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Full text of "Die Beichte Stawrogins; drei unveröffentlichte Kapitel aus dem Roman "Die Teufel". Zum erstenmal ins Deutsche übertragen und hrsg. von Alexander Eliasberg"

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ii 



^r^.M. DOSTOJEWSKI! 

DIE BEICHTE STAWROGINS 




i| 



lUSARION VERLAG/ MÜNCHE]S| 



K 



F.M.DOSTOJEWSKIJ 
DIE BEICHTE STAWROGINS 



Die Umschlagszeichnung ist 
die Wiedergabe eines Original- 
holzschnittes von W. Masjulin 



FJODOR DOSTOJEWSKI] 

DIE BEICHTE 
STAWROGINS 

DREI UNVERÖFFENTLICHTE KAPITEL 
AUS DEM ROMAN „DIE TEUFEL" 



ZUM ERSTENMAL INS DEUTSCHE ÜBER- 
TRAGEN UND HERAUSGEGEBEN VON 

ALEXANDER ELIASBERG 




M U S A R I O N V li: R L A G 
MÜNCHEN 

1929 



PS- 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



I0V3 1972 




VORWORT 

Literaturkennern war es immer bekannt, daß 
Dostojewski] in die endgültige Fassung seines 
Romans ,,Die Teufel" (von anderen auch ,,Dä- 
monen" genannt) ein größeres, aus mehreren 
Abschnitten bestehendes Stück nicht aufgenom- 
men hatte, und daß sich der Text dieser Kapitel 
im Besitze der Witwe des Dichters befand. Ein 
kleines Stuck der in ihrem Besitz befindlichen 
Abschrift (den Seiten 12, Zeile 10 bis Seite 33, 
Zeile 18 der vorliegenden Ausgabe entsprechend, 
von ,, Gegen halb elf erreichte er das Tor" bis: 
,,Tichon las also folgendes" ) hatte dieWitwe im 
VIII. Band der Jubiläumsausgabe der Werke 
(Petersburg, 1906) veröffentlicht, und aus die- 
ser Ausgabe wurde es auch in den Nachtrag der 
deutschen Ausgabe ( Piper )übernommen. Sonst 
gewährte aber die Witwe auch Forschern kei- 
nen Einblick in das Manuskript. 

Heute, wo sich Dostojewskijs Geburtstag 
zum hundertstenmal gejährt hat und die Witwe 

5 



schon tot ist, zogen die russischen Behörden 
das geheimnisvolle Roman f rag ment ans Licht. 
Am 12. November 1921 wurde im Moskauer 
Zentral-Staatsarchiv eine Kiste mit Papieren 
Dostojewskijs geöffnet, und in dieser fand sich 
u.a. ein Notizbuch mit fünfzehn eingeklebten 
Korrekturfahnen zum Roman ,,Die Teufel', 
von denenwir zwei(den Seiten 11 /12und6äi 66 
der vorliegenden Ausgabe entsprechend) in Re- 
produktion bringen. Die Fahnen waren für den 
Abdruck des Romans in der Monatsschrift,,Rus- 
sischerBote" in den Jahren 1871—72 bestimmt, 
aber aus unbekanntem Grunde nicht zum Ab- 
druck gebracht. Es wird angenommen, dafS der 
Redakteur dieser Zeitschrift, der bekannte Sla- 
wophile Katkow, gegen die Veröffentlichung 
war. Die Verwaltung des Zentral-Staatsarchivs 
hat nun den Text dieser Korrekturfahnen (Mos- 
kau, 1922) veröffentlicht, und auf dieser Pu- 
plikation beruht auch unsere Ausgabe. 

Außer in den Korrekturfahnen existieren 
diese Kapitel auch noch in einem Manuskript 
von der Hand der Witwe des Dichters, das jetzt 
im Puschkinhause der Russischen Akademie der 
Wissenschaften zu Petersburg verwahrt wird. 
Dieses Manuskript, aus dem dieWitwe das schon 
erwähnte Bruchstück in der Jubiläumsausgabe 

6 



von 1906 veröffentlicht hat, scheint die ur- 
sprüngliche Fassung darzustellen und den Mos- 
kauer Korrekturfahnen zugrundezuliegen; ein 
Original von der Hand Dostojewskijs ist nicht 
erhalten geblieben. 

Die Petersburger und die Moskauer Fassung 
weichen nicht unerheblich voneinander ab. 
So enthält z.B. die erstere den großen mit ,15' 
bis ,16' bezeichneten Passus auf Seite 12, Zeile 10 
bis Seite 33, Zeile 18, der in den Moskauer Fah- 
nen fehlt; dagegen fehlt im Petersburger Ma- 
nuskript die ganze Episode mit dem Diebstahl 
beim Beamten (Seite W, Zeile 6 von unten bis 
Seite U3, Zeile 2). 

Der Moskauer Veröffentlichung entnahmen 
wir auch die wichtigsten Korrekturen Dosto- 
jewskijs und den im II. Teil des Anhangs wie- 
dergegebenen Aufsatz W . Fritsches. 

München, den 2. April 1922. 

A. E. 



DIE BEICHTE ST AWROGINS 



ERSTES KAPlTELi 

Bei T i c h o 11 

I 

Nikolai Wsewolodowitsch schlief diese ganze 
Nacht nicht, sondern saß auf dem Sofa, den un- 
beweglichen Blick auf einen Punkt in der Ecke 
neben der Kommode gerichtet. Die ganze Nacht 
brannte bei ihm die Lampe. Gegen sieben Uhr 
morgens schlief er im Sitzen ein, und als Alexej 
Jegorowitsch nach der ein für allemal einge- 
führten Sittejjm punkt halb zehn Uhr mit einer 
Tasse Morgenkaffee bei ihm eintrat und ihn 
durch sein Erscheinen weckte, schien er, als er 
die Augen geöffnet, unangenehm erstaunt, daß 
er so lange hatte schlafen können, und daß es 
schon so spät sei. Er trank schnell den Kaffee, 
kleidete sich schnell an und verließ eilig das 
Haus. Auf die vorsichtige Frage Alexej Jego- 
rowitschs, ,,ob er nicht irgendwelche Befehle 
hätte," gab er keine Antwort. Er ging durch die 
Straße, zu Boden blickend, tief nachdenklich 

II 



und hob nur ab und zu den Kopf und zeigte eine 
unbestimmte, aber sehr große Unruhe. An einer 
Straßenecke, nichtweit von seinem Hause, durch- 
kreuzte eine Gesellschaft von Bauern, etwa 
fünfzig Mann oder sogar noch mehr, seinen 
Weg ; sie gingen fast schweigend, in auffallen- 
der Ordnung. Neben dem Laden, wo er eine 
Weile warten mußte, sagte jemand, es seien 
,,die Schpigulinschen Arbeiter". Er schenkte 
ihnen kaum Beachtung. Endlich gegen halb elf 
erreichte er das Tor des Spasso- Jef im j ewschen 
Muttergottesklosters, am Flußufer, am Rande 
der Stadt. Erst jetzt schien er sich plötzlich auf 
etwas zu besinnen, auf etwas Beunruhigendes 
und Schwieriges; er blieb stehen, betastete et- 
was in seiner Seitentasche und lächelte. Als er 
in die Klosterumfriedung eingetreten war, fragte 
er den ersten besten Klosterdiener, auf den er 
stieß, wie er zu dem in diesem Kloster im Ruhe- 
stande lebenden Bischof Tichon gelangen könne. 
Der Diener übernahm unter vielen Verbeugun- 
gen sofort die Führung. An der Treppe am Ende 
des langen zweistöckigen Klostergebäudes nahm 
ihn dem Diener schnell und gebieterisch ein 
dicker grauhaariger Mönch ab, der ihn durch 
einen langen, schmalen Korridor führte, eben- 
falls unter fortwährenden Verbeugungen (ob- 



12 



wohl er infolge seiner Dicke sich nicht tief ver- 
beugen konnte, sondern nur oft und schnell mit 
dem Kopf nickte), ihn immer wieder aufforr 
dernd, ihm zu folgen, obwohl Nikolai Wsewo- 
lodowitsch ihm auch ohnehin folgte. Der Mönch 
stellte irgendwelche Fragen und sprach vom P . 
Archimandriten ; da er keine Antwort erhielt, 
wurde er immer ehrerbietiger. Stawrogin 
merkte, daß ihn hier alle kannten, obwohl er, so- 
weit er sich erinnerte, nur als Kind hier gewesen 
war. Als sie die Tür ganz am Ende des Korridors 
erreichten, stieß sie der Mönch mit einer her- 
rischen Gebärde auf, erkundigte sich familiär 
bei dem herbeigeeilten Zellendiener, ob man 
eintreten dürfe, machte dann, ohne eine Ant- 
wort abzuwarten, die Tür weit auf und ließ 
unter einer Verbeugung den ,, lieben" Gast ein- 
treten; als jener sich bedankt hatte, verschwand 
er schnell, wie fluchtartig. Nikolai Wsewolo- 
dowitsch trat in ein kleines Zimmer, und fast 
im gleichen Augenblick erschien ein großer, ha- 
gerer Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren 
in einer einfachen Soutane, dem Aussehen nach 
kränklich, mit einem unbestimmten Lächeln 
und einem seltsamen, gleichsam schüchternen 
Blick. Das war jener Tichon, von dem Niko- 
lai Wsewolodowitsch zum erstenmal von Scha- 

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low gehört, und über den er seitdem auch selbst 
nebenbei einige Auskünfte eingezogen hatte. 

Die Auskünfte waren verschieden und sogar 
einander widersprechend, hatten aber alle auch 
etwas gemeinsames, nämlich, daß alle, die 
Tichon liebten und auch die ihn nicht liebten 
(denn es gab auch solche), sich über ihn irgend- 
wie ausschwiegen; die Nichtliebenden wohl aus 
I Geringschätzung, die Anhänger aber und selbst 
j die glühendsten unter ihnen aus Bescheidenheit, 
j als wollten sie etwas verheimlichen, irgendeine 
] Schwäche von ihm, vielleicht, daß er einen 
^ Narren in Christo spiele. Nikolai Wsewolodo- 
witsch erfuhr, daß er schon seit etwa sechs 
Jahren im Kloster lebte und wie von Leuten aus 
den einfachsten Ständen, so auch von den vor- 
nehmsten Personen besucht werde; daß er 
selbst im fernen Petersburg glühende Verehrer 
und vorwiegend Verehrerinnen habe. Dafür be- 
kam er auch von einem unserer sich vornehm ge- 
bärdenden ,, Klubgreise", sogar einem frommen 
Greise, zu hören, daß ,, dieser Tichon so gut wie 
verrück t^ sei und zweifellos trinke". Ich füge vor- 
ausgreifend hinzu, daß das letztere absoluter 
Unsinn ist; wahr ist nur, daß er eine veraltete 
rheumatische Krankheit in den Füßen und zeit- 
weise nervöse Zuckungen hatte. Nikolai Wsewo- 

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lodowitsch hatte auch erfahren, daß der im Klo- 
ster im Ruhestande lebende Bischof infolge Cha- 
rakterschwäche oder einer ,,bei seinem Range 
unverzeihlichen und unpassendenZerstreutheit" 
es nicht verstanden habe, im Kloster selbst 
einen besonderen Respekt vor sich zu wecken. 
Man sagte, daß der P. Archimandrit, ein rauher 
und in seinen Pflichten sehr strenger, außer- 
dem wegen seiner Gelehrsamkeit berühmter 
Mann, ein gewisses feindseliges Gefühl gegen 
ihn hegte und ihm sogar (nicht offen, sondern 
indirekt) ein nachlässiges Leben und beinahe 
sogar Ketzerei vorwerfe. Die Klosterbrüder- 
schaft verhielt sich aber zum kranken Bischof 
nicht gerade nachlässig, aber sozusagen fami- 
liär. Die beiden Zimmer, die die Zelle Tichons 
bildeten, waren gleichfalls sonderbar ausgestat- 
tet. Neben klotzigen altertümlichen Möbeln mit 
durchgewetzten Ledersitzen standen auch meh- 
rere höchst elegante Gegenstände : ein prunk- 
voller bequemer Lehnsessel, ein großer Schreib- 
tisch von vortrefflicher yVrbeit, ein schöner ge- 
schnitzter Bücherschrank, Tischchen, Etageren, 
natürlich lauter Geschenke. Es gab auch einen 
kostbaren bucharischen Teppich, daneben aber 
auch einfache Matten. An den Wänden hingen 
Stiche ,, weltlichen" Inhalts, auch mit mjtho- 

i5 



logischen Sujets, gleich daneben aber stand in 
der Ecke ein großer Schrein mit gold- und 
silberfunkelnden Heiligenbildern, darunter ei- 
nem sehr alten mit eingeschlossenen Reliquien. 
Man sagte, daß auch seine Bibliothek allzu bunt 
und widerspruchsvoll zusammengestellt sei: 
neben den Werken der großen Kirchenlehrer 
und Helden der Christenheit befanden sich da- 
rin auch ,, Theaterstücke und Romane, viel- 
leicht sogar noch viel schlimmere Sachen". 

Nach den ersten Begrüßungsw^orten, die aus 
irgendeinem Grunde mit einer beiderseitigen 
Verlegenheit, schnell und sogar kaum verständ- 
lich gesprochen worden waren, führte Tichon 
den Gast in sein Kabinett, setzte ihn aufs Sofa 
vor dem Tisch und nahm selbst in einem ge- 
flochtenen Sessel daneben Platz 3. Seltsamer- 
weise verlor hier Nikolai Wsewolodowitsch jede 
Fassung. Es sah so aus, als gebe er sich die 
größte Mühe, sich zu etwas Außergewöhnlichem 
und Unwiderlegbarem, dabei aber für ihn fast 
Unmöglichem zu entschließen. Er ließ seinen 
Blick etwa eine Minute im Kabinett schweifen, 
offenbar ohne etwas zu sehen ; er wurde nach- 
denklich, w^ußte aber vielleicht selbst nicht, wo- 
ran er dachte. Ihn weckte die Stille, und es 
kam ihm plötzlich vor, als schlage Tichon die 

i6 



Augen wie vor Scham mit einem eigentümlichen, 
ganz überflüssigen Lächeln nieder. Dies rief 
in ihm sofort Abscheu und Protest hervor; er 
wollte aufstehen und weggehen; er war über- 
zeugt, Tichon sei betrunken. Jener erhob aber 
plötzlich die Augen und sah ihn mit einem so 
festen und gedankenvollen Blick, zugleich aber 
mit einem so unerwarteten und rätselhaften 
Ausdruck an, daß er fast zusammenfuhr. Da 
hatte er plötzlich einen ganz anderen Eindruck : 
daß Tichon schon wisse, wozu er gekommen 
sei, daß er schon darauf vorbereitet sei (ob- 
wohl kein Mensch in der Welt den Grund wis- 
sen konnte), und daß er nur darum nicht als 
erster zu sprechen anfange, weil er ihn schone 
und ihn zu erniedrigen fürchte. 

„Sie kennen mich?" fragte er plötzlich kurz. 
„Ich weiß nicht, ob ich mich beim Eintreten 
vorgestellt habe. Entschuldigen Sie, ich bin so 
zerstreut. . ." 

,,Sie haben sich nicht vorgestellt, aber ich 
habe schon einmal vor vier Jahren das Ver- 
gnügen gehabt, Sie hier in diesem Kloster zu 
seheii . . . zufällig." 

Tichon sprach sehr langsam und gleichmäßig, 
mit einer weichen Stimme, und artikuherte die 
Worte klar und deutlich. 

a 17 



,,Ich bin nicht vor vier Jahren hier im Klo- 
ster gewesen", entgegnete Nikolai Wsewolodo- 
witsch mit einer ganz unnötigen Grobheit. ,,lch 
bin hier nur als Kind gewesen, als Sie noch gar 
nicht hier w^aren." 

,, Vielleicht haben Sie es vergessen?" fragte 
Tichon vorsichtig und ohne darauf zu bestehen. 

,,Nein, ich habe es nicht vergessen; und es 
wäre auch lächerlich, wenn ich mich dessen 
nicht mehr erinnerte," bestand Stawrogin mit 
übertriebenem Trotz auf dem seinen. ,, Viel- 
leicht haben Sie von mir nur gehört und sich 
dann irgendeine Meinung über mich gebildet 
und glauben darum, daß Sie inich gesehen 
haben." 

Tichon sagte darauf nichts. Nikolai Wsewo- 
lodowitsch merkte jetzt, daß über sein Gesicht 
zuweilen ein nervöses Zucken lief, das Zeichen 
einer veralteten Nervenschwäche. 

,,Ich sehe nur, daß Sie heute nicht ganz wohl 
sind," sagte er, ,,und daß es besser wäre, wenn 
ich wegginge." 

