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Full text of "Die Assanierung von Wien"

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Sacbatt Colkge littaij 



CHARLES MINOT 

Olua Ol 1888 




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A/ 

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Verlag von Wilhelm EPgelmann in Leipzig. 

HANDBUCH 

der 

INGENIEÜßWISSENSCHAFTE« 

Lex. 8. 

Erster Band: Yorarbeiten, Erd-, Grand-, Strassen- nnd Tunnelbau, 

herausgegeben yon GuStaV MeyOr (f ) und L» VOH WUlmann. 

Dritte vermehrte Auflage. 
/. Abteilung: Yorarbeiten für Eisenbahnen. Bauleitung. 1898. geh. JK 18. — , geb. Jf 21.—. 
2. Abteilung: Erd- and Felsarbeiten. Erdmtschnngen. Stütz- nnd Fattermaaern. 1897. geh. Jf 12. — , 

Seb. J( 15.—. 
ieilung: Der Grundbau. 1900. geh. J( 13.—, geb. JK 16.—. 

4. Abteilung: Straßenbau. In Yorbereitnng. 

5. Abteilung: Tunnelbau. 1902. geh. Jl 16.—, geb. JK 19.—. 

Zweiter Band: Der Brückenbau, 

herausgegeben von ThOOdor Landsborg, in erster und zweiter Auflage von 

Dr. Th. Schäffer und Ed. Sonne. 

Dritte vermehrte und umgearbeitete Auflage. 
/. Abteilung: Die Brücken im allgemeinen. Steinerne und hSlzerne Brücken. Wasserleitungs- and 
Kanal-Brücken. Kunstformen des Brückenbaues. 1899. ^eh. Jf 24.—, geb. JH 27.—. 

2, Abteilung: Eiserne Brücken im allgemeinen. Theorie der eisernen Balkenbrücken. 1901. geh. JUS. — 

geb. Jl 16.—. 

3, Abteilung: Eiserne Balkenbrücken. i 

4, Abteilung: Bewegliche Brücken. I In Yor- 

5, Abteilung: Eiserne Bogenbrücken und Hängebrücken. ( bereitung« 

6, Abteilung: Eiserne Brückenpfeiler. Ausführung und Unterhaltung der eisernen Brücken.) 

Dritter Band: Der Wasserbau, 

herausgegeben von 

L. Franzius, Fr. Bubendey, A. Frühling, H. Oarbe (f ), J. Sohliohting (f ) 

und Ed. Sonne. 

/. Abfeilung: Yoruntersuchungen, Binnengewässer, Stauwerke. 1 v;«,*^ „^^«,^i,,f« A„n««« 

2. Abteilu4: Wasserversorgung ker Städte. ^ ^Ly^^l^Mnnt ^ 

3. Abteilung: Entwässerung der Städte. ) *** Yorbereltung. 

2. Abteilung. Dritte vermehrte Auflage. 

Erste Hälfte: Landwirtechaftlicher Wasserbau. Binnenschiffahrt. Flnssbau. 1900. geh. JK 28.—, geb. Jf 31. — . 
Zweite Hälfte: Schleusen. Schiffahrtskanäle. 1895. geh. Jl 18.—, geb. uT 21.— . (Yergriffen!) 

3. Abteilung. Dritte vermehrte Auflage. 
Wasserbau am Heere und in Strommünduncen. 1. Lieferung. 1900. gen. Jl Iß.—. 
2. (Schluss-} Lieferung. Unter der Presse. 

4. Abteilung. Dritte vermehrte Auflage. 
Schiffahrtezeichen. (In Yorbereltnng.) 

Vierter Band: Die Banmaschlnen, 

unter Mitwirkung von L* FrailziUS herausgegeben von F. liinckO. 

Zweite vermehrte Auflage. 

/. Abteilung: Einleitung. Wasserhebemaschinen. Baggermaschinen. Rammen und zugehSrige Hilfs- 
maschinen. 1897. geh. Jl 11. — , geb. Jl 14. — . 

2. Abteilung: Apparate und Maschinen zur Herstellung von TiefbohrlSchern. Abbohren von Schächten. 
Gesteinsbohrmaschinen. Schräm- und Schlitzmaschinen. Tunnelbohrmaschinen. Elektrische Minen- 
zündung. Unter der Presse« 

.?. Abfeilung: Gewinnung, Zerteilung und Bearbeitung von Bausteinen. Pneumatische Apparate zu 
Fundierungen. Tauchen. Hebungsarbeiten unter Wasser. Hebemaschinen. Maschinelle Hilfsmittel 
für Brückenbauten. Mörtelmaschinen. Maschinen für den Bau und die Unterhaltung der Straßen. 
Hilfsmittel und Yerfahren der Materialprüfung. In Yorbereitnng. 

Anhang: Die Elektrotechnik in ihrer Anwendung auf das Bauwesen. 2. Auflage. In Yorbereitnngr« 

Fünfter Band: Der Elsenbahnban, 

ausgenommen: Yorarbeiten, Unterbau nnd Tunnelbau, 

herausgegeben von F. Loowo und Dr. H. Zimmermann. 

Ergebienen sind: 
/. Abteilung: Einleitung, Geschichtliches über Eisenbahnen. Einteilung derselben. Bahn und Fahrzeng 
im allgemeinen. 1897. geh. Jl 6.—, geb. JH 8.50. 

2. Abteilung: Berechnung, Konstruktion, Ausführung und Unterhaltung des Oberbaues. 1897. geh. 

Jl 12.-, geb. Jl 15.—. 

3. Abteilung: Weichen nnd Kreuzungen. Drehscheiben und Schiebebühnen. 1898. geh. Jl 8.—, geb. Jf 1 1. — . 

8. Abteilung: Lokomotiv- Steilbahnen. Seilbahnen. 1901. geh. Jl9.—, geb. Jl 11.50. 

In Yorbereitnng befinden sich: 

4. Abteilung: Anordnung der Bahnhöfe. 

5. Abteilung: Hochbauten der Bahnhöfe. Heizung, Beleuchtung und Lüftung der Bahnhofshochbauten. 

Beleuchtung der Bahnhöfe. 

6. Abteilung: Betriebseinrichtungen. Mittel zur Sicherung des Betriebs. 

7. Abteilung: Schmalspurbahnen. 

9. Abteilung: Elektrische Bahnen. Yerschiedene Eisenbahnsysteme von geringerer Wichtigkeit 



Die 



Assanierung der Städte 

in Einzeldarstellungen. 



HennBgogelMii im Verein mit Higieiiken ml IigeBleireii des Ii- lui iiilude« 



von 



Dr. med. Th. Weyl, 

PriTatdozenten an der EBnigl. techii. Hochschiile Berlin-Gharlottenbarg. 



Erster Band. Zweites Heft: 



Die Assanierung von Wien. 



Leipzig 

Verlag von Wilhelm Engelmann. 

1902. 







Die 



Assanierung von Wien. 



Bearbeitet 



für den tedmischen Teil 



Ton 



Paul Eortz, Baulnspektor des Stadtbauamtes, unter Mitwirkung 
des fiauinspektors H. Schneider und des Oberingenieurs H. Q-oldemund; 

für den medizinal-statistisclieii Teil 

von 

Dr. med. Alois Q-rünberg, städt. Oberbezirksarzt, unter Mitwirkung 
von Dr. med. Alfred Freund, Assistent des Wiener Stadtphysikats. 

Mit einem Vorwort 

von 

k. k. Oberbaurat Franz Berger, Stadtbaudirektor von Wien 
und Dr. med. A. Löffler, Stadtphysikus in Wien. 



Herausgegeben 
yon 

Dr. Th. Weyl. 

Mit 76 Textflguren und 14 Tafeln. 



(Die Assanierung der Städte in Einzeldarstellungen. I. Bd. Heft 2.) 



Leipzig 

Verlag von Wilhelm Engelroann. 

1902. 



HAIIV4RD COlirQf l t^flAHV 
HOV. 7, 1»l» 
MtllOT FUND 






^ 



Alle BeehUy insbesondere das der Übersetzung^ vorbehalten. 



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Inhaltsverzeichnis. 



rrecliiiisobLei* Teil« 

Seitf. 

Vorwort von Stadtbaudirektor Berger IX 

I. Die Wasserrersorgang von Bauinspeklor Kortz 1 

A. Geschieh tliches 1 

Altere Qaellenwasserleitungen 1 

Kaiser Ferdinands -Wasserleitung 2 

Vorarbeiten für eine neue Wasserleitung 2 

B. Die Kaiser Franz Josef - Hochquellen -Wasserleitung ' 3 

1. Der gegenwärtige Stand der Hochquellenleitung 4 

a. Die Quellen 4 

b. Die Leitungsanlagen 10 

c. Das Pottschacher Wasserwerk 14 

d. Die Wasserverteilungsanlagen *, 16 

Die Wasserbehälter 17 

Die Wasserhebewerke .* 20 

Das Bohmetz 2ö 

e. Wasserpreis und Wasserverbrauch 27 

f. Die Baukosten 28 

g. Die Bauleitung 29 

2. Die weitere Ausgestaltung der Hochquellenleitnng 29 

C. Studien für eine Nutzwasserleitung 30 

D. Vorarbeiten für den Bau der zweiten Hochquellenleitung 31 

E. Das Projekt der Wiener Neustädter Tiefquellenleitung 34 

F. Die Wienthalwasserleitung 3ö 

Litteraiur 40 

II* Entwässemug von Bauinspektor Kortz 41 

A. Lage, Bodenbeschaffenheit und Grundwasser 41 

B. Kanalisation 43 

1. Geschichtliches 43 

2. Das gegenwärtige Kanalnetz 46 

a. Die Hauptsammeikanäle 46 

Berechnung der Niederschlags- und Abfnhrmengen und Geschwindigkeiten. . 47 

Reinigung) Ventilation und Spülung öO 

Funktionieren bei Hochwasser 51 

Einzelheiten der Bauausführung 51 

b. Sammelkanäle 58 

c. Straßenkanäle 58 

d. HausanschlÜBse 60 

e. Beinigung der Kanäle 61 

C. Bedürfnisanstalten 62 

III. Die Begaliemng des Wienflusses von Baninspektor Kortz 66 

A. Topographisches und Hydrographisches 66 

B. Geschichtliches 66 

C. Das ausgeführte Projekt 69 



VI Inhaltsverzeichnis- 

Seite 

1. Die HochwasserreBervoire in Weidling^an 69 

a. Wienflnss- Anlagen 70 

b. Manerbach-Anlagen 71 

2. Ansgestaltang des Abflnssgerinnes 71 

a. Von Hietzing bis zum Stadtpark 73 

b. Vom Stadtpark bis znm Donankanal 74 

3. Sammelkanäle längs des Wienflnsses 77 

4. Bauansftthrnng 78 

5. Bankosten und Banleitnng 79 

LiUeratur 79 

lY. Die Regallerang des Donankanales von Baninspektor Kortz 80 

A. Geschichtliches 80 

B. Die Umgestaltung des Donankanales 81 

1. Die Anlagen in Nnßdorf 82 

a. Das Wehr 82 

b. Die Eammerschlense 86 

c. Die Alimentiernngskanäle 87 

2. Die Qnaibauten 88 

Litteratur 89 

Y. Strafsenpflege und MflUbeseitlgnng von Bauinspektor H. Sehneider 90 

Allgemeines 90 

A. Straßenpflege 91 

1. Straßensäubernng 91 

2. Kehrichtabfnhr 94 

3. Schneesänbemng 95 

4. Kosten der Straßensäubernng 96 

ö. Straßenbesprengung 97 

B. Mullbeseitigung 99 

Litteratur 101 

YI« Die bauliche Entwleklnng und Stadtregulierung von Oberingenienr H« Ooldemund . 102 

A. Historische Übersicht 102 

B. Die erste Stadterweiternng 106 

€. Die Regulierang der inneren Stadt und der alten Bezirke 109 

D. Die EinbeziebuDg der Vorortgemeinden llö 

Litteratur 128 



]M[edizinarl-sta.tlstiselier 17eil« 

Die Assanierung Wiens vom medizinal-statistischen Standpunkte 

bearbeitet von 

Oberbezirksarzt Dr. A. Cfrfinberg unter Mitwirkung des Physikatsassistenten Dr. A. Freund. 

SelU 

Vorwort von Dr. A. LSffler 129 

Einleitung 130 

A« Übersieht über die zeitliche Entwlckelang der hygienischen Einrichtitiigeii der Stadt 

Wien 131 

B« Bewegung der Bevöikernng 136 

1. Einfluß der Einwanderung 137 

2. Erhöhung des Lebensalters 138 

3. Gesundheitsverhältnisse der Stellungspflichtigen 139 

C. Mortalität 139 

I. Mortalität im allgemeinen 139 



Inhaltsverzeichnis. VII 

Seit« 

1. Mortalität der wiener Wohnbevölkerung von 18ö0— 1900 140 

2. Anteil der verschiedenen AltersBtnfen an der Gesamtmortalität 141 

3. Zeitliches Verhalten der Mortalität 142 

4. Mortalität nach Bezirken 142 

II. Säuglingsmortalität 143 

1. Verhalten derselben im allgemeinen 143 

2. Beziehangen znr Gesamtmortalität and zur Zahl der Lebendgeborenen 144 

3. Beziehung znr GesamtbevOlkerung 144 

4. Einfluß der Ehe auf die Säuglingssterblichkeit 14ö 

5. Säuglingssterblichkeit nach Bezirken 147 

6. Einfluß verschiedener Krankheiten auf dieselbe 147 

7. Andere Einflüsse 147 

in. Spezielle Todesursachen 148 

1. Lebensschwäche; Altersschwäche und gewaltsame Todesarten 148 

2. Drei tabellarische Darstellungen der Mortalität nach den wichtigsten Todesursachen 149 

3. Bösartige Neubildungen Iö2 

4. Infektionskrankheiten im allgemeinen 152 

Morbidität an Infektionskrankheiten. Tabelle 154 

6. Tuberkulose 153 

a. Abnahme der Tuberkulose 153 

b. Assanierungsmomente 156 

c. Lungentuberkulose und Wohnungsdichtigkeit 157 

d. Andere Momente 158 

6. Krankheiten der Respirationsorgane als Todesursache 158 

a. Verhalten derselben nach Altersstufen 159 

b- Andere Einflüsse 159 

7. Krankheiten der Verdauungsorgane und ihrer Adnexe alB Todesursache 160 

a. Verhalten derselben nach Altersstufen 161 

b. Andere Einflüsse 161 

8. Ejrankheiten des Nervensystems als Todesursache 163 

a. Verhalten derselben nach Alterstufen 164 

b. Andere Einflüsse 164 

IV. Einfluß der Assanierung auf die Abnahme der Mortalität 165 

1. Regulierung der Wasserläufe 165 

2. Fortschritte der Kanalisation (Senkgruben) 166 

3. Andere Einflüsse (Straßen) 168 

D. Anielgepfllehtige Infektionskrankheiten 169 

1. Verwaltungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten (Fortschritte der 

Wasserversorgning] 169 

2. Mortalität und Morbidität an Blattern 171 

3. > » > > Abdominaltyphus 174 

4. » » > » Flecktyphus 177 

5. » > > > Cholera asiatica 178 

6. » » » » Dysenterie 179 

7. » > . » Diphtheritis 180 

8. > > > > Scharlach, Masern und Keuchhusten 182 

9. > » » » Wochenbettfieber 186 

10. » » » > Rotlauf 188 

E. Mortalität (und Morbidität) an Syphilis und Tenerlsehen Krankheiten 188 

F. Inhang 190 

1. Mortalität an den Krankheiten der Cirkulationsorgane 190 

2. > » > > > Harn- und Geschlechtsorgane 190 

3. > > » » > Knochen, Muskeln, der Haut und des Zellgewebes 191 

4. > » > » > des Blutes und der Gesamtkonstitution 191 

Schlnßbemerkungen 192 

LiUercUur 193 



Verzeichnis der Tafeln. 



m 



Tafel 1. Wasser Versorgung von Wien. 
» 2. Der Wasserbehälter am Rosenhügel. 
» 3. Entwässening von Wien. 

» 4. Verteilnng der Grandfläche des Gemeindegebietes. 
» 5. Bodenfläcbe nnd Bevölkerung nach Bezirken. 

> 6. Abnahme der Mortalität in den alten und neuen Bezirken Wiens seit dem Jahre 1892. 
» 7. Verhalten der Mortalität im allgemeinen und an den Erkrankungen der Verdanungsorgane 

und der Bespirationsorgane nach Monaten und mehrjährfgen Durchschnitten auf 1000 
Lebende für die Zeit von 1867—1898. 
» 7A. Verhalten der Mortalität im allgemeinen und an den Erkrankungen der Verdauungsorgane 
und der Respirationsorgane auf 1000 Lebende im Durchschnitt der Jahre 1867 — 1898. 

> 8. Mortalität nach Bezirken im Jahre 1880. 
» 9. » > » . . 1891. 
»10. > > » » » 1900. 
» 11. Gesamtsterblichkeit und Sterblichkeit an einzelnen Krankheiten auf 1000 Lebende für die 

Jahre 1867-1^)0. 
» 12. Aufnahmen von Magen -Darmkatarrhen im k. k. Allgemeinen Krankenhaus in den Jahren 

18Ö9— 1882. 
* 13. Mortalität an Infektionskrankheiten auf 10 000 Lebende in den Jahren 1867—1900. 

> 14. Erkrankungen und Sterbefälle an Scharlach, Masern und Keuchhusten nach Monaten im 
Durchschnitt der Jahre 1891-1900. 



Vorwort. 



Der Gedanke, die Assanierang der größeren Städte des Kontinents in Einzel- 
darstellungen za veröffentlichen und auf diese Weise eine auf amtliche Quellen 
gesttltzte Beschreibung der städtischen Einrichtungen zu geben, welche in den letzten 
Dezennien zum Zwecke der Assanierung unternommen wurden, muss bestens begrtlßt 
werden. Es werden dadurch einerseits dem Ingenieur, Welcher sich mit solchen Ein- 
richtungen zu beschäftigen hat, Daten, die bisher gar nicht oder nur verstreut und 
unvollständig veröffentlicht waren, Übersichtlich geordnet geboten, und anderseits wird 
den Stadtverwaltungen die Gelegenheit gegeben vor aller Welt zu zeigen, welche 
Fortschritte sie auf dem wichtigen Gebiete der Assanierung gemacht und welche gewal- 
tigen Mittel sie hierfür aufgewendet haben. 

Die Stadtgemeinde Wien, welche in dem vorliegenden Hefte behandelt wird, 
kann — wie sich der Leser überzeugen wird — mit Befriedigung auf das bisher in 
mancher Bichtung dieses Verwaltungsgebietes Geleistete und die damit erreichten 
Erfolge zurückblicken ; sie kann darauf hinweisen, daß sie keine Opfer scheut, um auf 
diesem Wege fortzuschreiten mit dem Ziele, die noch bestehenden Mängel gründlich 
zu beseitigen. 

Daß dies bei einer Stadt wie Wien, welches auf eine jahrhundertelange histo- 
rische Vergangenheit zurückblickt, mit viel mehr Schwierigkeiten und Aufwand an 
Zeit und Geld verbunden ist, als bei einer neu angelegten Stadt, ist wohl begreiflich. 
Es darf daher nicht Wunder nehmen, daß Wien, welches erst nach dem Falle der 
Stadtmauern und Linienwälle — also seit ungefähr 40 Jahren — die Möglichkeit 
erlangte, sich zu einer modernen Großstadt umzuwandeln, in dieser kurzen Spanne Zeit 
noch nicht alles nachgeholt hat, was in früheren Jahrhunderten versäumt wurde. 
Aber hoffentlich wird es nicht lange mehr währen, daß Wien in die vorderste Beihe 
der gesündesten Städte des Kontinents wird gestellt werden können. 



Wien, im Juli 1901. 



Franz Berger, 

Stadtbaadirektor. 



Technischer Teil. 



I. Wasserversorgung 

bearbeitet von Bauinspektor Kortz. 
(Hierzu Taf. I und IL) 

A. Geschichtliches. 

Aus Funden, welche in der Nähe von Atzgersdorf gemacht wurden, läßt sich 
nachweisen, daß Wien schon zu Zeiten der Römer sich einer Quellenwasserleitung 
erfreute, und es läßt sich vermuten, daß es die Herkulesquellen in Perchtoldsdorf oder 
die Quellen von Gumpoldskirchen waren, die damals nach Wien geleitet wurden. Auch 
späterhin wurden zahlreiche kleine Wasserleitungen angelegt, welche jedoch — infolge 
der stets fortschreitenden Verbauung des Geländes in der Umgebung der Quellen — 
an Ergiebigkeit sehr abnahmen. 

Bis zu der im Jahre 1873 erfolgten Eröffnung der Hochquellenleitung wurde 
das Trink- und Gebrauchswasser zum größten Teil den Hausbrunnen entnommen, 
deren es zu jener Zeit etwa 11000 gab. 

Altere Quellwasserleitungen. 

Von den älteren Wasserleitungen, welche zum Teil heute noch benutzt werden, 
sind folgende zu erwähnen: 

1. Die städtische Hernalser Wasserleitung; dieselbe entnahm das Wasser aus 
der Thaleinsattlung des Aisbaches bei Dornbach und lieferte täglich zwischen 460 bis 
570 cbm, welche zur Speisung von Bassins und Auslauf brunnen verwendet wurden. 
Diese Wasserleitung wird derzeit nur mehr im XVII. Bezirk benutzt. 

2. Die Albertinische Wasserleitung, welche das Wasser mittels circa 700 m langer 
Sammelkanäle aus den Bergdachungen des Halterbaches nächst Htltteldorf entnahm 
und ursprünglich eine Leistungsfähigkeit von täglich 340 — 400 cbm hatte, speiste 
acht Bassins und mehrere Auslaufbrunnen. Derzeit dient diese Wasserleitung teil- 
weise zur Versorgung von Penzing und " zeitweise auch von Fünf haus, Sechshaus und 
Kudolfsheim. 

3. Die Laurenzer Wasserleitung mit einer täglichen Leistungsfähigkeit von 
circa 60 cbm. 

4. Die Karolysche Wasserleitung, welche circa 57 cbm pro Tag lieferte. 
Außerdem bestanden noch 13 kleinere Wasserleitungen, welche teils ärarisches, 

teils Privateigentum waren, und zur Versorgung von öffentlichen und Privatgebäuden 
dienten. Das Gesamtquantum, welches diese letzteren Leitungen lieferten, schwankte 
zwischen 450—560 cbm täglich. 

Mit der zunehmenden Ausdehnung der Stadt und der gleichzeitigen Abnahme 
der Ergiebigkeit der Quellwasserleitungen wurde die Unzulänglichkeit dieser Ver- 
sorgung immer fühlbarer, und die Bevölkerung begrüßte es mit dankbarer Freude, als 

Fortschritte der Ing.-Wissenscli. Gruppe U. 9. 1 



2 KoRTz. Wasserversorgung. 

I 

Kaiser Ferdinand I. im Jahre 1835 das Krönungsgeschenk der Stände zur Bestreitnng 
der Kosten für die Errichtung eines neuen Wasserwerkes in Wien widmete. So 
entstand die 

Kaiser Ferdinands-Wasserleitung. 

Dieses Wasserwerk wurde in Heiligenstadt bei Wien am rechten Ufer des 
Donaukanals in den Jahren 1836 — 1841 erbaut und entnahm das Wasser dem Schotter- 
grunde mittels Sammelkanälen, welche 2,50 m unter dem Nullpunkte des Donaukanals 
angelegt wurden. Die Förderung der auf 5700 cbm pro Tag angenommenen Wasser- 
menge besorgten zwei Dampfmaschinen von je 60 PS, wovon die eine als Eeserve diente. 
Das Wasser wurde in drei kleine Wasserbehälter (Währing, Neulerchenfeld und West- 
bahnlinie) gepumpt und von dort in einzelne Stadtteile geleitet, wo es anfänglich nur 
zur Speisung von öffentlichen Auslaufbrunnen und Bassins verwendet wurde. 

Nach kurzer Zeit mußte eine Verlängerung der Sammelkanäle auf 340 m 
vorgenommen werden, da der Schottergrund nicht die nötige Durchlässigkeit 
besaß, um das erwähnte Quantum konstant abgeben zu können. Doch auch diese 
Verlängerung reichte nicht aus, da das erhoffte Wasserquantum nicht gefunden 
wurde und sich der Wasserbedarf durch die Abgabe an Private fortwährend 
steigerte. 

Es mußte deshalb zu einer durchgreifenden Erweiterung der Anlage geschritten 
werden, mit deren Ausführung im Frühjahre 1859 begonnen wurde. Zu diesem Zwecke 
legte man neue Sammelkanäle 5 m unter dem Nullpunkte des Donaukanals und 200 m 
von diesem entfernt, in einer Länge von 400 m an und stellte eine dritte Dampf- 
maschine mit 100 PS auf. Hiermit wurde die Leistungsfähigkeit auf circa 10000 cbin 
pro Tag erhöht, und konnten nun von dieser Anlage 211 öffentliche Auslaufbrnnnen, 
25 Bassins, 36 städtische, 682 Privathäuser, sowie 52 Feuerlöschhydranten mit Wasser 
versorgt werden. 

Vorarbeiten für eine neue Wasserleitung* 

In dieselbe Zeit fällt jedoch auch die Inangriffnahme der Stadterweiterung, die 
eine rasche Bebauung der neu gewonnenen Baugründe mit sich brachte, infolge dessen 
sieh bereits im Jahre 1860 abermals ein arger Wassermangel fühlbar machte. Auf 
Anregung der damals bestandenen Stadterweiterungs-Commission des Wiener Gemeinde- 
rates wurde nunmehr ein Eonkurs für die Erbauung einer im großen Stile auszu- 
führenden Wasserleitung ausgeschrieben, für welchen ein Termin bis Ende April 1862 
gegeben war. Diese Konkursausschreibung ergab jedoch kein befriedigendes Resultat 
und es wurde daher vom Gemeinderat eine eigene Wasserversorgungs-Commission 
eingesetzt, welcher die Aufgabe zufiel, alle jene Erhebungen und Studien vorzunehmen, 
welche für die Erbauung einer Wasserleitung auf Rechnung der Stadt erforderlieh 
waren. Das Resultat dieser Studien war die Vorlage des Projektes für den Bau der 
Hochquellenleitung, welches vom Gemeinderat genehmigt und dessen Ausführung im 
April 1870 in Angriff genommen wurde. 

Durch den Bau dieser Wasserleitung wurde Wien mit Wasser von so vorzüg- 
licher Qualität versehen, daß im Interesse des Gesundheitszustandes der Bevölkerung 
dich das allseitige Bestreben bekundete, dieses Wasser möglichst bald allen Bewohnern 



Die Kaiser Franz Josef-Hochqüellen-Wasserleitüng. 3 

Wiens zukommen zu lassen. Nach Fertigstellung des Baues wurden deshalb im 
Jahre 1874 die früher bestandenen Wasserleitungen außer Betrieb gesetzt und an 
alle Hausbesitzer die Aufforderung gerichtet, das Hochquellenwasser in ihre Häuser 
einzuleiten. 



B. Die Kaiser Franz Josef- Hochquellen -Wasserleitung. 

Die Quellen, welche ursprünglich mittels der Hochquellenleitung nach Wien 
zugeleitet wurden, sind der Kaiserbrunnen im Höllenthal am südwestlichen Fnfie 
des Schneeberges und die Stixensteiner Quelle im Sierningthale, am östlichen Fuße 
des Schneeberges. Die Ergiebigkeit der ersteren war mit 37000 — 42000cbm, die der 
letzteren Quelle auf 28 000—33 000 cbm in 24 Stunden veranschlagt, doch zeigte sich, 
daß die Minima noch unter diesen Zahlen lagen, indem dieselben für beide Quellen 
zusammen im Winter ca. 20200 cbm, im Sommer 55000 cbm ergaben. 

Der Aquädukt selbst bestand aus der Hauptleitung (Strecke Eaiserbrunnen bis 
zum Verteilungsreservoir am Rosenhügel bei Wien] und aus der Zweigleitung (Strecke 
Stixensteinquelle bis zur Vereinigungsstelle mit der Hauptleitung bei Ternitz), die 
Gesamtlänge des Aquäduktes betrug 95,526 km. 

Der Aquädukt hat eine Leistungsfähigkeit von 138 000 cbm in 24 Stunden. 

Vom Wasserbehälter am »RosenhUgel« verteilte sich das Wasser in drei Wasser- 
behälter, auf der »Schmelz«, am »Wienerberge« und am »Laaerberge«; diese vier 
Wasserbehälter hatten nach ihrer ersten Anlage zusammen nur einen Fassungsraum 
von 25 860 cbm. Mit Bücksicht auf die verschiedene Höhenlage der einzelnen Stadt- 
teile wurde das ganze Stadtgebiet in zwei Druckzonen eingeteilt. Von diesen vier 
Wasserbehältern wurde das gesamte Rohrnetz der Wasserleitung gespeist; dasselbe 
hatte mit Ende des Jahres 1891 eine Gesamtlänge von 322 km und versorgte zu dieser 
Zeit 12625 öffentliche und Privatgebäude mit Hochquellwasser. 

Schon wenige Jahre nach der Vollendung der Hochquellenleitung trat eine so 
bedeutende Steigerung des Wasserverbrauches ein, daß die beiden eingeleiteten Hoch- 
. quellen zur Zeit ihrer geringsten Ergiebigkeit zur Deckung desselben nicht mehr 
ausreichten. Es musste daher für die Zuleitung eines namhaften Wasserquantums 
durch Einbeziehung neuer Quellen und Erweiterung der Wasserbehälter Vorsorge 
getroffen werden. Für den momentanen Mehrbedarf wurde das Auxiliar-Schöpfwerk 
in Pottschach erbaut. Später wurden eine Reihe neuer Quellen einbezogen und für 
die hochgelegenen Stadtgebiete, welche mit dem natürlichen Drucke der Leitung 
nicht mehr versorgt werden konnten, Wasserwerke in Breitensee und am Wienerberg 
errichtet. Das Rohmetz mußte auf die neu einbezogenen Vororte ausgedehnt werden. 

Für die weitere Ausgestaltung der Wasserversorgung Wiens wurde der Tages- 
bedarf pro Kopf der Bevölkerung mit 140 Liter angenommen, wovon 40 Liter auf das 
Oenuß- und Brauchwasser, 100 Liter auf Nutzwasser entfallen. 

Auf Grund dieser Ziffern und unter der Annahme einer gleichmäßigen Be- 
völkerungszunahme ergaben sich für die nächsten drei Dekaden folgende Wasser- 
bedarfsmengen: 



1* 



KoRTz. Wasserversorgung. 



1 

Jahr 


Einwohner 


Erfordernis pro Tag in 
Cabikmetern 


1 


ä 40 Liter 


ä 140 Liter 


1900 
1910 
1920 


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2000000 

2400000 


66 940 
80000 
95000 


• 234 280 
280000 
336 000 



Bei der Erwägung der Mittel und Wege, wie die künftig fehlenden Wasser- 
mengen zu beschaffen seien, mußten sich bei dem bereits erwähnten Umstände, daß 
der bestehende Hochquellen-Aquädukt zur Zeit der genügen Quellenergiebigkeit noch 
für eine tägliche Wassermenge von ca. 28000 cbm aufnahmsfUhig ist, die Blicke 
zunächst auf die definitive Ausgestaltung der bestehenden Hochquellenleitung richten. 
Hierdurch würde im Sommer die Zufuhr einer täglichen Wassermenge von 138000 cbm, 
im Winter von 96000 cbm gesichert sein. Dieses letztere Wasserquantum entspricht 
jedoch nahezu genau der voraussichtlichen Genuß- und Brauchwassermenge Wiens im 
Jahre 1920. Da auf diese Weise die Möglichkeit der Sicherung des Genuß- und 
Brauohwasserbedarfes für mehrere Dezennien bestand, entstand nun die weitere Frage, 
auf welche Weise für die Zufuhr des weiteren, hauptsächlich Nutzzwecken dienenden 
Wasserbedarfes vorzusorgen sei. Hierbei konnten sowohl die Schaffung einer eigenen 
Nutzwasserleitung, als auch die Zufuhr neuer, größerer Quellwassermengen aus anderen 
Quellgebieten bei Aufrechthaltung der einheitlichen Wasserversorgung in Betracht 
kommen. 

1. Der gegenwärtige Stand der Hochquellenleitung. 

a. Die Quellen (Fig. 1). 

Der Stammaquädukt wird gespeist durch den > Kaiserbrunnen«, welcher in einer 
Seehöhe von rund 521 m am Fuße des südwestliehen Abhanges des »Schneeberges« 
(2075 m) entspringt und durch die »Stixensteiner Quelle«, welche in einer Seehöhe von 
rund 461 m am Fuße des östlichen Abhanges dieses Berges zu Tage tritt. Die in die 
Hochquellenleitung einbezogenen Quellen oberhalb des »Kaiserbrunnens« sind folgende: 

1. Die »Quellen beim Großen HöUenthale«, am östlichen Fuße der Baxalpe 
(2009 m) entspringend (Höhenlage rund 542 m); 

2. die »Fuchspaßquelle«, gegenüber der Einmündung des Naßbaches in die 
Schwarza, am westlichen Fuße des »Kuhschneeberges« (1513 m) entspringend (Höhen- 
lage rund 573 m) ; 

3. die Reißthalquelle, entspringend in einer Seeböhe von rund 726 m im Beis- 
thale am westlichen Fuße der Raxalpe; 

4. die Wasseralmquelle, welche im Naßwalde am nordöstlichen Fuße der 
»Schneealpe« (1904 m) in einer Seehöhe von rund 802 m zu Tage tritt, und 

5. die sogenannten »kleineren Quellen im Naßwalde«, welche zum Teil im 
vorderen, zum Teil im hinteren Naßwalde entspringen und eine Höhenlage von 700 
bis 800 m über dem Meere haben. 



1) Diese Zahl beruht auf einer im Jahre 1898 gemachten Schätzung; die wirkliche Einwohner- 
zahl belief sich Ende 1900 nach der Volkfizählung auf 1 649 544. 



Die Kaiser Fuanz Josef -Hochquellen- Wasserleitung. 5 

Die Quellen oberhalb des Kaiserbrunnens zeigten als Tagesminimal-Ergiebigkeit 
ca. 40000 ebm, wovon die Gemeinde Wien ein Quantum von 36 400cbm abzuleiten 
berechtigt war. 




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Die Minimalergiebigkeit aus den Quellen und dem inzwischen errichteten 
Schöpfwerke in Pottschach, welches später besprochen werden soll, stellte sich sonach 
folgendermaBen : 



6 EoRTz. Wasserversorguno. 

Im Winter im Sommer 

Kaiserbrannen und Stixensteiner Quelle . 20 200 ebm 55 000 cbm 

Quellen oberhalb des Kaiserbrunnens rund 35 800 » rund 35 800 » 

Pottschacher Schöpfwerk 12 000 » 19 200 > 



zusammen 68 000 cbm 110 000 cbm 

Die Qualität des Wassers der verschiedenen Bezugsquellen der 

Hochquellenleitung. 

Sämtliche Bezugsquellen der Hochquellenleitung liefern ein yollkommen ein- 
wandfreies Genußwasser, und die Oemeinde Wien war stets darauf bedacht, nur ein 
solches durch den Aquädukt der Stadt zuzuführen. 

Das Wasser sämtlicher Bezugsquellen wurde vor der jeweiligen Einbeziehung 
derselben genau untersucht, und auch nach erfolgter Einleitung der Quellen wur- 
den wiederholte^ Untersuchungen sowohl des Wassers einzelner Bezugsquellen, als 
auch des nach Wien gelangenden Leitungswassers, und zwar sowohl im Hauptreservoir 
am Bosenhttgel, als auch bei einzelnen Auslauf brunnen und anderen Abgabestellen 
vorgenommen. 

Die folgende Tabelle giebt zunächst eine Übersieht der chemischen Beschaffen- 
heit der hier in Frage stehenden Wässer. 

(Siehe nebenstehende Tabelle}. 

Auch der bakteriologischen Untersuchung der Wässer wurde die entsprechende 
Sorgfalt zugewendet. 

Da jedoch zur Zeit der Inaugurierung . der Hochquellenleitung und des Pott- 
schacher Schöpfwerkes diese Untersuchungsmethode noch nicht bekannt war, wurden 
diese Untersuchungen erst später nachgetragen. 

Bei den neu einbezogenen Quellen wurde diese Prüfung noch vor deren Ein- 
leitung vorgenommen. Wie vorausgesehen werden konnte, war hier das 'Ergebnis, da 
ja diese Quellen alle unmittelbar den Kalkfelsen entspringen, ein sehr günstiges und 
es ergab sich z. B. in den wichtigsten Fällen nachstehendes Resultat (1889) : 

Kaiserbrunnen 9 Keime | 

Stixensteiner Quelle 12 > | pro 1 cbcm. 

Quellen beim Oroßen Höllenthale ... 13 > ) 

Auch das Resultat der bakteriologischen Untersuchung des Wassers des Pott- 
schacher Schöpfwerkes ergab nur eine Keimzahl von 248 pro 1 cbcm, wobei jedoch 
darauf hingewiesen werden muß, daß das Wasser einem der Tiefbrunnen entnommen 
wurde und hier, wie bekannt, der Luftraum des Brunnens, sowie die Wände des 
Brunnenmauerwerkes etc. eine große Rolle spielen. 

Am wichtigsten sind jedoch die Resultate, welche die bakteriologischen Unter- 
suchungen des in Wien zur Abgabe gelangenden Leitungswassers im Jahre 1892 
ergeben haben und die sich sowohl auf solche Perioden erstreckten, wo Hoch- 
quellenwasser allein zur Einleitung gelangte, als auch auf solche, wo eine Mengung 
desselben mit dem Wassör vom Pottschacher Schöpfwerk stattfand. 

Diese Resultate sind aus der Zusammenstellung auf S. 8 ersichtlich. 



Die Kairser Franz Josef- Hochquellen-Wabserleitüng, 




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KoRTz. Wasserversoroüng. 



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17 
18 
19 
20 
21 
22 



Resultate der bakteriologischen Untersachungen des Wiener 

Leitungswassers im Jahre 1892 

ausgeführt von Prof. Dr. A. Weichselbaum. 













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15. 
16. 
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18. 



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Aus der Tabelle ist zu entnehmen, daß das Leitungswasser überhaupt nur sehr 
wenig Bakterien und ganz unbedenklichen Charakters enthält, und dass in dieser Rich- 
tung das Leitungswasser auch keine wesentlichen Verschiedenheiten aufweist in den 
Fällen, wenn nur reines Hochquellwasser oder solches mit Pottschacher Wasser ver- 
mengt eingeleitet wird. 



Sicherung der Quellen. 

Die Gemeinde Wien hat es sich angelegen sein lassen, in dem Bereiche der für 
die Wasserversorgung Wiens herangezogenen Quellen ausgedehnte Grundkomplexe zu 
erwerben, um daselbst den Waldbestand möglichst zu erhalten und dadurch die 



Die Kaiser Fhanz JosEP-HocHQUELLEN-WASSEELEiniKG. 9 

Bedingungen zn schaffen, anter welchen eine thonlichBt konstante Ergiehigkeit der 
Quellen zu erzielen wäre. Solche Ornndkompleze worden bis jetzt erworben: 

Im Bereiche des Ktüserbrannens im Ansmaße von . . . 1728,75 Hektar, 
im Bereiche der Quellen beim großen HQllenthal im Aus- 
maße von 37,84 „ 

im Bereiche der FnchspaBqnelle im Ausmaße von. . . . 105,53 „ 
femer die Bealtzung Wasser- und Oberhof im NaBwald per 521,23 ,, 
im Bereiche der Wasseralmquelle und der Reißthalquelle 

per 2166,59 „ 

Die Gemeinde Wien verfUgt sonach in^dem gesamten ein- 
bezogenen Qnellengebiete über ein Areal von . . . 4559,94 „ 
welches vorwiegend schönen Waldbestand aufweist, und ist bemHht, durch intensive 
Aufforstung den Bestand immer mehr za konservieren und zn verbessern. 

Die Quellenfassungen 
(Fig. 2 und 3). 

Die Quell enfassungeu 
erfolgen bei nahezu sämt- 
lichen Quellen durch An- 
lage von Waase^Bchlöseern 
am Ursprünge der betref- 
fenden Quellen mit Ans- 
nahme der Quellen beim 
GroßenHöUenthale, woselbst 
wegen des Auftretens der 
Quellen in zahlreichen klei- 
neren Wasseradern die Anf- 
sammlung derselben in meh- 
reren Sammelstellen erfolgen 
mußte, nnd den kleineren 
Quellen im Naßwalde, deren 
Fassung theilweise in Brun- 
genstuben , theils durch 
Drainageanlagen etc. er- 
folgte. 

Die Anlage der Was- 
serschlösser zeigt geringe 
Abweichungen, sofern es 
sich um den Stamm-Aqnä- 
dokt oder die neue Leitung 
bandelt. 

Die Wasserschlßsser 
des Stamm - AquSdnktes 

fKaiaerbruunen undStixen- ^^ ^ WM.er..]üor. Kaiiartnum«. 

eteiner-Qneile) sind in Qua- 
dern hergestellte, gewölbte Räume, welche die Quellen anfnehmen, mit selbstthätigen 
Überiällcn versehen sind und gegen den Aqnädnkt mittelst eines Schiebers abgeschlossen 



10 KORTZ. Wassebveksobgung. 

werden kfianen. Dnrch diesen Schieber erfolgt aaoli die Regniierung des Waeser- 
abflnBSes in den Aquädukt. 

Vor dem Schieber Bind in den Seitenwänden eDtspiechend der ganzen HBhe der- 
selben EalisBen angeordnet, welche zum Einlegen von Dammbalken dienen, fUr den 
Fall, als der Schieber zugänglich gemacht werden mUßte, nm eine Anewechslang dessel- 
beo oder Reparaturen daran Tornehnien zn können. 



Die Wasserscblßaser der nenen Leitnng noterBcheiden Bicfa von den vorbe- 
sehriebenen dadurch, daß sie anßer einem selbstthätigen Überfall nnd einem! Leitungs- 
Schieber auch noch einen Entleerungssehieber haben, welcher für den Fall, ata der 
LeitnngBschieber geschlossen werden sollte, geöffnet wird nnd das Waseer dem nächstes 
offenen Wasserlaufe zufuhrt. Hierdurch wird dem ÜbelBtande gesteuert, daß in solchen 
Fällen eine jedeBmalige Stauung des Wassers im WasBerschloß bis zu der Höhe des 
selbstthätigen Überfalles eintreten mußte. 

Außerdem ist bei dieser neueren Type der Wasserschlösser die Anordnung ge- 
troffen, daß die beiden obengenannten Schieber (Leitungs- und Entleerungssehieber} in 
einer besonderen Schieberkammer im Trocknen untergebracht nnd vollkommen frei 
zugänglich sind. 

b. Die Leitnngsaiilagen. 

Der Stamm -Aquädukt besteht in Beiner Überwiegenden Länge (76184 m), ebenso 
wie die Stixensteiner !2weigleitang (621S m] ans einem gemauerten Kanäle; 4619 m 
Länge entfallen anf die 10 griJßeren ThalUbersetznngen, von denen jene von Leobers- 
dorf, Baden, Msdling, Mauer, Liesing und Speising die bedeutendsten sind. Die längsten 
sind die Aquädukte .von Baden (685 m} und Liesing (745 m), der höchste jener von 
Modling (Fig. 4) mit leiner Höhe von 27,5 m von der Thalsohla bis zum Deckpflaeter 
dcB Aqnädnktes. Syphons (DUker) für ThalUbersetznngen hat man bei dieser Leitung 
grundsätzlich vermieden, wahrscheinlich aus dem Grunde, weil zur Zeit des Baues die 
Herstellung von Gußrohren mit so großen Liehtweiten und genügender Sicherheit noch 
Schwierigkeiten bereitete. 



Die Kaiser Franz Josef -HocHquELLEN-WASSEBLErroua. 



12 KoETz. Wasserversorgung. 

Die restliche Länge des Stamm-Aquäduktes von 8500 m wird durch die Stollen 
gebildet, deren es daselbst 29 giebt. Die größte Zahl derselben (12 mit einer Ge- 
samtlänge von 3000 m) liegt in der Strecke von Eaiserbrunnen bis Hirsehwang, welche 
eine nur durch die eingeschalteten Förderstellen unterbrochene Stollenreihe bilden, 
während der übrige Theil der Stollen auf der weiteren Strecke zerstreut verteilt ist 
und nur solche geringer Länge aufweist. Was die Konstruktion betrifft, ist zu be- 
merken, daß der gemauerte Aquäduktkanal aus Bruchstein oder Ziegel hergestellt, 
mit einem Ziegelgewölbe eingedeckt und an den inneren Laibungen, soweit der be- 
netzte Umfang reicht, mit einem 6 cm starken, geglätteten Portlandcementverputz ver- 
sehen ist. 

Die Thalübersetzungen, gemeinhin blos »Aquädukte« genannt, sind gleichfalls 
entweder aus Bruchsteinen oder Ziegeln gemauert, die Gewölbe sowohl der Aquädukt- 
bögen als auch des Leitungskanales in dem Aquädukte aus Ziegeln hergestellt Die 
Abdeckung der Aquädukte erfolgte mittelst eines Bruchsteinpflasters, welches an den 
Seiten durch Gesimsquadern begrenzt ist; das Brnchsteinpflaster erhielt später noch 
einen Überzug von Asphalt, dem etwas »Boschin« beigemengt wurde, wodurch die 
Masse nicht ganz erstarrt und sonach bei Frost und grösseren Temperaturschwan- 
kungen nicht rissig wird. 

Die in der Stammaquäduktstrecke vorkommenden Stollen wurden, je nach dem 
betreffenden Gebirge, das zu durchsetzen war, entweder gar nicht ausgemauert, son- 
dern nur mit einem betonierten Gerinne versehen, oder nur zum Teil ausgemauert und 
eingewölbt oder aber auch vollständig ausgemauert und mit First- und Sohlengewölbe 
versehen. 

Die Gefälle des Aquäduktes sind dem Terrain möglichst angepaßt; in der Haupt- 
leitung wechseln dieselben zwischen 1 : 200 bis 1 : 2300, in der Stixensteiner Zweig- 
leitung kommen auch Gefälle von 1 : 100 vor. Das lichte Profil des Aquäduktes ist, den 
verschiedenen Gefällsverhältnissen entsprechend, ein wechselndes. In der untersten 
Strecke, welche ein Gefälle von 1 : 2300 aufweist, hat das rechteckige, an der Ba^is 
mit Hohlkehlen versehene lichte Kanalprofil eine Breite von 1,47 m und bis zum 
Gewölbeanlauf eine Höhe von 1,26 m. 

Die folgenden Profile (Fig. 5) zeigen die gebräuchlichsten Typen der vorbe- 
schriebenen Leitungsquerschnitte. 

Die Leitungsanlagen der Aqäduktstrecke oberhalb des Kaiserbrunnens 
sind dadurch charakteristisch, daß sie kurrenter, gemauerter Kanäle gänzlich entbeh- 
ren und beinahe ausschließlich aus Stollen und Bohrleitungen bestehen. 

Auf die Hauptleitungsstrecke von 15712 m Länge entfallen nämlich an Stollen 
11409 m, an Rohrleitungen 4255 m und nur eine Länge von 48 m entfallt auf den 
gemauerten Aquädukt, mittels welchem die Leitung unterhalb des großen HöUenthales 
die Schwarza übersetzt. 

Die Zweig- und Nebenleitungen von der Beißthat- und Fuchspaßquelle, sowie 
von den kleineren Quellen im Naßwalde bestehen ausschließlich aus Rohrleitungen. 
Die Stollen nehmen die ganze Länge der Leitung im Höllenthale und am Naßbach 
hinauf bis zur Einmündung des Preinthalbaches, sowie einen weiter thalaufwärts ge- 
legenen Theil der Leitung in der Nähe der sogenannten »Saurüsselklamm« ein, wäh- 
rend die Rohrleitungen den obersten Teil der Leitung, wo sich das größte Gefälle kon- 
zentriert und den zwischen den beiden Stollenstrecken liegenden Teil derselben 
umfassen. 



Die Kaiskk Franz Josef -Hochqukllen-Wassbrleitusg. 13 

Die Stollen sind zam größten Teile Lehnenstollen, mit Hilfe von FOrderstoIlen 
ansgeftthrt, und in der Konstraktion nnr wenig von jenen der Stamm-Aqnädnktstreeke 
abweichend. Die Stollen auf der Strecke Kaiserbrannen-Singerin wurden in Regie 
ansgefUhrt und stellten sich die Kosten fttr 1 lfd. m Ansbrueh anf 90 K. 

Die Rohrleitungen haben in der Hanpt- nnd den Zweigleitungen eine lichte 
Weite von 300, 350, 400, 450 und 500 mm, sind in Betonnnterlagen eingebettet and 
mit Blei und Hanf gedichtet. Der oberste LeitnngBstraog ist durch »Entlastangs- 
kammem< derart unterbrochen, daS der hydrostatische Druck nicht mehr als S'/^ At- 
mosphären betiUgt. 



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Fig. 6. Profil« dM Leitni^itkuudet d«T AqoftdDkttttacke. 

In den 500 mm weiten Rohrstrang der Hauptleitung und den 450 mm weiten 
Strang der Zweigleitung von der FnchspaBquelle fällt auch ein DUker unter dem 
KaBbaohe und ein solcher unter dem Schwarzaflusse ; dieselben sind als einfache Rohr- 
stränge ausgefUhrt und in voller Länge nnd mit dem vollen Umfange in einen Betou- 
klotz eingebettet 

Bei dem Ober die Schwarza führenden Aquädukt, der in Quadern ausgeführt wurde, 
ist hinsichtlich des darin untergebrachten Leitnugskanalcs die Anordnung getroffen 
worden, daß das benetzte Gerinne desselben fUr sich ans Beton hergestellt nnd von 
dem tibrigen Manerwerk des Aquäduktes durch Asphaltschichten ieoliert ist, wodurch 
die Bitdung von Haarrissen im Geriune hintangehalten wird. 



14 EoRTz. Wasserversorgung. 

Die GefällsverhältDisse der Leitung sind durchaus sehr günstige. Das Gesamt- 
gefälle in der oberen Leitungsstrecke zwischen der Wasseralmquelle und dem Kaiser- 
bmnnen beträgt rund 279 m, jenes des Stamm-Aquäduktes zwischen Kaiserbrunnen und 
Rosenhttgel rund 280 m. 

Der große Höhenunterschied in der blos 15J12 km langen oberen Strecke muBtc 
natürlich derart verteilt werden , daß einerseits die Zuleitung der Seißthalquelle mit 
der Seehöhe von 725,63 m, jene der Fuchspaßquelle mit der G6te 573,52 ra, sowie 
die Aufnahme der HöUenthalquelle mit der G6te 541,82 m möglich wurde, und daß 
andererseits der Leitungsstollen thunlichst hoch über dem Flußwasserspiegel zu liegen 
kam. Das Stollengefälle wechselt zwischen l%o ^^^ 25VooJ kurze Abstürze mit dem 
Gefälle von 150 %o kommen ebenfalls vor. 

Bei den Zuleitungen der kleinen Quellen konnten Rohrgefälle bis zu 500 %o 
nicht umgangen werden; in solchen Fällen stehen die Rohre nicht unter Druck, son- 
dern laufen nur teilweise gefüllt 

Die Gefälle in der Strecke des Stamm-Aquäduktes sind, wie erwähnt, dem 
Terrain möglichst angepaßt; da jedoch in der Strecke zwischen Hirschwang und Pott- 
schach, sowie zwischen Temitz und Neunkirchen die Beibehaltung des natürlichen 
TerraingefUUes ein zu starkes Leitungsgefälle ergeben hätte, welches von ungünstigem 
Einfluß auf die Wandungen des Aquäduktes gewesen wäre, wurden daselbst kürzere 
Abstürze in größerer Anzahl eingeschaltet, welche das Gefälle von 200 %o erhielten 
und ganz aus Quadern hergestellt sind. 

c. Das Pottschacher Wasserwerk. 

Als durch den Wassermangel im Winter 1877—1878 zahlreiche Ubelstände ein- 
getreten waren, deren Wiederholung man möglichst hintanhalten wollte, sah sich der 
Gemeinderat veranlaßt, eine seitens einer Unternehmung im Mai 1878 überreichte 
Offerte anzunehmen, wonach sich dieselbe bereit erklärte, eine Wasserwerksanlage bei 
Pottschach unterhalb Gloggnitz an der Südbahn mit einer Leistungsfähigkeit von 
16800 cbm pro 24 Stunden für den Pauschalbetrag von 1280000 K. zu erbauen und 
dieselbe am 15. Dezember 1878 in betriebsfähigem Zustande zu übergeben. 

Dieses Wasserschöpfwerk, welches in nächster Nähe des Hochquellenaquäduktes 
gelegen ist und das geförderte Grundwasser direkt in diesen Aquädukt liefert, wurde 
thatsächlieh zur vereinbarten Frist fertiggestellt, und es war hiermit dem dringendsten 
Bedürfnisse abgeholfen. Es wurde blos als Ergänzungswerk erbaut und hatte nur den 
Zweck, dann in Betrieb zu treten, wenn die Ergiebigkeit der Hochquellen zur Befrie- 
digung des Wasserbedarfes nicht ausreichen sollte. 

Die Anlage (Fig. 6) besteht außer dem Kessel- und Maschinenhaus, dem Wohn- 
gebäude, Kohlenschuppen und der Brückenwage, aus acht Tiefbrunnen, von denen 
sieben auf dem rechten Ufer der Schwarza, der achte jedoch auf dem linken Ufer 
derselben gelegen ist. 

Die Anordnug der Brunnen, wie sich dieselbe bei der successiven Ausgestaltung 
des Werkes ergeben hat und aus dem Situationsplan ersichtlich ist, ist folgende: 

Die vier Brunnen »A«, >B«, »C«, »D« welche ursprünglich angelegt wurden, sind 
symmetrisch in einer Entfernung von 100 — 140 m um das Maschinenhaus gruppiert und 
haben je eine Tiefe von circa 10 m und an der Schneide des eisernen Brunnenkranzes 



Die Kaiser Franz Josef-Hochquellen-Wasserleitung. 



15 



eine Weite von 6 m (Fig. 7). Die übrigen vier Brannen sind später errichtet worden 
und liegen in Entfernungen von 400—800 m flussaufwärts vom Maschine nhause. 

Die maschinelle Anlage be- 
steht aus drei Gornwall-Dampfkesseln 
mit je 60 qm Heizfläche und drei 
liegenden Woolf sehen Dampfmaschi- 
nen von je 60 PS mit je zwei Paar 
doppelt wirkenden Saug- und Druck- 
pampen, welche mit einer normalen -^ 
Tourenzahl von nur 18 per Minute 
a^rbeiten. Für gewöhnlich ist nur 
je ein Kessel und eine Maschine mit 
einem Paar Pumpen in Betrieb; bei 
voller Beanspruchung des Werkes 
treten zwei K.essel mit zwei Maschi- 
nengarnituren in den Dienst. Je ein 
dritter Kessel und eine dritte 
Maschinengarnitur ist stets in 
Reserve. 

Von den Pumpen gelangt das 
Wasser durch eine doppelte, guß- 
eiserne Druckleitung von gleichfalls 
600 mm lichter Weite und 1240 m 
Länge in eine Überfallkammer, 
welche unmittelbar an den Aquädukt 
der Hochquellenleitung angebaut ist, 
aus -welcher dasselbe direkt in den 
Leitungskanal ttberfiieBt. Die Druck- 
leitung übersetzt auf einer 40 m im 
Lichten weiten, eisernen Straßen- 
brücke den Schwarzafluss und mit- 
tels eines eisernen, auf gußeisernen 
Säulen ruhenden Aquäduktes die 
Südbahn und den daneben führen- 
den »Stuppacher Werkkanal« un- 
mittelbar vor der Überfallkammer. 

Auf der eisernen Straßen- 
brücke besteht die Druckleitung aus 
schmiedeeisernen, genieteten Roh- 
ren und ist mit einer Dilatations- 
Vorrichtung versehen. 

Die Druckhöhe der Leitung 
beträgt 4,11 m, die Saughöhe im 
Maximum 7,0 m, sodaß die gesamte 
Förderhöhe im Maximum 11,11 m, 
im Mittel aber nur circa 9 m be. 

trägt. Wie aus seiner Eigenschaft als Auxiliarwerk hervorgeht, ist das Werk nur 
zeitweise und in unregelmäßigen Zwischenräumen in Betrieb; im Frühjahr tritt oft 




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16 KORTZ. WA88ERVER90RQUNG. 

mehrmonatlieher Stillstand ein, im Winter tritt auch mehrmonatliclier Betrieb ein. Um 
nun während der längeren Betriebspaaeen das Wasser in den Brunnen Öfter zu emettern, 
wird zu diesen Zeiten wenigstens allmonatlich ein »Probepumpen « Torgenommen, wobei 
der Reihe nach aus jedem Brunnen durch eini^ Stunden sehr inteneir gepumpt wird, 
sodaB hierdurch sowohl die Brnnnen als auch die Umgebung derselben im Untergründe 

regeneriert werden. — Das hier- 
bei geförderte Wasser wird unmit- 
telbar nach Passiernng des Ma- 
schinenhauseB in die Schwarza 
abgelassen , ohne in die Druck- 
leitung einzutreten , wozu eine 
eigene lAblaßkammer« angelegt ist. 
^^;^^^ Ein solches »Probepampen« 

findet auch regelmäßig vor jeder 
Inbetriebsetzung des Werkes statt, 
wobei auch die Drnckleitang einer 
vorherigen DurchspUlnng unterwor- 
fen wird. Das Wasser wird hierbei 
durch einen bei dem Stuppacher 
Werkkanal angeordneten Auslaß 
in den letzteren solange abgeleitet, 
bis es vollkommen rein und klar 
abfließt;' erst dann gelangt es zam 
Einlasse in den Hochqnelleu- 
Äquädukt. 

Flg. 7. TiafbrniuBii dei PotUohMher r,. ^ > , .^r 

SeJiSpfwarkM. ^'® GeBamtkosten des Wer- 

kes inclusive aller mit der baa- 
licben Anlage nicht direkt zusammenhängenden Auslagen [wasserrecbtliche Ent- 
schädigung, Uferschntzbanteu etc.) beziffern sich bis Ende 1900 auf rund 2140000 K. 

d. Die WasserTerteilnngmiilagen. (Tat I und II.] 

Die Wasserverteilungsanlagen umfassen alle jene Objekte, darcb welche das 
von dem Aquädukte zugeleitete Wasser allen Verbranchsstellen zugeführt wird, nach- 
dem es vorerst eine entsprechende Teilung nach den einzelnen Versorgnngsgebieten 
erfahren hat, also insbesondere die Wasserbehälter (Reservoire) und das Rohrnetz. 

Das Gemeindegebiet von Wien hat eine derartige Ausdehnung und seine Boden- 
gestaltung zeigt eine solche Verschiedenheit in der- HiJhenentwicklnng (die Seehöhe 
der zur Zeit bereits bebauten Territorien schwankt zwischen 160 und 270 m. und 
darüber], daß es geboten war, d^selbe in mehrere Versorgungsgebiete einzuteilen; 
einesteils nm den Umfang der einzelnen Versorgnngsgebiete im Interesse der Verein- 
fachung des Betriebes und der Sicherheit desselben in praktischen Grenzen zu halten 
und andemteils um den hydrostatischen Druck in dem Rohrnetze nicht über ein ge- 
wisses, zulässiges Maß zu steigern. 

Ein dritter Umstand, der fUr die Beetimmnng der Versorguugsgebiete maßgebend 
war, ist die durch die Einbeziehung der ehemaligen Vororte eingetretene Notwendig 
keit, auch jene bOchst gelegenen Teile derselben, die von der bestehenden Hochqaellen- 



Die Kaiser Franz JosbF- Hochquellen- Wasserleitung. 17 

leitnng nicht mehr durch bloße Gravitationsleitungen versorgt werden können, in die 
einheitliche Wasserversorgung einznbeziehen, wodurch eine teilweise künstliche Hebung 
des Wassers erforderlich wurde. 

Sonach wurden die Versorgungsgebiete in nachstehende Hauptgruppen unter- 
schieden: 

1. die durch natürliche Gravitation versorgten Gebiete und 

2. jene, für welche eine künstliche Hebung des Wassers erforderlich ist. 
Die erste Hauptgruppe zerfällt wieder in zwei Zonen unter Berücksichtigung der 

für ihre Versorgung erforderlichen Druckhöhe, nämlich in 

a) die Hochdruckzone und 

b] die Niederdrückzone. 

Für die Hochdruckzone wurde seiner Zeit eine Seehöhe der betreffenden Wasser- 
behälter von 236 m und für die Niederdruckzone eine solche von 207 m als notwendig 
erkannt. 

Die Wasserbehälter. 

Die wichtigsten Objekte der Wasserverteilung sind die Wasserbehälter, deren 
es im Ganzen sieben giebt und zwar 

1. Der Wasserbehälter am RosenhUgel, 

2. » » * Wienerberg, 

3. » » auf der Schmelz, 

4. » am Laaerberg, 

5. >• > in Breitensee, 

6. » " auf dem kleinen Sohafberg, und 

7. * > » > Wasserturm in Favoriten. 
Die Wasserverteilung geht nun in folgender Weise vor sich: 

Das gesamte Wasser, welches durch den Aquädukt zugeleitet wird, gelangt in 
den Behälter am Rosenhügel mit einer Wasserspiegelcote von + 244,58 m , der in 
acht Abtheilungen ein Gesammtwasserquantum von 120503 cbm faßt und als Haupt- 
verteilungsreservoir fungiert (Taf. II). 

Von diesem Wasserbehälter führen drei separate Gravitationsrohrleitungen zu 
den Wasserbehältern auf der Schmelz, auf dem Wienerberge und auf dem Laaerberge, 
welche Wasserspiegelcöten von -f- 238,26 m, + 237,63 m, 4- 207,28 m besitzen und ein 
Fassungsvermögen von 36 850 cbm, 36 046 cbm und 23 070 cbm haben. 

Diese vier Wasserbehälter beherrschen je ein Versorgungsgebiet. Vier dieser 
Gebiete bilden die Hauptgruppe der durch natürliche Gravitation versorgten Areale. 
Wie aus den obigen Wasserspiegelcöten ersichtlich ist, beherrschen die drei ersten 
Reservoire (Rosenhügel, Schmelz und Wienerberg) die Hochdruckzone, während das 
Reservoir Laaerberg die Niederdruckzdne versorgt. 

Die Hochdruckzone umfaßt die Bezirke I, IV, V, VI, VII, VIII, IX, XII, sowie 
Teile der Bezirke III, X, XIII, XIV, XV, XVI, XVH, XVIII und XIX, während der 
Niederdruckzone die Bezirke II, XI, XX und der größte Teil des Bezirkes III 
angehören. 

Die Versorgung jener .Gebiete, für welche eine künstliche Hebung 
des Wassers erforderlich ist, erfolgt in nachstehender Weise durch Vermittlung 
der für diesen Zweck errichteten zwei Wasserhebewerke von Breitensee und Favori- 
ten, welche S. 18 flf. eingehender beschrieben werden. 

Fortschritte der Ing.-Wissensch. Gruppe IL 9. 2 



18 KoRTz. Wasserversobgung. 

Das Wasserhebewerk von Breitensee empfängt das Wasser mittels einer 
besonderen Rohrleitung direkt von dem Wasserbehälter anf dem Rosenhttgel und fördert 
dasselbe unter Mitbenutzang des hydrostatischen Druckes dieser Leitung maschinell in 
den Wasserbehälter von Breitensee, welcher einen Fassungsraum von 28861 cbm mit 
einer Wasserspiegelcöte von + 274,0 m hat. 

Von diesen beiden Wasserbehältern führt nun weiter eine Gravitationsleitung^ 
zu dem Wasserbehälter auf dem kleinen Schafberge bei Gersthof mit einer Wasser- 
spiegelcöte von + 267,50 m und einem Fassungsraum von 17829 cbm. 

Von diesen beiden Wasserbehältern werden die höber gelegenen Teile der 
Bezirke XIII, XIV, XV, XVI, XVIII und XIX versorgt. 

Das Wasserhebewerk von Favoriten ist neben dem Wasserbehälter auf dem 
Wienerberge erbaut, bezieht das Wasser direkt aus diesem Reservoir und fördert das- 
selbe in einen Wasserturm, dessen eisernes Reservoir einen Fassungsraum von 1047 cbm 
hat und eine Wasserspiegelcöte von + 270,80 m aufweist. 

Von diesem Wasserturm aus wird der höher gelegene Teil des X. Bezirkes 
beherrscht. 

Die näheren Daten über den Fassungsraum, die Höhenlage, den allmählichen 
Ausbau der Reservoire, sowie über deren Baukosten und die relativen Kosten der 
Herstellung pro 1 cbm Fassungsraum sind aus der Tabelle auf S. 19 zu entnehmen. 
In derselben sind die Kosten des Wasserturmes nicht aufgenommen, weil diese zu den 
übrigen Daten nicht passen. 

Es stellen sich demnach die Baukosten der nach der Wiener Type ausgeführten 
gemauerten Wasserbehälter per 1 cbm Fassungsraum im Mittel auf 35 Kronen. 

über die Art der Ausführungder Wiener Wasserbehälter mögen hier einige 
Zeilen Platz finden, die sich auf den letztausgeführten Erweiterungsbau bei dem Wasser- 
behälter auf dem Rosenhügel beziehen. 

Die Grundfläche dieses neuen Zubaues beträgt 13 011,5 qm, die größte Wasser- 
standshöhe in demselben 3,793 m. Durch eine Mittelmauer ist der Wasserbehälter in 
zwei gleiche Kammern geteilt, von denen beide zugleich oder jede für sich in Betrieb 
genommen werden können. 

Die innere benetzte Wand der Umfassungsmauer sowie die Sohle ist mit einem 
hart geschliflFenen Verputz aus Portlandcement versehen, um das Anhaften von Sand 
und schlammigen Teilen zu verhindern und um eine absolute Wasserdichtheit zn 
erzielen. Das Gewölbe ruht auf 234 Pfeilern aus Gmündner Granit (Fig. 8). Das 
ganze Objekt steht auf einem sehr guten Baugrunde, weshalb die aus Bruchstein- 
mauerwerk bestehenden Fundamente der Umfassungs- und Mittelmauer nur einen 
Meter tief unter die Sohle reichen. Die Sohle ist aus zwei sich diagonal kreuzenden 
Ziegelscharen hergestellt, auf welchen der Ce,mentbeton in einer Dicke von 0,45 m 
liegt, der mit dem 5 cm starken, geschliffenen Portlandcement-Uberzug die eigentliche 
Sohle des Behälters bildet. Die Sohle hat ein geringes Gefälle gegen die an der 
Außenwand befindlichen sechs Wasserbecken, um eine gänzliche Entleerung bewirken 
zu können, während die eigentlichen größeren Ablässe in der Röhrenkammer ange- 
bracht sind. 

Der ganze Bau ist mit einer Decke aus Ziegelgewölben überspannt, in welcher 
für den Lichteinfall kegelförmige, mit Glas versicherte Schächte angebracht sind. 
Ebenso sind zur Erneuerung der Luft eigene Offnungen in den Stirnmauem des 
Behälters vorgesehen, um einerseits die Cirkulation zu vermitteln, andererseits auch 



Die Kaisfs Franz Josef-Hochqüellen-Wasserleitüng. 



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20 KoBTZ. Wasserversorgckg. 

beim Füllen des Beservoirs das Entweichen der Torhandenea Luft za ermöglichen. 
Der Eintritt des Wassers erfolgt aus dem Aqnädoktskanal dnrob ein seitliches gemauertes 
Gerinne in eine kleine Kammer, von wo es mittels eiserner Schleusen je nach Bedarf 
in die eine oder in die andere Reservoirhälfte eingelassen werden kann. Durch die 
zwischen den Pfeilern angebrachten FUhmogsmauem wird das Wasser gezwungen, 
das KeseiTOir in schlangenförmigen Windungen zu durchlaufen, wodurch ein Stagnieren 
desselben in den toten Ecken möglichst vermieden wird. Um eine Überflutung faiut- 
anznhalteii, sind rechts und links vom KöhrengebSude halbrunde ÜberfallkammeTu 
angeordnet, welche das Überschüssige Wasser, sobald es die vorgeschriebene Höhe 
Überschreitet, aufnehmen, von wo ea dem Wasserlanfkanal zugeführt und in den 
Liesingbach abgeleitet wird. Um den Einfloß der äußeren Temperatur auf das Wasser 
abzuhalten und das Eindringen des Niederscblagswassers in das Innere zu verhindern. 

ist über den Gewölben 
eine Schichte Tegel 
aufgebracht und die- 
selbe mit einem lie- 
genden Ziegelpflaster 
und darauf mit einer 
16 cm starken Beton- 
schicht überdeckt. Auf 
letzterer befindet sich 
dann ein Belag ans 
Asphaltfilz, welcher 
mit Erde überschüttet 
ist. Die Oberttäche 
ist mit Gras bepflanzt. 
Um einiger- 
maßen ein Bild über 
den Umfang der für 
den Erweiterungsbau 
erforderlichen Arbei- 
ten zu geben, wird an- 
Fig, «. Bm «in» wu.BrbBbut.r.. geführt, daß das zu be- 

wegende Erdmaterial 
in unausgebobenem Zustande rund 96 QUO cbm und das zu sprengende Gestein 
26 000 cbm betrug. Das Ausmaß des aus Bmchfiteiuen herzustellenden Mauerwerkes 
für die Fundamente betrug rund 3000 cbm und das des Ziegelmauerwerkes inclusive 
der Gewölbe circa 25 000 cbm. Weiter sind 8000 cbm Beton hergestellt nud an bydran- 
lisehen Bindemitteln 5 800000 kg Cementkalk und 800000 kg Portlandcement ver- 
braucht worden. Außerdem sind 850 cbm Steine ans GmUndner Granit für sonstige 
Arbeiten verarbeitet. 

Die Wasserhebewerke. 

Es ist bereits früher [Ö. 17) erwähnt worden, daß die Versorgung jener Gebiete, 
für welche eine künstliche Hebung des Wassere erforderlieh ist, durch zwei Hebewerke 
in Breitensee und Favoriten erfolgt. 

Das Wasserwerk in Breitensee (Fig. 9 n. 10- bezieht das Wasser von dem 



Die Kaiser Feanz Josef-Hochqcbllbn-Wasserleitüng. 



21 



Wasserbehälter am RosenhUg^el, tod wo ee ihm durch einen 950 mm bez. 870 mm 
weiten Rohratrang zugeführt wird. Die Länge dieser SpeiBeleitung beträgt 5312 m. 

Nebst dem Schöpfwerke werden noch die ehemaligen Vororte Speising, Lainz, 
Hietzing, Baumgarten, Hacking, Untcr-St. Veit und ein Teil Yon Hllttoldorf direkt 
(Inrch den 950 mm -Hauptrohrstrang mit Hochquellenwasser veraorgt. Letzterer endet 
im Hofe des Wasserwerkes in einem Sehieberhäuscben und ist hier mit einer Äbsperr- 
Vorrichtung versehen worden; an diese schließen sieh dann die 870 mm bez. 630 mm 
weiten Rohrleitungen an, welche die Verbindung mit der maschinellen Einrichtung 




HaBst&b 1 : 3000. 
Fig. 9. eitnation dei flohdpfwetkei BreitniMe. 

des Hebewerkes vermitteln und den Pumpen das Wasser zubringen. Dasselbe wird 
hierauf durch zwei 630 mm weite Dnickleitongen von den Pumpmaschinen in den 
neuen Wasserbehälter am Abhänge des Galitzinberges gefördert, von [wojaus^wieder 
ein bestimmtes Quantum mittels der 685 mm-Gravitationsleitnng an den Wasserbehälter 
am Schafberg abgegeben wird (Fig. 10]. 

Die Höhenlage der einzelnen Objekte ist: Wasserspiegel des Behälters am 
KosenhUgel 244,58 m, Achse der Pumpmasehinen 229,43 m, Wasserspiegel im netten 
Behälter in Breitensee 274,00 m Über der Seehöhe des Adriatischen Meeres. 

Die Pumpen des Wasserhebewerkes liegen somit um 15,15 m tiefer als die 
Eutnahmestelle am RosenhUgel, wodurch sich ein bei solchen Anlagen vielleicht noch 



22 



KoRTz. Wasserversorgung. 



nicht dagewesener Fall ergiebt, daß das Förderwasser den Pumpen unter einem 
effektiven Druck von circa 1,3 Atmosphären zugeleitet wird. 

An Pumpmaschinen wurden vier Stück aufgestellt, und ist auch noch ein Raum für 
die Anbringung einer fünften Maschine freigelassen worden. Es sind dies liegende 
Compound-Dampfmaschinen mit Dr. Proeirscher zwangsläufiger Ventilsteuerung, mit 
je zwei nebeneinander liegenden Dampfcylindern (Hoch- und Niederdruck-Cylinder) 
und einer mit Rttckkühlung angeordneten Kondensation. An der Kolbenstange eines 



Reservoir 
BreiUnsee 



Reservoir 
Dombach 



,267-50 




loXm. 



Fig. 10. Längenprofll der Laitiug. 



jeden Dampfcylinders ist eine Pumpe mit Kiedlersteuerung direkt gekuppelt, daher 
stehen im ganzen acht doppeltwirkende, liegende Plungerpumpen zur Verfügung. 

Jede Dampfmaschine ist für eine Antriebsleistung von 80 bez. 100 P.S. kon- 
struiert, wobei ein Pumpenpaar auf die Höhe des Breitenseer Behälters bei 40 Touren 
pro Minute und zwar in 23 Stunden 8000 cbm Wasser fördert, was einer Lieferung 
von 97 Sekundenlitern entspricht. 

Wenn nun eine Pumpmaschine als Reserve stets außer Betrieb verbleibt, ho 
ist die gesamte Wasserwerksanlage derzeit imstande, bei normaler Tourenzahl mit 
drei Maschinen 24 000 cbm oder bei erhöhter Leistung, d. i. bei 50 Touren, im Zeitraum 
von 23 Stunden 30 000 cbm Wasser zu liefern. 

Besonders sinnreich und neuartig ist die Kondensations- und Kühlanlage an- 
geordnet; deren Beschreibung würde jedoch hier zu weit führen. 



Die Kaiser Franz Josef-Hochqüellbn-Wasserleitüng. 23 

Die Baukosten des Werkes setzen sich zusammen wie folgt: 

Grundeinlösung 104 500,00 Kronen, 

Baumeister- und Professionistenarbeiten . . 526 866,80 > 

Maschinelle Einrichtung 430900,88 

Elektrische Beleuchtung, Gas- und Wasser- 
leitungsinstallation etc 42 966,06 > 

zusammen 1 105 233,74 Kronen. 

Das Wasserhebewerk in Favoriten (Fig. 11 u. 12). Nächst dem bestehenden 
Wasserbehälter der Hochquellenleitung am Wiener Berge wurde in jüngster Zeit ein 
maschinelles Werk geschaffen, welches schon aus weiter Ferne durch ein mächtig 
emporstrebendes Gebäude sichtbar ist. Es ist das neue städtische Schöpfwerk mit 
seinem Wasserturm, welches von der Gemeinde Wien für Zwecke der Trinkwasser- 
versorgung jener hochgelegenen Teile des X. und XII. Bezirkes erbaut worden ist, 
die mit dem natürlichen Drucke der Hochquellen nicht mehr erreicht werden konnten 
und infolgedessen bisher das Trinkwasser größtenteils zugeführt erhalten mußten. 

Die rasch fortschreitende Entwicklung der bezeichneten Bezirke ließ die Her- 
stellung des Schöpfwerkes für die dortigen Bewohner schon längst als eine Notwendig- 
keit erscheinen. Mit dem Bau wurde am 23. März 1898 begonnen, und bereits nach 
Verlauf eines Zeitraumes von 17 Monaten erfolgte am 3. August 1899 die Inbetrieb- 
setzung der Schöpfwerksanlage. 

