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Full text of "Die Christliche Kunst; Monatsschrift für alle Gebiete der christlichen Kunst und Kunstwissenschaft"

&iäH-^§5?^\H^Sui-SS-£x:3^;;^^.^^ 




2. Jahrgang. 1. Heft, 



I. Oktober 1905. 




nionatsfchrift für alle Gebiete der dirittl. Kunft und der 
I Kunlti^inenfchah, {0T9ie iur das getarnte KunHleben. 



Inhaltsverzeichnis : 

Kunsthistorische Wanderungen durch Katalonien: III. Barcelona. Von Dr. Ad. Fäh. — Veronese- 
studien. Von Dr. Bernhard Patzak (Graz). I. Paolo Veroneses Fresken in der Villa „Da 
Mula" in Romanziol. — Grab eines Augsburgers bei Spezia. Von Professor Dr. Karl Bone. 
— IX. Internationale Kunstausstellung in München 1905. Von Franz Wolter. — Große Berliner 
Kunstausstellung 1905. Von Dr. Hans Schmidkunz (Berlin-Halensee) (Fortsetzung). — Aus 
dem Karlsruher Kunstverein. Von B. Irw. — Kunstverein München. — Defregger-Ausstellung 
in München. — Kunstleben in Köln. Von H. Heiners. — Zu unseren Bildern. — Vermischte 
Nachrichten. — Bücherschau. — Zeitschriftenschau. 
28 Textabbildungen. 
Farbige Sonderbeilage: Martin Feuerstein, Der heilige Ludwig bringt die Dornenkrone nach Paris. 

In Verbindung mit der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst 

/a/tt(<i/aAV!v<vaASASAvaAS/<viÄASAvaAva herausgegeben Yon der Aii/aAV5Äi^AV(ÄAS/<^«/«ASAS/QiKS/<Si/<ÄAVs 

Gesellschaft für christliche Kunst, e. m. b. H., München 



lährlich 12 Hefte. Vierteljährlich 3 M. = 3.60 K. = 4 Pres. Einzelpreis des Heftes 1.25 M. = 1.50 K. = 1.70 Pres. 




Zum Titelblatt. 

Da die Konkurrenz zur Erlangung eines neuen Umschlages zu keinem allseitig befriedigenden Resultat 
führte, so entschloß sich der Autor des bisherigen Titelblattes, ein sehr begabter, junger Künstler 
(Felix Baumhaaer) zur Umarbeitung desselben. In dieser neuen Form behalten wir das^Titelblatt.'im 

laufenden Jahrgang bei. 




Urteile über „Die ciiristliche Kunst. 



« 



i 



Relchtpost, Wien (18. X. 04): > . . . Eine Warte im Reich der Kunst, der bildenden, wird das neue großzügige 
Werk >Die christliche Künste werden, von der MUnchener Gesellschaft für christliche Kunst mit seltener 
Noblesse ausgestattet . . . . < 

Augsburger Postzeitung (17. Xn. 04): > Die beiden ersten Hefte der Zeitschrift .... haben in der 

Kritik die beifalligste Aufnahme gefunden. Text und Bilderschmuck stehen auf beachtenswerter Höhe. Ein statt- 
ücher Mitarbeiterkreis schart sich um den Herausgeber, der die Erfahrung des ausiiienden Künstlers (Maler) mit 
dem Wissen des Kunstgelehrten verbindet.« 

Kölnische Volkszeltung (1905, Nr. 381): > .... Die Zeitschrift hat also redUch gehalten, was sie ver- 
sprochen, und was sie bisher geleistet, erfüllt mit Zuversicht und froher Hoffnung für die Zukunft. — Die Kunst 
ist ein mächtiger KuUurfaktor, und das Christentum hat ein großes Interesse an ihrer Entwicklung. Demnach 
erfüllt die Zeitschrift eine große Mission, da sie sich die Aufgabe gestellt hat, die Grundsätze des Christentums 
im Kunstleben auf breitester Grundlage zu vertreten. Möge sie also einmütige und tatkräftige Unterstützung der 
gleichgesinnten Kreise finden < 

Deutsche Zeltung, Wien (26. XI. 04): > .... Die Münchener Zeitschrift >Die christliche Kunst« ist nun 
ein Unternehmen, das in diesem Sinne wärmstens begrüßt werden muß. Sie schlägt den richtigen Weg ein, um 
die an die Wand gedrängte christliche Kunst wieder in ihre öffentlichen Rechte einzusetzen. Eines der bedeutendsten 
Mittel hierzu besteht darin, daß sich die ZeiUchrift nicht bloß auf christliche Kunst, sondern auf die gesamte Kunst 
der Gegenwart erstreckt. Dadurch sichert sie sich den Eintritt in das allgemeine Interesse und hilft der christlichen 
Kunst zu einem solchen « 

Neue Preussische (Kreuz) Zeltung Nr. 145: »Die Monatshefte November 1904 bis Februar 1905, die 
uns zugingen, bestätigen die in Nr. 601 des vorigen Jahres gegebene Charakteristik der neuen katholischen Kunst- 
zeitschrift. Die Abbildungen sind sogar ungewöhnlich gut für ein christliches Kunstblatt und auffallend ist die 
starke Voriiebe für moderne Kunstwerke : Dubois, Watts, Wadere, Samberger, Ludwig Dill u. a., allerlei Freilicht- 
bilder sind reproduziert. Man fragt erstaunt, wie Lobachs bekannte Mommsenstatuette oder Bermanns Büste von 
Em. V. Seidl aus der MUnchener Sezession in eine spezifisch-christliche Kunstzeitschrift kommt. Wenn diese 
Proben den Geschmack der Leser bilden sollen, kann man sich über die Weitherzigkeit nur freuen. Daneben 
wird die klassische Kunst gepflegt. Größere Artikel über Anselm Feuerbach, Dürer, die großen Ausstellungen 
des Jahres, die Paulskirche in München u. a. m. b'lden den Text« 

Die Germania (Wissenschaftliche BeiUge Nr. 49) rühmt von den Heften, daß sie reich an Inhalt und Repro- 
duktionen sind. 

Das Vaterland- Wien urteilt in Nr. 328 vom 26. XI. 04, daß die Ausstattung die Zeitschrift vollständig auf 
das Niveau der vornehmsten Kunstzeitschrift stellt. 

Die Allgemeine Rundschau widm«te der neuen Monatsschrift mehrere spaltenlange Artikel. 

Schweizerische Bauzeitung 1905, Nr. 10, vom 2. Sept.: »Die reich illustrierte, vorzüglich ausgestattete 
Monatsschrift, die im ersten Jahrgang steht, will bei streng sachlicher und gerechter Würdigung einer jeden wahrhaft 
künstlerischen Leistung ohne Ansehen der Richtung und unter Förderung der lebenden Künstler fUr eine von 
christlichem Geiste getragene Kunst positive Arbeit leisten. Sie wendet sich in Wort und Bild an einen weitesten 
Leserkreis, vermeidet unfruchtbare Kritik und sucht dem 
Kunstfreund durch Einführung in die Vorzüge und Eigen- 
tümlichkeiten der Kunstwerke den Genuß derselben zu er- 
leichtern. Diese Ziele hat die Zeitschrift »Die christliche Kunst« 
bis jetzt in mustergültiger Weise zu erfüllen gewußt, somit eine 
vorhandene Lücke ausgefüllt und eine engere Fühlung der Künst- 
ler mit dem Klerus und den kirchlichen Kreisen angebahnt. Das 
ist ein erstrebenswertes Ziell Denn noch immer wird die so 
schädliche Beeinflussung der christlichen Kunst durch den fabrik- 
mäßigen, die Tätigkeit der wahren Künstler lahmlegenden Betrieb 
überall verspürt. Eine Besserung des allgemeinen Kunstempfin- 
dens ist nur durch den fortgesetzten Hinweis auf wirkliche 
Kunstwerke möglich, der zum Vergleich und zur Erkenntnis veran- 
laßt. Nichts aber erscheint dazu mehr geeignet, als eine mit zahl- 
reichen und trefflichen Abbildungen so reichhaltig ausgestattete Zeit- 
schrift wie die vorliegende, der daher eine weiteste Verbreitung vor 





monatsFchrKt FOr alle Seblete des 
Willens, der (ilteratut und Kunit. 
Betausgegeben P9n Karl ITIuth. 



rtt pornt^m« itUfi&rltl flnt>el flttt 
n)a(t)fenbc0tir6rcttunf.9<rlauf«n6(0a6r 



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ISIO 



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3^ 





nARCn.ON'A 



BAIASlUADi; AN 1)1 K l>l.l-L 1 AC.IDS 



(Zu Text S q) 



KUNSTHISTORISCHE WANDERUNGEN DURCH KAlAlA )\li:\ 



\"on Dr. AD. F.\H 



III. Barcelona 



Für die I-alirt 
von Gero IUI 
nach Barcelona 
erörtnen .sich zwei 
Wege. Wir wäh- 
len die Linie dein 
Meere entl.nii;. 
Die malerischen 
Städtchen erin- 
nern in ihrer rei- 
zenden Lage am 
l'nl.ie \on wei- 
clieii Hügeln an 
Perlen, welche die 
salzigen L'luten 
ans Uier gespült, 
nicht selten thro- 
nen sie aul grünen Höhen, Leuchttürmen 
gleich, die mit ihren schinnnernden lassaden 




HAKClil.OSA SAMMLUNG 

BlSCIlül-.SSTAH CAUKKRAS 

(Isl. S.S) 



den Lischer auf hoher See orientieren. Bald 
ninnnt indessen eine Beobachtung unsere Aul- 
merksamkeit ganz in Anspruch. In Tordera, 
Blanes, Calellaetc. sitzen Frauen und Mädchen 
vor den L'ischerhütten und Lläusern. Aut ihren 
Knieen ruht ein Kissen, emsig regen sich die 
Hände und bewegen in eiliger Hast die Klöppel. 
Wir sind im Mutterlande der echten Spitzen an- 
gelangt, glauben uns nach Böhmen oder ins 
sächsische Erzgebirge versetzt, würden nicht 
das rauschende Meer und die Pinienwäldchen 
deutlich südliche Ptade weisen. 

Darfin einer Zeitschrift, die sich der christ- 
lichen Kunst widmet, die Spitze, dieses duttige 
Frühlingskind der Renaissance, auch nur er- 
wähnt werden? Lange genug verblieb sie 
das Aschenbrödel unseres Kunstgewerbes. 
Noch Can. Dr Lr. Bock spricht sein Bedauern 
aus, dal.^ man diese leichte tlitterhafte Gar- 



IJie cliri^llicI'C Kunst. II. 



O^ KUXSTH1STÜK1SCH1-; WAXDl-I^XCiliX : BARCEI.OXA ^iid 




ßAlUXLüKA 



lAssADi. du; kaiiii;iii(ai.i 

( \m Architelil Don J.ist ( '. Mcstrcs ( Te.xl S. sj 



nierung unglücklichcrwL'isL- ;ml den ituIxTstcn 
Saum des ernsten kirchlichen (jewandes« 
übertrug. Seitlier liat sich aut diesem Gebiete 
ein gründhciier Wandel vollzogen. Die 
Blüte des Kunstgewerbes überhaupt, wurde 
die Spitze genannt (Seiiiperl. als Blüte der 
Renaissance« wurde sie mit Recht neucstens 
gepriesen (Dreger). Die diesbezügliche Lite- 
ratur l-'rankreichs und Deutschlands zeigt, dali 
ein neues Glied sich in die Geschichte des 
Kunstgewerbes eingedrängt liat, dessen (ie- 
burtsland noch nicht einmal ,uis dem Gebiete 
der Hx'pothese herausgetreten ist. 

Die italienischen Spitzenbücher des i6. jalii- 
hunderts sprechen \on Merli a redicelia 
alla Spagnol.i , heute noch bezeichnet dei' 
Italiener die alte Xaiispitze als puiito di 
Spagna . Demincli soll Italien im \'order 
gründe stehen, einzig weil Spanien, so \iel 
bisher bekannt ist, kaum ein derartiges Werk 
(Spitzenbuch) aufzuweisen hat (Dreger). Man 
dai'l" dem künftigen l'orscher nur gratulieren. 
Die Glanzzeit der Entwicklung der Spitze 
wird seine Domäne bilden, rühmt doch schon 



Cervantes die Frau seines 
Landes, die mit zwölf Klöp- 
peln zu operieren verstehe. 
Die Epoche der Barockzeit 
dürfte ihn weniger beschäf- 
tigen. Hingegen kennt die 
Gegenwart eine Renaissance 
auf diesem textilen Gebiete. 
Ihr Pionier ist lose Fiter, 
der nicht blol.^ die \cr- 
gangenheit. wenn auch 
nicht frei von Einseitigkeit, 
beleuchtete, sondern auch 
der Gegenwart scharfsinnig 
ihre Perspekti\e eröfinete, 
leider ohne sein Ziel zu 
erreichen. 

Unterdessen sind wir in 
Barcelona, der wichtigsten 
Hafenstadt Spaniens, ange- 
langt. Die Dichter haben 
ihre Lage in tarbenschil- 
lernden Dithvramben be- 
sungen. Mit Recht, denn 
anmutige Höhenzüge um- 
ziehen zarten Naturgobe- 
lins gleich die Halbmillio- 
nenstadt, vor deren Thron 
sich teppichartig das stolze 
.Meer ausdehnt. Eine echt 
südliche via tiimnplialis 
tührt uns durch die Palmen- 
allee des Paseo Colon zur 
kühn emporragenden Ko- 
lumbussäule, hinaul nach dem Montjuich. Zu 
uiisern l-'ül.Nen dehnt sicn die Stadt aus, der 
man gleich Florenz den Namen !a fiorente vin- 
dizieren dürfte, l^as dicht gedrängte Häuser- 
meer kennzeichnet sich noch als die einst \oiii 
l'estungsgürtel umschlossene .Altstadt mit ihren 
schmalen Gäßchen. \ oni Platanenhain der Ram- 
bla durchschnitten Der trauten Muhme nahte 
sich die Xeuzeit mit ihrer originellen l'rische 
und kühnen Unternehmungslust. Sie legte 
die Ringmauern nieder inid umschloß die 
Schöplungen der N'ergangenheit mit breiten, 
baumbeptlanzten Stral.V-n, an denen sich 
)ii'ächtige Paläste erheben. 

Der freundliche Leser wiid entschuldigen, 
wenn wii' ihn ungewohnte Wege liiliren. Die 
kühnen Werke der spanischen tjotik in 
Baicelon.i hat uns (ii'aus kurz, dennoch 
trellend geschildert. Über die Kathedrale 
orientiei'en uns sogar zwei umfangreiche 
Monographien. Die Societat Fotograiica Cata- 
lana verötlenilichie in Bild und Wort dieses 
Hauptwerk der spanischen .\rchitekttn'. Das 
<jrol.< anseleyte Werk von Soler imd Pedrosa 



©?v« KLXsrillSlORlscilli \\A\DERU\G1-X: BARCI-.I.ONA ^.i 



hat bereits einen tr.mzosisehen Cberset/er 
gei'uiiden. Wo auch die Neuzeit ihr i<ünst- 
lerisclies Lied laut und verneiimhcli erklingen 
läßt, da darl man seinen Tönen hiusciien. 

Weder das l'rovinziahiuiseuni mit seinem 
dici<lcibigen Kataloge zieht uns an, nocli die 
Akademie der schönen Künste, wenn aucli dort 
dem Fremdling so mancher liebe Bekannte 
von den Münchener internationalen Kunst- 
ausstellungen begegnet. Die Neuzeit, selbst 
in ihrem modernen Stile, wenn man diesen 
nicht richtiger als moderne Dekorationsweise 
bezeichnen will, tordert die Aulmerksamkeit 
des Wanderers. In reiche Privatsaiiinilungen 
führten uns zwei l'reunde, denen wir zu 
innigem Danke verpflichtet sind, ein Deutscher, 
der ni Spanien seine zweite Heimat geknuien 
hat: I'. Agusto Hupt'eld S. j., und ein be- 
geisterter Katalonier: Jos. Rat. Carreras \- 
Bulbena, der als Musikschriftsteller bekannte 
Autor. 

Zur Kathedrale lenken wirdie Schrit- 
te, nicht um das Heiligtum der Schutz- 
patronin der Stadt, der hl. Eulalia, und 
dessen herrlichen Kreuzgang zu be- 
wundern. Der Fassade einzig schenken 
wir unsere Aufmerksamkeit, denn sie 
ist ein Werk dei' neunziger Jahre des 
vorigen Jahrhunderts (Abb. S. 2). Be- 
zeichnend übernahm ein einzelner 
Kunstmäcen, der Bankier D Manuel 
Girona die Kosten dieses Werkes. Don 
Jose O. Mestres war der Architekt. 

In ihrer Hauptgliederuiig klingt 
wenigstens die Teilung der Kathedral- 
schifle deutlich durch. Zwei kräftige 
Pfeiler flankieren das Marmorprunk- 
stück, die beiden etwas kleinlich de- 
korierten Strebepfeiler niai'kieren die 
Trennung des Hauptschiffes von den 
Seitenschillen, Soweit äul.Nert sich 
einige Selbständigkeit des .-\rchitekten. 
Sofort aber zeigt sich allzu klar der 
Einfluß der nahen Kirche Santa Mari.i 
del Mar. Das gan/e Mittelstück der 
Fassade ist in ein dominierendes, fast 
schreiendes Hauptportal aufgelöst. 
Bitter rächte sich das Bestreben, die 
dort berechtigte Disposition der ge- 
nannten Kirche zu überbieten. Kühn 
steigt der Wimperg über dem Portale 
empor, in Noller Rücksichtslosigkeit ge- 
gen das scheu hervorblickende llau)n 
fenster, dessen Aufgabe der l.ichi- 
spende die Fensterrose inid das d.u'- 
liber wuchernde Maßwerk übernimmt 
und gleichzeitig beeinträchtigt. Willig 
unverständlich bleibt es, w.iriun man 



in den dekorativen Details einer kümmerlichen 
Spätgotik folgte. Auch der segnende Christus 
am Fiauptpleiler mit seinem Gefolge der 
Apostel zu beiden Seiten, die F.iigclligurcn 
unter den i3aldachinen der Schrägungen ver- 
mögen den ungünstigen Ccsamteindruck nicht 
zu verwischen. 

An den hohen Norden und seine Back- 
steinarchitektur erinnert die Kirche der Sale- 
sianerinnen. Die Frühgotik verstand es mit 
den denkbar einfachsten Mitteln, ein prächtiges 
Werk zu schaffen, das die ganze Baugruppe 
des Klosters beherrscht, ohne diese in ihrer 
(iesamtwirkimg zu beeinträchtigen (Abb. S. 3). 
Im Innern beobachtet man, wie der Architekt 
.Maitorell Motive der Frührenaissance reizvoll 
der Architektur einzuverleiben wulSte. Der 
schlanke Turm mit seinem vom Kreuze be- 
krönten Abschlul.* erscheint wie ein Fremd- 
ling unter den sämtlichen Kirchenbauten der 




B.ARCKLOX \ 



MKCiii; 1)1. 1; sali:sia\i:ki\\'i:n 

l'oil Ar.liiuit Marlorf II 



KL'XSTHISTORISCHE WAXDERUXGHX : BARCEI.OXA 



Großstadt, abcM- nls l-remdling. dem das Aut^c 
so gerne das volle Bürgerrecht verleihen 
möchte. 

Der nämliciie Architekt ist der Schcipfer der 
Herz Jesu-Kirche der Jesuiten. Die \\'irkung 
nach außen ist nicht bedeutend, da die 
Fassade nicht über die Hauserfluciit der Straße 
hervortritt, allein das Innere ist von groß- 
raumiger, edler Wirkung (Abb. S. 9). Um die 
Kuppel gliedern sich die tonnenüberwölhten 
Arme des griechischen Kreuzes. Den Hauptaltar 
umziehen otlene Arkaden. Über diesen nähern 
sich die \'erehrer des göttlichen Herzens dem 
Mittelbilde. Diese sind, wie die Kuppelbilder, 
liebliche Schöpfungen des Bruders Juan Canu- 
das, eines viel beschäftigten Mitgliedes der 
Gesellschaft Jesu. In den architektonischen 




■Wi 





%.^'j} i 



HAKCEI.ONA M-.l All. \OX hl I. 
i'on Architekt Chikü 



CI.At'SIKO rn:i. ROSATUO) 



Details beachtet man, dal.N Manorell mit voller 
Freiheit unter den historischen Stilen wählt, 
um einem völlig eigenartigen Bvzantinismus 
zu huldigen. 

\\'ir wenden Alt-Barcelona den Rücken, 
um sehnsuchtsvoll nach einer der \'orstäd;e 
zu eilen. Gilt es doch, die viel geschmähte 
und gleichzeitig als neue architektonische 
OB'enbarung gepriesene Kirche der Sagrada 
l'amilia zu besuchen. Seit 1882, so belehrt 
eine Inschrift, wird an diesem Baue gearbeitet. 
\'ollendet ist die für Kultzwecke benützte 
romanische Krypta, die wir nicht weiter be- 
rücksichtigen, ein Stück Ghormauer und zum 
größten Teile eines der Hauptportale. Diese 
beiden letztern sind Werke des bedeutendsten 
-Architekten Barcelonas, des D. A. Gaudi. 
Der Bruch mit der \'ergangenheit ist hier 
NoUständig durchgeführt, die modernste Gotik 
tritt vor des Xahenden Auge (Abb S. 4 u. 



)i 



Mächtit 



Tu 



rnie 



n gleich, ragen die in 



den Bau halb eingezogenen Strebepfeiler 
empor, die Wimperge der oberen Fenster- 
reihe sind, aut lodernden Flammen nicht un- 
ähnlich, vom nämlichen A'ertikalismus er- 
gritlen. Die Gliederung der Fenster verrät 
mit dem Gesimse über demselben die Tendenz, 
auch der Horizontale gerecht zu werden. 
Die drei Portale des einen Einganges wirken 
geradezu überwältigend Ruhige Flächen 
tehlen gänzlich. Dekoration und liguraler 
Schmuck äuliern sich mn so lebhatter. Die 
Jugendgeschichte Jesu ist hier behandelt. 
Ruhig thront das Jesuskind in der Mitte, sei 
es in der Krippe, wie im mittleren Portale, 
oder sitzend im Tempel. Rings grül.ien uns die 
Zeugen der Szene, teils in stiller Bewunde- 
rung, teils als irohe \'erkünder des Gnaden 
geheimnisses an die Menschheit. Die einzelnen 
Figuren sind wenig detailliert, aber von einer 
wunderbaren Schärfe der Charakteristik. Auf- 
lallend sind die aus den überhängenden Eis- 
bildungen sich lUichtciulen W'igel. In dem 
kleinen (^laustro del Rosario bewundert man 
die Zartheit und F.igenartigkeit der Dekoration. 
Immer wieder zog es mis hin zur ori- 
ginellen Anlage. Berühren die Schlangen- 
gewinde und mächtigen Eidechsentormen der 
Wasserspeier auch nicht sehr einladend, mag 
man die Portale eine in architektonische 
I iirmcii übersetzte wuchtige Malerei schelten, 
CS luht ein (jeheimnis in dieser Schöpfung 
G.iudis. Man muß die Architektur als eine 
moderne Übertragung nüchterner mathe- 
matischer Lehrsätze, die mit voller Klarheit zu- 
tage treten, abwägend \ergleichen, mag sich 
in den plastischen Schmuck versenken, er ist 
\'on einem yrof.^en Ciedankeii beseelt, der bis 



OS^ KUKSTHISTORISCIII- WAXDF.RUXGliX : BARCIII.OXA m^ 




nARCl£LONA 



IKCIIl; DER SAGUADA-FAMILIA 



/■<)« Ai\/iiU-it (J,!:u!i 



in die zartesten Details \ ibriert, Endlich 
erkennt m;in nach allen wechsehollen 
Wiederholuni^en unserer historischen Stile im 
genialen Wagnis der Lösung einer solchen 
Aulgabe doch einen Markstein, der für die 
Kunstgeschichte als Wegweiser in eine neue 
Zeit sich offenbart. 

Dem Fernstehenden mag es auffallend er- 
scheinen, d.di man einlach solche Stückwerke 
hinstellt, ohne an die Vollendung des Ganzen 
zu denken. Man darf nicht vergessen, dal.^ 
der hortgang der Arbeiten an dieser Kirche 
ganz von freiwilligen edlen Spenden ab- 
hangig ist. Flieiien diese reichlich, schreitet der 
i5au rascher vorwärts, während er wieder ruht, 
wenn spärliche Mittel zur Verfügung stehen. 
An eine Gefährdung des bereits Geschati'enen 
ist nicht zu denken. Die Milde des Klimas 
und die Solidität des Bamuaterials, das dei" 



nahe Montjuich in trefi lieber, unerschöpflicher 
hülle birgt, verleihen hinreichende Sicherheit. 
Hrgreif'end ist die \'erehrung des ganzen 
\'olke.s für dieses Werk. Wie ein Wunder 
staunt der einfoche Mann die kühne Neuerung 
an. Der Gebildete wird zum Propheten; 



ist einst Gaudis 



1er Plan realisiert, dann 



wird sein I leiligtum einen H\'mnus der ganzen 
Schöpfung an den dreieinigen Gott singen. 
wie er aus keinem zweiten Bauwerke uns 
entgegenklingt. 

Der Name des Architekten (iaudi begegnet 
uns auch im bedeutsamsten i'rotanbau Barce- 
lonas, im Palaste Hxcm. Sr. D. Güell y Baci- 
galupi. Den Kerker aus Marmor und liisen 
nennt spottend das \'olk diesen Bau. dessen 
I'assade allerdings in der schmalen Stralie 
sich nicht Geltung zu schaflen vermag. Die 
Repräsentationsräume und Ciemächer grup- 



©^ KUXS-I'lllST(^RISC:ill-; WAXDl-iaXCiliX: BAlU'.l-.I.C^XA ^Ö 



picrcn sicli im Innern um einen lioliLii Mittel- 
raum. Gesteit/te Bogen in hiunisciien Formen 
maclien sich allenthalben bemerlibar. malerische 
Durchblicke fesseln das Auge in diesen Salons, 
welche exquisites Kunstverständnis, von reich- 
sten Mitteln unterstützt, ausgestattet hat. Der 
Archäologe tritt hier dem Freund der mo- 
dernen Kunst ernst entgegen, hat er doch 
ein erlesenes Privatmuseum betreten. 

In einem der Korridore erblicken wir auf 
einer Marmorsaule eine antike Bronze (Abb. 
S. lo). Sie wird als hellenisches Werk, das 
aus lümporium stamme, uns bezeichnet. .Schon 
die Haartracht sagt jedoch deutlich, dal.s es 
sich um eine römische Arbeit handelt. Immer- 
hin wird eine intakt erhaltene, echte römische 
Bronze wie dieser aufblickende Frauenkopf 
diesseits der Pvrenäen in Prixatbesitz selten 
zu treffen sein. Die Öffnung der Kapelle. 




liARCni-OMA 



O1///1 fincs Pluvinles, Ende 



16, yahrhh 



die in keinem \oraehmen Hause fehlt, fesselt 
das Auge des Hintretenden. Kostbare Email- 
bilder des 12. und 13. Jahrhunderts machen 
sich am kleinen Flügelaltare bemerkbar. Ge- 
triebene Reliquiarien, Kreuze und wertvolle 
liturgische Ltensilien vollenden die Ausstat- 
tung, in welcher Cimelien der seltensten Art 
das Bedauern wachrufen, nicht mehr in die 
Details eintreten zu dürfen. 

Bei einem ferneren Besuche im Palais Güell 
überraschte uns eine Aufmerksamkeit des 
Spaniers gegen den eingeführten FVemden, 
deren dankschuldiger Zeuge wir in der Folge 
wiederholt waren. Man erkundigt sich nach 
dessen ^'orliebe und bereitet eine Ausstellung 
vor, die sein Interesse erregt. Im vorliegen- 
den Falle waren es Stickereien. Wir nahern 
uns damit jenem textilen Felde, auf dem. 
ähnlich wie bei der Spitze, Spanien der ihm 

gebührende 
Rang noch zu- 
gewiesen wer- 
den mul.v Xeu- 
estensnoch hat 
man der p\re- 
naischen Halb- 
insel eine stete 
Vorliebe für 

besonders 
schwere und 

prunkvolle 
Wirkungen . 
in ihren Stik- 
kereien zuge- 
schrieben (Dre- 
ger, 1904). Die 
älteren Stücke 
dieser Samm- 
lung zeigen ei- 
ne zarte Ver- 
wendung des 
or noue . je- 
nes I.asursti- 
ciies. der mit 
verschiedentar- 
biger Seide auf 

gespannten 
(joldfäden ei- 
nen eigenarti- 
gen Farben- 
glänz hervor- 
zuzaubern ver- 
steht, wie ihn 

die italieni- 
schen .Stücke 
in Sakristeien 
SAMMI.1-KG r. iKrr, sr, GAi.rrx ""^' Sammlun- 
„ie.ts n>.vi S.7J ii'^'i \<Awn 



©SS« KUXSTIlISTÜRISCIli; WAXDI-RLXGliX: BARCl-I.OXA S^,-2 




'm^^^r^^^:mm^m^'U 




BAKCEl.ONA SAMMLUNG 1.. IKLE, ST. GALLKN 

///. Jnkolms, Detail cini-r Castila. tj. Jtihrh, (Text unten) 



BARCELON'A SAMMI.VXG L. IKI.K. ST. GALLEN 

Hl. Sel'iistiim, Detail citter Citsula (Text utttenj 



hessL-r ;iuf\veisen. Heute bezeichnen wir die 
eigentlichen Sticicerei-Pretiosen mit \'oi'liebe 
als spiinisclie und llandrisclic Arbeiten. 

Sie sind ein gesuchter Handelsaitikel ge- 
worden. Ks gehtng uns, eine Reihe wertvoller 
Objekte tür einen kunstsinnigen Privatsammler 
zu erwerben, deren Reproduktionen allerdings 
den diskreten Farbenschimmer niciit wieder- 
geben kann. Die Cappa einesPluviales(Abb.S.6) 
zeigt den Auterstandenen zwischen vier Wäch- 
tern. Dereine derselben geniel.'t noch den tried- 
lichen Schlummer, sein vis-ä-vis ist eben aut- 
gewacht, und halb erschrocken hat der Dritte 
seine Hellebarde erfaßt und blickt kampfbereit 
nach dem Heilande, der segnend sich aus 
■tiem Grabe erhebt, wahrend em vierter Krieger 
der ganzen Szene den Rücken wendet. Man 
wird zugeben müssen, dal.s die Komposition 
den Stilt einei' Künstlerhand \oraussetzt. 
Auch die L nirahnumg ist nicht ohne Interes.se. 
Die gewellte X'erbindungslinie zwischen den 
beiden etwas derben viereckigen Säulen er- 



innert an sarazenische Bogenformen, welche 
auch der .\rchitekt des Kreuzganges von 
San Pablo del Campo in iiarcelona kopierte. 

Diesem Prunkstücke gegenüber erscheint 
der hl. Sebastian in einem Caselstabe als ein- 
faches, schlichte.s Werk (Abb. s. oben). Die 
stehende, ganz bekleidete Figur trägt in der 
Rechten ihre Pfeile, die linke Hand faßt da.s 
Buch (ianz vorzüglich ist die technische 
Behandlung. Die Seide tritt beinahe in Kon- 
kurrenz zur Malfarbe. Sie trennt klar und 
deutlich die Figur vom Hintergrunde, kenn- 
zeichnet die Stofl'unterschiede. ahmt im Be- 
sätze des Mantels selbst die Haarbiidung des 
Pelzes nach. Bis ins 17. Jahihundert hinein 
wahrte Spanien diese Feinheit der Teciinik, 
wie dies der hl. jakobus beweist, der mit 
seinem durch die Cjewandung schimmernden 
Beine sich als Spätling dieser Zeit ortenbart. 
(.\bb. s. oben.) 

Im Palais der Condesa del \"al des Maries 
erwarten uns neue Überraschungen. Die 



:5^ KLXSTlllSTORISCHL WAXDl-iaXGliX : BARCELC^XA ^^Ö 




BARCEI.ONA 



KAi'i;i 1 1: 1)1. i; dhputacujx 



rinfialr ('r,-:tl S g) 



spanische KlopiH'lspit/c des iS. jalirlunuleris 
ist dort in den erlesensten Mustern, in waiiren 
Museumsstücken von 3 m Länge und i' 2 \\\ 
I^reite vertreten. Kostünistücke mit liinsiitzeii 
in 30 cm breiten (lold- und Silberspitzen, 
die den Seidengrund gleich dufiigen Ge- 
spinsten überziehen, hiuien sich in großer 
Zahl. 1 lohe Bewunderung verdientein Duplikat, 
dessen Original auf der Ausstellimg in Rom 
(1888) das Staunen aller Spitzenfreunde er- 



regte. In der Zeichnung 
nicht einwandfrei, da der 
Realismus allzusehr vor- 
herrscht, kennzeichnet die- 
se Leistung des kataloni- 
schen Kunstgewerbes, was 
die Gegenwart unter der 
Ägide Jose Liters hätte 
leisten können. 

Ein Besuch in den Privat- 
sammlungen, wenn dieser 
Ausdruck erlaubt ist. macht 
mit Überraschungen der 
verschiedensten Art ver- 
traut. Wie groß war unser 
Staunen, als im Palais des 
Marquis de Dou ein präch- 
tig erhaltener Gobelin, eine 
flandrische Perle dieser 
Technik, sich zeigte. Aut 
einem Löwengespann steht 
die \ on Kindern umspielte, 
von einem reizenden Put- 
tenreigen umschlossene 
Hauptfigur. Der ganzen 
Komposition liegt, das zeigt 
sich auf den ersten Blick, 
eine Rubens-Zeichnung zu- 
grunde. Dem glücklichen 
Besitzer war diese Kunde 
hoch willkommen. 

Unser trcundlicher lüh- 
rer, Herr Carreras \' Bul- 
ben;;, war nicht blol.< un- 
ermüdlicher Cicerone zu 
immer neuen Schätzen, son- 
dern verfügte selbst über 
so manches archäologisch 
und künstlerisch bedeut- 
same Objekt. Erwähnen 
wir aus der romanischen 
Epoche das interessante 
Ijuie eines Bischofsstabes 
in E.Ifenbein mit den Kämp- 
fen der Bestien gegen den 
das Kreuz tragenden \'ogel 
(Abb. S. i). Zu diesem selte- 
nen Stücke gesellt si^h ein 
in Kupfer und Email. Wie 
aus der schlichten Auffas- 



X'ortragekreuz 

leuchtet doch _ 

sung die Wiedergabe des Regnans de cruce 
dem Beschauer hoheitsvoll entgegen ! Die 
Gotik ist in einer ganzen Reihe von Werken 
vertreten. Das 1-ragment einer Bischofs- 
statuette in weifiem Marmor mit den mild 
freundlichen Zügen ist ein lieblich Gebilde 
der gotischen Kleinplastik. Unter den zier- 
lichen Elfenbeinarbeiten gedenken wir der 



G2S« KUXSTIIlSTORISCIin WANDFRUNCILN: BARCF-I.OXA JC. 



tiefem pliiiKlciicn, von Kca 
Hmiius nicht freien Kreuz 
abnitinnc. In dem beschei- 
denen I5ildclien spielen kiiul 
Helle Liebe, W'ciimut und 
iierber Schmerz in ert^rei- 
fenden Ai<korden. Die goti 
seile Madonna beweist, daf< 
auch die spanisclien Maler 
schulen dieser lipoche wie 
ihre Zeitgenossen in Italien 
und Deutschland den Nim- 
bus und dekorative Zutaten 
mit \'orliebe plastisch wie- 
dergaben. Der milde lirnst 
der ganzen Aulhissung 
sclicint weniger individuelle 
Eigentümlichkeit des Künst- 
lers als Eigenart der .Stil- 
periode zu sein. 

Wir wollen Barcelona 
nicht verlassen, ohne noch 
einen Blick nach der Depu- 
tacion, dem Stiindehau.s der 
Provinz, geworten zuhaben. 
\'on der FKilie der Balustra- 
de an einer der Fassaden 
(Abb S, i) grüßt das Bild des 
ritterlichen Beschützers von 
Katalonien, des hl. Georg. In der Umrahmung, 
an den Fialen der Brüstung schwellen die Krab- 
ben der Spätgotik in solch feiner Zartheit und 
kräftiger Lebensfülle, als wären es nicht Werke, 
die des Menschen Hand in hart Gestein einge- 
meifielt, vielmehr Gebilde, die an der Brust 
der südlichen Natur erwärmt, jugendtrisch 
sich entwickelten. Hier erblickt das \'olk ott 
den genannten Architekten Gaudi, so wurde 
ei'zählt. Flier empfange er die Inspirationen 
lür seine grandiosen Neuscliopfungen. Der 




3.M!Ci;i.O\.\ 



MIKZ JESU-KIRCHE 



f'o« Architekt Martorfll (Text S. 4j 




ll.\IUa:LÜN'A 



.AIS S.W IWliLO 



Ciedanke mag paradox klingen, aber er be- 
weist, dal.^ auch die modernste Richtung den 
Werken der X'ergangenheit mit den Gelühlen 
edler Pietät begegnet, sich aber jenen niciit 
gefangen gibt mit dem Opter der Selb- 
ständigkeit. Solche Hinweise sind hedeutungs- 
Noll, selbst für den Furchtsamen beruhigend. 
Ein zweites Werk ist der vollständig er- 
haltene Prachtornat der Kapelle der Depuiacion. 
Das .Antependinm des Altars, Gasula, Leviten- 
kleider und P!u\iale (Abb. S. S) sind nocli 
vorhanden. All diese paramentalen Klein- 
odien schildern in zahlreichen Szenen Epi- 
soden aus dem Leben des hl. Georg. Die 
Stickkunst oflcnhar: sich hier als ebenbürtige 
Schwester der Miniaturmalerei. Sie behandelt 
das Nackte mit voller Sicherheit und weilJ 
das Wesentliche mit spärlichen Mitteln, in 
wenigen Figuren klar und deutlich testzu- 
lialten. Ein lichtes Abendrot leuchtet aus 
diesem textilen Werke, die sciieidende Sonne 
vergoldet jene glückliche Epoche, in welcher 
Kunst und Gewerbe als freundlich Zwillings- 
paar blumige Pfade durchwandelten. In der 
Fülle solcher Anregungen liegt auch die 
(i.n-antie für eine glückverheißende Zukuntt. 

(Fortsetzung folgt) 



Die clirisiliclie KuiiSl II, \. 



10 



S'^M VF.ROXFSl-STUDIP.X *^ö 



VEROXKSHSILDII-X 

\'on Dr. BERNHARD RATZ AK (Graz) 

I. 

PAOI.O M'ROXl-SES FRESKEX IX DER 

MLLA DA MULA IX ROMAXZIOL 

Iani^e Zeit bezogen sich die kun.stgeschiclu- 
^ liehen Urteile über Paolo Veroneses 
im höchsten Sinne dekorative Malerei ledig- 
lich auf des Meisters Schöpfungen im Be- 
reiche der (31technik. Kunstschriftstellern wie 
H. Reinhardt,') Ch. Yriarte-) und besonders 
A. \\'oltmann..V| W. Lübke-t) und H. Jani- 
tMchek?) gebührt das \'erdienst, die Anteil- 
nahme der Forschung auch auf \'eroneses 
Tätigkeit als Freskomaler, auf sein Spezial- 
gebiet, gelenkt zu haben, auf dem der Schlüssel 
zum \'erstandnis paolesker Eigenart überhaupt 
zu finden ist. Denn seine kecke Pinselführung, 
bei der jeder Strich sozusagen ; sitzt:, die 
freie, aber gesetzmiit.Mge Großzügigkeit seiner 



M Zeitschrift lur biU^ Kunst, Leipzig iX66, BJ. I, 
.Seile 6i : Die Viila Maser bei TieNiso. Hin Asyl Paolos 
^'eronese. 

') La vie d'un Patricien de Venise au seizieme siecle, 
Paris icSy.^, (^liap. VII, La villa Barbaro. 

3) Deulsclie Rundschau, I. Jahrg., 12. Heft. 

■ij Kunsthistorischc .Studien, Stuttgart 1869, S. 545 ff- 

s) Zeilschrift für bild Kunst, Leipzig 1877, Bd. XII, 
Seite 558; und vgl. Dohnies Kunst und Künstler, Bd. III. 




Kompositionen, seine leichtflüssige, dem küh- 
len Silberton des Tageslichtes genäherte Far- 
benvertreibung — alles \'orzüge, die wir auf 
seinen Ölgemälden, wie z. B. auf dem be- 
rühiuten Gastmahl des Eevi. bewundern — 
entspringen seiner schon von \'erona her ge- 
wohnten Meisterschaft im Freskomalen. 

jene genannten Kunsthistoriker haben die 
Bilderschätze der ^'illa Barbaro (jetzt Ciiaco- 
melli) in Maser (Provinz Treviso), ferner die 
Reste der Soranzafresken (bei Castelfranco 
veneto) und die noch leidlich erhaltenen der 
Palladiovilla Emo zu Fanzolo') (bei Gastel- 
franco) in Deutschland bekannt gemacht. Sie 
folgten bei ihren Studien mehr oder weniger 
den Hinweisen des um die Geschichte der 
venezianischen Malerei verdienten Carlo Ri- 
dolh.-i F.in anderer Lokalschriftsteller der 
'Ferra ferma . Lorenzo Crico.3| ergänzte 
Ridolhs Angaben um ein Beträchtliches. Da 
er jedoch für seine heimatliche Kunst bis zur 
Uberschwenglichkeit begeistert ist, so werden 
allerdings in manchen Fällen seine Mittei- 
lungen über \'illenmalereien in den vene- 
zianischen Provinzen mit \'orsicht aufzu- 
nehmen sein, und man wiid vermittels der 
stilkritischen \'ergleichung eingehend prüfen 
müssen, ob es sich wirklich um echte pao- 
leske Schöpfungen oder um Werke von unter- 
geordneter Schülerhand handelt. Aus einer 
solchen Untersuchung aber würde sich, das 
kann ich schon heute auf Grund eigener an 
(^rt und Stelle gewonnener Anschauung be- 
haupten, zur Genüge nachweisen lassen, dalJ 
diese in venezianischen Landhäusern zer- 
streuten Proben von Paolos Freskokunst durch- 
aus nicht so unwichtig sind, wie sie z. B. F'. H. 
Meil.nier-i-l hinzustellen beliebt. Ihm sind sie 
ollenbar niclit durch Autopsie bekannt ge- 
w oi'den. 

Dem gelehrten und kunstliebenden Kano- 
nikus CricoS) verdanke ich die Bekanntschaft 
mit X'illenfresken , die, wie ich darzulegen 
holle. zum griil.ken Teil wichtige Beiträge 
zum Schaflensbilde des Freskomalers Paolo 
X'eroiiese sind. |ene Fai'bem;edichte zieren 



ß.\ui;Ki,o.s.-. 



.v\.\i.Mi.L.S(j ci 1,1.1. V B,\ck..u.L 11 

/Ci'wisc/t^ Brotizf (vgl. S. öj 



") Line neue Studie über Fanzülo, die wenig zu 
lanitscheks Hrgebnis.sen hinzufügt, aber reich illustriert 
ist, lindet sich im: Kmporium, Rivista mensilc illustrata 
d'arte, letteratura, scienze e rarieta, Bergamo, Januar 
u)00. Vol. XI, Xr. 6r, Seite i\ — .15; »La villa di un 
Patrizio veneto von Pompeo Molnienti. 

^) V.. Ridolfi, Le meraviglie dell' Arte ovvero le 
vite dei illustri pittori \'eneti. lüiiz. II, ■> arrich, d'anno- 
lazioni, 2 vol., Padova 185J-57, Bd. I, Seite 287 H', 

.^) Lettere sulle biUe arti Trivigiane del Canonico 
Crico, Treviso .MOCCCXXXIII. 

■() Künstler-Monographien, herausg. von II. Knack- 
fuß, Bd. XXVI, Seite 84, Bielefeld und Leipzig 1897. 

•'') op. cit., Seile 107. 



OSW \l-.R()XI-..S|-;STL'DIi:\ ä^fl 



I 1 



eine priichti.i^c Villa, wclclie sich die uralte 
veneziaiiisehe Patrizierfaiiiilie Da Mula im 
DDiielicn Roman/iol (zum Plari-bexirk Xu 
veiita ili l'iave ; f^eliörig) nach Ciicos Meinunt; 
von Andrea Sansovino erbauen liei.v 

Hrklärlicherweise haben sich jene herr- 
lichen Innendekorationen bisher der Scluit 
zung entzogen, weil das genannte Landhaus 
von Treviso wie von Oderzo aus gleich weit 
abliegt und nur auf L'mwegen zu erreichen 
ist. Doch schon seine um ergleichlich scluine 
Lage, inmitten üppiger l-'ruchtgelilde. in der 
Nähe der graugrünen, wasserreichen Pia\e, 
die man auf einer Fähre übersetzen muli, und 
der Blick auf die ferne, dämmerblaue Alpen- 
kette mit ihren leuchtenden Schneelirnen be- 
lohnt leichlich die niühe\olle Wanderung. 

Das ganze Anwesen bildet eine (.ebäudc 
gruppe \()n grolk'm Unrfange und wahrhalt 
fürstlicher Anlage. Antonio Caccianiga ') sagt 
von ihm: Die Groi.utrtigkeit des Palastes und 
seiner anliegenden Gebäude, im Stil des Sanso 
vino errichtet, ruft die Li-innerung an jene 
Zeit wach, wo der venezianische .Senat den 
Da Mula \erbot. neue Landeiwerbiuigen im 
Gebiet von I.ixenza an dei' l'i,i\e zu machen. 
Derart ausgedehnt waren beieits die (jnmd 
besitzungen dieser mächtigen Pamilie, so dal.^ 
die Republik zur L^-ierzeugung kam, lunhalt 
tun zu müssen . Der Landsitz besteht aus 
einem \-on drei gewaltigen Barchesse . (Seiten- 
lUigeln) gebildeten Wirtschaftshofe, einem 
mittleren, würfeltörmigen Herrenhause mit 
zwei unmitte'bar angeschlossenen Seiten- 
trakten. X'order- und 1 1 i ii tert ass ad e des 
Kasinos, die beide in der Hauptsache gleich 
gestaltet sind, bringen die innere Anordnung 
der Wohnräume deutlich zmn .\usdruck: 
zwei mittlere .Säle übereinander, an die sich 
zu beiden Seiten die Zimmer angliedern. 
Zwei untergeordnete mezzaninartige Stock- 
werke (Erdgeschol.N und Mittelstock), in welche 
die aus dem Parterresaal emporführenden 
Treppenanlagen einschneiden, tragen das obere 
Hauptgeschol.s mit dem Festsaal. Airs seiner 
hohen, rundbogigen Fenstertür tritt man aul 
einen von vier Konsolen gestützten Baluster- 
balkon ■ alla veneziana heraus. Kräftige 
Rustikabossagen, die. einem miliverstandenen 
Bauprinzip jener Zeit entsprechend, dem Ge- 
bäude einen ländliclien Charakter verleihen 
sollen, bedecken das von der Balkontür durch- 
brocliene, selbständig vortretende Risalit. Fben- 
so ist die äul.sere Türumrahmung des unteren 
Saales aus einem vortretenden Risalit gebildet, 
das nach Rustikaart ueuliedert und oben von 




r.\0LO VEROSKSE VII. I.A .M.^SIiR 

Mttiiontta (vor litr KestanrtttionJ 

einem geradlinigen Sturz abgeschlossen wird. 
Die korimhisierenden und gekelilten Pilaster 
mit antikem Ciebälk inul sanit geschwungenem 
N'olutengiebel. alles aus weii.K-m .Marmor in 
zierlichster Profilierung gemeil.kdt. deuten in 
der Fat auf Sansovinos dekorativen Ge- 
schmack hin Die Fenster des Oberstockes, 
auch die der Seitenflügel, zeigen seltsame 
Rundbogenabschlüsse, die an die maurische 
lensterlorm erinnern. Fin von Konsolen- 
kragsteinen getragenes Kranzgesims schlieft 
das Kasino oben ab. das in einem quer das 
Dach durchschneidenden Frontispizaufbau mit 
'F\nipanongiebeln ausklingt. Seine I-'ront- 
wände sind mit je vier einfachen Pilasterii, 
einer mittleren Balkontür und mit zwei seit- 
lichen Fenstern belebt. Die 1-rontgliedcrung 
der Seitentrakte, die niedriger als das .Mittel- 
gebäude sind und ebenfalls von einem Kon- 
solengesims abgeschlossen werden, wird durch 
je eine (')rdnung von Rustikapilastern erzielt. 
Diese werden unterhalb des Oberstockes von 
einem Gurtgesims überschnitten, das mit den 
Pl'eilern \'erkröpfungen bildet. 

Augenblicklich l'ehlt also, wie gesagt, dem 
Baut\pus der \'illa ■ Da Mula . (jetzt Guarnieri), 
dem man oft auf der terra ferma begegnet, 
das eigentlich ländliche Merkmal. Denn 
die Fassade ciftnei sich nicht in luftigen Log- 
gien. Wenn Sansovino der Architekt war. 
so hat er sich jedenfalls hier mehr von den 
Bauprinzipien des venezianischen Stadtpalast- 
baues leiten lassen.') 



") Ricordo dclla Piovincia di Ticviso di .Xnloniü 
Caccianiga, seconda edi/ionc, 'l'icviso 1N71, .Seite ibS. 



') Über Sansovinos henliclio \'illa Ginstiniani zu 
Roncade, die den echten Typus einer venezianisclien 
\illa aus dL-m Anfang des 16. Jalirluinderts zeigt, gc- 
denlit X'crlasser sp.uer zu berichten. 



12 



>s^ vi;r(^xesi-stuoii-\' ms> 



Dieser Landsitz soll auf \'erlaiigen seines 
kun.stsinnigen Besitzers von Paolo \'eronese 
ungefähr in der Zeit zwischen 1581 und 1583 
mit Fresken ausgeschmückt worden sein, als 
der große Künstler nach seinen Erlebnissen 
mit der heiligen Inquisition in \'enedig 
sich am liebsten auf dem Lande aufhielt und 
von einer \'illa zur andern zog. wo er ein 
stets gern gesehener Gast war. ') Diese \'er- 
mutung, die Pietro Caliari, -) offenbar ein später 
Xaclikomme Paolos, in seiner Biographie des 
Künstlers ausspricht, scheint mir besonders 
in folgendem Moment Bestätigung zu finden. 
\'or dem Inquisitionstribunal in ^'enedig war 
gegen Paolo besonders der \'orwurf erhoben 
worden, auf seinen Bildern Pleiliges mit allzu 
Weltlichem eng verquickt zu haben. So habe 
er ■/.. B. auf dem Gastmahl des Levi >■ Narren, 
betrunkene Deutsche, Zwerge und andere 
Albernheiten dargestellt- 

Allein ich glaube, daß dieser Nebendinge be- 
trertende X'orwurt nicht den Kernpunkt der 
Anklage bildete. Man mag vielmehr daran 
Anstoß genommen haben wie ^'eronese be- 
.sonders in den Festlandsvillen der Patrizier 
skrupellos Darstellungen aus dem christlichen 
Gestaltenkreise mit Szenen aus dem griechi- 
schen Göttermythus zusammenstellte. In 
dieser Beziehung ist besonders die N'illa Hmo 
zu Fanzolo bezeichnend, wo sich z. B. ein 
würdevolles Fcce homo inmitten liebe- 
glühender Venusgeschichten wunderlich ge- 
nug ausnimmt. Solche Malergewohnheiten 
sind aber, wie Janitschek treffend sagt, 3) 
•/charakteristische Zeugen der eigenartigen 
Bildungsatmosphäre jener Zeit, in der — be- 
wußt oder unbewußt — antik-heidnische und 
dogmatisch-christliche V^orstellungen auf dem 
13oden einer durchaus ästhetischen Weltan- 
schauung Iriedlich nebeneinander existier- 
ten . L'nd man erinnere sich ferner noch 
an das Streben gewisser Philosophen jenes 
Zeitalters. Christentum mit Heidentum zu 
\ erscihnen. 

Wenn wir lum im Gegensatz zu den \'illen 
Fanzolo und .Maser in dem Landhause Da 
Mula mit .-Xusnahme liniger allegorischer 
Figuren durchweg Motive aus der Heiligen 
Sciirift dargestellt linden, so kann man wt)hl 
in diesem Umstand einen Xachhall aus dem 
Inquisitionsverhör vernehmen. Fs ist deshalb 



') Vf;l. Basclict, .\nii,uui, l'.uil W-ioncsc ilcv.mt Ic 
S.iiiu-Üflice, l'.iris uS8o 

') Paolo Veroncse, sua vita c suc opcra, sUKÜ .storico- 
estetici di Pietro ("aliari (con i.| tavolt l'otozincograliclie\ 
Koma 1888, .Soiti; 1 52. 

3) Zeitschrift für biUi. Kunst, Leipzig 1877, HJ. Xll, 
Seite 5(1 j. 



auch denkbar, daß Paolo unmittelbar nach 
1573. etwa im Jahre 1574. in Romanziol 
malte. Im Jahre i)72, in dem er auch das 
berühmte Gastmahl schuf, hatte er die Fresken 
in der schloßartigen X'illa zu Magnadole (im 
Gebiet von Treviso) ausgeführt. Diese Ort- 
schaft und Romanziol sind voneinander nicht 
weit entfernt. Die Fresken beider \'illen 
stehen auch bezüglich ihres breiten und flotten 
\'ortrags und ihrer etwas pastosen Farben- 
gebung einander sehr nahe. Jedenfalls er- 
scheint mir die Datierung des Pietro Caliari 
als zu spät angenommen. 

Des Künstlers Tätigkeit beschränkte sich 
in der \'illa Da Mula auf den großen xMittel- 
saal im iirdgeschoß, auf den gerade darüber 
gelegenen im Oberstock und auf je zwei an 
den oberen Festraum angrenzende Zimmer. 
Aber schon diese sechs Räume stellen eine 
herrliche Galerie von Meisterwerken paolesker 
Kunst dar. Und vor allem wichtig sind 
sie, gleich denen zu Maser, für den Kultur- 
historiker, weil sie in ihren großzügigen und 
iarbenireudigen Schildereien das Leben vor 
Augen stellen, wie es ein reicher, teinge- 
bikleter Patrizier aus \'enedig auf der \'illa 
verbrachte; wie er sich seinen Zufluchtsort 
aus der ungesunden Dunstatmosphäre der 
Lagunenstadt und aus städtischer Drangsal 
zu einem lieblichen Musensitz schuf \\'ir 
lernen aus diesen lebendiger als I'amilien- 
dokumente redenden Farbenharmonien den 
Ged.mkenkreis kennen, in dem sein Geist 
mit \'orliebe lustwandelte; wir erfahren \on 
seinen Liebhabereien, seinen Studien, seinen 
religiösen \'orstellungen. Freudig überrascht 
mußte der von dem Mäcen geladene Städter 
oder der Gastfreundschalt heischende Fremd- 
ling sein, wenn ihn sein wohlwollender Gast- 
geber in den hohen, mit altvenezianischer 
Balkendecke getäfelten Fmpfangssaal des Erd- 
geschosses führte. Festlich-heiter mußte ihm 
da zumute werden, wie es ja auch heute noch 
den wenigen Fremden ergeht, welche dieser 
von den Heerstraßen so weit abgelegenen 
yU\:\ einen Beuich abstatten. 

X'ermittels einer meisterhaft gemalten 
Scheinarchitektur, die aus je einer (Ordnung 
von \ier ionischen Säulen besteht, und die 
in den Mitten der Längswände je zwei Pf'orien, 
eine wirkliche und eine gemalte, einschließt, 
hat Paolo Veronese die Wandflächen aufge- 
löst. Die Säulenreihen ti'agen reichverkriipftes 
antikes Gebälk. Auf den durch diese Schein- 
architektur abgegrenzten Wandfeldern erblickt 
man in Nischen hohe allegorische (iesialten, 
die Bronzefiguren vorstellen und in tretliicher 
Plastik herausgearbeitet sind: Aul dei' rechten 




X. 



y. 






Y. 



V. 



M 



©^ M-ROXl-SESTL'DIHX ^a 




PAOLO VEROXESE VENHUiri. S. Sl'BASTIAXO 

Mittiiiiiria mit St. Atitoililis und St. Kntharhta 

Wand die Personitikation der Musik mit einer 
Cjeige, die Fruciitbarkeit mit einem Becher 
und mit Früchten, die Wissensciiatt mit 
Büchern und den Handel mit Sciihingenstab. 
An der hnken Saalwand sieht man die Asti'o- 
nomie mit Sternengiobus, die Tapferkeit mit 
Panzer und mit Lanze, die Malerei mit Pinsel 
und Palette und die Mathematik mit einem 
Mal.^stabe. Die übrigen kleineren Felder sind 
mit Frophaen und weniger bedeutenden Bild- 
chen in Chiaroscuro-Manier ausgefüllt, die 
Motive wie z. B. einen Mann mit einem 
Hunde, einen schlafenden Knaben usw. zeigen. 
Finen sehr hübschen Anblick gewähren die 
Mitten der Saalwiinde. In diesen befindet 
sich, wie bereits erwähnt wurde, je eine 
'Für (mit Treppe), neben welcher Paolo eine 
fingierte Tür, der wirklichen ganz ähnlich, 
malte. Die der rechten Saalwand öflnet 
sich in eine malerische Gebirgslandschaft, in 
deren N'ordergi'und ein Bergbach fließt Fin 
schmucker, vergnügt lächelnder l'age in gel- 
bem Seidengewand und in schwarzen Knie- 
strumplen scheint aus dem freien hereinzu- 
treten um seinem Herrn mit einer Speisen- 
schüssel und einem Glase Weines aufzuwarten. 
Als Pendant zu diesem reizvollen Genrestück, 
erscheint in der gerade gegenüberliegenden 
gemalten Pforte der linken Saalwand ein 
ähnlich gekleideter kleinerer Page, der ,uif 
einer Laute spielend und dazu singend, aus 
einem Garten mit gestutzten Hecken, nnt 
Statuen imd Steinp\ ramiden in den Saal 
kommt. Den Hintergrund bilden dämmer- 
blaue Bergzüge. Man kann woiil mit Sicher- 
heit annehmen, daß der vornehme \'illen- 
besitzer in jenen beiden Pagenbildern seine 
beiden Lieblingsdiener vcrewii-en lief.s. Ahn- 



grenzende Improvisierlust und um altherge- 
brachte Formen unbekümmerte Daseinsfreude 
verraten, befinden sich bekanntlich in der 
\'illa Maser. Ja sogar in der oberen Galerie 
des Kirchleins San Sebastiane zu ^'enedig 
malte Paolo einen Minich, der durch eine 
offene Tür hereinschreitet, und einen Neger- 
sklaven, der die letzten Stufen hinaufsteigt. 
Jede der beiden Türkombinationen des Erd- 
geschoßsaales ist von einem schon ganz in 
barocker Weise ausgeschnittenen Tvmpanon- 
giebel bekrönt. Auf ihm lagern zwei herr* 
iche dekorative Figuren, die in der trefflichen 
Modellierung ihrer nackten Körperteile an jene 
bekannten Sklavengestalten der Sixtinischen 
Decke erinnern. — Es ist viel darüber gestritten 
worden, ob der Künstler wirklich in Rom 
gewesen sei, und ob durch einen Aufenthalt 
in der ewigen Stadt jenes Element von Größe 
in Paolos Gebeweise gekommen sei, das man 
gern als michelangelesk;< bezeichnet. Ahm 
hat sogar angenommen, daß er sich dem 
\'ertreter und Sprecher der Signoria von San 
ALirco, Girolamo (jrimani, angeschlossen habe. 
Doch während der Zeitpunkte, die für die 
bewußten Gesandtschaftsreisen nach Rom in 
Betracht kämen, ist, wie Janitschek') über- 
zeugend nachgewiesen hat, Paolos Autenthalt 
in \'enedig verbürgt. Und trotz alledem nu'ichte 
ich angesichts solch interessanter Dekorations- 
tiguren, die sich meines \\'issens nur in der 
\'illa Da Mula in solcher \'ollendung vor- 
finden, Janitscheks Ansicht nicht beipflichten, 
der meint, Paolo seien Michelangelos .Schöp- 
fungen in der Sixtina niu' aus zeitgenössischen 
Kupferstichen bekannt gewesen. Nirgends 
mehr als in der X'illa .\Liser , sagt der ge- 
nannte Kunsthistorikei', eriimern seine lünzel- 
figiu'en an die Einzelfiguren Michelangelos in 
der Sixtina freilich mu' in der Gesamt- 

haltung, nicht in der Struktur. . . Und 
in der \'illa zu Romanziol. so können wir 
mit berechtigter Fntdeckungsfreude hinzu- 
setzen, erinnern jene 'Fürgiebelfigiu'en Paolos 
sogar in der .Struktur sehr wesentlich an 
die gewaltigen rcimischen X'orbilder. An der 
rechten Saalwand erblicken wii' muskelstarke 
.Männergestalten, die wie Michelangelos Sklaven 
ihi- libernienschliches, schwermutvolles Dasein 
leben. Die mit grünem I.endenscluu'z beklei- 
dete ist in pi'acin\ollem Rückenakt gegeben, 
wähi'end die andere mit tiem \eilchenblauen 
iNLmtel dem Bescliauei' ilu'e breite Brust zu- 
wendet. In tiefes Sinnen \erloren, stützt sie 
das Haupt. Xiclu olt sind l'anio Figuren wie 



liehe Malersch 



erze. die 



^aolos 



\'irtuose 



') Zc■it.^^;llril't für bilil. Kuii.st, l.iijvii', US77, Bd. Xll 
S. 566. 



e>'--< \'l-RONI£SliSTLDIliX ms 




I.I'DWIG GI.OTZI.i; 



HEILIGK CACILIA 



Mihuhcu, Ucit. Geist- Kirche 



diese letztere tielungen. Es sind Gestalten, 
die über ihren r.uuntiillenden und schmücken- 
den Zweck, über ihr animalisches Daseins- 
und Schönheitsbewul.usein hinausgehen und 
unter der schönen Form Seele verraten; 
Gestalten, die den Beschauer in eine Stimmung 
versetzen, wie sie etwa eine über die AU 
tiiglichkeit erhabene Musik oder ein echtes 
(iedicht in geheimsten Seelentieten weckt. 
Auch die (jiebelhguren der anderen Saal- 
wand, ein jüngliiiL;. morgenschön wie Apoll, 
und ein blühend reites, in Träumerei ver- 
sunkenes Weib, nehmen den Blick mit ganz 
intimen Reizen gefangen. Sic haben in ihren 
ivonturen und in der weichen Modellierung 
der Muskelpartien jeni; korperliatte Rundung, 



wie wir sie an Michelangelos gemalter Plastik 
bewundern.') Und sie erregen in hohem Grade 
und ganz unbewulk in uns das mit dem Sehen 
\erknüpt"te Tastgefühl, wie es ein nachschat- 
fendes Auge besonders beim Anblick der edlen 
l.inienrhvthmen altklassisciier Plastik empfin- 
det. Dazu gesellt sich noch als Paolos ur- 
eigenste Zutat: leuchtendes Inkarnat des 



') Zu einem sokh hohen Grade von pl.istischer 
Körperhchkeit könnte auch Paolo jene Eindrücke ge- 
steii;ert haben, die er vor .Manteijnas statuarischer (le- 
stahcnbildung im Castello Gonzajja in Mantua eniptinsj. 
.\lantegna ist ja in melir als einer Beziehung als \'or- 
laufer des Titanen Michelangelo anzusehen ; die Spuren 
der Beeinflussung durch diesen großen Paduaner sind, 
woraul' bisher noch wenig oder gar nicht hingewiesen 
wurde, noch des öl'teren im Veronesewerke zu erkennen. 



i6 



5!^ VERONESESTUDIEN »^Ö 



Flcischtones, eine ungemein malerische Dra- 
pierung der Gewandstücke und die überaus 
vornehme und ieintuhlige Farben-Zusammen- 
stimmung zweier kräftiger Farbenkompie- 
mente, eines leuchtenden Rot mit einem 
satten, sonoren Türkisblau. 

Auf einem der erwälmten Treppenarme 
steigt man zum Oberstock der Villa empor 
und wird dessen Mittelsaal noch reicher ge- 
schmückt finden. Er enthält außer der Treppen- 
pforte vier Türen. Die architektonische Gliede- 
rung der Wandfiächen ist ähnlich jener des 
unteren Saales. Xur sind hier kannelierte Pi- 
laster korinthischer Ordnung zur Anwendung 
gekommen, und an Stelle der beiden mitt- 
leren Türen stellen sich dem Blicke große, 
oben rundbogig abgeschlossene Wandtelder 
dar. Das Mittelbild der der Treppe zugewen- 
deten rechten Wand, von dem leider keine 
photographische Aulnahme zu ermöglichen 
war, stellt einen dämmerdunklen Park vor. 
Säulenreihen, die antikes Gebälk mit Tempel- 
giebel tragen, und Statuen zieren ihn. Im 




losLiii CjI N 1 i,km.\sn: V, a\ix,i:.\i.\i.I)i; in' scni.ossiii-Ro i;i.i Kt slniiki.m 

St. t'hiU/'pHS und Bartholoiniiits 



Hintergrunde des Gartens erhebt sich eine 
fürstliche \"illa mit ihrer gewaltigen, schim- 
mernden Fassade. Es ist dies die Ansicht der 
\'illa ) Da Mula , wie sie ursprünglich nach 
dem ersten Plane des Architekten aufgeführt 
werden sollte. Über dieser schönen Vedute, 
die wie ein richtiges Landschaftsbild kompo- 
niert ist, erscheint in den Wolken die Gottes- 
mutter, umgeben von Engeln mit dem hold- 
selig lächelnden Jesusknaben auf dem Arm. 
Mit diesem Gemälde wollte also der Besitzer 
des Landhauses den Gedanken aussprechen, 
daß er sein Tuskulum unter den Schutz der 
Himmelskönigin stelle. 

Im rechts angrenzenden W'andfelde hat 
Paolo mit der größten Meisterschaft seines 
Könnens eine liebliche Szene aus der bibli- 
schen Geschichte von der Flucht nach 
Agvpten dargestellt. Die heilige Familie hat 
am Saume eines Palmenhaines, dessen dunkel- 
grüne, reichgefiederte Blattwedel sich scharf 
vom stahlblauen Abendhimmel abheben, nach 
mühevoller Wanderung Halt gemacht. Man 
blickt von dem lauschigen Plätzchen 
aus auf ferne blauduftige Bergzüge. 
Die Madonna sitzt neben einem 
weißgedeckten Tischchen, auf das 
soeben der heilige Joseph einen 
Brotlaib aus dem Mantelsack gelegt 
hat. Maria unterhält 'sich derweilen 
mit sorgenvoller Miene mit einem 
Cherub, dessen feingeschnittenes 
Gesicht von den Baumwipfeln be- 
schattet wird. Er hat von der Dat- 
telpalme emen Zweig mit Früchten 
abgebrochen, von denen bereits eini- 
ge auf dem Tischchen neben einem 
.Messer liegen. Auch der Knabe, der 
nach Kinderart wunschlos sinnend 
in die Ferne schaut, hält eine Frucht 
in der kleinen Hand Das Eselchen, 
der treue Retter in der Not, steht 
im Hintergründe und schaut schläf- 
rig über den Zaun herüber. Un- 
willkürlich nimmt einen beim Be- 
schauen dieses herrlichen, leider an 
ein/einen Stellen etwas übermalten 
Ireskos jene Stimmung gefangen, 
die uns nach dem Gluthauch eines 
nüihc\ ollen'Fages übe! kommt. Dop- 
jiclc sül.^ und wohlig dünkt da der 
Genuß der \ei dienten Rast. Un- 
gewiß wie die in zarte Duitschleier 
gehüllte Ferne liegt die Zukimft vor 
den armen Flüchtlingen. Wer weiß, 
was der nächste Morgen tür neue 
Drangsale bringt! Doch das Herz 
klammert sich an das triistliche letzt. 



M'RONESESTUDIEN »^ö 



17 




JOSEPH GUNTHRMAN-S 



WAXDGKMÄLDE IX SCIII.OSSBERG BEI KOSEXHEIM 

/'/,• Ap.ntel Simon, Ju<las iha.LL, Jnkohis Min. 



und 



soi'sicn- 



das auf einige Stunden l\ulic 
lösenden Schlunuiier verheile.... 

In den I'alnienwipfeln flüstert der Wind ein 
Naclitgebct, und die Natur erscheint im hehren 
Abendschweigen weit und grol.i wie ein Gottes- 
haus — 

Die neben diesem Gemälde beluulliche So- 
praporte schmückte Paolo mit der allegori- 
schen Frauengestalt der Sanitnuit, in rosa- 
farbenem Gewände, das einen prachtvollen, 
an antike Gewandstatuen erinnernden balten- 
wurt zeigt. Das schöne, junge Weib hält ein 
schneeweißes Lämmchen auf dem Arm. Sie 
atmet einen so bestrickenden Liebreiz von 
I'rauenschönheit, wie sie neben tlen anderen 
bekannten Korvphäen der \enezianischen i\Li- 
lerei eben nur ein Paolo \'eronesc, der ver- 
wöhnte Liebling schöner brauen, d.u'zustellen 
vermochte. 

Links neben der bereits geschildei'ten \'illen- 
ansicht ist die l-'lucht nach Ägypten 
ebenlalls mit dem \-ollsten Zauber paolesker 
Lrzählunijskunst und in herrlichster Farben- 



gebung zu bewundern. Der Nährvater des 
Heilands wendet sich, während er das Last- 
tier am Zügel behutsam vorwärts führt, mit 
treubesorgtem 151icke nach der Mutter um, 
die ihren schlummernden Knaben mit mütter- 
licher Sorgfalt am Busen hält. Die Flüchtlinge 
sind soeben aus einem Dickicht herausgetreten. 
In der Nähe ragt eine Stadtmauer mit Türmen 
auf, vor der eine von ihrem Sockel herabge- 
stürzte Bildsäule in Trümmern liegt. 

t'ber der Nebentür hat der Künstler das 
Schicksal (Cilück) in einer köstlichen Frauenge- 
stalt personifiziert, deren freudestrahlendes 
."Kiitlitz reiche Blondhaarflechten umrahmen. 
Sie stützt ihren weichgerundeten, .schneeigen 
Arm auf ein Gefäß voller Goldmünzen; Würfel 
liegen ringsumher zerstreut. Auch hier gibt 
das karminrote, in malerischen Falten ange- 
ordnete Gewand mit dem violetten .Mantel 
einen sehr feinen und aparten Farbenakkord. 

Den (iiebel, welcher die beiden Türen (die 
wirkliche Treppentür und die fingierte) der 
linken Saalwand krönt, zieren zwei Engelsge- 



Die christliche Kunst II. 



i8 



Sü®« VERONESESTUDIEX ä'^ö 




E.\10 MAZZETl 1 



Stalten, deren eine 
eine grüne Palme, 
deren andere ein 
Füllhorn in Hän- 
den hält. Zwischen 

ihnen erblickt 
man die Gestalt der 
Fama, die in jeder 
Hand eine Trom- 
pete schwingt. 
\'on ihr sagt Lo- 
renzo Crico tref- 
fend:') »Diese Ge- 
stalt der Fama 
scheint zu sagen : 
Ich bin die Lieb- 
lingstochter des 
Paolo Caliari. Eine 
so große Weich- 
heit zeigt sie in 
ihren schonen 
Gliedern, das feinste Kolorit und lebhaftesten 
Ausdruck.« 

Sie hat einige Ähnlichkeit mit der von Gio- 
vanni Battista Zelotti in der Villa Fanzolo ge- 
malten ; Fama d'Ercole;. Doch übertrifft sie 
das Werk jenes Künstlers, der Paolos Kunst 
nacheiferte und oft nach dessen \'orlagen 
schuf, bedeutend an edlerem Linienflul.i und 
besonders in der Kopibildung. Diese pflegt 
nämlich bei Zelotti meist auffallend klein zu 
sein und in den Formen des Kinns und der 
Jochbeinpartie Härten aufzuweisen. 

Diesem sehr tüchtigen Mitarbeiter Paolos 
gehih't allem Anschein nacli die Ausführung 
der linkerhand von der Saaltür bertndlichen 
Freske, welche die vom alten Testament über- 
lieferte Szene darstellt, wie die keusche 
Susan na von zwei begehrlichen jüdischen 
Alten im Bade belauscht und überrascht wird. 
Dieses in der Kenaissancezeit sehr beliebte 
Thema, das nicht wenige Künstler zu be- 
denklichen Geschmacksverirrungen verlockt 
hat, ist in der Villa ;Da Mula um einen 
Grad weniger dezent dargestellt, als die von 
Paolos Pinsel stammende Originalvorlage es 
wiedergibt. Diese beiludet sich in der Prado- 
galerie zu Madrid. Aus einem \'ergieich mit 
jenem Ölgemälde erhellt zur Genüge, daß Ze- 
lotti, abgesehen von wenigen abgeänderten De- 
tails, sich ziemlich eng an Paolos Inspiration 
anschloß. Ganz trefllich vergegenwärtigt auch 
sein Bild die märchenhafte Gartenpracht vene- 
zianischer Patriziervillen mit ilu'cn lauschigen 
Brunnengrotten, ihren malerischen Busch- 



IX. hiternatioitaU Kunstausstellung in Miincht-u iguj 



') Lctterc suUc bclk- arti Trivigianc del Canoiiico 
Lorenzo Crico, Treviso MDCCCXXXIIl, Seite 109. 



und Baumgruppen 
und plätschern- 
den Springbrun- 
nen. 

Das Gegenstück 
stellt in sehr ge- 
schickter Linien- 
komposition das 
biblische Ereignis 
dar, wo Eleazar 
die schöne Re- 
bekk a am Brun- 
nen trirtt und ihr 
als Werber die Ge- 
schenke seines 
Herrn überbringt. 
Der aus wahr- 
haft dichterischer 
Phantasie gebore- 
ne Entwurf, ferner 
ganz bestimmte 
Stilqualitäten und künstlerische Feinheiten, 
die erst bei nachemplindender Betrachtung 
ins Auge springen, weisen sofort auf Paolo 
als selbständigen Urheber dieses Gemäldes 
hin. Der Künstler hat den \'organg nicht 
in der althergebrachten Fassung wiederholt, wo 
i^ebekka dem Fremdling den Wasserkrug zum 
Trinken darreicht. Er beobachtet vielmehr 
mit dem ps\chologisch scharfsichtigen Blick des 
gewiegten Frauenkenners ein in schlichten 
Verhältnissen aufgewachsenes Naturkind, vor 
dessen schüchternen Augen sich mit einem 
Zauberschlage eine herrliche Zukunft wie ein 
sonnenbeglänztes Wunderland auftut. Gaben 
des Reichtums, wie sie nur ein Sohn des 
Glückes und herrschender Macht zu spenden 
vermag, gleißendes Goldgeschmeide, milder 
Perlenschinnner, flinnnerndes F'euer edler 
Steine nehmen die in jeder Mädchenseele 
schlummenuie .Sehnsucht nach kostbarem 
Schmuck mit sinnbetörendem Bann gefangen. 
Rebekkas Rechte huscht unbewußt ins üppige 
Lockenhaar und nestelt in den weichen Sträh- 
nen, als wolle sie vorahnend prüfen, wie 
prachtvoll jener königliche Schmuck darin 
prangen würde. Die holde, ihrer Schönheit sich 
nicht bewul.ite Jungfrau ist ganz verwirrt 
und hat ihrer alltäglichen Arbeit, des Wasser- 
schöpfens, ganz vergessen. (Abb. Beil. S. III.) 
Und nun bewundere man die dem wirk- 
lichen Leben abgelauschte Xaturwahrheit, mit 
der Paolo an der einen weiblichen Neben- 
figur den unter Hochmut sich verbergenden 
Ärger und den scheelsüchtigen Neid der Ge- 
fährtin über Rebekkas unverhofltes (jlück zum 
Ausdruck gebracht hat! Line geradezu her- 
ausfordenule ll.ihuni; ninmu diese dralle 



©B<! VI-,IU^\'1-.S|-STU1)IH\' ma 



19 




BALTll. SCHMU r 



PLASTISCHE GRUPPE DES KKIECiERDIlNKMAI.S (KISSINGEN") 
/A'. Internationalt- KunstausstcUun^ in iilüiichen igoj 



Dienerin ein. die mit zurilcki^ewdii'eneni Haupt 
und l^iMiis gezt)i^eiien Lippen zu spreciien 
scheint: Du bist aucJT niciits mehr, .iK wir 
sind: eine Dienstm;iL;d. Noch heute be- 
gegnet ni;in ott auf der Terra ferma sdlchen 
jugendl<r;iltigen , stolzen Landmädchen mit 
gebraunten Plirsichwangen, die mit unnach- 
alimlicher Grazie, wie diese Genossin Rebekkas 
die Gefüllten Wassergefäße nach altvenezia- 



nischem l^raucli an den Enden eines eiastiscli- 
wiegciuien Scluilterholzes tragen. 

/u dieser reizvollen Gruppe, die von einem 
Lorbeerbusch und einer majestätischen Säulen- 
architektur überragt wird, ist die der Lremden 
in harmonischen Linklang gebraciit. Sie ver- 
rät hervorragende Meisterschaft im tektonisclien 
Aufbau, der alle Figuren des Bildes ohne 
Gewaltsamkeit in die Schranken einer Drei- 



20 



e^ VHROXl-SliSTUDIliX ?^<S 



ecksform einordnet. Im A'ordergrund knieen 
starkknochige, muskelstrarte Männer der Arbeit. 
Ihre auf kraftvollem Nacken .sitzenden Rund- 
köpfe zeigen jene .scharfge.schnittenen Profile, 
wie .sie besonders unter dem Fischervolk an- 
zutreflen sind. Sturm, Regenschauer und 
Sonnenbrand haben an ihren Gesichtern ge- 
modelt, und der Kampf ums karge tägliche 
Brot hat seltsame Runen darauf geschrieben. 
Der Horizont des Gemäldes ist tief angenom- 
men, wodurch die Wirkung der hohen, hinter 
den Männern in die Szene ragenden Kamel- 
gestalten wesentlich gesteigert wird. Beide 
Tiere wittern den Dunst des erquickenden 
Nasses und drängen dem Brunnen zu. Auf 
einem der fremdländischen Lasttiere thront eine 
Lieblingsgestalt Paolos, die oft auf seinen 
Bildern wiederkehrt: ein Negersklave mit 
weißem Turban und schillerndem Leibrock, 
der mit einer Rute das Lasttier antreibt. Die 
Bildnisstudie zu diesem Negerkopf befindet 
sich in der Handzeichnungensammlung des 
Lou\re zu Paris. 

Gut nach der Natur gezeichnet sind auch 
im \\)rdergrund die aus einem Troge trin- 
kenden Schäfchen, die in ihrer drolligen An- 
mut an das Schäfchen auf deiu in Dresden 
befindliciien .Madonnenbilde vom Hause (Pu- 
ccina erinnern. 



Über der Tür. welche aus dem Mittelsaale 
in die nach Mittag gerichtete Zinmiertlucht 
führt, malte Caliari eine liebliche Frauenge- 
stalt, die Lealtä : (Treue, Wahrheit) genannt 
wird. Sie ist mit einem Purpurgewande an- 
getan, über das in reichem Faltenwurf ein 
goldgesticktes, weißes Oberkleid wallt. Die 
Rechte hält sie an den Busen gepreßt. Ihr 
.\uge blickt so treuherzig, daß sie den Namen 
Lealtä« mit Recht trägt. 

Die Sopraporte der Nordtür schmückt die 
sitzende allegorische Figur der Tapferkeit 
mit männlichstrengen Gesichtszügen. Ihren 
schlanken, schneeigen Hals umschmiegt ein 
Geschmeide köstlicher Perlen. In der Linken 
hält sie eine zersplitterte Lanze, mit der 
Rechten einen Helm auf den Knien. 

Die Fresken der beiden unmittelbar an den 
Festraum angrenzenden Zimmer zeigen eben- 
falls fast nur religiöse Motive. So erblickt 
der F.intretende über der Fingangstür der 
Kammer zur linken Hand eine vor Mutter- 
glück strahlende Madonna mit dem Jesus- 
k nahen, der einen Buntspecht mit beiden 
Händchen festhält. Rechts unten ist der 
\'illenbesitzer in demütiger N'erehrung als 
Sankt Joseph dargestellt. 

.\hnliche De\'otionsbilder in kleinem Breit- 
format hat Paolo mit \'or!iebe geschatlen. In 




PAOI.O VERONICSE 



HiaMKKlIR DUS VERI.OKNliN SOHNES 



I'resko in der l'ilia ,,Dti lifuta*' irt Rttnianziot 



SJ^ Vl:ROX]-Si:.STLDlliX S-^Ö 



21 




H. DL'I.L u. G. PliZOLI) 



ROTKÄPPCHEX MIT WULF (iiEKKöNUNGSORuri'E des wolkshrlnm ns in mCnches) 
fX. Iitternatiotialc Kintsiartsstellnng in 'Müucheu igoj 



dieser ganzen Gruppe \o\\ Darstellungen Jcr 
heiligen Familie, wozu ich dem Stil nach 
auch die ungemein liehliche, heilige Konversa- 
tion Madonnamit Kind, hl. Antoniusund hl. Ka- 
tharina in der Kirche San Sebastiano in\'enedig 
rechnen möchte (Abb. S. 14), steht \'eronese 
dem Madonnenideal diu'cliaus nicht sprc'kle 
gegenüber, wie V . 11. .\lei(.<ner im allgemeinen 
von Paolos Marient\piis lu'teilt.') Freudiger 
mütterlicher Stolz, aber auch bange, weh- 
tnutsvolle Zukunftsahnung spricht aus diesen 
Bildern in herzgewinnender Weise. Da die 
den Villen zu Masei' und lanzolo angehörigen 
in neuester Zeit sehr stark übermalt worden 
sind, so hat die eben erwähnte heilige Familie 
in Romanziol, weil sie ihre ursprüngliche 
Farbengebung bewahrt hat, besonderen Reiz 
und Wert. Nur die etwas zu dunklen Schatten- 
bögen unter den Augenlidern der Madonna 
deuten auf eine oberflächliche Restaurierung 
des Gemäldes hin. 

Eine gleichgroße Darstellung dei' Ghari- 
tas in plastisch gemaltem Rahmen ziert den 

•) ÖpTcitT 



oberen 'Feil der Ilinterwand. Ein Knabe 
trinkt, auf dem Schol.V' dei' Frau stehend, an 
der Miutei'brust, der andere packt mit der 
Rechten ihren Mantel und kräht laut vor 
\'ergnügen nach Kinderart. Lächelnd schaut 
das junge Weib, das auf dem braunen Scheitel 
ein kokettes weißes Fläubchen trägt, auf das 
jinige Leben nieder. 

Der obere Feil der linken Seitenwand, 
welche der Eingangstür gegenüberliegt, zeigt 
in ähnlicher Umrahmung ein üppiges Weib, 
das in der Rechten ein Kruzifix hält und mit 
der Linken den quellenden Busen halb zu 
\erdecken sucht. Links von ihr lenkt ein 
weif.\ü;ekleidetes, krausköpfiges Engelchen ihren 
sündigen Blick gen FLnnnel. Die Ausführung 
dieses [Hildes deutet auf eine Schülerhand hin. 
die aber nach Paolos .\ngabe malte. Bezeich- 
nend für dessen zuweilen etwMs frivole Aut- 
fassmig ist es. dal,^ er in der Büßerin Mag- 
dalena nur die weichliche Sünderin erblickt, 
die selbst im lose unigeschlungenen härenen 
Bul.Mnantel mid mit dem Kreuz in der Hand 
noch zu verführen x'ermöchte. 



22 S!^ VF.ROXESI-STL'DIEX — GRAB 1-IXI-S AUGSBURGÜRS Blil Sl'liZIA f^Ö 



Die übrigen Geniiilde dieses Zimmers sind 
nach Art von Teppichen auf den W'andflaciien 
verleih. Ubermalung und \'er\vahrlosung 
haben aber hier bereits manclies verdorben. 
Audi sind diese Fresken offenbar zum Teil 
von Sciiüleriiand ausgeführt. 

Die beiden \\'andfelder der Eingangswand 
zeigen Jakob mit der Engelsleiter und Tobias 
mit dem Fiscii, von einem Engel geleitet. 
Unter dem Charitasbilde erblickt man die Auf- 
lindung des Moses, die ^vegen der malerischen 
Flußlandschaft sehr anziehend ist, ferner die 
N'ertreibung aus dem Paradiese: zwei Bilder, 
in denen man noch am meisten von Paolos 
Erfindungsgabe spürt. Besonders das Moses- 
bild zeigt des Meisters starke xMitwirkung. Es 
erinnert auch in einigen Einzelzügen an des 
Künstlers im Prado zu Madrid befindliches Öl- 
gemälde, das den gleichen Vorgang wiedergibt. 

Die linke Zimmerwand ist mit einer Personi- 
fikation der Keuschheit und mit David vor 
Goliath geschmückt gewesen. Diese Bilder 
haben aber durch eingedrungene Feuchtigkeit 
so stark gelitten, daß man wenig darüber 
sagen kann. 

Das rechterhand vom Mittelsaal gelegene 
Zimmer enthält folgende Fresken. 

Das von prächtigen Karyatidenhermen ab- 
gegrenzte Mittelbild der oberen Rückwand 
zeigt den aus dem Grabe auferstehenden 
Ghristus mit der Siegesfahne in der 
Rechten, das männlichschöne Haupt von einer 
Strahlengloriole umllossen. Seine Augen strah- 
len in lichter N'erklärung. Zu seinen Fül.V'ii 
liegen die gewappneten Wächter im tiefsten 
Schlunnner. Der von einem leuchtenden 
Purpurmantel halb verhüllte Heilandskörper 
verrät in seinen edlen Fdrmen Paolos meister- 
hafte Kenntnis der Anatomie. Wenn irgendwo, 
so zeigt sich \'eronese in der Villa »Da Mula:; 
als religiöser Maler ersten Ranges, der er- 
habene Monumentalität des Sakralbildes mit 
malerischer Auffassung im höchsten künst- 
lerischen Sinne zu vereinigen \veif.(, ohne in 
kraftlosen Gefühlsüberschwang zu \erhillen. 
Selbst den strengeren Anforderungen an die 
Auffassung religiöser 'Fhemen konnte dieses 
Auferstehungsfresko vollauf genügen. 

(Schluß folgt) 

CiR.XB I'INl-S ArCSI^URGl'RS 

R.i:i sim:/ia 

Nördlicii von Spezia, 340 m iiocii über dem 
Spiegel des Golfes, liegt die uralte Mutter- 
kirche der Stadt, die St. Stephanskirche von 
Marinasco. Das Gotteshaus hat freilich im 



Laufe der Jahrhunderte manche und gründ- 
liche Umänderungen erfahren, und nur ein 
schmaler \'erbindungsstreifen zwischen Kirche 
und Cilockenturm weist noch auf das zwölfte 
Jahrhundert zurück. Bei einer der neuesten 
.Änderungen hat man, folgend einer Unsitte, 
die auch in deutschen Landen bei sogenannten 
stilreinigenden Kirchenrestaurationen man- 
chem historisch oder künstlerisch wertvollen 
Werke den Untergang bereitet hat und wohl 
auch noch bereiten wird,') die alten Grab- 
steine aus den Kirchenwänden weggebrochen 
und mit vermeintlichem Kunst- und Pietäts- 
sinn in Kreuzesform vor dem Haupteingange 
der Kirche als Bodenbelag angebraciit, und 
die scharfbenagelten Schuhe der umwohnen- 
den Bauern werden binnen kurzer Zeit die bar- 
barische Aufgabe gelöst haben, die Inschriften 
und Ornamente usw. von den Marmorplatten 
wegzuscharren. Zum Mittelstück des Kreuzes 
hat man begreiflicherweise den ältesten, 
weif.K'sten und schmuckreichsten Stein gewählt, 
und dieser trägt inmitten einer geschmack- 
vollen Renaissanceumrahmung die Inschrift: 

HIC LÄGET THOMAS 

TH(\\L!£ STACHELY 

GERMAN\'S A\'G\'ST/F: 

VIKDELICOR GI\'LS 

F.T MERGATOR OBIIT 

L\'G.'E .L:TATIS SXAi AX 

NO XXVIII MDI.XXXl 

MENSE DECEMB XX\I 

ET IN HAG S. S'FEPHA 

NI -F.DE SACRA SPt^XTE 

SEPi-LARI (sie!) \'OLVlT 

■-Hier liegt des 'Fhomas Sohn, 'l'homas 
Stachel \'. ein Deutscher, zu .\ugsburg Bürger 
und Kaufmann ; er starb zu Lucca im aclit- 
undzwanzigsten Jahre seines Lebens 1581 
am 26. Dezember und hat in diesem iieiligen 
Tem|iel des hl. Stephanus nach freier Be- 
stimmung begraben werden wollen. 

'Fhomas Stachely starb also am St. Stephans- 
tage des Jahres 1581. Seine Willensbestim- 
mung ist aber gewil.i nicht hierin oder hierin 
allein begründet: denn der Si. Siephans- 
kirchen gibt es auch andere genug ringsum, 
und er hat die Bestimmung wohl auch niciit 
erst an seinem 'l'odestage gemacht. Lagen 
nicht andere, persönliche Gründe vor, dann 
konnte die waiirhaft paradiesische Lage des 
C^rtes aucii im noch Gesunden — oder führte 
iim Krankheit an die l^iviera di Levante? — 
den Wunsch rege machen, hier am liebsten 

') S. das wohl.iiigcbiaclue Wainungswoit li. v. t)idt- 
maiins in den Annalen des Hist. \'er. f. d. Niederrhein 58 
»Schutz den alten Grabsteinen!« 



23 



■^%h'-^-,', 










^4 



©^ GRAB EINES AUGSBURGERS BEI SPEZIA »^ö 



die Ruhestiittczuiinden und den entschlatenen 
Leih auch aus der Ferne, von Luecu, Jiiei her- 
bringen zu lassen. Wie oft mag der Augs- 
burger lüngling auf der breiten Terrasse vor 
der Kirche gestanden und jenseits des bunten 
GoUes und des bläulichen Meerstreifens die 
zartgraue Küste Italiens bis in das fernste 
\'eriieren verfolgt haben! Oder es folgte sein 
Auge den felsigen Pfaden, welche durch die 
01- und Weinpflanzungcn des breitgeöflneten 
Tales zu dem kleinen Fischerdörtchen Spezia 
— jetzt ums hundertfache vergrößert und 
mächtig befestigter Kriegshafen und Arsenal 
Italiens — und zu den Landestellen hinab- 
führten. Oder seine Blicke genossen die 
edelgeformten Linien der westlichen , bis 
über 800 m sich erhebenden Berge, des 
Monte Parrodi. Castellazzo und Muzzerone 
bis zur abschließenden Insel Palmaria, oder 
sie eilten nach Osten zu den schroffen Mar- 
morbrüchen von Carrara, mochten sie ein 
wundersames Farbenspiel \om sanften oder 
leuchtenden Rosa der Abendsonnenbeleuch- 
tung bis in tiefdunkles \'iolett darbieten oder 
an schneeiger Weilte wetteifern mit den 
Gipfeln der höher emporragenden appua- 
nischen .Alpen. Wie er es auch trcfkn mochte, 




■IIIKODOK SrUKOL JUNCKK SIZII.lANIiR (iiRosn;) 

IX. hitertiittiotialc Kunstttusstelltiiig in München t<fos 



Sclu'inheit und Marmonie, Friede und Ruhe, 
ein Himmel aal Erden umgaben ihn. Der 
Jüngling ist gestorben, sein (Jrab unkenntlich 
gemacht, sein Name binnen kurzem weg- 
gewischt, der St. Stephanstempel eine Bauern- 
kirche geworden, zwischen den grünen Berg- 
abliängen und den reichbelebten Ufern des 
Goltes dehnt sich die grol.sgewordene Stadt 
Spezia mit dem gewaltigen Arsenale aus, 
aber die unübertreffliclie Schönheit ist die- 
selbe geblieben, und die kriegerische Be- 
deutung, die Spezia bekommen, hat es dem 
Besucher nur leichter gemacht, den beherr- 
schenden Aussichtspunkt von Marinasco und 
alle die andern rechts und links zu Fuß oder 
zu Wagen zu erreichen. Denn zum Zwecke 
der \'crhindung der hochgelegenen Forts, 
die in schützendem Kranze den Golf um- 
geben, ist. ähnlich dem berühmten Viale dei 
Colli zu Florenz, eine vorzügliche Militär- 
straße angelegt worden, die, am östlichen 
Tore der Stadt beginnend, in zahlreichen, 
oft kiihnen Windungen zu allen beherrschen- 
den Höhen und deren Befestigungen, also 
bis nahezu 700 m, dieselben verbindend, empor- 
klettert, und nachdem sie auch die südlichsten 
abschließenden N'orsprünge in ihren Laut 
aufgenommen hat. am westlichen Stadttore 
ihr Ende fnulct. Zahllose Abkürzungswege 
und Treppen \on unzähligen Stufen ver- 
binden die Straßenwindungen (Serpentinen) 
und steigen durch den Schatten der ölgärten 
und Pinienwäldclien zur Stadt und zu den 
Dörfern am Golfe, Portovenere, Lerici, 
.S. Terenzo usw., hinab, und diese letzteren 
wieder sind durch Dampfer- und C^mnibus- 
Linien mit Spezia \erhunden. Dieses, an sich 
freilich jetzt durch und durch Militärstadt, 
findet daher als Mittelpunkt unzähliger Spazier- 
gänge und Fahnen nicht leicht seinesgleichen, 
abei' die unzähligen Besucher Italiens eilen 
meist an Spezia vorbei ; wenige verweilen 
einige Stunden und stürmen nach einer ent- 
täuschenden Wanderung durch die eintönigen 
Bogenhallen, diePortici, und am Gestade wieder 
zum Bahnhofe; gar selten aber wird die 
Terrasse der St. Stephanskirche von Marinasco 
\on einem Fremden betreten. Ob wohl ein- 
mal ein Augsburger, vielleicht ein \'erwandter 
des sinnigen 'Fhomas Stachely, demnächst 
einmal nach Marinasco hinaufwandert? Möge 
er dann den (Jrabstein nicht mehr von den 
l-ü(.W'n der Bauern getreten, sondern — der 
Pfarrer und Erzpriester von Marinasco hat 
mir dies auf mein iü'suchen fest versprochen — 
an würdiger Stelle auf dem neuen l'riedhofe, 
der diciit bei der Kirche liegt, eingemauert 



finden ! 



l?onc 



IX. IXTHRXA'ITC^XAI.I- KLXSTAUSS'ri-IJ.L'XG IX MrXCIlF.X 1905 




PIEIRO CAXOXICA 



Hl ME DKS ri;i:his(,i.i,i;iikie\ 

/.\'. tntfr>iaii(^}ta!e KHnstatti.stiUung ijt lihntchen igoj 



lOMMAsO VAl.l.AURI 



IX. INTERNATIONALE KUNST- 
AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1905 



D 



\'on FRANZ WOLTHR 

le große breite Otleiitlichkeit, geiKinnt 
Kunstniarkte Iku bis jetzt der Kunst mehr 
geschadet als genützt. Immer mehr verflacht, 
verallgemeinert sich der Kunstgeschmack, die 
Kunst selber wird äußerlich, eben durch die 
Märkte. Wie ungeheure Speicher und Lager- 
räume erscheinen die großen Ausstellungen 
und selbst mit dem anzuerkennenden besten 
Willen ist es den einzelnen Korporationen nicht 
möglich, die Blöße der Wände mit ausschließ- 
lich guten Kunstwerken zu decken. Wie die 
Verhältnisse im heutigen Kunstproduzieren 
liegen, können die Salons für Kunstwerke 
aller Gattungen nicht grol.i genug sein, denn 
viele stehen draußen, die ebensogut wie die 
Bevorzugten das Recht des Aussteilens für sich 
in Anspruch nehmen. Trotz und alledem 
aber ist der Reinigungsprozeß, der diu'ch die 



Juroren vorgenommen wird, heute der einzig 
mögliche Ausweg, um zu einem halbwegs ver- 
nünftigen Überblick über das gesamte Kunst- 
gebiet zu gelangen, und gereicht auch das all- 
gemeine Bild der Internationalen, wenn man ins- 
besondere die einheimischen Korporationen 
in Betracht zieht, der Kunststadt München 
durchaus zur Ehre. Das Bild würde noch 
besser sein, wenn gewisse Säle nicht mit 
stark grellen Wandbespannungen versehen 
und die Färbung ruhiger gehalten wäre. 
Sehr gut nimmt sich das N'estibül aus, das 
in eine helle lichtdurchflutete Halle umge- 
wandelt wurde, deren Hintergrund als wür- 
digen Abschluß eine hochragende Fassade 
bildet, geschmückt mit Galerien und Log- 
gien, grünlich getönten Friesen, Füllungen 
imd antikisierenden Reliefs. Hier grüßen von 
den Galerien kugeltörniige Lobeerbäume her- 
ab, die verheil.Huigsvolle goldene Früchte 
tragen. Inmitten des Atriums plätschert das 
Wasser des ausgedehnten Brunnenbassins, das 
eine Fülle blühender Blumen umschliel.u. \'ier 



Dk' clirisll-clie Kuiisl II. i. 



26 



IX. i\ti;r\ati()\ai.i; klxstaussti;lllx(, ix mcxchex 1905 



größere Plastiken llankiercn die Ecken des 
Wasserbeckens, wie denn diese ^'orl^alle über- 
haupt als Sammelplatz der Plastik gedacht ist. 
Dominierend erhebt sich eins der vielge- 
nannten und umstrittenen Werke: Rodins 
Denker . Beh'uchtend wird dieses moderne 
französische Werk wohl wenig auf die ein- 
heimische Produktion wirken, da von jeher 
die Bildhauerei ohnehin in Deutschland das 
Stiel kind gewesen ist und dies ganz mit Un- 
recht; ist sie doch neben der Architektur die 
ehrlichste und gewissenhaiteste Kunst, [edes 
\'erschleiern oder Ignorieren luirt hier auf 
Fehler sind sofort erkennbar und Mätzchen 
zu machen verhindert allein schon der zentner- 
schwere Ton. Will man die Plastik, wie sie 
uns heute vor Augen tritt, voll und tianz 
würdigen, so müssen wir uns von aller Scha- 
blone und einem überkommenen Schönheits- 
Kanon frei machen. \\"\v sind nun einmal 
keine Griechen, unser deutsches, germanisches 
Leben ist rauher, daiur um so innerlicher, und 
aus diesen Gefühlen heraus bildet sich jetzt 
nach einem jahrelangen Hin- und flerzaudern 
allmählich eine ernste Plastik, die der monu- 
mentalen Größe ebenfalls nicht entbehrt. Hin 
klares Bild über die Bildhauerkunst der Deut- 
schen und Ausländer zu bekommen, scheitert 
hauptsächlich daran, daß die besten W'eikc 
ihren Bestinunungsort nicht verlassen können 
und die Kleinplastik, die wir sehen, ist nicht 
hiiu'eichend, die Meister, die sie geschatfen, 
zu charakterisieren. \'oni Auslande ist mit 
Ausnahme einiger guter Arbeiten nicht \iel 
Hervorragendes gekommen. Ja manches Land 
hat eine solche Menge Kleinkrams gesandt, 
daß man entsetzt diese an Spielwaren er- 
innernde Massenproduktion meidet. (Jreifen 
wir aus der l'ülle des Gebotenen einige Ar- 
beiten heraus, so erscheinen als tüchtige 
Leistungen Sz\Mna nowskis Gruppe Mutter . 
{Dissens Atalante . und die von hohem pla- 
stischem (ielühl getragenen ■ Satanstöchter 
von Rombeaux. Stark an naturalistische 
.Studien erinnern die italienischen Werke, wie 
Reduzzis Erblüht beweist. Eürst Paul 
'i'roubetzkoy wirkt in all seinen Arbeiten 
rein dekorativ; lälJt sich dies in kleineren 
Werken noch ertragen, so tritt der Mangel 
der Durchführung in den größeren Plastiken, 
wie in der .Statue des l'ürsten Galitzine be- 
merkbar ist, krasser zutage. I'ein studiert ist 
der Marmortorso von C^anonica, überhaupt 
zeugen die Werke dieses Turiner Künstlers 
durchwegs ein ehrliches Wollen (Abb. S. 25 u. 
27) und ist trotz aller Outriertheit das lächelnde 
Baby eine bi'illante Leistung. .Selten ist die 
noch weiche Hirnschale eines .Säuulinys so 



wahr und lein empfunden im Stein wieder- 
gegeben worden. — Denkmäler, wie sie Karl 
Milles gebracht, könnte man entbehren, da- 
gegen erfreuen die Arbeiten von G. Schrev- 
(')gg. ■ Abschied in schwarzeiu Marmor, Wa- 
de res trauernde Muse und Sappho . und das 
äußerst schlicht und edel durchgeführte Relief- 
porträt des Prinz -Regenten (Abb. I. Jahrg., 
S. 279). Als eine wuchtige Monumenialar- 
beit sehen wir die Märtyrer für das Vater- 
land . von Vincotte; Heinemanns Kolos- 
salligur in Bronze, den > Kain darstellend, ist 
von packender Gewalt des Ausdruckes und 
der Bewegung. Unter den franzosischen Klein- 
plastiken dürlte der Tiger, welcher ein Lamm 
zerreißt. \on Georg Garde t die Bewunderung 
der Kenner erregen. Broggis ~ Kopt eines 
alten .Mannes:, Bonequets »Trübsinn :, ein 
in weichen Formen aufgelöstes Frauenbild, 
■ vor allem aber der wuchtige, mit den ein- 
fachsten .Mitteln dargestellte Hafenarbeiter von 
.\ntwerpen von dem verstorbenen Meunier, 
gehören mit zu den besten Plastiken, welche 
die Fremden schickten. Metzners Kollektion 
zeigt selbst in ihren kleineren Werken einen 
geschraubten und vergewaltigten Naturalismus, 
der, teils ins Symbolische übersetzt, den Be- 
schauer nicht erwärmt. Dafür wirkt der jugend- 
liche, zarte .Mädchenkörper, der eben knospen- 
haft erblüht, wie ihn Karl G. Barth darstellt, 
gleich einer Erfrischung. — In der Sezession 
nimmt der Berliner Lederer mit mehreren 
größeren bildhauerischen Werken die erste 
Stelle ein. Der Fechter, zumal mit dem tiguren- 
reichen Unterbau (Teile des Breslauer Brunnens) 
gehört mit zu dem Besten, was die Plastik 
überhaupt auf der Internationalen bietet. \'on 
den trefflichen Büsten, die hier ebenfalls aut"- 
gestellt sind, dürfte Lederers Hans Plitzner 
riilimenswert hervorgehoben werden, dann 
die äul.serst charakteristische Büste des .Malers 
i luber-F'eldkirch von Fritz Beim. .\ut die 
alten (jriechen greift Ebbinghaus, zumal in 
der Bronzeligur zurück, Moriz .Müller mit 
seiner stilisierten .Angorakatze sogar in die 
ägyptische Plastik des älteren Reiches. Als 
eine schon bekannte, aber gern gesehene 
(Jiuppe stellte Kar! Wollek die Hauptpartie 
I'amino imd Pamina« vom .Mozartbrinmen 
in Wien aus und .Vmort ein Kruzifix-Frag- 
ment, in welchem der Heiland nicht als Er- 
löser der Welt gedacht, sondern vom Gesichts- 
pimkte einer .Vul lassung des N'ollzuges der 
Kreuzigung zu betrachten ist, die sich nicht 
,in unsere Tradition anschließt, sondern nicht 
glücklich auf geschichtliche Züge zurückgreift. 
Sodann gelangen wii- in Säle der architek- 
tonischen i*läne imd der Gi-aphik. .\quarelle, 



IX. ixriiKXATioxAi.i-; KL'\sTAUss'ri;i.i.LX(, IX .\irxc:iii;x 1905 




IMI-. IKl> l.ANUA 



I t KSTI.V DORIA (MAiiMou; 
L\'. Intcnttltuvtalc Kuiutansstfllni'!; in Miiuclun igoj 



/eiLliiumL;cii und Pastelle, aul die man nur 
liiiiweisen kann, ^bwold sie ebenlalls eine 
Men,i;e ties Sclmnen enthalten. Die niale- 
lisehen Sehopluni^en nehmen, wie ja iUilieh, 
den breite.sten Raum ein, und da nuil.< man 
yegen viele ausländische Produkte Ik'dcnkeii 
hegen. 

