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Full text of "Die buchrolle in der kunst. Archäologisch-antiquarische untersuchungen zum antiken buchwesen"

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•^1 




DIE BUCHROLLE IN DER KUNST 

ARCHÄOLOGISCH-ANTIQUARISCHE UNTERSUCHUNGEN 
ZUM ANTIKEN BUCHWESEN • • VON THEODOR BIRT 



DIE 
BUCHROLLE IN DER KUNST 



ARCHÄOLOGISCH-ANTIQUARISCHE 
UNTERSUCHUNGEN ZUM ANTIKEN BUCHWESEN 



VON 



THEODOR BIRT 



MIT 190 ABBILDUNGEN 




LEIPZIG 1907 
DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER 



ALLE RECHTE, EINSCHLIESSLICH DES OBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN. 



AUGUST MAU 

IN ROM 



ZUGEEIGNET 



16 £073 



Vorwort 

Die Studien, die ich hier vorlege, sind, wie schon ihr Titel zeigt, 
keine Wiederholung oder Neubearbeitung meines froheren Buchs „Das 
antike Buchwesen" (Berlin 1882), sondern bezwecken vielmehr es zu er- 
gänzen. Besprach ich dereinst die Buchrolle in ihrem Verhältnis zur 
Literatur, so soll hier die Darstellung der Buchrolle in der alten Kunst 
zusammenhängend erörtert werden. 

Dies gab zunächst Anlaß in möglichster Kürze allerlei antiquarische 
Fragen aufzunehmen, insbesondere solche, die das Aufbewahren der Bocher, 
also das Bibliothekswesen angehen. Denn daftkr bieten eben die Monu- 
mente ein Material, das noch immer nicht erschöpft ist. Aber auch auf 
die Präge nach dem ersten Aufkommen der Papyrusrolle in der Antike 
sowie nach ihrem schließlichen Eingehen antworten uns die Bildwerke der 
alten Kunst mit Deutlichkeit. Die Untersuchung über das allmähliche Vor- 
dringen des Pergaments, die schon im zweiten Abschnitt meines älteren 
Werkes gegeben ist, mußte dabei erneut werden. Ich bemerke, daß ich 
hier meine früheren Ausführungen als bekannt vorausgesetzt und sie er- 
gänzt und korrigiert habe, ohne mich auf das früher Gesagte jedesmal 
zurückzubeziehen. 

Der Hauptzweck der vorliegenden Arbeit ist indes ein anderer, und 
ich habe ihn auf S. 2 u. 37 f. näher dargelegt.^) Es handelt sich darum, 
den Umgang des antiken Menschen mit dem Buch, die Bücherliebe des 
Altertums zur Anschauung zu bringen. Ich hoffe, der Archäologe, aber 
auch der Kulturhistoriker wird sich überzeugen, daß es an der Zeit war, 
diese Dinge einmal zusammenhängend, zu betrachten; denn es trifft wohl 
auch hier zu, daß erst die sorgliche Vergieichung des Details uns eine 
sichere Interpretation der Denkmäler ermöglicht, daß sie aber gelegentlich 
auch zu umfassenderen Aufschlüssen Anlaß gibt. 

Das Suchen nach dem Buch in der alten Kunst führte endlich zur 
Betrachtung der Trajans- und Marcussäule und diese wieder zur Besprechung 
des Bilderbuchs innerhalb des Rollenbuchwesens. Ich möchte wünschen, 
daß es mir gelungen wäre, auf diesem Gebiet seit langem obwaltende 
Unklarheiten zu beseitigen. 

1) Vgl. auch die Teubnerschen Mitteilungen 39 (1906) Nr. 2 S. 29. 



VIII Vorwort 

Das Material, das ich vorlege, beansprucht keine Vollständigkeit. Durch 
Reisepläne, die nach dem SQden gingen, wurde ich zu diesen Studien an- 
geregt und habe mir besonders im Winter 1900/01 in Ravenna, Rom, 
Neapel und Umgegend, Athen, Florenz, auf späteren Reisen auch in Turin, 
Marseille, Arles usf., endlich in Wien, Berlin, Dresden im Angesicht der 
Monumente die Grundanschauungen gebildet und die Notizen gesammelt, 
die den Grundstock dessen, was ich vortrage, ausmachen. Die Beschrei- 
bungen sind von mir an den angegebenen Plätzen vor den Originalen 
selbst gemacht. 

Von der altchristlichen Kunst abzusehen, lag mir fern. Vielmehr habe 
ich sie von Anfang an ausgiebig mit herangezogen. War doch das Christen- 
tum in so mancher Beziehung nur die Vollendung oder der Gipfel des 
Heidentums. Das stellt sich auch im Bücherwesen, im Buch selbst und im 
Umgang mit ihm dar. Man wird bemerken, daß fast jeder Abschnitt in Be* 
obachtungen ausläuft, die dem Gebiet der christlichen Archäologie an- 
gehören. 

Ein Oberblick über Rollendarstellungen in der ägyptischen Kunst schien 
für das historische Verständnis unentbehrlich, und ich hßbe ihn dem Ganzen 
voraufgeschickt. Ein Schlußkapitel handelt in leider nur allzu dürftiger 
Skizze über die freiphantastische Verwendung des Rollenbuchs in den Bild- 
werken des Mittelalters. Für beide Abschnitte muß ich um besondere 
Nachsicht bitten. 

Die beigegebenen Illustrationen haben nur den Zweck der Verdeut- 
lichung. Viele sind dürftige Zeichnungen nach den Originalen. Photo- 
graphien schienen für die Fälle, um die es sich hier handelte, meist nicht 
imstande, das Detail genügend erkennen zu lassen. Die Zeichnungen aber 
wollen nur immer das Wichtigste, das Verhältnis der Hand oder des 
menschlichen KOrpers zum Buch geben. Bei manchen hat eine junge 
Künstlerin, Frida Barth in Hamburg, unter meiner Aufsicht mit geschickterer 
Feder nachgeholfen.*) 

Das Manuskript der vorliegenden Arbeit war schon im Herbst 1905 
abgeschlossen. Widrige Umstände haben seine Drucklegung bis heute 
hinausgeschoben, und ohne das tatkräftige Interesse der Teubnerschen Ver- 
lagshandlung wäre sie wohl auch jetzt nicht erfolgt Aus der Literatur des 
Jahres 1906 habe ich inzwischen hie und da Nachträge eingeschaltet. 

Einzelne Hinweise und Nachweise danke ich den Gesprächen mit meinen 
Kollegen und Freunden Joh. Bauer, JOlicher, Weiss, Maass, Niese, von Sybel. 
Dank sage ich insbesondere auch den Herren, die auf meine Bitte und An- 
frage mir über einzelne Monumente brieflich Auskunft gegeben haben: 
A. Mau, W. Ameluno, Ch. Hülsen in Rom, E. Michon und H. Leb^qüe in 



1) So in Abb. 17; 22; 56; 58; lll; 115; 134; 135; 142; 143; 160; 184; 185^ 190. 



Vorwort. IX 

Paris, A. Conze in Berlin. Notizen über einige Stocke in Kopenhagen 
sandte mir W. Kohlmann (Bremen). Bei der z. T. unbequemen Aufgabe, 
meine Aufzeichnungen über christliche Sarkophage und Katakombenmalereien 
mit den Publikationen und Beschreibungen bei Wilpert, Garrucci u. a. zu 
identifizieren 0) hat mir Joh. Bauer auf das liebenswardigste Hilfe geleistet. 
Endlich haben eben derselbe sowie W. Amblunq auch die Korrektur- 
bogen mit durchgelesen und mir sowohl vorhandene Versehen berichtigt, 
wie gelegentlich auch Ergänzendes notiert, das freilich z. T. nur in den 
Zusätzen von mir erwähnt werden konnte. Die gleiche Mühewaltung hat 
R. PiETSCHMANN für die einleitenden Bemerkungen über Ägypten auf sich 
genommen. Ich sage den genannten Gelehrten für diese wilLcommene 
Hilfe auch an dieser Stelle meinen wärmsten Dank. 

Marburg a. L., den 20. Februar 1907. Th. Birt 



1) Im christlichen Museum des Lateran fand ich im Winter 1900,/1901 mehrere 
Stücke ohne Nummer, die sich darum mit den Katalognummern bei FiCKER, Die alt- 
christi. Bildwerke des Laterans, nicht haben identifizieren lassen. Ich habe in 
solchem Fall „Apostelsarkophag unterhalb der Nr. 170" (s. S. 190) und ähnlich zitiert. 



Einige häufiger zitierte Werke: 

Wo kurzweg Le Blant, Wilpert oder Garrucci zitiert ist, sind die Werke 
gemeint: 

E. LE Blant, Les sarcophages chr^tiens de la Gaule, Paris 1886. 
Joseph Wilpert, Die Malereien der Katakomben Roms. Freiburg im Breis- 
gau 1903. 

R. Garrucci, Storia della arte cristiana, Prato 1881 f. 

Im übrigen sind u. a. folgende Werke in abgekürzter Form angeführt: 

Beschreibung der antiken Skulpturen, Berlin 1891. 

W. Hblbiq, Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Alter- 
tümer in Rom, 2. Aufl. Leipzig 1899. 
W. Helbig, Wandgemälde Campaniens, Leipzig 1868. 

F. Matz u. F. von Duhn, Antike Bildwerke in Rom, Leipzig 1881 f. 
H. DOtschke, Antike Bildwerke in Oberitalien, Leipzig 1874 f. 

O. Benndorp u. R. Schöne, Die antiken Bildwerke des Lateranischen 
Museums, Leipzig 1867. 

A. Michaelis, Ancient marbles in Great Britain, Cambridge 1882. 

P. Arndt u. W. Amelung, Photographische Einzelaufnahmen antiker Skulp- 
turen nach Auswahl und mit Text, München 1893 f. 

S. Reinach, Repertoire de la statuaire grecque et romaine, Paris 1887 f. 

Ch. Daremberq et Edm. Saglio, Dictionnaire des antiquit6s grecques et 
romaines, Paris 1877 ff. 

Joh. Ficker, Die altchristlichen Bildwerke im christlichen Museum des 
Laterans, Leipzig 1890. 



Inhalt. 

Seite 

Einleitung Seite 1 

1. Die Buchrolle der Ägypter 4 

2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern 20 

I. Die geschlossene Rolle 40 

A. Die geschlossene Rolle in der Linken, Motiv I 43 

B. Die geschlossene Rolle in der Rechten, Motiv I SO 

1. Etruskisches .... Seite 80 \ 6. Der stehende lecturus . . 92 

2. Rollen in beiden Händen . 81 ' 7. Einfluß der Symmetrie . . 93 

3. Das Oberreichen des Buchs 82 8. Einwirkung äufierlicher Um- 

4. Sitzbilder 85 stände 96 

5. Liegende Figuren .... 91 9. Problematische Fälle ... 96 

C. Geschlossene Rolle in der Linken, Motiv 11 99 

D. Geschlossene Rolle in der Linken, Motiv HI 110 

E. Die geschlossene Rolle in der Wandmalerei, Motiv IV und V . .113 

IL Die geöffnete Rolle und das Lesen 124 

A. Das Schluüblatt steht offen 128 

B. Das Schlußblatt wird gelesen 130 

C. Das erste Blatt wird gelesen 134 

D. Das Lesen bei entrolltem Buche, Motiv VI 135 

l. Das Lesen in Gruppen Seite 138 beim Gottesdienst 144. 

a) Unterrichtsszenen 138. f) Das Lesen in Gesellig- 

b) Souffleur 141. c) San- keit 146. 

gerinnen mit Text stehend 2. Der isoliert Lesende . . . 155 

141. d) Sänger oder 3. Das Lesen mit Hilfe des 

Sängerin mit Text sitzend Sklaven 171 

143. e) das Rezitieren 4. Lesepulte 175 

E. Unterbrechung der Lektüre, Motiv VU ' 182 

in. Das Schreiben 197 

IV. Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung 210 

1. Das Entstehen eines eigent- Seite 11. Der Rollenstab 228 

liehen Buchwesens bei den 12. Comua 235 

Griechen 210 13. Zettel mit Buchtitel ... 237 

2. Umfang der Rollen ... 215 14. Pänula 239 

3. Schreibzeug 219 15. Zubinden der Rolle . . 241 

4. Zugespitzte Rollen 220 16. Siegeln des Buchs ... 243 

5. Einzelblätter 220 17. Bibliotheken 244 

6. Das aus der Hand gelegte 18. Rollenkasten 248 

Buch 222 19. RoUenbündel ohne Kasten 255 

7. Weihung von Büchern ... 222 20. RoUenbündel mit Kasten 259 

8. Rollung in S-Form 226 21. Der Bücherschrank ... 261 

9. Nachahmung der Papyrus- 22. Anordnung vielbücheriger 
fasern in Marmor 227 Werke 264 

10. Anordnung der Schrift . . 227 

V. Die Trajanssäule und das Bilderbuch 267 

VI. Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter 316 

Zusätze 334 

Inhaltsverzeichnisse 343 



Einleitung. 



Zum Verständnis einer Literatur und der Art, wie sie auf ihre Zeit- 
genossen wirkt, dient nicht nur die Aneignung ihres Inhalts, sondern auch 
die Kenntnis des Buches selbst, in dem sie auftrat. Wir haben Verlangen 
Originaldrucke von Schillers Hören, voii Jean Pauls Titan zu besitzen, weil 
wir erst dann, wenn wir sie still durchblättern, den Eindruck recht empfinden, 
den man hatte, als diese zeitbewegenden Sachen erschienen. Dante muß 
man so lesen, daß man ihn sich im leichten handlichen Codex aus zartgeglätte- 
tem Schaf- oder Ziegenfell denkt: seine Lektüre war ein Studium, aber der 
Leser muß das Werk bequem mit sich herumtragen können, um es immer 
wieder aufzuschlagen, nachzusinnen über das Zeitliche im Ewigen, davon er 
gelesen, und dann zu einer neuen Kanzone sich zurückzuwenden;. Die Last 
selbst muß zur Lust werden: das cpopriov muß t^pmii^ sein, wie Libanius es 
ausdrückt.^) Ganz anders, wer einen Vincentius Bellovacensis benutzt; der 
Koloß gehört da zur Sache. Unmittelbar in die Zeit erregter Kampfeslust 
versetzen uns die Originaldrucke der Epistulae obscurorum virorum oder 
der Satiren des Erasmus. Satz, Papiersorte, Format, Holzschnitt, alles trägt 
eben den Stempel der Zeit. Monumental, wie aufgerichtete Denkmäler, 
müssen die Monumenta Germaniae vor uns stehen; vor allem gleicht dem 
Monument ein modernes Inschriftenkorpus: jeder Band hat selbst das Ge- 
wicht eines Cippus oder Votivsteines. 

So war nun auch der Eindruck der Lektüre der Aeneis oder der 
Horazischen Oden im Altertum durch die Art bedingt, wie der Leser sich 
körperlich sinnlich zu dem Buch verhielt. Zum Wesen des antiken Buches 
aber gehört die Winzigkeit und das Leichte. Es handelt sich um die 
schmächtige Papyrusrolle, den ausschließlichen Träger der griechisch-römi- 
schen Literatur. 

Unsere betriebsame Gegenwart ist in dem einen und andern Fall tat- 
sächlich schon bemüht, das Anempfinden, von dem ich rede, zu erleichtem. 
Wer heute z. B. japanische Gedichte oder Märchen lesen will, erhält vom 
Buchhändler Exemplare, die „stilvoll'' japanisch ausgestattet sind. Das 
macht Stimmung, der Inhalt wirkt doppelt, und wir meinen, es geht gar 

1) L S. 100 R; 1 S. 154 F. 
Birt, Die BuchroUe in der Kunst. 1 



2 Einleitung. 

nicht anders. So müßte man auch die alte Literatur der Griechen und 
Römer einmal wieder auf Rollen drucken. Warum findet sich kein Unter- 
nehmer, der dies Experiment machte? Es wäre ein Luxus, aber die schönste 
Vergegenwärtigung und Versinnlichung des antiken Geisteslebens. Was die 
Toilette für die Frau, ist das Buch für die Literatur: es ist charakteristisch. 

Allerdings hat das Judentum die Buchrolle der vorchristlichen Zeit bis 
heute im Gebrauch behalten, aber nur in der Synagoge und nur zu ritualen 
Zwecken: das ist nur ein Fossil der Frömmigkeit Hier handelt es sich um 
die Rolle im profanen Leben. 

Wenn der Grieche oder Römer sich die Texte nicht von seinem Lese- 
sklaven vorlesen ließ - eine Gepflogenheit, die doch wohl nur in recht 
beschränktem Maß Anwendung fand und in den Bildwerken gar nicht zur 
Darstellung gebracht ist -, so mußte er eben selbst sich bemühen, mußte 
eigenhändig aufrollen und wieder zusammenrollen und beim Lesen das 
Buch andauernd ausgespannt mit beiden Händen halten. Ob man saß oder 
stand, in allen Fällen war es ratsam, die Arme weit vorzustrecken, damit 
sich das zarte Papier nicht am Kleide schabte. Auch ein Lesen in liegen- 
der Stellung kam vor, und vielleicht kannte also das Altertum ähnliche 
Stimmungen, wie wenn wir Heysesche Novellen nach dem Diner auf dem 
Sofa lesen. Aber irgendwelche Nebenbeschäftigung war ausgeschlossen, 
wie wenn wir beim Schreiben rauchen, bei der Zeitung den Tee trinken oder 
wenn gar der einsame philosophische Junggeselle sein Mittagessen verschlingt, 
ohne von seinem Kant zu lassen. Immerwährende Achtsamkeit war Pflicht; sie 
war schon durch die angespanntere Körperhaltung und Armhaltung er- 
zwungen. Es fehlte, mit einem Wort, der Tisch als Unterlage beim Lesen 
und beim Schreiben: die Rollenform des Buches brachte das mit sich, und 
daraus erklärt sich alles. Der Tisch des Altertums diente nur zum Speisen, 
zum Aufstellen von Gefäßen und zum Geldzählen. Er wird uns im folgen- 
den nirgends begegnen. 

Da wir heute mit gerollten Büchern umzugehen schlechterdings nicht 
mehr gewohnt sind, so gelingt es nicht vielen, sich das Lesen der Alten 
richtig zu vergegenwärtigen, und unsere Künstler begehen, wenn sie einmal 
gezwungen sind, derartiges abzubilden, leicht die unseligsten Mißgriffe. 
Wir, die wir mit den Alten verkehren, wüßten auch gern genau, wie man 
ein Buch anfaßte, in welcher Weise man zu ihm griff, wie man es machte, 
wenn man das Lesen abbrach, wie man sich in einer Bibliothek verhielt, 
wie man gar den Text in die Rolle eintrug usf. 

Dies ist nicht nur ein antiquarisches Interesse, und es betrifft nicht 
nur Fragen, die die Neugier stellt Die Kunst selbst ist in Frage, und wir 
gelangen erstlich, indem wir die Bildwerke der antiken Plastik und Malerei 
aufsuchen, die uns derartiges vorführen, je mehr Darstellungen wir ver- 
gleichen, zu um so richtigerem Verständnis der Motive, Stellungen, Arm- 



Einleitung. 3 

haltungen und Handbewegungen, die da die Kunst des Altertums der Ver- 
ewigung in Marmor und Farbe für wert gehalten hat. Wir gelangen aber 
auch zweitens zur Belebung unserer Anschauung vom antiken Lileratur- 
betrieb selber. 

Denn so wie heutzutage der Gebildete und auch besonders gerade 
derjenige, der als gebildet gelten mochte, sich mit einem Buch in der 
Hand photographieren la&t, so wurde die alte Kunst zu gleichem Zweck 
oft genug in Anspruch genommen. Nicht nur fOr literarische Großen und 
höhere Beamte ist die Beigabe der Rolle und des Bacherkastens typisch, 
sondern auch der wohlhabende Durchschnittsmensch liebte es auf seinem 
Marmorsarg mit dem Buch zu erscheinen, auch der lerneifrige, frühreife 
Ephebe wird so dargestellt, und in Pompeji sehen wir so die Portr&ts der 
schreib- und leselustigen Frauen und Jflnglinge von den Wanden herab ins 
Zimmer schauen. Und das war nicht immer nur Wichtigtuerei und flache 
Ostentation; sondern auf den Sargen war das Buch oft Allegorie, und es 
wird uns in manchen Fallen gelingen, den tieferen Sinn zu erraten, den es 
anzudeuten bestimmt war. 

Der moderne Künstler weiß, wie gesagt, mit gerollten Papierstreifen 
nicht mehr umzugehen. Da seine Darstellungen nicht der Praxis entnommen 
sind, hat seine Phantasie um 
so freieren Spielraum , und 
es entstehen solche Unmög- 
lichkeiten wie der Moses und 
der Ezechiel an der Marien- 
saule der Piazza Spagna zu 
Rom, wovon ich den ersteren 
hier wiedergebe. Die Figuren 
sehen zwar ganz hübsch aus, 
aber der Ezechiel gibt seinem 
geschwungenen Blatt keinen 
Halt, und Moses rollt das 
obere Ende falsch, nach außen 
statt nach innen (s. Abb. 1). 
Das sei hier voraufgeschickt, 
um klar zu machen, wie 
groß der Abstand der antiken 
Kunst von solchen Delirien 
der Modernen ist. Aber schon 
das Mittelalter, das aus der ' 
alten kirchlichen Tradition die 
Aulgabe ertite, Christus, Apo- 
stel und Propheten gelegen!- Abb. 1 : mo«s auf pi«ia spagna. 



4 Einleitung. 

lieh mit RollenbQchern zu versehen, hat sich Motive erlaubt, die unecht 
und unsachgemäß sind und den Mangel an Praxis deutlich verraten. Ein 
Reichtum kühner Aspekte wurde dadurch geschaffen, die Mannigfaltigkeit 
dadurch gesteigert. Ganz anders die echte griechisch-römische Kunst: sie 
beschränkt sich auf verhältnismäßig wenige, mit Vorsicht ausgesuchte 
Motive, und der Reichtum und die Freiheit in der Behandlung steigert 
sich erst seit dem 4. Jahrh. n. Chr., und zwar desto mehr, je mehr seitdem 
die Rolle durch den Kodex im wirklichen Leben verdrängt wurde. 

Ober die Beschaffenheit der Papyrusrolle ist an dieser Stelle wenig 
vorauszuschicken. Nur sei betont, daß sie von geringem Gewicht, leicht in 
der Hand und nie lastend, andererseits aber zerbrechlich, zum Zerfasern 
und Zersplittern geneigt und zerreißbar war und darum mit Vorsicht an- 
gefaßt, und getragen sein wollte. Dies muß in den Bildwerken zum Aus- 
druck kommen, ihre Höhe, resp. die Länge des geschlossenen Konvoluts, 
betrug zu gewissen Zeiten nur 15 cm, meistens doch aber zwischen 
25-40 cm. Daraus ergibt sich, daß die Enden des Konvoluts, wenn das- 
selbe geschlossen in der Hand liegt, mehr oder minder weit aus der Hand 
hervorragen müssen, da seine Länge die Breite einer menschlichen Hand 
übertrifft Andererseits ist die Rolle meist nicht dick und bei einem durch- 
schnittlichen Durchmesser von 5 cm bequem zu umspannen. In dieser Be- 
ziehung gibt es indes Unterschiede, je nach ihrem Zweck; und neben dem 
umfangreicheren Lesebuch in der Hand des Gelehrten und Literaturfreundes 
steht der Ehekontrakt, die Rolle in der Hand des Herrschers und des 
Opfernden und endlich der noch kürzere Brief, der nur ein eingefaltetes 
Blatt zu sein braucht. 

Bevor ich indes zu meiner Aufgabe mich wende, erscheint es not- 
wendig, von der Darstellung des Buches bei den Ägyptern hinreichende 
Proben vorzulegen. Denn die ägyptischen Monumente sind älter, und sie 
stellen uns das Buch gleichfalls dar, das die Griechen nur übernahmen. 
Es wird sich dadurch bestätigen, daß eben das griechische Buch mit dem 
ägyptischen identisch ist. Zugleich aber wird der Unterschied der Kunst 
und Kultur dieser beiden Völker aus ihrem Verhältnis zum Buch auf 
das klarste uns entgegentreten. Als grundlegend für das Verständnis der 
ägyptischen Buchdarstellungen benutze ich die Ausführungen Richard Pibtsch- 
MANNS in den Beiträgen des Schrift-, Buch- und Bibliothekswesens, heraus- 
gegeben von K. DziATZKO, Heft 4 S. 65 ff. 



1. Die Buchrolle der Ägypter. 

Papyrus hieß das schöne Schilf gewächs, das da, wo der Nil um das 
Delta seinen Lauf verzweigt und ins Meer fällt, nicht ohne menschliche 



1. Die Buchrolle der Ägypter. 5 

Pflege in stagnierenden Seitenarmen des Stromes wuchst» und Wälder 
bildend, auf mächtig starken Schäften seine anmutig feinen Laubfächler, 
seinen grünen BlQtenschmuck und roßschweifartigen Pruchtwedel wiegte. 
Diesem Schilf entnahm der kluge Ägypter sein Buch; es war das Buch, 
das einst die leichten Lieder Anakreons, das schwere Evangelium Christi 
durch die Länder tragen sollte. Aber dies Buch war zu teuer, und das 
eigentliche Volk im Ägypterland,- bei dem die Schreibkunst bis zum Sklaven- 
stand hinab recht verbreitet war, griff daher viel mehr zur Scherbe, die 
am Wege lag. Beschriebene Ostraka waren in tausend Fällen das Hilfs- 
mittel for den Austausch im Kleinverkehr und Handel Das hat sich sogar 
im alten Athen noch fortgesetzt. 

Anders die Beamtenaristokratie des Landes. Par vorläufige Aufzeich- 
nungen geringen Textumfanges besaß sie eine handliche Holztafel mit ge- 
weißter Pläche (XeuKUiiiia), auf die man die Schrift malte. Man kannte im 
Verkehr nur malende, nicht ritzende Schrift. Diese Tafel war oft einfach; 
man findet aber auch zwei verbunden, nach Art des griechischen Diptychon. 
Dazu kommt aber noch das Schreibgerät selbst, das dazu diente, Farbstoff 
und Calamus aufzubewahren; nennen wir es Pennal; dieses war ein hölzer- 
nes schmales Brett, etwa von der Höhe des Zylinders einer Papyrusrolle; 
an seinem oberen Ende befinden sich zwei runde Vertiefungen für die zwei 
Farben, schwarz und rot; in einem Spalt oder Einschnitt desselben wurden 
die Calami, dünne, doch feste Binsenstäbchen aufbewahrt, deren man sich 
nach Art eines Pinsels bediente. Die erwähnten Farben mußten erst be- 
feuchtet werden, bevor der Calamus sie zu seiner Malarbeii verwenden 
konnte; dazu diente ein Napf mit Wasser.^ Auf diesem Pennal selbst finden 
sich nun aber sowohl unten wie auf der Rückseite nicht selten schriftliche 
Notizen, Zeugenaussagen u. ä. notiert.^ 

Für eigentliche Buchzwecke und größere Archivalien mußten jedoch 
größere Schreibflächen hergestellt werden. Solche Schreibflächen aber 
wußte man nicht anders aufzuheben und für den Transport handlich zu 
machen, als indem man sie rollte. Man schuf also Rollen aus Leder, oft 
recht roh, mitunter auch schon in verfeinerter Bearbeitung.^) Doch be- 
währten sie sich nicht, sie waren zu schwer in der Hand, und man schritt früh 
zur Herstellung eines feineren rollbaren Materials, der Charta. 

Charta, 6 x<^P'^n^» ist der griechische Ausdruck für das aus dem Papyrus- 
schilf gewonnene, zunächst noch unbeschriebene Schreibmaterial von der 

1) Paltts limosa et pcqyyris referta et alta, Serv. z. Aen. VI 154; papyrus patu- 
digena, Anthol. lat. 94, 1 R. 

2) Siehe R. Pietschmann in Aegyptiaca f. Q. Ebers, 1897, S. 83 f. 

3) Siehe Ausführliches Verzeichnis der ägypt. Altertamer, Berlin 1894, S. 94f. 
Vgl. übrigens ebenda S. 106 Nr. 6763. 

4) Siehe R. Pietschmann, Leder und Holz als Schreibmaterialien bei den 
Ägyptern, in den erwähnten „Beiträgen" Heft 2 S. 105 ff. 



5 Einleitung. 

Ausdehnung eines im Querformat langgestreckten Bogens, auf welchem sich 
zwanzig Schriftseiten stellen ließen. Die Erfindung gehört den Ägyptern und 
geht bis ins dritte Jahrtausend zurück.^) Aber sie war kompliziert und teuer. 
Das Wachstum des Schilfes mußte gehütet, mußte gesteigert werden. 
Man pflanzte es reihenweise in gewissen Abständen, so daß ein Mann hindurch- 
gehen konnte.') Zur Papiergewinnung selbst aber galt es zunächst die ge- 
eigneten Schäfte auszusuchen und einzuernten. Gelegentlich ist dann direkt 
auf solchen Schaft, wie er aus dem Wasser kam, geschrieben worden.^ Doch 
kam das gewiß selten vor. Vielmehr begann nun die Handarbeit, und mit der 
Nadel wurden aus dem Mark des Schaftes von oben nach unten Streifen, 
inae, scissiwae oder ftssurae^)^ herausgeschnitten, die nicht nur möglichst 
lang, sondern auch möglichst dünn und zugleich doch auch fest und halt- 
bar sein mußten. Dann wurden aus ihnen Blätter von der Größe von 
etwa 15 zu 40 cm hergestellt, indem man auf einer Tafel eine Anzahl 
von Streifen parallel legte, darüber eine zweite Lage in entgegengesetzter 
Richtung. Diese Lagen wurden durch starke Befeuchtung und Klebung eng 
und unlösbar verbunden^), dann unter die Presse getan, dann wieder be- 
feuchtet und nochmals gepreßt. Um ebenmäßige Dünnheit und Glätte der 
Oberfläche zu gewinnen, wurde das fertige Blatt dann noch mit einem 
Hammer beklopft^) Die so entstandenen Blätter kamen einzeln zum Ver- 
kauf. Für umfangreichere Schrifttexte aber wurden in der Fabrik jedesmal 
etwa zehn bis zwanzig Blätter zusammengeklebt (compaginantur^ Servius 
z. Aen. XI 554), und es entstand auf diese Weise der große Bogen Charta^ 
der noch leer und unbeschrieben auf seinen Text harrte.^) Die besten 
Sorten dieser Charta hießen bei den Griechen die Königscharta und die 
hieratische. Bei Griechen und Römern war der „Kleber" {glutinator, koX- 
X^Trjq) ein besonderer Beruf. ^) Beim Aneinanderkleben der Blätter oder 

1) Der älteste erhaltene Papyrus gehört etwa in die Zeit der 5. Dynastie; 
s. L. BORCHARDT in Aegyptiaca f. Q. Ebers S. 14. 

2) vgl. die schone Schilderung bei Achilles Tatius p. 121 Hercher. 

3) Ausführl. Beschreibung S. 307: „Kerbholz zum Rechnen: ein Papyrusstengel, 
auf der einen Seite die Kerbe, auf der anderen griechisch aufgeschrieben eine 
Summierung, Arbeitsleistung und Korn betreffend; aus später, christlicher Zeit.'* 

4) fissuras habe ich bei Plinius nat hist. 13, 74 fOr das fiberlieferte philyras 
konjiziert (Centralblatt f. BW. XVII S. 555); auch 17, 267 braucht Plinius den Aus- 
druck harundinum fissurae. 

5) Bei Plinius nat. hist. 13, 74 ist die Lesung der besten Handschrift M un- 
antastbar: texitur omnis (sc. Charta) madente tabula, Nili aqua turbidum liquorum 
glutinis praebet, in welchem Satz glutinis nur Dativ sein kann, turbidum liquorum 
aber „das Trflbe seiner FlOssigkeit** bedeutet. S. Centralblatt a. a. O. S. 556. 

6) Siehe Buchwesen S. 229 — 237. Betreffs der dort umgestellten Pliniusworte 
postea malleo tenuatur eqs. vgl. Centralblatt a. a. O. S. 558. 

7) Ein Beispiel ist der Leidener Papyrus X (Papyri graeci Mus. Lugdun. Bat. 
ed. Leemanns Bd. 11 1885), in dem breite Blattflächen am Anfang sowohl wie am 
Schluß unbeschrieben sind. 

8) Siehe Corpus gloss. lat. 111 367, 27; Cic. ad Att. IV 4b. 



1. Die Bucbrolle der Ägypter. 7 

auch beim Eintragen der Schrift wurde die Charta jedoch leicht wieder 
uneben und zerknittert, und es wurde danach noch ein neues Ebenen des 
Papiers durch Beklopfen nötig. ^) 

So mahsam war das Verfahren! Die besten Papyri haben uns die, 
ägyptischen Graber erhalten; sie zeigen in der Tat die feinste Komposition 
und Glatte; der Farbenton ist blafigelb oder mattbraun. Auch die Tinte 
mit der sie beschrieben sind, erweist sich als vortrefflich. Leider war das 
Begrabniswesen der klassischen Völker nicht danach angetan, Bücher zu 
konservieren; denn man verbrannte zumeist die Leichen; und wenn auch 
sonst der Römer seinem Toten Papyrusrollen mit in den Sarkophag legtet, 
die römischen Sarkophage verbargen sich nicht unzugänglich in der WQste 
oder in Totenstädten, sie sind vielmehr allesamt frQh geöffnet worden. Die 
besten Buchexemplare danken wir daher dem Totenkult der Ägypter.*) 

Daß diese Charta teuer war, beweist schon der mitgeteilte Fabrikations- 
bericht, den wir im wesentlichen dem Plinius verdanken. Denn viel Zeit- 
und Mahaufwand und viel Personal war far ihre Herstellung nötig. Das- 
selbe ist für jene alten Zeiten, als Ägypten noch von den Griechen nichts 
wußte und nur für den eignen Bedarf produzierte, von den Kennern des 
ägyptischen Altertums mit anderen Argumenten erwiesen worden.^) Wie 
sparsam man damals mit dem Material umging, ist offenkundig. Man be- 
nutzte, selbst für Prunkbücher, Vorder- und Rückseite. Sogar Rechnungs- 
bocher des königlichen Hofes sind auf beiden Seiten beschrieben.^) Man 
wusch die Schrift ab, um die Charta noch einmal wieder zu verwenden; 



1) Dies ist das TrepiKÖTrrciv an den fertigen Büchern bei Lucian Adv. indoctum 16, 
und so erklären sich auch die libri perscripti nondum malleati bei Ulpian, Digest. 
32, 52, 5, die als Ausnahme hingestellt werden und libros perscriptos maüeatos, 
„beschriebene und dann geklopfte Bücher" als das Regelmäßige voraussetzen; 
vgl. Centralblatt a.a.O. S. 559f., wo ich bei meiner Schilderung des Schreibens 
nur nicht vom Tisch hätte reden sollen! — So gab es nach Ulpian a. a. O. auch 
libri perscripti nondum conglutinati; dies setzt voraus, daß man erst die Einzel- 
bldtter oder doch Gruppen derselben mit Schrift ausfüllte und sie erst danach zu 
einem Rollenbuch zusammenklebte. Ich werde dabei an das non bene siccus bei 
Martial IV 10 erinnert; das ist von einem in dieser Weise frisch hergestellten Buche 
zu verstehen. — Endlich konnte man auch aus einem über perscriptus Blätter heraus- 
schneiden und ihn dann wieder zusammenkleben, intercidere librum; vgl. Plin. ep. 
VI 22, 4. 

2) Bekannt ist die Geschichte von den Büchern im Sarg des Numa. Hier sei 
mir angeführt, daß sich in Gräbern bei Cumae wirklich Papyrusrollen fanden; sie 
waren aber so schlecht erhalten, daß sie sich nicht aufbewahren ließen; s. JORio, 
Methode di rinvenire . . . i sepolcri, Napoli 1824, S. 134. 

3) In einem Sarkophage sind allerdings die 2. u. 3. Rede des Hyperides ge- 
funden worden; aber es war ein ägyptischer Sarkophag: HABERUN, Griech. 
Papyri N. 94. 

4) Z. B. Erman an mehreren Stellen; dazu Maspero, Aegyptische Kunst- 
geschichte S. 160. 

5) Turiner Papyrus, Aegypt Zeitschr. Bd. 28 S. 66 ff. 



8 Einleitung. 

oder man ließ den Text zwar stehen» aber schrieb auf die Rückseite Rech- 
nungen u. a.^) Ein Beamter notiert im Tor einer Festung alle Ein- und 
Ausgehenden, um sie der Behörde anzuzeigen, und zu dieser amtlichen 
Leistung benutzt er die Rückseite seines Sdhulschreibheftes.^ Man knauserte 
sichtlich. Bezeichnend ist, daß unter den Abgaben, die von einem Bürger 
des Landes gefordert werden, sich neben 2% Scheffel Korn, 4 Stück Haut, 
1 Hacke u. a. m. auch erst „ein Streifen P^^pier'', dann „1 Rolle Papier'' 
und am Schluß nochmals „eine RoHe Papier" verzeichnet findet. Der Be- 
steuerte erhebt dagegen Reklamation und fertigt ein Verzeichnis dieser 
Forderungen an.^) Die Chartarolle muß also etwa mit 4 Stück Haut ziem- 
lich gleichwertig gewesen sein, ja, es ist klar, daß sich das Begehren be- 
sonders auf sie richtete, da sie doppelt, ja dreifach gefordert wurde. Sie 
war denn auch Gegenstand des Tauschhandels.^) 

Wieviel in Ägypten geschrieben wurde, ist erstaunlich. Das eigentlich 
Literarische tritt dabei. »eurück. Es handelt sich um die Staatsverwaltung 
mit ihren Kanzleien, die DotUdnenverwaltungen, die Rechenschaftsablage der 
Beamten, Protokolle, gerichtliche Verhandlungen. Der Stand der „Schreiber" 
oder Kanzlisten gab dem Lande seine Signatur. Er war sich dessen be- 
wußt und gebürdete sich stolz genug. Wer Schreiber geworden, kann zu 
den höchsten Chargen aufrücken, und der Lernende wird daher in der 
Schreibschule ermahnt: Durch das Schreiben bekommst du das Obergewicht 
über die Masse des Volks. Schreibgerät (Pennal) und Buchrolle bringen 
Annehmlichkeit und . Reichtum. Es frohlockt, wer als Schreiber im Amt ist. 
Der Ungelehrte ist der Esel, der Gelehrte der Eseltreiber. Liebe die 
Wissenschaft wie deine Mutter. ''^) In einem Schülerbrief wird heftig ge- 
tadelt und als Tor gebrandmarkt, wer seine Bücher wegwirft.*) Jeder 
Richter ist zugleich Oberschreiber, jeder Oberrichter nennt sich Vorsteher 
des Schreibwesens des Königs usf.^) Schreiben und Ehre war also das- 
selbe. Daraus folgt, daß man auf das „propria manu" selbstverständlich 
alles Gewicht legte. Die stolzen Leute übten sich eigenhändig an Märchen- 
texten und ähnlichem. Eigenhändig wurde alles hergestellt, und an einen 
Buchhandel war deshalb nicht zu denken. 

Endlich gibt es denn auch Götter, die Schreiber sind, eine Vorstellung, 
die sich aus der eigenartigen Hochschätzung dieser Tätigkeit erklärt und 
nur mit Vorsicht auf griechische Götter übertragen werden darf. Der Gott 
Dhoute ist Erfinder der Schrift, derselbe zudem der Briefschreiber der 
Götter^, und er wird abgebildet, das Pennal in der Linken, denn er will, 
während Gott Horus das Herz des Toten auf der Wage wiegt, das Ge- 



1) Vgl. Aus den Papyrus der Kgl. Museen, Berlin 1899, S. 5. 

2) Erman, Aegypten, S. 708. 3) Ebenda S. 179. 4) Ebenda S. 657. 
5) Ebenda S. 443 f. 6) Aus den Papyrus S. 95. 7) Erman S. 166. 
8) Ebenda S. 444 ; PlETSCHMANN in Aegyptiaca S. 82 ff. 



f(fcWS:?\^x';f 



1. Die Buchrolle der Ägypter. 9 

wicht notieren.^) Eine zweite Figur der Art ist Chons; während Thoth in 
der Unterwelt Gericht hält, funktioniert vor ihm als Verteidiger der Seelen 
Chons, der Schreiben*) Vor allem wird Imhotep, der Gott der Kranken- 
heilung, den die Griechen alsbald mit ihrem Asklepios gleichsetzten, als 
„königlicher Schreiber*' bezeichnet und hält oftmals entweder die Rolle in 
der L, den Calamus in der R., oder vielmehr die ausgebreitete Rolle auf 
seinem Schöfie.^) Aber auch Horos galt als Verfasser eines Traumbuches/) 

So ist es nun kein Wunder, daß die geschlossene Papyrusrolle in der 
Bilderschrift der alten Ägypter sogleich selbständig abgebildet, daß sie als 
Hieroglyphe verwendet wird. Und zwar als ein Zylinder, der mit reichem 
Banderwerk umwickelt und versiegelt ist; s. Beni Hassan Part III (by 
P. Grippith) S. 21 u. Tfl. IV Nr. 61; unsere Abb. 2 a. In der älteren Schrift 
liegt sie stets horizontal; sie dient als Deter- 
minativzeichen für Abstrakta. Gewöhnlich - 
aber erscheint sie nicht in so sorglich de- 
taillierter Ausführung, sondern in der Weise Abb. 2a. Abb. 2b. 
vereinfacht, wie es unsere Abb. 2 b zeigt. 

Eine UmschnQrung des Konvoluts mit Bändern findet sich auch noch 
sonst ^), wennschon keineswegs regelmäßig, so z. B. Beni Hassan Bd. I (by 
Pbrcy Newbbrry) Tfl. 35, unsere Abb. 3. Wo aber geschnürt 
wird, fehlt auch nicht leicht das Siegel.^ In der Tat ist 
gelegentlich auch vom „Siegeln der Schrift und Schließen 
der Rolle'' die Rede.^) 

Aber auch der Mensch mit dem Buch, auch das Buch ^^^^ 3 

im Dienst des Menschen wird in zahlreichen typisch sich 
wiederholenden Darstellungen angetroffen. Ich rede zunächst von den 
Reliefbildern an Tempeln und Gräberwänden und auf Grabstelen. 

Ob nun Ware überbracht, Vieh gezählt, ein Transport abgeliefert wird 
oder über den Pleiß einer Arbeitertruppe der Aufseher Buch führt, der 
Schreiber ist immer dabei, registriert, notiert, überreicht oder verliest das 
Geschriebene dem Oberbeamten. Nicht selten' sehen wir mehrere gleich- 
zeitig nach Diktat schreiben. 

Selten erscheint dabei die Schreibtafel; auf einer solchen notiert der 
Schatzmeister, wieviel Stücke am heutigen Tag aus dem Schatzhaus veraus- 




1) Brman S. 201. 2) Siehe Aus den Papyrus S. 55. 

3) Siehe Drexler bei RosCHER, Mythol. Lex. II S. 123. Schreiber pflegen dem 
Imhotep Wasser zu opfern und er selbst hält Bücher, die eine diesbezügliche Auf- 
schrift tragen^ s. Zeitschr. f. äg. Spr. 36, 147 u. 40, 146 (H. SCHÄFER). 

4) Dio Chrysost. er. XI l!(9 nach Scalioers Lesung; öpiy st. "^ptu gibt die 
Oberiieferung. 5) Genaueres bei Pietschmann Heft 4 S. 78. 

6) Ebenda. Auch das Hieroglyphenzeichen läßt das Siegel erkennen. 

7) Pietschmann in Aegyptiaca S. 87. 



10 



Einleitung'. 




I: Scbteiber det allen Reichs. 



gabt worden sind, auf dem 
Bild bei Lepsius, Denkm. 
111 Bl. 108, danach Erman, 
Ägypten S. 175. 

Um so häufiger da- 
gegen Pennal und Rolle, 
mitunter nur das 
Pennal, mitunter 
nur die Rolle, flberall da 
aber beide zusammen, wo der Schreiber berufsmäßig tatig ist. Die Rolle 
ist meist geschlossen und das Schreibgerat von ihr wesentlich nur durch 
die zwei, mitunter auch drei dunklen Punkte verschieden, die sich an 
seinem oberen Teil befinden und die die Farben anzeigen, die man beim 
Schreiben und Malen brauchte. 

Besonders deutlich ist das letztere, wo ein Bildhauer eine Statue bemalt, 
LbPSIUS, Denkm. III 100* = Erman, Ägypten S. 553. Ebenso auf dem Bilde bei PRISSB 
D'AVENNES, Kistoire de l'ad ig. Bd. II Ttl. 64. Be- 
malung eines Schrankes in Life of Rekhmara') 
Tat. 17. 

Ebenda Life of Rekhmara Ttl. 12 werden die 
Schreiber, die mit im Zuge gehen, durch das 
Pennal kenntlich gemacht. Eine Reihe von ihnen 
tritt auch ebenda Tfl. 16 auf; alle halten das Schreib- 
gerät in der gesenkten Rechten und legen die 
Unke Hand auf ihre r. Schulter. 
Abb. s: Ernte. Dazu nehme man weitef die folgende 

Auswahl von 21 Bildern, denn das Selbst- 
sehen ist lehrreicher als das Beschreiben; leider ließ sich jedoch meine 
Absicht, sie sämtlich hier vorzuführen, nicht verwirklichen: 

1) Aus Erman, Ägypten S. 165 (nach LEPSIUS):' Schreiber des alten Reichs; 
vgl. p[ETSCHMANN a. a. O. Heft 4 S. 70; unsere Abb. 4. 

2) Ebenda S. S7S (nach Wilkinson): zwei Schreiber bei der Ernte; unsere Abb. 5. 

3) Ebenda S. 662 (nach WILKINSON) : gefangene 
Neger registriert; unsere Abb. 6. 

4) Perrot u. Chipiez I S. 30 Fig. 19: Drei 
Schreiber, hockend, in Tätigkeit; hinterm Ohr 
zwei Calami. Aus Sakkarah; unsere Abb. 7. 

' 5) Ebenda Fig. 21. Ein Schreiber registriert 

Waaren; ähnlich dem vorigen. Aus Sakkarah. 

6) Ebenda S. 744 Flg. 501: Schreiber vor der 
Wage. Aus Sakkarah. Besonders deutlich; Abb. 8. 

7) Ebenda S. 746 Fig. 503: vier Hirten, die 
Vieh führen; jeder halt eine Rolle in die Höhe. 
Die Rolle mit Band umbunden: tombe de Cham- 
hati; unsere Abb. 9. 

8) PRISSE D'AV£NHES, Bd. II Tfl. 15: Feldarheiter; 
dazu Schreiber; die einen schreiben auf dem 
Pennal, die andern auf Charta. 18. Dynastie. 




1) Ed. Percy E. Newbbrry 1900. 



1. Die Buchrolle der Ägypter. n 

9) Prissb d'Avbnnbs 
II Tfl. 6: Pflttening von V0- 
geln;5. Dynastie: Aulseher 
mit Rolle, Motiv la. Unter 
dem linken Arm Kasten (?). 
Memphis. 

10) Ägyptische Zeit- 
schrift Bd. 34 (1896) S. 64, 

Orabstele; aller Schreiber, Abb. T: Omppe tod Schreibern. 

die Rolle in der L., Motiv la; die Rechte im 

Redegeslus erhoben. Im unteren Teile ein Schreiber, der einen Stier fflhrt. Zeit 

Amenophis' IV. 

11) Beni Hassan Bd. I TU. 18: zwei schreitende Manner, Rolle in der L. 

12) Prissb d'Avehhes II Tfl. 13; Huldigung vor Amenophis III (18. Dynastie): 
Rolle in der Rechten, Motiv la; die Unke macht Gestus. 

13) Ebenda Ttl. 14: Feldmessung unter einem Domanenaulseher; hier auch Per- 
sonen, die zwei Rollen halten. 18. Dynastie. 

14) Bbenda Tfl. 16, 18. Dynastie, besonders herrlich: Zahlung von Rindern; 
drei Reihen junger MSnner, die die geschl. 
Rolle hochhalten. Die Rolle mit Band. 

15) Beni Hassan II TU. 6: Transport 
von Waren; ein Schreiber halt Blatt und 
Pennal. 

16) Ebenda II Tfl. 7: Schreiben nach 
Diktat; 2. und 3. Reihe; s. unsere Abb. 
10 u. 11; auf der letzteren Abb. Ist I. ein 
hockender Schreiber w^gelassen. 

17) Ebenda I Tfl. 13 und dazu S. 32: 
ein Schreiber streckt dem Amenemhat eine 
offene Rolle entgegen, die beschrieben Ist 
{Rechnungsablage); übrigens 7 hockende Abb. 8: Vor der Wage. 
Schreiber in Tätigkeit; auch ein stehender. 

18) Ebenda I Ttl. 29: drei hockende Schreiber in Tätigkeit. Diejenigen, die 
im Profil nach r. sitzen, schreiben mit der I. Hand; einer sitzt im Profil nach I.; 
dieser schreibt mit der r. Hand. Vor ihm 

wird etwas auf der Wage gewogen. i, 

19) Ebenda II Tfl. 44: Ankunft von j 
Asiaten; eine Figur halt in der gesenkten L. i 
eine Rolle, Motiv la, in der R. aber ein in | 
der Luft stehendes groQes weißes Blatt '. 
mit Schrift; vgl. LEPSIUS, Denkm. II Bl. 133. ■; 

20) WiLKiNSON, Manners and Customs i 
2. Serie Bd. 1 (1841) 8. 128, Figur 439: j 
zwei Schreiber, die eine Abrechnung nach | 
Diktat aulschreiben; unsere Abb. 12. j 

21) Relief in Florenz, agypl. Museum, 
Saal II Nr. 1687; s. Museo archeologico di ! 
Pirenze, antichitä egizie, ed. Scheaparelli, ' 
Teill, Rom 1887, S. 313: Zeh Amenophis' IV; i 
unsere Abb. 13. | 

ort wird also, wie ein Oberblick i 
aber diese Bilder ergibt, wo ein ' 
Transport begleitet oder ein Vortrag 
gehalten wird, das Pennal oder die Abb. g^Hinen. 




12 



Einleitung^« 




Abb. 10: Schreiben nach Diktal. 



Rolle nur in der Hand ge- 
tragen. Dabei wird die Rolle 
in der Mitte von den Fingern 
fest umfaßt und erscheint bald 
in der linken Hand 
(Nr. 10 u. 13), bald 
in der Rechten (Nr. 7 ; 1 2 ; 1 3 ; 1 4). 
Viele Schreiber ziehen im Zuge einher, alle halten die Rolle in der Linken, 
Life of Rekhmara Tfl. 4. Ein Bild wie Nr. 10 des obigen Verzeichnisses, 
wo dazu die rechte Hand den Gestus des Redens ausführt, ist eine voll- 
kommene Antizipation dessen, was wir auf griechisch-römischen Bild- 
werken oftmals sehen; hur freilich ist die Kleidung nach klassischen Be- 
griffen ungenügend! 

Aber es gibt noch einige Varianten, und auch unterm Arm wird Pennal 
oder Buch eingeklemmt getragen; das ist das sub ala^ das Horaz spater 
tadelnd erwähnt, epist. I 13, 13; man sieht dies z. B. in dem Werke Beni 

Hassan Bd. I Tfl. 20 u. II Tfl. 28. Das 

^k^ Spatgriechisch prägte für den Gegen- 

^^ ^ ßK^L stand, den man so unter der Achsel trug, 

^t ^^„^ t^^^^Jf^ ^®" Ausdruck tö uTro^dcrxaXov. Femer 

^HB^^ ff^F \ treten auch Personen mit zwei Rollen 

1^^^ K ' [y ■ ^^ auf; in jeder Hand halten sie eine; siehe 

C^ [.x^l J ^ Nr. 13 u. Beni Hassan I Tfl. 35. 

Abb. 11: Schreiben nach Diktat. Mit einem einfachen Band wird die 

Rolle in der Mitte umschlossen auf Nr. 7 ; 
ebenso die große Rolle, die an der Wand zu hängen scheint, im Life of 
Rekhmara Tfl. 5 (unterster Streif). 

Sodann aber das Schreiben. Da ist nun unzweifelhaft und unverkenn- 
bar, daß man häufig auch auf dem Pennal selbst schrieb oder die Buch- 
staben der Bilderschrift malte. Ich verweise 
dafür auf Nr. 4 u. 8 des Verzeichnisses; aber 
auch das Florentiner Relief Nr. 21 kann ich 
nicht anders verstehen.^) Für eilige und vor- 
läufige Notizen war das auch in der Tat aus- 
reichend. Aber auch auf der Außenseite eines 
geschlossenen Rollenzylinders wird geschrieben 
in Nr. 2 u. 3 u. 13; das Buch wird außen mit 
einem Vermerk versehen. Das ist unzweifel- 
haft. Es wird mir bestätigt durch die Grab- 
stele in Turin, daselbst Nr. 49 (11. Dynastie), 




Abb. 12: Schreiben nach Diktat. 



1) Auch SCHIAPARELLI H. a. O. fcdct von 
Tafeln, „tavolozza". 



1, Die Buchrolle der Ägypter, 13 

auf der im untersten Streifen die vierte Figur von L zugleich ein Pennal 
unter dem I. Arm und auf der I. Hand eine gesctilossene aufrechtstehende 
Rolle trägt; die r. Hand aber hat den Calamus und berohrt mit dessen 
Spitze den oberen Teil dieser Rolle. Ebenso evident ist dies auf dem 
Thebanischen Relief zu sehen in dem Poliowerk D^cr. de l'ßgypte II p. 46 
Nr. 13. 

Man halt beim Schreiben alsdann die schmale hOlzeme Flache, resp. 
den Rollenzylinder am untern Ende frei in der Lult (so Nr. 21), oder man 
laßt sie auch auf dem Unterarm ruhen , (Nr. 2). 



Abb. 13: Relief in Floreni. 

pQr größere Texte nun aber und fflr die Reinschrift dienen als Schreib- 
llache größere Blatter, die nur als Chartablatt verstanden werden können; 
so schon im alten Reich, s. Verzeichnis Nr. 1, wo der Blattstreif schmal und 
hoch erscheint; sonst herrscht das Querformat vor, und das ausgespannte 
Blatt hat mitunter die Länge etwa einer Armspanne. Es hall sich dabei selbst 
ohne Stützung aufrecht; s. Nr. 8 u. 17, sowie Nr. 16 zweite Reihe; bisweilen 
aber ruht es auch auf dem Unterarm; s. Nr. 18 u. Nr. 16 dritte Reihe. 
Deutlich wird solch Blatt mit dem Pennal zusammen in der 1. Hand ge- 
tragen von dem Schreiber auf dem Bild Nr. 1 5. Ein fertig beschriebenes 
Papyrusblatt wird endlich gehalten in Nr. 19 u. 17. 

Meist schreibt die r. Hand, doch mitunter auch die Linke; s. Nr. 18 u. 16 
(zweite Reihe). Man bedenke, daß die Schrift von rechts nach links lief. 



14 Einleitung. 

Am bemerkenswertesten jedoch ist, daß wir wiederholt auch mehrere 
Personen gleichzeitig schreiben sehen, bald vier (Nr. 21), bald sieben 
(Nr. 17); die Szenen in Nr. 16 u. 20 aber zeigen deutlich, daß man in 
solchem Fall nach Diktat schrieb. Im oberen Streifen von Nr. 16 kniet der 
Diktierende den Schreibern gegenüber, hält eine geschlossene Rolle in seiner 
Rechten und wendet sich eben zu einem Manne um, der hinter ihm steht 
und ihm Instruktionen gibt; im unteren Streifen ist der Diktierende da- 
gegen aufgesprungen und streckt sein Schreibzeug den beiden Schreibern 
lebhaft entgegen: s. Abb. 10 u. 11. Doppelte Exemplare einer Urkunde, 
Vervielfältigung war natürlich in hundert Fällen nötig. Daß diese Verviel- 
fältigung durch Diktat geschah, haben wir lange vermutet^); hier sehen wir 
es endlich im Bilde als Wirklichkeit. 

Es kommt vor, daß man stehend schreibt (Nr. 3); gewöhnlich aber 
hockt man dabei - echt orientalisch — an der Erde; bisweilen sind dem 
Pennal einige Calami auf Vorrat entnommen und stecken hinterm Ohre 
(Nr. 4). Auf der Unterlage eines Tisches hat der Grieche und Römer, 
soviel ich weiß, nie geschrieben, und auch bei den Ägyptern fehlt der 
Tisch so gut wie durchgängig.^ Wohl aber steht in dem Zimmer, wo 
nach Diktat geschrieben wird, ein Scrinium, ein würfelförmiger Kasten ohne 
Füße, der in der Seitenansicht mehr breit als hoch ist, zwischen dem, der 
den Text vorspricht, und den Schreibern. Auf dem Deckel zeigt er rechts 
eine hochstehende Leiste, Griff oder Wange (auf unserer Abb. 10 u. 11 ist 
dies zweimal zu sehen); der eine der Männer stützt sich darauf; er hat 
sich mutmaßlich soeben, als er sich vom Boden erhob, daran festgehalten. 
Vielleicht darf ich hiermit den Kanopenkasten in Leiden vergleichen (Agypt 
Ztschr. Bd. 32 S. 23), der gleichfalls Würfelform, auf seinem Deckel r. und 
1. aber gleichfalls Erhöhungen, „rechteckige Backen" zeigt (überdies sieht 
man nun noch auf den Kästen unserer Abb. 10 u. 11 je eine Rolle oder 
Pennal liegen, zum sicheren Anzeichen, daß diese Schachtel für Schreib- 
zwecke dient. 

In anderen Fällen sind die Kästen, die dem Schreiber beigegeben 
werden, vielmehr hochfüßig, sie sind flacher und fein modelliert; so z.B. 
auf den Bildern bei Champollion, Monum. de T^gypte I Tfl. 164, 3 und bei 

1) Buchwesen S. 349 f. 

2) Wenn ein tischartiges Gestell vorkommt (Pietschmann in Aegyptiaca S. 82; 
derselbe in den Beiträgen Heft 4 S. 76), so dient der Tisch regelmäßig nur als 
Repositorium fOr geschlossene Rollen u. a. Gegenstände, der Schreibende aber hockt 
daneben und hält die Schreibfläche hoch auf der Hand oder auf dem Unterarm und 
benutzt den Tisch nicht als Unterlage (s. z. B. Lepsius 11 Bl. 96 unten; Bl. lila und 
sonst). Eine Ausnahme Erman S. 148; ebenso das Grabrelief Lepsius III Bl. 26 
Nr. la, wo sich drei Schreiber an einem Tisch befinden; zwei sitzen aber auf ihm 
und schreiben so auf dem Pennal, und nur der dritte legt das Buch (oder Pennal) 
wirklich auf die Tischplatte und schreibt so, wobei er nicht sitzt, sondern vor- 
gebeugt steht. 




1. Die Bucbrolle der Agfypter. 15 

WtLKiNSON Ser. II vol. 1 S. 129 u. 132; letzteres auch bei Erman, Ägypten 
Beiblatt zu S. 586. Vgl. auch Life of Rekhmara Tfl. 20 unten. Es ist nQtz- 
lich, sich auch diese Kästen in Abbildung zu vergegenwärtigen, unsere 
Abb. 14; denn sie sind es, die von den Griechen zunächst übemommen 
wurden.') 

Dazu kommt nun noch der Btlcherbeutei , den man auf denselben 
Bildern bei Wilkihson den Schreibern beigegeben sieht Der Gegenstand 
erscheint auch auf Nr. 20 unseres Ver- 
zeichnisses und schon auf Nr. 1: ein 
zylinderförmiges Futteral mit fester 
Wandung, das oben in einen Beutel 
auslauft; vgl. unsere Abb. 15. Diese 
Schachtel eignete sich augenscheinlich 
vortrefflich zum Transport der Rollen 
selbst und verrat ihren Zweck durch 
ihre Form sehr deutlich. Auf dem Re- 
lief des Berliner Mus. Nr. 2088 werden 
dem Toten im Leichenzug drei Kasten und zwei BQcherbeutel nachgetragen. 

Auch in TonkrDgen - z. B. je neun in einem Krug") - wurden die 
Rollen aufbewahrt. Ob es dafQr Abbildungen gibt, weiQ ich nicht Vgl. 
auch Jeremtas 32, 14. 

Noch ein Wort endlich zu unserer Abb. 12. Dies Bild, das zwei nach Diktat 
arbeitende Schreiber zeigt, konnte den fluchtigen Betrachter zu dem Glauben ver- 
fahren, daß man doch häufiger auf Tischen oder doch aul kastenartigen Ge- 
stellen schrieb. Ware dies indes richtig, so würde aul dem Bilde die Schreibflache 
fehlen, die für einen Schreiber denn doch ersles Erfordernis war, und die rechte 
Hand mil dem Calamus stünde überdies, wie jeder sieht, viel zu tief. In Wirklichkeit 
halten die beiden Schreiber hier also das Pennal in ihrer Linken, die großen Recht- 
ecke aber, die man vor ihnen sieht, sind die ungeschickt wiedergegebenen Blatt- 
flachen, auf die sie den Calamus aufsetzen. *) 

Eine wirkliche Aufstfitzung der Schreibflache sieht man dagegen tat- 
sachlich bei Erman S. 148; doch ist hier nicht auszumachen, ob auf Blattern 
oder Tafeln geschrieben wird. Dasselbe Bild zeigt wiederum die Bocher- 
lade sowie auch RollenbOndel auf der Lade. Ebensolche RollenbQndel, 
doch ohne SchnQrung, glaube ich auch im Lite ot Rekhmara TU. 20 (unten) 
zu erkennen; Pibtschmahh a. a. 0. S. 78 beobachtet, daß diese Bändel aus 
je fünf oder auch etwas mehr Rollen zu bestehen pflegen. Mutmaßlich 
sind es unbeschriebene.*) 

1) Ober die runde Erhebung auf dem Deckel s. Maspero, Ag. Kunstgeschichte 
S. 273. 2) Buchwesen S. 49. 

3) Vgl. PlBTSCHMANN in Beitrage usf. Heft 4 (1898) S. 66. 

4) Solche Rollen oder RollenbOndel pflegen stehend dargestellt zu werden, 
wahrend sie liegend zu denken sind (Fibtschmann a. a. 0.). Vgl. noch L^PSiUS III 
Tfl. 77: das Bündel erscheint hier ungeschnQrt und besteht aus 10 Rollen. 



Iti Einleitung. 

So häufig der Schreibende, so selten begegnet der Lesende in szeni- 
schen Bildern. Wo er aber auftritt, zeigt er die Beschaffenheit der Buch- 
rolle am klarsten. Man betrachte in dem Werk Bbni Hassan 1 Tfl. 30 die 
vier ganz unten hockenden Schreiher. Zwei dieser Schreiber schreiben, 
die zwei hinteren dagegen lesen oder diktieren; der eine von ihnen hat 
auBerdem Rolle oder Pennal unter der Achsel, der letzte aber halt ein 
breit aufgerolltes Blatt zwischen den Händen. 

Dazu das Bild aus einem Grab bei Theben, Ermah a. a. 0. Beiblatt zu 
S. 586; unsere Abb. 16 gibt daraus die Hauptfigur. Eine Gänseherde wird 
vorgefahrt Die kleine Rolle in der Hand des 
Schreibers enthält das Verzeichnis der Tiere. Er 
hat das Schreibzeug unter der I. Achsel und ist 
von dem ihm zukommenden Büchersack und zwei 
Kästen umgeben. Mit Unrecht wird aber be- 
hauptet, daß der Schreiber die Liste einem Be- 
amten „überreiche". Die Oberreichung einer 
offnen Rolle ist unmöglich, denn sie wQrde 
dabei kläglich auseinanderfallen. Wie Rollen 
überreicht wurden, soll spater gezeigt werden. 
Der Mann liest also vielmehr seinen Text vor'); 
dabei hält er in jeder Hand eine Rollung; das 
offene Blatt steht in richtiger Augennähe, und 
wir sehen schon hier, daß dies Blatt steil ge- 
Ai,h.i6:Vork«nd«. ^^a»«" *'""''' ''^'"'' "^^r Betrachter des Reliefs 

deutlich erkenne, daß dies ein offenes Buch sei, 
ein naives Verfahren, dem wir bei Griechen und Römern oft wieder be- 
gegnen werden, da, wo sie Lesende darzustellen haben. 

Auch bei ChampolüON, Mon. de l'£gypte II Ttl. 150, scheint ein Lesender dar- 
gestellt, der aber einherschreitend und in beweglester Hallung liest. Er halt zwischen 
den HSnden ein Blatt ohne Rollun^en. 

So weit diese Reliefszenen, die in ihrer Häufigkeit uns die papierene 
Landesverwaltung Ägyptens lebhaft veranschaulichen, jene emsige Zettel- 
Wirtschaft, aus deren TrQmmern jetzt eine ganze tausendjährige Kultur- 
geschichte Ägyptens rekonstruiert wird. Der dürftige Abriß, den ich hier 
gebe, WQrde aber allzu unvollständig sein, wenn ich nicht noch in Kürze 
der statuarischen Bildnerei gedächte. 

Auch die Standbilder der Könige und vornehmen Schreiber halten, wie 
mir scheint'), oft die geschlossene Rolle im testen Griff, bisweilen in jeder 
Hand eine. Als Beispiele führe ich an: 

1) Zur Veranscbaulichung diene t>eispiels halber, was wir im Buch Henoch 
S. 117 ed. Radbrmachbr lesen; Viele Schafe von der Herde sind vernichtet worden. 
Ein Schreiber schreibt sie auf, geht zum Herrn der Schafe und liest ihm das 
Buch vor. Danach wird das Buch versiegelt. 2) Vgl. Zusätze. 



1. Die Buchrolle der Ägypter. 17 

Prisse d*Avennbs II Tfl. 32: farbiges Standbild eines Schreibers, im Schurz; 
er hält kleine weiße Rollen fest umfassend in jeder Hand. Vgl. dazu die Abbil- 
dungen bei Erman S. 284 f. 

Prissb d*Avennbs II Tfl. a?: Qrand Sp6os d*Abochek in Nubien: Felsenwand 
mit 6 Nischen, darin 6 königliche Standbilder im freien Relief. Die vier männlichen 
Figuren halten je 2 Rollen wie oben, die zwei weiblichen keine. 

Erman, Ägypten, Beiblatt zu S.78 (nach Pbrrot-Chipibz): Ramses II. in Turin, 
Sitzbild, eine Rolle in der L. auf dem Schenkel. 

Erman, Ägypten S.64: König Cha'frö', Sitzbild, in Bulaq (nach Perrot-CHIPIEZ); 
Rolle in der R. auf dem Knie. 

Champollion, Mon. de r%. II Tfl. 161: unfertige Königsstatue in Arbeit; Stand- 
figur; in der gesenkten Rechten die geschlossene Rolle. 

Ähnlich die Statuen oder Statuetten im Berliner Museum Nr. 7335; 10123; 
12547 (Tenti nebst Frau) usf. 

An diesen Buchdarstellungen, und gerade auch an den alteren von 
ihnen, fällt auf, daß die Buchzylinder sehr kurz sind und mit den Enden 
aus der Hand nur wenig hervorragen. Hierfür kommt uns eine Beobach- 
tung BoRCHARDTS, Agypt. Zeitschrift 1889 S. 1 zu Hilfe, wonach die Blatt- 
höhe im Buch im mittleren Reich besonders niedrig war und nur 15 bis 
17 cm betrug, während sie im neuen Reich bis zu 40 cm anstieg; eine 
geballte Hand aber ist etwa 11 cm breit. Solche Rollen geringerer Blatt- 
hohe liegen also in den erwähnten Bildwerken vor. 

Gern hätte ich hier noch das Kolossalbild Ramses' II. vorgeführt, nach 
Prissb d'Avennbs II Tfl. 56 (19. Dynastie); denn hier ist von Interesse, daß 
der Kopf der Rolle noch einen kleinen Zettel mit Aufschrift trägt. Dieser 
Zettel scheint der „Sittybos" der Griechen zu sein. Auch fOr die An- 
bringung des Titels am Buch hat also Ägypten vielleicht den Griechen das 
Vorbild gegeben. 

Mit Recht bewundert man an der Kunst des Pharaonenreiches den 
unbeirrten Realismus und die treffende Wiedergabe des feinen Details. 
Der Gipfel des Trefflichen aber, das sie unseren Zwecken entgegenbringt, 
sind doch die Porträtstatuen der hockenden Schreiber, der Schreiber, die 
sich als solche in ihrer Tätigkeit haben in möglichster Treue aushauen 
lassen. Dem vornehmeren Griechen und Römer hätte es auf das Tiefste 
widerstrebt, sich so wie ein Handwerker im negotium zu zeigen. Der 
ägyptische Beamte war stolz darauf. 

Solche Werke, oft auch von hoher Belebung im Ausdruck, sind: 

Der Schreiber des Louvre: Perrot-Chipiez I S.646 Tfl.X; danach Erman S.57; 
er schreibt auf einem Blatt von geringer Länge, das er mit der linken Hand sorg- 
lich anfaßt; das Blatt liegt auf den 4 gestreckten Fingern der Hand auf und dann 
weiter auf dem stramm gezogenen Schurze, hat also Stützung. Der Blick des 
Schreibers ruht nicht auf dem Papier, sondern schaut scharf gerade aus, als 
horchte er. Er harrt auf Diktat.^) 

Berlin, Agypt. Altertümer Nr. 7334, ausführliches Verz. S. 51; Altes Reich: 
Henka, Großer des Südens u. s. f., sitzt mit untergeschlagenen Beinen am Boden 



1) So richtig Maspero a. a. O. S. 204. 
Birt, Die Buchrolle in der Kunst. 



Jg Einleitung. 

und schreibt; das Blatt lieget glatt auf dem SctioO, die I. Hand halt etwas RoUung, 
das r. Ende des Papiers zieht sich um das r. Bein unter ttn Schenkel; die r. Hand 
setzt den Calamus nicht senkrecht, sondern ganz gesenkt auls Papier. Nur 41 cm hoch. 

Ebenda Nr. 15701: Hockender Schreiber; IV. Dynastie; ahnlich dem Vorigen. 

Wien, K. K. Kunstmuseum, ägypt. Abteilung Nr. 2: ein sitzender Schreiber hat 
eine Rolle weil aulgerollt aut dem Schoß; einen Calamus in der Rechten, den er 
auf das Papier aulsetzt. 

Den Vorlesenden lernten wir oben S. 16 kennen. Als Beispiel des 
einsam Lesenden aber gebe ich die Statuette eines Hockenden in Turin 
(im Glasschrank ohne Nummer); unsere Abb. 17. Nur der Unterkörper 
ist erhalten. Das Buch liegt weit offen auf dem Schoß; die linke Hand 
hat aus dem Gelesenen ein Konvolut hergestellt; es sind also die Schluß- 
seiten des Buchs, die offen liegen und den rechten Schenkel bis unten 
zudecken. Die rechte Hand endlich liegt auf der Blatifläche flach auf. So 
las der Ägypter, ganz anders der Grieche. 

Sehr ahnlich das Silzbild Berl. Mus. Nr. 11635, wo das Konvolut in der L. 
ziemlich dick eracheint; man sieht vier Rollungen; ein Rollenstab lehlt. Auch 
ebenda Nr. 2294 wird im Ausllihrl. Verz. 
S. 107 mit Unrecht als Schreibender be- 
zeichnet; der Calamus fehlt. 

Blicken wir zurQck, so lehren uns 
die Bilder, daß der Ägypter ungern 
auf einer lang aufgerollten Rolle von 
5 oder gar 10 oder 20 Meter Länge 
schrieb. Br schrieb zumeist auf Bin- 
zelbiattem, hin und wieder hat er wohl 
auch zwei oder drei oder noch meh- 
rere zusammengeklebt, um eine grö- 
ßere Fläche zu gewinnen. Für viele 
Abb. IT: Ltatitda. Falle muß jedenfalls angesetzt werden, 

daß die Blatter erst zusammengeklebt 
wurden, nachdem sie mit Text beschrieben waren, falls sie nämlich zu 
einem größeren zusammenhangenden Texte, zu einem Buch, vereinigt wer- 
den sollten. 

Brwonscht wäre es nun auch, dies Kleben selbst in Bildern vorfahren 
zu können. Doch habe ich vergebens danach mich umgesehen. 

Alle bisherigen Belehrungen haben wir der Steinhauerkunst der Ägypter 
zu verdanken. Aber auch die Mumiendeckel können uns nQtilich werden. 
Im Ägyptischen Museum des Vatikan fand ich einen solchen im Glas- 
schrank Nr. 141, dessen Deckelfigur die Hände aber Kreuz vor der Brust 
und in jeder eine geschlossene Rolle halt: unsere Abb. 18. Diese Rollen 
aber sind dunkelgrün gefärbt und haben oben und unten goldgelben Rand. 
Sehr ahnlich in Florenz, Archäologisches Museum Saal IV Nr. 45(?), 
stehender großer Mumiendeckel: auch hier halten die beiden Hände je 



I. Die Buchrolle der Ägypter. 19 

eine dQnne gebogene dunkelgrane Rolle. Festes Greifmotiv; starker Daumen. 
Die grflnen Rollen sind, wie ich mir notierte, mit goldenem Strich und 
Recken geschmockt. Auch der Mumiendeckel im Berliner Mus. Nr. 47 
unterscheidet sich hiervon nur dadurch, daß den dunkelgrflnen Rollen der 
goldene Rand fehlt. 

Die Annahme liegt nahe, daß das Buch hier in einem Mantel steckt, 
der gefärbt wurde, und daß dieser Mantel für die Paenula des Buchs der 
Römer wenn nicht ein Vorbild, so doch ein Voi^anger war. 

Endlich noch eins. Bekannt ist, daß das griechisch-römische Buch- 
wesen anfangs Rollen sehr großen Umfangs duldete und daß es erst 
spater zur durchgängigen Herabsetzung ihres 
Umfangs weiterging. Das alte Ägypten aber 
hat uns Papyrusrouleaus von riesenhaften Um- 
fangen geliefert Es ist daher von Interesse, 
festzustellen, daß schon bei den Ägyptern der 
Begriff des „großen Buchs" existierte, daß 
man also große und kleine Umfange schon 
damals unterschied. So finde ich, daß in den 
Akten Ober den Gräberdieb Paneb'e zur Zeit 
des Königs Sety IL u. a. erzahlt wird, er habe 
einem gewissen Paherbeku seine beiden „gro- 
ßen" Bacher gestohlen.') Dies ist termino- 
logisch an merkenswert. 

Sehr umfangreiche Rollen zerfallen daher 
in Abschnitte; der große Papyrus Harris von 
133 F. Lange gibt seinen Text nicht einheitlich, 
sondern er ist in 5 Abschnitten auf 71 Seiten 
verteilt.*) 

Das Totenbuch aber ist in seiner umfang- 
reichsten Gestalt gleichfalls keine Einheit, son- 
dern aus verschiedenen Kapiteln und Schriften, 

die zum Teil ursprünglich selbständig waren, Abb. i8: Mumitndeckei. 

zusammengesetzt: also eine ßißXoc cummithc- 

Solcher Sachteil in der Rolle heißt nun wieder „Rolle", eine Bezeich- 
nung, mit der eben auf seine ursprüngliche Selbständigkeit hingewiesen 
wird.^ Dies ist für uns wichtig; denn damit ist zu vergleichen, daß auch 
spater bei den Griechen oftmals verschiedene bibloi in eine große biblos 
zusammengesetzt wurden. Man denke an die Tomoi des Antisthenes: tomos 
hieß Rolle; trotzdem enthielt jeder von ihnen verschiedene selbständige 

t) Erman S. 185. 2) A. a. 0. S. 405. 

3) R. Lepsius, Das Totenbuch der Ägypter nach dem hierogl. Papyrus in 
Turin (1S42) S. 61. 



20 Einleitung. 

Traktate, die als biblia gelten. Die Vorstellung, daß tomos oder biblion 
Rolle ist, braucht darum, wie man sieht, durchaus nicht geschwunden 
zu sein. 

2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 

Wenden wir uns nunmehr zu den Griechen und Römern, zur Buchrolle 
als Träger der beiden sogenannten klassischen Literaturen. 

Der Grieche hat vom Ägypter weder das hölzerne Pennal, das sich 
zugleich auch als Träger der Schrift benutzen ließ, noch den Wassemapf 
übernommen. Statt dessen wurde das Tintenfaß beliebt, das die Farbe 
im flüssigen Zustand enthielt; bisweilen war es zweiteilig, für schwarze 
und rote Farbe. Die Calami, mit denen der Ägypter die Schrift malte, 
blieben dieselben; man bewahrte sie bündelweise.^ Im übrigen diente 
als Buch auch bei den Griechen die Rolle, und wir zweifeln nicht, daß 
dies die ägyptische Papyrusrolle war. Daneben kam es auf, auch auf 
Pergament zu schreiben, doch anfangs nur in engen Grenzen. Vor allem 
hatte der Grieche vor dem Ägypter die Wachstafel voraus^, in die man 
die Schrift nicht malte, sondern mit dem metallenen Stilus ritzte, und die, 
zweiflügelig, sich wie ein Kästchen zusammenklappen ließ. Sie diente zu 
Brouillons, Rechnungen, Quittungen u. a. 

Das Pergament heißt (oft pluralisch) membranae, bi<p8^pai. Wo die 
Ausdrücke in älterer Zeit vorkommen, ist es das Nächstliegende, ja das 
Gebotene, an Pergamentrollen zu denken, wie sie bei den Juden üblich 
waren und blieben. Der Ausdruck codex (caudex) hat mit Pergament 
zunächst nichts zu tun und bedeutete bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. die 
mit Wachs bedeckte Holztafel resp. mehrere unter sich verbundene solche 
Tafeln. Erst seit dem Ausgang des 2. Jahrhunderts ist das Wort für den 
Pergamentkodex nachweisbar.^ Es war inzwischen immer häufiger ge- 

1) Es gab auch eine Vorrichtung, das Bund der Calami und das Tintenfaß 
aneinander zu befestigen und zusammen transportabel zu machen; s. Qarrucci 
Storia deir arte Christ. Tfl. 488, 20; unsere Abbildung 145 unten. 

2) Ägyptische Wachstafeln scheint es nur aus der griechischen Zeit zu geben; 
s. Pietschmann in „Beiträgen" Heft 4 S. 61. 

3) Gerhard und Gradenwitz führen in dem inhaltreichen Aufsatz „Ein neuer 
juristischer Papyrus", Neue Heidelb. Jahrbb. XII (1903) S. 143, um auf frühen 
Gebrauch von „Codices" zu schließen, den Juristen Gaius Cassius an, von dem es 
heißt: et Gaius Cassius scribit deberi et membranas libris legatis. Doch genügt 
es vollständig, hier unter membranae an die Brouillons der Schriftsteller zu 
denken; denn die Autoren entwarfen ihre Werke in der Tat oft auf Membrane. 
Das Pergament diente zu solchen Schreibzwecken, diente aber nicht zum Lesen. 
Die Entscheidung des Cassius, daß, wenn „Bücher" vermacht wurden, darunter auch 
eventuell die vorhandenen Entwürfe auf Membrane mit einbegriffen sein sollten, 
entsprach der Billigkeit; denn solche Entwürfe der Autoren, die iöiöTpacpa, hatten 
oft für den Erben besonderen Wert So hat der Redner Aristides, p. 292 Jebb., 
seine Wundergeschichten zunächst auf bicpO^pai geschrieben und verweist auf diese; 



2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 21 

worden, die Wachstafeln in Membrane nachzuahmen, und man Obertrug 
nun hierauf den Ausdruck codex. Martial aber wagte dies noch nicht, 
und das ist wohl zu beachten. Es wäre dasselbe gewesen, wie wenn 
wir etwa von einem Pilz aus Porzellan sprechen wollten. Er sieht sich 
also zu der mOhsamen Umschreibung in pugillaribus membraneis ge- 
zwungen. Daraus ergibt sich, daß die Sache in Martials Zeit, d. i. im 
Jahre 84-85, noch neu war; erst zur Zeit des Ulpian, ca. a. 200-228, 
war sie allen geläufig geworden. 

Die Papyrusrolle hieß bei den Griechen ganz vorzugsweise nach dem 
Schilf, aus dem sie gemacht wurde, byblos, biblion. Dabei wurde aber 
meistenteils zugleich auch an den Buchinhalt, an das Schriftwerk mit 
gedacht. POr die Rolle als solche gab es die Ausdrücke Charta (6 x^priic) ^) 
und tomos. Endlich hieß auch teuchos in der klassischen Zeit die Rolle 
und darf nicht etwa mit Codex Obersetzt werden.^ 

im Buchverkehr kennt er dagegen nur ßißXia. Die Membranae konnten dann aber, 
wie gesagt, auch gerollt sein, und diese Lederrollen wurden zusammengenäht; für 
letzteren Umstand sei auf L. Blau, Studien zum althebräischen Buchwesen (1902) 
S. 33f. verwiesen. Noch die illustrierte Exsultetrolle im Vatikan, Vatic. lat. 3784b, 
des 12. Jahrhunderts ist so zusammengenäht Somit weisen auch die membranae 
consutae oder nondum consutae bei Ulpian Dig. XXXll 52, 5 (Gerhard S. 166) auf 
Rollen und nicht auf Codices. Den Ausdruck codex aber kennt jener Cassius noch 
nicht, und das ist wichtig. — Denselben Dienst als Trflger von Brouillons leisteten die 
^€^ßp^val wohl auch dem Paulus ad Timotheum 4, 13, wenn hier nicht etwa LederroUen 
des Alten Testaments gemeint sind. Richtig urteilt hierüber W. Weinbbrqbr, Berl. Phil. 
W. S., Bd. 24 S. 1107. Die späte Stelle aber in den Acta apost. apocr. ed. LiPSlUS und 
BONNET II 2 S. 294, 14, die die luc^ßpdvai desselben Paulus erwähnt, ist offensichtlich 
aus ad Timotheum 1. 1. zurechtgedichtet; übrigens kann auch da an ein Buch des Alten 
Testaments gedacht sein. — Wenn endlich Gerhard S. 169 des Neratius „Mem- 
branae*' als Codices zu deuten wagt, so kann ich nur wiederholen, daß es m. B. 
sinnlos wäre, wenn jemand sein Werk als „sieben Bücher Leder'* betitelt hätte. Auch 
kenne ich keine Analogie dafür. Vor allem aber ist darauf zu achten, daß das 
Einzelbuch des Neratius doch liber (primus, secundus) membranarum betitelt war; 
über membranarum aber kann niemals „ein Buch aus Membrane" auf deutsch 
heißen. Die lateinische Sprache verbietet solche Auslegung. Oder sagt man 
etwa statua aeris, uestis lanae für eine Statue aus Erz, für ein Kleid aus Wolle? 
Es bleibt nichts übrig, als anzusetzen, was auch sachlich vollauf verständlich ist, 
daß wir „ein Buch Entwürfe, ein Buch Brouillons** zu verstehen haben. Das Un- 
gezwungene der Abfassung sollte durch den Titel entschuldigt werden. Der Form 
und der Sache nach entspricht sein Wortlaut dem Titel über epistularumsiul das beste. 

1) Daher x^priov ßißXiou das noch unbeschriebene Buch, Jeremias 36, 2; 
vgl. 36, 28. Ober die schwierige Galenstelle , die ßißXCa von x^^prai als Textträger 
unterscheidet, s. Weinberqer a. a. 0. S. 1108. Vielleicht ist bei Galen XVlll 2 
S. 630 K. mit Umstellung zu lesen: tq |li4v ^xovrec ^v raic (piXupaic, Td H iv rote 
XdpTQic, tA bi iv biaq)öpoic ßißXioic üjcircp tci irap' t\}jLiv iv TT€pT(i|Lii|i. Bücher 
aus philyra nennt noch Martianus Capeila II 136 als ebenbürtig neben den übrigen. 
Zu Tä irap' i\^\v ist keinesfalls ßißXia, sondern fiypa^^iva zu ergänzen. (Da von 
M<p6^pai hier nichts überliefert wird, sind die Schlüsse, die E. Rohdb, Kl. Schriften II 
S. 436 zog, durchaus willkürlich.) 

2) Daß TcOxoc in klassischen Zeiten Rolle bedeutet, wußte ich im J. 1882 noch 
nicht. Aber auch niemand sonst scheint dies bemerkt zu haben. Wir wissen das aber 



22 Einleitung. 

Der Römer setzte, noch anschaulicher, das Wort volumen dafür ein, 
das das Gerollte oder Rollbare bedeutet, sowie stramen das, was sich 
ausbreiten laßt. Identisch damit ist liber, welches Wort gleichfalls nur 
„Rolle" heißt. ^) Daneben oft auch libellus. Der Römer dachte bei dem 

erstlich durch die Glossare: Gorp. gloss. lat. III 375,8 steht volumen teOxoc, ebenso 
II 455, 43 teOxoc volumen; vgl. noch III 25,4; 198,32; 327,25. Auch Isidor, Origg. 
VI 2,2: TcOxoc volumen vocatur. Diese Hermeneumata setzen das Rollenbuchwesen 
noch als herrschend voraus; codex tritt ganz zurück oder fehlt; folia fehlt gänzlich; 
wohl aber erscheinen III 375, 66 f. die ceXibcc, sodann Charta und umbilicus; mem- 
branae bi9e^pai sind rollbares Pergament. Nie übersetzen diese Glossare teOxoc 
mit codex; reOxoc war also nicht Godex. 

Dies erhärtet weiter der Aristeasbrief (ed. Wendland 1900) des 2. Jahrh. v. Ghr. 
Wenn dort § 310 steht dvcTvtijceti rä TcCxn« so benutzte man dies bisher als Be- 
leg für den Gebrauch der Godices, nicht bedenkend, daß die jüdischen heiligen 
Schriften nur als LederroUen umgehen. Es verlohnte aber, den Brief einmal 
durchzulesen, denn § 176 ff. heißt es dort ausdrücklich: rate biaq)6poic bi96^paic 
^v alc if\ vofioOccia Y^TPOMM^vri xP^coTpaq){(ji , weiter: dircKdXuHiav xd tOjv ^vciXimd- 
Tuiv Kai Touc t^ivac dvciXiEav, woran sich schließt: KcXcucac b' ck TdEiv diroboövai 
Td T€uxii ... €iiT€. Hier ist auf das klarste bezeugt, daß t€uxii und ^vciX/mara das- 
selbe sind. Daher las auch Symmachus im Isaias 8, 1 und Psalm 39, 8 tcöxoc im 
gleichen Sinne. Ebenso ist also auch zu verstehen Patrokles Thurius: Td iroXXd ittr] 
cic juiKpöv T6ÖX0C depo(2:€iv (s. Nauck, Prag, trag.' S. 830). Liest man im Sanctus 
Hieronymus et Moyses de Graecia (PiTRA, Analecta Sol. V S. 128A): theucos graece 
liber vel modus, so braucht reöxoc noch nicht anders verstanden zu werden. Penta- 
teuchos heißt „Fünf rollenwerk**: im 3. und 4. Jahrh. wurde vom Pentateuch jede Rolle 
zunächst in je einen Godex übertragen; auch aus den vier Evangelienrollen wurden 
vier Godices, und die Bedeutung des tcOxoc veränderte sich dann allmählich mit 
der Buchform. W^nn nun in Augustus* Zeit des Anakreon fünf ßußXoi in einem 
T€Oxoc überreicht werden (Anthol. Pal. 9, 239), so sind zwei Möglichkeiten: entweder 
waren sie in eine große Rolle zusammengeschrieben, oder aber t€öxoc hat hier eine 
zweite Bedeutung, die die ursprünglichere war, nämlich „Gefäß**. Diese Bedeutung 
ist im Griechischen so allgemein, daß ich nicht sehe, was uns hindern soll sie anzu- 
erkennen; undXenophon gibt nun (wennschon E.Rohdb, Kl. Schriften II S.437 dagegen 
eiferte) die klarste Bestätigung, Anab. VII 6, 14, wo wir lesen, daß die Schiffer sowohl 
andere Waren als auch Buchrollen in EuXivd T€uxn beförderten. Hiermit ist bezeugt, daß 
Tcuxn hölzerne Kästen waren, in denen man sowohl andere Gegenstände, die gleichen 
Schutzes bedurften, als auch Buch rollen zu transportieren pflegte. Das tcOxoc war also 
mit einer Büchercapsa klärlich identisch ; die Gapsa war eine Spezies der reuxri) und 
auch die Gapsa wurde, wie ein späterer Abschnitt jzeigen wird, gerade vorzugsweise 
zu Transportzwecken bestimmt. Rohde dachte sich, wie es scheint, in den eigent- 
lichen Gapsae oder Scrinien seien nur Bücher aufgehoben worden, während in den 
xeOxn bei Xenophon auch andere Waren Unterkunft finden. Auch darin aber irrte 
er, denn dieselben Gapsae wurden nachweislich ebenso auch für beliebige andere 
Gegenstände verwendet; auch dafür werde ich späterhin Beispiele bringen. Aber 
es versteht sich von selbst, daß es in dem Belieben der Menschen stand, in die 
Schachteln hineinzutun, was hineinpaßte, sowie man in das Armarium, den Schrank, 
Bücher oder Imagines oder auch Stiefel stellte. In Gerät (cKcOri) wird ein Buch 
versteckt bei Aeneas Takt. Poliorket. 31, 1. Somit hat tcöxoc im Buchwesen zwei 
Bedeutungen: 1) Rollenschachtel, 2) die Einzelrolle selbst, ähnlich wie cüvraHic so- 
wohl ein mehrroUiges Werk als auch ein Einzelbuch bedeutete (s. unten). - Wer 
jetzt noch angesichts der Bildwerke für des Augustus Zeit an einen Anakreonkodex 
zu 5 Büchern (!) und überhaupt an einen „Godex** denken kann, mit dem kann ich 
nicht disputieren. 

1) Die Ausführungen H. Landwehrs über liber und volumen im Archiv f. Lex. 



2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 23 

Worte Über an den Baumbast, dem das Material der Papyruscharta sehr 
ähnlich sah. Dafür ist uns z. B. Martial 14, 209 Zeuge, der diese Charta 
geradezu cortex Mareotica^ also Baumrinde vom See Marea, nannte.^) 
Auch das Wort Über ist somit durchaus nicht abstrakt, sondern voll- 
anschaulich verstanden worden und entsprach so dem griechischen byblos. 
Zuerst verlor sich beim Deminutiv libellns, erst später bei über die kon- 
krete Anschauung. Denn daß Über eigentlich „Bast'' bedeutete, blieb doch 
dem Römer noch lange bewußt.^ Noch Ambrosius versteht die Rolle, wenn 
er sagt, der Himmel dehne sich wie ein liber.^ 

Die deutsche Obersetzung „Buch'' ist durchaus mißverständlich, da 
unser „Buch" vieldeutig sowohl als Buchkörper wie als Schriftwerk wie als 
Kapitel und Sachteil eines Schriftwerkes verstanden wird, liber dagegen 
ist überall Rollenbuch und steht für den Sachteil eines Werkes nur als- 
dann, wenn dieser Sachteil eben selbständig eine Rolle füllt. ^) 



VI S. 223 ff. sind unbrauchbar. Auf sie näher einzugehen ist mir hier unmöglich, 
aber auch hoffentlich unnötig. Sie wirtschaften dabei übrigens zu großen Teilen 
mit dem Stellenmaterial, das ich zusammengetragen hatte; neues war nötig. Sogar 
mein irriges Zitat aus Apulejus De aspir. ist da übernommen worden. Für den 
Begriffsunterschied zwischen liber und libellus in Statius* Silven beruft sich Vollmer 
Silv. S. 209 auf LANDWEHR S. 247; LANDWEHR hat ihn aber von mir (S. 24). 

1) Qanz ebenso nannten in späteren Zeiten die Benediktiner die Codices char- 
tacei Codices corticei: s. z. B. MlQNE, Patrolog. lat. Bd. 38 S. 31. Auch mit Taback 
hat man die Charta verglichen; s. DE lORlO, Officina de* papiri S. 5. 

2) z. B. Servius z. Aen. XI 554. 

3) Ambros. Hexaemer. I 6, 21: extenditur enim (caelum) . . , quasi liber ut 
plurimorum scribantur nomina. 

4) Die scheinbaren Ausnahmen zu diesem Satz zerfallen in drei Klassen. Erst- 
lich konnte man in dichterischer Sprache durch Synekdoche liber für libri sagen, 
wie miles für milites, Romanus für Romani; danach ist z. B. die ßißXoc 'Ofinpou 
des lulian, Anthol. Pal. IV 88, zu erklären, und ähnlich würde ich auch Ovid Trist. 
1 7, 33 beurteilen, wenn diese Stelle nicht aus anderen Gründen eine Emendation 
forderte (s. unten Abschnitt IV § 13). - Zweitens kann liber nicht nur „das Buch", 
sondern auch „ein Buch" bedeuten. Dafür ist wegweisend Fronto p. 48 Nab.: ut 
poni in libro Sallustii possit, d. h. „daß es in einem der Bücher des Sallust stehen 
könnte." liber ist sonach = aliquis librorum. Ebenso Plin. epist. VI 20, 5: posco 
librum Titi Livi, Wenn also z. B. bei Seneca epist. 108, 30 richtig emendiert wird 
cum Ciceronis librum de re p,prendit hinc philologus aliquis eqs., während Ciceros 
Werk De re publica 6 Bücher umfaßte, so ist zu übersetzen „eins der Bücher Ciceros 
über den Staat". Wer behaupten wollte, liber stünde hier für opuSj käme zu Albern- 
heiten. Denn prendere heißt „ergreifen, mit der Hand nehmen". Sechs Rollenbücher 
aber lassen sich nicht gleichzeitig anfassen. Es liegt in der Sache und tausend 
Monumente bestätigen es, daß man nur immer je eine Rolle halten konnte. Seneca 
hätte also an dieser Stelle weder opus noch libros schreiben können. Ahnlich ist 
Qellius* Oberschrift XVI 19: sumpta ex Herodoti libro super fidicine Arione zu ver- 
stehen: „genommen aus einem Buch Herodots, worin die Geschichte vom Arion 
vorkommt." — Der dritte Erklärungsgrund endlich ist nachlässige Zitierweise, die 
um so zweifelloser als solche anzuerkennen ist, da sie uns nur in späteren 
Autoren entgegentritt. In der Zeit, als das Codexbuchwesen siegte, konnte Sido- 
nius Apollinaris epist. V 2 reden von einem liber tribus voluminibus illustris; 
vgl. den liber Favorini bei lul. Valerius 1 7. So ignoriert nun also auch Chari- 



24 Einleitung. 

Vom 5. Jahrhundert vor Chr. bis zum 4. Jahrhundert nach Chr., d. h. 
durch ein Jahrtausend ist nun diese Buchrolle ganz vorwiegend, man kann 
sagen, ausschließlich der Träger nicht des gesamten Schriftwesens, aber 
der gesamten eigentlichen Literatur der Alten gewesen. Das lehren über- 
einstimmend Schriftwerke und Bildwerke. Diptycha, d. h. zusammengefügte 
Wachstafeln, waren zu klein, um mehr als Notizen, Entwürfe oder Briefe 
aufzunehmen. Lederrollen waren zum Halten zu schwer und zum Biegen 
zu ungefüge; wer unsere Abbildung 172 sieht, wo sie dargestellt sind, 
wird das begreifen. Die Heftung von Charta oder Pergament in Blattlagen 
nach Art unserer Bücherbände, die Idee des Heftes und des Bandes, wurde 
erst verhältnismäßig spät entdeckt, ihre Verwirklichung wieder und wieder 
versucht; zu den Vorteilen, die sie bot, gehörte unter anderem, daß sie 
über den Gesamtinhalt eines Werkes einen rascheren Oberblick, daß sie 
das Blättern und Aufsuchen von Zitaten ermöglichte. Gleichwohl genügte 
dies nicht, um eine alte Gewöhnung sogleich aufzuheben, und verschiedene 
Umstände mußten erst zusammenwirken, bis die Buchrolle einging. Ein 
Lesen im Diptychon wird selten, ein Lesen im umfangreicheren Codex- 
buch wird bis zum 4. Jahrh. n. Chr. nie dargestellt; zum Lesen dient nur 
die Rolle. 

Die Papyrusrolle war rasch zerstörbar, und es war schon viel, wenn 
sie ein Alter von hundert Jahren erreichte, denn selbst das Liegen schadete 
ihr^, während das Pergament der Zeit und den Schäden, die die häufige 
Benutzung mit sich brachte, besser Widerstand leistet. Die Codices aus 
dem 4. und 5. Jahrh., die wir besitzen, sind zwar in deutlichem Verfall und 
vielleicht nicht lange mehr lesbar; aber sie existieren doch noch heute. 
So war es eine Rettung für die antike Literatur, als sie aus den feder- 



sius im 4. Jahrh. gelegentlich die Buchzahl, wenn er Varro's über de poematis 
zitiert; oder Zenobios, der III 42 in dem Zitat "Ittttuc ^v rip ircpi xp<^vuiv gleichfalls 
die Buchzahl vermissen läßt. Leicht kann sie aber hier auch ausgefallen sein, und 
als Maxime muß gelten: man konstatiere zuvor, wie oft ein Grammatiker — z. B. 
Gellius — seine Autoren korrekt mit Buchzahlen zitiert, um dann erst zu schließen, 
ob die Ausnahmen bei ihm auf Irrtum resp. auf Verderbnis des Textes beruhen 
müssen oder nicht. M. Hertz verwies mich für Gellius dereinst auf die Stelle Gell. 
X 1, 3, wo er für Coelius im Anschluß an Meltzer eine Buchzahl richtig in den 
Text eingesetzt hat; schon der Claudius mit Buchzahl, der dort folgt, erzwingt das. 

Eine Spezialarbeit über derartige ungenaue Zitate wird, wie ich hoffe, dem- 
nächst ans Licht treten. 

Den Scriptores historiae Augustae kann in ihrer vorliegenden Fassung wohl 
schon eine nachlässige Ausdrucksweise zugetraut werden; wird aber dort im Leben 
des Tacitus c. 10 gelesen: librum per annos singulos decies scribi publicitus . . . 
iussit, so liegt die Vermutung äußerst nahe, daß hier nur, wie es so oft geschieht, 
die Endungen vom Schreiber vertauscht worden sind, und ich lese jetzt: libros per 
annum singulos usf. Anders habe ich die Stelle im Buchwesen S. 352 behandelt. 
Der Kaiser Tacitus ließ sonach jedes Einzelbuch des gleichnamigen Historikers 
zehnmal im Jahr abschreiben, um dem Untergang seiner Werke vorzubeugen. 

1) Siehe Buchwesen S. 365 f. 



2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 25 

leichten Rollen in die lastenden Codices übertragen wurde, und jeder Lieb- 
haber des Altertums muß sich dieser Tatsache freuen. Aber die Handlich- 
keit, das Maß, die Anmut und Grazie ging verloren. Das Buch hat den 
Menschen nie so geschmückt, als in den Zeiten, da es Rolle war. 

Der Hauptgrund, weshalb man sich im Altertum immer wieder gegen 
das Pell als Beschreibstoff sträubte — denn an der Versuchung, die 
Membrane zu bevorzugen, fehlte es nicht zu den verschiedensten Zeiten — , 
lag erstlich und vor allem, um dies nochmals zu betonen, in der großen 
Leichtigkeit der Charta, die eben, wie wir von unserem Papier her wissen, 
schon allein ein ganz durchschlagender Vorzug ist. Hierzu kam, nebenbei 
bemerkt, auch die weit größere Annehmlichkeit beim Lesen, da die Mem- 
brane blank ist und Lichter reflektiert, die Charta dagegen mattfarben, duff 
und lichtlos. Das war bei der Heiligkeit der Beleuchtung im Süden und 
der Gewohnheit, im freien Licht zu leben, wichtiger, als wir denken. Die 
Charta schonte das Auge des Lesenden. Dies leuchtet an sich ein, und 
Galen bestätigt es, indem er hervorhebt, daß es für Schreiber am an- 
greif endsten für das Auge ist, wenn sie auf weißem Pergament schreiben 
müssen; sie legen alsdann eine dunkle Parbenf lache daneben, um daran 
das Auge zu erholen.^) 

Wie kam es, daß die Rolle ihre tausendjährige Herrschaft verlor? 
Ehe wir ihr Leben durch Hunderte von Bildern verfolgen, wollen wir uns 
in Kürze über ihr Ableben klar werden. Nicht die bewußte Absicht der 
menschlichen Gesellschaft oder der gebildeten Kreise, die Literatur zu 
retten, war daran schuld. Allerdings aber fing man in Domitians Zeit an, 
gerade nur die geläufigsten Schriftsteller, d. h. nur diejenigen, die man 
im Schulunterricht der Knaben brauchte, auf das solidere Material 
zu übertragen. Dies und nur dies bezeugt uns Martial 14, 184 — 192. 
Bei der häufigen Benutzung in den Schulen litten eben die Exemplare 
(man weiß, wie es heute den Schulbüchern ergeht) und die Papyrusrollen 
wurden zu rasch vernutzt. ^) Besonders unter den Antoninen steigerte 
sich dann der Schulbetrieb; das Unterrichtswesen wurde vom Staat und 
zwar für alle Provinzen organisiert. Daß seit dem 3. Jahrh. Codices häufiger 
erwähnt werden, dürfte damit zusammenhängen. Das Christentum war 
femer die Religion des Buchs; das Buch trat durch sie in den Mittelpunkt 
des Glaubenslebens und des gottesdienstlichen Rituals; darum mußte es 



1) Galen. III p. 776 KOhn; so stellen auch die Geldwechsler ihre Münzen auf 
grünes Zeug u. a., Isidor, Origg. VI 11, 3. 

2) Zur Verdeutlichung diene aus späterer Zeit die Stelle der Epistulae ad 
Ruricium (Ruricius ed. Enoelbrecht p. 446, 7): admiremini Studium meum, quod 
quae opuscula contineret, hucusque (^quiy nescivi, sane capitulatim iam librum 
traditurus inspexi. Chartaceus liber est et ad ferendam iniuriam parum 
fortis, quia citius Charta, sicut nostis, vetustate consumitur, Legite, si 
iubetis, et transcribite (diese Stelle ist schon einst von Marini benutzt). 



26 Einleitung. 

wiederum dauerhafter, fester, widerstandsfähiger sein. Und so hat gerade 
das Christentum sich des Codexbuchwesens ziemlich früh bedient; es hat 
ihm wesentlich zur Herrschaft verholfen. Aber solche Exemplare auf Per- 
gament stellte jeder sich selbst her, und die Privatabschrift war mit dem 
Codex eng verknüpft^), während der antike Buchhandel, der fertige Exem- 
plare verkaufte, vom Codex nichts weiß. Dies bestätigt sich auch darin, 
daß die RechtsbQcher des 3. und 4. Jahrh., die von vornherein die Codex- 
form annahmen, der codex Gregorianus, Hermogenianus und Theodosianus, 
fflr Vervielfältigung und Verkauf nicht bestimmt waren. ^) 

Dazu kam nun weiter der entscheidende Umstand, daß die Papyrus- 
rolle in den Zeiten des sinkenden Reichs immer teurer und schließlich 
unerschwinglich wurde. 

Vergleichende Preisangaben fehlen. Wohl aber ordnet Martial in 
seinem 14. Buch, das eine Aufzählung und Beschreibung von Saturnalien- 
geschenken gibt, die Gegenstände paarweis nach dem Wert, indem immer 
auf ein besseres Geschenk ein geringeres folgt, und es ist eine nicht weg- 
zuräumende Tatsache, daß dort, wo er Bücher vorführt, die Schriftsteller 
in membranis regelmäßig an der Steile des geringeren, die auf Charta an 
der Stelle des höheren Wertes erscheinen. Daß die letzteren teurer waren, 
ist also keine paradoxe Behauptung von mir, wie man es genannt hat, 
sondern Martial bezeugt es, und wer das Bezeugte nicht glauben will, muß 
sich mit Martials Oberlieferung auseinandersetzen, er muß die Textfolge, wie 
sie bei ihm vorliegt, durch Umstellung abändern, und das einzige Zeugnis, 
das wir haben, wird so vergewaltigt. Mit einer Umstellung kommt man 
dann aber nicht aus. Das zeigt schon FribdlAnders Martialausgabe, und 
zu den Umstellungen kommt noch die Ansetzung von Ausfällen hinzu, so 
daß alle Wahrscheinlichkeit aufhört. Mit solchem Verfahren läßt sich eben 
alles, d. h. nichts beweisen. Vielmehr spricht alles dafür, daß die über- 
lieferte Ordnung der betreffenden Epigramme 183-196 richtig ist; denn 
weder vor ihnen noch hinter ihnen ist eine Spur von Unordnung in der 
überlieferten Reihenfolge wahrzunehmen. Alles ist hier festgefügt. Nur die 
mangelnde Einsicht unserer Gelehrten hat die Unordnung hineingetragen. 

Man mag die Oberlieferung paradox nennen. Doch wird, wer sich 
die Sache ernstlich überlegt, anders denken. Ein Schreibmaterial wie die 
Charta konnte nie billig im Preis stehen; sie war um so teurer, da die 
Fabrikation und Produktion auf einen Weltwinkel, das Nildelta, beschränkt 



1) Ich zitiere statt vieler Belegstellen nur, was Rufinus Apol. in Hieronym. II 5 
von einer Schrift des Hieronymus berichtet: quem libellum omnes pagani ... certa-- 
tim sibi describebant 

2) MOMMSEN, Zeitschr. für Rechtsgeschichte Bd. X, rOm. Abteilung, S. 350, der 
übrigens dabei annimmt, daß ohne Zutun Gregors die Einzelbücher seines „Codex** 
in Rollenform auch in den literarischen Verkehr übergingen. 



2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 27 

war. Daß die Charta schon im alten Ägypten als etwas Wertvolles galt, 
^hen wir oben S. 7 f.; daß sie auch in der griechischen Zeit „nicht 
billig" war, bemerkte Watjbnbach.^) Vor allem ist auch F. Kbnyon, Palaeo- 
graphy of Greek Papyri S. 113, zu der Einsicht, daß die Membrane wohl- 
feiler als die Charta war, gelangt. Gewiß wurde, als der Export des 
ägyptischen Buchs nach Griechenland und Rom begann, die Kultur der 
Pflanze noch intensiver, die Technik gesteigert; die Konkurrenz neu sich 
auftuender Fabriken kam hinzu; allein die ursprünglich sehr hohen Preise 
stellten sich dadurch schwerlich niedriger. Sehr wahrscheinlich, daß sich 
bei mechanischem Verfahren die Ware im Hinblick auf die größere Nach- 
frage wesentlich verbilligt hätte. Da jedoch alles Handarbeit war und 
blieb, so war dies nicht möglich. Nun hatte also das kleine Nildelta 
Kleinasien, Syrien und halb Europa, Griechenland, Italien, bald auch Gal- 
lien^), Nordafrika, Spanien allein mit dem alltäglich gebrauchten Schreib- 
material zu versorgen. Man denke, daß ein paar Städte an den Rhein- 
mandungen, Gent, Antwerpen, Brügge, heute allein für ganz Deutschland, 
Bngland, Prankreich, Italien usf. das nötige Papier liefern und herstellen 
sollten aus einem Material, das nur an den RheinmQndungen wüchse. Ich 
wollte sehen, ob solches Papier da nicht sehr kostbar würde und ob nicht 
viele vorziehen würden, wieder zum ungefügen Tierfell zu greifen, mit dem 
sich das Mittelalter begnügen mußte. 

Ober den Geldwert besitzen wir leider nur aus der älteren Zeit einige 
Angaben.*) Nach einer attischen Inschrift des Jahres 407 v. Chr., C. I. A. 
I S. 324, kostete damals ein unbeschriebener x^pi^nc acht Obolen, d. i. eine 
deutsche Reichsmark oder im modernen Geldwert gegen 4 Mark.^) Wie 
groß solcher X^P'^il^ war, wissen wir nicht: gewiß nicht über 100, vielleicht 
nur gegen 20 Blätter. Auf alle Fälle ist der Preis sehr hoch. 

Etwa 100 Jahre später kostet in Epidauros ein leeres xctpTiov 4V2 Obo- 
len^), das ist etwa die Hälfte des vorigen. Der Preis war nicht etwa ge- 
sunken, sondern das x<^9™^ um so viel kleiner als der X^^P'^nc. Diese 
beiden Angaben sind also eher ein Beweis für die Stabilität des Preises. 

Auch auf griechisch-ägyptischen Papyri der Ptolemäerzeit finde ich 
mehrere Preisangaben; doch ist ihre Benutzung schwierig. Nur die „An- 

1) Anleitung zur griech. Paläographie 3. Aufl. S. 11. Auch ZiEUNSKl hebt den 
hohen Preis des Papiers hervor, Neue Jbb. f. kl. Alt. IX (1906) S. 269. 

2) Zu Plinius* Zeiten gibt es Buchhändler in Lyon; s. Plin. epist. IX 11, 2. 

3) Findet man auf einem Papyrusfragment ßißXouc auf 2 Obolen angesetzt 
(Qrbnpell, Hunt, Hoqarth, Fayüm towns and their papyri, 1900, Nr. 331 S. 312), so 
können hier Schäfte des Schilfs, auch wohl Seile gemeint sein. Sonst erwartet man 
Xdprac zu lesen. 

4) Buchwesen S. 433. 

5) Cawadias, Fouilles d'Epidaure (1891) I n. 242 Z. 159: xapTiou €k läc auv- 
Tpocpouc (so) 'AvTiKpirwi IIIIC. Es handelt sich um die Erbauung der Tholos durch 
den jüngeren Polyklet. 



28 Einleitung. 

fertigung'' eines Chartes, nicht der Chartes selbst wird einmal auf 100 Kupfer- 
drachmen, das wären etwa IV2 Obolen, angesetzt. Ob diese „Anfertigung'* 
nur das Zusammenkleben der Blatter betrifft, bleibt unsicher; und welchen 
Wert hier eine ägyptische Obole repräsentiert, ist ebenso ungewiß^); doch 
dient es zur Veranschaulichung, andere gleichzeitige Preissätze zu ver- 
gleichen. Por dieselben 100 Kupferdrachmen konnte man auch V» Artabe 
oder 3 Liter Linsen kaufen; ebenso viel kosteten 5 Laib Brot, ebenso viel 
ein Weberschiffchen; fflr fast denselben Preis, nämlich 120 Dr. konnte man 
ein Hemd (xitiuviov) kaufen, während V, Kotyle oder Va Liter öl schon für 
80 Drachmen zu haben war, Tinte (^Aav) auf 10, ein Pinax auf 5 an- 
gesetzt wird.^) Daß der Streifen Papier teuer war, scheint mir auch hieraus 
klar hervorzugehen. Vor allem kostete ein Fell (Kuibiov) nur 17 Drachmen.^) 
Und das Pergament sollte teurer als die Charta gewesen sein? 

Im 2. Jahrh. nach Chr. war ein leerer Chartes in Ägypten 3 Obolen 
wert, d. i. Vg Denar"*); im 9. Jahrh. nach Chr. dagegen Vi arabischen Denar*), 
was mit 2,80 Osterr. Kronen oder 2,38 deutsche RM. gleichgesetzt wird.^ 

Sonst kennen wir leider nur Buchpreise, nicht Papierpreise. Die Wert- 



1) Tebtunis Papyri I ed. Qrbnpell-Hunt-Smyly (1902) Nr. 112 (aus d. Jahr 112 
vor Chr.), Zeile 25: Kdreprov xaprüLiv i dvd p 'A. Die „Anfertigung** von 10 Chartai 
zu je 100 Drachmen gibt 1000. Für jedes Stück zahlte man also 100 Kupferdrach- 
men. Das Verhältnis von Kupfer- und Silberdrachmen wird von den englischen 
Editoren des zitierten Werks S. 588 ff. als schwankend zwischen 500 : 1 und 375 : 1 
nachgewiesen. U. Wilcken, den ich in diesen Dingen um Rat anging, hatte die 
Freundlichkeit mir seine Zustimmung zu diesen Nachweisen mitzuteilen. Vgl. auch 
WiLCKEN*S Griechische Ostraka I S. 723. Setzen wir demnach etwa das Verhältnis 
400:1 an, so kostete die Herstellung eines Chartes 100 Kupferdrachmen oder 
y^ Silberdrachme = IV» Obolen. 

Ich füge hier noch einiges aus den Papyri hinzu. Amherst Papyri Nr. 126, 7: 
Kdpraic (bpaxinal) ir (ößoXol 6uo), also 80 Drachmen u. 2 Obolen. Es handelt sich 
hier mindestens um zwei Chartai; solcher kostete damals, in der Kaiserzeit, also 
keinesfalls mehr als 40 Dr. 1 Obole. — Aus der Ptolemäerzeit Tebtunis Pap. Nr. 112 
Z. 61 : 'Aq)payic€i inaxfmJLii ö|uo(ijjc timi^c xopriöv clc cu|Li7rXi^puiciv tOjv öiaT€TpaMM^"vijjv toiv 
Xap[To]Tro(iaii) Tu) = 3800; dazu Z. 81: 'A9payic€i fiaxiiuim TOTroTpaniiiaT^iuc clc fcia- 
Tpaq)i?|v xapTÜJv üjct* clc dvairXi^puüciv xa(XKoö) (xaXdvTOu) a *BI = 2200. Die Rech- 
nung stimmt: 3800 -|- 2200 geben in der Tat 6000 Kupferdrachmen oder ein Kupfer- 
talent. Für die hier behandelte Frage ist daraus freilich nichts weiter zu entnehmen, 
als daß die Summen sehr groß erscheinen. — Ebenda werden noch Z. 118 x<ipTai 
in Rechnung gestellt, aber die Zahlangabe fehlt. 

Zusammenstellungen von Warenpreisen gibt Salluzzi in Rivista di Storia antica 
N. S. VI 1 (1901) S. 9 ff.; daselbst S. 49 Papyrus als Nahrungsmittel; auch dies er- 
gibt indessen für uns nichts. 

2) Tept. Pap. n. 122, 7 über Linsen; 121, 41 u. 85 über Brot; S. 473 med. cirdOn 
6€p|LiaT(vTi ; n. 122, 11 % Kotyle öl; 112,37 M^Xav; 112,51 irlvaL Ober den Preis 
des xiTii^viov s. Salluzzi a. a. O. S. 51. 

3) Salluzzi S. 55. 

4) Amherst Papyri Nr. 127, 20: Tiiunc xdpxou rpiujßoXov. Die ägyptische Drachme 
ist in jener Zeit = V^ Denar; s. Hultsch, Metrolog. S. 650*. 

5) S. Führer durch die Ausstellung Erzherzog Rainer S. XVI. 

6) Vgl. auch ebenda Anm. zu Nr. 667. 



2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 29 

angaben ober hebräische Pergamentrollen, die aus der römischen Kaiserzeit 
stammen, lassen sich dabei nicht zum Vergleich heranziehen, weil die Preise 
um der Heiligkeit dieser Schriften willen Jns Unendliche" getrieben wurden. 
Was den Schreiberlohn betrifft, so kostete das Aufsetzen einer Urkunde 
im 4. Jahrh. n. Chr. 1 Zuz = 1 Denar; ebenso viel aber auch das Schreiben 
des ganzen Buches Ester/) Wenden wir uns zu den Griechen. 

Zu des Sokrates' Zeit kosten Exzerpte aus den Schriften des Anaxa- 
goras 1 Drachme oder 6 Obolen: so berichtet Plato Apol. p. 26D.^ Also 
etwa 80 Pf. (resp. 3 M.). 

Höher gehen wieder die Preise, die wir aus der römischen Katserzeit 
erhalten. Eine Rolle des Chrysipp mit Prosatext, die höchstens 80-100 
Seiten umfaßt haben wird, stellte sich auf 5 Denare.^ Der Denar wird auf 
82 Pf. berechnet; solches Buch kostete also 4 M. 10 Pf. im Geldwert jener 
Zeit. Ebenso viel eins der viel kleineren Gedichtbücher Martials, und zwar 
das erste.*) 

Vergegenwärtigt man sich, vne gering der Textumfang solcher „Bücher", 
so ist der Preis wiederum enorm. 

Ein besonders dünnes Büchlein des Martial, zu etwa nur 20 Seiten, 
wird dagegen auf 4 Sesterz =» 82 oder 84 Pf. angegeben.^) Das ist die- 
selbe Preislage, die wir bei Plato fanden. Martial sagt übrigens scherzend, 
der Buchhändler könnte die Exemplare zum Selbstkostenpreis auch für die 
Hälfte abgeben. 

Ein andermal schwankt der Ansatz für ein Gedichtbuch zwischen 



1) S. L. Blau, Studien zum althebrftischen Buchwesen S. 193 f.: eine Tora wird 
erst um 80 Zuz, dann um 120 Zuz verkauft; ein Polster und die 3 Bücher Psalmen, 
ferner Job und Sprüche galten zusammen 5 Mana. Waren bei der Abschrift die 
peinlichen rituellen Vorschriften nicht genau befolgt und nur ein Fehler begangen, 
so war das ganze Exemplar wertlos; s. Blau S. 24ff. u. 181 Note. Daß man die 
Bücher zu höherem Preise, als ihr Wert war, kaufte, wird ausdrücklich bezeugt; 
ib. S. 91. Für die Billigkeit der Herstellung aber spricht die Äußerung des Rabbi 
Chijja (um 200): „Ich vermag die ganze Bibel für 2 Minen niederzuschreiben." Er 
kaufte nämlich für 2 Minen Flachssamen, säte ihn, schnitt den Flachs, machte 
daraus Stricke und fing damit Gazellen, auf deren Haut er die Bibel schrieb: ib. 
S. 30. Diese Stelle zeigt, daß man sich aus dem Fell die Schreibfläche selbst her- 
zustellen imstande war, und diese Arbeit wird nicht mit in Rechnung gestellt. 

2) Vgl. Centralblatt für BW. 17 S. 553. Leider äußert sich R. Wünsch, der 
Berl. phil. Wochenschr. 1901 S. 688 den Gegenstand berührt, nicht über meine Auf- 
fassung der Platostelle. Doch scheint es mir sicher aus dem Wortlaut hervor- 
zugehen, daß da nicht ßißXia des Anaxagoras verkauft werden. Es kommt alles auf 
die grammatische Beziehung des Pronomens raOT» an. Nur so wird auch der 
niedrige Preis begreiflich. Ober den Verkaufsort, die Orchestra, s. jetzt W. JUDEICH, 
Topographie von Athen S. 305 Anm. 13. 

3) Epiktet Dissert. I 4, 6; Buchwesen S. 83. 

4) Martial I 117, 17. 

5) Martial 13, 3. Übrigens wird einmal bei Statius Silv. IV 9, 7 eine wertlose 
Scharteke wegwerfend auf einen decussis, d. i. 2^'^ Sesterz = 55 Pf. taxiert. 



30 Einleitung. 

1 M. 20 und 2 M. 20.^) Diese Preisschwankungen erklären sich natürlich 
aus dem Schwanken des Buchumfangs. Und aus den Unkosten für Papier 
und Schreiberlohn, scriptura und tomusy setzt sich dieser Preis zusammen. 

Dies- die Preissatze des Altertums.^ Halten wir die modernen daneben. 

Vor mir liegt E. Kornemanns Kaiser Hadrian. Der Ladenpreis dieses 
Werkes ist 4 M. 20. Dasselbe umfaßt aber 136 Seiten, während Chrysipps 
Buch, das gleichfalls etwas über 4 M. kostete, sich auf etwa 30 Seiten der 
genannten Schrift abdrucken lassen würde und also darin gut viermal 
Platz fände. Im Altertum würde die erwähnte Schrift sonach mit 16 Mark 
bezahlt worden sein, und der Wert des antiken Buchs ist schon hiernach 
der vierfache im Vergleich zu unseren doch immer auch nicht niedrigen 
Buchpreisen, wobei nun aber noch gar nicht einmal berücksichtigt ist, daß 
das Geld selbst damals noch viel mehr wert war als heute. H. Willers gibt 
für das 1. Jahrh. v. Chr. dem Denar eine Kaufkraft von 2 M. 85 Pf.*); da- 
nach würde das Chrysippbuch also vielmehr einem Werte von 14 M. 25 Pf. 
entsprochen haben und das Kornemanns hätte im Altertum 57 M. gekostet. 

Daher nun das klägliche Geizen mit Schreibmaterial, das uns so viele 
der erhaltenen literarischen Papyri verraten. Denn nicht nur die alten 
Ägypter geizten (oben S. 7 f.), sondern ebenso auch die Griechen. Be- 
sonders seit dem 2. Jahrh. n. Chr. haben wir dafür die Belege: 

Schon das Pragmentum eroticum bei HAberlin, Griech. Pap. Nr. 115, steht auf 
der Rückseite eines Geschäftskontraktes. Dann aber Aristoteles' Staat der Athener. 
Es handelt sich um 4 Tomoi von einer Gesamtlänge von etwa 8 Metern. Im Jahre 
89/90 n. Chr. hatte man Rechnungsablagen in diese leeren Rollen eingetragen. Im 
2. Jahrh. nahm sich jemand alsdann diese Rechnungsbücher und schrieb auf ihre 
Hinterseiten den wertvollen Aristotelestext, eine Privatabschrift, an der sich vier 
Hände betätigt haben. Sodann die Homerpapyri; die Hauptseite der Rolle trägt 
wiederum Rechnungen und ähnliche geschäftliche Skripturen, auf der Rückseite 
mußte Homer Platz finden in den Nummern 1. 6. 7. 12 bei HAberlin; ähnlich das 
Homerscholion ebenda 35; der Romanrest 135. Vom medizinische Rezepte, auf dem 
Rücken Dramatisches 63. Vorn Ethnographisches, hinten Piatos Laches 72. Piatos 
Qorgias Nr. 71 ist Opistograph. Ein Schulheft, von verschiedenen Händen mit Versen 
beschrieben, darunter auch Rechnungen: Nr. 49. Wer CrOnbrts Literaturübersicht 
im Archiv für Papyrusforschung 11 S. 34 ff. durchsieht, findet leicht weitere Beispiele. 
Nur der Pap. Amherst 11 Nr. 12 sei hier noch angeführt: eine Rolle, die durch An- 



1) S. PriedlAnder zu Martial 1 66. Dziatzko's künstliche Auslegung dieser 
Martialstelle (bei Pauly-Wissowa) ist nicht annehmbar. 

2) Auch die interessante Stelle bei Seneca epist. 27, 7 will ich noch anführen ; 
sie besagt freilich nur, daß ein scrinium voll Grammatikbücher weniger kostet als 
ein Sklave, der philologisch gebildet ist; ein scrinium kann auf 10 Rollen be- 
rechnet werden; 10 Rollen des erwähnten Inhalts waren also inkl. scrinium billiger 
als solch ein kostbarer Sklave. Der Vergleich läßt doch immerhin darauf schließen, 
daß auch jene nicht ganz billig waren. — Wenn in der Apostelgeschichte 19, 19 
magische Bücher zusammen im Werte von 50 000 Drachmen verbrannt werden oder 
wenn Varro erzählte, daß die Cumanische Sibylle dereinst dem König Roms drei 
Bücher für 300 aurei verkaufte (Lactanz div. instit. 1 6, 10), so ist auch damit nichts 
anzufangen. 

3) Rhein. Mus. 60 S. 360. 



2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 3] 

einanderkleben von Urkundenblättern entstanden ist; dann wurden Aristarchs Er- 
klärungen zum Herodot auf die Rückenseite geschrieben. 

Wie selten kommt es vor, daß uns einmal ein griechischer Autor in 
einer Rolle, die wirklich als schönes normales Buchhändlerexemplar gelten 
kann, vorliegt, wie das dritte Odysseebuch im Brit. Museum (Habbrlin a. a. 0. 
Nr. 27)! Dies Buch ist etwa in Martials Zeit geschrieben worden. 

Neben dies Papyrusbuch trat nun die Membrane. Dies sehen wir bei 
Martial 14, 183— 196, wo sich die wertvolleren und geringeren Buch- 
geschenke folgendermaßen gegenüberstehen: 

Divitis sortes: Pauperis softes: 

183 Homeri Batrachomachia 184 Homerus in pugillaribus membraneis 

185 Vergili Culex * 186 Vergilius in membranis 

187 Mcvdvbpou Gate 188 Cicero in membranis 

189 Monobiblos Properti 190 Titus Livius in membranis 

191 Sallustius 192 Ovidi Metamorphoses in membranis 

193 Tibullus 194 Lucanus 

195 CatuUus 196 Calvi de aquae frigidae usu. 

Diese Geschenkpaare bedürfen einer erneuten Besprechung. 

Zunächst erklärt sich der Gegensatz der Nummern 195. 196 sofort von selber. 
In den Nummern 183—192 stehen links seltenere Autoren, rechts just die gebrauch- 
testen Schriftsteller, und die letzteren erscheinen sämtlich auf Pergament. Zu dem 
Wertunterschied zwischen Charta und Membrane kommt hier also noch ein anderes 
Kriterion hinzu: der Umstand, daß selten gewordene Sachen an Wert steigen und 
daß femer alte Exemplare oft besseres Papier und bessere Schrift zeigten. 
Von den TraX«id und ttoXAoö älxa ßißXfa reden Lucian 60, 30 und Dio ') nicht umsonst. 
Die enormen .Buchpreise bei Gellius 3, 17 weisen auf dasselbe. Den, der lernen 
will, kann Martial über diese Verhältnisse belehren. 

Zunächst Sallust und Ovid, Nr. 191 u. 192. Sallusts fünf Bücher Historiae 
kamen den Metamorphosen an Umfang, d. h. an Zeilenzahl, vielleicht ziemlich 
gleich; aber die Metamorphosen hatte jeder, sie waren der Sauglappen für jung 
und alt, und man machte sich von solchem Werke selbstverständlich Privatabschrift 
nach Belieben. Sallusts Historiae dagegen waren damals, wie wir anzunehmen be- 
rechtigt sind, schon von einer gewissen Seltenheit und geringen Verbreitung. Ent- 
scheidend ist, daß wohl Livius, nicht aber Sallust auf den Knabenschulen gelesen 
wurde.*) Ja, auch die Rhetorenschulen verschmähten das Werk als Ganzes und 
man zog deshalb daraus die Reden und Briefe aus. Für Tacitus aber war es das 
große Vorbild, und Martial selbst steigert das Werturteil über das Werk noch aus- 
drücklich mit der Bemerkung, nach Ansicht der Kenner sei dies der beste Historiker 
Roms. Einen liber reverendae vetustatis des Sallust erwähnt Gellius 9, 14, 26. Dies 
Geschenk war eine Kostbarkeit. 

Ober Livius aber heißt es sodann, Nr. 190: 

Pellibus exig^is artatur Livius ingens. 

Quem mea non totum bibliotheca capit. 

Die Pointe des Epigramms ist hübsch herausgearbeitet und wirksam; aber man 

wolle sich von seinem Staunen erholen. Daß nämlich die sämtlichen 142 Bücher 

des Livius damals in einem einzigen Codex zusammengestanden hätten, ist voll- 



1) Dio Chrysost. Gr. 21, 12: die Buchhändler wissen, daß die Käufer nach 
alten Exemplaren verlangen : rä dpxaia tüjv ßißXiujv cTiovbal6iX€.va ibc äjucivov fv(pa\jL- 
niya Kai Iv KpcCrToci ßißX(oic. Eine gewisse nachgedunkelte Farbe der Charta 
war beliebt und wurde von den Fälschern künstlich hergestellt (ebenda). 

2) Quintilian II 5, 19. 



32 Einleitung. 

ständig ausgeschlossen; denn dies war unausführbar. Auch im 4. bis 6. Jahrb., um 
vom eigentlichen Mittelalter nicht zu reden, ist das Kolossalwerk von einem einzigen 
Codex nie umfaßt worden. Also muß die Pointe auf etwas ganz anderes gehen. 
In der Tat heißt es von Livius: artatur pellibus. Dieser Ausdruck artari kommt 
bei Martial auch 12, 5 in ähnlichem Zusammenhange vor (artatus labor est) und 
heißt dort „exzerpieren**. Zweifellos liegt hier also ein Liviusexzerpt vor, und für 
die jetzt neu angeregte Geschichte der Periochae des Livius ist diese Martialstelle 
der wichtigste Zeuge.') 

Daß nun endlich dieser Auszug geringer bezahlt wurde als die Monobiblos 
Properti, ein offenbar seltenes und hochgeschätztes Buch'), wundert uns nicht, und 
die Oberlieferung hat sich auch hier auf das beste bewährt 

Es ist nicht Zufall, daß sich gerade alle drei Elegiker, Properz, Tibull und 
CatuU, Nr. 189, 193, 195, unter den erleseneren Geschenken befinden. Sie waren 
nicht Schulautoren, uud vor allem Tibull und Properz hatten keinen Boden in der 
Masse des großen Publikums gewonnen; Ovid machte sie tot. So steht denn Ovid 
unter den billigen Büchern, und so gilt weiter auch in Nr. 193 u. 194 Tibull mehr 
als Lucan. Beide stehen auf Papyrus. Und Lucan befindet sich noch frisch im 
Buchhandel, denn der Buchhändler wird für ihn extra erwähnt. Von Tibull kann 
keineswegs dasselbe gelten. Für die Oberlieferungsgeschichte der Elegiker sind 
diese Tatsachen von Wichtigkeit. 

So wie der Livius Nr. 190 nur Exzerpt war, so wird weiter auch bei dem 
Cicero in membranis Nr. 188 niemand an sämtliche Werke Ciceros denken. Ist 
aber nur ein Teil seines Nachlasses gemeint, so genügt es hier irgend eine der be- 
rühmten Reden vorauszusetzen, die man zu Übungszwecken auswendig lernte. Martial 
sagt, dies dauerhafte Exemplar eigne sich für die Reise. Daß man im Reisewagen 
las, zeigt Apostelgesch. 8, 28 und das Relieffragment des Vatikan, Museo Chiaramonti 
Nr. 328. — Betreffs der Komödie des Menander, Nr. 187, merke ich an, daß ein 
einzelnes ßtßXiov ti tu)v* Mcvdvbpou auch bei Aristides p. 285 Jebb. herbei- 
gebracht wird. 

Es bleiben nur noch Homer und Vergil übrig, Nr. 183—186. Dies sind wieder 
Schultexte. Die erhaltenen Homerpapyri zeigten uns, wie man sich von solchen 
Autoren mit möglichst geringen Unkosten durch eigene Abschrift Exemplare her- 
stellte (S. 30). Dazu empfahl sich nun aber besonders das Pergament, so wie es 
in Ägypten auch vorkam, daß, wer keinen Papyrus erschwingen konnte, sich seinen 
Homer auf Ostraka schrieb. ^) Aus Martial erfahren wir nun, daß die Batrachomachie 
und der Culex als etwas Exquisites galten. Das ist nicht erstaunlich. Denn das 
waren Texte, die man als Knabe gar nicht und auch sonst kaum zu Gesicht bekam. 
Wie oft wird denn die Batrachomachie in der römischen Literatur überhaupt erwähnt? 



1) So auch WOELFFLIN, Archiv f. Lex. XIV 222. 

2) Ich bedaure hier mit einigen Worten auf Rothsteins Einwendungen (Properz 
S. 344) eingehen zu müssen. Die Handschriften außer N, auch der Lusaticus, unter- 
scheiden das erste Buch durch die Oberschrift monobiblos sorglich von den späte- 
ren, die statt dessen liber secundus, tertius usf. überschrieben werden. Also stand 
das „erste" Buch als Monobiblos für sich da. Die Ausflucht, daß die Buchschreiber 
des Properz etwa den Martial gekannt und den Titel von daher in den Properz 
hinein gebracht hätten, ist eine sehr gewagte Supposition, ganz irrig aber ROTHSTBiNs 
Voraussetzung, daß monobiblos auch ein mehrbücheriges Werk habe heißen können. 
Im Gegenteil sind nach griechischem Sprachgebrauch luovößißXoi nur Werke im 
Raumumfang eines Buches, d. h. Schriften ohne Buchteilung. Die Properz- 
handschriften wahren also den klassischen Sprachgebrauch auf das beste, indem sie 
den Ausdruck planvoll nur auf eines der Bücher des Dichters beschränken, und 
ihre Zuverlässigkeit wird dadurch erhärtet. Ebenso kann nun auch Martial nur ein 
„Einzelbuch" des Dichters meinen. Ist dies aber der Fall, so kommt dafür allein das 
„erste" Buch in Betracht, für das in der Titelgebung die Hss. mit ihm übereinstimmen. 

3) Siehe Wilcken, Arch. f. Papyrusforschung II S. 174. 



2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 33 

Kein Römer hat sie übersetzt oder direkt nachgeahmt Und wie konnte sich der 
Culex an Verbreitung mit der Aeneis messen? Shakespeares Dramen sind heute 
billig zu kaufen; seine Sonette sind rar. Es war aber von hohem und all- 
gemeinem Interesse, daß man von den beiden größten Dichtern jene Parerga be- 
saß; denn man hielt sie fQr echt. Sie schienen Keimelia. Dazu kommt nun noch, 
daß diese spielenden Gedichte gerade besonders gut zur ausgelassenen Schenk- 
gelegenheit der Saturnalien, für die Martial sie verwendet, sich eigneten. Daher 
sagt der Dichter vom Frosch-Mäusekrieg, er diene dazu, die Sorgen zu ver- 
scheuchen, frontem solvere, den Culex aber bestimmt er gerade besonders für den 
studiosuSf also für den Literatur-Interessenten; Plinius hatte drei Bücher studiosorum 
geschrieben (Gell. 9, 16); daran knüpft das an. Der Studiosus aber erhält die 
Mahnung, er solle auch, wenn die Saturnalien vorbei sind — nucibus positis^) -, 
den Culex und nicht die abgebrauchte Aeneis traktieren: ne nucibus positis arma 
virumque legas. So Nr. 185. Der Gegensatz ist klar: denn gleich in Nr. 186 wird 
dann die Aeneis selbst als Geschenk gebracht. Dies Geschenk, die Aeneis auf 
Pergament, ist damit für den „Studiosus" mißliebig gemacht und ausdrücklich in die 
zweite Reihe gerückt. Daß sie ein Porträt des Dichters enthielt, machte sie nicht 
wertvoller, denn dies war nur ein Büstenbild. Hierauf komme ich im Abschnitt V 
zurück. 

So weit die Geschenkliste des Martial. Die Beobachtung, daß das 
Papyrusbuch im Altertum teuer war, wird durch sie bestätigt; das Pergament 
beginnt, abgesehen von den Brouillons, die unscheinbar sind und nie in 
den Buchhandel kommen, jetzt auch für geringere Abschriften, die in den 
Knabenschulen oder auch auf Reisen benutzt wurden, zu dienen, und 
es war billiger, schon darum, weil es sich viel länger hielt und dem Be- 
sitzer die weiteren Unkosten ersparte, die die Papyrusrolle mit sich brachte; 
denn eine vielbenutzte Rolle mußte oft ausgebessert und gewiß schon 
nach einigen Jahren ganz erneut werden. 

Für das 2. Jahrh. n. Chr. ist uns dann Lucian Adversus indoctum 
Zeuge. Warum hat der Bibliomane bei Lucian noch keine Pergamentbücher? 
Weil das eben nichts Feines war. Mit ihnen ließ sich nicht großtun. Aber 
er muß seine Papyrusrollen fleißig ausbessern und übertreibt die Sorgfalt 
und Prunksucht ins Lächerliche. 

Trat nun eine weitere Verteuerung der Charta ein, so war der Sieg 
des Pergaments entschieden. In der Tat war sich das Altertum darüber 
klar, daß, sobald der Chartaexport Ägyptens zurückging, das Pergament an 
Boden gewinnt. 

Schon Herodot erzählt V 58, daß bei den loniern in alter Zeit einmal 
aus Mangel an PapyrusbOchern, dv cttövi ßißXicüv, Ziegen- und Schaffelle 
zum Schreiben gebraucht worden seien. Die Charta war selten, also zu 
teuer geworden. Man griff zum Leder. 

Ganz ebenso reden die Sokratikerbriefe, die die Zeitverhältnisse des 
4. Jahrh. v. Chr. voraussetzen, Nr. 30 fin.^), von einem BOchermangel, 

1) „Ein Buch aus der Hand legen" heißt librum ponere (so Cicero Tusc. 1 24); 
ebenso heißt nuces ponere „die Nüsse weglegen". Die nuces aber bezeichnen hier 
nicht die Kindheit, sondern das Saturnalienfest: vgl. Martial 14, 1, 12 lüde nucibus. 

2) Hbrcher, Epistolographi p. 632. 

Birt, Die BuchroUe in der Kunst. 3 



34 Einleitung-. 

cTrdvic ßußXicüv, der eingetreten sei, weil der Perserkönig (?) Ägypten ein- 
genommen habe. Der Export leidet, die Waare wird rar. 

Und der späte Hieronymus Epist. Vil ad ChromatiumO weiß tiber das 
Aufkommen der pergamenischen Membrane zu erzählen, der König Attalus 
habe sie in den Handel gebracht, weil Mangel an Charta war, ut penuria 
chartae pellibus pensaretur. So dachte man sich den Vorgang und, wirt- 
schaftlich betrachtet, mit Recht: das Pergament muß aushelfen, wenn die 
Charta zu teuer geworden ist. Hieronymus wendet dies in seinem Brief 
praktisch an; der Adressat Chromatius und sein Bruder sollen nicht zu 
kurze Briefe schreiben, und wenn sie Charta nicht haben, zur Membrane 
greifen. Die Charta ist also zwar noch im Handel, aber sie beginnt zu 
mangeln'), und das Pergament dient nur als Ersatz, wenn sie nicht auf- 
zutreiben ist.^) 

Auf dem Lande war es überhaupt schwer, sich gute Charta zu ver- 
schaffen (Plin. ep. 8, 15). Tatsächlich waren nun aber unter Kaiser Tiberius 
schlechte Papyrusernten in Ägypten eingetreten und der Papiermangel als- 
bald so groß geworden, daß der Senat die Verteilung des wenigen vor- 
handenen regulierte (ut e senatu darentur arbitri dispensandae), sonst wäre 
aller Verkehr in Verwirrung geraten (alias in tumidtu vita erat). So er- 
zählt Plinius nat. hist. 13, 89. Es würde wie ein Scherz klingen, wenn man 
die geringe literarische Produktion unter des Tiberius Regierung aus diesem 
Umstand erklären wollte. Daß aber Velleius damals sein Geschichtswerk, 
das viel zu umfangreich war, in eine einzige Rolle zusammenzwängte, ist 
vollständig unbegreiflich, will man nicht annehmen, daß so äußerliche Gründe 
und die wirkliche Not ihn dazu bestimmt haben. ^) 

Später, als man den Codex hatte, wußte man solcher Not besser zu 
begegnen. In der Zeit des sogenannten Verfalls der klassischen Literatur, 
im 3. bis 5. Jahrh., steigerte sich der Bedarf an Beschreibmaterial außer- 
ordentlich; man kann sagen, der Buchbedarf verzehnfachte sich. So geht 
es den alternden Literaturen. Es galt damals gleichzeitig nicht nur durch 
immer neue Abschrift die ererbten Bestände eines bald tausendjährigen 
Schrifttums weiter zu überliefern, sondern gleichzeitig auch die massenhaft 
neu entstehenden Werke oft großen Umfangs aufzunehmen und eifrigen 
Lesern und Gemeinden zu übermitteln. Denn gerade damals steigerte sich 
der literarische Betrieb mit Hast und in oft breiten Formen oder in form- 



1) Vgl. Buchwesen S. 51. 

2) Der Wortlaut ist: chartam defuisse non puto, Aegypto ministrante com- 
mercia et si alicubi Ptolemaeus maria clatisisset, tarnen rex Attalus membranas 
a Pergamo miserat, ut penuria chartae pellibus pensaretur. 

3) Daß man Pergament zu Briefen sonst stets verschmähte, ist Buchwesen S. 61 f. 
nachgewiesen. 

4) Buchwesen S. 321. Das Volumen des Velleius, das dann wieder in Volu- 
mina zerfällt, ist nach dem ägyptischen Beispiel oben S. 19 zu beurteilen. 



2. Rolle und Membrane bei den Qriechen und Römern. 35 

loser Breite, in Obersetzungen, Auszogen, Glossaren, Homilien, Briefen, 
Streitschriften, Lehrschriften und dick geschwollenen Kommentaren; und 
wieder war es die rührige christliche Propaganda, die zu dieser Steigerung 
vornehmlich beitrug. Denn in ihrem Kampf gegen das Heidentum und 
gegen Heterodoxie war ihre Waffe das Buch. Durch Bücherlesen wurde 
der Christ zum Christen erzogen.^) Dazu kommt, daß seit dem 3. Jahrh. 
auch die Provinzen mächtig sich regen; in Afrika, in Gallien, selbst in 
Spanien entsteht eine Schriftstellerei, die ihr lokales Publikum hat. Die 
Charta, die von den Nilmündungen kam, reichte nun nicht mehr aus, sie 
versagte diesen Ansprüchen gegenüber; denn die Produktion des Papyrus 
konnte ein gewisses Maximum begreiflicherweise nicht überschreiten. Die 
Papyrusrolle und ebenso auch der Codex aus Charta, mit dem man es ab 
und zu versuchte, wurden zu teuer. ^) Seit dem kolossalen Wachstum der 
Provinzialliteraturen und der christlichen Literatur griff man immer öfter 
zum Codex aus Pergament. Schon die Inschrift C. I. L. VIII 17896 mit 
ihren Bestimmungen, wieviel Charta verbraucht werden darf und in welchem 
Formate {tumi maiores), deutet auf Sparsamkeit.^) So trägt schon Marcellus 
um 400 n. Chr. seine „medicamenta" ohne Buchteilung in einen codex ein 
(S. 2, 31 ed. Helmreich). ^) Und für das Jahr 371 erfahren wir, daß damals 
bei einer Massenhinrichtung von Verschwörern aus den Häusern der Hin- 
gerichteten „zahllose Codices'* und viele Haufen von Rollen, beide litera- 
rischen Inhalts, zusammengesucht und verbrannt wurden. Diese Mitteilung 
des Ammianus Marcellinus ^) ist instruktiv; denn wir ersehen aus ihr, wie 



1) Vgl. z. B. das exercitari in libris und das legendo reperire bei Augustin, 
Confess. III 12. 

2) Dies ist relativ zu verstehen. Denn ich weiß wohl, daß Codices chartacei 
bis in das 7. Jahrh. auch gerade im Westen nicht eben selten waren ; s. L. Traube 
in Bibl. de r^cole des chartes Bd. 64 (1903) S. 454 f. Doch galten sie gewiß als 
besonders wertvoll; sie zeigen gel. die Normalzeile von ca. 33 Buchstaben. 

3) Vgl. MOMMSEN, Ephem. epigr. V S. 642f. Ob darauf auch die Steuer auf 
Charta und Schreibmaterial Bezug hat, die U. Wilcken nachwies, Qriech. Ostraka 
S. 403? 

4) Vgl. auch Capitolinus Qord. l, 4. Bei Macrobius Sat. V 3, 17 wird ein volumen 
Vergilianum aus der Bibliothek geholt, aus ihm werden dann aber Stellen nicht nur 
des ersten Buchs der Aeneis, sondern auch der folgenden vorgelesen. V 4, 1 heißt 
es, es soll nicht aus der Mitte desselben, sondern aus dem Anfang vorgelesen 
werden. Darauf sucht Avienus den Anfang des Buchs manu retractis in calcem 
foliis. Der Ausdruck folia weist auf einen Codex. Was aber heißt dann retrahere 
in calcem? Vfergil wurde im 4. Jahrh. auch als „Stechbuch" zur Divination benutzt; 
dies war jedoch auch bei Rollenform möglich ; s. S. Frankfurter im Eranos Vindo- 
bonensis (1893) S. 221 Anm.; man vergleiche die 'OMiipoMavTia in dem großen 
Zauberpapyrus von 3 m Lange, Pap. Brit. Mus. Nr. CXXI; HAberun, Griechische 
Papyri Nr. 31 : eine Sammlung von über 200 zusammenhangslosen Homerversen. 

5) Ammian. Marceil. 29, 1, 41: deinde congesti innumeri Codices et acervi 
voluminum multi sub conspectu iudicum concremati sunt, ex domibus eruti variis 
ut inliciti, ad leniendam caesorum invidiam, cum essent plerique liberalium disci- 
plinarum indices variarum et iuris. 

3* 



36 Einleitung. 

weit verbreitet es damals war, in den Privathäusern sich Büchereien zu 
halten, zugleich aber, daß die Codices um das genannte Jahr schon gleich 
häufig waren wie die Rollen. Daß der Codex gerade in den Hütten armer 
Christen sich findet, zeigt Augustin, Confess. VIII 6, 15. 

Ich weise noch besonders darauf hin, daß, wo immer in diesem Jahr- 
hundert Codices erwähnt werden, der Zusatz membranei oder membranacei 
zu fehlen pflegt; d. h. es verstand sich von selbst, daß sie nicht von Charta 
waren. Für die Charta galt eben doch das Rollen als herkömmlich. Man 
gehe den Hieronymus durch, der an zahlreichen Stellen in dieser Weise 
von Codices redet. Lucinius aber war es, der für die Verbreitung der 
Schriften des Hieronymus selbst sorgte; er schickte Schreiber nach Palä- 
stina, um dort Kopien von ihnen anfertigen zu lassen. Von diesen Kopien 
bemerkt nun Hieronymus ausdrücklich, daß sie in chartaceis codicibus her- 
gestellt wurden.^) Das war also etwas Besonderes und gewiß auch etwas 
besonders Wertvolles. 

Dem Nebeneinanderbestehen beider Buchformen im 5. Jahrh. kann ich 
hier nicht weiter nachgehen.^) Mutmaßlich hat, um die Rolle noch weiter 
zurückzudrängen, in Westeuropa noch ein anderer Umstand mit eingewirkt. 
In das Jahr 395 fiel die Teilung des römischen Reiches unter Arcadius 
und Honorius. Ostreich und Westreich standen sich hinfort mißgünstig, 
ja feindselig gegenüber. Ägypten aber fiel an das Ostreich. Seitdem 
hörten, wie uns bezeugt wird, die Getreidezufuhren aus Ägypten nach Rom 
auf, und Rom mußte sich mit dem Korn Nordafrikas ernähren.^) Es ist 
wahrscheinlich, daß auch die ägyptische Papyrusausfuhr damals ebenso 
zeitweilig unterbunden oder erschwert worden ist. Um so mehr mußte sich 
der Westen auf das Codexbuchwesen zurückziehen, bis endlich die alt- 
gewohnte Rolle fast nur noch zu päpstlichen oder kaiserlichen Diplomen 
diente, ein Zeichen ihrer Vornehmheit. Sie war für den täglichen Gebrauch 
nicht mehr zu erschwingen. Hierzu stimmt die Beobachtung, die V. Schultzb 
an den Monumenten der christlichen Kunst des Westreichs gemacht hat*), 
daß man auf diesen Monumenten im ganzen 4. Jahrh. das Buch noch 
regelmäßig und ganz vorwiegend als Rolle abgebildet sieht, daß sie da- 
gegen mit dem Beginn des 5. Jahrh. mehr und mehr zurücktritt und vom 
gehefteten Buch verdrängt wird. Die Oberschau der Bildwerke, die ich 
im Nachfolgenden vorzunehmen gedenke, wird das vollends erhärten. 



1) Hieron. Epist. 71 ad Lucinium: opuscula mea, quae non sui merito, sed 
tua bonitate desiderare te dicis, ad describendum hominibus tuis dedi et descripta 
vidi in chartaceis codicibus; ac frequenter admonui ut conferrent diligentius; vgl. 
O. ZöCKLER, Hieronymus, 1865, S. 228. 

2) Siehe Buchwesen S. 102 f. 

3) Claudian, Bellum Gildonicum v. 56 ff. 

4) Siehe Greifswalder Studien für Cremer, 1895, S. 147 ff. 



2. Rolle und Membrane bei den Griechen und Römern. 37 

Im Ostreich mag dieser Prozeß sich etwas langsamer vollzogen haben. 
Genauere Nachweise fehlen mir.^) 

Bezeichnend aber ist, daß sich alsbald die Prunksucht der neuen 
Buchform bemächtigte. Der Deckel des Codex wurde mit Edelsteinen be- 
setzt: eine Ausstattung, die von der Schreibtafel auf ihn überging. Dieser 
glänzende Ungeschmack hat die Papyrusrolle nie behelligt Schlank, schlicht 
und vornehm ging sie durchs Leben. Sie war wertvoll an sich. Der 
schwerfällige eckige Codex bedurfte der Verzierung und Wertsteigerung, 
und er war dauerhaft genug, um sie zu tragen. 



Wenden wir uns aber jetzt endlich unserer Aufgabe und der Blütezeit 
des Rollenbuchwesens wieder zu. Die Bildwerke sollen uns helfen, Werke 
einer Kunst, die durch ein Jahrtausend neben dem Leben herging und es 
widerspiegelte in oft verklärtem, immer doch in treuem Abbild. Auf 
mancherlei Fragen soll sie uns Antwort geben. Denn nicht nur die Be- 
schaffenheit des Rollenbuches selbst und nicht nur der Umgang des Men- 
schen mit ihm steht in Frage, sondern auch, in welchen Zeiten der Ge- 
brauch der Bücher sich häufte, die Lektüre sich steigerte und zu welchem 
Zweck der Mensch sich mit dem Buche abbilden ließ. Ist doch das Halten 
des Buchs eine erweiterte Gebärdensprache, die der sorgfältigen Inter- 
pretation bedarf. Oberdies aber werden uns die Monumente auch sagen, 
daß die Buchrolle der hellenistischen Zeit und der römischen Kaiserzeit 
nicht etwa eine andere war als die der alten Athener, eines Thukydides 
und Plato^; sowie endlich, daß auch in der Rolle, deren sich die christ- 
lichen Gemeinden bedienten, dieselbe ägyptische Papyrusrolle, nicht aber 
die jüdische Pergamentrolle zu erkennen ist.^ 

Vor allem aber werden die Massen von Bildwerken, die wir hier zu- 
sammenstellen, ergeben, daß bis in das 4. Jahrh. n. Chr. hinein das Lesen 
und Studieren in einer Codexhandschrift noch unbekannt war oder doch 
ganz zurücktrat. Ein Lesen in der Schreibtafel zeigen sie uns gelegent- 
lich, nicht aber das Lesen in einer Handschrift nach Art des von Martial 
erwähnten Vergil oder Ovid, der eben zunächst nur den Knabenschulen und 



1) F. Kenyon, Palaeography, 1899, S. 112 f., setzte an, daß kein griechischer 
literarischer Papyrus jünger als das 3. Jahrh. n. Chr. sei. Dies scheint bedenklich. 
Synesius schreibt noch auf Charta: s. Epistolographi ed. Hercher S. 630 Z. 17. 
Papyrusrollen des 5. oder 6. Jahrh. n. Chr. sind uns erhalten; s. z. B. HABERLIN 
a. a. O. Nr. 2. In Ägypten selbst hielt sich der Gebrauch der Charta bis tief in die 
arabische Zeit oder bis in das 9. Jahrh. Doch drängte auch da der Pergamentcodex 
mächtig vor; in dem Inventar einer Kirche aus dem 5. oder 6. Jahrh. finden wir 
nebeneinander 21 Pergamenthandschriften und nur 3 Papyrushandschriften verzeichnet; 
s. Grenfell and Hunt, Qreek Papyri, Series II, 1897, Nr. 111 Z. 27 f.: ßißXia öepind- 
Ti(va) Ka, ö^o((uJc) xapTia t- 

2) Dies betrifft Dziatzko's verfehlte Hypothese. 

3) Letzteres suchte Blau a. a. O. S. 43 ff. wahrscheinlich zu machen. 



38 Einleitung. 

kleinen Leuten diente. Dies Factt sei hier gleich gezogen und voran- 
gestellt. Ich werde nicht wieder ausdrücklich darauf zurückkommen. Man 
mag einwenden, daß die Kunst auch gegen den Usus des wirklichen Lebens 
an überlieferten Motiven längere Zeit festhält. Aber doch gewiß nicht mit 
dieser Konsequenz. Auch würde dieser Satz doch höchstens zur Erklärung 
des Verhaltens der Künstler im 4. und im 3. Jahrh. n. Chr. dienen. Wer 
dagegen das Vorhandensein eines Lesebuchs als Codex schon für des 
Augustus' Zeit voraussetzt, der wird durch den einmütigen Widerspruch 
der Monumente, die nur die Rolle kennen, widerlegt und gleicht dem, der 
nachts die Sonne am Himmel sieht. Er träumt. 

Ich habe im folgenden nach Möglichkeit Belege aus allen Gattungen 
der bildenden Kunst zusammengestellt: Statuen, Reliefs, Terrakotten, Vasen 
und Wandmalereien, Mosaiken, auch Gemmen und Münzen. Dabei wird 
klar, daß sämtliche andere Gattungen, auch die Vasenbilder, sich an wenige 
feste Darstellungsweisen oder Motive halten, die überall wiederkehren; nur 
die Wandmalerei ergeht sich freier und gibt uns das wirklich belebte 
Genre und das Verhältnis des Menschen zum Buch in seiner mannigfach 
wechselnden Erscheinung. 

Die bildende Kunst ist konservativ und hängt am Oberlieferten. Auf 
römischen Reliefs des 2. oder 3. Jahrh. findet man die Toga bisweilen in 
einer Weise dargestellt, wie sie nachweislich nicht damals, sondern nur im 
1. Jahrh. getragen wurde. Ebenso fuhren die Künstler, obschon die Rolle 
seit dem 5. Jahrh. außer Gebrauch kam, gleichwohl doch darin fort, ge- 
wissen Personen, Dichterfiguren oder heiligen Gestalten, diese Rolle in die 
Hand zu geben. Man behielt dabei z. T. überlieferte Motive bei, und so 
wird es erlaubt sein, Darstellungen des 5. und 6. Jahrh., wie sie z.B. die 
Mosaiken der alten Basiliken darbieten, hier gelegentlich als Zeugen mit 
zu benutzen. 

Daß meine Beispielgebung nicht Vollständigkeit anstrebt, versteht sich 
von selbst, aber ich muß es betonen. Wer wollte für solches Detail die 
Museen erschöpfen? Es wird auch wohl niemand, der über die Toga 
handelt, sämtliche erhaltenen Beispiele zusammenhäufen. Für die Kunst- 
geschichte kommt es darauf an, die vorkommenden Motive möglichst voll- 
ständig festzustellen und möglichst deutlich unter sich zu sondern; für die 
Kenntnis des Buches selber gilt es, daraus die Schlüsse über seine Be- 
schaffenheit zu ziehen. Dies soll mein Zweck sein; und findet man in dem 
einen oder andern Pall die Belege trotzdem stark angehäuft, so geschieht 
dies, um zur Anschauung zu bringen, wie viel häufiger das eine Motiv als 
das andere in der Kunst zur Verwendung kam. 

Hier sei, bevor wir die Last der gestellten Aufgabe auf uns nehmen, zum Ab- 
schluß oder als scherzhaftes Präludium ein Fall vorweggenommen, der da zeigt, 
wie überraschende Hilfe uns die Monumente bisweilen zum Verständnis dieser und 



Einleitung. 39 

verwandter Dinge bieten. Kaiser Augustus beschwerte sich beim Horaz, daß er so 
karg sei in seinen Zuschriften, und drückte dies mit einem Seitenblick auf die kor- 
pulente Figur des Dichters liebenswürdigerweise so aus: er wolle auch mit einem 
kleinen Libell von seiner Hand vorlieb nehmen, aber er rate ihm, in Zukunft doch 
auf einem Pläschchen zu schreiben; denn alsdann würde sein „Volumen** eben 
solches Bäuchlein haben wie er selber.') Dies ist, für sich allein betrachtet, kaum 
zu verstehen; denn die Buchrolle gleicht einer solchen Flasche nicht, und sie gar 
um eine Flasche zu wickeln, war unausführbar, da das Papier dadurch die Form 
verloren hätte. Horaz sollte vielmehr wirklich auf einem Sextariolus schreiben. 
Denn solche mit Schrift bedeckte Flasche hat sich tatsächlich gefunden; der Bauch 
derselben unterhalb des länglichen Halses ist von oben bis unten und ringsum mit 
einem Syllabar in 6 Zeilen bedeckt, und auf ihrem etwas breiteren Fuß steht außer- 
dem noch ein Alphabet. Man findet die Abbildung z. B. in den Annali d. Inst. 1836 
Tfl. C.*) Wie erwünscht ist solches Altertum! Denn diese Anschauung setzte der 
Kaiser offenbar voraus, und ohne sie wäre sein Scherzwort unverständlich gewesen. ') 



1) Sueton ed. Reipp S. 47: vereri autem mihi uideris ne maiores libelli tui 
sint quam ipse es; sed tibi statura deest, corpusculum non deest; itaque licet in 
sextariolo scribas quo (die Hss. cum) circuitus voluminis sit ötkwö^ctqtoc sie ut 
est ventriculi tut. 

2) Vgl. auch Fabrbtti, Gloss. Italicum Tfl. 43 Nr. 2405; Th. SCHREIBER, Bilder- 
atias 1 Tfl. 89 Nr. 6. 

3) Die Stelle hat schon O. Jahn, Ber. d. sächs. Ges. d. W. Bd. 9 (1857) S. 200, 
so richtig erklärt; er benutzte aber zum Vergleich ein minder günstiges, bauchiges 
Tongefäß, das in Saintes gefunden wurde und nur die drei Worte trägt: Martiali 
soldam lagonam (vgl. Revue arch6ol. XII S. 175 ff.). Solche Gefäße mit Namens- 
aufschriften sind nichts Seltenes; vgl. noch Fabretti a. a. O. Tfl. 27 u. 28 Nr. 440. 