Diese umfaßt folgende Objekte: 

1. Das Schieberhaus, 2. das Maschinen- und Kesselhaus nebst dem Kohlen- 
depot, 3. die Kühlanlage, 4. den Schornstein, 5. den Wasserturm, 6. das Waghaus 
und 7. das Wohngebäude für das Betriebspersonal. 

Durch die Pumpmaschinen des Hebewerkes wird das Wasser mittels einer Rohr- 
leitung aus dem nebenliegenden Wasserbehälter auf dem Wiener Berge angesaugt und 
auf eine Cote von 270,80 m Seehöhe, d. i. um circa 35 m, in den Hauptbehälter des 
Wasserturmes gefördert. Von hier aus wird es dann durch ein Fallrohr, welches 
mit dem Straßennetze in Verbindung steht, den einzelnen Häusern zugeleitet. Die 
Saug- und Druckleitung haben die gleiche innere Weite von 525 mm. 

Bisher sind zwei Maschinengruppen zur Aufstellung gelangt; im Masehinenhause 
ist aber entsprechend Baum für die im Bedarfsfalle später aufzustellende dritte 
Maschinengruppe gelassen worden. Die Maschinen sind liegende, mit Kondensation 
arbeitende Verbund-Dampfmaschinen von 45 PS mit einem zwischen den Dampf- 
cylindern befindlichen Receiver und an die Dampfkolbenstangen angekoppelten Pumpen- 
Auch hier ist auf die Kondensation und Kühlung besondere Sorgfalt verwendet worden. 

Die Kessel sind .nach dem System Galloway mit zwei Flammrohren für eine 
Betriebsspannung von 8 Atmosphären konstruiert und haben je 52 qm Heizfläche. 

Der Wasserturm dürfte wohl das interessanteste Objekt der gesamten Wasser- 
werksanlage sein und in gleicher Ausführung an einem zweiten Orte kaum vor- 
gefunden werden. Sowohl die äußere als auch die innere Mauer ist von ringförmigem 
Querschnitt; beide Mauern sind auf einer gemeinschaftlichen, 1,65m starken Betonschicht 
in der Tiefe von 5,25 m fundiert, wobei die innere Ringmauer das Hochreservoir, die 
äußere aber die eiserne Dachkonstruktion nebst Aufgangsrampe und beide zusammen 
die eisernen Plateaus samt Nebenreservoir zu tragen haben. 

In dem Raum zwischen den beiden Ringmauern befindet sich die 203 m 
lange spiralförmige Aufstiegrampe; dieselbe hat ganz geringe Steigung, so daß die 



24 KoMTz. Wasserversorgung. 

verschiedenen Plateaus im Waeserturm leicht erreicht werden können. Im Inneren des- 
selben sind die beiden eisernen Wasserbehälter, das Hanpt- und Nebenreeervoir, nnd 
zwar ersteres nach System Intze, letzteres ringförmig mit besonderem QnerBchnitt, in 
verschiedenen Höhenlagen aufgestellt worden. 



Der obere Teil des 8,1 m hohen Hauptreservoirs bildet einen Cylinder von 
15 m Durchmesser und 3,25 m Höhe, während der untere Teil einem mit der Spitze 
nach abwärts gekehrten abgestutzten Kegel von 4,85 m Höhe gleicht, welcher auf 
einem eisernen Ringträger von 8 m Darchmesser aufliegt; der Boden dieses Behälters 
erhielt die Form einer Kngelkalotte mit dem Halbmesser von 6,75 m. Die Blechstärkon 
sind auf Grund einer zulässigen Beanspruchung von 750 kg/qcm berechnet. Beide 
Wasserbehälter haben ein Gesamtgewicht von zusammen 84 660 kg. Der Fassungs- 
raum des bis zum Überfalle gerillten Hauptreservoirs beträgt 1047 und jener vom 



Fig. 12. WsHMW«rk im Z. Btiizk (FkToritwi). Qnarieluitl ' 



I : ! I I I- 



1 Wuiactnrm tmd oft» HMchtnenli»«». 



Die Kaiser Franz Josef-Hochquellex-Wasserleitüng. 25 

Nebenreservoir 203 obm, wobei der jeweilige Wasserstand mittels eines Schwimmers 
anf pneumatischem Wege durch das zu ebener Erde im Maschinenhause befindliche 
Zeigerwerk dem Betriebspersonal ersichtlich gemacht wird. 

Von dem das Hauptreservoir umgebenden Plateau mit der Cote 271,80 m führt eine 
Treppe zum Dachraum des Wasserturmes, von wo aus man mit Benutzung einer 
Wendeltreppe zur äußeren Galerie der Laterne auf die Höhe von 288,90 m, einem 
der schönsten Aussichtspunkte Wiens, gelangt. Die Spitze der Wetterfahne fonk- 
tioniert gleichzeitig als Blitzableiter; dieselbe ist um 1,10 m höher als der Adler am 
Stefansturm und besitzt die Cöte 307,50 m; das örtliche Terrain in der Umge- 
bung des Wasserwerkes mit der Cote 240,50 m ist um 69,10 m höher gelegen als der 
Stefansplatz. 

Den Bedingnissen entsprechend soll jede Fumpmaschine bei normaler Leistung 
65 Sekundenliter oder innerhalb 23 Betriebsstunden eine Wassermenge von zusammen 
5382 cbm in die Turmreservoire fördern; doch haben die am 29. und 30. August 
1899 mit den Maschinen und Pumpen vorgenommenen Leistungsproben günstigere 
Resultate ergeben. 

Die Wasserwerksanlage ist ebenso wie alle anderen Bauten der Hochquellen- 
leitung nach den Plänen und unter Leitung des Stadtbauamtes ausgeführt worden. 
Die Baukosten einschließlich des Grunderwerbes stellen sich auf 940 000 Kronen. 



Das Rohrnetz. 

Das Rohrnetz der Hochquellenleitung ist entsprechend der Einteilung der ein- 
zelnen Versorgungsgebiete 'angeordnet und nach dem Cirkulationssystem ausgeführt. 
Dasselbe besteht aus gußeisernen Röhren von 80 bis 950 mm lichtem Durchmesser. Für 
die eurrenten Rohrstränge wurden durchaus MuflFenrohre verwendet, die mit Hanf, 
Kitt und Blei gedichtet werden; zum Anschluß an die Schieber und sonstige maschi- 
nelle Bestandteile kommen auch Flanschenrohre zur Verwendung, die mit Blei- oder 
Kautschukeinlagen mittels Verschraubung gedichtet werden. 

Sämtliche Rohre werden vor ihrer Verwendung einer Druckprobe von 15 Atmo- 
sphären unterzogen, welche in einer besonderen Probierstation in dem städtischen Rohr- 
depot (neben dem Wasserbehälter auf dem Laaer Berge) vorgenommen wird. 

Für die Rohre des Wiener Wasserleitungsrohrnetzes bestehen besondere Normalien, 
die bei der ersten Anlage desselben verfaßt worden sind und deshalb noch auf dem 
alten Zollmaße basieren und nur in das Metermaß umgerechnet sind. 

Die Gesamtlänge der bis zum Schluß des Jahres 1899 aus- 
geführten Rohrstränge der Hochquellenleitung beträgt . . 789 056 m, 
Hiervon entfallen: 

Auf das ehemalige Gemeindegebiet 356 055 » 

und auf das Gebiet der neu einbezogenen ehemaligen Vororte 433 001 * 

In unmittelbarem Zusammenhange mit dem Rohrnetze stehen jene Objekte, die 
zur Abgabe des Wassers an die einzelnen Konsumenten und Verbrauchsstellen dienen. 

Soweit es sich um den Verbrauch des Wassers in Wohnhäusern und Betriebs- 
stätten handelt, erfolgt die Wasserabgabe an die einzelnen Konsumstellen durch Ver- 
mittlung der »Hausanschlußleitungen«, welche gegen die Straßenleitung durch einen 
^ Straßenwechsel«, gegen die Hausleitung durch einen »Hauswechsel« absperrbar sind 
und in welche ein »Wassermesser« eingebaut ist, durch den der Wasserverbrauch 



26 KOBTZ. Wasservehsoroüxo. 

kontrolliert wird. Die spezielle Anordnung der HausanuchluBleitungen ist aus der 
antenstehenden Abbildung (Fig. 13) zu ersehen. 

DieWaBSermesser werden ron der Gemeinde angeschafft nnd gegen eine Jahres- 
rente in die HauBanschlußleitungen eingeschaltet; sie werden vierteljährig abgelesen 
und darüber Äufeohreibungen geführt; fllr diese Arbeiten ist ein eigenes »Wasser- 
bezugB-Inspektorat« bestellt, welchem auch die Kontrole über die richtige Funktionie- 
rung der Wasseimesser obliegt nnd welches auch die Einbanung oder Auswechslung 
derselben zu überwachen bat. 



Strafitn- 



Fig. 13. H&uaanuhliiirieitnng, 

Sämtliche Wassermesser werden vor ihrem Einhau in der städtischen »Wasser- 
messer-Probierstation« geprüft; daselbst wird auch die Überprüfung jener Wasser- 
measer vorgenommen, bei welchen sieh während ihrer Funktionierung Unzukömmlich- 
keiten ergeben haben. 

Bis zum Schlüsse des Jahres 1899 waren 26 128 Hausanschltisse ausgeführt und 
33 732 Stück Wasser messer angekauft wordeu, von denen 27 639 StUck eingebaut 
waren. Die Wassermesser gehören verschiedenen Systemen an; insbesondere stehen 
Botationswassermesser der Firmen Leopolder, Faller, Spanner, Sehinzel und Bernhardt 
in Verwendung; es sind aber auch Volumenwassermesser der Systeme Frager nnd Empire 
probeweise in Verwendung genommen worden. Ende 1899 waren 6926 HUuser nooli 
nicht mit Hoehquellenwasser versehen. 

Die Wasserabgabe für öffentliche Zwecke [Straßenbesprengiing, Gartenbespren- 
gung, Feuerlöschwesen etc.] erfolgt, ohne Wassermesaerkontrolle, durch die Au^- 
lanfbmnnen, Hydranten und derartige Objekte, deren Anzahl mit Schluß des Jahres 
1899 die folgende war: 



Die Kaiser Franz Josep-Hochqüellen-Wasserleitung. 27 

Oflfentliche Auslaufbnmnen . 584 Stück, 

Überflurhydranten .... 1259 » 

Untergrundhydranten . . . 1247 > 

Privatwechsel (Feuerwechsel) 1680 » 
Privatsprenghähne .... 35 > 

e« Wasserpreis und Wasserverbraiich. 

Bei der Wasserabgabe wird unterschieden zwischen dem normalen Haushalts- 
bedarf und dem außergewöhnlichen Bedarf, oder dem Bedarf für industrielle 
Zwecke. 

Bei der Berechnung des normalen Haushaltsbedarfes werden pro Kopf der Haus- 
bewohner pro Tag 25 1 gerechnet, und ist der Abnehmer verpflichtet, dieses normale 
Wasserquantum zur Anmeldung zu bringen. Weniger als 5 hl werden jedoch für ein 
Haus nicht abgegeben. Bei der Berechnung des Entgeltes fttr den normalen Haus- 
haltsbedarf wird nicht das wirklich verbrauchte Wasserquantum in Anschlag gebracht, 
sondern das angemeldete normale Wasserquantum; die hierfbr zu bezahlende Gebühr 
beträgt jährlich 5 Kronen für jeden Hektoliter des täglichen Bedarfes. Hierbei wird 
ein lO^iger Mehrbedarf nicht in Rechnung gestellt. Der über diese 10^ steigende 
Mehrbedarf muB jedoch vergütet werden. Außer dem genannten Betrage werden noch 
die periodisch zu bestimmenden Betriebskosten eingehoben, welche derzeit pro Hekto- 
liter und Jahr 1 Krone betragen. 

Für den außergewöhnlichen Bedarf und für industrielle Zwecke ist pro täglichen 
Hektoliter und Jahr eine Gebühr von 8 Kronen (und 1 Krone für Betriebskosten) zu 
entrichten. 

Für jenes Quantum, welches mehr verbraucht wird als für den normalen Haus- 
haltsbedarf, einschließlich des lO^igen Uberquantums, oder für den außergewöhnlichen 
oder industriellen Bedarf zugeteilt wurde, sind pro Hektoliter 4 Heller zu entrichten. 
Diese Abrechnung erfolgt vierteljährlich. 

Auf den Kubikmeter umgerechnet stellen sich diese Preise wie folgt: 

Gewöhnlicher Haushaltungsbedarf .... 0,17 Kronen, 
Außergewöhnlicher und gewerblicher Bedarf .0,25 > 
Nicht angemeldeter (Mehr-)Bedarf .... 0,40 » 
Fttr öffentliche Zwecke 0,05 

Für die von der Stadt Wien zu liefernden Wassermesser wird eine jährliche 
Rente eingehoben, welche für einen 

10 — 13 mm weiten Wassermesser jährlich 10 Kronen, 
25 » > > > 20 V 

40 » V > » 30 » 

50 > > > » 40 > 

beträgt. 

Die Einnahmen und Ausgaben aus dem Betriebe der Hochquellenleitung stellten 
sich in dem Dezennium 1890 — 1899 wie folgt: 



28 



KoRTz. Wasserversorgung. 



Jahr 


Sninme der Einnahmen 


Betriebsauslagen 


1890 


3 059 250 Kronen 


653 696 Kronen 


1891 


2 839 844 




544 962 


-> 


1892 


2 911 084 


> 


680128 


» 


1893 


3 110 308 


» 


888 662 


» 


1894 


3 523 536 


» 


935 908 


» 


1895 


4 030 258 


» 


763 912 


> 


1896 


4 329 098 


» 


701 758 


> 


1897 


4 740 528 ■ 


» 


711 696 


» 


1898 


5 043 034 


> 


743 144 


» 


1899 


5 487 136 


» 


834 579 


» 



■ • 

Über die in diesem Dezennium per Jahr abgegebenen Wassermengen und die 
Aufteilung derselben nach den Kategorien der Wasserabgabe giebt die nachfolgende 
Tabelle Aufschluß. 

Wasserabgabe. 



1 








W a s 8 e r a 


bgabe pro Tj 


% g 






M 
o 


unentgeltl. (einschließlich 
des Überquantums) 




für P r i V a 


t z w e c k e 




für öffentliche Zwecke 

[Gärten, Straßenbespritzung, 

Centralfriedhof etc.) 




am 31. Dezemb 


zu dem Betriebskosten- 
beitrag 


I 
gegen Entrichtung eines 
jährl. Wasser entgeltes und 
des Betriebskosten- 
beitrages innerhalb des 
. jeweiligen Gemeinde- 
ge^ietes 


gegen Entrichtung 
eines jährl. Wasser- 
entgeltes und des , 
Betriebskosten- 
beitrages außerhalb 
des jeweiligen 
Gemeindegebietes 
für öffentliche oder 
Privatzwecke 


aus dem Titel des 
Mehrverbrauchs 


a 

a 
a 

es 
so 


TS 

So 


zum 

normalen 

Haus- 

bedarfe 


zum außer- 
gewöhnlichen 
und gewerb- 
lichen Bedarfe 








H e 


k t 1 i t e r 








1889 


Ö6 990 


! 
32 806 


194 637 


1 
75543 


37663 


21 939 


117 221 


536 798 


1890 


57 610 


32 80(5 


202 375 


80 496 


37 346 


20 789 


118055 


549 477 


1891 


58 442 


31 335 


201 122 


90 469 


4 768 


19 273 


158035 


563 443 


1892 


57 922 


31 321 ' 


195 622 


96 185 


5021 


21871 


163 463 


571404 


1893 


58 774 


30 345 


204 579 


97 877 


5 259 


29 517 


168902 


594 594 


1894 


63886 30995 


250 694 


117 577 


1139 


29 907 


171130 


665 329 


1895 j 


69 247 ,30741 


301779 1 126 236 


1139 


36715 


166 765 : 


732 671 


1896 


71 829 


30 7411 


343 090 124,517 


1 139 


:34016 


185 343 


790 673 


1897 ! 


75 056 ! 30 741 


373 055 , 148 916 


1,189 


37074 


164466 


830 495 


1898 


96 5431! 30 641; 


385 164 , 


158 253 


1,329 


45198 


! 161 958 


85908(> 


1899 




— 


^^^ 




— 


1 


1 "" 


i 900 723 



f. Die Kosten der Hochquellenleitung. 

Die Kosten der ursprünglichen Anlage beziflfern sich bis zum Schiasse des 
Jahres 1876 auf rund 41 Millionen Kronen. 

Durch die seither durchgeführte Ausgestaltung der Hochquellenleitung, worin 
insbesondere die Erweiterung und Vermehrung der Wasserbehälter, die Einbeziehung 
der Quellen oberhalb Kaiserbrunn, die Erwerbung der Quellenterritorien, die Anlage 
des Pottschacher Schöpfwerkes und der Hebewerke von Breitensee und Favoriten, 



» 



> 



Die Kaiser Franz Josef -Hochqüellen-Wasserleitüng. 29 

sowie die Ausdehnung des Rohrnetzes auf die neuen Bezirke figurieren, erhöhte sich 
diese Summe bis zum Schlüsse des Jahres 1898, also nach 25 jährigem Bestände des 
Werkes, auf 78557228 K. 83 H. , welche sich folgendermaßen verteilen: 

1. Die Aquäduktstrecke. ^ 

Baukosten des Aquäduktes '24882089 K. 77 H. 

» Pottschacher Schöpfwerkes. 2140590 » 73 > 
Grundeinlösung, Entschädigungen etc. . . . 11260157 > 31 
Verwaltung . . 1472472 > 60 

Zusammen 39,755310 K. 31 H. 

2. Die Wasser verteilungs-Objekte. 
Baukosten der Wasserbehälter samt Neben- 
gebäuden . . 9082377 K. 76 H. 

> » Wasserhebewerke in Breiten- 

see und Favoriten .... 1398298 > 18 > 

» des gesamten Rohrnetzes .... 23779159 > 80 > 

der Flußkreuzungen 370529 > 00 » 

> » Wassermesserprobierstation . 24185 » 26 
Anschaffungskosten der Wassermesser. . . 1587985 » 92 

Grundeinlösungskosten 1470305 > 77 > 

Verwaltung . . 1469604 > 73 > 

Zusammen 38801918 K. 42 H. 

Gesamtkosteli 78 557228 K. 73 H. 

g. Die Bauleitung. 

Die gesamte Projektierung und Ausführung der neueren Bauanlagen fUr die 
Wasserversorgung Wiens, sowie die Projektierung der weiteren Ausgestaltung derselben 
erfolgte durch das Stadtbauamt unter Oberleitung des k. k. Oberbaurates, Stadtbau- 
direktors Franz Berger. 

Die Projektierung und Bauleitung der neueren Wasserbehälter und der Wasser- 
hebewerke lag frtther dem Baurate C. Mihatsch, dann dem Baurate J. Jahn und dem 
Bauinspektor F. Borkowitz ob. 

Die Bauleitung der Erweiterungsbauten der bestehenden Hochquellenleitung 
oberhalb des Kaiserbrunnens war dem Baurate J. Schurz übertragen, dem für die 
Projektierung und Bauausführung in eigener Regie die Oberingenieure dipl. Ingenieur 
C. Einzer und H. Schneider zur Seite standen. 



» 



V 



2. Die weitere Ausgestaltung der Hoehquellenleitung. 

Wenn man die Minimalleistungen des Kaiserbrunnens, der Stixensteiner Quelle, 
sowie jene des Pottschacher Schöpfwerkes in Betracht zieht und das Wasserquantum 
hinzurechnet, welches von den Quellen oberhalb des Kaiserbrunnens verfügbar ist, so 
ergeben sich als Minimalleistungen des Hochquellen-Aquäduktes 

im Winter ca. 68000 cbm 

im Sommer cä". 110000 cbm 

pro 24 Stunden. 



30 KoRTz. Wasserveesokgung. 

Da nun aber das Leitungsvermögen des Aquäduktes pro 24 Stunden 138 000 cbm 
beträgt, so könnten, um den Aquädukt wenigstens zur Sommerzeit jederzeit voll aus- 
nützen zu können, noch ca. 28000 cbm Quellwasser pro Tag dem Aquädukte und der 
Verwendung in Wien zugeführt werden. Da auch das Quellenvorkommen in der Ge- 
gend der dermaligen Bezugsquellen der Hochquellenleitung ein derartiges ist, daß eine 
solche Ergänzung der Hochquellenleitung möglich ist, so bildet diese Frage auch seit 
längerer Zeit bereits den Gegenstand der Erwägungen der Gemeindeverwaltung. 

Über die eventuelle Art der definitiven Ausgestaltung der bestehenden Hoch- 
quellenleitung wurden seitens des Stadtbauamtes bereits im Jahre 1894 eingehende 
Vorschläge erstattet und ungefähre Kostenberechnungen vorgelegt, worin auf eine 
zweifache Art der Lösung dieser Frage hingewiesen wurde. 

Im weiteren Verlauf der Jahre wurden diese Studien noch weiter ergänzt und 
modifiziert und durch Terrainaufnahm^n sowohl im Mürzgebiete als auch im »Heufußec, 
im »Preinthale«, in der >Prein<, im Semmeringgebiet und in der Gegend von 
Schwarzau i. G., sowie durch die Verfassung der Projekte für die Zuleitung der ein- 
zelnen Quellengruppen in den Aquädukt der bestehenden Hochquellenleitung die Sach- 
lage derart klargestellt, daß für eine Entscheidung in dieser Frage genügend vor- 
gearbeitet ist und eine entsprechende Wahl unter den verschiedenen Quellengebieten 
getroflFen werden kann. 

Die Gemeinde Wien hat auch bereits in den Jahren 1891 bez. 1892 Gründe 
im Naßwalde im Ausmaße von 521 ha, sowie im Preinthale im Ausmaße von ca. 67,87 ha 
samt den darauf entspringenden Quellen angekauft und hierzu noch weiter im Jahre 
1898 im Preinthale 267,41 ha erworben. 

Auch im Mürzgebiete hat die Gemeinde Wien bereits als Quellenbesitzerin 
Fuß gefaßt. 

Soweit auch die eben besprochenen Vorarbeiten bereits gediehen sind, so ist 
über die Art der vorzunehmenden definitiven Ergänzung der bestehenden HochqueUen- 
leitung ein entsprechender Beschluß des Gemeinderates noch nicht gefaßt worden. Die 
Gründe hierfür liegen einerseits in lokalen Verhältnissen, andererseits aber in dem 
Umstände, daß man der Ergänzung der bestehenden Hochquellenleitung wegen des 
verhältnismäßig geringen Wasserquantums, welches hierdurch während eines beschränk- 
ten Zeitraumes im Jahre der Wasserversorgung Wiens zugeführt werden würde, im 
Verhältnisse zu den gewaltigen Wassermassen, die die weitere Lösung der Wasser- 
versorgungsfrage erfordert, keine hervorragende Bedeutung beimißt. 



C. Studien für eine Nutzwasseiieitung. 

In Angelegenheit der eventuellen Projektierung einer Nutzwasserleitung aus dem 
Grundwassergebiete der Donau wurden im Auftrage des Gemeinderates seitens des 
Stadtbauamtes in den Jahren 1893 — 1896 unter Zuziehung der Sachverständigen Bau- 
rat Salbach (Dresden) und Ingenieur Smrecker (Mannheim) im Verein mit E. v. Wessely, 
Eigentümer der Firma Körte & Cie. (Prag) umfangreiche Untersuchungen in den beider- 
seitigen Ufergeländen der Donau durchgefllhrt. 

Diese Untersuchungen erstrecken sich oberhalb Wiens auf die Kritzendorfer An 
und das Tullnerfeld; unterhalb Wiens am rechten Ufer der Donau bis nach SoUenau, 
am linken Ufer auf den südlich der Trace der Kaiser Ferdinands-Nordbahn gelegenen 



Vorarbeiten für den Bau einer zweiten Hochquellenleitung. 31 

Teil des MarchfeldeB. Hierbei wurden an 136 Stellen Bohrlöcher abgeteuft und außer- 
dem in den im Bereiche der Untersuchungsgebiete gelegenen Ortschaften mehr als 
500 Brunnen ausgewählt, welche Punkte alle einer dauernden Beobachtung unterzogen 
wurden, um ein einheitliches Bild der Grundwasserverhältnisse zu erhalten und weitere 
Erhebungen darauf basieren zu können. Aus den Bohrlöchern wurden zahlreiche 
Wasserproben entnommen und der chemischen Analyse unterzogen. 

Auf Grund der auf diese Weise gewonnenen Beobachtungsresultate wurde in 
Leopoldsdorf im Marchfelde ein Versuchsbrunnen abgeteuft und aus demselben durch 
sechs Monate in unterbrochenem Betriebe ein Wasserquantum von täglich 7000 — 8000 cbm 
entnommen. 

Sowohl die bei dieser Wasserforderung bewirkte Wasserspiegelsenkung als auch 
die chemische und bakteriologische Untersuchung des hierbei gewonnenen Wassers er- 
gaben sehr befriedigende Resultate. 

Weitere derartige Quantitätsversuche waren auch in Orth an der Donau und in 
Moosbrunn (bei Grammat-Neusiedelj geplant^ doch gelangten dieselben auf Grund eines 
diesfälligen Gemeinderatsbeschlusses nicht zur Durchführung, wie auch infolge desselben 
Beschlusses die weiteren Erhebungen im Grundwassergebiete der Donau mit Ende des 
Jahres 1896 eingestellt wurden. 



D. Vorarbeiten für den Bau einer zweiten Hoehquellenleitung. 

Der Grund, weshalb die Ergänzung der ersten Hochquellenleitung und die Studien 
für eine Nutzwasserleitung nicht weiter verfolgt wurden, war, daß inzwischen die Anlage 
einer zweiten selbständigen Hochquellenleitung aus einem anderen Quellengebiete in 
ernste Erwägung gezogen worden war. 

Auf Grund der im Jahre 1893 begonnenen Erhebungen in den verschiedenen 
Quellen gebieten, welche insbesondere durch die in den strengen Winterperioden gewon- 
nenen Besultate zu dem Ergebnisse führten, daß nur sehr wenige Gebiete geeignet 
seien, so mächtige Quell wassermengen von tadelloser Qualität zu liefern, welche für 
den gedachten Zweck erforderlich sind, war es dem Stadtbauamte bereits im Jahre 
1895 möglich, auch in dieser Hinsicht bestimmte Vorschläge zu erstatten und Über die 
beiläufige Tracenführung und die ungefähren Kosten nähere Aufschlüsse zu geben. 

In den folgenden Jahren wurde der Gegenstand weiter verfolgt und durch- 
gearbeitet, insbesondere auf Grund der vom Stadtrate im Jahre 1898 gegebenen Direk- 
tive, wonach die neue Leitung eine Ergiebigkeit von 200000 cbm pro 24 Stunden auf- 
weisen solle. 

Das hierauf vom Stadtbauamte auf dieser Grundlage verfaßte generelle Vor- 
projekt, welches die Einbeziehung der ungewöhnlich mächtigen Quellen des Salzathal6s 
in Steiermark in der Gegend von Wildalpen aufwärts bis zum Brunngraben bei Guß- 
werk im Auge hatte, wurde dem Stadtrate im Jahre 1899 vorgelegt, welcher die ehe- 
thunlichste Erwerbung der erforderlichen Quellenterritorien in Anregung brachte. Diese 
Erwerbungen wurden auch thatsächlich bereits am 1. Mai 1899 durch die Erwerbung 
der >Siebenseen< bei Wildalpen inauguriert und die weiteren Verhandlungen so eifrig 
betrieben, daß mit Ende des Jahres 1899 die allgemeinen Verkaufsbedingungen mit 
den hervorragendsten Eigentümern der sämtlichen Quellenterritorien bereits vereinbart 



32 KoRTZ. Wasservessoeouno. 

waren. Auf Grand dieser Vorbereitangen war der Gemeinderat bereits am 27. Mai 19(X1 
in der Lage, den folgenden denkwürdigen Beschlaß zu fassen: 

>1. Znr Er^nziiDg der Waeserversorgnng Wiens ist eine zweite Hochquellen- 
leitung unter Einbeziehnng der im Salzagebiete liegenden und eventuell auch noch 
anderer auf der definitiv festzustellenden Trace dieser Leitung befindlichen Quellen 
zu bauen. 

2. Das Stadtbanamt hat mit aller Beschlennigung die Ausarbeitung eines Pro- 
jektes ftir diese Wasserleitung mit der Leistungsfähigkeit von 200000 cbm pro Tag in 
Angriff zu nehmen, welches dem Gemeinderate zur Genehmigang vorzulegen ist. 

3. Über die Beschaffung der Geldmittel für den Bau dieser Wasserleitung sind 
seinerzeit dem Gemeinderate die erforderlichen Anträge zu stellen, wobei bemerkt wird, 
daß der Stadtrat von der Voraussetzung ausgeht, daß mit Rücksicht auf die Kosten 
der Geldbeschaffung und die auflaufenden Intercalarzinsen ein Kostenbetrag von 
100 Millionen Kronen in Aussicht zu nehmen ist.« 

Hiermit waren dem Unternehmen bestimmte Bahnen angewiesen und es konnte 
thatkräftig an die Durchführung des Werkes geschritten werden. 

■ Die techniseben 

Vorarbeitea hierfür wur- 
den denn aneh sofort iu 
Angriff genommen und 
derartig gefördert, dass 
bereits im Verlaufe des 
Jahres 1900 die Terrain- 
aufnahme der mehr als 
200 km langen, zum größ- 
ten Teil in gebirgigem 
und bewaldetem Terrain 

gelegenen Leitungs- 
strecken durchgeführt 
wurde und nanmebr an 
die Aufstellung des 
Fig. 14. M. .m..,bnL„... Detailprojekte, gegan- 

gen werden kann, so 
daß das große Werk thatsächlich seiner baldigen Ausführung entgegensieht. 
Im Nachstebendea wollen wir einige Daten über dieses Werk geben. 
Sämtliche hier in Behandlung stehenden Quellen entspringen an den nQrdlicheu 
Abhängen des Hochschwab-Massivs und der Zeller Staritzen und bilden in ihrem wei- 
teren Verlaufe Sache, welche in den Salzafluß einmünden [Fig. 14 n. 15). 

Die Miuimalergiebigkeit dieser Quellen wurde wie folgt angenommen: 

Die äiebenseequellen mit 69 (XK) cbm per 24 Öt. 

» i:>chreierklammquel1e mit 24000 * » 24 » 

> Seisensteinquelle mit 9(.KX) • • 24 » 

. Kläfferbriinne mit 28ÜUO . . 24 > 

. Höllbachquellen mit 27 5UO . . 24 . 

' Brunngrabenquellen mit . . . . _ 20000 - ■ 24 . 

Zusammen 177 500 cbm per 24 St. 



VOBARBElTEN FÜS DEN BaU EIKER ZWEITEN HOCBQUELLENLEITUNO. 33 

Wena hier die GeaamtwaasenneDge das geforderte Tagesquantiun tod 200000 ebm 
nicht erreicht, so ist dieser Umstand Ton keiner maßgebenden Bedeutung; denn es 
maß darauf hingewiesen werden, dass die Quellen der »EULfferbrUnoe' wegen der 
Art ihres Herrorbrechens ans der Berglehne in mehreren sehäumenden Qnellen- 
armen in Bezug auf ihre Ergiebigkeit nicht direkt gemessen werden können, sondern 
nur eine Schätzung derselben platzgreifen konnte, welche absichtlich sehr niedrig 
gehalten wurde, um möglichst sicher zu gehen. 

Die Quellen der Siebeneeen bestehen aus einem Komplex von grßßeren und 
kleineren Weilern, welche in der Nähe von Wildalpen in einer SeehOhe von mehr als 
800 m in einem Tbalkessel der Hoohsohwabgmppe gelegen sind, der von den Spitzen 
und Kuppen des >SeisensteineB< (1274 mj, des >6ehart< (1567 m), des >Oriessteines< 
(2033 m) und des >9iebenbUrgerkogele( (1482 m) eingeschlossen wird und ron abge- 
stürzten FelsblQcken and Crehängesehntt des Dachstein- und Dolomitkalkgebirges ans- 
gefttlU ist. 

Die Schreier- 
klammquelle ent- 
springt in der Nähe des 
Ortes Hinterwildalpen in 
einer Seehöhe Ton ca. 
750m am oberen Endeder 
romantiBchen •Schreier- 
klamm <; sie bildet eine 
einzige konzentrierte 
Quelle, die sofort als 
ansehnlicher Bach schäu- 
mend zu Tbale schießt 
und dem nahegelegenen 
HiDterwildtdpenbaohe 



zueilt. 



Fig. 15. DlB SnmnffTabsiL-Qiitllgn. 

Die »Seisenstein«- 



Quelle entspringt in einer Seehöhe von ca. 600 m, nur wenige Meter über dem 
Wasserspiegel der Salza und emptUngt ihre ZnäUsse von dem Seisenstein (1274 m], 
an dessen FnBe sie im Bereiche der Ortschaft Wildalpen hervorquillt und nach kurzem 
Laufe in die Salza einmündet. 

Die >Kläfferbrttnne< (Fig. 14), am Fuße der sogenannten > Klätferb[t)nne< un- 
weit der romantisch gelegenen, fttr Triftzwecke angelegten Bresceni-Klause am linken 
Ufer der Halza entspringend, bieten eine fesselnde Naturerscheinung. 

Die Höll bachquellen, in der Nähe von Weichselboden, in der Tbalschlucht 
zwischen dem Mieskogel und dem Großen Brandsteine, der sogenannten »Vorderen Hölle* , 
entspringend, sind als unterirdische Wasserläufe anfzufassen, die sich langsam durch 
den das Thal ausfüllenden Bergschutt nach abwärts bewegen, um an der bezeichneten 
Stelle in einer Seehöhe von beiläufig 690 m als Quellen aufzutreten. 

Die Quellen im Brunngraben entspringen am Ausgange des Brunngrabens 
in der Gemeinde Asebbaeh. 

Die bedeutendste von ihnen tritt in einer Seehöhe von beiläufig 760 m ans einer 
Felsenhöhe des Bmankogels zu Tage, wird sofort in ein Fluder gefaßt und treibt eine 
Säge und eine kleine Hausmtthle (Fig. 15). 

FoftachritU dtr Ing-Wisienscli. Grnpp« IL ». 8 



84 KoRTz. Wasserversorgung. 

Die Tracenftthrang der Leitung, welche als Gravitationsleitung von dem Salza- 
thale bis zu dem in einer Seehöhe von 320 m geplanten Verteilungsreservoir bei Wien 
geführt werden soll, bietet mannigfache technische Schwierigkeiten and erfordert u. a. 
sechs Stollendurchschläge von 2500-«- 5000 m Länge. Die Gesamtlänge der Trace beträgt 
ca. 225 km, das GesamtgefäUe 430 m. Die Gefälle wechseln selbstverständlich je nach 
der Bodenkonfignration. Das Minimalgefälle in der Nähe von Wien wird 1 : 3000 bis 
1 : 4000 betragen. 

Die Projektierung der zweiten Kaiser Franz Josef-*Hochquellenleitung ist dem 
Stndienbureau des Stadtbauamtes unter der Oberleitung des Stadtbaudirektors Berger 
und der Leitung des Baurates G. Sykora übertragen, welchem fUr die unmittelbare 
Durchführung der Traoierungs- und Projektierungsarbeiten der dipl. Ingenieur Ban- 
Inspektor G. Einzer und der Oberingenieur Fr. Wintersberger zugeteilt sind. 



E. Das Projekt der Wiener Neustädter Tiefquellenleitung. 

Eine weitere Anregung zur Ergänzung der Hochquellenleitung betraf die Ein- 
leitung von Verhandlungen mit der >Wiener Neustädter Tiefquellenleitung«. Unter 
diesem Titel hatte sich nämlich bereits in früherer Zeit ein Unternehmen gebildet 
welches die Gewinnung des Grundwassers aus dem sogenannten »Steinfelde« oberhalb 
Wiener-Neustadt zum Zweck hatte, das als eines der wasserreichsten Grundwasser- 
gebiete angesehen wird und seinerzeit bereits von der Wasserversorgungskommission 
des Wiener Gemeinderates (1863) g&nau untersucht worden ist. 

Es bestand dort zuerst die Absicht, das Grundwasser in einem quer über das 
ganze Steinfeld reichenden »Saugstollen« zu sammeln und von diesem aus der Ver- 
wendung zur Wasserversorgung einer Reihe von größeren und kleineren Gemeinwesen 
von Wiener-Neustadt bis Wien, eventuell auch teilweise Wiens selbst zuzufUhren: 
später ging man von der Idee des Saugstollens wieder ab, und waren zum Zweck 
der Wassergewinnung Brunnen projektiert. 

Die Verwendung des dort eventuell zu gewinnenden Wassers für Wien wäre auf 
zweierlei Art möglich gewesen. 

Entweder durch direkte Zuleitung nach Wien mittels einer Rohrleitung von 
ca. 50 km Länge, wofür jedoch sehr bedeutende Wassermengen hätten in Aussicht ge- 
nommen \ierden müssen, um die Leitung zu rechtfertigen, oder aber durch maschi- 
nelle Hebung des im Steinfelde gewonnenen Wassers mittels einer kurzen Rohrleitung 
in den am Rande des Steinfeldes vorüberftthrenden Aquädukt der Hochquellenleitung. 

Diese letztere Art der Zuführung des in Rede stehenden Grundwassers hätte 
eventuell einen Ersatz für die definitive Ergänzung der Hochquellenleitung bilden 
sollen. Schließlich wurde auch noch die Modifikation in Betracht gezogen, daß die 
Gemeinde Wien nur von Fall zu Fall, bei nicht entsprechender Ergiebigkeit der Hocb- 
quellen, die jeweilig zur Deckung des Wasserbedarfs erforderlichen Wassermengen von 
der »Wiener Neustädter Tiefquellenleitung« gegen bestimmtes Entgelt abzunehmen 
gehabt hätte. 

Die diesfalls noch im Jahre 1893 eingeleiteten Verhandlungen ergaben jedoch 
ein negatives Resultat, da bei dem Mangel jedweder praktischen Versuche keine 
Garantie für die sichere Gewinnung bestimmter Wassermengen geboten werden konnte. 



Die WiENTHALWASSERIiEITÜNG. 36 

noch auch die Gewähr daftlr gegeben war, daB selbst die geringeren Wassermengen, 
die seitens der Gemeinde Wien nur zeitweise bei niederen Qnellwasserständen zu be- 
anspruchen gewesen wären, in den periodisch wiederkehrenden Zeiten thatsäcblich und 
verläBlich geliefert werden könnten. 



F. Die Wienthalwasserleitung. 

Die Wienthalwasserleitung ist ein Privatunternehmen , welches die Konzession 
besitzt, das Niederschlagswasser in mehreren Seitenthälern des Wienthaies in der 
Nähe Wiens in Staubecken zu sammeln und dieses aufgespeicherte Wasser nach 
Abgabe eines bestimmten Quantums an die offenen Wasserläufe und nach entsprechender 
Filtration zu Wasserversorgungszwecken zu verwenden. 

Das Unternehmen hatte ursprünglich die Versorgung der ehemaligen westlichen 
Vororte von Wien mit Trink- und Nutzwasser im Auge; seit der Vereinigung dieser 
Vororte mit Wien muBte das Konsortium naturgemäß auch mit der Gemeindeverwaltung 
von Wien selbst Ftthlung nehmen, wobei in erster Linie auf die eventuelle Abgabe 
von Nutzwasser Bedacht genommen wurde. 

Diese Verhandlungen, welche seit dem Jahre 1893 geführt wurden, fanden erst 
im Juli 1898 ihr Ende durch den Abschluss eines Vertrages zwischen der Gemeinde 
Wien und der »Gompagnie des Eaux de Vienne« als Konzessionärin der Wienthal- 
wasserleitung. 

Dieser Vertrag sichert der Gemeinde Wien auf die Dauer der Konzession der 
Wienthalwasserleitung, welche zunächst nur das eine der projektierten Staureservoire 
(im Wolfegraben bei Tnllnerbach) errichtet hat, den Bezug eines täglichen Wasser- 
quantnms bis zu 25000 cbm, welches innerhalb eines bestimmten Teiles des 
Gemeindebezirks für öffentliche und industrielle Zwecke verwendet werden kann: Die 
Gemeinde Wien übernimmt das Wasser von der Unternehmung an der Gemeindegrenze, 
wo der tägliche Verbrauch seitens der Gemeinde Wien durch Wassermesser gemessen 
vnrd, gegen ein bestimmtes Entgelt und giebt ihrerseits das Wasser wieder innerhalb 
des Gemeindegebietes an die einzelnen Abnehmer auf ihre Rechnung ab. Die Ver- 
rechnung mit der Unternehmung geschieht monatlich auf Grund des faktisch ermittelten 
Verbrauches. Sollte das bedungene Tagesquantum von 25000 cbm von dem Werke in 
seiner gegenwärtigen Ausdehnung nicht geliefert werden können, so ist die Gemeinde 
Wien berechtigt, die entsprechende Vergrößerung der Anlage auf Kosten der Unter- 
nehmung zu fordern ; ebenso steht ihr das Recht zu, innerhalb der ersten 30 Jahre des 
Betriebes dieser Wasserleitung eine derartige Vergrößerung der Anlage auf Kosten der 
Gesellschaft innerhalb dreier Jahre zu verlangen, daß hiefrdurch eine Lieferungsfähig- 
keit des Werkes von täglich 50000 cbm entsprechend filtrierten Wassers erreicht wird. 

Schließlich hat sich die Gemeinde Wien auch das Recht der Einlösung der 
ganzen Anlage nach bestimmten Grundsätzen vorbehalten. 

Die Verteilung des von der Wienthalwasserleitung bezogenen Wassers erfolgt 
durch ein besonderes, von dem der Hochquellenleitung gänzlich getrenntes Rohmetz, 
welches bezüglich der Rohre mit mehr als 160 mm Lichtweite durch die Unter- 
nehmung, bezüglich der übrigen Rohrstränge mit 160 mm und weniger lichter Weite 
durch die Gemeinde Wien auf eigene Kosten herzustellen ist. 

3* 



> 



» 



» 



36 KoRTz. Wasserversorgung. 

Nach der im Jahre 1891 erfolgten EonzeBBioniernng des Unternehmens steht 
demselben für 'die gedachten Wasserleitnngszwecke das Niederschlagsgebiet des Wien- 
flusses in der Strecke von Beckawinkel bis Htttteldorf im GesamtansmaBe von 181,1 qkm 
zur Verfügung. Bisher ist jedoch nur die Ausführung von vier Stauweihern mit einem 
Gesamtniederschlagsgebiet von 109,71 qkm projektiert und genehmigt u. zwar: 

das Reservoir im Wolfsgraben mit einem Niederschlags- 
gebiet von 83,69 qkm 

das Reservoir im Dammbachgraben mit einem Nieder- 
schlagsgebiet von • 2,81 

das Reservoir bei Gablitz mit einem Niederschlags- 
gebiet von 21,49 

und das Reservoir bei Mauerbach mit einem Niederschlags- 

gebiet von » 31,72 

zusammen . . . 109,71 qkm. 

Die der Unternehmung für ihre Zwecke event. zur Verfügung stehende Wasser- 
menge wurde nach den behördlich geprüften Erhebungen, die sich auf die Nieder- 
schlagsverhältnisse der wasserärmsten Jahre seit 1846 stützen, mit oirca öOOOOcbm 
pro 24 Stunden beziffert. 

Von den oben angeführten Anlagen ist jedoch bis jetzt nur der Stauweiher 
im Wolfsgraben zur Ausführung gelangt (Fig. 16). 

Dieser befindet sich an der Einmündung des Wolfsgrabens in das Wienthal 
oberhalb der Ortschaft Unter-TuUnerbach und wird durch einen 240 m langen, und bis 
zu 13 m hohen Damm abgeschlossen. 

Der Fassungsraum desselben beträgt bis zur Höhe des verhaimten Wasserspiegels 
1431 800 cbm, bis zur Höhe des höchsten Hochwassemiveaus 1 948330 cbm. Der 
Stauweiherabschlußdamm ragt mit seiner Krone 1,5 m über den höchsten Hochwasser- 
Spiegel und 3,0 m über den verhaimten Wasserspiegel (Uberfallshöhe) hinaus und hat 
eine Ejronenbreite von 5m; die Dammböschungen sind beiderseits dreifttßig angelegt, 
die äußere Böschung berast, die innere, wasserseitige, mit einem in Cementmörtel 
verlegten Steinpflaster versehen. Der Damm besitzt einen Tegelkem, welcher bis zur 
Höhe des höchsten Hoch Wasserspiegels reicht, daselbst 2 m breit ist, sich nach unten 
mit Vi2-fttßigen Böschungen verbreitert und vom Terrain abwärts in gleicher Stärke 
bis in die undurchlässige Bodenschicht hineinreicht. 

Der Stauweiher ist mit einem 58 m langen Uberfallswehr und sechs Hochwasser- 
schleusen von je 2 m Breite und 1 m Höhe ausgestattet, an welche Objekte sich der 
Überfallkanal anschließt, der unterhalb des Abschlußdammes in den offenen Wien- 
fluß mündet. 

Uberfallslänge und Uberfallshöhe sind so bestimmt, daß hierbei Hochwässer bis 
zu 200 cbm pro 1 Sekunde abgeführt werden können. 

Der verhaimte Wasserspiegel (Uberfallkante des Uberfallwehres) liegt in einer 
Höhe von 129,0 m über dem Nullpunkte des Pegels an der Ferdinandsbrücke in Wien, 
also in einer Seehöhe von 285,711 m. 

In dem Stauweiher sanmielt sich das gesamte Kiederschlagswasser des zustän- 
digen Kiederschlagsgebietes, nachdem es beim Einlaufe in das Bassin einen Sicker- 
damm passiert hat. 

Die Qualität dieses Wassers, welche jener des Wienflußwassers an jener Stelle 



Die WlEHTHÄLWA8SEttLEITUNG. 37 

gleichkommt, wurde im Jahre 1888 von k. k. UaiversitätB-FtofeBBor Dr. £. Lndwig unter- 
sucht und hat «cb hierbei folgendee Beaiiltat ergeben: 



38 KoRTz. Wasserversorgung. 

Auf 100000 Teile Wasser entfallen: 

Teile 

Kali 0,325 

Natron 1,695 

Kalk 12,430 

Magnesia 1,730 

Eisenoyxdul Spuren 

Kieselsäure 0,687 

Schwefelsäure 3,584 

Chlor 0,373 

Kohlensäure gebunden 10,846 

Kohlensäure freie 11,128 

Ammoniak. 0,024 

Salpetersäure 0,063 

Organisehe Substanz 0,790 

Fester Rückstand 31,586 

Die Härte des Wassers beträgt 14,8 deutsche Grade. 

Um diese entsprechende Qualität des Wassers zu sichern und dieselbe von den 
Abwässern der oberhalb des Beservoirs gelegenen Ortschaft PreBbaum unabhängig 
zu machen, wurde der Unternehmung von der Behörde die Herstellung einer eigenen 
Abwässerableitung für den genannten Ort aufgetragen und dieselbe auch zu der Her- 
stellung einer Filteranlage unterhalb des Beservoirs verpflichtet. 

Die Wasserentnahme aus dem Stauweiher erfolgt sonach in folgender Weise. 

Zum Zwecke der Wasserentnahme und der Entleerung des Weihers ist ein 
tunnellierter Ablaßkanal hergestellt, welcher in gewachsenem Boden angelegt ist, das 
rechte Ende des Uberfallkanals umgeht und ein eiförmiges Profil von 1,5 m liehter 
Weite und 1,7 m lichter Höhe besitzt. Dieser Kanal, welcher ganz mit Quadern ans- 
gemauert ist, hat seine obere Mündung an der Sohle des Stauweihers und ist daselbst 
durch ein System von engmaschigen, eisernen Gittern abgeschlossen, um gröbere Sink- 
stoffe von dem Eintritt in ilenselben abzuhalten. Mit seinem unteren Ende mündet 
dieser Ablaßkanal in den obenerwähnten Uberfallkanal ein, der in den Wienfluß mündet 
so daß durch den Ablaßkanal auch eine Entleerung des Stauweihers in den Wienfluß 
erfolgen kann. 

Zum Zweck der Begulierung der Wasserentnahme und der Entleerung des 
Weihers ist in den Ablaßkaoal eine Schleusenkammer eingebaut, die am rechten 
Dammende gelegen ist und deren Schacht bis zur Dammkrone reicht. 

Von dieser Schleusenkammer zweigt auch die 700 mm weite Bohrwasserleitnng 
ab, welche das zur Verwendung gelangende Wasser aus dem Stauweiher den Filter- 
anlagen zuführt. In der Schleusenkammer sind somit mehrere Schleusen angebracht, 
mittels welcher von der Dammkrone aus sowohl der Eintritt des Reservoirwassers in 
die Bohrwasserleitung, als auch die teilweise oder gänzliche Entleerung des Stauweihers, 
oder beides kombiniert, mittels des Ablaßkanales veranlaßt werden kann. Die Bohr- 
wasserleitung führt, wie oben bereits gesagt wurde, zu den Filteranlagen. 

Dieselben sind nach dem Systeme der »Wormser Filterplatten« (aus künstlich 
hergestelltem porösem Sandstein} eingerichtet und haben folgende Anordnung. 

Durch die Bohwasserleitung gelangt das Wasser zunächst in die Vorkammer, 
woselbst die Verteilung in die einzelnen Abteilungen der Filteranlagen erfolgt. 



Die Wienthalwassebleitüng. 39 

Dies sind gedeckte Bäume, die in ganz gleiche Abteilungen geteilt sind, deren 
jede aus drei abgesonderten Filterkammern besteht. 

Auf eine Abteilung entfallen 2916 und auf die ganze Anlage 5832 Filter* 
demente. Ein jedes Filterelement besteht aus zwei verbundenen Filterplatten, die 
eine Qesamtfilteriläehe von 20 qm besitzen, so daß eine Gesamtfilterfläche von 
11644 qm zur Verfügung steht. In den Kammern werden die Filterelemente von 
dem Rohrwasser umspült. Dasselbe dringt unter einem gewissen Filterdrucke durch 
die porösen Platten in das Innere der Elemente ein und wird in gereinigtem Zustande 
von jeder Batterie durch besondere Bohrleitung in die Beinwasserkammem geleitet, 
welche die beiden Abteilungen der Filteranlage der Länge nach in der Mitte durch« 
ziehen. Von diesen beiden Beinwasserkammem gelangt das fitrierte Wasser in die 
Hein Wasserbehälter, deren je einer den beiden Abteilungen der Filteranlage vor- 
gelagert ist. 

Die Anordnung der Filterbatterien in den einzelnen Filterkammem ist so 
getroffen, daß sowohl jede einzelne Batterie, als auch jedes einzelne Element aus dem 
Filterbetriebe ausgeschaltet werden kann. Bei dem Tageswasserquantum von 25 ÜOO bis 
80000 cbm und der verfügbaren Filterfläche von rund 11600 qm resultiert nach Aus- 
scheidung einer entsprechenden Beservefilterfläche eine tägliche Filtergeschwindigkeit 
von 2,76 bis 3,5m. Diese Filteranlage hat jedoch den gehegten Erwartungen in Betreff 
der Beinheit des Wassers nicht voll entsprochen, weshalb zu einem Umbau derselben 
geschritten werden muss. 

Vor den Beinwasserbehältern führt das 700 mm weite Leitungsrohr, nachdem 
es einen Venturi -Wassermesser passiert hat, woselbst die abgeleitete Wassermenge 
registriert wird, längs der Linzerstraße bis an die Grenze des Wiener Gemeinde-* 
gebietes bei Hütteldorf. 

Hier erst erfolgt die Abgabe des Wassers an die Gemeinde Wien. An dieser 
Abgabestelle, welche in einem besonderen Häuschen untergebracht ist, sind in die 
Leitung vier Wassermesser von 350 mm DurchfluBöffnung eingebaut, an welchen täglich 
von den Organen der Gemeinde Wien und der Unternehmung die von der Gemeinde 
Wien verbrauchte Wassermenge abgelesen wird. Von der so ermittelten Wassermenge 
werden 5^ als Verlust im Bohrnetze abgezogen und das übrigbleibende 95% Quan- 
tum der Verrechnung zu Grunde gelegt, die allmonatlich gepflogen wird. Die weitere 
Wasserabgabe an die Konsumenten etc. ist Sache der Gemeinde Wien. Nach DurchstrO- 
mung der Wassermesser der Abgabestelle gelangt das Wasser in das städtische Bohrnetz 
der Wienthalwasserleitung, welches zum Teil direkt von dem Hauptleitungsrohr aus, zum 
Teil von einem Verteilungsreservoir aus gespeist wird , welches auf Kosten der Unter- 
nehmung in der Gegend von Breitensee mit einem Fassungsraum von 14 000 cbm und 
einer Wasserspiegelcdte von 251,5 m Seehöhe erbaut ist. 

Dieses Bohrnetz der »Wienthalwasserleituug« erstreckt sich insbesondere auf 
die westlichen Territorien der Gemeinde, woselbst die meisten industriellen Betriebe 
ansässig sind, und die viel Wasser konsumierenden Bahnhöfe der Franz Josef bahn, 
Westbahn, Südbahn und Staatseisenbahnen, sowie der Bahnhof der Stadtbahn in 
Hütteldorf und das k. k. Arsenal liegen. 

In Ansehung der Beschaffenheit des Wassers wurde bedungen, daß das 
Wasser jederzeit nach dem jeweiligen Ausspruche der zur Entscheidung hierüber 
berufenen Behörde zur Verwendung für alle Nutzwasser zwecke, insbesondere zur 
Straßen- und Gartenbespritzung, zur Durchspülung der Kanäle, Aborte und Anstands- 
orte, zu industriellen und gewerblichen Zwecken mit Einschluß der Verwendung bei 



40 EoRTz. Wasserversorgung. 

der Zubereitung von Nahrungs- und Genufimitteln , namentlich für Brauereien etc., 
dann für Bäder und dann im Haushalte fUr Beinigungszweoke zugelassen werden kann 
und darf. Das Wasser ist nur dann, wenn es diesen Anforderungen entspricht, als 
vertragsmäßig anzusehen. 

Der Preis des Wienthalwassers an der Gemeindegrenze bei Htttteldorf einschlieB- 
lioh der Entschädigung fUr die Kosten der von der Unternehmung teilweise hergestellten 
Haupt- und Yerteilungsrohrstränge innerhalb des Gemeindegebietes etc. wurde mit 
13 Heller per 1 cbm festgesetzt. Dieser Preis wird je*doch auf 8 Heller in dem Falle 
herabgesetzt, wenn die tägliche Wasserabnahme im Monatsdurchschnitte das Quantum 
von 40 000 cbm übersteigen sollte. 

Litteratur. 

Bericht der WaaserversorgangskommiBsion des Wiener Gemeinderatee. Wien 1864. 

Die Waasoryersorgnng der Stadt Wien in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Denkschrift zur 
ErOffhnng der Hochqaellen- Wasserleitung im Jahre 1873. Nach amtlichen Daten bearbeitet 
von Rudolf Stadler, Wien 1873, Verlag des Qemeinderates. 

Der Bau der Wiener K. F. J. Hochqnellenleitnng von C. Mihatsch. Wien 1881. Verlag des Verfaaserii. 

Bericht des Österr. Ingenieur- nnd Architekten- Vereins über die Wasserversorgung von Wien. Ver- 
lag des Vereines, Wien 1896. 

Die Wasserversorgung der Stadt Wien, verfaßt vom Stadtbauamte Über Auftrag des BttrgermeiBters 
Dr. Lueger. Wien 1897, Selbstverlag des Magistrates. 

Verwaltnng^berichte des Bürgermeisters. 

Statistische Ausweise über die Wasserversorgung der Stadt Wien. 

Abriß der Entstehungsgeschichte der II. Hochqnellenleitnng. Wien 1900, Verlag des Gemeinde - 
rats-Präsidiums. 

Die Wasserversorgung etc. Denkschrift, bearbeitet vom Stadtbanamte aus Anlaß der 41. Jahres- 
versammlung des Deutschen Vereines von Gas- und Wasserfachmännern. Wien 1901. Verlag 
des Gemeinderates. 



!!• Entwässerung 

bearbeitet von Bauinspektor Kortz. 
(Hierzu Tafel III.] 

A. Lage, Bodenbeschaffenheit und Grundwasser. 

Wien liegt fast nnmittelbar an jenem langen Gebirgsspalt , welcher durch den 
jähen Absturz der Alpen gegen das Donauthal gebildet wird, und zwar zwischen der 
'^Centralkette und der Grauwackenzone einerseits und der Sandsteinzone andererseits 
auf dem Gebiete der eingesunkenen Ealkbteinzone. Die Tiefenlage dieser eingesunkenen 
Zone ist nicht bekannt, denn die tiefsten Bohrungen (artesischer Brunnen am Getreide- 
markt 205,8 m tief) haben dieselbe noch nicht erreicht. 

Das Stadtgebiet liegt auf der diese Senkung audfullenden Masse, welche — von 
der oberflächlichen Sohuttsohioht abgesehen — folgende Schichtungen aufweist (Fig. 17, 
S. 42): Das Alluvialgebiet der Donau, welches bis an den Steilrand reicht, der sich vom 
Leopoldsberg bis gegen den Stubenring zieht und sich jenseits des Wienflusses im III. 
und XL Bezirke wieder zeigt. Diese AUuvionen bestehen aus Silt, Sand und Schotter. 
Der Abhang des Steilrandes selbst besteht aus undurchlässigem Löß und Diluvial- 
sehotter. 

Die diluvialen Schichten werden gegen das Marchfeld zu durch das Alluvial- 
gebiet der Donau unterbrochen. Die AUuvionen liegen im ganzen Stadtgebiete auf 
blauem, tertiärem Tegel. Die Bildungen der weiter folgenden tertiären (miocänen) 
Schichten umfassen von oben nach unten folgende Gruppen: 

Die Sttßwassergruppe, bestehend aus sog. Belvederesand und Schotter (gelb 
und gelbrotes flaches Quarzgeschiebe), dann blauem Tegel (Inzersdorfer oder Congerien- 
tegel) und blauem Sand und Sandsteinknollen mit PflanzenabdrUcken. 

Die sarmatische Gruppe enthält Cerithiensand und Sandstein (gelb, blättrig) 
und blauen Tegel. 

Die marine Gruppe besteht aus GeröUe, das in der Regel zu festen Massen 
verbundene Conglomerate bildet, dann festem, lichtgelbem Kalkstein (NuUiporenkalk) , 
lichtgelbem Sand und endlich Tegel. 

Die Schichten ruhen immer auf älteren, nicht immer aber auf den nächstälteren 
Schichten. Belvederesand und Schotter ruhen stets auf Inzersdorfer Tegel. Dieser 
Tegel bildet in beträchtlicher Tiefe den Untergrund der Stadt Wien; man hat ihn bei 
tieferen Bohrungen immer erreicht, aber noch nie durchbohrt. Er zieht sich unabhängig 
von der Oberfläche, wellenförmig und Mulden bildend, unter der Stadt hin und erhebt 
sich stellenweise ziemlich hoch — ebenfalls einen Steilrand bildend, der aber von der 
Donau viel weiter entfernt ist, als der oberflächlich sichtbare Steilrand. 

Die Oberfläche des Stadtgebietes zerfällt in die ziemlich ebene Partie, welche 
sich längs der beiden Ufer des Donaukanales und Donaustromes hinzieht und eine 



42 



KoRTZ. Entwässerdng. 



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Höhenlage von 4 — 6 m über dem Nullpunkt der Perdinandsbrlicke') besitzt, and in die 
höhere Stufe, welche hei dem Torerwähnten Steilrand beginnt und sich teils in welliger, 
teile in abgestufter Oberfläche bie an das 
Gebirge hinzieht. Dieser Teil Ton Wien zeigt 
folgende Höhenlagen Über dem Nullpunkt der 
Ferdinandsbriloke : Stefansplatz 15,46 m, Opern- 
platz 17,94, Westbabnlinie 64,26, Favoriten- 
linie 43,58; die dichte Bebauung reicht aber 
noch viel höber, bo in Mauer bis auf 87 m, in 
Grinzing bis auf 100 m , in POtzleinsdorf auf 
163 m und in Salmannsdorf bis auf 193 m — 
abgesehen von der noch im Wiener Gemeinde- 
gebiete liegenden Ortschaft Josefsdorf (auf dem 
Kahlen- und Leopoldsberg), die sich bis auf 
290 m über dem Donau-Nultwasser erhebt. 

Die Oberfläche dieses ansteigenden Ge^ 
ländes wird nnterbrooben darch die ron dem 
westlichen Gehänge kommenden und in den 
Donaukanal einmündenden B&cbe: Schreiber- 
bach , Nesselbach, Krottenbach , Währinger- 
bach, Alshaoh und Ottakringerbaeh, welche 
zum Teile tief in das Gelände eingeschnitten 
sind. Die Wasserscheiden zwischen diesen 
^ eiozelnen Bächen bilden in dem DOrdliohen 
Abschnitte zwischen dem Donaukanal und 
dem Wienflusse Bergrttoken, welche vom 
Eahlenberge ausgehend sich gegen des Steil- 
rand senken und schließlich in demselben 
verlieren. 

Die den Untergrund bildende ondurch' 
lässige Schicht läuft jedoch mit der Ober- 
fläche nicht parallel, vielmehr nähert sie sich 
der Oberfläche in den hOber gelegenen Gegen- 
den mehr ale in den tiefliegenden. Dies 
zeigt sich auch an dem Stande des Grund- 
wassers, welches in der Nähe der Hofbui^ 
etwa 15 m unter der Oberfläche angetroffen 
wird, während dieser Abstand in den hoher 
I gelegenen Teilen der Stadt bis aof 5 m und 

darunter sinkt (Fig, 18). 

Nach der Einführung der Hoehqaellen- 

leitnng machte sich ein stetiges Steigen des 

Gmndwassers in einzelnen Stadtteilen gel- 

tend, welches frtlher darch die Hausbmunen 

in einer täglichen Menge von etwa l&UOO cbm abgezapft wurde. In den Jahren 

1879—1883 trat das Grundwasser an Stellen zu Tage, die 35—40 m über dem Null- 



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; Der Nnllpoiikt liegt 156,71 m über dem Ädriatiscben Heere- 



Lage, Bodenbeschaffenheit und Gründwasser. 



43 



pankte des Donaiipegels lagen. Seit dem Jahre 1883 werden regelmäßig an 160 im 
Stadtgebiete liegenden und nicht mehr benntztenBmnnen Beobachtungen des Grundwassers 
angestellt, um die Schwankungen desselben feststellen zu können. Seit dieser Zeit wird 




Hafltilb« 



Profil a Sieüiucbräcie— Kepleiplaa (Fitonin^ 



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Fig. 18. Gnindwasierliiiie im Boden von Wien. 

auch auf die Fixierung des Grandwasserspiegels ein besonderes Augenmerk gerichtet und 
in Gegenden, welche unter den Schwankungen oder der Höhe des Grundwassers leiden, 
durch Tieferlegung der Kanäle und ausgedehnte Anwendung von Drainagerohren abzu- 
helfen getrachtet. Mit derartigen Drainageanlagen, die aus porösen Thonröhren her- 
gestellt wurden und an geeigneten Stellen in des Eanalnetz einmünden, wurde der 
beabsichtigte Erfolg stets erzielt. 

Litteratur. 

E. SuesB, Der Boden yon Wien 1882. 

F. Berger, Mitteilungen über die Bodenrerhältnisse von Wien. Zeitschrift des österr. Ingenienr- 

nnd Architekten- Vereines 1881. 
Besoitate der vom Stadtbanamte angestellten Grnndwasserbeobachtungen. Jährlich. 



B. Kanalisation. 

(Hierzu die Tafel III.) 

1. Geschichtliches. 

Das unterirdische Kanalnetz von Wien, welches die Aufgabe hat, nebst den 
flüssigen und festen Fäkalien auch die atmosphärischen Niederschläge abzuführen, kann 
bis auf das 14. Jahrhundert zurück verfolgt werden. Wie eine aus dem Jahre 1388 
stammende noch heute aufbewahrte Gedenktafel beweist, besaß die innere Stadt (der 
heutige I. Bezirk] schon zu dieser Zeit Unratskanäle, welche ihren Inhalt wahrschein-- 
lieh in den am Steilabhange der Stadt vorüberziehenden Donauarm, den jetzigen 



44 KoRTz. Entwässerung. 

Donankanal, entleerten. Einem im stadtbauamtlichen Archive befindlichen Plane ans 
dem Jahre 1739 ist zn entnehmen, daß dieser Stadtteil zu jener Zeit bereits nahezu 
vollständig kanalisiert war. 

Auch in den anderen Bezirken wurde aUmählich an die Herstellung von Kanälen 
geschritten, welche zum Teile in die innerhalb des Stadtgebietes in den Donau kanal 
mündenden Bäche (Schreiberbach, Nesselbach, Krottenbach, Aiser- und Währingerbach 
und WienfluB) eingeleitet wurden. Da aber alle diese Bäche bei trockener Witterung 
wenig oder gar kein Wasser führten, und sonach bei der zunehmenden Bebauung sich 
namentlich zur Sommerszeit ganz unerträgliche Zustände herausbildeten, war man 
schon gegen das Jahr 1830 an die Herstellung von Sammelkanälen zu beiden Seiten 
des Wienfiusses geschritten. Der systematische Ausbau des Eanalnetzes und die Anlage 
größerer Eanalstränge war jedoch durch die damalige Einteilung der Stadt in mehr 
als 30 Bezirke mit eigener Verwaltung sehr behindert, und infolgedessen wurde häufig 
zu dem Auskunfsmittel der Anlage von Senkgruben gegrififen, während das Nieder- 
schlags- und Spülwasser zumeist oberirdisch abgeleitet wurde. 

Zu Ende des Jahres 1873 besaß das Stadtgebiet von Wien eine Fläche von 
5522 ha mit ca. 11000 Häusern und einer Einwohnerzahl von rund 660000 Personen. 
Von diesen Häusern waren ca. 1000 noch mit Senkgruben versehen, die anderen waren 
bereits an das Eanalnetz angeschlossen. Infolge der günstigen Lage der Stadt, welche 
vom Flusse gegen die im Westen liegenden Ausläufer der Alpen sanft ansteigt, und 
insbesondere durch die die Stadt durchziehenden natürlichen Gerinne hatte sich von 
selbst ein System für die Kanalisierung herausgebildet, welches den damaligen Anfor- 
derungen im großen und ganzen entsprach. 

Die insbesondere infolge der ersten Stadterweiterung rasch zunehmende Bebauung, 
sowie der Umstand, daß die Abwässer der damals noch nicht zu Wien gehörenden, 
volkreichen Vororte ihren Weg durch die Stadt nehmen mußten, schließlich auch die 
Notwendigkeit des Umbaues vieler alter Kanäle veranlaßten den Gemeinderat im 
Dezember 1873 das Stadtbauamt zu beauftragen, über die Kanalisierung in den Vor- 
orten eingehende Erhebungen zu pflegen und Vorschläge bezüglich des Anschlusses 
derselben an das Kanalnetz von Wien zu erstatten. 

In dem hierüber im März 1874 erstatteten Berichte des Stadtbauamtes kommt 
dasselbe zu dem Schlüsse, daß der Anschluß der westlichen Vororte an das Wiener 
Kanalnetz nicht zu umgehen sei und daß sich sonach die Notwendigkeit des Umbaues 
einiger Sammelkanäle, der Neubau von solchen und die Entscheidung über die Frage 
der Wienflußableitung ergeben wird. 

In Verfolg dieses Berichtes wurde sodann das Stadtbauamt im Februar 1875 
beauftragt, eine allgemeine Darstellung des in Wien bestehenden Kanalisierungssystems 
auszuarbeiten und Vorschläge bezüglich des künftig in Anwendung zu bringenden 
Systemes zu erstatten. Das Besultat dieser Studien, welche dem Ingenieur Franz 
Berger, dem derzeitigen Stadtbaudirektor übertragen waren und die sich auch auf die 
inzwischen eingereichten zahlreichen Projekte für die Abfuhr und Verwertung der 
AbfallstofPe erstreckten, war ein im Februar 1877 an den Gemeinderat erstatteter Be- 
richt des Magistrats, welcher in den Anträgen gipfelte, das bisherige Schwemm- 
Kanalsystem beizubehalten und weiter auszubilden und von der Anwendung eines 
Abfuhrsystems mittels Tonnen oder dergl. abzusehen. Die Verwertung der Abfall- 
stoffe durch Berieselung des Marchfeldes wurde als eine Landesangelegenheit be- 
zeichnet, da mit Bücksicht auf die Nähe des Donaustromes, in welchen die Abwässer 



Kanalisation. 45 

eingeleitet werden können, die Notwendigkeit der Unscbädliobmachung der Abwässer 
durch Berieselnng nicht vorhanden ist. Das Stadtbauamt wäre sohin zu beauftragen, 
nach diesen Grundsätzen einen Generalplan fUr die Kanalisierung auszuarbeiten. 

Es muB erwähnt werden, daß inzwischen die Eröffnung der Hochquellenleitung 
stattgefunden hatte, welche die Einführung von Waterclosets und eine reichere Spülung 
der Kanäle ermöglichte. 

Mit Bücksicht auf die hierdurch erzeugte Verdünnung der Abwässer, sowie auf 
die weitere Verdünnung derselben im Donaukanale ^} und im Donaustrome, in den 
der Donaukanal einige Kilometer unterhalb der Stadt einmündet, konnten ohne Be- 
denken die Beibehaltung des bestehenden Systemes unter Ausgestaltung der Sammel- 
kanäle beschlossen und sowohl die versuchsweise Einführung eines Abfuhrsystems als 
auch die obligatorische Verwertung der Abfallstoffe abgelehnt werden. 

Der Übelstand, daß das alte Kanalnetz von Wien eines einheitlichen, die be- 
stehenden Terrainverhältnisse nach einem wohldurchdachten Plane ausnützenden Systems 
entbehrte, wurde nun durch umfassende Umbauten bestehender Kanäle soweit gemildert, 
daß den sanitären Anforderungen im großen und ganzen entsprochen war. Eine gründ- 
liche Abhilfe der Verunreinigung des Wienflusses und Donaukanals konnte jedoch erst 
dann ins Auge gefaßt werden, als die Vereinigung der Vororte mit Wien im Jahre 
1891 zur That wurde und sodann an die großen Arbeiten der Regulierung des Wien- 
flusses und Donaukanals geschritten werden konnte 2). Zu dieser Zeit — Ende 1890 — 
besaß Wien in 19 Bezirken 29322 Häuser, wovon 14134 auf die alten, 15188 auf die 
neu einbezogenen Bezirke entfielen. Das Gemeindegebiet umfaßte nun 17812 Hektar, 
der Umfang dieses Gebietes 63 Kilometer, die Civilbevölkerung betrug 1342000 Per- 
sonen. Von den 14134 Häusern der alten Bezirke besaßen noch 952 Senkgruben, 
während alle anderen an das Kanalnetz angeschlossen waren. Die Länge der Haupt- 
kanäle betrug in den alten Bezirken 274 km, die der Hauskanäle 515 km. Das 
Gesamtvolumen des mittels Handarbeit aus den Kanälen entfernten Unrats war in diesem 
Jahre 5876 cbm, die Auslagen für die Bäumung der Senkgruben und Kanäle circa 
508500 K. Ein großer Teil des neu zugewachsenen Gebietes mit vorwiegend land- 
wirtschaftlichen Betrieben, zerstreuter Bebauung und geringer Bevölkerungszahl besaß 
noch Senkgruben (ca. 5700), aus denen die Abfallstoffe periodisch abgefahren wurden, 
während die Brauch- und Regenwässer teils in offenen Gräben, teils in gedeckten 
Kanälen den nächsten Wasserläufen zugeführt wurden. Die zunächst der Stadt 
gelegenen, dicht verbauten Teile des zugewachsenen Gemeindegebietes besaßen allerdings 
schon ein Kanalnetz, welches in die Sammelkanäle des alten Gemeindegebietes ein- 
mündete. Die Länge dieser Kanäle betrug 188 km. 



>) Der Donaukanal führt bei Nullwasser circa 177 cbm, bei 1 m unter Null circa 87 cbm 
pro Sekunde ab. Er durchzieht bei einer Gesamtlänge von 16 km das bebaute Stadtgebiet in einer 
Länge von 11 km und hat ein Gefälle von 6,4 m. Der Donaustrom führt (nach Fänner) bei Wien 
bei Nullwasser 1425 cbm, bei — Im 783 cbm ab ; bei Hochwasser steigt die secundl. Wassermenge 
bis auf 8600 cbm. 

^ Das Landesgesetz betreffend die Vereinigung der Vororte mit, Wien erhielt am 19. Dezember 
1890 die A. H. Sanktion. 

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EoRTz. Entwässerung. 



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2. Das gegenwärtige Eanalnetz. 

a. Die Haaptsammelkanäle. 

Durch die Einbeziehung der 
Vororte, welche im Jahre 1891 zur 
That wurde, war es möglich ge- 
worden, eine einheitliche Planung 
der f ttr die Sanierung und den Ver- 
kehr der Stadt notwendigen großen 
Anlagen durchzuführen. Diese Ar- 
beiten, welche die Anlage einer 
Stadtbahn, die Begulierung des 
Wienflusses, die Umwandlung des 
Donaukanales in einen mit Wehren 
und Schleusen versehenen Handels- 
und Winterhafen und schlieBlich 
die Anlage von Sammelkanälen zu 
beiden Seiten des Donaukanals 
umfaßten (Fig. 19), wurden unter 
die einheitliche Leitung einer aus 
Vertretern des Staates, des Landes 
Nieder-Osterreich und der Stadt- 
gemeinde Wien zusammengesetzten 
Kommission, der sogenannten Kom- 
mission ftlr die Wiener Verkehrs- 
anlagen gestellt. 

Die Ausführung der beiden 
Hauptsammeikanäle war nun in 
zweckmäßiger Weise möglich, aber 
auch zur unbedingten Notwendig- 
keit geworden. 

Durch die Erbauung der 
Hauptsammeikanäle sollen einerseits 
die tiefgelegenen Stadtkanäle gegen 
den Bückstau höherer Wasserstände 
aus dem Donaukanale geschützt und 
andererseits die Verunreinigung des 
letzteren innerhalb des bebauten 

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Stadtgebietes hintangehalten wer- 
den. Die gesamten Abwässer der 
zu beiden Seiten des Donaukanales 
liegenden Stadtgebiete werden zu- 
nächst bis zur Staatsbahnbrücke (B-M ; 
und nach Vollendung dieser Strecke 
der Hauptsammeikanäle bis zum Donaustrome (N) geführt werden. Die Projektierung 
und Ausführung dieser Kanäle erfolgte durch die Gemeinde Wien in Vollmacht der 
Kommission für Verkehrsanlagen. 



I 




Kanalisation. 47 



Berechnung der Niederschlags- und Abfuhrmengen und Geschwindigkeiten. 

Für den linksseitigen Sammelkanal , welcher ein Gebiet von 1242 ha (den IL 
nnd XX. Bezirk) zn entwässern hat, wurde eine zukünftige Bevölkerungszahl von 
416000 Einwohnern angenommen, während der rechtsseitige Sammler auf Grundlage 
eines Entwässerungsgebietes von 14060 ha mit einer zukünftigen Bevölkerung von 
3.6 Hillionen Bewohnern zu berechnen war. Für ersteren ergab sich ein nutzbares 
Gefälle von 0,4 Voo> för letzteren ein sich von 0.85 %o äbq oberen Ende bis auf 0,4 %o 
verflachendes Gefälle. 