Er erhob sich sogar von seinem Platz. 

„Ja, ich fühle heute wie auch gestern einen 
heftigen Schmerz in den Beinen und habe nachts 
sehr wenig geschlafen ..." 

Tichon hielt inne. Sein Gast verfiel plötz- 

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lieh in eine eigentümliche Nachdenklichkeit. 
Das Schweigen dauerte lange, vielleicht zwei 
Minuten. 

,, Haben Sie mich eben beobachtet?" fragte 
er plötzlich unruhig und argwöhnisch. 

,,Ich sah Sie an und erinnerte mich dabei 
der Gesichtszüge Ihrer Frau Mutter. Bei aller 
äußeren Unähnlichkeit ist doch viel innere, gei- 
stige Ähnlichkeit vorhanden." 

„Nicht die geringste Ähnlichkeit, am aller- 
wenigsten eine geistige. Überhaupt keine !" regte 
sich Nikolai Wsewolodowitsch ganz unnötiger 
Weise auf; er wußte selbst nicht, warum er so 
hefti g widersprach. ,,Sie sagen es bloß . . . aus 
Mitleid mit mir und meiner Lage!" platzte er 
plötzlich heraus. ,,Ach! Kommt denn meine 
Mutter zu Ihnen?" 

„Ja." 

,,Das habe ich nicht gewußt. Habe es von 
ihr nie gehört. Kommt sie oft her?" 

,,Fast jeden Monat und auch öfter." 

,,Das habe ich wirklich niemals gehört. Nie- 
mals gehört! ..." Er schien durch diese Tat- 
sache furchtbar beunruhigt. ,,Sie haben aber 
natürlich von ihr gehört, daß ich verrückt 
bin?" platzte er wieder heraus. 

,,Nein, ich habe nichts von Verrücktheit ge- 

a* 19 



hört. Wohl aber von dieser Ansicht, doch nicht 
von ihr, sondern von anderen." 

,,Sie haben also ein gutes Gedächtnis, wenn 
Sie sich solchen Unsinn gemerkt haben. Haben 
Sie auch das von der Ohrfeige gehört?" 

,, Etwas habe ich wohl gehört." 

,,Das heißt alles. Sie haben furchtbar viel 
Zeit, um sich das alles zu merken. Auch das 
vom Duell?*" 

„Auch vom Duell." 

,,Da sind wirklich die Zeitungen überflüssig. 
Hat Schatq\y Sie auf mein Kommen vorbe- 
reitet?" 

,,Nein. Ich kenne übrigens_Herrn Schatow, 
habe ihn aber schon seit langem nicht gesehen." 

„Hm . . . Was haben Sie hier für eine Karte? 
Ach, es ist doch die Karte des letzten Krieges! 
Was brauchen Sie sie?" 

„Ich habe die Landkarte mit dem Text ver- 
glichen . Eine überaus in teressante Schilderung . ' ' 

,, Zeigen Sie her. Ja, die Schilderung ist nicht 
schlecht. Es ist aber eine sonderbare Lektüre 
für Sie." 

Er rückte das Buch zu sich heran und blickte 
flüjglitig hinein. Es war eine umfangreiche und 
talentvolle Schilderung der Umstände des letz- 
ten Krieges, talentvoll übrigens weniger in mili- 

20 



tärischer als in rein literarischer Beziehung. Er 
hielt das Buch eine Weile in den Händen und 
warf es plötzlich mit Ungeduld weg. 

„Ich weiß absolut nicht, wozu ich hergekom- 
men bin!" sagte er wie angeekelt, Tichon ge- 
rade in die Augen blickend, als erwartete er 
von ihm eine Antwort. 

„Sie scheinen auch nicht ganz wohl zu sein." 

,,Ja, vielleicht." 

Und er erzählte plötzlich, übrigens nur in 
wenigen abgerissenen Worten, so daß man eini- 
ges schwer verstehen konnte, daß er zuweüenj 
besonders nachts an gewissen Halluzinationen 
leide, daß er an seiner Seite manchmal irgend- 
ein boshaftes, spöttisches und ,, vernünftiges" 
Wesen sehe oder fühle: ,,in verschiedenen Ge- 
stalten und von verschiedenem Charakter, aber 
immer ein und dasselbe, ich ärgere mich aber !" 

Wild und verworren waren diese Erklärun- 
gen und schienen wirklich von einemVerrückten 
zu kommen. Nikolai Wsewolodowitsch sprach 
aber dabei mit einer so sonderbaren Aufrichtig- 
keit, die man an ihm noch niemals wahrgenom- 
men, mit einer solchen, ihm sonst so gar nicht 
eigenen ßinfalt, daß der frühere Mensch in ihm 
plötzlich und unversehens verschwunden zu sein 
schien. Er schämte sich gar nicht, das Enta p.t/.en, 

21 



zu zeigen, mit dem er von seiner Vision sprach. 
Aber all das war nur augenblicklich und ver- 
schwand ebenso schnell, wie es gekommen war. 

,,Das ist alles Unsinn", unterbrach er sich 
schnell mit verlegenerji Ärger. ,,lch will zu 
einem Arzt gehen." 

,, Gehen Sie unbedingt hin ",bestätigieTichon. 

,,Sie sagen es so bestimmt . . . Haben Sie schon 
solche Menschen wie mich gesehen, die solche 
Visionen haben?" 

„Ich habe wohl welche gesehen, aber selten. 
Ich besinne mich auf einen einzigen Fall in 
meinem Leben, es war ein Offizier, der nach 
dem Tode seiner Frau, der für ihn unersetz- 
lichen Lebensgefährtin, dasselbe hatte. Den an- 
deren Fall kenne ich nur vom Hörensagen. Beide 
ließen sich dann im Auslande behandeln^. . . . 
Leiden Sie schon lange daran?" 

,,Seit etwa einem Jahr, aber das alles ist Un- 
sinn. Ich werde zum Arzt gehen. Es ist Un- 
sinn, furchtbarer Unsinn. Das bin nur ich selbst 
in verschiedenen Gestalten und weiter nichts. 
Da ich soeben diese . . . Phrase hinzugefügt 
habe, so glauben Sie sicher, daß ich immer noch 
zweifle und nicht ganz davon überzeugt bin, 
daß ich es bin und nicht wirklich der Teufel." 

Tichon sah ilin fragend an. 

22 



,,Uncl . . . Sie sehen ihn wirklich?" fragte er, 
jeden Zweifel ausschaltend, daß es eine trü-_ 
^erischfi- .Jund krankhafte Halluzination sei, 
,, sehen Sie wirklich irgendeine Gestalt?" 

,, Merkwürdig, daß Sie darauf bestehen, wäh- 
rend ich Ihnen schon gesagt habe, daß ich eine 
sehe", sagte Stawrogin, der nach jedem Wort 
noch mehr gereizt war. ,, Natürlich sehe ich ihn, 
ich sehe ihn, so wie ich jetzt Sie sehe . . . manch- 
mal sehe ich ihn aber und bin dabei nicht über- 
zeugt, daß ich ihn sehe, obwohl ich ihn wirk- 
lich sehe . . . manchmal weiß ich auch nicht, 
was wirklich ist: ich oder er . . . All das ist Un- 
sinn. Können Sie denn unmöglich annelmi^ftr 
daß es in Wirklichkeit der Teufel ist!" fügte 
er lachend hinzu, allzu schnell in einen spöt- 
tischen Ton verfallend;,, Das würde ja zu Ihrem 
Metier besser passen," 

,,Am wahrscheinlichsten ist es eine Krank- 
heit, obwohl ..." 

,,Was, obwohl?" 

,, Teufel existieren zweifellos, aber die.jlui»- 
fassung.von ihnen kann sehr verschieden sein." 

,, Sie haben eben Ihren Blick gesenkt", fiel 
ihm Stawrogin mit einem gereizten Lächeln ins 
Wort, ,,da Sie sich für mich schämten, weil 
ich an den Teufel glaube, Ihnen aber unter Yor- 

23 



Spiegelung, daß ich an ihn nicht glaube, die 
listige Frage stelle, ob er in Wirklichkeit exi- 
stiert?" 

Tichon lächelte unbestimmt. ^ 

,, Hören Sie also: ich schäme mich gar nicht, 
und um Ihre Grobheit heimzuzahlen, will ich 
Ihnen ersthaft und frech sagen: ich glaube an 
den Teufel, ich glaube an ihn kanonisch, an 
den persönlichen Teufel, nicht an die Allegorie, 
und ich brauche niemand auszuforschen; da 
haben Sie alles. ^" 

Er lachte nervös und unnatürlich auf. Tichon 
sah ihn neugierig an, mit einem etwas scheuen, 
wenn auch milden Blick. 

,, Glauben Sie an Gott?" platzte plötzlich Ni- 
kolai Wsewolodowitsch heraus. 

„Ich glaube!" 

,,Es steht doch geschrieben, wenn du glaubst 
und dem Berge befiehlst, von der Stelle zu 
rücken, so wird er von der Stelle rücken . . . 
entschuldigen Sie übrigens den Unsinn. Aber 
ich möchte Sie dennoch fragen: werden Sie 
einen Berg versetzen können oder nicht?" 

„Wenn Gott es befiehlt, werde ich ihn ver- 
setzen", sagte Tichon leise und zurückhaltend 
und fing an, seinen Blick wieder zu senken. 

,,Nun, das ist ja dasselbe, wie wenn ihn Gott 

24 



selbst versetzte. Nein, Sie, Sie selbst zum Lohne 
für Ihren Glauben an Gott?" 

„Vielleicht versetze ich ihn." 

,,,Vielleicht'?äNun,auchdas ist nicht schlecht. 
Sie zw^eifeln übrigens immer noch?" 

„Infolge derUnvollkomnißiihßit meines Glau- 
bens zweifle ich." 

,,Wie, auch Ihr Glaube ist unvollkommen?" 

,,Ja . . . vielleicht ist er auch unvollkommen", 
antwortete Tichon. 

,,Das kann man Ihnen unmöglich ansehen 1" 
Er musterte ihn plötzlich mit einem geradezu 
naiven Erstaunen, was mit dem spöttischen Ton 
der vorhergehenden Fragen gar nicht harmo- 
nierte. 

,,rVber Sie glauben immerhin, daß Sie, wenn 
auch mit Gottes Hilfe, den Berg versetzen wer- 
den, und das ist nicht wenig. Jedenfalls wollen 
Sie glauben. Auch den Berg fassen Sie buchstäb- 
lich auf. Das ist ein gutes Prinzip. Ich habe be- 
merkt, daß die Führenden unter unseren Leviten 
stark dem Luthertum zuneigen. Das ist immerhin 
mehr als das ,tres peu' eines Erzbischofs, das 
allerdings unter einem Säbel gesprochen wor- 
den war. Sie sind natürlich auch Christ." 
Stawrogin sprach schnell, die Worte fielen bald 
ernsthaft, bald spöttisch. 

25 



,, Deines Kreuzes, Herr, werde ich mich nicht 
schämen", versetzte Tichon in einem sonder- 
baren, leidenschaftHchen Flüsterton, den Kopf 
noch tiefer senkend.^ 

,,Kann man an den Teufel glauben, ohne an 
Gott zu glauben?" fragte Stawrogin lachend. 

,,Das kann man sogar sehr, man sieht es auf 
Schritt und Tritt." Tichon hob die Augen und 
lächelte. 

,,lch bin auch überzeugt, daß Sie^einen sol- 
chen Glauben immerhin für ehrenwerter halten 
als den völligen Unglauben . . .^^" rief Staw- 
rogin und lachte auf. 

,,Im Gegenteil, vollständiger Atheismus ist 
ehrenwerter als die weltliche Gleichgültigkeit", 
antwortete Tichon scheinbar heiter und treu- 
herzig. 

,,Oho, so denken Sie!" 

,,Der vollkommene Atheist steht auf der vor- 
letzten höchsten Stufe vor dein vollständigen 
Glauben (ganz gleich, ob er den Schritt tut oder 
nicht), der Gleichgültige hat aber gar keinen 
Glauben mehr, nur eine üble Angst, und auch 
die nur ab und zu, wenn er ein gefühlvoller 
Mensch ist." 

,,Hm . . . Haben Sie die Apokalypse gelesen?" 

,, Gewiß." 

36 



„Erinnern Sie sich an die Stelle : ,Und schreibe 
dem Engel der Gemeinde zu Laodicea . . .'?" 

„Gewiß. "11 

,, Wo haben Sie das Buch?" Stawrogin wurde 
auf einmal seltsam ungeduldig und aufgeregt 
und suchte das Buch mit den Augen auf dem 
Tisch. ,,Ich möchte es Ihnen vorlesen . . . haben 
Sie eine russische Übersetzung?" 

,,Ich kenne die Stelle", sagte Tichon. 

„Kennen Sie sie a uswendig ? Sagen Sie sie ... " 

Er senkte schnell die Augen, drückte beide 
Hände gegen die Knie und wartete mit Unge- 
duld. Tichon zitierte wörtlich: 

,,Und schreibe dem Engel der Gemeinde zu 
Laodicea: Also spricht Amen, der treue und 
wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur 
Gottes: ich kenne deine Werke, daß du weder 
kalt, noch warm bist. Ach, daß du kalt oder 
warm wärest! Weil du aber nur lau bist, und 
weder kalt noch warm, werde ich dich aus- 
speien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich 
bin reich, bin gar satt und bedarf nichts, und 
weißt doch nicht, daß du elend bist und jäm- 
merlich, arm, blind und bloß ..." 

,, Genug", unterbrach ihn Stawrogin. i^^^Wis- 
sen Sie, ich liebe Sie sehr." 

„Und ich Sie", antwortete Tichon halblaut. 

27 



Stawrogin verstummte und versank plötzlich 
in seine frühere Nachdenklichkeit. Das kam wie 
ein Anfall schon zum drittenmal. Auch das 
,,ich liebe Sie" hatte er zu Tichon wie in einem 
Anfall gesagt, jedenfalls ganz unerwartet für 
sich selbst. Es verging mehr als eine Minute. 

,, Zürnen Sie nicht", flüsterte Tichon, seinen 
Ellenbogen ganz leise mit dem Finger berüh- 
rend, beinahe schüchtern. 

Jener fuhr zusammen und runzelte böse die 
Brauen. 

,, Woran erkannten Sie, daß ich zürne?" 
fragte er schnell. Tichon wollte etwas erwidern, 
aber er unterbrach ihn plötzlich in unbegreif- 
licher Erregung. 

,, Warum haben Sie angenommen, daß ich 
unbedingt zürnen müsse? ! Ja, ich war wohl 
böse geworden, Sie haben recht, und zwar ge- 
rade weil ich Ihnen gesagt habe, daß ich Sie 
liebe. Sie haben Recht, aber Sie sind ein roher 
Zyniker, Sie denken niedrig von der mensch- 
lichen Natur. Es hätte auch kein Zorn sein 
können, wenn an meiner Stelle ein anderer 
Mensch wäre . . . Die Rede ist übrigens nicht 
vom andern Menschen, sondern von mir. 
Sie sind immerhin ein Kauz und ein JNarr in 
Christo ..." 

28 



Er regte sich immer mehr auf und kümmerte 
sich seltsamerweise gar nicht um die Wahl der 
Worte : 

,, Hören Sie: ich kann Spione und Psycho- 
logen nicht leiden, jedenfalls solche nicht, die 
mir in die Seele dringen. Ich fordere niemand 
auf, mir in die Seele einzudringen, ich brauche 
niemand, ich werde mir auch selbst zu helfen 
wissen. Sie glauben, daß ich Sie fürchte", sagte 
er, die Stimme erhebend und ihn herausfor- 
dernd ansehend: ,,Sie sind vollkommen davon 
überzeugt, daß ich gekommen bin, um Ihnen 
ein »schreckliches' Geheimnis zu eröffnen, und 
warten darauf mit der ganzen klösterlichen Neu- 
gier, deren Sie fähig sind. Hören Sie also: ich 
werde Ihnen nichts eröffnen, gar keine Ge- 
heimnisse, denn ich kann mich ausgezeichnet 
auch ohne Sie behelfen ..." 

Tichon sah ihm fest ins Gesicht. 

,,Es hat Sie erschüttert, daß das Lamm den 
Kalten dem Lauen vorzieht", sagte er. ,,Sie 
wollen nicht nur lau sein. Ich ahne, daß Sie 
von einer außerordentlichen, vielleicht entsetz- 
lichen Absicht besessen sind. Ich flehe Sie an, 
quälen Sie sich nicht und sagen Sie alles. *^ 

,, Haben Sie denn genau gewußt, daß ich mit 
irgendetwas gekommen bin?" 

29 



,,Ich . . . ich habe es" erraten", flüsterte Ti- 
chon, die Augen senkend. 