Als vor vielen pthren die AnreguuL; kam, 
den fremden (i.tsten die Tore Münchens zu 
i)rt"nen, bedachte man nicht, wie sich das gut 
(Gewollte bald ins (Gegenteil umkehren müsse. 
Man wollte lernen und sehen, was die besten 
Ausländer konnten, sie kamen in .Stiomen 
und als sie Gefallen mid tieschmack an den 
X'erkäulen landen, überschwennnten sie tlen 



Münclicncr Markt mit 
Dingen, die man lieber 
liier nicht Jiättc seilen 
mögen und die von 
einheimischen Kräften 
weitaus besser gemacht 
winden. Und so zieht 
auch jetzt noch der 
breite Strom ausländi- 
sch er Handelsware nach 
München. Von rein 
künstlerischem Stand- 
punkte aus würde es 
vollkommen genügen, 
wenn von jedem Staate, 
seiner ik'deutiing als 
Kulturstaat entspre- 
chend, höchstens lobis 
20 der besten Kunst- 
werke zu sehen wären. 
Will man einen gros- 
sen Jahrmarkt jedoch 
schalen, so würde 
München allein genü- 
gen, diesen in jeder 
I linsicht qualitativ und 
quantitativ herzustellen. 
Es ist doch ganz selbst- 
verständlich, daü 
Deutschland den \'or- 
teil aus unseren künst- 
lerischen N'eranstaltun- 
gen ziehen sollte, und 
dann, wenn einmal der 
Raum die einheimi- 
schen Künstler nicht 
einengt, wie viel bes- 
ser könnten die einzel- 
nen Korporationen ihre 
Kunstweike unterbrin- 
gen. \'or allem würde 
die Ausstellung khiier 
imd übersichtlicher. 
Nach dieser Richtung hin hat es die Mün- 
chener Künstlergenossenschaft mit Glück ver- 
suchte, ihre Werke zu ordnen; daß trotz- 
dem hie und da fehlgegritfen wurde, ist ja 
nicht zu verwundern, auch würde das Gesamt- 
bild noch wesentlich besser erscheinen, wenn 
an Stelle von manch Zweifelhaftem das ge- 
setzt worden wäre, was von gutem Wollen, 
von tretflichen Absichten geleitet ist; denn 
es kommt bei solchen Wettkämpfen daraut 
an, zu verfolgen was die leichtbeweglichen 
/eitstriimungen aus sich heraus schafien, auch 
wenn die Malerei als solche nicht ganz ein- 
wandfiei ist, als nur sogenannte an sich gute 
.Malerei zu sehen. F.s handelt sich nicht 



28 



IX IXTF.RXATIOXAI.l- KUXSTAUSSTI-.I.LUXC IX MCXCHEX 1905 



darum, dem Volke zu zeigen, daß der Herr X 
ein Dutzend Hier im Stroli oder der Herr Y 

ein paar Apfel gut malen kann, sondern 
darum, eine zeitgemäße Idee zu verkiirpern. 
Maler, die eine trelTliche Schulung hinter sich 
haben, gibt es heute in Hülle und Fülle, 
die auch alles malen können, was ihnen 
unter die Finger fallt, virtuose Könner sind 
und durch ilux' Fertigkeit blenden, aber den- 
noch ihren Werken keine Lebenskraft ein- 
hauchen können, weil sie nicht tiefer in das 
Wesen der Kunst eingedrungen, sondern an 
der Oberfläche hängen geblieben sind. Es 
braucht nur eine kurze Spanne Zeit vorüber- 
zugehen und man steht solchen W'erken 
t>leich"ültig kühl gegenüber. In den ei'sten 
Sälen begegnen uns einige Arbeitern, die 
mehr bedeuten als Können allein. G. Schön- 
leber schlägt in seinen drei Bildern innere, 
tiefergehende Klänge an, besonders in dem 
satten, tonigen Gemälde Brücke in Viareggio , 
mit der goldigen friedlichen Abendstimmung 
voll ernster Melancholie und träumerischer 
Poesie : Von packender Stimmungsgewalt sind 
auch die Marinen von H ans von Petersen, 
der Farbenklänge der seltensten Art und die 
verschiedenen Darstellungen des Meeres findet; 
sei es bei Sturm und Seenot, oder bei den 
friedlichen Strahlen der sinkenden Sonne 
wirken alle auf die gleiche sympathische Weise 
durch kiistlichen Farbenzauber. Um gleich 
bei den Marinemalern zu bleiben, nennen 
wir i3oehme mit Motiven südlicher (iegen- 
den und Zeno Diemer, der panoramaartig 
Wogen, Wellen und Panzerkreuzer in breiten 
Strichen hinschreibt. Selbst der Seesturm, 
der schlafende Christus im Boote mit den 
geängstigten Jüngern wirkt \\ ie ein Stück eines 
Panoramas und in der Malerei wie ein Teil jener 
Wandgemälde des i S.Jahrhunderts, in welchen 
die Freskomaler ihr großes Können zeigten. 
Die Bildnismalerei ist ebenfalls stark ver- 
treten mul steht an der Spitze wie iiumer 
Fr. Aug. von Kaulbach, der uns einen 
Monat nach EröfTnung der Ausstellung mit 
einer Fülle seiner besten Sclu')pfungen aus 
letzter Zeit überraschte. Schon dadurch, wie 
es der Meister verstand, seine Werke in 
einem nach künstlerischen Gesichtspunkten ge- 
schmackvoll ausgestatteten Raum einzuglie- 
dern, beweist hohe Künstlerschaft und dürfen 
die leitenden Persönlichkeiten im Aussteliungs- 
wesen hier noch manches lernen. \'or allem 
erfeut in den neuesten Bildnissen die I-'rische 
luui Klarheit der F'arben und die Umnittel- 
barkeit des zielsicheren Schaffens. \'orherr- 



schend sind die graziösen Damenporträts, 
unter denen die Prinzessin Rupprecht in Land- 
schaft besonders sympathisch sowohl in der 
Zartheit des Kolorits als im Ausdruck des 
Kopfes zum Beschauer spricht. Entzückend 
ist das Bild einer Dame mit Hündchen, das 
als ein Arrangement in Weiß mit etwas 
Schwarz zu nennen ist; die Gattin des Künst- 
lers mit dem kleinen Baby in den Armen 
ist ein Werk der verkörperten imiigsten Mutter- 
liebe in wenigen, aber vornehmen Farben- 
akkorden. In mehreren \'ariationen versuchte 
Kaulbach im Bildnis einer bekannten Tänzerin 
eine neue Note hineinzutragen, wie er auch 
in der nackten Kleinen mit ihrer W'ärterin 
zu einer kräftigeren Inkarnation greift. Cierade 
in der Darstellung der Kinder hat der Meister, 
indem er seine eigenen Lieblinge stets im 
Auge behält, von Jahr zu Jahr uns reiche 
malerische Berichte über das Kinderlehen ge- 
geben. Da sehen wir den jungen Prinzen 
Luitpold mit dem Hündchen in einer im 
silbrigen Ton gehaltenen Landschaft, wie er 
mit seinen fragenden, seelenvollen Augen den 
Beschauer anblickt; dann die Kinder des Künst- 
lers zu dritt, umgeben von einer Fruchtgir- 
lande, ferner die dunkelhaarige Hedda allein, 
so frisch und flott gemalt, wie es nur noch 
ein Franz Hals gekonnt. Vergessen wir nicht 
das ernste und charakteristische Selbstporträt 
des Meisters und ein köstliches Arrangement 
von Tulpen, welch letztere Arbeit beweist, 
wie Kaulbach überall in der Natur Anregungen 
zu seinem nach den höchsten Zielen der Kunst 
gerichteten Schaffen findet. 

Was sonst an Porträts in der Internatio- 
nalen gebraclit worden, ist mit einigen Aus- 
nahiuen von geringerer Bedeutung. Gut ist 
das repräsentative Porträt des Prinz-Regenten 
von Pappei'itz, breit und sicher gemalt, 
dabei brillant modelliert das Bddnis des Frei- 
herrn von Hörn von F. Pernat. Eine Gruppe 
junger Damen von demselben Künstler, in 
eleganter Haltung um den Teetisch versam- 
melt, in ihren duftigen, in zarten F'arben ge- 
haltenen 'I'oiletten ist weit mehr als Bild 
gedacht im Gegensatze zum aussciiließlichen 
Porträt. Hermann Knopf stellte sich in 
dem Bilde zweier lesenden Mädchen ein Farben- 
problem, das selten so geschmackvoll gelöst 
wurde. Trotz aller Einfaciiheit des Stoffes 
\\ andte der Künstler die reichsten und tiefsten 
.Mittel an mul strebte in der F'einheit und 
Durchbildung der l^iguren nach einer lioiien. 
zielbewußten Kunst, die an sich eine seltene 
Abgeschlossenheit trägt. (t'oit.s. lolgt) 



Für die Redaktion vcranlwortlicli ; S. StaiiJlinmcr; Verlag der Gcsellsclmfl für chrisll. Kvmst, G, 
Druck von Alphons Bruckmann. — Sämtliche in Münclicn. 



hlüLAÜIi ZU >U1E CUUlillJClll- KUNST., 11 JAIIUGANC, IIEIT i, i. 



( >i, ! I ii'.(.i.' 



GROSSE 

BI'RI.IXM'K KUNSTAUSSTELLUNG 1905 

Von 1)K. HANS SCHMIDKUNZ (Berlin llak-nsfc) 

(Fortsetzung) 



Gehen wir zur Plastik, so bleibt wegen des durch- 
sclinittliclien Niveaus, das auf »etwas iiber Mittelgut« 
stellt, wohl niclit viel mehr als eine gleichmäßige Auf- 
zählung übrig. Ivine Brunnenfigur in Bronze, »Cluelle«, 
von C G. IJartli verdient jedenfalls eine Hervor- 
hebung; Bronze- und Gipswerl<e von H. C. Baucke 
gewinnen leicht die Aufmerksamkeit; das Bronzestück 
»Träne« von C. Berne witz verdient eine solche eben- 
l'alls. Zu einigem Verweilen veranlassen mehrere Werke 
von r-;. 1? e V r e r; weniger sein arcliitektonischcr • Hismarck « 
und seine marmorne »Cäcilia mit Postament«, eine der 
wohl auf den meisten Ausstellungen wiederkelirenden 
Auffiüligkeiten, als vielmehr seine Grabmalarbeiten. 

Wir nennen weiterhin in flüchtiger Reihe: Werke 
von A. Boue, einen pompösen »F.ngel für Gravelotte« 
von L Cauer, eine Gipsbüste des verstorbenen Dichters 
P. HiUe sowie eine »Heimkehr« von E. Drippe. Die 
große Rolle, welclie in Berlin G. Eberlein spielt, ist 
auch hier zu merken, zum Teil wieder in weniger er- 
freulicher Weise; wo es dagegen mehr darauf ankommt, 
eine besondere Stellung oder dcrgl. treffend wieder- 
zugeben, wie in dem »Griechischen Knaben auf Vase«, 
kommt die Gewandtheit des Künstlers gut zur Geltung. 
Wir wenden uns weiter zu der charakteristischen 
• Salome' in getöntem Marmor von H. Engelhardt 
und zu dem »Kugelspieler« von H. Epler. An dieser 
Stelle müssen wir zu einer allgemeineren Bemerkung 
Halt machen, die vielleicht auch für andere Ausstel- 
lungen von Vorteil sein kann. 

Der letztgenannte Künstler hat dieses Stück, wie aus 
einem an den Einladungstagen vor der Eröffnung noch 
sichtbaren Vermerke zu erfahren war, ausdrüclilich zu 
einer Aufstellung nicht im vollen Überlicht, sondern 
in einem entsprechenden Seitenlicht empfohlen; tat- 
sächlich steht es aber gerade in der Mitte eines Ober- 
lichtsaales. Ferner hatte H. Müller sein »Werden und 
Vergehen« , das uns übrigens forciert erscheint,, für 
einen Stand 45cm hoch bestimmt; tatsächlich siebtes 
weit höher. Ein dritter solcher Fall ist uns nur eben 
aus der Erinnerung geschwunden. Man kann nicht 
scharf genug darauf dringen, daß individuelle Wünsche 
eines Künstlers so weit nur irgend möglich erfüllt 
werden , weil solche scheinbare Willkür nun einmal 
zur künstlerischen Notwendigkeit gehört. 

Unter den wirksamsten Stücken der Ausstellung er- 
scheint B. Frj'dags »Verklungenes Lied«, d. h. die Gruppe 
eines Geigers, der ausgespielt hat und die Hand mit dem 
Bogen auf eine zu ihm aufblickende weibliche Gestalt 
legt- Weiterhin erfreuen uns: »Trauerndes Mädchen» 
von O.Garvens, eine größere Schlafdarstellung »Mann 
und Weib« von Hartman n-Mc. Lean, I5rünzestatuetten 
von F. Heine mann, und besonders mehrere Werke 
von E. Herter, unter denen wir die »Kirke, Gruppe 
aus Gold, Elfenbein, Silber und Edelsteinen mit Onyx- 
sockel« wegen ihrer wirkungsvoUen Materialverwendung 
besonders hervorheben. Gleichfalls von wegen einer sol- 
chen Besonderheit nennen wir die Tierbilder aus Fayence 
von H. Hidding. Ein »Don Q.uijote'' und anderes von 
A. Hussmann verdient ebenfalls eine Nennung. Als 
eines der anziehendsten Mutterbilder rühmen wir das 
Marmorrelief von G. Janensch »Mutter und Kind«. 
Neben den allgemein gefallenden Werken dürfte eine 
weniger beaclitetc »Kassandra« von G. Koenig doch 
eine besondere Hervorhebung verdienen Im übrigen 



können genannt werden: »Die Befreiung« von K. König 
und der »Friedensengel« von R. Küchler. 

Zwei Lebende und ein Verstorbener heben durch eine 
Reihe von Werken das Niveau der .Ausstellung in er- 
freulicher Weise. Jene sind F. Lepcke und A. Lewin- 
Fun c k e , von welch letzterem wir auch noch an 
einer anderen Stelle berichten. Beide sind virtuos in 
der Darstellung bew-egtester Tanzmomente; jener bringt 
u a. eine würdige weibliche Bildnisbüste in Bronze, dieser 
die reizvolle E)arstellung eines trinkenden .Mädchens 
».\m Quell«. — Der Verstorbene ist 1^ .Maison. In 
dem Streit um seine Größe dürften die hier ausgestellten 
Bronzestatuetten und dergl. doch wohl bejahend ent- 
scheiden. Es läßt sich kaum andeuten, wieviel in seinen 
mythologischen und historischen Figuren von Wotan und 
dem heiligen Georg, von Otto dem Großen und dem 
Kreuzritter steckt. 

Ein hübsches Relief »Bildnis meiner Mutter« bringt 
J. Maihöfcr, zwei Statuetten »Kunst« und »Wissen- 
schaft« G. Marck, eine Brunnenfigur u. a. R. Markusc, 
einen »St. Georg mit .\ja< aus Holz mit Vergoldung und 
sonstigen Beigaben]. Moest, eine svmpathische »Bildnis- 
büste des Schriftstellers Wilhelm Raabe, Bronze • .M ü 1 1 e r- 
B r a u n s c h w e i g, eine Darstellung in Marmor » Verlassen « 
L Nick. Für die Frage der Materialvcrwertung ist die 
Schnitzerei einer »Uhr« von M. Nieruck interessant; 
woran wir einen »Studienkopf« aus Holz von E. R. Otto 
und eine Darstellung aus Mahagoniholz »Schmerz« von 
O. Riesch anreihen. 

Zu den liebhchsten Stücken der .Ausstellung gehört 
die marmorne »Drei Kinder-Gruppe < von H. J Pageis 
Eine »Pietä« von A. Fehle verdient Erwähnung. Von 
H. Prell sind auch Plastiken aus Gips da, wuchtige 
Darstellungen mythologischer Sujets. Eine laokoonartige 
Darstellung »Die Q.ual« bringt O.Richter. In sehr 
freundliche Welten führt uns M. Schau ß ein, u. a. durch 
eine »Siesta« aus Elfenbein, die schließlich auch als eine 
.Amazone oder dergl. bezeichnet werden könnte. V.in 
Relief von demselben und eine Bildnisstatuette von 
Schmidt-Cassel sind aus Wachs. L^nter den Bronze- 
darstellungen von Schmidt-Kestner erwähnen wir ein 
Relief »Zugochsen«. Eine der ansprechendsten Frauen- 
büsten aus Marmor hat A. Schwarz gebracht (Abb. 
1. Jahrg., S 263). Eine »Ruhende Tänzerint hat E. Seger 
in Marmor gebildet, eine »Bildnisbüste« aus gleichem 
Material P. Sturm polychrom behandelt. Ein »Singen- 
der Engel« mit dem Spruch »Ehre sei Gott« usw. ist aus 
Bronze von M. Unger gebildet, eine »Trauernde Muse« 
von H.Wadere, eine Medaille aus Bronze von E. Wenck 
und aus gleichem Material eine Anzahl Tiere von 
W. Zügel. 

AUS DEM KARLSRUHER KUNSTVEREIN 

jn den letzten Monaten waren im Kunsts'erein mehrere 
l große Kollektionen zu sehen. Zwei Dresdener Künst- 
lerinnen Maria Klette und Elisabeth Andrea hatten 
Zusammenstellungen von mehr als 50 Nummern gesandt. 
Wie es aber gewöhnlich ist, der Oiiantität entsprach bei 
weitem nicht die Q.u.alität. Das meiste waren belang- 
lose und ganz oberflächliche Ölskizzen, so daß die wenigen 
besseren Werke wie z B .Andreas »Resignation« und 
Klettes »Landhaus bei Gardone« unter diesem Wust 
von Dilettantismen nicht zur Geltung kamen. — Von 
Prof. L. Dill war im Juni ein 'I'empera »C^hioggia« aus- 
gestellt. Das Bild ist ganz in Dills jetziger schwächlicher 
Manier gehalten. Graues Meer, grauer Himmel, graue 
Fischerboote, grauer Strand, ein paar gelbe Lichter drüber, 
das soll eine italienische Landschaft sein ! Unwillkürlich 
drängt sich der Vergleich mitRunges gleichzeitig aus- 
gestelltem »Fischerboote in Ghioggia« auf. Natürlich 
und ungezwungen sind die (iestalten der Fisclier, ebenso 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT i, i. OKTOBER 1905 



Boote und WeUen. — Kampmann, von dem man einige 
Zeit fürchten mußte, daß er sich in das eng umgrenzte 
Gebiet der Schneelandschaft verbohren würde, 'hat durch 
seine Ende iMai ausgestellten Werke diese Befürchtungen 
zerstreut. >Abendlüfte< und »Schmucke Birken« be- 
weisen, daß der Künstler nach wie vor es versteht, 
Naturstimmungen feinsinnig individualisierend wiederzu- 
geben. — Ein nicht gerade eigenartiges, aber sehr viel 
versprechendes Talent lernte man in Hermann Pro- 
be n i u s , München, kennen ; seine .Manier ahneh in einigem 
der eines .M. Schiestl, lelint sich aber nicht so streng 
an altdeutsche Formen an. Seine Bilder sind mit 
durchaus moderner Technik ausgeführt, was wir am 
besten bei >Waldkloster im Frühhng« erkennen können. 
In >Sulamit kehrt zurück zu König Salomon« wirken 
die Farben außerordentlich harmonisch zusammen, ein 
Vorzug, den alle ausgestellten Bilder des Künstlers mehr 
oder weniger besitzen. — In mancher Beziehung geistes- 
verwandt mit Frobenius ist Ernst Liebermann. Auch 
er hat eine Kollektion von 15 Nummern geschickt. Nur 
schade, daß es außer »Altes Schloß in Schwaben« und 
»Romanze«, die ganz den Stempel E. Liebermannscher 
Romantik tragen, meist wenig bedeutende Skizzen sind. 
Die interessantesten Darbietungen der letzten Monate 
waren unstreitbar die zwei großen Kollektionen des 
Holländers Henry Luiten (Brasschaed). Luiten ist ein 
Impressionist vom reinsten Wasser. Er liebt große 
Dimensionen und das mag wohl das Verhängnisvolle an 
seiner Kunst sein. Eine einzige verschwommene Fischer- 
gestalt in einer Fläche von drei Quadratmetern, die durch 
einzelne sehr grelle Sonnenblitze unterbrochen ist, er- 
müdet den Beschauer. Luiten ist viel zu viel Artist und 
zu wenig Dichter. — Ein Riesen-Triptychon Luitens, 
»Der Streik«, ist noch in den letzten Tagen aufgestellt 
worden. Diese blauen zerlumpten Gestalten mit den wild- 
rollenden .^ugcn und mageren, ausgehungerten Gesichtern 
sind sehr nafurwahr. Totzdem kann uns die Art Luitens 
nicht befriedigen. Sie krankt eben an dem Erbübel des 
Impressionsmus, an — Poesielosigkeit! Bernhard irw 



D 



KUNSTVEREIN MÜNCHEN 

e beiden Monate April und Mai brachten weniger 
bedeutende Arbeiten, da die meisten Künstler voll- 
auf beschäftigt waren an den Werken, welche sie für 
die große »Internationale Ausstellung« bestimmt haben. 
Immerhin waren einige bemerkenswerte Leistungen zu 
verzeichnen. August Holm her g sandte ein vornehm 
aufgefaßtes Damenbildnis. F. Hochs Landschaften stan- 
den weit über dem Durchschnitlsniveau der sonstigen 
Bilder. Die Stinmiungen, die er in der Natur findet und 
mit seiner Anschauung in Einklang zu bringen weiß, 
waren wohl selten so schon ausgedrückt, wie in den beiden 
italienischen Landschaften. M. Grönvold war nicht 
so glücklicli wie in früheren Jahren vertreten. In seinen 
größeren Bildern reicht die Kraft nicht aus, die den 
Stoff meistern muß. Besser lagen Grönvold die Land- 
schaften und war die Gesamterscheinung, insbeson- 
dere in einer Gebirgspartie, gut gewahrt. Die Gruppe 
der Elbier, die uns von Dresden aus mit einer 
Kollektion Bilder bedachte, enthielt meist M'erke der 
jüngeren Künstler, die durchwegs treffliche Leistungen 
scliufen, aber keine Überraschungen. Man sah eine 
junge Kunst, die nach einer Schultradition arbeitet, 
welche mit ganz wenigen Ausnahmen an Kuehl er- 
innerte. — Aus verschiedenen Gründen war die Kol- 
lektivausstellung der Werke Oskar Zwintschers, die 
ebenfalls aus Dresden kam, lehrreich und interessant. 
Trotzdem Zwinlscher sclion längere Zeit als Maler tätig 
ist, hat er ein bestimmtes Ziel noch nicht im Auge und 



schwankt er einstweilen noch zwischen einem rück- 
sichtslosen Realismus und einer Phantasiekunst, die 
viel von japanischer, enghscher und französischer Kultur 
beeinflußt ist, hin und her. In den Landschaften ist der 
Maler seiner alten, mehr dekorativen Art treu geblieben 
und hat hier eigentlich nichts Neues mehr hineingetragen. 
Bei den Figurenbildern dagegen, insbesondere den Bild- 
nissen, sehen wir ihn Eigenartiges und Fremdes auf 
eine geschickte Art ergreifen und erweitern. Zwintscher 
gehört zu jenen Künstlern des heutigen Geschlechts, 
die ihre Werke in starker Bewunderung für die Kunst 
schaffen, aber ohne die vorhandene Kunst vielleicht nie 
Maler geworden wären. Wir finden solchermaßen be- 
schaffene feinsinnige Menschen, die das intimste Ver- 
ständnis für Kunstwerke jeder Art an den Tag legen 
und aus diesen Faktoren heraus mit einiger Begabung 
zum Künstlerischen Dinge fertigstellen, die außer- 
ordentlich reizvoll sein können. Sie sehen durch das 
Medium der Kunst. Die Natur ist ihnen erst in der 
Vermittlung durch das Kunstwerk interessant. Im starken 
Gegensatze zu diesem Künstler standen die Arbeiten von 
C. Hessmert. Ist der vorgenannte Maler ein Ge- 
schmacksmensch, so fehlt letzterem auch alles, was nur 
an Geschmack erinnern könnte. Dafür setzt er sein 
eigenes positives Können ein und erreicht mit diesem 
wohl bemerkenswerte Leistungen, die nicht gerade her- 
vorragend oder eigenartig sind, aber immerhin ein 
tüchtiges Talent erkennen lassen. Von einer Bildwir- 
kung war in den vielen Werken niclits zu verspüren, 
es ist dies auch nirgends beabsichtigt oder angestrebt. 
Das, was alle können, irgend ein Stück aus der Natur 
heruntermalen, das" tut Hessmert auch. Aber mit solchem 
Beginnen kommen wir nicht weiter und die Einsichts- 
volleren unter den Künstlern sind längst wieder zur Er- 
kenntnis gekommen, daß innerhalb eines gegebenen 
Raumes der menschliche Geist die größere Tat zu er- 
füllen habe. Und dann ist mit technischen Mätzchen und 
sinnlosen Farbenanhäufungen ebenfalls nichts gewonnen. 
Leider tragen die großen Ausstellungen die Schuld, daß die 
heutige Kunst zu laut schreit, um sich Geltung zu ver- 
schaffen. Wir müssen wieder zur Innigkeit des deut- 
schen Gemütes zurückkehren, womit Dürer die Natur 
erfaßt hat. 

ADOLF MENZEL-AUSSTELLUNG. Die im Juli zu 
Ehren des verstorbenen Altmeisters veranst.altete Aus- 
stellung ist ein dankenswerter Schritt der Kunstvereins- 
leitung. Sie bot uns ein reiches Bild vom Lebenswerk 
der verstorbenen kleinen Exzellenz. Betrachtet man von 
großen Gesichtspunkten aus das Schaffen dieses seltenen 
Künstlers, so erkennen wir einen Meister, der in seiner 
Art vollendet war. Was er gegeben hat, das konnte er 
als Neunzigjähriger nicht mehr überbieten. Mit seiner last 
unfehlbaren Hand, die von .■'tugen geleitet wurde, die 
scharf und durchdringend die \\'eh betrachtet, schuf er 
eine gewaltige Reihe von Kunstwerken. Sehen wir genau 
zu, so erkennen wir, daß Menzel schon in seinen ersten 
selbständigen .Äußerungen einen hohen Grad von Sicher- 
heit der Formengebung erreicht hat. Wie er von den 
graphischen Künsten ausging und dadurch das Zeichnen 
als Grundbedingung des Schaffens ansehen mußte, so 
blieb ihm dies auch bei den malerischen Leistungen. 
Zeichnen war für ihn das Alpha und Omega der Kunst 
und nichts ist charakteristischer für den Meister als der 
bekannte Brief, in dem er unter anderem sein künst- 
lerisches Glaubensbekenntnis darlegte: »Mit dem Studien- 
malen (so schrieb er) ist nicht alles zu erobern, zeich- 
nen kann man noch, wo fürs Malen weder Zeit noch 
Pl.atz ist. Und alles zeichnen, ob für 'nen Zweck, ob 
nicht. Des bloßen Exerzierens wegen. Außerdem soll's 
ja für den Künstler keine Nebensachen geben. Und 
mögliclist viel gleich ausführen — möglichst wenig 
skizzieren«. — An diesem Bekenntnis hing er sein gan- 



BEILAGE ZU >DIE CHRISTLICHE KUNST«, IL JAHRGANG, HEFT i, i. OKTOBER 1905 



III 



zes Leben und übersetzt es in Taten in all seinen Hand- 
zeichnungen, die wir hier vor uns sehen. Durch diese 
Gewissenhaftigkeit und Ausdauer seines Schaffens unter 
steter Voraugenhaltung der Natur als Vorbild braclite 
er es zu einer vollendet sicheren Zeichnung, in welcher 
er alles wiederzugeben wußte, was bis in die kleinsten 
Details von seinen durchdringenden Blicken erfaßt wurde. 
Charakteristisch hierfür sind die eminent feinen Gouachen 
und Aquarelle. Dabei muß man den Künstler bewun- 
dern, mit welcher 
.Sachlichkeit er d.is 
Leben in all seinen 
Phasen studierte. 
Ich sehe ihn noch, 
wie er auf der 
l'iazza d'herbe in 
Veronastand, jede 
i-.inzelheit in dem 
Gewühl der aul- 
und niederwügen 
den Menschen in 
sich aufnahm und 
in kurzen, knappen 
Strichen skizzierte. 
In der zeichneri- 
schen Gestaltung 
solch alltäglicher 
Vorgänge, wie wir 
sie z. B. in der 
Studie aus dem 
zoologischen Gar- 
ten sehen und in 
so vielen anderCTi, 
den Promenaden, 

Waschplätzen, 
fand er große Freu- 
de. Als er einmal 
im Peterskeller zu 
Salzburg sich's bei 
Speise und Trank 
wohl sein Heß, 
war es für ihn 
ein noch höherer 
Genuß, den Strom 
der internationa- 
len Gesellschaft, 
das Hin- und Her- 
laufen des dienen- 
den Personals, das 
Kommen und Ge- 
hen der Menschen 
zu betrachten und 
er äußerte sich zu 

mir folgendermaßen: »Da suchen die Maler nach Moti- 
ven in der ganzen Welt herum, und hier ist alles in Fülle. 
Warum malt man denn solches Leben, das so nahe 
liegt, nicht öfter? Am Besten gehen die meisten Künstler 
vorüber.« Und wie hier, so fand er seine Motive überall 
dort, wo Menschen zusammenströmen, im Konzertsaal, 
im Salon, im Theater, erleuchtet von tausend Lich- 
tern, in der Kirche, bei Prozessionen, auf der Eisen- 
balm und dort, wo die arbeitende Menschheit im 
Dienste der Industrie ihr Brot im Schweiße des An- 
gesichtes verdient. Das war seine Welt, die er der 
Kunst des 19. Jahrhunderts erobert hatte. Etwas unter- 
drücken, kleine Nebensachen übersehen, das konnte er 
nicht, weil es eben für ihn keine Nebensachen gab. 
Das Verschleiern der realen Wirklichkeit zu gunsten 
der Poesie kannte er nicht, das künstlerische Nichts in 
der Kunst, das Ahnenlassen, dafür hatte er kein Ver- 
ständnis, Werken dieser Art stand er spöttisch lächelnd 
gegenüber, indem er sagte: »Das versteh' ich nicht.« 




PAOLO VHKUNESI-; 



Rff'fkkii und Eleazar a»i Brunnen (Text S. löj 



Trotzdem war Menzels Kunst deutscher Art, aber nüch- 
tern deutsch, vielleicht sogar speziell berlinerisch. Menzel, 
der geborene Schlesier, ist allmählich, unbewußt der 
Repräsentant des Berlinertums geworden, des Berliner- 
tums, welches sehr verständig, kühl, gewissenhaft, witzig 
und etwas boshaft zugleich ist. Dieser Zug liegt sogar 
über seinen Historien. Selbst das berühmte Flöten- 
konzert ist davon nicht frei. Viele werden übrigens 
gerade beim Anblicke dieses braunen Bildes enttäuscht 

sein ; außerdem ist 
die Farbe an vielen 
Stellen" gerissen, 
und'erschcint das 
Werk dem Unter- 
gange geweiht ; 
wie vielleicht auch 
das »Eisenwalz- 
werk « , an dem 
ebenfalls die Spu- 
ren der Zerstörung 
sich bemerkbar 
machen. Ein ge- 
waltiger Anzie- 
hungspunkt ist 
letzteres Gemälde, 
welches das All- 
tagsleben in der 
rauchgeschwärz- 
ten Eisenhütte im 
Getöse und Lärm 

der sausenden 
Treibriemen und 
Räder, der hin- 
und herhastenden 
Arbeiter besser 
und wahrer denn 
je, aber nüchtern 
darstellt. — Wir 
müssen Menzel so 
hinnehmen wie er 

war, in seiner 
gründlichen Sach- 
lichkeit, die oft 
bis zur Trocken- 
heit gelangte: nir- 
gends ein Über- 
quellen von war- 
men, innigen Tö- 
nen, nirgends ein 

Hervordrängen 
von Phantasie, nir- 
gends ein liebens- 
würdiger Zeich- 
nungsfehler, aber dafür Kraft, vereint mit \\'issen, eine 
eminente Meisterschaft in Verwendung technischer .Mittel. 
Was ist Kunst? Es gibt eine, die angeboren, eine 
anderere, die erlernt, erarbeitet werden kann. Menzel 
sagte: »Genie ist Fleiß«, und er meinte damit sich selbst. 
Durch Fleiß können auch Künstler entstehen; ob sie 
größer sind als diejenigen, welche, wie Arnold Bock- 
hn, die Natur mit dem innem Auge schauen und ihre 
Geheimnisse in frei ersonnenen Bildern offenbaren, denen 
die Wirklichkeit ein schönes Mittel für seelische Wir- 
kungen ist, das ist eine andere Frage. f. Wolter 



DEFREGGER -AUSSTELLUNG IX DER 
GALERIE HEINEMANN MÜNCHEN 



VILL.\ DA .MUL.\ 



Is vor einigen Jahren der Glaspalast einen Einblick 
in das Schaffen Meister Dcfreggers gab, indem er 
uns seine Studien, Skizzen und Entwürfe aus allen 



A^ 



IV 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST<, IL JAHRGANG, HEFT i, i. OKTOBER 1905 



Phasen seiner Entwicklung gab, war man hoclierstaunt 
und erfreut zugleich, diesen einzigartigen Schildcrcr 
Tiroler Volks- und Sittenlcbens in den köstlichsten Perlen 
seiner Werke kennen zu lernen. Jetzt bei Gelegenheit 
der Heier seines siebzigsten Geburtstages sehen wir die- 
selben Werke wieder und wir freuen uns nicht minder 
herzlicli, wie ehedem, an den wohlgeliüteten Schätzen 
seiner \Veikstatt. Es sind Schätze im wirklichen Sinne 
des Wortes, all diese Köpfe von Bauern und Dirndln, 
dann die dunklen holzvertäfelten Stuben, hier ein grüner 
Kachelofen mit der Ofenbank, dort das altväterliche Haus- 
gerät mit bäuerlichem Schmuck verziert, dann Studien 
zu den größeren Gemälden, die Straßen, Gassen und 
Winkel von Tiroler Städten und Dörfern L'nd wie 
das alles gemalt ist mit einer souveränen Siclierheit der 
Zeichnung wie der einfachen delikaten Art des Malens, 
voll Ehrlichkeit und Gesundheit. In Defregger und 
gerade hier in seinen Studien erkennt m.m den echten 
Künstler, der sieht und wiedergibt, was bi.shcr niemand 
gesehen hat, und der für das Gesehene auch die tech- 
nischen Mittel, just seine eigene Sprache findet. Sieht 
man genau zu, so erkennt man ja freilich die Einflüsse 
der Pilotyschule in den früheien Weikcn Defreggers, 
auch wie er von seinen zeitgenössischen Kollegen an- 
nahm, aber das alles i.st von viel unwesentliche! er Be- 
deutung, als daß er, der biedere, naive Tiroler in seinem 
Vaterlande die unerschöpflichen Q.uellen von Schönheit 
entdeckte Er war der erste, der durch die Gegenstände 
seiner unmittelbaren Umgebung veranlaßt wurde, etwas 
Neues. Künstlerisches zu schaffen und dadurch zu frisclien, 
noch unentdeckten Problemen zu gelangen. Die köst- 
lichsten Dinge entstehen auf diese Weise und sie wirken 
atn urwüchsigsten und unmittelbarsten, wenn die Er- 
findung zu einem Thema nicht gesucht wurde, sondern 
wenn das Motiv selbst den Künstler überrascht oder 
der glückliche Zufiill es ihm in die Hände gespielt. 
Ganz charakteristisch hierfür sind: »Abschied von der 
Sennerin', »Die Dorfgeschichten«, »Kriegsnachrichten«, 
>Zitherspieler«, »Die Begrifisstützige« (die sonst im Kunst- 
verein München einen standigen Platz einnimmt) und all 
die vielen geistreichen Skizzen, die man selbst sehen 
muß und nicht beschreiben kann. Was Defregger als 
Porträtmaler geleistet hat und lei.sten kann, das zeigen 
einige Bildnisse Dasjenige seines jüngst verstorbenen 
Ereundes Lenbach scheint mehr aus der Erinnerung 
geschaffen, dagegen sind das Porträt des verstorbenen 
Malers Gysis, als jüngerer Mann dargestellt, und einige 
Mädchenbildnisse von einem Zauber der Farben und 
einer Kraft der Modellierung, wie dies Defregger später 
nie wieder erreicht hat. Fr.mz Wolter 



KUNSTLEBEN IN KÖLN 

Daß das Kunstleben in der rheinischen Metropole 
wieder anfängt reger zu werden, daß der wohl- 
berechtigte >horror«, den die moderne Künstlerwelt 
bisher vor Köln hatte, allmählich schwindet, das be- 
weisen die immer zahlreicher und besser werdenden 
Ausstellungen. Einerseits beeinlUißte diese Wendiuig 
zum Bessern der Museumsdirektor .Aldenhoven dadurch, 
daß er für die seiner Fürsorge unterstellte Galerie Werke 
moderner Meister wie Böcklin, Wille, Stuck Zügel u. a. 
erwarb und so in seinen Mitbüigein die Liebe zu |enen 
Künstlern wachrief, andererseits muß man aber die ver- 
dienstlichen Bestrebungen des Kölner Kunstvereins nicht 
außer acht lassen, der durch seine monatlich wechselnden 
Ausstellungen .sein Teil mitbeitrug zur Hebung des 
Kunstlebens. 

Im Wallraf-Richartz-Museum hatte Dr. Lindner ver- 
sucht, uns einen Überblick zu gewähren über die vor- 
züglichen alten M.indzeichnungeti und Miniaturen, die 



als Eigentum des Museums bis vor einigen Jahren un- 
beachtet und vergessen in den Schi einen lagen und 
erst durch Dr. Lindner zur Geltung gebracht worden 
sind. Man war mit Recht erstaunt, unter den ausge- 
stellten Zeichnungen so viele hen liehe Sachen zu finden. 
Neben den Werken eines Rembrandt, W'ouwer- 
mann, Rubens, Rogier van der Weyden waren 
besonders interessant die Entwürfe zu den Köpfen des 
Stifterpaares auf dem Madonnenbild im Louvre von 
A. van Dyck und die Studie zu einer VermäUung 
der hl. Katharina von A. Dürer. Recht gut waren 
die Italiener vei treten; so begegneten wir den Feder- 
zeichnungen von R affa el, die uns Entwürfe zum Hermes 
und zu zwei Amoretten aus den Zwickelbildern der 
Farnesina zeigten, ferner einer Skizze Lionardo da 
Vincis zu einem der Könige auf dem Bilde der An- 
betung in den Uflizien, Zeichnungen von Paolo Vero- 
nese, Andrea del Sarto u. a. Augenblicklich gibt 
uns Dr. Lindner in einer sehr dankenswerten Aus- 
stellung eine l-aitwicklung des Pol träts in der graphischen 
Kunst vom 15. bis zum 20. Jahrliundert. 

Im Kunstveieine waren mehrere farbenprächtige, 
stimmungsreiche Eifelbildir des Fritz v. Wille zu 
sehen, die jedoch in der Entwicklung dieses Künstlers 
nichts Neues brachten. Jul. E.xters Bild «Ländliche 
Szene«, welches uns einen Bauerntanz gibt, zeigte kraft- 
volle Tönung und wirkungsvolle Beleuchtungseffekte. 
Vorzüglich ist der künstlerische Nachlaß des Malers 
Jos. \Vinkel. Ein vielversprechendes Talent, so be- 
zeugen deutlich die ausgestellten Weike, ist mit diesem 
leider allzufrüh verstorbenen Maler im Dezember 1904 
zu Grabe getragen worden. Geboren 1875 zu Köln, 
lernte Jos. Winkel zuerst beim Kirchenmaler Stummel, 
Kevelaer, die Zeiclienkunst. Er kam jedoch in bessere 
ILinde, als er ein Schüler des .\rth. Kampf, Düssel- 
dorf, wurde. Weil dieser aber bald einem Rufe nach 
HeiHn folgte, trat der junge Künstler in das Atelier 
Gebhardts ein, das er nach kurzer Zeit wieder verließ, 
um sich selbständig weiterzubilden. Nicht lange war 
es ihm vergönnt, unabh.ängig zu schaffen, da seinem 
arbeitsfreudigen Leben der Tod ein Ende setzte. Die 
zahlreichen hinterlassenen Werke zeigen eine seltene 
\'ielseitigkeit des Malers. Landschaften und Poiträts 
wechseln mit allegorischen und mythologischen Bildern. 
Reizend sind die Aquarelle, die gut emplundenen Natur- 
ausschnitte in einfachen Motiven, sei es nun der 
malerische Winkel eines Bauernhofes, ein Bergabhang 
oder eine Häuserecke, in frischen Farben bei sicherer 
Technik wiedergeben. Große Phantasie bekunden die 
packenden allegorisclien Bilder, Humor und Erfindungs 
gäbe die mythologischen. Das beste Werk ist ent- 
schieden »der Totentanz«, eine Schöpfung, die Rethel 
keine Unehre gemacht hätte. Der Tod als Gerippe 
schreitet voran, auf der Geige seine schrillen Weisen 
erklingen Ia.ssend. Den Zug, der ihm ins dunkle Schatten- 
reich folgt, eröffnet ein vom .-Mter gebeugtes Weib mit 
müden Zügen, an der Hand ein Knäblein, das unbe- 
fangen und erstaunt zu dem geigenden Gerippe auf- 
schaut Alles muß der Macht des Todes folgen, und 
so sehen wir im weiteren Zuge sowohl das arme 
Arbeiterpaar wie den F'ürsten und den reichen Kauf- 
mann, der auf dem Boden kauernd, sich nicht trennen 
kann von dem vor ihm ausgebreiteten Golde ; wir 
sehen den Mönch in seiner Kutte und den Gelehrten. 
Als Letzter folgt der Künstler selber mit der Palette in 
der Hand, ruhigen Antlitzes. .Ms w-äre es ein Omen 
gewesen : noch hatte er sein Bild nicln vollendet, und 
er mußte in W'irklichkeit dem Schattenfürsten seinen 
Tribut zollen. Das \\'erk ist von einer gewaltig 
packenden Stimmung, die noch durch das Düstere der 
Farben erhöht wird. Was sagen uns nicht alles diese 
ausdrucksvollen Köpfe ? Welch wunderbaren Gegensatz 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT i, i. OKTOBER 1905 



li.U der Künstler ciocli geschulleii zvvisclicn dem hellen 
Gerippe des Todes, dem leuchtenden nackten Körper 
des Kindes und den dunkeln Gestalten der Nach- 
folgenden f Kei der Betrachtung dieser vorzüglichen 
Schöpfung werden wir uns so recht bewuüt, was wir 
an diesem tüchtigen Maler verloren haben. 

Schulte halte in seinem Kunstsalon eine Sammlung 
von Werken des Lange-Ded ekam, Berlin, ausge- 
stellt. .\ußer einigen "guten Bildern von lleffner und 
John Terris war auch dort das schon ziemlich populär 
gewordene Bild von Nathanael Schmitt »Unser 
Steuermann', das den Kaiser zeigt, wie er mit fester 
Hand das Steuer des deutschen Reichsschill'es fuhit. 
Ohne jeden künstlerischen Wert, vermag das Bild detii 
objektiven Beschauer nur ein mitleidiges Lächeln ab- 
zugewinnen. 

Im l.ichthofe des Kunstgewerbemuseimis hat die 
Kunsthandlung W. Abels eine Ausstellung von »künst- 
leiisclitni Wandschmuck für Schule luul Haus« ver- 
aust.dtct, de einen sehr guten Überblick über die heutige 
Kunst der Steinzeichnungen gibt. Sie zeigt, daß es in 
unsern Tagen auch den weniger Bemittelten möglich 
ist, sich tun einen geringen Preis vollendet künst- 
lerisclien Bilderschmuck zuzulegen. Denn den künst- 
lerischen Wert der bekannten Steinzeichnungen muß 
|eder anerkennen, und auch die Namen eines Volk- 
mann, Meyer-Basel, Thoma u. a , die wir unter den 
Zeiclmern finden, bürgen dafür. 

l-aidlich sei noch die Handwerkerausstellung erwähnt, 
die in beredter Weise uns die liehe Blüte des lieutigen 
Kölner Kunsthandwerks verkündet. Künstlerisches In- 
teresse beanspruchen in erster Linie die drei Zimmer- 
ausstattungen des Architekten L. Paffendorf Schwer 
und an nordische Kunst erinnernd ist das Eßzimmer 
in dunklem Eichenholz, heiter mit einem koketten Bei- 
geschmack das Damenzimmer mit Möbeln aus ab- 
geküchteni Ahornholz, schlicht vornehm das Sclilaf 
zimmer in Maliagoni. Überall soll das Holz in seiner 
scliönen Farbe und Maserung zur Geltung kommen, 
und alle Kleinliclikeiten liat der Künstler bewuÜt fein- 
gehalten. Snenge der Linien und große \'ereinfachung 
zeichnen diii Patfendorfschen Stil aus. 

HcritiLTt Kcilicrs 



ZU UNSEREN BILDERN 

Die Sonder beilag e. Das Gemälde Feuersteins 
»Der heilige Ludwig bringt die Dornenkrone iiacli 
Paris« wurde in der XI. Jaliresmappe (1905) Seite 22 
unter dem Titel »Einzug des heiligen Ludwig in Paris« 
als Vollblatt in der Breite von 20 cm abgebildet. Unser 
Mehrfarbendruck besitzt das Format 18,3X14,5 cm. — 
Jene Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für christ- 
liche Kunst, welche die genannte Jahresmappe besitzen, 
mögen nun angesichts der beiden Reproduktionen der 
Mappe und vorliegenden Heftes zwei Punkte erwägen: 
einmal, ob sie vollständig auf farbige Reproduktionen 
zu Gunsten einer farblosen Reproduktionsart, und wäre 
sie auch die vollkommenste, verzichten möchten ; dann, 
ob es nicht ofiensichtlich bei sehr umfangreichen und 
schwierig reproduzierbaren Kompositionen erwünscht 
ist, über ein erheblich großes Format zu verfügen. 
Die Jaliresniappen bieten die Gelegenheit, derartige 
Bilder in entsprechend großein Format zu veröffentlichen. 
Fäne Zeitsclirift im Lhiifang der Mappen ist sehr un- 
praktisch und bei unseren Verhältnissen ausgeschlossen. 
In den gewöhnlichen Fällen 1 eicht das Format unserer 
Zeitschrift vollständig aus und es ist speziell für die 
tarbige Gesamtwirkung der Melirfai bendrucke genügend. 
— Selbst die beste und größte larblose Abbildung 
kann uns nur einige Seiten der .Scluinheit eines Ge- 



mäldes geben: Gruppierung der Massen und Lichter, 
Form und Linienführung. Sie l.ißt das Schönhcitselc- 
ment der Farbe besonders dann schmerzlich vermissen, 
wenn eine Komposition dekorativ gedacht ist oder wenn 
die Wirkung der Komposition wesentlich auf bestimm- 
ten Farbenwerten beruht. Letzterer Fall trifft bei 
unserm Gemälde Prof. Martin Feuersteins zu. Selbst 
das ungeübte Auge erkennt auf der farbigen Reproduk- 
tion sofort, wo der geistige Mittelpunkt des Ganzen ist, 
von dem aus alles übrige in weiser künstlerischer 
Ordnung gehalten ist: es ist die in weißer Tunica 
gemessen einherschreitende Gestalt des heiligen Ludwig. 
Es WMr keine leichte Aufgabe, die schlicht gekleidete 
Hauptfigur in einem feierlichen Aufzug einzureihen, in 
dem sich Gestalten in Prachtgewändern beteiligen, und 
sie noch dazu in den Mittelgrund des Bildes zu verlegen, 
sie aus den in viel größeren .Abmessungen gehaltenen 
Vordergrundsfiguren hervorzuheben und — was die 
Hauptschwicrigkeit bedeutet — aufjede starke Bewegung 
oder Geste, auf jede Handlung verzichten zu müssen, 
wodurch sonst Mittelgrundfiguren mit Leichtigkeit zum 
Mittelpunkt der Komposition gemacht werden können. 
Um so ehrenvoller aber ist es für den Künstler, daß 
er allen Schwierigkeiten zum Trotz die Aufgabe voll- 
ständig bewältigte. Er bediente sich hiebei einiger 
kompositioneller Mittel, wie der Zuschauergtuppe rechts 
oben vor der Brüstung eines Treppenaufganges und ins- 
besondere der sehr glücklich erfundenen und einge- 
schobenen Gruppe der drei musizierenden Knaben in 
roten Gewändern, ferner benützte er zu dem gleichen 
Zweck die Lichtwirkung, indem er die dunklen Vorder- 
grundfiguren gegen einen hellen Mittelgrund stellte; 
doch hauptsächlich ist es die Farbe, welche der Dispo- 
sition des Ganzen und der Hcrvorliebung der Haupt- 
figur aufs beste zu Hilfe kommt. Das Weiß des Ge- 
wandes Ludwigs wird durch das zaitc Blaßrot rechts 
und das gedämpfte Grün links überaus fein gehoben. 
Der Künstler hat nur hier und sonst an keiner andern 
Stelle des ganzen Gemäldes Weiß als selbständig wir- 
kenden Farbenwert; wo Weiß sonst auftritt, ist es nur 
an nebensächlichen Stellen, die noch dazu meist in Halb- 
schatten liegen, und in sehr geringem Umfang verwendet. 
Erst durch die Farbe erhalten die Vordergrundfiguren 
ihren rechten Platz und den richtigen Grad ihrer Be- 
deutung im Gesamtwerk. Man besehe von einiger 
Entfernung nebeneinander das Blatt aus der .Mappe und 
die vorliegende Reproduktion und wird sich freuen über 
die harmonische, klärende und duftige Gesamtwirkung 
des Kolorits, das vom Künstler auch zu einem Träger 
tiefernster, heiliger Stimmung erhoben wurde. Der Be- 
schauer wird allmählich den feierlichen Zug aus der 
Tiefe des Hintergrundes an sich vorüberschreiten sehen, 
sein Inneres wird den heiligen Gesängen der Prozession 
und dem festlichen Glockengeläute von der ehrwürdigen 
Kirche Notre-Dame lauschen. Man muß allerdings in 
einem Kunstwerk tiefer lesen können um die Erhaben- 
heit der Szene, die durchaus nichts mit konventionellen 
Repräsentationsbildern gemein hat, voll zu würdigen. 
Die Nebenfiguren, in welche verschiedene Grade und 
Alten der Andacht, der Neugierde, der Scheu oder des 
Stumpfsinns gelegt sind, dienen dazu, den feierhclien 
Akt als solchen zu heben und die Hauptfigur ins rechte 
Licht zu setzen. Das Ereignis vollzog sich 1239. 

in nicht zu ferner Zeit hoffen wir unsere Leser ge- 
nauer in das Schaffen Feuersteins einführen zu können. 
Der Meister arbeitet jetzt an seinen .Malereien in der 
deutschen Kapelle der Basilika des heiligen Antonius 
zu Padua. 

\'on Joseph Guntermann, welcher sich mit Glück 
hauptsächlich der Sprache der Linie bedient (Seite 16 
und 17), und von Fritz Kunz, in dessen Einzug der 



V] 



BEILAGE ZU «DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT i, i. OKTOBER 1905 



klugen Jungfrauen (S. 1 3) sich die religiöse Würde eines 
Fra Angelico mit dem höchsten Zauber von Licht und 
Farbe, wie ihn ein modern geschultes Künstlerauge 
schaut, zu einem weihevollen Werk verbindet, werden 
wir in Bälde mehr berichten. 

Kriegerdenkmal in Bad Kissingen. Die Gruppe 
baj'erischer Krieger von Professor Balthasar Schmitt 
(S. 19) bildet die machtvolle, monumentale Bekrönung 
eines terrassenförmigen Aufbaues, der ein Brunnenbassin 
umgibt. Zu dem in moderner Art einfach und wirk- 
sam geschmückten Bassin, das ein ruhiger, halbkreis- 
förmiger Aufbau stark über Mannshölie umfängt, führt 
eine Anzahl steinerner Stufen. Hinter der Brunnenein- 
fassung erheben sich Ziergesträuche. Die Einfassung 
trägt in ihrer Mitte, also über dem Becken eine Wand, 
welche die auf einem vorgelagerten Sockel angebrachte 
Kriegergruppe rückwärts abschheßt. Von der Boden- 
höhe des Brunnens aus gelangt man durch rechts und 
links angelegte niedere Treppen auf eine Terrasse, deren 
vorderer Abschluß, eine Balusterbrüstung, ein wesentliclies 
Moment in der Gesamtanlage bildet. 

Rotkäppchen mit Wolf. Rentier Adolf Wolf be- 
schenkte in Gemeinschaft mit seiner Gemahlin die Stadt 
München mit einem schönen Denkmal, dem sogen. 
> Wolfsbrunnen«. Die Künstler, welche ihn schufen, sind 
die Bildliauer Düll und Pezold. Wir bringen auf Seite 21 
die Bekrönung des Brunnens, die reizende Gruppe >Rot- 
käppchen mit Wolf«. Das Denkmal wurde am 1. Ok- 
tober 1904 enthüllt. 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

C. J. Bccker-Gundahl. Nächsten Dezember und 
Januar wird im Kgl. Kunstausstellungsgebäude in Mün- 
chen eine Ausstellung gemacht, welche den größten 
Teil der Arbeiten Becker-Gundahls in der Zeit von 1878 
bis zur Gegenwart umfaßt. Der Künstler hat sich in 
der religiösen und profanen Kunst hervorgetan. 

Heinricli Nüttgens (Angermund bei Düsseldorf) 
vollendete kürzlicli die Ausmalung der St. Josephskirche 
in Aachen. 

FranzvonDe fr egger wurde zum Ritter des Ordens 
pour le m^rite für Wissenschaften und Künste ernannt. 

Andreas Achenbach begeht am 29. September 
seinen 90. Geburtstag. 

Alois Bai m er entwarf für die Kirche in Zimmer- 
wald (Schweiz) drei Glasgemälde. 

Der Historienmaler Adolphe W. Bouguereau 
starb am 20. August in seiner Geburtsstadt La Rochelle, 
beinahe 80 Jahre alt. Bouguereau war ein hervorragender 
Vertreter der älteren französischen Historienmalerei. 
Außer zahlreiclien mythologischen Darstellungen und 
Allegorien schuf er auch religiöse Bilder mit unleug- 
barem Geschick, doch ohne reclite Vertiefung. 

Stückelberg-Ausstellung. Im Laufe des Sep- 
tembers findet bei Schulte in Berlin eine Ausstellung 
von hervorragenden Werken des 1903 verstorbenen 
treulichen Schweizer Malers Ernst Stückelberg statt, 
worüber wir nälier berichten werden. Zur Ausstellung 
kommen u. a. die Werke: »Er^'thräische Botschaft«, 
»Und alles war ein Traum«, »Melodien des Ozeans«, 
»Der Totengräber«, ferner Porträts und Studien. 



Eine Ausstellung bayerischer Kunst aus der 
Zeit von 1800 bis 1850 wird im nächsten Jahre in Ver- 
bindung mit der Müncliener Jahresausstellung 1906 im 
Kgl. Glaspalast zu München stattfinden. Ein für diese 
retrospektive Ausstellung gebildetes Komitee unter dem 
Vorsitz des Geheimrats Dr. von Reber ist seit längerer 
Zeit in Tätigkeit. 

In Berlin wird vom i. Januar bis i. April 1906 
eine Jalirhundertausstellung deutscher Kunst 
in der Xationalgalerie abgehalten. Diese Ausstellung 
soll die Zeit von 1775 bis 1875 umfassen. Ihr Zweck 
ist, die geschichtliclie Entwicklung deutscher Kunst vor- 
zuführen und ein Bild deutschen Kunstschaffens zu ent- 
rollen. 

In Mannheim wird im Jahre 1907 eine internatio- 
nale Kunstausstellung stattfinden; sie soll vom April 
bis zum Herbst dauern. Den Anstoß zu diesem Beschluß 
gab das bevorstehende 300 jährige Jubiläum der Stadt. 
Im Anschluß an die .-Kusstellung soll eine städtische 
Gemäldegalerie gegründet werden. 

Der Verband der Kunstfreunde in den Län 
dern am Rhein hat im städtischen Museum zu Bonn 
eine vorzügliche Ausstellung von Gemälden und Plastiken 
veranstaltet, die uns ein Bild gibt von der reichen Kunst- 
entfaltung in den rheinischen Gebieten. Wie es in der 
Vorrede des Kataloges heißt, entstand die .Ausstellung 
derart, daß die einzelnen Kunstkomniissionen des \"er- 
bandes beauftragt wurden, je einen Künstler auszuwählen, 
der durch sein \\'erk seine Stadt würdig und charak- 
teristisch verträte. So wurden denn bestimmt von Straß- 
burg der tüchtige und vielseitige Lothar Freiherr 
von Seebach; von Karlsruhe der farbenprächtige 
,\lbert Haueisen; von Stuttgart der vorzügliclie 
Schilderer des Seeniannslebens Prof. Carlos Grethe; 
von Darmstadt der hervorragende Zeichner J.V. Cissarz; 
von Frankfurt der stimmungsreiche Heinrich Werner; 
von Düsseldorf der junge, vielversprechende Max 
Ciarenbach. Westfalen ist durch den Rodinschüler 
Bernhard Hoettger gut vertreten. 

Aachen. Seit Mitte Juli ist im städtischen Suer- 
mondt-Museum neben der übHchen wechselnden .Aus- 
stellung eine Sonderausstellung von Töpfereien moderner 
deutscher Künstler eröffnet. Vom einfachen Bauern- 
geschirr bis zur künstlerisch vollendeten Wandplatte 
finden sicli hier allerlei Typen vertreten. .Anspruchslos, 
aber frisch und natürhch wirken die Steinzeugvasen 
von F. W. Walther in Michelstadt (hess. Odenwald); 
gleichfalls auf dem Boden der Volkskunst erwachsen, 
aber weniger derb in Form und Farbe sind die nach 
Entwürfen von Frau Schmid-Pecht (Konstanz) bei 
J. Schneider (Zell-Harmersbach) hergestellten Gegen- 
stände, die an alte Schwarzwälder Muster anknüpfen. 
In der alten Westerwälder Industrie wurzelt auch 
J. P. The walt (Höhr), dessen Steinzeugvasen und -Krüge 
unter Einfluß von Darmstadt modernen Dekor aufweisen. 
Die aus der Fabrik von J. von Schwarz (Nürnberg) 
hervorgegangenen Favencen tragen teils spezifisch moder- 
nes Gepräge (Entwürfe von Cissarz), teils das des Em- 
pire- und Biedermeierstiles, während Rosenthal (Kro- 
nach) einige mit schon modellierten Figuren gezierte 
Vasen geschickt hat. Den Reiz einer schönen Glasur 
weiß H. Seidler (Konstanz) an seinen meist dunkel- 
grün oder blau gehaltenen Schalen und Vasen zu ver- 
anschaulichen. Auf dem Gebiet der verlaufenen Glasuren 
und der sich dadurch ergebenden, reizvollen Mischtöne 
bietet H. Mutz (.\ltona) aparte Stücke. Von Rudolf 
von Heider (Elberfcld) sehen wir besonders einige 
seiner gelungenen Tierfiguren. Die Arbeiten aus dem 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRCANÜ, HEFT i, i. OKTOBER 1905 \TI 



Atelier des Prof. Kornhas (Karlsruhe) zeigen teils 
die zarten Farbentöne der Kopenhagener Porzellane 
bei durcliaus selbständigem Dekor, daneben seltene 
Stücke auf dem Gebiete der Kristallglasur, sowie der 
mit metallischem Lüster, das sowohl dem einfach ge- 
formten Steinzeugtopf, wie auch einer Johannesbüste 
großen Reiz verleiht. Eine der höchsten Stufen, die 
auf diesem Gebiete erreicht werden können, zeigen uns 
die Keramiken aus der unter Leitung von Prof. Süs 
stehenden (iroßherzogl. Majolikamanufaktur Karlsruhe, 
die neben kleineren Gegenständen einige Prunkstücke, 
wie Wandteller, Ziervasen und Wandplatten ausgestellt 
hat. Besonders auf letzteren erhebt sich die Malerei, 
die auf Entwürfe von Prof H. Thoma und Süs zurück- 
geht, zu ungeahnter Höhe, wie besonders bei der Dar- 
stellung der thronenden Madonna, der Anbetung und 
Kreuzigung, sowie der heil. Cäcilie, die sich von einer 
Schwarzwaldlandschaft, von Tannreis umrahmt', stim- 
mungsvoll abhebt. Die Ausstellung, die bis ungefähr 
Mitte September geöffnet bleibt, erfreute sich großen 
Zuspruchs seitens des hiesigen, wie auch des reisenden 
Publikums. v. 

BÜCHERSCHAU 

Fra Giovanni Angelico da Fiesole. Sein Leben 
und seine Werke. Von Stephan Beissel S. J. — Zweite, 
vermehrte und umgearbeitete Auflage. Mit 5 Tafeln und 
89 Textbildern. 4°. Preis M. 8.50; geb. 11 M. Freiburg 
i. Br. Herder, 1905. 

In Fra Angelico verehren wir niclit die größte, aber 
die liebenswürdigste Erscheinung der christlichen Kunst- 
geschichte, einen aus tiefster Religion schaffenden M.aler, 
dessen harmonisches Seelenleben sich in seinen Werken 
widerspiegeh. Es existiert über ihn eine umfassende 
Literatur, denn wer sich mit christlicher Kunstgeschichte 
befaßt, muß sich mit Fra Giovanni auseinandersetzen, 
und manchem mag dies nicht so leicht werden, wenn 
er nicht jene Gestalten liebt, welche der Maler verherr- 
liclit hat. Man muß es deshalb begrüßen, daß uns von 
einer Seite ein Werk über Fiesole geschenkt wurde, 
die alle Vorbedingungen für ein gerechtes Urteil besitzt. 
Das Buch, das mit vielen Illustrationen ausgestattet 
wurde, bekundet gediegene Wissenschaft in bescheidener 
Form, warme Hingabe an den Künstler ohne Über- 
schwang. Recht trübe khngt es im letzten Abschnitt 
aus, wo der gelehrte Verfasser einen Blick auf das Bild 
der Profankunst der Gegenwart wirft und in einer wohl 
zu allgemein gehaltenen Fassung den Gegensatz zwischen 
der Gegenwart und dem Lebenswerk Fiesoles betont. 
Mögen die Leser des schönen Buches — und deren 
sollten es recht viele sein — wohlwollend der vielen 
guten Elemente in der Kunstwelt unserer Tage gedenken 
und sich dann ihrer Angelegenheiten warmherzig an- 
nehmen! Welchem unserer Künstler wäre es im Kampf 
des Lebens vergönnt, so in jeder Weise unangefochten 
seiner Kunst zu leben und deshalb so harmonisch 
empfinden zu können, wie unser Idösterlicher Meister? s. 

Kind und Kunst. Monatsschrift zur Förderung der 
Bestrebungen für die PHege der »Kunst im Leben des 
Kindesi. Herausgeber Hofrat Alex. Koch in Darmstadt. 

In den neuesten Heften (8 — 10) interessieren beson- 
ders die Aufsätze: Künstlerische Erziehung und tech- 
nisciier Unterricht in amerikanischen Schulen von dem 
bekannten Direktor des Leipziger Handfertigkeitssemi- 
nares, Dr. A. Pabst. Etwas über Bildbetrachtungen von 
Dr. Sp.inier; Turnen und Tanzen von M. N. Zepler- 
Berlin; die Kunst in der Schule von A. Jaumann; der 
Knabenhandarbeits-Unterricht in der Mannheimer Volks- 
scluile von Mayer; die Puppenhäuser im Germanischen 
Museum — mit Abbildungen solcher — von H. Bosch. 



Unter den übrigen Bildern sind besonders jene, welche 
Erzeugnisse des Handfertigkeitsunterrichtes zur Dar- 
stellung bringen, sehr instruktiv, sowie die Aufnahmen, 
die den Artikel über Turnen und Tanzen erläutern. 
Wenn der Verfasser des Artikels »Nackte Kinder< meint: 
>Es gibt kaum eine bessere Vorbereitung, eine bessere 
Wappnung gegen sinnliche Schwächen als die frühzeitige 
Gewöhnung an den Anblick des unbewußt Nackten 
der beiden Geschlechter in frühester Kindheit«, so er- 
lauben wir uns dem zu widersprechen ; richtig ist freilich, 
daß der Mangel an Scham bei kleineren Kindern nur 
ein Zeichen naiver Unschuld ist. — Die Abteilung 
»Kinderwelt« enthält wieder Bilder, Spiele, Gedichte 
und Märchen, darunter drei von der Redaktion preis- 
gekrönte. Das »vom Fischer und seiner Nixe« taugt 
(als Liebesgeschichte) mehr für die Großen; vom christ- 
lichen Standpunkte gänzlich verwerflich ist das »Märchen 
vom Pagen Pudens und des Teufels Großmutter«. — 
Das IG. Heft enthält auch einen (preisgekrönten) Marschier- 
Reigen, eine sehr begrüßenswerte Neuerung. ^E. G. 

Geschichte der Schweizer Glasmalerei. Be- 
arbeitet von Dr. Heinrich Oidtmann, Leiter der Linnicher 
Werkstätte. Leipzig, AI. Dunker, 1905. 

Mit einer ganz außergewöhnlichen Gründlichkeit, die 
dem Verfasser schon bei der Herausgabe der »Geschichte 
der Glasmalerei« (Köln, J. P. Bachern, 1898) von Fach- 
gelehrten nachgerühmt wurde, unterrichtet derselbe im 
vorgenannten \\'erke die Interessenten über die Ent- 
wicklung, die Blüte und den Verfall der Schweizer Glas- 
malerei. Die jedem Kunstkenner unter dem Kollektiv- 
namen »Schweizer Scheiben« oder »Schweizer Wappen« 
bekannten Stücke finden in dem lehrreichen Buche so- 
wohl hinsichthch ihrer ungemein weiten Verbreitung 
als auch bezüghch ihrer Technik und ihres Materials 
die eingehendste Besprechung. Eine Kunsttopographie 
schließt die verdiensn-oUe Arbeit. 
W. A. H. 

Neuentdeckte Michelangelo-Zeichnungen in 
den Uffizien zu Florenz. Von EmU Jacobsen und Nerino 
P. Ferri. 24 Lichtdrucktafeln nebst beschreibendem Text, 
mit 17 meist ganzseitigen Abbildungen in getönter 
Autotypie. Groß-Foho. In Mappe. Preis 65 M. Nur 
in 150 numerierten und 10 Autor-Exemplaren gedruckt. 
Leipzig. K. W. Hiersemann, 1905. 

Die Handzeichnungensaramlung in den Uffizien ist 
die größte der Weh und umfaßt 45500 Blätter. Von 
den 90 Blättern dieser Sammlung, welche Michelangelo 
und seiner Schule zugeschrieben werden, läßt B. Berenson 
nur zwei als echt gelten. Die Herausgeber obigen 
Werkes halten dieses Urteil etwas zu streng und lassen 
noch drei weitere Zeichnungen als von der Hand des 
Meisters gelten. Sie waren aber so glückhch, eine 
größere Anzahl Handzeichnungen Michelangelos — 
18 Blätter mit an 60 Studien — in der SamnJung der 
Uffizien zu finden, darunter eine Skizze vom Profil 
Julius II., Studien zu den Deckengemälden der Sixtina, 
zur Figur der Nacht, zum Moses und anderen Teilen 
des Julius-Denkmals und zum Jüngsten Gericht. Diese 
Zeichnungen wurden von den Entdeckern auf 24 Licht- 
drucktafeln der wissenschaftlichen Forschung zugänglich 
gemacht und mit einem begleitenden Text versehen, 
dem 17 treffliche Abbildungen von einschlägigen Werken 
Michelangelos zum Vergleich mit den Handzeichnungen 
beigegeben sind. Die Ausstattung ist splendid. R. 

ZEITSCHRIFTENSCHAU 

Archiv für christliche Kunst. — Nr. 7. — 
Die Schweizer Scheiben im Kloster Wettingen bei Baden. 
(Schluß.) 



VIII IsniLAGE ZU »Dil: CHKISTLICIll-: KUNST«, II. JAHRGANG, llhTT i, i. OKTOBER 1905 



Christliche Kunstblätter (Linz) — Nr. 8. — 
InimakuhuaBilder. — Das Presbytcriuni der Pfarrkirche 
zu Sierning. — Ehenialige Klosterkirche in Garsten. — 
Patrone der Künste und Wissenschaften. 



Kirchenschmuck. — Nr. 8. 
kirche Straß. — Saint- Ursanne 



— Die Beneliziatcii- 



Der Kunst fr eund. — Nr. 7. — Die Konipositions- 
niotive der Cenacolodarstellungen hei den großen 
.Meistern der Renaissance (Schluß). — Über Bilder der 
heiligen .Anna. — Der Altar. (Forts ) 

Zeitschrift für christliche Kunst. — Nr. .4 

— Die kunsthistorische Ausstellung in Düsseldorf 1904. 
V. — Neuer rUigelaltar hochgotischer Stilart. — Hin 
Schweizer Kelch aus der jMitte des 17. Jahrhunderts. — 

Die Augenbinde der Justitia II, — Bücherschau, 

Nr. 5. — Die kunsthistorisohe Ausstellung in Düssel- 
dorf 1904. VI. — Ein Reliquiar des 12. Jahrhunderts 
zu Molsheini i. Eis. — Die neue Fahne der St Se- 
bastianus-Bruderschaft zu Linnich. — Die .\ugcnbinde der 
Justitia (Schluß'. — Das Rad, ein christliches Symbol? 

— Bücherschau. 

Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule 
und Haus. — Nr. 7. — Steinhausens Wandgemälde 
in der Ilospitalkirche zu Stuttgart. — Kirchliche Kunst 
in Sachsen. — Ein Besuch in Soest. — Der Kreuz- 
berg von 1501 in Stuttgart. Nr. 8. — Soziale 

Volksbilder. — Religion, Kunst und Sozialismus. — 
Rembrandt-Radierungen. — Die Kunst im Leben des 
.\rbeiters. — Das Breviarium Grimani. — Das evange- 
lische Kirchenbauideal. 

Revue de l'Art chr^tien. — 111= livr. — L'Ar- 
cheologie du moyen äge et ses methodes. — M.ithias 
Grünewald et la mystique du moyen äge (Suite et 
fm.). — Analyse iconographique de la porte Saint- 
Gall de l'anciennecathedrale de Bäle. — L'.Art chretien 
monumental. — Melanges. 

Jahrbuch der kgl. preußischen Kunst- 
sammlungen. — 26. Band, III. Heft — Studien 
und Forschungen: Eine perspektivische Kreiskon- 
struktion bei Sandro Botticelli. - Carpaccios Be- 
stattung (-hrisli im Kaiser Friedrich-Museum. — Peter 
Flettners Herkommen und Jugendarbeit (Schluß). — 
Alessandro .■'klgardi. — Tizians Porträt des Antonio 
Anselmi (Sammlung Dirksen in Berlin). 



Kunst und Künstler. — Heft 10. — Die II. Aus- 
stellung des deutschen Künstlerbundes. — Jacques Callot. 

— Aus der Korrespondenz V. van Goghs. — — Heft 11. 

— Whistler. — |ozef Israels. — Altthüringer Porzellan. 

— Aus der Korrespondenz V. van Goghs. 

Repertorium für Kunstwissenschaft — 5 Heft. 

— Von den Q.uellcn des Stils im »Triumph des Todes«. 

— Archivalische Beiträge zur älteren Nürnberger Malerei- 
geschichte: 1. Otto Voß. II Die Familie Praun-Löblich. 

— Der Formschneider der Holzschnitte in dem Bres- 
lauer Drucke der Hedwigslegende v J. 1 504. — Zwei 
Orley-Schüler. — Zu der Rekonstruktion der Namatius- 
kirche in der Stadt der Arverner (Clermont Fcrrand). — 
I.iteraturbericht. — Mitteilungen über neue Forschungen 
(die Fresken des Antoniazzo Romano Pistojas Kunst- 
schätze). — Gustav Ludwig (Nekrolog). 

Die Kunst. — Heft 10. — Die XXIII. Ausstellung 

der Sezession in Wien. — Über das Konservieren von 
(jeniälden. — Die VI. Internation.ale Kunstausstellung 
der Stadt \'enedig. — Die Kunst auf der \\"eltaussteUung 
in Lüttich. — — Heft 11. — Die IL Kunstausstellung 
des deutschen Künstlerbundes in Berlin. — Die Groß- 
stadt, das Naturgefühl und die Landschaftskunst (I. Teil). 

— Der Meinungsstreit über den Impressionismus. 



Redaktionsschluß: 7. September. 



C 

in 

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DiectinsHidieKuns» 



Das Museum. — 5. Liefg. 
— Donaiello, zwei Kanzeln. — 
Carpaccio. 



Peter Bruegel d. A. 
• 6. Liefg. — Vittorc 



Zeitschrift für bildende Kunst. — Heft 9. 

— Ausstellung von Werken Karl Zieglers in I'o.sen. 

— Otto Wagners moderne Kirche. — Eine Kom- 
position von Giovanni Bellini. — Valentin Ruths. — 
Die romanischen Wandmalereien der Rheinlande — 
Javanische Kunst. — Die Wahrhaftigkeit im kunst- 
gewerblichen Unterricht. Heft 10. — Der neue 

Rembrandt im Städelschen Kunstinstitut. — Fried- 
rich Drake. — Die Galerie Speck von Sternburg. — 
Bernliard Hötger. — Das Leipziger Ratsbild. — — 
Heft II. — Domenico Morelli. — Ein unbekanntes 
Marienbild in Petersburg. — Tizians neuentdecktes 
Bildnis des Aretino. — Neuere Erwerbungen der 
Brüsseler Galerie. — Die Au.sstellung künstlerisclier 
Innenräume der Firma A. S. Ball in Berlin. 



l90*-55 



Vcrklcliicrtc Abbildung der OriKlnaUEinbanddcckc. 
I'rci..; M. 1. , mit l'ono M. 1.20. 

Beim Binden des ersten Juhrgiingcs dürrte es sich empfehlen, sämtliche 
Kümmern der •Bcihige« ziisiimmen an den Schluß zu setzen, damit die 
P.-)ginicrung des H.iupttciles nicht unterbrochen wird. 

Titel und Inhahsverzeichn-s kommt am besten vor dem ersten Kunst- 
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HAASENSTEIN & VOGLER A.-G., München und deren Filialen 



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Alclatl, And., r.mblemat.i dcnuo ab ipso Au- 
tor« recognita ac quae dcsidcr.ibaDtur imagini- 
bus locupletata. M. 2'26 Holzschn. Lugduni, Gu- 
lielm. Rovillius 1566. 231 S. 8^. Ldr. 12.— 

Titelblatt reich verziert und jede der 226 BÜder- 
■eiten mit einer Bordüre umrahmt, die viele Male 
ein anderes Muster zeigt. 
Bauer, P. Ch., Das Christentum und die chriitl. 
Kirche der eriten 3 Jahrhunderte. Tübingen 18.1.3. 
Hlbfz. 6.— 

Becker, H., Deutsche Maler. Von Asm. Jac. 
Carstens bis auf die neuere Zeit. M. Portr. Leip- 
zig 1888. cart. (10.—). 4.— 

Bender, F., Geschichte der Waldenser. M. Portr. 
J. Leger's u. Karte. Ulm 1850. — Beigebunden; 
Weiss, J. H., Kirchen Verfassung der piemontes. 
Waldensergemeindcn. Zürich 1844. Lnbd. 2.50 

Bentlvogllo, Cardin., Lettres. Trad. en fran- 
fais avec I'italicn cite par dcVcneroni 7« i^d., 
av. frontisp. Amstcr. 1G95. 12°. Anc. rcl. veau. 2. — 

Braun, J., Geschichte der Kunst iu ihrem Ent- 
wicklungsgang durch alle Völker der alten Welt 
hindurch, auf dem Boden der Ortskundc nachge- 
wiesen. 2. Ausg. V. F. Rcbcr. 2 Bde. Wies- 
baden 1873. Hbfz. (14.—). 7.50 

Braun, J., Naturgeschichte der Sage. Rückfüh- 
nmg aller rclig. Ideen, Sagen, Systeme auf ihren 
gemeinsam. Stammbaum. München 1864 — 65. 
Hlnbd. 9.— 

Breton, B., Monumenti piü ragguardevoli tutti 
c popoli. Trad. di P. Giuria, con 150 tav. Torino 
1846. 2 vol. Demi-veau. 10.— 

Brugsch (-Paacha), H., Die bibl. sieben Jahre 
d. Hungersnot u. d. Wortlaut einer altagyptischen 
Felscninschrift, Mit 32 Tafeln u. 6 Holzschnitten. 
Leipzig 1891. 3.— 

Brunn, H., Geschichte dergriech. Künstler, 2 Bde. 
Stuttgart 1857. Hfrz. schöne Einbände. 8.— 

Busch, M., Der Orient. Urgeschichte dess. bis 
zu d. mcdischen Kriegen. 3 Bde. in 1 Bd. Leip- 
zig o.J. Hlnbd. 3.— 

Dahn, F., Urgeschichte der germanischen u. roma- 
nischen Völker. Bd. I (Ostgoten) u.II (Westgoten). 
Berlin 1881. Hbfz. (37 60). 15.— 

Janus (Döllinger), Der Papst und das Konzil. 
Leipzig 1869. 3.— 

Albrecht Dürers sämtliche Kupferstiche (104). 
Hrgb.v, Leitschuh & Zemsch. Eleg. Ganzlein. -Bd. 
Gr. Folio. Schönste Dürer- Ausgabe, statt 35. — 26.— 

Fischer ron Brlach, J.B., Entwurff e. histor. 
Architectur in Abbildungen unterschiedener be- 
rühmten Gebäude des Altcrthums und fremder 



Völcker. Mit 89 Kupf. ful. obl. Wien 1721. 
Ppbd, Schöne» Exemplar. 80- — 

Friedrich, J., Tagrbuch wahrend dct Vatika- 
nischen Konzils. Nördlingen 1871. Hbfz, (7. — ) 4. — 
Gcrdes, H., Geschichte der Satischen Kaiser und 
ihrer Zeit. Leipzig 1898. (13 — ). 7.— 

Geschichte d. deutschen Kunst. Hrsgb. v. 
W. Bode, R. Dohmc. J. v. Falke, H. Janitschek, 
C. V. Lützow. 6 eleg. Ganzlein. -Bde. Reich illustr. 
st.itt 107.— 42.— 

Auch einzeln : L Die Baukunst, v. R. Dohmc, 
statt 21.— für II.—; IL Die Plastik, v. W.Bode, 
statt 15.— für 7.—; HL Die Malerei, v. H. Janit- 
schek, sUitt 34.— für 11.—; IV. Der Kupferstich 
V. Lüuow, sutt 17.— für 9 — ; V. Daj Kunstge- 
werbe, v.^. v. Falke, statt 15. — für 7. — . 

GIrörer, Ä, F., Byzantinische Geschichten. 3 Bde. 
Hrsg. von J. B. Weiß. Gmz 1872. (27.—). 6.60 

G0tzlnger, B., Reallexikon der deutschen Alter- 
tümer. Leipzig 1881. Orgbd. 8.50 

Grau, R. F., Semiten und Indogermanen in ihrer 
Beziehung zu Religion und Wissenschaft. 2. Aufl. 
Stuttgart 1.S67. 2.— 

Gr^golre, F., Rom u. seine Papste. Aus d. Französ. 
Stuttgart 1833. Hldr. 2.— 

Grün, K., Kulturgeschichte des 16. Jahrhunderts. 
Leipzig 1872. (6.—). 2,80 

(Luther, Bauernkrieg, Jesuiten, Niederlande, 
Calvin, Elisabeth von England.) 

Grün, K., Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts. 

2 Bde. in 1 Bde. Leipzig 1880. Hbfz. (17.—). 8.— 

I. Shakespeare , Comenius , 30 jährig. Krieg, 

Heinr. IV., Karl 1. etc. II. Milton Louis XIV. etc. 

Halller, E., Kulturgeschichte d. 19. Jahrhund, in 
ihren Beziehungen zu der Entwicklung der Natur- 
wissenschaften. M. 180 Textbild. Stuttgart 1889. 
(20.-). 7.— 

Heine, E. W., Die germanischen, äg>*ptischen u. 
griechischen Mysterien. Hannover 1879. 2. — 

Heyberg er, G., Vorbilder z. würd. Ausschmückung 
V. Kirchen, nach alten u. neuen Entwürfen. 66 Taf. 
m. zahlr. Abb. nebst Text. Wurzburg (8.—). 4.50 

Keller, O., lUustr. Geschichte der Musik. 2. Auflage. 
Eleg. Prachteinband. Wie neu. Statt 20.— 14 50 

Kraemer, H., Das 19. Jahrhundert in Wort u. Bild. 
4 Bde. Origbd. Sehr gut erhalten. Statt 60.— 32.50 

Kunst für Alle. Hrsg. v. Pecht. M. zahlr. 
Lichtdr Jahrg. V, VI u. IX ä 5.— 

Kunst-Chronik, Allgemeine, Illustr. Zeitschr. 
f. Kunst, Kunstgewerbe, Musik, Theater, Litera- 
tur. Hrsg. V. W. Lauser u. P. Albert, Wien 1S89 
bis 1896. Statt 20.— ä 2.40 



Langen. J.,Gesi;h. dcf röm. Kirche von Gregor VH. 
bis Ini.occnz HL Bonn 1893. (18.— ). 850 

Leo der Große. Seine Schriften u. t. Bedeutung 
für unsere Zeit. Wien 1887. Hbfr. 2.40 

Lind, K., Studien in den kirchl Baudenk malen 
romanischen u. gotisch. Stiles in NiederÖtterrach. 
M. Abb. 4«. Wien. S. A. 1.20 

Malland. — Description de la cath^drale de Milan. 
Avec 66 gravures, in 4". Milan 1823. Demivcau. 
Tr«bcl-cxemplaire. 18. .W 

Nuntlaturbrlefe au» Deutschland, 1560-1672, 
ncbät ergänzenden Aktenstücken. Bd. L : Die Nun> 
ticn Hosiu» u. Dclfino, 1.560 — 61. Bearbeitet von 
S Steinherz. Wien 1897. (20.-) 11.— 

Otte, U., Gcsch d. kirchl. Kunst d. deutschenMittcl- 
alter^. 2. Auig. der Grundzüge der kirchl. Kuiut- 
archaologie. ^l. 118 Holzschn. Leipzig 1862. 2. — 

Petersen, Bug. Die Kunst des Pheidias am Par- 
thenon u. zu Olympia. Hfrz. Vergriffen! 9. — 

Weiß, K., D. romanischeSpeisckelch d.StiftesWilieo 
in Tirol nebst einer Übersichtd. Entwicklung d. Kel- 
ches im Mittelalter. M. 6 Taf. 40. Wien 1860. 6.— 

Weiß, K., Der Schatz des regulierten Chorherm- 
stiftcs zu Klosterncuburg in Nied.-Usterr. M. 2 Taf. 
II. 22 Abb. 40. Wien 1863. I.ÖO 

Werke alter Meister. Neue billige Ausgabe. 
500 Reproduktionen a. d. Gemälde- Galerien Euro- 
pas n. d. Orig. in 1 elcg.Ganzleinbd. gcbdn. Blatt* 
große 27X33 cm. 12.— 

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Hälfte des Bande« wird innerhail 
Jnhresfrlst vorliegen. Bisher erichieiien Band 1 — 4 28a40 M. gebd. 
tu Halbfrzbdn. gcbd. 35*60 IC., davon Bd. 1—3 in 3 Aufl. 

Theol. prakt. Quartafsohr. Linz, 1904, IV. Das monumentale Werl 
Dr. Bnictcs ist bereits wellbekannt und in allen Händen. Der speiiell fu 
Oesterrcich inieressante-^te Teil Ist wohl der 3. Band dem selbst die »Neu 
freie Presse« ihre Bewunderung nicht versagen konnte, inde^i 
sie gestand, daß ihr von liberaler Seite kein ähnliches Werk zu Gebote stehe 

Storck, Wilh., "iz: Die letzten Dinge. :i"ri.::;1„'^:f,f„'; 

Anmerkungen. 8^ VIII und 1898. S.SO M.,^cbd. Leinen mit Goldtite! SIC 

Früher e^^chicllen von demselben Verfasser: 
Die l*Halinon, in stabreimenden Langzeilea 258 S. 8.60 BC., gebd. ii 

Gcschenkbd. 3 H. 
Lieder und NprUolie der Meilifpen ISehrift, in stabrcimendei 

Langweilen, 37^ S. Ä.50 M., gehe! 3 M. 

Prälat Fr. Hiilf kamp Im Wcstf. Merkur. Hünstor. Wie bei dem Psalmen 
werke, sfi i-.t auch hier d;ts auf».; e wendete iiberaushohe M.tQvon Flcil 
und Liebe, Kunst und Verständnis aller Bewunderung um 
alles Dankes würdig 



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fonbeiev fflcirme unb inniger Slnteilnofjme bcfianbelt, ßiocnfcönftcn, bic 
ben aU'tfaffcr al« ccljten unb rcitten !;!atrioten etfcnncn lofTer. ; baftci 
outf) bic fli:o6e Mncvfennung, bic baS ÜBetf in ber üiveftc oline llntet> 
fdjieb bet ftonfcffion n^funben tjot. (raibentcitfte 3)üvttcllunfl oeiftoaQc 
unb anrcflcnbc idjtcibrocite; ein $au»budj im i»at)ten Sinne te« äBottel 
für afle gcbilbctcn jtrcife unb für bie ftubicrenbe Sugenb; ein (8>fc^enfs 
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Kun[(i9inenrchaft, [oi9ie ffir das gefamfe Kunttleben. 

Inhaltsverzeichnis : 

Kunsthistorische Wanderungen durch Katalonien : IV. Tarragona. Von Dr. Ad. Fäh. — Veronese- 
studien. Von Dr. Bernhard Patzack (Graz). I. Paolo Veroneses Fresken in der Villa „Da Mula" 
in Romanziol (Schluß). — IX. Internationale Kunstausstellung in München 1905. Von Franz 
Wolter (Fortsetzung). — Ein Pfarrkirchenbau von Dominicus Zimmermann. Von Professor 
Dr. Alfred Schröder. — Grazer Kunstbrief. Von Dr. Bemh. Patzak. — Jean Jacques Henner. 
— Berliner Kunstbrief. Von Dr. Hans Schmidkanz (Berlin-Halensee). — Zur Restauration von 
St. Sebald in Nürnberg, — Vermischte Nachrichten. — Zu unseren Bildern. — Bücherschau. 

— Zeitschriftenschau. — Praktische Winke. 
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D 



cn hohen künstlerischen Traditionen, welche im Hause Witteisbach jederzeit 
lebendig waren, sind viele hervorragende Kunstwerke zu verdanken. 
Im dritten Jahrgang des gegen Ende des Monats zur Ausgabe gelangenden 




Kalender bayerischer und schwäbischer Kunst 

herausgegeben von Professor Dr. Schlecht 

sind mit Rücksicht auf das 100jährige Jubiläum des Königreichs Bayern 
vorwiegend solche Kunstwerke aufgenommen, die ihre Entstehung der Ini- 
tiative der bayerischen Könige zu verdanken haben. 

Das Titelblatt, eine vorzüglich gelungene Reproduktion nach dem Gobelin im 
Bayerischen Nationalmuseum, stellt die Hochzeit des Herzogs Otto von Witteisbach 
mit der Gräfin Agnes von Wasserburg dar. 

Dieses Titelblatt bildet für jede Wohnung einen sinnigen Schmuck! 

Der Kalender wird, wie die beiden früheren Jahrgänge, die noch nachbezogen 
werden können, M. 1. — kosten und kann durch alle Buchhandlungen bezogen werden. 



Urteile über „Die christliche Kunst," 

Reichspost, Wien (18. X. 04): «... Eine Warte im Reich der Kunst, der bildenden, wird das neue großzügige 
Werk >Die christliche Künste werden, von der MUnchener Gesellschaft für christliche Kunst mit seltener 
Noblesse ausgestattet . . . . c 

Augsburger Postzeitung (17. XII. 04): » . . . . Die beiden ersten Hefte der Zeitschrift .... haben in der 
Kritik die beifälligste Aufnahme gefunden. Text und Bilderschmuck stehen auf beachtenswerter Höhe. Ein statt- 
licher Mitarbeiterkreis schart sich um den Herausgeber, dtr dit Erfahrung dts ausübtnden Kumtlers (Maler) mit 
dem Wissen des Kunstgelehrten verbindet.« 

Kölnische Volkszeitung (1905, Nr. 381): Die Zeitschrift hat also redlich gehalten, was sie ver- 
sprochen, und was sie bisher geleistet, erfüllt mit Zuversicht und froher Hoffnung für die Zukunft. — Die Kunst 
ist ein mächtiger Kulturfaktor, und das Christentum hat ein großes Interesse an ihrer Entwicklung. Demnach 
erfüllt die Zeitschrift eine große Mission, da sie sich die Aufgabe gestellt hat, die Grundsätze des Christentums 
im Kunstleben auf breitester Grundlage zu vertreten. Möge sie also einmutige und tatkräftige Unterstützung der 
gleichgesinnten Kreise finden < 

Deutsche Zeltung, Wien (26. XI. 04): > . . .. Die MUnchener Zeitschrift >Die christliche Kunst< ist nun 
ein Unternehmen, das in diesem Sinne wärmstens begrüßt werden muß. .Sie schlägt den richtigen Weg ein, um 
die an die Wand gedrängte christliche Kunst wieder in ihre öffentlichen Hechte einzusetzen. Eines der bedeutendsten 
Mittel hierzu besteht darin, daß sich die Zeitschrift nicht bloß auf christliche Kunst, sondern auf die gesamte Kunst 
der Gegenwart erstreckt. Dadurch sichert sie sich den Eintritt in das allgemeine Interesse und hilft der christlichen 
Kunst zu einem solchen « 

Neue PreuSSiSChe (Kreuz-) Zeltung Nr. 14."): »Die Monatshefte November 1904 bis Februar 1905, die 
uns zugingen, bestätigen die in Nr. fiOl des vorigen Jahres gegebene Charakteristik der neuen katholischen Kunst- 
zeitschrift. Die Abbildungen sind sogar ungewöhnlich gut für ein christliches Kunstblatt und auffallend ist die 
starke Vorliebe für moderne Kunstwerke : Dubois, Watts, Wadere, Samberger, Ludwig Dill u. a., allerlei Freilicht- 
bilder sind reproduziert. Man fragt erstaunt, wie Lobachs bekannte Mommsenstatuette oder Hermanns Büste von 
Em. V. Seidl aus der MUnchener Sezession in eine spezifisch-christliche Kunstzeitschrift kommt. Wenn diese 
Proben den Geschmack der Leser bilden sollen, kann man sich Ulier die Weitherzigkeit nur freuen. Daneben 
wird die kla.ssische Kunst gepflegt. Größere Artikel Über Anselm Feuerbach, Dürer, die großen Ausstellungen 
des Jahres, die Paulskirche in München u. a. m. bilden den Tcxt.< 

Die Germania (Wissenschaftliche Beilage Nr. 49) rühmt von den Heften, daß sie reich an Inhalt und Repro- 
duktionen sind. 

Das Vaterland-Wien urteilt in Nr. 328 vom 26. XI. 04, daß die Ausstattung die Zeitschrift vollständig auf 
das Niveau der vornehmsten Kunstzeitschrift stellt. 

Die Allgemeilie Rundschau widmete der neuen Monatsschrift mehrere spaltenlange Artikel. 




iu^t' 







^7 



7^ 



v> 



: AUKAI.ONA 



GESAMTANSICHT 



KUNSTHISrORlSCnii WANDERUNGEN DURCH KA^IALOXIEN 



\'on Dr. AD. IAH 



W. T;irni! 



D 



ic lalu't \(iii HarcL-ldna nach unscnii Rci.se- 
ziclc oti'unban ihre intimen Rei/e. Die vom 
I.lobre^at bewä.sserte Ebene breitet ihre frucht- 
baren Kulturen über das Tiefhmd und die 
Hühenzüi^'e au.s. Die blühende Industrie kün- 
det sich allenthalben in den lachenden Gefilden 
an, zwar ohne Poesie, aber mit ihrem Segen 
für das Land und dessen Bewohner. Die reiche 
X'egetation verdrängen von \'ailbona an des 
Meeres trotzige Felsbuchten, welche die Hahn 
küim durchschneidet. Das dichte Gestrüpp der 
Zwergpalme findet im Gestein und auf den aus- 
getrockneten Hügeln noch sein Fortkommen, 
für des Nordländers Auge eine anziehende 
Schau. Was in seiner Heimat nur in sorgfälti- 
ger Pflege gedeiht, dient hier als Brennmaterial. 
Bald wird die Aufmerksamkeit des Archäo- 
logen gew eckt. Nach San Vincente de C^alders 
erscheint der Bahnlinie nahe ein römischer 
Triinnphbogen, ein dürftig Werk, keineswegs 
gut erb.ilten, aber in seiner Silhouette reizend 
in die Landschaft komponiert. Wieder eilt der 
Blick einem Zeugen der römischen Architektur 
entgegen. Ein c]uadratischerBau steigt in zwei- 
facher Verjüngung empor. Wie wir uns bei 
einem späteren Besuch daselbst überzeugten, 
lassen sich noch zwei Figuren Gefangener auf 
Postamenten erkennen. Die Inschrift ist nicht 
mehr lesbar (Abb. S. 50). Das Grabmal der 
Scipionen wird dieser Überrest genannt. Die 
Richtigkeit der Bezeichnung zu kontrollieren 
wird nicht leicht sein, auch eine Zeitbestimmung 



lassen stilistische Merkmale kaum zu. Für den 
Fremden bilden diese beiden Denkmäler weihe- 
volle Fingerzeige, daf.^ er sich einer ehrwürdigen 
Stätte nähert. 

Das eigenartigeBild Tarragonas enthüllt sich. 
Vom Meeresstrande bis auf den felsigen, steil 
abfallenden Hügel dehnen sich die Häuser aus, 
ein lapidares Epos der Weltgeschichte, das 
keineswegs einer reichen Dichterphantasie ent- 
sprungen, vielmehr in imposanten Werken und 
deutlichen Spuren mächtig rauscht und leis ver- 
klingt (Abb. oben). 

Ein Rundgang um den luichstgelegenen, älte- 
sten Teil der Stadt zeigt die Fundamente der 
Umfassungsmauern, die aus mächtigen Mono- 
lithen von bis zu 4 m Länge bestehen. Die 
Tore mit ihrem wuchtigen Sturzblock er- 
innern an das sogenannte kleine Tor von 
Mykene (Abb. S. 30). Dieses kyklopischc Mauer- 
werk weist in seiner Entstehung auf die ibe- 
rische Urbevölkerung zurück. Die Römer be- 
nützten unter den Scipionen das bereits Ge- 
schaffene, um Tärraco zur starken Felsenteste 
auszubauen. Kaiser Augustus, der hier 26 vor 
Christus überwinterte, vollendete das Werk, be- 
reicherte die von den römischen Dichtern be- 
sungene Stadt mit Prachtbauten, so daß sie der 
ganzen Provinz ihren Namen verlieh: Hispania 
Tarraconensis, 

Die christliche Epoche legt den Purpur des 
.\Ltrtvriums schon im 3, Jahrhundert um den 
Bischofsthron dieser Stadt. Die Westgoten und 



Die christliclic Kimst. 11. 



November 19C5. 



30 



?•:>: KUNSTHISTORISCHE WANDERUNGEN: TARRAGONA >^Ö 



Araber wetteiferten im Laute der folgenden 
laiirhunderte an ilirer Zerstörung. Erst im 
12. jahriiundert treibt der Same des Blutes 
wieder neue Keime. ;Im Jahre 1 1 1 5 lag Tar- 
raco noch in Schutt . . . , ja selbst auf dem 
Boden und innerhalb der Mauerreste der alten 
Kathedrale standen Eichen. Buchen und andere 
stännnige Baume , bemerkt ein Historiker 
(Gams nach Ordicus Vitalis). Eine neue Peri- 
ode eröfinete sich. Klangvolle Namen schmück- 
ten den erzbischöflichen Stuhl, bedeutungs- 
volle Svnoden wurden hier gefeiert. Heute 
noch führt der Bischof von Tarragona den 
Titel Primas von Spanien . 

Sind auch die Festungsmauern zcrtallen. die 
Zeugen der \'ergangenheit iehlcn niciu. .Man 
mul.N das ganzlich veraltete, aber durch keine 
neuere Arbeit ersetzte Werk i Tai'ragona monu- 
mental von Albiiiana (vom Jahre 1849) nicht 
zu Rate ziehen, ein Gang durch die alte -Stadt 
macht den Besucher mit zahllosen antiken 
Resten bekannt. Ihre \'erfolgung hemmt 
eigentlich des Wandernden Schritte, denn 
allenthalben sind Inschriften mid skulpturale 
Fragmente eingemauert. 




■^^ 



'iT'- 








r.\KK.\i;oN'.\ 



KVKI.Ol'. M.AUERWKRK 



.> ,.,, lO.NlCN 



Wir schenken dem Museo provincial keine 
Aufmerksamkeit, trotzdem es Germond de La- 
vigne das interessanteste Spaniens« nennt, 
eine Hvperbel allerersten Ranges, und wenden 
uns einzig zur Kathedrale, diesem hoch bedeut- 
samen iMuseum, das Kunstobjekte vom 12. 
bis 18, Jahrhundert umschließt. 

Ein freier Platz öHnet sich vor der West- 
fassade f.\bb. S. 31), .Mit Kleinigkeiten hat sich 
der Architekt nicht abgegeben. Das Portal mit 
dem hohen Giebel begrenzen zwei mächtige 
Strebepfeiler, Die grolJe Fensterrose mit spät- 
gotischem .Mal.Kverk ergänzt die architektonisch 
etwas^lerbe Gliederung. Den I-indruck des Un- 
\ollerideten, plötzlich Abgebrochenen erhob: 
der mangelnde Abschluß des Giebels. Reich 
entschädigt der plastische Schmuck tür die 
Armut der .\rchitektur. Die mild ernste Ma- 
donna mit dem Kinde, das Relief des Jüngsten 
(jerichtes über derselben und je vier Apostel- 
riguren an den Seiten sind bezeichnete \Verke 
des Maestre Bartolome (1278), welche Ansicht 
Justis der wiederholt angebrachte Name be- 
stätigt. Die künstlerisch etwas unreifen Früh- 
lingskinder sind dennoch anziehend, weich 
ist der Mul,* ihrer Gewandung, ehrfurchtsvoll 
wenden sie sich nach dem Mittelbilde. Ihren 
Wert erhöht die Nachbarschaft des statuari- 
schen Schmuckes der Strebepfeiler. Diese Pro- 
pheten sind ein Jahrhundert (1375) später ent- 
standen. Castayls wird als ihr \'erfertiger ge- 
nannt. .Man weiß nicht, ob sich unbeholfene 
Hände hier abgemüht haben oder ob ein be- 
w ul.hes .Xrchaisieren als Imitation der altern 
Statuen vorliegt. Z\Nei hübsche romanische 
Scitenportale bilden wieder einen wohltuenden 
.\usgleich zu den Werken der Strebepfeiler. Fr- 
wartungsvoll betritt man durch die mit pracht 
\ollen Eisenbeschlägen versehene 'Füre das 
Innere (Abb. S. 32). 

Ein imposanter Bau des Ubergangsstiles 
öffnet seine weiten Käinne. Xiedrii^e Seiten- 



©^ KL'XSTIIIsroKlSCIli; WANDI-RUXCF.X: TARRAGOXA i^e> 



;i 



schirtc scliliclk'ii sich an das llauptscliil] an. 
üluT ticr N'icruiiL; crlicbt sich die achtteilige 
Kuppel. .\iil'das QucrsciiitV münden drei Ap- 
siden. Mächtig \viri.;en die zehn dm'ch ilalb- 
sauien gegliederten Pfeiler von ^,5 ni Diu'ch- 
messer. Präciitige Gebilde sind die Kapitale mit 
ihren reich variierten romanischen Motiven. 

Der sonore Hrnst des romanischen .Stiles 
wird dLn'ch die Gotik gemildert. Knospen- 
gleich bricht sie allenthalben her\oi'. blüht, 
welkt. Ihre Aulgabe übei'nimmt die beschei- 
dene l-rührenaissance, der sich selbst ein un- 
gestümer Rokoko etwas aufdringlich nähert. 