Für die Projektierung dieser Sammelkanäle sowie der in dieselben einmündenden 
Haupt- nnd Nebenkanäle waren weiters folgende Grundlagen maßgebend: 

Die Kanäle haben das Brauchwasser, die Fäkalien und das Meteorwasser 
abzuführen. Nach der »Vorschrift für die Verfassung von Kanalprojekten für die Stadt 
Wien« wird für die Berechnung der aus den Haushaltungen abfließenden Brauch- 
wassermengen pro Tag und Kopf 90,6 1 Abwasser angenommen, wovon die Hälfte, 
d.i. 45,251 in 10 Stunden an die Kanäle abgegeben . wird. Die Fäkalien, welche 
gegenüber der in Rechnung gestellten Brauchwassermenge einen verschwindend kleinen 
Teil betragen, werden bei Berechnung der Kanalquerschnitte außer Acht gelassen. 
Hiernach berechnet sich in den dicht verbauten Stadtteilen bei einer Bevölkerung von 
520 Personen pro ha die abzuführende Brauchwassermenge mit 0,654 Sekundenliter. 
Den weitläufig bebauten Flächen entspricht bei einer Bevölkerungszahl von 250 Per- 
sonen ein Abfluss von 0,314 Sekundenliter pro ha. 

Die Berechnung des durch die Kanäle abzuführenden Meteorwassers erfolgt 
nach obengenannter Vorschrift für ausgedehnte Niedersehlagsgebiete unter der An- 
nahme, daß pro ha und Sekunde 18,3 1 in den Kanälen zum gleichzeitigen Abflüsse 
gelangen. Im allgemeinen gilt jedoch die Bestimmung, daß diese Meteorwassermenge 
einschließlich des Brauchwassers die eiförmigen Kanalprofile nur bis zum Kämpfer des 
Deckgewölbes füllen soll. Für kleinere Niederschlagsgebiete wird ein Abfluß von 
50 bis 100 Sekundenliter pro ha der Berechnung zugrunde gelegt. 

Sollen die Sammelkanäle die Gesamtwassermenge bei dem in den unteren 
Strecken zur Verfügung stehenden geringen Gefälle abführen, so würden übermäßig 
große Kanalprofile erforderlich nnd demgemäß auch die Kosten des Kanalbaues sich 
namhaft erhöhen. Wird berücksichtigt, daß die bei dem angenommenen starken 
Regen abfließenden Meteorwässer die 42 fache Menge des Schmutzwassers betragen, so 
liegt es nahe, die nur in sehr geringem Maße verunreinigten Regenwässer an mehreren 
Stellen — durch Notauslässe — direkt in den Flußlauf abzulassen und dadurch 
den Hauptsammeikanal von den Meteorwässem zu entlasten. Die Notauslässe dürfen 
aber erst bei stärkerem Regen, nach erfolgter zweckentsprechender Verdünnung der 
Schmutzwässer durch Meteorwässer zur Wirksamkeit gelangen. Diese Bedingung 
erfordert, daß der Kanalstrang eine bestimmte Wassermenge ohne Inanspruchnahme 
der Notauslässe abzuführen im Stande ist, welche Wassermenge durch die Höhenlage 
der Notauslaßschwelle über der Kanalsohle fixiert wird. Bei der Bestimmung der 
Wassermenge, welche unter den Notauslaßschwellen abzuführen ist, kommt nicht nur 
der Grad der Verdünnung des Kanalwassers und die dadurch beeinflußte Reinheit des 
Flußwassers in Betracht, sondern es ist auch zu berücksichtigen, daß bei größerer 
Verdünnung des Brauchwassers die Notauslässe seltener und erst bei stärkerem Regen 
in Wirksamkeit treten werden. 



48 KoRTz. Entwässerung. 

Für die Befitimmung des Verdünnnngegrades sind die durch die Notanslässe 
der beiden Sammler abzugebenden Wassermengen maßgebend. Bei der Fixierung dieser 
Wassermenge wurde der Grundsatz festgehalten, daß das größte Wasserquantum bis 
außerhalb des Stadtgebietes zur Ableitung gelangen soll, dessen Abführung aus tech- 
nischen Rücksichten möglich ist, und daß diesbezüglich die Größen der Eanalprofile 
und die damit zusammenhängenden Kosten erst in zweiter Linie zu beachten sind. 

In dem yorliegenden Falle ist es die Anlage des rechtsseitigen Hauptsammei- 
kanales, durch welche die unter der Notauslaßschwelle abzuführenden Wassermengen 
bestimmt werden. Die Hauptsammeikanäle sollen, wie es in dem Programm für die 
SchafiTung der Verkehrsanlagen bestimmt ist, durch keine den Betrieb störende Syphons 
unterbrochen werden. Der rechte Hauptsammeikanal kreuzt die unterirdisch geführte 
Wienthallinie der Stadtbahn und den Wienfluß. Sowohl die Stadtbahnlinie als auch 
der Wienfluß haben eine nicht zu verrückende Höhenlage und müssen durch den 
Hauptsammeikanal unterfahren werden, dessen Sohle mit Rücksicht auf die Wasser- 
spiegelgefälle und auf die zu erreichenden Geschwindigkeiten in der Wasserabführung 
nur innerhalb geringer Grenzen nach auf- oder abwärts geschoben werden kann. Die 
diesbezüglich angenommenen Berechnungen haben ergeben, daß bei Vermeidung von 
Syphons in dem rechten* Hauptsammelkanale unter der Stadtbahn und unter der Wien- 
flußkreuzung kein größeres Quantum als die vierfache Brauchwassermenge durchgeführt 
werden kann, und daß bei dem Zuflüsse von Niederschlägen, welche dieses Wasser- 
quantum übersteigen, die Notauslässe vor der Eareuzung mit der Stadtbahn und mit 
dem Wienflusse zur Wirksamkeit gelangen müssen. 

Für die Beurteilung, ob die beabsichtigte Abführung der vierfachen Braueh- 
wassermenge unter den Notauslaßschwellen ausreichend und zulässig ist, sind die 
beiden folgenden Fragen einer Erörterung zu unterziehen: 

1. Welche Verunreinigung des Donaukanales tritt bei der ungünstigsten Inan- 
spruchnahme der Notauslässe ein? « 

2. Wie oft im Jahre werden die Notauslässe zur Wirksamkeit gelangen? 

Die Beantwortung der ersten Frage erfordert die Kenntnis der stündlichen maxi- 
malen Regenmenge. Der Berechnung der Eanalprofile wird allerdings ein stündlicher 
Niederschlag von 19,7 mm zu Grunde gelegt, allein dieser Niederschlag entspricht 
starken Regen, die in der Regel nur kurze Zeit andauern, sich über kleine Gebiete 
ausdehnen und nur selten vorkommen. Für die Verunreinigung des Donaukanales sind 
nur stärkere Regen von Einfluß, die durch mehrere Stunden andauern und sich über 
das ganze Gebiet mit möglichst gleicher Stärke ausdehnen. Tagesniederschläge von 
über 40 mm gehören in Wien zu den Ausnahmen und kommen durchschnittlich alle 
zwei Jahre einmal vor. 

Unter der allerungünstigsten Annahme einer den Donaukanal durchströmenden 
Minimalwassermenge von 40 cbm in der Sekunde, ferner eines vierstündigen Regens 
mit 40 mm Niederschlagshöhe, einer dem Eanalnetze angeschlossenen Bewohnerzahl 
von 3,6 Millionen Menschen und einer täglichen Schmutzwasserabgabe von 90,5 1 pro 
Kopf wird das durch die Notauslässe an den Donaukanal abgegebene Brauchwasser 
während einer vierstündigen Wirksamkeit der Notauslässe 74,7 mal verdünnt. 

Werden der Harn und die Exkremente berechnet, welche mit dem Schmutz- 
wasser durch die Notauslässe der beiden Hauptsammeikanäle bei einem so außerordent- 
lichen Regen in den Donaukanal gelangen, so ergiebt sieh eine Verdünnung derselben 
um das 5070 fache. Da 'die Fäkalien selbst wieder zum größten Teile aus Wasser 
bestehen und für die Verunreinigung nur die festen Bestandteile maßgebend erscheinen, 



Kanalisation. 49 

so beträgt — nach einer angestellten Berechnung — die Verdünnung derselben 1 : 72 400. Es 
kommen daher auf 100000 Teile Donauwasser 1,3 Teile fester aus Fäkalien herrührender 
Bestandteile. Diese Verunreinigung, welche, wie erwähnt, höchstens alle zwei Jahre 
eintreten dürfte, ist eine derart geringe, daß sie weder in sanitärer noch in ästhetischer 
Beziehung beanständet werden kann und dies um so weniger, als dieselbe in der kür- 
zesten Zeit durch die Wassererneuerung beseitigt sein wird. 

Die sanitären Verhältnisse des Donaukanales haben sich sonach seit Erbauung 
der beiderseitigen Sammelkanäle wesentlich gebessert, denn die derzeitige Ausmündung 
derselben in den Donaukanal erfolgt bereits unterhalb der bebauten Stadtteile und 
die Verlängerung des rechtsseitigen Sammlers bis zum Donaustrom ist in nächster 
Zeit zu erwarten. 

Was die Verunreinigung des Donaustromes unterhalb Wiens durch die Einleitung 
der Eanalwässer anbetrifft, so kann gesagt werden, daß — infolge des Einflusses 
der Verdünnung — das Wasser der Donau daselbst keine wesentlich schlechtere 
Beschaffenheit zeigt, als oberhalb Wiens. Nach Dr. Adolf Hei der*) führt das 
Donauwasser oberhalb Wiens im Mittel rund 2000 Keime pro Eubikcentimeter (der 
Rhein bei Möhlheim 17000-21000, die Elbe bei Dresden 20000—54800 pro Kubik- 
centimeter), während der Eeimgehalt bei Hainburg, also ca. 40 km unterhalb Wiens, 
nur um etwa 3000 — 4000 Keime höher ist als bei dem Eintritte der Donau in das 
Stadtgebiet. 

Die Notauslässe werden nach dem Durchschnitte der in den Jahren 1879^1891 
beobachteten Tagesniederschläge, wenn die berechnete Bevölkerungszahl seinerzeit dem 
Kanalnetze angeschlossen sein wird, im Durchschnitte zehnmal im Jahre zur Wirksam- 
keit gelangen. Bei einer nicht übermäßigen Verdichtung der Bevölkerung und bei 
nicht besonders gesteigertem Verbrauch von Nutzwasser werden auf eine Reihe von 
Jahren hinaus die Notauslaßschwellen im Jahre nur vier- bis fünfmal überrennen 
werden. 

Von wesentlichem Einflüsse auf die Weiterbeförderung der suspendirten und 
mitgeführten Stoffe im Kanalstrange ist die Geschwindigkeit, mit der sich die 
Kanalwässer fortbewegen. Aus vielfachen Versuchen wurde ermittelt, daß eine 
Wassergeschwindigkeit von 0,4 m in der Sekunde noch groben Kiessand in den Kanälen 
weiter zu führen imstande ist. Als eine wünschenswerte und vollkommen ausreichende 
Geschwindigkeit der Kanalwässer wurde zuerst in England 0,6 m pro Sekunde bezeich- 
net, bei welcher das Wasser noch KiesstUcke von 3 cm Durchmesser fortrollen kann. 
Die Geschwindigkeit des einfachen Brauchwassers berechnet sich in dem Hauptsammel- 
kanale mit 0,66—0,68 m, die der vierfachen Brauchwasser menge mit 0,91 — 1,01 m in 
der Sekunde. Erstere kann schon mit Rücksicht auf das geringe Gefälle als eine sehr 
günstige bezeichnet werden ; die letztere ist imstande, alle Stoffe, welche in den Kanal 
gelangen können, abzuführen. 

Die Zeit, welche das Brauchwasser benötigt, um die 6950 m lange Strecke des 
linksseitigen Sammlers von Kanalbeginn (A, Fig. 19) bis zur provisorischen Kapal- 
ausmündung nächst der StaatsbahnbrUcke (B) zu durchlaufen, beträgt 2 Stunden 53 Min. 
Die vierfache Brauchwassermenge legt die gleiche Strecke in 2 Stunden 1 Min. 
zurück, befördert also um ein Drittel der Zeit die Abfallstoffe rascher ans dem Bereiche 
der menschlichen Wohnungen als das einfache Brauchwasser. 



^1 Untersuchungen über die Vernnreinigang der Donau dnrch die Abwässer der Stadt Wien. 
Sonderabdruck ans: »Das Österreich. Sanitätswesen«, 1893 Nr. 31. 

Foriscliritte der iDg.-Wissensch. Gruppe II. 9. 4 



50 KoRTz. Entwässerung. 



Reinigung, Ventilation und Spülung. 

Während bei den gewöhnlichen Straßenkanälen in Abständen von ca. 100 m 
Schächte aufgesetzt sind, welche zar Reinigung, zur Bevision und Ventilation des Kanal- 
netzes dienen, werden in dem Hauptsaramelkanale, falls eine Reinigung ausnahmsweise 
erforderlich sein sollte, die Sinkstoffe direkt in Schlammboote gebracht, in diesen bis an 
das Ende des Kanales geführt und dort mittels eigener Vorrichtungen gehoben. Für 
die Revision der Hauptsammeikanäle werden, da das Absteigen in höheren Sehächten 
sehr beschwerlich ist, besondere Zugänge hergestellt. Von jedem Zugange aus ist 
mittels Treppe ein über der Abfiußlinie des vierfachen Brauchwassers liegendes 
Plateau erreichbar, welches zum Besteigen der Inspektionsschiffe dient, mit denen man 
zu jeder Stelle des Kanals gelangen kann. 

Die Ventilation der Hauptsammeikanäle erfolgt durch die zahlreich einmünden- 
den Seitenkanäle, durch die Notauslässe und mittels der Ventilationsschächte, die über 
den Seitenwänden des Kanals in Distanzen von 150 — 200 m bis zur Straßenoberfläche 
geführt werden. 

Für die Abspttlung der Kanalgewölbe, Eingangsstiegen, Ventilationsschächte etc. 
werden im Kanäle Hydranten, die mit der Nutzwasserleitung in Verbindung stehen, 
angebracht werden. 

Bei der Besprechung der Geschwindigkeiten der abfließenden Wassermengen 
wurde bereits S. 49 hervorgehoben, daß das Brauchwasser im Hauptsammelkanale mit einer 
mittleren Geschwindigkeit von 0,67 m, die vierfache Brauchwassermenge mit 0,96 m 
in der Sekunde abfließt, und die Geschwindigkeit des einfachen Brauchwassers schon 
die Gewähr bietet, daß alle schweren Stoffe aus dem Kanalnetze durch das Abwasser 
weggetragen und keine Ablagerungen entstehen werden. Der Abfluß des Branch- 
wassers würde daher vollständig genügen, den Kanal rein zu halten, wenn unmittelbar 
nach der Erbauung des Hauptsammeikanals die den- Berechnungen zu Grunde gelegte 
Bevölkerungszahl an die Kanalisation angeschlossen wäre, und auf jeden Bewohner 
der Tagesverbrauch von 90,5 1 Wasser entfallen würde. Die berechneten Brauch- 
wassermengen sind aber gegenwärtig und für die nächste Zukunft noch nicht vor- 
handen, es wird daher auch an jener Wassergeschwindigkeit fehlen, die für eine rasche 
Entfernung der fäulnisfähigen Stoffe erforderlich ist. 

Um die in hygienischer Beziehung wünschenswerte schnelle Abführung der 
Kanalwässer zu ermöglichen, muß anderweitig Sorge getragen werden, die zur Er- 
höhung der Geschwindigkeit erforderlichen Wassermengen herbeizuschaffen. Dureh 
die projektierte Regulierang des Donaukanals kann Wasser in ausreichendem Maße 
mittelst Spüleinlässen an jenen Stellen in den Hauptsammelkanal eingeleitet werden, 
an welchen der gestaute Wasserspiegel des Donaukanals höher liegt als die AbfluB- 
linie des vierfachen Brauchwassers. Die Schwellen der Spüleinlässe sollen nicht tiefer 
liegen als die der Notauslässe, damit bei stärkerem Regen durch eventuell offene Spül- 
einlässe das Kanalwasser nicht früher in den Flußlauf gelangen kann, als über die 
Schwellen der Notauslässe. 

Mit Hilfe der Spüleinlässe kann ein Wasserstrom kontinuierlich durch den 
Hauptsammelkanal geleitet werden, der der vierfachen Brauchwassermenge entspricht, 
dessen Abflußgeschwindigkeit 0,91—1,01 m in der Sekunde befragt, und bei dessen 



Kanalisation. 51 

Funktionierang alle festeren Stoffe fortgetragen werden, weshalb eine weitere Reinigung 
des Hauptsammelkanals nioht erforderlich sein wird. 

Für die Abfahr des in den Yentilationsschäehten etwa abgeworfenen Schotters 
und StraßenkotheS; sowie für die Entfemang von eventuell in den Nebenkanälen ab- 
gelagerten Stoffen werden Schlammboote benutzt, welche auch zur Vornahme von Repa- 
raturen, zur Reinigang der Deckgewülbe und zu den regelmäßigen Befahrungen in 
Verwendung genommen werden sollen. 



Funktionierung bei Hochwasser. 

Durch die Herstellung einer Absperrvorrichtung in Nußdorf werden die Hoch- 
wässer des Donaustromes verhindert, von oben in den Donaukanal einzudringen; die- 
selben können aber von der Ausmündung her in den Donaukanal zurückstauen. Bei 
einem Wasserstande von 5,60 m über Null werden sämtliche Notauslaßschwellen über- 
rennen und der Hauptsammeikanal von km 1,1 an in voller Profilhöhe mit Rückstau- 
wasser erfüllt sein. Hierbei ist jedoch zu beachten, daß die Kanal wässer durch das 
Stauwasser entsprechend verdünnt werden, femer im Donaukanal große Wassermengen 
vorhanden sind, und solche Hochwässer nur sehr kurze Zeit andauern und rasch ab- 
fließen. Innerhalb 13 Jahren sind nur drei Hochwässer mit 3,80 m Höhe über Null in 
einer Gesamtdauer von zehn Tagen eingetreten. Jene Nachteile, die gegenwärtig 
ausgedehnte Entwässerungsgebiete schon bei Mittelwasser treffen, werden also in 
Zukunft nur bei außerordentlichen Hochwässern und dann in weitaus geringerem 
Maße vorkommen. 



Einzelheiten der Bauausfahrung. 

Der Bau des Sammelkanales am linken Ufer des Donaukanales wurde im Jahre 
1893 in Angriff genommen und bot verhältnismäßig wenig Schwierigkeiten. Für die 
Ausführung des Mauerwerkes wurde zum Teil Stampfbeton, bei den größeren Profilen 
aber Ziegelmaterial angewendet., 

In die Sammelkanäle gelangen aus den Zweigkanälen Sand der ungepflasterten 
Straßen und Wege, kleinere Kiesstttcke, Reibsand aus den Haushaltungen etc. Durch 
die jahrelange Fortbewegung solcher Materialien auf der Kanalsohle wird gewöhnliches 
Ziegelmaterial, sowie Portlandzementverputz angegriffen, und insbesondere dann, wenn 
in den Kanälen Abwässer zum Abflüsse gelangen, die mehr als l%o Säuren enthalten. 
Um den Kanal gegen alle derartigen Angriffe zu sichern und spätere Reparaturen, die 
schwer auszuführen sind, zu vermeiden, werden die Sohle und die Seitenwände nicht 
nur in den Beton-, sondern auch in den Ziegelprofilen bis 35 cm über der Abflußlinie 
des Brauchwassers mit Steinzengziegeln verkleidet. 

Die Betonprofile des linksseitigen Sammlers gelangten in drei verschiedenen 
Größen zur Ausführung, und zwar 1,65 m hoch, 1,30 m breit; 1,90 m hoch, 1,40 m breit; 
femer 1,90 m hoch und 1,50 m breit. Diese Profile haben halbkreisförmige Sohlen und 
bilden den Übergang von dem eiförmigen Querschnitte zu der mit muldenförmiger 
Sohle hergestellten unteren Strecke (Fig. 20 u* 21). 

Im Anschlüsse an die Betonprofile ist ein 1,90 m hohes, 2,20 m breites 
Profil aus Beton mit Ziegelgewölben ausgeführt, an welches sich bei km 2,94 das 

4* 



52 KoRTz. Entwässerung. 

1,90 m hohe und 2,452 m breite Profil aoBchlieBt. Die Kanäle mit muldenförmiger 
Sohle erhalten an den Kämpfern der DeckgewOlbe Eckqnadern etDgefQgt, welche einer- 
seits einen entsprechenden Manerwerksverband gestatten nnd andereraeite ftlr die 
richtige Einhaitang des geringen Gefälles bei der Bauausführung von wesentlichem 
Vorteile sind. 

Die Gesamtkosteo des linksseitigen Kanales beliefen eich auf 1660000 K. 

Der rechtsseitige Hauptsammelkanal (Fig. 19, CDEFG) ist eioe bedeutend 
umfangreichere Anlage, bei deren Projektierung viele schwierige Fragen technischer nnd 
finanzieller Natur zu lösen waren. Dieser Eauptsammler beginnt am Hanptplatze in 
Nußdorf, fuhrt durch die Heiligenstädterstraße bis zur Rampengasse und wendet eich 
dann in die letztere. Nach Unterfahmng der Franz Josefbahn fuhrt die Trace längs 
des Donaukanale an der Heiligenstädter-, Spittelauer- nnd Rossaverlände Über den 
Franz Josefs-Quai bis znr Abzweigung der Dominikanerbastei, in dieser weiter bis zur 
Wollzeile und nach der Kreuzung der Ringstraße bis zum Wienfiusse. Letzterer wird 



is 



Fig. 20. BatonproU. 



Fig. 21. Viotl mit Zi^*]^M>«ba. 



unmittelbar unterhalb der StubenthorbrUoke im stetigen Gefälle nnterfahren, worauf 
der Kanal den ehemaligen Eislaufplatz kreuzt, unter dem Bahnhof-HanptzoUamt in die 
Marxergaese einbiegt und in dieser bis zum DoDankanal geführt wird, längs welchem 
er sodann bis zur Staatsbahnbrfieke und weiter bis zum Donanstrom gefUhrt wird 

(Fig. 22). 

FUr die Ausführung der Durcbflußprofile wurden zehn Tj-pen aufgestellt Das 
kleinste Profil in der obersten Strecke ist eiförmig, 1,10 m breit, 1,65 m hoch, ans 
Beton mit SteinzeugsohlenstHcken und darüber Klinkerverkleidnng der Wände. Von 
der Krottenhach-EinmUndung bis zum Aisbache ist die Sohle halbkreisförmig, von da 
abwärts muldenförmig. Am Franz Josefs-Quai und auf der Dominikanerbastei beträgt 
die Breite des Profils 2,90 m, die Höhe 2,25 m. In der Strecke Postgasse-Dominikaner- 
bastei-Wienfluß wurde mit Rücksicht auf die bedeutende Tiefenlage des Kanales und 
wegen der Kreuzung von wichtigen Verkehrsstraßen die Kanalherstellung mittels Mi- 
niernng zur Durchführung gebracht; Fig. 23 zeigt das diaelbst hergestellte Profil, Fig. 24 
den Durchbruch der alten Stadtmauern. 



Die Unterfahrnng des WienflnsBes dareh den Sammelkaoal ist mit einem ge- 
druckten Doppelprofile ans zwei Öffnangen von je 2,90 m Breite nnd 1,70 m Hohe ans 








Portlaadzement-Stanipfbeton hergestellt, der namentlicli in den Widerlagern sehr stark 
dimensioniert ist. Das OewKlbe ist nach System Monier ansgefllhrt. 

Über dem Moniergewülbe wurde eine sehr feste und dichte Quaderabdeckung 



B4 KouTZ. Entwässeküng. 

hergestellt, welche unmittelbar die Sohle dm WienfluBses bildet. Nach der Wien- 
änBkreaziing wird das Doppelprofil mittels einer triehterfBrmigeu Änsgeetaltang 

wieder zu einem Profil von 
4,20 m Breite und 3,90 m Höhe 
vereinigt, welches durch die Marser- 
gaase bis zur Überfallkammer 
bei der Sofienbrllcke reicht. 
Eine Darstellung der Baaans- 
fuhrnng iq der Harxergasse ist 
in Fig. 25, der Überfallkammer 
in Fig. 26 gegeben, ans welcher 
die Vereinigung des ans der 
Marxergasse kommenden Haupt- 
aammlers mit dem WeißgSrber 
Nebe&aammler ersichtlich ist. Von 
der Überfallkammer SofienbrUcke 
nach abwärts bis znr proTisorischen 
AnsmllDdang bei der Staatabahn- 
brllcke gelangte das in Fig. 27 
dargestellte Profil znr Ausführung, 
das eine lichte Breite tod 8,30m, 

Flg. 23. Fiofll outei dar Somlnik&iiaTbfttt«!. 



P[g. 24. DimUftlimiiK dar ftltsn BtadtmAner, 

eine lichte HShe von 4,60m mit einem für den Abfluß der Brauchwasser dienenden ö m 
breiten, 1 m tiefen Gerinne erhHlt. 



Kanalisation. 55 

Bei AnsfUhrnng der Profile des rechtsseitigen Hauptsamtuelkanals wurde die 
Verwendnag von Beton in atisgedehntem Maße vorgesehen; das Gewölbe der grBßeren 
Profile wurde in der Regel ans Ziegelmanerwerk hergestellt, die Profile sind mit einer 
Elinkerverkleidnng der Sohle und Wände und mit EokstUcken aus Granit ausgestattet 



Mit den Bauarbeiten fUr den rechtsseitigen Banptsammelkanal wurde im April 
1895 begonnen. Gegenwärtig sind bereits die Strecke vom Nußdorf^r Hauptplatze 
bis zur Sofienbrllcke in einer Länge von 8045 m, sowie die beiden Nehensammler in 
der Muthgasse and au der Weißgärberlände in einer Gesamtlänge von 3628 m voll- 
ständig fertiggestellt und in Betrieb gesetzt, zu welchem Zwecke derzeit eine provi- 
sorische Ansmttndung unterhalb der Sofienbrücke in Wirksamkeit steht. Desgleichen 
ist der Kanal von der StaatsbahnbrUcke aufwärts in einer Länge von 2357 m fertig- 



56 KoRTZ. Entwässerung. 

gestellt Die oocb restUchen 956 m dieses Sammlers sollen bis Mai 19C@ volleadet 
werden. 



Der rechtsseitig^e Sammelkanal besitzt ans dem Donankanal drei SpUleiDlässe, 
and zwar beim Schottenriug, bei der Sofienbrttcke und bei der EinmUndnng des Favo- 
ritener Sammelkanals, Außerdem ist nächst der Stnbenthorbrtteke eine SpUlanlage 



Kanalisation.. 




Flg. 27. dBMptofll d«i E*npt*Miiinl«n nntwkalb Am KotktwIuiN M dar ft»fi«nbrAak* 1 



Fig 28. SpSlBBlBg« bti i»t StnbsntliorbiSeke. 



58 KouTz. Entwässerung. 

hergestellt, mittels welcher sowohl das Wasser des Wiener-Neastädter Kanals als auch 
das Wasser des Wienflusses zur Spülung des Kanals nnd des rechten Wienflnß- 
Sammelkanals verwendet werden kann (Fig. 28). 

Die Strecke des rechtsseitigen Haaptsammelkanals vom Schottenring aufwärts 
kann wegen ihrer Höhenlage vom Donaukanal aus nicht gespült werden. Das Spül- 
wasser für diese Kanalstrecke soll aus Spülbecken entnommen werden, deren Her- 
stellung gemeinsam mit Schotterfängern an dem oberen Ende der verschiedenen Bach- 
einwölbungen geplant ist. Eine deraiidge Anlage am Aisbache im Neuwaldegger Parke 
mit einem Fassungsraum von 3400 cbm Spülwasser wurde bereits fertiggestellt, während 
eine zweite Anlage am Steinbergerbache für 1800 cbm Spülwasser in Ausführung 
begriffen ist. 

Die Baukosten des rechten Hauptsammeikanals von Nußdorf bis zur Stadtbahn- 
brücke sind mit 10330000 K. berechnet; für die Herstellung der Fortsetzung bis zum 
Strome sind weitere 8000000 K. veranschlagt. 

Die Projektierung und Bauleitung oblag unter der Oberleitung des Stadtban- 
direktors Franz Berger dem Baurate Josef Kohl. 

b. Sammelkanäle. 

Es ist bereits erwähnt worden, daß die das Stadtgebiet durchziehenden Bäche 
zum größten Teile bereits eingewölbt wurden und als Sammelkanäle für die an ihren 
Geländen liegenden Stadtteile benutzt werden. Diese, sowie die sonstigen Sammler, 
welche in der nachstehenden Tabelle nach dem Stande von 1900 verzeichnet sind, 
münden teils direkt, teils indirekt in die beiden vorbeschriebenen Hauptsammei- 
kanäle ein. (Siehe Tabelle auf Seite 59.) 

Von den in der Tabelle angeführten Sammelkanälen wurden die beiderseits des 
Wienflusses liegenden, welche zum großen Teil bereits aus den Jahren 1830 — 1840 
stammen, gelegentlich der Regulierung des Wienflusses in den Jahren 1894—1898 
einem teilweisen Umbau unterzogen und bis nahe an die Glrenze des neuen Gemeinde- 
gebietes verlängert. Diese Kanäle sind ebenfalls mit Überfällen in den Wienfluß ver- 
sehen, welche jedoch erst dann zu wirken beginnen, wenn das Kanalwasser durch 
größere Regenfälle eine 4— 5 fache Verdünnung erfahren hat. Auch der Alsbach-Kanal 
wurde in den Jahren 1894 — 1896 um 2700 m verlängert. 

c. Strarsenkanäle« 

An diese Sammler schließen sich Hauptkanäle und das Netz der Straßenkanäle 
in sechs Größenabstufungen an, wovon die kleinste und größte Type auf S. 60 
abgebildet sind. Seit dem Jahre 1873 werden alle diese Kanäle ans Beton hergestellt 

Diese Betonkanäle (Fig. 29--31J erhalten als Lichtprofil die Eiform. Der Beton 
wird im Mischungsverhältnis von einem Teil Portland- oder Schlackenzement zu zwei 
Teilen Flußsand und vier Teilen Schotter hergestellt und direkt in der Baugrube über 
Schablonen aus Eisenblech eingestampft. 

Kanäle, welche ein starkes Gefälle besitzen oder Industriegebiete zu ent- 
wässern haben, erhalten an der Sohle Verkleidungen aus glasierten Steinzeugschalen 
(Fig. 31). 

Die Gemeinde erhält von den Eigentümern der Grundstücke, für welche eine 
Verpflichtung zur Einmündung in den städtischen ünratskanal besteht, als Beitrag zu 



Kanalisation. 



59 



ZaBammenstellung der Sammelkanäle in Wien nach dem Bestände 

von Ende 1900. 



<2 


Sammelkanal 

a. in den Sammelkanal am 

rechten Ufer des Donan- 

kanales einmündend: 

Schreiberbach 


ha 
377 


Länge 
m 


Gefälle 

o/oo 


Profil im 


Lichten 


weit 
1,90 


hoch 


1 

1 

1 ' 

1 


540 


13,5 


1,90 


2 i 

1 


Nesselbach 


386 
1079 


3574 
2628 


32 
56 


1,40 
0,90 

1,40 
2,00 

2,20 
1,70 

" 7,1 
3,9 

2,5 

2,3 


2,10 
1,35 


1 
3 


Erottenbach 


18 


1,90 
2,60 


1 

4 


• 

Währingerbach 


514 
1771 

182 


3085 

7640 

* 


12,6, 16,0 


1,90 
2,40 


1 

5 

1 


1 

Aisbach 

1 


2,9, 17,4, 16,6 

42 
34 

10,4 
7,5-17,0 


2,8 
3,9 
2,9 
2,7 


6 


Halterbach 


895 
1665 


1,20 


1,80 


7 


Kanal der Ringstraße .... 


114 


1,74-1,58 
1,7 


2,05 
1,3 


8 

1 


Ottakringerbach 


702 
313 

820 
248 


5048 


1,74—1,68 
1,7 


2,05 
1,3 


9 


Entlastnngskanal für den Otta- 
kringerbach 

1 


3756 


11 

14,8 1 
20,5/ 


1,60 
1,40 


2,10 
1,90 


10 


Linksseitiger Wienflaß-Sam- 
melkanal ........ 


8273 
432 

6858 


2,9-4,5 


1.9. 
1,30 

1,30 
1,10 


2,2 

1,65 

1,65 


11 i 


Ameisbach 


23 

1 ' 

2,2-6,4 


1,65 


12 

1 


Rechtsseitiger Wienflaß-Sam- ' 
melkanal | 


1313 
1109 

545 

1 


1,9 
1,50 

2,90 
3,30 

2,20 
1,90-0,80 


2,5 

1,90 


13 

t 


1 

Lainzerbach 


2140 
4622 


8 
6 


2,25 
2,30 


14 


Favoriten-Sammelkanal ... 

1 


3,0-9,0 
2,7—14,8 


2,33 
2,50 1,10 


15 


Simmeringer Sammelkanal . . 

1 


^71 


1896 


2,60 
2,0 


2,55 
1,9 


16 


b. in den Sammelkanal am 

linken Ufer des Donan- 

kanales einmündend: 

Brigittenaner Sammelkannal . 
Sammelkanal d. Dresdnerstraße 


204 


1 
1 

' 1482 

1 
1 


1 

1,7 

1 


1 2,9 
1,26 


2,37 
1,66 


17 


161 


: 2480 

! 


1,2 

1 


1,3—1,0 


1,95-1,6 



60 



KoRTz. Entwässerung. 



den Kosten der Kanalherstellang für den laufenden Meter Straßenfront der betreffenden 
Bealität eine Gebühr von 24 E. 

Die Entwässerung der Straßen erfolgt durch Steinzeugrohrleitungen, welche 
von einem im Straßenrinnsal hergestellten, mit einem Schlammkasten versehenen 
Schacht ausgehen und ohne Wasserverschluß direkt in die Straßenkanäle mttnden. 
Diese Entwässerungsanlagen dienen demnach im Verein mit den direkt auf die Kanäle 
aufgesetzten Einsteigschächten und den Hausanschlüssen anch zur Ventilation des 
Kanalnetzes. 



6tZ2 




- ^i.017^ 



Fig. 29. Profil I. 



098S 





Fig. 31. BoldeniohAle aus 
Steinieng sn Profil I. 



Fig. 30. Profil VI. 



Eine regelmäßige Spülung des Kanalnetzes mittels SpUlvorrichtungen findet im 
allgemeinen noch nicht statt, da die aus der Hochquellen-Wasserleitung zur Verfügung 
stehenden Wassermengen noch nicht ausreichen. Es sind jedoch — wie bei dem 
Abschnitt »Hauptsammeikanäle« bereits erwähnt wurde — Vorkehrungen zur Gewinnung 
größerer Wassermengen getroffen, wonach sodann die nötigen Spüleinrichtungen allgemein 



ausgeführt werden. 



d. Hansanschlflsse. 



Der Anschluß der Aborte an die allgemeine Kanalisierung ist obligatorisch, und 
es haben daher die Entwässerungsanlagen der Häuser außer den Meteorwässern auch 
die Brauchwässer und die Fäkalien abzuführen. 

Bezüglich der Art der Ausführung dieser Anlagen sind zu unterscheiden: die 
Entwässerung a) mittels begehbarer Kanäle, b) mittels Rohrleitungen. Bis zum Jahre 
1883 waren für] Hausentwässerungen ausnahmslos gemauerte schlupf bare Kanäle mit 
eiförmigem Profil von 0,63 m lichter Weite und 1,10 m lichter Höhe gesetzlich vor- 
geschrieben. Die Aborte, welche entweder aus 'offenen Trichtern bestanden oder als 
Waterclosets hergestellt werden konnten, mündeten mittels eines gußeisernen senk- 
rechten Schlauches direkt in den Hauskanal; behufs Ventilation waren diese Schläuche 
bis über Dach zu verlängern und überdies in der Nähe von Rauchfängen ein direkt 
am Kanal bis über Dach führender Schlot anzubringen. 

Erst die am 17. Januar 1883 erlassene und noch in Geltung stehende Bau- 
ordnung für Wien gestattete für Hausentwässerungen außer den schliefbaren Kanälen 



Kanalisation. 61 

(deren Liehtprofil nun mit 0,60 m lichter Weite und 1,05 m lichter Höhe festgesetzt wuMe) 
auch die Herstellung von Bohrleitungen von mindestens 0,18 m lichter Weite, und 
schrieb für Aborte im Innern der Wohnungen Waterclosets vor. Infolge der vielen 
Vorteile, welche Rohrleitungen in Bezug auf die Abfuhr der Unratstoffe, die Rein- 
haltung, die Kosten der Herstellung u. s. w. bieten, brach sich dieses System der 
Hausentwässungen rasch Bahn, so daß gegenwärtig im gesamten derzeitigen Gemeinde- 
gebiet bei Neu- und Umbauten größtenteils Rohrleitungen in Anwendung kommen. 

Wasserverschlttsse werden nicht in der Rohrleitung selbst, sondern an den 
Stellen, wo die abzuführenden Wässer von außen in die Entwässerungsobjekte (Wasser- 
leitungsmuscheln, Ausgüsse, Badezimmerabläufe, HofguUies u. s. w.) treten, angebracht. 

e. Beinignng der Kanäle. 

Die Reinigung der begehbaren Kanäle geschieht des Nachts durch Handarbeit 
in bestimmten Intervallen, und zwar werden die Straßenkanäle, je nach ihrem Gef&Ue 
und sonstigen Lokalverhältnissen, vier-, sechs- oder zwölf mal im Jahre, die Haus- 
kanäle jedoch durchwegs allmonatlich einmal geräumt. Die hierbei ausgehobenen 
Massen werden in hölzerne, ca. 0,3 cbm fassende und mit einem Deckel geschlossene 
Kübel an eine am Donaukanal im III. Bezirk gelegene Abladestation gebracht, daselbst 
in diesen Kübeln auf Schiffe verladen, bei Anbruch des Tages an die Ausmttndung 
des Donaukanals in den Donaustrom geführt und endlich in letzteren entleert. Die 
aus den Kanälen ausgehobenen Massen bestehen ihrer Hauptsache nach aus Scheuer- 
sand, aus Abnutzungsprodukten der Straßendecken, festen Abfällen der Haushaltungen 
und sonstigen schweren Stoffen; Fäkalstoffe sind infolge der starken Auslaugung in 
denselben nur in verschwindender Menge enthalten. 

Die Räumung der Senkgruben erfolgt dort, wo deren Inhalt seitens des Eigen- 
tümers nicht landwirtschaftlichen Zwecken zugeführt wird, in ähnlicher Weise, jedoch 
wird nur der konsistente Inhalt direkt dem Donanstrom übergeben, der dünnflüssige 
dagegen aus den Gruben in Fässer abgepumpt und in den nächsten Sammelkanal entleert. 

Die Reinigung der gesamten öffentlichen und privaten Kanäle, Rohrleitungen 
und Senkgruben, sowie die Abfuhr der ausgehobenen Massen ist Unternehmern gegen 
Pauschalvergütung übertragen, deren Arbeitsleistung durch hierzu von der Stadt 
bestellte Aufsichtsorgane streng überwacht wird. Eine Quote von 70^ der für diese 
Arbeitsleistung und die Beaufsichtigung derselben bezahlten Beträge wird auf die 
Hauseigentümer nach Maßgabe des Zinserträgnisses der betreffenden Häuser umgelegt. 
Die einmalige Räumung eines laufenden Meters Straßenkanal kommt auf 11,5 h, eines 
laufenden Meters Hauskanal auf 7 h zu stehen. 

Die Menge der aus den Kanälen und Senkgruben ausgehobenen und zur 
Donau geführten festen Massen ist trotz der steten Zunahme der Bevölkerung und 
der fortschreitenden Ausdehnung des Kanalnetzes in fortwährender Abnahme begriffen, 
und im ehemaligen Gemeindegebiet von 12 584 cbm im Jahre 1880 auf 5930 cbm im 
Jahre 1900, d. i. von 17,45 1 auf 7,06 1 pro Kopf und Jahr gesunken; ein günstiges Ergeb- 
nis, welches teils auf den weit vorgeschrittenen Umbau des Kanalnetzes in den alten 
Bezirken, teils auf die immer weiter um sich greifende Herstellung von Rohrleitungen 
und Ausbreitung der Bespülung zurückzuführen ist. Im Jahre 1898 betrug die Menge 
der ausgehobenen festen Massen für das gesammte Gemeindegebiet 9368 cbm, also im 
Tagesdurchschnitt 25,7 cbm. 

Bei den Anlagen der neuen Hauptsammeikanäle ist darauf Rücksicht genommen, 



62 KoRTz. Entwässerung. 

daß gegebenenfalls die Kanaljanche in der Nähe der AasmUndang gehoben und zur 
Berieselang des Marehfeldes verwendet werden kann. 

Ende 1899 umfaßte das Eanalnetz in Wien rund 608 km Straßen- und 968 km 
Haaskanäle, zusammen 1576 km Kanäle and Rohrleitungen, wobei jene Kanäle, welche 
bloß zur Abfuhr des Regenwassers in den Straßen und Häusern dienen, nicht mit- 
gerechnet sind. Außerdem waren 6012 Senkgruben vorhanden. 

Im Jahre 1900 wurden für die Erhaltung der Kanäle und für Kanalbauten (mit 
Ausnahme der Hauptsammeikanäle} 1 986 000 Kr. , für Räamung der Senkgruben und 
Kanäle 813000 Kr. verausgabt. 

* 
Aus dieser Darstellung kann entnommen werden, daß die Stadt Wien ein 

ziemlich vollständiges Kanalnetz zur Abführung der Abgänge besitzt, welches durch 

allmählichen Ausbau im Laufe einer langen Reihe von Jahren entstanden ist. Infolge 

dieses letzteren Umstandes entspricht das vorhandene Kanalnetz wohl nicht durchweg 

den Anforderungen der modernen Technik. Die Stadtverwaltung ist aber seit langem 

bestrebt, durch allmählichen Umbau mangelhafter Strecken und durch teilweise 

Umgestaltungen das Kanalnetz zu einem vollständigen Schwemmsystem umzuwandeln 

und zu diesem Ende auch die erforderlichen Wassermengen zu beschaffen. 

Hinsichtlich der Regulierung des Grundwasserstandes and der geregelten Abfuhr 
der atmosphärischen Niederschläge sind bereits die besten Resultate erzielt worden, eine 
zeitweise Überflutung der Kellerräumlichkeiten kommt nur noch in wenigen Ausnahme- 
fällen bei ganz besonders ungünstigen Terrainlagen und auch dort nur höchst selten vor. 

Auch bei der Abfdhr der Schmutzwässer und Fäkalien ist in den meisten 
Stadtteilen ein wesentlicher Fortschritt zu konstatieren. Die diesfalls gemachten bau- 
lichen Ausführungen im Zusammenhang mit Verbesserungen bei anderen, die Gesund- 
heitsverhältnisse berührenden Anlagen zeigen bereits den durch die Statistik unwider- 
leglich nachgewiesenen günstigen Einfluß auf die sanitären Verhältnisse der Großstadt 
Vergleiche hierüber den zweiten Teil dieses Werkes. 

Litteratur. 

Berichte über die anf das EanaliBiernngBweBen der Stadt Wien und aaf die Abfahr der Abfallstofie 

bezüglichen Fragen. Selbstverlag des Gemeinderates. Wien 1882. 
Die Kanalbauten der Stadt Wien. Vortrag des Stadtbandirektors Franz Berger, gebalten am VIII. 

internationalen Kongresse für Hygiene und Demographie zu Budapest 1894. 
Über das Projekt für den Hauptsammelkanal am linken Donaukanalufer in Wien. Von Baurat Josef 

Kohl. Zeitschrift des (5sterr. Ingenieur- und Architekten- Vereines 1893. 
Verwaltungsbericht des Btirgermeisters Dr. Karl Lueger über das Jahr 1898. 



C. Bedürfioisanstalten. 

Bis znm Jahre 1883 besaß Wien nnr wenig öffentliehe Bedürfnisanstalten fttr 
beide Gesehlechter, sondern zumeist nnr Pissoire, die znm Teil in eisernen Pavillonf:, 
zum Teil an Wände angebant oder in Häusern untergebracht waren und der Mehrzahl 
nach mit Wasserspttlung versehen waren. Im Jahre 1885 schloß die Gemeinde mit 
dem Unternehmer Wilhelm Beetz einen Vertrag ab betreffend Errichtung öffentlicher 
Anstandsorte auf Plätzen und Straßen, und seither hat sich die Zahl derselben jährlich 
vermehrt, doch konnte teils wegen mangelnden Raums, teils wegen des Widerstandes. 



Fig- 32. Besti'iDhs BedärbiiuuUlt, Anilolit. 




F!g. 3A. StiüitaiMKoaUlt rftl 
\' ~_' HeiTWi and Dtutieii mit (ffanf- 
lioli«» AlpiiMir 
(System Beeti). 



64 



KoRTz. Entwässerung. 



den die Anwohner oft der Errichtung solcher Anstalten entgegenstellten, eine den 
Bedürfnissen entsprechende Vermehrung noch nicht Überall durchgeführt werden. Zur 
Zeit besitzt Wien 56 Öffentliehe BedUrfiisanstalten fUr Herren und Damen mit 
411 Waterclosets und 296 Ölpissoirständen nach System Beetz. 

Diese Anstalten sind (mit Ananabme einiger älteren] ans £isen und Glae in 
gefölliger Form erbaut (Fig. 32) und immer mit Holzverschalnng versehen; sie besitzen 

getrennte Abteiinngen fUr Herren 
nnd Damen mit besonderen Eingän- 
gen und in der Mitte einen vom 
Unterban ans beizbaren Ranm für 
die Wärterin (Fig. 33). Die Abtei- 
lung für Damen enthält vier Kabi- 
nen, wovon zwei [II. Klasse) mit 
je einem Watercloset nnd zwei 
(I. Klasse) aaßerdem noch mit einem 
WasohtiBch versehen sind. Die Ab- 
teilnng für Herren enthält vier 
ebensolche Kabinen und auBerdem 
ein Olpissoir mit sechs Standen, 
(AuBlchtl welches darch eine sperrbare Thür 

von der Klosetabteilnng getrennt 
ist, damit letztere bei IJacbt ge- 
schlossen werden kann. 18 BedHrf- 
nisanstalten sind Tag und Nacht 
geöffnet, 38 nnr bei Tag; die Pis- 
soire in allen diesen Anstalten sind 
auch bei Nacht zugänglich. 

Die Baukosten einer solchen 
Anstalt betragen rund 18000 Kr. 
Für die Benutzung werden in den 
Klosets I. Klasse 10 Heller, II. Klasse 
6 Heller erhoben, die Benutzung 
des Pissoirs ist frei. Die Zahl der 
Besucher der Klosets betrug im 
Jahre 1900 gegen 2>/! Millionen 
Personen. 

Außer den Pissoiren in den 
vorerwähnten Bedürfnisanstalten be- 
sitzt Wien noch 86 eiserne Pavillon- 
pissoirs mit je 5 Ständen nnd 120 
Wandpissoirs mit 2 bis 20 Senden, 
zusammen 942 Stände (Fig. 34 u. 35). Hiervon sind 709 Stände mit WasserspUlang 
versehen, 233 nach Beetzschem Olsystem eingerichtet. Die Gesamtzahl der PiBstände 
betillgt sonach derzeit 1238, wovon 529 mit Olsystem. 

Das Beetzsche Olsystem (Fig. 36), welches zuerst in Wien im Jahre 188ä ein- 
geführt wurde, bat stcb nach den bisherigen, 15jäbrigen Erfahrungen gut bewährt, eo 
daß dessen Einftlhrung bei allen Ständen in Aussicht genommen ist. Es ist voll- 
kommen geruchlos und auch ökonomisch der Wasserspülung vorzuziehen. 




Fig. 3Ö. WutdpUwii. (OTandriß.) 



Eakalisation. 



Die Erh&ltang eines WasBerpisBoirBtandea kostet der Gemeinde jährlieh nogefäbr 
200 Kronen, wobei wegen Wassermangel nur eio Waaserqaantnm von 2,5 cbm für 
den Stand nnd Tag zur Sptllnng verwendet wird. Dagegen zahlt die Gemeinde dem 
Unternehmer Beetz fUr die Erhattnng eines städt. Ölpissoirstandes nur 150 Kronen 
jährlich. Auch die Baukosten stellen sieh bei den Ölpissoiren etwas billiger als bei 
denen mit Wasserspülung. 

Die Bedürfnisanstalten sind nach dem im Jahre 1896 neuerlich mit dem Unter- 
nehmer abgesohloBsenen Vertrage 
von letzterem auf seine Kosten her- 
ZQstellen und gehen nach 25Jahren 
kostenlos in das Eigentum der Ge- 
meinde Ober, wahrend dieser Zeit 
erldlt die Gemeinde von dem Unter- 
nehmer 3<K' des BmttoerträgniBBes. 
Dagegen bezahlt dieselbe an den 
Unternehmer für die Erhaltung der 
in diesen Anstalten untergebrachten, 
frei zugänglichen 
Olpissoire per 
Stand nnd Jahr 
ein Panschale von 
80 Kronen. 

Die Ver- 
einigung der Pis- 
soire mit den 
Elosets in einem 

gemeinsamen 

Pavillon bietet Fjg. 36. Aii^phou. 
mancherlei Vor- 
teile und wird deshalb in neuerer 
Zeit bei alten Keuanlagen duroh- 
gefuhrt. 

Wegen der Schwierigkeit der 
Unterbringung solcher B e d U r f - 
DiBanstalten gerade auf den 
frequentesten Plätzen, wo dieselben 
am nötigsten wären , denkt man 
daran, dieselben — wie in Lon- 
don — au solchen Punkten in den 
Untergrund zu verlegen. Ein der- 
artiges , TOD Prof. Mayreder fUr 
den Stephausplatz entworfeneB 
Projekt ist nebenstehend {Fig. 37) dargestellt 




Flg. 37. 



Sntwuf Ox «in* uitetlrdliolia BtdfiTfBJikaiUlt. 
(Qnmdriß.) 



Im Mittelpunkt dieser Anlage soll im 
StraQenuivean ein kleiner monumentaler Brunnen errichtet werden. Die Kosten dieser 
Anstalt, welche an den Unternehmer der Übrigen Anstalten verpachtet werden soll, 
sind — ohne den Brunnen — auf 52 000 Kronen berechnet 



III. Kegulierung des Wienflusses 

bearbeitet von Bauinspektor Sortz. 

A. Topographisches und Hydrographisches, 

Der Wienfluß entspringt oberhalb Preßbanm in den Ausläufen der Alpen, durch- 
zieht die westlichen Vororte und Bezirke von Wien und mündet unterhalb der Aspem- 
brücke in den Donaukanal. Sein Ursprung bez. 'seine Wasserscheide hat eine Meeres- 
cote von 620 m, während seine Mündung 156 m über dem Meeresspiegel liegt. Die 
Gesamtlänge beträgt gegen 34 km, das Niederschlagsgebiet hat eine Fläche von 224,2 
Quadratkilometer. Nebst den seine Quellen bildenden Zuflüssen nimmt der WienfluB 
am linken Ufer neun, am rechten Ufer sechs Bäche auf. 

Der Wienfluß durchzieht von seinen Quellen bis unterhalb Hütteldorf einen 
Teil der alpinen Sandsteinzone, von hier abwärts das Gebiet der Tertiär- und Dilu- 
vialgebilde des Wiener Beckens. Von dem Niederschlagsgebiete sind rund 128,3 qkm 
bewaldet, rund 71 qkm entfallen auf Gärten und unverbaute Flächen und rund 25 qkm 
auf die diohtbebauten und bevölkerten Stadtteile. 

Die im Wienflusse abgeführten Wassermengen schwanken innerhalb sehr weiter 
Grenzen. Die intensivsten Regengüsse — wie ein solcher am 28. Juli 1882 mit 195 mm 
Niederschlag in 24 Stunden in Hadersdorf und mit 138 mm im Mittel gemessen wurde — 
ergeben nach den Berechnungen der Sachverständigen eine sekundliche AbfluBmenge im 
unteren Laufe des Wienflusses von 500 bis 600 cbm, während zur Zeit der größten Trocken- 
heit die zum Abflüsse gelangende Wassermenge 200—300 Liter in der Sekunde beträgt. 
Erstere Menge beträgt also rund das 2000 fache der letzteren. 

Der Wienfluß besitzt sonach — sowohl vermöge seines Gefälles als seiner 
wechselnden Wassermengen — ganz den . Charakter eines Gebirgsbaches. 

B. Geschichtliches. 

Die durch größere Regen entstehenden excessiven Hochwässer und deren Folgen, 
sowie die gesundheitsschädlichen Ausdünstungen in trockenen Zeiten waren nebst 
anderen Ubelständen die Ursache, daß die Frage einer Regulierung des Wienflusses 
schon seit mehr als hundert Jahren erörtert wurde. Schon im Jahre 1782 schlug 
der Architekt Beyer behufs Verschönerung und Verbesserung der Abflußverhältnisse 
am Wienflusse die Anlage von Teichen und Reservoiren in Hietzing, Meidling und 
Schönbrunn mit einem Fassungsraum von zusammen 15 Millionen cbm vor. Infolge von 
Rivalitäten und Gegnerschaften kam jedoch weder dieses noch ein Projekt seiner 
Gegner zur Ausführung. 

Die Eingaben der Stadtphysiker, welche auf die sanitären Gefahren hinwiesen, 
wurden jedoch immer dringlicher, sodaß man im Jahre 1814 endlich mit der Regulie- 
rung der Ufer von Schönbrunn bis zur Stubenthorbrücke begann und diese Arbeit in 



Geschichtliches. 67 

drei Jahren mit einem Kostenaufwande von 248000 fl. vollendete. Später wurde diese 
Regalierang bis Weidlingaa fortgesetzt and im Jahre 1825 aaeh mit der Pflasterang 
der Ufer begonnen. In den Jahren 1830—35 wurden beiderseits des Wienflusses 
Sammelkanäle (die sogenannten Cholerakanäle) erbaut und im Jahre 1848 als Notstands- 
bau mehrere Regulierungen des Flußlaufes im Stadtrayon durchgeführt. Ein im Jahre 
1851 eingetretenes excessives Hochwasser gab zwar den Anstoß zur Anfertigung eines 
Regulierungsplanes ; aber dessen Ausführung scheiterte an der ablehnenden Haltung 
der außerhalb Wiens gelegenen Vororte. 

Ein ernsteres Augenmerk wurde dem Wienflusse erst wieder zugewendet, als in 
den Jahren 1870—1872 die Frage der Anlage einer Stadtbahn zur öffentlichen Erörte- 
rung kam, welche die Regulierung des Wienflusses zur notwendigen Voraussetzung 
machte. Es liefen damals von Konsortien und Privaten 23 Projekte ein, von welchen 
12 sich auch mit der Regulierung, Schiff barmachung oder Ableitung des Wienflusses 
beschäftigten. Diese zum Teil sehr bemerkenswerten und detailliert ausgeführten Pro- 
jekte wurden jedoch durch den wirtschaftlichen Rückfall im Jahre 1873 zunichte 
gemacht; denn dieselben konnten nicht mehr die nötige finanzielle Unterstützung 
erlangen. 

Erst im Jahre 1882 kam der Wiener Gemeinderat infolge neuerlich eingereichter 
Projekte für eine Wiener Stadtbahn wieder in die Lage, sich mit dieser Frage ernstlich 
zu beschäftigen und er gelangte am 14. Februar 1882 zu dem Beschlüsse, eine Exper- 
tise einzuberufen, die mit der Aufgabe betraut wurde: *den Wienfluß in seiner ganzen 
Ausdehnung, von der Quelle bis zur Einmündung in den Donaukanal, mit Rücksicht 
auf eine Regulierung oder Verwertung desselben zu studieren, alle einschlägigen Ver- 
hältnisse in Erwägung zu ziehen und mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Zustand 
des Wienflusses ein Gutachten abzugeben, welches als Grundlage für die Aufstellung 
eines Programmes zur Verfassung von einschlägigen Projekten dienen könne«. 

Diese Expertise, welcher die Herren Ministerialrat R. Miklitz, Bergrat K. M. Paul, 
Prof. Dr. J. Hann; Prof. Dr. J. Nowak, Ingenieur J. Riedel, Oberingenieur G. Fänner, 
Zivilingenieur A. Knobloch und Bauinspektor A. Oelwein, sowie als beratende Mit- 
glieder Oberingenieur F. Berger, Ingenieurassistent F. Kindermann und die Gemeinde- 
räte Architekt Streit und Weissenberger angehörten, erstatteten im August 1882 einen 
eingehenden Bericht. 

Auf Grund dieses Berichtes wurde vom Stadtbauamte im Jahre 1882 ein General- 
projekt ausgearbeitet, welchem als Prinzip die Efnwölbung des Flußlaufes im Stadt- 
gebiete, die Anlage von Staubassins behufs Rückhaltung der excessiven Hochwässer 
und die Herstellung eines zweiten Gerinnes von Hadersdorf über Breitensee, Ottakring, 
Ober-Döbling zum Donaukanale zu Grunde gelegt wurde. Im weiteren Verlaufe der 
Projektsarbeiten wurde vom. Gemeinderate im Jahre 1886 abermals eine Expertise ein- 
berufen, welche sich mit den technischen Fragen: Bestimmung der AbfluBmengen, 
Form und Größe der Einwölbungsprofile, Größe der Bassinanlagen zu beschäftigen 
hatte. Außer den schon vorerwähnten Technikern wurden dieser Expertise noch die 
Herren Ingenieur P. Klunzinger, Civilingenieur v. Podhagsky und Prof. J. G. Schön 
zugezogen. Diese Expertise kam zu folgenden Schlußanträgen: 

1. Eine Teilung des Abflaßgerinnes der Wien soll nicht stattfinden. Die im 
Projekte des Stadtbauamtes beantragte Ableitung von Weidlingau in den Donaukanal 
bei Nußdorf ist nicht auszuführen und sind die Abflüsse des Wienflußgebietes im 
gegenwärtigen Bette abzuleiten. 

5* 



68 KoRTz. , Regulierung des Wienflusses. 

2. Das vorgeschlagene System, mittels Anlage von Reservoirs den AbfluB der 
excessiyen Hochwasser zn regulieren, wird als zweckentsprechend und notwendig 
erkannt, dagegen kann einer so weitgehenden Restringierung des Darchflnßprofils bis 
auf 50^ der größten Hochwassermenge nicht zugestimmt werden. 

3. Die Einwölbung der Wien ist durchführbar und empfiehlt sich sowohl aus 
sanitären als auch aus Verkehrs- und anderen öffentlichen Interessen. Die Kunstprofile 
für die Einwölbung sollen — bei einem frei bleibenden Räume von mindesten 1,4 bis 1,5 m 
zwischen Seheitel der Wölbung und dem Wasserspiegel — 600 cbm per Sekunde abzu- 
führen im Stande sein. (Die Form, Größe und Konstruktion dieser Gewölbsprofile 
wurde im Berichte näher erörtert und drei Öffnungen von 7 bis 8 m Lichtweite in 
Vorschlag gebracht.) Weiter werden im Wienflußgebiete noch Reservoirs als Regula- 
toren des Abflusses excessiver Hochwässer mit einem Fassungsraum von mindestens 
1600000 cbm gefordert. 

Die weiteren Vorschläge der Expertise beziehen sich auf die Herstellung von 
Fangrechen zur Abhaltung schwimmender Gegenstände, von Scbotterfängen, Benutzung 
des Wienflußwassers zur Spülung der Kanäle, Ableitung der gesundheitsschädlichen 
Niedrigwässer etc. 

Auf Grund dieser Vorschläge und des vorliegenden reichen Studienmateriales, 
welches inzwischen gesammelt worden war, wurde nun vom Stadtbauamte das Detail- 
projekt für die Regulierungsarbeiten ausgearbeitet und die Kostenanschläge verfaßt, 
welche ein Erfordernis von 36,4 Millionen Kronen ergaben. 

Der Gemeinderat genehmigte, trotzdem von mehreren Seiten lebhaft in Wort und 
Schrift die Bedenklichkeit der Einwölbung eines so gefährlichen Wildbaohes'geschildert 
wurde, diesen Entwurf und beschloß, Verhandlungen mit der Regierung und dem Land- 
tage wegen der Durchführung der Angelegenheit einhielten. Diese Verhandlungen 
zogen sich infolge der vielen hier in Frage kommenden Kompetenzen (die Vororte 
waren damals noch selbständige Gemeinden), sowie wegen der Frage der Aufteilung 
der Kosten, ferner auch durch die einem Konsortium im Jahre 1882 erteilte Konzession 
für eine Wienthalwasserleitung durch mehrere Jahre hin. Inzwischen war die Ein- 
verleibung der Vororte und die Einsetzung einer Kommission für die Durchführung 
der großen Wiener Bauarbeiten — die Kommission für Verkehrsanlagen — herangereift. 

Im Hinblick auf die von dieser Kommission gefaßten Beschlüsse war es erforder- 
lich, für die Wienflußregulierung *ein neues Projekt auszuarbeiten, flir welches ein 
nun auf Antrag des Stadtbauamtes einteiliges Profil, d. h. Einwölbung mittels einer 
Spannweite zugrunde zu legen und die Einwölbung derart in Aussicht zu nehmen 
war, daß die Herstellung der Wienthallinie der Stadtbahn in finanzieller Beziehung 
eine möglichst günstige werde und den ökonomischen Interessen beider Unternehmungen 
in gleichem Maße Rechnung getragen werde. 

Auf dieser Basis wurde das Projekt seitens des Stadtbauamts umgearbeitet und 
Ende 1892 fertiggestellt. Das Projekt wurde am 3. März 1893 von der Kommission für 
Verkehrsanlagen im Prinzip genehmigt. Die Aufteilung der Kosten, welche mit 40 Mil- 
lionen bez. 56 Millionen Kronen nach gänzlicher Herstellung der Einwölbung bis Hietzing 
veranschlagt waren, wurde den weiteren Verhandlungen in der Kommission überlassen. 
Pie Ausführung des Projektes soll nun im Nachstehenden beschrieben werden. 



Assanierung von Wien. 




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Das ausgeführte Projekt. 69 



C. Das ausgeführte Projekt. 

Das zur Ausftthrnng gelangte Projekt weist gegenüber den früheren Entwürfen 
mehrfache Änderungen auf. Während nämlich die früheren Projekte stets zwei- und 
dreiteilige Profile, nnd zwar mit oder ohne Verbindung einer Stadtbahn in Aussicht 
nahmen, weist der endgültige Entwurf ein einheitliches Profil auf, das neben seinen 
sofort erkennbaren technischen Vorzügen noch einen finanziell bedeutungsvollen be- 
sitzt; dasselbe ermöglicht es nämlich, einen Teil der Ausführungen der Zukunft zu 
überlassen, indem man nur die Sohle in der richtigen Lage und die Ufermauern der- 
gestalt ausführen muß, daß sie als Widerlager der künftigen Einwölbung dienen, 
während man die letztere selbst nur nach Maßgabe der yorhandenen Geldmittel und 
des Bedürfnisses herzustellen braucht. 

Die Regulierungsarbeiten erstrecken sich auf eine Flußlänge yon 17 km, nnd 
zwar von der Ausmündung des Wienflusses in den Donaukanal bis nach Weidlingau. 
Sie zerfallen in drei in ihrer technischen Funktion wesentlich verschiedene Her- 
stellungsgruppen. Die erste derselben umfaßt die Anlage der Hochwasserreseryoire 
am Beginne der Begulierungsstrecke in Weidlingau, während die zweite die Ausge- 
staltung des Abflußgerinnes selbst betriflTt, welch letzteres durch die Arbeiten der 
.dritten Kategorie, Ausführung yon Sammelkanälen beiderseits des Wienflusses, seine 
Assanierung nnd Reinhaltung gesichert erhält 



1. Die Hoohwasserreservoire in 

(Vgl. den beigegebenen Lageplan, Fig. 38.) 

Den Hochwasserreseryoiren fällt die hochwichtige Aufgabe zu, die excessiyen 
Hochwässer yor ihrem weiteren Abgange nach Wien so zu regulieren, beziehungsweise 
zu teilen, daß nur eine bestimmte Wassermenge, und zwar 400 cbm, ihren raschen 
Abfluß gegen die Stadt hin findet, während der Überschuß die Reseryoire füllt und 
so eine entsprechende Zeit zurückgehalten wird. 

Die Reseryoiranlage, welche eine Grundfläche yon 37 ha umfaßt, ist an der 
Einmündung des Mauerbaches, des bedeutendsten Zuflusses des Wienflusses, situiert, da 
die Hochwässer erst dann eine außergewöhnliche Größe annehmen, wenn die Hochwässer 
beider Thäler zusammenwirken. Wenn in einem solchen Falle die Hochwassermengen 
yonoL Wienflusse mit 480 cbm per Sekunde und diejenigen 'yom Mauerbache mit 130 cbm 
zusammenfließen, so sollen — wie oben angeführt — gegen Wien hin blos 400 cbm 
abfließen, während 210 cbm seitlich in die Bassins gedrängt werden. Der Inhalt der 
Reseryoire ist nun so bemessen, daß die Wassermassen, welche nach yoUzogener Fül- 
lung der 1,6 Millionen cbm fassenden Bassins wieder in das Flußgerinne eintreten, 
dort bereits niedrige Wasserstände yorfinden. Die Füllungszeit det Reseryoire beträgt 
über zwei Stunden; innerhalb eines solchen Zeitraumes aber hat die Flutwelle, wie 
langjährige Beobachtungen übereinstimmend gezeigt haben, ihren höchsten Stand bereits 
y erlassen, sodaß die Entleerung der Reseryoire ohne höhere Inanspruchnahme des 
Ablaufgerinnes erfolgt. 

Die Reseryoiranlagen zerfallen in zwei nach den Flußläufen getrennte Teile, 
und zwar in die Wienfluß-Anlagen und die Mauerbach-Anlagen. 



EoRTz. Regulierung des Wienflusses. 



und dem Weatbahndamme bei Hutteliioif-Bad. Anch diese Reservoire sind in das 
Terrain versenkt and von einander durch Betontraversen getrennt, die so angelegrt 



Das ausgeführte Projekt. 71 

sind, daß die gestauten Wasserspiegel in regelmäBigen Staffeln von je 2 m abfallen, 
welche das durchschnittliche WienflnBgef alle, das ist ungefähr 5%o, bilden. Der Abfluß 
erfolgt in der Höhe der Traversenkronen von selbst, während die darunter gelegenen 
Wassermengen sich durch in den Wehrkörper oder der Sohle eingelegte stets offene 
Röhren nach unten automatisch entleeren, oder auch durch Schleusen in das regulierte 
Gerinne abgelassen werden können. Die Bassinböden, die aus geneigten, durch- 
schnittlich nahezu gleichhoch wie die künftige Wienflußsohle liegenden Flächen 
bestehen, werden durch gepflasterte Gräben entwässert. 

Von dem Verteilungswerke ab wird der Wienfluß in einem von dem Reservoiren 
durch eine Betonmauer vollkommen getrennten Gerinne, dem sogenannten Umlaufgraben, 
einem 1300 m langen Durchstiche geführt. Bei Hütteldorf-Bad, m dem oberen Eng- 
passe, mündet dieses neue Gerinne zugleich mit dem Ablaufe des letzten Bassins in 
das alte WienfluBbett wieder ein (Fig. 39). 

Die Trennungsmauer zwischen den Reservoiren und den Umlaufgraben ist 6—8 m 
hoch, hat 2 m Eronenstärke, ist bassinseitig vertikal und andererseits mit 1 : 2,4 Anzug 
versehen. Die Einschnittsböschungen der Bassins, deren Versicherung durch Bepflanzung 
geschieht, haben eine Neigung von l'.iy^; Böschungen, die stärkeren Strömungen 
ausgesetzt sind , erhalten ein 30 cm bis 1 m starkes Bruchsteinpflaster bis 50 cm über 
Hochwasserlinie. 

b. Maaerbach-Anlage. 

Der ursprünglich stark gekrümmte Lauf des Mauerbaches ist durch einen ungefähr 
250 m langen Durchstich ersetzt worden; zur Aufspeicherang der größten Hochwässer 
sind an ihn zwei in das Terrain eingelassene Reservoire mit einem Gesamtfassangs- 
räume von 190000 cbm angelegt. Hiervon ist das kleinere, mit einem Holzrechen ver- 
sehene Vorbassin als Ablagerstätte für die mitgeftthrten Geschiebe und zum Zurückhalten 
größerer schwimmender Gegenstände bestimmt, während das große am linken Ufer 
gelegene Reservoir hauptsächlich zur eigentlichen Wasseraufspeicherung dient. Beide 
Reservoire sind miteinander darch ein 30 m langes Überfallswehr verbunden, dessen 
Krone so hoch gelegen ist, daß erst bei einem bestimmten Wasserstande im Vorbassin, 
der dem größten zulässigen Abfuhrsquantum des Mauerbaches entspricht, ein Über- 
stürzen der Wassermengen in das große Reservoir stattfindet. Zur Entleerung des- 
selben ist am flußabwärts gelegenen Ende eine Ablaßschleuse samt Rohr für die 
Bodenentwässerung angebracht. Die Regulierung der von der Westbahnbrücke fluß- 
abwärts gelegenen Strecke des Mauerbachgerinnes beschränkt sich auf die Herstellung 
der Regelmäßigkeit der Sohle und der Böschungen. Nahe der Ausmündung desselben 
in den Wienflaß findet ein 2,5 m tiefer Sohlenabsturz in das neue, vertiefte Wien- 
flußgerinne statt, welcher aus einem Betonkörper mit Absturzboden besteht. 



2. Ausgestaltung des Abfiufsgerinnes von Hütteldorf-Bad bis zum 

Donaukanal (Fig. 40). 

Flußabwärts der Weidlingauer Reservoiranlagen wird das Gerinne des Wien- 
flusses auf eine Länge von 1,6 km bis zur Franz Karl-Brttcke in Hacking mit beider* 
seitigen Böschungen offen weiter geführt; von da ab bis zur Einmündung des Lainzer- 
baches in Hietzing ist das Flußbett auf 3 km Länge rechtsseitig durch die Wasser- 
mauer der Wienthallinie der Wiener Stadtbahn, linksseitig aber durch eine Böschung 



72 KoBTz. Requliebuno des Wienflusses. 

begrenzt. In der hiei sieb ansohlieBeDden Strecke bis Kam Stadtparke, also in einer 
Länge von 6,8 km, ist die Herstellnng der Ufermanern in der eingangs erwähnten 
Weise erfolgt, welche eine kUnfiige Einwölbnng jederzeit gestattet. In der Endstrecke 
endlich von 1,2 km Länge bleibt das Flußbett wieder offen nnd ist dortselbst anf die 






Möglichkeit einer späteren Elnwölbnng Verzicht geleistet; jedoch ist die Ansflthninga- 
weiee eine derartige, daS bei Bedarf künftighin eine Eisentlherdeckung immerhin noch 
hergestellt werden kann. 

Fttr die einznwOlbende Strecke ist als Grundsatz anfgeBtellt worden, daß das 
EinwOlbnngsprofil imstande sein muß, in der Sekunde eine Wassermenge von 600 obm 



Das ausgeführte Projekt. 73 

abzafllhren. Diese Ziffer ist auf Grnnd der Ennittelnngen der in 'den Jahren 1882 
and 1886 durchgeführten umfassenden Expertisen über das damalige Projekt der Wien- 
flaßregulierung festgestellt worden. Es entspricht diese Menge bei dem 224,2 qkm 
umfassenden Niederschlagsgebiete des Wienflusses einem sekundlichen Abfluß von 
2,68 cbm/qkm. Auf Grund der yorgesohriebenen Abfuhrfähigkeit ergaben sich unter 
Berücksichtigung der Sohlengefälle die Spannweiten der Einwölbungsprofile, wobei als 
Norm galt, daß die Hochwasserlinie mindestens 1,7 m unter dem Scheitel der Gewölbe- 
laibung zu liegen habe. Die Sohle des neuen Gerinnes weist gegenüber dem alten 
Bette wesentliche Vertiefungen auf, welche von 50 cm bis zu 3 m nach flußabwärts 
zunehmen. Es muß hier erwähnt werden, daß die Ausführung der Regulierung des 
Flußbettes nicht in regelrechter Weise vom Donaukanal nach aufwärts Yorgenommen 
werden konnte, sondern gemäß dem Programme der Wiener Verkehrsanlagen in erster 
Linie, den Bedürfnissen der Stadtbahn entsprechend, die rechtsseitige Widerlagsmauer 
von Hietziug bis zum Schickanederstege durchzuführen war; dies hatte die wesentliche 
Erschwernis zur Folge, daß der Abfluss der Höchstwassermenge bei Belassung der alten 
höheren Wienflußsohle ermöglicht werden mußte, was allerdings mit Rücksicht darauf, 
daß zunächst die Einwölbung vor Fertigstellung der neuen Sohle ohnehin nicht stattfinden 
konnte, sonach größere Öffnungen freibleiben, etwas von seiner Gefährlichkeit verlor. 

Da die Ausführung der Arbeiten von dem Ende der Weidlingauer Anlagen bis 
zum Lainzerbache nur geringes Interesse bieten wird, wird hier nur auf die Ein- 
Wölbungsstrecke (Hietzing — Stadtpark) und auf die Strecke Stadtpark — ^Donaukanal 
näher eingegangen. 

a. Ton Hietzing bis zu Ende der Einwölbung beim Stadtparke. 

(Vgl. das beigegebene Profil a, Fig. 40.) 

Schon eingangs ist dargelegt worden, daß in dieser Strecke die Ausführung der 
Ufermauem in einer Weise erfolgte, welche eine spätere Herstellung der eigentlichen 
Einwölbung ermöglicht. In der That ist auch ursprünglich die sofortige Ausführung 
der Einwölbung nur in der Strecke von der Elisabethbrücke bis zur Schwarzenberg- 
brücke in Aussicht genommen gewesen. Seither ist aber durch Beschlüsse des Ge- 
meinderats bereits wiederholt eine weitere Ausgestaltung der eingewölbten Strecke 
eingetreten, sodaß nunmehr schon der Wienfluß von der Leopoldsbrücke ab bis zum 
Stadtpark, sonach in einer Länge von rund 1350 m, zusammenhängend eingewölbt ist. 
In der oberhalb der Leopoldsbrücke gelegenen Strecke wurden partielle Einwölbungen 
dort vorgenommen, wo bisher Brücken bestanden oder Straßen projektiert sind und 
Brücken notwendig werden; es werden auf diese Weise Ein Wölbungsringe entstehen, 
die durch den Einbau von weiteren Einwölbungsstrecken seinerzeit geschlossen werden 
können. Die Einwölbungsringe, welche die bisherigen Brücken ersetzen, werden in 
erheblich größerer Breite ausgeführt als die heutigen Brücken besitzen, sodaß die 
Passage bedeutend verbessert wird; beim Gumpendorfer Schlachthause wird eine 
zusammenhängende Einwölbung in einer Länge von rund 350 m, beim Sohönbrunner 
Schlosse eine solche von 100 m Länge durchgeführt. Insgesamt sind an Einwölbungs- 
strecken und Ringen genehmigt 2300 m. Die dadurch verfügbar werdenden heutigen 
eisernen Brücken werden meist im Außengebiete wieder aufgestellt. 

Die Einwölbungsprofile variieren gemäß dem nach unten zu abnehmenden Sohlen- 
gefälle von 4,60%o bis 1,7 %o ^^ ^^^^^ Spannweite von 16,5 bis 21,0 m. 