Nikolai Wsewolodowitsch war etwas blaß, 
seine Hände zitterten ein wenig. Einige Sekun- 
den blickte er unbeweglich und stumni, als 
fasse er einen endgültigen Entschluß. Schließ- 
lich zog er aus der Seitentasche seines Rockes 
irgendwelche bedruckte Blätter und legte sie 
auf den Tisch. 

,, Diese Blätter sind zur Veröffentlichung 
bestimmt", sagte er mit stockender Stimme. 
,,Wenn sie auch nur ein Mensch liest, so kön- 
nen Sie versichert sein, daß ich sie nicht mehr 
verbergen werde, und daß alle sie lesen werden. 
Ich bedarf Ihrer nicht, gar nicht, denn ich habe 
schon alles beschlossen. Aber lesen Sie es . . . 
Während Sie es lesen, sagen Sie nichts, und 
wenn Sie es gelesen haben, sagen Sie alles ..." 

,,Soll ich es lesen?" fragte Tichon zögernd. 

,, Lesen Sie, ich bin ruhig." 

,,Nein, ohne Brille kann ich es nicht entzif- 
fern, der Druck ist zu klein, wohl ausländisch." 

,,Hier ist die Brille!" Stawrogin reichte sie 
ihm vom Tisch und warf sich in die Sofalehne 
zurück. Tichon sah ihn nicht an und versenkte 
sich in die Lektüre. 



3o 



II 

Es war tatsächlich ausländischer Druck - drei 
bedruckte und zusammengeheftete Blättchen 
gewöhnlichen Briefpapiers in kleinem Format. 
Es war wohl in irgendeiner geheimen russischen 
Druckerei im Auslande gedruckt, und die Blätt- 
chen glichen auf den ersten Blick einer Pro- 
klamation. Als Überschrift stand: ,,Von Staw- 
rogin". 

Dieses Dokument nehme ich in meine Chro- 
nik unverändert auf.^* Ich erlaubte mir nur, 
die orthographischen Fehler zu korrigieren, die 
ziemlich zahlreich waren und mich sogar in 
einiges Erstaunen versetzten, da der Autor im- 
merhin ein gebildeter und sogar belesener 
Mensch war (natürlich nur relativ). Im Stile 
änderte ich dagegen nichts, trotz einiger Un- 
regelmäßigkeiten. Jedenfalls ist es klar, daß der 
Autor vor allen Dingen kein Literat ist. 

1"' Ich erlaube mir noch eine Bemerkung, ob- 
wohl ich damit vorausgreife. Dieses Dokument 
ist meiner Ansicht nach eine krankhafte Sache, 
ein Werk des Teufels, der sich dieses Herrn be- 
mächtigt hat. Man denkt an einen Menschen, der 
sich, von einem stechenden Schmerz gepeinigt, 
im Bette hin- und herwälzt, bemüht, eine Lage 
zu finden, in der er wenigstens für einen Augen- 

3i 



blick Erleichterung finden könnte. Dabei ist es 
ihm natürlich nicht um die Schönheit oder Yer- 
nünf tigkeit dieser Lage zu tun. Der Grundge- 
danke des Dokuments ist ein schreckliches, un- 
geheucheltes Bedürfnis nach einer Strafe, nach 
dem Kreuz, nach einer öffentlichen Hinrich- 
tung. Und dieses Verlangen nach dem Kreuz 
empfindet ein Mensch, der an das Kreuz nicht 
glaubt, und schon das allein stellt eine ,,Idee" 
dar, wie sich Stepan Trofimowitsch einmal, 
übrigens bei anderer Gelegenheit, ausgedrückt 
hat. Andererseits ist dieses ganze Dokument et- 
was Rasendes und Wahnwitziges, obwohl es an- 
scheinend mit einer anderen Absicht abgefaßt 
worden ist. Der Autor erklärt, daß es ihm un- 
möglich gewesen sei, es nicht zu schreiben, daß 
er dazu „gezwungen" worden sei, und das 
klingt recht wahrscheinlich : er wäre froh, die- 
sen Kelch nicht zu trinken, wenn er es könnte, 
aber es war ihm anscheinend in der Tat nicht 
möglich, sich die Gelegenheit zu einer neuen 
Raserei entgehen zu lassen. Ja, der Kranke wälzt 
sich auf seinem Lager hin und her und will den 
einen Schmerz durch einen anderen ersetzen; 
der Kampf gegen die Gesellschaft erschien ihm 
als die leichteste Lage, und so wirft er ihr die 
Herausf orderung j:u^ 



Und in der Tat: schon die Tatsache dieses 
Dokuments läßt eine neue unerwartete und 
unverzeihUche Herausforderung an die Ge- 
sellschaft ahnen. Es ist das Verlangen, so 
bald als möglich auf irgendeinen Feind zu 
stoßen. 

Wer weiß : vielleicht sind diese zur Veröffent- 
lichung bestimmten Blätter nichts anderes als 
,,das gebissene Gouverneursohrs", nur in einer 
anderen Form. Warum es jetzt, wo vieles sich 
schon geklärt hat, sogar mir in den Sinn kommt, 
vermag ich nicht zu erklären. Ich führe auch 
keine Beweise an und behaupte durchaus nicht, 
daß das Dokument gefälscht, d. h. vollkommen 
aus der Luft gegriffen und frei erfunden sei. 
Die Wahrheit wird am ehesten in der Mitte lie- 
gen. Ich habe aber schon zu weit vorgegriffen; 
richtiger wäre es, zum Dokument selbst zurück- 
zukehren. Tichon las also folgendes :^^ 

Von Stawrogin. 

Ich, Nikolai Stawrogin, Offizier a.D., lebte 
im Jahre i86* in Petersburg, der Unzucht er- 
geben, in der ich keinen Genuß fand. Eine Zeit- 
lang hatte ich drei Wohnungen. In der einen, 
die ich möbliert, mit Verpflegung und Bedie- 
nung mietete, wohnte ich selbst ; in dieser wohnte 
auch Mar ja Lebjadkina, meine jetzige legitime 

3 33 



Gattin. Die anderen Wohnungen hielt ich mir 
monatlich für meine Intrigen: in der einen 
empfing ich eine Dame, die mich liebte, und in 
der anderen ihr Dienstmädchen; eine Zeitlang 
beschäftigte mich sehr der Plan, die beiden zu- 
sammenzuführen, so daß die Dame und die Dirne 
sich bei mir" begegneten. Da ich die Charak- 
tere der beiden kannte, erwartete ich von diesem 
Scherz ein großes Vergnügen. 

Als ich auf diese Begegnung nach und nach 
hinarbeitete, mußte ich eine dieser beiden Woh- 
nungen, die sich in einem großen Hause in der 
Gorochowaja befand, öfter aufsuchen, da das 
Dienstmädchen hierher zu kommen pflegte. 
Hier hatte ich nur ein Zimmer im vierten Stock, 
das ich bei einer russischen Kleinbürgersfamilie 
mietete. Die Leute selbst wohnten nebenan im 
anderen Zimmer, das so eng war, daß die Tür 
zwischen den beiden Zimmern immer offen 
stand, und das war mir gerade erwünscht. Der 
Mann war in irgendeinem Kontor angestellt und 
vom Morgen bis zum Abend nicht zu Hause. Die 
Frau, eine etwa vierzigjährige Person, schnitt 
etwas zu und nähte alte Sachen zu neuen um; 
auch sie ging oft aus dem Hause, um ihre Näh- 
arbeit abzuliefern. Ich blieb dann allein mit 
ihrer 18 Tochter, die noch ganz wie ein Kind 

34 



aussah, in der Wohnung. Sie hieß Matrjoscha. 
Die Mutter hatte sie lieb, schlug sie aber oft und 
schrie sie schrecklich an, wie es solche Men- 
schen zu tun pflegen. Dieses Mädchen bediente 
mich und räumte bei mir hinter der spanischen 
Wand auf. Ich erkläre, daß ich die Nummer des 
Hauses vergessen habe. Jetzt weiß ich, nach Er- 
kundigungen, daß das alte Haus abgebrochen 
worden ist, und daß an Stelle von zwei oder 
drei alten Häusern ein neues, sehr großes steht. 
Ich habe auch den Familiennamen meiner 
Kleinbürger vergessen (vielleicht habe ich ihn 
auch damals nicht gewußt). Ich erinnere mich 
nur, daß dieKleinbürgerinStepanida, ich glaube, 
Michailowna hieß. Seiner erinnere ich mich 
nicht mehr. Ich denke, daß man, wenn man or- 
dentlich suchen und die nötigen Erkundigungen 
bei der Petersburger Polizei einziehen wollte, 
die Spuren leicht auffinden könnte. Die Woh- 
nung befand sich im Hofe, in einer Hausecke. 
Dies alles war im Juni. Das Haus war von hell- 
blauer Farbe. 

Einmal verschwand von meinem Tisch ein 
Federmesser, das ich gar nicht brauchte, und 
das nur so herumlag. Ich sagte es der Wirtin, 
dachte aber dabei nicht im entferntesten, daß 
sie die Tochter mit Ruten züchtigen würde. 

3* 35 



Die Frau hatte aber soeben die Kleine wegen 
irgendeines verlorengegangenen Lumpens aus- 
geschimpft ^^ und sogar an den Haaren gezerrt, 
weil sie sie im Verdacht hatte, ihn gestohlen zu 
haben. Als aber dieser selbe Lumpen sich unter 
dem Tischtuch fand, wollte die Kleine kein 
Wort des Vorwurfes sagen und blickte nur 
schweigend vor sich hin. Ich sah es und merkte 
mir bei dieser Gelegenheit zum erstenmal or- 
dentlich das Gesicht der Kleinen, das ich bis- 
her nur flüchtig mit den Blicken gestreift hatte. 
Sie war hellblond und hatte viele Sommer- 
sprossen, das Gesicht war gewöhnlich, es war 
aber viel Kindliches und Stilles, außerordent- 
lich Stilles darin. Der Mutter mißfiel es, daß 
die Tochter ihr wegen der unverdienten Strafe 
kein Wort sagte, und hob über sie die Faust, 
schlug sie aber nicht. Da kam gerade die Ge- 
schichte mit meinem Federmesser. Die Frau 
wurde wütend, weil sie das Kind zuerst unge- 
rechterweise geschlagen hatte ; sie lief zum Be- 
sen, riß mehrere Ruten heraus und züchtigte 
das Mädchen vor meinen Augen so, daß es rote 
Striemen bekam, obwohl das Kind schon bei- 
nahe zwölf Jahre alt war. Matrjoscha schrie 
während der Rutenstrafe nicht, wahrscheinlich, 
weil ich zugegen war, schluchzte aber sonder- 

36 



bar bei jedem Schlage. Dann schluchzte sie 
noch eine ganze Stunde später sehr laut. 

Vorher hatte sich aber dieses ereignet : im sel- 
ben Augenblick, als die Wirtin sich zum Besen 
stürzte, um Ruten daraus zu reißen, fand ich 
das Federmesser auf meinem Bett, auf das es 
irgendwie vom Tische gefallen war. Mir kam 
sofort der Gedanke, es ihnen nicht zu sagen, 
damit die Kleine ihre Ruten bekomme. Dieser 
Entschluß war in mir augenblicklich gereift; 
in solchen Fällen stockt mir immer der Atem. 
Aber ich will dies alles in bestimmteren Worten 
berichten, damit nichts mehr verborgen bleibe. 

Jede schändliche, maßlos erniedrigende, ge- 
meine und vor allem lächerliche Lage, in der ich 
mich in meinem Leben befand, erregte in mir 
immer neben einem grenzenlosen Zorn auch 
einen grenzenlosen Genuß. Ebenso war es auch 
inden Augenblicken, wenn ich einVerbrechenbe- 
gingoder mich in Lebensgefahr befand. Hätte ich 
etwas gestohlen, so würde ich beim Verüben des 
Diebstahls einen Rausch in der Erkenntnis der 
Tiefe meiner Gemeinheit empfunden haben. 
Ich liebte nicht die Gemeinheit (meineVernunft 
blieb dabei immer intakt), aber mir gefiel der 
Rausch, den ich im schmerzvollen Bewußtsein 
meiner Niedrigkeit fand. Ebenso hatte ich diese 

37 



selbe schändliche und tolle Empfindung, so oft 
ich an der Barriere in der Erwartung des 
Schusses eines Gegners stand; einmal war es 
ganz besonders stark. Ich gestehe, daß ich die- 
ses Gefühl oft selbst suchte, denn es war für 
mich stärker als alle ähnlichen. Wenn ich eine 
Ohrfeige bekam (ich bin in meinem Leben 
zweimal geohrfeigt worden), so hatte ich auch 
dann, trotz des schrecklichen Zornes, dasselbe 
Gefühl. Wenn ich aber dabei den Zorn zurück- 
hielt, so übertraf der Genuß alles, was man sich 
vorstellen kann. Ich habe es noch keinem Men- 
schen erzählt, selbst andeutungsweise nicht, 
habe es immer als eine Schmachund Schande ver- 
heimlicht. Als man mich einmal in einer Peters- 
burger Kneipe fürchterlich prügelte und an den 
Haaren herumzerrte, hatte ich dieses Gefühl 
nicht, sondern empfand nur, ohne betrunken 
zu sein, eine maßlose Wut und wehrte mich 
gegen die Schläge. Hätte mich aber im Aus- 
lande jener französische Yicomte, der mich 
einmal geohrfeigt hat, und dem ich dafür den 
Unterkiefer weggeschossen habe, bei den Haa- 
ren gepackt und niedergedrückt, so würde ich 
einen berauschenden Genuß und dabei vielleicht 
gar keinen Zorn empfunden haben. So schien 
mir damals. 

38 



Das alles sage ich, damit jedermann wisse, 
daß dieses Gefühl mich niemals ganz gefangen 
nahm, und daß ich vielmehr immer beim voll- 
sten Bewußtsein blieb (alles beruhte ja auf dem 
Bewußtsein). Es bemächtigte sich meiner zwar 
bis zum Wahnsinn, oder sozusagen bis zum 
Trotz, aber niemals bis zur Bewußtlosigkeit. 
Wenn es in mir sogar in hellen Flammen stand, 
konnte ich es dennoch vollständig beherrschen 
und selbst auf seinem höchsten Punkt zum 
Stillstand bringen; allein ich wollte es niemals 
zum Stillstand bringen. Ich bin überzeugt, daß 
ich mein ganzes Leben wie ein Mönch leben 
könnte, trotz der tierischen Lüsternheit, mit 
der ich begabt bin, und die ich auch in den an- 
deren immer weckte. ^o Wenn ich will, bin ich 
immer Herr meiner selbst. Ich erkläre also, daß 
ich meine Verbrechen weder durch das Milieu 
noch durch Krankheiten zu rechtfertigen suche. 

Als die Exekution zu Ende war, steckte ich das 
Messer in meineWestentasche, ging, ohne einWort 
zu sagen, aus dem Hause und warf es, als ich mich 
weit vom Hause entfernt hatte, auf die Straße, 
damit es kein Mensch erfahre. Dann wartete 
ich zwei Tage ab. Die Kleine war, nachdem sie 
sich ausgeweint hatte, noch schweigsamer ge- 
worden ; gegen, mich hegte sie aber, ich bin da- 

39 



von überzeugt, kein feindseliges Gefühl. Es 
war übrigens wohl auch einige Scham dabei, 
daß man sie auf diese Weise in meiner Gegen- 
wart bestraft hatte. 21 Aber auch für diese 
Schande machte sie, da sie noch ein Kind war, 
sicher nur sich selbst verantwortlich. 22 

Damals, in diesen zwei Tagen, stellte ich mir 
einmal die Frage, ob ich im Stande sei, einen 
gefaßten Entschluß aufzugeben, und ich fühlte 
sofort, daß ich dazu wohl im Stande sei und 
es in jedem Augenblick tun könne. Um jene 
Zeit trug ich mich auch mit Selbstmordgedan- 
ken herum, infolge einer krankhaften Gleich- 
gültigkeit; ich weiß übrigens selbst nicht, war- 
um. An einem dieser zwei oder drei Tage ver- 
übte ich (da ich unbedingt abwarten wollte, daß 
die Kleine alles vergesse), und wohl auch, um 
mich von den mich verfolgenden Gedanken ab- 
zulenken, oder auch nur zum Spaß, in meiner 
Pension einen Diebstahl. Es war der einzige 
Diebstahl meines Lebens. 