I. Die geschlossene Rolle. 



Wer in den Museen die Säle der alten Bildwerke durchwandert und 
auf die Darstellung von Büchern acht gibt, dem wird zunächst auffallen, 
wie viel häufiger dem Auge die geschlossene Rolle, wie viel seltener die 
offene begegnet. Er wird sich sagen: das ist natürlich! Die geschlossene, 
ein einfacher Zylinder, war ja um vieles leichter zu arbeiten. Aber auch 
ein zweiter Umstand stellt sich sofort heraus, den ich freilich bei unsem 
Kunstschriftstellern nirgends angemerkt finde und der auch für Ägypten 
nicht zutrifft: herrschende Regel für das klassische Altertum ist, daß die 
Person das Buch in der Linken hält, ich stehe nicht an, dies als Stil- 
gesetz, das insbesondere für stehende Figuren gilt, voranzustellen; ein Stil- 
gesetz, das freilich nicht aus äußerlich stilistischen, sondern aus sachlichen 
Gründen sich erklärt. So zweifellos in gewissen Fällen, insbesondere bei 
sitzenden Figuren, sich Ausnahmen zu dieser Regel finden, so gültig ist sie 
selber; die Belege, die etwa mit dem Stesichoros auf der Münze von 
Himera anheben, zählen nach Aberhunderten und gehen durch alle Dar- 
stellungsgattungen, sie gehen zugleich durch alle Länder der alten Welt 
hindurch, in denen die Rolle herrschte. Ein vereinzeltes spätes Zeugnis 
der Literatur kommt hinzu und sei hier gleich mitgeteilt. Paulus Silen- 
tiarius erwähnt in seiner Beschreibung der Sophienkirche ^) auch einen 
Teppich, in den Christi Bild eingewebt war; da heißt es nun: er streckt 
die Rechte zum Ausdruck der Rede, in der Linken aber hält er das Buch: 

eoiK€ be bdKTuXa leiveiv 
AeEiTepf^c, äie fiiöBov deiZüjovTa mcpaiJCKiJüv, 
Aairj ßißXov ?xiajv ZaGeuuv dTTiicTopa fiiuGujv. 

War dies nur Laune und Kaprice, ein sinnloses Herkommen, das durch 
ein Jahrtausend sich fortsetzt? Der moderne Künstler hat davon, daß bei 
einem Standbild das Emblem des Buches in die linke Hand gehört, kein 
Bewußtsein, und so steht in Florenz auf offenem Platz am Arno das 
Bronzestandbild des Daniele Manin, eine aufgerollte Diplomrolle in der 



l) Descriptio S. Sophiae v. 778 f. bei MiONE, Patrolog. Graeca Bd. 86, 2 S.2150. 



I. Die geschlossene Rolle. 41 

Rechten! ebenda der Dichter Goldoni in Marmor, ein Buch in der Rechten! 
in Neapel auf der Piazza Dante das Standbild des italienischen Dichter- 
fürsten , einen kleinen Codex in der gesenkten Rechten! in der nämlichen 
Stadt auf der Piazza Municipio am Sockel des Reiterbildes Vittorio Ema- 
nueles eine Idealfrau, sei es Italia oder Napoli, die Rolle in der Rechten! usf. 
Es wäre leicht, auch aus nordischen Städten entsprechende Monumente 
beizubringen. So steht auf dem Neumarkt in Dresden Friedrich August II. 
in Bronze, die L. am Degengriff, in der R. das Verfassungsdiplom als 
Rolle mit Siegel; ganz so Bismarck in Wiesbaden und vor allem der Goethe 
in Frankfurt, der verkehrt den Kranz in der L. hat, das Buchsymbol in 
der R. ') 

Die Sibyllen Michelangelo's haben freilich ihre eigenen Gesetze, und 
wenn desselben Moses die Tafel unter den r. Arm stQtzt, so ist er, wie 
diese Sibyllen, eine Sitzfigur, und er kann sich also mit dem rechtfertigen, 
was wir später Ober solche bemerken werden. 

Die Ergänzer der ohne Hände überlieferten antiken Skulpturen haben 
nun in hundert Fällen ohne Skrupel und gedankenlos die Rolle in die r. 
Hand getan. 

Bestimmte die antiken Künstler, indem sie ihre Regel ersannen und 
innehielten, ein ethisch ästhetischer oder ein pathetisch ästhetischer Grund? 
d. h. wollten sie die r. Hand, die die bedeutsamere ist - denn die L. hieß 
sinistra, weil sie im sinus, im Busen, steckte^ -, nur auf alle Fälle frei 
und unbelastet haben, um sie für das Händespiel und den Ausdruck des 
Innenlebens benutzen zu können? sei es nun, daß durch dies Händespiel 
ein Charakter oder das Ethos, sei es, daß dadurch eine momentane Ge- 
mütsbewegung oder das Pathos auszudrücken war? Vielleicht wird manchem 
dieser Weg der Erklärung schon genügend und befriedigend erscheinen. 
Die Figur wird unruhig, wenn beide Hände spielen. Der moderne Süd- 
länder steckt die ausruhende Hand — am liebsten freilich beide - gern in 
den Gürtel oder in die Taschen seiner Hose. So steht am Hafen in Genua 
das Denkmal Rafaele Rubattino's; die L. stützt er auf einen Tisch, auf dem 
ein offenes Aktenstück liegt; hier wirkt also auch der Tisch mit! Die R. 
hat er in der Hosentasche. Das war dem antiken Menschen durch Tat- 



1) Besser die Körnerstatue von Epler, die ich 1904 auf der Internationalen 
Kunstausstellung in Dresden sah: hier hat der Held beides, Degengriff und Buch 
der Lieder mit der L. gefaßt. So malte Böcklin den hlg. Paulus, in Architektur 
stehend, in der L. eine geschlossene Rolle, deren äußerste Blätter herabhängen und 
mehrere Kolumnen Schrift zeigen. 

2) Siehe De participiis latinis quae dicuntur perfecti passivi, Marburg 1884, 
S. 22 Anm. Daher sind bei Catull c. 37 sinistrae die Diebshände. Die I. Hand ver- 
steckt sich auch bei Plaut. Persa 226. Man vergleiche auch die Bemerkung, die 
O. Enoelhardt, „Die Illustrationen der Terenzhandschriften'*, Jena 1905, S. 11 macht: 
auf den Terenzbildern wird mit der r. Hand agiert, die L. steckt im Mantel. Es ist die 
sinistrOf mit der der sterbende Cäsar den sinus der Toga herunterzieht (Sueton c. 82). 



42 !• Di^ gceschlossene Rolle. 

Sachen der Kleidung unmöglich gemacht; die Hand wird also ins Gewand 
gewickelt oder durch das, was sie halt, zur Ruhe gebracht. 

In Wirklichkeit hat hier jedoch ohne Frage vorwiegend eine ganz 
andere Erwägung eingewirkt, die dem Ägypter fern stand, da die Schrift 
in seinem Buch nicht von links nach rechts lief. ' 

Vergegenwärtigen wir uns kurz den Hergang des Lesens eines Buches. 
Eine Beschreibung gibt uns von den Alten nur Lucian 32, 9; doch auch 
diese ist so kurz, daß sie einer Verdeutlichung bedarf. Wer zu lesen be- 
ginnen will, nimmt die geschlossene Rolle zunächst in die R. und hält sie 
in der R. allein; dann regt sich die L, löst den Verband der Rolle und 
zieht ihr äußerstes Blattende, die oben liegende erste Seite, das „Protokoir\ 
nach I. zu sich herüber, so daß der Anfang des Textes oder doch die 
Titelaufschrift oder Widmung frei wird. Gemeinhin stand der Text auf der 
Innenseite des Beschreibstoffes; von den Fällen, wo man auch noch die 
Rückseite beschrieb, von den „Opisthographa", sehen wir hier ab. Nach 
Öffnung des Protokolls steht nun zunächst der Körper der großenteils 
noch unaufgerollten Rolle wie ein schattender Wall über der Räche des 
einen Blattes, das eben gelesen wird. Die L. fährt also fort abzurollen; 
der Text schiebt sich von Seite zu Seite nach links; die tätige L. aber 
hat die weitere Pflicht, das Gelesene gleichzeitig wieder zusammenzurollen, 
so daß, wenn sie damit fertig und die Lesung des Buchs zu Ende ist, die 
Seite 1 des Buches zum letzten Blatt geworden und im innersten Kern des 
Konvoluts zu liegen gekommen ist. Wer nun den Lesenden nach der 
Lektüre betrachtet, bemerkt, daß er die geschlossene Rolle in der 
Linken hält. 

Das Wiederzusammenrollen aber, das die L. ausführt, war dadurch 
wesentlich erleichtert, daß Papier, das lange gerollt gelegen hat, schon 
ganz von selbst sich wieder in eine Rolle zusammenlegt. Dies wird uns 
durch Abbildungen - z.B. Nr. 75 und 154, auch 125 und 159 - häufig 
veranschaulicht. 

Dieser Hergang setzt, beiläufig, voraus, daß der antike Leser oder 
sein Lesesklave, damit die pagina prima wieder an die Außenseite zu liegen 
kam, jedes durchgelesene Buch noch einmal von 1. nach r. wieder zurück- 
rollte, bevor es in den Kasten oder in die Bibliothek zurückgestellt wurde. 
Erst so war es für die nächste Benutzung geeignet.^) Da dieser Vorgang 
jedoch nicht mehr zur Lektüre gehört, so wird man ihn am wenigsten in 
Bildwerken dargestellt erwarten. 



1) F. Marx, Lucilius I p. LXXXIll ff., operiert sonderbarerweise mit dem Rück- 
wärtsrollen von Büchern oder gar Büchergruppen (!), um daraus die Art, wie Nonius 
den Lucilius und andere Autoren benutzt habe, zu erklären. Daß diese auf ein 
nicht ausreichendes Beobachtungsmaterial gegründeten Hypothesen unhaltbar, zeigt 
LINDSAY, Philol. 64 S. 462 f. 



A. Die geschlossene Rolle in der Linken: Motiv I. 43 

Aus dem Gesagten ergibt sich nun aber die Bedeutung der 1. Hand 
für unseren Darstellungsgegenstand. Es ergibt sich, daß der bildende 
Kanstler, wenn er einen Menschen die geschlossene Rolle mit der Rechten 
halten läßt, damit ausdrückte, daß dieser Mensch zu lesen eben jetzt an- 
fangen will. Daß auch solches Sujet vorkam, werden wir später sehen. 
Zumeist aber lag es den Absichten jener Künstler fern, sofern sie nicht 
Genrebilder von Lesen- und Studierenwollenden, sondern „Denkmaler'', 
momanenta, zu liefern hatten. Ein Lesenwollender wäre ein nach innen, 
nicht nach außen gekehrter Mensch, und er würde ferner nur ein Moment- 
bild, kein Dauerbild ergeben. Auch läßt sich behaupten, daß, wer einsam 
lesen oder im engen Kreise vorlesen will, zumeist nicht steht, sondern sitzt.^) 
Die Rolle in der Linken gab dagegen ein Dauerbild; denn sie bedeutete, 
wie der beschriebene Vorgang des Lesens ergibt, den Gelesenhabenden. 

Aber nicht nur das; auch wer mit der Lektüre längst fertig war und 
das Buch nur unter dem Gewände trägt und es herbeibringt, um hernach 
einem anderen daraus vorzulesen, hält es in der L.; dies sagt uns Plato 
im Phaedrus p. 228 D, wo Sokrates den Phaedrus fragt: „was trägst du in 
der Linken unter dem Gewand? ich glaube, du hast das Buch selbst*': 
Ti dpa dv xq dpicrepqi lyi'^xc uirö tiu Ijnaxitu; xoTrätcü T^p C€ ^x^iv töv 
XÖTOV auTÖv. Der Terminus Xötoc heißt „Buch".*) Daß man dasselbe im 
Gewandbausch oder sinus trägt, sagt uns auch Martial VI 61, 2; auch 
Chariton S. 144 ed. Hbrcher.^ Wie passend war dafür also die sinistra, 
die Hand des sinus! 

Hiemach wird aber endlich noch verdeutlicht, wie auch derjenige, der 
das Buch nicht versteckt, sondern ostentativ trug, dazu regelmäßig die L. 
benutzte. Dies sehen wir allein schon durchgeführt auf den Reliefs der 
Trajans- und der Markussäule, wo der Kaiser sogar auf dem Marsch sein 
Abzeichen, die Rolle, in der L. führt. So trug Julius Cäsar vor seiner 
Sterbestunde, als er zur Kurie ging, die Bittschriften (libelli), die er noch 
nicht lesen wollte, sinistra manu (Sueton c. 81). 

Für die L Hand also sind die verschiedenen Motive der Handhabung 
oder des Haltens der geschlossenen Rolle, zu denen wir uns nunmehr 
wenden, erfunden worden. 

A. Die geschlossene Rolle in der Linken: Motiv I. 

Es sind nicht viele, zunächst nur drei Motive, über die zu handeln ist. 
Die antike Plastik liebt das Schlichte und Typische; eine größere Nuancie- 



1) Siehe unten den Abschnitt über das Lesen. Übrigens Hermippos bei Athen. 
S. 21A; Xenoph. Sympos. 4, 27; Plato Phaedr. 228E; Cicero de fin. III 7; Tacit. 
Dialog. 3; Lucian 17, 26; Constitutiones apostolorum 1 5 in Concil. coli. Bd. I S. 277. 

2) Siehe Buchwesen S. 28 f.; 447; 448; 466; 477, 2 fin. 

3) Auch Hieron. epist 60, 11 ed. Vall.: illum manibus, illum sinu ... tenebat 



44 



]. Die geschlossene Rolle. 



rung in Nebendingen wQrde von der Hauptsache, vom Gesamteindruck des 
Bildes und seiner Beseelung, ablenken. 

Wir unterscheiden vornehmlich das Greilmotiv und das Tragmotiv. 
Das Creifmotiv stellt sich, je nachdem die Vorderansicht sich verschiebt, 
in zwei Hauptarten dar, die ich gelegentlich als Motiv la und Ib unter- 
scheiden werde, la erscheint auf Abb. 19 und 23, Ib auf Abb. 20-22 und 24. 






Da Ib nur die Rockenansicht von la ist, so brauchen wir beide 
Formen nur in der Flachenkunst des Reliels und der Malerei zu unter- 
scheiden; sonst genügt es, und insbesondere fQr freistehende Statuen ist 
es gegeben, nur das tAoÜv I zu notieren. Der Zylinder der Rolle selbst 
erhall, je nach der Haltung des Armes, bald senkrechte Stellung, wie in 
Abb. 19-21, bald schräg erhobene, wie Abb. 22 und 23, bald schräg ge- 
senkte, wie Abb. 24, bald ganz horizontale, wie z. B. Abb. 27 und 28. Der 
Griff der Hand aber ist durchgangig ein fester. Dies spricht sich in der 
engen Umklammerung sowie darin aus, daß die Richtung der Finger mit 
Ausnahme des Daumens zur Achse des Rollenzyiinders im rechten Winkel 
steht. Das Motiv I ist das Greilmotiv, mit dem auch schon der Ägypter 
die Rolle anfaßte (s. oben S. 12). 

Bei der Zerbrechlichkeit des antiken Beschreibstoffs, der Charta, kann 
die Festigkeit des Griffs, die wir hier durchgangig gewahren, befremden. 
Doch spricht sich darin nicht Nachlässigkeit oder Geringschätzung des 
Buchs, sondern vielmehr Vorsicht und bewußte Sorgfalt aus. Es galt jede 



A. Die geschlossene Rolle in der Linken: Motiv I. 45 

geringste Auflösung des Konvoluts, jede Verschiebung seiner Blätterlagen 
zu vermeiden, die bei loserem Griff nur zu leicht eintreten konnte. Löste 
sich die Rolle oder verschob sie sich nur, so riß an irgend einer Stelle 
das Pasergewebe der Charta; die Gefahr war ständig, und riß auch nur 
ein Blatt, so war damit das Buch als Ganzes gefährdet 

Zugleich aber ist klar, daß, wer das Buch so resolut und kräftig in 
der L. hält, mit der Kenntnisnahme des Inhalts längst fertig ist und der 
Inhalt seine Seele nicht mehr beschäftigt. Im Motiv I dient das Buch also 
keiner szenischen Darstellung; es deutet nur an; es ist Merkmal oder Em- 
blem, ob nun die Muse es hält oder der Berufsschriftsteller, der Weise, 
der Heilige oder irgend ein Gestorbener, der literarische Interessen hegte, 
oder ein Beamter, dessen Würde durch das Buch gleichsam urkundlich 
zum Ausdruck kommt. Die r. Hand aber hat freien Spielraum und kann 
selbständig zu jedweder Verrichtung wie zum Opferguß ober dem Altare 
oder zum Ausdruck des Innenlebens verwendet werden, wie bei jenem 
Christus der Sophienkirche; so wie hier Christus, so erhebt der Redende 
und Lehrende oft die R. lebhaft in beredtem Gestus, während die L. dem 
besprochenen Motive dient. Das zeigte schon die ägyptische Grabstele 
oben S. 12. 

Motiv I findet also da Anwendung, wo die dargestellte Persönlichkeit 
sich aktiv oder demonstrativ an die Außenwelt oder an den Beschauer 
wendet. Wir können es auch das Repräsentationsmotiv nennen. 
Das Buch selbst aber ist dabei nie betont; es ist Nebenwerk und soll nur 
andeuten. 

Beginnen wir nunmehr die Monumente zu beschauen, so tun wir zu- 
gleich einen Blick in das Privatleben, das öffentliche Leben, das Phantasie- 
leben der Alten. 

Die attischen Vasen führen uns hier nur bis ins 5. Jahrh. v. Chr. 
hinauf. Ihr Bilderreichtum spiegelt heiter- realistisch das Menschenleben 
jener alten Zeit So geben sie uns in der Tat, wie wir später sehen 
werden, auch die ältesten Buchdarstellungen Griechenlands; 
aber das Motiv I ist auf ihnen nicht zu gewärtigen, da es 
nicht dem Genre und nicht dem Bild mit Handlung, sondern 
wesentlich der Repräsentation angehört 

Ein zweifiguriges Vasenbild ^) zeigt freilich einmal den ge- 
flügelten Liebesgott, der einen Epheben im Lauf verfolgt; letzterer 
hält einen Gegenstand, den unsere Abb. 25 zeigt. Dies ist indes ^^^' ^' 

keine Schriftrolle, wie Gerhard glaubte ^, sondern eine zugeklappte 
doppelte Schreibtafel mit Henkel, unten mit zwei kleinen hängenden Reifen verziert. 
Der junge Mann will zum Unterricht und trägt seinen Unterrichtsapparat auf dem 
Schulweg, als ihn der LiebesgoU überfällt. Solche Tafeln mit Henkel sehen wir 




1) Gerhard, Auserlesene Vasenbilder IV Tafel 287, 1. 

2) VgL auch Gerhard, ebenda, Text S. 63 zu Tfl. 288, 10. 




46 '■ [)iB geschlossene Rolle. 

sonst an der Wand hangen.') Auch ein etniskischer Knabe hält eine solche in 
der L. auf jenem Schreibstift aus einem Grab bei Orvieto, der jetzt in Berlin ist*); 
ebenso die Terrakotte in Athen, bei Winter, Terrakotten II S. 240, 2. Ebensolche 
auf der Berliner Grabstele, „Beschreibung" Nr. 771; und auch noch in Trier im 3. 
oder 4. Jahrh. n. Chr. kehrt sie In gleichet Form wieder 
in der Hand des Schalers, der hinler dem Stuhl steht, 
s. Abb. 77. 

In ganz derselben Weise wurden in alterer Zeit aller- 
dings aucti die Buchrollen getragen. Ein zylinderlormiges 
Futteral mit Griff umgibt sie. Auf einem nolanischen 
Vasenbilde sitzt so ein Jangling, wohl ein junger Dichter, 
Abb. ». den Stab in der L., die Rolle in der R., die er am Griff 

tragt. Eine Nike reicht ihm eine schmale Binde mit 
beiden HAnden (Panopka, Bilder ant. Lebens I 12) ; s. unsere Abb. 26. 

Wohl aber gehört nun als erster Beleg die Vase des Brygos hierher, 

aus dem Ende des b. Jahrh., s. Monum. dell' InsL IX Ttl. 46; in Baumeisters 

Denkmälern auf der Supplementtafel unter Nr. 7. Die geflOgelte Götter- 

botin Iris rennt einher, in der R. den Caduceus, und wird von drei gierigen 

Satyrn Dberfallen; einer von ihnen packt da ihren i. Arm und entwindet 

ihrer I. Hand eine geschlossene Rolle, die Botschaft, die sie vom Zeus 

bringt. Auch Dionys, der bartige Gott, ist zugegen. Die Vermutung spricht 

an, dafi das prächtig belebte Bild die Handlung irgend eines attischen 

Satyrsptels jener Zeit wiedergab.^ Ist dies 

richtig, so wDrde uns also schon hier die 

Buchrolle auf der Bahne begegnen. 

Sodann erscheint die Muse der Rezita- 
tion mit dem Motiv I. Ich meine die Jatta- 
-, vase, abgebildet ROm. Mitteilungen Bd. Ili 
^ Tfl. 9, eine Darstellung des thrakischen 
Sangers Thamyris , mit dem die Musen 
streiten oder dessen Gesänge sie doch bei- 
wohnen. Die sitzende Muse, rechts am 
Ende, halt die R. wie rezitierend hoch, in 
der gesenkten L die Rolle, Motiv Ib; s. 
AM».27, Abb. 27; doch ist der Griff hier loser; 

nur drei Pinger und der nicht sichtbare 
Daumen umfassen das Konvolul, der Zeigefinger spielt freier. 

Vor allem aber ist hier aus der Zeit der Höhe der attischen Plastik 
und aus der ersten Hälfte des 4. Jahrh. v. Chr. das Musenrelief aus Man- 
tinea anzuführen (ein Stein mit drei Musen fehlt), das im Saale des Hermes 

1) Ich erinnere an die bekannte Durisvase mit Unterrichtsszene; an Qbrhkrd 
a. a. O. Tfl. 288, 10. 

2) Archaol. Zeitung 35 Tfl. XI Nr. 4; ebenda 36 S. 164. 

3) In der Tat bringt Iris auch in dem nach ihr benannten Satyrspiel des 
Achaeus {Athen. S. 45IC) ihre Botschaft schriftlich, aber auf einer spartanischen 
Skytale. Vgl. MATZ in Annali, 1872. S. 294«. 



A. Die geschlossene Rolle In der Unken: Motiv I. 47 

des athenischen Museums aufgestellt ist. Hier begegnen uns Buchdarstel- 
lungen, auf denen schon des Praxiteles Augen ruhten, wofem sie nicht 
seinem Atelier entstammen.') Dargestellt ist der Gott Apollo, der den Blaser 
Marsyas mit seinem Leterspiel besiegt Die Musen assistieren nur. Jede 
Figur steht abgetrennt fOr sich. In ihren Händen erscheinen die FlOte, die 
Leier. Eine von ihnen liest stehend in einer ollenen Rolle, eine halt die 
geschlossene, Motiv 1; s. unsere Abb. 28: 



Die untatige r. Hand trilt zurQck; der Handrücken ist aul die r. Hflfte ge- 
stemmt, ahnlich wie es die archaische „seufzende" Athene tut. Dadurcti wird die 
L. mit dem Buch hervorgehoben. Die Frau neigt den Kopf zu der Kollegin hin- 
über, die links steht und ihr vorliest.*) Sie ihrerseits ist mit ihrer Vorlesung schon 

1) Siehe W. Klbih, Gesch. der griech. Kunst II <190ö) S. 9. 

2) W. Amelukq, Die Basis des Prax. aus Mantinea, 1895, S. 8, behauptet, daS 
die Musen „ohne Handlung nebeneinander stehen"; dies Ist augenscheinlich nicht 
ganz richtig. Wer im Altertum liest, liest meistens laut; so auch erklärt sich erst 



48 I. Die geschlossene Rolle. 

fertig und hält das Volumen schon wieder zusammengerollt in der L. Dieses 
•Volumen selbst erscheint verhältnismäßig klein; es würde aber immerhin ein Drama 
des Sophokles von ca. 1200 Zeilen oder ca. 40 Schriftseiten darin Platz finden, oder 
auch irgend ein Abschnitt Homers von gleichem Umfange. Die Senkung des Arms 
entspricht der auf den vorigen Monumenten; sie verursacht, daß die Rolle in der 
Hand horizontal liegt. Es ist übrigens dieselbe Art, wie auf attischen Grabreliefs 
der Ephebe die Olflasche oder bisweilen auch den kleinen Vogel in der L. hält. 

Hier ist also das Motiv perfekt und klassisch vorgebildet. Der Vasen- 
maler konnte den einen Finger der greifenden Hand frei spielen lassen, 
der Plastiker nicht. So kehrt nun Motiv I auch sonst bei den Musen 
wieder; ich führe noch die „Euripidesgenune'' bei Visconti Iconogr. gr. I 
Tfl. V Nr. 4 (S. 84) an, wo eine Muse (etwa die tragische) einen sitzenden 
Dichter am Arme zieht und ihr Emblem in der L. hält. Die zwei wichtig- 
sten Darstellungen der Musen aus hellenistischer Zeit, die Homerapothese 
des Archelaos und die Altarbasis von Halikarnass, lassen uns allerdings im 
Stich; denn auf ersterer zeigt die sog. Polyhymnia nicht Motiv I, sondern 
Motiv III; auf letzterer erscheint das Buch gar in der Rechten, worüber 
später. Und so sind es eigentlich erst die Musensarkophage der römischen 

Kaiserzeit, die uns weiter helfen. Ich führe an: 

Neapler Musenrelief, Archäol. Zeitung 1843 Tfl. VII; die erste der durch Pilaster 
getrennten Frauen zeigt hier das Motiv in der gesenkten Hand. 

Musensarkophag des Louvre (Reinach, Rupert. Stat. I S. 114, 2): hier ist die 
erste Muse (von 1.) zu vergleichen; außerdem die achte mit dem Motiv Ib in der 
erhobenen Hand. 

Vatican, Mus. Chiaramonti Nr. 249 (Fragment): die 1. Hand ist gesenkt 

Rom, Villa Rondinini bei Matz-Duhn 2610: eine sitzende Muse hält die Rolle 1.; 
die Rechte erhoben. 

Münchner Sarkophag, Baumeister, Denkm. Nr. 1186: die erste Muse (von 1.) 
stützt die r. Hand unters Kinn; die L. hält die Rolle horizontal, Motiv la. 

Berliner Sarkophag, „Beschreibung" Nr. 844: die sog. Polyhymnia, die im Buch- 
motiv an die sog. Polyhymnia der Tabula Archelai erinnert. 

Auch der Sarkophag des British Museum Nr. 2306 (Smith) sei verglichen. 

Die Namen, resp. die Embleme der neun Musen fixierten sich erst 
verhältnismäßig spät. Daß man seit der Ära des Hellenismus unter der 
Muse mit dem Buch vorzugsweise Klio verstand, beweist hauptsächlich die 
Pompejanische Figur der KleiOy die ihren Namen selbst auf dem Buche 
trägt. Die Horazode I 12 denkt Klio dagegen noch mit der Leier oder Flöte. ^) 

die Kopfneigung der zweiten Muse; sie hört zu; dies ist also Handlung. Dem ent- 
spricht in der Homerapotheose des Archelaos im oberen Musenstreifen die Gruppe 
der sitzenden und der stehenden Muse: erstere (Klio?) liest aus einer Tafel, die sie 
in der L. hält, vor; da man aber laut las, ist die ihr zugewandt Stehende auch hier 
als zuhörend aufzufassen. — Die Ansicht Navarre*s bei Daremberg-Saglio Dict. III 
S. 2065, daß die Muse auf der Basis ihren Schwestern das Todesurteil des Marsyas 
vorlese, ist nicht annehmbar. 

1) Pseudo-Dositheus, im Jahre 207 n. Chr., gibt in seinem Musenverzeichnis der 
Klio wie der Erato die Kithara, der Terpsichore die Flöte, der Kalliope die noCiicic: 
s. Corp. gloss. lat. III S. 57 f. Vgl. übrigens O. BlE, Die Musen in der antiken Kunst, 
Berlin 1887; E. PETERSEN in Rom. Mitteilungen VIII S. 65; O. Navarre, Artikel 
„Musen" bei Daremberg-Saglio Dict Bd. III Th. 2. 



A. Die geschl. Rolle In der Linken, Motiv I: Musen; Qrabslelen. 49 

Veriassen wir endlich die Musen 
und suchen nach Menschen , so 
scheinen die Grabmaler alterer 
Zeit, die den Menschen mit dem 
Buche zeigen, ganz selten. In 
A. Conze's Attischen Grabreliefs fin- 
det sich bis jetzt nur ein Beispiel, 
das aber nicht aus Griechenland 
selber stammt, worOber spater. Das 
Motiv I fehlt dort ganz.^) Auch auf 
den vielen griechischen Grabreliefs 
in Verona und Mantua kein Buch.^) 
Erst auf jtingeren griechischen Grab- 
steinen findet sich die Rolle häufiger. 

Aus dem athenischen Museum 
tOhre ich an: Xia 1973; zwei unbSrtige 
junge Manner legen die Rechten inein- 
ander; die L. des einen halt die Rolle, 
Molivlb. Ebenda Nr. 1301: JüngUng, 
MoUv Ib. Nr. 1238 (undeutlich): wohl 
Motiv Ib.*) Weiter British Museum 
Nr. 2271 (Smith): zwei stehende bfirtige 
MAnner; der eine opfert mit der Rech- 
ten einen Opterkuchen, indem er in 
der L. die Rolle hAlt, Motiv Ib. Ein 
anderer Grabstein (aus Srayrna?) in 
Oxford, Michaelis Anc. Marbl. S. 562 
Nr.89: Mann und Frau stehend; er halt 
die Rolle. Besonders schon das hel- 
lenistische Relief aus Smyrna, bespro- 
chen von E. Pfuhl, Jahrb. d. Inst. XX 
S. 53; unsere Abb. 29: der Mann mit 
dem Buch tritt fast wie eine freistehende 
Statue aus dem Reliefgrund hervor; ein 

kleiner Diener tragt ihm einen Rollen- Abb.»: OmbKUei «u» Smym«. 

kästen herzu. 

Dazu noch das dreifigurige Relief der Familie des Oaios von Azinia (Aus- 
grabungen Hagia Triada 1890; mir vorliegend in einer Photographie des Deutschen 
arch. Instituts in Athen): die MiHelfigur en face hall die Arme im Gewand nach Art 
des Neapler Aeschines, aber die Rolle in der gesenkten Linken, Motiv Ib. 



1) Der Jflngling l>ei Kabbadia rXuirrä Nr. 973 scheint einen Schwertgriff zu halten. 
Ober etruskische Denkmäler s. unten, bes. Teil I Abschnitt B Kap. 5. 

2) Ausnahmen: Capsa und Rollenbflndel bei DOTSCHKE IV 396 (Verona); sitzen- 
der Mann, Rolle in der Rechten, undeutlich, ibid. IV 683. Stele im Louvre Nr. 810 
(Rbinach, R6p. StaL I 50, 9); Ober sie schreib! mir Herr MICHOn: „Le rouleau fait 
bien corps avec le räliel; mais cetle partie du fond de la släle me parait avoir 6t6 
retravaill6." Einiges weitere unten. 

3) Ebenda Nr. 1302 ist die Deutung noch zweifelhafter. Aul den Grabsteinen 
ebendorl Nr. 817 u. 1924 ist gleichfalls ein Rollenbuch zu sehen; nShere Angabe fehlt. 

Birt, Die Buclirolk In der Kunsl. 4 



50 I* I^ie geschlossene Rolle. 

Wenn in der alteren Zeit die Graber noch schweigen, so redet viel- 
leicht das Leben, das uns in den Terrakotten, besonders des 5. und 4. 
Jahrh. sich darstellt? Aber auch in diesen entzückenden Nachbildungen der 
Wirklichkeit fehlt das Buch fast ganz. Schon gleich das neue WiNTERsche 
Werk gibt die beste Gelegenheit, diese Tatsache festzustellen/) Das mag man 
damit wegdeuten wollen, daß die berühmten und allbeUebten Tanagrafiguren 
ja vornehmlich junge Frauen zeigen. Was hatten die schönen Frauen 
BOotiens oder Siziliens mit den Büchern zu tun? Aber auch mannliche Ge- 
stalten, besonders in burlesker Form, sind da ja massenhaft geknetet wor- 
den; und fassen wir das über Vasen, Grabstelen und Terrakotten Gesagte 
zusammen, so ergibt sich ein Urteil, das den nicht überraschen wird, der 
jene Zeiten kennt. So wie vielmehr der Kunstverstand und der Besitz von 
Kunstwerken bei den alten Griechen vor Alexanders des Großen Zeit im 
Laienpublikum nur vereinzelt anzutr/sffen und auf eine enge Minderzahl be- 
schrankt war, wahrend von da ab, bis in die Kaiserzeit hinein, das Rason- 
nieren über Kunstwerke und das Schmücken der Hauser mit ihnen ins Er- 
staunliche zunahm — dies habe ich in meiner Schrift „Laienurteil über 
bildende Kunst bei den Alten'\ Marburg 1902, auszuführen versucht — , 
ganz ebenso begnügte sich auch die Volksmenge in den Zeiten vor Alexander 
zumeist damit, Theaterstücke, Reden und Rezitationen, wo sie sich boten, mit 
anzuhören; die wenigsten aber hielten sich Büchersammlungen, und machten 
es sich zur Lebensgewohnheit, selbständig Lektüre zu treiben. Das Studieren, 
die Bücherliebe fing wiederum erst seit Aristoteles oder damals an, als 
Griechenland und die Welt von der Monarchie in Besitz genommen wurde 
und der Einzelmensch keine Pflichten mehr hatte, als sein Privatleben zu 
veredeln und zu vertiefen. Schon in Cicero's Zeit ist es dann aber so weit 
gekommen, daß sogar der Rinderhirt auf Varro's Gütern Bücher liest (Varro 
r. rust. II 5, 18), und wir wundem uns nicht mehr darüber, wie schrift- 
kundig die Hirten bei Vergil sind. 

Auf der Schwelle dieser neuen Zeit stand der Koroplast, dem wir eine 
Tonlampe von eigentümlichem Interesse verdanken. Sie ist von C. Watzinqer 
in den Athenischen Mitteilungen Bd. 26 (1901) S. 1 ff. veröffentlicht 
worden.^ Buchrollen auf Lampen sind überhaupt etwas ganz Seltenes. 
Diese Lampe aber datiert sich mit Wahrscheinlichkeit in das 3. Jahrh. v. Chr.; 
sie ist auf denkwürdigem Boden, am Abhang der Akropolis Athens ge- 



1) Siehe F. Winter, Die antiken Terrakotten, besonders Bd. II (1903). Ich rede 
hier nur von Motiv I. Aber auch sonst findet man die Rolle so gut wie gar nicht; 
die wenigen Ausnahmen werde ich später erwähnen. Für Motiv 1 ließe sich nur 
die Neapler Terrakotte ib. S. 118, 7 zitieren; eine Frau (Venus) mit dem stehenden 
Eros r. neben sich; in der erhobenen Rechten ein rundes Stäbchen oder eine Rolle? 
Die Linke im Schoß hält eine Schale? Dies ist unverständlich. 

2) Vgl. F. Winter, Die antiken Terrakotten II S. 429, 8. Reich, Mimus 1 S. 553 f. 
bringt zur Auffassung des Bildwerkes nichts Neues. 



A. Die geschlossene Rolle in der Linhen, Motiv I: TerrakoHen. 51 

lunden, und ihr Bilderschmuck stellt nun in Freiplastik sogar eine Theater- 
szene vor: 

Man sieht zwei Alle und einen Jang:ling. Sie sind eng zusammen gruppiert 
Der Jüngling hall die Rolle I., Motiv Ib. Daß sich hier eine Swne aus dem griechi- 
sctien Volksschwank abspielt, bezeugt die Aulschrift Also lernen mr, dafi gelegent- 
lich auch im Theaterstflck die Buchrolle charakteristisch zur Verwendung kam. Wir 
erkennen von der Handlung selbst so viel: die beiden Alten sind als roh und garstig, 
der jDngling als der Gebildete hingestellt; das sollen wir u. a. auch an der Rolle 
selbst erkennen. Und er wendet sich darum von jenen 
ab, so wie der junge Mann bei Aristophanes Vesp. 192 
zum Alten sagt: 

TTovTipöc ei nöppiu t^X^I^ kqI TrapdßoXoe. 
Auch an den Kontrast des Phidippides zum alten Stre- 
psiades am SchluS der Wolken kann man denken. Pflr 
den spateren Mimus Ist das gewiß eine oft zugkräftige 
„Hypothesis" gewesen. 

Das Bruchstück einer wesentlich jüngeren Terra- 
kotte mochte ich hier gleich anfflgen, Abb. 30. Sie 
befindet sich unter Glasverschluß im Terra kottensaal des 
Konservatorenpalastes zu Rom, ohne Nummer. Vlel- 
leictil ist hierin eine Sitzfigur zu erkennen. 

Und nun die große Plastik eines Polyklet 
und Silanion und Lysipp? wird man tragen. Vor- 
nehmlich seit dem Anfang des 4. Jahrh. entwickelte 
sich die herrliche Kunst der Porträtstatue und be- 
völkerte die TetnpelhOfe mit ruhmgekrOnten Sterb- 
lichen, die in Stein und Brz ein ewiges und ver- 
klärtes Scheinleben führen sollten. Darunter Abb.30: Tenakona. 
waren auch Literaten genug. Gorgias weihte sein 

eigenes Bild in Delphi. Die drei Tragiker stellte Athen unter Lykurg in 
seinem Theater auf. Nach seinem Tode wurde ein Demosthenes verewigt usf. 
War nun schon damals ein Gorgias, ein Demosthenes, ein Sophokles mit der 
Rolle in der Hand abgebildet? Wir wissen es nicht. Die Statuen repliken der 
beiden letztgenannten, die wir besitzen, haben keine oder unechte Rollen 
in den Händen. Sitzbilder mit der Rolle werden wir öfter nachweisen; be- 
treffs der Standbilder ist Vorsicht geboten. 

Wir haben zunächst das Zeugnis der Monzen, die event. auf 
altere statuarische Werke zurDckweisen. Darunter kommt hier nur in Be- 
tracht: 

Heraklil, stehend, halt anscheinend geschlossene Rolle in der L. (Bernoulli, 
Qriech. Ikonographie 1, 1901, MflnzUlel 11 Nr. 4). Die Haltung der Rolle ist etwas 
auffällig. 

Außerdem sei schon hier hingewiesen auf 

Stesichoros, stehend, als alter Mann und mit gekrOmmtem Rocken, die Rechte 
dozierend (taktierend?) erhaben; in der L. die Rolle, die aber nicht geschlossen, 
sondern in zwei Konvolule auseinandergelegt, also offen ist. Münze von Himera, 
nach dem Jahre 409 v. Chr. ; unsere Abb. 121. Die bei Cicero erwähnte Slatue Verrin, 
II 851. Steaiehori poetae statua senilis, incurva, cum iibro, summo ul putant 



52 '■ Die geschlossene RoHe. 

aiHficto facta muß dieselbe sein, deren Existenz die Mflnze voraus- 
setzt (Baumeister, Denkmäler S. 1711 Figur 1795). Dazu Icommt endlich 
Homer sitzend, Kopf nach 1-, geschlossene Rolle in der L 
(Bernoulli a. a. 0. Monztatel I Nr. 6; 0. Jahn, Bilderchroniken 
Ttl, II 2). 

Inwieweit hier etwa auch die Gemmen zu Hilfe kom- 
men, kann ich nicht feststellen, [ch habe bisher nichts Be- 
zQgliches gefunden, außer zwei Stocken in Neapel: 

Das eine finde ich auf einer Phoh^raphie von Sommer 
(Neapel), „Oggetti preziosi", die Ober 150 geschnittene Steine ver- 
einigt und auf der die Nr. 453 die Büste eines alten Mannes zeigt, 
hellenistischer Manier entsprechend, vollbSrtig, den Glatzkopf mit 
Weinlaub umkrAnzt, ganz bekleidet; von den Händen ist nur die 
bb.3la: kl. Bcoiue, Linke mit Rolle sichtbar; Motiv Ib. Für einen Anakreon ist der 
Mus. Kiich. Ausdruck des Gesichts lu unfroh und gedrückt. 

Im Zimmer der Gemmen des Neapler Museums fand ich im 
Glasrahmen, der die Zahl 26966 tru^, unter der Nr. 1162 auf weißem Grunde das 
Brustbild eines Mannes in romischer Tracht; Rolle in der L.; Motiv Ib. Um das 
Bild stehen im Rund die drei Silben Kl KE RO. 

Nahem wir uns nunmehr den erhaltenen Statuen selber, so scheint 
sich ein grenzenloses Feld der Beobachtung aufzutun, aber es ist un- 
ergiebiger, als man denken sollte. 

Die Bronzewerke mQßten voranstehen, denn Bronze briclit nicht so 
leicht wie Marmor, und die Hände der Figuren, wie aUe Extremitäten, sind 
an ihnen zumeist besser konserviert. Hier ist nun aber zu bemerken, dafi 
eine größere Bronzefigur mit Rolle aus dem Altertum uns Oberhaupt nicht 
erhalten ist. Mir ist wenigstens keine bekannt. Wir mQssen also zu den 
kleineren Bronzen greifen, die doch häufig spielende Nachahmungen grö- 
ßerer Werke sind. Die Stocke, die da in Betracht kommen, sind oft von 
winzigster GrOße und dabei z. T. Werke einer scherzhaften Kunst. 

Zunächst eine Gewandfigur mit Maus- oder Fuchskopf im Museo Kircheriano 
zu Rom (Bronzesaal, Glasschrank ohne Nummer), die ich 
hier wiedergebe, Abb. 3Ia. Sie stammt offenbar aus 
dem Tiermimus der Alten. Denn in burlesken Volks- 
stflcken liebte man tierische Verkleidungen. Die Figur 
ist sonach als Schauspieler mit Tierkopf aufzufassen, 
„Mys" als Philosoph oder Davus in der Fuchsmaske'), 
und es ist also das zweite Mal, daß uns hier ein Komö- 
diant auf der Bohne mit der Rolle in der L, Motiv I, 
begegnet. (Im selben Schrank steht noch eine gebrochene 
kleine Figur, anscheinend ein bekränzter Jüngling in 
Bronze, gleichfalls mit demselben Emblem, dessen Bild __ 
ich hinzugefügt habe, Abb. 31 b.) 



I) Ober Mys Diog. La. X 10. Der Davus mit dem Fuchs 
gleichgesetzt ; Philostrat Imag. 1 3 fin ; übrigens weist die Rolle 



A. Die geschlossene Rolle in der Linken, Moliv I: Bronzen. 53 

Dies also ein lustiges Werkchen. Humo- 
ristisch auch in seinem Realismus das Kind 
im Athenischen Museum, ein nackter kleiner 
Putto in Bronze, mit großem Kopf, der die 
Rolle an die Brust diDckt, Moliv i; die r. Hand 
liegt auf dem r. Schenkel: Abb. 32. Der 
Embryo des zukDnftigen Gelehrten! Nur so 
und nur im Dienst des Scherzes konnte 
das Buch in die Hand des Nackten kom- 
men. Die „nackten" Spielkinder, die tuMVoi, 
vergriffen sich eben an allen Beschäftigungen 
der Erwachsenen.') 

Humoristisch endlich auch das Stand- 
bildchen eines feisten, kahlköpfigen Römers, 
1 1 Zentimeter hoch, das bei Ancona 
gefunden, jetzt in Beriin, noch der vor- 
christlichen Zeitrechnung angehören dorite, Abb.M. Kiei« Brome i« mh«. 
Motiv I ; wir geben dies Bild , Abbil- 
dung 33, nach dem Archäologischen Anzeiger im Jahrbuch 1891, S. 124. 
Dies Stock verrät uns nun schon, daß es bei den ROmem bereits im 
Ciceronischen Jahrhundert Sitte geworden war, sich als Mann von Ver- 
diensten mit dem Buch statuarisch verewigen zu lassen. Denn jenes 
Bild ist nichts als die Parodie auf solche Sitte. Das bestätigen weiter zu- 
nächst auf das beste mehrere kleine Bronzen Neapels, geringeren Kunst- 
wertes: 

Mus. nazlon. Saal II der Bronzen, zunächst Nr. 5389: junger Römer In sakraler 
Funktion, die Toga at>er den Kopf gezogen, die R. leer voigeslreckt, als hielte sie 
die Opierschale, in der L. die Rolle, Moliv 1. Fast identisch damit 
die PIgOrchen ebendort Nr. 5380 u. 5385 u. 5739, welche Qberdies 
eine Schale in der R. halten. Nr. 5^0, 5379 u. 6389 sind hier 
Abb. 34-36 wiedergegeben. Nr. 5389 ist etwa 11 Zentimeter, 
Nr. 5580 noch nicht 10 Zentimeter hoch. =} 

Das Feinste, was ich in dieser Art gesehen, ist eine Bronze- 
slaluene in Lyon ohne Nummer, aul einem der mittleren Tische des 

vielleicht auch auf den Advokalen, der ebensolche Rolle in den 

/ Terenzbildern tragt; vgl. Harvard Studies Bd. XIV Tfl. 36 t. 

(j 1) Vgl. De Amorum in arte antiqua simulacris S. XXV f.; 

I Deutsche Rundschau Bd. 74 S. 382-386. 

2) Auch im oberen Stockwerk des Neapeler Museums, Zimmer 

^ der kleinen Bronzen und Terrakotten, finden sich im Glasschrank 

zwei sich entsprechende Pigllrchen, mannlich und weiblich, r. die 
Schale, 1. anscheinend Rolle, Motiv I. Unter den kleinen Bronzen 
der unleren Räume aber ist vielleicht noch Nr. 524! zu notieren, 
eine Nike, unbekleidel, doch mit Halsschmuck, die Arme in steiler 
Abb. 33: Haltung nach unten; in der L. Rolle(?), Motiv 1. Nike schreibt frei- 

Kl. Broiuc in Berlin, ijch gewöhnlich nicht in BQchern, sondern auf Schilden. 



54 I- l^'c geschlossene Rolle. 

Museums ausgestellt, gegen 22 Zentimeter hoch. Auch hier ist die vorgestreckte 
r. Hand leer. Der Mund des bartlosen und jugendlichen Mannes steht leicht offen, 
als Sprache er. In der gesenkt vorgestreckten Linken ruht die Rolle, die schmal 
und ziemlich lang ist; an ihrem oberen Ende ist die Rollung im Schnitt angedeuteL 
Andere Sammlungen bieten mehr der Art. Ich erwähne noch einen bärtigen 
opfernden Togatus in Oenf, Arch. Mus., rOm. kl. Bronzen, Nr. C 238) eine win- 
zige Prauenalatuette, stehend, gewandet, Rolle links, Motiv I, in Florenz, Archäol. 
Mus. Saal XVI, Bronzi graeco-romani, ohne Nummer; sowie die weibliche Gewand • 
Statuette im Turiner Museum, Saal der Bronzen, in der I. Hand Rolle oder Stab: 
5. D0T8CHKB Bd. IV Nr. 301 e („Relief einer Statue"). 

So weit die Bronzewerke. Ober 
die Unzahl der Marmorstand- 
bilder mit BuchroDe, die in keiner 
Antikensammlung zu fehlen pflegen, 
ein Register aufzunehmen liegt mir 
fern. Gs handelt sich, wenn wir 
von den Musen absehen, atis- 
schließlich um Portratstatuen, und 
zwar um gewandete. Wir dürfen 
' den Satz aufstellen: weder dem 
gepanzerten Krieger eignet die 
Rolle'), noch dem nackten Men- 
schen. Daß es ganz voniehmlich 
Römer und Togati sind, die unser 
Motiv aufweisen, liegt daran, daß 
eben sie seit Sullas Zeit vornehm- 
lich und seit des Augustus Zeit fast 
ausschließlich Gegenstand der Por- 
tratkunst geworden sind. Daß Hbri- 
gens auch Griechen dasselbe Buch- 
emblem in gleicher Form nicht 
Abb. 34: Klein« Branie, Neapel. 

verschmähten, ist schon S. 49 ge- 
sagt - vgl, unsere Abb. 29 - und bestätigen uns beispielshalber auch 
die Kosmetensteine Athens; s. auch das spatgriechische Grabrelief aus 
Smyrna, im Berliner Mus. „Beschreibung" Nr. 768. 

Nun aber sind viele dieser Marmorwerke ohne Hände gefunden; man 
kann sagen, die meisten. Dies macht Schwierigkeit. Wer auf diese Dinge 
acht zu geben beginnt, bemerkt bald,' daß die meisten ffände, die sich mit 
ihren Emblemen, mit den Gegenstanden, die sie halten, ihm entgegen- 
strecken, dem phantasierenden und skrupellosen Ingenium der Grganzer an- 
gehören; ein frappierendes Beispiel, das den offnen Markt Puzzuoli's schmückt, 
unsere Abb. 37. Wenn wir aber bisher, insonderheit auch an den kleinen 



A. Die geschlossene Rolle in der Linken, Motiv 1: Standbilder. 55 

Bronzen, wahrnahmen, dafi das Motiv 1 
regelmäßig der L Hand lul^ommt, so wer- 
den wir die GDItigkeit dieser Regel auch 
hier gewärtigen. Festzustellen, wie viele 
Ausnahmen sie hat uiid wie sich diese 
Ausnahmen gegebenenfalls erklären, müs- 
sen wir der Einzelforschung Obertassen. 
Hier nur so viel. 

Wo ich die Rolle bei stehenden 
Figuren in der R. antraf, ergab sie sich 
als wahrscheinlich oder sicher unecht und 
ergänzt : 

Vatikan, Galerie der Statuen Nr. 402: bSr- 
tlge Qewandtigur „Incognito": r. Unterarm mit 
Rolle ergänzt 

Ebenda Braccio nuovo Nr. 53 (s. W. Amb- 
LUNQ, Skulpturen, des Vatikanischen Museums 1, 
1903, S. 72): Tragischer Dichter mit Kopf des 
Euripides: r. Arm mit Rolle ergänzt 

Ebenda Nr. 117 (Ameluno S. 145): Slattie 
Abb. 3S: Kleine Bronie, Neapel. mit Kopf des Claudius: r. Hand mit Rolle ergflnzt 

Ebenda, Galerie der Kandelaber Nr. 19: 
Sarkophag eines Knaben. Der Knabe, auf dem Deckel gelagert, halt richtig offene 
Rolle 1., außerdem noch geschlossene Rolle r. Eine vielschichtige Wachstatef 
(Polyptychon) liegt außerdem vor ihm; die r. Hand ist angesetzt; „aus Gyps" 
(Ambluno). Das Polyptychon besteht aus sechs Talein (nach demselben). 

Rom, Konservatorcnpalast, Oktogon Nr. 104: Imperatorenstatue; r. Hand mit 
Rolle unecht; letztere zu detailliert in der ' 

AusUlhrung; klingt .hohl beim Berühren. 

Rom, Kapitolinisches Museum, Saal des 
Gladiators Nr. 8 <Helbio, POhrer Nr. 541): sog. 
„Zenon": r. Arm mit Rolle ergänzt (Von AmblunO 
bestätigt). 

Rom, Mus. Kircherianum, im Gang mit 
kleinen statuarischen Werken: Marmorstatuette 
eines bärtigen Mannes ohne Nummer: am r. 
Bein Rollenbdndel, doch unausgeführt. Außer- 
dem Rolle in der R., etwa Motiv 1. Aber der 
r. Unterarm ist angesetzt; „modern" (Ambluno). 
Rom, Coli. Torlonia: Togastalue bei Rei- 
NACH, Repertoire 1 S46, 4: r. Arm mit Rolle 
ergänzt. ') 

Rom, Villa Albani: Statue eines komischen 
Schauspielers: WlBSEtER, TheatergebSude TU. 
XII Nr. 2: der bartige Kopf, ebenso auch der 
ausgestreckte r. Arm mit Rolle sind unecht 

Neapel, Mus. naz. Porticus II Nr. 6083 sog. 
Lucilla: r. Arm unecht Mir bestätigt von Mau. 

1) Vgl. auch Coli. Torlonia bei Rbikach 
11 615, JO; 616, 1; 618, 8. Abb. 36^ Kleine Bconie, Neapel. 



56 '- I)ic geschlossene Rolle. 

Ebenda Nr. 6064 „Bri- 
tannicus": Scrintum am r. 
Bein; r. Hand mit Rolle 
scheint ergSnzt; mir bestä- 
tigt von Mau, 

Ebenda, Qalerie der 
Balbi Nr. 622Q „Britannicus" 
mit Bulla. Scrinium am 
r.Fuß; I. Hand leer, r. Hand 
mit Rolle. Aber 1. Hand 
und r. Unterarm ergänzt. Mir 
bestätigt von Mau. 

Ebenda, Saal VII, hoch 
über der Türe grofies "Me- 
daiUonporlrat ohne Nummer: 
der r. Unterarm ragt vor und 
halt die Rolle; aber er ist 
ergänzt ') Dies Werk ge- 
hört Qbrigens zur Reliel- 
kunst. In Eleusis sah ich 
ein ahnliches. 

Ebenda (Saal der Musen ?) 
Nr. 6261, eine Muse (?): 
r. Hand mit Rolle ergänzt 
(Mau). 

Ebenda, im rechten Gar- 
tenhot Nr. 376: Togastalue, 
Scrinium am 1. Fuß, Rolle 
in der R. Die I. Hand nebst 
Arm ist anliegend zur 1. Brust 
erhoben. Rohe Arbeit; dazu 
verwittert. Die rechte Hand 
Abb. 37: Mavotiius, Puiiuoii. Scheint angesetzt, die Finger 

mit Rolle keinesfalls echt.*} 
Puzzuoli, Marktplatz: Standbild des Q. Plavius Mavortius Lollianus; Rollen- 
bandet links, Rolle in der R. Die Hände sind flott ergänzt; der Kopf aufgesetzt, 
aber antik; unsere Abb. 37. 

Florenz, Poggio Imperiale, Außenwand (Arndt-Amelunq, Einzelaulnahmen29&): 
Asklepiosslalue, Rolle in der R. Der r. Arm ergänzt. 

Ebenda, Qiardino Boboli; Marc Aurel, Rolle in der R. Beide Arme ergänzt 
(DOtschke II Nr. 81). 

Paris, Louvre: Kaiserslandbild bei Reinach, Rupert. I S. 147 Nr. 4: r. Arm 
mit Rolle angesetzt. „Les deux bras toul entiärement refaits": Michon. 

Ebenda: Nero, Reinach I 163, 6; Bernoulli, R6m. Ikonographie II 173. 
Ebenda: Muse, Reinach I 172,2: r. Hand mit Rolle ergänzt-, vgl. Pribderichs- 
WOLTERS, Die OipsabgQsse ant. Blldw. Nr. 1443. 

Ebenda: Togasiatue, in jeder Hand eine Rolle, REINACH 1 176, 8: „beide Arme 
modern" Michon. 

Mflnchen: „Zenon": s. FurtwAnqler, Beschr. Nr. 288. REINACH I B12, 1. 

1) Hierzu Mau: „Es sind zwei solche Medaillons. An beiden ist Arm mit 
Rolle ergänzt," 

2) Meine Platzangaben für die Bildwerke des Neapler Museums stammen aus 
dem Jahre 1901. Inzwischen ist dort vieles umgestellt. Mau schreibt mir zu diesen 

und anderen unnumerierten Stocken: „nicht gefunden". 



A. Die geschlossene Rolle in der Linken, Motiv I: Standbilder. 57 

England, Coli. Holkham Hall Nr. 1: Septimius Severus; Scrinium 1.; Rolle r^ 
unecht: s. Michaelis, Ancient Marbles, S. 302; Rbinach 1 593, 8. 

Coli. Montferrand: Scrinium r., Rolle r. Die Rolle ist zu groß: Reinach II 
614, 2; vgl. ebenda 617, 7. 

Kopenhagen, Glypt. 551: Paustina; r. Arm mit Rolle ergänzt. 

Diesen Beispielen entgegenzustellen habe ich zunächst nur eine Togastatue in 
Florenz; sie steht im Giardino Boboli im Gebasch im Freien: DOtschkb U Nr. 73 
sagt von ihr, daß einige Finger der 1. Hand ergänzt seien, daß die vorgestreckte 
Rechte eine Rolle halte, daß dabei der rechte Unterarm wie in einem Redegestus 
erhoben sei. Was aber die Linke tut, gibt er nicht an. Daß nun der r. Arm 
den Redegestus ausführt, während zugleich die r. Hand die Rolle hält, ist sehr ver- 
dächtig; vielleicht ein Versehen Dfltschkes. 

Andere „problematische Fälle*' werden in dem Abschnitt B „Die geschlossene 
Rolle in der Rechten*' § 8 Erörterung finden. 

Zum Glück ist die moderne Zeit den antiken Funden gegenüber zurück- 
haltender und weniger genußsüchtig als die Zeit Donatello's und Rafaels 
oder selbst Winckelmanns. Heute stückt man keine Hände an, wenn ein 
zerbrochenes Marmorwerk gefunden wird. Daher wird, wer die Funde der 
Neuzeit, wer die unergänzten Statuen zu überblicken versucht, für den Satz^ 
daß die Rolle in der Rechten von Standbildern allemal verdächtig ist, eine 
gewisse Bestätigung finden. Bei Reinach, R£p. II S. 623-628, 631 f. u. 670 
— 681, ist eine Auswahl von ihnen in Umrißzeichnung gegeben: da mag 
man sehen, daß die Hände entweder beide weggebrochen sind oder aber 
daß sie leer zu sein pflegen, wenn aber einmal eine Rolle sich zeigt, so 
ist sie in der Linken: 

Siehe Seite 625, 2 (Alexandrien) : Motiv I; die Rolle wird vertikal gehalten; 
dazu ein Rollenbündel, das auf einer Capsa steht. S. 625,8 (Athen): Motiv 1: die 
Rolle wird horizontal gehalten. Femer ebenda S. 819, 7 (^cole des Beaux-Arts 
n. 7063). S. 623, 8 (Merida, Spanien): hier erscheint ein großes Diptychon in der L. 

Nun endlich erhebt sich die Frage, in wie vielen Fällen auch an den 
ergänzten Statuen die Rolle in der L. echt ist. Die Beantwortung dieser 
Frage liegt indes nicht im Bereich meiner Aufgabe. Denn, wie ich wieder- 
hole, ist mein Zweck lediglich, aus den Bildwerken die Motive selbst zu 
entnehmen und kennen zu lernen, betreffs ihrer Verbreitung jedoch mich 
auf Andeutungen zu beschränken. 

Jedenfalls haben wir an vielen bekannten Marmorbildern das Buch^ 
das wir zu sehen gewohnt sind, als unzuverlässig ergänzt hinweg zu 
denken. Das betrifft vor allem den Demosthenes, den man mit halb- 
geöffneter Rolle zu sehen gewohnt ist (Amelung, Vatikan. Mus. I S. 81; am 
vatikanischen Exemplar ist auch die Form der Rolle falsch). Es betrifft 
den Julius Cäsar Berlins („Beschreibung" Nr. 341; Baumeister, Denkmäler 
Nr. 398); den Nerva und den Titus im Braccio nuovo Nr. 20 u. 26^), den 
gepanzerten Trajan in Neapel (Porticus II Nr. 6072), den nackten Drusus 



1) Bbrnoulli, Rom. Ik. II 2 Tfl. XII merkt im Text nichts an, wohl aber Amelunq 
(Tfl. 4). Die Rolle zeigt übrigens die Rollung im Schnitt zu deutlich. 



58 I* Die geschlossene Rolle. 

(ebenda Nr. 6055), den sog. „Sulla" aus Herculaneum (ebenda, Galerie der 
Balbi Nr. 6252), den sog. Cicero aus Pompeji (ebenda 6231), den Augustus 
in Villa Borghese (Hblbiq Nr. 947) und in den Uffizien (DOtschke III Nr. 40), 
den Hadrian der Uffizien (DOtschkb Nr. 51), die sog. „Sibilla" Neapels 0, die 
„Calliope" und „Euterpe" ebenda im Saal der Musen, die „Calliope** der Uffi- 
zien (Dotschkb Nr. 112) usf. Ahnlich steht es mit dem Schlüssel des 
sitzenden S. Peter in den Grotten des Vatikan; er hält ihn nach Analogie 
des Buches in der L; aber die Figur scheint aus einer Togastatue mit 
fehlenden Händen zurechtgemacht.^) 

Wie falsch die Ergänzer oftmals die Rolle geformt haben, mögen 
Abb. 38 u. 39 zeigen. Oftmals waltet in ihnen das Streben nach Detail- 
lierung und subtilerer Anschauung. Die Ergänzer wußten 
nicht, daß die Rollen an den antiken Statuen bemalt waren. 

An den Togastatuen im Vestibu- 
lum des Neapler Museums ist ins- 
besondere oftmals der Schnitt am 
Kopf des Buchzylinders viel zu 
sorgfaltig ausgearbeitet, so daß 

Abb. 39. 

man den Lauf der Windungen 
und den Platz für den Umbilicus genau erkennt. Wo immer das vorkommt, 
besteht der Verdacht, daß das Buch modern. 

Großer noch war die Torheit derjenigen Ergänzer, die die geschlossene 
Rolle in der L. so gestalteten, daß das lose Ende des zylindrischen Kon- 
voluts auf seiner Oberseite liegt: denn während der Buchtext auf der 
Innenseite des gerollten Papiers zu denken ist, so würde, wer eine solche 
Rolle aufrollte, vielmehr ihre unbeschriebene Rückseite statt der Innenseite 
vor Augen haben, wie wenn jemand ein Buch so aufschlägt, daß er den Ein- 
banddeckel betrachtet. Das Rollenende muß also unterhalb des BuchkOrpers 
oder doch so liegen, daß beim Abrollen sich wirklich die innere Schreib- 
fläche der Charta auftut. Ein Beispiel solchen Irrtums gibt der Drusus im 
Lateran (s. Abb. 40) und der sitzende Demosthenes des Louvre; vgl. auch 
die Rolle auf dem Relief des Louvre • bei Reinach, R^p. I 50, 9, falls auf 
die Zeichnung Verlaß ist.') 




1) Das Motiv I ist hier zu frei behandelt. Neu abgebildet ist die Sibilla im 
Bullettino commun. di Roma 30 (1902) S. 138. 

2) WiCKHOPP in Zeitschr. f. bildende Kunst 1890 S. 110; Kraus, Gesch. der 
Christi. Kunst 1 S. 232. 

3) Es seien hier unter dem Rande noch einige Statuen, deren 1. Hand mit 
Rolle unecht oder verdächtig, aufgeführt: 

Vatikan, Mus. Chiaramonti V Nr. 114: Statuette eines römischen Knaben; 
Motiv I, aber die Rolle zu lose; s. Abb. 39. 

Ebenda, Abt. VI Nr. 121: sitzende weibliche Qewandfigur, am r. Bein Scrinium, 
darauf Rollenbündel, woraus man auf eine Dichterin schließt; s. Amelung. 



A. Die g:eschIossene Rolle in der Linken, Motiv I: Standbilder. 59 

Gleichwohl bleiben nun immer noch Standbilder in Marmor genug, 
um weiter zu bestätigen, daß in der Marmorplasttk unser Buchmotiv I der 



Ebenda: XVI Nr. 402: stellende junge Prau; die Rolle endet unten spitz und 
ist unsachgemäQ gerollt. 

Ebenda, XVHI Nr. 449: stehende junge Römerin, Statuette: s. AMELUNO. 

Ebenda, Sala in 
f. di croceGreca Nr. 592: 
„Redner". 

Ebenda, Saal der 
Biga Nr. 620 (HELBIQ 
342): „Sextus der Sto- 
iker": 1. Arm ergänzt. 
Die Rolle fremdartig 
und zu subtil behan- 
delt: das erste Blan Ist 
abgerollt und liegt zwi- 
schen Daumen und Zel- 
gelinger, hat aber nur 
die halbe Hohe des 
Buches. 

Kapitol. Museum, 
Halle Nr. 36: Togafigur 
eines Opfernden (Ha- 
drian); Rolle unecht; 
von AMELUNO bestätigt. 

Ebenda, Hauptsaal 
Nr. 14: Portratstatue 
eines Romers: Capsa 
als Stutze 1. Rolle zu de- 
tailliert; Rotlung falsch . 

Konservatoren- 
palast, Oklc^on Nr. 12: 
Porirätstatue eines Rö- 
mers: Rollenform und 
Handhaltung ungewOhn- 
lieh. „Hand mit Rolle 
modern" Ameluno, falls 
die Plgur in Osterreich. 
Jahreshetten 1900, S. 82 
gemeint ist (WINTER). 

Uteran, Abt. VI 
Nr. 434: Togastalue; 

vgl. Behndorp-Schöne, *''^- *- 

Katal. S. 126. 

Ebenda Nr. 438: wie die vorige. Hand- und Rollentorm verlassen das Schema. 

Ebenda, XIl 812: Statue eines rOm. Knaben: Benndorf-SckOne S. 296. 

Ebenda, XIII 864: Togastatue: s. dieselben S. 330; auch die Capsa am I. FuD 
ist Zutat. 

Ebenda Nr. 846: Togastatue des C. Caelius Saturninus: s. a. a. 0. Die Rolle 
zeigt vier Windungen. 

Ebenda, XV 958: Knabe mit Bulla; vgl. BBNNDORP-SchONE S. 376. 

Neapel, Qal. der Balbi Nr. 6230: Jüngling mit Bulla: am 1. Fuß Capsa an- 
gedeutet. 



50 I- I)ie geschlossene Rolle. 

l. Hand ebenso vorbehalten wurde, wie dies im Bronzeguß und in den 
anderen Kunstzweigen geschehen ist. 

Lateran XU Nr. 804: Standbild eines röm. Knaben; Capsa am 1. Fuß, Motiv I; 
an der 1. Hand drei Finger und ein Stück der Rolle ergänzt. Pendant hierzu ist 
Nr. 812 dortselbst; hier steht die Capsa am r. Fuß, die 1. Hand mit Rolle aber ist 
modern; Benndorp- SCHÖNE S. 296. 

Thermenmuseum, Eingangswand: Porträtstatue eines Römers, ohne Nummer; 
kurze Rolle, Motiv I; Capsa am r. Fuß. 

Ebenda, im offnen Hof: Torso einer Porträtstatue, Nr. 75: Motiv Ib; s. Abb. 22. 

Vatikan, Mus. Pio-Clement., offner Hof des Belvedere: Porträtstatue eines röm. 
Epheben, ohne Nummer, Motiv I; s, Abb. 23; die Echtheit der Rolle bestätigt mir 



Ebenda Nr. 6167: Statue des Baibus aus Herculaneum; Capsa am 1. Fuß („jetzt 
im Vestibulum; Rolle scheint mir ergänzt** Mau). 

Ebenda, offner Hof, rechts vom Vestibulum: Nr. 274 Togastatue, r. Hand ein- 
gewickelt; 1. Hand gestückt; die Rolle liegt auf den Fingern. 

Ebenda Nr. 91: Togastatue, Kaiserkopf mit Qlatze; Capsa fehlt. 

Ebenda, offener Hof, links vom Vestibulum: in einer Nische Togastatue ohne 
Nummer; Motiv ähnlich wie die eben erwähnte Nr. 274. 

Ebenda: in einer anderen Nische Togastatue ohne Nummer; Capsa am 1. Fuß. 
Rolle, Motiv I, vielleicht echt. 

Ebenda: Standbild eines jungen Mannes; 1. Hand scheint unecht 

Florenz, Qiordino Boboli: Togastatue: s. DOtschke II Nr. 83. 

Verona, Museo Civico: Männliche Qewandstatue, an den Sophokles des Lateran 
erinnernd; ergänzt 1. Hand mit Rolle (DOtschke IV Nr. 610 gibt irrtümlich die r. 
Hand an; aber vgl. Abbildung bei Reinach, Rupert. II 618, 4). 

Parma, Mus.: Standbilder des Caligula(?) und Trajan(?): DOTSCHKE V 868 
u. 896a: bei beiden fehlt r. Hand; 1. Hand mit Rolle aber ist ergänzt; Rbinach 
11 614, 4 u. 6. 

Dazu kommen noch die Togastatuen bei Matz-Duhn 1261 (Quirinal); 1265 
(ebenda); 1278 (Villa Pamfili); 1288 (Pal. Massimi); 1319 (Sitzbild); ebenso die weib- 
liche Qewandstatue ebenda Nr. 1376 (Pal. Borghese). - Berlin, Beschreibung der 
antiken Skulpturen: Togastatuen Nr. 387-399 [aufgerollte Rolle erbärmlich ergänzt 
ib. Nr. 600]. Weiter Coli. Newby Hall Nr. 7 (Mich.) sog. Epicur: s. Reinach I 512, 8. 
Oxford Universit. Nr. 45 (Mich.) sog. Cicero: s. Rbinach II 617, 9. Kopenhagen 
Glypt. 528 Togatus; 530 Augustus; 539 Claudius. 

Übrigens gibt ReinacH, R6p. I S. 178 ff.; 547; 550 f.; IIS. 579 ff.; 613 f. eine 
reiche Auswahl von Porträtstatuen und Musen mit Rollen, Motiv I; der Geübtere 
wird bei manchen von ihnen die augenfällige Unechtheit der Rolle alsbald erkennen. 
Für den Nero bei Reinach I 163, 5 bezeugt mir Michon, daß der Vorderarm (mit 
Rolle) unecht 

Im Mus. naz. zu Neapel ist die Aufstellung der Statuen jetzt stark verändert 
Ich füge noch einige Mitteilungen Mau's hinzu, die diese Neuaufstellung berück- 
sichtigen. Saal der Musen (?): Nr. 6397 Muse mit Flöte in der r. Hand; 1. Hand 
mit Rolle ergänzt - Nr. 6377 ebenso. - Nr. 6395 ebenso. - Im großen Vestibulum 
(früher im Port, der Balbi) Nr. 6231 Togatus: Rolle in der 1. Hand ergänzt - 
Nr. 6246 Togatus: 1. Hand mit Rolle ergänzt - Links vorn vier Togati ohne Nummer; 
„nach meiner Meinung an allen die 1. Hand mit Rolle ergänzt." „Die Togati, die 
Sie im Hof gesehen haben, stehen jetzt im Vestibulum, ohne Nummern. Ich glaube, 
daß an allen dort befindlichen Togati die Hand mit Rolle ergänzt ist Zweifeln 
kann man in betreff einer Statue (Tog.), vorn 1. gleich beim Eingang zu der ehe- 
maliger; Kaisergalerie. Hier ist Hand und Arm mit Stuck überschmiert, die Hand 
auch gebrochen und Löcher gebohrt, in denen Holzpflöcke stecken, die aussehen 
wie Eisen zur Ergänzung. Ich glaube, das ist Schwindel, um der Sache ein altes 
Ansehen zu geben." 



A. Die geschlossene Rolle in der Linken, Motiv I: Standbilder. 51 

Amblung. (Daneben, als Pendant, ein sehr Ähnliches Standbild; doch scheint hier 
die L. den Teil eines Stabes zu halten.) 

Florenz, Uffizien, Saal der Inschriften, Nr. 281 : Britannicus als Knabe, in „Basalt**; 
am oberen Rollenschnitt ist die Rollung grob angedeutet; DOtschkb 111 Nr. 379. 

Florenz, Pal. Pitti: „Asklepios". Der 1. Ellenbogen ist auf einen Knotenstock 
gestützt, die 1. Hand nähert sich so dem Kinn und hält dabei eine geschlossene 
Rolle, Motiv I, an der nur ein Stock ergänzt ist Die Rolle ist also ursprünglich; 
DOtschkb II 19; Amblung, F'flhrer-Mr. 188; Reinach, R6p. II 31, 3. Wennschon die 
übliche Schlange fehlt und die Dw^tellung selbst zunächst befremdet (bei DOtschkb 
II 93 ist die Rolle unecht), wird^man doch nicht zweifeln können, Asklepios zu er- 
kennen ; s. ThrAmer in Roscheris Myth. Lexikon 1 S. 636. Der griechische Qott hat 
die Buchrolle demnach vom ägyptischen Imhotep überkommen; denn die Ägypter 
vindizieren sie sowohl anderen GQ|tern als auch besonders diesem Krankengott: s. 
oben S. 9. 

Neapel, Mus. naz., offner Hof links vom Vestibulum: Togastatue, ohne Nummer; 
in einer Nische in der Nähe des Nike-Torsos: Capsa am 1. Fuß; Rollenrest in der L. 

Mantua, Museo: Togastatue; die 1. Hand mit Rolle ist zwar angesetzt, aber nur 
ein Teil der Rolle ergänzt: DOtschkb IV Nr. 716. 

Paris, £coIe des Beaux-Arts Nr. 7063: Togastatue ohne Kopf und Füße: Rbinach, 
Rupert II 819, 4. 

Paris, Louvre, Katal.-Nr. 2244 (Reinach I 176,6): Togastatue: die Rolle ist echt, 
soweit sie nicht über die Hand hinausragt (Michon). 

Marseille, Chäteau Bor6iy, Nr. 210: Togastatue; die 1. Hand mit dem Motiv I 
ist zwar angesetzt, aber echt (lädiert und abgestoßen); vgl. FrOhnbrs Spezialkatalog. 

München, Kunsthandel: Asklepios, Statuette: Rbinach III 13, 1. 

Köln: Frau mit Rolle, Motiv Ib, aus Amethyst, Höhe 9Vs cm.; s. Urlichs in 
Bonner Jahrbb. IV Tfl. 5 S. 185 f.'); Rbinach II 667, 10. 

Ince Blundell Hall Nr. 48 (Michaelis): Togastatue mit Scrinium. Verdächtig. 

Rbinach, Rupert. III 177, 6: Togastatue in Cricklade (England). 

Ebenda III 181, 10: Togastatue ohne Kopf. Tunis, Mus. Alaoui Tfl. 13,27. 
Capsa mit daraufliegendem Rollenbündel am r. Bein. 

Als Gegenstand, der noch nachzuprüfen wäre, habe ich endlich zahlreiche 
aus Herculaneum aufgegrabene Togastatuen beiseite gelassen. Es ist gewiß, daß 
auch sie, als sie auftauchten, sofort der Restauration veriielen; denn sie sollten als 
Schmuck der Säle und Plätze dienen, und so findet man in vielen Fällen an ihnen 
Hände und Arme angesetzt. Es wäre aber vielleicht möglich, daß diese Extremi- 
täten z. T. zugehörige Fragmente waren und als solche angestückt worden sind. 
So könnte die Rolle in der L. vielleicht noch für echt zu halten sein bei dem 
Suedius Clemens (Neapel, Galerie der Baibi Nr. 6235); die Rolle ist indes auffallend 
winzig; die 1. Hand trägt einen Siegelring, auf dessen Platte ein S graviert ist.') 
Dazu die acht großen Togastatuen im großen Vestibulum des Neapler Mus. Nr. 5965 ff., 
acht nach gleichem Schema gearbeitete und ergänzte Werke: runde Capsa mit 
Ringen und Band am 1. Fuß; r. Hand macht den Gestus des Redners; die 1. Hand 
zeigt unser Motiv I; der vierte Finger derselben 1. Hand trägt stets einen Ring, auf 
dem bisweilen ein S graviert ist. Da indes die Finger vielfach aus Gips, auch die 
Hautfalten an den Händen oft zu subtil ausgearbeitet sind und der Schnitt der Rolle 
öfters die Rollungen oder gar den Rollenstab in einer Deutlichkeit zeigt, die gegen 
alles Herkommen, so ist es nicht möglich, diese Werke hier heranzuziehen. 

Dasselbe gilt von den Togastatuen in Portici (Palazzo reale, jetzt Scuola di 
agricoltura), die gleichfalls aus Herculaneum stammen: zwei solche mit Buch stehen 



1) Urlichs erkannte die Rolle nicht, doch läßt die Abbildung kaum einen 
Zweifel. 

2) Ein liegendes S auf dem Ringe findet sich so z. B. an dem sakralen Stand- 
bilde, Neapel, Saal der großen Bronzen Nr. 5615 (Invent.). 



52 I* I^iG geschlossene Rolle. 

dort im Treppenhaus, die eine davon in sakraler Anordnung der Toga; eine dritte 
in Cortile in einer der sechs Nischen.^) 

Mau bestflrkt mich in meinen Zweifeln. Nach ihm ist gleich an der Suedius- 
statue die Hand mit Rolle unecht; das S dem Namen Suedius zuliebe gefälscht. 
Dies haben die Ergänzer dann auf die flbrigen Togastatuen übertragen. Auch an 
ihnen ist keine Rolle echt*), öfter dagegen die Capsa.') 

Ptlr Echtheit der Rollen bringt mrr"i4fKDJ})^gegen aus Neapel noch 
folgende Belege: -.'^*::'' 

In der ehemaligen Galerie d. Capolavori, ditR beim ehem. Porticus der Balbi, 
in der Mitte lebensgroße Statue eines griechisch gekleideten Mannes, ohne Kopf; 
hält in der an der Seite herabhängenden L. etwaa^'ZylinderiOrmiges (0,20 cm lang), 
das wohl eine Rolle sein soll. (Arndt -AMELurmJ^ö, mit Nachtrag in Serie IV.) 

Dazu kommen mehrere dekorativ uiid schlecKt gearbeitete Qrabstatuen (Togati) 
in dem jetzt als Magazin dienenden Hof hinter dem Museum: 

1. Kalkstein. Die 1. Hand hält an der Brust die senkrecht stehende Rolle und 
zugleich einen Paltenbausch. Keine Capsa. 

2. Marmor. Das Gleiche. Capsa am 1. Puß. 

3. Kalkstein, sehr korrodiert. Die r. Hand hält den Paltenbausch. Die 1. Hand, 
herabhängend und bis zum Handgelenk eingewickelt, hält etwas ZylinderiOrmiges, 
wohl Rolle. 

Ob es ein Marmorstandbild mit Rolle, Motiv I, gibt, das älter wäre als 
die augusteische Zeit, weiß ich nicht. Wer indes hellenistische Grabreliefs 
betrachtet, wie dasjenige, das ich oben S. 49 angeführt habe, vgl. unsere 
Abb. 29, in welchem die Gestalt des Gestorbenen schön gewandet und mit 
dem Buch in der geschlossenen L. wie in Vollplastik aus dem Relief heraus- 
tritt, wird sich darüber klar sein, daß auch schon in den hellenistischen 
Zeiten solche Vollbilder existiert haben müssen. Denn die Erfindung des 
Reliefbildners ist offensichtlich von statuarischen Werken beeinflußt Eben 
darauf führt der „Hesiod^ auf der Tabula Archelai (s. unten), und auch der 
Asklepios des Pal. Pitti ist hellenistisch, wie mich Amblunq erinnert. 

Wir aber treten jetzt endlich an die letzte und umfangreichste Aufgabe 
heran, indem wir die Relief kunst der römischen Kaiserzeit in Betracht 
ziehen. Aus der I^elieffläche trat der kleine Rollenkörper meist wenig 
hervor und brach nicht ab, und so sind die Beispiele, die sich uns jetzt 
entgegendrängen, unzählbar. Sie sind es besonders, die in ihrer Massen- 
haftigkeit uns lehren, daß die Rolle bei einer Standfigur in die 1. Hand 
gehört. Insbesondere seit dem Beginn des 2. Jahrh. n. Chr., seit Trajan 
und weiter seit den Antoninen bis in das 5. Jahrh. hinein, wuchert so die 
Rolle auf den Reliefplatten, Werken der verschiedensten Bestimmung. 

Mit dem Höhenstand der Literatur hat diese Tatsache allerdings nichts 
zu tun. Die Klassizität lag längst weit hinter den Epigonen, die damals 
lebten. Aber eine Bildung, die auf dem Buch beruht, die literarische Er- 



1) Ebendort steht übrigens auch eine weibliche Gewandstatue, als Euterpe er- 
gänzt; die PlOte in der R., die Rolle in der L. sind unecht. So auch Mau. 

2) Nur für Nr. 5983 scheint Mau die Unechtheit nicht ganz sicher. 

3) Die Capsa ist echt oder z. T. echt an Nr. 5969, 5983, 5984, 5987, 5988. 



A. Die geschlossene Rolle in der Linken^ Motiv I : Reliefs. 53 

Ziehung-, verbreitete sich eben damals in die weitesten Kreise. Bei ihrer 
Verbreitung pflegt die Bildung aber an Tiefe zu verlieren. Man denke 
daran, wie seit Augustus die Knabenschulen sich mehrten und hoben und 
wie dann Hadrian und die Antonine fflr das Unterrichtswesen gesorgt 
haben; wie zu jener Zeit alles, alt und jung, in die Rednerschule lief, um 
deklamieren zu können; wie zugleich die Philosophenschulen ihre Kreise 
zogen (hiervon lebt die Satire Lucians); wie eben damals auch für die 
Jurisprudenz der schulmäßige Betrieb aufkam und sich steigerte; wie end- 
lich gar das Schriftstellern und Dichten zu einer Art Hausgymnastik herab- 
sank und jeder Dritte sich selbst vortrug und rezitierte; wie zu alledem der 
Sacheifer für und gegen das Christentum Berufene und Unberufene aufs 
neue zu Literaten machte: alle diese Betriebe grflndeten sich auf das Buch, 
und man war naiv genug, das Buch als Symbol der eigenen GeisteswQrde 
oder auch als Zeugnis für die eigene Oberzeugung sichtbar in der Hand 
zu tragen und so im Abbild sich der Welt darzustellen. 

Daher also auf hunderten von Sarkophagen immer wiederkehrend, 
bald auf dem Deckel, bald an einer betonten Stelle des Plächenschmucks, 
der Verstorbene mit der Rolle, oft dazu auch das RoUenbQndel und die 
Capsa. Jeder kennt Belege dafür; viele gibt das nachstehende Verzeichnis. 
Die christliche Kunst bringt darin womöglich noch eine Steigerung. Daß 
die Rolle sich allemal in der linken Hand befindet, werde ich im weiteren 
nicht mehr besonders erwähnen.^) 

Ich stelle, wie nattkrlich, einige Beispiele voran, die auf das Kunst- und 
Literaturleben Bezug haben. 

Ober die Musen ist S. 46 ff. geredet. Ein wichtiger Vermittler der Poesie 
war nächst ihnen der Schauspieler. Auf Votivreliefs, die mutmaßlich 
nach gewonnenem Siege geweiht wurden, ließ sich der Schauspieler mit 
der Rolle abbilden; man sehe die zwei Schauspielerreliefs- in Wien, Kunst- 
historisches Museum Saal IX Nr. 10 u. 11; jedes zeigt einen Schauspieler, 
der im Profil sitzt; jeder hält seine Rolle in der L., Motiv I. 

Diese Reliefs sind älter als die Sarkophage und stammen aus helleni- 
stischer Zeit. Dasselbe würde, falls es echt ist, von einem Relief gelten, 
das 0. Jahn in den Abhandl. sächs. G.W. XII Tfl. 5, 8 abbilden ließ und das 
eine Genreszene zeigt: ein Mann mit der Rolle im Atelier einer Malerin. 

Die späteren Sarkophage dagegen lieben es literarische Unter- 
haltungen vorzuführen. Als Musterbeispiel sei hier in Abb. 41 das Relief 
im Belvedere des Vatikan, Cortile Nr. 68, vorgelegt.*) Seine Fläche zerfällt 
in drei Felder. Auf allen dreien erscheint eine Frau stehend, die entweder 



1) Bei Matz-Duhn fehlt bisweilen eine Angabe darüber, welche Hand die 
Rolle hält; so Nr. 3107, 3116, 3119, 3122, 3123, 3127. 

2) Vgl. Ameluno, Vatikan II, Belvedere 68, Tfl. 18. 



I. Die geschlossene Rolle. 



A. Die geschl. Rolle in der Linken, Motiv 1: literar. Unterhaltungen. 55 

sicher oder nach glaub wOrdtger Ergänzung^) das geschlossene Buch halt: 
auf dem Mittelfelde allein, auf den Seitenfeldern in Gesellschaft eines 
Mannes, der seinerseits sitzt und jedesmal eine offene, aber in einer Hand 
zusammengenommene Rolle hält: Motiv VII. Die Wichtigkeit des geistigen 
Verkehrs mit dem Buch und durch das Buch ließ sich nicht stärker be- 
tonen, als es hier geschehen. Zugleich aber ist es der Oberlebende, der 
die noch offene, die Gestorbene, die die zu Ende gelesene, geschlossene 
Rolle hält. Das kann zugleich als Symbol empfunden worden sein. 

Wo nun auch sonst literarische Unterhaltungen oder eine Vorlesung 
mit Zuhörern vorgeführt werden oder wo der Dargestellte dichtet und liest, 
unter Hinzutritt der Musen, da gentigt nattlrlich nicht das Motiv I, und man 
sieht daneben auch offene und halboffene Btlcher. Ich zitiere noch fol- 
gende Reliefs: 

Berliner Sarkophag („Beschreibung^*, 1891, Nr. 844), Reiiefstreifen des Deckels: 
hier gehen (von links anfangend) zuerst zwei junge Männer im Gespräch; der linke 
hat Rolle, Motiv Ib; sodann sitzt ein JQngling mit vorgestrecktem Buch, Motiv VIl'); 
ihm zMgekehrt steht ein bärtiger Mann, deklamierend ausschreitend, die R. gesenkt. 
Es folgt eine dritte Gruppe: ein sitzender bärtiger Mann hält die Rolle im Schoß, 
Motiv in, und läßt sich von einer Muse eine halbabgerollte zweite Rolle entgegen- 
halten usf.: im ganzen acht Einzelbilder. Die Rolle kommt zehnmal vor, Motiv 1 
zweimal. Ich komme später auf Einzelnes zurück. 

Sarkophagreliefs, ed. Robert, 11 Tfl. 52 Nr. 14P: vier sitzende Männer; zwei 
halten eine Rolle, der eine geschlossen, der andere läßt nur das letzte Blatt offen 
herabhängen. Die Lektflre ist somit beendet. 

Ebenda, Nr. 142a, ähnlich dem vorigen: alle vier Männer haben geschlossene 
Rolle; zwei sitzen, zwei stehen; zwei haben Motiv 1, zwei Motiv II. 

Matz-Duhn, Nr. 3117, Relief in der Via di porta S. Sebastiano; dies ist ein 
Musterbeispiel für diese Dinge, über das ich in anderem Zusammenhang berichte. 

Ist der Verstorbene nun aber isoliert dargestellt und hält fOr sich allein 
das Buch, so läßt das Buch gewiß oft mannigfache Deutungen zu. Jeden- 
falls ist doch aber fOr viele dieser Fälle anzusetzen, daß auch hier ein 
Interesse an Literatur und Gelehrsamkeit hat ausgedrOckt werden sollen. 
Ein Beweis läßt sich auf folgendem Wege führen. Die Sarkophage lieben 
es, das Brustbild des Verstorbenen mit Buch im Medaillon zu zeigen; das 
ist aber, wie niemand verkennen kann, eine WeiterfOhrung des Medaillon- 
porträts, das wir aus der campanischen Wandmalerei kennen. Da nun das 
letztere den Personen Rollen in die Hand gibt, die wirklich literarische 
Texte enthalten - dies verraten dort die Aufschriften Plato und Homerus^ -, 
so hat auch ftlr die entsprechenden Darstellungen der Sarkophage, wo 
keine anderen Indizien vorliegen, dasselbe zu gelten. Dazu kommt noch 
ein vereinzeltes Zeugnis, der Grabstein der Claudia Italia, woselbst das 

1) Auf dem 1. Seitenfeld ist die Rolle modern, auf dem Mittelfeld nur ihr 
oberes und unteres Ende (nach Amelung). 

2) Und zwar in der L.; in der „Beschreibung** a. a. O. S. 330 steht fälschlich: 
„in der Rechten**. Meine Schilderung ist nach dem Original gegeben. 

3) Siehe Rom. Mitteilungen VllI (1893) S. 20. 

Birt, Die Buchrolle in der Kunst. 5 



56 I* I^ic geschlossene Rolle. 

Buch, das die Verstorbene hält, die erläuternde Aufschrift irdciic ^ouclKflc 
nexexouca trägt. ^) 

Aber der Bereich dessen, was das Buch im Bilde auszudrücken be- 
stimmt war, ist hiermit keineswegs ausgefüllt. Denn es diente auch zu 
amtlichen und zu geschäftlichen Aufzeichnungen* So taucht denn auch auf 
den Reliefs, die ein Kaufgeschäft darstellen, den Ladenschildern, eben die 
Rolle auf. Im Geschäftsladen pflegt der Händler selbst das Diptychon, die 
Schreib- oder Rechnungstafel zu halten, der Käufer dagegen steht bis- 
weilen mit der Rolle am Ladentisch; oder es werden beim Eintragen von 
Summen beide Buchformen verwendet. 

Auf dem Dresdner Ladenschild mit Metzgerbude ^ sitzt nur die Geschäfts- 
Inhaberin, in den Händen eine Rechnungstafel. Ladenschilder sind sodann gewiß 
auch die beiden jhübschen Florentiner Reliefs, die uns in ein Tuch- und Mode- 
geschäft einführen^); das eine zeigt zwei Käufer; sie sitzen und besichtigen ein 
großes Tuch, das zwei Ladendiener vor ihnen entfalten. Der eine der Käufer hält 
die Rolle im Schoß; es ist übrigens nicht Motiv I, sondern Motiv III. ^) 

Ahnliches auf Grabreliefs; so in Metz: ein Argentarius sitzt am RechenbreU, 
die Rolle im Schoß. ^) Das Grabdenkmal des Eurysaces in Rom, das noch dem 
1. Jahrh. v. Chr. angehört, veranschaulicht das Geschäft des Müllers und Brotlieferanten: 
Monumenti dell* Ist. II Tfl. 58 sieht man u. a. auch eine Gruppe am Ladentisch; es 
wird gerechnet. Ein Mann sitzt, drei stehen. Hinter diesen ein vierter, der eine 
Rolle in der L. hält, Motiv I"), und im Begriff ist davon zu gehen. Hierzu kommt 
endlich der Weinhändler auf dem Relief der Sammlung Ince Blundell Hall % 
Michaelis Nr. 298, eine Tafel, die vielleicht als Grabrelief, vielleicht aber auch als 
Ladenschiid aufgefaßt werden kann. Auch hier sitzt am Tisch ein Mann, auf dem 
Schoß die Rechnungstafel (kein „Buch"), mit der sich seine 1. Hand beschäftigt. 
Ebenso hält auch eine am Tisch vorn stehende Figur eine offene Tafel in der L. 
Am oberen Ende des Tisches dagegen steht ein Mann, in beiden Händen eine Rolle; 
es scheint, daß er sie eben aufrollt.^ Es handelt sich um Weinverkauf und irgend- 
welche geschäftliche Berechnung. Daß man in Geld- und Handelssachen Posten 
aus einer Buchrolle mitteilte, die dann andere auf einzelne Tafeln notieren, lehrt der 
Gorgoniussarkophag in Ancona, Garrucci, Storia deir arte ehr. Tfl. 3^6, 1. Seiten- 
giebel. Außerdem kommt aber noch von rechts, etwas größer gebildet, ein junger 
Mann in der Tunika herbei, die r. Hand erhoben, eine Rolle in der L., Motiv I; für 
ihn sehe ich keine glaubhafte Erklärung, wenn man nicht einen weiteren Geschäfts- 
diener in ihm sehen will, der eben eintriU und dessen Rolle denselben Zweck hat 
wie die der anderen Figur, die augenscheinlich soeben aus ihrem Rollenbuch Be- 



1) Siehe Winckelmann, Monum. antichi inediti I Nr. 187; vgl. unten Abb. 71, 
wo freilich die Aufschrift fehlt. 

2) Antikensammlung 733; s. Archäol. Anzeiger 1889 S. 102. 

3) Uffizien, Saal des Hermaphroditen, DOtschke III Nr. 507 u. 533; Amelunq, 
Führer durch die Antiken in Fl. Nr. 167 u. 168. 

4) DOtschke zu Nr. 507 erwähnt die Rolle nicht 

5) E. BeQIN, Metz depuis dix-huit sidcles I (1843-44) BeibiaU zu S. 224. 

6) O. Jahn, Annali X S. 240, sagt nicht richtig: una tavoletta nella mano. 

7) Blümner, Archäol. Zeitung X Tfl. 13 S. 130 f.; Schreiber, Bilderatlas Tfl. 66, 1. 

8) So Blümner; in der skizzenhaften Abbildung selbst a. a. O. läßt sich dies 
nicht erkennen. Aber man sieht doch, daß beide Hände in gleicher Höhe am 
RollenkOrper anliegen; das kommt bei einfach geschlossener Rolle nicht vor, war 
dagegen bei dem Aufrollenden natürlich. 



A. Die geschl. Rolle in der Linken, Motiv I: Kaufgeschäft; Hochzeit; Opfer. 57 

rechnung-en mitteilt. Weil der Betreffende von außen neu hinzukommt und dem 
Vordergrund viel näher steht, ist er größer gebildet. 

Eine andere geschäftliche Punktion hat die Rolle bei der Hochzeit. 
Der Bund soll durch sie als legitime „Schriftehe" (tomoc ^TTpcxqpoc) be- 
zeichnet werden. Derartige griechische Ehekontrakte sind auf Papyrus noch 
erhalten.^) So nun auch die römischen Sarkophage: feierliche Darstellungen 
des Hochzeitsritus sind auch auf ihnen beliebt, und der Bräutigam oder 
junge Gatte ist es, der dabei vorzugsweise die Rolle (nicht Tafel), die den 
Ehekontrakt bedeuten muß^), zu halten pflegt. Das Motiv I ist hier ständig. 
Ich führe an: 

Sarkophag-Reliefs ed. Robert, Bd. II Tfl. 25 Nr. 62 A, Seitenwand: Vermählung 
des Achill mit Polyxena; Achill hält die Rolle, die unten gebrochen ist Die flbrigen 
Beispiele, die folgen, sind nicht mythologisch. 

S. Lorenzo f. I. m., Sarkophag im Innern der Kirche: der sponsus hält beim 
Verlöbnis, der dextrarum iunctio, eine dünne Rolle in der L.; derselbe beim Opfer 
abermals. Das eine Mal ist er als älterer Mann, das andere Mal jugendlicher ge- 
bildet. Vgl. RossBACH, Hochzeits- und Ehedenkmale S. 40; Matz-Duhn 3090. 

Florenz, Pal. Riccardi: bei der dextrarum iunctio hält der sponsus die Rolle: 
DOtschke II Nr. 105. 

Ebenda, Villa Rinuccini: ebenso: DOTSCHKE II Nr. 316. 

Ebenda, Poggio a Caiano: Sarkophag als Brunnentrog: ebenso: DOtschke 11 
Nr. 401. 

Ebenda, Uffizien: ebenso: DOtschke IIl Nr. 62. 

Mantua, Museo: ebenso: vgl. Rossbach S. 153 f.; DOtschke IV Nr. 643. 

London, Brit. Museum Nr. 2307 (Smith Catal.): ebenso. 

Nur die dextrarum iunctio ist dargestellt, aber mit Motiv I: Matz-Duhn 3099 
(Rom, San Saba); 3100 (Pal. Verospi); 3101 (Villa Rondinini); 3103 (Villa Giusti- 
niani); 3108 (Via S. Lorenzo 5). Ebenda Nr. 3105 halten beide, der Mann und die 
Frau, eine Rolle, dazwischen steht ein Scrinium ") ; Nr. 3095 hält der sponsus selbst 
nicht die Rolle, obschon ein Rollenbündel an seinem 1. Fuße liegt, wohl aber eine 
weitere männliche Figur in Toga. Solche dextrarum iunctio bei Eheleuten kann 
natflrlich oft auch den Abschied bedeuten; so bei Hettner, Führer durch d. Mus. 
in Trier, 1903, Nr. 11, der die Buchrolle als das Testament des Verstorbenen inter- 
pretiert. Mehr bei 0. Pelka, Altchristi. Ehedenkmäler S. 93 ff. 

Die Muse mit Rolle bei der Hochzeit des Paris und der Helena auf dem 
Marmorkrater vom Esquilin^ ist dagegen unecht; vgl. A. Michaelis, Ancient Mar- 
bles S. 513. 

Dies die Rolle bei der Vermählung. Aber auch der Opfernde hält 
die Rolle bei der Opferhandlung (vgl. unsere Abbildungen 34-36; M. Aurel 
auf unserer Abbildung 42; dazu der Haruspex bei Matz-Duhn 3407 und 
sonst oft), wo sie einen zeremonialen oder Gebettext enthalten muß.^) 
Oftmals scheint sie auch den höheren Beamten anzuzeigen, etwa als Diplom, 



1) Vgl. L. Mitteis im Archiv f. Papyrusforschung 1 (1901) S.343f.; U. Wilcken 
ebenda S. 484 f. 

2) VgU Rossbach, Hochzeits- und Ehedenkmale S. 43, 79. 

3) Ebenda 3107 hält luno pronuba die Rolle, aber es fehlt die Angabe, in 
welcher Hand sie sich befindet. 

4) Siehe E. Caetani Lovatelli, BuUett. commun. di Roma VIII Tfl. VII. 

5) Qell. 13, 23, 1 : comprecationes .... in libris sacerdotum, 

5* 



6$ I. Die geschlossene Rolle. 

das seine Wurde verbürgt, und findet sich so insbesondere vorzugsweise 
in der Hand des römischen Kaisers selbst; dies hat er von den alten 
ägyptischen Königen ttbemommen (oben S. 17); und zwar zeigt sich merk- 
würdigerweise der Kaiser damit nicht nur, wo er als Redner auftritt oder als 
Pontifex maximus ein Opfer darbringt - s. Abb. 42 -, sondern auch, wo 



Abb, i2: Reliel am Cun&taiilinsl)DBeii' 

er ohne amtliche Handlung einherschreitet, auch auf dem Marsch im Krieg. 
In vielköpfigen Menschengruppen wird er durch das Buch in der L aus- 
gezeichnet und als Kaiser kenntlich gemacht. In ihm muß sich also seine 
WOrde irgendwie anzeigen, mutmaßlich sofern alle Rechtsprechung, Gesetz- 
gebung und Beamtenernennungen von ihm ausgehen; denn alle „scrinia" 
sind ihm unterstellt. Die Rolle ist der über principis, wie ihn Plinius 



A. Die geschl. Rolle in der Linken, Motiv 1: Götter ohne Buch. 59 

kurzweg nennt (ep. V 13, 8); es ist das kaiserliche edictum oder re- 
scriptum. 

Auf den christlichen Marmorsärgen geht dann dieselbe Rolle an die 
Apostel, vor allem an Moses und Christus über. Dies erklärt sich leicht. 
Denn die Genannten sind ja alle entweder Urheber oder doch Verbreiter 
des „Wortes'^ Logo^ hieß die Heilslehre; logos war aber auch ein Ter- 
minus, der die Buchrolle selbst bezeichnete/) So wie nun aber der Kaiser 
göttlich war, so auch Christus: die Rolle zeigt in Christus also nicht nur 
den großen Sophisten an, sondern auch den göttlichen Herrscher. 

In den zuletzt genannten Fällen kommt die Rolle also sogar einem 
göttlichen Wesen zu; aber dies erklärt sich lediglich aus der Mensch- 
werdung dieser Gottheit. Denn sonst trägt, wie ich hinzufüge, kein 
einziger Gott des griechischen Olymps und der römischen Superstitio je 
eine Rolle. Selbst Apoll behilft sich ohne Buchtext; Merkur bringt seine 
Botschaft ohne Brief. Als Ausnahmen dazu können meines Wissens nur 
die Musen und Parzen gelten.^) Höchst auffällig daher die Iris des Vasen- 
bildes oben S. 46. Ungriechisch der Äskulap, der das Buch vom ägypti- 
schen Imhotep gleichsam borgt (oben S. 61). Ob auch der Hermes -Thot 
(s. Zusätze)? Dazu kommt der jadische Gott in der Apokalypse Kap. 5.') 

Ober die Musen ist schon genug gehandelt. Von den Parzen aber 
ist es mindestens eine, die das Schicksal des Einzelmenschen bucht. Auf 
einem etruskischen Sarkophagdeckel (im Archäol. Museum zu Florenz) sitzt 
so eine einzelne geflügelte Schicksalsgöttin neben dem Gestorbenen, eine 
mächtige Rolle in der L. Ganz ebenso sitzt auf dem Prometheussarkophag 
des Capitoiinischen Museums eine Parze neben einer jugendlichen Leiche 
und verliest das Schicksal aus offener Rolle (Baumeister, Denkm. Nr. 1568; 
Helbig, Führer Nr. 457); dieselbe sitzt neben dem sterbenden Meleager^ 
Motiv I (Helbig Nr. 512). Alle drei Parzen erscheinen auf dem späten Sar- 
kophagfragment Mus. Chiaramonti Nr. 424 Ka; die mittlere von ihnen hält 
Tafel und Stift (also nicht Rolle ?)^); alle drei auch auf dem Haterierdenk- 
mal des Lateran; hier hält die erste die fertige Schicksalsrolle, Motiv VII, 
die zweite ist noch im Begriff zu schreiben. Als volkstümliche Auffassung 
erscheint dies auch in der Literatur bei Martial, der X 46, 6 die Atropos 

1) Buchwesen S. 28 f.; 447; 448; 466; 477 Anm. 2 fin. 

2) Nach Gerhard freilich soll Venus Libitina in einer Rolle lesen, Abhandl. d. 
Berl. Akad. 1848 Tfl. V Nr. II. Bei Reinach, Pierres grav^es Tfl. 34 Nr. 69' gilt die 
Rolle in der Hand des stehenden Merkur als unecht. Athena endlich schreibt wohl 
in alten Darstellungen (FurtwAnqler in Athen. Mitteil. VI S. 177), aber auf der Tafel. 

3) Danach dann die Neueren. Ein süddeutscher Dichter in Schillers Jugendzeit 
stellte Qott lesend dar: QoU hat Abbadonnas Reuegebet bei Klopstock gelesen; 
dafür krönt er den Dichter: s. Minor, Schiller I S. 428. 

4) Bei Amelunq, Vatikan 11, Qal. d. Stat. 353 hält Klotho die geschlossene 
Rolle in der L., Motiv I, in der R. einen ähnlichen Gegenstand. Eine Parze mit 
offener Rolle auch auf dem Sarkophagdeckel bei Röscher, Myth. Lex. 1 S. 3099. 



70 I* ^ie greschlossene Rolle. 

nennend sagt: „jede Stunde des Lebens wird gebucht": omnis scri- 
bitur hora tibi. Diese Martialstelle ist wegweisend für die Würdigung des 
Buchs auf den Sarkophagen. 

Bei Hygin fab. 277 sind sogar alle drei Parzen Schreiberinnen, und zwar 
sollen sie die sieben ominösen griechischen Vokalzeichen erfunden haben.^) 
Endlich macht auch Martianus Capella I 64 alle drdi Parzen zu Schreibe- 
rinnen, die nur dazu da sind, Juppiters Entscheidungen aufzuschreiben 
und zu bewahren (librariae superum archivique custodes); dabei schreiben 
sie auf Wachstafeln. Oberliefert Martianus hier ältere römische Vorstel- 
lungen, so wird die Rolle in der Hand dieser Göttinnen vielleicht den 
Griechen verdankt. Denn, wie es scheint, wirken hier nicht ausschließlich 
römisch -etruskische Vorstellungen ein, wennschon H. Brunn ^) dereinst 
passend die römische Fata scribunda verglich, von der Tertullian de 
anima 39 mitteilt: ultima die (sc. septimanae postquam natus est puer) 
Fata scribunda advocatur. Vielmehr muß die „Schicksalsfrau" in der Unter- 
welt, die man mit weit offener Rolle auf den von Olpers publizierten Reliefs 
des (leider wieder verschütteten) Cumaner Grabes erblickt - Abhandl. Berl. 
Akad. 1830 (erschienen 1832) Tfl. 4 -, eine griechische Konzeption sein.*) 

Wenn nun Iris einmal, wie erwähnt, eine Rolle überbringt, so kann 
diese m. E. nur eine von den Moiren nach Zeus' Willen aufgesetzte Schick- 
salsrolle bedeuten, da doch sonst Zeus seine Befehle nicht schriftlich erteilt. 

Die Parzen stehen aber nicht nur insofern den Musen gleich, daß sie 
schreiben und lesen; sie singen auch; sie singen das Schicksalslied, übrigens 
ein rechtes Spinnerlied, wie es bei den Naturvölkern den spinnenden Frauen 
überhaupt geläufig ist und zukommt. Denn das Parzenlied hat den Zweck, 
wie Catull uns schildert, das Spinnen des Fadens selbst bei der Geburt 
des Helden zu begleiten. Eben dies Lied ist es nun auch, das dann von 
ihnen aufgeschrieben wird; die Rolle enthält also das Parzenlied, und wenn 
der Mensch stirbt, kommt die Parze, sie zu entfalten. „Omnis scribitur hora 
tibi": die Summe deines Lebens ist darin verzeichnet! 

Im Bildschmuck der Marmorsärge der Kaiserzeit ist die Parze selbst 
indes doch nur recht selten anzutreffen. Aber gleichsam unsichtbar ist sie 
zugegen; wenigstens dem Buch, das sie geschrieben, begegnen wir. In der 
Tat werden wir in Verfolg dieser Obersichten oftmals auf die Annahme ge- 



1) Röscher im Philol. 60 S. 369; Dieterich, MithrasHturgie S. 32. 

2) Annali 1849 S. 395. 

3) Auf dem Moirenrelief in Tegel, das übrigens aus Rom stammt (s. Jahres- 
hefte des öst. arch. Instituts VI, 1903, Fig. 48), ist die offene Rolle in der Hand der 
Atropos unecht; vgl. WEIZSÄCKER bei RosCHER, Myth. Lex. I S. 3096. Es wäre gleich- 
wohl denkbar, daß sie wirklich ein Buch hielt, und ich wäre nicht abgeneigt, auf 
der Brunneneinfassung in Madrid, auf der die Moiren der Geburt Athenens bei- 
wohnen, der Atropos ergänzend gleichfalls eine Rolle in die Hand zu geben; siehe 
Amelung, Basis von Mantinea S. 13 Fig. 1. 



A. Die geschl. Rolle in der Linken, Motiv I: Parzen; „Buch des Lebens". 71 

führt werden, daß das Buch in der Hand des Gestorbenen das Buch 
seines Lebens ist, das nun zu Ende geht. 

Aber auch in der jüdischen Phantasie war für die Schicksalsfrage 
nach Tod und Leben die Rolle von verhängnisvoller Symbolik.^) Der 
Schreiberengel Nabu^ gleicht den Schreibern des ägyptischen Jenseits 
(oben S. 8 f.). Übrigens wird nicht für jeden Menschen ein besonderes 
Buch geführt, sondern ein einziges Schicksalsbuch enthält nach alttestament- 
lichem Glauben vielmehr die Liste aller Lebenden; es ruht in Gottes Hand 
und Gott tilgt darin den Namen dessen, der sterben soll: s. 2. Mos. 32, 32; 
Psalm 68, 29. Dies also die ßißXoc Iüüvtujv. Sie war in Wirklichkeit die 
Borgerliste des jüdischen Volks. ^ 

Von diesem Buch der Lebenden ist m. E. sodann das „Buch des 
Lebens'\ die ßißXoc lwf\c, wohl zu unterscheiden. Diese kommt erst auf, 
wo die Jenseitshoffnungen sich regen, und die Namen derer, die erlöst 
werden können, werden darin eingetragen; s. Ep. ad Philipp. 4, 3. Mit 
großem Schreibapparat sehen wir dann in der Johannesapokalyse die 
Sache vor sich gehen, 20, 12: „und Bücher wurden entsiegelt, und ein 
anderes Buch wurde entsiegelt, welches das Buch des Lebens ist, und die 
Toten wurden gerichtet nach dem, was in ^den Büchern' geschrieben stand." 
Hier sind „die Bücher" in der Mehrzahl die Verzeichnisse der Vergehen, 
die Schuldbücher. Wen diese Schuldbücher als schuldlos erweisen, der 
wii'd erst dann in das eine Buch des Lebens eingetragen; und wessen 
Name sich in diesem Buch nicht findet, der wird in den feurigen Pfuhl 
gestoßen (ebenda 20, 15).^) Auch diese Vorstellungen haben offenbar weit 
gewirkt; das zeigt u. a. auch der Pastor Hermae und das Henochbuch, 
und so ist es erklärlich, daß, indem sich der heidnische Sarkophag in den 
christlichen Sarkophag verwandelt, auch das Buch, das der Gestorbene 
hält oder liest, aus einem Buch der Parze und des Ablebens zu einem 
solchen der Hoffnung und des ewigen Lebens wird. Das Lesen wurde zur 
Vorbereitung auf den Tod. Wir werden an verstreuten Stellen öfters An- 
laß haben dies wahrzunehmen. In der nichtchristlichen Zeit kenne ich da- 
gegen ähnliches nur bei Selbstmördern: Cato in Utica las vor seinem Tod 



1) Betreffs der Vorstellungen, die in den Gathas des Awesta herrschen, siehe 
F. JUSTI im Anzeiger der Indogerm. Forsch. XVIH S. 34. 

2) Siehe Archiv für Religionswissenschaft I S. 294 f. 

3) So C. BUDDE, mündlich. 

4) Ich verdanke hier JDLICHER und Weiss mehrere Hinweise. ßißXoi rf^c Ziujf^c 
im Plural stehen im Pastor Hermae S. 12 ed. Qbbhardt und Harnack, wo man 
weiteres Aber diese Termini angemerkt findet. Damit scheint der Pastor Hermae 
S. 138 die ß{ßXoi tuiv 2:uüvtujv zu konfundieren. Es ist mir nicht möglich, diesen 
Fragen hier nachzugehen. Die Stelle der Apokalypse ist analysiert von JOH. Weiss, 
Die Offenbarung des Johannes (1904) S. 57 und 104 (vgl. auch Christi. Welt XVlll 
Nr. 50 S. 1180). Ich bin in der Interpretation etwas von ihm abgewichen. 



72 I* I^ie geschlossene Rolle. 

Piato's Buch Ober die Unsterblichkeit^), womit das Epigramm 23 des Kai- 
limachos zu vergleichen ist. 

Wenden wir uns nach dieser Abschweifung - denn die Parzen sind 
allerdings in den seltensten Fällen Zeugen iür das Motiv I — zur Be* 
sprechung eben dieses Motivs zurück. Es ertlbrigt zum Schluß, für das 
Gesagte eine Anzahl von Monumenten zu registrieren. Zunächst die 
öffentlichen Monumente. 

Unter ihnen steht die Ära Pacis des Kaisers Augustus voran, deren 
zerstreute Reste sich anschaulich wieder haben zusammenfügen lassen. Da 
zieht ein idealisierter Pestzug aus den ersten Jahrzehnten der Regiening^ 
des Augustus vor uns her; der Kaiser selbst fehlt nicht; das Publikum 
schaut zu. Durch die Rolle, Motiv I, ist hier aber noch nicht der Kaiser 
selbst ausgezeichnet; sonach ist das erst später üblich geworden; sondern 
andere vereinzelte vornehme Teilnehmer, nämlich die Fig. 10 im Zuge der 
der I. Wand A und das Kind Nr. 33 im Zuge der r. Wand.^) Die Rollen in 
der r. Hand beruhen hier dagegen, wie so oft, auf falscher Ergänzung.^ 
Jenes Kind aber ist als wichtige Person auch sonst ausgezeichnet.^) 

Daran reiht sich das schöne Suovetaurilienrelief in Lyon, Archäol. Mus. 
Nr. 574: ein schmaler langer Friesstreifen feinster Arbeit. Von links kommen 
die Tiere; in der Mitte der Altar mit den Hauptpersonen. Die dritte Figur 
rechts vom Altar ist ein schreitender Mann in der Toga; er hält die Rolle 
in der L, Motiv Ib. 

Den Kaiser in der allocutio zeigt eine der beiden Trajanischen 
Marmorschranken auf dem Forum Romanum^): Trajan, auf dem Suggest 
redend; er, sowie eine zweite männliche Figur hinter ihm, halten beide 
dasselbe Emblem, Motiv I. 

Ebenso erscheint derselbe Kaiser nun oft auf der Trajanssäule, in den 
Bilddarstellungen vom dakischen Kriege.^) Das Motiv I bleibt sich stets 



1) Florus II 13; Dio Cass. 43, II. 

2) Dagegen Nr. 30 der 1. Wand und Nr. 20 der r. Wand sind weniger sicher; 
s. E. Petersen, Ära Pacis Augustae, 1902, S. 80. 

3) Siehe Tfl. V Fig. 32 (Relief der Uffizien) und Tfl. IV Fig. 6 (Vatikanisches 
Relief). Petersen will gel. die Rolle für die r. Hand ergänzen, S. 76. 

4) Petersen S. 91 f. 

5) Monumenti delf Inst. IX Tfl. 47; vgl. z. B. auch Ch. HÜLSEN, Das Forum 
Romanum, 1904, S. 85. 

6) Wennschon CiCHORIUS, „Die Reliefs der Trajanssäule*' dies durchweg verkannt 
hat und statt dessen von einem kurzen Stab oder doch zweifelnd von „Stab oder 
Rolle" redet. GORI sah einst das Richtige und hat die Rolle in seinen Zeichnungen 
an manchen Steilen kenntlich gemacht. Schon die Analogie der anderen hier ver- 
glichenen Monumente empfiehlt dies. Zum Beweis ist auszugehen von Bild 100 
nach Cichorius* Zählung: Trajan empfängt Gesandte; die Rolle ist hier durch die 
Linie sichergestellt, die am zylindrischen Körper entlang das Blattende der zusammen- 
gerollten Masse andeutet. Hiernach ist die Rolle auch Bild 99 (Trajan libierend) und 
77 (Ansprache) nicht zu verkennen; ebenso 81 (Begrüßung), 84 (auf dem Marsch 



A. Die geschl. Rolle in der Linken, Motiv 1 : Der Monarch mit dem Buch. 73 

gleich; natürlich erscheint es als Ib, wenn der Kaiser im Profil nach links 
oder auch wenn er en face, als la, wenn er nach rechts gewendet steht; 
so zeigt er sich hier in der allocutio sowohl wie bei der Opferhandlung; 
aber auch auf dem Marsche oder bei Begrüßungen. 

Ganz ebenso die Marcussäule; M. Aurel hält hier die Rolle, um nur 
einen flüchtigen Blick auf sie zu werfen, beim Opfer z. B. Tfl. 30 und 75; 
bei der Rede, indem sich die R. zum Rednergestus erhebt, Tfl. 41; beim 
Empfang feindlicher Abgesandter Tfl. 51; auf dem Marsche Tfl. 35; ebenso 
TfL 38, wo der Marsch beendet ist. An der Rolle wird der Kaiser erkannt 
Tfl. 42 sowie 62 (hier sitzend). Vom Motiv I wird abgegangen Tfl. 9, wo 
er die Rolle mit beiden Händen hält, um den Truppen daraus vorzutragen; 
hier ist sie geöffnet« 

Dasselbe Motiv (und zwar la) wiederholt in desselben Marc Aurels Hand auf 
den Reliefs der Attica des Constantinsbogens (s. Abb. 42); dasselbe auch in der 
Hand des beim Congiarium thronenden Constantinus selbst (ebendort); dasselbe auf 
dem Obelisken des Theodosius in Konstantinopel: der Kaiser thronend, die L. mit 
der Rolle im Schoß. *) Dasselbe auf dem merkwürdigen Fragment eines historischen 
Reliefs, das sich im Vatikan ohne Nummer im Hof der Grande Pigna findet (vgl. 
Amelunq, Vatikan I S. 839 und Tfl. 95): eng gruppierte, schreitende, männliche 
Figuren, drei, die sich nach links, drei, die sich nach rechts bewegen. Eine Figur, 
die nach links schreitet, zeigt Motiv Ib, eine, die nach rechts gewandt ist, Motiv la. 
In welcher von ihnen der Kaiser zu erblicken ist, bleibt unklar. Zeit : das 3. Jahrh. 

Verdacht dagegen erweckt die Rolle auf dem Relief des Louvre, Katal. Nr. 1089, 
Reinach, R6pert. I 45, 1: Opfer mit Tempelfront und Flamen; denn sie erscheint in 
der r. Hand. In der Tat bestätigt mir MiCHON, daß Hand mit Rolle modern. 

Bedenklich auch das große Kaiserrelief im Konservatorenpalast zu Rom, im 
Hof an der r. Wand, ohne Nummer, mutmaßlich Hadrian auf dem Suggest (Helbiq 
Nr. 565); die 1. Hand ist Ergänzung und Rotlenform und Haltung der Finger sind 
unmöglich; s. oben Abb. 38. Daß die I. Hand in Wirklichkeit eine Rolle hielt, 
scheint die Situation zu erfordern und wird zugleich aus einer Bruchstelle erschlossen. 
Auffällig bleibt jedoch, daß der 1. Arm erhoben und in Schulterhohe gegen das zu- 
hörende Volk vorgestreckt ist, eine Haltung, die sich für das Buch schwerlich eignete. 

Vor allem aber ist hier noch die Kirchenttlr des hl. Ambrosius zu 
Mailand geltend zu machen, die die Geschichte von David und Saul dar- 
stellt; auch hier wird Saul als König eben durch die Rolle, Motiv Ib, 



in Reisetracht), 86 (Opfer), 87 (auf dem Marsch). Wo der Herrscher den Harnisch 
trägt, handelt es sich dagegen o{t um den Schwertgriff, der als solcher zu erkennen 
ist auf 130 und 137, ebenso 14 und 66; danach wohl auch 20, 22 und 44. Zweifel- 
haft und seltsam ist der Gegenstand auf 33; unkenntlich geworden auf 39. Eine 
etwas eckig gepreßte Rolle erkenne ich auf 40. Sicher ist sie wiederum auf 10 
(allocutio). 

Aber auch andere Personen zeigen die Rolle, Motiv 1, gelegentlich: so Bild 81 
der erste der Begrüßenden; ebenso 85 zwei der Begrüßenden, die im Vordergrunde 
stehen; 75 ein Begleiter des Kaisers, der das Buch horizontal hält. Ob auch der 
Knabe auf 80, der als Hauptperson beim Abschied am Ufer steht? Endlich mag 
man auf 120 (erregte Versammlung der Dakerfürsten) in der Hand der äußersten 
Figur rechts wieder einen Schwertgriff ansetzen; nur ist zu bemerken, daß keine 
der anderen Personen dieses Bildes ein Schwert trägt 

1) Siehe Schreiber, Bilderatlas 1 29, 6. 



74 I* ^'^^ geschlossene Rolle. 

wiederholt kenntlich gemacht und von David, der noch nicht König ist, 
unterschieden.^) 

Den Schluß bilden für uns endlich die Privatmonumente mit ihrem 
Bildschmuck. Ich gebe von ihnen eine Auswahl, wie sie sich ziemlich zu- 
fällig geboten hat. In Wirklichkeit ließe sich das Material verzehnfachen. 
Schon früher Aufgeführtes (vgl. S. 64 ff.) wird hier übergangen. Dieser erste 
Oberblick, nur im Hinblick auf das Motiv I unternommen, lehrt uns zum 
erstenmal, was die späteren Betrachtungen immer wieder bestätigen werden, 
wie allgemein verbreitet und in aller Händen die Papyrusrolle als Lesebuch 
im 2. bis 4. Jahrh. war. 

Ehrendekret mit Grabstein des Aurelius Alexander, aus Kreta: London, Brit 
Mus. Nr. 2243 Smith: bärtiger Mann, en face, Rolle links; 2.-3. Jahrh. 

Konia, Kleinasien, im dortigen Museum: SarkophagbruchstQck : Jüngling 
stehend, Motiv Ib (s. Bull, de corr. hellen. Bd. 27, 1903, S. 237). 

Konstantinopel, ottoman. Museum: Sarkophag aus Selefkieh; s. J. Strzyqowski, 
Orient und Rom, 1901, Fig. 15 und 21: auf der Rückseite die letzte Standfigur links, 
ein Jüngling im Pallium, hält die Rolle, Motiv Ib, auf der Schmalseite bärtiger 
Mann, ebenfalls Motiv Ib. 

Athen, Museum: Sarkophag aus Sparta Nr. 1189: Mann und Frau, beide Motiv Ib 
(nach VON Duhn der Verstorbene mit Muse; anders Robert, Sarkophag -Reliefs 11 
S. 146). 

Vatikan, Galeria lapidaria: Grabstein des M« Aurelius Secundinus, am Eingang 
zur Bibliothek: der Verstorbene steht in einer Nische, Motiv Ib (Amblunq, Vatikan 
I S. 259 Nr. 128c: gegen Ende des 2. Jahrh. n. Chr.); vgl. Abb. 20. 

Ebenda: Aschenaltar des Caesonius Apollonius: W. Altmann, Die rOm. Grab- 
altäre Nr. 158; Amblung, Vatik. 1 S. 194 f. 

Ebenda: Sarkophag Nr. 162, Motiv Ib. 

Ebenda, Hof della Pigna: Relieffragment: Knabe, Motiv la (Ameluno Nr. 200 
Tfl. 112). 

Ebenda: Sarkophagfragment: weibliches Brustbild, Motiv Ib (Ameluno S. 869 
Nr. 177 a). 

Ebenda, Mus. Chiaram. Nr. 271: Sarkophagfragment: stehender Mann, 
Motiv la. Spät. 

Ebenda Nr. 288: Sarkophagfragment: Brustbild eines Knaben, Motiv Ib. 

Ebenda Nr. 379: Sarkophagfragment: stehender Mann, stark Hochrelief, Motiv l. 

Ebenda, Mus. Pio- Clement., Halle Nr. 58: Sarkophag: der Gestorbene zeigt 
Motiv la. *) 

Ebenda, Beivedere, Brunnenhof: Sarkophag ohne Nummer: I.Seitenfläche Ab- 
schied von Mann und Frau, der Mann zeigt Motiv la; Ameluno, Vatik. II Nr. 102 n. 

Capitolin. Museum, Hof: Jagdsarkophag, beim Marforio, ohne Nummer: am 
Rand rechts stehender Mann, Motiv Ib; vgl. Abb. 21. 

Lateran, Mus. profano Nr. 16: großes Relief mit Darstellung eines sitzend 
Lesenden; dazu stehend zwei Frauen, drei Männer. Zwei Männer (die sich ent- 
sprechenden Eckfiguren) halten die Rolle, beide Motiv Ib. Die Rollen sind hier 
dünn, aber von auffallender Höhe. 3. Jahrh. Die Rede kommt auf dies Monument 
zurück: Abb. 87. 



1) Vgl. Ad. Goldschmidt, Die Kirchentür des hl. Ambrosius in Mailand (1902) 
Tfl. 111 und IV. 

2) Ebenda, über dem Nereidensarkophag (Helbiq Nr. 152) eingemauertes Sarko- 
phagrelief Nr. 60: männliche Figur zeigt Motiv la, scheint aber Ergänzung; dies be- 
stätigt Ameluno. 



A. Die geschl. Rolle in der Linken, Motiv 1: Privatmonumente. 75 

Ebenda Nr. 257: Grabmal des Isispriesters L. Valerius Fyrmus; hält Gegen- 
stände in beiden Händen, in der L. die Rolle, Motiv Ib (Bbnndorp- Schöne Tfl.XVlI 
Nr. 2). Die Rolle in Händen des Isisdieners auch sonst. 

Ebenda Nr. 936: Sarkophagrelief: die zweite Figur von links sowie auch die 
fünfte halten die Rolle, Motiv la. 

Thermenmuseum, Hof: Sarkophagrelief mit Dioskuren, ohne Nummer (neben 
Nr. 10): in der Mitte der Gestorbene, zeigte Motiv I; die 1. Hand ist jetzt weg- 
gebrochen. 

Ebenda, durch den Eingang D des Kreuzganges im Nordwesten, erstes Zimmer: 
Sarkophag ohne Nummer (Ä. Deci Spintheris A. Deci Felicionis Deciae Spendusae): 
dextrarum iunctio; der Mann reicht der Frau die R. und hält in der L. die Rolle, 
die oben abgebrochen, Motiv Ib. 

Rom, Villa Panfili (bei WlBSBLER, Theatergebäude Tfl. XIII 1; genauer Matz- 
DUHN 3802): Sarkophagfragment mit Theaterszene : von der letzteren abgetrennt und 
größer gebildet als die anderen Figuren ein Knabe in Tunika, Motiv I, wohl der 
Verstorbene. 

Ebenda, Vigna Guidi (Matz-Duhn 3125): Mann stehend, mit einem „Schrift- 
bündel" in der L., ebenso die Frau. „Sehr rohe Arbeit.'* Das Schriftbündel dürfte 
zweiteilige Rolle sein, worüber später. 

Ebenda, Pal. Camuccini (Matz-Duhn 3105): Mann und Frau sitzen nebenein- 
ander; beide halten die Rolle links, offenbar beide Motiv 1. Zwischen ihnen ein 
Scrinium. 

Neapel, Saal VI del vaso di Gaeta Nr. 6603: Sarkophagreiief , spät: die dritte 
und fünfte Figur (von links) tragen die Rolle, Motiv I. 

Ebenda, Vestibül vor dem Saal des Famesischen Stiers: Sarkophag der Metilia 
Torquata ohne Nummer: die Gestorbene zweimal sitzend dargestellt, beidemal 
Motiv Ib. 

Ebenda, Souterrain, Vorraum des ägyptischen Museums: Grabstein des T. Pac- 
cius Fortunatus ohne Nummer: bärtiger Mann, Motiv la. 

Florenz, Offizien, östl. Gang: Sarkophag Nr. 39: vornehmer Römer, im Profil; 
r. Hand tritt mit Gestus aus dem Relief heraus; 1. Hand, im Reliefgrund, zeigt 
Motiv I (bei DOtschke nicht gefunden). 

Ebenda, Saal der Inschriften: Reliefbruchstücke, eingemauert im Rahmen V: 
Figur mit Rolle, Motiv I (bei DOTSCHKE nicht gefunden). 

Ebenda, im Rahmen II: eine einzelne Hand mit geschlossener Rolle; es ist 
deutlich eine linke (bei DOtschke nicht gefunden). 

Ebenda, Giardino Torrigiani: Sarkophag (DOtschke II 403): Bildnis einer Frau 
in Medaillon, Rolle links. 

Brescia, Museum: Sarkophagfragment (DOtschke IV 378): stehender Mann mit 
Rolle, Motiv unklar, wohl nicht Motiv I. 

Verona, Mus. lapid.: röm. Grabstein (DOtschke IV 402): Mann und Frau mit 
Dienerin; der Mann stehend, Motiv I; auch die Dienerin hält mit beiden Händen 
„einen einer Rolle ähnlichen Gegenstand'*. 

Ebenda: Sarkophagfragment (DOtschke IV 458): Mann, r. Hand erhoben, I.Hand 
Motiv I. 

Modena, Mus. : Sarkophag (DOtschke V 825) : Mann und Frau auf Postamenten 
in Nischen; Mann, stehend, Rolle in der vorgestreckten Linken. 

Pisa, Campo Santo, Südseite: Sarkophag mit den vier Jahreszeiten (DOtschke 
I 15): dextrarum iunctio, aber nicht Ehesarkophag; vgl. RossbaCH a. a. O. S. 13; 
der Verstorberte zeigt Motiv Ib. 

Ebenda, Ecke der Ost- und Nordseite: Musensarkophag (DOTSCHKE I 61): der 
Gestorbene stehend, kleine Rolle, Motiv Ib. 

Ebenda, Westseite: großer runder Sarkophag Nr. XI (DOtschke I 123): unter 
dem Giebel einer Aedicula stehen auf Postamenten zwei Männer beieinander 
(Studiengenossen?). Am Boden je ein Rollenbündel, rechts und links von ihnen. 
Der Altere hält die Rolle, Motiv I; des anderen Hände sind abgebrochen. 



76 '• Di^ geschlossene Rolle. 

London, Landsdowne House 75: Musensarkophag: Die Reihe der Musen unter- 
brechend neben Merkur der Gestorbene, Rolle in der L. Ob er steht oder sitzt, ist 
bei Michaelis nicht angegeben. 

Paris, Louvre: Sarkophag (Arch. Ztg., 1885, Tfl. 14; BAUMEISTER, Denkm. Nr. 1622): 
Unterrichtsszene, stark ergänzt. Der lernende oder rezitierende Knabe erhebt die 
r. Hand, hält Rolle links, Motiv la. 

Avignon, Mus. lapid. Nr. 84: rOm. Grabstein: oben im Halbrund Mann und Frau 
im Brustbild (stark ergänzt); der Mann hält die geschlossene Rolle, Motiv Ib. ^) 

Marseille, Chäteau Bor^ly: heidn. Sarkophag Nr. 161, geriefelt: im Mittelbild ein 
Ehepaar nebst einer dritten bärtigen Figur im Hintergrund. Der Gatte sitzt, die Frau 
steht; er zeigt Motiv Ib. Rollenbündel am Fuß. 

Kopenhagen, Glypt. 789: ovaler Sarkophag; der Verstorbene als Halbfigur, 
Motiv I. 

Ebenda, Sarkophag 790, Mittelfeld: Vollfigur, Motiv I. 

Die Darstellung des Buchs in der Kunst illustriert die Wertschätzung 
des Buchs im Leben. Mit der Zunahme seiner Wichtigkeit und Bedeut- 
samkeit im christlichen Glaubens- und Gemeindeleben steigert sich nun 
endlich sein Vorkommen auf den christlichen Monumenten, zu denen 
wir uns jetzt noch wenden müssen. Sarkophage, Mosaiken, Goldgläser und 
andere Gefäße, Elfenbeinplatten geben Belege in Unzahl. Versuchen wir 
zu unterscheiden. 

Zunächst begegnet auch hier der Laie mit dem Motiv I. Auf dem 
Glasgefäß (Abhandl. d. sächs. G.W. Bd. V Tfl. XI 1; Baumeister Nr. 1912; 
Garrucci Tfl. 202, 3) sieht man so einen Schiffsbaumeister, im Gürtel das 
Winkelmaß, Stock in der R., Rolle in der L., Motiv Ib. 

Sodann setzte sich auf den christlichen Sarkophagen die Sitte fort, 
den Verstorbenen resp. die Verstorbene in der Mitte gesondert abzubilden, 
sehr oft im Medaillon oder Muschelclipeus; solche Porträts zeigen nun das 
überkommene Motiv, z. B. auf folgenden Sarkophagreliefs des Lateran: 

Nr. 175 männlich. Nr. 147 Brustbild eines Mannes, Motiv la. Nr. 104 ebenso, 
Motiv la. Nr. 66 ebenso. Nr. 77 stehende Frau, Motiv la; an ihrem Fuß eine offene 
Capsa, in der man Rollen erblickt (nicht so bei FiCKBR.) Die Rede kommt hierauf 
zurück: unten, Abb. 164. Nr. 182 Frauenbüste. Nr. 183 stehende Frau. Nr. 189 stark 
ergänzt, doch ist das Motiv sicher. 

Dazu kommen: 

Domitillakatakomben: Basilika der Petronilla: Brustbild von Frau und Mann, 
letzterer zeigt Motiv Ib. 

Priscillakatakomben, an der Via Salaria, zu Anfang: Sarkophagfragment mit 
Medaillon: männliches Brustbild, Motiv la. 

Ebenda, nächster Raum, in einer Grube: Sarkophag mit Medaillon: Brustbild, 
Motiv Ib. 

Ebenda, in einer der Kapellen (nicht Capeila greca): großer Säulensarkophag: 
mittelste (weibliche?) Gestalt, Motiv Ib; die Hand ist tief herabgesenkt; s. Abb. 15. 
Die Rolle ist zweiteilig und am unteren Ende findet sich in jeder Abteilung der Rolle 
ein Loch gebohrt. 



1) Ich habe das Original gesehen und glaube nicht, daß statt des Buches ein 
„Instrument d'agriculture" zu erkennen ist; s. CLL. XII 2882; Stark in Arch. Ztg., 
1853, S. 370. 



A. Die geschl. Rolle in der Linken» Motiv I: Christus mit der Rolle. 77 

S. Lorenzo f. 1. m.: Sarkophagrelief im Chiostro: Porträt eines jungen Mannes, 
Motiv Ib. Rolle zweiteilig. 

Dazu Ehepaare in ganzer Gestalt, mit Handreichung; dabei hält der Mann die 
Rolle: Qarrucci Tfl. 362 Nr. 1-3. 

Sarkophag aus S. Callisto (DE Rossi, Roma Sotterr. HI Tfl. 41): stehende Figur 
mit Doppelrolle; rechts ein Rollenbündel, links ein Scrinium am Boden (vgl. de 
Rossi a. a. O. S. 446). Vgl. auch ebenda Tfl. 40 u. a. m. 

Dieselben Monumente sind nun aber auch mit Buchrollen, die sich in den 
Händen Christi, der Apostel und anderer Personen der heiligen Geschichte 
befinden, übersät. Obligat bis zu einem gewissen Grade ist die Rolle frei- 
lich nur für Christus, und auch dies nur auf den Reliefs, während auf den 
szenischen Fresken der Katakomben und ebenso auf den szenischen Bildern 
der Mosaiken Christus ihrer zu entbehren pflegt. Angezeigt aber wird hier 
durch das Buchsymbol gleichzeitig sowohl der große Sophist und Inhaber 
des Logos, als auch der Arzt und Krankenheiler (vgl. Imhotep- Äskulap 
oben S. 61), als auch endlich der Herrscher nach dem Vorbild des rollen- 
tragenden römischen Kaisers (vgl. oben S. 68 f. u. 72 f.). 

Zunächst die Bildwerke, wo eine Handlung fehlt und Christus oder 
ein heiliger Mann isoliert oder in untätigen Gruppen steht oder sitzt: 

So erscheint Christus als Mittelfigur zwischen zwei Aposteln bei Le Blant 22, 2 ; 
ebenso als Mittelfigur des Säulensarkophags im Lateran Nr. 155; ebenda Nr. 138 
Christus mit sieben Aposteln; der zweite von diesen zeigt Motiv la, der vierte Ib, 
die andern anderes. Ebenda unterhalb Nr. 170: die zwölf Apostel; neun halten die 
Rolle, fünf zeigen Motiv I. Ebenda Nr. 163: die verstorbene Frau hält eine Rolle, 
Motiv II; sie ist von Petrus und Paulus umgeben; ersterer hält das Buch, Motiv Ib. 

Säulensarkophag in S. Francesco zu Ravenna: Christus und vier Apostel; der 
erste Apostel (von links) zeigt Motiv Ib. 

Sarkophag in der Petefskirche, Capeila della Colonna im 1. Seitenschiff, unter 
dem Altar: Christus und Apostel, einmal Motiv I, einmal offene Rolle in der L. 

Aber viele ähnliche kommen hinzu; vgl. Garrucci 342; 339, 1 u. 5; 325, 1; oft 
auf Tfl. 325-330 usf. usf.; vor allem der Sarkophag des lunius Bassus (Römische 
Quartalschrift, 1896, Tfl. V): im Mittelbild bärtiger Apostel neben Christus, Motiv I. 

Bärtiger, stehender Mann mit Rolle, Motiv 1 (Paulus?); die Figur diente als 
Griff einer Kanne: Qarrucci Tfl. 467, 1. 

Auf dem Elfenbeinbecher in Berlin (Kgl. Museen, Beschreibung: Die Elfenbein- 
bildwerke, 2. Aufl. 1902, Tfl. 1): Christus und die JOnger; die dritte und sechste 
Figur von links halten die Rolle, Motiv I. *) 

FOr Katakombenfresken sei Garrucci Tfl. 100 zitiert, Cimetero dt S. Gennaro 
in Neapel; zweimal erscheint hier Paulus mit der Rolle, Motiv la; ferner WiLPERT 
Tfl. 255: Marcellinus mit der Rolle, Motiv Ib. Auch in der Sakramentskapelle der 
Callistkatakomben findet sich ein isoliert stehender Mann, „Lehrer'S mit Rolle, 
Motiv I*); die Rolle bestätigt, daß die Figur keiner szenischen Darstellung angehört. 

Vor allem nun die szenischen Bilder. Vereinzelt hat da in der Relief- 
komposition der Sarkophage auch Moses, der das Quellenwunder verrichtet, 
oder irgend ein anderer Prophet, vereinzelt auch ein Apostel im Gefolge 
des Heilands das Abzeichen, mit einer gewissen Ständigkeit, wie gesagt, nur 



1) Vgl. Seemann, Kunsthistorische Bilderbogen Nr. 42, 1. 

2) Siehe WiLPERT, Die Malereien der Sakramentskapellen, 1897, Fig. 5. 



78 I* I^i^ geschlossene Rolle. 

Christus selbst, meistens Motiv I, immer das Buch in der L, ob er Blinde heilt. 
Tote erweckt, auf dem Esel reitet, sogar wo er gefangen abgeführt und 
gepeinigt wird. Natürlich kann aber das Buch auch fehlen, besonders in 
gewissen Fällen wie beim Speisewunder, da er beide Hände auf die 
Speisen legt (z. B. Lateran Nr. 166). Seine r. Hand tut Wunder, seine L. 
ist gebunden und untätig; aber jeder, der ihm begegnet, erkennt an ihr, 
daß er der Herr ist 

So erscheint Christus also, um aus dem Vielen einiges auszulesen, auf 
den Sarkophagen des Lateran: 

Nr. 104, unterer Streifen: Motiv Ib. Nr. 178: bald Motiv la, bald Ib. Nr. 122: 
Motiv la. Nr. 115 (bärtig): Motiv Ib. Nr. 148: Motiv la und Ib. Nr. 154: einmal 
Motiv Ib. Nr. 155: wiederholt Motiv Ib. Nr. 152: Christus, resp. ein unbärtiger 
Apostel, zeigen Motiv la und Ib, einmal Motiv VII. Nr. 166: dreimal Motiv I; die 
Rollen sind besonders groß. Nr. 161: dreimal Motiv I, einmal bei gesenkter Hand. 
Nr. 160: zweimal Motiv Ib. Nr. 222: Motiv Ib. 

Weiter teils einmal, teils wiederholt: Nr. 44, 135, 127, 121, 184, 186, 189 
(Christus und andere Figuren), 190, 193, 195, 180. Besonders häuft sich das Motiv 
auf Nr. 179, 175, 173. Der gepeinigte Christus zeigt Motiv I zum Beispiel Nr. 171. 
Sogar da er gen Himmel fährt (freilich nur ein Bergeshaupt ersteigend) behält er 
die Rolle, Motiv la, auf dem Münchner Elfenbeindiptychon bei Garrucci Tfl. 459, 4. 

Von anderer Seite her lassen sich die Beispiele beliebig vermehren: 

Kleines Silbergefäß im Vatik. Mus.: Christus flberreicht Petrus den Schlüssel 
mit der R.; Rolle in der L., Motiv Ib; s. Kraus, Gesch. d. ehr. Kunst I S. 195 
Fig. 164. 

Sarkophag des lunius Bassus: Christus zwischen den Kriegsknechten, Motiv la. 

Sarkophag in Leiden (Römische Quartal seh rift XX Tfl. 2): Christus hält die 
Rolle bald im Motiv la erhoben, bald im Motiv Ib gesenkt, bald im Motiv VII gesenkt. 

Mus. Kircherian.: christliches Sarkophagrelief ohne Nummer, in zwei Streifen: 
bärtiger Christus erscheint zweimal mit Motiv Ib, das dritte Mal mit offener Rolle. 

Ebenda: Sarkophagrelief mit Speisewunder und Bettwunder: Christus zeigt 
erst Motiv la, dann Motiv Ib. 

Syrakus: dreistreifiger Sarkophag (Garrucci Tfl. 365, 1): Christus zeigt zwei- 
mal Motiv la, einmal Motiv Ib. 

Arles: Sarkophag (Garrucci Tfl. 340, 5): dreimal Motiv I. 

Algier: Sarkophag (Garrucci Tfl. 321, 3): wiederholt Motiv I. 

Lyon, Palais des Beaux Arts, Parterre: christl. Sarkophag Nr. 76: Bettwunder; 
Christus mit dem Motiv Ib. 

Recht selten erscheint Moses mit der Rolle; so beim Quell wunder, Lateran 
Nr. 55, unterer Streifen, Motiv Ib. Ebenda zeigt eine andere bärtige Figur, in der 
Nähe der Blindenheilung, Motiv la. Weiter erscheint Moses so ebenda Nr. 135,. 
175, 180, 190. 

Wiederum Moses, Motiv la: Sarkophag in S. Celso zu Mailand, Garrucci 
Tfl. 315, 3. >) 

Woher stammt nun die Rolle in Christi Hand? und warum fehlt sie 

dagegen auf den szenischen Malereien der Katakomben?^) Ich finde auf 



1) Vgl. Kraus, Gesch. der christlichen Kunst I S. 142 Fig. 83. Ober Moses 
mit der Rolle auch Erich Frantz, Gesch. der christl. Malerei I S. 45. Derselbe 
bringt auf S. 75, 82, 129, 147 noch weitere Beispiele von Buchdarstellungen aus 
diesem Gebiete der Kunst. 

2) Daß hier die Rolle regelmäßig fehlt, hob schon F. X. Kraus (Realencyklo- 



A. Die geschl. Rolle in der Unken, Motiv I: Christus mit der Rolle. 79 

beide Fragen nur eine Antwort: vorbildlich bestimmend muß da ganz 
speziell die Reliefkunst der Trajans- und Marcussaule eingewirkt haben, die 
ja auch in kontinuierender Erzählung den Kaiser mit der Rolle immer 
wieder bringt. Die Taten des Marcus und die Taten Christi entsprechen 
sich hier und dort. Daher also die Beschränkung auf die Relief kunst! 
Daß man aber wirklich unter dem buchtragenden Christus den Herrn der 
Welt verstanden wissen wollte und daß er damit den weltlichen Macht- 
habem gleichgesetzt wurde, das wird uns, wie ich meine, durch die Minia- 
turen des Codex Rossanensis, die dem 6. Jahrh. angehören, noch auf das 
schönste verdeutlicht. Denn in diesen erzählenden Bildern entbehrt Christus, 
entsprechend dem Verfahren der Fresken und Mosaiken, sonst der Rolle 
durchgängig. Nur beim Einzug in Jerusalem, fol. 1^, auf dem Esel reitend, 
hält er sie trotzdem, im Motiv I - ganz ebenso übrigens auch auf dem 
Mosaik im Dom zu Monreale, das denselben Einzug darstellt.^) Das ist 
nicht Inkonsequenz und nicht sinnloser Zufall. Denn das Volk empfängt 
da Jesum huldigend; Teppiche werden vor ihm gebreitet. Es ist der 
König, der in seine Hauptstadt einzieht. Daher nur eben hier die Rolle. 
Christus ist in dieser Szene der Nachfolger jenes Saul, der, wie wir S. 73 
gesehen haben, durch das gleiche Abzeichen als König der Juden kennt- 
lich gemacht wurde. 

Wir werden später Gelegenheit finden Ober das „Buch mit sieben 
Siegeln" und über das Buch in der Hand des richtenden Christus, Motiv V, 
zu reden. Schwerlich aber ist die Rolle, die Christus in Zeiten seines 
Erdenwallens trägt, mit ihm identisch. 

Ich hebe noch hervor, daß Maria niemals das Buch hält; d. h. sie 
galt weder als Himmelskönigin noch als Trägerin der Kirchenlehre. 

Endlich sei angemerkt, daß sich auf dem Lateranischen Sarkophag 
Nr. 222 Reste roter Farbe an der 1. Hand Christi und an der Rolle, 
die sie hält, gefunden haben. Doch diente die rote Farbe auf diesen 
Marmorreliefs nur dazu, den Umriß mehr hervorzuheben und das Relief 
zu verdeutlichen (s. Fickbr S. 92), und einen Schluß auf die Färbung der 
Rolle oder ihrer Hülle ist hieraus zu ziehen nicht gestattet.^) 

So weit das Greifmotiv, das wesentlich Repräsentationsmotiv ist. Der 
Geschäftsmann und Argentarius, der Schiffsbauer, der Hochzeiter, der 
Magistrat, der Kaiser, der Religionsstifter und Gottessohn werden damit 



pädie, Artikel „Buch*') hervor. In der Taufszene der Sakramentskapelle ist die Rolle 
nur durch einen Kopisten hineingefälscht worden: s. Wilpert, Malereien der Sakra- 
mentskapelle S. 8. Es sei indes nicht verschwiegen, daß in späten Miniaturen 
Christus wieder die Rolle in der L. hält; s. z. B. H. Brockhaus, Die Kunst in den 
Athosklöstern Tfl. 22 u. 24 (Tetraevangelium zu Iwiron). 

1) Siehe LObke-Sbmrau, Die Kunst des Mittelalters (1905) 8.271. 

2) Ober die farbige Pänula soll weiterhin gehandelt werden. 



80 1* Die geschlossene Rolle. 

dargestellt, zum Zeichen, daß sie den Inhalt des Buches, das sie in der 
Hand halten, persönlich zu vertreten imstande sind. 

Mit dem eigentlichen Literaturleben hat uns das Motiv I dagegen noch 
nicht viel in Berührung gebracht Allerdings gaben Sarkophage uns litera- 
rische Unterhältungen (S. 64f.); auch setzten wir bei den Verstorbenen, die 
auf den Sarkophagen mit dem Buch in der Hand sich haben abbilden 
lassen, Interesse am Literaturleben voraus; denn obschon wir später öfter 
dazu gelangen werden, dies Buch in des Toten Hand vielmehr als Schick- 
salsbuch symbolisch aufzufassen, so kann man dies doch keineswegs für 
alle aufgezahlten Fälle voraussetzen. Eine Grenze wird sich da schwer 
ziehen lassen. Im übrigen begegnete uns Heraklit stehend mit dem Rollen- 
buch (S. 51), und auch die Musen selbst zeigten uns öfters da, wo sie 
Statistinnen sind, das Motiv I. 

B. Die geschlossene Rolle in der Rechten: Motiv I. 

Zu den Regeln, die wir im vorigen Abschnitt aufgestellt, gibt der jetzt 
folgende die Ausnahmen. Unsere Aufgabe wird sein, sie zu erklaren. 

1. Etrusklsches. 

Die Buchschrift der lateinischen wie der griechischen Literatur lief auf 
ihrer Schreibflache von links nach rechts, und dies haben wir bei allen 
bisher besprochenen Monumenten vorausgesetzt. Linksiaufig dagegen war 
die Schrift der Etrusker wie der Osker. Wie die Richtung der Lettern, so 
mußte also bei ihnen auch die Richtung der Lektüre und die Folge der 
Seiten im Buch, wenn wir das Griechisch -Römische vergleichen, just die 
umgekehrte sein. Beim Beginn des Lesens mußte die Rolle in der L. 
liegen, die R. mußte das Abrollen übernehmen; denn was sonst vorne war, 
war hier hinten. Indes ist mir kein etruskisches Monument bekannt, auf 
dem wir eine Lektüre, die von rechts nach links ginge, anzuerkennen ge- 
zwungen wären. Erscheint die Rolle in der R., so liegt jedenfalls in einigen 
Fallen eine andere Erklärung dieses Umstandes näher. Ich erwähne, indem 
ich das, was hernach näher ausgeführt werden soll, schon hier vorweg- 
nehme, die etruskische Aschenkiste in Berlin, „Beschreibung** Nr. 1271. 
Auf einer Seitenfläche steht hier, wie die Abbildung a. a. O. zeigt, eine 
Furie, die die L. auf eine gesenkte Fackel stützt und in der R. horizontal 
eine geschlossene Rolle halt, Motiv Ib. Auf der anderen Seitenfläche be- 
findet sich in Entsprechung eine zweite Furie, die die gesenkte Fackel in 
der R. hält, die Buchrolle horizontal in der L.^), und es waltete hier also 
nur das Gesetz der Symmetrie, worüber unten. 



1) Dies ist nicht aus der „Beschreibung** zu ersehen; ich habe es am Original 
festgestellt. - Ober die etruskischen Furien mit der Rolle s. Dennis, Die Städte u. 



ß. In der Rechten, Motiv I: Etruskisches. Rollen in beiden Händen. gl 

Anders die Szene auf dem etruskischen Sarkophag in Palermo, aus 
Chiusi stammend; vgl. Martha, l'arl ^tnisque S. 359; W. Corssbn, Sprache 
der Etrusker S. 381 TH. Xl(, unsre Abb. 43 nach Photographie. Wäh- 
rend die Haupthandlung hier am r. Ende der Rache abspielt , sieht 
man im Mittelbild als Zuschauer eine mannliche Portratfigur im Profil, 
das Buch in der L, Motiv la, und eine zweite, gleichfalls männliche, in 
Vorderansicht, das Buch in der R., Motiv Ib. Die Rollen zeigen eine ge- 
waltige Seitenhohe. Daß hier die Verteilung auf die r. und I. Hand sym- 
bolisch ist, leidet far mich keinen Zweifel. Vielleicht drOckt sich darin 
Anfang und Ende aus, der Lesung des Buchs wie des Lebens. 



Abb. 43: elfuakischer Sarkophag. 

Endlich aber zeigen Deckelfiguren auf etruskischen Aschenkisten die 
geschlossene Rolle gelegentlich in der R. Vielleicht sind dies Personen, 
die mit dem Lesen erst beginnen wollen (s. S. 85 und 92). Doch liegt es in 
diesem Pall nicht fern, da sie den Gestorbenen bedeuten, vielmehr an den 
Abschluß der LektDre zu denken. Alsdann worden diese Monumente wirk- 
lich als Beleg far das von rechts nach links Lesen zu gelten haben. 

2. Rollen in beiden Hflnden. 

Wenden wir uns hiernach zur griechisch - romischen Kunst zurOck. 
Ein Mensch, der in beiden Händen je ein Buch hält, ist in der ägyptischen 
Kunst reichlich zu belegen (oben S. 17 und 19), far die klassische ist er 
eine Unmöglichkeit, wennschon der bOse Protogenes bei Dio Cass. 59, 26 ja 
freilich in dieser Weise einherging. Wo immer derartiges vorkommen mag, 
muß es den Erganzern zur Last gelegt werden. Ein Pall der Art ist schon 
oben S. 55 notiert. Auch auf dem Berliner Musensarkophag, „Beschreibung" 
Nr, 844, sieht man eine Muse mit der nämlichen monströsen Ergänzung. 
Nicht besser die Togastatue des Louvre (Cal. sommaire des marbres 
Nr. 2299, bei Reikach, Räp. I S. 176,8)'); der Moschion in Neapel (siehe 

Begrabnisptatze d. alten Etrurjens (deutsch) II 5.404).; Ad. Rosbnberg, Die Erinyen 
(1874) S. 77. 

I) „Les deux bras sont modernes" Michon. 
Bin, Die Bnchrolle in dtr Kunst. 6 



82 1- Di^ geschlossene Rolle: B. In der Rechten, Motiv I. 

unten Abb. 46); die Klotho auf dem Sarkophag im Mus. Chiaramonti bei 
Visconti Bd. IV Tfl. 34. 

Ganz anders steht es freilich mit einer der allegorischen Figuren der 
sinnigen Homerapotheose des Archelaos. ^) Hier stehen hinter dem im 
Profil sitzenden Homer aufrecht die Verkörperungen von Raum und Zeit, 
die Ökumene und der Chronos, gleichfalls im Profil. Die erstere kränzt 
den Dichter mit beiden Händen; der geflügelte Chronos dagegen halt die 
zwei Gedichte, und zwar die Odyssee als Rolle in der gesenkten L., die 
Ilias in der erhobenen R. Die Titel dieser Bücher stehen durch die ihnen 
entsprechenden symbolischen Figuren der Ilias und Odyssee, die um Homer 
knieen und mit Beischriften versehen sind, fest. Alle Zeiten haben sich 
mit den Epen des großen Dichters beschäftigt und werden es tun, das ist 
der Sinn dieser Schilderung, und zwar mit beiden Epen gleich sehr: daher 
sind also hier beide Hände des Chronos beschäftigt; und die Odyssee ist 
in der L., d. h. sie ist ausgelesen; die Ilias ist in der R., d. h. sie soll ge- 
lesen werden. In der Tat las man im Jugendunterricht die Odyssee vor 
der Ilias. Wie passend aber ist überdies, daß gerade die „Zeit" die 
Rollenbücher hält. Denn die Zeit „rollt'' bekanntlich; man denke nur an 
das volventibus annis, volventia lustra, revoluia saecula der Dichtersprache: 
lupai dXiccÖM€vai Pindar Ol. IV 5. Der Chronos ist es, der sie rollt. 

3. Das Überreichen des Buchs. 

Daß für das Geben und Nehmen die r. Hand dient, ist das Natürliche 
und Gewöhnliche, und schon die Etymologie des Wortes dextera verrät es.^ 
Auch hier gilt das: h \f\\^\c bid beEiäc^. Auf den Phädrasarkophagen gibt die 
Amme den Liebesbrief Phädras dem Hippolyt regelmäßig mit der R., und er 
nimmt ihn mit der R. an (z.B. Robert, Sarkophagreliefs III 2, 1904, Nr. 158). 
Der Brief erscheint dabei meistens als Schreibtafel; vgl. auch das pom- 
pejanische Gemälde Nr. 1246 Helbio. Ganz ebenso wird schon auf Vasen- 
bildern der Brief des Bellerophon in Empfang genommen (Monum. del Ist. 
IV Tfl. 21), nicht anders erhält ihn Pylades auf der apulischen Vase (Arch. 
Ztg., 1849, Tfl. 12) und Polyphem auf dem pompejanischen Gemälde (bei 
Helbio Nr. 1048 u. f.) und wiederum Bellerophon (s. Engelmann, Bilderatlas 
zu Homer Nr. 33). Ganz ebenso ist der Hergang, wo Römer in der Toga 
auftreten, z. B. auf dem späten Sarkophag des Pal. Colonna (Annali Bd. 1 2 
Tfl. L; Matz-Dühn Nr. 3603). 

Durchgängig so auch der Prophet Elias, wenn er zu Wagen gen 
Himmel fährt. Er hat seinen Mantel wie eine Buchrolle zusammengerollt 
und reicht ihn so stets mit der r. Hand nach hinten: diese Darstellung be- 

1) Vgl. Smith, Catalogue III S. 245 f.; oben S. 48. 

2) Zu b^x^cGai; vgl. oben S. 41 und 43 über sinistra, zu sinus. 

3) lamblichus, vita Pythag. 84. 



Rollen in beiden Hflnden. Das Oberreichen des Buchs. g3 

gegnet z. B. Lateran, christl. Museum Nr. 149 (Kraus, Roma sotterr., 1879, 
S. 363), Sarkophag im Louvre (bei Reinach, R6p. I S. 117), Sarkophag in 
Arles, Garrucci Tfl. 399, 1; und das setzt sich bis ins 9. Jahrh. fort: siehe 
J. TiKKANBN, Die Psalterillustrationen im Mittelalter Fig. 19.^) 

So laßt sich beobachten, daß auch Gottes Hand, die auf christlichen 
Monumenten fOr sich allein in der Höhe sichtbar wird und eine Tafel oder 
ein Rollenbuch herabreicht ^, regelmäßig eine r. Hand ist: besonders schön 
zu sehen an der linken unteren Seite des Altarraumes in S. Vitale zu 
Ravenna. 

So ist nun auch sonst aus dem Umstand, daß die Rolle in der R» 
Hegt, das Verständnis der dargestellten Handlung zu erschließen. 

Am deutlichsten ist der späte, doch schone Säulensarkophag in S. Fran- 
cesco in Ravenna. Ein sitzender bartloser Christus nimmt die Mitte ein 
und reicht mit der weit ausgestreckten R. eine geschlossene Rolle hin, die 
er horizontal im Motiv la hält. Links nähert sich Petrus, neigt sich ehr- 
forchtig und hält auf wiegenden Armen ein Tuch gebreitet, mit dem er die 
Gabe in Empfang nehmen will. Denn das Heilige darf keine unheilige 
Hand berühren.*) Vgl. Garrücci Tfl. 347, 2; 348, 2 und 5; 349, 1. 

Klar ist der Hergang auch auf dem spätgriechischen Grabrelief in 

Berlin, erworben aus Museo Grimani in Venedig, „Beschreibung" Nr. 804, 

wo der Tote, heroisiert, auf dem Throne sitzt, im Profil nach links, die R. 

im Redegestus, die L. mit dem Rollenbuch, Motiv Ib, im Schöße. Ein 

AHar steht vor ihm, und seine Angehörigen, Frau und Jüngling, treten 

heran; der letztere aber, im Profil nach rechts, streckt ihm in erhobener R. 

eine Buchrolle entgegen, die im Handteller liegt, Motiv III. Abbildung s. 

„Beschreibung*' S. 307. Der Verstorbene, der schon ein Buch hält, erhält 

hier also ein zweites. 