Fassen wir den 
Hochaltar der Ca- 
pila Major ins Auge 
(Abb. S. 33). Frist 
der hl. Thekla, der 
Schutzpatronin \on 

Tarragona, ge- 
weiht. Zwischen 
den drei Xischen 
mit ihren hoch em 
porgetührten Bai 
dachinen grüßen 
uns reizende Wer- 
ke. Schon an der 
Predella finden sich 
sieben Reliefs mit 
Szenen aus dem 
Leben der hl. Thek- 
la. Am Hochbau 

vervollständigen 
diese Serie zwöli 
weitere Darstellun- 
gen aus dem Leben 
Jesu und seiner 
Mutter \-on der Ver- 
kündigung bis ZLU' 
Krcnumg Mariae. 
Der reiche Kranz 
dieser Reliefs ist 
in leinem Alabaster 
ausgeführt. Die 

technische Feinheit bingundischer .Mnuatiu'eu, 
feiert im härtern Materiale eigentliche Tri- 
umphe, ohne deren künstlerische i3eschränkt- 
heit zu \ erleugnen. Die einzelnen Figuren sind 
mit minutiöser Sorgfalt behandelt, in den deko- 
rativen Details findet das aufmerksame, schart- 
blickende Auge alle Spielereien naturalistischer 
i^lümchen und Tierchen, in denen mis sonst 
nur das goldblinkende Pergament die Geduld 
der Kunstler bewundern läl.^t. Line /arte Polv- 
chroniie mit diski'etcr (jokl\ crw endung er- 
höht den Reiz dieser plastischen Xippes. In 
der Komposition fehlt allerdings jenes frisch 
pulsierende Leben, 



r.\HR.AGUN'.\ 



die I 



heitliclien Handlung ernst verbindet. Die 
Figuren des Abendmahles wirken jede für 
sich, bewegte Szenen wie die Kreuztragung 
und Geil.*elung sind geradezu schwächlich und 
kraftlos. Dennoch zieht es den Betrachtenden 
immer wieder zurück zu diesen plastischen 
Miniaturen, als deren Schöpfer Pedro Juan de 
'Farragona und Guillon deMota(i426 — 143 |) 
genannt werden. Trotz aller Bcniühungen war 
es uns nicht möglich, irgendwelciie Detaiiauf- 
nahmen dieser Werke zu finden. Die Wieder- 
gabe des ganzen Oberbaues ermögliciite uns 
das freundliche Lntgegenkonimen des Herrn 

Gudiol V Gunill 

(^- 33)- 

Neben der etwas 
tändelnden Pla.stik 
dieser Reliefs zeigt 
sich im nahen (irab- 
denkmale des Hrz- 
bischofs Juan de 
Aragon mehrF.rnst 
imd Würde (Abb. 
S. 34). Auf zwei 
Löwen ruht der 
Sarkophag, dessen 
F.pilog uns Garns 
in deutscher Über- 
setzung gegeben 
hat. Im 17. Lebens- 
jahre wurde der 
Königssohn \on 
.\ragonien schon 
F!rzbischof von 'Fo- 
ledo, der durch 
Wissenschaft und 
die Cjabe der Pre- 
digt leuchtete«, er 
übergab den Geist 
seinem Schöpfer 
am 19. August 1334, 
im 33. lahre seines 
rr.^t.s.jnj Lebens.;. Die Illu- 

stration dieser Wor- 
te bildet die liegende Figur des \'erstorbenen. 
angetan mit allen Insignien seines bischöf- 
lichen Annes. Sinnend verweilt der Blick 
an den /iigeii dieses .\ntlitzes. Müde scheint 
er zu schlunmiern der jugendliche Askete, 
dessen Strenge die ( irabinschrift eigens lier- 
\(irhebt. Lin Hauch milden Friedens ver- 
klärt die Züge des Schlafenden, der nur dem 
Rufe ziu" allgemeinen Aufersteiiung zu iiarren 
scheint. Auch in diesem Denkmale zeigt die 
Gotik jene Zartheit, die dem Rauschen des 
Dies irae nur dessen sanfte .Schwingungen 
in der Strophe Recordare Jesu pie.^ zu entneh- 




I Ass.xDi: ui.K K.\iiiia)i;,\Li; 



iLim'en zur 



ein men scheint. 



32 



O^ KUNSTHISTORISCHE WANDERUNGEN: TARRAGONA J^S 




TAKRAGOXA 



KATlli;nRAI.K 



Das Innere des Coro (Text S. 3t u. 32} 



Im Coro, dem Chore der Domherren, der 
-sich in die Breite des Mittelschills einbaut, 
hmsclien wir den stiHstisciien Sciiritten von 
der Gotii'C zur Renaissance. Das Chorgeslühl 
des Francisco Gomar aus Zaragoza, 1478— 1493, 
legt sich noch einige Reserve auf, allein im 
Bischofsitze kündigt sich die Renaissance mit 
souveräner Sicherheit an. jubelt endlich sieges- 
troh im reichgeschnitzten Orgelwerke über 
den Chorstühlen auf 

Den freundlichen Wegweiser zu diesen Stil- 
wandlungen finden wir an der Westwand 
des Coro: im Grabiual Jakobs I., des Königs 
von Aragon. (Abb. S, 35.) Zwischen dem 
Todesjahr (1276J und der Errichtung dieses 
Werkes (1856) an dieser Stelle liegt zwar ein 
bedeutender Zeitraum, in dessen Mitte wir 
stilistisch die Entstehung verlegen müssen. 



D.is Rätsel löst sich leicht. Das im später zu be- 
rührenden Kloster Pöblet erstellte Denkmal 
wurde, soweit es der Zerstörung entgangen, 
nach Tarragona transferiert. Die trauernden 
Karj'atiden mit den verschiedenen Äußerungen 
des Schmerzes und die dekorativen Füllungen 
erinnern an \enezianische Werke der Früh- 
renaissance. 

Ein Rundgang durch die den beiden Seiten- 
schillen sich anschließenden Kapellen gleicht 
vollends einer Stilwanderung durch vier Jahr- 
hunderte, vom 15. ins 18. Jahrhundert. Die 
das Querschiff begrenzenden beiden Seiten- 
kapellen sind freundliche, wenn auch einfache 
Kinder der Gotik. Ihr folgt die Renaissance 
mit ihrer dekorativen Jugendkratl, aber auch 
der Barock mit seiner kühnen Groliräumigkeit 
und den Kapricen, deren Launen sich an Sarko- 



5!^ KUNSTIIIS'I'OKISCIII- W.WDI'KL'NGEN: 'IWRKAGC^XA »<SZ3 



j j 




TARRAGONA 



KATHEDRALE 



HoJialtar (Text S.Jl) 



phagen und Altären in bravourartiger Rück- 
sichtslosigkeit äußern. 

Einen Schmuck der Kathedrale dürfen wir 
nicht übergeiien, denn er Inidet seinesgleichen 
kaum wieder. Der ileisefüiirer — Bädeker — 
hatte uns belehrt, daß am Feste der hl. Tckla 
(23. Sept.) die Kathedrale mit 52 flandrischen 
Wandteppichen dekoriert werde. Aus Freundes- 
niund erhielten wir in Barcelona die \'ersiche- 
rung, daß diese auch in der Zeit zwischen Ostern 
und Pfingsten ausgestellt wären. \\'er sollte 
einer solchen Lockung widerstehen können? 

In der Tat, die untern Partien der freien 
Wandflächen, die nämlichen Stellen der riesigen 
Pfeiler bieten mit ihren Gobelinsverkleidungen 
dem Auge eine wahre Weide. Wohlig tnul warm 
berührt es den Eintretenden, zarte Farben be- 



herrschen den ganxen Raum, festlich wird der 
Seele Stimmung, ähnlich dem frohen Gefühle, 
das uns im Norden beim Anblicke des jungen 
Buchengrün am Fronleichnamsleste in der 
Kirche beschleicht. .Man gewinnt den Eindruck, 
als hätte die Architektur in der Wandgliederung 
diesen Schmuck eigentlich vorgesehen. Die 
Ode und Leere, die wir zuweilen in weiten Dom- 
hallen emphnden, weicht hier einem freund- 
lich einladenden Festgefühl. Nur die Kathe- 
drale von Reims kann sich derjenigen von 
'Farragona in Rücksicht auf die Wirkung des 
Gobelinschmuckes schüchtern und bescheiden 
an die Seite stellen. 

Die \'erfolgung der Details dürfte einen 
wertvollen Beitrag zur (beschichte der Gobelin- 
wirkei'ei liefern. 



34 



KL'XSTlIlsriMUSCllI-; \VA\"l)i;i<LX(.i:X: TARRAdOXA ?'^iS 



Die Cimelicn dieser Sammluiii^ finden sich 
an der AulkMiveri<lcidung des Coro. \'iergroße 
Teppiciic des 1 6. jaiirhunderts schildern uns die 
Geschichte Josephs von Aj;ypten. Legendari- 
sche Treue und epische Breite ist vermieden, 
svmbolische Zusammenstellungen sind maß- 
gebend. Zum Glücke erläutern einzelne Worte : 
Josap, sapiencia, fortitudo etc. densonst schwer 
zu entzitiernden Inhalt. Die Fabrikzeichen 
weisen auf Brüssel als Entstehungsort hin, 
auch die Monogramme derTapissiers sind \or- 
handen. (Abb. S. 35 u. 36). Zu diesen Werken 
der Wirkerei gesellen sich zwei prachtvolle ge- 
stickte Teppiclie des 1 5. Jahrhunderts. Über 
demgenann- 
ten Königs- 
Sarkophage 
sind ver- 
schiedene 
kirchliche 
Stickereien 
durch grol.'- 
niustrigen 
Burgunder- 
stoff zu ei- 
nem wertvol 
len Behänge 
verbunden. 
Welche Fülle 
von Anre- 
gungen lür 
die Kostüni- 
kunde und 
unser Kunst- 
gewerbe im 

weitesten 
Sinnebergen 
diese reizen- 
den Darstel 
Jungen ! 

Indenzahl- 
reichen Wer- 
ken des 17. 

lahrhunderts kündet sicli die i'rolangeschichte 
in treiester Weise an. Fine ganze Serie von ( jo- 
belins behandelt Szenen aus dem Leben des 
Cvrus (Abb. S. 37, oben.) Eine schrankenlose 
i-reiheit bricht sich in der Behandlung der Sujets 
wie im Beiwerke Bahn. Das französische 
Wappen mit dem verschlungenen L kenn- 
zeichnet die Epoche Ludwigs XIV. und die 
Bezeichnung J. L. F. weist auf Jans l.e lils, 
den Pariser Gobelinwirker hin, der häutig 
nach den (jemäiden des Gharles Le Brun ar- 
beitete. 

Xicht weniger bedeutend sind einzelne, rein 
ornamental behandelte Stücke. Die wuchtigen 
Filanzenmotive, die in reichgeschwungenen 




T.\Kl!.\GOX.^ 



Grabinat dt-s Erzt'tschofs Juan de Aragon ( l'cxt S.jij 



Ranken die ganze Fläche füllen, in der Farbe 
von wunderbarer Zartheit, weisen einen durch- 
aus modernen Zug aut. 

Can. Bock hat bereits darauf hingewiesen, 
welch ausgiebigen Gebrauch von Tapisserien 
die mittelalterlichen Kirchen machten. In Be- 
zug auf den Kölner Dom bemerkt er: An 
vielen Stellen des Chores haben sich heute 
noch die eisernen Ösen erhalten, an welchen 
diese Tapisserien befestigt waren . Das sind 
allerdings spärliche Reste im Vergleiche zum 
Reichtum dieses halben Hunderts gewirkter 
Arbeiten in 'Farragona. 

In der Sala capitular (Abb. S. 40I der Kathe- 
drale zeigte 

uns der 
freundliche 
Archiprete 
noch acht fer- 
nere Gobe- 
lins mit Sze- 
nen aus der 
Geschichte 
des jungen 
Fobias, der 
Schmuck der 
Kapelle der 
hl. Thekla 
an ihrem Fe- 
ste. Beim 
Eingang in 
den Saal fin- 
det man elf 
gotische Fi- 
guren und 
eine Erkun- 
digung in 
Marmor von 
trefflicher 
.Ausführung. 
Xoch bleibt 
uns ein An- 
nex der Ka- 
lliedrale vw bcsicliiigen. der sich in würdiger 
Weise an seine Mutter schmiegt, der Kreuz- 
gang, der zu den schönsten Spaniens zählt. 
Er bildet ein Quadrat von 47 m und gehört 
der ersten Hälfte des 1 3 Jahrhunderts an (Abb. 
S. 39). Schon der Eingang von der Kathe- 
drale her erregt unser hohes Interesse. Eine 
Säule teilt das Portal in zwei 'Feile. Dem 
Kapitale (.Abb. S. ^S) wollen wir ims nähern. 
|e ein Säulchen mit reliquiarartigem Aulsatz 
markiert die Ecken, trennt architektonisch, 
nicht inhaltlich die Szenen. Die Cicburt Christi 
er^iffnct den Z\klus der Darstellungen, deren 
l'ortsetzung in drei zusammenhängenden 
l'lächen die Anbetung der Könige zeigt. Aus 



KAini;i)U\i-i. 



5!^ KUNSTlllS'rOKISCili; WANDI-KLNGHX: TARRAGOXA i^'Q 



35 



ili.li auf der 
Abbildung; 
siclitbarcn 
Darstellun- 
i^en crsielit 
iiian, dalA dei' 
lif,'Ui'alc Kom- 
ponist hier 
ohne Siu-upel 
irgend einem 
ornamentier- 
ten Vorbilde 
folgte. 

i)er Blick 
in die Kreu/ 
"ewulbe der 
Gänge i.st von 
maleri,SLher 
Wirkung luul 

ladet zmn 
Studium der 
Details ein. 
Dieses bildet 
Abspannung 




I .uiii.xc.os.x 



Gniliinal 7,i/.öii /. ,i}ii Aiaj^on (Texl S. J.'J 



gleichzeitig eine 
Denn der'P' " 



willkommene 
astiker erging sich 
in den Kapitalen in seinen drollig realistischen 
Hinfallen, wie sie sonst das \'orrecht der Minia 
turen bilden. Die drei Könige schl.ifen mit 
gekröntem Haupte unter der warmen Decke, 
der Engel muU sich sichtliche Mühe geben, bis 



einem Weck- 
lufe I'olgc ge- 
leistet wird. 
Am Grabe des 
Auferstande- 
nen kniet ei- 
ne Frau, de- 
ren verzerrte 
Züge ein so 
lautes Auf- 
schreien be- 
kunden, daß 
sie ihre 
freundliche 
Begleiterin 
ernst zur 
Ruhe mahnen 
mulj. Xoch 
schhnimer 
gellt's den 
naiven Mäus- 
chen, diesich, 
nichts Schlimmes ahnend, dem Liebesdienste 
der Begrabung scheintoter Katzen widmen. 
Ihr plötzliches Hrwachen scheucht die armen 
\'erfolgten in wilder Flucht davon. 

Die Außengliederung des Claustro nach dem 
Hofezu,istprächtig(.\bb.S.38,oben). DieStütze 
der Gewölbe bilden durch Halbsäulen verstärkte 



K.^rilKDKAl.K 




r.\Ki;.\i.o.s.\ 



Detail eines Goielius f Text S. 34) 



KATHEDR.\LE 



36 



52^ KUXSTHTSTC^RISCHF. WAXDF.Rl'XCnX : TARRAGOXA *^a 




I'AUUAGONA 



D.t.iil chtes Cot, Uns flexi S. S./J 



KAIllliDRALE 



PlciltT. Zwisclicn diesen erheben sich aul einem 
ringsuiiigeführtcn Sockel gei<uppelte Säulen als 
Träger von je drei kleinen Bogen. Ein Spitz- 
bogen umrahmt diese arciiitektonische (iruppe. 
13ie beiden kreisförmigen OHnungen im Giebel- 
felde dekoriert maurisches, nur ausnahmsweise 
erhaltenes Mal.uverk. Dieses, sowie der hübsche 
Abschluß mit arabischen Zackenbogen erinnern 
bereits an das Rauschen der nicht allzu fernen 
Wogen des libro. Denn jenseits seiner Uter 
hat sich die maurische Herrschalt in zahlreichen 
noch vorhandenen Spuren ausgeprägt, während 
sie diesseits sehr spärlich sind. 

Den Gesamteindruck des Kreuzganges er- 
höht die Xatur. Weilievolle Stille herrscht in 
diesen Cjängen. Das Plätschern des Brunnens 
und die leisen Bewegungen der vom Winde 
umkostcn Palmen durchzittern die I.ult. Rosen- 
gehege und Mvrtengebüsche hauchen ihren 
Balsamduft in die lichtdurchllutete Einsamkeit, 
in der nur die Sprache der Kunst ernst und 
geheimnisvoll, neckisch uiul nai\- jiredigt, be- 
lehrt und unterhält. 

Wir dürften die Feder niederlegen. .\n 
ziehenderes als die Kathedrale und ihr Kieuz 



gang kann uns l'arragona nicht bieten. Wir 
gedenken auch nicht die übrigen, ziemlich un- 
bedeutenden Kirchen der Stadt nur zu nennen. 

Xach dem Priestersenünar. einem stolzen 
Xeubau, lenken wir unsere Schritte. In einem 
der von Galerien umschlossenen Hole blei- 
ben wir betroiYen stehen. Die jugendfrischen 
Mauern mußten sich zur Fassung eines ehr- 
würdigen Zeugen der^'ergangenheit hergeben, 
dem sie sich nähern, ohne ihn berühren zu 
dürfen, l'.in Kirchlein. Gapilla de San Pablo, 
blieb mitten in der F.rneuerung intakt erhalten. 
Man schreibt dieses dem Anfange des 13. Jahr- 
hunderts zu. Die Richtigkeit dieser Angaben 
vorausgesetzt, würden sie nur beweisen, daß 
man schon in dieser Zeit mit der schlichtesten 
Einfachheit sich begnügen konnte. Ungleich 
höher als die künstlerische Ik'deutungslosig- 
keit, steht der ideale (jedanke der Pietät gegen 
die \'ergangenheit, welche man an der Stätte 
der Heranbildung des jungen Klerus wann 
begrüßen muß. 

Ein Abendspaziergang führt uns in freund- 
licher Begleitung landeinwärts auf die Höhe 
einer zerstiirten Feste, .\lto del (")livo genannt. 



S?^ KUNST! IISTOIÜSCIIF. WANDERUNGEN: TARRAGONA »^SS 



37 




■lAKKAGDNA 



KAI HI-.DKAl.l-: 



DirlaU fiiu'S Gobelins, ly. Jahrlniitdtrt (Text S.S4J 




TARRAÜON'A 



KAlllEDRALE 



Detail eiltfs Codflins, iS, yahrltutiiiert 



Die cliristliche Kunst If, a. 



38 



SäB« VERONESESTUDIEN »^?3 




TAKKAGt)NA 



KArllEDRAl.M 



Hof tii'S Kyeuz§;atigs (Text S. JjJ 

In der lic'lc sehen wir einen zweigeschossigen 
Bau, der mit seinen ir, bezw. 25 Bogen das 
einsame Tai durchschneidet. Ein römischer, 
wolil eriiaitener Aquädukt von über 200 m 
Länge und 23 m Höhe erhiiht den malerischen 
Keix der Gegend. Des Volkes furclitsame Kind- 
lichkeit nennt die Wasserleitung Teufelsbrücke 
und umschlingt sie mit dem Epheu der aben- 
teuerlichsten Sagen. Uns gegenüber dehnt 
sich Tarragona aus. Die Häuserlinie krönt 
über trotzigen kyklopischen Mauern stolz und 
Ireundiich das große Heiligtum der Schutz- 
herrin, der hl. Thekla. 

Die antike Well und die christliche .\ra 
reichen sich in einem ergreifenden Gesamt- 
bilde friedlich die Hände. Den weiten Hinter- 
grund bildet schweigend und bew undernd das 
blaue Aleer. In stummem Staunen eilt das Auge 
über Menschenwerk und Meereswogen empor 
zu dem, dessen Ohr hiereinem feierlich grolk'u 
Dankeshyninus, einem weihevollen Abendge- 
bete lauscht. (l-ortsetzLing folgt) 

\'ERONHSHSTÜDIEN 

Von Dr. BI-RKHAKD 1'.\'1ZAK (Graz) 

I. 

PAOLO VERONESES FRESKEN IX DER 

VILLA DA MULA: IN ROMAN/IOL 

(Scliluß) 

ZU jenen bereits erwähnten poesiex ollen Kom- 
positionen, denen man im N'eronesewerk 
nicht eben oft begegnet, gehört in dem er- 
wähnten Zimmer eine heilige Helena, 
die eine vortreffliche Replik zu der \'ision 
der heiligen Helena-; in London darstellt. 
Da das Villenfresko vor jenem Ölbild noch 
einige künstlerische I-einhciten voraus hat, 
so ist anzunehmen, dafJ es der Meister selbst 



malte. Die schöne Königin ist in natürlicher 
(iröl.se, an einem hohen Fenster sitzend, dar- 
gestellt, durch welches der blaue Himmel 
hercinlacht und der Blick in eine anmutige, 
l.mdschattliche Gebirgsferne schweift. Die 
wie in einen Traum versunkene junge Schöne 
(auf dem Londoner Bilde schlummert sie), 
in deren Gestalt der Künstler sicher eine 
venezianische Patrizierin verherrlichte, hat ihr 
liebreizendes Blondhaupt auf den rechten Arm 
gestützt. Mit der Linken, die lässig auf dem 
SchoL* ruht, rafl't sie zierlich das in unzähligen, 
leinen Fältchen fallende schimmernde Seiden- 
kleid, Neben ihr auf dem Fensterbrett liegt 
die goldene Königskrone. Hoch oben in 
der blauen Luft erscheint ihr als Vision das 
von entzückenden Engelsputten getragene 
Holz der Erlösung, zu dessen Auffindung die 
fromme Königin die weite, beschwerliche 
Reise ins heilige Land nicht scheute. 

Als Gegenstück zu diesem bewunderungs- 
würdigen Fresko, das alle Reize paolesker 
Kunst in sich vereint, aber leider schon zu 
verblassen anfängt, schuf der Künstler auf 
dem linken Wandfelde zwei jugendkräftige 
Hirtengestalten, die gleichfalls aus einem 
Fensterrahmen in eine Landschaft hinaus- 
blicken. Der eine stützt sich mit dem linken 
Ellbogen auf die Fensterbrüstimg. Er hält 
das eine Bein über das auf den Boden ge- 
stemmte gekreuzt. Diese Gestalt ist in meister- 
hafter \'erkürzung gemalt. Der andere Jüng- 
ling schaut in gerader Haltung ins Land hinaus, 

.\ul dem zwischen diesen beiden hohen 




TAKUAGÜSA KATiniDKAI.li 

Siittleitkapitiil dts Krtiizgangs (Trxt S. j6J 



SQSi« N'I-.ROXi-SFS'ITDIRX J^ö 



39 




lAKUACON'A 



l^A I IIEDRALli 



lOruzgaiig (Te.ü S. 35 1 



Schmalbildern befindlichen Mittelfelde, das 
von Phantasiepilastern und antikem Getälk ge- 
rahmt ist, hat Caliari die heilige Nachtin Beth- 
lehem dargestellt: im Vordergrunde Hirten, 
die bei ihren Heiden wachen, und lingel, 
die \on Lichtglanz umstrahlt sind und die 
(jebtn't des Heilandes verkündigen. 

Die gegenüberliegende Fensterwand zeigt 
oberhalb eines reichornamentierten Renais- 
sancekamines eine sitzende Frauengestalt, die 
eine Königskrone auf dem Haupte tragt und 
ein l'üllhorn in der Rechten hält, das mit 
Herrscherstäben und Kronen angefüllt ist. 

Die beiden Seitenwände des Zinuners 
werden durch eine trelllich gemalte Archi- 
tektur gegliedert, jede der Türen wird von 
einem aut Phantasiepilastern ruhenden Ta m- 
panongiebel bekrönt. Auf diesem sitzen oder 
liegen je zwei F'rauengestalten, welche die 
\ier Jahreszeiten vorstellen. An der rechten 
Wand erblickt man den Frühling mit sprossen- 
den Halmen und den Sonuuer mit Rosen ; 
an der linken den Herbst mit vollen Korn- 
ähren imd den in wärmende Gewänder \ei'- 
nunnnuen Winter. .Mit Ausnahiue der zuletzt 
genannten allegorischen Figur sind es vor 
Lebenslust und gesunder Bluthille blühende 
Frauen; reite, üppige Schönheiten, wie sie 
Faolo gern nach deiu \'orbilde kraftstrotzen- 
der Landschönen zti malen ptlegte. Sie ver- 
körpern tretTlich das wtnulersame Wii'ken 



üer ewig jungen, zeugen- 
den Mutter Xatur und 
passen vorzüglich zu der 
friedlichen Umgebung 
sonnenbeglänzter, früch- 
tereicher Felder. Das 
mußte auch der X'illen- 
besitzer empfinden, wenn 
er seinen Blick vom 
Sciireibtisch oder von 
einem gelehrten Buche 
zu diesen prächtigen Ge- 
stalten erhob, während 
durch das geöffnete Fen- 
ster ein heißer Soninier- 
hauch, das Zirpen der 
(irillen, oder ein melan- 
cholisches Schnitterlied 
in die Stille seines kühlen 
Gemaches drang. Zu 
bewundern ist auch hier, 
zu welch feinschmecke- 
rischen Farbenakkorden 
schimmernde Hautfarbe 
und leuchtende Gewand- 
pracht zusanuuenge- 
stimmt sind. 
Je zwei Karyatidenhermen teilen jede Seiten- 
wand in drei Felder. Auf den mittleren Wand- 
flächen über den erwähnten sviubolischen 
F'rauengestalten ist je eine aut einem Konsol 
stehende antike Büste in Bronze genutlt, deren 
eine einen römischen Imperator, wie es scheint, 
Kaiser Augustus, deren andere den Redner 
Demosthenes vorstellt. 

Das schmale, deiu Fenster zugekehrte W'and- 
feld schmückt eine ganz hervorragende Dar- 
stellung der Judith, die mit ernstem, abge- 
wandtem Blicke das abgehauene Haupt des 
Holofernes in das von einer Dienerin bereit- 
gehaltene Tuch senkt. 

Diese Schöpfung paolesker Kunst hat etwas 
\on jener erschütternden tragischen Größe 
an sich, wie sie Friedrich Hebbels Judith vor 
unsere Augen stellt. Die stolze, berückende 
Schönheit hat den F'eind des Vaterlandes, den 
laulien Kriegsmann, zu eineiu liebetrunkenen, 
schwachen Toren gemacht. Er hat seinen 
Liebesrausch mit dem Tode gebüßt. Doch 
um die Lippen der heldenstarken Siegerin 
zuckt es wie verhaltener Schmerz um ge- 
opferte Frauenehre. Auch der Schauder nach 
der grausigen vollbrachten 'Fat ist vom 
Künstler sprechend zum .\usdruck gebracht 
worden. 

lUienfalls in bezug aut malerische Quali- 
täten ist diese Judith eine köstliche Frauen- 
gestalt. Sie erinnert in ihrer phantastischen. 



40 



E5^ VERONESESTUDIEN »^Ö 



orientalischen Gewandinii,' und mit dem 
reichen, Hals und Haupt umtleclitenden Perlen- 
schmuck lebhaft an die märchenhaften Farben- 
dichtungen des Dosso Dossi. Ich denke 
hierbei insbesondere an dessen Zauberin Kirke 
in Rom und an seine Judith in Alodena. 

Das dritte an die Rückwand grenzende, 
leider schon etwas beschädigte Breitbild hat 
die biblische Szene zum X'orwurf, wo jener 
H a u p t m a n n v o n K a p h a r n a u m in der 
höchsten Besorgnis um das Leben seines 
Knechtes zu Jesus seine Zuflucht nimmt und 
ihn voll demütigsten \'ertrauens bittet, in 
sein Haus zu konmien und den Kranken zu 
heilen. Der ganze Vorgang ist mit bewunde- 
rungswertem Anordnungsgeschick in zwei 
CSruppen in den beschränkten Raum hinein 
komponiert. Die Gestalten heben sich als 
malerische Silhouetten scharf vom Himmel 
mit einem tiefen Horizont, zum Teil von 
einer Säulenarchitektur ab. Aus dem Kreise 
seiner [ünger. von denen jeder einen eigen- 




artigen Gharaktcrkopf zeigt, ragt mit hoheits- 
\-oller Würde der göttliche Meister als Haupt- 
person hervor. Er bildet das vertikale Mittel- 
lot der ganzen Komposition , welches den 
Eindruck gebietender, lebendiger Kraft erzeugt. 
Den Brennpunkt der rechten Gruppe bildet 
der greise, auf sein Knie gesunkene Haupt- 
mann. Ein kleiner Negersklave hält seinen 
Helm. Im Hintergrunde neigen sich die 
beiden Krieger, zwischen denen ein Apostel- 
kopfsichtbar wird. In absteigender, diagonaler 
Linie also wird die Bewegung zu Christus 
hingeleitet. Rechts oben im Gemälde er- 
scheint ein prächtiger Pferdekopf, der auf den 
zurückgelegten Ritt, also eine zum Stillstand 
gebrachte Bewegung hindeutet. Neben der 
satten Farbengebung ist besonders die vor- 
nehme Geschlossenheit der Komposition zu 
rühmen. Sie ist eine gute, vielleicht von Zelotti 
ausgeführte Replik zu dem in D r e s d e n b e f i n d- 
lichen Ölbilde Paolos gleichen \'orwurfs. 
An der linken Seitenwand des Zimmers 
entspricht jenem Breitgemälde die bib- 
lische Erzählung von dem ins Vater- 
haus zurückgekehrten verlorenen 
Sohne (Abb.^H. I, S. 20). 

Auch hier scheint mir Zelotti tätig 
gewesen zu sein. Die ganze Kompo- 
sition aber deutet unverkennbar auf 
Paolos Vorlage, auf seine novellistische 
Begabung, Charakterisierungskunst und 
seinen zeichnerischen Schwung hin. 
Besonders anziehend ist der Hinter- 
gi-und, der eine jener bekannten pal- 
ladianischen Palastarchitekturen mit 
großer Freitreppe darstellt. .\uf dieser 
steigt die Mutter des Heimgekehnen, 
von einer dienenden Frau geleitet, lang- 
sam hernieder. 

Das Gegenstück zur Judith bildet eine 
Konigin im Bußgewande in betender 
Stellung. Neben ihr liegt eine Krone 
auf dem I'ußboden. Das liebliche Haupi 
erglüht vor .\ndacht; die Rechte hat die 
Bül.ierin aufs Herz gelegt, die Linke 
hält sie in unterw ürtiger Gebärde aus- 
gestreckt. .Auch dieses F'resko, das vom 
.Meister \on N'erona selbst gemalt zu 
sein scheint, hat durch eingedrungene 
Nässe sehr gelitten und viel \on seinem 
ehemaligen Farben schinmier eingebüßt. 
Damit wäre der malerische Schmuck 
der \'illenr,iinne besprochen. Selbst 
die StiiViten der Ställe dieses Landsitzes 
soll Paolo mit I-resken geziert haben.') 



r.M(R/U,ü.\A 



KAriii;i)K,M,i-: 



Eittgan^ in die Saln ( 'of>itiititr 



') Paolo VcroiK'SC, siia vita c sue opeie, studi slo- 
ricocstcdici di|HctroCaliari, Koma 1888, Seite 1 52. 



S!5S.« VliRONESHSTUDIEN »"SSÖ 



41 




JOSEPH GUNTERMANN 



KIRCHE ZU SCHI.OSSBERG NÄCHST ROSENHEIM 

rrcsf'yteriuiit nttd Choy.iuiytii {\'gl. Bril. S. /'' 



Sie waren mir aber leider nicht zugänglich. 
Diese an sich bescheidenen Mitteilungen des 
\'erfassers dürften hoftentlich hinreichend dar- 
gelegt haben, welche Schatze paolesker Kunst 
bislang der kunsthistorischen Forschung un- 
bekannt geblieben sind. ') Die Gemälde der 
Villa »Da Mula« sind auch berufen, neben denen 
zu Maser und Fanzolo das noch sehr karglich 
bearbeitete Kapitel über venezianische l'resko- 
kunst zu vervollständigen. Denn da in der 
Lagunenstadt die feuchte Seeluft alle Reste 
dieses einzigartigen Kunstzweiges, auch jene am 
Fondaco dei tedeschi.c, bis aut unkenntliche 
Spuren ausgelöscht hat,^) so müssen die Stadt- 

') Doppelt wichtig erschien mir die pliotograpiiisclie 
Aufnahme der Frcsl<en, da sie ilir gegenwärtiger Besitzer 
auf Leinwand zu übertragen und nach England zu ver- 
kaufen gedenkt. 

") Eine leidliche Anschauung dieser untergegangenen 
Herrliclikeit vermittelt: Zanetii, A. M , \'arie pitture a 
fresco de principali Maestri Veneziani .. . X'enezia 1760. 



paläste und N'illen des venezianischen F'est- 
landes ergänzendes Material hergeben. 

Mühevolle, aber unvergeßliche, köstliche 
Wanderungen, die ich im F'rühiing vergan- 
genen Jahres in Vcneziens Gartenfluren unter- 
nahm, wm'den mit reicher Ausbeute belohnt. 

Mit der allmählichen V'eröftentlichung dieser 
Forschimgen hätte ich neben dem Hauptzwecke, 
der Kunstgeschichte zu dienen, auch einen 
zweiten, mehr idealen, im Auge. .Möcitten 
nämlich diejenigen jungen Künstler, denen 
ein Studienaufenthalt in Italien vergönnt ist, 
durcii diese Zeilen angeregt werden, womög- 
lich von Pontebba aus die venezianischen 
Provinzen zu Fuß zu durchstreifen. 

Unvergleichlich wechselvoll ist einmal in 
diesen Gauett der Charakter der Landschaft, 
die zum größten Teil noch der künstlerischen 
Lntdeckung harrt. Fincn ganz eigentümlichen 
Zauber \erleihen der üppiggrünen veneziani- 



42 



S5^ VERONESESTUDIEN »^33 



sehen Caiiipagna die breiten Kanäle, die sich 
wie ein Silbernetz weit und breit über das 
Land spinnen, und die mit dem Mutterschoß 
des Meeres in \'erbindung stehen. Lautlos 
kann man auf diesen Wasserstraßen in Fischer- 
kähnen, deren malerische, braunrote Segel 
sich scharf vom leuchtenden Azur des Hinunels 
abheben, bis in die Xiihe der in klassischen 
Formen sich aufbauenden, lichtgrünen \'or- 
bcrge dahingleiten, /erfallende Palladio\illen, 
schattendunkle (jartenwildnisse und friedliche 
Dörfer mit weilkn. schlanken Glockentürmen 
spiegeln sich in der klaren Flut . . . Und 
die fernen, dämmerblauen Alpenketten mit 
ihren blinkenden Silbersäumen fügen eine selt- 
same, träumerische Xote in den leuchtenden 

Farbenstrauß Nur beiläufig sei hier auf die 

herrlichen Natureindrücke hingewiesen, die 
auch Kunstliebhabern das \'crständiiis mancher 



Meisterschöpiung \enezianischer Malerei ver- 
mitteln und erschließen dürften. Denn Bellini, 
Giorgione, Tizian, Gima und andere Große der 
venezianischen Kunst verdanken nicht wenig 
dem Stimmungszauber jener Landschaften. 

Möchten sich vor allem unter jenen Kunst- 
jüngern, welche \'enezien durchwandern wol- 
len, taten frohe Feuerköpfe befinden, die sich 
von Paolos herrlichen Freskomalereien derart 
begeistern lassen, daß ihnen der kühne \\'urt 
glückt, in Deutschland diese fast ganz ver- 
gessene und vernachlässigte Maltechnik zu 
neuem Leben zu erwecken und sie in deutschem 
Gepräge besonders für die Ausschmückung 
der Gotteshäuser dienstbar zu machen.') 



') Aus Raummangel und zum Teil aus technischen 
Gründen konnten wir leider nur einen kleinen Teil der 
zu diesem Artikel gehörigen Photographien reproduzieren. 

D. R. 




JOSKPll ÜCN'TKK.MAXX 



\V.\NI>i;LMÄLl)li IS SCHl.OSSHliKG X.\CHST KOSliXHlil.M 
A'rftizi\'uil^ (ygt. Beil. S. V) 



IX. IN'I'l'RNATIONAI.r, KUNSTAUSSTI-LLUNG I\ NttATURM 1905 43 




JOSKPH (;üntkrmann 

C/ir/s/;(S in di't 



WANDGEMÄLDE IM SCHI.OSSBERG BEI ROSEN'UEIM 
Ntich (Utn Karton (l'^^t. Britagt- S. V) 



IX. INTERNATIONALE KUNST- 
AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1903 

Von FRANZ WOLTliK 

(Fortsctzuno;) 

Als achtungi;cbic-tcndij Leistungen erscheinen 
auch alle die soliden Bildnisse, wie sie Paji- 
p e 1" i t z , H o 1 ni h e r g , Gl ü c k I i c h , Fabian, 
Erdtelt, Rauher und Karl Alhreciit 
"cschallen haben, die einer nialerisciieii An- 



schauung, einem gemalten Bericht entsprechen 
und keinem sklavischen Objektivismus, der 
kalt und frostig wirken muß, weil ihm jedes 
Temperament fehlt. Auch die Bildnisse Alex. 
Fuks' verdienen besondere Beachtung und 
ist namentlich das Portrat der Gattin de.s 
Künstlers eine überaus vornehme und künst- 
lerisch geschmackvolle Leistung im Farben- 
arrangement und der zarten und dennocli 
kräftigen Modellierung. 

Die Ursachen jenes ehrlichen Strebens dieser 



44 



IX. INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 190 



Maler zu erforschen, führt uns bei näherem 
Betracliten in das Wesen der nationaldeutschen 
Kunst. Ihre Eigenschaft beruht ja hauptsäcii- 
lich darin, daß sie sich gegen die große Welt 
abschließt, weil die strenge Gewissenhaftig- 
keit es ihr direkt verbietet, etwas darzustellen 
oder zu verkörpern, bevor ihr nicht die ein- 




»SaCDER, 






GUNTEUMANN 



/einen Teile, selbst die minimal ersclieincnden 
Nebensächlichkeiten, vollständig vertraut sind. 
Fassen wir ihr Wesen kurz und sagen: sie 
ist intim. In dieser Intimität liegen auch 
ihre Vorzüge und ihre (jrenzen. Diese Kunst 
wird jene Menschen stets befriedigen, die in 
der liebevollen Beobachtung der Natur mul 
ihrer innigen Umfassung für den köstlichen 
Reiz und den unsagbaren Duft der unschein- 
barsten Gegenstände einen Hauptieil der Kunst 
sehen; sie wird aber auch alle die nicht 



5 



befriedigen, welche oberflächlich veranlagt, 
weniger stark von Gemüt, nur einen Über- 
blick über das Ganze verlangen und nur rasch 
genießen wollen. Als charakteristische Bei- 
spiele des hier Gesagten sehen wir zwei 
Künstler, einen jeden in seiner Art, ihre eigene 
Welt erfassen und schildern. So ist Karl 

Seiler mit 
zwei vorzüg- 
lichen Wer- 
ken der Klein- 
malerei ver- 
treten, von 
denen na- 
mentlich 'Die 
Siegesnach- 
richt in der 
lebendigen 
Auffassung 
der Situation 
bereits Zeug- 
nis von dem 
Können die- 
ses Meisters 
ablegt. Franz 
S i m m hat zu 
den bereits be- 
kannten und 
schon bei Ge- 
legenheit der 
Kunstvereins- 
ausstellung 
näher geschil- 
derten Bil- 
dern eines 
hinzugefügt, 
das ihn um 
einen großen 
Schritt weiter 
zeigt. Man 
spürt deut- 
lich, wie der 
Meister zu 
dem Werke 
»In der Apo- 
theke«, das 
ebenfalls, wie 
last alle Moti\e dieses Malers, im i:nipire- 
charakter ist, die eingehendsten Studien ge- 
macht hat, und daß es dem Künstler gelang, 
aus all den Einzelheiten ein Ganzes zu bilden, 
welches in seiner Gesamtwirkung unter diesen 
Details nicht leidet. 

Das Gebiet des Stillebens ist sehr reich 
besetzt und versuchen sich neuerdings eine 
Reihe Künstler aul diesem. Immer sind noch 
diejenigen, welche den Bahnen altmeisterlicher 
Tradition folgen, gegenüber den neuen im 



m\ H0ER6I \/WD ANT^^NENTh^^ w^ 



i^m 



WANDGEMÄLDE IX SCHLOSSBKIU; NÄCHST ROSENMEIM 
Die /vlugeti yuu_^fraueii (Vgl. Beiitti^e S. l'J 



IX. INTl-RNAriOXAI-l". KLXSTAUSS'H-.LI.L \(; IX MUXCIIEX 19O) 



45 



Vorteil, da ihre Stilleben eine künstlerisch 
dekorative Wirkung besitzen, ein wichtiger 
Faktor, den jedes Kunstwerk als uraltes, nicht 
umzustoßendes Cjesetz in sich schlielJen muß; 
das Stilleben aber zu allererst. G. H. K richel- 
dorl ist als einer der ersten X'ertreter des 
Faches zu nennen, dei' namentlich in der 
ganz prächtig und überaus geschmackvoll 




)OStl'H GL'XlhKMANN 



W.^XÜGEM.M.ni: IN 
Die kliigi-n yint^fmuen {~'^L Beil, 



arrangierten Tafel mit Pfau, Hummer und 
sonstigen Leckerbissen eine Tiefe und Kraft 
der Farbe erreicht wie die besten alten Xieder- 
liiiider. Ferner sind zu erwähnen Fischer- 
Ei p o n s , Karl .A 1 b i- e c li t , Her m a n n - .\ 11 - 
gäu, V. Carstens und C. Thoma-H li feie, 
welch letzterer bedeutende Fortschritte ge- 
macht hat. Fine griWJere Zahl Interieurstudien 
gehören eigentlich auch hierher; die noid- 
triesische Bauernstube von Rieh. Hagn und 
selbst Klaus Meyers Besuch- wirkt trotz 
der etwas verzeichneten Figuren, die man 



ihm lieber geschenkt hätte, als eine vornehme 
Perle derStdlebenmalerei. Einen Schritt weiter 
auf dem Genregebiet geht iMa.K Gaisserin 
den auf die Flut wartenden Fischern. Er tritt 
gleich vor die Natur und sucht unter den 
Typen holländischer Schiffer und Fischer, 
malt sie von Ficht und Luft umflossen in der 
inigeschminkten i-infachheit der niederiändi- 

sclien Rasse. Es 
ist Gaisser gerade 
in diesem Bilde 
gelungen, eine 
klare Farbe mit 
prickelnder Tech- 
nik zu vereinen 
und eine vortreff- 
liche Silhouette 
zu erreichen. Vir- 
tuosität allein 
tut's nicht und so 
steht man eigent- 
lich recht kühl 
und empfindungs- 
los vor den ge- 
schickt gemal- 
ten Bildern J. v. 
B r a n d t s , Ko- 
walskis, B a r- 
t i a n i n i s und 
.■\ 1 e X a n d e r v. 
Wagners. — 
\ CHI den reli- 
giösen Stoffen ist 
F r. S c h m i d - 
B r e i t e n b a c h s 
Anbetung der 
Hirten« beson- 
ders zu nennen 
ob der andachts- 
vollen Wirkung 
imd der inneren 
Religiosität, wel- 
che dem schlicht 
gemalten, dafür 
um so ehrlicher 
gewollten Werke 
entströmen. — Xaturgemäl.^ nimmt die Land- 
schaft auf modernen Ausstellungen den brei- 
testen Raum ein, und wir tretlen auch 
hier her\-orragende Leistungen. Ph. Roth, 
C). St r ü t z e 1, S c h i 1 d t ^ M. E. G i e s e , 
Aug. Fink, L. Schönchen. Ludwig und 
Josef Willroider zeigen sich von ihren 
besten Seiten. Als Tiermaler brillieren so- 
wohl Koester als Grässel. der Berliner 
Paul .\Ieverheim schneidetmiteinem Löwen- 
paar diesmal wenig günstig ab, dafür inter- 
essiert unser lulius Adam als bewährter Maler 



SCIll.OiiBI.IU, NÄCHST RÜSI-.SHI.IM 

5. rj 



Die clirisil'ctie Kunst II, 



46 



IX. INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1905 



des Katzengeschlechtes desto mehr. Er ist 
wohl der einzige, der die geliebten Hiuistiere 
sowohl auf ihre Charaktereigenschalten als 
auch auf die Struktur bis zunt Knochenbau 
studiert und sie immer wieder in den ihnen 
eigenartigen Bewegungen, bei Wahrung der 
Rasse wiederzugeben versteht. 

Die Sezession ist nicht so glänzend ver- 
treten wie in 
Irüherenjahren, 
obwohl sie eini- 
ge bedeutende 
Kunstwerke ent- 
halt, auch macht 
sicii das Streben 
zu stark bemerk- 
bar, nur Bilder 
für die Ausstel- 
lungen zu ma- 
len. Kunst aber 
alsAusstellungs- 
zweck allein 
ist ein Unding. 
Wohin sollen 
die Kunstwerke 
wandern, wenn 
sie nicht für 
Wohnräume er- 
dacht sind, auch 
in denselben 
schon aus rein 

dimensionalen 
Gründen nicht 

untergebracht 
werden können? 
i'ranz Stuck 
ist einei' von 
denen, die mit 
krältigem Grill 
das gute Alte 
in persönlichem 

Geschmacke 
verwerten. Sein 
orößtes Bild, das .i-^-i'" ^l..iu.ma:,x 

jeder wohl schon 
aisalten Bekann- 
ten begrüßt, hat versciiiedene Wandlungen 
durchgemacht. Jetzt heißt es: > Orest und die 
Hrinnyen . Viel besser ist das Thema nach 
den Umarbeitungen auch nicht geworden, nur 
hat .Stuck das Blau und Rot der flatternden 
Gewänder und das helle fleisch der Erinn\-en 
gesteigert und eine angenehme farbensatte 
Wirkung erzielt, dafür die Form mehr oder 
weniger geopfert. Noch stärker ist die deko- 
rative Art ausgesprochen Inder ; A'erwundeten 
Amazone s und der; Bacchusszene':. Heinrich 
Knirr macht mit dem vornehmen Danieii- 



bildnis in reich ausgestattetem Salon einen 
intimeren Eindruck imd man kann bei ihm 
jedesmal verfolgen, wie er sich Mühe gibt, 
neuartige und aparte Probleme zu lösen. 
Hierl-Deronco wirkt in seinen beiden Bil- 
dern aber doch etwas zu bunt und theater- 
haft. Exter hat ebenfalls in Gottfried Kellers 
; Tanzlegendchen« der Buntheit und der grellen 




D WMCHS«M*DE,MN IHR WiSSET NICHT WANN DERH^RR 



WAN'lK.l.MAI.lJl. l\ hl.lll.OSSIlliUG N.\CHSr KÜSI.SIILl.M 
■ichti-ti yiniff/t-auen (l\i:l. liril. S. VJ 

Bilderbogenfreudigkeit keinen Einhalt getan, 
wodurch eine Unruhe in dem vielleicht kühn 
gewollten Triptychon erzeugt wird. Exter 
ist ein Talent, das sich an zu verschieden- 
artige Dinge heranwagt, zu nervös einmal 
dem einen Phantom und dann wieder dem 
anderen n.ichjagt, anstatt nur seiner Krait zu 
trauen und die(ji'enzen dieser Kr,ilt und seines 
Könnens nicht zu überschreiten. In dieser 
weisen Mäßigung liegt schon Künstlerschalt, 
und Ludwig von Zumbusch köimte hier 
zum X'orbild dienen. Es steckt noch yute 



IX. INTERNATION.\I.l-: KUNSTAUSSTELLUNG IN MUXCHIiN 1905 



Kuiisttradition in sciiiun Werken und er ver- 
steht es, mit den einfachsten schhclitesten 
Mittehi gleicli den :dten Meistern <,'ro(k' Wir- 
i<ung zu erzielen. Die kleine Johanna«, auf 
rotem l^änkchen im Garten sitzend, verdient 
besondere Beachtung ob der Sinnigkeit, mit 
welcher der Maler die holde Naivität, das 
Unschuldsvolle des Kinderantlitzes verkörpert 




VSES Ko/W DAMiT U{ ^CH NIQ^T S^\PRm RNDE /^RK. B. 



tJMUMt*!^*.^»,^ 



JOSHPIl GUNtKUMAW 



WANUl.bMAI.Dl-, IN 
/'/(■ törichten yitnff/raueii (Vgl. Beil. 



hat. In diesem Werke sehen wir deutlich 
noch das gemeinschaftliche Band, welches 
uns mit den grolien Künstlern der \'ergangen- 
heit verbindet und wodurch Zumbusch über 
dem Wechsel der Mode steht. Weniges ist 
in der Sezession an seine Seile zu stellen und 
selbst die ganze la presto-Malerei Zügels mul.^ 
zurücktreten. Und doch, was war und ist 
noch dieser Meister der 'liermalerei . eine 
Kraftnatur in seinen älteren Werken. Leider 
müssen die heurigen Bilder als schwache parerga 
in dem reichen .Schallen Zügels bezeichnet 



werden, die suhlenden Schweine- beweisen 
es vollständig. Über Liebermann und Kalck- 
reuth, Dettmann, Trübner, W. Leisti- 
kow, die als Gäste bei der Sezession ausge- 
stellt haben, ist nur zu sagen, daß sie mit 
unbedeutenden oder wie Trübner mit miß- 
lungenen Arbeiten vertreten sind, überhaupt 
haben die Alten der Sezession es sich ziemlich 

leicht gemacht 
bei diesem inter- 
nationalenWett- 
streit. Viel bes- 
ser als nur je ist 
Leo Sanib er- 
ger in seinen 
Porträts, er hat 
vor allem eine 
frische Farbe an 
Stelle der brau- 
nen Töne ge- 
setzt und dies 

allein wirkt 
schon sympa- 
thisch. Hin vor- 
zügliches Bild- 
nis, an welchem 
der flüchtige Be- 
schauer jedoch 
leicht vorüber- 
gehen kann, ist 
die Dame in 
Schwarz von 
Charles Ul- 
r i c h. Da ist 
malerische und 

zeichnerische 
Qualität aufs 
glücklichste ver- 
einigt und als 
.\Lilerei positiv 
gekonnt wie bei 
Leihl. dem das 
Bildchen auch 
wahrscheinlich 
seine Entsteh- 
ung verdankt. 
F.s soll nun eine Andeiuung der Ähnlichkeit 
mit einem anderen Meister durchaus kein Tadel 
sein, sowohl bei diesem als anderen Werken, 
denn es gibt keinen Künstler, der modernste 
nicht ausgeschlossen, welcher nicht entweder 
von alten, älteren oder zeitgenössischen Mei- 
stern etwas atigenommen hätte. Dieses, was 
man als Anregung oder- Anlehnung . bezeich- 
net, ist ja eine naturnotwendige Folge unserer 
ganzen menschlichen Kultur überhaupt. Und 
so müssen auch die Bilder Kusch eis betrachtet 
werden, unter denen wir die reizende Früh- 



scill.ossm.m, NACliSi Kt)SENHEIM 
.S-. V) 



T 



4« 



©^ EIX PFARRKIRCHEXI^AL' NOX DO.MIXIKUS ZIMMl-RMAXX ?^a 



lingsidvlle aus der Kollektivausstellung bei 
Heinemann freudigst begrüßen. Kann man 
auch Kuelil noch ob seines technischen Kön- 
nensanstaunen, so sieht man, wieSchramni- 
Zittau, Hoelzel. Hayeck und selbst An gel o 
Jank in einer Sackgasse angelangt sind, aus 
der sie sich selbst nicht mehr herausfinden. 
Es ist überhaupt interessant zu verfolgen, 
welche Irr- und Umwege die heutige Malerei 
in den letzten 50 Jahren gemacht hat, um, 
wie dies sich schon bei den Einsichtsvolleren 
zeigt, zu den Problemen der Alten zurück- 
zukehren, damit aber ist gar nichts anderes 
bewiesen, als daß die Malerei, solange sie 
mit dem einmal vorhandenen Material der 
Farben und Bindemittel wirtschaften muß, von 
ganz bestimmten Forderungen gar nicht ab- 
weichen kann. 

(Forts, folgt) 

EIN PHARRKIRCHENBAU VON 
DOMINIKUS ZIMMERMANN 

Von A. SCHRÖDER 

rAerW'essobrunner B.iumeistcr und Stuckator 
L-' D o m i n i k u s Z i m m e r m a n n (1685 bis 
1766), Bürger zu Landsberg, hat sich durch seine 
originellen, von echtem Rokokogeist getrage- 
nen Kirchenbauten einen berühmten Namen ge- 
macht. Er gilt mit Recht als »der größte Bau- 
meister der Wessobrunner Schule :. Unsere 
Kenntnis von Bauwerken Zimmermanns be- 
schränkt sich bisher auf Kloster- und Wallfahrts- 
kirchen. In Siessen bei Saulgau in Württem- 
berg baute er 1726 — 28 den Dominikanerinnen 
eine Kirche, sein ungewöhnlich schönes Gottes- 
haus ;. Auf ihn ist wohl auch die Cister- 
cienserin n enkirche S e 1 i g e n t h a 1 i n L a n d s h u t 
zurückzuführen, die 1732 — 34 erbaut wurde; 
die Mitte des Langhauses ist hier querschitl- 
artig ausgeweitet und mit je zwei Dreiviertel- 
säulen in den Ecken der \'ierung ausgestellt. 
Was mich außer dieser zentralisierenden 'Fen- 
denz bestimmt, den Bau mit Dom. Zimmer- 
mann in \'erbindung zu bringen, ist die ge- 
schweifte Form der Attika und insbesondere 
die Stuckatur, die, soweit die blol.^e Erinne- 
rung ein Urteil gestattet — ich hatte keine 
Abbildungen von gesicherten Stuckaturen des 
Meisters zur Hand — entschieden auf ihn 
hinweist. Zwischenhinein fällt der Bau 
der Wallfahrtskirche .Stein hausen (würt- 
temb. ().-A. Waldsee) 1728 — 31, einer ausge 
sprochenen Zentralanlage von elliptischer 
Grundform; hier zuerst hat Zimmermann für 
das Gewölbe des Langhauses einen eigenen 
Stützenapparat aufgeboten, indem er parallel 



zu den Umfassungsmauern Freipfeiler in der 
Runde errichtete und sich infolge der Ent- 
lastung der Umfassungsmauern die für die volle 
Wirkung des Rokokointerieurs wesentliche 
Möglichkeit großer und weiter Fensteraus- 
schnitte schuf Das System der Befensterung 
hat der Meister sodann am prächtigsten durch- 
geführt in der Wallfahrts- und Stadtkirche 
zu Günzburg a. D. 1735 — 41. woer wiederum 
das Langhaus zentralisierend gestaltet hat durch 
Ausweitung der Mittelpartie und durch Ab- 
rundung der Ecken. Den höchsten Triumph 
aber feiert der Rokokogedanke in der Wall- 
f;ihrtskirche Wies bei Steingaden in Ober- 
bayern, 1746 — 54. Hier erscheint vollends 
das architektonische Gefüge : in ein Svstem 
luftiger Bögen aufgelöst:, die zwischen den 
den Mauern frei vorgesetzten Säulen ge- 
spannt sind. Um dieselbe Zeit erbaute Zim- 
mermann die kleine Johanneskirche in Lands- 
berg. 

Bei Wallfahrtskirchen hat man die zentrali- 
sierende Anlage häutig angewendet. Und 
keiner der süddeutschen Baumeister hat sie 
in dem Maße im Geiste des Rokoko gehand- 
habt wie Dom. Zinnnermann. Da ist es nun 
von Interesse, zu verfolgen, wie sich dieser 




|L I.liS l..\G.\i; BILDNIS DliS HKRKK I.. l.ütiUIME 

/A'. httentatiotiiile Ktittstausiletlting in IHiirichcn tgoj 



E!^ ]-l\ PI ARKKIRCIII-XBAU VC^' DOMIXIKL'S /I.\1MI;RMA\X i-Ji« .|9 




MA\ I^L.M, 111:1. 



KKl.U/.AliN.VIlMi: 



/,\'. hitfriintii'iuite Knust, titsxti'l^uii^ in Mniithfit Itjoj 



Meister das Piarrkirchciischema zurecht- 
legt. — 

Wer die Donautiilbalm von Donauwörtii 
aufwärts belälirt, wird mit Wohlgefallen das 
Auge auf der Pfarrkirche der Station Tapf- 
heim ruhen lassen. Ein stattlicher Bau mit 
wohlproportioniertem Kuppelturm und gut 
gegliedertem Westgiebel bietet sich den Blicken 
dar. Bauherr war das reiche Cistercienser- 
stift Kaisheim, das hier die Ortsherrschaft, 
zwei Drittel vom Großzehnt und das Patronats- 
recht inne hatte. Stiftungsrechnungen aus der 
Zeit der Erbauung haben sich nicht erhalten. 
Doch ist die Bauzeit festgestellt durch eine 
Steininschritt an der Nordostecke des Lang- 
hauses mit den Buchstaben C A.Z. K. (Cölestin 
[Mermos] Abt zu Kaishciiii) uiul der jähr 
zahl 1747. 

Als Bau meiste r kann nur Dom. Zini m er- 
mann in Betracht kommen. Sein Stil weist 
so bestimmte, charakteristische Züge auf, daß 
ein Stilgraphologe nicht in N'erlegenheit 
kommen kann. Der .Meister \err;it sich in 
Tapfheini deiulicii in den Peiisicrlornicn, in 
der Schwfilung der Kapitelle an der Pilaster- 



architektur des Außenbaues, in der Prolilbil- 
düng des Gebälkes und in dem Streben nach 
zentraler Ausweitung des Mittelraumes, das 
hier freilich mehr angedeutet als konsequent 
durchgetührt ist. 

Die Pfarrkirche zu Tapfheim überrascht im 
A u i.^e n h a u (Abb. S 50) durch die originelle Bau- 
anlage, dui'ch die sehr sorgsam durchgeführte 
Pilastergliederung mit dem reichprolilierten 
Kranzgesims und durch die reiche und gefällige 
Umrißlinie des Fensterausschnittes. Man glaubt 
auf den ersten i51ick, wenn man sich von Nord- 
osten her der Kirche nähert, eine wohleiit- 
wickelte Querschithtnlage vor sich zu haben. 
Ostlich vom Langhaus, an der Nordseite des 
Ghores springt ein Querbau von der Höhe 
des llauptbaues kräftig über die Fluchtlinie 
des Langhauses und noch mehr über die des 
eingezogenen Chores vor. Bald überzeugt 
man sich indes, daß es sich liier niciit um 
ein eigentliches Querschitf handle; denn an 
der Südseite des Chores nimmt der Turm 
die Stelle des Quersciiifflügels ein. Der 
Querbau im Norden des Chores birgt in zwei 
(jeschossen unten die Sakristei, oben ein 



so 



©B< EIN PFARRKIRCHENBAU \'(A' DdMlXlKUS /I.MMF.RMAXN ?^Ö 



C^ratorium. Zimiiicrmann liiit also durch 
den Querbau geschickt und originell das 
Problem gelöst, diese Räumlichkeiten mit 
einem einschiffigen und eintiirmigen Kirchen- 
gebäude architektonisch xu einer F.inheit zu 
verschmelzen. Zugleich \erleiht er dadurch 
dem Ostbau der Kirche ein imposantes 
Aussehen. 

östlich von Querbau und Turm ist der 
C.hor hinausgebaut, in reinem, prächtig ge- 
schwungenem Halbrund schliel.V'nd. 

Alle Verhältnisse des Außenbaues sind 
vorzüglich zu einandergestiinmt und gewähren 
dem Auge eine vollkommene Befriedigung. 
Es weht ein Hauch edlen Renaissancegeistes 
aus dieser Harmonie der [-"roportionen. 




PFAKKKIRCHIi ZU T.\PE'Hri.M, OSTPAKTIE 



Tretilich und klar baut sich auch der Turin 
in drei sich verjüngenden Vierecksgeschossen 
aut, das mittlere mit konvex abgerundeten, 
das obere über geschweiftem Gesimse mit 
kräftig konkav eingezogenen Ecken, darüber 
eine vierseitige, an den Ecken abgeschrägte 
Zwiebelkuppel; das Ganze ein sehr gefälliges 
und originell behandeltes Bauwerk. 

Am Langhaus ist die mittlere Partie, selbst 
geradlinig verlaufend, durch geschwungene 
Übergänge um ein Geringes vorgesetzt. Die 
Westhtssade, zugleich Eingangsseite, zeigt 
einen barocken \'olutengiebel von gut ge- 
gliederter Umrißlinie. Der Portalbau ist un- 
vollendet geblieben und war von vornherein 
schwächlich angelegt; Fernwirkung konnte 
bei den Terrainverhältnissen nach dieser 
Seite hin nicht beabsichtigt werden. 

Wohl aber ist die Ostpartie darauf 
berechnet, dem ganzen Dorf zu bedeut- 
samer Zierde zu dienen. Sie legt sich 
der breiten Straße, zu deren Seiten die 
Wohnhäuser gelagert sind, als Abschluß 
vor. Tapfheim ist ein ; Straßendorf . ; 
in langer Reihe schließt sich Siedelung 
an Siedelung, alle mit der Giebelseite 
der Wohnräume der Straße zugekehrt. 
Konnte also das Gotteshaus infolge 
dieser aut die ursprüngliche Besiedelung 
zurückgehenden Anlage — die. neben- 
bei bemerkt, für das hohe .\lter der 
Straße, für ihr ^'orhandensein vor der 
Gründung der gewiß alten Niederlas- 
sung spricht — nicht den Mittelpunkt 
des Dorfes bilden, so wollte man ihm 
doch den vorzüglichsten Platz sichern. 
Man errichtete also die Kirche als End- 
und Zielpunkt der ganzen Ansiedelung; 
auf sie führt alles hin, sie setzt der i5e- 
wegung das Ziel, und, an das Ende 
einer langen Doppelzeile gestellt, zu- 
gleich etwas erhöht und den breiten 
treicn Straßenraum zwischen den zwei 
1 läuserreihen abschließend , beherrscht 
sie mit ihrer Ostfront die ganze Siede- 
lung. Auf diese dominierende Stellung 
li.u Zimmermann Rücksicht genonmien ; 
ilir zuliebe hat er gerade die (^stpartie 
so reich gegliedert, so imposant ausge- 
staltet. Es war dem 19. Jahrhundert 
vorbehalten und — - einem königlichen 
Bauamt, den prächtigen Anblick durch 
ein quer vorgelegtes amtliches Gebäude 
so gründlich als nu')glich zu zerstören. 
Man muß nunmehr die Dachböden der 
Häuser aufsuchen, will man sich über 
die .Absichten des Baumeisters klar 
werden I 



©^ EIN PFARRKTRf.IIF.NBAU VON DOMIN'IKUS ZIMMF.RMANX f^A^, 



:i 



Clior und Langhausseiten werden durch 
eine stattliche, maßvoll aushidende Pilaster- 
architektur mit reich abgestuftem korinthi- 
sierendem Gebalk aufs glücklichste belebt. 
Lisenenartige Streuen mit Kämpfergesimsen 
umziehen die Fensterund machen nach guter 
Rokokoart bei den geschweiften Fensteraus- 



risses fest: er ist durch Bündelpilastcr aus- 
gezeichnet, während sonst einfache Filaster 
angeordnet sind, und die sehr stattlichen 
Fenster (von 5,60 m Höhe und 1,80 m durch- 
schnittlicher Breite), zwei auf jeder Seite des 
Mittelraumes, haben hier die fürZ im m e rm a n n 
so charakteristisciicgeschweifte Ausschnittform 




PFARUKIRCHE ZU TAPFHEIM 
S/;tckti//t?-t'/r an cit:r Decbctiwblbitng 



schnitten, diemit geradlinigen wechseln, getreu- 
lich alle Schwingungen der Umrißlinie mit. — 
Die M a ß V e r h ä 1 1 n i s s e des I n n e n - 
raumes sind gut. In wohliger Weite dehnt 
sich der Ciemeinderaum aus. Etwas kräftigere 
Höhenentwicklung würde ihm freilich zu 
statten kommen. Die Gesamtlänge der Kirche 
beträgt 38 m, wovon 14,30 auf den C^hor ent- 



fallen; die Breite des Langhauses 



50, die 



des Chores 8,55 m; die Höhe 12,50 m. Der 
Chorbau ist mit dem Langhaus auis innigste 
verbunden durch die konkave Schwingung 
der Einziehungslinie. 

Der auch im Innern etwas erweiterte Mittel- 
raum des Langhauses hält den zentralen Ge- 
danken auch in der Gliedei'uniJ des A u f - 



(oben halbkreisförmiger Abschluß, darunter 
henkeiförmige .\usweitung, darauf geradlinig 
abwärts, im untern Drittel eine kleine, gerad- 
linig verlautende Erweiterung und als unterer 
Abschlul.i zwischen seitlicher, konvexer Ein- 
ziehung ein Segmentbogen). Die Decken- 
wölbung des Langhauses (Lattengewölbe) ist 
im Korbbogen mit Stichkappen geführt und 
entbehrt der architektonischen Gliederung; 
über das Chorquadrat legt sich eine auf Hänge- 
zwickeln ruhende Flachkuppel, über der Apsis 
wölben sich drei Kappen. 

Die Dekoration des Innern durch Stuk- 
katur und Freskomalerei ist nicht gleichwertig. 
.\n der Stuckierung war ohne Zweifel Dom. 
Zi mm er mann beteili"t. Seiner .\rt ein- 



S!^ EIN PFARRKIRCHENBAU VON DOMIXIKUS ZI.MMF.RMAW ^^a 



spricht die sehr dei^orative Behandlung der 
Pilasteri<apitelle mit den nach einwärts ge- 
kehrten \'oluten, die schwungvolle Stuck- 
bekrönung über den Fenstern und die äufkrst 
riotte Wappenkartusche über dem Chorbogen. 
Auch die übrigen Stuckaturen des Langhauses 
dürften von ihm herrühren. Voriierrschend ist 
das Muschelmotiv in leichten, zierlichen Formen 
mit scliarf ge- 
zackten Rändern. 
Dal.'die.Stuckatur 
allzu spärlich aut 
tritt, daß sie nicht 
mit der für Dom. 

Zimmermann 
geradezu be- 

zeichnenden \'ir- 
tuosität die Aul- 
gabe der\'ermitt- 
limg zwischen 
dem architek- 
tonischen Autril.^ 
und der deko- 
rati\en Behand- 
lung der Dek- 
ke übernimmt, 
wie in Stein- 
hausen , Günz- 
burg und Wies, 
wo eine deko- 
rativ gehaltene 
(iiebel-. Balu- 
straden- imd Ge- 
simsarchitektur 
in .Stuck zugleich 
den Rahmen 

des üeckentres- 
kos bildet, daran 
ist ohne Zwei- 
iel die Sparsam- 
keit des Bauherrn 
schuld, der für 
die Dekoration 
nicht jene Mittel 
bereit stellte, mit 
denen Zinmier- 
mann zu rechnen 
gewohnt war. 

Die Ausmalung in Fresko besorgte Anton 
Fn d e rl e in Günzburg(Mittel(Vesko bezeichnet: 
Anton Fnderle pinx.). den wir iiiei' wiederum, 
wie einige Jahre \orher in der Frauenkirche 
zu Günzburg, mit Dom, Zimmermann in \'erbin- 
dung sehen. Da die Gurtbogen fehlen, so 
erwartet luan ein die ganze Langhausdecke 
einheitlich zusammenfassendes Gemälde; aber 
CS ging wohl über die Kräfte dieses mäßig 
begabten Malers, eine so große Fläche künst- 




(;i;OUÜlNH SCHWARIZIi 



IX. InterttatioftaU KunstaussttUiing in Mihtchfn I()os 



lerisch zu bewältigen, und so hielt er sich 
an das damals schon etwas veraltete Schema, 
drei getrennte Fresken an die Decke zu 
malen, wovon das mittlere größeren Umfang 
hat. Fresken in der Flachkuppcl des Chores 
und deren Hängezwickeln, in den Stichkap- 
penzwickeln und an den Brüstungen der 
beiden Emporen vervollständigen den maleri- 
schen Schmuck, 
ohne jedoch aus 
dem aut ein ande- 
res Dekoration.s- 
schema berechne- 
ten Langhausge- 
w i)lbe alle leeren 
Flächen bannen 

zu können. 

Zimmermann 
hält im Pfarrkir- 
chenbau zu Tapf- 
heim an d(;m iür 
diese Gattung 
\on Kirchenbau- 
ten traditionellen 
Longitudinalbau 
fest und be- 
schränkt seine 
zentralisierende 
Tendenz aut ein 
leichtes ^'orset- 
zen des .Mittelrau- 
mes und die rei- 
chere Ausgestal- 
tung desAufrisses 
innerhalb die- 
ser Mittelpartie. 
Fr legt, nament- 
lich im Aul.sen- 
bau, einen feinen 
Sinn für harmo- 
nische Maßver- 
hältnisse, schö- 
ne Linien und 

ansprechende 
Gliederung an 
den Tag. Seine 
Originalität er- 
weist er in der 
Behandlung von 
dieser Stiefkinder 



Sl.SGUKDER CliOKKN.AHlC 



monumentalen .\rt der 
Sakristei imd t^ratorium, 
der Landkirchenarchitektur, nicht weniger 
auch in der Gliederung und Abstufung des 
Turmbaues, Selbst das ungeübte Auge kann 
sich der W'ahrnehnumg nicht verschließen, 
daß es in der Piarrkirclie zu Tapf heim nicht 
einen Bau wie viele hundert seiner Art, son- 
dern ein Werk edler und geläuterter Kunst 
vor sich habe. 



Für die Redaktion vcranlwortlidi : S. Slaudhanicr; Verlag der Gesellschaft für cliristl. Kunst, G. m. b, H, 
Druck von Alphons Bruckniann. — Sämtliche iu iMünchcn. 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, 11. JAHRGANG, HEFT 2, i. NOVEMBER 1905 



D" 



GRAZER KUNSTBRIEF. 

Je vom Verein der bildenden Künstler Steiermarks 
im Kulturliistori.schen- und Kunstgewerbc-.Museum zu 
Graz veranstaltete Frülijahrsausstellung ist durchweg 
nur auswärtigen Gästen eingeräumt worden. Die steier- 
märkischen Künstler beabsichtigen erst im Oktober in 
corpore ilire Schöpfungen dem Tagesliclit der Öffent- 
lichkeit anzuvertrauen. Den Glanzpunkt des diesjährigen 
Künstlerstelldicheins bildet die 91 Stücke umfassende 
Sammlung des Wiener Malers A. Heil mann. 

Es tritt uns in ihm sozusagen ein Landschafter der 
>alten Schule« entgegen, doch als einer, der etwas kann, 
und der sich scliließlicli durch rcdliclies Ringen zu einer 
beachtenswerten Hölie des Könnens emporgearbeitet hat. 
[edenfalls könnte mancher der jüngsten 1-arbenvirtuosen 
von der strengen Selbstzucht einer solclien elirlichen 
Künstlernatur vieles lernen, deren letzte Schöpfungen 
sogar fortschrittliche, moderne Ansprüclie vollauf zu be- 
friedigenvermögen. Die Kollektion enthält bei ihrer Reicli- 
lialtigkcit freilich auch manches Mittelgut. Aber gerade 
deswegen ist sie im höchsten Grade instruktiv, weil sie 
uns einen klaren Einblick in das folgerichtige Werden 
des Künstlers gestattet. Heilmann scheint als fleißiger 
Zeichner begonnen zu haben. Und zwar bevorzugte er 
offenbar die pastose Gebeweise der Kohlezeichnung. 
Blätter wie >Vor dem Gewitter«, »Ein feindlicher An- 
griff«, »Wintersnot« u. s. w. gehören zu den Erstlingen 
auf diesem Gebiete. Doch schlagen sie trotz mannig- 
faltiger Anklänge an die geschickte und geleckte Mache 
unserer früheren Familienblatt-IIlustrationen bereits ge- 
wisse Töne an, die auf Ausbildung einer selbständigen 
Eigenart hindeuten. 

Eine große Zahl früher Aquarelle sind als tüchtige 
Übungen anzusehen, den Geheimnissen der Farbe, des 
Lichtes und der Luft auf die Spur zu kommen. Es 
.steckt noch viel Farbenscheckigkeit ohne jene zarten 
Übergänge, wie sie das Wesen des Aquarells erfordert, 
noch wenig persönliche Tiefe in diesen Versuchen. 
Studienreisen in itahenischen Gegenden scheinen jedoch 
bald in dieser Beziehung auf des Künstlers Schaffen 
läuternd eingewirkt zu haben. Einen erfreulichen Fort- 
schritt von der getupften Buntheit zu einer weichen, 
luftigen Farbengebung kennzeichnen z. B. Blätter wie 
»Alter Brunnen in Perugia«, »Ansicht von Ragusa« 
usw. In diesem Streben scheint den Künstler seine 
immer reger werdende Beschäftigung mit der Tempera- 
und Pastellmalerei wesentlich unterstützt zu haben. 

Mit geklärtem Blick erschaute er nunmehr auch Motive 
der Heimat in einem ganz andern Lichte. Bilder wie 
»Das obere Ennstal«, »Gewitter am Zellersee«, »Wald- 
inneres«, »Der steirische Erzberg«, »Ahendstimniung« 
usw. sind treffliche Früchte dieser Erkenntnis. Sie 
zeigen auch im Gegensatz zu den mit peinlicher Sorg- 
Iah bis ins Detail ausgeführten Erstlingswerken Heilnianns 
wachsenden instinktiven Scharfblick, beim rechten Zeit- 
punkt den Rat des alten Apelles vom »manum de 
tabula« zu befolgen und die weitere Ausgestaltung des 
Gemäldes abzubrechen. 

Und waren frühere Arbeiten getreue und saubere 
Abschriften der Natur, so gelingt es Heilmann in seiner 
späteren Schaffensperiode, Naturausschnitte mit jenem 
Hauch zu beseelen, der aus den Tiefen poetischer, rein 
künstlerischer Empfindung stammt. Sie gleitet über das 
Nebensächhche hinweg und arbeitet in großen, tvpischen 
Zügen auf tiefgründige Stimmungswerte hin. Bilder wie 
das von violetten Abendschatten umwobcne »Schloß 
Leopoldstein bei Eisenerz«, die Temperaschöpfung »Däm- 
merung auf der Rax«, die sich durch feinabgewogene 
Abtönung des letzten Lii.htscheines und durch meister- 
hafte Modellierung der Gebirgsstruktur auszeichnet; 
ferner »Der Gosausee mit dem Daclistein« voll geister- 



hafter Alpenniajestät, und das melancholische Stimmungs- 
gemälde »Im Haunsbergermoor bei Salzburg« gehören 
zu den besten Leistungen. 

In dieser farbenfrohen und temperamentvollen Schaf- 
fensperiode erinnerte sich nun der Künstler der Kohle- 
zeichnungen seiner Frühzeit und erreichte dadurch, daß 
er Kohlezeichnungen farbig bemalte, Wirkungen zartester 
Durchsichtigkeit und Duftigkeit. Wir heben von diesen 
eigenartigen Farbengesichten besonders folgende Bilder 
hervor: »Der Dachstein von der Zwieselalpe aus«, und 
»Die Berneralpen vom Stanserhorn«. 

Die erwähnten Malweisen, denen sich noch gute 
Proben in Gouachetechnik zugesellen, sagen Heiiniann 
besonders zu. Doch auch in seiner Entwicklung als 
Ölbildmaler kann man das gleiche redliche Ringen 
verfolgen. Von noch zicrnlich konventionellen, an be- 
kannte und vielverbreitete Öldrucke erinnernden Bildern 
wie >/\uf der Scheibalpe am Bösenstein«, »Das Krinimler 
Achental«, »Mondnacht« (schon besser), führt der Weg 
aufwärts zu den Höhen, die seine im besten .Sinne 
modernen (jemälde »Abend im Wienerwald« und »Aus 
Südtirol« einnehmen. 

Der weitaus beste Landschafter der Ausstellung ist 
der Engländer E. H. Comp ton, der nur ein Aquarell 
»Ampezzotal, Monte Nuvolaun« beisteuerte. In der 
scharfäugigen Gewissenhaftigkeit, mit welcher er einen 
von zartem Höhenduft umflossenen Gebirgsgrat aus der 
spröden, weißen Papierfläche herausgearbeitet hat, ge- 
mahnt er an Turners hoheitsvolle Hochgebirgsland- 
schaften und an Ruskins, dem letzten Grund der Dinge 
nachforschenden Späherhlick. Das Spiel des Lichtes 
auf tausend Zacken, Schrofen, Blöcken und mit grünen 
Moosflechten bedeckten Schutthalden und das wunder- 
same Spiel farbiger Schatten in den dem rieselnden 
Sonnenglast abgewandten unzähligen Fältchen, Runsen, 
Spähen und Schluchten eines Gebirgskammes hat er 
treft'lich der Natar abgelauscht. Sein Werk atmet jene 
kühle, würzige Höhenluft, jene ergreifende Stille der 
Einsamkeit, die nur etwa von dem Schrei eines Raub- 
vogels oder durch das Glockengetön einer weidenden 
Schafherde unterbrochen wird. 

V. Hawliüeks Landschaften zeugen von ernsthaftem 
Naturstudiuni, das von starkem, eigenartigem Empfinden 
durchgeistigt wird. »Die Bergwiese bei St. .Maria in 
Wolkenstein mit der Sellagruppe« mit der Farbenpracht 
unzähhger, über tiefem Rasengrün schwebenden Feld- 
blumen zeigt des Künstlers Wollen und Können von 
seiner besten Seite. 

Wenn auch nicht gerade originell, so doch ansprechend 
in der .\uffassung und tüchtig in der Technik sind 
E. Pendls Aquarelle: »Feste Lichtcnstein bei Mödling«, 
»Kirche in Weißenkirchen in der W'achau«, »Partie bei 
Kitzbühel«. 

Aus einem Reigen äußerst geschickter Naturalisten, 
deren manuelles Schaffen hart an die Effekte photo- 
graphischer Präzision grenzt, die aber über den Mangel 
an künstlerischer Tiefe nicht hinwegzutäuschen vermögen, 
leuchtete mir eine kleine Gruppe stiller Farbenpoeten 
von ganz eigenen, künstlerischen Vorzügen in die .\ugen. 
Solche Gaben sind in unseren modernen .Ausstellungen 
meistens sehr spärlich gesät und wirken dann wie ein 
Labetrunk aus einem külilcn Bergquell. 

Ernst Payer hat in seiner ».Alten Taverne« eine 
Nachtstimmung voll anheimelnden Heiniatzaubers dar- 
geboten: eine dunkle Gasse, durch die ein ehrsamer 
Bürger schreitet, mit altertümlichem Erkerhause, aus 
dessen Fenstern sich ins Dämmerdunkel Lampenlicht 
ergießt, welches das Regennaß der Wagengleisc auf- 
schimmern läßt. Besonders stimmungsvoll ist des Künst- 
lers auf grobkörniger Leinwand gemaltes Pastellbild 
»Wiesennebel«. Aus einem feuchten, von Schilfgras 
durchwobenen Wiesengrunde steigen bläuliche, vom 



II BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 2, i. NOVEMBER 1905 



letzten Abendgold zart angehauchte Dunstschleier empor 
und schlingen flatternde Bänder um düstere Föhren. 
Droben hinter einem sanft ansteigenden Rasenwall ragt 
in verschwommenen Umrissen ein dunkles, stilles Ge- 
höft empor. Ein gewiß einfaches Motiv! Doch gerade 
in der Art, wie es das Künsilerauge schaute, liegt ein 
eigener Zauber. 

Zu den besten Malerpoeten dieses kleinen Kreises 
zählt auch Ferdinand Brunner. Fernensehnsucht 
blickt uns aus der tiefen, sonoren Farbenhaniionie seines 
»Sommernachmittags« mit verträumten Augen an. Im 
Vordergrund des köstlichen Bildes bildet ein Baum mit 
tief überhängendem Gezweig und seinem Schatten einen 
wirkungsvollen, dunklen Rahmen für den Ausblick auf 
eine tiefgrüne, sonnige Wiese. Ein Bach windet sein 
blaues Band durch ihren Blumenteppich. Er strebt den 
am fernen Horizont emportauchenden dämmerhlaucn 
Bergen zu. Das Heitere der Farbengebung w^rd noch 
bedeutend verstärkt durch das vom Sonnenglanz be- 
strahlte Weiß einer Schar von Gänsen, die sich vor 
dem Baume gravitätisch im Grase ergehen. »Villa 
Falconieri« offenbart Brunners feinfühlige Farbensichtig- 
keit in der meisterhaften Wiedergabe warm-violerter, 
zwischen Gartenmauern webender Schattentöne. Das 
Aquarell »Die Mühle« zeigt ein anspruchsloses, doch 
.stimmungsvoll behandeltes Sujet. 

In breiten Flächen, die sich aber im Auge des Be- 
schauers zu malerischer Gesamtwirkung zusammenfügen, 
ist A. Pölls Ölbild »Stilles Wasser« geschaffen. L. 
Douzette, dessen poesievolles Bild »Maiabend« jüngst 
weiteren Kreisen bekannt geworden ist, bietet eine in der 
Beobachtung silberghtzernder Lichtrefiexe auf spiegeln- 
dem Wasser bedeutsame AquareUstudie Ȇberschwemmte 
Wiese bei Mondbeleuchtung«. 

Dem Zauber herbstlicher Farbenakkorde widmete 
Hugo Darnaut seinen künstlerischen Blick. Besser 
als seine etwas zu bunte »JohanneskapeUe in Planken- 
berg« gefällt uns seine ».\ulandschaft«. Mit einfachen 
Mitteln wird hier eine große \\'irkung erreicht: Die 
Spiegelung goldgelber Blättermassen auf stillem, dunklem 
Gewässer. 

Charakteristische Salzburgertypen stellte Theodor 
Com. Ethofer aus, die zum größten Teil trefflich in der 
Erfassung cliarakteristischer Physiognomien und Allüren 
sind. Einer Kunst im höchsten Sinne sind natürlich 
diese vielfach an Photographenposen erinnernden, stark 
dekorativen Vorwürfe nicht beizuzählen. Sie würden 
auch, in kleinerem Format ausgeführt, viel mehr gewinnen. 
Ethofers Ponrätskizze einer Dame vollends ist in zeich- 
nerischer Beziehung und in der Wahl der Farben vöUig 
verfehlt. 

Über E. Ameseders Malweise habe ich mich 
bereits anläßlich der Frühjahrsausstellung im Prager 
Rudolfinum geäußert. Nach Graz sandte er eine seiner 
schwächsten und flüchtigsten .Vrbeiten : »Im Hafen von 
Comogli«. 

Eine reichhaltige Sammlung flott gezeichneter, aber 
fast durchweg an die verblüfienden Effekte der photo- 
graphischen Momentcamera erinnernder Skizzen hat W. 
Gause zusannnengestellt. Sie sind wohl fast alle als 
Illustrationen von Familienblättern bereits veröffentlicht 
worden f 

Der einzige plastische Bronze- und Gipsbildner der 
Ausstellung, C. M. Schwerdtner, ist mit einer Reihe 
sehr ansprechender Statuetten und Gruppen vertreten. 
Meisterwerke moderner französischer Plastik scheint er 
mit Vorteil studiert zu haben. Doch hat er dabei seine 
deutsche Eigenart bewalirt. Als besonders lebensvoll 
und frisch anmutende Schöpfungen heben wir folgende 
Stücke hervor: »Geiger«, »Wiener Flitscherln«, »Dame 
im Wind«. Die Bronze »Liebende«, die ich für die 
beste Probe seines Könnens halte, ist trotz großer 



Schlichtheit voll poesievoller Stimmungskraft. Unter den 
.Medaillen und Plaketten Schwerdtners zeichnet sich 
das in Silber getriebene »Damenporträt« durch zarteste 
Linienführung, weiche Modellierung und treffliche Ver- 
teilung der Glanzlichter aus. 

Im ganzen und großen machte die Ausstellung ab- 
gesehen von den erwähnten erfreuhchen Darbietungen, 
den Eindruck, als ob die sich beteiligenden Künstler 
geglaubt h.itten, für das Kunstbedürfnis des von den 
eigentliclien großen Kunstzentren weit abliegenden Graz 
seien Werke zweiter und dritter Güte gut genug. Hoffent- 
lich beweisen uns im Oktober die einheimischen Künstler 
der grünen Steiermark durch die besten Proben ihres 
Könnens, daß man in Graz höhere und höchste An- 
forderungen feinen Kunstgeschmackes zu stellen und 
zu befriedigen gewohnt ist. Möchte vor allem einmal 
die höchst eigenartige, malerische Umgebung der Lan- 
deshauptstadt ihre farbenfrohen Sänger finden. Denn 
die steiermärkischen Künstler haben es durchaus nicht 
nötig, zur Motivjagd nach Dachau oder nach Worps- 
wede zu pilgern. 

Graz Dr. Bernhard Patzak 



JEAN JACQUES HENNER 

in einem Alter von 76 Jahren nahm ihm am 22. Juh 
^ d. J. der Tod den Pinsel aus seiner kunstgeübten Hand. 
Im Elsässischen, zu Bernweiler unweit von Beifort, ge- 
boren, stellt er eigentlich ein Verbindungsglied zwischen 
dem geistigen Leben Frankreichs und Deutschlands dar. 
Trotzdem er seine ganze Lebenszeit in Frankreich ver- 
brachte, blieb er doch ein echter Alemanne mit seinem 
kräftigen, gedrungenen Körper, seiner unfranzösischen 
Langsamkeit und seiner Wucht in der Konversation. 
Die Liebe zu seinem Vaterlande verließ ihn sein ganzes 
Leben nicht, sein Traum, ein recht großes Stück der 
heimatlichen Scholle sein Eigen zu nennen, verwirklichte 
sich. Henner kaufte in Bernweiler Grundstück um Grund- 
stück, nur der eine große Schmerz blieb ihm: das be- 
scheidene Häuschen, in dem er als Sohn eines kleinen 
Beamten das Licht der Welt erbhckte, konnte er von 
dem Eigentümer nicht erwerben. Jahr für Jahr ver- 
brachte Henner dort den Frühling. .\m 5. März 1829 
geboren, fühlte er schon in seiner Kindheit die Lust 
zum Zeichnen, alle Wände im Dorfe bekritzelte er mit 
verschiedenen Zeichnungen und fand bei seinen Eltern 
Verständnis für die Entwicklung des Talents. Hart war 
seine Jugend, wenn man bedenkt, daß der kleine Junge 
Tag für Tag acht Kilometer weit in die Schule nach 
Altkirch laufen mußte. Später kam er für einige Zeit 
nach Paris zu Drolling und Piquot, aber der Mal- 
und Zeichenunterricht mußte bald unterbrochen werden, 
weil der Künstler erkrankte und auch seine scliwer er- 
krankte Mutter der Pflege ihres geliebten Kindes be- 
durfte. Mehrere Jahre verbrachte er nun in der Heimat, 
für fünf oder zehn Franken das Stück Porträt malend, 
deren viele sich noch heute in Bernweiler, Altkirch und 
Mühlhausen befinden. Nach dem Tode seiner Mutter 
kehrte er nach Paris zurück und erwarb in der Klasse 
von Ingres mit dem Gemälde »Adam und Eva finden 
den Leichnam .-Vbels« im Jahre 1858 den Rompreis. 
Seither malte er Heiligenbilder, akademisch-idyllische 
Szenen in ländlicher Umgebung und zahlreiche Porträts. 
Seine leuchtende Behandlung des menschliclien Körpers 
zeigt sich besonders in seinen Akten mit ihrem ganz 
eigenartig verschwommenen Milieu. Die berühmtesten 
Bilder von ilmi sind eine »Susanna im Bade«, die »Ouelle«, 
die sich im Musce Luxembourg befindet, und eine in Re- 
produktionen massenliaft verbreitete Elsässerin. Seit dem 
Jahre 1889 war Henner als Nachfolger Cabanels Mitglied 
der Akademie der schönen Künste. Wegen der vor- 



BEILAGE ZU >DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 2, i. NOVEMBER 1905 



III 



nehm einfachen Auffassung seiner Frauenporträts war 
Henner einer der beliebtesten Bildnisnialer von Paris. 
Der sinnliche Reiz, das verschwommene Kolorit und 
die elegische Stimmung seiner Werke sicherten ihm trotz 
der Wandlungen des französischen Geschmackes eine 
bleibende Popularität und die verdiente Wertschätzung. 

K. H. 

BERLINER KUNSTBRIEF 

Von Du. HANS SCHMIDKUNZ (Berlin-Malcnsee) 

Mehr und mehr bekommt die Berichterstattung über 
Kunst damit zu tun, daß aus den \\'ellen der Misch- 
.lusstellungen einzelne Individualitäten und (jruppen em- 
porsteigen. Auch heute ist es uns möglicli, mit Singu- 
lärem und Individuellem zu beginnen. 

Eine solche Hiner-Ausstcllung war in der letzten Zeit 
die von W. Rudinoff in Caspers Kunstsalon. Der 
Künstler hatte sich durch das Gemälde eines (^hristus- 
kopfes bekannt gemacht 'zumal auf einer Ausstellung 
in der Crafton-Galerie zu London). Nun lernen wir 
zahlreiche Zeichnungen, Radierungen usw. von ihm 
kennen. In weiteren Kreisen scheint man auf ihn noch 
wenig aufmerksam geworden zu sein, während er in 
engeren bereits viel Anklang haben dürfte. Sein Christus- 
kopf, mehr pikant als weihevoll, lindet sich hier als 
Radierung wieder, in einer mehrfarbigen und in einer 
einfarbig roten Behandlung. Rudinoffs graphische Kunst 
ist nicht die breitllächige anderer, z. B. H. Liesegangs. 
Seine Stärke liegt in der Konzentrierung dünner Linien- 
züge auf die Hauptstelle des Objektes hin. Diese Züge 
sind meistens sehr temperamentvoll bewegt, von einer 
Flottheit, die dem einen als dilettantische Oberflächlich- 
keit, dem anderen .ils die stärkste Meisterschaft erscheinen 
mag. Der Künstler ist vielseitig genug, um auch in 
anderen Formen zu wirken. Die Kunst des Schattens, 
z. B. in den Bildern dunkler Hafenlandschaften, erreicht 
bei ihm eine beträchtliche Höhe. Im ganzen ist er 
mehr impressionistisch als naturalistisch, mehr subjektiv 
als objektiv zu nennen; etwas Manet und besonders 
Degas steckt in seinen Darstellungen. Er hebt die tech- 
nischen Experimente und läßt uns gern in die Natur- 
geschichte seiner .Vbdrücke hineinblicken. Die seit 
einiger Zeit immer behebter werdenden einfarbigen Gra- 
phiken, die »Monotypen«, sind auch hier zahlreich; so 
z. B. ein Selbstporträt, ein »Segelboot und Kohlen- 
dampfer«, ein >Mondaufgang« usw. Mit besonderer 
Vorliebe bringt er ein und dasselbe Werk mit und ohne 
Farbe. So z. B. »Blick aus dem Fenster meines Ateliers 
in Paris«: einmal schwarz, und dann farbig Aquatinta; 
»Der Leser« einmal schwarz, einmal farbig. Zahlreiche 
Porträts begegnen uns ; vom Maler und Radierer Th. Stein- 
len in Paris, von der spanischen Tänzerin Anita la Feria, 
von dem Londoner Maler Douglas Almond und ver- 
schiedenartige Selbstporträts. Sein Bestes dürften doch 
temperamentvolle Pariser Figuren und Szenen sowie 
marine Däminerungslandschaften sein, das Schwächste 
seine Malerei, obschon sein Heimatsaufenthalt Järshagen 
in Pommern aus einem freundlichen Gemälde zu uns spricht. 

Ein recht beachtenswertes Seitenstüek zum franzö- 
sischen paysage intime lernten wir in der Sonderaus- 
stellung von Alice Plehn kennen. Ihre Kopien nach 
älteren Klassikern und nach mehreren von jenen Fran- 
zosen seien bloß erwähnt. Dagegen leistet sie Selbs^ 
ständiges in Landschaften, deren Hauptmotive Dämme- 
rungen am Wasser, Schiffe im Nebel, Mondstimmungen, 
dunkle Straßen usw. sind. Ihr Barbizon ist anscheinend 
der am Kanal gelegene Nordseeort Etaples. 
-, Der Bildhauer Harro Magnussen, bekannt durch 
bemerkenswerte statuarische Beiträge zur neueren preu- 
ßischen Geschichte, gab vor kurzem ebenfalls eine Privat- 
ausstellung. Bildnisbüsten, großenteils mit farbiger, oft 
recht naturalistischer Behandlung, dürften das Wichtigste 



sein. Einige norddeutsche Dichter, dann besonders Georg 
der Fromme von Brandcnburg-Ansbach sind Objekte 
seiner Darstellung. Eine überlebensgroße Büste von 
Lionardo da Vinci, mäßig getönt, in Renaissanceformen 
umrahmt, verdient noch eine besondere Hervorhebung. 

Die Bekanntschaft mit einer Reihe Münchner Künst- 
ler, vermittelte uns wiederum die kleine, aber fruchtbare 
Kunstausstellung des Warenhauses Wertheim. Lucio 
Pelling Hall trat quantitativ und qualitativ besonders 
iier\'or. Max Giese erinnert mit seinen Landschaften 
wie »Münchener Hochebene« u. dgl. an E. Schleich und 
E. Bracht. Johann Hendrik von Mastenbroek 
bringt virtuos ausdrucksvolle .\quarelle von Hafenbildern. 
Richard Thierbach versteht die Kunst der Fernblicke 
in seinen Werken wie »Unterharzlandschaft«. Ernst 
Scharstein zeichnet sich durch eine leise Stilisierung 
seiner Landschaft »Videamus« aus. Wir nennen noch 
Landschaften von Rieh. Hartmann, Paul Hey und 
Vict. Weich hardt, mehrere Portnäts, besonders von 
Alex Marks, und schließlich eine ».Mittagsruhe« von 
Otto Piltz. 

Auch unser Künstlerhaus bringt gern Individuen 
und individuelle Gruppen. H. Rieh ter-Lefensdorf ist 
einer von den Frühvollendeten, die des Künstlers Erden- 
wallen nicht mehr tragen konnten. Seine Nachlaß-.-\us- 
Stellung zeigte etwas unheimlich Stilles in den einzelnen 
Landschaften, dabei eine besondere Kunst in der Dar- 
stellung von Baumzweigen usw., eigentümliche Heüig- 
keiten im Schnee u. dgl. mehr. Eine Nachlaß-.*\usstel- 
lung des von uns mehrfach gerühinten H. Kohnert 
blaßte dagegen merklich ab. Besser hielten sich die 
niederrheinischen Landschaften mit schönem Herbstlaub 
von dem schon erwähnten H. Liesegang; dann ein 
einzelnes interessantes Gemälde »Geburtstag im Hospitz« 
von H. Mieth und reichhaltige Radierungen von Otto 
Protzen. 

An derselben Stelle wurde im Sommer eine Aus- 
stellung der Vereinigung St. Lucas aus Amsterdam ge- 
boten. Ihre Bilder zeichnen sich besonders durch die 
feinen Helligkeitsstufen von Farben aus. Sie enthalten 
Straßenbilder aus holländischen Städten, Kombinationen 
von Genre und Stilleben, von Stilleben und Interieurs ; 
dann mehrfache Landschaften der Jahreszeiten. Ein be- 
sonderer Künstler der HeUigkeitsstufen ist Co. Breman, 
so mit seinem überraschend hellen, eigenartig pointil- 
listischen Bauernhof; dazu ein »Nebel in Hollandi und 
ein »Mutterglück«, das aus einem Lichtproblem mit 
etwas unklarer Zeichnung besteht. W'ir nennen in der 
Reihenfolge des Bemerkenswerten weiterhin eine »Polder- 
landschaft« von J. H. Wvsmuller, reichhaltig und 
doch gut einheithch ; ähnlich, nur kleiner, ist die 
»Morgenstimniung« von J. C. Ritsenia. Wiederum in 
gut beobachtetem Zimmerlichte schwimmen die Inte- 
rieurszenen von H. M.Krabbe: »Mutter und Kind«, der 
»Ziehhund«, »Spielerei«; etwas antonwernerisch macht 
sich seine ■> Beerdigung eines jungen Matrosen mit mili- 
tärischen Ehren«. Zwei Tauwetterbilder bringt H. A. van 
Oosterzee, dann erscheinen ein »Frühling« mit Hel- 
hgkehsstufen in Grün von F. Mondriaan, ein in ana- 
loger Weise goldbrauner »Herbst« von Pieter ten Gate, 
und ein »Novembertag« in Grau und mattem Grün von 
A. M. Gort er. In der Portratkunst steht die längstbe- 
kannte Therese Schwartze voran; Jan L. Kleintjes 
mit einem beachtenswerten »Gelderischen Mädchen« und 
Lizzy Ansingh, letztere mit skizzenhafter Darstellung, 
schließen sich an. Auch Graphisches im engeren Sirm 
ist dazu ausgestellt. H. J. C. Heyenbrock überrascht 
in seinen .Aquarellen durcl> die Darstellung von rot- 
glühendem Eisen u. dgl.; J. M. Graadt van Roggen 
bringt Radierungen von Landschaften, von Stadt und 
Haus, und W. J. Dingemanns figürliche Radierungen. 

Scliließlich gelangen wir zu unseren gewöhnlichen 



IV 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUXST<, IL JAHRGANG, HEFT i, i. NOVEMBER 1905 



Kunstsalons, die sich doch %vieder bemühen, selbständige 
Gruppen vorzuführen. Bei Schulte gab es vor einiger 
Zeit zahlreiche Düsseldorfer. Eine erste Stelle unter ihnen 
scheint uns JesseGooßens zu verdienen, mit seinem 
impressionistisch gehaltenen Bilde »Das Kind« und mit 
seiner >.Muttcrfreude«. Peter Philippi macht hiercinen 
besseren Eindrucli als durch seine Genrestücke in der 
»Großen<. H Liesegang begegnen wir hier wiederum. 
W. Petersen interessiert durch seine Darstellungen eines 
Regen windes unter dem Motive »Begräbnis«, etwas 
weniger durch seine Porträts. L. Keller zeigt beachtens- 
werte Porträts und Akte, R. Böninger Kinderporträts, 
G. Marx u. a. ein » Gartenkonzert <, allerdings etwas 
gartenlaubig, H. Heimes einen »Winter« u. a., R. Huth- 
Steiner einen »Sonntagmorgen«, nicht zu sprechen von 
längst Bekannten, wie Claus Meyer. Hinige Künstler, 
die gleichzeitig ausstellten, gehörten anscheinend nicht 
zu den Düsseldorfern; R. Hartmann mit einer guten 
»Wasserlandschaft« u. a., J. Koganowsky mit süd- 
deutschen Landsch.iften, A. Wex mit Alpenaussichten, 
E. Bernard mit Venezianer I-'rauenbildern, ohne tieferen 
Ausdruck, und A. C. v, Ott erste dt mit etwas aufdring- 
lichen mythologischen und ähnlichen Bildern. Schlichter 
mutete an: ein 1 Mädchenporträt« von B. Zickendraht 
und Porträts usw. von Th. Bonenberger. 

Kurz nachher stellten bei Schulte mehrere Münchner 
aus. Ein Freund Leibls, J. Sperl, bringt uns den Meister 
auch durch die Wahl von Landschaften aus dessen 
Aufenthaltsorten in Erinnerung. Sodann gab es wieder 
die Ehrung eines Verstorbenen : G. Dickens, von dem 
wertvolle Bilder von Tieren in Bauernhöfen usw. zu 
sehen waren. Anmutige Landschaftszeichnungen mit 
Märchenszenen und auch effektvolle Landschaftsmalereien 
mit viel Laub, Licht und Schatten führte Marie Bock 
vor. Mit großen Flächenelementen arbeitet H Eißfeldt 
seine Landschai'ten, die insbesondere gut Figuren ins 
Licht zu stellen wissen ; mit einfarbigen Nuancen treten 
uns die Landschaften von E. ^\'enk entgegen. Farbige 
Zeichnungen aus dem Berliner Kaiser Friedrich-Museum 
erwähnen wir ohne den Namen der Künstlerin, am 
besten kommentarlos. Dagegen müssen wir hier einige 
altbekannte Namen etwas mehr betonen. Eine große 
Kollektion von Albert v. Keller erfreut uns ganz be- 
sonders durcli mehrere Porträts, die diesmal mehr als 
sonst von ruhiger Würde sprechen. Unter den übrigen 
Bildern verdient die »Glückliche Schwester« hervorge- 
lioben zu werden. Die Kunst A. Hengelers bringt sich 
uns in Erinnerung durch seine gemütlich-lieblichen Bilder 
•Frühling« und »Amor auf weißem Reh«. Ein seit 
längerem Verstorbener, .\dolf Lier, wird uns wieder 
beschäftigen, wann wir über die historische Landschafts- 
ausstellung der »Großen« berichten. 

An derselben Stelle war von Edmund May der 
»Entwurf zu einem Cjrabdenkmal« zu sehen. Das Werk, 
aus zehn Aquarellen bestehend, will nicht »stilrein« 
sein; es ist allerdings vorwiegend ägyptisch und grie- 
chisch. Die Art und Weise, wie der Künstler es aus 
einer Felslandschaft am Meere herauswachsen läßt, so- 
wie die großen Züge der Innenanlage verdienen Be- 
achtung. 

Bei Keller & Reiner zeigte eine Sammelausstel- 
lung von Werner Schuch seine Begabung für Szenen 
aus der deutschen, speziell der preußischen Kriegsge- 
schichte. Kräftige Sturmbewegungen gelingen ilnn sehr 
gut, auch in seinen verscliiedentlichen Bildern des Ahasver 
und des Todes. Daneben liel uns eine Reihe von 
Landschaften von Retzlaff auf. 

Im festesten Gleise bleibt der Salon Cassirer. 
Monet und Man et, Valloton und van Gogh, 
Cezanne sind dort jetzt wieder die Lieblinge. Neben ein 
paar charakteristischen B o c k 1 i n s verdient noch eine Land- 
schaft des Sezessionshauptes .M. Slevogt F.rwälinung. 



ZUR RESTAURATION VON ST. SEBALD 
IN NÜRNBERG 

in den Jahren 1888 — 1903 wurde bekanntlich unter 
^ Professor von Hauberrissers Leitung die Restauration 
der Außenarchitektur von St. Sebald durchgeführt. 

Sogleich nach Beendigung dieses großen Werkes 
ging man daran, auch das Innere der Kirche in stil- 
voller, sachgemäßer Weise zu erneuern. Professor 
Schmitz übernahm die Leitung.') 