In dieser Pension nisteten viele Leute. Unter 
anderem wohnte hier mit seiner Familie in zwei 
möblierten Zimmerchen ein Beamter von etwa 
vierzig Jahren, nicht dumm, von anständigem 
Aussehen, aber arm. Ich verkehrte mit ihm 
nicht, und er fürchtete die Gesellschaft, die 

40 



mich dort umgab. Er hatte soeben seinen Ge- 
halt von fünfunddreißig Rubel bekommen. Vor 
allem bewegte mich dazu, daß ich in jenem 
Augenblick tatsächlich Geld brauchte (obwohl 
ich nach vier Tagen welches mit der Post er- 
hielt), so daß ich gleichsam aus wirklicher Not 
und nicht zum Spaß den Diebstahl beging. Ich 
machte es frech und offen: ich trat einfach in 
sein Zimmer, als er, seine Frau und die Kin- 
der in der anderen Kammer zu Mittag aßen. 
Auf dem Stuhle dicht neben der Tür lag zusam- 
mengefaltet sein Uniformrock. Dieser Gedanke 
hatte mich schon im Korridor durchzuckt. Ich 
steckte die Hand in die Tasche des Rockes und 
zog ein Portemonnaie hervor. Der Beamte hörte 
aber das Geräusch und sah aus der Kammer 
heraus. Er hatte es, glaube ich, sogar gesehen, 
jedenfalls etwas davon; da er aber nicht alles 
gesehen hatte, so traute er natürlich seinen 
Augen nicht. Ich sagte, daß ich aus dem Korri- 
dor in sein Zimmer hineingeschaut hätte, um 
auf seine Wanduhr zu sehen. ,,Sie steht", ant- 
wortete er, und ich ging hinaus. 

Um jene Zeit trank ich viel und hatte in der 
Pension eine ganze Kumpanei, zu der auch Leb- 
jadkin gehörte. Das Portemonnaie mit dem 
Kleingeld warf ich fort und behielt mir nur die 

kl 



Banknoten. Es waren zweiunddreißig Rubel, 
drei rote und zwei gelbe Scheine. Ich ließ so- 
fort einen roten Schein wechseln und Cham- 
pagner bringen ; dann schickte ich auch den an- 
deren roten Schein wechseln und nach ihm den 
dritten. Nach etwa vier Stunden, es war schon 
Abend, fing mich der Beamte im Korridor ab. 

,, Nikolai Wsewolodowitsch, als Sie vorhin zu 
mir hereinkamen, haben Sie da nicht zufällig 
meinen Rock vom Stuhle geworfen? ... er lag 
neben der Tür." 

,,Nein, ich kann mich nicht erinnern. Lag 
denn ein Rock da?" 

„Gewiß." 

„Auf dem Fußboden?" 

,,Erst auf dem Stuhle, und dann auf dem 
Fußboden." 

„Haben Sie ihn aufgehoben?" 

,, Gewiß." 

,,Was wollen Sie dann noch?" 

,,Nun, in diesem Falle nichts ..." 

Er wagte nicht zu Ende zu sprechen, wagte 
auch nicht, es jemand in der Pension zu erzählen, 
so scheu sind oft diese Menschen. In der Pension 
hatten vor mir übrigens alle große Angst und 
einen tiefen Respekt. Später liebte ich es, ihm 
mit den Blicken zu begegnen, an die zwei Mal 

42 



im Korridor. Bald wurde ich aber dessen über- 
drüssig. 

Nach drei Tagen kehrte ich in die Gorocho- 
waja zurück. Die Mutter war eben im Begriff, 
mit einem Pack Sachen fortzugehen ; der Klein- 
bürger war natürlich nicht zu Hause ; so blieben 
nur ich und Matrjoscha in der Wohnung. Die 
Fenster standen offen. Im Hause wohnten lau- 
ter Handwerker, und den ganzen Tag hörte 
man in allen Stockwerken hämmern und sin- 
gen. Wir waren schon eine Stunde zusammen. 
Matrjoscha saß in ihrer Kammer auf einem 
Schemel mit dem Rücken zu mir und machte 
etwas mit einer Nadel. Plötzlich fing sie leise 
zu singen an, sehr leise, wie sie es manchmal 
zu tun pflegte. Ich zog die Uhr aus der Tasche, 
es war zwei. Mein Herz fing an zu klopfen. 23 
Ich stand auf und schlich mich an sie heran. 
Sie hatten auf den Fensterbrettern viele Gera- 
nientöpfe stehen, und die Sonne schien schreck- 
lich grell herein. Ich setzte mich leise auf den 
Boden neben sie. Sie fuhr zusammen und er- 
schrak im ersten Augenblick furchtbar und 
sprang auf. Ich nahm ihre Hand und küßte sie 
leise ; dann zwang ich sie wieder auf den Sche- 
mel und fing an, ihr in die Augen zu schauen. 
Daß ich ilir die Hand geküßt hatte, kam ihr 

43 



als einem Kinde plötzlich komisch vor, aber das 
dauerte nur eine Sekunde, denn sie sprang gleich 
wieder auf, diesmal so sehr erschrocken, daß 
ihr durchs Gesicht ein Krampf lief. Sie sah 
mich mit entsetzlich unbeweglichen Augen an, 
ihre Lippen zuckten, als wollte sie weinen, aber 
sie schrie dennoch nicht auf. Ich küßte ihr wie- 
der die Hand und nahm sie auf den Schoß. ^^ 
Da rückte sie plötzlich mit ganzem Körper weg 
und lächelte wie vor Scham, es war aber ein 
eigentümliches schiefes Lächeln. Ihr ganzes Ge- 
sicht glühte vor Scham. Ich flüsterte ihr im- 
mer etwas zu, wie betrunken. Schließlich ge- 
schah etwas so Seltsames, was ich niemals ver- 
gessen werde, und was mich in Erstaunen setzte : 
die Kleine umschlang meinen Hals mit den Ar- 
men und fing plötzlich selbst an, mich wahn- 
sinnig abzuküssen. Ihr Gesicht drückte voll- 
kommenes Entzücken aus. Ich war nahe daran, 
aufzustehen und wegzugehen, - so unangenehm 
war es mir an dem kleinen Geschöpf, aus Mit- 
leid, das ich plötzlich spürte. ^^ 

Als alles zu Ende war, wurde sie verlegen. Ich 
versuchte gar nicht, ihr etwas auszureden, und 
liebkoste sie nicht mehr. Sie sah mich an und 
lächelte scheu. Ihr Gesicht kam mir auf einmal 
dumm vor. Schließlich bedeckte sie das Gesicht 

44 



mit den Händen und stellte sich unbeweglich in 
die Ecke, mit dem Gesicht zur Wand. Ich fürch- 
tete, sie würde wieder wie vorhin erschrecken, 
und ging schweigend aus dem Hause. 

Ich glaube, sie hat das Vorgefallene zuletzt 
mitTodesgrauen, als etwas grenzenlos Häßliches 
aufgenommen. Trotz der russischen unflätigen 
Schimpf Worte und aller sonderbaren Gespräche 
die sie von denWindeln an gehört haben mußte, 
bin ich vollkommen davon überzeugt, daß sie 
nichts davon verstand. Zuletzt hatte sie sicher 
den Eindruck, ein ungeheures Verbrechen be- 
gangen zu haben, an dem sie die Todsünde 
trüge, als hätte sie ,,Gott ermordet". 

In der folgenden Nacht hatte ich die Prügelei 
in der Kneipe, die ich schon flüchtig erwähnt 
habe. Aber ich erwachte am nächsten Morgen in 
meiner Pension; Lebjadkin hatte mich heimge- 
bracht. Mein erster Gedanke nach dem Erwa- 
chen war: ob sie es gesagt hatte oder nicht ^ Es 
war der Augenblick einer wirklichen Angst, 
wenn auch keiner allzu großen. Ich war sehr 
heiter an jenem Morgen und ungewöhnlich gut 
gegen alle, und die ganze Kumpanei war mit 
mir sehr zufrieden. Ich verließ sie aber und 
ging in die Gorochowaja. Ich traf sie schon un- 
ten im Flur. Sie kam eben aus dem Laden, wo- 

/»5 



hin man sie nach Cichorie geschickt hatte. Als 
sie mich erblickte, schoß sie in unsagbarer Angst 
die Treppe hinauf. Als ich eintrat, hatte ihr die 
Mutter bereits eine Ohrfeige gegeben, weil sie 
,,wie verrückt** in die Wohnung gestürzt sei, 
und das verdeckte die wahre Ursache ihres 
Schreckens. Also war vorläufig alles ruhig. Sie 
hatte sich irgendwohin verkrochen und kam, 
während ich in der Wohnung war, nicht zum 
Vorschein. Ich blieb eine Stunde da und ging. 
Gegen Abend fühlte ich wieder Angst, aber 
schon unvergleichlich stärker. Natürlich hätte 
ich alles leugnen können, aber man könnte mir 
das Verbrechen dennoch nachweisen, und mir 
schwebte schon das Zuchthaus in Sibirien vor. 
Ich habe in meinem ganzen Leben, außer die- 
sem einen Fall, weder vorher noch nachher 
Angst gehabt. Am allerwenigsten vor Sibirien, 
obwohl ich schon mehr als einmal verschickt 
werden konnte. Diesmal war ich aber wirklich 
erschrocken und empfand eine wirkliche Angst, 
ich weiß selbst nicht warum, zum erstenmal in 
meinem Leben, ein sehr qualvolles Gefühl. 
Außerdem überkam mich am Abend in meiner 
Pension ein solcher Haß gegen sie, daß ich mich 
entschloß, sie zu töten. Mein Haß beruhte vor 
allen Dingen auf der Erinnerung an ihr Lächeln. 

46 



In mir wuchs eine Verachtung, verbunden mit 
einem grenzenlosen Abscheu, bei der Erinne- 
rung daran, wie sie sich nach demVorgef allenen 
in die Ecke gestürzt und das Gesicht mit den 
Händen bedeckt hatte ; meiner bemächtigte sich 
eine unbeschreibUche Wut, darauf folgte ein 
Schüttelfrost, und als ich gegen Morgen Fieber 
bekam, fühlte ich wieder Angst, diesmal mit 
einer solchen Qual, wie ich sie vorher nie ge- 
kannt habe. Ich haßte aber nicht mehr das Mäd- 
chen, jedenfalls erreichte der Haß nicht mehr 
den Paroxjsmus wie am Abend. Ich habe be- 
merkt, daß eine große Angst den Haß und 
Rachedurst vollkommen vertreibt. 

Ich erwachte gegen Mittag, gesund, und wun- 
derte mich sogar über die Kraft meiner gestri- 
gen Eindrücke. Ich war jedoch schlechter Laune 
und mußte, trotz meines Absehens, wieder in 
die Gorochowaja gehen. Ich erinnere mich noch, 
daß ich damals ein großes Verlangen spürte, 
unterwegs einen Streit mit irgendjemand zu 
haben, aber nur einen ernsthaften. Als ich in 
die Gorochowaja kam, traf ich in meinem 
Zimmer Nina Ssaweljewna an, das Dienst- 
mädchen, das schon seit etwa einer Stunde 
auf mich wartete. Dieses Mädchen liebte 
ich gar nicht, und sie hatte darum ein 

47 



wenig gefürchtet, daß ich ihr wegen des uner- 
warteten Besuches zürnen würde. Aber ich freute 
mich plötzHch, sie bei mir zu sehen. Sie war 
gar nicht übel, aber bescheiden und hatte Ma- 
nieren, wie sie den Kleinbürgern gefallen, so 
daß meine Wirtin sie mir schon seit langem 
lobte. Ich traf sie beide beim Kaffeetrinken an, 
meine Wirtin war mit der angenehmen Unter- 
haltung außerordentlich zufrieden. In der 
Ecke ihrer Kammer bemerkte ich Matrjoscha. 
Sie stand da und sah ihre Mutter und den Be- 
such regungslos an. Als ich eintrat, versteckte 
sie sich nicht mehr wie damals und lief auch 
nicht davon. Mir schien bloß, daß sie sehr ab- 
gemagert sei und Fieber habe. Ich war freund- 
lich zu Nina und schloß die Tür zu der Wirtin, 
was ich schon lange nicht getan hatte, so daß 
Nina sehr erfreut wegging. Ich begleitete sie 
selbst hinaus und kam dann zwei Tage nicht 
mehr in die Gorochowaja. Es langweilte mich 
schon. Ich hatte mich entschlossen, allem ein 
Ende zu machen, die Wohnung zu kündigen 
und Petersburg zu verlassen. ^e 

Als ich aber kam, um die Wohnung zu kün- 
digen, traf ich die Wirtin in Unruhe und Kum- 
mer an: Matrjoscha war schon den dritten Tag 
krank, hatte jede Nacht Fieber und phantasierte. 

48 



Natürlich fragte ich, worüber sie phantasiere 
(wir sprachen ganz leise in meinem Zimmer), 
unddieWirtin flüsterte mir zii,esseien,,schreck- 
■ liehe Dinge": ,,sie hätte Gott ermordet". Ich 
schlug ihr vor, auf meine Kosten einen Arzt zu 
holen, aber sie wollte es nicht: ,,So Gott will, 
wird es auch so vorübergehen; sie liegt ja auch 
nicht immer zu Bett, am Tage geht sie aus und 
ist sogar vorhin unten im Laden gewesen". Ich 
entschloß mich, Matrjoscha allein anzutreffen, 
und da mir die Wirtin verraten hatte, daß sie 
gegen fünf Uhr auf der Petersburger Seite zu 
tun habe, nahm ich mir vor, am Abend wie- 
derzukommen. 

Ich aß in einem Gasthause zu Mittag. Punkt 
fünf und ein Viertel kam ich wieder. Ich pflegte 
die Wohnung immer mit meinem eigenen 
Schlüssel zu öffnen. Außer Matrjoscha war nie- 
mand da. Sie lag in der Kammer hinter der 
spanischen Wand, und ich sah, wie sie heraus- 
blickte; aber ich tat so, als merkte ich es nicht. 
Alle Fenster standen offen. Die Luft war warm, 
es war sogar heiß. Ich ging eine Weile auf und ab 
und setztemich dann aufsSofa.Ich erinneremich 
noch an alles bis zum letzten Augenblick. Es 
verschaffte mir einen ausgesprochenen Genuß, 
Matrjoscha nicht anzusprechen, sondern sie ver- 

^' 49 



schmachten zu lassen ; ich weiß selbst nicht, war- 
um. Ich wartete eine ganze Stunde, und plötz- 
lich sprang sie selbst hinter der spanischen 
Wand heraus. Ich hörte, wie ihre beiden Soh- 
len auf den Boden stießen, als sie aus dem Bette 
sprang, dann recht schnelle Schritte, und da 
stand sie schon an der Schwelle meines Zim- 
mers. Sie stand da und sah mich schweigend 
an. Ich war so gemein, daß mein Herz vor 
Freude darüber erzitterte, daß ich mich be- 
herrscht und abgewartet hatte, daß sie den ersten 
Schritt mache. In diesen Tagen, als ich sie seit 
damals kein einziges Mal in der Nähe gesehen 
hatte, war sie wirklich entsetzlich abgemagert. 
Ihr Gesicht war wie ausgetrocknet, und der 
Kopf sicher heiß. 

Die Augen waren groß geworden und sahen 
mich unverwandt an, mit einer stumpfen Neu- 
gier, wie es mir anfangs vorkam. Ich saß da, 
sah sie an und rührte mich nicht. Da spürte ich 
wieder Haß. Aber ich merkte sehr bald, daß 
sie mich gar nicht fürchtete, höchstwahrschein- 
lich war es das Fieber. Aber es war auch kein 
Fieber. Sie fing plötzlich an, mir sehr schnell 
mit dem Kopfe zuzunicken, wie es naive Men- 
schen ohne Manieren zu tun pflegen, wenn sie 
jemand etwas vorwerfen; plötzlich erhob sie 

5o 



gegen mich ihre kleine Faust und begann mir, 
ohne näher zu kommen, zu drohen. Im ersten 
Augenbhck erschien mir diese Bewegung ko- 
misch, aber dann konnte ich sie nicht ertragen. ^^ 
Ihr Gesicht drückte solche Verzweiflung aus, 
wie man sie im Gesicht eines Kindes unmöglich 
sehen kann. Sie schwang immer ihre kleine 
Faust drohend gegen mich und nickte vorwurfs- 
voll mit dem Kopf. Ich stand auf, rückte er- 
schrocken zu ihr heran und begann vorsichtig, 
freundlich und nicht allzu laut zu sprechen, 
merkte aber, daß sie mich nicht verstehen würde. 
Dann bedeckte sie plötzlich das Gesicht genau 
wie damals schnell mit beiden Händen, ging 
weg und stellte sich ans Fenster mit dem Rücken 
zu mir. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und 
setzte mich ebenfalls ans Fenster. Ich kann un- 
möglich begreifen, warum ich damals nicht 
weggegangen sondern geblieben bin, als war- 
tete ich auf etwas. Bald hörte ich wieder ihre 
schnellen Schritte: sie trat durch die Tür auf 
die hölzerne Galerie, von der die Treppe hin- 
unterführte, ich aber lief sofort zu meiner Türe, 
machte sie etwas auf und konnte noch sehen, 
wie Matrjoscha in die winzige Kammer ging, 
die an einen Hühnerstall erinnerte und sich 
neben einem anderen Ort befand. Ein inter- 

h* 5i 



essanter Gedanke ging mir plötzlich durch den 
Sinn. Ich kann auch heute nicht begreifen, war- 
um er mir zuerst in den Sinn kam; folglich 
ging alles darauf hinaus. Ich schloß die Türe 
und setzte mich wieder ans Fenster. Natürlich 
durfte ich dem Gedanken, der mich durchzuckte, 
noch nicht glauben; ,,aber immerhin" . . . (ich 
erinnere mich an alles, mein Herz klopfte sehr 
stark) . 