Was das letztere für ihn bedeute, ist schwer zu erraten. Er selbst ist Arzt; 
darauf führen die ladenschildartigen Flachreliefs im Hintergrunde, die Zangen und 
Messer von auffällig verschiedenartiger Form zeigen. Aus der Literatur ist nun be- 
kannt, daß Dichter, die sterben, ihre selbstverfaßten Bücher der Persephone „bringen" 
{Persephonae Ubellos ferre, Properz II 13, 26; vgl. auch Anthol. Pal. XI 133; über 
Dictys Rhein. Mus. 51 S. 498). So könnte auch der Sohn hier dem Toten etwa ein 
Werk darbringen, durch das er sich tüchtig erwiesen oder das er ihm zu Ehren 
verfaßt hat: ein Enkomion. Denn auch die Toten legen auf Bücher Wert; erschien 
doch der abgeschiedene Drusus dem PÜnius im Traum und ermahnte ihn, das Werk 
über des Drusus germanische Kriege zu schreiben.^) 

Ebenso scheint mir die Gruppe von zwei Personen zu deuten auf 
dem christlichen Sarkophag im Lateran, Treppenhaus Nr. 164, die ich in 



1) Vgl. E. Hennecke, Altchristi. Malerei u. Literatur, 1896, S. 217. 

2) Anders, wenn die Hand leer ist, wie beim Isaaksopfer; s. z. B. Hettner, 
Führer durch d. Mus. in Trier S. 111. 

3) Petrus mit dem Tuch erscheint so auch sonst ; s. darüber das Schlußkapitel. 

4) Plin. epist. 3, 5, 4. Ahnliches erzählt Dio Cass. 78, 10. 

6* 



S4 I- Die geschlossene Rolle: B. In der Rechten, Motiv 1. 

Abb. 44 vorfahre. Die Oberreichende legt zum Zeichen der Trauer ihre U 
an ihre Wange.') 

Weiter gehören aber auch mehrere Musenbildnisse hierher. Verhältnis- 
mäßig alt und ein Erzeugnis hellenistischer Kunst ist die Musenbasis von 
Halikarnaß (C. Watzihoeb, 63. Berliner Winckelmannprogramm, Tfl. II; 
Darbmbero-Saolio Fig. 5209). Am r. Ende des Streifens gewahrt man 
auch hier eine zweifigurige Gruppe. Eine stehende Muse halt mit der R. 
in auffalliger Weise die geschlossene Rolle in die Hohe, indem sie sie 
dabei nur am unteren Ende faßt; sie ist im Begriff sie der Schwester zu 
geben, die sinnend, die R. am Kinn, vor ihr sitzt Nur unter dieser An- 
nahme wird das ganz Ungewöhnliche dieser Darstellung begreiflich. 

Ebenso die r. Schmalseite des Musensarkophags im Louvre (bei PrOhner, 
Sculpt. ant. du Louvre Nr. 378; Reinach, R6p. I S. 93): ein Dichter sitzt mit 
übergeschlagenen Beinen im Profil nach links, die Muse, die vor ihm steht, 
anschauend und lebhaft anredend, wie die Ge- 
bärde seiner r. Hand verrat. Sie selbst begegnet 
seinem Blick, stfltzt sich mit der L. auf ein hohes 
Szepter und halt ihm mit der R. eine geschlossene 
Rolle entgegen, deren erste Seite aber abgerollt 
ist. Es ist die Titel tragende Seite. Ist dies 
Homer, so spricht er hier seinen Musenanruf: 
^f)VlV ä£ib€ öcä oder ävbpa poi ^vvetie Moöca, 
und die Angerufene gibt ihm darauf als Antwort 
das Buch, das seine Bitte erfallt.O 

' Neben dies Relief tritt die Terrakotte aus 

Abb. 44. Myrina im Louvre (abgebildet Gazette archöol., 

1887, S. 135): auch dies eine stehende Muse, die 

geschlossene Rolle wiederum in der R. Aber die Rolle wird von ihr nicht 

eigentlich gehalten, sondern sie liegt ihr lose auf der Hand. Musen haben 

das Buch nur, um es wegzugeben. Sie will es einem Dichter reichen. 

Alter und ehrwllrdiger noch ein etruskisches Monument großen Stils, 
von dem ich nicht zweifle, daß es hier anzureihen ist. Es bietet freilich 
eine besondere Schwierigkeit. Ich meine die Parze auf dem Deckel des 
etruskischen Sarkophags, die ich schon oben S. 69 erwähnt habe: Florenz, 
arch. Museum, Saal von Clusium, Stil des 5. Jahrh. v. Chr. Das Werk war 



1) Nach OarrucCI Ttt. 350, 2 handelt es sich hier um ein Brot, nicht Buch; 
nach PtCKER S. 110 um einen Stab, an dessen Ende ein Brot war(I). 

2) Michaelis in Jahns Bilderchroniken S. 59 bestritt mit Unrecht, daQ hier eine 
Oberreichung statttinde. Wie kommt sonst die Rolle in die r. Hand? Zur Sache 
ist jetzt das Mosaik von Hadrumetum (in Tunis) zu vergleichen, wo Vergil den 
Musenanruf Musa mihi causas memora schriftlich in der Hand halt und Kilo gleich- 
zeitig zur Antwort ihm aus einer Rolle etwas vorliest S. unten. 



Das Oberreichen des Buchs. Sttzbilder. 85 

in viele Teile zerbrochen; undeutlich abgebildet bei Milahi, Museo lopo- 
gralico dell' Etniria (1898) S. 64; 

Der Tote, als Lebender dargeslellt, ruht auf dem lectus; sein Kopf isl lose und 
zum Herausheben ein^richtet Zu seinen FQßen sitzt die Schicksalsfrau, g;eflfl^elt, 
mit jugendlichen Zügen, wie es das Obliche war, die R. in die Hafte gestemmt, in 
der Linken die groQe Rolle. Diese ist zusammengerollt und nur das, Ende ab- 
gerollt. Die RQckenseite des Abgerollten liegt aber nach oben, und das Buch mOSte, 
wenn die Parze selbst als die Leserin zu denken wdre, ein Optsthograph sein. 
Aber der Verstorbene streckt ihr seine rechte Hand entgegen. Er ist der Empfänger; 
ihm will sie das Buch aushändigen. AnstOQig und durchaus ohne Analogie ist hier 
nun erstlich, daß sie beim Oberreichen das Buch in der L. hSlt; zweitens, daS es 
verkehrt herum in ihrer Hand liegt. Denn man tibergibt ein Buch so, wie es in 
Empfang genommen werden soll. Nimmt es der Mann aus der Parze Hand so, wie 
sie es darbietet, entgegen, so bekommt er den Rtlcken des Buchs statt der Schrift- 
seite zu lesen. Dies zu rechtfertigen, wird man sich vergebens abmühen. Das 
Weri( ist aber, wie gesagt, aus vielen Teilen zus am menge stockt und man muQ mit 
der Möglichkeit rechnen, dal] hier ein Versehen begangen oder gar gewaltsamere 
Änderungen vorgenommen worden sind. 

Wie in der klassischen Zeit die Rolle, so wird im Mittelalter der Codex 
überreicht; aber er ist zu schwer, und beide Hände mossen ihn heben, 
wahrend der Emplanger die R. entgegenstreckt; so gibt i. B. Rabanus 
JHaunis dem Papst sein Buch auf einer Miniatur des 9. Jahrh., BibL de 
r^cole des chartes Bd. 65 (1904) S. 358, Beiblatt. 



4. Sttzbilder. 

Erscheint die geschlossene Rolle in der R., so ist, wie uns schon 
einige der vorgeführten Beispiele zeigen, das Motiv in Absicht und Wirkung 
sofort verwandelt und ein wesent- 
lich anderes geworden, wennschon 
die Art des Griffs dieselbe bleibt 
For viele weitere Fälle gilt: wer 
sie so halt, ist, zumal wenn er 
einsam, ein Lesenwollender. Wir 
nennen ihn den lectums. Er hat 
die L. noch nicht in Tätigkeit ge- 
setzt; er sammelt sich also inner- 
lich fflr die bevorstehende Gedan- 
kenarbeit und fOr den Beginn des 
Abrollens; das Buch und sein In- 
halt soll jetzt gleich erschlossen 
werden. Daher eignet das so ver- 
wandelte Motiv besonders den Phi- 
losophen und den einsam Sitzen- 
den. Denn wer lesen will, sitzt 
gern; wer gelesen hat, kann stehen. Abb.-u^ kleine Bronie in Neapel. 



86 '• ^i® geschlossene Rolle: B. In der Rechten, Motiv I. 

Voran steht die grandiose Vision der Johannesapokalypse cap. 5: Kai 
dboy i-nx ttjv beEiäv toO KoOim^vou dui toö Opövou ßißXiov T^TPCtMinevov 
&uiO€v Ktti ÖTTicGcv, KaT€cq)paTic|üi^vov cqpaTiciv inrä. Der Herr also, den 
der Seher schaut, hat das Buch auf seiner R., d. h. es liegt in der Hand- 
fläche der R., die er vor sich streckt; aber er sitzt auf dem Thron. Wir 
erhalten hier das Sitzbild des Allwissenden; und dies Buch ist noch ver- 
siegelt Das dient wesentlich zum Verständnis: das Buch ist noch nicht 
entfaltet Eben darum ruht es noch in der r. Hand. Das Buch war 
beschrieben, und zwar sowohl inwendig (&ui6€v), als auch auf der 
Rückseite (ÖTricOev).*) Ersteres verstand sich von selbst; letzteres kon- 
statiert der Seher nach dem Augenschein. Das Buch faßte seinen In- 
halt kaum. 

Diese Stelle ist - mit Ausnahme des Umstandes, daß Gott als Richter 
die Hand mit dem Buch vorstreckt — wie der Text zu den Bildern, die ich 
hiemach vorzubringen habe.^) 

Diese Bjlder sind nicht zahlreich; aber sie stimmen in allem Wesentr 
liehen unter sich Oberein. 

Neapel, Saal II der Bronzen, Miniaturbronze Nr. 5491 hinter Glas; der 



1) Ober ötTicOcv redet IH. Zahn, Einleitung in das Neue Testament II S. 596 
ganz unzutreffend. Der Ausdruck öiricOÖTpaqpov war geläufig, und kein Leser konnte 
daher hier das ömcOev von fv(pa^^ivoy trennen. 6tnc6ev heißt „auf der Rückseite 
des Geschriebenen*' und bildet zu ^cwOev den richtigen Gegensatz. 

2) Wundersam berührt, daß Zahn a. a. O. dies ßißX{ov der Apokalypse als einen 
Codex auffaßt. Sowohl die jüdischen wie die christlichen Vorstellungen vom „Buch'* 
setzen im 1. Jahrh. n.Chr. regelmäßig die Rolle voraus; und so wird denn auch in 
den bildlichen Darstellungen der altchristlichen Kunst das besprochene Buch des 
Wettenrichters unbedenklich als solche Rolle, an der vorne sieben Siegel hangen, 
dargestellt (s. unten). Daß das Siegeln von Papyrusrollen eine verbreitete Gewohn- 
heit war, wird späterhin im Teil IV Kap. 14 zur Sprache kommen. Zahn wundert 
sich, daß das Buch „auf der Hand" (^trl rffv öeEidv) liegt, und fürchtet, daß es her- 
unterfallen müsse. Aber wir können uns beruhigen; eine geschlossene Rolle liegt in 
der vorgestreckten Handfläche vollständig sicher. Vgl. die S. 84 erwähnte Terrakotte 
von Myrina oder auch das Motiv III, das zur Oberreichung dient, z. B. auf dem 
S. 83 erwähnten Berliner Relief. Aber auch der Ausdruck dvolHai tö ßtßXCov Äpokal. 
5, 3 oder ausführlicher 5, 2 ävolHai tö ßißXCov xal XOcai räc ccppa-fibac aCrroO ist von 
Zahn nicht verstanden; dies bedeutet nicht das Entrollen der Rolle, das ja in 
der ganzen Apokalypse auch gar nicht vorgenommen wird, sondern dvoirciv ist 
das technische Wort für das Siegellosen (vgl. Xenoph. Polit. Laked. 6, 4 und sonst), 
speziell für das Lösen des Siegels an Testamenten (Plutarch Cäsar 68), für welche 
Testamente, wie bekannt, die Buchrollenform häufig verwendet wurde; so dann auch 
beim Offnen des Verschlusses von verpichten Tonfässem u. ä. Entsprechend schreibt 
Aeneas Tacticus 31, 6 XO€tv rd ßißXia, d. h. „die Briefe entsiegeln**. Genug, dvoiyciv 
ist das Aufmachen irgendwelchen Verschlusses, und dvoiEai tö ßißX{ov heißt nur 
„den Verschluß der Siegel brechen**, wie dvoiteiv tö buijua „den Verschluß des Tür- 
riegels beseitigen**, und dementsprechend ist 5, 2 der Sinn: „wer bricht das Buch 
auf, indem er die Siegel löst?** Das Entfalten dieses Buchs, dessen Verschluß er- 
brochen werden soll, ist ein weiterer Akt, an den hier noch gar nicht gedacht wird. 
Was soll das also für einen Codex beweisen? . 



Sitibftder. 87 

Sitzende ist bartig, die R. mit der Rolle liegt im Schofli die L. sIQtzt das Haupt 'ti 
s. Abb. 45. 

Sitiender Pliilosoph, Bronzestatuette der Samitilung Janz6, abgebildet Monum. 
del Ist III Ttt. 32; Babblon-Blanchbt, Bronzes Nr. 853; sogenannter Sophokles. 
Die Finger der r. Hand umschlieflen die Rolle; nur der Zeigefinger lOsI siel) und 
spielt frei. Die L. nähert sich dem Buch, als wollte sie das Abrollen beginnen.*) 

British Museum, Greek sculpt. catal. Nr. 2191, Homerapotheose: Homer 
thront im Profil nach rechts, in der L. ein hohes Skeptron, in der R. die Rolle, auf 
dem r. Oberschenkel autgelegt. 

Neapel, Galerie der Balbi Nr. 6238 (Visconti Iconogr. gr. I S. 92 Tfl. VII Nr. )): 



Abb, 46: IHboj-I"' und sog. Simonidca. 

marmorne sitzende Statuette des MOCXIQN aus famesischem Besitz. Der bartige 
Kopt ist angesetzt und wohl unecht; Brust und Arme entblODt. Die r. Hand liegt 
auf dem Scholl auf und hall die geschlossene Rolle. Sie ist echt, der I. Unterarm 
dagegen Ergänzung (die L. ist erhoben und halt gleichfalls eine kleine, aber 
offene Rolle). 

t) Vgl. hierzu die zwei kleinen Bronzen im Mus. Kircherianum, Bronzensaal 
Abt. VI (HBIBiQ Nr. 1499): sitzende Manner mit runden Capsae ohne Deckel, in 
denen je 7 BQcherrollen sichtbar sind. Der eine, ein Aller, stQtzt das Kinn mit der 
R., die L. ist verloren; der andere, jung, hat die R. leer im SchoQ, seine L. halt 
etwas wie eine kleine Rolle. Die Capsae haben die üblichen Bander (s. unten). 

2) Vgl. übrigens O. Jahn, Bilderchroniken S. 57 Note. 



88 I. Die geschlossene Rolle: B. in der Rechten, Motiv I. 

Ebenda Nr. 6237: sitzende Statuette eines bärtigen Mannes aus Pompeji (sog. 
Simonides). Brust und Arme entblößt. Die r. Hand mit Rolle wie beim vorigen; 
nur ist das erste Blatt abgerollt. Die 1. Hand, die gleichfalls eine geschlossene Rolle 
hält, ist unecht. 

Beide Statuetten gibt die Abb. 46. Trotz ihrer verschiedenen Provenienz 
müssen beide doch nach gemeinsamem Schema ergänzt worden sein, resp. die pom- 
pejanische auf die farnesische Einfluß geübt haben. 

Hieran reiht sich der Dichter, der vor der musizierenden Muse sitzt, auf dem 
merkwürdigen Elfenbeindiptychon von Monza (W. MEYER, Abhandl. Münchn. Akad. 
XV, 1881, Nr. 51): gewiß ist die Rolle noch leer, die hier der Dichter hält; er wird 
das Lied der Göttin hernach darin eintragen. 

Rom, Villa Panfili (Matz-Duhn Nr. 1318): sitzender Mann in gegürteter Tunika 
mit langen Ärmeln, Mäntelchen und Kniehosen (?). In der R., die am Knie aufliegt, 
hält er die Rolle. Kopf unecht, ebenso wohl auch die Basis mit Felsblock und 
Füßen. Daß dies das Sitzbild eines Barbaren war, wie v. DUHN annimmt, wird durch 
das Buch wenig empfohlen. 

Von Reliefs gehört noch hierher: 

Sarkophagfragmente des Pal. Corsini (Matz-Duhn 3118), r. Hälfte: sitzender 
Alter, zweimal mit diesem Motiv. 

Obelisk des Theodosius in Konstantinopel : auf einer Seite des Sockels sitzende 
Mittelfigur auf der Rednerbühne wiederholt das Motiv der kleinen Neapler Bronze 
Nr. 5491, Abb. 45, genau. 

Sodann das Wandgemälde der Domitillakatakomben (V* SCHULTZB, Die Kata- 
komben S. 110 Fig. 30; WiLPERT Tfl. 197, 1): Daniel zwischen zwei Löwen; rechts 
und links daneben ein sitzender Prophet mit runder Capsa. Der links Sitzende hält 
eine Rolle in der R. 

Auch der Konsul auf dem kurulischen Sessel erscheint endlich so: Diptychon 
des Asturius, W. Meyer a. a. O. Nr. 3, 

Bei anderen Sitzbildem beruht die im Schoß liegende Rolle in der R» 
nur auf Ergänzung. Doch kann diese Ergänzung das. Richtige treffen. Ich 

erwähne: 

Florenz, Uffizien, Saal der Inschriften Nr. 289 (DOtschke III 344): Statuette eines 
Römers; der feine Jüiiglingskopf unecht; die 1. Hand liegt gesenkt am Sitzkissen 
und Stuhlrand, die R. lag jedenfalls im Schoß; doch ist die r. Hand mit der Rolle 
ergänz!. 

Rom, Villa Borghese, sog. Periander (Helbiq, Führer' Nr. 984; Rbinach, R6p. 
I 514, 4): ebenso. 

Siena: Statuette eines sitzenden bärtigen Mannes mit Sokrateskopf (im Besitz 
des Kunsthändlers und Photographen Lombardi^), Abbildung bei, Reinach, R6p. 11 
570, 8): r. Hand an der Wurzel ergänzt, ebenso die Rolle, die falsch in der Hand 
liegt und zu lose gerollt ist. 

Von dem hier durchgeführten Motive weicht eine andere Porträt- 
statue ab: 

Rom, Capitol. Museum, Galerie Nr. 44: Sitzbild eines Römers; er hält in der L. 
eine Schreibtafel (teilweise ergänzt), in der R. anscheinend eine kurze Rolle, jeden- 



1) Diese und die weiterhin zu besprechende Statuette der Sammlung Lombard! 
sah ich dortselbst im Frühling 1901; sie stammen von einer Familie Gori Martini 
in Florenz. Auf eine Wiedergabe der Photographien, die ich von ihnen besitze, 
muß ich hier verzichten. An beiden ist der Kopf angesetzt, doch wohl antik; der 
eine ein Sokrateskopf, der andere, sehr individuell, hat den Ausdruck eines sorgen- 
vollen, ja kummervollen, mückerigen Alten, s. unten S. 90 f.^ 



Sitzbilder. 89 

falls Ist der betreffende Gegenstand an seinem oberen Ende nach Art einer Rolle 
zusammengele^; das unlere Ende im Handteller ist abgebrochen. Das doppelte 
Attribut ist auffallend. AMELUtiO bemerkt mir im Hinblick auf die Rolle: „ich 
mOchtc nicht schwören, daß ihr unteres Ende mit Hand antik sei. Das obere Ende 
wohl sicher modern." Danach bliebe nur die Tafel in der L. flbrig. 

Wo sonst das Motiv abweicht, ist die Rolle falsch hinzugefOgt 
oder doch verdachtig: 

Dies ist z. B. bei dem Sitz- 
bild der Coli. Torlonia (ReinaCH, 
Räp. I 514, 6) der Fall. Ebenso 
bedenklich liegt die Sache aber 
auch bei dem sog. Marcellus 
des Capitolini sehen Museums (HEt^ 
BIO Nr. 509); unsre Abb. 47: die 
Haltung der 1. Hand erinnert an 
die der soeben besprochenen Flo- 
rentiner Statuette. Die r. Hand mit 
der Rolle ist Ergänzung, doch ur- 
teilt Hblbiq a. a. O., sie sei durch 
einen Ansatz gesichert, der sich 
unter der erhaltenen Rolle auf dem 
Schofi erhalten habe. Der „Ansatz" 
ist aber sehr schmal und gering- 
fügig und konnte auch wohl der 
Rest eines anderen Gegenstandes 
sein. Jedenfalls ist die vertikale 
Haltung der restituierten Rolle 
verkehrt. Da nun der Kopf zwar 
antik, aber angesetzt ist, so muQ, 
wer eine Rolle ergänzen will, den 
Kopf fQr nicht zugehörig erklä- 
ren. Diese Ansicht SCH REIBE R's ') 
bestätigt sich in der Tat: „der 
Kopf gehOri nicht zur Figur; er 
sitzt mit Schnitt auf', bemerkt 
mir Am&lUNQ; „die Rolle muS also 
der Moschionstatuette (Abb. 46) 
entsprechend ergänzt werden", 
derselbe. 

Endlich ei^cheinl die Rolle 
in der R. zweifelhaft noch in 
folgenden Fallen: ^^^„. ^^.«„«11™. 

Sitzender „Augustus" aus 
Herculaneum: Neapel, Poriicus II Nr. 6066; der r. Arm angesetzt: „Gips" (Mau). 

Sitzbild eines Romers: Capttolin. Museum, Galerie Nr. 58: in der R. ein buch- 
artiger Gegenstand; der Ergänzer stellte in roher Ausführung einen Codex her. 
Sieht man von dem Ergänzten ab, so bleibt ein Gegenstand, der doch wohl schwer- 
lich Rolle war; gewifi nicht eine offene.') „Unkenntlich" (AMBLUNQ). 



1) SCHREIBER, Bildwerke der Villa Ludovisj S. 55. 

2) Ober eine vollständig zerstörte Relieffigur lesen wir bei Matz-Duhn 3116: 
„auf dem Schöße ein Volumen . . . Rechts ein Mann in Toga mit einer Rolle (?) in 



90 '■ I)'c g:eschlossene Rolle: B. In der Rechten, Motiv I. 

So weit die Illustrationen mm 5. Kapitel der Apokalypse. Der thronende 
Gott dieses Kapitels der Offenbarung unterscheidet sich seinerseits nur da- 
durch von ihnen, daß er das Buch nicht im Schoß halt, sondern in er- 
hobener Rechten vorzustrecken scheint. Aber auch dazu habe ich eine 
Analogie gefunden. Es ist der thronende Pilatus auf der Miniatur des 
Codex Rossanensis fol. 8'. Pilatus soll hier aber Christus das Urteil 
sprechen. Er sitzt aufrecht, die geschlossene Rolle in der Rechten er- 
hoben, Motiv [. 

Natarlich kommt nun aber auch der umgekehrte Fall vor, daß Sitz- 
bilder die geschlossene Rolle in der Linken halten. Auch dies sind 
Studierende oder Philosophen, aber sie haben die Lesung 

)des Buches beendet. So erscheint Homer sitzend auf der 
Münze unsrer Abb. 48; vgl. oben S. 52. Man beachte, daß 
die Rolle hier, wie öfter in alteren Darstellungen, sehr groß 
Abb 48 erscheint. Aber auch der Demetrios auf dem bekannten 

Neapler Vasenbild mit dem Satymchor, etwa aus dem Jahre 
400 v.Chr. (Monum. d. Inst ll( 31), scheint hierher zu gehören')) wahrend 
auf einem anderen Vasenbild Sappho das Buch (falls ein solches zu er- 
kennen ist) in der L. in ahnlicher Weise erhebt, wie wir es soeben auf 
dem spaten Pilatusbilde beobachtet haben. ^ Weiter: 

Rom, Studio Jerichau: Statuette, etwa 30 cm hoch (Matz-Dukn 1175): Sitzbild 
eines ältlichen Mannes ohne Kopf; die Figur legte den Kopt wohl aut die r.Hand; 
die I. Hand halt eine Rolle und liegt am Sessel. Die PIgur trägt Mantel. 

Vatikan, Saal der Musen Nr. 523: sitzende Muse; ein Pinger der I. Hand ge- 
brochen. 

der Hand." In welcher? Obrlgens dürften sich auf Reliefs kaum Darstellungen 
finden, die den oben geschilderten statuarischen Typ wiederhohen. 

1) V^l. auch Baumbister Fig. 422. Das Haar dieses jugendlichen Chorodida- 
sl(alos(?) ist bekränzt; sein KOrper zeigt steh nackt, da sein Mantel nach hinten zurOck- 
gesunken. So sitzt er, die r. Hand auf den Sitz aulstemmend, während einer der 
Satyrn (der einzige in Maske) vor ihm zur Probe lanzt, und hah einen zylinder- 
förmigen, stabarlig dünnen Gegenstand, der mit Faden oder Bandern umwunden ist, 
aut dem I. Schenkel in seiner I. Hand. Was soll dies anders sein als ein zu- 
gebundenes Buch? Der Zeichner hat sich in den Verhaltnissen versehen, und die 
Rolle erscheint zu lang. Außerdem lehnt an seinem Sessel noch ein Ähnlich zu- 
sammengebundener roUenahnltcher Gegenstand. Ist auch dies ein Buch, so würde 
es alle wirklichen Verhaltnisse Qbersch reiten, da es die HOhe des Sessels flbertrifft 
Doch scheint eine andere Deutung ausgeschlossen. 

2) Siehe das zwelfigurige Vasenbild, das 0. Jahn in den Abh. d. sachs. O.W. 
III (1861) Tfl. 1 veröffentlichte. Es zeigt Sappho sitzend; ein Eros eilt auf sie zu. 
Sie sitzt, wie jener Demetrios, im Profil nach rechts, legt, wie er, die r. Hand auf 
den Stuhlrand und hat die L. mit einem Gegenstand erhoben, den Jahn doch wohl 
mit Rechl für eine Buchrolle hielt. Sie halt die Rolle am untern Ende (dies ist 
selten) und gleichsam auf der Hand , was uns an das „aut der Rechten" in der 
Apokalypse erinnern kann. Vielleicht ist die Nachzeichnung bei Jahn nicht ganz 
korrekt; die Rolle hat da die Form einer Zigarre, deutlich gewickelt, unten dünner, 
oben anschwellend, was unmöglich. 



Sitzbilder. Liegfende Figuren. 91 

Siena, Sammlung Lombardi: Sitzbild eines bartlosen Alten (Rbinach, Rupert 
1! 569, 7; vgl. S. 88 Anm. 1): niedriger Stuhl mit Polster ohne Lehne. Die Rolle in 
der L. scheint echt, ihr oberer Teil war abgebrochen und ist ergänzt, ebenso der 
Zeigefinger der R. Das Motiv I ist, soweit die Photographie erkennen Iflflt, nicht 
ganz gewahrt; sie scheint zwischen Zeigefinger und Mittelfinger zu liegen (?). Dies 
macht sie mir verdächtig. ^) 

Konia: Sarkophag: sitzender Mann, Rolle in der L. im Schoß: Bull. corr. hell. 
Bd. 27 (1903) S. 224. 

Bleimedaillon in Paris, Babblon-Blanchbt, Bronzes Nr. 849, oberer Streifen: 
Diocletian und Maximian, beide sitzend, Motiv Ib. 

Obelisk des Theodosius in Konstantinopel: Acciamatio; der Kaiser thronend 
mit dem Buch: SCHRBIBBR, Bilderatlas Tfl. 29, 6. 

Madrider Arat-Miniatur (Rhein. Mus. 48 S. 91): vor einem Globus steht Urania 
und sitzt Arat; beide halten die geschlossene Rolle in der L., Arat aber so, dafi die 
Hand mit der Rolle im Schoß liegt. Er umfaßt sie von oben mit drei Fingern. Bei 
der Muse ist das Motiv 1 durch den späten Miniaturmaler gänzlich entstellt 

Hiermit sei ein neu entdeckter Fresko des 6. Jahrh. verglichen; das Bild ist 
in Sancta Sanctorum in Rom aufgefunden und in den M^langes d'arch. et d*hist. 
Bd. 20 (1900) Tfl. 9, S. 281 beschrieben und reproduziert. Ein alter Mann (Augu- 
stinus?) sitzt vor einem einbeinigen Lesepult, auf dem ein großer Codex auf- 
geschlagen ist. Er liest aber nicht, sondern hält eine geschlossene weiße Rolle in 
seiner L. im Schoß, anscheinend Motiv I, während er nach Art des Redners die 
R. erbebt. 

So lange wirken in der Porträtkunst die alten Motive nach. 
Unecht dagegen ist die Rolle in der L. wiederum z. B. in folgenden 
Fällen : 

Paris, Louvre: Sitzender „Demosthenes" (PRIBDRICHS -Wolters Gipsabgüsse 
Nr. 1315): beide Arme ergänzt. Vgl. oben S. 58. 

Vatikan, Mus. Chiaramonti Nr. 121: 1. Unterarm angesetzt: Amblung Tfl. 40. 

Ebenda, Garten: Sitzbild einer Muse(?): Kopf und Rolle unecht: Arndt- Amblung, 
Einzelaufnahmen Nr. 787 = Reinach, R6p. 11 687, 7. 

Rom: Statuette eines sitzenden Schauspielers: WiESELBR, Theatergebäude XI Nr. 11. 

Ebenso bedenklich: 

Sitzender Philosoph: Coli. Giustiniani pl. 115: Rbinach, R6p. I 514, 1. 

Sitzender Philosoph: ebenda pl. 112: Rbinach, R6p. I 514, 2. 

Sitzender Philosoph: Coli. Torionia t. 2 Nr. 3: RBINACH, R6p. I 514, 5. 



5. Liegende Figuren. 

Daß man auch im Liegen las, kann nicht nur vorausgesetzt werden, 
sondern vom gelehrten Plinius erzählt es uns sein Neffe und Adoptivsohn: 
post cibum . . . aestate si quid otii, iacebat in sole, über legebatur, ad- 
notabat excerpebatque; daher schlief er auch gelegentlich inter ipsa studio 
ein (Plin. epist. Hl 5, 8-10; vgl. auch ibid. V 5, 5). Der etruskische Sar- 
kophag von Corneto vergegenwärtigt uns das: auf dem Sarkophagdeckel 



1) Diese Statuette erinnert bis zu einem gewissen Grade an den sog. Aristo- 
teles des Pal. Spada, dem die Rolle fehlt: insbesondere ist das Gewandmotiv und 
die Haltung des eingewickelten oder vom Gewand zugedeckten 1. Armes die gleiche. 
Die des r. Arms weicht dagegen ab sowie das Arrangement des Unterkörpers, sehr 
zum Nachteil des späteren Werkes. 



92 I- I^ic geschlossene Rolle: B. In der Rechten, Motiv I. 

liegt der Verstorbene und liest in einer weit geöffneten Rolle (Abbildung 
unten Nr. 89). 

Eine geschlossene Rolle in der R. erscheint nun innerhalb der 
griechisch-römischen Kunst in folgendem vereinzelten Falle: 

Rom, Pal. Corsetti: Sarkophagdeckelfragment (Matz-Duhn 3126): ein nach 
griechischer Weise bekleideter bärtiger Mann hält liegend in der R. eine Rolle; 
vor ihm auf Konsolen zwei Masken, im Hintergrund ein Vorhang. Also ein lecturus. 
Ich habe das Werk nicht gesehen. 

Sonst kommt hier nur ein etruskisches Monument in Betracht, für das 
das oben S. 81 Bemerkte gilt: 

Florenz, Pal. Antinori: etruskische Aschenkiste: auf dem Deckel liegender 
Mann, in der R. eine fragmentierte Rolle, in der L. eine Patera (?) : DOtschke II 385. 

Vielmehr erscheint die geschlossene Rolle bei diesen Figuren öfter in 
der L.; s. die Aschenkiste im Pal. Antinori, Florenz (Dotschkb II Nr. 383). 
Dasselbe gilt von dem Sarkophag im Archäol. Museum zu Florenz, Sala di 
Vulci (ohne Nummer): der auf dem Deckel gelagerte Jüngling halt eine 
kleine geschlossene Rolle in der auf dem Kissen liegenden L.; dazu 
fliegende Eroten. Femer noch: 

Pisa, Campo Santo: etruskische Aschenkiste: auf dem Deckel liegende Frau, 
in der R. ein Diptychon, in der L. eine Rolle: DOTSCHKE I 6 (unsre Abb. 60). 
Ebenda bei DOtschke Nr. 126. 127 halten die entsprechenden Deckelfiguren viel- 
mehr nur ein Diptychon in der R., endlich Nr. 130 ein Diptychon in der L., während 
die andere Hand leer zu sein scheint. 

Der Liegende hält hier nun aber die Rolle nicht nach dem Motiv I, 
sondern es gilt hier vielmehr das Motiv III, und ich werde bei seiner Be- 
sprechung auf diese Darstellungen zurückkommen. 

6. Der stehende lecturus. 

Wer aus dem Buche rezitierend vorliest, steht gerne, da beim Stehen 
die Stimme weiter trägt. Wir werden späterhin solchen Gestalten häufig 
begegnen. Aber sie werden fast ausschließlich der Flächenkunst des Reliefs 
und der Malerei verdankt, die in der Lage ist Szenen vorzuführen. In 
solchen Szenen, insbesondere in literarischen Unterhaltungen, kann nun 
wohl auch einmal ein lecturus vorkommen. Dies trifft m. E. für die 
Szene des hübschen Reliefstreifens zu, der sich zu Rom an der Front 
der Elementarschule, Via di Porta S. Sebastiano, eingemauert findet: 
Matz-Duhn 3117. 

Auf der linken Hälfte des Reliefs sondert sich eine Gruppe von drei 
Personen deutlich ab, die ich hier wiedergebe, Abb. 49. Wer die drei Figuren 
betrachtet, erkennt, daß sie die drei Stadien der Lektüre auszudrücken be- 
stimmt sind: die Figur links, en face, hat ihr Buch bereits vorgelesen; sie hält 
dasselbe daher wieder zusammengerollt in der L., so daß nur das letzte Blatt 
mit dem Buchtitel als subscriptio noch offen herabhängt. Die sitzende Figur 



Lieg^ende Figuren. Der stehende lectums. EinHuS der Symmetrie. 93 

rechts halt ihr Buch in der 
L. noch halb aufgelöst im 
Schoß und macht mit der 
R. den Gestus des Vor- 
tragenden; sie ist also - 
und zwar hier sitzend - 
noch in Benutzung des Buchs, 
aus dem sie vortragt, be- 
griffen. Die Miltelfigur zeigt 
endlich ein drittes Stadium; 

sie will erst lesen, hat da- Abb. «: Mati-Ouiin Nt. 3117. 

her das Buch noch in der 

Rechten und befindet sich Dberdies im Laufschritt: sie ist eben erst 
eingetreten, um an der Konkurrenz sich zu beteiligen. 

Aber auch ein christliches Sarkophagrelief gehört hierher, auf das ich 
im Museum in Arles (4. Abteilung) aufmerksam wurde; vgl. Lb Blant, £tude 
sur les sarc antiques d' Arles Tfl. VII. Es zeigt die Üblichen biblischen Wunder.^) 
Als Mittelfigur aber steht eine Orantin, von zwei Männern umgeben, die ihr 
zugewendet und mit Bllchem versehen sind. Daß sie somit auf die Orantin 
Bezug haben, ist sicher. Der zu ihrer Linken hat ihr soeben vorgelesen, 
denn er zeigt das Buchmotiv VÜ der unterbrochenen LektQre (s. unten). 
Sein Kopf fehlt; vielleicht war er ein älterer Mann und bartig, wie der 
andere, der zu ihrer Linken steht; dieser halt die Rolle in der gesenkten 
Rechten, Motiv Ib. Die Rolle des letzteren ist dabei mit Rand versehen. 
Je vereinzelter diese Darstellung, um so sicherer ist ihre Deutung. Die 
Orantin hat hier, wie sonst oft, zwei Tröster oder altere geistliche Berater, 
die mit Büchern versehen sind, neben sich^); der eine von ihnen hat ihr 
einen heiligen Text vorzutragen begonnen; der andere wartet, um ihn ab- 
zulösen. Es ist der lectunts. 

Weitere Beispiele for den stehenden lectums mit der geschlossenen 
Rolle in der R. findet man unter Motiv IV. 



7. ElnfluB der Symmetrie. 

Hnden wir die Rolle sonst in der Rechten, so haben, wie mitunter 
leicht zu erkennen ist, außeriiche Einflüsse gewaltet, und der Bildner hatte 

t) Rechts z. B. das Wasserwunder; die Juden tragen dabei Rundbarette; einer 
trinkt gebtickt aus der Quelle. Weiler Petrus mit Christus und dem Hahn; dabei 
halt Petrus die Rolle, Motiv Ib. Darauf tolgt Christus, der das Wasser in Wein 
venvandelt; er zeigt dabei Motiv 111, und zwar in der Rechten. Darüber unten. 

2) Vgl. z. B. LB Blant, Sarc, de la Oaule Tfl. 18, 1 und 20, 1 und 45, 1 
(wo Motiv II}. 



94 I- ^^^ gfeschlossene Rolle: B. In der Rechten, Motiv I. 

den Sinn des verwendeten Motivs vergessen. So wirkte gelegentlich da^ 
wo zwei Personen zusammengeordnet sind oder auch aus der Entfernung 
auf der Fläche sich entsprechen sollen, ein Gefühl für äufierliche Sym- 
metrie des Aufbaus dahin, daß die eine Figur das Buch rechts, die 
andere es links halt. 

Bin solches Bedürfnis nach Responsion hat in der antiken Kunst ja 
auch sonst in aberhundert Fällen gewaltet; man denke nur daran, wie auf 
den etruskischen Aschenkisten die zwei Furien^), auf den Sarkophagen an 
den Bcken die Masken und Löwen') verteilt werden, vor allem aber an 
die Dioskuren, von denen einer sein Roß zur Linken, der andere zur 
Rechten führt. So sieht man auf einem der campanischen Gemälde Neapels 
(Abt LXXV Nr. 9664) zwei Fächer haltende Frauen als Pendants gemalt; 
die eine hält ihn rechts, die andere links. Die zwei tanzenden Laren auf 
der schonen Ära des Augustus in den Uffizien, westlicher Korridor Nr. 236 
(DOtschkb III 218) halten das Rhyton, die eine in der L., die andere in 
der R. Auf einer bemalten Aschenurne zu Florenz (Dotschkb II 432) er- 
heben die zwei Eckfiguren „symmetrisch'' ihren einen Arm und halten in der 
anderen Hand einen Gegenstand, der einer Fackel gleicht. Und Ähnliches 
mehr. 

In späteren Zeiten, als das Rollenbuch längst außer Gebrauch war, 

tritt das Streben, auch die Bücher symmetrisch im Bilde anzuordnen, öfter 

hervor: 

Im Baptisterium zu Florenz erscheinen oben im Oktogon in der Hohe der 
Emporenbrüstung mosaiziert 48 Heilige und Propheten mit Rollen, ab und zu auch 
mit aufgeklappten Codices: die Rollen bald fahnenartig, bald plakatartig geöffnet 
und mit Sprüchen beschrieben. In der Handhaltung aber wird hier die größte Ab- 
wechslung erstrebt, ein reiches Inventar für Motive des 14. Jahrh. Dabei wirkte 
vielfach der Kontrast bestimmend, so daß in einem Bild die Linke, im Nebenbild 
die Rechte das Buch hält. Am Hallenbogen des Bigallo zu Florenz sieht man ferner 
zehn Reliefs aus dem nämlichen 14. Jahrh., wiederum Heilige mit Buchrollen in 
Medaillons: die vier Heiligen links vom Bogen halten hier die Rolle in der L., die 
vier rechts vom Bogen in der R., die zwei obersten halten sie beide mit beiden 
Händen. Endlich erinnere ich noch an Perugino's Bild La prudenza e la giustizia 
in Perugia: im oberen Teil erscheinen die genannten zwei Tugenden als weibliche 
Gestalten auf Wolken sitzend; unten aber stehn acht Heilige oder Repräsentanten 
der Tugenden, in einer Reihe aufgestellt. Hier sind nun die zweite 'Figur von 
links und die zweite von rechts deutlich Pendants; sie sind die einzigen, die ein 
Buch halten, und der erstere hält es in der r. Hand, der letztere in der 1. Hand. 

Genau ebenso verhält es sich nun mit jenen Rollen haltenden Furien 

auf der etruskischen Aschenkiste zu Berlin, die ich S. 80 beschrieben 

habe; dies ist ein vereinzelter früher Beleg; ebenso dann aber im 

Lateran, altchristl. Mus., Treppenhaus Nr. 40, ein schmales eingemauertes 



1) Vgl. z. B. DOtschke II Nr. 383; 429; 449; 475. 

2) Im Hof der Canceleria magnae curiae archiepiscopalis zu Monreale bei 
Palermo dient solcher Sarkophag als Brunnentrog; aber die Beispiele sind zahllos. 
Die Löwen zerreißen ein Roß; vgl. z. B. Ince Blundel Hall 229 (MICH.) u. a. 



Einfluß der Symmetrie. 95 

Relief in drei Szenen. Hauptszene links: in der Mitte jugendliche Ideal- 
gestalt (Christus); rechts und links von ihr je ein bartiger Jünger mit 
Korb; wieder rechts und links von diesen je ein unbftrtiger Jünger mit 
geschlossener Rolle, Motiv Ib. Der am linken Ende hält sie in der R., der 
am rechten Ende hält sie in der L 

Ebenso scheint es mit den Relief fragmenten zu stehen, im Pal. Mattet 
(bei Matz-Duhn 3406) : die dort unter den Lettern d und e aufgeführten 
Togafiguren, die sich gegenübersitzen, scheinen die Rolle in verschiedenen 
Händen zu halten. 

Ebenso das Goldglas bei Garrucci Tfl. 183 Nr. 2: Paulus und Petrus 
sitzen im Rundbild nebeneinander im Gespräch: als Pendants hält einer die 
Rolle in der L., der andere in der R., Motiv I. 

Zwei stehende Engel als Eckfiguren auf dem Bilde bei Garrucci 
TfL 457, 2 zeigen dieselbe Anordnung; auch sie befolgen dabei das Motiv I. 

Noch auf einem Elfenbeinrelief des 10. Jahrh. kehrt das Rollenmotiv 
wieder, s. Kraus, Gesch. der christl. Kunst I, Fig. 439 (S. 559), und auch hier 
sind es die Eckfiguren, die dieselbe Anordnung zeigen. 

Vielleicht gestattet auch das spätgriechische Relief im Vatikan, Mus. Chiara- 
monti Nr. 547 a (Amelung Tfl. 72) dieselbe Auffassung. Hier wird das Zentralbild 
rechts und links flankiert von einer Muse; links steht Urania und senkt ihre 1. Hand 
auf einen tief aufgestellten Globus; rechts steht Klio und senkt ihre r. Hand in ent- 
sprechender Richtung, welche Hand die Rolle hält, Motiv la oder III. Vielleicht können 
wir aber auch weiter gehen und diese Klio zugleich als eine lectura vel recitatura 
oder auch als Muse, die das Buch Oberreichen will (vgl. oben S. 84), auffassen ; denn 
auch Urania, ihr Pendant, ist im Begriff zu dozieren, indem sie sich mit ihrem 
Qlobus beschäftigt; ihr entspricht Klio, indem sie mit dem Vortrag anheben oder 
das Buch aushändigen will. 

Endlich hat gewiß auch dasselbe Streben eingewirkt, wenn in den Resten des 
Sarkophags im Pal. Corsini (Matz-Duhn 3118) auf der linken Seite die Sitzfigur des 
Alten die Rolle links hält, auf der rechten Seite dieselbe Figur mit der Rolle rechts 
erscheint. 

Ein Beispiel, noch überzeugender als alle diese, betrifft nicht das Motiv I, 
sondern das Motiv II und wird im nächsten AbschniU C zur Sprache kommen. 

Aber auch in den beiden Arzteversammlungen des Wiener Diosku- 
rides^) ist dies ganz äußerliche Verfahren angewendet worden. Auf fol.2b 
daselbst sind Pamphilos und Herakleides Gegenfiguren; Pamphilos zeigt das 
Motiv V (s. unten), d. h. die Rolle steht in der r. Hand auf seinem Schoß, 
die 1. Hand liegt auf ihrem oberen Ende. Bei Herakleides tut dies dagegen 
die R. Ebenso hält auf fol. 3 b Andreas die Rolle mit der R. horizontal, 
Ruphos, sein Gegenüber, hält sie in gleicher Weise mit der L. Schon in 
dieser ganz äußerlichen Responsion verrät sich, daß diese Miniaturen späten 
Ursprungs sind.^ 



1) Jetzt vorliegend in der Prachtausgabe von Karabacek u. a. 

2) Hierüber später. 



96 !■ Die geschlossene Rolle: B. In der Rechten, Motiv I. 

8. Einwirkung Äußerlicher Umstfinde. 

Gelegentlich dienen aber auch noch äußerlichere Umstände dem KOnst- 
ler zu einer gewissen Entschuldigung; die 1. Hand wurde auf dem Piachen- 
bild Qberschnitten oder fiel gar aus dem Rahmen der Darstellung, und das 
Emblem wurde darum auf die R. Qbertragen. Derartiges begegnet vorzflg- 
lieh auf Medaillon-Portrats. 

Lateran, Mus. profane Zlmmer'XII Sarkophag Nr. 788: Medaillon mit Porträt; 
Motiv Ib, aber anscheinend in der r. Hand; die Rolle nach unten zugespitzti der 
Rahmen des Bildes schneide! hart darunter ab. Siehe 
Abbildung 50. 

Lateran, allchristl. Mus., oberer Kreuzgang, Abt. I: 
Sarkophag ohne Nummer: mannliche Figur im Medaillon: 
Rolle r.; der Rand schneidet die L. weg. 

Ebenda, Treppenhaus, Sarkophag Nr. 55: zwei bar- 
tige Manner im Muschelclipeus. Der eine von Ihnen 
hat Rolle r.; die L. ist unentwickelt und durch die Ein- 
rahmung gedrückt. Oder ist dies ein lectunis? Ich 
*'•''■ *"- komme späterhin hierauf /urQok. 

Ebenda Nr. 40: Christus, mit dem Stabe, ver- 
wandelt Wasser In Wein; eine Figur hinter ihm hat Rolle r., Motiv Ib; ihre 1. Hand 
ist verdeckt. ') 

Ebenda Nr. 173: etliche biblische Wunder; Christus hall hier Ctters, zweimal 
auch Moses, die Rolle links; einmal, in der Verleugnung Petri, in der R. Spielte 
hier die Verlegenheil des Künstlers mil? oder ist dies lalsche Ergänzung? Die An- 
gaben PiCKER's S. 116 t. scheinen die letztere Annahme zu bestätigen. 

Ebenda, Relief Nr. 166: Zwei Figuren halten jede eine große Rolle in der L.; 
in der Mitte eine weibliche Figur, nur mil einer r. Hand; in oder auf der Hand 
eine Rolle. Unklar. Ficker's Nr. 166 stimmt nicht zu diesen Notizen. 

9. Problemaüsche Fälle. 

Anhangsweise seien noch einige problematische Fälle zusammengestellt 

Wenig Sorgen macht zunächst die Karyatide im Vatikan, Braccio nuovo Nr. 47, 
die nach früherer Auffassung als Attribut eine Rolle(I) in der R. hielt; das Attribut ist 
weggebrochen; es war vielmehr ein c■zf.^i^la, eine Wollbinde, wie sie im Gottesdienst 
gebraucht wurde; s. außer Ambluno schon Helbio, Führer Nr. 28, neben ROm. Mil- 
teil. IX S. 138. Sehr ahnlich steht es mit der Karyatide in Kopenhagen Nr. 286.*) 

Die Florentiner Bronze, Archaol. Mus. Saal XVI (bronzi greco-romani) im 
Glasschrank ohne Nummer, die einen Knaben im bardocucullus darstellt, sei wenig- 
stens erwähnt; seine L. ist unbeschäftigt; die R. streckt er dagegen weit vor. Doch 
hau sie kein Rollenbuch, sondern einen quadratischen kastenförmigen Gegenstand, 
der aus Blaltlagen zu bestehen scheint und von dem ein Teil mit Franzen herab- 
hangt. Auf der Flache ist Schrift angedeutet. 

Ober einen Togatus in Florenz s. oben S. 57. 

Aber auch von dem Relief in Palermo, das PETERSEN für die Ära Pacis in 
Anspruch nimmt (S. 75; besser abgebildet in Rom, Mitteilungen IX Tfl. 6), kann ab- 
gesehen werden. Petersen gesteht jetzt selbst zu (Rom. Mitteil. XVII S. 133), daß 



1) Ficker spricht nur von „Begleitsap ostein mil Rolle" ohne Angabe der Hand. 

2) Dazu die Karyatide mit einer Rolle in der L., nicht weniger unzuverlässig, 
bei Reinkch, R£p. I 218, 1, Coli. Torlonia. 



Einwirkung luBerlicher Umstände. Problematisches. 97 

hier eine Rolle gar niclit vorhanden isL Andernfalls w&re an eine Überreichung lu 
denken. 

Es folgt das interessante Fragment des großen Rundsarkophsgs im Lateran, Mus. 
prof. Nr. 469 (Benndokf-SchCne S. 151), unsre Abb. 51, eine literarische Unterhaltung 
zvrischen zwei oder drei Personen; man sieht zwei Rollen. Ein bfirtiger Mann im Profil 
nach rechts stützt das Kinn in die R. und hflll 
nach Vorschrift die geschlossene Rolle in der L. 
Sein Vortrag ist zu Ende, und er hOrt zu. Die 
Oegenfiguren sind fragmentiert Man sieht eine 
unverhältnismäßig groSe, im Oestus des Redens 
erhobene r. Hand aus einem OewandstQck her- 
vorstehn; außerdem eine zweite Hand; diese 
Hand halt ein Buctikonvolut in der Weise, daS 
das Seilenende desselben abgerollt ist und lief 
herabhangt ist dies eine r. oder 1. Hand? Die 
Verteilung der Finger ist seltsam. Doch kann 
eine in dieser Weise geöffnete Rolle sieb doch 
nur in der r. Hand belinden. Vielleicht gehörte 
sie lu einer Sitzfigur; jedenfalls aber zu einem 
Vorleser, so daß also hier eine Ausnahme zu 
dem Salz, daß die Rolle in die L. gehört, keines- 
falls vorliegt; denn dieser Satz betrifft nur die 
geschlossenen Rollen. Seltsamerweise stehen 
hier nun zwei r. HSnde nebeneinander. Betrach- 
tet man das Bildwerk mehr von rechts, so tauchl 
noch eine dritte gesenkte Hand im Reliefgrund 
auf, sowie das Bruchstück eines Oewandslflcks 
oder Knies(?). Diese Hand ist ohne Frage eine L. 
Die drei r. Hände erweisen nun eine literarische 
Unterhaltung zu Dreien. — Von besonderem In- 
teresse ist noch der Umstand, daß auf dem 
hangenden Rollenteil vier Linien eingeritzt sind, 
die parallel mit der Lange der Rolle laufen; 
sind diese Einritzungen, wie wohl nicht zu zwei- 
feln, antik, so ist hier ein Buch ohne Kolumnen- 
teilung vom Künstler vorausgesetzt; vgl. Abb. 118. *'''>■ "■ S»rl<. im Uteran. 
Ich komme hierauf zurQck. 

Als wirkliche Ausnahmen worden folgende Falle zu gelten haben, 
wenn sie nicht doch fUr Zweifel Raum ließen: 

Urania auf einem geschnittenen Stein bei S. R&INACH, Pierres gravöes, 1895, 
TU. 22 Nr. 44': eine junge Frau, den Oberkörper enibloßt, steht im Profil nach 
rechts und hält in der r. Hand eine geschlossene Rolle hoch; am Rand Halbmond 
und Stern. Es mtlßle dies eine Buch aberreichende Muse sein (vgl. oben S. 84). 
Musen erscheinen aber gewiß selten so entblößt. Ist die Echtheit des Steines außer 
Zweifel? 

Kindersarkophag in Villa Panfili, M ATZ- DuHN 2566 : MiRelfigur der Sarkophag- 
flache ein en face stehender Knabe, „in der R. eine Rolle; links neben Ihm ein 
Schriftkasten". Hai Matz sich hier etwa in der Angabe versehen? Solch Versehen 
wäre verzeihlich bei dem, der so viele Monumente beschreibt, von Duhh hat das 
Monument nicht revidieren können. 

Relief mh der Einzelfigur eines Römers in Toga, im Louvre, Catal. Nr. 976; 
ReiHACH, R6peri. I S. 111 Nr. 2: der Mann schreite! im Profil nach links, faßt mit 
der L. den Streifen der Toga und streckt die R. vor, die eine Rolle hall. Form 
und Große der Rolle ist In der Abbildung befremdlich; der r. Unterarm Ist aber 
Ergänzung (MiCHON). 

Bin, Die Bnchrolk in der Kunsu 7 



9 8 I. Die geschlossene Rolle: B. In der Rechten, Motiv 1. 

Rom, Cimetero di Lucina: Preskobild eines Mannes auf rötlichem Grund: De 
ROSSI, Roma sotterran., Supplemento ed. Oliv, lozzi, 1898, Tfl. ill: der Mann hält, 
wenn wir der Abbildung trauen, ein kleines Blatt, das steil steht, in der R. Aber 
die obere Randlinie des Blattes setzt deutlich die Linie des Gewandteils am Arm 
fort; das Blatt ist wohl nichts als eine verkannte Gewandfalte. 

Sarkophag im Konservatorenpalast, Nebenraum des Oktogon Nr. 104: männ- 
liche Eckfigur mit Rollenbflndel am 1. Bein. Die Figur hält mit der L. ihr Gewand, 
die R. ist abgebrochen; doch weisen Spuren, da, wo die R. am Grund des Reliefs 
ansitzt, darauf hin, daß sie einen länglichen Gegenstand hielt. Also eine Rolle? 

Statue einer sitzenden Frau mit Kind: Capitolin. Mus. Galerie Nr. 56: das Kind, 
mit Bulla, steht am 1. Bein der Sitzenden und hält die L. an sein eignes Gewand; 
die R. legt es aufs Knie der Mutter und hält darin ein Röllchen. Indes scheint 
das Knie der Frau nebst dem daraufliegenden r. Arm des Kindes Ergänzung. Dies 
wurde mir von Amelung bestätigt* 

Grabstein der Philinna im Athen. Museum; Kabbadia, rXuTrrd Nr. 979: schlecht 
und spät; die Buchrolle in der R. der Frau ist nicht sicher festgestellt und 
zweifelhaft. 

Kleine griechische Bronze in Marseille, Chäteau Bor^ly in der Vitrine 108: 
eine stehende halbnackte Frau (Venus); das Gewand um die Hüften zusammen- 
genommen; Locken liegen auf beiden Schultern. In der L. hält sie eine Patera 
vorgestreckt; in der R. einen kurzen Herrscherstab (resp. eine geschlossene Rolle, 
Motiv I). Der zylindrische Gegenstand ist oben und unten gerändert. So erscheint 
die Rolle in Bronzewerken sonst nie. Die Patina des Kopfes hat andere Färbung 
als die des Körpers; jener erscheint dunkelgrOnlich braun, dieser hellgrün. In 
FrOhnbr's Katalog fand ich dies Werkchen nicht besprochen. 

Ein wirkliches Problem ist dagegen der sog. Hesiod auf der Homerapotheose 
des Archelaos. Dieser „Hesiod" ist die Abbildung einer Abbildung, d. h. der 
Reliefkfinstler gibt eine Statue wieder, die auf einer Basis in der Nähe einer heiligen 
Grotte steht. Die 1. Hand der Statue faßt nun einen Streifen des Mantels, die ge- 
senkte Rechte dagegen hält in der Höhe des r. Schenkels wagerecht eine Rolle, 
Motiv Ib. Diese sonderbare Darstellung widerstreitet allen Beobachtungen und 
Voraussetzungen, die sich uns ergeben haben, und ich fühle mich zu der Annahme 
gedrängt, daß Archelaos, vor die Aufgabe gestellt, ein Bildwerk wiederzugeben, 
die Arme verwechselt hat. Wie mißglückt und häßlich in Kontur und Kontrapost 
steht dieses Standbild vor uns! Gibt es sonst solche Porträtstatuen? Man achte nur 
auf den Kontur der r. Seite mit dem stumpfen Winkel zwischen Schenkel und 
Unterarm; auch tritt das r. Unterbein aus dem Umriß zu weit heraus. Läßt man den 
Beinstand wie er ist, tauscht aber die beiden Arme mit ihren Funktionen um, so 
würde ein wohlgeformtes Bild entstehen. 

Dazu stellt sich aber noch ein literarisches Zeugnis! Lucian Nr. 24 c. 2 erzählt 
vom Toxaris, dem scythischen Wunderarzt, der in Athen heroisiert worden sei; sein 
Grabmal sei noch jetzt zu finden, freilich nicht mehr vollständig erhalten: es zeige 
einen Scythen im Relief, der in der L. einen gespannten Bogen, in der R. aber ein 
Buch hält; Über die Hälfte der Figur sei noch erhalten; man erkenne den ganzen 
Bogen und das Buch; den oberen Teil der Stele und das Gesicht habe dagegen 
die Zeit zerstört. BlOmnbr in den „Archäolog. Studien zu Lucian'* S. 83 f. hat diese 
Nachricht schon aus anderen Gründen in Zweifel gezogen. Eine Angabe fehlt, ob 
der Scythe sitzt oder steht. Jedenfalls kam es dem Künstler oder dem fälschenden 
Lucian darauf an, die Person zugleich als Scythen und als Asklepiaden zu charak- 
terisieren; er mußte also Bogen und Buch zugleich haben. Der Bogen aber ge- 
hörte in die L.; das zeigt Herodot II 106. 

In der Sammlung Le Blants, Les sarcoph. chr6t. de la Gaule, habe ich in der 
r. Hand stehender Personen das Motiv I nur einmal angetroffen, Tfl. 34. Am Rand 
rechts eine Einzelfigur; daran schließt sich links eine Gruppe zu zweien; von diesen 
beiden Männern senkt der links stehende die Arme und legt vor dem Unterleib die 
Handwurzeln übereinander; dabei hält die r. Hand das Rollenbuch. Darauf folgt 



Problematische Falle. gQ 

nach links eine weitere Gruppe von zwei M&nnern, von denen wiederum der links 
angeordnete eine Rolle vor dem Unterkörper hält, diesmal aber in der gesenkten L. 
Vielleicht hat hier der Künstler wieder in äußerlicher Weise nach Abwechslung ge- 
strebt und die beiden Buch tragenden Personen in Kontrast gesetzt. 

Hiermit sei der spftle Sarkophag von Tarragona, abgebildet bei PlCKBR, Die 
altchristl. Bildwerke im christl. Mus. des Laterans Ttl. II, verglichen. Hier hfilt ein 
Christus begleitender Apostel die Rolle in der R., während die L. den IM an lelst reiten 
hält. Neben ihm steht Christus mit oder ohne Buch (unklar) und nähert die leere 
gesenkte R, dem Haupte der vor ihm knienden Frau. Jedoch vermutet BAUER im 
Hinblick auf die vorhandenen Repliken, daß die Rolle in des Apostels Hand auf 
talscher Ergänzung beruht. 

Unzweifelhaft ist wieder die Rolle in der R. auf einem Sarkophagfragment an- 
zuerkennen, das sich eingemauert findet im IMuseo Chiaramonli Abt. XV Nr. 381; 
unsere Abb. 52. Man sieht eine stehende 
Togafigur und die Hand einer zweiten. Beide 
sind durch eine Säule voneinander getrennt, 
waren doch aber anscheinend einander zu- 
gewendet. Die Figur links hält die Rolle 
in der L., Motiv la; die Hand der anderen 
Figur ist eine Rechte; und auch sie hält eine 
Rolle, aber im Motiv 111 (s. unten). Die Rollen 
sind auflallend groß, d. h. von auffälliger 
BlatlhOhe. Die Bigentamlichkeit, daß auf einem 
Säulensarkophag das Buch vor einer Säule 
erscheint, kehrt auf dem christl. Sarkophag 
im Lateran Nr. 174 wieder, doch erscheint das 
Buch dort vielmehr offen und abgerollt. Ich 
zweifle nicht, daß hier eine Überreichung 
stattfindet; schon das ßerUner Grabreliel 
(oben S. 83) kann man vergleichen. Voll- 
ständig gesichert wird dies durch den Sar- ^bb. S2: Rei. Chiaramunti. 
kophag in Ravenna, Garrucci Tfl. 346, mir in 

Photographie vorliegend, wo Christus genau in derselben Haltung die Rolle mit 
der R. reicht: d. h. er fafit sie von oben, nicht von unten. 

Im Mus. Kircherianum fand ich endlich im Gang unter anderen kleineren 
statuarischen Werken die Marmorbüste einer jungen Frau ohne Nummer, mit der 
Rolle in der R. Das Werk ist stark geflickt. Doch bestätigt mir Ambluno auf An- 
frage die Echtheit der Rolle: „Antik ist ein Teil des übrigens idealen, also sicher 
nicht zu der Büste gehörigen Kopfes und die untere Hälfte der Büste. Spät-antoni- 
nische Büstentorm. Der Rand der Rolle ist mit einem dunkelgelben Streifen be- 
malt" Danach ist die Figur ein Unikum, denn sie gehört zu den lecturi, die sonst 
nur in szenischen Gruppen oder als Sitzbilder vorkommen.') 

C. Geschlossene Rolle in der Linken : Motiv II. 

So weit das Motiv 1, das bei weitem vorherrsclit und ganz vorzugs- 
weise der linken Hand zukommt. Wenn ich im Veilolg von Motiv I rede, 
so wird von den Fallen, wo das Buch in der Rechten vorkommt, abgesehen. 



1} Ich will schließlich noch bemerken, daß ich gewisse Terrakotten im Museum 
Athens wie Nr. 4493, 4910 u. a., die schon wegen ihrer Provenienz verdächtig sind 
und unmögliche Buchmotive bieten, bei meinen Erörterungen kurzerhand über- 
gangen habe. , , ,, ;• * 



100 ^« ^^^ geschlossene Rolle. 

Das Motiv I trennte beide HAnde und gab die rechte Hand voll- 
ständig für den Gestus frei. Es konnte nun aber das Bedürfnis entstehen, 
die Hände einander zu nähern, und auch dazu konnte das Buch helfen. 
Die Kontur der Gestalt erschien dadurch geschlossener, der Dargestellte 
geistig gesammelter. Doch hat die ganze statuarische Kunst, so viel ich 
sehe, hierbei das Buch merkwürdigerweise verschmäht und sich damit be- 
gnügt die Hände selbst ineinander zu legen. Ein anmutiges Vorbild gibt 
hierfür die Tanagrafigur bei K6kul6, Griech. Tonfiguren aus Tanagra Tfl. IX, 
ein Mädchen, das sinnend steht und die Hände vor dem Unterkörper zu- 
sammengelegt hat. Dies ein Genrebild. Dazu eine der trauernden Figuren 
von dem herrlichen Sarkophag aus Sidon „Les Pleureuses''.^) Aber auch 
für Porträtstatuen eignete sich diese Haltung; Christodor, Ekphrasis 16, be- 
schreibt uns so einen Aristoteles: 

iCTd)i€voc be 

Xeipe TTCpiTiX^Tbiiv cuve^pTaöev. 

Pur den sinnenden Philosophen ganz angemessen.^ Auch der bronzene 
Demosthenes des Polyeuktos stand da, die Finger ineinander gelegt (Over- 
BECK, Schriftquellen 1365 f.^ Wirklich sieht man so eine griechische Porträt- 
statue im Mus. Chiaramonti 286 (auch hier freilich Ergänzung), doch steht 
nicht fest, daß diese einen Redner bedeutet. Ahnlich das Philodamosrelief, 
Berlin Nr. 1488. Eine stehende bärtige Figur, die Hände vor dem Bauch 
zusammengelegt, in realistischer Behandlung finde ich im Compte rendu 
für 1875 (ed. 1878) Tfl. I Nr. 1. 

Endlich aber und vor allem kommt dieselbe Haltung dem Unfreien, 
dem Gefesselten zu und drückt nicht nur die geistige, sondern auch die 
körperliche Gebundenheit aus; vgl. die Gefangenen und Barbaren an der 
Attica des Constantinsbogens bei Rbinach, Rupert. I S. 518,7; 519 f. und 
II S. 196; so kam sie auch für die Darstellung der unterjochten Nationes 
an der Neptunbasilika in Rom zur Verwendung.^) Der gefesselte Petrus 
auf dem berühmten Sarkophag des Junius Bassus ist eben hieran zu er- 
kennen.^) 



1) Siehe Revue arch^ol. 1905, Juli-August, Tfl. XII. 

2) Auf Gemälden sah man Aristoteles dagegen brachio exerto abgebildet: 
s. Apollinaris Sid. epist. IX 9, 14. 

3) Danach der Demosthenes des Vatikan; s. Hartwig, Jahrbuch XVIII S. 25. 
Demosthenes ist damit als Trauernder dargestellt; die Figur des Trauernden auf dem 
Relief im Jahrbuch XX S. 50 Abb. 2 kommt ihm gleich. Ein sentimentales Bild- 
werk: Demosthenes trauernd über den Fall Athens. 

4) Siehe Jahrbuch XV S. 14 Fig. 16; nach Matz-Duhn 3529 eine „gefangene 
Barbarin". 

5) Die Gelehrten, die sich damit beschäftigen, diesen Sarkophag zu kommen- 
tieren, haben hierauf nicht acht gehabt. Schwierigkeit macht dort die zweite Szene 
des oberen Streifens: ein vornehmer vollbärtiger Mann zwischen zwei Subalternen, 
die nicht als Krieger gek.ennzeichnet sind, aber Hand an ihn zu legen scheinen. 



C. Qeschlossene Rotte In der Linken: Motiv l[. 101 

Das Buchmotiv II, das unsere Abb. 53-58 zeigen, erfüllt auch seiner- 
seits die Aufgabe, die HSnde einander zu nahem; aber nur oder fast nur 
die Plächenkunst der Malerei und des Reliefs hat sich seiner bedient Daß 




\ 



^ 




beide Hltnde die geschlossene Rolle umfassen, wurde nicht beliebt und 
laßt sich nur in der Wandmalerei nachweisen; unsere Abb. 65/) Vielmehr 



DaB dies ein Qelangener, zeigt eben die Zusammenlegung der KSnde vor dem 
UnlerliOrper. Aul diesem Wege wird die Vulgatansichl, daB es sich um Petri Ge- 
fangennahme handelt, bestätigt. 

I) Das Frauenbild von Yecia, ein BelegstQck national beeinflußter (iberischer) 



102 I- I^ic geschlossene Rolle. 

ist es auch hier die L., die die Rolle halt; sie hat das Buch nach der 
Lektüre eben wieder zusammengerollt und hält es nun an seinem unteren 
Ende aufrecht; die R. aber legt ihre Pinger bald lose, bald fest auf den 
oberen Rollenrand oder nähert sich ihm auch nur, eine Gebärde, die an- 
zeigt, daß die Schrift soeben gelesen, daß ein Ruhepunkt eingetreten und 
daß die R. nun im Begriff ist, sich von dem Buch zu trennen. Auch wir 
machen es so, wenn wir eine Papierrolle zusammenrollen, daß wir da- 
nach mit beiden Händen zugleich das obere und untere Ende anfassen und 
ebenen, damit an keiner Seite eine Schicht des Aufgerollten hervorrage, 
sondern ein glatter Schnitt entstehe. 

War Motiv I das Greifmotiv, so nennen wir das jetzt besprochene das 
Tragmotiv; denn die L. trägt gern die Rolle auf ihrem Innern (Ausnahme 
Abb. 57). Zeigte uns ferner Motiv I den Menschen, der die Lektüre 
längst abgetan hat, so zeigt uns Motiv II denjenigen, der sie eben erst 
abschloß, so daß wir ihn uns noch als intensiv geistig beschäftigt, als noch 
nach innen gekehrt vorstellen dürfen. Eben daher wird es sich erklären, 
daß es der statuarischen Kunst fremd blieb; es ist kein Repräsentations- 
motiv, sondern genrehaft, und auch den Porträtstatuen der Philosophen und 
Dichter hat man diesen genrehaften Zug nicht verliehen. 

Nur wo die Rolle mit einem Band oder Riemen umschlossen erscheint 
(Abb. 56), ist etwa anzusetzen notwendig, daß die Lektüre schon länger ab- 
geschlossen war. Doch darf dies auf eine Mißdeutung des ursprünglichen 
Sinns der Erfindung zurückgeführt werden, da die Belege dafür nur der 
Spätzeit und vielleicht nur christlichen Monumenten verdankt werden, also 
kirchliche Texte anbetreffen. Man ahmte den Verschluß der jüdischen 
Rolle nach.^) 

Dem Genre gehören die Terrakotten an, und es tritt hier der seltene 
Fall ein, daß ich einmal mit ihnen zu beginnen habe. Während sonst die 
Terrakottafiguren das Buch verschmähen (oben S. 50 f.), finde ich eine ein- 
zige, ein Werkchen jüngeren Stils, das hierher gehört und dabei unser 
Motiv II schon regelrecht, ausgebildet zeigt; eine schlicht dastehende junge 
Prau; sie stammt aus Tanagra. Die Rolle in ihrer Hand ist auffallend groß. 
Das entspricht der Beschaffenheit der Bücher im 4. Jahrh. recht gut.') 

Die hellenistische Kunst zeigt uns Motiv II sodann auf dem Neapler 
Philosophenmosaik, Abb. 59; und zwar in der Hand der am r. Rande 



Kunst, abgebildet im Jahrbuch XIII S. 128, hält einen Becher und kein Buch. Eine 
Ausnahme bringt höchstens das S. 66 besprochene Relief des Weinhändlers; doch 
ist die dort erwähnte Abbildung zu undeutlich. Den Trajanbogen in Benevent kenne 
ich nur nach Photographie, auf dessen Relief mit dem Stieropfer eine der lorbeer- 
bekränzten Figuren des Hintergrundes einen rollenähnlichen Gegenstand in beiden 
zusammengelegten Händen zu halten scheint: auch dies bleibt etwas zweifelhaft. 

1) Hierüber s. Teil IV Abschnitt 13. 

2) Siehe F. Winter, Die antiken Terrakotten II S. 74, 4. 



104 1* I^ie geschlossene Rolle. 

auf die Schulter des neben ihm sitzenden „Lysias'\ wahrend seine r. Hand 
eine Haltung hat, die nichts ausdrflckt. Es könnte also scheinen, daß er 
mit „Lysias^* spricht. Schlecht aber paßt dazu seine Kopfhaltung. Diese 
Kopfhaltung ist vielmehr ohne Frage die des Lesenden und die Annahme 
notwendig, daß die Gestalt in der Vorlage des Mosaiks zwischen den aus- 
gespannten Händen eine offene Buchrolle hielt Man vergleiche die Abbil- 
dungen von Lesenden, die ich späterhin geben werde, um sich Ober die Analogie 
klar zu werden.^) Überdies aber ist die Vorlesungsszene auf dem christlichen 
Sarkophag des Lateran Nr. 172, Garrucci Tfl. 371, 1 analog; ein sitzender 
bartloser Mann liest aus einem offnen Buch; zwei Frauen hören zu und 
heben, ergriffen von dem heiligen Inhalt, betend die Hände. Rechts zur 
Seite aber steht auch hier ein zweiter Mann, blickt auf die Gruppe zurock 
und hält die Rolle just ebenso wie die r. Eckfigur des Mosaiks im Motiv IL 
Er hat seinerseits zu lesen aufgehört. Demgemäß haben wir nun in der 
Philosophenversammlung fünf Zuhörer, von denen drei vor sich hinschauen,, 
zwei ihr Gesicht dem Vortragenden zuwenden, dazu als Eckfigur links den 
Vortragenden selbst, als Eckfigur rechts einen solchen, dessen Vorlesung 
eben zu Ende ist. Der letztere ist als solcher durch Körperhaltung und 
Buchmotiv jedenfalls auf das deutlichste kenntlich gemacht.^ 

Weitere Belege: 

Pompeji, Vettierhaus, Saal der Amorettenszenen: im obersten Streifen dqr Wand- 
dekoration architektonische Durchblicke mit Figuren; an der r. Seitenwand er- 
scheint in der Ecke eine sitzende Frau und ein stehender Mann; der letztere hält 
eine geschl. Rolle, Motiv II, aber zugleich so, daß er sie dabei unters Kinn lehnt. 
Hierüber ist noch späterhin zu reden. An seinem 1. Bein hohe Capsa. 

Wie in diesem pompejanischen Bild, so erkennt man den Abschluß der 
Lektüre auch im Vergilporträt des Cod. Vaticanus n. 3867 (R): der Dichter sitzt 
einsam mit der Rolle, Motiv II; neben ihm ein Lesepult; s. Stephan Beissbl, Vati- 
kanische Miniaturen, 1893, Tfl. II; unsere Abb. 112. 

Seltsam sodann das kleine Relief Nr. 6594 im Neapler Museum, Saal VI (del 
vaso di Qaeta): zwei Gewandfiguren, beide en face, sitzen auf einem Wagen, der 
sich nach rechts bewegt und dessen Rosse in schneller Fahrt sind; beider Köpfe 
fehlen; beide aber halten geschl. Rolle 1., Motiv II. Ein auf einem Wagen Lesender 
erscheint auch im Mus. Chiaramonti Nr. 328; vgl. oben S. 32. 

Es ist bezeichnend, daß auf der Trajans- und Antoninsäule und ver- 
wandten szenischen Bildern das Motiv 11 zu fehlen scheint. Dagegen steigert 
sich seine Häufigkeit auf den Sarkophagen, und zumal geben wiederum die 
christlichen Ausbeute. 



1) Ich mochte hierbei auch an eine Terrakotte in Odessa erinnern, bei Winter, 
Terrakotten II S. 465, 5: ein sitzender Alter; er streckt Arme und Hände gleichmäßig 
mühsam aus, als hielte er eine Rolle; aber die Hände sind leer. 

2) Das Philosophenmosaik der Villa Albani zeigt, wenn mich die Abbildungen 
nicht täuschen, überhaupt keine Bücher mehr und hat sich ohne Frage von der 
ersten Erfindung des Originals noch viel weiter entfernt; s. SOQLIANO in Monum. 
acad. d. Lincei VIII S. 391 f. 



C. Geschlossene Rolle in der Linken: Motiv 11. 105 

Zunächst eine literarische Unterhaltung, bei Robert, Sarkophagreliefs II 1 
Tfl. 142a: vier Mdnner mit Rollen; zwei zeigen Motiv I, zwei Motiv 11. Das Nähere 
undeutlich. 

Besser das große Relief im Lateran, Saal I Nr. 16, unsere Abb. 87: unter den 
Zuhörenden zeigt die Frau links vom Vorleser Motiv 11, zwei Mdnner Motiv 1; 
s. unten. 

Vatikan, Mus^ Chiaramonti 248: Bruchstück eines Musenreliefs mit Dichter; 
im Vordergrund des Reliefs vier Figuren; 1. sitzende Muse mit Leier; ihr ent- 
sprechend am r. Ende sitzende Muse mit Schreibheft (Diptychon?) und Stilus; 
zwischen beiden stehend der Dichter und eine dritte Muse; diese, en face, zeigt das 
Motiv II, und zwar, nach dem Schema unserer Abb. 56. Diktiert sie der Schreibenden, 
der sie sich zuwendet? Der Dichter selbst ist ihr abgewandt und lauscht indes 
der Leierspielerin. 

Im übrigen möge hier folgendes Verzeichnis genügen: 

Rom, Pal. Farnese: Sarkophag im offenen Hof: Medaillonbildnis des Gestor- 
benen, Motiv II: bei Matz-Duhn 2594 fehlt Angabe; aber vgl. Garrucci 403, 1. 

Vatikan, Giardino della Pigna 175: Sarkophagfragment: der Gestorbene, ein 
Jüngling, vor einem Vorhang sitzend, Motiv II. Neben ihm ein Rollenbündel. 

Ebenda, Nr. 65: weibliches Brustbild in Medaillon, Motiv IL 

Ebenda, Nr. 123: Sarkophagdeckelstück: weibliches Brustbild mit Rolle, Motiv II. 

Mus. Chiaramonti 380: Fragment einas Säulensarkophags: stehende Frau, 
Motiv IL Rest eines Kindes daneben. Vielleicht die Gestorbene? 

Ebenda, Galleria lapidaria 162: Sarkophag, geriefelt, mit zwei Büsten auf 
Postamenten, bärtig und unbärtig; beide zeigen Motiv II. 

Rom, Via deir Anima 10, Kindersarkophag, Matz-Duhn 2546; geriefelt; in der 
Mitte stehende Frau, Motiv IL 

Rom, Pal. Salviati, Matz-Duhn 2621: geriefelt; Medaillon mit der Büste eines 
Knaben, Motiv IL 

Capitolin. Mus., im Hof: Sarkophag ohne Nummer: im Medaillon Frau mit 
Rolle, Motiv IL 

Ebenda, Halle, Zimmer 111: Sarkophag ohne Nummer: im Medaillon Frau mit 
Rolle, Motiv IL 

Lateran, Mus. profano Saal XII Nr. 826: Sarkophag; Brustbild im Medaillon, 
Motiv II; die r. Hand liegt besonders fest auf dem Konvolut; s. Abb. 54. 

Genua, eingemauertes Sarkophagrelief an der Fa9ade von S. Matteo; rechts 
und links von der Mitte je vier stehende und schreitende Knaben mit Körben und 
Jagdbeute; in der Mitte vor einem Vorhang stehender bartloser Togatus, Motiv IL 

Pisa, Campo Santo'): Sarkophag ohne Nummer neben der Nr. 32 und 36; im 
Medaillon bartloser Mann, Motiv IL 

Ebenda, Abteilung XV: Sarkophag ohne Nummer: in der Mitte der Hauptfläche 
die Im Relief ausgeführte Büste eines bartlosen Mannes: Motiv 11. 

Ebenda: großer gerundeter Sarkophag Nr. XI: abgetrennt von den zwei Haupt- 
figuren eine weibliche Figur mit Rolle: Motiv IL 

Mailand, S. Ambrogio, Stilichosarkophag (Abb. bei Ed. Hbyck, Deutsche Ge- 
schichte 1 1905, S. 77; fehlt bei DOtschke Bd. V): Ehepaar; der Mann hält Rolle, 
Motiv IL 

Paris, Louvre: Sarkophag mit Bacchuszug und Brustbild eines Mannes in 
konsularischer Tracht: Reinach, R6p. I 26. 

Ebenda: Sarkophag mit Medaillon-Brustbild eines jungen Mannes: Motiv II; 
Reinach I 71, 3. 

Qrabrelief aus Enns, in Mitt. der Zentralkommission 1903 Sp. 85: ein Ehepaar; 
der Mann hält die Rolle, Motiv IL *) 

1) Meine Notizen reichen nicht aus, um die hier notierten Sarkophage von Pisa 
mit den Nummern bei DOtschke Bd. 1 zu identifizieren. 

2) Nach Mau*s Mitteilung. 



106 '* ^i^ geschlossene Rolle. 

Dazu die christlichen Monumente: 

Rom, Domitillakatakomben; Arcosolio mit Fresken (nicht bei WiLPERT): Petrus 
und Paulus in Ganzfigur; ersterer links, letzterer rechts; beide halten eine Rolle im 
Motiv 11. Ihre Hände sind rotbraun, die Rollen haben bläulichweißen Farbenton 
wie das Gewand. 

Ebenda, Callistkatakomben (Wilpbrt Tfl. 134, 1 und S.32): am Plafond großes 
eingerahmtes Brustbild (weiblich?), Motiv IL 

Ebenda: Cimetero di Commodilla, mit Basilika: Lucas mit Rolle, Motiv II; 
s. Nuovo BuUettino di arch. Christ. X 1904, Tfl. 7. 

Ebenda: in Ponzian, Fresko des 5. Jahrb., Heilige stehend; Wilpbrt Tfl. 255: 
Petrus und Pumenius zeigen das Motiv II; die Rolle ist in der Mitte von einem 
Band umschlungen; Rolle und Rollenband weiß. 

Mosaikplafond in S. Prisco bei Capua, Qarrucci Tfl. 255, in einem der kleinen 
Felder stehen Sophonias und Jacobus nebeneinander, beide Motiv IL 

Rom, Treppenhaus von S. Agnese f. 1. m.: eingemauertes Medaillonbildnis: 
junger Mann, Motiv IL 

Ebenda: Domitillakatakomben; Basilika der Petronilla: Sarkophag mit Mittel- 
bild, stehende Figur zwischen zwei Säulen: Motiv IL 

Ebenda: Katakomben S. Callisto: Sarkophag in der Cap. dei sarcofagi: stehende 
Frau in Medaillonbildnis; sie hält ein gewaltiges Konvolut, Motiv II; vgl. Kraus, 
Roma sotterr. Figur 58; unsere Abb. 53. 

Ebenda: Thermenmuseum, Eingang D: in einem kleineren Zimmer christl. 
Sarkophag: Christus bartlos dargestellt, zeigt hier zweimal das Motiv 1; außerdem 
erscheint eine bärtige Figur mit Rolle im Motiv II, s. Abb. 55. 

Ebenda, Mus. Kircherian., christliche Reliefs, alle unfrumeriert: Relief mit Brust- 
bild eines bärtigen Mannes, Motiv II; aber auf demselben Relief kehrt Motiv II noch 
sonst wieder. 

Lateran, altchristl. Mus., Treppenhaus, Sarkophagdeckel Nr. 126: BOste einer 
Frau mit Motiv IL 

Ebenda: Sarkophag Nr. 184: Brustbild des Gestorbenen im Clipeus, Motiv IL 

Ebenda: Sark.-Relief Nr. 177 mit den zwölf Aposteln; einige zeigen Motiv IL 

Ebenda: schöner Sarkophag Nr. 178: im Muschelclipeus Brustbild des Ge- 
storbenen, Motiv 11: Garrucci Tfl. 367, 3; vgl. unsere Abb. 57. 

Ebenda: Relief Nr. 163: Frau stehend, mit Rolle, Motiv IL 

Ebenda: Sarkophag Nr. 128: im eckigen Mittelbilde Halbfigur einer Frau, 
Motiv II; Garrucci Tfl. 359, 3. 

Ebenda: Sarkophag Nr. 116: gibt vier Rollendarstellungen; z. B. Ansage der 
Verleugnung; beide, Petrus und Christus, halten Rolle; ersterer Motiv II, letzterer 
Motiv I. Wenig passend. 

Ebenda: Deckelfragment Nr. 113: männliche Figur, Motiv II; schwerlich Jesus, 
der dies Motiv sonst nicht zeigL 

Ebenda: Sarkophag Nr. 138 Christus und Apostel: gibt sieben Rollendarstel- 
lungen; ein ältlicher Mann zeigt Motiv II; s. Abb. 56. 

Ebenda: Sarkophagteil Nr. 108: Halbfigur einer Frau im Medaillon, Motiv II; 
Garrucci Tfl. 359, 2. 

Ebenda: Oberer Kreuzgang Abt. XIV Nr. 1: auf Steinfläche gravierte männliche 
Halbfigur, Motiv IL 

Ebenda: Oberstock; Kopien nach Katakombenfresken, bes. aus S. Callisto: 
Zimmer II: Christus thronend, ohne Buch; vor ihm Scrinium; neben ihm die 
Jünger; einer zeigt Motiv II (WILPBRT Tfl. 193 nach dem Original). 

Ebenda: Kopie aus S. Clemente: Madonna mit Kind; das Kind hält die Rolle, 
Motiv IL 

Ravenna: Apostelsarkophag in S. Francesco: stehender bärtiger Apostel zur 
Linken Christi (Paulus), Motiv IL 

Ebenda: sarcophagus S. Liberii in S. Francesco: erster (bartloser) Jünger 
links, stehend, Motiv IL 



C. Geschlossene Rolle in der Linken: Motiv II. 107 

Cagliari: Sarkophag im Dom; Mittelfeld: vor einem Parapetasma Bflste eines 
bärtigen Mannes, Motiv IL ^) 

Syracus: dreistreifiger Sarkophag: Medaillon, Motiv II; Garrucci Tfl. 365, L 

Paris, Louvre: christl. Sarkophag: Reinach, Rupert. I S. 117: auf der Seiten- 
fläche die vier Evangelisten; an den Bflchern in ihren Händen dflrfte allerlei dem 
Ergänzer gehören; doch zeigt der dritte von links das richtige Motiv II; die Rolle 
mit ringartigem Band umwunden. 

Le Blant, Les sarc. chr6t. de la Gaule Tfl. 14, 2 im Medaillon; Tfl. 40, 3 
ebenso; vgl. Marseille, Chat. Bor^ly Nr. 34. In demselben Tafelwerk bisweilen auch 
bei stehenden Ganzfiguren, besonders Aposteln, z. B. Tfl. 7, 2, 11, 1 u. 22, 1. 

Palmyrenischer Grabstein bei JOSEP Strzyqowski, Orient u. Rom (1901) S. 22, 
Fig. 5: Mann und Frau im Brustbild nebeneinander; die Hände sichtbar; die Frau 
hält Spindel und Kunkel in der L., der Mann die Rolle nach dem Motiv U; doch 
nähert sich die r. Hand nur dem Kopf des Buches. 

Die Qoldgläser zeigen weit öfter das Motiv II als das Motiv I sowohl bei 
Brustbildern wie bei stehenden Figuren; s. bei Garrucci III Tfl. 181, 2; 186, 2; 190,3; 
193, 3; 183, 4 u. 6 und 189, 6; auf letzterem Bilde zwei stehende Figuren mit dem 
gleichen Motiv; und an beiden Rollen ist oben ein Sittybos befestigt. 

Reliquiar des S. Peter, mit stehenden heiligen Figuren geschmückt: darunter 
dreimal Motiv II: s. Römische Quartalschrift 1893, Tfl. 18. 

Es ist schon hervorgehoben, daß in Abbildung 57 das Motiv nicht 
vollständig verwirklicht ist; vielmehr erkennt man das Motiv I und den 
festen Griff der L Hand, während gleichzeitig die r. Hand sich dem Kopf 
der Rolle nähert. Sehr ähnlich der Sarkophag ohne Nummer im Lateran, 
Mus. prof. Zimmer V, wo der im Relief Dargestellte eine übrigens in zwei 
Teile gespaltene Rolle nach dem Motiv Ib mit der L. fest umschlossen 
hält; die Rechte aber nähert sich mit zwei Fingern dem oberen Buchende. 
Ebenso auch Lateran, christL Mus. Nr. 104 (GARRuccf Tfl. 365, 2) und der 
Sarkophag von Arles bei Garrucci Tfl 366, 2. 

In allen Fällen ruht auch hier das Buch in der L. Die einzige Aus- 
nahme hierzu, die ich kenne, ist, wie sich auf den ersten Blick ergibt, durch 
Symmetrie und den Kontrast der Anordnung hervorgerufen (vgL oben S. 95). 
Auf dem christL Sarkophag des Lateran (Treppenhaus Nr. 177) verteilen 
sich die zwölf Apostel ebenmäßig zu je sechs auf die zwei Hälften der 
Platte. Hier hat die vierte Figur auf der linken Hälfte das Motiv II in der 
oben besprochenen Weise; ihr entspricht die vierte Figur auf der rechten 
Hälfte, und hier dreht sich nun das Motiv um, d. h. die Rolle steht hier in 
der r. Hand, und am oberen Ende der Rolle liegen die Finger der Linken. 

Das Motiv 11 begegnet uns also am frühesten in Szenen oder Gruppen, 
die in Handlung sind; wo dies aber der Fall, ist es mehr als einmal eine 
Rezitation, bei der das Motiv, wie ausgeführt wurde, durchaus passend sich 
einstellt. Vornehmlich aber eignet dasselbe den Sarkophagen und zwar 
besonders wieder den Toten selber. Als isoliert stehende oder sitzende 
Figur fanden wir den Gestorbenen zehnmal, als Brustbild, Büste, Halbfigur 

1) BuUettino arch. Sardo IV S. 145 f. mit Tafel. Ebenda Bd. V S. 168 wird für 
einen zweiten Sarkophag, daselbst, dasselbe Motiv angegeben; die beigegebene Ab- 
bildung jedoch zeigt Motiv I. 



108 I' ^i® geschlossene Rolle. 

fanden wir ihn etwa achtmal, endlich im Medaillon, das gleichfalls in Nach- 
ahmung der Medaillonportrats, die wir aus Pompeji kennen, regelmäßig nur 
ein Brustbild aufnimmt, fanden wir ihn etwa sechzehnmal durch das Buch- 
motiv II charakterisiert. Dies ist ungefähr die Hälfte der Belege. Solche 
Brustbilder im Clipeus sind aber noch viel häufiger; vier weitere Beispiele 
gleich bei Garrucci Tfl. 357. Die Basten sind nun aber oftmals am Relief- 
grund des Sarkophags wie freistehende plastische Werke ausgearbeitet, und 
so steht denn mit ihnen jene BQste auf gleicher Linie, die sich im Hof des 
Thermenmuseums zu Rom befindet, die gleichfalls das Motiv zeigt und die 
in Figur 58 abgebildet ist. 

An diese kleine Bflste aber erinnert weiter die sog. „Matidia" in den Uffizien 
(DOtschkb III Nr. 109): eine Bflste mit Händen und Rolle in der L. DOtschke sagt» 
ohne die Rolle zu erwähnen, daß die Hände „mit der scheinbar sehr ausdrucks- 
vollen, aber völlig nichtssagenden Gebärde'* dem Ergänzer gehören. Mir schienen 
diese Hände unverdächtig und ich hielt sie im Hinblick auf die besprochene Bflste 
des Thermenmuseums fflr echt. Erst später gelang es mir W. Ambluno, Pflhrer 
durch die Antiken in Florenz (1897) Nr. 49 einzusehen; danach ist 1. Hand mit 
Rolle echt und nur Teile sind daran durch den Ergänzer hergestellt. 

Ein weibliches Brustbild sehr anderer Art und Bestimmung sah ich im Museum 
zu Lyon, unter den römischen kleinen Bronzen Nr. 44; es sei der Merkwflrdigkeit 
halber hier nicht flbergangen. Das Brustbild diente als Gewicht; ein Griff zum Auf- 
hängen ist an seinem Kopf angebracht und am Griff befindet sich eine Zahl; wenn 
ich richtig las, XXXXV. Auch diese Frau hält nun eine geschl. Rolle, freilich sehr 
flach gearbeitet, im Motiv II. 

Warum aber, so fragen wir, wurde nun just das Motiv II für den Toten 
beliebt? Das Buch i$t hier das Buch des Lebens; sein Inhalt währte so 
lang, wie das Leben währt; und die Fata scribunda hat es geschrieben 
(oben S. 69 ff.). Hier ist der Ort, die wertvolle Stelle aus Artemidor Oneiro- 
krit. II 45 herzusetzen, wo jemand ein Buch im Traum sieht und es zur 
Erklärung heißt: tö ßißXiov töv ßiov tou IbövToc crmaivcr bi^pxovrai 
fäp Td ßißXia Ol dv6pu)TT0i üjcircp kqi töv ßiov. So dachte man wirk- 
lich. Es läßt sich nicht verkennen. In alten Zeiten reichte daher die Furie 
oder Parze selbst dem Sterbenden das Buch zum Zeichen dar, daß sein 
Inhalt nunmehr in der Sterbestunde erfüllt sei (oben S. 84 f.). Späterhin 
fehlt die Parze und es genügt, daß der Gestorbene selbst es mit der Ge- 
bärde hält, die anzeigt: der Inhalt der Rolle ging eben zu Ende. Das 
Leben, das einst so weit offen lag wie ein aufgeschlagenes Buch, ist für 
immer zugerollt. Explicit! Endlich aber füllte sich dies Buch gewiß in des 
Christen Händen mit evangelischer Hoffnung; vgL oben S. 71. Darum 
zeigen auch die Apostel und Heiligen so oft dasselbe Motiv II. 

Zugleich aber begreift man, weil dem so ist, daß Christus fast nie, 
nie auch der römische Kaiser das Buch in diesem Schema hält.^) 



1) Christus mit dem Motiv 11 habe ich nur auf den späten Sarkophagen in Marseille, 
Chäteau Bor61y Nr. 38 u.39 gefunden (Christus thronend); vgl. GARRUCCI 343, 1; 346, 1. 
Ein vereinzelter späterer Beleg, als Brustbild, in S. Prassede; s. das Schlußkapitel. 



C. Geschlossene Rolle in der Linken: Motiv II. 109 

An dem allegorischen Wert des Motivs ist nicht zu zweifeln, und er 
wird nun noch durch ein spätägyptisches eindrucksvolles Bild bestätigt, das 
sich auf einem Leichentuch befindet. Zwischen Osiris und Anubis steht 
da der Gestorbene, unbärtig, reich gewandet, und hält ernst und gedanken- 
voll die Rolle im Motiv IV) Damit sind wir in. die schöne hellenistische 
Zeit, der auch das Philosophenmosaik angehört, wieder zurOckgefQhrt. 
Schon damals kam, wie dies Leichentuch lehrt, das Motiv II dem Toten 
zu, und er steht damit zwischen Anubis und Osiris, den Göttern der Toten 
und der Seligen. 

Da endlich aber, wo das Motiv in Gruppenbildern später Erfindung 
vorkommt, haben wir oftmals den Eindruck, daß es seinen ursprünglichen 
Sinn verloren hat und nur mechanisch, weil es den Figuren eine gute 
Pose gab, weiter verwendet wird. Dies gilt vornehmlich von Aposteln und 
Heiligen, wenn sie einzeln oder in einer Reihe ohne Handlung als Statisten 
dastehen. Es gilt aber auch von einem Theaterbild im Terenz, auf das 
ich noch kurz einzugehen habe: 

Im Phormio des Terenz v. 348 treten drei Advocati auf, die zunächst eine 
durchaus stumme Rolle spielen. Dem Illustrator aber war dies zu langweilig, und 
er läßt sie in dem Bilde zu Phorm. 11 3 sich trotzdem lebhaft miteinander unter- 
halten.*) Der mittlere, Cratinus, peroriert, die andern zwei, Hegio und Crito, hören 
ihm zu. Dabei entbehrt Hegio jedes Emblems, Cratinus hält eine kleine offene 
Wachstafel, das Innere nach außen gekehrt^, Crito aber die Buchrolle, Motiv 11. 
Dies Motiv wird dadurch gesichert, daß Vaticanus und Ambrosianus darin überein- 
stimmen (im Parisinus ist die Figur nur halb zu sehen). Erst in der nächsten 
Szene 11 4 treten beim Dichter die* Advocati wirklich in die Handlung ein (v. 446), 
und in dem entsprechenden nächstfolgenden Bilde ^) ist die Rolle verschwunden; 
Crito hat sie mit der 1. Hand unters Gewand gesteckt; Cratinus dagegen, obwohl 
mit Demipho im Gespräch, trägt noch unentwegt seine offene Tafel in der L. 
Augenscheinlich sind hier Tafel und Rolle nur als Merkzeichen, um den Beruf 
dieser Männer anzuzeigen, verwandt, und das Motiv 11 ist auch hier schon verblaßt 
und ausdrucklos geworden. Es bot für den Statisten auf der Bühne den Vorteil, 
beide Hände zu beschäftigen* 

Ich glaube daher, und es ist auch sonst einleuchtend, daß die Terenz- 
illustrationen gewiß nicht älter als das Ende des 2. Jahrh. n. Chr. sind; 
wahrscheinHch gehören sie erst dem 5.-6. Jahrh. an; worüber später. 



1) Siehe Denkschriften der Wiener Akad. d. W. 1905, Bd. 51, S. 149 Abb. 10. 

2) Siehe Harvard Studies Bd. XIV Tf 1.36-38. VgLWiBSELER, Theatergebäude X 7. 

3) Der Ambrosianus, der daraus einen großen Codex macht, veruntreut die echte 
Oberlieferung; man vergleiche die Darstellung von Tafeln im Baptisterium orthodoxum 
zu Ravenna. Durch dies und vieles andere wird angezeigt, daß der Vaticanus dem 
antiken Original viel näher steht als der Ambrosianus. Als Inhalt der Tafel sind 
etwa Quittungen zu denken, wie sie die pompejanischen Wachstafeln enthalten. 
Nicht richtig hierüber 0. Enqelhardt, Die Illustrationen der Terenzhandschriften S. 54. 

4) A. a. O. TfU 40-42. 



110 I- Die geschlossene Rolle. 

D. Geschlossene Rolle in der Linken; Motiv 111. 

Das Motiv I zeigte uns, welch fester Gritf nötig und Dblich war, wenn 
man ein Papyrusbuch trug. Die gerollte Charta fiel nur zu leicht aus- 
einander. Ein Augenblick der Unachtsamkeit genOgte, und die Auflasung 
der Blattermasse trat ein. Die Vorsicht gebot, das Buch so fest zu hallen. 
Auch das Motiv II verrat Sorglichkeit, da es beide Hände beschäftigt; es 
sicherte den Zusammenhalt, da die Hände das Buch zugleich oben und 
unten oft nicht ohne Kraftaufwand zu fassen scheinen. Sehr viel seltener 
ist nun auf den Monumenten die losere Handhaltung anzutreffen, die ich als 
Motiv III bezeichnen will; vgl. Abb. 61. Sie ist etwa die, mit der wir einen 
Zeichenstift oder Federhalter anzufassen pflegen. Der Kraftaufwand ist 
geringer. Die Finger der L. 
legen sich nicht im rechten 
Winkel um den Leib des Kon- 
voluts, um den Zusammenschluß 
zu sichern, sondern liegen loser 
an ihm entlang, so daß, wenn 
die Hand sich senkt, Gefahr ist, 
daß die Rolle ihr entgleitet und 
die Rollung sich innerlich nach 
vorne schiebt. Das Motiv III ist 
Oberhaupt das seltenste. An- 
gebracht war es eigentlich nur 
für Liegende, Sitzende und Ober- 
\^^ ^ . ,.....,..« reichende; doch ist es auch auf 

Abb. M); elTushische Aschenkisle, Pisa, 

frei und mit gesenkter Hand Da- 
stehende Dbertragen worden. Überall aber kann angenommen werden, daß 
die Person, die das Buch trägt, mit seinem Inhalt im gegenwartigen Augen- 
blick nicht beschäftigt ist, sondern die Lesung seit langem abgeschlossen 
hat. Daher erscheint das Buch auch hier - mit Ausnahme der etruski- 
schen Denkmäler - fast durchweg in der L Hand. 

Zunächst also die Liegenden. Die übrigens recht garstige Deckel- 
figur der etruskischen Aschenkiste zu Pisa in Abb. 60 ist dafOr ein Beleg. 
Sie halt zugleich in der gewaltigen R. die offene Schreibtafel, in der L. 
die geschlossene Rolle. Ahnliche Monumente sind oben S. 92 angeführt 
Man sieht, daß hier der Rolle weniger durch die Hand, als vielmehr durch 
die Unterlage der Hand ein Halt gegeben wird. 

Sehr auffallig muß aber erscheinen, daß die Figur der Gestorbenen 
hier zwei Beschreibstoffe gleichzeitig hält und dafür beide Hände 
verwenden muß, und wir dürfen an diesem Umstand nicht vorQbergehen. 



D. Geschlossene Rolle in der Linken: Motiv III. m 

Ich erblicke hierin eine Illustration dessen, was ich Ober das Schriftwesen 
der alteren Zeit im Zentralblatt für Bibliothekswesen 17 S. 533 kurz aus- 
geführt habe. Ob man nun zugesteht, daß der Text, den wir uns auf 
Tafel und Rolle zugleich denken müssen, auf Leben und Sterben und auf 
den Schicksalsspruch der Parze Bezug hatte (oben S. 108) oder nicht, jeden- 
falls entspricht hier Rolle und Tafel in der Hand einer Person der Ge- 
wohnheit jener älteren Zeiten, die durch Aeschylus Hiket. 957 f., den Pro- 
pheten Jesaias 30, 8 und die attische Inschrift Inscr. att I 324 feststeht: 
daß man nämlich wichtige Texte zu ihrer Sicherung zweifach und zwar auf 
verschiedenem Beschreibstoff aufschrieb und verewigte; dies waren eben 
Rolle und TafeL Dasselbe hat Pietschmann für Ägypten beobachtet, und zwar 
handelt es sich auch da u. a. um einen Erlaß, der eine verstorbene tugend- 
reiche Königin zur Göttin erhebt.^) Auf der Tafel, die unsere Figur, Abb. 60, 
hält, ~ so folgern wir — stand also dasselbe Schicksal geschrieben wie 
in der Rolle, die sie gleichfalls hält; ihr Text war identisch, und es ge- 
nügte also auch, daß die Tafel allein geöffnet wurde, wie wir es hier im 
Bilde sehen, wenn es sich darum handelte, den Inhalt des Textes kennen 
zu lernen. 

Übrigens hält auf dem Grabrelief mit musikalisch -szenischer Aufführung bei 
Wieseler, Theatergebäude XIII 1 der junge Verstorbene gleichfalls zugleich eine 
Rolle, Motiv I, in der L., ein Diptychon in der r. Hand. 

So angemessen wie für den Liegenden scheint das Motiv III auch für 
eine Sitzfigur. Dies wird durch die Tuchladenszene des Florentiner Reliefs 
(oben S. 66) verdeutlicht, wo einer der Käufer das Motiv zeigt. Die 1. Hand 
liegt im Schöße, und der Schoß gibt also wiederum der Rolle den Halt. 

Ähnlich 

Konia, Museum: Säulensarkophag mit Darstellungen der Achillsage (s. Jos. 
Strzyqowski, Orient und Rom Fig. 17): in gesonderter Szene am 1. Ende sitzt der 
Held, die Hand im Schoß, in der sich anscheinend eine Rolle, Motiv 111, befindet 
(photographische Wiedergaben sind in solchem Detail leider oft undeutiich), während 
eine Frau vor ihm steht und ihm einen Helm reicht. 

Berlin, Musensarkophag Nr. 844, Deckelstreifen, 3. Szene (von links): bärtiger 
Mann sitzt im Profil nach rechts, die r. Hand zur Muse vorstreckend, die L. im 
Schoß, Motiv 111. Ahnlich sieht man auch auf dem Diptychon von Monza, oben S. 88, 
Muse und Dichter; doch sitzt er hier im Profil nach links und hält daher das Buch 
in der R. 

Für den Oberreichenden endlich sind zwei Möglichkeiten. Entweder 
läßt er die Rolle, indem er sie dem Empfänger entgegenstreckt, im Hand- 
teller ruhn. Dies gibt für den Augenblick genügende Sicherheit, und der 
Empfänger wird das Buch sogleich fest umfassen. In dieser Weise er- 
scheint Motiv III auf dem Berliner Relief Nr. 804 (oben S. 83) und in der 
Hand der Terrakotte (S. 84). Nach dieser Analogie ruht das Buch auch 
„auf' der Hand Gottes in der Apokalypse 5, 1 (oben S. 85 f.). 



1) Pietschmann in Beiträgen Heft 4 S. 58. 



112 '- ^'^ geschlossene Rolle. 

Aber das Motiv III ließ sich auch umkehren; d.h. die Pinger liegen 
zwar, wie bei den bisherigen Beispielen, am RollenkOrper entlang, aber die 
Hand faßt die Rolle dabei von oben. Sie wird also nicht von der inneren 
Handflache getragen, sondern ein Griff von oben muß genügen, sie zu 
sichern. Auch diese gewiß nur transitorische Haltung eignete sich fOr 
eine Obetreichung des Buchs; man erinnere sich des Reliefs Nr. 381 des 
Mus. Chiaramonti, oben S. 99 Abb. 52. 

POr den christlichen Sarhophag im Lateran Nr. 152 habe ich mir notiert 
(stimmt nicht mit Pickbr): vier rollentragende mannliche (Gestalten; die vierte, 
jugendlich, zeigt Motiv III, und zwar nicht in gesenkler, sondern In horizontaler 
Haltung. Auch dies Beispiel schlieOt sich also irgendwie den vorigen an. 

Aber auch auf Standfiguren ist Motiv III 
gelegentlich abertragen worden, und gerade auf 
solche, die ihre I. Hand gesenkt halten. Es scheint 
in der Tat naturgemäß, daß bei dem, der die 
Hand sinken laßt, nun auch die Pinger sich senken 
und den energischen Griff etwas lösen. 

DafQr gibt die Homerapotheose des Archelaos, 
ein Produkt etwa des 2. Jahrh. v. Chr., ein erstes 
Beispiel, woselbst im Mittelstreifen die dritte Muse 
(von links), die den Ellenbogen hoch auf einen 
Pelsvorsprung aufstützt (die sog. Polyhymnia), in 
der gesenkten L. die Rolle halt') 

Ebenso steht auf dem dreitigurigen Grabstein des 

Museums in Athen Nr. 1233, der die Porm einer Aedicula 

nachahmt, neben der Isisdienerin Amaryllis der Moucotoc 

'AvTindTpou 'AXutiTCKfjOEv; danach Abb. 61; seine r. Hand 

liegt auf der I. Brust, der r. Unterarm im Mantel; dies ist 

die so h&ulige Armhaltung des Aschines in Neapel. 

Abb. 61 : aihen. Qtabstem. Diesem entspricht im Museum zu Eleusis genau 

die Oewandfigur in Hochrelief, ohne Nummer, neben 

Nr. 104: MittelkOrper ohne Kopf und Po6e) Motiv III; am MiHeltinger der I. Hand 

ein Siegelring. Dazu kommt noch: 

Athen, Museum, Orabstele Nr. 1231: stehende Prau mit gesenliter 1. Hand, 
Motiv III. 

Berlin, Agypt. Museum 17126: hölzerner Sargdeckel in Porm eines Bpheben- 
Standbildes; die Figur hält die Rolle in der gesenkten L, Motiv llf; jungflgypttsch, 
aus romischer Zeit. 

Rom: Relief der Via S. Sebasliano (oben Abb. 49): schreitender Mann, die 
Rolle in der gesenkten Rechten; ein lecturus. 

Sonst wQ&te ich nur noch die christlichen Sarkophage anzufatiren: 



1) Vgl. A. H. Smith, Calal. of British Museum III (19(M) nr. 2191; Abbildungen 
z.B. auch in der Gazette archäol. 1S87 Tfl. 18; bei Darembbrq-Saqlio Pig. 5208. 
Übrigens Watzinoer, Das Relief des Archelaos, 1903. Nach Kortbqarn, De tabula 
Arch., Bonn 1862, S. 17, wäre hier die Hand mit Rolle Ergänzung; s. dagegen 
Watzinobr S. 5. Ober eine ahnliche Muse mii Motiv I auf einem Beriiner Siarko- 
phag s. oben S. 48. 



D. Die geschlossene Rolle in der Linken: Motiv III. 1I3 

Sarkophag in Salona: QARftuca TfL 299, 1; Kraus, Qesch. d. ehr. Kansi I 
S. 251 Pig. 20t: der Verstorbene, stehend, von verehrender Cllenlel oder Familie 
(auch Kindern?) umdrängt; die Rolle in der gesenkten L, Motiv III. 
Bin kleines Rollenbflndel am I. PuQ. •) 

Lateran, Treppenhaus Nr. 125: hier erscheint iweimal eine 
Rolle in der gesenkten L.; einmal deutlich Motiv )II, einmal mehr 
Greilmotiv I. 

Ebenda Nr. 138: ältlicher Mann; Rolle in der gesenkten L.; 
doch weicht die Darstellung hier insofern ab, als sich der Zeige- 
finger unter den FuD der Rolle legi und ihr SlflUe gibt; s. Abb. 62. 

Saulensarkophag bei Oarrucci Tfl. 338, 1: Christus, in der 
Mine stehend, zeigt Motiv III. 

Marseille, ChftL Bor^ly, Apostelsarkoph^ Nr. 33; lauter stehende 
Figuren: zweimal Motiv Ib, einmal Motiv II, einmal Motiv IH. 

Weil das Motiv nur eine Variante zu Motiv I ist, daher 
erscheint es regelrecht in der ]., nicht aber in der r. Hand. 
Auf dem Mamiorrelief des Palastes Chigi, auf welchem die Frauenfiguren 
Europa und Asia gemeinsam einen Ruhmesschild des Alexander hallen 
(Jahn, Bilderchroniken TfL M), kann der Gegenstand in der r. Hand der 
Europa keine Rolle sein; es war wohl eine Schale (Jahn S. 54 und 56). 

Gleichwohl bildet das Relief des Mus. Chiaramonli eine Ausnahme, die ich 
S. 95 zu erklaren versucht habe. Dazu kommt noch das oben S. 93 erwähnte 
christliche Sarkophagrelief in Arles, das die Wunderszenen auf engsten Raum zu- 
sammendrängt Hier will der bartlose Christus das Wasser [n Wein verwandeln, 
steht aber den niedrigen Krttgen, die sich am Boden belinden, und 
senkt befehlend seine r. Hand auf sie herab, In der er nach Motiv ill 
das Buch halt. Ist dies Buch vielmehr ein abgebrochener Stab? Ich 
finde sonst keine Erklärung; und in der Tat senkt Christus in ähnlichen 
Fallen sonst den Stab; wer das Speisenwunder auf dem Sarkophag des 
Laleran Nr. 152 u. sonst vei^leicht, wird meine Vermutung sehr wahr- 
scheinlich finden. 

Nicht hierher gehört die Togastatue in Neapel, Mus. naz., 
offener Hof rechts Nr. 226: hier halt die gesenkte L Hand 
die Rolle nicht nach Motiv III, sondern es ist Motiv I an- 
zuerkennen, so aber, daß die Rolle dabei geradezu auf den 
Fingern liegt; siehe Abb. 63. Dies ist auffällig. Vielleicht Ergänzung? 

Vielmehr ist abschließend festzustellen, daß das Motiv III - soweit ich 
acht gegeben - an statuarischen Werken nicl 1 vorkommL 



E. Die geschlossene Rolle in der Wandmalerei: Motiv IV und V. 

Ich habe von den bisherigen Obersichten die antiken Wandgemälde, 
insbesondere die Campaniens, fast ganz ausgeschlossen. Es schien zweck- 
dienlicher, diese Malerei fflr sich zu betrachten, da es sich von selbst ver- 
steht, daß sie Qber die wenigen ausdrucksvollen, aber fast unwandelbaren 
Typen, an die sich der Plastiker gebunden sieht, leicht und spielend 
Die sepulkralen Jenseilsdenkmfiler (1900) S. 159, 



1X4 I* ^i^ geschlossene Rolle. 

hinausgeht. Die Malerei variiert freier; sie bereichert darum unsere An- 
schauung; die meisten Motive aber, die dabei zur Geltung kommen, treten 
zu vereinzelt auf, als daß es verlohnte, sie sorglicher zu klassifizieren und 
sämtlich mit Zahlen zu belegen. 

Leider habe ich keineswegs alle vorhandenen Darstellungen selbst ge- 
sehen; auch nicht alle reproduzierenden Werke sind mir zur Hand, und so 
wie die Abhandlung, die ich hier vorlege, Oberhaupt nur ein Stich auf 
gut Glück in das Viele ist, so muß ich mich auch hier mit einigen Proben, 
die mir als bemerkenswert ins Auge fielen, begnügen. Da auf die Gesichts- 
punkte, die ich hier zur Geltung bringe, bisher niemand acht hatte, so 
bieten mir auch die beschreibenden Werke wenig Hilfe dar. Das Mosaik 
ist natürlich in die Betrachtung mit hineingezogen.^) 

Zunächst sind die uns schon bekannten Arten, das Buch zu halten, 
auch den Malern Herculaneums und Pompejis und ihren hellenistischen Vor- 
bildern, soweit solche anzusetzen sind, nicht fremd. Das Motiv II trafen 
wir im Vettierhaus an und auf dem Philosophenmosaik (oben S. 104 u. 103). 
Aber auch das Motiv I fehlt natürlich nicht. Dafür zeugt das Bildnis eines 
älteren Mannes (Mus. Borbonico XI 32; Helbiq Nr. 1454), der - mutmaß- 
lich ein preisgekrönter Dichter - dasteht und seinen Kranz in der ge- 
senkten R., die Rolle in der L. hält; Motiv Ib. In der Abbildung a. a. O. 
ist die Rolle zu sehr als Stab gezeichnet. 

Als ähnlich hiermit bezeichnet Helbiq seine Nr. 1453: hier steht in einer 
Architektur, die an eine Bühne erinnert, ein bärtiger Mann en face, hält die L. in 
der Höhe der Brust und darin eine Rolle. Irre ich nicht, so ist damit das Bild im 
Mus. naz. Abt. XXXV Nr. 9033 gemeint. Für dieses Bild habe ich mir notiert: auf 
einer schreinartigen Erhebung ist eine große tragische Maske aufgestellt; daneben 
steht die elegante Gestalt des Schauspielers ohne Maske; seine R. ist gesenkt; 
die L. hält eine schmale und ziemlich lange Rolle, annähernd Motiv Ib. 

Undeutlich ist dagegen, ebenda Abt. XXXV Nr. 9030, die Rolle in der L. der 
sitzenden jungen Frau. Nicht mehr ergibt ferner 

Helbiq Nr. 1463: Lehrstunde: sitzender Mann; vor ihm ein Scrinium mit Bän- 
dern; in der L. eine Rolle, Motiv Ib, in der R. ein Stab; außerdem ein Mädchen 
und ein Knabe; der letztere hält mit der 1. Hand eine geschlossene Rolle an den 
Mund (nach Helbiq), richtiger aber an das Kinn^: Pitture d*E. V 53 S.237; Darbm- 
BBRQ et Saqlio, Dict. Fig. 2615. Das Bild existiert nicht mehr. Identisch ist damit 
auch, wie mir Mau bestätigt, die Abbildung in dem Werk Herculanum et Pomp6i, Recueil 
g6n6ral, graviert von Aine, Text von Barr6 und BORIES Bd. II (Paris 1839) S. 165 Tfl. 49. 

Helbiq Nr. 1788: Ornamentfigur eines Jünglings; Rolle in der L. unklar: 
Pitture d*E. II 32 S. 193. Das Bild ist gleichfalls zerstört. 

1) Den Kopien von Wandmalereien im Pompeianum zu Achaffenburg ist wenig 
zu trauen; in der Prauenwohnung des Oberstocks daselbst sieht man eine stehende 
männliche Figur, eine geschlossene Rolle in der R.; ebenda eine Muse, die die 
geschlossene Rolle mit beiden Händen umfaßt; die r. Hand liegt am oberen Teil 
des Zylinders, die L. am unteren (vgl. Abb. 65). Ebenda eine sitzende Frau mit offener 
Rolle und Rollenkasten; endlich die Kopie des Konzerts: die sitzende Sängerin hält 
ein offenes Blatt zwischen den Händen; hierüber unten S. 143 f. 

2) So Mau. Dies wird durch die Nachzeichnung in den Abh. d. sächs. Q.W. 
XII Tfl. 6, 4 bestätigt. 



E. Wandmalerei. 115 

Die portrataiiigen Brustbilder Pompejis wahren das sonst traditionelle 
Schema nun aber fast nirgends ganz getreu, sondern lieben es, von der 
Schablone mit Anmut abzuweichen. 

So gleich der JQnghng mit bekränztem Haupte, im gelblichen Mantel, 
der eine Rolle mit beiden Händen unter das Kinn halt (Neapel, Mus. naz. 
Abt. XXXVIII Nr. 9085; Hblbio Nr. 1420). Die Abbildungen in Pitture d'E. 
111 S. 237 und Mus. Borbon. VI 35 sind ungenau. Unsere Zeichnung Abb. 64 
gibt das Buch sorgfaltig wieder. Das Motiv II ist hier annähernd inne- 
gehalten, aber mit Umtauschung der H9nde; die L. liegt oben, die R. scheint 
lose am unteren Teil des Buchs anzuliegen. Der Sittybus ist grOn gefärbt.') 
Dem ahnhch die Nr. 1420" bei Hbl- 
B[Q: der Jüngling halt hier die Rolle 
am Kinn in der L.; s. Bullett d. 1. 
1863 S.97. 

Mus. naz. Abt. XXXVill Nr. 9058: 
Doppelportrat des Paquius Proculus 
und seiner Frau: die Frau halt eine 
Tafel in der L, einen Stilus in der R.; 
diese Tafel ist schwarz und hat gelben 
Rand; der Mann eine geschlossene Rolle 
in der R.(I) und zwar wieder bis unters 
Kinn; Motiv Ib. Die I. Hand ist nicht 
mit dargestellt und befindet sich ien- 

seits des Rahmens. Die Rolle ist weiß, Abb. m: Neapel, Mus. nu. 

ohne Panula; sie zeigt oben eine An- 
deutung ihrer Windungen; zugleich hangt oben ein roter Sittybus heraus.*) 

Mus. naz., Locali della Promotrice Inv. 120615""': Brustbild eines be- 
kränzten JDnglingsin Medaillon; s. Mau in Rom. Mitteilungen Vlll (1893) S.21: 

Man sieh! seine Hände nicht, wohl aber eine groOe geschlossene Rollei sie 
ist weiß gef&rbC; ihr oberer Rollenschnm ist etwas sichtbar; an demselben hängt 
weißer Sittybos, auf dem Plato steht (so Mau); unsre Abb. 157. Dazu das Pendant 
dortselbst unter der gleichen Nummer (Mau S. 20); unsre Abb. 124 und 156: Brust- 
bild eines bekränzten Jangllngs, gleichfalls in Medaillon; er hflit eine offene Rolle; 
auch seine HSnde sind nicht sichtbar. Oben ist an ihr ein ungefärbter Sittybus be- 
festigt. Aut demselben steht der Name Homerus (nach Mau). Es ist auffallig, daß 
die griechischen Namen lateinische Worlform zeigen, wfihrend der Text im Buch 
doch nur griechisch gedacht werden konnte I 

Dazu kommt noch i^EUBia Nr. 1962 (Mus. naz.): ein Mftdchen in Chiton und 
Mantel „sitzt da und halt in der zum Kinn erhobenen R. (I) vermutlich eine Rolle". 
Die 1. Hand wird in der Beschreibung nicht erw&hnt. Ich fand das Bild nicht im 
Mus. naz.; auch Mau nicht. 

Besonders frei endlich Helbio Nr. 858 (Pitture d'E il S. 59): unter 

1) Hblbio sagt unklar: „eine mit einem granen Bande versehene Rolle". 

2) Abbildung z. B. bei Marrvolt, Pacis about Pompei, London 1894. 



116 I. Die geschlossene Rolle. 

den schonen neun Musenbildem Pompejis ist dies Kalliope, eine Standligur 
auf gemaltem Konsol, die eine geschlossene Rolle auf der Brust mit beiden 
Händen') halt Die schöne Freiheit der Behandlung wird man besser als 
aus Beschreibungen aus der Abb. 65 selbst ersehen.') 

Wie wohltatig ist es, nach so viel Monotonie ein Paar Hände zu sehen, 

die die strenge Regel verlassen und der engen Vorschrift sich entwinden. 

Der Verkehr der Hände mit dem Buch, eingepreßt in so wenige Formen, 

belebt sich hier endlich und regt sich in natürlicher Zwanglosigkeit. So 

wirkt hier denn auch die rechte Hand in einer Weise mit, wie wir es 

bisher nicht feststellen konnten. Dafür 

bedarf es einer Erklärung. Belangreicher 

aber ist noch das Folgende: 

Martial erwähnt, daß beim Gebrauch 
des Lesebuchs besonders das Kinn 
mitwirkte. Denn von einem Buch, das 
noch von keinem, Leser benutzt ist, sagt 
er I 66, 8: sein Papier sei noch von 
keinem harten Kinn abgerieben oder 
garstig geworden: 
Quae Irita duro non inhomiit mento. 

Ebenso heißt es bei ihm X 93, 6: ein 
Rollenbuch, das noch keiner angefaßt 
hat, sei wie eine noch ungepflQckte 
Rose; denn sein Papier sei noch nicht 
durch die standige BerQhrung mit dem 
Kinn schmutzig geworden: 
.65. Muse. Pompeii. Sic nova ncc mento sordida Charta iuvat. 

Und der Dichter Strato (Musa paid. 50) preist endlich das Buch glQcklich, 
das der geliebte Knabe, wenn er es gelesen hat (ävatvoüc), an sich drücken 
wird, und zwar in der Richtung nach oben ((iva6Xiiv€i), indem er es an das 
Kinn legt (jipöc tä ftviia iiöeic). 

Nun stellt allerdings die bildende Kunst den Akt des Lesens häufig 
genug dar. Keine der Darstellungen aber, so viele ich später zu erwähnen 
haben werde, weiß etwas von der Mitwirkung des Kinns. Und in der Tat 

1) Vgl. oben S. 101 mit Anm. Ober Kalliope oben S. 48 Anm. t. 

Z) Sicher verzeichnet ist leider die Wiedergabe der sog. Klio im Mus. Borbon. 
IX TU. 34 = HELBIG Nr. 861; ein Madchen, dessen r. Schulter entblößt Isl; in der 
L. halt sie eine scheinbar otfene Rolle; aber es isl nur ein Blatt mit hangendem 
Ende und ohne alle Rollungen aufgewölbt; die Hand steckt darin wie in einer Dote. 
Der I. Unterarm Ist total verzeichnet. Das Original in der Casa dei DIoscuri ist 
schwerlich noch zu erkennen; „nicht mehr vorhanden" Mmj. 



E. Wandmalerei: Rolle am Kinn. \n 

wird durch das Lesen selbst die Benutzung des Kinns ausgeschlossen; 
ebenso aber anscheinend auch durch das Auf- und Zurollen des Buchs. 
Denn, wie zu Anfang, S. 42, ausgeführt ist, findet beim Lesen nicht nur das 
Abrollen, sondern gleichzeitig auch schon das WiederzusammenroUen statt; 
während dieses Ab- und Aufrollens selbst geht das Lesen vor sich, und 
die Rolle wird somit beim Ab- und Aufrollen in gehöriger Entfernung vom 
Auge gehalten und nähert sich dem Kinn gar nicht Was wollen also die 
obigen Dichterstellen besagen, die das Kinn fordern? Hier scheint zunächst 
alles unklar. Aber das Dunkel erhellt sich leicht. Denn, wie S. 42 gleich- 
falls schon dargelegt, war das Wiederzusammenrollen des Buchs keines- 
wegs der letzte Akt der Lektüre; denn der Text selbst war ja dadurch 
zunächst unbenutzbar geworden und lag in verkelirter Reihenfolge der 
Seiten, die erste Textseite im Rolleninnem, die Schlußseite außen. Um die 
Schrift für die nächste Lesung benutzbar zu machen, war es jedesmal un- 
erläßlich, das Buch noch einmal ganz zurückzurollen; und um diese lästige 
letzte Arbeit zu erleichtern und zu beschleunigen, wird man das Kinn zur 
Hilfe genommen haben. Man denke an die Ladenjünglinge in unseren 
Schnittwarengeschäften, die ja, wenn sie einen ausgebreiteten Vorhang- oder 
Kleiderstoff wieder zusammennehmen, oftmals ganz ebenso verfahren. 

Dies ist es, woran Martial dachte, und hieran dachte vor allem auch Strato; 
denn er setzt das Präteritum dvarvoüc: erst nachdem der Knabe gelesen 
und also die Rolle verkehrt zusammengerollt hat, kommt er dazu, sie unters 
Kinn zu schieben (dvaOXiijjei tö ßißXibiov TTpöc id f^veia iiGeic); und eben 
dies hat nun auch den Malern der pompejanischen Bilder ein neues Motiv 
an die Hand gegeben. Nur durch Strato und Martial werden die betref- 
fenden Wandbilder verständlich. Schon S. 104 begegnete uns im Vettier- 
haus eine stehende männliche Figur, die die Rolle nach dem Motiv II in 
beiden Händen hält und sie dabei zugleich unters Kinn lehnt. Das Motiv II 
zeigt ja aber an, daß die Lektüre erst eben beendigt ist; nun hat hier 
auch die Rückrollung, die sich daran anschloß, schon soeben stattgefunden; 
das soll uns die Annäherung an das Kinn verraten. 

Hält in der „Unterrichtsszene" bei Helbiq Nr. 1463 (oben S. 114) der 
Knabe die Rolle „an den Mund", so würde man damit das angeführte Epi- 
gramm Strato's vergleichen können, wo v. 3 der Knabe das Büchlein unter 
anderm auch an die Lippen drückt (ccpiTT^i irepi x^i^^^iv), sowie auch 
Hieronymus von dem alten Nepotian, der ein Buch sehr liebte, erzählt: 
illum ore tenebat (epist. 60, 11 ed. Vall.). Nicht anders bei Apuleius 
der sterbende Philemon.0 In Wirklichkeit jedoch hält der Knabe des 



1) Hier gilt es eine Lesung zu retten, Apui. Florida S. 21 KrOqeR: adhuc 
manus volumini implexa, adhuc os recto libro impressum; d. h. die Hand des 
sterbenden Philemon war um die geschlossene Rolle herumgelegt, der Mund auf 



118 I. Die geschlossene Rolle. 

Bildes die Rolle ans Kinn. Jedenfalls aber trifft die gegebene Deutung 
nun nocli für die beiden Brustbilder Nr. 9058 und 9085 und wohl auch 
für Helbio Nr. 1962 {oben S. 1 15) zu. Daß gerade Brustbilder dies neue Motiv 
bevorzugen, ist begreiflich; denn dadurch wurde es dem KQnstler ermög- 
licht, das Buch noch mit in den Bereich der Bildflache, in einem Fall also 
des Rundausschnitts, zu bringen. Betrachtet man das Rundbild Abb. 64 ge- 
nauer, so sieht man: eine Innenschicht der Rollung ragt am oberen Ende 
noch aus dem Konvolut unordentlich hervor; das Kinn soll sie jetzt eben 
eindrücken; daher wird sie ihm genähert; erst dann wird ein glatter Rollen- 
schnitt hergestellt sein. Der Sittybus aber, der 
an der Außenseite herabhangt, scheint anzudeuten, 
daß die Pagina I des Buchs jetzt richtig weder an 
der Außenseite liegt, daß es also die RQckrollung 
war, die soeben stattfand. Und weil nun endlich 
bei dieser RQckrollung die rechte Hand dieselbe 
Hauptfunktion haben mußte, die sonst der L. zu- 
kam, so wird hier die Holle entweder in der R. 
gehalten, Nr. 9058 (vgl. auch Hblbiq Nr. 1962), 
oder die R. ruht doch an ihrer unteren HSlfte, 
eine Umkehrung des Motivs II, Nr. 9085. 

Aber noch ein ganz anderes Buchmotiv bei 
geschlossener Rolle - nennen wir es Motiv IV - 
lernen wir aus Pompeji kennen, und zwar auch 
dies für die r. Hand. 

Ich entdeckte die Darstellung in dem Hause 
Pompejis, Via Scuole, Regio VIII ins. III via 
quarta TOr 18 (am Knie der Straßenbiegung) : 
Abb. 66: Pompeii. ^^ ^^^ Wand des Atriums befinden sich da 

zwei Einzelfiguren in gemalter Architektur, die 
durch ein großes Mittelbild voneinander getrennt sind. Rechts eine stehende 
Frau mit Schale und Cantharus. Links dagegen ein bartiger (?) Mann von 
braunlichem Gesicht und in braunem Mantel. Er steht in Vorderansicht 
in einer tDrartig einrahmenden Architektur, hält das Haupt etwas gesenkt; 
seine I. Hand ruht in mittlerer Körperhöhe am Mantelstreifen; die R. aber 
halt einen rollenahnlich schmalen, zylinderförmigen Gegenstand am oberen 
Ende, so daß die Hand sich bis zu Schulterhohe erhebt. Dieser Gegen- 
stand befindet sich in fast horizontaler Lage und sein unteres Ende be- 
rührt die Brust des Mannes etwa in der Mitte; s. Abb. 66. Man glaubt 
hier zunächst den Moment zu erkennen, wo der lecturus die Rolle 



das obere Ende des aufrecht stehenden Buchzylinders aufgedrückt. Das ist doch 
anschaulich genug. Sinnlos korrigiert man Jecto. 



E. Wandmalerei: Motiv IV. 119 

aus dem Gewandbuseti hervorzieht; wir sahen ja S. 43, dafl man das 
Buch im sinus trug; der Kopt senkt sich schon for die bevorstehende 
Lesung. 

In Wiriciichkeit stfltzt der tecturus das Buch jedoch nur einfach an 
die Brust Er sinnt und wartet Dies zeigen zwei weitere, sehr ahnliche 
Bilder: 

In den romischen Wanddekoralionen, die aus der NShe der Farnesina 
stammen ') und im Thermenmuseum Saal X autgesiellt sind, finden sich unter Nr. 22 al 
fresco auf weißem Omnd zwei Frauen gemalt, die in zwei Feldern getrennt stehen. 
Die links Stehende - unsre Abb. 67 -, durch einen Kranz im Haar als Sängerin oder 
PriesterJn gekennzeichnet, bebt ibre r. Hand in Schulterhohe und 
holt einen rollenOhnlichen Stab in boHzontaler Stellung an die 
r. Schulter, also allerdings nicht an die Brust gelehnt (es konnte 
sogar scheinen, daß der Gegenstand vieimehr hinter der Schuller 
sich noch torisetze), wahrend die L. grade am Kleid herabgesenkt ] 
einen Palmenzweig hält. Jener Gegenstand ist durch Andeutung 
eines Mittelpunktes in der Mitte des Stabdurchschnittes sowie 
durch ein herabhängendes Zettelchen oder Bfindchen an seinem 
Ende als Rolle sicher kenntlich gemacht. 

Davon l&ßt sich dann eine der.Prauengestalten der Tabula 
Archelai nicht trennen. Im zweiten Streifen dieser Komerapo- 
theose (v. u.) steht Apoll in einer Grotte; neben ihm derOmphalos; 
in derselben Grotte steht im Linksprofil, eine Binde im Haar, ein 
Weib dem Gott zugewandt; sie ruht auf dem r. Standbein (auch 
die pompejanische Figur ruht aut ihm); das I. Bein steht aus- 
holend weit zurück, vielleicht zum Zeichen, dafi sie eben heran- 
getreten ist, jedenfalls in Kontrapost zu Apoll, der auf dem L. 
sieht; ihre 1. Hand liegt weit zurflckgestrecki auf einer Flache 
in Tischhotie hinter ihr; die R. aber, in Schulterhohe erhoben, 
halt einen rollenartigen Stab an seinem oberen Ende, ohne Präge 
eine Buchrolle, und stemmt das andere Ende desselben gegen Abb. 67- 

die r. Schuller. Die Rolle befindet sich also auch hier in Thennenmuüuni. 
horizontaler Lage. Sehr richtig erkannten S. Rbinach und 
Watzinqbr, 63. Winckelmannsprogr. S. 6, die Rolle, verglichen aber mit Unrecht die 
Terrakotte von Myrina, die vielmehr eine Buch über reichen de ist (oben S. S4). Die Iden- 
tität dieses Buchmotivs mit dem des vorigen Beispiels springt nun in die Augen *) ; auch 
hier scheint die Rolle nicht an, sondern hinter der Schulter zu endigen. Dal] sie nicht 
aus dem sinus des Kleides hervorgezogen wird, erhärtet zudem der Umstand, daß 
die r. Brust und Schulter hier nackt sind. Eine zureichende Erklärung des Motivs 
ist danach schwer aufzustellen. Das Grottenbild aut der Tabula, dessen Hauptperson 
der musizierende Apollo ist, soll jedenfalls eine in sich geschlossene Szene geben. 
Die Frau, nennen wir sie nun Muse oder Pythia, ist an dem Liedvorlrag des Gottes 
persönlich beteiligt; sie lauscht ihm; denn sie ist, indem sie sich nähert, mit Hal- 
tung und Blick nur ihm zugewandt. Ich waQte zur Erläuterung nur das Vasenbild 
einer Hydria von Vulci') heranzuziehen, wo Apoll gleichfalls mit einer Muse isoliert 
steht. Der Gott scheint aut der Leier zu spielen, und die Muse tragt ihm zugleich 
aus offener Rolle vor. Auf der Tabula Archelai d^^gen spielt Apoll zwar gleich- 
falls auf dem Sailenspiel, die Muse aber nähert sich erst mit dem Buche, um danach 
ihren Vortrag zu beginnen. 

i 1) Siehe Monum. d. Ist. XII Tfl. 28; Annali 1885 S. 318. (HELBtO, Fahrer II* S. 250 

erwähnt die betreffende Figur nicht.] 

2) Watzinobr S. 22 redet von einem Oberreichen des Buchs ; aber Apoll steht 
abgewandt. . 3) Gerhai«), Trinksch. und Gefäße II 17 u. 18; s. unten S. 142. 




120 I- ^i® geschlossene Rolle. 

Eine gewisse sorglose und genialische Art, das Buch zu tragen, zu- 
gleich aber vielleicht der Ausdruck des Lauschens und Abwartens, würde 
also in diesem Buchmotiv IV zu erblicken sein. Sehen wir uns nach Ver- 
wandtem um, so nützen uns die alten Ägypter nicht, wenn wir sie die ge- 
schlossene Rolle unterm Arm, d. h. unter der Achsel eingeklemmt tragen 
sehen (oben S. 12). Mit etwas mehr Berechtigung ließe sich das nach- 
stehende freiere Motiv vergleichen, das freilich der 1. Hand angehört und 
auch nur auf späten Monumenten anzutreffen ist. 

Auf den Mosaiken der Kirche S. Costanza in Rom, denen de Rossi^ 
Musaici Christ, fol. 26, ein hohes Alter zuerkennt, findet sich eine Dar* 

Stellung, die nicht weniger als die eben be- 
sprochene befremdet. Es handelt sich um einen 
sitzenden Christus. Seine r. Hand ist unbeteiligt 
(sie reicht der Nebenfigur etwas dar), seine L. hält 
die geschlossene Rolle. Doch steht der Fuß der 
Rolle unvermittelt auf dem 1. Schenkel des Sitzen- 
den auf, während die Hand selbst nur den Kopf 
der Rolle mit festem Griff gefaßt hält. So steht 
Abb. 68: Moitvv. sie senkrecht auf dem Schöße, und wir haben 

den Eindruck, daß sie gefährdet ist und daß, da 
die aufliegende 1. Hand von oben lastet, dieser Druck das Buch brüchig 
machen, vor allem den unteren Rollenschnitt, auf dessen ebenmäßige Glätte 
man sonst hielt, verletzen und beschädigen muß. Vgl. Abb. 68. 

Dies heiße Motiv V. Genau ebenso ist in Ravenna in den Mosaiken 
des Chors von S. Vitale Christus, bartlos, sitzend dargestellt: er hält die 
geschlossene Rolle in der L., sie oben anfassend; das untere Ende der 
Rolle steht auf dem Schenkel; sie ist hier mit sechs oder sieben schwarzen 
Fäden zugebunden: Garrucci Tfl. 258. Nicht anders der sitzende Christus 
in der Sophienkirche Konstantinopels; auch er stützt die Rolle auf die 
Knie: s. Erich Frantz, Gesch. der Christ Malerei I, 1887, S. 170. Derselbe 
weiter auch in S. Maria in Domnica, Garrucci Tfl. 293; einst auch in S. Agata 
zu Ravenna, s. Garrucci Tfl. 254 (Kraus I Fig. 181). So endlich auch das 
Christuskind, das auf Maria Schoß sitzt; es hält schon die Rolle, die 
mit einem Band umbunden ist, nach demselben Motiv, in dem Bilde bei 
Garrucci Tfl. 451, 2 (Berlin; 6. Jahrh.). Die Rolle ist hier auffallend dick.^ 
Dies Motiv ist spät, wie man sieht, aber es ist von den weltlichen Kreisen 
ausgegangen; denn es findet sich schon genau ebenso auf dem Elfenbein- 
diptychon des Probianus etwa aus dem Jahre 400, s. Daremberq et Saqlio, 
Dict. III Fig. 2457, 1. Hälfte. Daraus ergibt sich nun, daß dies die Haltung 



1) Besser abgebildet: Kgl. Museen zu Berlin, Beschreibung, 2. Aufl., Die Elfen- 
beinbildwerke, Tfl. 2. 



E. Wandmalerei: Mosaiken, Motiv V. 121 

des Richters ist; denn als Richter ist Probianus hier vor den Advokaten 
sitzend dai^estellt; die r. Hand erhebt er mit dem Gestus, als ob er die 
Strafe soel>en verkfindigte. Und diesem richtenden Probianus entspricht 
weiter genau Pilatus, der aber Christus zu Gericht sitzt, auf der Miniatur 
des Codex Rossanensis fol. 8^; denn in eben dieser Haltung diktiert Pilatus 
dort einem Schreiber das Urteil. Alle diese Bilder erklären sich gegen- 
seitig. Von den Beamten der römischen Justiz obemimmt das Motiv 
Christus. Auch er ist Richter. Als den Richter des jüngsten Tages 
wollen ihn die besprochenen Mosaiken zeigen. 

Worin die Motive IV und V prinzipiell Obereinstimmen, sieht man 
leicht In beiden begnügt sich die Hand, nur das obere Rollenende anzu- 
fassen; in beiden wird das andere gegen den Körper, sei es Schulter, sei 
es Knie, gestemmt. Beides war fOr die Rolle nachteilig. Daher sind die 
Belege für beide so selten. 

Für das Motiv V sind Analogien aus früherer Zeit schwerlich nach- 
zuweisen: 

Zwar könnte man an den „Lysias" auf dem Neapler Philosophenmosaik denken; 
s. Abb. 59; doch sind die Unterschiede erheblich. Denn dieser Lysias, der gleichfalls 
sitzt und den Eckplatz im Hemicyclium einnimmt, stützt die Rolle nicht senkrecht, 
sondern schräge in den Schoß oder auf das 1. Knie. Sodann ist es seine R., nicht 
seine L., die auf dem Kopf der Rolle liegt; er legt dabei den r. Zeigefinger in die 
Rolle mitten hinein. ') Vor allem aber dienen hier beide Hände dazu, sie mit Sorg- 
falt zu halten; denn auch die 1. Hand hält und sichert mit den Fingern das untere 
Ende; es ist dies also nichts als eine leise Variante des Motivs II. 

Nützlicher wäre es noch, das pompejanische Gemälde, Neapel Abt. LXXV 
Nr. 9641, zu vergleichen: eine junge Frau sitzt aufrecht auf einem Stuhl mit Lehne, 
das Haupt hoch erhoben, den Blick zur Seite gerichtet. Ihr r. Arm ist verdeckt, 
der 1. Arm frei vorgestreckt; dabei ruht der I.Unterarm aufgestützt auf einem Gegen- 
stände, der aufrecht auf dem 1. Schenkel steht und bei dem Zustande, in dem das 
Bild sich gegenwärtig befindet, an ein großes geschlossenes Rollenbuch erinnert. 
Doch ist dieser Gegenstand zu groß ') ; auch konnte eine Rolle nicht die ganze Last 
des Armes tragen, während die I.Hand selbst leer und untätig ist.') Sehen wir 
indes von der Differenz des Gegenstandes ab, so bietet die ArmstOtzung hier immer- 
hin zum Motiv V eine Analogie. Es ist dieselbe stolze Art, wie König Thoas die 
Unterarme auf das Szepter legt, in dem berühmten Bild bei HELBIO Nr. 1333; Monum. 
dell. Ist. VIII Tfl. 22. 

Auch das stark verblaßte Bild Locali della Promotrice, das sowohl die Zahl 185 
wie 985 trägt, nützt uns leider wenig: große Gewandfigur (ob weiblich?) in gold- 
braunem Ton: sie sitzt im Profil und stützt mit der 1. Hand auf das 1. Bein einen 
Gegenstand, der eine Tafel oder eine geöffnete Rolle sein könnte. 

Wohl aber sind nun noch für Motiv V aus dem Wiener Dioskurides 
die Arzteversammlungen , zwei Miniaturen der Anfangsblätter 2^ und 3^, 
heranzuziehen, die das größte Interesse erwecken, da sie ein deutlicher 



1) Letzteres nach Mau*s brieflicher Mitteilung. 

2) Siehe Pitture d*Erc. VI S. 97 mit Abbildung; dazu die Beschreibung: „tiene 
colle due mani (?) un vaso rotondo con fogliami nel giro superiore e col fondo 
anche convesso, di color d*argento, che appoggia sulla coscia*'. 

3) Mau urteilt ebenso, nach brieflicher Mitteilung. 



122 I- Die geschlossene Rolle. 

Nachklang der Imagines oder Hebdomaden Varro's sind. Denn so wie in 
diesen Varronischen Bilderbüchern immer je eine Bildfläche sieben Porträts 
zusammengruppierte ^), just ebenso ist es hier zweimal geschehen. Was 
indes das Detail anlangt, so sind die Bilder der Wiener Handschrift ganz 
spät. Der Codex ist im Jahr 512 geschrieben; und, beruhen jene Bilder 
auf alteren Vorlagen, so waren doch diese nicht nur nach Galen, der in 
ihnen vorkommt, sondern frühestens im 4. Jahrh. gemacht. Dies beweist 
schon der Umstand, daß keiner dieser Ärzte ohne Buchrolle ist, welche Rollen 
dazu sämtlich geschlossen sind, eine Pedanterie, die an die christlichen 
Apostelsarkophage gemahnt. Auch die äußerliche Art, Symmetrie der Buch- 
motive herzustellen, führt auf dieselbe Annahme hin (oben S. 95). Eine weitere 
Bestätigung gibt fol. 5'', wo wir Dioskurides in einem blattreichen Codex 
(nicht etwa Schreibtafel) schreiben sehen, was vor der angegebenen Zeit nicht 
vorkommt: unsre Abb. 178. Daher nun auch ebenda das späte Buchmotiv V, 
das sich hier dreimal vorfindet; denn schon Xenokrates zeigt es (doch liegt 
hier überdies die 1. Hand unten an der Rolle), dann Herakleides, femer 
auch Krateuas sowie endlich auf fol. 4^ Dioskurides selber. Was dies Motiv 
hier aber ausdrücken soll, ist nicht abzusehen. Dazu kommt endlich noch, 
daß die Rollen des Pamphilos und Xenokrates äogar um die Mitte mit 
schmalem Band zugebunden sind^), eine Gewohnheit, die ich wiederum nur 
für die Spätzeit belegen kann. Der szenische Wert des Buchs aber wird 
dadurch, daß es zugebunden ist, vernichtet; denn Xenokrates kann die 
Rolle in diesem Zustand weder soeben gelesen haben noch im Begriff 
sein, sie jetzt zu Offnen. Sie ist also zum bloßen Attribut herabgesunken.^) 
Das Motiv V zeigt den „Richter" nur in den Fällen an, wo die Figur 
en face sitzt. Diese Arzte dagegen sitzen sämtlich im Profil, und dasselbe 
gilt von dem Jünger, bei dem ich das Motiv noch einmal wiederfinde, auf 



1) Siehe F. Ritschl, Opuscl. 111 S. 580. Die sieben Figuren sind ganz äußer- 
lich auf die Fläche verteilt, in der Art, wie die Evangelisten in dem Evangeliar im 
Münsterschatz zu Aachen (Die Trierer Ada-Handschrift Tfl. 23). Ganz anders da- 
gegen die Gruppierung des Agflmensorenbildes bei Beissbl, Vatik. Miniaturen Tfl. 2, 
die Mantuani im Dioskurides ed. Karabacek S. 258 mit Unrecht verglich. 

2) Dieses Band scheint Mantuani nicht bemerkt zu haben. 

3) Besser sind die Motive bei anderen Figuren dieser Miniaturen. Sämtliche 
Arzte sitzen. Dabei zeigt Mantias das Motiv ;! in der L. Nigros hält die Rolle mit 
der R. vor der Brust, Motiv I. Apollonios faßt sie mit seiner L., die im Schoß ruht, 
am unteren Ende. Andreas* r. Hand liegt auf dem Schoß und hält so die Rolle hori- 
zontal; bei Ruphos wiederholt sich das ähnlich (oben S. 95), und der Dioskurides 
auf fol. 3b macht es wieder ganz so wie Ruphos. Machaon endlich faßt die Rolle 
mit der L. am oberen Ende und hält sie so ans Kinn, indem sein Zeigefinger das 
Kinn nachdenklich berührt, was uns an den Asklepios im Palazzo Pitt! (oben S. 61) 
erinnert. Dieser Machaon ist wohl die besterfundene Figur. Wenn dagegen Man- 
tuani von dem Qalen auf fol. 3b vermutet, er halte in seiner L. eine etwas entfaltete 
Schriftrolle in roter Umhüllung, so ist dies sachlich eine Unmöglichkeit; dad Detail 
ist leider nicht mehr klar zu erkennen. 



E. Wandmalerei; Miniaturen des Dioskurides. |23 

einem Sarkophag in Rodez, bei Le Blant Tfl. 22, 2. Auch hier ist es be- 
deutungslos geworden. 

Endlich gibt es nun noch eine Darstellung, und zwar in der skulpierenden 
Kunst, die an Kühnheit, um nicht zu sagen an Hftrte, Ober alles bisher Nach- 
gewiesene noch hinau^eht Unter den christlichen Sarkophagen SOdfrankreichs in 
der Sammlung Le Blant's fand ich Tfl. 22, 1 eine der üblichen Kompositionen, die 
Christus und die Apostel zwischen einer Sdulenordnung zeigt. Christus hebt hier 
aber als Mittelfigur stehend die R., während seine gesenkte L. sich auf eine sehr 
große geschlossene Rolle stützt, die ihrerseits auf einer am Boden befindlichen 
Büchercapsa senkrecht aufsteht Der leicht verletzbare Fuß der Rolle ist hier also 
nicht einmal auf einen Gewandteil, sondern auf eine harte hOlzeme FlAche auf- 
gestellt, und dabei drückt die Hand auf sie, die ihren Kopf von oben gefaßt hAlt, 
als wäre sie ein Stab oder eine Säule. Die Abbildung bei Le Blant läßt den 
Sachverhalt mit Sicherheit erkennen, während in der Wiedergabe bei Qarrucci 
Tfl. 339, 5 nichts davon zu sehen ist: die Rolle ist da entstellt, der Kasten ver- 
schwunden. 



IL Die geöffnete Rolle und das Lesen. 



Die Bildwerke, die uns das ganz oder auch nur teilweise geöffnete 
Buch und die uns vollends einen lesenden Menschen zeigen, sind in den 
meisten Fällen szenisch und genrehaft, und wenige von ihnen gehören 
daher auch der statuarischen Kunst an, die das Repräsentationsmotiv be- 
vorzugt. Aber die Aufgabestellung selbst ist alt, und Schildereien dieser 
Art begegnen schon in der ältesten Zeit, auf attischen Vasen des 5. Jahrh. 
vor Chr. Schreibende darzustellen liebte die ägyptische Kunst. Die Kunst 
der Griechen und Römer hat den Schreiber dagegen mit auffälliger Nicht- 
achtung beiseite geschoben. Wohl aber waren und blieben Lesende, 
Studierende, in Gesellschaft Vortragende für sie ein immer gleich sehr be- 
liebter Gegenstand. 

Das Lesen war damals etwas wesentlich anderes als heute. In einem 
modernen Bande, der festgebunden und beschnitten ist, stehen alle Seiten 
gleichzeitig der Neugier offen; wer heute auf den Schluß eines Romans 
begierig ist, kann ihn zuerst lesen; wer wählerisch ist, ^ann in einem 
Gedichtbuch hin- und herblättem und naschen nach freiestem Belieben. 
Eine Rolle ist wie ein Geheimnis, ein Geheimnis, das sich langsam und 
nur bei MQhaufwand enthüllt Denn ihre ersten Blätter sind die Decke 
der folgenden, und wer die Anfangsseite erwartungsvoll rührt, kann nicht 
ahnen, was ihr innerster Kern wohl bergen mag. So ist es wieder eine 
Unmöglichkeit, den Schluß vor der Mitte kennen zu lernen. Der Inhalt des 
Buchs „entwickelt sich*' wie das Buch selbst und gleichzeitig mit dem 
Buche. Wer den Wechsel der Themen in den Horazoden und Properz- 
elegien, die Steigerung der Schlüsse in den Kaisergeschichten des Tacitus 
bemerkt, vergegenwärtige sich, daß dies auf die neugierige Spannung des 
Lesers berechnet war, der nur immer die eine Textspalte im Auge hatte 
und dem sich alles Folgende verbarg, bis er schiebend sich weitergearbeitet 
hatte. Die überraschte Freude am Wechsel des Inhalts war damals größer 
als heute. 

Aber auch einen wirklichen Obelstand brachte das System des Rollens 
mit sich. Das Aufsuchen einzelner Stellen im Text, das Feststellen von 
Zitaten war sehr erschwert und erst möglich, wenn man das Rouleau weit 



Wollene Binden. 125 

auseinandergerollt hielt, so daß mehrere oder viele Textspalten gleichzeitig 
sich aberblicken ließen. Dies setzte aber ein Ausspannen der Arme voraus, 
das kaum jemand lange ertrug. Daher war für solche gelehrte Zwecke 
der Lesediener, der Anagnostes, nötig. 

Bevor wir indes die Darstellungen ins Auge fassen und in Gruppen 
zerlegen, ist eine Anmerkung aber die wollenen Binden vorauszuschicken, 
die von Personen, die eine Punktion im Gottesdienst haben, zu sakralem 
Zweck getragen werden und die den einen oder anderen Betrachter beim 
ersten Anblick in die Irre fahren könnten. 

Wer im antiken Theater zu Athen an dem reliefgeschmackten Proske- 
nion, das aus dem 3. Jahrh. n. Chr. stammt*), den knienden Silen be- 
trachtet, der ein Werk des 1. Jahrh. ist und, den Reliefstreifen unter- 
brechend, scheinbar das aber ihn hinlaufende Gesims trägt, der bemerkt, 
daß sein gesenkter r. Arm sich nicht auf den Erdboden, sondern auf eine 
Doppelrolle statzt, die neben ihm auf der Erde liegt und deren obere 
Rollung er umfaßt. Der Kontrapost ist der schönste: der 1. Arm und das 
1. Knie sind erhoben, das r. Knie und . der r. Arm sind gesenkt Zugleich 
hält die erhobene 1. Hand aufstützend eine zweite geschlossene Rolle, als 
trage er damit eine Last. Es ist aber unmöglich, hier an ein Buch zu 
glauben. Denn abgesehen davon, daß sonst niemals ein Mensch zwei 
Buchrollen hält (oben S. 81), so wäre die Höhe der Rollenzylinder im Ver- 
hältnis zur Hand viel zu gering; sie maßten weiter aus ihr hervorstehen. 
Außerdem ist das Buch in der R. wohl um das Zehnfache zu dick; denn 
der gerollte Stoff ist hier in zwei Konvolute zusammengenommen, die durch 
einen offenen Mittelstreifen zusammenhängen und von denen jedes im 
Durchmesser eine Buchrolle bei weitem überbietet. Die Hand des Silen 
würde nicht ausreichen, es zu umspannen. Überdies würde nun ein Buch 
aus Charta durch den Druck des lastenden Armes kläglich zermalmt 
werden; dasselbe Bedenken betrifft wohl auch die Rolle in der L. So 
rücksichtslos ist kein antiker Mensch, auch nicht einmal ein Silen, mit der 
zarten Charta umgegangen. Aber was soll ein Silen überhaupt mit Büchern? 
Sus Minervam! Erklärlicher ist es, daß er als Kultdiener des Dionys Woll- 
binden trägt, die lang ausgezogen und flatternd zum Schmuck der heiligen 
Stätten dienten*) oder um den Altar gewickelt wurden.'^) Nur dazu stimmen 
auch die Größenverhältnisse des Konvolutes. 



1) Die Sllene sind älter und besser als die Reliefs des Proskenions; s. Matz 
in Annali 1870 S. 97; sie stammen aus dem Anfang der Kaiserzeit, sind aber erst 
später willkOrlich hier angebracht worden; vgl. E. CuRTius, Stadtgesch. Athens, 1891, 
S. 271; DÖRPPBLD u. Rbisch, Das griechische Theater S. 86ff.; übrigens v. Sybel, 
Katalog Nr. 4991. Abbildung: Monum. d. I. IX Tfl. 16; auch Reinach, R6p. 11 57, 5. 

2) Vgl. z. B. Lucan 2, 355 ; domus sacerdotum infulata Prudent. Peristeph. 4, 79. 

3) Properz IV 6, 6; vgl. Vergil ecl. 8, 64. 



126 "■ D'B geöffnete Rolle und das Lesen. 

Ein stehender Silen mit Schlauch, ohne Rolle, „vielleicht Trflger in einer römi- 
schen Architektur", findet sich in Mantua (DOTSCHKE IV Nr. 640); ein kniender ohne 
Rolle, als kleine Statuette, iin Louvre (Rbinach, Rupert. II 57,8). Auch der kniende Barbar, 
den man Revue arch^ol. 21 (1893) Ttl. XIII Fi^. 1 abgebildet findet, kann damit ver- 
glichen werden. Im wesentlichen identisch dagegen mit dem athenischen ist die 
Brunnenstalue eines knienden Silen, der den Schlauch trägt, im Konservatoren- 
palast zu Rom; nur ist das Motiv hier umgedreht, und der 1. Arm stlltzt sich aaf 
das Doppelkonvolut der Rolle; unsere Abb. 69.') Helbio, Führer Nr. 619, sagt: 

„Der Bildhauer beging dabei den Mifigriff, die Schrittrolle beizubehalten, ein 

JMotiv, welches für eine Brunnenfigur wenig passend ist." Hier gelten dieselben 
Argumente wie vorhin. Auch hier liegt eine wollene Binde vor. Der Rollenschnitt 
ist übrigens nicht ausgearbeitet, 
auch nicht hinten, der Daumen 
des Silen liegt hier aber aut dem 
Rollenschnitt in der Weise auf. dafl 
er in die Stoffmasse geradezu hin- 
eingedrückt erscheint, was gewiß 
die Wolle, schwerlich dagegen die 
Papyruscharla zulieti; s. Abb. 70. 



: \bb. 69: KnnserviiiDKDpiilasl. ' «bti. 70: Delail lu dtmsflhen. 

Auch. der Karyatide im Braccio nuovo des Vatikan vindizierte man früher eine 
Buchrolle; daß auch sie vielmehr die infula trug, ist inzwischen erkannt worden; 
vgl. oben S. 96. Auch sie ist eine Kultdienerin, und auch sie dient dabei als 
Archilekturstütze. Beide Erfindungen lassen sieht also nicht unpassend vei^leichen. 

Noch sei eine der Metopen des Parthenon <von der Südseite; MICHABUS, Par- 
thenon Nr. 20} erwähnt; sie zeigt zwei Frauen mit Rollen; auch diese aber sind als 
infulae erkannt; die Binde ruht in der L. und wird mit der R. nach oben aufgerollt: 
s. PERHIce im Jahrbuch d. arch. Inst. X, I89S, S. 100 und Tfl. 3. 

Schwer fällt die Entscheidung angesichts der interessanten Statue von Anzio, 
hellenisii sehen Stils, die von Altmann in den Jahresheften des öst. arch. Inst. VI, 
1903, S. 195 f. besprochen und Tfl. VII abgebildet ist*), eine jugendliche Frauen gestalt, 
vom Verfasser als Orakelspenderin in Patara gedeutet. Sie trägt in den Händen 
eine schOs sei artige Platte; darauf befinden sich ein Lorbeerzweig, ein kleiner Lowe 

1) Abgebildet auch im Bulletlino communale di Roma, 1875, Tfl. XII; vgl. 
Reinach, R£p. II 58, 2. 

2) Eine Wiedergabe auch in der Revue des ätudes grecques XVIII, 1905, S. 119. 



Wollene Binden. 127 

und eine gfeschlossene Rolle mit offen liegendem Endblatt. Dies hält der genannte 
Gelehrte für eine Pergamentrolle, die auf das Orakelspenden Bezug hat. Warum 
nicht vielmehr für eine Papyrusrolle? Darstellungen von Pergamentrollen dieses 
Formats kenne ich nicht. Doch möchte ich lieber auch hier im Hinblick auf ihre 
Kleinheit an eine Wollbinde denken, die zum Apparat der Priesterin sehr wohl 
passen würde. Die Rollungen im Schnitt des geschlossenen Zylinders sind de- 
tailliert wiedergegeben. Zu vergleichen ist übrigens der kahlköpfige Isispriester 
unter den Kalenderbildem des Chronographen vom Jahre 354 (ed. Jos. Strzyqowski 
Tfl. 30; November), der in der R. das Sistrum, auf der L. eine platte runde Schüssel 
trägt, auf der sich allerlei Gegenstände, u.a. auch eine Schlange, befinden. 

Ebensolche schmale Wollbinde erkenne ich mit Bestimmtheit auf dem sog. 
Menanderrelief des Lateran, unserer Abb. 1 13, und für meine Auffassung des vorigen 
Beispiels ist dies mit bestimmend. Dies findet indes seine Begründung besser in 
einem anderen Zusammenhang. 