Zunächst schloß man mittels einer Bretterwand den 
Ostchor gänzlich ab, um ihn für den Gottesdienst zu 
reservieren, und begann mit der Restauration der roraa- 
ni chen BasiHka im Westen. Kaum waren die .Arbeiten 
in Gang gekommen, da zeigten sich unerwartete, tief- 
gehende Bauschäden. Der nördliche Turm, der in der 
Mauerdicke einen schon im 1 5. Jahrhundert in \'erges- 
senheit gekommenen Treppenaufgang enthält, war durch 
den Aufbau eben des 15. Jahrhunderts zu schwer be- 
lastet worden : starke Risse zeigten sich nach Entfer- 
nung des Verputzes im Mauerwerk. Deshalb mußte 
eine starke Verschlauderung vorgenommen werden und 
es ergab sich die Notwendigkeit, den erwähnten Treppen- 
aufgang mit Zementmauerwerk auszufüllen, Arbeiten, 
die höchste Vorsicht erforderten. Weitere ernste Be- 
denken ergaben sich bei der Freilegung der Pfeiler im 
Schiff. Sowohl der Kanzelpfeiler als der gegenüber- 
stehende, — ■ beide Vierungspfeiler ^, erwiesen sich 
als zu wenig zuverlässig bezüglich ihrer Tragfähigkeit. 
Eine Auswechslung des ganzen Steinmantels erwies sich 
als notwendig ; der Kern aus Gußmauerwerk wurde durch 
Einpressen von Zementmörtel in die Fugen und Risse 
gleichfalls neu gefestigt. 

Neben der Sanierung dieser konstruktiven Schäden 
nahm die eigentliche Restauration ihren ungestörten 
\'erlauf Über tausend Werkstücke wurden seitens der 
Steinmetzen behauen und versetzt und sämtliche Be- 
schädigungen an der skulpturellen .-Ausstattung durch 
.\nmodellierung in dauerhaftem Material gehoben. 

Mit Spannung sah man der Untersuchung über die 
ehemalige Bemal ung der Basilika entgegen Sie erwies 
sich, soweit sie der romanischen Zeit angeliört, als sehr 
einfach. In der Löffelholzkapelle hat sie sich erhalten ; 
hei den Rippen und Gurten wechselt rote und graue, 
bezw. gelbe und graue Quadrierung, die Stützen waren 
dunkelgrau, die Füllungsflächen hellgelb getüncht. 

Die Delioration der Schifle gehört dem 14. Jahrhun- 
dert an und ist reicher, aber auch mäßig: polychrome 
Schlußsteine mit ornamentalen Ausstrahlungen, bemalte ' 
Heiligenstatuen mit ihren Baldachinen an den Pl'eilern 
sowie einzelne Wandgemälde geben den Räumen dis- 
kretes, (arbiges Leben. Man land die 7 m hohe Figur 
des heiligen Christophorus, eine Gregoriusmesse, einen 
Tod Mariens (letzteres Gemälde stammt vielleicht aus 
Wohlgemuts Scliule) sowie einige andere Reste mittel- 
alterliclier .Malereien. Lnter Professor Haggenmillers 
Leitung und Anweisung wurden sie durch Kunstmaler 
Plleiderer sachgemäß restauriert. Die Erneuerung der 
Epitaphien, der Gedäclitnistaleln, des Stuhlwerkes lief 
nebenher. Der Engelchor über der Löffelholzkapelle 
erhielt eine neue Orgel unter Belassung des alten Ge- 
liäuses. 

Mit .-Xusnahme der Sanierung des Kanzelpfeilers 
wurden all diese Arbeiten bis zum 1-rülijahr 190.1 vol- 
lendet. Sogleicli ging man dann an die Restauration 
des Ostchors. Die umfangreichen Ergänzungen an den 



») Wir verweisen auf die eben erschienene Broschüre von Otto Schulz 
vDie Wiederherstellung der St. ScbaUikirche in Nürnberg 1888 — 1905, 
herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Kürnberg». Der 
Verfasser, Architekt O. Schulz, wirkte bei der Wiederherstellung mit. 

D. Ked. 



BEILAGE ZU >D1E CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 2, i. NOVEMBER 1905 



ringsum im Chor befindlichen, 4'ii m hohen Steinbalda- 
chinen und den darunter befindlichen Heiligenfiguren, 
die Wiederherstellung der unter der Tünche aufgefun- 
denen alten Polycliromie wurde vor einigen Wochen 
vollendet. Die Hrneuerung der alten Denkmäler, der 
Altäre, Chorstühlt usw. wird inmierhin noch ein Jahr 
in Anspruch nehmen: dann wird St. Sebalds Heiligtum 
in gänzlich erneutem stilvollem Gewände prangen. m 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

XII. GENERALVERSAMMLUNG DER DEUTSCHEN 
GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 

IN MÜNCHEN 
Am 2. Oktober, nachmittags 5 Uhr, hielt der Vorstand 
eine Sitzung ab, in welcher die für die Generalversamm- 
lung in Aussicht genommene Tagesordnung im einzel- 
nen durchberaten wurde. Der I. Schriftführer legte 
seinen Entwurf des Rechenschaftsberichtes über die Zeit 
seit dei Trierer Generalvcrsanmilung vor, der die Ge- 
nehmigung fand. Anträge lagen nicht vor. 

Am nächsten Tage eröfi'nete um 9 Uhr der I. Präsi- 
dent, Reichsrat Dr. Georg Freiherr von Hertling, die 
Generalversammlung im Spiegelsaale des Hotels Baveri- 
scher Hof. Nach Begrüßung der Teilnehmer legte der 
Vorsitzende dar, weshalb man in diesem Jahre niclit 
nach Breslau ging, sondern nach München, und weshalb 
man von festlichen Veranstaltungen absah. Hierauf 
folgten die Berichte des I. Schriftführers Kanonikus 
Staudhamer und des Kassiers Prof. Dr. Knöpfler. Die 
Vorstandswahl wurde auf Vorschlag der Vorstandschaft 
auch heuer, wie im vorigen Jahre, durch Zettel vorge- 
nommen und zwar wurden sämtliche ausscheidende 
Mitglieder mit fast allen Stimmen wiedergewählt. In 
der kurzen Debatte fanden die Darlegungen des I. Schrift- 
führers über die von ihm geleitete Zeitschrifr »Die christ 
liehe Kunst« den vollen Beifall der Generalversammlung. 
Ein gedruckter Bericht wird in Bälde an die Mitglieder 
versendet. 

Preisverteilung auf der IX. Internationalen 
Kunstausstellung in München. Es wurden 34 Me- 
daillen I. Klasse und sehr viele .Medaillen 11. Klasse 
durch die internationale Preisjury zuerkannt. Die An- 
gehörigen einer internationalen Jury müßten nicht 
Menschen sein, wenn nicht ganz leise und unbewußt 
nach den künstlerischen auch Erwägungen mehr all- 
gemeiner und kunstpolitischer Natur sich geltend zu 
machen suchten. So kommt es denn, daß neun Zehntel 
der Prämiierten Ausländer sind, meist Franzosen. Von 
den 54 ersten Medaillen treffen zwölf auf Deutsche und 
Österreicher, neun auf Franzosen, 1 3 auf sonstige Aus- 
länder. Die mit der I. Medaille ausgezeichneten Deut- 
schen sind : Hans von Bartels (München) ; Karl Bios 
(München) ; Martin Düller (München) ; Hermann Hart- 
wich (München); Angelo Jank (München); Paul Jvano- 
wits (Wien); Friedrich Kallmorgen (Berlin); Hermann 
Knopf (München); Gotthard Kuehl (Dresden); Cln'istian 
Landenberger (München); Karl Seiler (München); Franz 
Simm (München). 

Altäre für die neue Pfarrkirche in Blaichach 
(Schwaben). Nach den Plänen des Oberbaurats Höfl 
führte J. Harrach in München einen romanischen Hoch- 
altar und zwei Seitenaltäre aus. Letztere enthalten Bilder 
auf Metall von Jos. Guntermann. 

Der St. Magnusbrunnen in Kempten wurde 
am 17. September enthüllt. Er ist eine Schöpfung des 
Bildhauers Georg Wrba in München. Die Kosten be- 
laufen sich auf rund 60000 M. 



.\ntün Nie Bing (Baden-Baden) malte heuer im Auf- 
trag des Stadtpfarrers Bürgenmaier einen Christus am 
v.<lberg, der in den Heil. Blutsaltar in der Pfarrkirche zu 
Güntenthal bei Freiburg i. B. eingefügt wurde. 

Bonifaz Locher vollendete jüngst ein Wandge- 
mälde in der Pfarrkirche zu Gaimersheim bei Ingolstadt. 
Das Bild befindet sich an der Stirnseite des Chorbogens 
und stellt das Jüngste Gericht dar. Von diesem Künst- 
ler stammen auch die bildlichen Darstellungen am Ge- 
wölbe des Presbyteriums und in der Leibung des Chor- 
bogens genannter Kirche. 

Die Ausstellung der Denkmalspflege in 
Straß bürg wurde am 24. September eröffnet; ihre Dauer 
ist auf etwa fünf Wochen berechnet. 

Ergebnis der K o n k u r r e n z f ü r M i 1 b e r t s h o f e n. 
Der I. Oktober war der Endtermin für Einsendung der 
Entwürfe für eine neue Pfarrkirche in Milbertshofen bei 
.München. Sämtliche Entwürfe wurden bis 18. Oktober 
im Parterresaal des Münchener Kunstvereins zur allge- 
meinen Besichtigung ausgestellt. Bei diesem .-Xnlaß er- 
hielten die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für 
christliche Kunst in der ersten Oktoberwoche freien 
lüntritt in den Kunstverein. Die Jury entschied am 
;. Oktober und sprach vier gleiche Preise und zwei 
Belobungen aus. Der zur N'erfügung stehende Betrag 
von 1 500 M. wurde zu gleichen Teilen auf die prämiier- 
ten Entwürfe ausbezahlt. Prämiiert wurden Motto »Rotes 
Kreuz« (Architekt Georg Zeitler), »Ave Maria« (Felix 
Graf von Courten und Otto Orl. Kurz), »Zwcischiffig« 
(Gebr. Rank), »Patrona Bavariae« (Peter Danzer und 
Anton Horle); Belobungen erhielten .Motto »Schlicht« 
(Rudolf Sticht) und »Skabiose« (.Michael Kurz). Wir 
werden eine größere Anzahl der Konkurrenzentwürfe 
veröffentlichen. 

Ein wiedergefundenes Porträt des Pietro 
.\retino von Tizian. Bekannt ist das Porträt, das 
Tizian von dem ihm nahestehenden P. Arctino 1545 
malte und das der Palazzo Pitti in Florenz birgt. Kürzhch 
kam noch ein anderes Porträt des Dichters von der 
Hand Tizians wieder zum Vorschein; es stammt aus 
dem Palazzo Chigi, dessen Galerie seit längerer Zeit in 
verschiedene Gemächer verteilt und nicht zugänglich 
war. Jüngst ging das erwähnte Porträt in den Besitz 
einer Kunsthandlung in London über, wodurch es in 
der Öffentlichkeit bekanntwurde. Es ist sorgsamer durch- 
geführt als das vom Jahre 1545 und meisterhaft gemalt. 

Heinz Seh lest 1, Bruder von Matthäus und Rudolf 
Schiestl, schuf für die neue romanische Kirche der San- 
derau in Würzhurg, St. .-Vdalbero, einen neuen Kreuzweg 
in l'lachreHef. Der Künstler schloß sich an Würzburger 
Kunsttraditionen an, ohne den modernen Zug und eine 
persönliche Formgebung außer acht zu lassen. — Die 
St. Adalbero-Kirclie besitzt auch einen .\ltar, den St. Anna- 
.•Mtar, an dem sämtliche Brüder Schiestl mitarbeiteten; 
von Heinz stammt die I'igurengruppe des Hoch.iltars, 
Mutter Anna mit Maria, von Rudolf zwei musizierende 
Engel an der Rückwand, \on Matthäus der Karton für das 
Mosaikbildnis Christi als Bekrönung. — Auch für die 
gotische Stadtpfarrkirche in Gerolzhofen, die jüngst nach 
den Entwürfen v. Prof Schmitz in Nürnberg restauriert 
wurde, schuf Heinz Schiestl einen Kreuzweg. 

Die Retable eines Scitenaltars für die Kloster- 
kirche von Maria Laach war Ende August im Aus- 
stellungslok.il der Gesellschaft füi christliche Kunst zu 
sehen. Das Werk ist dem Stil des 12. Jahrhunderts an- 
gepaßt ; die Baseler Tafel in Paris ergab im allgemeinen 



VI 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 2, i. NOVEMBER 1905 



das Vorbild. In den fünf Bogen, welche das Feld glie- 
dern, sind in handgetriebener Arbeit die Gestalten von 
fünf Heiligen angebracht. Der Entwurf stammt von 
P. Andreas Güser in Bcuron, die Ausführung geschah im 
Atelier von K. Leyrer in München und ist vorzüglich. 

III. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung 
Dresden 1906. — Die Ausstellung, deren allerhöchster 
Protektor S. M. König Friedrich August von Sachsen 
ist, findet im AussteUungs- Palast samt Park statt. Sie 
wird am 12. Mai 1906 eröffnet und am 31. Oktober 1906 
geschlossen. Vorsitzender des Ausschusses für bildende 
Kunst ist Professor Gußmann, .M.üer, Vorsitzender des 
Ausschusses für kirchliche Kunst Geh. Hofrat Professor 
Dr. Gurlitt. Die .Xusslellungsgegenstände sind zwischen 
I. und 20. April 1906 im Ausstellungsgebäude auf Kosten 
und Gefahr des Ausstellers abzuliefern. Das Ausstellungs- 
Sekretariat befindet sich bis auf weiteres Scheffelstr. i/Il, 
später im .«Vusstellungspalast selbst. — Die Ausstellung 
macht es sich zur .Aufgabe, »ein Bild künstlerischer 
Kultur unserer Tage zu geben«. 

Ein Kopernikus-Denkmal soU in Frauenburg 
errichtet werden, wo der weltberühmte Gelehrte 40 Jahre 
als Domherr, Arzt und Gelehrter gewirkt hat. Hierzu 
werden gegenwärtig Beiträge gesammelt. 

Dr. Franz Leopold Freiherr von Leonrod, 
Bischof von Eichstatt f. In dem hochw. Bischof 
von Eichstätt, der am 5. September starb, verlor die 
christliche Kunst einen warmen Gönner. Zu unserm 
Bedauern müssen wir wegen Raummangels die Ver- 
öffentlichung einer uns vorliegenden längeren Abhand- 
lung über sein segensreiches ^\'irken auf spater ver- 
schieben. 

Der \' e r b a n d d e r K im s t f r c u n d e i n d e n L ä n d e r n 
am Rhein, der im nächsten Jahre in Köln eine große 
Kunstausstellung veranstalten wird, hatte zur Erlangung 
eines Plakates dieser Ausstellung ein Preisausschreiben 
veröffentlicht. Die eingegangenen Entwürfe wurden im 
Kunstgewerbemuseum ausgestellt. Das Preisgericht das 
sich zusammensetzte aus den Herren Prof. v. Bochmann, 
Prof Klaus-Meyer, Klingelhoefer, Maler Deusser und Dr. 
V. Falke hat den ersten Preis dem Prof Aug. Groh in 
Karlsruhe, den zweiten dem Maler J. V. Cissarz in Darm- 
stadt und den dritten dem Maler Alfred N. Oppenheim 
in Frankfurt a. .\1. zuerkannt. Heribert Reincrs 



ZU UNSEREN BILDERN 

Grablegung von Heinrich Told (farbige Son- 
derbeilage). In der Jahresmappe 1902 der Deutschen 
Gesellschaft für christliche Kunst findet sich eine pracht- 
volle Photogravüre nach einem Gemälde von Told 
»Verleugnung Petri«. In vorliegendem Heft reprodu- 
zieren wir das neueste größere Werk dieses Künstlers, 
das im heurigen Frühjahr vollendet wurde. Auch hier 
stellt sich Told ein bestimmtes malerisches Problem. 
Auf der »Verleugnung Petri« beherrscln die düstere 
Glut eines Kohlenfeuers die Beleuchtung und ist ihr 
der rechts eindringende kalte Ton des ersten Morgen- 
grauens entgegengestellt; bei unserer Sonderbeilagc hin- 
gegen waltet das Violett hereinbrechender .Xbendschatten, 
während dazu jener warm gelbliche Schimmer von 
Fackellicht, der aus der (jrabkammer hervordringt, einen 
milden Gegensatz bildet. -- Die Komposition baut sicli, 
der Erhabenheit des Vorgangs entsprecliend, einfach 
auf: drei kräftige Männer tragen ehrerbietig den Leich- 
nam des Herrn zur Ruhestätte, Maria und Johannes 
folgen. Zur Schlichtheit der .\nordnung des l-'igürlichen 



passen die großen Linien des Hintergrunds. — Heinrich 
Told ist zu Bozen in Südtirol geboren. Er widmete 
sich in der ersten Jugend dem Kaufmannsstande und 
bildete sich später an der .-Vkademie zu München aus, 
wo er zuletzt Feuersteinschüler war. Told lebt in 
München. Näheres in einem späteren Hefte. 

Joseph Guntermann. Schon im vorigen Hefte 
(S. 16 und 17) waren wir in der Lage, eine Probe der 
schlichten und dem Monumentalen zuneigenden, dabei 
wahrhaft religiösen Kunst Guntermanns zu veröffent- 
lichen. Von demselben Künstler bietet das vorhegende 
Heft auf S. 41 — 47 sieben Reproduktionen nach \\'and- 
bildern, die sich in der gleichen Kirche befinden wie 
die .\postel, die im i. Heft veröffentlicht wurden, der 
neuen romanischen Kirche in Schloßberg nächst Rosen- 
heini, welche auch Altäre von J. Angermair und Prof 
Balthasar Schinitt besitzt. Die Abb. S.41 läßt uns einen 
Bhck in dieses von der Kunst reichlich geschmückte 
Gotteshaus tun, dessen gesamte Ausmalung von Gun- 
termann stammt. In den Gewölbefeldern über den 
Fenstern des Chores sieht man den thronenden Erlöser 
und Herrn der Welt zwischen Maria und Johannes (vergl. 
Abb. S. 45). Die Seitenwände des Chorraumes rechts 
und Hnks vom Hochaltar schmückt in vier Bildern die 
Darstellung der klugen und törichten Jungfrauen (.\bb. 
S. 44 — 47J. Über dem C^horbogen bildet Christus als 
Orpheus den Mittelpunkt eines reizvollen, ornamental 
behandelten Frieses. Die Wände des Schiffes zu beiden 
Seiten des Chorbogens sind sehr glückUch durch Orna- 
mentrahmen eingeteilt: hier leuchten uns die Darstel- 
lungen der Verkündigung, .•\nbetung der Könige, Ver- 
urteilung und Kreuzigung Jesu entgegen (Abb. S. 42). 
Demnach schildert die Chorwand das Erlösungswerk, 
das Presbvterium die Herrlichkeit Christi. An den seit- 
lichen Schiffswänden ziehen sich die Bilder der zwölf 
.\postel hin (Abb. S. 16 und 17). Die Gemälde wurden 
im .'Vuftrage des bayerischen St.iates ausgeführt, 1902 
in Angriff genommen und nach dreijähriger Arbeit voll- 
endet. Unter der Reihe der Apostel wird von Gunter- 
manns Hand ein Kreuzweg angebracht, der zurzeit in 
der Ausführung begriffen ist. 

Joseph Guntermann ist zu .■\ssinghausen in \\'estfalen 
geboren. Bis zum 19. Jahre war er als Kaufmann tätig; 
seither widmete er sich der religiösen Malerei. Seine 
erste größere .\rbeit war die Apsis in der Missions- 
pfarrkirche .Meiningen. Von dort kam der Künstler zum 
erstenmal nach München, wo er seit bald 21 Jahren 
beständig lebt. Seine Haupttätigkeit entwickelte er auf 
meiningenschen Boden durch Ausmalung von Kirchen, 
Herstellung von Altarbildern und Kreuzwegen; bei seiner 
strengen Selbstzucht ist er nicht melir mit allem, was 
er früher schuf, zufrieden. Eine Hauptarbeit ist die Aus- 
malung der großen Kuppel der Aussegnungshalle auf 
dem östlichen Friedhof in München, die von 1896 — 1900 
geschah; es ist eine sehr tüchtige Leistung. 

BÜCHERSCHAU 

Die Bibel in der Kunst. Nach Originalillustra- 
tionen erster .Meister der Gegenwart. 20 Lieferungen 
mit je .( — j lllustnitionen. Erläuternder Bibehext von 
.\ .-Xrndt S. J. — Großfolio. Verlag von Kirchheim &: Co. 
in Mainz. 

Mit dieser Publikation ist der Verlag von Kirchheim 
&; Co. daran, ein Prachtwerk von außergewöhnlichem 
künstlerischem Interesse herauszugeben. Bekannt ist 
das Pracht-lUustrationswerk von Gustav Dore, das bei 
seinem Frsclieinen das höchste .Aufsehen erregte. In- 
zwischen hat sich eine gewaltige .Änderung des Ge- 
schmacks vollzogen, die kaum deutlicher zum .Ausdruck 



BEILAGE ZU .DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 2, 1. NOVEMBER 190; VlI 



«ebracht werden könnte, als es durch das Kirchheimschc 
Unternehmen gescliieht, die Heilige Sclirift durch Schöp- 
fungen berühmter Meister der Gegenwart /u illustrieren. 
Die große Mehr/ahl der hierzu beigezogenen Künstler 
betätigte sich nur ausnahmsweise einmal auf dem Ge- 
biete der religiösen Kunst, manche von ihnen stehen 
geistig nur in einem locl<eren Zusanuncnhangc itiit dem 
Inhalt der heiligen Schriften des Neuen Testamentes. Docli 
welcher Künstler würde nicht innerlich erfaßt von den; 
erliabenen und zur künstlerischen Gestaltung geradezu 
lierausfordernden Inhalt des Buches der Bücher? Das 
Eigenartige und ganz Neue des Werkes >Die Bibel in 
der Kunst« wird darin liegen, daß an religiösen Stoßen 
die .Absichten der modernen Kunst scliarf ausgesprochen 
zur (jeltung kommen werden, weil fast alle beigezogenen 
Künstler vermöge ihrer Stellung im Kunstleben und 
ihres eigentlichen SchatTensgebietes außerhalb der christ- 
lichen Kunsttradition stehen und hierdurch die Tliemen 
neuartig anzufassen gezw'ungen sind und weil sie aus 
diesem Grunde ausschließlich mit jenem technischen 
Rüstzeug der Kunst an die Aufgaben aus der Heiligen 
Schrift herantreten, das ihren profanen Werken zu An- 
sehen verhilft. Die fünf Blätter (Gravüren) der uns vor- 
liegenden Probenummer besitzen große Scliönheiten 
und sind vorzüglich ausgeführt. In dieser Lieferung 
sind vertreten : Sascha Schneider, Ilja Repin, Giov. Se- 
gantini, J. L. G^rome, Fr. P. Michetli. Des weiteren 
sind beteiligt ; E. A. Abbey, Briton Riviere, Brozik, Burne- 
Jones, B. Constant, Walter Grane, T. B. Dicksee, A. Edel- 
feldt, Josef Israels, Arthur Kampf, J. P. Laurens, Max 
Liebermann, Dom. Morelli, Puvis de Chavannes, G. Roche- 
grosse, John M. Swan, Alma Tadema, J. James Tissot, 
Fritz von Uhde, ]osi Villegas, Jul. De Vriendt. r. 

Handbuch der Kunstgeschichte von Anton 
Springer. Das Altertum, VII. Auflage, völlig um- 
gearbeitet vonAdolfMichaelis. Leipzig bei E. A. See- 
mann 1904. 

Dieses Handbuch, das von einem äußerst dankens- 
werten Literaturverzeichnisse (ä2oPf.) über das Ge- 
samtgebiet der alten Kunst eingeleitet wird, ist aus dem 
Textbuche hervorgegangen, mit dem Anton Springer 
1879 seine anfänglich nur freier zusammengestellten 
»Kunsthistorischen Bilderbögen« begleitete; die enge 
wissenschaftliche Freundschaft, die den Bearbeiter mit 
dem Verstorbenen seit jeher verbunden halte, bewirkte, 
daß die Intentionen Springers auch bei den drei letzten 
von Michaelis besorgten Auflagen des ersten Teiles des 
nunmehrigen Handbuches voll und ganz zum Ausdrucke 
kamen. \\'ir haben eine fortlaufende Kunstgeschichte, 
die dem Laufe der Universalgeschichte folgend, weniger 
nach einzelnen Gegenständen trennt, als in paralleler 
Schilderung der verschiedenen Zweiggebiete den großen 
Zusammenhang zu wahren sucht in synchronistischer 
Darstellung. Die prähistorischen Anfänge der Kunst 
sind durch Stein- und Bronzezeit — soweit wie für eine 
allgemeine Kunstgeschichte angängig — einleitungs- 
weise erwähnt. Die ägyptische Kunst hat in ihrer Be- 
schreibung eine äußerst wertvolle Unterstützung durch 
den Ägyptologen Wilhelm Spiegelberg erfahren, 
der ja auch einen sehr schönen Abriß über diese Materie 
in dem »Alten Orient«, gemeinverständlichen 
Darstellungen der vorderasiatischen Gesell- 
schaft: Ergänzungsband I, Leipzig 1903, hat er- 
scheinen lassen. Es folgt nun nach kürzeren Exkursen 
über babylonische, assyrische, phönizische, kleinasiatische 
(Troja, Phrygien etc.) und persische Kunst das eigent- 
liche klassische Altertum, das in elf Abschnitte zer- 
legt wird: I. Die sogen, ägäische (»mykenische«) Kunst; 
2. Übergang zur hellenischen Kunst; '3. Das System der 
hellenischen Baukunst; 4. Neue Anfänge (Architektur 
und Bildkünste); 5. Die peisisn-atische Zeit; 6. Die Zeit 



der Perserkriege und die Generation nach den Perser- 
kriegen ; 7. Die perikleische Zeit (die Akropolis und 
die großen Bildhauer); 8. Die Zeit des Peloponnesischen 
Krieges ; 9. Die letzten Zeiten griechischer Freiheit ; 
10 Die Begründung der Monarchie und 1 1. Die Zeit des 
Hellenismus. Ähnlich erfolgt die Verteilung des römi- 
schen .Stoffes, der zuerst die prähistorische Frühzeit im 
Norden und Süden Italiens bringt, darauf etrurischc und 
latinische Kunst und die völlig vom Hellenismus ab- 
hängige Kunst der römischen Republik späterer Zeit folgen 
läßt. Die augusteische Zeit (Kap IV) bringt dann hier 
wie überall einen gewaltigen selbständigeren Aufschwung, 
der sich noch besonders in den Architekturwerken 
der Kaiser Tiberius bis Trajan (Kap. V) steigert ; m 
den Tagen von Hadrian bis Konstantin bereitet sich der 
Niedergang allmählich vor, mit dem dann Kap. VII: Der 
.Au.sgang der römischen Kunst, schließt. 783 Abbildungen 
photographischer und zeichnerischer Aufnahmen im Texte, 
sowie neun Dreifarbendrucktafeln illustrieren die meister- 
liche Darstellung in gleicher Güte, so daß das ganze 
sich nicht als leicht zusammengefügtes Bilderbuch, sondern 
als ein Werk deutscher gelelirter Gründlichkeit und ge- 
schmackvoller Sachkenntnis darstellt, das nunmehr mit 
vollem Rechte auch in akademischen Kreisen seinen 
Einzug hält! hik. 

Herders Bilderatlas zur Kunstgeschichte. 
Erster Teil : Altertum und Mittelaher. 76 Tafeln (Quer- 
folio) mit 720 Bildern. Preis broschiert M. 8. — . 

Laut Ankündigung umfaßt der ganze Atlas ungefähr 
150 Tafeln. Der zweite Teil, der Ende 1905 erscheinen 
soU, wird die Neuzeit nebst erklärendem Inhaltsver- 
zeichnis für das ganze Werk enthalten. Der Prospekt 
sagt ferner, daß dieser Atlas ein nach pädagogischen 
Rücksichten ausgewähltes Anschauungsmaterial für den 
Unterricht in der Kunstgeschichte an den höheren 
Schulen bieten will. Jede Epoche solle trotz der durch 
den Zweck gebotenen Beschränkung eine geschlossene 
Darstellung von Anfang, Höhepunkt und Herabsteigen 
bieten. — — Dieser letztere Satz bildet den Schlüssel 
zu dem Progranmi, von welchem man sich bei der 
Zusammenstellung der Abbildungen leiten Heß. \\'er 
nur vom Standpunkt des Lehrers der Kunstgeschichte an 
die Kunst herantritt, wird es selbstverständlich finden, 
daß man in einen Atlas für die Einführung in die Kunst- 
geschichte möglichst viele .\bbildungen aufnimmt. So 
enthält denn auch dieser Atlas auf 76 Tafeln nicht 
weniger als 720 Bilder; es treffen also auf je eine 
Folio-Tafel mehr als neun Reproduktionen! — Nlöchten 
aber die Lehrer der Kunstgeschichte an den höheren 
Schulen nicht darin ihre Hauptaufgabe suchen, die 
Kunstgeschichte möglichst detailliert vorzuführen, sondern 
darin, die Schüler an das Sehen des Guten in den 
besten Kunstwerken zu gewöhnen! Letzteres ist aller- 
dings viel schwieriger. Zu diesem Zwecke bedürfen sie 
für ihre Schüler eines Anschauungsmaterials, das nicht 
durch Fülle, sondern durch Güte ausgezeichnet ist. 
Die Bilder sollen wenig sein, eine Vorstellung von der 
Eigenart des Besten der verschiedenen Epochen geben 
und dürfen daher nicht so klein und unvollkommen 
sein, daß man sich höchstens noch eine Vorstellung 
von dem Was des Dargestellten geben kann, das Wie 
aber nicht herausfindet. Von größter Wichtigkeit wird 
die Beobachtung dieser Grundsätze besonders für die 
Brauchbarkeit des zw-eiten Teiles sein, auf den wir nacli 
seinem Erscheinen hinweisen werden. Dem Verlag, 
der ein zeitgemäßes Unternehmen wagte, ist der beste 
Erfolg zu wünschen. 

Segantini. \'on Marcel Montandon. Nr. LXXII 
der. Künstler-Monographien von H. Knackfuß. 

Über die erste Kindheit und die trüben Jugendjalue 



VllI BEILAGE ZU .DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 2, i. NOVEMBER 190$ 



Segantinis emhlt uns der Künstler selbst in packender 
und oft ergreifender Weise vieles, das den Schlüssel 
zu seinem Charakter und der seinem Innersten ent- 
sprungenen Kunst bietet. Edles Empfinden, tiefes Sinnen 
und eine selten ausgeprägte Individualität ofl'enbaren 
sich schon in seinem ganzen Verhalten auf den liarten 
Wegen, welche der Knabe und Jüngling wandeln mußte, 
bis er sich zum Künstler emporarbeitete. Schon beim 
ersten Bilde, das er als Neunzehnjähriger ausstellte, 
verriet er Selbständigkeit. Nach seiner Entfernung von 
der Mailänder Akademie wurde der junge Feuergeist 
mit den Brüdern Grubicy bekannt, die sein Talent er- 
kannten und ihm die Mittel gewährten, frei seiner Kunst 
nachgehen zu können. Nun folgte eine Zeit unge- 
stümen Suchens. Im August 1881 siedelte der Künsder 
nach Pusiano über und von da setzte jene Richtung 
ein, in deren Verfolgung ein Meisterwerk nach dem 
andern entstand. Von .\nfang an gab Segantini schlichten 
.Motiven den Vorzug. Selbst in jener Zeit, als er noch 
mehr, wie man sich jetzt auszudrücken pflegt, »anek- 
dotische« Vorwürfe wählte, sind seine Themen sehr 
einfach und erfassen in ungesuchter Weise schlichte 
Menschen bei ihrem Zusammenleben mit ihren Haus- 
tieren und der Natur. Das Leben einfacher Leute in 
und mit der Natur und der das Landvolk dienend um- 
gebenden Tierwelt blieb in der Hauptsache sein Gebiet, 
nur wußte er in konsequenter Aufwärtsbewegung das 
Objekt der Darstellung einerseits und die Stimmung 
seiner Seele andererseits immer vollkommener mit 
den rein künstlerischen Ausdrucksmitteln in Einklang 
zu bringen. In seiner späteren Zeit schuf Segantini 
auch mehrere ernste symbolische Bilder. Sein grü- 
belnder Geist verlangte nach den erhabenen Zügen im 
Antlitz der Schöpfung und dem klaren Lichte; deshalb 
zog er immer höher hinauf in die Regionen der Alpen- 
welt. Eine feierhche, manchmal tief melancholische 
Stimmung weht aus Segantinis Werken; sie erreicht 
ihren Höhepunkt in der letzten und reifsten Frucht 
seiner Lebensarbeit, den drei zusammengehörigen Ge- 
mälden : Werden, Sein, Vergehen. ') Über dem letzt- 
genannten Bild wurde er am 28. September 1899, im 
.\lter von 41 Jahren, vom Tode überrascht. — Auf an- 
regende und lehrreiche .\rt führt das oben zitierte Buch 
von Marcel Montandon in das Ringen und Schaffen 
Segantinis ein, der auf dem von ihm gewählten engeren 
Schaffensgebiet stets zu den Großen gehören wird. 
Den Text unterstützen 97 Abbildungen und vier farbige 
r-anschaltbilder. K. 

Hochland. Monatsschrift für alle (Jebiete des Wis- 
sens, der Literatur und Kunst, herausgegeben von Carl 
Muth. 

Diese vornehme Zeitschrift tritt jetzt in den 111. Jahr- 
gang; sie hat sich außerordentlich schnell die Sympa- 
thien der gebildeten Kreise errungen. Hochland reprä- 
sentiert eine unserer ersten Zeitschriften Deutschlands 
und hat sich in kurzer Zeit zu einem führenden Organ 
ihrer Art und Richtung aufge.schwungen. 



ZEITSCHRIFTENSCHAU 

Zeitschrift für christliche Kunst. — Heft 6. 
— Meister Nicolaus von Verdun und der Dreikönigen- 
schrein im Kölner Domschatz. — Die kunsthistorische 
Ausstellung in Düsseldorf. Vll. 

Kirchenschmuck. — Nr. 9. — Die Pfarrkirche zu 
Lana bei Meran. — Ein Gremiale (Benediktinerabtei 
St. Lambrecht). 



Baudenkmäler deutscher Vergangenheit. — 
Heft 12. — Schloß Gohlis bei Leipzig. 

Dekorative Kunst. Sonderheft. — Peter Behrens- 
Düsseldorf. 

Die Kunst unserer Zeit. — 8. und 9. Liefg. — 
Franz von Lenbach. 10. Liefg. — Über die IX. in- 
ternationale Kunstausstellung 1905 in München. 

Kunst und Handwerk. — Heft 10. — Münchens 
Stadtwappen. — Prof. Dr. Alois Riegl f. — Wilhelm 
Spannagel. — Kleine Nachrichten. 

Kunst und Kunsthandwerk. — Heft 5 und 6. 



— Das englische Haus. 
Brangwvn. 



Dekorationen von Frank 



The Art Journal. 
Exhibition. — Aubrev 
Exhibition. — Passing 

— London Exhibitions. 

— Oxford Portraits. — 

— Wilfrid Ball, R. E., 
Gothic Needlework. - 
.\ugust. — Painters Ar 
letti. — Arras Tapestry 
(Paris). 



— June. — The Roval Academv 
Beardsley. — Tlie New Gallery 
Events. — The Donald Bequest. 
Julv. — The Paris Salons. 

■ Historical Portraits ad Oxford. 
Painter und Etcher. — English 

— London Exhibitions. — — 
chitecture. I. — Sylvius D. Pao- 

— The Gustave Moreau Museum 



Gazette des Beaux-Arts. — i. Mai 1905. — Les 
Salons de 1905. — Les ivoires Gothiques Francjais des 
MustJes sacr^ et profane de la Bibliotheque du Vatican. 

— — I Juin. — Notes d'Archeologie Musulmane, ä 
propos de nouvelles acquisitions du Louvre. — L'expo- 
sitions de la jeunesse au XVIII« siecle (!=' article). — 
Les Salons de 1905 (11= art.). — Artistes contemporains. 
Bibliographie. 

L'Arte. Direttore: .-^dolfo Venturi, Roma. — Anno 
VllI. Fase. 1. — Pittura e miniatura a NapoU nel sec. 
XIV. — I Primitivi Francesi: L'ouvrage de Lombardie. 

— La scultura veneta a Bologna. — Miscellanea. Corrieri. 

— — Fase. II. — I seguaci del Francia e del Costa in 
Bologna. — Gli alTreschi del Castello di Manta nel 
Saluzzese. — Frammenti del Presepe di Arnolfo nella 
Rasilica romana di Santa Maria .Maggiore. 

PRAKTISCHE WINKE 

BEANTWORTUNG \'ON ANFRAGEN 

Es wird angefragt, wie Fronleichnamsaltäre ausge- 
staltet werden könnten. Es handelt sich liierhei um 
den Überbau, da die Unterbauten und Leuchterstufen 
vorhanden sind. Die Altäre stehen zum Teil ganz frei, 
weswegen sie dem \\'ind den nötigen \\"iderstand bieten 
und auch auf der Rückseite ästhetisch geli.ilten sein 
müßten. Die Überbauten, welche den Hintergrund von 
.Mtar und Tabernakel zu bilden hätten, müßten leicht 
transportierbar sein und ohne zu große Vorarbeiten 
am Morgen des Festtags aufgestellt werden können. 
Es wäre zunächst auf kleinere Ortschaften Rücksicht 
zu nehmen. Der Charakter des Festes, aber auch die 
Rücksichtnahme auf praktische Zwecke und auf die 
Kosten legt nahe, bei solchen .-Mtären den Topfpflanzen, 
Blumengewinden und Kränzen eine besondere Rolle 
beizulegen. — — Sollten uns .■\bbildungen von prak- 
tischen und künstlerischen Fronleichnamsaltären oder 
Skizzen zu solchen zugehen, so würden wir sie eventuell 
veröfi"enilichen. 



*> Veryl. Jahrg. 1, Heft 9, 5. aij. D. 




daktionsschlu ß: 15. Oktober. 



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Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen PlastiK des XVl. Jahrhunderts. 

Von Dr. Felix Mader. 
VIII und 122 Seiten mit 70 Abbild, auf Kunstdruckpapier. Preis eleg. brosch. M. 6.50. 

Mit vorliegender Monographie erscheint zum erstenmal eine systematische Dar- 
stellung der Lebensverhältnisse und des künstlerischen Opus eines der bedeutendsten 
Plastiker des 16. Jahrhunderts, der die verdiente Beachtung eben infolge des 
Mangels einer quellenmäßigen Behandlung bisher nicht gefunden hat. 

Der Verfasser stützt sich auf umfangreiche, archlvalische Forschungen und vermag 
so eine detaillierte Biographie zu bieten. Die Forschung nach den Werken Loy Herings 
führte zu der Konstatierung, daß nicht bloß das ehemalige Hochstift Eichstätt 
und die anstoßenden fränkischen Gegenden einen reichen Schatz von Epitaphien 
des Meisters bewahren, sondern daß dieselben auch nach weitentfernten Gegenden 
ihren Weg fanden. Die Fuggerepitaphien im Chor von St. Anna in Augsburg, 
die Tumba des Nicias von Salm in Wien, das Epitaph des Herzogs Erich von Braun- 
schweig in Münden, Epitaphien in Heilbronn, Würzburg, Nürnberg usw. erweisen 
sich als sichere Schöpfungen Loy Herings. Die Monographie erweist demnach einen 
wesentlichen Dienst, indem sie die Gestalt eines der allerersten deutschen Renaissance- 
Bildhauer mit bestimmten klaren Linien zeichnet. 

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VerUg: Gesellschaft für cbristllcbe Kanst, G. m. b. H. — Für die Redaktion verantvortllcb : S. Staudbanier. — Für den laserateoteil rerantwortllcb : 

Konrad Eben. — Druck von Alphons Bnickmaiin. SSmtliche In Müocben. 



2, Jahrgang. 3. Heft. 



1. Dezember 1905. 




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Aventingrabmal und seine Vorlage. Von Professor Dr.J. A. Endres. — Ein neuer Zeichenlehrplan 
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— IX. Internationale Kunstausstellung in München 1905. Von Franz Wolter. — Der Wittels- 
bacherbrunnen in Eichstätt. Von Professor Dr. Oskar Freiherr Lochner von Hättenbach. — 

— Zu unseren Bildern. — Die Ausstellung der deutschen Goldschmiede in St. Louis. Von 
M. Dankler. — Die Stückelberg-Ausstellung in Berlin. Von Dr. Hans Schmidkunz (Berlin-Halen- 

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Bilderprobe. 

IL' Seliyprcisung der üottesnuilter hat seit Beginn der christliclien Zeitrechiiuny; 
aiicli die bildende Kunst in ihrer Art mit großem Eifer zum Ausdrucl< 
gebracht. Unendlich viel ist seitdem zu Ehren der Himmelskönigin gemalt, 
genieilSelt und geschnitzt worden. 

Wären Raffaels Sixtinische Madonna, Aliclielangelos Darstellungen der schmerz- 
haften Mutter in Rom und Florenz, Tizians Madonna von Pesaro, Dürers Rosenkranz- 
bild, Holbeins Madonna tles Bürgermeisters Meyer, Murillos Verlierrlichungen der 
unbefleckten Empfängnis Maria nicht geschaffen worden — welch ein X'erlust bedeutete 
das für die bildende Kunst! Und was für diese berühmtesten Werke bekanntester 
Meister Gültigkeit hat, gilt ebenso für Hunderte von anderen Werken dieser und 
anderer Meister. Ihr genialstes Können, ihr begeistertstes Wollen haben die gröl5ten 
Künstler zum Ruhme der üottesmutter verwantit. üleich einer musikalischen 



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Syniplionie. die mit anspniclisloser schlichter Melodie beginnt, dann aber, in ihrem 
Gehalte gleichsam stetig wachsend, in quellenden Akkorden, in effektvoller Instru- 
mentierung zu vollendeter, erschütternder Harmonie heranreift, hat sich das Marienbild 
aus schlichten rohen, ja unschönen Anfängen im Laufe der Jahrhunderte zu künst- 
lerischer \'üllendung und an das Unüberbietbare grenzender X'ollkommenheii 




Bilderprobe- 



eniporgearlx'ilot. Allr Zeilen seit ihrem Dasein, alle gebildcicn X'ölker haben in iler 
bildenden Kunst Alaiiens gedacht, wenn auch nicht alle mit gleichem Erfolge, nicht 
alle mit gleicliei' Kraft. 

Hier zu sichten und an der Hand der besonders charakteristischen Schöplungen 
der Kirnst der christlichen Völker ein Bild der Gestaltung und Entwicklung des 
Madoniien-ldeals in den Wiedergaben der christlichen Kunst zu liefern, ist der 
Zweck vorliegender Aibeit. 




Bilderprobe. 



Wer aber vermöchte alle Variationen zu nennen, in welchen .Maria in der 
Kunst als Königin des Himmels, als treue Helferin der Menschen verherrlicht wurde?! 
Wieviel tausendmal verherrlichte doch die tiildende Kunst die heilige Gottes- 
mutter! Wie eindringlich — oft viel 
erschütternder als nienschliclie Zungen 
es vernuichten — predigt sie uns 
Liebe und X'erehrung zur allcrseligsten 
Jungfrau ! Wieerstannt und bewundernd 
aber auch der Marienverehrer über so 
manches Maria wiedergebende, unver- 
gleichliche Erzeugnis höchster, vollen- 
deter Knnstbetätignngsich freuen wird, 
so gesteht er doch gerne mit dem 
Dichter Novalis: 

„Ich sehe tlich in tausend Bildern, 
Maria, lieblich ausgedrückt. 
Doch keins von allen kann dich 
schildern. 

Wie meine Seele dich erblickt!'' 




Bilderprobe. 



GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE 



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Möge denn dies Buch eine neue Blüte sein in dem Ehrenkranze, den mensch- 
h'chc Dankbarl<eit dem Andenken der hehrsten Mutter In'enieden windet! 

Möge das Buch aber auch die Achtung weiter Kreise vor der Kunst, der ,, hehren 
llinimclstocliter", crliölien, die so Erhabenes und Heiliges wunderbar verewigte. 




Bilderprobe. 

Möge es endlicli — und gerade darum wurde bei der Illustrierung des Werkes 
auch der neuesten Kunst nicht weniger reichlich gedacht — schaffende Künstler und 
weitere, kinistliebende Kreise in stets engere Beziehung bringen; denn ohne namhaftes, 
sich betätigendes Interesse letzterer können erstere nicht im Sinne ihrer grolk'u künst- 
lerischen Vorfahren wirken. 



6 - 




Bilderprobe. 



Das Werk ist durch jede Bucliliandlung zu beziehen. 
0^=^-^ Verlag von J. P. BACH EM in Köln. ^-.^ 



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[)cii beigefügten Bestellrette 



1 wolle man ansgefiillt der naehstliegenden 



Buchhandlung übersenden. 



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GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE 



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Verkleinerte Abbildung der Einbanddecke. 



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Uli: Kusri; mf.s,si; 



KUNSTIIISTORISCIIE WANDERUNGEN DURCH KATAT.C^XII-N 



\'oii Dr. AD. TAH 



\. Santa.s Creus 



Der Abschied von Tarragoiia trennt uns 
vom Meere, dem feierlichen Hintergrunde 
der Ivatalonischen Kunstwerlce, soweit sie die 
Küste mit den Walirzeichen einer großen 
Vergangenheit, der (~)ptcr\\illigkeit der Gegen- 
wart hereicliern und beleben. Wir scheiden 
von der ruhigen, triedlichen Weide des so 
oft ermüdeten Auges. 

Eine eigene Recapitulatio des Geschauten 
überrascht den Blick . Ein römisches Amphi- 
theater ist sorgsam wiederhergestellt? Nein, es 
handelt sich um einen Neuhau, eine Arena für 
die Gorridas, die spanischen Stierkämpfe. Sie 
sind in Katalonien ein etwas exotisches Ele- 
ment, dessen Heimat nach dem Süden weist. 
Heimisch geworden sind sie einzig in der 
Fremdenstadt Barcelona. Hier in Tarragona 
öftnen sich ihre Tore nur ausnahmsweise 
während des Jahres. Dem ersten Teile einer 
solchen ^'olksbelustil7ung, dem Auftreten der 



Picadores, der Reiter aut armseligen Pferden, 
wird kein Kordländer irgend eine ästhetisch 
befriedigende Seite abgewinnen können, hin- 
gegen zeigt das Einsetzen der Banderilleren 
und das Spiel der Gapeadores einen Triumph 
der Elastizität des männlichen Körpers über 
naturwüchsige Kraft, eine Feinheit und Man- 
nigfaltigkeit der Bewegungen, die man einzig 
einem würdigern Zwecke als dem eines etwas 
langsam sich vollziehenden Hinschlachtens der 
Tiere geweiht sehen möchte. Die höheren 
Stände und das weibliche Gesciilecht bleiben 
übrigens im Norden Spaniens diesen .Schau- 
spielen fern. 

Durch fruchtbare (hegenden eilend, nähern 
wir uns der zweiten Industriestadt Kataloniens. 
Reus. deren zahlreiche Spinnereien uns nicht 
anziehen. Weinbepflanztes Hügelland macht 
uns aufmerksam, daß wir dem gewerbreichen 
\'alls nicht mehr ferne sind. 



Uie chrislliclif Kmist. 11. 3. 1. Duyetiilie 



54 



©^ KUNSTHISTORISCHR WANDHKUNGEN: SAXTAS CREüS *^Ö 




SANTAS CRHUS 



UKUNDKISS 



Ar, /, 'le.xt tie/'ettaji 



Hier lernen wir ein neues \'erkehr.sniittel 
des Südens, die Tartane kennen. P.s ist ein 
mehr oder minder elegant ausgestatteter, 
überdachter Aufsatz auf zwei hohen Rädern. 
Hine ebene breite Landstraße läßt den Zweck 
des leicht gebauten N'ehikels nicht recht er- 
kennen, gellt's aber, wie vor Santas Crcus, 
durch einen camino, einen holprigen, stei- 
nigen Pfad, beachtet der Ungewohnte unter 
mancherlei anfänglichen Beschwerden die Vor- 
züge dieser l'.inriciitung. 

Im Tale, dem wii- uns nähern, rauschen 
mächtige Wiplel, sproßt und grünt es in 
üppiger l'ruchtbarkeit. Die klaren \\'asser 
der Gaya bilden die reiche Lebensader, welche 
der Natur segenspendend zu Hilfe eilt. 

Von der Höhe grüßt uns ein reizendes 
Architekturbild, von einer mächtigen Kuppel 
stolz überragt. Diese kündet uns deutlich 
an, daß wir nicht einem trotzigen Lestungs- 
bau , vielnielu' einer klösterlichen Nieder- 



lassung gegenüberstehen. Es ist die ehe- 
malige, in Spanien angesehene, in Katalonien 
hochberühmte Zisterzien.serabtei Santas Creus. 

Gleichzeitig grüßen ^vir das St. Denis der 
Könige von Arragon, die sich hierher oft 
zurückzogen, ihre Paläste in der Nähe des 
Klosters, innerhalb dessen Umfassungsmauern 
bauten und ihre letzte Ruhestätte, gleich den 
Königen P'rankreichs. im stillen Klo.sterfrieden 
fanden. 

Die Gründung lii)7) geht auf Graf Rai- 
mund Bcrengar 1\'. zurück. Als dessen Pör- 
derer werden mit den angesehensten kata- 
lonischen Adelsfamilien Peter IIL (gest. 1285) 
und Jakob IL (gest. 1327), sowie dessen Ge- 
mahlin Bianca von Anjou genannt. 

L'assen wir zuerst den Grundriß etwas 
näher ins Auge (Abb. Nr. i). An die Kirche (i) 
mit ihren Königsgräbern (2) im Chore schließt 
sich der prächtige neue Kreuzgang (•) an. 
Durch dessen Arkaden betreten wir den Kapitel- 
saal (4), in unmittelbarer Nähe die Sakristei (5). 
Links schliel.^en sich Bibliothek(6)undArchiv(7) 
und fernere Klosterkomplexe (8 u. 9) an. Ihre 
.Ausgänge münden auf einen weiten, mauerum- 
friedeten Platz. Durch einen Gang dem Kapitels- 
saal entlang treten wir in den alten Kreuz- 
gang (11). auf den die Küche (12) und das 
Refektorium (i 3) mündet. F.ine Reihe in ihren 
speziellen Bestimmungen nicht mehr klar zu 
erkennender Bauten umschließt die Königs- 
paläste (14), denen sich ein kleines Kirch- 
lein (15) anschmiegt. Die Wohnungen der 
Mönche verteilten sich ursprünglich in die an 
den Kirchhof (18) und den Klostergarten (19) 
anstoßenden Räume {17). 

Der Grundplan macht ims schon auf- 
merksam , daß im nämlichen Baukomplexe 




©^ KUNSTIlIS'l'ORISCfll". WA\'i:>F.Rr\T,H\': SAXTAS CRFX'S «^ö 55 





SANTAS CKKL'S 



SANTAS CREUS 



GRABMAI. JAKOBS I[. 
Xr. I, r.xt S. s6 



kirchliche und prui.inc Architektur sich trcund- 
Hch die Hände reiciien. Nähern wir mis 
einigen Details, denn eine eingehende Be- 
sprechung wird inis der freundliche Leser 
erlassen. 

Die Kirche wurde nach l'iierers und K, Mar- 
galseingehenden Forschungen (Catalunn, 1884) 
1174 gegründet und 121 1 konsekricrt. Schon 
das Eingangsportal kennzeichnet den Bau 
(Abb. Nr. 2). Der Rundbogen ist der einzige 
Rest aus romanischer Zeit. Die ProHlierungen, 
Baldachine und Krabben verraten bereits das 
siegreiche Eindringen der Gotik. Ein gewal- 
tiges Fenster bildet mit den abschließenden 
Zinnen den einzigen weiten .Sclimuck der 



Fassade. X'ollends enttauscht uns das Innere. 
\'or einem armseligen Altare brennt noch 
das ewige Licht, ein Zeichen, daß der heilige 
Raum seinem Zwecke nicht ganz entfremdet 
ist. Der Chorgesang der .\Iönche ist ver- 
stummt. Eine kleine Gemeinde, der Weiler 
Santas Creus hält in dieser Kirche Gottes- 
dienst, hat ein kostbares Erbe angetreten. 
dessen L iiterhaltungskosten er nicht zu tragen 
vermag, hnmerhin berührt dieser Notzustand 
noch angenehmer als der schutzlose Ruin, 
dem wir ein ferneres Heiligtum preisgegeben 
sehen werden. Das kunsthistorische Interesse 
leidet unter diesen \'erhältnissen nur in sekun- 
därer Weise. 



S6 



52^ KÜNSTHISTORISCIIH WANDERUNGEN : SANTAS CRHUS i>^a 



Die Phiniiisposition (Abb. Nr. i)ist die denk- 
bar einfachste. Acht Gewölbejoche, ohne das 
vei'lcümmerte erste Joch umschließt das drei- 
geteilte Schiff. Auf das Querschiff mündet 
die nur wenig über die Flucht hinaustretende 
Apsis mit geradlinigem Abschluß. Über der 
N'ierung erhebt sich die Kuppel. Die Schlicht- 
heit der Anlagen des Zisterzienserordens um- 
kleidet sich hier mit einigen Strahlen fürst- 
lichen Glanzes, denn die Kuppe! wölbt sich 
über den Königsgräbern. 

Diese bilden auch beinahe den einzigen 
Anziehungspunkt im ernsten Räume mit seinen 
Rundbogenarkaden und den etwas massi- 
ven frühgotischen Gewölben. Das CSrabnial 
Peters III. (Abb. Nr. ^) ist leidlich erhalten. 
Zwei Löwen tragen einen doppelten Sarko- 




SANTAS CREUS 



Nr. s, Ten S. sj 



phag. Im untern rulien die Gebeine des 
tapfern Admirals Roger de I.auria. Auf diesem, 
in seiner Schnuicklosigkeit einem Piedestale 
ähnlichen L'iitLrl\iii luht der Sarkophag des 



Königs, des mutvollen Eroberers Siziliens. 
Mit sichtlicher \'orHebe behandelte die Plastik 
dieses Werk. Arkaden umziehen rings das- 
selbe. In den Nischen begegnen uns etwas 
schematisch behandelte Heiligenfiguren, unter 
denen die Namenspatrone des \'erstorbenen. 
Die Gräber werden überragt von einem schlan- 
ken Bau, zwischen dessen i^ckpfeilern an der 
Stirnseite eine, an den beiden Langseiten 
zwei zierliche Säulen das reiche Maßwerk 
stützen. \'on den Evangelistensvmbolen an 
den Ecken abgesehen, verzichtete die Plastik 
auf jeden liguralen Schmuck, auch auf jedes 
heraldische Emblem. Der architektonische 
Baldachin zeigt einzig in den Laubkapitälchen 
eine anmutsvolle, feine Detailarbeit, im übrigen 
will er nur schützende Hülle des Grabes 
sein, die das Auge nicht im ge- 
ringsten vom Hauptgegenstande 
abzulenken sucht. 

Die Grabstätte des Königs Peter, 
dem sein \'olk den Beinamen des 
Großen verlieh, scheint für die 
Folgezeit zum Kanon für Königs- 
gräber geworden zu sein. Denn 
ihm gegenüber erblicken wir das 
Grab des Kcinigs Jakob IL (Abb. 
Nr. 4) und seiner Gemahlin Bianca 
von Anjou, der iürstlichen Wohl- 
täterin von Santas Creus. Nur 
|2 Jahre trennen den 'Lod der 
beiden Herrscher von einander. 
Dennoch prägt sich in diesem Zeit- 
räume der stilistische Wandel so 
deutlich aus. Der einfache Sarko- 
phag Peters ist hier zum reichen 
Paradebette geworden, auf dem 
der König, eine mit sichtlicher 
Hingabe behandelte Figur, ruht. 
Auch die Überdachung ladet zu 
Vergleichen ein. Die Eckpfeiler 
und Träger des Maßwerkes sind 
eleg.mter geworden. Die Mer- 
pässe mit krausem Laubwerk treten 
an die Stelle der vollen ornamen- 
talen Formen. Die Blattformen der 
Krabben bilden eine fernere Berei- 
cherung. Die Kreuzblumen ver- 
zichten auf die Schlichtheit der 
Knospen, in blätterreichen Blüten 
kriinen sie den zierlichen Bau. 

Lassen wii- die weitere \'er- 
folgung der Unterschiede und 
beachten wir im allgemeinen die 
hier zutage tretende Form der Königs- 
gräbei'. Die Betonung des Sarkophages ist 
maßgebend. Der Baldachin ist Schutz und 
Krone der Grabstätte gleichzeitig. In seiner 



KKIUZG.WG 



S2Jä« KUNST! IIS'IOKISCIII-; W.WDHRUNGEN: SANTAS CREUS S^-S 



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SANTAS CRELS 



GRABSTATTE DES NEUl;N KKELZGANL.ES 
Nr. 6, Te.xt S.jS 



merkwürdigen Einfachheit und der architek- 
tonischen Zierlichkeit wird er uns immer an- 
ziehen. Ein weiter Scliritt trennt uns vom un- 
veri^leichlichen Sebaldusgrah in Nürnberg, 

bewunderte 
n eintaclies, 



Peter \'iscliers 



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üennocli hat 

Sciiöpiung in Santas Creus 

aber würdiges \'orbild. 

Wir verhissen den Inneniainn, dei' aulk'i' 
diesen Cirüften kaum einen anziehenden 
Schmuck autweist. Die Außenghederung be- 
tont die strenge l'.infachheit des Zister- 
zienserordens. Die zinnenbekrönten 
Mauern überragt die Kuppeh deren 
Ausbau der Renaissance üherhissen 
wiu'de. Die Fensteröfinungen bilden 
die einzige Gliederung der Wände. 
Der kahlen Ostseite erbarmt sich ein 
Rosettenfenster (Abb. Nr. ii, S. 60). 

Ins Ciaustro, in den sog. neuen 
Kreuzgang führt \cMn ireien Platze 
aus ein eigener Eingang, dem man 
den stolzen Namen einer Königs- 
pforte gegeben hat. Sie ist dem Kir- 
chenportale außerordentlich ahnlich. 
Nur beobachtet man über dem Rund- 
bogen einen Spitzbogen. Zu beiden 
Seiten lassen noch vorhandene Plei- 
leransätze darauf schließen, daß auch 
hier ein architektonischer Baldachin 
den F.ingang auszeichnete. 

Der Kreuzgang, ein Rechteck mit 
nach dem Hofe offenen Arkaden, 
u^1schliei.^t 34 Gewölbejoche. Er 



entstand 1303— 1347. Die spanische Gotik 
feiert hier eigentliche Triumphe (Abb. Nr. 5). 
Mag man den Gesamteindruck auf sich cin- 
\sirken lassen, oder vergleichend den leisen 
Stilwandlungen folgen, immer wird der Be- 
trachtende neu angeregt, neu befriedigt. 
\'on elegant behandelten, stets variierenden 
Konsolen steigen die Gewölberippen an der 
geschlossenen Wand auf. Ihr gegenüber 
lauschen wir der gewandten Forniensprache 
der Gotik. An den Kapitalen schwelgt die 
Künstlerphantasie in einem wahren Reichtum 
stets neuer Motive. Die ornamentalen Ge- 
bilde sind mit äußerster Zartheit behandelt, 
weniger kann dies vom figuralen Schmucke 
gerühmt werden. Dennoch ist auch dieser 
anziehend. Ei' versetzt uns sogar geistig 
zm'ück nach Tarragona. In schüchternen 
N'ersuchen regt sich der neckische i^eiz der 
Drölerien. Wir sehen Vierhänder in ernste 
menschliche Arbeiten versunken, sie entfalten 
als Reiter auf Kamelen den Prunk der 
Turniere etc. Sonst aber macht sich tiefer 
Ernst allenthalben geltend. 

Wir wandeln über Grüfte, deren Grabplatten 
in dürftigen Resten sich bemerkbar machen. 
In den Nischen rings sehen wir die Sarko- 
phage, ein glänzendes Cortege berühmter, 
verdienstvoller Namen katalonischer I-amilien, 
deren Glieder den Glanz der Königsgräber 
in der Kirche erhöhen und bereichern. Der 
Kunstfreund verweilt mit nicht geringerem 
Interesse vor diesen Werken als der Historiker. 
Einfach präsentiert sich dort ein Sarkophag, 
gotische Arkaden umziehen ohne jeglichen 




SANTAS CREIS 



HOF HKS KREfZGANGES 



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©^ KUXSTIllSTüRlSClil-; WANDERUNGEN: SANTAS CREUS »^"Ö 




SANTAS CKlifS 



EIN'CAXG ZIM KAI>ITi;i 
Ar. S, Tf.xt 7u-li:Jtan 



weitern Schmuck die Flächen, hald treten 
Kreuxe in die l'iillungen. Ihre Stelle ver- 
driuiiJt liguraler Schmuck. Sodann bereichert 
sich das Denkmal. Über den Arkaden machen 
sich Wappentriese bemerkbar (Abb. Nr. 6). 
Aut dem Grabe ruht die liegende Figur des Ent- 
schlafenen; der stille Gelehrte und der Freund 
der Wallen, der ernste Domherr inid der 
anspruchsvollere Höfling, an dessen Seite 
auch seine Lebensgefährtin iiiie Grabstätte 
gefunden hat. 

Was uns hier iiberi'asclit und lesselt, ist die 
stilistische (k'schlossenheit des Ganzen. Archi- 
tektur und Sarkophage reden in der nämlichen 
Formensprache, deren mannigfaltige Laute 
das Olrr harmonisch berühren. Kein aul- 
dringlicher Rokoko schaut spöttischen Blickes 
auf die Schöpfungen der \'ergangenheit. In 
dieser Hinsicht verdient der Kreuzgang von 
Santas Crcus eine Ehrenstelle unter den zahl- 
reichen C^laustros, die uns in Spanien begegnen. 

Ein Blick vom Hole aus in die Korridore 
(Abb. Nr. 7) offenbart neue Schönheiten im 
Reichtume des Alal.uverkes der Arkaden, i'.s 
ist nicht mehr vollständig erhalten, aber doch 
nicht rettungslos dem Ruine preisgegeben. 
Sehnsuchtsvoll verlangt die .\nla"c nach der 



Hand des Restaurators, der dem Zerfalle 
energisch begegnen könnte. Das aus 
den Ritzen und Spalten wuchernde Grün 
verstärkt ein solches \'erlangen. In der 
l:cke des Hofes plätschert unter einem 
hübschen, etwas dürftigen Rundbau ein 
klarer Quell, ein neuer Beweis, daß der 
Anlage noch einige Aufmerksamkeit ge- 
schenkt wird. 

.An der C)siseite des Kreuzganges ist 
deren Mitte architektonisch vornehm 
.uisgezeichnet. Eine mit Säulchen ge- 
schmückte Eingangspforte öftnet sich, 
begleitet von zwei Öfi'nungen, deren ge- 
kuppelte Säulen die schlicht und primi- 
tiv behandelte Bogenfüllung stützen 
(Abb. Nr. 8). Wir betreten den Kapitel- 
saal, einen kleinen dreischifligen Raum, 
dessen Gewölbe auf vier freistehenden 
Säulen ruhen. Der Ernst des Kreuz- 
ganges reflektiert auch in diesem Räume. 
Steinerne Sitze umziehen den Raum an 
drei Seiten und die Nische, in der einst 
ein .Altar aufgestellt war. ist noch er- 
kennbar. Im übrigen besteht der ganze 
Schnnick dieses Raumes in den Figuren 
von sieben Prälaten, die hier friedlich 
schlummern. Die relietartige Behand- 
AAi. lung einer früheren Zeit nuil.^te in der 
Folge einer freieren Bearbeitung weichen, 
die das Bild des \'erstorbenen porträt- 
ähnlich gestaltete und in voller Rundung 
wiederzugeben suchte. 

Dennoch tritt die Bedeutung der klösterlichen 
.\nlage in diesem Räume ergreifend zutage. 
Hier versammelte sich die Klostergemeinde. 
Die Gräber der Abte verkündeten den Lebenden 
in stunnnem .Schweigen die \\'ichtigkeit und 
.Aufgabe der Disziplin. Hier versammelte 
aber auch Jakob IL sein glänzendes Gefolge, 
wenn tler (Jroßprior des von ihm gegründeten 
Ritterordens von .Montesa mit den Insignien 
seiner Würde bekleidet wurde. Dieser Doppel- 
charakter von Santas Creus findet sich nicht 
in gleicher Weise betont, denn die profanen 
Bauten und Denkmäler treten gegen die 
monastischen Räume in den Hintergrund. 
Der Bibliothek und dem .Archive, wie der 
Sakristei schenken wir keine .Aufmerksamkeit. 
.Architektonisch ist erstere wirklich reich be- 
li.uulelt, das zeigt schon der Grundriß. .Allein 
sie ist doch in ihrer heutigen Gestalt niu" 
ein schöner Leib ohne Seele, denn der 
Chronisten Schilderung über den Reichtum 
an Handschriften und .Archivalien, die Kost- 
barkeit der Sakristei-Objekte berührt an der 
Stätte ihrer einstigen Aufbewahrung doppelt 
wehniüti<i. Handelt es sich doch keineswegs 



SOS« KUNSTIIISTOKISCIII- WANDI-KUNGliN: SANTAS CRHUS mö 



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SANTAS CKia'S 



um eine Dislokation des einst Vorhandenen, 
die noch erträt^hch sein könnte, sondern um 
das Barbarenwerk der Zerstörung, die Hast 
der Beutegierde, die verschleppte und ver- 
schacherte, um den X'andalismus, dessen 
Folgen man mit tiefem Bedauern beachtet. 

Das weitere Vordringen in diesem Bau- 
ki)mplexe führt uns das Hordenwerk der 
Revolution aus der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts immer deutlicher vor Augen. Dei' 
sogenannte alte Kreuzgang, an Umfang dem 
neuen nur wenig nachstehend, ist eine Ruine. 
Aus dem Mauerschutte tauchen noch die 
Spitzbogen der in schlichtester Einfachheit 
behandelten Arkaden auf, wie die SchlulS- 
akkorde eines ergreifenden Grabgesanges. 

Leidlich erhalten ist der Palast des Königs 
jakob II. Das Äußere macht keineswegs den 
lündruck fürstlicher Pracht, erinnert vielmehr 
an bürgerliche Einfachheit, die mit den \'er- 
hältnissen des Südens ernst rechnete. Hin- 
gegen überrascht der Hot im Innern durch 
seine hübsche Disposition und die vorzüg- 
liche Erhaltung. Säulenhallen mit eleganten 
Bogen umziehen die beiden Geschosse. In 
der untern Etage durchschneidet die Treppen- 
anlai;e in scheinbarer Rücksichtslosigkeit und 



dennocii leiner Berechiuing die luftige Halle 
(Abb. Xr. 9). In unbeschränkter l-'reiheit 
beherrscht diese das Obergeschoß. Elegant 
und zierlich sind schon die Basen behandelt, 
schlanken Blumenstengeln gleichen die Bündel- 
säulchen, auf deren Kapitalen die fein profi- 
lierten Bogen ruhen. Die anstoßenden Ge- 
mächer sind schmucklos, teils in ruinösem 
Zustande. Nur der Aufgang zum Treppen- 
hause weist nach Innen über dem Türsturze 
das von Engeln gehaltene Wappen Kataloniens 
.Ulf (Abb. Nr. 12), das von einem Löwen auf 
der nahen Lehne bewacht wird. Dieser Hot 
ist aber auch der letzte Rest der einstigen 
kiuiiglichen Bautätigkeit an dieser Stätte. 
Den nahen zweiten Palast zu betreten, wurde 
aL nicht gefahrlos geschildert. Die ver- 
Nchiedenen Annexe sind in ihrer Zweckbe- 
stimmimg nicht mehr erkennbar, in ihrem 
heutigen Zustande zur nähern Untersuchung 
auch keineswegs einladend. 

Dem Kcinigspalaste gegenüber ragt ein 
mächtiger zweistöckiger Bau aus den Ruinen 
empor. Eine weite gotische Halle nimmt 
den Raum der obern litage ein. Man be- 
zeichnet denselben als Schlafsaal der Novizen. 
Die Richtigkeit dieser Bezeichnung wollen 
wir dahingestellt lassen, er versichert uns 
wenigstens, daß die Gotik auch in Nutz- 
bauten einen hochbedeutsamen Eindruck 
hervorbringen kann. In das allerdings sehr 
starke Mauerwerk, das die Strebepfeiler ersetzt. 
sind die mächtigen Spitzbogen eingelassen. 
Für das Auge ruhen sie auf primitiven Kon- 
solen. Auf die Bogen legen sich die Dach- 
sparren. \'on irgend einer \'erkleidung zeigt 
sich nicht die leiseste Spur. Der offene 
Dachstuhl des Basilikabaues tritt hier unter 
veränderten ^'erhältnissen. und neuen Zwecken 




SANT.\S CRIXS 



GOTISCH1-; HALI.K 



i\V. /o, 'l'fXt tt/ifn 



6o 



©^ DAS A\RXTIXGRABMAL UND SHINE VORLAGE »'^Ö 



dienend wieder in seine l^echte ein. Die 
Wirkung eines weit ausgedehnten Raumes, 
in dem jedes Glied seine Iconstruktive Auf- 
gabe mit beinalie naixer Deutliciikeit ver- 
kündet, kann die Arciiitektur kaum überbieten. 
Der Ernst monastischer Würde oflenban sicii 
mit imponierender Kraft (Abb. Nr. lo). 

Wir schreiten nach dem östlichsten Punkte 
von Santas Creus. Zur Linken beachtet man 
geborstene Umfriedungen. Sie umschlossen 
einst den Friedhof und die Gartenanlage. 
Meute bezeichnet ein großes Trümmerfeld 
die beiden Stätten. Rosenranken und Ge- 
büsch suchen das Auge über die Ruinen 
hinwegzutäuschen. 

Wir stehen vor einem reizenden Bau, dem 
ersten Kirchlein von Santas Creus. Der 
Rundbogen des Einganges ist defekt, nur 
das Tonnengewölbe im Innern hat bisher 
den zerstörenden Einflüssen Widerstand ge- 
leistet, um den hübschen Altartisch mit seinem 
Säulenschmucke zu schützen. Eür manche 
Jahrzehnte ist kaum mehr Garantie geboten. 
Drohende Risse verkünden deutlich, daß eine 
nicht allzu ferne Zeit nur einen Trümmer- 
haufen an dieser Stelle finden wii'd. 

Unser Blick eilt zurück auf die in ihrer 
Art einzige Klosteranlage, schön auch als 
Ruine, die noch nicht hoflnungslos und 
klagend aufragt, vielmehr bittend nach einer 
rettenden Hand Ausschau hält. Santas Creus 
soll nur die Tochter sein, ihrer Mutter, Pöblet, 
dürfen wir entgegengehen ! Der Geist weidet 
sich an der siebenhundertjährigen Geschichte 
dieser Stätte. Klösterliche Einfachheit mul 
fürstlicher Prunk, der Ernst der Askese und 
die L'reuden des ilnflebens ziehen kaleidoskop- 




s.\NT.^s ciu:is 



\V.-\PPi;\ K.\1AL0N1ENS 
-W. /-', T,:rl S. sg 




artig vorüber. Plötzlich hüllten die vom Blitz 
durchzuckten Sturmeswolken des Revolutions- 
jahres 1835 die herrliche Anlage ein. Das 
Tageslicht beleuchtete den heutigen Zustand. 
Von der nahen Klosterkirche tönt ein 
Glöcklein an unser Ohr. Heiser ist seine 
Stimme, aber melodisch berühren uns seine 
Töne. Sie schwellen an zum Festgeläute, 
als wollten sie eine Renaissance des 20. Jahr- 
hunderts feierlich begrüßen, eine Renaissance 
des Glaubens und der Denkmäler, die dessen 
Lupulse einst geschaffen haben. (Fort, folgt.) 



DAS AVHNTINGRAliMAL UND 
SEINE VORLAGE 

Von f)K. j. \. i;ndki-;s 

Die romanische \'orhalle von St. lünmeram 
zu Regensburg ist im Laufe von Jahr- 
hunderten zu einer wahren Mustersammlung 
künstlerisch ausgestatteter Grabmonumente ge- 
worden. Grabdenkmäler aus romanischer und 
gotischer Zeit fehlen daselbst zwar gänz- 
lich, sei es, dal.s der Raum — ich meine 
den überwölbten Teil der ^'orhalle — 
in der cntsprcclienden Zeit zu Begräb- 
nissen nocli nicht benutzt wurde oder 
tlal.i die Neuzeit die Denkzeichen frühe- 



rer 



Tage 



von mrer 



Stel 



ver 



dräns/te. 



SASTAS CRKUS 



osrsiaTi- ni:it mkchi; 



Nr. II, Tfxl S.S7 



Dagegen hat seit dem Beginn der Re- 
naissance in Regensburg jede wechselnde 
Stilperiode mit denen der Toten sich 
selbst Denkmäler gesetzt Es .sind Monu- 
mente bis zur lierrschaft des Klassi- 
zisnuis, großenteils von nicht unbedeu- 
tendem Kunstwert, .\laiiclie von ihnen 
scheinen erst hier unter ein schützendes 
Dach gebracht worden zu sein, nach- 
dem der alte 1-riedhof auf der Nordseite 
der Klosterkirche seiner ehenudigen Be- 
stinuuung cnilVcnulet wurde. Das gilt 
wenigstens \-on dem uns hier beschäf- 
tigenden (jrabstein .Aventins, welcher 



e?^ DAS AVF.NTIXCRABMAI, U\'D SF.IXE X'ORLACil- n^^ 



6i 




(-^ D IW S >*-N 

FLETC PII VATESETTVNDITE PECTORAPALMISj 

VESTERENIM HICCELTIS FATASVPREmTVLIT 

MORTVVS ILLE QV/DEM SEDLONGVVIW5/NEVVM 

COLOOyiTVRDOCTIS PER SVASCRlPTAV/XlS 

C H VNCEL- PRPVI E Wf I. AVRE ^ CVSTOS -E COa ATOR^ 

IllCINICHRIS.QyiESCITVlXITAN-IXL&\LSESC&';MIU: 

5VB DIV OWAyiMIL:A V GV5T: ^ir^ETVr 



'^..u^.nri^r, c-i hl., rH^B^ 



HANS BURGKMAIR lOTEN'BlLD DES KONKAO Ci:LIIS 

HolzicUnitl V. IJV7, T.-xt S. bi 



vonniils im I-ricdliot neben der Sakristei der 
Kirche seinen Standort gehabt hatte') (Abb, 
nebenan). 

Eine kurze Besclireibung des Denkmals 
habe ich bereits an einer anderen Stelle ge- 
geben.-) Der Vater der bayerischen Geschichts- 
schreibung erscheint hier in Halhfigur hinter 
einem auf zwei Pilastern ruhenden Bogen. 
Er ist mit Barett und Magistermantel seiner 
Zeit angetan. Seine Hände ruhen auf drei 
vor ihm liegenden Folianten, zu deren .Seiten 
zwei niedliche Putten Platz genommen, die 
sich der bittersten Trauer überlassen. Aut 
den flatternden Bändern rechts und links von 
der Porträttigur sind Sprüche tiefernsten 
Inhaltes, Reflexionen, wohlgestinimt aut das 
Grabmonumenteines Historikers, eingegraben : 
Homo bulla est, und: Nascentes moriniur. 
Glaube und Hoflnung des Christentums 
rinden ihren Ausdruck in der Inschrift des 



Bogens, der sich über der Halbfigur wölbt. 
Sie lautet: Scio quod redemptor meus vivit, 
et in novissimo die de terra surrccturus sum 
(Job 19, 25). 

Unter der Bildfläche ist die folgende Inschrift 
eingegraben : 

D i\l 
K 1A\ ■ AVi:\TIXVS VIR SINGVLARI ERVDI: 
IIDI' AC FIHTATE PRyl-DI'rVS PATRLE SU^E 
( )RXAMHNTO EXTERIS ADMIRATIONI FVIT 
liOlOR-IT GERMANIA STVDIOSISSIMVS : RE- 

RVM 
ANTiaAR ■ IXD.VG.VTOR SAGACISS • VER^ 
RELIGIOXLS 0.\1XISQ.VI-: lI()Xi;STI A.M.VTOR 
(A'I ■ T f ■ M • AD POSTERIT : .MEMÜRIAM ■ P • EST 
(-) ■ \' • 11 )VS lAN • ANXO • M ■ D • XXXIIII 

Diese gleiche Inschrift rindet sich auch 
auf einem Holzschnitt, welcher in der von 
der Baver. Akademie der Wissen.schaften be- 
sorgten Ausgabe der sämtlichen Werke 
Aventins dem ersten Bande vorangesetzt ist. 
Fr erweist sich durch das beigegebene Mono- 
graiiini als das Werk des 1563 zu Wien 



') Graf V. WalcicidoiiY, Rogensburg in scim:r Ver- 
gangenheit und Gegenwart, Regen.sburg 1896*, 330. 

=) Kniender bayerischer und schwäbischer Kunst, 
herausgegeben von J. Schleclit, München i^oj, .S. 9. 




DENKMAL AVENTINS IN REGENSBUUG ij;4 
. Tt'xi »eiffudn 



Die c:iri..Iiiclie Kunst II. j. 



62 



©^ DAS .WEXTIXGRABMAL UND SEINE \'ORLAGE J^a 



verstorbenen Hans Sebald Lautensack, von 
dem bekannt ist, daß er ein Bild Aventins 
schul.') Wenn jedoch Wilh. Vogt in der 
jener Gesamtausgabe vorgedruckten Biographie 
Aventins (p. LVIII) meint, daß dieser Holz- 
schnitt eine Kopie des Regensburger Grab- 
monuments darstelle, so befindet er sich in 
einer Täuschung. Denn die einzige Beziehung, 
welche die beiden Kunstprodukte miteinander 
verbindet, ist lediglich die gleiche dargestellte 
Person in Halbfigur, denn aut dem genannten 
Holzschnitte erscheint Aventin jünger, in einer 
anderen Wendung des Körpers und auch in 
anderer Handlung. Er ist hier (heraldisch) 
nach links gekehrt und schreibt eben in ein 
vor ihm liegendes Buch, neben dem das 
Tintenfal.s steht. 

Dagegen muLi, was meines Wissens bisher 
noch nichtbeaciitetwurde, ein andererund zwar 
berühmterer Holzschnitt mit unserem Grabmo- 
numente in Beziehung gebracht werden, näm- 
lich das von Hans Burgkmair geschnittene soge- 
nannte Totenbild des Konrad Celtis (Abb. S. 6i 
oben). Celtis selbst hatte dieses Bild bei seiner 
letzten Anwesenheit in Augsburg imjahre 1 507, 
als er sein nicht mehr ternes Ende voraus- 
fühlte, bei dem Augsburger Meister bestellt 
und die daraul anzubringenden Legenden 
bestimmt.' I Burgkmair stellte den Huma- 
nisten in Halbfigur mit etwas nach rechts 
geneigtem Kopfe dar. Die Hände ruhen auf 
vier Büchern, die an den schmalen Sciinitt- 
seiten die Titel seiner vier Hauptwerke tragen. 
Celtis ist mit einem großgemusterten Brokat- 
stoff und darüberliegendem Pelzmantel be- 
kleidet. Um sein Barett ist die Dichterkrone 
geschlungen. So steht er in einer Bogen- 
nische, welche von Fruchtki'änzen und einer 
reich ausfiatternden Bogensciileite gebildet 
wird. An den zwei unteren Ecken der Nische 
trauern zwei Putten, in den oberen Zwickeln 
Apollo und Merkur. Das quer \or den Putten 
angebrachte Schild des Celtis zeigt einen 
klatfenden l^il.' in tler .Mitte. Über dem Bogen 



') Müller-SingLT, KüiLstlt-rlcxikon 2 3 (1.S96). 

") Über den Ilol/scliiiitt luuitielt ausführlich Anton 
Ruland, über da.s Sterbbild, welches sich Conradiis 
Celtis selbst in Holz schneiden ließ, R. Naumann 
(Archiv f. zeichn. Künste, 2 fi<S)6J, ,S. 1.(3 ff). Daß der 
Stich nicht schon im Jahre 1505 entstand, wie man 
auf eirund einer Abliandlung von R. Muther, Hans 
Burgkmair (Zeitschr. f. bild. Kunst, 19 [188.) , S. 3.(4^' 
schließen könnte, zeigte Dönilioller, Über Hurgkniair 
und Dürer (Beiträge z. Kunstgeschiclite. 1-ranz W'ickhofV 
gewidmet, Wien 1903, S. i K|). Auf letztere Ab- 
handlung und einen der Müncliener Staatsbibliothek 
(Arch. 112 a) geliovigen Originalabzug, den Celtis 
seinem Freund llartmann Scliedel in Nürnberg dediziert 
hatte, bin ich durch die Cüte von H. Dr. Leidinger, 
Sekretär dieser Bibliothek, aufnierk.sam geworden. 



zwischen zwei kleineren Girlanden wieder- 
holt sich die Dichterkrone. 

Diesen Holzschnitt nun hatte der unbe- 
kannte Meister des Grabmonumentes von 
Aventin vor sicii. Gleichwie zahlreiche andere 
Maler und Bildhauer seiner Zeit nach vor- 
iiandenen Schnitten arbeiteten, so legte auch 
er jenem Denkmal das Totenbild Celtis' zu- 
grunde. Ganz wie Burgkmair versetzte er 
die Halbfigur Aventins in eine Bogennische, 
mit derselben Richtung des Körpers, die 
Hände über Büchern — hier nur dreien — 
ruhend. Die Putten wurden von ihm genau 
übernommen, dagegen Schild und Dichter- 
krone sowie, die beiden mythologischen 
Figuren weggelassen. Ein weiterer Unter- 
schied ist darin begründet, daß der Bildhauer 
die Bogennische, einem guten Gefühle folgend, 
statt rein dekorativ, architektonisch umrahmte. 
Dadurch wurde er veranlaßt, die tiatternden 
Enden der Bogenschleife frei schweben zu 
lassen. Die mythologischen Figuren in den 
Zwickeln ersetzte er durch Ornamente. 

Die Wahrnehmung, daß das Totenbild des 
Celtis für das Grabmal eines anderen Huma- 
nisten zum \'orbilde gedient hat, legt die Frage 
nahe, ob nicht auch sein eigenes Monument 
an der St. Stephanskirche zu Wien unter 
dem Einfiusse jenes Burgkmairschen Holz- 
schnittes ausgeführt wurde. 3) Beim ersten An- 
blick (Abb. S. 63) des Monumentes möchte man 
geneigt sein, die Frage gänzlich zu verneinen. 
Innerhalb einer phantastischen Umrahmung 
von (vielleicht svmbolisch autzutassenden) imi- 
tierten i^aumästen ruht auf diesem Denkmal 
zu Unterst eine tabula securiclata auf, über 
der sich seitlich zwei Pilaster erheben, die 
auch ihrerseits eine gleiche, etwas höhere 
Tafel tragen. Der in der Mitte sich bildende 
Ramn ist durch einen Lorbeerkranz und eine 
Girlande sowie durch einige svmbolischc 
Reliefs, darunter das Kreuz, ausgefüllt. Dieser 
Aufbau läßt nur mehr einen schmalen Raum 
über der oberen Lischritttafel übrig, in den 
etwas gedrückt das Brustbild des Celtis hinein- 
komponiert ist. Der Dichter und Humanist, 
mit Mantel und Barett angetan, trägt mehr 
jugendliche Züge an sich. Lr legt beide 
Hände auf je drei rechts und links von ihm 
auf'gebeigte Bücher und macht so den Ein- 
druck eines mitten im akademischen I?eruf 
stehenden Lehrers, der seinen \'ortrag auf 
einem reichen, vor ihm ausgebreiteten litera- 
rischen Material aufbaut. Die oberen Ecken 



3) Eine Abbildung des Celtisdenkmals ist mir durch 
H. Dr. iMantuani an der k. k. Hofbibliotliek zu Wien 
gütigst zur Verfügung gestellt worden, wolür auch hier 
der geziemende Dank gesagt werden soll. 



NHUF.R ZRICHF.XT.nHRPT.AX rVR DIR VOI.KSSr.HUI.RX MÜNCHENS 



63 



der Relicftafcl sind durch IVuclitbündcl aus- 
gefüllt. So bleibt an der ganzen Darstellung 
als die einzige mögliche Reminiszenz an den 
Burgkmairschen Schnitt, wenn überhaupt 
eine solche anzunehmen ist, nur das Aufruhen 
der Hände auf Büchern übrig. 

Eine ästhetische Würdigung der beiden 
Humanistengrabmäler wird niclit umhin 
können, dem Schöpfer des Regensburger 
Reliefs das feinere Kunstemplinden zuzu- 
erkennen, wenn er auch weniger selbständig 
gearbeitet liat. Denn daß er sich »nach he 
rühmten Mustern richtete, dürlte atis den 
obigen Ausführungen unzweifelhaft klar sein. 
Damit ist aber auch die Geschichte eines be- 
kannten ilui'gkmairschen Blattes mii einen 
kleinen /ul; bereichert. 




GRABM.\L DES KONR.\D CELTIS 

Sti-frlianskirche zu l\'ii-n, Text S. Ö3 

Nach einer |ihnt Aurn.ilime von M, Frankenstein, Wien 



EIN NHUl-R /EIClll^XLhHRPLAN 

FÜR DIE N'OLKSSCHULEN 

MÜNCHENS 

Mit Beginn des Schuljahres 1905/6 tritt für 
die Münchner \\)lksscluilen ein neuer 
Lehrplan in Kraft, der besonders im Zeichnen 
gegen trüber bedeutende Änderungen zeigt. 



Die alten Bahnen sind zum großen Teil ver- 
lassen und der Zeichenunterricht wird in mehr 
künstlerischerWeise betrieben. Nun mehr zeich- 
nen die Kinder schon in den Unter- und Mittel- 
klassen ; zur Darstellung werden im allge- 
meinen Gegenstände gewählt, welche im An- 
schauungs- oder heimatkundlichen Unterrichte 
schon Betrachtimg luid Besprechung erfuhren. 
Die regelmäßigen Zeichenübungen erfolgen 
mit weichem Griffel auf die Schiefertafel, mit 
Bleistift auf Papier, mit Kreide auf die Wand- 
talel. ;\'i)m fünften Schuljahr ab werden — 
imd zw ar in Mächendarstellung — gezeichnet: 
zuerst krummlinige bormen (Apfel, Birne, Ei, 
Rad, Handspiegel, Brille u. dgl.), dann gerad- 
linige (Schiefertafel, Heft, Lineal, Winkeldrei- 
eck, Fenster, Türe etc.), hierauf gemischt- 
linige (Beil, Hammer, Zange, Schere, Gabel, 
Schaufel u. s. f I, nachher wird das .^uge des 
Scinders an einfachen Blattlormen (Flieder, 
Winde, Leberblümchen, Haselwurz etc.) und 
an Fischformen geübt. 

Die Wiedergabe des Geschauten erfolgt 
anfangs aus dem Gedächtnis, später, bei den zu- 
sammengesetzteren Formen, nach der Xatur; 
die Darstellungen nach der Xatur sind mit 
Kohle auf braune, schräg gestellte Pappen- 
deckel, später mit Pinsel auf schräg gestelltes 
'Fonpapier wiederholt bis zur gedächtnis- 
mäl.Mgen Aneignung der Form zu üben. 

\m sechsten Schuljahr wird mit Pinselübun- 
gen begonnen: Kommastriche in Reihungen, 
Bordüren, hierauf Silhouetten von einfachen 
(iegenständen der vorjährigen Aufgaben, Kir- 
schen, Beeren, Blättern u. dgl., sowohl einzeln 
als in Reihungen; daran schließt sich die 
Flachcndarstellung wirklicher Gegenstände in 
i-arbe, z. B. Blumentöpfe, flache Schnecken- 
gehäuse und Muscheln, Kater und Schmetter- 
linge. Die Blattformen aus dem Stoffe des fünf- 
ten Schuljahres werden auf zusaiumengesetzte 
Formen und einfache Zweige erweitert. End- 
lich wird auch zur räumlichen Darstellung 
geschritten, dazu werden benützt: zwei oder 
mehrere seitlich hintereinandergestellte Bälle, 
Eier, Apfel, Gläser, Flaschen, sodann Kisten, 
Schachteln, Bücher etc. Die Wiedergabe be- 
schränkt sich im allgemeinen überhaupt auf 
die Ausführung in einfachen, strengen, groß- 
zügigen Linien ; vom sechsten Schuljahre ab 
wird dieselbe unter Benützung von Tonpapier 
durch Emiührungvon ein bisdreiTönen (Licht- 
ton, Schaltenton, Lokalton)erweitert. Dassiebte 
Schuljahr setzt die dekorativen Pinselübungen 
an Tellern, Schachteln, Buchdeckeln usw. fort; 
zur Darstellung in Fläche dienen dann Zweige 
ohne und mit Blüten, wie Efeuranken, wilder 
Wein, 'l'annenzapten, Maiskolben, Ähren, 



9' 



64 



©^ ADOLF VON MENZEL 8*^a 



Gräser, Schneeglöckchen, Wucherblume etc. 
Als Körper zur räumlichen Darstellung werden 
verwendet: Früchte, Krugformen, \':isen, Helm- 
formen, Gießkannen, Leuchter, Stuhl. Tisch, 
Kasten usf Im achten Schuljahr, dessen Be- 
such freiwillig ist, werden die Pflanzenstudien 
fortgesetzt, dann folgen die einfachsten geo- 
metrischen Kon- 
struktionen. Die 
Knaben üben sich 
dann im Freihand- 
zeichnen nach 

kunstgewerbli- 
chen Mustern und 
im Projektions- 
zeichnen nach 
.Modellen, wäh- 
rend die Mädchen 
die erlangte Zei- 
chenfertigkeit für 
Litzenmuster, zu 
Stickereien und 

.Applikationen 
verwenden. 

Bereits im ver- 
gangenen Schul- 
jahre wurde in 
einer Anzahl von 
Klassen versuchs- 
weise nach dem 
nunmehr cinge- 
führtenLehrplane 
gezeichnet. Die 
Mitte Juli veran- 
staltete Ausstel- 
lung der Schüler- 
arbeiten ließ in 
der Tat schließen. 
















UIDOLF SCHULTE IM HOFE 

Große Berliner A 



daß sich die neue Methode wohl bewährt 
hat. Der Gebrauch des Pinsels, das Zeich- 
nen nach dem wirklichen Gegenstande be- 
reitet den Kindern sichtlich mehr Freude 
als das immerwährende Kopieren von \'orlagen 
mit dem Bleistift. Dazu kommt noch der 
Umstand, dal.^ helle Gegenstände auf dunkles, 

dunkle auf hell- 
farbiges Papier ge- 
zeichnet, bczw. 
gemalt, d. h. mit 
larbe eingedeckt 
werden, was der 
ganzen Arbeit 
dann ein sehr ge- 
fälliges Aussehen 
\erleilit. 

Daß die (jrund- 
ideen zur neuen 
Zeichenmethode 
auch anderwärts 
in ähnlicherW'eise 
wie in München 
ertal.n werden, 
beweist unter an- 
derem der neue 
I. ehrplan der Bu- 
dapester \'olks- 
schulcn . der uns 
unlängst zu (ie- 
sicht kam . wel- 
cher bezüglich 
des Zeichenunter- 
richts mit dem 
.Münchener in al- 
len wesentlichen 
Punkten überein- 
stimmt, li G. 



POUTRÄT ADOLFS VON MEXZEI. 
HHstaussteiliing t<foj 



ADOLi \c)X .\ii:\zi:l 

Hill (Icdciik hhit l 
von C.XRI. (X)NTl-; .SC.XPlXliLLI 



Nur selten geht ein Künstler von ims, an 
dessen Bahre wir den Satz aussprechen kön- 
nen: .Wir haben ihm nichts abzubitten, wir 
haben ihm aber auch nichts zu verzeihen . (je- 
wöhnlich ist über das Leben und die Kunst 
eines noch Schaffenden für die Mitwelt ein 
Schleier gebreitet, oft ein grauer, der ihn uns 
nicht recht erkennen, der ihn uns geringei" 
einschätzen läßt, oft aber auch ein glitzernder, 
goldbesetzter, der uns sein Lebenswerk in 
glänzenderen Farben zeigt. 

So wird die Kunstgeschichte meist zui- Wis- 



senschaft, die im Gegensatz zur Zeitmeinun 
die Wahrheit 
verzeihen mul.i 



argelegt, die abbitten oder 



Die Meinini" über den 



"rersen 



Men 



zelM stand 



aber schon zu seinen Lebzeiten fest. Geehrt 
wie selten ein Künstler von seinem Herrscher 
wie \()n seinem \'olk, gekannt wie überhaupt 
selten ein Mann, hat man ihn in den letzten 



') Kaumverhaltnissc li.ilbcr nuiLUc liicscr .Aiilsatz, der 
un.s .sclion l.inger vorl.ig, bi.s jetzt zurüchbcluiltcn werden. 
\gl.übngen.sl. Jahr;;, lieft 6, Beil. S. VI; lerner II. labrg., 
lieft I, Beil. .S. II u.' 111. 1). Red. 



©^ ADOLF \-0\ Ml'XZP.y. J«»3 



65 



Jahix'ii seines Lebens richtig eingeschätzt. Aber 
aucii er belindet sicii nicht in unserer Schuld. 
Was ihn an Ruhm, Wertschätzung und Ehren 
zuteil wurde, das hat sicii der Icieine Mann 
mit seinem zielbe\vii(.\ten Können, mit seiner 
rastlosen Arbeitsamkeit Zoll um /oll erkämpft. 

Nicht sein Talent allein war es, das sich 
die Welt eroberte, sondern sein ernster Fleil.^! 
Malen und Zeichnen war für ihn nicht ein 
Vergnügen, war nicht das Resultat anregender 
Stunden, sondern es wai' seine .\ rbc i t , es war 
sein 'Lagewei'k. Und nur durcli diesen rast- 
losen, fast philisterhaften L'leili hat er die weiten 
Ziele, die er sich gesteckt, erreicht. 

Menzel wird allgemein als der deutsciie 
Maler par excellence be/eichiiet, und man 
leitet dann dieses Wort da\'on her, dal.^ er 
das Deutschtum, speziell das Preuüentum ver- 
herrlichte; mir scheint .Menzel weit eher des- 
wegen der rdeutsc h e .\Liler gewesen und 
geworden zu sein, weil er den zähen FleiU 
des Deutschen, den unbeirrten Arbeitssinn 
desselben besaß. 

Schon nach aul.^en hin \ermied er alles 
Geniale;., alles künstlerisch Saloppe, mul so 
auch in seinem ganzen Wesen. Studieren, 



Probi. 



.Skizzieren, das waren die Beschäf- 



tigungen, die die Stunden langer Wochen und 
Monde in Anspruch nahmen, bis er an ein 
großes W^M'k "im:. F'ür alle seine Kunstwerke 



sind eine Menge Voraussetzungen, eine Menge 
\'orarbeiten und Vorstudien notwendig ge- 
wesen. 

Wie sehr mulite er sich in die frühere Zeit 
vertiefen, wie viele Bleistiftskizzen waren not- 
wendig, wie viele Museen mußten durchwan- 
dert werden, bis er der Maler der Friederi- 
zianischen Zeit ward, der restlos in ihr aufging, 
der ihren Geist, ihre Sitten, ihre Trachten 
genau kannte? 

Das ganze lange Leben Menzels steht unter 
einem Zeichen, miter dem Zeichen der 
.\rbeit und der Pflicht! Fr hatte für 
nichts anderes Zeit, er konnte für nichts 
anderes leben als für die Kunst, aber nicht 
lür die Kunst als angenehme Würze vergnüg- 
ter Stunden, sondern für die Kunstarbeit, für 
seine Pllicht. So läuft sein Leben nach außen- 
hin gleichförmig hin, fast so ruhig und ein- 
tönig, wie das eines Bureaukraten. Yon dem 
köstlichen stillen (jlück, das er beim Schaffen 
empfand, von den endlosen Stunden mühe- 
vollen Ringens mit einer Idee, mit einem 
Stoff, hat er selbst, der trockene Kauz, nie 
gesprochen, davon erzählen uns nur seine 
Skizzen und Bilder. 

Wenn auf irgendwcn das Wort Schopen- 
hauers Genie ist Pleil.* paßt, dann ist es 
Menzel. Die Aufgabe konnte noch so groß 
sein, die sich ihm gegenüberstellte, er sah ihr 




ADOLF VO.N' MENZlil. 



Gemalt lSg3 



.VL'lliRL'CH .\US DliM REST.\UR.\NT 



66 



tv^ ADOLF VON MENZEL >^?3 




ADOLF VON MEKZKL 



KLRGÄSTE IX KISSlSGü.V 



Gemalt 1SS4 



kalt wägend ins Auge, er maß sie aber niciit 
an seiner eigenen körperlichen Zwergengröße, 
sondern an seiner gewaltigen Energie, und 
machte sich daran, sie zu überwinden, und 
er überwand sie auch immer. Einundsiebzig 
Jahre lag er so im Kampl" mit den gröl.ken 
Aufgaben, und in all den einundsiebzig Jahren 
ist er Sieger geblieben. Dieser Fleiß, dem 
keine Aufgabe zu groß, kein Ziel unerreichbar 
schien, der bei ihm zum Forschcrtleil.^ wurde, 
der prüfend und schauend die grcil.Uen tech- 
nischen Schwierigkeiten überwand imd neue 
Wege fand, zeigt uns eine hervorstechende 
Seite im Charakter Menzels. 

Der kleine Mann, der körperlich weit unter 
dem Mittelmaß war, bekommt auf dem Ge- 
biete seines Schalfens Titanenkräfte, wachst 
zum geistigen Riesen. 

Darum hatte er aber auch für nichts anderes 



Zeit und Sinn, als für seine Kunst. 
Für ihn gibt es keine Erholung 
vom Malen und Zeichnen, stets 
hat er sein Skizzenbuch bei sich, 
und was ihm irgendwie interessant 
erscheint, hält er wenigstens in 
einer flüchtigen Skizze fest. Be- 
kannt ist die Anekdote, die man 
sich von ihm erzählt. Als ein jun- 
ger Maler einst in Menzels Atelier 
gestürzt kam und atemlos von 
einem Unglück erzählte, das sich 
in der Nähe ereignete, fragte ihn 
der Meister trocken, ob er eine 
Skizze davon gemacht habe und 
als dies der aufgeregte junge .\Linn 
\erneinte, meinte er trocken: Sie 
werden nie ein guter Maler werden. 

Man sieht, für Menzel war jede 
Begebenheit und alles Sichtbare 
nur als Gegenstand für die male- 
rische Darstellung da. 

Beim Anblick der Ausstellung 
des Menzelschen Lebenswerkes in 
der Berliner Nationalgalerie rief ein 
Kritiker jüngst aus: Der Mann 
muß gezeichnet und gearbeitet 
haben wie andere atmen, als eine 
selbstverständliche Funktion ; er hat 
sich mit Bleistift und Pinsel seine 
Welt gebaut und erschaffen; was 
ihm begegnete, was ihn interes- 
sierte, sachlich, geistig, zeichne- 
risch, als Autgabe durch Bewegung 
oder Beleuchtung, das hat er sich 
aufgeschrieben, entweder aus Freu- 
de daran oder in bestimmter Ab- 
sicht, um es irgendwie einmal zu 
verwenden, oder als Ergänzung zu 
anderen Dingen, die er einmal betrachtet, als 
Baustein zu dem Weltbild, das er sich für 
sich allein zu seinem Privatgebrauch zusammen- 
gefügt hat.« 

Und was waren die Früchte dieses arbeits- 
reichen Lebens? tragen wir uns unwillkürlich. 
Die erste Frucht seines Fleißes war der un- 
erschütterliche Lebensernst. Trotzig und 
aufrecht, wie ein kampfbereiter Held stand 
er der Wirklichkeit und dem Leben gegen- 
über. I:rtlüchtete nicht ins Land der Romantik, 
der Phantastik, er tändelte nicht mit schönen, 
phantastischen Ideen; dieWirklichkeit um sich, 
das Gesehene wollte er bildlich festhalten. 
Dieser Lebensernst spricht aus den Thematen, 
die er sich zur Behandlung aussucht, sie spricht 
aus der .Auffassung und Austülirung dieser 
Arbeiten. 

Die zweite Frucht seines Fleißes ist die 



S?:^ ADOIF VON Ml-NZHL S>^^ 



67 



scIult u II ci'i'c'i eilte \'ollkoin- 
ni c n h c i t cl c r T c cli n i k , die er 
sich luicignetc. In allen Tech- 
niken war Menzel sattelfest, über- 
all war er bemüht, seine Gedan- 
ken und Ideen in vollkommenster 
Form zum Ausdruck zu bringen. 
Die lithographische Technik, die 
ihm schon als Jungen geläufig 
war, den modernen Holzschnitt 
lenkte er auf neue IJahnen. In 
(")l, Aquarell, l'astell und Gouache 
malte er und suchte in all diesen 
Darstellungsarten die letzte l'ein- 
lieit herauszufinden. 

Die dritte Frucht seines Fleißes 
endlich sind die großen Auf- 
gaben, die er sich stellte, und 
an die er nur seines unerschütter- 
lichen Arbeitseifers wegen gehen 
konnte. Nur einer, der eine 
Menge Energie in sich aufgespei- 
chert fühlt, kann den Mut finden, 
sich an das Thema .Friedrich dei- 
Große und seine Zeit oder an das 
große »Armeewerk , endlich an 
Gemälde zu wagen, auf denen 
Hunderte von Figuren zur Darstel- 
lung kommen. 

So wurde sein F'leil,* auch mit- 
bestimmend zur Wahl seiner Le- 
benswerke. 

Adolf Menzel wurde am 8. De- 
zember 181 5 zu Breslau geboren 
als der Sohn eines Lehrers, der 
später eine lithographische Anstalt 
gründete, in die der junge ^Menzel 
auch als Lehrling eintrat. So 
stellen sich ihm sofort eine Menge 
technischer Schwierigkeiten ge- 
genüber, die überwunden sein wollen, zwingen 
ihn zum Fleiß und geben seinem späteren 
Schaffen teilweise auch die Richtung an. 