74 KORTZ. UeCIIILIEKUNG des WlEN'FLUSSKS. 

Die Widerlagemaaem sind in der HanptBaehe ans Beton; nnr bei der reclite- 
Beitigen ist jener Teil, der die Trennnngsm&neT gegen die Wienthallinie der Stadt- 
baliD bildet, ans Brnohateinmauerwerk hergestellt. In den offen bleibenden Teilen 
der in Rede stehenden Strecken maßte anf dem linken Widerlager eine StUtzmaner 
bis zn dem bochgelegenen StraBengelände aufgeführt werden, die gleichfalls in Brach- 
Btein hergestellt wurde; in den gleich zur Einwöibnng gelangenden Teilen war die- 
selbe entbehrlich. 

Die Sohle des Flußbettes ist in Beton ansgemaaert. Das Gewtslbe wurde ans 
Portlandzement-Stampf beton hergestellt; nur in der untersten Partie, woselbst nur 
geringe Eonstrnktionahöhen znr Verfügung stehen, maßte zn Klinkergewölben gegriffen 
werden. Bei der Elisabeth- nnd Schwarzenbergbrücke sind znm Zwecke rascher 
Fertigstellnng Ziegelgewälbe mit Klinkerlaibnng ausgeführt worden. Die Gewölbe- 
starken im Scheitel nehmen entsprechend den Spannweiten von 0,65 m bifl anf 0,95 m, 
am Kämpfer von 1,10 bis 1,60 m zn; das Klinkergewölbe hat 0,60 m Scheitelstilrke. 



Fig. 41. Auloht de» «riten Oewölbcring«! bei d«r Ttgathoffbriek*. 

Es wurde verlangt, daß die Lehrgerüste keinerlei Mittelstutzen erbalten, welcher 
Forderung auch seitens der beteiligten Baunnternehmungen nachgekommen wurde (Fig. 41,'. 
Am Ende der Einwülbungsstrecke beim Stadtparke wird ein architektonisch reich ans- 
gestattes Fortal mit großen Freitreppen zn den nun folgenden Terrassen zur Anaftthrnng 
gelangen. 

b. Tom StAdtpark bis znm DonaDkanal. 
;7gl. die beiden beigegebenen I^pen b nnd c Fig. 40.) 

In dieser Strecke bleibt der Wienänß offen und wird in einem sich nach unten 
zn erweiternden Gerinne gefUhrt, das von Qnaimanem begrenzt wird, welche in Beton, 
fluBseltig mit Bruchstein verkleidet, ausgeführt wurden. Während in den früher ge- 
schilderten Strecken die Wienthallinie mit der Wienfinßregulierung gekuppelt dahin- 
ftthrt, zweigt sie nächst dem EinwSlbungsende nach rechts zum Hauptzoltamtsbabu- 
hofe ab. 



Da3 adsgefühbtb Projekt. 



3 . 

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II 



In der Strecke vom Ende der Einwölbang bis znr Gro&marktballe {Ende des 
Kinderparkes) reichen diese Begrenznngsmaacrn nicht bis znr vollen Hohe des nm- 
gebenden Geländes. Es ist vielmehr jederaeits neben dem FlnBbette eine 5 m breite 



KOUTZ. REOÜLIBRlIlIä DBS WlBNFLUSSBS. 



TeiraBse angeordnet, die vom Stadtpark und vom Kinderpark her dnrch Treppenanlagen 
zugänglich Bind nnd die erst wieder durch zwei Mauern gegen die Parks abgegrenzt 
werden (Fig. 42). 



Das ausgefühbte Projekt. 77 

DaB Gefälle der Sohle beträgt vom Ende der Einwölbong bis zur Stnbenbrttcke 
1,373 7oo'9 die Spannweiten der Profile wachsen von 23,24 m bis auf 26 m. Die Sohle 
ist auch hier betoniert 

Unterhalb der Stnbenbrücke stürzt die Sohle in fünf Stufen von je 30 m Länge 
und circa 50 cm Höhe ab, um sodann mit einem Gefälle von 3,84 %o ^^^ zum Donau- 
kanal zu führen. Die Spannweiten nehmen in dieser Strecke von 26 bis 30 m zu. 
Die Betonierung der Sohle reicht jedoch nur . bis etwas unterhalb der neuen Marxer- 
brücke hinab, woran sich eine einfache Erdsohle schließt. 

In der in Rede stehenden Strecke ist infolge einer Vefschwenkung des neuen 
Bettes gegenüber dem alten eine Verschiebung und Hebung der Earolinenbrücke (einer 
Brücke nach dem Neville-System) nötig geworden. Die anderen hier bestandenen 
^rücken sind durch Eisenkonstruktionen ersetzt worden. Auch die Donaukanallinie 
der Stadtbahn übersetzt beim Hauptzollamte den Wienflufi mit einer mächtigen sdiiefen 
Gitterbrttcke mit zwei Öfihungen (Fig. 43). 



3. Sammelkanäle längs des Wienflusses. 

Vor der Inangriffnahme der eigentlichen WienfluB-Regulierungsarbeiten war die 
Ausführung der beiderseitigen Parallelkanäle begonnen worden, welche als Sammler 
für die Entwässerung der anliegenden Stadtteile dienen und das neue Flußbett rein- 
halten werden. Während im alten Gemeindegebiete derartige Sammelkanäle in den 
beiderseitgen Parallelkanälen bereits bestanden, mußten dieselben in den Vororten bis 
zur neuen Gemeindegrenze erst zur Anlage gebracht werden, da nur notdürftige 
Anschlüsse vorhanden waren; das hierdurch yergröfierte Niederschlagsgebiet machte 
jedoch auch die Erweiterung der bestehenden Kanalprofile von Schönbrunn abwärts 
bis zur Franzensgasse auf dem rechten und bis zur Wäschergasse auf dem linken 
Ufer notwendig. Von den eben bezeichneten Punkten flußabwärts erweisen sich die 
Profile der bestehenden Kanäle als völlig ausreichend. Diese Arbeiten wurden im Juli 
1894 begonnen und sind seither, in einzelne Lose geteilt, zu verschiedenen Zeitpunkten 
zur Herstellung gelangt. Bei der Ausführung ist vorwiegend Beton angewendet worden, 
die Sohle wurde mit Klinkerziegeln verkleidet. 

Die Kanäle liegen mit geringer Ausnahme in den Straßenzügen längs des Wien- 
flusses und stehen nur in der Strecke Lobkowitzbrücke- Gürtelstraße mit dem eigent- 
lichen Mauerwerke des Wienflusses in Verbindung. 

Die Notauslässe am rechten Ufer weisen eine von den allgemeinen üblichen 
Überfällen abweichende Ausgestaltung auf, da sie der tiefen Lage der Bahnnivelette 
halber, unter der sie hindurchführen, aus eisernen Röhren von 1 m Durchmesser her- 
gestellt werden mussten, die in die neue Wienflußsohle frei ausmünden. 

Ein bemerkenswertes Objekt, welches in Verbindung mit diesen Sammelkanälen 
steht, ist zugleich mit den Wienflußregulierungsarbeiten daselbst zur AusfUhruog 
gelangt, nämlich die große Überfallkammer für den Ottakringerbachkanal und dessen 
Entlastungskanal. Die beiden Kanäle münden an der Ecke des Getreidemarktes 
und der Friedrichstraße in den linken WienfluB- Sammelkanal ein, dem sie zur 
Zeit niedrigen Wasserstandes ihre Wassermengen auch ferner zuführen werden. Bei 
Hochwasser aber werden ihre Wassermengen über Schwellen in eigene Schotter- 
fange abstürzen und dem Wienflusse zufließen. Die ausgedehnte Uberfallkammer, 



I 



78 KoRTz. Regulierung des Wienflusses. 

in der sich dieser Vorgang abspielt, besitzt eine auch bei Hochwasser begehbare 
Gallerie, so daß bei etwaigen Verlegungen der Eanalgerinne Abhülfe geschaffen 
werden kann. 

4. Bauausführung. 

Der eigentlichen Bauarbeit mußten ziemlich schwierige und ausgedehnte Grund- 
einlösungen vorausgehen ; es war eine Fläche von 494 354 qm einzulösen, wovon der 
größte Teil, und zwar«288 298 qm, im Besitze des k. u. k. Hofärares war. Der Bau 
der Bassins wurde Anfangs April 1894 begonnen und sollte innerhalb zweier Jahre 
das Vorbassin, der Umlaufgraben und das Verteilungswerk fertiggestellt werden. Da 
an Erdaushub für diese Arbeiten circa 650000 cbm, an Verführung circa 520000 cbm 
und an verschiedenen Mauerwerksgattungen circa 54000 cbm zu leisten waren, ist 
seitens der Gemeinde Wien eine ausgedehnte ' maschinelle Installation eingerichtet 
worden. Es gelangten drei große Lübecker Trockenbagger mit je 40 PS. zur Auf- 
stellung, von denen jeder bei zehnstündiger Arbeitszeit 1000 bis 1500 cbm zu bewältigen 
vermochte; weiterstanden fünf Lokomotiven, 135 Lowries mit je 3 cbm Fassangsranm 
und 8500 m ßoUbahngeleise im Betrieb. Die gewonnene Aushubmenge aus dem Wieu- 
finsse und den Bassins wurde in das Gebiet des K. Thiergartens verführt und dort depo- 
niert Da sich in dieser Partie des Thiergartens in einem alten Wienflußlaufe Saud 
und Schotter vorfand, s6 entschloß sich die Gemeinde Wien, vorerst dieses Material 
für Bauzwecke zu gewinnen und dann erst die Anschüttung durchzuführen. Ein 
Trookenbagger besorgte den Aushub des Sandes und Schotters. Der gewonnene Sand 
und Schotter wurde auf einer im WienfluBbette errichteten großen maschinellen Anlage 
sortiert und gewaschen. Diese Schotter- und Sandwäsche hatte vier Abteilungen, deren 
jede bei zehnstündigem Betriebe ungefähr 200 cbm erzeugen konnte. 

Die anderen Bassins erforderten eine Erdbewegung in ähnlichem Umfange, aber 
mehr als die doppelte Mauerwerkmasse; mit den Arbeiten an denselben wurde Ende 
des Jahres 1897 begonnen, und sind dieselben bis Ende 1899 fertiggestellt worden. 

Auch die Regulierung der Flußstrecke ist in mehreren Abteilungen erfolgt. Die 
Arbeiten an der oberen Strecke bis zum Schickanederstege waren Mitte August 1895 
begonnen und Ende 1899 beendet worden. Auch hier waren gewaltige Massen zu 
bewältigen, indem der Aushub circa 700000 cbm, die Verführung eben soviel, das 
Mauerwerk circa 350 000 cbm betrugen und überdies 530 000 cbm Sand und Schotter 
von Weidlingau nach Wien zu befördern waren. 

Die Strecke vom Schickanedersteg bis zum Donaukanale ist zugleich mit 
dem Baulose 21b der Wiener Stadtbahn vergeben und Ende Januar 1897 begonnen 
worden. Die Arbeiten waren namentlich längs der Lothringerstrecke recht gefährlicher 
Natur, da die Baugruben für das linke Widerlager, welche mit Rücksicht auf das 
hochliegende Gelände bis zu 16 m Tiefe erreichten , in große Nähe an difi Häuser 
heranreichten; so ist z. B. beim Hause Lothringerstraße 13 die Baugrube von 16 m 
Tiefe bis auf 3,5 m Entfernung an die Hausflucht herangerückt, während die Fun- 
damente des Gebäudes nur bis circa 7 m Tiefe hinabreichten. Dank der großen Vor- 
sicht und des gut ausgeteilten, schachtweisen Vorschreitens sind jedoch diese Arbeiten 
ohne Unfall beendet im Jahre 1899 worden. 



Das ausgeführte Projekt. 79 

Die Arbeiten waren seit 1895 durch wiederholte Hochwässer gestört, von 
denen jedoch nur das Ende Juli 1897 abgegangene größere Schäden anrichtete ; in der 
Folge war der Hochwassergang einesteils mit Btlcksicht auf die rasch vorschreitende 
Sohlen Vertiefung, andererseits im Hinblicke darauf, daß immer mehr die Anlaß zu 
Verklausungen gebenden Bauhölzer aus dem der Vollendung entgegengehenden Gerinne 
verschwanden, weniger gefährlich: immerhin richtete auch das Hochwasser vom Mai 
1899 großen Schaden an der in der Mauerung begriffenen Sohle an. 



5. Baukosten und Bauleitung. 

Was die Kosten der Wienflußregulierung betrifft, so betheiligten sich an der 
Aufbringung .derselben der Staat und das Land Niederösterreich mit einer fixen Summe 
von je 10 Millionen Kronen , der Rest aber ist von der Gemeinde Wien zu tragen. 
Die Baukosten belaufen sich nach dem gegenwärtigen Stande der zar Ausführung 
genehmigten Arbeiten auf jcirca 47 Millionen Kronen. Hiervon entfallen 8,4 Millionen 
auf die Bassinanlagen, 35,8 Millionen auf die eigentliche Flußregulierung und 2,6 Mil- 
lionen Kronen auf die Sammelkanäle. 

Die oberste Leitung des Baues liegt in den Händen des Stadtbaudirektors 
k. k. Oberbaurat Franz Berger ; die Bauleitung fährt Baurat Franz Kindermann, wäh- 
rend an der Spitze der einzelnen Sektionen Bauinspektor Alexander Swetz, Ober- 
ingenieur dpi. Ingenieur Martin Faul, Oberingenieur dpi. Ingenieur Heinrich Mayer 
und Ober-Ingenieur Hugo Vietoris stehen; ihnen sind aus dem Stande des Stadtbau- 
amtes die Ingenieure Glaas und Baumeister sowie mehrere provisorisch angestellte 
Ingenieure beigegeben. 

Litteratur. 

Projekt für die Wienflaßregaliemiig in Verbindung mit der Stadtbahnfrage. Vom Stadtbanamte, 
Sept. 1882. -^ Bericht der Experten ttber die Wienflaßregalierung 1882. 

Beriebt über die Ermittlung der GrOße und Form der Profile. Stadtbauamt 1885. 
Bericht der Experten hierüber 1886. 

Detailprojekt für die Wienflnßregulierung. Vom Stadtbauamte 1887. 

Beriebt und Antrag des Stadtrathes über das Projekt der Wienünfiregnliernng. Verlag des Gemeinde- 
rates. Wien 189B. 

Die Verkehrsanlagen in Wien. Führer, herausgegeben von der Kommission für Verkehrsanlangen 
anläßlich der Weltausstellung Paris 1900. 

Verwaltungsberichte des Bürgermeisters von Wien. — Jahresberichte der Kommission für Verkehrs- 
anlagen. 



IV. Kegulierung des Donaukanales 

bearbeitet von Bauinspektor Kortz. 

A. Geschichtliches. 

Es ist schon in dem Kapitel »Entwässerung« darauf hingewiesen worden, daB 
der Donaukanal in früheren Zeiten ein natürlicher Arm des Donaustromes war, der 
beim Kahlenbergerdorf abzweigend, sich längs des Steilrandes der inneren Stadt hin- 
ziehend, sich unterhalb der Stadt wieder mit dem Strom vereinigte. Zu wiederholten 
Malen änderte dieser Arm seinen Lauf, wie sieh aus vorgefundenen alten Uferversiche- 
rungen nachweisen lässt, bis ihm in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch 
planmäßige Regulierung, Erhöhung und Befestigung der Ufer ein festes Bett auf seine 
ganze Länge gegeben wurde. Sein Wasser war jedoch noch immer durch die zu beiden 
Seiten einmündenden Unratskanäle verunreinigt und die an seinen Ufern liegenden 
Stadtteile: Boßau, Brigittenau, Leopoldstadt und Erdberg blieben bei Hochwassern 
Überschwemmungen ausgesetzt. 

Durch die in den Jahren 1870 — 1874 ausgeführten Donauregulierungsarbeiten 
und durch das Sperrschiff bei Nußdorf wurde die Situtation wesentlich verbessert, so 
daß seit dem Jahre 1873 trotz zahlreicher Hochwässer und Eisgänge die Stadt that- 
lieh von Überschwemmungen verschont geblieben ist. Das Sperrschiff und der damit 
verbundene Eisrechen verhindern das Eindringen des Eises in den Donaukanal und 
vermindern den Wasserzufluß in dem Grade, daß im Oberlaufe, wo ein Rückstau aus 
dem Strome nicht mehr vorhanden ist, die in der mittleren Höhe von 4 m über Nnll 
liegenden Ufer nicht mehr überflutet werden. Gegen Überschwemmung vom Strome 
her ist die Stadt durch die Anschüttung geschützt, welche längs des rechten Ufers 
bis an die Eanalausmündung bei Kaiser - Ebersdorf in einer Höhe von 6,30 m über 
Null ausgeführt ist, sowie durch die an beiden Eanalufem von der Kanalausmündung 
bis zur Staatsbahnbrücke reichenden Rückstaudämme. Die Beobachtungen und Erfah- 
rungen, die seit dem Bestände des Sperrscbiffes und seit der Vollendung der anderen 
Arbeiten gemacht wurden, haben gezeigt, daß es zur Erhöhung des Schutzes der Stadt 
Wien gegen Überschwemmungen notwendig sei, den Eintritt des Eises in den Donan- 
kanal gänzlich abhalten und den Zufluß von Wasser noch mehr als bisher beschränken, 
ja eventuell ganz absperren zu können. 

Hierzu kamen noch andere wichtige Beweggründe, welche die sofortige Ergänzung 
der Nußdorfer Abschlußvorrichtung notwendig erscheinen ließen; es handelte sich 
darum, an beiden Kanalufern Sammelkanäle und längs des rechten Kanalufers vom 
Hauptzollamt bis zum Franz Josefs-Bahnhof eine tiefliegende Bahnlinie herzustellen. 

Die Sammelkanäle können nämlich der Kosten halber nicht groß genug gemacht 
werden, um jederzeit nebst dem Brauchwasser auch noch die ganzen Niederschlags- 
wässer abzuführen und müssen daher in den Donaukanal mündende Notauslässe 



Die Umgestaltung des Donaükanales in edten Handels- und Winterhafen. 81 

erbalten, welche bei gröBerem Regen oder Schneemelze in Funktion treten. Die Über- 
fallsschwellen dieser Kotanslässe können aber nicht höher als 0,80 m über Null gelegt 
werden, es muß daher yerhtttet werden können, daß das Wasser im Donaukanal dieses 
Niveau übersteige. 

Da die durch das Sperrschiff zu erzielende Depression des Wasserspiegels im 
Donaukanal vom Wasserstand im Strom abhängig ist und da trotz der Verwendung 
dieses Schiffes noch immer Wasserstände von 4 m und darüber eintreten können, bei 
welchen ein Ersäufen der Sammelkanäle und ein Überfluten des Bahnplanums statt- 
finden würde, so mußte die bisherige Absperrungsweise derart geändert und vervoUr 
ständigt werden, daß mit Hülfe derselben eine bessere Beherrschung des Wasserstandes 
als bisher ermöglicht wird. 

Hierzu kommt noch eine andere bauliche Maßnahme, deren Notwendigkeit sich 
durch eine lange Beihe von Beobachtungen erwiesen hat. 

Es hat sich nämlich gezeigt, .daß bei stärkerem Eisrinnen im Donaustrom die 
sämflichen Öffnungen unter dem Sperrschiff und zwischen den Eisnadeln so dicht mit 
Eis Tcrlegt wurden, daß im Oberlauf des Kanals, im Innern der Stadt die Sohle nahezu 
trocken fällt, welcher Zustand in der unmittelbaren Nähe stark bevölkerter Stadtteile 
vom ästhetischen und hygienischen Standpunkt aus unzulässig erschien; man entschloß 
sich daher, Stauwehre zu errichten, welche während der Zeit funktionieren sollen, wo 
wenig Wasser in den Kanal eintritt. 

Nun lag der Gedanke nahe, den mitten durch die Stadt führenden 16,8 km 
langen Kanal auch als Hafen zu benutzen. 

Zur Verwirklichung dieses Gedankens war es nötig, den Verkehr der Wasser- 
fahrzeuge zwischen Strom und Kanal auch zu jener Zeit zu ermöglichen, während 
welcher letzterer geschlossen ist, was nur durch die Erbauung einer Kammerschleuse 
erreicht werden kann; ferner war es notwendig, um den Schiffen unter allen Umständen 
einen sicheren Stand mit der notwendigen Wassertiefe von 2,20 m zu bieten, die Kanal- 
sohle tiefer zu legen. Die Erhaltung der bestehenden Uferversicherungen gestattete 
in dieser Beziehung eine Vertiefung der l^ohle bis auf 3,20 m unter Null. 

Endlich war es noch nötig, um den Verkehr zwischen den einzelnen Haltungen 
zu ermöglichen, an der Seite dieser Wehre Kammerschleusen zu errichten. 



B. Die Umgestaltung des Donaükanales in einen Handels- 
und Winterhafen. 

Die vorstehend angefahrten Anforderungen, welchen die Regulierung des Donau- 
kanals gerecht werden sollte, bildeten die Grundlage für das Programm, welches die 
Kommission für die Verkehrsanlagen im Jahre 1892 aufstellte. Nach diesem Programm, 
das einen integrierenden Bestandteil des Gesetzes vom 18. Juni 1892 bildet, »ist an 
den Beginn des Donaukanals bei Koßdorf eine Absperrvorrichtung samt Kammer- 
schleuse einzubauen, welche vorkommenden Falls den Einfluß des Wassers vom Haupt- 
strom gänzlich abzuschließen imstande ist. Femer sind in den Lauf des Donaukanals 
zur Herstellung der für die Schiffahrt erforderlichen Wassertiefen drei, eventuell vier 
Wehre samt Kammerschleusen einzubauen und ist in gleicherweise nahe demunteren 
Ende des Kanals die Anlage einer Absperrvorrichtung gegen den BUckstau in Betracht 
zu ziehen«. 

Fortschritte der Ing.-Wissensch. Gnippe II. 9. 6 



82 KoBTz. Begulierung des Donaukanales. 

»Quaimauern Bollen vorlänfig auf der Strecke Angartenbrücke-FranzensbrUcke 
nnd zwar an beiden Ufern des Kanals erbaut werden. Diese Quaimauem werden 
dort, wo die Eisenbahn am Kanal liegt, bis zum Planum der Bahn, an den anderen 
Strecken bis zum Niveau der Straßen aufgeführt werden.« 

»An jenen Stellen, an welchen die Hauptsanmielkanäle an das Ufer heran- 
treten, wird die Vereinigung der Quaimauern mit dem Sammelkanal von Fall zu Fall 
in Betracht gezogen werden.« 

Weiter folgen Bestimmungen über die Beihenfolge in der Ausführung der Arbeiten 
und schließlich: 

»Die Kosten für diese Bauten sind mit 20 Millionen Kronen zu veranschlagen. c 

Es wurde ein Oeneralprojekt ausgearbeitet und der Beurteilung einer aus hervor- 
ragenden Fachmännern des In- und Auslandes zusammengesetzten £nqu§te unterzogen. 
Infolge dieser Überprüfung wurde entschieden, daß die Wehre beweglieh, und daß 
deren vier, mit eben so vielen Schleusen zur Ausführung kommen sollen, und zwar: 
das erste bei ^uBdorf, das zweite beim Kaiserbad, das dritte ein wenig oberhalb der 
Staatsbahnbrücke, das ist kurz oberhalb der provisorischen Ausmündung der Sammel- 
kanäle und das vierte 1 km oberhalb der Ausmündung des Kanals in den Strom bei 
Kaiser-Ebersdorf. 

1. Die Anlagen in NuTsdorf (Fig. 44). 

a. Das Wehr. 

Dem gegebenen Programm entsprechend begann man zunächst mit dem Bau 
des neuen Wehres und der Kammerschleuse bei Nußdorf. Das Wehr, 100 m unterhalb 
des Sperrschiffes liegend, hat die Aufgabe, jeden Wasserstand von mehr als 0,80 m 
über Null vom Kanal abzuhalten; es muß somit in Funktion treten, sobald dieser 
Wasserstand im Strom erreicht ist; es muß ferner den Eintritt der Eismassen ii;i den 
Kanal verhindern, welch' letzteres für sich allein durch das Sperrschiff auch bisher 
schon in nahezu entsprechender Weise geschehen ist. Das Sperrschiff wird selbstver- 
ständlich beibehalten werden, so lange es dienstfähig bleibt, aber das neue Wehr muß 
beiden Aufgaben gewachsen sein. 

Der höchstmögliche Wasserstand im Strome kann die Höhe der Dämme, das ist 
6,30 m über Null, erreichen, das Unterwasser ist mit 0,84 unter Null festgesetzt; die 
Wasserschicht, welche das Wehr zu tragen hat, kann somit eine Höhe von 7,14 m 
erreichen. Da aber der Kanal ein natürliches Gefälle von 6,44 m besitzt, kann das 
Unterwasser des Wehres auch tiefer als 0,84 m unter Null sinken und die Sohle 
unterhalb des Wehres trocken werden, in welchem Falle dann die das Wehr belastende 
Wasserschicht thatsächlich die Höhe von 9,34 m erreicht. 

Da der Einbau eines Mittelpfeilers aus Rücksichten für die Schiffahrt aus- 
geschlossen war, muß das Wehr dem Druck einer Wasserfläche von 40 m Breite und 
9,34 m Höhe Widerstand leisten; der Vertikaldruck auf jedes Widerlager beträgt hier- 
bei 560 t und der Horizontaldruck 280 1, das ist eine Belastung, die größer ist als jene, 
welche bisher von irgend einem anderen ähnlichen Bauwerke zu tragen war. 

Die Konstruktion besteht aus einer sehr starken Fachwerksbrücke mit drei 
vertikalen Tragwänden und einem starken, die Brückenbahn bildenden horizontalen 
Träger (Fig. 45 u. 46). 

In jener Zeit, wo das Wehr ganz geschlossen oder geöffnet ist, dient derjenige 
Teil der Brücke, welcher zwischen den zwei stromaufwärtigen Trägern liegt, dem 



Die Umgestaltung des Donadkanales m einen Handels- und Winterhafen. 

Straßenverkehr zwisolieii der 
oberen Donanstadt einerseits 
und Nnßdorf, EloBtemenbnrg 
n. 8. w. andererseits, während 
der Brtlckenteil zwischen dem 
zweiten nnd dritten Hanptträger 
anssohlie&lich iHr die Manipu- 
lation der Schützen bestimmt 
ist. Eine 0,15 m starke Stahl- 
welle, die nnter diesem letz- 
teren BrUokenteil liegt, bildet 
den oberen, und ein ÖO cm 
hober Vorsprang, welcher Über 
die 3,54 anter Nnllwaseer tiefe 
Wehrsohle heranfreioht, bildet 
den unteren Stutzpunkt für 
nahezu vertikale, von der 
Brücke bis znr Sohle hinab- 
reichende eiserne Ständer. 

Diese Ständerlassen sich 
mit Hilfe von Windwerken um 
die Stahlwelle drehen und bis 
nnter die BrUckenfahrbabn 
bringen. 

In dieser letzteren Lage 
befindet sich die Unterkante 
der Ständer 7,20 m ttber Null- 
wasser, das ist in derselben 
HShe, wie die Unterkante der 
meisten Ober den Donaukanal 
fahrenden Bracken. 

Je drei dieser 1,25 m 
Ton einander entfernten Ständer 
sind dnrch Qaer- und Dia- 
gonaWerbindungen zu einem 
Wehr-Element verbunden. Der 
freie Znisehenraum von 1,03 m 
zwischen zwei Ständern wird 
bis znr Hohe von 9,80 m Über 
der Donaukanalsohle durch 
eiserne, auf Bollen laufende 
Schützen geschlossen, der un- 
terste derBclben ist 2,76 m 
hoch, als Jalonsieschtltz aus- 
gebildet, läuft in einer be- 
sonderen Kulisse nnd kann 
fUr sich allein manövriert 
werden. ■"■ 



84 KORTZ. BeOULIERONG DBS DONADEAHALES. 

Alle diese Schlitzen können yon dem fllr diesen Zweck bestimmten Teil der 
Brücke bewegt werden. 

Diese Anordnung gestattet an jeder Stelle der ganzen AbeohluBwand eine 



beliebig große Öffnung oder auch eine beliebige Anzahl kleiner Öffnungen frei zQ 
machen, dorcfa welche Wasser in den Kanal gelangen kann, ebne den Eisstand vor 
der AbBchlnßwand zn atterieren. 



Die Uhoestaltuno des Donaukanalbs in einen Handei.s- und Winterhafen. 86 



Die FandieruDg des Werkes ist auf paenmatiecliem Wege in eiaerneD Caisaons 
erfolgt. Die tragfähige Scliiclite fand sich erst in Tiefen von 20—25 m anter Nnll, 



86 KoRTZ. Keguliekunq des Donaukanales. 

bis zn welcbeo Tiefen die CaisBona auch gesenkt worden. Der Bodendruck, der tod 
dem ganzen Bauwerk bei maximaler Belastung, das ist beim Eintritt der größten 
Wasserspiegeldifferenz zwischen Ober- und Unterwasser, ausgeübt wird, beträgt ohne 
Rücksicht auf die seitliehe Reibung ca. 8 kg pro Quadratcentimeter. 

Die Arbeiten begannen im Jnli 1894. Zuerst wurden die beiden Widerlager, 
dann die Sohle (der Racken) des Wehres fundiert. Die Sohle wurde um die SchifT- 
fahrt unnnterbrochen aufrecht erbalten zu kOnoen, in zwei Teilen ansgefuhrt Die 
Ünterbauarbeiten waren gegen Ende 1897 rollendet, die Montiemng der Wehrbräcke 
begann sofort und war im August 1898 vollendet. 

Die Brücke samt Wehrständern und Schützen wiegt ungefähr 1220 t; ein Wehr- 
element samt Schützen, wie es im Vorhergehenden beschrieben ist, vriegt 14,8 t 
Das ganze Wehr besteht ans 16 solchen Wehrelementen und hat eine Gesamtbreite 
von 40 m. 

Zur Hebung eines Elementes mittels manueller Kraft sind 40 Minuten, zam 
Senken 22 Minuten erforderlich; diese Zeit wird bei Anwendung von elektrischer 
Triebkraft auf die Hälfte reduziert werden. 

Eine Gesamtansicbt des Wehres in Thätigkeit ist in Fig. 47 dargestellt 

b. Die KammerBchleiiBe. 

Die Kammerschlense, deren Bau gleichzeitig mit dem Wehre in Angriff genommen 
wurde, steht mit demselbe nicht in direkter baulicher Verbindung, sondern liegt in 
einem eigens zwisohen Donaostrom und Donaukanal hergestellten Verbindnngskanal; 

dieser Verbindnngskanal unterfährt 
zwei Gleise der Donau -Uferbahn und 
ein der Nordwestbahn gehöriges Ans- 
zngsgleis; es mußten daher behufa 
Überfuhrung dieser Gleise liber den 
Verbindungskanal drei Brücken erbaut 
werden, ohne den Verkehr zu unter- 
brechen. 

Die Sehlense hat 85 m Länge 
und 15 m Breite, um die größten auf 
der Donau verkehrenden Schiffe auf- 
nehmen zu kßnnen (Fig. 48). 

Ober- nnd ünterhanpt der 
Schleuse wurden in eisernen Caissons 
auf pneumatischem Wege ia einer Tiefe 
Ton 11 m nnter Null fnndiert. 

Zor Herstellnng der Schleusen- 
kammer wurde die Baugrube bis 8 m 

unter Nnlt ausgebasgert und eine 
Fig. 48. Die floUanH In HnWorf. t> » li a tJ, 

" Betonsohle von 4 m Dicke unter Wasser 

eingebracht, worauf an beiden Längs- 
seiten Betonfangdamm-Manern bis 2 m Über Null aufgeführt wurden. Nach Erhärtung 
des Betons gelang es mit Hilfe einer Centrifngalpumpe die Baugrube trocken zu halten 
nnd auch das Mauerwerk, welches ans Bruchstein mit Granitverkleidnng besteht, 
ganz im Trocknen berzastellen, In den beiden Sehlensenseitenmanern wurden die 



Die Umgbstältung dbb Dokaukanales in einen Handels- ukd Winterhafen. 87 

CToBea, znr raschen FUlluDg and Entleernog dienenden Umlaufkanäle «nsgefUhrt, deren 
Öffnung nnd Sohließnng dnroli Cylinderschfltzen neuester Konstruktion bewirkt wird. 
Die Thorflilgel des Oberhanptes, welche einem Wasserdmck Ton 9,34 m Höhe 
Widerstand leisten mUssen, reichen bis 6,30 m Über Nnll; ihre gesamte Höbe ist 10,10 m, 
jeder Flügel wiegt 56 t; die UnterhanptflUgel reichen nnr bis znr HQhe von 4,50 m 
über Nall. Die gesamte Schlensenanlage, der Yerbindnngskanal nnd die drei Eiaen- 
bahnbrttoken wurden im Laufe des Jahres 1898 ToUendet. 

c. AUmentlernngskanäle. 

Bei Beschreibung des Wehres wurde erwähnt, daß die einzelnen Wehrelemente 
so eingerichtet sind, daß an jeder Stelle der Wehrwand eine beliebig große Öffnung 
oder anoh eine große Anzahl kleiner Öffnungen freigemacht 
werden kann, nm dem Donaukanale während des Eisrinnens 
und Eisabganges eine hinreichende Wassermenge zufuhren 
zn können. Zur Sicherung dieses Zweckes sind aber noch 
weitere Vorkehrungen getroffen worden. 

Diese Vorkehrungen bestehen in der Herstellung von 
Alimentiemngskanälen, die tief unter der Gefrierzone ans 
der Donau abzweigen und in den Donankanal münden; 
vertikale Oitter an den Abzweignngsstellen schützen diese 
Kanäle vor dem Eintritt von Treibeis, vertikale Schützen 
an anderen Stellen, insbesondere bei den EinsteigiSffnnngen, 
gestatten einzelne Partien dieser Kanäle abzusperren und 
trocken zu legen. Es sind drei solcher Kanäle vorgesehen, 
vorläufig ist jedoch nnr einer derselben znr AnsfUhmng ge- 
bracht worden. 

Die AnsfUhniDg geschah in Stücken von 16 m Länge 
and 4,5 m Breite, welche man zn Tage herstellte nnd dann 
eines nach dem anderen versenkte. Man mauerte nämlich 
zaerst aaf einem eisernen Kranz die beiden Seitcnmanem 
nnd die obere Wtllbnng fertig nnd sparte auf dem Scheitel 

der letzteren behnfe Förderung des ausgegrabenen Materials ^ ■ -*" 

eine kreisrnnde Öffnung aus. Die beiden Enden dieser ein- Fig. 49. Bohnitt dn«ii d«ii 
zelnen KanalstBcke wurden durch schwächere Ziegelmauem Aiiii»mti«nmKfkMifti. 

provisoriBch geschlossen. 

Als die Grundwassertiefe erreicht war, setzte man anf die Öffnung ein genan 
passendes Rohr mit Laftschleuse, wodurch dann das Ganze als Caisson ans Mauerwerk 
fnnktionierte. War die beabsichtigte Tiefe erreicht, so wurde die Sohle unter Luft- 
druck hergestellt und dann in derselben Weise an die Versenkung des folgenden 
Stückes geschritten. Fig. 49 zeigt einen Schnitt durch den Kanal und FOrderschachL 

Die Abzweigung dieses Kanales ans dem Strome wurde in der gewöhnlichen 
pneumatischen Weise unter Anwendnng eines eisernen Caissons hergestellt. 

Der eine bereits ausgeführte Älimentationskanal ist in einer Tiefe von 5,50 m 
unter Nnllwasser fundiert. Da das ganze Terrain zwischen Donaustrom nnd Donau- 
kanal sehr wasserdurchlässig ist, wurde anf den Älimentationskanal eine vertikale 
Mauer anfgesetzt, welche mit dem Kanal selbst das Durchsickern des Wassers vom 
Strom in den Donaakanal verhindert. 



88 



KoRTz. Reguliehung des Donaukanales. 



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Sämtliche Arbeiten wurden mit 
Ende des Jahres 1898 yollendet; geit 
dieser Zeit ist die Wehr- und Schleasen- 
anläge dienstfähig. Administrations* 
gebäude und Depot waren £nde 1899 
rollendet. 

Die Kosten der gesamten Anlagen 
in Nußdorf belaufen sich auf 7 200000 K. 

Die Arbeiten sind unter der Ober- 
leitung des Hafenbaudirektors und Ober- 
baurats Taussig ausgeführt worden. Dem- 
selben waren die Oberingenieure Reinhold 
und Paehnik und Ingenieur Grohmann 
zugeteilt. 

Die architektonische Durchbildung 
der Wehrpfeiler, des Administration»- 
gebättdes und Depots wurde vom Ober- 
baurat Wagner durchgeführt. 

Die Fundierungsarbeiten wurden 
von der Firma Redlich & Berger, die 
Eisenkonstruktionen zum Teil von der 
Firma A. Milde & Co. und zum Teil von 
der Maschinenfabrik der ungarischen 
Staatsbahnen und der Firma £. Skoda 
nach den Plänen der Hafenbaudirektion 
ausgeführt 



3. Die Quaibauten. 

Nach Vollendung der Nußdorfer 
Wehr- und Schleusenanlagey welche die 
Haltung eines konstanten Wasserspiegels 
im Donaukanal gestattet, konnte der Bau 
der Quai- und Stützmauern mit Mitte 
des Jahres 1899 in Angriff genommen 
werden. Die Quaianlagen kommen gegen- 
wärtig an beiden Ufern des Donau- 
kanals in der Strecke von der Augarten- 
bis zur Verbindungsbahn- Brücke zur 
Ausführung (Fig. 50). 

Die Breite des Donaukanals wird, 
zwischen den Quaimauern gemessen, 
50 m betragen; bei der Ausmttndung 
der Wien wird ein Wendebassin fttr 
Schiffe in einer Breite yon 95 m und 
einer Länge von 200 m geschaffen. 

Die Höhe der Quaimauem beträgt 
in der Strecke von der Augartenbrücke 



Die Umgestaltung des Donaukanales in einen Handels- und Winterhafen. 89 

bis znr 200 m weiter stromabwärts projektierten Kaiserbadschleuse 2,54 m, auf den übrigen 
Strecken 2 m über Nullwasser. Am rechten Ufer schließt sieh an die Quaimauer ein 
mit derselben in gleicher Höhe und im Niveau der längs des Donaukanals geführten 
Stadtbahn liegender 15 m breiter Yorquai an ; am linken Ufer kommt ein ebenso hoch 
liegender Yorquai, aber mit wechselnder Breite von 8 bis 15 m, zur AusführuDg. Diese 
beiden Yorquais sind gegen die angrenzenden 5 bis 8 m höher liegenden Straßen durch 
Stützmauern und in jener Strecke, wo die Donaukanallinie der Stadtbahn längs des 
Franz Josefs-Quai geführt ist, durch die Galleriebauten derselben begrenzt. 

Für die Ausführung der Quaimauera wird ein von 1,24 — 4,50 m unter Null 
reichendes Betonfundament zwischen Mannpiloten hergestellt. Um die eigentliche 
Quaimauer auf dasselbe aufzusetzen, wird an der Innenseite der stromseitigen 
Pilotenwand wasserdichte Leinwand einbetoniert und an der rückwäiiiigen Pilotenwand 
ein Betonfangdamm hergestellt. Quai- und Stützmauern werden aus Bruchsteinmauer- 
werk, erstere mit Granitquader-, letztere mit Kalksteinquaderverkleidung hergestellt. 

Die FundierungsarbeiteA, welche mit rund 4400000 K. veranschlagt sind, wurden 
an die Bauunternehmung E. Gross & Co. übertragen. Die YoUendung der gesamten 
Qaibauten Ende 1903 dürfte erfolgen. 



Gleichzeitig mit der vorbeschriebenen Regulierung gelangt die Aülage eines 
Winterhafens in der Freudenau zur Ausführung, welcher 300 großen Donausohiffen 
Baum zur Überwinterung bieten wird. Diese Arbeiten, welche auch die Herstellung 
einer Schiffswerft und von Lagerhäusern umfassen sollen, fallen jedoch außerhalb des 
Bahmens, welcher für diese Schrift bestimmt ist und sollen deshalb nicht weiter erör- 
tert werden. 

« 

Litteratur. 

Zeitschrift des Osten*. Ingenieur- und Architekten -Vereines 1871, S. 197 ; Wochenschrift des Osterr. 

Ing. n. Arck^Vereimes 1876, 1888 und 1891. Zeitschrift des üsterr. Ing. n. Aiob.-Yereines 1897. 
Die Verkehrsanlagen in Wien. Heransgegeben von der Kommission für Verkehrsanlagen anlässlich 

der Weltausstellung Paris 1900. 
Jahresberichte der Kommission für Verkehrsanlagen. Wien. 



V. Strafsenpflege und Müllbeseitigung. 

Bearbeitet von Bauinspektor H. Sehneider unter Mitwirkung des BauinspektorB Kortz. 

AUgemeines. 

Für die Straßenpflege, d. i. die Säuberung und Besprengung der Straßen, die 
Erhaltung der Schotterstraßen, Abfuhr des Straßen- und Marktkehricbts besteht in 
Wien derzeit noch keine einheitliche Organisation. Die Schafliing eines eigenen 
Säuberungsamtes steht zwar seit längerer Zeit in Beratung, doch wurde hierüber noch 
kein Beschluß gefaßt. Gegenwärtig werden vom Magistrat Vorschläge behufs Beschaffung 
der Betriebsmittel für die in eigener Regie der Gemeinde auszuführenden Arbeits- und 
Fuhrwerksleistungen, für die Sicherstellung der an Fuhrwerksuntemehmer zu ver- 
gebenden Leistungen, sowie die Festsetzung der Arbeiterzabl, Aufiseher u. s. w. für 
die Straßensäuberung und Erhaltung der Schotterstraßen erstattet; diesem liegt auch 
die Verfassung der Bedingnisse für die Offertverhandlungen und die Vornahme der- 
selben ob. 

Die Aufnahme der Arbeiter, die unmittelbare Leitung der Arbeiten und die 
Überwachung der Leistungen der Fuhrwerksuntemehmer wird von den Vorstehern der 
einzelnen Bezirke mit Unterstützung der Bezirksräte (Mitglieder der gewählten Bezirks- 
vertretungen) besorgt. 

Das Stadtgebiet zerfällt, der Bezirkseinteilung entsprechend, in 20 Säuberungs- 
bezirke, zwischen welchen in Beziehung auf die Ausführung der Straßenpflege 
gar keine Verbindung besteht; die Abgrenzung der Bezirke fällt meist mit den alten 
Grenzen der früheren selbständigen Gemeinden zusammen und ist daher häufig 
unzweckmäßig. Das Personal der Straßensäuberung, welches auch die Erhaltung der 
Schotterstraßen besorgt, sowohl Aufseher als Arbeiter, sind nur kärglich entlohnt. Daher 
ist die Leistung dieses Personals im allgemeinen eine sehr minderwertige. Bei der 
Aufnahme der Arbeiter werden sehr häufig Personen berücksichtigt, welche besser der 
Armenversorgung überwiesen würden; dadurch wird die Leistung des Arbeitspersonals 
wesentlich beeinträchtigt. Die Säuberungsarbeiten werden durchwegs in eigener 
Regie der Gemeinde besorgt, die Fuhrwerksleistungen im I. Bezirk fast ausnahmslos, 
in mehreren Bezirken zum Teil mit eigenen Pferden und Fuhrwerken. Der größte 
Teil der Fuhrwerksleistungen in den Bezirken II bis XX ist jedoch an Unternehmer 
vergeben. Die bisherigen Erfahrungen mit der eigenen Fuhrwerksregie sind günstig, 
und wird daher die Erweiterung derselben angestrebt. Für den Dienst der Fuhr- 
werksregie hat die Gemeinde derzeit einen Stand von 176 Pferden, 13 Kehrmaschinen, 
86 Kehrichtwagen, 5 Automatsprengwagen, 23 Sprengwagen mit Schleuderbrause und 
2 Schlammabzugmaschinen. 



Stiussenpflege. 91 



4.. Strafsenpflege. 
1. Strafsensäubening. 

Die Gemeinde besorgt die Sänbernng aller Straßenfahrbahnen und jener Geh- 
wege, welebe nieht längs Gebäuden liegen. Zur Säuberung der Bllrgersteige (Trottoire) 
sind die Hauseigentümer auf die Länge ihres Grundstücks verpflichtet. Die normale 
Säuberung der Trottoire hat zweimal täglich nach vorausgegangener Besprengung zu 
erfolgeuw Die Besprengung ist bei trockener Witterung zwischen 7 bis 8 Uhr früh und 
2 bis 3 Uhr nachmittags vorzunehmen. Die Hausbesitzer sind auch zur Reinigung der 
Trottoire von Schnee, jedoch nur bis zu einer Breite von 2 m, sowie zum Bestreuen 
mit Sand u. dgl. bei Glatteis verpflichtet; die Mehrbreite wird von der Gemeinde 
gesäubert. 

Das Straßennetz hat im ganzen Gemeindegebiet 

eine Fläche von rund . 11 940000 qm 

wovon auf Fahrbahnen und Zwischenplätze . . 8 718 000 » 

und auf Bürgersteige und Gehwege 3 222 000 > 

entfallen. 

■ 

Von der Fläche der Fahrbahnen sind 

ungepflastert (macadamisiert) 5 519000 > 

gepflastert ......* 3199000 > 

Von den gepflasterten Straßen sind 2 990 000 qm mit Granitwürfeln, 94 000 qm 
mit Asphalt und 115000 qm mit Holzpflaster oder anderem geräuschlosen Pflaster 
versehen. 

Für die Erhaltung der ungepfla Sterten Straßen ist ein eigener Arbeiterstand 
erforderlich, welcher im Jahre 1899 einen Kostenaufwand von 211800 Kronen 
erforderte. Zur Komprimierung des erneuerten Macadams sind 16 Walzen mit Pferde- 
bespannung (Fig. 51) und mehrere Dampfwalzen in Verwendung; die Betriebskosten 
für zwei Dampfwalzen stellen sich im Jahre auf 15 300 Kronen, die Auslagen für 
Schotter und Sand zur Straßenerhaltung auf 1 111 000 Kronen. 

In dem I. Bezirke wird der größte Theil der mit Granit gepflasterten Straßen 
(rd. 400 000 qm) und die mit Holzpflaster versehenen Straßen (rd. 43 000qm) bei 
Nacht mittels Kehrmaschinen gesäubert. In der Regel werden hierbei zehn Kehr- 
maschinen und vier Vorspritz wagen verwendet. Die Kehrmaschinen (Fig. 52) sind 
meist nach Patent Teich konstruiert; sie sind sehr fest und dauerhaft gebaut, arbeiten 
sehr gut und kosten rd. 2000 Kronen per Stück. Die Automatsprengwagen (Patent 
Fischer & Wawrosch) (Fig. 53) haben eine Luftpumpe, welche den Druck in dem 
2000 Liter haltenden eisernen Fasse reguliert; der Antrieb derselben wird durch einen 
an der rückwärtigen Wagenachse angebrachten Excenter bewirkt. Die Sprengweite 
dieser Wagen beträgt 7 m, die Brause hat drei Reihen verschieden weiter Öfi*nungen ; 
je nach Erfordernis ist eine Besprengung in drei Stärken möglich. Zum Vorsprengen 
bei der Kehrarbeit genügt meist die schwächste Besprengung. Die Wasserwagen und 
Kehrmaschinen, sowie auch die Kehrichtwagen werden mit zwei Pferden bespannt. 
Die Vorspritzwagen beginnen um 11 Uhr abends mit der Besprengung; die Kehrmaschinen 
folgen eine halbe Stunde später. In den breiten Straßen arbeiten drei derselben 
staffeiförmig. Die Arbeit der Kehrmaschinen dauert bis 6 Uhr früh, unter ungünstigen 



92 Schneider. Strassenpfleoe und Müllbeseitiqcno. 



EHg. G2. KalmnHoUn« (FkMit Talali). 



Fig. S3. AntomatUoliaT Bjaungwtgax (fftUnt Fiwher). 



Stbassenpflege. 93 

Verhältniaeen etwas länger. Das Sammeln des Kehrichts wird hierbei von rier Vor- 
arbeifero nnd 40 Arbeitern in vier Äbteilnngen besorgt, deren Arbeit nm 12 Uhr nachts 
beginnt. Diese Arbeiter werden bis gegen lOUhr rormittags nach Beendigung der Baapt- 
sänberung znm Teil bei der Eineammlnng des Hanskebricbts, tarn Teil anch bei 
der Nacfasänbemng verwendet. ' ' 




Eig. 64. KekilolitwagaB mit Ssokal. 



Fig- 65. StnlMiüMkitMi. 



Die Asphaltstraßen, im I. Bezirk 81200 qm, werden in den FrUhstonden 
von 6 Ubr an gewascheo und mit GnmmikrUcken gereinigt. Die Naohsänberang wird 
im I. Bezirk von 168 Arbeitern besorgt. 

Die Sänbernng der Straßen in den Bezirken 11 bis XX errolgt nur bei Tage nnd 
mittels Handarbeit unter Verwendung von Ruthenbeaeu. Die wichtigeren Straßen 
werden in allen Bezirken täglich gesäubert. Das angestellte Arbeitspersonal in 



91 Schneider. Stkassenpfleqk und MüLLBESEiriauNQ. 

dieeen Bezirken betiftgt: 51 Anf- 
seher, 172 Fartieftthrer, 1416 Ar- 
beiter.. Dieser ÄrbeiteTstand 
reicht' jedoch in vielen BeBirken 
nicht auB, wird daher zeitweilig 
oder auch dauernd wesentlich 
UbeTBchritten. 

Die Arbeit dauert im Som- 
mer von 6 Ühr früh biß 6 Uhr 
abends mit zwei halbstündigen 
Pausen und einer einstundigec 
Mittagspause. Im Winter endet 
die Arbeit bei Einbruch der 
Dunkelheit. 

An Sonn- und Feiertsgen 
wird nur ein Teil der Arbeiter 
nach einem bestimmten Tnmna 
beschäftigt; Arbeitszeit und Ent- 
lohnung wechseln in den ein- 
zelnen Bezirken. 
2 Im Falle der Erkrankung 

'a, erhalten die Säuberungsarbeiter 

gleich den in den verschiedenen 
t städtischen Betrieben beschftf- 

I tigten Arbeitern durch 20 Wochen 

4 den vollen Lohn und nnentgelt- 

^ liehe Behandlung durch die städti- 

schen Ärzte ; di e Medikamente 
haben sie selbst zu bezahlen. 



2. Eehrichtabführ. 

Zur Abfuhr des Straßen- 
und Marktkebricbts werden höl- 
zerne, mit Deckeln versehlieBbare 
Wagen (Fig. 54) verwendet. Die 
Wagen der eigenen Fnhrwerks- 
regie, welche die Kehrichtabfnhr 
im I. und XII. Bezirk besorgt, 
haben 3 cbm Laderaam ; jene 
der Unternehmer, welche die Ab- 
fuhr in allen übrigen Bezirken 
besorgen, haben meist 2 cbm Lade- 
raum, in einzelneu Fällen auch 
4 cbm; letztere sind jedoch bei 
den starken Steigungen vieler 
Straßen, sowie dem großen Eigen- 



Stbassenpflbge. 96 

gewichte des Kehrichts von den vielen noch vorhandenen Schotterstraßen in den 
meisten Fällen za schwer, am eine volle Ladung zn gestatten. Zur Abfuhr von 
StraBenkoth werden Truhenwagen verwendet. Der StraBenkehrieht bleibt Eigentum 
der Unternehmer und wird teilweise als Dttnger verwertet. Der Kehricht des I. Be- 
zirks wird auf den Abladeplatz des Hauskehrichts gebracht und mit dem ausgelesenen 
Hauskehricht dieses Bezirks gemengt, als Dtlnger von den Landwirten der Umgebung 
gekauft und abgeführt. 

Seit dem Vorjahre wird im L Bezirke ein Versuch mit dem Wechselkasten* 
Systeme »Koprophor« von A. Hartwioh bei der Einsammlung des von der Nachsäuberung 
herrührenden Kehrichts durchgeführt. Dieser Versuch umfaßt nur einen Teil dieses 
Bezirks; das Resultat ist insofern günstig, als die Belästigung der Passanten durch 
Staub bei der Verladung des Kehrichts vermieden wird, da jede Umladung des Kehrichts 
fortfällt; auch ergab sich bereits die Möglichkeit einer Verringerung der Arbeiterzahl 
bei der Nachsäuberung. Der Versuch wurde angestellt, weil die Absicht besteht, wenn 
möglich die Einsammlung und Abfuhr des Haus- und Straßenkehrichts einheitlich 
durchzuführen. Fig. 55 zeigt einen Straßenkarren während der Arbeit, Fig. 56 einen 
Sammelwagen dieses Systems^). 

Die jährlich abzuführende Kehrichtmenge ist eine sehr bedeutende; ein Haupt- 
grund liegt in der großen Fläche der noch vorhandenen Schotterstraßen. Zudem wird 
zur Erhaltung derselben Kalkschotter von nur mittlerer Festigkeit verwendet, welcher 
einem raschen Verbrauche unterliegt. Die Menge des jährlich abzuführenden Straßen- 
und Marktkehrichts und Straßenschlammes beträgt 277000 cbm. Bei der Bevölkerungs- 
ziffer von 1649500 Einwohner entfällt sonach pro Jahr und Kopf 0,18 cbm Straßen- 
kehricht. 

3. Sohneebeseitigung. 

Für die Säuberung der Straßen von Schnee werden Schneepfluge verwendet. 
Die Gemeinde besitzt derzeit 184 Stück nach System Schmid (Fig. 57] und drei Stück 
einfacher keilförmiger Bauart. Erstere gestatten die Säuberung der ganzen Fahrbahn- 
breite, indem 2—3 Pflüge staffelfOrmig einander folgen und so den Schnee von der 
Straßenmitte gegen den Randstein verschieben; diese Arbeit wird nur bei starken 
Schneefällen und bei höherer Temperatur schwierig. Zur Säuberung der von Gleisen 
der Straßenbahn durchzogenen Straßen ist die Betriebsgesellschafb dieser Bahnen ver- 
pflichtet; sie verwendet hierzu Schneepflüge gleicher Konstruktion. Diese Gesellschaft 
hat den Schnee in Haufen zu bringen; die Abfuhr hingegen besorgt die Gemeinde. 

In früherer Zeit wurden die Ufer des Wienflusses, sowie der Donaukanal in 
großem Maße zur Ablagerung des abgeführten Schnees benützt. Durch die teils 
vollendeten, teils noch in Ausfllhrung begriffenen Arbeiten der Verkehrsanlagen stehen 
nur mehr die Ufer des Donaukanals in sehr beschränkter Ausdehnung zur Verfügung. 
Es wird der Schnee, welcher daselbst nicht Platz findet, teils auf zu diesem Zwecke 
gepachteten Grundstücken abgelagert, teils auch in die Kanäle abgeworfen, soweit 
deren Aufnahmefähigkeit dies gestattet. Für den Schneeabwurf wurde eine Anzahl 
von Schächten gebaut, doch werden, wo deren Lage es erlaubt, auch die gewöhn- 
lichen Einsteigschächte verwendet. In dem sehr schneereichen Winter 1899/1900 
wurden 241000 cbm und im Winter 1900/1901 bereits 358000 cbm in die Kanäle 
abgeworfen. Durch den Abwurf in die Kanäle ergeben sich bedeutende Ersparungen; 



^) Näheres über dicBes System siehe: Untersnchungen zur Straßenhygiene vonDr.Th.Weyl, Berlin 1900. 



96 



Schneider. Strassenpflegb und MCllbeseitigung. 



einen Nachteil bildet jedoch die eintretende Vernnreinigung der Kanäle mit Sinkstoffen. 
Vermeidet man jedoch den Einwurf yon stark{yeraDreinigtem Schnee, so kann dieser 
Nachteil sehr herabgemindert werden. Das Streuen yon Salz zur Schneebeseitigong 
wird nur zur Freihaltung der Tramwayschienen angewendet 

In den zwei letzten Wintern wurden auch Versuche. mit Sehneeschmelz- 
apparaten durchgeführt, welche yon zwei Offerenten der Gemeinde zur Verfügung 
gestellt wurden. Diese Versuche wurden im abgelaufenen Winter in der schnei- 
reichen Zeit yom 13. — 23. Februar unter Eontrolle ausgeführt und ergaben folgende 
Resultate: Zum Einschmelzen yon 1 cbm zusammengeschaufelten Schnees waren im 
Durchschnitt 33 Minuten erforderlich; mit einem Ofen wurden in SVs stündiger Ar- 
beitszeit 15 cbm geschmolzen. Hierzu waren 3 Arbeiter erforderlich. Die Kosten 
stellten sich für 1 cbm Schnee auf 1 E. 10 H., woyon etwa die Häifibe auf Brennmaterial 
(Kohle und Koks) entfällt. 




Fig. 57. Schneepilng. 

Die Kosten der Einschmelzung stellen sich nach diesen Versuchen höher als die 
der Abfuhr auf Depotplätze, welche für die Bezirke I — IX sich auf 95 Heller per 1 cbm 
belaufen. Die Eosten des Schneeabwurfes in die Eanäle stellen sich noch weit billiger, 
nämlich bei Zufuhr mit Handwagen auf 35 Heller, bei Zufuhr mit Cabs (Pferdekipp- 
karren) auf 45 Heller per Eubikmeter. 



4. Die Kosten der Strafsenreinigting. 

Die jährlichen Ausgaben für die StraBensäuberung betragen (1900] im ganzen: 
für Gehälter und Arbeitslöhne für Säuberung. . . 1737000 K. 
für Schneearbeiter . . . 370000 > 

an Gehalten und Löhnen zusammen 2107000 E. 
Die Kosten der eigenen Fuhrwerksregie betragen: 

für Kehrmaschinen und Verspritzen 32984 K. 

> Straßen- und Marktkehricht 62153 » 

> Schneepflugbespannnung 1 293 » 

» Schneeabfuhr . 4 527 » 

Leistungen für Straßenerhaltung 8443 » 

109400 K. 



Stbassenpflege. 97 

Übertrag 2216400 K. 
Fuhrwerksleistungen der Unternehmer: 

Kehricht- und Kohtabfuhr 448 160 K. 

Sehneeabfuhr 278280 > 

Bespannung der SchneepflUge 22230 > 

Bespannung der Pferdewalzen und Sprengwa gen. . 37230 > 

Zusammen Fuhrwerkskosten 785900 E. 
Die Auslagen fttr Reparatur der Werkzeuge, Instandhaltung der 
Kehrmaschinen, Wagen etc., sowie Beistellung yon Aufstreusand 

stellen sich im Jahre auf rund 170000 > 

sodaß sich die Jahresausgaben für Straßensäuberang, Kehricht- 
abfuhr und Schneesäuberung belaufen auf 3172300 K. 

Die Gemeinde erhält von den Straßenbahngesellschaften, vom Staate und ver- 
schiedenen Anstalten Beiträge für die Säuberung und Bespritzung von Straßen und 
Bürgersteigen im Gesamtbetrage von 43530 K. 45 H. 



5. Strafsenbesprengung. 

» 

Die Besprengung der Straßen wird zum größeren Teile mittelst Sprengwagen 
vorgenommen, und zwar im I. Bezirke in eigener Begie der Gemeinde; in den Bezirken 
II—XX durch Unternehmer gegen Pauschalzahlungen. Im I. Bezirke werden fünf 
Automatspritzwagen (Patent Fischer und Wawrosch) (Fig. 53] und meist 11 Wagen mit 
Schleuderbrause verwendet; die Unternehmer verwenden fast ausschließlich Wagen 
mit Schleuderbrause. Die Zahl der Besprengungen pro Tag wird im I. Bezirke, in 
dem alle Straßen bespritzt werden, nach dem Erfordernisse bestimmt. In den übrigen 
Bezirken werden die Straßen je nach ihrer Wichtigkeit zweimal oder einmal täglich 
besprengt. Eine öftere Besprengung wird wohl seitens der Bevölkerung gewünscht, 
doch bilden die hohen Kosten bisher ein Hindernis. Die regelmäßige Besprengung 
erfolgt vom 1. April bis 15. Oktober; nach Erfordernis ist der Unternehmer auch zur 
Besprengung außerhalb dieser Zeit verpflichtet. Bei zweimaliger Besprengung hat die 
erste zwischen 6 Uhr früh und 10 Uhr vormittags, die zweite zwischen 2 Uhr und 
6 Uhr nachmittags zu erfolgen. 

In den Bezirken II — XX werden derzeit 6088164 qm Straßen teils zwei- teils 
einmal besprengt. 

Die auf zweimalige Besprengung umgerechnete Fläche beträgt 5790545 qm. 
Dieses Ausmaß weist eine fortwährende rasche Zunahme auf. 
Die Besprengungskosten für Faßwagenbesprengnng be- 
tragen im I. Bezirke (eigene Regie) 33 610 K. 

Die Pauschalzahlungen an Unternehmer in den Be- 
zirken II— XX 469320 

Die Kosten des Aufsehers für die Besprengung im 

k. k. Prater . . 1026 

Die Auslagen für Faßwagenbesprengnng betragen daher 

ausschl. Wasserbeschaffang 503956 K. 

Für 1 qm Straße und einmalige Besprengung werden 0,9 Liter Wasser gerechnet. 

Ein Teil der Straßen, so die Ringstraße und andere Straßen des I. Bezirks, 

Universitätsstraße und mehrere Radialstraßen in verschiedenen Bezirken und im k. k. 

Fortschritte der Ing.-Wissensch. Gmppe II. 9. 7 



> 



» 



I 



98 Schneider. Steässbnpflege und Müllbeseitigung. 

Prater werden mit Sohlauehttommelwagen, die direkt an Unterflurhydranten angeschlosseo 
werden, und zwar dreimal täglich bespreng [Fig. 58]. Die Beeprengnng mit Hydiaoteo 
beginnt mit 1. März nnd endet mit 31. Oktober. 

Diese Schlauohtrommelwagen [Fig. 59] wiegen 215 kg nnd kosten mit ZnbehGF 
nnd 45 m Druckeohlaneh 1076 E. Zn ihrer Bedienung sind drei Mann erforderlich. 
Von einem Hydranten aus kann eine Straßenlänge von 100—120 m besprengt werden. 



Fig. 68. BsipTangan mit 8ohlanohtroililii«lwagen. 



Flg. 69. S«U»nohtToinmelwKgni. 

Beschäftigt sind hierbei: 

4 Aufseher: Bezüge und Kleidung 5492 K. 

145 Arbeiter: Löhne 85307 . 

Die Kosten für Löhne und Montur sind zusammen . 90'799~K^ 
Das Wasser iHr die gesamte Bäsprengnng wird der Hochqnellenleitung nnd 
soweit das Rohrnetz derselben reicht, der Wienthalwasaerleitnng entnommen. 



MOllbeseitigunq. 99 

In den äußeren Bezirken bestehen für die Wasserbeschaffung zur FaBwagen- 
besprengung 18 kleine, mit Gasmotoren betriebene Schöpfwerke. 

Das der Hochquellenleitung entnommene Wasser zur Besprengung wird mit 
2 Kronen pro Hektoliter und Jahr berechnet; 1 cbm Wasser ans der Wienthalleitung 
mit 15 H. 

Die Kosten des Besprengungswassers, welches dem Neustädter 
Kanäle, der Hochquellenleitung und der Wienthalwasserleitung ent- 
nommen wird) belaufen sich auf rund 222000 K. 

Die Kosten der Instandhaltung der Spritzhydranten, Schöpfwerke 
und Schöpfbrunnen, Anschaffung von Schlauchtrommelwagen und 

Schläuchen betragen ^ 35600 > 

Die Gesamtkosten der Straßenbesprengung stellen sich sonach 
insgesamt auf rund 852 400 K. 



B. Müllbeseitigung. 

Die Einsammlung und Abfuhr des Hauskehrichts wird von der- Gemeinde, ohne 
daß hierfür eine gesetzliche Verpflichtung besteht, seit langer Zeit besorgt, um den 
früher bestandenen, in sanitärer Beziehung unleidlichen Verhältnissen abzuhelfen; eine 
Vergütung wurde bisher von den Hausbesitzern nicht gefordert. Im I. Bezirke erfolgt die 
Einsammlung jeden Werktag in der Zeit von 6 Uhr bis 9 Uhr morgens; in den übrigen 
Bezirken wird der Kehricht zweimal wöchentlich, nur in wenigen Gebieten mit mehr 
ländlichem Charakter einmal die Woche abgeholt, und dauert die Einsammlung von 
6 Uhr früh bis abends. Vor der Ankunft des Sammelwagens wird durch eine dem- 
selben vorausgehende Person im Hausflur mit einer Glocke geläutet, worauf die Parteien 
ihre Gefäße behufs Entleerung zu dem Wagen bringen und dem Begleiter übergeben. 
Die Hausgefäße dürfen früher nicht auf die Gasse gebracht werden; Vorschriften über 
Größe und Material der Hausgefäße bestehen nicht; nur zu. große Gefäße, welche zu 
schwer wären, sind nicht gestattet. Abfälle aus größeren gewerblichen Betrieben 
werden nicht angenommen. 

Die Gemeinde besorgt die Abfuhr des Hauskehrichts im I. und XII. Bezirke 
schon längere Zeit selbst; in den letzten Jahren wurde die Abfuhr in den Bezirken 
IV, V, VI, XI, XIII, XVI und XVII in die eigene Regie übernommen. In den übrigen 
Bezirken wird diese Leistung durch bestellte Unternehmer gegen Pauschalzahlungen 
besorgt. Zur Abfuhr werden hölzerne Deekelwagen (Fig. 54) verwendet. Seitens 
einzelner Unternehmer werden noch Kehrichtwagen verschiedener Systeme, welche 
früher für diesen Dienst vorgeschrieben waren, gebraucht. Diese Wagen, nach den 
Patenten Ohler, Nossian und Wallegg, Ghwalla etc., wurden aufgegeben, da mit selben 
die Einsammlung auch nicht staubfrei erfolgt, wenn sie auch in dieser Richtung 
namentlich bei Wind den Deckelwagen vorzuziehen sind. Die Nachteile derselben, 
welche teils in dem starken, von ihnen bei der Fahrt verursachten Geräusche, teils in 
dem großen Eigengewichte bei geringer Beladung etc. bestehen, haben zur Abschaffung 
derselben geführt. 

Seit mehreren Jahren werden Versuche mit verschiedenen Sammelsystemen ge- 
macht und noch derzeit fortgesetzt, um nach Abschluß der Versuche ein in jeder Hin- 
sicht entsprechendes System einzuführen. Für den ersten Bezirk steht der Abschluß 

7* 



100 Schneider. Stbassbnfflege und Müllbeseitigung. 

eines Vertrags mit Herrn A. Hartwich betreffs EinfUhmog seines bereits S. 95 er- 
wähnten Weeltselgefäßsystems >Eoprophor' in Verhandlung; die Entscheidung hierüber 
ist in kurzer Zeit zu erwarten. Es wird sodann jedes Haas ein oder mehrere 
ans verzinktem Eiaenbleoh hergestellte, TerschlieBbare Gefäße (Fig. 60} für die Äaf- 
sammlnng des Mttlls besitzen, welche ohne Umschtlttang durch die Torerwäbnten 
Sammelwagen (Fig. 56) vollkommen staubfrei abgefahren werden. Die Mttllsammel- 
gefäße werden im Hofe anf einem zusammenlegbaren Gestelle (Fig. 60) anfgeeteilt. 
Um die Einleernng in diese Gef^Ue staubfrei zu gestalten, wird eine Staubh&nbe 
verwendet, die auf jedes Gefäß paßt und mit einer selbsttbätigen Klappe ver- 
sehen iat. Jeder Mieter erhält ein gleichfalls aus verzinktem Eisenblech hergestelltes 
>WohiinngBgefäB< (Fig. 60)., Für di^e Art der MDllabfnhr ist eine Beitragsleislun; 
von Seiten der Hausbesitzer in Aussicht genommen. Eine derartige Vergütung erfolgt 



Fi;. 60. HanNKnuMlgaOri mit StKubluiib«. 

derzeit schon von der Mehrzahl der Hausbesitzer im I. Bezirke. Dieselben zahlen 
ftlr das Abtragen und Entleeren der Hauskehrichtkisten in die Sammelwagen an den 
damit betrauten Unternehmer monaüieh — je nach der Größe des Hauses — 3 bis 10 K. 
Die hölzernen Sammelkisten sind im Hofraume oder Keller aufgestellt. FUr die Bei- 
stellnng des Abtragperaonals erhält die Gemeinde von dem Unternehmer eine Vergütnng, 
welche derzeit für den ersten Bezirk jährlieh ca. 22000 K. beträgt. 

Der Hauskehricht wird anf Abladeplätze, welche die Gemeinde zu diesem 
Zwecke pachtet, verfahrt. Die meisten dieser Plätze liegen innerhalb des Gemeinde- 
gebiets, nahe der Grenze desselben. Der größte Teil des Kehrichts wird in die Sandgruben 
am großen Bruckhanfen, zwischen dem linken Ufer des Donandurchstiehes und der 
alten Donau gelegen, gebracht, dort sortiert und der nicht verwertbare Teil zar Anf- 
schöttung verwendet. Die Sortierung des Kehrichts liefert in Wien nur eine ver- 
hältnismäßig geringe Ausbeute, weil in vielen Haushaltungen, namentlich den kleineren, 



MÜLLBESEITIGÜNG. 101 

alle brennbaren Bestandteile in der Küchenfenernng verbrannt werden. Es ergiebt sieh 
durch diesen, in sanitärer Beziehung jedenfalls zu empfehlenden Gebrauch in den von 
ärmeren Klassen bewohnten Bezirken ein größtenteils aus Asche bestehender, sehr 
schwerer und an verwertbaren Teilen armer Kehricht und dieser in verhältnismäßig 
geringer Menge. Der Hauskehricht des I. Bezirks wird am Bruckhaufen zusammen 
mit dem Straßenkehricht dieses Bezirks einem Unternehmer zur Verwendung über- 
lassen. Derselbe hat im Jahre 1900 eine Anlage zur maschinellen Sortierung des 
Hauskehrichts errichtet; es ist jedoch demselben bisher nicht gelungen, den Betrieb 
zur Verarbeitung des gesamten Hauskehrichts auszugestalten und lohnend zu machen. 
Die Hauskehrichtwagen der Gemeinde haben einen Fassungsraum von 4 cbm 
für den Dienst im I. Bezirke; für die übrigen Bezirke stehen solche mit ca. 3,5 cbm 
in Gebrauch. Das Gewicht des Kehrichts schwankt zwischen 270 und 800 kg pro 
1 cbm und ist im Mittel 550 kg; am geringsten ist selbes in den Geschäftsvierteln des 
I. Bezirks, am größten in den ärmeren Bezirken. Die Kehrichtmenge pro Kopf der 
Bevölkerung ist jährlich im I. Bezirke 0,52 cbm und sinkt in einzelnen Bezirken bis 
auf 0,11 cbm; als Mittel kann 0,21 cbm angenommen werden. Die jährlich abzuführende 
Menge an Hauskehricht beträgt ca. 352000 cbm. 

Die Kosten der Einsammlung und Abfuhr des Hauskehrichts betragen: • 

An Fuhrwerkskosten der eigenen Regie 138 620 K. 

Instandhaltung der Wagen 6450 

An Löhnungen der Aufleger (excl. jener des I. Bezirks) . i . . 26580 » 

An Zinswerten der Depots 6760 

Pauschal Vergütung an die Abfuhruntemehmer 365200 » 

Miete von Abladeplätzen 14350 > 

Die Gesamtkosten betragen sonach 557 960 K. 

Die Ausgaben vermindern sich um die bereits erwähnte 

Zahlung im I. Bezirke . 22000 K. 

und die Zahlungen der Unternehmer für die Sortierung 
des Kehrichts des I., XVI. und XVII. Be- 
zirks mit 15520 

sowie den Erlös für den PferdedUnger der eigenen 

Regie pr 1970 

Daher zusammen um 39 490 K. 

Es verbleiben sonach Kosten von 518490 K. 

Die Beschaffung der Abladeplätze wird bei fortschreitender Bebauung immer 
schwieriger , und wurde deshalb die Lösung der Frage einer Abfuhr des Kehrichts zu 
Bahn oder Schiff in entlegenere Gebiete oder die Beseitigung desselben durch Ver- 
brennung bereits eine dringende. Dem Bahntransporte standen bisher die hohen 
Frachtsätze in erster Linie entgegen; bezüglich der Verbrennung ist die Herstellung 
einer Versuchsanlage in Antrag gebracht. 

Litteratur. 

VerwaltungBberichte des BUrgermelBters. StatiBtisches Jahrbach der Stadt Wien 1895—1899. 



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VI. Die bauliche Entwicklung und Stadtregulierung. 

Bearbeitet von Oberingenieur Heinrich Ooldemiind. 

A. Historische Übersicht der baulichen Entwicklung. 

Die geographische Lage und die politischen Verhältnisse brachten es mit sich, 
daß die Stadt Wien, die als äußerstes Bollwerk des deutschen Reiches im Osten stets 
zur Abwehr und zum Kampfe bereit sein mußte, einer festen Umwallung weit länger 
als andere deutsche Städte bedurfte. Erst nach der zweiten Tttrkenbelagerung im 
Jahre 1683 hätte überhaupt daran gedacht werden können, die Basteien ganz zu 
beseitigen. Die Aufstände der Ungarn, die Verwicklungen im Erbfolgekriege, die drei 
schlesischen FeldzUge und die sonstigen Kämpfe, welche nur von wenigen, leider 
unbenutzt verstrichenen Zwischenpausen unterbrochen bis in die Mitte des 19. Jahr- 
hunderts geführt wurden, verhinderten indessen die Regierung, an diese Aufgabe that- 
kräffcig heranzutreten. 

Die Zahl der Einwohner Wiens hatte aber schon gegen Ende des 15. Jahr- 
hunderts eine solche Höhe erreicht, daß der innerhalb der Befestigungen vorhandene 
Raum zur Befriedigung der verschiedenen Wobnungsbedürfnisse der immer zahlreicher 
werdenden Bevölkerung, bez. für eine entsprechende, gesunde bauliche Entwicklung 
der Stadt nicht mehr ausreichte. Dieser Mangel wurde um so fühlbarer, als die Zahl 
der bürgerlichen Wohnhäuser infolge der fortwährenden Vergrößerung und Vermehrung 
der Gebäude für den kaiserlichen Hof und für militärische Zwecke, sowie durch die 
Ansiedlung von Adelsgeschlechtern und Klöstern erheblich vermindert wurde. 

Daß unter solchen Umständen der allmähliche Ausbau Alt-Wiens nur mit Hint- 
ansetzung gesundheitlicher Rücksichten vor sich gehen konnte, bedarf keiner weitläufigen 
Begründung. Thatsächlich hat sich auch die bauliche Entwicklung der in dem zn 
engen Festungsgürtel eingezwängten Altstadt durch mehr als drei Jahrhunderte in 
regel- und schrankenloser, von vielen sanitären Übelständen begleiteter Weise voll- 
zogen. Zur Deckung des Bedarfes an Wohnräumen verschmälerte man die ohnehin 
engen Gassen vielfach durch Einbauten und erhöhte die Häuser durch Stockwerks- 
aufsetzungen. Während im Jahre 1566 die Stadt hauptsächlich aus ein- nnd zwei- 
stöckigen Häusern bestand und nur ca. 8^ dreistöckige Häuser vorhanden waren, 
vergrößerte sich deren Zahl bis zum Jahre 1664 auf fast 33^. Im Jahre 1795 belief 
sich die Anzahl der drei Stock hohen Häuser schon auf mehr als ^Iß^y jene der vier 
Stock hohen auf fast 33)^. Gleichzeitig wurden die Geschoßhöhen und Zimmer immer 
kleiner und die Mietzinse unerschwinglich hoch. 