Die anschaulichste Darstellung aber ist leider meines Wissens nicht veröffent- 
licht. Am 1. März 1901 erhielt ich durch Herrn Pietro de Prisco Zulaß zu den 
großartigen Wandgemälden in Boscoreale, die der glückliche Finder und Besitzer 
dortselbst neben der Tischlerei in zwei Sälen eines Magazino aufgestellt hatte. 
Aufnahmen oder auch nur Notizen zu machen, wurde nicht gestattet. In der Be- 
schreibung, die ich später aus dem Gedächtnis aufsetzte, finde ich die Angaben: 
„Im Obergang vom ersten zum zweiten Teil des Magazins steht ein großes 
Fresko in Querformat, darstellend einen Schmucktisch, besetzt mit Metallgefäßen, 
Pokalen von schöner Arbeit, offenbar Tempelgut; bemerkenswert besonders Woll- 
binden, die auf dem Tisch liegen; die Enden der Rollen sind abgerollt. Es sind 
nach meiner Erinnerung zwei, farbig und von verschiedener Farbe.** Im selben 
Jahr 1901 erschien La villa Pompeiana di P. Fannio Sinistore von F. Barnabbl 
Seine Beschreibung der beiden Tänien auf S. 27 stimmt hierzu; beide Rollen haben 
color pavonazzo, doch ist die eine etwas heller. Die Enden hängen vom Tisch 
herab (pendente con la parte svolta sul lato simstro della tavola). Wie Mau mir 
mitteilt, befindet sich das Bild jetzt im Neapler Museum; derselbe bemerkt mir, daß 
es vier Rollen sind:, eine, violett, ist ganz aufgerollt;* zwei weitere, derselben Farbe'), 
und eine grüne entsprechen meiner Beschreibung. \ 

Natürlich diente die Binde nun aber auch zu profanem Zweck; ich meine das 
öeöviov. Sehr schmal und bandartig ist dasselbe auf dem Adonisbild Pompejis, wo 
die Amoren die Wunde am. Bein des sterbenden Lieblings, der Venus verbinden. 
Ganz ebenso die Verbindung des Beines eines Verwundeten auf dem Amethyst bei 
INQHIRAMI, Galleria Omerica Bd. II Tfl. 122; auf der Sosiasschale, Antike Denkmäler I 
Tfl. 10. Realistischer das Relieffragment vom EsQUlLlN, Bullett. commun. di Roma 
II, 1874, S. 89f., Tfl. I, wo einem sitzenden Manne, dem eine Kugel als Schemel 
dient, nach Visconti dem Zeus, der den Bacchus aus dem femur geboren hat, von 
einer weiblichen Helferin das Bein mit einer Binde verbunden wird. Die Binde ist 
auch hier schmal, am Ende aber ist sie in ein Konvolut zusammengerollt. 

Dieses öOöviov findet sich einmal in bemerkenswerter Verbindung mit dem 
ßißXiov erwähnt. Beide dienten als Geldbeutel. Niese weist mich darauf hin, daß. 
man in der Tat gelegentlich gemünztes Geld entweder in Leinwand oder in einem 
„Buch** aufbewahrte (auf Delos; s. Bull, de corr. hellen. 29 S. 545 f.: v6|Liic|Lia irav- 
TobaiTÖv ^v ÖOovluji Kai ßußXiuii). Beides hatte die gleiche Form der Binde, aus 
beidem aber muß eine beutel- oder dütenartige Hülle hergestellt worden sein. 
Bekannt ist, daß man sich abgebrauchter Bücher ja auch sonst als Makulatur zum 
Einwickeln bediente; so wird das Buch zum cucuUus für Weihrauch und Pfeffer bei 
Martial 111 2.^ Eine „Düte** mit Geld aber findet man bei Hblbio, Wandgem. 1727. 

Wenden wir uns nach dieser Abschweifung zu den Büchern zurück. 



1) Eine von diesen ist sehr verblichen. 2) Vgl. FribdlAndbr z. St. 



128 ^'* ^i^ geöffnete Rolle und das Lesen. 

A. Das Schlugblatt steht offen. 

Wir nahern uns dem Lesenden langsam und auf Umwegen. Zunächst 
der Fall, daß die Rolle, so wie wir dies bisher gesehen, geschlossen in 
der L Hand ruht. Aber ihr letztes Blatt steht offen. Die Person, die 
das Buch hält, ist kein Lesender, und ihr Blick fällt meist auch nicht auf 
das offene Blatt. Wir haben es mit demjenigen zu tun, der zwar mit der 
Lesung, der aber noch nicht ganz mit der Zusammenrollung der Seiten, 
die der L. obliegt, fertig ist; und so steht denn das Eschatokoll noch offen. 
Diese leise Veränderung des Motivs I war gewiß dem Leben abgelauscht 
und sie wirkt belebend, zugleich aber hatte der Künstler wohl noch einen 
sinnvollen Nebenzweck damit, gerade das Eschatokoll aufgeklappt zu zeigen. 
Denn das Schlußblatt war Titelblatt; es war der Träger der sog. sub- 
scriptio des Buchs ^); sogar die Zeilenzahl der Buchschrift pflegte darauf 
mit angegeben zu sein. Nach des Künstlers Willen soll der Betrachter 
erfahren, mit welchem Werke die dargestellte Person sich eben beschäftigt 
hat. Da Marmorwerke bemalt wurden, so läßt sich annehmen, daß wirklich 
gelegentlich bei einem solchen der Buchtitel aufgeschrieben zu sehen war. 

Diese Erfindung scheint hellenistisch. Sie wird angetroffen auf dem 
Homerbecher aus Pompeji, deutlich abgebildet bei Millingen, Ancient un- 
edited monuments, 1822, Tfl. XIII; vgl. Overbbck-Mau, Pompeji S. 624: 
eine Apotheose des Dichters, der auf dem Rücken des fliegenden Adlers 
reitet. Dabei stützt er mit der r. Hand sein Kinn; der 1. Arm sucht nach 
einem Halt und senkt sich vorn um den Hals des aufstrebenden Vogels, 
und die gesenkte Hand hält dabei das Buch, Motiv I, in flacher Lage; das 
letzte Blatt der Rolle aber hängt hier lose herab. 

Dasselbe haben wir festgestellt auf dem Relief der Via S. Sebastiano, 
das eine literarische Unterhaltung gibt, oben S. 93. Eine literarische Unter- 
haltung auch bei Robert, Sarkoph. II 1 Tfl. 52 Nr. 141, l. Hälfte: von den 
vier sitzenden Literaten hält hier einer eine geschlossene Rolle in der L. 
so, daß das letzte Blatt abgerollt hängt. 

Im Vatikan, Sala della Croce Qreca, findet sich hoch oberhalb der Praxiteli- 
sehen Aphrodite ein Relief ohne Nummer eingemauert. Das Detail ist nicht leicht 
zu erkennen, etwaige Ergänzungen sind nicht festzustellen. Hier schien mir die 
zweite Figur (von links) in der L. ein Rollenbuch, in der R. den Calamus (nicht 
Stilus) zu halten. Die letzte Seite der Rolle aber schien mir aufgeschlagen oder 
zurückgeschlagen. Ist dies richtig, so hält die L. das Buch vor dem Beginn der 



1) Die gefundenen Papyri illustrieren das am besten. Ein literarisches Zeugnis, 
das wenigen bekannt scheint, sei hierzu angeführt. Censorinus las Varro*s Satiren 
in Rollen; er schreibt De die nat. 9: opinionem Pythagoricam a Varrone tractatam 
in libro qui vocatur „Tubero" et intus subscribitur (so der cod. Colon.; v. l. scri- 
bitur) „de origine humana". Also jede Satire war eine Rolle; ihr Personaltitel 
stand auf dem Protokoll, ihr Sachtitel aber stand intus, d. i. auf dem Eschatokoll. 



A. Das Schlttftblatt steht offen. 



129 



Lesung, und es soll auf das Protokoll noch der Werktitel eingetragen werden. 
Ameuing erkUIrt diese Rolle indes fflr ein Diptychon. 

ZuYertitesiger das szenische Relief bei WiBSBLER, Theatergeb. XIII Nr. 1: hier 
hält wiederum eine der Gestalten die geschlossene Rolle in der U, das Aufterste 
Blatt aber ist abgerollt 

Dazu der Grabstein der Claudia Italia im Louvre, den der Gatte Hermias ihr 
gesetzt: s. Rbwach, Rupert I 42, 2; WlNCKBLMANN, Mon. ant 1 Nr. 187; unsre Abb. 71. 
Die Frau sitzt da auf einem Thron mit Schemel im Halbprofil nach rechts, die r. Hand 
im Schoß; mit der L. hält sie ein geschlossenes Buch hoch, dessen BschatokoU in der 
Weise offen steht, daß der Betrachter eine etwaige Aufschrift darauf lesen konnte. 
In der Tat ist eine solche 



clitaliae<cl«he:r 



N4IAS<0IV CI»BN 

O^VAXXX 



TVCHt 
»PLICATA 




vorhanden (oben S. 65 f.). 
Zu ihren Füßen ein Hand- 
chen; auf einer Erhöhung 
aber steht die winzige 
„Tyche'*, ihr Spielkind {de- 
licata)j und streckt das r. 
Händchen nach dem Buch. 
Auch hier verbirgt sich 
wohl irgend ein Doppelsinn: 
die Frau ist Künstlerin; die 
Aufschrift des Buchs bezeugt 
es; ihre Kunst ist nun aber 
zu Ende; die Frau ist bis 
zur Schlußseite ihres musi- 
schen Lebens gelangt. Das 
Spielkind aber, das bedeut- 
samerweise Tyche heißt, 
möchte ihr das Buch ent- 
reißen, d. h. seine symbo- 
lische Bedeutung aufheben. 

Weiter ein Musensarko- 
phag (Reinach, R6p. I S. 93), 
wo gleich die erste Muse 
von links in der aufgestütz- 
ten L. die Rolle hoch hält; 
ihr Blick scheint dabei auf 

dem offenen schmalen Eschatokoll zu ruhen. Vgl. auch Darbmbbro - Saqlio Bd. III 
Fig. 5217; FröHNBR, Catal. Nr. 378. 

Auf dem christlichen Sarkophag des Louvre, bei Rbinach a. a. 0. S. 117 
(1. Seitenfläche), ist es einer der vier Evangelisten, an dem man dasselbe 
beobachtet; dabei ist das herabhängende Blatt an den Bcken gerundet und 
wie eine Zunge geformt. 

Beachtenswert aus demselben Anlaß auch der Blfenbeinbecher in 
Berlin (3. Jahrb.), der Christus unter den Jüngern zeigt; vgl. oben S. 77; 
die bärtige Eckfigur links hält in der gesenkten L. das Konvolut einer 
Rolle horizontal, von ihr hängt das letzte Blatt wieder wie eine breite 
Zunge herunter. Denn die Ecken des Eschatokoll sind auch hier ab- 
gerundet 

Gelegentlich erscheint aber das Buch mit dem offenen Endblatt auch 
in der rechten Hand. Es versteht sich, daß alsdann auch die Interpreta- 

Btrt, Die Buchrolle in der Kunst. 9 



Abb. 71 : Grabrelief, Paris. 



130 II- ^i® geöffnete Rolle und das Lesen. 

tion umzukehren und nicht vom Eschatokoll, sondern vom Protokoll zu 
reden ist Das Protokoll trug gewiß gleichfalls den Titel des Buchs, dazu 
etwa noch ein Vorwort; es ist nachgewiesen, daß das erste Blatt des 
Buchs bei der Seitenzählung nicht mitgezählt wurde. ^) Ein lectimis, der 
eben nur das erste Blatt geöffnet hat, ist also in der pompejanischen 
Statuette zu erkennen, Neapel, Galerie der Balbi Nr. 6237, die oben S. 88 
beschrieben ist; Abb. 46. 

Anders dagegen die Muse, die stehend dem sitzenden Homer die 
Rolle überreicht, auf dem soeben erwähnten Musensarkophag des Louvre, 
schon oben S. 84 erörtert Bei dieser Überreichung ist das Protokoll zu 
dem besonderen Zweck aufgedeckt, damit der Empfänger den Titel des 
Buchs oder die berahmten Anfangsworte Mfiviv äeibe Oeä erkenne. 

Eine geschlossene Buchrolle mit geöffnetem und beschriebenem Escha- 
tokoU oder Protokoll findet sich auch unter den Insignia [des Magister 
scriniorum in der Notitia dignitatum S. 161 und S. 43 ed. Sbbck. 

B. Das Schlugblatt wird gelesen. 

Schon der vorige Abschnitt brachte uns einen Beleg dafür, daß das 
Auge dessen, der das Buch hält, auf dem offnen Schlußblatt ruht Es 
handelte sich um eine Muse, der wir ein wirkliches Studium oder ein Lesen 
der Bücher, deren Träger sie ist, schwerlich zuschreiben dürfen. Schrei- 
bende Musen sind verständlich; in welchem Sinne es auch lesende gibt, 
soll bald hernach erörtert werden. Wenden wir uns also zu den Sterb- 
lichen. Ab und zu begegnet das Eigentümliche, daß just das Buchende 
gelesen wird. Utid während beim Lesen sonst beide Hände das Buch 
fassen, hält es hier nur die L., und die offene Buchseite, ob sie nun die 
Breite von einer oder zwei Schriftkolumnen hat, hängt oder steht dabei 
frei in der Luft 

Hier ist vielleicht der Berliner Musensarkophag, „Beschreibung" Nr. 844, 
zu nennen. Der Reliefstreif seines Deckels gibt eine Anzahl von literari- 
schen Szenen in winziger Größe (oben S. 65 u. 111). Die zweite Szene (von 
links) daselbst ist zweifigurig. Links sitzt ein Jüngling im Profil nach rechts, 
nackt, aber doch den Mantel über das 1. Bein geschlagen, die r. Hand auf 
den Sitzrand gestützt, und hält in der L. ein großenteils zusammengerolltes 
Buch vor sich, in der Weise, daß die Hand das Konvolut selbst hält, von 
welchem ein Blatt etwa in doppelter Breite des Konvoluts nach rechts vor- 
ragt; vor dem Original erkannte ich genauer Motiv VII. Der Blick des 
jungen Mannes aber ist auf dies offene Blatt oder auch darüberhin auf 
die Nebenfigur gerichtet Denn rechts von ihm steht ein bärtiger Mann, 
nur den Unterkörper bekleidet, en face, also nicht dem Jüngling, sondern 



1) Philologus 63 S. 425. 



B. Das Schlußblatt wird g^elesen. 131 

dem Betrachter resp. dem Publikum zugewandt; seine Beine schreiten weit 
aus und seine r. Hand hat den Gestus des Sprechers. Dieser Mann ist 
also ein Rezitator, der Sitzende daneben ist entweder sein Souffleur oder 
er halt jenem die Buchseite zum Ablesen hin. Die Vorstellung aber 
scheint eben zu Ende zu gehen. 

Dies leitet uns zu den beiden ausdrucksvollen Admetbildern 
weiter, im Neapler Museum, Helbio Nr. 1157 aus Herculaneum, Nr. 1158 
aus der Casa del poeta in Pompeji, unsere Abb. 72 und 73 (vgl. Pitture 

d'E. I 11 S. 61; Mus. Borbon. VII 53; XI 47): 

Um von den Nebenfiguren abzusehen, so sitzen auf beiden Bildern Admet und 
Alkestis in der I. Hälfte der Komposition; ihnen gegenüber, auf einem niedrigen 
und breiten Sessel ohne Lehnen sitzt beidemal, hier nah, dort weiter abgerückt, der 
„Buchträger**, ein Jüngling, den man von hinten sieht. Er ist beidemal bis auf die 
Schenkel nackt, und die Chlamys bedeckt nur den Unterkörper. Das eine Mal trägt 
er ein Band in den Haaren. Beidemal streckt er die r. Hand in der Richtung auf 
Admet vor und hält dabei in der gleich weit vorgestreckten L. ein Rollenbuch von 
ganz geringem Volumen, dessen letzte Seite abgerollt ist und sich von selbst frei 
ausgespannt häh; in einem Fall ist auf ihr die Andeutung von 3chrift erkennbar. 
Daß beidemal ein ChartarOllchen und nicht etwa in Abb. 73 ein „Täfelchen** vorliegt 
(so meinte Helbig), ist mir angesichts des Originals und der voriiegenden Photo- 
graphie außer allem Zweifel. In beiden Fällen ist eben ein Konvolut von allerdings 
nur geringer Dicke am I. Ende des Blattes deutlich. Es gab natürlich auch kurze 
Texte, die nur zwei-, dreimal um sich selbst gewickelt zu werden brauchten. Dies 
links befindliche Konvolut ist es darum, das allein von der 1. Hand angefaßt und 
gehalten wird; vgl. das S. 143 f. beschriebene Konzert im Neapler Museum. Daß 
man dagegen eine Tafel beim Lesen so an einer Seite hielt, wäre unnatürlich und 
schwer glaublich zu machen. 

Daß der Jüngling seine r. Hand vorstreckt, kommt offenbar daher, daß diese 
Hand eben noch das r. Ende des vorgestreckten offenen Blaues gehalten hatte und 
es eben erst losließ. Die R. ist aber in Abb. 73 zugleich schon in den Qestus des 
Zeigens übergegangen und weist auf das Blatt selbst hin, auf das auch Admet 
ebendort voll Aufregung mit dem Finger deutet. Es handelt sich, wie längst er- 
kannt ist, um einen Orakelspruch, der das Schicksal des jungen Königs und seiner 
Gattin vorausbestimmt Der Verkünder dieses Spruches ist nun in Abb. 72 noch 
im Begriff, den Spruch selbst zu Ende zu lesen; er liest dort noch vor, und die 
Gebärden der übrigen Personen, besonders auch der alten Mutter, sind noch deut- 
lich die der Lauschenden. In Abb. 73 hat er dagegen den Schluß der Schrift 
schon soeben abgelesen und blickt nun den Admet schicksalsvoll an, indem sie 
beide zugleich auf die Schrift mit den Fingern weisen, und aller Gebärden zeigen 
hier Ergriffenheit, aber nicht mehr das Hinhorchen dessen, der einer Vorlesung zu- 
hört So scheint alles auf das schönste zum Ausdrück gebracht; zugleich aber 
lernen wir hier das kleinste Format eines Buchröllchens, einen libellus kennen, der 
zwar die übliche BlaUhöhe hat, sonst aber dem Umfange eines Briefes oder eines 
kurzen Carmen fatidicum in den herkömmlichen langen Hexameterzeilen genügte. 

Hierher gehört wohl auch das Freskobild des Neapler Museums, Locali della 
Promotrice, Bild ohne Nummer. Zwei Frauen auf schwarzem Qrund. Links sitzt 
eine Frau in Vorderansicht und hat in beiden Händen eine weit offene Rolle, aus 
der sie vorliest Vor ihr sitzt rechts und etwas tiefer die andere, im Profil. Ob 
auch sie etwa ein offnes Buch hält, schien unsicher. Hinter ihr lehnt eine große 
Leier. Was nun die erstere Figur anlangt, so ruht ein Konvolut nur in ihrer 1. Hand. 
In der r. Hand befindet sich kein Konvolut; sie.. faßt nur ein Blattende. Die Lesung 
ist also beim Eschatokoll angelangt Daß die Vorleserin höher sitzt, ist angemessen. 

Auch den Reisenden im Wagen finden wir einmal, wie er Lektüre treibt: 

9* 



132 II- 0'^ {feOffnete Rotle und das Lesen. 

#«• -• -* ' 

Relielfragment im Vatikan, Mus. Ctiiaramonti Nr. 32S. Ein vierrädriger ottner Wagen, 

mit Pferden bespannt; aul dem Vorderteil des Wagens saß der Kutscher auf einem 

Kissen; im Wagen sitzt ein Mann in Tunika und Mantel; sein Kopf fehlt. Er erhebt 



die R. wie dozierend, in der L. aber hält er eine Rolle, die schon fast ganz wieder 
zusammengerollt ist ; nur ein Blattende etwa von der Breite einer oder zweier 
Kolumnen hangt davon herab; s. Amelunq Tfl. 55. Daß man auf Reisen las, er- 
wähnt Martial 14, 188 (oben S. 32). 



Abb. 74: Slohlvei 



134 II. Die g:e6f(nete Rolle: C. Das erste Blatt wird gelesen. 

Sehr ahnlich der Sarhophag bei SMtTH Nr. 2312, abgebildet bei Strzyoowski, 
Orient und Rom Fig. 19: ein bariiger Mann sitzt auch hier im Profil nach rechls, 
er hat in der L. ein Rollenbuch tast in Schulterhohe erhoben und liest aus dem 
offnen EschalokoU vor, wahrend seine r. Hand den Oestus des Redenden zeigt; die- 
selbe befindet sich aber genau in der Höhe dieses Endblaltes; damit ist angezeigt, 
daQ sie das Endblatt eben noch hielt. ZuhOrertn ist eine Muse, die, eine große 
tragische Maske in der R., vor ihm stehL Auch dieser 
Sarkophag ist aus Rom ins Brit. Museum gekommen. 
Sarkophagdeckelfragment bei ROBERT li Nr. 141 ', 
literarische Unterhaltung (oben S. 65): die Sitzfigur 
links zeigt dasselbe. 

Ebenso scheint mir endlich das Relief zu deuten, 
das ich im Vatikan an ziemlich verborgener Stelle 
entdeckte. Im offnen Brunnenhof des Belvedere 
steht das groQe Silzbild einer Frau ohne Nummer. 
Auf der (fQr den Beschauer) 1. Seite des mit einem 
Kissen belegten Sessels dieser Sitzenden findet sich, 
von den Stuhlbeinen eingerahmt, das Schmuckstück 
eines Reliefs, das wiederum einen Sitzenden dar- 
stellt, und zwar einen Leser; unsre Abb. 74. Der 
banige Mann sitzt im Profil nach rechts auf einem 
Sessel ohne Lehne, erhebt die r. Hand im Gestus 
des Redenden und hall in der L., die nicht sichtbar 
~~ ist, eine zusammengerollte Rolle, und zwar so, daß 
das Eschatokoll hervorsteht und offen liegt. Er 
scheint daraus vorzulesen. 
Zu den voraufstehenden Belegen stimmt nun die Ijemme bei Reinach, Pierres 
grav^es Tfl, 128 Nr. 18, „la liseuse": sitzende junge Frau halt eine geüflnete Rolle 
in der L. und liest; sie liest aber die letzte Buchseite, die auch hier frei in der 
Lutt steht. Die Echtheit des Steines ist indes angezweifelt. 

Das aufgewickelte erste Blatt der Rolle in der Hand der stehenden „Klio" und 
sitzenden „Kalliope" in Neapel, Sala delle Muse Nr. 640] und 6403, beruht mit Rolle 
und Arm auf Ergänzung. Die erstere ist als Schreibende ergänzt. 

C. Das erste Blatt wird gelesen. 

Äußerst selten scheint der Beginn des Aktus des Lesens in der Kunst 
zur Darstellung gelangt. Am evidentesten ist dies auf dem Trierer Mosaik 
des Monnus geschehen, abgebildet Antike Denkmäler des Dtsch. Instituts I 
(1891) Tfl. 48; dazu Hetther, Illustrierter Fahrer Nr. 147. In einem seiner 
Felder sieht man den Dichter Aratos und zwar sitzend und in einer Rolle 
lesend. Seine r. Hand ist zwar zerstOil, doch halt resp. hielt er die Rolle 
augenscheinlich zwischen beiden Händen, und zwar so, daß sie der Haupt- 
sache nach noch unaufgerollt in der r. Hand ruhte; die L. aber ist im Be- 
griff das Buch abzurollen, und nur das Protokoll steht offen. Vor dem 
Dichter steht flbrigens ein Globus sowie die Muse Urania (mit Beischrift). 

Einige weitere hiennit verwandte Bilder, die den Anfang der LeklOre 
zeigen, werden uns gleich im nächsten Abschnitt entgegentreten, der die 
Darstellung des Lesers bei offnem Rollenbuch in geschichtlicher Entwick- 
lung, doch zugleich mit Sonderung der verschiedenen Situationen, in denen 
die Lesung stattfindet, zu skizzieren versucht. 



D. Das Lesen bei entrolllem Buch: Moliv VI. 135 

D. Das Lesen bei entrolltem Buche (Motiv VI). 

So sind wir endlich bei dem, was der Zweck des Buches ist, beim 
Lesen selbst angelangt Das Verfahren beim Lesen ist sattsam erörtert. 
Die Bildwerke, die jetzt zu verzeichnen sind, werden uns nun endlich dazu 
die llfustration geben; sie erläutern insbesondere den Satz, daß die linke 
Hand stets den Teil des Rollenbuchs, der abgelesen war, sofort wieder 
zusammenrollte. Beide Hände hielten das Buch ausgespannt in gleicher 
Augenferne, und in jeder befand sich ein Konvolut, links das des ge- 
lesenen, rechts das des noch ungelesenen Textes, auf der ausgespannten 
Mittelflache dagegen der Text, der jetzt eben gelesen wird. Ägyptische 
Bilder stimmen genau damit Qberein (oben S. 16). Wir nennen dies das 
Motiv VI. Es ist, was man lateinisch Ubnan inter manus habere nennt 
(Tacit Dial. 3; Annal. III 16): man halt die Rolle zwischen den Händen, 
d. h. man liest') Daher auch pandere; pandite libnim Prudentius Apoth. 514. 
Das einfache Aufrollen heißt evolvere, aber auch revolvere.*) 

An die offene Rolle mit zwei Konvolulen erinnert schon unverkennbar das 
jonische Gapitell. Es besteht zwar kein Zweifel, daß die beiden walzen- 
förmigen Teile desselben rechts und links ursprünglich das sog. Sattelholz, 
also zwei runde kurze Stützbalken nachahmten.') Daß aber die Endflächen 
dieser Walzen mit Voluten bemalt oder plastisch ausgeschmückt wurden, hat 
damit nichts zu tun und führt auf die Anschauung 
der doppelten Rollung des geöffneten Buches. 
Das innere Auge entspricht dem Loch, in das 
man den Rollenstab steckte. Schon bei der alte- 
ren, stilisierenden Behandlung ist die Ähnlichkeit 
groß; s. PuCHSTEiH Figur 16; 19; 22. Dazu nehme 
man ein Werkchen jüngerer Zeit, wo die Wie- 
dergabe realistisch und ganz getreu ist; es ist 
ein kleiner Altar aus Terrakotta in Pompeji: an 
„Polstervoluten" zu denken ist hier unmöglich; 
vielmehr ist hier das Buch, das nach dem ^^^ ^j. po„ „jj 

Motiv VI mit dem RDcken nach oben liegt, tau- 
schend nachgebildet; es ist wie porträtiert Unsere Abbildung 7K ist den 
Romischen Mitteilungen V (1890) S. 251 entnommen. 
Dies das offene Buch. Es folgt das Lesen. 



1) Im Pastor Hermae Vis. I 2 hat die sitzende Prau ein Buch „in den Händen", 
nicht in der Hand. Schon dieser Plural verrat, daü das Buch offen ist; und richtig 
fangt sie I 3, 3 an vorzulesen. 

2) revolvere z. B. Seneca suas. 6, 27; Plin. ep. V 5, 5. Zu sonstigen Synonymen 
kommt das seltene dvairXoOv hinzu, das ich Sibyllina XI 169 finde. 

3) Siehe PuCKSTElN, Das jonische Capitell, 1887, S. 46; Borrmann im Jahr- 
buch UI S. 374. 



136 ''* ^'^ geöffnete Rolle und das Lesen. 

Stellt die Kunst Handlungen oder Tätigkeiten dar, so sind es gern 
solche y die durch eine gewisse Zeitdauer sich fortsetzen. Der Fechtende 
wie der Ballspieler, der Leierspielende, der Plötenbiftser, auch der Trinkende 
war ihr willkommen. Warum sollte sie an dem Lesenden vorübergehen? 
So ist dies schöne und zeichnerischer Durcharbeitung gewiß würdige Sujet 
denn in der Tat schon seit der ersten Blütezeit des griechischen bildne- 
rischen Gestaltens, seit dem 5. Jahrh., aufgegriffen und schon damals wieder- 
holt behandelt worden. 

Es war dabei nicht schwer den fruchtbaren Moment zu erfassen^ 
d. i. denjenigen, in dem sich das, was darzustellen war, die volle Versunken- 
heit in das Lesen, am unverkennbarsten ausdrückte. Denn das Lesen ist 
wie ein Zwiegespräch; das offne Buch ist dabei die zweite Person; und 
das Buch muß deshalb möglichst bedeutend erscheinen. Das ist der Fall, 
wenn es sein Innerstes erschließt, wenn sein Rouleau weit geöffnet ist. 
Daher pflegt nun die Rolle weit und just bis zu ihrer Mitte aufgerollt zu 
erscheinen. Alle diese Bildwerke illustrieren den Ausspruch „ich habe das 
Buch halb gelesen'', der gewiß oft vorkam und den einmal Gellius 3, 14 
bringt: der Römer war unsicher, ob er dimidium oder dimidiatum librum 
legi sagen sollte. 

Sehr oft ist aber anzusetzen, daß der Träger des Buchs nicht für sich 
allein liest, sondern daß er vorliest (oder vorsingt). Alsdann ist er nur 
Dolmetsch und Zwischenträger, und das Gespräch findet durch ihn zwischen 
dem Buch und dem Zuhörer statt. Der symbolische Wert der angegebenen 
Darstellungsweise des Buchs bleibt aber auch in diesem Fall derselbe. 

Zu demselben Ergebnis führte endlich aber auch ein natürlicher Sinn 
für Gleichgewicht und Symmetrie. Der Darsteller hält darauf, daß in beide 
Hände ein gleiches Quantum zusammengerollter Papiermasse zu liegen 
kommt. Dadurch entsteht nicht nur ein Gleichgewicht der immer doch nur 
geringen Last, sondern auch eine genaue Entsprechung, ein Balancieren in 
der Armhaltung des Lesenden, und die wie Querbalken eines Kreuzes aus- 
einanderstrebenden Unterarme werden durch die geschweifte Linie des aus- 
gespannten Buches selbst verbunden und zusammengehalten. 

Das Sujet ist genrehaft. Deshalb gehört es ganz vorzugsweise nur 
den Kunstgattungen, die das Genre lieben, an: der Vasen- und Wand- 
malerei, dem Relief, der Sepulkralskulptur; auch Terrakotten lassen sich 
anführen, sogar eine Lampe. Äußerst selten dagegen begegnen uns Lesende 
als Statuen; dies erklärt sich schon aus dem Zweck des großen Stand- 
bildes, der vorwiegend repräsentativ ist; die statuarische Kunst hat diesen 
mehr szenischen Vorwurf deshalb vermieden. Aber auch die naheliegende 
ästhetische Erwägung wirkte dabei mit ein, daß eine stehende Figur mit 
zwei nach beiden Seiten hin gleichweit schräg ausgestreckten Armen der 
nötigen Mannigfaltigkeit des Kontours und jenes Kontraposts entbehrte, auf 



D. Das Lesen bei entrolltem Buch: Motiv VI. I37 

die die entwickeltere Plastik zu halten pflegt. Wenn man von archaischen 
Figuren absieht, wie etwa dem bronzenen Apoll im Britisch Museum^), oder 
von solchen, in denen absichtlich eine strengere Monotonie der Formgebung 
angestrebt wurde, wie in der Hecate triformis auf dem Kapitol und den 
Nachbildungen der Ephesischen Artemis, endlich auch von solchen, wo gar 
eine Peinigung des Auges absichtlich bezweckt wurde, wie beim hangenden 
Marsyas, so hat die Kunst es selten zugelassen, daß beide Arme frei da- 
stehender Statuen die gleiche Bewegung ausft\hren und genau respondieren. 
Die Arme des sog. Betenden Knaben zu Berlin sind bekanntlich unecht.^) 
Vielmehr ist es erfreulich zu sehen, wie sorgfältig und fein z. B. beim 
bogenspannenden Eros, wo doch auch beide Hände gleichzeitig dieselbe 
Leistung auszuführen haben und in gleicher Weise vorgestreckt werden, 
Mannigfaltigkeit und Abwechslung der Linien dadurch gesichert wurde, daß 
der Oberkörper des Jünglings aus der Vorderansicht in die Seitenansicht 
umbiegt*) Wollte die Aphrodite Kallipygos ihr Gewand hinten empor- 
ziehen, wie sie es wirklich tut, so war es für sie zu diesem Behuf das 
Nächstliegende, das Kleidungsstück einfach mit beiden Händen rechts und 
links in gleicher Weise anzufassen^); der Neapler Marmor ist dagegen 
sorglichst bemüht, ihre Hände auf das stärkste dabei zu kontrastieren. Die 
Absichtlichkeit ist hier augenfällig. Auch der tanzende Faun Neapels wirft 
nur den linken Arm hoch, nicht den rechten. Eine zweite berühmte Neapler 
Venus kommt dagegen dem Vorwurf, von dessen Erörterung wir hier aus- 
gingen, wirklich ziemlich nahe; ich meine die Venus von Capua; wäre sie 
eine Sterbliche, man könnte sich die abgebrochenen Arme, die doch jeden- 
falls beide nach vorne gestreckt waren, annähernd so ergänzt denken, daß 
sie imstande waren ein aufgerolltes Buch zu halten. Dem Schema einer 
lesend stehenden Frau nähert sich dieses Marmorbild. Auf alle Fälle aber 
muß es nun nach allem Gesagten durchaus begreiflich erscheinen, weshalb 
Standbilder eines Lesenden wirklich fast ganz fehlen. Die vorhandenen 
werden um so sorgfältiger auf ihr Arrangement zu prüfen sein. Leicht 
hatte es dagegen die Flächenkunst der Malerei und des Reliefs, über das 
Mißliebige in der Erscheinung des Buchaufrollers hinwegzutäuschen. 



1) Raybt u. Thomas, Milet Tfl. 28, 2; Reinach, R6pert. 1 247, 3. 

2) Ebenso wie bei dem Dresdner Amor, der seine Arme hoch hebt, Reinach, 
Rupert. I 355, 3. 

3) Als bogenspannender Eros sind ergänzt außer der Statue des Capitolinischen 
Museums auch Howard Castle Nr. 7 (Mich.); Wilton house Nr. 124 (Mich.); Statue in 
Venedig b. DOtschke V 166. Auch der Eros des Brit. Mus. Nr. 1673 Sm. macht dieselbe 
Biegung; s. auch ebenda 1674. Vgl. übrigens Friederichs-Wolters Nr. 1582, Hblbig, 
Führer Nr. 437, Reinach, Rupert, stat. III 127 und die Anmerkungen bei Smith. Die- 
selbe Biegung macht vor allem auch der bronzene Apoll von Pompeji, der im Lauf 
schießt: sonst wäre auch sein Anblick unerträglich. 

4) Genau so macht es in der Tat die Hetäre, die sich als Kallipygos zeigt, 
auf dem Neapler Vasenbild, abgebildet im Jahrbuch II S. 124. 



138 II' QlB gsottnett Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

Was temer das Sitzen und Stetien des Lesenden anlangt, so ist zu 
gewartigen, daß, wer fflr sich altein studiert oder auch wer in intimem 
Kreise vorliest, dies vornehmlich sitzend tut, wer vor größerem Kreise 
rezitiert, dagegen stehend. So halt der alte Verginius Rufus bei Plinius 
epist. 11 1, 8 stehend die offene Rolle, indem er seine Stimme mittels lauten 
Lesens zu rednerischem Zweck Qbt. Inier ambulanditm wird Sallusfs Cati- 
lina vorgelesen bei Gellius 3, 1. Daß man sich beim Lesen sonst gerne 
setzte, ist schon oben S. 43 in Erinnerung gebracht. Die meisten Falle, wo 
wir eine stehende Figur als Leser antreffen, werden sich, wie ich hoffe, 
leicht von selbst erklaren. Endlich aber liest man natorlich vorgebeugt, 
^TKCKutpiüc, wie es Achilles Tatios p. 44 H. beschreibt. 



I. Das Lesen In Gruppen. 

a) Die Unterrichtsszenen stehen hier voran. Hier sitzt der Lesende 
zumeist. 

Auf der bekannten und viel abgebildeten Beriiner Vase des Duris, in 
Caere gefunden, die einen Zyklus von Unterrichtsszenen gibt (Baumeistbr, 
Denkm. Nr. 1652), befindet sich u. a. eine Gesangstunde zur PlOtenbeglei- 
tung, wobei die Buchrolle (die etwa den Text des Gesanges enthält) zu- 
sammengebunden an der Wand hangt, sowie eine Rezitationsstunde. Die 
letztere Szene, unsere Abb. 76, ist dreifigurig: rechts sitzt der Padagogus; links 
sitzt der Präceptor, beide bartig; dem Lehrer zugewandt steht in der Mitte der 
Knabe; er halt sich dabei hobsch gerade und die Hände unter dem Hima- 
tion. Der Lehrer hat die Rolle; er halt sie nach Vorschrift aufgerollt; die 
Rollungen an den Enden beider Konvolute sind in der Zeichnung beson- 
ders sorglich ausgeführt, aber falsch; denn diese Rollungen treten zugleich 
oben und unten vor, was unmöglich ist. Der Wunsch, daß man die Rolle 



1. Das Lesen in Gruppen: Unterrichtsszenen. ][39 

als Rolle erkenne, hat den Vasenmaler zu diesem Mißgriff verführt. Auf 
dem offnen Mittelblatt steht als Text ein Hexameter, aber in falscher Rich- 
tung und längs der Höhe der Seite geschrieben. Dies ist wieder dem 
Betrachter der Schale zu Liebe geschehen, wie denn (überhaupt die Schrift 
im Verhältnis zum Buch viel zu groß ist. Endlich wird die Rolle zu- 
gunsten desselben Betrachters schief gehalten und die L Hand steht hoher 
als die r., damit die Schreibflache sichtbar werde. Dies naive Verfahren 
trafen wir schon bei den Ägyptern an (S. 16); es kehrt auch später, ins- 
besondere auf Reliefbildern häufig wieder. - Der Lehrer kommt hier nun 
dem Souffleur gleich: sein Scht\ler steht und sagt das memorierte Gedicht 
auf, wobei jeder Gestus der Hände unterbleibt; der Lehrer liest den Text 
nach, um zu kontrollieren und einzuhelfen.^ 

Anders der Mädchenunterricht! Eine Tochter lernt lesen, indem sie auf 
dem Schoß der Mutter sitzt Das verrät uns eine anmutige Terrakotte bei 
Frobhner, Coli, van Branteghem (1888) Nr. 159; Darbmberg et Saglio Dict. 
Fig. 2605. Da sitzt die Frau auf einer felsigen Erhöhung; das Töchter- 
chen, ihr im Schoß, ist ihr sehr ähnlich, nur halb so groß, die verkleinerte 
Mutter, und hat einen offnen Papierstreifen im Schoß liegen, darin sie liest, 
indem sie sehr gerade dabei sitzt und nur den Kopf neigt. Das eine 
Ende des Streifens hält die Tochter selbst mit ihrem L Händchen fest, 
während ihre R. sich unter dem Rouleau versteckt; das andere Ende hielt 
vielleicht die abgebrochene r. Hand der Mutter (?). Das hier dargestellte 
Buch ist aber eigentlich keine Rolle, sondern nur ein gewelltes ziemlich 
langes Band, tuchartig und ohne Andeutung von Rollungen. 

Anmutige Unterrichtsszenen geben ferner die zweifigurigen Gruppen 
Jüngeren Stils bei Winter, Terrakotten II S. 405, 6 u. 9. Ein bärtiger Alter 
sitzt; ein Knabe steht hart an seiner Seite und hält einen buchartigen 
Gegenstand; ob Schreibheft? Nach der Zeichnung wohl eher eine kleine 
Rolle (in Nr. 6) oder ein Blatt (Nr. 9). Das eine Mal legt der Lehrer den 
Arm um des Knaben Nacken und beide blicken mit gesenktem Kopfe fleißig 
ins Buch (Exemplar der zweiten Coli. Lecuyer); das andre Mal stützt er 
nur die Hand auf eine Schulter des Jungen, wendet das grimmige Haupt 
ab und der Knabe liest mit gesenktem Blick vor (Exemplar in Berlin, aus 
Priene). 

Eine Schulstunde mit mehreren Schülern gibt das herkulanensische 
Wandbild Helbiq Nr. 1492, Baumeister Nr. 1653. Hier ist es der Lehrer, 
der vor den Schülern steht; diese, drei an Zahl, sitzen in einer Reihe 
(worauf? läßt sich nicht erkennen) und halten große Blattflächen im Schoß, 
die dem Betrachter des Bildes zuliebe sich nicht verkürzen und darum zu 



1) Obrigens sei u. a. noch auf Michaelis in der Archäol. Zeitung 1873, S. 1 ff. 
und Rayet et Collignon, Histoire de la C^ramique grecque 1888, 8. 179 Fig. 72 
verwiesen. 



140 II- Die (TAüffnele Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

groß erscheinen. Ich möchte glauben, daß sie offene Rollen bedeuten 
sollen^), wennschon ihr Parbenton dunkel ist und man Rollungen rechts 
und links nicht wahrnimmt. Im Hintergrund stehen vier Zuhörer zwischen 
Sauten, unter denen einer eine geschlossene Rolle (oder eine Tafel; so 
Helbiq) in der L. zu hatten scheint. Die Köpfe der Schaler sind etwas 
geneigt; sie lesen also vor: eine Lesestunde. 

Viel deutlicher sind die Bacher auf den Wandbildern des Columba- 
rium der Villa Pamfili (s. 0. Jahn, in Abh. der Bayer. Akad. Vlll 2 Tfl. 5 
Nr. 15): ein sitzender alterer Mann und ein stehendes junges Madchen, beide 
halten Bacher im Motiv VI aulgerollt zwischen den Händen. Er hat bloße 
Paße und entbehrt des Schemels, doch verrat die Kathedra, auf der er 
sitzt, den Gelehrten oder Schulmann. Sein Blick geht Ober das Bucti weg 
auf das Madchen (irrig sagt Jahn, daß er auhnerksam liest); letztere halt 



ihr Buch auffallend hoch vor den Augen, als wäre sie kurzsichtig, und ihre 
Hände fassen die Rollungen deshalb gegen das Herkommen am unteren 
Ende an. Man kann schwanken, ob sie wirklicti liest oder den Blick ihres 
Lehrers auffangt. Eine Lese- oder Singprobe? Die Aufgabe des Alten 
kommt wiederum der eines Souffleurs nahe. 

Eine Lehrstunde mit zwei Schalem gibt endlich das bekannte Trierer 
Relief bei Hettner, POhrer 1903, Nr. 21; unsere Abbildung 77. Das 
Bild ist vierfigurig; drei Personen sitzen in hochlehnigen Thronen i in der 
Mitte, en face, der bärtige Lehrer, die R. lehrend erhoben; in der L. hielt 
auch er vielleicht ein Buch. Rechts und links im Profil zwei jugendliche 
Schaler sich zugewandt; beide halten mächtige Rollen (die Ober Verhältnis 
groß sind) aufgerollt und lesen. Die aus der Reliefllache hervorragenden 
Hände und Rollenteile sind weggebrochen. Hinter dem rechts Sitzenden 
steht noch ein jQngerer dritter Knabe, die r. Hand mit gestreckten Fingern 
getioben, wahrend seine gesenkte L. eine kastenartig geschlossene Schreib- 



1) So auch O. Jahn, Abliandl. saclis. GW. XII S. 289. 



1. Das Lesen in Gruppen: Unterrichtss2enen ; Souffleur. 141 

tafel am Henkel tragt. Dieser Jüngste ,^oll nachher Schreibstunde haben" 

<HeTTNER). 

b) Hieran reiht sich der Souffleur. Auch er sitzt naturgemäß. Ich 
bin indes nicht sicher, ob wir ihn nachweisen kOnnen. Dies betrifft die 
schon oben S. 130 besprochene Szene des Berliner Musensarkophags, sowie 
auch unsere Abb. 78, entnommen den Wanddekorationen im Thermen- 
museum zu Rom, die aus einem antiken Schlafzimmer stammen, Hblbio, 
Pohrer Nr 1131, Monum. d. Ist. XII Tfl. 22 Nr. 3: ein Schauspieler in Maske 
'deklamiert oder singt, den r. Arm in Hauptes Höhe erhoben, hinter ihm 




sitzt ein alter Mann in gelbem Gewand und liest nach. Dahinter wieder 
eine Rgur, die stehend auf der Kithara die Begleitung spielt. Die Nach- 
zeichnung, die ich hier wiedergebe, zeigt noch das Weinlaub im Haar, 
das jetzt nicht mehr zu erkennen ist, sowie eine Rollung des Buchs in 
jeder Hand, wahrend man gegenwärtig nur ein breites Blatt zwischen den 
Händen gewahrt. Man sieht das Blatt nur von der Rückseite; es ist grün- 
lich gefärbt. 

An solchen Souffleur erinnert endlich auch die Figur des Alten im 
Columbarium der Villa Pamfili, oben S. 140. 

c) Sängerinnen mit Text, stehend. Die SolosSngerin ist wohl jedem 
aus den Adoniazusen Theokrit's, Idyll XV, bekannt; sie findet sich aber 



142 ■■- I^ie e:eOlfnele Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

schon wiederholt, und zwar oft als Muse, auf den attischen Vasen des 
5. Jahrh. v. Chr. Diese Vasenbilder gehören somit zu den ältesten Zeugen 
fQr das Rollenbuch. 

Athen, Naz. Mus. Pyxis im Vasensaal XIX, Schrank 27, Nr. 1241 (bei 
CoLLioNON-Couve, Catal. des vases . . . d'Ath^nes Nr. 1553 ungenügend ab- 
gebildet): zeigt u. a. eine zweifigurige Szene, unsere Abb. 79: links sitzt im 
Halbprofil auf einer schrägen Erhöhung eine junge Frau (Muse), ein Band 
im Haar, und spielt, den Kopf gesenkt, auf einer großen Leier; „sie stimmt die 
Saiten" (Ambluno). Rechts neben ihr steht, den Körper en face, eine schlanke 
junge Frau (Muse) im gegürteten Chiton aufrecht, aber ausschreitend und 
den r. Fuß nachziehend, wie F^thia auf der Apotheose Homer's (oben 
S. 119). Sie blickt dabei gespannt auf die Leierspielerin, und ihr Haupt 

dreht sich also im Profil 
nach links. In beiden 

tief herabgesenkten 
Händen aber halt sie 
eine weit aufgerollte 
Rolle; die Konvolute in 
den Händen sind deut- 
lich; das in ihrer R. 
scheint ziemlich dick. Mit 
hellen Tupfen ist auf der 
ausgestreckten Blatt- 
flache zwischen den Rol- 
lungen Schrift ange- 
Abb. n: pyiis in Athen. deutct Sie Scheint von 

der sitzenden Schwester 
das Zeichen zu erwarten, wo sie mit ihrem Gesang einzusetzen hat So 
traten also Konzertsangerinnen im Altertum auf; es ist ganz wie heute. 

Dresden, Albertinum, Amphora im Schrank L Nr. 331: Konzert von vier 
Figuren; darunter eine stehende junge Frau, die die Rolle zwischen den 
Händen weit aufgerollt halt und zu lesen scheint; denn ihr Blick ist in der 
Richtung auf die Buchflache gesenkt, und sie halt die Blattflache in Augen- 
nahe, so daß man das Buch von hinten sieht Die Konvolute scheinen 
ziemlich stark, besonders das in der r. Hand. 

Eine Hydria von Vulci mit Apoll und sieben Musen bei GsRHAROt 
Trinksch. und Gefäße II 17 u. 18; DAReMBERO-SAOLio Bd. III Pig. 5207; oben 
S. 119. Die Figuren sind paarweise gruppiert: vor einer flötenspielenden 
Muse steht eine zweite mit offner Schreibtafel (absingend?); vor Apoll 
selbst, der als Kitharist dasteht, steht eine andere, die zu seinem Spiel zu 
singen scheint; und diese ist es, die in der Weise des vorigen Beispiels 
die Rolle halt. 



1. Das Lesen in Gruppen: Sänger und Sfingerinnen. I43 

Genau entspricht dem die Vase im Comple rendu, Atlas v. 1872, Tfl. VI Nr. 1 
(Text S. 213 fl.); eine ftlnf%urjge Szene: MittelliETur eine Prau, die einer Musilc 
zatiOrl Vorgetragen wird die Musik von einer Leierspielerin, die sicli linlcs neben 
der Hauplperson, und von einem Mädchen, die sich rechts neben derselben be- 
findet Dies Madchen steht aufrecht und hält die Rolle ganz wie auf dem Dresdner 
Oef&fie. 

Sehr ähnlich auch das Vasenbltd bei Stackelbebo , Gräber der Hellenen, 
Tfl. XIX: Apollo mit drei Musen: Apollo sitzt auf höherem Terrain im Profil nach 
rechts und spielt die Kithara; vor Ihm steht wieder die Sängerin, eine Muse, im 
Profit nach links, zu seiner Begleitung aus einem Buch singend; sie tragt ein Diadem 
im Haar. Wie auf dem Dresdner Bild, ist das Konvolul In Ihrer r. Hand besonders 
deutlich. ') 

d) Sfinger oder Sängerin mit Texl, sitzend. Hocherfreulich ist der 
neue Puitd des Stesichoros-Kylix, im Stil des Duris, freilich nur ein Bnich- 
stflck, aus Naukratis, Journal of Hell. Sludies Bd. 25 (1905) Tfl. 6 Nr. 5; unsere 
Abb. 80. Ein Mann, anscheinend hochbetagt, sitzt in Wendung nach rechts 
mit dner offnen Rolle. Der 
Flötenspieler hinter ihm blast 
auf der DoppelflOte und akkom- 
pagniert seinem Vortrag. Er 
selbst halt die Rolle in her- 
kömmlicher Weise, doch aber 
so, daß sie seine Knie nicht 
berQhrt und sich am Kleide 
nicht schaben kann (dies ver- 
rat Sorglichkeit), sodann aber 
auch in der Weise, daß der 

Betrachter die volle Blatt- Abb. soi s.«.eho-o,v«.. 

flache oberblicken kann, auf 

welcher drei Zeilen Schrift, wiederum dem Betrachter zuliebe, in verkehrter 
Richtung laufen. Hier liest man nun den Namen Stesichoros. Dies ist also 
das zweite Mal, daß die alte Kunst diesen großen Dichter mit dem Papynis- 
buch in Verbindung bringt (vgl. S. 51). 

Hiemach erklärt sich dann weiter das Wandgemälde im Neapler Mus. Abt. 
XXXill Nr. 9021; dies Bild ist in Photographien verbreitet; abrigens s. Pitture d' B. 
IV 42 S. 201; Mus. Borbon. I 31; HELBIG Nr. 1462: es Ist fünffigurlg. Der Vorgang 
scheint in einem Zimmer gedacht zu sein. Zwei ZuhOrer lauschen links im Hinter- 
grunde; drei Personen aber konzertieren: in der Mitte, sitzend, ein PlOtenbläser, der 
durch die Phorbeia eifrig auf der langen und dünnen DoppelllOte blast; die glotzen- 
den Augen mit gewalligem AugenweiS verraten die Anstrengung seiner Tätigkeit 
Dazu zwei Prauen; rechts neben ihm steht ein Mädchen im Kleid und OberwurI und 
mit Rosen bekränzt, und spielt auf einer groQen Kithara; wodurch die Kithara ge- 
halten wird, ist nicht zu erkennen. Links neben dem PlOtenbiaser aber sitzt eine 
junge Prau im Chiton ohne Oberwurf, die r. Schulter entblOOt; auch sonst degagier- 
ter; denn sie schlägt das r. Bein über das linke, so daß der r. Puß im gelben 



1) Die 1. Hand dagegen mit dem Rollenende, das zu ihr gehört, ist bei 
STKCKEtBeRO offenbar inkorrekt wiedergegeben. 



144 II- I)ie geotlnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

Schuh Irei hSn^ und neigt den Oberkörper vor, so 
daB sie den r. Ellenbogen auf den erhöhten rechten 
- Schenkel aulsetzen kann. Die 1. Hand stützt sich 
bequem auf die geschweifte Stuhllehne und hAlt so 
ein autgerolltes Blatt etwa in Schulterhohe und in 
richtiger Setiweite , während der Zeigeling^er der 
r. Hand das Blatt am r. Rande leise bertihn und 
ihm Halt zu geben scheint ') Auf dem Blatt ist 
Schrift angedeutet, und die Prau hält es durchaus 
so, als ob sie eben jetzt läse. Ihr r. Auge freilich 
(das linke ist zerstört) sieht über das Blatt weg; 
auch mOQIe zum Lesen ihr Kopt etwas tiefer geneigt 
sein. Wir sollen dies also so verstehen und können 
auch nicht anders, als daQ sie aus dem Buch frei 
vortrflRl und singt; denn beim Vortrag erhebt jeder 
naturgemäß den Kopf Ober das Textbuch, das zum 
Nachlesen in den HAnden ruht. Dafi ihr Mund nicht 
geöffnet ist, entspricht griechischem Qeschmack und 
Takt. Sicher aber ist diese Prau Mitwirkende an 
dem Konzert; denn sie sitzt mit den andern zwei 
KOnsttem gleichgeordnet, und auch sie tragt den 
Ahi..8I^Reiiri. Belvedtr«. ^^^^^^ (^^^ gf^^yj j^ „^,3^^ ^^^ ^j^ KünsUerin 

anzeigt. Bei Kammermusik trug man also auch 
sitzend vor. - Dafi das Blatt endlich ein Rollenbuch, wennschon geringen Umfangs, 
ist, zeigt die Rundung, mit der es rechts endet. 

Wahrend die bisherigen Szenen sich unschwer interpretieren lassen, 
steht es anders mit dem dreifigurigen Bilde bei Pakopka, Bilder ant. Lebens 4 
Nr. S (Noianer Kylix in Berlin): 

Hier sitzt links ein leierspielender Jongllng; vor ihm steht in Bewegung ein 
Mann, der in seiner r. Hand einen Stab (schwerlich eine Rolle) hebt und den Takt 
anzugeben scheint; hinter diesem sieht man endlich in gehender Bewegung wieder 
einen JQngling, der eine offne Rolle zwischen den gesenkten Händen ausgespannt 
hau. Sie ist jedoch wie ein Band, verbreitert sich in der Mitte und (ragt Buch- 
staben, die vielleicht Noten bedeuten. Die obligaten Rollungen in den Händen 
fehlen. Anscheinend ist dies die Vorlage, nach der der fernab sitzende Leierspieler 
musizieren soll. Doch wäre es Sache eines Sklaven, nicht eines Freien gewesen, 
ihm das Buch zu hallen (s. unien). 

e) Das Rezitieren beim Gottesdienst geschieht stehend oder schreitend. 
Schon die Sangeiinnen mit offenem Buch, die wir tiisher gesehen, sind 
vorwiegend im Gottesdienst tatig zu denken. Denn die Kitharodik und jede 
öffentliche Vorführung von Musik war eben bei den Griechen ganz eigentlich 
thymelisch und an Kult und Theater geknöpft. So wird nun insbesondere 
im Isiskultus aus der Rolle gelesen. Kultus und Rolle sind hier gleich 
ägyptisch.') Aber es ist ein Priester, der \tpo-f pannaieüc , dem hier diese 

1) Nicht richtig sagt Hblbio, daO sie mit dem ausgestreckten r. Zeigefinger 
den Takt begleite. 

2) Obrigens wurde in ägyptischen Gottesdiensten auch von Talein T«xt ver- 
lesen; doch sind, nach Pibtschmahh in „Beitragen" Heft 4 S. 64, die Nachrichten 
darüber späten Ursprungs, und es laßt sich annehmen, daß die Texte ursprongllch 
auf Papyrus standen. Ein „Vorlesepriester" mit Rolle, nicht Tafel, bei Lbpsius, 



1. Das Lesen in Qruppen: Vorlesen im Qotleadiensi. J45 

Funktion zukommt. Ihm oblag, wie eine Inschrift von Kanopus lehrt, die 
Aufbewahrung und Niederschrift der heiligen Gesflnge.*) Auf den Wand- 
gemälden Pompejis, die vielfigurige Zeremonien und Andachten von Isis- 
verehrem geben, ist zwar, soviel ich weiß, ein Buch nirgends nachweisbar. 
Wohl aber ist das Relief des Vatikan, Oabinetto dell' Anünoo Nr. 55 
{Hblbio, Pohrer Nr. 149) lehrreich und von schöner Anschaulichkeit, s. Abb. 81: 
In einer Isisprozession gehl da die Priesterin mil Situla und Schlange voran; 
im Absland folgt ihr der genannte Priester, jugendlich, aber kahlköpfig und nackt 
bis auf die Hütten, ein Band mit Sperberledem um den Kopt; darauf noch zwei 
weitere Figuren. Dieser Priester hAll nun im Schreiten das Rollenbuch offen in 
beiden Händen (r. Arm mit Rollenteil ist sicher richtig ergänzt) und scheint eine 
Liturgie vorzutragen, die er abliest; doch hat sich sein Blick vom Text erhoben. 

Ein zweiter Liturgievorleser findet sich unter den pompejanischen Bil- 
dern aus dem Porticus des Isistempels, Hblbio Nr. 1099, Mus. naz. Abt. XXI 
Nr. 8925, Mus: Borbon. Bd. X Tfl. 24. Es sind dies fünf Einzeldarstellungen 
von Isispriestem, von denen der eine Zweige, zwei andere Schlangen, 
wieder ein anderer eine brennende Lampe hält. Dazu kommt die 
hier abgebildete Figur, Abb. 82: 

)er ältliche (?) Mann steht vor einer 
Basis (auf der eine Katze mit 
; diese dient dazu, den Schall 
Rede zu steigern. Auch er ist 
pfig, übrigens voll bekleidet, und 
in Mantel von hinlen übers Haupt 
m. In den weit vorgestreckten 
halt er das Buch, das so weiB 
arbe ist wie sein befranztes Ge- 
Das Buch selbst ist hier sehr 
itig wiedergegeben. Sein Auge 
st auf die Buchtläche gerichtet. 

1. Thiersch verdanke ich die 
ung, dafi in den Katakomben 
Kom Es Schukafa in Ägypten, 
Reliefbilder in Nischen aus 

2. Jahrh. nach Chr. enthalten, 

i. Abt. [II Tfl. 162. ßißXfa in dgyp- 
I Tempeln finden sich aber noch 
p. Chr. und später; s. Dio Cass. 
; Achill. Tat. p. 1 10 H. 
) Siehe Walter Otto, Priester 
empel im hellenistischen Ägypten 
I (1905) S. 88. Verfasser verspricht 
Im 2. Band auf diesen Gegen- 
stand zurückzukommen; hoffent- 
lich finden dann auch die hier 
erwähnten Bildwerke eine sach- 
kundigere Erklärung, als ich sie 
geben kann. 



146 11- ^^ geöffnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

sich auch die Darstellung eines Isispriesters befindet, der in einer offnen 
Rolle liest (d. h. gewiß: voriiest). 

Wenn endlich der Isispriester L. Valerius Pyrmus im Lateran eine ge- 
schlossene Rolle hält (oben S. 75), so ist auch er damit als TpomM€tT€uc 
gekennzeichnet; ebenso wohl der Musaios in Athen (S. 112). 

Dies sind nun also die Illustrationen zu dem, was uns Apulejus met. 
XI 17 vom Isisdienst erzahlt: der Grammateus besteigt den Suggest und 
verliest aus einem Buch {de libro\ nachdem er Heilswansche voraufgeschickt 
hat, unverständliche Gebetslaute, wozu das Volk akklamiert.^) Die Mithras- 
liturgie, die uns Dibtbrich erschlossen hat, kann far Ablesung der Gebete» 
die sie enthält, gleiche Verwendung gefunden haben. Man beachte aber» 
wie weit auf den beiden Bildern, die ich vorgeft\hrt, der Abstand des 
Buchs vom Auge ist. Las der Priester bei dieser Haltung, so mußte die 
Schrift auf dem Buchblatt sehr groß sein. Tatsächlich scheinen aber nach 
des Apulejus Beschreibung nur einzelne Laute — „litterae" ~, vornehmlich die 
sieben griechischen Vokalzeichen, denen man mystische Bedeutung zuschrieb» 
in dem Buch gestanden zu haben. Die bildliche Darstellung empfiehlt 
diese Annahme. 

Eine Verlesung von Texten in echt griechischem Kult kenne ich kaum. 
Die Gesetzbt\cher der Demeter, die von Frauen in Prozession auf dem 
Scheitel getragen wurden (schoL Theokrit. IV 25), müssen allerdings auch 
abgelesen worden sein. Sodann die Totenmahle. Ein Grabrelief aus Kyzikos» 
abgebildet im Jahrbuch des Inst. XX (1905) S. 49, zeigt neben dem Tisch 
mit dem Totenmahle einen Mann sitzend, den Oberkörper entblößt, der auf 
dem Schoß inter manus die offne Rolle hat. Damit lassen sich jene Enko- 
mien vergleichen, die man in Rom bei Bestattungen vorlas (Dio Cass. 
74, 5). Endlich ist bekannt, daß auch in den Mysterien orphischen Charak- 
ters „die Bücher", deren Inhalt Weihe- und Sühnungsformeln waren, vor- 
gelesen wurden.^) 

Bei römischen Opferhandlungen wird die Rolle dagegen nicht offen, son- 
dern regelmäßig geschlossen gehalten (s. oben S. 67 f.). Während des Gebets 
selbst mußte der Altar mit den Händen angefaßt werden'); die Geschlossen- 
heit der Rolle zeigt also an, daß diese Handlung eben vorüber ist Nur 
freilich die Arvalbrüder halten offne Tafeln, auf denen der mysteriöse 
Arvalliedtext steht, in den Händen, während sie im Tempel den Dreischritt- 
tanz ausführen.^) 

f) Das Lesen in Geselligkeit Ein Hauptzweck des Vorlesens bleibt 
nun noch übrig: der der gegenseitigen Unterhaltung, Ergötzung, Belehrung. 



1) Vgl. DlBTERlCH, Mithrasliturgie S. 38. 

2) Täc ßißXouc dv€TiTvu»CK€c Demosth. De cor. 259. Vgl. dazu Plato Rep. 
p. 364 C. 

3) Serv. zu Aen. IV 219 und sonst 4) RosCHBR, Mythol. Lex. I 8. 973. 



1. Das Lesen in Gruppen: das Lesen im Oottosdlensl; in der Geselligkeit 147 

Auch hierbei ist von attischen Vasen auszugehen. Idi meine zunächst die 
Sapphovase im Athenischen Museunt, Vasensaal Nr. XIX Schrank 25 Nr. 1260'), 
die auf ihrec einen Hfüfte eine Szene zu vier vollgewandeten Figuren gibt, 
unsere Abb. 83. Auf der r. Seite dieser Bildflache stehen zwei weibliche Ge- 
stalten. Die eine von ihnen halt die Kithara untatig in der r. Hand vorgestreckt; 
die andere steht links neben ihr und legt ihr ihre r. Hand auf die Schulter. 
So eng beieinander richten sie beide das Auge nach links auf die Krönung 
des Madchens hin, das, im Profil nach rechts ihnen zugekehrt, in einem Stuhle 



Abb. SS: Sapphavuc. 

sitzt, die Pnße auf einer Erhöhung (Schemel?), den Rflcken fest in die 
Stuhllehne gedruckt. Dieser Figur ist der Name Sappho's beigeschrieben. 
Beide Hände Sappho's aber halten, indem sie auf den Schenkeln ruhen, 
ein aufgerolltes Buch schräg empor, während sie selbst vorgeneigt In das 
Buch schaut Die Augenfeme des Blattes ist ^emlich groß. Die von den 
Händen eng umfaßten Rollungen sind nur schmal. Auch beschrieben ist 
das Buch; die Schrift ist aber nicht nur auf dem Mittelblatt, sondern 
falschlich auch auf den Rollungen zu finden.*) Hinter der Leserin streckt 
endlich ein aufrecht stehendes Madchen den r. Arm und senkt von oben 



1) Vgl. COLLiONON-CouvE, Catal. Nr. 1241-, Jahreshelte des fisterr. Instlt. In 
Wien VIII, 1905, S. 40 Pi^. 9. 

2) Siehe Colmonon a. a. O.; Krbtschmer, Vasen Insch ritten S. 93. 



148 ■■• [>ie geßttnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

aut sie einen Kranz. Eine literarische Unterhaltung: Sappho unter ihren 
bewundernden Schülerinnen. Die Lesende sitzt hier. Ob Sappho selbst, 
um das Jahr 600 vor Chr., schon die Papyrusrolle benutzte, wissen wir 
nicht Das 5. Jahrh. hat sie ihr unbedenklich vindiziert. So . kam denn 
auch in der KomOdie „Sappho" des Antiphanes der ßußXioTpäcpoc vor 
(fr. 197 K.). 

Verwandt hiermit die dreitigurige Szene aut der Vase des Euphro- 
nios^) bei Darbmbbrq et Skolio, Dict. Fig. 2600, unsere Abb. 84, ein herr- 
liches Stock: rechts und links stehen als Pendants zwei zuhOrende JQnglinge, 
mit lebhaftester Gebärde sich vorbeugend und lauschend, auf lange Stocke 
gestutzt; zwischen ihnen sitzt aut flachem Stuhl ohne Lehne der junge Vor- 
leser, im Profil nach rechts, und hält, wie die Leserin des vorigen Bildes, 
das offne Buch mit gestreckten Annen eifrig schräg vor sich, und Kopf 
und KOrper beugen sich darauf nieder , indem er die Rollungen des 



Buches auf seine Knie stützt; die Hände fassen die Rollungen jedoch 
nicht unten, sondern in der Mitte. Vor ihm eine eckige Capsa, wie ein 
hoher Schemel: darauf steht KAAE; auf ihrem Deckel aber liegt, was 
von Wichtigkeit, noch eine geschlossene Rolle, und auf ihrem Zylinder 
entlang steht + IRONEIA geschrieben. Chironis praecepta waren das alt- 
modische Erziehungsbuch jener Zeiten; das haben die jungen Leute noch 
zurückgelegt, und es ist gewiß ein anderer Text, der sie so sehr zu 
fesseln weiß. 

Ein zweifiguriges Bild gibt Panofka, Bilder antik. Lebens Hl. 4, 1 : ein nackter 
jQngling steht zuhörend, die Leier untatig in der Hand; vor ihm sitzt ein bekränzter 
jQngling, nur den Oberkörper entblößt, und liest, die Rolle auf dem SchoS auf- 
stützend, ahnlich den voraufgehenden Bildern. Auf dem offnen Blatt des Buches 
stehen Schriftzeichen. 

Hieran reiht sich das Musenreliet der Marmorbasis von Mantinea, aus den 
Anfangen des 4. Jahrh. v, Chr. Die meisten Musen sind hier stehend und zwar isoliert 
stehend gegeben. Doch landen wir oben S. 47 zwei von Ihnen in literarisch- 
musischer Handlung vereinigt (unsere Abbildung 28), indem die eine stehend 
liest (in normaler Sehweite), die andere sich ihr lauschend zuwendet Die Seiten- 



1) Eupbronios ist übrigens der TOpfer, nicht der Bemaler des Qefaßes, wenn 
wir PurtwAnolbr folgen; s. PurtwAnglER-REiCHKOLD, Qriech. Vasenmalerei S. 102 t. 



1. Das Lesen in Gruppen: das Vorlesen in Geselligfkeit. 149 

hohe des Buches erscheint hier ziemlich g^ering; das Konvolut in der im Relief 
zurflcktretenden 1. Hand ist kaum angedeutet; das Konvolut in der R. ist mit dieser 
selbst weggebrochen, war aber anscheinend ziemlich stark. 

Daß Musen lesen, ist etwas Unerwartetes. Auch laßt es sich wohl 
nur selten belegen/) Die Muse ist die Sinnende und Ersinnende; sie 
kann also aus Btlchern nichts lernen, sondern nur ihnen einen Inhalt 
geben, indem sie das Ersonnene aufschreibt oder vom Dichter aufschreiben 
laßt. Daraus ergibt sich, daß die Muse, wenn sie mit dem Buch zu tun 
hat, es entweder nur zusammengerollt halt, um es ev. einem Dichter zu 
bringen, oder daß sie darin schreibend vorgestellt wird. Daß sie ff\r sich 
darin liest, widerstreitet auf alle Falle ihrem Wesen; wohl aber kann sie 
daraus vorsingen, und zwar entweder einer Musenschwester, resp. dem 
Apoll, oder vielleicht auch dem Dichter, den sie inspirieren will. Auf diesem 
Wege rechtfertigt sich jene Gruppierung der zwei Musen auf der Mantinea- 
basis, Abb. 28. 

Der Dichter selbst, mutmaßlich Homer, erscheint als Vorleser auf dem Relief- 
fragment der Bilderchronik hellenistischen Stils, das sich im Antiquarium 
Berlins befindet; s. O. Jahn, Bilderchroniken Q ' (Titelvignette); danach Th. Schreiber, 
Kulturhistor. Bilderatlas Tfl. XCII Nr. 12. Auf einem niedrigen Rundaltar, der mit 
einem Relief geziert ist, sitzt bequem, mit gekrQmmtem Rücken vornüber gebeugt, 
ein schöner bärtiger Mann, eine Tänie im Haar, im Profil nach rechts, das r. Bein 
weit vorgestellt, den 1. Fuß zurückgezogen, und hält die offne Rolle mit beiden 
Händen weit ab vom Auge. Ist dies Homer, so ist er nicht' blind, aber weitsichtig. 
Daß die Leute, die weitsichtig, das Blatt vom Auge weit abhalten, erörtert Plutarch, 
Sympos. 625 C. Den r. Unterarm hat er bequem und lässig auf den r. Schenkel 
aufgelegt, und so ist auf ganz natürliche Art motiviert, daß auch die r. Hand tiefer 
als die linke liegt und wir zwischen den zwei Konvoluten die offne Blattfläche ge- 
wahren. Überdies ist aber dadurch auch zum Ausdruck gekommen, daß die L. 
zieht, die R. nur hält. Denn der 1. Arm ist eben nicht aufgestützt, sondern in Be- 
wegung, während die r. Hand ruht und nur bisweilen den Daumen zu heben braucht, 
damit die Charta sich aus ihr löse. Endlich steht der Blick des Mannes höher als 
sein Buch; d. h. er liest vor; eine Person stand ihm gegenüber, von der uns das 
fragmentierte Relief noch den ausgestreckten r. Arm sehen läßt. 

Nahe verwandt hiermit der lesende hochbetagte Dichter im Pariser Münz- 
kabinett, abgebildet in den Annali Bd. XIII Tfl. 50, bei Jahn, Bilderchroniken Tfl. II 4 
(u. S. 57). Da er aber in umgekehrter Richtung, nach links blickt, liegt nicht seine 
rechte, sondern die 1. Hand auf dem Knie aufgestützt und die Rechte entbehrt der 
Stütze. Die Figur war Teil eines Reliefs, also gewiß auch einer Gruppe. Daß sie 
vorliest, verrät die Richtung des Blickes. 

Wollen die Musen einen Dichter inspirieren, so können sie sich dazu 
nun allerdings gleichfalls der Vorlesung bedienen. Auf dem Mosaik von 
Sousse in Tunis, das dem 1. Jahrh. n. Chr. zugeschrieben wird (Abbildung 
im Jahrbuch des arch. Inst. Bd. XIII, Anzeiger, S. 114), sitzt Vergil zwischen 
Klio und Melpomene, die stehen, und hält mit der L. eine offne Rolle, die 
ihm im Schoß liegt und auf der man den Vers Aen. I 8 Musa mihi causas 



1) Die lesend sitzende Muse in Berlin, „Beschreibung** Nr. 600, ist von dem 
Ergänzer zurechtgemacht. 



150 II« ^^^ geöffnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

memora erkennt. Klio, zur Linken, hat nun die Anrufung Vergil's erhört 
und liest ihm als Antwort aus einer Rolle, die sie in Brusthöhe inter manus 
halt, etwas vor, wie es scheint, mit gesenktem Blick. Die Muse sitzt also 
nicht, wenn sie vorliest. Ahnlich sahen wir sie auch zum Homer treten, 
oben S. 84. So bringen die Gottinnen also dem Dichter ihre Ein- 
gebungen. ^) 

Zur alteren Bildnerkunst führt uns der etruskische Sarkophag zurück: 
Florenz, archäolog. Museum, Sata di Tarquinii, „sarcofago di nenfro^. Das 
flach gearbeitete Relief der Vorderseite zeigt hier zwei liegende Gestalten, 
eine weibliche und männliche. Worauf es sich gründet, daß man sie als 
Mercur und Lara oder Larca ' Carmenta bezeichnet hat, weiß ich nicht Die 
weibliche Figur liegt wie auf dem lectus^ den L Unterarm auf Kissen auf- 
gestützt, im Profil nach links. Der Mantel bedeckt den L Arm, läßt aber 
den r. Arm und den VorderkOrper nackt. Die Frau hält die Buchrolle 
weit aufgerollt, und zwar die r. Hand hoher, damit die Schreibflache sicht- 
bar werde. Ihr Blick ruht nicht auf dem Buch, sondern ist dem Manne 
vor ihr zugewendet. Rollungen sind nicht angedeutet Es ist die Schick- 
salsfrau, und sie trägt ihm sein Schicksal vor. Verwandtes ist schon oben 
S. 69 t u. 108 zusammengestellt Vor allem ist die stehende Parze zu ver- 
gleichen, auf dem ebendort erwähnten Relief des Cumaner Grabes, die der 
verstorbenen Tänzerin in der Unterwelt, während der Cerberus lauscht, ihr 
Schicksal aus weit offner Rolle vorsingt Die Tänzerin aber tanzt zu dem 
Parzenlied! Auch diese Parze ist, wie die etruskische, bis auf die Hüften 
entblößt Die Rolle aber ist der Länge nach in zwei Zeilen mit Schrift- 
zeichen beschrieben.^) 

Hiernach wage ich nun auch eine rätselhafte Szene auf dem schönen 
Juliermonument in St R£my zu deuten, vor der ich lange staunend 
stand und über die mir auch Hobnbr's Erörterung im Jahrbuch HI S. 32 keine 
Aufklärung brachte. *) Tatsache ist, daß hier auf dem r. Teil der Fläche 
eine Schlacht geschlagen und eine Heldin getötet wird und daß zugleich 
auf ihrem 1. Teil eine Leseszene stattfindet Es ist ein weibliches Hügel- 
wesen, das rite eine Buchrolle inter manus aufgerollt hält (die Rolle ist 



1) Vgl. M6m. de l*acad. des inscr. et b. 1., 1898, TfL 20, woselbst Qaucklbr 
S. 233 ft Obngens DiEZ, Ursprung und Sieg der byzantinischen Kunst (1903) S. 48. 

2) Unter dem Rande sei ein athenischer Grabstein in der Stoa des Hadrian, von 
Sybbl, Katalog Nr. 3528, erwähnt Hier liest ein sitzender Mann einer (stehenden?) 
Frau vor; doch ist die Beschaffenheit des Buchs unsicher; bei v. Sybel heißt es: 
„eine aufgeschlagene Rolle? auf dem Schoß . . . den dritten Pinger zwischen die 
Blatter geschoben.'* 

3) Abgebildet in Antike Denkmäler, herausgeg. vom Deutschen Instit 1 (1891) 
TfL 16. Die Zeit ist frühaugusteisch oder vielleicht noch voraugusteisch; s. Petersen, 
Ära Pacis S. 158 u. 172; Studniczka in AbhandL Sachs. Q.W. XXII (1904) (Tropaeum 
Trajanil S. 27 u. 78 (v. SvBBL). Mehr Literatur ist zitiert C. 1. L. XII 1012. 



1. Das Lesen in Qnippen: das Vorlesen in Oeselligkeil. 151 

oben etwas abgestoßen) und liest'), und drei Personen in Priedenstracht, 
zwei Manner und eine Prau, hören ihr zu. Die Vorlesung muß nun auf 
den Tod der Heldin Bezug haben; es kann also auch hier nur entweder 
die Bolin Iris sein, die das Schicksal in Buchform Oberbringt (vgl. oben 
S. 46 u. 70), oder aber die Parze selbst, die das Schicksal verkündet*); die 
Flügel hat sie alsdann von jener Schicksalsfrau geerbt, die uns mit dem 

"^uch auf einem etrus- 
schen Sarkophag 
Jen S. 84 f. begeg- 
jt ist') 

Aus dem Neapler 
useuin sei die große 
rapejanischeWand- 
ekoration AbtXLV 
r.9183angetQbrt. An 
rem oberen Rande 
uft ein sclimaler Pries 
il mensclilichen PJgu- 
:n, die einzeln oder 
i Gruppen vereinigt 
nd. Unter den leti- 



Abb. 85: Leseszene, Neapel. 

teren befindet steh auch unsere Abb. 85; d. i. eine Frau, die im Profil nach rechts 
am Boden sitit. Sie tragt einen Kranz oder eine Krone auf Ihrem Haupt und liest 

1) HOBNER erkannte eine „kleine Victoria mit der Gedachtnislalel". Aul der 
Racksejie des Rollenbuchs sind die gekritzelten Buchstaben IM^^ wahrnehmbar 
(a. a. 0. S. 18). 

2) Das Gesicht der Pigur ist abgestoflen. An Eros zu denken verbietet schon 
die Kleidung, an Nike zu denken der Umstand, daD diese auf demselben Relief noch 
einmal erscheint. 

3) Das Juliermonument gibt Erlebnisse der Gegenwart, an der die JulH selbst 
beteiligt waren, aber in Anlehnung an verwandte mythologische Szenen: so z. B. 
«ine Eberjagd in Anlehnung an die kalydonische Jagd. So muQ auch dem hier 
besprochenen Amazonenkampt, wie HObner erkannte, irgend ein Ortlicher Kampf 
zwischen Galliern und Römern, an dem eine kämpfende Frau beteiligt war, ent- 
sprochen haben. Das Bild selbst aber gibt den Mythus von Penthesilea ganz getreu 
wieder und ist deshalb um so wertvoller; denn Achill ist hier eben Im Begriff, der 
vom Pferd sinkenden Penthesilea den Helm vom Haupt zu reiQen (sein r. Arm mit 
dem Helm ist weggebrochen), und am Rand rechts hebt ein Kämpfer (Thersltes 
oder Diomedes) schon anklagend den Arm gegen den Helden, der von Liebe zu der 
sterbenden Feindin entflammt wird. Eine Nike mit dem Tropaion schließt diesen 
Teil des Bildes ab. Wir müssen uns unter Penthesilea eine gallische Streilerin, die 
ein ähnliches Los traf, unter den drei Figuren aber, die der Vorlesung der Parze 
zuhören, ihre Eltern oder Anverwandte denken, die Ober ihr Schicksal trauern. - 
Eine g%«n Rom kämpfende Barbarin als Amazone I Plutarch kommt uns dabei zu 
Hilfe, der Mullerum vin. S. 246C wirklich erzShIt, daü die Frauen bei den Kelten 
in den Beratungen Ober Kriege und Staats vertrage die Führung hatten (vgl. auch 



152 "■ Die geöffnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

in einer offnen Rolle, die sie mit beiden Händen ziemlich weit angespannt und in 
richtig^er Augennähe hSlL Hinter ihr steht eine Frau, im g^leichen Profil, und sieht 
nach dem Buche hin, der vorigen Qber die Schulter, indem sie ihren RQcken mit 
der r. Hand berührt. Der Qrund ist schwarz, die Figuren farblos, der Schatten 
blaugrQnllch. Wir erkennen eine Vorlesende und Lauschende. Die Abbildungen in 
den Pitture IV S. 221 und 227 sind so klein ausgefallen, daO sie das Detail nicht 
erkennen lassen. Daher hier eine neue. 

Nicht gesehen habe ich das pompeianische Bild bei Hblbio Nr. 1459: ein sitzen- 
der unbärtiger Mann mit offnem Diptychon; ein sitzendes Madchen mit dem Pedum; 
daneben steht ein anderes MSdchen, gewandet, das „mit beiden Händen eine aus- 
gebreitete Schrifirolle halt". Der Umstand, daß sie steht, verrät die Vortragende. 
Was das Diptychon bezweckt, ist nicht zu erraten. 

Hiemach sei 0. Mmus, „Ein Familienbild aus der Priscillakatakombe" (1895> 
Abb. I, WlLPERT Tfl. 79, erwähnt. In der Mitte die Verstorbene als Orantin. Rechts 



Abb. 87 : Relicl des Lateran. 

hiervon dieselbe als Mutter; links dagegen eine Gruppe in drei Figuren: vor einem 
sitzenden bärtigen Manne steht in gleicher Richtung nach rechts dieselbe Frau und 
ein Mann. Sie hall hier in beiden Händen ein weiOliches Buchblatl, auf das sie Indes 
den Blick nicht richtet. Andeutung von Rollungen sind nicht zu erkennen; auch fassen 
die Hände das Blatt nicht in der Mitte, sondern an den oberen Ecken. Es ist sicher 
ein Blatt (ich sah das Original), die bisherigen Deutungen aber sind unannehmbar. 
Das Lesen der verstorbenen Frau wird vielmehr auf ihren eigenen Tod Bezug haben. 
Daraul weisen die zahlreichen Analc^ien der Sepulkralbildnerei. 

Damit verwandt das Qraffito auf Marmor im Lateran, christl. Mus. 226: hier 



gleich aber lallt vielleicht von hier aus etwas Licht auf die Andeutung des Horaz 
Od. IV 4, 20, daß das Barbarenvolk der Vindelici in seinem Verzwei flu ngs kämpf 
gegen das unterjochende Rom mit dem Amazonenbeil kämpfte, sowie auf das sog. 
Tiberiusschwerl in Mainz mit entsprechender Darstellung. 



1. Das Lesen in Gruppen: das Vorlesen in Qeselügkeit 



153 




Abb. 86. 



hält ein bärtiger Mann ein Blatt nach Art einer Rolle; 
doch fehlen auch hier die Rollungen in den Händen. 
Er liest stehend vor; ein ZuhOrer sitzt daneben. Siehe 
Abb. 86; vgl. PiCKER S. 176. 

Unter den Reliefs der Kaiserzeit stehe die Mar- 
kussäule voran; auf Tfl. IX ed. PETERSEN sieht man den 
Kaiser selbst den Truppen eine Mitteilung aus einer Rolle 
verlesen, die er rite mit beiden Händen hält 

Schließlich dann dieselben Szenen auf den späten 
Sepulkralreliefs. 

Unter ihnen ist in der Sorgfalt des Vortrags das 
lateranische des 3. Jahrh. Saal I Nr. 16 am schätzens- 
wertesten, unsere Abb. 87. Bin bärtiger Mann sitzt en face, 

umgeben von zwei Prauen, die im Vordergrund rechts und links ihm zugewandt 
stehen. Die Prau rechts (für den Betrachter) stützt nur den Arm nach Art der 
Trauernden oder einer sinnenden Muse auf; die links hält dagegen eine geschlossene 
Buchrolle, nach dem Motiv II, das den Abschluß der Lesung bedeutet. Der Sitzende 
selbst aber hält Ober seinem Schöße eine offne Rolle sehr weit ausgespannt und 
schaut dabei doch nicht auf die offne Schriftfläche, sondern nach links und in der 
Richtung auf die eine der Prauen. Daß gerade diese Prau literarische Interessen 
hat und also auch fflr das Verständnis der Vorlesung, die eben stattfindet, besonders 
befähigt ist, deutet eben das Buch an, das sie hält. Im Hintergrunde, wo ein Velum 
ausgespannt ist, gewahrt man noch drei stehende bärtige Männer. Links neben 
dem Vorleser selbst steht der eine von ihnen, im Profil nach rechts; er scheint, wie 
die Prauen, der Vorlesung zu lauschen. Dagegen befinden sich die beiden anderen 
am 1. und r. Ende des Reliefs. Diese Männer halten jeder eine geschlossene Rolle 
in der L., Motiv I, und haben dabei energisch das Gesicht abgekehrt zum Zeichen, 
daß sie nicht zuhören. Sie scheinen die Versammlung verlassen zu wollen. Die 
Prauen und der eine der Männer lauschen also der wahren Lehre; die Eckfiguren sind 
dagegen andren nicht sichtbaren Personen zugekehrt. Der sitzende Vorleser hat über- 
dies ein RoUenbQndel, sowie ein eckiges Rollenkästchen vom neben seinem 1. Puße. 
Vor allem ist darauf acht zu geben, in welcher Weise er das Buch hält Kein Bild 
ist so anschaulich wie dieses. Seine 1. Hand hält das ihr zukommende Rollenende 
höher als die rechte das ihrige. Vor allem ist nicht zu verkennen, daß die r. Hand 
ihr Konvolut schlaffer als die linke das ihre an- 
faßt Damit ist deutlich gemacht und zum Augen- 
schein erhoben, daß beim Lesen eben die 1. Hand 
aufrollend tätig ist, die rechte das Abrollen nur 
zuläßt Auch der Rollenschnitt selbst endlich aber 
ist hier sorglicher ausgeführt als irgendwo sonst 
In dem resümierenden Abschnitt über das Buch 
werde ich hierauf zurückkommen; vgl. Abb. 155. ') 

Dies Bild gehört also zu den vielen litera- 
rischen Unterhaltungen, über die schon S. 64 t 
die Rede war. Interessanter ist es, einmal einer 
Szene aus dem Geschäftsleben zu begegnen. 
Vgl. oben S. 66 über Ladenschilde, sowie den 
lesenden Weinbergbesitzer bei DOtschkb II Nr. 317, 
auf den ich S. 167 zurückkomme. An dieser 
Stelle ist eines der Relief bilder von der großen Con- 
giariumdarstellung des Constantinusbogens 
l>esonders zu erwähnen. Das zweite Relief (von 
links) daselbst zeigt vier Männer mit Geldrech- 



1) Eine Abbildung auch bei Benndorp-SchOne 
Tafel XVII. 




Abb. 88. 



154 II* I^io geöffnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

nung und Auszählung beschäftigt. Einer derselben, und zwar die Bckfigur rechts, 
im Halbprofil nach links sitzend, zeigt das Motiv VI sehr schön. Der vornehme 
Mann tauscht dabei den Blick mit seinem Gegenüber und scheint also aus dem 
Rechnungsbuch Angaben mitzuteilen und die Handlung zu leiten.*) 

Zu den literarischen Unterhaltungen führen uns dagegen folgende Monumente 
zurflck : 

Cagliari, Deckelstreifen des oben S. 107 erwAhnten Sarkophags (Bullett arch. 
Sardo Bd. IV), gibt zwei hierher gehörige Szenen. Beidemal zwei sitzende bärtige 
Männer; beidemal liest der links sitzende; der rechts dagegen hat seine r. Hand 
rezitierend oder at>er korrigirend erhoben und hält dabei das eine Mal auch selbst 
eine geschlossene Rolle in der L., Motiv 1. 

Rom, Relief der Via Porta S. Sebastiano (vgl. oben S. 92), rechte Hälfte: 
sitzender bärtiger Mann liest vor; ihm zugewandt steht eine weibliche (?) Figur, die 
zuhört. Die L. hebt die Schreibfläche höher, damit sie dem Betrachter ins Auge fällt 

Rom, Mus. Kircherianum , christliches Relief, dreifiguriges Bnichstflck ohne 
Nummer: sitzender bärtiger Mann liest vor; die Schreibfläche ist ähnlich wie im 
vorigen Beispiel erhoben. Ein Mann und eine Frau hören zu. 

Pisa, Campo Santo, Nordseite, Sarkophag unter der Wandzahl XXIII. In der 
Mitte der Vorderfläche ein Ehepaar; die Frau steht, der bärtige Mann sitzt. Er hält 
eine offne Rolle und liest ihr vor, indem er Rollungen in beiden Händen hält; am 
Boden rechts neben ihm ein Rollenbflndel: DOtschke I 27; Qarrucci Tfl. 370, 3. 
Sehr ähnlich Qarrucci 370, 4 (Rom, Villa Randanini). 

Rom, christlicher Sarkophag, s. Bullettino della commiss. archeol. di Roma 
1903 (Bd. 31) S. 225 Figur 115; hier sitzt der voriesende Mann im Profil nach links, 
die offne Rolle in beiden Händen, und hebt die r. Hand höher als die L. zu dem 
gleichen Zweck, damit die Schreibfläche dem Betrachter sichtbar werde. Rechts 
von dem Lesenden ein Orant, links der gute Hirte. - Vgl. auch den in S. Maria 
antiqua gefundenen Sarkophag in Neue Jahrbücher 1904, S. 40 (HOlsbn). 

Rom, Lateran, christl. Mus., Sarkophagrelief Nr. 172: FiCKBR gibt an, daß links 
eine Frau steht, nach rechts blickend, in der L. eine Schriftrolle. „Von ihr rechts 
sitzt ein Mann nach rechts . . . ., den Kopf nach der von beiden Männern entfalteten 
Schriftrolle gesenkt.'* Hier liegt ein Druckfehler vor; man muß „Händen** statt 
„Männern** lesen. Übrigens ist oben S. 104 zum Philosophenmosaik das Nähere 
mitgeteilt. 

Dies sind zumeist Nachklänge der schönen Dichteriigur auf der Bilderchronik. 
Man bemerke noch, daß auch in den hier gegebenen Abbildungen die Richtung 
des Blickes des Lesenden Ober das Buch hinweggeht. Dies war das einfachste 
Mittel um anzudeuten, daß das Lesen ein Vorlesen ist. 

Stehend Vorlesende begegnen wohl seltener: 

Rom, Domitillakatakomben, Basilika der Petronilla: in die Wand eingemauertes 
Relief, zweifigurig; die Figur links hält eine geschlossene Rolle, die Figur rechts 
steht lesend; s. Abb. 88. 

Arles, Sarkophagdeckel bei Le Blant X 1 = Garrucci 343, 3: der reiche Relief- 
schmuck gibt ähnlich dem S. 65 u. 130 besprochenen Berliner Sarkophagdeckel eine 
Reihe von litterarischen Szenen. Doch wiederholen sich auf der linken und rechten 
Seite dieselben Szenen genau. Nehmen wir die rechte Seite. Alle Figuren stehen. 
Zunächst am Rand rechts ein vom Lesen Ausruhender vor einem Pult mit kunst- 
vollem Fuß; s. unsere Abb. 115. Dann zwei Gruppen zu zwei Personen; beidemal liest 
der rechts stehende bartlose Mann vor, der links stehende hört zu; zwischen ihnen 
beidemal ein Rollenbflndel. Das erstemal ist unklar, ob der Vorleser aus einer 
Rolle oder aus einem Buch in Tafelform liest; sein Zuhörer hält eine große Rolle 
im Motiv 11; der zweite Vorleser liest aus einer Rolle; das Konvolut in seiner einen 
Hand ist sichtbar. Sein Zuhörer hat leere Hände. Den Abschluß links gibt eine 
weitere männliche Figur, die abgewandt steht 

1) Abbildung z. B. bei Wbis-Libbbrsdorp, Christus- und Apostelbilder Figur 32. 



2. Der isoliert Lesende: das Buch auf den Knien. I55 

2. Der isoliert Lesende. 

Wer rednerisch oder von der Bohne herab voriiest, steht. Wer im 
häuslich geschlossenen Kreise voriiest, sitzt lieber. Wer in einsamem 
Studium den Inhalt einer Schrift in sich aufnimmt, wird gleichfalls vorzugs- 
weise sitzend vorzustellen sein. Aber auch auf dem lectus liegend studierte 
man (oben S. 91). Die hier aufzuführenden Monumente sind oft von 
hübscher Anschaulichkeit. Ihnen voranzustellen ist die bronzene Pindar- 
statue, die in Athen vor der Regia stand; sie zeigte Pindar sitzend, ge- 
wandet, mit dem Diadem und der Leier, zugleich ein aufgerolltes Buch 
auf den Knien haltend (Aeschines' epist. 4: Kaermevoc iv ivbüiiaTi xai 
Xupqt ö TTivbapoc bidbima fx^v kqi im tOjv Tovdxujv dveiXiTiievov ßißXiov). 
Auch Pigres, der Verfasser der Batrachomyomachie, am Anfang des 
5. Jahrh.^), hat sein neues Werk fertig auf den Knien liegen, um es 
vorzulesen. Im v. 3 sagt er von seinem Gesang: „den ich neu in meiner 
Reinschrift mir auf die Knie legte". Er liest also sitzend vor, wie der 
Homer der Bilderchronik (oben S. 149); dabei ruft er die Musen an, daß 
er auch Zuhörer finde. ^) Dazu kommt noch der Vers aus einem un- 
bekannten Dichter: 

Ktti Tctp 8t€ TrpiwTiCTOV ^lioTc Im beXtcv ?0TiKa 

Touvaci,^ 

Einzelfiguren, die hiervon abweichen und vielmehr stehend lesen, sind 
besonders auf den kampanischen Wandbildern anzutreffen. Es sei gleich 
hier gesagt, daß wir bei einem isoliert Lesenden nie sicher sind, ob er 
nicht etwa doch als Vorleser resp. als Vorleserin aufgefaßt werden muß 
und demgemäß eigentlich dem vorigen Abschnitt einzureihen sein würde. 
Dies gilt besonders von den stehenden Figuren. Denn in den pompejani- 
schen Wanddekorationen kann oder muß für die Einzelfiguren, die sich in 
phantastischen Architekturen verstreut finden, oftmals supponiert werden, 
daß sie aus größeren Gruppen isoliert sind. Begegnet uns dasselbe statua- 
risch, wie bei der Corinna, so setzen wir dasselbe an. Aber auch Statuen, 
die den sitzend Lesenden isoliert zeigen, können schließlich, wie schon 
angedeutet, als Vorleser aufgefaßt werden. 

Schon einige der frühesten für das Bücherwesen in Betracht kommen- 
den Monumente, schon solche des 5. Jahrh., bringen uns den einsamen 



1) Vgl. A. Ludwich, Der Karer Pigres, Königsberg 1890. 

2) Es ist also kein Grund an dem Qf\Ka zu ändern, wie LUDWiCH wollte, bikroi 
können auch den Chartarollen zukommen; dies ist von mir im Zentralblatt f. B.W. 
XVII S. 548f. dargetan. ccXibec sind die Seiten der Chartarolle; aber auch ÖAtoi 
können auf ccXibcc stehen oder eingetragen werden; s. Posidipp*s Gedicht auf das 
Alter: DiBLS, Sitz.-Ber. Berl. Akad. 1898 S. 851. Ich komme darauf unten zurück. 

3) Vgl. Ludwich zur Stelle der Batrachomyomachie. 



156 11- I>ie geöffnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

Leser, den dvaTiTVuiCKiuv npöc ^auTÖv (Arist Frösche 52). Voran ein paar 
Grabdenkmaler, ein etniskischer Sarkophag und eine attische Stele. 

EtruskiscJier Steinsarkophag des 5.(?) Jahrh. im Museum zu Cor- 
neto, unsre Abb. 89; wertvoll durch die naturalistische Detailbehandlung: 

Auf dem Deckel des Sarkoptiagfs liegl wie auf dem lectus ein bartiger Mann, 
den I. Unterarni auf ein doppeltes Kissen aufgelegt Der Mantel bedeckt vom Ober- 
körper nur den Rücken und den 1. Arm. Um den Hals Ist eine dick gewundene 
torques geschlungen. Am vierten Pinger der 1. Hand trägt er einen Ring'. Die 
Buchrolle aber liegt weit aufgerollt in seinem SchoO und erstreckt sich von da bis 
nahe zum Kopfende des lectus. Die offene Blattflache ist mit etruskischer Schrifi 
bedeckt, steht aber für den Buctilrager selbst auf dem Kopfe; denn sie ist vielmehr 
auf den Betrachter des Bildwerks berechnet, und zwar ohne Kolumnenteilung in 
langen Zellen. Daher blickt der nämliche Buchtr^er auch keineswegs In das Buch'. 



Abb. M: Sarkophagilecliel, Comelo. 

er blickt vielmehr grade den Betrachter an, als fordere er Ihn auf, den Text, der 
ihm so wichtig ist, durchzulesen. Die Hände halten, wie Qblich, die zwei Konvolute. 
Doch ist augenfällig, dalt die 1. Hand, die sonst abrollt, hier lassig ruht, dagegen 
die R. tätig und soeben im Begriff ist, das Buch auseinanderzuziehen. Dies erklärt 
sich daraus, daQ, wie gesagt, das Buch auf dem Kopie steht. Der Mann hat, um 
dem Publikum die Buchschrift zuzukehren, was sonst in der R. liegt, in die L ge- 
nommen, und hau das Rollenende in der L., das sonst in die R. gehOrl 

Attisches Grabrelief in der Abtei zu Grottaferrata; s. A. Conzb, Die 
attischen Grabreliefs Bd. II Tfl. 121 Nr. 622, im Stil verwandt den Parthenon- 
friesen, also wohl noch dem 5. Jahrh. angehörig; unsre Abb. 90. Ein JOngling' 
sitzt im Profil nach rechts, auf einem Sitz ohne Lehne, die FQße auf einem 
Schemel, ein aufgerolltes Buch auf seinem Schofi. Vor ihm am Boden ein 
Scrinium. In der Beschreibung Conze's heißt es nicht zutreffend von dem 
Jongling: „er Offnet mit den Händen über dem Schoß eine Schriftrolle". 
Sein gesenktes Haupt deutet vielmehr an, daß er in ruhiger Versenkung liest. 
Dazu stimmt, daß das Buch schon weit bis zur Mitte aufgerollt ist, also nicht 
eben erst geöffnet wird: ^m tüiv tovötoiv dveiXiTMtvov ßißXiov, diese Worie 



2. Der isoliert Lesend«: das Buch im SchoB oder auf den Knien. 



157 




gelten auch hier. Da die Rolle auf alteren attischen Grabreliefs sonst nicht 
erscheint (s. oben S. 49), muß es mit diesem Verstorbenen eine besondere 
Bewandtnis haben. Es mufi ein durch dichterische oder philosophische Be- 
strebung ausgezeichneter junger Mann, der frOh aus dem Leben schied, 
gewesen sein, den wir hier verewigt sehen. Auch hierfDr ist der bronzene 
Pindar in dem Aeschinesbrief zu vergleichen. Endlich beachte man nun, 
dafi die Rolle sehr groß 
ist Ihre Hohe kann, da 
sie den Schoß reichiich 
austollt, auf 30-33 cm ge- 
schätzt werden, was etwa 
der Schenkellange eines 
Mannes mittlerer Größe 
gleichkommt Vor allem 
aber sind auch die Kon- 
volute selbst sehr stark. 
Daß die hier abgebildete 
Rolle an Text viel mehr als 
eine Homerrhapsodie oder 
als eine einzelne Sophokles- 

tragOdie enthalten konnte, > 1 

lehrt der Augenschein. Tat- 
sächlich hat sich ja nun ' '. 
die griechische Literatur in \ 
den vorptolemäischen Zei- j 
ten zur Oberlieferung um- [' 
fangreicherer Werke be- T 
trächtlich größerer Buch- 

rollen, als sie hernach I 

üblich wurden, bedient ■ 

Es ist, wie wenn heute i 

ein Gelehrter über einem , j 

Folianten sitzt. Der Eifer _ J 

des jQnglingS wird da- Abb. 90: albsches Or»bfclie(. 

durch angezeigt. 

Es folgen statuarische Werke der alteren Zeit. Hierbei darf noch ein- 
mal an Anregungen der ägyptischen Kunst erinnert werden. Denn auch 
die prächtigen altagyptischen Schreiberstatuen haben regelmäßig die offne 
Rolle flach auf den Knien liegen; s. oben S. 18. Dies setzt sich in 
jflngeren agyptisierenden plastischen Arbeiten fort, die uns das Lesemotiv, 
das von der griechischen Kunst selbst auf das anmutigste belebt und har- 
monisch gestaltet wurde, in steifer Anordnung geben: 



158 II. Die geöffnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

Ich fahre nur die Sitzfigur des Imhotep Im Louvre an, abgebildet bei REtNACH. 
Rupert slat. I 146, 7. 

Dazu im Schrank der ägyptischen kleinen Bronzen zu Lyon die Nr. 71: ein 
sitzender bartloser Mann, negerartig im Typus, nur mit dem Schurz bekleidet; die 
offne Rolle liegt auf dem Schofl, in jeder Hand symmetrisch ein KonvoluL Er blickt 
gradeus, liest also nicht ab. 

Aus eigentlich griechischem Bereiche ist die cyprische Terrakotte 
von besonderem Wert, die sich im British Museum befindet und beschrieben 
und abgebildet ist bei H. B. Walters, Calalogue of the lerracottas, 1903, 
daselbst Nummer A 326; danach unsre Abb. 91. Zwei Frauen (Göttinnen?) 
sitzen in steifer Haltung hart nebeneinander auf Thronen; ihre Hände ruhen 
an ihren Knien, indem sie Bflcher halten. Walters sagt undeutlich von 
der einen: „holding a roll", von der andern „holding an open book". 
Vielmehr halt die links Sitzende ein offnes 
flaches Blatt ohne Rollungen auf dem Schoß, 
die rechts Sitzende hingegen ein ebensolches 
mit zwei regelrechten Rollungen gleichfalls auf 
dem Schoß. Wie fremd das Buch sonst den 
griechischen Gottern ist, habe ich wiederholt 
hervorgehoben (S. 69 f.). Wir erkennen dem- 
nach auch hier ungern Demeter und Kora selbst, 
sondern lieber ihre Priesterinnen, die den Göt- 
tinnen glichen und die aus den GesetzbQcheni 
vorgelesen haben mOssen (vgl. oben S. 146). 
Das hohe Alter der hier abgebildeten Figuren 
verborgt uns nun aber eine Verbreitung des 
ägyptischen Rollenbuchs für frühe Zeiten, sicher 
Abb. 91: cyprisch. T«nü<oii.. 'O"" ^^0 Anfang des 5. Jahrh., als Aschylus in 
den Hiketiden die ßüßXoi erwähnte und Pigres 
in solche Rolle seine Batrachomyomachie schrieb. Insbesondere Cypem 
lag Ägypten nahe genug. 

Erwähnt sei hier auch eine zweite Terrakotte, die aus Kyrene stammen soll, 
bei M. HuiSH, Oreek lerracotta slatuetles, 1900, TU. 60 und S. 177: wiederum eine 
sitzende Prau, die im SchoO ein tilattartlges Buch (ohne Rollungen), aber so hält, 
daB es aut der 1. Hand ruht An ihrer I. Schulter lehnt ein Amor. Nach der Zeich- 
nung zu schließen, konnte dies Blatt eine Doppellatel, aber alsdann ohne Rahmen 
sein. Zell das 5. Jahrh. (7). 

Weitere Terrakotten, die die Rolle auf dem SchoO des Sitzbildes aufliegend 
zeigen, tflhrt O. Jahn auf, Abhandl. sSchs. O.W. XII S. 290. 

Es ist nun klar, daß dies Motiv VI von der Kleinkunst der Koroplastik 
unmittelbar in die große Portratkunst flberging. Der erw&hnte bronzene 
Pindar, der da sitzt, ein aufgerolltes Buch auf den Knien, kann gar nicht 
wesentlich anders ausgesehen haben. Folgen wir der Aussage des zitierten 
Briefes, so waren es schon die Vorfahren (irpÖTOvoi) des Redners Aschines, 
die die Statue errichtet hatten, und von ihr heißt es, daß sie „noch" bis in 



2. Der Jsolierl Lesende: das Buch aul den Knien. I59 

unsre Zeit dastand (Kai f\v aüiri «(c ^m^c £ti); sie geh&rt a)so gleichfalls 
ins 5. Jahrh. 

Ein Nachklang ist uns im Museo Chiaramonti des Vatikan Nr. 350 
erhalten, unsre Abb. 92; vgL Ambluno S. 536 und Tfl. 55: 

Dieser Statuette tehlen Kopf und Fofle. Auf einem „wartelartlg^en Sitz" sitzt 
eine Frau. Der Mantel deckt llflcken und Arme. Doch Ist der Rflchen ^latt \n 
einer FlSche zubehauen". Ein Bruch im Marmor geht das I. Bein hinauf und quer 
durch die Rolle. Die Rollungen In den Händen sind wie gewöhnlich von gleicher 
QrOfle. Daß der Kopf sicli zum Lesen vomObemeigte, ist zweifelhaft. - Was die 
Deutung anlangt, so gehorl diese Statuette zu den gleichartigen weiblichen Sitz- 
bildern im selben Museum Nr.349 und 351; auch diese sind kopflos. Da nun Nr.351 
eine Maske halt und als Muse dadurch gekennzeichnet ist, so wird man auch Nr. 349 
und 350 als Musen zu betrachten haben. Wir müssen 
alsdann aber bei Nr. 350 an eine vorlesende Muse 
denken, so wie gewiß auch jener Pindar vorlas. 

Diese Statuene von geringer Arbeit führt auf ein 
Original des 4. Jahrh. v. Chr. zurflck (AMELUHO S. 538). 
Dies Original aber war von Darstellungen abhangig, 
die jener cyprischen Terrakotte des Brilish Museum 
gleichkamen. 

Dasselbe Schema Ist auch noch auf dem helleni- 
stischen Qrabrellef aus Kyzlkos (oben S. 146) gewahrt 

MOnzen von Chios Qberliefem uns ein Sitz- 
bild Homers; s. O.Jahn, Bilderchroniken Tfl. 11 1. 
Da zeigt sich ein erster Fortschritt; die offne Rolle 
wird zwar noch nicht ganz von den Knien los- 
gelöst, aber sie steht in schrtlger Richtung frei 
auf ihnen, indem die HSnde sie an den unteren 
Konvoluten festhalten. Auf dem Innenblatt liest 
man lAlAC Die eine Rolle soll also die ganze 

Ilias enthalten. Sie ist dementsprechend sehr kbb.n-. mum, Vatikan. 

groß gebildet 

Ein weiterer Fortschiitt war es dann, das Buch von den Knien ganz 
zu erheben und dem Gesicht zu nahern, wie dies schon auf der Durisvase 
geschehen ist Rahmüch ist hier darum des schOnen, leider fragmentierten 
Grabreliefs von Krissa zu gedenken (Annali dell' Inst 1855 Tfl. 16; 
ScHSBiBBR, Bilderatlas I Tft 89, 8): 

Auch hier, wie auf dem vorhin besprochenen attischen Orabreilef, sitzt ein 
jQngling, im Profil nach links, aul leichtem Klappstuhl. Sein Oesicht ist weg- 
gebrochen; doch ist die Nase erhalten und man sieht, daß er das Haupt etwas vor- 
neigte. Die Hände halten die offne Rolle in Brusthöhe. Das Buch selbst aber Ist 
hier erheblich leichler und winziger als das des Jünglings von Grottaf errate. Sie 
wird nur einen Gesangtext bedeuten. Denn dieser jQngllng ist nicht, wie jener, als 
Gelehrter charakterisiert, und die Capsa mit Bflchern fehlL Statt dessen steht eine 
Klthara im Hintergrund auf dem Boden, während an der Wand neben gymnastischen 
Geraten ein mächtiger Kranz hangt. Das Relief kann nicht junger als das 4. Jahr- 
hundert sein? 

Eine belebtere, nach reicherem Wechsel der Linien strebende Kunst 



IgO ■'■ I»e ^eOHnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

konnte sich, wie gesagt, mit einer Darstellung, die den isoliert Lesenden 
so steif, monoton und schablonenhalt hinsetzt, wie dies in der Muse des 
Vatikan geschehen, nicht begnügen. Auch auf dem statuarischen Gebiet 
ist ein Fortschritt auf dem angegebenen Wege versucht worden, ich er- 
wähne die silberne Statuette eines lesenden bärtigen betagten Mannes, 
die aus Bordeaux nach Paris kam (s. M^moires de la Soc. archäol. de 
Bordeaux XI S. 89; Xlll Tfl. 14; Reinach, Rupert. 11 S. 629, 7); vgl Abb. 93. 
Wie leicht, durch verschiedene Hebung der HSnde, ist hier Belebung erreicht! 
Augenscheinlich auch dies ein Dichter oder 
Denker, der vortragt Er sitzt aufrecht aul einem 
niedrigen Stuhl ohne Rückenlehne, mit geschweiften 
TierfQBen. Das Buch liegt Ihm nicht auf den 
Knien, sondern er halt es hoher, und zwar so, 
daB die r. Hand das noch unaufgerollte Konvolut 
umspannt und bis zur Brusthöhe erhebt, die tiefer 
gesenkte 1. Hand aber die abgerollte BlattHache 
schräg zu sich nach unten zieht. In dem Konvolut 
der r. Hand ist die Rollung im Schnitt angedeutet, 
in dem der I. Hand ist der Schnitt glatt gelassen. 
Der Kopf endlich hat halbe Seitenwendung nach 
rechts, die Augenlider sind gesenkt und der Blick 
ruht so auf dem erhobenen Teil der Blattfläche, 
indes der Mund sich leise Oflnet. Die Miene ist 
ernst, ruhevoll, aber fein durchgeistigt. Man sieht: 
der Leser Ist in das Buch versunken. Auch die 
Erfindung dieses Stückes weist, wie ich glauben 
mochte, auf die feine Portratkunst des 4. Jahrh. 
zurück. ') 

Die Rivalin Pindars war Korinna. Auch 

von ihrem Standbilde hat sich eine spSte, 

Abb. 93: siaiuetie, Paris. rOmische Replik erhalten in einer Marmor- 

statuette zu Compi^gne, von nur 48 cm 

Hohe, durch deren Existenz uns begreiflich wird, daß noch Stalius in seiner 

Jugend die Gedichte der Korinna )as.^ Ist darin ein Nachklang an Sila- 

nions Werk zu erkennen?^ Bei dem ursprünglichen Schema des isoliert 

Lesenden hat sich auch dieser Künstler nicht beruhigt; s. die Abbildung 

in der Revue arch^ol. 32 Tfl.V. Aber das Neue, was er bringt, ist nur dies, 

daß die Person steht und nicht sitzt. Das Buchmotiv selbst aber kehrt 

zur alten schlichten Einfachheit zurück: 



1) Vgl. auch O. Jahn, Bilderchronik S. 57 Note 385. 

2) Statlus Silv. V 3, 1S8. Weder VOLLMER in seinem Kommentar noch WiLA< 
MOWITZ in den Abh. Oött. O.W. N.F. IV Nr.3 S.21 haben auf diese Statuette acht gegeben. 

3) Diese nicht fern liegende Vermutung bringt S. Rbwack, Revue archäol. 32 
(1898) S. 161 fl. Auch er scheint übrigens noch an eine lokaste desselben Silanion 
zu glauben, ein unmögliches Sujet. Vielmehr war sein Werk eine sterbende Alkestis, 
und bei Plutarch liegt Verschreibung vor, oder vielmehr er selbst fand eine Ver- 
schrelbung In seiner Quelle. Siehe Rhein. Mus. 50 S. 173 Note; Laienurteil über 
bildende Kunst bei den Alten S. 33. 



2. Der isoliert Lesende: das Buch erhoben. 161 

GleichfOnnig liefen beide Arme am KOrper, und ebenso gleichförmig halten 
beide Hände das autgerolUe Buch in der Hohe des Nabels. Es ergibt sich daraus 
ein unfreier Habitus, wie er an den stehenden Nymphen bekannt ist, die eine offne 
Muschel mit beiden H&nden vor ihren Unterkörper halten (z. B. VISCONTI, Mus. Pio- 
Clem. VII Tfl. 10; REtNACH, R£pert I 97). Es ist die Haltung der Kpnierlierenden 
(oben Abb. 79). Wie anders welfl schon die Leserin auf der Basis von. Mantinea ihr 
Buch zu trE^en! Die Daumen sind abgebrochen, die linke Hand ist sogar noch 
schwerer beschädigt, ebenso auch der äuUere Rollenrand. Es scheint aber, daß 
nur in der rechten Hand ein stärkeres Konvolut, nämlich der noch nicht abgerollte 
Rollenteil, ruhte, daO die Linke dagegen nur das Blattende hielt, eine Rollung 
aber ihrerseits noch nicht herstellte. Demnach stände diese Korinna erst im 
Beginn der LektOre. Sie singl und ist, wie schon gesagt, die plastische Nach- 
bildung der Konzertlerenden auf den attischen Vasen. Darum steht wohl auch 
ein Altar an ihrem linken Pufle. Dieser Altar 
soll andeuten, daß wir es hier mit thymeli- 
scher Kunst zu tun haben. Der niedliche Kopf 
erinnert an Tanagraflguren ; Korinna aber war 
Tanagräerin. Dies bemerkte Reenack. Doch ist 
der Kopf aufgesetzt und nach Ameluho's Urteil 
sicher nicht zugehörig. Aus ihm lassen sich 
somit keine Folgerungen ziehen, und eine Be- 
einflussung der statuarischen Bildnerei durch die 
Koroplastik ist in ■ diesem Fall nicht lu er- 

Bronzewerke mit offner Rolle sind, so- 
viel ich weiß, nicht erhalten, und der er- 
wähnte Pindar in Athen bleibt dafür der 
einzige Beleg. Eine Bi\)nzestatuette aus Her- 
culaneum, eine nacl<te Prau, die einen Band- 
streifen ausgespannt vor der Brust hält, sei 

hier im Voi^bergehen erwähnt; doch ist dies Abb.«: Toniampe, Neapel 

kein Buch , sondern ein breites mamillare: 

eine „Aphrodite Kestophoros'"), und wer die Abbildung bei Baumeistbr, 
Denkm. Nr. 393 betrachtet, wird erkennen, wie sich von solcher Stoff- 
binde die offne Rolle unterscheidet.') 

Daran schlieflt sich endlich eine Terrakotte jüngeren Stils, der ithyphal- 
lische Alte als Lampe im Neapler Museum Invent. 109411, unsre Ab- 
bildung 94. Dies endlich wieder ein einsam Lesenderl Eine freche Erfindung. 
Das Qesichl des Mannes ist bartig, der Bart vierteilig zugespitzt. Er sitzt; 
denn er studiert; und halt das Buch in richtiger Augennfthe; der Kopf neigt 
etwas vor und der Blick ist mit gespanntem Eifer auf das Buch geheftet. Als 
InhaU der Lektüre würde man sich vielleicht Dinge denken, die den ithyphal- 
lischen Zustand des Mannes erklaren, wahrend er in Wirklichkeit nur ein SlQck 
des Alphabets ABTACZ vor sich hat") Die Haltung der HAnde und Arme folgt 
dem archaischen Schema genauester Symmetrie. Doch scheint das Buch nicht 

1) Siehe die verwandten Bildwerke in der Etpn^ äp^aioX. 1895 S. 189 u. Tfl. 9. 

2) Dasselbe mamillare zeigen auch Terrakotten so ausgespannt; s. WlNTBR, 
Terrakotten 11 S. 215,8 und 456,6; hier ist es einer Buchrolle allerdings sehr 
ähnlich. 

3) Vgl. Bullettino del InsL 1871 S. 253. 

Bln. Die Bucliralle in der KuiiM. II 



162 11' [>>e geOtfnele Rolle. D. Das Lesen, Motfv VI. 

bis zur Mitte abgerollt und die LektOre noch 
im ersten Teil desselben zu haften, denn die 
Rollung in der r. Hand ist ein geschlossenes 
Konvolul, in der L. biegt sich dagegen das 
erste Buchblati nur erst leise um. In den Augen 
des Mannes und im Kopt aber den Ohren sind 
kleine Lochen In seinem Nacken ein grelleres 
Loch zum Einfallen des als. Die Öffnung for 
den Docht Ist vorn im Phallus angebracht. Dem 
Licht, das hier als offne Flamme brannte, diente 
also der Buchrücken gewissermaßen als Refektor. 

Wie beengt zeigte sich uns in allen 
diesen Darbietungen die Plastik, selbst da, 
wo sie sich begnOgt, den Ton zu kneten, 
wie frei dagegen bewegt sich die Wand- 
malerei! Sie ist es, der ich mich nun- 
mehr zuwende. 

Dabei muß ich gleich warnend voraus- 
*'"'■,'*• schicken, daß der lesende JQngling aus Pom- 

peji, der bei Darembero-Saqlio Fig. 4452 als 
Illustration dient, irre führt; vgl. Pitture d'E. V S. 245. Derselbe wickelt die Masse 
des Gelesenen verkehrt nach außen statt nach innen zusammen. Wir dürfen be- 
hadpten, daß das unmöglich ist; denn der ganze Chor von Bildern, die ich hier 
gesammelt habe, zeugt dagegen.') Das Bild, bei Heubeo Nr. 1828, ist jetzt zerslon. 
Auf jene Zeichnui^-aber ist für dies Detail kein Verlaß. 

Neun Darstellungen in Fresko lege ich hier vor. Die Abb. 95 ist 
allerdings nur aus VertegenheitsgrQnden hier mit angebracht; denn diese 
Figur liest nicht; ihre I. Hand halt im Schoß ein offnes Blatt, das an seiner 
r. Seite, wenn meine Zeichnung nicht irrefahrt, zusammengerollt ist. Im 
übrigen lehren uns diese Schildereien, daß die Flachenkunst bei aller 
Mannigfaltigkeit der Profil- und Gesichts- 
steliung, die sie anstrebt, doch sorglich 
vermeidet, Gesicht und KSrper in gleicher 
Frontansicht zu geben. Selbst das Bild 
Abb. 101 in Casa Sirico rttckt den r. Arm 
weit nach links hinaus, damit beide Arme 
des Stehenden ja nicht in Henkelstellung 
zur Säule des Körpers gelangen. Der 
eine Arm wird ganzlich tkberschnitten 
in Abb. 96; 98; 99; 101, und die totale 
Frontansicht ist weiter dadurch vermieden, 
daß wir die Figuren in Abb. 96 und 103 
im Ganzprofil, in Abb. 97 in Rocken- 

I) Daß freilich eine Rollung in S-Form 
auch einmal vorkam, werde ich weiterhin 

nachweisen. 




2. Der isoliert Lesende: Wandgemälde. 163 

ansieht und verlorenem Profil, in Abb. 99 
in HalbrQCkenansicht und Profil, in Abb. 100 

in Vorderansicht und Profil, in Abb. 102 

endlich in Halbvorderansicht sehen. Aus 

alledem ist zu entnehmen, daS der antike 

Kunstliebhaber eine Statue, wie die be- 
sprochene Korinna, nicht gern en face 

betrachtet haben würde; er würde sie in 

halbseitlicher Wendung autgestellt haben, 

um sie erträglich zu finden. Dazu kommt 

dann noch zur Steigerung der Mannig- 
faltigkeit, daß die Hände 
nicht immer pedantisch in 
gleicher Hohe verharren; 
in Abb. 96 wird die !., 
in Abb. 98 und 102 wird 
die r. Hand höher ge- 
halten. 

Sechs dieser Personen sehen ins Buch; Abb. 95 ist 
dagegen mit der Lektüre zu Ende. Abb. 101 ist ein Vor- 
leser, der frei ins Publikum schaut; und ebenso haben wir 
auch das Me- 
daillonbildnis 
Abb. 103 aul- 
Abb, 98. zufassen. Die- 

ser Janglingim 

gelben Mantel , von grünem 

Blatterkranz eingerahmt, hält 

sein Buch fast in Augenhohe, 

damit es noch innerhalb des 

engen Rundbildes mit sichtbar 

werde, sein Blick aber geht 

doch aber das Buch hinweg 

und sucht das Auge des Zu- 
hörers. 

Auf einem Sessel sitzt 

Abb. 95, auf einem Stuhl mit 

rundlich geschweifter Lehne 

Abb. 96, in einer fensterartigen 

WandOtfnung, wie es scheint, 

Abb. 99. Die stehenden Figuren 

befinden sich in Architektur- Abb, w. 



164 II- l^lB geOHnele Rolle. D. Das Lesen, Motiv VI. 

einrahmung, mit Ausnahme der Muse Abb. 98. Doch 
ist auch diese unmöglich als Studierende aufzufassen; 
allein der Umstand, daß sie steht, genügt, um die 
Vorlesende auch hier erkennbar zu machen, wenn- 
schon sie ins Buch und nicht auf den Zuhörer blickt. 
Einigemal erscheint das Schriftstück nur als Blatt, 
Abb. 95 und 96. Der Zustand der Malerei laßt hier 
nichts Deutlicheres mehr feststellen. Sicher aber ist, 
daß bei der Muse in Abb. 98 in beiden Händen die 
Rollungen, die wir zu sehen gewohnt sind, fehlen. 
Wir haben also anscheinend einen Scapus von ge- 
ringer Blatterzahl, das kürzeste Längenmaß eines 
Buches, wie es in den Fabriken hergestellt wurde '), 
ganz aufgerollt vor uns. Umgekehrt sieht man auf 
dem Bilde der Casa Sirico Abb. 101 in beiden Roilen- 
schnitten die Andeutung des Lochs, in das ein Rollen- 
stab gesteckt werden konnte. Abb. 103 endlich zeigt 
uns ein Fähnchen, eine spitz auslaufende Membranula, 
ADD. itTj. die am 

oberen 

Rande des offnen Mittelblattes 

der Rolle befestigt ist; wir 

erkennen darin den Sittybos 

oder Buchtiteltrager. 

Gern werden die Rollen 

weit aufgerollt. Auch hierin 

herrscht aber größte Freiheit. 

In Abb. 103 ist die aufgerollte 

Blatlfiäche just nur so breit 

wie eine Schriftkolumne, auch 

in Abb. 96 und 97 ist sie wohl 

nicht großer, erheblich länger 

schon in Abb. 99, noch langer 

in Abb. 98, 100, 101 und 102. 

Ein Band in solcher Weite 

und Breite darzustellen, konnte 

sich die Plastik nicht so leicht 

gestatten. Die meisten Figuren 

sind durch Ausstreckung der 

Arme dafür besorgt, daß dieses 

I) nunquam plures (paginac) 
scapo quam vicenae, Plinius. Abb. loi. 



2. Der isoliert Lesende: Wandgemälde, 



165 



lange Schriftband als möglichst ebene 
Rache vor ihrem Auge ausgespannt liege. 
Vor allem aber vermeiden sie sorglich, 
daß das Buch die Kleidung berflhre. 
Das gilt auch von Abb. 102. Hier halt 
aber die Lesende die Hände mit minderer 
Anstrengung naher beieinander, so daß 
das Schriftband von Hand zu Hand in 
einer Kurve tief herabhangt, und ihr Auge 
ruht nur auf der mittelsten Schriftkolumne, 
die die größte Augenfeme hat. 

Dies Bild Abb. 102 verdient unsre 
Achtsamkeit. Es ist in der Tat die hob- 
scheste, natarlichste, anschaulichste und 
anmutigste Darstellung eines Lesers, die 
wir aus der Zeit, als das Buch Rolle war, 
besitzen. Der Reiz wird dadurch erhOht, 
daß der Leser hier eine junge Frau ist 
und daß Bewegung hinzukommt. Denn 
diese Frau steht nicht, sie schreitet Sie *"- ">*■ 

ist augenscheinlich einsam, in den Text, 

den sie liest, tief versenkt und wandelt beim Lesen sachte auf und ab, in 
der Weise, wie es jener Verginius Rufus tat, dessen verhängnisvolles Ende 
uns - Plinius meldet. Daß beim Lesen der menschliche Körper sich schön 
darstellte und daß auch die Bandform des Buches gefallig und phantastisch 
wirkte, als wOrde ein zusammengerolltes Geheimnis erschlossen, das wird 

dem klar werden, der sich in dies 

Bildchen versenkt. Jede Nach- 
lässigkeit und Schlaffheit der Hal- 
tung fehlt; alles ist Anspannung 
und Sammlung zugleich. Aber wer 
sich in diese Haltung hineindenkt, 
wird auch der Schwierigkeit ganz 
inne werden, die das Lesen be- 
reitete. Auf das sachgemäße An- 
fassen und Halten kam eben alles 
an. Ist die I. Hand unachtsam und 
laßt ihre Last entgleiten, wird sich 
das Schriftband sogleich in zwan- 
zig Fuß Länge Ober den Boden 
ergießen und der Schritt der in 
Gedanken veriorenen Frau sich 




156 I'- ^i^ geöffnete Rolle. D. Das Lesen, Motiv VI. 

darin verfangen, so daß das Buch zerreißt oder gar sie selbst hinstQrzt. 
So stürzte jener Verginius Rufus beim Lesen und ging zugrunde, wie uns 
Plinius an der S. 138 angezogenen Briefstelle erzählt. 

Die. Schwierigkeit des Lesens beruhte aber noch auf einem anderen 
Umstand. Wir können ihn aus demselben Bild, aber auch aus den meisten 
andern entnehmen, die wir bisher kennen gelernt haben und die noch 
folgen werden. Das Buch durfte mit dem Körper und der Kleidung des 
Lesenden nicht in Berührung kommen. Denn durch solches Berühren und 
Reiben litt die Charta, litten die Ränder der Seiten (s. S. 176 f.). Daher also 
überall dies krampfhafte Ausstrecken der Arme, daher dieses Vorsichher- 
tragen des Buchs, daher der oft so auffällig große Abstand des Buchs vom 
Auge! Selbst wer sitzend liest, weiß das durchzuführen, und tadelnswert 
war ohne Zweifel, wer so sitzend (wie Abb. 83; 84) die Füße der Konvo- 
lute direkt auf seine Knie stellte, statt sie (wie Abb. 85; 87) hoch zu heben. 

Die im Voraufstehenden gegebenen Abbildungen sind den Fresken nach- 
gezeichnet; daß photographische Aufnahmen das geringfügige Detail so genau er- 
kennen lassen würden, ist mir zweifelhaft. Die Bilder befinden sich an folgenden 
Stellen : 

95. Pompeji, Haus der Vettii, großes Peristyl, Südwand, Mittelbild. Gewand und 
Rolle weiß. Capsa und Deckel rot. Grund schwarz. Der Fußboden ahmt Bretter 
nach; sein Farbenton grünlich. 

96. Rom, Magazzino archeologico auf dem Caelius, Freskobild im letzten Saal. 
Helle Figur auf dunklem Grund. Schlecht erhalten. Nur das Wesentliche ist nach- 
gezeichnet. Fundort? 

97. Pompeji, Casa Lucrezio, Ala rechts, oberer Teil der Wand, wo sich Einzel- 
figuren in Architektur befinden. [Stimmt nicht zu Helbiq Nr. 1455.] 

98. Pompeji, Insula IX 5, im Zimmer der Musen (Sooliano, Pitture Camp. Nr.*40d). 
Unterkleid gelb, Mantel violett. Die Figur steht frei, ohne Architektur. 

99. Neapel, Museo naz. Abt. XXXVIII Nr. 9072: kleines Bild: weibliche (?) Ge- 
stalt in fensterartiger WandOffnung. 

100. Neapel, Museo naz., Locali della Promotrice Nr. 517 (=98^): weibliche Ge- 
stalt in größerer Architektur. Kleidung grün und rotviolett. Am Kopf der in der 
r. Hand ruhenden Buchrollung ist die Farbe abgebröckelt. Abbildung auch in den 
Pitture d'E. IV S. 305, wo auch Rollungen an den Enden angedeutet sind, die jetzt 
am Original nicht mehr zu erkennen. 

101. Pompeji, Casa Sirico, Saal der Omphale. 

102. Neapel, Museo naz. Abt. XV Nr. 8838: lesende Frau; Gewand blaßgrün. 
Grund schwarz. 

103. Neapel, Museo naz., Locali d. Promotrice Nr. 56 (= 769). Brustbild eines 
Jünglings in Medaillon; sehr gut erhalten. Auf dem offnen BuchblaU befindet sich 
Schrift. Der Sittybos ist angedeutet durch ein strichartiges rotes Fähnchen. 

Doch gibt das Magazin der sog. Locali della Promotrice unter der Nr. 981 
(_^ 98*) noch ein weiteres Stück, das unsrer Abb. 100 wie ein Pendant zu entsprechen 
scheint: Teil einer größeren Architektur in gelb und rot. In einem Durchblick steht 
eine lesende Frau, den Kopf gesenkt, im Profil. Die Rolle ruht weit offen in beiden 
Händen. 

Dazu kommt noch: 

Helbig Nr. 1419: Knabe in Chiton steht vor einem offnen Scrinium und blickt 
in eine Rolle, die er mit beiden Händen offen hält; Pompeji; jetzt zerstört. 

Auch einige Gemmen sind hier einzuschalten. Reinach, Pierres grav6es (1895), 
Tfl. 80 Nr. 80 zeigt einen sitzenden alten Mann, der liest und die offne Rolle in der 



2. Der isoliert Lesende: Schwierigkeit des Lesens. Sarkophage. 



167 



L. hält (nicht in der R., wie es scheinen könnte). Das Buch „zwischen den Händen** 
besonders gut dargestellt bei PicoRONi, Gemmae ant. rariores ed. Galeotti Tfl. IV 
Nr. 1 und 2: die Lesenden vermeiden hier auch achtsam, daß das Buch den 
Körper berühre. Dagegen ist der Onyx ebenda IV 3 entweder unecht oder die 
Wiedergabe fehlerhaft. Dies waren männliche Figuren; sodann stehende junge 
Frauen. Mit welchem Recht man sie Musen nennt, weiß ich nicht. Panopka, 
Gemmen mit Inschriften Tfl. I Nr. 42 (= FüRTWAnoler, Antike Gemmen Tfl. 28, 12) 
mit der Beischrift lAM; eine ähnliche Leserin bei PurtwAnqler a. a. O. Tfl. 24, 57 
und 27, 63. Dazu Abhandl. der Berl. Akad. 1848 Tfl. V Nr. 11.') 

Aus der Spätkunst des Altertums habe ich wenig hinzuzufügen: 

Musensarkophag im Mus. lapid. zu Verona (DOtschke IV Nr. 518): in der Mitte 
steht der Dichter. Durch sein Haar scheint sich ein Band zu ziehen. Seine R. ruht 
im Mantel; trotzdem hält er mit beiden Händen eine Rolle (so DOtschke). Dazu 
Rollenbündel auf einem Kasten. Ist hier die Rolle offen? 

Unklar läßt uns auch die Beschreibung des Musensarkophags in Landsdowne 
House Nr. 75: „Kleio with the roll in her hands". Ist sie also offen? 

Dazu das Sarkophagrelief eines Arztes in den Rom. Mitteilungen XV S. 171, 
unsre Abb. 171 : hier sitzt ein bartloser Mann auf einem Lehnstuhf mit geschweiften 
Füßen im Profil nach rechts und hält das Buch genau nach dem Schema des Alten 
auf dem Relief der Via S. Sebastiano (oben S. 154). Vor ihm aber steht statt einer 
Capsa ein Bücherschrank. Die Rede wird hierauf zurückkommen. 

Dieselbe Figur des Lesenden kehrt sehr ähnlich wieder auf dem kleinen Sar- 
kophagrelief im Christi. Museum des Lateran Nr. 172. 

Ebenso: Kindersarkophag, Vatikan, Giard. della Pigna Nr. 196 (Amelunq Tfl. 111). 

Ebenso: Matz-Dühn Nr. 3155 == ROBERT III Nr. 201a. 

Im Dienst des Handels und Erwerbslebens erscheint die Rolle dagegen (vgl. 
oben S. 152 f.): 

Auf einem sehr zerstörten römischen Sarkophag aus griechischem Marmor zu 
Florenz, Villa Rinuccini (DOTSCHKE II Nr. 317) ist auf der 1. Hälfte ein Weinberg 
dargestellt, in dem Eroten arbeiten; am 1. Ende dieser Darstellung aber „sitzt unter 
einer Halle mit Giebeldach, das von Ecksäulen getragen 
wird, ... ein mit Tunika und Toga bekleideter Mann 
nach rechts, der eifrig in einer mit beiden Händen ge- 
haltenen Rolle studiert; rechts vor ihm am Boden ein 
zusammengebundenes Rollenbündel**. Dieser Lesende 
ist der Besitzer des Weinbergs und verhält sich zu ihm 
wie der Weinhändler zu dem seinen auf dem S. 66 be- 
sprochenen englischen Relief. 

Der christliche Sarkophag Nr. 138 des Lateran 
weicht etwas ab; er gibt viele Buchdarstellungen; 
u. a. auch die Figur eines bartlosen lesenden Mannes, 
unsre Abb. 104, der gleichfalls nach Vorschrift in der 
L. das Abgerollte, in der R. das noch nicht Abgerollte 
als zwei Konvolute hält; seine beiden Hände aber be- 
finden sich vor der Brust eng beieinander, und es ist nur 
ein sehr schmales Blatt zwischen den Rollungen frei- 
gelegt. Das Auge des Mannes scheint gesenkt, wennschon es das Buch nicht trifft. 

Sehr ähnlich dieser Rolle ist die Rolle geformt auf einem christl. Sarkophag- 
relief des Mus. Kircherianum, mit Darstellungen in zwei Streifen; Haar und Augen- 
brauen der Figuren sind bemalt; Christus hält hier das Buch zweimal nach dem 
Motiv I. Das dritte Mal ist er hoch thronend dargestellt; vor ihm knien sechs arg 
mißgewachsene Menschlein. Er segnet mit der R. und hält in der L. die geöffnete 

1) Auf derselben Tfl. V Nr. 9 anscheinend ein lesender Eros; doch gleicht hier 
das Buch, wenn der Wiedergabe zu trauen, vielmehr einem vierseitig gerahmten 
Tafelbilde. 




Abb. 104: Lateran. 



. Die geöffnete Rolle. D. Das Lesen, Motiv VI. 



Abb. 105: Lipsanothck, Bicscia. 

Rolle in der angegebenen Form. Hier ist bemerhenswert, daß eine Hand ausreicht 
sie so zu halten. 

Lateran, ctiristl. Sarkophag Nr. 190; im Mittelfeld weibliche Figur zwischen 
zwei Palmbaumen, Im Profil nach rechts schreitend. Sie hält schrSge und nahe am 
KOrper ein oflnes Rollenbuch in Brusthöhe; man sieht die r. Hand mit Rollung 
sowie eine ziemlich lange offne Blattfläche, worauf das Monogramm Christi; da- 
gegen ist die 1. Hand nebst der I. Rollung des Buchs nicht mit dargestellt. Ihr Kopf 
ist etwas geneigt. Hier erhalten wir also wieder eine im Schreiten Lesende wie 
auf dem pompejanischen Bilde Abb. 102. Beigeschrieben ist der Name der Frau 
Cris.pi.na. Obrlgens findet man eine zwischen zwei Bäumen wandelnde, aus 
offner Rolle lesende Frau auch bei Le Blant, Sarc. ant. d' Arles Tfl. Vlll = OARRUCa 
TU. 366, 2. Auch sie hat das Gewand Ober den Kopf gelegt. Ich sah das Original; 
die Ausführung ist viel feiner und ktln stierischer als auf dem Lateranischen Bilde. 
Rechts und links neben den B9umen schreitet und hockt da übrigens je ein bärtiger 
Mann, der Lesenden zugewandt. Sie hOren ihr zu. 

Sehr schön der stehend lesende Jflngllng auf dem Säulensarkophag von 
Perugia, des 4. Jahrb., OaRRUCCI Tfl. 321, 4'): man sieht die Rückseite der Rolle; 
seine Augen versenken sich wahrhaft in den Anblick des Textes. Sehr schön auch 
der sitzend lesende bärtige Mann (Petrus?) bei Wjlpert TM. 94. 

Im Medaillonbildnis ist ein aus offner Rolle Lesender sehr selten an- 
zutreffen; ein soicties gibt der Sarkophag des Vatikan, Giard. delta Pigna 
Nr. 240 (Amblunq Tfl. 120): das Brustbild eines Mannes; von den Händen 
sieht man nur die rechte; sie hall das ausgespannte Buch; die 1. Hand, die 
das andere Ende zu halten hat, ist nicht mit dargestellt. Das Motiv stammt 
aus der Malerei; vgl das pompejanische Medaillonbildnis Abb. 103. 

1) Auch bei Weis- Lieber sdorf, Christus- und Apostelbilder Bild 11 und Rom. 
Quartalschrift XX Tfl. I. 



2. Der isoliert Lesende: Christliches. GrOfile Ausdehnui^ d. gcARn. Buchs. 1(^9 



Kehren wir zum Schluß unser Augenmerk mehrfigurigen Darstellungen 
wieder zu. Bedeutsamer als alles Voraufgehende wirkt das Miltelbild der 
Lipsanothek in Brescia {V. Sckultze, Altchristi. Arch. Fig. 87, besser 
bei Garrucci Ttl. 441, wo die Rollungen an den Enden deutlich); unsre 
Abb. t05. In einer saalartigen Architektur mit zurQckgezogenen Vorhangen 
(wie auf der Bohne) steht Christus hoch aufrecht zwischen sechs sitzenden 
Jongern und halt, symmetrisch die Arme schrBg nach unten streckend, 
das Buch aufgerollt in gewaltiger, fast übermenschlicher Ausdehnung. 
Die Wirkung des Bildes ist überraschend eindrucksvoll: der Herr streckt 
die Arme und hat das Wort, der Wahrheit autgetan, so weit er kann. 

Nach solchem Wurfe scheint das schöne GemBide Alma Tadema's 
„Eine Homervoriesung", das in Stichen und Photographien verbreitet ist, 
nichts UnmOghches mehr zu bieten. Auf das schönste hat dieser gelehrte 
Künstler zum Ausdruck gebracht, daß eben die I. Hand es ist, die das 
Buch abrollt, und ich kann mir darum nicht versagen, auch sein Bild hier 
mit vorzufahren: Abb. 106. Die begeisterte Emphase aber und fast wilde 
Erregung, mit der da sein jugendlicher Rhapsode mit geschwungenem 
I. Arm das Rollenband schier endlos weit auseinander reißt, geht aber die 
Ausdrucksweise des Altertums weit hinaus. 

Kehren wir zu den alten Zeiten zurück, so bleibt noch ein weiteres 
Bild der altchristlichen Kunst obrig, das hier eine Erörterung beansprucht, 
wennschon es in Wirklichkeit mit unsrem Gegenstand nichts zu tun hat. 
Ich meine das Preskobild „la Samaritana" in der Capeila dei Sagramenti 
der Callistkatakomben, Abb. 107: 

Die „Samariterin", die Obri^ens wie ein IVtann aussieht, sieht hier am Brunnen; 
im Hinlergrund aber erblick) man in derselben Landschaft eine sitzende (mannliche V) 
Figur, die mit weil ausgespannten Armen ein breites Band hall. Niemand wird 



170 "- [)<e geöffnete Rolle. D. Das Lesen, Motiv VI. 

hierin im Ernst ein Buch sehen wollen.') Soll dies Christus sein, so hall doch 
Christus in den Bibelillustrationen der Katakomben sonst nie die Rolle. Auch ist 
das Band zu lang; die H&nde sind zu hoch erhoben, und es muß vielmehr ein Tuch, 
ein Schleieriuch sein, das da von ihnen in weiter Kurve herabhängt In der Tiefe 
des Bozens verbreitert es sich; es verjüngt sich, eng zusammengenommen, an den 
Händen; das ist der Rolle fremd; vgl. nur gleich WiLPERT Tfl. 49. Die Abbildung 
bei DE Rossi, Roma sott. II Tfl. 17, isl im einzelnen nicht ganz genau; besser unsre 



nach WllJERT Tfl. 29, 2, die mil einer Zeichnung, die ich mir gemacht, darin stimmt, 
daß von der 1. Hand noch ein Stoflende herabhängt, was wiederum zur Buchrolle 
gar nicht paOt. Die Färbung des Tuches ist braunviolelt wie die ganze Figur. Die 
Armhallung ähnelt der der sitzenden Frau unter den SIzilischen Terrakotten ed. Kekul£ 
Tfl. 40, 4; allerdings hall diese nichts in ihren leeren Händen. AuQerdem aber sei 
BABELON-Bl-Ät^CHET, Bronzes Nr. 147 sowie das roh eingerilzle Frauenbild auf der 

E Rossr; V. SCHULTZE; ROLLER, Catacombes de Rome 
m Hauptwerk S. 42ö, der in der Figur Christus er- 



3. Das Lesen mit Hilfe des Sklaven. m 

Platte im Christi. Museum des Lateran, oberer Kreuzgang sub XV Nr. 10 verglichen, 
welche Frau ein tuchartiges Band just ebenso weit und bogenartig über ihrem Kopf 
ausgespannt hält (Oarrucci Tfl. 485, 16). 

3. Das Lesen mit Hilfe des Sklaven. 

Wer studiert, wird als einsam Lesender vorgestellt. Dies zeigten uns 
manche Bildwerke des vorigen Abschnitts. Daß vornehme und reiche 
Herren gleichwohl in ihrer Dienerschaft einen Vorleser, einen, servus 
anagnostes besaßen (so Vatinius bei Cicero ad div. V 9, 2), der auch 
lector heißt (C. L L. VI 8786 und sonst), versteht sich. Zum Lesen und 
Schreiben zugleich diente der sog. a studiis (C. L L. VI 8636 ff.). Zu prak- 
tischen Zwecken war solche Hilfe gewiß unentbehrlich, so fQr den Ge- 
schäftsmann und Beamten wie far den Gelehrten.^) Gelehrten Zwecken 
diente es z. B., wenn wir schon in Plato's Theätet S. 143C den Befehl 
hOren: „Nimm, Sklav, das Buch und laß hören.*' Inwieweit man sich aber 
auch schöngeistige Werke durch Vorlesen des Dieners zugänglich machte, 
ist schwer abzugrenzen.^) Kaiser Augustus ließ sich, wenn er nicht schlafen 
konnte, durch seine lectores in Schlaf lesen (Sueton c. 78). Atticus ließ 
beim Convivium vorlesen (Nepos, Atticus 14, 1); nicht anders der jtingere 
Plinius, wenn er im engsten Kreise die cena nahm (epist. I 15; IX 36,4), 
und zwar wurden orationes, historiae und carmina gelesen (ib. V 19, 3). 
Dies wird aber, besonders beim Atticus, als etwas Merkwürdiges und um 
anzuzeigen, wie sehr er an geistigen Interessen andere übertraf, hervor- 
gehoben. Sonst ist der genannte Plinius der Hauptzeuge, z. B. auch in 
dem Brief VIII 1. Keinesfalls aber war das die Regel. Das verrät uns 
Plinius selbst; denn er selbst sagt: die meisten Gäste laufen weg, wenn 
der lector kommt (IX 17). Als etwas durchaus Auffälliges und Ungewöhn- 
liches aber wird vom älteren Plinius erzählt, daß er sogar beim Baden den 
Anagnosten benutzte. Sein Lerneifer wollte eben keine Minute verlieren. 
Eben darum ließ er ihn auch beim Speisen nicht aussetzen, und bemerkte 
einmal ein Tischgenosse tadelnd, der Sklave habe einen Satz schlecht vor- 
getragen, so meinte Plinius, solches Tadeln halte nur auf; es genüge, daß 
man den Sinn verstehe (Plin. epist. III 5, 12-14). Diese Sitte hat sicher- 



kennt; die Weite der Rolle soll die Ausführlichkeit des Lehrvortrags anzeigen. 
Ebenso derselbe in der Spezialschrift: Die Malereien der Sakramentskapellen, 1897, 
S. 7ff. - WiLPERT könnte sich nicht einmal auf die Reliefbilder bei Lb Blant (Tfl. 46 ff.) 
stützen, wo die Samariterin gleichfalls steht, Christus gleichfalls sitzt; zwischen 
beiden der Brunnen. Christus hält die Rolle, die jedoch geschlossen in seiner L. 
ruht. Dies ist aber natürlich nicht so aufzufassen, als trüge der Herr aus der Rolle 
vor; er trägt sie nur als Abzeichen des Lehrers und Herrschers (oben S. 78f.). Dazu 
kommt, wie schon gesagt, daß in bezug auf das Buch die Malereien von den Reliefs 
prinzipiell abweichen. Sie unterdrücken es stets. 

1) Belegstellen bei Dziatzko, Untersuchungen S. 161. 

2) Einiges gibt E. Rohde in Fleck. Jahrbb. 125 S. 82 Note. 



172 II- Die ^eaifnete Rolle. D. Das Lesen, Motiv VI. 

lieh, besonders im griechischen 
Volksleben, niemals breiten Boden 
gewonnen. Denn die Kunst, die 
doch in ihren Genrebildern an 
nichts Menschlichem so leicht vor- 
übergeht, stellt doch das Vorlesen 
des lector nie dar. 

Wohl aber sehen wir den puer, 
den jungen Diener, bisweilen sei- 
nem Herrn in andrer Weise beim 
Lesen helfen. Das Kalten des Rollen- 
buchs ist mDhselig und ermüdet den 
Arm. Der Sklave halt ihm das Buch. 
In einem Fall wirkt hier auch 
das Lesepult mit, von dem hernach 
zu handeln sein wird. Eine Terra- 
kotte des Museums in Athen Nr. 
Abb. 108: Tenakoiia, Aihtü, 4862'), unsrc Abb. 108, zeigt uns 

einen bartigen Alten, der auf einem 
Sessel mit breit geschweifter Lehne sitzt. Seine Arme liegen trage am 
Korper; denn neben ihm (zu denken ist: vor ihm) steht ein Pult, ahnlich 
unsren Notenpulten für- Geiger, nur niedriger, und auf dessen schräger 
Flache spannt ein nackter puer mit gespreiteten Armen eine Buchrolle aus, 
indem er mit jeder Hand ein Konvolut festhalt. Des Alten Blick aber 
richtet sich der Schriltfläche zu. Siehe unten. 

In andren Fallen dient aber der puer geradezu statt des Pultes. Auf 
einem Sarkophag des Louvre mit Darstellung einer conclamatio (Katalog 
Nr. 319; Rbinach, Rupert. 1 48, 1) sitzt links und abseits der Hauptszene 
ein alterer Mann, im Halbprofil nach rechts, die L im 
Schoß, die R. am Stuhlrand aufgestaizt, den Kopf leicht 
vorgeneigt, und blickt in ein offnes Rollenbuch, das ihm 
ein aufrechtstehender Knabe in der Tunika just in Augen- 
nahe vorhält: unsre Abb. 109. Man glaube nicht etwa, 
daß der puer vorliest. Denn dazu halt er das Buch zu 
nah an seinen Kopf; vor allem hall er die Blattnache 
sich nicht steil vor Augen, wie es der Lesende tut, son- 
dern senkt sie vielmehr in der Richtung der Sehflache des sitzenden Mannes. 
Zudem ist deutlich, daß er das Buch verkehrt hall und auf den Kopf stellt. 
Seine r, Hand funktioniert statt der I. und rollt die Hauptmasse des Buchs zu 
einem Konvolut zusammen; in seiner L. hält er das Eschatokoll. Dies ge- 
ll Auch bei Winter, Terrakollen II S. 405, 7. 



3. Das Lesen mit Hille des Sklaven. 173 

schiebt im Interesse des lesenden Herrn, und der Herr liest also just den 
Schluß des Buches. Das ist wieder einmal die alte Symbolik: das Buch 
ist zu Ende wie das Leben.') Daher erhebt ein zweiter Sklave, der hinter 
dem puer steht und auf unsrer Abbildung nicht mit erscheint, den r. Arm 
als Ausdruck der Wehklage. 

Hiernach ist dann auch das Bruchstück eines Grabreliefs im Dom zu 
Trier (Abb. bei Hettner, Illustrierter Fahrer durch d. Mus. in Trier Nr. 33) 
zu interpretieren, das ca. dem Jahr 100 n. Chr. angehört. Ein jugendlicher 
Diener, im Profil nach rechts, h&lt hier eine offne Rolle sehr hoch und fast 
in Haupteshohe. Lesende aber halten das Buch nie so nah am Gesicht, 
und dafi ein Kurzsichtiger vorgefahrt werden sollte, ist doch ausgeschlossen. 
Also liest dieser Diener nicht, wennschon er das Haupt etwas neigt; denn 
ihm dicht zur Seite, gleichfalls im Profil nach rechts, steht ein alterer Mann 
in Toga und Tunika, der den Blick straff auf dasselbe Buch lenkt. Er ist 
der Lesende; um seinetwillen wird es so hoch gehalten. 

Hingegen ist wohl eine Unterrichlsszene gemeint auf dem Grabstein des Sote- 
nchus paedagogus im Pal.Carpegna zu Rom, beschrieben bei Matz-Duhn Nr. 3389 : 
im Profil nach links siUt „ein Mann in kurzer ungegarteler Tuniha, die R. vor- 
streckend. Vor ihm steht ein Knabe gleichfalls in kurzer Tunika, eine Rolle ent- 
faltend. In der 1. Ecke ein SchriftbQndel, in der r. eine Capsa mit Tragband". 

Dazu kommt aber noch der schöne christliche Sarkophag des 
Lateran Nr. 55 (Roller I Tfl. 45; Alinari, Photogr. Nr. 6401) mit verschie- 
denen Darstellungen biblischer Szenen. In der Mitte des unteren Streifens 
und unterhalb der Portrats zweier vornehm aussehender alleren Manner, die 
sich in einem Muschelmedaillon befinden und von denen einer das Buch 
auffalligerweise in der R. halt (oben S. 96), sieht man diesen selben Ver- 
storbenen auf einem Felsen unter einem Baum im Profil nach links sitzen, von 
zwei jugendlichen Sklaven in gegürteter kurzer 
Tunika umgeben, die das Rundbarett tragen, 
das, wie man glaubt, den Juden anzeigt*); 

1) Das Reliel ist hoch an der Wand be- 
festigt und schwer nachzuprüfen. Doch ist der 
grOflte Teil der Rolle „presque certainemenl anti- 
que" (MiCHOH). 

2) Daß diese Annahme nur auf einer nicht 
sicheren Auslegung der Doppelszene, Quellwun- 
der und „Bedrflngung Mosis" beruht, sagt mir 
Bauer. „Auf anderen Darstellungen, In denen 
Juden vorkommen, wie beim Durchgang durch 
das Rote Meer, lehlen die Baretts; vgl. de Waal, 
Sark. des Jun. Bassus S. 92 ff." - Hieran an- 
knüpfend, glaube ich, daO wir es in jenen Fällen 
nur mil dem galenss (Kuvti) zu tun haben, den 
der Gott Hephaest trägt und durch den Hand- 
werker und Landleule charakterisiert werden 

(Dieterich, Puleineila S. I60ff.; vgl. z. B, Bau- Abb, iio: Laiera 



174 II- I><e ^Öffnete Rolle. D. Das Lesen, Motiv VL 

s. Abb. 110. Jener sitzende Alte halt nun ein großes Rollenbuch ober 
seinen Knien in steiler Richtuns aufgerollt , beugt sich zu ihm herab 
und liest. Das Buch ist in starker VerkOrzung gegeben, doch sieht 
man , daß jede Hand des Mannes ein Konvolut umfaßt. Die Lekttlre 
scheint auch hier wie in dem Bilde des Louvre symbolisch; denn der 
Sklave hinter dem Lesenden, der mit der L einen Ast des Baumes faßt, 
hebt, ganz so wie dort, die R. in Erregung und Wehklage. Der andre 
Diener aber steht vor seinem Herrn und stützt den Arm vorstreckend mit 
seiner r. Hand das eine Konvolut der Rolle. So vertritt er das Pult, auf 
das man sonst das Buch aufl^e. Sein I. Arm fehlt; andernfalls warde 

^ seine L Hand, wie wohl nicht 

zu zweifeln ist, das andre Kon- 
volut des Buches stützen. 

Zur Siclierung meiner Deulung, 
die von dem Herkömmlichen wesent- 
lich abweicht, bemerke ich noch, 
. daß aut Sarkophagen auch sonst 
I jusi unter dem Clipeus der Ver- 
storbene lesend dargestellt wird; 
vgl. z. B. Matz-Dukn Nr. 2616. In 
unsrem Fall aber hält er im Cli- 
peus die Rolle in der R., scheint 
also dort als lecturus bezeichnet; 
die Absicht zu lesen fflhrt er nun 
unten aus. Vor allem kehrt die- 
selbe Szene handgreiflich identiscli 
auf einem Sarkophag in Arles, 
Lb Blant, glude sur las sarc. d'Arles 
Ttl.3, wieder; unsre Abb. 111 nach 
dem Original. Am r. Ende der Platte 
sitzt ein vornehmer IHann auf einem 
Baumstumpf und liest, indem er ein 
Konvolut in seiner L. halt. Die r. 
Abb. 111: Aries-^ ^3^,^ j^, flber^clinitten. Wieder ist 

er von zwei Dienern umgeben, und 
wieder ist der eine von ihnen an einen Baum gelehnt, der andere aber hfllt mit 
seiner R. stützend das erwähnte Konvolut der Buchrolle des Lesenden am oberen 
Ende. Neu kommt hier nur die Figur, die am Boden kauernd seinen FuS küssen 
will, hinzu. Der Leser liest also laut und ist ein heiliger Mann und der Kauernde 
ein Bekehrter und demütiger Verehrer. Vgl. noch Garrucci 366, 3. 

Auf einem der Goldglaser bei Garrucci III Tfl. 200, 2 sieht man einen 
Mann sitzen, der im Motiv I eine geschlossene Rolle halt Vor ihm steht 
gleichfalls ein puer, ein Diener im Knabenalter, und halt vor ihm in er- 
hobenen Händen eine geöffnete Rolle, auf der man die Seiteneinteilung 

MEISTER, Denkm. Abb. 16); fOr ihn muß im 4. Jahrh. die vorliegende Form der Kappe 
aus Fell üblich geworden sein (ahnlich erscheint sie auf dem Terenzbild bei BAU- 
MEISTER Abb. 914, dritte Figur von links). Aul unserm Bild 110 aber kOnnen damit 
insbesondere freigelassene Sklaven angezeigt sein (MarquaRDT, Privaileben d. 

Römer' S. 573). 



3. Das Lesen mit Hilfe des Sklaven. 175 

der Schrift erkennt. Auch diesen Knaben möchte ich als Lesesklaven 
interpretieren. 

Schwer zu deuten ist eine der literarischen Genreszenen auf dem Deckelrelief 
des Berliner Musensarkophag^, ,,Bcschreibung'* Nr. 844, das schon oben, s. S. 130^ 
wiederholt Erwähnung fand. In der Mitte des Streifens befindet sich eine Inschrift- 
platte. Es handelt sich um die zweite Szene links von dieser Platte; sie besteht aus 
zwei Personen. Folgen wir der Abbildung in der »^Beschreibung", so sitzt ein bär- 
tiger Mann im Profil nach rechts, schlägt das 1. Bein über das r., hält in der 1. Hand 
eine geschlossene Buchrolle im Schoß, und zwar im Motiv III, und streckt den r. Arm 
einer mit Chiton bekleideten bartlosen Person entgegen, die als Muse nicht charak- 
terisiert ist, also wohl nur ein junger Diener sein konnte. Dieser Diener hält seinem 
Herrn eine offne Rolle entgegen, indem er sie auf der I. Hand (vielleicht auch auf 
beiden Händen) trägt. Vor dem Original ist mir indes klar geworden, daß diese 
Szene nur indirekt hierher gehört Es ist kein Diener, sondern wirklich eine Muse, 
der der Sitzende seine R. entgegenstreckt (ihr Federschmuck sitzt nicht an der 
Stirn, aber weiter hinten; Frisur, Gestalt, Gewand sind weiblich). Sie hält dem 
Mann eine offne Schreibfläche hin, schwerlich eine Tafel, vielmehr eine halb ab- 
gerollte Rolle. Die Blattfläche liegt auf der ausgestreckten offnen L. der Muse: so 
hält man aber keine Tafel. Die R. des Sitzenden endlich scheint auf diesem Buch 
zu schreiben. Daß ihr der Calamus fehlt, ist bei so winzigen Figuren verzeihlich 
und kehrt auf demselben Relief noch einmal wieder. Die Muse hält also statt eines 
Dieners das Buch, und zwar hier im Dienst des Schreibenden. 

Auch im Buchwesen des Himmels, wie es die jüdisch -christliche Phan- 
tasie sich ausmalte, fehlten dann die Lesediener nicht. Aber es sind ihrer 
viele, die beim jQngsten Gericht vor dem Herrn die SchuldbQcher öffnen 
(s. oben S. 85) oder „die Bücher der Lebendigen'' vor ihm aufschlagen.^) 
Der Herr will sie lesen; die himmlischen Diener werden also mit den 
offnen Rollen vor ihm in derselben Weise stehen bleiben müssen, wie der 
puer es tut auf unserer Abb. 109. 

Von hier aus scheint mir dann endlich auch die Miniatur im Wiener 
Dioskurides fol. 6^ ihre Erklärung zu finden. Es ist ein geflügelter nackter 
puer, der hier der thronenden Anicia Juliana ein aufgeschlagenes Codexbuch 
mühsam und mit gestreckten Armchen vor Augen hält. Dies ist keine 
Oberreichung, wie Mantuani annahm^; denn aufgeklappte Bücher über- 
reicht man nicht. Vielmehr hält hier der Pothos (so, ttöBoc, die Beischrift) 
als Lesediener der Herrin das Buch zum Lesen hin; sie aber läßt, zum 
Lohn für den Autor oder für den Buchschreiber oder für den Vorleser 
selbst, Goldstücke auf das Buch aus ihrer R. fallen: eine eigenartige Um- 
wandlung des hier behandelten Motives. 

4. Lesepulte. 

Als Hilfe beim Lesen begegnete uns neben dem jungen Sklaven ein- 
mal auch ein Lesepult; s. S. 172. Wollen wir unseren Gegenstand er- 
schöpfen, so ist dem sorglicher nachzugehen. Denn in der Tat hat man 



1) Buch Henoch ed. Radermacher S. 69. 

2) Siehe Dioskurides, herausgeg. von KarabacEK S. 266-270. 



176 'I' ^i^ geöffnete Rolle. D. Das Lesen, Motiv VI. 

sich eines solchen nicht nur fOr Codices, sondern schon vorher for das 
Aufstellen von Buchroilen bedient, was den Wenigsten bekannt zu sein 
scheint. Dabei ist von dem Martialepigramm XIV 84, das Manuale über- 
schrieben ist, auszugehen. Es lautet: 

Ne toga barbatos faciat vel paenula libros, 
Haec abies chartis tempora longa dabit. 