Da sein \'ater zwei Jahre nach der Über- 
siedlung nach Berlin (1830) stirbt, mul.i der 
siebzehnjährige Junge für Mutter und Schwester 
sorgen. Fr zeichnet, was ihm unterkommt: 
Tischkarten, Etiketten, besucht dabei die Gips- 
scluile auf der Kunstakademie und erhält 
endlich 1833 vom \'erleger Sachse den Aut- 
trag, die Illustrationen zu einem Lutherwerk 
umzuarbeiten. Nach dieser Arbeit macht er 
sich an Künstlers Frdenwallen <, eine Serie 
selbständiger Lithographien, die Beifall finden. 
Durch den Auftrag, Kuglers (beschichte 
Friedrichs des Grol.^en« zu illustrieren, den 
er 1839 erhält, öffnet sich für seine Tätigkeit 
eine neue Welt, die Friederizianische Zeit, deren 




ADOi.r vo.v .\iex/-i;l 



MORGEXSrUNDE I.M G.^KTEN' 



Gettialt tSgo 



berufenster Literpret er wird. Mit den Illu- 
strationen zu diesem Geschichtswerke, nicht 
weniger als 400 an der Zahl, ferner mit seinem 
groi.V'n Armeewerk, sowie mit verschiedenen 
Bildern aus dieser Zeitepoche: : Die Bittschrift:;, 
Tafelrunde , Das Flötenkonzert ; u. s. f. löst 
er restlos die erste, schwere Aufgabe seines 
Lebenswerkes, er wird der Maler der Frie- 
der izianischen Zeit, er wird der Maler 
der preußischen Geschichte. 

Dem Auftrage gemäß löst er diese Aufgabe 
zuerst auf graphischem Wege durch Illu- 
strationen zu den beiden Werken. EineLn- 
menge Vorstudien waren notwendig, um den 
(Charakter der damaligen Zeit festzuhalten, 
um die Tracht, die Uniformen des preußischen 
Rokoko naturgetreu darzustellen. Menzel muß, 
um der Zeit in jeder Richtung gerecht zu 



68 



©^ ADOLF \'OX MENZEL ^S 



werden, nach alten Stichen, kunstgewerbhchcn 
Gegenständen, nach in Museen aufbewahrten 
Möbehi und Modellen Skizze um Skizze ent- 
werfen, bis er endlich in jener Zeitepoche 
vollständig aufgeht, sie wie die Gegenwart 
beherrscht. Dies beweisen nicht nur die 
Vollbilder zu diesem Werke, sondern die 
kleinsten A'ignettcn, die in liebevollem Ver- 
ständnis in geistreicher Weise die charak- 
teristische Zeit Friedrichs des Großen fest- 
halten. Gerade bei diesen, wo er am besten 
in freier Form die Früchte seiner Studien in 
Verbindung mit dem geistigen Erlassen jener 
Zeitepoche zur Darstellung bringen konnte, 
zeigt sich die Schärfe seiner Auffassung und 
die reichen Mittel seiner Griftelsprache. 

Was er berichtend graphisch aus jener Zeit 
in der illustrierten Geschichte Friedrichs des 
Großen festgehalten , das ordnet er uns 
statistisch in den 443 lithographischen Tafeln 
seines Armeewerkes . das eine vollständige 
Sammlung der Montierung aller preußischen 
Regimenter in sachlicher und belebter Form gibt. 

Seit dem Jahre 1848 befaßt er sich auch kolo- 
ristisch mit der Zeit Friedrichs des Großen. 
Die bekannten historischen Gemälde Die 
Rittschrilt , Die Tafelrunde von Sanssouci . 
Friedrich der Große auf Reisen , die Hui- 
digungderStändeSchlesiens . DieSchlachtbei 
Hochkirch , Die Zusanmienkunft Friedrichs II. 
mit Joseph IL : sind schon deswegen Meister- 
werke der LIistoricnmalerei, weil auf ihnen 
nichts gestellt und erklügelt, nichts leblos und 
posiert ist, sondern weil sie trotz der pein- 
lichen geschichtlichen 'Freue bis in den letzten 
Zug belebt sind und trotzdem die Lebensait 
jener Epoche, den damaligen Zeitgeist, ja 
selbst die ganze damalige Lebensauffassung 
zum Ausdruck bringen. Menzel malt aut 
jedem dieser Hilder nicht nur eine Episode 
aus dem Leben der damaligen Zeit, sondern 
er weiß uns den Lebensatem, die Stinnnung, 
das Milieu, die Art, sich zu geben und sich 
zu bewegen, zu verkörpern. 

So fesselt er eine Zeit, die wir bis dahin nur 
aus schriftliciien Schilderungen und aus alten, 
ungenügenden .Stichen kennen, durch seine 
Illustrationen für innner aui Leinwand und 
Papier. Preußen mag Iriedrich dem Cirol.'en 
für seine 'I'aten, für den (jeist, den er in seine 
Armee braciite, dankbar sein; Preußens Dank 
verdient auch jener, der diese Zeit bildlich 
erfassen und der Nachwelt überliefern konnte. 
Zur Popularität der Fürstengestalt F'riedrichs 
des Cjroßen sowohl wie auch der (ieschichte 
jener Tage iiat Menzel wie kein zweiter bei- 
getragen, denn er löst damit nicht ntu" eine 
künstlerische, sondern auch eine i\uriotische 



.\ufgabe. Begeistert sagt \\'illi Pastor von 
ihm: Was so viele unserer Größten in ihrem 
Lebenswerk erstrebten, eine S3-nthese von 
Wissenschaft und Kunst, das hat auch Menzel 
gewollt. Die ^'orarbeiten dazu sind wissen- 
schaftlicher, ganz streng wissenschattlicher 
.\rt gewesen. Auch sonst hat er das Leben 
und die Zeit seines Heros, des großen Friedrich, 
durchforscht wie nur ein Gelehrter. Aber der 
Gelehrte war in ihm dem Künstler Unter- 
tan. Das Göttliche der Kunst, die eine andere 
Schöplung ist, war in ihm lebendig, und 
Kraft dieses Göttlichen hat er uns, uns 
alle g e z w u n g e n , den große n Preußen- 
könig durch seine Augen zusehen. Im 
Banne Menzelscher Suggestionen stehen wir. 
ohne Ausnahme, bewußt oder unbewußt, wenn 
wir an Friedrich den Großen denken . 

Die erste große Aufgabe seines Lebenswerkes, 
die Darstellung der Friederizianischen Zeit in 
graphischer wie auch koloristischer Weise, hat 
Menzel also sicherlich meisterhaft gelöst, Sie 
umfaßt etwa die Zeit von 1842 — 1856. Was 
nun an Bildern kommt, gilt der Jetztzeit, 
sowohl ihrer Geschichte (in den Darstellungen 
ihres Hoflebens unter Wilhelm I.) als auch 
der liebevollen \'ertiefung in ihr Treiben und 
Arbeiten. 

Das grol.K- Bild Krönung König Wil- 
helms I. in Königsberg beschäftigt ihn 
vier Jahre lang; eine große Anzahl natur- 
getreuer Porträts sind darauf enthalten und 
trotz diesci' mühsamen Detailarbeit ist das 
(jemälde doch durch die Lichtefiekte und 
den F'arbenreichtum der Uniformen und sei- 
denen Roben in den mannigfachsten Tönen 
belebt. Noch bewegter und unmittelbarer, 
noch mehr aus der Zeitgeschichte heraus wirkt 
die Abreise König \Vilhelms zur Armee«. 
Hier steigert sich seine Sicherheit in der 
ikhandlung größerer Massen, in der Belebung 
derselben, in der Bewegung der einzelnen 
zur unerreichten X'irtuosität. Die patriotische 
Begeisterung hat ihm dabei geholfen, alle 
Schwierigkeiten zu überwinden. Seine Zeit, 
sein König, sein Volk reißt Menzel zur höch- 
sten Kunstbegeisterung hin, er, der derl'riede- 
rizianischen Zeit berufensterinterpretwar, wird 
nun zum Maler des neuen Deutschen 
Re ic bes. 

Aber auch dabei bleibt sein Talent nicht 
stehen, die Welt, aus der Menzel seine Stoffe 
holt, ist nicht die offizielle Welt allein, sein 
Arbeitsfeld ist niciit nur in Deutschland zu 
linden; Menzel malt, was immer sich ihm 
gegenüberstellt. 

Das Treiben der \'olksmassen in groß- 
städtischen Stral.^en. in den Gärten zu Paris, 




AUOI.l- Vt)\ MENZEL 



i;.\iJ,s()UP]:i< 



Im ISrsil- d€r Salhials«''"' " ''""" ''"'"■" '^J9 



IX. i\'ri-i^xAT[o\'Ai.i-. KL-\sr.\Lssri,i,i.LX(. IX Mrxciinx 1905 69 

:uil 1.1cm .\l.ul;ti,' in Xcroiiu, das SLluinimcri^u cij^cneii Zweck xu crüillcn. 13icscr Gedanke 

IiuciicLir der Kirchen, das Volk bei der Ar- koninit einem auch, wenn man der Unzahl 

beit, alles iesselt ihn, ret(t ihn zu Bildern an, .seinen Skizzen <^edenkt. Mit einer einzigen 

Nie war es die Idee allein, die ihn zur Dar- 1-igur betal.it er sich da mehrere Male, er 

stelluui^ trieb, immer war es das Malerische, studiert sie bis ins letzte Detail, greift wieder 

das ihn be.sonders anzog. — So kam er wohl einzelne ihre Teile zum Studium heraus, den 

auf den Hinfall, das liisen \valzwerk'< zu Kopf die Hände, den Rücken, gibt ihr endlich 

malen, das 1875 vollendet wurde und ganz eine bestimmte Stelkuig für sein großes 

aul.ierordentliches .Vuiseiien erregt hat. Mit Bild; -- im Bilde selbst aber ist diese noch- 

unerbiiilicher Wahrheitsliebe und mit kühner nnils abgeändert, hier inul.> sie sich dem 

malei'ischcr Kr.ilt m.iclu ei' sich liier d.u'.m. (janzen unterordnen, dem Zug, der alle Fi-- 

ein l.ichtprobleui der schwierigsten Alt zu guren beherr.scht. fügen und beugen. Eine 

liisen. Die Gegenstände, die Figuren, alles ganze .\rmec von Skizzen steht ihm zu 

mul.i gegen das IJcht zurücktreten, sich diesem einem Bilde zur N'erfügung, aber er trifft eine 

unterstellen. Und diese Unterordnung der strenge Auswahl. Darum mögen manche ein 

Dinge inner das Licht mid die Luft, die .Auf Mif.U-erhältnis konstatieren zwischen der Fülle 

hissung der Dinge als malerische Hrscheinimg seiner Skizzen und seinen Bildern, .-^ber Skiz- 

im Räume, das war«, wie Dr. Kühn mit Recht zieren war ihm eine Notwendigkeit, sie war 

lier\(irhebt, »das Neue, dasModerne, das Bahn- last gleichbedeutend mit Sehen. Alles wollte 

bi'echende dieses (jemäldes Menzels^. er bildlich festhalten. 

Menzel lindei nach jahrelangem Suchen So nimmt Menzel eine Sonderstellung in 

diesmal die Wahrheit im Realismus und ohne der Malerei des letzten Jahrhunderts ein: er 

sich zu einer Schule zu rechnen, ohne \on umspannt sie sozusagen durch seine imiver- 

ilen andern einer beigezahlt zu werden, er, seile Begabung, durch die Beherrschung aller 

dei' Realist geworden, selbständig und imab- Techniken, durch seine mannigfaltigen Sujets, 

hängig \on seinen tranzösischen Kollegen, dadurch endlich, dal.i er ihre Geschichte 

die ebenfalls im Wahrheitsdrang denselben schrieb, die Geschichte des neuen Deutschen 

Weg finden, Reiches, sowie die Alltagsgeschichte des Lebens 

\'on nun an stellt er alles dar, was Natur und 'IVeibens am Hofe inul in allen \'olks- 

lieil.H. die Wahrhaftigkeit in der Farbengebung, schichten, 
in der Lichtwirkung ist ihm die Hauptsache. 
Nie verliert er sich aber wie viele moderne 

Realisten ins Kleinliche; was er darstellt, mag IX. INTERNATIONALE KUNST- 

oft dem Sujet nach nicht bedeutend sein, , , .cci-t-t t nvir- t\t \Ar-rxT/-m-\T 

aber er weil.i es derart zu heben und zu AUSSl ELLUNG IN MUNClIl-A 1 903 
geben, dal.i es zu etwas Malenswertem, zu ^',,n 1-R.\XX WOF.'f'I-ll 

etwas Interessantem wird. 

I-.. • ■ n- I 1 1 ■!• ■ r (f-ort.setzLmii) 

l'ur Semen imermuuliclien lleil.^ }st auch 

die dritte Fpoche seines Lebens, die der p)i c h a rd Pie tzs c h hat nichts von dem oft 

Xaturmalerei, der Wirklichkeitsdarstellung ein 1\ beliebten \'irtuosentum, im Gegenteil, 

glänzender Beweis. Schon fast ein CJreis, eine Steifheit und Ungelenkheit macht sich 

sucht er weiter, er, der so bequem hätte der deutlich bemerkbar. Hr will etwas Grol.ies 

gefeierte Malei' der preußischen Geschichte. kann aber das nicht ausdrücken, was er 

des neuen Deutschen Reiches bleiben können. möchte, weil es ihm an der Sprache, an 

l:r arbeitet weiter und was sich ihm gegen- Ausdruckslormeii gebricht. R ichard Kaise rs 

überstellt, das mul.^ malerisch überwunden Aufziehendes Gewitter-, ist ebenfalls kein 

werden. Fi', der seinen Sinn für Massen in kleines Bild, aber es ist in sich organisch, es 

seinen historischen Bildern gestählt, steht auch ist kein Xaturausschnitt, sondern als abge- 

bei der Darstellung des modernen Lebens schlossenes Ganzes gedacht und auf der (jrund- 

imd Treibens ihnen nicht fremd gegenüber. läge von Xaturkenntnissen und Studien ge- 

Fr weiß sie auch hier zu einem einheit- malt. Kaiser verspricht viel für die Zukunft 

liehen, lunktionierenden Organismus zusam- und zeigt gerade jenes Bild bedeutenden I'ort- 

nienzuballen , ohne dabei das Individiuum schrittnach den verschiedenstenSeiten, nament- 

zum toten Teil des Ganzen herabzudrücken. Fs lieh ersieht man. daß der Künstler bestrebt 

lebt die Masse, es lebt der einzelne in ihr auf war, einen packenden Xatureindruck mit 

Menzels Werken, und wie im Leben, so fällt es seiner inneren Seelenstimmung in Finklang 

auch im Bilde dem Individuum zu, sich dem zu bringen. 

Ganzen unterzuordnen und doch seinen Die Luitpoldgruppe hat in ihrer künstle- 

Die cluistliche Kunst II, 3 j^ 



IX. IXTHRNATIONAI.F. KUXSTAUSSTF.I.I.UXC, IX MÜNCHEX i9( 



risclien Ersclicinung einen vornelnnen. ab- 
geschlossenen Klang, die Künstler, welche 
hier zum Beschauer sprechen, sind ruhige, 
vom aufregenden Treiben des wild sich aut- 
fülirenden Genietums ternesteiiende .Männer, 
die ihren \\'eg in strengen Studien, in steter 
Arbeit und gewissenhafter Selbsterziehung 
weiterschreiten. Manche allerdings lassen sicii 
gehen, werden bequem und malen still weiter, 
wodurch an vielen Stellen eine gewisse Lang- 
weiligkeit hervorgerufen wird. Hermann 
Urban bringt bei wenig Abwechslung seiner 
Motive mehrere grölSere Landschaften, von 
denen dei' im bräunlichen Tone gehaltene 
-Spätsommer: den \'orzug verdient. Raoul 
Frank, Fritz Baer. C. Küstner sind die 
Hauptrepräsentanten der Landschaft. Der 
Winter des letzteren leidet an einigen Härten 
und scheint der sonst tüchtige Künstler in eine 
.\hmier zu kommen, die für ihn verhängnis- 
\-oIl werden mul.i. Der geniale ()Iaf jern- 
berg ersciieint inmitten der tonigen Bilder 
seiner Umgebung zu derb. Franz Hoch 
hat neben treflliclien Landschaften ein tüchtig 
gemaltes Figurenbild Am See beigesteuert. 
Koloristisch sehr wirkungsvoll sind die schwarz- 
weil.^gelleckten Kühe auf der Weide von Oskar 
Frenzel, ebenso die technisch breit und siciier 
lieruntergemalten Tiere von [. D. Holz. Als 
Stilist im .Sinne Feuerbachs imd Cjenellis zeigt 
sich \on der besten Seite Philipp O., Schäfer. 
Seine auch gedanklich gut geKisten .Motive 
haben jenen angenehmen, weichen dekora- 
tiven Charakter, der uns an alte, verschossene 
Gobelins erinnert, welche aucii überall die 
schmückenden Higenschalten besitzen, sei es 
im Heim oder in einem ,\usstellungsraum. 
Es mögen nocli so \iele neue Probleme in 
der Kunst auftauchen, man mag sie mit den 
Xamen Naturalismus oder Idealismus be- 
zeichnen, immer tauchen Künstler aul neben 
jenen Strömmigen, welche das instinkti\e (ie 
iilhl haben, dai.i eine Malerei ein Bild und 
keine Xaturstudie ist, Künstler, welche die Xot- 
wendigkeit fühlen, mit den zeitgencissischen 
Errungenschalten eine geistige, gedanken\-olle 
antimaterialistische Kunst zu schaffen, die trotz 
Inhalt in erster Linie das uralte Gesetz des 
künstlerisch Dekorativen bezwecken : eine 
Kirnst, die Rhytlmuis in Form und Linie in 
den Dienst einer Idee stellt. 

Einen breiten Raum nehmen gegenüber dem 
Genrefacli. das so ziemlich verschwunden ist, 
die Bildnisse ein. Es ist ja noch heute dieses 
(jebiet das lukrativste für den .Maler, und man 
kann nicht energisch "enuu unsere beuüterten 



Familien darauf hinweisen. 



iclu 



Kunst "eoenüber sich bewul.H zu wei'den. anstatt 



nur der retuschierten schönen . Photographic 
zu huldigen. N'orherrschend in der .Anzahl sind 
die Bildnisse in der Luitpoldgruppe von Walter 
'Fhor und seiner Schule. Thor beeinflußt seine 
Schüler im besten Sinne, er weist sie auf eine 
gesunde, ehrliche Xaturanschauung und legt 
Wert auf eine Technik, die trotz der großen 
Gesamterscheinung auch ein liebevolles, in- 
times Studium im kleinen in sich birgt. 
.\malie Rau und .\nton (iregoritsch 
scheinen seine besten Schüler zu sein. Thor 
selbst ist gut vertreten durch das repräsentative 
Bildnis des Prinzregenten, ferner durch zwei 
Damenporträts von ungemeiner Feinheit der 
zeichnerischen und malerischen Gestaltung. 
Das Kind mit Kaninchen von Georg 
Schuste r- Woldan ist diesmal weniger gut 
gelungen, das gleiche kann man von dem 
Knabenbildnis Albert Sterners sagen, bei 
welchem der landschaftliche Hintergrund wie 
ein \ erset/stück beim Photographen aussieht. 
.Malt heute jemand ein Porträt in der Land- 
schaft in rein realistischer .\bsicht, so muß 
er auch logischerweise die Konsequenzen 
ziehen und darf nicht Licht und Luft, welciie 
die Gestalt umfliel,^en und umhüllen, ignorieren. 
Karl Bios gehört zu den tüchtigsten Künst- 
lern der Gruppe. Man muf.i nur einmal zu- 
sehen, wie er in der Lösung des Farben- 
problems bei dem Bildnisse des Fürsten Quadt 
vorging. In geschmackvoller Weise brachte 
der Maler eine gobelinartig wirkende Land- 
schaft in den Hintergrund und schuf durch 
den schwarz-weiß-gelbparkettierten Boden ein 
starkes Gegengewicht gegen das Blau der bave- 
rischen Uniform, so dal,< das an sich einlach und 
vornehm konzipierte Bildnis sehr harmonisch, 
wieauseinem Guß, gestaltet ist. (Charakteristisch 
und von ebenso trefflichen Qualitäten ist das 
Bildnis des Graten .Mov. Kustlich ist auch 
Der W'anilerer und der Innenrauin mit dem 
Mädchen , ferner entzückend die Sclnvarz- 
wälderin , ein Bild, in welches der Malers 
ein ganzes, auf erstaunlicher Hohe angelangtes 
Können hineinlegte. 

Die Scholle:, jene bekannte Gruppe 
jüngerer strebsamer Maler, bildet einerseits 
den Stein des Anstoßes der Konservativen, 
anderseits den Hautgout für die Kunstbla- 
sierten und Ultramodernen. Bekanntlich gehen 
die meisten .Menschen in ihren .Schätzmigen 
\c)n Kunst und anderen Werten stets ins 
lixtreme, die wenigsten beschreiten die goldene 
Mittelstraße. Tatsache ist ja, daß die Scholle 
in das Leben der Münchener Kunst eine Auf- 
frischung gebracht hat. Faßt man die ganze 
(iruppe im allgemeinen ins .\uge, so wird 
klar, dal,( die .M.der in ilii'en grol.W-n Bildern 



IX. INTl'RNAriOXAI.i; KU\,STAL'SSl'i;i,I.L\(i IX .MTNCHIIX 1905 



in crstci' Linie Sensation LTiX'gcn wollen. Diese 
Sensationslust hat an und liir sich nichts S\m- 
)iathisches, ist aber schlielAJich aus manchen 
(jrihulen \erxeihlich, da einerseits alle Maler- 
jrnii;lin^e in L;ro(k'n Formaten schwelj^'eii, 
anderseits in tien ^roi.V'ii 

Malerschlaciiten ein kleines 

Werk kamn Beachtung lin 
det. Dii'ekt dem künstleri- 
schen Prinzip entgegen ist 
ilie rein dekorative Art des 
Malens, die nirgends Wert 
auf die Qualität der Mache, 
nirgends Cjcwicht aul leine 
Ahstulimgen der Tonx aleurs 
legt, sondern im direkten 
(jcgensat/ zu Rubens oder 
irgend einem anderen alten 
.Meister Dekorationsarbeiten, 
dies im kimstierischen Sinne 
gemeint, schafft. Diese kunst- 
gewerbliche Wirkung rührt 
daher, dal.s die meisten jim- 
gen Maler sich in den Dienst 
der Illustration und des ver- 
kleinerten Plakats gestellt 
haben, auch dal.^ sie zu wenig 
strenge Schulimg genossen 
und daher zu rasch »fertig 
geworden sind. Man er- 
kennt ja mit Fieuden, wie 
viel Talent in manchem 
Mitglied der (Jruppe steckt, 
abei' es lehlt an Leitung, an 
einem .Meister, der sie in 
richtigere Bahnen lenken 
würde. Auch der flotten, 
leicht scheinenden Art des 
.\Lilens liegt nicht überall ein 
positi\es Können zugrunde; 
dieses kann nur dort \or- 
handen sein, wo der Beschau- 
er den Findruck gewinnt, 
dal.i der Künstler weniger 
gemacht als gekonnt hat. 
Auch ist nicht überall die 
elegante, leichte ALtche, die 
Hravour des Pinsels, die Kühn- 
heit des Striches der M.il.i- 
stab des Künstlerischen. Fs 
hat Zeiten gegeben, in denen 
alle Künstler ohne Rücksicht aul ilue \'ei- 
anlagung glaubten, nur keck und genial malen 
zu müssen; ich erinnere .m die iiarockzeit. 
Dieses rein Aul.K'rliche kann leicht angelernt 
und gelehrt werden, und \iellach ist das genial 
tun Modesache. Bei den romanischen \'olkeni 
ist dies begreillicherweise viel ausgeprägter, 



und man versteht dann auch eher die Maler 
der Scholle, wenn man wcil.(, daß die Mehr- 
zahl während ihrer Studienzeit in Paris ge- 
weilt und sich diese äußerliche Manier an- 
gewöiint hat. Lst der allgemeine F^indruck also 




ADüLr VON' MENZl;l. 



srCDIKS'IvOn ,R.\BliIKER) 



Ccinalt iSjl 



ein dekoi'ativei', so ist er doch gegen voriges 
Fihr weniger bunt. Leo Putz ist einer der 
beweglichsten und begabtesten AFxler der 
Scholle, der für derb realistische Gegenstände 
wie für phantastische \'orwürte gleich begabt 
erscheint. Auf letzterem (iebiet bringt er 
zuweilen humor\(i|l sein sollende Dinye. die 



5!^ DER Wn ri;LSlL\CHI-RBRUX\l-:\ IX HICHSTÄTT J^Ö 



wie indem > Bacchanale : nicht frei von Perver- 
sität sind. Unterdessen ist das erwähnte Bild 
von höherer Stelle beanstandet und mit Recht 
auch entfernt worden. Besser gemalt ist das 
umfangreiche Hinter den Kulissen;; obgleich 
fehlcrhatt in der Zeichnung, wirkt das Ganze 
gut in denTonvaleurs. Die manierierte Malerei, 
welche sowohl Püttner als Miinzer sich 
angewöhnt haben, ist eine karikierte Leibl- 
Technik und gar nichts Neues. — liine seih- 
ständige Malweise hat Fritz Erler. Auch 
er liebt grolk Eormate, aber sie haben für 
seine Motive auch Berechtigung. Eine Art 
feierliche Ruhe mit einem Anklang an Tragik 
weiß er in seine Kompositionen zu tragen, 
und so berührt auch das Bild Die Fremd- 
linge ;. Doch paßt solch Bild in keine mo- 
derne Ausstellung, sondern als \\'andmalerei. 
Weniger Originalität besitzt Walter Georgi, 
welcher über eine große handwerkliche Ge- 
schicklichkeit verfügt, aber es sich oft zu 
leicht macht, so daß, wie dies bei dem Bild 
Brotzeit« recht deutlich bemerkbar ist, seine 
Malweise auf ein Rezept, auf ein Schema 
hinausläuft. \'ergrifl' sich Georgi oft im For- 
mate, so auch Alünzer bei seinem Waldfeste, 
das aber nur eine Dame im Grünen mit 
Blumen in der Hand erkennen läßt. Seine vor- 
jährigen Malereien waren entschieden frischer 
und interessanter. Erich Erler-Samaden 
h.ii ein'l'riptvchon Melancholie ; beigesteuert, 
das tiefsinnig gedacht, mehr seelische Wirkung 
hervorrufen will. Er hat vieles, vielleicht ganz 
unbewußt, von Segantini angenommen und 
ist auch in manchem mit diesem nordischen 
Italiener ähnlich. Mehr persönlichen Eindruck 
von der Natur, mehr Freude an der stillen, 
erhabenen Gottesnatur spricht sich in dem 
anderen Bilde : Mittagsstunde aus. Der 
stärkste Ki)nner der Scholle, mit der soli- 
desten Grundlage ist Robert Weise. Es 
steckt in ihm eine reife künstlerische Er- 
ziehung, die auf eine strenge, wenn auch 
moderne Schulung schließen läßt. Dem Stu- 
dium der alten Meister scheint Weise eben- 
falls nicht abhold zu sein; man glaubt dies 
bei Betrachtung des feintonigen Damenbild- 
nisses in Schwarz schließen zu können und 
wii'd an \'elasquez gemahnt. Es gehört dies 
Bildnis mit zu den besten Werken der Inter- 
nationalen. Auch das Werk Blaue Stimde-, 
darstellend eine Dame am l"enster, die in 
die Nacht hinausblickt und vom warmen 
Lampenlicht beleuchtet wird, ist eine vor- 
trefl liehe Leistung, in welcher ein Beleuch- 
tungs- und Farbenproblem zugleich auf die 
feinste und raffinierteste Art gelöst wuide. 

(Scliliiß folgt) 



DER WITTIXSBACHERBRUNNEN IN 
EICHSTÄTT 

in Anwesenlieit -Sr. K. Hoheit des Prinzen Ludwig 
' Ferdinand von Bayern als des Vertreters unseres er 
liahenen Regenten wurde am 22. Ol<tober d. j. in 
I: i c li s t a 1 1 der neue W i 1 1 e 1 s b a c h e r b r u n n e n leicrlicli 
enthüflt. 

Das Denlimal ist eine Schöpfung der Tochter und 
Schülerin unseres \veitbel<anntcn Professors von Hilde- 
brand, Fräulein Irene Hildebrand, im Vereine mit 
dem jungen Architelaen Karl Sattler. Ihr gemeinsamer 
Fältwurf errang in dem für diesen Brunnen ausge- 
schriebenen Wettbewerbe den Sieg. 

Das I5iunnendenl;mal i.st den nicht sehr günstigen 
r.umilichen Verliältnissen des Leonrodplatzes so günstig 
als möglicli angepaßt. Vielleiclit wäre das Ganze um 
eine ringsumlaufcnde Sockelstufe erhöht, noch besser 
lierausgehohen worden. 

Ein oblonges Bassin von rund 9 zu 12 m, umsäumt 
von einer etwa meterhohen, von schlichten sclmiied- 
eiscrnen Schranken durchbrochenen Brüstung, wird 
an der zurückliegenden Schmalseite von einem wirk- 
samen Renaissanceaufbau überluiht (.\bb. S. 75). 

Dieser Aulbau selbst (etwa 6 m hoch) bildet eine 
von flachen Pilastern beseitete, mit einlachem Gebälkc und 
elliptiscliem Giebel, den eine W'appenkartusche ziert, 
bekrönte Nische. Die Nische (etwa 3 m hocli) um- 
schließt eine ungemein edle Madonnengruppe. 

Am Fuße des Bildes selbst ist zu lesen >Patrona 
15avariae'. Der Sockel des Mittelbaues zeigt ein zier- 
liches Engelchen, welches mit beiden Händen eine über- 
strömende Schale hält. Aus ihr Killt das \\"asser in 
zwei inuner weitere Becken und so in das Hauptbassin. 
In das unterste Becken schleudern auch wohlgeformtc 
Delphine ilue Strahlen. 

Den Übergang von der Brüstung zum Hauptaulhau 
vermitteln außer den stilgemäßen Seitenvoluten auch 
zwei schmiedeiserne, rotverglaste Laternen an den Ecken 
der Brüstung nacli Münchner Vorbildern, und zwischen 
diesen Behälter für Pflanzenschmuck. 

Die arcliitektonischen Details sind alle mögliclist zu- 
rückgehalten, um die Wirkung der plastischen Gruppe 
zu erhöhen. 

Geistvoll und doch herzlich empfunden ist das Haupt- 
werk. Die Mutter Gottes thront hier in würdevoller 
W'eibliclikeit, das von dem königlichen Reife geschmückte 
feinprofilierte .Antlitz gütig und milde geneigt. Das 
Zepter ruht zwanglos in der Rechten, während die 
Linke den lieblichen Jesusknaben liält, dessen linker 
Fuß sich stralT auf das leiclit gesenkte linke Knie der 
-Mutter stellt, das rechte Knie anmutig natürlicli einge- 
bogen. Das rechte .\rmchen und der Oberkörper stützt 
sicli auf die Brust, das linke H.indchcn faßt die .schützende 
Hand der Mutter. Das Köpfchen des göttlichen Knaben 
ist in seinem kindlichen Ernste von holdem Reize. 

Die ganze Gruppe') ist im ecliten Hildebrandstil ge- 
halten, nirgends verleugnet die 'rochter die große Schule 
ihres \'aters. Die Modellierung, die Art der Ausführung 
von Einzellieiten in großen zusammenfassenden Zügen, 
die Gewandgebung und die lieliandlung der Körper- 
formen ist ungemein charakteristisch, klar und einlach. 
Die .\uffassung ist gleich großzügig. Einlieitlich tritt 
die Idee hervor: friedliches Glüclc und beglückender 
l'riede. 

Fräulein Hildebrand ist in Florenz geboren und auf- 
gewachsen. Seit vielen Jahren verlebt sie wenigstens 
die Frühlingsmonate wieder im blülienden Florenz oder 
dem kirchenreichen Rom. Der 1-jnfluß der F'lorentiner 
Frührenaissance und wohl auch RalTaels ist niclit zu 

') Djs M,ucrial der ixrchitcltloni^clicn 'teile ist untcrfräiikischer, das 
der plaslischen Gruppe Donau-MuscIiclkAtk. 



©^ Di-K wi-i'ti:i.sb.\(;[ii:rbku\"\i:\' ix i;i(,iis-i-A-|-r 



73 



Icufinen. Die kirchliclic Kunst Italiens ist .ibcr ebenso 
tief wie selbst.indii; erlaßt. Man braucht nur etwa 
RalVaels ^/.Madonna cli l'oligno«, oder die »Madonna mit 
dem l'iscli« einmal zum Veruleiche heranzuziehen und 
man wird unschwer erkennen, wie viel deutsche Eigen- 
art luiser Kunstwerk diucluiringt. 



So ist durch diese beiden jungen Kräfte Hichstätt 
neben seinen althistorisclien, praclitigen Denkmälern 
nun auch mit einem bedeutsamen, wirklich erfreulichen 
Werke lebensvoller neuer Kunst bereichert worden. 

Das bayerische Wappen des Giebelschmuckes, das 
•Stadtwappen der Rückseite und die Inschrift: >Hundert 




IRHXE lllLDtBKANI) USD K.\KI, SAI 1 I.l;K 



w 1 11 i:i.sB.\CHEKi!RrN\'i;x IN 1 icHSTA rr 



Karl Sattler ist ebenfalls geborner Florentiner und 
kehrt nach seinen Studien in Dcutscliland all|älirlicli 
dahin zurück. Auch sein Anteil, wenn er sich auch in 
lobenswürdigster Besclieidenheit hier ganz der Plastik 
untergeordnet, zeigt ähnliche Auffassung. Aucli er kennt 
Italien und schafft dennoch deutsche Heimatkunst. 



J.\lire unter dem Zepter der ^^'ittelsbacher. 1806. 
1 1. .März. 1906.« geben dem Werke seine geschichtliche 
Hedcutung. L'nter den Kunstdenkmälern, welche unter 
dem Kennworte rjahrlumdertfeier« im Königreiclie ent- 
standen, oder im Entstehen begriffen sind, dürfte es 
eines der glücklichsten und schönsten sein und bleiben. 

0^k.tr von l.ocliner 



74 



ZU UXSHRl-X BILDERN J^ö 




MATIIIAUS SCIllliSlI. St. CHUIS TÜPIlÜiaS 

IX. Inirnintioiiiile h'iiitsttiiisslt'/hin^ in Mihtdwn lt}()J 

ZU UNSEREN BILDERN 

Im vorigen Hefte braclncn wir auf S. 4S eine Ali- 
bildung nach einer präclitigen Portnitbüste des aus- 
gezeichneten belgisclien 15ikiliauers J iilcs Lagae, dessen 
\Verl;en neben würdiger künstlerischer Auffassung eine 
auüerordentliclie Natürhclil<eit eignet, wofür unsere trelf- 
liehe Portratbüste, die vom bayerischen Staat angekauft 
wurde, einen deutliclien Beleg bildet. An der Abbildung 
nun bemerkt man verschiedene Linien, welclie vielleicht 
den einen oder anderen Betrachter stören mocluen, so 
senkrecht mitten durch Stirn und Nase, dann oben über 
der Stirne an den Maaren, quer über Nasenspitze und 
Wangen, endlich an Bart und Uhren. Das sind keine 
Fehler der Reproduktion, sondern die sogenannten 



»Nähte«, welche sich bei der Herstellung des Gipsab- 
gusses nach dem Tonoriginal ergaben und stellen ge- 
lassen wurden. Der \\'erdegang der plastischen Kunst- 
werke ist nämlich fast ausnahmslos folgender. Sind die 
nötigen und öfters langwierigen Vorarbeiten(kleine Skizzen 
in Ton, Plastilin oder Wachs, Hilfsmodelle und ähnliches, 
je nach der individuellen Arbeitsgewolinheit eines Künst- 
lers) geschehen, so beginnt die Ausführung des üriginal- 
modells in einer eigenen Sorte Ton. .Auf einem Eisen- 
gerüst von entsprechender Größe, Form und Stärke wird 
der butterig weiche .Modellierton, den man während der 
ganzen .\rbeitsdauer weich erhalten muß, in entsprechen- 
den .Massen angetragen. Aus diesem Ton formt nun der 
Künstler mit seinen Fingern unter mäßiger Zuhilfenalime 
von sogenannten Modellierliölzern sein ^\'erk und er 
haucht ilim eine Seele ein. Nach Vollendung des Ton- 
modclls, welches das eigentlichste Künstlerscliatfen dar- 
stellt, wird der Künstler vom Handwerker, dem Gips- 
formator, abgelöst, welcher das nasse Modell (der Ton 
würde sonst reißen) abgießt. Zu diesem Behufe wird 
das Tonmodell vollständig (Reliefs selbstverständlich nur 
auf der Bildseite) in eine dicke und starke Gipsschicht 
eingehüllt: es handelt sich darum, eine »Hohlforni« zu 
bekommen. Bei flacheren Reliefs kann die (iipsschicht 
gewöhnlich in einem einzigen Stück weggenonuiien 
werden, sobald sie genügend erhärtet und der von ihr 
umfaßte Ton durch Trocknen zusammengeschrumpft ist. 
Nicht so einfach geht es bei Rundliguren, wie z. B. bei 
unserer Büste S. 48 ; in diesen Fallen muß bei .\n- 
bringung des Gipsmantels gesorgt werden, daß derselbe 
sich beim Wegnehmen auf eine rationelle Weise in 
eine größerer .Anzahl Teilstücke zerlegen läßt. Der Gips- 
formator bewerkstelligt dies dadurch, daß er durch Hin- 
stecken von eng aneinander gereihten Stückchen Blech 
in das Modell an den gewünschten Stellen gewisser- 
maßen Nähte in der über das Modell zu legenden Gips- 
schiclit anbringt, um an diesen Nahten die Schicht zum 
Zweck des Abnehmens in entsprechende Teile zerlegen 
zu können. Ist das Abnehmen des Gipsmantels voll- 
zogen, so ist zwar das inzwischen eingeschrumpfte Ton- 
modell zerstört, aber dafür hat man aus den wieder zu- 
sammengefügten Teilen des Ubcrgusses eine genau dem 
ursprünglichen Tonmodell entsprechende Holilform er- 
halten. Dieselbe wird nun mit einer starken Gipsschicht 
belegt ; ist diese erliärtet, so w-ird die Hohlform sorg- 
laltig entfernt und das Tonmodell feiert seine -Aufer- 
stehung in einem zwar nicht edlen aber doch haltbaren 
Material : der Gipsabguß ist fertig. \\\ jenen Stellen, an 
denen die Teile des Holdmodells aneinanderstoßen, bleiben 
die Spuren der F'ugen in Form von erhöhten (lipsstreifen, 
die man Nahte nennt und leicht entfernen kann, öfters 
aber auch stehen läßt, wie .\bb. S. 48 zeigt. — - Die Aus- 
fülnung in edlerem Material, wie .Marmor, Holz etc. ge- 
schieht mit Hilfe des (üpsmodelles ; hierüber ein andermal. 

Madonna von Fmanuel Dite. Farbige Sonder- 
beilage.) — Es ist ein freundlicher S|iätsommernach- 
mittag. Maria weilt mit dem göttlichen Kinde an einem 
friedlichen Plätzchen im Freien. Dem in seligem Behagen 
am Herzen der Mutter auf einem Steinblock hingestreckten 
Knäblein nahen drei vom Künstler nach Alter und Ge- 
mütsanlage fein charakterisierte und nach der Natur 
studierte Kinder, geführt von einer mit Myrten gekrönten, 
eben erblühenden Jungfrau, auf deren .-\ntlitz und Haltung 
ein .-Xbglanz der \\ ürde und .-Anmut .Mariens ruht. Diese 
Kindergruppe ist mit (jeschmack an die vortrefflich kom- 
ponierte tonangebende Gruppe (.Maria mit Kind) ange- 
gliedert und die Bewegung des rechten .Armes .Mariens 
bildet für .\uge und Geist das Bindeglied. Die Neben- 
gruppe ordnet sich, obwohl sie aus vier Personen be- 
steht, geziemend der I lauptgruppc unter. Der große und 
einfache Rhvthmus, der in den Linien und Bewegungen 



D\\[ Auss'i"r,i,i,u\'(i i)i:k i)1-;l''1'S(;iii;\' (,()i.i)S(;iimii;i)|-. [\- s'i'. i.ouis 



/) 



ilcr auch räumlich hervorgehobenen llauptgruppc herrs>;ht, 
geht in der KinJergruppe in lehliaftere und mehr dem 
Uenre eigene »Motive über, welche durch die gUicl<liclie 
Haltung der 1-ührerin einen geschmackvollen und edlen 
Abschluß erlialten. Dieser Rhythmus der Komposition 
wird durcli die l'arbe ungezwungen unterstützt: rechts 
die große, ruliig lließende Draperie in Weiß, dessen 
kühle Schattentone vom Hraunrot des Kleides der Madonna 
günstig gehoben werden und in dem der lebenswahre 
Pleischton des edlen Leibes des Kindleins so Ireundlicli 
leuclitet; links dagegen bildet die Kindergruppe mit den 
hisclien Gesichtcheu, t.\i:n hellblonden und dunklen 
1 Klaren, den Gewandern und Blumen ein leblial'teres Bukett 
sanfter Farben. Die ganze Szene, der sich der ilinter- 
griuid glücklich angliedert, wird von einer ruhigen Be- 
leuclitung einheitlicli, aber derart zusammengelialten, daß 
aul das Christkind und das große, weiße Linnen die 
stärkste Lichtlulle lallt. Alles atmet Natur, aber edle und 
mit dem Auge eines feinfühligen Künstlers geschaute 
Natur: Schönheit und Unschuld huldigen dem lleisch- 
gewordenen Worte. — Die Gesellschaft für christliche 
Kunst hat dieses Bild auch in vorzüglicher Aquarellgra- 
vüre, dem vornehmsten und teuersten Reproduktions- 
verfaluen der Gegenwart, erscheinen lassen, wo das 
ürigin.il in höchster Feinheit wiedergegeben ist (Blatt- 
größe 73X100 cm = 30 M., Hauptkatalog II, S. lo.) 

• Ballsouper.« Zweite Sonderbeilage. Dieses be- 
rühmte Werk .Menzels, das in den Jahren 1876 bis i<S79 
entstand, stellt eine zahlreiche Hofgesellschaft Kaiser 
Wilhelms I. dar. Es gehörte früher zur Galerie Henne- 
berg, die vor zwei Jahren in München versteigert wurde. 
Nunmehr kam es aus dem Besitze des Herrn E. Meiner 
in Leipzig um den horrenden Preis von 160000 M. 
an die Berliner Nationalgalerie, die von .Menzel nicht 
weniger als i8 Gemälde, 85 Werke in Aquarell, Gouache 
und l'astell und wenigstens i ijo Zeichnungen besitzt. 

St. Cliristophorus (S. 7.1) ist die Reproduktion 
einer Aquarellskizze zu einem Wandgemälde von Mat- 
thäus S c h i e s 1 1 . 
Hier sind Monumen- 
talität und Innigkeit 
vereint. Über Matth. 
Schiestl demnächst 
mehr. 

Die nächsten Hef 
te werden viele Abbil 
düngen neuer 
rehgiüser Wer- 
ke enthalten. 



Dil' .VUSSTl-LI.LXG 

DnRDIiUTSCHEXGOLDSCH.\Ili:i)l-; 

IN ST. LOUIS 

Von M. DANKLEK, Rumpen 

Die rheinische Goldschmiedekunst nimmt seit uralten 
Zeiten eine hervorragende .Stellungcin, und was Kunst- 
werke kirchlicher Art betrilTt, dürfte sie heute wieder 
nicht nur in Deutschland, sondern in der g.inzcn Welt 
sich hoher .\chtung erfreuen. Die unübertroffenen Schätze 
der rheinischen Kirchen, besonders der Kirchen zu 
.\achen, Köln, Trier, Xanten, Essen und Siegburg liefern 
den rheinischen Goldschmieden Vorbilder, die zu stetem 
Weiterstreben und WeiterschafTen anspornen müssen. 
Eine große .Vuszeichnung wurde den rheinischen Gold- 
schmieden gelegentlich der Weltausstellung von St. Louis 
zuteil, indem die deutsche Reichsregierung zwei rheinische 
.Meister auserwahlte, die deutsche Goldschmiedekunst 
ofliziell, das heißt auf .\til'forderung, Kosten und Gefahr 
des Reiches zu vertreten. Die ^\'ahl fiel auf den päpst- 
lichen Hof- und .\achener .Stiftsgoldschmied .\ugust 
Witte aus .\achen und den K. K. Hofgoldschmied Gabriel 
llermeling aus Köln. 

Diese beiden Künstler haben nun eine prächtige 
Kollektion von überaus kostbaren Kunstwerken zu- 
sammengestellt, und zwar sind sowohl Kirchen- als 
l'rofan.sachen in reicher Abwechshuig vertreten. Strenge 
Beobachtung derverschiedenen Stilarten, sorgsameTechnik 
und formenschöne Komposition sind allen .Stücken eigen, 
und jedes einzelne Werk ist ein Beweis für die liebevolle 
Sorgfalt, womit die oft originellen Ideen erschöpft wurden. 
Beide Künstler sind Meister in der so schwierigen Email- 
technik und ihre Treib.rrbeiten gehören zum Besten, 
was in dieser Beziehung geboten werden kann. 

Der Hofgoldschmied .August Witte ist übrigens den 
Amerikanern nicht fremd ; Nordamerika verdankt ihm 
eine ganze Reihe kostbarer Gefäße und noch vor kurzem 
betraute ihn der Erzbischol von .San Franzisko mit der 

.\usführung 
zweier kostba- 
rer Kelche. Un- 
ter den kirch- 
ichen Gegen- 
ständen .seiner 

Ausstellung 
seien hier be- 
sonders ge- 
nannt ein le- 
bensgroßes, 




G.MiKlia. III.KMEI.IXG 



r,Af s. 76 



.ME.SSBLC1II'ILT 



76 DIE AUSSTl-I.I.L'XC; Dl-R DHL TSC.I ll-X (.cM.DSf.lIMIEDE IX ST. HUIS 



aus Silber getriebenes Reliqiiiar des hl. Laureiitius (Abb, 
Ikil. S. Iin, zwei überaus kostbare umi reiche Monstran/cu 
in den Formen der Spätgotik, mehrere Kelclie in roma- 
niscliem und gotischem Stil, unter denen ein Praciit- 
kelch (Abb. s. unten) mit über 700 Diamanten besondere 
Hrwalinung verdient. Hei der Laurentiusbüste kommt 
der Künstler dem modernen l-lniplinden insoweit ent- 
gegen, als er durcli eine von der allgemeinen Sitte 
abweichende Beliandlung der Augen das Angesiclit be- 
lebte. Hormenschöiie Altarleucliter, Meßkännchen, Rauch- 
tös.ser, Reliquiare usw. vervollständigen die kircliliche 
Abteilung dieser Ausstellung. 

Unter den profanen Kunst- 
werken treten der Kronprinzen- 
pokal und die Prunkschüssel des 
Aachener Ratsilbers hervor. 

Der Kronprinzenpokal ist 
.18 cm liocli und zeigt die reichen 
Formen des spätgotisclicn Stiles. 
Er ruht auf vier Dreipassen 
mit den allegorisclien Figuren 
der Güldschmiedekunst, Bau- 
kunst, der Nadel- und Tucliin- 
dustrie. Die Ausfülirung zeigt 
eine wirkungsvolle l?uckelarbeit, 
und fein stilisiertes Blattwerk be- 
lebt die einzelnen 'Feile. Der Dec 
von einer stattlichen Rittergestalt 
welche das .Aachener Banner trag 

Die Prunkscliüssel ist wie de 
selbst in Silber getrieben und 
gokiet. Sie wurde aus einem Stü 
arbeitet und hat einen Durchmesst 
.-(2 cm. Den Mittelpunkt bildet 
Siegel der .Stadt .-\achen. lIochg( 
Buckeln, die mit der Treibarbeit 
kales harmonieren, schließen sich 
fein gearbeitetes Laubwerk bild 
wirkungsvollen Abschluß. Dem 
werk des Randes sind die ^^ api 
Städte Köln, F'rankhn-t a. M, Mainz, 
Nürnberg, Straßburg und Dortmund 
lieh eingefügt. Bei dem 'Feufelstii 
welches ebenfalls zum .\acliener R; 
gehört, ist eine alte .\achener 'Feu 

in humorvoller 
.\uffassung zur 
Darstellung ge- 
bracht worden. 
Der moderne Stil 
ist vertreten durch 

ein silbernes 
Schreibzeug mit 

Ziervergoldung 
und einem Korn- 
blumenmuster in 
Fensteremail, ei- 
ner Bronzestand- 
uhr usw. Sehr interessant ist sodann noch eine 
trische Tischlampe aus Aluminumbronze, eine 
spendende Blume, um deren Schall sich ein 
Drache als W'appenträger ringelt. 

Hofgoldschmied Ilernieling stellt ebenfalls eine große 
Büste (Bischofsbüste) aus, welche als Reliquiar bestimmt 
ist und die einen guten Findruck macht. Fänes der 
hervorragendsten Stücke aber ist ein i'U m hohes Altar- 
kreuz in reichem Filigran- und F'mailschmuck und mit 
äußerst dekorativer Anwendung von Niello. Dieses 
Prachtstück wurde auf Bestelhmg der Deutschen Kaiserin 
hergestellt. Sehr interessant ist sodann eine spätgotische 




.AUGUST WITTE 



'J'c.vf olien 



elek- 
licht- 
:ireuliclier 



.Monstranz, welche den Stammbaum Jesse darstellt. .\us 
dem im Fuße ruhenden Stammvater wächst der Stamm- 
baum durch den Schaft empor, umgibt den Hostien- 
behälter und trägt auf seinen Zweigspitzen die Bilder 
der zwölf Könige. Über dem Hostienbehalter erblickt 
man in einem gotischen AulTiau die Himmelskönigin, 
und zahlreiche Engelfiguren tragen zum weiteren 
Schmucke bei. 

Ein weiteres originelles Stück ist das dem hochw. 
Kardinal -Erzbischof Dr. Fischer in Köln zum Geschenk 
gemachte .Meßbuchpult (.Abb. S. 75); der Fries des 
Kastens , in durchbrochenem 
Rankenwerk gehalten, zeigt im 
\'ordergnmde das Wappen des 
Kardinals, auf dem Deckel das 
apokalvptische Lamm mit den 
svmbolischen Tieren der F'van- 
gellsten. Kelche nüt ko.stbaren 
imailbildern , Triptychen usw. 
vervollständigen auch hier die 
kirchliche Abteilung. 

Von den profanen Kunst- 
werken möchte ich an erster 
Stelle das goldene Buch der 
Stadt Köln (Kölner Ratssilber) 
nüt den dazu gehörigen Tafel- 
leuchtern, sowie das goldene 
der großen Karnevalsgesellschaft 
anführen. Das goldene Buch der 
Köln ist mit einem äußerst leinen 
geschmückt, welches den Empfang 
aisers .Masimilian durch den Rat 
adt Köln darstellt. Das goldene 
Karnevalsgesellschaft zeigt Köl- 
er und Jungfrau als W'appenhalter, 
arneval als Helmkleinod sowie im 
noch sechs Haupttypen aus dem 
Karneval. Hierzu gehören noch 
kal des Präsidenten, Tintenfaß, 
r usw. Weiter seien genannt 
bsch ausgeführter Humpenbecher 
dt Zülpicli, sowie ein interes.san- 
elpokal, ein Geschenk der Stadt 
;m den Kölner Männerge.sangverein 
enheit seines fünfzigjährigen Be- 
stehens. Fänen 
glücklichen .\b- 

schluß bildet hier, 
auf Wolken schwe- 
bend , das N'ereins- 
haus der (lesell- 
-.chaft, die lAWilken- 
burg« mit der Harle 
spielenden Cäcili.i. 
Regatt.i- und Ten 
nisspielpreise (.im 
Auftrage des Deut- 
schen Kaisers an- 
gefertigt), prächtig modellierte und ziselierte Keiter- 
ligiu'en , reich getriebene Keliefpl.uten schließen sich 
.m, und endlich seien als Meisterwerke der 'l'reibkiuist 
noch genannt aus Münzen getriebene Becher, Broschen, 
Nadeln usw. 

Zweifelsohne wird diese .\usstellung rheinischer 
(joldschmiedekunst in \'erbindung mit den Privataus- 
stellungen der andern deutschen Goldschmiede den 
rheinischen mid deutschen Künstlern die Sympathien der 
amerikanischen Kunstfreunde in noch höherem Grade 
erwerben und von gutem Fä'lolg gekrcint sein. 



PKACUlKLLCll 



Für die Redaktion verantwortlich; S. Standliamer ; Verlag der Gesellschaft für christl. Kunst, G. m. b. H. 
Druck vou Alplions Bruckuiann, — Süiutliclic in München. 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST<, II. JAHRGANG, HEFT }, i. DEZEMBER 1905 



STUCKELBERG -AUSSTELLUNG IN 
BERLIN 

Von Du. HANS SCHMIDKUNZ (BcrliiiHalcnsee) 

Gegenwärtig (September 1905) befindet sich im Kunst- 
.salon Schulte neben .inderen Gruppen von Bildern 
aucli eine Sammelau.s.stellung Hrnst Stückel bergs. 
In diesen melircren Dutzend Bildern, fast lauter Ölge- 
mälden, tritt das Marclienhafte, Pliantasievolle des Künst- 
lers weniger hervor, als seine übrigen Seiten. Insbe- 
sondere steht liier das Kompositorische über der Aus- 
führung; und wir merken, daß uns der Künstler mehr 
mit der Kunst im engeren Siime des Wortes als mit 
der Natur zu tun gibt. Von den in seinem Schaffen 
wohl zu spürenden Anregem tritt sein Freund Feuer- 
bach deutlich hervor. Weitaus am günstigsten erschei- 
nen die Porträts. Begreiflich ist ferner, daß man den 
Künstler mehr in seinem zeichnerischen als in seinem 
malerischen Können würdigen lernt. Trotzdem ist eine 
sehr feine Kunst in der Beherrschung von stillen, nament- 
lich ins Graue gehenden Farben nicht zu verkennen. 

Auf diese Weise gewinnen vor allem seine Porträts 
erst recht einen günstigen Stand. Mit außerordentliche! 
Feinheit der Zeichnung und der Töne, sowohl optisch 
wie auch seelisch genommen, ist die Mutter des Künstlers 
in einem großen Bildnisse dargestellt. Der scharfe 
Gegensatz, in welchen er zu der sogenannten Moderne 
tritt, und der günstige wie ungünstige Seiten hat, zeigt 
sich gerade hier im allergünstigsten Lichte. Nichts von 
einer Ausnützung des Porträtthemas zu irgend welchen 
koloristischen oder sonstigen Nebenzwecken. In ähn- 
licher Weise, kleineren Umfanges, ist »Frau Gerichts- 
präsident B. in R.« gemalt. Der Anschluß des Künst- 
lers an die Vergangenheit tritt hier ganz besonders hervor; 
es ist eine an die besten Venezianer gemahnende duftig 
weiche und dabei vollendete Meisterleistung. Zwei andere 
Porträts sind ebenfalls sympathisch, aber etwas primitiv 
in bezug auf die Fülle des Ausdruckes und des Vorrates 
von Mitteln : das eine ist ein Selbstporträt von 1 866, 
das andere ein Bildnis seiner Frau in jungen Jahren. 
Daß ein solcher Künstler besonders liebenswerte Kinder- 
köpfe malt, ist begreiflich; sein »Kind mit Blume« mag 
hier besonders genannt sein. Eine ausgezeichnete, im 
besten Sinne des W'ortes klassische Aufbietung der vor- 
h.mdenen Kunstmittel hatStückelberg in seinem »Familien- 
bild< gegeben. Die Gruppierung der drei Kinder an 
der Seite der Mutter und der tiefgehende Ausdruck von 
ilmen machen dieses kleine Bild zu einem der größten 
Werke, die wir kennen. 

Die ausgestellten Szenenbilder werfen uns zwischen 
der Kunst der ergreifenden Komposition und der Künst- 
lichkeit der Illustration eines vergangenen Familienblattes 
in einer zum Teil rätselhaften Weise hin und her. Überall 
ein kräftiges Streben nach Aussprache, docli meist keine 
rechte Kraft, der Versuchung zum Künsteln auszuweiclien. 
An erster Stelle dürfen wir wohl nennen »Tod und 
Leben«. Mag sein, daß einem gegenwärtigen Maler 
diese oder jene Qualität als bereits abgetan vorkommt: 
ein Vergleich zwischen diesem Werk und etwa den 
»Lebensaltern« von Gustav Klimt in der gegenwärtigen 
Künstlerbundausstellung zu Berlin spricht weitaus für 
den älteren Meister, f;tUs man nicht bloß nach dem 
optischen Rüstzeuge fragt — und vielleicht auch dann. 

Die Kunst Stückelbergs, das, was er gibt, gut zu- 
sammenzustimmen, zeigt sich besonders in dem Ge- 
mälde »Die Kreuzfahrerin«. Jene Kunst halten wir 
deslulb gerade hier für so groß, weil mitten in eine 
ziemlich iarblose Landschaft zwei lebhaft farbige Stücke 
liineingestellt sind: die Titelperson und die ihr erschei- 
nende Mutter Gottes. Die Konzentrierung des Ganzen 
aul den Segen, den jene empfängt, ist mit einer bedeu- 



tenden Kraft durchgeführt. Wie in den beiden eben- 
genannten Bildern, so zeigt sich die Ausdruckskunst des 
Meisters besser als in vielen andern Bildern auch in 
seiner »Fischpredigt des heiligen Antonius« ; und die 
Kunst der Einheitlichkeit kehrt hier in heiterer Weise 
wieder. Wie da ein Zug von Linien gleichsam aus dem 
Barte des Predigers zu den heranrollenden Wellen und 
den heranschwimmenden Fischen geht und von ihnen 
wiederum zurückläuft zum Prediger: das ist eine nicht 
häufig wiederkehrende Kraft des Humors. 

Einzelfiguren, die nicht Porträts sein, sondern eine 
Idee darlegen wollen, geraten ihm weniger gut. »Die 
Kinder aus der Fremde« erinnern mehr, als andere Bilder 
es tun, an Anselni Feuerbach, sind aber um ein Merk- 
liches matter als ähnliche Darstellungen des Genannten. 
Und wo nun Stückelberg Szenen von weitgehender 
Großartigkeit, Heldenhaftigkeit usw. vorführen will, 
dort sagt seine Kunst weniger zu. »Augustins Mutter 
ereilt ihren Sohn am Grabe seines Freundes Alypius«: 
dieses Bild erinnert an die alten heroischen Landschaften 
mit Staffage, enthält aber fast noch mehr Künstlichkeit 
der ».Aufstellung« als sie und behandelt die Landschaft 
etwas oberflächlich. Die beiden Figuren selber erfreuen 
übrigens durch einen ernsten Sinn, mit welchem sie 
den Geist des Künstlers und den Geist des Beschauers 
in ein Bündnis bringen. 

Von ähnlicher dualität sind noch einige Szenenbilder. 
Etwas Weihevolles, speziell Nazarenisches, geht aus von 
dem »Palmsonntag in .-^ssisi« : heute wird es schwer, 
ein solches Bild zu genießen und zu würdigen. Noch 
stärker merkt man die verstimmende Absicht in dem 
sehr gezierten und gestellten Bilde »Die Sirenen«. Recht 
liebhch, wenn auch in der .Mache zu biedermeierisch, 
sind die »Seerosen«, deren Pointe der Kopf eines schwim- 
menden Kindes zwischen \\'asserblunien ist. In dem 
Bild »Melodien des Ozeans« hat der Künstler ersicht- 
lich versucht, den seelischen Vorgang des Lauschens 
sinnlich wiederzugeben. 

Daß dies nicht sein eigentlicher künstlerischer Weg 
ist, zeigen namentlich die ungeföhr neun Bilder aus der 
Teil-Sage, Studien, welche aus der Vorbereitungsarbeit 
zur Ausschmückung der Tells-Kapelle herstammen. Es 
sind eben einzelne Figurenstücke. Vier von ihnen er- 
innern in ihrer reahstischen Erfassung äußerlich auf- 
flillend an E. v. Gebhardt: die »Betende Alte«, der 
»Mann en face (Kuoni)«, dann ein »Schwörender (Hans 
auf der Mauer)«, und noch ein »Schwörender (.Meier 
von Sarnen)«. Der spezielle Vorgang, für welchen diese 
Tvpen verwertet wurden, ist in sie 'noch nicht klar 
hineingelegt. Am besten sind unter diesen Teil-Studien 
die mehr porträtartig erfaßten, ganz besonders der Geßler. 
Das .\ußere des Bösewichtes ist in einer geradezu fes- 
selnden Weise getroffen. 

Es dürfte in dem Künstler noch Größeres verborgen 
gelegen sein, als er zu offenbaren in der Lage war. In 
zahlreichen kleinen Skizzen ist die Komposition engeren 
Sinnes sogut wie immer von großer Geschicklichkeit und 
von fesselndem Interesse. So 5 Der Jüngling zu Naim«, 
dann »Dem jungen Dante erscheint Beatrice«, und mehreres 
ähnliche. Ausdrücklich als Entwurf zu einem Wandge- 
mälde ist bezeichnet »Der schwarze Tod«. .Anscheinend 
von ganz gleicher Verwendung ist das breite Bildchen 
»Renaissance in Basel (Holhein, C)colampadius, F>asmus 
und Amerbach)«. Auch solche Bilder entsprechen nicht 
mehr dem heutigen Geschmacke; doch als Charakte- 
ristik der Auffassung, die eine bestimmte Zeit von einer 
andern Kulturperiode hatte, dürften sie für immer einen 
hohen Wert behalten. .An das erstgenannte SkizzeubUd 
reiht sicli noch an »Die Pest«. 

Die Landschaften machen durchaus den Eindruck, 
daß der Künstler die leblose Natur technisch nicht voll 
belierrschte. Die \'ertiefung ins einzelne fehlt und wird 



n BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 3, i. DEZEMBER 1905 



auch nicht gänzlich durch eine mächtige Größe des 
Ganzen ersetzt. Dagegen findet sich hier und d.i ein 
Ersatz durch die Fähigkeit Stückelbcrgs, in da.s, was er 
leistet, eine Wärme, Licblichl;eit und andere tiefe, seelische 
Empfindungen hineinzulegen. Dadurch wird die wohl 
beste unter den ausgestellten Landschatten recht sympa- 
thisch: > Spaziergang am Mecrt. Vielleicht ist es eine 
private Liebhaberei des Referenten, daß er in dem nebe- 
ligen Gebirgsbild >Am Klausenpaß< ebenfalls ein besseres 
Werk sieht, sowohl was die Stimmung wie auch was 
die Zusammenfügung der matten Farbentöne betrifft. 

Wie halbvergessene Klänge erscheinen all diese Stückcl- 
bergschen Bilder in einem modernen Kunstsalon, der 
uns mit einem einzigen Schritte zu den modernsten 
Experimenten weiterführt. Es mag sein, daß Stückel- 
berg mehr, als es in dieser Kollektion von Atelierbildern 
den Anschein hat, ein Dekorationsmeister war. Doch 
jedenfalls war er es nicht in dem Sinne zahlreicher 
Heutiger; in dem einer Verllachung der Szenerie und 
einer Unterwerfung von Bildern, die darstellend sein 
wollen, unter den Ch;irakter von kunstgewerblicher 
Dekorationsarbeit. 

Ausführliche Berichte aus München, Düsseldorf, 
Wien, Berlin, Karlsruhe, Köln usw. wird das 
nächste Heft enthalten. 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Neue Glasgemälde. Der Chor der Heiligen-Geist- 
Kirche zu München erhält demnächst zwei neue Glas- 
gemäldc, welche den Englischen Gruß und den aufer- 
standenen Heiland darstellen. Die Entwürfe stammen 
von Professor Martin Feuerstein und Hofbaurat 
Eugen Drollinger. Die Ausführung geschah in der 
Ma3erschen Anstalt in München. Beide Glasgemälde 
sind eine Stiftung des Kommerzienrates Franz Mayer. 

Bildhauer Max Heilmai er hatte in den letzteren 
Jahren Gelegenheit, für die Pfarrkirche zu W'asserburg 
einen monumentalen Figurenzyklus zu schaffen. Es 
sind die zwölf .Xpostel in Sandstein, in einer Größe von 
je 1,75 m. Im Jahre 1902 ging der Künstler ans Werk 
und im verflossenen August fand dasselbe seinen Ab- 
schluß. Die Figuren gehen mit der spätgotischen Archi- 
tektur zusammen, und vermeiden naturwidrige und 
manierierte Nachahmung alter Muster. Vier der frag- 
lichen Apostelfiguren sind in der vorletzten Jahresmappe 
der D. Ges. f. christl. Kunst (190.O reproduziert; die 
Zeitschrift wird auf diesen Zyklus zurückkonunen. Der 
Stifter des ganzen großen Werkes ist Prälat und geistl. 
Rat J. Lechncr in Wasserburg, dem die gleiche Kirche 
auch einen ebenfalls von Max Heilmaier geschaffenen 
kunstvollen Presbyteriumsstuhl verdankt. 

Der Kölner Bildhauer Alexander Ivcn fülirte 
für das im Dom zu Köln befindliche Grabmal des 
Reichskanzlers Reinald von Dassel, das in der fran- 
zösischen Zeit seiner schönen Bronzefigur beraubt wurde, 
eine Statue dieses großen Kanzlers aus. Der Erzbischof 
ist im vollen bischöflichen Ornat mit Mitra und Stab 
dargestellt. Die Figur ist 2,10 m hoch. 

Architekt Ludwig Becker erhielt vom Großherzog 
von Hesseil anläßlich des von ihm betätigten 50. Kirchen- 
baues (St. Elisabethenkirche in Darmstadt) den Pro- 
fessorentitel. 

Max Fürst vollendete im heurigen Sommer die 
Ausmalun g des Presbyteriums und des Chorbogcns der 

') Eine Biographie des Künstler?; erscheint später. D. R. 



Stadtpfarrkirche St. Oswald in Traunstein Das Chor- 
bogenbild versinnlicht den Gedanken: >So sehr hat 
Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn 
dahingab<. Im Presbvterium kam zur Darstellung: i. .Auf- 
erstehung Christi, mit den zwei N'orbildern Daniel in 
der Löwengrube und Jonas; 2. Gründung der Kirche, 
mit den zwei Allegorien ludentum und Christentum; 
5. Sendung des hl. Geistes, mit Pauli Bekehrung und 
Steinigung des hl. Stephanus. Im Schiff der Kirche 
wird der Künstler in großen Mittelbildern den »Eng- 
lischen Gruß«, »die Hirten an der Krippe«, »Hochzeit 
zu Kana« und »Christus am Ölberg« herstellen, .\nalog 
der Anordnung im Presbyterium laufen neben diesen 
großen Bildern auch kleinere nebenher, die alttesta- 
mentliche Vorgänge darzustellen haben. Ist die ganze 
.\ufgabe gelöst, wozu es im Sommer 1907 kommen 
soll, dann sind etwa 30 Bilder, umralimt von reicher, 
nach den Entwürfen A. Bachmanns hergestellter Stuk- 
kierung, von der Hand Fürsts zur Ausführung gebracht. 

Große Berliner Kunstausstellung 1905. — 
Die große goldene Medaille erhielten der Maler und 
Radierer Ferdinand Schmutzer (Wien) und Franz Skarbina 
(Berlin). Die goldene .Medaille wurde erteilt dem Bild- 
hauer Arthur Lewin-Funke (Charlottenburg\ dem Bild- 
hauer Eduard Beyrer (.München), dem Maler Professor 
Hermann Schaper (Hannover), dem Maler .Moritz Röbbecke 
(Berlin). 

Kgl. Graphische Sammlung. Die bisher unter 
dem Namen »Kgl. Kupferstichkabinett« bestehende reiche 
Sammlung in den Parterreräumen der Kgl. älteren Pina- 
kothek in München erhielt die Bezeichnung »Kgl. Gra- 
phische Sammlung«. 

Stuttgart. .\n einer Konkurrenz für den Bau einer 
neuen St. Eberhardskirche beteiligten sich die .\rchitekten 
Pohlhainmer (Stuttgart), Raisch (Stuttgart) und Schurr 
(München). Die Konkurrenzentwürfe wurden im Landes- 
gewerbemuseum zu Stuttgart öffentlich gezeigt, wo auch 
Architekt Kräude (Frankfurt) außer Konkurrenz ausstellte. 

Diözesanmuseum in Limburg. Am 15. Septem- 
ber wurde in Limburg in Gegenwart des Kaisers und 
der Kaiserin ein Diözesanmuseum eröffnet. Für Restau- 
rierung und Herrichtiuig der Räume gab der Staat ;ooo M. 
Das Museum ist bestimmt, Werke der bildenden Kunst, 
Handschriften, Missalicn, Paramente usw. aufzunehmen. 

Die christliche Kunstausstellung in \\' i e n , 
über die wir ausführlich berichten werden, wurde am 
,S. November eröffnet. 

Kunstausstellung in Dresden 1908. — Aa( einer 
Versammlung von Vertretern zunächst beteiligter Kreise 
Dresdens wurde beschlossen, im Jahre 1908 eine große 
Kunstausstellung auf nationaler Grundlage im städtischen 
.\ussteIUingspalast abzuhalten. Zur Erledigung der Vor- 
arbeiten wurde ein .Arbeitsausschuß aui'gestellt. 

Ein Denkmal für Virchow soll auf dem kleinen 
Karlsplatz in Berlin mit einem .Aufwand von 80000 M. 
errichtet werden. Zu diesem Behufe findet eine allge- 
meine Konkurrenz statt; die Entwürfe sind bis zum 
nächsten April einzuliefern. 

Der Pariser Herbstsalon. Der diesjährige Salon 
enthält in zwei Ehrensälen Kollektivausstellungen zweier 
großer Toten: Ingres und .Manet. Der Davidschüler 
Ingres (1780 — 1867) war ein famoser Zeichner, ein 
Meister der Linie, aber seine Farbe ist stumpf und 
armselig. Aul.Wr dem »Türkischen Bad«, einem Bild 



BEILAGE ZU .DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 5, i. DEZEMBER 1905 



III 



aus der letzten Lebenszeit des Künstlers, sind noch 
6 3 \Verl<e von ihm ausgestellt. Von Manet (f I1S83), 
dem Bahnbrecher des modernen Impressionismus, sind 
51 Werke zu sehen, darunter die berühmte i Hinrichtung 
des Kaisers Ma.ximilian«, mehrere l'ortrats, die .VIusil<- 
stunde, die junge Frau im Balll<leid. Raffaelli hat 
10 Bilder ausgestellt, die auf seinen Werdegang ein 
helles Licht werfen. (Karriere, Renoir und COzanne, 
die zu den ältesten lebenden Meistern in Frankreich 
zählen, sind ebenfalls vertreten. Was der Nachwuchs 
dieser älteren Meister, insbesondere soweit er aul Manets 
Vorbildlichkeit zuriickzufüliren ist, ausstellt, berechtigt 
nicht zu besonderen Hoffnungen für die nächste Zukunft. 

Karlsruhe. Zum Nachfolger des verstorbenen Victor 
Weishaupt ist der Tiermaler Professor Julius Bergmann 
aus Rupprechtsau bei Straßburg berufen worden. 



BÜCHERSCHAU 

Beiträge zur Geschiclite, Topogra- 
phie und Statistik des Erzbistums 
.München und Freising von Dr. Martin 
von Deutinger. Fortgesetzt von Dr. Franz 
Anton Speciit, L^omkapitular. Neunter Band. 
Der Altar bau im Erzbistum München 
und Freising in seiner stilistischen 
Entwicklung vom Ende 
des 15. bis zum Anfang 
des ig. Jahrhunderts. Von 
Dr. Ricliard Hoffmann. Mit 
59 Abbildungen. 

Eine Besprechung dieses 
sehr lehrreichen Werkes folgt 
in Bälde. 

Die Denkmäler der 
deutschen Bildhauer- 

kunst. Herausgegeben von 
Dr. Georg Dehio und fjr. 
Gustav V. Bezold. Gedruckt 
und verlegt bei Ernst 
Wasmuth, A.-G., Ber- 
lin. 

Ein herrlichesWerk, 
das den Forsclier, den 
Künstler und den ge- 
nießenden Kunst- 
freund entzückt. Der 
Umfang des Werkes 
ist auf vier Serien 

von zusammen 20 Lieferungen von je 20 Tafeln im Format 
von 52X48 cm angenommen. Das ganze Werk wird sich 
von selbst zu einem erhebenden Denkmal für die alte 
deutsche Kunst, für die christHche Kunst ausgestalten. 
Der Preis jeder Serie beträgt 100 M. ; jede Serie ist 
einzeln käuflich ; in jeder einzelnen Serie werden muster- 
gültige Beispiele eines jeden Jahrhunderts enthalten sein. 
Das gesamte Werk wird 1500 bis 2000 einzelne l'iguren 
bieten. Die erste Lieferung enthält auf 20 Tafeln 
50 prächtige Abbildungen; so die Erztüre vom Dom 
in Gnesen, die Kreuzigungsgruppe im Dom in Frei- 
berg i. S., 15 Abbildungen aus der Schloßkirclie in 
Wechselburg, Denkmäler aus B.imberg (Heinrich IL), 
Naumburg, Köln, vom Triforium des Prager Doms, 
aus Nürnberg, Baden-Baden (Kruzifix im Friedhof), aus 
Dresden, Liegnitz, Breslau. L. 

Das Breviarium Grimani in der Bibliothek 
von S. Marco in Venedig. Über das bei Karl W. 
Hiersemann in Leipzig erschienene Prachtwerk dieses 



Titels bringen wir 
Artikel. 



im nächsten Heft einen längeren 



AUGUSr WITTE 



Hauptkatalog, Band II, der Gesellschaft für 
christliche Kunst. München, Karlstr. 6. 

Im dritten Heft des ersten Jahrganges machten wir auf 
den sehr hübschen Hauptkatalog der Gesellschaft für 
christliche Kunst aufmerksam, der i 30 meist ganzseitige 
.Abbildungen, zum Teil nach alten Meistern, größten- 
teils aber nach den besten Werken hervorragender Künst- 
ler der Gegenwart in schöner Ausführung enthält und 
um 50 Pf. zu beziehen ist. Diesem ersten Band folgte 
jüngst ein zweiter, der eine Fortsetzung des ersten bildet 
und ebenso reich ausgestattet und ebenso billig ist (Preis 
joPf ). In diesen zweiten Band sind 186 Abbildungen nach 
Werken alter und neuer Meister aufgenommen. Um 
I M. erhält man also eine Sammlung von 316 Bildern 
der ersten Meister und ein zuverlässiges Nachschlage- 
buch bei Anschaffung von künstlerischem Wand- 
schmuck und würdigen Geschenken für das christ- 
liclie Haus und zu den verschiedensten Anlässen. 
Die Bemüliungen der Gesellschaft für christliche 
Kunst um Popularisierung künstlerisch vollende- 
ter Darstellungen aus dem christlichen Ideenkreise 
sind vollständig uneigennützig und dienen keiner- 
ei geschäftlichen Zielen. DieVerbreitung guter Re- 
produktionen bildet ein liochst wichtiges Hilfsmit- 
tel zur Hebung des Niveaus der christlichen Kunst 
und des Ansehens der christ- 
lichen Künstler der Gegenwart. 

Die Madonna in ihrer 
Verherrlichung durch die 
bildende Kunst. Von Dr. Wal- 
ter Rothes. Mit ii8Text-und 10 
i'"inschaltbildern. Verlag von 
J. P. Bachern, Köln. Gebd. 5 M. 
Der textliche Inhalt bietet im 
erstenTeil einen kunstgeschichth- 
chen Überblick über die Entwick- 
lungsreihen der Darstellungen 
.iriens und gruppiert im zweiten 
Teil erläuternd die 
bekanntesten und 
schönsten Marien- 
bilder nach der Reih- 
enfolge der Ereig- 
nisse im Marienle- 
ben. Das Buch, das 
sich nicht an den en- 
gen Kreis der Kunst- 
gelehrten wendet, 
will einem religiösen und einem künstlerischen Interesse 
dienen und wird beiden Zwecken in schöner W'eise gerecht ; 
einem religiösen Interesse : das Buch soll nämlich nach der 
.•\bsicht des X'erfassers eine neue Blüte im Ehrenkranze sein, 
den menschliche Dankbarkeit der Madonna windet ; einem 
künstlerischen Interesse : es soll die .Achtung vor der 
Kunst erhöhen und soll mithelfen, die schaffenden 
Künstler in den kunsthebenden religiösen Kreisen be- 
kannt zu machen. Zu letzterem Behufe wird nicht aus- 
schließlich die alte, sondern auch die gegenwärtige 
Kunst, die sich neben der alten nicht zu schämen braucht, 
berücksichtigt. So sind Georg Busch und Gebhard Fugel 
mit je einer .Abbildung vertreten, andere lebende religiöse 
Künstler sind genannt. .Auf dem Weihnachtstisch wird das 
Buch wegen seines reichen Bilderschniuckes und wegen 
des anregenden Textes eine willkommene Gabe sein. 

Die Bibel in der Kunst. Nach Original-Illustra- 
tionen erster Meister der Gegenwart. Großfolio. Kirch- 
heim & Co. in Mainz. 20 Lfg. ä .M. 1.50. 




St. L.^URENTIUS 



WcUansstellitn^ in St. Louis igo.^ 



IV 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 3, i. DEZEMBER 1905 



Wir haben im vorigen Hefte über dieses vornehm 
angelegte Unternehmen, das moderne christliche Kunst 
in bester Reproduktion verbreitet, einleitend berichtet. 
Lieferung i und 2 liegen nun vor. In der ersten Liefe- 
rung sind vertreten : Brilon- Ri viere (Der Geist Gottes 
über den Wassern) und Walter Crane (Die Sünden- 
strafe, Kain und Abel, Bau der Arche Noes, Die Sünd- 
flut). Lieferung 2 führt Fritz von Uhde mit vier 
Werken ein, die alle Vorzüge des Meisters aufv.'eisen. 
Drei dieser Bilder sind der Geschichte Abrahams ent- 
nommen, darunter die tiefergreifend geschilderte Prü- 
fung Abrahams; das vierte stellt Jakob und Rachel dar. 
Außerdem enthält die Lieferung noch ein Blatt nach 
Geröme, Rebekka am Brunnen. 



ZEITSCHRIFTENSCHAU 

Der Kunstfreund. — Nr. 8. — Der Altar (Schluß.) 
— Ein Dürerbild. — Die Wandbespannung in Gemälde- 
sammlungen. — Eine alte Tiroler Plastik zu Mölten 
(Tod Mariens). — Mittelalterliche Heihgenbilder. — 
Kunstnotizen usw. — Nr. 9. — Das Kreuz als Kunst- 
motiv. — Gedanken über Fronleichnamsaltare. — Die 
Apostelkirche in Klausen. — Nr. 10. — Die Kirche 
St. Andrea in Maderno am Gardasee. — ■ Die Melan- 
cholie und der hl. Hieronymus von A. Dürer. 

Archiv für christliche Kunst. — Nr. 8. — Beck, 
Über die sogenannten »Livres d'heures«. — Neue Altar- 
werke im Museum vaterländischer Altertümer in Stutt- 
gart. — Brunnen in den Kirchen. — Kümmernisbild in 
Kentheim? 



Christliche Kunstblätter (Linz). — Nr. 9. — 
Immakulatabilder (Forts.). — Die Kirche Stadl-Paura 
(Dreifaltigkeitskirche) bei Lambach. — Ehemalige ICloster- 
kirche in Garsten (Forts.) — Über das notwendige Ver- 
hältnis des Architekten zum Kunstgewerbe. — Die christ- 
liche Kunst und der Zwischenhandel. 

Anzeiger des Germanischen Nationalmu- 
seums. — Heft 11. — Chronik des Museums. — Drei 
figürliche Holzschnitte von Peter Flötner. — Eine 
Nürnberger Hauskapelle. — Die Holzmöbel des Ger- 
manischen Museums. 

Technische Mitteilungen für Malerei (Red. 
A. W. Keim). — XXII. Jahrg., Nr. 7 u. 8. — Protokoll des 
am 21. Juni 1905 in München abgehaltenen Kongresses 
zur Bekämpfung der Farben- und Malmaterialien-Fäl- 
schungen. 

The Studio. — Oktober. — The paintings and 
etchings of D. Y. Cameron. — State Schools for Lage- 
making in Austria. — The Staats Forbes coUection. I. 
The Barbizon pictures. 

Die Kunst unserer Zeit. — 17. Jahrg., H. i. — 
Fritz von Uhde. 

Kunst un d Han dw erk. — Heft 11. — Musivische 
Kunst. — Heft 12. — Leonhard Romeis f- — Das 
Kgl. Theater in Bad Kissingen. 



Redaktionsschluß: 12. November. 



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(JrjiilTlunyen ans bei Sonntflg^beiloge ber Kölniidjen Dolf5= 
jciiung. '3alirgang (905. Elegant gcbunben ITl. 3.—. 

IIIUIICII ITeltliteratur gefammelt unb t]erau3gegeben von 
Dr. Helirieb eicmtntX. «in llattlldjtt 8unb, auffeberifidit 
papiec gebrudl. ITlit 6 Munjibrudbilbctn. 3n (PriginaliiEin! 
banb rn. 6.—. 



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Hu der Trauenwelt. bnrio^:;'Ä":n,^Ä" 

gegeben DOn Jtl* HdClC tltlCr. «in Oatllidjei 8« Sonb oon 
22 Sogen. 3n (ütlginai Cinbanb m. 3.—. 

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JUnHv CHvIl» cr\len€liejeit. tn.t reidjem Sllberidjmoif 
Don 10. ROeggC. 3" Salonbilnb ITl. ?.50. 

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sich durch eigene Arbeit auf eine höhere Bildungsstufe zu 
schwingen oder durch Bereicherung seiner Kenntnisse sich 
eine besssere Lebensstellung oder ein größeres Einkommen 
zu sichern. Viele der hervorragendsten Männer, nicht nur 
in Handel und Industrie, sondern auch in den Wissenschaften 
konnten in der Jugend infolge von Armut nur den dürftigsten 
Elementarunterricht empfangen, haben aber in späteren Jahren 
durch eigene Arbeit sich die umfangreichsten Kenntnisse an- 
geeignet und so den Erfolg an ihre Sohlen geheftet. Grund- 
bedingung ist ein gutes Gedächtnis, so daß man das, waa 
man gelernt hat, auch dauernd behält und die kostbare 
Zeit nicht mit Wiederholen vertrödeln muß. Ein vorzügliches 
Gedächtnis erlangen Sie durch Poehlmanns Gedächtnis- 
lehre, welche nicht nur in einer allgemeinen Abhandlung über 
Gedächtnis besteht. Es werden Ihnen vielmehr genaue An- 
leitungen zur Ausbildung und Vervollkommnung nicht nur des 
Gedächtnisses, sondern auch der anderen einschlägigen geistigen 
Fähigkeiten gegeben, es wird Ihnen die Anwendung der Lehre 
auf jedes einzelne Fach gezeigt und Ihre Arbeit kontrolliert 
und verbessert, so daß Sie Erfolg haben müssen. Die Leich- 
tigkeit und Sicherheit, mit der man mit Hilfe von Poehl- 
manns Gedächtnislehre lernt, weckt die Lust und Liebe 
zur Arbeit, so daß man diese nicht mehr als eine Last, son- 
dern als Genuß empfindet. Daß sich diese Lehre auch prak- 
tisch verwerten läßt, zeigen am besten die verschiedenen 
Lehrbücher, welche nach dieser Lehre bearbeitet sind und 
noch werden. 

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Prannerstraße 13, Mönchen P 53 und Sie werden in den 
darin enthaltenen Zeugnissen die volle Bestätigung des oben 
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Diesem Hefte ist ein Prospekt der Firma J. P. Bachern in Köln betr. ihres neuen 
Verlagswerkes „Die Madonna in ihrer Verherrlichung durch die bildende Kunst" 

von Dr. phil. Walter Rothes beigefügt. Wir empfehlen diese Beilage der besonderen Beachtung 
unserer geehrten Abonnenten. 



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3n (BanjIeintDanb Rotjdjnitt 2Ä. ä. — 

3n ®an3leber (Bolbjdinitt ü». 3.— 

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Konrad Ebert. — Druck voa Alphons Bruckminn. Sämtliche In München, 



2. Jahrgang. 4. Heft. 



I.Januar 1906. 






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Inhaltsverzeichnis : 

Kunsthistorische Wanderungen durch Katalonien: VI. Pöblet. Von Dr. Ad. Fäh. — Das 
Breviarium Grimani. Von Professor Dr. Karl Bone. — IX. Internationale KunstaMSStellung 
in München 1905. Von Franz Wolter. — Berliner Kunstbrief. Von Dr. Hans Schmidkunz. — 
Zu unseren Bildern. — Düsseldorfer Kunstberichte. Von Professor Dr. Karl Bone. — Kunst- 
lebcn in Köln. Von H. Reiners. — Kunstverein München. Von Franz Wolter. — Karlsruher 
Kunstverein. Von Bernhard Irw. — Vermischte Nachrichten. — Bücherschau. — Zeitschriften- 
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bayerischer und schwäbischer Kunst. 

Herausgegeben von Prof. Dr. Jos. Schlecht. 

III. Jahrgang. 1906. 

Mit Rücksicht auf das 100 jährige Jubiläum des Königreichs Bayern sind in den 
dritten Jahrgang dieses interessanten, prächtig ausgestatteten Kunstkalenders 
vorwiegend solche Kunstwerke aufgenommen, die ihrfe Entstehung der Initiative der 
bayerischen Herrscher zu verdanken haben. Im gleichen Rahmen bewegen sich auch 
die textlichen Beiträge: 

Unter Bayerns großem Kurfürsten. Von Dr. Felix Mader. — Traus- 
nitz und Neuburg. Von Dr. Jos. Schlecht. — Zwei Bauwerke der 
neuburgischen Witteisbacher. Von Dr. Alfred Schröder. — Schleiß- 
heim und Nymphenburg. Von Dr. Jos. Schlecht. — Bayerns erster 
König. Von Philipp Maria Halm. — Die Walhalla bei Regensburg. 
Von Dr. Jos. Endres. — Die Schöpfungen König Ludwig II. Von 
Dr. Friedrich Hofmann. 
20 auf der Höhe der Technik stehende Abbildungen von Kunstwerken schmücken den Jahrgang. 

Das Titelblatt in künstlerischem Vierfarbendruck, die Vermählung des Her- 
zogs Otto von Witteisbach mit der Gräfin von Wasserburg darstellend — eine vor- 
zü|lich gelungene Reproduktion des Gobelins im Bayerischen Nationalmuseum — ist ein außer- 
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Von Dr. Felix Mader. 

VIII und 122 Seiten mit 70 Abbild, auf Kunstdruckpapier, Preis cleg.brosch.M. 6.50. 

Mit vorliegender Monographie erscheint zum erstenmal eine systematische Dar- 
stellung der Lebensverhältnisse und des künstlerischen Opus eines der bedeutendsten 
deutschen Plastiker des 16. Jahrhunderts, der die verdiente Beachtung eben infolge 
des Mangels einer quellenmäßigen Behandlung bisher nicht gefunden hat. 



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AN'SIC.IIT VON I'OHI.i;!' 
Ar. / 



KUNSTIIISTORISCIII- WAXORRUNGEN DURCH KATAI.OXIl-X 



\'on Dr. AD. l'AH 



\'I. Pöblet 



Der N;ime Pöblet ist diesseits der Pyreiuien 
wenig bekannt. Die Monumentos ;irqui- 
tectonicos nennen ihn nicht, funghändels 
Baid<unst Spaniens schenkt den arabischen 
Denkmalern so eingehende Aufmerksamkeit, 
daß sie für diese Klosteranlage keinen Ivaum 
mehr zur \'erfügung stellen konnte. Selbst 
als der jugendliche Herrscher Spaniens ini 
Frühjahr 1904 unter dem Jubel des Volkes 
Katalonien besuchte , fand diese Stätte in 
seinem Reiseprogramm keine Berücksichti- 
gung. 

Ganz anders sind die \'erhältnisse für den 
seine stillen, genußreichen Ptade verfolgenden 
Kunstfreund. Allenthalben grüßen ihn intime 
Wegweiser mit freundlicher Hinladung. Schon 
in den Privatbibliotheken Barcelonas wird das 
Interesse geweckt. Prächtige Handschriften, 
bedeutungsvoller in ihrer Ausführung als durch 
ihr Alter, erinnern an ihre Geburtsstätte in 
der Miniatorenschule dieses Klosters. Aul 
dem Wege nach Tarragona begegnen wir 
in Villanueva y Geltrü dem nach seinem ver- 
dienstvollen Gründer genannten Museo Bala- 
guer. Die Hauptschätze der Handschriften 
dieser Bibliothek stammen wieder aus Pöblet. 
In Tarragona selbst erheben sich die Hin- 
weise in beinahe unheimlicher Fülle. Die 
mittelalterliche Sammlung des Museo provin- 
cial ist in ihren wertvollen Stücken ein be- 
redter Zeuge der Kunsttätigkeit von Pöblet. 
Das Grabmal des Königs jakob 1. in der Katiie 



drale ist uns bereits bekannt. Mit Bangen 
für Pöblet erfüllt uns die Kunde, daß es mit 
Benützung der zerstörten Reste des Sarko- 
phages im dortigen Kloster hier wieder er- 
stellt wurde. 

Wir eilen auf dem Wege nach Lerida 
das schöne Tal hinauf. Der Fluß Francoli 
wird von freundlichen Höhenzügen begrenzt. 
Sie erheben sich zu Bergen, denen des Xord- 
länders Auge noch der Wälder Schmuck gön- 
nen möchte. Die Dörfer und Städtchen zeigen 
den südlichen Gharakter eng sich aneinander 
schmiegender Häuser, die sich gegenseitig 
Schatten spenden und nur schmalen Gassen 
Raum gewähren. Der Typus eines solchen 
ist Fspluga de Francoli, das malerisch an den 
L'tern aufsteigende Nestchen, von dem aus 
wir uns nach dem wenige Kilometer entfern- 
ten Pöblet begeben. 

Schon \on lerne erblicken wir die weite 
klösterliche Anlage. In stiller Finsamkeit 
grül.it sie uns wie eine müde Fürstin, die 
sich von der Welt scheu zurückgezogen hat. 
Auf halbem Wege sendet das Kloster seinen 
ersten Gruß, ein Kruzifix auf hohem Piede- 
stale, der Kruzihxus fehlt, es scheint, daß 
keine sorgliche Hand sich hier regen will. 
Diese Vermutung wird nocii stärker, da bald 
eine Gruppe von vier Figuren sich bemerk- 
bar macht. Sie umgaben einst ein hochragen- 
des Kreuz. Dieses ist verschwunden, wie 
die Oberk()rper der plastischen Werke. Nach 



Die cliristlictie Kunst. 



78 



KL'XSTHISTORISCHF. WAXDF.RUXGEX : PÖBLET S^Ö 



den crlialtencn Draperieteilen dairdicspanisclic 
Kunst hier kaum den Untergang hervorragen- 
der Werke beweinen. Dem Auge sind diese 
Trümmer unangeneiim. Der Zahn der Zeit 
legt nicht die Zeugen seiner Arbeit vor, ge- 
waltsamer Zerstörung niedrig Brandmal lastet 
als schwere Anklage gegen eine nicht allzu- 
ferne \'ergangenheit auf dieser Statte. Die 
Horden der Revolution von 1835, die in 



Santas Creus ihre deutliclien Spuren xuriick- 
gelassen, haben diese Pöblet unaustilgbar auf- 
geprägt. 

Nun breitet das königliche Kloster der 
Mutter Gottes von Pöblet, der Escorial der 
Könige von Aragon, sich vor unsern Blicken 
aus. Die Schau ist nicht für den Augen- 
blick, sie begleitet uns, wie so manches Bild 
aus dem Süden, in trauten Erinnerungen 
durchs Leben. 

Concha de Barbera, die Muschel von Bar- 
bera nennt eine poesiereiche Etymologie diese 
Gegend. Gleich einem wohligen Mutterschoße 
öffnet sich die muldenartige Vertiefung, in der 
uns die erwartete Perle ihre Reize entfalten 
soll. Die Höhenzüge, die selbst Felszinnen 
krönen, umschließen sie. Wir begreifen den 
Dichter, der das Rauschen der ehemaligen 
hundertjährigen Wälder dieser Berge, den 
Glockenton von Pöblet und die Fluten des 
Francoli als einzigartigen Hymnus bezeichnet. 
Die Gründung dieser Stätte verliert sich 
im Dunkel der Sage, trotz einer historisch 
uns nicht allzufernen Zeit. 11 20 hätte 
sich hier, in der den Mauren unterwor- 
fenen Gegend, ein Eremite Xamens Pöb- 
let niedergelassen. Seine 
Wundertatensetztenselbst «—»■■' 
den Araberfürsten Almira 
Amominiz 
in solches 

Staunen, 
dali er iini 
ferner nicht 
mehr beun 
ruhigte, ja 
die Einsiedelei 
samt Landbesitz 
schenkte. Ciraf 

Ranion Beren- 
guer I\'. von Bar- 
celona, der Besie- 
ger der Araber, 
bestätigte dem 
Einsiedler und sei- 
nen Genossen die 
Schenkung, er be- 
rief 1 153 die 
sterzienser hier 



her. Rasch entfaltete sich eine reiche Blüte 
klösterlichen Lebens. 

Die Datenwiedergabe der Geschichte mul.s 
kaum weiter fortgeführt werden. Die Schrift- 
zeichen der Urkunden ersetzt vollständig die 
wuchtige Sprache der Kunstdenkmäler, der 
wir lauschen können. Der Grundriß(Abb.Kr. 2) 
erinnert an Santas Creus, allerdings nur in 
dem Maße, wie die formenprächtige Centi- 
folie an die schlichte Heckenrose uns denken 
läßt. Der geradUnige Chorabschluß von Santas 
Creus weicht hier der eleganten Fächerform 
eines um den Chor geführten Kapellenkranzes. 
Die vertieften Apsiden des Querschiffes und 
die dem einen Seitenschifle angefügten Ka- 
pellen bilden eine weitere Bereicherung. Der 
Gedanke einer Klosterkirche des Cisterzienser- 
Ordens tritt zurück, man glaubt den Grund- 
riß einer französischen Kathedrale vor sich 
ausgebreitet. Ein dreifaches Massiv von Ring- 
mauern schützte einst die ganze Anlage. 

Heute betreten wir sie durch die Königs- 
ptorte (i) mit ihren gewaltigen Türmen. 
Es sind die monumentalen Wächter an der 
einstigen scala regia, die dem Palaste (4) des 
Königs Martin vorgelegt war. Ein zweiter Ein- 
gang (3) führt in den prächtigen Vorraum!)) 
der Kirche, deren erstes Gewölbejoch die 
Orgel (6) einnahm. Durch den Coro (7) schrei- 
ten wir der kuppelüberwölbten \'ierung (8) 
zu. Zu beiden Seiten bilden die Königs- 
gräber (10, II) eine Fortsetzung des Priester- 
^ ^ »--^ chores im Schiffe. Um den Chor (9) 
^ ^.^^^---f I gruppieren sich die fünf Kape 




IM.AX VON* PÜBUiT 
,\V. 2, 'I'fxt oben 



len (A). Der Kirclie 
entlang zieht sich der 
Laienf'riedlH)f(i3)bis 
zum Eingang in die 
Sakristei 
( 1 2). An die 
andere Sei- 
te der Kir- 
che schließt 
sich der um- 
reiche Kreuz- 
gang (14) mit den 
Brunnen (18) an. 
Auf den Kreuz- 
gang mündet der 
Kapitelssaal (16). 
Der Friedhof der 
Mönche (17) und 
Reste eines zwei- 
ten (18), selbst 
dritten (18) Kreuz- 
ganges schließen 
die Anlage nach 
Osten ab. Biblio- 



SQ^ KUNSTHISTOKlSCIll-: W.WDIÜIUNGEN ; l'()l',l.i:i' J^Ö 



79 



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lÄ-i 


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^^^^BTTHT • , JUP^I . vI^^^^K^UH 



Sr. Gi;01U;.SKAI'EI.I,H 



A'/-. , 



Vi'.iV ituti'fi 



thek (19) und Archiv (20) sind architektonisch 
noch gut erhalten, während der benachharte 
Raum (2 1) in seiner Zweckbestimmung nicht 
mehr leicht erkennbar ist. Refektorium (22), 
Küche (23) und Keller (24) folgen, wahrend 
ein Festsaal (25) wohl eine \'erhindung zwi 
sehen dem Königspalaste luul der Kirche her- 
stellte, der westliche Raum (2;i) aber das 
ruinöse Schicksal seiner liistlichen Pendants 
teilt. 

Nicht bloß die Ringmauern tehlen aut dem 
Grundrisse, auch der ganze ausgedehnte Kom- 
plex der Ökonomie-Gebäude, die den heute Ein- 
tretenden zuerst begegnen. Merkwürdigerweise 
sind diese am besten erhalten, da der klöster- 
liche Grundbesitz in Privathände übergegangen 
ist. 

Ein schlichtes Kirchlein bei der eisten Um- 
fassungsmauer erinnert uns schon in seinem 
Patrone, dem heiligen Georg, daL< wir uns 
einem katalonischen Heiligtume nähern. Die 
Spätgotik hat ihre Paten zur Taufe dieses 
Kindes entsandt. An überreicher architek- 
tonischer Gliederung leidet es nicht, ein Nach- 
teil, den es übrigens mit der gesamten spani- 
schen C)ütik teilt, die, von Ausnahmen ab- 
gesehen, dem Äußern wenig, nach unsern 
Anschauungen zu wenig Aulmerksanikeit 
schenkt. (Abb. Nr. 5.) 

Wir wenden uns zur zweiten Umfassungs- 
mauer, das sogenannte goldne Tor öflnet 
sich (Abb. Nr. 4). Mit imposantem Ernste 
betont dieses den lortilikatorischen Charakter 
der Anlage. Die beiden sechseckigen 'l'ürme. 
der schlichte RundboL'en des Portales mit 



spärlichem heraldischen Schmuck, die einem 
Balkone nicht unähnliche Verteidigungsanlage 
über demselben erinnern an Aigues Mortes 
in Frankreich. Das Auge rekonstruiert das 
gewaltige Rechteck dieser Mauern mit ihren 
Türmen und begreift den Chronisten, der 
Pöblet als eine wohl befestigte Stadt preist. 

Durch diesen machtvollen Eingang gelangt 
der Fremdling auf einen freien Hof, von dem 
aus er die Kuppel der Kirche und die hoch 
aufragenden .Mauern beachtet. Die dritte 
Festungsmauer weist die Königspforte auf. 
Sie ist dem goldnen Portale außerordentlich 
ähnlich und diente wohl während Jahrhun- 
derten als i3urchpaß zum Palaste des irdischen 
Fürsten und des hinnnlischen Königs, so daß 
der erstere als edler Wächter am Gotteshause 
erschien. In der Rokokozeit, als Gründe der 
Sicherheit vor eindringenden Feinden nicht 
mehr zu den äußersten \'orsichtsmaßregeln 
zwangen, wurde der Eingang zur Kirche schon 
an dieser Stelle markiert. Man hat dieses 
Portal vermauert und nur für eine niedrige 
'Füre Raum belassen. 

Durch diese treten wir ein. Eine großartige 
Portalgliederung darf unmittelbar hinter den 
Festungsmauern nicht erwartet werden. Etwas 
reicher behandelt ist das zweite Portal vor dem 
weiten Innenraume. Schon der Grundriß über- 
zeugt uns von der einfachen Klarheit dieser 
romanischen .\nlage, in welcher die Zutaten der 
Gotik leicht zu erkennen sind. Von der näm- 
lichen Schlichtheit sind die architektonischen 
Details, in denen die monastische Eintach- 
heit deutlich reflektiert. Zur weiteren \'er- 
iolgung bedürfen wir eines eingehenden 
Führers, der sich uns freundlich, fast rede- 
selig beigesellt: Der Chronist Finestres y de 
Monsalvo, dessen Historia del real mona- 
sterio de Pöblet nicht weniger als vier Bände 
umfaßt. (Cervera 17,3 — 17)4-) E)er reiche 
Stoff leidet nicht an allzu übersichtlicher An- 
ordnung. 

Mitten im Hauptschifl'e schließen kahle 
Wände die Arkaden gegen die Seitenschifie 
ab, es sind die letzten Reste des Coro, dessen 
Rekonstruktion dem Auge kaum gelingen will. 
\'on Bronzebalustraden, dem reichen Chor- 
gestühl für die Mönche, herrlichen Pulten für 
die kostbaren Chorbücher und künstlerischen 
Fbenholzschränken , deren Inhalt an hand- 
schriftlichen Schätzen genau verzeichnet wird, 
\on all diesen Seltenheiten spricht die Chronik, 
das Auge schaut die kahlen Backsteinwände 
(Abb. Nr. )1. 

.■\us der Kuppel dringt imbehindert ein voller 
I.ichtstrom, keine strahlenspendende Laterne 
krönt die ätherische Bildung der Architektur, 



8o 



O^* KUNSTlIISTORISClll-; WAX1)I-;RL'X(,1-:X : roiSLHT ^33 



durcli eine gewaltige Öffnung linden alle 
klimatischen Niederschläge ihren unbehinder- 
ten Zugang. Wir stehen an einer ergreifen- 
den Stätte, vor den beiden Mausoleen der 
Könige von Aragon. l£s sind nicht verein- 
zelte Grabdenkmäler, wie in Santas Creus. In 
drei Htagen erheben sich die mächtigen Bauten. 
Die sämtlichen Könige Aragons, von Alphonsl. 
bis Johann II., sieben an der Zahl, fanden 
hier mit ihren Gemahlinnen und Kindern eine 
Ruhestätte. Fürstlicher Glanz und hi'itischcr 
Prunk strahlt noch von diesem in rötlichem 
Marmor inul reichem Alabaster ausgeführten 
Werken aus. Trauernde Karyatiden stützen 
das reich ornamentierte Gebilde. Zwischen 
diesem hguralen Schmucke suchte die Plastik 
in reiclien, zart in 1-arbe abgetönten Reliefs 
in heraldischen Motiven und biblischen Szenen 
ihr Bestes zu leisten. Schon am Grabmal 
Jakobs I. in Tarragona eilten wir vergleichend 
immer an die Dogengräber von Venedig, jetzt 
im Anblicke der Gesamtanlage mußten wir, 




du; goi.den'e pickte 

Nr. 4, Tfxt S. 79 



trotz ihres jammervollen Zustandes der Ent- 
weihung und Zerstörung, doch bekennen, 
Schöneres hat die zarte Frührenaissance, diese 
\ornehmste Tochter der Antike, auch in der 
Lagunenstadt nicht geschaflen. 