Nach einer Minute sah ich auf die Uhr und 
merkte mir so genau wie möglich die Zeit. Wo- 
zu ich diese Genauigkeit brauchte, weiß ich 
nicht, aber ich hatte die Kraft, es zu tun und 
wollte mir in jenem Augenblick überhaupt alles 
merken. So erinnere ich mich an alles, was ich 
mir gemerkt hatte, und sehe es deutlich vor 
Augen. Der Abend rückte heran. Über mir 
summte eine Fliege, die sich mir immer wieder 
aufs Gesicht setzte. Ich fing sie ein, hielt sie 
eine Weile in den Fingern und ließ sie dann 
zum Fenster hinaus. Unten fuhr geräuschvoll 
ein Wagen in den Hof. Sehr laut (und zwar 
schon seit langem) sang ein Handwerker, ein 
Schneider, im Fenster in einem Winkel des 
Hofes sein Lied. Er saß bei der Arbeit, und ich 
konnte ihn sehen. Es fiel mir ein, daß, da mich 
niemand gesehen hatte, als ich ins Tor einge- 

52 



treten und die Treppe hinaufgegangen war, - 
es natürlich auch gar nicht nötig sei, daß mir 
jemand begegne, wenn ich hinuntergehn würde ; 
so rückte ich meinen Stuhl vorsichtig vom Fen- 
ster weg, damit mich die Hausbewohner nicht 
sähen. Ich griff nach einem Buch, legte es aber 
weg und fing an, eine winzige rote Spinne auf 
einem Geranienblatt zu beobachten ; darin fand 
ich Vergessen. Ich erinnere mich an alles bis 
zum letzten Augenblick. 

Plötzlich zog ich wieder die Uhr aus der 
Tasche. Es waren genau zwanzig Minuten ver- 
gangen, seitdem sie das Zimmer verlassen hatte. 
Meine Hypothese erschien immer wahrschein- 
licher. Aber ich entschloß mich, noch genau 
eine Viertelstunde zu warten. Mir kam auch 
der Gedanke, daß sie schon zurückgekehrt sei, 
und ich es vielleicht überhört habe; aber es 
konnte nicht sein : es herrschte eine Grabesstille, 
und ich konnte das Summen jeder Fliege hören. 
Plötzlich klopfte mir wieder das Herz. Ich zog 
die Uhr : es fehlten noch drei Minuten ; ich war- 
tete sie ab, obwohl mein Herz so klopfte, daß 
es weh tat. Da erhob ich mich, setzte den Hut 
auf, knöpfte den Mantel zu und sah mich im 
Zimmer um, ob nicht irgendwelche Spuren mei- 
ner Anwesenheit geblieben seien. Ich stellte den 

53 



Stuhl näher ans Fenster, wie er früher gestan- 
den hatte. SchHeßlich öffnete ich leise die Tür, 
schloß sie mit meinem Schlüssel ab und ging 
zu der Kammer. Die Tür war angelehnt, aber 
nicht geschlossen ; ich wußte, daß sie sich gar 
nicht absperren ließ, wollte aber nicht öffnen, 
sondern stellte mich nur auf die Fußspitzen 
und blickte durch eine Ritze hinein. In dem 
Augenblick, als ich mich auf die Fußspitzen 
stellte, erinnerte ich mich, daß ich, als ich am 
Fenster gesessen und die kleine rote Spinne be- 
obachtet, schon daran gedacht hatte, wie ich 
mich auf die Fußspitzen stellen und mein Auge 
an die Ritze drücken werde. Indem ich hier 
dieses kleine Detail eintrage, will ich unbedingt 
beweisen, bis zu welchem Grade ich meiner gei- 
stigen Fähigkeiten mächtig war, und daß ich 
alles verantworte. Ich sah lange durch die Ritze, 
denn es war darin sehr dunkel, aber doch nicht 
ganz dunkel, so daß ich schließlich das sah, was 
ich wollte ... 

Endlich entschloß ich mich fortzugehen. Auf 
der Treppe traf ich niemand. Nach etwa drei 
Stunden saßen wir alle beisammen ohne Röcke 
in der Pension, tranken Tee und spielten mit 
alten Karten; Lebjadkin las Verse vor. Man er- 
zählte sehr viel, zufällig waren es lauter gelun- 

54 



gene und komische Erzählungen, und nicht so 
dumme wie immer. Auch Kirillow war damals 
da. Niemand trank, obwohl eine Flasche Rum 
auf dem Tische stand; nur Lebjadkin allein 
machte von ihr Gebrauch. 

Prochor Malow bemerkte, daß ,,wenn Niko- 
lai Wsewolodowitsch zufrieden sei und keine 
Grillen fange, auch alle andern lustig seien und 
klug sprechen". Ich merkte mir dies schon da- 
mals, folglich war ich damals lustig, zufrieden 
und fing keine Grillen. Das war aber nur 
äußerlich so. Aber ich erinnere mich, gewußt zu 
haben, daß ich ein niedriger und gemeiner Feig- 
ling bin, weil ich mich so über meine Befreiung 
freute, und niemals mehr edel sein werde. 

Aber schon gegen elf kam die Kleine des 
Hausknechtes aus der Gorochowaja zu mir mit 
der Nachricht von der Wirtin gelaufen, daß Ma- 
trjoscha sich erhängt habe. Ich ging mit der 
Kleinen mit und sah, daß die Wirtin selbst 
nicht wußte, weshalb sie nach mir geschickt 
hatte. Sie schrie und warf sich hin und her, es 
war eine Menge Leute da, auch die Polizei. Ich 
blieb eine Weile und ging dann weg. 

Man belästigte mich während der ganzen Zeit 
fast gar nicht und stellte an mich nur die not- 
wendigsten Fragen. Aber außer dem, daß das 

55 



Kind krank gewesen sei und phantasiert habe, 
so daß ich vorgeschlafen hätte, auf meine Ko- 
sten einen Arzt zu holen, sagte ich nichts aus. 
Man fragte auch etwas wegen des Federmessers; 
ich sagte, die Wirtin hätte sie deswegen mit Ru- 
ten gezüchtigt, aber das habe nichts auf sich. 
Daß ich am Abend dagewesen war, wußte nie- 
mand. ^s 

Acht Tage lang ging ich nicht hin. Ich kam 
wieder, als man sie schon längst beerdigt hatte, 
um die Wohnung zu kündigen. Die Wirtin 
weinte noch immer, machte sich aber schon wie- 
der wie früher mit ihren Lumpen und der Näh- 
arbeit zu schaffen. ,,lch habe sie damals wegen 
Ihres Messers so gekränkt", sagte sie mir, aber 
ohne großen Vorwurf. Ich rechnete mit ihr ab, 
unter dem Yorwande, daß ich doch in dieser 
Wohnung nicht länger bleiben könne, um Nina 
Ssaweljewna zu empfangen. Zum Abschied 
lobte sie die Nina Ssaweljewna noch einmal. 
Ich schenkte ihr fünf Rubel außer dem, was ich 
für die Wohnung schuldete. 

Vor allen Dingen langweilte mich das Leben 
zum Verrücktwerden. Den Vorfall in der Goro- 
chowaja hätte ich, nachdem die Gefahr vorüber 
war, gänzlich vergessen, ebenso wie alle ande- 
ren Erlebnisse jener Zeit, wenn ich mich nicht 

56 



nach einiger Zeit mit Wut daran erinnerte, wie 
feige ich damals war. 

Ich Heß meine Wut an jedem aus, an dem ich 
nur konnte. Um jene Zeit kam mir, aber nicht 
aus irgendeinem bestimmten Grunde, der Ge- 
danke, mein Leben irgendwie zu verunstalten, 
und zwar möglichst abscheulich. Schon vor 
einem Jahre hatte ich mich einmal erschießen 
wollen; nun bot sich mir etwas Besseres. 

Als mein Blick einmal auf die lahme Mar ja 
Timofejewna Lebjadkina fiel, die uns in un- 
seren Zimmern manchmal bediente, und die 
damals noch nicht verrückt, sondern bloß eine 
begeisterte Idiotin war, heimlich in mich ver- 
liebt (wie es die unsrigen ausgekundschaftet 
hatten), faßte ich den plötzlichen Entschluß, 
sie zu heiraten. Der Gedanke an die Verheira- 
tung Stawrogins mit diesem letzten aller 
Geschöpfe reizte meine Nerven. Etwas Häß- 
licheres war gar nicht auszudenken. 29 Jedenfalls 
heiratete ich sie nicht nur wegen einer W'ette 
nach einem Trinkgelage. Der Trauung wohn- 
ten Kirillow und Pjotr Werchowenskij bei, der 
zufällig in Petersburg war; dann auch Lebjad- 
kin selbst und Prochor Malow (jetzt ist er tot). 
Sonst erfuhr niemand etwas davon, diese ga- 
ben mir aber das Wort zu schweigen. Dieses 

57 



Schweigen kam mir immer als eine Gemeinheit 
vor, aber es ist bis heute noch nicht verletzt, 
obwohl ich die Möglichkeit hatte, es publik zu 
machen; jetzt gebe ich es mit allem anderen 
bekannt. 

Nach der Trauung fuhr ich in die Provinz zu 
meiner Mutter. Ich fuhr zur Zerstreuung. ^o In 
unserer Stadt ließ ich den Eindruck zurück, 
daß ich verrückt sei, einen Eindruck, der auch 
heute noch besteht und mir zweifellos schadet, 
was ich weiter erklären werde. Dann fuhr ich 
ins Ausland und blieb dort vier Jahre. 

Ich war im Orient, auf dem Berge Athos, 
wo ich Abendgottesdiensten von acht Stunden 
Dauer stehend beiwohnte, in Ägypten, hielt 
mich in der Schweiz auf, war sogar auf Island, 
und absolvierte ein ganzes Jahr in Göttingen. 
Im letzten Jahr befreundete ich mich mit einer 
vornehmen russischen Familie in Paris und mit 
zwei russischen jungen Mädchen in der Schweiz. 
Vor zwei Jahren ging ich einmal in Frankfurt 
an einer Schreibwarenhandlung vorbei und sah 
zwischen den zum Verkauf ausgestellten Photo- 
graphien das Bild eines hübschgekleideten klei- 
nen Mädchens, das aber große Ähnlichkeit mit 
Matrjoscha hatte. Ich kaufte mir sofort das 
Bild und legte es, ins Hotel zurückgekehrt, auf 

58 



den Kaminsinis. Hier blieb es an die acht Tage 
unberührt Hegen, ich sah es kein einziges Mal 
an, und als ich Frankfurt verließ, vergaß ich 
es mitzunehmen. 

Ich trage dies ein, um zu zeigen, in welchem 
Maße ich die Erinnerungen in meiner Gewalt 
hatte, und wie gefühllos ich gegen sie geworden 
war. Ich wies sie alle als ganze Masse zurück, 
und die ganze Masse verschwand gehorsam, so- 
bald ich es nur wollte. Es war mir immer lang- 
weilig, an das Vergangene zu denken, und ich 
konnte auch niemals vom Vergangenen spre- 
chen, wie es fast alle Menschen tun, umsomehr 
als es mir, wie alles, was mit mir zusammen- 
hing, verhaßt war. Was aber Matrjoscha be- 
trifft, so habe ich sogar ihr Bild auf dem Ka- 
minsims vergessen. Als ich im vorigen Jahre, 
im Frühling durch Deutschland reiste, ver- 
paßte ich aus Zerstreutheit eine Station, auf der 
ich umsteigen mußte, um mein Reiseziel zu er- 
reichen, und kam so auf eine andere Strecke. 
Man setzte mich auf der folgenden Station aus 
dem Zuge ; es war die dritte Nachmittagsstunde, 
der Tag war heiter. Es war ein kleines deutsches 
Städtchen. Man zeigte mir einen Gasthof. Ich 
mußte warten. Der nächste Zug ging erst um 
elf Uhr abends. Ich freute mich sogar über das 

59 



Abenteuer, denn ich hatte keine Eile. Der Gast- 
hof war klein und schlecht, lag aber ganz im 
Grünen und von Blumenbeeten umgeben. Ich 
bekam ein enges Zimmerchen. Ich aß gut zu 
Mittag und schlief, da ich die ganze Nacht un- 
terwegs gewesen war, um vier Uhr nachmittags 
prachtvoll ein. 

Ich hatte einen für mich durchaus unerwar- 
teten Traum, dergleichen hatte ich noch nie ge- 
träumt. In der Dresdner Galerie hängt ein Bild 
A-^on Claude Lorrain, das nach dem Katalog, 
glaube ich, ,,Acis und Galatea" heißt; ich 
pflegte es aber, ich weiß selbst nicht warum, 
,, Goldenes Zeitalter" zu nennen. Ich hatte es 
auch schon früher gesehen und es mir vor drei 
Tagen, als ich durch Dresden kam, wieder ge- 
merkt. Ich war sogar eigens zu diesem Zweck 
in die Galerie gegangen, um es zu sehen; viel- 
leicht hatte ich auch nur wegen dieses Bildes 
den Abstecher nach Dresden gemacht. Dieses 
Bild sah ich nun im Traume, aber nicht als ein 
Gemälde, sondern als Wirklichkeit. 

Es war ein Winkel des Griechischen Ar- 
chipel; freundliche, blaue Wellen, Inseln und 
Felsen, ein blühender Strand, ein zauberhaf- 
tes Panorama in der Ferne, eine untergehende, 
lockende Sonne - mit Worten kann man es gar 

60 



nicht wiedergeben. Hier hatte sich die Mensch- 
heit ihre Wiege gedacht, hierher versetzte sie 
die ersten Szenen der Mythologie, hier war ihr 
irdisches Paradies . . . Hier lebten herrliche Men- 
schen. Beim Erwachen und Einschlafen waren 
sie gleich glücklich und unschuldig; die Ge- 
hölze widerhallten von ihren freudigen Liedern, 
der große Überfluß unverbrauchter Kräfte wan- 
delte sich in Liebe und einfältige Freude. Die 
Sonne übergoß mit ihren Strahlen diese Inseln 
und das Meer und freute sich ihrer schönen 
Kinder. Ein herrlicher Traum, eine erhabene 
Täuschung ! Ein Traum, unwahrscheinlicher als 
alle, die die Menschheit je gehabt, dem sie aber 
ihr ganzes Leben lang alle ihre Kräfte hingab, 
dem sie alles opferte, dem zuliebe ihre Prophe- 
ten an Kreuzen starben und getötet wurden, 
ohne den die Völker nicht leben wollen werden 
und selbst nicht sterben können. Diese ganze 
Empfindung durchkostete ich gleichsam in die- 
sem Traume ; ich weiß nicht genau, was ich alles 
träumte, aber die Felsen und das Meer und die 
schrägen Strahlen der untergehenden Sonne 
glaubte ich auch dann noch zu sehen, als ich er- 
wachte und die Augen öffnete, die zum ersten 
Male in meinem Leben voller Tränen waren. 
Das Gefühl einer mir noch unbekannten Freude 

6i 



durchdrang mein Herz so, daß es sogar weh tat. 
Es war schon Abend ; ins Fenster meines kleinen 
Zimmers drang durch das Grün der auf dem 
Fensterbrett stehenden Blumenstöcke eine ganze 
Garbe greller, schräger Strahlen der untergehen- 
den Sonne, die mich mit ihrem Lichte überflu- 
tete. Ich beeilte mich, die Augen wieder zu 
schließen, als wollte ich den entschwundenen 
Traum zurückrufen, aber inmitten des unsag- 
bar grellen Lichtes sah ich plötzlich einen win- 
zigen Punkt. Dieser Punkt fing plötzlich an, 
Gestalt anzunehmen, und plötzlich sah ich vor 
mir eine winzige rote Spinne. Ich erinnerte 
mich ihrer sofort, wie sie auf demGeraniumblatt 
gesessen, als die Strahlen der untergehenden 
Sonne ebenso hereinfluteten. Etwas bohrte sich 
in mich, ich erhob mich und setzte mich aufs 
Bett . . . 