Um das Buch zu schützen, brauchte man bisweilen, wie wir späterhin 
sehen werden, einen ledernen einbandartigen Mantel, der paenula hieß; 
derselbe konnte auch toga genannt werden.') Indessen kann hier an diese 
Rollenhülle unmöglich gedacht werden. Denn wie konnte der Dichter im 
v. 1 sagen, daß sie, die doch zum Schutz dient, den Buchschnitt verderbe 
und ihn faserig und bärtig mache, so daß wieder ein Schutz gegen sie 
nötig sei? nicht davon zu reden, daß, so aufgefaßt, toga neben paenula 
eine müßige Tautologie wäre. - Das manuale war, wie v. 2 zeigt, ein 
Gegenstand aus Tannenholz (abies)^ der bewirkte, daß beim Gebrauch des 
Buches die Charta nicht zu rasch zerstört wurde. War es nun ein Lese- 
pult, so ist alles klar. Denn wenn man die Rolle auf dem Pult aufstellen 
konnte, so wurde das ständige Anfassen des Papiers unnötig und vor allem 
die Gefahr, daß es sich unausgesetzt am Kleide schabte, beseitigt. Es er- 
gibt sich alsdann folgender Sinn des Epigramms: „Damit nicht die Toga, 
die du daheim anhast, oder die Paenula, die du auf Reisen trägst, beim 
Lesen die Buchränder beschädige, nimm dies Lesepult aus Holz und spanne 
das Buch darauf; so wird es sich besser konservieren." Daß diese Aus- 
legung richtig und notwendig ist, sichern nun die Hermeneumata, Corp. 
gloss. lat. III 327, 22, die erklären: avaXoTiov manuale lectorium. Denn 
dvaXoT€iov bedeutete nach Pollux 10, 60 und Suidas ein dvaTvujcTnpiov.-) 

Ob das Pult deshalb, weil es die Hand ersetzte, oder weil es selbst 
handlich und leicht transportabel war, manuale hieß, lasse ich auf sich 
beruhen.^) 

Mochte anderen der junge Sklave, als ein lebendiges Manuale, beim 
Lesen helfen: ein Holzgestell war jedenfalls billiger als ein Sklave. So 
dachte Martial. Es war also möglich, die geöffnete Rolle in einen hoch- 
stehenden Rahmen so fest einzuspannen, daß sie nicht vornüber fiel, sich 
nicht auflöste und ihre Schriftseite fest und gerade stand. Die Konvolute 
rechts und links gaben selbst Halt und Sicherung; denn eine Rollung zieht 
sich immer wieder von selbst zusammen. Wie fest sie zusammenhielt, 
zeigen uns z. B. die Bücher auf unsren Abbildungen 75; 125; 154; 159 



1) So z. B. geschehen Martial X 93. 

2) Vgl. auch Corp. gloss. 111 S. 277. 

3) Ein manualis libellus wird in den Lexica aus Servius zitiert; manualia für 
Handbücher aus den Fragmenta Vaticana § 45 f. 



4. Lesepulte. 177 

(oben S. 42). Die Konvolute mußten nun aber so aufgestellt sein, daß 
sie sich, wenn man mit dem Lesen fortfuhr, auch weiter ab- und aufrollen 
ließen. Ein Schieben des Buches mußte möglich sein. Dies uns zu ver- 
deutlichen, vereinigen sich mehrere und wertvolle Bildwerke. 

Voran die Terrakotte in Athen (oben S. 172), die unsre Abb. 108 
vorfQhrt. Ein alter Mann liest; eine Rolle steht ausgebreitet auf einem 
Pult. Ein dienender Knabe hilft eifrig dabei; er faßt mit der 1. Hand die 
L Rollung, um das Gelesene zusammenzuwickeln, oder aber, er ist im 
Begriff die Rolle eben erst aufzustellen.^) Das Gestell selbst erinnert an 
unsre Notenpulte, und sein Bein teilt sich unten in mehrere vorspringende 
Füße.*) 

Nicht zu verkennen ist dasselbe auf dem Bruchstücke eines Neu magen er 
Reliefs, das ich in unsrer Abb. 159 wiedergebe und das uns Ein- 
blick in eine Bibliothek gew&hrt. Das Stück ist verloren und nur aus einer 
Zeichnung des 17. Jahrh. bekannt. Doch ist ganz klar, daß sich hier in 
der Bibliothek rechts vorne eine einzelne weit offne Rolle befindet, die von 
keines Menschen Hand gehalten wird. Sie ist oben und an ihrer r. Seite 
deutlich von einem Rahmen eingefaßt, der das Manuale anzeigt. Das linke 
Rollenende ist glatt gespannt, das rechte ist noch zusammengerollt und 
neigt sich etwas vor. 

Lese ich bei Sogliano, Pitture Camp. Nr. 249 (Gemfllde, einen Amor dar- 
stellend): „al di sotto si vede in un rettangulo a fondo pavonazzo un volume 
spiegato", so dürfte auch hier das „Rechteck'' eben derselbe Rahmen eines 
Manuale sein. 

Dazu kommt der wichtige Sarkophag in Cagliari (Bull. Sardo Bd. IV; 
oben S. 107), der eine offne Rolle aufrecht stehend auf einer Säule zeigt; 
die Rolle befindet sich ]ust in Augenhöhe des bärtigen Mannes, der vor 
ihr steht, die r. Hand oben an das eine Konvolut legt und in der L. einen 
Stock trägt. Sein Blick trifft freilich nicht die offene Buchseite. Der Sach- 
verhalt aber ist klar. Derselbe auch auf dem Münchner Sarkophag, linke 
Nebenseite, Furtwanqlbr, Beschr. Nr. 326. 

Am deutlichsten erscheint das Gestell selbst in einer Miniatur des Vati- 
canus Romanus des Vergil: unsre Abb. 112. Vergil sitzt und hält die 
Rolle, Motiv IL Er ist also mit dem Lesen fertig und hat die Rolle eben 
vom Pult genommen. Am Boden steht eine geschlossene runde Capsa; 
daraus kann er weitere Bücher entnehmen. Das Pult selbst steht leer neben 
ihm; es ist zum Höher- und Tieferstellen eingerichtet. Unsere Abbildung 
nach Stephan Beissel, Vaticanische Miniaturen Tfl. IL 



1) Eine Lehrstunde kann das nicht sein, denn das Kind ist nackt; vor allem 
hält es den Kopf viel zu nah an das Buch. 

2) Ein zweites entsprechendes Exemplar dieses Bildwerkes befindet sich in 
Berlin; s. WINTER, Terrakotten 11 S. 405, 8. 

Birt, Die Buchrolle in der Kunst. 12 



178 "■ Die geötlnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

Doch wir besitzen klassischere Zeugen, die uns in die schöne Kunst 
des Hellenismus hinauflQhren. Hier ist der Platz fOr das berahmte Late- 
ranische Schauspielerrelief! s. Schreiber, Die hellenistischen Reltet- 
bilder I Tfl. 84. Eine Abbildung darf auch an dieser Stelle nicht fehlen; 
Abb. 113. 

Ein komischer Schauspieler silzt auf der 1, Seite der Bildflöohe, schaut im 
Profil nach rechts über die schOne Jünglings maske hinweg, die er erhoben in 
seiner 1. Hand halt, zu der Muse hin, die, eben eingetreten, hoch aufgerichtet an 
der Tür des Gemaches steht, mit dem Blick sein Auge sucht und, die R. beredt er- 
hoben, ihm für die Rolle gleichsam Modell steht, die er zu spielen hat. Denn ihr 
Gesicht gleicht in Bildung und Hallung der eben erwähnten Maske. Auf einem 
schmalen länglichen Tisch vor ihm sieht man zwei weitere komische Masken, aber 
auch eine Rolle. Diese Rolle ist z. T. geschlossen; ein Teil von ihr hängt dagegen 
über den Tischrand herab; das hängende Ende rollt sich von selbst wieder z 



Dies ist aber nicht etwa ein Buch. Denn kein Lesender sitzt je am Tisch, 
und bei Unterbrechung oder Beendigung der Lektüre wird das Buch nie auf einen 
Tisch gelegt. Das beweist die Fülle der erhaltenen Monumente. Unangemessen 
für ein Buch wSre auch, daß es so vom Tischrand herabhängt; man vermied die 
Charta so herabhängen zu lassen, weil sie leicht riß (vgl, unten S. 183 f.). Dazu 
kommt, daß auch die Blatthöhe dieser Rolle viel zu klein ist: man vergleiche nur 
die Winzigkeit der Rotlung mit der großen Hand des Mannes. Es muß daher 
eine wollene Binde sein, wie wir sie oben S. 125 f. kennen lernten. Denn Woll- 
binden legte man auf den Tisch, ließ sie auch herabhängen. Dafür gibt das Ge- 
mälde von Boscoreale die prächligsle Anschauung (s. oben S. 127). 

Dies besiatigl nun weiter die Große der zweiten Rolle, die wir auf dem Relief 
erst hiernach wahrnehmen. Denn an der Zimmerwand, die heiter mit Guirlanden 
und Tänien dekorlen ist und wo auf einem Bord Geräte und Lampen sieben, ge- 
wahrt man einen hohlen Rahmen in Rechteckform; darin steht ein großes geöffnetes 
Rollenbuch. ') Seine Rollung links ist sehr deutlich. Der r, Rand des Rahmens ist 



1) Vgl. BennDORF-SCHÖNE S. 164; J. W. Clark, The care of books (1901) S.36. 



4. Lesepulte. I79 

abgebrochen und die Bruchslelle modern überarbeitet; die Rollung rechts trat hier 
also gewiß ursprünglich gleichfalls deutlich vor Augen. Die Breite der aus- 
gespannten Blatlllfiche ist die Obliche, und sie steht senkrecht und angemessen zum 
Lesen da. Das Bein des Pultes befindet sich nicht in der Milte, sondern an seiner 
r. Seite. Dies muß sich aus dem erwähnten Bruch erklären. Amblunq merl(t 
mir an, daS sich die rechts fehlende Pullfläche in gleicher Ebene an die linke an- 
geschlossen haben wird, so daß das Bein sich tatsächlich in der Mitle befand. 
Dann muß die rechts erscheinende Ranke dem Oberarbeiter angehören. 

Das Ding hängt hoch und Ist anscheinend am Bordbreit befestigt Es war 
offenbar leicht an Gewicht und zum Anhängen eingerichtet Wenn man es 
nicht brauchte, hängte man es auf. So sieht gelegentlich auch ein Kasten 
mit Rollen im Zimmer hoch auf einem Bord; dies zeigt z. B. das Berliner Relief 



Abb. 113: Lateran. 

„Beschreibung" Nr. 768. Denken wir uns aber dies Manuale herabgenommen, so 
wird klar, wie angenehm seine Hilfe war. Sein Benutzer konnte sich die 
Mtlhe sparen, mit gestreckten Armen die oltne Rolle selbst zu halten und vor 
der Berührung mit den Kleidern in acht zu nehmen. Jetzt hallen die Hände 
nichts weiter zu tun, als im Rahmen die Rollungen leise zu drehen, wenn die Lesung 
weiter ging. 

Hiermit haben wir auf einem griechischen Originalkunstwerk, mutmaß- 
lich des 1. Jahrh. v. Chr., die Beschaffenheit der Anagnosteria kennen 
gelernt. Ein etwa dreihundert Jahre jüngeres Werk tritt erläuternd 
daneben: 

Ich meine ein Relielslllck, das ich in Rom im Pankraziergrab an der Via 
Latina entdeckte und das, wie sich zeigen wird, f Qr Buchdinge noch in anderer Beziehung 
lehrreich ist: unsere Abb. 114. Im Vorraum des genannten Grabes lagen im Januar 
1901 viele kleine Relieffragmenle in Marmor und Sluckmasse als plastischer Unrat 
zusammengekehrt in einem Winkel am Boden. Darunter fand ich stöbernd das hier 

12- 



IgO II. Die geöffnete Rolle: D. Das Lesen, Motiv VI. 

k abgebildele EckstOck 
eines Marmorretiefs. 
Es verdiente einelwür- 
dige Aufstellung. Mir 
blieb nichts übrig als 
das Stock mit mög- 
lichster Sorgfalt ab- 
zuzeichnen. An der 
1. Seile der Bildflache 
ein bartiger Mann, in 
le offne herabhängende 
ts neben ihm in Augen- 
eites offnes Rollenbuch, 
die Wand gelehnt. Es 
chen Rollungen rechts 
[Wischen welchen eine 
zum Lesen ausgespannt 
Wie soll sich das 
I ohne Stützung halten? 
ein, daß es auf einem 
int, und es verdeckt 
seinen Träger, wie dies annähernd 
auch bei der athenischen Terrakotte 
und auf dem Neumagener Relief der Fall ist. Die Auffindung dieses Reliefsiflcks 
war es, diä mir zur Aufklarung des manuale bei Martial und auf dem Lateranrelief 
zuerst die Anregung gab. 

Auf den Bildern der christlictien Goldglaser (bei Garrucci TfL183ff.) 
sieht man Tfl. 188 Nr. 5-7 und 180,5 in roher Ausführung gleichfalls 
Lesepulte abgebildet: eine kleine Säule als Fuß, auf der sich eine Tafel 
(mit Aufschrift) quer aufgestellt erhebt. Diese Tafeln sind das eigentliche 
Manuale. Und auch diese müssen nun fQr Rollen bestimmt gewesen sein. 
Dieser Schluß ist unabweislich , da diese Goldgläser noch durchweg das 
Rollenbuchwesen voraussetzen. Wie man sich ihrer bediente, zeigt am 
besten die athenische Terrakotte.') 

1) Dies erinnert wieder an eine Serie hellenistischer Reliefs. Ich meine 
die landlichen Opierfesle, mit Satyrn und verwandten Figuren, z. B. auf dem Capi- 
tolinlschen Exemplar bei SCHREIBER I Tfl. 46: Da steht auf einer Stele mit Phallos 

eine rechteckige Platte quer aufgestellt; ist dies eine Votivtafel, ein dionysisches 
Tafelbild? Dies ist sehr wohl möglich; doch erinnert die Platte auch an die Rück- 
seite eines Manuale. Hinter ihr küssen sich zwei Menschen; links davon sitzt eine 
Bacchantin, die eine Maske betrachtet. Bacher als Gegenstände der Weihung sind 
bekannt (s. unten); ebenso, daß sie bei Gottesdiensten zur Liturgie dienten (s. oben 
S. 144 f.). Daß endlich auch diesen ausgelassensten Kreisen das Buch nicht fremd 
war (und sei es auch ein Buch Priapeen), darauf kann uns schon die phallische 
Neapler Tonlampe führen (S. 161). 

Das Neapler Relief bei Schreiber Tfl. 47 stimmt in allem Wesentlichen über- 
ein; etwas Neues bringt das des Louvre hinzu, ebenda Tfl. 70 A: hier steht auf der 
Säule wirklich ein dreiteilig aufgeklappter Gegenstand; die Mittelflache desselben 
aber liegt tiefer als die Seilenflachen. Ist das ein Buch? 

An dieser Auslegung muQ uns indes das weitere Capitollnische Exemplar 
ebenda Tfl. 4S irre machen, auf welchem der betr. Gegenstand bekränzt er- 
scheint. 



Noch habe ich eins der sOdlran- 
zösischen Denkmäler heranzuziehen. Es 
zeigt, dafi das Pultbein gelegentlich 
phantastisch umgestaltet wurde und die 
Form des LOwenbetns (oder eines Fisch- 
leibes?) annahm.') 

Auf dem Sar^deckelreiief bei Le Bläht 
TU. X 1 = Garrucci 343, 3 (Arles) erscheint 
das Pult zweimal, besonders gut erhalten am 
r. Ende des Deckels; v^l. die nach dem 
Original gemachte Zeichnung, Abb. 115. Das 
Pult ist ebenso hoch wie der daneben stehende 
Mensch, das auf dem Pultbrett lehnende Buch 
hat also genau Augenhöhe. Ob es Rolle 
oder Codex, konnte ich auch angesichts des 
Originals nicht mit Sicherheil entscheiden; 
doch neige ich dazu, in ihm eine geschlos- 
sene Rolle, die in der Mitte umwickelt ist, 
zu erkennen. Vor dem Pult steht in Vor- 
deransicht und von ihm halb abgewendet ein 
Mann, der ausschreitend zu rezitieren scheint 
Er hat die offne r. Hand hoch erhoben, in 
der gesenkten L. eine offne, aber zusammen- 
genommene Rolle, Motiv VII. 

Geschlossene Buchrollen auf einem 
dünnbeinigen Pull finde ich auch noch aul 
einer Miniatur bei Bbissel, Handschrift des 
Kaisers Otto zu Aachen (1886) Tfl. IV. 

Als die Buchrolle außer Gebrauch 
kam, brauchte das Manuale, um den Codex 

zu tragen, nicht wesentlich verändert zu werden; seine Verwendung scheint 
sich vielmehr, da der Codex schwer in der Hand lag, seit dem 5. Jahrh. 
mehr und mehr gesteigert zu haben; denn erst seitdem sieht man es 
häufiger als Hilfe frommer Gelehrter abgebildet; ich verweise nur auf das 
Preskobild in Sancta Sanctorum zu Rom, M^langes d'arch. et d'hist. 
Bd. 20 Tfl. IX. 

Die altere Kunst hat sich dagegen seilen entschlossen, solche Hilfen 
beim Lesen mit darzustellen, und unsere Betrachtung wendet sich darum 
im folgenden zu dem Lesenden selbst zurQck. 

E. Unterbrechung der Lektüre (Motiv VII). 

Einige häufig wiederkehrende Darslellungswetsen des Rollenbuchs stehen 
noch aus und haben sich uns bisher entzogen. Sie betreffen das Motiv, 
das ich als Unterbrechung der Lektüre bezeichne. 



1) In der byzantinischen Kunst ist das Pultbein häufiger ein auf den Kopl 
gestellter Delphin: s. Die Trierer Adaliandsehrift, Leipzig 1889, Tfl. 37 und S. 103. 



132 II* DtG geOffnele Rolle und das Lesen. 

Wollte man einen literarisch interessierten Menschen in dem Augen- 
blick abbilden, wo er sich seinen Interessen hingibt, so war es ergiebig 
und dankbar, denjenigen Moment zu wählen, wo er die Lesung abbricht, 
das Buch zwar noch offen hält, aber still nachdenkend oder im Gespräch 
mit seinem Zuhörer den Inhalt des soeben Gelesenen geistig verarbeitet, 
um dann in der Lesung fortzufahren. Oder handelte es sich um einen 
Rezitator, so war wiederum der Moment gOnstig, wo er „magna parte volu- 
minis peracta'* seinen Vortrag mit der Präge unterbricht, ob man auch 
weiter zuhören will oder eine Pause wünscht.^) Dabei ist es ihm nun 
lästig und unerträglich, die Rolle noch ferner sklavisch mit beiden Händen 
anzufassen. Als Plinius einen Brief geschrieben hat, der besonders lang 
ausgefallen ist (er fallt heute etwa sechs Druckseiten), hält er es schon für 
nötig, seinen Adressaten zu trösten: er könne ja, so oft er Lust habe, 
beim Lesen eine Pause machen, den Brief beiseite legen und sich aus- 
ruhen.^) Die gestreckten Arme senken sich also einstweilen und erholen 
sich, und so wird auch die eine Hand von der Last befreit, sei es, daß 
der Leser sie im Gespräch zum Gestus braucht, sei es, daß er sie nur 
mOßig ausruhen läßt. Und regelmäßig ist es hier wieder die r. Hand, die 
des Buchs sich entledigt; die L Hand allein hält alsdann die halboffne 
Rolle. Nur Sitzfiguren halten sie gelegentlich auch in der R.; dies ist im 
Zusammenhang des S. 85 ff. Vorgetragenen zu erklären. 

So unterbricht auch Judi bei Jeremias 36, 23 seine Vorlesung; seine 
r. Hand wird dadurch frei und er kann die gelesenen Selides nun mittels 
eines Messers vom Buche abschneiden und sie ins Feuer werfen, was eben 
der r. Hand zukommt. 

Der Ausdruck „halboffne Rolle", den ich provisorisch anwandte, ist 
ungenau. Es ist gemeint, daß das Buch ganz so weit aufgerollt ist wie in 
Motiv VI, daß aber die L Hand beide Konvolute, das Konvolut des noch 
nicht abgerollten Textes und das des wieder zusammengerollten Textes, 
zugleich ergreift und das freistehende Mittelblatt nun in dieser 1. Hand 
zwischen den Konvoluten eingeklemmt wird oder zwischen ihnen sich 



1) So macht es der Rezitator bei Seneca epist. 95, 2, der historiam artissime 
plictam mitgebracht hatte. 

2) Plin. epist. V 6, 41 : ... praesertim cum interquiescere , si liberet, deposi- 
taque epistula quasi residere saepius posses. So groß war das Verlangen nach 
KOrze der Lektüre in jenen Zeiten. Man beachte beiläufig noch, wie Plinius ebenda 
§ 42 das non esse longum einschärft und zur allgemeinen Forderung erhebt: pri- 
mum ego officium scriptoris existimo ut titulum suum legat atque identidem inter- 
roget se quid coeperit scribere sciatque si materiae immoratur non esse longum, 
longissimum si aliquid arcessit atque attrahit, vides quot versibus Homenis, quot 
Vergilius arma hie Aeneae, Achillis ille describat; brevis tarnen uterque est quia 
facit quod instituit, vides ut Aratus minutissima etiam sidera consectetur et colli 
gat; modum tarnen servat. 



E. Unterbrechung der Lektüre: Motiv Vli. I33 

bauscht, sich ausbiegt oder im Bogen herabhängt. Man müßte dies also 
nennen: „die in einer Hand zusammengenommene offne Rolle." Dies ist 
das Motiv VII. 

Gewiß wäre es oft viel bequemer gewesen, die Papfermastse mit dem 
noch nicht gelesenen Text einfach sich ganz aufwickeln und auf den Boden 
herabhängen zu lassen. Aber erst die byzantinische Zeit hat das Buch 
zur Fahne gemacht Man glaube nicht, daß etwa die alte Marmorkunst 
nicht imstande war, ein hängendes oder auch ein schwebendes, flatterndes 
Band darzustellen. Daß die Malerei dies konnte, ist selbstverständlich (ich 
erinnere an das Dekorationsmotiv: ein grüner Säulenstamm wächst aus 
Blättern hervor und läuft in eine große weiße Blume aus; er wird oben 
von einem Band umschlungen, das dreifabrbig gestreift ist und rechts und 
links wehend sich entfaltet: Neapl. Abt. LXXXI Nr. 9770). Aber auch die 
Plastik bildet im Haar des Kaisers den Kranz, die Corona civica, virtuos 
mit dem Bande, das sich auf die SchuUer legt. Graziöses Bandwerk geben 
auch die mit Pestons geschmückten Sarkophage wie der entzückende 
Kindersarkophag im Mus. Pio-Clement. (vor der Hygieia Nr. 85 aufgestellt), 
die weiteren im Lateran, Mus. pagano Nr. 362 u. 575; 654; 806; in Neapel, 
Mus. naz. Saal VI Nr. 6605, im Louvre bei Robert III Tfl. I Nr. 1; in Arles 
und sonst. 

Vielmehr vermied man in praxi, die Buchrolle in einen hängenden 
oder gar flatternden Streifen aufzulösen, und es ist wiederholt gesagt, 
warum man das vermied. Wenn der alte Nepotianus beim Hieronymus 
epist 60, 1 1 ed. Vall. beim Lesen einschlaft und das Blatt ihm über die 
Brust herabfällt (cumque in stratu frequenier evolverei, saepe super pectus 
soporati dulcis pagina decidebat), so war das Nachlässigkeit, Alterschwäche 
und widersprach der Gewohnheit. Daher also die Zurückhaltung der 
antiken Kunst. Ausnahmen zu diesem Satze dürfte es wenige geben, und sie 
sind sämtlich spät und, soviel ich weiß, nicht älter als das 3. Jahrh. Denn 
auf dem Parzenrelief in Tegel (Jahreshefte des östr. arch. Instit. VI, 1903, 
Fig. 48) ist die hängende Rolle unecht (s. oben S. 70 Anm. 1).^ 



1) Wer die sehr verblaßten Bilder mit konzertierenden Psychen und Eroten bei 
Helbio, Wandgemälde Nr. 766 u. 767 heute im Mus. naz. XLVI Nr. 9206 u. 9193 be- 
trachtet, wird vielleicht herabhängende Rolienbacher auf ihnen zu entdecken glauben. 
So erging es mir. Im Flötenkonzert bläst ein als Aulet gekleideter Amor die 
Doppelflote unter einem Baldachin, von etlichen Figuren umgeben. Eine Figur rechts 
scheint eine lang hängende Rolle in der L. zu halten. Auf Nr. 9206 sieht man 
Amor in ähnlicher Umgebung als Kitharöden oder Kitharisten; links steht eine dunkel 
gekleidete geflügelte Figur ihm zugewandt; sie scheint eine offne herabhängende 
Rolle in der L. zu halten. Ebenda im Vordergrund rechts hockt eine Psyche; liest 
sie in einer Rolle, die sie mit beiden Händen faßt? Daß Kinder mit BuchroUen 
nachlässig umgehen und sie aufgewickelt hängen lassen, schildert uns das Epigramm 
Strato*s Anth. Pal. XII 208. Doch müssen alles dies Augentäuschungen des heutigen 
Betrachters sein. Die alten Zeichnungen nach diesen Gemälden wissen von all dem 



]g4 "- ^*^ geOlfnete Rolle und das Lesen. 

Leichter ist es noch, wenn nur etwa zwei, drei Seiten frei herabhangen; 
dafDr gibt der christl Sarkophag im Lateran Nr. 162 - unsere Abb. 116 — 
ein Beispiel'); ein zweites der thronende Christus auf einer Kopie nacli 
einem Preslco der Callistkatakomben im selben Lateran: unsre Abb. 117 
(vgl. dazu WiLPERT TU. 162; auch 177; 40; 247); ein drittes der junge 
Moses unter den Gelehrten in S. Maria Maggiore, Mosaik, Garrucci 
Tfl. 218, 1. 

Gravierender ist der Fall dagegen in der literarischen Szene des 
großen Rundsarkophags, der sich im Profanmuseum desselben Lateran 
Nr. 469 befindet. S. unsere Abb. 51 u. 118. Ein lebhaftes Gesprach. 




Die Figur des Sprechers ist weggebrochen, aber seine r. Hand ist übrig, 
und die Blattmasse mit dem Text des schon Gelesenen hangt von 
ihr senkrecht herab. Mutmaßlich war die Rolle aber diplomartig nach 
Weise mancher der Ravennatischen Papyri in Langzeilen ohne Kolumnen- 
teilung beschrieben. Darauf lassen die vier geritzten Linien schließen, die 
man auf der hängenden Flache gewahrt (s. S. 97). Daß die r. Hand das 
Buch halt, zeigt an, daß der größere Teil des Schriftwerks noch nicht 
gelesen ist. Diplome (nicht Lesebücher) in Rollenform abgerollt lang 
hängen zu lassen, wurde im Mittelalter das (übliche. Dies VeHahren be- 
ginnt schon hier. 

Dazu kommt nun das Bruchstack eines Sarkophagreliefs im Pankratier- 
grab, Qber das ich schon S. 180 geredet; s. Abb. 114: 



nichts! s. Mus. Borb. XV 47; W. ZAHN, Die schönsten Omamenle usw. ßd. III Tfl. 43 
und 52. 

1) Daß Ctirislus die Rolle darreiche, wie PtCKER S. 107 beliauptet, ist falsch! 
s. weiterhin mehr über solche Fälle. 



E. Unterbrechung der Lektüre: HSng^enlassen der SchlußblSIter. ig5 

Ein baniger Mann, von dem nur Kopf und Hais und ein geringer Teil des 
Oberkörpers erhalten, steht (oder aiiii?) im Profil nach rechts. Sein 1. Arm ist, in 
starker Verkürzung gebildet, sichtbar; in der 1. Hand aber halt er ein Buchkonvolut 
in SchulterhOhe, von dem eine Blatimasse steil herabhängt. Sein Kopf scheint leise 
nach links geneigt, sein Blick (mit ausgearbeiteter Pupille) geht über das Buch 
hinw^ und war ohne Zweifel auf einen Unterredner gerichtet. Hinter seinem Kopf 
scheint sich ein Pesten aus Tuch an der Wand zu befinden, davor noch ein anderer 
Gegenstand, den ich nicht erkenne. Weiter rechts und über seiner ausgestreckten 
Hand ist endlich ein zweites aufgeschlagenes Rollenbuch sichtbar. 

Dasselbe Verfahren beobachtet man hAufig auf christlichen DenkmAlem. Ich 
zitiere den sitzenden Christus auf einem Sarkophag in Arles, bei LE BLANT, Sarc. 
anl. d' Arles Tfl. 27; Garrucci 342, 3. Er zeigt, und die folgenden Monumente 
bestätigen, daß dieses Motiv auch bei 
einer sitzenden Figur mOglich war. 
Diese Möglichkeit ist also auch für das 
eben besprochene RelielfrE^^ment olfen 
zu halten. 

Gtlnstiger war es, wenn in 
solchen Fallen ein Diener oder hilf- 
reicher Genosse das Ende des Buchs 
auffing. 

Auf dem christlichen Säulen- 
sarkophag im Lateran Nr. 174 
sitzt der bartlose Christus thronend 
aber der Personifikation des Caelus; 
seine R. ist lehrend erhoben, in d( 

autgelöstes Rollenbuch; unsre Abb. 1.,. , 

volut selbst, das man in seiner L. sieht, ist freilich Abb. iis. 

Ergänzung; doch ist ein Rest des echten Schrift- 
bandes, das sich schrSg vor die benachbarte Säule legt, erhalten. 

Hier ist nun bedeutsam und bezeichnend für die schonende Art, mit 
der man die Bflcher behandelte, daß Petrus von rechts herantritt und das 
hängende Roilenende in einem Tuch auffangt. Es war dies damals ein 
beliebtes Sujet: Petrus, das offne Buch Christi auffangend. Ich gedenke 
einige Parallelen im Schlußkapilel aulzufohren. Nichts aber ist törichter 
als in diesen Fallen an eine Überreichung des Buchs zu denken. Man 
aberreiche einmal eine Binde von einigen Metern Lange in aufgerolltem 
Zustand; der Empfanger wird verzweifeln; die Stoffmasse fällt schmählich 
zu Boden und das heilige Buch wird entweiht Nur darum, die sacra 
Charta vor Verletzung zu schätzen, ist Petrus bemOht und verhindert, daß 
sie frei herabhangt. Natüriich war dies aber zugleich eine Allegorie: er 
erschien so als der Schützer des Logos. Daher hängt der Blattstreifen 
also auch nicht senkrecht in das Tuch; ein Auffangen der ganzen tosen 



I) Abbildung z.B. bei Wejs-Liebersdohf, Christus- und Apostelbilder (1902) 
Figur 45. Oben nach Zeichnung. 



186 II- I^Ib geöffnete Rolle und das Lesen. 

Masse wQrde mißlingen; ebenso schräge fallt das Blatt Garrucci 341,2; 
330, 5; 335, 2 ü. 4. 

Vorsichtiger als alle diese war der Mann, der das Buch mitsamt dem 
abgerollten Ende des Rouleau nicht hangen ließ , sondern auf seinem 
Schoß zusammenlegte; dies sehen wir in dem Vatikanischen Relief im 
Meleagerzimmer Nr. 13; unsre Abb. 120.') Sonderbarerweise li^ 
hier, wenn der Eindruck nicht trügt, das Wiederzusammengerollte, das 
doch nach links gehört, auf dem r. Bein, sowie auch die zugehörige I. Hand 
sehr weil nach rechts liegt 

Genau dasselbe Verfahren beobachtet der sitzende Vergil auf dem 
S. 149 erwähnten Mosaik von Sousse; die eine Rollung liegt ihm im Schoß, 
die andere wird mit der linken Hand gehalten. 

Slclier ist es auch, daß die schOne 
*'"'■■'■ ''"T Klio unter den Musen des 
(Hblbio, POhrer Nr. 281) das 
! aufgelöst aul ihrem Schofie 
Doch sind nicht nur ihre 
gSnzung, sondern auch die 
i Buchrotle, an welche jenes Im 
;ende aufgelöste Rollenende an- 
Diese Ergänzung Ist latsch 
jchbar, da sie ein Opisthograph, 
ehrt herum aulgerollle Rolle 
lelchl kam das Buchmotiv dieser 
Wirklichkeit dem des sitzenden 
ut dem Relief des Mcleager- 
lahe. Sehr deutlich zeigt aber 
im Schoß erhaltene Rest des 
1er sich nicht eigentlich rollt, 
.chartig nach rechts, nach links 
r nach rechts hin und her über- 
einander legt, daß im Rollen* 
innern ein Umbilicus nicht vor- 
handen war. Jedenfalls schrieb 
Abb. izo: Rciiel, Vaiikan. diese Kilo nicht, sondern „der r. Arm 

war lebhaft vorgestreckt" (AMELUNO).^ 
Also eine Vorlesende. 

Das Bisherige sind vereinzelte Ansätze, die gestellte Aufgabe zu lösen. 
Typisch dagegen sind die Beispiele fOr die in eine Hand zusammengenommene 
offne Rolle, das eigentliche Motiv VII, denen ich mich nunmehr zuwende. 
Es ist vielgestaltig. Die Massenhaftigkeit seines Vorkommens aber beweist, wie 
angstlich man ein Herabhängen der Blattmasse vermied. 

Mindestens ins 4. Jahrh. v. Chr. führt uns die hime- 
räischeMOnze(0€pyiTÜJv'lM€paiutv) hinauf, unsre Abb. 121, 



1) „Ergänzt nur ein Stück an der oberen Windung, und 
sicher richtig." (Amelung). 

2) Vgl. W. AMELUNG, Basis des Praxiteles S. 41 I. 




E. Unterbrechung der Lektüre i Motiv VII. 187 

auf der ein gebückter alter Mann stehend erscheint, im Profil nach rechts, 
der seine r. Hand mit Vorstreckung des Zeigefingers taktierend erhoben 
hat, in der nicht sichtbaren, etwas weniger erhobenen L aber sowohl 
einen starken Stecken halt, auf den er sich stützt, als auch ein Rollen- 
buch. Dies Buch ist offen zwischen zwei Rollungen. Doch bewirkt die 
richtig gegebene perspek- 
tivische Aufnahme, daß man 
das offne Mittelblatt nicht 
sieht. Diese Rolle erscheint 
sehr groß, insbes. von be- 
deutender Hohe, die der 
Länge des Unterarms gleich- 
kommt. Daß dies MQnzbild 
eine berohmte Statue des 
den Chor taktierend ein- 
übenden Stes ich oros wie- 
dergibt, ist oben S. 51 
gesagt. Die Porträtkunst 
ging also hierin voran. Das 
Buch aber ist offen, weil 
der xopohibäcKaXoc es eben 
jetzt benutzt. 

Der nächste Beleg, der 
ins 3. Jahrh. v. Chr. hinauf- 
reicht, dürfte das schOne 
Marmor-Sitzbild eines atti- 
schen Dichters sein, aus 
pentelischem Marmor, der 
Posidipp im Vatikan, 
Galerie der Statuen 
Nr. 271 (Helbio, Führer 
Nr. 204 ; Baumeister, Den km. 

Abb. 1535, U. sonst), also Abb, in. sog. Menandtr. 

wiederum ein Portrat: unsre 

Abb. 122. Hier ist die Rolle mit allem Detail trefflich erhalten. Vor- 
nehm und mit Anstand und Behagen sitzt der Mann in seinem Lehnstuhl. 
Weil er aber sitzt, ist der Moment der erst vor kurzem begonnenen 
Lektüre vom Kunstler bevorzugt worden, und er halt das noch wenig 
abgerollte Buch noch in seiner R., nicht in der L. Sein Leseeifer inter- 
mitliert, die l. Hand hat aufgehört abzurollen, und in der r. Hand gewahrt 
man nun zwei Konvolute, das wesentlich dickere des noch nicht ab- 
gerollten Textes (damit ist wiederum angedeutet, daß die Lektüre erst eben 



188 II. Die geöffnete Rolle und das Lesen. 

begann) und ein danneres Konvolut dessen, was vom Gelesenen schon 
wieder zusammengenommen ist; Abb. 123 gibt die Hand mit dem Buch 
genauer wieder. 

Ebenso alt zum mindesten aber ist die Erfindung der Statuette des 
sitzenden Aesop, in den Vatikanischen Gärten; s. Monum. d. Inst 111 
Tfl. 14,1: Aesop doziert mit der r. Hand und halt die Rolle in der L. im 
Motiv VII. 

Ein Sitzbild ist gleichfalls die herrliche pompejanische Muse Klio, auf 
gelbem Grund gemalt, im Louvre, abgebildet Pitture d'E. IIS. 13.') Sie 
tragt den Lorbeerkranz und Armspangen, trägt farbigen Chiton und Mantel, 
sitzt im Lehnsessel im Profil nach rechts und hält, wahrend die R. sich 
aufstQtzt, in der erhobenen L. allein eine offne Rolle, deren Außenseite 
sich vorwOIbt und opisthographisch in zwei Zeilen die Aufschrift kaeii>) 
ICTOPIAN trägt. Links vom zeigt das Bild eine offne Capsa, darin sechs 
geschlossene Rollen, jede Rolle mit Sittybos. Helbio, Wandgem. Nr. 859. 
Diese Muse hat also längst fertig gelesen, resp. vorgelesen. Die Art aber, 
wie hier die Rolle widernatürlich zur inscripUo dienen muß, bereitet die 
plakatartige Verwendung der Rollen in der Malerei des Mittelalters vor.') 
Stilgemaßer ist die Aufschrift auf einem andern pompejanischen Ge- 
mälde angebracht Schon oben S. 115 sind zwei Medaillonbrustbilder 
lorbeerbekranzter Jünglinge angefahrt. Ob sie sitzen oder stehen, ist nicht 

angedeutet; auch fehlen 
bei beiden die Hände. Der 
eine von ihnen hält nun 
eine große geschlossene 
Rolle, die offenbar in der 
I. Hand gedacht und weiß 
gefärbt ist; an ihr hangt 
ein weißer Sittybos mit der 
Aufschrift P/a/o: Abb. 157. 
Das andere Janglingsbild 
dagegen gibt das hier in 
Abb. 123; Deiaii tum Vorigen. Frage Stehende Buchmotiv: 

Abb. 124. Die zwei Kon- 
volute aber konvergieren dabei nach unten, indem die nicht mit dargestellte 
I. Hand sie zusammenfaßt. So bereitet sich hier die fächerförmige Haltung der 
offnen Rolle vor, die wir in der Spaikunst wieder antreffen werden (siehe 



1) Aucli bei MARtNI, Papiri diplomatici, auf dem Tilelblatt. 

2) Verwandt hiermil scheint die Melpomene bei Sogliano Pill. Camp. N. 415; 
sie hall in der R. den Calamus, in der L. ein „volume spiegalo"; auf der offnen 
Seile Schriflresle. 



E. Unterbrechung der Lektare: Motiv VII. 1S9 

Abschnitt VI). An der 
Aufienseite des noch 
nicht gelesenen Rol- 
lenteils ist endlich 
oben ein farbloser 
Sittybos mit der Auf- 
schrift Homenis an- 
gebracht; s. Abb. 156. 
Nicht gesehen habe 
ich das Interessante Bild 
bei Helbio, Wandgem. 
1455: ein bartloser Mann 
mit portrathaflen Zügen 
sitzt auf einem Stein- 
sitz, er ist eteubekranzt 
und weiQge kleidet und 
statzl beide Ellenbogen 
auf (t worauf?), indem 
er dabei in der 1. Hand 
eine offne Schriflrolle 
hall und zugleich im 
Gesprach mit einem 

alteren Mann, der lau- Abb. i24; Jonsiing, Neapel, 

sehend vor ihm steht, 
die r. Hand mit gestreck- 
tem Zeigefinger erhebt. Ein Scrinium hat er neben sich am Boden. Die „offne Rolle" 
in einer Hand kann nur das Motiv VII bedeuten. Der Alte tragt übrigens eine vom 
Gesicht aufs Oberhaupt zurückgeschobene Maske. Also Dichter und Schauspieler.') 

Im Schoß eines Sitzenden begegnet das Motiv wiederum auf dem hoch ein- 
gemauerten Relief Im Vatikan, Bei- 
vedere Nr. 68. Ich mußte auf einer 
Leiter zu dem Relief hinanstei^en, um das 
Detail zu sehen. Danach die Zeich- 
nung, Abb. 125. Das der r. Hand ge- 
hörige Konvolut liegt, wie man sieht, 
hier frei im Schöße; es ist dies also 
wieder dafür ein Beispiel, daß gerollte 
Charta, die längere Zeit gelegen, sich 
von selbst in Rollentorm zusammenhält 

Hier hat also die I. Hand das 
eine Konvolut fahren lassen. Das ^^b. izs. 

war bei stehenden Personen un- 
möglich. Ein trefflicher Vertreter des Typus ist der Grabstein des jungen 
Dichters Q. Sulpicius Maximus, Konservatorenpalast, Oktogon Nr. 6 (Altmanh, 



I) Schwerlich gehört dagegen hierher das Mosaik der Casa del poela, „Ein- 
übung eines Salyrnchors" in Neapel, Mus. naz. Nr. 9986 (abgebildet z. B. bei Bau- 
MBISTER, Denkmäler Nr. 424): inmitten der jungen Leute, die ihn in drei Gruppen zu 
je zweien umstehen, sitzt der alle Chormelsler; seine r. Hand machl sich mit einem 
Kasten voll Masken zu schatten, seine L. aber hält mit festem Griff einen Gegen- 
stand, der vielleicht ein aufgerolltes Blatt ist; doch ist die Form befremdlich. 



190 



II. Die (fefltfnete Rolle und das Lesen. 




und links von Petrus und Paulus umgeben 
sieh). Es ist nun vollkommen verfehlt, ' 



Die rftm. Grabaltare Nr. 285), ein Denkmal, das bald nach 94 n. Chr. 
gesetzt ist Hier hält der sitzende Maximus mit den ausgespreizten Fingern 
seiner einen I. Hand kunstvoll beide starken Konvolute, und das Mittel- 
btatt mit Schrift, die in der Richtung der HOhe der Seiten lauft, hangt 
weit gebauscht nach unten; s. Abb. 126. 

Dasselbe Motiv wiederhol entlich auf dem unteren Teil des Diptychons des 
Probianus (DAREMBexO et SaQLIO Figur 2457) und sonst. Dazu sei der chrisll. Sarko- 
ph^ Im Lateran Nr. 174 ver- 
glichen; s. Abb. 127; der Sarko- 
phag in Perugia (ROm. Quartal- 
schrift XX Ttl. I: Christus thro- 
nend), sowie vor allem der 
Sarkophag des Junius Bas- 
sus in der Unterkirche des 
S. Peter, der dem Jahr 359 
n. Chr. angehflrt. ') Der Dber 
dem Caelus thronende Christus 
befolgt hier, indem er das Buch 
in der U erhoben halt, genau 
das Motiv des Sulpicius Maximus 
und der Figuren des erwähnten 
Diptychons. Dabei ist er rechts 
I denen man indes nur die Oberkörper 
H. CRtSAR In der Rom. Quartalschriti 
18% S. 118 und ebenso De Waal, Der Sarkophag des Junius Bassus (1900) S. 59t. 
sich einreden, Christus überreiche hier dem Petrus die Rolle. Oben S. 83 u. 99 haben 
wir allerdings Monumente kennen gelernt, wo der Apostel von Christus das Buch 
wirklich in Empfang nimmt; da handelte es 
sich aber um ein geschlossenes, und die 
r. Hand war die gebende. Das ist etwas 
ganz anderes. Ganz anders auch die Fälle, 
wo Petrus das unlere Ende des herabhängen- 
den Rollenslreifens in seinem Pallium auf- 
fängt (s. oben S. 185). Auf dem Bassus- 
sarkophag hat Jesus dagegen das Buchende 
nicht fallen lassen, sondern sorglich wieder 
aufgenommen. Er ist hier lediglich als 
Vortragender und Verkünder des Wortes 
Abb. 128. Abb, 129. vorgestellt, und Petrus und Paulus assistie- 

ren nur. Die Buchmolive sind von den 
KDnstlern nicht umsonst unterschieden worden. Es gilt auf ihren Sinn zu achten. 
Der das Buch auffangende Petrus scheint jünger. Die Bedeutung des Petrus wächst 
eben in der christlichen Kunst. Gehen wir weiter. 

Besonders leicht und nalarlich nimmt sich dies Motiv aus bei ge- 
senkter Hand; dies gibt uns der Apostelsarkophag im Lateran ohne Nummer, 
aufgestellt unterhalb der Nr. 170; s. Abb. 128; aber schon IrQher kommt 
es so vor; so hangend bei gesenkter Hand halt die Amme den Brief als 
Rolle auf dem Phaedrasarkophag der Uffizien, östl. Korridor Nr. 36, so 
aber, daß dabei Daumen und Zeigefinger das eine Konvolut, die andern 




1) Anders WElS-LlEBEKSDORF, Christus- und Apostelbilder, 1902, S. 88. 



E. Unterbrechung der Lektüre: Motiv VII. 



191 



drei Pinger das zweite umspannen; vor allem die gallischen Sarkophage in 
dem Tafelwerk Le Blant's zeigen es oft: Tfl. 2, 3 (Christus); 4, 2 (JOnger 
neben Christus); 7, 2 (zweimal); auch 16, 1; ständig 51, 2. Vgl. auch 
Garrucci Tfl. 328 u. sonst. 

Im Codex Arcerianus der Gromatiker zu Wolfenbüttel, des 6. Jahrb., ist 
das Sitzbild eines Landmessers oder Mathematikers erhalten; unsre Abb. 130; 
vgl. O. VON Heinemann, Katalog der Hss., 2. Abt. Bd. VI (1898) hinter S. 124 und 

F. Marx im Jahrb. f. cl. 

Philol. Suppl. Bd. 27 S. 196. 
Der bärtige Mann sitzt im 
Profil nach rechts, schlägt 
das r. Bein Ober das linke, 
um darauf weiter seinen 
r. Ellenbogen aufzustützen 
(dies Arrangement ent- 
spricht z. B. dem der 
Sängerin in dem Konzert- 
bilde HELBIG Nr. 1462, oben 
S. 143 f., der sinnend sitzen- 
den Frau aus Pompeji, 
Helbig Nr. 1885, oder der 
Musenstatue der Tuileries 
bei Reinach, R6p. stat. I 
167, 1), während die Finger 
der r. Hand sich gespreizt 
erheben zum Ausdruck des 
scharfen Nachdenkens, des 
Rechnens und Zahlenzäh- 
lens (passend hat man den 
Posidonius des Louvre, 
Reinach 1 166, 1 verglichen). 
Also prüft der Gelehrte 
die Rechenaufgaben , die 
er im Buch gefunden hat, 
nach, um dann weiter zu 
lesen. Es ist unterbrochene 
Lektüre. Die 1. Hand hält 
die Buchrolle übrigens 
nicht ohne Anstrengung 
vorgestreckt; die Rolle darf 
das Gewand nicht berüh- 
ren. Die schmalen Konvolute konvergieren; das Mittelblatt hängt nach unten. 
Das Bild gibt ohne Frage eine erheblich ältere Vorlage wieder.^) 

Der Codex Vaticanus Palatinus derselben Gromatici aus dem 4. (?) Jahrh. 
bringt ein zweifiguriges Bild mit dem gleichen Motiv: rechts sitzt der Kaiser ohne 
Buch; links vor ihm sitzt abgesondert ein älterer und vornehmer Mann und hält 
Vortrag, die Rolle in der L. im Schoß, Motiv VII. Darüber steht von späterer Hand: 
Iudex de finibus et controversiis refert ex supplicibus libeUis de quibus consulendus 




Abb. 130: Cod. Arcerianus. 



1) Auf die Frage, wer dargestellt ist, fehlt eine überzeugende Antwort. Unter 
anderen ließe sich an Pythagoras denken, den eigentlichen Rechenphilosophen, den 
man sich auch im Jenseits ewig Zahlen rechnend und auf die Einheit zurückführend 
vorstellte: s. Martianus Capelia II 213: caelestes quosdam numeros repUcabat; über 
repUcatio ebenda VII 757. 



192 II- I^ic geöffnete Rolle und das Lesen. 

est Imperator, ut iis decidendis eius iussa sequatur. Siehe STEPHAN Beissel, Vati- 
kanische Miniaturen (1893) Tfl. II A. 

Mit dem Bilde des Arcerianus aber ist ein christlicher Sarkophag im Konser- 
vatorenpalast, der sich, ohne Nummer, eine Treppe hoch im freien Hof neben dem 
Oktogon befindet, zu vergleichen. Auch hier ein sitzender bflrtiger Mann im Profil 
nach rechts; die Behandlung des Buchmotivs sehr Ähnlich; die R. aber streckt der 
Mann einer Frau entgegen, die vor ihm steht. 

Dazu die Parze auf dem Haterierdenkmal (oben S. 69), die in der L. das weit 
offne Schicksalsbuch hoch hält, beide Konvolute zwischen Zeigefinger und Daumen 
klemmend, während der Zeigefinger der r. Hand auf eben dies Buch des Schick- 
sals hinweist. Die Parze hat nicht in dem Buch studiert. Darum steht sie. Das 
Bild ist dramatisch belebt. 

Das Motiv war fOr den Marmorarbeiter nun aber besonders bequem 
auszuführen, wenn die 1. Hand im Schöße des Sitzenden lag; so begegnet 
es Vatikan Gal. dei Candelabri Nr. 20, Knabensarkophag, Mittelbild - das 
Mittelblatt bauscht hier nach oben - sowie auf dem Sarkophagfragment 
Vatikan Giard. d. Pigna Nr. 185 (Amelung Tfl. 110); auch auf unsrer Abb. 41. 

Nicht minder bequem verwendbar war es endlich bei Liegefiguren, mit 
aufgestütztem 1. Ellenbogen, also auf Sarkophagdeckeln. Die betr. Figuren 
lassen alsdann die 1. Hand mit der Rolle auf dem Rande des Deckels, 

d. i. auf dem lectus, oder auf einem Kissen aufliegen: 

Vatikan, Call, dei Candelabri, Die Deckelfigur des Knabensarkophags. 

Athen, Mus. Sarkophag Nr. 1498, von außergewöhnlicher Größe: Mann und 
Frau gelagert; der Mann zeigt das Motiv. Der Rollenschnitt des einen Konvoluts 
ist unkenntlich, der des anderen dagegen ausgearbeitet; man erkennt SV« Win- 
dungen. In der Mitte derselben ein Hohlraum angedeutet. 

Ebenda, Sarkophag Nr. 1497 von gleicher Größe. Gelagerte mfinnliche Figur; 
ebenso. Der Rollenschnitt beider Konvolute ist unausgearbeitet. 

Rom, Konservatorenpalast Oktogon Nr. 1 (Helbiq, Führer Nr. 578; Baumeister, 
Denkmäler Nr. 992; Bullettino communale di Roma I S. 186 f.; Robert, Sarkophag- 
reliefs III Tfl. 75 Nr. 221); Meleagersarkophag. Die Deckelfiguren, ein Ehepaar, 
sind unausgearbeitet geblieben; der Mann hält das Buch. Der Rollenschnitt des 
einen Konvoluts ist sorglich ausgearbeitet, in etwa drei Windungen; der des anderen 
dagegen nicht. 

Robert, ebenda Bd. III Tfl. Nr. 126 (Pal. Torlonia). 

Ebenda Tfl. 36 Nr. 126. 

Ebenda Bd. II Tfl. 8 Nr. 21. 

Reinach, Rupert. I S. 447, 2: Coli. Pamphili. 

Dazu der Urnendeckel im Vatikan, Giard. d. Pigna Nr. 121 (Amelung Tfl. 103). 
Der Mittelfinger ist hier zwischen die Konvolute gesteckt. 3. Jahrh. 

Besonders sei das eingemauerte Relief in der Galerie des Kapitolinischen 
Museums ohne Nummer (über Nr. 3) erwähnt. ^) Hier liegt ein Jüngling auf dem 
Lager; links vor ihm steht ein Sklave mit Rechenbrett, rechts vor ihm sitzt eine 
Frau (die Mutter). Der JQngiing hält auch hier in der aufliegenden L. die offne 
Rolle mit zwei Rollungen, dies aber so, daß das Mittelblatt nach unten hängt und 
dabei der Daumen oberhalb beider Roliungen, drei Fingerspitzen unterhalb der 
ganzen hängenden Blattmasse sichtbar werden. Die Rolle ist also sehr winzig, da 
die Finger einer Hand sie in dieser Weise umfassen können. „Scheint nicht er- 
gänzt; wenn z. T. ergänzt, jedenfalls richtig nach erhaltenen Spuren" (Amelung).*) 

1) Siehe W. Altmann, Die römischen Grabaltäre (1905) S. 204. 

2) Der Mann auf der Kline hält in der R. einen Geldbeutel, der Sklave ein 
Zahlbrett mit Geld; „die Summe hätte man wohl auf der Rolle verzeichnet zu denken; 



E. Unterbrechung der LektOre: Motiv V[l. I93 

Das Aufliegen der Hand erleichterte dem Plastiker seine Aufgabe. 
Fehlte es, so stellte das Motiv VII Antorderungen , denen der geringere 

f Handwerker nicht gewachsen war. In manchen Arbeiten spaterer 
Zeit hat er sich denn auch nicht die Mtlhe gegeben, uns klar zu 
machen, wie und auf welche Weise es der Hand gelingt, die 
Rolle in ihren beiden Teilen wirklich festzuhalten. 
Solctie FSlIe sind die Rollen da rsiellungen im Motiv VII auf den 
Christi. Sarkophagen des Lateran Nr. 116 und 138 (auch die Sarkophage 
Abb 131 ^^ ""^ '"* '*°f'selbst bieten ahnlichen Anstoß); 
insbesondere aber Nr. 106, unsre Abb, 131. 
Noch andere Variationen liegen mir vor, die 
ich hier niciit vorfahren kann. Mit Abb. 131 ist ein 
Sarkophag in der Peterskirche, unter dem Altar der 
Capeila della Colonna, zu vergleichen, auf dem Christus 
mit den Aposteln erscheint; auf ihm sieht man einmal 
das Buchmoliv I vertreten, einmal die Rolle ähnlich 
aus der Hand hangend wie auf der soeben angelOhrlen 
Nr. 106 des Lateran. 

Aucti auf der ElfenbeJnbQchse in Berlin (oben 
S. 77 u. 129) hat sich der Schnitzer begnügt das Halten 
der Rolle nur anzudeuten. Sowohl der thronende Christus 
in der Mitte wie auch unter den Jüngern die fOnfte 
Figur von links und die dritte Pig-ur von rechts sind 
sich hier in ihrem Verfahren einig. Die Rolle wird 
horizontal gehalten und ist in zwei Konvolute aufgelöst 
Das untere Konvolut liegt allein auf der offnen i. Hand; 
das obere liegt auf dem unleren auf und hält sich selber. 
Ahnlich ist das Motiv VII schon auf den kon- 
stantinischen Reliefs des Constantinbogens zu finden: 
Conglarium, Eckrelief links. 

Besser gelang die Lösung der Aufgabe als- Abt. 132. 

dann, wenn es sich nicht um zwei, sondern um 

1 Konvolut handelte, von dem ein Teil der Blatt- 
fläche abgerollt ist, und dies ist die letzte Variation des 
I Schemas, die ich zu besprechen habe. Die Belege stammen 
vieder vornehmlich aus dem christl. Museum des Lateran: 
Auf Nr. 152 erscheint dort Moses mit dem Buche; das Kon- 
volut des noch nicht gelesenen Buchleils ruht in der Hand; davon 
hangt die abgerollte Blaltmasse herab und ihr Ende wird hinten 
wieder in die Hand emporgenommen, aber ohne Rollung; S.Abb. 132. 
Eben dieselbe Darstellung dann auch anderswo, z. B. auf dem 
Sarkophag des Louvre, aogebildet und besprochen in der Arch. 
Zeitung Bd. 43 S. 209 Tfl. 14, 1 : ein auf dem Thron sitzender 
Knabe, der mit der R. doziert. 
Von selbst erklärt sich dies Motiv weiter auf dem Laleranischen Sarkophag 
Nr. 135, unsrer Abb. 133, und auf den Reliefs ohne Nummer daselbst: unterhalb 
Nr. 170 (unsre Abb. 129) sowie gleich im Eingang des Treppenhauses. Auch aul 
unsrer Abb. 111 u. 134 ist es zu sehen. 

der Verstorbene wird Kaufmann oder Bankier gewesen sein. Das Relief stammt 
aus früh-trajanischer Zeit, trotzdem die Frisur der Frau noch der tlavischen Mode 
entspricht" (Amelunq). Ein Argentarius mit Rolle und Rechenbrett auch oben S. 66. 




194 "' ^'^ geOHnete Rolle und das Lesen. 

Dazu kommt der heidnische Säule nsarkoph^ aus Selefkieh im Mus. zu Kon- 
slantinopel, bei J. Strzvoowski, Orient und Rom S. 47 Fig. 14: in der Mitte der 
Vorderseite Sitzbild des Verstorbenen ohne Kopf) seine r. Hand liegt am Stuhlrand. 
Mit diesem Sarkophag stimmt ein zweiler und besser erhaltener im selben 
otlomanischen Museum (s. DiEZ u. Quitt, Ursprung und Sieg der byzantinischen 
Kunst S. XII)) wie eine Dublette in wesentlichen Punkten überein. Beide liegen 
mir in Irefflichen Photographien vor, deren Kenntnis ich meinem jungen Freunde 
C. Kappus verdanke. Auch auf dem prachtigen zweiten Sarkophag, den ich nicht 
Übergehen darf, thront als MiRelfigur der Gestorbene, ein Philosoph mit dem Buch, 
im edlen Typus des b&rligen Dionys, zwischen zwei allegorischen Frauen, etwa 
„Lust" und „Tugend". Er sitzt von der „Lust" abgekehrt im Profil, stemmt die R. 
auf den Stuhl und halt das Buch anscheinend im Motiv Vll. Aber sein Blick ist 
gesenkt; er liesL Was er liest, konnte etwa 
Xenophon's Erzählung von Herakles am Scheide- 
wege sein. Dal) er aber liest, widerspricht 
dem Motiv Vll, das dem Lesenden nicht zu- 
kommt Die Pholr^aphie ISfit nicht erkennen, 
ob und wie die Blatt masse hinten wieder 
emporgenommen ist. 

Und so fahren uns diese Bilder end- 
lich zu dem zurOck, was ich bei Be- 
sprechung des Motivs II ausgefQhil habe 
(s. S. 100). Das Buchmotiv II näherte die 
Hände einander in zweckmäßiger Weise 
und gab dadurch der ganzen Figur Ge- 
schlossenheit. Im Qbrigen legen stehende 
Figuren in Ruhe wohl auch die Hände vor 
I dem Unterkörper ineinander, aber ohne 

Buch: dies Zusammenlegen der Hände war 
' indes, wie wir sahen, vornehmlich bei 

I Kriegsgefangenen und Gefesselten Qblich, 

dann aber wurde es auch auf einen Philo- 
sophen wie Aristoteles abertragen und 
drückte hier die Sammlung und das 
'*'!''■ 1^- geistige Gefesseltsein aus. 

Von diesem Aristoteles aus, der nach 
Christodor's Worten icTÖnevoc x^'P^ nepinXtTbnv cuv€€'pTa9£v, erklaren sich 
nun die zwei stehenden Relieffiguren, die ich beide in der Basilica der 
Petronilla in den Domltillakatakomben eingemauert fand. 

Zu dem ersten Stock habe ich mir notiert: „an der Wand rechts vom Eingang"; 
zu dem zweiten: „eingemauert in der nördlichen Wand": s. Abb. 134 u. 135. Hier 
hält beidemal die L. das Buch vor dem Unterkörper, die r. Hand aber legt sich fried- 
lich gesellig auf die L., um so, da die Lektüre eben unterbrochen ist, dasselbe ge- 
sammelte Nachdenken auszudrücken, das der Aristotelesgestall eignete. Dabei wird 
das einzige Konvolut in der einen Darstellung von der L, honzonlal gehallen, i 

der anderen dagegen senl .......... . « .. 

etwas abgebrochen, und es 



E. Unterbrechung der Leklüre: Moliv VII. I95 

Hier sei eingeschaltet, daß das Aufeinanderlegen der Hände oder doch 
der Handwurzeln gelegentlicti auch beim Motiv 1 vorkommt: dies finde ich 
auf dem Sarkophag von Perugia, ROm. Quartalschrift XX Tfl. 1 (bartiger Jünger 
rechts vom thronenden Christus), sowie bei Lb Blant Tfl. 34 (oben S. 98 f.). 

Wer zurückblickt, wird bemerken, daß das Motiv VII wesentlich nur 
der Piachenkunst der Malerei und des Reliefs eignet; bei Statuen scheint 
es ganz selten; der Posidipp des Vatikan, von dem ich ausging, war 
ein Sitzbild; der Stesichoros ein Standbild. Auch sonst sind solche Stand- 
bilder vereinzelt vorhanden. Im Giardino di Castello zu Florenz befindet 
sich eine Togastatue, von der DOtschke IE Nr. 98 sagt: „in der L. ein 
halb aufgerolltes Volumen; rechts am Boden ein rundes Scrinium". Diese 
Statue werden wir hierherzurechnen haben. 

Im großen und ganzen genügen zur 
Peststellung dieser Details die vorhandenen 
Beschreibungen nicht Doch sei noch 
einiges 2itiert: 

Rom, Pal. Alllerl: StatueUe, Sitzbild eines 
Römers, MATZ-DUHN 132ff: „auf einem Sluhl 
. . . mit RQckenleline sitzend ... In der 1. Hand 
halt er eine halbgelesene Rolle." Zeit der Anlo- 
nlne. Auf der Basis slehl der Name: M. Mettius 
Epapkroditus grammaticus graecus. 

Rom, Villa Massimi: Sitzbild einer Frau, 
Matz-Duhn 1402: „auf einem ... Sessel oline 
Lehnen sitzend ... Mit der I. Hand halt sie 
auf dem Schöße eine halbentfallele Sclirlftrolle." 
Kopf modern. 

Rom , SS. quattro Coronati ; Sarkophag- 
fragmenl, Matz-Duhn 2583: eine Frau en face Abb. 135. 

... in Stola und Palla, in welcli letzlerer der 

r. Arm ruht . . .; in der L. eine halbgeöffnet zusammengeschlagene Rolle." Auf 
dem Schoß? 4. Jahrh. 

Rom, S. Paolo f. 1. m.: geriefelter Sarkophag, Matz-Duhn 2616: unler dem 
Clipeus: „auf einem Stuhle sitzt nach rechts ein Mann, eine Rolle entfaltend." Ihm 
gegenüber Polyhymnia. Auf einem Pfeiler ein Roltenbflndel. [QehOrl wohl zur 
Darstellung der Lesenden?] 

Rom, Pal. Gorsini, großer Sarkophag, Matz-Duhn 3113: auf der r. Vorderseile 
sitzt ein unbartiger Mann im Profil nach links, „die R. erhebend, in der L. eine 
aufgeschlagen zusammengefaßte Rolle". Etwa wie der Geometer des Arcerianus? 

Rom, Via Mario de' Fiori, Matz-Duhn 3115: auf der 1. Vorderseite sitzt eine 
Frau nach rechts, „die r. Hand an den Gürtel legend, in der L. eine halben Haltete 
Rolle haltend". 

Rom, Basitica di S. Petronilla, ebenda 3129: ein Knabe, sitzend, „in der L. auf 
dem Schöße eine geöffnele und zusammengeschlagene Rolle, die R. erhoben". 

Florenz, Uffizien, Sarkophag mit Familienszenen u. a., DOtschke III 62; neben 
einer Muse und einem Globus erscheint eine Frauengestall: „in der L. hall sie ein 
halb aufgerolltes Volumen und berQhrl mit der R. den Globus." 

British Museum, Fragment eines Sarkophagreliefs, Nr. 2312 Smith: „eine 
bartige Figur . . . sitzt nach rechts ... Er hat in seiner L. eine leitweise aufgerollte 
Rolle und macht mit der R. den Gestus, als ob er rezitiere." 

13* 



196 11* ^i^ geöffnete Rolle und das Lesen. 

Als unecht notiere ich: 

Sitzbild eines Mannes, Vatikan, Qal. dei Candelabri Nr. 92: er halt eine offne 
Rolle in der L. Aber die Rolle sieht .aus wie ein offnes Blatt. Der 1. Arm ist 
ergänzt 

Sitzbild des Plato: Original verschollen; Abbildung nach Kopie oder Abguß, 
nicht nach dem Original, gab Em. Braun, Monum. III Tfl. 7 (danach Baumeister, 
Denkmäler Nr. 1490); dazu Annali XI S. 207 f. Statt eines Buches halt dieser Plato 
wiederum nur ein Blatt. Dies ist so verdachtig wie das vorige. 

Relief im Hof des Konservatorenpalastes, an der r. Wand: der Kaiser steht 
auf dem Suggest und hält dabei eine geöffnete Rolle in der L. Der Vorderarm 
aber ist unecht, die Rolle hat falsche Form. 

Sarkophagrelief ohne Nummer im Vatikan, Gabin. delle Maschere (Ober Nr. 441) : 
eine dreifigurige Gruppe: Muse(?), leierspielender Herakles und sein Lehrer Linos: 
der letztere sitzt und hat eine halb offne Rolle in der L. Aber die 1. Hand ist er- 
gänzt, die Form des Buches auffällig; „modern** (Amblunq). 



in. Das Schreiben. 



Wie man beim Lesen mit dem Rollenbuch umging, ist hinlänglich ver- 
anschaulicht, und es hatte dazu so vieler Beispiele vielleicht nicht bedurft. 
Viel mehr wäre uns daran gelegen, zu erfahren, wie man auf Papyrus 
schrieb, in welcher Weise der Text in die Papyrusrollen eingetragen wurde. 

Buchhändlerische Unternehmer, wie Atticus, hatten, wie wir wissen, 
den Verlag für die literarischen Werke inne und ließen die Vervielfältigung 
der Exemplare fabrikmäßig ausführen. Gewiß mußten sehr viele Schreiber 
gleichzeitig nach Diktat tätig sein, um eine Edition in einer Auflage von 
nur etwa 500 Exemplaren herzustellen.^) Wir müssen von vornherein ver- 
zichten, dies auf Monumenten dargestellt zu finden. Ägyptische Reliefs 
zeigten uns Schreiber, die gleichzeitig, augenscheinlich nach Diktat, schreiben; 
die griechisch-römische Kunst kennt nichts ähnliches. 

Auch war es individueller und kunstgemäßer, lieber den Einzelmenschen 
für sich schreibend vorzuführen. Es fragt sich nur, inwieweit man als vor- 
nehmer Mensch sich mit Buchschrift auf Papyrus wirklich befaßte. Man 
sollte meinen, daß es nicht nur beim Briefschreiben ^), sondern doch auch 
sonst geschah. Ich denke dabei in erster Linie an die Autoren selber. 
Denn oft genug wird doch ein Autor seine Brouillons, die sich auf Wachs 
oder in Membranheften befanden, eigenhändig ins Reine geschrieben haben '\ 



1) Vgl. hierzu K. Dziatzko, Zwei Beiträge zur Kenntnis des antiken Buch- 
wesens 1892 8. 13 Note. Schon der Philosoph Zeno beschäftigte gleichzeitig viele 
Schreiber, die ihm Antigenes zur Verfügung stellte: Diog. La. Vll 36. Im Esdra IV 
(= II) 14, 14 lesen wir: scripti sunt autem per quadraginta dies libri ducenti 
quattuoFf und zwar auf Charta (ibid. 15, 2). 

2) Ober das Briefschreiben, Brief Vervielfältigung u. a. s. H. PETER, Der Brief 
in der röm. Literatur, 1901; dazu L. GURLITT in Burs. JB. 109 S. 2 ff. 

3) Das sind die ()Tro|bivniLiaTa ärrep dva^pdcpouciv ^auToic ol dvöpujTroi, nach Galen 
XVII p. 936 K.; derselbe ib. p. 1001 redet von einem ßißXiov (also Papyrusrolle), das 
nicht cuYTpainMa ist irpöc ^köociv y^tovöc, sondern nur (^TroTUTriuccic öiroiac ^auToic 
€iiüea)ui€v TroicicGai. Vgl. auch Plin. ep. IX, 1, Persius 3, 11 u. Tacitus Ann. 111. Der 
Pastor Hermae schreibt natürlich sein ßißXiov eigenhändig, und zwar nicht nach 
Silben, sondern nach Buchstaben, Vis. 11 1; ja, er fertigt es sogar selbst in zwei 
Exemplaren an. Vis. 11 4. Plotin schrieb alles gleich fertig hin, wie in Reinschrift; 
so sehr hatte er alles vorher durchdacht: Porphyr, vita Plotini 8. 



198 HI. Das Schreiben. 

wennschon ein vielbeschäftigter Mann sich dazu einen Sklaven hielt. ^) Be- 
denklicher steht es dagegen schon mit dem Kopieren vorhandener Literatur- 
werke. Denn es ist zwar sicher, daß die Privatabschrift, die den Buchhandel um- 
ging, zur Verbreitung beliebter Bücher gewaltig mitwirkte, und wir lesen z. B., 
daß in älterer Zeit Euklid selbst ein sokratisches Gespräch in ein Biblion ein- 
trägt (Plato Theät. 143 B); in späterer Zeit schrieb M. Aurel Fronto's Reden mit 
eigner Hand ab und Kaiser Theodosius hieß geradezu der „Bibliographos".^) 
Aber die letzteren Fälle galten als merkwflrdige und paradoxe Erschei- 
nungen, und wer die Kopie nicht durch seinen Diener anfertigen ließ, wird 
schwerlich Anlaß genommen haben, sich selbst in solcher mühseligen Tätig- 
keit plastisch darstellen zu lassen. Während bei den alten Ägyptern das 
Schreiben auf der Charta das Merkmal des Vornehmen oder doch dessen 
war, der sich zu der höchsten Beamtenlaufbahn als befähigt erweist, war 
dasselbe bei den Griechen und Römern vielmehr zur Sache der Diener- 
schaft und des Handwerks herabgesunken. Der Vornehme erwähnt als 
Schreibzeug wohl den stilus^ nicht den calamus; d. h. nur die Entwürfe 
schreibt er eigenhändig.^) Der calamus heißt genauer calamus Charta- 
rius (Apul. Flor. p. 12 Krüger). Dies ist der Hauptgrund, weshalb uns 
die griechisch-römische Kunst den Buchschreiber so selten, die ägyptische 
ihn so oft vorführt. Nichts ist dafür aufklärender, als daß es Cornificius 
(ad Her. IV 6) als Beispiel unrühmlicher Mühe und als unwirkliche Möglich- 
keit hinstellt, si vestra manu fabulas aut orationes totas transcripsis- 
setis. Nicht einmal von seinen Briefen macht Cicero selbst Kopien.*) 

Dies war also die Anschauungsweise der Vornehmen. Leute in klei- 
neren Verhältnissen waren dagegen in Wirklichkeit auf die eigenhändige 
Kopie von Texten angewiesen, und die meisten der erhaltenen Papyrus- 
bücher sind aus solchen Kreisen hervorgegangen. Wenden wir uns 
ihnen zu. 

Für solches Schreiben auf Papyrus waren drei Möglichkeiten: entweder 
man nahm einzelne und noch nicht zusammengeklebte Blätter (ceXibec), 

1) Galen braucht einen solchen librarius zur Reinschrift; s. XVII p. 196. Dies 
ist der irpOuToc Tpa^P^uc ib. p. 706. Als Vorlage aber diente diesem schon ein Text 
in Buchrollenform; s. ebenda p. 80: ö irpOüToc }jL£Tayp&q>yjjv rö ßißXiov. Es ist also 
eine Schrift in Rollenform, ein ßißXiov, das der rrpüjToc |Li€Taypd(pujv kopiert. 

2) Vgl. übrigens Buchwesen S. 282 f. 

3) Ich zitiere Plinius epist. 8, 9: olim noh librum in manus, non stilum sumpsL 
Mit dem stitus wird nicht im liber geschrieben. Das librum sumere geht hier also 
lediglich auf das Lesen und Studieren im Buch, das stilum sumere auf das Schrei- 
ben und Entwerfen auf Wachs. Cicero erwähnt den calamus nur im Dienst des 
Briefschreibens, und wenn Demosthenes in seiner Todesstunde zu ßißXiov und xdXaiLioc 
greift und dies als seine Gewohnheit bezeichnet wird (oicTrep ^v tiu biavoeicOai xai 
Ypdcpeiv eiuüeei, Flut. Dem. 29), so ist doch mit ßißXiov wiederum nur ein Brief ge- 
meint, wie Flut. Dem. 30 ergibt. 

4) Cic. ad div. VII 18, 2: quis solet eodem exemplo pluris dare qui sua manu 
scribit? 



Reinschriften und Abschriften. I99 

füllte jedes mit Schrift und klebte sie dann als Buchseiten aneinander; 
oder man kaufte sich einen scapus, d. i. eine kleine unbeschriebene Papyrus- 
rolle, wie sie die Fabriken gleichfalls im Umfang von höchstens 20 Blattern 
fertig lieferten, füllte sie mit Schrift, und, kam man damit nicht aus, so 
klebte man hernach zwei oder drei scapi aneinander; oder endlich man 
stellte sich gleich anfangs aus mehreren noch unbeschriebenen scapi eine 
Rolle zu etwa 100 Selides her, dem Buchumfang entsprechend, den der 
Text erforderte, und trug diesen erst dann in das große Rouleau ein.^) 
Die letzteren beiden Fälle werden sich in den Abbildungen der Denkmäler 
schwer unterscheiden lassen. Auf alle Fälle konnten wir für die Herstellung 
von Reinschriften auf Einzelblättern oder auf Blattmassen Illustrationen in 
der Kunst erwarten und fordern. 

Es handelt sich im folgenden also ausschließlich um einzelne Per- 
sonen, die die Niederschrift eines Textes besorgen. Die Beispiele sind 
außerordentlich selten, und es sind augenscheinlich nicht Kopien, es sind 
erste Reinschriften von Originaltexten, deren Ausführung da dargestellt 
wird: zumal, wo die Parze oder die Muse schreibt. Ein Schreibtisch ist 
unbekannt. Der alte Ägypter legte die Beschreibfläche oft auf seine Knie 
(oben S. 17), ebenso noch der moderne Orientale, ebenso der Grieche und 
Römer; doch legte er die Charta auch auf seine Hand, und auch dies wird 
noch heute im Orient beobachtet.*) 

Hätte sich doch die alte Kunst, zum mindesten die kampanische Malerei 
an so flotte und kecke Entwürfe gemacht, wie wir es bei den Japanern 
sehen! Malerinnen gibt uns ja Pompeji, in der L. die Palette, in der R. den 
Pinsel (Helbig, Wandgem. 1443 f.). Warum fehlt das, was wir suchen? 
Auch der Japaner schreibt auf der Rolle; sein Papier ist, den ägyptischen 
Papyri ganz entsprechend, eine rollbare schmale Fahne von beliebiger Länge; 
aber dies japanische Papier reißt nicht so leicht, und der Schreiber kann 
wirklich in die fertige leere Rolle, die er weit um sich breitet, die Schrift 
eintragen. Dies vergegenwärtigt uns wunderhübsch der japanische Farben- 
holzschnitt des Malers Utamaro (er lebte 1754-1806): eine Kurtisane mit 
Zofe; erstere schreibt sitzend einen Liebesbrief; s. unsre Abb. 136.*) Daß 
uns das Altertum derartiges nirgends gibt, kann und muß auf die Gründe, 
die ich geltend machte, zurückgeführt werden; aber es ist wohl auch für 
die Beschaffenheit der Papyrusrolle selbst bezeichnend. 

Die griechische Kunst zeigt uns wohl das Eingravieren von Inschriften; 
so gibt uns Herculaneum das bekannte Schauspielerbild mit Dedikation 

1) Dies ist das volumen implere bei TertuUian De idol. 13. 

2) Vgl. Hamilton, Reisen in Kleinasien, Deutsche Ausgabe II S. 200, wo von 
einem türkischen Bureausekretär die Rede ist. 

3) Vgl. Die Kunst, Sammlung illustrierter Monographien, herausgeg. von 
R. Muther Bd. 13: „Der japanische Farbenholzschnitt" von Fr. Perzynski, BeiblaU 
zu S. 64. 



200 III. Das Schreiben. 

einer tragischen Maske (Neapel, Mus. naz. XXXill Nr. 9019; Helbiq Nr. 1460; 
Pitture ä' E. IV 41; Mus. Borbon. Bd. 1 Nr. 1): eine junge Frau schreibt hier 
kniend auf das PuQgestell der Maske eine Widmungsinschrift; also wohl 

auf Stein. Die schrei- 
bende Frau wird sicht- 
lich bevorzugt; denn 
außerdem ist es die 
Gottin Nike, die In- 
schriften liefert: man 
denke nur an die 
Victoria von Brescia. 
Aber auch sonst be- 
gegnet die Nike in 
derselben Funktion ; 
soaufderTrajans-und 
Marcuss3ule; s. auch 
die Gemmen bei Rei- 
nach, Pierres gravöes 
Tn.76Nr.72u.m96 
Nr. 117 und bei Furt- 
wAholer, Antike Gem- 
men 27, 62 u. 63, 30; 
sowie die Sarkophag- 
reliefs z. B. in Pisa, 
bei DOtschke [ 93, in 
Rom bei Matz-Duhh 
3395 usf.') 

So wenig wie 
diese Gravierungen 
kQmmert uns hier das 
Schreiben im Dipty- 
chon. Dies Schrei- 

Abb. 136: Holzschnill d« Ulaniaro. ^g^ ;„, DiptychOU hat 

häufiger zur Darstel- 
lung eingeladen; denn es war, wie gesagt, Sache auch des Vornehmen. Auch 
ließ sich eine in vorspringendem Rahmen eingefaßte Tafel unschwer plastisch 
nachbilden; sie ließ sich ferner bei ihrer geringen Größe bequem in die 
Handfläche einfügen. Die archaischen Schreiberslaluen des Akropolis- 
museums in Athen scheinen auf Tafein schreibend gedacht') Auf dem 

1) Vgl. PurtwAngler, Meisterwerke S. 631 u. 637; Bulle bei ROSCHER, Mylh. 
Lex., Nike S. 357; Studn[CZKA, Die SiegesgöllLn Ttl. 12 Fig. 58 f. 

2) An einer ist die Tafel erhalten: s. PürtwAngler in Atherisctien Mitteil. VI 



Inschriften. Schreiben im Diptychon. 201 

Pries des Erechtheions kam, wie uns die Inschrift C. I. A. I 34 angibt, auch 
ein schreibender Jüngling vor; daß dieser auf einer Rolle schrieb, ist sehr 
zu bezweifeln. Auf einer Tafel schreibt auch Athena (auf dem Gefäß Mon. 
d. Inst. I Tfl. 26, 6; dazu Baumeister, Denkm. Nr. 1642); ebenso die junge 
Frau unter den Terrakotten im Athenischen Museum Schrank 122 Nr. 5010; 
ebenso die bei Purtwanoler, Sammlung Sabouroff II Tfl. 86^); ebenso der 
Orakel nachschreibende Jüngling auf einer attischen Schale, Bullett. arch. 
Napol. VI (1857) Tfl. 4; Röscher, Myth. Lex. III S. 1178. 

Als Regel bei diesem Schreiben gilt, daß, während der eine Flügel 
der Doppeltafel beschrieben wird, der andere herunterhängt und so sich 
deutlich abhebt. Das gilt von sämtlichen mitgeteilten Beispielen; nicht 
anders macht es der Knabe auf dem Knabensarkophag des Kandelaber- 
saals im Vatikan, der links neben der Mittelfigur mit dem spitzen Griffel 
bohrend schreibt. Nur steht dieser Knabe, während man sonst sitzt und 
die eine der Tafeln auf dem Schoß oder doch auf dem Unterarm liegt; 
vgl. noch Schreiber's Bilderatlas I Tfl. 90, woselbst in Fig. 4 u. 6 wiederum 
die unbenutzte Tafel des Diptychons herabhängt, während sie Fig. 1 hoch- 
steht, von der benutzten Schreibfläche aber gleichfalls sorglich gesondert 
wird.^ Noch deutlicher ist die Zweiteilung der Tafel auf dem pompeja- 
nischen Gemälde bei Baumeister, Denkm. Nr. 377. 

Der entwickelten Kunst großen Stils gehört die schreibende Kalliope 
im Musensaal des Vatikan an, Helbiq, Führer Nr. 280: daß Kalliope hier 
auf einem Diptychon schreibt, beruht auf Ergänzung; diese Ergänzung aber 
gilt als richtig^); denn ein Stück der Tafel, da, wo sie auf dem Gewände 
aufliegt, ist echt. Die Musen der Basis von Mantinea kannten dagegen nur 
die Rolle, nicht die Tafel. 

Die Tafel enthält immer nur das Brouillon. Auf ihr schreibt daher, 
wer meditiert und konzipiert. Die Rolle gibt dagegen allemal die fertige 
Reinschrift oder den deflnitiven unabänderlichen Wortlaut. Da man nun in 
Bildwerken lieber das Meditieren als das Herstellen von Reinschriften ab- 
bildete, so mag sich schon daraus erklären, daß so selten auf Charta ge- 
schrieben wird. Andererseits bedarf die Parze für ihren Schicksalsspruch 
wie die Muse, wenn sie dichtet, keiner Brouillons; die Muse ist begabt 



8. 174 ff. Auf Tfl. VI daselbst zeigt sich das im Text besprochene Schema: die beiden 
Tafeln sind deutlich unterschieden; die eine liegt auf dem Schoß auf, die andere 
hängt von ihm herab. 

1) Vgl. auch Winter, Terrakotten II 123, 6 u. 7; 403, 10. Martha, Tart 6trus- 
que S. 342. 

2) Vgl. auch noch Codex Rossanensis fol. 8b und vieles andere. Nicht schrei- 
bend der sitzende Knabe, Terrakotte in Marseille, Chat. Bor^ly Nr. 1128; er stützt 
seine r. Hand auf den Sitz, seine 1. Hand hält nur die obere Tafel des aufgeklappten 
Diptychons gefaßt; die untere steht auf seinem Knie. Beide Tafeln aber sind auch 
hier sorglich unterschieden. 3) So auch Amelunq. 



202 "'■ Das Schreiben. 

genug sogleich den definitiven Text zu geben; sie kann also um so mehr 
der Tafel entraten. Götter haben mit Palimpsesten nichts zu tun. Daß auch 
die Muse in ein Bibiion, ein Rollenbuch, schreibt, wird einmal von Galen 
angesetzt Bd. XIX S. 50 K.; und Posidipp fordert die Musen auf zu schreiben: 
cuvaeicoTt . . . Tpaipdf^evai bcXiouc ^v xp>*C€aic ctXiciv'), also Schriftkolumnen 
auf vergoldeten Papierblattem. Vor allem aber die Parze: durch die Rolle 
wird bei ihr zum Ausdruck gebracht, daß der Text des Schicksals „un- 
abänderlich" feststeht. 

Voran stehe hier das Musenrelief im Besitz des Marchese Chigi, be- 
sprochen von E. Peterseh in d. Rom. Mitteilungen VKI S. 65, dazu Tfl. Ill: 



Hier schreibt eine der Musen, im Profil nach links, und zwar stehend; s. Abb. 137. 
Der Gegenstand, auf dem sie schreibt, hat die Form eines länglich schmalen Recht- 
ecks oder Zylinders und kommt dem Äußeren einer geschlossenen Rolle gleich. 
Pbtbrsen erblickt darin eine Tafel, die aber, falls offen, nicht so aussehen kann, da vom 
Diptychon, wie ich ausgefflhrt, die eine der Tafeln beim Schreiben herabzuhängen 
pflegt; Reinach, Oazelle archäol. 1887 S. 135 verglich die vorlesende Muse Klio (?) 
auf der Homerapotheose des Archelaos, die in ähnlicher Weise eine Rolle halte (?); 
nach Smith, Catalogue III S. 248 würden es freilich Tafeln sein, die diese hall. Ich 
erkenne auf der Apotheose nach einem GypsabguO mit Bestimmtheit eine offne 
Doppcltafel, auf dem Chigischen Relief eine offne oder auch eine geschlossene Rolle. 
Im ersteren Fall hat die Verkürzung veranlaßt, daß wir nur das I. Konvolut gewahren, 
nicht aber die Schreibflache selbst sehen, die, von ihm abgerollt, der schreibenden 
Hand als Grundlage dient. Das Schreiben auf geschlossenen Buchzylindern aber 
zeigen zweifellos die ägyptischen Denkmäler (s. oben S. 12 f.). Auch die Muse 
konnte es so machen. Alsdann ist sie mit ihrem Werk zu Ende und fügt an der 



1) DIELS, Silz.-Ber. Berl. Ak. 1898, S. 851; vgl. oben S. 155 Anm. 2. 



Im offnen Buch. 



203 



Außenseite noch den Titel hinzu. Denn in dieser Weise wurden in der Tat in 
der alteren Zeit die Titel angebracht; s. unten S. 237. Übrigens fehlt der Calamus. 

Eine Parze mit offner Rolle vom Hateriermonument haben wir S. 192 
kennen gelernt; eine zweite daselbst schreibt stehend; unsre Abb. 138. 

Das Relief ist sehr klein; doch sieht man zweifellos eine großenteils geschlossene 
Rolle, die auf ihrem 1. Unterarm in der Weise ruht, daß das Konvolut selbst am 
Körper anliegt, davon ein Blatt abgewickelt in der Hand liegt Auf der offnen 
Schlußseite des Volumen will die Parze mit dem Calamus schreiben, den sie in der 
R. hau. Jene Schlußseite aber bedeutet wieder den Schluß des Lebens. Scribitur 
omnis hora, sagt Martial; jede Stunde, endlich auch die letzte, wird eingetragen.^) 

Wie diese Parze, so sind auch zwei oder drei weitere Buchschreiber, 
die ich anzuführen habe, von winziger Große und verstecken sich als Bei- 
werk an größeren Monumenten, als fürchteten 
sie, das Interesse konnte sich auf sie konzen- 
trieren. Es handelt sich nunmehr um gewöhnliche 

Sterbliche. 

Der schon öfter zitierte Deckelrand des Berliner 
Musensarkophags Nr. 844 gibt im Reliefstreifen 
rechts und links von der Inschriftplatte, die die Mitte 
bildet, acht literarische Szenen (vgl. oben S. 65; 
81; 111; 130). Schon S. 174 erkannten wir auf ihm 
eine Schreibszene, in der aber die Muse dem 
Schreiber das Buch im Motiv VII vorhält. Anders 
die folgenden. Die erste Szene links neben der In- 
schrift ist dreifigurig. Ein Jüngling sitzt im Profil 
nach rechts; zwei Musen umgeben ihn zur R. und 
zur L. Er hebt das 1. Knie höher als das rechte; 
auf diesem Knie aber liegt ein offnes, ziemlich lang 
ausgestrecktes Rollenband, das nicht in eine Rollung 
endigt. Seine r. Hand schreibt, ohne Calamus, am 
untern Rande der Blattflache. Seine 1. Hand ist nicht 

sichtbar; es ist anzunehmen, daß sie hinter dem 1. Knie das andere Rollenende, 
resp. das Konvolut hält, von dem die sichtbare Blattf lache der Charta abgerollt 
ist. Hier erscheint also endlich ein ausgespanntes Rouleau auf den Knien eines 
Schreibers! So in der Tat muß man die Texte in die Rollen eingetragen haben! 
Was da auf dem Schoß liegt, isl zum mindesten ein scapus zu zehn bis zwanzig 
Seiten. Die eine der Musen sitzt untatig dabei, die andere dagegen steht hinter 
dem Schreiber, und ihre überschnittene unsichtbare L. hilft vielleicht das Buch mit 
halten. Auf einer Erhöhung aber endlich liegt eine komische Maske und zeigt an, 
daß es sich um ein Drama menandrischen Stils handelt. 

Und derselbe wertvolle Reliefstreifen illustriert uns noch einmal denselben 
Hergang. Rechts von der erwähnten Inschrifttafel hangen wieder zwei Szenen 
naher zusammen. Zuerst ein einsamer bartiger Mann, sitzend, auf einem Sessel 
mit hoher rundlich geschwungener Lehne; er halt im Schoß eine Rolle, Motiv VII, 
aber fächerförmig, hebt die R. meditierend zum Gesicht und ist im Begriff eine Tragödie 
zu ersinnen; dies zeigt eine tragische Maske an, die auf einer Erhöhung vor ihm 
(in Wirklichkeit: neben ihm) steht. Rechts daneben gibt uns nun eine zweite Szene den 
Schreibenden. Man sieht zwei Männer beisammen. Zunächst ein alterer, der im 
Profil nach rechts steht, die r. Hand in die Seite stemmt, den 1. Fuß auf einen 




Abb. 138: Lateran. 



1) Vgl. oben S. 70. Daß die Parze sonst auch auf der Tafel schreibt, ist 
ebendort belegt. 



204 'II' D^s Schreiben. 

Schemel hoch stellt (vg-I. hierfür unsre Abb. 49) und in der 1. Hand eine Rolle im 
Motiv VII in Schulterhohe hält (in Schulterhohe wird das Buch z. B. auch auf unsrer 
Abb. 114 gehalten). Er liest also nicht, aber er hat eben gelesen und will gleich 
wieder lesen: eine nur für den Moment unterbrochene Lektüre. Ihm gegenüber 
sitzt, im Profil nach links, ein größerer bärtiger Mann vorgebeugt auf einem Stuhl 
mit geschwungener Lehne. Sein 1. Bein ist vorgestreckt, sein r. Knie dagegen 
hoch erhoben, und auf dem r. Knie liegt ein offner Papierstreifen. Die 1. Hand 
erfaßt oder hält den Anfangsteil des Papiers, während die R. in steiler Haltung-, 
schreibt; der Calamus steht senkrecht auf der Fläche (die Abbildung in der „Be- 
schreibung*' täuscht hier). *) Am wahrscheinlichsten ist die Szene so zu deuten, 
daß der stehende Mann diktiert (das Diktieren ist eben eine immer wieder unter- 
brochene Lektüre), der Sitzende nachschreibt. An der Wand über diesen beiden 
scheint übrigens noch ein Rollenbündel zu hängen. 

Wer somit sitzend auf Charta schreibt, hebt zur Stütze gern eins der 
Knie. 

Höchst unscheinbar und leider auch sehr schlecht erhalten ein Sarko- 
phagfragment im Vatikan, Giard. d. Pigna Nr. 166 (Amelung Tfl. 108): 

Ein ausgespannter Teppich im Hintergrund; also ein geschlossener Raum; 
davor drei Personen. In der Mitte sitzt auf einem Klappstuhl ein bärtiger Mann, 
stark vorgebeugt; er schreibt; keins seiner Knie aber ist besonders hoch erhoben; 
vielmehr hält die 1. Hand die Beschreibfläche, ein etwas gewölbtes Blatt, ohne 
Unterlage in Brusthöhe, indem der 1. Oberarm vom Körper absteht und annähernd 
in Schulterhöhe erhoben ist. Der r. Oberarm liegt dagegen eng am Körper, der 
r. Unterarm steht horizontal, die r. Hand endlich hebt sich mit dem Calamus steil 
empor, ganz ähnlich wie auf dem Berliner Bildwerk, und dieser Calamus ruht nun 
schreit)end just auf dem unteren Ende des Blattes. Wir haben den Eindruck, daß 
dieser Schreiber kurzsichtig ist; sonst würde er das Papier auf den Schoß legen. 
Dies Blatt selbst aber ist wiederum breiter als hoch, dazu etwas aufgewölbt und ver- 
rät sich dadurch als Teil einer Rolle. Man muß annehmen, daß die 1. Hand das 
Konvolut, das eigentliche Buch hält; das ist aber nicht mit dargestellt. Man sieht 
nur das abgerollte letzte Blatt dieses Buchs; und der Schreiber ist gerade am Ende 
dieses letzten Blattes angelangt. Auch hier ist die Symbolik unverkennbar! Dazu 
nun noch weitere Personen; links steht eine Frau, rechts liegt ein älterer Mann 
auf dem Lectus; dieser stützt sich auf den 1. Ellenbogen und hielt mit der hängen- 
den L. und vielleicht einst auch mit der R. eine Rolle. (Letzteres nach Petersen.) 

Das wichtigste Monument und eigentlich das einzige, das vollständig 
deutlich ist, ist unsre Abb. 139, ein Relief bruchstück von einem Sarko- 
phagdeckel, das im Albergo Costanzi zu Rom sich befinden soll und von 
Matz-Duhn Nr. 3121 beschrieben wird: 

„In der Mitte steht auf einem Sockel (!) ein Schriftbündel, r. eine Lyra. 
Links sitzt am Boden ein bärtiger Mann . . ., in der L. eine halbgeöffnete Rolle, in 
der R. einen Griffel (sie). R. sitzt ebenso nach links ein ähnlicher Mann ... in der 
auf dem Knie ruhenden R. einen langen Stab; er blickt sich um. Sehr oberfläch- 
liche Arbeit." Ich habe das Original nicht gesehen und verlangte sehr danach es 
heranziehen zu können, als mir W. Amelunq unvermutet aus Rom eine Photographie, 
die hier in unserer Abbildung wiedergegeben ist, zusandte. Es leidet für mich 
keinen Zweifel, daß darin das von DuHN beschriebene Stück selbst vor uns steht. 
Um so dankbarer habe ich die Sendung entgegen genommen. 



1) Daß der Mann auf einer Tafel schreibe, behauptete GERHARD, Arch. Zeitung 
1843 (Tfl. 6) S. 120 ff. Doch sieht er auch sonst Rollen für Tafeln an. 



Im offnen Buch. 205 

Ursprflnglich war dies ein längerer Bildstreifen mit etlichen literarisctien 
Szenen nach Art des eben besprochenen Berliner Frieses, und wir können 
deshalb von der rechts lagernden Nebenfigur, da sie ihren Blick auf eine 
jetzt fehlende andere Rgur richtet, ab- 
sehen. Der Schreibende ist einsam. Die 
Truhe, die vor ihm steht, kann auf ihn 
bezogen werden. Sie ist gegen die Ge- 
wohnheit breit Denn sowohl Rollen 
wie Leier, die auf ihr stehen, werden 
darin aulbewahrt.') Der Schreibende 
ist also wohl melischer Dichter.^ Der 
Mann sitzt auf der Erde und hat das 
1. Knie höher erhoben, um darauf den 
unteren Teil der Blattmasse aufzustützen. 
Beschrieben wird hier wiederum nicht 
ein Einzelblatt, sondern eine fertige 
Rolle (eine augenfällige Bestätigung des 

Satzes, daß man auch in fertige teere ^ 

Rollen schrieb), und zwar zeigt sie das ^ 

uns bekannte Schema des Motivs Vll. J 

Die L halt beide Konvolute, die R. | 

schreibt auf der offenstehenden Innen- 
seite des Buches. Es ist klar, daß die S 
Blattflache hier zu steil abfallend dar- ^ 
gestellt ist; in Wirklichkeit wirkt das 
Knie mit, um sie annähernd wagerechl 
zu richten. Man beachte ferner, wie 
steil die Hand steht, die den Calamus 
umfaßt. Wir pflegen den Federhalter 
nach Art des Motivs III zu halten; der 
antike Schreiber tut es, wie hier deut- 
lich wird, nach Art des Greifmotivs I. 
Der Calamus selbst endlich aber ist 
spitz wie ein Stilus. Daraus lernen wir, 
daß auf Marmorwerken der Calamus vom 
Stilus sich nicht unterscheiden läßt, es 
sei denn dadurch, daß er an seinem 
oberen Ende sich nicht verbreitert, 

1) Die Höhe slimmt freilich nicht ganz; die Ungenauiglteil ist verzeihlich. 
Siehe unten Ober auf Capsae siehende Rollenbündel. 

2) Also ein |j€\oTpüipoc wie jener Entychides, der mil 12Kitharai und 25 Schach- 
teln voll Gesängen zur tlnterwell fahrt, Anthol. Pal. XI 133; Buchwesen S. 420. 



206 •"■ Das Schreiben. 

Verwandt hiermit ist der schreibende JQngling auf der von Jahn in 
Abhandl. sSchs. GW. Xll Tfl. 5, 7 abgebildeten Gemme. Auch hier das 
I. Knie höher erhoben; der I. Arm ist durch die Blattmasse {vielleicht eine 
Rolle, von der man nur den abgerollten Teil sieht) ganz verdeckt. Auch 
die r. Hand ähnelt der des vorigen Bildwerks.') 

So weil das Schreiben auf Rollen. In anderen Fällen begnügt man 
sich auf Einzelblatter zu schreiben. Hierfür möchte ich zuerst eine der 
epichorischen Malereien Pompeji's zitieren, Helbiü Nr. 1494, Pitture d' R III 
S. 213. Auf Öffentlichem Platz, den eine Reiterstatue andeutet, sitzt ein 
Mann auf einem wOrfetfOrmigen Sitz, ein 
/^ ^^ breites Blatt (es ist mehr breit als hoch 

und keinesfalls ein Diptychon) auf dem 
Schöße, auf das er mit der r. Hand den 
Calamus setzt. Die 1. Hand ruht stützend 
unter der Blattfläche, das r. Oberbein ist 
etwas erhoben. Er blickt auf. Daß er 
indes die Statue abzeichne^), ist ganz un- 
wahrscheinlich 0; sein Blick richtet sich 
vielmehr auf eine andere Person, die hin- 
ter der Statue im Gesprach sich zu ihm 
neigt. Daß jemand auf öffentlichem Platz 
schreibt, ist nichts Außerordentliches; man 
denke nur an den Eumolpus bei Petron. 
Das Blatt kann hier nun eine Membrane, 
es kann ein Stück Charta sein. 

Daß ein sitzend Schreibender die Knie 
als Unterlage nicht benutzt, erklart sich 
Abb. ijo^ Pisa. aus Kurzsichtigkeit. Wer stehend schreibt, 

muß auf solche Hilfe auch sonst ver- 
zichten. Die folgenden zwei Standfiguren kommen daher dem Beispiel aus 
dem Giardino della Pigna darin gleich, daß auch sie das Blatt auf der 
Handflache halten: 

Der Musensarkopha^ des Campo Santo in Pisa (DOtschke I 61) zeigt auf der 
Vorderseile vier stehende Musen zwischen Säulen und unter Apsiden in Muschel- 
form. Die erste links, unsre Abb. 140, schreibt, den Calamus — schwerlich Stilus - 
der dicken Blattlage nähernd, die sie etwas tiefer als in Brusthöhe flach auf der 
L. halt. Vier Finger fassen die Blallmasse an der Außenseite. Daß dies eine Tafel, 
ist durcti nichts angedeutet; nichts vom Rahmen; nichts von der regelmaflig 
eckigen kastenarligen Form des Diptychons; nichts vom Herabhängen der zweiten 



1) Ob der Jüngling schreit)! oder zeichnet, ist für die Hallung ohne Belang. 

2) Dies nahm i. B. O. JAHN an, Atthandl. sächs. GW. Xll S. 296. 

3) Denn auch sonst erscheinen auf den verwandten Bildern (HELBIO Nr. 1489 
—1500) vielfach Reiterstatuen; aber sie haben niemals auf die Handlung Bezug. 



Auf Blattern. 207 

Tafel (s. otien S. 201). Da überdies die längere Dimension der Flache quer lie^ 
mOchle ich glauben, daß es sich um ein Cliartablatt handelt, vielleichl auf irg'cnd 
einer Unterlage. 

Noch sicherer scheint mir dies für das Relieffragment anzunehmen, das ich 
in den Katakomben S. Callisto, nicht weit von der Capeila dei Sagramenti sah, 
unsere Abb. 141: auch dies ein stehend Schreibender, 
leider in unbeholfener Ausführung. Die Schreibflache ist 
hier halb so hoch wie breit, also sicher kein Diptychon; 
sie liegt hoch auf dem I. Oberarm auf, während die 
1. Hand sie am oberen Ende faßt, und fallt schräg nach 
rechts ab. Der enorm grofle Calamus beschreibt den 
oberen Teil des Blattes und ruht auf der ersten Zeile. 

Im Turiner Museum, tötn. Abteilung, fand ich einen 
Cippus ohne Nummer mit der Inschrift: L. Caninio P. f. 
Volenti procurotori Uli pubUcor. Africae usf.; siehe 
C. I. L. V 7M7: darüber im Halbrund das Brustbild eines 
Tc^alus, dessen Kopf weggebrochen; s. Abb. 142.') Auch 
er schreibt stehend, und zwar so, daß die I. Hand allein 
das Blatt lose am I. Rand halt, das also frei in der Luft 
steht, die R. den Calamus auf das Blatt Setzt. Dies Blatt 
hat Quertormal und ist wiederum keinesfalls ein Diptychon. 

Das Unglück will, daß ein anderes Reliefstück, das ^i*^- ''"• 

vielleicht noch in Betracht käme, arg zerstört ist, Mus. 

Chiaramonti Nr. 248 (Tfl. 50 oben) : ein Dichter unter Musen. Rechts am Ende sitzt 
eine Muse, nach links gewendet; ob sie in der R. ein Diptychon oder eine Blatt- 
flache halt, ist nicht zu unterscheiden; der Calamus oder Stllus in ihrer R. isl 
weggebrochen; die Schreiberin hielt ihn erhoben, und man sieht, daß er sich 
oben verbreiterte; dies spricht für einen Stilus. 

Unter den vier Reliefbildem am Con- 
stantinsbogen in Rom, die die Geldverteilungen 
darstellen und von denen jedes vier beim 
Rechnen und Zahlen beschätligle Manner ver- 
einigt, zeigt eins auch einen sitzend Schreiben- 
den; er schreibt indes auf einer Tafel, deren 
einer Flügel flach im Schoß aufliegt, wahrend 
der andere hoc h steh t.*) 

Hier muß ich das Kapitel vom Schreiben 
abbrechen und die Karglichkeit der Über- 
lieferung beklagen.^ Ein Freskobild ist mir 
zwar noch bekannt geworden, das unsere 
Achtsamkeit fesseln müßte. Es befindet sich Abb. 1J2: Turin. 

in den Katakomben der Villa Massimo und 

ist wiedergegeben bei Wilpert Tf. 183. Aber das Detail ist derartig beschaffen, 
daß man bedauernd sagen muß: die Wiedergabe kann nicht richtig sein. Dies 




1) Ich bemerke, daß die Gestalt der Hände hier ungenau wiedergegeben ist; 
für die Form des Blattes, die Art, wie es gehalten wird und wie der Calamus aul- 
gesetzt ist, kann ich bürgen. 

2) Abbildung z, B. bei Weis- Liebe HS DORF, Christus- und Apostelbilder Fig. 32; 
P holojrraphie Anderson 2545. 

3) Manches mag mir entgangen sein. Von dem römischen Relief, das 0. Jahn, 
Abhandl. sachs. GW. XII S. 292 beschreibt, habe ich keine Abbildung gesehen. 
Jahn schreibt: Ein baniger Mann im Pallium jLehrer) auf einem hohen Lehnsessel; 
rechts sieht ein Knabe aus einer Rolle lesend, links sitzt ein [wohl auf einer Tafel?) 
schreibender Knabe, zu seinen Füßen liegt eine aufgeschlagene Rolle." 



208 III. Das Schreiben. 

betrifft die Hauptsache, den Beschreibstoff. Ein stehend Schreibender, Ähnlich 
den beiden letzten meiner Abbildungen aufgestellt, hält auch hier in der R. den 
großen Calamus, als wollte er zum Schreiben ansetzen. Seine L. sieht man nicht; 
denn sie ist von dem Buch, das sie hftlt, vollständig verdeckt Statt des Buches 
sieht man nun aber zwei große rechteckige Blatter, von denen eins schräg unter 
dem andern hängt Diese Blätter können aber nicht etwa ein zusammenhängendes 
Doppelblatt bedeuten, das der Heftform eines Codex entspräche; denn das untere 
steht, wie gesagt, in ganz anderer Richtung. ') Man könnte also immerhin vermuten, 
daß hier in Wirklichkeit ein hängendes Rollenblatt vorlag. Doch ist mit dem Ver- 
muten nichts gewonnen.*) 

Daß endlich die Statue einer stehend schreibenden Frau bei Rbinach, Rupert. 
II 307, 5 (aus Caylus VI 75, 5) falsch ergänzt ist, liegt auf der Hand. Sie hält den 
Stift in der Linken, das aufgerollte Blatt in der Rechten und will also mit der 
Linken schreiben! 

Etwas anderes ist die Buchschrift, die auf Kolumnen verteilt wird, 
etwas anderes die Diplomschrift Um ein Diplom zu schreiben, dessen 
Zeilen die ganze Länge der Rolle entlang laufen, war es natürlich nötig, 
diese weit aufzurollen. Dies zeigen uns Elfenbeindiplome, wie das des 
Probianus (Schreiber, Bilderatlas I Tfl. 91, 1; oben S. 120 f.). Wie ein langes 
Band schweift sich hier also die Rolle aufgelöst tkber das r. Knie des 
schreibenden Probianus hin. Auf ihr steht in großen Lettern sein eigner 
Name zu lesen. In Wirklichkeit aber ist er im Begriff als Richter sein 
Urteil aufzusetzen; rechts und links stehen noch Kanzlisten, die dasselbe 
Urteil in kleine Codices eintragen: eine Szene, die in ihrer Anordnung 
lebhaft an den Sarkophag des Gorgonius in Ancona (Garrucci Tfl 326, 
Giebelfeld) erinnert. 

Diesem Bilde kommt der schreibende Evangelist Marcus im Codex Rossanensis 
fol. 121a sehr nahe. Marcus sitzt in einem großen Armsessel oder Thronos und 
schreibt auf einen langgezogenen Diplomstreifen, der in keine Rollungen ausläuft 
und über seinen Knien zu schweben scheint Seine 1. Hand liegt als Stütze unter 
dem Blatt. Ein Tintenfaß steht auf einem nicht sichtbaren Gestell neben ihm. Was 
er auf den Streifen schreibt, ist nun lediglich in groljer Langzeile der Titel seines 
Werks. Es ist also wieder Diplomschrift, nicht Buchschrift, was da vor- 
geführt wird. 

Noch weiter aber entfernen sich mittelalterliche Darstellungen vom Tatsäch- 
lichen, und wir können aus ihnen über die Art, wie Buchschrift in Rollen ein- 
getragen wurde, nichts hinzulernen. Die Bilderhandschrift des Terenz in Leiden, 
cod. Vossianus M, gibt auf fol. Iv eine solche Darstellung, unsre Abb. 186: ein 
Schreibpult, bestehend aus einer antiken Säule, darauf ein Aufsatz mit schräg an- 
steigendem Pultbrett; über dies Pultbrett ist genialisch eine große offne Rolle 
geworfen; vorn bauscht sie sich wie ein Segel, hinten hängt ihr Ende vom Pult 
noch ziemlich tief herab und zieht sich dort dann noch zu einem engen Konvolut 
zusammen; der Schreiber aber beschreibt ihre Außenseite, nicht ihre Innenseite.^ 
Eine offne Rolle auf einem Schreibpult auch bei Beissel, Handschrift des Kaisers 
Otto zu Aachen Tfl. IV. Man hüte sich, dies für antik zu halten. 



1) Auf dem einen steht RORMITJO, auf dem anderen SILVESTRE^ richtiger 
SILVESTRI. 

2) Kopie im Mus. des Lateran, Ficker Nr. 174 c und LVl. 

3) Siehe Bethe, Terentius, cod. Ambrosianus, pg. XLVIII. 



Diplomschrift in Rollen. 209 

Im Altertum schrieb man nicht auf Pulten. Sollte auf einem Einxel- 
blatt geschrieben werden, so konnte man dabei stehend verharren, und 
eine Unteriage war nicht notwendig. Trug man die Buchschrift in voll- 
ständige Rollen oder Scapi ein, so setzte man sich und nahm das Knie 
zur Hilfe, um der Blattfläche Sttktze und Richtung zu geben. Dies lehrten 
uns unsere dorftigen Zusammenstellungen. Statuarisch aber ist dies Thema 
meines Wissens nie behandelt worden.^) 



1) Wo schreibende Musen als Statuen erscheinen, wird man Tafeln, nicht 
Papyrus in ihren Händen voraussetzen. 



Birt, Die Buchrolle in der Kunsl. 14 



IV. Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 



Unsere Aufgabe war, dem antiken Menschen in seinem Verhältnis zum 
Buche nachzugehen. Doch liegt es nahe, auch über das Buch selbst, so- 
weit die Monumente helfen, einige Anmerkungen hinzuzufügen. 

1. Zunächst das Entstehen eines eigentlichen Buchwesens bei den 
Griechen. 

Blicken wjr zurück, so ergeben die vorgeführten Monumente eine Be- 
nutzung der ägyptischen Chartarolle bei den Griechen und Etruskern vom 
Anfang des 5. Jahrh. der vorchristlichen Zeitrechnung an: siehe die Vasen 

5. 46; 119; 138; 142ff.; 147; 148; die Sarkophage S. 81; 84 f.; 156; 
Aschenkisten S. 80; 92; HO; die Grabstele S. 157; die Terrakotte S. 139. 
Vielleicht führt die kyprische Terrakotte Abb. 91 sogar noch bis ins 

6. Jahrh. hinauf. Der Anfang des 5. Jahrh. war eben die Zeit, als Pigres 
sein Gedichtbuch als beXxoi, d. h. auf Schriftspalten verteilt, auf den Knien 
hat (S. 155); denn beXroi bedeutet ursprünglich nur Schriftkolumnen, einerlei 
auf welchem Schreibmaterial. Es ist die Zeit, wo Aschylus im alier- 
ältesten seiner Dramen nicht nur Kenntnis des Papyrusschilfes zeigt und bei 
seinen Hörern voraussetzt (Hiket. v. 769), sondern auch von den ßißXoi 
als Beschretbstoff redet, die er als ägyptischer Herkunft mit den einheimi- 
schen Diptycha kontrastiert.") Das ganze Buchwesen der Griechen war seit- 
dem Import und blieb es, bis Ägypten selbst griechisch wurde. Die Ent- 
wicklung der griechischen Literatur ist ohne dieses ausländische Buch kaum 
vorstellbar. 

Einen Kaufmannsstand gab es nicht in Ägypten^) und das Land fabri- 
zierte also ursprünglich lediglich für den eigenen Bedarf und dachte nicht 
an Exportieren. Da tat König Psammetich, der 663-610 abgesetzt wird. 



1) Vgl. S. 155 Anm. 2. b^Xxoi sind „Türen" und dieser Terminus betrifft nur die 
Anordnung der Schrift in „Spalten", bezeichnet aber keinen bestimmten Beschreib- 
stoff; s. Zentralblatt f. BW. XVII S. 548 ff. Daß, „Türen" nichts weiter als Schrift- 
kolumnen bedeuten, kann man insbesondere aus Blau a. a. O. S. 116 entnehmen. 
Aber auch bei den Ägyptern hießen dementsprechend die Kapitel im Buch re, d.h. 
Mund, Pforte; s. R. Lepsius, Das Totenbuch der Ägypter (1842) S. 6. Bei Josephus 
Contra Ap. I 73 liest Niese b^Xroi für Papyrusrollen nach ansprechender Konjektur. 

2) Oben S. 111; Zentralblatt f. BW. XVII S. 550. 3) Erman, Ägypten S. 654. 



1: Entstehen des Buchwesens bei den Griechen. 211 

Ägypten für den jonischen Handel auf. Die Nachfrage des Auslands 
mußte sich bald regen, die Rolle kam in griechische Hände, und so be- 
ginnt denn auch die griechische Prosaliteratur, die ein geordnetes Buch- 
wesen und das Lesen voraussetzt, nun in der Mitte des 6. Jahrh., mit 
Kadmos von Milet und Pherekydes von Syros. Daß grade die jonische 
Handelsstadt Milet den ersten Logographen und Prosaautor bringt, wundert 
uns nicht. Von Thaies, aus dem Anfang des 6. Jahrh., gab es noch keinen 
literarischen Nachlaß. Sein Nachfolger, Anaximander, ist wieder, wie er 
selbst, Milesier und ist nun der erste unter den Philosophen, der ein Buch 
schreibt; Anaximenes von Milet der zweite. In Soditalien dauerte die 
Zurückhaltung noch etwas länger. Pythagoras gründete bald nach 530 in 
Kroton seinen Tugendbund; doch weder er noch die nächste Generation 
seiner Schüler schrieb etwas auf. 

Es handelt sich hier nicht um die Kenntnis der Schrift. Die mag bei 
den Griechen sehr viel früher eingedrungen sein. Solange sie aber nur auf 
Stein und Erz, auf Holztafeln und Tierfellen stand, nützte sie der Bereiche- 
rung und der Steigerung der literarischen Erfindung und ihrer Formen 
wenig, die erst da eintritt, wo die Lektüre anhebt und sich wirkliche Leser 
finden. Das Gedächnis der AOden und Rhapsoden war nOtig, um den um- 
fangreichen homerischen Text zu gestalten und zu überlief ern ; eine erste 
buchmäßige Sammlung dieses Textes setzt die Hypothese des Altertums 
dagegen mit Grund nicht früher als in die zweite Hälfte des 6. Jahrh., weil 
es erst da literaturgemäße Bücher gab. So ist es auch schwerlich Zufall, 
daß, bevor das Papyrusbuch bei den Griechen zur Herrschaft kommt, sich 
ihre lyrische Poesie durchweg kürzerer Gedichtformen bedient, die sich 
dem Gedächtnis leichter einprägten und die, falls man sie aufheben wollte, 
im Archiv eines Heiligtums auf einer oder auf zwei weißgetünchten Holz- 
tafeln bequem Platz fanden. Vom Homerhymnus auf den delischen Apoll 
heißt es, daß er auf einem solchen XeÜKujjua im Artemistempel aufbewahrt 
wurde ^), und das entspricht den Verhältnissen, wie wir sie voraussetzen 
müssen, durchaus. Man vergleiche damit, daß der Tempel zu Delphi im 
5. Jahrh. geheimnisvolle Schriften und alte Weissagungen , gewiß in poeti- 
scher Form, auf beXioi aufbewahrte^), sowie den Hesiod auf Blei, der auf 



1) Freilich hält A. LUDWiCH es nicht für undenkbar, daß Ilias und Odyssee 
schriftlich abgefaßt wurden: Berl. phil. Wochenschr. 1903 S. 1316 ff. Ein Autor wie 
Victor BfiRARD, Les Ph6niciens et l'0dyss6e 11 (1903) S. 543 ff. behandelt Homer 
natürlich gänzlich als Schriftsteller. Damit kehrt man zu der Auffassung der Sibyl- 
linen HI 425 zurück^ wonach Homer der erste war, der in ßißXoi schrieb. 

2) Agon S. 326Göttl.- 

3) Piutarch Lysander 26. Die ganze Geschichte bei Plutarch von den Orakel- 
sprüchen, die ein neues Königtum verkünden werden, die aber nur ein Gottessohn 
lesen darf, der erst heranwachsen soll, ist übrigens nur Replik eines ägyptischen 
märchenhaften Stoffes vom König Chufu, den Erman, Ägypten II S. 498 ff. mitteilt. 

14* 



212 IV. Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung-. 

dem Helikon gehütet wurde'), oder den Pindarischen Hymnus im Tempel 
zu Theben.^) So sind noch des Isyllos Gedichte im 3. Jahrh. v. Chr. im 
Asklepieion von Epidauros in Stein aufgestellt worden, und ebenso haben 
sich im delphischen Schatzhaus der Athener die zwei Päane auf Apoll, die 
um das Jahr 100 v. Chr. entstanden zu sein scheinen, in Stein gehauen 
gefunden. Nicht anders muß es anfänglich mit Alkman's Gedichten ge- 
halten worden sein und man kann sie erst später in Bacher zusammen- 
gestellt haben. Noch Phokylides hielt im 6. Jahrh. für nOtig, zu jedem 
seiner kurzen Spruchgedichte seinen Namen hinzuzusetzen (koi xöbe Oujku- 
Xibeu)), um sein Autorrecht zu wahren, eine Wiederholung, die innerhalb 
der Papyrusrolle zwecklos war, zweckmäßig dagegen, wenn die Sachen ge- 
trennt auf Pinakes umgingen. Erst nach Alkman vergrößerte sich die 
lyrische Gedichtform. Aber während in Korinth Arion's Dithyramben noch 
verschollen sind, als hätte kein Buch sie je enthalten, beginnt im 6. Jahrh. 
und im Westen der Sicilier Stesichoros, der über achtzigjährig im J. 555 (?) 
gestorben sein soll, seine Texte als reiche Stoff gewebe kunstvoll auszu- 
weiten in langen Dichtungen, die mit dem Epos wetteiferten und in drama- 
tischem Ausbau sich der Tragödie näherten. Daß Stesichoros nur als be- 
tagter Mann, d. h. erst in der zweiten Hälfte seines Lebens, die erst dem 
6. Jahrh. angehört, gedichtet hat, verrät uns sein Bildnis; dasselbe Bildnis 
gibt ihm die Papyrusrolle mit Recht in die Hand (oben S. 186 f.; vgl. S. 143). 
Denn dies Buch war die Bedingung seiner großen Leistungen. Dieselbe 
Rolle hat dann auch erst die freie Entwicklung der Tragödie in Athen 
möglich gemacht. Von den vielen Vorarbeitern des Aschylus in der 
Tragödie und im Dithyramb hatten sich eben die meisten dieses Buches 
noch nicht bedient. 

So begegnet uns denn im 5. Jahrh. auch schon der Buchverkauf in 
Athen und der bibliopoles so gut wie der bihliographos.^ Buchverviel- 
fältigung aber zum Zweck des Verkaufs bedeutet so viel wie Edition. 
Dieser Betrieb war eine Erfindung der Griechen; denn der Ägypter wußte 
nichts davon. Aristophanes sagt uns, daß jeder Athener doch einmal ein 
Buch (ßußXiov) in die Hand nimmt, das zu seiner Erziehung beiträgt 
(Frösche 1114); ja, die Bürger lassen sich auf die Bücher nieder wie die 
Vögel auf die Saat (Vögel 1288). Selbst auf dem Schiffsdeck liest einer 



1) Pausanias IX 31, 4. 

2) Pausanias IX 16, 1. Weitere Zeugnisse geben v. Wilamowitz in Abhandl. Qöt- 
tinger GW. IV Nr. 3 (1900) S. 38; F. Jacoby, Rhein. Mus. 59 S. 98. Dafür, daß man 
in ältester Zeit ähnliche Texte auch auf öi(p8^pai aufbewahrte, bringt R. WÜNSCH, 
Berl. phil. Wochenschr. 1901 S. 687 Belege. Doch beachtet er nicht die Äußerung 
Herodot's, der uns sagt, daß man in älterer Zeit per abusum das Wort öicpe^pai 
brauchte, wo ßußXoi gemeint waren. 

3) Buchwesen S. 433f. Hiermit ergänzt sich das oben S. 50 Gesagte; vgl. dazu 
A. RÖMER, Abhandl. Münchner Akad. d. W. 22 (1902) S. 45 f. 



1: Entstehen des Buchwesens; Selides in der Baukunst. 213 

des Euripides Andromeda (Frösche 52). Inzwischen zeigen auch Münzen 
von Syrakus die Papyrusrolle, und zwar ganz aufgerollt unter dem Are- 
thusakopf.^) 

Schon die Alten haben dartlber nachgedacht, wann wohl die ersten 
Editionen (^Kböceic) gemacht worden seien, und die Auskunft, die wir dar- 
über bei Clemens Alexandrinus Strom. 1 78 finden, setzt, wennschon die An- 
gaben selbst, die Clemens macht, ganz unzuverlässig sind, die Zeit gar 
nicht so unrichtig an: 6\\>e ttotc eic "EXXrivac i\ t6jv Xötuuv irapfiXGe bi- 
bacKaXia t€ Kai Tpaqpri. 'AXKjuaiujv toöv TTepiGou KpOTU)vidTTic TrpdiTOC 

qpuciKÖv XÖTOV cuvexaEev oi bk 'AvaEaxöpav irpuiTOV bid Tpotqpfic ^k- 

boOvai ßißXiov icTopouciv, und ebenda I 79: qpaci bfe Kai xouc Kaid bia- 
Tpißf]v XÖTOuc Kai TCi ^rjjopiKd ibiuiMara eupeiv Kai fiicBoö cuvTiTopncai 
irpÄTOV biKaviKÖv Xötov eic ^Kbociv TpctHid|Li€vov 'AvTiqpuivTa Cu)(piXou 
*Pa|Livoüciov, u)c qpTici Aiöbuipoc. Der hier als Bürge genannte Diodoros 
ist der Verfasser von Erklärungen und lexikalischen Sammlungen zu den 
zehn Rednern aus der Zeit Hadrian's. Sehen wir vom Alkmaeon ab, so hat 
das Zeitalter des Anaxagoras und Antiphon hiernach die ersten Editionen 
gesehen. 

Die Vorstellung des Rollenbuchs, das sich aus engem Kern aufwickelt 
und ins scheinbar Unendliche verbreitet, hat für die Phantasie etwas An- 
regendes, Fesselndes gehabt, und der echt orientalische Trieb zur Hyperbel 
bemächtigte sich ihrer. Für die jüdisch-christliche Apokalyptik ist der Himmel 
selbst wie ein aufgerolltes Buch, ausgespannt von Ost nach West, u. ä.^) 
Anderswo lesen wir von der Erde: sie wurde zusammengerollt wie ein Buch.'^) 
Daß die mehr maßvoll schlichte und deutliche Vorstellungsweise der Griechen 
von dem Umgang mit dem Buch gleichfalls früh beeinflußt war, verrät 
sich, wie ich glaube, im ionischen Kapitell (oben S. 135), aber auch in 
den Akten über den Bau der Tholos von Epidauros, denselben Akten, 
die auch dafür Zeugnis ablegen, daß man im Rechnungswesen dort Pa- 
pyrusrollen (xapxia) benutzt hat.*) Der Tholosbau war wie eine Buchrolle 
ein aufrechtstehender Zylinder; sein Souterrain windet sich in Spiralen; das 
gleicht wiederum den Windungen der geschlossenen Rolle. Dabei war er 



1) Tetradrachmon in Berlin: Sallet, Zeitschr. f. Numismatik II 1; BAUMEISTER, 
Denkm. Nr. 1142. 

2) Apokalypse 6, 14: xal ö oupavöc dTrexuipicOri (Jüc ßißXiov ciXiccö^evov nach 
Jesaias 34, 4, was dann weiter ausgesponnen wird in der apokryphen Johannes- 
apokalypse c. 3 (bei TisCHENDORP, Apocai. apocryphae): xal ci&ov ßißXfov Kciiiievov, 
ibc vo|bi{2Ieiv |i€, ^Trrd 6p^iuv tö ttöxoc auToö, tö bi ^f|Koc auxou voöc dv9pu)Trujv ou 
bOvarai xaxaXaßeiv, wo also Trdxoc und |uf|Koc gesondert geschätzt werden; ebenda 
c. 15: die Erde wird weiß und eben sein, ohne Berge, xal Tcvricexai iJüc xapTiov. 

3) Siehe die „Fragen des Bartholomäus" (Nachrichten der Gott. G.W. 1897 
S. 16) xal ^TuXixeri luc ßißXiov i] yr\; dazu BRINKMANN, Rhein. Mus. 54 S. 105. Die 
Erde schien also zylinderförmig, wie Anaximander sie sich dachte. 

4) Siehe oben S. 27. 



214 IV. Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

von einem runden Säulenumgang umgeben. Dieser Umgang zerfiel in 
52 einzelne Abteilungen, und diese Abteilungen heißen nun dort ceXbec.^) 
Betrachtet man die Abbildung bei Cavvadias a. a. 0. Tfl. IV, Fig. 2, so kann 
man sagen: solche Abteilung entsprach wirklich der selfs eines Buches. 
Die Säulenhalle konnte in der Tat an eine ausgespannte Rolle von 52 Seiten 
erinnern, deren Enden sich im Kreis berühren. Dio Cassius sagt 53, 27, 
daß das Pantheon in Rom, weil es Tholosform habe, dem Himmel gleiche. 
Aber auch das Buch glich dem Himmel, wie wir gesehen haben. So 
konnte endlich auch die Tholos dem Buche gleichen. 

Der Grieche war sich in jenen Zeiten bewußt, daß seine Buchrolle aus 
Ägypten stammte, und die griechische Rolle ist demnach mit der ägypti- 
schen Rolle vollständig identisch. Dies habe ich andernorts vor Zweifeln 
gesichert^) und füge nur hinzu, daß auch Aristophanes in den Fröschen 
V. 943 bei der Erwähnung von ßußXia zugleich an Bücher und an das 
Schilf denkt, aus dem sie hergestellt wurden.") In der Darstellung des 
Buches hat daher die griechische Kunst von den Ägyptern die zwei wich- 
tigsten Motive übernommen, das Greif motiv I (vgl. oben S. 12 und 45); 
denn der feste Griff der zusammengeballten Hand ist hier und dort der 
gleiche; sowie das Motiv VI; denn auch der Ägypter hielt beim Lesen das 
Buch „zwischen den Händen" wie der Grieche (S. 16 und 135). Daß auch 
der Bücherkasten, vielleicht auch das Schnüren der Rolle u. a. von dort zu 
Griechen und Römern kam, werden wir gleich sehen.*) 

Ferner ist nun aber dieselbe altgriechische Buchrolle auch mit der- 
jenigen identisch, die die Griechen und ROmer späterhin, als Alexandria 
gegründet war und Makedonier und ROmer in Ägypten herrschten, benutzt 
haben. Dies zeigen wiederum die Monumente. Die geschlossene und 
offne Rolle auf den alten Vasen oder auf der Basis von Mantinea ist von 
denen auf hellenistisch -römischen Schildereien durch nichts verschieden. 
Ein Unterschied war nur in buchhändlerischer Beziehung: Ägypten mit 
seiner Hauptstadt wurde jetzt für lange Zeit als das Zentrum der Papier- 
fabrikation auch ein Zentrum des Literaturlebens. Dagegen muß zu Cicero's 
Zeit Atticus die Stadt Athen mit Büchern versorgen.^) 



1) Siehe Cavvadias, Fouilles d'Epidaure I n. 242 S. 100. Ist es Zufall, daß 
auch der späte Apollinaris Sidonius wieder die Innenwände eines Gebäudes paginae 
nennt (epist. 2, 1, 7 und 2, 10, 3)? 

2) Siehe Zentralblatt a. a. O. S. 551 ff. 

3) Der Sinn dieser Stelle ist: so wie man Saft, x"^<^c, aus den Pflanzen ge- 
winnt durch Zerreiben des harten trockenen Stengels mit Aufguß von Wasser 
(vgl. Theophrast h. pl. IX 8), so gibt Euripides der Tragödie den Saft seines Ge- 
schwätzes, xu^^v cTuujuuXjudTuuv, den er abseiht aus trockenen Papyrusstengeln resp. 
Büchern, dirö ßußXiuuv dirnöü^v (Büchern nämlich, die er gelesen hat). 

4) Betreffs des Reliefs Chigi, wo vielleicht, wie bei den Ägyptern, auf eine ge- 
schlossene Rolle geschrieben wird, siehe oben S. 202. 

5) Cic. ad Att. 11 1, 2; vgl. Buchwesen S. 431. 



2: Umfang der Rollen; Großrollensystem. 215 

2. Umfang der Rollen. Und daraus erklärt sich ein zweiter Unter- 
schied, der zwischen der älteren und jüngeren Zeit des Griechentums be- 
stand, und auch die Kunst bringt ihn gelegentlich zum Ausdruck. Die 
ältere Zeit ließ größere Rollenumfänge zu. Wichtig ist die Ausdrucksweise 
des Aeneas Tacticus 31, 1 (um das Jahr 360), wo er bei einer Kriegslist 
ein ßißXiov literarischen Inhalts verwendet wissen will tö tuxöv |Li€TeBei, 
„einerlei wie groß": der Umfang solcher Literaturrollen war somit tatsäch- 
lich damals noch ein schwankender. Werke wie des Herodot „Geschichte" 
sind, was die Buchform betrifft, als eine einzige Bucheinheit gedacht 
(unsre Buchteilungen sind unecht), und es blieb dem Leser überlassen, 
falls ihm sein Exemplar zu groß war, das Volumen nach Belieben in 
irgendwelche Teile, tö|lioi oder T|Liri|LiaTa, d. h. „Abschnitte" zu zerschneiden. 
Des Thukydides Werk zerfiel, wie ich glaube, ursprünglich in zwei Rollen; 
die erste schloß mit dem 6 Trpuixoc ttöXcilioc T^TpotTTtai ktX. ab; im Anfang 
der zweiten standen die Worte T^TP^cpc be kqi Tauia GouKubibric 'AGiivaioc 
(V 26); denn der Name des Autors mußte für die zweite Rolle gesichert 
werden. Für Isokrates or. XII 136 und XV 12 war ein Xötoc von 
10000 Zeilen tatsächlich eine Einheit, und es bleibt, nach ihm, dem Be- 
nutzer überlassen, darin soviel iLi^pri herzustellen, als ihm ansteht. Daher 
das Schwanken in den Buchteilungen der älteren Autoren, daher auch ihre 
Unzweckmäßigkeit. Galen aber wußte noch, daß solche Buchteilungen 
nachträglich hergestellt worden sind, und es ist uns ein wertvolles Zeugnis, 
wenn er an Hippokrates rühmt, er habe keine Bücher von 10000 Zeilen 
Umfang geschrieben, die hernach dann noch weiter in Bücher und zwar 
in je zwei zu 5000 Zeilen hätten „zerschnitten" werden müssen.^) Ferner 
erklären sich so die tö|lioi des Antisthenes, die nur „Rollen" bedeuten^), 
aber Serien von Schriften des genannten Cynikers enthielten. Dies waren 
also sog. ßißXoi cuju)LtiT€ic, volumina miscellanea; ebenso die Dialogsammei- 
bücher anderer Sokratiker. 

Wer von der Unechtheit der Buchteilungen im Homer, Herodot und 
Xenophon überzeugt ist und doch an das „Großrollensystem", von dem ich 
rede, nicht glauben will, ist inkonsequent. Daß ägyptische Papyrusrolien 
von über 50 und über 100 Fuß Länge erhalten sind, ist bekannt.^) Den 



1) Siehe M. Bonnet, De Gl. Galeni subfiguratione empirica, Bonn 1872, S. 63: 
libros scribens decem milium verborum (bessere Lesung versuum)^ deinde ipse rur- 
sus dividens eos bifariam ut alteruter sit per se; vgl. Hippocrates ed. Charterius 
II S. 346. 

2) Buchwesen S. 449!.; über tö|lioi auch oben S. 19; vgl. noch die töjuoi der 
aufgefundenen Aristotelesschrift 'Ae. TToXixeia. H. Thiersch teilte mir mit, daß bei 
Giuseppe Botti, Plan d'Alexandrie, sich die Erwähnung eines Kastens mit der Auf- 
schrift T6^ol ÖKTiü finde. 

3) z. B. Turiner Totenbuch 57 F. (Lepsius, Chron. S. 38, 1). Märchenpapyrus 
72 Fuß (Ebers, Ägypten und die Bücher Moses S. 13). Hieroglyphischer Papyrus 



216 ^^* ^^^ RoUenbuch und seine Aufbewahrung. 

Text einer solchen Rolle teilte der Ägypter in etliche Abschnitte, die bis- 
weilen auch wieder „Rollen'* hießen, aber sie blieb dabei eine Einheit (oben 
S. 19), Da der alte Grieche aus Ägypten sein Buch übernahm und ihm 
den Umgang mit dem Buch ablernte, hat er, wo es nötig wurde, natürlich 
auch dieselben Buchgrößen verwendet.') Jeder Zweifel verstummt, wenn 
man sieht, daß noch unter König Ptolemaus II. die griechische Verwaltung 
Ägyptens selbst für Aufzeichnung fiskalischer Verfügungen eine Rolle von 
44 oder 59 F. Länge verwendet hat, an der ein Dutzend Schreiber tatig waren; 
sie ist erhalten und ediert von Grenpell: Revenue laws of Ptolemy Phila- 
delphus usw., Oxford 1896. Dies ist somit ein griechischer Papyrus; 
daß es nicht bloß altägyptische, sondern auch Papyri mit griechischem Text 
von solcher Länge gab, ist hiermit belegt; und zwar stammt er aus der 
Zeit des Kallimachos und der Anfänge der großen griechischen Bibliothek 
in Alexandria. Sein Inhalt sind unzusammenhängende Schriftstücke; er ist 
also wiederum eine regelrechte ßißXoc cuiumfric, und die Tomoi des Anti- 
sthenes entsprechen ihm dem Wesen nach. Daß erst die Aristacheer 
(oi Trepi 'Apicrapxov) den Homer in zweimal 24 Bücher teilten, wird uns 
ausdrücklich überliefert.^) So war denn auch noch für Archelaos, den 
Schöpfer der Homerapotheose und Zeitgenossen des Aristarch, Ilias und 
Odyssee nur je ein Buch.^ Auch auf der S. 159 erwähnten Münze ist die 
Ilias eine Rolle. Ulpian kennt noch solchen Homer in uno volumine, aber 
er betrachtet ihn als Ausnahme (Digest. 32, 52). Noch für das 5. Jahrh. 
n. Chr. ist uns eine Homerrolle von 120 Fuß Länge bezeugt^); und man 
fuhr, wie die in Ägypten zutage gekommenen Homerpapyri zeigen, bis zum 
Ende der römischen Kaiserzeit im Laienpublikum fort, die Homergesänge 
beliebig auf Rollen, d. i. auf Bücher, zu verteilen, ohne doch im Verlauf 
des Textes den Schluß eines Gesanges nach der uns geläufigen Buch- 
teilung besonders anzuzeigen.'^) Ja, diese Sucht der Ptolemäerzeit, größere 



77';, Fuß (Additions to the Mss. in the Brit. Mus. 1836 S. 43ff.). Hieratischer 
Papyrus 144 Fuß (Chabas Pap. mag. Harris, 1860, S. 2). 

1) Die Einreden Dziatzko*s, Rhein. Mus. 46 S. 366, sind nichtig; er redet von 
der Gebrechlichkeit des Schreibmaterials u. a. Diese Umstände haben den Ägypter 
doch nicht abgeschreckt, so große Bücher herzustellen. 

2) Ps. Plutarch Vita Hom. c. 4: Uidc xai 'Obucceia biT]priju^vr| ^xar^pa cic töv 
dpi6|Liöv tCüv CToixeiuiv oux öirö toö iroiriToö, dXX' uirö tOüv Tpa^^ariKuiv tu)v ircpl 
'Apicrapxov. Vielleicht teilte Aristarch selbst den Herodot? Siehe Amherst papyri, 
ed. Grenfell and Hunt vol. II Nr. 12. 3) Oben S. 82. 

4) Darüber jetzt Blau a. a. O. S. 32 f. Einiges weitere den Homer Betreffende 
s. Buchwesen S. 444f. und E. LOHAN, De librorum titulis apud classicos scriptores 
S. 6 f. Ober ähnlich umfassende jüdische Bibelrollen des 2. Jahrh. s. BLAU S. 40. 

5) Vgl. C. Häberlin, Griechische Papyri (1897) Nr. 24, wohl aus dem 1. Jahrh. 
V. Chr., enthaltend die Gesänge Y und Q\ als die Rolle vollständig war, maß sie 
etwa 20 Fuß Länge. Ebenda Nr. 8 (in Genf): Schluß von A, Anfang von M. Nr. 6 
aus dem 3. Jahrh. n. Chr. gibt f und A mit der Subscriptio Uid&oc b\ Nr. 4 aus 
dem 5.-6. Jahrh.: Gesang A und B. Nr. 5 aus dem 4. Jahrh., der längste dieser 



2: Umfang der Rollen; Buchteilung. 217 

Werke in Rollen zu zerlegen, betraf nicht bloß die altere griechische Lite- 
ratur; auch das ägyptische Totenbuch, in hieratischer Schrift, wurde da- 
mals im Dienst einer Berenike auf zwei kleinere Rollen verteilt; s, Führer 
durch die Sammlung Erzherzog Rainer Nr. 103 a und b. 

Weil dem so ist, hatten Herodot und Xenophon den Stoff ihrer Er- 
zählungen nur im Großen sich entwickeln lassen, aber ihn noch nicht 
ängstlich auf Bücher disponiert. Erst seit der alexandrinischen Zeit wurde 
das Buch als Teil des Werkes inhaltlich verselbständigt: eine schöne Auf- 
gabe für den Künstler, der seinen Stoff nunmehr in gleichmäßige Teile 
gliedern und so durch die Form überwinden mußte. Welch andrer Anlaß 
ist dafür denkbar als der Raumzwang? Keine Rolle durfte nunmehr ein 
gewisses Maximalmaß überschreiten. 

Ägypten besaß, wie gesagt, Rollen von riesenhaftem Umfang; die 
altägyptische Kunst aber stellte doch immer nur Rollen von geringer oder 
mäßiger Größe dar. Ganz ebenso übertreffen nun auf den griechischen 
Bildwerken der älteren Zeit die meisten Rollendarstellungen anscheinend 
nicht den Umfang, den etwa eine sophokleische Tragödie erforderte. Das ist 
natürlich; denn es sind zumeist nur Gesangsvorführungen, die wir auf den 
Vasen oder auf der Basis von Mantinea sehen, und so ponderose Werke 
wie Plato's Staat darzustellen, hatte die Kunst keinen Anlaß, es sei denn, 
daß sie uns einen Studierenden vorführen wollte. Dies aber hat sie ein- 
mal tatsächlich getan. Der Jüngling auf der Grabstele von Grottaferrata 
ist ein solcher Studierender, und die Rollengröße ist nun hier wirklich 
ganz ungewöhnlich und bestätigt unsere Voraussetzungen (s. oben S. 157). 
Auch die Rolle in der Hand des Stesichoros verdient Beachtung; eben- 
so in der Hand Homer's (s. S. 159) und der Terrakotte aus Tanagra 
(S. 102). 

Von der hellenistischen Zeit ab bis zum Ende des Altertums er- 
scheint die Rolle dagegen stets unabänderlich in gleicher Beschaffenheit. 
Das Minimalmaß für Monobibla ist allerdings nicht streng abgegrenzt, und 
die Rolle erscheint bisweilen dünner als das Normalmaß erfordert. Sehr 
dünn z. B. auf dem Relief der Ära Pacis im Vatikan (Helbig, Führer 



Homerpapyri, enthält B v. 101 bis A v. 40. liias XIII und XIV verbunden, s. Hunt 
im Journal of phil. XXVI S. 25 ff. Dagegen decken sich Gesang und Rolle in den 
lliasrollen bei HAberlin Nr. 22 und 23, letztere 2 m lang. 

1) Als Ehekontrakt u. ä. Auch in der Literatur gibt es gelegentlich Monobibla 
geringsten Umfangs, denen es nie zuteil wurde, mit gleichartigen Stücken in ein 
Buch zusammengestellt zu werden; ich denke an Horaz* Carmen saeculare und 
VergiPs Copa. Dafür ist noch die Äußerung Fronto's lehrreich S. 34 ed. Naber: 
feci . . . excerpta ex libris sexaginta in quinque tomis; sed cum leges sexaginta 
[libros], inibi sunt et Novianae et Ätellaniolae et Scipionis oratiunculae: ne tu 
numerum nimis expavescas; also kurze Reden Scipio's, kleine Atellanen liefen allein 
um. Hierdurch wird ergänzt, was ich im Buchwesen S. 298 vorgetragen. 



21g IV. Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

Nr. 159) die Rolle in der Hand der ersten Figur von links oder die Röll- 
chen auf dem S. 143 f. erwähnten pompejanlschen Konzert und auf den 
Admetblldem (S. 132 f.). Im nbrigen mußte ein Nonnalbuch In Prosa als 
Mindestmaß gut 1000 Zeilen halten. Dies heißt äXov ßißXtov.') Wotil aber 
- zeigt sich die Konstanz darin, daß 

ein Maximum an Dicke und Um- 
fang nie mehr aberschritten wird. 
Das Buch mußte sich im Griff 
bequem umfassen lassen. Das 
nifa ßißXiov |i6Ta kqköv des Kaili- 
machos ist In seiner eigentlich- 
sten Wortbedeutung seit des Kalli- 
machos Zeit In der Literatur streng 
beobachtet worden. ^ 

Eine Ausnahme erklärt sich von 
selbst. Ich meine den Orabslein des 
T. Statilius Aper, Halle des Capi- 
tolln. Museums, Nr. 11 (W. ALTMANN, 
Die rüm. Qrabaltare S. 246, dessen 
Abbildung- indes das Detail nicht 
schart erkennen läßt). Ein junger 
Mann steht da ; die gesenkte R. faßt 
den Mantel; die 1. Hand (mit Rolle) un- 
echt. Neben seinem I. Bein eine 
hohe eckige Capsa; auf deren Deckel 
steht eine einzelne geschlossene Rolle, 
an die Seitenwand angelehnt: unsre 
Abb. 143. Die Capsa ist just so hoch, 
daß die Rolle darin stehen konnte; 
■^ sie ist somit Rollencapsa. Diese Rolle 
■ hat nun eine ganz enorme Große: sie 
Abb. 143: Apei. ist annähernd so lang und so dick wie 

ein Mannesarm. Die Inschrift auf dem 
Der junge Verstorbene war Architekt, speziell mensor 
r für Aufnahme von Plänen bestimmt. Für Baupläne wie 

1) Siehe aber Ö\ov ßißXIov Buchwesen S-lSSf. Dazu Clemens Alexandrinus 
Strom. I 101 vom Ptolemflus Mendesius: Tat bi tüiv AIpjtttIuiv ^aciUuiv irpdEtic (v 
TpLclv ÖXaic inef'jitvuc pißXoic, Idem VI 25: tö ncpi G«irpU)Tiiiv ßißXIov ÖXqkXtiPOv 
wurde von Engammon nachgeahmt. Orlgenes contra Gels. VIU S. 393 f. setzt aus- 
einander, daß man ein üXuv ßißXiuv schreiben mQsse, um Paulus ad Cor. I genau zu 
erklären. E. ROHDE brachte im Rhein. Mus. 43 S. 477 noch die wichtige Qalensielle 
VIII S. 698K. bei, wo Ev öXov ßiöMov auf fTrn n\(iuj Tiiiv xMwv bemessen wird. 
Daher schreibt Censorin, De die nat, 1,6: ex philologis commentariis quasdam 
quaestiunculas delegi quae congestae possint aliquanlum volumen efficere: 
das Volumen ist also ein beslimmles Maß und muß ausgelflill werden; und eben 
darum klebt Terentius Scaurus zwei libelli zu einem zusammen, weil sie so decen- 
tius prodeunt (Grammatici lat. VII K. 33, II), 

2) Wenn Plinius ep. I 20, 4 den Satz durchführt; bonus Über mellor est qais- 
que quo maior, so soll das ein Paradoxon sein. An eine Überschreitung des damals 
üblichen Maximalmaßes ist aber dabei nicht gedacht. Vgl. oben S. 182, 2. 



2: Große der Rollen. 3: Schrejbzeujr. 219 

Iflr geographische PInakes waren größere Flächen nOlig. Gern wird man auch 
mit Heubig speziell an eine Per^mentrolle denken, im Hinblick auf die Weltkarle 
auf Pergament, orbis pictus in membrana, die im Besitz des Mettius Pompusianus 
war.') Auch von Parrhasius gab es UmriOzelchnungen in membranis.'} 

3. Schreibzeug. Auf der r. und 1. Seitenflaclie des eben erwähnten 
Grabsteins sind im Relief noch allerlei Utensilien abgebildet, deren sich 
Aper bediente. Da diese z. T. nicht richtig gedeutet werden, sei hier 
einiges davon mitgeteilt. Auf der r. Seile befindet sich u. a., in flach- 
gedrückter Darstellung, ein Rollenbflndel zu 5 Rollen: s. Abb. 144b; auf der 



linken oberhalb einer aulgeklappten Schreibtafel ein Bondel von 5 Calami, 
die von Griffeln, Stili, leicht zu unterscheiden sind: s. Abb. 144a. 

Um diesen Unterschied klar zu machen, sei die marmorne Inschrift- 
tafel im Chiostro von S. Lorenzo f. 1. m. verglichen (Matz-Duhn 3809); an 
ihrem 1. Rande ist hier ein Bondel Calami (vier oder fünf) im Futteral 
mit daran befestigtem Atramentarium, auf ihrem r. Rand ein offnes Dipty- 
chon mit Griffel (Stilus) eingraviert (geritzt und mit roter Farbe nach- 
gezogen). Siehe Abb. 145.^) Mit ersterem stimmt auf das beste das er- 



1) Sueton Domit. 10. Über geographische Karten s. unten. Die älteste Land- 
karte der Well stammt aus der Zeil Ramses II. und ist auf Papyrus gezeichnet: 
Erman. Ägypten S. 619. 2) Plin. n. hisl. 35. 68. 

3) Nach dem Original. Man findet die Gegenstände auch sonst abgebildet, 
z.B. bei Oahrucci Tfl. 488, 30; Ch. REUSENS, eiömenls de palöogr., 1899, S. 442 
und 443; Darembeho - Saolio, Diel. Fig. 995. 



220 



IV. Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 



haltene hölzerne Schreibzeug im Ägyptischen Museum zu Berlin, Ausführl. 
Verzeichnis S. 306 Nr. 11352, Qberein: an dem Futteral zu den Pedem ist 
das Tintenfaß mit einem Lederriemen befestigt 

So gibt auch das Schreibzeug bei Schreiber, Bilderatlas I Tfl. 90, 7, 
nicht etwa drei Stili, sondern drei Calami. Der Stilus pflegt in den Dar- 
stellungen nur isoliert aufzutreten, der Calamus im Btkndel; denn nur der 
Calamus war leicht zerstörbar und mußte rasch ersetzt werden können. 

Natürlich gab es aber auch Kästchen, in denen man die Calami oder 
die Stili mit sich führte,^) 




Abb. 145. 



4. Zugespitzte Rollen. Kehren wir zur Betrachtung des Rollenbuchs 
zurück, so ist es für den, der die von mir vorgeführten Abbildungen 
durchsieht, augenfällig, daß es (gewisse unbeholfene Darstellungen ab- 
gerechnet) sich stets gleich und überall dasselbe ist. 

Schwierigkeit bereiten nur die vereinzelten Fälle, wo die geschlossene 
Rolle, für die wir Zylinderform fordern, nach unten spitz zuläuft. Diese 
Seltsamkeit ist z. B. anzutreffen auf unsrer Abb. 41 (stehende Frau im 
Seitenfeld rechts, Motiv la). Auch sonst habe ich diese Eigentümlichkeit auf 
späten Monumenten gelegentlich angetroffen. Die Zuspitzung ist stets unten, 
nie oben; vgl. noch Abb. 50: eine nachlässige Zusammenfaltung in Dütenform. 

5. Einzelblätter. In den Papyrusfabriken wurden sowohl Einzelblätter 
von Charta als auch sog. scapi zu mehreren Blättern hergestellt. Solchen 
scapus hält vielleicht, wie wir vermuteten, die Leserin Pompeji's, deren 
offnes Buch rechts und links keine Rollungen zeigt (Abb. 98). Aber auch 



1) Siehe Sueton Claud. 35; Martial 14, 21; Marquardt, Privataltert. 8.779. 



4: Zugespilite Rollen. 5: Einzelbiatter. 221 

die Einzelbiatter aus Charta wurden 
zu Notizen oder Billets verbrauctit 
und beschrieben.^) Daher das vom 
Faden zusammengehaltene Doppelbtatt 
in Neapel, Mus. Abt. LXXXIl Nr. 9822 
(— Helbig 1723) sowie der gleichfalls 
von Faden umschlossene, zusammen- 
gefaltete und gesiegelte Brief des 
Lucretius, ebenda 1722.') Sonst be- 
gegnen kleinere Blatter statt der Rol- 
len in der Kunst höchst seilen und 
werden oftmals nur den Erganzem ver- 
dankt. Freilich sahen wir S. 2061. das 
Schreiben auf Einzelblättem wiederholt 
dargestellt. S. 152 f. sahen wir auf 
christlichen Monumenten gleichfalls 
Blatter, aus denen gelesen wird. 
Hiervon abgesehen , kann ich von 
statuarischen Werken nur die Muse 
Nr. 6394 im Saal der Musen zu 
Neapel beibringen, die in vorgestreckter 
Hand ein Blatt halt, das echt und in sei- 
ner unteren Hälfte annähernd richtig 

ergänzt scheint: unsre Abb. 146. Dazu kommt das christliche Symbol der 
Hand, die einen Zettel mit der Aufschrift 2HCEC halt; es ist eine !. Hand; 
s. Kraus, Gesch. der christl. Kunst IS. 117 Fig. 45. 

Sonst kenne ich nichs ähnliches; denn das K[nd bei Refnach, Rupert, stat III 
132,8, halt doch vielleicht nur einen Spiegel, wie auch für den am Boden sitzenden 
Amorknaben im Magazzino archeol. auf dem Caelius (vorletztes Zimmer) anzunehmen 

1) Siehe Buchwesen S. 62; 229 Anm.; 237; Dziatzko, Untersuchungen S. 123 fl., 
wo freilich nicht alles annehmbar. Was sich an Brieten, Steuererklärungen, Ab- 
rechnungen, Quittungen u. 3. in den Sammlungen der Papyri der grOSeren Museen 
findet, steht viellach auf solchen Einzelbiaitern; gelegentlich auch zwei Urkunden 
auf einem Blatt zusammengeschrieben: Erman und KREBS, „Aus den Papyrus der 
Kgl. Museen" S. 126. Die Befragungen der Orakel geschahen schriftlich und das 
Archiv der Orakelstätte bewahrte dann den Fragezettel (chartulae seu membranae) 
auf: s. Ammian. Marceil. 19, 12, 3. Lehrreich das medizinische Handbuch in Berlin, 
a, a. 0. S. 70: „Irgend ein Schreiber alter Zeit, der ein medizinisches Sammelbuch 
zusammenschrieb, benutzte dazu einzelne Blätter und klebte dann erst, als er diese 
schon beschrieben hatte, aus ihnen seine Rolle zusammen." Dabei begegnete es ihm 
nun, daO er ganz unzusammengehOrige Blätter zusammenklebte. Solches Kleben 
vollfOhrt vielleicht Diogenes im Theater (s. Epistolograptii ed. Hbrcher S. 247 Nr.32: 
iKo9i|un>' **" Tii» öfüTpiu ßl|!\i^lu KoXMüu), als Alexander sich vor ihn stellt und ihm 
das Licht raubt, so daß er tu buiciriicuiiTu töjv |!i^Xihiujv nicht mehr erkennen kann. 
Richtiger wird hier aber an Ausbessern des schadhaften Papiers zu denken sein. 

2) Auch in M/\u's Führer abgebildet. 



222 IV* ^^^ Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

ist, auf dessen Beinchen eine glattgeschliffene Platte liegt (Helbiq, Fahrer I Nr. 744). 
Er hat den Spiegel fOr seine Mutter in Verwahrung, die neben ihm stand, aber großen- 
teils weggebrochen ist. Verdächtig ißt das Buchmotiv des sitzenden Plato, oben S. 196. 

6. Das aus der Hand gelegte Buch. Aber ist das nun alles, was 
uns die antike Bilderwelt über das Buch zu sagen hat? Gewiß nicht. Ein 
Teil von Werken der Kunst ist von mir noch übergangen; es sind die- 
jenigen, wo das Buch nicht in der Hand des Menschen Dienste tut, son- 
dern für sich daliegt, einzeln oder in Haufen. In solchen Bildern können 
wir gelegentlich mehr Detail erwarten, und wir täuschen uns nicht. 

Von den christlichen Goldgläsern ist dabei füglich abzusehen. Sie ver- 
wenden die geschlossenen Volumina bisweilen selbständig als symbolische Ver- 
zierung und Raumfüllung. Vier solcher Zylinder sieht man am Rand des Bildes 
verteilt bei Garrucci Tfl. 176, 16 und 184, 1; es sind die vier Evangelien. 
Ahnlich zwei 178, 6. Zwischen den menschlichen Figuren selbst ist solch 
einzelne Rolle eingeschoben 180, 8; 182, 4; 199, 3 und sonst. Bisweilen 
erscheinen sie unverhältnismäßig groß und dienen wie die Säulen am 
Säulensarkophag dazu, die nebeneinander stehenden Personen voneinander 
abzutrennen: ebenda 186, 5 und 187, 6. Für die Beschaffenheit des Buches 
selbst ist daraus nichts zu lernen. 

Es gab ein Reliefbild der Dichterin Telesilla in Argos; die hatte Bücher 
vor sich zu Boden geworfen und hielt statt dessen einen Helm, blickte auf 
ihn und wollte ihn aufsetzen. Sie wollte Kampf und Taten statt der Worte. 
Hier sah man also die Rolle am Boden liegen; und dasselbe ist der Fall, 
wenn auf dem Homerrelief des Archelaos, während Chronos Iliade und 
Odyssee als je ein Buch wie Hanteln in den Händen hebt, dagegen am 
Boden zur Seite des Thrones, auf dem Homer sitzt, eine geschlossene Rolle 
liegt, an weicher Maus und Frosch (der Frosch ist weggebrochen) nagen: 
eine witzige Verdeutlichung der Batrachomyomachie. Als Parergon, und weil 
es der TaTieivf] Xe£ic, dem genus humile angehört, deshalb muß das Werk- 
chen an der Erde liegen. Eine Büchercapsa verlohnte nicht. In einer 
Schreibszene ferner liegen Rollen am Boden im Codex Rossanensis fol. 8^ 
Eine offne Rolle wiederum zu Füßen des Dichters auf dem Elfenbein- 
diptychon von Monza (oben S. 88); ein ähnlicher Fall auch oben S. 207 
Anm. 3. Die Rolle auf einer Platte (S. 126 f.) ist dagegen schwerlich ein Buch. 

7. Weihung von Büchern. Es gibt aber auch Fälle, wo das Buch 
als Gegenstand der Ehrung verselbständigt wird. Im Sikyonischen The- 
sauros zu Delphi befand sich von der Dichterin Aristomache, der erythräi- 
schen Sibylle, ein goldenes Buch, ein ßißXiov, also gewiß Rolle, in Metall 
nachgeahmt, aufgestellt (dveKeiTo).-) Das ist also die Weihung eines Ori- 
ginalwerks in Rollenform, die ihrem Zwecke nach der Deponierung des 
Homerhymnus im Artemisheiligtum und den ähnlichen Fällen, die S. 211 f. 

1) Pausan. 11 20, 8. 2) Plutarch Sympos. V 2, 9 (IV S. 184 ed. Bbrnad.). 



6: Das aus der Hand gelegte Buch. 7: Weihung von BQchern. 223 



224 IV* ^^^ RoUenbuch und seine Aufbewahrung. 

erwähnt sind, genau entspricht. Ebenso soll auch Heraktit sein ßißXiov im 
Artemistempel zu Ephesus als Anathem dargebracht haben. ^) 

Diese Nachrichten können uns nun weiter zum Verständnis eines pom- 
pejanischen Bildes anleiten, das mir lange Zeit ein Rätsel war: Neapel, 
Mus. naz., Locali della Promotrice Nr. 57, von Hblbiq Nr. 1379 ungenau 
beschrieben. Das Bild wurde für mich gereinigt, so daß ich in die Nach- 
zeichnung mehr Detail aufnehmen konnte: s. Abb. 147; auch Gusman, Pom- 
peji S. 196 bringt dies Bild. Uns kümmert hier im Grunde weder der 
konzertierende Alte links noch sein Gegenüber, das Mädchen, das auf der 
SchildkrOtenleier spielt, noch die zwei verdämmernden Figuren hinter ihr, 
noch endlich die Maske, die in der Mitte am Fußgestell der Säule lehnt oder 
zu lehnen scheint. Wichtiger ist diese Säule selbst, die, von der herkömm- 
lichen Form abweichend, sich nach unten verjüngt, glatt ist, als wäre sie aus 
Holz oder Metall, oben spitz ausläuft und in der Höhe eine Scheibe trägt. 

Sie ist uns wohlbekannt; denn sie kehrt ganz ebenso isoliert stehend neben 
einem Prachtbau wieder Pitture d*E. H Tfl. 50 S. 273, sowie auf der Vignette ebenda 
S. 105. Ahnlich auch ebenda S. 289 und auf den Wandgemälden des Palatin (Rom. 
Mitteilungen XVIII S. 227 und 257). Wichtig besonders das große Bild der Pitture 
III Tfl. 52 S. 279, wo dies seltsame Gebilde im Mittelpunkt steht und ein Gottesbiid 
zu vertreten scheint.'*) Auch an die Metae in den Rennbahnen wird man dabei er- 
innert, vor allem aber an die marmorne und schön geschmückte Spitzsäule in Villa 
Albani. Auch diese vergegenwärtigt ohne Frage eine Stele, die ganz so wie die 
obigen einem sakralen Zweck dient; denn Kränze hängen an ihr, und mit einer 
Tänie sind Pedum und Keule an ihr aufgehängt, während an ihrem Fuß sich be- 
wegte bacchantische Figuren im Relief befinden: s. Schreiber, Bilderatlas Tfl. 27, 1.^ 

An diesem Ständer hängt hier nun ein geschlossenes Rollenbuch an- 
gebunden. Daß dies ein Buch, ist vollständig sicher. Hier findet ein 
musikalischer Agon statt ^), im Anschluß an den Kult eines Gottes. Die 
Handlung spielt sich im Peribolos eines Tempels ab; das Buch wird dem- 
nach einem Gott geweiht und hängt am Pfeiler etwa so, wie man Thyrsos- 
stäbe an heilige Bäume band. Doch dienen auch grade alleinstehende 
Säulen oder Pfeiler oft dazu, den Gegenstand der Weihung daran aufzu- 
hängen; man vergleiche die eben erwähnte Spitzsäule in Villa Albani oder 
z. B. Pitture d'E. I S. 75 (Vignette), III S. 9 (Vignette) und S. 27: Säulen- 
ständer von unregelmäßiger Form, oben in ein Becken auslaufend; daran 
hängen Spolien. Dazu die beiden kleinen Bilder mit Opferhandlungen im 
Vettierhause (Monum. Acad. Line. Vlll Tfl. XI), wo, wie hier das Buch, 



1) Diog. Laert. 9, 6. Wenn es am Schluß des ApoUoniusromans in einer der 
Überlieferungen heißt: et duo volumina fecit: unum Dianae in templo Ephesiorum, 
aliud <'iny bibliotheca sua exposuit, so wird damit diese Fassung als echt er- 
wiesen. Eine Weihung von 40 oder 42 Büchern bezeugt das Epigramm Anthol. 
Pai. VH 158. Als Sitte erscheint die dvüeecic tCuv ßißXiujv bei Aristides S. 361 Jebb. 