Maria Theresia und Josef II. bemühten sich vergebens, den durch die Über- 
völkerung verursachten sanitären und sozialen Mißständen durch Demolierung einzelner 
minder wichtiger oder veralteter Befestigungen und Auflassung mehrerer Klöster abzu- 



Historische Übebsicht der baulichen Entwicklung. 103 

helfen. Auch das Bestreben, die Wohnnngsverhältnisse der inneren Stadt durch För- 
derang der baulichen Entwicklung der Vorstädte zu bcBsem, blieb ohne Erfolg, weil 
diese yielfach im Privatbesitz von Adeligen oder Klöstern befindlichen Ortschaften, die 
größtenteils erst 1850 mit Wien administrativ vereinigt wurden, nur wenige und 
schlechte Yerbindungsstraßen zur Stadt besaßen und weil diejenigen, welche sich dort 
ansiedelten, aufhörten, Bürger von Wien zu sein. 

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren durch die Baumbeschränkung in der 
inneren Stadt geradezu unerträgliche Verhältnisse erzeugt. Es trat eine außerordent- 
liche Wohnungsnot und Wohnungsteuerung ein. Bezeichnend fttr diese Verhältnisse ist 
die Zunahme der durchschnittlichen Bewohnerzahl per Haus, welche- im Jahre 1827 
nur 37 und im Jahre 1857 bereits 54 Personen betragen hat. Ein Wiener Arzt 
schreibt ttber die damaligen Wohnungszustände: »Die Treppen sind oft so^ schmal, 
finster, hochstufig und schneckenartig geformt, daß das Steigen derselben nicht nur 
sehr ermüdend ist, sondern auch das Ausgleiten sehr begünstigt wird. Die Höfe oder 
Fluren der Häuser sind oft so enge, daß die Luft sich darin kaum' zu erneuern ver- 
mag. Hier befinden sich übrigens die Pferdeställe und die zur Aufbewahrung des 
Unrats angelegten Senkgruben, welche am hellen Tage ausgeleert werden. Die Zimmer 
sind von verschiedener Beschaffenheit. Die sogenannten Herrschaftszimmer mit der 
Aussicht aut die Gasse sind etwas geräumiger, regelmäßiger und luftiger ^ die rück- 
wärtigen aber sind minder geräumig und manchmal so dunkel, daß man sich zur 
Mittagszeit des Kerzenlichtes bedienen muß; sie genießen im Vergleich mit den ersteren 
eine weit schlechtere Luft und haben nicht selten feuchte oder gar nasse Wände; sie 
erzeugen bei Kindern Rheumatismen, Durchfälle, Auszehrungen, Bleich- und Wasser- 
süchten und Augenentzündungen.« ^) 

Der Gedanke, die Festungswerke aufzulassen und die sanitären Verhältnisse durch 
eine Stadterweiterung zu verbessern, welcher schon im Jahre 1777 durch Regierungsrat 
Taube und 1817 neuerdings durch Pezzl, der einen Stadterweiterungsplan des Ge- 
bietes vor dem Burgthore verfaßte, angeregt wurde, konnte sich aber trotzdem nicht 
Bahn brechen; im Gegenteil wurden nach den Ereignissen des Jahres 1848 die Be- 
festigungen sogar noch verstärkt. So kam es, daß die Wohnungsnot aufs höchste stieg 
und die Mietzinse sich innerhalb zehn Jahren um fast 40^ erhöhten. Im Jahre 1857 
mußten hunderte von Familien durch die Behörden in Gemeindearresten, Schuppen, ja 
selbst in Kellern untergebracht werden. 

In diesem Zeitpunkt der höchsten Bedrängnis erschien am 20. Dezember 1857 
ein kaiserliches Handschreiben, welches die Auflassung der Festungswerke und die 
Schaffung eines neuen Stadtteiles auf deren Gebiete anordnete. 

Die Durchführung dieser für die Assaniernng Wiens außerordentlich wichtigen 
Verfügung bedurfte eines Zeitraumes von 30 Jahren. Näheres hierüber findet sich 
im Abschnitt B S. 106. 

Die sehr kostspielige und mangels entsprechender planlioher Grundlagen auch 
sehr schwierige Regulierung der alten inneren Stadt und der mittlerweile zu 
großen Gemeinwesen angewachsenen und seit 1850 mit der Altstadt administrativ ver- 
einigten Vorstädte wurde der Gemeinde allein überlassen, damit der aus dem Erlöse 
der Festungs- und Glacisgründe zur Durchführung der eigentlichen Stadterweiterung 
geschaffene, in staatlicher Verwaltung stehende Fond diesem Zwecke ungeschmälert 



^ Wien, 1848—1888. Denkschrift znm 2. Dezember 1888 herausgegeben vom Gemeinderate 
der Stadt Wien. Im Kommissions -Verlag von Carl Konegen. 



104 GoLDEMüND. Die bauliche Entwicklung und Stadtregulierüng. 

erhalten werde. Die Lösung dieser Aufgabe gestaltete sich um so schwieriger , als 
auch in den Vorstädten eine nicht nur planlose, auf die Entwicklung des Ganzen 
keinerlei Rücksicht nehmende, sondern auch sehr dichte Bebauung mit engen win- 
keligen Gassen platzgegrififen hatte. 

Die eigentliche Entwicklung der Vorstädte hatte nach der zweiten Tttrken- 
belagerung begonnen. Vor derselben bestanden in sämtlichen Vorstädten, die damals 
schlecht verwaltet und mangels ordentlicher Befestigungswerke den Verwüstungen der 
feindlichen Heere fast schutzlos preisgegeben waren, nur 884 Häuser und 7 Klöster. 

Nach der endgiltigen Beseitigung der Türkennot am Ende des 17. Jahrhunderts 
trat ein großer wirtschaftlicher Aufschwung der Vorstädte ein, welcher sich in der 
Errichtung gewerblicher Betriebsstätten, sowie der Erbauung adeliger Landsitze, 
Klöster und öffentlicher Gebäude äußerte und seitens der Regierung durch Gewährung 
von Steuerbefreiungen für Neubauten unterstützt wurde. So entstanden Mitte des 
18. Jahrhunderts im Westen der Stadt die Industrieviertel Mariahilf und Schottenfeld. 
Die rasche Entwicklung der Vorstädte läßt sich aus der Zunahme der Häuser Tom Jahre 
1767 bis zum Jahre 1847 erkennen: während im ersten Jahre nur 3089 Häuser 
bestanden, gab es im Jahre 1821 bereits 6247, im Jahre 1847 schon 9732 bewohnte 
Gebäude. Im allgemeinen erfolgte der Ausbau der Vorstädte entlang der Hauptstraßen, 
die von den 11 Stadtthor en strahlenförmig nach verschiedenen Richtungen ausgingen. 
Das dazwischen liegende Gebiet blieb mangels genügender, die Vorstädte untereinander 
verbindender Straßenzüge lange Zeit unbebaut. 

Eine wichtige Bolle in der Entwicklung der Vorstädte spielt der sogenannte Liuien- 
wall. Als im Jahre 1703 die aufständischen Ungarn bis in die Nähe Wiens vordrangen, 
wurden die Vorstädte rasch mit einem Erdwall und Graben umgeben, der sodann belassen 
und im Jahre 1718 als Festungswerk erklärt wurde. Die Folge dieser Maßregel war, 
daß ein Raum von 100 Klaftern = 189,6 m außerhalb und ein Raum von 12 Klaftern = 
22,76 m innerhalb der Brustwehr nicht bebaut werden durfte. Im Jahre 1824 wurden 
die Erd werke durch einen gemauerten Wall ersetzt, nachdem schon früher an die 
»Linien«, wie die Stellen, wo der Wall von den Hauptstraßen durchbrochen wurde, 
hießen, Mautämter verlegt worden waren. Erst im Jahre 1893 gelangte der Linien- 
wall, der schon Ende des 18. Jahrhunderts ein lästiges Hindernis für die Entwicklung 
der Vorstädte bildete und nur noch für die Einhebung der Verzehrungssteuer von Be- 
deutung war, zum Abbruche. Die zur Behebung der regellosen Bebauung der inneren 
Stadt und der alten Bezirke in den Jahren 1857 bis 1890 ergriffenen und durch- 
geführten Maßnahmen sind im Abschnitte C (3. 109} näher ausgeführt. 

Die vor dem Linienwalle gelegenen Ortschaften, die sog. Vororte, behielten zum 
Teil, wie Grinzing und Sievering, ihr dorfähnliches Aussehen bis heute bei; einzelne 
entwickelten sich aber rasch zu stark bevölkerten Gemeinwesen mit wesentlich städtischem 
Charakter. Namentlich gilt dies von den im industriereichen Westen der Stadt un- 
mittelbar an den Linienwall angrenzenden Vorortgemeinden. 

Der rasche wirtschaftliche Aufschwung der Vororte wurde in erster Linie durch 
die im Verhältnisse zur Stadt wesentlich geringere Besteuerung dieser Gemeinden 
herbeigeführt. In baulicher Hinsicht trugen hierzu auch die niedrigen Grundpreise und 
eine minder strenge Handhabung der Bauvorschriften bei. Die geringeren Bodenpreise 
und die billigere Bauart gestatteten kleinere Mietzinse, so daß ein großer Teil der 
Arbeiterbevölkerung dort Aufenthalt nahm, und einzelne an die Industrievorstädte an- 
grenzende Vororte, wie z. B. Ottakring und Hernais, fast ausschließlich Arbeiterwohn- 
viertel wurden. Die einzelnen Vorortgemeinden entwickelten sich jede für sich ziem- 



I 

• • 

Historische Übersicht der baulichen Entwicklung. 105 j 

lieh selbständig, ohne bei Anlage nener Wegenetze besondere Bücksieht anf die 
angrenzenden Ortschaften nnd Vorstädte zn nehmen. Da die bestehende Unterstellung 
der Yorortgemeinden unter versohiedene Bezirkshauptmannschaften als politische 
Behörden erster Instanz sich als unzureichend erwies, um einen einheitlichen Zug in 
den Ausbau und die Begulierung derselben zu bringen, verfügte der Minister des Innern, 
daB die Begulierungspläne dieser Gemeinden direkt dem Ministerium des Innern zur 
Genehmigung yorzulegen seien. 

Einen besonderen . Erfolg hatte diese Maßregel, abgesehen von der einheitlich 
erfolgten Projektierung der parallel zum Linienwall verlaufenden Gürtelstraße, indessen 
nicht. Um die Begulierung dieser vielen Gemeinwesen einheitlich zu gestalten, hätte 
von einer Stelle aus ein Gesamtregulierungsplan für das ganze Gebiet der Stadt und 
ihrer Vororte aufgestellt werden müssen. Die bloße Überprüfung der von verschiedenen 
Personen ohne einen gemeinschaftlichen leitenden Grundgedanken ausgearbeiteten 
Projekte genügte zur Erreichung des angestrebten Zieles nicht. 

Als die in sanitärer Hinsicht am besten verfaßten Begulierungspläne sind trotz 
ihrer wesentlichen verkehrstechnischen .und schönheitlichen Mängel jene von Ottakring 
und Fünf haus anzusehen, denen ein dnfaches Blocksystem mit 18,96 m breiten Badial- 
und 15,17 m breiten Peripheriestraßen zugrunde liegt.. 

In sämtlichen Vororten wurde auf die Gewinnung öffentlicher Plätze und Gärten 
sehr wenig Gewicht gelegt, die Zahl derselben beträgt im Ganzen nur 83 mit einer 
Gesamtfläche von 370000 qm^]. Die hinsichtlich der Yerbauungsweise bestehenden Vor- 
schriften in den Vorortgemeinden glichen im allgemeinen jenen der inneren Bezirke, 
jedoch war die Haushöhe durch die Verfügung eingeschränkt, daß nebst einem Erd- 
geschosse nur drei Stockwerke zulässig seien. Ganz ausnahmsweise entstanden neben 
der dichten Bebauung durch die Initiative von Vereinen und Wohnungsgenossen- 
schaften in einzelnen Vororten Wohnviertel, in welchen das Prinzip des Einzelwohn- 
hauses inmitten kleiner Gärten zur Anwendung kam. Die hervorragendste Schöpfung 
dieser Art ist die vom Architekten Ferstel im Jahre 1872 ins Leben gerufene Anlage 
des Wiener Cottage -Vereines. Diese — heute 284 Familienhäuser umfassende — Anlage, 
welche in acht Längs- und acht Querstraßen angeordnet ist, befindet sich im Nord- 
westen der Stadt auf der sogenannten Türkenschanze ungefähr 3,5 km von der inneren 
Stadt entfernt. Fttr die Bebauung gilt dort der Grundsatz, daß die freistehenden 
Einzel- oder Doppelhäuser untereinander und von der Straße durch 4 m breite Garten- 
streifen getrennt werden, rückwärts aber mit den Gärten zusammenstoßen, so daß das 
Innere des Blocks als große, mehr oder weniger geteilte Anpflanzung erscheint. Die 
bebaute Fläche beträgt ^U der Gesamtfläche. 

Die Anlage des Cottage-Viertels ist das Vorbild für die Bebauung der neuen 
im Abschnitt D (S. 115) besprochenen Wohnviertel geworden, indem die in diesen Anlagen 
erprobten Baubeschränkungen auf große Gebietsteile der neuentstandenen Bezirke aus- 
gedehnt wurden. 

Mit der im Jahre 1890 beschlossenen und 1893 durchgeftlhrten ^nverleibung 
der Vororte in das Gebiet der Stadt Wien trat ein entscheidender Umschwung in 
der baulichen und wirtschaftlichen Entwicklung der beteiligten Gemeinden ein, die bis 
dahin, obwohl in jeder Hinsicht auf einander angewiesen, vielfach entgegengesetzte Ziele 
verfolgt hatten. Der ausfuhrlichen Besprechnung der nun folgenden bis in die Gegen- 
wart reichenden Periode der baulichen Entwicklung ist der Abschnitt D (S. 115) gewidmet. 



l; Ohne das Kaiserliche LuBtschloß SchOnbrann. 



106 GOLDEMUND. DiE BAULICHE EhtwiCKLUKO UND StADTBEQDLIEBUNG. 

Dort sind auch aahangsweise die projektierten znkUnftigeii Re^liemngen nnd die zn 
deren leichterer DarcbfUhroDg angestrebten adminiitratireD MaBnahmen beBprochen. 

Znr Übereicbt über die bauliche Entwicklung der Stadt diese die nebenstebende 
Planskizze (Fig. 61), welche die Große des heutigen Terbanten Gebietes der Stadt im 
VerbältnisBe zu jenem dei Jahres 1857 darstellt. 



BUdtteil« 

Fig. 61. Dia bkulialia BntvloUuif Wleni wit 1857. 



B. Die erste Stadterweiterung, 

Die kaiserliche VerfUgung vom 20. Dezember 1857 ordnete nicht allein die Anf- 
laBsnng der Umwallnng nnd des Stadtgrabens der inneren Stadt an, sondern setzte 
zugleich die Grandzttge fest, nach welchen die Durohflibrnng der Bebannng des For- 
tifikationsrayone in technischer nnd finanzieller Hinsicht erfolgen sollte. 

Die Leitung des ganzen UntemehmeDa wnrde dem jeweiligen Minister des Innern 
Übertragen, dem als beratendes Organ die ans Hof- nnd Staatsbeamten sowie heryor> 
ragenden Fachmännern gebildete Stadterweiternngskommission zur Seite gestellt wnrde. 
Znr Bestreitung der dem Staatsschätze durch die WegrSumung der Basteien, ÄusfUlloDg 
des Stadtgrabens, die Verlegung der Militäranstalten und die Herstellung Tersohiedener 
öffentlicher Gebäude erwachsenden Auslagen wurden aus dem ErlOse der darch die 
Auflassung der Befestnngsanlagen und der vor denselben gelegenen Glacis gewooDeneu 
Baufiächen ein eigener Stadterweiterungsfond gebildet 



107 



Assanierunir von Wien. 








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Die erste Stadterweiterung. 107 

Mit außerordentlicher Kaschheit ging man an die Ansflibrnng der gestellten 
Aufgabe. Schon am 31. Januar 1858 erfolgte das Preisausschreiben zur Beschaffung 
eines Stadterweiterungsplanes. Am 31. Dezember 1858 fand die Znerkennung der Preise 
statt. Ludwig y. Förster, Van der Null, A. y. Siccardsburg, Friedrich Stach, Martin 
Eink, Lenne und Eduard Strache gingen preisgekrönt aus dem Wettbewerb heryor. 
Die Ausftahrungspläne fttr die Stadterweiterung wurden yon einem Fachmännerkomitä 
ausgearbeitet und am 1. September 1859 yom Kaiser genehmigt. Inzwischen war schon 
mit der Demolierung der Befestigungswerke begonnen und am 27. Mai 1859 eine 
kaiserliche Verordnung erlassen worden, in welcher den auf den Stadterweiterungs- 
gründen errichteten Neubauten eine Ermäßigung der Hauszinssteuer fllr 30 Jahre gewährt 
wurde. Für ein Haus mit 10000 Er. Bruttozins repräsentiert diese SteuerermäBigung 
während der 30 Jahre eine Ersparnis yon 63000 Kr. Daß durch diese Maßnahme 
die rasche Bebauung der Stadterweiterungsgründe in heryorragender Weise gefördert 
wurde, bedarf keiner näheren Begründung. 

Der genehmigte Plan beschränkte sich im wesentlichen — entgegen den Anträgen 
yieler preisgekrönter Autoren — nur auf das Gebiet der Festungswerke und der Glacis, 
welche zusammen 18000000 qm Fläche einnahmen. Der beigeheftete Plan Fig. 62 zeigt 
dieses Gebiet und die GrundzUge der Stadterweiterang. Eine im Mittel 500 m breite 
um die innere Stadt gelegene Zone wurde zum größeren Teile der Bebauung zugeführt. 
Dieselbe geschah in der Weise, daß zwischen der Altstadt, der neu angelegten fast 57 m 
breiten Ringstraße und der zu ihr parallel laufenden zum größten Teile 26,5 m breiten 
Lastenstraße ein rechtwinkliges Netz yon Baublöcken angeordnet wurde. 

Die neuentstandenen Stadtteile, welche rasch mit öffentlichen und priyaten Ge- 
bäuden bebaut waren, zeichnen sich sämtlich durch die großen Breiten sowohl der 
Haupt- als auch der Nebenstraßen aus (15,17 m, 17,07 ra, 18,96 m, 22,76 m). Die her- 
yorragendste Schöpfung der ganzen Stadterweiterung ist wohl die am 1. Mai 1865 mit 
großer Feierlichkeit eröffnete Bingstraße, welche das Erweiterangsgebiet kreisförmig 
yom Donankanal bis wieder zum Donaukanal in einer Länge yon 4020 m durchzieht. 
Sie besitzt eine mittlere 14,82 m breite Fahrbahn, an welche beiderseits je eine 8,8 m 
breite Allee, sodann je eine als Zufahrt zu den Häusern dienende 6,52 m breite Seiten- 
fabrbahn und endlich je ein 5,70 m breites Trottoir anschließen. Architektonisch 
besonders heryorragend ist der Burg- und Franzensring behandelt worden. Die Uni- 
yersität, das Rathaus, das Burgtheater, das Parlamentsgebäude, der Jnstizpalast und 
die Hofmuseen bilden im Verein mit den dazwischen liegenden Gärten einen Stadtteil, 
der an Schönheit kaum übertroffen werden dürfte. Die mit 2240 Bäumen bepflanzte 
Ringstraße nimmt eine Gesamtfläche yon 229000 qm ein und bildet ein großes Luft- 
reseryoir für alle angrenzenden Stadtteile. Die beiden Endpunkte der Ringstraße 
wurden durch den entlang des Donaukanals angelegten Franz Josefs-Quai, dessen Aus- 
bildung leider nicht in derselben Großartigkeit wie jene der Ringstraße erfolgte, yer- 
banden. Die freien Plätze, welche im nordwestlichen Teile der Stadt etwas spärlich 
gesät sind und yiele öffentliche Gebäude, wie z. B. Schulen und Markthallen wurden 
zumeist abseits yon der Ringstraße angeordnet, damit durch den Verkauf der wert- 
yoUeren Grundflächen an der Ringstraße zu Gunsten des bereits erwähnten Stadt- 
erweiterungsfonds höhere Einnahmen erzielt werden konnten. 

So sehr die Ausführung der Monumentalbauten, welche eine außerordentliche 
Zierde der Wiener Ringstraße bilden, gebilligt werden muß, ist doch andererseits zu 
bedauern, daß die Stärkung des Fonds fttr diese Bauten yielfach als Hauptsache auf- 
gefaßt wurde und zur teilweisen Preisgebung wichtiger Regulierungszwecke geführt 



108 GoLDEMüND. Die bauliche Entwicklung und Stadtregülierüng. 

hat. Wenn auch die Aufiftthrung der Idee Ferstels, den ganzen Stadterweiternngs- 
gürtel mit villenartigen Wolinhäusern zu bebanen, nicht zweckmäßig gewesen wäre, 
so ist doch nicht zu verkennen, daß die Bereitstellung größerer Flächen für Gärten 
vorteilhaft gewesen wäre. Allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, 
daß zur Zeit der Planaufstellang fttr die Stadterweiterung das Bedürfnis nach zahl- 
reichen Wohnhäusern in nächster Nähe der Stadt, mangels jener ausgebildeten 
Verkehrsmittel, die uns jetzt zur Verfügung stehen, viel intensiver als derzeit und 
daher in erster Linie zu befriedigen war. 

Als Ersatz für die aufgelassenen Anpflanzungen der Olacis wurden zunächst im 
Jahre 1861 durch die Gemeinde die Gartenanlagen am Franz Josefs-Quai ausgeführt. 
Hierauf folgte die Herstellung des Stadtparkes am linken WienfluBufer, nach dem Ent- 
würfe des Malers Selleny, und des gegenüber am rechten Ufer liegenden Einderparks 
dann die der anschließenden, am rechten Ufer des Flusses bis zur Elisabethbrttcke 
hinziehenden Anpflanzungen, schließlich jene des Bathausparks und der Anlagen vor 
dem Justizpalaste, am Schliokplatze, am Rudolfsplatze und vor der Votivkirohe. 

Im Ganzen erhielt die Gemeinde im Stadterweiterungsgebiete fttr die Anlage 
öffentlicher Gärten unentgeltlich eine Grundfläche von 326358 qm. Ein großer Teil 
dieser Fläche, nämlich 134985 qm, entfällt auf den Stadtpark; die Anlage vor dem 
neuen Bathaus umfaßt 49157 qm, die vor der Votivkirche 20040 qm; der Best verteilt 
sich auf die anderen Anlagen. 

Außer diesen Schenkungen zahlte der Stadterweiterungsfond fttr den Bau der 
Bingstraße Beträge von 659324 E. und zu den Kosten der Häusereinlösungen, Straßen- 
Pflasterungen, Kanalisierungen und Anlage öffentlicher Gärten einen Beitrag von 
2610524 K. Die Stadtverwaltung führte die Pflasterungen und Kanalisationen durch 
und legte die Gärten an. 

Die Stadterweiterung hat auf die sanitären Verhältnisse teils mittelbar, teils 
unmittelbar sehr günstig eingewirkt. Durch den Zuwachs von mehr als 90 neuen 
Straßen und Plätzen mit modern gebauten Häusern wurde direkt der Wohnungsnot 
entgegengewirkt und indirekt durch die Verbesserung in der Bauweise eine günstige 
Veränderung der Wohnungsverhältnisse überhaupt herbeigeftthrt. Die alten sanitär 
bedenklichen Wohnhäuser sanken im Werte und die Besitzer waren dadurch gezwungen, 
sie in Berücksichtigung der gesteigerten Ansprüche der Mieter in Bezug auf Fassungs- 
raum und Anordnung der Wohnungen umzubauen. Die Thatsache, daß in dem Deze- 
nium von 1859—1869 in Wien 1525 Häuser errichtet und 2836 alte Häuser vollständig 
umgebaut wurden, beweist dies zur Genüge. 

An dieser Stelle sei gestattet, zu bemerken, daß dieser Stadterweiterung vom 
Standpunkte des Ingenieurs der Vorwurf nicht erspart bleiben kann, daß sie teilweise 
mangelhaft und im allgemeinen nicht genügend weit ausgreifend war. Mangelhaft, 
weil zur Erzielnng regelmäßiger und zahlreicher Baublöcke auf die richtige Verbin- 
dung der neuen Straßen mit jenen der alten Stadt und der Vorstädte verzichtet wurde; 
unvollständig, weil die Regulierung sich auf einen verhältnismäßig kleinen Raum 
beschränkte und weder auf die weitere Gestaltung der inneren Stadt, noch auf jene 
der Vorstädte einen positiven Einfluß nahm. 

In jüngster Zeit trat durch den Abbruch der Franz Josefs-Kaseme, welche im 
Jahre 1853 als Defensivkaserne am Ende der Ringstraße beim Donaukanal errichtet 
wurde, eine Ergänzung der Stadterweiterung ein, welche eine wesentliche VerbesseruDg 
der Verkehrsverhältnisse zwischen dem I. und dem III. Bezirk zur Folge haben wird. 
In den Plan Fig. 62 ist das neu entstehende Stadtviertel bereits eingezeichnet. Leider 



Die Regulierung der innern Stadt und der alten Bezirke von 1857—1893. 109 

wurde auch in diesem Falle, auB fiskalischen Bticksiehten, der öffentlichen Plätze and 
Gärten zn wenig gedacht. Doch könnte durch den Ausbau dieses Stadtteiles ein wohl- 
thätiger Einfluß auf die Regulierung der inneren Stadt ausgeübt werden, wenn hierbei 
mehrere Neubauten als Ersatz alter, die Durchführung neuer Straßen hemmender und 
sanitär bedenklicher Regierungsgebäude in diesem Stadtviertel aufgeführt würden. Eine 
solche Anregung wurde bereits gegeben und dürfte Erfolg haben. 



C. Die Regulierung der inneren Stadt und der alten Bezirke 

von 1857—1893. 

Die der Gemeinde allein überlassene Verbesserung der Verkehrs- und sanitären 
Verhältnisse der Innern Stadt und der eng bebauten Vorstädte hätte zweifellos am besten 
in jener radikalen Weise erfolgen können, die in Paris mit so viel Erfolg angewendet 
worden ist, nämlich vermittels der rücksichtslosen Durchführung neuer breiter, die 
einzelnen Stadtteile auf kürzestem Wege verbindenden Straßenzüge mitten durch das 
planlose Gewirre der alten, meist engen und winkligen Gassen. 

Für diese energische Methode der Stadtregulierung genügten indessen die finan- 
ziellen Mittel der Gemeinde, die durch den für die Stadterweiterungszwecke aufge- 
wendeten Betrag von beiläufig 6 Millionen Kronen stark in Anspruch genommen worden 
waren, nicht. Sie mußte sich daher unter Festhaltung der alten Verkehrslinien not- 
gedrungen auf die allmähliche Verbreiterung der bestehenden Straßenzüge beim je- 
weiligen Umbau der Häuser und auf die Herstellung entsprechender Anschlüsse der 
innem Stadt an die Stadterweiterung beschränken. 

Die regelmäßige Durchführung der Straßenverbreiterungen bei Um- und Neu- 
bauten wurde durch baubehördliche Verfügungen gesichert; der raschere Umbau der 
alten Häuser durch Gewährung von Ermäßigungen der Hauszinssteuer gefördert. Diese 
für das Zustandekommen der Regulierungen außerordentlich wichtigen Verfügungen 
sind am Schlüsse dieses Kapitels eingehender erOrtert. 

Leider wurde aber die nicht minder wichtige Aufstellung eines Generalregulie- 
rungsplanes unterlassen, ein Fehler, dessen nachteilige Folgen noch heute vielfach 
fühlbar sind und in absehbarer Zeit überhaupt nicht mehr gut gemacht werden 
können. 

Mangels endgiltig feststehender, leitender Ideen für die zukünftige Ausgestaltung 
des Straßennetzes der ganzen Stadt trat bei der hieraus entspringenden fallweisen Be- 
stimmung der einzelnen Straßenlinien immer wieder die Rücksichtnahme auf die Er- 
möglichung der selbständigen Bebauung der einzelnen Privatgrundstücke zum Nach- 
teile einer zielbewußten, regelmäßigen Straßenflihrung in den Vordergrund. Willkürlich 
gelegene Parzellengrenzen wurden sodann maßgebend für die Lage ganzer Straßenzüge, 
was beim Bestände eines allgemeinen Regulierungsplanes sicher verhindert worden wäre. 
Hierbei entstanden in einzelnen Stadtteilen Baublöcke von so geringer Tiefe, daß heute die 
Verbreiterung der damals mit 6 Klaftern = 11,38 m bemessenen Straßen selbst auf 
nur 15 m nur dann möglich wäre, wenn die ohnehin "schon bei der ursprünglichen 
Anlage auf das Mindestmaß beschränkten Höfe noch mehr verkleinert würden. 

Nur vereinzelt fanden Regulierungen im größeren Stile statt. Beispiele hierfür 
sind in der innem Stadt: die Regulierung des Grabens in Verbindung mit dem Stock 
im Eisen -Platze, dann des Gebietes nordöstlich vom hohen Markte, wo durch die 



110 GOLDBHUND. DiE BAULICBE ENTWICKLUNG UND StaDTBe:C)DLIEB0NO. 

Demoliernng des altea, Banitätswidrigen PolizeigefaugenbauseB, welches einigemale der 
AnBgacgepnnkt heftiger Epidemien war, ein gesondbeitlich entepreefaender nener Stadt- 
teil entstand. 

Das System der allmähUehen Verbreiternng itihrte selbst in der innem Stadt 
nnr sehr langsam zum Ziele. Als bezeiehnendes Beispiel sei anf die Kärtnerstraße 



Fig. 63, Der ilLdUah« TeU der innam Stadt tot dei StadMrwaiterang, 

hingewiesen, deren Verbrpiterung von dnrebsebnittlieh 9 m anf 18,96 m im Jahre 1870 
begonnen und erst im Jahre 1901 mit einem Gesamtkostenanfwande für Grundabltlsungen 
TOn 2740000 Kr. vollendet wnrde. 

Die Lagepläne Fig. 63 und 64 zeigen den Süden der innern Stadt und einen 
Teil der GlaeisgrUnde vor der Regnlierang und Stadterweiternng beziehungsweise nach 



Die Reoüliehukg des nniEEN Start ond der alten Bezirke vom 1857—1893. 111 

derselben. Die am Graben nnd in der Kärtnerstraße dnrcbgefttbrten Arbeiten sind ana 
dem Vergleich der beiden Pläne erkennbar. 

Äncb die AnecUUsee der innern Stadt an die Stadterweiternng erfolgten in der 
Zeit vom Jabre 1863 bis znm Jabre 1885 nar sehr langsam. 

Unter des wicbtigsten HerBtellangen dieeer Art sind zn nennen: die Regnliernng 



'ffMMSn^mr^Sm 



Fig. 64 Dei rtdUah« Tdl dei iunsni SUdt nuli iv BUdtarwaiteniBg tud SagaliBroiiK. 

beim Uorzinplatz anläßlich der Fortsetzung der Gonzagagasse nnd des Stadtteiles am 
Salzgries, der Anscblnß der Wollzeile an die Seilerstätte, die Regulierang des Stadt- 
teils bei der Renngasee, femer die VerlUngernng der AugastinergaHse, die HerBtellang 
des Albrechtsplatzes durch Demolierung des alten Opernhauses und einiger städtischer 
Gebäude, schließlich die Verbindung des neuen Marktes mit der üpemgasse. 



112 GOLDEMUND. DiE BAULICHE ENTWICKLUNG UND StADTBEGCLIEEUNG. 

' In den Vorstädten wurde die BegnlieruYig mit Rttcksieht auf die knappen 
Geldmittel in der denkbar sparsamBten Weise mit Vermeidung jedweder Hausein- 
lösung durchgeführt. Eine allmähliche, sehr gering bemessene Verbreiterung der 
bestehenden Straßen gelegentlich der Um- und Neubauten war das Grundmotiv des 
Segulierungsprogramms. 

In diesen Bezirken, welche in sanitärer Hinsicht hauptsächlich an dem Mangel 
einer guten Wasserversorgung und Kanalisation litten, wurden auch anfangs die 
bestehenden geringen, meist nur 12— 13 m betragenden Straßenbreiten wegen der 
größtenteils nur ein Stock hohen Bebauung nicht als sanitärer Ubelstand empfunden, 
zumal die Baublöcke meist sehr groß waren und im Innern weiträumige Höfe und 
Hausgärten enthielten. 

Nachdem aber an Stelle der alten einstöckigen Häuser beim umbau regelmäßig 
drei Stock hohe Gebäude mit wesentlich verminderten Hofräumen traten, sind die 
gewöhnlich nur 1,90 — 3,8 m betragenden Straßenverbreiterungen nach modernen Begriffen 
entschieden zu gering bemessen worden. 

Größere Breiten besitzen nur wenige Radialstraßen, z. B. die MariahilferstraBe, 
die Praterstraße, die Alserstraße, die Landstraßer Hauptstraße, die Währinger Straße and 
die Matzleinsdorferstraße. Im übrigen besteht der ganze willkürlich entstandene Stadt- 
plan aus einem verhältnismäßig engmaschigen Netz von Straßen, wovon die breitesten 
in der Regel nur 15,17 m messen. Ausnahmen bilden die neu entstandenen Bezirks- 
teile, welche wie die Brigittenau und Favoriten nach einheitlichen Plänen mit ent- 
sprechend breiten Straßen angelegt wurden. 

Eine wichtige sanitäre Aufgabe der Regulierung war die systematische Hebung 
des Niveaus in den an der Donau, dem Wienfluß und den Ausmündungen mehrerer 
Wildbäche gelegenen Stadtteilen, die oftmals von verheerenden Überschwemmungen 
schwer heimgesucht wurden. Diese Überschwemmungen erstreckten sich vielfach über 
ausgedehnte Teile des Stadtgebietes und hatten Not, Elend und Seuchen zur Folge. 

Am 2. Februar 1862 vnirden z. B. durch ein Hochwasser der Donau Grund- 
flächen im Ausmaße von 4675 ha überschwemmt und in der Brigittenau 1420 Personen 
obdachlos gemacht. Durch die Maßregel, daß die im Überschwemmungsgebiet der 
Donau gelegenen Stadtteile auf eine Höhe von mindestens 4,425 m über das örtliche 
Nullwasser gehoben und Souterrainwohnungen auf Straßen, die durch ihre Höhenlage 
vor Überschwemmungen gesichert sind, beschränkt werden müssen, wurde in Verbin- 
dung mit der systematisch durchgeführten Regulierung der Donau und des Wienflusses 
eine gründliche Verbesserung der gesundheitlichen Verhältnisse erzielt. 

Für die Anlage neuer öffentlicher Gärten, einer der wichtigsten sanitären Auf- 
gaben der Stadtregulierung, ist in den Vorstädten, hauptsächlich wegen der geringen 
finanziellen Hilfsmittel der Gemeinde, leider wenig geschehen. 

Als noch die mit schönen Alleen bepflanzten Glacis bestanden, war das Bedürfnis 
nach öffentlichen Gärten schon wegen der kleineren Bevölkerungszahl der damaligen 
Vorstädte ein weniger intensives. Die zur allgemeinen Benutzung geöffneten kaiser- 
lichen und privaten Parkanlagen, wie der Prater, der Augarten, der Belvederepark, 
der Botanische Garten, der Volksgai*ten, der Lichtenstein- und der Schwarzenberg-Park 
genügten im Verein mit den schattigen Promenaden der Basteien und Glacisgründe 
in ausreichendem Maße dem Erholungsbedürfnisse der Bevölkerung. 

Anders gestalteten sich die Verhältnisse nach der Bebauung der Glacis und der 
darauf folgenden raschen Zunahme der Einwohner, zumal auch die Zahl der privaten 
Gärten sich allmählich sehr verminderte. Demnach trat an die Gemeinde die Pflicht 



Die Kegulieruxg der innern Stadt und der alten Bezirke von 1857 — 1893. 113 

heran, bei Durchführung der Regulierung auch für neue Grartenanlagen in den Vor- 
städten Sorge zu tragen. Zu diesem Behufe erwarb die Gemeinde den Esterhaszy- 
und den Schönborn-Park. 

Die Anzahl, Verteilung, Größe und die Besitzverbältnisse der dem Publikum 
zugänglichen Gartenanlagen am Ende des Jahres 1899 zeigt die folgende Tabelle. 





1 


1 

Zahl der 
, öffentl. 
Garten- 
anlagen 

1 


Ansmaß der öffentlichen Gartenanlagen in Quadratmetern 


Jahr bez. 1 


im Eigentnme 


zusammen 


u. zw. der 


Gemeindebezirk 


des Hof- oder 
Staatsärars 


1 der Ge- 
meinde 


von 

Stiftungen 

oder Privaten 


von der 
Gemeinde 
erhaltenen 

1 


1899 zusammen j 


157 


8767 860 


1 

766348 


255 496 


9 789 704 1 


1 

' 875 592 


/ I 


16 


169 399 


151899 


24 495 


345 793 


171 793 




n 


12 1 


7 Ö39 491 


27 764 


46135 


7 613390 


73899 




III 


7 


164166 


54 598 


104 224 


322 988 


68 598 




IV . 


7 


1 


45115 




45115 


45115 




V : 


5 


1 


20851 


• 


20851 


20851 


VI ; 


2 , 




17 008 


— 


17 008 


17008 




VII 1 


8 


9 668 


10026 


4205 


23899 


14 231 




VIII 


4 , 




11843 


6 968 


18811 


11843 


'5 


IX 


6 




33575 


43 333 


76 908 


33575 


S < 


X 


10 


— 


44 872 


8 326 


53 198 


44 872 


C5 


XI 


5 

• 




7107 


— 


7107 


7107 


a 

.^4 


XII 


10 


— 


12 502 


15 200 


27 702 


27 702 




XIII 1 


20 


877936 


154 502 


— 


1032 438 


154 502 


> 

%4 


XIV 


3 




7110 




7110 


7110 




XV 


8 


7200 


22 461 


2 610 


32 271 


32 271 


^■^ 


XVI 


15 




41 393 




41393 


41393 




XVII 


7 


— 


22263 




22 263 


22 263 




XVIII 


6 




17021 


— 


17 021 


17,021 




^ XIX 

1 


6 


— ■ 


64 438 


— 


64 438 

1 


64 438 



Die Auslagen für die Erhaltung der von der Gemeinde erhaltenen Gartenanlageu 
und Alleen betrugen im Jahre 1899 298046 Kr., die Auslagen für die Herstellung neuer 
Gartenanlagen 142750 Kr. 

Von größtem Einflüsse auf die Durchführung der Stadtregulierung waren, wie 
bereits erwähnt, die Erlassung neuer Bauvorschriften und die zur Förderung der 
Baulust gewährten teilweisen Steuerbefreiungen für Neu- und Umbauten von 
Häusern. 

Die erste Bauordnung fttr Wien wurde am 13. Dezember 1829 erlassen. Sie 
war eine Zusammenfassung aller bis dahin für Privatbauführungen in Wien geltenden 
Vorschriften. Die wichtigste Bestimmung vom Standpunkte der Stadtregulierung ist 
die Festsetzung der Mindestbreite neuer Fahrstraßen mit 5 Klafter =: 9,48 m und der 
Jlaximalzahl von vier Stockwerken. Bezüglich der Haushöfe und der Wohnungs* 
stücke wurde ganz allgemein angeordnet, daß zur Vermeidung nachteiliger Einwirkung 
auf die Gesundheit diese Bestandteile bei neuen Hausbauten zureichend geräumig sein 
müssen, und im besonderen die lichte Minimalhöhe der Wohnräume bei flachen Decken 
mit 9 Fuß = 2,84 m, bei gewölbten mit 10 Fuß = 3,16 m, dagegen keine untere Grenze 
des Hofausmaßes bestimmt. 

Fortschritte der Ing.-Wissensch. Gmppe IL 0. H 



114 GoLDEMüND. Die bauliche Entwicklung und Stadtregulierung. 

Am 23. September 1859 wurde den durch die beschlossene Stadterweiterung 
geänderten Verhältnissen durch Erlaß einer neuen Bauordnung Rechnung getragen. In 
derselben erscheint durch die Bestimmung, daß bei jedem an einer öffentlichen Stra&e 
zu errichtenden Neu-, Zu- oder Umbau der Bauherr vor der Eingabe um Bau- 
bewilligung die amtliche Bekanntgabe der Baulinie und des Niveau nachzusuchen hat, 
zum ersten Male auf eine planmäßige ßegulierung ganzer StraßenzUge Rücksicht 
genommen, während bis dahin die allfälligen Straßenverbreiterungen nur den örtlichen 
Verhältnissen angepaßt und bei der Bauverhandlung, ohne auf die ganze Straße Rück- 
sicht zu nehmen, für jedes Haus einzeln bestimmt wurden. Weiter wurde das Mindest- 
maß der Breite neuer Straßen auf 8 Klafter = 15,17 m erhöht und die größte zulässige 
Haushöhe bis zum Dachsaum mit 13 Klafter = 24,65 m festgesetzt. An den Bestim- 
mungen über die Haushöfe wurde leider nichts geändert. Die Zahl der Stockwerke 
wurde bei Einhaltung der bereits angeführten Minimalhöhen für die Wohnräume sogar 
dem Willen des Bauherrn überlassen, wodurch die Herstellung von sechsstöckigen 
Häusern ermöglicht wurde. 

Am 2. Dezember 1868 trat abermals eine neue Bauordnung in Kraft, durch 
welche bezüglich der maximalen Haushöhen und der Mindesthöhen der Wohnräume 
zwar keine Änderung eintrat, bezüglich der Stockwerkszahl aber festgesetzt wurde, 
daß Wohnhäuser mit mehr als vier Stockwerken einschließlich eines Mezzanins nicht 
gebaut werden dürfen. 

Am 20. Dezember 1869 erschien zu diesem Baugesetz ein wichtiger Nachtrair 
über die Erbauung von Wohnhäusern unter erleichternden Bedingungen auf Baustellen, 
welche die Gemeindevertretung hierfür als geeignet erklärt. Die Gewährung der ziem- 
lich weitgehenden Erleichterungen, die unter anderen in der Zulassung von Riegel- 
wänden, geringeren Mauerstärken, schmäleren Stiegen, kleineren Lichthöhen für die 
Wohnräume und von Dachbodenwohnungen bestanden, wurde an die Voraussetzung ge- 
knüpft, daß die Grundbesitzer bei der Abteilung der Grundstücke auf Baustellen sich 
verpflichten, auf diesen nur Wohnhäuser zu errichten, welche außer einem Erdgeschoß 
nicht mehr als zwei Stockwerke und höchstens eine Länge von 12 Klaftern = 22,76 in 
besitzen. Von diesen Erleichterungen, die das Entstehen gesunder Wohnviertel begün- 
stigen sollten, wurde in den alten zehn Bezirken leider gar kein Gebrauch gemacht, 
weil die zulässige dichte und hohe Bebauung eine höhere Verzinsung gewährte und 
infolge dessen die Grundpreise für die etwaige Herstellung derartiger Wohnhäuser 
durch gemeinnützige Gesellschaften viel zu hoch waren. 

Fünfzehn Jahre später, am 17. Januar 1883 erschien abermals eine neue Bau- 
ordnung, welche, soweit die städtischen Gebiete mit geschlossener Bauweise in Betracht 
kommen, noch heute in Kraft ist. In Bezug auf Stadtregulierung ist der § 2 hervor- 
zuheben. In diesem wird angeordnet, daß bei Bestimmung der Baulinie in bestehenden 
Straßen und Gassen von der Baubehörde hauptsächlich darauf Rücksicht genommen 
werden muß, daß die neuen Baulinien möglichst geradlinig sind, und die Straßen und 
Gassen eine dem öffentlichen Verkehr in denselben entsprechende Breite, und zwar in 
der Regel von 16 m und nur in besonderen Fällen unter 12 m erhalten sollen. Ferner 
wurden die lichten Höhen der Wohnräume mit mindestens 3 m bestimmt und bezüglich 
der Höfe festgesetzt, daß deren Größe von ihrer Lage, von der Ausdehnung und Höhe 
der Gebäude, der Situierung der Nachbarhofräume, sowie von der Anzahl und Benützungs- 
weise der anliegenden Lokalitäten abhängig zu machen und im allgemeinen derart aus- 
zumitteln sei, daß den sanitären Anforderungen in Bezug auf Licht und Luft voll- 
kommen Genüge geleistet wird. Als Regel wurde angegeben, daß bei Bebauung 



Die Einbeziehung der Vohortgemeinden und ihre Folgen etc. 115 

einzelner Baustellen mindestens 15^ des Gesamtansmaßes unbebaut bleiben müssen 
und hiervon der größere Teil auf den Hanshof zu entfallen habe. Lichthöfe, durch 
welche Wohnräume und Küchen erhellt werden, müssen mindestens 12 qm Grundfläche 
haben ; dienen dieselben aber bloß zur Beleuchtung von Korridoren, Aborten oder sonst 
unbewohnten Räumen, so genügt eine Mindestfläche von 6 qm. Die Haushöhe wurde 
auf 25 m abgerundet, die Zahl der Geschosse nur insofern beschränkt, als die Lage 
des Fußbodens des obersten Stockwerkes über dem höchsten Punkte der Straße vor 
dem Hause mit höchstens 20 m festgesetzt wurde. 

Im ganzen genommen ist anzuerkennen, daß durch die Vergrößerungen der 
Straßenbreiten und durch Festsetzung eines Mindesthofausmaßes die Assanierung 
gefördert wurde. Es muß aber auch erwähnt werden, daß die übermäßige Haushohe 
bei relativ kleiner Straßenbreite und das geringe Hofausmaß den neueren hygienischen 
Anschauungen längst nicht mehr entsprechen und dass diese Bestimmungen daher drin- 
gend einer Änderung bedürfen. 

Die zeitweiligen Ermäßigungen der Hauszinssteuern für Neu- und Umbauten 
waren in Wien seit jeher ein wichtiges Mittel zur Belebung der Bauthätigkeit , weil 
daselbst der Realbesitz immer außerordentlich hoch besteuert war. Es sei nur erwähnt, 
daß gegenwärtig vom Bruttozins fast 37^ auf Steuern entfallen. 

Mit der bereits erwähnten kaiserlichen Verordnung vom 27. Mai 1859, wodurch 
die auf Stadterweiterungsgründen errichteten Neubauten eine 30jährige Steuer- 
ermäßigung erhielten, wurde zugleich, um auch den rascheren Umbau der innern 
Stadt und der Vorstädte zu fördern, für alle sonstigen Neu- und Umbauten im Wiener 
Gemeindegebiete, wenn sie binnen fünf Jahren vom Tage der Kundmachung des 
Gesetzes zur Vollendung gelangten, eine durch 18 Jahre, beziehungsweise durch 15 
Jahre dauernde, wenn sie innerhalb 10 Jahre vollendet wurden, aber eine 15 bezie- 
hungsweise 12 Jahre dauernde Ermäßigung von allen staatlichen und landesfürstlichen 
beziehungsweise städtischen Hauszinssteuem gewährt. 

Nach mehrfachen Verlängerungen der Wirkungsdauer dieser Bestimmungen trat 
am I.Januar 1881 die noch heute gültige Verordnung in Kraft, daß die Neu- und 
Umbauten eine 12jährige Steuerermäßigung von ca. 14,5)^ gegenüber der Vollbesteuerung 
welche 36,57^ vom Bruttozins beträgt, erhalten. 



D. Die Einbeziehung der Vorortgemeinden und ihre Folgen 

für die bauhche Entwicklung. 

Durch das Gesetz ,vom 19. Dezember 1890 wurde die Einbeziehung der vor den 
Linienwällen gelegenen selbständigen Vorortgemeinden in das Gebiet und die Ver- 
waltung der Reicbshauptstadt verfügt. Hierdurch vergrößerte sich das Wiener 
Gemeindegebiet von 5539,98 ha auf 17 812,17 ha, also auf ungefähr das Dreifache des 
früheren Ausmaßes. 

Die Bewohnerzahl erhöhte sich um 524 298 Personen, d. h. um ca. 64 % der Be- 
völkerungsziflFer der alten zehn Bezirke, welche am Tage der Einverleibung 817,299 
Personen betragen hatte. 

Die Gesamtzahl der Häuser in den Vororten betrug bei der Einverleibung 
15 188, welche mit ihren Hofräumen eine Fläche von 815 ha einnahmen. 629 ha 

8* 



sp" 




1-^, 



■ ,^^^ ; j^^ 



welche, 
einem 



GoLüKsiusD. Die balliche Entwicklung und Stadtrbguuebung. 

«r wA-^^i-sur/^i. entfielen auf Straßea und Wege, 8651 ha waren Knltnr- 

land: Gärten einsehließl. Hausgärten, Weingärten, Acker, 
Wiesen and Wälder, 

Id den alten zehn Bezirken war das Verhältnis 
folgendes: 14134 Häuser mit 1250 ha Haus- und 
Hoffläche , 743 ha Straßen und Wege und 2842 ha 
Kulturland. Der Rest des Gemeindegebietes entfiel auf 
Gewässer, Eisenbahnen und Begräbnispiätze. 

Die Einbeziehung der Vororte in das Stadt- 
gebiet und der Fall der Linienwälle hatte für die 
Stadtregnliernng vier wichtige Ereignisse im Gefolge; 
die Fertigstellung der GUrtelstraße , 4ie Abändetaug, 
beziehungsweise Ergänzung der im Jahre 1883 erschie- 
nenen BauordauDg, die Erlassung des Gesetzes Tom 
5. April 1893, womit fUr 1203 Häuser, deren Umbau 
für die Regulierung der Hauptstraßen von AVichtigkeit 
erkannt wurde, eine 18jährige teilweise Steuerfreiheit 
gewährt wurde, und schließlich die Preisausschreibung 
zur Erlangung von Entwürfen für einen General-Regn- 
C lierungsplan und die sich daran anschließende Ane- 
:i. arbeitung desselben. 

I* Mit kaiserlicher Entschließung wurde angcord- 

^ net, daß die im früheren Fortifikationsrayon des 
5 Linienwalles gelegenen Grundflächen vornehmlich zur 
■^ Herstellung einer breiten Straße, welche die Bezeieh- 
5' nung 'GUrtel- oder .Görtelstraße« führen sollte, ver- 
l" wendet werden. 

Nn.Q^ ^ Das Projekt fUr die GUrtelstraße wurde vom Mini- 

^;Sv> ^ sterinm des Innern, beziehungsweise von der k. k. n. Ü. 

Htatthalterei im Einvernehmen mit der Stadt Wien und 
den beteiligten Vorortgemeinden im Jahre 1883 end- 
giliig festgesetzt. Dieser Straßenzug folgt im allge- 
meinen dem Zuge des Linienwalles und wird nach 
seiner Vollendung am Donaukanal im Nordosten des 
IX. Bezirkes beginnen und sämtliche alte Bezirke mit 
Ausnahme der Leopoldstadt in einem großen Bogen 
umscMießeud wieder am Donankanal im Südosten des 
IH. Bezirkes endigen. Die Breite der GUrtelstraße 
ist mit Ausnahme einer ca. 3 km langen nur 37,93 m 
breiten Strecke in ihrer Übrigen Ausdehnung mit 
75,86 m (40 Klafter) festgesetzt worden. Die Fig. Gö 
zeigt ein Qnerprofll dieser Straße. Durch die zum 
großen Teile bereits durchgeführte gärtnerische Aus- 
gestaltung der GUrtelstraße sind an Stelle des Linieu- 
walles und des ehemaligen wüsten Fortifikations- 
rayons Kinderspielplätze und Promenaden entstanden, 
wenn die Anpflanzungen gut gedeihen, dieses große Luftreservoir «nch zu 
angenehmen Aufenthaltsort für die Bevölkerung machen werden. 



Die Einbeziehung der Vorortgemeinden und ihre Folgen etc. 117 

Ausdrücklich sei noch hervorgehoben, daß dnrch die Projektierung der Gürtel- 
straße das Zustandekommen einer der wichtigsten Stadtbahnstrecken — der sogenannten 
Gürtellinie — wesentlich erleichtert und gefördert würde. 

Die Abänderung, beziehungsweise Ergänzung der Bauordnung für Wien aus 
dem Jahre 1883 erfolgte durch das Gesetz vom 26. Dezember 1890. 

Die wesentlichsten neuen Bestimmungen desselben sind folgende: Die Ver- 
bauung mit fünfgeschossigen Hänsern bleibt im allgemeinen auf die Bezirke I bis X 
beschränkt uud ist in den neu augegliederten Bezirken nur in den vom Gemeinderate 
besonders zu bezeichnenden Hauptstraßen und Plätzen gestattet. In der Regel dürfen 
die Wohnhäuser in diesen Bezirken, insofern nicht noch weitergehendere Beschrän- 
kungen getroffen sind, außer dem Erdgeschoß nur drei Stockwerke enthalten, wobei ein 
allfälliges Mezzanin als Stockwerk zu rechnen ist. Die minimale Lichthöhe der Wohn- 
räume wurde für die Vororte mit 2,6 m normirt, während für die Bezirke I bis X das 
minimale Lichtmaß von 3 m beibehalten blieb. Ferner erhielt der Gemeinderat das 
Becht, einzelne genau abgegrenzte Gebietsteile vorzugsweise für Industriebauten zu 
bestimmen und für gewisse Gebietsteile die Anordnung von Vorgärten und die Art der 
Bebauung mit Wohnhäusern entweder in geschlossenen Fronten oder einzeln stehend 
vorzuschreiben und die Breite der Vorgärten sowie das Mindestmaß der zwischen den 
einzelnen Gebäuden zu belassenden Zwischenräume sowie die Höhe und Zahl der 
Geschosse nach eigenem Ermessen festzusetzen. Ferner enthält diese Bauordnung die 
Bestimmung, daß der Gemeinderat einen Generalregulierungsplan und auf Grund 
desselben den Generalbaulinienplan festzusetzen hat und daß gegen diese Festsetzung 
ein Rekurs nicht stattfindet. 

Nachdem schon durch die Bestimmung der Bauordnung eine Abstufung des 
Stadtgebietes in einen mit fünf und einen nur mit vier Geschossen bebaubaren Teil 
erfolgte, genehmigte der Gemeinderat auf Grund der vorerwähnten gesetzlichen 
Eimächtigung mit Beschluss vom 24. März 1893 bis zur endgültigen Aufstellung des 
General-Regulierungsplanes vorläufig einen Bauzonenplan. 

Dieser Plan enthält, wie die Fig. 66 zeigt, im wesentlichen drei Zonen: eine Zone, 
in welcher die dichte Bebauung zulässig erscheint, die wieder in zwei Stufen geglie- 
dert ist, eine für Industriebauten und eine Zone vornehmlich für Wohnzwecke. Für diese 
letzte Bauzone, welche mit Rücksicht auf die Nähe des Wienerwaldes, auf das hügelige 
Terrain und die herrschende Windrichtung hauptsächlich im nordwestlichen und west- 
lichen Stadtgebiete liegt, gelten die Bestimmungen, daß die zu erbauenden Wohn- 
häuser außer einem bewohnbaren Erdgeschoß (Parterre oder Tiefparterre) nicht mehr 
als zwei Stockwerke erhalten dürfen und daß die Gebäude in der Regel d. h. insofern 
sie nicht in Straßen oder Plätzen, für welche ausdrücklich die geschlossene Bauweise 
vorgeschrieben wurde, liegen, freistehend auszuführen sind. 

Von weiteren Beschränkungen wurde vorläufig, um dem Generalregulierungs- 
plan nicht vorzugreifen, abgesehen. Es wurde aber beschlossen, daß gelegentlich der 
im Zuge befindlichen Revision die Bauordnung durch eine Bestimmung zu ergänzen 
dei, nach welcher es dem Gemeinderate vorbehalten bleibt, einzelne genau abzugren- 
zende Teile ausschließlich für die Errichtung von Wohnhäusern und damit im Zusam- 
menhange stehenden Objekten zu bestimmen, so daß in diesen Teilen Fabriks- oder 
gewerbliche Betriebe mit störendem oder belästigendem Betriebe entweder ganz unter- 
sagt oder nur mit besonderen Beschränkungen zugelassen werden können, was nach 
den heutigen gesetzlichen Bestimmungen selbst in dem vorgenannten Wohnviertel 
leider nicht der Fall ist. 



118 GoLDEMUSD. Die bauliche Estwicklunq und Stadtreguheeusq. 

Das Ziel der von der Gemeinde bezUglieh der Regelung der Bel)aniingBweiBe 
entwickelten Tbätigkeit ist, die bereits bestellenden Besehränknngen bezüglich Haoaböhe. 
Geschoßzahl nnd Verbauungsdicbte im Interesse der öffentlicben Gesnndheitspflege, so 
weit als zulässig anszudehnen. So wnrde z. B. die allgemeine BebanungsbeEtiniiiiuiig 
YOm 25. März 1893 durch die GemeinderatsbesoblUsse vom 28. März 1899 und vom 11. Juni 
1901 in nachfolgender Weise ergänzt: 

1. Die geschlossene Bebauung findet in den vornehmlich für Wohnzwecke beBtimm- 

ten Gebieten nur statt : 



Fig. 6(i. BanionanplMi. 

a) in den vom Wiener Gemeiuderate fUr die geschlossene Bebauung ans- 
drücklich in Aussieht genommenen ätraßco und Plätzen dieses Gebietes: 

b) itn Falle der Kuppelung zweier Wohnhäuser; diese darf sieh aber nur auf 
zwei Wohnhäuser erstrecken und es darf die Gesamtfrontlänge beider Wohu- 
häuser nicht mehr als 36 m betragen; 

c) bei Grundstücken, welche schon dermalen in der gauzen Front bebaut 
sind , Dud bei welchen ein Umbau ohne Abteilung auf mehrere Banstelleu 
stattfindet ; 

d) bei nnbebanten oder an der Front nur teilweise bebauten Grundstflcken, 
welche an der Banlinie gemessen weniger als 10 m Front besitzen, vor- 
ausgesetzt, daß die betreffenden Grundstücke nicht dnrch eine seit 3. März 
1899 erfolgte Grundabteilnng entstanden sind. 



Die Einbeziehung der Vorortgemeinden und ihre Folgen etc. 119 

2. In allen übrigen Fällen hat die Bebauung mit Belassnng eines Zwischen- 
raumes zwischen dem Gebäude und den Nachbargrenzen zu beiden Seiten 
(bei gekuppelten Bauten an der Seite, wo eine Kuppelung nicht stattfindet} 
zu geschehen. 

Das Maß des mindestens zu belassenden Zwischenraumes beträgt bei gekuppelten 
Bauten 3 m , wenn die Frontlänge des Grundstückes , an der Baulinie gemessen, 
höchstens 15 m ausmacht; dieser Abstand steigt stufenweise bis auf 6 m bei Front- 
längen bis zu 30 m. Bei Grundstücken von mehr als 36 m Frontlänge muß mindestens 
ein Drittel der Länge unbebaut bleiben. 

Bei nicht gekuppelten Bauten darf keiner der beiden Seitenabstände weniger 
als 3 m betragen. 

In einzelnen speziellen Fällen wurden den örtlichen Verhältnissen entsprechend 
besondere Verfügungen getroffen. So wurde beispielsweise für den im Industriegebiete 
liegenden Theil der zweistöckigen Bebauungszone in Kaiser-Ebersdorf verfügt, daß 
zwar die Bebauung in geschlossenen Fronten erfolgen kann, jedoch nur zwei im 
Maximum 15 m tiefe Trakte hintereinander gebaut werden dürfen, wobei der zweite 
Trakit mindestens 30 m hinter der Baulinie zurückstehen müsse. In einigen Fällen, 
wo örtliche Verhältnisse, etwa die Freilassung eines schönen Blickes oder sonstige 
Umstände dies wünschenswert erscheinen lassen, ist die zulässige Haushöhe auf ein 
Stockwerk beschränkt und die Vorgartentiefe bis auf 50 m vergrößert worden. Oft- 
mals ist es vorgekommen, daß die Vorgärten gegen die Straße zu mit undurchsichtigen 
Abschlüssen versehen und daß bei stark eingeschnittenen Straßen in den hügeligen 
Teilen Wiens mehrere Meter hohe Stützmauern ausgeführt wurden. Zur Wahrung des 
landschaftlichen Charakters und zur Freihaltung des Einblickes in die Vorgärten von der 
Straße aus wurde in solchen Fällen in der neueren Zeit angeordnet, daß der Abschluß 
der Vorgärten mit Gittern, welche die Durchsicht frei lassen, zu erfolgen habe und daß die 
Mauersockel bei denselben höchstens 1,5 m hoch sein dürfen. Größere Niveauunter- 
schiede zwischen der Straße und dem Bauplatz müssen durch flache bepflanzte Böschun- 
gen im Vorgarten überwunden werden. Die Verpflichtung zur Erfüllung dieser 
Bestimmungen wird auf den der Parzellierung zugeführten Gründen zu gunsten der 
Gemeinde grundbücherlich sichergestellt und hierdurch die Gewähr gegeben, daß sich 
das Wohnviertel zweckmäßig entwickelt und Wien dereinst im Nordwesten, Westen 
und Südwesten, also in der Richtung der herrschenden Winde, von einer 4 bis 5 km 
breiten Gartenstadt umrahmt sein wird. 

Zur rascheren Durchführung der Verbreiterung in den Hauptstraßen sämtlicher 
Bezirke wurde durch das Gesetz vom 5. April 1893 festgesetzt, daß die an Stelle jener 
im Gesetze speziell bezeichneten Häuser, durch welche besonders störende Einengungen 
verursacht werden, errichteten Neubauten, wenn sie innerhalb zehn Jahren vom Tage 
des Gesetzes an fertig gestellt werden, auf 25 m Tiefe von der Baulinie eine 18jährige 
Steuerfreiheit erhalten. Von dieser Begünstigung, deren Kapitalswert im Vergleiche 
zur 12jährigen, bei allen Neu- und Umbauten gewährten Steuerfreiheit beiläufig dem 
1,4 fachen Betrage des jährlichen Bruttozinses gleichkommt, wurde in den alten Be- 
zirken und in den dicht bebauten neu einbezogenen Vorstädten ausgiebig Gebrauch 
gemacht. Bis Ende 1900 waren ca. 48^ von den genannten Häusern umgebaut und 
dadurch zahlreiche Engpässe beseitigt. 

Eines der wichtigsten Ereignisse für die Stadtregulierung war die Preisausschrei- 
bung zur Erlangung von Entwürfen für einen Generalregulierungsplan über das 



120 GoLDEMüND. Die bauliche Entwicklung und ötadtregulierung. 

m 

gesamte Gemeindegebiet von Wien, welche am 27. Oktober 1892 erfolgte. Der öster- 
reichische Ingenieur- und Architektenverein hatte schon im Jahre 1877 dem Wiener 
Gemeinderate den Vorschlag der Ausschreibung einer solchen Preisausschreibuug 
unterbreitet und diesen Antrag im Jahre 1890 wiederholt. Die Vorarbeiten für diese 
Preisbewerbung, insbesondere die Aufstellung eines einheitlichen Stadtplanes und die 
Feststellung der Projekte für die Stadtbahn, die Sammelkanäle, die Wienflußregulie- 
rung und die Umwandlung des Donaukanals in einen Winterhafen verzögerten jedoch 
die Austragung dieser Angelegenheit wesentlich. Die Aufgabe, welche durch die 
Preisausschreibung gestellt wurde, war unvergleichlich schwieriger als jene der ersten 
Stadterweiterung. 

Am 3. November 1893, dem Endtermin dieser Preisausschreibung, waren 15 
Entwürfe eingelangt. Am 22. Februar 1894 hatte das Preisgericht seine Arbeiten been- 
digt und die ausgeschriebenen Preise folgenden Autoren zuerkannt. Die beiden ersten 
Preise von je 20 000 Kr. dem Baurat J. Stubben in Köln und dem Professor Otto 
Wagner in Wien, je einen der drei zweiten Preise im Betrage von 10 000 Kr. den 
Brüdern Mayreder, dann dem Ingenieur Alfred Reinhold und den Architekten Leopold 
Simony und Theodor Bach in Wien für ihren gemeinschaftlich ausgearbeiteten Entwurf 
und schließlich dem Architekten Eugen Faßbender; die drei Preise zu 6000 Kr. dem 
Ingepieur Alfred Frühwirt in Plauen, dem Architekten Ludwig Baumann und den 
Architekten Lasne und Heindl in München. Ferner wurden die Arbeiten von Eggert 
(Berlin), Lehnert (Berlin), Feldmann (Köln), Hudetz (Wien) und das Projekt »Ira« eines 
unbekannt gebliebenen Verfassers honoriert. Insgesamt wurde auf Preise und Honorie- 
rungen ein Betrag von 128 000 Kr. verwendet. 

Zur Verwertung des durch die Preisausschreibung gewonnenen Materials, bezie- 
hungsweise zur Ausarbeitung eines endgültigen Regulierungsplanes wurde Ende des 
Jahres 1894 im Stadtbauamte unter der unmittelbaren Leitung des Stadtbaudirektors 
ein eigenes Bureau geschaffen und in dasselbe zur Wahrung der künstlerischen Rück- 
sichten Professor Karl Mayreder als Chef-Architekt berufen. In dem sechsjährigen 
Zeitraum seit der Büreaugründung ist der Generalregulierungsplan, welcher eine neue 
Aera der baulichen Ausgestaltung der Stadt zu schaffen bezweckt, fast zu drei Vier- 
teilen vollendet worden. 

Außer den Verkehrs- und sehönheitlichen Rücksichten werden bei den neuen 
Regulierungsprojekten auch die sanitären Forderungen ganz besonders in Beti'aclit 
gezogen und gewürdigt. Die außerordentlichen Vorteile, welche durch die Bau- 
zoneneinteilung und durch die Abstufung der Haushöhen in den einzelnen Zonen erzielt 
wurden, werden noch zu ergänzen gesucht, einerseits durch entsprechende Wahl der 
Straßenrichtung zur Meridianlinie, um eine Besonnung beider Straßenseiten zu erzielen, 
andererseits durch Annahme möglichst geringer Straßenbreiten für die Nebenstraßen 
der Wohnviertel bei gleichzeitiger Anlage tiefer Vorgärten zur thunlichsten Verkleine- 
rung der staubbildenden Flächen; und schließlich durch Reservirung großer Grund- 
flächen für öffentliche Gärten an zahlreichen Punkten der Stadt, besonders im unmittel- 
baren Anschluss an die bestehende Bebauung der Vorstädte. Bei der Wahl der 
Gartenplätze wird auch in Rücksicht gezogen, daß dieselben mit den Hauptverkehrs- 
mitteln der Stadt leicht und billig erreicht werden können. Neben den großen Gärten, 
welche in der Regel mindestens 60 000 qm Fläche erhalten , werden zahlreiche kleine 
Gartenanlagen hergestellt. Sie sind in kurzen Abständen von V4 ^is \ 2 km angeordnet 
bilden oftmals den Abschluß des Straßendurchblickes oder schaffen eine angenehme 
Unterbrechung in den zu den großen Gärten führenden Straßen. Die Anlage dieser 



Die EüiDGziBHUKO der Vobortoemeindex vnd ihre Foloek etc. 



121 



kleinen Garten- nnd Hchmnekplätze iat durch die Bestimmung der Banordnung, daß der 
GnindeigeutUmer im Falle der Parzellirung seines Grundes auf Baustellen verpflichtet ist, 
die Grundflächen fUr die Eröffnung nener Straßen und Plätze bis zum höchsten Ausmaß 




von 23 m auf jeder btraßense te nncDtgeltl eh abzutreten, wesentlich unterstützt. Bei 
einer Platzbre te TOn 46 m erwachsen daher der Gerne nde ftlr den Grnnderwerb solcher 
Schmuckplätze ke ne Auslagen In den bebauten Geh eten trachtete die Stadt durch 
Erwerbung von Privatgirten dem durch die eeinerzeitige planlose Bebaunng herbei- 



122 GOLDEMUND. DiE BAULICHE ENTWICKLUNG UND StADTREGULIERCNG. 

geführten Mangel an öffentlichen Gärten abzuhelfen. So wnrde in jüngster Zeit für 
den III. Bezirk der fttretlich Arenbergache Park mit einem GeeamtaUBmaß ron 
50394 qm um den Betrag von 2 000 000 Kr. erworben. 

Am schwierigsten gestaltete sich die weitere Regulierung der inneren Stadt und 
zwar hanptBäcblich wegen der hohen Grundwerte. Von den hierfür aufgestellten zahl- 
reichen Projekten ist noch keines vom Gemeinderate endgiltig genehmigt worden. Als 
feststehend ist zu betrachten, daß zum Aufschluß und zur Assanierung des sUdQstlichen, 
größtenteils seit dem 18. .lahrhundert unveränderten Teiles der Stadt ein großer 
Straßenzug vom Donaukanal bis zur Ringstraße dnrchgebroehen werden wird. 

Weitere Durchbrilche, der eine von Korden bis zum Stefansplatze und der andere 
vom Platze >Am Hof* bis zum Volksgarten verfolgen mehr Verkehrszweeke. 



Flg. 69. Anigeitaltnng' dar WjenxBils vom Stadtpaik bii mm Gstreidanurkt und der uiBclili«fiMid«n 
Fl&tiei EarlipiKti nnd Bahwanenbergplati. 

Am weitesten durchgeführt ist die Regulierung der Wienzeile nnd des daran 
schließenden Karlsplatzes. Entlang des Wienflusses, welcher vom Donaukanal bU 
Hietzing auf eine Länge von 8,3 km zwischen Mauern gefaßt und zum Teil anch ein- 
gewölbt ist, wird gegenwärtig eine prächtige, durch die belebtesten Teile Wiens 
ziehende Straße ausgeführt. Ihr Querprofil ist so gewählt, daß während des Proviso- 
rinms, d. h. in jenem Zeitraum, wo der WienfluB noch nicht eingewölbt ist, zunächst 
sowohl längs der unmittelbar am rechten Ufer des Wienflusses liegenden Stadtbahn 
als auch längs des linken Ufers des Wienflusacs Seitenstraßen mit einer Mindestbreite 
von 14 m zur Ausführung gelangen. Dnrch Berücksichtigung schon bestebender Bau- 
objekte wird dieser Straßenzug weehselnde Breiten von 60 m bis 90 m erhalten- 
Die Fig. 67 und 68 zeigen die Qnerprofils- Ausgestaltung und die Sitnalion Aes 
untersten Teiles der Wienzeile im unmittelbaren AnEchluß an den Karlsplatz. Kaeb 



Die Einbeziehung- der Vorortgemeinden und ihre Folgen etc. 



123 



Durchführung der Ein- 
wölbung des Wienflusses 
und der allfälligen Ein- 
deckung der Stadtbahn 
sind zwei Doppelalleen 
und in den über 60 m 
breiten Teilen Garten- 
streifen neben denselben 
geplant. Den Karlsplatz 
nach seiner Vollendung 
zeigt Fig. 69. Die Durch- 
führung sonstiger geneh- 
migter Projekte ist in- 
sofern begonnen, als die 
Gemeinde bereits die 
Grundflächen für meh- 
rere öffentliche Anlagen 
erworben hat. Da im 
allgemeinen die Durch- 
führung einer Stadtregu- 
lierung und Erweiterung 
an viel längere Zeitläufte 
gebunden ist, als die 
anderer Ingenieurwerke, 
so ist die Vollendung die- 
ser Projekte noch in 
ziemlich weite Ferne 
gerückt. 

Im übrigen sind 
in den altbebauten Ge- 
bietsteilen einige energi- 
sche Aufschlüsse alter 
und sanitär mangelhafter 
Stadtviertel geplant, meist 
stehen aber einer weiter 
ausgreifenden Regulie- 
rungen Neubauten aus 
den letzten 40 Jahren 
im Wege, so daß man 
sich in diesen Teilen in 
der Regel mit ausgiebi- 
gen Verbreiterungen der 
bestehen den Straßen- 
zUge wird begnügen 
müssen.. Unter diesen 
Umständen mußte die 
Hauptaufgabe der neuen 
Regulierungsthätigkeit in 




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GOLDEML-KD. DiE UAULICUE ESTWICKLCKG UKD ■STÄDTEEGlTLIEHrKG. 



der AuBarbeituDg entsprechender Projekte für die rationelle Bebauung: der noch unrer- 
bauteD Gebiete, also gewissermaßen die Vorsorge fllr eine neue weitan^greifende 
Ötadterweiternoff sein. 



I 

Die ElSBEZIEIIL'KG DER VORORTGESIEINDEN VXD IHRE FOLGES ETC. 125 i: 



Fif;. 72. Entwarf tax dis Hegullmang doi WiUitliiünaiibmrge* (16. nnd 17. Beitrk.) 



Flg. 73. Entvnrt tür dla Eagalitnuig von Kali«T-Eb«ridoif '11. Bcziik;. 



126 GOLDEMUND. DiE BAULICHE ENTWICKLUNG UND StADTREGULIERÜNG. 

Als Beispiele genehmigter Regulierungspläne seien angeführt: Die Wohnviertel 
Krottenbachzeile und das anschließende Gebiet im Nordwesten (Fig. 70) und das In- 
dustriegebiet im XL Bezirk östlich von der Simmeringer Hauptstraße (Fig. 71)^), dann 
die im Westen an den Wienerwald grenzende, projektierte gartenreiche Villenstadt 
Wilhelminenberg mit einem Teile des durch Sttlbben angeregten HUgelringes (Fig. 72) 
und der Bezirksteil Kaiser-Ebersdorf im Südosten der Stadt (Fig. 73). 

Einen kräftigen Impuls erhält die Regulierung der inneren Bezirke durch die 
beschlossene Auflassung mehrerer alter, schlecht gebauter Kasernen und des allgemeinen 
Krankenhauses. Hierdurch werden Grundflächen von etwa 250 000 qm einer rationellen 
Verbauung zugeführt und die Stadt in die Lage gesetzt, große Teile dieser Flächen 
für öffentliche Garten zwecke zu erwerben. 

Es seien nunmehr nur noch jene von der Gemeinde angestrebten Maßnahmen 
legislativer und finanzieller Natur angeführt, durch welche die Stadtverwaltung in die 
Lage zu kommen hofft, die noch auszuführenden Regulierungen in zweckmäßigerer 
Weise und in kürzeren Zeiträumen als bisher durchführen zu können. Es sind dies 
die Erlassung eines besonderen Enteignungsgesetzes für Stadtregulierungszwecke in 
Verbindung mit einer neuen Bauordnung, die dauernde Stärkung der städtischen Finan- 
zen durch Zuweisung eines größeren Teiles der faktischen Wiener Steuerleistung und 
die Aufnahme eines Anlehens. 

Das von der Gemeinde schon seit längerer Zeit angestrebte Expropriationsgesetz 
soll bei Durchführung von Regulierungen die zwangsweise Enteignung ganzer Grund- 
stücke, sowie die zwangsweise Zueignung hierbei verbleibender, selbständig unbebau- 
barer Reste zu bestehenden Realitäten ermöglichen, während nach den heutigen auf 
Grund des § 365 des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches durchgeführten Expropria- 
tionen nur der für Straßen selbst notwendige Grund enteignet werden kann, wodurch 
die Werterhöhung, welche die angrenzenden Realitäten durch die neuen Straßenzüge 
erfahren, kostenlos den Grundeigentümern zufällt. 

Von großer Bedeutung für die weitere sanitäre Entwicklung der Stadt wird auch 
die schon seit längerer Zeit in Beratung befindliche neue Bauordnung sein; insbeson- 
dere für die geschlossen verbaubaren Zonen. Es wird angestrebt, die Haushöhe von der 
Straßenbreite abhängig zu machen und das heute zulässige Mindestmaß der Hof räume 
entsprechend zu erhöhen. In Bezug auf diese wichtigen Punkte steht die jetzige Wiener 
Bauordnung am weitesten hinter den modernen sanitären Anforderungen zurück. 