(Das ist alles, wie es damals geschah!) 
Ich sah vor mir - (oh, nicht im Wachen! 
wenn es doch eine wirkliche Vision gewesen 
wäre!) - ich sah Matrjoscha, abgemagert, mit 
fiebernden Augen, genau so wie damals, als sie 
bei mir auf der Schwelle stand, mir zunickte 
und ihr kleines Fäustchen gegen mich erhob. 
Mir ist noch nichts so qualvoll erschienen! Die 
elende Verzweiflung eines hilflosen si Geschöpfs 

62 



mit noch unfertigem Verstand, das mir drohte 
(womit? was hätte es mir tun können? - mein 
Gottl), das aber natürhch nur sich allein an- 
klagte 1 Dergleichen hatte ich noch nie erlebt. 
Ich saß bis zum späten Abend da, ohne mich zu 
rühren und dachte nicht an die Zeit. Ob man 
das Gewissensbisse oder Reue nennt, weiß ich 
nicht und könnte es auch jetzt nicht sagen. ^2 
Unerträglich ist mir aber nur dieses eine Bild, 
wie sie an der Schwelle mit der erhobenen und 
drohenden kleinen Faust gestanden hatte, nur 
ihr damaliges Aussehen, nur jener Augenblick, 
nur das Nicken mit dem Kopfe. Das ist es, was 
ich nicht ertragen kann, denn es erscheint mir 
auch jetzt noch jeden Tag. Es erscheint nicht 
von selbst, sondern ich rufe es selbst, und es 
ist mir unmöglich, es nicht zu rufen, obwohl 
ich damit nicht leben kann. Oh, wenn ich sie 
doch nur einmal im Wachen sehen könnte, und 
sei es auch nur in einer Halluzination I^s 

Warum erregt keine der anderen Erinnerun- 
gen meines Lebens in mir etwas Ähnliches? - 
ich hatte aber ihrer viele, die vor dem Gerichts- 
stuhle der Menschen noch schlimmer erscheinen 
mögen. 

Höchstens den Haß, der aber von meiner 
jetzigen Lage hervorgerufen ist; früher konnte 

63 



ich ihn aber kaltblütig vergessen und von mir 
weisen. 

Nachher trieb ich mich fast ein ganzes Jahr 
herum und bemühte mich, eine Beschäftigung 
zu finden. Ich v^eiß, daß ich Matrjoscha auch 
jetzt von mir weisen könnte, wenn ich es wollte. 
Ich bin noch immer vollständig Herr meines 
Willens, genau wie früher. Das ist aber die 
Sache, daß ich es niemals habe tun wollen, es 
selbst nicht will und auch nicht wollen werde. 
So wird es bleiben, bis ich wahnsinnig werde. 

Zwei Monate später, in der Schweiz, über- 
kam mich wieder solch ein Anfall von Leiden- 
schaft, wie ich sie nur einst, in der ersten Zeit, 
erfahren hatte. 3* Ich fühlte eine schreckliche 
Versuchung zu einem neuen Verbrechen, und 
zwar zur Bigamie (denn ich bin schon verhei- 
ratet) ; aber ich floh davon auf Rat eines an- 
deren Mädchens, dem ich alles eröffnet und so- 
gar gestanden hatte, daß ich jene, die ich so be- 
gehrte, gar nicht liebte und auch niemals lieben 
können würde. - Dieses neue Verbrechen würde 
mich außerdem niemals von Matrjoscha erlösen. 

So entschloß ich mich denn, diese Blätter 
drucken zu lassen und in dreihundert Exem- 
plaren nach Rußland einzuführen; wenn die 
Zeit kommt, schicke ich sie der Polizei und den 

64 



lokalen Behörden; gleichzeitig schicke ich sie 
an die Redaktionen aller Zeitungen mit der Bitte 
um Veröffentlichung und an die vielen Leute 
in Petersburg und ganz Rußland, die mich ken- 
nen. Gleichzeitig wird es im Auslande in Über- 
setzung erscheinen. Ich weiß, daß man mich 
juristisch vielleicht nicht behelligen wird, je- 
denfalls nicht fühlbar; ich klage mich selbst ^n 
und habe keinen anderen Ankläger, außerdem 
gibt es gar keine oder nur sehr wenige Beweise. 
Schließlich hat sich überall die Ansicht festge- 
setzt, daß ich geistesgestört sei, und meine Ver- 
wandten werden sich das zunutze machen und 
jede für mich gefährliche juristische Verfol- 
gung im Keime ersticken. Das erkläre ich u.a., 
um zu zeigen, daß ich jetzt bei vollem Verstand 
bin und meine Lage wohl begreife. Mir bleiben 
aber diejenigen, die alles wissen werden; sie 
werden auf mich sehen, und ich auf sie. Ich 
will, daß alle auf mich sehen. Ob es mich er- 
leichtern wird, weiß ich nicht. Ich greife da- 
nach als nach dem letzten Mittel. 

Noch einmal: wenn man bei der Petersbur- 
ger Polizei ordentlich nachforschen wollte, so 
könnte man vielleicht alles finden. Die Klein- 
bürger können auch jetzt noch in Petersburg 
leben. Auf das Haus wird man sich natürlich 

5 65 



besinnen. Es war von hellblauer Farbe. Ich aber 
werde nirgends verreisen und mich einige Zeit 
(ein Jahr oder zwei) ständig in Skworeschniki, 
dem Gute meiner Mutter, aufhalten. Wenn man 
mich aber ruft, will ich überall erscheinen. 

Nikolai Stawrogin 



66 



NEUNTES KAPITEL35 

Das Lesen dauerte etwa eine Stunde. Tichon 
las langsam und überflog vielleicht einige Stellen 
zweimal. Stawrogin saß die ganze Zeit schwei- 
gend und unbeweglich. Seltsam: der Ausdruck 
von Ungeduld, Zerstreutheit und einer Art Deli- 
rium, den sein Gesicht diesen ganzen Morgen 
gezeigt hatte, war fast ganz verschwunden und 
hatte denn Ausdruck von Ruhe und einer Art 
Aufrichtigkeit Platz gemacht, was ihm ein fast 
würdiges Aussehen verlieh. 3g Tichon nahm die 
Brille ab, wartete eine Weile, richtete auf ihn 
schließlich seinen Blick und begann als erster 
mit einiger \orsicht: 

,, Könnte man nicht in diesem Dokument eini- 
ges korrigieren?" 

„Wozu? Ich habe es aufrichtig geschrieben", 
antwortete Stawrogin. 

,,Ein wenig den Stil ..." 

,,Ich vergaß, Sie darauf aufmerksam zu ma- 
chen", sagte er schnell und scharf, sich mit dem 

5* G7 



ganzen Rumpf vorbeugend, ,,daß alle Ihre 
Worte vergebens sein w^erden; ich w^erde meine 
Absicht nicht aufgeben; bemühen Sie sich 
nicht, sie mir auszureden. Ich w^erde es ver- 
öffentlichen." 

„Sie haben nicht versäumt, mir es schon vor- 
her, vor dem Lesen zu sagen." 

,,Gan7 gleich", unterbrach ihn Stawrogin 
scharf, ,,ich wiederhole noch einmal: wie groß 
auch die Kraft Ihrer Einwände sein mag, ich 
werde meine Absicht nicht aufgeben. Merken 
Sie sich auch, daß ich Sie mit dieser ungeschick- 
ten oder geschickten Wendung - denken Sie 
sich, was Sie wollen - durchaus nicht provo- 
zieren will, damit Sie schneller mit Ihren Ein- 
wänden und Bitten kommen."" 

,,Ich könnte Ihnen gar nichts einwenden und 
noch viel weniger Sie bitten, daß Sie Ihre Ab- 
sichten aufgeben. Diese Idee ist groß, und der 
christliche Gedanke kann gar nicht vollständi- 
ger zum Ausdruck kommen. Die Reue kann 
gar nicht weiter als zu der wunderbaren Tat, 
die Sie planen, gehen, wenn es nur ..." 

,,Wenn was?" 

,,Wenn es nur wirklich Reue und ein christ- 
licher Gedanke wäre." 

,,Ich habe es aufrichtig geschrieben." 

68 



,,Sie wollen anscheinend sich selbst mit Ab- 
sicht roher hinstellen, als es Ihr Herz möchte ..." 
fuhr Tichon immer kühner fort. Das ,, Doku- 
ment" hatte auf ihn wohl einen starken Ein- 
druck gemacht. 

„Mich hinstellen? - Ich wiederhole: ich will 
mich als nichts ,hinstellen' und am allerwenig- 
sten Komödie spielen." 

Tichon senkte schnell den Blick. 

„Dieses Dokument kommt direkt aus dem 
Bedürfnis eines tödlich verwundeten Herzens, - 
ich verstehe Sie doch richtig?" sagte er ein- 
dringlich mit ungewöhnlichem Feuer. ,,Ja, es 
ist die Reue und das natürliche Bedürfnis nach 
Reue, das Sie besiegt hat, und Sie haben einen 
großen Weg betreten, einen unerhörten Weg. 
Aber Sie scheinen schon im voraus alle zu has- 
sen und zu verachten, die das hier Beschriebene 
lesen werden, und sie zum Kampfe herauszu- 
fordern. Wenn Sie sich nicht schämen, das Ver- 
brechen zu gestehen, warum schämen Sie sich 
dann der Reue?" 

,,lcli schäme mich?" 

,,Sie schämen sich und fürchten." 

,,Ich fürchte mich?" 

„Bis zur Todesangst. Sollen sie nur auf mich 
sehen, sagen Sie ; nun, und Sie selbst, wie wer- 

69 



den Sie auf sie sehen? Gewisse Stellen Ihrer 
Schilderung sind durch den Stil unterstrichen; 
Sie scheinen Ihre Psychologie zu bewundern 
und klammern sich an jede Kleinigkeit, nur um 
den Leser durch die Gefühllosigkeit in Erstau- 
nen zu setzen, die Ihnen gar nicht eigen ist. 
Was ist es denn, wenn nicht eine hochmütige 
Herausforderung des Schuldigen an den Rich- 
ter." 

,,Wo ist denn die Herausforderung? Ich habe 
ja alle persönlichen Betrachtungen ausgeschal- 
tet." 

Tichon sagte nichts. Seine blassen Wangen 
röteten sich sogar. 

„Lassen wir das", brach Stawrogin scharf 
ab. ,, Gestatten Sie auch mir, eine Frage zu stel- 
len: wir sprechen schon fünf Minuten darüber 
(er wies mit einer Kopfbewegung auf die Blät- 
ter), und ich sehe an Ihnen keinerlei Ausdruck 
von Abscheu oder Scham . . . Sie scheinen nicht 
heikel zu sein ..." 

Er kam nicht weiter. ^s 

,,Ich will vor Ihnen nichts verheimlichen : i:h 
entsetzte mich vor der großen müßigen Kraft, die 
mit 7\l)sicht zu Gemeinheiten verschwendet wor- 
den ist. Und was das Verbrechen selbst betrifft, 
so begehen viele dieselbe Sünde, leben aber in 

70 



Frieden mit ihrem Gewissen und in Ruhe und 
sehen es sogar als unvermeidliche Vergehen der 
Jugend an. Es gibt auch Greise, die ebenso sün- 
digen, sogar mit Genuß und Frivolität. Die 
ganze Welt ist voll solcher Schrecken. Sie ha- 
ben aber die ganze Tiefe erkannt, was in diesem 
Maße sehr selten vorkommt." 

,, Haben Sie mich vielleicht nach dieser Lek- 
türe zu achten angefangen?" fragte Stawrogin 
mit einem schiefen Lächeln. 

,, Darauf gebe ich keine direkte Antwort. Aber 
ein größeres und schrecklicheres Verbrechen als 
Ihre Tat an der Kleinen ist natürlich unmög- 
lich." 

,,Wir wollen nicht mit Ellen messen. 3» Viel- 
leicht leide ich wirklich nicht so sehr, wie ich es 
hier beschrieben habe, vielleicht habe ich auch 
vieles über mich erlogen", fügte er ganz uner- 
wartet hinzu. 

Tichon sagte darauf wieder nichts.*" 

,,Und das junge Mädchen", fing Tichon von 
neuem an, ,,mit dem Sie in der Schweiz ge- 
brochen haben, wo befindet sie sich jetzt, wenn 
ich fragen darf ... in diesem Augenblick?" 

,,Hier." 

Er sagte wieder nichts. 

„Vielleicht habe ich über mich sehr viel ge- 

71 



logen", wiederholte Stawrogin eindringlich. 
,,Was macht es übrigens, daß ich die Leute 
durch die Roheit meiner Beichte herausfor- 
dere, wenn Sie die Herausforderung bereits be- 
merkt haben? ! Ich werde sie zwingen, mich noch 
mehr zu hassen, das ist alles. Aber davon würde 
mir nur leichter werden." 

„Das heißt, der Haß gegen Sie wird in Ihnen 
einen Gegenhaß wecken, und wenn Sie hassen, 
wird es Ihnen leichter sein, als wenn Sie ihr 
Mitleid annehmen." 

,,Sie haben recht. Wissen Sie", sagte er plötz- 
lich lachend: ,,man wird mich nach diesem Do- 
kument vielleicht einen Jesuiten und einen 
frommen Heuchler nennen, ha ha ha! Nicht 
wahr?" 

,,Eswird unbedingt auch diese Ansicht geben. 
Hoffen Sie Ihre Absicht bald auszuführen?" 

,, Heute, morgen, übermorgen, woher soll ich 
es wissen? Aber sehr bald. Sie haben recht, es 
wird gerade so kommen, daß ich es ganz plötz- 
lich veröffentliche, und zwar gerade in einem 
Augenblick von Haß und Rachedurst, wo ich 
sie am meisten hassen werde." 

,, Beantworten Sie mir eine Frage, aber auf- 
richtig, nur mir allein", sagte Tichon mit einer 
ganz anderen Stimme: ,,Wenn Ihnen jemand 

72 



beim Lesen Ihrer schrecklichen Beichte dies da 
(Tichon zeigte auf die Blätter) vergeben würde, 
und zwar nicht einer von denen, die Sie achten 
oder fürchten, sondern ein Fremder, ein Mensch, 
den Sie niemals kennen lernen werden, stumm 
vor sich hin, - würde Ihnen bei diesem Ge- 
danken leichter werden, oder wäre es Ihnen ganz 
gleich?" 

,,Es wäre mir wohl leichter", antwortete 
Stawrogin halblaut. ,,Wenn Sie mir verziehen, 
so wäre mir viel leichter", fügte er hinzu, die 
Augen senkend. 

„Auf daß auch Sie mir ebenso verzeihen!" 
versetzte Tichon mit bewegter Stimme. ^^ 

,,Das ist eine üble Demut. Wissen Sie, diese 
mönchischen Formeln sind so gar nicht hübsch. 
Ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen : ich 
möchte, daß Sie mir verzeihen. Zugleich mit 
Ihnen auch ein anderer, ein dritter, aber alle 
zusammen sollen mich lieber hassen. Das möchte 
ich, um es mit Demut zu tragen ..." 

,,Das allgemeine Mitleid würden Sie aber 
nicht mit Demut tragen können?" 

,, Vielleicht könnte ich es nicht. Warum . . ." 

,,Ich fühle den Grad Ihrer Aufrichtigkeit, 
und es ist natürlich meine große Schuld, daß 
ich an die Menschen nicht richtig heranzutreten 

73 



verstehe. Ich habe es immer als einen Mangel 
empfunden", sagte Tichon aufrichtig und aus 
tiefem Herzen, Stawrogin gerade in die Augen 
blickend. ,,Ich sagte das nur, weil ich für Sie 
fürchte", fügte er hinzu: ,,Vor Ihnen gähnt 
ein fast unüberbrückbarer Abgrund." 

,,Ich werde es nicht aushalten? Ich werde 
ihren Haß nicht ertragen können?" fuhr Staw- 
rogin auf. 

,, Nicht den Haß allein." 

„Was denn noch?" 

„Auch ihr Lachen", brachte Tichon mühevoll 
im Flüsterton hervor. 

Stawrogin wurde verlegen; sein Gesicht 
zeigte Unruhe. 

,,Ich habe es vorausgeahnt", sagte er. ,, Folg- 
lich erscheine ich Ihnen nach der Lektüre mei- 
nes , Dokuments* als eine sehr komische Figur. *2 
Seien Sie unbesorgt, und genieren Sie sich 
nicht, ich habe es erwartet." 

