Einigen Alleinigen 
priesen und zu ihm sprachen: Du bist der allein Unendliche 
(iaciQavtog)j und Du bist allein die Tiefe (ßd&og)^ und Du 
bist allein der Unerkennbare, und Du bisVs nach dem ein 
Jeder forscht, und nicht haben sie Dich gefunden, denn 
Niemand kann Dich gegen Deinen Willen erkennen, und 
Niemand kann Dich allein gegen Deinen Willen preisen 
. . . Du bist allein ein ixAfUtog, und Du bist allein der 
iöfatog, und Du bist allein der ivoii6u>g u. & w. 307 Die 
Geburten der Materie baten das verborgene Mysterium (livötiJQiov): 
„Gieb uns Macht {i^ovöia), damit wir uns Äonen (ai&veg) 
und Welten (xööiioi) schaffen Deinem Worte gemäfs {xatd)j 
welches Du, o Herr, mit Deinem Knechte verabredet, denn 
Du allein bist der Unveränderliche, und Du bist allein 
der istigavtog^ und allein der ix^f'V^^^^ ^^^ ^^ ^^^^ allein 
der iyiwtitog und airtoysviig und oAxotcAtfOQ, und Du bist 
allein der iödXsvtog und äyvcoötog u. s. w., cf. 311 f. 
Predigten. c. Aus den Predigten selbst, besonders denen des Gregor 

von Nazianz und Augustin; habe ich schon oben (S. 564 ff. und 
621 ff.) eine Reihe von Beispielen gegeben , die ich den Leser 
zu vergleichen bitte. Ich füge hier noch einiges zeitlich Frühere 
und Spätere hinzu. Die Reihe wird eröffnet mit einer berühmten 
Stelle aus dem unter Paulus' Namen gehenden ersten Brief an 
Timotheos (erste Hälfte des IL Jh.): wenn ich die Stelle eines 
Briefes imter Predigten citiere, so glaube ich nach dem früher 
(S. 538; 2) über die Beziehungen beider Litteraturgattungen im 
Urchristentum Gesagten Berechtigung dazu zu haben. Es heifst 
da am Schlufs eines Abschnitts (c. 3, 14 ff.): tavtd 6ov y(fd<pio 
iXxL^fov iXd^etv nQÖg 6b iv tixBi^ iäv dh ß^aSiivm^ Iva etd^g x&g 
det iv otxp d'Boi) &va6XQi(pB6^ai^ i^tig iötlv ixxkriöüc Q'bov ^&V' 
rog^ öTpXog xal idgaCcafia tfjg AXrid'Biag. xal 6iioXoyov(Uv(og (liya 
iörlv TÖ tflg BiösßBiag iivötTJQiov 

bg i(pavBQ(b^ iv öagxi, 

iSixaiAdifj iv xvBiifiati' 

&q>^ri äyyiXoig, 

ixriQv%^ iv i^vBöiv 

iTtiöxBvd'ti iv x6öiiG)j 

ivBkilnq>^ri iv S6^(j. 



Predigt und Hymiins. Der Reim in hjmnenarfcigen Predigten. 853 

Ich habe diese Worte in unserer Manier als Verse abgeteilt, 
weil die Exegeten darin gewöhnlich einen Rest jener ältesten 
christlichen Eirchenpoesie erkennen, von welcher der unter Pau- 
lus^ Namen schreibende Verfasser des Ephesier- und Kolosser- 
briefs an den beiden oben (S. 841) citierten Stellen spricht (cf. 
J. Eayser, Beitr. z. Gesch. n. Erkl. d. ältesten Eirchenhymnen 
[Paderborn 1866] 21 f., F. Probst 1. c. 275), und K. Weizsäcker 
hat, wie ich sehe, in entsprechender Weise übersetzt, sehr mit 
Recht, da uns Deutschen das Ethos des pathetischen Stils am 
besten in gebundener Rede zum Gefühl gebracht wird. Aber 
dals die Worte nicht in unserm Sinn fQr ^Verse' zu halten sind, 
dürfte doch wohl feststehen^); eher annehmbar wäre die Bezeich- 
nung, deren sich einige Exegeten bedient haben: liturgische (?) 
Bekenntnisformel'.^) Jedenfalls ist die Form der Einkleidung nichts 

1) Die tßdal, von denen der Verf. des Ephesier- und Eolosserbriefs an 
jenen Stellen spricht, dürfte man sich eher zu denken haben nach apoc. 
Joh. 6, 9 f. %al ^dovciv ip8i}9 naivi/jv, Xiyovcsg "A^iog st laßstv tb ßißXiov 
%al ävot^ai tag aq>(f€cytSag a^ov, 8n iü(pdyrig aal 'f^yögaeag r^ &Bm iv tm 
aÜ^fuctl öov i% ndcfig iffvXijg mal yX&6arig %al Xaoü xal id-vovg xal inolriöag 
a^ahg ßaeiXsUtv xal Ugstg, xal ßaeils^ovüiv inl tfjg yfjg, cf. 15, 3 xal ^Sov- 
üiv x^if <p8iiv Mayoöimg . . . xal r^y tpdiiv xa^ &Qvlav, Xiyovtsg MsydXcc 
xal ^avfucctä xcc ^gycc cov xrX. Die Stellen über solche alten Gesänge in 
frühchristlicher Zeit bei Hamack, Über das gnostische Buch Pistis Sophia 
in: Texte u. Unters. VE H. 2 (1891) p. 46, 2, cf. auch Dogmengesch. I» 167, 1. 
Cf. auch Snunbacher 1. c. 309 f., der die nenem Forschungen über die 
ältesten Eirchengesänge zusammenfafst. 