Von den jährlichen Todesfällen entfallen in Wien rund ein Viertel auf die Lungen- 
tuberkulose, bei welcher Krankheit schlechten Wohnungsverhältnissen zweifellos eine 
ausschlaggebende Bedeutung zufällt. Schon dieses Moment läßt die radikalsten Ände- 
rungen der bestehenden Bestimmungen als notwendig erscheinen. Die erste Anforderung 
in sanitärer Beziehung ist aber in dem erforderlichen direkten Zutritte von Licht und 
Luft zu jenen Räumen gegeben, welche zum länger dauernden Aufenthalte von Menschen 
bestimmt sind. Die gegenwärtige Bauordnung fordert, nicht den direkten Luftzutritt, 
und sie gestattet ohne Rücksicht auf die Straßenbreite überall 25 m hohe Hänser, 
erfüllt also die wesentlichste Anforderung an die Gesundheitspflege nicht. 

Zu welch bedauerlichen Verhältnissen das derzeitig erlaubte Minimalhofausmaß 
führt, zeigen Fig. 74 bis 76, wovon die erste einen Baublock im neuen Stadtteil an 



1; Die Abbildungen Fig. 70 und 71 sind der Monateschrift: »Der Architekt« 1899, Verlag von 
A. SchroU & Co., entnommen. 



Die Einbeziehung der VoKoaxOEiiEiNDEx ukd ihre Foloen etc. 



127 



der Kronprinz-Rudolfatraße gegenüber dem Prater, die beiden anderen die bei den 
tiefen BaublOcken der Josefstadt eingerissene Bauweise illnatrieren. Dieae Bauweise 
kann nur durch strenge Bestimmungen der Bauordnung Termieden werden. Die viel- 
fach augeregte Vermindemug der Baublocktiefen auf ein Maß Ton etwa 4U m, wodurch 
solche Bebanungen hintangebalten wurden, hat den Nachteil, nur in neuen Stadtteilen 
angeweadet werden zu kOnnea und die Gemeindeverwaltuug mit der Erhaltung au 
großer Straßenfläcben zu belasten. 

In finanzieller Beziehung ist zu erwähAen, daß die Gemeinde in der Zeit vom 
Jahre 1850 bis zum Jahre 1890 für Stadtregnlierungezwecke ioBgesamt 40 Millionen 
Kronen ausgegeben hat. Wenn diese Summe im Verhältnis zu jenen Beträgen, die 
andere Weltstädte in gleichen Zeiträumen für Kegnlierungszwecke gewidmet haben, 
gering ist, so hat dies seine Ursache darin, daß von der GeBamtstenerleistung Wiens 
45^ für die Zwecke des Staates und Landes in Anspruch genommen und nur 55^ 
zur Befriedigung der speziellen Bedürfnisse der Stadt gewidmet werden. 




J}iissieliiin^s Strafst 



Fig. 75. 



Zur Verbesserung dieses Mißverhältnisses wird von der Gemeinde angestrebt, 
daß wenigstens der gesamte Betrag der in Wien erhobenen Verzehrungssteuern der 
autonomen Stadtverwaltung Überlassen werde. Hierdurch würden die jährlichen Ein- 
nahmen der Stadt sofort um beiläulig 15 Millionen Kronen erhöht werden. Vorläufig 
dürfte zur rascheren Durchführung verschiedener wichtiger städtischen Arbeiten ein großes 
Anlehen anfgenommen werden, von welchem ein beträchtlicher Teil für Stadtregu- 
lierungszwecke verwendet werden soll. 

Durch diese Maßnahmen hofft die Gemeinde die bisher in den Angelegenheiten 
der Stadtregalierung und Wohnverhältnisse entfaltete Thätigkeit in solchem Grade 
steigern zu kfinnen, daß es ihr gelingen wird, im Zusammenhange mit den schon im 
Znge befindlichen Arbeiten zur Verbesserung des Verkehrswesens, der Wasserversorgung. 
Kanalisation, Straßenpflasterung und Stadtsäuberung die Sterblichkeitsziffer, welclie 
infolge des bisherigen Ässanirungawerkes innerhalb 50 Jahren von durehschnittlich 40 
anf 21 pro 1000 gesunken ist, auf die kleinste bis heute in giöBcrcn Städten überhaupt 
erreichte Ziffer von 18 auf 1000 herabzndrllcken. 



128 GOLDEMUND. DiE BAULICHE ENTWICKLUNG UND* StADTBEGULIERUNG. 



Litteratur. 

Allgemeine Bauzeitung von Ludwig Förster 1859. 

Wien, 1848—1888. Denkschrift zum 2. Dezember 1888. Herausgegeben vom Gemeinderate der Stadt 
Wien. 1888. Im Kommissionsverlag von Carl Konegen. 

Zeitschrift des Ost. Ingenieur- und Architekten- Vereines 1894, 1895, 1896, 1900. 

Motiven-Bericht zum Antrage des Stadtbanamtes fUr den Regulierungsplan der inneren Stadt Wien, 
von Professor Karl Mayreder. Wien 1896 bei Alexander Dom. 

Über Wiener Stadtregulierungs-Fragen. Vortrag von Professor Karl Mayreder. Wien 1895, bei Alexander 
Dorn. 

Studien und Entwürfe zur Wiener Stadtregulierung besprochen von Feldegg, Wien 1899. Supple- 
mentheft Nr. 3 der Monatsschrift »Der Architekt«, bei A. Schroil & Co. 

Statistische Jahrbücher der Stadt Wien. Verlag des Wiener Magistrats. 

Nachweisung der während der Regierung Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I. von der k. k. 
Reichshanpt- und Residenzstadt Wien in den Jahren 1849 bis einschließlich 1896 bestrittenen 
Auslagen für öffentliche Zwecke. Wien 1898, Verlag des Gemeinderats-Präsidium. 



Medizinal- statistischer Teil. 



Die Assanierung Wiens vom medizinisch-statistischen 

Standpunkte 

bearbeitet von Dr. Alois Orflnberg, Oberbezirksarzt, 
unter Mitwirkung von Dr. Alfred Freund ^ Assistent des Wiener Stadtphysikats. 

(Hierzu Tafel IV— XIV.) 



Vorwort. 

In dem folgenden Beitrage zur Beurteilung der in Wien ausgeführten Assanie- 
rungswerke wird der statistische Nachweis für den Nutzen derselben erbracht. 

Innerhalb eines großen Gemeinwesens ist es eben nicht nur die stattgefundene Ver- 
schönerung und die imponierende Veränderung des Bauzustandes, welche als die Eesultate 
der mühevollen, auf die Verbesserung des allgemeinen Wohles abzielenden Bestrebungen 
anzusehen sind, sondern die Verminderung der Sterblichkeitszififer ist es vor allem, durch 
we che die fortschreitende Assanierung einer Stadt erwiesen werden kann. 

Gleichen Sehrittes mit der Verbreitung hygienischer Grundsätze wurde auch in 
Wien von Seite der Regierung und der autonomen Gemeindevertretung eine Kultur- 
arbeit vollbracht, durch welche die Stadt im Laufe von Dezennien förmlich neugestaltet, 
verjüngt und verschönert, der Zutritt von Licht und Luft überallhin erleichtert, die 
Reinigung und Reinhaltung des Bodens und des Luftkreises bewerkstelligt worden ist, 
und noch viele andere, wichtige Lebensbedingungen der Gesamtbevölkerung einer 
Verbesserung und Ausgestaltung zugeführt worden sind. 

Unter Hinweis auf die nachfolgende eingehende Schilderung mag hier nur 
vorausgeschickt werden, daß die Sterblichkeit in Wien von 36,5 Todesfällen auf 
1000 Einwohner im Jahre 1871 bei einer Bevölkerungszahl von 624138 auf 30,0 im 
Jahre 1881 bei einer Bevölkerung von 715257, ferner auf 25,01 im Jahre 1891 bei 
einer Bevölkerungszahl von 1378530, und auf 20,7 im Jahre 1900 bei einer Gesamt- 
bevölkerung von 1656662 Seelen, bez. auf 20,03 der Wiener Wohnbevölkerung mit 
Ausschluß der Ortsfremden herabgesetzt worden ist. 

In demselben Zeiträume sind die Todesfälle an Infektionskrankheiten auf je 
1000 Einwohner berechnet von 4,42 auf 2,96, 2,75 und 1,38 und speziell die nach 
Tuberkulose von 9,09 auf 7,38, 5,90 und 5,29 vermindert worden. 

Es ist begreiflich, daß Assanierungswerke in Großstädten kaum je nach allen 
Richtungen als völlig abgeschlossen betrachtet werden können, und so ist auch in 
Wien noch Manches auf diesem Gebiete zu thun übrig geblieben. Es kann aber schon 
derzeit ohne Uberhebung behauptet werden, daß sich die sanitären Verhältnisse der 
schönen Kaiserstadt an der Donau immer günstiger gestaltet haben, und daß eine 
weitere günstige Entwickelung derselben in sicherer Aussicht steht. 

Dr. A. Löffler, Stadtphysikus in Wien. 

ForUcbritte der Ing.-Wissengclu Gruppe, n. 9. 9 



Einleitung. 

Aufgefordert za einer Monographie über die AsBanierung Wiens einen medi- 
zinisch- statis tischen Abschnitt zu liefern, haben wir versucht , diesen Gegenstand in 
aller Ettrze und ohne jede nähere Beziehung zu dem technischen Teile der Dar- 
stellung zu erörtern. Der sachlichen Schwierigkeit uns wohl bewußt, hätten wir diesen 
Versuch kaum unternommen, wenn nicht in den seit Organisation des Wiener Stadt- 
physikates im Jahre 1864 erscheinenden regelmäßigen Publikationen desselben und 
insbesondere in den seit der Reorganisation des Amtes (im Jahre 1884) von den Stadt- 
physikern Kammerer, Schmid und Löffler erstatteten ausführlichen Berichten, sowie 
von ersterem auch an anderer Stelle grundlegendes Material geschaffen worden wäre, 
nebst welchem auch die vom statistischen Departement des Wiener Magistrates seit 
dem Jahre 1883 veröffentlichten statistischen Jahrbücher zur Benützung gelangten. 

Daß die Darstellung des Gegenstandes nur einseitig erfolgte und hierbei die 
Morbidität der Wiener Bevölkerung, abgesehen von jener an Infektionskrankheiten, 
eine nur geringere Beachtung fand, hängt mit der UnvoUständigkeit des diesbezüglichen 
Materials zusammen; denn weder die Daten betreffend die armenärztliche Behandlung, 
welche in früherer Zeit fast die einzige Handhabe für die Beurteilung der Morbidität 
bildeten, noch die Berichte der großen Krankenkassen, die seit mehr als einem 
Dezennium veröffentlicht werden, noch die Ausweise der öffentlichen und privaten 
Krankenanstalten gewähren einen verläßlichen Einblick in die Morbiditäts Verhältnisse 
der Gesamtbevölkerung, da- diese ihrer Zahl und Gliederung nach von den in den 
genannten Berichten statistisch beurteilten Bevölkerungsklassen weitaus verschieden ist. 

Es wurde demnach die Frage der Assanierung Wiens im Hinblicke sowohl auf 
die Morbidität als auch auf die Mortalität der Bevölkerung hauptsächlich nach der 
Sichtung der zunächst vermeidbaren Infektionskrankheiten behandelt, bezüglich welcher 
die Leistungen der Gesundheitstechnik zusammengehalten mit den Einflüssen der Ver- 
waltung sowie der von geklärten medizinisch-hygienischen Anschauungen geleiteten 
ärztlichen und amtsärztlichen Wirksamkeit so bemerkenswerte Besultate aufweisen; 
doch haben auch die übrigen unter den Todesursachen stärker hervortretenden Krankheits- 
gruppen eine wenn auch weniger eingehende Beurteilung gefunden. 

Die aus den nachfolgenden Blättern ersichtlichen Erfolge mögen für Andere die 
Anregung bilden, den Beziehungen der Gesundheit zu den Werken der Humanität und 
den Einrichtungen einer großstädtischen Verwaltung näher zu treten, um daraus die 
Erkenntnis zu schöpfen, daß die durch das Zusammenströmen bedeutender Menschen- 
massen in Großstädten entstandenen Gefahren sich durch eine wachsame Gesundheits- 
verwaltung wesentlich einschränken lassen; allerdings genügen, um auf manchen 
Gebieten der Assanierung weitere bedeutende Fortschritte zu erzielen, selbst die großen 
durch die Initiative der öffentlichen Verwaltung entstehenden Werke nicht, sondern 
hierzu ist auch die aus sittlichen Motiven entspringende Mitwirkung eines jeden 
Bewohners der Stadt erforderlich. 



A. Übersieht über die zeitKche Entwicklung der hygienischen 

Einrichtungen der Stadt Wien. 

Die Assanierung einer Stadt findet in der baulichen Ansgestaltnog den äaßeren, 
in den Morbiditäts- un^ Mortalitätszablen der Bevölkerung den ziffermäßigen Ausdruck 
und in der Verwaltung wie in dem Stande der Medizin und Technik die Grundlage 
ihrer Entfaltung. Während die Darstellung in der ersten Richtung nur thatsächliche 
Verhältnisse behandelt, wird die Ziffernsprache Deutungen zugänglich, die um so viel- 
seitiger werden können, wenn der Stand der Bevölkerung durch Wechselbeziehungen 
von und nach außen mitbeeinflußt wird. Einer verschiedenen Beurteilung entgehen 
übrigens auch die baulichen hygienischen Einrichtungen nicht, wenn man Stimmen^)*] 
nicht unbeachtet läßt, die in einer Zeit, wo die Herstellung von Wasserwerken, 
Schwemmkanälen etc. eine der Hauptsorgen der Gemeinden in hygienischer Beziehung 
bilden, diesen und anderen erstrebenswerten Einrichtungen ihre Billigung versagen. 
Je größer der Zeitraum ist, welchem die Darlegung gewidmet ist, um so prägnanter 
tritt die unter der Einwirkung der Zivilisation und Hygiene durch die Techniker zu 
Stande gebrachte Formänderung an der Stadt hervor, und um so schärfer markiren 
sich die Einflüsse, welche dem Anwachsen und dem Fortschreiten der Gesundheit ihrer 
Bewohner zu Grunde liegen. Aus diesem Grunde und im Hinblick auf den 50jährigen 
Bestand der autonomen Gemeindeverwaltung behandelt die nachstehende Darstellung die 
letzten 50 Jahre der Assanierung der Stadt Wien. So verlockend es auch erscheint, den 
hierfür aufgewendeten Kosten eine Gesundheitsbilanz ^) entgegenzustellen, um den wahren 
Wert der für Assanierungszwecke seitens der Gemeinde übernommenen Lasten klar zu 
stellen, wird mit Bücksicht auf den engen Rahmen der Darstellung hierauf verzichtet 
werden müssen; es wird dessenungeachtet unschwer zu erweisen sein, daß Wien in«den 
letzten 50 Jahren nicht nur eine große, sondern auch eine gesunde Stadt geworden ist. 

Die Stadt Wien**), welche seit langer Zeit aus der mit Wall und Graben 
umgebenen inneren Stadt und 34 Vorstädten bestanden hatte, wurde am 20. März 1850 
in 8 Bezirke eingeteilt. Nach der Teilung des 4. Bezirkes (14. August 1861) in zwei, 
Wieden und Margarethen, bestand das Gemeindegebiet aus neun Bezirken, und als am 
2. Oktober 1873 die vor der Favoritenlinie erbauten Häuser als eigener Bezirk abgetrennt 
wurden, aus zehn Bezirken, welche das alte Gemeindegebiet I bis X bildeten; zu diesem 
kamen durch die Vereinigung mit den Vororten (19. Dezember 1890) noch die Bezirke 
XI bis XIX (ehemalige Vorortgemeinden), so daß die Stadt seit dem Zeitpunkte der Ver- 
einigung aus 19 Bezirken bestand, zu welchen am 1. Juli 1900 die Brigittenau durch 
Abtrennung vom Bezirk II als selbständiger Bezirk XX trat. Das alte Gemeindegebiet 
mit einer Gesamtfläche von 5539,9824 ha hatte sich durch die Einbeziehung der Vororte 
im Jahre 1890 auf 17 812,1711 ha erweitert. (Siehe Tafel 4.) 

In dem ersten Dezennium^) der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
begegnen wir in Wien nur wenigen Erscheinungen, welche zur Hebung der Gesundheits- 
verhältnisse beizutragen geeignet waren. Epidemien herrschten, die Erwerbsverhältnisse 

*} Die Zahlen ^) ^ u. b. w. verweisen auf die S. 193 angeführte Litteratnr. 
*♦} Vergleiche Tafel I und III. 

9* 



132 Grünbeäg, Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

der Bewohner waren ungünstige, nnd die Wohnungsnot fing an sich geltend zu machen. 
Große, offene Wasserläufe, die zur Ableitung von Jauche und unreinen Abwässern 
dienten, verunreinigten die Luft in der Umgebung und führten ebenso wie der Donau- 
Strom in seinem ungeregelten Verlaufe häufig zu Überschwemmungen und deren nach- 
teiligen Folgen. Es mangelte an Kinderspitälem und an Spitälern für Infektionskranke; 
die Wasserversorgung war eine ungenügende und wurde, abgesehen von Uausbrunnen 
und mehreren kleinen Leitungen, durch eine .Grundwasserleitung, die Kaiser- 
Ferdinands-Wasserleitung, zumeist in öffentlichen Ausläufen gedeckt. Die innere Stadt 
war wohl von den Bezirken durch ein weites Luftreservoir getrennt, aber in dem durch 
hohe Häuser und enge Gassen verbauten Stadtgebiete fehlte es fast ganz an öffent- 
lichen Gartenanlagen. In den Bezirken waren die Verhältnisse insofern günstiger, als 
hier sehr viel private Gärten bestanden. Die Bezirke waren von den Vororten durch 
Wall und Graben getrennt, welcher häufig genug als Abladestätte für Mist etc. diente. 
Sieben Friedhöfe verteilten sich an der Peripherie der Stadt. 

Die Sanitätsorganisation wurde zwar in Angriff genommen, aber nicht dureV 
geführt. Für die Armenbehandlung sorgten die k. k. Armenärzte und Polizeiärzte, der 
Sanitätsdienst wurde in den Bezirken fast ausschließlich von den Ärzten der Polizei- 
kommissariate besorgt. Die Gemeinde verfügte über eine Anzahl von Totenbeschauen!, 
einen Sanitätsmagister, d. i. Stadtphysikus , und einen Ober -Infektionswundarzt, von 
denen der erstere die Oberleitung in Epidemie- Angelegenheiten, der zweite die 
Leitung des Desinfektionsgeschäftes und der Totenbeschau zu besorgen hatte. Die 
Desinfektionsanstalt, die Wien seit dem 17. Jahrhundert besessen hatte, fiel, als die 
Arzte selbst gegen dieselbe als eine unzeitgemäße Einrichtung Stellung genommen 
hatten, im Jahre 1857. Die Einheitlichkeit der Verwaltung und das neue Gewerbe- 
gesetz bildeten die Grundlagen für die Anbahnung besserer Verhältnisse. 

Dauernde Denkmäler der Kultur schuf das Dezennium der 60er Jahre in der 
Periode der Stadterweiterung nach dem Falle der Stadtmauern und Stadtgräben 
durch Bebauung des Glacis, wobei auch unter dem Einflüsse der neuen Bauordnung 
luftige und günstiger beleuchtete, wenn auch höhere Häuser gebaut wurden. Die 
Ee^lierung des Donaustroms beschränkte die Zahl der für die tief gelegenen Bezirke so 
verhängnisvollen Überschwemmungen, und das neue Schulgesetz förderte die allgemeine 
Bildung. Der Sanitätsdienst wurde im Jahre 1864 dnrch Bestellung von zwei Stadt- 
physikern organisiert. Allein demselben fehlte anfangs vollständig die Einheitlichkeit, 
da die sonstigen städtischen Sanitätsorgane nur die Totenbeschau versahen, die Armen- 
behandlung in der Hand der k. k. Armenärzte lag, während "Bin Teil der Sanitätspolizei 
von den k. k. Polizeiärzten noch versehen wurde. 

Die Stadtphysiker Dr. Nusser und Dr. Innhauser haben daher kurz nach ihrer 
Bestellung im Jahre 1864 darauf hingewiesen ^j, daß, wenn der Sanitätsdienst in 
Wien auf jene Stufe der Vollendung gebracht werden soll, wie es die Größe und 
Würde der Haupt- und Residenzstadt eines mächtigen Kaiserreiches erfordert, alle 
diesen Dienst zur Ausübung bringenden Organe zu einem gemeinsamen Ganzen ver- 
einigt und ausnahmslos der Kommune untergeordnet, von ihr ernannt, bezahlt und 
überwacht werden müssen. 

Diese Organisation kam jedoch erst in den 70er Jahren unter dem Einflüsse 
des Beichssanitätsgesetzes vom 30. April 1870 zustande und gipfelte in der im Jahre 
1880 veröffentlichten Instruktion 5) für die städtischen Arzte (welcher Titel an Stelle 
der bisherigen Bezeichnung Totenbeschauer trat), welche jedoch vorzugsweise die 
Totenbeschau betraf. Das Kudolfsspital wurde eröffnet, das Versorgungshaus iu 



ÜBERSICHT ÜBER DIE HYGIENISCHEN EINRICHTUNGEN DER StADT WiEN. 



133 



Ybbs erweitert und das Waisenhaus im V. Bezirke errichtet; im IL and in. Bezirk 
worden Einderspitäler eröffnet, nebst den Lagerhäusern der Bahnen, der Dampfschiff- 
fahrtsgesellschaft und der Unionbank wurde ein Lagerhaus der Stadt Wien errichtet. 

Das dritte Dezennium ist charakterisiert durch die Eröffiiung der Kaiser- 
Franz-Josef-Hochquellen-Wasserleitung im Jahre 1873, die SehlieBung der alten 
Friedhöfe und die Eröffnung eines Zentralfriedhofes außerhalb Wiens (derzeit im 
XL Bezirk gelegen) im Jahre 1874, die Errichtung und Eröffnung eines großen 
Epidemiespitals seitens der Gemeinde an der Triester Straße, Einfahrung der sanitären 
Uberwachang der Prostituierten, Stabilisierung des Institutes der Sanitätsaufseher, 
deren Instruktion im Jahre 1882 erlassen wurde ^). 

Die Normalvorsohriften tiber Schulbauten ?) eröffneten die neue Ära 
der Schulhygiene, ftlr welche die Gemeinde die größten Opfer brachte, wie aus der 
großen Zahl der seither errichteten Schulbauten zu entnehmen ist, bei deren Anlage, 
Einrichtang und Betrieb den Fortschritten der Technik und Hygiene Rechnung getragen 
wurde (siehe Tabelle I). 

Tabelle L 

Errichtung von Volks- und Bürgerschulen in Wien nach dem • 

Stande Ende 1900. 



I 



Bezirk 



Zahl 
der 

Schalen 



Davon wurden erbaut 



vor dem 
Jahre 
1870 



in den 

Jahren 

1870—1880 



in den 
Jahren 

1880 - 1890 



in den 
Jahren 

1890—1900 













• 


I. 


16 


4 


8 


4 




IL 


40 


4 


13 


7 


16 


III. 


27 


7 


8 


4 


8 


IV. 1 


16 


8 


6 


2 


— 


V. 


22 


4 


6 


6 


6 


VI. ' 


14 


4 


6 


3 


1 


VII. 


17 


7 


4 


6 


— 


VIII. 


12 


4 


6 


5 


1 


IX. 


20 


4 


7 


6 


3 


X. 


26 


2 


o 


10 


9 


XI. 


13 


— 


3* 


3* 


7 


XII. 


19 


1* 


7* 


5* 


6 


XIII. ; 


28 


2* 


9* 


6* 


11 


XIV. 1 

1 


20 


ö* 


4* 


1* 


10 


XV. . 


10 


3* 


1* 


4* 


2 


XVI. 


31 


2* 


8* 


8* 


13 


XVII. 


22 


3» 


4* 


8* 


7 


XVIII. 


24 


3» 


7* 


7* 


7 


XIX. 


18 


2* 


ö* 


6* 


ö 


XX. 1 


14 


1 


3 


4 

1 


6 


Summe • . • 


409 


70 


116 

1 


106 


118 



Wurden noch von den Vorortsgemeinden erbant.' 



134 Grünberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

Ärztliche Ambnlatorien, wie die Poliklinik nnd das Mariahilfer Ambula- 
torium, förderten die Armenbehandlung. Mit der Thätigkeit der Stadterweiterung 
vereinigte sich das Bestreben des Gemeinderates zur Schaffung neuer und zur Erhaltung 
bestehender Gartenanlagen, der Stadtpark und der Rathauspark wurden angelegt, 
für die Erhaltung der Gärten ein Gartendirektor bestellt, den Bezirksvorstehem wurde 
die Überwachung der Parkanlagen, Alleen und Kinderspielplätze in den Bezirken 
übertragen. — Die Straßenreinigung in einem Teile der Stadt wurde der Transport- 
gesellschaft übergeben. Das städtische Bad oberhalb der Kronprinz-Rudolf-Brücke 
(im Jahre 1875), das Holzersche Strombad und die Militärschwimmschule wurdeu 
eröffnet, dem Wohnungswesen wurde seitens des Magistrates eine erhöhte Aufmerksamkeit 
gewidmet. Die Evidenzhaltung der Sanitätspersonen, welche bis zum Jahre 1873 vom 
medizinischen Doktorenkollegium durchgeführt worden war, wurde vom Phvsikate 
übernommen, durch die Ministerialverordnung vom 3. Mai 1874 wurden der Leichen- 
transport und die Exhumierungen geregelt, die Wasenmeisterei wurde nach Kaiser- 
Ebersdorf verlegt, wo die Verscharrung der Äser nur bis 1878 gestattet werden sollte. 
Wegen Errichtung von Sammelkanälen wurden Beratungen gepflogen und auf dem 
Viehmarkt zu St. Marx Rinderhallen, Kälberhallen, Scbafhallen, Schweinehallen, 
Rindersltiallnngen, Szallase, ein Seuchenhof und ein Notschlachthaus erbaut. 

Das vierte Dezennium ist charakterisiert durch die endliche einheitliche 
Organisation des Sanitätsdienstes, nachdem an Stelle von zwei Stadtphysikern 
einer, Dr. Emil Kammerer, bestellt worden war. 

Die Anzeigepflicht für die meisten übertragbaren Krankheiten wurde 
eingeführt und von der Regierung eine Normalvorschrift für die Desinfektion^) erlassen; 
es folgten die Erlasse zur Hintanhaltung der Verbreitung von Infektionskrankheiten 
durch die Schule^),« und man fing an, die Ausweise über Infektionskrankheiten im 
Amtsblatte zu publizieren. 

Die Gewerbeordnung wurde abgeändert, das Institut der Gewerbeinspektoren 
geschaffen, an welchen die Sanitätsorgane bei der Verbesserung der Zustände in den 
gewerblichen Betrieben und den Wohnstätten der gewerblichen Hilfsarbeiter eine wirk- 
same Unterstützung fanden, während hinsichtlich der Schutzvorrichtungen beim maschi- 
nellen Betriebe die ersteren eine rege und heilsame Thätigkeit entfalteten. 

Die verschärfte neue Bauordnung förderte das Wohnungswesen, hinderte die 
Erbauung von Kellerwohnungen und von Souterrainwohnungen im Uberschwemmungs- 
rayon, während die Gesetze über die Kranken- und Unfallversicherung die soziale 
Gesetzgebung erweiterten und viele Kranke und Veninglückte nicht mehr der Armen- 
unterstützung überließen. Ein Asyl für Obdachlose, ein Asyl für verlassene Kinder 
wurden erbaut, das Werkhaus als eine freiwillige Arbeitsanstalt eingerichtet, das durch 
die Flecktyphusverbreitung berüchtigte alte Polizeigefangenhaus wurde abgerissen. 

Das Kettungswesen wurde durch die Errichtung der freiwilligen Rettungß- 
gesellschaft und deren Ausgestaltung gehoben, auch hat die Gemeinde die Einrichtung 
ihrer Rettungsanstalten durch Verbesserungen der Rettungskästen und Krankentragbetten 
gefördert. Die Umgestaltung des primitiven Krankentransportes wurde in Angriff ge- 
nommen, die Sonder ung des Transportes für infektiöse und nichtinfektiöse Personen 
geregelt nnd für den letzteren Zweck leicht desinfizierbare bespannte Wagen angeschafft, 
während der gewöhnliche Krankentransport noch auf die Räderbahre beschränkt blieb. 
Das Desinfektionsgeschäft wurde verbessert; zu der Desinfektion der waschbaren 
Gegenstände in wässeriger Karbolsäurelösung und der Desinfektion der Räume durch 
Schwefelungen trat die Dampfdesinfektion in stabil aufgestellten Apparaten; die 



Übersicht übee die hygienischen Einrichtungen der stadt Wien. 135 

Vemielitnog wertloser Gegenstände ei^olgte noch ausnahmslos durch Verbrennung 
im Freien. 

Die Benützung der Leichenkammern in den Bezirken fUr die Beisetzung von 
Infektionsleichen wurde eingestellt und der Transport von Infektionsleichen geregelt. 
Die Gemeinde förderte die Behandlung skrophulöser Kinder in Kurorten und Seebädern 
durch Errichtung von Freiplätzen. 

Die Katastrophe des Bingtheaters hatte nicht allein das Bettungswesen und die 
Sicherheit, sondern auch die Hygiene der YersammlungBlokalitäten, Theater etc. 
gefördert. Das k. k. Franz-Josef-Spital (teilweise Infektionsspital) wurde errichtet 
Die Begründung der periodischen Publikationen des Sanitätsdepartements des k. k. 
Ministeriums des Innern, »Das österreichische Sanitätswesen«, förderte in hervorragendem 
Maße die Sanitätspolizei. 

Durch das Gesetz über die Vereinigung der Vororte mit Wien wurde die 
Einheitlichkeit der Verwaltung in dem erweiterten Wien im letzten Dezennium der 
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herbeigeführt, der Sanitätsdienst ^<^) wurde im 
Jahre 1895 neu organisiert, nebst dem Ober-Stadtphysikus und zwei Vertretern (Stadt- 
physikern) wurden 26 bezirksärztliche und 64 armenärztliche Stellen (städtische Arzte) 
eingerichtet, ebenso die ärztlichen Stellen in den Versorgungshäusem der Stadt Wien, 
wobei die materielle Lage der Arzte verbessert wurde; 33 Sanitätsaufseher, 40 Des- 
infektionsdiener und 55 Krankenträger wurden bestellt, 3 Krankentransportstationen 
errichtet, eine Centraldesinfektionsanstalt^^) erbaut und Verbrennöfen für wertlose 
infizierte Gegenstände hergestellt. 

Die Desinfektion durch Schwefelung wurde eingestellt, dagegen die Formalin- 
Desinfektion neu eingeführt, ebenso der Unterricht für Sanitätsaufseher ^^). Die 
Stellung der Krankenträger und Sanitätsaufseher wurde in eine definitive umgewandelt, 
die Desinfektion wie der Krankentransport jedoch wie bisher unentgeltlich von der 
Gemeinde besorgt. Der polizeiärztliche Dienst wurde neu geregelt i^) (1. Januar 1893), 
ein zweites Epidemiespital im II. Bezirk von der Gemeinde hergestellt und überdies 
der Staatsverwaltung je eines im XII. und XVII. Bezirk zur Verfügung gestellt; für 
die Beobachtung von Personen, welche mit Infektionskranken in Kontakt gekommen 
waren, wurden in mehreren Bezirken Isolirlokalitäten eingerichtet und erhalten. Die 
Hochquelleuleitung wurde erweitert, neue Quellen einbezogen, Wasser der Wien- 
thalwasserleitung für Nutzzwecke vertragsmäßig übernommen, der Wienfluß wurde 
reguliert, am Donaukanal wurden Schutzvorrichtungen gegen Hochwässer ange- 
bracht, die Sammelkanäle errichtet, viele Straßen verbreitert, neue Straßen 
angelegt, beschränkende Bestimmungen über die Bebauung in gewissen Territorien erlas- 
sen, die Zahl der Stockwerke wurde nach Möglichkeit eingeschränkt, den meisten Bauver- 
handlungen wurden Amtsärzte beigezogen. Die Verkehrsmittel wurden gehoben, die 
Stadtbahn erbaut, die Straßenbahnen erweitert und zum Teil elektrisch eingerichtet, 
das Beleuchtungswesen verbessert, das Veterinäramt vom Marktamte vollständig ge- 
trennt, das neue Lebensmittelgesetz trat in Kraft, staatliche Lebensmittel-Untersuchungs- 
anstalten wurden eröfibet, bei den meisten Kinderspitälern wurden für Infektionskranke 
Isolierpavillons errichtet, ein Infektionskinderspital wurde erbaut, um. den seit Dezen- 
nien bestehenden Platzmangel in den Spitälern für infektionskranke Kinder zu beseitigen. 
Die Zahl der geruchlosen öffentlichen Bedürfnisanstalten wurde vermehrt Zahlreich 
waren die Bestrebungen zur Verbesserung der Straßenreinigung und der Kehrichtabfuhr, 
ohne daß es jedoch zur definitiven Lösung dieser Fragen gekommen wäre. Nebst neuen 
Schulen wurden Volksbäder, Markthallen, Kühlanlagen errichtet und Erweiterungen in den 



136 Grünberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

Schlachthäusern und am Centralviehmarkte durohgeftihrt An zahlreichen Privatspitälern 
wurden Erweiterungen vorgenommen, ein staatliches Institut für Schutzpocken-Impfstoflf- 
gewinnung, Diphtherieheilsernm und eine Schutzimpfungsanstalt gegen Wut wurden errich- 
tet. Mit der Herstellung von Arbeiterwohnungen wurde neuerlich der Anfang gemacht 
Zahlreiche alte sanitätswidrige Häuser fielen unter dem Einflüsse der 18jährigen 
Steuerfreiheit und machten Neubauten Platz. Gartenanlagen und Kinderspielplätze 
wurden angelegt, wenn auch noch nicht in dem vielseitig gewtlnschten Maße. Dem 
Fremdenverkehr wurde mit Bezug auf Cholera, Pest, Blattern, Flecktyphus und Typhus 
große Aufmerksamkeit gewidmet und der Gesundheitszustand der Reisenden überwacht. 



B. Bewegung der Bevölkerung, 
Wohnbevölkerung. 

Die Wiener Wohnbevölkerung ist von 431 147 anfangs des Jahres 1851 auf 
1658335 (hiezü 17385 abwesende Einheimische) am Ende des Jahres 1900 i*-") 
angewachsen und bat sich demnach innerhalb dieses Zeitraumes nahezu vervierfacht, 
woran allerdings die durch das Gesetz vom 19. Dezember 1890 herbeigeführte Ver- 
einigung des vormaligen Gemeindegebiets mit den sog. ehemaligen Yorortgemeinden 
einen hervorragenden Anteil hatte, indem nach dem Volkszählungsergebnisse vom Jahre 
1890 zu der Bevölkerung von 817 299 Einwohnern (vormaliges Gemeindegebiet) 524 598 
(Zuwachs) aus den ehemaligen Vororten hinzukämen (siehe Tafel 5). 
Die Wiener Wohnbevölkerung betrug: 

Anfangs 1851 431 147 *) 

Ende 1869 607 514*) 

Ende 1880 704 756 *) 

mit den einbezogenen Vororten Ende 1890 1 341 897 *) 

> » . > > 1900 1665 720**) Einwohner. 

Werden diesen Daten jene der Zuständigkeitsverhältnisse angereiht, so entfielen 

auf Zuständige auf nicht ZustUndige 

f 1851 247 919 183 228 

1869 270 951 336 563 

1880 248074 456 682 

^ 1890 301 035 516 264 

L bis XX. Bez. 1900 633162 1032 558 

und hat in dem 50jährigen Zeiträume die zuständige BevölkeruDg sich kaum ver- 
dreifacht, die nicht zuständige sich nahezu auf das Sechsfache erhöht, während in dem 
30jährigen Zeiträume von 1850 — 1880 die zuständige Bevölkerung um 155, die nicht 
zuständige um 273454 Personen, in dem 40jährigen Zeiträume von 1850 — 1890 die 
zuständige um 53116, die nicht zuständige um 333036 zugenommen hat. 

Viel ungunstiger als in dem alten Wiener Gemeindegebiete waren diese Ver- 
hältnisse in den ehemaligen Vorortgemeinden. Während in Wien die Heimats- 
berechtigten 



I. bis X. Bez. 



•) Civil. 
**; Civil incL Militär. 



Bewegung der Bevölkerung. 137 

1850 57,5^ 

1869 44,6 % 

1880 35,2)^ 

1890 36,8 % 

1900 38 % 

der Gesamtbevölkerung ausmachten, ergaben sich bezüglich der Zuständigen in einigen 

Yorortgemeinden im Jahre 1880 nachstehende Daten: 

Rudolfsheim 14,7 % 

Penzing 14,2^ 

Simmering 13 % 

Sechshaus 12,9 % 

Neulerchenfeld 11,3^ 

Fünfhaus 10,1 % 

Ottakring 9,2^ 

Gaudenzdorf 8,8 ^ 

Hemals %,^ % 

Ünter-Meidling ^i^ % 

Währing 3,3^. 

Im Jahre 1890 entfielen in Wien 

auf Fremde aus den Eronländern der Monarchie . . . 62,9 ^^ 

auf Fremde aus dem Auslande 2)5 ^ 

und beliefen sich diese Zahlen im Jahre 1900 auf . . 59 ^ bez. 2 %, 

Schon diese Daten weisen, wie dies auch die moderne Entwicklung der meisten 
Großstädte zeigt, auf eine intensive Einwanderung von außen hin. 

Will man jedoch in diese Verhältnisse, ganz abgesehen von dem Momente der 
Heimatsberechtigung als einem bei der Berücksichtigung der physischen Zugehörigkeit 
unwesentlichen, einen präziseren Einblick gewinnen, kann man an der Hand der 
Beyölkerungsziffern und der Ausweise über Geburten und Todesfälle folgende Daten 
feststellen. 

Von 1870 — 1898 bezifferte sich der Bevölkerungszuwachs in Wien anf 451866 

der Geburtenüberschuß in diesem Zeiträume auf . . . 306 262 
daher der Unterschied von 145 604 

annäherungsweise als die Einwanderungsziffer angesehen werden kann. 

Dieses Anwachsen der Bevölkerung durch Einwanderung, welches ebenso die 
Gesamt- wie die Säuglingsmortalität beeinflußt, spricht sich auch in der Größe der 
einzelnen Altersklassen der Wiener Bevölkerung aus, indem diese in Wien nicht wie 
bei einer stabilen Bevölkerung die größte Zahl im ersten Lebensjahre aufweisen und 
auch nicht in den übrigen Lebensjahren eine regelmäßig abnehmende Reihe darstellen. 

Nach dem Ergebnisse der Volkszählung vom Jahre 1869 tritt in der abfallenden 
Reihe der einzelnen Jahrgänge eine Steigerung vom 10. Lebensjahre angefangen ein, 
die bei dem männlichen Geschlechte im 20., bei dem weiblichen erst im 22. Lebens- 
jahre das Maximum erreicht, hier aber noch im 28. Lebensjahre die Ziffer des ersten 
Lebensjahres übersteigt. 

Im Jahre 1880 sinkt die Ziffer der Bevölkerung in den Abschnitten vom 1. bis 
zum 14. Lebensjahre, steigt von da ab bis zum 25. Jahre, erreicht beim weiblichen 
Geschlechte das Maximum im 28. Jahre, ist aber noch im 29. Jahre höher als 
im ersten. 



138 



GrOnberg. Die Assanierung Wiens vom med.hstat. Standpunkt. 



Ebenso steigt nach den Volkszählangsergebnissen vom Jahre 1890 die abfallende 
Kurve in der Altersgruppe vom 11. bis 15. Jahre, erreicht ihren Höhepunkt in der Gruppe 
vom 16. bis 20. Jahre, übersteigt aber noch bis zum 30. Jahre die Ziffern aus der ersten 
Epoche vom 1. bis 5. Jahre. 

Deutlicher treten diese Verhältnisse aus der folgenden Tabelle hervor. 

Auf 1000 Personen der Wiener Bevölkerung entfielen Personen: 



1 

1 


1 

in 


den Jahren 


Bei der Altersklaese 
















1869 


1880 


1890 


1 

1 

von 0—5 Jahren 


88 


97 


98 


» 6—10 


71 


77 


83 


» 11—15 


76 


70 


85 


» 16-20 


115 


102 


106 


» 21 25 


117 


112 


99 


» 26 30 


110 


107 


99 


» 31-35 


88 


92 


89 


» 36-40 


73 


78 


77 


' . 41-45 


63 


65 


66 


» 46-50 


58 


50 


56 


> 51—66 


< 46 


45 


45 


» 56-60 


36 


38 


32 


» 61-65 


24 


29 


25 


. 66-70 


18 


19 


19 


* 71-75 


9 


11 


12 


.76-80 


5 


5 


5 


» über 80 


3 


3 


3 



Diese Ziffern weisen auf die Anziehung .fremder Elemente durch die zahlreichen 
Bildungsanstalten, durch die Bedeutung Wiens als Industrie- und Handelsplatz nnd 
durch das Zuströmen zahlreicher Personen der dienenden Klasse, insbesondere des 
weiblichen Geschlechts hin^*). 

Während diese Daten auch auf die Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse 
durch die Regenerierung der Bevölkerung von außen deuten, treten nach und nach 
auch Einflüsse in den- Vordergrund, welche die Abhängigkeit von der Scholle insofern 
beeinflussen, als mit dem Wegfalle derÄtadtmauem, mit der Verbesserung der Verkehrs- 
verhältnisse ein starker Zug der Städter auf das Land sich geltend macht, und die Zahl 
der Familien, die während eines Teiles des Sommers Leib und Seele in den Sommer- 
frischen kräftigt, in beständiger Zunahme begriffen ist. Für die Beurteilung dieses 
Faktors fehlt allerdings der ziffermäßige Nachweis, ebenso wie für jenen Einfluß auf 
die Mortalitätj den das Aufwachsen und die Erziehung einer Anzahl von Stadtkindern 
auf dem Lande im Gefolge hat. 

Wenn die Volkszählungsergebnisse berücksichtigt werden, ergiebt sich nicht 
allein ein Anwachsen der Bevölkerung, sondern auch ein stärkeres relatives Anwachsen 
in der höheren Altersstufe. Wird nach den Volkszählungsergebnissen von 1869, 1880 
und 1890 die Wiener Wohnbevölkerung in zwei Gruppen, bis zum vollendeten 40. Lebens- 
jahre und jenseits desselben, klassifiziert, so ergeben sich folgende Verhältnisse: 



Beweguno der Beyölkebung. 



139 



Die Wiener Wohnbevölkerung betrng: 

bis zum 40. Lebensjahre jenBeitB des 40. Lebensjahres 

Ende 1869 448006 159508 

> 1880 493 573 196 203 

* 1890 594496 220271 

und betrug somit der Zuwachs in der 1. Gruppe in der Zeit von 1869 — 1890 32,7^, 
in der 2. Gruppe S8 ßH, so daß mit der Zunahme der Bevölkerung auch ein Anwachsen 
der älteren Bewohner und eine Verminderung der Mortalität wahrscheinlich wird. 

Zur Beurteilung der Gesundheitsverhältnisse sollen hier einige Daten bezüglich 
der Diensttauglichkeit der Stellungspflichtigen ^^) angeführt werden. 





gelangten zur Stellung 


von den 
ersteren 


von den 
letzteren 


Im Jahre 


in Wien 


wurden 


wurden 




Heimat- 


Fremde 


tauglich 




berechtigte 


befanden in ^ 


1891 


6510 


6 731 


18,7 


17 


1892 


8641 


11131 


17 


17 


1893 


9593 


12361 


19 


21 


1894 


10612 


12 780 


20 


26 


1895 


11490 


13 932 


24,5 


18 


1896 


12 359 


14 968 


24,5 


29 


1897 


12 509 


14539 


27,9 


34 


1898 


12 311 


9 746 


25 


28 



Diese Angaben zeigen, daß sowohl unter den Einheimischen wie den Fremden 
das Prozentverhältnis der tauglich Befundenen gestiegen ist, während allerdings in der 
gleichen Zeit die Zahl der offenkundig oder zu jedem Dienst Untauglichen unter den 
in Wien heimatberechtigten Untersuchten von 0,7 ^ derselben auf 1 ßi gestiegen ist. 

Das Prozentverhältnis der tauglich Befundenen erscheint um so günstiger, wenn 
die bezüglichen Daten aus der Zeit von 1881 — 1890 mit demselben verglichen werden. 
In der Zeit von 1881 — 1890 bezifferte sich die Zahl der tauglich befundenen Assentierten 
im Mittel mit 17,5 ^ der Untersuchten, während die Mittelzahl für die Zeit von 1891 
bis 1898 auf 22 ^ der Untersuchten angestiegen ist. 



Mortalität. 

Die Mortalität ist für die letzten 50 Jahre in der nachfolgenden Tabelle II 
dargestellt und erscheint im ganzen in fortwährender Abnahme begriffen. Während 
die Mortalität in Wien im Jahre 1800 80 per mille, in den 50er Jahren, auch in sog. 
epidemiefreien Jahren, 40 und darüber per mille betrug, sich in den 60er Jahren, 
abgesehen von dem Cholerajahre 1866, zwischen 30 und 40 hielt, ist dieselbe bis zum 
Jahre 1900 bis auf 20,71 per mille mit Einschluß der Ortsfremden gesunken, und 
betrug die durchschnittliche Mortalität im 

Dezennium 1851 — 1860 40,1 per mille 

1861-^1870 34,6 > > 

1871—1880 32,9 > 

1881—1890 27,5 . 

1891—1900 22,6 > ^ . 



140 



GrOnbeeg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 



Tabelle II. 

Mortalität der Wiener Wohnbevölkerung 

(für die Mitte des Jahres berechnet) 

von 1850—1900 auf 1000 Einwohner. 





i 


Mortalität 


• 




Mortalit 


Jahr 


Gesamt- 
mortalität 


mit 

Ausschluß 

der 


Jahr 


Geeamt-j 
mortalität 


mit 
AuBSchli 
der 






Ortsfremden 


( 




Ortsfremc 


1861 


40,0 




1876 


32,01 


28,55 


1852 


40,3 


^k» ^ 


1877 


30,66 


26,87 


18Ö3 


37,8 


— 


1878 


31,18 


27,58 


1854 


44,6 


— 


1879 


30,08 


26,34 


1855 


50,5 




1880 


28,95 


25,24 


1856 


41,3 


— 


1881 


30,01 


25,90 


1857 


39,3 




1882 


29,70 


• 25,73 


1858 


39,4 


— 


1883 


28,67 


24,66 


1859 


37,2 




1884 


27,29 


23,59 


1860 


30,5 


— 


1885 


29,08 


25,23 


1861 


35,1 




1886 


27,22 


23,74 


1862 ' 


i 37,2 




1887 


26,48 


22,93 


1863 


i 34,6 




1888 


25,89 


22,49 


1864 


36,1 




1889 


25,23 


22,09 


1865 


34,7 




1890 


25,18 


22,04 


J866 


41,7 




1891 


25,01 


24,32 


1867 


29,6 


28,3 


1892 


24,97 


24,28 


1868 


31,1 


29,3 


1893 


- 24,04 


23,34 


1869 1 


31,8 


30.0 


1894 


23,19 


22,44 


1870 i 


i 33,6 


31,0 


1895 j 


23,32 


22,58 


1871 1 


36,45 


33,14 


1896 


22,36 


21,67 


1872 


39,64 


35,46 


1897 


21,30 . 


20,58 


1873 


38,78 


34,97 


1898 


20,35 1 


19,63 


1874 


30,25 


26,82 


1899 ' 


20,92 


20,14 


1875 

1 


30,63 


26,93 


1900 


20,7 


20,03 



Die Mortalität sank in Wien vom Jahre 1851—1875 von 40 per mille auf 30,6, 
demnach um 9,4 per mille, und vom Jahre 1876 — 1900 von 32 per mille auf 20,7, 
demnach um 11,3 per mille, und betrug in dem ersten Zeitabschnitte im Durchschnitte 
36,8 per mille, im zweiten (von 1876 — 1900) 26,15 per mille. 

Während nun vor der Einbeziehung der Vorortgemeinden einzelne derselben eine 
ungemein hohe Mortalität aufwiesen, sank die Mortalität der Gesamtbevölkerung nach der 
Einbeziehung der Vororte nach einer vorübergehenden Steigerung und ging gleichmäßig 
mit der Assimilierung der Vorortgemeinden zurück , wie dies die Tafel 6 darlegt. 

An dem Rückgange der Mortalität haben weder die verschiedenen Altersklassen 
noch die verschiedenen Bezirke in gleichem Maße teilgenommen. In der Tabelle III 
ist das Anteilsprozent der Altersklassen von — 5 Jahre 

über 5 — 15 » 
> 15—30 » 
» 30—60 
über 60 » 

an der Gesamtmortalität für die Jahre 1873 — 1898 zusammengestellt. 



MOBTAUTÄT. 



141 



Tabelle III. 

Anteilsprozent der Alterastnfen an der Oesamtmortalität. 





ft 


über 


über 


über 


über 


Jahr 


vF"~~v. 


5.— 15. 


16.-30. 


30.— 60. 


60. 




Lebensjahr 


Lebenajahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


Jahr 




X 


^ 

1 


% 


% 


^ 


1873 


37,7 


4,3 


15.8 


27,1 


14,6 


1874 


47,0 


3.7 


14.8 


25,4 


14,2 


1875 


39.6 


3.7 


14,7 


26,3 


15,4 


1876 


45,7 


3,5 


13,9 


24,8 


14,6 


1877 


40,7 


4,6 


13,7 


25,9 


14,8 


1878 


42,9 


4,5 


12,6 


25,6 


14,0 


1879 


40,6- 


4,2 


13,1 


26,2 


15,1 


1880 


40,6 


3,7 


13,2 


26,3 


16,0 


1881 


37,1 


3.8 


10,2 


19,8 


14,6 


1882 


41,2 


4,4 


12,9 


25,8 


15,5 


1883 


37,8 


3,7 


14,6 


29,0 


13.3 


1884 


37,7 


3,7 


13,1 


27,3 


17,9 


1886 


39,5 


4,2 


12,9 


25,9 


, 17,4 


1886 


38,8 


4,0 


12,8 


26,7 


17,4 


1887 


38,6 


4,2 


12,7 


26,8 


17.6 


1888 


37,0 


3,7 


12,4 


27,4 


; 14,7 


1889 


37,9 


3,6 


12,0 


26,8 


' 19,5 


1890 


38,6 


3,2 


12.4 


26,6 


14,8 


1891 


46,2 


4,0 


9,9 


23,5 


17,0 


1892 


46,0 


3,9 


9,4 


23,0 


18,4 


1893 


43,4 


3,9 


9,8 


23,8 


18,7 


1894 


44,3 


3,6 


9,8 


24,8 


' 17,4 


1895 


43,0 


3,3 


10,1 


25.0 


18,3 


1896 


43,0 


3,6 


9,^ 


24,7 


18,9 


1897 


42,0 


3,5 


9,4 


25,8 


17,7 


1898 


42,0 


3,2 


9,5 


24,9 


20,3 



Werden die Mittelwerte der Mortalität für eine Reihe von Jahren berechnet, 
so ergiebt sich als Anteilsprozent der Altersstufen an der Gesamtmortalität: 



ProzentiBche 




1 

j 








Mittelwerte der 


von 


über 


über 


über 


über 


Mortalität 


0-5. Jahr 


5. — 16. Jahr 


15.— 30. Jahr 


30.— 60. ahr 


60. Jahr 


pro Jahr 




• 








von 1873—1875 


41,4 


3,9 


14,9 


26,2 


14,7 


. 1876 1880 


42,0 


4,1 


13,2 


26,7 


14,9 


» 1881-1885 


38,6 


3.9 


12,7 


25,5 


14,5 


» 1886-1890 


38,1 


3,7 


12,4 


26,8 


16,8 


. 1891—1895 


44,1 


3,7 


9,8 


24,0 


17,9 


» 1896 1900 


42,3 


3,4 


9,4 


25,1 


18,9 



Es zeigt sich daher, daß die Sterblichkeit in den ersten fünf Lebensjahren in 
ihrem Verhältnis zur Gesamtmortalität nur um ein geringes, die des Greisenalters aber 
um 4,3^, bez. mit Rücksicht auf den Anteil in den 70 er Jahren um mehr als ein 
Vierteil zugenommen hat; dieser Zunahme entspricht eine Abnahme im Alter von 



142 



Grönbbrg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 



15—30 Jahren um 5,5)1^, während in dem Alter der Schnlpflieht und in dem Alter 
zwischen 30 — 60 Jahren der Prozentanteil nm 0,5 resp. 1,1 % gesunken ist. 

Wird die Abnahme der Mortalität nach ihrem Verlaufe in den einzelnen Monaten 
in dem Zeiträume von 1867—1898 in Betracht gezogen und die Sterblichkeit pro mille 
der Bevölkerung*) (für das Jahr} berechnet, so erhält man, wenn man eine Beihe von 
Jahren zusammenfaßt und die Durchschnittswerte ermittelt, folgende Verhältnisse: 







Mortalität 


pro mille (für ein 


Jahr berechnet). 








1 
1 


9^ 


1 








4i9 


1 


ti 






Jahre 


Januar 


Februa 


1 


April 




Juni 


'S 



< 


a 


9 

o 

M 

o 


Novem 


a 


!l 

1867—1870 34,68 


34,86 


37,97 


40,74 


40,71 


34,68 


32.26 


28,76 


26,32 


26,80 


28,20 


31,32 


1871 1880 ;! 33,0 


32,3 ! 38,2 


37,4 


30,6 


31.8 


30,0 


36.4 


28,0 


27,1 


27,8 


30,9 


1881—1890 29,2 


28,6 ; 32,9 


32,7 


33,0 


27,9 


26,3 


23,4 


207 


22,2 


23,0 


27,2 


1891-1898 

1 


24,6 


20,8 


27,5 


26,3 


26,9 


21,2 


20,3 


21,1 


19,0 


18.9 


19,8 


23,3 



und hat somit die Mortalität im 


Januar i 


am 


10,08 ] 


pro mille 


» 


Februar 


> 


14,05 


» » 


"» 


März 


i> 


10,47 


■> » 


» 


April 


» 


14,44 


> > 


.^ 


Mai 


» 


13,81 


» » 


» 


Juni 


•» 


13,38 


Vt » 


j> 


Juli 


» 


11,95 


» » 




August 


> 


7,66 


» !> 


» 


September 


j» 


6,32 


» J> 


» 


Oktober 


» 


7,7 


» » 


» 


November 


» 


8,4 


» » 


> 


Dezember 


» 


8,02 


» ». 



abgenommen, daher die Abnahme in höherem Maße die Kuppen der Mortalitätskurven 
betrifft (siehe Tafel 7). 

Um zu zeigen, in welcher Weise die einzelnen Bezirke an der Assanierung 
partizipieren, werden die bezüglichen Daten für die Jahre 1875, 1880, 1891, 1900 an- 
einandergereiht, wobei die Ortsfremden, Unterstandslosen, Personen unbekannten 
Wohnortes, die Pfleglinge der großen Anstalten (Gebär- und Findelanstalt) ausgeschieden 
werden (siehe Tabelle IV und Tafel 8, 9, 10). 

Den günstigen Mortalitätsverhältnissen des I. Bezirkes gegenüber zeigt sich der 
X. Bezirk auch nach Einbeziehung der Vororte an letzter Stelle mit der höchsten 
Sterblichkeit, woraus, wie noch an anderer Stelle gezeigt werden soll, sich ergiebt, 
daß die Sterblichkeit mit der Wohnungsdichtigkeit steigt und fällt. Daß auch nach 
Einbeziehung der Vortorte diese mit den höheren Ziffern prävalieren, hängt mit der 
Demolierung zahlreicher Gebäude im alten Stadtgebiete ^und mit dem Zuge der 
Bevölkerung in die Vororte, sowie den Lebensverhältnissen der Bevölkerung daselbst 
zusammen, wie denn auch die Volkszählung im Jahre 1900 im I. Bezirk 6373 

VI. » 3554 
VII. > 3017 



'*') Hier und im weiteren ist die Mortalität auf die Ziffern am Ende des Jahres bezogen. 



Mortalität. 



143 



Personen weniger als im Jahre 1890 ergeben und in den Bezirken I bis X die Be- 
völkerung nur um 125 067, in den Bezirken XI bis XIX dagegen um 141 041 Personen 
zugenommen hat. 

TabeUe IV. 

Mortalität nach Bezirken (pro Mille der Bevölkerung 

und pro Jahr berechnet). 



m 


Bezirk 


'S 


I. 


n. 


m. 


IV. 


1 

V. 

26,8 
26,96 
24,3 
19,12 


VI. 

20,7 
21,02 
18,6 
14,19 


VII. 


VTIT. 

20,6 
23,86 
20,7 
14,72 


IX. 

29,2 ♦) 
30,79*) 
16,9 
13,07 


X. 

61,0 
36,92 
36,0 
26,08 


XI. 

32,3 
25,11 


xir. 

— ' — 

31,3 
23,22 


xm 

30,2 

20,58 


XIV. 


XV. 


XVI. 


xvu. 


xvin. 


XTX. 


1874 
1880 
1891 

1900 

1 


13,8 
12,17 
11,6 
9,78 


25,5 
23,51 
21,7 
16,6 


24,8 
24,89 
22,6 
17,92 


23,0 
20,22 
16,7 
13,72 


19,6 
20,02 
17,0 
14,29 


26,7 
22,36 




23,4 
17,54 


32,0 
22,76 


1 
1 

i 

28,5 23,8 
22,08 17,04 


26,3 
20,21 



Säuglingssterblichkeit. 

Einen hervorragenden Anteil an der Gesamtmortalität nimmt die Mortalität im 
1. Lebensjahre ein. Anscheinend hat sich in dieser Riohtung in Wien nicht viel 
geändert; die Säuglingsmortalität, die im Jahre 1865 30 ^ der Gesamtmortalität betrug, 
hielt sich auch in den Jahren 1895 — 1898 auf derselben Höhe und betrug 



in der Zeit von 1865—1870 

> > > > 1871—1880 

. » » > 1881—1890 

, » , , 1891—1898 



31,8^ 
27,3^ 
25,6^ 
30 ^ 



der Gesamtmortalität , so daß die Verbesserung, die sich im alten Gemein degebiete 
bereits geltend gemacht hatte, nach der Einbeziehung der Vororte sich nicht erhalten 
und auch noch nicht wieder hergestellt hat. 

Nichtsdestoweniger ist auch die Säuglingssterblichkeit im Rückgange begriffen, 
wie die nachstehende Tabelle V zeigt. 

Wird die Sterblichkeit der Säuglinge auf 1000 lebend Geborene berechnet, so 
ergiebt sich für dieselbe im Durchschnitte pro Jahr: 



für die Zeit von 1865 1870 


261 per mille 


.... 1871 1880 


210 . . 


.... 1881-1890 


185 . . 


.... 1891 1898 


211 . . 



wobei die nach Einbeziehung der Vororte hervorgetretene Steigerung, wie Tabelle V 
zeigt, wieder in Abfall begriffen ist und im Jahre 1898 die Ziffer des Jahres 1889, 
nämlich 190 per mille, erreicht wurde. 



*) Die hohe Mortalität ist durch die YerBorgangsbäuser bedingt. 



144 



GrOnberg. Die Assanieruitg Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 



Tabelle V. 

Mortalität im Säuglingsalter in der Zeit von 1865—1898. 



1 

Jahr 


Zahl 
der Lebend- 
geborenen 


Zahl 

der im 

1. Lebensjahre 

Verstorbenen 


Auf 1000 
Lebendgeborene 
starben bis znm 

1. Jahre 


Anteil der 

S'äaglingsmorta- 

litat an der 

Gesamtmorta- 

ität in % 


1865 


24 648 


5 953 


241 


30 


1866 


25571 


7 803 


305 


32 


1867 


24002 


5 896 


' 245 


32 


1868 


24948 


6304 


252 


32 


1869 


25 412 


6 461 


254 


32 


1870 


25 762 


7058 


273 


33 


1871 


25922 


6551 


252 


29 


1872 


25997 


7170 


276 


29 


1873 


1 26632 


6 431 


241 


26 


1874 


27 265 


5 796 


212 


29 


1875 


26937 


5 514 


. 204 


27 


1876 


27 897 


4026 


216 


28 


1877 


27 503 


5373 


196 


26 


1878 


27 670 


5543 


200 


26 


1879 


28 281 


5438 


192 


26 


1880 


28963 


5 447 


188 


27 


1881 


29021 


5355 


184 


25 


1882 


1 27 857 


2 620 


201 


26 


1883 ■ 


; 27656 


5329 


192 


25 


1884 


1 27 102 


5181 


191 


25 


1885 


27 240 


5755 


211 


26 


1886 


27140 


5546 


204 


26 


1887 


27133 


5323 


196 


26 


1888 


27 563 


5 236 


188 


25 


1889 


28003 


5 326 


190 


26 


1890 


27 226 


5 423 


199 


26 


1891 


47 346 


10 425 


220 


30 


1892 


46 487 


10785 


232 


30 


1893 


47 448 


10081 


212 


29 


1894 


48326 


10 369 


214 


31 


1895 


49 525 


10764 


217 


30 


1896 


50590 


10430 


206 


30 


1897 


51317 


10155 


197 


30 


1898 


52 075 


9935 


190 


30 



Noch günstiger stellt sich der Verlauf der Säuglingssterblichkeit dar, wenn 
man dieselbe nicht auf 1000 der Lebendgeborenen, sondern auf 1000 der Gesamt- 
bevölkerung berechnet. Diese beträgt sodann beispielsweise: 

für das Jahr 1865 10,6 

- - » 1870 11,4 

> 1875 8,4 

> ^ > 1880 7,7 

V > » 1885 7,6 

:. ^ 1890 6,6 



Säuglingssterblichkeit. 



145 



für das Jahr 1891 . 7,8 

> » » 1895 7,0 

* » . 1900 6,1 

Es zeigt diese Zahlenreibe abermals eine kontinaierliche Verminderung der 
Säuglingsmortalität, die nur durch die Einbeziehung der Vororte vorübergehend unter- 
brochen wurde; insgesamt betrug die Abnahme der Sterblichkeit für diese Altersgruppe 
in dem 35jährigen Zeitraum von 1865—1900 4,5 (auf 1000 der Bevölkerung), das ist 
42,4^ der ursprünglichen Sterblichkeit, während die Gesaratsterblichkeit in Wien 
während des gleichen Zeitraumes von 34,7 auf 20,7 (pro 1000 der Bevölkerung) 
gesunken ist, demnach um 40,4 %, Daraus folgt, daß die Abnahme der Säuglings- 
sterblichkeit nur um ein Geringes rascher erfolgt ist als jene der Gesamtbevölkerung, 
was mit der Thatsacbe übereinstimmt, daß der Anteil der Säuglingssterb^icheit 
an der Gesamtmortalität auch heute noch 30 % beträgt und nur um ein 
Geringes kleiner ist als vor 35 Jahren. 

Die Ursachen dieser noch immer hohen Säuglingssterblichkeit sind zunächst 
darin zu suchen, daß der zarte Organismus des Säuglings auf Schädlichkeiten jeder 
Art viel intensiver reagiert als der eines Erwachsenen, und daß die körperliche Ent- 
wicklung desselben nahezu vollständig von der Pflege, bez.'den Wohn- und Emährungs- 
bedingungen der betreffenden Familie abhängig ist, so daß die SäuglingsmortaÜtät in 
ähnlicher Weise wie jene an Tuberkulose als Ausfluß der in Wien zwar gebesserten 
aber vielfach noch ungünstigen sozialen Verhältnisse bezeichnet werden muß, Als 
Beleg dient die bekannte und auch für Wien nachweisbare Thatsache, dass die Sterb- 
lichkeit der unehelichen Säuglinge eine höhere ist als die der ehelichen, was sich 
eben daraus erklärt, daß die ersteren unter viel ungünstigeren Lebensbedingungen 
gehalten werden. 

In der nachstehenden Tabelle VI (S. 146) ist die Mortalität der ehelichen und 
unehelichen Kinder im 1. Lebensjahre auf je 100 der lebend geborenen für die Zeit 
vom Jahre 1885—1898 berechnet, wobei aber sowohl die Geburten als die Todesfälle der 
Landes-Gebär- und Findelanstalt ausgeschieden werden mußten, da zwar die auf diese 
Anstalt entfallenden, fast ausschließlich unehelichen Geburten in Wien, die Todesfälle 
der daselbst geborenen Säuglinge aber infolge Abgabe an Pfleger größtenteils außer- 
halb Wiens erfolgen. 

Nach dieser Tabelle betrug durchschnittlich: 



In den Jahren 



188Ö— 1890 
1891— 189Ö 
1896—1898 



die Mortalität 

der ehelichen 

Kinder im 

1. Lebensjahre 



die Mortalität der 

unehelichen 

Kinder im 

1. Lebensjahre 



23,1 


32,9 


23,1 


32,9 


20.2 


30,3 



und ist demnach die Sterblichkeit der unehelichen Kinder fast konstant um 
ein Drittel höher als jene der ehelichen. 

Ganz ähnliche Schlüsse lassen sich aus den bedeutenden Unterschieden der 
Säuglingssterblichkeit in den einzelnen Bezirken der Stadt ziehen. Beispielsweise 
betrag die Säuglingssterblichkeit im Jahre 1897 in den einzelnen Bezirken auf je 100 
der daselbst lebend Geborenen 



Fortschritte der Ing.-Wissensch. Gmppe. II. 9. 



10 



146 



GRüNBBRa. Die Assani&bukg Wbbns vom mbd.-stat. Standpunkt. 



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SÄuaUNGSSTEBBLICHEEIT. 



147 



im Bezirke I . . 


. . 9,3 


im 


Bezirke XI . . 


, . 25,5 


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II . 


. . 19,4 


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XII . , 


, . 26,1 


» > 


m . 


. . 21,0 


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, . 22,2 


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. . 14,8 


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XIV . 


. . 26,0 


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V . . 


. . 22,1 


> 


> 


XV . . 


. . 21,6 


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VI . . 


. 17,3 


» 


» 


XVI . 


, . 23,6 


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. 14,2 


> 


> 


XVII . . 


. 24,1 


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VIII . 


. . 16,7 


» 


» 


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. . 21,0 


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IX . 


. 17,5 


» 


» 


XIX . 


. . 24,3 


> » 


X . 


. . 29,9 











Im gleichen Jahre entfielen in den einzelnen Bezirken anf je 1 Wohnpieoe: 



im I. Bezirke 0,73 Bewohner, 



im XI. Bezirke 1,88 Bewohner. 



II. . 


1,51 


III. . 


1,28 


IV. , 


0,98 


V. . 


1,46 


VI. » 


1,15 


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1,11 


VIII. . 


1,09 


IX. . 


1,18 


X. . 


1,95 



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» 


1,72 


. xm. 


» 


1,25 


» XIV. 


» 


1,76 


» XV. 


> 


1,59 


» XVI. 


> 


1,78 


» xvn. 


> 


1,59 


» xvm. 


» 


1,34 


» XIX. 


> 


1,22 



Die beiden Zahlenreihen zeigen einen auffälligen Parallelisrnns , da in beiden 
die günstigsten Verhältnisse der L, IV., YL, VII., VIII. nnd IX. Bezirk, die nngttnstigsten 
der X., XL nnd XII. Bezirk aufweisen. 

Einen weiteren AufschluB über die Ursache der noch immer hohen Säuglings- 
mortalität ergiebt die Auflösung derselben nach einzelnen Todesursachen. 
Von 1000 lebend Geborenen starben: 





insgesamt 


an 
Lebens- 
schwäche 


an Krankheiten 


an 
Tuberkulose 


an 


Im 
Jahre 


der 

Verdaanngs- 

Organe 


der 

Bespirations- 

organe 


des 
Nerven- 
systems 


Infektions- 
krankheiten 


1867 


1 

245 


69.7 


69 


33 


36 


17,8 


16,1 


1883 


192 


44,6 


Ö3 


40 


26 


. 9,8 


12,1 


1889 


190 


39,9 


60 


42 


23 


6,7 


9,4 


1898 


190 


37,4 


62 


61 


11 


7,6 


14 



Bei den Schlußfolgerungen aus diesen Zahlen muß mit einiger Vorsicht vor- 
gegangen werden, da die Diagnose der Erankheitsprozesse im Bäuglingsalter eine sehr 
schwierige ist und erst in den letzten Jahrzehnten durch die Fortschritte der Einder- 
heilkunde und bessere Ausbildung der Arzte vervollkommnet wurde. 

Mit Sicherheit geht aber aus den angeführten Zahlen das eine heryor, daß die 
Todesfälle an Erkrankungen der Respirations- und Verdauungsorgane im Säuglings- 
alter keine Abnahme, sondern im Gegenteil eine geringe Zunahme erfahren haben. 
Dies hängt abermals damit zusammen, daß die Pflege der Säuglinge, ihr Schutz vor 

10* 



148 GrOnberg. Die Assanierükg Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

Temperatureinflüssen, unreiner Luft etc., sowie ihre Ernährungsweise noch vielfach zu 
wünschen übrig lassen. 

Wenn auch eine gründliche Sanierung dieser Ubelstände erst von der fort- 
schreitenden Besserung der sozialen Verhältnisse des ärmeren Teiles der Bevölkerung 
zu erwarten ist, kann schon derzeit durch Aufklärung derselben über die Säuglings- 
pflege und -Ernährung, durch verschärfte Lebensmittelkontrolle, Vorsorge fttr Beschaffung 
tadelloser Milch zu mäßigen Preisen, für rechtzeitige ärztliche und eventuell Spitals- 
behandlung etc. ein wesentlicher Fortschritt erzielt werden. Es ist auch zu konstatieren, 
daß in Wien seit einigen Jahren sowohl Behörden als auch private Wohlthätigkeits- 
und Bildungsvereine in diesem Sinne thätig sind. 

Todesursachen. 

Lebensschwäche. 

Die Abnahme der Säuglingssterblichkeit prägt sich auch in der Abnahme der 
Sterblichkeit an Lebensschwäche aus, die von 7,8^ der Gesamtmortalität im Jahre 
1867 auf 6^ im Jahre 1898 sank, während dieselbe im alten Gemeindegebiete im 
Jahre 1889 auf 5,5^, im Jahre 1890 auf b,l % gefallen war. 

Altersschwäche. 

Die Zunahme der Mortalität an Altersschwäche findet in den statistischen Aus- 
weisen keine Bestätigung. Die Bedeutung dieser Rubrik ist jedoch, weil diese Bezeich- 
nung einer verfeinerten Diagnostik oft nicht Stand hält, von geringer Bedeutung. Es 
zeigt sich aber eine deutliche Zunahme, wenn man nicht die Zahl der Todesfälle an 
Altersschwäche, sondern jenseits des 60. Lebensjahres in Betracht zieht, wie dies die 
Tabelle III ausweist. 

Bei der Bertlcksichtigung der Todesursachen wurden nebst der Lebens- und 
Altersschwäche zunächst die gewaltsamen Todesarten, die Krankheiten des Nerven- 
systems, der Respirations- und Yerdauungsorgane, die tuberkulösen Erkrankungen, 
die bösartigen Neubildungen und die Infektionskrankheiten in Betracht gezogen und 
die diesbezüglichen Verhältnisse in der Zeit von 1867 — 1900 tabellarisch, und zwar 
nach absoluten Zahlen, per mille der Bevölkerung und als Prozentanteil der Gesamt- 
mortalität (siehe Tabelle VII, VIII und IX), auf 1000 der Bevölkerung auch graphisch 
(Tafel 11) dargestellt, während das zeitliche Verhalten der Gesamtsterblichkeit für 
diesen Zeitraum 1867 — 1898 in zwei Diagramnjen (Tafel 7 und 7 a) dargelegt ist. Alle 
diese Darstellungen zeigen den Rückgang der Gesamtmortalität für ganz Wien, wäh- 
rend in den Tafeln 8, 9 und 10 die Verbesserung der Bezirksverhältnisse (nach Eli- 
minierung der Unterstandslosen und der in den großen Anstalten verstorbenen Kranken 
— wobei die in den Krankenanstalten verstorbenen Personen in ihrem letzten Wohnorte 
mitgerechnet werden — ) ausgewiesen ist. 

Die gewaltsamen Todesarten 

zeigen eine deutliche Zunahme einerseits infolge der Zunahme der Selbstmorde, 
andererseits infolge zufälliger Verunglückungen durch den gesteigerten Verkehr (Uber- 
fahrenwerden), die gesteigerte Bauthätigkeit (Verschtittung, Sturz), die Zunahme 
der maschinellen und gewerblichen Betriebe. Die Sterblichkeit stieg von 1,7^ der 
Gesamtmortalität im Jahre 1867 auf 2,8^ derselben im Jahre 1898, die Zahl der 
Selbstmorde in der Zeit von 1889—1898 von 387 auf 450, die der zufälligen Ver- 
unglttckungen in derselben Zeit von 253 auf 407. 



TODBBÜBSACHBN. 



149 



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Taberkulose 


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derVerdaanngs- 

organe and ihrer 

Adnexe 


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an 

Krankheiten 

der 

Atmangs- 

organe 


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an 
Krankheiten 
des 
Nerven- 
systems 


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an gewalt- 
samen 
Todesarten 


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an 
Alters- 
schwäche 


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an 
Lebens- 
schwäche 


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mortaütät 


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152 Grünbebg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

Bösartige Neabildungen. 

Ebenso zeigt sich eine auffällige Zunahme der bösartigen Neubildun- 
gen, die von ca. 3^ der Gesamtmortalität im Jahre 1867 auf mehr als 6^ der- 
selben im Jahre 1898 angestiegen sind. 

Zum Teil dürfte die Zunahme nur eine scheinbare und in der besseren Diagnostik 
begründet sein. Irrig wäre es jedoch, diese Zunahme mit dem Zuströmen der Fremden 
nach Wien in Zusammenhang zu bringen. Wenn man die statistischen Ausweise von 
1884 — 1898 berücksichtigt, so kann man eine fortwährende Zunahme der Todesfälle 
durch Neubildungen 1®) konstatieren, während die Zahl der Ortsfremden darunter fast 
konstant bleibt. 

Todesfälle an Neubildungen. 
Jahr Gesamteahl Davon ortsfremd Ä« Äbevö£.r'4 

1884 910 192 718 

1885 916 188 728 

1886 918 150 768 

1887 911 196 715 

1888 942 193 749 

1889 1060 224 836 

1890 1009 235 774 

1891 1653 190 1463 

1892 1768 225 1543 

1893 1818 228 1590 

1894 1785 201 1584 

1895 1881 199 1682 

1896 1925 198 1727 

1897 1989 209 1780 

1898 2052 206 1846 

80 daß der Prozentanleil der an bösartigen Neubildungen Veratorbenen mit AnsscMnB 
der Ortsfremden fttr die Zeit von 1884—1890 74^, flir die Zeit von 1891—1898 87 % 
aller an btisartigen Neubildungen in Wien Verstorbenen betrug. 

Infektfonskraiikheiten. 

In eklatanter Weise tritt die Abnahme der Mortalität an den Infektions- 
krankheiten hervor. Von 

9,4 % der Verstorbenen im Jahre 1867 sank dieselbe auf 
7,4 ^ » . > . 1890 und auf 

6,6 j^ » « . » 1900, während im 

Jahre 1867 auf 1000 der Bevölkerung 2,94 Personen, 

1890 . 1000 » » 1,82 

1900 » 1000 » » 1,38 

an Infektionskrankheiten starben. 

Es starben an Infektionskrankheiten in dem Zeiträume 
von 1867 — 1870 zusammen 6801, im Durchschnitt pro Jahr 1700 Personen, 
1871-1880 . 30617, » » . . 3061 

1881-1890 » 16119, . . . > 1611 

. 1891—1898 . 26058, . . . . 3092 

und berechnete sich die Mortalität an Infektionskrankheiten auf 1000 Bewohner 









» 



» 



» 



TODEÖÜRSACHEN. 