,,Das Entsetzen wird allgemein und natür- 
lich mehr geheuchelt als aufrichtig sein. Die 
Menschen entsetzen sich nur vor dem, was ihre 
persönlichen Interessen direkt bedroht. Ich 
spreche nicht von den reinen Seelen : diese wer- 
den nur innerlich erschaudern und sich selbst 
anklagen; da sie aber schweigen werden, wird 

74 



man sie nicht merken. Das Lachen wird aber 
allgemein sein.*^" 

,,Ich muß mich wundern, daß Sie so schlecht 
und mit solchem Abscheu von den Menschen 
denken", sagte Stawrogin mit einiger Gehässig- 
keit. 

,, Glauben Sie mir: ich habe eben mehr an 
mich selbst gedacht als an die Menschen!" rief 
Tichon aus. 

,, Wirklich? Ist denn auch in Ihrer Seele et- 
was, was sich an meinem Unglück belustigt?" 

,,Wer weiß, vielleicht ist so etwas in ihr. 
Vielleicht ist es wirklich so!" 

„Genug. Zeigen Sie mir nun, wo ich in mei- 
nem Manuskript lächerlich bin ! Ich weiß selbst, 
wo ich es bin, aber ich will, daß Sie es mir mit 
Ihrem Finger zeigen. Und erklären Sie es mir 
möglichst zynisch, mit der ganzen Aufrichtig- 
keit, zu der Sie fähig sind. Ich aber sage Ihnen 
noch einmal, daß Sie ein merkwürdiger Kauz 
sind." 

,, Schon in der Form Ihrer großen Beichte 
selbst ist etwas Lächerliches enthalten. Glauben 
Sie nur nicht, daß Sie nicht siegen werden!" 
rief er plötzlich beinahe begeistert. ,, Selbst 
diese Form (er zeigte auf die Blätter) wird sie- 
gen, wenn Sie sich nur aufrichtig ins Gesicht 

75 



schlagen und anspeien lassen. Alles hat immer 
damit geendet, daß das schändlichste Kreuz zu 
einem großen Ruhme und einer großen Kraft 
wurde, wenn die Demut der Tat wirklich auf- 
richtig gewesen ist. Vielleicht werden Sie schon 
bei Ihren Lebzeiten getröstet sein! ..." 

,,Sie finden also vielleicht nur in der Form 
allein etwas Lächerliches?" drang Stawrogin in 
ihn ein. 

„Und im Wesen selbst. Die Häßlichkeit wird 
Sie morden", flüsterte Tichon, die Augen sen- 
kend. 

„Die Häßlichkeit ! Was für eine Häßlichkeit?" 

„Des Verbrechens. Es gibt wahrhaft häß- 
liche Verbrechen. Jedes Verbrechen, wie es auch 
sein mag, ist umso eindrucksvoller und sozu- 
sagen malerischer, je mehr Blut und Schrecken 
dabei ist; aber es gibt, abgesehen von jedem 
Schrecken, auch beschämende, schmähliche, so- 
gar allzu unschöne Verbrechen ..." 

Tichon sprach den Satz nicht zu Ende. 

,,Das heißt", fiel ihm Stawrogin erregt ins 
Wort, ,,Sie finden also, daß ich höchst lächer- 
lich war, als ich dem schmierigen Mädel die 
Hände küßte.*^ Ich verstehe Sie vollkommen, 
und Sie verzweifeln an mir nur deshalb, weil 
es unschön und ekelhaft, nein, nicht ekelhaft, 

76 



sondern beschämend und lächerlich war, und 
glauben, daß ich gerade dies am wenigsten er- 
tragen werde." 

Tichon sagte nichts.*^ 

„Ich verstehe, warum Sie sich nach dem 
Fräulein aus der Schweiz erkundigt haben, ob 
sie hier ist." 

,,Sie sind nicht vorbereitet, Sie sind nicht 
abgehärtet", flüsterte Tichon schüchtern, die 
Augen senkend: ,,Sie sind vom Boden losgeris- 
sen, Sie glauben nicht." 

,, Hören Sie, P. Tichon: ich will mir selbst 
verzeihen, und das ist mein Hauptziel, mein 
einziges Ziel!" sagte plötzlich Stawrogin mit 
einem düsteren Entzücken im Blick. „Ich weiß, 
daß die Vision nur dann verschwinden wird. 
Darum suche ich auch das maßlose Leid, 
darum suche ich es selbst. Erschrecken Sie 
nicht, sonst gehe ich in Bosheit zugrunde." 

Diese Aufrichtigkeit war so unerwartet, daß 
Tichon sich erhob. 

,,Wenn Sie glauben, daß Sie sich selbst ver- 
zeihen und diese Selbstverzeihung in dieserWelt 
durch Leid erlangen können, wenn Sie sich die- 
ses Ziel gläubig setzen, so glauben Sie schon an 
alles I" rief Tichon begeistert. ,,Wie können Sie 
nur sagen, daß Sie nicht an Gott glauben?" 

77 



Stawrogin gab keine Antwort. 

„Gott wird Ihnen Ihren Unglauben verzei- 
hen, denn Sie verehren den Heihgen Geist, ohne 
ihn zu kennen." 

,,Wird mir übrigens Christus verzeihen?" 
fragte Stawrogin mit einem schiefen Lächeln 
und in einem veränderten Ton, in dem etwas 
wie Ironie lag. 

„Es steht in der Schrift: ,Wer aber ärgert 
dieser Geringsten einen'. Sie erinnern sich doch. 
Nach dem EvangeHum gibt es kein größeres 
\ erbrechen ..." 

,,Sie wollen einfach keinen Skandal und stel- 
len mir eine Falle, mein guter P. Tichon", sagte 
Stawrogin wegwerfend und ärgerlich durch die 
Zähne und wollte schon aufstehen. ,,Kurz, Sie 
wollen, daß ich solid werde, vielleicht auch hei- 
rate, mein Leben als Mitglied des hiesigen Klubs 
beschließe und an jedem Feiertag Ihr Kloster 
besuche. Sie werden mir höchstens eine Kir- 
chenbuße auferlegen ! Nicht wahr? 1 Vielleicht 
ahnen Sie als Herzenskenner schon voraus, daß 
es zweifellos gerade so kommen wird, und es 
bleibt nur noch, mich jetzt, des Anstandes hal- 
ber, ordentlich zu bitten, da ich doch selbst nur 
danach lechze, nicht wahr?!" 

Er lächelte unnatürKch. 

78 



,,Nein, es ist nicht diese Kirchenbuße, ich 
habe für Sie eine andere bereit!" fuhr Tichon 
mit Feuer fort, ohne dem Lachen und der Be- 
merkung Stawrogins auch die geringste Beach- 
tung zu schenken. 

,,lch kenne einen Starez, nicht hier, aber 
nicht weit von hier, einen Einsiedler und Aske- 
ten von so tiefer christUcher Weisheit, wie wir 
beide sie nicht begreifen werden. Er wird auf 
meine Bitten hören. Ich werde ihm alles von 
Ihnen sagen. Gehen Sie zu ihm, unterwerfen 
Sie sich seiner Leitung für fünf oder sieben 
Jahre, soviel Sie in der Zukunft selbst als nötig 
erachten werden. Leisten Sie ein Gelübde, und 
mit diesem großen Opfer werden Sie alles er- 
kaufen, wonach Sie lechzen, und selbst was Sie 
nicht erwarten, denn Sie können jetzt gar nicht 
begreifen, was Sie gewinnen werden." 

Stawrogin hörte ihn mit ernster Miene an. 

,,Sie schlagen mir vor, in jenes Kloster als 
Mönch einzutreten? "*6 

,,Sie brauchen gar nicht im Kloster zu 
sein und die Mönchsweihen zu empfangen; 
werden Sie bloß heimlicher, kein offizieller 
Novize; Sie können dabei sogar ganz in der 
Welt leben..." 

„Lassen Sie das, P. Tichon", unterbrach ihn 

79 



Stawrogin angeekelt und erhob sich von seinem 
Stuhl, Auch Tichon stand auf. 

,,Was ist mit Ihnen?" schrie er plötzlich auf, 
Tichon fast erschrocken ansehend. Jener stand 
vor ihm, die Hände wie im Gebet gefaltet, und 
ein krankhafter, wie vom höchsten Entsetzen 
hervorgerufener Krampf durchzuckte sein Ge- 
sicht. 

,,Was ist mit Ihnen? Was ist mit Ihnen?" 
wiederholte Stawrogin, sich zu ihm stürzend, 
um ihn zu stützen. Er glaubte, daß jener um- 
fallen würde. 

,,lch sehe . . . ich sehe ganz deutlich", rief 
Tichon mit einer herzdurchdringenden Stimme 
und mit dem Ausdruck der tiefsten Trauer, ,,daß 
Sie, armer, verlorener Jüngling einem neuen, 
noch größeren Verbrechen noch nie so nahe ge- 
wesen sind wie in diesem Augenblick." 

,, Beruhigen Sie sich!" beschwichtigte ihn 
Stawrogin, der um ihn aufrichtig besorgt war. 
,, Vielleicht werde ich es noch aufschieben . . . 
Sie haben recht ..." 

,,Nein, nicht nach der Veröffentlichung, son- 
dern vorher, einen Tag, vielleicht eine Stunde 
vor dem großen Schritt werden Sie sich in ein 
neues \ erbrechen stürzen, werden däLnacn~als 
naclf einem Ausweg greifen und werden es ein- 

"8^7 



zig zu dem Zweck verüben, um die Veröffent- 
lichung dieser Blätter zu vermeiden." - •• 

Stawrogin erbebte sogar vor Wut und fast 
vor Schreck. 

„Verfluchter Psycholog!" rief er plötzlich 
w^ie rasend und ging, ohne sich umzusehen, aus 
der Zelle. 



8i 



ANHANG 



Die wichtigsten der von Dostojewski] in 

den Korrekturfahnen gestrichenen 

Stellen und, Lesarten 

1 Die ursprüngliche Überschrift lautete ,,Neun- 
tes Kapitel". 

2 Nach ,,verrückt" gestrichen: ,, jedenfalls ein 
vollkommen talentloses Geschöpf . 

3 Hier stand ursprünglich: ,,Nikolai Wsewo- 
lodowitsch war noch immer sehr zerstreut 
infolge irgendeiner inneren, ihn erdrücken- 
den Erregung/' 

* IS ach ,, Duell" gestrichen: ,,Sie haben hier 
sehr viel gehört" . 

ö Statt ,, ließen sich behandeln" stand ursprüng- 
lich: ,,wurden geheilt". 

6 Nach ,, unbestimmt*' gestrichen: „Lnd wissen 
Sie, es steht Ihnen gar nicht an, die Augen 
zu senken: es ist unnatürlich, komisch und 
maniriert" . 

85 



^ Nach ,,alles" gestrichen: ,,Sie müssen furcht- 
bar froh sein" . 

8 Nach ,,Vielleicht" gestrichen: ,,Das ist nicht 
schlecht. Warum zweifeln Sie denn?" - ,,Ich 
glaube nicht vollkommen" . 

^ Nach ,, senkend" gestrichen: ,,Seine Mund- 
winkel begannen plötzlich nervös und schnell 
zu zucken" . 

10 Nach ,,Unglauben" gestrichen: „Oh, Pf äff!" 

" Nach ,, Gewiß" gestrichen : „Herrliche Worte" . 
Weiter: „Herrliche und für einen Bischof 
sonderbare Worte, und Sie sind überhaupt 
ein Kauz." - gestrichen. 

12 Nach ,,Stawrogin" gestrichen: ,,Das ist für 
die Mittelschicht, für die Gleichgültigen, nicht 
wahr?" 

" Nach ,,Ich habe es" gestrichen: ,,an Ihrem 
Gesicht" . 

1^ Nach ,,unverändert auf" gestrichen: „Es ist 
anzunehmen, daß es jetzt schon vielen be- 
kannt ist." 

i5_i6 Dieser ganze lange Passus fehlt in den 
Moskauer Korrekturfahnen und ist nur im 
Petersburger Manuskript enthalten. (Siehe 
Einleitung.) 

" Nach ,,bei mir" gestrichen: „in Gegenwart 
der Freunde und ihres Mannes" . 

86 



18 Nach „mit ihrer" gestrichen: ,,ich glaube 
vierzehnjährigen" . 

19 Nach ,, ausgeschimpft" gestrichen: „(ich lebte 
einf ach, und sie genierten sichvor mir nicht)" . 

20 Nach „immer weckte" gestrichen: „Nachdem 
ich bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr 
in ungewöhnlicher Unmäßigkeit dem Laster 
gefröhnt hatte, das J . J . Rousseau in seiner 
Beichte erwähnt, hörte ich damit in dem 
Augenblick auf, als ich es mir vorgenommen, 
in meinem siebzehnten Lebensjahre" . 

21 Nach ,,bestraft hatte" gestrichen: ,,sie schrie 
nicht, sondern schluchzte nur unter den 
Schlägen, natürlich weil ich dabei stand und 
alles sah" . 

22 Nach ,, verantwortlich" gestrichen: ,, Bisher 
hatte sie mich vielleicht nur gefürchtet, aber 
nicht meine Person, sondern nur den Zim- 
merherrn, den fremden Menschen in mir, 
und war wohl auch sehr schüchtern" . 

23 Nach ,,zu klopfen" gestrichen: ,,aber da 
fragte ich mich plötzlich, ob ich mir noch 
halt gebieten könne, und antwortete mir so- 
fort, daß ich es wohl könne" . 

2* Ursprünglich: ,,ich küßte ihr das Gesicht 

und die Füße: als ich ihr die Füße küßte". 

2^ Ursprünglich: ,,Ich wäre beinahe aufgestan- 

87 



den und lueqgegangen: so unangenehm war 
es mir aus Mitleid an einem so kleinen Kind. 
Aber ich überwand dieses plötzliche Angstge- 
fühl und blieb." 

Im Petersburger Manuskript fehlt dasWei- 
terevon: ,,Als alles zuEnde war . . ."bis zu den 
Worten: ,,Es war der Augenblick einer wirk- 
lichen Angst. . ." (Seite ^5, Zeile? von unten). 
Dafür enthält dieses Manuskript folgenden, 
das Lesen der ,,Beichte" unterbrechenden, in 
den Moskauer Korrekturfahnen nicht enthal- 
tenen Dialog zwischen Stawrogin und Tichon: 

Hier endete das Blatt, und der Satz brach 
ab. Da geschah etwas, was man nicht uner- 
wähnt lassen darf. 

Es waren im Ganzen fünf Blätter; Tichon 
hielt das eine, das er eben zu Ende gelesen 
hatte, und das mitten in einem Satze abbrach, 
in der Hand, und die übrigen vier behielt 
Stawrogin in seinen Händen. Auf einen fra- 
genden Blick Tichons reichte ihm Stawro- 
gin, der darauf schon gewartet hatte, sofort 
die Fortsetzung. 

,,Aber auch hier ist eine Lücke?" fragte 
Tichon, sich das Blatt ansehend. ,,Ach, es ist ja 
das dritte Blatt, und ich brauche das zweite." 



88 



,,Ja, das zweite Blatt, aber dieses Blatt . . . 
Dieses Blattwird vorläufig von derZensur zu- 
rückgehalten", antwortete Stawrogin schnell 
mit einem verlegenen Lächeln. Er saß wäh- 
rend der ganzen Zeit unbeweglich in einer 
Ecke des Sofas und beobachtete mit fiebern- 
den Blicken den lesenden Tichon. 

,,Sie werden es später bekommen, wenn 
Sie . . . sich als dessen würdig erweisen", fügte 
er mit einer ungeschickten familiären Geste 
hinzu. Er lachte, bot aber dabei einen jam- 
mervollen Anblick. 

,,Jetzt ist es wohl ganz gleich, ob ich das 
zweite oder das dritte Blatt lese", versuchte 
Tichon einzuwenden. 

,,Wieso ist es ganz gleich? Warum?" rief 
Stawrogin, in großer Erregung auffahrend. 
,,Es ist gar nicht gleich. Ach so! Sie wollen 
auf mönchische Manier gleich das Gemeinste 
annehmen. Ein Mönch wäre wohl der beste 
Untersuchungsrichter!" 

Tichon musterte ihn stumm. 

,,Beruhigen Sie sich... es ist nicht meine 
Schuld, daß das Mädel so dumm war und 
mich mißverstanden hat . . . Nichts ist ge- 
schehen. Gar nichts!" 

,,Gott sei Dank!" Tichon bekreuzigte sich. 

89 



,Jch müßte es lange erklären . . . hier . . . 
hier liegt einfach ein psychologisches Miß- 
verständnis vor ..." 

Plötzlich errötete er. Sein Gesichtsausdruck 
verriet das Gefühl von Abscheu, Qual und 
Verzweiflung. Er brach jäh ab und ver- 
stummte. Beide schwiegen und sahen ein- 
ander mehr als eine Minute nicht an. 