2) Venus als meta oder umbilicus? Tacitus hist. II 2; Serv. Aen. I 724. 

3) Seltsam hierüber Hauser, Die neuattischen Reliefs S. 88, der dies fOr die 
Imitation einer Meta der Rennbahn hält, die man im Garten aufgestellt habe. 

4) So schon Helbig. 



7; Weihung von Büchern. 225 

beidemal ein Schwert an einer frei dastehenden dorischen Säule angehängt 

ist.^) Säulen, die Tafeln mit Masken tragen, sieht man auf anderen pom- 

pejanischen Bildern.^) 

Auch dafür, daß Bücher geweiht werden, kenne ich noch einige weitere 

Analogien; die folgenden gehören dem Totenkult an: 

Auf der spätgriechischen Grabstele aus Halikarnaß, Berliner Museum, „Be- 
schreibung^* Nr. 771, nähert sich ein Jüngling mit Feierlichkeit einer hochstehenden 
Herme, hebt ein großes Diptychon am Henkel in seiner R. empor und ist im Be- 
griff dasselbe am Querbalken der Herme aufzuhängen. Auf anderen griechischen 
Qrabreliefs finden sich bisweilen Pfeiler abgebildet, darauf ein Kasten (d. i. Bücher- 
kasten) steht; s. das Oxforder Relief bei Michaelis, Anc. Marbles S. 562 Nr. 90.') 
E. Pfuhl ^) hält dies für eine Weihung, die man dem Gestorbenen bringt, und ver- 
gleicht damit ein Relief im Ottomanischen Museum, auf dem „zwei Rollen in voller 
Größe (?)" erscheinen neben Schwert, Zaumzeug und Kästen.'^) Auf dem griechi- 
schen Grabstein zu Verona bei DOtschkb IV Nr. 396 bemerkt man auf dem Pfeiler 
einen Kasten und daneben noch drei Rollen, die flach liegen und von denen man 
nur den Schnitt sieht, sowie zwei weitere, die aufrecht stehen und schräg angelehnt 
sind. Diese fünf Rollen sind die übliche Buchpentade. ^) Auch dies wohl eine 
Weihung. 

Eine andere Buchweihung aber, die ich auf einem Bildchen Hercula- 
neums antreffe, gilt nicht einem Toten, sondern einem Gotte: 

Man sieht Mus. naz. LXXXII 9804 auf einer dreistufigen Theatertreppe, wie sie 
die Bühne mit der Orchestra zu verbinden pflegte, ein Pedum liegen, sowie eine 
Maske und ein rundes Gefäß stehen. Eine Abbildung bei Wieseler, Theatergebäude 
Tfl. IV 5. Diese Theatertreppen mit einer Maske darauf sind auch sonst Öfters ge- 
malt worden, vgl. Mus. naz. LXXXII Nr. 9805 und 9806, WiESELER Tfl. IV 3 und 4. 
Daß diese Bilder zu den Votivpinakes gehören, die von Schauspielern dargebracht 
wurden und eine indirekte Form waren, um so die Maske einem Gott zu weihen, 
ist nach den Ausführungen DlETERlCH*s, Pulcinella S. 208 ff. unzweifelhaft. Aber 
auch Stab und Kasten werden ja auf dem erwähnten Bilde 9804 mit der Maske ver- 
bunden, und dieser Kasten ist, wie schon Helbiq Nr. 1741 erkannte, ein Scrinium 
mit Schriftrollen. Das Scrinium ist goldfarben; 10 Rollen stehen darin. Es war also 
ein Repertoire von zehn Dramen, in denen der Schauspieler, der das Bild und im 
Bilde die Rollen stiftete, Siege davongetragen hatte. 

Die beste und zugleich großartigste Anschauung vom Rollenbuch, das 
als Anathem aufgehängt ist, gibt uns aber endlich die Trajanssäule, worüber 
ein besonderes Kapitel handeln soll. Anders wieder die Sibyllinen: diese 
heiligen Schriften wurden unter der Basis des Apollo Palatinus aufbewahrt 
(Suet. Oct. 31). 



1) Anderswo ist die freistehende Säule nur mit Bändern umwunden; das sieht 
man noch in der Wiener Genesis; daselbst XV 30, bei Josefs Abschied, hat die 
Säule Basis und Kapitell; das rote Tuch hat sorgliche Schleife; ib. XVII 34, auf 
dem Gastmahl des Pharao, ist es eine Spitzsäule, die auf einem runden Posta- 
ment steht. 2) Dieterich, Pulcinella S. 206 Anm. 

3) E. Pfühl im Jahrbuch des Inst. XX S. 53 Nr. 11 zitiert MICHAELIS Nr. 89; 
dort aber wird nur ein Bort erwähnt. 4) A. a. O. S. 64. 

5) Wenn derselbe hinzufügt: „Daß man auch wirkliche Rollen auf Gräber legte, 
ist sehr wahrscheinlich, da man sie dem Toten ja auch ins Grab mitgab^S so ist 
das doch schwer zu glauben und die Begründung ungenügend. 

6) Siehe unten. Pfuhl S. 57 hält die ersten drei Rollen für Astragalen! 

Birt, Die Buchrolle in der Kunst. 15 



226 



IV. Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 



8. Rollung In S-Form. Doch es ist Zeit die Stillleben der kampani- 
schen Wandmalerei genauer ins Auge zu fassen. Da sind, meist auf enger 
Fläche, Eier und Brot, Gefäße, Früchte, Vögel oder Langusten gemalt — 
immer Gegenstände, die für den Menschen bestimmt sind -, so aber auch 
Bücher, offene und geschlossene; und man hat den Eindruck, der Mensch 
sei erst eben fortgegangen, der sie benutzte, und müsse gleich wieder 
herzutreten. Es sind die Bilder bei Helbiq, Wandgemälde 1719—1727. 
Die zeichnerischen Abbildungen in der Pitture d'E. und im Museo Borbonico 
Bd. I Tfl. 12, wo vier von ihnen vereinigt sind, geben leider das Detail 
öfters ungenau, wovon man sich angesichts der Originale leicht überzeugt, 
und NiccoLiNi wiederholt leider nur die Zeichnungen des Mus. Borb. mit 
Hinzufügung von Farben. Wir werden sie also nur subtractis subtrahen- 

dis benutzen können. 
Als auffällig bedarf 
da zunächst das fol- 
gende Bildchen einer ge- 
sonderten Besprechung. 
In den Durchblicken 
einer großen phantasti- 
schen Architektur (Mus. 
naz. LXXIX 9731) sind 
zwei kleine Bilder ge- 
malt; das in dem Durch- 
Abb. 148: Neapel. jjUck rechts zcigt offne 

Schreibtafel (vier zu- 
sammenhängende Tafeln) und ein stehendes beschriebenes weißes Blatt in 
schmalem, weißem Rahmen; das Bildchen im Durchblick links gebe ich in 
Abb. 148 wieder. 

Der Grund (gewiß kein Tisch) ist rotviolett, der Sittybus tief rot, 
Tintenfaß und Calamus goldbronzefarben. Hier soll nun das Tintenfaß 
neben der Rolle doch keinesfalls anzeigen, daß die Rolle eben erst be- 
schrieben wird. Denn, wie man sieht, ist sie längst fertig und schon mit 
dem Sittybus versehen. Im Konvolut links ist ein hohler Raum (Rollen- 
stab?) angedeutet. Beispiellos ist hier aber die Art der Rollung rechts; 
sie müßte, wie die links, nach oben umbiegen, nicht nach unten. Dies 
Buch ist in S-Form gerollt. Denkt man es sich ganz zusammengewickelt, 
so bleiben in der Hand immer zwei gesonderte Konvolute. Dies scheint 
seltsam. Warum sollte man aber bei der sonstigen Einförmigkeit des Ver- 
fahrens nicht auch einmal zur Abwechslung in dieser Weise das Buch zu- 
sammenfalten? Wenigstens bei Opisthographa war das erträglich; denn 
ein Teil der Schrift der Innenseite kam auf diese Weise immer nach außen. 
Kam das öfters vor? Ich kenne dafür eine Analogie. Auch in den Wand- 




8: Rollung in S-Form. 9: Nachahmung der Papyrusfasern. 227 

bildern des Columbarium der Villa Pamfili hat der Lehrer sein Buch, wenn 
auf die Wiedergabe Verlaß ist, in S-Form gerollt; s. Abhandl. der Bayr. 
Akad VIII Tfl. 5 Nr. 15 (oben S. 140). So ist denn hier der Ort der auf- 
fälligen gespaltenen Rollen zu gedenken, die uns auf den detaillierten 
Reliefs der Spätzeit schon hie und da begegnet sind, ohne daß ich ein 
Wort an sie gewendet hätte; s. unsre Abb. 24 und 55. 

Ebensolche sah ich noch sonst auf späten Sarkophagen im Lateran, 
Mus. profano Saal V; im Capitolin. Museum, Hof; im Mus. Kircheriano; 
dazu der Sarkophag aus dem Coemeterium S. Giovanni (Abhandl. Münchner 
Akad. d. W. Bd. 20 Abt. 3 S. 802 Tfl. XII): der Ehemann im Muschelclipeus 
hält eine gespaltene Rolle im Motiv II. 

9. Nachahmung der Papyrusfasern In Marmor. Wenden wir uns 
jedoch nunmehr zur Betrachtung des Buches selber und seiner Ausstattung. 

Wer sollte erwarten, daß die Kunst sich herbeigelassen hätte, die Be- 
schaffenheit des Buchblattes, seine Zusammensetzung aus den Streifen des 
Papyrusschilfes in Marmor zu verewigen? Und doch ist dies der Fall. 
Das Netzartige in der Linienführung der Fasern war für die Charta das 
Charakteristische und blieb es auch bei feinster Zubereitung. Liefen die 
oberen von rechts nach links, so schimmerten zugleich immer die unteren 
durch, die die entgegengesetzte Richtung hatten. Denn möglichst lange 
Streifen wurden, in zwei Lagen im rechten Winkel sich kreuzend, überein- 
andergelegt, um eine Seite herzustellen.^) Der große Sarkophag im Atheni- 
schen Museum Nr. 1497 ist wie eine marmorne Illustration zu dem Fabri- 
kationsbericht des Plinius: auf seinem Deckel lehnt sich eine liegende 
männliche Gestalt mit ihrer Schulter an ein gewaltiges Rollenbündel, das 
allein an seiner Außenseite nicht weniger als 18 Rollen zählen läßt. Diese 
Rollen zeigen die Komposition des Papiers in Quer- und Vertikalstreifen 
mit redlichem Fleiß ausgeführt. An den auf der Rückseite des Deckels 
befindlichen Rollen erkennt man nur die Vertikalstreifen, an den auf der 
Vorderseite beide. Eine photographische Aufnahme war bei. der Beleuch- 
tung des Raumes nicht ausführbar. 

10. Es folgt die Anordnung der Schrift im Buch. Die Maler der 
pompejanischen Buchdarstellungen setzen offenbar überall voraus, daß die 
Schrift auf Kolumnen verteilt ist. So füllt bei Helbio Nr. 1724 (Mus. Bor- 
bon. I 12 Nr. 3) das Epigramm Quisquis ama valia usf. just eine Seite 
im Buch. Zwei nebeneinanderstehende Kolumnen mit Interstitium sind 
sogar deutlich erkennbar auf dem offen daliegenden Buche Pitture d'E. 11 
S. 93 (Vignette), welches Buch zwei Rollungen zeigt, die sich von selbst 
zusammenhalten.^) Diese Anordnung war durchaus Regel ynd herrscht in 
den erhaltenen literarischen Papyri; sie heißt ad paginas conversa bei 



1) Vgl. oben S. 6. 2) Auch ib. V S. 245 (oben S. 162). 

15* 



228 I^* ^^s Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

Sueton Caes. 56. Hingegen widerspricht den Tatsachen und ist Mißbrauch 
der monumentalen Darstellung, wenn auf dem Denkmal des Sulpicius 
Maximus (Konservatorenpalast, Oktogon Nr. 6) die Schrift vielmehr „trans- 
versa Charta*', d. h. in der Richtung der Rollenhohe läuft (oben S. 189 f.). 
Wieder anders die weit offne Rolle auf unsrer Abb. 118: sie zeigt 
Liniierung; vier Linien laufen hier die Länge der Rolle entlang. Dies 
Buch war also diplomartig in vier gewaltigen Langzeilen beschrieben; 
genau ebenso in vier Langzeilen beschrieben findet es sich später z. B. in 
Ravenna, S. Apollinare nuovo, 1. Wand , bei Garrucci Tf 1. 247 Fig. 1 2. Das 
nämliche Verfahren aber trafen wir auch schon in dem von Olpers publi- 
zierten kumanischen Grabe an (s. S. 150). 

11. Sodann der Rollenstab (6)i(paXöc, umbilicus). Man pflegt darin 
einen Stab zu sehen, der die Achse der geschlossene Rolle bildete, in 
ihrem Innern lag und also sich am Ende des gerollten Textes befand. Er 
war gelegentlich bunt, pictus (Martial) oder vergoldet (Lucian), und bestand 
aus Holz oder Knochen: in fine libri umbilici ex ligno aut osse solent poni 
sagt Porfyrio zu Hör. Epod. 14, 8. Endlich soll er an der Rolle befestigt 
gewesen sein. Es gilt hier indes mehreres aufzuklären. 

Fälschlich wird behauptet^), der Leser habe diesen Umbilicus, der oben 
und unten hervorragte, zum Zweck des Aufrollens angefaßt Dies wider- 
legen sämtliche Abbildungen. Alle Aufrollenden fassen das Konvolut selbst 
vielmehr in der Mitte oder am Fuß an. Zudem hat der Stab auch gar 
nicht aus der Rolle hervorgeragt. Wir müssen vom jüdischen Gebrauch, 
der nur Lederrollen betrifft, hier gründlich absehn*); vielleicht war von 
ihm der der liturgischen Rollen im Mittelalter abhängig; jedenfalls sind 
auch sie Lederrollen, und beweisen für uns noch weniger als die altjüdischen. 

Dafür, daß der Stab an der Papyrusrolle befestigt war, ist meines 
Wissens Hero der einzige zuverlässige Zeuge. Für das Automatentheater 
braucht er als bewegten Hintergrund einen bemalten x<ipTr|c und zwar ßaci- 
XiKÖc, feinstes KOnigspapier; dieser x^P'^n^ hat an seinem einen Ende keinen 
Stab^), wohl aber an seinem anderen Ende einen öimqpaXöc, der angeklebt ist 
und für den Zweck des Mechanikers abgeschnitten werden muß, weil er 
stört.*) Also in der Tat ein befestigter Umbilicus. Aber man muß be- 
achten, daß dies eben kein Lesebuch, sondern ein einziges entfaltetes Ge- 

1) Marquardt, Pänalaltertümer, 2. Aufl., S. 818. 

2) Allerdings wird im jüdischen Gottesdienst die Rolle am Stab gehalten; 
das heilige Buch darf eben nicht mit der Hand berührt werden. Auf jüdischen 
Goldgläsern mit Rollendarstellungen läßt sich der Holzstab in der Rolle bisweilen 
erkennen; s. Garrucci Tfl. 490, 1 u. 2. Weiteres bei Blau, Stud. zum althebr. Buch- 
wesen S. 41 f. 

3) Siehe ed. W. Schmidt 1 S. 434, 5: bei he inroKoXXficai öttö Tf|v dpx*^v toö 
XdpTou Kavöva, also an seinem Anfang muß ein dünner Stab, Kavuüv, erst nachträg- 
lich angeklebt werden. 4) Ibid. S. 432, 18 ff. 



10: Anordnung der Schrift. 11: Der Rollenslab. 229 

malde von Luft und Meer war, das als Bahnenhintergrund dienen sollte.') 
Da fOr solches Bild teilweise Autrollung, wie sie beim Lesen Dblich, nicht 
genOgte, sondern das Tableau immer in ganzer Lange entfaltet sein wollte, 
um zu wirken, so war dafQr allerdings, wie bei unsren Landkarten, die ' 
man gleichfalls ganz aufrollt, ein fester Stab unentbehrlich. Mit dem Lite- 
raturbuch stand es augenscheinlich anders. 

Hunderte von Papyri sind ja gefunden: aber sie wissen vom Rollen- 
stab so gut wie nichts. In einem ägyptischen Papyrus sind allerdings ein- 
mal ein Paar aufeinandergelegte Schilfbtatter angetroffen worden.^ Das 
bestätigt nur das Gesagte. Nur die herculanischen Rollen geben ein Paar 
wertvolle Ausnahmen. Schon Wihckblmann und Jomo lehrten"), gelegent- 
lich fanden sich in ihrem Innern, nicht aber an der Außenseite, bastoncelli 
di legno o pure formatt di semplice papiro strettamente agglomerato a tal 



uso; die Rollen mit Stab seien mehr rund, die ohne solchen mehr oval 
geformt. Dagegen versicherte mir freilich Herr Currazzi, der im J. 1901 
im Museo naz. der Arbeit der Abwickelung vorstand, wiederholt und ener- 
gisch, nie fände sich in den Rollen ein Umbilicus. Ich nahm damals, so 
gut es anging*), einige unaufgerollte Papyri in Augenschein; danach die 
sehr verkleinerten Abb. 149-153.*) Nr. 632 erweckte mir da den Anschein, 
daß ein grauschwarzer Stab mit hellerem Innern darin stecke. Sicher fehlte 
er dagegen in Nr. 732 u. 298; auch Nr. 1254 - und ebenso 1249 - zeigte 
ein hohles Loch. Inzwischen erfahre ich, daß in drei unaufgerollten Papyri 

1) Ibid. S. 434, 19: fcrai bi oötoc (ö xapilO ö^pa koI ed^occav fx"Jv fSTIwiJM^va. 

2) ZOhdel Im Rtiein. Mus. 21 S. 437. 

3) Olficina de' papiri S. ISft. und 69; Wenckelmann, Werke ed. Pernow II 
S. 102. Vgl. dazu Clark, Gare of books S. 24. 

4) Der genannte machte mir allerlei Schwieriglteiten und verbot mir u. a. Num- 
mern aufzunotieren; die Zahlen sind nur nach dem Gedächtnis aufgeschrieben. 

5) Die Rolle auf Abb. 153 ist 17 cm lang; ihr Durchmesser gegen 5 cm. 



230 • ^^' ^^^ Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

dort und zwar in den Nrn. 1493, 1495 und 1699 tatsächlich Rollenstäbe fest- 
gestellt worden sind. Der Durchmesser solchen Stabes ist 15 mm lang; 
das Stäbchen zeigt im Innern bald eine hellere Masse (meduUa) von 5 mm 
Durchmesser, bald einen entsprechenden Hohlraum. Weitere Belege fehlen. 
Diese Beispiele sind verschwindend wenige. 

Wie erklärt sich dies Fehlen? Fragen wir die Literatur. Frühester 
Zeuge ist erst CatuU. Cicero, der doch manches Buchtechnische erwähnt, 
weiß noch nichts vom Umbilicus; vor allem die ganze griechische Literatur 
bis ins 2. Jahrh. nach Chr. weiß nichts von ihm.^) Es sind nur die römi- 
schen Dichter, die für die allervornehmsten Gönner Dedikationsexemplare 
herstellen und durch eine hochelegante Ausstattung blenden und bestechen 
wollen. Grade sie beweisen, daß der Umbilicus im Lesebuch nicht das 
Gewöhnliche gewesen ist. Suffenus bei Catull zeigt sich dadurch als eitlen 
Narren; und wenn Lucian De merced. conduct. 4 sagt, daß nur die aller- 
schönsten Exemplare (KoWicia ßißXia) vergoldeten Rollenstab und purpurne 
Papula zeigten, so dürfen wir hinzusetzen: es waren nur schöne Exemplare, 
die überhaupt mit Stab und Pänula versehen wurden. 

Auch die im Verlauf dieses Buchs herangezogenen Kunstwerke haben 

uns von diesem Stab nirgends eine zuverlässige Andeutung gegeben. Von 

den Stilleben mit Buchdarstellungen seien drei herangezogen. 

Neapel, Mus. naz. LXXXIl 9819: Dieser Rahmen umfaßt fünf kleine Gemälde, 
die nicht zusammengehören; auf Nr. 2 sieht man eine geschlossene« Rolle, eine offne 
Rolle und eine Schreibtafel, also Brouillon und Reinschrift: s. Mus. Borbon. 1 12,5. 
Die offne Rolle zeigt auf dem Mittelblatt Schrift (anscheinend griechische); sie hat 
zwei Rollungen. Die rechts (für den Betrachter) zeigt in der Mitte ihres Durch- 
schnitts einen runden dunklen Schatten; er kann bedeuten, daß das Innere hier leer 
(solcher Schatten, der das hohle Rolleninnere anzeigt, erscheint auch sonst, z. B. auf 
den Mosaiken; so an der Rolle, die Christus in der Tribuna von S. Cosma e Da- 
miano zu Rom in seiner L. hält). Dies ist aber die Rollung, die in die 1. Hand des 
Lesenden kommt. Denn der Sittybos zeigt, daß die Rolle auf dem Kopf liegt. Als- 
dann würde der innere Kreis, den man in der anderen, linksliegenden Rollung 
wahrnimmt, für den Umbilicus anzusehen sein, und der Umbilicus ruhte also in der 



1) Durch freundliche VermiUlung von S. SUDHAUS erhielt ich auf Anfrage diese 
Mitteilungen von Chr. Jensen in einem Briefe vom 25. März 1906, der folgendes ent- 
hält: „Schon vor einigen Wochen . . . sprach ich über diese Frage mit Signor Cozzi, der 
seit 1901 die Stelle des Herrn Currazzi vertritt. Herr Cozzi behauptete, daß mit Aus- 
nahme von zwei Fällen sich nie ein solcher Rollenstab gefunden habe. . . . Wiederholt 
gebeten, ließ er heute den einen der Papyrusbehälter Offnen und zeigte die unauf- 
gerollten Rollen Nr. 1493 und .Nr. 1495, in denen wirklich der Umbilicus erhalten ist. 
Neben diesen beiden entdeckten wir noch eine dritte, sehr gut erhaltene Rolle 
(Nr. 1699), bei der es mit Hilfe einer Stecknadel gelang, das Ende (Endstück) des 
verkohlten Stabes bis zu einer Länge von 3\L cm herauszunehmen. Der Durch- 
messer des Stabes beträgt bei allen drei Rollen 15 mm, die MeduUa darin hat einen 
Durchmesser von 5 mm. Bei Nr. 1495 ist der Stab hohl. ... Es wird wohl beab- 
sichtigt sein, daß grade diese drei Exemplare zusammen lagen. . . . Die anderen 
Rollen, welche ich bisher gesehen habe, hatten keinen Umbilicus .. .^^ 

2) Die einzige Ausnahtne, eben Hero, der dem 1. Jahrh. nach Chr. angehört, 
betrifft, wie ausgeführt ist, kein Literaturbuch. 



11: Der Rollenstab. 



231 



r. Hand und in dem noch ungelesenen Teil, der das Buchende umschließt. Dies 
bleibt, wie jeder bemerkt, wieder ganz unsicher. 

Umgekehrt die zwei folgenden Fälle. Auf dem Bilde LXXIX 9731, unsrer 
Abb. 148, erscheint eine Andeutung eines leeren Raumes oder eines Stabes vielmehr 
in der Rollung rechts (vgl. dazu auch unsre Abb. 101). Auch diese Rolle liegt auf 
dem Kopf. Diese Rollung kam beim Lesen also in die 1. Hand, und der Stab steckte 
demnach am Buchanfang. Auch hier bleibt sein Vorhandensein indes ganz ungewiß. 

Nicht anders endlich IX 8598 (Helbiq 1726), eine große Wanddekoration. Oben 
läuft ein Pries mit vier gesonderten Bildchen. Das letzte Bild rechts zeigt ver- 
schiedene Gegenstände auf zwei Stufen verteilt: Münzen, Tintenfaß, Tafel, dazu eine 
geöffnete Rolle, die daliegt, den Rücken nach oben: unsre Abb. 154. Die Rollen- 
schnitte sind hier besonders sorglich ausgeführt und leidlich gut erhalten. In der 
Rollung links könnte nun vielleicht jemand den Umbilicus erkennen wollen, die rechts 
dagegen enthält ihn sicher nicht. Vielmehr zeigt sich in der letzteren wieder der 







Abb. 154. 



runde dunkle Schatten, der anzeigt, daß das Innere hier hohl ist. Auch diese Rolle 
liegt auf dem Kopf; auch hier gehört also die Rollung ohne Rollenstab in die r. 
Hand. Der Rollenstab würde sich demnach auch hier ev. nur in der L. befinden. 

Ich würde nicht wagen, den Leser mit diesen schattenhaften Minutien 
aufzuhalten, käme nicht ein Zeugnis aus der plastischen Kunst hinzu. 

Die ältere Plastik bringt kein Detail. Vielleicht bemalte sie die Rolle, 

und das Detail ist für uns verblichen. Ober einen Rest von Bemalung s. 

oben S. 99. Im Verlauf der Kaiserzeit aber half man mit Meißel und Bohrer 

nach, und die Windungen im Schnitt der Rollen wurden sichtbar gemacht 

(z.B. Abb. 51 und 125). Vom Umbilicus findet sich gleichwohl keine Spur. 

Vgl auch noch Abb. 82; 156; 157; 159 und oben S. 186. 

Merkwürdig ist, daß die Deckelfiguren einiger Sarkophage, die die unter- 
brochene Lektüre darstellen, mitunter die eine Rollung mit ausgearbeitetem, die 
andere mit glattem Rollenschnitt zeigen (S. 192). Doch wage ich diesen Umstand 



232 IV- ^^ Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

hier nicht zu verwenden. Ebenso kann ich nur im Vorübergehen daraul hinweisen, 
daffl gelegentlich, wo zweigespahene geschlossene Rollen vorkommen, in Ibeiden 
Rollungen sich Bohrlocher finden (PrisciUakatakombe an der Via Salaria: groQer 
oben zerbrochener Säulen Sarkophag in einer der Kapellen i die Mittelflgur hält die 
Rolle, Motiv 1, gesenkt nach unten; s. oben S. 76 Ende; die Rolle hat je ein Bohr- 
loch in den zwei Abteilungen. Ich verstehe nichl ihren Zweck. 

Sicher aber ist das Eine. Das wertvolle Lateranrelief des 3. Jahrh., 
das uns den Vorleser mit weit offner Rolle zeigte (oben S. 152), gibt diese 
Dinge mit grOfiter Sorgfalt wieder; und es zeigt uns auch den Umbilicus; 
ich gebe die beiden Rollenenden noch einmal in Nachzeichnung, Abb. !55. 
Damit ist klar erwiesen: der Umbilicus befindet sich beim Lesen in 
der linken Hand, nicht in der rechten. 

Unmöglich! wird man sagen. Das widerspricht allem, was wir wissen. 
Ein Rollenstab in der I. Hand worde sich am Anfang des Buchtextes be- 
linden, und wir wissen doch, daß er fQr den Schreibenden vielmehr das 




Ende des Textes bedeutete. Heißt es doch bei Horaz: iambos ad umbili- 
cum adducere; ahnlich beim Martial. Er gehOrt also in die r. Hand. 
Allerdings! Der Umbilicus bedeutet das Ende eben nur far den Schrei- 
benden, nicht für den Lesenden. Vom ad umbilicum legere redet Horaz 
nicht. Wir haben also zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen: entweder 
der Mann des lateranischen Reliefs ist Jude und liest in einer jadischen 
Rolle, deren linkslauüger Text von links nach rechts gezogen werden 
mußte (dies anzunehmen wäre die letzte Zuflucht), oder die Sache verhalt 
sich folgendermaßen. 

Der Rollenstab war an der Charta gar nicht befestigt; Porfyrio sagt 
nur solet poni, nicht aptari oder adsui oder gar agglutinari. Es handelt 
sich vielmehr um einen dUnnen langen Pflock, der in die Rolle, wenn sie 
vollgeschrieben war, als Zentrum der gerollten Masse nur so lose hinein- 
gesteckt wurde. Einen Hohlraum in ihrer Mitte, der für ihn Raum gab, 
haben wir ja wirklich schon feststellen können (S. 230), und eine Rollung 
von Papier ist ohne solchen Hohlraum Oberhaupt nicht denkbar. Fing 
man zu lesen an, so ließ man den Pflock entweder an seinem Platze am 



11: Der Rollenstab. 233^ 

Textschluß sitzen - dies setzt das librum ad wnbilicum revolvere bei Seneca 
voraus, Suas. 6, 27 -, oder aber die 1. Hand zog erst das Stäbchen heraus^ 
behielt es und benutzte es, um den abgerollten Teil des Buchs darum 
wieder aufzurollen. Eben dies tut der Mann auf dem Relief. Er verwendet 
den Umbilicus auf das zweckmäßigste. Denn was sollte das Stäbchen noch 
weiter im Innern des abzurollenden Teiles, der sich doch auflöste? 

Was uns das Bild gelehrt, bestätigt schlagend Lucian Adv. indoctum» 
Da heißt es c. 7 vom albernen Bflcherfatzken nur, daß er ein Buch in der 
Hand hält, das einen goldenen Omphalos „hat" (^X^O; c. 16 aber steht: liva 
yoip eXiriba Kai auTÖc fx^'v ic la ßißXia kqi dvaiuXiTieic dei kqi biaKoX- 
Xqic .... Kai oficpaXouc dvTiöric; Die Bücher, mit denen der Alberne 
sich zu tun macht, sind längst fertige Exemplare. Trotzdem fügt er jetzt 
erst Buchstäbe ein; also hatten diese fertigen Bücher bisher keine gehabt, 
und das war, wie wir auch hier wahrnehmen, das Gewöhnliche. Als Verbum 
aber steht dvxiöevai, und das heißt nur „hineinstecken", so wie man den 
Fuß in den Schuh steckt (dvriBevai Tib Tröbe) oder den Nacken ins Joch. 
An Ankleben, Nähen oder Festbinden wird gar nicht gedacht. Wer will 
noch verkennen, daß das Stäbchen lose und nur zum Herein- und Hinaus- 
schieben bestimmt war? 

So erst verstehen wir dann auch den Büchernarren Suffenus bei 
Catull c. 22. Dieser hat ein Epos von 10000 Versen geschrieben und 
trägt den Text in etwa 10 Papyrusrollen ein, die von frischem Papier 
bester Sorte sind; dazu verwendet er aber auch novi umbilici, nämlich für 
jede Rolle einen. Als besonderer Luxus gilt hier, daß der Dichter sogar 
„neue" Stäbchen nimmt. Daraus folgt, daß man sich sonst begnügte, alte 
zu nehmen, und damit ist vorausgesetzt, daß man die Stäbchen sonst ein- 
fach aus älteren Rollen herauszog und in die neuen hineinsteckte. Sie 
waren leicht übertragbar. 

Eine letzte Bestätigung scheinen hierfür endlich auch noch die Stäbe 
in den Herculanensischen Rollen selbst zu geben, von denen S. 229 die 
Rede war. Wie ich einer nachträglich erhaltenen Mitteilung entnehme, ist 
es wahrscheinlich, daß sie sich wirklich lose in den Rollen befinden.^) 

Und wer las, steckte demnach den Umbilicus, wenn auch nicht stets, 
so doch oftmals in die linke Rollenhälfte. Das zeigte uns das Relief. 

Erst hiernach erklärt sich dann endlich auch, daß der Stab bunt gefärbt 
oder vergoldet wurde. Was sah man davon, wenn man ihn festklebte oder 
gar einnähte? Er lag vielmehr oft frei in der Hand. 

1) Jensen danke ich auch noch folgende Mitteilung, unterm 26. April 1906: 
„Bei der Untersuchung der Rollen schien es mir nicht so, als ob der Stab am 
Rollenende festgeklebt war. Das verkohlte Ende (Endstück) des Stabes ließ sich 
mit Hilfe einer Nadel ohne weiteres herausnehmen. Hätte man die Rolle mit diesem 
Ende nach unten gehalten, so wäre das Stabende wohl herausgefallen." Auch JORIO 
setzt a. a. O. für die „bastoncelli" nicht voraus, daß sie befestigt waren. 



234 '^- ^^s Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

Erst in Domitian's Zeit kam es auf, zwei Stäbe fOr das Buch zu ver- 
wenden; dies sagt uns Statius Silv. IV 9, 8. Es ist aber wiederum durch 
nichts angezeigt, daß nun einer der Stäbe am Anfang des Textes, der 
andere an seinem Schluß sich befand oder gar befestigt wurde. Vielmehr 
steckte man jetzt — eine Steigerung des Luxus — zwei Stäbe ins Innere 
des Volumen, damit, wenn die 1. Hand beim Beginn der Lektüre einen von 
ihnen herauszog, um den abgerollten Text wieder daran aufzuwickeln^), 
der andere im Innern der Rolle stecken bleiben konnte. Die Martialstellen 
I 66, 11 {Über umbüicis cultus\ VIII 61,4 (umbilicis decorus, vom Dichter 
selbst), III 2, 9 {pictis luxurieris umbilicis) erklären sich so vollständig 
ausreichend; ebenso IV 89, 2 iam pervenimus usque ad umbilicos, d. h. 
beim Schreiben sind wir jetzt bis zum Innersten der Rolle gekommen, wo 
man die Umbilici hineinzustecken pflegt Besonders aber gewinnt nun 
V 6, 15: nigris pagina crevit umbilicis erst Verständnis. Hier bedeutet 
pagina das ganze Volumen; dies Volumen ist zwar klein, wie der Dichter 
V. 7 betont, aber es ist angewachsen (crevit) durch die beiden Stäbe; man 
meint, das Buch sei so stark an Papier; aber die Stäbe sind es, die es so 
aufblähen. Sie stecken beide im Innern.^) Der eine war mutmaßlich hohl; 
ein Stab steckte im anderen. 

Wenn es in dem herrenlosen Epigramm bei Diogenes Laertius 9, 16 (= Anthol. 
Pal. 9, 540 "AbriXov) heißt: ^f] Ta%i)c 'HpaKÄeiTou ^tt' ö|Li<paXöv etXee ß(ßXov, so ist dies 
nach Seneca's ad umbilicum revolvere zu beurteilen. Übrigens dürfte dies Epigramm 
von der Mache des Diogenes selbst sein, der ein TTdmueTpov von Epigrammen auf 
berühmte Männer lieferte. Und bei den Griechen sind es somit nur die Spätlinge 
Lucian und Diogenes, die vom Stab im Lesebuch etwas wissen. 

Die Rotuli der Kirche des Mittelalters hatten zwei festgenähte und mit Knöpfen 
versehene Stäbe (man sieht sie z. B. bei Swarzenski, Regensburger Buchmalerei 
Tfl. 14—21). Dies entspricht, wie gesagt, dem jüdischen Ritus und gilt nur von 
Pergamentrollen. Es fragt sich, ob sich dafür schon im 4. oder 5. Jahrh. An- 
deutungen nachweisen lassen. Interessant ist die Stelle des Martianus Capeila V 566, 
wo es von der pagina {= Buch) heißt, ihr Inhalt sei jetzt zu Ende geführt: 

quae tamen voluminis 
vix umbilicum multa opertum fascea 
turgore pinguis insuit rubellulum. 

Hier steht also wirklich insuit Dies ist jedoch sinnlos; denn inwiefern die Dicke 
einer geschlossenen Rolle das Annähen des Stabes erschweren soll, ist nicht ein- 



1) Schon WiNCKELMANN, Werke II S. 103, forderte sehr verständig, es sei ein 
zweiter Stab nOtig gewesen, um „die aufgerollte Schrift wiederum aufzuwickeln". 

2) Zweifelhaft ist die Auslegung der Stelle II 6, 10: 

Quid prodest mihi tam macer libellus 
Nullo crassior ut sit umbilico, 
Si toto tibi triduo legatur? 

Ich interpretiere macer libellus crassior est nullo umbilico: solch dünnes Buch er- 
scheint „dicker, wenn es keinen Rollenstab hat*S als wenn es einen hat 
Ein kurzer Papierbogen, wie der auf unsrer Abb. 72 und 73, läßt sich nämlich ganz 
gut um sich selbst rollen; rollt man ihn dagegen um einen Stab, so bedeckt er ihn 
gar zu dürftig und man merkt erst dann recht, wie klein der Bogen ist 



11: Der Rollenstab. 12: Cornua. 235 

zusehen, da doch das Annähen vor der Zusammenrollung würde zu geschehen haben; 
and was sah man, wenn der Stab eingenäht war, von seiner roten Farbe? Also 
schrieb Martianus Capella, wie ich meine, nicht insuit, sondern inserit Erst dies 
gibt einen passenden Sinn. Die dicke Blättermasse der Rolle liegt so eng gepreßt, 
daß inwendig kaum ein Loch bleibt, um den Stab hineinzuschieben. 

12. Cornua. Was aber sind die cornua am Buch, die die römischen 
Dichter hie und da erwähnen? ^ Sind es wirklich Knöpfe, wie sie im Mittel- 
alter an den Stäben oben und unten erscheinen? Man hat auf dem Bild bei 
Hblbiq 1725 solche Knöpfe zu erkennen geglaubt; das ist Irrtum; es sind 
vielmehr Sittyboi. Fälschlich wird auch Nr. 1726 (Hblbiq) im Mus. Borbonico 
I 12 so wiedergegeben, als hingen aus dem Innern der beiden Konvolute 
des Buchs Fäden oder Schleifchen heraus. Dies Bild ist vorhin abgebildet 
und besprochen (Abb. 154). Vor allem heißt cornua nicht „Knöpfe". Wir 
müssen richtiger übersetzen. Cornua in tropischer Verwendung heißt ent- 
weder, was aus Hörn gemacht ist (wie die Laterne; die Umbilici aber waren 
aus Holz oder Knochen) oder aber, was in gebogener Form halbmond- 
förmig vorspringt. Dabei ist die Zweiheit wichtig, weil auch das Tier zwei 
Hörner hat. So heißen nun zunächst in einer aufgerollten Schlachtordnung 
die Flügel oder gebogenen Enden bei den Griechen K^paia, bei den 
Römern cornua. Solcher Schlachtordnung gleicht aber die offene Rolle; die 
RoUenenden sind ihre Flügel; und wenn Lucan III 547 schrieb: Et iam di- 
ductis extenduni cornua proris, so setze man chartis für proris ein, und 
man hat die cornua der Rolle: si Charta diducitur, cornua eius extenduntur. 
Daher auch das explicare aciem, „die Schlachtreihe aufrollen" bei den 
Historikern; der Tropus ist vom Buch hergenommen. Um so sicherer sind 
auch cornua hier nichts anderes als dort. Weiter aber sind bei einem 
gerundeten Meerbusen cornua die vorspringenden Enden: Cic. ad Att. 
9, 14, 1; Ovid Met V 410; Mela 1, 84. Der Zuschauerraum des Theaters 
hat Halbkreisform, und seine Enden rechts und links heißen wieder cornua 
(Plin. nat. bist. 36, 117), cornua endlich auch die Eckplätze auf dem Rund- 
sopha und Hemicyclium {comibus in sujmnis ponere membra; vgl. auch 
Apollin. Sidon. epist. I 11, 10; dazu Tac. ann. I 75; Valer. Maxim. V 7 
Ext. 2). Ganz ebenso können folglich im Halbrund der aufgerollten Rolle 
die cornua nichts anderes sein als die Endblätter. 

Daher heißt es nun wirklich vom Buch — ganz wie von der Schlacht- 
reihe -, daß man es bis zu seinen Cornua aufrollt: explicitus usque ad 
sua cornua (Martial XI 107). Weil ferner die Endblätter vom Leser am 
meisten angefaßt und abgegriffen wurden, so bestanden sie aus stärkerer 
charta\ oder es wurden zur Verstärkung Querstreifen von ca. 5 cm Breite 



1) Ein entsprechendes x^para kommt bei den Griechen, soviel ich weiß, 
nicht vor. 

2) Führer durch die Sammlung Erzherzog Rainer S* 18. 



236 ^^* ^^s Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

m 

aufgeklebt^), wie die erhaltenen Papyri zeigen. Zum Ausdruck ,,Hömer'^ 
paßt diese größere Festigkeit gut.^) Daß bei eleganter Ausstattung diese 
Blattenden auch gefärbt wurden, ist begreiflich, und zwar wurden sie weiß 
gefärbt; eine andere Farbe wird nicht genannt. Endlich wurden sie ge- 
legentlich auch rund zugeschnitten: oben S. 129. 

Diese comua werden nun besonders gern da erwähnt, wo auch die 
frontes libri vorkommen. Das ist sinnvoll: HOmer pflegen an einer Stirn 
zu sitzen. Beide Tropen ziehen sich an; vgl. Mela 11 67 von Italien: frons 
eins in duo quidem se comua .... scindit Die frontes libri aber sind 
der obere und untere Schnitt des geschlossenen Konvoluts; denn die frons 
heißt pumicata (Martial I 66, 10); pvmex aber diente dazu, diesen Schnitt 
zu glätten: Isidor Orig. VI 12, 3 zu Catull 1, 2; vgl. Ovid Trist I 1, 11. 
Daher verbindet Seneca voluminum frontes titulique De tranquill. 9, 6; 
denn die Buchtitel befestigte man am Schnitt.^ Der Tropus frons ist also 
bei geschlossener Rolle, der Tropus comua ist bei offner Rolle gedacht 
Hiernach ist nun endlich Lygdan\us oder Fseudo-TibuU III 1, 13 inter 
geminas frontes comua pingantur zu interpretieren: die zwischen beiden 
Rollenschnitten sich von oben nach unten erstreckenden Endblätter der 
Rolle sollen gefärbt werden; und Ovid Trist. I 1, 8, wo das Buch selbst 
angeredet wird, nee Candida comua nigra fronte geras: dein Anfangsblatt 
und Endblatt soll nicht weiß erscheinen, während dein Buchschnitt schwarz 
ist. Diese Dichter sind gleich alt: Lygdamus ist wie Ovid erst im J. 43 
vor Chr. geboren; vielleicht ist die Tristienstelle sogar frQher als die des 
Lygdamus abgefaßt^), und die Gedichte, die Ober den Buchschmuck han- 
deln, fallen demnach nicht frQher als 11 nach Chr. 



1) WiLCKEN, Hermes 23 S. 466 ff.; Borchardt, Zeitschr. für ägyptische Spr. 27 
S. 119; Erman und KREBS, Aus den Papyrus der Kgl. Museen S. 5. 

2) Auch am Schießbogen ist die Festigkeit der x^para von Wichtigkeit; siehe 
Heron, Belopoilka c. 4 und 8. 

3) Nicht hierher gehört die Stelle bei Trebell. Pollio XXX tyr. 4, 2, wo es vom 
Rhetor Quintilian heißt: quem declamatorem Romani generis acutissimum vel unius 
capitis lectio prima statim fronte demonstrat: hier ist „der erste Eindruck bei der 
Lektüre" zu verstehen, so wie Phaedrus sagt: decipit frons prima multos, Schwierig- 
keiten dagegen macht Ovid Trist. I 7, 33, wo der Dichter anordnet, ein Epigramm 
von 6 Zeilen solle in prima fronte libelli (nämlich der Metamorphosen) angebracht 
werden. Hier ist wirklich ein Teil der Buchrolle gemeint; ist aber frons der „Schnitt", 
so hat prima keinen Sinn. Dazu kommt das Bedenken, daß mit dem Singular libellus 
das große Werk der Verwandlungen unmöglich bezeichnet sein kann. Die Stelle ist 
korrupt; der Librarius schrieb prima fronte in Erinnerung an die eben nachgewiesene 
Redewendung, und es ist in primi fronte libelli herzustellen; denn das erwähnte 
Epigramm gehörte an den Anfang des Werks, also an die frons des ersten Buchs; 
s. Buchwesen S. 30; oben S. 23 Anm. 4. Durchaus fernzuhalten ist endlich auch die 
Horazstelle Od. I 7, 7 fronti praeponere olivam, die F. Scholl im Archiv Lex. VII 
S. 441 auf die frons des Buches deuten wollte: eine bare Unmöglichkeit. 

4) Das Buch des Lygdamus muß nach Ovid*s viertem Tristienbuch ediert sein; 
denn da Lygdamus auch sonst Ovid nachahmt (vgl. besonders Lygd. 5, 19 mit Ovid 



12: Cornua. 13: Zettel mit Buchtitel. 237 

Nach alledem ist es begreiflich genug, weshalb auf den Monumenten 
von Knöpfen an den frontes der Bacher sich so gar nichts wahrnehmen 
läßt Die Kunstwerke sind zuverlässig. Daß sie es sind, beweist der cit- 
Tußoc, den sie um so sorgfältiger wiedergeben und dem wir uns jetzt zu- 
wenden; 

13. Zettel mit Buchtitel. Wo Bacher als Nebensache dargestellt sind, 
kann der Sittybos fehlen; wo das Interesse auf ihnen ruht, ist er selten 
weggelassen. Auch auf dem Bild des Thermenmuseums oben S. 119 fehlt 
«r nicht Doch gilt es wieder die Zeiten zu unterscheiden. 

An einem geschlossenen Buch mußte außen der Titel angebracht sein; 
denn wer ein solches aus dem Schrank oder Kasten nahm, wollte sogleich, 
ja schon vorher ersehen können, was sein Inhalt war. Diesem Bedürfnis 
konnte indes auf zweierlei Weise entsprochen werden, und im älteren grie- 
chischen Buchwesen hat der Sittybos, wennschon sich seiner wohl schon 
die alten Ägypter bedienten (oben S. 17), noch gefehlt Das zeigt zunächst 
das Wort „Epigramma". Bei Alexis (Athenaeus S. 184B) erhalten wir ein- 
mal Einblick in eine Bibliothek poetischer Werke; da hat jede Rolle ihr 
epigramma, sei es ein Dichtername wie ^Opcpeuc oder eine Sachanzeige wie 
öipapTucia. „Epigramm" aber kann nur die Aufschrift, nicht aber einen 
angehängten Zettel bedeuten. So wie vielmehr die ,,Epigramme" auf Grab- 
steinen oder Weihgeschenken den Gegenstand, den sie anzeigen wollten, 
selbst bedeckten, so hat das epigramma bei Alexis auch opisthographisch 
auf der geschlossenen Buchrolle selbst gestanden. Daher erklärt sich nun, 
daß, obschon die archaische Kunst zu andrem Zweck den Zettel mit Auf- 
schrift schon kannte — ich denke an die etruskischen Spiegel, auf denen 
zu den Figuren die Namen bisweilen nicht direkt, sondern auf solchen 
schmalen Zetteln beigeschrieben sind^) -, gleichwohl die alten Vasenbilder, 
die das Detail sonst mit naiver Ausführlichkeit zu geben pflegen, ein 
solches Zettelchen am Buch nirgends erkennen lassen. Nur auf der 
Euphroniosvase oben S. 148 entdeckten wir einen Titel: XIPONEIA, aber 
er ist dort an der Außenseite der geschlossenen Rolle selbst entlang ge- 
schrieben. Dies ist eben ein wirkliches Epigramma; so also standen auch 
bei Alexis die Titel auf den Büchern; und wir haben die Bilder, wo der 
Zylinder des Buchs außen beschrieben wird, eben dahin ausgelegt (S. 12 f. 
u. 202). Auch die Klio oben S. 188 zeigt noch solches „Epigramm'\ 

Daß in den besprochenen Zeiten das Buchtitelwesen noch unentwickelt 
war, hat E. Lohan gezeigt^) Daher war Theognis um sein Eigentumsrecht 



Amor. 11 14, 23 und Lygd. 5, 16 mit Ovid Ars am. II 670), so ist auch Lygd. 5, 18 
aus Ovid Trist IV 10, 6 abgeschrieben, nicht umgekehrt. 

1) Siehe z. B. Monumenti dell' Inst. II Tfl. 29; XI Tfl. 3; VISCONTI, Mus. Pio- 
Clement. IV TH. B I; Martha, L*art etrusque Fig. 374. 

2) De librorum titulis apud classicos scriptores, Marburg 1890. 



238 1^* ^^s Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

an seinen Elegien und ihre unverfälschte Oberlieferung besorgt und suchte 
durch Siegelung der ausgegebenen Exemplare sich Sicherheit zu verschaffen. 
Anders kann ich Theogn. v. 19 nicht verstehen. Ober diese Siegelung: ist 
unten S. 243 gehandelt. Für viele Prosasachen, auch für Produkte der 
melischen Poesie sind die uns geläufigen Titel erst von alexandrinischen 
Gelehrten und Bibliothekaren fixiert worden; in der ältesten Zeit stand nur 
einfach KUiiitubia oder ipaYUJbia auf den Dramen.^) Dieselben Gelehrten 
waren die Urheber der Doppeltitel in Plato's Dialogen und im Drama. ^) 
Und eben dieselbe gelehrte hellenistische Zeit hat nun auch erst die 
Zettelchen aus Membrana erfunden, die lateinisch index, titulus, griechisch 
sittybos (oder sillybos) heißen.^) Cicero, der früheste Zeuge, bringt den 
griechischen Ausdruck dreimal.^) Mit dieser Erfindung hängt augenschein- 
lich zusammen, daß die Rollen in der älteren Zeit oft noch im Kasten 
liegend, in der späteren durchgängig stehend aufbewahrt wurden (siehe 
unten). Bei den stehenden Rollen mußte der Titel nunmehr an ihrem 
Kopf deutlich gemacht werden. Ein solcher Zettel mit Aufschrift ist uns, 
wenn der Fund richtig gedeutet wird, noch erhalten.^) 

Daß der Sittybos durchweg an der oberen und nicht etwa an der 
unteren frons der stehenden Rolle befestigt wurde, ist selbstverständlich. 
Auch bestätigen es die Bilder, die Rollen in der Capsa zeigen; s. Helbio 
1725 (oben S. 235) und 859 (oben S. 188), sowie die anderen, wo die 
Rolle in der Hand des Lesers ist. Und zwar war er nicht etwa am RoUen- 
stab befestigt (der ja auch gar kein Bestandteil der Rolle war), sondern 
am oberen Rand des Papiers selber; dies setzt Seneca voraus, der a. a. 0. 
frontes titulique verbindet; an der frons selbst saß also der titulus. Das- 
selbe zeigt das Medaillonbild oben Abb. 103, dazu S. 166; der Zettel ist da 
sehr winzig, aber rot gefärbt, wie es Martial III 2 vorschreibt; vorzüglich 
zeigt dies der Jüngling mit geöffneter Rolle, auf dessen Sittybos Homerus 
geschrieben steht (S. 188 f.) sowie das Pendant dazu: ein Jüngling mit ge- 
schlossener Rolle, auf dessen Sittybos Plato zu stehen scheint, s. Abb. 156 
und 157.^) In diesen beiden Fällen, wie auch sonst öfter, ist der Sittybos 
so weiß wie das Buch; so auch auf dem Bilde Mus. naz. IX 8598, unsrer 
Abb. 154; grün ist er Helbig 1420 (oben S. 115, Abb. 64), rot wiederum 



1) Ober Kiu|Liujbia siehe A. KÖRTE, Rhein. Mus. 60 S. 434 f.; Über rpaTiijbia als 
Buchaufschrift Alexis a. a. O. 

2) Siehe Plato's Protagoras ed. Kroschel, 1882, S. 1; W. HiPPENSTlEL, De 
Graecorum tragicorum fabularum nominibus, Marburg 1887; W. BENDER, De Graecae 
comoediae titulis duplicibus, Marburg 1904. 

3) Siehe Buchwesen S. 66; 324. 

4) sittybos Cic. ad AU. IV 5, 3; vgl. IV 8', 2. sillabos IV 4^ 1. 

5) Aufschrift Ciu9povoc \Ji\^o\ Y^vaiKcioi, s. Grenfell u. Hunt, Oxyrrh. papyri 
Bd. II n. 301, vielleicht auch n. 381; G. Lapaye bei Daremberg-Saqlio III S. 1179. 

6) Durchzeichnungen, auf dem Originalgemälde gemacht, sodann verkleinert. 



13: Zettel mit Buchtitel. 



239 



LXXIX 9731 (oben S. 226). Eine geschlossene Rolle mit Sittybos auch noch 
im Giornale dei Scavi 1868-69 TH. 2 = Schreiber, Bilderatlas I Tfl. 89, 9. 
Wie nützlich der Sittybus in den Bibliotheken selber gewesen sein muß, ver- 
anschaulicht uns das S. 177 erwähnte Neumagener Relief, unsre Abb. 159. 
Der Zettel ist hier oben schmal und verbreitert sich nach unten. 

Wenn nun auf den Stillleben mit Schreibutensilien eine Rolle vor 
uns liegt, die den Sittybos an ihrer im Vordergrund liegenden frons trägt, 
so ist diese frons der Kopf der Rolle, und das Buch liegt also vor uns 
auf dem Kopfe; der Leser ist nicht vorn, sondern vielmehr im Hintergrunde 
des Bildes zu denken. Es entspricht dies der Anordnung auf dem Neu- 
magener Relief. Dies ist deshalb geschehen, damit, wer das Bild be- 
trachtet, den Sittybos selbst mtt seiner Aufschrift sehen könne; denn die 




Abb. 156. 



Abb. 157. 



Sittyboi zeigen in der Tat noch Reste von Schrift. Das interessierte. Es 
waren bestimmte, am Titel kenntliche Bücher gemalt. Dies hat aber den 
Maler weiter dazu verleitet, nun auch die Schrift im offnen Buch auf den 
Kopf zu stellen, damit der Betrachter auch etwas in ihm lesen könne; so 
das Epigramm Quisquis ama valia eqs. (oben S. 227). 

14. Es folgt die Pänula: ein Ledermantel in Zylinderform, in den man 
die geschlossene Rolle zur Schonung steckte, etwa so wie man heute die 
zusammengerollten Tischservietten, um sie sauber zu halten, noch in eine 
kapselartige Umhüllung aus Zeug steckt. Man prunkte damit und färbte 
die paenula purpurn oder orange. Irre ich nicht, so war diese Umhüllung, 
wie den Juden ^), auch schon den Ägyptern bekannt. In den Händen der 
Figuren von Mumiendeckeln haben wir S. 18 f. geschlossene Rollen gesehen, 



1) Vgl. unsre Abb. 154, wo die Buchstaben PA zu Anfang deutlich sind. 

2) Siehe Blau a. a. O. S. 173 ff.; oben S. 22 Anm. (Aristeasbrief). 



240 'V' ^^ Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

die grün gefärbt sind, am oberen und unteren Rande aber goldgelbe 
Streifen haben. So bemalt konnte doch nur ein Umschlag, nicht aber das 
Buch selbst sein. Ich bin ungewiß, ob wir dieselbe Verzierung auf ge- 
wissen spfltrOmischen Werken wiedererkennen dürfen. Die griechisch- 
römische Plastik war polychrom, und an den Rollen war die Pflnula gleich- 
falls durch Bemalung angedeutet. So sieht man denn auch in der Spfltkunst 
am oberen und unteren Rand der geschlossenen Rollen bisweilen durch 
Einritzung von Linien Streifen angedeutet, die sonst unerklärlich sind; viel- 
leicht sind sie eine Ausschmückung der Außenseite nach Art des eben er- 
wähnten ägyptischen Vorbildes? Auch die erhaltene Spur von Bemalung 
betrifft ja eben denselben Rollenrand. ^) Ich verweise auf den christlichen 
Sarkophag Lateran Nr. 138 (oben Abb. 56); dasselbe dreimal ebenda, Relief 
unter Nr. 170 (danach unsre Abb. 19). Vgl. auch Abb. 167; ferner Lb Bl\nt, 
Les sarc. de la Gaule Tfl. 49, 1-3; Wilpert, Tfl. 255: Rolle in der Hand 
des Marcellinus. Dasselbe findet sich aber schon auf der Thamyrisvase von 
Ruvo, s. unsre Abb. 27. Daneben hat freilich auch die offne Rolle solche 
Streifen und man hat den Eindruck, als sei an der Vorder- und Rückseite 
ein Rand ausgespart und vielleicht bunt gefärbt worden; vgl. den erwähnten 
christlichen Sarkophag des Lateran, unter Nr. 170 (oben Abb. 129) und 
den in Arles, Garrucci 343, 3, den ich im letzten Abschnitt bespreche. 

Auf den Fresken Pompejis fehlt die Pänula natürlich zunächst überall 
da, wo die Rolle offen oder auch geschlossen in der Hand ruht; benutzt 
erscheint das Buch auch auf den Stillleben. Wohl aber müßte man da, wo 
die Rollen in der Capsa stehen, die Pänula erwarten. Doch zeigt sich auch 
in diesen Fällen auf den Gemälden keine Spur von ihr, und wir gelangen 
zu dem Schluß, daß auch die Pänula, wie der Umbilicus, Sache des höch- 
sten Luxus und insbesondere bei den Griechen erst spät^ rezipiert wurde. 
Dies bestätigt das Neumagener Relief, Abb. 159, das auch natürlich vom 
Umbilicus nichts weiß. Nicht einmal das Buch in Gottes Hand, das in der 
Johannesapokalypse geschaut wird, hat eine Pänula; denn der Verfasser 
der Vision kann sehen, daß das Buch Opisthograph ist (oben S. 85 f.). Der 
römischen, nicht der griechischen Literatur gehört die Madrider Arat- 
Miniatur an, auf der Arat eine geschlossene rote Rolle in der L., die Muse 
eine ebensolche von gelber Farbe hält.^) Die Farbe erweist den Mantel. 
Bei Wilpert Tfl. 182 ist die Rolle dunkel- oder hellbraun in Streifen ge- 
färbt, die spiralisch laufen. Das griechische Wort qpaivöXiic (qpeXöviic) steht 
nur bei Paulus II Timoth. 4, 13, und es fragt sich, in welchem Sinn.*) 
Wenn in Ägypten gefundene griechische Papyri vereinzelt einmal in Muselin 
(so der Alkman) oder gar nur in Streifen von Mumienleinwand, wenn die 

1) Oben S. 99 nach Amelung. Ober rote Farbe am Lateransarkophag Nr. 222 
siehe S. 79. 2) Lucian; sonst Hesych u. a.; Buchwesen S. 65. 

3) Bethe, Rhein. Mus. 48 S. 93 Anm. 2. 4) Lucian sagt &i(p6^pa. 



14: Die Pänula. 15: Zubinden der Rolle. 241 

herkulanensischen endlich in unbeschriebene Charta gewickelt waren, so 
hat das doch mit der pergamentenen prunkhaften Pänula nichts zu tun. 
In der Tat wird diese immer nur da erwähnt, wo wir auch vom Umbilicus 
lesen, und ist also nach ihm zu beurteilen. 

Auf alle Fälle muß von ihr jenes Futteral mit Griff unterschieden 
werden, dem wir (oben S. 46 Abb. 26) auf einem nolanischen Vasenbilde 
begegneten. Dies ist ein Transportmittel zum Tragen der Rolle nach Art 
der Schultaschen und dürfte früh außer Gebrauch gekommen sein. 

15. Zubinden der Rolle. Damit hängt aber noch eine andere Frage 
zusammen: wurde die Einzelroile nicht auch zur Sicherung des Schlusses 
mit Fäden oder Bandwerk aus Riemen zusammengebunden? Die Literatur 
scheint nichts davon zu wissen; anders die Monumente; und es ist eigen- 
tümlich, daß die spätrOmische Kunst auch hier schließlich das wieder 
bringt, was wir aus Ägypten kennen. Denn die Ägypter umbinden das 
unbenutzte Buch tatsächlich mit Band; in dieser Form ist es sogar als 
Determinativzeichen in die Hieroglyphenschrift aufgenommen worden; siehe 
oben S. 9. Mit Vergnügen fand ich das in Ravenna im Baptisterium ortho- 

doxum wieder, einem Bau, dessen Mosaiken dem 5. Jahrh. angehören. 

Am untern Wandteil sieht man hier ringsum 8 Heilige mit Büchern in Mosaik 
ausgeführt, die Bücher bald Rollen, bald Codices. Beide Buchformen aber haben 
rote Bänder, darunter eine geschlossene Rolle, dreimal herum mit rotem Band um- 
bunden, wie wir wohl Tischservietten zubinden. Dazu kommt femer das Buch mit 
sieben Siegeln im Mosaik des Triumphbogens der Kirche S. Cosma e Damiano 
(6. Jahrh.); ihm fehlt ein Umbilicus; umwickelt aber ist es mit sieben Fäden (nicht 
Bändern), an deren jedem ein Siegel hängt. Zwei Bänder zeigt der Marcellinus bei 
WILPERT Tfl. 255. 

Sonst findet sich nur ein einzelnes Band um die Mitte, nach Art des Servietten- 
rings, und zwar da, wo das Motiv II vorkommt; auf dem Mosaik in S. Agnese zu 
Rom ist es dunkler als die weiße Rolle gefärbt, es schien aus der Ferne wie Qoldton ; 
auf dem Sarkophag in der Capella dei Sarcofagi der Callistkatakomben sieht es 
wie ein fester Lederriemen aus (vgl. oben S. 101 Abb. 53; vgl. Abb. 56). Bei WiL- 
PERT Tfl. 255 (in den Händen des Pumenius und Petrus) erscheint es weiß. Einem 
Ring gleicht das Band auf dem Apostelsarkophag im Louvre, Reinach, R6p. stat. I 
S. 117, linke Seitenfläche, in der Hand eines der Evangelisten; auch dies schon bei 
den Ägyptern, s. Abb. 9. 

Reiches Zeugnis aber gibt noch S. Vitale in Ravenna mit seinen Mosaiken im 
Chor: Christus als Richter sitzend mit Rolle, Motiv V (oben S. 120); die Rolle ist 
mit sechs oder sieben schwarzen Fäden zugebunden; höher befinden sich Jeremia 
und Jesaias; dieser letztere hat wiederum eine mit Band geschlossene Rolle. 

Im Simeonkloster in Oberägypten befindet sich im Gang des oberen Stock- 
werks ein halb zerstörtes großes Fresko, Christus und die Jünger; mehrere der 
Jünger halten Codices, Jacobus aber eine Rolle mit Band, auf deren Außenseite 
IC xc geschrieben steht. ^) Dabei faßt Jacobus die Rolle am unteren Ende und hält 
sie in die Höhe, ganz in der Art, wie es die alten Ägypter taten (oben Abb. 9). 

Augenscheinlich wurde das Zubinden damals nur bei heiligen Büchern 

beliebt, an welche in diesen Fällen sicher oder doch wahrscheinlich zu 

1) Siehe Cataloguq des monuments et inscriptions de TEgypte antique, S6t. I 
ed. J. DB Morgan u. a. S. 134. 

Bin, Die Buchrolle in der Kunst. 16 



242 IV' ^^s Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

denken ist. Das entspricht dem iQdischen Gebrauch, wonach um die Buch- 
rolle, die heiligen Zwecken dient, ein Faden aus Haaren oder auch ein 
Streifen aus Pergament geschlungen wurde. ^) Bei Profanschriften und bei 
schnellem Betrieb der täglichen LektQre mQßte das Zu- und Aufbinden 
sehr hinderlich gewesen sein. 

Pompeji's Bilder wissen deshalb nichts davon. ^ Der Gegenstand, der 
auf dem Gemälde Mus. naz. XLIX 9257 der sitzenden Frau im Schoß liegt, 
ist ein dem Amor weggenommener Kocher, kein Buch. Daher haben wir, 
ich und andere, die Worte des Catull 22, 7 lora rubra membranae bisher 
mit Skepsis betrachtet. In der Beschreibung glänzend ausgestatteter Buch- 
rollen Qbergeht Catull da die Pänula, und statt ihrer stehen rote Riemen. 
Jetzt ist dagegen wohl klar, daß dies dieselben bandartig feinen Riemen 
sind, die wir im Baptisterium zu Ravenna antrafen. Denn auch diese sind rot: 
lora rubra.^) Der Genitiv membranae aber heißt „aus feinem Leder" nach 
poetischem Sprachgebrauch, wie Properz IV 8, 37 vitri supellex = „das Gerät 
aus Glas" schreibt; so auch crystalli calices zu lesen im Gedicht Copa v. 30.*) 
Statt also bei Catull die Pänula durch Konjektur in den Text zu bringen, 
ist vielmehr festzustellen, daß sich die Gewohnheiten veränderten: zu 
Catuirs Zeiten war die Pänula anscheinend noch unbekannt, und wer sich mit 
Ausstattung der Bacher wichtig tat, benutzte noch nach altägyptischem 
Herkommen Bänder oder feines Riemenwerk und färbte es rot Erst seit dem 
Jahre 11 n. Chr., bei Lygdamus Ps. Tib. III 1,9 und Ovid a. a. 0., taucht 
die erste Anspielung an die Pänula auf, sie kehrt dann bei Martial u. a. 
wieder und kam wohl auch später nicht ganz außer Gebrauch; das 
Christentum aber, das übrigens die Pänula gleichfalls kennt ^), griff, durch 
die jQdische Tradition angeregt, für heilige Schriften daneben auf die An- 
wendung der Fäden und der lora rubra zurück. 

1) L. Blau S. 35. 2) Außer bei Briefen; s. unten. In Ägypten sind auch 

Briefe auf Papyrus gerollt und mit Fäden zugebunden gefunden worden; siehe 
Schreiber, Kunsthist. Bilderatlas 1 92, 11. 

3) Übrigens wurden auch die Riemen der Zügel rot gefärbt; siehe Simonides 
q)o(viKac iiLidvTac (frgm. 12 HiLLER aus Flut. De virtute mor. S. 445 D). 

4) Die Editoren lieben es, den Text bei Catull zu verballhornen, indem sie 
membrana drucken, während das überlieferte membrane doch membranae bedeutet; 
keiner hatte so viel Stilgefühl, um zu merken, daß man, wo der Dichter eine Auf- 
zählung in lauter Pluralen gibt {libri, umbilici, lora, omnia)^ keinen Gegenstand im 
Singular, wie membrana ^ einschwärzen darf; und nun gar ohne Epitheton! Mein 
früherer Leseversuch coria rubra membranae ist durch das oben Vorgetragene 
überflüssig gemacht; auch löst Catull ungern im hipponakteischen Verse eine 
Hebung in zwei Kürzen auf. Natürlich wird bei Catull auch immer noch 22, 6 die 
überlieferte Schreibung chartae regiae novae libri veruntreut und novi gedruckt, 
obgleich die Oberlieferung ganz ohne Anstoß und die Charta regia doch selbst neu 
sein mußte, aus deren scapi die libri erst hergestellt wurden. Dafür, daß ein Sub- 
stantiv zwei Adjektive erhält, ist Catull 1, 1 lepidum novum libellum u. a. zu ver- 
gleichen; s. C. Eymer, De adpositorum apud poetas Romanos usu, Marburg 1905, S.66. 

5) Siehe z. B.WlLPERTTfl.l82; SWARZENSKI, Regensburg. Buchmalerei Tfl. 27 Nr. 79. 



15: Zubinden der Rolle. 16: Sieg^eln; das Buch mit 7 Siegeln. 243 

Das altflgyptische Herkommen aber hatte sich auch schon im alten 
Athen fortgesetzt. Nicht nur der „Lysias" auf unsrer Abb. 59 zeigt es (mit 
Siegel?): eine attische Vase im British Museum (Annali d. Inst. 
Bd. 50 Tfl. = Darembbrg-Saolio Fig. 2601) gibt eine Unter- ^ ^ > 
richtsszene; über den Personen aber hängt eine mit einem "« 
Doppelband und Schleife zugebundene Rolle: s. Abb. 158. ^^^' ^^^ 
Dasselbe auf der Durisvase in Berlin (oben S. 138). 

16. Siegeln des Buchs. Nun aber können wir noch einen Schritt 
weitergehen. Die mit einem Faden zugebundenen Briefe wurden auch ge- 
siegelt.^) Wir können jetzt folgern, daß auch umgekehrt in den Fallen, 
wo wir von versiegelten Büchern lesen, solche mit Fäden oder Stricken 
geschlossene Rollen vorauszusetzen sind. Schon das Verfahren bei den 
Ägyptern empfiehlt das (oben S. 9). Fronto ad M. Caesarem I 8 aber 
beschreibt wirklich, wie er ein Gedichtbuch mit Faden und Siegel zugleich 
schließt. Und das Buch mit sieben Siegeln in S. Cosma e Damiano zeigt 
mit diesen Siegeln zugleich auch sieben Fäden (oben S. 241). So sind 
also beispielshalber der liber signatus, den Pharnabazos an die Ephoren 
schickt (Nepos VI 4, 2), und der liber epistularum, den Cicero sub signo 
hat (ad Att. IX 10, 4), mit Faden umschlungene Rollen gewesen. Ganz 
ebenso schon die „in Bücherfalten versiegelte" Schrift (KaT€c<ppaTic|Li^va) 
bei Aeschylus Hiket. 958; ganz ebenso auch die signata volumina des 
Horaz Epist. I 13, 2, auf die ich zurückkomme, oder endlich die Orakel- 
sprüche, die man, auf Charta geschrieben und zugesiegelt, an den Orakel- 
stätten erhielt (Macrob. Sat. I 23, 14).^ Ober Theognis* Siegel s. S. 237 f. 

Das berühmte Buch mit sieben Siegeln aber verdankt diese 
Siebenzahl der Nachahmung der Testamente, die von sieben Männern mit 
je einem Siegel versehen werden mußten. Das ist also Gottes letzter Wille. 
Diese Deutung scheint mir ganz überzeugend.^) Man erinnere sich, daß 
auch das Testament des Abraham, das des Isaak und des Jakob, die unter 
den jüdischen Apokryphen stehen, teilweise oder vorwiegend apokalypti- 
schen Inhalt haben. ^) Wenn nun allerdings, wie wir wissen, die Lösung 

1) So schon Herodot III 128, wo wir auch in den Kanzleien der Perser ßißXia 
verwendet sehen (daher heißt das königliche Archiv ßißXioOriKri Esdra III 1= II 6, 23). 
Vgl. auch Jeremias 32, 10. Übrigens Helbig, Wandgem. Nr. 1722 und 1727. Dies 
ist die signata chartula bei Ammian. Marcell. 21, 4, 2; vgl. auch Paulinus Nolanus 
epist. S. 285, 27 ed. Hartel u. a. Abbildungen eines geschlossenen arabischen Briefes 
bei Erman und Krebs, Aus d. Papyrus der Kgl. Museen, 1899, S. 210, sowie im 
Führer durch die Sammlungen Erzherzog Rainer Tfl. XIV. 

2) Weiteres bei Blau a. a. 0. S. 36. 

3) Vgl. die Darlegung von E. Hulsch, Das Buch mit sieben Siegeln, 1860; 
dazu Th. Zahn, Einleitung in das Neue Testament II S. 597; J. Weiss, Die Apoka- 
lypse des Johannes S. 57. Ober das Siegeln griechischer Urkunden handelt neuer- 
dings H. Erman im Archiv für Papyrusforschung 1 S. 75 (auch über die Testamente, 
die ^HaiLidprupoi sind), doch ohne auf das Buch der Apokalypse einzugehen. 

4) The Jewish Encyclopedia II, New York und London 1903, S. 4. 

16* 



244 IV* ^^s Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

der Siegel eines Testamentes nur in Gegenwart der sieben Personen selbst, 
die gesiegelt hatten, vorgenommen werden durfte^), so scheint die Allegorie 
der Johannesapokalypse hiervon abzusehen. 

17. Bibliotheken. Aber BOcher wollen nicht nur geschlossen und 
gesiegelt, sie wollen auch aufbewahrt sein. Sammelten sich ihrer viele an, 
so wurde ihre Zusammenfassung und Ordnung nötig, und die Bibliothek 
mußte entstehen, die von den Griechen auch die Apotheke für Bacher ge- 
nannt wird.^ In den griechischen Hauptstädten der Alexandrinerzeit, her- 
nach in den Hauptstädten des römischen Kaiserreichs fanden sich in 
Privatbibliotheken wohl oftmals Tausende von Rollen, in öffentlichen ihrer 
Hunderttausende zusammen. Leider gewährt kein Relief, kein Gemälde 
jener Zeiten Einblicke in das Innere eines solchen Instituts und in seinen 
Betrieb. Nur Grundrisse und stumme Reste der Bauten selbst sind, dank 
den neueren Ausgrabungen, freigelegt worden. So vor allem in Pergamum. 
Da läßt sich so viel erkennen, daß eine lange offne Wandelhalle für die 
Benutzer vorhanden war, welcher Wandelhalle die Portikus genau ent- 
spricht, die in der alten Literatur da erwähnt zu werden pflegt, wo von 
Bibliotheken die Rede ist; ferner aber auch geschlossene Räume für die 
Bedienung und zum wenigsten ein großer Saal fQr die Bacher selbst, von 
ca. 45 m umlaufender Wandfläche. Auch sind in den Wänden Löcher 
nachgewiesen, darin die Haken saßen, die die hölzernen BQcherborte ge- 
tragen haben mOssen. Solche hölzernen Borte fanden sich verkohlt auch 
in der kleinen Bflcherstube Herculaneums.^ Gefunden ist femer auch die 
Bibliothek am Marktplatz in Ephesus, die Freitreppe, die zu ihr hinan- 
fohrte; allegorische Statuen, sowie herrliche Reliefs, die diese Treppe ab- 
sperrten und zusammen eine Länge von 18 m haben. Diese Bibliothek 
hatte zwei Stockwerke und das Licht wurde durch große Fenster zu- 
geführt.*) Ferner verbirgt sich in der freigelegten Kirche Maria antiqua 
auf dem römischen Forum das alte templum divi Augusti, und zwar war 
das Presbyterium dieser Kirche durch Umbau aus der Augustusbibliothek, 
ihr Chor aus dem größten Büchersaal hergestellt.^) Der Grundriß zeigt 
drei durch Türen verbundene Büchersäle nebeneinander; die seitlichen 
mochten jeder gegen 1000, der mittlere das Doppelte an Rollenzahl auf- 
nehmen. Vor ihnen aber lag oder liegt ein großer Vorhof (Quadriporticus), 
der, wie man annehmen möchte, großenteils gedeckt war und als Lesesaal 
benutzt worden sein kann. Das Morgenlicht fiel in diese Halle, am Mittag 



1) Vgl. auch Erman und Krebs a. a. O. S. 131. 

2) Vgl. Die Cassius 49, 43; 53, 1; 68, 16. 

3) Siehe CONZE in Sitz.-Ber. d. Berl. Akad. 1884 II S. 1259 ff. 

4) Siehe R. Hbbbrdey in den Jahresheften d. österr. Instit. VII (1904) Beiblatt 
S. 50 f. und IX Beiblatt S. 59. 

5) So HÜLSEN in Neue Jahrbücher 1904 S. 40 f.; Das Forum Romanum* S. 158. 



17: Bibliothelcen: Grundrisse; Einrichtung. 245 

und Nachmittag lag sie im Schatten. Diese Bibliothek war demnach 

sehr klein. 

Weiter aber ist auch in Athen die Hadnansbibliothek in ihren Resten 

als solche noch zu erkennen, u. a. m.^) 

Ich füge hinzu, daß bibliotheca auch das Archiv heißt*) und daß das monat- 
liche Gehalt eines Bibliothekars, d. h. des Verwalters eines Tempelarchivs , im 
3. Jahrh. n. Chr. in Ägypten 30 Drachmen betrug, das eines „Schreibers** dagegen 
40 Drachmen.") Die ßißXtoOy)KT) iTtcryiceuiv war ebendort der Sammelort der Grund- 
buchfflhrung, des Katasters für den Immobilienbesitz, dessen Vorsteher ßißXio90XaK€c 
hießen. *) 

Gern wüßten wir mehr über alles dies, und es regt sich der Seufzer: 
hätten wir nur noch Varro's, des gelehrten, Werk de bibliothecis erhalten 1 
Jetzt müssen uns folgende zusammengelesene Notizen genügen. 

Man safi gemeinhin nicht im Bücherraum selbst, sondern in der 
Wandelhalle und las dort gemeinsam in den Büchern.^) An bedienendem 
Personal fehlte es in den öffentlichen Bibliotheken nicht ^) Doch durfte 
man, wie es scheint, auch selbst an die Gestelle gehen und fand dann ge- 
legentlich Werke, auf die man nicht gerechnet hatte. ^) Die Bücherschränke 
waren numeriert.^ Denn nur solche Schränke und nicht Scrinien ver- 
wandte man^; aber auch die schon erwähnten Borte, nach Art der Colum- 
barien in Fächer oder „Nester** {nidi) geteilt, stiegen bis zum Plafond an 
den Wänden hinauf^®); und auch diese „Nester" waren vielleicht numeriert.") 
Schlechte Bücher steckte man ins unterste Fach.^^) Nur diese Gelasse und 
Gestelle hießen eigentlich bibliothecae, und sie wurden als solche von den 
Büchern selbst bisweilen sorglich unterschieden.^^ Der Anblick des Ganzen 
war erfreulich und die so geordneten Bücher ein Schmuck der Wände. ^^) 
Ihre Titel waren außen sichtbar gemacht und bequem zu überblicken, so 



1) Vgl. W. Judeich, Topographie Athens S. 337. Übrigens J. W. Clark, The 
care of books S. 15 ff. Ober griechische Bibliotheken F. Poland in Historische 
Untersuchungen, E. FOrstemann gewidmet, 1894, S. 7 ff. 

2) Siehe Erman u. Krebs a. a. 0. S. 157 Note 3. 3) Ebenda S. 184. 

4) L. MlTTBis im Archiv für Papyrusforschung I S. 184 f. 

5) z. B. Qellius XI 17, 1. 6) Siehe M. Ihm, Zentralblatt f. BW. X S. 522 ff. 

7) Gell. a. a. O.: in manus incidere; derselbe XIX 5, 4. Volumina in biblio- 
thecis exigere Plin. n. hist. 7, 89. 

8) Vopiscus, Tacit. 8, 1: in bibliotheca Ulpia in armario sexto librum ele- 
phantinum, 

9) Vitruv VII 1 weiß für die alexandrinische Bibliothek nur von armaria; auch 
Seneca erwähnt De tranqu. an. 9, 6 nur sie; 9, 7 fügt er loculamenta hinzu. Vgl. 
die nfiTMaTQ bei Cicero ad Att. IV 8*. Übrigens Digest. 32, 52, 3. Th. Zahn, Qesch. 
des Kanons I S. 81. 

10) Seneca a. a. O. tecto tenus extructa. 11) Martial I 117, 15. 

12) Martial VII 17, 5. Die Nester heißen auch forulL 

13) Seneca a. a. 0.; Paulli Sentent. III 6, 51: libri quoque et bibliothecae. An 
andren Stellen werden die Bücher mit verstanden. 

14) Seneca a. a. 0.: in speciem et cultum parietum; daher nihil venustius bei 
Cicero a. a. O. 



246 'V- Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

daß der Lässige sich begnügen konnte, diese Titel statt der Bücher durch- 
zulesen.^) Dafi Statuenschmuck nicht fehlte, ist allgemein bekannt; auch 
Plafonds von Elfenbeingetäfel und Mosaik werden erwähnt.^ Vor allem 
mußten die Fußböden grün sein, weil dies günstiger für die Augen war.^) 

Auf einige weitere Detailfragen antwortet Herculaneum/) Der Fund der 
gegen zweitausend herculanensischen Rollen stammt zum guten Teil aus 
einem einzigen winzigen Zimmer (zothecula; vgl. Sidon. Apoll, ep. VIII 16, 3). 
Wenn nun Privatbibliotheken gelegentlich 30 000, ja 62000 Rollen ent- 
hielten — denn diese Summen werden uns genannt^) — , so war für sie 
annähernd das Fünfzehnfache oder Dreißigfache eben dieses Raumes er- 
forderlich. Die Kleinheit der Stuben aber diente der Raumersparnis; denn, 
wie jene Kammer gezeigt hat, wurden die vier Wände ausgenutzt und rings- 
um mit schrankähnlichen Gestellen (scaffali Winckelmann) besetzt, die sich 
bis zur Hohe von 6 Fuß erhoben, in der Mitte aber stand isoliert ein 
Schrank: überdies ein weiterer Beweis, daß man in den Magazinräumen 
selbst zumeist nicht las. Daß das Armarium aber auch in die Wand ein- 
gelassen wurde, sagt Plinius epist. II 17,8.^) Rechteckige Nischen (für Ge- 
stelle oder Schränke) sind für die Trajansbibliothek festgestellt.^) 

Die bildende Kunst zeigt uns von alledem hichts. Nur ein einziges 
Monument ist mir bekannt geworden, das unserem Verlangen wirklich 
entgegen zu kommen scheint. Es stammt aus den gallischen Provinzen 
des römischen Reichs, deren Reliefkunst besonders gern Vorgänge des 
täglichen Verkehrs- und Geschäftslebens abgeschildert hat; ich meine ein 
Relief aus Neumagen, das leider nicht mehr erhalten, sondern nur aus 
dem Werk von Brower und Masen, Antiquitatum et Annalium Trevirensium 
libri XXV (Leodii 1671) Bd. I S. 105 bekannt ist. Das dort gegebene Ectypon, 



1) Seneca a. a. 0.: dominus vix tota vita indices perlegit 

2) Boethius Consol. I 5. 

3) Isidor Origg. VII 11. Daß das Mosaik des Monnus zu Trier der Fußboden 
einer Bibliothek war, ist nicht festgestellt. 

4) Siehe Winckelmann und de Jorio a. a. 0; D. Comparetti, Relaz. sui papiri 
Ercol. (1880) S. 1 ; Clark S. 24. 

5) Script. Hist. Augustae, Gordian 18, 2; Suidas s. v. 'Eua^pööiToc. Auch 
kaiserliche Privatbibliotheken existierten: CLL. VI 2132. Was die öffentlichen an- 
langt, deren Rollenzahl natürlich in die Hunderttausende ging, so sei noch erwähnt, 
daß die Kaiser selbst Exemplare, die ihnen dediziert wurden, an diese abgaben; 
vgl. Hieron. De vir. illustr. 13: losephus Romam veniens Septem libros ludaicae 
captivitatis imperatoribus patri filioque obtulit, qui et bibliothecae publicae traditi 
sunt; s. auch Zosimus 111 11 über Julian. 

6) Auch Apollinaris Sidonius Epist. II 9, 4 sei angeführt: libri affatim in 
promptu; videre te crederes aut grammaticales pluteos aut Athenaei cuneos aut 
armaria extructa bybliopolarum , wo cunei separierte Sitzplätze zum Lesen zu be- 
deuten scheinen. Übrigens sieht man, daß sich Schränke auch in Buchläden be- 
fanden, die Börter {plutei) aber in den Schulstuben. Die Schränke in den Buch- 
läden bezeugt auch Porph. zu Horaz Sat. I 4, 71. 

7) Vgl. NiBBY, Roma antica, 1839, S. 188 f.; Clark a. a. 0. 



17: Bibliotheken: Bflcherkammern. 247 

das alles Detail in erstaunlicher, doch unverdächtiger Sorgfalt wiedergibt, 
ist in unserer Abb. 159 wiederholt. 

Da sieht man nun die umfangreichen Loculi an der Wand eines Zimmers vor 
Augen; es sind nur zwei Fächer, die sich in angemessener Hohe über dem Fuß- 
boden befinden ; eine Zwischenwand trennt sie. In jedem Fache liegen die Rollen, 
die übermättig vergröBerl sind, in drei Schichten übereinander, den Kopf mit dem 
Sittybos nach vom, welcher Sittybos an den meisten der 26 Rollen, wennschon nicht 
an allen sich vorfindet. Hierdurch wird uns augenfällig erUuterl, was WlNCKEL- 
MANN, Werke 11 S. 95 meldet, daß auch die herculanensischen Rollen bei der Aus- 
grabung „in Schichten auteinsndergelegt" gefunden worden seien. Gin junger 
Mann - Leser? oder Lesediener? — ist im Begriff eine Rolle wieder oben ins 
linke Fach zurück zu legen, während zugleich rechts vorne schon ein Buch zum 



Lesen eingespannt offen steht (s. oben S. 177). Der Leser Isl also mit dem einen 
Buch fertig geworden und will mit der Kenntnisnahme des anderen beginnen? So 
zeigt dies Bild, daO die Lektüre doch gelegentlich auch in der Bacherkammer selbst 
stattfand, vielleicht besonders dann, wenn die Bibliothek ein Archiv von Rechnungs- 
und Verwaltungsskripturen war. Rollenmantel und Rollenstab fehlen durchg&ngig. 

Das Fach links scheint dreimal sechs Rollen übereinanderliegend zu umfassen 
(man sieht nur 15), das rechts etwa 12 (man sieht 11). Vielleicht sind also dies 
Werkeinheiten zu 18 und zu 12 Büchern. 

Hoffentlich tauscht uns dies Bild nicht. Doch wünschten wir immer noch 
mehr zu sehen. Kein Bildwerk laßt uns erraten, in welcher Weise z. B. 
Riesenwerke wie des Livius 142 Rollen römischer Geschichte oder des Verrius 
Placcus Lexikon in etwa 80 Rollen, von denen einzelne doch leicht ver- 
sprengt werden und verloren gehen konnten, zusammengehalten und Dber- 
sichtlich gemacht wurden - man vergegenwärtige sich nur, wie leicht die 
Titelblattchen abrissen, wie leicht ein Chaos entstand -, und wir sind für 
diese wichtige Frage auf Vermutungen angewiesen. Livius wurde aus- 
gereicht haben, acht der besprochenen Loculi auszufallen. Die antike Kunst 



248 IV* ^^ RoHenbuch und seine Aufbewahrung. 

jedoch liebt nur die Zusammenfassung kleinerer Gruppen von Rollen vor- 
zuf Ohren. Sie hat dafQr drei Formen: das Bündel, die Capsa und den 
Schrank. Daß man die Bücher gelegentlich auch im Ranzen trug, sei 
nebenbei bemerkt. ^ Vergegenwärtigen wir uns zunächst jene drei Formen, 
um erst hernach daraus bestenfalls einen Schlufi zu ziehen. 

18. Rollenkasten. Tragbar war der Bücherkasten, Kißwröc, xißwnov, 
scrinivm, capsa, kictti, cista, auch leuxcc*) genannt. Weil tragbar, dient 
er nicht der eigentlichen Bibliothek, in der man literarische Schätze un- 
verrückbar niederlegt, sondern er dient dem Transport oder hilft, dafi nur 
die ]ust eben nötigen Bücher oder Skripturen den Herrn begleiten, und 
heftet sich als wandelndes Archiv wie sein Schatten an seine Sohle: tma 
Capsula me sequitur, sagt Catull 68 A 36. Im Apolloniusroman sehen wir, 
wie er herbeigeholt wird, cap. 6: iussit afferri sibi scrinia cum volumini^ 
bus graecis et latinis. So steht dort in einer Fassung des Romans; in 
einer anderen: et aperto scrinio codicum suorum inquisivit eqs. Diese 
letztere Fassung ist unecht; das ergibt sich aus Form und Inhalt der Mitteilung 
unverkennbar. Vgl. übrigens noch Aristides p. 282 ed. Jebb.: KOjLiiZIeiv tö 
KißwTiov. Auch bei den Buchhändlern standen die Rollen in Capsae; ein 
einbücheriges Werk wird aus solcher Capsa verkauft bei Statins Silv. IV 
9, 21.^) Aber auch Briefschaften legte man darin zusammen (scrinia epi- 
siularum bei Plin. n. h. 7, 94). An die scrinia memoriae, libellorum u. a. 
der späteren Hofkanzlei brauche ich hier nur zu erinnern.^) Nach dem- 
selben Plinius (16, 229) ist der Kasten aus Buchenholz. Alexander der Große 
führte die Gesänge Homers in einem persischen „Narthex'* mit sich^); solche 

1) Siehe Buchwesen S. 503. 2) Siehe oben S. 38. 3) Vgl. Hör. Sat I 4, 22. 

4) Natürlich wurden diese Truhen und Kästen auch zum Aufbewahren be- 
liebiger anderer Gegenstände benutzt. Bei Properz III 6, 14 dienen die scrinia am 
lectus für Gegenstände der Frauentoilette; und wie nahe sich gerade Bücherkasten 
und Toilettenkasten standen, lehren die zwei eleganten silbernen polygonalen Kästen 
im British Museum, die aus Rom stammen, bei Darembero et Saqlio Fig. 1176; 
der eine von ihnen ist mit Musenbildern geschmückt und hat inwendig eine Platte, 
die mit fünf Offnungen durchlöchert ist; augenscheinlich sollten darin fünf Rollen 
stehen. Die Höhe des Kastens beträgt einen Fuß. In Wirklichkeit haben sich indes 
nur Pomadenbüchsen darin gefunden; vier dieser Büchsen aber zeigen genau die 
zylindrische Form einer Buchrolle. Daher die Jünglinge bei Seneca epist 115, 1 
barba et coma nitidi, de Capsula toti. — Übrigens dienen capsae auch zum Trans- 
port von Medikamenten und Aromata; s. Anthol. lat 910, 47 R., für Winteräpfel 
Martial XI 8, 3; als Geldkiste bei Lysias 12, 10. Bei Cäsar's Ermordung wurden 
die Schwerter darin verborgen: Dio Cass. 44, 16. 

5) Strabo p. 594. Die „Nuß", in der sich nach Plinius die Uias auf Pergament 
befand, war schließlich auch nichts als ein kleines Kästchen in Nußform. Etwas 
anders Semenow in der Festschrift zum 25. Stiftungsfeste des histor.-philol. Vereins 
der Universität München, 1905 (mir nur aus Referaten bekannt), der ansetzt, daß 
griechisch ^k Kapuou stand, d. h. in einem Kasten aus Nußbaumholz; vgl. i\ ix tou 
vdpGriKoc. Vgl. jedoch Blau a. a. O. S. 82 f. — In einer steinernen Larnax wurden die 
sibyllinischen Buchrollen im Capitolinischen Tempel in Rom aufbewahrt (Dionys. 
Hai. IV 62), was nicht hinderte, daß sie verbrannten. 



18: Rollenkasten: anfangs eckig und niedrig. 249 

aus Citnisholz und aus Elfenbein erwähnt Seneca, Tranqu. an. 9, 6. Der 
Ausdruck Gtikiov €ic ßißXia findet sich auf einem späten ägyptischen Papyrus, 
sogar mit Preisangabe; leider ist die Zahl, die den Preis nennt, weg- 
gefallen.^) Und dieser Kasten war bei den Griechen wohl nahezu so alt 
wie das Papyrusbuchwesen selbst. Denn schon Aristophanes erwähnt in 
den Rittern 1000 ff. eine KißwTÖc voll OrakelsprQchen, während sich Vesp. 
529 ff. in einer tragbaren kictti nur Schreibpapier und anderer Schreib- 
apparat zu befinden scheinen. Nichts anderes bedeuten die KißiuTia und T€uxn 
bei Xenophon Anab. VII 5, 14. Dies hohe Alter aber bestätigt die Kunst. 

Die älteste Kunst kennt noch nicht das Rollenbündel, noch nicht den 
Schrank; aber sie kennt schon die Capsa. Diese ist anfangs nur eckig, 
nicht rund geformt, und der Augenschein lehrt, daß man einfach die ägyp- 
tische BOchercapsa Obernommen hatte. Ich verweise auf die S. 148 be- 
sprochene Buphroniosvase, womit man die ägyptische Form, Abb. 14, ver- 
gleiche. Die Form ist mehr breit als hoch. Auch das Motiv, daß eine 
geschlossene Rolle flach auf dem Deckel liegt, hat Euphronios aus Ägypten 
übernommen. Als Titel steht Chironeia auf dieser Rolle. Da es in jenen 
Zeiten Oberhaupt mehrbQcherige Werke noch nicht gab, so schließen wir, 
daß die Capsae damals noch Kollektionen verschiedenartiger Werke in 
sich vereinigt haben. Das kam Qbrigens auch später vor; s. Statins a. a. 0. 

Auch die Stele von Grottaferrata (unsre Abb. 90) zeigt eine eckige Capsa, 
deren Deckel steil offen steht. Der Deckel ist also mit Scharnieren be- 
festigt. Der Kasten ist auch hier niedrig (sein unteres Ende befindet sich 
in der Höhe des r. Fußes der Sitzfigur). Von einer Verschlußeinrichtung 
ist nichts zu erkennen. 

Ein drittes Beispiel gibt die Grabstele im athenischen Museum Nr. 817; 
vgl. Athen. Mitteilungen 1878 S. 323 Nr. 16: dargestellt ist eine sitzende 
Frau, nach links gerichtet. Zwischen den schön rund gedrechselten 
Stuhlbeinen, die unten mit einer Querleiste verbunden sind, steht unter- 
halb dieser Querleiste eine geschlossene eckige Capsa von geringer Höhe; 
s. unsre Abb. 160. Sie ist dreimal so hoch wie der Fußschemel. Auf dem 
Deckel liegt eine geöffnete Rolle, die zwei Konvolute bildet. Vom oberen 
Konvolut läuft die Blattfläche zum unteren; außerdem biegt sich von ihm 
aber noch ein weiteres gewölbtes Blatt nach links ab, das ich nicht erklären 
kann. Bedeutet dies eine Umhüllung? oder ein zweites Buch? Die Rolle 
ist Qbrigens von ziemlicher Dicke. Der Kasten hat nun aber eine solche 
Breite, daß die Rolle bequem in ihm flach liegen kann; dasselbe gilt von 
dem der Euphroniosvase, und wir kommen zu der Vermutung, daß es das 
Vorherrschende in dieser älteren Zeit war, die Rollen in die Kästen nicht zu 



1) Siehe Grenfell, Hunt, Hoqarth: Fayüm towns and their papyri (1900) 
pap. 104, 5 (S. 251): enKtiuv ß elc ßeiß[\{a . . . 



250 'V- ^^^ Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

stellen, sondern zu legen. Zehn solcher Rollen konnten dann in der Capsa 
reichlich Platz finden. 

Endlich beachte man, daß die Capsa Poße hat. Das war das ältere. 
Doch begegnet es gelegentlich auch spater. 

Vielleicht kann sonacti die Form dieser Kästen als ein Kriterium für die Zeit- 
bestimmung der Erfindung eines Bildes verwendet werden. Ein solcher wird auch 
auf dem S. 103 besprochenen Philosophenmosaik zu Neapel, und zwar am Boden 
zu Füßen der stehenden Eckfigur links angetroffen. Da& er da für Bücher dienen 
soll, dafür spricht die Szene selbst, in die wir ihn eingeordnet finden. Aber er ist 
nicht nur eckig, sondern auch auffallend niedrig, und Rollen konnten in ihm keines- 
falls stehen, sondern nur 
n. Die Vorlage des 
Itenen Mosaiks hat 
vielleicht noch dem 
I des 4. oder dem An- 
des 3. Jahrh. v. Chr. 
hört. ■) 

3enn daß die Rol- 
n der Capsa stehen, 
mutmaßlich erst der 
enismus aufgebracht 
■ durchgetohrt, ein 
luß des jüngeren 
andrinischen Buch- 
;ns; damit hängt zü- 
rnen, daß die Rolle 
an ihrer oberen 
frons den Buch- 
titel tragt (oben 
S. 238): der sollte 
Auge fallen. Doch 
Abb. 160: Rehei. Aihen. das bleibt ctwas Un- 

sicher, da die altere 
Kunst, insbesondere die Plastik, sich noch nicht getraute das Innere der 
Capsa mit den BQchern abzubilden. Der Hellenismus brachte aber noch 
eine andere Neuerung: die Capsae sind jetzt auch rund wie eine Saulen- 
trommel oder ein Rundaltar und ahmen in Zylinderlorm die Form der Rolle 
selbst nach. Das hängt doch wieder mit dem Besprochenen zusammen: 
im runden Getaß konnten die Rollen nicht mehr liegen; sie sollten stehen. 
Erst die hellenistische Malerei, die wir nach den campantschen Wand- 
bildern beurteilen, öffnet das Innere des Kastens. Der Deckel wird ab- 
genommen, er hängt also nicht immer an Scharnieren, und die Rollenkopfe 
zeigen sich. Ich führe nur die Bilder an: 



1) Aber auch der Kasten auf unsrer Abb. 29 wahrt noch diese Form. 



18: Bücherkasten: höher und rund. 251 

Neapel, Mus. naz. bei Helbiq, Wandlern. 1725 (oben S. 235): ein rotes Scrinium 
mit Tragband; daraus ragen sieben Rollen hervor, jede Rolle zeigt oben den 
Sittybos; vgl. Pitture d' E. II S. 7.») 

Paris, Louvre, bei Helbiq 859: Muse Kleio mit Scrinium; man erkennt sechs 
Rollen, nach Pitture II S. 13; oben S. 188. 

Pompeji, Haus der Vettier, Amorettensaal: stehender Mann, geschl. Rolle in 
der L., Motiv II (oben S. 104); an seinem 1. Bein eine Capsa, zweifarbig, weiß und 
braun: sie sieht eckig aus; der daneben lehnende braune Deckel mit Knopf aber 
ist rund. Ein dflnnes Band hängt an zwei Ringen herab. Bflcher sind nicht sicht- 
bar. S. Abb. 161. 

Ebenda, Haus der Vettier, großes Peristyl: sitzender Mann; offnes Blatt in der 
1. Hand; 1. neben ihm offne runde Capsa; der runde Deckel lehnt an ihr; beide 
sind rot. Man erkennt zum wenigsten sechs Rollen; da aber rechts ein Teil fehlt, 
können als Inhalt 8-10 Rollen angesetzt werden: s. Abb. 95. 

Die Rollen stehen also jetzt in der Capsa; daher verändert diese 
selbst ihr Format und ist jetzt meistens mehr hoch als breit. Mehr hoch 
als breit erscheint sie in der Tat schon an den frühesten griechischen 
Statuen, die mit Capsa versehen sind; auch herrscht nun die Rundform vor. 
Ich glaube aber nicht, daß sich eine dieser Statuen als vorhellenistisch, 
d. h. als vor dem Todesjahr Alexanders des Großen verfertigt erweisen 
läßt. Freilich kann mir hier manches entgangen sein, und 
die Gelehrten, die eine umfassendere Kenntnis der Monu- 
mente besitzen, mögen, was ich hier gebe, nachprüfen und 
berichtigen. 

Voran stehen die Musen und die Porträts literarischer 
Größen. Im Porticus I des Neapler Museums steht der ^^^' ^^^• 

Aeschines aus Herculaneum; an seinem 1. Fuß eine runde 
Capsa des angegebenen Formats; sie ist oben vom Gewand zugedeckt. Sie 
hat die Höhe der Hälfte des Unterbeins; solche Capsa war also nur 
gegen 34 cm hoch. Als Inhalt können Reden, richtiger aber wohl Doku- 
mente gedacht werden. Sie ist nicht nur an der Vorderseite mit Ring 
und daran befestigtem Tragband (Riemen) versehen, sondern auch über 
ihre Rückseite ist das Band geführt. Dagegen ist ihre linke Außenseite 
nicht ausgearbeitet. Vielleicht war sie hier abgebrochen und der 
Restaurator hat die Stelle weggeglättet; oder die Statue war ursprüng- 
lich hart an einer Säule aufgestellt. Die Statue ist nun aber nach der nächsten 
Analogie, dem Demosthenesstandbild, zu beurteilen, das in Athen erst im 
J. 280 V. Chr. errichtet wurde. Dieses war Bronze und hatte gar keine 
Capsa; eine Capsa, übrigens nicht höher als die des Aeschines, ist nur 
in der Marmorkopie des Demosthenes in Braccio Nuovo Nr. 62 hinzugefügt, 
während die Replik zu Knole in England statt dessen einen kurzen Baum- 
stamm zeigt. ^) Auch bei dem marmornen Aeschines wird sie demnach 
jüngere Zutat sein; auch sein Original war Bronze. 

1) Auch Schreiber, Bilderatias I 90, 8. 

2) Siehe Amelunq, Skulpturen des Vat. Mus. 1 S. 81 f. 




252 'V- ^"^ Rollenbuch und seine Autbewahrung. 

Wenden wir uns zu den Musen, so begegnete uns im Gemälde aller- 
dings Kilo mit dem Scrinium (oben S. 251). Die Plastik hat die Musen 
dagegen durchgangig mit dieser Beigabe verschont Denn sie studieren 
nicht; was sollten sie also mit BOchersammlungen? Es ist vielmehr eine 
Dichterin in dem sitzenden Madchen des Mus. Chiaramonti Nr. 121 dar- 
gestellt: 

Stifl und Rolle in ihren HSnden sind modern. An ihrem r. Bein aber steht 

eine runde Capsa, die die Einrichtung des Verschlusses deutlich zeigt und etwa 

halb so hoch wie der Sitz ist; hatte ein Sitz in Wir Ic lieh keit 48 cm Höhe, so hatte 

die Capsa also etwa 26 cm. Darauf ein RollenbDndel zu tQnf Rollen. Dies sind 

unverkennbar LiteralurbOcher. Der unterste 

Teil der Capsa ist Ergänzung; alles stark 

überarbeitet. AMBLUNO a. a. 0. S. 387 setzt 

nun zwar das Original ins 4. Jahrb.; für dies 

Beiwerk aber ist ein solches Alter natOrlich 

nicht zu erweisen. Siehe die Abbildung bei 

AMBLUNO Tn. 40; unsre Abb. 162. 

Ein marmomes Sitzbild in griechi- 
schem Gewände wurde auch dem Or- 
bilius, dem Lehrer des Horaz, in Bene- 
vent gesetzt Man sah es noch in des 
Suetonius Zeit Der strenge Mann hatte 
zwei Scrinien neben sich.') Das war 
wider den Usus und sollte den Gram- 
maticus, der zwei Sprachen beherrscht, 
anzeigen. 

An einer sorglichen Weiterfflhrung 
dieses Gegenstandes erlahmt indes, wie 
^^''- "*^- ich bekenne, meine Geduld, und ich 

kann nur Dorftigstes hinzufügen. Bei 
Dahembero-Saolio im Artikel „Capsa" findet man Literatur und Verweise 
auf Abbildungen. Es sei hier nur hervorgehoben, dafi das Scrinium 
bei weiblichen Standfiguren zu fehlen pflegt und auch bei Sitzbildem selten 
ist*) Massenhaft erscheint es dagegen an den römischen Portratstatuen, 
den Togastatuen. Da ist das Scrinium obligat geworden"), und in den grö- 
ßeren Museen trifft man Beispiele zu Dutzenden an. Wer wollte da Ver- 
zeichnisse geben? 

Sogar als Terrakotte fand ich einen römischen Redner mit runder Capsa in 
Marseille Nr. 1238 (pRäHNER). Reste des Beschlages eines römischen Scrinlums, 
aus dem I.Jahrh. n.Chr., das anscheinend eine römische Legion im Peldzug mit 
sich fohrte, haben sich bei Cremona gefunden*); vgl. dazu Dio Cass. 67, 11. Ich 

1) Suelon, De gramm. 9. 

2) Als Ausnahme nenne ich die besprochene sitzende Dichterin im Mus. Chiara- 
monti, sowie die kleinen Bronzefiguren im Mus. Kircheriano: s. S. 253. 

3) Man denke hier an die capsae, die Cicero als Redner bei sich lOhrt, Divin. 
in Caecil. Kl. 4) MOMMSEN im Korrespondenzbl. d. Westdeutsch. Ztg. 1888 S. 56. 



18: BQcherkasten. 253 

gebe hier als Beispiel in Abb. 163 die Capsa von der kl. Statue des Brltannicus, 
Neapel, Nr. 6064; sie befindet sich am r. Bein der Figur und zeigt das SchloB sowie 
den Tragrieinen an Ringen. Die Capsa Ist schmal; etwa fünf Rollen konnten darin 
aufrecht stellen. 

Dies Bild hat noch eine gewisse Belebung; denn der Riemen ist auf den 
Deckel gesunken und man meint noch zu sehen, wie die Hand des capsariua, des 
Dieners, der die Capsa trug'), ihn eben hat fallen lassen. Das Obllche Schema ist 
aber vielmehr, daS die Bänder gleichmäSlg wie Festons, von den Ringen herab- 
hangend, das Rund des Kastens um- 
geben. 

So etwa Ist die Capsa des Baibus 
aus Herculaneum, Neapel Nr. 6167, 
wiedergegeben bei Bernoulli,^ Rom. 
Iconogr. I 270; Rbinach, Räp. 1*562, 2. 
Man vergleiche, wenn es verlohnt, noch 
den Neapler sog. Cicero aus Pompeji, 
die acht Togastatuen des großen Vesli- 
bulums des Neapler Museums (oben 
S. 61), sowie bei Rbinach die Statuen 

I 451, 1 u. 6; 546, 1 u. 2 u. 6; weiteres 
ebenda aul den folgenden Seiten, bes. 
S. SSI. Die Hohe des Kastens bleibt 
meistens die von mir angegebene; in 
einigen Fällen nähert sie sich der Knie- 
hohe, vgl. bei Reinach I 652, 2 u. 6 u. 7; 

II 615, 9. Das ist immer noch kein 
halber Meter. 

Wo zwei Statuen als Pendants 
komponiert scheinen, steht der Kasten 
bei der einen am 1. Fu&, bei der andern 
am r. Pu8. Dies trifft auf die römi- 
schen Knabenstatuen zu im Lateran, 

Mus- prof. Saal XII Nr. 804 u. 812, aber — - _ — _- 

auch auf die winzigen Bronzen im Museo — 

KIrcheriano Abt. VI: es sind zwei Sitz- Abb. ifi3. 

btider; ein Slterer und ein jüngerer 

.Mann ; eine Capsa hat der Jüngere 

an seinem r. Fuß, der Alte dagegen iinks vorne. In jeder Capsa sind sieben 

Rollen; beide sind mit Bändern versehen. Vgl. S. 87 Anm. 1. 

Die Relletkunst der jüngeren Zeil erweitert unsere Kenntnis nicht wesentlich. 
Von einigem Interesse das hellenistische kleine Stück in Neapel, Saal VI Nr. 6621: 
zwei Türme ragen im Hintergrund; vorn lagern als Weihgeschenk drei Masken; 
zwischen ihnen steht eine eckige Capsa, eine Ecke nach vorn. Hier ist also viel- 
leicht ein dreieckiger Kasten anzunehmen, wie er uns auch auf unsrer Abb. 169 
entgegentritt; vgl. HOlsen zu C. I. L. VI 29814. 

Von auffalliger HOhe ist die Capsa des Aper auf unsrer Abb. 143; dieser Umstand 
hat sich uns S. 218 t. erklärt. 

Auf FflBe wird der Kasten in diesen Zeilen, wie gesagt, selten gestellt; es 
lassen sich dafür einige hellenistische Orabreliefs zitieren*); späterhin scheint das 
in Südgallien beliebt gewesen zu sein.°) Besonders ist die Capsa C. I. L. IX 4909, 

1) Dieser capsariiis wird Suet. Nero 36; Digest. 40, 2, 13 erwflhnt; vgl. auch 
Juvenal X 117. 

2) Siehe Jahrbuch des Inst. XX S. 50 t. Abb. 4 u. S. 53 Nr. 11. 

3) leb finde dies im Sarkophagwerk Le Blant's auf Tfl. 34, sowie auf Tfl. 41, 1 
zweimal. Auch das späle Berliner Relief Nr. 768, aus Smyma, zeigt übrigens dasselbe. 



254 IV- ^^ Rotlenbuch und seine Aufbewahrung. 

wiederholt bei Schreiber, Bilderatlas I 90, 7, bemeriienswerl ) denn sie hat nicht nur 
drei kufellürmige Pflftclien, sondern der Decicelrand isl oben wie In Zinnen auf- 
gelöst, und Aber dem Deckel steht ein bogenförmiger hölzerner Griff, während 
zugleich die üblichen herabhängenden Tragbänder auch nicht fehlen) an die Capsa 
gelehnt ist eine geschlossene Rolle von entsprechender Hohe. 

Erst spat hat sich die ßelietkunst herbeigelassen uns die Rollen im Kasten zu 
zeigen. Dies fand ich auf einem der chrisll. Sarkophage des Lateran, Nr. 77: der 
Deckel steht hoch; ein Schloß fehlt. Man sieht vier Rollen; das Bein der daneben- 
stehenden Frau kann uns leicht die fünfte verdecken; s. Abb. 164.') 

Auch ein Mosaik gesellt sich hinzu. Auf einem der großen Felder des Trierer 
Mosaiks des Monnus (oben S. 134) ist „Agnis" mit Eulerpe zusammen gruppiert 
Die Figuren hallen kein Buch; zwischen beiden aber sieht die offne runde Capsa, 
darin fünf Rollen. 

Auf den Fresken der Katakomben sieht man endlich bisweilen Christus 
thronend, vor ihm eine oder öfter noch zwei regelmäßig runde große Capsae, welche 
wohl das alle und neue Testament bedeuten <die frommen Fremdenführer an Ort und 
Stelle geben sie freilich heute für Brotkörbe aus). Zum Verständnis ist der oben 
erwähnte Orbilius mit seinen zwei Scrinien heranzuziehen. Die Anschaulichkeit 
nimmt hier ab. Der Deckel fehlt oft einfach; es fehlt oft das Schloß; es fehlen die 
Tragbänder. Ich führe an: 

Domitillakatakomben: Petrus und Paulus, bei WiLPERT Ttl. 181 u. 182. Die rot 
gefärbten Capsae enthalten je fünf Rollen. 

Ebenda, Capeüa degli ApostoH: in der Volte Christus zwischen den Jüngern; 
vor seinem Schemel große runde Capsa. Man sieht acht Rollen. WILPBRT Tfl. 193. 

Ebenda, Orabkapelle der Petronilla: eine große Capsa, darin Rollen, weiß ge- 
färbt; der Roilenschnitl aber erscheint dunkel.') 

Kopien nach Fresken aus 5. Callisto, im Lateran, Oberstock, erstes Zimmer: 
vor Christus Capsa; darin drei Rollen; ein Platz für die vierte ist leer gelassen. 

Callistkatakomben, bei Wilpert TU, 243, I: Christus mit zwei Heiligen; rechts 
und links eine offne Capsa mil Rollen. 

Wilpert Tfl. 166. l. Rundbild: Christus stehend mit Buch, Motiv VII; r. und I. 
runde Capsa; die links enthalt mindestens acht Rollen; unsre Abb. 182. 

Die Capsae in S. Vitale zu Ravenna s. bei Qarrucci Tfl. 263; jede von ihnen 
hat hier, wie Ich am Original feststellte, acht Rollen. 

Ein scheinbarer Milcheimer voll Rollen endlich bei Wilpert, Die Mal. der 
Katakomben S. 232 I., Tfl. 178, 3. WiLPBRT hatte zum Verständnis Garrucci 
Tfl. 340, 4 sowie Schreiber, Atlas 90, 7 (s. oben) vergleichen sollen. 

In allen Darstellungen, die wir ken- , 

nen gelernt, steht die Buchschachte! am 
Boden. Sehr bemerkenswert ist darum 
das spätgriechische Relief aus Smyrna, 



1) Dagegen Rechnungs tafeln sieht man 
in der Capsa, die auf der Schuller offen 
getragen wird, auf einem tra janisch- hadriani- 
schen Relief, abgeb. in Rom. Mitteilungen 
XIV Ttl. 8. 

2) Dies ist, was ich mir am Ori notierl 
habe. Bei Wilpert Tfl. 213 erscheint die 
Capsa hell; sie hat roles Tragband und 
schwarzes Schloß. Daneben lehnt ein runder 
Deckel. In der Capsa zählt man neun, 
vielleicht zehn Rollen. 



18: Bücherkasten. 19: Rollenbfindel ohne Kasten. 255 

Berliner Mus., „Beschreibung" Nr. 768, in welchem Bilde sich eine eckige 
Capsa statt dessen in einiger Höhe auf einem Wandbort aufgestellt findet; 
sehr ahnlich damit das Relief in Oxford bei Michaelis Anc. Marbles S. 562 
Nr. 89. Dies ist ganz singulär. Rechts daneben steht noch ein Rollen- 
bondel, das in jenem Kasten indes nur liegend, aber nicht stehend 
Platz finden würde, da es zu hoch ist. Dieser vorstehende Wandbort ist 
der pluieus, auf dem man sonst auch Büsten, aber auch Schuhzeug 
aufstellte: s. PriedlAnder zu Juvenal 2, 7; oben S. 246 Anm. 6. Keines- 
falls aber können diese Reliefs für die Veranschaulichung einer antiken 
Bibliothek dienen. 

19. Rollenbflndel ohne Kasten. In den Schachteln standen die Rollen 
nun gewiß oft frei und lose nebeneinander, wie die Bilder zeigen, und eine 
Schnürung war unnötig. Doch war dies sorgsame und schonende Verfahren 
keineswegs allgemein, und schon für des Isokrates und Aristoteles Zeit ist 
es nachzuweisen, daß die Händler auf solche Schutzmittel verzichteten und 
die Bücher einfach bündelweise zusammenbanden. Auch den Ägyptern 
war dies nicht unbekannt (oben S. 15). Der griechische Ausdruck dafür 
ist b6c^al; s. Buchwesen S. 434. Und zwar vereinigten sich in solchem 
Bündel nach dem ältesten Zeugnis die Schriften nur je eines Autors, eben 
des Isokrates; doch war ebensowohl denkbar, daß man auch die Werke 
verschiedener Autoren so zusammentat; daran denkt wohl Horaz, wenn er 
warnend zu seinem Brief buch sagt: vinctiis mitteris Ilerdam Epist. I 20, 13. 
Bei Gellius erhalten wir dann Einblick in die Läden und Butiken der Buch- 
händler: da lagen solche Pascikel verschmutzt und entstellt herum (Gell. 9, 4). 
Während ich früher, veranlaßt durch Petron's Worte chartae alligatae mutant 
figuram, glaubte (a. a. 0. S. 33), daß dieser Mißbrauch doch seltener vor- 
kam, haben mich die Bildwerke inzwischen eines anderen belehrt; und auch 
weitere Testimonia haben sich hinzugefunden; so aus älterer Zeit die Ge- 
schichte von den Büchern des Numa Pompilius, die im Jahre 181 v. Chr. 
in einer steinernen arca entdeckt wurden.^) Darüber erzählt u. a. Livius 40, 
29, 6, es seien in der arca duo fasces candelis involuti gefunden worden, 
welche septenos habuere libros; daß diese libri aus Charta, bezeugt zum Ober- 
fluß Cassius Hemina bei Plin. n. h. 13, 84; sie waren sehr frisch erhalten 
und gut lesbar: eine plumpe Pälschung, und der Prätor veranlaßte ihre 
Verbrennung, da ihr Inhalt inopportun schien. Also Bündel zu je sieben 
Rollen, mit candelae, d. i. mit Stricken umwunden, die zur Konservierung 
mit Wachs überzogen waren. Die Siebenzahl wird vielleicht der Super- 
stition verdankt; doch begegnet sie auch sonst; s. unten S. 266 u. oben 
S. 251 u. 253. 



1) Damit sei die Paulus-Apokalypse und ihre Auffindung verglichen: ein mar- 
mornes T^uuccÖKOjuov wurde ausgegraben; darin lag sie; s. Visio Pauli cp. 2 bei 
TiSCHENDORP, Apocalypses apocryphae (1866). 



256 'V- ^Bs Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

Endlich sind auch von den herculanensischen Rollen einige tatsächlich 
in Bändeln gefunden worden; ein solches zu fonf Rollen sieht man bei 
De Jorio a. a. O. Tfl. 1 B' (dazu S. 60) abgebildet 

Die altere Kunst' weiS nun davon noch nichts, und auch aus der 
pompejanischen Malerei entsinne ich mich nicht solcher fasces mit oder 
ohne zugehörigen Bocherkasten. Die statuarische Kunst ist es, die solch 
Bündel zum selben Zweck wie die Capsa und auch etwa gleichzeitig mit 
dieser den Portratfiguren beizugeben begonnen hat; und wie jene BQcher- 
bandel Numa's pythagoreischen Inhalts gewesen sein sollen, so handelt es 
sich dabei gerade besonders um Portrats von Philosophen; ich denke an 
den Zenon der IHQnchener Glyptotek (oben S. 56; Reihach, Rupert 1 
512, 1) und an die weiteren bartigen griechischen Standbilder, die man 
fflr Philosophen ansieht, bei Michaelis, Marburry Hall 18, sowie bei Reinach 
1 512,5-7. 

Dazu dann auch der Homer in Neapel, Qalerie der Batbi Nr. 6126: er steht und 
halt nicht etwa ein Buch in den HSnden, sondern beide Hände ruhen zusammen auf 
einem langen Stabe, der vor ihm auf dem Boden sieht und bis zur BrusI reicht; 
das stimmt genau zu der Beschreibung, die Christodoros von der Homerstatue 
gibt V. 344: denn auch nach ihm stützt Homer beide Hfinde auf den Stab. An 
seinem I. Fuß aber steht ein RollenbQndel, von einfachem Riemen zusammengehalten. 
An dessen Außenseite zfihlt man zehn Rollen; das BQndel mag also etwa 17 ent- 
halten, keinesfalls aber 24, und eine Andeutung der homerischen Epen fehlt. 

Häufiger wird das Attribut im Dienst des römischen Portrats und der 
Togastatue, doch bei weitem nicht so häufig wie der Kasten. Zum Ver- 
ständnis sei an Juvenals' Worte 7, 107 erinnert von den Advokaten, die 
mit großem AktenbOndel vor das Centumviralgericht ziehen, um zu pladiren ; 
nie fehlen ihnen magno comites in fasce libelli. Beispiele: 

Der soK. Sulla aus Herculaneum in Neapel, 
6252; das RollenbQndel am 
emen, der sich an der Vorder- 
lengehalten, zAhlt hier mln- 
an der Außenseite (Reinach 
ilue In Lamböse (M^ langes 
18 Tfl. XI 2): man zahlt vorn 
Bflndel kann mindestens das 
Leiter der Caelius Satuminus 
Ol. Nr. 846 (Benndosf-SchOhe 
lin BOnde] mit Doppelriemen; 
das BQndel besteht aus etwa 
1er Mavortius oben Abb. 37: 

Wenn also im Appa- 
rat des Schulunterrichtes 
auch Riemen, conigiae, 
\^ävT6c, aufgezählt wer- 
s. lat. III 377, 68 u. 71,37, 
Abb. 165. SO ist vielleicht der Riemen, der das 




19i RollenbOndel ohne Kaslen. 257 

Buchhandel umschloß, gemeint. Aber auch der Strick, 
wie ihn Livius erwähnt, findet einmal Anwendung. 
Dafür fand ich ein Beispiel im Therme nmuseum, wo 
an der Ecke des offnen Hofes, gleich in der Nahe des 
Eingangs, der unlere Teil einer Togastatue ohne Nummer 
steht; an ihrem r. Bein ein großes RollenbOndel, darum 
ein gewundenes Seil, das auch an der Hinterseite aus- 
gearbeitet ist. Man zählt neun Rollen. Unsre Ab- 
bildung 166 bezweclit nur den Strick zu zeigen. 

Weitere Togastatuen bei Reinach II 626, 5 und 1 546, 8; Matz-Duhk Nr. 1264 
— 1282; 1307. Zwischen den FOQen steht das BOndel ebenda 1289. 

Wenden wir uns zu den Reliefs und Sarkophagen, so gab uns der Grabstein 

des Aper ein Bündel zu fünf Rollen, oben S. 219. Auf dem Relief Nr. 13 im Meleager- 

saal des Vatihan liegt neben dem Dichter, und zwar flach am Boden, ein solches 

von drei Rollen (unsre Abb- 120). Der große Kosmetengrabstein im athenischen 

Museum Nr. 1465 hat am oberen Rande Ober der poetischen Inschrift ein kleines 

Relief; der Kosmet hSIt eine gescht. Rolle in der L, Motiv 111; ein Rollenbündel am 

1. PuG. Auf dem großen Rundsarkophag zu Pisa, Nr. XI, stehen unter dem Giebel 

einer Aedicula zwei MSnner vereinigt, je ein Rollen- 

bündel steht rechts und links von ihnen; der eine 

hau eine geschl. Rolle, des anderen HSnde sind 

abgebrochen (DDTSCHKB I 123). Dazu die weiteren 

Sarkophage in Pisa bei DOtschke I 135 u. 27. Selbst 

auf Ho chzeits Sarkophagen fehlen die Bündel nicht: 

s. Mati-Duhn 3099^3103. 

Eine Deckelfigur mit Rollenbündet sieht man 

auf dem großen Sarkophag im athenischen Mus. 

Nr. 1497; dies ist ein fast monströser Fall; so 

riesenhaft ist hier der Umfang des Bündels. Man 

^^ zählt allein an der Aultenseile 18 Rollen; das ganze 

--'''^ kann also auf deren 30 laxiert werden. Ein end- 

loses riemenartiges Band zieht sich herum. Die 

. Abb. 167. Rollenmasse zeigt oben eine glatte Flache, an der 

Seile dagegen eine ganz realistische Ausarbeitung, 

worüber oben S. 227. Auch dadurch ist dies Monument ein Unikum. 

Auffallig durch die Ausarbeitung der Rollen ist auch der sonst ungeschmflckte 
Sarkophag Nr. 104 im Konservatorenpalasl, Nebenraum am Oktogon: eine Eckfigur 
hat hier ein in starker Rundung 'ausgeführtes Bündel links neben sich. Man zahlt 
an der Aufienseite im Halbrund fünf oder sechs Rollen, und sie sind mit einem 
Randstreifen geschmückt; s. Abbildung 167. 

Sodann christliche Sarkophage: Lateran Nr. 138: unter den hier dargestellten 
sieben Figuren hat eine jugendliche, Figur 5, neben ihrem r. Fuß ein Rollenbündel 
von etwa 5 Rollen. Bemerkenswerter ebenda das ^ ^ •, 

Sarkophagfragment oberhalb der Nr, 77: ein stehen- 
der Mann, der die Hände vor dem Unterkörper fallet 
(darüber oben S. 195); seine Füße fehlen; das Rol- 
lenbOndel an seiner r, Seite zeigt wiederum Rand- 
streifen, worüber oben S. 240. 

Sodann aber sinkt das RollenbOndel ahnlich 
wie die Maske zum halb bedeutungslosen Deko- 
rationsstück herab. Auf dem Sarkophag im Neap- 
ler Museum Saal VII Nr. 6701 sieht man unter 
einem Schilde zwei sitzende Frauen, die den Rücken 

an einen Gegenstand lehnen, der sich zwischen _^-^-_^^^___ 

ihnen befindet. Dies schien mir ein großes Rollen- Abb. I68. 

Bin, Di« Buchrolle in der Kunsl. 17 



258 * '^- ^^^ Roilenbuch und seine Aufbewahrung. 

bOndel zu sein. Deutlicher gewahrt man es, zu nur drei Rollen, zwischen zwei 
Masken angeordnet auf einem Sarkophag in der Basilika der Domitillakatakomben ; 
s. Abb. 168. Die Rolle des Lebens ist ausgespielt, die Masken sind abgelegt, die 
Bücher können ruhen. 

Dieselben Fasces endlich dann noch als Amtsabzeichen auf den Bildern der 
Notitia dignitatum: ein größerer, an dem 15 Rollen angedeutet sind, ed. Seeck S. 42; 
eine Anzahl kleinerer ebenda auf S. 161; und zwar sind zwei derselben hier deut- 
lich aus fünf Rollen, einer aus zehn, einer endlich nur aus vier zusammengesetzt. 

Der Beispiele genügt); doch aber fehlt noch ein wichtiges. Jetzt 
endlich kann ich mich zum Horaz wenden. Horaz sendet bekanntlich, wie 
Epist. 13 ausfahrt, seine drei Bücher Oden durch den Vinnius Asella an 
den Kaiser Augustus. Diese Bacher heißen v. 2 signaia volumina^ f»ver- 
siegelte Rollen''. In Kiesslinq's Kommentar wird angenommen, die drei 
Bacher hatten in einem Scrinium gesteckt; das Scrinium sei versiegelt 
worden^; damit habe sich Vinnius geschleppt. Doch fehlt davon jede An- 
deutung; statt dessen steht v. 13, daß es sich um einen fasciculus handelt, 
also ein kleines Bändel, das genau ebenso aus drei Rollen besteht, wie der 
Dichter auf dem Relief im Meleagerzimmer (Abb. 120) drei Bacher im Pascikel 
zu seinen Paßen liegen hat. Danach ist klar, daß Horaz auf den festen Faden 
oder Strick, mit dem dies Bändel umschlossen war, sein Siegel gesetzt 
hatte ahnlich den Siegelungen auf Bachern, die ich S. 243 besprach. ") Von 
einer Paenula aber wußte Horaz damals augenscheinlich noch ebenso wenig 
wie Catuli; diese blieb der nächsten Generation vorbehalten. 

Dies fahrt uns auf das Tragen von Rolienbandeln, das gewiß nur 
dienenden Personen zukam. Der Riemen, der das Bande! zusammenhielt, 
erleichterte dies Tragen. Im selben Horazbrief v. 13 wird der Überbringer 
vermahnt, er solle nicht mit dem Pascikel unter der Achsel, sub ala, vor 
den Empfänger treten wie ein Bauer, der sein Lamm unterm Arme trägt. ^) 
Diese Vorstellung erinnert an Ägyptisches (oben S. 12). Man trug somit 
das Bändel gelegentlich auch ohne Kasten. Bei Matz-Duhn 3894 wird dem- 
entsprechend ein Mann beschrieben, der ein solches unter dem Arm zu 
tragen scheint; ebenda 3125 ein anderer, der es in der Hand tragen soll. 
Sind diese beiden Belege nicht ganz zuverlässig, so ist die im Piräus ge- 
fundene Marmorstatue eines Knaben um so beweisender, die aus der 
römischen Kaiserzeit stammt (unter Lebensgröße; Kopf und Teile der Beine 

1) Nach WiNCKELMANN, Werke 11 S. 98 sind in Herculaneum einige Rollen auch 
„mit gröberem Papier" zusammengebunden gefunden worden. Die Abbildungen 
wissen hiervon nichts. 

2) Daß eine cista versiegelt wird, ist aus Plautus* Amphitruo bekannt (v. 421 
und sonst) ; ebenso ein scrinium bei Martial I 66, 6. 

3) In der Notitia dignitatum oriental. cap. 16 ed. BOCKING ist ein braunes Rollen- 
bündel zu 15 Rollen zu sehen, das von einem roten Band oder Riemen mit Knotung 
zusammengehalten wird; auf dem Knoten ist vielleicht die Andeutung eines Siegels 
zu erkennen. Ein versiegelter cuvbeciioc tOüv ^ttictoXOjv als einheitliche Postsendung 
bei Herodian IV 12, 6; vgl. den versiegelten fasciculus bei Cicero ad Att XI 9, 2. 

4) Vgl. hierzu das beXcpdKiov Otto \xä\Y]c bei Plutarch Symposiac. V 1 fin. 



19: Rollenbündel ohne Kasten. 20: Rollenbfindel mit Kasten. 259 

fehlen; die Arbeit gering). Die Darstellung ist einzig in ihrer Art: der Knabe 
steht nackt da; sein Oberkörper aber ist mit vielen Siegerbinden bedeckt 
(man zählt mindestens 15), die von den Schultern an ihm herabhängen. 
Außerdem ist sein 1. Arm mit einem riesigen Salbgefäß beladen, auf der 
r. Hand endlich trägt er auch noch ein BQcherbQndel, das mit Band zu- 
sammengehalten ist; drei oder vier Rollen sind kenntlich. Offenbar ist 
dies ein Diener, der als Halter und lebendes Gestell dient: so stand er 
geduldig in den Gymnasien, bis die jungen Herrn ihm die Gegenstände, 
die sie brauchten, abnahmen. Eine Bücherkiste an seinem r. Bein ist nicht 
zu erkennen.^) 

20. Rollenbflndel mit Kasten. Unser Gegenstand ist aber noch immer 
nicht erschöpft; denn in den meisten vorhin besprochenen Fällen stand das 
Bündel am Boden. Ab und zu wird es aber auch höher aufgestellt; so 
steht es auf einem Wandbort auf dem Relief von Smyrna (oben S. 255), 
und auf dem Deckelfries des vielerwähnten Berliner Musensarkophags (Be- 
schreibung Nr. 844) sieht man es einmal auf dem Vorsprung eines Mauer- 
werks flach liegen, das andere Mal gar an der Wand hängen. Kästen 
und Rollen auf Pfeilern (als Gegenstand der Weihung?) lernten wir oben 
S. 225 kennen. Vor allem aber wird das Bündel häufig auf die Capsa 
selbst gestellt, und dabei muß ich noch mit einigen Worten verweilen. 

Die recht zahlreichen Fälle dieser Art können nur den Sinn haben, 
daß das Rollenbündel der Capsa, auf der es liegt, in jedem Fall entnommen 
ist, nicht anders, wie die auf der Capsa liegenden BinzelroUen ihr selbst 
entnommen sind.^) Daraus folgt, daß in den Capsae auch geschnürte 
Bündel transportiert wurden, eine Tatsache, die uns die herculanensischen 
Rollen selbst bestätigen; denn 18 der lateinischen Rollen, die in Hercula- 
neum gefunden sind, bildeten ein solches Bündel und waren in einem 
Kasten eingeschlossen.^) 

Dem Anschein nach ist dies Motiv, das Kasten und Bündel kombiniert, 
bei den Bildhauern etwas später in Aufnahme gekommen. Ein Muster- 
beispiel gibt das schon oben S. 252 besprochene Marmorbildnis einer 
Dichterin im Mus. Chiaramonti, Abb. 162. 

Daran reiht sich das wertvolle Relief ohne Nummer, die Nebenseite 
eines Sarkophags, im Neapler Mus. Saal VII: ein bärtiger Mann (Dichter) 
sitzt im Profil nach links; sein Oberkörper entblößt; ein Vorhang im Hinter- 
grunde. Gleichwohl sitzt er auf natürlichem Pelsboden, zu seinen Füßen 
ein Schaf. Die R. des Mannes ist erhoben, in seiner L. ein Stab. An 
seiner 1. Seite aber steht eine runde Capsa, auf welcher quer ein mit Band 

1) J. Ziehen in Athen. Mitteil. XIX (1894) S. 137; Berl. Phil. WS. 1906 S. 669. 

2) Eine einzelne Rolle liegt oder steht auf der Capsa, oben Abb. 84 u. 160; 
so auch auf dem Säulensarkophag zu Perugia, Garrucci Tfl. 321, 4. 

3) Comparetti, La villa d. Pis. (1883) S. 293; vgl. Paderni bei Clark S. 24. 

17* 



250 'V- ^^^ Rollenbucti und seine Aufbewahrung;. 

zusammengehallenes RoIlenbQndel liegt. Dies enthalt an der Vorderseite 
drei, im ganzen vielleicht fünf oder sechs Rollen. Robert {Hermes 35 
S. 650) glaubt hier Hesiod zu erkennen. 

Eckig ist die Capsa dagegen auf einer späten attischen Grabstele: 
stehender Mann, ohne Kopf; rechts von ihm bartige ithyphallische Herme; 
links von ihm die Capsa mit Schloß; auf dem Deckel ein stehendes Bflndel; 
etwa vier Rollen erkennbar.') 

Wiederum statuarisch erscheint das Motiv verwendet fQr einen Asktepios, 
in Lamböse, Reinach II 35, 7. Besonders aber wurde es wieder fQr Togastatuen 
beliebt; s. z. B. M61anges d'arch. et d'hist. Bd. 18 Tri. XI 1; Reenach II 623, 4 (Dougga) 
und 625, 2 (Alexandria) und sonst. In den letzteren Fallen erscheint die Capsa, der 
Mannigfaltigkeit zu Liebe, nicht rund, sondern eckig. Zur Veranschaulichung diene 
noch unsre Abb. 169; sie ist einer Togastatue des Thermenmuseums entnommen, 
die, ohne Nummer, sich gleich vome am Eingang aufgestellt findet, abgebildet und 
besprochen von Mommsbn in der Zeitschrift der Savigny Stiftung f. Rechtsgesch., 
röm. Abt. XII S. 146 f. Der Mann hält eine Iturze Rolle in der L., an seinem r. FuB 
steht die dreieckige Capsa, vorn ein herabhangender Riemen; auf dem Deckel liegend 
ein Bündel von vier, höchstens fünf Rollen.*) Auf Rollen und Capsa ist die In- 
schrift verleih; cons tit uti ones co rporis muni menia. Vgl. Matz-Duhn 
Nr. 1263; C. I. L. VI 2 9814. 

Von Reliefs nenne ich weiter das große lateranische, oben Abb. 87; das Bflndel 
laßt an seiner Vorderseite fünf Rollen erkennen; sie werden durch die Schnürung 
hier stark zusammengepreßt, und es paßt 
darauf Petron's Ausdruck: chartae alligatae 
mutant flguram. Die Capsa daneben ist 
viel zu klein: wir sollen wohl annehmen, 
daß sie weiter hinten steht; doch findet 
sich eine solche Disproportion Öfter, z. B. 
bei Reinach I! 625, 2. 

Ahnlich erscheint auf dem Musen- 
sarkophag in Verona, DOTSCHKE IV 618, 
der Dichter stehend; er halt eine Rolle 
mit beiden Händen; neben ihm ein vler- 
eckig-er Kasten, darauf ein RollenbOndel. 
Einen Schreibenden, auf der Capsa vor 
ihm Leier und BQndel, zeigt unser Bild 139. 
Besonders groß ist das RollenbOndel 
auf der Capsa in einer literarischen Szene 

1) Mir bekannt geworden durch freund- 
liche Mitteilung Conze's: Wiener Apparat 
der Attischen Grabreliefs, Athen Privat- 
besitz 33 (Haus Serpieris). 

2) Ein zweites fragmentiertes Exemplar 
solcher Capsa mit gleicher Aufschrift wird 
von MOMMSEN, nach HÜLSEN, ebenda ab- 
gebildet und besprochen, S. 148; C. L L. 
VI 29815. Das Scrinium in Marmor ist da 
I m hoch, also vergrößert Auf seinem 
Deckel sind, nach HOlsbn, einige Rollen 
mit schmalen Schnüren festgebunden. Dies 
Pestbinden ist sonst unbekannt, dazu doch 
wohl auch unsachgemäß. ^ muß ein 

Abb. 169. RollenbOndel gemeint sein. 



20: Rollenbündel mit Kasten. 2t: Der Bücherschrank. 



des Sarkophags von Cag^liari (oben S. 154 u. 177); dasselbe zeigl 15-16 Rollen, die 
horizontal in vier Schichten übereinander liegen: man sieht von allen nur den 
Kopl; die Windungen sind angedeulet. 

Die Kombination von RoüenbDndel und Capsa scheint also, wie in der 
alteren Kunst, so auch in der christlichen, ebenso aber auch in der cam- 
panJschen Wandmalerei zu fehlen oder doch sehr zurockzutreten. 

Daß eine und dieselbe Person neben sich am Boden gleichzeitig ein 
RoUenbQndel und getrennt davon eine sichtlich mit Rollen gefällte Capsa 
hat, habe ich nur einmal gefunden, auf dem Votivrelief bei Garrucci 
Tfl. 411, 4. 

Gehen wir weiter. 

21. Der BQcherschrank. Die Schnorung diente wie die Capsa zum 
Transport der Bocher. Als wirkliches Repositorium dagegen, d. h. zur Auf- 
bewahrung an einem bestimmten Ort diente der Schrank, das armarivm. 

In den Bibliotheken waren die Rollen auf Armarien und in Loculi ver- 
teilt (S. 245 ff.). Weil die Schranke, einigermaßen groß und schwer, sich 
nicht hinter den Personen hertragen ließen, deshalb sind sie so selten ab- 
gebildet. Denn die Kunst, die nur den IHenschen geben wollte, iQgte zum 
Menschen nur solche Gegenstande hinzu, die sich ihm kOnstlerisch unter- 
ordnen ließen. Zwischen dem Schrank und seinem Benutzer wäre dagegen 
nur eine Nebenordnung möglich gewesen; und auf den Reliefs, wo beispiels- 
halber der Dichter unter den Musen erscheint, hatte zwischen ihnen wohl 
die Capsa Platz, nicht das Armarium. 

Bekannt ist das Armarium aus den Zeiten des Codexbuchwesens. Im 
Oratorium der Galla Placidia zu Ravenna sieht man solchen Schrank auf 
dem großen Mosaik der Wandkappe; s. Abb, 170: er zeigt vorn zwei un- 



262 IV- D^ Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

förmige Füße, übrigens die Form einer Aedicula, ist niedrig und reicht 
dem Menschen nur bis zur SchulterhOhe, ist oben mit einem Pterygion ge- 
giebelt und hat zwei FlQgellflren. Da diese offen stehen, sieht man, daß 
er innen durch zwei Querbretter in drei Fächer geteilt ist. Das unterste 
Fach bleibt aber unbenutzt, und nur auf den beiden Querbrettem liegen 
(oder lagen) vier Codices verteilt. 

Reicher entwickelt ist dann schon der Schrank auf der Miniatur bei 
CuRK a. a. 0. Tfl. 15 (Oarrucci Tfl. 126, Schreibeb, Atlas I Tfl. 92): hier 
sind durch vier Bretter fünf Gefache hergestellt und in allen fQnfen liegen 
die Codices flach da, keiner aber auf dem andern. 

Daß dieser Schrank jedoch aus dem 
Roltenbuchwesen stammt, darüber belehrt 
uns erfreulicherweise das spate Sarko- 
phagrelief eines griechischen Arztes (Peter- 
sen, Rom. Mitteil. XV S. 171), das ich 
Abb. 171 wiedergebe.') 

In der Tat erinnert dieser schmach- 
tige Schrank sehr an den des Oratoriums 
zu Ravenna. Auch er ist niedrig, und 
zwar noch etwas niedriger. Auch er zeigt 
zwei schmucklose Fdße. Auch er ist 
durch zwei Querbretter in drei gleiche 
Räume geteilt, und auch bei ihm ist der 
unterste Raum unbenutzt. Doch ist die- 
ser Schrank schmaler, wohl halb so 
schmal, das Pterygion fehlt, statt dessen ein 
wohlgeformtes Gesims mit Inschrift, und 
auf seiner oberen Flache hat ein zweiteilig aufgeklapptes Besteck mit 
medizinischen Instrumenten Platz finden können. Auf dem unteren der 
Bretter aber steht eine kleine Schale*), auf dem oberen liegen acht Rollen 
pyramidenförmig aufgehäuft.') Der Benutzer, ohne Frage ein Arzt in 
griechischer Tracht, sitzt auf einem Stuhl mit hoher Lehne davor und liest 
in einer Rolle. Mit solchen Schranken müssen wir uns also die großen 
Bibliotheken des klassischen Rollenbuchwesens bevölkert denken! Wir lernen 
daraus aber noch, daß man die Rollen im Armarium zwar auf einander- 
legle; aber sie lagen, wie unsre Zigarren in der Zigarrenkiste oder wie die 

1) Auch bei Clark Fig. 13; ungenau bei Baumeister, Denkm. Nr. 332) SCHREIBER, 
Bilderatlas T(l. 91, 8; Darembero-SaGLIO Nr. 524; besser ebenda Nr. 4886. 

2) Vielleicht für Kleister; denn die Rolle brauchte stets Reparaturen (biaKoXXav); 
wahrscheinlicher jedoch ein Oeisß für ärztliche Zwecke; Petersen S. 176. 

3) Bei Matz-Dukn 3127» wird statt von Rollen von „runden Gegenständen 
(Broten oder Früchten)" geredel. So pflegt man auch die Büchercapsae der Kata- 
komben für Korbe voll Brot zu hallen, oben S. 254. 



21: Der Bücherschrank. 263 

« 

Flaschen im Weinschrank, nicht Qberkreuz, sondern in der gleichen Richtung, 
Pyramiden bildend, so daß der Druck der oberen sich immer auf zwei 
untere verteilte; vgl. auch das Neumagener Relief, Abb. 159. Endlich ist 
klar, -daß die Rolle, die der Arzt zu lesen im Begriff steht, selbst mit zu 
dieser Pyramide gehörte, daß demnach zu unterst vier, darüber drei, darüber 
zwei Rollen lagen: also ein neunbücheriges Werk (etwa des Galen irepi 

TÜJV 'JTTTTOKpdTOUC Kai TTXdTUJVOC bOTMClTUJV?). 

Dies Armarium ist aber viel älter, und schon Pompeji kennt es. Nur 
wird es da nicht für Bücher benutzt; das stand eben im Belieben des Be- 
sitzers. So ist ]a bekannt, daß auch Imagines im Armarium standen, daß 
es als Geldschrank diente usf. Es handelt Sich um das Bild im Vettier- 
haus: Amoren als Olfabrikanten, s. Monumenti d. Acad. d. Lincei VIII S. 346 
Fig. 49, das schon Petersen zum Vergleich heranzog. Die fleißigen Amo- 
retten haben da erstlich einen Kasten, der an die ältere Form des Scrinium 
erinnert; darauf steht eine Wage und liegt eine ziemlich große geschlossene 
Papyrusrolle. Dahinter aber steht ein hoher und schmaler offner Schrank, 
durch Bretter in BOrter geteilt, oben nach Art der Aediculae mit einem 
Giebel gekrönt, genau so wie im Oratorium der Galla Placidia. Daher 
redet Petron. c. 29 von der aedicula eines Armarium. Dies müssen, wie 
gesagt, die Armarien der antiken Bibliotheken, auch schon Alexandria's, ge- 
wesen sein. Sie waren also griechisch, diese Schränke. Das bezeugt 
überdies Plautus Trucul. 55. 

Dasselbe Armarium mit Rollen kehrt aber noch auf mehreren jüdischen 
Goldgläsern wieder Oi die man bei Garrucci Tfl. 490 abgebildet findet. Die 
Schränke sind da dem obigen gleichartig; sie tragen einen Giebel von 
meist rundlicher Form, doch auch dreieckig; sind bald schmal (ib. Fig. 3), 
bald sehr breit (Fig. 6 u. 7), und man gewahrt im Innern bald zwei Börter 
zu je drei Rollen, bald drei zu je zwei (Fig. 1 u. 2) oder auch vier Börter 
zu zwei (Fig. 3). In einem andern Schrank befinden sich zwei Reihen vier- 
eckiger geschlossener Kassetten übereinander, in denen Rollen verborgen 
zu denken sind (Fig. 7), oder endlich der Schrank ist durch horizontal und 
vertikal stehende Zwischenwände in neun Fächer geteilt, deren jedes von 
einer dicken Rolle ausgefüllt wird (Fig. 6; unsre Abb. 172). Dieser Schrank 
ist sehr breit und etwa so breit wie der im Schusterladen, Pitture d' E. I 
p. 187. Eigentümlicherweise zeigt er vorn eine Treppe; die ist auch sonst 
bezeugt.^ Die Bücher aber liegen hier sonach niemals aufeinander, ein 
Umstand, in dem sich wieder ein Einfluß des jüdischen auf das kirchliche Buch- 
wesen verrät; denn auch die Codices der Kirche liegen im Schrank nicht 
aufeinander. Daß endlich die jüdischen Lederrollen oft erheblich dicker als 
die Papyrusrollen waren, kann uns insbesondere die letzte Abbildung verraten. 

1) Ärmaria et arcae bei den Juden erwähnt Hieronymus: s. Blau S. 96. 

2) Schol. Juvenal. 7, 118. 



264 



IV. Das Rollenbuch und seine Aufbewahrung*. 



Auch die Maskenschränke in den Terenzhandschriften haben größere 
Breite; man hat bei ihrer Beurteilung mit Unrecht versäumt, die Bücher- 
schränke des Altertums zum Vergleich heranzuziehen/) 

Was endlich den Schrank voll Rollen betrifft, der im Bibliothekszimmer 
Herculaneums gefunden wurde, so sagt Winckblmann, Werke 11 S. 95, von 
ihm, daß er „fQr Schriften auf beiden Seiten'' war; also er stand nach 
zwei Seiten offen.*) 

22. Anordnung vielbflcherlger Werke. Blicken wir auf alles Gesagte 
endlich zurOck und geben jetzt auf die Anzahl der im Gefäß oder im 
Bündel zusammengefaßten Rollen acht, so fanden wir in den Capsae nicht 

leicht unter fünf Rollen; bisweilen 
fünf; ein silbernes Kästchen war 
genau auf die Pünfzahl eingerichtet 
(s. S. 248 Anm.4); einmal sechs; zwei- 
mal sieben; häufiger acht; einmal 
acht bis zehn; in den Bündeln 
das Minimum drei; häufig fünf; ein- 
mal auch hier die 
Siebenzahl (Nu- 
ma); doch steigen 
die Zahlen zu neun, 
zu über 10 (Ho- 
mer), zu fünfzehn 
(Notitia dignita- 
tum), ja, zu acht- 
zehn und über achtzehn an (athenischer Sarkophag). Für viele dieser Pälie, 
besonders wo die Zahlen kleiner sind, können wir ansetzen, daß es geschlossene 
mehrbücherige Werke waren, die in dieser Weise räumlich zusammen- 
gehalten wurden. Ovid, trist. I 1, 111, zeigt uns deutlich, wie die drei 
Bücher seiner Ars als drei Rollen beisammen daliegen. Die drei Rollen 
der Ars amatoria oder De oratore, die fünf der Tristien, die acht des 
Bellum Gallicum, die zwölf der Aeneis, die fünfzehn der Metamorphosen 
bildeten im Altertum je ein corpus ^ d. h. die Sammlung und Zusamm^n- 
gruppierung einer Anzahl selbständiger, aber zusammengehöriger Glieder, 
der Rollen.^) Diese ihre Einheit wurde durch Riemen und Kasten realisiert. 
Für corpus traf im Griechischen gern der Ausdruck cüviaSic oder 




Abb. 172. 



1) Siehe O. Enqelhardt, Die Illustrationen der Terenzhandschriften S. 35 ff . 
Auch kommen dafür die Imagines der Römer in Betracht, die in Armarien standen. 

2) Was De Jorio S. 12 darüber schreibt, ist aus Winckelmann genommen. 

3) Ober den Begriff corpus s. Buchwesen S. 36 ff. ; redigere in corpus sagt 
auch Seneca epist. 35; corpora Graiorum maerebat mandier igni Matius bei Varro 
1. lat. VII 95. 



22: Anordnung vielbflcherig'er Werke; corpus, cuvraHic. 265 

cüvTaTjia ein.^) Auch er bedeutet die Rollengruppe; inhaltlich deckt sich 
mit ihm TTpafnaTeia. So wurden die zahlreichen überlieferten Aristoteles- 
rollen von Andronikos durch Sonderung und Vereinigung in verschiedene 
Pragmatien, d. h. mehrbocherige Werke geordnet.*) Auch diese wurden dann 
also» wie notwendig, auf dieselbe Weise auf Capsae oder in den Armarien 
auf Börter verteilt. Diese Börter aber heißen BfiKai. Wenn also Clemens 
Alexandrinus Strom. VIII 22 schreibt: irXripeic' b' ai efiKai tujv ßißXiuJv 
Kai a\ cuvräEeic kqi ai TTpafMctTeiai tOüv biaq)ujvouvTtüv dv toic bÖTMCtci^ 
so ist dies nichts als Kumulierung, und man sieht auf das schönste, wie 
da für ihn Bücherbort und Werkeinheit, erJKTi und irpaTMaTeia, zusammen- 
fallen. Eben dies illustriert der abgebildete Schrank (Abb. 171): er hat 
eben eine KpaTMareia auf einer öriKT]. 

Im Griechischen steht weiter gelegentlich ckcOoc für capsa. Interessant daher 
auch noch, was wir in den Prozeßakten der Märtyrer von Scili lesen'): irotai 
irpaTMaTclai ^v toIc vi^cx^poic dirÖKeivrai cxeueciv; Die lateinische Passio fibersetzt: 
in capsa vestra.*) In der Antwort auf diese Frage aber werden dann die Bficher 
(ßißXoi) der Evangelien genannt. Dies Zeugnis gehört dem 2. Jahrh. an. 

Für vielbücherige Werke stellte sich nun noch eine besondere Schwierig- 
keit heraus. Wie sollte man verfahren, um die 95 Rollen der Glossen- 
sammlung des Pamphilos, um des Livius 142 Bücher aufzubewahren oder 
gar von Ort zu Ort zu schaffen, ohne daß Einzelbücher verloren gingen? 
Denn eine Capsa, eine einzelne Oiikt] konnte sie bei weitem nicht fassen, 
und es galt ihrer Zerstreuung vorzubeugen.^) Für Livius war eine ganze 
hiblioiheca nötig (Martial 14, 190). Man mußte ihn also in Teile zerlegen. 
Dafür aber war ohne Frage das Angemessenste, mechanisch gleiche Teile, 
Rollengruppen bestimmter Anzahl, herzustellen, die das Nachzahlen der Ge- 
samtsumme erleichterten. Wer hundert Geldstücke nachzuzählen hat, wird 



1) a. a. O. S. 35 f.; vgl. auch Cicero ad Att. XIII 16, 1. Der Ausdruck cOvraEic 
dürfte in dieser Verwendung, wie auch corpus, vom Militärwesen hergenommen sein. 
Daneben eine zweite Bedeutung; cuvTdTjuaTa heißt „Exemplare" bei Heren I S. 408 
ed. W. Schmidt; und Maccab. II 2, 13 werden die jüdischen Schriften zu einer 
ßtßXtoOfiKH gesammelt; dabei wird v. 24 cuvra-fjua für das Einzelbuch gebraucht, im 
Gegensatz zu fünf Büchern; es ist eine ^ttitoiu/i aus den fünfen; vgl. ib. v. 27. Wenn 
aber E. ROHDE, Kl. Schriften II S. 434 meinte, cOvraHic setze überall Rolleneinheit 
voraus, d. h. die Vereinigung mehrerer Bücher in einer Rolle, so war er im Irrtum. 
Dies zeigt allein schon die Clemensstelle, die ich im Text angeführt. Wenn Ptole- 
maeus eine McTdXr] cuvxaEic xf^c dcxpovoiiiac in 13 Bbb. schrieb, so konnten diese 
13 Bbb. unmöglich in einer Rolle beisammen stehen. Seltsam ist, daß ROHDE aus 
den TÖ^LOi des Antisthenes sich Schlüsse auf die Bucheinteilung eines Dio Cassius 
erlaubte: eine Vermischung der Zeiten, die notwendig Trugschlüsse ergibt. 

2) a. a. O. S. 459; irpaY|Kax€ia so auch Josephus, vita 336, und überall. 

3) Acta martyrum etc. ed. Usener, Bonn 1881, p. 6. 

4) Siehe Neumann, Rom. Staat und Kirche, S. 73 Anm. 

5) So war von den Commentarii des Saevius Nicanor der größere Teil ab- 
handen gekommen, maxima pars intercepta, Suet. de gramm. 5. Und nach diesem 
Beispiel erklärt sich weiter, daß von des Cornificius' Rhetorik ad Herennium Quin- 
tilian die ersten drei Bücher ignoriert; nur das vierte ging um. 



266 I^* ^^s Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

«s ebenso machen. Und so ist denn von Varro bekannt, daß er seine 
Bücher in seinem Alter in siebzig Gruppen zu je sieben Rollen zerlegte 
(Gellius in 10, 17), Hebdomaden, die also nichts anderes sind als jene 
BücherbQndel zu je sieben, die man vom alten Numa gefunden haben wollte. 
Sonst aber war vielmehr die Fünf- und Zehnzahl beliebt; das betraf 
den Livius selbst, wie auch den Josephus, den Diodor, Curtius Rufus und 
andere Autoren.^) Dazu stimmt nun erstlich, daß die Zahlen der Rollen 
in den Bündeln, die ich zusammengestellt, sonst ganz inkonstant sind, nur 
gerade die Fünf zahl kehrt öfters wieder: so schon bei den Ägyptern; 
s. S. 15; vgl. das Monument des Aper, die Statuen der Dichterin und des 
Caelius Saturninus; das silberne Kästchen; das herculanensische Bündel, 
S. 256; das Monnusmosaik; die Capsae Petri und Pauli in den Domitilla- 
katakomben; unter den fasces der Notitia dignitatum fand sich zweimal 
die Zahl fünf, einmal zehn. Auch S. 225 ist so Pentade wie Dekade nach- 
gewiesen. Dazu kommt aber zweitens jene Art der Anordnung, die uns 
das Armariüm unsrer Abb. 171 lehrt. Es erhellt daraus unzweifelhaft, daß 
es Sitte war die Rollen in Pyramiden aufzubauen. Nun baue man eine 
Pyramide, deren unterste Schicht, wie es eben hier geschehen ist, vier 
Rollen zählt. In der folgenden Schicht kommen drei zu liegen, in 
der folgenden zwei, endlich zu oberst noch eine (denn die Pyramide ver- 
langt eine Spitze): macht zehn. Der Pyramidenaufbau der Rollen in den 
Schränken ergab also von selbst eine dekadische Anordnung. Es 
muß Sitte gewesen sein, die Rollen so zu je zehn zusammenzulegen, 
und man sieht hier vor Augen, wie die Dekaden des Livius entstanden 
sind. Es ist auch nicht Zufall, daß noch das 4. Jahrh. den Ausdruck carta- 
decades aufbrachte.^ Gewiß haben die Schriftsteller selbst schon oftmals 
ihre Werke, so gut es ging, nach solchen Gruppen gleichen Umfangs zu 
disponieren versucht. Als dann im 4. Jahrh. das Rettungswerk der Ober- 
tragung auf Codices begann, lag es nahe, den Inhalt je eines Bortes oder 
je einer Capsa in je einen Codex aufzunehmen. Hieß doch t€uxoc auch 
ein Gefäß voll Bücher.^) Braucht doch Tertullian deutlich armariüm von 
^iner geschlossenen Einheit von Werken.^) Und so kommt es, daß die 
handschriftliche Oberlieferung des Livius z. B. seine ersten zehn Bücher 
von den übrigen trennt. Neben der Dekade hat aber auch die Pentade 

1) Siehe Wachsmuth, Rhein. Mus. 46 S. 331f., der aber nicht nötig hatte, 
daraus auf Pergamentcodices zu schließen, da die Sache sich in der im Text an- 
gegebenen Weise auf das einfachste erklärt. Pergamentcodices sind für Diodor*s 
Zeit ausgeschlossen. 

2) Dies finde ich von DiNDORF in Steph. Thes. s. v. x^pTn^ angemerkt. 

3) Siehe oben S. 22 Anm. Wie die Capsa Bänder hatte, so jetzt auch der 
Codex; s. das Schlußkapitel u. oben S. 241. Ein Diptychon mit Bändern sogar 
plastisch: Dütschke II Nr. 482. 

4) Tertull. de cultu fem. I 3; weitere Beispiele brachte Th. Zahn, Geschichte 
des neutestamentlichen Kanons I S. 82. 



22: Anordnung grroßerer Werke; Dekaden u. ä. 267 

eingewirkt: von Diodor sind so die Bflcher 1-5, dann die zehn 11—20 
überliefert» während 6-10 fehlen; von Livius unzusammenhängend drei 
Dekaden und eine Pentade» von Dio Cassius die Bücher 36-55, d. i. Pen- 
tade, Dekade, Pentade. Und so wie wir endlich in den Capsae wiederholt 
je acht Rollen beisammen fanden (s. S. 254), so scheint Memnon's Ge- 
schichte Heraklea's in Gruppen zu je acht überliefert worden zu sein, wovon, 
wie Photius zeigt, die erste Capsa früher verloren ging als die zweite.^) 

Daß man übrigens einbücherige Werke, wie die Evangelien, damals 
getrennt ließ und nicht etwa gleich mehrere in einen Codex zusammentrug, 
ist schon S. 22 Anm. erwähnt Der bisherigen Einzelrolle des Marcus, 
des Johannes entsprach zunächst nur ein kleiner Codicill gleichen Umfangs^); 
nicht anders hielt man es mutmaßlich mit dem Pentateuchos usf. Doch sind 
dies Tatsachen, die das Rollenbuchwesen selbst nicht mehr anbetreffen. 

Ein corpus librorum war wie ein Korps Soldaten; sie verstreuten sich 
leicht; man mußte sie zusammenhalten, man mußte sie hüten wie eine 
Herde. Dies führt mich schließlich zu einer Anmerkung über jenes Epi- 
gramm des Artemidoros, an dessen Interpretation die Frage nach der 
Theokritüberlieferung hängt: 

BouKoXiKai Moicm CTTopdbec ttokcx, vöv b* dpa iräcai 
dvTi jLiiäc MQvbpac, dvTi Miäc df^Xac. 

Man versteht dies mitunter dahin, ein Grammaticus habe Theokrit's ver- 
streute Idyllien in eine Buchrolle gesammelt, wie die Herde in die Hürde. 
Aber dieser Tropus ist nicht schlagend. Nicht die Buchrolle, vielmehr die 
Capsa glich in Wirklichkeit der Hürde. Von einer Anzahl von Rollen ist 
hier die Rede. Die hatten sich wie eine Herde (diTeXa) verstreut. In das 
hölzerne Rund der Capsa sind sie nun wie in eine Mävbpa zusammen- 
getrieben und eingefangen worden.^) Auch der Ausdruck Moicai braucht 
nicht Einzelgedichte, er kann ebenso gut „Bücher'' bedeuten: so waren 
Herodofs Bücher „Musen", „Musen" die des Kephalion und anderer.*) 
Theokrit aber ist hier absichtlich nicht genannt; denn es wird eben an 
mehrere bukolische Dichter gedacht, aus deren Nachlaß Theon oder ein 
anderer ein corpus carminum bucolicorum schuf. ^) Dazu ist Vitruv IV 1 



1) Wachsmuth a. a. O. 