Dennoch erhebt sich vor diesen Werken 
ein auch an dieser Stätte imponierender Herr- 
scher, der Hochaltar. Der Epilog rühmt ihn 
als ein Werk des Jahres 1549. In fünf Etagen 
erhebt sich dieser mächtige Retablo. Aul 
einem Fries reizender Ornamente, welche 
die Inschrift flankieren, folgen Szenen der 
Passion, von denen noch fünf erkennbar sind. 
Von den sieben Nischen des folgenden Ge- 
schosses ist nur die mittlere ihres Schmuckes 
nicht beraubt, eine hübsche Madonnenstatue 
blickt auf den Beschauer herab. Weitere 
Reliefs aus dem Leben Mariens ergänzen die 
stolze Serie der plastischen Werke, die in 
sechs Doppelnischen mit den Apostelfiguren 
und der bekrönenden Kreuzigungsgruppe ihren 
Abschlul.^ linden. Über den Zustand dieser 
Schöpfungen erlasse uns der freundliche Leser 
ein Urteil. Wenn elementare Einflüsse, Feuer 
oder Erdbeben die künstlerischen Zeugen der 
N'ergangenheit mit hartem Fuße zertreten, 
dann freuen wir uns jeglichen Überrestes als 
eines glücklich dem Unheil entronnenen Flücht- 
lings. Wo aber der \'andalismus in seiner 
ganzen Roheit sich oflcnbart, blicken wir be- 
schämt nach unserer eigenen Rechte mit dem 
niederschmetternden Gefühle, ob Menschen- 
hände solcher Freveltaten fähig sein können. 
Die frei gestaltende Phantasie sendet ihre 
freundlichen, tröstenden Genien mit den i5e- 
ricliten der \'ergangenheit. Wir verkleiden 
den .Altartisch mit dem silbernen, in reichem 
Edel stein seh muck strahlenden .\ntependium, 
stellen auf denselben die vergoldeten Bronze- 
leuchter, entzünden rings die silbernen Lampen 
und statten an der Hand der noch vorhan- 
denen Sakristeiinventare Altar und Ghor mit 
seltenen 'Fextilien aus, rufen endlich die zahl- 
reiche klösterliche Cjemeinde zum leierlichen 
(inttesdienst herbei, dem auch der glänzende 
Hof in den Logen beiwohnt, dann beschäftigt 
und besänftigt unsern (ieist ein eigenartiges 
Bild, das ims für einige Augenblicke über 
die rauhe Ciegenwart hinwegtäuscht. 

i'iir die diei Sakristeien genügt tin flüch- 
tiger Besuch. .\i-cliitektonisch bieten sie wenig, 
es sind kahle, ihres Inhaltes beraubte Räume. 
An einer Wand dem Eingange gegenüber 
hängt noch die j-icke eines Barockrahmens, 
die verkohlten Reste und die geschwärzten 
Wände beweisen, dal.> einst hier l'euer an- 
gelegt wurde, um der Nollstäiidigen Zerstörung 
preiszugeben, was Beutegier nicht lortzu- 



ts^ KUNS'mis'roKisciii-; w.\\i)i-;ia'xci;\: i'oiii.i-;'!" s^ö 



Si 



PÖBLET 



.schleppen vermochte. Fast liätteii 
wir gewünsclit, der fleil.^ige Fine- 
stres V de Moiisalvo wäre in seinen 
Berichten w eniger gewissenhait ge 
Wesen, d.i er in endloser Reihe 
die herrüchen Oi'iiate, den Reich- 
tum edler Metalle und die zahl- 
losen Reliquien in kostbarer Fas- 
sung aut/ahlt. Wir kehren in die 
Kirche zurück. Auch die grol.w- 
Fensterrose an der Westwand zeigt 
ein der Cjläscr beraubtes Metall 
gerüst. .Selbst das flimmernde 
Fichtlein in der Kirche von San- 
tas Creus leiilt hier. Wie innig 
würde man es willkommen heißen 
als Hoflnungsstern, dal.i dem lon- 
schreitenden Zerstörungswerke all- 
mählich Halt geboten würde. 

Fjig wird's uns in diesen weiten 
I lallen. Man sehnt sich nach frischer Luft, nach 
dem Anblick des blauen lachenden Himmels. Im 
Kreuzgange finden wir beides mit neuen künst- 
lerischen Anregungen (Abb. Nr. 6). Die eine 
Seite atmet gleichsam den Ernst des Gt)ltes- 
hauses, die Rundbogen über den gekuppelten 
Säidchen sind noch romanisch, nur der die 
architektonischen Gruppen umfassende Spitz- 
bogen weist auf ein neues Stilgesetz, dem die 
übrigen drei Seiten des Claustro folgen. Es 
ist die Frühlingsstimmung der Gotik, welche 
allenthalben das Maßwerk beherrscht, die Kapi- 
tälchen mit zarten, x'egetabilischen Moti\en 
\-erkleidet und sich in kindlicher Scheu an 
keine figuralen \'ersuche wagt, jedes Lächeln 
einer Drolerie gewissenhaft unterdrückt. Die 
nämliche \'ornehmheit des Pagen, der am 
Hole seinen Dienst versehen darf, macht sich 
auch in den Korridoren bemerkbar, während 
wir in Santas Creus häufig dem jauchzen des 
Knaben aus den unteren \'olksschichten in 
der Corida zu lauschen glaubten. Die Sar- 
kophage der \'ornehmen stellen sich nicht in 




D.^S INNERE DER KIRCHE 



AV. j , Tfxi S. 79 



voller Breite in den tiefen Nischen auf, sie 
haben sich auf Konsolen in die Höhe der 
Wände zurückgezogen. Einst mit kostbaren 
Teppichen bedeckt, erinnerten sie wohl mehr 
an den Frieden des Schlummerkissens als an 
den Ernst der Grabesiaihe. Mitten in dieser 
architektonisch reichen Umgebung erhebt 
sich in einem mit dem Kreuzgange verbunde- 
nen Bau der Bruimen (Abb. Nr. 7). Ihm spenden 
die reichen Quellen der Umgebungen von 



Fohlet keinen W'asserstrahl 



als w 



ürde 



em 




PO Hl. KT 



KO.M.WISCilER TEIL Dl'S GROSSEN' KKELV.G.^NGI-.S 
AV. 6, Text iitftt 



solcher die unheimliche Todesstille der näheren 
Umgebung indiskret stören. Die aufstreben- 
den Bäume, tiefgrünes Gebüsch und wuchernde 
Schlingpflanzen hel.ien sich durch solche I^ück- 
sichten nicht binden und treuen sich ihres 
üppigen Daseins. 

Im Kreuzgange berührt den Besucher eine 
Beobachtung äul.serst angenehm. Man fühlt, 
was man in der Klosterkirche so sehr ver- 
mißte, eine ordnende und schonende Hand, 
die hier waltet. Es ist die staatliche Kom- 
mission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler 
der Provinz Tarragona, die in ver- 
dienstvollster W'eise mit den ihr zur 
\'erfügung stehenden Mitteln dem 
tortschreitenden Ruine zu steuern 
sucht. 

Die westlich gelegenen Teile be- 
rühren wir nicht näher, die beiden 
Kreuzgänge, von denen der äul.V-rste 
in seiner Gesamtanlage noch leicht 
erkennbar, sind hoffnungslos dem 
vollständigen Untergange geweihte 
Ruinen. Ein ganz bedeutender Aut'- 
wand wäre erforderlich, um hier nocli 
rettend eingreifen zu können. Man 
sprach während unseres Autenthaltes 



82 



CSS« KUNSTllISTORlSCllI-; \\AXI)1:KLXG1-\ : POßl.l-T ä^ö 




PÖBLET 



HER BRUNXEN IM ÜKOSSI.X KREL'ZG.» 
Nr. 7, Tejct S. S/ 



von eingehenden Iniormatinnen, welche eine 
angescliene französische Kongregation über 
Pöblet eingezogen hätte. Im Falle, daß diese 
Unterhandlungen zu einem Resultate führen 
würden, hatte die Combessche \'erfolgung 
wenigstens ein Resultat zu verzeichnen, das 
man warm begrüßen dürfte. 

Der Kapitelssaal (Abb. Kr. lo u. ii) ist dem- 
jenigen von Santas Creus außerordentlich nahe 
verwandt, nur sind seine architektonischen 
Details feiner und zarter behandelt. Die Durch- 
blicke in die reiclie Mannigfaltigkeit der Kreuz- 
gänge sind hier sogar verdoppelt, nach dem 
großen Claustro und durch drei große Fenster 
nach dem alten Kreuzgang. Die Prälaten- 
gräber am Boden reden ebenfalls eine ganz 
andere Sprache. Man liest in diesen mit den 
Insignien ihrer Würde bekleideten schlum- 
mernden Gestalten die Größe der Vergangen- 
heit Poblets, seiner hervorragenden Be- 
deutung für die weitere Umgebung. Mönche 
dieses Klosters bestiegen nicht bloß die Bischofs- 
stühle der pvrenäischen Halbinsel. In 1-rank- 
reich, aut der Insel .Majorca. selbst in .Sizilien 




POHl.Er 



DIE BIBLIOTHEK 



A V. S, Text o/ien 



trefien wir Prälaten, die das Ordenskleid 
des hl. Bernhard hier getragen. In Don 
Juan Martlnez de Murillo wurde ein 
Mönch von Pöblet mit dem Purpur be- 
kleidet. 

\'om Kapitelssaale trennt ein doppelter 
Gang die beiden beinahe intakt erhal- 
tenen Räume der Bibliothek und des 
Archives. Erstere repräsentiert die Gotik 
in vorteilhaftester Weise (Abb. Nr. 8). 
Hoch und schlank emporgeführt sind 
die eleganten Säulen, denen die Ge- 
wölberippen entsteigen, um in den Kon- 
solen der Wand zu endigen. Trotz 
dem Mangel jeglicher Ornamentation. 
da selbst die Kapitale nur leicht betont 
wurden, weidet sich das Auge mit N'orliebe 
an diesem Innern, in dem das durch die 
hohen Fenster einfallende Licht in reichen Re- 
flexen sein schil- 
lernd Spiel ent- 
faltet. Hier be- 
finden wir uns an 
einer wahrhaft 
klassischen Stätte 

Kataloniens. 
Schon aus dem 
1 2. Jahrhundert 
ist ein \'erzeich- 
nis der Hand- 
schritten dieserßi- 
bliothek bekannt. 
Man muß den um 
die I laiidschriften 
weniger verdien- 
ten Lokalhisto- 
riker Finestres 
kaum zu Kate 

ziehen, denn ihn interessierte mehr die Aus- 
stattung des Raumes mit den Schränken in 
Lbenholz und venezianischem (ilase. Allein 
schon die alteren Autoren: \'illanue\a etc. 
wandten ihre Schritte mit X'orliebe zu diesen 
Büclierschätzen, deren Spuren auch der neueste 
Cicerone durch die Handschriften Spaniens, 
Dr. Rudolf Beer, mit reger Vorliebe folgte. 
In welch vorteilhafter Weise an der steten 
N'ermehrung der Bibliothekbestände gearbeitet 
wurde, ersieht man aus der Tatsache, daß 
die Klosterannalen noch im 17. Jahrhundert 
eine reiche Bücher -Donation verzeichnen. 
I^eter von Aragon, Herzog von Segorbe und 
Cardona, schenkte jenen hoch angesehenen 
.Schatz von 6000 Werken, deren lunbände in 
ihrer Gleichmäl.ngkeit die Bewunderung des 
klösterlichen Historiographen erregten. 

Das Archiv unterscheidet sich von der Bi- 
bliothek nur durch den geringeren Umfang 




DEK KEI.I.l-.KK.^LM 
9, Tf.tt S. Sj 



03^ KUNSTHISTORISCHH WAKDF.RUXGHX: l'OBMT m/Z 



83 




PÖBLET 



ni;R KAPITKl.SSAAL 



A>. 10, Text S. Sj 



und die spärlichere Beleuchtung. Überraschte 
bisher jeder Kaiuii durcii die Bleganz seiner 
Architektur, im i^etekttirium macht diese 
einer kaum zu überbietenden Hintachlieit 
Platz. Drei Spitzbogen ghedern einzig die 
langgestreckte Halle, deren Lichttülle in den 
vordem Partien den Raum noch ausgedehn- 
ter erscheinen liißt. Wie weit hier einst Holz- 
verkleidungen die mangelnde architektonische 
Gliederung ersetzten, laßt sich im kahlen 
Räume heute nicht mehr nachweisen. 

Der Küche und ihren benachbarten Räumen 
schenken wir keine Auimerksanikeit. Hingegen 
darf der Keller nicht stillschweigend übergan- 
gen werden (Abb. Nr. 9). An Umfang über- 
trifl't er die Bibliothek. Seine merkwürdig ge- 
di-ungcnen Säulen ruhen auf hohen Posta- 
menten, die allerdings einst dem Auge ent- 
zogen waren. Den Wänden entlang führende 
Steinrinnen, die auf kleinen Arkaden ruhen, 
erlaubten das süße Naß direkt in den Keller 
einzuleiten und in die zur Aufnahme bereiten 
Gefäße zu verteilen. Müssen wir uns wun- 
dern, wenn der einfache Mann aus dem \'olke 
diese Anlage als ein Juwel von Pöblet rühmt? 

Von den einst hochgepriesenen königlichen 
Palästen hat sich wenig erhalten, aber die 
spärlichen Reste genügen, um uns zu über- 
zeugen, daß diese die ähnlichen Anlagen von 
Santas Creus weit übertrafen. Die Königs- 
pforte der Festungsmauer ist uns bereits be- 
kannt. Iiine breite Treppe, durch die Um- 
friedung der Klosteranlage geschützt, führte 
derselben entlang in die Gemächer des Königs 
Martin (1395 — 1410). \'on diesen ist nicht 
mehr viel vorhanden, allein die dekorativen 



Ranken der 'i'ür- und Pensterbekrönung sind 
von jenem zarten Reize, der die spanische 
(iotik allenthalben kennzeichnet. Der große 
l'estsaal, von dem nur die Umfassungsmauern 
mit den nämlichen Merkmalen aufragen, hat 
seinen fürstlichen Glanz geopfert. Er dient 
als Magazin, in dem eine Unmasse architek- 
tonischer Details aufgespeichert liegen. 

Wir scheiden von Pöblet, hoch befriedigt 
hat ims die königliche Klosteranlage, den- 
noch erfüllt ihr jetziger Zustand und der 
(iedanke an die Zukunft dieser Ruinen das 
Herz mit namenlosem Weh. Wieder kehrt 
der müde P'uß nach lispluga de Francoli zu- 
rück. Die Bewohner des Dorfes waren 
während der Revolution, die 1835 das Kloster 
verwüstete, als nicht besonders freundliche 
Nachbarn bekannt. Jetzt tummelt sich in 
den Gassen die große Knabenschar, wie sie 
die kinderreichen Familien Spaniens mit ge- 
rechtem Stolze aufweisen. Aus den blassen 
Gesichtchen glüht ein Augenpaar von echt 
südlichem Feuer. Sie blicken hoffnungsfreudig 
in die Welt, als hätte diese ihnen noch eine 
grol.^e Aufgabe bestimmt. Glückliche Jugend ! 
wenn du die Sünden deiner \'äter in edler 
Sühne zu tilgen berufen bist! 

(.Scliluß folgt) 




PORLET 



EINGANG ZLM KAPrrELSSAAL 
.\>. //, Jfjrt S. 83 



84 



ex^ DAS BR1-:\'1AK1LM CRIMAXI ^ö 



DAS BR1-:\'1AR1LM CRIMAXI 

Dns erste Loh soll diesmal nicht dem Kunst- 
werke selbst gelten noch seinen L'rhehern, 
wer diese auch gewesen sein mögen, sondern 
der N'ervielfältigung und damit gleichsam 
Aufschließung des schwer zuganglichen 
Unikums') Hs gehörte kein geringer Mut 
zu dem \'ersuche, das Breviarium Grimani 
in seinem ganzen Umfange getreu und teil- 
weise in den eigenen Farben wiederzugeben. 
Nicht allein das finanzielle nicht zu unter- 
schätzende Risiko, sondern auch die viel- 
seitigen Schwierigkeiten konnten von dem de- 
danken zurückschrecken. Alle Mitwirkenden 
aber. Herausgeber. Auslührende, \'erleger, 
teilen mit Hhren den Ruhm des Erfolges; 
und wenn die Wertschätzung des Geleisteten 
den verdienten Umfang bekommt, so wird 
dem künstlerischen und technischen Erfolge 
auch der materielle nicht ausbleiben. Es kann 
ein Zweifel darüber nicht erhoben werden, 
daß die Veröfi'entlichung, alle Mittel der 
Photographie und des Farbendruckes in be- 
herrschender, umsichtiger, planvoller Weise 
anwendend, nichts zu wünschen übrig läßt, 
und dal.^ der Beschauer und Benutzer, wo 
das unbewaifnete Auge nicht ausreicht, getrost 
zum Vergrößerungsglas greifen darf, um die 
Einzelheiten zu studieren. Und das ist bei 
allen bisher \orliegenden Blättern in fast 
gleichem Maße der Fall; gewisse Wertunter- 
schiede sind ja auch bei den Blättern des 
Originals vorhanden. 

Einen großen Erfolg hat das Unternehmen 
schon gleich mit seinem Hervortreten gehabt, 
nämlicli den. daß es den Namen : Breviarium 
Grimani . der iViilier nur l-ängeweihteren 
vertraut war. in alier .Mund gebracht hat. 
Man m u is eben von heute ab wenigstens 
einigermaßen mit diesem Hauptwerke der 
Ikichmalerei bekannt sein. Darum schadet 
es auch nichts, wenn sich manches darüber 
in den verschiedenen Zeitschriften, die ja gar 
verschiedene Leserkreise haben, wiederholt. 
Wer die tatsächlichen Angaben zum erstenmal 
liest, erfährt sie; wer sie bereits gelesen hat, 
freut sich, sie schon zu kennen, oder prägt 
sie sich gerne noch fester ein, und es wächst 
ihm die Lust, neben den paar Schwarzdrucken, 
die ihm zu Gesicht gekommen sind, auch 



') i:)AS HR1'.VI.\RIUM GfllM.^NI in der Bibliotlie-k 
von San Marco in Venedig. Volistandige photo- 
graplii.scfie i<eprodul<tion, heransgcgefien diu'cli .Scato 
de Vrics, IJircUtor der Ünivevsitatsbililiothek zu Leiden, 
und S. Morpurgo, Dircl<tor der ]?ibiiotliel< von San 
Marco. Leiden, A. W. Sijtlioff, Leipzig, Karl W. 
Hiersemann. 



die ganze künstlerische Wiedergabe zu sehen 
und mit Ruhe durchstudieren zu können, 
was ja hinsichtlich des Originals auch heute 
trotz vergrößerter Zugänglichkeit der Biblio- 
thekenschätze nur den allerwenigsten zuteil 
werden kann. 

Was ist das Breviarium Grimani ? Das 
unschätzbare Werk, dunkel in seinem Ur- 
sprünge, dunkel in seiner Bestimmung, hat 
eine kurze Geschichte. 

F.s ist ein Bre\ier, die Sammlung der 
ptlichtmäßigen, täglichen frommen Lesungen 
(Gebetsstunden) des katholischen Priesters. 
Sein Inhalt erstreckt sich darum auf den ganzen 
lahreskreis; ihm liegt natürlich das Kirchen- 
jahr zugrunde, beginnend mit dem er.^ten 
Adventsonntage. X'oraufgestellt ist dem 
Brevier ein Kalender; er beginnt jedoch mit 
dem I. lanuar; dieser ist als ein Sonntag 
gedacht und der Sonntagsbuchstabe ist A; 
dem F'ebruar sind 28 Tage gegeben. 

Wann ist das Kunstwerk entstanden? Ge- 
schrieben und gemalt ist es zweifellos im 
13. Jahrhundert oder spätestens ganz im 
Anfange des 16. Jahrhunderts, also zu einer 
Zeit, wo die Feinmalerei, die in den Klöstern 
des Mittelalters durch die frommen und doch 
auch oft genuL; recht frolilich zufriedenen 
geistlichen Aktler und Malerinnen zu einer 
außerordentlichen \'ollkommenheit gebracht 
worden war, sich über die Klostermauern 
iiinaus in die Welt gewagt und bereits von 
dem Irischen Lebensblute einer neuen Zeit 
in der geistigen, künstlerischen, wirtschaft- 
lichen, kurz alles umfassenden Entwicklung 
der Menschheit in sich aufgenommen hatte. 
So ist das Breviarium Grimani nicht nur das 
kostbarste und kunstvollste aller bekannten 
Breviere, sondern zugleich eines der wenigen 
allerkostbarsten Bücher überhaupt, die mit 
jenen leinen 1 landmalercien ausgestattet sind. 

W.num luil.u das Brevier Breviarium 
Grimani.' Der Kardinal Domenico Grimani 
in \'enedig war ein Liebhaber von Gemälden 
und sonstigen Kunstwerken und kaufte (an- 
geblich im Jahre 1489) das Buch \on einem 
Händler Messer (Herr, Monsieur) ;\ntonio 
Siciliano für seine Sammlung zum i^reisc von 
500 Dukaten. Das Brevier ist also nicht etwa 
für den (iebrauch des Kardinals angefertigt 
worden. 

\'on wem war das ^\'erk bestellt, oder für 
wen war es bestimmt r Aus allerlei Eigen- 
tümlichkeiten hat man geschlossen, es sei für 
einen Angehörigen des F'ranziskanerordens 
geschrieben; es mul.^te ein sehr vornehmer 
sein. Und da nun Papst Sixtus IV. (della 
Rovere von der lache I vor seiner Erhebung 



©^ DAS BRF.VIARTL'M GRTMAM .^ö 



8S 



(iciKT.il i.ks l-r.mziskuiiciiirdcns gewesen, fand Stern, einherfährt. Das Bildchen würde im 

die Annalime, er sei der ik'steiler, sehr festen Altertum als Darstellung des Zeitgottes cr- 

(ilauben. Ob sie wirklich erschüttert werden kannt worden sein; hier mag es zunächst 

kann fsielie weiter untcnl, bleibt ab/ii\s'arten. Clhristus sein sollen, der auch auf einem 




AUS DEM BREVIARIUM GRIMANl 



IJ ',1 HOMO, \1-KM'U1 ILNü LND KKLU.ÜCUNG 
Tixt S, (?J und t^j 



Bemerkenswert mag es immerhin sein, daß anderen Bilde des Breviarium (Tafel 25') — 

auf jedem Kalenderbilde oben in antikisierend- ebenso auf dem Genter Altar und sonst — 

kameoartiger Darstellung ein segnender Mann mit der Tiara bedeckt in den Wolken erscheint. 

in einem Zeltwagen, die dreifache Krone, 

Tiara, tragend, vor ihm ein helleuchtender m Siehe über diese Tafel weiter unten S. 92. 



Die christliche Kunst H. 



86 



e:^ DAS BRH\"IAR1UM CiRlMAXI *^<a 




Wie dem auch sein mag, 
besessen hat Papst Six- 
tus I\'. das Bucli nie; er 
starb vor dessen ^'ollen- 
dung. So kam es durch 
Kaufan den Kardinal Gri- 
niani. \'on diesem er- 
iiick es sein \effe Mari- 
ano (jrimani, der Patri- 
arcli von Aquileja war; 
nacli dessen Tod sollte 
es laut testamentarischer 
Bestimmung in den Be- 
sitz der Republik Vene- 
dig übergehen. Mariano 
Grimani brachte es nach 
Rom, und erst 1593 kam 
es durch Giovanni Gri- 
mani, ebentalls Patriarch 
von Aquileja, an Venedig. 
Hier war es bis ans Ende 
des 18. Jahrhunderts ein 
ängstlich behüteter, fast 
sagenhafter Bestandteil 
des Schatzes von San 
.Marco, von nur wenigen 
tluchtig gesehen, von nie- 
mand studiert oder wirk- 
lich gewürdigt. Erst als 
es im Jahre 1797 in die 
Bibliotiiek von San Marco 
übertragen wurde und 
von da an wenigstens aus- 
nahmsweise genauerer 
Besichtigung zugänglich 
war, wurde es in seinem 
hohen und zugleich viel- 
seitigen Werte gründli- 
chererkannt. Der eigent- 
lichen Ausbeutung aber 
blieb es verschlossen. 
Auch die Veröffentli- 
chung von 1 10 Blättern 
(\'ollbildern) vermittelst 
der Photographie durch Antonio l'erini im 
Jahre 1862 (Begleitschrift von Erancesco 
Zanotti) konnte trotz sehr günstiger Gesamt- 
wirkung der Reproduktionen noch nicht ge- 
nügen; es fehlte die N'ollständigkeit, es fehlte 
den Photographien die Wahrheit infolge der 
mangelhaften Empfindlichkeit dei- damaligen 
Platten, die alles Rote schwarz, alles Blaue 
weiß usw. wiedergaben, es fehlte vor allem 
die Earbe, die gerade in diesem Werke und 
namentlich in den Kalenderbildern und auf 
den Schriftseiten in den Randverzierungen 
mit den Eormen aufs innigste und untrenn- 
barste verschmolzen ist. Diesen en"en Bund 




BREVIARIU.M GRIM.ANI 
RANDLEISTEN 



ungelockert vor Augen 
zu stellen, ist der neuen 
^'eröft'entlichung. der 
ersten vollständigen, so- 
weit sie vorliegt, treff- 
lich gelungen. Der Ge- 
lehrte wie der Künstler 
werden nunmehr nach 
Herzenslust aus dieser 
unerschöpl liehen Quel- 
le des Schönen, des Wis- 
senswerten und des 
Erforschungsbedürfti- 
gen schöpfen können, 
um sich und andere zu 
belehren und zu er- 
Ireuen. 

Als ausführende Ur- 
heber des W'erkes, das 
sichtlich nicht aus einer 
Hand hervorgegangen 
ist, nennt der Schrift- 
steller .Marcantonio Mi- 
chiel, sonst genannt 
»der Anonymus des Mo- 
relli-, des damaligen 
Bibliothekars von San 
.Marco, — Marcantonio 
sah das Kunstwerk im 
Jahre 1521 im Hause 
des Kardinals (irimani 
— die niederländischen 
Maler Juan Memelin. 
Girardo da Guanto und 
Livieno da Anversa. 
Während die Berühmt- 
heit des Xameiis früher, 
auch gelegentlich der 
Perinischen Photogra- 
phien, den'Hans Meni 
ling in den \'order- 
grund schob und ihm 
am liebsten das ganze 
Werk zugeschrieben 

hätte, zweifeln die Kunstgelehrten jetzt über- 
haupt an dessen Beteiligung und suchen zu- 
nächst nach einem ähnlich klingenden Namen, 
■/.. 13. ]3enninck (Bening) in Brügge, während 
sie in den beiden anderen Gerhard Horen- 
bout und Livinus von Eaethem wiederfinden, 
ohne damit völlig befriedigt zu sein. Auch 
die Zeit der Ausführung, wenigstens der 
\'ollendung, ist aus dem 15. Jahrhundert 
neuerdings in den Anfang des 16. Jahrhun- 
derts (i 5 17) hinausgeschoben und Kaiser Maxi- 
milian als Besteller vermutet wcirden. Kurz, 
l'rage über Frage! W^enn man erwartet, dal5 
bald volle, oder weniijstens "röf.^ere Klarheit 



BREVIARIUM GRIMANI 
RANDLEISTEN 



f5!S^ DAS BRr.\'IARIU.M GRIMAXI 5C:^ 



87 




darüber werde 

gewonnen 
werden, so ist 
Aussicht und 
Gewinn niciu 
zum gering- 
sten Teile ge- 
rade der vor- 
zügliclien Wie- 
dergabe zu ver- 
danken, die es 
gestattet, nun- 
mehr aucli tau- 
senderlei Hin- 
zelheiten und 
Kleinigkeiten 
zu bemerken, 
zu erwägen 
und zu Schlüs- 
sen in Verbin- 
dung zu brin- 
gen; dem Ori- 
ginale gegen- 
über würde 
nicht leicht je- 
mand Zeit und 
Gelegenheit 
dazu finden . 
So greifbar ja 
auch bei allge- 
meinem Über- 
blick und bei 
Beachtungsehr 
vieler Einzel- 
heiten der nie- 
derländische 
Charakter des 
Ganzen ist, so 
steckt doch 
auch viel Wei- 
tergreitendes 
und insbeson- 
dere gar viel Ita- 
lienisches da- 
rin. Es spricht 
aus den Bil- 
dern, vor allem aus den Kalenderbildern, 
eine farbenfrohe Anmut, eine lichte Durch- 
sichtigkeit, eine statuarische und doch unge- 
künstelte, angeborene Grazie in der Pose und 
Gewandfassung vieler Gestalten, wie sie man- 
chen niederländischen Malern jener Zeit wohl 
nur deshalb einigermaßen vertraut war, weil 
sie im Lande Italien und bei den Künstlern 
Italiens so oder so in die Schule gegangen 
waren. Ich erwähnte schon die kameoartig 
gehaltene Darstellung (C^hristus -— Zeitgott 
— Papst) über den K.ilendcrA'ollbildern ; ahn- 



ACS 1)I£M BKEVIARIUM UKI.MAKI 



KALIiS'DEKHll.n (nEZEMBKK) 



Text S. go und 9/ 



lieh antikisierend sind die Tierkreiszeichen 
über den Kalender-Schriftbildern. So gotisch 
auch die Gesamtvorstellung der Architekturen 
durch das ganze Werk hindurch den Beschauer 
anspricht, so sind doch die Grenzen des Go- 
tischen vielfach im Sinne der Renaissance, 
und zwar der italienischen Renaissance, über- 
schritten (vgl. S. 85, die beigegebene Tatel 645, 
X'erhöhnung Christi — Hcce homo — Kreuzi- 
gung); manchmal ist das in ähnlicher Weise 
der Fall, wie bei den Goldschmiedearbeiten 
des Paderborner .Meisters F. isenhut. wenn 



88 



es^ DAS BRHVIARIUM GRLMANI P^Ö 



m 



/M 



auch bisweilen unruhi- 
ger. Auch die Schilde- 
rungen aus dem ^'olks- 
leben und der dabei her- 
vortretende, hie und da 
recht derbe Humor dür- 
fen ebensowenig als die 
Naivität mancher bibli- 
scher Kompositionen 
und Auffassungen im 
einzelnen den Blick all- 
xusehr aut die nieder- 
landischen Meister ge- 
fesselt halten. Eine kon- 
trastbildende Heran- 
ziehung des taglichen 
Lebens, selbst mit seinen 
Derbheiten, bei Darstel- 
lung von religiösen Din- 
gen ist weder etwas 
\eues noch etwas ört- 
lich Engbegrenztes. Die 
Griechen hatten an den 
Dionysosfesten ihr Sa- 
tvrdrama mit der tragi- 
schen Trilogie zur Te- 
tralogie verschmolzen; 
schon frühe mußte der 
Geistlichkeit das Mitwir- 
ken bei der Aufführung 
der Mysterien, der Pas- 
sions-, Ostcr- inul Weih- 
nachtsspiele, um der 
volkstümlichen Derb- 
heiten willen verboten 
werden. Und auch die 
liildeiKle Kunst hat diese 
Kontraste Irüh und vie- 
lerorts geliebt und ver- 
wendet. Mutwille und 
Naivit.it sind nichts spezi- 
lisch Niederländisches, 
ebensowenig, als sonsti- 
ge anschauliche .Aul.se- 
rungen innerer Bewegung. Ja, bei mancher 
Darstellung, mancher ganz besonders erfreu- 
lichen Farbenstimmung in den Kalenderbildern 
des i5reviariinn fühlt man sich so lebendig in die 
Gapella Medici-Riccardi zu Florenz versetzt, 
daß man gerne dem fast herkömmlicher Weise 
unterschätzten Ik'uozzo Gozzoli sein .\nteil 
an dem Werke, wenigstens irgend welche 
Beziehung dazu, zuschreiben möchte. JLs fehlt 
liier zu sehr am ncitigen Vergleichungsmaterial, 
um der 1-rage nach solchen Beziehungen im 
einzelnen und iiistorisch näher zu treten, — 
auch Masaccio in der Biancacci-Kapelle ver- 
dient vergliciien zu werden, ebenso Maso- 



liRliVlAHlU.M OKI.M.WI 
H.^\Dl,EISrF.\ 
y>.r/ iifheiimt 



lino, letzterer z. B. in seinem • Gastmahl des 
Herodes ; in Castiglione d'Olona gegenüber 
dem Januarbilde Das Mahl:; des Breviarium. 
Wer wiederum bei diesem letzteren Mahle 
sein Auge zufällig im Geiste über Benozzos 
Turmbau zu Babvlon (Campo Santo zu Pisa) 
streifen läßt, der wird in einer Gruppe von 
drei Männern (am Rande links vom Be- 
schauer) ein Spiegelbild der drei Personen 
in der Türe (ebenfalls links vom Beschauer) 
des Speisesaales im Breviarium wiedersehen. 
Und wer beim Anblicke der beiden Kalender- 
bilder yMai . (Frühlingsauszug — Abb. S. 89) 
und >: August. (Jagdauszug) den Reiterzug 
des Benozzo in der Capeila Riccardi mit dem 
Schimmel usw. vor Augen hat, wird sich der 
\'orstellung einer innigen \'erwandtschaft des 
letzteren mit den genannten Kalenderbüdern 
kaum erwehren können. Wenn treilich auch 
die Reiterzüge der »gerechten Richter und 
der »Streiter Christi; auf dem Genter Altar 
gewisse Ähnlichkeiten mit den drei ebenge- 
nannten Reiterzügen haben, so ist die Grund- 
verschiedenheit des Altares, die sozusagen im 
Tempo des Lebens liegt, unverkennbar. Nach 
Florenz führt auch die Randleiste der Taf. 152, 
in deren Mitte ein Wappenschild mit den sechs 
Kugeln der Mediceer dargestellt ist, und zu 
Benozzo Gozzoli die Behandlung der Felsen, 
die mehrfach ganz außerordentlich an ihn wie 
an seinen Lehrer Fra Angelico erinnern (siehe 
z. B. Taf 5, 25, 395, 682). 

Aber das Auge darf sich auch nicht aui 
Italien neben den Niederlanden beschränken; 
die Meister haben einen weiten Blick gehabt. 
Wer die Randleiste Tafel 123 mit den drei 
Pfauenfedern (siehe nebenstehende Abbildung) 
sieht, könnte glauben, die Darstellung sei 
einem jener kostbaren japanischen Lack- 
Schreibkasten entnommen; hat er das einmal 
bemerkt, so führen auch andere Leisten und 
Einzelheiten nach dem fernen Osten. Selbst 
der\'ogel Kardinal mit seinem roten Schöpfe 
fehlt nicht, um auch etwas aus Brasilien vor- 
zustellen. ;\ber diese zuletzt genannten Ein- 
zelheiten beweisen den weiten Umblick der 
Meister, den C^harakter des Werkes jedoch 
lassen sie unberührt. Den letzteren unbe- 
fangen zu studieren und auf die beteiligten 
Meister und Meisterkreise vorurteilsfrei zu 
.schließen, das kann von jetzt ab mit mehr 
Aussicht auf Erfolg an der Lhind der Repro- 
duktionen geschehen, die höchstens für minu- 
tiöse i'einhciten eine Konirolle am (originale 
nötig machen dürften, etwa für die nur ge- 
tönten Schrifttafeln und ihre Randleisten. 

Das neue Unternehmen bringt von den 
1580 Seiten (891 Blätter feinen Pergamentes) 



©^ DAS BRliVIARIUM GRIMANI f^ö 



89 




AUS DEM BKLMARIÜM GKIMASl 



l,\t S. SS und qa 



MONATSBILD (MAI) 



des Originals 300 Seiten in Farbendruck, die 
übrigen nur als getönte Photographien-Licht- 
druckc Die farbigen Tatein bringen: i. den 
ganzen Kalender, Vollbilder und Scbriftbilder; 
2. die übrigen \'ollbilder des Breviertextes, 
vorberrscbend biblische Darstellungen; 3. eine 
Anzahl Textseiten mit ihrem Initialen und 
Kandleistenschmucke. 

Der künstlerisch hervorragendste Teil des 
Werkes ist zweifellos der Kalender; die üb- 
rigen Vollbilder sind von recht \erschiedeneni 
Werte in Komposition wie in Austührung; 



ebenso gemischt ist Wertvolles und Minder- 
wertiges in den Randleisten. Die 1-lüchtig- 
keit, mit der die letzteren sich vielfach wieder- 
holen, mit der sie verschiedentlich als unvoll- 
standige Abschnitte längerer Bänder (die in 
den Text nicht paßten) erscheinen, könnte 
auf eine klüchtigkeit in der Fertigstellung 
des Buches schlieüen lassen ; das wäre vereinbar 
mit dem Abscheiden des Bestellers vor \'oll- 
endung des Werkes (Sixtusl\'. starb 1484) und 
einem beschleunigten Abschluß, vielleicht auf 
Drängendes kauflustisjen Händlers; wer würde 



90 



5!^ DAS BREVIARIU.M GRIMAXI S^^ 



diesem damals ein unvollendetes Werk zu 
hohem Preise abgekauft haben : 

Der Kalender erscheint gewissermaßen als 
ein abgeschlossenes und abgerundetes Werk 
für sich. Der Schöpfer des Entwurfs, der 
gewiß auch der Ausführende war, charak- 
terisiert sich selber als Freund der Behaglich- 
keit. An der Spitze des Kalenders erscheint als 
\'ollbild ein prächtiges Mahl in vornehmem 
Hause: ein vornehmer Herr in pelzverbräm- 
tem grünem Gewände, auf dem Haupte eine 
kostbare Hausmütze, die aus drei verschiede- 
nen, übereinanderliegenden Stoffringen (Tiara "-| 
besteht, ist der Speisende; er sitzt auf hoch- 
lehnigem Sessel, aber hinter diesem lodert 
ein helles Feuer in dem Kamine, auf dessen 
\'orderwand kameoartig ein Turnier darge- 
stellt ist (darunter ein kleines Wappenschild, 
dessen Bild nicht erkennbar ist). Kostbare 
Metall- und Glasgefäße stehen nicht nur auf 
dem Tische, sondern auch auf einem etagen- 
artigen Aufbau links von der Zimmertüre, 
deren Portiere von einem Diener seitswärts 
gehalten wird, und durch die zwei Speise- 
tragende eintreten. Über dem Bilde in der 
Mitte des oberen Rahmenrandes ist gemmen- 
artig ein Blick auf das Meer dargestellt, 
in der Ferne ein mächtiges Schiff, über den 
Wassern ein Stück Regenbogen. Noch sieben 
andere Personen (Diener, Falkonier, Jäger- 
bursche mit Hund u.s.w.) sind um den be- 
haglich Speisenden beschäftigt. Als Schluß- 
vignette aber zeigt das Randbild am Ende des 
Dezember-Schriftblattes (Abb. S. 87) die bäuer- 
liche Absengung eines erlegten, von den 
Bauernkindern angestaunten Wildschweines, 
und rechts davon in der Küche eine Frau, die 
eifrig mächtige Klöße formt, und eine andere, 
die für den Braten schon das Feuer schürt 
— ein gewaltiges Reiserbündel neben der 
Ofentür — ■, während ihr Kind im grünen 
Röcklein sich die Händchen wärmt, l^as so- 
genannte Aderlaßmännchen endlich, das 
in Form \on fehlerkühnen, vielfach leo- 
ninische Reime versuchenden Hexametern 
jedem Kalenderblatte beigegeben ist, beginnt 
im »Januar« mit dem Verse: »In Jano claris 
calidisque cibis potiaris und das Dezember- 
sjirüchlein schließt mit dem \'erse: »Sit tepi- 
dus potus; nam frigus abhorreo totus;:. Man 
konnte glauben, einen Südländer zu hören, 
dem es vor der feuchtnebeligen, einen war- 
men Trunk fordernden Kälte schaudert; kam 
ein solcher wirklich aus Italien nach den Nie- 
derlanden? Dann ist er in den Beobachtungen 
mul Studien, die seine niederländischen Werk- 
genossen in weiterverbreitetem Wilksleben 
machten, recht mitaufgegangen. Bilden doch 



diese Darstellungen den reichsten Schatz des 
Werkes in den 12 \'ollbildern wie in den 
Fußstreifen der 12 Monatsblätter. Nach dem 
behaglichen Mahle des Januar im Patrizier- 
palaste folgt im Februar der echt wünterlicli 
gestimmte Blick in die ländliche Schneewelt mit 
dem unvorsichtigen Einblicke in das Bauern- 
haus; dann im März die Frühlingsarbeiten 
- man sieht die Märzluft! Am Fuße der 
drei Monatsblätter aber bringt der Januar ein 
lustiges Bauernturnier als humorvolles Wider- 
spiel der ritterlichen Veranstaltung auf dem 
Kaminbilde, der Februar in tiefem Schnee 
rastlose Holz- und Reisigbereiter und der 
März ein nächtliches Reusenfischen beim La- 
ternenschein im wiedergeöft'neten Strome. 
Im April-\'ollbilde v,-andern und sitzen auch 
schon die \'ornehmen im Rasengelände unter 
den Bäumen, die im Blütenweil.umd zarten Früh- 
lingsgrün prangen; im Mai aber geht's hinaus 
zu Fuß und zu Pferd über die Blumen und 
unter das erste frische Grün der Eichen (siehe 
das S. 89 beigegebene ^'ollbild); der Juni 
bringt die erste fröhliche Ernte; das \'olk ist 
: im Heui, und das wärmeliebende Hündlein 
schläft behaglich bei den Gerätschaften. Und 
die drei Monats-Randbilder zeigen im April 
noch die Schafherden über die \\'eiden ge- 
führt, im Mai ziehen die Kuhherden aus, 
und der Juni gibt Muße zu watendem Fisch- 
fang und einem Schuß auf den watenden 
Reiher. Der Sommer ist da! Im Juli- Bilde 
sehen wir die Schafschur und das Älähen des 
gelben Getreides; der August öffnet die große 
Jagd zum Hinauszug mit Prunk und edler 
Meute, der September bringt frühzeitig die 
Weinlese. Die drei Sommer-Randbilder zeigen 
den Gänsebub mit seinen Gänsen am Bache 
(Juli); im August schläft der Landmann bei 
seiner Sense oder schlürft kühlen Trunk aus 
dem Laufbrunnen; aber der September mit 
seinen Nebeln führt schon in das Zimmer 
des Arztes, während draußen eine Ziege ge- 
molken wird — ein Rebusrätsel. Schon bringt 
das C)ktober-\'ollbild den ersten Ausblick 
ins kommende Jahr; denn die Wintersaat wird 
in das frischgepflügte Feld eingestreut, und 
auf dem Randbilde wird mit Netzen und mit 
Hilfe des Falken den Zugvögeln nachgestellt. 
Im November werden die Schweine in den 
Eichenhain hinausgetrieben, und die Hirten 
unterstützen mit Knitteln und Stangen das 
Fallen der Eicheln und gedenken der kom- 
menden fetten Schinken, während die Treib- 
jagd auf dem freien Gefilde am W'aldrande 
näheren Genul.< verspricht; ein nächtlicher 
F'ackelzug unten auf dem Monatsblatte ge- 
mahnt an die Martinsfeier. Das Dezember- 



S!^ DAS BRHVIARIUM GRIMANI ^'SSÖ 



91 



Willbiki Liullicli zci,t;t das Ende einer Wild- 
schweinjagd; das erlegte Tier liegt da, von 
der aufgeregten Meute unuirängt, und aul 
den Ilornrul konniien die entlernteren Jäger 
durch den entblätterten Wald zur Lichtung; 
inui das Schlul.vRandbild zeigt die Vorberei- 
uniijen zum sai'titjen Wildschweinbraten, den 



hat, derwird immer seltenerim alles verwischen- 
den, alles verflachenden Leben der Stadt; 
Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh I 
Der Kalendermaler des Breviarium Grimani 
unternimmt es, zu dieser Flucht wenigstens 
im Geiste und im Bilde zu verhelfen, und 
läfAt den seynenden und erleuchtenden Sohn 




WAl.DHMAK KOI.MSrHR&KU 



l:.\r\VLKl- KU EIS GEMALUE AN i:iNEK KIKl.lll. MASSADE 
Christliclw Kuttstajtsstilbotg in Wim /90J 



sich die Jäger weidlich verdient haben (siehe das 
beigegebene Kalender-Schriftbild S. 87). Von all 
diesen kalendermäßigen Wandlungen draußen 
im Freien, und erst gar von den unzähligen 
würzenden Flinzelheiten, ahnt und merkt 
der Städter nicht viel, an den aul jedem 
Bilde die tuniireichen Städte und die stolzen 
Burgen gemahnen, meist nur fernab sichtbar 
in blendendem Scheinlichte. Dort gibt es wohl 
einen geschriebenen oder gedruckten Kalender, 
— vielleicht auch das nicht einmal, höchstens 
ein Taschenkalenderchen im Portemonnaie für 
allerhand Notfälle - - aber der Kalender, des 
Lebens, wo jeder Tag sein persönliches Ge- 
sicht und seinen Mond und seinen Heiligen 



Gottes im eilenden Zeitwagen Städtern wie 
Landleuten den Weg weisen durch das geist- 
liche und zeitliche Leben ; imd malte der Maler 
für den Papst, dann mochte die Tiara auf 
dem Haupte des HrK'isers ihn von Tag zu Tag 
und von Monat zu Monat daran erinnern 
sollen, daß er dessen Stellvertreter auf Erden 
sei und dementsprechend zu handeln habe. 
Gar bedeutsam folgt auf die Kalenderbilder 
als Übergang zum eigentlichen Brevier das 
\'ollbild der Erwartung;; in der Kähe einer 
wilden Felsgruppe — fern im Hintergrunde 
eine Stadt und (kbirge — umsteht viel \'olk 
einen hervorgewachsenen Felsen, auf dessen 
urünbedeckter Höhe eine Eiche steht (della 



92 



S!^ DAS BRE\'IAKILM GRIMAXI ^Ö 




HEINRICH WADERE 
riRMUKGSMEDAILLE 



Christliche 

Kitnstaiissiflluii^ 

in Wien tgoj 




llovcre! Papst Sixtus IV^ gehörte der Familie 
della Rovere an, in deren Wappen ein Eicli- 
baum; neben der Eiche des Bildes steht noch 
eine jüngere Eiche; sollte das eine versteckte 
Anspielung aui" den beginnenden Nepotismus 
sein?); alle schauen gen Himmel empor, wo 
der segnende Heiland, auf dem Haupte wieder 
die Tiara und in der Linken die kreuztragende 
Weltkugel, erscheint; und aus dem Munde 
mehrerer kommen spruchbandartig in goldener 
Schrift die Worte: :'Obsecramus te. Domine, 
mitte quem missurus es!.:, während andere nur 



oberen Rande treten je zwei Tierkreiszeichen 
farbig hervor; das zweite wiederholt sich je 
im folgenden Schriftblatte als erstes, also z. B. 
Januar: Steinbockund Wassermann, — Februar: 
Wassermann und Fische, — März: Fische und 
Widder usw. Die senkrechten Rahmenteile 
breiten sich zu vielgestaltigen Bogendurch- 
blicken mit Türmchen und Fialen, Pilastern 
und Wandflächen aus und zeigen allerlei 
plastisches, d. h. in der Goldmalerei plastisch 
erscheinendes Bildwerk, bald in Relief bald 
in treistehenden, gegen die Durchblicke sich 




EINKICH WADERE 
IRMUNGSMEDAlLLIi 



C 'hristiichc 

Kiiltslatisstfllutig 

in IVirn igoj 




ein begleitendes C), 0,0!. haben. War auch 
dies vielleicht ein empfundenes Sende deinen 
Geist, o Herr! lür den Papst? 

Bei den Kalender-N'ollbildern tritt die L ni- 
rahnmng — ein schlichter gotischer, am obeien 
Rande kunstvoller ausgearbeiteter und nur hie 
und da auch seitwärts in reichere Architektur 
sich entialtender Goldrahmen — gegen das 
Farbenbild sehr zurück. ]3ei den Schriftblättern 
des Kalenders aber ist die umrahmende Gohh 
architektur reicher und breiter "estaltct. Im 



abhebenden Statuen. Diese Darstellungen be- 
ziehen sich aul die Monatsfeste und zwar 
vorzugsweise auf die Tage, die durcli rote 
Schritt im Kalender kenntlich gemacht sind; 
so zeigt das S. 87 beigegebene Dezember- 
Schriftbild den h. Nikolaus, St. Eligius, 
St. Ambrosius, ein Relietbild zu Maria Emp- 
iängnis, die h. laicia, den Apostel 'Fhomas, 
Geburt Ghristi (Reliel), St. Stephanus, St. Jo- 
hannes und eine Darstellung des Kinder- 
niordes zu Betlilehem (Relief); außer diesen 



DAS liRl'-.VIAKirM fiKIMANI »«»3 



93 




llhlNKlCH W ADIIli 

PlilKSTEUWIiim; 

Mi:i)AII.I.IC 



Christliche 

ixitnsta nsstetlitti^ 

in ll'ifit igoj 




Tagen ist nur nucli Jci' 51. Dezember, St. Sil- 
\e.ster, mit roter Sciirift geschrieben, aber er 
hat keine entsprechende Darstellung gefunden. 
Bei dem Dezember-Schriftbild macht sich die 
bereits erwähnte Verschmelzung von Formen 
der Gotik und der Renaissance recht bemerkbar. 
Im eigentlichen Brevier, zu dem das 
oben beschriebene nrwartungsA'ollbild : Mitte, 
quem niissurus es < den Übergang bildet, er- 
scheint die Architektur, die das Farbenbild 
meist ziemlich ausgedehnt in Goldmalerei 
umgibt, und in die nur hie und da farbige 



\ebeii dein l)ilde des Abendmahles (Fuß- 
waschung) hingegen sieht man — diesmal 
farbig in die Architekturen oder vielmehr hinter 
deren Durchblicken angebracht — die Israe- 
liten, das Manna empfangend, eine Anbetung 
des h. Altarssakramentes u. a. Die hierS. 85 bei- 
gegebene Tatel 645, auf der drei Szenen des 
Leidens Christi zu einem Bilde vereinigt sind, 
zeigt gleich einigen anderen eine ganz ver- 
schiedene Umgebung; der goldgetönte Grund, 
in den, wie in einen Passepartout, das Mittel- 
bild geschmackvoll eingesetzt ist, erscheint 




IICIKRICH WADERE 
EHEMEDAILLE 



Chrisilichc 

Kititstaussti-llnng 

in ll'ifn iqo^ 




Malereien hinter den Durchblicken eingetiigt 
sind, einen mehr oder minder reichen Bestand- 
teil des ganzen Bildes. Das Mittelbild wird 
durch die tnngebenden Darstellungen, \\t) 
solche angebracht sind, bald vervollständigt, 
bald vorbildlich erläutert. So ist die Darstellung 
der Kreuzigung, wo die Kreuze Christi tmd 
der beiden Schacher sehr wirksam hoch in 
die dunkle Lutt emporragen, von den übrigen 
dreizehn Stationsbildern in Relief bildern um- 
geben, die in Goldmalerei wiedergegeben sind. 



gleichsam bestreut mit blutfarbenen Rosen 
und Rosenknospen, zwischen denen sich 
Schmetterlinge und Raupen (sog. Spanner), 
unten sogar eine Schnecke bewegen; die ge- 
öffneten Rosen zeigen in ihrer Mitte eine 
große weiße Perle; die Schmetterlinge haben 
die Flügel teils weit geöffnet, teils zusammen- 
gelegt; das Plastische und zugleich fast Zu- 
fällige der Bestreuung ist besonders dadurch 
erhöht, daß die einzelnen Blumen und Insekten 
auf den Hintergrund ihre Schatten werfen. 



Die christliclie Kunst 11, 



94 



F">" DAS 1?1U-:\1AR1L'.\1 (iRl.MAXI S>^Ö 




Die Malereien der Brevierbilder, 
namentlich die der Mittelbilder, sind 
vielfach in der Komposition wie in 
der Ausführung merklich schwächer 
als die der Kalenderbilder; von die- 
sen letzteren sind ja auch manche 
nicht frei von Flüchtigkeiten 
und Sonderbarkeiten in der 
Zeichnung, aber bei ihnen wird 
der Gesamteindruck durch die 
kleinen Einzelmängel nicht ge- 
stört. Bei den Brevierbildern 
ist das weit mehr der Fall; manche 
müssen als gezwungen, andere ge- 
radezu als uninteressant bezeichnet 
werden. Manche Alittelbilder ver- 
einigen zeitlich auseinanderliegende 
Begebenheiten zu einem Bilde; 
manchmal geschieht das durch Tei- 
ung des Bildes in verschiedene Zo- 
nen, manchmal in geradezu ver- 
\\ iiiender Weise. So sind z. B. aut 
Tafel 615 nicht weniger als sechs, 
oder gar mehr, Szenen aus dem Le- 
,u-n Davids auf eine breite Straße 
mul in die Fenster und Türen der 
angrenzenden Häuser zusammenge- 
drängt. Weit geschickter ist die Zu- 
samnientassung verschiedener Sze- 
nen in dem hier S. 85 beigegebenen 
Bilde, Tafel 645, angeordnet: im 
Vordergrunde in der Säulenhalle die 
Verhöhnung Christi; auf der Platt- 
orm über der Freitreppe des Palastes 
in italienischer, eigentlich Florenti- 
ner Renaissance Pilatus, das ; Ecce 
homot. aussprechend, endlich weiter- 
ib im Freien auf strauchumgebener 
Bodenerhöhung gegenüber einem 
turmartigen C^ebäude fast Nürnberger Art die 
Kreuzigung (kein Schacher) und zwar 
der .Moment, wo der Kriei^sknecht den 



KLIDOI.F 

HARKACH 

AitssUlhmg 

in Wien 

190J 



Schwamm mit Galle und Essig zum Trinken 
darreicht; auch im einzelnen bietet das 
Bild viel Beachtenswertes. Überhaupt sind 
auch die Brevierbilder eine reiche Quelle 
für vielseitiges Studium, und es sollten sich 
namentlich die angehenden christlichen 
Künstler recht in dieses Studium versenken. 
Schon die vielen Rätsel, die ihnen da ent- 
gegentreten, und die ihnen ein tüchtiger 
Theologe, Bibel- und Legendenkenner gerne 
lösen wird, können ihnen zu Wegzeitrern 

- 1 • 1 1 00 

aut dem emgeschlagenen \\'ege werden und 
sie dahin führen, in ihren religiösen Bildern 
nicht nur fromme oder gar übersüße Ge- 
sichter, sondern große und reiche, von alters- 
her gewährleistete Ideen zur Anschauung zu 
bringen. Wieder anderer Art sind die Schrift- 
blätter des Breviers. Bei ihnen fällt, da die 
Initialen meist klein und schlicht gehalten 
sind, das künstlerische Gewicht im wesent- 
lichen auf die Randleisten, die teils figür- 
liche, teils ornamentale, teils naturalistisch 
gehaltene, teils sogar kalligraphische sind, 
lede dieser Arten bietet mehr oder minder 
^'ortrefHiches; aber vielfach sind niannigfaltige 
Dinge miteinander verknüpft. Über die \ov- 
liebe für Raupen (besonders die sogenannten 
Spanner), Schmetterlinge und Schnecken 
könnte man sich wundern. Die Blumen und 
Früchte erscheinen teils wie hingestreut — 
zwischen ihnen kriechen die Insekten herum — 
teils zu Girlanden verbunden ; im letzteren 
Falle treten sie vielfach mit Ornamentalem in 
\'erbindung. Die Bibliothek des Kgl. Gym- 
nasiums zu Düsseldorf besitzt ein sehr schönes 
Iranzösisches Livre d'heures; die Randleisten 
darin, die die Seiten teils ganz, teils zu Drei- 
N'iertel, teils zur Hälfte, teils zu einem ^'iertel 
umrahmen, stimmen mit dem Naturalistischen 
des Breviarium Grimani, in schwächerer Aus- 
führung, so sehr überein, dal.^ irgend welche 
Beziehung für zweifellos gelten muß. Die 
Schriftbänder mißfallen meist durch das Frag- 
mentarische (A\'E MARIA GRAC u. ähnl.); 
einzelne sind ganz unverständlich; dies Frag- 
mentarische zeigt sich auch bei manchen 
ornamentalen Leisten. Die kleinen figür- 
lichen farbigen Bildchen in manchen Rand- 
leisten erinnern lebhaft an die Fußbildchen 
der Kalender-Sciiriftblätter. N'ereinzelt bringen 
die Leisten allerhand Gerät: kirchliche Ge- 
fäße, Rüstungsteile, Stofhnuster, auch hübsch 
in Etageren geordnete Deltter l-"ayencestücke. 
Ein Zusammenhang zwischen Seiteninhalt 
und Randleiste dürfte kaum irgendwo festzu- 
stellen sein. Als ein Mangel muß es auch 
angesehen werden, daß sich manche Leisten 
ganz identisch oder zum \'erwechseln ahn- 



S!^ DAS P,Ki;\l.\KIUM CKIM.WI '^<Q 



95 



licli allzuseln' wicdci'holcn. Wo daher licil.' 
und Sorgsainkcit der Ausfuhrung und l'ar- 
henwahl diesen Manj,'el nicht ausf^lcichen, 
kann der Gedanke an I-ile oder Müchtit^keit 
nicht wnhl eerdräns^t 
werden. Die hier hei- 
gegehenen Leisten 
nebst der Uniraiimung 
von Tal'. 645 (S. 90 bis 
92) werden eine \'or- 
stelhing von diesem 
ganzen l'cile des Buch- 
schmuckes geben kön- 
nen. ,So weit freihch 
auch diese Seite des 
Ivunstwerke.s von den 
lormvollendeten , die 
Sclirilt harmonisch, 
herrhchstrahiend und 
doch bescheiden um- 
spinnenden Kandver- 
zierungen jener flan- 
drischen und burgun- 
; disch - tranzösischen 
Miniatur-Werke ent- 
lernt bleibt, so gibt's 
docli auch liier vielerlei 
zu gewinnen für den 
Künstler und kunst- 
gewerblichen Schöp- 
fer, ja auch für den Ar- 
chäologen und Kultur- 
historiker. 

Ich kehre zum An- 
fang zurück. All das 
im vorstehenden Re- 
rührte und Angedeu- 
tete war bisher wie in 
einem Märchen-Schatz- 
hause so gut wie ver- 
borgen und verschlos- 
sen. Das Berg Semli, 
tu dich auf!" haben 
unter den Auspizien 
der italienischen Re- 
gierung und unter der 
Beihilfe des Biblio- 
thekdirektors S. Mor- 
purgo der Herausgeber 
Scato de Vries und die 
mutigen \'erleger A. 
W. Sijthofi' und Karl 

W. Hiersemann gesprochen. Die Schatzkam- 
mern liegen oflen. An den Gelehrten, an 
den Künstlern und Kunsthandwerkern, an 
dei- Welt ist es nun, die dargebotenen Schätze 
zu heben und zu wucherndem Wirken an- 




KUDOLr n.\RR,\cn rxTwt 

C 'Ulis tlich r Kittista uns /, 



zulegen und auszubeuten, Ideen und Formen 
und Anregungen daraus zu schöpfen. Und 
wo der zwar an sich nicht unangemessene, 
aber namentlich die Kasse der X'orgenannten 
allzuschwer belastende 
Preis diesem Schöpfen 
hindernd in den Weg 
treten könnte, da ist 
es eine Pflicht derer, 
die die Mittel haben, 
vor allem der öfl'ent- 
lichen Institute, durch 
bereitwillige An.schaf- 
lung und das Gestatten 
Ireier Benutzung ein- 
zutreten , dabei aber 
den kleinlichen Gedan- 
ken fallen zu lassen, 
als sei es genug, wenn 
in einer großen Stadt 
ein einziges Exemplar 
vorhanden und mehr 
oder minder zugäng- 
lich sei. Solch ver- 
dienstvolle Unterneh- 
numgen verpflichten 
zu materieller Schad- 
loshaltung und Unter- 
stützung, und wer die- 
se pflichtwidrig ver- 
sagt, hilft den Mut 
dazu lähmen und zer- 
stören. Und doch ruft 
die Vervollkommnung 
der Photographie und 
des Farbendrucks, die 
selber dui'ch solche Un- 
ternehmungen wach- 
sen möchte, laut ge- 
nug, daß der Mut und 
die Zuversicht wach- 
sen und um sich grei- 
fen müsse. Und ge- 
rade heute und gerade 
liu' die Kunst sind sol- 
che aus trüberen Zei- 
ten schöpfende Unter- 
nehmungen heilsam 
und notwendig; denn 
wohl niemals ist unter 

den angehenden 
Künstlern der Trieb 
\-erbreiteter und gefährlicher gewesen, un- 
dankbai" mit dem Weben und Wirken der 
Vergangenheit zu brechen und, von Dünkel 
aufgebläht, in eine ziellose Zukunf't hinein- 
zuwüsten. Bonc 



-\\\ '/X FINF.R ,\iü\srit.\sv. 
lirm^ in It 'it-n igoj 



^6 



IX. INTERNATIOXAI.1-. KUNSTAUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1905 



IX. INTERNATIOXALE KUN.ST- 
AUSSTHLLUXG IX .MUXCHHX 1903 

\ im IR.^NZ WOLTER 
(Fortsetzung) 




J' 






MAX DASIO 

Hl . SEBASTIAN 

Aitsslelluiig 

in ll'itu jgoj 



I c eingehender man die Wer- 
ke der fremden Künstler 
bctraclitet. desto mehr ver- 
liert man den Glauben an 
eine allgemein gültige inter- 
nationale Kunst. Es gibt 
wohl hie und da gemeinsame 
Berührungspunkte und Über- 
einklänge, aber es treten 
auch sofort scharfe Unter- 
schiede hervor, die von tief- 
innerlicher Bedeutung sind, 
die vorzugsweise in der Be- 
sonderheit des nationalen 
Wesens beruht. Gerade in 
der Betonung dieses Wesens 
sehen wir, daß es die höchste 
Autgabe der Kunst ist, dem 
nationalen Empfinden zu ent- 
sprechen. Die Quelle aber, aus welcher diese 
nationale Eigenart strömt, ist das ^'olkstüm- 
liche, das jeder Kunst ihren inneren Wert ver- 
leiht. Die Kräfte, welche die Kunst stets ver- 
- jungen, werden nur im Volke der Heimat er- 
zeugt und man kann kühn behaupten, daß noch 
niemals ein Künstler in einer fremden Sprache 
groß geworden. So sehr daher einerseits 
die fremde Kunst auf die unserige fruchtbar 
gewirkt haben kann, so schädlich wurde sie 
anderseits , als gar zu oft und intensiv von 
jugendlichen Literaten die fremde Kunst der 
deutschen zum Vorbild errichtet wurde. Es 
lassen sich zwischen beiden nicht einmal 
Parallelen ziehen ; will man heimischer und 
fremder Kunst gerecht werden, so muß man 
die ausgesprochenen und un.uisges|irochen 
gebliebenen Absichten betrachten, von denen 
die verschiedenen X'olkscharaktere ausgehen. 
Will man dann Unterschiede machen, so 
kommt die deutsche Kunst, auch bei objek- 
tivster Betrachtung nicht zu kurz. So braucht 
man nicht lange, um zu erkennen, mit welch 
souveräner Sicherheit die Franzosen zeichnen 
und malen können, was einer guten Tradi- 
tion zuzuschreiben ist. Sie sind auch ge- 
schickter als ein Deutscher; aber wie dieser 
die Natur sieht, sie durchdringt, durchdenkt 
mit eineiu weichen und reichen Gemüt, das 
geht der welschen Kunst ab. sie ist dazu viel 
zu temperamentvoll, äußerlich lebendig, prik- 
kelnd, reizvoll und unterhaltend; das alles ist 
dem Deutschen irenider. Und docii war die 



französische Kunst nicht immer so; man 
denke an die gotische Epoche und an die 
uns noch erinnerliche Schule von Barbizon 
und Fontainebleau. 

Große Anstrengungen, ihr Bestes zu bieten, 
haben nicht alle Länder gemacht; wir ki'mnen 
einen klaren LUierblick über ausländische 
Kunst hier in München doch nicht erlangen, 
denn es wird zu viel Handelsware geschickt, 
wogegen man es den Deutschen sehr übel 
nimmt, wenn sie solcherlei zur Ausstellung 
senden. Gerade in dem größeren Säle der 
Franzosen wimmelt es von billigen Sachen. 
Und wie kommen wir Deutsche dazu, für 
ausländischen Kitsch , der in mancher Hin- 
sicht bei uns noch besser ist. Propaganda zu 
machen : Hier, wo die einheimischen echten 
Künstler noch nicht verstanden und deren 
Werke nicht gekauft werden ! Warum soll 
denn immer deutsche Kraft und deutsche 
Gutmütigkeit sich freiwillig vor den Triumph- 
wagen einer im Niedergang befindlichen 
Kunst und Kultur spannen, während bei uns 
die Künstler die mäßigsten Preise für ihre 
Werke erzielen. Die berühmten Franzosen 
Raffaeli, du Gardin, Mousset, Roll. 
C h u b a s , B e s n a r d , R o b. F 1 e u r y . C a r • 
r i e r e , Blanche, B e r a u d , L ' H e r m i 1 1 e 
haben heuer nur ihre Msitkarten abgegeben. 
F.in weniü; besser, doch auch skizzenhaft und 
sehr billig zusammengestrichen ist die Mas- 
kerade von Louis Simon. N'ortrefilich 
dagegen ist das einfache, ausdrucksvolle Bild- 
nis von Albert L a u r e n s. J u 1 e s L e f e b v r e 
erscheint recht flau, und Bouguerau, der 
.Maler des zweiten Kaiserreiches, malt noch 
immer seine zuckersüßen Mädchen, das Ent- 
zücken aller Gymnasiasten, und stets muß 
der bekannte Amor mit schön frisiertem 
Kc'ipfchen dabei sein. Und doch, ist schließ- 
lich Bouguerau um so viel schlechter als 
Grenze? Nach vielem Schwarzbrot kann 
man auch einmal ein Stück Kuchen genießen. 

(iegen solche Kunst ist freilich die der 
Schweizer herb, hart und fast grausam , aber 
es steckt Kraft in der Rasse , nicht in der 
ganzen zwar, denn neben der feierlichsten 
(jröße thront auch der fröhliche Dilettantis- 
mus, entweder in buntem Bilderbogenstil oder 
in einer verschwommenen Soßigkeit. Ein 
Künstler, der es versteht, aus dem \'ollen zu 
schöpfen, der noch unverbrauchte Kraft zum 
Edelsten der Kunst, der Monumentalmalerei 
in sich trägt, ist F e r d i n a n d 11 o d 1 e r. Sein 
großes, als Wandmalerei erdachtes \\'erk ge- 
hört eigentlich nicht auf einen modernen 
Kunstmarkt. Dieser Rückzug der Krieger 
von Marianan will anders betrachtet sein, in 



IX. IN'ri-:R\Al'I()X.\l,!-; KLXSTALSsri-I.I.LXr; IX Mt'XCIll-X i9< 



angemessener Ilölie in feier- 
licher Arcliitektur. H o d 1 e r 
iiat ganz bedeiiteiulc ioi't 
scliritte gemacht, es halten 
ihm zwar nt)ch viele Mängel 
an, aber er wird sie nocli 
überwinden, dafür bürgt sein 
zielbewußtes Wollen. Mehr 
Routine als Maler besitzt 
Giron, dei' mit dem um 
fangreichsten Hilde der gan 
zen Internationalen vertreten 
ist. Das ^'Schwingtest der 
Turner im Berner Oberland 
enthalt eine Unsunnne des 
Fleißes, der Geduld und Aus- 
dauer, jede einzelne Figur 
für sich genommen ist tadel- 
los, auch die Landschaft, die 
weite schneebedeckte Alpen- 
kette, aber es fehlt dem Bilde 
an innerer Naturwahrheit, es 
fehlt an Trennung der Luft 
und Unterordnung der De- 
tails, es ist eine mühsame 
Arbeit, welcher die Logik 
fehlt, liin origineller Maler 
ist Albert Welti, der als 
Bücklinschüler seinen eige- 
nen Weg trotzdem geht imd 
sich eine Urwüchsigkeit be 
wahrt hat, welche an die pri- 
mitivsten altdeutschen Mei- 
ster erinnert. Nur erinnert, 
denn diese Alten waren nicht 
nervös, sie hatten keine durch 
moderne Hast angegriffene 
Gesundheit, hatten klare, scharfe Augen, die 
keinen Nebelschleier sahen, und besaßen, 
weil sie in einer lebensfähigen Tradition 
lebten, einen Geschmack, der dem der Grie- 
chen gleichkam. Dann lernten sie in Meister- 
werkstätten handwerkliche Geschicklichkeit 
und das Verwerten des Materials. .Solcher 
Künstler bedarf es heute, die noch unver- 
brauchte Menschen sind, die gleich Welti 
naiv wie Kinder und aufnahmefähig wie 
diese sind, an klaren Farben mehr Freude 
empfinden als an zerstörten. Xur darl dies 
nicht zu weit gehen wie bei A m i e t , der 
knallrot neben sattgrün streicht, das kann 
am Ende Jeder, oder wie Giacometti, 
welcher im »Oktober einen japanischen 
Bilderbogen zehnfach vergrc'ißert wiedergibt. 
Daß die technische Art Segantinis Nach- 
ahmung finden würde, war ja vorauszusehen, 
und wir finden schon in der Schweiz den An- 
fang, der seinen Höhepunkt in Italien erreicht. 




P.\LI. BECKERT 



POKTR.\T DKR rCRSrlN R.^DZIWILL 

Es zeigt von geringer Selbständigkeit der 
Maler, wenn sie nur die äußerliche .\Ltche 
eines Großen nachahmen. Die Technik eines 
solchen liegt in der perscnilichen Auffassung 
des malerischen Sehens. Das rein Äußerliche 
mag schließlich noch nachzuahmen sein, 
jedoch wird jeder Kenner den Mangel des 
Unmittelbaren, des geistreichen, unnachahm- 
lichen Könnens bald herausfinden. Und so 
ergeht es dem Beschauer vor all diesen Bildern 
nach Segantinischen Rezepten, das sind die 
äußerlichen, strichelnden Farbflecke, welciie 
das Flimmern von Luf't und I-icht erwirken 
sollen, aber es ist kein inneres Empfinden 
dabei. C. Fornara, G. Ciardi, Previati .sind 
hierfür die bezeichnendsten Beispiele. Letzterer 
erreichte aber wenigstens in seiner ; Madonna 
unter Lilien . eine Lieblichkeit, die man nur 
bei Frühitalienern findet. Auch Longoni 
hat Selbstemptundenes in seine Frühlings- 
landschaft -natura in festa hineinüetraüen, 



98 



Si^ BERLINER KUNSTBRIEF ^ö 




PAVL I'liCKERT 



rORTRÄT DER KAISERIN" AUGUSTA VIKTORIA 



Künstler brachte keine Beweglichkeit, 
kein frisch pulsierendes Leben in sein 
Bild. Die besten Bildnisse der Italiener 
sind die Damen in Schwarz von Man- 
cini und Grosso. Beide Maler haben 
viel von französischer Kunst übernom- 
men und sind auch Einflüsse Munkacsys 
bemerkbar. Ganz auffallend ist dieser 
Einfluß bei Grosso, dessen \\'erk ; Die 
heilige Familie:', in Komposition und 
Technik an den franco-ungarischen 
Maler erinnert. (Schluß folgt) 

BERLINER KUNSTBRIEF 
Von Dr. H. SCHMIDKUKZ (Berlin-Halensee) 

Herbst 1905 



D'l 



und der in .München lebende Hieron. Cairati 
hat durch seinen Aufenthalt in Bayern ein 
gut Teil deutscher Eigenart angenommen. 
Obgleich seine Motive aus dem Süden stammen, 
sind sie ernster und von tieferem Gehalt und 
nehmen schon allein deshalb für sich ein. 
Eine flotte und frische Arbeit ist die Gebirgs- 
landschaft mit Hirten im Frühling von Del- 
Icani; Giuseppe Ciardi zaubert sogar ein 
ganzes Blütenmeer hervor, in duftigen Glanz 
getaucht. \'on Guglielmo Ciardi lessein 
die silbrig schimmernden Lagunen von N'ene- 
dig. Von griil.ieren ,\Lirinebildern sind noch 
zu nennen: Cavaleri »Untergehende Sonne 
am Meer:<, Fragiacomos grünlich gehaltene 
See und Cavaleris -Marine^<. Ein Reigen 
junger Miidchen vLenz-; von Simi ist fleißig 
gezeichnet und eine ehrhche Arbeit, aber der 



Berliner Kunstsalons machen uns in einer 
kaum zu bewältigenden Fülle bekannt so- 
wohl mit dem stets neu zuwachsenden jungen 
Künstlervolke, als auch mit .\lteren, an die 
man sich gern erinnern läßt. Der Salon Schulte 
hält sich bi.sher vorwiegend an das .\ltere, will 
jedoch in der nächsten Zeit nocii mehr beidem 
gerecht werden. Aus den mehreren Serien, 
die dort seit unserem letzten Kunstbriefe zu 
sehen waren, verdient eine Voranstellung der 
vor kurzem verstorbene, zuletzt in Scheveningen 
lebende Niederländer Chris toffle Bisschop, 
geboren 1828, bekannt durch Genrebilder mit 
kräftigen Farbenharmonien und intimer Beobach- 
tung momentaner Lichtwirkungen. F.in gutes 
Interieur >.\m Spiegel« war diesmal zu sehen. 
Unter den sonstigen Alteren sind manche, die 
wir in unserem Berichte über die gegenwärtige 
Landschaftsausstellung behandeln, wie Stclfan 
und .Munthe, Sc buch (mit besonders wert- 
vollen Stilleben) und Sperl. .\ußerdem werden 
wir erinnert an den Gründer einer .Malerakade- 
mie in Cleve, B. C. Koekkoek (1S05 — 1862); 
er ist hier mit einem »Winters Kndc« vertre- 
ten. Von Lebenden sehen wir wieder die har- 
monischen Buntheiten der Bilder F. Pradillas 
und die lieblichen Biedermeiereien .•\. H enge- 
lers; dazu Landschaften von anderen gut Be- 
kannten, wie eine heitere Figurenl.uidschaft von J. Scheu- 
rcnberg und eine Herbstlandschaft von G. v. Canal. 
Diesen .-Mteren gegenüber stehen einige noch weniger 
Ik'kannte. .Mit italienischen Landschaften sind G. Döring 
und besonders L.Steiner vertreten. Eine .Mischung 
älterer Weise mit modernem I'leinair fnidet sich in einer 
l.andscliaft von :\. Flamm >Bei .-Vriccia«. Sonnige 
Blicke in die Mark malt .A. Loges; Interesse für Stu- 
dien von Bäumen, von Abhängen und dergl. zeigen die 
schlichten Landschaften von W.Koch. Die Wieder- 
gabe des Schnees ist von einem hier bereits bekannten 
N'ertreter des >jungen Schwedens», von G. A. Fjae- 
stad anziehend bewältigt. Sein >Wintermorgen< hat 
allerdings moderne Flachheit, ist aber bemerkenswert 
als ein l-Aperiment mit Weiß und Grünlich. Hin Seiten- 
stück dazu, in \\'eiß und Blau, ist der »Xeuschneei 
von F. Liebermann (Müncliener Arbeit von 1905). 

Bei Schulte lernen wir weiteriiin städtische Archi- 
tekturbilder kennen von J. Terris, dessen Bilder von 
Häusern am Wasser durch ihre rötliche und weiche 
Färbung auffallen, sowie ein Marktbild von C. v. Me- 
rodc, dessen dicke Luft sich in einer beachtenswerten 



sf^ hi;ki.!xi;k kuxst 



•'-'. /& 



99 



Weise nach rückwärts abstillt. Andere I.anU- 
schaften kennzeichnen jene l'lächigkeit einer mo- 
dernen Richtung, welche den Hindruck erweckt, 
als müsstcn sie Lithographien sein; so die von 
1;. Gcntzel und von M. Proch. Bemerkens- 
werter als die gemalten Porträts von N. Bach- 
mann sind die Porträtplastiken von J. Lim- 
burg; neben Reliefs und einer Büste des Malers 
]. Gent/, ist eine solche vom l'apst Pins X. da, 
die s^■nlpathisch wirkt, aber docii der vorge- 
nannten nachstellen dürfte. Mannigfache Lxlibris 
von P. l'elemann schließen diese -Serien ab. 

Zuletzt kam hier der »Münchener Aquarellisten- 
verein«. Keiner von seinen X'ertretern ungewöhn- 
lich, doch wohl alle anerkennenswert! M. V.. 
Giese steht voran; seine »Windmühle«, sein 
j Roter 'l'urm in Wollin«, sowie Flußbilder machen 
einem die Stimmung jener Gegend gut anschau- 
lich. Von F. II e 11 i ng ra th sind hübsche Bilder 
aus der .*\mpergegend da. Den in gutem Sinne 
flächig gearbeiteten Bildern von J. W. Hertling 
begegnet man gerne wieder; hier hat er »Aus 
der fränkischen Schweiz« und dergl. mehr. Neben 
K. Itschner und M. Kleditzsch linden eine 
»Hammerschmiede« und ein guter »Herbstwind« 
von R. Koeselitz mit Recht eine Anerkennung 
als frisch und kernig. 11. Kreyssig scheint die 
Koloristik als Selbstzweck zu betreiben. Hunde- 
bilder von P. Leuteritz und einiges von dem 
allbekannten R. Rei nicke schließen die Gruppe 
heiter ab. 

Eine unscheinbare, aber besonders würdige 
Ausbeute aus diesen verschiedentlichen Vorfüh- 
rungen war der Maler K. L e i p o 1 d, in dem an- 
scheinend nicht leicht zu findenden wasserkantigen 
Orte Wcwelslleth. Eine Marsclilandschaft und 
ein Markdorf im Winter sind von einer guten 
(diarakteristik; das letztere eine besonders glück- 
liche Darstellung trüber Luft. Denselben Maler 
linden wir in einem Lok.ile, das sich erst allmäh- 
lich zu einem Kunstsalon lierausbildet; in der 
Keramischen Kunstwerkstatt Mutz. Die Pointe 
der jetzigen Bildersammlung von Mutz scheint 
die ungarische Porträtmalerin Mela Müller zu 
sein. Ihre Geschicklichkeit, ein Gesicht typisch 
zu charakterisieren, leidet allerdings unter der 
Sucht nach mystischen Kitschen. Abgesehen da- 
von, daß wir hier ein altes Unglücksbild, »Erden- 
wallen« von Emmerich, zu sehen bekommen, 
lernen wir in dem Berliner W. Becker einen 
Künstler kennen, der ebenfalls zwischen der Geschick- 
lichkeit der Darstellung und dem Haschen nach Beson- 
derheiten in der Mitte steht. Seine Themen scheinen 
hauptsächlich als Mittel zum Zwecke, wuchtig schwere 
Farben anzubringen, ausgewählt zu sein. Sturmszenen 
wiegen vor; die geballten (iipfel und Wolken gehören 
zu des Künstlers Eigenart. 

Auch die Plastik wird bei Mutz niclit vergessen. 
K. Starck (geb. i866) ist bereits bekannt; mehrere wert- 
volle Bronzeplaketten bringen ihn uns wiedei nahe. 
H. Hundrieser d. A. stellt .Aktstatuen aus. E. Bar- 
lach, ich glaube aus Wedel im Holsteinischen, zeigt 
Kleinplastiken, einen Wandbrunnen, und speziell kera- 
mische Reliefs, unter denen das Porträt des Hamburger 
Direktors J. Brinckmann besondere Schätzung verdient. 
Eben dieser Brinckmann hat auch das Verdienst, die von 
uns bereits erwähnten Mutzkeraniiken angeregt zu haben. 

Am schwersten folgt man den einander ablösenden 
.Ausstellungen L^nbekannter in dem Warenhause Wert- 
heim nach. Anfangs August gab es zunächst einige 
Deutsche. R. Pietsch aus Grünwald ist geschickt in 
der Darstellung des Vorfrühlings und des Morgens, und 




XVi. Bi:CKKKl' 



POl;lK.\l UH-S K.M.M-.KS W ll.lil.L.M 11. 



noch mehr in der von Bergabhängen, von Zweigen und 
Blättern; in letzterer Beziehung verdient sein »Bergherbst« 
dauernde Beachtung. Der Hamburger E. Eitner bringt 
duftige Bilder »Nacht«, • Bach im Winter« u. a. Sein 
Gemälde einer Frau mit Kind scheint uns besser zu 
sein als die an W. Trübiicr erinnernden Köpfe im 
Grünen von dem Frankfurter E. Bändel, hei dem das 
Können noch merklich liinter dem \\'ollen zurückbleibt. 
Neben dem Brüsseler A. Jamar mit seinen Interieurs 
und dergl. Helen diesmal zwei tschechische Prager Künstler 
auf: R. Bem und .-V. Slavicek. 

Ende August zog dort eine Schar von jungen Wienern 
ein ; nichts Hochragendes, einiges Selbständige. Den 
Österreichern schließen sich noch der Düsseldorfer 
J. Bretz und der .Münchener P. P. .Müller an. 

Der Salon Cassirer huldigt nach wie vor insbe- 
sondere den modernen Franzosen und unterrichtet uns 
von neuem speziell über den Wirkungskreis von E. Manet. 
Daneben gibt es eine präclitige Dame mit Sonnenschirm 
von Segantini, bei der allerdings das optische Inter- 
esse über dem szenischen steht. L'nter den Deutschen 
sehen wir hier gerne wieder den bereits anerkannten 



lOO 



'':^^- ZU UNSEREN BILDERN 




PAUL BLCKERf 



DIU LETZTE l \"ir,l;Si:llKIl I W 11.111 IM 



Stillcbeniiialcr R. Brcycr in Miinclien ('gcliortii 1<S66); 
namentlich Gc-I'a.ssc in .sehr hellen Tönen sind von ihm 
gemalt. SoJann aber macht uns dieser Salon bekannt 
mit einer jüngeren Malerin Herta Arendt, deren Garten 
samt einem Interieur und einer Stadtansiclu mit b'luü 
als külme Impressionen Beachtung verdienen. 

Nachdem Keller & Reiner die Sonderausstellung 
eines jungen tschechischen Zeichners und Bildner.s, des 
1872 geborenen F. Bilek, gebracht hatten, der ver- 
schiedentliclie Christusphantasien und dergl. vorlührte, 
umgeben uns jetzt mehrfaclie kleinere Mildergruppen. 
Am meisten tritt dabei hervor Anna Jcnnv (Char- 
lotte Hreiin von GrotthuÜ aus Dresden. Ihre 
Starke sind ]5aumstudien, zumeist aus den üstseel.indern. 
Unscheinbarer treten >Graphischet)riginalarbeiten Züricher 
Künstlerinnen« auf. Lithographien des Karlsruher Künstler- 
bundcs seien kurz erwähnt. Als einzelne lernen wir 
kennen R. Pichler mit .sympathisch stillen, last nur in 
grünen Tönen lebenden Landschaften und C. Obst 
mit Seitenstücken dazu in hellem Gelb und Orange. 
\\'eiterhin lallt \'. Tolkerts mit Segelbooten von Nor- 
derney und ähnlichen Stücken auf. 

Hier erfreut man sich auch an älteren, wie /.. B. an 
dem jetzt in Rom wirkenden Schlesier P. Höcker 
(geb. 185.1), d'jssen »Resignation und Zuversicht« seinen 
durch malerisch gute figürliche Szenen verdienten Ruhm 



bestätigt, und an dem jetzt in Karlsruhe 
wirkenden Bayern F. Fehr (geb. 1862), 
von dem wir einen »Spaziergang« linden. 
Durch nordische Mythologien ist bekannt 
11. Hendrich (geb. 1856); seine nun aus- 
gestellte »Iris« zälilt wohl am ehesten 
zu den Farbenexperimenten. Hierher mag 
auch der an L. v. Hoffmann erinnernde 
A. Johnson gehören. Da^u kommen 
noch die Reflexkünste in Gartenbildern 
von Hans Busse. 



ZU UNSEREN BILDERN 

papst Pius X. ist schon mehrfach ge- 
' malt worden. Von den bisher be- 
kannt gewordenen Bildnissen ist jenes 
von Paul Becken, das wir in Mezzo- 
tinto als Sonderbeilage bringen, ohne 
Frage eines der hervorragendsten ; es 
unterscheidet sich von allen anderen durch 
eine ideale und über den Rahmen eines 
Porträts hinausgehende .\uff.issung, welche 
dem Wesen des Papsttums und der Cha- 
rakterrichtung des hl. Vaters durchaus 
entspricht. Beim Studium des Antlitzes 
Pius X. stieg dem Künstler ofl'enbar 
|enes bezeichnende Wort des Papstes in 
der Errinnerung auf; »Instaurarc omnia 
in Christo,« alles in Christus erneuern. 
L'nd wenn der hohe Porträtierte, seiner 
iimeren Stimmung unwillkürlich lolgend, 
die .\ugen erhob und himmelwärts blickte, 
so kam dem porträtierenden Maler die 
Stelle des 120. Psalmes in den Sinn: 
»Ich hebe meine Augen zu den Bergen, 
von welchen mir Hilfe kommt.« Dieser 
Stimmung Rechnung tragend, erhob der 
Künstler das Porträt zu einem bedeut- 
samen Bild, dessen Inhalt in der farbigen 
Haltung — die Lichtgestalt des Papstes 
vor den über St. Peter dräuenden Ge- 
witterwolken — passend zur Versinn- 
licliung gelangt. Der Künstler hielt im 
Antlitz des Papstes jenen Ausdruck fest, 
der sich einstellt, wxnn der hl. V.ater sich von außen 
ungestört seinem Xachdenken hingibt. — Das Bild 
existiert in zwei Exemplaren, von denen eines im Besitz 
Sr. Eminenz des Kardinals Kopp, das andere im Besitz 
des hl. \'aters selbst ist. 

Die Bildnisse des Kaisers Wilhelm II. und der Kai- 
serin .\ugusta Viktoria malte der Künstler 1889 — 90 
nach dem Leben für den preußischen Staat; ursprüng- 
lich für die Nationalgalerie bestinuiit, belinden sie sich 
jetzt im Festsaal des Kgl. Kultusministeriums in Berlin. 
Das Kaiserporträt fand den wärmsten Beifall F. v. Lcnbachs, 
der sich auch in Gegenwart des Kaisers dahin aussprach, 
es sei sehr mit Charakter gemalt. Der Kaiser trägt, wie 
er selbst anordnete, den Kommandostab. Die 'l'oilette 
der Kaiserin (im Samtkleid) wurde ebenfalls auf ihren 
eigenen Wunsch gewählt. Die Kaiserin hatte .seinerzeit 
die .'Vbsicht, dieses Porträt als ihr offizielles Bildnis auf 
die Weltausstellung nach Chicago zu schicken. — Das 
Porträt der Fürstin Radziwill ist 1889 gemalt. Auf dem 
Bild hier nebenan sehen wir außer dem l'ürsten Bismarck 
die Porträts der behandelnden Aerzte und am Koptende 
jenes des Garderobe-Intendanten. 

Die schönen Medaillen von H. Wadere und M. Dasio 
auf S. 86—87 und 96 sind von der Firma Pöllath (G. Hitl) 
in Schrobenhausen ausgeführt, welche eine Sammlung 
von Medaillen zeitgenössischer Künstler herausgibt. 



Für die Redaktion vcrantworilich : S. Slaudli.inicr ; Verlag der GcscHsch.ift für christl. Kunst, G. m. b. H. 
Druck von Alphons Bruckmann. — Sämtliche in München. 



BEILAGE ZU >DIE CHRISTLICHE KUNST«, 11 JAHRGANG, HEFT 4, i. JANUAR 1906 



DÜSSELDORl'lZR KUNSTBERICHTK 

I. 13 ie Soni nie rauss teil uiig eil 

N.icli dem bewegten l-rühsoninicrlebcii auf dem (iebictc 
der Kunst (in diesem Jahre A c he n bac h ■ A us • 
^ t e 1 1 u n g, P I i n g s t a u s s t e 1 hl n g , N i c d c r r h e i 11 i s c h e s 
\1 usilc fest, (loctlic Pest spiele) beginnt um den 
I. juh die stille Zeit in Düsseldorf, wie in vielen >Ciroß 
Städten«. Die l-.inheimischen fliegen, aus, die Fremden 
aber haben es trotz der beiden großen Ausstellungen nocli 
nicht genug gelernt, Düsseldorf so, wie etwa München, 
als Kunststadt in iiire Sommcrreisepläne hineinzuzielien. 
Das ist schade; denn Düsseldorf, die Gartenstadt, ist im 
Sommerlcleide so schon. Es hat seine schönen .StraÜcii, 
seine her\'orragendcn Geschäftsauslagen ; es hat seine 
Denkmäler, deren Zahl wächst, wenn auch glückliclier- 
weise mit .Maß — jetzt ist ein Denkmal zu Ehren des 
bürsten Leopold von llohenzoUern im Werke — ; es hat 
seinen llofgarten mit all den anheimelnden Reizen und 
seltenen Bäumen ; es liat seine gefällige, viel zu wenig 
bekannte und besuchte Umgebung mit bachdurchrieseltcn 
Waldt.üern und weiten Ausblicken in die gesegnete 
rheinisclie Tiefebene, auf die Türme des Kölner Domes 
und die sanftgescliweiften Linien der Eifelberge oder die 
vulkanischen Gestaltungen beim Siebengebirge. A\\ das 
Schöne zu verschönern oder zugänglicher zu machen, 
wetteifern Stadtverwaltung und bürgerlichcVereinigungen 
und nach ihren Kräften auch einzelne Bürger. .'\uch 
sehenswerte Sammlungen sind vorhanden. Da ist vor 
allem das historische Museum am Rheinufer, dessen 
Begründung wesentlich der Anhänglichkeit des ver- 
storbenen Prinzen Georg von Preußen an seine Geburts- 
stadt zu verdanken ist; es besitzt, großenteils durch 
Schenkung des Prinzen, dann durch Schenkungen von 
Bürgern, aber auch durch Ankauf, eine große Reihe von 
Porträts und topographischen Darstellungen, ferner einen 
großen Reichtum von Münzen, Tongefäßen und anderen 
>.-Mtcrtümern«, fast ausschließlich Dinge, die sich auf die 
Geschichte Düsseldorfs und des Großherzogtums Berg 
beziehen. Im nämlichen Gebäude ist die Konchylien- 
sammlung mit der zugehörigen kostbaren Bibhothek, 
eine Schenkung der Witwe des Rentners Löbbecke 
an die Stadt, untergebracht, eine Sammlung, die an Voll- 
ständigkeit und Wert ihresgleichen sucht. Die Schenk- 
geberin fügte ein Kapital von 100 000 M, hinzu zum 
Zwecke der Unterhaltung und weiteren .•\usgestaltung. 
Ganz in der Nähe liegt die Kunstakademie mit ihrer 
Gemäldesammlung, ihren zahlreichen Vo r b i 1 d e r n 
und dem Kupferstichkabinett, dem auch die 
Sammlung von Handzeichnungen und die Rambouxsche 
Sammlung von Aquarell-Wiedergaben italienischer Kunst- 
werke einverleibt ist. Das Kunstgewerbemuseum, 
ein Denkmal der Düsseldorfer Ausstellung im Jahre 1880, 
wäre auch imstande, durch seine Sammlungen wie durch 
seine Bibliothek den Besucher zu fesseln. All das, und 
die stä dtische Gemäldegalerie, sind Sehensw^ürdig- 
keiten mit festem, aber stets wachsendem Bestände. 
.\ber Düsseldorf hat aucli seine beweglichen Aus 
Stellungen, die bald einzelne Kunstwerke, bald ge- 
schlossene Veranstaltungen zur Schau bieten: die Kunst- 
halle und die Schuhes che Kunstausstellung; 
Sonderausstellungen auf dem Gebiete der Kunst stellen 
.uich einzelne Kunsthandlungen, z. B. Bismever und 
Krauß, Schmitz und Olbertz, Sclirobsdorff, Michels 
Nacht, zeitweise zusammen. .\ber all diese beweglichen 
Ausstellungen nehmen an der Soinmerstille Düsseldorfs 
noch etwas zu sehr teil, und gerade sie wären doch dazu 
berufen, kräftig mitzuwirken an dem Gedanken, Düssel- 
dorf zu einem Kunstzentruin nicht nur für das Be- 
schauen, sondern auch für den Vertrieb neuentstandencr 
Kunstwerke zu machen, es eine Art rheinisches Mün- 
chen werden zu lassen. Was in der Regel die Sommer- 



monate in dieser Art bieten, reicht zur Erreichung dieses 
Zieles nicht aus, kaum zu einer bemerkenswerten Mit 
arbeit. Einzelnes freilich bleibt der Beachtung wohl 
wert, und das war auch im vergangenen Sommer der 
Fall. Für Oktober sind aber schon allerseits bedeut- 
same Veranstaltungen in Vorbereitung. 

A. Die Aus.stellu II g der Vereinigung 

Düs.seldorfcr Kün.stler in der 

K u n s t li a 1 le 

Von den Darbietungen der Pfingstausstellung (siehe 
Jahrgang I, Heft 12, S. 278) blieb manches noch die 
folgenden Wochen hindurch ausgestellt, wurde auch 
durch Besseres und Schlechteres ersetzt oder vermehrt; 
im ganzen aber blieben diese Nachzügler wenig bemerkt, 
und Lob oder Tadel können erspart bleiben; keine 
Darbietung könnte in irgend einer Richtung als .Mark- 
stein bezeichnet werden. 

Mit dem 15. August wurde aber die Ausstellung der 

Vereinigung Düsseldorfer Künstler« eröffnet"), und sie 
beansprucht stets ein höheres Interesse. 

Der Wald, der rheinische Wald, steht langjähriger 

l'radition der Düsseldorfer Kunst entsprechend stark im 
\'ordergrunde; nahezu die H.älfte der Gemälde — der 
Katalog nennt 84 Ölgemälde, 3 Zeichnungen, 3 Radie- 
rungen und 9 plastische Werke — führt den Beschauer 
in Wald und waldige L^ngebung. Gerne folgt dieser 
fast überall der sinnigen Lockung des Malers zu dieser 
oder jener Waldstimmung; denn er fühlt, daß sein 
Fülirer den \\'ald und sein poetisches Weben kennt, 
und daß er den Wald liebt, ohne freilich etwas ganz 
Besonderes daraus zu machen. Aber aus dem Waldes- 
dunkel schaut man aucli gerne bisweilen nach dem 
Himmel empor, und da muß man doch recht oft er- 
schrecken vor den Dingern, die an dem Blau herumkriechen 
und Wolken vorstellen sollen. Schönes Gewölk bringt 
diesmal Eugen Kampf über seiner echt niederrheinisch 
gestimmmten sehr beachtenswerten, wenn auch im 
Format kleinen >Landschaft«. .\ugust Schlüters 
»Birkenwäldchen« und >Waldbach im Vori'rühling« sind 
ebenso sinnig und fein empfunden, .als zart und sicher 
ausgeführt; aber eine solche Wolke bringt der Vorfrüh- 
ling nicht. Max Hunten führt am 'Frühlingsmorgen« 
und in »Märzstimmung« in das bewaldete Heidegelände, 
das ihn anscheinend ganz gefangen genommen; das Auer- 
wild fehlt dieses .Mal, die eine von den Kühen des »Früh- 
lingsmorgen« sieht dafür aus, als hätte sie sich verirrt; 
Licht und Stimmung der,beiden Bilder sind gewinnend und 
überzeugend. Christian Kröiier kann sich, wie jeder- 
mann weiß, den Gebirgswald nicht gut ohne Rotwild 
denken; das neue Bild, »Abend im Harz«, weicht 
von dem gewohnten Tone ab; es fehlt der zarte 
Ferndutt, der die sonstigen Darstellungen Kröners 
charakterisiert. .-Xuch Sophus Jacobsen verläßt mit 
seiner »Mondschcinlandscliaft« einigermaßen den sonsti- 
gen, bei ihm fast zu geläufig gewordenen Typus, und 
es ist nicht bloß die Abwechslung, was dabei erfreut. 
Bei allen Malern des W.aldes zeigt sich übrigens das 
Bestreben, trotz Suchens nach Eigenartigem und Be- 
sonderem den echten, sclihchten, natürlichen Reiz des 
Waldes nicht durch grelle und aufdringliche Effekte zu 
beeinträchtigen. Wer das beachtet, wird auch manchem 
reclit unscheinbaren Bildchen seine .\nerkcnnung nicht 
versagen; eine große .\uflassung zeigt sich, wie ge- 
sagt, nirgendwo. Fritz von Wille, einer der wenigen 
hiesigen Künstler, deren Name schon durch mehrere 
Generationen guten künstlerischen Klang hat, studiert 
und variiert bekanntücli mit Glück die Eifel in allen 



>) Dauer vom i-. August bis i:;. Oktober. 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 4. i. JANUAR 1906 



ihren interessanten und charakteristischen Stimmungen ; 
mit seiner >Niederburg bei Manderscheid« kann er dies- 
mal nicht so gefallen; die Wahrheit darf überraschend, 
darf packend, aber nicht unglaubhaft dargestellt werden, 
wenn auch hie und da einnud das Wirkliche dem Glaub- 
hatten zu widersprechen scheint. 

Die große Historienmalerei ist diesmal gar nicht ver- 
treten. Auch das Porträt tritt zurück; E.Schwab es 
lesende alte >Märkische Bäuerinc ist packend charakteri- 
siert, kaum minder A. Hackenbruchs Porträt einer 
alten Dame; von Rob. Böninger kann liöchstens das 
> Knabenporträt < interessieren. Fritz Reusing verläßt 
in zwei Bildern, wie er es in der letzten Zeit mehrfacli 
getan hat, das eigentliche Porträt und gebraucht seine 
Kraft in diesem Fache zur Komposition eigenartiger 
Genrebilder, deren Personen scharfausgeprägten Porträt- 
charakter haben, ohne an allgemeinem Interesse zu ver- 
lieren; das Bild 2 Klänge« läßt einen musikalischen Vor- 
trag bei Halbdunkel in engerem Kreise miterleben und 
das sinnige Lauschen der Zuhörer wie das innere Ver- 
lorensein des N'ortragcnden in seine Töne mitfühlen; 
in vollem Sommerlichte, doch weniger verständlich, 
blinkt das Gegenbild »Sommer« mit der blonden lebendi- 
gen Vorleserin und der teilnehmend zuhörenden 
Freundin in der Hängematte. In ähnlicher Weise seinen 
Kreis erweiternd, läßt Gerhardt Janssen es zwar 
an seinen grotesk charakterisierten Volks- und Kneipen- 
ivpen, diesmal in Radierung und Stiftzeichnung, nicht 
fehlen, aber es tut wohl, ihn bisweilen, wie in seinem 
ausgestellten Bilde »Beim Kartenspiel« (eine Wieder- 
holung), solclie Typen gemildert in traulicheren Ver- 
kehr bringen zu sehen ; seine künstlerische Eigenart 
braucht dabei kaum ein Opfer zu bringen, und seine 
Anerkennung wird gewinnen, indem man sieht, wie er 
eine Mehrheit solcher Gestalten nicht nur in eine Ge- 
dankeneinheit zusammenzufassen, sondern auch in homo- 
gen gestimmte Umgebung zu bringen weiß. .-Mexander 
Frenz hat in Aachen die Luft der alten Kaiserstadt 
ge.atmet und jene alte Zeit und Lebensauffassung gut 
erfaßt; das zeigt sein farbenfrisches Bildchen »Ein un- 
gleiches Paar« (V'erlobung im i.). Jahrhundert), hinter 
dem die aufdringliche »Naclifi in mehr wie einer 
Hinsicht sehr zurücksteht. Otto Kirbergs und Karl 
Mückes holländische glattsaubere Sonntaginterieurs 
unterscheiden sich nicht von dem oft Gesehenen, werden 
aber immer ihre Freunde finden. Das Genrebild ist heute 
in Gefahr; diese Bildchen werden es nicht retten, und 
ebensowenig O. Erdmanns ungesunde »Tröstung« 
oder selbst Henrik Nordenbergs »Der .alte Laden«, 
soviel Gerät und Fleiß auch dabei verwendet ist. 

Einen außergewöhnlichen und feingestimmten Farben- 
glanz strahlt das Kostüm der »Kostümsoubrette« von 
Frederik Vezin aus; die Beleuchtung von der Rampe 
aufwärts ist nicht mehr neu, eher deren Wirkung nach 
dem Hintergrunde hin. 

.Meer und Hafenleben haben auch ihre Farbensänger 
und Erzähler gefunden, so in Franz Müller-Gossen s 
»Meeresstimniung« die leicht und lebhaft bewegte Fläche 
in dem metallischen Tiefblau des .-Vdriatischen Meeres 
und >lm Hamburger Hafen« das glatte \\'asser, die 
durchsichtige Luft, die plastisclienSchifi'swände, — beides 
sehr beachtenswerte Bilder. Dem zuletzt genannten tritt 
wetteifernd und teilweise übertrelVend gegenüber Georg 
.Maccos »Hafen am Gardasee«. 

Die Tierwelt erscheint diesmal fast nur als Staffage 
in den Landscliaften und Waldbildern von .\lfred 
Graf von Brühl (Rotwild), .Max Hunten (Kühe), 
.\dolf Lins (Enten und Hülmer). .'\n Heinr. Koenigs 
Stelle würde ich aber docli ein Gemälde nicht als 
»Laufendes Schwein« bezeichnen, wenn auch der junge 
F^ber auf dem Bilde wirklidi läuft. 

Das Stilleben ist nur wenig vertreten, aber das große 



.\rrangement von »Frühlingsblumen' mit Durchblick 
auf einen etwas schwerwirkenden W.ildrand ist von 
Frl. Helene Gericke anschaulicli wiedergegeben. 

Gleiche 'l'üchtigkeit wie die jungen Plastiker, die 
gelegentlich der Pfingstausstellung 'I erwähnt wurden, 
zeigt Rudolf Kaesbach, der zu seiner Kleinbronze 
»Hirtenknabe' noch die beiden reizenden, scharfgezeich- 
neten Kleinbronzen »Huckepack' und »Flötensolo« von 
Berlin hergeschickt hat. Heinrich Baucke exzelliert 
in seinen beiden .Vrbeiterdarstellungen (Bronze) »Kohlen- 
häuer« und »Kohlenschlepper!. Was von größerer Pl.istik 
vorhanden ist, vermag nicht besonders zu interessieren. 

.•Mies m allem kann man sagen : allerlei Gutes im 
kleinen Stil, aber nichts von Bedeutung. 