2) An die Stelle knüpft sich ein interessantes Problem. Alle Hand- 
schriften haben: öfioXoyovfUifODg fiiycc i6xl xb xijg sifCißsUcg (wexi^QioVf hg 
itpa^BoMri xtX., während das in älteren Ausgaben stehende 8 nur auf 
der für solche Dinge nicht in Frage kommenden lateinischen Übersetzung 
beruht. Aus dem mangelnden grammatischen Anschlufs wird nun in den 
meisten exegetischen Eonmientaren eine wichtige äufsere Stütze abgeleitet 
für das in dem Inhalt hervortretende formelhafte Gepräge der ganzen 
Stelle. Diese Auslegimg ist sehr ansprechend; der Vorschlag der Gegner 
dieser Auslegung (z. B. bei H. Eölling, Der erste Brief Pardi an Tim. II 
[Berlin 1887] 214, cf. auch H. Holtzmann, Die Pastoralbriefe [Leipzig 1890] 
329), eine Konstruktion ad sensum anzunehmen nach Analogie von [Paul.] 
ep. ad C!ol. 2, 19 o^ %Qoct&v xiiv xe^aXify, i^ o^ n&v xb ö3ma 8i& x&p 
ätf&w xal cwdieyMV inixoqfriyü^\kBvov xal avfißißat6pitSvov a^^si xi^p aütt' 
€iiß X&& ^eo^, liefse sich ja an und für sich hören: aber man bemarin 
die Thatsache, dafs gerade der Verf. der beiden Briefe an Timotheos und 
des an Titua das 6iLoioxiX$vxov sonst nicht anwendet aufser an einer Stelle, 
die Ton einigen wieder als eine Art von Citat aufgefafst wird: ep. ad Tim. 

65* 



854 Anhang I: Ober die Gescliichte des Reims. 

als eben jene hymnenähnliche, feierliche, in kleine Kola mit 
ilioiotiXsvta gegliederte Eunstprosa, die auch Paulus selbst 
an gehobenen Stellen hat, von denen einige oben (S. 502 ff.) an- 
geführt sind. — Aus spätem eigentlichen Predigten hat schon 
Bouyy 1. c. 192 ff. (und nach ihm Erumbacher 1. c. 339) Proben 
angef&hrt und sie durchaus richtig beurteilt, wenn er sie mit 
Stellen aus Isokrates vergleicht. Ich gebe hier einige Proben, 
von denen zwei (Pseudojustin, Sophronios) sich schon bei den 
genannten Gelehrten finden. Der pseudojustinische Brief an 
Diognet bricht unvermittelt ab, ihm ist in der Überlieferung 
angefügt ein Stück einer Homilie, die Hamack (Gesch. d. altchr. 
Litt, bis Euseb. I [Leipz. 1893] 758) vermutungsweise ins lY. Jh. 
setzt; sie schliefst so^): 

o{)Sh Eüa fpd's{Q6tai, 

älXä naqdivog möta^star 

xal ömtiigiov dsixwtat, 

xal iaeöötoXoi öwstC^ovraij 

xal tb tcvqCov itA6%a n(foi(fxstat, 

Ttal xaiQol övväyovtaLj 

xal nstaHÖöfita &Qfi6^etai^ 

xal Siddöxav &ylovg 6 k6yog £ig>qa£v£tat, 

8i oi xatijQ do^d^srar 

^ ^ dö^a Big to{>s al&vag. i(i7Jv, 

II 2, 10 ff. diic to^o ndvta (mofiivm diic tohg inlsxro^g^ Zira %ul aiftol üeh 
triglag tvxcoüip tijg iv XQ*^^^ 'Irieoii futä 86i7ig alavlov. mcröc ö Xöyoc* 

ßa^ilB^eofiBV' sl &Q9ri<f6(iid'oc, ii&%sZißog &QVi/j<f8tai 4iiLäg' sl &ni' 
<ftoü(LSV^ i%st9og ni<ftbg fiivsi' Agvi^aacd'ai yäg iavtbv o^ dvvcctcci (die 
— dem Paulas selbst ganz fremden — Worte niatbg 6 liyog finden sich 
übrigens auch ep. ad Tim. I 8, 1. 4, 9. ad Tit. 3, 8; daher darf wenigstens 
aus ihnen nicht gefolgert werden, dafs die angeföhrte SteUe ein Citat sein 
müsse). Die endgültige Entscheidung, ob wir es an solchen Stellen mit 
Citaten zu thun haben, ist deshalb schwer und meist unmöglich, weil wir 
von der Litteratur, die dem Paulus und dem unter seinem Namen schreiben- 
den Epistolographen vorlag, manches nicht besitzen (s. oben S. 474, 2). 

1) Ich teile auch hier und im folgenden zur Bequemlichkeit des Lesers 
die Kola durch Absetzen der Zeilen mit. Übrigens hat schon W. Meyer in 
der oben (S. 827) citierten Abhandlung diese Stelle herangezogen, aber nicht 
richtig verwertet. 



Predigt und Hymnus. Der Beim in hymnenartigen Predigten. 855 

AmphilochioB aus Caesarea in Eappadokien, Bischof von Iko- 
niuni; der Freund des Basileios und Gregor von Nazianz, sagt 
am Anfang seiner Weihnachtspredigt (hom. 1 c. 1; 39, 36 Migne): 
Sv tQÖaov 6 alö&rjrbg ixetvog 7ud äxTJQatog xoQog divÖQeöiv 
&q>^a(fXoig xal 7ca(fxotg ä^avatoig xal pi