2) Dies bestätigen die Bilder. Solche kleinen Codices kennt aber noch Gregor 
V. Tours IV 16 u. V 12; vgl. Sam. Berger, Histoire de la vulgate (1893) S. 3. 

3) Auch die Einfassung des Steins im Siegelring heißt judvbpa, Anthol. Pal. IX 
747, 3; sie ist eben die Hüterin der Gemme, c9paTi&oqpuXdKtov, sowie die Capsa ein 
ßißXioq)uXdKiov ist. 4) Buchw. S. 39. 

5) Daß es mehr .als die drei bekannten griechischen Hirtendichter gab, zeigt 
der Verfasser des Epitaphs auf Bion, zeigt Messala in VergiPs Catalepton, zeigen auch 
die unechten Theokritstücke verwandten Inhalts. Hiller's Anmerkung zu Artemidor's 
Epigramm trifft das Richtige. Der Auffassung von Wilamowitz, Die Textgeschichte 
der gr. Bukoliker 1906, S. 124 f., kann ich nicht folgen. 



268 ^^* ^^^ Rollenbuch und seine Aufbewahrung. 

zu vergleichen: cum animadveriissem . . . pliires de architectura praecepta 
voluminaque commentariorum non ordinata sed *incepta (lies incerta) ut 
particulas errabundas reliquisse, dignam . . . rem putavi tantae disci- 
plinae corpus ad perfectam ordinationem perducere eqs. Also auch hier 
ohne Orclnung „herumirrende'' einzelne Volumina, die als „corpus'' in eine 
Ordnung gebracht werden. Das war dann allerdings in diesem Fall zugleich 
eine Epitomierung^); aber die Anschauung ist die nämliche, wie sie das 
griechische Epigramm zeigt. 

Die bukolische Sammlung bestand aus vielen Bestandteilen; denn wir 
lesen von „allen" Musen, die jetzt vereinigt sind. Wir sollen wohl eben 
an die Neunzahl denken. Neun Bücher paßten gut zu einer Capsa. 



1) Vgl. z. B. auch Vegetius, De re militari p. 13, 11 f. u. 5, 3 f. ed. Lang-. 



V. Die Trajanssäule und das Bilderbuch. 



Wir haben die Museen und Bilderwerke nach Darstellungen des antiken 
Buchs durchsucht, und die geringfügigsten Monumente mußten mit aus- 
helfen, um unserm Verlangen zu genügen, das auf Anschauung geht. Wie 
aber, wenn dem, der durch die Straßen Roms wandelt, das antike Rollen- 
buch Häuser und Kirchen überragend großmachtig vor den Füßen steht? 
Als ich, den unreifen Plan zu den vorliegenden Studien im Kopfe, in 
Rom einzog, nickten mir Marcus- und Trajanssdule zu: hier sind wir! 
du brauchst nicht weit zu suchen! - und ich erkannte die riesigen Buch- 
rollen voll Bilderschmuck, um die Säule gewickelt. Es sind Bilderbücher, 
zur öffentlichen Schau um einen großen Säulenschaft geschlungen. Was 
Museen und Katakomben sonst ergaben, war hiergegen gering. Hier und 
nur hier hatte ich die Darstellung eines vollständig aufgerollten Buchs in 
extenso gefunden. 

Wird man mir diese Behauptung glauben? Ich wüßte zur Begründung 
wenig hinzuzufügen, und jede Begründung wäre überflüssig. Denn man 
sieht es eben, der Augenschein lehrt es; so und nicht anders hat eben 
ein aufgerolltes Buch ausgesehen; ich wüßte nicht, wie man einen Zweifel 
begründen wollte.^) 

Also ein Bilderbuch über Trajan's Kriege! Ist dies etwa erstaunlich? 
Bisher hatte es Bücher genug gegeben, die in Prosa oder in Versen über 
Kriege der Feldherren und Kaiser handelten; an das Bellum Gallicum Cäsar's 
schlössen sich in Einzelrollen das Bellum Alexandrinum, das Hispaniense 
und das Africanum; Plinius schrieb die Bella Germaniae; Statins hatte 
just eben ein Buch über das Bellum Germanicum des Kaiser Domitian 
geschrieben, das nicht viel anders beschaffen sein konnte als das Bellum 



1) Dem, was ich hier vortrage, ist Edmond Courbaud, Le Bas-relfef Romain, 
1899, S. 164, einmal nahe gekommen, wenn er schreibt: Ne serait-ce pas le livre 
d'histoire lui m6me 6crit sur le marbre comme d'autres Töcrivent sur le par- 
chemin . . .? Aber die Erwähnung des Pergaments ist ungünstig; auch biegt seine 
Phantasie ab und er vergleicht das Relief alsdann mit einer rankenden Pflanze oder 
einem gewickelten Stoff: comme une plante s'enroule autour d*un arbre ou une 
bände d*6toffe autour d'un pilier. 



270 ^' ^i^ Trajanssäule und das Bilderbuch. 

Gildonicum und Bellum Gothicum des Claudian. Auf Domitian war Trajan 
gefolgt. Fand sich kein lateinischer Autor, der nun auch Trajan's Kriege 
verewigte, die nach Cäsar's Bellum Gallicum nicht ihresgleichen hatten? 
Fand sich niemand, der ein Bellum Dacicum schrieb? Allerdings, Caninius 
wollte es tun, wie uns Plinius Epist. VIII 4 verrät, aber in griechischen 
Versen, ein schwerfälliger Dilettant, der mit seiner Arbeit augenscheinlich 
nie zustande kam. Plinius aber formuliert den Inhalt des Buchs so: dices 
inmissa terris nova flumina, novos pontes fluminibus iniectos, insessa 
castris moniium abrupta, pulsum regia, pulsum etiam viia regem nihil 
desperantem, super haec actos bis triumphos. Auf dies Gedicht konnte 
Trajan nicht warten; vielmehr mußte er selbst für sein Andenken sorgen; 
er selbst verfaßte Bella Dacica oder er ließ sie redigieren, ein Generalstabs- 
werk in mehr als einem Buch. Neben dies hochoffizielle und allzu nüchterne 
Werk, das kaum Leser fand^), trat nun aber als Illustration zum GlQck 
noch ein Bilderbuch. Der bunt bemalte Reliefstreifen in 155 hart anein- 
ander gerückten Szenen unterschied sich durch nichts von den bunten 
Bildern, wie man sie auf Papyrus malte, und er erzählt continuo in zeit- 
licher Folge die ganze Kriegsgeschichte, wie sie ganz analog in dem Prosa- 
werk des Kaisers gestanden haben muß, ein öXov ßißXiov oder gar ein 
Doppelbuch, unten auf Seite I der Anfang, auf dem Schlußblatt hoch oben 
das Ende der Ereignisse: explicit! Das Buch ist bis zum Ende aufgerollt^ 
und keine Falte der Rolle ist leer. 

Gewiß war es Trajan selbst, der die Ausarbeitung dieses Illustrations- 
werks veranlaßt hat. Daß er es auch noch in Stein abbilden ließ, nimmt 
nicht wunder. Gab es doch literarische Werke genug, deren umfangreichen 
Text man zugleich auch noch als Inschrift auf Stein oder Metall gravierte. 
Auf der Inschrift von Oenoanda hat sich ein epikureischer Lehrabriß er- 
halten^; Aristoteles' Pythioniken wurden in Delphi als Inschrift geweiht. 
In einer in Trümmern erhaltenen gewaltigen Inschrift über die Geschichte 
der attischen Komödie liegt uns vielleicht ein Originalwerk des Kallimachos 
vor.^) Des Augustus Monumentum Ancyranum war ein Buchtext, der nach 
des Verfassers Tode monumental verewigt wurde. Am Marktplatz von 
Magnesia stand ausführlich die Gründungssage der Stadt an der Wand 
zu lesen. Dasselbe Verfahren bezeugt Dio Cass. 60, 10. Warum sollte, 
was mit Textbüchern geschah **), nicht auch mit Bilderbüchern geschehen? 



1) Einziges Zitat in I Dacicorum bei Priscian, Gramm, lat. 11 205, 6 K. 

2) USENER, Rhein. Mus. 47 S. 414 ff. Vgl. übrigens F. Jacoby, ebenda 59 S. 98 ff. 

3) A. Körte, Rhein. Mus. 60 S. 444 ff. 

4) Sogar die Form der weit ausgezogenen Rolle scheint in Inschriftform ge- 
legentlich nachgeahmt zu sein; ich denke an die öffentlichen Plakate oder Anschläge 
in albo; auf der Marktszene bei Helbiq, Wandgemälde 1491 (= O. Jahn, Abhandl. 
Sachs. GW. XII Tfl. 3, 5) ist solcher Anschlag zu sehen, vor dem verstreut vier Per- 
sonen stehn und lesen. Dies hat Jahn dereinst richtig erkannt. 



Das Relief der Säule ahmt ein Buch nach. 271 

Wir werden sehen, daß in Wirklichkeit das Bilderbuch auf das Relief noch 
viel mehr Einfluß gehabt hat als das Lesebuch auf die Inschriften. 

Wo aber ließ Trajan das steinerne Buch aufstellen? Es scheint noch 
niemand von denen, die sich bemühen das Kolossalwerk zu erklären, auf 
die Wahl des Platzes geachtet zu haben, auf dem es der Kaiser errichtete. 
Trajan baute den glänzendsten Zierplatz der Stadt von märchenhaft blen- 
dender Pracht, das Forum Traianum, mit anliegender Basilika und Bibliothek. 
Die Ruhmessäule aber stellte er nicht etwa auf den großen Platz des 
Forum selber - wo sie sich ähnlich wie die spargelartige Siegessäule im 
Berliner Tiergarten ausgenommen hätte — , sondern er stellte sie in die 
Enge, zwischen zwei Bauten, und machte sie zum Zentrum seiner Biblio- 
thek. Ist das Zufall? Gewiß nicht. Der Bauplan steht fest; links lag die 
griechische, rechts die lateinische Bibliothek, zwischen beiden ein quadra* 
tischer Hof, auf diesem offnen Raum, der die Bibliotheken verband, die 
Säule mit dem erhöhten Buch, das den Ruhm des Kaisers erzählt und alle 
Bflcher überragt, die in den * Büchersälen rechts und links stecken: die 
großartigste Publikation, die ich kenne. 

So erst erhält, wie man sieht, die Säule und ihre Anordnung als 
Zentrum des Bibliotheksbaues rechten Sinn; so wird sie ganz verständlich» 
Das Marmorbuch verkündete weithin, daß hier die Bibliothek stand. 

Nicht anders kann die Marcussäule beurteilt werden. Denn sie ist die 
Nachahmung der vorigen. Die Trajans- und die Marcussäule stehen vor 
uns als die großen Denkmäler des Papyrusbuchwesens, im Zentrum der 
antiken Kulturwelt alles überragend aufgestellt und Jahrtausende über- 
dauernd: womit konnte ich meine Betrachtung würdiger schließen als mit 
ihnen? Die Buchrolle ist verewigt und verherrlicht worden wie keine 
andere Buchform. 

Die Trajanssäule — s. Abb. 173 - hat eine Höhe von 40 m; die Spirale 
umschlingt die Säule in 22-23 Windungen und erreicht selbst eine Länge von 
200 m; die Höhe des Relief Streifens, also der Buchseite, ist 1,25 m. ^) Da 
die Buchseite in Wirklichkeit 20-40 cm hoch zu sein pflegte, so hat eine 
Vergrößerung des Buchs etwa um das Vierfache stattgefunden, und es er- 
gibt sich in Wirklichkeit eine Länge von 50 m. Das ist ein Archaismus. 
Es ist die gewaltige und gleichsam heroische Länge der Rollen, wie sie 
einst Ägypten und die altgriechische Literatur verwendet hat. Solches 
Volumen, das den ganzen Homer umschloß, kannte aber auch noch Ulpian 
(oben S. 216). Hier steht es vor uns. Doch ist davon immerhin noch 
einiges abzurechnen. Denn die oberen Windungen der Spirale sind, um 
von unten besser gesehen werden zu können, absichtlich vergrößert, wo- 
durch sich auch die Längenausdehnung gesteigert hat. 

1) Die Messung der Höhe, an den abgegossenen Platten in der Accademia di 
8. Luca ausgeführt, danke ich Amelung. 



V. Die Trajanssäuie und das Bitderbuch. 

Bei einer ganz auseinandergerollten Rolle 
liegt die Pagina I links, und der Text oder die 
Bilderfolge l3uft von links nach rechts. Es 
entspricht also auch dies der Natur des Buctis 
auf das beste, daß die Spirale der Rolle um 
die Trajanssäule von links nach rechts lauft 
und nicht umgekehrt Mit der Marcussäule 
steht es nicht anders.') Daß endlich der An- 
fang und die erste Buchseite sich unten und 
nicht oben befindet, begreift sich gleichfalls. 
Denn an den Anfang einer Erzählung knOpft 
sich eben das erste Interesse der Orientie- 
rung; die Einleitung muß dem Auge möglichst 
nahe gerQckt sein. 

Für meinen Zweck wurde es genügen, dies 
festgestellt zu haben, und ich könnte hier ab- 
brechen. Doch vertohnt es sich, das Phäno- 
men, das in diesem Riesenkonterlei des Buchs 
vor uns steht, durch einige Erwägungen be- 
greiflicher zu machen. 

Denn in der Kunstgeschichte des Alter- 
tums steht die Trajanssäule mit ihrer jüngeren 
Schwester bisher vollkommen als Rätsel da, 
und nicht nur jede Analogie, sondern auch 
jede Antwort auf die Frage schien zu fehlen, 
durch welche sonstige Anregungen Trajan selbst 
oder sein leitender Künstler Apollodorus von 
Damaskus zu der Erfindung dieser neuen Form 
von Ruhmesdenkmalem geführt worden ist. 
E. Petersen weiß in seiner Schrift „Trajans 
Dakische Kriege" I S. 87 f. nur an den Troja- 
nischen Krieg von Trysa-GjAlbaschi zu erinnern, 
ein Relief, das gleichfalls in einer Folge zu- 
sammenhängender Bilder von einem Krieg er- 
zahlt. In dem Werk über die Marcussäule S. 95 

I) Umgekehrt iäuft die Spirale auf der Bem- 
wardsaule zu Hildesheim, auf die ich zurück komme; 
s. Abb. 177; vgl. auch Abb. I7S. Eine Nachahmung 
der Trajanssäule ist die Erinnerungssaule, die im 
J. 1867 „dem KOnige Wilhelm sein treues Heer" 
widmete; sie steh! im Berliner Zeughaus. Aber 
luie. auch hier lauten die Windungen verkehrt von rechts 

nach links, obschon sie mit Schrift versehen sind! 



Vorläufer der Trajanssäule: Ägyptisches. 273 

fQgt er die Prontsäulen des Tempels der ephesischen Artemis hinzu, die 
unten einen Reliefstreifen trugen, sowie die Schlangensäule von Delphi, auf 
der der goldene Dreifuß stand. E. Courbaud dagegen macht a. a. 0. zu einer 
historischen Erklärung auch nicht einmal einen Versuch. Ich erlaube mir nur 
folgendes in Kürze in Erinnerung zu bringen oder zur Erwägung zu stellen. 

Ägypten war das Land des Papyrus, es war aber auch das Land der 
Säule, endlich das Land der monumentalen Wandverzierung. Schrift und 
Bild geht dabei durcheinander; denn die Schrift selbst ist Bilderschrift. 
Die Säule des Pharaonenreichs ist nun oftmals nichts weiter als die groß- 
artige Versteinerung eines Papyrusschafts. Die Wände aber sind hundert- 
fach mit Bilderstreifen dekoriert. Man nimmt an, daß diese gemusterten 
Flächen und dieser Bildschmuck sich z. T. daraus erklärt, daß man die 
Wände mit bunten Matten zu bespannen pflegte. Diese Matten waren 
aber wiederum aus Papyrus. Das führt uns in die nächste Nähe der Buch- 
malerei. Ich kann mich, wenn ich jene Priese sehe, in der Tat oft der 
Vorstellung nicht erwehren, daß sie die Imitation ausgespannter Bilderbücher 
sind. Das gilt auch von einer solchen zwischen Säulen ausgebreiteten 
Bilderfolge wie bei Prisse d'Avbnnbs, Hist. de Tart 6g. I Tfl. 47, die, ins 
Große gezerrt, einer Ikonostase gleicht. So sind nun aber in Ägypten 
auch oftmals die Schäfte der Säulen selbst mit Figurenbildem in breiten 
horizontalen Streifen überdeckt. Auch die Säule selbst trägt schon damals 
Bildschmuck, sie fängt schon damals an zu erzählen; ich nenne nur den 
großen Tempel von Denderah, bei Panckoucke, D6scr. de Tfigypte IV 
pl. 7 und 30. Hierauf geht, was wir bei Martianus Capeila II 137 lesen, 
daß sich in den ägyptischen Heiligtümern stelae befinden, auf denen deorum 
stemmata geschrieben stehen, und zwar, wie der Autor uns sagt, in Nach- 
ahmung von Büchern gleichen Inhaltes. 

Aber die ägyptische Säule stützt nur. Sie steht nicht als Monument 
frei für sich allein da. Das tut nur der breite Spieß des Obelisken, der 
unbelastete Träger der Ruhmesinschriften. So frei standen die vielen mit 
Siegesinschriften versehenen „Stelen" des Sesostris, Herodot II 102—106. 

Wenden wir uns zu den Griechen, so führen uns die berühmten sechs- 
unddreißig Säulen des Artemistempels zu Ephesos nicht weiter, von denen 
Plinius 36, 95 sagt, daß sie am unteren Schaft von einem Relief umgeben 
waren {caelatae imo scapo). Ein Rest davon ist erhalten. Diese Säulen 
standen wiederum nicht frei. Geben wir auf anderes acht. 

Herodot 2, 38 erzählt auch, daß die Ägypter Papyrusbücher, ßOßXoi, 
um die Hörner der Opfertiere wickelten: hier also schon ein um einen 
fremden Gegenstand gewickeltes Buch.^) Wichtig wird da für uns der ge- 
wickelte Brief, die Skytale der Spartaner. Ein Streifen Beschreibstoff wurde 



1) Erman, Ägypten S. 561. 2) Ahnlich wird es um Pfeile gewickelt Herod. 8, 128. 

Birt, Die Buchrolle in der Kunst. 18 



274 



V. Die Trajanssdule und das Bilderbuch. 




auch hier spiralisch ansteigend um einen Stock gewickelt. Danach wurde 
er in horizontaler Richtung beschrieben. Die Schrift stand also auf der 
Außenseite. Das Prinzip der Trajanssäule war damit schon vollständig 
da. Denn der Stock muß nach Art unsrer Abb. 174 ausgesehen haben. 

Anregung dazu aber hat die Anschauung der Schlange gegeben, die sich um 
den Stab windet. Sie ist als Symbol des Asklepios bekannt; aber auch bei Cicero 
De divin. II 62 tritt jemand auf, der als ostentum meldet: quod anguis domi vectetn 
circumiectus fuisset, worauf ihm geantwortet wird, ein ostentum würde es nur dann 
sein, si anguem vectis circumplicavisset. Man vergleiche auch die sich um einen 
Altar windende Schlange, z. B. bei Baumbister, Denkm. Nr. 593 sowie die andere, 

die säulenartig sich um sich selbst ringelt, und zwar auf einer 
Säulenbasis, bei S. RBlNACH, Rupert, stat. HI 225, 11. 

Genauer lehrt der Hauptbericht Ober die Skytale bei 
Gellius 17, 9, 6 ff. und Plutarch Lysander 19 folgendes: 

Um einen glatten Stab — surculus teres oblongulus, bei 
Plutarch CKUTaXti - wird ein langer schmaler Streifen aus 
dünnem Material gewickelt: lorum longian, modicae tenuitatis 
complicabant; ßißXiov uiCTiep i|udvTa luaKpöv xai ctevöv irepi- 
eXiTTOuci. Und zwar wird er rundum gelegt in einfacher, 
nicht in doppelter Lage: volumine rutundo et simplici. Dabei 
müssen die Ränder der aneinanderstoßenden Lagen sich eng 
berühren ohne Zwischenraum: uti orae adiunctae 
undique et cohaerentes lori . . . coirent; ein bidXeimua wird 
vermieden, so daß die Außenseite, dTncpdveia, der Skytale vom 
ßißXiov ganz eingenommen und zugedeckt wird. 

Ist es nicht, als läsen wir eine Beschreibung der Trajans- 
säule? Auch hier jedes bidXeimua vermieden; orae undique 
cohaerentes coeunt. 

Die Schrift wurde dann aber von den Spartanern, wie gesagt, 
horizontal und quer über die Ränder der aneinanderliegenden 
Flächen hinübergeschrieben: per transversas iuncturarum oras. 
Wenn man die Rolle abwickelte, hatten die Buchstaben keinen 
Zusammenhang (cjvaqprj) mehr. Der Empfänger wickelte das Schrift- 
stück dann wieder in derselben Weise um seinen Stab von Anfang 
bis zu Ende (capite ad ftnem). 

Nach Gellius war es ein Riemen (lorum) , der so als Buch 
diente. Dies bestätigt Athenaeus S. 45iD, aus dem wir entnehmen, daß ApoUonius 
Rhodius in seinem Buch über Archilochos das Wesen der Skytale erörtert hatte. 
Danach war der Riemen (l|ndc) stets weiß gefärbt. ApoUonius nahm Anlaß, hiervon 
zu handeln, weil er im Text des Archilochos die Worte dxvuia^vT) cKUTdXri vorfand 
und erläutern mußte. Aber auch Nikophon fr. 3 KOCK verbindet endlich cKUTdXn 
und biqpödpa.*) 

Da die Skytale aus Leder bestand, so ist um so bedeutsamer, daß 



Abb. 174. 



1) Weitere Belege sind zusammengestellt von Dziatzko, Zwei Beiträge zur 
Kenntnis des antiken Buchwesens, als Manuskript gedruckt, Oöttingen 1892 S. 1 ff. 
Eigentlich hieß nur der Stock cKUTdXn, die Bezeichnung wurde dann auf den Brief, 
der am Stock haftete, übertragen; das erklärt Plutarch a. a. O. hübsch. 



Nachahmung der Skytale. 275 

Plutarch ßißXiov dafür einsetzt/) Ob er dies selbst so abänderte oder in 
seiner Quelle fand, steht dahin. Jedenfalls war es nach ihm ein Streifen 
Charta, lang und schmal (jnaxpöv xai ct€vöv), also eine regelrechte Buch- 
rolle, und nur „nach Art eines Riemens" (uicTrep iiLidvia) hat man sie um den 
Stock gewickelt. Plutarch aber schrieb eben zu den Zeiten Trajan's. So 
dachte man sich damals die Sache. Sein zeitgenössischer Text ist wie 
eine Erläuterung der Trajanssäule. Die Riesensäule selbst ist die Skytale; 
das ßiBXiov, das sie umgibt, ist eine Botschaft, die von den Taten des 
Kaisers meldet. Diese Botschaft aber braucht nicht verheimlicht zu werden, 
wie dereinst die der spartanischen Ephoren. Darum ist die Bildererzählung 
nicht horiizontal, sondern leise schräg aufwärts und dem Lauf des Papier- 
streifens selbst entFang geführt. Der ganze Erdkreis soll und kann er- 
fahren, was diese Skytale zu melden hat: ein Stt^Xoc öpGöc, t^uköjhujv cku- 
TciXa Moicäv (Pindar Ol. 6, 154). 

Sehen wir uns weiter um, so begegnete uns schon oben, Abb. 147, auf 
einem pompejanischen Wandgemälde die seltsam zugespitzte, nach unten 
sich verjüngende stabartige Säule, die in dem Peribolos eines Tempels 
steht und an die oben ein geschlossenes Rollenbuch aufgehängt ist. Wir 
interpretierten dies S. 224 f. als Weihung und verglichen dort ähnliche mit 
Band umwundene Säulen. Jedenfalls ist daraus zu ersehen, daß man auch 
sonst Bücher an Säulen aufhing. Auch die vom Buch umrollte Skytale, 
wie Trajan sie anwandte, ist demnach für eine Weihung des Buchs eine 
angemessene Form gewesen. 

Aber auch sonst war dem Griechen die Idee der freistehenden und 

der beschriebenen Säule nicht fremd. Sind es doch die Griechen, die von 

den Säulen des Atlas, von den Säulen des Herakles fabelten! Mag man 

sich Berge, die den Himmel stützen, darunter vorgestellt haben: der Tropus 

Kiovec selbst (Odyssee 1, 52), kiujv tou oupavou (Herodot 4, 184), kiujv 

oupavia (Pindar Pyth. 1, 19) mußte immer darauf führen, an freistehende 

Säulen zu denken, die die Lacunarien des Himmelsgewölbes selbst zu 

tragen scheinen. Von zwei Heraklessäulen im Tempel zu Tyrus erzählt 

Herodot 2, 44; ob sie frei dastanden oder Gebälk trugen, bleibt unklar. 

Man hat damit die beiden freistehenden Säulen vor dem Tempel Salomo's') 

verglichen. 

Erwähnt seien auch die öEovec im alten Athen. Die dEov€c waren Stäbe, an 
denen einige der Solonischen Gesetzestafeln beweglich aufgehängt waren; vgl. 



1) Die Verwendung des ßißXiov zu geheimen Botschaften kennt Aeneas Tacticus 
Poliork. nur in anderer Weise; so wird es in den Zügel des Reitpferdes eingenäht 
Poliork. 31, 6; oder man verbirgt es auf der Schulter im Chiton, wo es festliegt; 
das ßißXiov muß dann möglichst leicht sein; es heißt ib. 31, 14: e\c tö ßußXiov tp«- 
^JavT€C uüc XeTTTÖTOTov luaKpouc ct(xouc Kai XeiTTä fpduuaTa, doch ist mutmaßlich 
^iKpouc statt iLiaKpouc zu lesen. 

2) Reg. in 7, 15 f.; IV 25, 17; Paralip. II 3, 15 f. 

18* 



276 ^' ^i^ Trajanssdule und das Bilderbuch. 

Pollux 8, 128. ^) Verwandt damit aber sind weiter die KOpßeic, von denen z. B. Plutarch 
im Solon 25 berichtet. So hießen die hölzernen, weiß angrestrichenen Pfeiler in 
Athen, die dreiseitig, oben zugespitzt und gleichfalls um eine Achse drehbar waren : 
auch sie waren Trager der Solonischen Gesetze. Wieder eine andre Art der Ver- 
bindung von Säule und Inschrift zeigt ein etruskischer Spiegel in Florenz (siehe 
Amblunq, Führer durch die Antiken in Florenz Nr. 246), auf dem im Hintergrund 
der Szene eine Säule sichtbar wird, die auf ihrem Kapitell eine steilstehende qua- 
dratische Tafel mit Inschrift trägt. Die Dichter abertrugen nun aber das Wort xOpßic 
auch auf die Säulen des Herkules: siehe Anthol. Pal. IV 3,83 und IV 4,1, während 
Achaios im Satyrspiel Iris (S. 582 Nauck) eben dasselbe Wort rf\v CirapTidTnv 
TpaiTTÖv xOpßiv geradezu für die spartanische Skytale einsetzte. Hiermit sind wir 
wieder auf die Skytale zurückgeführt. 

Hier ist nun die delphische, dreifußtragende, nach der Besiegung der 
Perser bei Platää errichtete Schlangensäule in Konstantinopel anzureihen, 
5,35 m hoch, auf deren Schaft die Namen aller am Sieg beteiligten Städte 
und Stämme in Spiralen ansteigend sich eingetragen finden: sie ist mit der 
Trajanssäule nicht nur deshalb vergleichbar, weil auch dies eine freistehende 
Säule ist, in Spiralen mit der Nachahmung eines schriftlichen Dokuments 
umwickelt - ich erblicke in der Tat auch hierin eine Einwirkung der spar- 
tanischen Skytale -, sondern auch deshalb, weil beide Säulen die Erinne- 
rung an kriegerische Großtaten verewigen sollen: auch die Schlangensäule 
meldete den Besuchern Delphi's die Botschaft vom Siege. ^) 

Ich weiß nicht, ob man beachtet hat, daß Schlangen sich auf den 
meisten Bildwerken sonst durchaus nicht von links nach rechts, sondern 
regelmäßig von rechts nach links um Bäume oder andere Gegenstände 
schlingen. Warum dies Regel, weiß ich nicht Jedenfalls ist aber in diesem 
Falle davon abgegangen und das Umgekehrte eingeführt worden; das ge- 
schah dem Lauf der Schrift zu Gefallen. Ferner lassen wirkliche Schlangen 
auf den Bildern sonst stets zwischen ihren einzelnen Windungen ein bid- 
Xei|u)Lia, um mit Plutarch zu reden, so daß ^Tncpdveia des Gegenstandes 
eintritt, den sie umschlingen; auch dies hat die delphische Schlangensäule 
in Nachahmung der spartanischen Skytale vermieden. 

Dafür, daß die Rundsäule geradezu wie ein Buch Text trägt, wüßte 
ich nur ein Beispiel anzuführen^, das späten Zeiten angehört und von 



1) Ein spätes Epigramm phantasiert, daß diese dHov£c den sterbenden Solon 
zum Himmel trugen: Anthol. Pal. VII 87. 

2) Vgl. Fabricius im Jahrbuch 1886 S. 175 ff., der sich die Schlangensäule 
(S. 189) nicht als Träger, sondern als mittlere Stütze des Dreifußes denkt Vgl. 
übrigens den Artikel „Dreifuß" in Pauly-Wissowa's Realencyklopädie. 

3) Eine „Stele" hat keineswegs immer Säulenform, sondern Pfostenform. So 
gehört also nicht hierher, was wir vom Redner Lykurg lesen; doch möchte ich es 
anführen, Ps. Plutarch Vita Lyc. fin., wo es heißt, daß Lykurg über alles, was er 
als Staatsbürger und Leiter des Staates getan, eine Schrift abfaßte, dvaTpaq)f|v biib- 
KTicev und diese auf einer Stele weihte, dv^öriKev ^v ctt^Xt^, am Eingang der von 
ihm gestifteten Palästra: dies ist kennenswert als Vorbild des Monumentum Ancy- 
ranum. Auch an die große goldene „Stele" sei noch erinnert, von der Euhemeros 



Delphische Schlangfensäule; Kandelaber. 277 

ägyptischen Anschauungen beeinflußt ist. Ich meine die Legende von 
Salomo und der Königin von Saba, von der sich ein dQrftiger Rest auf 
einem koptischen Papyrus gefunden hat: siehe Erman und Krebs, ,,Aus den 
Papyrus der Kgl. Museen", Berlin 1899, S. 243. Für Salomo's Palast soll 
eine Säule aus dem Land der Königin hergeschafft werden. Geister sollen 
sie bringen. Da kam „die Geisterhälfte" und die Säule war auf ihrem 
FlQgel . . . Alle Wissenschaft, die auf Erden ist, steht geschrieben auf der 
Säule und das (Wesen?) der Sonne und des (Mondes?) stehn auf ihr. Es 
ist ein Wunder sie zu sehen. ^) 

Wenden wir uns noch einmal zum delphischen Monument zurück, so 
war dies eine Votivsäule. Von dieser seiner Eigenschaft ist für unsren 
Zweck klärlich auszugehn. Ich lasse also die sonstigen Zwecke beiseite, 
die sich mit einer freistehenden Säule noch verbinden ließen. So waren 
die römischen Meilensteine mit Schrift versehene Rundpfeiler. Sonnenuhren 
wurden von Säulen getragen.^) Auf Gräbern tragen sie die Grabinschrift.*) 
Insbesondere ahmt das Candelabrum, wie bekannt ist, oftmals mit Kapitell 
und Kannellierung die Säule nach. Dieser Lichtständer kann aber auch 
mit Bandstreifen umwunden werden, und das ist hier zu beachten. Der 
schöne Marmorkandelaber des Museo P. Clementino (Visconti Bd. VI! Tfl. 38) 
sei angeführt, ein Schaft, der aus gewaltigem Akanthus hervorwächst und 
von drei horizontal gelegten Bändern umwickelt ist, von denen das unterste 
ein bakchisches Bild im Relief trägt. ^) Hierin verrät sich doch, daß die 
hellenistische Kunst solchem Motiv, das an die Trajanssäule erinnert, zu- 
gänglich war. 

Nun aber die Votivsäulen. Die Frömmigkeit hat sich ihrer überall 

und allezeit bedient. 

Bin altes Beispiel, ein auf der Akropolis Athen*s gefundenes Säulchen ohne 
Kannellierung, auf dessen Schaft Schrift abwärts läuft, findet man bei L. Ross, 
Archäol. Aufsätze I Tfl. 14 abgebildet, wozu von Ross allerlei Parallelen beigebracht 
sind. Man nehme dazu Jahrbuch IM S. 272 Fig. 5 und S. 274 Fig. 13. Ein ähn- 
liches Säulchen, kannelliert, C. I. A. 1 399. '^) Säulen, die Vasen, Eulen und andere 



fabelte und die in ägyptischer Schrift die Taten des Uranos, des Zeus usw. in histo- 
rischer Folge erzählte (Diodor 5, 46, 7). 

1) Vgl. das Testament Salomo*s in Jewish Quart. Rev. XI (1899) S. 1 ff. 

2) Solche steht vor dem Apoilotempel in Pompeji; sie ist auch zu sehen auf 
den Philosophenmosaiken in Neapel und in Villa Albani; dazu Relief des Silber- 
bechers bei Baumeister, Denkm. Nr. 1316; Wiener Genesis Bild XVII 33; Kalender 
des Philocalus bei Strzyoowski Tfl. 24. Ein sakraler Zweck und eine Beziehung 
auf den Sonnengott lag aber doch wohl auch hierbei zugrunde; das deutet Josephus 
Contra Apionem II 2, 11 an. 

3) media [in] columna scribere, Properz IV 7, 83. 

4) Vgl. Reinach, R6p. stat. I 33, 2. 

5) Das Vorbild hierzu gab wohl wieder Ägypten; vgl. die Schriftzeile auf einer 
kanneliierten Säule bei Lepsius, Denkm. III Bl. 54; übrigens noch Ross a. a. O. 
II S. 143. 



278 ^* ^i® Trajanssdule und das Bilderbuch. 

Anatheme tragen, erscheinen auf den panathenäischen Vasenbildern. Für Delphi 
erinnere ich an die Säule der Naxier und an die der Tänzerinnen, rekonstruiert in 
den Fouilles de Delphes Tom. II Tfl. 14 und 15. Zwei Säulen, die Dreifüße trugen, 
stehen hoch oberhalb des athenischen Theaters. Anderswo steht der Omphalos mit 
Binde auf der Säule ^); ein Adler bei Pausanias 8,38,5; ein Löwe: Jahrbuch III 
S. 89. Oder aber sie stützt einen heiligen Baum*); und wo sie neben einem Altar 
oder Götterbild erscheint, sollen Weihungen daran aufgehängt werden.') 

Nicht übergangen sei, daß in Anlaß des seltsamen metaartigen Pfeilers in den 
Pitture d*E. III S. 52 von den Herausgebern angemerkt wird, daß auf ihm „alquante 
fasce giri" zu sehen seien, die die Abbildung nicht genügend wiedergebe. Dies 
erinnert an die Kandelaber mit Bandschmuck. 

Wenn eine freistehende Säule nichts trägt, so erregt sie Befremden. Dieser 
Fall trifft für ein Bild der Wiener Genesis zu, das die Frau Loth*s als Salzsäule 
mitten in der Landschaft zeigt. Der Anblick war ein Mirakel, wie jeder antike Be- 
schauer des Bildes empfunden haben muß.^) Die Säule war hier zwecklos; denn 
sie diente nicht als Träger. 

Endlich nun aber und vor allem hat die Säule auch als Fußgestell 
der Götter gedient.^) Ich rede nicht von den Gigantensäulen der Kaiser- 
zeit; wohl aber von der kleineren Juppitersäule in Mainz, einer Schuppen- 
säule, deren Schaft überdies in drei Abschnitten übereinander Reliefschmuck 
trägt. Dies ist das Prinzip des vorhin S. 277 erwähnten Kandelabers. Am 
großartigsten aber stellt dies Dekorationsprinzip sich dar in der neu ge- 
fundenen großen Mainzer Juppitersäule; die fünf Relief ringe, die den fünf 
Trommeln entsprechen, durchschneiden freilich und zerbrechen den Wuchs 
dieser Säule, auch sind die Figuren zu groß, und wir empfinden, daß für 
die Aufgabe, die hier sich stellte, erst die Trajanssäule die rechte Lösung 
gebracht hat/) 

Im übrigen waren die Schäfte schmucklos. Man denke an die Nike in 



1) O. Jahn, Arch. Beiträge S. 342. 

2) Ich denke an Darstellungen wie auf dem Stuckplafond von der Parnesina, 
im Thermenmuseum, Mon. inediti, Suppl. 1891 Tfl. 34 und 35; Alinari Photogr. 6282 
und 6285. Dazu Pitture d'E. III S. 91 und Tfl. 40 S. 205. 

3) Pitture d*E. I S. 127; II Tfl. 18 S. 119; besonders Stuckplafond Photogr. 6281, 
wo die Säule in der Weise hochragend neben einem Heiligtum steht, wie die 
Trajanssäule neben der Bibliothek. 

4) Ober das Bild der Wiener Genesis V 10, wo die Töchter den Loth trunken 
machen, hat sich Wickhopp befremdlich geäußert. In der Landschaft steht links, 
im Rücken der Frauen und von der Handlung abseits, eine einzelne wohlgeformte 
Säule; an ihr lehnt unten noch ein Gegenstand, der nicht zu erkennen ist. Darin 
sah Wickhopp die Andeutung einer Ruinenstadt, während nicht zweifelhaft sein kann, 
daß dies eben Loth's Frau ist, die zur crr^Xr) 6Xöc gewordene. Denn die Miniaturen 
der Genesis erzählen gern mehrere Ereignisse in einer Komposition, und der Ge- 
schichte von den Töchtern Loth*s l.Mos. 19, 30ff. geht eben die von der Säule 19,26 
unmittelbar vorher. Man faßte dann die Salzsäule als Grabmal auf: s. Anthol. Pal. 
VII 311. Auch im Utrechter Psalter wird die im Psalm 98, 7 erwähnte „Wolken- 
säule" durch eine regelrecht geformte antike freistehende Säule abgebildet: siehe 
J. TlKKANEN, Psalterillustrationen 1 S. 215 Fig. 169. 

5) Columnarum ratio est attolli super ceteros mortalis: Plin. 34, 27. 

6) Ober die größere und kleinere Juppitersäule vgl. K. KÖRBER, Mainzer Zeit- 
schrift I S. 54 ff. 



Votivsflulen; Qotter tragende Säulen. 279 

Olympia. Auf dem Grab des Isokrates stand eine Säule von 30 Ellen Höhe, 
die das Bild einer Sirene trug.^) Vasenbilder, Reliefs, Wandbilder zeigen uns 
oft die Götter so aufgestellt, und es ist unnötig, dafar Belege zu häufen. Nur 
eben vor mir liegt z. B. Winter, Terrakotten II 84, 7; der Stuckpiafond von 
der Pamesina, im Thermenmuseum, in der Photographie Alinari Nr. 6285; 
Pitture d'p. I S. 127 (Vignette); S. 139 (Vignette); II S. 1; das lo-Bild des 
Palatin (Baumeister, Denkm. Nr. 942); Barnabei, La villa Pompeiana (1901) 
Tfl. IX; trajanisches Relief am Constantinsbpgen, Antike Denkmäler I Tfl. 43 
Nr. 6. Am reichsten Pitture d*E. II Tfl. 55 S. 295: sieben Statuen am Hafen ^ 
und III S. 137 (Schlußvignette): fünf Hermen überragen in doppelter Höhe 
ein Haus. So überragte die Trajanssäule die Bibliothek, neben der sie 
stand. Noch auf karolingischen Miniaturen erscheinen heidnische Götzen- 
bilder auf solchen Pfeilern^), und dem entspricht das goldene Kalb auf der 
Säule im Chludoffpsalter.^) 

Anders freilich der Sarkophag des Lateran Nr. 174. Hier sitzt auf 
offnem Platz zwischen hohen Palästen auf einer isolierten ionischen Säule 
großmächtig der Hahn, der bei der Verleugnung Petri dreimal kräht. ^) 
Im Physiologus nimmt der Vogel Phönix auf ihr die Selbstverbrennung vor.®) 
Dann ersteigt sie der Pinienapfel und das Kreuz ^); und die christliche 
Sekte der Styliten verpflanzte endlich gar lebende Menschen auf die leer- 
gewordenen Plätze: CTuXixric 6 im kiovoc \cTd)Li€voc (Suidas). Solchen 
Heiligen, der auf einer Säule steht, die die schönsten klassischen Formen 
zeigt, findet man z. B. in den Illustrationen des Menologion zu Esphigmenu.^) 

Und die Trajanssäule? Man sieht, wohin ich ziele. Jene Götter als 
Styliten erschließen uns endlich ihr Verständnis. Denn auch sie selbst 
trug ja hoch oben das Standbild des vergöttlichten Trajanus, während in 
ihrem Fuß die Asche des Kaisers beigesetzt war. 



1) Pseudo-Plutarch Isokrat. 8.838. Sirenen auf Pilastern: Pfuhl im Jahrbuch 
XX 8. 49 ff. 

2) Vgl. die zwei pilae am Hafen Bajä's bei Schreiber, Biideratlas Tfl. 72, 12. 

3) TiKKANEN a. a. O. 8. 188 und 312, 3; ähnlich im Physiologus von Smyrna; 
siehe Byzantinisches Archiv U Tfl. 4 und 19. 

4) TiKKANEN Tfl. III Nr. 2. 

5) Der Hahn Petri zeigt sich auf der Säule auch sonst: 8arkophag bei Gar- 
RUCCI 319, 4; Mosaik in 8. Apollinare nuovo, ebenda 251, 1. Aber er ist in dieser 
Anordnung aus dem Heidentum übernommen und stammt vom Hermes, dem Gott 
der Palästra, dem dies 8ymbol eignet oder beigegeben wird : siehe z. B. Ross, Arch. 
Aufsätze 1 Tfl. 14, 7; O. MÜLLER, Denkmäler 1 Nr. 92*; Heydemann, Neapler Vasen- 
samml. n. 922; RosCHER, Mythol. Lex. III 8. 2539; Babelon-Blanchet, Bronzes ant. 
Nr. 355. Auch in Lyon sah ich Mercurius und den Hahn auf der 8äule, auf Resten 
gallo-rOmischer 8igillatagefäße, über die jetzt D^CHELETTE, Les vases c^ramiques 
usf., Paris 1904, zu vergleichen ist. 

6) Byzant. Archiv II Tfl. 4. 

7) Vorplatz vor 8. Apollinare nuovo in Ravenna. 

8) H. Brockhaus, Die Kunst in den Athosklöstern (1891) Tfl. 26 8. 229. 



280 V. Die Trajanssaule und das Bilderbuch. 

Und wie weiter grade an solchen gotterlragenden Säulen sich Gegen- 
stände der Weihung aufgehängt finden'), so trägt die des Trajan das 
Buch, das ihn verherrlicht und das ihm gewidmet ist. Ihrem Beispiel 
folgte sodann die des Marcus genau, wahrend andere 
Säulen, die im übrigen übereinstimmen^, einer solchen 
Zutat entbehren.^ 

Damit aber ist alles erklärt. Das Trajansmonu- 
ment gehört zu den göttertragenden Säulen. Als Gegen- 
stand der Weihung ist an ihr ein Buch befestigt. 
Dabei ist zugleich an die Oberlieferung von der SItytale 
der Spartaner, wie sie bei Plutarch vorliegt, in kluger 
Weise angeknöpft und die Säule selbst als der Stab, 
das Buch aber nach dem Vorbild jenes Buches be- 
handelt worden, mit dem die Spartaner den Stab 
umwickelt haben sollten. 

übrigens ist doch aber in diesem Zusammenhang 
auch denkwQrdig, was nach Cäsar's Ermordung ge- 
schah. Das Volk errichtete für den Vergötterten auf 
dem Forum solidam columnam aus numidischem Mar- 
mor von fast 20 Fuß Höhe, mit der Aufschrift patri 
patriae; bei ihr wurde geopfert, Gelübde getan, Rechts- 
streitigkeiten gescfilichtet, indem man per Caesarem 
Eid leistete (Sueton c. 85). Dies ist tatsachlich der 
nächste bescheidene Ahne der Säule des Trajanus ge- 
wesen. 

Zum Schluß habe ich noch dürftige Architektur- 
reste phantastischen Stils zu erwähnen; zunächst die 
römischen, die Vespignani im Bullettino commun. di 
Roma 1878 S. 199 ff. publizierte. 

Da hat sich endlich wirklich sogar das Bruchstack einer 
in Spiralen mit Bildern umwickelten SAule gefunden (siehe 
besonders S. 202), die darin dem Motiv des Trajanischen 
Monuments zum wenig-sten nahe kommt Die dort auf 
Tafel XVI gegetiene Rekonstruktion dieser Säule wiederhol! 
unsre Abb. 175. Sie ist, wie man sieht, kannelliert und 
das Reliefband mit Darstellungen aus dem bacchischen Kreise läuft mit der Kan- 
nellierung ungefähr in der gleichen Richtung, d. h. von rechts nach links. 

In Spiralen kannellierle oder auch mit Rankenwerk umsponnene Säulen werden 
dann in der späteren Kaiserzeil immer häufiger; besonders an Säulensarkophagen. 

1) Beispiele oben S. 224 f. Vgl. noch Piltured'E. 111 S. 9u. 91; Mon. Insl. VIT«. 53 
Bild B. 2. Oft sieht man auch bloß Tänien, wie Mon. Inst. Xtl Tfl. 29, 2. 

2) Panckoucke, DSscr. del'fig. IV Tfl. 59; Ebers, Ägypten in Bild u. Wort I S. 25. 

3) Ebenso die Phokassäule. Die sog. Julianssäule in Angora ist gleichsam 
horizontal kanneliiert, die „colonne brülee" des Constantin in Konstantinopel aber 
nach Art des besprochenen Kandelabers mit Bandslreifen horizontal umwickelt. 



Umwickelte Säulen; realistische Wiedergabe des Buchs. 281 

DalQr, dafi auch solche Säule isoliert dasteht, linde icti ein Beispiel auf dem Oelätt 
bei OaRRUCCI Tfl. 460 Nr. 9; auch sie trSgt Ober dem Kapitell ir|j;end einen Oe^nstand 
in der Form einer kurzen Pyramide. Die Kännel lierung' ISuFt von links nach rechts. 

Wei^voller ist noch ein SStilenrest, den ich im Lapidarium zu Dijon 
voi^and und der im Jahre 1863 bei Dijon ausgegraben wurde.') Es ist 
nur der obere Teil des 
Schaftes, der in ein 
Kompositkapitell aus- 
lauft, erhalten. Der- 
selbe ist wiederum 
schräg von links nach 
rechts ansteigend mit 
zwei Bildstreifen um- 
wunden'), die anschei- 
nend ohne biäXeimaa 
aneinanderschlossen. 
Dargestellt ist Wein- 
laub mit Trauben, die 
im Astwerk hangen; 
dazwischen Amoretten 
oder Genien. Eine Ab- 
bildung fehlt. 

Am interessantesten 
auf einem Sarkophag- 
relief mit Palladionraub 
eine gewundene ioni- 
sche Säule, bei Robert 
Sark. II Nr. 139a. Die 
Säule ist in Wirklich- 
keit nicht gewunden, 
sondern umwickelt ge- 
dacht, und zwar in der 
Richtung von rechts «''''• ''* ■ TrajanssSult. 

nach links. Auf ihr 

stand aber das Palladion, das soeben Diomedes geraubt hat, und sie scheint 

also der Trajanssaule, die gleichfalls ein Standbild trug, zu entsprechen. 

Nun aber vergleiche man mit der von Vespignani veröffentlichten Säule 
die Trajanssaule selbst genauer und man wird bemerken, wie viel realisti- 
scher Apotlodorus die Aufgabe, den Stab mit dem Buch zu umwickeln. 



t) Siehe Catalogue du Mus^e d'anliquit., Dijon 1894, S. 26. 
2) Diese zwei Streifen waren auseinandergebrochen und sind < 
Hand wieder zusammengetagt. 



282 V* ^i^ Trajanssäule und das Bilderbuch. 

angefaßt hat, als es dort geschehen. Auf jener steigt nämlich der Bild- 
streifen viel zu steil an; denn wer den Versuch macht, in so steiler Win- 
dung ein Band um einen Stab zu legen, wird erfahren, daß es alsdann 
nicht mehr glatt anliegt, sondern sich bauscht und zieht und überall 
taschenartige Falten wirft. Dies ist der Grund, weshalb um die Trajans- 
säule die Rolle so flach und beinahe unmerklich ansteigt. Sie sollte eben 
glatt anliegen, sie sollte sich nicht werfen. Dasselbe Verfahren ist an dem 
Säulenrest zu Dijon zu beobachten. 

Mit dem gleichen Realismus ist dann aber auch der Rand der Rolle von 
Apollodorus behandelt; s. Abb. 176. Wäre sie nichts als ein gewöhnliches 
Relief, das um die Säule liefe, so würde die Kurve des Randes in einer mathe- 
matisch genau ausgezogenen Linie verlaufen. In Wirklichkeit dagegen geht 
sie uneben, ungleichmäßig, in Absätzen sich biegend und dem Zwang der 
Wickelung deutlich nachgebend. Diese ungleiche Behandlung des Relief- 
randes ist nicht Nachlässigkeit, sondern erklärt sich teils aus dem Streben 
des Plastikers, die Art nachzuahmen, wie ein Stoff sich zieht, wenn er die 
ebene Lage verläßt, teils aber auch aus der rauhen und unebenen Be- 
schaffenheit des Randes der Papyrusrollen selber, die hier getreu wieder- 
gegeben wird. Verwandt damit ist die Behandlung der Streifen in den 
Bilderchroniken, z. B. bei Jahn, Fragment C*; auch diese werden nicht 
durch scharf gezogene gerade Linien voneinander abgetrennt, sondern 
man kann auch hier den Rand eines Bandes zu erkennen meinen. 



Aber uns kümmert hier nicht Trajan und ApoUodor, uns kümmert nur 
das Buch an der Säule. Lassen wir denn die Säule stehen und nehmen 
das Buch endlich herunter. Denn dies ist für mich hier das Wichtige und 
Wertvolle an dem, was ich festgestellt: es gab im Rollenbuchwesen 
des Altertums auch Bilderbücher ohne Text. Solches Bilderbuch 
ist uns in zwei Exemplaren an den großen Kaisersäulen in getreuer Nach- 
bildung erhalten; denn diese Reliefs waren bemalt. 

Die Frage nach Buchillustrationen im Altertum ist in der letzten Zeit 
viel verhandelt. Eine Rekapitulation dieser Verhandlungen zu geben würde 
mich hier zu weit von meinem Ziele führen. Die meisten Gelehrten denken 
doch immer nur an illustrierte Textbücher, also an Lesebücher mit Bildern. 
Es ist Zeit, daß wir uns aus dieser Enge der Vorstellung befreien.*) 
Unsre modernen großen Zeichner, wie Schnorr und Schwind, haben doch 
die Bibel oder die deutschen Sagen und Märchen in reinen Bilderfolgen 



1) Petersen, Marcussäule S. 103. 

2) Ich treffe mit meinen Ausführungen z. T. mit dem zusammen, was U. v. Wl- 
LAMOWITZ in einem Vortrage in der arch. Gesellschaft (Jahrbuch Bd. 13, Anzeiger 
S. 228 f.) angedeutet hat. 



Bilderbücher ohne Text Ägyptisches. 283 

ohne Text zu illustrieren vorgezogen. Der kunstgenießenden oder Beleh- 
rung suchenden Gegenwart sind Bildermappen ohne Text ein ganz not- 
wendiger Apparat y und sie mit dem Textdruck selbst zu vereinigen, wäre 
in vielen Fällen die größte Torheit. Warum setzt man an, daß, was uns 
durchaus unentbehrlich scheint, dem erfindungsreichen und bilderliebenden 
Altertum gefehlt habe? 

So wie wir bei unsern Untersuchungen Ober das griechisch-römische 
Rollenbuch von den Darstellungen der ägyptischen Papyrusrolle ausgingen, 
so hat auch die Beantwortung der Frage, die sich uns hier jetzt stellt, von 
dem ägyptischen Bilderbuch auszugehn. Eingehendere Feststellungen 
scheint es dafür leider noch nicht zu geben. Doch ist bekannt, daß bei 
den Ägyptern neben der Rolle mit illustriertem Text tatsächlich solche, die 
bloß Bilder oder doch Bilder mit nur erklärendem Text enthielten, be- 
standen haben. Für erstere liefert das Totenbuch in seinen unzähligen 
Abschriften, die man überall antrifft, die Hauptbeispiele. Aus dem ägyp- 
tischen Museum in Turin ^) notiere ich folgendes: 

Der Zwanzigmeterpapyrus hat fast durchgängig den Text unten, während sich 
oben eingerahmte Vignetten befinden. Auf einem andern Papyrus laufen die Be- 
gleitbilder oben in einem langen schmalen Fries, der durch Linien abgetrennt ist, 
entlang, dann aber wird auf demselben bisweilen auch eine große Farbenzeichnung 
von breiter Ausdehnung, die den Platz einer oder mehrerer ganzer Schriftseiten 
einnimmt, dazwischen gestellt, welche Zeichnung dann aber ihrerseits wieder in 
etliche Streifenbilder zerfällt, die übereinander stehn. Wieder ein andrer Papyrus 
hat seine Bilder dagegen mitten im Text, unregelmäßig verteilt, so wie wir heute 
mitten in den Schriftsatz kleine Bildchen einstreuen. Gelegentlich ist auch nur der 
Platz ausgespart, und der Miniator hat seine Zeichnung unausgeführt gelassen. Oft 
endlich stehn ganze Bilderstreifen parallel untereinander, die dann wieder gelegent- 
lich von einem großen Bild unterbrochen werden. Dies letztere ist das Verfahren, 
das man vorzüglich aus dem ägyptischen Relief und Wandschmuck kennt und das 
bei den Griechen auf den Tabulae lliacae wiederkehrt. 

Dies waren indes meist Exemplare für die Toten. Zu den Büchern, 
die wirklich den Lebendigen dienten, zählen mutmaßlich die satirischen 
Papyri mit Tierszenen, über die weiterhin zu reden sein wird (s. Abb. 179), 
und dies scheinen reine Bilderbücher; auch sonst gibt es, wie ich von 
A. WiEDEMANN angemerkt finde'), dergleichen religiösen Inhalts; solche sind 
z. B. bei DEvßRiA^ I Nr. 3-5. Den Bildern sind nur Legenden beigeschrie- 
ben."*) Aber auch da endlich, wo ein etwas umfangreicherer Text sich 
zwischengestellt findet, darf man mitunter von wirklichen Bilderbüchern 
reden; ich meine die Fälle, wo die Bilder nicht den Text illustrieren, sondern 
der letztere nichts ist als eine Erläuterung der Bilder; siehe z. B. Dev^ria 
II Nr. 1, besonders § 9. 



1) Vgl. übrigens A. Fabretti, Real. Mus. dl Torino, 1882, Nr. 2031-2041. 

2) Bei Strzygowski in Denkschr. der Wiener Akademie Bd. 51 S. 171 Anm. 7 
unten Nr. 4. 3) Catal. des Mss. tg. du Louvre, 1874. 

4) Vgl. auch Panckoucke, D6scr. de l'figypte V Tfl. 44 Nr. 7. 



284 V- I^io Trajanssftule und das Bilderbuch. 

Treten wir hiernach unsrer Aufgabe näher. Wennschon es mir schwer 
fallt, die Miene anzunehmen, als könnte ich die Spezialkenner dieses reichen 
Forschungsgebietes belehren, muß ich im folgenden doch einige Gesichts- 
punkte hervorheben, die mir mit Unrecht außer acht gelassen zu sein 
scheinen. Auch bin ich in der Lage, die bisher bekannten literarischen 
Zeugnisse fQr das antike Bilderbuch um einige zu vermehren. 

Illustrierte Textbücher haben innerhalb des Codexbuchwesens nichts 
Auffälliges. Die Codices seit dem 4. oder 5. Jahrh. zeigen uns, wie man 
in der Tat in die Pflanzenwerke, astronomischen Lehrschriften, in die 
Komödien des Terenz, in die Ilias, in den Vergil erläuternde oder auch 
unterhaltende Bilder einlegte. Solche illustrierten Codices bestehen durch- 
gängig aus Pergament, nur ein Codex chartaceus befindet sich darunter, 
die neu bekannt gewordene christliche Weltchronik aus Ägypten.^) 

Pur das Rollenbuchwesen sind dagegen Texte mit Bildern nur in ge- 
wissen Grenzen nachweisbar. Die Bilderreste bei Strzyqowski ^ Nr. 25, 27, 
28-30 müssen dabei aus dem Spiel bleiben, da sie aus Codices chartacei 
stammen können, sodann aber auch für sie nicht nachweisbar ist, daß sie 
mit fortlaufendem Text verbunden waren. ^) Im übrigen erklärt es sich für 
solche Schriftstücke wie den Eudoxospapyrus von selbst, daß da geo- 
metrische Piguren im Text stehen, da dieser sich auf sie bezieht, ebenso 
für die Lehrschriften des Hero, für den Hippokrateskommentar des Apol- 
lonius Citiensis u. dgl. m. Das aber waren keine künstlerischen Illustra- 
tionen, und kein Maler zeigte darin sein Talent. Hieran reiht sich Ni- 
kander, nach der Mitteilung des Tertullian, der Scorp. 1 über den Skor- 
pion sagt: tot pemicies quot et species, tot dolores quot et colores: Nicander 
scribit et pingit. Also Nikander's Theriaca in Abbildungen. Ober die 
Skorpione handelt Nikander in den Theriaca v. 769 ff. Daß die Bilder im 
Text standen, ist glaublich.^) Nicht so unzweideutig ist, was Seneca De 
tranquill, an. 9 schreibt, wo er gegen den Bücherluxus eifert: nunc ista 
conquisita, cum imaginibus suis discripta exactorum^) opera ingeniorum 
in speciem et cultum parietum comparantur; d. h.: erlesene Werke ge- 



1) Herausgegeben von A. Bauer und J. Strzyqowski in den Denkschriften der 
Wiener Akademie Bd. 51 (1905). 

2) In der soeben zitierten Schrift S. 175 ff. 

3) Vgl. die bekränzte, anscheinend thyrsustragende Gestalt auf dem Bruch- 
stück bei S. Reinach, Pap. grecs et d^motiques (1905) Tfl. la und den bärtigen 
Oranten in Federzeichnung im Führer durch die Ausstellung der Papyri Erzherzog 
Rainer S. 93 (3, Jahrh.). 

4) Tierbilder zum Nikander sind in einer Pariser Handschrift des 10. Jahrh. 
erhalten; dazu die 7 Bilder von Skorpionen im Wiener Dioskurides, fol. 419 ff. Diese 
Tierbilder standen gewiß von Anfang an im Text, nicht dagegen die zahlreichen 
sonstigen mehr szenischen Nikanderminiaturen (KONDAKOFF, Tart byz. 1 S. 77). 

5) exactorum ist meine Vermutung; et sacrorum die Handschrift; exactus ist 
etwa so viel wie eruditus und steht so z.B. bei Martial 4, 87; Plin. epist. 8, 23. 



Illustrierte Textbücher als Lehrschriften. 285 

lehrter Schriftsteller sind „mit ihren Bildern kopiert". Denn discribere steht 
hier mit describere gleich. Hier ist nicht nötig, an einen illustrierten Homer 
oder Vergil zu denken, sondern es können auch unterrichtende Werke 
nach Art des Nikander gemeint sein. Doch bleibt dies unsicher.^) Etwas 
deutlicher ist wiederum Josephus, der von der Schriftstellerei König Sa- 
lomo's phantasiert, Antiqu. lud. VIII 44: er habe u. a. auch 3000 Bücher 
yyParabeln und Bilder" (clKÖvec) zusammengestellt: „denn zu jeder Gestalt 
(oder Gattung) eines Baumes fügte er eine Parabel hinzu". ^ Damit mag 
man das entsprechende Werk des Pamphilos vergleichen.') 

Man vergegenwärtige sich hiernach, wie weit verbreitet doch im 
griechisch-römischen Publikum Bilderbücher gewesen sein müssen, wenn 
Josephus in dieser Weise gleich mit tausenden von Exemplaren um sich 
werfen konnte. 

Vor allem aber ist zu beachten, daß Nikander, wenn wir TertuUian's 
Zeugnis wörtlich nehmen, sein Lehrgedicht mit Tierbildem selbst versehen 
hat (scTibit et pingit). Darin befolgte er das Verfahren der Prosalehrbücher, 
das wir aus Hero kennen. Ebenso dachte sich Josephus das Verfahren 
Salomo's. Ebenso stand es aber auch mit den frechen Büchern der 
Hetäre Elephantis über den Beischlaf, die gleichfalls hierher gehören. 
Es waren mehrere^), und sie enthielten sowohl Bilder^) als auch Lehrtext.^) 
Das Werk war zweifellos von der Verfasserin selbst von vorne herein auf 
beides angelegt.^) Nicht anders legte später auch Eusebius selbst in 
sein sog. Onomasticon urbium et locorum S. Scripturae eine einzelne p/c- 
iura, die Jerusalem und den Tempel darstellte, cum brevissima expositione 
ein^), und bei Prudentius^ registriert ein Engel die letzten Aussprüche 
eines Märtyrers und malt zugleich seine Wunden daneben, als Material 



1) Seneca dachte vielleicht auch nur an die Porträts der Autoren, mit denen 
ihre Bücher eröffnet wurden. Er erwähnt kurz zuvor orationes und historiae; also 
Redner und Historiker? Auch an Tiergeschichte, historia naturalis, ließe sich 
dabei denken. 

2) cuvcTdEaxo bi koI ßiß\(a ircpl Cbbtüv kqI ^cXüjv tt^vtc irpöc rote x^^^o^c Kai 
irapaßoXüJv kqI eIköviüv ßißXouc TpicxiXiac Ka6* ^kqctov fäp elboc b^vbpou TTapaßoXfjv 
€iiTev. Ich weiß wohl, daß eiKövec auch Gleichnisse bedeuten kann; doch führt das 
folgende elboc b^vbpou auf die oben gegebene Interpretation; und das Voraufgehende 
bestätigt sie; denn den Parabeln mit Bildern entsprechen die Musikbücher, in denen 
sich Lieder mit Melodien befanden: ßißXia irepl ibbwv kqI jucXtüv. 

3) Ich meine die 6 Bücher irepl ßoravuiv, die bei Suidas den Titel haben cIkö- 
vac Kaxd cxoixeiov. Näheres bei A. DiETERiCH, Fleckeis. Jbb. Suppl. Bd. 16 S. 781 ff. 

4) Sueton Tiber. 43. 

5) Siehe Priapeum 4; FriedlAnder zu Martial 12, 43. 

6) Plin. nat. hist. 28, 81. 

7) Ober die Hermeneumata Leidensia des sog. Dositheus magister im Corp. gloss. 
lat. Bd. III s. unten S. 303 f. Waren sie wirklich mit Bildern illustriert, wie Michaelis 
und Maass annahmen, so war es der Autor selber, der Text und Bilder verband. 

8) Hieron. De situ et nom. locorum Hebr., praef. 

9) Romanushymnus v. 1121 ff. 



286 ^' ^>® Trajanssflule und das Bilderbuch. 

für die „Regesten", nach denen Gott als Richter sein Urteil sich bil- 
den soll.^) 

Alles dies sind Lehrschriften oder doch Schriften, deren Bilder nur 
demonstrieren sollten und, so viel wir erkennen können, unmalerisch ohne 
Hintergrund und Raumtiefe angelegt wurden. PQr einen epischen oder er- 
zählenden Text kenne ich eingelegte Miniaturen auf gerolltem Papyrus nur 
in einem Falle: es ist der von der Biblioth^que nationale in Paris neu 
erworbene Papyrus, Suppl^m. grec 1294^): der Rest eines Romans, wie 
es heißt, aus dem 1. oder 2. Jahrh. nach Chr., in dessen Text die Bilder- 
chen wiederum nur als Erläuterung verstreut sind; keine Einrahmung hebt 
sie ab; ein selbständiger Kunstwert oder die Absicht, das Auge fesseln zu 
wollen, scheint zu fehlen.^) 

Es liegt auf der Hand, daß man bei Erörterung dieser Fragen prin- 
zipiell zwischen Werken, die der Verfasser selbst mit Bildern versah, und 
solchen Lesebüchern unterscheiden muß, zu denen erst nachträglich Bilder 
erfunden worden sind. Zu ersteren stellen wir nicht nur Hero, Eudo- 
xus usw., sondern auch die illustrierten Kalender (Philocalus) und Chronik- 
werke (die erwähnte christliche Weltchronik), vorausgesetzt, daß sie auf 
Vorlagen in Rollenform zurückgehn: Schriftwerke, in denen die Bilder reich- 
lich so viel Platz einnehmen wie der Text und die dabei den üblichen 
Buchumfang an Seitenzahl doch nicht überschritten zu haben brauchen. 
Andrerseits scheinen in dem Pariser Romanpapyrus die Miniaturen so 
wenig Raum zu beanspruchen, daß die Rolle nicht wesentlich durch sie 
verdickt wurde, und der Erzähler kann sein Buch gleichfalls selber auf Illu- 
strierung angelegt haben, in der Weise, wie dies Elephantis getan. 

Hieran reihen sich noch die sog. Carmina figurata des Altertums, die im 
Hellenismus aufkamen. Wenn Simias ein Beil, ein Ei oder Erosflügel aus Versen 
herstellte, wenn sich in den Theokritbüchern ebensolche Nachbildung einer Syrinx 
fand, andere wieder einen Altar, eine Sphäre, einen Thron dichteten und endlich 
Laevius seine Sammlung mit einem Pterygion Phoenicis von gleicher Beschaffen- 
heit abschloßt), so gehört auch dies in die Geschichte des antiken Bilderbuchs. 
Denn nur durch dies können solche Spielereien angeregt worden sein. Es mag 
sein, daß solche Machwerke auch zu andren Gedichten als Beigabe hinzugefügt 
worden sind. Nachweisen läßt sich jedenfalls, daß sie selbständig gingen und 
je ein Buch ausmachten.^) 

1) Miniaturen zum Romanushymnus kenne ich nur aus der Berner Handschrift 
bei R. Stettiner, Die illustrierten Prudentiushss., 1905, Tfl. 161 ff.: fünf mehrfigurige 
Szenen. Diese entsprechen durchaus nicht dem medizinischen Abmalen der Wunden, 
von dem Prudentius selbst redet. 

2) Eine kurze Notiz über ihn gibt S. DE Ricci in Revue des 6tudes grecques 
XV S. 447f., wonach das Stück sich schon seit etwa 20 Jahren in Frankreich be- 
funden hat. Eine Veröffentlichung steht bevor. 

3) Genaueres gibt Strzygowski a. a. O. S. 174 nach Mitteilungen Riccrs. 

4) Siehe HABBRLIN, De figuratis carminibus gr. (1886); SUSEMIHL, Qr. Literatur 
der Alexandrinerzeit I S. 181 ff.; Reitzenstein im Philol. 65 S. 157 ff. 

5) Daß ein „Flügel" ein einzelnes Buch füllt, lehrt die icpd ßußXoc ^iriKaXou- 
lui^vri TTr^puH bei Dieterich, Abraxas S. 170, 8. Kürzere Tnep\}f{h}jiara wurden auf 



Nachträgliche Illustrierung erzählender Werke. 287 

Von allen diesen Bildern im Rollenbuch sind nun die Miniaturen zu 
Vergily zur Genesis, zum Psalter usf., wie man auf den ersten Blick er- 
kennt, wesentlich und grundsätzlich verschieden. Denn sie sind sämtlich 
zu den betreffenden Schriftwerken erst nachträglich und ohne Vorwissen des 
Autors hinzuerfunden, und dabei stellen sich nun gerade diese Bilder als 
Bilder dar von beträchtlichem Umfang, von sorgfältiger Komposition und als 
solche, die zweifellos zu ihrer Zeit auch mit Absehung ihrer Beziehung zum 
Text einen selbständigen Kunstwert beanspruchten und ohne Text verstanden 
und genossen werden konnten. Daß aber auch diese Bilder auf das Papyrus- 
buchwesen zurückgehen müssen und einstmals auf Rollen standen, beweist 
ihr Alter, besonders das Alter, das den Vergilbildern zukommt. Hier steht 
also eine höhere Gattung von gerolltem Bilderbuch vor uns, über die sich 
unsre Anschauungen erst noch zu klären haben. Vorläufig kann uns weder 
sie noch gar die vorherbesprochene zum Verständnis der Trajanssäule 
dienen.^) 



Einzelblätter (ir^raXa) geschrieben; s. ebenda S. 200f. Das Vorbild für diese PlQgeU 
form war wohl der Plügel der Pledermaus, auf dem sich wirklich schreiben ließ; 
dies geschieht tatsächlich, an einem lebenden Tiere, Papyrus magica ed. DiETERiCH 
col. XI 26 f. So wie man auf den Plügel der schlaflosen Pledermaus Worte schrieb, 
die die Schlaflosigkeit betrafen, so auf den PlQgel des Eros Liebesverse, auf den 
des Phönix Worte, die auf sein Wesen Bezug hatten. Bei Laevius trifft das letztere 
freilich, soweit sich dies erkennen läßt, nicht zu; übrigens ist bei ihm die An- 
nahme möglich, daß jedes seiner Bücher je eine „Ode'< enthielt und daß sein Ptery- 
gion als novissima ode sein letztes Buch ausmachte. Seine Bücher werden bald 
mit Buchzahlen, bald mit Sachtiteln zitiert. 

1) Die Ausführungen STRZYQOWSKrs a.a.O. S. 179 ff. sind dankenswert, da sie 
mancherlei neues Material heranziehen. Weshalb jedoch die Klassifikation der 
Miniaturen, die er versucht hat, nicht bestehen kann, ist schon mit dem oben Ge- 
sagten angedeutet. Denn wenn Strzyqowsk! die Einrahmung betont und von den 
gerahmten Miniaturen auf Pergament glaubt, daß sie und grade nur sie von vorn 
herein für Pergament erfunden seien, so bedenkt er nicht, daß einige unter ihnen 
wahrscheinlich, andere, wie die zu VergiPs Qeorgica, sicher auf Zeiten zurückgehen, 
für die sich die Membrane als das übliche Material absolut nicht nachweisen läßt. 
Wäre die Membrane speziell für Malereien, im Unterschied vom Lesebuch, in so 
frühen Zeiten beliebt worden, so würde irgend ein Autor wie Plinius, da, wo Per- 
gament und Charta einander gegenübergestellt werden, uns dies sagen. Dies ist 
aber nicht der Pall. Wir sind nicht berechtigt, einen allgemeineren Gebrauch der 
Membrane vor dem Ende des 2. Jahrh. nach Chr. anzusetzen. Strzyqowski zitiert 
mit Gewicht die Aeneide auf Membrane, die Martial XIV 186 erwähnt und die vorn 
wenigstens ein Porträt des Dichters enthielt. Wie es mit diesem Exemplar stand 
und daß seine Malerei gering geschätzt wurde, geht schon aus dem, was ich S. 32 f. 
ausgeführt, hervor. Bestätigt wird dies dadurch, daß Martial nur von dem Gesicht 
{vultus) Vergirs spricht, das da zu sehen war. Das Bild war also nicht entfernt mit 
dem auch an Beiwerk reichen Vollbild, das uns im Vergilcodex R den Dichter ver- 
gegenwärtigt (unsre Abb. 112), zu vergleichen, sondern gab nichts als sein Gesicht, sein 
Büstenbild. Solche Büstenbilder in kümmerlichster Ausführung liebt auch die Notitia 
dignitatum oder die erwähnte illustrierte Weltchronik. Das war das Dürftigste, was 
sich denken ließ. Ich verweise auch auf den Vergilkopf, den uns das Trierer Mosaik 
des Monnus gibt. Mit derselben Sicherheit also, mit der Strzyqowski noch für die 
Josuarolle eine Vorlage auf Charta voraussetzt, tun wir dasselbe für Vergil, Genesis 



288 V* ^i® Trajanssäule und das Bilderbuch. 

Auch die Trajanssäule gibt Illustrationen, nämlich zu dem Prosa- 
werk Trajan's Ober die Dakerkriege. Aber diese Bilder stehen ohne den 
Text in einer besonderen Rolle für sich. Für dies Prinzip haben wir 
rückblickend au! jene ägyptischen Rollen zurückzugehen, die, wie wir sahen, 
vorwiegend nur Bilder und dazu nur kurzen erläuternden Text enthalten. Ich 
frage wieder: soll das in der Zeit der klassischen Völker nicht auch sonst 
Nachahmung gefunden haben? Das ist unmöglich. Schon die Pergamentrollen 
des Vatikan mit dem gemalten Stammbaum Christi, der sich darin über 
2-3 m Länge erstreckt^), verraten uns, daß die Rolle auch solchen Zwecken 
dienen konnte. Solche Rolle ist auch die Tabula Peutingeriana aus dem 
13. Jahrh., eine Reisekarte auf Pergament, 34 cm breit und gegenwärtig 
noch 6,82 m lang.') Die schönste und nächstliegende Analogie zur Trajans- 
säule aber haben wir ja im Josuarotulus; dies hob schon Wickhoff, 
Wiener Genesis S. 93, hervor. Die Josuarolle ist sonst einzig in ihrer Art. 
Sie ist - vielleicht erst im 9. Jahrh. — auf Pergament hergestellt worden : 
zweifellos eine einfache, aber abkürzende Übertragung aus einer Papyrus- 
rolle. Wie viel reicher würden wir sein, wenn dies Verfahren öfter an- 
gewandt worden wäre! Auch dies ist nun die kontinuierende streifen- 
förmige Darstellung des Verlaufs eines Kriegs und der Großtaten eines 

und Psalter. — Dazu kommt, daß wir von den Papyrusminiaturen doch viel zu wenig 
Proben erhalten haben, um behaupten zu können, daß sie nie eine rahmenartige 
Einfassung erhielten. Im Gegenteil: die altägyptischen illustrierten Papyri zeigen ja 
diese Einrahmung überall, und es ist nicht gestattet, von ihnen abzusehn. Andrer- 
seits findet sich das Fehlen der Rahmung auch in den Pergamentminiaturen, wie 
zum Terenz, zum Physiologus, zum Prudentius und zum Aesop. Übrigens kann 
diese Einfassung oft auch erst bei Isolierung der Bilder im Codex nachträglich 
hinzugefügt sein, wie z.B. Brockhaus annahm; warum dies nicht möglich sein soll, 
sehe ich nicht ein. Wahr ist, daß die Psalterbilder und auch die Vergilischen als 
Einzelbilder komponiert sind; aber das gilt auch z. B. von den Gerichtsszenen auf 
dem gemalten Fries im Thermenmuseum (Helbig, Führer Nr. 1124), und sie sind 
doch eben friesartig aneinander aufgereiht. Der biblische Cyklus in S. Maria 
Maggiore setzt sich gleichfalls als Fries aus lauter selbständigen Bildern zusammen. 
Auch in der Buch rolle können demnach die Bilder zum Vergil so nebeneinander 
gestanden haben. Den Terenzbildern aber sowie den Prudentiusbildern ist mit der 
sog. Papyrusminiatur das Eigentümliche gemeinsam, daß ihnen jeder Hintergrund 
fehh. Beide Darstellungsarten, die gerahmte und ungerahmte, die mit und ohne 
Hintergrund, haben natürlich so gut auf Papyrus wie auf Pergament angewendet 
werden können. 

1) Pergamentrolle, Vaticanus lat. 3783, saec. XII, und 3782 (jünger). Erstere 
Rolle ist 0,362 m hoch und etwa 2,50 m lang; die Blätter, aus denen sie sich zu- 
sammensetzt, sind von verschiedener Breite, 0,57, aber auch 0,47. Die zweite 
Rolle ist 0,409 m hoch und etwa 3,25 m lang. Der astreiche Baum hebt oben 
mit Adam und Eva an und reicht unten bis zum Ende der Rollen. Rechts und links 
steht Schrift daneben. Oberschrift in Nr. 3782: Origo Christi per hystorias biblie. 
Beide Rollen entbehren des Rollenstabs und halten sich gleichwohl vortrefflich. 

2) Solche Karte hieß Pinax. Bei Herodot V 49 wird sie auf der Holztafel ein- 
geschnitten (^vTeT)uriw^vri). Später erfuhr sie Vervielfältigung; so redet Ptolemäus 
Geogr. I 6, 1 von mehreren ^KÖöceic des irivaE des Marinas. Diese ^kööccic werden 
buchmäßige Rollenform gehabt haben. Vgl. noch oben S. 219. 



K. 



Josuarolle; Wiener Genesis u.a. aus Rollen. kopiert 289 

einzelnen Kriegshelden, und zwar in 23 Bildern^); und Josua's Gestalt kehrt 
hier überall ebenso wieder wie auf der Säule die Trajan's. Auch Personi- 
fikationen von Städten, Bergen und Flüssen fehlen nicht. Trajanssäule, 
Marcussäule, Josuarotulus sind rechte Geschwister und von einem Ge- 
danken erzeugt. Gab es mehr Werke dieser Art? 

WiCKHOPP knüpfte daran in seiner weitausschauenden Art die Be- 
merkung: „Es wäre noch zu untersuchen, ob nicht alle historischen Bücher 
der Bibel in solchen Rollen vorlagen ?'' In der Tat, auch für die Bücher 
Mose, für die das Josuabuch ja nur die Portsetzung war, ließe sich das er- 
warten, und schon die Wiener Genesis lehrt uns meines Erachtens, daß 
eben auch die Genesis selbst so umging. Wir können aus ihr ersehen, 
wie die Übertragung aus der Bilderrolle in den Codex vor sich ging. 
Denn die Handschrift ist so angeordnet, daß der Bibeltext nur auf den 
oberen Hälften der Seiten steht, die Bilder selbst dagegen immer nur die 
unteren Seitenhälften ohne Einschränkung und in voller Breite einnehmen. 
Warum wurde nicht gewechselt? warum nicht nach Belieben, wie es der 
Text mit sich brachte, das Bild bald oben, bald unten eingefügt? Um für 
das Auge die Kontinuität von Bild zu Bild zu wahren. Es sollte nach 
Möglichkeit eins an das andere genau so anschließen, wie dies in der 
Rolle, die als Vorlage diente, der Pall war. Ganz ebenso stehen auf dem 
mosaizierten Pries von S. Maria Maggiore zu Rom die Einzelbilder aus 
der heiligen Geschichte nebeneinander, und es wird damit dasselbe er- 
reicht. Die unteren Seitenhälften der Genesis sind die Kopie einer Bilder- 
rolle ohne Text 

Wir haben jedoch noch weitere Zeugnisse, und insbesondere die 
Schöpfungsgeschichte und was unmittelbar auf sie folgt, war für solche 
Illustrierung ein Lieblingsgegenstand. Dafür bürgt die Alcuinbibel in 
Bamberg, in welcher ein großes Blatt im Unterschied von den übrigen mit 
vier kontinuierenden Bilderreihen des genannten Inhalts ausgefüllt ist, die 
in Streifen untereinander stehn, als solche Streifen sorglich eingefaßt und 
mit Beischriften versehen sind. Wer sich das ansieht, erkennt sogleich: 
da haben wir die llischen Tafeln im Codex! Schon Janitschek hat dies 
treffend bemerkt.^) Die frühkarolingische Zeichnung ist, wie derselbe Ge- 
lehrte darlegte, nach einer Vortage des 5. Jahrh. . hergestellt. Die Bilder- 
folge in Streifenform ist die der Papyrusrolle. 

Ein noch beredterer Zeuge aber ist die Kathedrale in Nimes, aus 
dem 11. Jahrh. Die Passade dieses Baues ist ein klassischer Archaismus 
(denn die griechisch-römischen Erinnerungen haben in Südfrankreich durch 
das ganze Mittelalter nachgewirkt); sie ist es auch dadurch, daß sie das 



1) Siehe Garrucci Tfl. 157-167; Ser. d'Agincourt V Tfl. 28 ff. 

2) Siehe Die Trierer Adahandschrift, Leipzig 1889, TH. 24 und Vorwort S. 75. 

Birt, Die Buchrolle in der Kunst. 19 



290 V* ^>® Trajanssflule und das Bilderbuch. 

Giebelfeld eines Tempels als Schmuck trägt, das der Maison carr^e in 
Nfmes mit Liebe nachgebildet ist. Hart unterhalb dieses klassischen Schmucks 
befinden sich an ihr nun weiter dieselben Anfangsgeschichten der Genesis 
in einem einzigen langgezogenen Relief streif en, eine kontinuierende Erzäh- 
lung, in der eben durch den Reliefstreifen die Buchform der offnen Josua- 
rolle getreu und auf das natürlichste gewahrt ist. Auch daß der Zophoros 
sich so hoch und unmittelbar unter dem Gesims hinzieht, ist ein antiker 
Gedanke. Wer sich dorthin begibt, den kann der Augenschein belehren. 
Die Anordnung der Bilder, die wir in der Wiener Genesis vorfanden, 
kehrt aber sehr ähnlich und noch deutlicher friesartig im Codex Rossa- 
nensis (des 6. Jahrh.?) wieder. Hier handelt es sich um einen Cyklus aus 
dem Leben Jesu. Neun Bilder sind es, die da auf fol. 1—4 und zwar alle 
auf den schmaleren oberen Seitenhälften nebeneinander geordnet stehn. 
Der Umstand, daß der Text auf diese Bilder erst nachfolgt, verrät, daß sie 
selbständig gingen; der Inhalt, Lazari Erweckung bis zum Gebet in Geth- 
semane, verrät, daß der Cyklus unvollständig und daß der Anfang weg- 
gelassen ist. Auf dem fol. 5 folgt erst das Titelblatt. Endlich haben diese 
Miniaturen die Gestrecktheit des Formats, die auf eine Prieskomposition alsp 
Ursprung hinweist. Pol. 7 und 8 bringen Nachträge; auf fol. 8 stehen die 
Bilder vielmehr auf der schmaleren unteren Seitenhälfte, während die obere 
größeren Bildszenen eingeräumt ist.^) 

Ahnliche Vorstellungen erweckt der Pariser Psalter. Von seinen 
14 Bildern erzählen die Hälfte das Leben des Königs David, illustrieren also 
gar nicht den Psaltertext. Dazu haben sie stark antikes Gepräge und er- 
innern an pompejanische Wandbilder. Auch dies also ein z. T. byzantinisch 
umgeprägtes, aber antikes Historienbuch in Bildern, der Auszug aus einem 
Davidleben.^) Die Kirchentür des hl. Ambrosius zu Mailand, aus dem 4. Jahrh., 
bringt eine Bestätigung: auch sie gibt solches Davidleben, und zwar noch 
in der ursprünglichen Streifenform.*) 



1) Auf dem gestreckten Bilde fol. 7*" ist die äußerste Figur am Rand rechts 
nur halb zu sehen. Ob daran die Heftung der Handschrift die Schuld trägt? oder 
gelang es dem Kopisten nicht, die Eckfigur der Vorlage ganz mit zu übernehmen? 
Über einen ähnlichen Fall in den Terenzbildern siehe unten S. 293 Anm. 3. 

2) Vgl. Bordier, D6scr. des peintures dans les Mss. .grecs de la bibl. nat., 
Paris 1883, S. 108 f. Sieben Bilder sind dem Psalter vorangestellt, und auf der 
Rückseite sind die Blätter nicht beschrieben. J. Tikkanen S. 125 setzte, um ihren 
klassischen Typus zu erklären, an, daß in des Constantinos Porphyrogennetos Zeit 
in Byzanz eine antikisierende Mal- und Zeichenkunst aufgekommen sei; vgl. auch 
N. KONDAKOFF, L*art byzantin (1891) II S. 30ff. Ein Antikisieren aber konnte nur 
auf Grund von alten Musterbüchern geschehen, und man kommt damit eben doch 
immer zur Annahme von antiken Vorlagen. 

3) Vgl. Ad. Goldschmidt, Die Kirchentür des hl. Ambrosius in Mailand (1902): 
die Einzelbilder der Tür sind auf je zwei Streifen verteilt nach Art der Basis Casali 
und der Tabulae Iliacae; siehe unten S. 303. 



Codex Rossanensis u. a. «is Bi)derT<rilen kopiert Bemwardsiule. 291 

Dazu kommt endlich aber noch die B ern ward s 9 ul e zu Hildes- 
heim, ein Bronzewerk von 4 m Höhe, das die TrajanssAule selbst nach- 
ahmt; sie hat muhnaßlich als Osterleuchter gedient und ist gegen 
das Jahr 1022 verfertigt worden.') Hier ist das um den Stab von 
rechts nach links laufende Buch mit einem 
kontinuierenden, figurenreichen Leben Christi 
angefüllt; s. Abb. 177; damit steht uns 
also die christliche Bilderrolle gradezu vor 
Augen. Und nach irgend einer Vorlage 
müssen die Szenen des Reliefs doch kom- 
poniert sein; es liegt nahe, fDr diese Vor- 
lage ein Buch nach Art der Josuarolle zu 
vermuten. Die Säule gibt 28 Szenen; die 
Josuarolle 23.^ 

Der Leser sieht, welche Tragweite diese 
Nachweise für die Beurteilung der sonstigen 
erhaltenen illustrierten Handschriften haben. 
Er wird mir daher nur zögernd folgen und 
die Forderung stellen: beweise mir erst, daß 
in den Schreibstuben des angehenden Mit- 
telalters Bilderrollen als Vorlagen wirklich 
verwendet wurden. Dies nenne ich freilich 
viel gefordert. Denn da wir die Bilder- 
rollen nicht mehr besitzen, müßte ein wun- 
derbarer Zufall helfen. Aber die Josua- 
rolle haben wir ja; die Hilfe ist da, und die 
Forderung läßt sich wirklich erfüllen, oder 
sie ist schon seit langem «rfallt. Ich spreche 
vom Oktateuch zu Watopadi, einer Folio- 



t) Siehe LObkE-Semrau, Die Kunst des 
Mittelalters (1905) S. 221 Fig. 244; besonders 
St. BeiSsel, Der hl. Bernward, 1895, Ttl. XI. 
Dazu F. Deebelius in der Zeilschr. des hislor. 
Vereins für Niedersachsen, 1905, S. 196ff. 

2) Daß Bernward hier alleren Vorlagen folgt 
und die Antike hier mehr eingewirkt hat als in 
anderen Sachen der damaligen Hildesheirner 
Kunst, bemerkt BEISSBL S. 49. Bei der Taufe 
Christi ist der Jordan mit der Urne zu sehen. 
Gleichwohl sind im Detail Modernisierungen 
deutlich (ebenda S. 48 Nr. 22). Folgt die Dar- 
stellung nicht ausschließlich einem der Evange- 
lien, so war das schon die Gepllogenheil des 
Altertums. 



292 V. Die Trajanssflule und das Bilderbuch. 

Handschrift des 11. bis 12. Jahrhunderts. H. Brockhaus, Die Kunst in den 
AthosklOstem (1891) S. 212-216, hat gezeigt, daß die sechzig Josuabilder 
dieses Prachtwerks mit denen der Rolle auf das genaueste übereinstimmen 
(auch die PlußgOtter und allegorischen Städtefiguren fehlen nicht), und den 
Schluß bereits gezogen, daß da entweder diese selbst kopiert worden ist 
oder ddch ein sehr ähnliches Exemplar. Das letztere ist richtig; es ist 
aber überdies erwiesen, daß auch die zwei illustrierten Oktateuche des 
Vatikan auf eine ähnliche Vorlage in Rollenform zurückgehen.^) Solche 
Rolle kann demnach auch Bemward gesehen haben. Und nun zeigt uns 
eine vatikanische Miniatur endlich^ wirklich in einer Schreibstube, wo im 
Codex geschrieben wird, eine weit offen hängende Rolle; gewiß eine Vor- 
lage. Da sehen wir also, wie aus Rollen kopiert wird. So haben es 
auch die Miniaturmaler gemacht. 

Wir sagen also im Anschluß an Brockhaus: ein Illuminator war ein 
Exzerptor. Er exzerpierte ein Bilderbuch, hob die Einzelszenen aus, um- 
rahmte sie und stellte sie, die Folge der Zeilen unterbrechend, bald oben, 
bald unten, bald mitten in den Text hinein. Die Größe der Bilder schwankt 
dabei nach Bedarf. Beliebt ist, daß sie mehr breit als hoch sind. 

Was hiermit von den Bildern der Genesis und des Josua gilt, kann 
ferner auch von denen zum Vergil gelten, die in den Schedae Vaticanae P 
eingetragen vorliegen.^) Denn zwischen Profantext und Bibeltext, zwischen 
Historie und Epos war kein Unterschied. Für epische Texte mit ein- 
gelegten Miniaturen in Rollenform haben wir kein Zeugnis. Wohl aber 
zeigen die Bilderchroniken auf Stein, die Tabulae lliacae, daß zu Unter- 
richts- oder Unterhaltungszweck die Vorführung bloßer Abbildungen beliebt 
war. Die Texte selbst hatte man ja meist auf der Knabenschule auswendig 
gelernt. Es war ein Vergnügen, ihn an den Bildern zu repetieren. Das 
war überhaupt das Prinzip der antiken Schilderei: die Vasenbilder, die aus 
Epos und Tragödie schöpften, die Homerbecher, die Sarkophage machten 
es ja nicht anders. Am nützlichsten aber ist es, hier sich Werke wie den 
Bildercyklus der Odyssee in der Bibliothek des Vatikan oder den lliascykius 
im Apollotempel Pompeji's^) vor Augen zu halten. Dies sind wichtige Ana- 



1) Siehe J. Strzygowski im Byzantinischen Archiv Heft 2 (1899) S. 120 f. 

2) Beissel, Vatikanische Miniaturen Tfl. X. Vgl. auch Swarzenski, Regens- 
burger Buchmalerei Tfl. 35: die Evangelisten schreiben hier in Codices, ihre symboli- 
schen Tiere aber, Ochs oder Adler, erscheinen im Himmel über ihnen und halten 
offne Rollen: es wird also auch hier nach Rollen kopiert. 

3) Die Ambrosianische llias ziehe ich nicht heran, da mir die Zeit der Ent- 
stehung ihrer Bilder unsicher ist; s. Zusätze. Die 19 Bilder des Romanus des Vergil 
fallen hier fort, da ihre rohere Kunst in ein spätes Altertum weist. Noch mehr gilt 
dies vom illustrierten Physiologus zu Smyrna. 

4) Vgl. auch Plinius 35, 144: bellumque Iliacum pluribus tabulis, quod est 
Romae in Philippi porticibus. 



Oktateuche. Bildercyklen mit Anmerkungen. 293 

logien. Denn es sind kontinuierende Darstellungen, wie der Dakerkrieg der 
Trajanssäule, aber aus aneinander gestellten Einzelkompositionen zu 
einer Einheit zusammengesetzt (vgl. S. 288 Anm.). Wenn sich endlich auf 
den Bilderchroniken in Tafelform auch schriftliche Erläuterungen eingraviert 
finden, so stimmt das wieder vortrefflich zur JosuaroUe, die es nicht anders 
halt. So sind ja auch pompejanische Wandgemälde, wie die Pero^) oder 
das Bild von Homer und den Fischern*), mit erklärendem Text versehen. 

Die Bilderbücher schlössen textliche Anmerkungen nicht aus. Aber 
es waren keine Textbücher mit Bildern. 

Etwas eingehender muß ich hier die Terenz Illustrationen be- 
sprechen, die vornehmlich in den Handschriften des 9.-10. Jahrh. im Va- 
tikan, in Paris und in der Ambrosiana vorliegen. Ob ihr Text aus den- 
selben Vorlagen stammt wie ihre Bilder, ebenso auch, ob die Bilder selbst 
aus einer oder mehreren abgeleitet sind, betrachte ich als eine offne Frage. 
Die Vorlagen zu diesen Terenzbildem sind nun aber, wenn nicht alles 
täuscht, erst etwa im 5. oder 6. Jahrh. nach Chr. entstanden; mehrere von 
den Gründen, die Otto Engelhardt^) für diesen Zeitansatz geltend macht, 
halte ich für vollständig überzeugend. Alsdann aber kommen die Bilder 
für das Rollenbuchwesen gar nicht mehr in Betracht und sind erst im 
Dienst der Umschrift in den Codex entstanden; es sei denn, daß man aus 
ihnen schließen darf, daß auch früher schon ähnliche und bessere lllustra- 



1) Siehe Mau in Rom. Mitteil. XIX (1904) S. 259 f.; XX S. 188 f. 

2) Monum. d. Inst. X Tfl. 53; auch das Pendantbild, ebenda, zeigt eine grie- 
chische Schriftzeile. 

3) Die Illustrationen der Terenzhandschrifteny Jena 1905. Die erhaltenen Bilder 
sind gleichwohl natürlich Kopien gemeinsamer Vorlagen. Daher geraten die klei- 
neren gelegentlich an den Rand der Handschrift; so im Ambrosianus bei Bethb 
fol. 68' und 51 ^ Ebenda fol. 10"* reichte der Platz nicht, um acht Figuren auf einer 
Linie nebeneinander zu stellen, und sie werden deshalb im Bogen angeordnet. Auf 
dem Bild Harvard Studies Bd. XIV Tn. 37 ist infolge des Raummangels die Eck- 
figur rechts zur Hälfte verioren gegangen; ein ähnlicher Fall im Codex Rossanensis, 
s. oben S.290 Anm. 1. - Seltsam ist das scheinbar höckerige Terrain, auf dem (und zwar 
schon im Archetyp) die Szenen sich abspielen. Doch ist G. Thiele*s Auffassung (siehe 
Wochenschrift f. klass. Phil. 1906 S. 460f.) gewiß irrig, daß damit eine Gebirgs- 
landschaft angezeigt werden sollte (denn auch im Hügelland kommt es nicht vor, 
daß die Menschen durchweg wie auf Maulwurfshaufen gehn); sondern die Terrain- 
linie folgt deuüich den Stellungen der Füße. Ursprünglich fehlte die Andeutung 
des Bodens wie des Hintergrundes, und die ausschreitenden und gehobenen Füße 
standen im Leeren; dann zog man eine Bodenlinie, und zwar so, daß sie immer 
genau der schrägen oder geraden Stellung der Fußsohlen folgte. Es ist deutlich 
zu sehen: die Haltung der Füße war das prius, weil durch die Handlung gegeben; 
die Bodenlinie schmiegt sich ihnen an: sie mußte daher auf- und abgehen. Man 
vergleiche die Prudentiusbilder im Tafelband Stettiner's. In der Haupthandschrift P * 
fehlt da unter den Füßen die Bodenlinie noch; in anderen wird sie dann in ver- 
schiedener Weise hergestellt. Die Handschrift von Lyon aber (dortselbst Tfl. 111) 
hat bisweilen einen solchen welligen Boden, öfters aber fehlt er noch. Er erweist 
sich auch da als Zutat. 



294 V- ^i® Trajanssflule und das Bilderbuch. 

tionen zum Terenz existierten, aus denen dies oder jenes feinere Motiv 
herobergenommen sein könnte. Keinesfalls aber läßt sich erweisen, daß 
es Texte des Terenz mit Bildern in Rollenform jemals gab. Bestanden 
altere Illustrationen, so bleibt ganz offen, in welcher Anordnung sie be- 
standen. Folgende Überlegungen aber sprechen dafür, daß sie selbständig 
gingen. 

Illustrierte Ausgaben von Dramen sind innerhalb des Rollenbuchwesens, 
wie flott man sie auch postuliert hat, Oberhaupt durch nichts nachweisbar.^) 
Wohl aber sind genug Theaterbilder, besonders als Reliefs, erhalten^, in 
der Art, wie Kalates Komödienszenen als selbständige Bilder malte (comicae 
tabellae: Plin. nat. hist. 35, 37), die also sämtlich ohne Text verständlich 
waren; und der Theaterfries Pompeji's^, der an drei Seiten eines 
Zimmers entlang geführt ist und neun Szenen aus der Tragödie, fünf aus 
der Komödie nebeneinander stellt, zeigt uns überdies, daß man schon vor 
dem Jahr 79 nach Chr. gradezu die Vereinigung solcher Darstellungen 
in Streifenform ohne Text liebte. Diese Streifenform ist eben die des 
entrollten Rollenbuchs, und der Schluß ist hiernach uns auferlegt, daß, 
wenn es damals schon Bücher mit Komödienbildem gab, sie gleichfalls des 
Textes entbehrt haben müssen. Die sechs Dramen des Terenz ergaben 
alsdann sechs Bilderrollen; und dürfen wir uns für das Einzelne von der 
Anschauung der erhaltenen Illustrationen beeinflussen lassen, so enthielt 
jede von ihnen etwa 25 Bilder.^) Das ist aber der Umfang der Josuarolle 
und kann also ev. als Buchinhalt genügt haben. Dafür, daß beim Terenz 
in kontinuierender Darstellung Bild an Bild hing, sind Indizien vorhanden.^) 
Ein Porträt des Terenz konnte damals schon das Ganze eröffnen, und in jeder 
Rolle sah man vorn ein offnes Armarium^) mit Masken, die die Charaktere 
des betreffenden Stücks anzeigten. Endlich brauchten den Figuren auch 
Namensbeischriften nicht zu fehlen; denn dies entsprach der Gewohnheit 

Das Verlangen, den Text mit den Bildern zu verbinden, hat sich da- 



1) Ich kann DlETERiCH nicht zustimmen, wenn er Pulcinella S. 210 an die Be- 
merkung, daß in den griechischen Dramen die Liste der Auftretenden mit irpöcujira 
überschrieben wird, den Satz knüpft: „es hatte nur Sinn, wenn die Masken selbst, 
d. h. ihre Abbildungen folgten*^ Die Mitteilung, daß z. B. im Aiax die „Masken*^ 
Athena, Odysseus, Aias, ein Bote usf. auftreten werden, genügte doch für einen 
Leser, der ein bißchen Theatererfahrung hatte, zur Orientierung vollständig. Wenn 
nun aber in denselben Listen auch „stumme Masken" (Ktüqpd irpöctüTro) aufgeführt 
werden, so verrät die Bezeichnung „stumm" überdies, daß das Wort ttpöcuittov hier 
gar nicht in jener Bedeutung steht, sondern „Person" heißt. 

2) Zusammen besprochen von Dieterich a. a. O. S. 194 ff. 

3) Monum. Inst. XI in. 30-32; Maass, Annali 1881 S. 109 ff. 

4) Im Phormio sind es 25. Übrigens hat der Ambrosianus in den Adelphen 28, 
im Heautontimorumenus 24, in der Hecyra 20 resp. 21. 

5) Dies bemerkte THIELE a. a. 0. S. 462. 

6) Ober diese Armarien siehe oben S. 264. 



Terenzillustrationen. 295 

gegen sicherlich erst im Codexbuchwesen eingestellt. Die erhaltenen Minia- 
turen folgen der Szeneneinteilung der Dramen genau und stellen der 
Regel nach immer jede Szene durch ein Bild vor, indem der Künstler sich 
dabei an die damals schon vorhandenen SzenenQberschriften ängstlich hielt 
und seltsamerweise die Figuren sogar sehr häufig von links nach rechts 
nach der Folge der Namen gruppierte, die sich in jenen Oberschriften vor- 
fand/) Diese Art der Erfindung aber kann nicht alt sein; denn sie setzt 
das Fehlen der Bühnenanschauung voraus. 

Ein Bedürfnis nach illustrierten Exemplaren der Komödien war auch 
gewiß so lange nicht vorhanden, als sie noch lebendig auf der Bühne 
agiert wurden. Oder ist es uns heute etwa ein Bedürfnis, vor jeder Szene 
des Teil oder des Faust ein Bild, das den Fortschritt der Ereignisse jedes- 
mal auf das genaueste wiedergibt, vorgedruckt zu sehen? Es wäre die 
greulichste Pedanterie. Viel reizvoller war es, die Serie der Bilder ab- 
gesondert zu studieren und aus ihr die wohlbekannte Handlung in ihrem 
Verlauf wiederzuerkennen. 

Dazu kommt nun noch der Umfang der Stücke. Es ist nicht gleich- 
gültig, hierauf acht zu geben. Man denke sich den Phormio des Terenz 
mit seinen 1055 Versen als Papyrusrolle. Die Rolle hatte den obligaten 
Umfang und bestand aus etwa 35 Schriftspalten. Gedichtbücher, Unter- 
haltungsbücher waren nie stärker.^) Durch das Hinzukommen von 25 Mi- 
niaturen wäre sie indes fast auf das Doppelte angeschwollen. Ich kann 
nicht glauben, daß das geschehen. Wie unbequem es war, mit dicken 
Rollen umzugehen, darüber brauche ich nach allem, was ich hier vor- 
getragen, nicht mehr zu reden. Daß die Verfasser von mehrbOcherigen Ge- 
dichtwerken dafür sorgten, daß jedes Buch nicht mehr als 1000 Zeilen hielt, 
kann keine zufällige Gepflogenheit sein und muß einen Zweck gehabt 
haben. Grade solche Bücher, die für genießende Betrachtung bestimmt 
waren, mußten leicht und kurz und ihr entfalteter Inhalt rasch zu über- 
blicken sein. 

Nicht anders steht es mit Vergil's Aeneis. Die leider trümmer- 
haften Schedae F geben uns für das in F besterhaltene sechste Buch 
dieses Epos acht Miniaturen. Da aber doch nur der kleinere Teil dieses 
sechsten Buches in F vorliegt^, enthielt dasselbe ursprünglich viel mehr 
und zwar gewiß nicht weniger als 18 Miniaturen. Diese Bilder nehmen 



1) Siehe J, Waston in Harvard Studies XIV S. 107 ff. 

2) Siehe Buchwesen S. 293 ff. und 322 f. Obiger Ansatz betrifft sog. Normal- 
exemplare. Wo die Seite dagegen so wenig Zeilen hat, wie im Herondas, stellte 
sich eine Rolle von 41 Kolumnen her. Vgl. übrigens Augustin, Confess. XI 26, 33: 

metimur spatia carminum spatiis versuum non in paginis ...., sed cum 

voces pronuntiando transeunt et dicimus: longum Carmen est, nam tot versibus 
contexitur, 

3) Nämlich 379 Verse von 901. 



296 V- ^i^ Trajanssäule und das Bilderbuch. 

aber bisweilen ganze Seiten ein. ^) Die vom Dichter so bequem ein^ 
gerichtete Gedichtrolle wäre durch die 18 Bilder ganz ungebührlich ober- 
lastet worden. 

Auf diese Weise angebracht, wären die Illustrationen hier wie doii 
eher Belästigung als Ergötzung gewesen. 

Ich wiederhole, daß es ein Unterschied ist, ob ein Autor seine Schrift 
auf Illustrierung von vorne herein einrichtete und den Umfang ihres Textes 
selbst darauf bemaß - dies ist oben besonders für Lehrschriften nach* 
gewiesen und ließe sich auch für Vergirs Georgica, gleichfalls eine Lehr- 
schrift, vermuten*) — oder ob der Text erst nachträglich damit ausgestattet 
worden sein soll. Das letztere ist innerhalb des Rollenbuchwesens 
nicht nachweisbar, und alle Hypothesen, die das ansetzen, entbehren 
des Haltes und erwecken begründetes Mißtrauen. 

Sehr richtig hat vor Jahren schon Victor Schultze bemerkt*'^: die 
Rollenform des Buchs erschwerte die Einführung der Malerei in den 
Text; erst die Ersetzung der Rolle durch den Codex schuf darin Wandel; 
aber ein organischer Zusammenhang ist auf diesem Wege nicht erreicht 
worden. In der Tat: man sehe sich nur z. B. eine Bilderhandschrift des 
Prudentius an. Die Kontinuität der Schrift, d. h. die Lesbarkeit des Ge- 
dichtes selbst wird durch die eingeschobenen Zeichnungen überall auf das 
Kläglichste zerstört. 

Das bestbezeugte Beispiel für Bilderrollen sind nun Varro's Imaginum 
libri, eine auf 15 Volumina verteilte große Porträtgalerie*), die auch Heb- 
domades hieß; denn eine Gruppierung zu je sieben Figuren wurde darin 
durchgeführt. Wie der Titel anzeigt, waren auch hier die Bilder die 
Hauptsache; doch standen Epigramme (vgl. das Perobild Pompeji's) oder 
auch Notizen in Prosa ^) beigeschrieben. Das nämliche Verfahren wandte 
Atticus an, ut sub singulorum imaginibus facta . . . non amplius quaternis 



1) In der Bilderrolle, die ich ansetze, füllten diese Bilder natürlich gleichfalls 
je eine Seite; von den kleineren können je zwei auf einer Seite untereinander g^e- 
stellt worden sein; vgl. die Ambrosiustür in Mailand, oben S. 290. 

2) Die wenigen Bilder zu den Georgica lassen allerdings ein Urteil nicht zu. 
Doch sind die Georgicabücher durchweg halb so umfangreich wie die der Aeneis 
(500-570 Zeilen) und daher vielleicht von vorn herein von Vergil selbst auf 
Illustrierung berechnet. Ich beziehe mich auf das Urteil PlERRB DB Nolhac*s, 
wonach die erhaltenen Miniaturen dieses Werks eine andere und feinere, eine klassi- 
schere Kunst zeigen als die Aeneisbilder. Sie können ganz wohl aus Original- 
ausgaben des Dichters selber stammen. Das stimmt zu Nikander (oben S. 285). 

3) V. ScHüLTZE, Die Quedlinburger Itala- Miniaturen (1898) S. 1. 

4) Von dem Relief, das man mit Varro's Imagines in Zusammenhang brachte, 
abgebildet in Abhandl. sächs. GW. Xll Tfl. 5, 8, sehe ich hier ab. 

5) Letztere vornehmlich im ersten Buch, das, wie man ansetzt, weniger Bilder 
enthielt, also für Auseinandersetzungen mehr Raum bot; vgl. Qell. 3, 10, 1 u. 3, U. 



f:' 



Vergil; Varro's Imagines. 297 

c* quinisve versibus descripsenO) Also für vier bis fünf Zeilen war unter 

-'^ jedem Bilde Raum. 

Das Varronische Werk hat vielleicht noch später Einfluß geübt. Eine Epitome 
;- zu 4 Büchern, in der mutmaßlich die interessantesten Figuren zusammengefaßt waren, 
g-ing" daneben um. Porträts, die auf späten Monumenten wie auf dem Trierer Mosaik 
des Monnus auftauchen, könnten auf das Werk zurückgehn. -) Vor allem aber sind 
die zwei Hebdomaden von Ärzten im Wiener Dioskurides wie ein Anklang 
an Varro in später Zeit Danach wäre nun das Arrangement der Hebdomaden bei 
Varro eine ganz schematische Anordnung zu je sieben auf einer Blattfläche ge- 
wesen, und zwar in Kegelform: zu oberst eine Figur en face; darunter am 1. und 
r. Rand der Fläche entlang je drei, die wieder ohne Überschneidung untereinander 
stehn oder sitzen und alle im Profil nach innen schauen. Zur Rekonstruktion des 
weiteren Details dagegen lassen sich die erwähnten Miniaturen sicher nicht benutzen 
(oben S. 122). 

Woher aber bezog Varro seinerseits diese Bildermassen? Er wird sie, 
soweit es anging, wieder aus Büchern genommen haben. ^) Was da ver- 
streut war, trug er zusammen und ließ das Fehlende hinzuerfinden. 

Wichtiger ist eine andere Frage. Setzt etwa Plinius, wo er diese Dinge 
berührt, voraus, daß die genannten Werke des Varro und Atticus über- 
haupt die einzigen Vertreter des Bilderbuches waren, die er kannte? Keines- 
wegs. Denn Plinius kommt nat. bist. 35, 11 erstlich und beiläufig deshalb 
auf Varro zu sprechen, weil er hervorheben will, daß durch das Verviel- 
fältigen und buchhändlerische Versenden solcher Bilderwerke die Porträtier- 
ten allgegenwärtig wie die Götter schienen, da alle Provinzen des Reichs 



1) Nepos 25, 18, 5. Es liegt daher nahe, das Volumen De imaginibus des- 
selben Atticus, das Plinius erwähnt, eben als solche Porträtsammlung zu fassen. 
Die Präposition de bei Plinius {edito de iis volumine) steht ebenso wie bei Qellius 
3, 10, 1: hebdomades vel de imaginibus; vgl. Gell. 17, 19, 2: libri de dissertatio- 
nibus und die ßißXia ircpi tubtüv oben S. 285 Anm. 2. 

2) Auch was bei Gellius 3, 4, 3 über bartlose Porträts steht, könnte hierher 
gehören. 

3) Hier ist der Ort an Horaz Sat. I 4, 21 zu erinnern; daß die imago eines 
Dichters zu Horaz' Zeit schon sein Buch selbst schmückte, besagt diese Stelle frei- 
lich nicht. Es heißt: beatus Fannius ultro delatis capsis et imagine, wo deferre 
nur „zum Verkauf ausbieten'* heißen kann, capsae sind die Schachteln voll Rollen ; 
die imago steht neben diesen Schachteln, scheint also separat zur Reklame aus- 
geboten. Doch ließe sich auch vermuten, daß hier imagine wie bei Properz II 13^, 19 
für imaginibus steht und daß Fannius Bilderbücher herstellte und verkaufte. Ein 
Dichter Fannius ist nicht bekannt, wohl aber ein Mann ungefähr jener Zeit, der mit 
Buchwesen und Papierfabrikation selbst viel zu tun hatte; das ist der Fannius bei 
Plinius nat. hist. XIll 75 und 78 mit seiner sagax officina, der eine neue Sorte 
Charta herstellte und ihr den Namen Fanniana gab. Der war der geeignete, um 
capsas und imagines auszubieten, und er war offenbar so bekannt wie sein Papier. 
Horaz würde demnach sagen: „der bekannte Fannius ist reich geworden, indem er 
seine Produkte, die Bilderwerke in den Capsae, selbst ausbot; ich dagegen mag 
meine Gedichte weder öffentlich vorlesen noch käuflich als Lektüre in die Menge 
geben*'; verstehe: cum mea nemo scripta emat legenda; nam etiam publice recitare 
ea timeo neque vero venalia defero. Dem Horaz kam es hier nicht darauf an, 
einen Dichter zu nennen, sondern irgend einen Mann, der sein Buchfabrikat öffent- 
lich feil hielt; zu ihm steht er im Gegensatz. 



298 V* Di® Trajanssflule und das Bilderbuch. 

sie kauften: eine Erwähnung, die für die Kenntnis des Vertriebes von 
* Bilderbüchern überhaupt von Wichtigkeit ist. Vor allem aber erwähnt 
Plinius an der zitierten Stelle dies Werk nur deshalb, weil es eben Porträts 
enthielt. Denn er handelt dort ausschließlich nur von der Geschichte der 
Porträts und ihrer Verbreitung. Andere Illustrationszwecke gehen ihn hier 
nichts an. Diese Erwähnung setzt also nicht etwa voraus, daß es sonst 
keine Rollen, die Malereien enthielten und so auch, vervielfältigt wurden, 
gegeben hätte. 

Ein später Nachkomme und Erbe Varronisch-philologischen Geistes ist 
es dann, bei dem wir solchen Büchern wieder begegnen. Man lese die 
groteske Erzählung des Martianus Capella II 138: 

Die Philologie soll den Merkur heiraten. Durch Erbrechen ^) gibt sie zuvor, um 
bräutlicher zu erscheinen, eine Fülle von Büchern von sich. Die Musen Kalliope 
und Urania sammeln die unzählbaren in ihrem Schoß. Von diesen volumina heißt 
es dann in genauer Ausführung: in aliis quippe distinctae ad tonum ac deductae 
paginae, in aliis circuli lineaeque hemisphaeriaque cum trigonis et quadratis multi- 
angulaeque formae protheorematum vel elementomm diversitate formatae, Dehinc 
pictura animalium membra multigenum in unam speciem complicabat Zu diesen 
drei Gattungen kommen dann noch Musikbücher: qui sonorum mela signaque nume- 
rorum et cantandi quaedam opera praeferebant. 

Diese „bibliothecalis copia'^ wie der Verfasser es nennt, mit der allein 
die Philologie, d. h. die höhere Bildung, es zu tun hat, zerfällt also in vier 
Gruppen. Gewöhnliche Texte sind gar nicht darunter, sondern an erster 
Stelle nur solche griechische Textausgaben, in denen die Accentschreibung 
durchgeführt war {ad tonum distinctae) ^ an vierter Stelle Rollen mit Ge- 
sangnotenschrift (und Text; vgl. cantandi opera). Die anderen zwei Gruppen 
dagegen sind offenbar lediglich Bilderbücher ohne Text, höchstens mit er- 
klärenden Beischriften. Denn vom Text wird nichts gesagt, sondern als 
Inhalt nur angegeben bei den mathematisch-astronomischen, man sah circuli 
und hemisphaeria usf. - dies waren also Zeichnungen; endlich bei den 
zoologischen Büchern: man sah eine einzige langgestreckte Malerei (pictura)^ 
die die Glieder aller Gattungen von Lebewesen nebeneinandergestellt zu 
einem Bilde vereinigte {species heißt „Bild''; complicabat ist anschaulich 
vom Zusammenrollen des Bilderbuches gesagt). 

Man sieht, daß in der „bibliothecalis copia*' Textbücher nur ein Viertel, 
Bilderbücher dagegen ungefähr die Hälfte des Bestandes ausmachen. Und 
von jeder Sorte gab es viele; denn Martianus Capella nennt die volumina 
innumera. 

Trümmer sind uns davon noch erhalten. Die Himmelssphäre nach 



1) Zu dieser Erfindung vom Vomieren von Buchrolien habe ich schon in Ant 
Buchwesen S. 121 Anm. eine Analogie gebracht. Ferner schrieb M. Antonius ein 
Buch de sua ebrietate, wovon Plinius nat. hist. 14, 148 sagt: id volumen evomuit 
Aber schon der Prophet Ezechiel hat ein Schriftstück verschlungen und gibt es 
wieder von sich, 3, 1-3; vgl. Prudentius Apotheos. 595. 



Mathematische, astronomische Bilderserien ohne Text. 299 

Arat ist in allen lateinischen Handschriften astronomischen Inhalts, in denen 
sie vorliegt, deutlich so eingetragen, daß man sieht: sie war nicht mit dem 
sonstigen Inhalt der Handschriften zusammen überiiefert.^) Sie ging 
selbständig. 

Aber auch der Bildercodex des Germanicus in Leiden, des 9. Jahrb., 
bezeugt dasselbe. Denn er ist keine eigentliche Texthandschrift, sondern 
die Bilder sind in ihm die Hauptsache, und der Text ist nur als Erläute- 
rung hinzugefügt. ^) Dies weist auf ein antikes Rollenbuch mit mindestens 
44 Bildern zurück, das direkt oder indirekt in die Hände des karolingischen 
Miniaturenmalers gelangt sein muß. 

Man kann Bethb nur zustimmen, wenn er bemerkte^), daß schon Arat 
selbst dereinst seine Himmelsbeschreibung nur nach solchen Bildern, wie 
sie in den Miniaturen vorliegen, hat geben können: so anschaulich ist alles 
bei ihm, ob er den Krater vorführt oder die Hydra oder den Fuhrmann 
oder irgend eine andere Gestalt. Wenn aber Bethb daraus folgerte, daß 
bereits Arafs Vorlage, das Lehrbuch des Eudoxos, solche Bilder enthielt, 
so ist das wiederum weder zwingend noch wahrscheinlich. Vielmehr zeigt 
uns ja manche Szene auf Reliefs und auf anderen Bildwerken, daß die 
Muse Urania den Dichter, der sich astronomischen Dingen widmet, am 
Globus unterrichtet. Der Globus gab die Anschauung; er gab die Stern- 
bilder ohne Text.^) Ganz ebenso hatte man nun aber auch, wie gezeigt, 
dieselben Bilder in Büchern ohne Text oder doch nur mit Beischriften. 
Und wenn Cicero und andere den Arat übersetzten, so können auch sie 
sich die nötige Anschauung eben daher verschafft haben. 

Für die Pflanzenkunde aber wissen wir das gleiche durch Plinius nat. 
bist. 25, 8. Drei Griechen waren es nach Plinius, Krateuas, Dionysios 
und Metrodoros, die die Pflanzenkunde im Unterschied vom gewöhnlichen 
Herkommen ratione blandissima lehrten: pinxere nempe efflgies herbarum 
atque ita subscripsere effectus; d. h. während man sonst die Pflanzen be- 
schrieb, traten hier einfach die kolorierten Bilder an die Stelle, und nur 
die medizinischen Wirkungen derselben wurden unter jedem Bild angegeben. 
Dazu genügten, wie bei Atticus, vier bis fünf Zeilen. Aber diese Bilder- 
werke bewähren sich nicht, fügt Plinius hinzu. Denn die Farben geben 
doch die wirkliche Färbung nie in genügender Genauigkeit wieder, und 
dazu kommt, daß beim Kopieren der Bilder Irrtümer unterlaufen (degenerat 
transcribentium fors varia)f und wer bloß nach solchem Bilderbuch Pflanzen 



1) G. Thiele, Antike Himmelsbiider S. 163 f. 

2) Thiele a. a. O. S. 80 f. 3) Rhein. Mus. 48 S. 96. 

4) Und die Verwendung des Globus ist alt; auf Reliefs am Grabe des Isokrates 
finden wir bei Ps. Plutarch Vit. X or. p. 838: kqI rop^iav elc ccpalpov dcTpoXoTiKfiv 
ßX^TTOvra. 



300 



V. Die TrajanssAule und das Bilderbuch. 



sammeln will, kann sich darum leicht täuschen. Somit wurden auch diese 
Bilderbücher, wie Varro's Imagines, was sich übrigens von selbst versteht, 
durch Kopisten verbreitet und kamen in den Buchhandel. Krateuas aber 
gehörte der ersten Hälfte des 1. Jahrh. vor Chr. an, und sein Werk war 
also noch älter als das Varronische. 

Nun haben wir Pflanzenbilder im berühmten Wiener Dioskurides er- 
halten. Besteht die Vermutung zu Recht, daß diese antiken Bilder z. T. aus 

Krateuas selbst ausge- 
hoben sind^), so ergibt 
sich zwischen dem Wie- 
ner Dioskurides und Kra- 
teuas dasselbe Verhältnis 
wie zwischen dem Okta- 
teuch von Watopädi und 
der Josuarolle. Die Bil- 
derrollen der klassischen 
Zeit wurden von den Illu- 
minatoren der Codices 
für ihren Zweck exzerpiert. 
Ein mindestens eben- 
so wertvoller Zeuge ist 
aber, wie Text und Bilder 
erweisen, der Codex Nea- 
politanus N desselben 
Dioskurides. Während in 
der soeben besprochenen 
berühmteren Handschrift 
jedes der Pflanzenbilder immer ein ganzes Blatt ausfüllt, stehen sie in N 
durchweg nur auf den oberen Hälften der Seiten, der Text dagegen durch- 
weg auf den unteren. Dies ist aber das Echte. Denn dies ergibt jene 
Kontinuität der Bilderfolge, wie sie in der Buchrolle einst bei Krateuas be- 
stand.*) Es ist die Art der Übertragung, die wir ähnlich auch an der 
Wiener Genesis beobachtet haben. 

Eine der Dioskuridesminiaturen aber gibt uns noch in das Verfahren, 
wie im Altertum Illustrationen gemacht wurden, den offensten Einblick. Unsre 
Abb. 178 gibt das Bild hier wieder nach 0. Jahn in Abhandl. d. sächs. GW. 




Abb. 178: Dioskurides. 



1) Siehe Wellmann in Abhandl. der Göttinger GW. Bd. II Heft 1 (1897) und 
A. V. Premerstein im Dioskurides, herausgegeben von Karabacek, Einleitung S. 60f.: 
nicht etwa alle, sondern nur die besseren Abbildungen, resp. die Bilder solcher 
Pflanzen, die auch im Index herbarum derselben Handschrift aufgezählt werden, 
gehen auf Krateuas zurflck. 

2) Siehe ed. Karabacek, Einleitung S. 275. 



Pflanzenbiiderrolien. Kunstmalerei auf Papyrus. 301 

XII Tfl. 5, 9; vgl. Schreiber's Bilderatlas Tfl. VIII 3. Jeder, der von Illustra- 
tionen handelt, müßte eigentlich hiervon ausgehen.^) Eine dreifigurige Szene. 
Rechts sitzt Dioskurides selbst und schreibt seinen gelehrten Text im Codex; 
er senkt dabei die Augen aufs Blatt, ist also an der weiteren Handlung 
nicht beteiligt. In der Mitte steht eine allegorische Frauengestalt, die 
HeuresiSf und hält eine Pflanze (Mandragora) als Modell zum Abzeichnen 
vorgestreckt. Links aber sitzt der Maler, hat auf dem Staffeleibrett ein 
großes Blatt in Querformat ausgespannt und malt darauf die Pflanze ab, 
auf die er mit Drehung des Kopfes eifrig blickt. Also zwei getrennte 
Handlungen: Dioskurides beschreibt die Pflanze im Buch, der Maler zeichnet 
dieselbe separat auf einem großen Blatt Daß nun Dioskurides im Codex 
und nicht in der Rolle schreibt, ist Modernisierung (s. oben S. 122). Jeden- 
falls aber werden die Miniaturen nicht in den Text eingetragen, 
sondern gehen für sich. Dies ist evident, dies war das Verfahren 
des Altertums, und daran hat der Buchillustrator, dem wir dies Bild ver- 
danken, obschon sein eignes Verfahren ein andres war, nichts zu ändern 
gewagt. 

Klebte man nun also eine Anzahl von solchen Einzelbildern, wie man 
sie hier entstehen sieht, aneinander, so hatte man eben die Bilderrolle, 
von der ich handle. 

Die bisher verwendeten Zeugnisse ergaben nur Porträtsammlungen 
sowie Bilderrollen für Lehr- und Lernzwecke. Aber auch dafür, daß die 
malende Kunst, die nur als Kunst betrachtet sein wollte, sich der Papyrus- 
rollen bediente, fehlt es nicht an weiteren Zeugnissen. 

Ich denke an Hero, der ein lang gestrecktes Gemälde von Meer und 
Himmel erwähnt, also ein Seestück, das einen ganzen chartes füllte und 
zusammengerollt aufbewahrt wurde wie unsere Landkarten. Damit solches 
Bild sich ausgezogen halten und als Ganzes betrachten ließ, wurde an 
dem einen Ende ein Rollenstab festgeklebt; sollte es aber als Hintergrunds- 
prospekt im Automatentheater dienen, alsdann mußte dieser Stab entfernt 
werden (oben S. 228 f.). Hero betrachtet solchen Papyrus nicht etwa als 
etwas Außergewöhnliches; er wurde auch nicht etwa nur extra für das 
Puppentheater so hergestellt; denn sonst wäre es unnötig gewesen, den 
Rollenstab erst festzukleben, der für den Bühnenzweck doch wieder ab- 
geschnitten werden mußte. Sondern eS war etwas ganz Verbreitetes, daß 
die Maler in Rollen malten, und solche Rollen hatten, wie gesagt, einen 
festen Umbilicus, im Unterschied von den Textbüchern. 

Von einigen alten Malern wie Parrhasius bewahrte man Entwürfe in membra- 
nis auf. Das Pergament, gewiß auch in Rollenform (s. S. 219 u. 20 Anm.3), 



1) Die beste Wiedergabe in Karabacek's Dioskurides foU 5^ (dazu Text 
S. 221). 



302 ^' ^i® Trajanssäule und das Bilderbuch. 

bewirkte, daß solche Originalzeichnungen sich länger erhielten. Der Um- 
stand aber, daß uns Plinius 35, 68 dies besonders mitteilt, beweist wieder, 
daß auf Pergament sonst selten gemalt wurde. ^) Nur Charta kann also 
sonst derartige Entwürfe getragen haben. Eine Notiz in einem Leidener 
Papyrus des 3. oder 4. Jahrh. besagt, daß Goldmalerei (xpucoTpaq>ia) 
nicht nur auf Charta oder Membrane (im x^P^ou f\ bi<p9dpac), sondern 
auch auf Stein möglich sei.^ Noch im 3. oder 4. Jahrh. n. Chr. steht also 
für Malzwecke die Charta an erster, die Membrane an zweiter Stelle. Nun 
aber ist es allein schon zum Verständnis der campanischen Wand- 
dekorationen notwendig anzunehmen, daß die Lokalmaler in Pompeji und 
Herculaneum Sammlungen von Vorbildern, nach denen sie arbeiteten, daß 
sie KopierbQcher besaßen. Ihre Sachen gehen im Gesamtentwurf oder 
auch nur in Einzelmotiven oftmals auf berühmte Tafelbilder, auf originale 
Vorlagen zurück, die sich fem von Pompeji befanden. Und will man auch 
ansetzen, daß sie alles direkt aus Neapel bezogen, so mußten dann doch 
die Neapler Maler selbst im Besitz solcher Kopierbücher sein, die den 
Austausch in der weiten griechischen Künstlerwelt vermittelten. Diese 
Zeichen- und Malvorlagen müssen ferner käuflich oder doch versendbar 
gewesen sein; und solches Versenden wird auch wirklich erwähnt '"O; denn 
die wenigsten Künstler konnten sich selbst auf eignen Kunstreisen solche 
Sammlungen anlegen. Das Vervielfältigen von Bilderbüchern nach Art der 
Textkopien ist uns ja durch Plinius sowohl für Varro's Imagines wie für 
die Pflanzenbücher bezeugt (s. S. 297 f. u. 300). Auch gemalte Porträts Cara- 
calla's (eiKÖvec iv TPa<pctic) wurden vervielfältigt, nach Herodian IV 8, 2. Wir 



1) Die erste Miniatur auf Pergament erscheint bei Martial XIV 186; darüber 
s. oben S. 287 Anm. 1. In der Stelle bei Galen III S. 776 K., wo er von Blendung 
des Auges handelt, ist von Malerei nicht die Rede; sie lautet: .... dva)Lii^vf)CK€iv c€ 
ireipdcoiLiai irpürrov \iiy tuiv YPCiqp^iwv, xal ^idXicö' öxav ^v XcukqIc öiq)9^paic TP<5^<puiciv, 
lijc Kd^vciv ^(]i&(u)c aOxOuv tV)v Ö^jiv, el iravTdiraciv dßor]er]Toc eXr] • tqöt * dpa irpo^nBou- 
^€voi Kuavd T€ xal cpaid irapaTiOcvrai xpih^aTa irpöc ft cuv€xuic diroßX^irovrcc äva- 
TraOouci Tdc 6\\f€ic. Der Schlußsatz kann, wie schon S. 25 angegeben, nicht auf 
das Aufsetzen von dunklen Farben gehen, was an und für sich seltsam und auch 
für den Zweck nicht ausreichend gewesen wäre, sondern nur auf dunkle Blattflächen 
oder Zeuge, die man in die Nähe legte, um zeitweilig darauf zu blicken. Denn 
irapaTieccOai heißt „daneben legen*^ So Aberziehen wir unsern Schreibtisch, auf 
dem die weißen Papiere liegen, gern mit dunkelgrünem Stoff, weil dies das Auge 
erholt. Übrigens ist auf Kai ^dXicra acht zu geben: die Arbeit der TPO(p€tc kann 
auch sonst für das Auge angreifend sein, „besonders** aber, wenn sie auf weißer 
Membrane schreiben. Daß dieser Beschreibstoff etwa von ihnen vorzugsweise ge- 
braucht worden wäre, ist damit also durchaus nicht ausgesprochen. 

2) Pap. Graeci Mus. Lugduni Bat. ed. Leemanns II (1885) S. 231 Z. 11. Daß 
die xP^coTpacpia nur der Membrane zukomme, wie ich früher glaubte (vgl. Blau 
S. 158 f.), ist also falsch. Wessely, Wiener Stud. XII S. 259 äußert sich zweifelnd. 

3) Das Versenden von Bilderentwürfen (zum Zweck der Kopie) bezeugt Paulinus 
Nolanus epist. 32 p. 285 u. 291 ed. Hartbl. Vgl. übrigens Mantuani im Dioskurides 
ed. Karabacek S. 242. 



Kopierbflcher der Maler. Bilderchroniken als picturae, 303 

können nur annehmen, daß auch die KopierbOcher der Künstler Papyrus- 
rollen waren, da ein so ausgedehnter Gebrauch der Membrane bis in das 
3. Jahrh. nach Chr. nicht nachweisbar ist. 

Mythologische Gegenstände aber herrschten in diesen Bilderrollen vor. 
Das waren also dieselben Musterbücher mythologischen Inhalts, nach denen 
man bald nach Pompeji's Verschüttung auch die Sarkophage zu schmücken 
begann. Man blicke auch auf die Basis Casali im Belvedere.^) Sie ist 
mit solchen Mythologemen dreiseitig umwickelt, und zwar in Streifenform. 
In dieser Streifenform verrät sich das Musterbuch; an zwei Seiten drei, an 
einer sogar vier Streifen übereinander: sie enthalten Bilder aus der troja- 
nischen und aus der Gründungssage Roms. Da sieht man Exzerpte aus 
solchen Büchern, an die ich denke. 

Auch die Ilischen Tafeln waren sichtlich von ihnen beeinflußt, und auch 
sonst wußten gelehrte Männer sich solcher Bilderbücher zu bedienen. Schon 
Michaelis hat in den ÜAHN'schen Bilderchroniken S. 89 ff. auf ein Zeugnis 
hierfür hingewiesen. Danach ist es von Maass in seinen Tagesgöttern 
S. 251 f. besprochen. Es sei hier mitgeteilt. Der Verfasser der Her- 
meneumata Leidensia^) vom Jahre 207 n. Chr. schickt sich an, Hygin's 
„Genealogia'' für seine Schüler auszuziehen und griechisch zu über- 
setzen; zu dieser Mühewaltung bemerkt er einleitend, Corp. gloss. lat. III 
56, 33 ff.: 

sed in hoc (sc. libro) enint eorum (sc. deorum) enarrationes licet non 
omnes , . . . picturae igitur huius laboris multis locis dant testimonium; nam et 
grammatici artis eius (sc. picturae) non solum laudant ingenium (n^v cCiqputav) sed 
et utuntur. Fabulae quoque pantomimonim inde accipiunt laudem et testantur in 
saltatione vera esse quae scripta sunt (toi f€.ypa\i\ilva), D. h. „Für die Beschäf- 
tigung mit der Mythologie {labor) geben auch die Malereien an vielen Plätzen (/oci) 
Zeugnis; denn auch die Philologen loben die fruchtbare Erfindungsgabe {ingenium) 
der Malerei nicht nur, sondern sie bedienen sich ihrer auch. Auch die Pantomimen- 
tänze werden wegen ihres mythologischen Inhalts gelobt, und sie vergegenwärtigen 
das als wirklich, was überliefert wird.*' 

Der Verfasser sagt also nicht, daß er etwa sein geringes Lehrbuch 
selbst mit Malereien versehen wolle, sondern hebt nur, um seinen schwie- 
rigen mythographischen Gegenstand zu empfehlen, hervor, daß ja auch der 
allbeliebte Pantomimus von solchen Fabeln lebt, ebenso auch die Malerei. 
Die Malereien aber loben die Grammatiker nicht nur, sondern bedienen 
sich ihrer auch. Dies hat Michaelis überzeugend darauf gedeutet, daß man 
im Jugendunterricht für reifere Knaben solche Bilderserien, wie sie in den 
Tabulae Iliacae vorliegen, wirklich zeigte und vorlegte: allerdings aber nicht 
als Tafeln, sondern als gemalte Bilderserien: picturae. Der Verfasser der 
Hermeneumata Leidensia selbst fühlt sich nur als Elementarlehrer; daher 



1) Abbildung in den M^langes d'arch. et d'hist. Bd. 23 (1903) S. 27 ff. 

2) Der sog. Dositheus magister. \ 



304 V- ^i^ Trajanssäule und das Bilderbuch. 

sagt er nicht: Wir Grammatiker bedienen uns der Malerei, sondern: „die 
Grammatiker bedienen sich ihrer.'' Diese Ausdrucksweise macht deutlich, 
daß sein eignes Lehrkompendium nicht illustriert war. 

Leider besitzen wir für diese mythologischen Bilderrollen keine Belege 
mehr. Und doch! Ein solcher Beleg sind gewissermaßen Philostrat's Ge- 
mälde (€iKÖv€c). Auch die Gemälde Philostrat's sind, wie er ausdrücklich an- 
gibt, für Knaben bestimmt, aber in der Buchrolle werden die Bilder hier nun 
durch Bildbeschreibungen des Sophisten ersetzt Erst im Zusammenhang 
unsrer Betrachtung kann das merkwürdige literarische Unternehmen Philo- 
straf s richtig aufgefaßt werden. Er ersetzte das geläufige Bilderbuch durch 
eine Sammlung von Ekphrasen, die an Wirkung die Bilder noch über- 
trumpfen sollen. Solch Bilderbuch enthält demnach 31 oder 34 Nummern. 
Es gab Pinakotheken auf gerolltem Papier. 

Auch wir zeigen heute in den Schulklassen, beispielshalber im bibli- 
schen Geschichtsunterricht, nicht gern illustrierte Bücher, sondern lieber 
selbständige Bilder. Man sieht, dieser Anschauungsunterricht ist sehr alt, 
und er wurde auch noch auf andere Materien angewandt. Denn derselbe 
Kinderlehrer und Hermeneut macht noch eine zweite die Malerei betreffende 
Äußerung, die Michaelis a. a. 0. gleichfalls besprochen, aber weniger glück- 
lich beurteilt hat. Auch Tierfabeln will der Lehrer seinen Schulkindern 
erzählen und leitet das, zweisprachig, lateinisch und griechisch, folgender- 
maßen ein, Corp. gloss. ni 39, 49ff.: 

nunc ergo incipiam fabulas scribere Aeso- vOv oGv dpHofnai fnOGouc TP<i<P£tv Alcufiriouc 

pias et subiciam exemplum. kqI dtrordEui {firöbeiTMa' 

per eum enim picturae constanU h\ä toOtov ydp al 2:u)Tpaq>{bec cuv- 

^CTTlKaV. 

sunt enim valde necessariae ad utili- elclv fäp X(av dvaTxaiai trpöc ibq>^X€iav 

tatem vitae nostrae, toO ß(ou i\\iC)v. 

primo ergo loco fabulam incipiam de irpubTip oöv TÖmp |liö6ov dpEojLiai änö 

cervo, ^Xdqpou. 

Hier tauchen also farbige Bilder zu den äsopischen Fabeln auf. Aber 
der Wortlaut ist unsinnig. Ich meine das subiciam exemplttm; denn ob 
wir exemplum mit „Beispiel" oder etwa mit „Bild" übersetzen wollen, immer 
würde doch der Plural exempla notwendig zu fordern sein. Daß aber die 
Obersetzung „Bild" nicht zulässig ist, beweist schon das griechische uttö- 
b€iT|Lia. Dieser griechische Text stimmt genau überein und verbietet uns 
gewaltsamere Änderungen vorzunehmen. In der Tat ist m. E. nur ein 
kleines Wörtchen ausgefallen. Man vergleiche Sueton Tiber c. 21: ex 
quibus (sc. epistulis) in exemplum pauca hinc inde subiecL Dies subicere 
in exemplum weist den Weg; auch unser Hermeneut schrieb ohne Zweifel 
subiciam in exemplum,^) Und alles ist klar. Ich übersetze: „Jetzt will ich 



I) Auch Ovid braucht Fast. 4, 243 in exemplum» 



Philostnit. Tierfabeln in Bildern. 305 

also einige äsopische Fabein aufzuschreiben anfangen und sie in Aus- 
wahl hinzufügen [in exemplum subiciam). Denn durch Äsop {per eum) 
haben wir ja auch die gemalten Bil- 
der."') Und wir entnehmen nunmehr die- 
ser kurzen Äußerung mit Sicherheit, daß 
der Verfasser Sammlungen solcher farbigen 
Bilder, die Tierfabeln darstellten und die 
nach Asop benannt wurden, als allgemein 
bekannt voraussetzte. Ja, diese Bilder be- 
zeichnet er als notwendig fOr's Leben (liva- 
TKaTcii ktX.) und erzahlt die Fabeln offenbar 
zu ihrer Erklärung; denn sonst würde er 
die Bilder schwerlich erwähnen. Daß auch 
sie ohne Text umgingen und in den SchuU 
klassen gezeigt wurden, ist gewiß möglich. 
Nur möglich? Nein, die langen Tier- 
bilderstreifen au! der „Tapisserie de Bayeux", 

die aus dem Altertum stammen, erweisen .1 

es als tatsachlich. Auch da erzählen die \ 

Tiere, Bild an Bild, ohne Text*) Und auch ; 

Ägypten hilft. Reste von Tierszenen satirischen j 

Charakters auf Papyrus tagen schon in Turin i 

und London vor'); neuerdings ist ein weiteres J 

Fragment von 1 2 cmBlatthahe von Bruosch-Bev i 

veröffentlicht worden'), dessen Nachbildung ^ 

ich unter Abb. 179 hier einfüge; man sieht ! 

Katzen, die einer Ratte den Hof machen, i 

einen Schakal als Hirten oder Mitchtrager u.a. 
Die Zeichnung ist buntfarbig. An solche 



1) Das per eum geht selbstversiandücli auf 
Asop. Aus dem Adjektiv Aesoplae wird der 
Name Aesopus herausgenommen, ganz in der- 
selben Welse, wie es bei Plaulus heißt, Casina 
11 f{.: 

Nos postquam populi rumore inlelleximus 
Studiose expelere vos Plaulinas fabulas, 
Antlquam eius edimus comoedlam. 

Wie hier eius zu Plautinae fabulae, so verhalt 

sicii per eum zu Aesopiae fabulae. 

2) s. Thiele, Der illustrierte lal. Aesop S. 36 f. 

3) PRISSE D'AvENNES, Hist. de l'art. 6g. II 
Tfl. 25; vgl. Maspero a. a. 0. S. 161. 

4) Zeitschritt f. ig. Spr. 35 S. 140. 

Bit), Die Buchiollc in der Kunxl. 



306 ^' ^1^ TrajanssAule und das Bilderbuch. 

Bilder ohne Text, die in jeder Sprache verständlich sind, dachte also auch 

unser Schulmeister.^) 

Aus so versteckten Winkeln der Literatur entnehmen wir, was die 

großen Autoren vornehm verschweigen. Für die Helden- und für die 

Tierfabel sind die Nachweise hiermit erbracht; und es fehlen nur noch die 

Geschichtsbücher in Bildern, die eigentlichen Historien. Das Suchen nach 

ihnen führt uns zu unserm Ausgangspunkt zurück. Denn für sie sind eben 

Trajanssäule und Marcussäule die mächtigen Zeugen, die an der Straße 

stehen und an denen niemand vorbeikommt, ohne sie wahrzunehmen. 

Was in diesen beiden Fällen in Marmor ausgeführt wurde, blieb bei Kaiser 
Maximin in den Anfängen stecken. Maximin ließ seine Besiegung der Germanen 
in gewaltigen Schlachtenbildern malen (Tpacpf^vat ^cxtcraic cIköci) und in seiner Ab- 
wesenheit in Rom vor der Kurie aufstellen (Herodian VII 2, 8): ein Kriegsbulletin in 
Bildform, das aus dem Feldlager kam. Es gelang ihm aber nicht in Rom als 
Sieger einzuziehen, und so blieb es bei diesen Malereien. 

Es ist wohl selbstverständlich, daß für die Ausarbeitung des Riesen- 
reliefs der Trajanssäule, wie Petersen ansetzt, erst zeichnerische Entwürfe 
vorgelegen haben müssen. Dieser zeichnerische, übrigens aber gewiß auch 
kolorierte Entwurf muß dann doch aber auch seinerseits einheitlich gewesen 
sein, er muß schon das Ganze umfaßt haben. Er konnte also auch wieder 
nur Buchform, er konnte nur dieselbe Rollenform haben, die die Säule 
nachahmt. Dasselbe gilt von den ähnlichen Fällen bis zur Bernward- 
säule. 

Sollen wir nun annehmen, daß nach Herstellung der Säule der Ent- 
wurf vernichtet wurde? daß die Bildererzählung von Trajan's Großtaten nur 
auf dem einen hochgereckten Monument zu sehen war, dessen obersten 
Teil doch kein Auge erreichte? Das meiste Detail wäre da verloren ge- 
wesen und für nichts erfunden worden. loh bin weit entfernt dies zu 
glauben, sondern vielmehr gewiß, daß das Werk zugleich auch in Buch- 
form verbreitet worden ist und sich in den Händen des Publikums bis in 
die Provinzen hinein befand. Ganz dasselbe wird ja auch für die Erzinschrift 
des sog. Monumentum Ancyranum angesetzt.^) Und mit der Marcussäule 
verhielt es sich nicht anders. Petersen nahm in den Rom. Mitteilungen 
1894 S. 78ff. einen weitgehenden Einfluß des Reliefs der Marcussäule auf 
die Geschichtssschreibung, insbesondere für die Legendenerzählung vom 
Blitz- und Regenwunder an. Im Rhein. Mus. 50 S. 473 f. hat derselbe Ge- 
lehrte diese Annahme mit Recht zwar eingeschränkt, mit Recht aber auch 



1) Hierzu sei erinnert, daß gerade in Ägypten sich ein bilinguer Babrios^ 
griechisch und lateinisch, gefunden hat (M. Ihm, Hermes 37 S. 147 f.). Eine äsopische 
Fabel, die das Krokodil einführt, steht bei Halm Nr. 37. Bin Bild endlich, Asop 
von Tieren umgeben, schildert Philostrat Imag. I 3. 

2) H. Nissen, Rhein. Mus. 41 S. 492f.; Sueton benutzte selbst den Text; vgl. 
auch F. GOTTANKA, Sueton*s Verhältnis zu der Denkschrift des Augustus, 1904. 



Historien in Bildern. 307 

nicht zurOckgenommen. Daß indes das in der Höhe angebrachte, kaum 
erkennbare Reliefbild mit dem Regengott und der Szene der Durstenden 
diesen Einfluß auf die Literatur hätte üben können» kann ich mir nicht vor- 
stellen. Vielmehr waren Exemplare davon im Publikum verbreitet, und 
zwar noch gegen das Jahr 400 n. Chr. Das bezeugt der Redner Themi- 
stius, Nr. 19 S. 191. Er bestätigt unsre Voraussetzung vollständig. Denn 
indem er das Regenwunder kurz erzählt, beruft er sich dafür auf eine Ab- 
bildung des Vorgangs, die er in Farben gesehen: kqi eTbov ifvj dv Tpctcprj 
eiKÖva Toö fpTou. Das ergibt eine Kopie des Marcusbilderbuchs, und 
zwar für Konstantinopel. 

Hiemach ist an die auffallende Tatsache zu erinnern, daß im byzanti- 
nischen Griechisch kropia geradezu die Bedeutung Malerei, kropcTv die 
des Malens erhalten hat. Die Lexika geben hierüber Auskunft. Woher 
das? Nur die hier besprochene Gewohnheit der Bilderhistorie, und zwar 
der Bildererzählung in Buchform, kann das erklären« In der Tat setzen 
die byzantinischen Chroniken mit ihren „steckbriefartigen Personalbeschrei- 
bungen", wie Krumbacher (Gesch. der byz. Literatur^ S. 220) hervorhebt, 
vielfach die Kenntnis von Bilderchroniken voraus, die diesen Trieb zur 
Anschaulichkeit beeinflußt haben. In diesem Zusammenhang gewinnt nun 
noch eine Notiz Bedeutung, die sich in dem glossarartigen Traktat unter dem 
Titel „Sanctus Hieronymus et Moyses de Graecia" bei Pitra Anal, sacra et 
class. Sol. V S. 128 B findet. Da wird erzählt, daß der jüngere Scipio und 
Alexander der Große die Historiker, die sie verherrlichten, im Felde mit 
sich führten^); Cäsar dagegen habe seine Taten selbst beschrieben. Daran 
schließt sich: Graecia vero communiter quaeque priora per picturas 
digesta vocavit historias, Nobis quoque mos est papyraceas texturas 
hystorias nominare, praecipue quae picturatae nobis Aegypto vehuntur. 
Es wäre gewiß zu wünschen, daß über Zeit und Ort der Abfassung dieser 
Schrift und ihren Quellenwert Genaueres feststünde. Doch scheint sie im 
5. Jahrh. und außerhalb Ägyptens abgefaßt. Daß der Skribent unter pictura 
„Schrift'' verstanden habe, ist nun doch ganz unglaublich. Dann aber er- 
gibt sich, daß für ihn nach älterem griechischen Gebrauche^) Historien 
„die auf gemalte Bilder verteilten Ereignisse der Vorzeit" sind: priora quae- 
que digesta per picturas; sodann aber, daß man auch in seiner Zeit bemalte 
Papyrusgewebe, die aus Ägypten kamen, Historien benannte, textura 
heißt die Charta mit Recht. ^) An unsrer Stelle aber ist der Ausdruck 
durch das griechische iciiov „das Gewebe" veranlaßt, wovon die iciopia 
herzukommen schien, als wäre sie eine icToirovia, An bunte Teppiche zu 



1) Ahnliches fabelt vom älteren Scipio Claudian. 

2) Unter Graecia wird das Griechenland der klassischen Zeiten verstanden. 

3) Vgl. das texere bei Plinius 13, 77 u. 81. 

20* 



308 ^* ^^^ Trajanssäule und das Bilderbuch. 

denken ist ausgeschlossen; denn wir lesen hier ja ausdrücklich von „be- 
malten Papyrusgeweben" und von Ägypten als Ort der Herkunft. 

Somit hat man in jener Zeit und wohl schon früher unter ,,Historien" 
speziell gemalte ßildererzdhlungen auf Papyrus verstanden. Für unsre An- 
schauung ist damit ein neues Fundament gewonnen. Und zwar kamen 
diese Sachen vornehmlich aus Ägypten (Aegypto vehuntur). Wer wundert 
sich nun noch darüber, daß in Ägypten die illustrierte christliche Welt- 
Chronik gefunden ist? Wer wundert sich noch über die „Historie" vom 
Dakerkrieg, die uns an der Trajanssäule als „picturata papyracea textura" 
begegnet, und über all die sonstigen Historien in Bildern, zur Genesis, 
zum Josua, zum Jesusleben, zum Davidleben, für die wir die Zeugnisse 
beigebracht? Alles das sind „priora quaeque per picturas digesta". Auch 
für' diese Sachen muß Alexandria die Zentrale gewesen sein, wie dies 
schon KoNDAKOPP I S. 40 u. 120 vermutet hat. Das gilt vielleicht nicht 
immer von der Erfindung, wohl aber von ihrer Vervielfältigung.^) 

Interessant war es mir zu sehen, daß schon Florus seine Biographie 
des ROmervolkes^ mit einer Malerei wenigstens vergleicht. In seinem 
Vorwort heißt es: faciam quod solent qui terrarum situs pingunt: in brevi 
quasi tabella totam eins imaginem amplectar. Da Florus sich der größten 
Kürze befleißigt, so vergleicht er sein kleines Kompendium passend mit 
einer Landkarte {tabella); denn eine solche gibt eben gleichfalls das Un- 
endliche im engsten Rahmen. Er denkt dabei doch aber notwendig an 
eine kontinuierende Bilderfolge, die das zeitliche Nacheinander der Taten 
des Helden in einem großen Oberblick zusammenfaßt. 

Nach all dem Vorgetragenen glaube ich dann endlich auch den Nae- 
volus bei Juvenal IX 145 hier erwähnen zu dürfen, der sich, um bescheiden 
auskömmlich leben zu können, eine Jahreseinnahme von 20 000 Sesterz 
wünscht, dazu etwas anständiges Tafelgeschirr, zwei tüchtige Sänftenträger, 
endlich zwei Sklaven, die er an Kunstuntemehmer vermieten kann^), den 
einen zum Ziselieren, den andern zum Schnellmalen von menschlichen 
Figuren; es heißt: qui multas facies pingit cito. Das Wort facies weist 
nicht notwendig auf Porträts, das Hervorheben des Schnellarbeitens aber 



1) Vielleicht hängt mit diesen Papyrusgeweben historischen Inhalts die ägyp- 
tische Teppichmalerei zusammen, Ober deren Einfluß auf den Occident vom 4. bis 
zum 14. Jahrh. Strzyqowski, Orient und Rom S. 111, Bemerkungen macht. Die 
Bilder auf Seidenstoff in der Kathedrale von Sens, die er S. 117 abbildet, haben 
die Anordnung in Streifen, von der wir hier reden, sowie griechische Beischriften. 
Ober „Historien'* auf Gewändern sei noch Nikophoros Apologet, c. 61 verglichen. 
Alexandrinische Qewebe erwähnt noch Ariost, Ras. Roland X 37. Wie auf 666viov 
ein Bild mit dazugeschriebenem Text hergestellt wird, sehen wir auf der von DiBTERICH 
herausgegebenen Papyrus magica col. IV 16 ff. 

2) Eine Biographie; denn es heißt: I praef.: si quis ergo populum Romanum 
quasi unum hominem consideret, 

3) So nach FriedlAndbr. 



Alexandria Centrale. Jonischer Pries. 309 

auf fabrikmäßige Vervielfältigung hin. Solche Leute wurden also zeitlebens 
zum Kopieren von Vorlagen — wohl vornehmlich in Buchform — verwendet, 
und sie wurden dazu ausgebildet. 



Nunmehr kann sich der Blick endlich zu freierer Umschau erheben. 
Es würde in der Tat nützlich sein, alle Streifendarstellungen, alle Priese 
mit kontinuierender Erzählung einmal einheitlich zu betrachten und die erste 
Anregung zu ihrer Anordnung zu ermitteln. In welchem Sinne ich dies 
meine, ergibt sich schon aus dem Vorgetragenen und sei nur mit einigen 
Bemerkungen hier schließlich noch verdeutlicht. 

Schon oben haben wir den Pries der Odysseelandschaften, den pom- 
pejanischen Bildercyklus aus der Uias zum Vergleich herangezogen. Auch 
der Theaterfries Pompeji's hat uns geholfen, die Terenzbilderrollen zu er- 
klären. Gemalte Priese aber und bemalte skulpierte Priese lassen sich 
hier nicht sondern; denn für das Augenwerk der Anordnung und der 
eigentlichen Erfindung fallen sie zusammen. 

Schon andere haben mit der Trajans- und Marcussäule, wie gesagt, 
den großen Reliefstreifen von GjOlbaschi, der den trojanischen Krieg erzählt, 
verglichen; ebenso auch als Muster kontinuierender Erzählung den Tele- 
phosfries von Pergamum.^) Begnügen wir uns also zunächst mit diesen 
Beispielen. Solche Skulpturen setzen nun jedenfalls sämtlich Entwürfe 
voraus, die gleichfalls dieselbe Schmalheit und Länge, dieselbe Streifen- 
form hatten. Als Träger dieser Entwürfe in Streifenform aber läßt sich 
überall nur die Buchrolle denken. 

Aber man kann auch die Vermutung wagen, daß die Erfindung des 
Zophoros des jonischen Baustils selbst, der hoch oben um die Wand läuft, 
Nachahmung einer solchen offnen Rolle gewesen und daß aus ihr die erste 
Anregung zu seiner Erfindung geflossen ist. 

Im alten dorischen Metopenfries wurde durch die Triglyphen die Bild- 
folge zerrissen. Der bandartige jonische Pries verdrängte ihn. Dies war 
ein Sieg des Papyrusbuchwesens in der großen griechischen Kunst, der 
im Perikleischen Zeitalter sich durchsetzte. 

Ich weiß wohl, daß ein solches Allgemeinurteil wenig Zwingendes hat, 
daß vielmehr jeder Einzelfall gesondert zu betrachten und daß auch sonst 
Vorsicht geboten ist. Zur Vorsicht mahnt vor allem die babylonisch- 
assyrische Kunst, die ihre Bilder gleichfalls gelegentlich in Streifenform 
erfindet, so wie schon die älteste Vasenmalerei auf griechischem Boden ihre 
Zeichnungen oftmals in mehreren Streifen um ein Gefäß herumführt, schon 
lange vor der Pran9oisvase und zu einer Zeit, als die Papyrusrolle bei den 

1) Petersen, Ära Pacis S. 171. 



310 V. Die Trajanssäule und das Bilderbuch. 

Griechen gewiß noch nichts bedeutete. So wurden auch die alten Schilde 
im Stil des Schildes des Achill in konzentrischen Rundstreifen ornamentiert 
und die Oberteile der Wandflächen in den etruskischen Gräbern mit fries- 
artig gestreckten Bildern ausgefüllt, was ich auf ägyptische Einflüsse nicht 
zurückzuführen wage.^) Gleichwohl ist nicht zu verkennen, daß Ägypten, 
das Land der Papyrusrolle, zugleich das in Streifen geführte Relief (Bas- 
relief en creux) in überwältigender Masse und ständig angewandt hat und 
daß wir bei diesen ägyptischen Friesen oft gar nicht anders können als 
darin die Nachahmung des aufgerollten Buchs mit seinen Bildern und 
seiner Bilderschrift zu sehen. In allen Werken, die heute von Ägypten 
handeln, findet man Beispiele s. z. B. Perrot-Chipibz I S. 547 ff. Figur 325; 
Panckoucke, Description de TEgypte III Tfl. 49 u. a. Der ägyptische Wand- 
schmuck ahmte zugleich das ikonische Buch und die Matte nach. 

Aber nicht nur die Bandform des Reliefs, das oft in Streifen über- 
einander schier endlos sich fortsetzt, war ägyptisch, sondern auch schon 
die Manier der kontinuierenden Erzählung selber. Ich kann mich nicht 
enthalten hier zu wiederholen, was ich bei Maspbro Ägyptische Kunst- 
geschichte S. 137 über jene alten ägyptischen Künstler lese:' Anstatt aus den 
großen Taten des Pharao eine besonders hervorragende Episode zu wählen, 
gefielen sie sich darin alle aufeinanderfolgenden Momente seiner Feldzüge 
nebeneinander zu setzen: nächtlichen Angriff, abgesandte Spione, Oberfall, 
Schlacht usf. Die Pylone von Luxor und vom Ramasseum tragen solche 
Historien in Bildern: es ist „gleichsam ein illustriertes Bulletin des Feld- 
zugs''. Wo ist da ein Unterschied von Trajanssäule und JosuaroUe? Das 
Verfahren war uraltes Erbe. Die enorme Zeitkluft, die die Trajanssäule 
von jenen Pylonen trennt, muß durch die Geschichte des griechischen 
Reliefs und Streifenbildes überbrückt werden. 

Wenn in der griechischen Architektur der jonische Bilderfries aufkam, 
so zeigt schon seine Form, daß er nur die Portsetzung des ägyptischen 
Streifenreliefs sein kann, das aber in der Hand der Griechen sparsamer 
verwendet, veredelt, geadelt wurde. Immerhin ist zu beachten, daß sich in 
der griechisch-römischen Kunst mitunter, ebenso wie bei den Ägyptern, 
auch mehrere parallele Streifen hart untereinander her laufend finden. 

Daß sich auch die griechische Architektur wie die ägyptische durch 
das Buchwesen hat anregen lassen, dafür zeugt m. E. der Ausdruck ceXibec, 
der für den Rundbau der Tholos von Epidaurus feststeht (oben S. 214). 
Daß das Motiv des Ornaments am jonischen Kapitell vom Buch beeinflußt 
wurde, ist S. 135 vermutet worden. 

Wie ist nun endlich der jonische Zophoros oder das Diazoma seinem 
Wesen nach zu verstehen? Wer da annimmt, daß in ihm eben nur Figuren 

1) Die etruskischen Fresken mit Beischriften aus Corneto, abgebildet Monum. 
Inst. IX (1881) Tfl. 25, ähneln in der Tat ganz dem hier besprochenen Bilderbuch. 



Ägyptische und griechische erzählende Friese. 311 

hoch oben an der Wand befestigt werden, der wird freilich jede weiteren 
Schlüsse ablehnen. Doch ist dies ein unmöglicher, weil unkQnstlerischer 
Gedanke. Warum wurden die Friese denn auch von der übrigen Wand 
so sorglich durch Ränder abgegrenzt und ausladend abgehoben? 

In der Tat ist es uns Modernen geläufig, vom „Band'' des Frieses zu 
reden. Um einen Zeugen anzuführen, so nennt L. v. Sybel in seiner Welt- 
geschichte der Kunst 2. Aufl. S. 189 den Parthenonfries das festliche „Stirn- 
band'' des Cellahauses und sagt S. 203: im Gegensatz zum Triglyphenfries, 
in welchem die Triglyphen bisweilen auf zwei Platten verteilte einheitliche 
Szenen zerschnitten, wirkte der jonische Bilderfries als Erlösung; „es ent- 
rollte sich ein langes Band". Also ein Band, das entrollt wird. Diazoma 
bedeutet eben einen Gürtel oder ein gestrecktes Band. Dies ist ein antiker 
Terminus. Daß also die Friese die Vorstellung eines solchen wirklich er- 
wecken sollten, ist der nächstliegende und ein berechtigter Gedanke. 