" .(Schluß foigl)' 

KUNSTLEBEN IN KÖLN 

Großen Beifall fand die .\usstellung des »Vereins 
Münchener .Aquarellisten«, die Schulte in seinem 
Kunstsalon angeordnet hatte. Es wurde dadurch wenig- 
stens einigermaßen dem Publikum Gelegenheit gegeben, 
sich einen Begriff zu bilden, was heute auf dem Ge- 
biete der deutschen .■\quareUkunst geleistet wird. Unter 
den ausgestellten \\"erken fielen durch die originelle 
Technik am meisten in die .\ugen die Märchendar- 
stellungen von Karl Strathmann. Gewiß bekundet der 
Künstler eine große Phantasie, die des Humors nicht 
entbehrt, und zeigt ein vorzüglich technisches Können, 
aber seine Bilder, die punktierartig ausgeführt sind und 
an Mosaikarbeiten erinnern, haben wenig Anspruch auf 
künstlerischen Wert, wirken sehr unruhig und legen 
dlzusehr den Gedanken an eine aparte Spielerei nahe. 
P. Leuteritz, der in zwei großen Bildern prächtige 
Hunde darstellt, macht durch seine Schöpfungen die 
häufig gehörte .Äußerung zu nichte, daß die Malerei in 
Wasserfarben ein großes Bildformat verbiete. .\ls guter 
Landschafter zeigte sich M. E. Giese, der uns hübsche 
Motive von der Insel Wollin iu kraftvoller Tönung wieder- 
gibt. Leuchtende Farben waren dem Bilde »Fischer- 
hütte« von Hugo Kreyssig eigen. Viel Humor be- 
kundete Reni5 Reinicke in seinem »Kaffeekränzchen« 
und nicht minder R. Köselitz, der die amüsante Szene 
malt, wie Bänkelsänger zahlreichen Gaffern ihre Mord- 
geschichten vortragen. Die Art und Weise, wie Köselitz 
das Volksgedränge darstellt, verrät Menzelschen Ein- 
fluß, der auch in dem andern Bilde von demselben 
Meister »Die Hammerschmiede« sich sehr fülilbar macht. 
Die übrigen Darstellungen waren zu meist Landschaften, 
durchweg gute Sachen, die uns ein erfreuliches Bild 
boten von deni Können unserer heutigen .\quareUisten. 

Von den Ölbildern fesselte am meisten die vorzüg- 
liche Sammlung des jungen Düsseldorfers Max Stern. 
Auf jedem Gebiete der Malerei zeigt sich dieser als 
wirklicher Künstler. Lebensvoll sind seine Porträts, 
farbig und stimmungsreich seine Landschaften, wohl- 
gelungenc Bewegung zeichnet seine Figurenbilder aus. 
Von den anderen ausgestellten Werken sind noch zu 
erwähnen das techniscli hochstehende, aber .allzu rühr- 
selige Bild von P. Haaxmann und das farbig sehr 
feine, lichtdurchflutete Interieur von .Murdfield. 

Im Kunstsalon Lenobel ist eine .-Xusstellung von 
Originalwerken des Hans Thoma eingerichtet. Zu 
dem Kataloge der .Ausstellung hat Willi. Schäfer eine 
gute Charakteristik des Künstlers verfaßt. Dies ist 
dankbar anzuerkennen, denn durch eine solche Ergänzung 
werden den Besuchern der .Ausstellung die Bilder näher 
gebracht und ist die hier eingeführte Neuerung ent- 
schieden zur Nachahmung zu empfehlen. Die ausge- 
stellten Werke zeigen trefflich den Charakter Thomas: 



') Jahrgang 1, lieft li, S. 380. 



BEILAGE ZU >D1E CHRISTUCHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 4, i. JANUAR 1906 



ni 



ein genialer Qucrliopf. Neue Schöpfungen sind nicht 
vertreten. Ebenso sind die Bilder von Jungli:inns aus 
früheren Ausstellungen sciion bekannt. Brütt, dessen 
Bilder in ihren schweren, satten Earben äußerst wohl- 
tuend wirken, verstellt es vor/üglicli, seine Räume 
durcli künstliclies Licht zu erhellen. 

Im Kölner Kunstverein verdienen eine .Anzahl Ge- 
mälde des belgisclien Kimstlers Edgar van Bavegem 
besondere Beaclitimg. Ruhig und fein, ohne jede 
Künstelei treten uns die Schöpfungen des jiuigen Malers 
entgegen. In den Studienköpfen und Porträts zeigt er 
eine Vorliebe für starke Betonung des Charakteristischen. 
Entzückend sind die Interieurs, in denen das Problem 
des Liclites im Binnenraume trefflicli gelost ist und die 
perspektivischen und interessanten Lichtwirkungen sicli 
mit köstlichen Tonabstufungen zu vornehmer Harmonie 

vereinen. Ilcrihcn Heiners 

KUXSTMiKlilX .MÜNCHEN 

lyc letzten Sommermonate bracliten im Kunstleben uiuci 
den Arkaden wenig Hervorragendes. Es war mitunter 
beängstigend still in den hohen Räumen. Kein Wunder' 
Die große Internationale lenkte die Aufmerksamkeit auf 
sich, dann die Lenbachausstellung, diejenige des Kunst- 
gewerbes im NationalMuseum und noch so einige aktuelle 
Veranstaltungen pri\-ater Natur. Mit Erwartung sali man 
daher der Ausstellung Hubert v. Herkomersclier Werke 
entgegen, die zugleich mit der Automobilwoche und der 
Herkomer- Konkurrenz inszeniert wurde. Des Künstlers 
Name ist zu bekannt, als daß wir stillschweigend über 
seine Leistungen hinweggehen düriten, er spielt in dem 
Kunstleben seiner alten bayerisclien Heimat sowohl als 
in seiner neuen jenseits des Kanals eine zu große Rolle. 
Was uns dieser Deutsch-Engländer aber heute zeigt, dürfte 
man ruhig übersehen, denn »Fortschritt«, eine allgemein 
gültige l'orderung für Künstlerschaft, ist hier nicht zu ver- 
zeichnen. Seit Herkomcrs berühmter »Miß Grant«. und 
der >Dame in Schwarz« sehen wir den Maler in seinen 
ausschließhch repräsentativen Bildern auf einer stetig sicli 
abwärts bewegenden Bahn. Diesmal hat er sich selbst 
porträtiert in einem größeren Bilde, elegant kostümiert, 
mit Orden und Bändern übersät, wie er gerade seiner 
ebenfalls reicligeschmückten Gattin den Mantel abzulegen 
bemüht ist. Ein anderes Werk stellt eine enghsche Schön- 
heit in knallblauer Robe dar, hingesclmiettert auf einen 
dunklen, mit Vorliängen drapierten Hintergrund. Sowohl 
diese Arbeiten als auch die weiteren 15ildni.sse geben uns 
wohl einen Begrilf von einem Maler, der mit den raffi- 
niertesten Mitteln der Technik zu wirtschalten versteht, 
der auch pikante Effekte erhaschen kann, aber uns inner- 
lich kalt und frostig läßt, da er über das Seelische im 
Menschen nichts, aber auch gar nichts zu sagen weiß. 
Ob dies mit seiner Vorliebe für Maschinen für den Auto- 
mobilsport zusanniienhängt, vermag ich nicht zu ent- 
scheiden. — Als Antipode zu Herkomer dürfte Matthäus 
SchiestI zu betrachten sein, dessen nun vollendetes Werk 
»Maria, Königin aller Heiligen« (im Auftrage des bayer. 
Staates für die Marienkirche in Kaiserslautern genialtj 
uns als ein Werk entgegentritt, das allen Anforderungen 
christlich-religiöser Kunst entspricht. Die Lokalitäten des 
Kunstvereines sind wenig dazu geeignet, einem solchen 
Triptychon zu der ihm gebührenden AX'irkung zu ver- 
heilen. In angemessener Höhe inmitten einer ernsten 
Architektur will dieses Bild der Intention des Malers cnt 
sprechend betrachtet sein. In der Mitte sehen wir auf 
' goldenem Thron die Mutter Gottes mit dem Jesuskinde, 
umgeben von den Heiligen; Bonifatius, Dominikus, An 
tonius, Canisius, Heinricli, Kunigunde, Herniami-Joseph, 
Franziskus, Wendelin, Pirminius und Notburga. Auf dem 
linksseitigen Flügel gruppieren sich St. Georg, St. Ste- 
phanus und St. Laurentius; während rechts die heilige 



Katharina, hl. Barbara und hl. Dorothea der Madonna sich 
zuneigen. Eine goldene Stadt zieht im Hintergrund durch 
das ganze Bild. SchiestI geht, wie in all seinen Werken, 
auch hier von den altdeutschen Meistern aus, mit einem 
engeren Anschluß an Dürer, indem er wie dieser mehr 
das Formale als das rein Malerische betont. Mit maleri- 
schen Qualitäten, wie wir sie in modernem Sinne an- 
gestrebt sehen, hat dieses Bild nichts gemein. Im Gegen- 
teil, hier sehen wir keine angekränkelte und schwächliche 
Verflauungsmanier, die in Dunst und Nebelschleier unter- 
zugehen droht, sondern Figuren von kerniger, sehniger 
Kraft, die von klaren, scharfen, naiven und gläubigen 
Augen gesehen und wiedergegeben wurden. Dabei gellt 
wieder eine Welt von Farben auf, die uns den Glauben an 
starke unverbrauchte Menschen wiederschenkt. Farben, 
wie sie die Alten sahen, wie sie in der Natur auch noch 
heute auf Feld und Wiesen prangen. Und diese reiche 
Farbenskala, die der Maler hier in persönlich eigenartiger 
Weise verwertet, hat etwas mit einem wohlgeordneten 
Blumenbukett gemeinsam. Die künstlerisch dekorative 
.\nordnung der Lokaltöne von hellrot, grün, lichtblau 
und purpurrot, um nur die eine Seite des Mittelbildes 
liervorzuheben, ist von wunder\'oller Harmonie, die noch 
durch die ruhige Haltung der einzelnen Heihgengestalten 
besonders gehoben wird. Es geht ein still-feierlicher Zug 
durch diese fromm aufblickenden oder in sich versunkenen 
Gestalten, welche traut und hingebungsvoll die Mutter- 
gottes umringen, so daß der Beschauer die rein maleri- 
schen und künstlerischen Gesichtspunkte vergißt und im 
Banne dieser holdseligen Innigkeit und Sinnigkeit zur 
wahren Andacht gefülirt wird. 

Die Gewohnheit, daß die Maler, welche sich der Öflent- 
lichkeit zeigen wollen, recht umfangreiche Kollektionen 
vorführen, treibt allmählich zur Geschmacklosigkeit, vor 
allem aber zu einer LIrteilslosigkeit über die eigene Schaf- 
fenskraft. Durch die Massenvorführung wird ja das 
Publikum notgedrungen auf den Künstler aufmerksam 
gemacht, der vielleicht mit einem einzelnen Bilde gar 
nicht auffällt, anderseits gibt aber auch der ausstellende 
Maler in der Fülle seines Angebotes deutlich die Gren- 
zen seines Könnens, seiner künstlerischen Absichten un- 
freiwillig kund und schwächt durch die vielen minderen 
Leistungen auch die besseren Bilder. Bei Charles 
T o o b y war dies deutlich bemerkbar. Seine Stilleben, 
und dazu gehören selbst die Kühe im Stalle, sind mit 
nicht gewöhnlichem Talent und Geschick im stotllichen 
Reiz des Gefieders, der Felle der Tiere wiedergegeben. 
Dort wo er die tote Natur in Ruhe und Muße studieren 
und beobachten kann, erreicht er ganz hübsche Resultate, 
sonst aber maclit sich ein Mangel der Intimität und des 
liebevollen Versenkens in den Gegenstand sehr bemerk- 
bar, er nimmt es, in kurzen Worten gesagt, mit der 
Kunst manchmal allzu leicht. — Die Bilder und Studien 
von Karl Hartmann waren intimer, liebenswürdiger, 
trotz ihrer Ungleichheit in der Qualität. Dieser Maler 
gehört noch zu jenen Künstlern, die eine sicliere Zeichnung 
mit der malerischen Form zu verbinden streben, aber 
es fehlt dabei an Kraft, an tieferen Charaktereigenschaften. 
Flott gemalt waren zwei Amorettengruppen, dann ein 
weiblicher Akt mit Pfau und in der zweiten Serie der 
weicli modellierte Fr.uienkörper in dem Tannhäuser- 
Bildc. 

Ein besonders lebhaftes Interesse erweckten die 
Konkurrenzentwürfe für den Neubau einer Pfarrkirche 
in Milbertshofen bei München. Dieser Wettbewerb, der 
von der deutschen Gesellschaft für christliche Kunst 
ausging, brachte eine Fülle origineller Arbeiten. \\'eniger 
der Charakter der oberb.iverischen Landkirche, als viel- 
mehr derjenige einer größeren Stadt war von den 
meisten Architekten bevorzugt und ein Zeichen der 
Zeit war der sehr sonderbare Umstand, daß alle Stil- 
artcn der \'ergangenheit und neue architektonische Mö"- 



IV 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 4, i. JANUAR 1906 



lichkeitcn vertreten waren. Als die besten Leistungen 
müssen, der Prämiierung entsprechend, diejenigen von 
Georg Zeitler, Peter Da nzer und Anton Horl'e, 
Fcli.\ V. Courten und Otto Kurz, sowie Gebrüder 
Rank bezeichnet werden. Fi m/ Woiicr 

KARLSKLlil-R KUXSTXhKlilX 

Herbst 19O).) 

Das Wintersemester wurde durcli eine große Kollektion 
von A 1 b e r t S t a g u r a (S t. .\ 1 b a n ' erötTnet. Stagura 
wandelt ganz auf den Spuren Segantinis, von dem er, 
besonders auf dem Gebiete der Alpenlandscliaft, an- 
scheinend sehr viel gelernt hat Sehr gut wirken auch 
diejenigen Bilder, in denen sicli St.agura als selbständigen, 
subjektiv schaffenden Künstler zeigt. Besonders env.ähnt 
sei hier >Mondnacht«, über welchem, trotz eines einiger- 
maßen sentimentalen Anhauches, eine feine Stimmung 
liegt. Stagura ist vollständig Künstler der weichen 
Parben Stimmungen; das beweist besonders auch 
»Herbst im Birkenwald«. Auf grobe Effekte verzichtet 
er völlig, fordert vielmehr energisch von dem Beschauer, 
sicli seinem Gedankengang zu assimiheren. — Drei 
Belgier, die gleichzeitig ausgestellt hatten, stehen den 
.\nschauungen Staguras genau diametral gegenüber, 
lules Potvin, Andre C-ollin und Dellannois sind 
ihre Namen. In den meisten Werken der beiden ersten 
verbinden sich Impressionismus, l'art pour l'art-.Manicr 
und konventionell-moderne Salonkunst zu einem lieb- 
lichen Potpourri. Beide übertrifft jedoch Monsieur 
Dekinnois, indem er je fünf, sogar in technischer Hinsicht 
ganz belanglose Ülskizzen im durchschnittlichen l'ormate 
von je 8X10 cm in einem Rahmen vereinigt, und sie 
so um den »billigen •- Preis von ;oo .VI. den deutschen 
Micheln darbietet. 

Von Brüssel nach Dresden ist ein weiter Sprung, 
auch in künstlerischer Beziehung. Das beweisen -Die 
lilbier«, eine Vereinigung junger Künstler, durch welche 
diesmal Eibflorenz vertreten ist. Bei den meisten Mit- 
gliedern dieser Verbindung trübt Mangel an Originalität 
den Genuß. .Allerdings — und das muß ihnen zum 
Lobe angerechnet werden — auf plumpe Hfiekthascherei, 
wie sie die eben besprochenen Belgier pflegen, verzichten 
die Elbier vollständig. Der Begabteste von ihnen ist, 
nach den wenigen ausgestellten Werken zu urteilen, 
der Deutsch-Ungar F. Dorsch. Er ist unter den Elbicrn 
derjenige, der sich noch das größte Q.uantum Selbst- 
ständigkeit gewahrt hat. 

Im Gegensatz zu den Elbiern, welche last alle dem 
(irundsaize der »Nur-Kunsf, oder wie Tliode es aus- 
drückt, dem des »X'irtuosentums« huldigen, stehen zwei 
große Werke, welche die Gesellschaft für historische 
Kunst ausgestellt !iat. Dadurch, daß bei solchen Werken 
oft das technische Moment gar zu sehr vernachlässigt 
wurde, ist die Art der erzählenden Kunst ja vielfach in 
Mißkredit geraten. Max Kiederich hat in seinem 
Bilde >St. Martin« ebenso wie K. Oppler (Stuis^ in 
seiner »Musik« diese Klippe glücklich umschifft. 

Eine ganze Reihe lücluiger .\rbeiten hat der krank 
furt-Cronbcrgcr Künstlerbund ausgestellt. Ein kraftvoller 
Zug ist fast allen Bildern eigen. .Man merkt es diesen 
Künstlern an, daß sie in ihrer .'\rt festen Standpunkt 
gefaßt haben. — KudolfGudden (Frankfurt) ist mit 
zwei Bildnissen vertreten, die in ihrer originellen Aus 
führung angenehm berühren. Das sind nicht die süßlich- 
gezwungenen Pliotograpliiegesichter, wie man sie so 
häufig im Kunstverein bewundern kann, sondern im 
wahren Sinn des Wortes Bildnisse, die den geistigen 
Stempel sowohl des Dargestellten, als auch des Dar- 
stellers tragen. — .-Ms vielseitiger Künstler zeigt sich 
wiederum Paul Klinisch (Frankfurt). Seine Tier- 
Studien werden liöchstens noch von denjenigen eines 



X'ictor Weishaupt übertrotten. Mit gleicher Fertigkeit, 
die aber weit von mechanischer Routine entfernt ist, 
meistert er auch das Gebiet der Landschaft. Sein Bild 
-.St. Mirogan« ist wohl das technisch vollendetste von 
allen ausgestelhen Werken dieser Gruppe. — Es wären 
noch A. Oppenheim und H. Werner (Frankfurt) zu 
erwähnen, deren wenige ausgestellte Bilder jedoch ein 
Urteil nicht ermöglichen. — Steht die Malerei im 
Frankfurter Künstlerbund auf sehr hoher Stufe, so gilt 
dies in noch höherem Maße von der Plastik. Es hat 
allerdings nur ein Bildhauer Werke ausgestellt, dafür ist 
es aber auch ein w.ihrer, wirklicher Künstler: Professor 
Joseph Kowarzik (Frankfurt). .\ni vollendetsten in 
jeder Hinsicht scheint mir das ' Bildnis des Künstlers 
mit seiner Gattin«. Der Faltenwurf der Gewänder ist 
von geradezu verblüffender Natürlichkeit, .ausgezeichnet 
in Bezug darauf, daß sie den ('harakter des Stoffes gut 
wiedergibt, ist auch die Statue »Verlobt«. Eine ganze 
Menge von Plaketten und Medaillen beweist, daß 
Kowarzik auch auf dem Gebiete der Kleinplastik ein 
her\'orragender Künstler ist. — Da ich gerade bei der 
Plastik bin, mag hier auch die ausgestellte Büste Hans 
Thomas von Maximilian Württemberger F.r wäh- 
nung finden. Sie zeichnet sich durch gute Modellierung 
aus, reicht aber im übrigen nicht entfernt an die Thoma- 
Büste von Volz heran. i.Schluß fol^i. 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Sammelmappe (Umschlag) zu den Ja lue s 
niappen der Deutschen Gesellschaft für christ 
liclie Kunst. — Vor einigen .Monaten wurde eine sehr 
hübsche und starke »Sammelmappe« hergestellt, die 
zunächst den Zweck hat, d.ts .-\uf bewaliren der Jahres- 
niappen zu erleichtern. Dieser Umschlag kostet M. 2.50 
und ist auf je fünf Jahreslieferungen berechnet. Die 
Vereinigung von fünf Niappen gibt einen selir stattlichen, 
.iber immerhin noch nicht unliandlichen Band mit zahl 
reichen Prachtblättern, die eines besonderen Schutzes 
und einer kleinen .Ausgabe für diesen Schutz gewiß 
würdig sind. — Mit der nächsten Jahresmappe wird ein 
vollständiges Verzeichnis über den Inhalt der bisherigen 
lahresmappen ausgegeben, das den (jebrauch des bisher 
Erschienenen tunlichst erleichtern soll. — Die meisten 
der bisherigen Jahresmappen können nachbezogen wer- 
den; vergriffen sind die Jahrgänge 189.1, 1897 und 
1904. -- Eine Abgabe einzelner I-oliotafeln ist nicht 
möglich. 

B i 1 d h a u e r B e r n h a r d B e n k e r (.München) wurde 
beauftragt, seinen prämiierten Entwurf ' Christophorus 
in doppelter Lebensgröße in Stein auszulühren; da-. 
Werk wird an der Ecke der Widenniayer- und Liebig- 
Straße in München, an der Stelle, wo die L'fermauer 
der Isar eine anspringende Ecke bildet, aulgestellt. Hierfür 
wurden aus den Mitteln des Gemeindefonds Münclien 
zur Anschaffung von Werken der bildenden Künste 
I) — 2üOOoM. in Aussicht genommen. 

Hugo Freiherr von ll.ibermann erhielt die 
durch den Tod Johann Herlerichs erledigte Professur 
an der Kgl. Akademie in München; er ist \'orsitzender 
des Vorstandes der Münchener Sezession. 

Düren. .\m S.November 1905 ist das von Herrn 
Kommerzienrat Willi. Hösch gestiftete »Leopold Hösch- 
Museum« in Düren (Rheinprovinz) in .\nwcsenheit de-. 
( )berpräsidenten der Provinz, Freiherrn von Schorlemer 
1 .ieser, eröffnet worden. Der Erbauer, Professor Frentzen 
i, .Aachen) übergab die Schlüssel des Gebäudes Herrn Ober- 
bürgermeister Klotz, der in schwungvoller Rede namens 
der Stadt Besitz davon nahm. Der freistellende Bau ist 



BKILAGE ZU >DIE CHRISTLICHE KUNST<, II. JAHRGANG, HEFT i, i. JANUAR 1906 



in gelbem Sandstein erstellt uiul zeigt die lüiiiicn eines 
modernisierenden Deiitsch-Baroclis ; der Entwurf rührt 
von Professor Frentzen lier, wälirend die Ausführung 
durcli Herrn Stadthaurat l'aensen in Düren geleitet wurde. 
Die Mittelpartie der llauptfront zeigt über dem poh- 
gonal vortretenden Eingang ein großes Fenstermotiv, 
das von geschwungenem Giebel bekrönt und einer Doppel- 
[• Stellung von Säulen eingerahmt wird. Zu beiden Seiten 
[ schließen sich symmetrisch dreiachsige l-'lügel an, die 
an der Schmalseite durch vorgelegte .Apsiden belebt 
sind. Über letzteren, die mit symbolischen Reliefs von 
Professor Kraus-Aachen geschmückt sind, wölben sich 
kleinere runde Glaskuppeln, während eine, durch eine 
Kaiserkrone gezierte große Glaskuppel das Treppenhaus 
beleuchtet und die Mittelpartie nach außen betont. Rück- 
wärts ist an das Gebäude ein l'lügel der Tiefe nach 
angegliedert. 

Das Parterregeschoß birgt auf der einen Seite die 
Stadtbibliothek mit Lesezimmer imd Bücliermagazin, auf 
der anderen das .Archiv, dann in verschiedenen Räumen 
Sanuiilungen von Münzen, Siegeln, Stein/eug, prähisto- 
rischen und römischen Funden, darunter besonders die 
Kollektion Benno Schöller; der hallenartigc Raum des 
rückwärtigen Flügels beherbergt eine auserlesene Samm- 
lung naturhistorischer Gegenstände. 

Am Mittelpodest der in zwei Armen beginnenden 
Treppe halt ein auf der Balustrade sitzender Putto das 
Bronzerelief des Mannes, dessen Namen das Museum 
trägt; eine reiche Kartusche darunter trägt eine diesbe- 
zügliche Inschrift. 

Die oberen Räume enthalten außer einem Saal für 
Vorträge zurzeit eine .\usstellung von Gemälden aus 
Dürener Privatbesitz. Unter diesen, die in verscliieden- 
farbig ausgestatteten und teils durch Ober-, teils durcli 
Seitenlicht beleuchteten Räumen aufgestellt sind, wiegt die 
Düsseldorfer Schule vor. So behndet sicli in einem Ka- 
binett vereinigt eine Kollektion von Eber h. Stamm el, 
darunter eine der St.idt vom Künstler geschenkte Ka- 
puzinerpredigt und viele gefällige Genrebilder. Sonst 
ist Professor .\. Kampf am reichsten vertreten, mit 
einem prachtvollen Moltkekopf und größeren Skizzen 
zu historischen Gemälden; auch ein guter Andreas Achen- 
bach sei erwähnt. Beaclitenswert sind die kleinen Kollek- 
tionen des Herrn. Karl Stettner und Fesenmeyer. 
.Außer den genannten Meistern finden wir Gabriel Max 
mit drei Bildern. De fr egg er, .Albert Lang mit 
zwei Landsclial'ten, Leibl mit einem frühen Selbst- 
bildnis, Ludwig V. Hofmann (»Hirten<), Edmund 
V, Kanoldt (»Sappho') vertreten. Die Auswahl der 
Bilder, sowie deren Aufstellung erfolgte nach dem Rate 
lies Direktors des städtischen Suermondt-.Museums, Herrn 
Dr. II. Schweitzer in Aachen, während Dr. Schoop-Düren 
das .Arrangement für die übrigen Sammlungsgegenstände 
traf. 

Im Souterrain sind außer Pack- und Nebenräumen 
römische und mittelalterliche Steinl'undc, sowie Modelle 
von Bauten untergebracht. v. 

.Aachen. Das städtische Suermondt-Museuni erhielt 
unlängst durch die hochherzige Stiftung des Herrn 
Konuiierzienrat L. Vossen eine wertvolle Bereicherung 
lür die moderne Galerie in Gestalt eines großen Figuren- 
bildes von Professor A. Kampf- Berlin: ».Aachener Bürger 
bitten den General Jourdan um Errettung der Stadt 
i. J. 1794.« Die auf clem Gemälde dargestellte Episode 
knüpft an die Schreckenstage der Sansculotten an, die 
auch 1,1792) Aachen unsicher gemacht und dann von 
kaiserlichen Truppen vertrieben worden waren. Da hier- 
bei angeblicli Grausamkeiten seitens .Aachener Bürger 
vorgekommen sein sollten, verurteilte ein Dekret Robes- 
pierres Aachen im Falle der Wiedereinnähme zur Zer- 
störung. Als daher (22. Sept. 1794) vor den Toren 



drohende Hecreskräfte erschienen, begaben sich die 
Bürger Nik. Cromm und Doktor Jos. Vossen in das 
französische duartier, wo es ihnen nach anfängliclicni 
Widerstände schließlich gelang, General Jourdan zur 
Schonung der Stadt und zum Abzug zu veranlassen. 
Der Künstler — selbst Aachener — hat aus dem Ge- 
schilderten den Anfang der Unterhandlungen heraus- 
gegriflen und mit dramatischer Wucht wiedergegeben. 
Den geistigen Mittelpunkt des Gemäldes bilden die Fi- 
guren des vom Weine erhitzt aufgesprungenen Generals, 
der mit echt französischer Pose die Eingetretenen an- 
donnert, und die der Aachener Bürger, in deren Zügen 
sich Bangen um die Vaterstadt, wie auch stille Em- 
pörung über das unwürdige Benehmen des Feindes 
ausspricht. Nach dieser Gruppe hin wenden sich mit 
mehr oder minder großer Teilnahme die um den Tisch 
zum Gelage versammelten Krieger, in deren Zügen und 
Kleidung das Ungeordnete des revolutionären Treibens 
deutlich erscheint. Bei aller Farbenpracht der Uniformen 
und Kostüme ist diese geschickt gedämpft dm-ch den 
bläulichen Tabaksdunst, der über dem Ganzen lagert ; 
dabei ist — wie angedeutet — die Charakterisierung 
der verschiedenen Personen scharf durchgeführt, so daß 
die historische Episode allgemein menschliches Interesse 
gewinnt. 

Durch die Aufstellung zwischen den von Napoleon I. 
(1807) der >guten Stadt •■ .Aachen geschenkten Porträts 
seinerselbst (von Boucherj und seiner Gemahlin Josephine 
(von Lefevre), die zeremoniell ruhig wirken, hat dasKampf- 
sche Bild nur gewonnen; zugleich ergreift den Beschauer 
das Gefühl über den raschen Wandel menschhcher Ge- 
schicke, wie er sich aus den drei Bildern dieser Wand 
herauslesen läßt. v, 

S t ä n d i g e .A u s s t e 1 1 u n g in E i c h s t ä 1 1. In Stadt 
und Diözese Eichstätt herrscht für die christliche Kunst 
eine außerordentlicli rührige Tätigkeit, die kürzlich 
wieder eine neue Frucht zeitigte. Der Preßverein Eich- 
stätt hat nämlich im Schaufenster seiner Lesehalle Werke 
alter und neuer Kunst ausgestellt, erstere in gediegenen 
Nachbildungen, letztere teils in Originalen, teils in Re- 
produktionen nach hervorragenden Werken unserer besten 
Künstler. Die Ausstellung wird in regelmäßigen Zeit- 
abschnitten Neues bieten. Das L'nternehmen kami nur 
begrüßt und zur Nachahmung empfohlen werden; in 
kleineren Orten ließe sich durch solche intime, streng 
künstlerische religiöse Kunstausstellungen für die Popu- 
larisierung der christlichen Kunst Fähebhches leisten. 

Krefeld. — hu Kaiser Wilhelm-Museum hierselbst 
waren während des Oktobers die bedeutendsten der in 
Krefelder Privatbesitz befindlichen Kunstwerke durch 
Direktor Deneken zu einer Atisstellung vereinigt, die 

»neben ihren ersten und nächsten Zielen lok.iler Kunst- 
förderung auch dem weiteren Zwecke dienen sollte, 
gleichsam eine Vorfrucht für die Deutsche lahrlumdert- 
.Vusstellung (Berlin 1906) zu sein.« .Aus den quantitativ 
jedenfalls sehr reichen Beständen hatte man 1 24 Ge- 
mälde und mehr als 60 Zeichnungen und Aquarelle 
ausgewählt, als deren Schöpfer, der zeitlichen Reihen 
folge nach, besonders folgende Künstler zu nennen 
wären: D. Ghodowiecki, als der erste in einer Aus- 
stellung, die den Zeitraum von 1775 — 1875 umfassen 
soll; dann J. W. Schirmer (von ihm eine prächtige, 
stinmiungsvolle Gewitterlandschaft), K. F. Lessing und 
.V. l'euerbach; Ben dem an n (>Jeremias auf den 

Trümmern von Jerusalem«. Skizze, l8(>5); H. C. Kolbe 
(1772 — 1856), Hasenclever (y 1855), Oskar Begas 
(t 18S3) — von den drei letzteren gute Porträts — ; 
dann die Genre- und Landschaftsmaler B. A/autier, 
Chr. E Boettcher, Gude, Koekoek, Burnier und 
.Munt he. Von unlängst verstorbenen, sowie von noch 



VI 



BEILAGE ZU .DIE CHRISTLICHE KUNST«, IL JAHRGANG, HEFT 4, i. JANUAR 1906 



lebenden, älteren und jüngeren Künstlern waren u. a. 
vertreten: A. und O. Achcnbach, E. v. Gebhardt, 
D ü c k e r , W i 1 1 r o i d e r , G. v. B o c h m a n n , C. G c h r t s , 
Wansleben, Heinr. Hermanns und Eugen Kampl 
(diese sämtlich in Düsseldorf); endlich 1". v. Lcnbach, 
Franz Hoch (München) und Schönlebcr (Karlsruhe). 

I'. 

Ansbach. Ergebnis der Konkurrenz für einen 
L u i t p o I d • M o n u m e n t a I b r u n n e n. l^ingelaufcn waren 
45 Entwürfe. Ein i. Preis wurde nicht zugesprochen. 
Den 2. Preis mit I2CX) M. erhielt Motto »Edelwild« von 
liildhauer Georg Albertshofcr unter Mitwirkung des 
.\rcliitekten G. Bestelmeyer hinsichtlich der Architek- 
tur; der J.Preis (800 M.) fiel auf Motto >Aphroditc< 
von Bildhauer Jakob Hofmann; der 4. Preis Ijoo M.) 
wurde dem Motto »G. 53« von Bildhauer Professor 
Georg Wrba zugcsproclien. Die Urheber der Ent- 
würfe >St. Georg« (Bildhauer b'ritz Bebe), »Edelwild« 
(Bildhauer Albcrtshofer), »Kentaur« (Bildhauer Karl 
Killer;, »Welle« (Bildhauer Professor Ernst Pfeifer) 
werden zu engerer Konkurrenz aufgefordert. 

Ausstellung zur Hebung der (jrabmalku n st, 
Wiesbaden. Am 22. Oktober tagte das Preisgericht 
über die von der Wiesbadener Gesellschaft für bildende 
Kunst au.sgeschriebene Konkurrenz zur Erlangung von 
Entwürfen einfacher Grabmäler, die inklusive etwaiger 
Einfassung des Grabes alles in allem 700 bis 1000 M. 
kosten sollten. Es waren etwa 100 Arbeiten eingegangen, 
von denen 50°/° als nicht ausstellungswürdig ausge- 
schieden wurden. Das Preisgericlit bestand aus den 
Herren: Prof. Habich, Bildhauer, Darmstadt, Prof 
Pützer, Architekt, Darmstadt, und dem Vorsitzenden 
der Gesellschaft, Kunstkritiker Dr. von Grolnian, 
Wiesbaden. .Vußer einem ersten Preis (100 M.), zwei 
zweiten Preisen (375 M.) und zwei dritten Preisen (a 50 M.) 
wurden als .*\uszeichnungen zuerkannt: »Zum Ankauf 
empfohlen« und »Lobende l-"r\vähnung«. I. Preis (100 M.^ 
Motto »Elmopiss .'\rchitekt Ernst Haiger, Münclien, 
den ersten IL Preis (75 M.) Motto »Eisen«, Bildhauer 
Jos. Kopp jun., München, den zweiten IL Preis (7; M.) 
Motto »Liebe«, .Xrchitekt Karl Stahl, Berlin-Friedenau, 
den ersten 111. Preis (50 .M.) Motto »Kreuz«, Jos. Kopp, 
München, den zweiten III. Preis (50 M.) .Vlotto »Grab- 
urne«, ;\rchitekt Karl Schcllberg, .\aclieu. 

Zum Ankauf empfohlen: Motto >Weidm.u)n<, 
Bildhauer Willi ]5ierbrauer, Wiesbaden ; Motto ».Stern«, 
Bildhauer Franz CIcve, Münclien; Motto »Rom«, Archi- 
tekt E. Ilaiger, München; Motto »Urne«, derselbe; 
.Motto »IV K.<, Bildhauer F. Hoser, München; Motto 
»Zinnal«,.'\.H urter, Köln; Motto »Empire«, Jos. Kopp, 
München; Motto »Pieta«, derselbe; Motto »Engel-, 
derselbe; Motto »Romantisch«, derselbe; Motto 
»Sarkophag«, derselbe; Motto »Efeu«, derselbe; 
Motto "'Streng«, derselbe; Motto »Ecce horao«, der- 
selbe; Motto »Vase«, derselbe; .Motto .»Kreuz«, der- 
selbe; Motto »Familiengrab, derselbe; Motto »Trauer , 
derselbe; .Motto »Camill Roser«, Bildhauer V. Kraus, 
Münclien; .Motto »\'ereint;, Bildhauer AIovs Miller, 
.München; Motto »Ruhest.itte- , Paul Mayenfisch, 
Dresden; Motto »Phöni.\«, A. Miller, München; Motto 
>t)stern«, P. Pertes, Meißen; Motto »Zwischen grünen 
Hecken«, .-Vrchitekt F. Sceck, Berlin; .Motto ilnqueste 
tomba;, derselbe; Motto »Star«, K. Stahl, Berlin 
Friedenau; Motto »Drei Schwestern«, derselbe; Motto 
'Form«, derselbe; Motto »Werden und Vergehen«, 
.'\rchitekt Max Rosenkrauer, C^opitz bei Pirna a. E. 

Lobende Erwähnung: Motto 'Pax Domini«, Bild- 
hauer Eduard Fischer, München; Motto •Vergäng- 
lichkeit«, derselbe; Motto »Kreuz«, Bildhauer 
Stephan Fischer, München; Motto: »Stern«, der- 



selbe; Motto : » I. B. < , Bildhauer FranzHoser, München ; 
Motto: »Obelisk«, Bildhauer Joseph Kopp, München: 
.Motto: »Figur«, derselbe: .Motto: »Guter Hirte«, Bild- 
liaucr Valentin Kraus, München; .Motto: »Schacht«, 
Bildhauer Georg Wagner, Darmstadt; Motto: »Carpe 
Dient«,; 

Angekauft wurden sofort: i. Haiger, »Elino- 
|iis (I. Preis); 2. Haiger, »Rom« (Zum Ankauf emp- 
fohlen) und vier Arbeiten aus der dlgemeinen Aus- 
stellung von Job. Baader, Reg.- Baumeister Seeck, 
Architekt Huber, Wiesbaden (2 Stück). Die Künstler 
Joseph Kopp, Franz Cleve, 1". Hofer, Val. Kraus, 
.■\lois Miller, Eduard Fischer sind Mitglieder der 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst. 



BUCHHRSCHAU 

Fünige Skizzen, Projekte und ausgcführle 
Bauwerke von Otto Wagner, Architekt, K. K. 
Oberbaurat, Professor an der K. K. .Xkademie der bil- 
denden Künste usw. — Wien, Kunstverlag von Anton 
Schroll i\: Co. 

Yon diesem Prachtwerk sind bis jetzt erschienen : 
I. Band, 2. .\ufl.und IL Band, 2. Auf! 1905, ferner III. Band, 
Heft 1—7. — Der I. Band enthält (s, der IL Band bietet 
65 Blatt Heliogravüren. Otto Wagner ist ein rückhaltloser 
\'ertrcter moderner Bestrebungen und der Führer einer 
statthcheii Schar jüngerer .\rchitekten Wiens. Er fordert 
konsei]uente Anwendung aller Mittel moderner Technik 
und allseitige Berücksichtigung der F.rrungenschaften, 
Wünsche und Eigenheiten unserer Zeit, .•\nschauungen, 
die er in seinen Entwürfen und ausgeführten Werken 
der Profankunst verwirklicht und auch auf den Kirchenbau 
angewendet wissen will. Auf letzterem Gebiete ergeben 
sich aus seinen auf praktischen Erwägungen beruhenden 
Dispositionen notwendig auch neue Grundformen sowohl 
im Grundriß, als auch im .■\ufriß. Dabei ergibt sich volle 
Einlieitlichkeit des Stils bei den profanen und kirchlichen 
Bauten, wie es zu allen Zeiten war, die überhaupt einen 
eigenen Stil besaßen. Von den Entwürfen des Künstlers 
erwähnen wir aus Hand 1 jenen für eine Kirche in 
Soborsin, aus Band II die Studie zur Berliner Domfrage 
.Text und Abb.), Konkurrenzentwurf für eine Pfarrkirche 
in Essegg, die St. Johauniskapelle am Währinger Gürtel, 
endlich aus Band III »Zur Studie: Die Moderne im 
Kirclienbau«, Text und Abb. für eine neue Pfarrkirche 
in Währing, dann „Zur Studie: Umbau der Kirche und 
des Klosters der P. P. Kapuziner und der Kaisergrufl« 
(Wien\ ferner: Die Kirche der niederosterreichischen 
Landes-Heil- und Pllegeanstalten in Wien. — Wer sich 
ernstlicli und unparteiisch mit den unsere .Architektur 
bewegenden Fragen beschäftigen will, wird aus den Aus- 
einandersetzungen mit dem phantasievollen und energi- 
schen Schöpfer der in vorliegendem Werke enthaltenen 
Arbeiten viele .\nregungen empfangen, mag er auf wel- 
chem Standpunkte nur immer stehen. r. 

Franz von Lenbach, Gespräche und Erinnerungen. 
.Mitgeteilt von W. Wyl. Mit mehreren bisher unvcr- 
lilTentlichten Bildern des Meisters. Geheftet 5 Mk., ge- 
bunden 4 .Mk. (Stuttgart, Deutsche Vcriagsanstalt.) 

.\us wirklich reiner Begeisterung und schwärmerischer 
X'erelirung ist dieses inhaltreiche Werkchen entstanden, 
und es hat dadurch sowohl seine \'orzüge als Nachteile. 
Dort, wo Wvl die Gespräche des .Meisters unverkürzt 
wiedergibt, hat er das Beste geboten. .Manches andere 
aber ist befremdlicher Xatur, namentlich dürfte die 
Einleitung, in der das ».Mönchlein Matteo Bandello als 
Spion des Lionardo da Vinci« hingestellt wird, mul 
hier als Parallele des \'erfasscrs zu Lenbach gegeben, 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTI.ICHK KUNST«, 11. JAHRGANG, HEFT (, i. JANUAR 1906 



VII 



doch nicilt die riclitigc Art, Kunstgeschichte zu sclireibcn, 
sein. .So sehr .luch leriier der Schreiher dieser Zeilen 
den Künstler und .Menschen Lenh.icli scliätzen gelernt 
h:U, nuiü er docli olTen erklären, d.iü Wjl, wenn er 
seine persönliche Anschauung vom Meister gibt, diesen 
seinem Wesen n.ich Tiicht völlig erk.mnt hat. Wenn 
das L'rteil r.enbachs über .Schaclc nach dessen Tode 
ziemlich scharf, aber in den wichtigsten Punkten richtig 
gefällt ist, so darf man auch kühnlich I.enbachs hägcn- 
schaften, die ihn als Künstler und als Mensch in keinem 
imgünstigen I.icht ersclieinen lassen sollen, zur Steuer 
der Wahrheit als rein menschlich beleuchten. Und da 
ist es vollständig unrichtig, wenn W'yl unter anderem 
schreibt: »Was über ihn (Lenbach) gedruckt wird, das 
interessiert ihn soviel, wie den grolJen I.öwen der 
.Menagerie die Bemerkungen des Publikums über seine 
Mähne.'! Im Gegenteil; Lenbach war erpicht darauf, 
daß immer über ihn und seine Kunst geschrieben wurde, 
l'änmal sagte er zu mir: »Nun habe ich eine .Aus- 
stellung im Kunsts'erein veranstaltet, und die Presse 
tut sie mit ein paar Worten ab! Über jeden Unfall und 
jede sonstige Kleinigkeit bringen die »Neueste Nachrichten ' 

I ganze Spalten.« Und wie konnte er sich ereifern, wenn, 
wie dies auch vorkam, einige tadelnde Bemerkungen 
über seine Kunst erschienen. So mancher Referent der 
».\llgemeinen Zeitung« und der »Münchener Neuesten 

i Nachrichten wußte von des .Meisters Zorn und L'nmut, 
die sich oft ins zoologische Gebiet verirrten, zu erzählen. 
.\uch wenn Lenbach gesagt: »er hätte bei Rubens 
Kammerdiener sein wollen«, so ist das faktisch niclit 
ernst zu nehmen, ebensowenig die von ihm öfters ge- 
brauchte Redewendung: »gegen Tizian, Rubens etc. 
sind wir, auch ich, alle Dilettanten«. Lenbach war gar 
nicht so bescheiden, er war sich seines Könnens voll 
und ganz bewußt, und eine gute Arbeit seiner fLmd 
wußte er selbst wohl am meisten zu schätzen. Ebenso 
ist es unrichtig, Lenbachs Weltanschauung mit dem 
Sehen eines Kindes, wenn auch eines glücklichen, schön 
entwickelten Kindes, zu vergleichen. Er war nichts 
weniger als kindlich naiv, vielmehr spekulativ und be- 
rechnend, gerade in der Kunst, und von einer »engen 
.\nlehnung an die Natur« konnte vollends bei Lenbach 
nicht die Rede sein. Er sali durch das .Medium einer 
ahen Kunst die Natur und zwar bewußt, und er blieb 
bei dieser Anschauung aus Überzeugung. Ganz falsch 
aber hat Wyl den Meister verstanden, wenn er die 
wunderbare Leuchtkraft der Alten in Farbe, Glanz, das 
Durchsichtige ihrer Bilder durch die Eigenart ihres 
Sehens darstellt: »Die Wiedergabe der Natur, wie sie 
die alten Meister durch ein harmonisierendes Gehirn 
gesehen haben.« Nein, einzig und allein schrieb Len- 
bach diese Eigenschaften den hervorragenden techni- 
schen Erfolgen zu, welche die Alten durch Empirie 
erreicht haben, als da sind: vor allem der helle Mal- 
grund, die vortreffliche Farbe und last not leasl die 
fast ölfreien Bindemittel nebst der geschickten .'Vus- 
nützung der technischen \"orteile. Noch manches könnte 
hier erläuternd angeführt werden, doch es sei genug. 
.Vis glücklicher Beitrag zur Monographie Lenbachs ist 
Jas kleine Werk Wyls immerhin wertvoll und sehr inter- 
essant zu lesen, und der zu lesen versteht, wird 
zwischen dem Mißverstandenen viele Goldkörner linden, 

Fr.mz Wolter 

Kaufmann, Karl Maria, Handbuch der christ- 
lichen Archäologie. Mit 239 Abbildungen. Pader- 
born, Druck und Verlag von Ferdinand Schöningh 190;, 
XVni imd 652 SS. 

Der auf dem Gebiete der altchristlichen Archäologie 
nicht mehr unbekannte Verfasser hatte sich daran ge- 
macht, in einem Bande das reiche, vielseitig zerstreute 
.Material in sechs Büchern unterzubringen und zu sammeln. 



Um nicht falsche Vermutungen über den Inhalt auf- 
kommen zu lassen, sei zuerst erwähnt, daß es sich nur 
um die altchristliche Archäologie handelt. Die verschie- 
denen Abschnitte sind in der Bearbeitung ungleich aus- 
gclallen, je nachdem der VerHisser sich auf bisherige 
.Monographien einzelner Teile stützen konnte. Dem 
ersten Buche, das allgemein orientiert über propädeutische 
Fragen, über Begriff, Umfang und .\ufgabe der Archäo- 
logie, über bisherige Forschungen und Forscher, über 
vorhandene und geplante Publikationen der Denkmäler 
selbst, ist eine sehr lleißige Zusammenstellung der Topo- 
graphie der .altchristlichen Denkmäler mit pünktlicher An- 
gäbe der in Betracht kommenden Literatur (S. 74 — 107) 
beigegeben. Das zweite Buch, die altchristliche .Xrchi- 
tektur (S. 109 — 188) behandelt Sepulcral-, Sakral- und 
Profanbauten. Die trefflichen Arbeiten von Nik. Müller 
und II. Holzinger leisteten gut orientierendes Material. 
F!s scheint, daß Wittig, die Anfänge der christlichen Ar- 
chitektur 1905, nicht mehr benützt werden konnte oder 
übersehen wurde. Das dritte Buch, Epigraphische Denk- 
mäler (S. 189 — 274) ist wohl am schwächsten ausgefallen 
und erhebt sich beinahe nur an Seitenzahl über den schon 
20 Jalire früher geschriebenen Abschnitt bei V. Schultze, 
Die Katakomben, die altchristlichen Grabstätten, Leipzig 
18S2, 235 — 248. Im vierten Buch (S. 275 — 486) ist gar 
vieles untergebracht: Malerei und Symbolik, Mosaik und 
.titchristliche Buchmalerei. Außer der Einleitung, welche 
über die verschiedenen Richtungen der Erklärung und 
Auslegung der Svmbole und altchristlichen Bildwerke 
spricht, ist der übrige Inhalt eine nach system.atischen 
Gesichtspunkten angeordnete Aufzälilung der vorhan- 
denen Bildwerke, wobei Wilperts neues Werk Vorbild 
und erster Führer war. Leider ist eine clironologischc 
Ordnung des Aufkommens der einzelnen Typen beinahe 
ganz unterblieben. Da die .Aufnahme der Symbolik im 
allgemeinen der Malerei zugeteilt wurde, ist auch die 
Plastik (S. 487 — J42) nicln zu ihrem Rechte gekommen. 
Die Sarkophagsymbolik verlangt eine andere Datierung 
.üs die der Malerei, und ist nach Ländern sehr verschieden. 
Überhaupt ist die Behandlung der Sarkophage äußerst 
arm ausgefallen, wo am meisten zu verdienen gewesen 
wäre. Auch die paar in betracht kommenden Statuen 
haben nicht die ihnen gebührende allseitige Würdigung 
erfahren. Besser ist dagegen wiederum der Abschnitt 
über Holz-, Elfenbein- und Metallskulpturen beh.indelt. 
Der koptischen Kunst, ihrer Eigenart, die so viel Pro- 
bleme aufwirft, sind noch einige Seiten gewidmet. Im 
sechsten Buch (S. 543 — 609), Kleinkunst und Handwerk, 
kommen Textilien, weltliche und kirchliche Kleidung, 
liturgische und Hausgeräte, die Anfänge christlicher Nu- 
mismatik zur Besprechung. 

Wir sehen, ein sehr reicher und weit ausgedehnter 
Stoff ist in dem Handbuch Kaufmanns ausgearbeitet; auch 
die nötige Literatur ist beigefügt. Das Urteil Strzygowskis 
(Vorwort VIII) an den Verfiisser: »^yas Sie im , Hand- 
buch' behandeln, ist nach meiner Überzeugung kunst- 
historisch betr.ichtet, eine Übergangszeit,« trifit die eigent- 
liche Schwäche des Buches. Nicht bloß Materi.alien- 
samnilung und systematische, nach sachlichen (jesichts- 
punkten durchgeführte .Anordnung genügt für die alt- 
christliche Archäologie, sondern man verlangt strenge 
lokale und chronologische Scheidung, um zu ersehen, 
welche Faktoren sich gegenseitig beeinilußt, welche 
Kunst- und Kulturströmungen über die christliche Welt 
ihre Wasser, und wohin sie dieselben gelenkt haben. 

Miinclicn l'heodor Scherm.inn 

Neuer Deutscher Kalender. Herr Kuntt Frank, 
Kaufbeuren, hat zum zweiten Male seinen Kalender au-s- 
gegeben, den der Maler .M. Lieben wein illustriert 
hat. »Neuer Deutscher K.ilender« ist sein Titel. Jedes 
Wort ist von Bedeutung. Der BegritT »K-alender« ist 



VIII B EILA GE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT i, i. JANUAR 1906 



gesättigt. Das Kalcndarium tritt in sein volles Recht. Es 
ist klar und übersiclitlicli und enthält die Angaben der 
Witterung, der Mondphasen, der Tagcslange und der 
Sternbilder. Es ist ein deutscher Kalender, dcutscli 
empfunden. Hr gibt deshalb wieder die deutsclien 
Monatsnamen, unsere lieben deutschcji Heiligen, deut- 
sclien Brauch in Kirche und Haus, deutschen Humor 
und die Reime, die deutsche Zungen auf die Namen 
der Heiligen geschmiedet haben. Das Neue aber an 
dem Kalender sind die Hildchen. Es ist damit eine Idee 
aufgegriffen aus jener Zeit, da unsere Ahnen noch nicht 
alle des Lesens kundig waren, aber nicht nachgeahmt, 
sondern mit modernem Geiste erfüllt. Bildchen füllen- 
den ganzen Kalender: zum Jahresanfang, zum Monats 
anfang, zu fast jedem Tage hat der Maler ein Bildchen 
gezeichnet, das nicht mehr und nicht weniger sein will 
als Illustration zum Text, d. h. weise Selbstbeschränkung 
im l-'luge der eigenen Gedanken und dabei tiefes Durch- 
dringen und klarer, selbsterlebtcr Ausdruck des Ge- 
gebenen. Die Zeichnung ist mit Rücksicht auf die Re- 
produktionstechnik breit und llächenhaft gehalten. Als 
Illustrationen sind die Bildchen zum größten Teil muster- 
gültig. Das deutsche Gemüt des Verfassers ist aber 
aucli im .Maler und so sprudelt auch in ihm deutscher 
Ernst und deutscher Scherz. Der Kalender wird für viele 
ein duell reiner Ereude sein. Der Kalender erscheint 
in zwei Ausgaben: Zu i M. und zu 
Verlag des Herausgebers Kurat Frank. 



PI', im Selbst- 



.^nton Wcniii: 

Kalender bayerischer und schwäbischer 
Kunst 1906. Herausgegeben von Jos. Schlecht. — 
Fachmännische Besprechung dieser schönen Publikation 
folgt. Der Kalender enthält ein prachtvolles Titelblatt 
in Mehrfarbendruck und 20 Abbildungen im Text. — 
X'erlag der Gesellschaft für christl. Kunst, München. 

Moderner Cicerone. Verlegt von der L'nion 
Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart. — Eine Reihe 
handlicher Bändchen, welche den Zweck haben, den 
Reisenden an den hauptsächlichsten Kunststätten in den 
Cienuß der Kunstwerke einzuführen. Dem Text sind 
viele kleine .-Vbbildungen beigefügt. Bis jetzt sind er- 
schienen: Florenz (gebd. M. 4.50); Rom 1, Antike Kunst 
(gebd. .M. 6) ; Rom II , Neuere Kunst seit Beginn der 
Renaissance (gebd. M. 4); Rom III, Die Umgebung Roms 
(gebd. M. 2.50); Wien (gebd. M. 5-50); Mailand und die 
Certosa di Pavia (gebd. M. 5); Venedig (M. .(.50). 

I.oy Hering. Von Dr. Felix Mader. — Mün 
chen, Verlag der Gesellschaft für christliche Kunst. — 
Über diese glänzend illustrierte Monographie folgt eine 
ausführliche Besprechung im nächsten Heft. 

Illustrierte Weltgeschichte. Herausgegeben 
von Dr. S. Widmann, Dr. P. Fischer und Dr. W. l'elten. 
40 Lieferungen ;\ 1 M.; zus. 4 Bände. München, .»Ml- 
gemeine Verlagsgesellschaft m. b. H. 

Den Prachtwerken > Katholische Kirche unserer Zeit<, 
»Illustrierte (Jeschichte der katholischen Kirche«, >lllu- 
strierte Geschichte der deutsclien Literatur« fügt die 
Allgemeine Verlagsge,sellschaft nun ein neues bei, das 
nicht minder glänzend zu werden verspricht. Der 4. Band 
(17M9 bis zur Gegenwart) soll zunächst erscheinen und 
liegen zwei Lieferungen vor, bei deren Ausschmückung 
aul den Geschmack und das Bedürfnis des Kunstfreundes 
weitgehend Rücksicht genommen ist. Alles, was zur 
Popularisierung der Kunst und zur Erziehung aller Kreise 
für die Kunst im Rahmen des christlichen Geistes bei 
trägt, ist uns willkommen; in diesem Sinne begrüßen 
wir diese neue Weltgeschichte bestens und werden wir 
ihr Erscheinen verfolgen. 



ZEITSCHRIFTENSCHAU 

Repertorium für Kunstwissenschaft. — 
|. Heft. — Francisco de Hollanda und Donato Gianottis 
Dialoge und Michelangelo. — Leonardo A.\ Vincis 
Stellung in der Geschichte der Phvsiognomik und 
Mimik. - - Konrad Witz und die Biblia Pauperum. — 
Zur Geschichte der.^dam KralTischen Stationen. I. und II. 
- Dürers Dresdener Skizzenbuch. 

Revue de lArt chretien. — IV"'« livr. — La vie 
de Jesus-{;hrist sculptee dans les portails (I" art.). — 
L'Art chretien monumental. — L'Archeologie du nioven 
äge et ses methodes (suite et lin). — iVeglise Ni-D. 
aux Martyrs ou de Saint-Paulin. — Carrelage en terre 
cuite. — Sur l'architecture italienne. — l.e tvmpan de 
Sainte-Marie du PrO ä Donzy. 

Gazette des Beaux-Arts. — \" Sept. — Les 
trois Drouais (I" art.). — M»= Breslau. - Whistler. 

Zeitschrift für bildende Kunst. — Heft 1. — 
Neuentdeckte Rembrandtbildcr. — Die Künstler als 

Schriftsteller und Kritiker. Heft 2. — Rasse, Kultur 

und Kunst. — Joseph .\nton Kochs Danteentwurf. ^ 
Die Flußgötter an den .Mcdicigräbern Michelangelos. — 
Die Künstler als Schriftsteller und Kritiker. 

-\rcliiv für christliche Kunst. — Nr. 9. — 
Kirchlich oder modern:- — Über die sogenannten >Livres 
d'heurcs'i (Schluß). — Alte Brunnen mit kirchlichen 
Beziehungen. III. — .Meister Peter von Breisach. 1. — 

Ein alter Kelch (im Besitz der Kirche in Wildberg). 

Nr. 10. — Die Ecksche Kapelle und die darin aufge- 
deckten alten Malereien in Niergentheim. — Fälschung 
von Kunstwerken. — Meister Peter von Breisach (Schluß). 

L'.\rte. — Fase. III. — Larte Bizantina all' Espo- 
sizione di Grottaferrata. — I.'antica facciata del Duomo 
di Firenze. — Gli affreschi del ("astello di Manta nel 

Saluzzese. Fase. IV. — Disegni di anticlii maestri. — 

.-\rnolfo di Cambio. — — Fase. \'. — Michelino da 
Besozzo e Giovannino de' Grassi. Ricerche sull' antica 
pittura lombarda. — La pittura napolet.ma del Riruisci- 
mento. — La toniba di Taddeo Pepoli nella chiesa di 
San Domcnico a Bologna. 



PRAKTISCHE WINKE 

BliANTWORTUNG VON ANFRAGEN 

Fronleichnamsaltäre. Zur Anregung in Heft 2, 
Beil. S. VIII, hatte Herr .\rcliitekt Hans Proppe in 
Trier die Güte , die Abbildung eines von ihm ent- 
worfenen und von den Lehrern und Schülern der Trierer 
Fortbildungs- und (iewerbeschule ausgeführten .Mtares 
zu senden, der bei der 1-ronleichnanisprozessioii 1905 
vor einem Hause aufgestellt wurde. Das Werk ist neu 
in seinen Formen und ohne Anlehnung an alte Stil- 
vorbilder. Der Aufsatz ist dreigeteilt ged.icht und erhebt 
sich vor einem dekorativen Hintergrund. Den Mittel- 
punkt des .Aufsatzes bildet ein plastischer, lebensgroßer 
('rucifixus, zu dessen beiden Seiten befindet sich je eine 
.■Mtartafel mit dem vorbildlichen Opfer .-Vbiahams und 
dem ebenfalls tvpischen Opier .Melchisedeclis. Ein blau- 
getönter Hintergrund stellt die Einheitlichkeit glücklich 
lier. Der Aufbau kann rasch aufgestellt werden. 



Redaktionsschluß: 10. Dezember. 




Alleinige Anzeigen- und Beilagen-Annahme durcli die Annoncen-Expedition 
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rla nebst zweitem Entwarf mit wichtigem Vor- 
und Schlußwort werden, solange Vorrat reicht, 
gegen Einsendung von 1 ]fl« in Briefmarken 
postwendend franko zugesandt vom Verfasser 
Pfarrer J. B. Bornlckel in Tharndorl- 
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woranl wir nniere Leser besonders aulmerksam machen. -IM 



Die dirisflidie Frau 

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für höhere weibliche Bildung und dirisflidie 
frauentötigkeif in familie und gesellsdiaH 

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Organ des katholischen Frauenbundes. 

Herausgegeben pom 

Chari^asüerband für das katholische Deufsdiland. 



VeranfwortlJdie Redaktion Für die „Ehrisflidie Frau": ßedwlg Dransfeld In Werl i. \9. 

FQr die Abteilung „Bus dem Kathollsdien Frauenbünde": 

Isabella pon Carnap in Köln a. Rh. 

IV. Jahrgang. Oktober 1905 bis September 1906. 
monatlich 1 Rummer. Preis pro Jahrgang: m. 4.-~. 



Die Aufgaben der gebildeten katholischen Frau waren zu allen Zeiten groß, aber die Anforderungen der 
Neuzeit haben sie noch erheblich gesteigert. Mächtige Bewegungen auf allen Gebieten des Geisteslebens und 
neuen teils ganz veränderten, teils noch in Umbildung begriffenen sozialen Verhältnissen steht sie heute gegen- 
über. Soll die Gesellschaft ungeschädigt aus denselben hervorgehen, so darf die katholische Frau am wenigsten 
ihre Mithilfe versagen. Von ihr hängt ja zum großen Teil die Ordnung der Familie, die Bewahrung all ihrer 
Glieder in Tugend und Frömmigkeit ab ; sie hat auch in der Gesellschaft so großen Einfluß als Verteidigerin 
der Religion und guten Sitte. Freilich, um da stets segensvoll eingreifen zu können, bedarf sie großer Umsicht, 
vielen Wissens und unermüdlicher Kraft. Ohne Anleitung und stete Anregung wird sie ihrer hohen Aufgabe 
nicht gewachsen sein. Diese wird die Zeitschrift »Die christliche Frau< auch in ihrem vierten Jahrgange 
in reichem Maße bieten. 

Sie bringt Aufsätze über Frauenleben und Frauenwirken in der Familie, wie auf sozialem und 
charitativem Felde ; apologetische und kirchcngeschichtliche Skizzen ; pädagogische, psychologische und hy- 
gienische Belehrungen, insbesondere aus der Kindererziehung in Haus und Schule; Biographien und Cha- 
rakteristiken hervorragender Frauen ; kürzere Novellen, ausgewählte Poesien und Aphorismen; Nach- 
richten über die Entwicklung des weiblichen Erziehungs- und Schulwesens sowie der Frauenberufe 
und der Vereinstätigkeit der Frauen in den einzelnen Kulturländern; Besprechungen hervorragender Erschei- 
nungen in Literatur und Kunst, die ebenso der christlichen Sittenlehre wie den Forderungen der Ästhethik 
Rechnung tragen sollen. Katholische Frauen, werbet für eure Zeitschrift! Prospekte und Probehefte 
liefert jede Buchhandlung und die 

Geschäftstelle des Charitasverbandes für das kathol. Deutschland 

zu Freiburg i. Br., Belfortstraße 20. 



Verlai: Getell*chtn Kir chri«tltche Kunti, C. m. b. H. — Für die Rcdikilon verannrorillch : S. Sliudbimer. — Für den InaertMnttll Tcnntwortllck : 

Koarad Ebert. — Druck von Alpboa« Bruckmana. Simtllcbe in Müacbea. 



2. Jahrgang. 5. Heft. 



1. Februar 1906. 




KCMsuaf Kvns 



fnonafsfchrift iur alle Gebiete der diriKI. KunH und der 
KunHiPiftenfchaft, lowie für das gefamte Kunitleben. 



Inhaltsverzeichnis : 

Kunsthistorische Wanderungen durch Katalonien: VII. Lerida. Von Dr. Ad. Fäh. — IX. Inter- 
nationale Kunstausstellung in München 1905. Von Franz Wolter (Schluß). — Arnold Gülden- 
pFennig. Von Detmar Hüffer. — Albrecht von Felsburg f. Von Architekt Franz Jakob Schmitt. 
— Die historische Baukunst auf der Lütticher Weltausstellung 1905. Von Fritz Hoeber. — Große 
Berliner Kunstausstellung 1905. Von Dr. H. Schmidkunz (Schluß). — Karlsruher Kunstverein. 
Von Bernhard Inv. — Zu unseren Bildern. — Düsseldorfer Kunstberichte. Von Professor Dr. Karl 
Bone. — Kunstverein München. Von Franz Wolter. — Kölner Kunstbrief. — Vermischte Nach- 
^« richten. — Bücherschau. — Zeitschriftenschau. 

30 Textabbildungen. 
Sonderbeilage: Gebhard Fugel, Verehrung des hl. Joseph. 

In Verbindung mit der Deutschen Gesellscliaft für christliche Kunst 

Ai/aASA»A»/aASAÄASÄ*AS/a^/aAiASASAi/aAs herausgegeben von der ASAÄ/ti/«/aA»/a^/»/a/<»/aA!>A»/a/^AS/»/aAs 

Gesellschaft für christliche Kunst, G. m. b. h., München 
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bayerischer und schwäbischer Kunst. 



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III. Jahrgang. 1906. 

Mit Rücksicht auf das 100jährige Jubiläum des Königreichs Bayern sind in den 
dritten Jahrgang dieses interessanten, prächtig ausgestatteten Kunstkalenders 
vorwiegend solche Kunstwerke aufgenommen, die ihre Entstehung der Initiative der 
bayerischen Herrscher zu verdanken haben. Im gleichen Rahmen bewegen sich auch 
die textlichen Beiträge: 

Unter Bayerns großem Kurfürsten. Von Dr. Felix Mader. — Traus- 
nitz und Neuburg. Von Dr. Jos. Schlecht. — Zwei Bauwerke der 
neuburgischen Witteisbacher. Von Dr. Alfred Schröder. — Schleiß- 
heim und Nymphenburg. Von Dr. Jos. Schlecht. — Bayerns erster 
König. Von Philipp Maria Halm. — Die Walhalla bei Regensburg. 
Von Dr. Jos. Endres. — Die Schöpfungen König Ludwig U. Von 
Dr. Friedrich Hofmann. 
20 auf der Höhe der Technik stehende Abbildungen von Kunstwerken schmücken den Jahrgang. 

Das Titelblatt in künstlerischem Vierfarbendruck, die Vermählung des Her- 
zogs Otto von Witteisbach mit der Gräfin von Wasserburg darstellend — eine vor- 
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Es sind dies zwei hochfeine Blätter nach hervorragenden Meisterwerken, nämlich 

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kirch von Karl Baumeister. 

2. Das innig empfundene Heilandsbild von Carl Dolce in der 

Dresdener Galerie. 

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Verzeichnis mit Abbildungen gratis. 






-KPH 




i<UNS'riiisr(^Ris(:iii{ Wanderungen hlrcii K.\'r.\i,(Aii-;N 

\'on Dr. AD. 1 .MI 
\'1I. I.crid.l 








ANSrCHT VON l.liRlDA 

TarragoiKi und Lurida regen zur \'crgleichung 
an. Die Lage heider Städte an aufsteigen- 
den Hügeln, die sie beleben und mit stol/en 
Bauten l:rönen, ist äußerst ähnlich, wenn 
aucii dort die architektonisciien Linien sich 
im blauen Meere spiegelnd brechen, während 
hier der ziemlich breite Fluß Serge dem 
Bilde Leben, Bewegung, selbst eine gewisse 
Frische verleiht. Auch historische Parallelen 
dürften sich zwanglos aufstellen lassen. 

Der Weg von Pöblet nach Lerida war an- 
ziehend, wechselreich. Bis über looom steigt 
die Bahn empor. Durch hügeliges Land eilt 
man der fruchtbaren Provinz entgegen. Die 
prächtigen Kulturen künden allenthalben den 
Segen einer in Spanien seltenen Wasserfülle. 

Die Bedeutung der Stadt kennzeichnet ihre 
Lage. Sie beherrscht den Eingang der weiten 
aragonischen libene, bewacht die Mündungen 
der östlichen Pyrenäentäler und die Pässe 
der Küstengebirge. Die strategische Wichtig- 
keit dieses Punktes wurde stets geschätzt. 
Heute noch spielt er als Waflenplatz eine 
Kolle. 

Die iberische Urbevölkerung dokumentiert 
ihr einstiges Dasein nicht in zyklopischen 
Mauern wie in Tarragona, nur in spärlichen 



.Münztunden, die das Interesse des 
Archäologen erwecken. Die römi- 
schen (jeschichtsquellen kennen 
die Stadt unter dem Xamen Ilerda. 
Cäsar eroberte sie und schlug hier 
die Legaten des Pompejus. Auch 
die Epoche der Westgoten hat 
keine Spuren zurückgelassen. 

Hingegen hat die kurz dauernde 
Herrschaft der Mauren sich künst- 
lerisch glücklich verewigt. W'enn 
auch Ludwig der Froinme schon 
799 die Araber wieder verdrängte, 
deutlich markiert sich ihr Autent- 
halt bis in die (iegenwart. Mit 
dem 12. Jahrhundert inauguriert 
sich die Blütenperiode. Raimund Be- 
rengar I\'. erhob IT44 Lerida zur königlichen 
Residenz, der Bischofsstuhl wurde wieder hier- 
her \erlegt. In glänzenden Synoden und Pro- 
vinzialkonzilien erneuerte sich das kirchliche 
und politische Leben. Man ersieht aus den 
Beschlüssen, dal.s der afrikanische Erbfeind 
an den Grenzen drohend lauerte. Jakob II. 
gründete 1300 eine Universität, die erst 1717 
nachCervera verlegt wurde. Das 17. und i H.Jahr- 
hundert kennzeichnen die Belagerungen und 
Erstürmungen der Franzosen, die ibio zum 
letzten Male siegreich in die einstige Königs- 
stadt einzogen. Heute tieffen wir die Provinz- 
hauptstadt, die etwas über 2401^0 Einwohner 
zählt, mit ihrem Bischofssitze und einem 
Lvzeum. 

Die Vergangenheit mit ihren glorreichen 
Kunstschöptungen un.d das strategische Uti- 
litätsprinzip der Gegenwart begegnen sich 
gegenwärtig in einem sonderbaren Konflikte. 
Ein Glück, daß wir Santas Creus und Pöblet 
kennen, denn der Anblick dieser Ruinen läßt 
uns hier den düstern Mars als ernsten Be- 
schützer der Kunstwerke begrüßen. Er hat 
sich mit diesen last allzu liebevoll verbunden. 
Sehnsuchtsvoll eilen wir unserni Hauptziele. 
der alten Kathedrale, entiregen. Zum Be- 



Die cliriitlichf Kunst. 11. 



102 



55^ KUXSTIIISTC^RISCIII- WAXDI-RüNGEN : LÜRIDA l^ö 



treten derselben bedürfen wir der Erlaubnis 
des gobierno militar, des Festungskoniman- 
danten. Freundliche Aufmerksamkeit hatte 
uns dieselbe bereits verschafft. Aut einem 
von starken Festungsmauern umschlossenen 
Gürtel thront der ernste Beherrscher der 
weiten Ebene. Fast düster wirkt das Auüere. 
Die ungegliederten Strebepfeiler scheinen 
wuchtige Überreste von Fortihkationsanlagen 
zu sein (Abb. Nr. 2). Nur Turm- und Clior- 
anläge deuten auf den Kultzweck des Baues 
hin. Auch nicht entfernt kiinnte man ahnen, 
daß dieses trotzige Mauerwerk eigentliche, 
dekorative Juwelen in sich birgt, selbst eine 
neue Perspektive für die Beurteilung der spa- 



bis 



s zum 16. Jahrhundert •» 



ist Kein ig 
legte. 1273 
Baumeister 
genannt. 



nischen Architektur 
erörtnet. 

Der eirunder der Kathedrale 
Peter IL, der 1203 den Grundstein 
fand die Konsekration statt. Als 
wird Pedro de Penatrevta {-'•■ 12H6) 

Der Grundplan zeigt ein dreischifiiges Lang- 
haus, dessen Breite im \'erhältnis zur Länge 
auffällt. Ein stark ausladendes Querschiff ist 
dem Hauptchor und den beiden Nebenapsiden 
vorgelegt. L^ber der \'ierung erhebt sich ein 
achteckiger Kuppelturm. Zwischen dem Kreuz- 






i.i:iiii).\ 



LOCKÜNTUKM DKK ALMIS KA llli;i)RAl.i; 
Ar. ^, V't-xt üben 



PORTAL 1)1;K VliRia ndicunt, 
AV. 3, Text unten 



gange im Westen und dem Hauptschitle ragt 
ein achteckiger Glockenturm aul, der erst im 
1 5. Jahrhundert seinen Abschlul.l erhielt. 

Bis 1717 diente die Anlage ihrem Zwecke, 
wurde sodann vollständig verbaut und ist 
heute noch eine Festungskaserne. Die kriege- 
rischen Ereignisse des 17. und beginnenden 
18. Jahrhunderts mögen die Einwilligung des 
Domkapitels zu dieser Änderung abgerungen 
haben, da ohnedies der Weg zum LIeiligtum 
für reifere Jahre, besonders bei drückender 
Hitze beschwerlich fallen mußte. Einzig der 
'Lurm steht noch im Dienste der neuen Kathe- 
drale, da diese eines solchen entbehrt. 

Ein Gang um den Bau führt uns zu den 
Portalen. Wir treten zuerst der Puerta de la 
Anunciata. derPforte der Verkündigung Maria, 
näher (Abb. Nr. 3). Die Ornamente der Kapitale 
und Pilaster sind romanisch. Das Motiv ge- 
drehter Fäden erinnert an textile Vorbilder. 
Der energisch profilierte Halbkreisbogen mit 
seinen tiefen Hohlkehlen zeigt, dem Auge 
auf (.ier Abbildung kaum erkennbar, in den 
Ornamenten die nämliche Zartheit. Die beiden 
Nischen über den Pfeilern weisen am Ab- 
schlüsse den Zackenbogen auf. Über dem 
(Jewcilbescheitel beachten wir im Kreisrund 
die Aufnahme des Cjlückrades mit Benützung 
frühchristlicher Motive. Den SchriftfVies mit 



yj^ KUNSTHlSTOI^SCIll-; \V.\\I)I;KUN(JEN: ij;i<ii)a mö 



lo; 



tkii W'ditin des Ave Maria in nicrl<\vürclig 
abbrcs ÜLTten Majuskeln schlieft über reizend 
wechselnden Konsolen die Bedachunj^ ab. 
lis mag paradox klingen, dal.i ein etwas kühn 
rekonstruierendes Auge, welches in die beiden 
Nischen die Figuren der \'erkündigung stellt, 
im Tynipanonlelde die klugen mul törichten 
Jungfrauen in i'eichen Reliefs schaut, von 
dieser Stätte \ ergleicheiul an die l^rautpiorte 
der .Sebalduskirche in Xiirnberg eilt In der 
ruhigen architektonischen .\nordnung, im 
dekorativen Glänze hat sie an den Ulern des 
.Ser<je ein \'orbild aulzuweisen, das sie nicht 
zu überbieten imstande \\.n\ 

Der Gedanke an in.iurisclie ( Irigiiuile. 
denen der christliche Künstler lolgte. wird 
LUIS an dei' Puerta de la Animciata nahe 
gelegt. An der Porta dels Mllols (Abb. Nr. .|), 
wie der Katalane diesen F.ingang der Kinder 




iVr. ^, Text oben 



bezeichnet, tritt die.se Idee mit imponieren- 
der Sicherheit auf. Der Ornamentist der 
romanischen lipoclie kennt zwar noch ani- 
malische Muster, aber sie sind spärlich. Die 
maurische Arabeske bildet die Domäne, auf 
dei- er sich heimisch fühlt. In unerschöpf- 
licher X'ariation schwelgt seine Piiantasic. 
An den Kapitalen, in den Leibungen des 
Portalbogens, am l'riese zwischen den Kon- 
solen legt er deren Resultate nieder. Er bricht 
selbst die starre Linie über den Sparren- 
enden mit den duftigen Gebilden seines 
Meii.Nels. für den Kunstfreund eine Reminis- 
zenz an die maison carree von Nimes. Die 
Begrenzung der Hohlkehlen mit Zickzack- 
lormen und ineinander geschlungenen Halb- 
kreisen kennzeichnet wieder die arabischen 
Linienspiele, welche allerdings dem roma- 
nischen Stile nicht fremd sind. Nur im knauf- 
besetzten Ruiuistabe war der Ar- 
chitekt weniger glücklich. Wollte 
er hier eigene Pfade wandeln ': 
Sie würden höchstens an die Wege 
in eine Drechslerwerkstätte erin- 
nern. Suchte er die Ringe, wie 
sie die Basis der arabischen Säule 
aufwies, mit deren stengelartigem 
Schafte in neuer Kombination zu 
zeigen ? Auch in diesem I'alle 
leuchtete über seinem Haschen 
nach neuen Eflekten kein günsti- 
ger Stern. Aber von dieser Ein- 
schränkung abgesehen, hat Pedro 
de Penafrevta hier ein dekoratives 
Meisterwerk geschaflen. Wenn die 
geklöppelte Spitzenmantille Spa- 
niens einer architektonischen 
Übersetzung fähig wäre, so würde 
Lerida ein solches Beispiel aut- 
weisen. 

Die Puerta de los Principes (.\bb. 
\r. 5), das Königstor. verdient 
diesen Namen in der Einfachheit, 
mit der diese Anlage dem Auge 
sich nabelt. Die romanische 
(irundtorm hinderte die Gotik 
nicht, ihre ornamentalen Genien 
zu entsenden. Den aufmerksamen 
Betrachter wird dieser Ausdruck 
nicht fremdartig berühren. Die 
.Miniaturkapitälchen , die Bänd- 
chen in den Hohlkehlen, beson- 
ders die I'igürclienreihe in einer 
derselben, das sind architekto- 
nische Nippsächelclien von eigen- 
artigem Reize, einer so intimen 
,, V, ,,„,„„., ,, Zartheit. dal,> sie in ihrem heuti- 

"en Zustande noch den Geist 



104 



©^ KUNSTHIST(MUSc;ill-: \VA\l)i;ia'NGEN 



IDA ^a 




l.i;iUDA 



KON'IGSPORTAL 



Xr. J, Text ^. loj 



ZU fesseln xermuLjcn. Die Hinfacliheit des 
bekrönenden und sciuit/enden Architraves, an 
dem nur die Konsolen einei' eingehenden Be- 
handlung unterzogen w urden . erhöht den 
Hindruck der El 



ey.mz dieses 



'rinzel.w'hens 
unter den Portalen der Kathedrale. 

Dieses Fürstenkind nähert sich übrigens 
einem einst majestätischen Throne, derPuerta 
de los Apostolos, dem gro(kn Aposteltore, 
das allerdings seines plastischen .Schmuckes 
beinahe gänzlich beraubt ist (Abb. Nr. 6). Im 
Spitzbogenfelde erblickt man noch die macht 
volle Figur des Weltrichters, die Engel mit 
den Posaunen und einzelne Gruppen von 
Zeugen des Schlußaktes der Weltgeschichte. 
In die Reliefs der Seligen und X'erdammten 
haben Barbarenhände zwei Fenster einge- 
setzt. Auch der Baldachin der 'Freninmgs- 
säule zwischen der einstigen 'Füre hat ihren 
Hauptschniuck verloren, nur die ehemals kaum 
sichtbaren acht F'igürchen zu beiden Seiten 
sind noch vorhanden. \'ollends \erschwunden 
ist das ganze Fleer der St.ituen und Statuetten 
in den Leibungen. Das X'oihandene. in \'er- 
bindung mit anderen noch zu berührenden 
Werken genügt indessen, um dem Cjeiste 
eine Rekonstruktion zu ermöglichen. Sie 
würde beweisen, dal.i sich dieses Werk würdig 
neben die Portale der großen iVanzösischen 
Kathedralen stellen darf 

.Mit der X'erloli/mi" von Einuanysanlayen 



sind wir wohl glücklich zu Ende, denkt 
mancher freundliche Leser. Ermüdet teilten 
wir seine Ansicht schon auf der Festungs- 
höhe. Ein einfacher Arbeiter, den unsere 
Neugierde zu interessieren schien, ersuchte 
uns, ihm zu folgen. Knarrend öffneten sich 
seinem Schlüssel die Türen eines Heuscho- 
bers. Wie grol.i war das Staunen, als uns 
in dieser Umgebung ein fünftes herrliches 
Portal begegnete, in den Details besser er- 
halten als alle übrigen, aber in trostlosem 
Zustande. Holzplosten stützen die aus ihren 
Fugen weichenden Bogen. Von unseren freund- 
lichen Begleitern war Dr. Arturo Massriera 
bereits seit acht Jahren Dozent am Lvzeum 
von Lcrida, Herr Prof Jose Martinez de San 
Miguel ist selbst Bürger der Stadt, aber beiden 
w ar dieses verborgene Kunstwerk unbekannt. 

Der Eintritt in die einstige Kathedrale, 
heutige Kaserne, macht uns mit neuen Über- 
raschungen vertraut. Intakt erhalten ist hier 
ein achtseitiger, gotischer Bau, der an die 
Kathedrale angebaut ist. Der ganze Reiz des 
Gewölbesystems der Gotik entfaltet sich im 
sternförmigen Linienspiele der Decke. Einst 
unstreitig ein lichtdurchfluteter Sakristeiraum, 
erblicken wir an den Wänden über Konsol- 
tischen Spiegel. Wir befinden uns wohl in der 
architektonisch reichsten — Rasierbude der 
Welt. 

Das gotische (irabdenkmal des Pere de Rev 
(.Abb. Nr. 9) in der Nähe ist zwar in seinem 
rtguralen Schmucke stark mitgenommen wor- 
den, allein die Weichheit der Gewandung der 




I.KKIDA 



APOSrtLTOR 



AV. 6, Text itfl'eitan 



e^ KUNST! lISTOKISCm-: \VAX1)1;KUNG1-\': I.I'-KIDA m)3 



105 




I. KRIDA 



SAN I.OREKZO 



AV. 7, 'JV-Vt S. tot unten 



ruhenden Haupthi;ur, die Anordnung 
Draperien des Hintergrundes, die klagen 
iiguren über dem (irabe, das bildete e 
ein plastisches Ensemble, welches in derreic 
(Irnanientation einen würdigen Rahmen 
gefunden hat. 

Im oberen Stockwerke der in die Kathe- 
drale hincingebauten Räume betreten wir 
die Schlatsäle der Soldaten. In langen 
Reihen sind die eisernen Bettstellen vor- 
iianden. Über dieser praktischen Nüch- 
ternheit des militärischen Alltagslebens 
aber sprolk imd treibt ein Blütenwald 
ornamentaler Gebilde von wunderbarem 
Reichtume, dem sich das Auge staunend 
gefangen geben muß. Es sind die rei- 
zenden Kapitale und reich skulptierten 
Bogenleibungen des Haupt- und Quer- 
schift'es der Kathedrale. In glücklicher 
Nähe pflückt der Geist die blumenreichen 
Ranken, in denen der romanische Stil 
am Jungbrunnen arabkscher Arabesken 
sich erneut und erfrischt hat. Die Um- 
wandlung der Kathedrale in eine Kaserne 
macht sich hier beinahe xersolmend gel- 
tend. Denn unmöglich wäre dieser 
seltene Genuß aus der 'Fiele der ursprüng- 
lichen .\nlage gewesen. Die prächtige 
Erhaltung flöl.^t uns vor den militärischen 
Behörden wie vor den einfachen Soldaten 
gleichzeitig liohe Achtuni; ein. 



der 
den 
inst 
hen 



Die letzte Merkwürdigkeit der Kathedrale 
ist der Kreuzgang, der allerdings total ver- 
baut ist. Mächtige Spitzbogen umschließen 
die primitiven Türen und Eensterder Kasernen- 
konnexe. Auf gekuppelten Halbsäulen ruhen 
die mächtigen Streben, die einem starken 
Seitenschube gewachsen waren. Heute muß 
man zufrieden sein, hier ornamentalen Reka- 
[litulationen der Kathedrale allenthalben dank- 
bar zu begegnen. Einst mußte er wirklich 
imponieren, dieser umlangreiche Glaustro. 
mit seinen hoch gewölbten Arkaden, deren 
Ernst der Reichtum ornamentaler Gebilde 
milderte, eine Aufgabe, die heute die Natur 
mit bedenklichen Fingerzeigen für die Zukunft 
übernommen hat (Abb. Nr. 8j. 

Die Frage wird sich aufdrängen : welclien 
Ersatz das Domkapital von L^rida für seine 
herrliche Kathedrale gefunden r Drunten in 
der Stadt gibt ims die neue Kathedrale die 
Antwort. Ein korinthischer Portikus stellt 
seine mächtigen Säulen am Eingange auf. 
Das weiträumige, aber etwas nüchterne Innere 
erweist sich als ein frostiger Bau aus der 
zweiten Hälfte des i8. Jahrhunderts. Der 
Reiselührer fertigt die Beschreibung desselben 
mit den Worten ab: in der Sakristei einige 
Bilder . Unsere Freunde waren diesbezüglich 
bessere Cicerones. 

Sclion die Chorstühle mit ihi'en Intarsien 
sind einer einziehenden Besichtisjun" wert, 




DUTAU. Di;s KRECZGANGS DER KATHEDRALE 
A'/-. S, Text oben 



io6 



©^ KLXSTHISTÜRISCHH WAKÜHRLXGHX : LliKIDA »^13 



da sie den Betrachtenden mit der spanischen 
Hagioi^rapliie vertraut machen, eine Aufkla- 
run_y, für welche der Kunstfreund aus dem 
Norden wirivlich daniibar ist, denn nur zu 
iuiufig begegnet er diesbezüghch Schwierig- 
keiten in der Erklärung von Werken der Plastik 
und Malerei, die sich keineswegs leicht heben. 
Erlesene Schätze bergen die Sakristeischränke. 
Wir gedenken eines vollständigen Ornates, 
Pluviale, Meßgewand und Dalmatiken in sara- 
zenischer Weberei, in jener doppelt gewirkten, 
ungemein zarten Seide, deren Überreste das 
Entzücken jedes Sammlers von Textilien 
bilden. Hier sind es nicht vereinzelte StoH- 




i.i.itiü.A, K.^rniiDK.'VLi; gr.'Vbm.al düs veke de iu;v 

A>. tj, /»mV S. 104 



müsterchen, sondern in seltener \'ollständig- 
keit erhaltene Ganzsachen, wie sie selbst das 
mit Recht berühmte Musee des tissus in 
Lyon nicht aufweist. Den Wert des Grund- 
stotfes erhöhen die prächtigen Stickereien der 
Einsätze. Die Stolen und Manipeln bestehen 
aus Leinenstoff, den die Gold- und Seiden- 
stickerei jedoch dem Auge entzieht. An einer 
Stole zählten wir 1 5 Halbfiguren in \'ierpässen, 
Arbeiten, die man aus stilistischen und tech- 
nischen Gründen dem 13. Jahrhundert zu- 
weisen darf. Zu diesen Juwelen gesellen sich 
noch 17 grol.^e Gobelins, die wieder an den Ka- 
thedralschmuck von Tarragona erinnern. End- 
lich erwähnen wir die gotische Custodia in 
Silber, eine jener mannshohen Monstranzen, 
wie sie wohl alle Kathedralen Spaniens auf- 
weisen. Sie werden an der l'ronleichnams- 
prozession von kräftigen jungen Priestern auf 
hoher Bahre getragen. 

Hatte uns Bädeker versichert : »zur Be- 
sichtigung der Stadt genügt ein halber Tag . 
so möchten wir die Richtigkeit dieser An- 
sicht nur mit einigen Hinweisen beleuchten, 
ohne auf Details einzugehen. In der Haupt- 
straße, Galle ALivor, stehen wir plötzlich vor 
einem prächtigen gotischen Portale. Hübsch 
sind seine Ornamente, von anmutsvoller 
frische die Figuren, als wären sie von der 
Puerta de los Apostolos dei' alten Kathe- 
drale hierher versetzt worden. Wir stehen 
Nor dem .Militärspital, einem ehemaligen Kloster, 
das in seinen Linenräumen den Kunstfreund 
in zahlreichen neuen Überraschungen fesselt. 
.\m Eingange in die genannte Straße be- 
gegnet uns die Casa Consistorial, ein roma- 
nischer Profanbau, an dem allerdings schon 
das 16. Jahrhundert seine Restaurationskraft 
\ersucht hat. Die Neuzeit hatte eben auf den 
Besuch des jungen spanischen Monarchen ein 
neues Dekorationsgewand der greisen Arclii- 
tekturgestalt umgeworfen. 

In der Nähe des bischöflichen Palastes finden 
wir das Kirchlein San Lorenzo, ein lieblich 
Kind der Gotik, das 1270 — 1300 entstanden 
ist, l^ie beste Zeit dieser Stilepoche verkörpert 
sich hier, frei \-on der Herbe ihrer zarten 
Jugend, aber auch entlernt \-on den maleri- 
schen Lizenzen, in denen sich die Renais- 
sance siegreich anzukünden gewohnt ist 
l.-\bb. Nr. 7). Was uns hier anzieht, sind drei 
prächtige .\ltäre. Zwei derselben sind Reta- 
blos in NLirmoi' init der originalen Fassung. 
Zehn licilige und acht Reliels zieren diese 
.Mtarbauten, um welche jedes Museum das 
schlichte Kirchlein beneiden dürfte, während 
sie hier in recht bescheidenen Seitenkapellen 
verlassen stehen. Ein dritter Retablo in ahn- 



5!SS« KUNS'I'IIIS'rOKI,S(,|||. WA\I)I-;RUNCF.N: I.r.KIDA f^& 



IO-; 





l.i:l!Il)A, l'KU\ lNZlAl,MUSm M 



KKI.IF.FS VOM IIOC:il.\LTAR DKR AI.TKX KA TMI-.DKALI-: 



/o tind 11, Irxt mit- 



lichcr Aiuirdiuiiii; zci^t durcli^cliciul .Nhilc- 
rcicn aut Goldgrund. Xirgcnds üihlt in.iii 
deutlicher als hier, welche Ähnlichkeit der 
gotisciie Altarbitu Spaniens mit unseren l'lügel- 
altäreii auhveist, wie aber die \'erschieden- 
iieit des Materials zu einer anderen Dis- 
position drängte, deren Anordnung sicii auch 
die Malerei nicht zu entziehen vermochte. 

In den Stralkn und Gassen von Lerida 
bildet die hoch gelegene alte Kathedrale immer 
das C^rientierungszeichen. Die \'ervollständi- 
gung des dort Geschauten führt uns ins In- 
stituto provincial, das einem kleinen Museum 
Aufnahme gewährt. 

Drei Objekte sind es, die uns hier an- 
ziehen: eine Madonna und zwei Reliefs: Die 
Sendung des hl. Geistes und die Kreuzabnahme 
(Abb. Nr. lo, ii u. 12 J. Wir stehen vor den 
Überresten des Hochaltars der alten Kathe- 
drale. In (iedanken weisen wir der l-'igur ihre 
Stelle mitten im Altare an, lassen sie \on 
zwei weiteren Statuen flankieren und \er- 
niehren die Reliefs, dann ei'stelu der Hoch- 
altar \(in Tarragona \or unsei'en Blicken. 
Selbst stilistische Gründe scheinen auf eine 
solche Rekonstruktion hinzuweisen. Man glaubt 
hier eine Erstlingsarbeit des ims bereits be- 
kannten Juan de Tarragona zu erblicken, der 
dem weichen I-'luß der (Jewandung jene 
Aufmerksamkeit schenkte, die ei' später den 
zartesten Details zugewendet hat. Das lieb- 
lich naive Bild der Madonna steht künstle 
tisch auf edler Höhe. Das PHngstwunder ist 
in seiner starren Symmetrie nicht frei von 
Harten in der Komposition, während die 
Kreuzabnahme in freundlichen Kinzelnepi- 



soden sich zu verlieren scheint, aber dennoch 
die Hauptszene deutlich betont. 

Wie gerne möchte man den ( )bjekten 
dieses Museums eine Dislokation nacii ihrem ur- 
sprünglichen Aufstellungsorte g()nnen! Könnte 
dies nur ideal geschehen, indem eine tüch- 
tige Kraft sich der schönen, lohnenden Aut'- 
gahe unterziehen würde, die alte Kathedrale 
monographisch zu beleuchten, unter Zuhilfe- 
nahme aller Reste, die wieder gesammelt, ein 
ganz eigenartiges Bild entfalten mül.ken. 

Eine letzte Statte dürfen wir noch be- 
suchen. Draul3en vor der Stadt, in ruhiger 
Lage, erhebt sich der stolze Neubau des Diö- 
zesanseminars, das der damalige Bischof von 
Lerida, der unterdessen zum Erzbischof von 
Granada ernannt wurde, erbaut hat. Am 
I.Januar 1904 eröffnete er daselbst ein Diö- 
zesanmuseum, das wir fünf Monate nach der 
Inauguration besuchten. Beinahe die ganze 
Hälfte des Parterre ist diesem Zwecke reser- 
viert. W^ir fanden bereits ein trühromanisches 
Antependium, 16 Statuen in Holz, sämtlich 
^\'erke aus der Zeit vor dem 14. Jahrhundert. 
S Steinskulpturen der gotischen Epoche. Unter 
diesen gedenken wir einer prachtvt)llen Ma- 
donna mit Kind und der graziösen Figur 
einer heiligen Magdalena mit dem Salben- 
gefäß, eine Darstellung, welche die Erinne- 
rung an die bekannte Nürnberger Madonna 
wachriet. Einen \'orzug würden wir sogar 
dem W^erke von Lerida gewähren. l:s hat 
seine zarte originale Polychromie bewahrt. 
Kommen Sie in einem Jahre wieder^, 
sagte uns der verdienstvolle Initiant und 
Gründer des Museums, >:Sie werden diese 



io8 IX IXTRRX'ATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG IX MÜNCHEN 1905 



Räume so ziemlich angefüllt finden. Was 
der Aufwand ganz bedeutender Mittel ander- 
weitig nicht ermöglicht, das harrt hier nur 
der freundlichen Einladung eines kunstsin- 
nigen Kirchenfürsten. 

Wieder eilen wir hinauf nach der .Vnluihe 
der alten Kathedrale. \'or uns breitet die 
Diözese Lerida sich aus. Nur die äußerste 
Ecke derselben durchzieht der Schienenstrang. 
Die weite Ebene und die angrenzenden Pvre- 
näentäler sind von den modernen \'erkehrs- 
wegen noch getrennt. Welche Summe un- 
bekannter Kunstschöpfungen mögen diese 
weiten Gegenden bergen, da kein Lufihauch 
des versengenden Sturmes im 16. Jahrhundert 
sich dort bemerkbar machte. Die künstleri- 
schen Schöpfungen lassen noch heute die 
Königsstadt Lerida aut ihrem einstigen Throne 
erscheinen. Mit iurstlichem Stolze trägt sie 
das kostbare Diadem der alten Kathedrale 
auf ihrem verdienstvollen Haupte. Liebend 
nähern sich der Kunst zarte Kinder aus der 
Stadt ihren Stuten imd weithin über die Lande 
rauscht der hermelinbesetzte Purpur zum 




li;ru)a 

i'uovinzialmusj^im 



MADONNA Al'S 1)1 K 
AL'n:N KA IHEDKALI-; 



.\v. /.?, y'i-xf s. /o/ 



Schutze desjenigen, was Kunstfertigkeit und 
gläubige Opferwilligkeit geschaffen. 

Der alten Kathedrale entsenden wir ein 
dankbar wehmutvolles Have Auf hoher Warte 
erscheint sie dem Leuchtturme gleich, der in 
die Kunst Kataloniens, vielleicht Spaniens, 
überhaupt neue Lichtstrahlen entsendet. Die 
Zartheit und Ligenart der romanischen und 
gotischen Ornamentik hat uns oft überrascht. 
Eine leise Vermutung nimmt volle Gestalt 
an. Die christlichen Künstler haben den mau- 
rischen Werken den Formenduft der .Ara- 
beske entnommen, ohne sich ihren architek- 
tonischen Schwächen gefangen zu geben. 
Das Reich der Omaijaden hat dem Lande 
tiefe Wunden geschlagen , die Kunst und 
Kulturgeschichte jedoch setzt den dunklen 
Schatten manch lichtvolle Partien gegenüber 

(Fortsetzung folgt) 



IX. IXTERXA'riOX.ALl-: Kuxsr- 
AUSSTELLUXG IX MUXCHEX 1905 

\'on 1-R.\NZ WOLTER 
(Schluß) 

Die holländischen Künstler machen den abge- 
klärtesten, harmonischsten F,indruck, das 
Gesamtbild ist aber alljährlich das gleiche. Sie 
werden mit ihrem soliden Können und der 
klaren Darstellungsart jeden Kenner von Kunst 
hoch erfreuen, und bei ihnen befindet man 
sich an einem Beruhigungsort nach den .Auf- 
regungen und den lauten Lärmen, die andere 
Säle der Fremden hervorrufen. Unter den 
Xiederländern überninunt die Führung der 
bereits betagte Jozef Lsrae I s, der mit einem 
Selbstbildnis und Literieur vertreten ist, die 
luu' seine frühere Kraft ahnen lassen. Israels 
beeinflul.k seine Landsleute, man sieht viele 
Bilder, die in direkter Anlehnung an ihn ge- 
schalfen wurden, so ^Mutter und Kind - von 
Kever, /.Haus des Landmannes, von Bern- 
hard Blömmer und \ieles andere. Selbst 
Briet ist\'erehrer Israels', erreicht aber durch 
seine persönlichen Eigenschaften wundervolle 
Stimmungen. Sein Interieur au^ Xord-Brabant 
ist wolil die edelste Perle. .Auch Breitner 
hat seine Kunst vertieft, wie ein alter A'ene- 
zianer sieht die »Straßenanlage in Amsterdam . 
aus; Gort er ist mit einem Heideweg m 
weiter Landschaft glänzend vertreten, das 
Bild erinnert fast an Hobbema. Tüchtige 
Arbeiten brachten auch W. Zwart, .Mesdag, 
Chattel. Schild t. Koster, Martens, 
Klinkenberg. Therese Seh wart ze ist 
in ein süßliches Fahrwasser t^eraten , ihre 



I\ l\-|'l'K\'.\'ri()\.\I.l': KL'K.STAU.SSTlil.LUXG IN M('\f;ill-N 1905 



109 




FRANZ URBAN 



HI. ROCHUS 



li'ilherL-n '15ili.l- 
iiisst- hatten 
iiicliil\i'.ilt. An 
Hasse dürfte 
aber der ilott 
in starlser l'arh- 

lu'liandlunt; 
\\"iederge<;ebe- 
nen Studie In 
der Scheune. 

v(in Bis- 
s c li o p - R ()- 

b e r t s n 
niclits uhnh- 
dies an die Seite 
zu stellen sein. 
Von den Stille- 
ben sind die 
des verstorbe- 
nen Ch r. Bis- 
se iiop vorzüg- 
lich, auch die 
Tierbilder J a n 
V a n 1: s s e n s 
und die glit- 
zernden Fische 
von Koel t s jr. 
Das\'orbild lür 
\ iele Maler ist 

\'an der 
Waay;ermalt 
die hübschen, 
viel begehrten 



/vV. Internatiotiale Ktntstiiusstclluttg in 
Münchfit /0(ij 



Holländerin- 
nen. IIs ist auch 
diesmal mit ei- 
nem liübschen Mädchen da. welches zur Ab- 
wechslung einen Messingkübel in den Händen 
hält. 

Das Nachbarland Belgien ist wohl das un- 
ausgeglichenste aller Länder. Neben ausge- 
sprochenen Persönlichkeiten sehen wir den 
krassesten Dilettantismus, wie die >Kokottes 
von Thomas deutlich beweist. Unerfreu- 
liche Spielereien nehmen einen breiten Raum 
ein, spiritistische \'orwürte mit technischen 
Mätzchen gegeben. Ein altvlämischer Frei- 
heitsgedanke steckt in dem technisch gut 
behandelten »Lied der Geusen« von Walter 
Waer. Mehr zeichnerisch aufgefaßt ist das 
große Parzenbild von Leveque. Ein Aquarell, 
welches die meisten vielleicht nicht sehr be- 
achten, ist das Kircheninnere (Erinnerung an 
Flandern) von Ferd. Khnopff, ein Bild, das 
in seiner Zartheit und dem hohen künst- 
lerischen Emphnden mit zu dem Besten ge- 
luh't, was die Belgier gebracht. Die stille, 
erhabene Feierlichkeit eines hohen Domes, 



eines Gott ge- 
weihten Ilei- 
ligtumes ist 
noch selten mit 
so wenigen 
imd dennoch 
so ausreichen- 
den Mitteln 
glanzvoll zum 
Au.sdruck ge- 
bracht worden. 
Dieses in weni- 
gen grauen 
Farben gehal- 
tene Werk will 
anders betrach- 
tet sein als die 
vielen Kirchen- 
interieurs, die 
stets auf gros- 
sen Ausstellun- 
gen zu Dutzen- 
den vorhanden 
sind, hier ist 
künstlerische 
Weisheit aufs 
luichste mit 
dem mensch- 
lichen Emphn- 
den vereint. 
Eine ehrwürdi- 
ge, wunder- 
sam fesselnde 
Stimnmngum- 
tängt den Be- 
schauer, und 

es quillt aus den hohen Hallen hervor wie 
Orgelton und stilles Gebet. — In die rauhe 
Wirklichkeit versetzt uns Eugene Laer- 
maus: heimkehrende, von den Lasten des 
Tages niedergedrückte Bauern erzählen nur 
vom Druck, nicht vom Segen der Arbeit. 
Auch die Farbe ist schwer und zäh und die 
Figuren plump und primitiv. Bei Co n staut 
Meunieurs geborstenem Schmelzofen denkt 
man unwillkürlich an Menzel, aber wir er- 
kennen, wie grol.\ stark und einzigartig unser 
Altmeister war. 

Die Schweden haben in ihren beiden Sälen 
greulich gepflastert, wenn das Wort »Briet- 
markensanunlung :, irgendwo und -wie An- 
wendung finden kann, so hier und auch bei 
den Spaniern. Eine Buntheit und Zerrissen- 
heit ist erzeugt worden durch das unglaub- 
lich schlechte Hängen. Gibt man sich Mühe, 
die Bilder einzeln, jedes für sich zu betrachten, 
so entdeckt man viel Schönes, zumal in den 
Landschaften. Schwedens klare, reine Winter- 




FRAXZ URBAN 



HL. ELISABETH 



/,V. htientationale Kunstausstitlung in 
liliincheH igoj 



Die christliclic Kunst II. ^, 



HO IX. INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1905 




. r. TER MEULEN IN DEN HOLLÄNDISCHEN DUNEN 

IX. liiternathnnte Kuitstaitsstellniig in Mnitchen tgoj 



tage sind IiIlt überaus stimmungsvoll wiederge- 
geben. Aucii köstliche Innenraume entdeckt 
man, echt erhaltene alte Bauernstuben und 
Wohnungen kleiner Leute von malerischem 
Reiz. 

Dänemark erscheint in dieser Beziehung 
noch reicher, die besten Stücke dieses Genres 
iiängen in diesen Siilen. Zu nennen sind 
Mols, Hol so e; letzerer Meister versteht es, 
das 1-linuiiern des einströmenden Lichtes wahr 
und künstlerisch zugleich zu verkörpern. Es 
fehlt aber in beiden Ländern an Genies, an 
leitenden Persönlichkeiten, gottbegnadeten 
Künstlern von starker Eigenart, die nicht 
Sklaven der Natur, sondern ihre Beherrscher 
sind. Die südlichen Länder, einst die Pflege- 
stätten der schönen Künste, treten immer 
mein- hinter die nordischen Völker zurück. 
Am deutlichsten bemerkt man dies in den 
spanischen Sälen. Dort, wo noch alte Tra- 
dition mitspricht, lindet man vereinzelte gute 
Werke, trotzdem lehlt allen die \'ertiekmg 
im Thema, es ist luu' ein Schwelgen in 
reiner Sinnenlust und Earbe. Bezeichnend 
hierfür ist das große, als »Armida;: bekannte 
Triptvchon von (", hicharro, das in seiner 



Üppigkeit und dem sinnfälligen Farben- 
rausch jeder inneren Wirkung bar ist. 
Noch weniger ist solche bei den Rauf- 
und Mordszenen von Bermejo So- 
bera zu verspüren, auch nicht bei den 
Ballspielerns von Pinazo Martinez. 
Nicht viel besser sieht es bei den 
Ungarn aus. Die Kunst trägt hier 
keine nationale Prägung, die meisten 
Könner haben französische Art ange- 
nommen , ebenso wie das internatio- 
nalste Volk, die Amerikaner. Etwas 
Heimatloses, Fremdes zieht daher durch 
die ganze ungarische Kunst, und selbst 
die brillanten Studienköpte des verstor- 
benen Munkäcsy, die sich wie leuch- 
tende Perlen ausnehmen, zeigen fran- 
zösische Qualitäten. Mehrere treflliche 
Porträts und eine flotte Skizze brmgt 
Philipp Läszlo; Robert Wellmann, 
.\ladar Krisch und \'aszarv versu- 
chen sich teils in symbolischer, teils in 
realistischer Art, um die alten Stoffe 
christlicher Kunst in neue Gewänder 
zu kleiden, ohne an das religiöse Ele- 
ment, an die Verköperung der religiösen 
Idee zu denken. 