,,Wissen Sie was, lesen Sie lieber", sagte 
er, sich mit den Fingern mechanisch den 
Schweiß aus der Stirne wischend. ,,Und 
schauen Sie mich dabei lieber gar nicht 
an . . . Mir ist, als wäre es ein Traum . . . Und 
bringen Sie mich nicht um den letzten 
Rest meiner Geduld", fügte er im Flüsterton 
hinzu. 

Tichon sah schnell weg, ergriff das dritte 
Blatt und las nun ohne Unterbrechungen zu 
Ende. Aber auch das dritte Blatt fing mitten 
in einem Satze an: 

Es war der Augenblick einer wirklichen 
Angst usw. 

26 Im Original steht: „Nach Petersburg zu fah- 
ren . 

27 Nach „ertragen" gestrichen: „ich stand auf 
und ging auf sie zu" . 

28 Nach „niemand" gestrichen: „Über das Re- 

90 



sultat der ärztlichen Untersuchung habe ich 
nichts gehört". 

29 Nach ,, aus zudenken" gestrichen: ,,aber ich 
vermag nicht zu entscheiden, ob mein Ent~ 
Schluß, wenn auch unbewußt, (natürlich un- 
bewußt) mit meiner Erbostheit wegen der 
niedrigen Feigheit, die sich meiner nach der 
Geschichte mit Matrjoscha bemächtigt hatte, 
zusammenhing. Ichglaube es wirklich nicht." 

30 Nach ,,zur Zerstreuung" gestrichen: „und 
weil es mir unerträglich war" . 

=*i Nach ,, hilf losen" gestrichen : ,, zehn jährigen ' . 

32 Nach ,,sagen" gestrichen: ,,Die Erinnerung 
an die Tat selbst ist mir vielleicht auch jetzt 
nicht ekelhaft. Vielleicht enthält diese Erin- 
nerung etwas, was meinen Leidenschaften 
auch jetzt noch angenehm ist". 

33 Nach ,, Halluzination" gestrichen: „Ich habe 
auch andere alte Erinnerungen, die vielleicht 
besser sind als diese. An einer gewissen Frau 
habe ich noch schlimmer gehandelt, und sie 
ist daran gestorben. Ich habe im Duell zwei 
Menschen getötet, die vor mir unschuldig 
waren. Einmal war ich tödlich beleidigt wor- 
den, habe mich aber am Gegner nicht ge- 
rächt. Ich habe einen vorbedachten und ge- 
lungenen Giftmord auf dem Gewissen, von 

9^ 



dem niemand etwas weiß. Wenn es nötig sein 
wird, werde ich über alles berichten" . 

•"^4 Ursprünglich: ,,In der Schweiz war ich zwei 
Monate später imstande, mich in ein junges 
Mädchen zu verlieben, oder, genauer gesagt, 
ich fühlte usw." 

^^ So auch im Original. 

•■^•^ Dieser ganze Satz gestrichen. 

" Nach ,,kommen" gestrichen: ,,fügte er hin- 
zu, als könnte er sich nicht mehr beherrschen, 
und wieder in seinen früheren Ton fallend; 
aber er lächelte gleich darauf traurig über 
seine Worte". 

38 Nach,, Er kam nicht weiter" gestrichen: „ ,Das 
heißt, sie möchten, daß ich Ihnen schneller 
meine Verachtung ausspreche' , sprach Ti- 
chon sehr bestimmt zu Ende" . 

■^9 Gestrichen: ,,Ich wunderte mich ein wenig 
über ihre Ansicht von den anderen Menschen 
und von der Gewöhnlichkeit eines solchen 
Verbrechens" . 

*o Nach ,,wieder nichts" gestrichen: ,,Stawro- 
gin dachte gar nicht daran, wegzugehen; im 
Gegenteil, er versank zeitweise in tiefe Nach- 
denklichkeit" . 

*^ Nach ,,mit bewegter Stimme" gestrichen: 
,,Was soll ich verzeihen? Was haben Sie mir 

92 



getan? Ach ja, es ist ja eine klösterliche For- 
mel!" (Tichon:) ,,Was ich mit Absicht und 
ohne Absicht begangen habe. Jeder Mensch, 
der einmal gesündigt, hat gegen alle gesün- 
digt, und jeder Mensch ist irgendwie an jeder 
fremden Sünde schuld. Es gibt keine Ein- 
zelsünde. Ich aber bin ein großer Sünder, 
vielleicht noch größer als Sie" . 

*2 Nach ,,Figur" gestrichen: „trotz der ganzen 
Tragik" . 

^3 Nach ,,allgemein sein" gestrichen: ,,beden- 
ken Sie auch den Ausspruch des Denkers, 
daß im fremden Leid stets etwas für uns 
Angenehmes enthalten sei" . - ,,Ein richtiger 
Gedanke." - ,,Aber Sie . . . Sie selbst ..." 

^* Nach ,,die Hände küßte" gestrichen: ,,undalles, 
was ich von meinem Temperament sagte 
und alles übrige . . . ich verstehe nicht . . ." 

*^ Nach ,,sagte nichts" gestrichen: ,,Ja, Sie ken- 
nen die Menschen, d.h. Sie wissen, daß ich 
es nicht ertragen werde" . 

^^ Nach ,, einzutreten" gestrichen: ,,Wie sehr 
ich Sie auch achte, aber ich habe gerade das 
erwarten müssen. Nun, ich will Ihnen also 
gestehen, daß mir in Augenblicken von Klein- 
mut schon der Gedanke gekommen ist, mich 
nach Veröffentlichung dieser Blätter in ein 

93 



Kloster zu verstecken, wenig stesns für eine 
Zeitlang. Aber ich errötete dann sofort über 
diese Niedrigkeit. Doch Mönch werden, das 
war mir selbst in Augenblicken der kleinmü- 
tigsten Angst nicht in den Sinn gekommen." 



94 



// 

Die Zusammenkunft zwischen Stawrogin 

und Tichon nach den Notizbüchern 

Dostojewskijs 

Der Bischof Tichon, dem Stawrogin seine 
Beichte einhändigt, war von Dostojewski] ur- 
sprünglich als eine der handelnden Personen im 
großen, aus fünf Erzählungen bestehenden Ro- 
man gedacht, über dessen Plan er im Jahre 
1870 Maikow schrieb. Die zweite dieser Erzäh- 
lungen, auf die Dostojewski] ,,seine ganze 
Hoffnung" setzte, sollte in einem Kloster han- 
deln, in das ein Knabe, der ein Verbrechen be- 
gangen hat, von seinen Eltern gegeben worden 
ist, ein ,,geistig hochentwickelter und verdor- 
bener" Knabe (ein Dostojewskij gut bekannter 
Typus, wie er selbst hinzufügt), ,,ein junger 
Wolf und Nihilist", der später den wohltätigen 
Einfluß des Bischofs Tichon erfährt. ,,In der 
zweiten Erzählung soll der heilige Tichon der 
Sadon'sche auftreten", schrieb Dostojewskij 
Maikow, ,, selbstverständlich unter einem andern 
Namen, doch er wird gleichfalls ein Bischof sein, 
der sich zur Ruhe in ein Kloster zurückgezogen 
hat. Vielleicht wird es mir gelingen, eine maje- 
stätische, positive, heilige Gestalt zu schaffen. 

95 



Etwas ganz anderes als Kostanschoglo und als 
der Deutsche (ich habe seinen Namen vergessen) 
im ,Oblomow' , als Lopuchow oder Rachmetow. 
Ich werde allerdings nichts schaffen, sondern 
nur den echten Tichon darstellen, den ich längst 
mit Wonne in mein Herz geschlossen habe." 

Als später im Geiste Dostojewskijs der Plan 
zu dem gleichfalls nicht ausgeführten Roman 
,,Leben eines großen Sünders" entstand, so 
sollte der Held dieses Werkes, ,,bald Gläubiger 
und bald Atheist" in einem Kloster unter dem 
Einflüsse der ,, majestätischen" und ,,heiligen" 
Gestalt Tichons eine geistige Wiedergeburt er- 
fahren und als ,,der größte unter den Men- 
schen" in die Welt zurückkehren. 

Als Dostojewski] schließlich endgültig beim 
Plan zum Roman ,,Die Teufel" stehen blieb, 
beabsichtigte er anfangs, darin einen bedeuten- 
den Platz Tichon einzuräumen, dem Staw- 
rogin (der Fürst) seine ,,Beichte" übergeben 
sollte, die den Bericht Werchowenskijs von der 
Petersburger Lebensperiode Nikolai Wsewolo- 
dowitschs bedeutend ergänzte und abänderte. 
(„Die Teufel", 1. Teil, V. Kapitel.) 

In den im Moskauer Historischen Museum 
aufbewahrten Notizbüchern Dostojewskijs fin- 
den sich Hinweise auf eine Zusammenkunft 

96 



zwischen Statur ogin (dem Fürsten )und Tichon, 
auf den Inhalt ihres Gesprächs und schließlich 
auch auf das Verbrechen, das Stawrogin in sei- 
ner ,,Beichte" gesteht. 

So sollte in den ,, Auf Zeichnungen" Sta^vro- 
gins folgende Stelle stehen: 

„Das alles machte ich als verwöhnter Herr, als 
ein müßiger, vom Boden losgerissener Mensch. 
Ich gebe zwar zu, daß die Hauptursache doch 
in meinem bösen Willen lag und nicht in dem 
Milieu allein: natürlich verübt niemand solche 
Verbrechen. Aber alle vom Boden Losgerissenen 
tun dasselbe, wenn auch in kleinerem Maßstabe. 
Viele merken ihre Gemeinheiten gar nicht und 
halten sich für anständig." 

Tichon, der in dieser Notiz als ,,der Bischof" 
auftritt, rät, diese Stelle ,,auszuschließen" , wor- 
auf Stawrogin in einem unzufriedenen Ton 
erklärt: ,,ich bin kein Literat". 

Diese Stelle fehlt in der ,, Beichte" . Der Ge- 
danke, daß ,,viele ebenso sündigen, aber in 
Frieden mit ihremGewissen und inRuhe leben", 
wird hier nicht von Stawrogin, sondern von Ti- 
chon ausgesprochen, ebenso wie Tichon und 
nicht Stawrogin den Gedanken äußert, daß der 
moralische Fall des letzteren das Resultat der 
Losgerissenheit vom Boden sei. 

7 97 



In den Notizen Dostojewskijs finden sich 
auch Hinweise darauf, warum Stawrogin sich 
entschlossen hatte, seine Aufzeichnungen der 
Öffentlichkeit zu übergeben. 

,,Tichon sagt: man muß auf Erden glücklich 
sein. 

„(Fürst:) Ich bin ein müßiger Geist und 
langweile mich. Ich weiß, daß man auf Erden 
glücklich sein kann (und muß), und daß es et- 
was gibt, worin das Glück ist, aber ich weiß 
nicht, was es für eine Sache ist. -Nein, ich ge- 
höre nicht zu den Enttäuschten. Ich glaube, ich 
gehöre zu den Verdorbenen und Müßigen. 

,,Der Fürst zu ihm: ich will meine Kraft er- 
proben und das von dem Mädchen erzählen." 

Wie man aus der Beichte Stawrogins ers3hen 
kann, verübt er sein Verbrechen tatsächlich 
,,aus Langweile" . Dostojewski] begnügt sich 
nicht mit diesem Geständnis Stawrogins im 
Texte und versucht am Rande der Korrektur 
dieses Motiv noch durch folgende Worte zu ver- 
stärken: 

,,Ich sage es offen: manchmal war ich gar 
nicht weit vom Gedanken, nach Sibirien ver- 
schickt zu werden. Vor allen Dingen - lang- 
weilte ich mich. Ich langweilte mich so, daß ich 
mich, wie ich glaube, aufhängen hätte können. 

98 



Ich erinnere mich, daß ich mich damals viel 
mitTheologie beschäftigte. Dies zerstreute mich 
allerdings ein wenig, aber dann wurde es mir 
noch langweiliger," 

In einer der Notizen Dostojewskijs findet sich 
auch eine Erklärung dafür, daß Stawrogin im 
letzten Augenblick doch auf die Veröffent- 
lichung seiner ,,Beichte" verzichtet: 

„Der Bischof sagt, der Katechismus des Glau- 
bens sei gut, aber der Glaube ohne Tat sei tot 
und verlange nicht die höchste Tat, sondern 
auch noch die schwierigste moralische Arbeit. 
D. h.: Nun, Herr, bist du dazu imstande? Und 
der Fürst gesteht, daß er ein verwöhnter Herr 
sei, behauptet gelogen zu haben, und das Re- 
sultat ist Uri" (d.h. der Gedanke, mit Dascha 
in die Schweiz zu gehen). 

Aus dem hier abgedruckten ,,neunten Kapi- 
tel" ist zu ersehen, daß es zwischen Tichon und 
Stawrogin zu einem Gespräch über ,,moralische 
Arbeit" gar nicht kommt; auch ist das Motiv, 
warum Stawrogin Tichon verläßt und seine Auf- 
zeichnungen nicht veröffentlicht, ein ganz an- 
deres. 

In den Notizbüchern Dostojewskijs finden 
sich noch folgende Hinweise auf die Zusam- 
menkunft zwischen Tichon und Stawrogin: 

7* 99 



,,Facit. Stawrogin als Charakter. 
Alle edlen Anwandlungen bis zu unge- 
heuren Extremen (Tichon) und alle Lei- 
denschaften (bei grenzenloser Lang- 
weile). Er stürzt sich auf die Pflege- 
tochter* und auf die Schönheit.** Die 
Schönheit hat er wirklich verachtet und 
nicht geliebt, ist aber plötzlich in einer 
(trügerischen und vorübergehenden 
aber grenzenlosen) Leidenschaft ent- 
brannt und sieht sich, nachdem er das 
Verbrechen verübt, enttäuscht. Er ent- 
ging der Strafe, erhängte sich aber 
selbst." 
An einer anderen Stelle finden wir: 

,,Er gesteht Tichon, daß es ihm eine 
Freude sei, sich über die Schönheit lu- 
stig zu machen." 
In Wirklichkeit macht sich Stawrogin über 
Jelisaweta Nikolajewna gar nicht lustig und 
erwähnt sie überhaupt nur ganz flüchtig in 
der ,,Beichte" und in seinem Gespräch mit 
Tichon. 

Es findet sich auch ein Hinweis auf das von 
Stawrogin verübte Verbrechen: 

* Darja Pawlowna, Dascha. 
** Jelisaweta Nikolajewna. 

lOO 



„Das Geheimnis von der Heirat weiß nie- 
mand außer der Pflegetochter und der Schön- 
heit. 

„Das von der Kleinen weiß Tichon allein." 

Schließlich findet sich auch ein Hinweis auf 
die Stelle im Roman, wo die Begegnung zwi- 
schen Stawrogin und Tichon einzuschalten 
wäre : 

„Stawrogin rät der Pflegetochter, ,S. T .* zu 
verlassen und mit ihm in die Schweiz, nach 
Uri zu fliehen. Das war noch früher. Hier pas- 
siert das Mißverständnis mit Step. T-sch,** der 
sich pikiert fühlt, weil ihm angeblich Hörner 
aufgesetzt seien . . . und die Pflegetochter geht 
zum Bruder, Schatow, über. In diesem Moment 
(die Schönheit zeigt Eifersucht) teilt er ihr mit, 
daß Stawrogin mit der Lahmen verheiratet ist. 
Jene gerät in Verzweiflung, weil alle ihre Hoff- 
nungen zusammengestürzt seien (denn sie ver- 
mutet, daß der Fürst in sie verliebt sei; sie selbst 
ist aber in ihn bis zum Wahnsinn verliebt); 
sie lacht über die Pflegetochter, läuft weg und 
gibt sich dem Fürsten hin. Gleich darauf folgt 
die Ermordung der Lahmen. 

„(Er ist bei Tichon gewesen.)"' 

* Stepan Trofimowitsch. 

'^'*' Der Vater Werchowenskijs. 

lOI 



Das sind die Notizen, aus denen später die 
hier abgedruckten Kapitel „Bei Tichon' ent- 
standen sind, die aus unbekanntem Grunde im 
Roman ,,Die Teufel" fehlen. Einige Details 
der ,, Beichte" Stawrogins hat Dostojewski] 
später für die Gestalt Werssilows im ,,Halb- 
wüchsigen" verwendet. 

W . Pritsche 



I02 



INHALT 

Vorwort 5 

Die Beichte Stawrogins ii 

Anhang 1 83 

Anhang II gS 

Beilagen 
Wiedergabe zweier Korrekturfahnen mit Ein- 
tragungen Dostojewskijs 







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Dostoevskii, Fedor Mik- 
hailovich 

Die Beichte Stawrogins