Bestätigend dafür sind die Fälle, wo die Ausführung des Frieses diese 
Bandnatur noch besonders betont, wie es im Pergamener Gigantenkampf 
der Fall ist. Hierüber äußerte sich Trendblenburo in Baumeister's Denkm. 
S. 1250 B folgendermaßen: „Jede Unterbrechung, jedes Aufhören, jede seit- 
liche Umrahmung des Frieses ist auf das ängstlichste vermieden, und er läuft 
ohne Absatz auf allen Seiten herum. Sogar die Ecken des Würfels bilden 
keine Einschnitte in der Komposition, sondern werden durch übergreifende 
Gewandstücke, Gliedmaßen u. dgl. dem Auge möglichst entzogen." Die 
Figuren selbst biegen sich also um die Ecken des Altarwürfels herum. 
Ahnliches kann man an Werken der illusionistischen Kunst auch sonst 
finden, wie an dem vor- und zurückspringenden Friese der Athena Ergane 
auf dem Forum Nervae zu Rom. Nun hatte es aber doch offenbar keinen 
Zweck, das Auge so kunstvoll zu täuschen, wenn man nicht die Vorstellung 
eines Bandes auch wirklich zu erwecken beabsichtigte, das die Ecken des 
Baukörpers ununterbrochen umzieht. 

Gesteht man dies zu, so frage ich: was soll es für ein Band gewesen 
sein, das in diesen Streifenbildern nachgeahmt wird? Wollene oder leinene 
Bänder von solcher Länge und Breite, die Bilder trugen, gab es doch in 
Wirklichkeit nicht. Und auf Teppichen waren zwar figürliche Darstellungen 
beliebt, die man an die Wände hängte; aber auch sie hatten nie das Format, 
das hier in Betracht kommt. Das einzige, was im Leben der Alten tat- 
sächlich der Form des Diazoma entsprach, war meines Wissens die streifen- 
förmige offne Buchrolle. Ist also für die Erfindung der Friese überhaupt 
eine Anregung aus der Anschauung der Wirklichkeit anzunehmen, so konnte 
es nur das Rollenbuch und zwar das hier besprochene Bilderbuch in Rollen- 
form sein. Auf alle Fälle sind die Entwürfe zu den Diazomata solche ge- 
rollten Bilderbücher gewesen. 

Diese Anschauung durch alle Monumente zu verfolgen, kann ich nicht 



312 V. Die Trajanssäule und das Bilderbuch. 

versuchen^) und erinnere nur noch beispielshalber an das lykische Nereiden- 
monument (Baumeister Nr. 1217), um dessen kolossalen Sockel sich zwei 
selbständige und räumlich weit voneinander getrennte Bilderstreifen herum- 
ziehen; der obere gibt sonstige Heroenkampfe; der untere realistischer die 
Belagerung einer Stadt: das ist in Anordnung der Einzelbilder und in der 
Aufgabestellung selbst ein unverkennbarer Vorläufer der Trajanssäule, es 
ist zugleich ein Nachkomme jener Kriegsbulletins auf den ägyptischen 
Pylonen. 

Sodann der Pries von Bassae. Im Innern des Apollotempels läuft 
oben der Bilderstreifen an vier Wänden entlang, aber er behandelt zwei 
Kriege: die eine Hälfte des Streifens Amazonenkampf ^), die andere Centauren- 
kampf; da, wo beide Kriegsgeschichten zusammenstießen, stand vermittelnd 
die Gestalt des Gottes Apoll. Das muß uns wieder an die Trajanssäule 
gemahnen. Denn das Buch der Trajanssäule erzählt genau ebenso zwei 
Kriege; und in der Mitte des Ganzen, wo beide zusammentreffen, steht 
eine schreibende Nike. Just ebenso trennt eine Nike auch die beiden 
Marcomanenkriege auf der Buchrolle der Marcussäule. Es ist dies eine 
ßißXoc cu|i|LiiTr|c, ein Buch, das sich aus zwei unzusammenhängenden Trak- 
taten zusammensetzt. Da, wo der zweite Gegenstand anfängt, steht statt 
eines trennenden Striches oder der Koronis eine bedeutsame GOtterfigur, 
um den Absatz zu markieren. 

Der Unterschied zwischen jenen Priesen der älteren KunstQbung und 
den Kaisersäulen besteht vornehmlich nur darin, daß die letzteren auch 
das Buch als Buch in die Aufgabe des Darzustellenden mit aufgenommen 
haben. Denn die Trajanssäule bildete eben, wie wir nicht vergessen dürfen, 
das Zentrum der Trajansbibliothek. 

Viel anschaulicher wirken nun aber Werke jüngeren und späteren 
Stiles. Man sehe doch gleich die Mosaiken in S. Maria Maggiore zu Rom, 
eine biblische Geschichte im farbigen Bildercyklus, darauf an, ob sie im 
Grunde etwas anderes sind als Josuarotulus und Bilderrolle vom Daker- 
krieg und als der Oktateuch von Watopädi?^) oder man nehme nur die 
gemalten Friese, die im Thermenmuseum zu Rom aufbewahrt werden, vor 
allem den Bildercyklus vom Esquilin, Monum. Inst. X Tfl. 10, Helbig, 
Pührer Nr. 1163 f., der der Zeit des Kaiser Augustus angehört und wo uns 
in der Illustrationsweise, die wir aus den Vergilhandschriften und von der 
Josuarolle her kennen, die Geschichten von der Gründung Lavinium's, 

1) Einiges gibt Th. Reinach, Revue arch6ol. 29 (1896) S. 150. 

2) Ein Temperagemdlde aus dem 5. bis 4. Jahrti. vor Ctir., denselben Amazonen- 
krieg darstellend, ist uns übrigens im Original erhalten: ich meine den bemalten 
etruskischen Sarkophag aus Tarquinii, im Archäol. Museum zu Florenz, Amelung, 
Führer Nr. 211. 

3) Schon Erich Frantz, Gesch. der christl. Malerei I S. 158, hat diese Mosaiken 
mit der Trajanssäule verglichen. Abbildungen bei Garrucci Tfl. 215 ff. 



Der Fries Nachahmung des Bilderbuchs. 313 

Alba longa's und Rom's vorgeführt werden. Schwarz gemalte Beischriften 
standen unter den einzelnen Szenen und erleichterten das Verständnis, so 
daß man des Textes entbehren konnte. Ferner setzen sich die Szenen 
ohne irgendwelche Abtrennung so kontinuierlich fort, wie wir es von einem 
solchen Geschichtenbuch in Bildern erwarten: Schlachtenkampfe, Friedens- 
schluß, Erbauung einer Stadtmauer usf. Also römische Urgeschichte, die 
in Konkurrenz zu den gleichzeitigen annalistischen Erzählungen des Livius 
und des Dionys entstanden ist: wer von der Trajanssäule herkommt und 
den Esquilinischen Fries sieht, glaubt auch hier das Rollenbuch mit Händen 
zu greifen, in dem dieser Cyklus gemalt stand. 

Ganz ebenso wirkt der gemalte Fries mit Gerichtsszenen, Monum. 
Inst. XI 45— 48, Hblbiq, Führer Nr. 1124, wennschon die Kompositionswelse 
hier eine ganz andere ist: eine Sammlung von lebensvollen Einzel- 
Handlungen, die unvermittelt als geschlossene Kompositionen nebeneinander 
stehen und in denen dieselben Personen, besonders eine oder zwei, sich, 
immer wiederholen: ohne Frage die Illustration einer Anekdotensammlung 
oder besser die eines antiken Romans, eines Reiseromans voller Abenteuer, 
Gerichtsszenen, Beraubungen, Erhöhung und Erniedrigung.^) Ganz offen- 
bar war auch dies die Wiedergabe eines bestimmten Textes, den man zum 
Verständnis kennen mußte, in Bildern; aber sie ging von diesem gesondert 
um, und die Friesform entspricht dem entrollten Bilderbuch. 

In ähnlicher Art muß auch der Cyklus der Illustrationen zu den äsopischen 
Fabeln ursprünglich angeordnet gewesen sein, über die G. Thiele, Der illustrierte 
lateinische Asop, Leiden 1905, gehandelt hat. Solche Illustrationen sind in einer 
Leidener Handschrift des Presbyter Ademar aus dem Anfang des 11. Jahrh. erhalten. 
Diese Bilderhandschrift, die auch des Prudentius Psychomachie illustriert und in- 
direkt nach antiken Vorlagen arbeitet, ist in zweifacher Beziehung von Interesse. 
Denn die Bilder zur Psychomachie stehen auf den Blattern 37-43 der Handschrift 
tatsächlich ohne allen Text in einer einzigen Bilderiolge") und auf fol. 45 ff. ist 
dann das Gedicht des Prudentius selbst erst hinzugefügt worden. Daß sich in 
dieser Abtrennung der Bilder das Echte bewahrt haben kann, lehren alle hier be- 
sprochenen Analogien. Ebenso sind nun aber auch die erwähnten Miniaturen zu 
den Äsopischen Fabeln selbständig auf die 18 Blätter 195-212 als ihr eigentlicher 

1) Erheblich älter ist der Rest von Fresken aus einer Grabkammer auf dem 
Esquilin, der sich im Terrakottenzimmer des Konservatorenpalastes befindet (Helbiq, 
Führer^ I S. 420) und der gleichfalls kriegerische Szenen aus der römischen Geschichte 
darstellt. Die Szenen sind in Streifen angeordnet. Auch dies Stück ist in die Vor- 
geschichte der Trajanssäule mit aufzunehmen. 

2) Siehe Robert, Hermes 36 S. 366 f. 

3) Siehe R. Stettiner, Die illustrierten Prudentiushandschriften, Tafelband, 1905, 
Tfl. 19 ff. Alle Bilder haben Querformat, und es stehen immer je vier auf einem 
Blatt untereinander. Diese Blätter sind wertvoll, weil sie das ursprüngliche Bilder- 
buch wiedergeben. Die ältesten, besten Prudentiusminiaturen stehen jedoch im 
Parisinus des 9. Jahrh., Tfl. 1 ff.; ein Merkmal dafür ist, daß Personen (Tugenden), 
die die Buch rolle halten, nur in diesem Parisinus vorkommen, und zwar im Motiv I; 
siehe Tfl. 3, 1 u. Tfl. 7. Vgl. unten S. 319. Wenn dieser Parisinus zur Psychomachie 
des Prudentius ca. 60 Illustrationen gibt, so stimmt dies z. B. zu der Zahl der 
Bilder des Josua (oben S. 292). 



314 V. Die TrajanssAule und das Bilderbuch. 

Inhalt verteilt, der Text der Fabeln aber steht diesmal, um Raum zu sparen, nicht 
dahinter, sondern ist in wilder Weise zwischen den Bildern und an den Seiten ein- 
gezwängt, so daß der Eindruck, den die Zeichnungen etwa machen könnten, gänz- 
lich zerstört wird. Natürlich war, um den Text auf so engem Raum unterzubringen, 
auch eine Unmasse von Schriftkompendien nötig, und man sieht klar: die Bilder 
sind hier der Text, der Pabeltext selbst ist wie Schollen hinzugefügt und war gewiß 
nicht in gleicher Weise in der Bildervorlage angebracht, die der Zeichner benutzte. 

Daß jendlich auf jeder Seite etliche Bilder untereinander stehen, ist in ihrem 
geringen Umfang begründet, und dieselbe Anordnung ließe sich sehr wohl auch für 
das alte Rollenbuch denken, aus dem sie auf Umwegen an den Zeichner des Ademar 
gelangten. Doch waren im Altertum diese Bilder farbig; s. oben S. 304 f. 

Aber auch das Relief, das den Tierkreis im Dienst eines Kalenders darstellt, 
eingemauert an der Vorderwand der kleinen Metropolis in Athen, möchte ich nicht 
übergehen. Nach B. Maass, Jahreshefte des österr. Inst. VI (1903) S. 83, war es 
ursprünglich für einen Tempel des Helios erfunden. Eine Abbildung bei Thiele, 
Antike Himmelsbilder S. 58 f., Fig. 8 u. 9. Dies Werk führt uns zu den Aratillustra- 
tionen zurück. Wenn es überhaupt Rollenbflcher mit Bildern solchen Inhaltes gab, 
so können sie nur so ausgesehen haben. 

So viel von den Diazomata, die ein mit Bildern bedecktes und auf- 
gehängtes Band nachahmen. Doch sei hiemach nicht vergessen zu be- 
merken, daß die Friese im Innenraum mitunter die Natur des Bandes preis- 
geben und vielmehr den Eindruck eines Prospektes hervorrufen wollen. 
Dies tun z. B. die Odysseelandschaften augenfällig, vielleicht auch der Pries 
der Ära Pacis. Die Wand selbst scheint durchbrochen, und man meint 
durch sie hindurch in die Landschaft hinauszusehen oder den Pestzug zu 
gewahren, der auf dem Platz vorüberzieht. Daß dies aber nicht der ur- 
sprüngliche, nicht der erste Anlaß der Erfindung von Priesen ist, liegt auf 
der Hand. Auch gewisse Bühnenhintergründe auf Papyrusrollen waren ja 
ein Prospekt, aber sie waren ursprünglich nicht für diesen Zweck gemalt 
(oben S. 301).') 

Das Ornament der Bilderstreifen mit kontinuierender Erzählung wurde 
aber endlich von den Wänden der öffentlichen und Privatbauten auch noch 
auf andere Gegenstände übertragen. Daß vor allem die Sarkophagreliefs 
mit dieser Kunstart zusammenhängen, da auch sie vielfach die kontinuierende 
Kompositionsweise befolgen, ist längst erkannt. Auch der GOtterwagen auf 
dem Kapitol, besprochen von Castellani, Bullet, commun. 1877 S. 119 
Tfl. XI, sei angeführt: er ist mit gleichem epischem Schmuck, zwölf Szenen 
aus dem Leben des Achill, überdeckt. Dies führt uns auf Brunnen- 
einfassungen. Zum wenigsten die capitolinische Brunneneinfassung mit der 
Darstellung des Lebens des Achill, abgebildet z. B. bei Baumeister, Denkm. 
Nr. 5, muß ich hier nennen. Denn dies ist nichts geringeres als ein 
Konkurrenzstück und wie eine Illustrationsfolge zur Achilleis des Statius: 
auch dies wieder eine Erzählung, wo, wie auf der Trajanssäule, der Haupt- 



1) Man kann in der Anwendung des Begriffs der Prospektmalerei leicht zu 
weit gehen; s. darüber AUG. Mau im 18. Bd. der Rom. Mitteilungen, gegen PETERSEN, 
ebendort. 



Friese als Prospekt. Brunneneinfassungen u. a. 315 

held fast in jedem Bilde wiederkehrt. Beide Werke, das Epos und das 
Relief, sind geschmackvolle Erzeugnisse der Spätkunst und stehen der Zeit 
Trajan's nahe. Beide Werke enthalten ferner einige Detailszenen aus 
AchiU's Jugendleben, die nur in ihnen und sonst in keiner literarischen 
Oberlieferung vorkommen'), und man ist gedrängt anzunehmen, daß ein 
näherer Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Alsdann müßte aber 
Statius, da sein Werk unvollendet blieb, der Nachahmer gewesen sein. 
Doch kann er nicht diese Brunnenmündung selber, er muß vielmehr eine 
ähnliche Bilderfolge studiert haben, die ihm sehr wohl in Buchform vor- 
gelegen haben kann und aus der das Relief ein anmutiges Exzerpt gibt. 

Hierzu kommt noch der Bogenbehälter von Nikopol, der denselben Sagenstoff 
in zwei Streifen, die flbereinanderstehen, wiedergibt. Da läßt sich noch erkennen, 
daß die Vorlage selbst, die der Reliefkflnstler benutzte, einstreifig gewesen war. 
Denn die Schlußfiguren am linken Ende des unteren Streifens schauen nach links, 
wo nichts zu sehen ist Sie blicken auf eine Szene, die sich im oberen Streifen 
befindet. Sämtliche Szenen waren demnach auch hier ursprünglich nebeneinander 
geordnet *) 

Die Büderchroniken des griechisch-römischen Altertums, die wir als 
Priese, in Reliefs und Gemälden, an öffentlichen Bauten und in Privat- 
häusern kennen lernen, stammen ohne Frage vielfach aus solchen ikonischen 
Büchern her, wie sie auf der Trajans- und Marcussäule abgebildet sind. 
Von eben denselben sind uns in den Miniaturhandschriften des Codexbuch- 
wesens wertvolle Auszüge erhalten. 



1) Dem ist mein Schüler H. KOrschner in einer Arbeit De Statu fontibus etc. 
nachgegangen, die demnächst im Druck erscheinen soll. 

2) Siehe Robert, Die Nekyia des Polygnot S. 37; woselbst S. 38 eine Abbildung. 



VI. Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter. 



Wir haben die Geschichte des Rollenbuchwesens in Bildern durchlebt. 
Was die Gründe waren, die zu seinem Eingehen und Verschwinden führten, 
ist zu Anfang S. 33 ff. dargelegt worden. Für das 5. und vollends für das 
6. Jahrh. dürfen wir behaupten, daß besonders im Occident keine Literatur- 
werke mehr in Papyrusrollen abgeschrieben, geschweige denn neu ver- 
öffentlicht worden sind. Mehr und mehr beschränkte sich damals der Ge- 
brauch der Rolle auf Amtliches, auf von den kaiserlichen Scrinien und 
bald auch vom römischen Bischof^) ausgestellte Urkunden oder Diplome, für 
die die erhaltenen Ravennatischen Papyri im Vatikan der bekannteste Beleg 
sind. Diese Ravennatischen Papyri gehören z. T. noch dem 5. u. 6. Jahrh. 
an; sie erreichen bisweilen eine Rollenlange von 2V2> \^ 3,24 m.^) 



1) chartae ecclesiasticae erscheint als fester Terminus; Hieronym. epist. 123, 10: 
quum in chartis ecclesiasticis iuvarem Damasum Romae urbis episcopum, 

2) Ich habe mir diese Papyri, die in Ravenna und im Vatikan sich unter Glas 
nnd Rahmen befinden, genauer ansehen können und teile hier einige Maßangaben mit. 
Im erzbischoflichen Archiv zu Ravenna sind noch vier der Ravennatischen Papyri 
erhalten, deren Numerierung der gefällige Secretario auf meinen Wunsch ausführte. 
Ein herrliches Stück ist Nr. IV: es ist 2,413 m lang, 0,50 m hoch und zeriällt in neun 
Blätter. Das erste und das letzte Blatt aber sind zu schmal; die Rolle wurde also 
zuvor zusammengeklebt: ein scapus, wie ihn die Fabriken lieferten, dann oben und 
unten abgeschnitten und erst dann beschrieben. Die Breitenmaße der Blätter sind 
(von unten nach oben fortschreitend): a) 0,052. b) 0, 31. c) 0,324. d) 0,322. e) 0.31. 
f) 0,31. g) 0,309. h) 0,298. i) 0,210. Dabei ist Blatt a überflüssig, da es keine 
Schrift mehr trägt. Breite der Klebungen 0,025. 

Ibid. Nr. III: Länge 1,10 m, Höhe 0,31. Die Schrift läuft in der Richtung der 
Höhe. Die vertikale Fasernschicht Hegt über der horizontalen und die Schrift läuft 
zu der ersteren konträr und mit der letzteren. So auch auf Nr. IV u. II. Papyrus III 
besteht aus fünf Blättern, die zwischen 0,20 u. 0,25 m breit sind. 

Ibid. Nr. II: Länge 0,563 m; Höhe 0,317. Drei Blätter. Breite der Klebungen 0,022. 

Ibid. Nr. I: sehr zerstört: Länge 0,444; Höhe 0,278. 

Für die Rav. Papyri im Vatikan ist außer Marini*s Werk Hör. Marucchi, Monu- 
menta papyracea latina bibl. Vatic, Rom 1895, zu vergleichen. Unter ihnen ist 
der größte und für uns wichtigste Marucchi Nr. Vlll, Marini Nr. CXV (6. Jahrh.): 
Höhe 0,304, Länge etwa 3,24 m (die Messung war äußerst schwierig auszuführen). 
Er scheint aus 16 Blättern zu bestehen, ein regelrechter Scapus. Die Breite dieser 
Blätter ist 0,12; 0,15; 0,20; 0,20 usf.; die Färbung der Charta bes. hell und weiß. 
Die Schrift läuft in der Richtung der Gesamtlänge. In derselben Richtung läuft mit 



Papyrusrolle als Diplom. 317 

Solches Diplom hat schon Probianus plakatartig aufgerollt auf seinem 
Schoß (oben S. 208). Daß die Chartarollen also in der Notitia dignitatum 



ihr auch die obere Faserschicht. Spuren ursprünglicher Faltung sind sichtbar, und 
zwar ungefähr an jedem zweiten Blattende; doch trifft das nicht genau zu. 

Marucchi Nr. XI = Marini LXXV: Höhe 0,305. Fünf Blätter zu 0,247 Breite. 
Die oberen Fasern laufen in der letzteren Richtung, laufen also der Schrift ent- 
gegen, die vielmehr der Richtung der Hohe folgt. Die Schriftzeilen stehen ge- 
legentlich genau auf einer Klebung und sind dann undeutlich geworden und ab- 
gesprungen. Der Papyrus war vorher zusammengeklebt und erst danach beschrieben ; 
denn er ist am oberen Ende abgeschnitten und beginnt gleich oben mit einer 
Klebung. Solche Klebung hat 0,025 m Breite. 

Marucchi Nr. XII = Marini Nr. CXXI: Höhe 0,31; es sind 5% Blätter; jedes 
ca. 0,20 breit; das erste gibt den Anfang eines Scapus, vom letzten ist ein Teil 
unten abgeschnitten. Die obere Faserschicht läuft in der horizontalen Richtung 0,20 ; 
die Schrift steht ihr entgegen in der Richtung 0,31. 

Marucchi Nr. XIV, Marini Nr. CXIV: Hohe 0,275 m. Langer Papyrus von zehn 
Blättern, jedes Blatt ungefähr 0,20 m breit; doch ist er am untern Ende unvoll- 
ständig. Die Fasern laufen wie in der vorigen Nummer. 

Marucchi Nr. III (9. Jahrh.): Hohe 0,325, besteht aus sechs Blättern, deren 
Breiten: 0,275; 0,355; 0,35; 0,38; 0,32; 0,135. Unten abgeschnitten. Außerdem oben 
unvollständig. Streifen wie oben. 

Marucchi Nr. I (mit Abbildung); Marini Nr. XII (9. Jahrh.): Höhe 0,36 m. Zwei 
ungleiche Blätter, das größere ist 0,35 breit; dazu kommt noch ein Rest Papier, der 
unten zusammengerollt ist, mit darauf befestigter Bulla. 

Marucchi Nr. II: Höhe 0,31; besteht aus vier Blättern, deren Breiten 0,035; 
0,135; 0,135; 0,135. Die Blätter sind also besonders schmal. Die oberen Fasern 
laufen in der Richtung der Blattbreite. Der Papyrus ist Palimpsest, und die Schrift 
erster Hand lief in gleicher Richtung mit den oberen Fasern. Diese Schrift ist 
sorglich weggewaschen, und die zweite Hand schrieb ihren Text in entgegen- 
gesetzter Richtung, in der der RoUenhOhe; dabei verkleinerte sie den Papyrus, der 
ursprünglich länger war. 

Marucchi Nr. VII: Höhe 0,32 m; Gesamtlänge beträchtlich, doch nicht fest- 
zustellen. Blattbreiten (von unten nach oben): a) 0,195; b) 0,195; c) 0,21; 
d) 0,205 usf. Die Schrift läuft in der Richtung der Höhe; die Oberfasern, ihr konträr, 
in der Richtung der Länge. 

Marucchi Nr. VI; Marini Nr. XCIII: Höhe 0,327; Gesamtlänge wie beim vorigen. 
Auch die Schrift und obere Faserschicht wie im vorigen. Blattbreiten (von unten 
nach oben): a) ungefähr 0,01; b) 0,205; c) 0,22; d) 0,22 usf. Auf Blatt 4 befindet 
sich ein Flicken, der vor der Eintragung der Schrift aufgesetzt wurde; er steht 
schräg auf dem Blatt, 0,03 m lang, 0,015 breit, und er besteht, was bemerkenswert, 
nur aus einer Fasernschicht: also fand sich der Schaden schon in der Fabrik vor, 
und man half in dieser Weise. 

Marini Nr. CXXXII: Höhe 0,31; Gesamtlänge etwa 3 m. Die Fasern in der 
Komposition der Charta sind hier erstaunlich breit {quam latissimae^ sagt Plinius). 
Die Schrift läuft in Riesenzeilen in der Richtung der Gesamtlänge; in gleicher 
Richtung läuft die obere Faserschicht. 

Diese Papyri (an Zahl 26) dienen im Vatikan leider als Verzierung eines 
schönen, quadratischen Gemachs. Sie befinden sich, auf Papier geklebt, in Glas 
und Rahmen und sind in eine achtteilige Wanddekoration mit Qoldleisten und Mosaik 
imitierender Malerei so fest eingefügt, daß ein Herabnehmen unmöglich. Die um- 
fangreichsten Exemplare sind hoch über den Türen angebracht Die prachtvollen 
bunten Glasfenster müssen geöffnet werden, damit es nicht an Licht fehlt Die 
Untersuchung mußte ich auf Leitern ausführen und ein Beamter die Leiter beständig 



318 yi- Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter. 

noch im praktischen Gebrauch erscheinen und als Insignia gewisser Amter 
dienen, wundert uns nicht. Die Abbildungen dieser Rollen , die in den 
Handschriften der Notitia erhalten sind, geben freilich wenig Anschauung 
und zeugen von verständnisloser Wiedergabe des Vorbildes. 

Wenn nun auch das 5. Jahrh. die Rolle abzubilden fortfahrt, so be- 
schränkt sie sich dabei wesentlich auf die heiligen Figuren, bei denen das 
Buchemblem typisch geworden war. Das Heilige liebt das Archaisieren. 
So haben weiter auch die folgenden Jahrhunderte bis tief ins Mittelalter 
hinein dieselben Typen übernommen und variierend weitergeführt. 

Die Heiligen, mit Codex oder mit Rolle, verklären jetzt die hohen Kirchen- 
wände, sie strahlen in vergoldeten Mosaiken vom Chor und Triumphbogen 
herab; sie stehen auch jetzt noch skulpiert wie Grabeshüter an den Marmor- 
särgen, sie schmücken Kirchentüren, Elfenbeinkästen, Miniaturhandschriften. 

Weil aber das Buch als bedeutsames Symbol stärker hervorgehoben 
werden soll, so bereichert sich die Erfindung, und es treten neue Motive 
auf, anfangs noch maßvoll, endlich schrankenlos phantastisch. Man hielt 
sich dabei anfangs noch an die Anschauung der Wirklichkeit, und da der 
Umgang mit der Rolle als Lesebuch aufgehört hatte, nahm man die An- 
schauung von jenen Diplomen her, die zwar auch Papyrusrollen waren, 
aber dem Archiv, nicht der Bibliothek angehörend, kein Gegenstand täg- 
licher Benutzung waren, selten in den Händen gehalten und nur zu wich- 
tigen Zwecken entrollt wurden. Aber auch der prunkvolle Rotulus im Dienst 
des Gottesdienstes der Kirche wirkte mit ein. So machte nunmehr die 
Rolle in der Hand den Eindruck des Außerordentlichen. 

Die Schrift stand ferner in solchen rollbaren Diplomen nicht mehr 
auf Spalten, Kolumnen oder Seiten verteilt, sondern lief entweder in wenigen 
ungebrochnen endlosen Zeilen das ganze Rouleau ohne Absatz entlang, 
oder sie lief in der Richtung der Höhe der Rolle, und das ganze Rouleau 
bildete so eine einzige Schriftkolumne. Auch die kirchlichen Rotuli schlössen 
sich diesem Verfahren an. Dieses wurde nun in der religiösen Malerei 
adoptiert; so eigneten sich die offnen Rollen trefflich zum Tragen von 
Sinnsprüchen und Worten des Herrn. Sie wurden zum Plakat. Und nicht 
mehr der Träger des Buchs im Bild erscheint jetzt als Leser, sondern der 
Betrachter des Bildes wird zum Leser gemacht, denn ihm gilt die auf der 
Buchseite angebrachte lapidare Schrift - ein Verfahren, zu welchem wir 
Ansätze schon in der Wandmalerei Pompeji's entdeckten; ich erinnere an 
die Muse, die ihren Beruf so, auf der Rückseite des Buches aufgeschrieben, 
vorzeigt: KAEIQ ICTOPIAN (oben S. 188). 



festhalten, da sie auf dem polirten Steinboden nicht feststand. Für die Begünstigung 
und Förderung dieser wie anderer Arbeiten auf der Vaticana bin ich dem Präfekten 
der Bibliothek, Herrn F. Ehrle zu aufrichtigem Dank verpflichtet. 

1) Vgl. z. B. die S. 21 Anm. erwähnte Exsultetrolle des Vatikan. 



Fortleben der alten Buchmotive: Motiv 1 u. II. 319 

Versuchen wir nun noch uns die Bereicherung der Motive, von der 
ich sprach, in aller Kürze und in einer Auswahl von Beispielen klar zu 
machen. 

Natürlich leben zunächst die alten Motive weiter. Das Motiv I eignet 
Christus auch noch jetzt; in musterhafter Deutlichkeit zu sehen in der Apsis 
von S. Cosma e Damiano^); sonst z. B. noch in S. Cecilia in Rom^ und 
in S. Prassede^); auch am Triumphbogen von S. Nereo e Achilleo; auf einem 
Elfenbeindeckel des 7. Jahrh. (Garrucci Tfl. 456); auf einer Baldachinsäule 
in S. Marco zu Venedig.*) In den Fresken der freigelegten Kirche S. Maria 
antiqua auf dem römischen Forum herrscht der Codex ausschließlich. Nur 
unter den historischen kleinen Bildern, die sich dort rechts an den 
Schranken des Presbyteriums befinden, erblickt man den König „Hezecias'^ 
(so die Beischrift) als Kranken auf dem Lager liegend dargestellt; zu ihm 
tritt der Prophet mit der Todesmahnung dispone domum tuam quia morieris, 
indem er die Rolle nach altem Schema in der Linken hält. So geht das 
Motiv auf Elfenbeindiptychen wie in Miniaturen vereinzelt bis in das 
12. Jahrh. weiter^); aber auch die italienische Malerei übernahm es; s. z. B. 
Cimabue in Florenz, Belle arti Nr. 102; Bonaventura Berlinghieri ebenda Nr. 101 ; 
oder die herrenlosen alten Bilder in Siena, Belle arti Saal I Nr. 6 u. 15. 

Sonst aber tritt das Motiv I vor dem Motiv II zurück, das sich der 

heiligen Standfiguren mehr und mehr bemächtigt. Nur Christus selbst hat 

es fast nie.^) Lehrreich sind die beiden Wände von S. Apollinare nuovo 

in Ravenna mit je 16 stehenden Heiligen; jeder dieser 32 hält ein Buch; 

alle verschieden; die Ausführung ist die sorglichste. Es ist ein prächtiger 

Anschauungsunterricht, diese Wände zu betrachten: 

Die Minderzahl hält Codices; s. Qarrucci Tfl. 246 u. 247; unter den 16 Heiligen 
der r. Wand findet sich das Motiv I nur einmal (Figur 12), das Motiv II dreimal; die 
Figur 1 aber belehrt uns, wie das Motiv II in I Übergehen kann; denn die r. Hand, 
die am Kopf der Rolle anlag, hat sich zum Segnen erhoben; die Linke hält nun 
das Buch allein.^ 

Was sodann die Lesenden anbelangt, so bieten noch die Mosaiken 
in S. Maria Maggiore ein musterhaftes Beispiel für das Lesen in Gruppen, 



1) Qarrucci Tfl. 253; vgl. oben S. 230 u. 241. 2) Garrucci Tfl. 292. 

3) Garrucci Tfl. 286. 

4) Qarrucci Tfl. 496 (Sitzfigur); s. auch Dioskurides ed. KarABACBK S. 263, 
Figur 4. 

5) Vgl. oben S. 77; 78 u. 313 Anm. 3. Dazu ROHAUT DE Fleury, T Evangile Tfl. 24; 
41; 45; 72; TlKKANEN, Psaltenllustrat. S. I Fig. 1 u. S. 255 Fig. 204; SWARZENSKI, 
Regensburger Buchmalerei Tfl. 27 Nr. 71; Tfl. 29 Nr. 79. 

6) Ausnahmen hierzu oben S. 108 Anm. 1 ; dazu kommt der Christus an der 
Volte der Cappella della Colonna in S. Prassede; dies ist jedoch ein Brustbild im 
Medaillon und folgt dem Schema der vielen Bildnisse im Muschelclipeus. 

7) Auch das Apostelmosaik in Grottaferrata gibt Beispiele, besonders für Motiv I 
und II; das Motiv VII einmal in recht ungeschickter Anordnung: s. die vier Bilder- 
tafeln im Oriens christianus Bd. IV (1904). 



320 ^'- Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter. 

Garrucci Tfl. 214: die heiligen drei KOnige und die Schriftgelehrten vor 

König Herodes. Einer der letzteren liest stehend vor dem König, die Rolle 

inter manus; er halt die Rolle an den oberen Ecken (hierzu vgl, die lesende 

Frau in Priscilla, oben S. 152). Man 

sieht ihre Rückseite, auf der gleichwohl 

Schrittzeichen angedeutet scheinen. 

Beliebt wird es in diesen Zeiten, 
die Rolle weit aufzutun. Ich halte for 
nOtig, hierbei zunächst den Sarko- 
phag, der sich im Museum zu Arles 
befindet, bei Le Blant Tfl. IV 2, Oar- 
RUCCE 343, 2 zu besprechen. Die so- 
eben zitieiien Abbildungen tauschen. 
Nach ihnen wäre schon hier die De- 
kadenz vollständig und das offene Buch- 
band zum Lappen und zur bloßen 
Etikette geworden , die den Namen 
des Evangelisten, der sie in Händen 
halt, eingraviert zeigt In Wirklichkeit 
wird die Rolle hier noch beidemal 
vollständig korrekt inter manus gehal- 
ten; auf der Fläche stehen die Namen, 
einmal Matteus, einmal Lucanus (sie). 
Auf das sorgsamste ist aber auch die 
Schrififlache mit einem Strich in brau- 
ner Farbe eingerahmt, der auch auf 
die Konvolute in den Händen Ober- 
geht') 

Herrlich dagegen die stehend 
lesenden Einzelfiguren in S. Apollinare 
nuovo, bei Garrucci Tfl. 246 Fig. 9 
u. 13, 247, Fig. 5 u. 12. Sie lesen 
^^^ ,3g wirklich; auch die Schatten, die das 

wannenartig geschweifte BuchblatI 
wirft, sind maleriscli wiedergegeben; aber was sie lesen, ist kein Buch- 
text sondern irgend ein heiliges Schriftwort, das diplomartig in vier Zeilen 
auf die Flache verteilt ist: ib. 247 Fig. 12; unsre Abb. 180. Eine 
ähnliche Figur ist der Jeremias am Altar von S. Vitale; vergleiche unsre 
Abb. 181. 



I) Auch der offne Codicill, den Christus hält, hat auf jeder Seite diesen ein* 
rahmenden Strich. Zu diesen Strichen oder Randstreifen vgl. oben S. 240 u. 257. 



Das Lesen. 321 

Anders der Salomo im illustrierten Physiotogus zu Smyrna'); die weit 
ausgespannte Rolle zeigt hier vielmehr noch deutlich sieben Schrittkolumnen 
nebeneinander, die durch Striche sorglich markiert sind. 

Noch in den Psalterillustrationen, 
die man auf ein Original des 9. Jahrh. 
zurocklahrt (in einem Psalter des Vati- 
kan), finde ich den stehend lesenden 
Bischof durchaus korrekt in dieser an- 
tiken Haltung dargestellt; s. J.Tikkanbk, 
Die Psalterillustrationen S. 93 Fig. 92. 
Hier mOssen doch allere Muster ein- 
gewirkt haben. Viel hilfloser geht 
dagegen in der Rabulahandschrift (Gar- 
Rucci 135, 2) der sitzend lesende 
Johannes mit seiner Rolle um. 

In diesen Fallen werden also die 
zwei Konvolute des offnen Buchs noch 
korrekt von beiden Händen gehalten. 
Oft aber denken diese Heiligen nicht 
viel daran, beim Lesen das Papier zu 
schonen, und lassen das Ganze acht- 
los sich entrollen und aufgelöst zu 
Boden fließen. Das sieht man z. B. 
an einigen der Stuckfiguren des Bapti- 
sterium orthodoxum Ravenna's durch- 
geführt; vor allem weise ich dafOr auf 
das S. 208 besprochene Elfenbein- 
diptychon des Probianus sowie auf 
den Gorgoniussarkophag in der Kathe- 
drale zu Ancona hin, Garr. Tfl. 326, 
I. Giebelfeld: hier rollt das letzte Bnde 
des Buches, das am Boden liegt, sich 
von selbst wieder zusammen; rechts ^,,^ ^g^ 

und links aber vom Lesenden steht je 

ein Schreiber; diese sind im Begriff auf Diptycha die Angaben aut- 
zuschreiben, die Gorgonius aus seiner offnen Rolle mitzuteilen scheint; 
vgl oben S. 66 u. 208. 

Damit ist dann weiter die offne Rolle auf dem zweiten Reliefbild des 
Congiarium des Constantinsbogens zu vergleichen, welche gleichen geschäft- 
lichen oder Verwaltungszwecken dient (oben S". 193 u. 207), Aber auch den 

1) Byzanlinisches Archiv II Tfl. 7. 

Birt, Die BuchfoUc in d<r Kunsl. 21 



322 V'* Darstellungen der BuchroUe im Mittelalter. 

Bronzeaufsatz im Besitz des Grafen Wilczek in Wien ^), welches Stück dem Ende 
der merowingischen Zeit anzugehören scheint, möchte ich hiermit in Zusam- 
menhang bringen; drei Männer sitzen da auf drei Stöhlen hart nebeneinander; 
der eine halt auf dem Schoß die, ausgespannte Rolle, die beiden andern 
stotzen mit der wenig erhobenen Unken eine offne Schreibtafel gegen das 
Knie. Die Rolle hat keine Rollun^en an den Enden. Hier ist wieder der 
Diktierende durch die Rolle von den zwei Nachschreibenden unterschieden. 

4 

Bis hierher Heß sich noch von einer Benutzung des Buches reden. 
Da nun aber, wo das offne Buch als bloßes Attribut, besonders in Christi 
Hand, gebraucht wird, stand dem Mißbrauch und der Veräußerlichung nichts 
mehr im Wege. Die Blattflache hängt als Standarie steil aus der Hand herab. 

Dies Steilhängenlassen konnten wir aus älterer Zeit nur ganz ver- 
einzelt belegen (s. S. 184). Jesus selbst, der auf dem Sarkophag des lunius 
Bassus aber dem Caelus thront, vermeidet es noch durchaus und auf das 
vorsichtigste (Motiv VII; s.S. 190). Diese Vorsicht entsprach den altjodischen 
Vorschriften, die u. a. anordneten: wenn sich ein Buch den Händen des 
Lesers entrollt, solange es zehn Handbreiten von der Erde entfernt ist, 
soll er es zurückrollen,., d. h. das Hängende sogleich wieder zusammen- 
rollen.^) Daß Jesus das Abgerollte frei herabhängen läßt, kann erst etwas 
später aufgekommen sein. Petrus. aber fängt alsdann jedesmal das Rollen- 
ende in seinem Gewand oder in einem Tuche behutsam auf. Heilige Bocher 
auf dem Tuch oder Gewand zu tragen, ist Stil dieser Spätzeit, aber es 
läßt sich wohl nur auf kirchlichen Denkmälern nachweisen.^ Ich führe 
dafür zwei späte Belege an: auf (jlen Mosaiken in S. Maria in Dominica in 
Rom (Garrucci Tfl. 293) sieht ma;n ganz oben alle zwölf Apostel, die in 
dieser Weise teils Codices teils liollen einhertragen, und in der Rabula- 
handschrift des 6. Jahrh. sind An^os und Joßl ebenso dargestellt.^) 

Belege dafür aber, daß Petrus das Ende der offnen Rolle aus Christi 
Hand auffängt, sind u. a. folgender 

Sarkophag des Lateran Nr. 174; 0ben S. 185 besprochen. 

Sarkophag bei LE Blant, Abbildung im Text daselbst S. 78: Christus thront 
über dem Caelus wie im vorigen; da^ Ende der Rolle krümmt sich einwärts; an- 
scheinend wird es von Petrus mit dem Pallium aufgefangen; doch ist Petrus nur 
Halbfigur und seine Hände nicht sichtbar. 

Sarkophag des Vatikan (Qarrucci 330, 5): nicht Tuch, sondern Oewandbausch. 

Sarkophag in Arles bei Garrucci 335, 2: ebenso. 

Sarkophag in Paris (Qarrucci 324, 1; ReinaCH, Rupert, stat. 1 S. 117): ebenso. 

1) Jahreshefte d. österr. Inst. IV (1901) Tfl. 7, vgl. S. 190. 

2) Blau a. a. O. S. 40 f. 

3) Man leitet dies freilich von der Hofsitte her, Gegenstände aus des Kaisers 
Händen nur mit bedeckten Händen zu empfangen; Garrucci, Stör, deir a. ehr. I 
S. 146; TlKKANEN, Psalterillustrat. S. 258. Vielmehr stammt die Sitte aus orientalischen 
Kulten, etwa dem jüdischen; s. Blau a. a. O. S. 112. 

4) Vgl. auch z. B. Das Etschmiadzin-Evangeliar, herausgeg. von Strzyqowski, 
1891, Tfl. 2 u. 3. 



Christus mit Rolle, Petrus das Rollenende auffangend. 323 

Qoldglas bei Weis-Libbersdorp, Christus- und Apostelbilder (1902) Figur 30'): 
auf der schmalen langen Rolle steht Domintis; Petrus eilt herzu und fängt sie im 
Bausch auf. 

Fragment eines Gefäßes bei Oarrucq 464, 5: Tuch. 

Mosaik in S. Costanza in Rom (Qarrucci 207, 1; auch bei DB Rossi, Mosaici 
delle chiese di Roma): Christus steht auf der üblichen Erhöhung; er hält mit der 
Linken einen fahnenartig herabhängenden Blattstreifen; man sieht von Christi 1. Hand 
den Daumen (fehlt bei DB Rossi). Der Blattstreifen ist ganz aufgerollt und hat 
etwa die Länge der Ravennatischen Papyrusdiplome. Das obere Ende steht frei in 
der Luft und biegt sich um, ohne Rollung. Auf dem Streifen steht der Satz: dominus 
pacem dat; dazu das Monogramm Christi an Stelle eines Siegels. Die Form des 
Diploms wird auch damit gewahrt. Petrus eilt von rechts herzu, einen Stab in der L., 
und streckt die Arme mit einem Tuch (oder Qewandteil) vor, um das Diplom auf- 
zufangen. Petri r. Hand ist nicht sichtbar.^ 

Mosaik des 7. Jahrh. im Baptisterium S. Giovanni in fönte (Kirche S. Restituta 
beim Dom in Neapel; Garrucci Tfl. 269): Christus auf der Weltkugel stehend; 
Petrus fängt das Buchende im Gewandbausch auf. 

Unerheblich ist die Abweichung auf dem Sarkophag bei Lb Blant Tfl. 56 
(Qarrucci 334, 3): hier ist von Christi Rolle nur die letzte Seite, ein kurzes Blatt 
abgerollt; Petrus fängt auch dies in seinem Gewand auf (die Zeichnung bei Garrucci 
entstellt das Detail). Ahnlich 

Sarkophag in Marseille, Chat. Boröly, Nr. 36: Tuch. Das hängende Buchende 
ist sehr kurz. 

An eine Oberreichung des Buches ist, wie schon gesagt, in diesen 
Fällen nicht zu denken; denn man überreicht weder offne Rollen, noch 
Oberreicht man mit der 1. Hand.'*) Der wirkliche Sinn der Handlung ist 
S. 185 angegeben. Allen diesen Bildern ist gemeinsam, daß Christus, die 
Lesung unterbrechend, das entrollte Buch hochhält, um es der Welt zu 
zeigen, sowie daß Petrus im Laufschritt herbeieilt; er will rasch helfen, 
daß dem Buch nichts Übles widerfahre, daß es nicht den Staub der Erde 
berühre. Zumeist hängt die Blattfahne senkrecht aus Christi Hand; die Fälle, 
wo sie schräg dem Petrus entgegenfließt (oben S. 186), müssen der Er- 
findung nach jünger sein, da dies wider die Natur ist. 

Dies Motiv mag zu Anfang des 4. Jahrh. erfunden worden sein. Erst 
hernach verfiel man auf die abweichende Idee, Christus wirklich dem Petrus 
den Logos als Rolle aushändigen zu lassen. Die Szene wurde darum 
zweckmäßig abgeändert, und der Herr nimmt die Rolle nunmehr geschlossen 
in seine rechte Hand (Motiv I oder III) und Petrus naht ehrfürchtig, sie 

1) Auch bei Kraus, Roma sotterr. S. 347 Fig. 56; Gesch. d. ehr. Kunst I 
Fig. 356. 

2) Ich habe diese Beschreibung nach eigner Aufnahme genauer gegeben, da 
die bisherigen Abbildungen z. T. irre führen können. 

3) In dem Aufsatz A. Baumstarkes über „traditio legis" (Oriens Christianus III, 
1903, S. 173 ff.) halte ich geradezu alles für verfehlt. Wie kann man von Ober- 
reichungen reden, ehe man feststellt, wie der menschliche Körper sich bei solcher 
Handlung verhält? Christus hält den Schlüssel hbch in der Luft; das muß eine 
„traditio" sein; Petrus soll wohl wie ein Hündchen danach springen. Sogar die 
Schilderung des Bildes auf einem Gewände, die Paulus Silentiarius gibt (oben S. 40), 
wird zu solcher Handlung mißdeutet, wozu im Text jeder Anhalt fehlt. 



324 ^I* Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter. 

aus der Rechten zu empfangen; solche Überreichung findet sich auf späten 
Sarkophagen in Ravenna, so in S. Francesco (oben S. 83); ebenso aber 
auch in S. Apollinare in Classe (Garrucci 346, 2) und in S. Maria in porto 
(Garrucci 349, 1). 

Fflr sich steht endlich der Sarkophag in S. Vitale in Ravenna (GaRrucci 332, 2), 
auf den mich JoH. Bauer hinweist. Denn es scheint wirklich so, als. ob hier der 
Kflnstler, vom Umgang mit dem Rollenbuch entwöhnt, nun auch jene Darstel- 
lungen, in denen Petrus die offene Rolle auffängt, zu einer Überreichung um- 
zugestalten versucht habe. Christus steht wie immer hoch und hält auch hier 
die Rolle in der Linken; aber ihr Ende hängt nicht frei herab, sondern rollt sich 
unten von selbst in ein dickes Konvolut zusammen, das, von keiner Hand zusammen- 
gehalten. In dieser Weise wohl ohne Analogie in der Kunst ist Petrus aber eilt mit 
ausgespanntem Tuch herbei, um anscheinend die ganze Rolle, so wie sie ist, in 
ihm aufzufangen, als ob Christus sie aus der erhobenen Hand herunterfallen 
lassen wollte. Nach dieser verfehlten und sinnlosen Erfindung eines Spätlings darf 
man das Motiv der oben besprochnen älteren Sarkophage nicht beurteilen.') Im 
Utrechter Psalter sind wir so weit, daß der Engel einem Heiligen die offen flatternde 
Rolle mit der Linken überreicht^; dies ist ein Beweis, daß der Zeichner dieser 
Bilderhandschrift solche Einzelzflge nicht aus alter Vorlage genommen hat 

Das Gefühl dafür, daß die steil hängende Rolle aufgefangen werden 
muß, ging dann im 5. Jahrh. ganz verloren; man läßt sie also nun ruhig 
wie ein Stück Fahnentuch glatt hängen und benutzt sie als Plakat Der 
Heilige, der das Plakat träg^, wird unwichtig; der Spruch auf dem Plakat 
ist das Wichtige. Die Beispiele dafür sind zahlreich; wer die Mosaiken 
durchsieht, findet sie leicht; ich begnüge mich anzuführen: 

Rom: Laterankirche S. Giovanni, Tribuna: vier Beispiele. 

Ebenda: S. Maria Maggiore, Apsis: ebenso vier Beispiele. 

Ebenda: S. Prassede: das Christuskind in Maria Schoß hält die Rolle; auf 
dem Plakat steht ego sum lux (Garr. 286). 

Rabulahandschrift: Christus stehend (Garr. 139, 2). 

Tür von S. Sabina auf dem Aventin (5.-6. Jahrh.; s. V. SCHULTZB, Altchristi. 
Archäologie, 1895, S. 282; GARRUCCI Tfl. 500 IV): r. Flügel, Medaillonbild: stehender 
bartloser Christus: in der gesenkten L. die halb abgerollte Rolle: Aufschrift IX6YC. 

La casa Celimontana dei SS. Martiri Giov. e Paolo illustr. dal P. Germano di 
S. Stanislao Passionisti (Roma 1894) S. 422: Christus mit lang herabhängender Rolle; 
das untere Ende krümmt sich nach oben; Aufschrift: lux ego sum mundi nutu qui 
cuncta creavi. 

Ins Sinnloseste ist dies dann im 13. Jahrh. in dem großen Mosaik der 
Apsis in S. Paolo f. L m. zu Rom gesteigert, wo das Motiv 18 mal vor- 
kommt, und zwar geht die Verständnislosigkeit jetzt so weit, daß das 
Plakat nach Willkür und Belieben hier auch in der r. Hand erscheint! 



1) Man vergleiche etwa das namenlose Bild in Florenz, Belle arti Nr. 122: 
Dem heiligen Franziskus überreicht der Papst die Ordensregel als Diplom; der 
Papst faßt sie oben an, der kniende Francesco unten; so hat jeder eine Rollung in 
Händen. 

2) Siehe Tikkanen, Die Psalterillustrat. S. 214 Fig. 168; auf Fig. 169, ebenda, 
sieht man einen Engel schweben, die offen flatternde Rolle in der Rechten. In 
Fig. 186 wird gar aus offen flatternden Diplomrollen und Blättern gelesen; hier aber 
erscheinen sie in der Linken. 



Plakatform, Richtermotiv u. a. 325 

Das hatte noch gefehlt. Genau entsprechen die Fresken im päpstlichen 
Palast zu Avignon, der bis vor kurzem als Kaserne diente; in der Im- 
primerie der Kaserne sind sie an den Gewölbekappen freigelegt: 20 stehende 
Heiligenfiguren, alle zwanzig mit dem gleichen Plakat. Auch auf dem 
Monument des Consalvo Rodriguez in S. Maria Maggiore zu Rom zeigen 
die zwei Bckfiguren dies Standartenmotiv, die eine Eckfigur in der linken, 
die andere dagegen in der rechten Hand. Und diese Darstellungsart ging 
sogar in's Leben über. Bauer macht mich darauf aufmerksam', daß die 
Propheten und Sibyllen im geistlichen Schauspiel damals wirklich ebenso 
auftraten, offne Spruchbänder in den Händen, die ihre Person anzeigten; 
und dies Prophetenspiel wurde dann wieder zum Inhalt von Bildwerken; 
s. Paul Weber, Geistliches Schauspiel u. kirchliche Kunst, 1894, S. 51 ff. 
Daher auch die gewaltigen hängenden Rollen in der Hand des Moses, 
Jeremias und der übrigen frommen Gestalten an dem vielgerOhmten Moses- 
brunnen des Claus Sluter. 

Allein die Verfallszeit war noch viel reicher an sinnvollen, aber un- 
sachgemäßen Erfindungen. Die Phantasie hatte mit dem Buch zu spielen 
begonnen und frug nicht viel danach, ob die Charta dies Spiel auch 
vertrug. Wie früh und inwieweit dabei an Pergamentrollen zu denken ist, 
lasse ich auf sich beruhen. 

Ich erwähne zunächst das Richtermotiv, Motiv V, das ich als ein spät- 
antikes schon oben S. 120 f. analysiert habe. Der Richter stemmt die Rolle 
gegen das Knie. Sofern Christus der Richter ist, bedeutet die Rolle den Urteils- 
spruch des jüngsten Gerichtes; d. h. sie ist das Buch mit sieben Siegeln 
der Apokalypse; in der Tat ist sie als solche in S. Vitale geradezu charakteri- 
siert.^) Für die Charta aber ist das Motiv nachteilig; es hat etwas Brutales. 

Bisweilen wird die geschlossene Rolle jetzt von der L. am unteren 
Ende angefaßt und auf diese Weise hoch gehalten oder vorgestreckt, wie es 
einst die Ägypter taten (oben S. 10 u. Abb. 9). Dies sieht man auf dem 
Glasgefäß mit Bildschmuck bei Garrucci 462, 13. Dies Motiv hat etwas 
Vorzeigendes, Ostentatives. Ahnlich auf dem Fresko eines ägyptischen 
Klosters, oben S. 241. Die klassische Zeit gibt ganz vereinzelte Belege: 
s. die Muse auf der Musenbasis, oben S. 84, und Sappho auf dem Vasen- 
bild S. 90 Anm. 2. 

Davon weicht eine der stehenden Figuren auf einer Elfenbeinschnitzerei 
in Monza^ wieder insofern etwas ab, als die Rolle nicht vorgestreckt wird, 
sondern sich an den 1. Unterarm ihres Trägers anlehnt; die Rolle ist sehr 
groß und schwer, und der Arm dient für sie mit als Stütze. Sie hat dabei 
ein ringartiges Verschlußband. 



1) Siehe J. Kurth, Die Mosaiken der christl. Ära I (1901) S. 118. 

2) Abgebildet z. B. bei Ed. Heyck, Deutsche Geschichte I (1905) S. 78 Abb. 51. 



326 VI. Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter. 

Phantastischer ist die Rolle als Fächer. Dies Motiv bedeutet die unter- 
brochene LektOre und ist schon in dem Büd Pompeji's Abb. 124 bis zu 
einem gewissen Grade vorbereitet Die beiden Konvolute laufen unten in 
einer Hand zusatnmen und werden von ihr zusammengepreßt; oben dehnt 
sich das Buchblatt fächerförmig. Schon unter den zweiunddreißig stehenden 
Heiligen mit Bachern in S. Apollinare nuovö (vgl. oben S. 319), die alles 

Detail in so köstlicher 
Deutlichkeit zeigen, fin- 
den wir dies dargestellt, 
Garr. Tfl. 246, 5 (hier 
wird die Rolle mit dem 
Gewand angefaßt) u. 14; 
247, 8. Ebenso nun 
Christus als Zentralfigur 
in S. Lorenzo zu Mailand, 
Capeila di S. Aqutlino, 
Garr. 234, 1 sowie schon 
frflher auf dem Katakom- 
benbilde bei Wilpert 
Tfl. 166,! (oben S. 254): 
unsre Abb. 182; sie ist 
dem Nuovo bullett di arch. 
Christ ed. Marucchi Bd. 
VI (1900) S.90 u. Tfl. I" 
entnommen. 
^bn 182. Treten wir in S. lorenzo 

f. 1. m. ein uad erheben 
den Blick zum Triumph- 
bogen des Peiagius, so sehen wir unter den autgereililen sechs Heiligen links 
Laurentius mit aufgeklapptem Codex, rechts Paulus mit offen zusammengenommener 
Rolle. Paulus zeigt sein Buctimotiv VII korrekt, Laurentius aber halt den Codex 
ahnlich auf der Hand, wie Christus die fächerförmige Rolle haiL Die Erfindung 
dieser Motive hängt zusammen. 

Dies Verfahren, das Buch auf der Hand zu tragen, habe ich auch auf einem 
alteren chrfstllchen Monument wieder angetroffen, und zwar auf dem schönen 
griechischen Orabrelief in Neapel Mus. naz. Nr. 2466, mit der Inschrift MfXi] ZuuUou 
XdtpE (Inscr. Ital. Sicil. 762). Da steht mit verhalltem Haupte eine Orantin und 
schaut empor, die r. Hand fromm erhoben; auf der L. aber trögt sie in der an- 
gegebenen Weise einen Gegenstand, den Kaibel a. a. 0., seltsam genug, fflr eine 
Urne erklärt; es muß vielmehr ein Buch, anscheinend ein großes geheftetes Buch 
sein; oder es ist ein teuchos, d. h. eine Schachtel voll BlaRlagen (Qber teachos in 
diesem Sinne s. die Zusätze). Neben der Frau steht eine eckige BQchercapsa am 
Boden; s. unsre Abb. 183. 

Neu ist sodann auch das Tragen von Doppelrollen; dies fand ich 
zuerst auf der mosaizierten Decke des Baptistero Arriano zu Ravenna, wo 
Paulus zwei geschlossene Rollen auf dem Gewände liegend vor sich her- 



Rolle als Fächer. Doppelrollen. Plakatformen. 



327 



trägt. Sie sind jede einzeln, wie deutlich zu erkennen, mit je einem Band 
umbanden. Schwerlich kann dies also eine einzige, aber gespaltene Rolle 
sein.^) Man erkennt aber nicht, wodurch die zwei aneinander befestigt 
sind. Die Sache kehrt in der Rabulahandschrift wieder, wo Arnos gleich- 
falls eine solche Doppelrolle auf dem Gewände trägt (Garr. 131, 2). 

In der Kirche von Daphni bei Athen 
sah ich die Rolle als hängendes Plakat 
wiederkehren, wie wir sie in den Mosaiken 
Roms kennen lernten; die mosaizierte 
Kuppel zeigt hier Propheten, die nicht 
Codices, sondern nur RollenbOcher halten. 
Diese Rollen sind stets offen und mit Schrift 
versehen und werden entweder in der vor- 
hin charakterisierten Weise in der Linken 
(nie in der Rechten) gehalten, oder aber 
es kommt ein neues Motiv hinzu, das 
unsre Abb. 184 verdeutlicht. Hier wird 
der Text des Diploms dem Publikum in 
der Weise gezeigt, daß die r. Hand die 
Rolle von unten, die 1. Hand sie von oben 
auseinanderzieht. 

Dies selbe Motiv, nur versteift und 
verknöchert, trifft man in den Mosaiken 
des Westens wieder an; in S. Maria Tra- 
stevere in der Hand der thronenden Mutter 
Gottes und im S. Marco in Venedig in 
Händen der zwei Heiligen, die dort die 
stehenden Eckfiguren bilden. In solchen 
Schildereien sehen wir es besonders deut- 
lich, daß das Buch zur Hauptsache geworden ist. Das Buch ist Träger 
des Wortes, der Mensch ist Träger des Buches. Der Heilige ist der Lese- 
diener (oben S. 172), der das Buch dem Betrachter zeigt und hinhält. Das- 
selbe gilt auch von dem alten statuarischen Werk auf dem Campo Santo 
in Pisa, das wieder ein neues Motiv bringt. Denn hier sind es beide 
Hände, die das obere Konvolut tragen; das untere stellt sich von selbst 




Abb. 183. 



1) J. KURTH, Die Mosaiken usw. S. 199, läßt die Sache unentschieden. Ober 
gespaltene Rollen oben S. 227. Die Rollung der Tora bei den Juden kann, wie ich 
hinzufügen möchte, für diese das Vorbild gewesen sein; s. Blau a.a.O. S. 41: 
„Alle Bflcher werden vom Anfang bis zum Ende gerollt, die Tora aber in die Mitte 
und man macht ihr am Anfang und am Ende je einen Stab.*' Dies mußte eben 
die Form der „gespaltenen Rolle'' ergeben. Eine solche wie die in den Priscilla- 
katakomben (S. 232) kann also davon eine Nachbildung gewesen sein; in den beiden 
Bohrlöchern können sich Nachahmungen der jüdischen Rollenstäbe befunden haben. 



328 



VI. Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter. 



her. Um so offner steht die Blattflache vor dem Auge des Beschauers; 
vgl. Abb. 185. 

Inzwischen haben sich auch die Tiere des Buches bemächtigt, und 
nicht nur etwa des Codex. In dem Karolingischen Evangeliar im Münster- 
schätz zu Aachen sieht man da, wo die vier Evangelisten in einer Land- 
schaft studierend verstreut sitzen, auch ihre zugehörigen Tiere eifrig vor sich 
hin in offner Rolle lesen ^), oder die Tiere halten die Rollen vielmehr als himm- 
lische Vorlagen, nach denen die Evangelisten den Text im Codex kopieren 
sollen.^) In der Trierer Adahandschrift aber erscheinen sie gar damit als 




Abb. 184. 



Abb. 185. 



Krönung der Bilder in der Höhe; und der Löwe des Marcus hält die Kon- 
volute zwar wirklich fest in seinen Klauen, der Ochs des Lucas aber und 
der Adler des Johannes haben nichts sie anzufassen, und die weit aus- 
gezogenen Rollenbänder schweben so vor den Tieren ganz ohne Halt.*) 
Kein Wunder, daß man sich jetzt auch getraut, das Schreiben auf einer 
lang ausgezogenen Rolle abzubilden; ich meine u. a. eine schon S. 208 
erwähnte Miniatur im Terenz, die hier wiederzugeben doch von Interesse 
ist: Abb. 186. Stehend schreibt gar Moses und zwar auf dem Mittelblatt 



1) Siehe Die Trierer Ada -Handschrift (Leipzig 1889) Tfl. 23; der geflügelte 
Mensch des Matthäus hält eine geschlossene Rolle. Schreibkästen oder Bücher- 
kästen stehen am Boden, die den alten ägyptischen gleichen. 

2) In dieser Weise haben wir eine verwandte Darstellung oben S. 292 Anm. 2 
gedeutet. 

3) Ebenda Tfl. 15-17. Die Rolle des Marcuslöwen ist blau. Ahnliches bei 
SWARZENSKI, Regensburger Buchmalerei, Tfl. 35. 



Tiere mit, Buch. Schreiben. Freiere Motive. 329 

einer Qbrigens zusammengerollten Rolle» die er auf der Hand tragt, auf 
dem Titelbild der Bemwardbibel zu Hildesheim.') Das ist noch unmög- 
licher. Sitzend schreibt wiederum der Dichter Pnidentius in der Miniatur 
der Berner Pnidentiushandschrift des 9. Jahrh.*); aber die Schreibflache 
ist hier nicht zu erkennen; ein einbeiniges Schreibpult steht vor ihm; da- 
hinter ein gewaltiges rundes Scrinium, aus dem sieben stangenartig geformte 
Rollen hoch hervorragen.") 

Wer weitere Extravaganzen, wie sie die gesetzlose Phantasie jener 
Zeit, vom 11. bis zum 15. Jahrb., hervorgebracht hat, zu sehen verlangt, 



möge etwa Jahitschek's Geschichte der deutschen Malerei, z. B. S. 119; 
125; 127; 148; 191 t. oder das Werk von R. Borrmann, Aufnahmen mittel- 
alterlicher Wand- und Dekorationsmalereien in Deutschland (Berlin 1897), 
bes. Faszikel 9, oder, für das 13. Jahrb., Julius Lessino, Wandteppiche und 
Decken des Mittelalters in Deutschland, durchblättern. Oder er begnflge 
sich, in Rom in die Oberkirche von S. demente einen Blick zu werfen. 
Die Mosaiken derselben am Triumphbogen sollen dem 12. Jahrh. angehören; 
sie verwenden die Rolle mit Vorliebe, aber bis zum Irrsinn. In Petri Hand 



I) Siehe BeissEL, Der heilige Bemward Tfi. V. 2) Stbttiner a. a. 0. Tfl. 134. 

3) Daß die meisten Bi 1 der handsch ritten des Ptudentius vollständige Fremdheit 
des Rollenbuchwesens zeigen, ist schon S. 313 Anm. 3 gesagt. In der Handschritt von 
Lyon, bei Stetteneh Tfl. 109, sieht man ein allegorisches Bild der Wissenschaften; 
da Oberreicht die Sancta Sophia zwei offne Buchfahnen zugleich mit der 1. und t. 
Hand. Das ist nach dem S. 323 f. Gesagten zu beurteilen. In der Unlerrtchlsstunde 
des Cassianus ib. Tfl. 159 (Berner Handschrift des 9. Jahrh.) werden nur Codices 
verwendet. 



330 VI- Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter. 

—~ ■ ■ r leeren Tüte, die oben offen stellt und 

nmal hinten schließt, in des Jeremias' 
lesaias' Hand zu einem Doppelband, zu 
r Draperie, zu einem Stack Gardine ge- 
irden, die, von der Hand auslaufend, wie 
ein Penstervorhang steh aufbiegt und 
oben ins nächste Gesims sich verlauft, 
;; als wäre sie da festgenagelt. Darauf 
-' ' steht dann vidi dominvm etc. zu 
lesen. Ebendort ist das Mosaik der 
buna bei einer Restauration durch Malerei 
worden; auch diese Freskomalerei laßt 
T Apostel Händen nicht fehlen; auch hier 
otive wie das beifolgende - Abb. 187 - 
im abgelehnt haben. 

hiermit schon der Zeit Nicola Pisano's 

istler wie Nicola macht sich, wennschon 

ntike Vorbilder zurOckgeht, aber diese 

Man sehe von den zwei folgenden so 

noblen Evangelisten des Campo Santo in Pisa - Abb. 188 u. 189 - 

besonders den en face sitzenden. 

Heilige Schriften sind Wunderdinge; sie können auch Wunder wirken. 
Warum sollen sie nicht auch von selbst steif in der Luft stehen können? 
So dachten diese skrupellos andachtigen Manner nicht etwa; die An- 
dSchtigkeit erlaubte ihnen nicht einmal hieraber nachzudenken. Daher 
gehen sie aber noch weiter. Wie der Soldat sein Gewehr und wie der 
siegreiche Märtyrer die Palme schultert, so schultern gelegentlich die 
Heiligen auch das offne Band des Rollenbuchs, das steil aufrecht steht, 
als wäre es aus Metall, Darstellungen, die nicht nur im Stil des Rokoko 
begegnen, sondern schon dreimal auf einem alten Gemälde des Sano 
di Pietro in Siena, Belle Arti Saal II Nr. 25, ebenso am Portal von 
St. Trophime in Artes, rechts am Eingang (etwa aus dem J. 1220). Das 
reicht dann in die modernen kleinen Farbendrucke hinein, die Heilige dar- 
stellen und in der griechisch-katholischen Kirche ver- 
breitet werden : davon gebe ich in Abbildung 1 90 ein 
Beispiel. 

Noch wunderbarer ein altes Tafelgemalde, das ich 
im Mus^e Calvet in Avignon sah, daselbst Nr. 54: in der 
Mitte Christus am Kreuz; links und rechts von ihm Maria 
Magdalena und Maria (E)gipciaca. Jede der Frauen hält 
eine offne Buchrolle, aber nur am unteren Zipfel; die 
offnen Papierfahnen befinden sich schwebend Ober ihnen 




Freiere Motive. 331 

und sind oben irgendwie befestigt, 
klar gelassen ist Große Sprache 
iuf geschrieben. 

vandert das Rollenbuch also, wie 
len, aus dem Mosaik hinflber in 
Freskomalerei und Tafelmalerei, 
immer die Kunst sich bemaht hat 
IS Geistige zu versinnlichen, des 
als Erbteil von Geschlecht zu Ge- 
schlecht weiter geht, blieb die 
Rolle ein unentbehrliches Requi- 
sit. Auch Michel Angelo hat 
rer nicht entraten können. Aber 
: noch eins. 
Antike ist das Rollenbuch nichts 
Qgige Diener des Menschen, und, 
ttel, in jedem Falle ihm unter- 
das NatDrliche und entsprach da- 
des Lebens. Mit dem Mittelalter 
en der Rolle aus dem Leben be- 
er Zweck, ihr allegorischer Wert 
; Unwirkliche. Der Mensch, der 



j aes uucns nerao; aas otine 

Buch mit dem Spruch, den 
es tragt, erhebt sich zum Keminhalt 
der bildlichen Darstellung, auf den das 
Auge hinzulenken die Aufgabe des 
Künstlers ist. Aber unser ästhetischer 
Sinn bleibt unbefriedigt. Denn Lettern 
und Papier sind unpersönlich und 
eine tote Sache, die weder Herz noch 
Phantasie ergreift, und der Aufwand 
des menschlichen Apparats , der als 
Trager dient, scheint unproportional. Es 
fehlte noch eins; das Buch selbst mußte 
beseelt werden. Der Geist soll aus ihm 
reden; das numine afflatur mußte auch 
von ihm selber gelten. Wer nun in der 
Sixtinischen Kapelle zu den Propheten 
und Sibyllen Michel Angelo's empor- 



332 VI- Darstellungen der Buchrolle im Mittelalter. 

schaut^), erkennt: die Aufgabe ist da gelöst; und die geniale Lösung der 
Aufgabe erweist, daß die Forderung, die wir stellten, berechtigt war. Das 
Obematürliche wirkt hier wieder im Natürlichen. Der natürliche Verkehr 
des Menschen mit dem Buch ist endlich wieder hergestellt. Das Buch ist 
wieder Diener des Menschen geworden. Aber das Göttliche, der Geist der 
Weissagung regt sich in Mensch und Buch zugleich. Wiewohl das Plakat- 
system überwunden ist, redet das Buch dennoch! Dies ist zu grandiosem 
Ausdruck gebracht in der wundervollen Delphischen Sibylle (Abb. 191). 
Sie sitzt in Bewegung; der Mund leise geöffnet. Das weit offne Auge 
starrt in die Ferne und schaut Unsichtbares. Die linke Hand aber hält 
die Rolle am oberen Ende in Schulterhöhe weit vorgestreckt, damit der 
Hauch sie erfassen könne, und die Blattmasse fällt ohne Halt nach unten. 
Die Seherin achtet es nicht; sie hat zu lesen aufgehört; denn der 
Geist Gottes fährt wirklich wie ein Hauch durch das Bild und bläht 
die Rolle und bläht den Mantel, und die Ergriffenheit hat Buch und 
Mensch erfaßt, und man spürt ohne Schriftworte, daß hier das Ober- 
irdische redet. ^) 

Damit war freilich das Äußerste der Ausdrucksfähigkeit des Buchs 
erreicht, und weiter konnte die Kunst nicht gehen. ^) Auch die Sibyllen 
Rafael's in S. Maria della Face lesen zwar; aber die Art, wie sie es tun, 
ist ungeistig und gezwungen; die Schriftworte auf Zetteln und Tafeln drängen 
sich wieder vor. Was dort Erlebnis war, ist hier wieder zur Allegorie ge- 
worden, und wir empfinden, wie viel inniger in solchen Dingen Rafael mit 



1) Auch diese Propheten und Sibyllen Michel Angelo*s mit ihren Büchern sind 
übrigens eine Nachwirkung des S. 325 erwähnten Prophetenspiels, bei welchem das 
Halten von Büchern obligat war; s. WEBER a. a. O. S. 53 f. 

2) C. JUSTI, Michelangelo (1900) 8. 131 sagt gleichfalls, daß das numen 
afflans es ist, das den Mantel anschwellt. Warum aber nicht auch das Buch? 
Von ihm sagt er nur (S. 129), daß es die Sibylle mit beiden Händen vor 
sich ausgebreitet hielt und jetzt mit einer raschen Bewegung des 1. Arms 
zurückwirft. E. Stbinmann, Die Sixtinische Kapelle II (1905) S. 398 behauptet gar, 
die Seherin strecke ,,das Spruchband*' den Gläubigen zu ihrer Legitimation ent- 
gegen! Aber der Spruch selbst fehlt doch eben auf dem Buch, und der Künstler 
hat von solchem äußerlichen Verfahren durchgängig abgesehen. 

3) Sonst herrschen in der Sistina die Codices vor; es sind schwere Folianten. 
Aber Joöl liest in der Rolle und zwar mit Eifer; die R. hält richtig das Konvolut, 
die L. hat nur wenig Text abgerollt, und man sieht, daß der Leser noch am An- 
fang der Lektüre steht. Die innere Erregung verrät sich hier nur darin, daß die R. 
die Blattmasse gewaltsam umbiegt, indem sie das Konvolut senkrecht richtet und 
nicht wagrecht hält, wie sie doch müßte. Dies geschieht ähnlich auf unsrer Abb. 180. 
Endlich hat auch Ezechiei die Rolle; aber er doziert nach rechts gewendet; das 
Lesen ist abgetan; die 1. Hand läßt er mit der halb abgerollten Rolle herabhängen. 
Die Rolle aber ist auch hier voll Bewegung; denn das hängende Blatt schwebt 
schräge und weit ausgebogen und verrät deutlich, daß es erst eben in diese Situa- 
tion kam und noch hin und her taumelt. Dabei hat er die Rolle in S-Porm gerollt 
(vgl. oben S. 226); auch dies ein Zeichen der Hast und Unachtsamkeit 



Michel Angelo's delphische Sibylle. 333 

dem Geist des Mittelalters zusammenhing als die starke Individualitat seines 
großen Zeitgenossen.^) 

1) Nicht otine Rahning sah ich in Frankfurt E. Stbinle's Tiburlinische Sibylle; 
der Künstler hat da auf dies Detail ganz besondere Mflhe verwandt, und außer der 
offnen Schriftrolle in der erhobnen Rechten der Frau siehl man noch weitere, die, 
tose geschlossen, neben ihr auf dem Sitz li^en. Aber diese Rollen bestehen aus 
knitterndem modernen Papier, und die Sache ist weder praktisch richtig noch 
archäologisch wahr noch eigentlich geistig bedeutsam und eindrucksvoll. 



Zusätze. 



S. 6 Anm. 6: Kaiser Pirmus sagte t>ekanntlich, er könne von Papyrus und 
Kleister, papyro et glutine ^ eine Armee ernähren (Script, bist. Aug. c. 3). Daraus 
folgt (gegen Dziatzko), daß eben der Kleister bei der Chartabereitung beinah ebenso 
wesentlich war, wie das Papyrusschilf selber. 

S. 6 Anm. 7: Auch der Papyrus Ebers begann mit einem 19 cm langen leeren 
Stück vor der Vorrede des Werkes (Pibtschmann). Leer war aber auch bisweilen 
das Endstück; s. Diog. La. 6, 38: ^aKpd tivoc dvaTtvüdcKovroc kqI irpöc ti|i r^ct toO 
ßißXiou <Stpaq[>6v ti irapabciEavroc „Öapp€lT€, i^r\ [ö AioT^vr|c], övftpcc -^v öpui." 

S. 13: Wenn ich gelegentlich zu erkennen glaubte, daß die Ägypter auch mit 
der Linken schrieben, so erinnert mich Pibtschmann daran, daß die benutzten Ab- 
bildungen darin leicht täuschen können (derselbe in „Beitragen" Heft 4 S. 68). 

S. 16: Tongefflße zum Aufbewahren der Rollen: s. auch Assumptio Mosis 1 17. 

S. 17: Neben den ägyptischen Sitzbildern hfltte ich honoris causa auch den 
altbabylonischen König Gudea (um 3000 v. Chr.; aus Tello in Südbabylonien; im 
Louvre; Abguß in Dresden) erwähnen sollen, wennschon er mit Papyrus nichts zu 
tun hat. Der König sitzt mit hohen Knien streng symmetrisch, die Hflnde vor der 
Brust zusammengelegt. Auf dem Schoß liegt ein Beschreibstoff in dicker Platten- 
form, der einen Pestungsplan zeigt. Griffel und Maßstab liegen auf der Fläche 
der Platte. 

Übrigens wurden mir durch Vermittlung Pibtschmann*s die Bemerkungen 
W. Spiboelberq's über den Steinkern in der Hand der äg. Statuen, im Recueil des 
travaux relatifs k la philol. et ä Tarch. 6g. et assyr. XXVIII (1906) S. 174 f., im Aus- 
schnitt vom Verfasser freundlichst übersandt. SPIEGELBERQ setzt an, daß diese Stein- 
zylinder, die ich S. 17 für geschlossene Buchrollen nehme, vielmehr die Andeutung 
eines Szepters oder Herrscherstabes sein sollen. Diese Ansicht leidet jedoch, wie 
mir scheint, folgende Bedenken, die ich, obwohl in Aegyptiacis vollständig Laie, 
doch nicht verschweigen möchte. Auch Sitzfiguren halten den Gegenstand im Schofle 
(Berlin, Ag. Mus. Nr. 7335; 10123). Kann ein Herrscherstab in solcher Weise im 
Schoß gehalten werden? Oft hat der Steinkern horizontale Lage, indem die Hand der 
stehenden Pigur am Schenkel liegt (Berlin Nr. 12547; 7335 usw.). Wurden die Szepter 
auch so horizontal am Schenkel getragen? Sehr oft erscheinen auch zwei Steinkeme, 
in jeder Hand einer. Hat man in Ägypten wirklich so zwei Szepter geführt? Vor 
allem aber kam der Herrscherstab, wie SP. selbst sagt, den Prauen nicht zu; doch 
aber findet sich der Steinkern wirklich auch in Prauenhänden (Prau des Tenti, Berlin 
Nr. 12547). Also, meine ich, ist er kein Stab. — Warum sollen wir nun nicht ein 
Buch erkennen? SP. vermißt eine Andeutung der Lagen des Papyrus, wie sie die 
hockenden Schreiberstaiuen zeigen. Aber von diesen Schreibern wird das Buch 
wirklich benutzt, es ist da also unverhüllt. Wo die Rolle dagegen bloß als 
Attribut erscheint, wie in der Hand der Könige, ist sie unbenutzt und steckt in der 
Paenula (s. S. 19). Ist der Steinkern bisweilen anders gefärbt als die Hand, so 
darf ich erinnern, daß die Paenula farbig war. - Außerdem findet SP. den Stein- 
kern für eine Rolle zu kurz; wenn aber ein Stab verkürzt dargestellt werden konnte, 
warum dann nicht auch die Rolle? - Zum wenigsten für Piguren, die nur einen 



Zusätze. 335 

Steinkem halten, kann ich in vielen Fällen von meiner Auffassung nicht abkomnien. 
Wer den Ramses II in Turin sieht, kann m. E. gar nicht anders als den Herrscher 
mit dem Buch erkennen, das er in der R. hfllt« Dasselbe gilt von dem Sitzbild bei 
Erman S. 64 u. a., vor allem auch von dem Ramses bei Prissb d' Avbnnbs II Tfl. 56, 
wo wir auch den Sittybos zu sehen glauben. Weil die Rolle in der Kapsel steckt, 
erscheint sie in der Mitte oft etwas dünner als an den Enden: die Kapsel dürfte 
diese konkave Form gehabt haben. — Wer diese Dinge beurteilt, darf auch, wie 
ich meine, nicht ganz von der römischen Kunst und dem römischen Leben absehn, 
das so manches aus Ägypten entlehnt hat; das betrifft auch gerade den Monarchen 
selbst. Der römische Kaiser wird durch das Buch ausgezeichnet (S. 68 u. 72 f.). 
Woher diese Sitte? Das Buch bezeichnet den Machthaber; auch an König Saul, 
an Christus haftete das (S. 79). Erst durch die ägyptischen Bildwerke ist mir dies 
verständlich geworden. — Zweifelhafter sind die Fälle, wo eine Figur zwei Stein- 
keme hält. Daß im ägyptischen Leben aber auch dies üblich war, in jeder Hand 
ein geschlossenes Buch zu tragen, ist S. 12 gezeigt; und die S. 18 f. erwähnten 
Mumiendeckel bestätigen es. 

S. 21 Anm. 1: phüyra wird zum Schreiben verwendet bei Dio Cass. 67, 15; 
vgl. Herodian ab excessu divi Marci I 17: Tpam^aTclov toOtu)v bi^ tuiv ^k cpiXOpac 
^c XcTTTÖTT^Ta /|CKr|M^vuDv ^iraXXif]Xiij t€ dvQKXdcet d)Li<poT^pu)6ev ^ittvtm^vujv (dies ist 
gesagt nach Homer a 439). Commodus bedient sich ihrer. 

S. 22 Anm.: Ober das tcOxoc des Anakreon urteilte richtig F. Blass, Paläo- 
graphie § 29. 

S. 24: In welch argem Zustand die Papyrusrollen sich oft befanden, zeig^ die 
Szene bei Diog. La. 9, 114: Timon von Phlius liest aus einer Rolle vor; ihre Charta 
aber ist zerfressen; er kann daher den Text nicht lesen, improvisiert eine Zeitlang, 
ohne den Schaden merken zu lassen, und findet endlich, als er die Rolle bis zur 
Hälfte aufgerollt hat, den Text, den er sucht. Von chartulae putres ac vetemosae 
redet Sidon. Apoll, ep. 9, 16, 2. 

S. 30: Ober die Charta im Dienst von Aktenskripturen, ihr Zusammenkleben 
und Zerschneiden und sonstige Merkmale für die Sparsamkeit, mit der man das 
Material benutzte und aufbewahrte, s. jetzt PREISIOKE, Griechische Papyrus der 
Bibliothek zu Straßburg, 1906. 

S. 32: Schreiben von Texten auf Ostraka: auch Kleanthes benutzt Ostraka, da 
er sich keine Charta kaufen kann: Diog. La. 7, 174. An Pergament wird damals 
noch nicht gedacht. Auch Hermes schreibt auf Ostraka; s. Zusatz zu S. 71. 

S. 32 Anm. 2: Dasselbe, was ^ovößißXoc, bedeutet wohl auch der adjektivische 
Zusatz ^vtatoc, den ich einmal Diog. La. 7, 35 finde (icTopia ^vta{a). 

S. 35: Um das Jahr 350 n. Chr. war neben dem Vordringen des Pergaments 
die Produktion der Charta doch noch gar nicht merklich zurückgegangen; s. Ex- 
positio totius mundi et gentium ed. Riese p. 113; da heißt es: weder iudicia noch 
privata negotia können ohne die Charta des Nil bestehen; die homimim natura 
scheint auf die Charta begründet, und sine invidia schickt sie Alexandria omni 
mundo, 

S. 37 Anm. 1: Patrikios im 6. Jahrh. fand bei Dio Cassius das Wort ßißX{a und 
setzte in seinem Text dafür x<ipTac ein (Dio Cass. II p. 649 ed. BoisSEVAlN); er ver- 
stand also damals unter ßtßXia doch noch x^P"^^^' 

S. 37: Daß es im 4. Jahrh. Privatbibliotheken in allen besseren Häusern gab, 
zeigt auch Amm. Marcellin. 29, 2, 4. 

S. 43: Auch, als er sich durch Schwimmen rettet, hält Julius Cäsar Schriften 
in der linken Hand, Dio Cass. 42, 40: iroXXd (Tpd^^ara) ^v xfj dpicTcp^ x^ipl dv^x^Jv 
4vif]SaTo. Daß man Bücher oder Briefe im sinus trägt, zeigt ebenda auch Cleo- 
patra, 51, 12. 

S. 44: Die Abb. 22 steht leider verkehrt gerichtet: was jetzt die rechte Seiten- 
linie ist, ist die Grundlinie des Bildes. Die Hand streckt sich also für den Be- 
schauer nach links. 

S. 46: Daß die Irisvase des Brygos auf ein Satyrspiel zurückgehe, bestritt 



336 Zusätze. 

K. Wbrnickb, Hermes 32. S. 302, für mich nicht flberzeugend. Dafi es das des 
Achaios war, behaupte ich nicht. 

S. 62: In unsrer Abb. 31a ericannte auch Ambluno einen MAusekopf und er- 
mutigrte mich dazu, dies im Text geltend zu machen. Bestätigung gibt hierzu, wie 
ich nachträglich sehe, eine fast identische kleine Bronze auf der Pariser National- 
bibliothek, Babelon-BIanchet, Bronces ant, Nr. 984: ein Schauspieler mit dem Kopf 
einer „Ratte"; das Werkchen stammt aus Rom; die Figur hfllt die geschlossene 
Rolle links, Motiv i. Aber die Ratte war, wie man sagt, den Alten unbekannt 
(V. Hbhn, Kulturpflanzen usw., 6. Aufl., S. 453 u. 458), und die griechische Sprache 
gibt kein Wort hierfür. Ist es glis, die Haselmaus? Allerdings scheint der satirische 
Papyrus, unsre Abb. 179, Ratten vorzuführen, aber es sind Ägyptische. 

S. 63: zu Abb. 32: ein Spielkind spielt mit einem Buch auch bei Herodian 
I 17, 4. 

S. 66: Ambluno erinnert mich daran, daß Purtw Angler (AbhdI. Münch. Akad. 
Bd. 20, 1896, S. 581 f.) an der feinen römischen Bronzestatuette des Asklepios bei 
Babelon-BIanchet Nr. 598 eine Rolle in der Rechten zu erkennen glaubte. Ich 
mufi diese Annahme bestimmt bestreiten. Der Gott hfllt hier aufrecht stehend die 
L. im Mantel, die R. gesenkt; diese R. hfllt horizontal einen kurzen Stab, aber so, 
daß alle Pinger lose liegen und vom Körper des Stabes abstehen. In dieser Weise 
wird die Rolle nie angefaßt Sie würde alsdann sogleich auseinanderfallen. Auch 
das Motiv III ist im Vergleich zu diesem Verfahren ein fester Griff zu nennen. 
Sonst wird höchstens der Zeigefinger abgehoben: s. unsre Abb. 27 und den sog. 
Sophokles, oben S. 87. Dieser Asklepios hfllt also einen kurzen Stab. Auch den 
Asklepios bei der Jutuma auf dem Forum Romanum (Rbinach, R6p. stat Hl 13, 9) 
habe ich mit Absicht übergangen. Mir schien es angesichts des Originals sicher, 
dafi auch er einen kurzen Stab und nicht eine Rolle in der R. hfllt. Es wflre nütz- 
lich, einmal die Beispiele für abgekürzte Stflbe zu sammeln; vgl. die S. 53 Anm. 2 
und S. 98 erwflhnten kleinen Bronzen in Neapel und Marseille. Auch Moses be- 
dient sich beim Quellwunder eines solchen: s. Qarrucci Tfl. 315 (FiCKBR Nr. 173) 
und 316, 3 (Aries). 

S. 60: Zu den Standbildern mit Motiv I kommt noch der Asklepios bei 
Schreiber, Bildw. der Villa Ludovisi Nr. 101, Arndt -Ambluno, Einzelaufnahmen 
Nr. 272 (Ameluno). - Auch die Portrfltstatue Nr. 218 bei Schreiber kommt hinzu. 

S. 61: Zum Asklepios im Pal. Pitti vgl. auch ThrAmer bei Pauly-Wissowa, 
R. Enc. li S. 1680, Arndt-Amblunq Nr. 219-221 und FurtwAnqlbr in den Bonner 
Jahrb. 103 S. 9 (Amblung). 

S. 67 Z. 11 f.: Vgl. Ambluno, Vatikan, Gal. lap. 34. 

S. 69: Hermes-Thot, stehend, mit einem buchrollenartigen Gegenstand in der 
R., Regensburger Bronzestatuette: s. FurtwAnqlbr in den Bonner Jahrbb. Bd. 103 
S. 1 ff. Tfl. I, auf welche Publikation mich AMBLUNO aufmerksam macht Auch auf 
einer spflten Münze von Tyrus, ibid. S. 5 Fig. 1 , erscheint dieser Gott stehend , mit 
demselben Abzeichen, auch hier in der R. Ist dies wirklich ein Buch, so wflre darin 
Ägyptischer Einfluß zu erkennen. Für das Buchwesen aber kflme solche Darstellung 
nicht in Betracht. Denn eine Figur, die, wie dieser Hermes, Attribute in beiden 
Händen trflgt, ist kein Leser, und Götter, die in dieser Weise mit Emblemen be- 
schwert sind, beweisen für das wirkliche Leben nichts. Wer wirklich mit dem Buch 
umging, hatte dazu natürlich die Hflnde leer. Sonach wflre mit diesem Hermes-Thot 
der S. 98 besprochene Toxaris beim Lucian passend zu vergleichen. Doch ist dies 
alles zweifelhaft. Denn Hermes trägt ja sonst regelmflfiig in der R. den Geldbeutel; 
der soll in diesem vereinzelten Fall durch das Buch verdrflngt sein. Wir wissen 
nun aber, daß auch ßißXia als Geldbeutel dienten (S. 127); also kann, ja, mufi es 
auch hier als solcher aufgefaßt werden. Mir fällt auf, daß an der Regensburger 
Bronze der Rollenkörper nach hinten sich verringert und dort jedenfalls keine 
Rollung und Rundung zeigt; s. die Rückenansicht der Statuette, die FurtwAnplbr 
gibt Aber auch an der Vorderseite ist die buchmäßige Rollung nicht deutlich. 

S. 69f.: Pluto und Kora führen eigenhändig schreibend eine Totenliste bei 



Zusätze. 337 

Babrios fab. 75; das ist sichtlich jung. Zum Buch der Parzen aber ist auch noch 
an das sie volvere Parcas bei Vergil Aen. I 22 zu erinnern; wohl mit Recht wurde 
dies von einigen Erklärem im Altertum auf die schreibende Parze bezogen: 
s. Servius ed. Thilo I S. 20. Vor allem aber hatte ich Horaz Od. IV 13, 15 anführen 
sollen, eine Stelle, die erst in diesem Zusammenhang ihre Erklärung findet: tem- 
pora quae semel notis condita fastis inclusit volucris dies. Die fasti sind hier 
das Tagebuch oder Journal des Lebens des Einzelmenschen. Und diese fasti 
heifien „die bekannten*', noti. Wer aber führt sie? Man rflt unsicher hin und her. 
Aber Martial gibt darauf a. a. O. die Antwort: es ist die Parze, von der omnis hora 
(sc. vitae humanae) scribitur. Natürlich mußte solcher chronologisch nach Tagen 
und Stunden angelegter Lebenslauf in der Vorstellung der Qlflubigen Pastenform 
annehmen. Und dabei ist das noti wertvoll: jedem war damals diese Vorstellung 
bekannt So dachte auch Martial, als er jene Worte schrieb. - Endlich seien auch 
noch die Cirisverse 119 u. 125 angeführt; sie besagen, daß die Parzen das Schicksal 
des Nisus festgelegt haben (flrmarunt v. 125) und daß dementsprechend auch die 
Orakelsprüche lauten (v. 119). Das ergibt anscheinend sogar orakelverkündende 
Parzen. Dies ist aber, und ebenso Horaz carm. saecul. 25, dahin zu verstehen, daß, 
wahrend Juppiter selbst den Schicksalsausspruch, das fatum, gibt, die Parzen 
dies Schicksal nur buchen (s. Mart. Capeila 1 64); die Orakelstfltten aber erhalten 
vom Inhalt dieses Parzenbuchs Kunde, und die schriftlich erteilten Orakel sind 
diesem Buch gewissermaßen entnommen. 

S. 71: Die Vorstellung von einer Schuldbuchführung Gottes, die wir als 
spezifisch jüdisch-christlich betrachten, findet sich, wie ich erst nachträglich wahr- 
nehme, auch bei den Griechen; s. Halm, fabulae Aesopicae Nr. 152: Zeus befiehlt 
Hermes, die Sünden der Menschen auf Ostraka zu schreiben, und in einer KtßujTdc 
aufzubewahren, um jeden zur Rechenschaft zu ziehen. Die Ostraka werden in der 
Capsa jedoch durcheinander geschüttet, und so kommt dem Zeus das eine Schrift- 
stück spater, das andere früher in die Hand, woraus sich erklärt, daß den Misse- 
tater die Strafe oft erst so spät ereilt Hier also auch ein schreibender Hermes! 
Die Erfindung ist sichtlich jung, vielleicht alexandrinisch ; zu Ägypten würden auch 
die Ostraka gut passen. 

S. 72 t: Kaiser Maximinus tritt mit dem ßißXiov auf die Rednerbühne; dies gilt 
aber als Zeichen dafür, daß er kein Redner war: Herodian VII 8, 3. 

S. 78: Ober das Vorkommen der Buchrolle auf den Malereien der Katakomben 
handelt Wilpert, Text S. 494, sehr flüchtig. Tatsache bleibt, daß Christus nur 
isoliert oder nur in Repräsentationsgruppen (mit den Aposteln oder anderen Heiligen) 
das Buch hält; s. die oben S. 184 aus Wilpert zitierten Tafeln, sowie Tfl. 49; 75. 
Auf Tfl. 21 u. 22 ist, wie mir BAUER überzeugend darlegte, keine Madonna zu er- 
kennen, sondern eine profane Familiengruppe; die männliche Figur, die neben der 
Frau steht und eine Rolle in der L. zu halten scheint, bedarf also keiner Benennung. 
Daß übrigens hier eine Buchrolle wirklich vorliegt, ist mir trotz Wilpert S. 187 
sehr zweifelhaft; die emporgehobene Haltung der Hand taugt dazu nicht 

S. 79: Den Satz, daß Maria nie die Rolle hat, vertritt auch WiLPERT, ROm. 
Quartalschrift XX (1906) S. 1 ft Die Rolle in Maria's Hand bei Rohaut de Flbury, 
TEvangile Tfl. 21 ist ganz unzuverlässig und so, wie sie da gezeichnet ist, unmög- 
lich; vgl. Qarrucci Tfl. 213, wo sie fehlt Ober Maria ist jetzt auch v. Sybel, Christ- 
liche Antike 1 S. 252 t zu vergleichen. Erst im hohen Mittelalter finde ich die 
Madonna mit dem Rolienbuch, oben S. 327. 

S. 82: Wer dafür, daß die Überreichung von Büchern mit der Rechten ge- 
schah, noch ein literarisches Zeugnis wünscht, findet es bei Sulpicius Severus 
p. 142, 18 ed. Halm. 

S. 85: Derselbe Sulpicius Severus p. 175, 25 ist dafür Zeuge, daß der iecturus 
das Buch in der Rechten hält 

S. 127: Ober die Statue von Anzio vgl. auch FURTW ANGLER, Münchner Sitz.-Ber. 
1906 S. 388 Anm. 1 (Amelunq). 

Birt Die BuchroUe in der Kunst. 22 



338 Zusätze. 

S. 136: Zu inter manus vgl. ^crd x^tpac fx^iv (ti?|v ^TricroXfiv) Josephus, 
Vita 224. 

S. 136: Ober „die Entstehung des ionischen Kapitells'* ist neuerdings auch von 
M. VON Qrootb, Straßburg 1905, gehandelt. Um nicht mißverstanden zu werden, 
wiederhole ich (vgl. S. 310), daß ich nur dies vermute, daß seit dem Aufkommen 
des Rollenbuchwesens die Verzierung des Kapitells dem biblion angedhnelt und 
akkommodiert worden ist. 

S. 163: Auch im Museum in Kairo befindet sich auf einem Sarkophag the 
figure of a Student grasping in each band a roll of Ms.; s. A. Butler, The Arabic 
conquest of Egypt (1902) S. 100 Anm. 

S. 168: Bauer bemerkt mir sehr einleuchtend, daß der lesende Jüngling auf 
dem Sarkophag von Perugia ein Opisthograph liest; in der Tat stehn die Rollungen 
vor, und die Innenseite des offnen Buchs zwischen denselben ist vom Lesenden ab- 
gekehrt und dem Betrachter des Reliefs zugekehrt. Eine ganz singulare Darstellung. 

S. 169: Lipsanothek von Brescia: Zur Architektur des Bildes gibt Strzygowski 
Kleinasien (1903) S. 213, eine Hypothese. 

S. 169: Zur sog. Samaritana bemerkt mir noch Bauer: „Die merkwürdige 
Stellung dieses »Christus* in der Komposition wird von Wilpert in Malereien der 
Sakramentskapelle S. 10 nicht hinreichend erklärt. Der Maler hätte Christus hier 
ebensogut neben dem Brunnen anbringen können und müssen, wie auf dem Bild 
in Petri et Marcellini (WiLPERT, Cyklus Tfl. 1) und in Praetextati (Wilpert Tfl. 19) - 
wenn diese überhaupli die Szene Joh. 4 wiedergeben sollen. Wilpert Tfl. 54 ist nur 
in einer zweifelhaften Zeichnung erhalten. Nach S. 426 seines großen Werks scheint 
W. übrigens seine Behauptung, daß die Figur am Brunnen eine Frau sein müsse, 
nicht mehr so energisch zu vertreten.'* 

S. 202f.: Eine Muse schreibend, und zwar auf einem großen (!) Diptychon (?), 
das auf ihren Knien liegt: Soqliano, Pitture Camp. Nr. 402. 

S. 206: Für das Schreiben auf Blattern wflre noch ein Beispiel nachzutragen; 
Qoldglas, abgebildet bei E. Gradmann, Gesch. der christlichen Kunst (1902) S. 129; 
Büstenbild eines Mannes; der Mann hat ein kurzes gebogenes Blatt, das Schrift- 
zeichen trägt, auf der 1. Hand; die R. setzt, nach Art unsrer Abb. 142, den Calamus 
auf. Ich weiß indeß nicht, woher dies Bild stammt. 

S. 211: Betreffs der ersten Niederschrift des Homer hat P. Cauer, Grundfragen 
der Homerkritik (1895) S. 92, am richtigsten geurteilt. Im 3. Jahrh. v. Chr. konnte 
man immerhin schon von alten Homerexemplaren reden, wie Timon von Phlius 
es tat, wenn er nach dpxata dvriTpaqpa des Dichters statt der gegenwärtigen btuip* 
6u)jLi^va verlangte (Diog. La. 9, 113). 

S. 214 Anm. 1: So spricht auch Amm. Marcellinus von compaginare pontem 
30, 10, 2 (statt dessen ponte compacto derselbe 17, 1, 2). 

S. 215 Anm. 2: Ober einen in Alexandria gefundenen Granitblock mit der Auf- 
schrift AIOCKOYPIAHC f (oder I) TOMOI vgl. jetzt Gardthausbn in der Berl. philol. 
WS. 1907 S. 352. 

S. 216: Wenn Alexander der Große seine Narthex-Ilias immer unter dem Kopf- 
kissen liegen hatte (Plut Alex. 8), so bestand auch diese llias schwerlich aus 
24 kleinen Röllchen, sondern sie war, nach der Vorstellung des Berichterstatters, ein 
einheitliches Buch. Der Narthex selbst lag doch jedenfalls nicht mit unter dem Kissen. 

S. 220: Ein mit einem Bündel Calami verbundenes Tintenfaß - ganz ähnlich 
unsrer Abb. 145 — findet man auch au! einem Goldglas bei H. VOPEL, Die alt- 
christl. Goldgläser (1899) S. 44 Abb. 1. 

S. 226: Bei SCHREIBER, Mus. Ludovisi Nr. 154, 212 u. 266, wo es sich überall 
um dextrarum iunctio handelt, heißt es jedesmal, daß der „Mann** ein „Schriftbündel'* 
halte. Auch in diesen Fällen wird an eine „gespaltene Rolle** zu denken sein. 

S. 234: Wenn Sidonius Apollinaris epist. 8, 16 sagt: iam venitur ad margines 
umbüicorum, so ist das eine Martialreminiszenz, mutmaßlich ohne alle Anschauung. 
Jedenfalls gab Sidonius seine acht ersten Bücher Briefe auf Membrane heraus 
(s. a. a. O. und 7, 18, 12), und jene margines sind dieselben, die er auch 9, 1, 4 er- 



Zusätze. 339 

wähnt. Die acht Bücher gingen im Codex; das neunte wurde nachträglich hin- 
zugefügt. 

S. 230 u. 240: Zu der Beobachtung, daß die römischen Dichter auf die äußere 
Ausstattung der Gedichtbücher den größten Wert legen, in der gleichzeitigen 
griechischen Literatur dagegen sich entsprechende Äußerungen nicht vorfinden, 
stimmt der Befund der herculanensischen Rollen sehr schön, insofern die griechi- 
schen Exemplare, die dort zutage gekommen, viel geringer sind als der Rest des 
lateinischen Epos de hello Aegyptiaco, das sich durch Schönheit der Schrift und 
Größe der Seiten als Luxusexemplar ausweist: s. Comparetti, Relazione sui papiri 
Ercol. (1880) S. 23. 

S. 246, 5: Vgl. Josephus, Vita 363. 

S. 249: Daß auf der attischen Qrabstele Nr. 817 eine Frau mit Büchervorrat 
erscheint, kann allerdings wundemehme;i. „Sollte das nicht eher ein Wäschekasten 
sein, die Rolle irgendwelcher gerollter Stoff?" (Amblunq). Ich muß die Frage 
offen lassen. Doch begegnete uns eine Frau mit Rolle aus etwa der gleichen Zeit 
oben S. 102. 

S. 247: Für das Neumagener Relief kommt ein anregender Aufsatz A. Brink- 
MANN's hinzu, der mir durch LOschke*s Aufmerksamkeit noch zugänglich wird: 
Bonner Jahrbb. 1906, Heft 114/115 S. 461 ff. Brinkmann erkennt in unsrer Abb. 159 
einen Tuchladen, und wir hätten es hier also mit Buchrollen gar nicht zu tun. 
Dieser Vorschlag mutet anfangs wie befreiend an, in Anbetracht der sonderbaren 
Größenverhältnisse, die das Bild zeigt; denn die Buchrollen sind viel zu groß. 
Trotzdem muß ich seine Richtigkeit bezweifeln, und Hettnbr (im „Führer**) und die 
Früheren hatten doch wohl Recht. Brinkmann hat im Vordergrund das Manuale 
mit Buch nicht erkannt (oben S. 177); daß dies Manuale in keinen Tuchladen ge- 
hört, versteht sich fast von selbst, und die Darstellungen von Läden, die wir besitzen, 
machen dies zweifellos. Das Manuale weist auf Bibliothek oder Archiv. Die ge- 
waltige Größe der Buchrollen kehrt auch sonst an der Mosel wieder; s. unsre 
Abb. 77; auch da sind sie (man denke sich nur das Abgestoßene hinzu) so groß, 
daß der Oberkörper der Knaben darin stecken könnte. Nicht dies also stört mich 
eigentlich, sondern daß das Buch auf dem Manuale so viel kleiner ist. Vielleicht 
enthält letzteres nur ein Bücherverzeichnis, und der Diener ist im Begriff an der 
Hand desselben die eigentlichen Bücher auf die Gestelle zu legen? Dann wäre die 
Einrichtung und Anordnung einer Bücherkammer dargestellt. - Im übrigen stimmt 
auf dem Relief alles wesentliche zur Natur der Buchrolle; vor allem auch die 
schichtweise Anordnung (oben S. 247; dazu der Sarkophag von Cagliari S. 261). 
Die Regale selbst haben just Augenhöhe; so lasen sich auf den Zetteln die Buch- 
titel am ' bequemsten. Das Fach rechts scheint aber tiefer als das linke hinab- 
zureichen; oder es gab hier noch ein zweites unteres Fach. Jedenfalls sieht man 
tief unten, hart neben dem Manuale links, noch den Kopf einer isolierten Rolle zur 
Hälfte gezeichnet Also ist es möglich, daß wir auch unterhalb des linken Fachs noch 
ein weiteres tiefer liegendes vorauszusetzen haben. Dies war mit Rollen nicht bis 
oben hin vollgepackt, wie es ja auch die oberen Fächer nicht sind, und daher sieht 
man links unten keine Rollen mehr angedeutet. Solche untersten Regale waren 
unbequem zu benutzen, und man steckte die schlechten Bücher hinein, die man nicht 
las (S. 245; dorthin weggesteckt, latitanteSj denkt sich vielleicht auch Ovid seine 
Ars; s. trist. I 1, 111). Auch der Jüngling des Neumagener Reliefs macht sich mit 
den oberen Fächern zu tun. — Man beachte weiter die Endblätter oder Protokolle 
an den geschlossen daliegenden Rollen; sie sind mit peinlicher Sorgfalt überall 
stark abgehoben und als solche deutlich gemacht. Dies paßt zum Buch, dessen 
Endblätter verdickt wurden (s. S. 235 f.), also etwas steif stehen mußten, vor- 
trefflich, nicht dagegen zum Wollstoff, der sich aufs engste anschmiegt. Alle Rollen 
sind ferner so zusammengerollt, daß sie für einen Leser wirklich benutzbar waren. 
Denn der Sittybos zeigt an, was am Buch oben ist. Nahm man nun solche Rolle 
in die r. Hand, so daß der Sittybos nach oben kam, so öffnete sich das Protokoll 
just in der Art, daß die 1. Hand die Innenseite der Rolle für den Benutzer richtig 

22 • 



340 Zusätze. 

freilegen und zu sich nach links ziehen konnte. Alle Rollen unsres Bildes sind auf 
diese Weise gewickelt. Lflge auch nur eins von den Protokollen in der Richtung 
nach rechts (fflr den Betrachter), so widerspräche das der Natur des Rollenbuchs. 
Ist diese Anordnung Zufall? Auf den Bildern, auf denen man wirklich Tuchrollen 
oder Tuchballen abgebildet findet, fehlen endlich die Sittyboi überall. Dies Fehlen 
aber ist nicht zufällig; sondern auf den Abbildungen 2 u. 3 bei Brinkmann liegen 
die Tuchballen so angeordnet, daß man deutlich sieht: eine Auszeichnung des 
Einzelstücks durch angehängte Zettel fand da überhaupt nicht statt Denn der Zettel 
würde sich am Kopf der Ballen befinden, und die Ballen müßten dementsprechend 
im Laden sämtlich mit dem Kopf nach vorne liegen, was nicht der Fall ist. Beim 
Buch dagegen, das in Haufen liegt, war der Sittybus ganz unerläßlich. Also weisen 
auf dem Neumagener Relief auch die an den Rollen vorhandenen Zetlel auf eine 
Bibliothek. Ihre Form ist allerdings nicht die gewohnte; doch besitzen wir aus 
so später Zeit keine weiteren Darstellungen von Sittyboi, die wir vergleichen 
könnten. 

S. 264: Justin sagt in seiner Praefatio vom Pompeius Trogus: historias latino 
sermone composuit . . . prorsus rem magni et animi et corporis adgressus. Hier 
beanstandete ROhl sonderbarerweise das Wort corporis; es ist aber das corpus 
librorum, die Masse der 44 Buchrollen, zu verstehen. 

S. 278: Die 6 m hohe Basis der Nike in Olympia hatte allerdings dreiseitige 
Form; das ist die Form der xOpßctc (S. 276). Als Träger von Inschriften und Denk- 
mälern werden xOpßetc und cTf)Xai von Eusebius bist. eccl. I 3 verbunden. 

S. 290: KONDAKOPP, in dem citierten Werk, hatte vollkommen recht, das zeit- 
lich Bedingte und eigentlich Byzantinische an den Miniaturen des Pariser Psalter 
und aller verwandten Werke des 9. bis 12. Jahrh. zu betonen; gleichwohl steht, 
auch nach ihm, in vielen Fällen die Benutzung antiker Vorlagen fest (s. z. B. Tart 
byz. 11 S. 45; 46 f.; 64; 68; 74; 76; 87). Es versteht sich von selbst, daß Künstler, 
die für ihre Zeitgenossen arbeiteten, um 600 oder 800 Jahre ältere Vorlagen 
meistens nicht einfach getreu kopiert haben, sondern nach Belieben und Behagen 
aus öfiT eignen Anschauungswelt Züge hineintrugen, sowie sie meistens auch die 
Farben, die sie auflegten, und den Goldgrund nach eignem Geschmack wählten. 
Dazu boten im Pariser Psalter die Bilder 1—5 weniger Gelegenheit, wohl aber Bild 
6—8, während Bild 9 den antiken Charakter wieder mehr durchzuführen scheint. 
Uns aber gehen hier nur die antiken Vorlagen an, und die Aufgabe ist eben, 
so weit es möglich, die ursprüngliche Anordnung der Miniaturen in jenen Vorlagen 
zu erschließen. Kondakopf selbst sagte I S. 28 mit Recht, man müsse die Minia- 
turen nicht nur als Illustrationen zum Text würdigen; il faut au contraire les con- 
sid^rer comme une branche tr^s importante et tout a fait ind^pendante, qui n*a 
€i6 associ^e ä la litterature que parce que telles 6taient les convenances de T^poque. 

S. 292 Anm. 2: Vor allem hätte ich Beissel, Vatic. Miniaturen Tfl. 7 (Evange- 
lienhs. des 10.— 11. Jahrh.) zitieren sollen. Hier ist das Kopieren aus der Rolle in 
den Codex so evident, wie man es irgend verlangen kann; in der Luft über dem 
sitzenden Johannes erscheint auch hier der Adler mit der offnen Buchrolle, darauf 
der Anfang des Evangeliums in principio erat verbum . . . factum est nichil aus- 
geschrieben steht; der Apostel selbst aber hält den offnen Codex, und genau die- 
selben Worte sind auf den Codexseiten wiederholt. Demgemäß sind also alle ver- 
wandten Bilder dahin auszulegen, daß die Rolle, die das symbolische Tier führt, 
die himmlische Textvorlage bedeutet, der Codex in des Evangelisten Hand die 
danach angefertigte irdische Kopie. Vgl. auch S. 328. Freilich kommt auch das 
Umgekehrte vor, daß das Symbol einen Codex trägt und der Evangelist in der 
Rolle schreibt. 

S. 292 Anm. 3: Die Ambrosianische llias erklärt U. v. WILAMOWITZ in der 
Deutschen Literaturztg. 1906 Nr. 46 (17. November), anknüpfend an Ceriani's neue 
Veröffentlichung, für das älteste Denkmal antiker Buchillustration. Hierbei scheinen 
die oben S. 286 und 284 erwähnten, allerdings geringfügigen Papyrusminiaturen nicht 
berücksichtigt. Oder sollen wir diese sämtlich für später halten? Der Verf. läßt 



Zusätze. 341 

die Möglichkeit offen, daß die Iliasbilder doch erst „unter der Constantinischen 
Dynastie'* hergestellt sind. Ich würde lieber sagen, daß sie frühestens damals 
hergestellt sind. In der Erfindung werden von W. Bezüge zu den tabulae Iliacae, 
zur Trajanssäule und Josuarolle bemerkt, zugleich aber hervorgehoben, daß die 
meisten Bilder dieser llias geschlossene Kompositionen sind. Dies haben sie 
mit den Miniaturen zu Vergil, zum Psalter u. a. gemein; aber das hindert die Annahme 
nicht, daß solche geschlossene Kompositionen ursprünglich in einem Rollenbuch 
aufgereiht beisammen standen. Ich habe dies S. 288 Anm. und S. 293 nur kurz 
angedeutet und möchte hier auf diesen Punkt noch einmal zurückkommen. So 
zusammenhangslos die Oden in einem Gedichtbuch des Horaz oder die Fabeln 
in einem Buch des Phaedrus beisammenstehen, ganz ebenso zusammenhangslos 
konnten natürlich auch oft die Bilder in den Bilderbüchern sein. Man denke 
auch wieder an die „Gemälde*' des Philostrat, von denen etwa dreißig in dieser 
Weise ein Buch füllen. Solche Bilderrollen befolgten dann eben das Prinzip 
des erwähnten pompejanischen Theaterfrieses (S. 294) oder bestenfalls das des 
Bilderfrieses mit den Gerichtsszenen im Thermenmuseum (S. 313). Besonders 
instruktiv ist dafür auch der Fries mit der Darstellung des Tierkreises an der kleinen 
Metropolis in Athen (S. 314) und die S. 305 erwähnte Stickerei von Bayeux, deren 
Tiergruppen einfach durch Striche oder Bäume abgetrennt werden. Das lose Neben- 
einander von Einzelbildern, das in diesen Dekorationsstreifen zugelassen wurde, war 
erst recht im gerollten Buche möglich, wo Beischriften den Obergang von Bild zu 
Bild noch mehr erleichtern konnten; und schon die altägyptische Papyrusrolle zeigt 
daher dasselbe Verfahren, indem sie die Bilder einfach durch Striche oder Säulen- 
schäfte voneinander abtrennt. Ebenso unvermittelt standen ohne Frage die Porträt- 
gruppen in Varro*s Imagines. Vor allem scheint mir hier noch der Mosaikfries in 
S. Maria Maggiore lehrreich; ich kann leider nur die Abbildungen bei Qarrucci 
benutzen. Hier ist aber klar, daß im Hauptschiff Einzelbilder abgetrennt als Fries 
nebeneinander stehen (Garrucci Tfl. 215ff.); am Triumphbogen geht diese Bilder- 
erzählung dagegen in einen Streifenfries über, der das Prinzip der Trajanssäule und 
Josuarolle inne hält (Garrucci 211). Zwischen beiden Prinzipien konnte man nach 
Bedürfnis wechseln, beide aber ließen eine Kontinuität der Erzählung zu. — In der 
Ambrosianischen llias waren gewiß die Bilder die Hauptsache, der Text war nur 
Zugabe. Diese Bilder haben das friesartig gestreckte Format, von dem ich S. 290 
u. 292 u. 313 Anm. 3 gesprochen, und auch das Blattformat des Codex selbst ist nun 
mehr breit als hoch. Daß somit die Bilder etwa für diese Handschrift selbst er- 
funden worden sind, ist nicht wahrscheinlich. Denn dann hätte ihre Form sich eher 
der Handschrift anbequemt, während augenscheinlich das Umgekehrte der Fall ist: 
das gestreckte Format der Handsghrift ist gewählt um der Bilder willen. Also er- 
klärte sich das Format der Bilder selbst aus einem andern Zweck. Also existierten 
sie schon früher. Wenn sie aber schon früher existierten, so bleibt ihr ursprüng- 
licher Zusammenhang mit dem homerischen Buchtext unerwiesen. 

S. 297: Die Bilderhebdomaden Varro's müssen durch die alte Vorstellung von 
der Siebenzahl der griechischen Weisen angeregt worden sein. Daher findet man 
auch auf dem Philosophenmosaik (oben Abb. 59) just die Siebenzahl. Die zweimal 
sieben Arzte im Dioskurides, die jeder ihren Spruch hersagen zu wollen scheinen, 
erinnern lebhaft an des Ausonius Ludus Septem sapientium. Amblung bringt mir in 
Erinnerung, daß Helbiq (Führer^ 11 S. 86) vermutete, auch das Arrangement sei 
bei Varro ähnlich dem des Philosophenmosaiks gewesen. Alsdann würde unser 
Respekt vor Varro*s Riesenwerk in*s Große wachsen. Wie waren dann aber die 
Epigramme oder sonstigen erklärenden Beischriften zu den Einzelfiguren angebracht? 

S. 299: Eine gute Vorstellung von einem antiken Aratbilderbuch dürfte Beda, 
De signis coeli geben (Maass, Commentar. in Aratum S. 582 f.): 42 Bilder mit 
kurzen Beischriften; und auf dem Pallium Heinrich's 11 wird dann solches Bilderbuch 
in eine Gewandstickerei verwandelt (ebenda S. 602). 

S. 304: Mit den „Gemälden** der Philostrate standen augenscheinlich die 
€Ik6v€C des Nikostratos gleich, die Suidas erwähnt. 



342 Zusätze. 

S. 314: Eine gesonderte Bilderreihe der Zeichen des Tierkreises, einen Streifen 
nach Art des erwähnten Frieses an der kl. Metropoliskirche hat auch Manilius vor 
sich gehabt, wenn er im 1. Buch den Tierkreis abgetrennt von den übrigen Stern- 
bildern beschreibt. 

S. 324: Die Tflr von S. Sabina auch bei J. WlBGAND, Hauptportal an der Kirche 
der h. Sabina (1900); s. Tfl. XVIIl (Bauer). 

S. 326: Es wäre denkbar, daß die Codices anfangs, d.h. im 3.— 4.Jahrh. bisweilen 
nur Kapseln waren, in die die Pergamentblattlagen ungeheftet hineingelegt wurden. 
Denn reOxoc heißt „Qefflß'*. Ober das Nflhen der Membrane s. oben S. 21 Anm. 
Einen Beleg in verkleinertem Maßstab für das, was ich meine, gibt (falls sie echt) 
die Bleikapsel von annähernd quadratischer Form, die die Gestalt eines Codex 
nachahmt und ungefähr der genannten Obergangszeit angehört, im Mus. Kircheriano, 
Helbiq, Führer Nr. 1451. Sieben Bleitafeln mit Schrift sind in ihr gefunden; um 
diese Tafeln hinein- und herauszuschieben, ist die eine Schmalseite der Kapsel zum 
Auf- und Zuklappen eingerichtet. In demselben Sinne würde sich aber auch das 
auffallige ^v reuxcci bei Eusebius hist. eccl. 4, 37 erklaren: ^v iroXureXuic ^CKim^voic 
TeOx€ct Tpiccd Kai TCTpaccä biairc^HidvTUiv i^^uiv. Wollte Euseb sagen, daß er Codices 
übersandte, die aus gehefteten Temionen und Quaternionen bestanden, warum 
machte er dann nicht Tcüxn zum Objekt (xe^xn ^k rpiccCüv Kai rcrpaccuiv cutkci^cvo 
öiaiTe)Li\pdvTU)v i^miiv)? 



Inhaltsverzeichnisse. 



I. Verzeichnis der besprochenen Bildwerke (in Auswahl). 

A. Ägyptisches: Reliefs, Statuen, Mumiendeckel : S. 9-20. Einige andere Bild- 
werke: S. 109. 112. 158. 273. 305. 310. 3341. 

B. Etruskisches. 

Spiegle! : S. 237. 276. Grabmalereien von Corneto: 310, 1. Sarkophag zu Cor- 
neto: 156. Sark. in Palermo: 81. Sark. in Florenz, arch. Mus., Saal von 
Clusium : 84 f. Saal von Tarquinii : 150. Bemalter Sarkophag aus Tarquinii : 312, 2. 

C. Griechisch-ROmisches. 

a) Kleine Bronzen: in Athen: S. 53. in Berlin: 53. in Florenz: 96. in Lyon 53 f. 
in Marseille: 98. in Neapel: 53 ff. 86. in Paris (Bibl.): 87.335. in Rom 
(Mus. Kirch.): 52. 87, 1. in Regensburg: 336. Bronzeaufsatz in Wien: 322. 
Silberne Statuette (Paris): 160. 

b) Statuen und Reliefs. 

1. Darstellung von Dichtern und Literaten [hier sind auch Minia- 
turen u. a. mit eingeschaltet]: 

Aeschines: 251. Aesop sitzend: 188. [Arat auf Mosaik: 134; auf Minia- 
tur: 91]. sog. Aristoteles, Pal. Spada: 91, 1. Anderer Aristoteles: 100. 
[Augustinus (?) auf Fresko: 91]. Demosthenes: 58. 91. 100. 251. Hera- 
klit: 51. sog. Hesiod: 98. 260. Homerstatuen: 52. 90. 159; ders. auf 
Reliefs: 82. 84. 87. 128. 149. Korinna: 160 f. 163. sog. Lysias: 104. 121. 
Moschion: 87. Orbilius: 252. Pindar: 155. 158. Plato: 196. 221. Posi- 
dipp: 187. [Pythagoras (?), Miniatur: 191]. [Rabanus Maurus, Miniatur; 85]. 
[Sappho auf Vasen: 90. 147]. Simonides (?): 87 f. Sophokles (?): 87. 
336. Stesichoros 51. 187 [auf Vase: 143]. Telesilla: 222. [Vergil, Minia- 
tur u. Mosaik: 104. 149. 177. 186]. 

2. Andere bekanntere Monumente: 

Aphrodite v. Capua: 137. Aphrodite Kallipygos: 137. Ära Pacis: 72. 96. 
217. 314. Basis Casali: 303. Bilderchroniken (Tabulae Iliacae): 149. 282. 
283. 292. 293. 303. Bogenspannender Eros: 137. Constantinsbogen : 73 
(Abb. 42). 100. 153. 193. 207. 321. Gigantenfries von Pergamum: 311. 
Marcussäule: 73. 104. 153. 269. 271. 272. 280. 306 f. 312. Musenbasis 
von Halicarnass: 84. 325. Musenbasis aus Mantinea: 47. 148. Musen- 
relief Chigi: 202. Neptunbasilika (Rom): 100. Nereidenmonument: 312. 
Nike in Olympia: 340. Tabula Archelai (Homerapotheose): 82. 87. 98. 
112. 119.222. Telephosfries: 309. Trajanssäule: 72. 104. 225. 269 ff. 275. 
279 f. 281. 306. 308. 312. 

3. Weitere, nach dem Standort bezeichnete Monumente: 
Anzio: Frauenstatue: 126 f. 337. 



344 Inhaltsverzeichnisse. 

Athen: Proskenion des Theaters: 126. Relief an der kl. Metropolis: 314. 341. 

Grabstelen: 49. Stele Nr. 317: 249. 338. Grabstein Nr. 1233: 112. Nr. 1465: 

267. Sarkophag Nr. 1497 u. 1498: 192. 227. 267. 
Berlin, Mus.: Julius Caesar 57. Grabrelief Nr. 768: 266. Nr. 771: 226. 

Nr. 804: 83. 111. Sarkophag Nr. 844; 66. 81. 111. 130. 174 f. 203. 269. 
Cagliari: Sarkophag 107. 164. 177. 261. 339. 

Constantinopel: Sarkophage: 194; delphische Schlangensdule: 272.276. 
Cumae: Grabrelief: 70. 150. 228. 
Dijon: Sflulenfragment: 281. 
Dresden: Relief: 66. 
England: Ince Bl. Hall Nr. 298: 66. 101, 1. 
Genua: Passade S. Matteo: 105. 
Grottaferrata: Grabstele: 156 f. 217. 249. 
Plorenz; Uff.: M. Aurel 56. „Matidia" 108. Phfldrasarkophag 190. Pal. 

Pitti: Asklepios 61. 62. 
Mainz: Juppitersäulen: 278. 
Metz: Relief: 66. 

München: „Zenon" 56. 256. Sarkophag: 177. 
Neapel, Mus. naz.: Homer: 256. „Lucilla** 55. „Britanniens" 56. 253. 

Trajan: 57. Drusus: 57. Sulla: 256. „Sibilla" 58. Muse Nr. 6394: 221. 

Togastatuen: 58. 61 ff. Relief Nr. 6621: 263. Relief ohne Nummer: 269. 
Neumagener Relief: 177. 239. 247. 339. 
Paris, Louvre: Candejaber: 277, 4. Grabstein der Gl. Italia: 129. Relief 

Nr. 1089: 73. Sarkophag Nr. 319: 172. Sark. Nr. 378: 84. 130. 
Piraeus, Statue eines Knaben: 258 f. 
Pisa, Sarkophag: 206. 
P r t i c i : Togastatuen 61 f. 
Puzzuoli, Mavortiusstatue : 66. 256. 
St. R6my de Provence, Julierdenkmal: 160 f. 
Rom, Vatican: Klio 186. Kalliope 201. Belvedere, Cortile, Relief Nr. 68 

63. 189. Mus. Chiar. Nr. 547a: 96. Nr. 248: 106. Nr. 121: 262. Nr. 381 

99. 112. Nr. 350: 169. Gal. Antinoo Nr. 55: 146. Meleagerzimmer Nr. 13 

186. Braccio nuovo, Karyatide: 126. Sala d. er. Greca, Relief: 128. 

Giard. gr. Pigna Nr. 166: 204. Relief, ebenda: 73. 
Rom, Capitol. Mus. „Zenon": 66. „Marcellus" 89. Halle, Nr. 11: 218 

u. 219. Galerie, Relief über Nr. 3: 192. Galerie Nr. 44: 88. Nr. 56: 98. 

Nr. 58: 89. 
Rom, Conservatorenpal. Silen: 126. Kaiserrelief: 73. Octogon Nr. 6: 

189 f. 228. 
Rom, Villa Albani, Spitzsflule: 224. 
Rom, Lateran: Drusus: 58. Statue Nr. 257: 146. Nr. 804 u. 812: 263. 

Nr. 846: 266. Schauspielerrelief : 177 f. Haterierdenkmal: 192. 203. Relief 

Nr. 16: 105. 153. 232. 260. Sarkophag Nr. 469: 97. 184. 
Rom, Thermenmuseum: Togastatue: 260. Stuckplafond: 278, 2 u. 3. 

279. 
Rom, Magaz. arch. auf dem Caelius: 221. 
Rom, Mus. Kirch., Marmorbüste: 99. 
Rom, Pankraziergrab: 179. 185. 
Rom, Matz-Duhn Nr. 1263: 260. Nr. 1318: 88. Nr. 2556: 97. Nr. 3117: 

65. 92. 112. 154. Nr. 3121: 204 f. Nr. 3127a: 262. Nr. 3809: 219 f. 
Siena, Statuetten: 88. 90. 
Smyrna, Grabrelief: 49. 62. 
Trier Mus., Relief: 140. Grabrelief im Dom: 173. 
Turin: Grabstein: 207. 
Verona, griech. Grabstein: 225. 
Wien, Schauspielerreliefs: 63. 



I. Verzeichnis der besprochenen Bildwerke (in Auswahl). 345 

c) Vasen: Vase des Brygos: 46. Vase des Duris: 138 f. Vase des Euphronios: 
148. 237. 249. Vasen in Athen, Nr. 1241: 142. Nr. 1260: 147. Vase aus 
Naukratis: 143. Gerhard, Auserles. Vasenb. IV 287, 1: 45. Gerhard, Trink- 
schalen 11 17 u. 18: 119. Panofka, Bilder ant. Lebens 4 Nr. 5: 144. 

d) Terrakotten: aus Tanagra (Winter 11 74,4): 102. cyprische (in London): 158. 
in Berlin: 139. in Athen: 99,1. 172. 177. in Marseille: 201,2. 252. Collect, 
van Branteghem: 139. Terrak. v. Myrina (Muse): 84. 111. 

e) Münzen: s. S. 51 f. 90. 159. 187. 213. 

f) Gemmen: Euripidesgemme: 48. Urania: 97. La liseuse: 134. Weitere: 166 f. 
200. 206. 

g) Lampen: Athenische: 50 f. in Neapel: 161. 
h) Wandgemälde: 

Hei big Nr. 858: 115 ff. Nr. 859: 188. 237. 251. 318. Nr. 861: 116, 2. Nr. 1099: 

145. Nr. 1157 u. 1158: 131. Nr. 1379: 2241. Nr. 1420: 115. Nr. 1453: M4. 

Nr. 1454: 114. Nr. 1462: 143. Nr. 1463: 114. 117. Nr. 1491: 270, 4. 

Nr. 1492: 139 f. Nr. 1494: 206. Nr. 1719 ff.: 226 f. 230 f. Nr. 1725: 235. 

251. Nr. 1726: 231. 235. Nr. 1741: 225. Nr. 1962: 118. 
Sogliano Nr. 249: 177. Nr. 402: 338. Nr. 403: 166. 
Neapel, mus. naz. Nr. 8838: 166. Nr. 9058: 115. 118. Nr. 9072: 166. Nr. 9183: 

151. Nr. 9641: 121. ibid., Loc. d. Prom., verschiedene Bilder: s. S. 115. 

121. 131. 166. 188. 238. 275. 325. 
Boscoreale: 127. 
Pompeji: Vettierhaus: 104. 166. 224. 251. 263. Casa Lucr. 166. Casa Sirico: 

166. Via Scuole: 118. Pero: 293. Theaterfries: 294. Landschaften mit 

Säulen: 278. 279. 
Aschaffenburg, Pompejanum: 114, 1. 
Rom, Thermenmuseum: s. S. 119. 141. 288 Anm. 312. 313. Conservatoren- 

palast: 313, 1. Magaz. archeol.: 166. Columbar. der Villa Pamfili: 140. 227. 

Odysseelandschaften 292. 309. 314. 
i) Mosaiken: Philosophenmosaik in Neapel: 102 f. 121. 243. 250. 341. in Villa 
Albani 104, 2. Trierer Mos. des Monnus: 134. 246, 3. 254. 297. Vergilmosaik 
von Sousse: 149. 186. 
k) Diptycha: 319. von Monza: 88. 222. des Asturius 88. des Probianus: 120 f. 
208. 317. 

D. Christliches: 

1. Sarkophagreliefs: des Junius Bassus: 78. 100. 190. 322. Sarkophage in Kata- 
komben: 76 f. 106. 154. 194. 207. 232. 258. 327,1. im Mus. Kirch.: 106. im 
Lateran: Nr. 40: 94. Nr. 55: 96. 173. Nr. 77: 254. Nr. 116: 106. Nr. 138: 240. 
Nr. 152: 112. 193. Nr. 164: 83 f. Nr. 172: 104. 154. Nr. 173: 96. Nr. 174: 185. 
279. Nr. 177: 107. Relief unter Nr. 170: 240. Sark. in Ravenna: 106. 324. 
in Ancona: Qorgoniussarkophag 66. 208. 321. in Perugia: 195. 338 u. a. in 
Tarragona: 99. in Arles: 93. 113. Sark. bei le Blant: Tfl. 4: 320. Tfl. 10: 154. 
181. Tfl. 22: 123. Tfl. 34: 98. 253. Tfl. 49: 240. bei demselben, Et. sur les 
sarc. ant. d' Arles: Tfl. 3: 174. 

2. Graffito: im Lateran: 153. 

3. Grabrelief: Neapel mus. naz.: 326. 

4. Goldglftser: s. S. 76. 95. 107. 174. 180. 222. 263. 323. 338 (bis). 

5. Katakombenfresken: s. S. 77. 91. 98. 181. 184. 207 f. 240. 241. 326. 337. 338. 
Domitilla: 88. 106. 254. Callist: 169 f. 254. Priscilla: 152. 320. 

6. Mosaiken: Sophienkirche 120. in Daphni 327. Rom: S. Costanza: 120. 323. 
S. Cosma e Damiano: 230. 241. 243. S. Maria Maggiore: 184. 288 Anm. 312. 
319 f. 324. 341. S. Agnese: 241. S. Prassede 319, 5. S. Paolo f. 1. m. 324. 
S. Lorenzo f. 1. m. 326. S. Clemente 329. Ravenna: S. Vitale: 83. 120. 241. 
254. 320. Baptist, orthod. 241. 321. Baptist. Arriano: 326. Galla Placidia: 
261 f. S. Apollinare nuovo: 319. 320. 326. 



346 



Inhaltsverzeichnisse. 



7. Fresken: in S. Maria Antiqua: 319. la casa Celimontana: 324. Avignon, 
päpstlicher Palast: 325. Simeonkloster in Oberägypten: 241. 

8. Sonstiges: Lipsanothek in Brescia: 169. Berliner Elfenbeinbecher: 77. 129. 
193. Tür des hl. Ambrosius in Mailand 73. 290. TOr von S. Sabina in Rom: 
324. 342. Bernwardsäule in Hildesheim: 272, 1. 291. Kathedrale in Nlnies289f. 
Florenz: Baptisterium und Bigallo: 94. Mosesbrunnen des Claus Sluter, bei 
Di Jon: 325. 

E. Miniaturen: 

Aesop: 288 An m. 313 f. Arat in Madrid: 240. Arat, Himmelssphäre: 299. 
Qromatici: 191 (bis). Ambrosianische Ilias: 292,3. 340 f. Terenz: 41,2. 52, 1. 109. 
208. 264. 288 Anm. 293 ff. 328. Wiener Dioskurides: 95. 121 f. 175. 297. 300 f. 
341. Neapler Dioskurides (in Wien): 300. Germanicus 299. Nikander: 284,4. 
Philocalus: 286. Physiologus: 279 u. 279, 3. 288 Anm. 292, 3. 321. Vergil, cod. 
• Rom.: 104. 177. 292, 3. Vergil, cod. F: 287. 292. 295 f. Christliche Weltchronik: 
284. 286. Wiener Genesis: 225,1. 278,4. 287. 289. 308. Cod. Rossanensis: 
79. 90. 201, 2. 208. 222. 290. 308. Rabulahandschrift: 321. 322. 327. Josuarolle: 
287, 1. 288. 291 f. 308. Alcuinbibel in Bamberg: 289. Octateuch von Watopädi: 
291 f. Octateuche des Vatican 292. Pariser Psalter: 287. 290. 340. Andere 
Psalterillustrationen: 278, 4. 279. 308. 321. 324. Evangeliar in Aachen 328. 
Adahandschrift: 328. Bemwardbibel : 328. Menelogion zu Esphigmenu: 279. 
Prudentius 286, 1. 288 Anm. 293, 3. 296. 313. 328. 329, 1. 

F. Bilder auf Teppichen, Gewändern u. a.: 

S. 40. 109. 305. 308, 3. 341. 

G. Einige Kflnstlemamen: 

Alma Tadema: 169. Apollodoros von Damaskus: 272. Archelaos: S. 216 
(s. übrigens Tabula Archelai). BOcklin: 41,1. Epler: 41,1. Kalates: 294. 
Michel Angelo 41. 331 f. Nicola Pisano: 330. Parrhasios: 219. 301. Perugino: 
94. Polyeuktos: 100. Praxiteles: 47. Rafael: 333. Silanion: 160,3. Sluter: 
325. Steinle: 333, 2. Utamaro: 199. 



II. Zu Schriftstellern und Schriftwerken. 



Aeneas Tacticus: 275, 1. 
Aeschines (epist. 4): 158. 
Aeschylus (Hiket.): 111. 210. 243. 
Aesop: 304 f. 313 f. 337. 
Alexis bei Ath. p. 184: 237. 
Alkman: 212. 240. 
Ammianus Marceil.: 338. 
Anakreon: 22 Anm. 
Anaxagoras: 29. 
Anthol. Pal. (4,88): 23,4. 

„ (9, 239) : 22 Anm. 

„ (12,50): 116 f. 
Antisthenes: 19. 215. 216. 265, 1. 
Apollinaris Sidon. 246, 6. 338. 
Apolloniusroman.: 222, 3. 248. 
Apollonius Citiensis: 284. 
Apuleius (Flor.): 117, 1. 

(Met.): 146. 
Arat: 299. 



)» 



if 



Aristarch: 31. 216. 
Aristeasbrief: 22 Anm. 
Aristides: 20, 3. 

Aristophanes (Frösche 943): 214. 
Artemidoros: 267. 
Ausonius Septem sap.: 341. 

Babrios: 337. 

Beda de signis coeli: 341. 

Bucolische Dichter: 267 f. 

Caninius: 270. 

G. Cassius, Jurist: 20, 3. 

Catull : 32. 233. 242, 4. 

Censorinus (De die nat.): 218, 1. 

Charisius: 23, 4. 

Chironis praecepta: 148. 237. 

Cicero: 32. 52. 238. 299. 

Ciris: 337. 



II. Zu Schriftstellern und Schriftwerken. 



347 



Codex Gregorianus etc.: 26. 
Copa: 242. 

Cornificius ad Herennium 265, 5. 
Curtius Rufus: 266. 

Dictys: 83. 

Dio Cassius: 267. 

Dio Chrysost.: 9, 4. 

Diodor: 266. 

Diogenes Laertius: 234. 

Dioskurides: 300. 

Elephantis: 285. 
Eudoxospapyrus: 284. 286. 
Eusebius: 285. 

„ (hist. eccl. 4, 37): 342. 

Evangelien: 265. 267. 

Florus: 308. 

Qalen: 21, 1. 197, 3. 198, I. 215. 302, 1. 
Qellius: 23, 4. 

Glossare: Corp. gl. lat.: 21, 2. 176. 256. 
303. 304. 

Henoch: 71. 176. 

Herodot: 215. 

Heron: 228. 284. 

Hesiod auf Blei: 211. 

St. Hieronymus et Moyses de Graecia: 

22 Anm. 307. 
Homer: 211. 216. 338. 

„ Batrachomyomachie: 32 f. 222. 
Homerpapyri: 30. 31. 32. 216, 5. 
Horaz (Od. I 7, 7): 236, 3. 

(Od. IV 13, 15): 337. 

(carm. saec. 25): 337. 

(Sat. 1,4, 21): 297. 

(epist. I 13, 13): 12. 

(epist. I 13, 2): 243. 258. 

(epist. I 20, 13): 256. 

Isyllos: 212. 
Jeremias: (36, 23): 182. 
Johannesapokalypse: 69. 71. 85 f. 90. 111. 

175. 213, 2. 243. 
Josephus: 246, 5. 266. 

„ (contra Ap. I 73): 210, 1. 
Justinus praef.: 339. 
Juvenal (9, 145): 308. 

Kallimachos: 218. 270. 
Koptischer Papyrus: 277. 
Krateuas, Pflanzenbücher: 299 f. 

Laevius: 286. 

Livius: 266 f. Liviusexzerpte: 31 f. 



Lucan: 32. 

Lucanus = Lucas: 320. 
Lucian: 98. 233. 
Lygdamus: 236. 242. 
Lykurg, Redner: 276, 3. 

Manilius: 342. 

Marcellus empiricus: 35. 

Marinos: 288, 2. 

Martial: 7, 1. 21. 23. 26. 29 f. 31 ff. 69. 

116 f. 127. 176. 234. 287, 1. 
Martianus Capeila: 234 f. 298. 
Memnon: 267. 
Menander: 32. 

Mimus: 52. „Hypothesis" 51. 
Mithrasliturgie 146. 
Monumentum Ancyranum: 270. 276, 3. 306. 

Neratius membranae: 21 Anm. 

Nikander: 284. 285. 

Nikostratos: 341. 

Nonius: 42, 1. 

Notitia dignitatum: 130. 258. 258,3. 317. 

Orphische Bücher: 146. 
Ovid (Metam.): 31. 32. 

(trist. 1, 1, 8): 236. 

(trist. 1, 7,33): 23,4. 236. 



»1 



>» 



Pamphilos irEpi ßoTavuüv: 285. 

Pastor Hermae 71. 197, 3. 

Patrikios: 335. 

Patrokles Thurius: 22 Anm. 

Paulus ad Timoth.: 21 Anm. 

Paulusapokalypse: 255, 1. 

Paulus Silent., descr. S. Sophiae: 40. 

323, 3. 
Philostrat*s Gemälde: 304. 341. 
Phokylides: 212. 
Pigres: 155. 
Pindar: 212. 
Plato, Doppeltitel: 238. 

„ (Apol. p. 26): 29. 
Plautus (Cas. 11): 305, 1. 
Plinius der ältere: 91. 171. 

„ (nat. hist. 13, 74): 6, 4 u. 6, 5. 
Plinius der jüngere: 171. 182. 198, 3. 

218,2. 
Plutarch 274 f. (Lyander 26): 211,3. 
Properz 32. 83. 242. 248, 4. 
Prudentius: 285. 313. 

Ravennatische Papyri: 317, 2. 
Revenue laws of Ptolem. II: 216. 
Romanpapyrus in Paris: 286. 



348 



Inhaltsverzeichnisse. 



Saevius Nicanor: 265, 5. 

Sallust: 31. 

Salomo's Parabeln: 285. 

Satyrspiel : 46 ; vgl. 276. 335. 

Script, bist. Augustae (XXX tyr.4): 236,3. 

(Tacitus 10): 24 Anm. 
Seneca (epist. 108): 23, 4. de tranqu. 

an. 9) : 284. 
Sibyllinen : 225. 248, 5. 
Simias: 286. 
Sophron: 238, 5. 

Statius: 22, 1. 29, 5. 160, 2. 269. 315. 
Stesichoros: 212. 
Sueton (p. 47 ed. Reif f.): 39. 
Sulpicius Sevenis: 337. 
Symmacbus, Bibeltext: 21 Anm. 

Terentius Scaunis: 218, 1. 
Terenz: 295. 



Themistius: 307. 

Theognis: 237 f. 

Theokrit: 267. 286. 

6€c^o{ der Demeter: 146. 

Thukydides: 215. 

Tibull: 32 (s. auch Lygdamus). 

Trajan's Dacica: 270. 

Ulpian: 21 Anm. 

Varro: 266. Imagines: 122. 296 f. 341. 

Satiren: 128. 
Velleius: 34. 
Vergil Culex u. Aeneis: 32 f. Oeorgica: 

296, 2. (Aen. 1 22): 337. 
Vitruv (IV 1): 2671. 

Zenobios: 23, 4. 



III. Sachregister. 



Accentschreibung: 298. 

Ägypten: Schriftwesen: 4 ff. 28. 111. 112. 
157 f. 199. 210. 214. 215. 217. 239 f. 
241. 273. Bilderrollen: 283. 305. 310. 
334 f. Wandschmuck: 273. Obelisken: 
273. Märchen: 211,3. Kupfer- und 
Silberdrachme: 28, 1. 

Arzte: 83. 167. 262. 

album: 270, 4. 

Alexandria und alexandrinisches Buch- 
wesen: 214. 238. 250. 307 f. 335. 338. 

Alphabet als Text: 39. 161; vgl. 146. 

dvaTiTvii)CK€iv trpöc ^auTÖv: 156. 

dvaYvuiCTi^piov : 176. 

anagnostes: 125. 171. 

dvaXoTeiov: 176. 

dvaTrXoöv: 135, 2. 

dvoiT€iv Tö ßißX.: 86, 2. 

dTToenxai (ßißX(ujv): 244. 

Archiv: 243, 1. 245. 339. 

armarium: 266; s. Bücherschrank. 

a studiis: 171. 

Athen: 212. 214. Hadriansbibliothek : 245. 

Atticus (Pomponius): 197. 214. 296 f. 

äEov€c: 275 f. 

Band: s. Riemen. 

Bänder, flatternd, auf Reliefs: 183. 

Bemalung: 79. 240. 



biblos, biblion: 19 f. 21. 86, 2. als Geld- 
beutel: 127. 336. ßißXoc rwvruiv und 
lwf\c: 71. ß(ßXoc cujui|iiTi^c: 19. 215. 
216.312. ÖXov ßißX.: 218. golden oder 
vergoldet: 202 u. 222. 

ßißXio(puXaKec: 245. 

Bibliotheken: 36. 244 ff. 335. 339. 

Bilderbuch: 229. 270 ff. 282 ff. 340. 341. 

Bilderchroniken: 307. 

Bildercyklen mit Textanmerkungen: 293. 
296 f. 313. 

Blätter, Einzelblätter: 6. 220 f.; vgl. 152 f. 
164. 

Bleitafeln in Kapsel: 342. 

Briefe: 197. 198. nie auf Membrane: 
34, 3. Verschluß des Briefs: 242, 2. 243. 

Buch: Attribut des Monarchen: 68 f. 72 ff. 
77. 79. 108. 335. 337. Attribut des 
Richters: 121. 191; oder sonstiger Be- 
amter: 318. im Dienst des Händlers 
u. Kaufmanns: 66. 111. 167. 192; des 
Schiffsbaumeisters: 76; des Architekten : 
218 f. beim Gottesdienst: 144 ff. (158?) 
(vgl. Isispriester), bei der Opferhand- 
lung: 67 f. 146. im Hochzeitsritus: 67. 
Buch des Lebens: 71. in der Hand 

. des Verstorbenen: 74 ff. 77. 108 f. der 
Tote kümmert sich um seine Verherr- 
lichung durch Bücher: 83. Buch, um 



III. Sachregister. 



349 



Hörner gewickelt: 273. um einen 
Stock: 275. bei Kriegslisten verwen- 
det: 273, 2. 275, 1. auf dem Tuch oder 
Qewand getragen: 322. 326. 

Buchhandel: 8. 26. 212. 302. 

Buchläden: 246, 6. 248. 

Buchwesen, Anfänge desselben: 210 f. 

Bücherbeutel: 15; vgl. Abb. 16. 

Bücherbord: 179. 255. 

Bücherschrank (armarium): 245. 246. 
261 ff. 266. 294. 

Büstenbilder, gemalt: 287, 1. 

calamus: 5. 14. 20. 198. 205. 206 f. 219 f. 
338. 

Candelaber: 277. 278. 

capsa {scrinium): eckig: 14 f. 49 Abb. 29. 
238. 249 f. 263. Entwicklung des Ge- 
brauchs: 248 ff. 264. 265. runde Form: 
250 ff. Höhe: 251. 252. 253. drei- 
eckig: 253. 260. mit Füßen: 250. 253 f. 
dazu S. 123. 205, 2. Verschiedene 
Zwecke des Kastens: 38. 248, 4. Capsa 
mit Büchern geweiht: 225. dargestellt 
an Statuen: 56. 60 f. 195. 251 ff. u. sonst 
auf Reliefs: 67. 75. 77. 123. 205. 218. 
225. 326. auf Wandgemälden: 88. 104. 
162 (Fig. 95). 225. 251. auf Miniatur: 
328. 178 Fig. 112; s. übrigens „Rollen- 
bündel". 

capsarius: 253. 

carmina figurata: 286. 

Charta: 21. 25. kostbar: 7 f. 26 f. 30. 33. 
335. Altere Bücher haben bessere 
Charta: 31, 1. Mangel an Charta: 33 ff. 
cartadecades 266. chartae ecclesiasti- 
cae: 316, l. Vgl. Papyrusrolle. 

xapTiov 21, 1. 27. 

Christus mit Rolle: 69. 77. 78 f. 108. 120 f. 
167. 170. 184 f. 190. 319. 337. 

cista, KicTT]: 248. 249. 

Codex: 20. 21. 36. 37. 109, 3. 262. 263. 
266, 3. 292. 301. 326. 328. 342. in 
der Christi. Literatur: 26. 35. cod. 
chartacei 36; cod, corticei 23, 1. 

compaginare: 6. 338. 

comua: 235 f.; vgl. Endblätter 339. 

corpus: 264. 267. 268. 340. 

diazoma: 311. 

dey Präpos., statt des Genitivs, bei liber: 

297, 1. 
Dekaden, Pentaden von Büchern: 266 f. 
UXt.x auf Charta: 155. 210. 
Denar: 30; arabischer: 28. 



describere, discribere: 285. 

dextera: 82. 

dimidium librum legi: 136. 

Diplome als Rolle: 67 f. 184. 208. 316. 
318. 323; s. Ravennatische Pap. 

Doppelrollen: 326 f. 

Doppelte Ausfertigung auf zwei Beschreib- 
stoffen: 110 f. 

^Kbocic: 213. 288, 2. 

Elias Himmelfahrt: 82. 

dvcUima: 22 Anm. 

^vialoc: 335. 

Enkomia, beim Totenmahl: 146. 

Ephesus, Bibliothek: 244. 

^1T{Tpa^^a „Buchtitel'*: 237. 

Erde, zylinderförmig: 213, 3. 

EschatokoU: 128-134; vgl. comua. 

Etruskisches Schrift- u. Buchwesen : 80 f. 

92. 110. 150. 156. 
evolvere: 135. 
explicare aciem u. librum: 235. 

Fannius, Charta Fanniana: 297, 3. 

Farben zum Schreiben: 5. 20. 

fasceSt fasciculi: 255 f. 258. 

Fell: Preisangabe: 28. Gazellenfell: 29, 1. 

Fledermausflügel als Beschreibstoff: 286, 5. 

foruli: 245, 12. 

frons libri: 236. 238 f. 

Futteral mit Griff, f. Buchrolle: 46. 241. 

Gallische Amazonen: 151, 4. 

Gewicht, als Büste: 108. 

Globus beim Unterricht: 299. 

glutinatory KoXXnTric: 6. Kleben des 
Buchs: 218, 1. 221, 1. 233. 334. 

Goldschrift u. Goldmalerei (xpucoTpacpia) : 
22 Anm. 302. 

Gottes Hand: 83. 

Götter mit Büchern : ägyptisch : 8 f. nicht 
griechisch: 69 f. Asklepios: 61. 69. 
260. 335. Chronos: 82. Pluto: 336. 
Eros (?) 167, 1. Pothos: 175. Hermes- 
Thot: 69. 336. Hermes: 337. Iris: 46. 
70. Musen: 46 ff. 84 f. 88. 91. 95. 97. 
105. 112. 119. 129. 130. 142. 143. 148 f. 
175. 202. 206. 209, 1. 252. 338. Namen 
der Musen: 48, 1. Kalliope: 116. Klio 
u. Melpomene: 149. Klio: 188. Par- 
zen: 69 ff. 84 f. 150 f. 192. 202. 203. 337. 
Furien: 80. Nike schreibend: 151, 4. 
200. 312 (mit Buch? 53, 2). 

Hahn, Attribut des Mercur u. des Petrus : 
279. 



350 



Inhaltsverzeichnisse. 



Herculanensische Rollen: 229. 233. 246. 

247. 256. 259. 339. 
Holztafeln: 5; s. XeOKUJ^a. 

implere volumen: 199, 1. 

Inschriften: der Inhalt von Büchern als 
Inschrift: 270. das Gravieren von In- 
schriften dargestellt: 199 f. 

intercidere tibrum: 7, 1. 

inter manus habere librum (= lesen): 135. 
338. 

Isispriester: 127. 144 ff. 

IcTopta, IcTopciv: 307. 

Japanisches Buch: 199. 

Jonischer Pries (Zophoros): 309. 310 f. 

Jonisches Kapitell: 135. 213. 310. 338. 

Jüdisches Buchwesen: 21 Anm. 29. 71. 
210, 1. 228, 2. 239. 263. 265, 1. Ein- 
fluß desselben auf das der christlichen 
Kirche: 102. 228. 234. 241 f. 263. 322. 
322, 3. 326, I. 

Karyatiden: 96. 126. 

KißiuTÖc, KißuÜTiov: 247. 248. 337. 

Kinn: das Buch am Kinn: 104. 114 f. 

116 f. 118. 122, 3. (das Buch am Mund: 

117). 
Kleben der Charta (glutinum): 6, 5; s. glu- 

tinator, 
Kopierbücher der Maler: 302 f. 
Kupßeic: 276. 340. 

Landkarten: 219. 288, 2. 308. 

lector: 171. 

Lederrollen: 5. 20. 24. genäht: 21 Anm. 

28 (vgl. Pergamentrollen). 
Lesediener: 144(?). 171 ff. 
Lesen: 42. 138. 169. 170. beim Lesen 

darf das Kleid nicht berührt werden: 

165-167. 
Lesende: anfangs selten, in späterer Zeit 

immer häufiger: 50. 62 f. 74. 
XeuKu>^a: 5. 211. s. album. 
über, libeüus (s. Papyrusrolle): 22. 23. 

über principis: 68. 
librarius: 198. 
Literarische Unterhaltungen: 63 f. 92 f. 

105. 128. 147 ff. 
loculamenta, loculi: 245, 9. 
logos „Buch": 43. 69. 215. 
lorum (i^dc) als Beschreibstoff: 274. 
Xu€iv Ttt ßißXia: 86, 2. 

Malen auf Pergament: 302. 

Malerin: 199. 

malleati (libri): s. Papyrusrolle. 



mamülare: 161. 

manuale lectorium: 175 ff.; vgl. Pult 
Maria ohne Buch: 79. 106. 120. 337. 
Masken: 257 f. Maskensch ranke: 264. 

294. 
Medaillonporträts: 65.90. 105 ff. 108. 115. 

165. 168. 
Meilensteine: 277. 
Melische Poesie: 211 f.; mel. Dichter: 

205. 
membfanae: 20. 21 Anm. 25. 219. 287, 1. 

301 f. ÖKpO^pa: 212, 2; vgl. Pergament. 
Meta: 224. 

Metopen: 309; vgl. 311. 
monobiblos: 32, 2. 217. 
Moses mit Buch: 77 f. 328. 
Musa als Buchbezeichnung: 267. 
Musiknoten in Büchern: 285, 2. 298. 

Nabu, Schreiberengel: 71. 

vdpOnH: 248. 338. 

nidus: 245. 

Nuß: Homer in der Nuß: 248, 5. 

Opisthograph (ömcOev): 86. 338. 
Orakel, schriftlich: 221, 1. 337. 
Ostraka: 5. 32. 335. 337. 
öOöviov: 127. 308, 3. 

Paenula, Buchhülle: 19. 239 f. 242. 258. 
334 f. 

Pantomimen: 303. 

Papyrusrolle: 4. 17. 24. 45. 102. 110. 117. 
124. 128. 135. 183 f. 189. 214. 281. 335. 
das Schilf: 5. Fabrikation: 6. 27. 227. 
334. textura: 307. KdrcpTov xapTu»v: 
28, 1. Papyrusausfuhr: 36. libri mal- 
leati u. conglutinati: 7, 1. die Rolle 
als Hieroglyphe: 9. die Rolle unbe- 
schrieben: 6. 28. 205. Länge der Rol- 
len: 19. Umfange: 215 f. 295. 317,2. 
„Großes Buch**: 19. Kleinstes Format: 
131. 217. Großrollensystem: 157. 159. 
215 f. 271. 295. Alteste Belege für die 
Papyrusrolle: 159. 210 f. (s. auchSappho 
u. Stesichoros). Rolle mit dem Himmel 
verglichen etc.: 23. 213. Zugespitzt: 
220. Gespalten: 227. 338. Kunst des 
Abrollens: 140. 153. 156. Rollen in 
S-Form: 226. 333, 1. Eingehen des 
Gebrauchs der Papyrusrolle: 33 ff. 317. 
s. übrigens „Buch**; Charta; ßißXiov; 
liber u. „Lesen**. 

TTT^T^aTa: 245, 9. 

Pentateuchos : 22 Anm. 267. 

Penthesilea: 151, 4. 



in. Sachregister. 



351 



Pergramentrollen des MA.: 228. 234. 318. 
Peutingersche Tafel u. Josuarolle : 288. 
Exsultetrolle: 21 Anm. Rollen mit dem 
Stammbaum Christi: 288.; vgl. jüdisches 
Buchwesen. 

Pergamum: 244. 

irepiKÖirreiv : 7, l. 

Persische Kanzleien: 243, 1. 

Personenverzeichnis im Drama: 294, 1. 

iT^raXa: 286, 5. 

Petrus: 76. 78. 95. 106. 254. das Buch- 
ende auffangend: 185 f. 322 f. 

philyra: 21, 1. 335. 

Phönix: 279. 286. 5. 

pinax: 28. 288, 2. 

plictus: 182, 1. 

pluteus: 246, 6. 255. 

Porträts: 298. 302 f. 

TTpaTMaTcia: 265. 

Privatabschrift: 26. 198. 

Prophetenspiel: 325. 331, 1. 

Prosaliteratur; ihre Anfänge: 211. 

TTpöcuJTra: 294, l. 

Prospektmalerei: 314. 

Protokoll: 130. 134. 

TTT^puT€c u. irT€puTtü|LiaTa: 286, 5. 

pugiUares: 21. 

Pult: 172. 177 ff. 208. 

Ranzen: 248. 

Ratte: 305. 336. 

Reinschrift 197 f. 

Reisen; Lesen auf der Reise: 32. 33. 104. 
132. 

revolvere: 135. 233. 

Riemen oder Bänder, als Rollenverschluß: 
9. 11 (Nr. 14). 102. 122. 241 ff. ein- 
faches Band (Ring): Abb. 9; S. 12. 102. 
106. 

Rollenbündel: 255 ff.; außerdem S. 15. 
75. 76. 77. 105. 113. 154. 219. 264. 266. 
hängend: 204. auf Capsa: 259ff.; dazu 
S. 49, 2. 57. 167. 

Rollenstab s. umbilicus, 

Rom: Augustusbibliothek: 244. Trajans- 
bibliothek: 246. 270. Cäsarsäule auf 
dem Forum: 280. 

Roman in Bildern: 313. 

rotuli s. Pergamentrollen. 

Rundbarett (jüdisch?): 173,2. 

Sänger mit Buch: 119(?). 141 ff. 159. 
Säule, Spitzsäule: 224. Säulen des Atlas 

u. Herakles: 275. Votivsäulen: 277 ff. 

umwickelte Säulen: 280 f. 
Salzsäule u. Wolkensäule: 278, 4. 



scapus: 164. 199. 316, 1. 

Schauspieler: 63. 91. 199. 225. 

Schlachtenbilder des Maximin: 306. 

Schlangendarstellungen: 274. 276. 

Schreiben: 197 ff. 328. 338. nach Buch- 
staben, nicht nach Silben: 197, 3. nach 
Diktat: 14. 197. auf der geschlossenen 
Rolle: 12f. 202. Anordnung der Schrit: 
227 f. 316, 1. 318. 

Schreiber, Oberschreiber: 8 f. 17 f. 

Schreibtafel: 9. 219. mit Henkel: 45. 
140. 225 s. Wachstafel. 

Schriftehe (Yd^oc ^prpot^oc): 68. 

Schulbücher, Schulwesen: 25. 31 ff. 37. 
63. 246, 6. 

scrinium s. capsa. 

Seestück, Gemälde auf Papyrus: 301. 

Seitenzählung: 295, 2. 

selides: 21, 2. 202. 214. 

Siegeln: 9. 16, 1. 86, 2. 238. 241. 243 f. 
258. 325. 

sinistra, zu sinus: 41. 43. 119. 335. 

Sirenen: 279. 

Sittgbos: 17. 107. 119. 164. 188f. 237ff. 
340. 

cxeüoc: 265. 

Skytale: 273 ff. 276. 280. 

Sonnenuhren: 277. 

Souffleur: 131. 140. 141. 

Spiegel: 221. 

Stab, abgekürzter: 336. 

Stele: 276, 3. 

stilus: 20. 115. 198. 205. 219 f. 

Styliten: 279. 

sub ala tragen: 12. 16. 258. 

Symmetrie beeinflußt die Anordnung: 80. 
93 ff. 107. 

cuv&€C|Lioc = fasciculus: 258, 3. 

cuvTttHic (cuvraYMa): 22 Anm. 264 f. 

Teppichmalerei: 308, 3. 

Testament: 243. 

T€öxoc „Rolle" oder „Kasten**: 21. 266. 

335. 342. 
Theaterbilder: 294. 
enxn: 265. erixiov: 249. 
Tholos von Epidauros: 213. 310. 
Tiersymbole der Evangelisten: 292,2. 327 f. 

340. 
Tinte: 28. 

Tintenfaß {atramentarium): 23. 219f. 338. 
Tisch: 2. 14. 41. 
Titel s. Sittybos. 

tomos: 19. 21. 30. 215. 338. tumus: 35. 
Tonkrüge, darin Bücher: 15. 334. 
Totenbuch: 19. 283.