153 



im Durchschnitt in der Zeit von 1867 — 1870 mit 2,80 per mille 

> » > » > . 1871—1880 . 4,73 » ^ 

> > * » 1881-1890 » 2,08 » 

» » » » 1891—1898 > 2,06 . 

woraus ersichtlich ist, daß die Sterblichkeit an Infektionskrankheiten in den 
letzten 34 Jahren um 50 % abgenommen hat. Bezüglich der Morbidität im all- 
gemeinen wird auf die Tabelle IX a, bezüglich der einzelnen Infektionskrankheiten auf 
einen späteren Teil der Darstellung verwiesen. 



Tuberkulose. 

Die Taberkulose ist bei den Infektionskrankheiten nicht berücksichtigt. Ihrer 
Bezeichnung als Wiener Krankheit entspricht die Thatsache, daß von 1867 — 1900 
171302 Personen an Tuberkulose in Wien gestorben sind; doch kann auch bei dieser 
Krankheit ein bedeutender Rückgang konstatiert werden und ist die Abnahme der 
Gesamtsterblichkeit um mehr als ein Drittel durch die Abnahme der Todes- 
fälle an Tuberkulose bedingt. 

Es starben an Tuberkulose in Wien 

pro mille d. Bevölkerung 
8,6 

7,8 
7,8 
7,5 
6,3 
5,4 
4,6 

Diese Abnahme der Sterblichkeit an Tuberkulose trifft jedoch nicht beide 
Geschlechter in gleichem Maße; das weibliche Gesohlecht partizipiert an der Tuber- 
kulosesterblichkeit in geringerem Grade und nimmt die Sterblichkeit beim weiblichen' 
Geschlechte stärker wie bei dem männlichen ab, wie dies schon die Ziffern für die 
Jahre 1891 — 1898 zeigen; es läßt dies voraussetzen, daß es ebenso Schäden des Berufes, 
geringere Beachtung der privaten Hygiene wie die Schädlichkeit des Tabakrauchens 
sind, welche das männliche Geschlecht in höherem Maße der Gefahr, an Tuberkulose 
zu Grunde zu gehen, aussetzen als das weibliche. 



in den Jahren 


Penonen 


im Mittel pro Jahr 


1867 1870 


20 813 


5203 


1871-1875 


25138 


5027 


1876—1880 


26 998 


5399 


1881 1885 


27 752 


5 550 


1886—1890 


25 365 


5073 


1891 1895 


38615 


7 723 


1896—1900 


36 621 


7 324 



Es starben an Tuberkulose in Wien 



1 

1 

Im Jahre > 


Männer 


Frauen 


1891 


i 4316 


3624 


1892 


4112 


3633 


1893 


4068 


3350 


1894 


' 4087 


3330 


1895 


4454 


3641 


1896 


4079 


3381 


1897 


3975 


3245 


1898 


3765 


2956 



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spinal, epid. 

Morbn a miliaris 
Bre ehdnr chfsli 

Mi lzbrand 

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, Pest 



Todesursachen. 155 

Die früher erwähnten Daten zeigten, daB die Abnahme der Tnberknlose, welche 
derzeit allgemein als eine Infektionskrankheit aufgefaßt wird, der die sozialen 
Schäden Vorschub leisten, schon vor jener Zeit beginnt, als der infektiöse Charakter 
derselben durch Koch erkannt war; doch dürfte zweifellos zu der bedeutenden Herabsetzung 
der Mortalität die Erkenntnis über das Wesen der Krankheit und die seither aus dieser 
Erkenntnis hervorgegangenen Maßnahmen des Einzelnen wie der öffentlichen Verwaltung 
wesentlich beigetragen haben. Von 1867 — 1885, in 19 Jahren, nahm die Tuberkulose 
um 1,1, von 1886 — 1900, in 15 Jahren, um 1,9 pro 1000 der Bevölkerung, also nahezu 
um das Doppelte ab. Hier kommt alles in Betracht, was zur Hebung der Wohlfahrt, 
zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse, der Ernährung, Wohnung beigetragen hat; 
so die Verminderung der Magen- und Darmkatarrhe seit Einführung der Hochquelle, 
die Verminderung der feuchten Wohnungen insbesondere durch Kanalisation, Regelung 
des Wienilusses und des Donaustromes, die Hintanhaltung der Benützung feuchter 
Wohnungen für Wohnzwecke, die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse durch strenge 
Handhabung der Bauordnung, die Bestrebungen zur Hintanhaltung von Wohnungs- 
überfüllungen wie zur Beinhaltung der Häuser überhaupt, die Erweiterung der früher 
engen Straßen, die infolge der Gewerbegesetze eingetretenen Verbesserungen in den 
Wohnungen der Hilfsarbeiter wie in den hygienischen Verhältnissen der Werkstätten, 
die zwar verbesserungsbedürftige, nichtsdestoweniger wesentlich verbesserte Straßen- 
reinigung, die in den öffentlichen Verkehrsmitteln angebrachten Warnungen auf den 
Boden zu spucken, die Verwendung von mit Wasser gefüllten Spucknäpfen, die früh- 
zeitige Diagnose des Leidens, die Errichtung von Rekonvalescentenhäusern, die Ver- 
mehrung der Spitäler und die Desinfektion nach allen Todesfällen in den Wohnungen 
sowie nach vielen Erkrankungen. 

An der Spitze jener, die durch Aufklärung über das Wesen der Tuberkulose, 
ihre Heilbarkeit und die Mittel hierzu im Anschluß an die Entdeckung B. Kochs 
eine erfolgreiche Thätigkeit in Wien entfaltet haben, steht Professor v. Schrötter, dessen 
Thatkraft der Verein AUand und die Heilanstalt gleichen Namens (zur Behandlung von 
Tuberkulose) ihre Entstehung verdanken 20)8i); nicht allein durch die Behandlung von 
Kranken, sondern auch durch Belehrung (Broschüren, Kundmachungen) wird die 
Bekämpfung der Tuberkulose mit Eifer betrieben ^i). Den Bestrebungen Schrötters 
hat sich auch das Wiener Stadtphysikat frühzeitig angeschlossen und zahlreiche 
Anregungen zur Bekämpfung der Tuberkulose gegeben 2^). 

Auch der Ausweis des k. k. allgemeinen Krankenhauses über die Mortalität der 
in der Zeit von 1856 — 1896 Aufgenommenen 2^) (Jahrbuch der Wiener k. k. Kranken- 
anstalten) zeigt, daß die Sterblichkeit 

von 13,9 ^ im Jahre 1856, bez. ohne Tuberkulose 10,7 % 
auf 8,5^ . > 1896, » » » 1,\ % 

allmählich zurückgegangen ist; daraus ergiebt sich, daß die Mortalität in diesem Zeit- 
raum bei einer Anzahl von 900573 aufgenommenen Kranken 

ohne Tuberkulose um ■, 3ß ^, 

mit » » 5,4: X 

zurückgegangen ist, wonach also ein Drittteil des Bückganges auf die verminderte 
Tuberkulosensterblichkeit entfällt. Unter den tuberkulösen Erkrankungen nehmen die 
der Lungen die erste Stelle ein, sie haben trotz des Rückganges der Tuberkulose noch 
eine erschreckende Verbreitung, so daß alle Faktoren zu ihrer Bekämpfung sich ver- 
einigen müssen, wenn wirklieh der Tuberkulosensterblichkeit eine Grenze gesetzt 
werden soll. Daß bei dem Einflüsse der Heredität, die mindestens als Disposition 



166 GrOnberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

allseitig zugegeben wird, die Tnberkulose-Erkrankangen noch so häufig sind, wird 
nicht Wunder nehmen, wenn in Betracht gezogen wird, daß der infektiöse Charakter 
der Tuberkulose nicht viel länger als 20 Jahre bekannt ist, daß noch immer vielseitig 
die Scheu besteht, den Tuberkulösen gegenüber gewisse Beschränkungen eintreten zu 
lassen, daß die Ehe der Tuberkulösen keinen Hindernissen begegnet, diaß die bakterio- 
logische Diagnose der Tuberkulose bisher eine obligatorische nicht geworden ist, und 
daß viele der Bestrebungen, die eine gute Ernährung, Wohnung, Kleidung jedem 
einzelnen Bewohner verschaffen sollen, wenn sie auch in Fluß geraten, nicht zur 
Lösung gekommen sind; während andererseits gerade die Krankheiten der Bespirations- 
Organe, welche die- Entstehung der Tuberkulose begünstigen und ihren ungünstigen 
Verlauf beschleunigen, trotz des bedeutenden Rückganges der Mortalität in Wien an 
ihrem Einfluß nur wenig eingebüßt haben. 

Hat die Luft in Wien auch noch nicht die wünschenswerte Reinheit erlangt, 
da die Staubplage nicht behoben, die Rauchbelästigungen nicht beseitigt sind, so 
ist doch die Verbesserung derselben allmählich durch die Verminderung des Vieh- 
Standes und der Stallungen in den inneren Bezirken, Verminderung von mit Lufl- 
verschlechterung einhergehenden Industrien und Depots in dicht bebauten Stadtteilen, 
Hintanhaltung der Ansammlung bez. Ablagerung unreiner Abwässer und ^on Senk- 
grubeninhalt im Freien, Reinigung der Wasserläufe, Verbesserung der Kanalisation, 
Lüftung der Kanäle mittels der Abortscbläuche und der Regenrohre, durch die Be- 
strebungen zur Erweiterung der öffentlichen Gärten, Anpflanzungen von Bäumen auf 
Straßen, Verbesserung der Straßenreinigung (auch durch Einstellung der Verwendang 
unreinen Wassers zur Straßenbespritzung), durch Aufstellung geruchloser Bedürfiais- 
anstalten, Verminderung der Pferde beim Betriebe der Straßenbahnen etc. vielfach 
gefördert worden. Was die Luft in geschlossenen Räumen betrifft, so kommt hinsichtlich 
der Verbesserung in erster Linie die zunehmende Aufklärung der Bevölkerung hin- 
sichtlich der Lüftung und Reinhaltung in Betracht, femer die durch die Bauordnung 
herbeigeführte Verbesserung bei der Anlage luftiger und lichter Wohnräume, die Be- 
strebungen der Sanitätsbehörde zur Hintanhaltung der Benützung feuchter, flnsterer, 
luftarmer (Keller), überfttllter Wohnungen, wobei auf die Tabelle X (S. 157) verwiesen wird, 
welche die Zu- und Abnahme der Mortalität an Tuberkulose im Zusammenhalt mit der 
Wohnungsdichtigkeit 24) ausweist. Bei allen öffentlichen Gebäuden, in Schulen, Ver- 
sammlungs- und Unterhaltungslokalitäten ist durch Ventilationsanlagen, an vielen Orten 
auch durch die Verbesserung der Beleuchtung seit Einführung des elektrischen Lichtes 
zur Luft Verbesserung beigetragen worden. In den Fabriken 2^) und Betriebsräumen ist 
durch Ventilationseinrichtungen, Staubabsaugevorrichtungen, Vornahme vieler Manipula- 
tionen in geschlossenen Vorrichtungen, Ableitung von Staub, Dämpfen etc. ins Freie, 
Anwendung der Respiratoren sowie insbesondere durch Schaffung lichter und luftiger 
Arbeitsräume eine bedeutende Förderung der Luftbeschaffenheit herbeigeführt wordeo, 
wie auch die Herstellung von Wasserverschlüssen bei den Aborten in Fabriken und 
Wohnhäusern ebenso zur Luftv.erbesserung beigetragen hat, wie die Unterkellerung der 
Wohnhäuser. Ein wichtiger Faktor zur Verbesserung sind die zahlreichen Straßen- 
er Weiterungen und die Niederlegung sanitär ungünstiger Wohngebäude, wodurch die 
natürliche Beleuchtung gefördert wird, ferner die in Wien fast immer herrschenden 
Winde, welche zwar einerseits den Staub aufwirbeln, andererseits aber zur Reinigung 
der Luft in den Straßen und Höfen beitragen. Eine wesentliche Ursache der Wohnuogfl- 
überfÜUung und der daraus resultierenden Luftverschlechterung ist der hohe Preis der 
Wohnungen. Daher bleiben alle Bestrebungen der Sanitätsorgane und Sanitätsbehörden, 



Todesursachen. 



157 



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158 Gbünberg. Die Assaniebüng Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

die WohnangsUberfUUnngen zu beseitigen, so lange ohne dauernden Erfolg, als nicht 
durch eine Ergänzung der Bauordnung oder ein besonderes Gesetz beschränkende 
Normen ftlr die Ausnutzung der Wohngebäude erlassen und billige Arbeiterwohnungen 
geschaffen werden. Daß auch die Benützung von indirekt beleuchteten Räumen als 
Wohn- und Schlafräumen, wie die Benützung von Wohnräumen, die gegen kleine Höfe 
gelegen sind, bei einer yier Stock hohen Bebauung und einer Ausnutzung des Gelän- 
des bis auf eine Hoffläche von 15 % des Baugrundes an vielen Orten die entsprechend 
reine Lufkbeschaffenheit nicht mit sich bringen können, ist ebenso klar, als daß die 
Hausreinigung selbst in dicht bewohnten Häusern in der Zeit des lebhaften Yerkehrg 
zur Verbreitung der Krankheit beiträgt. Nicht nur die Staubplage auf der Straße 
ist es, welche die Tuberkulose fördert, sondern auch die in den Treppenhäusern, 
welche letztere aber bei gutem Willen der Hausherren und Hausbesorger leichter 
zu beseitigen sein wird. 

Die Erkrankungen der Bospiratlonsorgane 

zeigen keinjcn bedeutenden Kückgang, indem in der Zeit von 1867 — 1870 11640, im 
Durchschnitt pro Jahr 2910 Todesfälle, von 1871—1880 28632, im Durchschnitt pro 
Jahr 2863 Todesfälle, 1881—1890 35043, im Durchschnitt pro Jahr 3504 Todesfälle, 
1891—1898 49478, im Durchschnitt pro Jahr 6185 Todesfälle an Erkrankungen der 
Bespirationsorgane sich ergaben, wobei bis zum Jahre 1889 die Todesfälle an Cronp 
allerdings mitgezählt sind. 

Den angefahrten Zahlen entspricht eine durchschnittliche Mortalität per mille 
der Bevölkerung von 

4,84 in den Jahren 1867—1870, 

4,31 » » » 1871—1880, 

4,58 » » » 1881—1890, 

4,17 > * . 1891—1898, 

wonach dieselbe nach einem ziemlich gleichmäBigen Verhalten in der Zeit von 1867— 

1890 im letzten Dezennium um mehr als 1^ ^ der ursprünglichen Mortalität abgefallen 

ist, während sich dieser Abfall nach Eliminierung der CrouptodesfäUe auf 4,43, 4,01, 

4,53, 4,17, d. i. auf die Hälfte reduziert. 

Der größte Anteil an den Erkrankungen der Bespirationsorgane kommt den 
entzündlichen Erkrankungen zu, welche fttr dieselbe Zeit eine Mortalität von 4,31, 
3,79, 3,95, 3,74 und nach vorgenommener Korrektur mit Bezug auf Croup 3,90, 3,37, 
3,71, 3,74 aufweisen, woraus hervorgeht, daß die anfängliche Verminderung der 
Mortalität sich nicht erhalten und die Mortalität in den zwei letzten Dezennien ca. 3,7 
per mille betragen hat. 

Es scheint daher die Assanierung den entzündlichen Erkrankungen der Bespira- 
tionsorgane gegenüber nur von sehr geringem Erfolge begleitet zu sein. Dies bezieht 
sich jedoch, wenn man die folgende Tabelle XI betrachtet, nur auf das Säuglings- 
und Greisenalter, in welchem die Mortalität zugenommen hat, bez. gleich geblieben 
ist, während dieselbe in dem Alter von 1 — 10 Jahren und 10 — 30 Jahren um ein 
Drittel, in dem Alter von 30 — 60 Jahren um ca. die Hälfte abgenommen hat. 

Für die Entstehung dieser Erkrankungen kommen nebst Schädlichkeiten der 
Luftbeschaffenheit hauptsächlich die klimatischen Verhältnisse in Betracht, welch letztere 
mit Rücksicht auf rasche Temperaturabfälle, plötzliche BegengUsse, bedeutende Schwan- 
kungen in dem Beginne und der Andauer der Kälte zur Winterszeit und in den fast 
fortwährenden Winden sich nicht geändert haben. 



TODESÜBSACHEK. 



159 



Tabelle XL 

Mortalität an den Erkrankungen der Respirationsorgane nach 

Altersstufen in den Jahren 1867 — 1898 
(aaf 1000 der Bevölkerung berechnet). 



Jftbr 


Bis znm 
1. Lebens- 


Vom 1. 

bis 

10. Lebens- 


Vom 11. 

bU 

30. Lebens- 


Vom 31. 

bis 
60. Lebens- 


Über dem 
60. Lebens- 




jähre 


jahre 


jahre 


jahre 


lahre 


1867 


1,39 


0,93 


0,24 


1,06 


0,76 


1868 


1,60 


0,92 


0,40 


1.01 


0,77 


1869 


1,43 


1,08 


0,44 


lai 


0,81 


1870 


1,71 


0,93 


0,52 


1,15 


0,89 


1871 


1,22 


0,99 


0,49 


1,16 


0,84 


1872 


1,16 


0,98 


0,56 


1,11 


0,78 


1873 


0,94 


0,76 


0,54 


1,13 


0,85 


1874 


1,21 


0,82 


0,51 


1,04 


0,84 


187Ö 


1,22 


0,86 


0,29 


0,99 


1,00 


1876 


1,58 


l,lö 


0,23 


0,80 


0,79 


1877 


1,34 


0,99 


0,24 


0,82 


0,84 


1878 


l,2ö 


1,01 


0,21 


0,76 


0,74 


1879 


1,27 


0,98 


0,22 


0,82 


0,73 


1880 


1,30 


0,83 


0,24 


0,78 


0,74 


1881 


1,31 


0,95 


0,26 


0,87 


0,87 


1882 


1,79 


1,18 


0,23 


0,80 


0,91 


1883 


1,60 


1,07 


0,36 


0,97 


0.99 


1884 


1,6Ö 


1,14 


0,24 


0,87 


0,98 


1885 


l,öö 


1,06 


0,22 


0,92 


0,96 


1886 


1,67 


0,96 


0,18 


0,73 


0,88 


1887 


1,46 


1,00 


0,18 


0,69 


0,90 


1888 


1,68 


0,96 


0,19 


0,79 


0,95 


1889 


1,48 


0,87 


0,16 


0,77 


0,99 


1890 


1,67 


0,77 


0,20 


0,75 


1,10 


1891 


1,71 


0,86 


0,12 


0,61 


0,87 


1892 


2,04 


0,8ö 


0,14 


0,65 


1,05 


1893 


2,02 


0,73 


0,11 


0,58 


0,77 


1894 


1,98 


0,72 


0,10 


0,57 


0,75 


1896 


1,99 


0,73 


0,13 


0,58 


0,91 


1896 


1,96 


0,76 


0,11 


0,55 


0,87 


1897 


1,60 


0,68 


0,09 


0,52 


0,77 


1898 


1,60 


0,66 


0,09 


0,47 


0,76 



Geändert hat sich jedoch die Anschauung rUoksichtlioh der Entstehung mancher 
antzttndlichen Krankheitsprozesse der Bespirationsorgane, wie z. B. der Lungen- 
entzündung, ohne daß bisher die Ergebnisse der Bakteriologie für die Praxis von 
greifbarem Nutzen gewesen wären; denn selbst die Erfahrungen, daß manche Herde 
von Lungenentzündung mit einer unreinen Beschaffenheit der Zwischendeokenftlllung 
in Zusammenhang stehen, haben an der mitunter rücksichtslosen Verwendung unreinen 
Schuttmateriales nichts geändert, und bleibt eine Vorsorge in dieser Richtung einer 
künftigen Bauordnung Yorbehalten. 

Die Mortalitätszahlen sind daher einerseits der Ausdruck einer hohen Vulnera- 
bilität der Atmungsorgane, die sich auch in den hohen Ziffern der Lungentuberkulose 
ausspricht, andererseits zahlreicher Erkältungen, welche nicht aUein durch die klimatischen 



160 Gkünberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

Verhältnisse , sondern auch darch Fehler der Kleidung und Heizung, insbesondere 
im Säuglings- und Greisenalter, begründet sind. Der in vielen Wohnungen infolge 
Armut veranlaßten zu geringen Heizung während der kalten Jahreszeit wird bei vielen 
Bemittelten durch Uberhitzung der Räume das Gleichgewicht gehalten. Ebenso sind 
die Arbeiter zahlreicher Betriebe ungewöhnlich hohen Temperaturen ausgesetzt, wobei 
die Uberhitzung im Winter noch durch künstliche Beleuchtung und an manchen Orten, 
selbst in öffentlichen Anstalten, durch irrige Auffassung über die Ventilationseinriehtungen 
und dadurch veranlaßte Außerbetriebsetzung derselben verschlechtert wird. Dasselbe 
gescbieht in vielen räumlich beschränkten Arbeiterwohnungen durch Verminderung der 
Lüftung mit der Zunahme der Kälte. 

Wenn daher auch durch alle Vorkehrungen, durch welche die Reinheit der Lnft 
im Freien und in geschlossenen Räumen gefördert wird, die Bekämpfung der Erkran- 
kungen der Respirationsorgane zweifellos unterstützt werden wird, so ist diese doch 
von der Handhabung vieler Forderungen der privaten Hygiene abhängig, welche dnrci 
Aufklärung erst zu einem Gemeingut Aller wird werden müssen. 

In der Bekämpfung der entzündlichen Erkrankungen der Atmungsorgane wird 
daher durch Abhärtung, ausgedehnte Benutzung kalter Bäder, ausgedehntere Teilnahme 
der Jugend an gymnastischen Übungen, Jugendspielen, Fußtouren (womit seit einigen 
Jahren der Anfang gemacht worden ist, welche Einrichttingen aber noch in höherem 
Maße von der Verwaltung gefördert werden können) vorzugehen sein, da die Stnnn 
und Wetter ausgesetzten Matrosen in viel geringerem Maße an entzündlichen Erkran- 
kungen der Atmungsorgane leiden als die Stadtbewohner. 

Die Mortalitätsziffem zeigen somit, daß die Assanierung bei den Erkrankungen 
der Respirationsorgane nur für das Säuglings- und Greisenalter ohne Erfolg geblieben 
ist, doch muß bemerkt werden, daß auf die Mortalität an entzündlichen Krankheiten 
der Respirationsorgane die in den Jahren 1889/1890 und den folgenden Jahren in Wien 
aufgetretene Influenza sicher nicht ohne Einfluß geblieben ist. 

Krankheiten der Terdanungsorgane und ihrer Adnexe. 

An diesen starben: 
in den Jahren Personen im Dnrchschnitte pro Jahr °^^* «^^«^ S^BeÄralf ^ ^'' °''^^' 
1867—1870 9 562 2390 3,978 

1871-1880 23 266 2326 3,50 

1881—1890 21360 2136 2,79 

1891—1898 33025 4128 2,78 

Dieser Rückgang verteilt sich nicht gleichmäßig auf die einzelnen Altersklassen, 
wie die Tabelle XII S. 161 zeigt, wobei das Säuglingsalter in viel höherem Maße als die 
übrigen Lebensalter an dem Anstieg und Abfall beteiligt ist, da die Erkrankungen des 
Magen- und Darmkanals bei demselben die erste Stelle einnehmen. Die Tabelle zeigt 
auch in deutlicher Weise den Abfall nach dem Jahre 1873, dem Zeitpunkte der 
Eröffnung der Hochquellenleitung, in welcher Richtung noch auf die Tafel 12 über die 
Intensität der Erankenaufnahme im allgemeinen Erankenhause vor und nach Einleitung 
der Hochquellen verwiesen wird 2«). Die Mortalitätsziffer des Jahres 1873, welche als die 
höchste des Zeitraumes erscheint, dürfte vielleicht auch durch leichte Choleraf&lle ver- 
ursacht worden sein; seither ging die Mortalität herab, stieg wieder ein wenig nach 
Einbeziehung der Vororte, ohne daß die günstigen Ziffern der 80er Jahre bisher erreicht 
worden wären. Der viel geringeren Sterblichkeit in den übrigen Altersklassen entspricht 
auch eine geringere Abnahme; die Ziffer in dem Alter von 30—60 Jahren dürfte 



f 

4 



Todesursachen. 



161 



jedoch Iianptsftohlich durch Erkrankuiigen der Leber mit yerursacht sein. Daß die 
Mortalität in dieser Gmppe von Krankheiten zunächst mit den Einüüssen der Kafarnng 
zusammenhängt, zeigt der zeitliche Ablauf der Mortalität mit seiner Aoffle, die lA die 
Sommerszeit fällt, wo die Nahrungsmittel am leichtesten Zersetzangen erfahren, und 
wo unreines und verdorbenes Obst am häufigsten zur Krankheitsursache wird. 

Tabelle XII. 

Mortalität der verschiedenen Altersstufen an den Krankheiten der 

Yerdauungsorgane und ihrer Adnexe 
'anf 1000 der BevOlkerang berechnet). 



Jahr 


0-1. 
Lebensjahr 


2.— 10. 
Lebensjahr 


11.-30. 
Lebensjahr 


31.-60. 
Lebensjahr 


über das 

60. 
Lebensjahr 


1867 


2,4 


0,13 


0,18 


0,38 


0,18 


1868 


2,9 


0,17 


0.17 


0,35 


0,12 


1869 


3,0 


0,22 


0,22 


0,41 


0,22 


1870 


3,4 


0,2ö 


0,21 


0,41 


0*27 


1871 


3,3 


0,38 


0,25 


0,44 


0,22 


1872 


3,4 


0,27 


0,23 


0,48 


0,21 


1873 


3,6 


0,32 


0,22 


0,44 


0,25 


1874 


2,3 


0,19 


0,19 


0,42 


0,06 


1875 


2,2 


0,15 


0.20 


0,35 


0,19 


1876 


2,3 


0,22 


0,12 


0,32 


0,16 


1877 


1,9 


0,19 


0,14 


0,42 


0.17 


1878 


2,0 


0,23 


iO,14 


0,42 


0,20 


1879 


1.9 


0,14 


0,13 


0,41 


0,17 


1880 


2,2 


0,19 


0,18 . 


0,36 


0.17 


1881 


1.9. 


0,18 


0,15 . 


0,42 


0,23 


1882 . 


1,8 


0,17 


0,10 


0,36 


0,20 


1883 


1,9 


0,14 


0,16 


0,43 


0,19 


1884 


1,7 


0,13 


0,15 


0,35 


0.19 


1885 


2,0 


0,13 


0,16 


0.37 


0,20 


1886 


1,9 


0,12 


0,15 


0,39 


0,19 


1887 


1,8 


0,13 


0,16 


0,41 

* 


0,18 


1888 


1,6 


0,10 


0,16 


0,39 


0,20 


1889 


2,1 


0,12 


0,16 


0,39 . 


0,17 


1890 


1,9 


t),12 


0,14 


0,33 


0.18 


1891 


2,1 


0.12 


0,09 


0,29 


0,14 


1892 


2,4 


0,14 


0,11 


0.29 


0,19 


1893 


2,0 


0,09 


0,10 


0,27 


0,16 


1894 


i 2,0 


0,09 


0,09 


0,30 


0,14 


1895 


2.2 


0,12 


0.09 


0,29 


0,15 


1896 


2,0 


0.11 


0,10 


0,29 


0,15 


1897 


2,1 


0,13 


0.08 


0.28 


0.14 


1898 ' 

1 


2.0 


0,10 


0,08 


0.26 


0,14 



An dem Fortschritte der Gesundheitsverhältnisse kommt der durch das Markt- 
kommissariat und die Amtstierärzte geübten Lebensmittelkontrole ein wesentlicher 
Anteil zu', und die monatlichen Ausweise über die Menge der Konfiskate in Wien 27) 
beweisen aufs deutlichsten die Wachsamkeit der Lebensmittelkontrole, welche seit 
Dezennien in zweifelhaften Fällen durch Sachverständigenbefunde ergänzt, seit 
dem Inslebentreten des Lebensmittelgesetzes und der Errichtung der staatlichen 



Fortschritte der Ing.-^Wisseiucli. Gruppe IL 9. 



11 



162 



GrOnberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat, Standpunkt. 



allgemeinen sowie speziellen Lebensmitteluntersuchungsanstalten schärfer und infolge 
der gerichtlichen Bestrafungen auch wirksamer gehandhabt wird. Auch die seit mehr 
als 2wei Dezennien gettbte thermochemische Vernichtung, der tieHschen Konfiskate 
verdient hier Erwähnung (s. Tabelle XIII für die Jahre 1894—1898). 

Tabelle XIII. 

. Durch den Wiener Wasenmeister (Abdecker) in den Jahren 1894—1898 

vernichtete Tiere und Fleischwaren. 



1 


1 
1 

1 


Pferde 


Kälber, Schweine, Lam- 
mer, Kitze, Schafe, 
Ziegen, zusammen 


Wild, Hasen, Kaninchen 


Geflügel 


Fische 


1 

9 


Bindfleisch 


9 

(0 

a 

es 


> 
Schweinefleisch 


Schaf- und Kitzfleisch 


.a 

9 

qa 

9 

•2 

A4 


Verschiedene Fleisch- 
waren 


Fleischkonserven in 
Büchsen 


9 

l 




9 

1 


andere 
Tiere 


08 


.S 


1 

2 » 
ca 

m . 

^ 1 u 
^ ' CA 

1 




stück 


Stftck Stack Stlick 


Stück Kilo 


Stftck* 


Kilo 


Kilo 1 Kilo 


Kilo 


Kilo 


Kilo 


Stack 


stück 


Stück 


Stück 


Stfid 


1894 


611 


1038 


5474 


813 


5918 


38332 


8126 


62996 


87084 


22646 


3400 


^^ 


3636 




1882 


760 


34970 


6 


1895 


641 


1200 


6193 


308 


4404 


10200 


6630 


60238 


86510 102219 


6684 




66741 


160 


1979 740 


22473 


11 


1896 


671 


1397 


7206 


367 


6198 


9392 


6847 


50844 


86231 


80001 


9764 




41416 


300 


2608 


762 


31129 


ö 


1897 


639 


139Ö 


6990 


1244 


11603 


10674 


2964 41300 


72164 


66224 


9760 


— 


41848 


— 


3800 


260 


12693 


18 


1898 


562 


1491 


6119 


289 


12217 


16304 


2649 


44814 


82437 


30699 


9234 


1009 


87111 


28 


4918 


932 


18910 


16 



Die Erweiterungen des Viehmarktes und der Schlachthäuser, die 
Errichtung von Markthallen, die Verbesserungen auf den offenen Märk- 
ten, die mit der Hebung des Verkehres erleichterte Zufuhr der Lebensmittel, 
die Verbesserungen in der Milchversorgung durch zahlreiche, mit allen moder- 
nen Behelfen zur Beinigung und Eonservierung ausgestattete sog. Molkereien, femer 
die in die Familien, namentlich auch in die Gasthäuser eingedrungene Einsicht von 
der Bedeutung der Eonservierung der Nahrungsmittel durch Eiskästen und Eflhl* 
anlagen bilden ebensoviele weitere Schutzmaßnahmen für die Gesundheit. Die Ge- 
winnung des Eises ist in Wien seit Jahren einer besonderen Eontrole unterstellt 
und die Gewinnung an Stellen, wo Verunreinigungen des Wassers durch menschliche 
und tierische AbfallstoflTe bestanden haben — z. B. aus Donaukanal und Wienfluß, — 
verhindert worden, während das in dem alten Donaubette gewonnene Eis von einem 
Wasser herstammt, das, wie die alljährliche chemische und bakteriologische Unter- 
suchung vor der Eisgewinnungsperiode ergab, sich durch seltene Reinheit auszeichnet: 
die in den letzten Jahren in Zunahme begriifenen Eisfabriken verwenden zur Eis- 
gewinnung nur Hochquellwasser oder tadelloses Grundwasser. 

Zu erwähnen ist ferner die mit Nachdruck geforderte erhöhte Reinlichkeit 
in Lebensmittelbetrieben und die den gewerblichen Arbeitern zur Verfügung 
gestellten Behelfe zur Übung der Reinlichkeit, wie die Ermöglichung der Einnahme 
der Nahrung in besonderen, von gewerblichen Schädlichkeiten freien Räumen. 

Eine nicht zu unterschätzende Unterstützung in der Vorbeugung der Erkrankungen 
des Magen- und Darmkanals bildet die Thätigkeit der ituf Verköstigung Armer 
Serichteten Wohlthätigkeitsvereine, unter diesen obenan die Bemühungen des 



Todesursachen. 163 

ersten Wiener Volksküchen Vereins, welcher seit seiner Grtlndnng im Jahre 1872 sich 
allmählich bis znr ErhaltnDg von 13 Yolkskttchen erweitert nnd nnter anderem 

in dem Jahre 1897 4 093 079 Speiseportionen, 333 328 Schulkinderportionen 

1898 4 705 503 > 445076 

1899 4 445 542 > 530942 

verabreicht hat, ebenso die Thätigkeit anderer humanitärer auf Unterstützung und 
Bekleidung mittelloser Personen, insbesondere von Kindern, gerichteten Vereine, 2®) die 
Fortschritte der öffentlichen Armenunterstützung durch Erweiterung der Ver- 
sorgungsanstalten, Erhöhung der Pfründen, Verbesserung der Verköstigung in den Ver- 
sorgungs- und Waisenhäusern, ferner die erleichterte ärztliche Hilfe für minder 
Bemittelte durch die Ambulatorien in den Krankenanstalten, die Errichtung der Poli- 
klinik, des k. k. Franz Josef-Ambulatoriums, durch die Ambulatorien der Kinderspitäler, 
in welch letzteren auch die Medikamente unentgeltlich verabfolgt werden, endlich auch 
durch die Einführung der Krankenkassen. Für jenes Lebensalter, in welchem die 
Erkrankungen an Magen- und Darmkatarrh ungeachtet des eingetretenen Rückganges 
der Mortalität am häufigsten auftraten, für das Säuglingsalter ist^ obwohl von ver- 
schiedener Seite wiederholt auf die Nothwendigkeit der Errichtung von Säuglings- 
krankenanstalten hin gewiesen wurde, bisher in dieser Bichtung nichts geschehen, 
wenn davon abgesehen wird, daß gerade für einen Teil der Kinderkrankheiten (die 
Infektionskrankheiten) die Gemeinde im Jahre 1898 ein Kinderspital erbaut hat Wenn 
auch in dieser Bichtnng, ebenso wie durch eine verschärfte Kontrole des Lebensmittel- 
verkehrs, die Förderung der Versorgung und Verbilligung der Lebensmittel seitens der 
öffentlichen Verwaltung an der Herabsetzung der Mortalität und Morliidität an Magen- 
und Darmkrankheiten fortgearbeitet werden kann, so liegt doch der Hauptfaktor für 
die Bekämpfung auch der hier in Betracht kommenden Krankheiten in dem fortschrei- 
enden Verständnis und der Beachtung der Forderungen der privaten Hygiene in den 
breiten Schichten der Bevölkerung. 

Die öffentliche Verwaltung kann hier unterstützend eingreifen durch die Auf- 
klärung der Bevölkerung über den Wert und Nährwert der Nahrungsmittel, über 
die Notwendigkeit der Einschränkung gesundheitsschädlicher Genußmittel, z. B. des 
Alkohols und durch bessere Erziehung der heranwachsenden weiblichen Jugend zur 
Kinderpflege, Ernährung und Kochkunst. Durch positive Leistungen auf diesem Ge- 
biete wird ein Teil der sozialen Frage erfolgreich gelöst werden. 

Krankheiten des Nervensystems. 

Auch bei den Erkrankungen des Nervensystems zeigten die Mortalitätsausweise 
einen Rückgang, indem 

von 1867—1870 8 673, im Durchschnitte pro Jahr 2168 

> 1871—1880 22 950 * > » * 2295 

> 1881—1890 22 654 > » * » 2265 

> 1891—1898 25 498 > » > » 3187 

Personen starben, während die Mortalität pro mille der Bevölkerung in den Zeiträumen 

von 1867—1870 3,98 betrug, 

* 1871—1880 auf 3,44, 
> 1881—1890 » 2,90, 

* 1891—1900 > 2,12 zurückgegangen ist. 

11* 



164 



GrOnbeeg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 



Tabelle XIY. 

Mortalität an den Erkrankungen des Nervensystems nach 
Altersgruppen von 1873—1898 (Anteils-Procente). 





bis 


über 


über 


über 


über 


über dem 


Jahr 


zum 1. 


1.-5. 


5. 10. 


10.-30. 


30. 60. 


60. 




Lebensjahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 
15,1 


Lebensjahr 


1873 


41,9 


1 

21,6 


3,2 


6,2 


11,1 


1874 


41,1 


20,9 


3,1 


6,5 


16,3 


11,1 


1875 


38,8 


20,2 


2,9 


6,9 


18,1 


13,4 


1876 


36.0 


23,1 


2,6 


6,2 


18,5 


13,4 


1877 


34,9 


21,6 


2,6 


6,8 


19,7 


14,1 


1878 


33,7 


22,9 


2,6 


5,8 


20,4 


14,2 


1879 


31,4 


22,4 


2,8 


6,9 


20,6 


14,8 


1880 


30,8 


213 


2,8 


6,1 


22,1 


16,9 


1881 


31,6 


22,4 


2,7 


6,5 


20,1 


16.9 


1882 


31,1 


22,4 


3,6 


6,2 


19,8 


16,8 


1883 


29,6 


21,1 


3,6 


7,6 


21,1 


16,7 


1884 


30,8 


20,6 1 


3,9 


6,2 


20,6 


17,8 


1886 


30,2 


20,8 


4,1 


7,0 


18,3 


18,8 


1886 


30,2 


19,9 


3,4, 


6,9 


21,1 


18,0 


1887 


29,5 


18,1 


3,0 


6,8 


24,2 


18,0 


1888 


27,0 


17,1 


3,3 


7,7 


24,6 


21,2 


1889 


29,2 


18,7 


3,4 


6,3 


22,7 


20,0 


1890 


28,7 


16,2 


2,8 


6,3 


23,8 1 


21,8 


1891 


32,4 


22,6 


3,6 


4,4 


18,9 


18,0 


1892 


28,8 


21,6 


3,8 


4,7 


21,1 


18,9 


1893 


28,6 


20,1 


3,6 


5,4 


19,9 


22,1 


1894 


29,1 


19,4 


3,7 


5,1 


22,6 


20,9 


1895 


25,7 


12,7 


3,4 


5,7 


23,5 ' 


21,9 


1896 


25,2 


17,3 


4,2 


6,1 


22,8 


24,3 


1897 


23,8 


16,7 


2,6 , 


5,4 ! 


26,1 


24,7 


1898 


23,7 

1 


16,5 


3,1 


6,3 


24,9 


26,4 



Diese Erscheinung scheint mit der allgemeinen Erfahrung über das kontinuier- 
liche Zunehmen der Nervenkrankheiten, welcher das Land Niederösterreioh durch 
die wiederholte Erweiterung und Errichtung neuer Irrenanstalten ^^) Bechnung getragen 
hat, nicht zu stimmen. Es werden jedoch die Verhältnisse schon klarer, wenn man auch 
nur einen kürzeren Zeitraum in dieser Richtung mit Bezug auf die Altersgruppen unter- 
sucht, wie dies die Tabelle XIV zeigt. Unter den an Nervenkrankheiten Verstorbenen 
nahmen die im 1. Jahre Verstorbenen noch in den 60er Jahren 40 — 50^, die Kinder 
aus dem 2. bis 5. Lebensjahre 25^ ein, so daß für das Lebensalter von bis 5 Jahren 
ein Rückgang von mehr als 60^ der Gesamtmortalität an Nervenkranken auf ca. 40^ 
derselben sich ergiebt, eine Erscheinung, die hauptsächlich in der verbesserten Diagnostik, 
also in den Fortschritten der Kinderheilkunde, ihre BegrUndang finden dürfte, da in frü- 
heren Jahrzehnten mit den Diagnosen Fraisen, Hirnhautentzündung und Wasserkopf nicht 
grade sparsam umgegangen wurde. In dem Lebensalter von 5 bis 30 Jahren hat sich der 
Prozentanteil nicht geändert, dagegen ist die Zunahme in dem Alter zwischen 30 bis 
60 Jahren sowie in dem Alter jenseits des 60. Jahres sehr auffällig, indem sie in den 
ersteren Altersstufen um ca. ^3, in der letzteren um das 2Y2fache zugenommen hat. 

Diese Daten würden wahrscheinlich noch viel ungünstiger ausfallen, wenn die 



Todesursachen. 165 

in den niederösterr eichischen Irrenanstalten, sowie die in den Wiener Versorgnngs- 
häusern außerhalb Wiens verstorbenen Geisteskranken mit in Rechnung kämen, da 
die Zahl der Geisteskranken in Österreich in der Zeit von 1873 — 1896 von 0,92 per 
mille der Bevölkerung auf 1,2 per mille, somit am 30 5^ zngenommen hat. Wenn man 
jedoch fbr die letzten Jahre die Ausweise der Wiener Krankenhäuser (ftir die Jahre 
1893 und 1898) mit einander vergleicht, zeigt sich, daB einem Antdisprozent der 
Nervenkrankheiten im Jahre 1893 von 7,35^ ein solcher von 7,20^ im Jahre 1898 
gegenübersteht, wobei allerdings die Zahl der Behandelten von 56482 auf 65836, also 
um mehr als 16 % schon in diesem kurzen Zeiträume zugenommen hat. Die Ursachen, 
welche sich hier, abgesehen von der Erblichkeit, geltend machen, sind, nebst den aus dem 
Kampfe ums Dasein hervorgehenden und in den Verhältnissen einer Großstadt gelegenen 
Erregungen ohne Zweifel die Zunahme der Erkrankungen der Girkulationsorgane. 

Die Assanierung von Boden, Lnft und Wasser und die Bekämpfbug der 

Infektionskrankheiten. *) 

Wie aus den voranstehenden Ausführungen hervorgeht, ist die Mortalität in 
Wien in den letzten 50 Jahren um die Hälfte (von 40 pro 1000 der Bevölkerung auf 
20,7) und wenn nur die Zeit seit dem Jahre 1867, für welche eingehendere statistische 
Nachweisungen vorliegen, berücksichtigt wird, um ein Drittel (von 31,3 auf- 20,7) 
gesunken; hierbei haben die Tuberkulose nebst den anzeigepflichtigen Infektionskrank- 
heiten um 5,5 pro mille der Bevölkerung, die Erkrankungen der Yerdauungsorgane 
sowie jene der Gesammtkonstitution (mit Einschluß der Erkrankungen der Haut und 
Knochen) um je 1,4, die Lebensscbwäche um 1,2 und die Krankheiten der Respirations- 
organe **) um 1,0 per mille der Bevölkerung abgenommen, wofür in der Verbesserung 
der allgemeinen Einflüsse des Bodens, der Luft und des Wassers, wie teil- 
weise an anderer Stelle schon dargelegt wurde, die Grundlage zu erblicken ist. 

Bezüglich der Reinhaltung des Bodens muB noch auf die großen Fortschritte 
hingewiesen werden, die insbesondere in den letzten Jahren durch die Anlage von 
Hauptsammelkanälen , Ausbau der Kanalisation und Regulierung der Flußläufe 
erzielt wurden. 

Während früher der ganze Unrat, soweit er durch Kanäle zur Ableitung gelangte, 
dem Donaukanale zuströmte und in diesem das ganze Stadtgebiet durchfloß, wird nach 
der nahen Vollendung der Sammelkanäle der Donaukanal nur in seinem Endstücke 
Jauche, Abwässer und Fäkalien dem Donaustrome zuführen; ebenso ist der Wienfluß 
durch die Regelung seines Bettes und den Ausbau der Kanalisation von Unrat frei 
geworden, während er früher in seinem Laufe oberhalb Wiens durch Jauche, Senk- 
grubeninhalt, Abwässer des Haushaltes und der Industrie in so arger Weise verunreinigt 
war, daß das Wasser desselben schon anfangs der 70 er Jahre wegen des üblen Ge- 
rnches zur Straßenbosprengung nicht verwendet werden konnte und die in seiner Nähe 
gelegenen Wohnhäuser in der warmen Jahreszeit unter den übelriechenden Aus- 
dünstungen arg zu leiden hatten. Ein Teil des Wienflusses, zwischen dem L, III. und 
IV. Bezirk gelegen, wurde in den letzten Jahren eingewölbt, wie dies auch bei den 
meisten anderen größeren Wasserläufen, welche dem Donaukanale zuströmen, teils 
schon durchgeführt, teils für die nächste Zeit in Aussicht genommen ist. Unter den 
eingewölbten Gerinnen sind zu erwähnen der Nußbach, Nesselbach, Krottenbach, 



*; Vergl. auch Teil I dieses Werkes. 
*'*'] Wenn nur der erste und letzte fUnQährige Abschnitt berücksichtigt wird. 



166 GßüNBERG. Die Assanierung Wiens yom med.-stat. Standpunkt. 

Aisbach mit dem Währingerbach , Ottakringerbach, Ameisbach, Lainzerbach; nur auf 
kurze Strecken im XVIII. und XIX. Bezirk, sowie in einzelnen Gebieten des XI. und 
XII. Bezirkes bestehen noch offene Gerinne für die Ableitung von Abwässern, Nieder- 
schlags- und.Brunnenwässeiii mit Ausschluß von Jauche und Fäkalien, und auch hier 
wurden schon Vorbereitungen für die Beseitigung derselben und für die Herstellung 
einer Kanalisation getroffen, nach deren Ausführung für die Entwässerung von ganz 
Wien vorgesorgt sein wird. Entsprechend der Ausführung der Hauptsammeikanäle 
erweiterte sich auch das Rohrnetz der Haus- und Straßenkanäle in einem so bedeuten- 
den Maße, daß dasselbe Ende 1898 eine Länge von 1526 km betrug. 

Im Jahre 1883 belief sich die Länge der Hauptkanäle auf 210,8 km 

» > 1890 » > » » » » in den Bezirken I — X > 273,9 » 

» » 1898 > > * » > > » > » I— XIX * 592,0 > 

Die Länge der Hauskanäle betrug 1883 362,4 km 

1890 in den Bezirken I--X 514,7 > 
1898 > » » I— XIX 933 > 

Für die Ableitung der festen Stoffe ist die ganz bedeutende Zunahme der 
Aborte mit Wasserspülung von Bedeutung, die derzeit vielfach auch dort hergestellt 
werden^ wo die Bauordnung solche nicht anordnet, femer die durch die Kanalisation 
zur Ableitung kommenden Niederschlags-, Brauch-, Schmutz- und Industriewässer. 
Allerdings ist die derzeit verfügbare Wassermenge noch nicht eine so bedeutende, um 
allenthalben, insbesondere an Orten, wo die Bekonstruktion der Kanäle noch nicht 
stattgefunden hat, die Spülung derselben in reicherem Maße vornehmen zu könneD. 
Auch die Spülung des linken Sammelkanales ist nur bei hohem Wasserstande im 
Donaukanale von diesem aus zu erreichen, während für die Spülung des rechten 
Sammelkanales durch eine besondere Spülvorrichtung unter Verwendung des Wassers 
des Wienflusses und des Wiener Neustädter-Kanals vorgesorgt wurde. 

Durch die ausgedehnte Kanalisation ist der Grundwässerspiegel gesenkt worden, 
und die früheren Überschwemmungsgefahren haben durch die Begulierung des Donau- 
kanals und des Wienflusses an Häufigkeit und Bedeutung verloren, so daß Hochwasser 
nunmehr auch ohne Überschwemmung vorüber gehen können, und die nachteilige 
Beeinflussung von Parterre- und insbesondere von Kellerräumen sich immer mehr 
einschränkt. Das Eindringen der Kanalluft in die Häuser wird durch Wasserver- 
schlüsse nach Möglichkeit verhindert; allerdings sind, wie bereits erwähnt, diese Her- 
stellungen in der derzeit giltigen Bauordnung nicht durchwegs vorgeschrieben und dort, 
wo Senkgruben bestehen, nur schwer durchführbar. Die Beseitigung des festen Rück- 
standes aus den Kanälen sowie des Aushubes aus den Senkgruben wird seit dem Jahre 
1879 in der Weise angeführt, daß der feste Inhalt mittels Wagen in eigens konstruier- 
ten Kübeln zu einer im HI. Bezirk am Donaukanal gelegenen Unratentleerstation 
gebracht und daselbst auf Schiffe überladen wird, die unterhalb von Wien den Inhalt 
in den Donaustrom entleeren, während die Kübel gereinigt auf den Abladeplatz zurück- 
geführt werden. In den Wintermonaten findet diese Entleerung innerhalb des Gemeinde- 
bezirkes gleichfalls in den Donaustrom statt. 

Die Zahl der Senkgruben hat wohl abgenommen, allein es bestehen noch immer 
Bezirke, wo die Zahl derselben nicht unbedeutend ist und wo selbst in den letzten 
Jahren noch Senkgruben errichtet wurden. Die nachstehende Tabelle XV zeigt das 
Verhältnis der Senkgruben in den einzelnen Bezirken. 



REiNiamiro des Bodens etc. 



167 



Tabelle XV. 

Stand der Seukgrnben im Jahre 1898. 



Bezirk 

j 


Zahl der Hänser 


Zahl der Senkgraben 


I. 


1386 


7 


IL 


2990 


j 606 


III. 


22Ö9 


; 146 


IV. 


1076 


16 


V. i 


1Ö62 


f 78 

1 


VI. 


1163 


' 9 


VII. 


1266 


9 


VIII. 


843 


9 


IX. 


1411 


37 


X. ! 


1911 


83 


XL 


1462 


677 


XII. 


1874 


464 


XIIL . 


2882 


2407 


XIV. 1 


1094 


26 


XV. ' 


669 


9 


XVL 


2363 


228 


XVIL 


1974 


328 


XVIIL 


2338 


317 


XIX. 


2063 


708 



In den 15 845 Häusern der Bezirke I bis X waren Ende des Jahres 1898 noch 
999 Senkgruben, während in den 16709 Häusern der Bezirke XI bis XIX 2894 Senk- 
gruben gezählt wurden. 

Während im alten Gemeindegebiete für die Räumung der Senkgruben gere- 
gelte Verhältnisse bestanden und der Inhalt derselben, abgesehen von ganz außer- 
gewöhnlichen Fällen in der frtther erwähnten Weise nach bestimmten Vorschriften entfernt 
wurde, herrschte in den einbezogenen Bezirken vor der Zeit der Einbeziehung und zwar 
selbst in solchen, die als Sommeraufenthalt des wohlhabenden Teiles der Bevölkerung 
benutzt wurden, hier und da die größte Sorglosigkeit, indem der Inhalt der Senkgruben 
(wie beispielsweise im XIE. Bezirk) an beliebigerstelle augeschttttet wird. In dieser 
Beziehung trat nach der Einverleibung rasch eine Änderung ein, indem für den 
Xni. Bezirk eine Unratentleerstation errichtet wurde, woselbst der Senkgrubeninhalt nach 
Verdünnung mit Wasser in einen längs des Wienflusses laufenden Hauptkanal entleert 
wurde. Nur in ganz geringem Umfange blieb die Bäumuug der Senkgruben den Eigen- 
tümern zum Zwecke der Verwertung des Inhaltes in der Landwirtschaft überlassen; im 
übrigen wurde die Räumung wie in den alten Bezirken auch zeitlich geregelt, für die 
Entfernung des flüssigen pneumatisch zu entleerenden Inhaltes wurden auch in den neuen 
Bezirken besondere Eanalschächte und für die Unterbringung der festen Rückstände 
nach erfolgter Desinfektion mit Kalkmilch besondere Abladeplätze bestimmt, wo die 
Vergrabung derselben erfolgt. 

Die Menge der aus den Kanälen fauch Sammelkanäle) und aus Senkgruben 
geräumten festen, in die UnratCDtleerstation am Donaukanal geschafften Masse beihrug 
in den letzten Jahren durchschnittlich ca. 6000 bis 9000 cbm pro Jahr. 

Als weitere Momente, die für eine fortschreitende Reinhaltung des Bodens von 
Bedeutung geworden sind, wären hervorzuheben: Die Beseitigung von durchlässigen 
Senk-, Mist- und Jauchegruben, Verbesserungen der Stallungen, Maß- 
nahmen gegen die Verunreinigung der Haushöfe durch Mist und Kehricht und 
Regelung der Abfuhr derselben, Errichtung von Schlachthäusern, Durchführung 



168 Grunberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

strenger Maßnahmen bei den SteehbrUoken*), unschädliche Beseitigung der 
Äser durch Errichtung der thermochemischen Anstalt, Hintanhaltung der Versickerung 
industrieller Abwässer und der Deponierung der Industrieabfälle in der nächsten 
Nähe der Fabriken, Schließung der an der Grenze des alten Stadtgebie- 
tes gelegenen Friedhöfe, Pflasterung der Standplätze des Lohnfuhr- 
werkes, Anlage von öffentlichen Bedürfnisanstalten, Verlegung der 
Kehrichtsammelplätze an die Peripherie der Stadt und schließlich auch die Ver- 
besserungen, welche auf dem Gebiete der Straßenpflege durchgeführt wurden. 
Die Straßen, die im Jahre 1883 einen nicht gepflasterten (macadamisierten und 
beschotterten] Anteil von 1 894 576 qm = 45 )i^ der gesamten Straßenfläche aufwiesen, 
zeigten Ende 1890 bei einer Erweiterung der Straßenfläche auf 3745577 qm nur einen 
ungepflasterten Anteil von 43^, wobei von der gepflasterten Fläche 

mit Steinen. . . .95,7^ 
> Asphalt .... 2,9 ^ 

^ Holz 1,4 ^ 

gepflastert war. 

Im Jahre 1898 betrug die gesamte Straßenoberfläche in Wien 11 305 105 qm, 

wovon auf die Gemeinde 10 715 345 > 

und davon 9 823 953 > 

auf die eigentliche Straßenoberfläche entfielen ; hiervon war gepflastert ca. 42 % , 

ungepflastert 58^. 

Die Pflasterung**) verteilte sich auf folgende Weise: 

mit Steinen . . waren gepflastert 3 062 108 qm 

» Asphalt . . - > 81659 > 

> Klinker . > » 4 768 :» 

> Metallic . . » 30071 > 

> Holz ... » » 101502 . 

woraus sieh ergiebt, daß jene Pflasterungsmethoden, die die leichteste Beinigung der 
Straßen ermöglichen, bisher nur in einem geringen Umfange ausgeführt sind. 

Die angeführten Maßnahmen, insbesondere der Ausbau der Kanalisation und die 
Anlage der Hauptsammeikanäle haben aber nicht nur eine zunehmende Reinigung des 
Bodens, sondern auch die Beinhaltung der größeren Gewässer (Donaukanal, Wienflaß) 
zur Folge. Hierdurch steigt die Aussicht, daß der Donaukanal während der Sommer- 
monate in reichlichem Maße fttr die Anlage von Bädern wird benutzt werden können, 
und daß, auf diese Weise einem großen Teile der Wiener Bevölkerung die BenutzuDg 
von Flußbädern ermöglicht werden wird. Ungeachtet der bedeutenden Verbesserung 
der Verkehrsmittel sind die am Donaustrom errichteten kommunalen Privat- und 
Militärbäder so entlegen, daß sie nur für einen geringen Teil der Bevölkerung in 
Betracht kommen. Während die Entwicklung des öffentlichen Badewesens in Wien 
durch die zunehmende Anlage von Badezimmern auch bei Wohnungen mittlerer Größe 
eine natürliche Hemmung fand, hat die Gemeinde seit dem Jahre 1887 allmählich in 
allen Bezirken mit Ausnahme des L, XU., XIII. und XIX. Bezirkes Volksbrausebäder 
errinJiitet, in welchen der Bevölkerung um den Preis von 10 Hellem ein warmes oder 
kühles Brausebad samt der Benutzung zweier Wäschestücke geboten wird. Wie 
bedeutend das Bedürfnis war, dem hierdurch abgeholfen wurde, zeigt die alljährlich 
steigende Frequenzziffer, die beispielsweise im Jahre 1898 sich auf 1 138 458 belief. 

*) Stechbrücken sind Schlachtkammern fUr Kleinvieh, die noch in den Hänsern der Gast- 
wirte u. B. w. bestehen. 

♦♦) Stat. Jahrbuch der Stadt Wien für das Jahr 1898. 



Anzeigepflichtige Infektionskrankheiten. 169 

Anzeigepflichtige Infektionskrankheiten* 

Am Yorteilhaftesten spricht sieh die Assanierung Wiens in dem Um- 
stände aus, daß allmählich verheerende Krankheiten wie Flecktyphus, Dysen- 
terie und Blattern daselhst vollständig ausgerottet wurden, und daß es bei 
der späteren Einschleppung jedesmal gelang die Ausbreitung zu begrenzen. 

Auch die Cholera war zuletzt im Jahre 1873 in Wien epidemisch aufgetreten. 
Trotz des intensiven Verkehres mit verseuchten Städten und Ländern und trotzdem in 
den Jahren 1886, 1892 und 1893 Gholerafälle nach Wien eingeschleppt wurden , kam 
es weder zur herdartigen noch zur epidemischen Ausbreitung. Selbst die Pestinfektion, 
die im Jahre 1898 den Diener eines pathologischen Laboratoriums, in welchem Studien 
über die Pest vorgenommen wurden, befiel, konnte auf den Arzt und die Wärterin 
desselben beschränkt werden. 

In welcher Weise der Rückgang der Mortalität und der Morbidität bei den 
einzelnen Infektionskrankheiten sich ausprägt, soll im weiteren dargelegt werden. 

Der Rückblick verengert sich um so mehr, je später die Anzeigepflicht für die 
betreffende Krankheit eingeführt wurde. Mit der besseren Erkenntnis über das Wesen 
der Infektionskrankheiten vereinigte sich die Organisierung der öffentlichen Sani- 
tätspflege; die Anzeigepflicht führte nicht zu einer bloßen Registrierung der Erkran- 
kungs und Todesfälle, sondern zu einer Bekämpfung der Verbreitung der Krankheit, indem 
die Sanitätsorgane bestrebt waren, die Infektionsmöglichkeit einzuengen, die Kranken 
zu isolieren und die Krankheitskeime mittelst einer rationellen Desinfektionsmethode 
zu vernichten, in welcher Richtung auf die vom Wiener Stadtphysikate im Jahre 1882 
durchgeführte und später verbesserte Regelung des lokalen Sanitätsdienstes verwiesen 
wird. Die Handhabung der Sanitätspolizei, die früher immer erst mit dem Herannahen 
epidemischer Krankheiten stärker hervortrat, wurde kontinuierlich und gleichmäßig geübt 
und seit dem Jahre 1873 das Institut der Sanität^aufseher zur Ermittalung sanitärer 

mm ^^ 

Ubelstände und zur Kontrole der Beseitigung derselben (insbesondere auf Straßen, an 
Wasserläufen, in Häusern, Wobnungen, Massenquartieren etc.), zur ersten Erhebung bei 
Infektionskrankheiten, sowie zur Durchführung der Desinfektionen ins Leben gerufen. 

Eine anerkennenswerte Unterstützung bei der Bekämpfung der Infektionskrank- 
heiten fanden die Gemeinde und ihre Sanitätsorgane in der selbstlos und trotz der 
Nachteile für die eigene Praxis willig von den praktischen Ärzten geübten Anzeige- 
pflicht. Nur langsam und schwierig konnte das Publikum an die Abgabe der Kranken 
in isolierte Spitalspflege gewöhnt werden. Zwang war und ist hierbei vollständig aus- 
geschlossen, so daß dieser Wandel ebenso unter dem Einflüsse zunehmender Aufklärung^ 
wie gesteigerter Fürsorge für die Spitäler und für die Verbesserung des unentgeltlichen 
Krankentransportes sich vollzog. 

Die Bestrebungen zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse fanden lange 
Zeit hindurch in dem Mangel einer einheitlichen Verwaltung ihr hauptsächlichstes 
Hindernis. 

Die aus 10 Bezirken bestehende Stadt und die umliegenden zahlreichen kleinen 
Vorortgemeinden (von welchem im Jahre 1890 40 vollständig und 8 teilweise in das 
Stadtgebiet einbezogen wurden) standen miteinander in fortwährendem Kontakt und 
fortwährenden Wechselbeziehungen und gingen territorial fast unmittelbar in einander 
über, dessenungeachtet hatte jede dieser Gemeinden ihre eigene Verwaltung. Dieser 
Mangel an Einheitlichkeit und die Eückständigkeit der Sanitätspolizei in den Vorort- 
gemeinden bildete auch einen Hemmschuh für den vollen Wert der im alten Wien ge- 
troffenen Maßregeln. Dieses kam seit dem Jahre 1892. zu welcher Zeit die einheitliche 



170 



GrOnbeeg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 



Verwaltung des erweiterten Wien begann, in dem raschen Abfall der Infektionskrankheiten 
wie in der Vermindernng der Mortalität zum deütlid^ben Ausdruck. 

Mit großer Geschwindigkeit wurden die einbezogenen Vororte jener hygie- 
nischen Vorteile, deren sich die alten Bezirke schon lange zu erfreuen 
hatten, teilhaftig; die Hochquellwasserversorgung, Kanalisation wurden in Angriff 
genommen und in den nächsten Jahren fast durchgeführt, viele offene Gerinne wurden 
beseitigt, die Begulierung des Wienflusses und des Donaukanals durchgeführt, neue Ver- 
kehrsmittel geschaffen, moderne Schulen errichtet etc.; zur Durchfuhrung einer einheit- 
lichen Verwaltung wurde die Stadt in neunzehn Bezirke eingeteilt, in jedem Bezirke ein 
Bezirksamt errichtet und diesem zur Handhabung der Sanitätspolizei ein oder mehrere 
Bezirksärzte, die nötige Zahl von Armenärzten, Sanitätsaufsehern, Desinfektionsdienem^ 
Krankenträgern zugewiesen, allenthalben wurden Einrichtungen für die Desinfektion 
getroffen, der Krankentransport nach infektiösen und nicht infektiösen Krankheiten 
gesondert und allmählich durch bespannte Wagen besorgt, Rettungsmittel und Bettungs- 
anstalten auch in den neuen Bezirken organisiert; hierbei wurde die zentrale Leitung 
der Verwaltung» dem Magistrate vorbehalten und dem Stadtphysikate die fachmännische 
Leitung des amtsärztlichen Dienstes übertragen. 

Mit welcher Baschheit in dieser Beziehung eine Verbesserung der allgemeinen 
hygienischen Verhältnisse angestrebt wurde, dürfte die nachstehende Tabelle Nr. KVI über 
die Zunahme der Hochquellenwasserversorgung in den Häusern Wiens am anschau- 
lichsten zum Ausdrucke bringen. 

TabeUe XVL 

Fortschritte in der Versorgung der Wohnhäuser mit Hochquellwasser 

in der Zeit von 1881 — 1900. 



Jahr 



Zahl 

der 

Häuser 



Zahl 

der mit Hoch- 

quellwasser 

versorgten 

Häaser 



% 
der mit Hoch- 
quellwasser 
versorgten 
Häaser 



der mit Hoch- 
qaellwasser 

nicht versorg- 
ten Häuser 



1881 


' 12 269 


9 334 


76 


24 


1882 


12 342 


9 745 


78,9 


21,1 


1883 


12464 


1 10088 


80,9 


19,1 


1884 


12 647 


10469 


82,7 


17,3 


1885 


12 768 


10 787 


84,4 


15,6 


1886 


12883 


11200 


86,9 


13,1 


1887 


13091 


11515 


87,9 


12,1 


1888 


13 321 


11828 


88,7 


11,3 


1889 


13 531 


12104 


89,4 


10,6 


1890 


141:M 


12 329 


87,2 


12,8 


1891 


29675 


12 625 


42,5 


57,5 


1892 


30197 


12 989 


43 


57 


1893 


30 645 


13 403 


43,7 


56,3 


1894 


31 015 


17 637 


56,8 


43,2 


1895 


31315 


18 454 


58,9 


41,1 


1896 


31 596 


22 490 


71,1 


28,9 


1897 


31 968 


24160 


7o,o 


24,5 


1898 


32 324 


25 413 


78,6 


21,4 


1899 


32 389 


26 488 


81,7 


18,3 


1900 


33 165 


27 369 


85,5 


17,5 



Anzeigepflichtige Infektionskbankheiten. 171 

Die Bekämpfung der Infektionskrankheiten beginnt mit der Anzeige* 
p flieht. Diese war früher nnr dureh die Epidemievorschriften gesetzlieh geregelt. Die 
Anzeigepflieht hatte daher den Ausbrnch einer Epidemie zur Voraussetzung. Nur für Blat- 
tern war die Anzeigepflieht sehen in den 60er Jahren festgesetzt. Erweitert wurde dieselbe 
dureh den Erlaß der k. k. niederösterreichischen Statthalterei vom 3. Dezember 1878 
auf Cholera, Typhus (Fleck- und Abdominaltyphus), Scharlach, Diphteritis (Croup aus- 
genommen), ägyptische Augenentzündung, und zwar wurde dieselbe den behandelnden 
Ärzten zur Pflicht gemacht; allein schon im Jahre 1871^hatte der Landeschulrat Ver- 
fügungen getroffen, durch welche nicht nur infektiös erkrankte Kinder, sondern auch 
Kinder aus Familien, in welchen notorisch ansteckende Krankheiten herrschten, vom 
Schulbesuche für die Dauer der Krankheit ferngehalten werden sollten, und wurden 
im Jahre 1880 diese MaBnahmen von derselben Behörde mit Erlaß vom 26. Januar 1880 
Z. 8119 erweitert und detailliert; dieselben betrafen nicht nur die damals anzeige- 
pflichtigen Infektionskrankheiten, sondern auch Croup, Masern und Keuchhusten, für 
welch letztere die Anzeigepflicht erst durch den Erlaß der k. k. niederösterreichischen 
Statthalterei vom 20. April 1886, Z. 2948 (zugleich mit jener für Varicellen, Wundrot- 
lauf und Puerperalfieber) ausgesprochen wurde. 

Im Jahre 1888 folgte sodann mit Erlaß des k. k. Ministeriums des Innern vom 
16. August 1887 Z. 20662 die allgemeine Vorschrift betreffend das Desinfektions- 
verfahren nach ansteckenden Krankheiten, die sich auf sämtliche Infektionskrankheiten 
mit Einschluß der Tuberkulose bezog, und die Verordnung des niederösterreichisohen 
Landesschulrates vom 6. Juli 1888 Z. 3776, mit welcher neuerlich eingehende Maß- 
regeln zur Verhütung der Weiterverbreitung übertragbarer Krankheiten durch Schulen, 
Lehr- und Erziehungsanstalten getroffen wurden. In den folgenden Jahren wurde dann 
die Anzeigepflicht nach und nach auch auf Milzbrand, Rotz, Influenza, epidemische 
Genickstarre, Mumps, Röthein (Rubeola), infektiöse follikuläre Bindehautentzündung 
(Conjunctivitis follicularis) und epidemisch auftretende Formen von Bindehautkatarrh 
sowie auf das Schweißfieber (Morbus miliaris) ausgedehnt, während hinsichtlich der 
Schulmaßnahmen gegen ansteckende Krankheiten an dieser Stelle nur noch der Erlaß 
der k. k. niederösterreichischen Statthalterei vom 4. Dezember 1893 Z. 86141 hervor- 
gehoben vrird, in welchem auf Grund eines Gutachtens des obersten Sanitätsrathes das 
Vorgehen beim Auftreten der Diphteritis in Schulen geregelt wurde. 

Im folgenden sollen nunmehr zunächst die Morbiditäts- und Mortalitätsverhältnisse 
(Tafel 18) der wichtige/en anzeigepflichtigen Infektionskrankheiten einzeln dargelegt 
werden. 

Blattern. 

In dem Zeiträume von 1877 bis 1900 erkrankten in Wien 20688 Personen an 
Blattern. 

Hiervon entfielen: 

auf die Zeit von 1877—1880 = 6846, im Durchschnitte pro Jahr 1711 
» > > » 1881—1885 == 9828, > > » > 1965 

» » . > 1886—1890 = 1643, » * » » 323 

. » > > 1891 = 2038, > > * > 2038 

. . > » 1892—1895= 312, » . . > 78 

» . > , 1896—1900= 21, :» » > » 4 

In dem gleichen Zeiträume starben an Blattern in Wien 4905 Personen = 23,7 ^ 
der Erkrankten. 



172 Gbünbesg. Die Assanibkckg Wiens von hed.-stat. Stakdpukct. 

Hiervon entfielen anf die Zeit 

von 1877—1880 = 2001, im Durchschnitte pro Jahr 500 =-. 29,2)^ Letalität 

. 1881—1885 = 2093, » , . . 418 = 21,2 % 

. 1886—1890= 273, . > » > 54 =16,6^ 

. 1891 = 462, . - > 462 =22,6^ 

1892—1895 = 73, . . . . 18 =. 23,4^ 

. 1896—1900= 3, . . . . 0,6 =15^ 

In den früheren Dezennien herrschten in Wien jahrein jahraus die Blattern nnd 
breiteten sich zeitweise epidemisch aus, so dass von 

1867—1871 zusammen 1666 

1872 . 3334 

1873 : 1410 

1874 . 428 

1875 V 791 

1876 . 1200 

Todesfälle an Blattern sich ergaben. 

Wenn auch den Blattern gegenüber zuerst vor allen anderen Infektionskrank- 
heiten die Anzeigepflicbt eingeführt war, so fehlte doch, abgesehen von der Unverläß- 
lichkeit derselben, noch in den 70er Jahren jenes zielbewußte Vorgehen, welches 
nicht nur in Wien sondern auch in anderen Städten ungeachtet des mangelnden Impf- 
zwanges zu einer Ausrottung der Blattern führte. Die frühere Lehre von der Identität 
des Variola- und Varicellenkontagiums förderte ebenso die Ausbreitung der Blattern, 
wie das Erstehen von Impfgegnem unter hervorragenden, selbst im öffentlichen Sanitäts- 
dienste stehenden Ärzten die öffentliche Impfung beeinträchtigte. Aber auch die Iso- 
lierungsmaßregeln waren damals sehr unvollkommene, wobei nur an die Verlegung 
der k. k. Pockenstation in die Krankenanstalt Rudolfestiftung im Jahre 1884 erinnert 
werden soll, welche das Auftreten zahlreicher BlattemfäUe in den zunächst gelegenen 
Häusern und Gassen zur Folge hatte. Das seltene Auftreten der Blattern in den 
letzten Jahren hat eine geringere Bekanntschaft jüngerer Arzte mit den Blattern znr 
Folge, und selbst mancher Blattemherd der letzten Jahre war auf eine verkannte Er- 
krankung an Varicellen zurückzuführen. Während in Deutschland die allgemeine Impf- 
pflicht zu einem raschen Rückgänge der Blatternmorbidität und^Mortalität führte, sehen 
wir in Wien im Jahre 1872 und 1873 ein so verbreitetes Auftreten der Blattern, daß 
nach dem Physikatsberichte pro 1885 und 1886 die Zahl der davon Ergriffenen mit 
circa 20000 angegeben wird. 

Die Beteiligung ander allgemeinen Impfung war eine geringe, zahlreiche Kin- 
der wurden der Impfung nicht unterzogen und noch schwächer war die Beteiligung der 
Bevölkerung an der Revaccination. Diese ungünstigen Verhältnisse herrschten jedoch 
nicht in Wien allein, sondern auch in anderen Hauptstädten des Reiches. In der Zeit 
von 1873 — 1882, wo sich in ganz Osterreich die Mortalität an Blattern im jährlichen 
Durchschnitte von 103 auf 100000 Bewohner stellte, war 

Wien mit 127 auf 100000 
von Prag > 146 > 100000 

» Lemberg * 161 » 100000 
» Linz > 179 » 100000 tiberragt. . 



Anzeigepflichtioe Infektionskrankhettex. 



173 



MortaliiSt und Horlidit&t an Blattern. 





ZaU 


1 

Zahl 


Letalität 


Anteilprozent an 


Jahr 


der 


der 


an 


der MortalitSt an 




TodesföUe 


ErkrankuTigen 


Blattern 


Infektions- 
krankheiten 


1867 


1 

276 




_. 


16,0^ 


1868 


294 


— 




- 18,2 » 


1869 


828 




1 


18,7 . 


1870 


295 


— 


— 


17,3 :> 


1871 


473 






17,0» 


1872 


3a34 






62,0 » 


1873 


14t0 




— 


23,8 » 


1874 


928 






41,6 » 


187Ö 


792 


— 




35,7 » 


1876 


1200 






36,3 > 


1877 


588 


1749 


33,6 X 


25,3 . 


1878 


542 


1574 


34,4 > 


21,5 » 


1879 


346 


1270 


27,2 . 


16,0 » 


1880 


525 


2253 


23,3 > 


29,1 » 


1881 


906 


3290 


27,5 » 


41,7 » 


1882 


808 


2844 • 


28,4 > 


34,6 » 


1883 


73 


244 


29,9 » 


5,7 » 


1884 


94 


358 


26,2 » 


8,4 » 


1885 


912 


3092 


6,8 * 


10,6 » 


1886 


97 


794 


12,2 . 


6,2» 


1887 


63 


327 


19,2» 


3,8 » 


1888 


55 


223 


24,6» 


4,2 > 


1889 


12 


68 


17,6 > 


0,9 » 


1890 


46 


231 


19,9 > 


3,0» 


1891 


462 


2038 


22,6 . 


12,1 » 


1892 


11 


52 


21,1 » 


0,3 » 


1893 


37 


183 


20,1 . 


0,8» 


1894 


21 


66 


31,8 > 


0,5 > 


189Ö 


4 


11 


36,3 » 


0,1. 


1896 


2 


6 


33,3 » 


0,7 » 


1897 


1 
1 


2 


0,0» 


— 


1898 


* 

— 1 

1 


7 


0,0» 


— 


1899 1 

1 


1 


3 


33,3 » 


— 


1900 




3 

1 


0,0. 





Erst die Impfung der Rekruten, die Einführung der Schulkinderimpfung, die 
jahrelangen Bestrebungen der Staatsbehörden und der Gemeinde zur Hebung der Teil- 
nahme an der öffentlichen Impfung, die Einführung der Kälberlymphe an Stelle der 
humanisierten Lymphe, die Errichtung eines staatlichen Institutes für diesen Zweck 
forderte allmählich den guten Impfzustand der Bevölkerung. Während im alten Stadt- 
gebiete, soweit es der Mangel eines Spitalzwanges gestattete, auf die isolierte Ver- 
pflegung jedes Blattemfalles in dem von der Gemeinde errichteten Blattemspitale oder 
aber in häuslicher Pflege hingewirkt und bei dem Auftreten jedes Blatternfalles im 
Hause und in der Nachbarschaft die Notimpfung vorgenommen und durch Desinfektion 
die Vernichtung der Krankheitskeime angestrebt wurde, bildeten die Vororte noch lange 
ein Hindernis für eine erfolgreiche Bekämpfung der Blattern. Die Notspitäler daselbst 
waren ungenügend eingerichtet, innerhalb derselben hörte häufig die Isolierung auf, 



174 Gbünbebg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

und von denselben erhielten sich zahlreiche Beziehungen in die betreffende Gemeinde 
und selbst in das alte Stadtgebiet. Erst die Vereinigung der Vororte mit dem alten 
Stadtgebiete, die gleiche Organisation des Sanitätsdienstes im ganzen Gemeindegebiete 
brach die jahrelange nachteilige Wirkung der Blattern für Wien. Die Erhaltung dieses 
günstigen Znstandes hängt jedoch einerseits mit der Hebung der GesundheitsTcrhält- 
nisse in dem übrigen Teile des In- und Auslandes und mit der unausgesetzten Eontrole,'<)j 
zusammen, die nicht allein jedem Falle von Blattern, sondern auch jedem Varicellen- 
falle durch die Amtsärzte zu teil wird. Der Rückgang der Blattern zeigte sich in 
ganz Osterreich, wo gegenüber 50145 angezeigten Fällen im Jahre 1889 im Jahre 1896 
nur 2663 Krankheitsfälle konstatiert wurden, wovon der Hauptanteil auf Galizien und 
die Bukowina entfiel. Die Prophylaxis gegenüber den Blattern wurde allmählich durch 
die staatlichen Direktiven auch auf den Reisev;erkehr der aus Blatternorten zugereisten 
Personen in derselben Weise wie bei der Bekämpfung der Cholera und Pest (ohne 
Beschränkung der Freiheit) ausgedehnt, und auf diesem Wege ist es im Jahre 1897 
gelungen, die Blattemmortalität von der bedeutenden Höhe der 70 er Jahre auf 0, die 
Zahl der Erkrankungen auf einzelne Fälle zu reduzieren, wie- dies die voranstehende 
Tabelle ersichtlich macht. 

AbdominaltypliQS. 

Während der Bückgang der Blattern nicht als Erfolg rein lokaler Assanierungs- 
bestrebungen aufgefaßt werden kann, läßt sich die Verminderung der Mortalität and 
Morbidität an Abdominältyphus in erster Linie mit der verbesserten Wasserversorgung 
Wiens durch Einführung der Kaiser Franz Josef- Hochquellenleitung in Beziehung 
bringen, in zweiter Linie auch damit, daß die in den letzten Jahren durchgeführten 
Begulierungsarbeiten am Wienflusse und am Donaukanal die Gefahren der Über- 
schwemmungen für Wien wesentlich herabsetzten und der Ausbau der Kanalisation znr 
Reinhaltung des Bodens beitrug. Die Wirkung der Hochquellen für die Assanierung 
Wiens ist in das Volksbewußtsein übergegangen, und das Jahr 1873, in welchem 
die Hochquellen den Bewohnern Wiens zunächst durch öffentliche Zapfstellen zugänglich 
wurden, bedeutet das Brechen des verderblichen Typhuseinflusses, welcher zuletzt im 
Jahre 1877 wieder auflebte, als wegen allzu geringer Ergiebigkeit der Hochquellen die 
alte Ferdinandswasserleitung wieder benutzt werden mußte; die Krankheit zeigte sich 
sogleich in größerer Häufigkeit, wobei dieselbe in ihrer Verbreitung zeitlich nnd 
räumlich dem Versorgungsrayon der genannten Wasserleitung entsprach. 32) Seither 
war ein epidemisches Auftreten von Typhus in Wien nicht zu konstatieren. 

An Typhus abdominalis starben in Wien 

im Jahre 1851—1860 = 10539 Personen, im Durchschnitte pro Jahr 1054 

> 1861—1870= 6486 > » > » » 648 
* 1871—1875= 3533 » > > . » 706 

> 1871-1873= 2656 . > > > > 885 

> 1874^1875 = 877 > > > » » 438 
» 1876-1880= 1163 » . * » » 232 
» 1881—1885= 646 . > > » > 129 
» 1886-1890= 459 » » . > . 91 
» 1891—1895= 442 > * . » » ' 88 

> 1896—1900= 460 >. » . . . 92 

Unter den Todesfällen sind auch hier die Ortsfremden inbegriffen. 



Anzeigepflichtige Infbktionskrankäeiten. 175 

In der auf S. 176 folgenden Tabelle XVII ist die Typhnsmortalität vom Jahre 1850, 
bez. die Morbidität vom Jahre 1879 an dargelegt. Der Erfolg der Wasserversorgung 
zeigt sieh hier in auffälliger Weise auch dadurch, daB die Einbeziehung der Vororte auf 
den Rückgang der Typhusmortalität keinen störenden Einfluß geltend machte, was 
mit der raschen Aufstellung von öffentlichen Zapfstellen, der jahrelangen Zufuhr 
von Hoohquellenwasser in die entlegenen Bezirksteile, der raschen Vergrößerung des 
Hochquellennetzes, der Erweiterung und Vermehrung der Reservoire durch Erbauung 
von neuen höher gelegenen Reservoiren zur Wasserversorgung der hochgelegenen Teile 
des X., XIII., XVI., XVII., XVIII, und XIX. Bezirkes in Verbindung zu bringen ist. Die 
Zahl der verzeichneten Typhusflllle verringert sich übrigens bei Verfolgung der Pro- 
venienz noch um ein Bedeutendes (siehe Tabelle IX a S. 154). 

Wenn es nicht gelungen ist, den Äbdominaltyphus in derselben Weise wie den 
Flecktyphus und die Blattern zu unterdrücken, liegt der Grund hierfür in zahlreichen 
Umständen, von denen nur folgende hervorgehoben werden sollen: 

1. Die zahlreichen Infektionsgelegenheiten in der Nähe von Wien, wo die Wasser- 
versorgung meist noch Vieles zu wünschen übrig läßt, während der Verkehr mit diesen 
Orten nicht allein während der Sommermonate, sondern das ganze Jahr hindurch ein 
sehr reger ist. 

2. Die Infektionsquellen innerhalb des Stadtgebietes, da ein großer Teil der an 
den Flußläufen beschäftigten Arbeiter trotz aller Warnungen und ungeachtet der Ge- 
legenheit, Hochquellenwasser zu trinken, unreines Flußwasser trinkt, während anderer- 
seits bei der großen Zahl der noch bestehenden, aber nicht alienhalben wohl gepflegten 
Hausbrunnen auch selbst unreines Brunnenwasser namentlich dort getrunken wird, wo 
das Hochquellenwasser (wie bei Endleitungen) eine höhere Temperatur aufweist. 

3. Die Gelegenheit zur Infektion in der Feme, die durch die Erleichterung des 
Verkehrs und die lange Inkubationsdauer begünstigt wird. 

4. Die lange Inkubationsdauer selbst, sowie die noch immer bestehenden 
Schwierigkeiten für die rasche Diagnostik und die infolge dessen oft sehr verspätete 
Verständigung der Sanitätsbehörden, wodurch mitunter der herdartigen Ausbreitung 
Vorschub geleistet wird. 

5. Die komplizierte Versorgung einer Großstadt, welche nicht jeden Milch«- 
bezugsort, jede Eisprovenienz beeinflussen kann, so lange nicht schwerwiegende Ver- 
dachtmomente gegen dieselben vorliegen. Wenn daher auch die Herabsetzung des 
Anteiles der Typhusmortalität an der Gesamtsterblichkeit infolge von Infektions- 
krankheiten von 40 )j^ auf 2% und darunter der lokalen Assanierung zuzuschreiben 
ist , und als Ursache der Verhinderung der epidemischen Ausbreitung des Typhus 
die Wohlthat der Hochquell Wasserversorgung angesehen werden muß, wird die 
Typhusreinheit der Stadt erst durch eine genaue Würdigung der Infektionsmög- 
lichkeiten seitens der Bevölkerung, durch die allgemeine Fürsorge für eine tadellose 
Wasserversorgung, durch eine strenge Beaufsichtigung der Milchgewinnungsstätten u. s. w. 
zu erreichen sein. 

Daß die einzelnen Typhuserkrankungen nur selten zu herdartigen Verbreitungen 
führen, dafär sorgt eine aufmerksame sanitätspolizeiliche Überwachung jedes Typhus- 
falles und der geringe Widerstand, den die Bevölkerung gegen die Spitalsbehandlung 
bei Abdominaltyphus erhebt. Wie sehr die Bedeutung des Abdominaltyphus in der 
Reihe der Todesursachen zurückgegangen ist, zeigt die Tabelle XVII S. 176. 



176 



Grönbebg. Die AflSANiERima Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 



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Anzeigepflichtige Infektionskrankheiten. 177 

Flecktyphus. 

Seit dem Jahre 1890 ist der Flecktyphus ans Wien fast verschwunden und kamen 
nur noch 

im Jahre 1892 3 

» 1893 2 

> 1896 1 

eingeschleppter Fall Yor, während in den 70 er und teilweise auch noch im Anfange 
der 80 er Jahre kleine Epidemien an Typhus exanthematicus in Wien beobachtet wurden, 
die nach den Erfahrungen desDr.Eiemann meist aus Ungarn oder Mähren eingeschleppt, 
durch das Polizeigefangenhaus, das Landesgericht, durch Massenqnartiere und Asyle 
ihre Verbreitung erfuhren. Insbesondere war es das Polizeigefangenhaus im I. Bezirk 
Sterngasse, welches wiederholt als Vermittler der Ausbreitung des exanthematischen 
Typhus beschuldigt und auf dessen Auflassung daher mit Recht gedrungen wurde. 
Allein ungeachtet der Auflassung desselben Ende 1881 hat sich der Flecktyphus noch 
in größerer Intensität im Jahre 1882 und 1883 erhalten. Bei der Niederlegung des 
infizierten Gefängnisses war allerdings das Augenmerk darauf gerichtet worden, die mut- 
maßlich infizierten Schuttmassen nur zur Ausfüllung von Gruben abseits von mensch- 
lichen Wohnstätten zu gestatten. Daß die Isolierung der Erkrankten anfangs der 
80er Jahre nicht immer zur Unterdrückung des Flecktyphus führte, hängt mit dem 
unvollkommenen Desinfektionsverfahren dieser Epoche zusammen. 

Wenn auch die älteren Angaben über die Häufigkeit des Flecktyphus und Ab- 
dominaltyphus nicht ganz richtig sein dürften, insofern zahlreiche Fälle von Typhus 
abdominalis cum exanthemate fälschlich als exanthematischer Typhus eingereiht worden 
sein dürften, so ist doch die Verbreitung beider Krankheiten eine so verschiedene 
und insbesondere die Infektiosität des Typhus exanthematicus eine so bedeutende, daß 
die Verwechslung wohl meist durch die Nachwirkung klargestellt worden wäre. Rück- 
sichtlich der Infektiosität wird auf die Angabe Eaenmanns über das Rudolfsspital ver- 
wiesen, wo in der Flecktyphusabteilung mit 48 Betten vom Jahre 1865 bis zum Jahre 
1882 zwei Primarärzte (dieselben starben), zehn Sekundarärzte und 70 Wärterinnen 
erkrankten. ^3) 

Die Beseitigung des Flecktyphus in Wien fällt zusammen einerseits mit der 
Verbesserung der Sanitätsorganisation und mit der Beseitigung des Polizeigefangen- 
hauses, doch hängt dieselbe andererseits wesentlich ab von der diesbezüglichen Assa- 
nierung in den Nachbarländern; denn auch das derzeitige, demnächst zu demolierende 
Polizeigefangenhaus leidet an zahlreichen Mangeln und Gebrechen, und wenn dasselbe 
auch infolge der daselbst geübten ärztlichen Kontrole und Reinlichkeit der Ausbreitung 
von Flecktyphusepidemien nicht Vorschub geleistet hat, und inzwischen auch ein viel 
exakteres Desinfektionsverfahren als im Anfang der 80er Jahre eingeführt wurde, so 
ist doch der Umstand, daß Wien durch ein Dezennium fast fleektyphusfrei geblieben 
ist, in erster Linie den gebesserten Verhältnissen in den Nachbarländern zuzuschreiben. 
Das Hauptaugenmerk zur Hintanhaltung der Einschleppung von Flecktyphus richtet 
sich daher auf die Überwachung des Gesundheitszustandes von Reisenden aus durch 
Flecktyphus inficierten Orten. 

Die Morbidität und Mortalität an Flecktyphus seit dem Jahre 1867 zeigt die 
nachstehende Tabelle XVIII S. 178. 



Fortschritte der Ing.-Wissenscb. Gruppe IL 9. 12 



178 



GbOnbebo. Die Assakiebüko Wikkb vom med.-stat. Standpunkt. 

TabeUe XVm. 



Jahr 


Todesfälle 


Gemeldete 
Erkrankangen 


Jahr 


TodeBfälle 


Gemeldete 
Erkrankungen 


1867 






1883 


: 13 


69 


1868 


2 




1884 


1 


2 


1869 ; 


..-. 




1885 


2 


4 


1870 






1886 




5 


1871 


196 




1887 


2 


4 


1872 


4 




1888 


4 


9 


1873 


15 




1889 


2 


2 


1874 


3 




1890 


1 




1875 


161 




1891 





— 


1876 


5 


— 


1892 


1 


3 


1877 


10 




1893 


2 


2 


1878 


12 




1894 


1 

1 


— 


1879 


10 


26 


1895 


1 




1880 


3 


14 


1896 




1 


1881 


22 


79 


1897—1900 






1882 


33 


142 


— 


— 


— 



per mille der jeweiligen Bevölkerung 



Cholera asiatica« 

Die asiatische Cholera, die seit dem Jahre 1831 neunmal epidemisch in Wien 
aufgetreten war und 

im Jahre 1854 2122 Todesfälle = 4,6 

> 1855 2943 » =6,3 
» 1866 2928 » =5,1 

> 1873 2854 > =4,3 

zur Folge hatte, hat seit dem Jahre 1873 selbst im Falle ihrer Einsohleppung eine 
nennenswerte Verbreitung nicht erfahren, obwohl sie Jahre hindurch in den benach- 
barten Kronländem der Monarchie und in Nachbarländern herrschte, mit denen ein 
reger und umgehemmter Verkehr bestand. 

Wenn es im Jahre 1886, wo zwei Erkrankungs- bez. Todesfälle, sowie im Jahre 
1892 und 1893, wo je vier Erkrankungs- und drei Todesfälle an Cholera vorkamen, 
zu einer weiteren Ausbreitung der Cholera nicht kam, wenn somit die Cholera in den 
letzten 28 Jahren den günstigen Boden in Wien eingebüßt hat, so gebttrt hierfür in 
erster Linie das Verdienst R. Koch, durch den die Einsicht in das Wesen der Cholera 
gewonnen und die Bekämpfung derselben auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt 
war. Indem die Regierung die Ergebnisse der Forschung rasch in die Sanitätspolizei 
aufnahm,^) indem die Gemeinde den Sanitätsdienst und alle Vorkehrungen auf die 
durch Koch begründete neue Lehre aufbaute,'^) indem weiter der Gesundheitszustand 
von aus Choleragegenden kommenden Reisenden und der Schiffsverkehr streng überwacht 
das Desinfektionsverfahren zu einem sachgemäßen ausgestaltet, Beobachtungsstationen 
in den öffentlichen Krankenhäusern und Isolierspitäler eingerichtet wurden, indem die 
Möglichkeit gegeben war, schon den ersten Fall bakteriologisch klar zu stellen und 
an dem Grundsatze festgehalten wurde, daß die Epidemie schon bei der Gefahr der 
Einschleppung, insbesondere jedoch beim ersten Falle bekämpft bez. unterdrückt 
werden müsse, verloren die in den Jahren 1886, 1892 und 1893 eingeschleppten zehn 
Fälle den schweren Einfluß früherer Tage, wobei die inzwischen durchgeführte Wasser- 



ANZEiaEPFLiCHTiGE Infektionskbamkheitek. 179 

versorgUDg Wiens, wie die im allgemeinen gebeßserton Wobn- und Lebensyerbältnisse 
der Bevölkerung ihren wohlthätigen Einflnfi ausüben konnten. 

Wenn man in der Darstellung der Cholera im Jahre 1873 die Angabe findet, 
die Cholera sei in den Monaten April, Mai und Juni nur in sporadischen, in der über- 
wiegenden Mehrzahl aber in tötlich abgelaufenen Fällen aufgetreten und der epidemische 
Ausbruch erst in dem Monate Juli erfolgt, so darf man wohl erwarten, daß der 
durch die Wissenschaft begrtlndete Feldzugsplan gegen die Cholera derselben die 
Gelegenheit zu einer epidemischen Ausbreitung bei künftigen Einschleppungen nicht 
gestatten wird, insbesondere an Orten, wo die Wasserversorgung die Bevölkernog von 
den Verunreinigungen des Bodens möglichst unabhängi|^ gemacht hat und die Sanitäts- 
polizei im Geiste modemer wissenschaftlicher Anschauungen gehandhabt wird. 

Dysenterie. 

Bis zum Jahre 1855 war die Dysenterie wiederholt in Wien epidemisch auf- 
getreten und hatte daselbst 

im Jahre 1836 1127 

» » 1849 600 

> * 1850 702 

> > 1851 1056 

. > 1854 885 

» » 1855 1057 

Personen hinweggerafft. 

Bei dem Umstände, dass sich die Dysenterie heute noch nicht als eine einheitliche 
Krankheit auffassen läßt, und unter dieser Diagnose viele schwere Darmerkrankungen 
au1(geführt werden, wie sie insbesondere bei- marastischen und geistesgestörten Personen 
in Siechen- und Irrenanstalten beobachtet werden, ist ein Vergleich des derzeitigen 
Auftretens der Krankheit mit ihrem Verhalten in früheren Dezennien schwer durch- 
führbar; dessenungeachtet läßt sich konstatieren, daß die Dysenterie seit Jahrzehnten 
nur sporadisch in Wien auftritt, und daß es gelingt, sie bei ihrer Einschleppung 
auf kleine Herde zu begrenzen. Am häufigsten wurde die Dysenterie in früheren 
Jahrzehnten in den Spitälern wahrgenommen. .Insolange diese Krankheitsfälle mitten 
zwischen den anderen verpflegt wurden, konnte auch, wenn die Krankheit anfangs 
übersehen war oder die Wärterinnen bei der Pflege nicht eine peinliche Eeinlichkeit 
beobachteten, häufig der infektiöse Charakter der Krankheit durch ihre Verbreitung 
nachträglich konstatiert werden. 

Wenn auch in dem Physikatsberichte pro 1868 angenommen wird, daß die Dysen- 
teriefälle auch in den Spitälern entstanden seien, so dürfte doch zumeist die Quelle 
eines dysenterischen Herdes übersehen worden sein. 

In den Jahren pro Jahr 

1867—1870 kamen in Wien 391, durchschnittlich 97 Todesfälle an Dysenterie vor, 
1871—1880 » > » 346, > 34 > > > 

1881—1891 > » > 130, > 12 > > > 

1892—1899 » » » 60, » 8 . . > 

Unter den Erkrankten fanden sich immer auch Ortsfremde, so 

im Jahre 1897 unter 9 Erkrankungen 2 

» 1898 > 13 » 1 

. 1899 »20 » 5. 

12* 



180 GrOnberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

Wenn die Erkrankungen an Dysenterie, die gelegentlich auch durch die Teil- 
nähme an Waflfentibungen und durch Truppenverschiebungen eingeschleppt wurden — 
in Galizien kamen im Jahre 1897 6847 Erkrankungen mit 1050 Todesfällen vor^ß) — 
sich in ihrer Verbreitung auf kleine Herde beschränken ließen, so dürfte dieser Erfolg 
in erster Linie der strengen Handhabung der Sanitätspolizei dieser Krankheit gegen- 
über sowohl innerhalb als außerhalb der Spitäler zuzuschreiben und in der im Jahre 
1878 erlassenen Anzeigepflicht die Basis für den Rückgang der Erkrankungen und 
Todesfälle zu erblicken sein. Nicht ohne Einfluß blieb allerdings auch die Wasser- 
versorgung, wenn erwogen wird, daß die Zahl der Todesfälle von 104 im Jahre 1870 
auf 11 im Jahre 1880 herabgedtückt wurde, und wenn das Vorkommen von dysenterie- 
artigen Erkrankungen durch unreines Wasser in Betracht gezogen wird. 

Diphtherltis. 

Durch die Entdeckung Löfflers ist die Diagnostik, durch jene Behrings die 
Therapie der Diptheritis auf neuer Grundlage aufgebaut worden. Es ist daher fragliei, 
ob die älteren Daten über Diphtheritis und Croup mit jenen über Diphtheritis aus dem 
letzten Jahrzehnt verglichen werden können. Die Morbiditätsziffern der Diphtheritis 
aus früherer Zeit sind gewiß fehlerhaft, insofern alle Fälle von Laryngitis und Angina 
crouposa, und gewiß auch viele leichtere Erkrankungen von Angina diphtberitica 
darunter fehlen; auch die MortalitätsziflFern sind schwer verwertbar, auch wenn hier 
die Zahlen für Croup und Diphtheritis vereinigt werden. Verläßlich sind hier nur die 
Daten seit Einbeziehung der Vororte (1892). 

Den in den Physikatsberichten enthaltenen Ausweisen über Erkrankungen an 
Diphtheritis, bez. den Ausweisen der Todesfälle über Croup und Diphtheritis ist zu 
entnehmen, daß bis in die zweite Hälfte der 70 er Jahre ein stärkeres Auftreten von 
Diphtheritis in Wien überhaupt nicht beobachtet wurde. Faßt man für die Zeit,, wo 
Croup und Diphtheritis gesondert ausgewiesen sind, die Todesfälle an beiden Krankheiten 
zusammen, so ergeben sich: 

vom Jahre 1866—1870: 1758 Todesfälle, im Durchschnitt pro Jahr 351 Todesfälle 

> 1871-1875: 1908 . > . . . 381 * 
» 1876—1880: 4677 . - > > . . 935 > 
. 1881--1885: 2227 * > » . . 445 > 
V 1886—1890: 2671 . . * » > 534 > 
» 1891-1895: 6895 » . . , . 1379 

> 1896—1900: 2711 . . > * » 542 * 

während nach den Morbiditätsausweisen über Diphtheritis, in welchen vor dem Jahre 
1892 Croup nicht enthalten ist, 

für die Jahre 1877—1880: 7 422 Erkrankungen, im Durchschnitt pro Jahr 1855 

. . , 1881—1885: 4 636 . » . - » 927 

' ^ > 1886—1891: 6 849 > . . . » 1 141 

>. > > 1892—1895: 17 391 . > . ^ » 4 347 

- > > > 1896—1900: 14 225 . . . . , 2845 

Erkrankungen sich ergaben. 

Die Letalität an Diphtheritis hat von 50^ in den 70 er, 47^ in den 80 er 
Jahren bis zu 33^ in der ersten Hälfte der 90er Jahre abgenommen, sank jedoch 
rapid in der zweiten Hälfte der 90 er Jahre. Das Hauptverdienst an der Verminderung 



Anzeigepflichtige Ihfkktionskrankheiten. 



181 



der Letalität an Diphtheritis kommt dem EinflnB der Semmtherapie zu, zu deren 
Ermöglichnng im raschen Ansohluß an die von Behring erfolgte Publikation ein Staat- 
Hohes Institut für Serumgewinnung in Wien eröffnet wurde. Waren schon vor der 
Semmtherapie einzelne Isolierpavillons an den Spitälern in Wien errichtet, so wurden die- 
selben nunmehr vermehrt, und durch diese Umstände wie durch die Serumbehandlung in 
den Spitälern wurde die Spitalsabgabe der Kranken und damit deren Isolierung gefördert. 

Die ErfahruDgen über den Erfolg der Serumbehandlung in Wien decken sich 
80 ziemlich mit den für ganz Osterreich gewonnenen. (Die Infektionskrankheiten im 
Jahre 1898. Österr. Sanitätswesen pro 1899.) Während von den ohne Heilserum 
behandelten Kranken 39;3^ starben, sank das Letalitätsprocent fär ganz Osterreich 
bei Anwendung des Heilserums auf 15,83 ßü .^7) 

Die bezüglichen Verhältnisse für Wien' seit dem Jahre 1892 ergiebt die folgende 
Tabelle: 





Zahl der in Wien 








Jahr 


gemeldeten 
Diphtheritis- 


Zahl 
der 


LetalitätB- 


Prozent 
der mit 




erkanknngen 
(mit AnsBchluß der 


Todesfälle 


prozent 


Heilserum 
Behandelten 




Ortsfremden) 


1 




- 


1892 


4332 


1546 


35.6 




1893 


4726 


1592 


33,6 




1894 


4743 


1645 


34,6 




1896 


3566 


690 


19,3 




1896 


3054 


(503 


19,7 


— 


1897 


3020 


561 


18,5 


51 X 


1898 


2940 


504 


17.1 


65 > 


1899 


2935 


471 


16,8 


73 . 


1900 


2149 


298 


13,8 


75 > 



Diese erweist nicht allein den Bückgang der Morbidität seit dem Jahre 1895, 
sondern in noch viel höherem Maße den der Mortalität. 

Bei der Beschränkung der Ausbreitung der Diphtheritis kommt wohl auch die 
strenge Handhabung der Sanitätspolizei, insbesondere in Ansehung der Schulgesundheits- 
pflege in Betracht, in welcher Richtung seitens des Ministeriums des Innern im Jahre 
1893 strenge Verfügungen getroffen wurden. Doch kommt der Schule keineswegs ein 
solcher Anteil an der Ausbreitung der Diphtheritis zu, wie gemeinhin angenommen 
wird. Aus der nachstehenden Tabelle über die Jahre 1892—1896 ist ersichtlich, daß 
weit mehr als Va sämtlicher Erkrankungen an Diphtheritis auf das Alter vor der 
Schulpflicht entfallen. 

Es entfielen von den Erkrankungen an Diphtheritis ^ 



Im 


auf das 1. 


2.-6. 


7.-14. 


15.-25. 


26.-40. 


41.— 60. 


über das 60. 


Jahre 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


Lebensjahr 


1892 


8,72 X 


69,87 X 


15,21 X 


3,64 X 


1,78 X 


0,32 X 


0,04 X 


1893 


7,15 • 


61,99 > 


23,68 » 


4,57 » 


2,07 » 


0,61 » 


0,04 » 


1894 


7,1 » 


62.2 » 


22,4 . 


5,2 > 


2,6 » 


0,50 > 




1895 


9.2 . 


61,6 > 


22,4 . 


4,2 . 


1,9 » 


0,70 . 




1896 


8,54 . 


63,09 . 


21,94 » 


4,37 » 


2,19 » 


0,39 > 


O.Ol . 



182 Geünbebg. Die Assanierung Wiens vom mbd.-stat. Standpunkt. 

Die Morbidität an Diphtheritis in der Schnle schwankte in der Zeit von 1894 bis 
1896 von ca. 1 pro mille der Schulkinder in der Altersstafe des 14. Jahres bis ca. 
16 pro mille bei der Altersstafe des 7. Jahres. 

Trotzdem in Wien bei dem Auftreten von zwei Fällen von Diphtheritis unter 
den Schulkindern die betreffende Klasse, bei einer Erkrankung im Schulgebäude die 
Anstalt gesperrt wird, sind im Jahre 1897 an 401 öffentlichen Volks- und Bürgerschulen 
mit 3416 Klassen und 173747 Sohttlem nur 30 Klassen und zwei Anstalten auf 14 Tage 
gesperrt worden. Es bestätigen daher die Erfahrungen in Wien die von Flügge in 
Breslau 3^) gewonnenen, daB die Übertragung der Diphtheritis meist durch das HauB 
und nicht durch die Schule erfolgt, welche Annahme fbr Wien schon aus den Mortalitäts- 
berichten des Jahres 1876 abgeleitet wurde. Aus der vorangegangenen Darstellung 
ergiebt sich, daß sich die Diphtheritis in Wien in ihrer prozentuellen Abnahme ganz 
anders verhält als die bisher erwähnten Infektionskrankheiten, daß das Ansteigen der 
Diphtheritis in der zweiten Hälfte der 70 er Jahre von der Zunahme nach Einbeziehung 
der Vororte in der ersten Hälfte der 90er Jahre übertroffen wurde, daß jedoch unter 
der geänderten Behandlung nicht nur die Mortalität, sondern auch die Morbidität 
gesunken ist, erstere sogar unter jenes Maß, da die Diphtheritis in Wien noch eine 
seltene Krankheit bildete. 

Ein Hindernis für die Unterdrückung der Krankheit dürfte auch in dem bis- 
herigen Mangel einer obligatorischen bakteriologischen Diagnostik zu erblicken sein. 

Scharlach^ Masern und Kenchhnsten. 

Im Gegensatz zu manchen anderen Infektionskrankheiten, wie Cholera, Blattern, 
Typhus und Dysenterie, zeigen Scharlach, Masern und Keuchhusten in Wien noch immer 
eine starke Ausbreitung und starben beispielsweise an Masern alljährlich in der letzten 
Zeit 700 — 800 Menschen, das ist mehr als an Typhus, Croup, Diphtherie und Rotlauf 
zusammengenommen. 

In der beifolgenden Tabelle XIX S. 183 sind sowohl die absoluten als auch die 
pro 10000 der Bevölkerung berechneten Morbiditäts- und Mortalitätszahlen von Schar- 
lach, Masern und Keuchhusten zusammengestellt; dieselben weisen für die einzelnen 
Jahre bedeutende Schwankungen auf, indem auf einige Jahre mit einer dem Durch- 
schnitte entsprechenden Verbreitung der betreffenden Krankheit 1 bis 2 Jahre mit einer 
viel höheren Morbidität und Mortalität folgen; derartige besonders bemerkenswerte 
Jahre waren für den Scharlach 1871—1872, 1876, 1882, 1887—1888, 1894—1896; für 
die Masern 1876, 1884, 1887, 1893—1894, 1899—1900; flir Keuchhusten 1876, 1879, 
1883, 1889, 1892, 1895 und 1899. 

Soll demnach die Frage beantwortet werden, ob die gegen die Ausbreitung der 
genannten Infektionskrankheiten gerichtete Thätigkeit der Sanitätsorgane bisher irgend 
welche statistisch nachweisbare Resultate aufweist, so dürfen zunächst nicht einzelne 
Jahre, sondern nur längere Zeiträume berücksichtigt werden. Hiebei ergiebt sich 
folgendes : 

Die Scharlachmorbidität auf 10 000 der Bevölkerung berechnet betrug im 
Durchschnitt der Jahre 

1880-1885 19,9 

1886—1890 28,5 

1891—1895 24,2 

1896—1900 . . . . • 17,7; 



Anzeigepflichtige Infektionskrankheiten. 



183 



o 

00 












9-« 



;3 



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CO 

08 



98 

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CS 
»8 

o 



OB 
PI 

O 


Morbidität Mortelitöt 

1 


pro 10000 

der 

Beydlkemng 


»Oöai>o»o«oo?ocOiHT-4cocoOÄCOoar-05T-4iHa50cCQO'«*'^TH«aOTHO 

(M0aflVI0arHrHCCrH(M"^0aTHÖQ0ai-HC<liHOTHTHOrHrHOOTHi-lOOiHTH 


■4» 

a 

1 


QO>THGQg5r^l>'r»<0iQQQ0QC^00iHÖQC*"^CC^00Q:3<COC^tr«OQ*O5ß»O 


pro 10000 

der 

Bevölkening 


* 

1 l| 1 1 II oicoaojo-^Q-^copooÄCCooco 


absolat 


irHiHTHiHWIflSTHCCGQrHC^cSlOa 


Masern 


1 Mortalität 


pro 10000 

der 

BsTölkerang 


lO-^rHC^OaO'^00'^C^COTj«aOCOOaOCOCCiH»0<»<NOO»OiHOO'^05rt<-rJ1 


'S 

1 




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pro 10 000 

der 

BeT&lkemng 


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1 


pro 10000 

der 
Bevölkemng 


OÄccoocC'^oos»ocor-'^os;ooi>0€Ooo5c*-TH05r-THTH05ao^'^';oo 


absolat 

1 
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I>g5^>OrH»OOQO^rHWSPOQQCO'<^THQO><NrH(NT-rCCC^CDCpr-^aO 




pro 10000 

der 

Berölkerang 


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coQOaoQOooooaooocoaoQOQOGCGOaOQoaoöOQOQOooQOooaoQ&QOoooocoaood 



184 Grünberg. Die Assanieeüng Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

die Scharlachmortalität (auf gleiche Art berechnet) betrug in den Jahren 

1870—1879 4,4 

1880—1885 2,8 

1886-1890 2,5 

1891—1895 2,1 

1896—1900 1,7. 

Es zeigt demnach die Morbidität einen mäßigen, die Mortalität dagegen einen 
auffälligen und kontinuierlichen Rückgang, und nur in dem Zeiträume von 1880 — 1885 
auf 1886 — 1890 ist anscheinend eine Steigerung der ersteren vorhanden, was sich aber 
ohne Frage daraus erklärt, daß in den ersten Jahren nach Einfuhrung der Anzeige- 
pflicht dieselbe von den praktischen Ärzten noch nicht genau gehandhabt wurde. 

Eine ähnliche, wenn auch geringere Abnahme läßt sich auch ftlr die Masern 
nachweisen, da die Morbidität an Masern für die Jahre 

1887—1890 91,4 

1891—1895 90,7 

1896-1900 87,8 

pro 10000 der Bevölkerung^ betrug. 

In scheinbarem Widerspruche dazu stehen die Mortalitätszahlen; dieselben 

waren für die Jahre 

1870—1879 2,2 

1880-1886 3,1 

1887—1890 4,9 

1891—1895 6,3 

1896—1900 5,0 

pro 10000 der Bevölkerung. 

Dieser Gegensatz erklärt sich daraus, daß in den früheren Perioden die Todes- 
fälle an Folgekrankheiten der Masern, insbesondere an Pneumonie, vielfach als solche 
ausgewiesen^ in den letzten Jahren aber folgerichtig den Masern zugezählt wurden. 
Diesem Umstände dürfte auch die anscheinend hohe Letalität der Masern in Wien 
zuzuschreiben sein, welche beispielsweise in den Jahren 1893 — 1898 für Wien zwischen 
6 und 7,9, für ganz Österreich in der gleichen Zeit aber nur zwischen 4 und 4,6 % 
der zur Anzeige gebrachten Fälle schwankte. 

Am undeutlichsten ist ein Rückgang bei der Verbreitung des Keuchhustens aus- 
gesprochen; die Morbiditätszahlen (pro 10000 der Bevölkerung; lauten 

für die Jahre 1887—1890 14,1 

» 1891—1895 15,2 

1896—1900 14,1, 

zeigen demnach keine Abnahme; dagegen sind die MortalitätszifiPern folgende: 

für die Jahre 1870—1879 2,4 

> > > 1880—1886 2,0 

. . , 1887—1890 1,0 

> » V 1891—1895 1,0 

» . > 1896—1900 0,9; 

dieselben weisen demnach einen konstanten Bückgang auf, der aber im Zusammenhalt 
mit den Morbiditätszahlen nicht auf eine geringere Verbreitung des Keuchhustens, 
sondern auf" eine geringer werdende Letalität der vorkommenden Erkrankungsfälle 
schließen läßt. 



> > 



Anzeigepflichtige Infektionskrankheiten. 185 

Einen wiehtigen Einfluß auf die Ausbreitung dieser Infektionskrank- 
heiten übt der Scbulbesuch aus, wenn auch von manchen Seiten die Bedeutung 
dieses Momentes überschätzt wurde. Die Tafel 14, welche den zeitlichen Verlauf des 
Scharlachs, der Masern und des Keuchhustens nach Monaten darstellt, zeigt insbeson- 
dere bei den zwei erstgenannten Krankheiten eine tiefe Depression der Kurve in 
den Monaten Juli, August und September, welche ohne Frage durch Schulferien (die- 
selben währen in Wien von Mitte Juli bis Mitte September) bedingt ist; andererseits 
zeigen aber die Kurven auch ein starkes Ansteigen in den Monaten März und April 
sowie ein Jahresmaximum im Monat Mai, was sicher unabhängig vom Schulbesuche 

und wahrscheinlich unter dem Einfluß meteorologischer Momente zustande kommt; auf 

•» 

diese Weise erklärt sich auch die Ähnlichkeit dieses Teiles der Curven mit dem Verlaufe 
der Erkrankungen der Respirationsorgane, in welcher Hinsicht besonders auf den 
Keuchhusten verwiesen wird. 

Trotzdem der Scharlach schon seit dem Jahre 1879, die Masern und der Keuch- 
husten seit dem Jahre 1886 anzeigepflichtig sind, und die Sanitätsorgane bestrebt 
waren, in jedem zur Anzeige gelangenden Erkrankungsfalle durch entsprechende Maß- 
nahmen (Spitalsabgabe oder thunlichste Isolierung des Kranken und der mit demselben 
in Kontakt stehenden Personen, Abhaltung der Schulkinder vom Schulbesuche, Des- 
ibfektion der Wäsche des Kranken während der Krankheit sowie der Wohnung und 
Effekten desselben nach Abschluß der Krankheit etc.) gegen die 'Weiterverbreitung 
anzukämpfen, so ist doch nur beim Scharlach eine deutliche Abnahme zu konstatieren, 
während bei den Masern nur die Erkrankungsziffer einen geringen Rückgang aufweist, 
und beim Keuchhusten eine Verminderung in der Ausbreitung überhaupt nicht sicher- 
zustellen ist. 

Diese teilweise sehr geringen Erfolge der Thätigkeit der Sanitätsorgane -erklären 
sich aus folgenden Momenten. Zunächst ist unsere Kenntnis des Wesens und der 
Ursachen dieser Erkrankungen (insbesondere des Scharlachs und der Masern] eine 
höchst unvollkommene, wodurch die Bekämpfung derselben bedeutend erschwert wird; 
dabei ist die Disposition insbesondere des kindlichen Organismus zur Erkrankung an 
Scharlach, Masern und Keuchhusten eine sehr bedeutende; auch kann die Weiter- 
verbreitung dieser Affektionen schon in einem so frühen Stadium derselben erfolgen, 
daß zu dieser Zeit die infektiöse Natur des Erkrankungsfalles noch nicht feststeht 
und demnach keinerlei prophylaktische Maßnahmen getroffen sind; ferner ist die 
Spitalsabgabe oder genaue Isolierung der Kranken in der Wohnung in den meisteü 
Fällen nicht durchführbar, da für erstere die in Wien vorhandenen sieben Kinder- 
spitäler (mit 504 Betten, darunter 224 für infektiös Erkrankte) nicht ausreichen und 
letztere sehr oft an den ungünstigen materiellen und Wohnungsverhältnissen, an der 
langen Dauer der Erkrankung bez. Rekonvaleszenz bei relativem Wohlbefinden des 
Kranken etc. scheitert. Endlich ist es auch in den allermeisten Fällen nicht möglich, 
die mit einem an Scharlach, Masern und Keuchhusten Erkrankten in Kontakt stehenden 
Angehörigen vom allgemeinen Verkehre vollständig . fern zu halten, da es hierzu an 
den nötigen gesetzlichen Bestimmungen sowie an einem Fond für den dann oft nötigen 
Ersatz des entgangenen Verdienstes fehlt; außerdem wird in vielen Fällen von Masern 
und Keuchhusten ärztliche Hilfe überhaupt nicht in Anspruch genommen. 

Trotzdem muß aus den bisher erzielten Resultaten der Schluß gezogen werden, 
es sei zweckmäßig, das bisher bei Scharlach, Masern und Keuchhusten eingehaltene 
Assanierungs verfahren beizubehalten und weiter auszubauen. Ein wesentlicher Fort- 
schritt ist in der nächsten Zeit durch Eröffnung eines neuen Kinderspitales mit einem 



186 Gbünberg. Die Assanierukg Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

Belegraum von etwa 200 Betten zu erwarten, für dessen Errichtung die Gemeinde 
Wien im Jahre 1898 anläßlich des Begiernngsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers Franz 
Josef den Betrag von 2000000 Kronen gestiftet hat und das ausschließlieh zur Behand- 
lung infektiös erkrankter Kinder bestimmt wurde. 

Processus pnerperalfai. 

Die statistischen Nachweise der Todesfälle an Processus puerperalis lassen sich 
mit den bezüglichen Daten aus früherer Zeit nicht vergleioben, da bis zum Jahre 1883 
abgesehen von Processus puerperalis auch noch Todesfälle an fieberhaften Wochen- 
bettkrankheiten und an Metritis puerperalis ausgewiesen sind. 

Werden die Angaben zusammengefaßt und jenen über Processus puerperalis seit 
dem Jahre 1883 entgegengehalten, starben in Wien 

in der Zeit von 1867—1870 276, im Durchschnitt pro Jahr 69 
. > » . 1871—1880 1733, » » > » 173 

> » * » 1881—1890 1279, » . > » 128 

> . » . 1891--1898 1094, » > » » 137 
Wöchnerinnen an Infektion in Verbindung mit dem Wochenbette. 

Ebenso hat seit den 80er Jahren eine relative Abnahme der Wochenbett- 
erkrankungen stattgefunden, wenn dieselben auf die Zahl der Wöchnerinnen bezogen 
werden. 

Ein sicheres statistisches Verhältnis ist nicht herzustellen, da die Zahl der Wöch- 
nerinnen mit Bttcksicht auf die zahlreichen abortierenden Frauen sich nicht ermitteln laut. 
Auf Grund der Krankheitsanzeigen wurden 
in der Zeit von 1887—1890 661, im Durchschnitt pro Jahr 165 Erkrankungen 
> >• > » 1891—1898 1736, > » » > 219 » 

gemeldet 

Werden diese Zahlen auf die mittlere Zahl der Geburten berechnet, so ergeben 
sich auf circa 1000 Geburten 

von 1887—1890 circa 5,6 pro Mille Krankheitsfälle 
und » 1891-1898 » 4,1 .> > 
an Wochenbettfieber, während Schauta^^] fttr die erste Gebärklinik in Wien für die Zeit 
von 1892—1898 1,05 per Mille Todesflllle und 4,1 % Morbidität berechnete. 

Die zur Anzeige gelangten Erkrankungen seit dem Jahre 1887 (12 Jahre) betra- 
gen im Durchschnitt pro Jahr nach Bezirken berechnet: 

XL Bezirk = 3,1 



I. 


Bezirk 


= 2,4 


11. 


» 


-28,1 


m. 


» 


— 15 


IV. 


» 


= 6 


V. 


y 


= 17,6 


VI. 


» 


= 6,8 


VII. 


» 


— 8,8 


VIII. 


» 


- 7,3 


IX. 


» 


— 37,5 


X. 


» 


-14,5 



xn. 


» 


— 10,0 


XTII. 


> 


= 7,2 


XIV. 


» 


- 9,7 


XV. 


> 


— 5,6 


XVI. 


» 


= 16,8 


XVII. 


» 


— 14 


xvin. 


» 


= 9,2 


XIX. 


» 


= 3,1 



Abstrahiert man hierbei vom IX. Bezirk (Gebärhaus], so ist als Grnnd des' 
häufigeren Vorkommens wohl in erster Linie die Größe der Bevölkerungsziffer anzu- 
sehen. Die Wiener Verhältnisse sind dieser vermeidbaren Krankheit gegenüber gewifi 



Anzeigepflichtige Infektionskrankheiten. 187 

noch nicht ganz günstige, nnd dürfte dies in erster Linie mit dem mangelhaften Ver- 
ständnis zahlreicher Schwangeren nnd Wöchnerinnen über ihr Verhalten, sowie in den 
ungünstigen Wohnnngsyerhältnissen vieler derselben ihren Grund haben. Während 
auf den Gebärkliniken die Ausbildung der Antisepsis zu einer Beschränkung der 
Pnerperalprozesse führte, bildet die rechtzeitige Erstattung der Anzeige durch die 
behandelnden Arzte bei der strengen Überwachung der Hebammen durch die Amts- 
ärzte den wichtigsten Behelf für die Hintanhaltung der Ausbreitung der Earankheit. 
In prophylaktischer Beziehung wird von einer Vermehrung der Entbindungsanstalten 
für Verheiratete, sowie von der Bereithaltung von Pflegerinnen für das . Wochenbett, 
womit der Verein Lucina den Anfang gemacht hat, die möglichste Hintanhaltung der 
Wochenbetterkrankungen zu erwarten sein, wenn von den unbemittelten Frauen durch 
die Thätigkeit von Vereinen die Gefahren des Wochenbettes unter dem Schutze der 
Antiseptik in Anstalten oder im Hause durch sachgemäße Pflege abgewendet wer- 
den wird. 

Botlanf. 

Auch beim Rotlauf, dessen Bedeutung in weit höherem Maße in Kranken-, 
Gebär- und Siechenanstalten, namentlich in der vorantiseptischen Zeit hervorgetreten 
ist, hat sich, seitdem die Behandlung desselben als Infektionskrankheit (Isolierung, 
Desinfektion, Anzeigepflicht) besteht, ein wesentlicher Rückgang der Mortalität ergeben, 
die im Jahre 1898 auf 0,04 per Mille der Bevölkerung gesunken ist, im Jahre 1870 
jedoch noch das fünffache, 0,21 per Mille betragen hat. 

Hinsichtlich der Morbidität ist allerdings ein Rückgang bisher kaum zu ver- 
zeichnen, und dürften die diesbezüglich ungünstigen Verhältnisse in dem Umstände, 
daß die Anzeigepflicht bei Rotlauf, die erst im Jahre 1886 eingeführt wurde, anfangs 
vielleicht nicht in so vollkommener Weise wie bei den anderen Infektionskrankheiten 
gehandhabt wurde, ihren Grund finden. 

Das seit dem Bestände der Anzeigepflicht von 11,3^ auf 4,8^ gesunkene 
Letalitätsprocent dürfte ebenfalls zum Teile in der allmählich verbesserten Anzeige- 
pflicht seine Erklärung finden, zum Teile ist sie jedoch in der Spitalsbehandlung be- 
gründet, da seit den letzten Jahren über 40^ der Rotlauferkrankungen in Spitalspflege 
gelangten. 

In der Morbidität (Tabelle XX S. 188J ist, wie schon erwähnt, ein regelmäßiger 
Rückgang nicht zu konstatieren gewesen. 

Auffallend ist auch, daß bei den meisten Infektionskrankheiten nach Einbeziehung 
der Vorortsgemeinden die Verhältnisse sich ungünstiger gestalteten, während beim Rot- 
lauf das Jahr 1891 die günstigste Morbiditätsziffer seit dem Bestände der Anzeigepflicht, 
nämlich nur V2 P^r mille, aufweist und in den Jahren 1893 — 1896 die Morbidität 
wieder angestiegen ist. 

Für die Bekämpfung der Entstehung des Rotlaufs kommt übrigens in erster 
Linie die Handhabung der privaten Hygiene durch Reinlichkeit und Antiseptik in 
Betracht, welche letztere in den öfifentlichen Anstalten nebst der Isolierung der 
Kranken die Gefahren früherer Zeiten eingeengt hat. 

Daß bei der Morbidität an Erysipel das weibliche Geschlecht überwiegt, hängt 
vielleicht mit den bei Frauen häufigeren Hautgeschwüren zusammen. 



188 



GrOnberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 



TabeUe XX. 

Rotlauf. 



Jahr 



1867 

1868 

1869 

1870 

1871 

1872 

1873 

X874 

187Ö 

1876 

1877 

1878 

1879 

1880 

1881 

1882 

1883 

1884 

1886 

1886 

1887 

1888 

1889 

1890 

1891 

1892 

1893 

1894 

189Ö 

1896 

1897 

1898 



Todesfälle 



68 

72 

106 

133 

87 

100 

86 

106 

102 

69 

71 

60 

134 

127 

102 

92 

60 

73 

71 

67 

74 

73 

68 

63 

78 

86 

117 

110 

77 

126 

81 

73 



Erkran- 
knngsfälle 



Mortalität 
per xnille 
der 
Bevölkernng 



664 

777 

645 

761 

1067 

1134 

1906 

1886 

1490 

1586 

1310 

1601 



0,09 
0,12 
0,17 
0,21 
0,14 
0,16 
0,13 
0,16 
0,16 
0,10 
0,11 
0,09 
0,19 
0,18 
0,14 
0,13 
0,08 
0,09 
0,09 
0,08 
0,09 
0,09 
0.08 
0,06 
0,04 
0,06 
0,08 
0,07 
0,06 
0,08 
0,05 
0,04 



Morbidität 

per mille 

der 

Bevölkerung 



LetalitätB- 
prozent 



0,84 


11,31 


0,98 


9,39 


0,80 


10,64 


0.93 


6,96 


0,76 


9,52 


0,80 


7,68 


1,32 


6,14 


1,28 


6,83 


0,99 


6,16 


1,03 


7,88 


0,84 


6,18 


0,94 


4,86 



Syphilis nnd yenerische Krankheiten. 

Über die Morbidität nnd Mortalität an Syphilis fehlen yerläßliche Daten, und 
dürften auch die vom statistischen Departement ausgewiesenen Todesfälle nur einen 
Bruchteil der durch Syphilis herbeigeführten tätlichen Erkrankungen enthalten, da 
beispielsweise viele der chronischen Gehirn- und Rückenmarkserkrankungen, deren 
Beziehung zur Syphilis immer wahrscheinlicher wird, unter dieser nicht ausgewiesen 
werden. Wenn daher um so weniger über die Morbidität sichere Angaben gemacht 
werden können, so ist doch nach den Ausweisen der Wiener Spitäler wahrscheinlicb, 
daß die syphilitischen und venerischen Krankheiten im allgemeinen nicht den schweren 
Verlauf früherer Zeiten einhalten, hauptsächlich deshalb, weil die Kranken mit der 
zunehmenden Aufklärung überhaupt und meist frlih zur Behandlung kommen. 



Syphilis und venbrischb Krankheiten. 189 

Von BedentuDg fttr die Einschränkung der Krankheit sind die regelmäBigen 
Untersuchungen der Mannschaft beim Militär, bei der Feuerwehr, die regelmäßige 
Untersuchung der Prostituierten seit dem Jahre 1873, femer die Behandlung der 
bei den Militärstellungen venerisch oder syphilitisch befundenen Mannschaften unter 
Kontrole der städtischen Amtsärzte. 

Die Kontrole der Prostituierten in gesundheitlicher Beziehung besorgt die Polizei- 
behörde, und zwar seit Organisierung des polizeiärztlichen Dienstes am 1. Januar 1893 
ausschließlich durch die k. k. Polizeiärzte. 

Über den Wert der Kontrole sind, weil dieselbe nur einen Teil der Prostituierten, 
nämlich die in den Polizeilisten geführten und mit einem sogenannten Gesundheits- 
buche versehenen betrifft, die AnschauuDgen geteilt. 

Der Polizei-Chefarzt von Wien bringt die hohe Morbidität an venerischen und 
syphilitischen Krankheiten in der englischen Armee in der Zeit von 1889—1892 in 
seinem Jahresberichte für das Jahr 1896 ^o) mit der Abschaffung der Untersuchung der 
Prostituierten daselbst in Beziehung, da in der französischen und russischen Armee, 
wo die Untersuchung der Prostituierten besteht, die Morbididät in derselben Zeit um 
das drei- bis fünffache geringer war. 

Auch weist derselbe darauf hin, daß die nach den Ausweisen der öffentlichen 
Wiener Krankenanstalten anscheinende Zunahme der daselbst behandelten, im weitesten 
Sinne venerisch Kranken, insbesondere kranken Frauen, deren Zahl 

im Jahre 1892 4852, darunter 1986 Frauen, 

» 1893 5172, » 2403 

> 1894 5859, » 2901 
> . > 1895 5906, > 2911 

. 1896 6165, > 3096 

betrug, zum Teile in der verschärften Kontrole und sohin vermehrten Spitalsabgabe 
begründet ist. 

Wenn auch diese Kontrole die venerischen Krankheiten und die Syphilis in Wien 
nicht ganz beseitigen kann, und wenn auch vielleicht eine bessere Form zur Kontrole 
der Prostituierten durchgeführt werden könnte, als sie bei den frei wohnenden Pro- 
stituierten möglich ist, so weist doch schon der Umstand, daß im Jahre 1896 von den 
2446 Prostituierten 777 erkrankten, und zwar in 480 Fällen an Blenorrhoe, in 310 Fällen 
an weichen Geschwüren, in 454 Fällen an Syphilis, und daß die Erkrankten in Spitals- 
pflege gelangten, auf den Nutzen dieser Institution hin. 

Im Jahre 1892 wurden 797 
. 1893 » 1034 
> 1894 » 1562 
» 1895 . 1633 
» 1896 » 1567 

Prostituierte aus der Pflege der Wiener Krankenanstalten entlassen, wovon die meisten 
wegen venerischer und syphilitischer Erkrankungen in Spitalspflege gelangt waren. 

Die Mortalitätsausweise über Syphilis, auf die Bevölkerungszahl berechnet, 
belaufen sich auf 0,05 per Mille in der Zeit von 1867—1890 und für die letzten acht 
Jahre auf 0,04 per Mille, wobei der bei weitem größere Anteil der Todesfälle die 
angeborene, nicht erworbene Syphilis betriflft, indem für die Zeit von 1867 — 1880 im 



190 GrOnberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

ganzen 761 Todesfälle an Syphilis ausgewiesen waren, wovon 584 angeborene, 177 er- 
worbene Fälle von Syphilis betrafen. 

Es entfielen daher für den Zeitraum von 14 Jahren per Jahr im Durchschnitt 
nur 41 Todesfälle an erworbener Syphilis und auf jeden Todesfall erworbener Syphilis 
3—4 Todesfälle angeborener Syphilis. In der Zeit von 1881—1890 entfielen auf 
373 Todesfälle an angeborener Syphilis 62 an erworbener Syphilis, daher sich das 
Verhältnis wie 1 : 6 gestaltete. 

In der Zeit von 1891 — 1898 betrug die Gesamtzahl der Todesfalle an Syphilis 
(angeborener und erworbener) 537, im Durchschnitt pro Jahr 67. 

Die Mortalität ist daher von 0,058 per Mille der Bevölkerung in der Zeit von 
1881—1890 auf 0,045 per Mille in der Zeit von 1891—1898 zurückgegaogen. 

Anhang: Andere Todesnrsaehen, 

Unter den bisher behandelten Todesursachen fehlen die Krankheiten der Cirku- 
lations-, Harn- und Geschlechtsorgane, der Haut, des Zellgewebes, der Knochen, Muskeln, 
die Erkrankungen des Blutes und die Krankheiten der gesamten Konstitution. Alle 
diese Krankheiten zusammen betragen circa 11^ der Gesamtmortalität; in Epidemie- 
jahren wird der Procentanteil geringer, nimmt dagegen mit der Abnahme der Mortalität 
an den übrigen Krankheiten zu. Diese Verhältnisse, sowie die Mortalität der Bevöl- 
kerung an den Erkrankungen der Girkulationsorgane, der Harn- und 
Geschlechtsorgane, der Knochen, Muskeln, der Haut und des Zellgewe- 
bes, der Konstitutions- und Blutkrankheiten sind in der Tabelle XXI S. 191 dargestellt 

In konstanter Zunahme sind die Todesfälle infolge von Erkrankungen der Girku- 
lationsorgane, welche in der gesteigerten Thätigkeit, in der großen Ausdehnung der 
Stadt, in den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung, der Höhenentwickelung der Häuser 
unterstützende Momente finden. Dieser nachteilige Einfluß des Stadtlebens prägt sich 
auch in dem geringen Abfalle der Mortalität an den Krankheiten des GefäBsysteniB 
bei Einbeziehung der Vororte, wie in der seitherigen Zunahme aus, wobei der großen 
Zahl der Stockwerke, die sich allmählich auch in den Vororten eingebürgert hat (siehe 
Tabelle XXII S. 191), bei der Zunahme dieser Todesart ein Anteil zukommen dürfte, ebenso 
wie den excessiven körperlichen Leistungen vieler Personen und der dadurch gesteigerten 
Flüssigkeitsaufnahme. 

Vom Jahre 1880—1898 ist der Sterblichkeitsanteil der TodesftUe infolge von 
Krankheiten des Kreislaufsorgane an der gesamten Mortalität von 4,4^ auf Iß^ 
gestiegen und betrug 1880 4,4^, 1881 4,4^, 1882 4,5^, 1883 4,7^, 1886 5,1^, 
1887 5,6^, 1888 5,8^, 1889 5,9^, 1890 5,9^, 1891 5,3^, 1892 5,2^, 1893 5,8^, 
1894 6,2^, 1895 6,4^, 1896 7,1^, 1897 7,3^, 1898 7,6^. 

Die Ziffern der Todesfälle an Erkrankungen der Harn- und Geschlechts- 
organe lassen eine präzise Beurteilung um so weniger zu, als bis zum Jahre 1882 auch 
ein Teil der puerperalen Erkrankungen mit inbegriffen ist. Wird nur das letzte Jahr- 
zehnt berücksichtigt, so bleibt die Ziffer ziemlich konstant und beträgt beiläufig V3 ^^^ 
Mortalität an den Erkrankungen der Cirkulatianöorgane, bez. circa 272^ der Gesamt- 
mortalität, woran die chronischen Nierenerkrankungen an erster Stelle beteiligt sind. 

Das Verhalten der chronischen Nierenentzündungen stimmt mit dem der Herz- 
krankheiten nicht überein, nahm in der zweiten Hälfte der 80 er Jahre ab, stieg wieder 
in den 90er Jahren an, ohne jedoch die Höhe in den 80er Jahren zu erreichen. 



Akderb Todesubsachbn. 



191 



Tabelle XXI. 





X 'Anteil der Summe 
derTodesfälle infolge 
von Krankheiten der 
Zirkulationsorgane, 
der Harn- u. Ge- 
schlechtsorgane, der 
Haut, des Zellgewebes, 
der Muskeln, Knochen, 

der Gesamtkonsti- 
tution und des Blutes 
an der Gesamt- 
mortalität 


Auf 1000 Bewohner entfallen Todesfälle 


Jahre 


an Krank- 
heiten der 
Zirkulations- 
organe 


an Krank- 
heiten der 
Ham- 
und 
Geschlechts- 
organe 


an Krank- 
heiten der 
Haut, des 
Zell- 
gewebes, der 
Muskeln und 
Knochen 


- an Krank- 
heiten der 
Gesamt- 
konstitution 

und 
des Blutes 


1867 ! 


i 12,1 


1,09 


0,ö9 


0,71 


1,29 


1868 


10,7 


0,97 


0,64 


0,64 


1,23 


1869 


9,9 


0,91 


0,76 


0,63 


1,01 


1870 


9.7 


1,13 


0,70 


0,68 


Ofiö 


1871 


9,6 


1,10 


0,74 


0,76 


0,87 


1872 


8,1 


1,04 


0,75 


0,79 


0,86 


1873 


8,6 


1,11 


0,71 


0,80 


0,71 


1874 


10,1 


1,19 


0,71 


0,70 


0,74 


1875 


11,3 


1 1,09 


0,93 


0,71 


0,71 


1876 


10,0 


1,16 


0,78 


0,66 


0,68 


1877 


12,2 


1,26 


0,90 


0,76 


0,63 


1878 


11,6 


1,24 


0,86 


0,77 


0,62 


1879 


! * 12,6 


1,37 


1,04 


0,68 


0,66 


1880 


; 12,1 


1,27 


0,97 


0,73 


0,61 


1881 


! 12,0 


1,34 


1,06 


0,67 


0,55 


1882 


: ii,ö 


l,3ö 


0,86 


0,64 


0,6(J 


1883 


1 n,ö 


1,36 


0,90 


0,63 


0,63 


1884 


11,7 


1,41 


0,76 


0,66 


0,46 


188Ö 


11,5 


1,36 


0,76 


0,69 


0,47 


1886 


1 11,4 


1.39 


0,76 


0,51 


0,43 


1887 


, 12,4 


1,49 


0,77 


0,64 


0,44 


1888 


12,2 


1,60 


0,73 


0,49 


0,40 


1889 


12,7 


i 1,47 


0.67 


0,47 


0,38 


1890 ' 


1 12,1 


' 1,48 


0,67 


0,46 


0.38 


1891 


! 9,7 


, 1,32 


0,54 


0,27 


0,29 


1892 


9,6 


: 1,31 


0,66 


0,27 


0,23 


1893 


10,3 


: 1,39 


0,56 


0,27 


0,24 


1894 


11,0 


1,44 


0,58 


0.26 


0,26 


1895 


11,1 


1,00 


0,59 


0,23 


0,26 


1896 


! 11,5 


1,61 


0,58 


0,18 


0,20 


1897 


' 12,0 


1.57 


0,63 


0,17 


0,26 


1898 


; 12,0 


l,öö 

1 


0,60 


0,16 


0,29 



TabeUe XXH. 









• 


Zahl d 


er Häuser nac 


h Stockwer 


ken 










eben- 
erdig 


1 
Stock 


2 
Stöcke 


3 

Stocke 


4 
Stocke 


mehr als 
4 Stöcke 


eben- 
erdig 


1 
Stock 


2 

Stöcke 


3 
Stöcke 


4 
Stöcke 


mehr als 

4 Stöcke 


im 
Jalire 


in den Bezirken I — X 




in den Bezirken XI — X 1 X 




1880 

1890 
1898 


1607 
1743 
1740 


2994 
4392 
2263 


2697 
3174 
2467 


3396 

4144 

, 4577 


1173 
2239 
3158 


260 

841 

1206 


6473 
6540 


4966 
4076 


2628 
2996 


1727 
2618 


143 
278 


19 
33 



192 Grünberg. Die Assanierung Wiens vom med.-stat. Standpunkt. 

Die MortalitätsziflFern (pro 1000 der Bevölkerung) der Nierenerkrankungen von 
1880—1898 sind: 

0,48, 0,57, 0,51, 0,48, 0,46, 0,41, 0,36, 0,39, 0,33, 0,30, 
0,31, 0,43, 0,41, 0,42, 0,44, 0,46, 0,44, 0,40, 0,38. 

In den beiden letzten Kolonnen der Tabelle XXI S. 191 zeigen die Ziffern die 
Tendenz zur Abnahme, so daß die letzten ZiflFem nur den vierten bis sechsten Teil der 
ZiflFern zu Beginn der Berichtsperiode betragen. In der Summe beider Ziffern spricht sich 
zum Teil der Erfolg der antiseptischen Wundbehandlung aus, insofern in der vorletzten 
Kolonne die Zellgewebserkrankungen und Gangräne, in der letzten die Pyämie und 
Septicämie enthalten sind, so daß der Abfall vom Jahre 1867 — 1898 um 1,56 per mille 
zunächst als Ausdruck der antiseptischen Wundbehandlung anzusehen und ebenso dem 
Fortschritte der Medizin auf dem Gebiete der Wundbehandlung, durch welchen die 
Bekämpfung der Wundinfektionskrankheiten in so hohem Maße gefördert wurde, wie 
den seit den 80 er Jahren eingetretenen Verbesserungen in der ersten Hilfeleistung und 
dem Krankentransporte zuzuschreiben ist. Welch bedeutende Mengen an Arbeitskraft 
die Antiseptik durch Verminderung der Wundinfektion gerettet hat, läßt sich aller- 
dings auch nicht einmal schätzungsweise angeben. 

Schlufs. 

Unter dem Einflüsse der Autonomie haben sich die Gesundheitsverhält- 
nisse Wiens sowohl durch die Initiative und die Geldopfer der Gemeinde, 
wie durch die geordnete politische Verwaltung seitens des Magistrates 
und durch Zusammenwirken derselben mit den technischen und ärztlichen 
Beratern wesentlich gebessert. 

Vieles ist der Initiative des Staates, manches der Mitwirkung desselben zu 
verdanken. 

Der gegenwärtige Moment, wo die. Gemeinde im Begriffe steht, eine zweite 
Hochquellenleitung zu emchten, wo Staat, Land und Stadt zusammenwirken, um die 
langjährige Krank enhausmis^re in Wien zu beseitigen, indem neue Spitalsabteilungen, 
neue klinische und andere medizinische Institute, eine neue Irrenanstalt, ein neues 
Gebärhaus, eine neue Findelanstalt, ein großes neues Versorgungshaus erbaut werden, 
bildet eine tröstliche Perspektive für die Zukunft und läßt hoffen, daß alle Faktoren, 
für welche die Gesundheit Wiens eine Lebensfrage ist, auch femer zur Erhaltung und 
Verbesserung der Gesundheit dieser Stadt mitwirken und die weitere Assanierung 
derselben fördern werden. 

Von großer Bedeutung hierfür bleibt ebenso die zunehmende Aufklärung der 
Bevölkerung, auf deren Mitwirkung ebensowenig verzichtet werden kann, wie auf die 
Fortschritte der Wissenschaft, deren Pflege in den neuen Instituten ermöglicht wird. 

Der Rückgang vieler Infektionskrankheiten und insbesondere die Assanierung 
Wiens seit der Einbeziehung der Vororte zeigt, daß die Bekämpfung der Infektions- 
krankheiten, wenn sie eine erfolgreiche sein soll, nicht rein lokal betrieben werden 
darf. In der Schaffang eines Epidemiegesetzes und in der Erweiterung internationaler 
Verträge zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten wird daher der Boden für eine 
fortschreitende Assanierung der Städte und Länder zu erblicken sein. Auch die Be- 
kämpfung der Tuberkulose wird der Mitwirkung der Gesetzgebung nicht entbehren 
können. 



Litteratur. 

1. George Vivian Poore, Essays über Hygiene anf dem Lande 1894. Übersetzang, Wiesbaden. 

2. Dr. Emil Kammerer, Bilanz der öffentlichen Gesandheitswirtschaft in Wien in den letzten zwei 
Dezennien 1871 incl. 1880 nnd 1881 incl. 1890. (Ost. Sanitätswesen, Jahrg. 1891.) 

3. Verwaltangsberichte der Stadt Wien, bez. administrat. Berichte der Wiener Bürgermeister für 
die Jahre 1868, 1861—62, 1863, 1864, 186Ö— 66, 1867—70, 1871—73, 1874-76, 1877-79, 1880-82, 
1883—86, 1887, 1888, 1889-92, 1894—96. 1897, 1898. 

4. Erster Bericht des Wiener Stadtphysikates über seine Amtsthatigkeit rom 1. September 1864 bis 
31. Dezember 1865. 

5. Jahresbericht des Wiener Stadtphysikates über seine Amtsthatigkeit im Jahre 1880. 

6. Dr. Emil Kämmerer und Dr. G. Schmid, Der gegenwärtige lokale Sanitätsdienst der Stadt- 
gemeinde Wien in Bezng auf die Handhabung der prophylaktischen Maßregeln bei übertrag- 
baren Infektionskrankheiten. Wien 1882. 

7. Erlaß des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 9. Juni 1873 Z. 4816. 

H. Anleitung zum Desinfektionsverfahren bei ansteckenden Krankheiten nach den Anträgen des 
obersten Sanitätsrates, zur Darnachachtung der politischen LandesbehOrden bekannt gegeben mit 
dem Erlasse des k. k. Ministeriums des Innern vom 16. August 1887 Z. 20662 ex 1886. 

9. Verordnung des k. k. n. 0. Landesschulrates vom 6. Juni 1888 Z. 3776 betreffend Maßregeln zur 
Verhütung der Weiterrerbreitung übertragbarer Krankheiten durch Schulen, Lehr- und Erzie- 
hungsanstalten. 

10. Vorschrift für die Besorgung des Gemeindesanitätsdienstes der Stadt Wien durch die hierzu 
bestellten Ärtzte. (Bericht des Wiener Stadtphysikates 1894—1896.) 

11. Die von der Gemeinde Wien neu errichtete städtische Sanitätsstation im II. Bezirk, Gerhardus- 
gasse 3—5 und die derzeitige Besorgung der Desinfektion und des Krankentransportes in Wien. 
(Österr. Sanitätswesen Jahrgang 1899. 

12. Ausbildung von Sanitätsaufeehem in Wien. Österr. Sanitätswesen 1897.) 

13. Instruktion für die Amtsärzte der k. k. Polizeidirektion in Wien. (Österr. Sanitätswesen 1892.) 

14. Dr. Stephan Sedlaczek, Die k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Ergebnii^ der Volks- 
zählung vom 31. Dezember 1880. Wien 1887. 

15. Dr. Stephan Sedlaczek, Die deßnitiven Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dezember 1890 
in der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. 

l(y. Dr. Sedlaczek und Dr. Löwy, Statistischer Bericht über die wichtigsten demographischen 
Verhältnisse, bearbeitet vom statistischen Departement des Wiener Magistrats. Wien 1887. 

17. Die definitiven Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dezember 1900 in der k. k. Reichshaupt- 
und Residenzstadt Wien. 

18. Soziale Verwaltung in Österreich am Ende des 19. Jahrhunderts. Wien 1900. Aus Anlaß der 
Weltausstellung in Paris. II. B. V. S. 53. 

19. Statistische Jahrbücher der Stadt Wien 1883—1898. 

20. Vorschläge für die sanitäre Weiterentwicklung Wiens, erstattet von der Sektion für öffentliche 
Gesundheitspflege des Wiener medizinischen Doktoren-Kollegiums. — Mitteilungen des Wiener 
medizinischen Doktoren-Kollegiums 1884. ' 

21. Dr. Alexander Weißmayer, Die Lungenschwindsucht. Wien 1901. 

22. Über Tuberkulose. Jahresberichte des Wiener Stadtphysikates, Jahr 18a3 — 1884, 1894—1896, 
1897-1899. 

23. Jahrbücher der Wiener Krankenanstalten 1892—1898. 

24. Prof. Dr. Eugen von Philippovich, Wohnungsverhältnisse in österreichischen Städten. Wien 
1900. 

Fortschritte der Ing-.Wissensch. Gruppe II. 9. ^3 



194 LiTTERATUK. 

26. JahreBbericbte des k. k. Gewerbeinspektors ftir den 1. Anfsichtsbezirk nnd Wiener Pbysikats- 
berichte 1894—1896 und 1897—1899. 

26. Jahresbericbt des k. k. allgemeinen KrankenhauBes für das Jahr 1882. 

27. Amtsblatt der k. k. Beichs-Hanpt- nnd Besidenz-Stadt Wien 1892—1898. 

28. Die Wohlthätigkeits vereine der k. k. Beichshaapt- und Besidenzstadt Wien , herausgegeben vom 
Armendepartement der Stadt Wien 1900. 

29. Dr. Adalbert Tilkowsky, Die Irrenanstalten in Österreich. (Soziale Verwaltung in Öster- 
reich.) Wien 1900.? 

30. Erfolgreiche Tilgung eingeschleppter Blattern. Österreichisches Sanitätswesen Nr. 18, Jahrgang 
1901. 

31. Prof. Dr. Bitter von Schrötter, Skizzen über die sanitären Verhältnisse Wiens. 1890. Wochen- 
schrift des n. 5. Gewerbevereins. Separat-Abdruck 1890. 

32. Prof. Dräsche, Flecktyphuserfahrungen aus vier selbst beobachteten Flecktyphusepidemien in 
Wien. Österreichisches Sanitätswesen 1900, Nr. 18. 

33. Wiener Physikatsbericht ftir das Jahr 1882. 

34. Österreichisches Sanitätswesen Jahrgang 1892, S. 269, 300, 3ö5; Beilage S. aS; 1893, S. 250, 294, 
• 319, 320, 430. 

36. Wiener Physikatsbericht fttr die Jahre;i891— 1893. 

36. Österreichisches Sanitätswesen. Jahrgang 1898. 

37. Österreichisches Sanitätswesen. Jahrgang 1899. 

38. Prof. Flügge, Verbreitungsweise der Diphtherie mit spezieller Berücksichtigung des Verhaltens 
der Diphtheritis in Breslau 1886—1890. Zeitschrift fllr Hygiene XVII. Band. 

39. Schauta, Gebäranstalten. (Soziale Verwaltung in Österreich.) Wien 1900. 

40. Begierungsrat Dr. Witlacil, Jahresbericht des Polizeichefarztes in Wien. Österreichisches 
Sanitätswesen 1898 und 1899. 



Drack von Breitkopf & üärtel jn Leipzig. 







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Druck voD Breitkopf & Ilärtol in Leipzig. 



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*) In den Jahren 1891 und 1809 lit In dem Aosnusse der Bei 
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fliCHE DES GEMEINDEGEBIET 

uirt der Benutzung (in ha). 



Ibnisplitze lucb das der unprodiictlvea Plicbeit mit enttalten. 
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S67— 1898 (nach mehrjährigen Durchschnitten). 

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Tafel 7. 




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Assanierung von Wien. 



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im allgemeinen, femer an Lungentuberculose, an Erkrankungen der Respirations- und der Verdauungs- 
Organe in den einzelnen Monaten des Jahres auf 1000 der Bevölkerung berechnet für die Zeit von 
1867—1898 (nach dem berechneten Mittel aus dem gesammten Zeitabschnitte). 



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Assanierung von Wien. 



Tafel 12. 



AUFNAHMEN VON MAGEN-DARMKATARRHEN 

im k. k. Allgemeinen Krankenbause in Wien in den Jahren 1859—1882. 




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Verlag von Wilhelm EDgelmann in Leipzig, 

Die zugleich als Ergänzung des y^Handbuchs der Ingenieurwissenschaften" dienenden 

Fortschritte 

der 

(NGENIEUEWISSENSCHAPTEN 

erscheinen in folgender Einteilung: 

Erste Gruppe: 

Allgemeine Baukunde des Ingenieurs. 

Baumaterialien. Einfache Konstruktionen. BaufUhrung. 

{ Voruntersuchungen üher den Verkehr. Sprengteohnik. 
Vorarheiten| Geodätische Vorarbeiten. Grundbau. 

[ Veranschlagung. Baumaschinen. 

Zweite Gruppe: Dritte Gruppe: 

Fachwissenschaften des Bauingenieurs Bau und Unterhaltung der Eisenbahnen. 

(auBsohließlich Eisenbahnbau). Haupt- und Nebenbahnen. 

Straßenbau. Tunnelbau. Schmalspurbahnen. Straßenbahnen. 

Erdbau. Brflckenbau. Steilbahnen. Arbeitabahnen. 

Futtermauem. Wasserbau. Grundztlge des Eisenbahnmaschinenwesens. 



Hiervon liegen bis jetzt vor 

aus der 1. Gruppe: 

1. Heft. Druckluft-Gründungen von C. Zschokke, Ingen., Prof. am Polytechnikum 
zu Zürich. 1896. J( 3.60. 

i. » Der Grundbau unter Ausschluss der Druckluftgründungen. Als Ergänzung 
des ersten Bandes, Kap. VH, bearbeitet von Gust. Meyer, Kgl. Eisenbahn- 
bauinspektor a. D. und Baudirektor. 1896. J( 2. — . 

aus der 2. Gruppe: 

. Heft. Fortschritte im Meliorationswesen von Baurat a. D. A. Hess in 

Hannover. 1892. J( 4.—. 
L » Seekanäle. Strommündnngen. Seehäfen. Als Ergänzung des dritten 
Bandes, 3. Abteilung, bearbeitet von Oberbaudirektor L. Franzius in Bremen, 
Marine -Baudirektor G. Franzius in Kiel und Hafenbauinspektor Rud. 
Rudioff in Bremerhaven. 1894. Jf 6. — . 
» Die eisernen Stemmthore der Schiffsschleusen von Professor 

Th. Landsberg in Darmstadt. 1894. J( 5.—. 
» Strassenbau. Als Ergänzung des ersten Bandes, Kapitel VT, bearbeitet 

von Professor Leo von Willmann in Darmstadt. 1895. Jf 4.—. 
» Bewegliche Brücken von Wilhelm Dietz, Professor an der technischen 
Hochschule in München. 1897. Jf 5. — . 

> Die Regulierung geschiebeführender Wasserläufe besonders 
des Oberrheines durch eiserne Leitwerke, Grundschwellen und Buhnen 
bearbeitet von Albert Do eil, Kaiserl. Baurat, Wasserbauinspektor in Metz. 
1896. Jf 3.—. 

> GewölbteBrücken von Karl von Leibbrand, weilandPräsidentd.k.württ. 
Ministerial-Abteilung ftir den Straßen- und Wasserbau. 1897. Jf 5. — . 

» Die Assanierung von Paris von Th. Weyl. (Die Assanierung der 
Städte in Einzeldarstellungen. L Band, 1. Heft.) 1900. uT 6.— . 

» Die Assanierung von Wien von P. Kortz und anderen. (Die Assanierung 
der Städte in Einzeldarstellungen. L Band, 2. Heft.) 1902. Jl 13.—. 

orbereitet werden Hefte über: 

Hänge- und Bogenbrücken (Melan-Brünn), 

Mechanische Vorrichtungen für Schiffshebung (Möller-Braunschweig), 
Baustoffe und einfache Bauverbände des Ingenieurs (Lang-Hannover), 
Konstruktion eiserner Balkenbrücken (Melan-Brünn). 
Assanierung von Zürich, Genf, Köln u. s. w. 



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