Viel einheitlicher, geschlossener ist 
die englische Kunst. Bei ihr sieht man 
noch die Nachwirkung gesunder Tradi- 
tion, und wenn sie auch Anregung \on 
außen nimmt, so bleibt sie dennoch in 
ihrem ganzen Charakter immer englisch, ja 
selbst deutsche Elemente verenglisieren jenseits 
des Kanals. Freilich zu ihrem Schaden, wie dies 
Hubert von Herkomer, Neven du Mont 
und Sauter beweisen. Betrachtet man die 
englische Kollektion, so geht eine milde, abge- 
tönte Stimmung von ihr aus. Kein E'euer- 
werk überrascht und blendet, sondern es er- 
geht dem Beschauer wie im Holländersaal, 
man glaubt, nach einem heftigen Gewitter, 
dem Lärmen und Toben in manchen Sälen 
der Premden, in ein stil 
gekehrt. 

Die auf einen kleinen Raum zusammen- 
gedrängten deutsch-österreichischen und slavi- 
schen Künstler machen dagegen einen Heiden- 
lärm. Schon die schreiende, an Wiener Tingel- 
Tangel erinnernde Ausstattung der Räume 
wirkt aufdringlich. Will man Wohnungsein- 
richtimgen zeigen, so mögen die halb Empire-, 
halb Hiedei'maierstuben in Grau und Cjelb des 
Wiener Ilagenbundes noch angehen, auch 
noch fürdd-cadente, degenerierte Blasiertheiten ; 
aber man nenne dies dann nicht mehr ernst 
zu nehmende Kunst. 

Die Polen verschiel.K'n iin' ijanzes l'euer in 



les ruhiges Tal ein- 



IX. INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG IX MÜNCHEN 1905 m 



'f^- 



wilder LL-idciisclKiftlichlvcit. ilir Tciiipcrainciu 
läßt sie nicht zur Besinnung kommen. Sie 
sind auch nur unselbständige Schüler der 
hranzosen und könnten wohl mehr leisten, 
wären sie hei der heimatlichen Scholle ge- 
hlieben wie dei' gro(k' Matejko, der gezeigt 
iuit, daß Eigenai't in der Nation steckt; auch 
Chopin hat es mit seiner 
Musik bewiesen. Aber 
Chopins aul malerischem 
Cebiete hiulcii wir nicht, 
auch Mehol'l'er, der sich 
als echter Pole vorstellt, ist 
nicht glaubwürdig. 

Die Böhmen setzen uns 
die Decadeiice ihrer malen- 
den lünglinge als Kunst 
\-or. Bei ihnen erscheint 
ebenfalls Pariser Nachah- 
minig. 

Am Mirteilhaltesten nimmt 
sich noch die WienerKünst- 
lergenossenschatt aus, es 
steckt solides Kiinnen und 
Gesundheit in ihren Füh- 
i'crn. In Karl Merodc 
begrüßt man sogar einen 
risterreichischen Menzel. 

Seine Schrauben- und 
Schmiedewaren werkstätte 
aus Floridsdorf ist brillant 
und saftig gemalt und trotz 
der Nüchternheit des Ge- 
genstandes von hohem ma- 
lerischem Reiz. Die altbe- 
währten Künstler Isid. 
Kauf mann, H. v. An- 
geli, P. l\anowits, K. 
Poch walski sind mit trefl- 
lichen Werken erschienen. 
KarlPippich hat in den 
durstlöschenden Soldaten 
ein prickelnd farbiges Bild 
geschaffen. Die Wiener Se- 
zession ist äußerst schwach 
vertreten wohl infolge der 
Spaltung, die in ihrer Mitte 
stattgefunden. Zu erwäh- 
nen sind nur die Bilder von 
J. Engelhart und Die Sorge« 
Z e 1 1 m a r. 

Wir sind zu Ende mit den 
Gästen, und wenn wir das 
Fazit ziehen, so sehen wir 
Resultat. Dies predigt uns 
lieber Stimme: schlagen 



Türen zu vor den vielen Fremden. Der Staat 
liat ihnen allen in vollstem Maße gegeben, 
was sie hier in München verlangten. Wir 
haben dort, wo die Ausländer den Deutschen 
überlegen waren, dies anerkannt, jetzt ist es 
endlich Zeit mit der fremden Kunst zu brechen, 
damit sich der Deutsche auf sich selbst und 





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1 




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FLORIS ARNTZENIUS 



N.ACH DKM REGES 



IX. Ititrynitth'iutle KunstaussieUung hi Miittckett jgoj 



von KUUO 



If 



auslanuiscilcn 

künstlerische 

ein trauriges 

mit eindring- 

wir endlich die 



seine Kunst besinne und auf seine eigene 
Kraft vertraue. Die heimischen Künstler sollen 
sich für uns betätigen und für das deutsche 
\'olk; durch ihre SelKständigkeit werden sie 
sich am sichersten die Wertschätzung des Aus- 
landes erringen und so ideell wie pekuniär 
nicht schlecht fahren. 



»s* 



I 12 



S-:^ ARNOLD CÜr.Dl-XPFl-XNIG ^Ö 



ARNOLD GÜLDENPFENNIG 

Zum 50jährigen Jubiläum 

als Diözesan- und Dombaumeister zu Paderborn 

Von DETMAR HÜFFER 

Als ein Sohn ^\'estialens wurde Anmld 
Güldenpfennig am 1 3. Dezember des Jahres 
1830 zu \\'arburg an der Diemel geboren. 
Sein X'atcr, der Jüngste \on drei Brüdern, 
von denen der eine spater als Arzt in Ham- 
burg tiitig war, der andere als Offizier in 
russischen Diensten stand, war dort im Steuer- 
iach angestellt, nachdem er schon als 
16 jähriger Jüngling in das Lützowsche Frei- 
korps eingetreten war und als freiwilliger 
läger die 1-reiheitskämpfe mitgemacht hatte. 
Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt 
Arnold Güldenpfennig auf den Gymnasien 
zu Münster und .Minden, an welch 
letzteren Ort die Eltern später übersiedelten. 
Nach glänzend bestandenem Maturitätsexamen 
führte ihn seine Neigung zum Baufach. Die 
theoretische Ausbildung erhielt er auf der 
Bauakademie zu Berlin, die damals gänz- 
lich unter der Herrschaft der Antike stand. 
Seine ersten Beziehungen zur Gotik rühren 
aus der dem akademischen Studium vorher- 
gehenden, einjährigen, praktischen Lehrzeit, 
in der ei' mit lebhaftem Interesse eine sorg- 
fältige Aufnahme des Domes zu Minden 
fertigte, die in die Lübkesche Kunstgeschichte 
Aufnahme fand. Schon das Jahr 1S54 führte 
ihn nach Paderborn. Hier leitete er zu- 




J.\COIi KKVKK 



AV. IntcrnationaU Kiinstausstfllutig itt München iqoj 



nächst unter dem damahgen Dombaumeister 
Uhlmann den Bau des neuen Flügels des 
Priesterseminars. Nach dem sehr bald darauf 
erfolgten Abgang Uhlmanns trat Gülden- 
pfennig zuerst provisorisch an dessen Stelle, 
wurde aber bereits am 9. Februar 1856. in 
dem jugendlichen Alter von 25 Jahren, 
definitiv als Diözesan- und Dombau- 
meister angestellt. 

Das Eintreten Güldenpfennigs in seine 
praktische Tätigkeit fällt in eine Zeit leb- 
hafter geistiger Bewegung auf dem Gebiete 
der Baukunst. Das Wiederanknüpfen an die 
große ^'ergangenheit des deutschen Volkes 
auf dem Gebiete der Kunst überhaupt, wie 
es von den Romantikern im Anlang des 
Jahrhunderts inauguriert wurde, durchdrang 
gleich einem Sauerteig alle künstlerischen 
Bestrebungen. Materiell unterstützt durch 
die Kunstmäcene. insbesondere aut dem 
preußischen und baverischen Kiniigsthrone, 
geistig gefördert durch die geistreichen 
Schriften und Reden August Reichens- 
pergers, gleich seinem Freunde Mon- 
talembert voll von glühender Begeisterung, 
durch das große Prachtwerk Sulpiz Bois- 
serees über den Kölner Dom und die 
Schriften und Zeichnungen der genialen 
\'iollet-le-Duc und Ungewitter, sowie 
anderer führender Geister, nahm jene groß- 
artige Bewegung nach der monumentalen 
Kunst des Mittelalters hin einen mächtigen 

Aufschwung, und das 
weite Wellen schla- 
gende Ereignis des 
.Ausbaues des Köl- 
ner Domes zog die 
besten der damaligen 
Künstler in ihren 
Bann. Daß da eine 
so fein empfindende 
Natur wie die (iülden- 
pfennigs nicht abseits 
stehen konnte, war 
selbstverständlich. Die 
poetische Auffassung 
der ganzen Richtung, 
die konstruktiven Ge- 
danken und edlen F'or- 
nien der Gotik ins- 
besondere begannen 
gar bald, es ihm an- 
zutun. und ließen ihn 
in ein eifriges Studium 
derselben eintreten. 
Line besondere För- 
derung 'dieser Stu- 
dien erhielt Gülden- 



l.i;SESTUNDE 



E?^ AKXOI.I) GÜLDENPFEXXIf 



1 1 • 




LOÜlS APOI. 



WINTEK IM WAl.UH 



L\'. Intt:rnatioruiU Kunstansstctlttng in Miiiichcn tgoj 



ptcniiig durch I- ric d rieh Schmidt, den 
grol.ien Werkmeister an der Köhier Dom- 
hauhütte, dessen persönliche Bekanntschaft 
und hervorragende Leistungen von tiet- 
gehendeni Einfluß auf ihn waren. So trat 
die Richtung der durch die BerHner Akademie 
vermittehen Ausbildung sehr bald zurück, 
und die Lebensaufgabe des jungen Dombau- 
meisters wurde nunmehr die Gotik und die 
in mancher Hinsicht aut ähnlichen Grund- 
gedanken und Auffassungen beruhende 
romanische Baukunst. Dieser Lebens- 
autgabe ist er treu geblieben, und wenn, 
wie August Reichensperger gelegentlich in 
interessanter Weise ausführt, die Gotik einen 
ganzen ALtnn verlangt und sich nicht im 
Nebenamt behandeln läßt, so hat sie ihrer- 
seits aus Güldenptennig einen ganzen Mann 
gemacht und ihm die Liebe vergolten, die 
er ihr entgegengebracht und unverbrüchlich 
gehalten hat. Ja, gerade sie hat ihn be- 
fähigt, aus ihren konstruktiven Gedanken 
und dem sorgfältigen Studium der Formen 
überhaupt heraus auch die übrigen Stile, 
insbesondere die Frührenaissance, aber auch 



die späteren Bautormen bis zum Empire mit 
Meisterschaft zu beherrschen, wofür nicht 
wenige Ausführungen der Architektur wie 
der Kleinkunst ein glänzendes Zeugnis ab- 
legen. 

Um den weiteren Entwicklungsgang Gülden- 
pfennigs und die immer tiefer gehende Durch- 
dringung seines Arbeitsfeldes — mit der die 
steigende Beherrschung der Formen gleichen 
Schritt hielt — genügend schildern zu können, 
bedürfte es eines wenn auch nur kurzen Ein- 
gehens auf wenigstens seine Hauptschöpfungen, 
das namentlich auch sein rasches und sein 
stetiges Fortschreiten in der A'ollendung seiner 
Werke dartun würde. Leider steht uns hier- 
zu aus äulJeren Gründen gegenwärtig Raum 
und Zeit nicht zur \'erfügung, so daß wir 
selbst an Bauten wie die Kirchen in Ham- 
bui'g, Horas, Lübeck, FLtlle a. d. S., Kiel, 
Witten, Paderborn, Castrop, Ruthen, 
Büderich, Langenstrasse, Stassfurt, 
Hamm, Mülhausen, Driburg, oder die 
Restaurations arbeiten des Paderborn er 
Dom es, der Gaukirc he daselbst, der Severi- 
und AUerheiliuenkirche in Erfurt, der 



114 



©^ ARNOLD GULDEXPFENXIG J^Ö 



Nikolaikirche in Oberniarsberg, der ba- 
rocken Stadtkirclien in Fulda und Lissa, 
der Kiliani- Kirche in Höxter lediglich er- 
innern können, ohne irgendwie auf sie ein- 
zugchen. Wir hoHen indes, das in einem 
späteren Artikel nachzuholen. 

War dem Kirchen bau naturgemäß Gülden- 
pfennigs Lebensaufgabe zugewendet, so zeigen 
zahlreiche, teils damit in Beziehung stehende 
Bauten, wie das theologische Konvikt mit 
Kirche zu Paderborn, das Mutterhaus der 
Schwestern der christlichen Liebe und 
der barmherzigen Schwestern, beide mit 
Kirchen, die Erweiterungsbauten des Klosters 
der sogenannten fra n z ösi s c h e n N o n n e n und 
des Knabenseminars, sowie das Waisen- 
haus daselbst, das Kloster der Oblaten 
nebst Kirche in Hünfeld, die Restauration 
des Ursulin enklosters nebst Kirche in 
Erfurt, sowie zahlreiche reine Protan- 
bauten der verschiedensten Art und Aus- 
dehnung die Vielseitigkeit des Meisters. 

Schon zu Anfang der siebziger Jahre wurde 
in der englischen Bauzeitung ■ The builder 
das von Güldenpfennig im Jahre 1866 im 
gotischen Backsteinstil erbaute Wohnhaus 
zu Paderborn von dem als Kunstkritiker be- 
kannten Mr. Brewer mit einer eingehen- 
den, sehr anerkennenden Besprechung ver- 
öffentlicht. Ein von demselben Kunstschrift- 
steiler im Royal Institute zu London ge- 
haltener \'ortrag über eine Reihe von ander- 
weitigen Arbeiten Güldenpfennigs hatte zm' 
Folge, daß der Vorschlag, letzteren zum 
Ehren- und korrespondierenden .Mit- 
glied des königlichen Instituts briti- 
scher .\ rchitekten < zu ernennen, mit all- 
seitigem lebhaftem ik-ifall angenommen wurde. 
Aus dieser Zeit rühren die mannigfachen 
Beziehungen Güldenpfennigs zu den führen- 
den englischen Architekten her, welche durch 
Korrespondenzen und Reisen noch gefestigt 
wurden. — Da inlolge des Kulturkampfes die 
Kirchenbautätigkeit in Deutschland sehr zu- 
rücktrat, wiu'de ihm von seinen englischen 
Freunden der (iedanke nahegelegt, ganz 
nach England überzusiedeln. Insbe- 
sondere interessierte sich für dieses Projekt 
auch Kardinal Mann in g, auf Grund von 
Emplehlungen des Bischofs Konrad Martin. 
Doch konnte Güldenpfennig, so viel \'er- 
lockendes der (iedanke auch für ihn hatte, 
sich nicht entschliel.^en, sein \'aterland zu 
verlassen, und so sehen wir ihn erireulicher- 
weise noch heute in seiner von ihm lieb- 
gewonnenen Stellung und Tätigkeit, für die 
dann mit dem Nachlassen des Kulturkampfes 
auch wieder bessere Zeiten erwuchsen. 



Müssen wir es uns heute versagen , auf 
die einzelnen Arbeiten Güldenpfennigs näher 
einzugehen, so erscheint doch eine Würdi- 
gung der Eigenart seines Schatlens in 
grol.^en Zügen geboten. 

An erster Stelle wird sich hier die Frage 
erheben, worin das Persönliche und Reizvolle 
seiner Entwürfe liegt, und da wird man zur 
Beantwortung zunächst den in ihnen ausge- 
sprochenen Gedankenreichtum hervor- 
heben müssen. Um diesen voll zu würdigen, 
muß man durch Jahrzehnte hindurch Zeuge 
gewesen sein, wie bei Inangritfnahme einer 
Aufgabe eine Fülle von Lösungen gewisser- 
mal.^en auf den Meister eindrang, und wie 
die Schwierigkeit wesentlich darin bestand, 
aus vielen schimen schließlich die beste her- 
auszufinden. Und diese Schwierigkeit war 
oft wirklich grol.i, denn die einzelnen Ent- 
würfe waren mit einer solchen Liebe durch- 
dacht, daß jeder seine besonderen Vorzüge 
hatte. Diese große Hingebung, dieses nicht 
bloß verstandesmäßige Sichversenken in die 
gestellte .\ufgabe kennzeichnet Güldenpfennigs 
Art zu arbeiten und tritt dein verständnis- 
vollen Beschauer unwillkürlich entgegen. Je 
mehr man in die Arbeiten eindringt, um so 
mehr erkennt man ihre feine, liebevolle Durch- 
arbeitung. Dabei kommt dem .Meister eins 
besonders zu statten, das ist die Leichtig- 
keit der Formgebung, welche ihrerseits 
sich wiederum stützt auf die eingehendste 
Kenntnis der Prinzipien und Detailtormen, 
und zwar nicht nur des gotischen Stiles, 
sondern auch aller übrigen. Er beherrscht 
sie derart, daß man nur sagen kann, er denkt 
vollständig in dem Stil, den er im einzelnen 
gegebenen Fall verwendet, und die Form er- 
gibt sich spielend von selbst. Alles dieses 
würde indes noch nicht genügen, vollendete 
Kunstwerke zu schaffen, wenn nicht als Wich- 
tigstes hinzukäme ein in seltenem Maße aus- 
gebildetes Schönheitsgefühl. Das ist der 
(ienius des Künstlers, der wohl ausgebildet, 
abei' nicht anerzogen werden kann; das ist 
die (iottesgabe, die ihm in die Wiege gelegt 
wird. Und dieses Schönheitsgefühl ist bei 
(iüldenpfennig ein uni\erselles. Es erstreckt 
sich nicht nur auf die i^aukunst oder Skulp- 
tiu', sondern auch auf Malerei, Poesie, Musik, 
kurz alle \'erhältnisse des menschlichen Lebens; 
es ist ihm eine durchaus poetische und künst- 
lerische .\ufYassung aller Dinge eigen. 

Aus diesem entwickelten Schönheitsgefühl 
heraus'erklärt sich auch die weise i5eschrän- 
kung in Anwendung reicher Formen. Die 
große Einfachheit ist charakteri.stisch für 
Güldenpfennigs Bauten. So reiche Formen 



©S&! ARNOLD CrLDENPFENNIG »«K3 



1 1 ■ 



ihm /u Gebote stehen, er wendet mit X'or- 
Hebe einfaclie an. lir hat das große Geheim- 
nis eri,'rundet, dali die Kunst nicht so sehr 
in den l-'ormen als in den Verhältnissen 
beruht, dali einlache l'ormcn als solche nie- 
mals unschön zu sein brauchen, da(i aber 
reiche, an iler unrechten Stelle verwendet, ge- 
radezu un- 
künstlerisch 
wirken. Die 

l'ormen 
kann man 
durch 1-leil.i 
und .Studi 
umzu hand- 
haben lei'- 
nen, ohne 
den Geist 
ertal.it zu 
haben. Und 
wenn die 
angestrebte 
Wiederbele- 
bung der 
Ciotik nicht 
in dem er- 
hort'ten Mas- 
se und Sin- 
ne zu einer 
Erneuerung 
und Wieder- 
geburt der 

Baukunst 

überhaupt 

geführt hat, 

so ist daran 

zum nicht 

geringen 
Teile die 
grolk' Zaiil 
derjenigen 
sogenann- 
ten Gotiker 
schuld, wel- 
che glaub- 
ten, mit den 

gotischen 

Formen, 
dem Spitz- 
bogen, der l-'iale, dem Kapitell und dem Strebe- 
pfeiler sei es getan , denen aber der Geist 
fehlte, die Formen zu beleben und zum Kunst- 
werk zusammenzufügen. Die Kunst aber 
m u ß e m p f u n d e n sein. Der Künstler 
erfaßt sein Werk intuitiv. Die Ver- 
standestätigkeit allein befähigt nie- 
mals zum wahrhaft künstlerischen 
Schaffen. 



ration unU zum 




MAKTI.\US SCHII.ni- 

/.Y. Itlli-iuntionalt- Kunst, u 



-Mit diesem Schönheitsgefühl, mit der Fähig- 
keit, sich in gegebene Verhältnisse einzuleben, 
verbunden mit weitgehendem \'erzicht auf 
äußere Mittel, hängt wesentlich eine andere 
ganz spezielle Gabe Güldenpfennigs zusammen: 
das ist sein besonderes Geschick zur Restau- 
Ausbau alter Bauwerke. 
Indem er 

hier den 
(jcist des 
ursprüng- 
lichen F.r- 
bauers, wie 
er sicii in 
dem vor- 
handenen 
Werke aus- 
prägt, ganz 
auf sich wir- 
ken läßt, in- 
dem er le- 
diglich aus 

diesem 
(ieist her- 
aus, unter 
bescheide- 
nem Zu- 
rücktreten 
seiner eige- 
nen Persön- 
lichkeit wir- 
ken will und 
deshalb mit 
peinlichster 
Sorgfalt al- 
les künstle- 
risch \\'ert- 
volle zu er- 
haltenstrebt 
imd nur un- 
künstleri- 
sche, schön- 
heitswidri- 
ge, spätere 
Zutaten ent- 
fernt, weiß 
er Gedan- 
ken und For- 
men so aus 
dem X'orhandencn herauszuarbeiten, daß auch 
bei größeren teilweisen Neubauten in ganz 
auffallender Weise der Charakter der Einheit- 
lichkeit gewahrt bleibt. 

So konuut es, daß schon nach wenigen 
Jahren, wenn eine gewisse Patina des Alters 
sich eingestellt hat, man in keiner Weise die 
Empfindung hat, einer Restaurations- und Er- 
gänzungsarbeit gegenüber zu stehen, vielmehr 



\V.\SCUT.\G 



.l/.v 



« iguj 



ii6 



S!^ ALBRF.CHT VON FELSBURG S^Ö 



den alten Meister vor sich zu selien meint. 
Dazu i^ommt noch ein anderes. Bei diesem 
Bestreben, sich den gegebenen Verliähnissen 
möglichst anzupassen , stellen sich oft un- 
erwartete Schwierigkeiten ein , die Gülden- 
pfennig niemals zu umgehen , sondern zu 
bewältigen sucht. Gerade diese Schwierigkeiten 
bieten ihm dann Gelegenheit zu Lösungen von 
oft überraschender Schc'inheit. In fast allen 
Fällen erfolgt diese Lösung aus konstruktiven 
Gesichtspunkten heraus. In dieser Beziehung 
ist er ganz Gotiker. Jeder Bau ist ein Orga- 
nismus, und selbst die Verwendung von reichen 
Formen dient wesentlich zur Hervorhebung 
des konstruktiven Gedankens. 

Mit der Vorliebe Güldenpfennigs für ein- 
fache, großzügige Formen geht Hand in Hand 
eine ganz besondere Sorgfalt in der Aus- 
führung des Details. In dieser Hinsicht 
darf man wohl sagen, jede einzelne Form — 
und er wiederholt sicli kaum jemals — sei 
es in Stein, oder Holz, oder Eisen, ist mit 
großer Liebe ausgeführt und erweckt, auch 
losgelöst vom Ganzen, für sich allein Interesse. 
Da für diese Schönheit der Form die hand- 
werksmäßige Ausfuhrung von größter Be- 
deutung ist, so hat Güldenpfennig dem Kunst- 
handwerk eine ganz besondere Teilnahme 
zugewendet, die sich nicht nur auf die Sache, 
sondern auch auf die Personen erstreckt, und 
so eine Reihe von Handwerksmeistern Pader- 
borns — was diese dankbar anerkennen — 
zu einer außergewöhnlich kunstverständigen 
Auffassung und Arbeitsleistung herangebildet. 
Auch für das S a n c t B e r n w a r d - 1 n s t i t u t 
in Mainz hat er eine Menge \venvoller 
Zeichnungen zu Kirchengeräten , Kelchen, 
Monstranzen, Kanzeln etc. entworfen. 

Den Nachweis unserer allgemeinen Wür- 
digung im einzelnen werden wir in den 
später folgenden bildlichen Darstellungen und 
Mitteilungen erbringen. — Fassen wir alles 
zusammen, so sehen wir vor uns ein r e i cli e s , 
von Gott begnadetes K ü n s 1 1 e r 1 e b e n , 
dem körperliche und geistige F'rische imd im 
seltenen Maße schöpferische Tätigkeit unver- 
ändert bis ins hohe Alter verliehen ist. Daß 
ihm auch Künstlers Leiden nicht erspart ge- 
blieben sind, bedarf woiil kaum besonderer lir- 
wälinung. Docii alle Schwierigkeiten auf 
künstlerischem und rein mensciiliciiem Gebiet 
trugen nur dazu bei, mit dem Künstler auch 
den Menschen von 'Fag zu 'Fag wachsen zu 
lassen. 

Möge d e m .\I e i s t e r i m g 1 ü c k 1 i c Ji e n 
Kreise de r S eine n n o c ii eine lang e 
und reiciie Schaffenskraft und Schaf- 
fe n s f r e u d e b e s c h i e d e n sein! 



ALBRECHT VON FELSBÜRG f 

Von .\rcliitckt f-R.\XZ J.\KOB SCH.MfTT, .Müncficn 

Tirol besaß im vorigen Jahrhundert drei 
tüchtige \'ertreter der kirchlichen Historien- 
malerei, Franz Plattner (r 1887), Georg Mader 
(t 1881) und Albrecht von Felsburg. Letzterer 
folgte seinen beiden Berufsgenossen am 
29. Oktober 1905 im Tode nach. Die Groß- 
eltern Albrecht von Felsburgs waren in Tirol 
beheimatet, er selbst war jedoch 1838 in 
Wien geboren. Im Jahre 1866 ließ er sich 
in Innsbruck zu dauerndem Aufenthalt nieder. 
Seine künstlerische Ausbildung empfing er 
zunächst 1855 in Stuttgart und seit 1857 an 
der Münchener Königlichen Akademie unter 
Professor Johannes von Schraudolph und 
Schlotthauer; 1860 verließ Felsburg die Aka- 
demie der bildenden Künste und trat in das 
Benediktinerkloster St. Bonifatius in München 
ein. Der schwächliche Körper liel.^ bereits 
nach 18 Monaten das Aufgeben des Ordens- 
berufes ratsam erscheinen, auch wurde es 
Felsburg klar, daß die religiöse Kunst, nicht 
das Priesleramt, sein eigentlicher Beruf sei; 
so kehrte er in die Welt zurück und begann 
nun. sicii selbständig weiter zu bilden; das 
erste Ölbild .Jesus und die Jünger in Emmaus« 
bekam der Vormund Bendele in Wien als 
Geschenk, ^'erehelicht hat sich Felsburg 
nicht, er gehörte zu vollständig Gott und 
seiner Kunst an ; überdies besaß er eine 
ledige Schwester, welche nicht nur für sein 
Wohlsein sorgte, sondern auch eines Sinnes 
mit ihm war. 1873 erwarben die Geschwister 
an der Innsbrucker Museumstraße ein An- 
wesen, in dessen Garten sich der Künstler 
ein entsprechendes Atelier erbaute. Felsburg 
schloß sich schon frühzeitig den Innsbrucker 
Vincenzbrüdern an, die nicht nur durcii 
Spenden , sondern auch durch persönliche 
Opfer der Armen sich annahmen; später 
stand unser ALder als Präsident des ^ Vincenz- 
\'ereins der Vororte« an der Spitze des chari- 
tativen Wirkens der Hauptstadt des Landes 
Tirol. Um die Mitte der siebzigerJahre unter- 
nahm Felsburg eine Pilgerfain-t nach Rom, 
hatte Audienz bei Papst Pius IX.. lernte die 
Monumente und Kunstschätze der ewigen 
Stadt und ebenso die von Florenz kennen ; 
als F'rucht dieser italienischen Reise entstand 
1881 zu Innsbruck nach Giovanni Bellini das 
l'reskobild in der Tschonerschen Faiuilien- 
Grabstätte. Für zwei gotische Stabwerkstenster 
des Chorumganges der Stifts- und Pfarrkirciie 
Unserer Lieben Frau in Bozen lieferte Fels- 
burg die Kartons zu den Glasmalereien, worin 
aus derjugendgescliiclue Maria dieF.mpfängnis 



©SS« Ai.i5Ki;(:iir \'()\ i-i-i.sburg »«sa 



117 



uiul ()plci'Lmi; im Tciiipcl d.iri;cstc'llt wurden. 
\'on unseres Künstlers Hand erhielt die Uni- 
\ersit;itskirclie zur allerheiligsten Dreifaltigkeit 
in Innsbruck das die englischen Mart\Ter aus 
der Gesellschaft Jesu darstellende große Öl- 
bild. Mönche und Nonnen in großer Anzahl 
auf einem Altarblatte anzubringen, ist schon 
durch die gleiche Farbe der Ordensgewänder 
überaus schwierig; Felsburg vermied die Ein- 
riirniii/keit durch eine malerische wie ideale 



die Menschheit durch die Fäiigkeit der Kirclie, 
deren Diener die Priester sind, zur Darstel- 
lung. Das Presbyteriiim wurde 1S78 — 1879 
ausgeführt und fand in der Fertigstellung der 
-Sankt Marienkapelle das große Werk 1891 
seinen Ab.schlulj. Mit dieser monumentalen 
Malerei erreichte in 'I'irol die kirchliche Kunst 
den gleichen Triumph, wie solcher zu Wien 
durch die Fresken von Führich, Kuppelwieser 
und l-.ni:erth in der .Mtlerchenlelder Kirche 




MAKI INL'S senil. DI 



BhlM ILlCKr.N' 



Aiioidiiung. iiulem ein hjigel den .\lartvrern 
mit der Rechten die Palme reicht und mit 
der Linken auf die in den Lütten erschei- 
nende \'ision der Schlüsselübergabe an Petrus 
hinweist. -— Fürstbischof Vincenz Gasser 
\on Brixen beauftragte Felsburg mit der 
Ausmalung der Herz Jesu-Kapelle des dor- 
tigen Knabenseminars \'incentiiuim und da 
brachte der Künstler das ganze Frliisungs- 
werk — seinen Beginn und seine \'ollendung 
am Kreuze, die fortgesetzte /uweiulung .111 



zu den sieben Zutlucluen im 1 9. Jahrhundert 
erreicht worden ist. 

.\lbrecht von Felsburg hatte durch seine 
vielen Aufträge, so die Ausmalung der Pfarr- 
kirche \on Proveis im Nonstale, der Sankt 
Xikolauskirche zu Ischl im Salzkammergute, 
der Restauration der Sankt Jakobs-Pfarrkirche 
und der Lrsulinenkapelle in Innsbruck, sowie 
des fürstbischöflichen Domes Sankt Peter, 
Ingenuin und Albuin in i^rixen Gelegenheit, 
sich die Schüler lohannes F.rtl imd Hmamiel 



Die cltristlich*- Kimst II. 5. 



ii8 DIR HISTORISCHI- BAUKUNST IN I.ÜTTICR AUSSTELLUNG 1905 



Raffeiner von Schwaz, Heinricli Kluibenschedl 
von Rietz, Schnitzler, Mennel und Anton 
Diirrmüller aus Sankt Gallen heranzubilden; 
durch diese Künstler ist dafür Sorge getragen, 
daß des Meisters Lehren, seine religiöse Emp- 
lindung, Innerlichkeit und Tiefe dem gläubi- 
gen Volke des Landes Tirol erhalten bleiben, 
auch fort und fort gepflegt werden. 




LLTTICH, GROSSER PLATZ, 
HAUS LUDWIG Xnl. 



DIE HISTORISCHE BAUKUNST 

AUF DER 

LÜTTICHER WELTAUSSTELLUNG 1905 

inuiicr, wenn ich durch die Kiesenauistellungen der 
' letzten Jahre wandere, drängt sich mir ein Verglcicli 
dieser großartigen Arheitskonzentrationen unseres so 
lieißigen Zeitahers mit ähnhclien tüchtigen Festen ver- 
gangener Tage der Herrliclilieit eines ähnhch machtvoll 
unabhängigen Bürgertums auf: mit den großen 
Messen der deutschen Städteblüte des 15. und 
16. Jahrhunderts. \Vic dort kommt hier Ciroß- und 
Kleinliandwerk zu gegenseitiger Belelnaing über die in 
der Zwischenzeit der großen W'eltjahnuärkte künstleriscli 
und techniscli gemachten Hrrungenschalten zusammen, 
wie dort kann man hier den hndigen Kaulmann, den 
\'ermittler entferntester Kulturzonen, antrell'en, und wie 
dort gedeilien unter solch realem Schutze die idealen 
Güter. Gelehrte suchen in fachmännisclien Zu- 
sammenkünften sich über wissenschaftliche l'ragen zu 

einigen, und jeder Han- 
dels- und Gewerbeaus- 
Stellung pilegt man heute 
wie damals^eine Kunst- 
abteilung anzuschließen 
— nur, daß damals .\1- 
brecht Dürers wunder- 
bare Blätter in armseligen 
1 lolzbuden feilgeboten 
wurden, während lieut- 
zutage prachtvolle S.\le 
.luch minderen Werken 
eine reiche h'olie geben. 
I )aß das lientige Bürger- 
tum, das der Kunst und 
Wissenschaft niclit ver- 
ständnislos gegenüber- 
steht, sich den praktischen 
.\ufgaben der Jetzt zeit 




1.1 rncii, KUI-; vikavk i;t 
MAisoN HAiiiA DI-: iiuy 



zuwendet, wer woUte das tadeln?! Daß sich also auch 
danach das Hauptbild der Lütticher W'elt- und Industrie- 
ausstellung ausgestaltet, muß sich verstehen ! Und 
dennoch hat gerade die licutige Lütticher Industrie allen 
Grund, auf ihre Vorfahren stolz zu sein. Schon im 
ausgehenden Mittelalter hieß es von den Lütticher Hoch- 
öfen und ihrer Ware, daß ihr Eisen härter sei als 
Stahl, ihr Feuer heißer als die HöUe! Der Schutz- und 
Trutzwaflcnläbrikation, den Kohlenbergwerken Lüttichs 
zollte damals schon der ganze westeuropäische Kon- 
tinent einschHeßlich der britischen Inseln die verdiente 
Anerkennung. Den Stolz auf diese werktüchtigen Ahnen 
hat auch gar mancher Industriezweig zum Ausdruck 
gebracht: sehr häufig wird in größeren oder kleineren 
Modellen der einstige Betrieb zum Vergleich mit dem 
lieutigen gezeigt. Hier können wir sehen, wie ver- 
gangene Jahrhunderte gearbeitet haben. Die 
Physiognomie, die solche Arbeit ihrer L'mgebung, der 
Fabrikstadt, auch damals aufgeprägt hat, zeigt uns sehr 
schön die AussteUungssektion Alt-Lüttich! 

Wenn man vom Hauptpalaste, der die fremden .\us- 
steUungen, Deutschland und Frankreicli neben einlieimi- 
scherMascIiinen- und Manufakturproduktion birgt, sich über 
den Pont Fragnee nacli links wendet, kommt man nach 
Alt-Lüttich. Es ist das ein ringförmig errichteter Ge- 
bäudekomple.x mit einem Kern in der .Mitte: der in der 
großen Revolution zerstörten Kathedrale St. Lambert. 
Dieses rekonstruierte l?ild beschränkt sich nicht nur auf 
eine Schaustellung der eigentümlichen alten Bauart 
Lüttichs, sondern greift auch mit hervorragenden Mo- 
numenten auf die Umgebung, auf die mit der mächtigen 
Kommune verbündeten kleinen Landstädte: die »b onn es 
villes« Huy, \'iseu.s. f über. Wie dieser lothringische 
Landesteil kulturell und historisch immer eine Zwischen- 
stellung zwischen Nord und Süd eingenonmien hat, so auch 
künstlerisch; ja, auch die Bauweise, die sich doch 
wie die Mundart streng volkstümlich differenziert, spiegelt 
diese ethnographische Zwitterstellung aufs genaueste und 
merkwürdigste wieder ! 

Der Fach werkbau als von Natur populärster archi- 
tektonischer Ausdruck ist der niederdeutsche ent- 
schiedene Ständer bau mit einfachen Scliwellen, 
obwohl er weder das in Holland beliebte Zwischen- 
geschoß noch die durch ganz Nord deut sc hlan d 
verbreitete Diele (»Dahlet) besitzt; er hat nur ganz 
wenige Achsen Front, wie's ja auch die niederländischen 
städtischen H.mser zeigen, und den von diesen ent- 
lehnten sclimalen tiefen Grundriß; im Gegensatze liierzu 
kehrt das Dach, ähnlich wie in der Gegend nördlich 
des Harzes, Braunschweig, Goslar, Hannover, Halber- 
stadt und duedlin- 
bürg der Straße 
meist die Traufe 
nicht den (iie- 
bel zu; die sehr 
länglichen l'enster 
sind wieder nach 
holländischer 
Art durch mäcliti- 
ge Steink r euze 
vielmals geteilt, 
liäufig zu meln-e- 
ren aneinanderge- 
rückt oder doch 
zum wenigsten ge- 
kuppelt. Sie bilden 
die Hauptbele- 
bung der Fassade, 
die in ihrer nur 
ganz selten und 
dann nur im ersten 
Obergescliosse 




I.LTriCH, AUF DKN.WALLKN, 

UKKONSTRUKTION! Al.rKRLÜ ITICHER 

W'.WSV.V. 



Dil' IIIS-lORISCIl!- IIAUKUNST i\ I.r'l'l'ICH. AL'SS'l-|-:i.I,UXG 1905 



119 




LL iriCH, SLR I.ES RHMPARTS, 
GOTISCHES IIATS 



durch die im 
Xicdcrsaclisi- 
seilen so be- 
liebten •' Aus- 
schüsse« (vor- 
geliragte Stock- 
werke) unter- 
brochenen Flä- 
chentendenz 
eine weitere 
geringere De- 
koration durch 
die Kreuz- und 
einlache Ver- 
strebung der 
oblongen oder 
ijuadraten 
Fachwerkfa- 
cher erhalt ; 
der helle Putz 
zwischen dem 
tiefdunklen Ei- 
chenholzrah- 
menwerk be- 
kommt manch- 
Anstrich, 
mittleren Maastal der 



mal einen lichten stumpfgrünen 
Wie überall gehört auch im 
reine l'achwerkbau zu den Ausnahmen ; zumeist geht 
er Verbindungen mit Stein, Haustein, Ziegel und Schiefer 
ein. Kine beliebte Komposition ist das Erdgeschoß aus 
Hausteinen in Zyklopen- oder regelrechtem Fugenverband 
oder Backsteinen mit Werksteingliedern aufzululiren, 
worauf dann die Schwelle der Fachwerkstockwerke 
folgt ; nun wird gerne im Erdgeschosse die Haustüre mit 
Oberlicht äußerst seitlich angebracht, während der 
ganze übrige 'Feil von einem riesigen halbkreisför- 
migen oder quadraten, mit Schutzdächlcin versehenen 
1-enster eingenommen wird, das für die Erleuchtung 
des dahinterliegenden Flures, der Stiege und der Wohn- 
räume zu sorgen hat. Dieses Fenster weist — wie ja auch 
alle übrigen — besonders hübsch die niederländische 
Zusammensetzung aus vielen kleinen rechteckigen Sclieib- 
chen auf. So wenig wir hier die durch Unter- und 
Zwischengeschoß durchgenommenen Ständer nieder- 
deutscher Fachwerkarchitektur antreffen, so wenig finden 
wir auch den oberdeutschen totalen Verputz der 
Konstruktion, der notwendig auf malerische De- 
koration berechnet war; ebenso vermissen wir auch 
hier die entzückende Kleinkunst deutscher Holz- 
bauten mit ihren mannigfaltigen Erkern, Treppen - 
vorliallen, Dachreitern und Zwerchhäusern. Diese glatten, 
ganz unbeschnitzt belassenen Balken reden eine sehr 
logisch strenge 
Tektonik, ver- 
schmähen jede 

spätgotische 
Wirkung durch 
Häufung von 

N i e d 1 i c h k e i - 
ten, damit zur letz 
ten Konsequenz: 
Fngland über- 
leitend. Englisch 
muten einem ja 
auch die an der 
nicht als Schau- 
seite gedachten 
Giebelseite sicht- 
bar empor ge- 
führten Kami- i.Cttich, vlac.e mx chf.val'x et 
ne an. Mit dem TOUR Di; i.a maison wiertz et 

westlichen din'an'T 




Mitteldeutschland, d. h. mit dem Gesanitgebiete 
des rheinischen Schiefergebirges, zu dem ja auch die 
.Ardennen gehören, hat Lüttich die Schiefer Ver- 
kleidung des Fachwerks gemein, die sich auch hier 
nur auf die Obergeschosse beschränkt, über dem 
Erdgeschosse schirmartig etwas vorspringend, wodurch 
der angenehmste Schatten entsteht! Solche Schatten- 
wirkung geben auch die starken Konsolenschluß- 
g e s i m s e , die sicher, wie so vieles der hierin die Ver- 
mittlerrolle für Deutschland spielenden Niederlande, 
italienischen Ursprunges sind. 

Der Backstein ist der souveränste Herrscher unter 
allen Baumaterialien der ganzen norddeutschen Tief- 
ebene ; von dort aus dringt er auch in Gebiete ein, 
wo gewachsener Stein vorhanden ist. Die schmalen 
Lütticher Backsteinbauten unterscheiden sich kompo- 
sitionell natürlich keineswegs von der älteren Holz- 
bauweise. Der dem eigentlichen Deutschland gegenüber 
strengere Geist in der Zusanmienstimmung von Hau- 
steingliedern und Ziegelfüllung gibt sich in den ener- 
gisch gleichmäßig an Giebel- wie an Traufseite durch- 
gerissenen Horizontalen, sowie in den ähnlich wie die 
Fachwerkbalken g.uiz unprofiliert glatt gelassenen (lurten 
kund; ein kleines \'or und Zurück in der glänzend 
weißen duaderumfassungder hier manchmal auch an der 
schlichten Giebelseite angebrachten Fensteröffnungen 




I.LTTICH, gotische TERRASSE 



bildet das ein7.ige Ziermotiv. Das ist echt nieder- 
ländische Herbheit. Eine Parallele bietet zum Bei- 
spiel das bei Ewerbeck .Abt. XXI und XXII, Bl. 7, 
abgebildete Haus am Galgewater zu Leiden. Von 
Süden her ist der eigentliche, der völlige, der spezifische 
Haustein Stil ins Maastal eingedrungen; von Frank- 
reich, von Dijon, der späteren Residenz der bur- 
gundischen Herzoge. Natürlich werden in ihm nur 
hervorragende, hauptsächlich öffentliche Gebäude er- 
riebet. Lüttich bildet mit seinen beiden A r k a d e n • 
höfen des erzbischöflichen Palastes^) die Ver- 
mittlung zwischen der Renaissancebaukunst von Brügge, 
Gent u. s. i. und der Nordostfrankreichs, dessen engste 
Beziehungen zu Flandern ja berühmt sind Die Herzoge 
von Burgund und ihre Vettern, die Könige von Frank- 
reich, bestritten den kostbaren Luxus ihrer Höfe mit 
n iederländischer künstlerischer Intelligenz; von i'.on 
her holten sie ihre Valets de Chambre et Peintres du 
Roy, ihre Enlumineurs. Und aus dem letzteren Kreise 
ist nun auch der ältere van Eyck, Hubert«, hervor- 
gegangen. So dürfen wir uns nicht wundern, daß wir 
in der Evckschen .Schule ein > Zurückgreifen« auf »ro- 



'lEwcrbcck, r., Die Kcnaissancc in Bel£;ienunJ Ho!- 
1 .1 n d. Unter Mitwirkung von A. Ncunicistcr, H. Lccw und E. .Mouris. 
Leipzig iS,;i. 

-) .AbbiUIung bei Ysendyk. J. J. Documents cl.issique5 de I'art dans 
Ics F.iy-'i-B.is du Nnie au XVIIe siitrie. Brüssel iSSo — S9. 



l6* 



120 



^ßM GROSSF. BERI.I\I-R KL'XSTAUSSTl-lI.LUXCi 



19t)) »»^O 




1. CT neu, MARKTPLATZ 



manische A r c li i - 
tekturformen« an- 
treffen. Von der 1379 
von Philipp dem 
^ ~ r ■ r^ ;[ IV if .; ' I Kühnen gegründeten 

»St- ir'TSSSi.jji^^i?» ^--^\^v ,y prachtvollen K a r t a u- 

se von C'.hampmol 
zu Dijon gehen Ein- 
flüsse nordwärts; diese 
burgundi seh -flan- 
drische spätgoti- 
sche Renaissance, 
die schon unter Karl \'. 
von Frankreich, ge- 
nannt »leSage« (1364 
bis 15 So), erst unter 
starken Beziehungen 
zu Italien beginnend, 
sich bald selbständig 
macht, strebt nicht 
n.icli einer unarchitektonischen Zergliederung 
durch das alles überwuchernde Schmuckwerk wie in 
Deutscliland, sondern zeitigt breite und feste Architek- 
tlirteile, wie sie einst das 12. und 13. Jahrhundert besaß, 
lüne Säule des zweiten Arkadenhofes des Lütticher Palastes 
besteht aus Basis, Säulenleib mit irgend welchen phantasti- 
schen Kanneluren in Sphalen oder Zickz.icken und dem 
Kapitell mit den äußerlich -an tikischen Zieraten 
von Voluten, Akanthus, Kynia u. s f. dicht und voll be- 
deckt. Diese breite Art burgundischer Baukunst tritt 
uns selbst noch an der Kirche Saint-Jacques, die um 1500 
umgebaut wurde, entgegen. Die kolossal breiten Sciten- 
scliillenster haben ein sehr weitmaschiges Flauibovant- 
maßwerk. Das Hotel de Ville von 11 uv aus un- 
gefähr gleicher Zeit gibt die näcliste Entwicklungsstufe ; 
es ist der Typ des brab.intischen Rathauses mit "seinem 
niederländischen l-ialenstalTelgiebel, den je fünf von be- 
quemen Korbbögen überspannten Doppelfenstern mit 
starkem Steinstabwerke der beiden Stockwerke und der 
eleganten Doppelfreitreppe mit dem Verkündigungs- 
podeste des Rates in der Mitte. Das Maison Wiertz 
des Lütticher Vorslädtchens Privegnee3) zeigt schon 
den antikischen Einfluß in voller Blüte, ein zwei- 
stöckiges Haus mit enggestellten Kreuzstockfenstern in 




l.üTTICH, GUOSSER PI,A17, IIOTIT. DE VILI.E 
DK ULY 

den beiden Geschossen der 'l'raufseite; das Konsolen- 
schluBgesims umzieht gl eicli mäßig den acht- 
eckigen, vierstöckigen Eck türm mit seinem Helme in 

3) S. o. Abbildung 6. 



der Form eines gebrochenen Zelidaches wie das Haus, 
auf dessen seitlicher (iiebelspitze der Schlot aufsitzt. 
Der zierliche Triglyphenfries mit seinen Rindsschädel- 
geschmückten Metopen leitet die I talienisieru ng der 
niederländischen Kunst ein, die eine so unerfreu- 
liche internationale X i v e 11 i e r u n g später be- 
wirken sollte! 

Man sieht, daß ».\1 t-Lüttichs ein kleines Kom- 
pendium niederländisclier Bau gesell i cht e aus- 
macht! Daß es aber nicht nur dem Historiker, son- 
dern auch dem tüchtigen Baumeister etwas zu sagen 
hat, ersielit der Wanderer, der durch Neu-Lütt ich 
schweift. Die belgischen Architekten haben ihren Alt- 
vordern aufs treiVlichste abgesehen, schmale Fronten 
in geschlossener Häuserreihe zu komponieren! 
Und auch für unsere Deutschen sind solche 
Vorbilder sehr nützlich! »Was du ererbt von 
deinen Vätern hast....!c — Fritz Hocber 



GROSSE 
BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 1905 

\"on Dr. H. SCHMIDKUNZ (Berlin-Halensee) 

Über einen 'Feil dessen, was die umfangreiche Aus- 
stellung im Palast am Lehrter Bahnhofe bot, über 
Malerei und Plastik haben wir bereits berichtet. 

Die Ausstellung graphischer Arbeiten zerfiel in zwei 
Flauptgruppen, die Deutsche Schwarz- Weiß-. \usstel- 
hing' von der »Freien Vereinigung der Graphiker<, 
Berlin, und die KoUekiion >Verband Deutscher Illustra- 
toren«; jene vorwiegend \"ervielfältigungen, diese vor- 
wiegend Zeichnungen entlialtend. Die erstere war großen- 
teils in Einzelgruppen gegliedert. \'ier Vereine mar- 
schierten auf: >Verein für Original -Radierung Berlin«, 
»\'erein für Original-Radierung .München«, »Künstlerbund 
Karlsruhe», und »Radierverein Weimar«. Es ist nicht 
leicht, diesen vier Gruppen je eine Charakteristik zuzu- 
teilen. Wenn wir versuchen, zu sagen, daß der Ber- 
liner Verein besonders durch die sogenannte technische 
Seite hervorsticht, daß der Münchner es durch ein gegen- 
ständliches Interesse tut, und daß der Karlsruher den 
Gehalt seiner Gegenstände durch größere Formzüge 
herauszuarbeiten sucht, so lassen sich gewiß Gegen- 
instanzen gegen solche allgemeine Beurteilungen anführen ; 
und auch unsere Bevorzugung der Karlsrulier, die in 
jener (Charakteristik liegt, ist nicht viel mehr als ein 
Ungelahr. 

Außer diesen \'erein.sgruppen kamen noch personliclie 
Gruppen Drei von solchen waren Kollektionen aus 
der Schule je eines Meisters; wir lernten die Gefolgschaft 
von so bedeutenden Künstlern wie E. Bracht, II. Mever, 
W. Unger und damit eine Dresdener, eine Berliner, 
eine Wiener Ciruppierung kennen, .außerdem waren noch 
rein persönliche Kollektionen da von den zwei Berlinern 
K. Koepping und A. v. Werner, ungerechnet den früher 
erwähnten R. .\lt, sowie von dem bedeutenden Wiener 
F". .Seh mutzer, der jenen mehrmals in Radierung vor- 
Uihrte. Koepping zeigte sich wiederum als den kühl vor- 
nehmen \'irtuüsen einer in gutem Sinne so zu nennenden 
Zierkunst. Werner ließ durch Skizzen in die Fäitstehung 
großer Gemälde hineinblicken; die offizielle Leerheit 
seiner Gesichter verrät sich hier allerdings erst recht. 
Bracht bot selber nur wenige Stücke, darunter eine 
besonders' beachtenswerte Zeichnung von Bäumen, in 
welcher Richtung ihm u. a. sein, von uns früher hervor- 
gehobener Schüler O. .Mtenkirch folgt, .außerdem 
sei aus seiner .Schule H. Ilartig, wegen seiner Kielern 
an der Ostsee, genannt. .\Iever brachte von sich selber 
mehrere Kuplersticlie und Radierungen, dariuiter Charakter- 



©^ GROSSl- I5I-.KI,I\'I-K KLXSTALSSTI-I.I.LXG 1905 »^Ö 



121 



volle l-raucmypcn. Unter den .m ihn Angeschlossenen 
nennen wir: M. v. Hycken, ]'.. M. (ieyger, den be- 
reits betrauerten II. Kohnert, dann I'. Paesclike, 
I- Plato, E. Töpfer. Unger hat ii. a. zu Schülern: 
|. Danilovvatz, KenipC v. Hartenkampf (der be- 
sonders subtile Partien wie die locken von Treppen 
darzustellen licbt\ R. Lux, O. Roux, A. W'eseniann. 
Die (irenzen in der Ausstellung waren allerdings nicht 
SU fest gezogen, daß dem Beschauer nicht manchmal 
die verschiedenen Gruppen und die tjruppenlosen dtu'ch- 
einander gehen konnten. 

Die am liebsten so bezeichnete ^Schwarzwciß-Kunst« 
arbeitet doch zum großen Teil mit mehr oder weniger 
l'arbe. Die Sache dürfte es wert sein, daß wir einige 
Beispiele des Farbigen 
in der (jraphik her- 
vorheben. Neben Al- 
tenkirch und Bend- 
rat sind zu nennen ; 
S, Berndt mit einem 
larbigen Handdruck, 
I.. Blum er mit einer 
farbigen Radierung, 
H. Cosomati mit 
ebensolchen, M.C u n z 
mit drei l'arbenhol/- 
schnitten, Danilo- 
watz mit dreifarbigen 
Aquatinta u. a. Auch 
der schon erwähnte 
Berliner G. H artig 
gehört hierher; so- 
dann H. Haymann, 
(). Laemmerhirt 
mit einer gezeichneten 
»Brandung», M. La 
Roche mit einem 
» Farbensteindruck « . 
Lebhaft farbig sind 
die Illustrationen aus 
dem Sagenbuche »Ur- 
väter Hort« von M. 
Koch. 

An unsere frühere 
Aufzählung von be- 
sonderen Wiederge- 
bungen der Lichtwelt 
reihen wir einige Gra- 
phiken an, die sich 
besonders als >Nacht- 
stücke« auszeichnen. 
Es sind u. a. die von 
A. Brönise, von ('.. 
Graf-Pfaff (u. a. ein 
Geiger über einem 
Städtchen), von dem 

Dresdener H. H artig (».Mondnacht im Städtchen«), 
von F. Kunz mit einem Steindruck, von R. E. Stumpf 
mit einer Radierung, von C). Tauschek ebenso, und 
von A. W i 1 c k e n s mit farbiger Zeichnung. 

Was die F'ormensprache betrifit, so zeigen sich einige 
\'ersuche, der pointillistischen Malerei nahezukommen, 
also insbesondere durch kürzeste und dickere Striche, 
die sandartig für feste Linien und Konturen eintreten. 
Als Beispiele seien genannt: eine Lithographie von 
E. Eitner, eine Zeichnung »Todesnahen« von J. Schi att- 
raann, ein gezeichnetes Interieur von B. Schrader. 
.Andere hinwider verlegen sich auf starke längere Striche: 
wiederum andere auf das Arbeiten mit silhouettigen 
Formen, wie der verstorbene C. Koch in seiner \'er- 
kündigung« und H. Schultz in seiner ein Schilf dar- 
stellenden »Schablone«. 




JOShl'll .M.liRliCll 1 



.•\n die vorigen bereits mit angedeuteten Beispiele 
besonderer Techniken reihen wir die Bemerkungen an, 
daß (J. Kappstein wieder wie im V'orjalir mit Mono- 
tvpien auftritt, daß H. Ilauck eine »Olkreidestiftzeich- 
nung< und E. Haymann eine >Zieglcrgraphie< vorführt. 
Unter den erwähnten Farbenholzschnitten von .\1. Cunz 
ist der eine, > Blick auf den Säntis-, in vier Platten 
gearbeitet. 

Was die Gegenstände betrifft, so haben sich überaus 
viele 'Ex Libris« eingestellt; nur zum Herausgreifen 
nennen wir die von B Heroux und von F. Stassen, 
der auch mehrfiichen Buchschmuck bringt. Das Porträt 
wird ebenfalls wieder erobert. Beispiele sind hier 
1:. Forberg, D Raab, E. Pickardt, H. Volkcrt. 

G. Barlösius bringt 
diesmal Zeichnungen ; 
K. Biese Lithogra- 
phien; F. BoehleRa- 
dierungcn, unter de- 
nen besonders Acker- 
szenen und dergl. gut 
auffallen; A. Coss- 
mann Radierungen; 
P. Groeber einen 
Steindruck, mit den 
Worten > Erkenne dich 
selbst«. Fidus zeich- 
net verschiedentliche 
Phantasien. Eine Ra- 
dierung ».-Xbend an 
der Donau« ist von 
O. Garn per t. Eine 
merkwürdige Reihe 
von russisch-japani- 
schen Kriegsbildevn 
bringt O. Gerlach. 
Weiterhin seien ge- 
nannt : Illustrationen 
von K. Hansen, ver- 
schiedentliches von 
dem für die Karlsruher 
Gruppe besonders 
charakteristischen A. 
Haueisen, land- 
schaftliche Radierun- 
gen 1'. V. Helling- 
rat hs, dekorative 
Zeichnungen von O. 
Hcippner, Kriegs- 
zeichnungen zweier 
X'crstorbener, nämUch 
W. Morst mevers 
und Ii. Hüntens. 

Präses Kall m o r- 
gen gibt u. a. wieder 
hübsche Straßen.in- 
sichten, G. Kampmanii Zeichnungen in Kohle 
und Feder sowie Lithographien, G. Koch u. a. hübsche 
Bleistiftzeichnungen; Radierungen A. Kolb und Zeich- 
nungen E. Kolbe- Feine Töne sind in den Radierungen 
von C). Leiber, ^\'ir nennen weiterhin: .Aquatinta- 
blatter von A. Lieb mann, Zeichnungen von S. Lucius 
mit einem stimmungsvollen Akt, d:mn abermals Akt- 
zeiclmungen von F. Maddalena und Lithographien 
von K. O. Matthaei, unter denen besonders ein Möven- 
stück die .Aufmerksamkeit fesselt. Weiterhin Zeichnungen 
tMid Radierungen von L. Michalck, humorvolle Zeich- 
nungen P. L. Müllers zu einem lustigen Buche »Vom 
Frosch« und stimmungsvolle Landschaften u. a. von 
Müller-Münster. Dann Zeichnungen von O. Popp, 
Radierungen und Schabkunstblätter von C). Protzen, 
unter welch letzteren eine hügelige L'lerlandschalt 



SKIZZE yx EINER HI.. F.\.MILIH 



122 



SJ^ KARI.SRUHHR KUXSTVI-RFiIX yms 



hervorsticht. M. Rabes kommt diesmal mit Zeichnun- 
gen aus dem Occident. Von O. Rasch waren wertvolle 
Jichabkunstblätter da, von O. Reim Radierungen, in 
denen besonders eine W'irtschaftsgesellschalt autTällt. Als 
satirischer Darsteller naseweiser Jugend trat C. H. Rosen- 
stand mit getönten Zeichnungen auf. Freunde der 
Kunst von F. v. Schennis werden sich seiner Radie- 
rungen^ aus it.ilienischen Landschaften usw. freuen. 
\\'eiterhin fielen auf: verschiedentliche Zeichnungen von 
P. Scheurich, von O. Schindler und von H. 
Schlittgen. Hs folgen noch C. Schön, Völkerling, 
Wendel, Zeising. 

Noch dürftiger als sonst war diesmal die Baukunst 
vertreten. N'eue Wendungen sind kaum vorhanden, 
höchstens daß (Srabm.ilcr etwas beliebter werden, als 
sie sonst sind. 

Wir nennen Dülfer mit einem Theaterbau für Dort- 
mund, Kuhlmann mit einer protestantischen Kirche 
für Breslau, Möhring und Moritz und den Entwurf zur 
Wiederherstellung des Südgiebels von dem historisch 
und ästhetisch wichtigen Rathaus in Frankfurt a. O. von 
O. Stiehl. • 



KARLSRUHER KUNSTVEREIN 

\^on dem verstorbenen Lenbach berichtet man, daß er 
für Frauen als Malerinnen nur ein ironiscb.es Lächeln 
gehabt habe. Im allgemeinen mochte er mit seiner 
Ablehnung ja recht haben. Jedenfalls könnten die 
beiden Künstlerinnen, welche im September hier Werke 
ausgestellt hatten, die Konkurrenz mit manchem männ- 
lichen Kollegen wohl aufnehmen. — Maria Bock 
(Halensce-Berlin) stellt uns nur ein einziges Bild vor, 
>Unter Weiden«. Hervorzuheben sind besonders die 
liebevolle \'ertiefung in den Stoff und fein-exakte, aber 
nicht pedantische .■\usfuhrung. — Klara Hensel 
(Spandau) führt einen Radierungenzvklus »Symphonie« 
vor. Besonders hervorzuheben ist die Radierung 
>Adagio III«, die sich besonders durch feine, harmo- 
nische Komposition auszeichnet. 

Vom hohen Olymp der Kunst kommen wir nun in 
das Reich der Gnome und Heinzelmännchen, die tief 
drunten auf der Erde hausen. K arl Heilig (Karlsruhe), 
ein junger, talentvoller Künstler, führt uns darin ein. 
Heilig ist der geborene Märchenbildner, das tritt aus 
allen Bildern klar zutage. Seine Gnomengestalten sind 
oft von so verblüffender Komik, daß auch der Kritiker 
nichts anderes tun kann als — lachen. Dabei verfügt 
Heilig über eine technische Fertigkeit, wie sie sich 
mancher Künstler sein Leben lang nicht aneignet. Ich 
weise hier nur auf die farbige Kohlenzcichnung >Feier- 
abend« hin. Der gutmütige Zwergenpapa hat sich eine 
Bohnenhülse auf die Nase gesetzt und wackelt damit, 
zum Gaudium seiner beiden Sprößlinge, während die 
Hausfrau vom Spülkübel her das Spiel beob.tclitet. 
Jedoch die Stärke Heiligs liegt nicht ausschließlich auf 
komischem Gebiete. Als Beweis hierfür möchte ich 
das Gemälde >Das Märchen« hervorheben. Das Elfen- 
kind, das an der Hand eines Zwergleins durch den 
\\"ald wandert, mit sinnig-naiven .\uglein um sich blickend, 
ist eine sehr gute Lösung dieses vielbearbeiteten Themas. 
Für den letztes Jahr verstorbenen Professor Hugo 
Knorr, der seit 1875 hier ansässig war, hat der Kunst- 
verein eine Ausstellung seiner hinterlassenen Werke 
veranstaltet. Ich will gleich zu Anfang betonen: Es ist 
vollständig unmöglich, auf Grund der ausgestellten 
(iemälde und .Skizzen ein Bild von der Künstlerpcrsön- 
liclikeit Knorrs zu gewinnen. Das meiste sind .Skizzen 
und Studien. .Meines Erachtens ist es überhaupt unzu- 
lässig, Zeichnungen, die an sich ganz vollendet sind, die 
aber doch nur der Übung, des Studiums halber ge- 



fertigt wurden, öffentlich auszustellen. Die ganze .Aus- 
stellung macht überhaupt einen hastigen, unruhigen 
Eindruck. Da hängen Gemälde, ungerahmt, noch auf 
den Keilrahmen gespannt, Skizzen, durch Reißnägel 
durchbohrt, und die Gemälde sind sämthche auf der 
finstersten Stelle des ganzen Kunstvercins zusammen- 
gestapelt. Durch diese L'mstände wird der Genuß 
natürhch außerordentlich gestört. — \'on den ausge- 
stellten Gemälden steht eigentlich nur »Schwarzwald« 
auf der Höhe, die Knorrs frühere Schöpfungen einnahmen. 
Manche Bilder klingen ein wenig an Ludwig Richter 
an; jedoch Knorr fehlt die gemütliche, persön- 
liche .\rt, welche die Bilder des »großen, deutschen 
Biedermeiers« so auszeichnet. Lud hier liegt der 
Mangel, an dem die ^\'erke seiner letzten Lebensperiode 
fast alle leiden: die Landschaften sind zu sehr Abklatsch 
der Wirklichkeit, sozusagen Photographien, zu wenig 
von der Persönlichkeit des Künstlers durchdrungen. 
Dieser .Mangel ist bedauerlich, denn gerade ein Mann 
wie Hugo Knorr, der das technische Element in so 
hervorragender Weise meisterte, wäre besonders dazu 
berufen gewesen, auf das moderne Kunstschafi'en be- 
fruchtend einzuwirken. Seine konservative Kunstan- 
schauung, die ihn der modernen Malerei ablehnend 
gegenüberstehen ließ, mochte daher auch ein Hindernis 
gewesen sein. \\'as ich in der Beilage des XI. Heftes 
des I. Jahrgangs über Kanoldt sagte, gilt auch für Knorr: 
Er ist Mittler zwischen dem Kunstgeschmack der großen 
Menge und der modernen Kunst In dieser Bedeutung 
wird ihm ein ehrendes .Andenken bewahrt werden. 

In einer Sonderausstellung, welche der Deutsche 
Künstlerbund zurzeit hier veranst.iltet hat, ninmit 
den meisten Raum eine Kollektion Gustav Schön- 
lebers ein. Schönleber ist einer von den .Malern, 
von denen man zwar viel spricht, deren Werke man 
aber nur selten zu Gesicht bekommt. Leider setzt 
sich die große Kollektion auch nicht aus lauter Meister- 
werken zusanmien, so daß ein Uneingeweihter leicht 
auf den Gedanken kommen könnte, der Ruf Schönlebers 
sei größer als sein Können. .-Xusgestellt sind Werke 
aus den Jahren 1874 — 19O), so daß man also ein sehr 
vollständiges Bild von des Meisters Schaffen erhält. 
Wir sehen darunter Meisterwerke, wie das hübsche 
»Uferbild aus Schwäbisch Hall« (1884) mit seinen 
malerischen Häuserpartien, oder das holländische 
»Gorkum« (1883). Ein zwar kleines, aber sehr nettes 
Bild ist »Isle fracombi5« mit gut ausgeführten Fels- 
partien. Ebenfalls sehr gut, besonders in der Zeich- 
nung, sind »Kolmar« (1881) und »Am Strand von 
Scheveningen«. Aus der Zahl der kleineren, unbe- 
deutenderen Skizzen ragt die tlott gemalte »Gasse in 
Chioggia« (1874) vorteilhaft heraus. \"ergleicht man 
diese meist älteren Stücke mit den neueren, so fällt 
der \'ergleicli sehr zugunsten jener aus. Das neueste 
Bild »Hohentwiel« (1905) scheint mir das geringste der 
Kollektion zu sein ; wir vermissen da vor allem des 
Meisters virtuose Pinselmanier. 

E. K. Weiß (Baden-Baden) hat zwei gehuigene 
Stilleben ausgestellt, von denen besonders das eine 
»Äpfel und Birnen« prächtig abgetönt ist. Mo est 
(Karlsruhe) sandte einen Akt »Im Sonnenbrand«, ein 
Bild von ausgezeichneter Stimmung. Von L. .-M brecht 
(Hamburg) ist ein großes Männerporträt »Bildhauer« 
von Lindmar (Berlin), ein eigentümlich auf Rot ge- 
stinuiites Porträt »Frau Lili Lehmann« zu verzeichnen. 
Von Prof. Fritz Bär (Pasing) wäre ein großes Bild 
»Die Secköpfe in der Fervaligruppe« von guter Wir- 
kung, wenn nicht der unnatürlich gelbe, gespachtelte 
Himmel alles verdürbe. Eine Musterkarle von dis- 
harmonischen Lhimöglichkeitcn ist M. Kusch eis 
»Kreuzabnahme«. Eine große Kollektion sandte .Mbert 
Haueisen (Jockgrim). Ein Porträt »Italienerin« könnte 



KAIU.SRUHI-R KUNSTVERRIN »mz 



12- 




GliüKG BUSCH 



l-.S LSI Vül.LhKAv;ill 



CJtj-tstlkht' I\unstiiiisstt'lliitig^ in ll'/rri /goj 



einem gefallen, wenn die 1 lande besser ausgeführt 
wären. •Herbst« und »Oberlelien« sind sehr gut auf- 
gefaßte Landschaften, »Vorfrühling« und »l-"rühling in 
Bernau« lehnen sich an die Manier Kalckreuths' an, 
während »Regenbogen« wenig vollendet ist. Ein sehr 
warm empfundenes, gut gemaltes Bild ist >Plin7,wehr. 
von A. I.untz (Karlsruhe); von W. Süß (Karlsruhe) 
• Alt Laufenburg« gilt das gleiche. Prof Max Liebers 
»Marsch und Düne« atmet eine kräftige Stimmung, 
während sein kleines »Königingeburtstag« höchstens 
als Skizze einige Berechtigung hat. Von Volk mann 
sah man im Kunstverein schon Besseres. Der Schön- 
leberschüler W. Strich -Ch.tpell hat eine prächtige 



».Mondnacht« ausgestellt, ein wirklich erfreuliches Werk. 
.\lma Erdniann (Hannover) schickte ein großes 
»Mädchen aus Oberbayern« in üblicher Photographie- 
pose. 

\'on Ernst Eimer (Karlsruhe) sind wieder einige 
Bilder von Waldschrätlein, Gnomen und anderem der- 
artigen Waldvolk ausgestellt, die an Phantastik die 
Heiligschcn .Schöpfungen übertreffen, sie aber an Ge- 
mütlichkeit lange nicht erreichen. Endlich möchte ich 
nicht verfehlen, auf eine .\nzahl von Frau Roman- 
Försterling entworfener, in Majolika ausgeführter 
Bicruntersetzer aufmerksam zu machen. 

Kailsnilie Bernhard Irw 



124 



W2M ZU UNSEREN BILDERN ?^Ö 



ZU UNSEREN BILDERN 

im vierten Heft des vorigen Jahrganges konnten wir eine 
1 »Heilige ramilie« von Professor Gebhard Fiigel 
als farbige Sondcrbcilage veröfi'entlichen. Auf jenem 
Bilde, das die Elisabethenkirche in Stuttgart schmückt, 
kniet St. Joseph anbetend vor dem Cfhristusknaben, 
der, auf dem Schoß iMariens thronend, die Arme wie 
zum Willkomm nach jenen ausbreitet, die zu ihm ihre 
ZulUichl nehmen. Im gegenwärtigen Heft bieten wir 
ein anderes Meisterwerk Fugeis, das zur \'erherrlichung 
des hl. Nährvaters Jesu geschaffen wurde, nämlich das 
Hochaltarbild der von Hans Schurr erbauten St. Josephs- 
kirche zu München, welche durch die Bemühungen 
der P. P. Kapuziner in allen Teilen künstlerisch aus- 
gestaltet wird. Von einem, im (Charakter der späten 
Hochrenaissance entworfenen, mächtigen SäulenAItar- 
ban umrahmt, zieht das in großen Dimensionen ge- 
haltene Bild, das in Kaseintechnik ausgeführt ist, das 
Auge der Kirchenbesucher von allen Seiten auf sich. 
Der in maßvollen Formen sehr geschickt behandehe 
Hintergrund des 15ildes ist als hallcnartige Fortsetzung 
des .-Mtarbaues nach der Tiefe gedacht. In dieser fest- 
lichen Halle sitzt der heihge Kirchenpjtron auf hohem 
.Marmorthrone vor einer Nische, unter einem Baldachin 
nacli italienischer An. Kr blickt leicht gesenkten Hauptes 
ruhig vor sich hin, in seiner Rechten ruht der blühende 
Stab, mit der Linken hält er das auf seinen Schenkeln 
stehende Christkind, das, an ihn geschmiegt, ernst und 
doch kindlich den weiten Kirchenraum überblickt. Die 
Art, wie diese Hauptgruppe vor die Nische gesetzt ist 
und das Gesimse überschneidet, verrät hohes Verständ- 
nis für monumentale Wirkung. Den Thron umgeben 
der Stanunvater David und der Patron der Mutter- 
pfarrei St. Ludwig mit der Dornenkrone, der Ordens- 
gründer St. Franziskus und der Diözesanpatron St. Benno 
mit Fisch und Schlüsseln. .\m Fuß des Thrones hat 
sich ein Mandoline spielender F.ngel niedergelassen, 
der in den Psalmengcsang des königlichen .Sängers 
einstimmt. \'orzuglich ist der symmetrische .\ulbau 
der Komposition durchgeführt, von ausgezeichneter 
Wirkung ist die feierliche Farbenharmonie, die groß- 
zügige Behandlung der Gewänder und die Charakte- 
ristik und zeichnerische Durchführung der Köpfe. Der 
Meister, welcher zu unserer Freude auf Neujahr mit 
dem 'I'itel eines Kgl Professors ausgezeichnet wurde, 
schuf dieses edle \\'erk nach sorgfähigen X'oiarbeiten 
i. J. 1902. 

Der Prager Künstler Franz Lrban, von dem wir 
die Aquarelle >St. Kochus« und >St. Elisabeth« auf 
S. 109 reproduzieren, ist 1868 zu Karolinental geboren. 
Er wirkt hauptsächlich auf dem (iebiete der religiösen 
Malerei, schuf zahlreiche Kartons für kirchliche Cjlas- 
gemälde und malte mehrere Kirchen aus, wo er sein 
Talent für die Schmückung monumentaler Räume ent- 
falten konnte. 

Die Bilder S. 1 10 — 117 waren auf der letzten inter- 
nationalen Ausstellung zu .München und stammen sämt- 
lich von holländischen .Meistern. Die holländischen 
Ausstellungs.säle im Glaspalast pflegen längst einen alt- 
gewohnten Eindruck zu erwecken : sie enthalten nichts, 
was sensationell oder auch nur überraschend neu wäre, 
bieten aber stets eine nicht geringe Xahl sehr solider, 
ja vortrefflicher .Arbeiten. Deshalb glaubt man beim 
ersten Betreten der holländischen .Xbteilung der jeweiligen 
.'\usstellungen alle diese neuen Bilder von meist mäßigem 
Umfang schon gesehen zu haben, während man bei 
näherem Studium eine Menge des Schönen entdeckt. 
Bei den Holländern macht sich wie bei keiner anderen 
Nation die Tradition, die treue .Anhänglichkeit an die 
heimische Malweise, an die Eigenart der heimatliclien 
Landschaft, der heimatlichen Städtebilder und hinen- 



räume, der eigenen Landsleute geltend. Von dieser 
Stetigkeit und Selbstbeschränkung, mit der sich eine 
Pliantasiekunst nicht verträgt, konmit die überaus solide, 
sichere Technik und jene sinnige Freude an der Wirk- 
lichkeit, die jeden Gegenstand liebenswürdig verklärt 
und nichts .Abstoßendes verträgt. Hohe geistige Probleme 
stellen sich die holländischen Künstler nicht, aber was 
sie anfassen, sehen sie mit feingeschulten .Maleraugen. 
Demgemäß ist für die Wahl der Themen durchaus 
nicht der gedankliche oder anekdotische hih.ilt maß- 
gebend, sondern ein malerisches Problem; so z. B. bei 
dem Bilde »Waschtag« (S. 115), wo der Titel schon 
das Thema bezeichnet; Der graue Dunst einer Wasch- 
küche und die durch ihn bedingten Reize der Beleuch- 
tung und der weichen, sich teilweise im Wasserdampf 
verlierenden Formen und Farben; oder im Bild »Beim 
Flicken« (S. 117), wo der Künstler die Wirkungen des 
zum Fenster in eine Stube eindringenden Sonnenlichtes 
schildert und bei dem ähnlichen Thema »Lesestunde« 
(S. 112), wo die einlällenden Strahlen zwei glückliche 
Menschen umspielen und in dem ärmlichen Räume 
ein zartes Helldunkel hervorzaubern. So war es bei 
dem Gemälde >Nach dem Regen« (S. 1 1 1) dem Künstler 
um die nach dem Regen herrschende silberige Dunst- 
atmosphare in einer engen Straße und um die Spiege- 
lung auf dem Boden zu tun. .Aber wie verstehen 
diese Künstler Mensch und Natuiphänomen so einheit- 
lich zu verschmelzen, daß letzteres zum Geniüie spricht I 
Wie liebenswürdig ist Arbeit und .Mutterglück im >Wascii- 
tag« dargestellt, wie anheimelnd ist in den Gemälden 
»Beim Flicken« und »Lesestunde'. die Armut verklärt! 
Schlicht und s\mpathisch wird S. 1 1 1 das emsige Treiben 
der Stadtleute geschildert und tiefe Naturpoesie liegt 
über dem melancholischen Landschaftsbild mit dem 
Schäfer S. Iio und auf der sonnigen Winterlandschalt 

^"^^ "3- . . . ^ . . , . 

Eine innig religiös emptundeue und koloristisch reiz- 
volle Darstellung der heiligen Familie schuf Joseph 
.\lbrecht in dem Bilde, das wir S. 121 nach einer 
frisch gemalten Skizze reproduzieren. 

Den .Abbildungen S. 118 — 120 aus .Alt Lüttich liegen 
Hotte Federzeichnungen zugrunde. 

Die erhabene Schöpfung von Prof. Georg Busch 
»Es ist vollbracht« bedarf keines Begleitwones. Die 
vortretTliche in eine Nisclie komponierte Gruppe schmückt 
den -Altar der Gruftkapelle des Herrn Baron Pappus in 
Kauhenzell. 

F'ritz Kunz. Der herriiche Zyklus von Gemälden 
aus dem Leben des hl. Franziskus von Assisi, welchen 
Fritz Kunj in der letzten Dezemberwoche v. Js. 
im Münchener Kunstverein ausstellte, wird später in 
farbigen Reproduktionen herausgegeben, was den Freun- 
den der ebenso reifen und im besten Sinne modernen, 
wie tiefrehgiösen Kunst unseres Meisters Fritz Kunz sehr 
willkommen sein dürfte. Wir erinnern noch, daß eine 
Darstellung aus diesem Zyklus auf S. 255 des vorigen 
Jahrganges veröffentlicht wurde 



Bitte des Verlags 

Die scclirtcii Abonnenten werden drinjrend 
gebeten, bei einem Wecliscl de.s Anfenthalts- 
ortes oder der Wolinunj; uns giiti,i;st davon 
zu ver.ständijjen. Ks j;elanf;en c'ifters Rekla- 
mationen an die Ge.schäft.sstelle, die bei 
reclitzeitij^er Mitteiluiij; von Veränderungen 
nielit notwendig wären. Zudem kommen 
die Hefte, wenn .sie aueli von der I'ost nach- 
gesandt werden, gewöhnlich in einem Zu- 
stande an, der die limpfängei zu Hescliwer- 
den veranlaßt. 



Filr die Redaktion verantwortlich; S. Staudliamcr; Verlag der Gesellschaft für Christi. Kunst, G. ni. b. H. 
Druck von Alphons Rruckmann. — S.initliclie in München. 



UHlLAGli lü .1)11-; CIlKIsrilCllK KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 5, 1. FEBRUAR 1906 



DCSSI-I.DORI-i'R KUNSTBI-RK.1 111-; 

(Scliliiü dieses Artikels) 

H. I'c 1111 a n c n t c Kunstausstellung von 
Htluai-J Schulte 

Auch die vielbesuchten Räume der Schultesciien per- 
uiniienten Ausstellung boten im Laufe des Sommers 
nicht viel Abwechslung und nicht viel Besonderes. Im 
vorigen Jahre, als der Kiuist|ialast der Kunst- und (jarteu- 
bau-Ausstellung schon durch die .Menge des Ausgestellten 
alles (ihrige etwas beiseite schob, war diese Sommer- 
stille l'egreiflich. In diesem Jalue sieht man keinen 
rechten (irund. Man kann es bedauern, daß diese Aus- 
stellung, die es sich immer so sichtlich angelegen sein 
läßt, mit feiner und weitsichtiger Wahl die neuen Hr- 
scheiuungen, besonders wenn sie neue Richtungen be- 
deuten oder anzukündigen scheinen, vor Augen zu 
fülucn, die Zusanmienstellung solch fortschreitender Zeit- 
bilder auch nur in den Sommermonaten weniger pllegen 
und statt dessen mehr den Zufall walten lassen wollte. 
In jenem Zusammenhang waren stets selbst die kühnsten 
und fragwürdigsten Extravaganzen, über die sich das 
Wohlwollen höchstens mit dem Worte 'interessant« hin 
wegtröstet, begründete Erscheinungen, und es hatte etw.is 
Bedeutsames, wenn unter diesen Quer- und Zeri griffen 
Suchender und X'erirrter immer wieder unnahbare und 
erliebende Hauptwerke früherer Zeit erschienen. Das mußte 
eine vortreffliclie Schule für den Düsseldorfer Künstler 
und Kunstfreund sein, und der Fremde läud fast inmier 
wenigstens das eine oder andere wirklicli Hervorragende. 
Hoffentlich kehren mit dem Herbste die Absichten 
nach dem Schwanken, das die beiden großen Aus- 
stlleungen in so viele Angelegenheiten Düsseldorfs ge 
bracht haben, wieder und diesmal für alle Monate in die 
alte Richtung zurück, und des Sommers Neige verspricht 
schon diese Rückkehr. Übrigens ruhte die Schultesche 
Ausstellung im Sommer durchaus nicht vollständig. 
Sie brachte zunächst gleichsam als eine Fortsetzung der 
Üs wald A che n bach- Ausstellung noch eine Reihe 
hochbedeutender Werke dieses Meisters und seines uner- 
müdlichen Bruders .\ndreas, der die großen Ehrungen 
der Düsseldorfer Künstler und Bürger, geplant zu seinem 
neunzigsten Geburtstage am 2g. September, unter Hin- 
weisung auf sein hohes Alter ablehnte. Dann kamen 
rohe Naturauffassungen in ungeschlachter Unwahrheit 
von außen her, zu denen ein alter Schirmer (zugleich 
geeignet zum Verständnis älterer Bilder von Oswald 
Ächenbach) und andere, selbst die vormals wie Wunder 
geschätzten B. C Koekkock, ja selbst die Glätte 
Alexander Calames, des Schweizermalers vor allen, 
lehrreiche und zugleich genußreiche Gegensätze bildeten. 
.\uch die jüngeren und älteren Porträtmaler Düsseldorfs 
gaben manche Probe ihrer Tätigkeit und bewiesen 
zunächst, daß die Photographie, auch nicht die kolorierte, 
die Wertschätzung des Kunstporträts nicht ertötet hat, 
daß vielmehr letztere wieder zu wachsen beginnt, .^ber 
trübere glorreiche Zeiten der Porträtmalerei, mag man 
die ältere der van Dyck oder die jüngere des 18. Jahr- 
hunderts meinen, hat doch noch keiner wiedererweckt; 
das beweist zum Tröste der jüngeren von Zeit zu Zeit 
das Rrscheäien irgend eines Lenbachschen Bildes. Ich 
meine, der wahre Portratist müßte einen unermeßlichen 
geistigen Reichtum in sich tragen, um jedem das Seinige 
geben zu können; er müßte hilflos sein, wenn ihm 
statt der Persönlichkeit eine Photographie neben die 
Stafielei gestellt oder gar auf die Leinwand propziert 
würde. 

Die dankenswerteste Veranstaltung der .Scliulteschcn 
Ausstellung im Sommer war die /\u5siellung von Original- 
Werken österreichischer graphischer Künstler. 
Da mußte jeder seine Freude haben, und wem es bange 



war um die Zukunft der schönen bildenden Kunst, der 
mußte aufatmen und sich sagen »arsaeterna«, »die Kunst 
ist ewig«, und wo sie etwa einmal eine Zeitlang nicht 
im Lichte wandelt, da geht es für sie doch durch 
Nacht zum Licht. Wo die Nadel, der Schabgriffcl 
mit etwas Druckerschwärze oder bescheidenster I-arben- 
andeutinig eine so beredte Sprache führen kann, da sind 
die Wege des wahrhaft und ewig Schönen nicht ver- 
loren, und wenn einer einmal gröblich abirrt, hat er 
docli nicht mit ihm gebrochen. Bleibt etwa 'Der Tag 
einer Dame' von S. Glax, bleich in Komposition und 
.\uffassung wie in der Farbe, beiseite gesetzt, so war 
eigentlich alles, was da zusammengestellt war, des 
Lobes würdig. In den Vordergrund traten, teilweise 
vielleicht durch die Zahl ihrer Darbietungen, die Namen 
W. Unger, Ferd. Schmu tzer, H. Orlik und 
G. V. Kcmpf. Welch ein \^'eg von Ungers zarten 
Genrebildchen »Vor dem Wirtshause« bis zu der Wucht 
des fast zu machtigen »Joachimquartett« des nämlichen 
Meisters! Welche Beweglichkeit und Vielseitigkeit bei 
Ferd. Schmutzers Gaben ' Wie richtig bezeichnet 
F. Orlik das Porträt »der lieben Mutter«, deren lieber 
Blick den lieben Sohn belohnt, und wie drastisch stellt 
der nämliche den Genfer Ferdinand Hodler hin, ohne 
durch die dreiste Profilstellung, das Hcckige Papier und 
die klatschige l'arbtönung den Ungeschmack erreichen 
zu können, den Hodlers Werke auf der Ausstellung 
von 190.1 zur Schau trugen. Leicht hingegen ist die 
Nadel G. v. Kempfs in seinen lichtklaren Szenen vor 
dem Hause auf der Straße; ebenso licht und gefällig 
die Färbung in der Darstellung des rothaarigen Mädchens, 
das sich den Schuh zuknöpft ; etwas unghicklicli ist die 
Beleuchtung in dem sonst vortrefi'lichen Portrat des 
Prof. W. Unger. Unter dem vielen übrigen leuchtet 
hervor das Porträt der Maria von Ebner-Eschenbach, 
mit Kraft und Liebe ausgeführt von Ludwig Michalek. 
Die Sammlung blieb eine Reihe von Wochen ausgestellt, 
und doch sah man ungern die nämlichen Wände nachher 
mit anderen Dingen behangen, von denen einige Portrats 
den Namen von Gemälden eigentlich nicht verdienen. 
Eine überraschende und erfreuliche Erscheinung in dem 
nämlichen Saale war aber ein Bild von Albert .\rnz, 
»An der oberen Sieg«, womit der betagte Meister einen 
nicht üblen Versuch macht, die feine, allerdings etwas 
weichliche Luftstimmung, die seine Bilder kennzeichnet, 
aus dem Abendrot der römischen Campagna in das 
zartnebelige Tal des reizvollen Wald- und Felsllüßchens 
Sieg zu übertragen. Eine bestimmtere und bis ins 
einzelne feinsinnige Klarheit zeichnet G. Oeders 
»Bauernhof« aus. F's erschien auch einmal wieder die 
».•\nbetung der hl. drei Könige« von Fritz v. L'hde; 
des Meisters Bedeutung wird nicht fraglich, wenn nicht 
jede Gabe Beifall tmdet, also z. B. dann nicht, wenn 
er sich, wie Uhde das manchmal tut, in die Gefahr 
begibt, das Wesen des gewählten Stofies zu erschüttern; 
ein verlotterter Hausrat ist kein ärmlicher Hirtenstall, 
ein wüstblickender, schwarzer Alter mit einem Beil ist 
eher ein Bandit, der den goldtragenden Klosterbruder — , 
auch der steife Mantel macht diesen nicht zu einem 
König — berauben möchte, als ein hl. Joseph und paßt 
schlecht zu dem Mädchen, das mit seinem kleinen Brüder- 
clieu spielt — oder soll das .Maria mit dem Kinde sein?? — 
Mitleid spürt man mit dem apathischen Schwarzen, dessen 
linke Hand zwischen einen Plahl und die Fensterwand 
eingeklemmt ist; um das Wirrsal vollständig zu machen, 
drückt ein L'nberutener von außen seine plumpe Hand 
wider eine Fensterscheibe, — er kann die Geschichte 
da drinnen nicht ernst nehmen, ich .ruch nicht. Sind 
es auch jüngere und weniger genannte Namen, so sei 
doch lieber des Erfreulichen gedacht. Da brachte Alf. 
Bachmann (.München) eine Reihe sehr beachtenswerter 
Studien aus Island, insbesondere prächtige Wolken- 



BEILAGE ZU .DIE CHRISTLICHE KUNSTc, IL JAHRGAKG, HEFT 5, i. l-EBRUAR 1906 



bildungen in der mannigfaltigen, scharfbezeichneten Be- 
leuchtung zu verschiedenen Tageszeiten; die Reihenfolge 
hat geradezu etwas Dramatisches, ein stimmungsvolles 
Charakterwandeln großer, anscheinend sich selbst über- 
lassener Natur; möchte den Künstler Island nicht zu 
enge fesseln, >sein Vaterland muß größer sein<! Er 
wird es aber nie bereuen, den relativ kleinen Kreis so 
wohl gepflegt zu haben. Er begegnet dann vielleicht 
irgendwo auf dem Felde des Schönen einem anderen 
Münchener, Hermann Eißfeld, dessen wuchtige, 
breite Pinselschläge einstweilen noch etwas roh drein- 
hauen; aber man sieht genug, um ihm herzlich zu 
wünschen, daß er das Maßvolle möchte heben lernen; 
langweilig wird das Maßvolle nur unter der Hand eines 
ungeordneten Geistes, und wer möchte als ein solcher 
gelten ? 

Als sehr bemerkenswerte Sonderveranstaltung folgte 
den Österreichern bald eine Reihe ausgewählter Werke 
vom >Verein Münchener Aquarellisten«. Es sind 
durchweg große Bilder, und die meisten überschreiten 
das Maß, das lange Zeit als naturverwachsen mit den 
Eigenschaften und dem Charakter des Aquarell angesehen 
wurde. Daß diese Meinung unrichtig sei, können die 
Münchener Aquarelle nicht ganz beweisen : aus weiterer 
Ferne gesehen, verHeren fast alle viel von ihrer Wirkung 
und erscheinen stumpf; sieht man sie aber ganz aus 
der Nälie, so wirken die einen hie und da fleckig, bei 
den andern ist der Maler, der Natur der Wasserfarbe 
folgend, in starke Betonung des einzelnen und damit 
der Bildgröße gegenüber ins kleinhche geraten. Inner- 
halb der Grenzen aber, die durch Farbe und Größe der 
Bilder für ihr Betrachten gezogen sind, verdienen sie 
durchweg alle Anerkennung, ja teilweise Bewunderung. 
Maß und Angemessenheit kennzeichnet sie alle, das schhch- 
teste Stimm ungsbildchen ebensosehr wie K. S t r a t m a n n s 
exzentrisclie Märchenbilder, die neben der überaus wir- 
kungsvollen Technik und Farbenverwertung ein glück- 
liches Schöpfen, nicht imitierendes Entlehnen aus den 
Quellen Indiens und Japans bekunden; aber der unend- 
liche Fleiß, mit dem jedes Blümchen und Gewandnuisier- 
chen ohne Rücksicht auf Fernvvirkung in seinen Einzel- 
heiten scharf und deutlich geprüft werden kann, tritt 
scharf in den Vordergrund; gleichwohl wirken gerade 
diese Bilder auch in der Ferne ganz besonders einlieit- 
lich und liefern den Beweis, daß die Verschmierung 
der Einzelheiten ein Gesetz der Kunst nicht ist. Von 
einer solchen Verschmierung kann übrigens auch bei 
den anderen Aquarellen keine Rede sein; man braucht 
nur die liclnvollen, zartgestimmten Niederungslandschaften 
von J. \\'. V. Hertling auf sich wirken zu lassen und 
zwar aus verschiedenen Entfernungen innerhalb der oben- 
angedeuteten Grenzen. .'\m wirksamsten in die Ferne 
bleibt Rene Reinickes »Interieur«, zwei Damen beim 
Tee in einem etwas sehr überladenen Zimmer, das von 
hellem Lampenhcht durch einen gelbgrünen Lampen- 
schirm in feinen ."Xbstufungen beleuchtet ist; mehr aus 
der Nähe muß des nämliclien Künstlers »Kaffekränzchen« 
betrachtet werden, wo der brave Kadett zwischen den 
neun > lieben Tanten« sitzt, deren mehrere in ihm 
offenbar schon den künftigen Feldmarschall sehen. Von 
fast Ruysdaelscher Lebhaftigkeit ist Max E. Gieses 
»Wassermühle«, freilich auch nur bis in eine gewisse 
Entfernung; mächtig ruft »Der rote Turm in \Vollin« 
des nämlichen Künstlers eine heiße alte Zeit in die be- 
sclmeite Gegenwart und ehrt des Malers große Emp- 
fmdungsweise. Unter dem übrigen treten durch meister- 
hafte Auffassung und wirk,same Behandlung die Hunde- 
darstellungen »Mein treuer Hausgenoß« und »Niemand 
zu Hause« von S. Leuteritz hervor. Im Gegensatz zu 
diesen Münchnern dienen die Ölgemälde von Ad. Staebli 
nur der Wirkung in die Ferne, dieser freilich in vor- 
trefflicher Weise; aber die Natur wirkt auch in die 



Ferne, ohne, in der Nähe besehen, an Goethes Verse 
zu erinnern: >Das malte wohl in Fieberwut ein blinder 
Mann .mit Ruß und Blut.« Wozu denn die Nachahmung 
der Natur so mörderisch lialbieren^ 

Einen bedeutsamen Triumph feiert mit einem älteren 
Bildchen, das man, so oft es erscheint, immer gerne 
wiedersieht, Ludwig Knaus. Es möge hier den .'Vb- 
schluß bilden, .^m etwas düsteren Fuße eines Hügel- 
abhanges liegen zwei bocksfüßige Satvrknaben, deren 
Ringkampfebenin Ernst übergegangen i.st — die tierische, 
zur Roheit geneigte Natur — , in den Brennesseln mit 
ihrem kalten, lieblosen Grün; einige andere Pllanzen, 
die Blüte und Gift verbinden, führen .schnell zu dem 
saftigen, sanften Grase hinüber, das, mit fröhlichen Blumen 
untermischt, den Hügel bedeckt; und oben im sonnigen 
Licht, strahlend vor dem tiefblauen Himmel, steht ein 
unbefangenes zierliches Mägdlein im weißen Hemdchen: 
die röilichgoldenen Locken, vom Frühlingswinde leicht 
bewegt, umrahmen das Gesichtchen, das gleich dem 
übrigen Körperlichen, zart in weiß und rötlich schimmert; 
und es schaut voll teilnehmender Lust, lebhaft erregt 
von der Stirne bis zur Zehe, hinab auf das ringende 
Paar dort unten; es ist kein Satyrkind, es ist ein echtes 
rechtes Menschenkind, und doch — oder und darum? 
spielt ein unverkennbarer Zug von einem Satyrköpfchen 
um das fröhliche Mündchen; laß ihn spielen, den 
Zug, aber halte ihn fest im Zügel, daß er nicht ein 
wildes, wüstes Ungetier werde, das Herz und Seele 
verschlingt! Die Kunst ist weit, wie die Natur, und 
greift über deren engere Grenzen hinaus, aber ihr Wesen 
ist das Maß, und das Schöne ist ilire Erscheinung 

C. Sonderausstellung im Künst- 
le \v e r b e - .\I u s e u m 



W'; 



^ie anderwärts, hat auch das Düsseldorfer Kunst- 
gewerbemuseum seinen sogenannten Lichtliof und 
benutzt diesen zeitweise zu Sonderausstellungen, deren 
Kulturwert außerordentlich hoch zu stellen ist. Es soll 
da nicht das beste vom Alltäglichen vor .\ugen gestellt 
und bewundert werden; auch das Fremdartigste und 
Fragwürdigste stellt dem .Auge und dem Geschmack 
des Beschauenden seine .-Aufgaben. Nicht nur der ge- 
reifte Geschmack, der ein Recht zu schlichtem An- 
nehmen oder .-Xblchnen zu haben wenigstens vermeint, 
fmdet da geistige .Anregung, sondern auch der sich erst 
bildende, der zwischen .Mlgemeingültigem, Individuell- 
sympathischem und Verblüffendneuem ohne sicheres 
Fundament hin- und herschwankt, kann dort eine gute 
Schule durchmachen, besonders wenn er beim Beschauen 
eine geeignete Führung findet, die ihm nicht Behaup- 
tungen aufdrängt, sondern ihn selber ein Urteil finden 
lehrt. Zwischen die Ausstellungen, die den kunstge- 
werbhclien .Arbeiten im engeren Sinne dienen, treten 
bisweilen solche, die den städtischen Interessen Düssel- 
dorfs und des historisch damit verbundenen Bezirkes 
nalie liegen. Eine solche .Ausstellung br.achte der 
Septembermonat: Die Entwürfe zum Kaiser 
Wilhelm -Park, die durch ein Preisausschreiben 
veranlaßt waren. Der Kaiser Wilhelm-Park wird das 
Rheinufergelände nördlich von der stehenden Rhein- 
brücke schmücken, die sogenannte »Golzheiraer Insel«, 
wo ehedem .lUjährlich die Düsseldorfer Kirmes, ver- 
bunden nnt dem Sebastianusschützenfest, als ahliistorisches 
Volksfest begangen wurde; diese ist jetzt provisorisch 
auf die andere Rheinseite, auf das Flutgelände vor 
Oberkassel, verlegt worden. Auf der »Golzheimer 
Insel« fanden 1902 und 1904 die beiden großen Aus- 
stellungen statt. Von ihnen .sind außer dem Kunst- 
palast, der von vornherein als dauerndes monumentales 
Gebäude errichtet wurde, und einer Gruppe von 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 5, 1. FEBRUAR 1906 



in 



iiioniinientalcn Betonarbeiten (einige nocli vorhandene 
Pavillons liegen anderwärts) nur Trümmerfelder übrig. 
Nördlich vom Kun.stpalaste wird das Regierung.sgcbiuide 
und da.s Oberlandesgericht, der Flut ebenl'alls uner- 
reichbar, stehen. Vor diesen Palästen und nördlich 
über dieselben hinaus sich erstreckend wird nun bald 
der Kaiser Wilhem Park eine künstlerisch angelegte 
Fortsetzung des Hofgartens bilden. Indem der Park 
das Rheinufer begleitet und bis in das Flutgebiet hinab- 
steigt, ist die Anlage an allerlei Rücksichten von vorn- 
herein fest gebunden. In den niedrig gelegenen Teilen 
müssen alle Anlagen vermieden werden, die durch 
eine etwaige L'berdiitung weggerissen werden oder 
das Vorüberlließen des Wassers hindern könnten, und 
es müssen allerwegen, namentlich auch in den dichter- 
bepflanzten, hochgelegenen Teilen weite Durchblicke 
geöffnet werden, damit die Spaziergänger den Rhein 
und das linke, echt niederrheinische Ufer überschauen 
können, andrerseits aber aucli die genannten Gebäude 
von drüben und vom Rheine aus sichtbar bleiben. Es 
muß ferner dafür gesorgt werden, daß überall hin- 
reichender Schutz vor den starken Winden von Westen 
her vorhanden ist, nicht minder vor dem Brande der 
Sonne, die den ganzen Nachmittag die Vorderseite der 
Gebäude und ihre Zugänge nebst den vorgelegenen 
Plätzen bescheint. Daß endlich Erfrischungsgelegen- 
lieiten und geeignete Spielplätze vorgesehen werden 
müssen, braucht heutzutage kaum gesagt zu werden. 
Das Preisausschreiben hat nun eine Reihe von Entwürfen 
gezeitigt, die alle zeigen, wie man bemüht ist, die 
schöne Gartenkunst, entsprechend dem im Worte selbst 
liegenden Gegensatze von Natur und Kunst, eine 
mehr oder minder harmonische Verschmelzung von 
Gesetz und Freiheit sein zu lassen. Was ehemals 
die Franzosen nach der einen, die Engländer nach der 
andern Seite zu viel oder zu wenig getan haben, wird 
sich so oder so stets wiederholen, auch wohl hier durch 
Wildheit, dort durch HyperStilisierung überboten 
werden. Die letztere ist heute die größere Gefahr, und 
gewisse, vom fernen Osten her importierte und einseitig 
erfaßte Sezierungen der Natur und schematische Aus- 
gestaltungen ihrer Bestandteile drohen, nicht nur dem 
Hause und dem Hausrat, sondern auch dem Garten 
und seinem Inhalt die Lebenswärme zu rauben. Die 
Menschen lassen sich das in weit ausgedehnterem Maße 
gefallen, als tiian hätte erwarten sollen ; aber die Herren 
sprechen so weise und so zuversichtlich . . . . , und 
man kommt sich so überlegen vor, wenn man mit 
oder ohne Überlegung mitmacht, was innner keine 
Brücken zur Vergangenheit hat oder keine zu haben 
vorgibt. Von den eingesandten Entwürfen sind einige 
mit Preisen bedacht, andere zum Ankauf« empfohlen 
worden. Zur unveränderten Annahme ist keiner ange- 
nommen worden; und das ist gut. Von den obenge- 
nannten Rücksichten ist der fühlbar wichtigste so gut 
wie gar nicht beachtet worden; nach den Entwürfen 
kann man an sonnigen Nachmittagen nur hirnver- 
brannt bei den Eingängen der öfl'entlichen Gebäude 
ankommen. Im übrigen hat fast jeder Entwurf, wie 
begreiflich, seine Vorzüge und liefert eine Grundlage, 
aus der etwas gemacht werden kann. Und so wird 
voraussichtlich Düsseldorf im Kaiser ^\■ilhelm-!^lrke ein 
neues Schmuckstück haben, falls nicht hvperstilisiercnde 
und mechanische Künsteleien, die bekannten französischen 
Vcrirrungen des vorvorigen Jahrhunderts noch über- 
trumpfend, Tod und Unnatur für Gartenkunst 
auszugeben Gelegenheit bekommen. Mögen die ent- 
scheidenden Faktoren Einsicht und Energie genug ent- 
wickeln, um Düsseldorf davor zu bewahren! 

Die SonderausstelUmg beschränkt sich nicht auf die 
Parkentwürte. Sie bringt noch eine reiche Sammlung 
von Werken, die djs (»ebiet der Dtkorationskunst be- 



treffen (Hofbuchhandlung Fr. Wolfrum zu Düsseldorf;. 
Ferner kann man teils mit Bewunderung, teils mit Be- 
denken und Kopfschütteln an der reichen und mannig- 
faltigen Zusammenstellung dekorativer Entwürfe von 
Ignaz Wagner, Professor an der Kunstgewerbeschule, 
sehen, wie gesetzmäßig \'erfolgte Wege von Gegen- 
ständen der Natur (z. B. Schmetterlingen) oder Bestand- 
teilen von solchen zu architektonischen und anscheinend 
rein geometrischen Linienführungen und Ausgestaltungen 
leiten können, selbst unter Beibehaltung oder Abstufung 
der ursprünglichen Farben. Die ältere dekorative Kunst 
hat das ja nie übersehen oder, wo es passend gewesen 
wäre, verschmäht. Am erkennbarsten und vielleicht 
systematischsten sind die Japaner darin Vorgänger ge-' 
wesen, wie ein Blick in die zahlreichen japanischen 
Zeichenbücher (Wappenbücher) zeigt; sie haben aber 
niemals aufgehört, neben der Konstruktion dem un- 
mittelbaren Schöpfen aus der lebendigen Natur seine 
Geltung zu belassen. Stirbt in der Kunst die lebendige 
Natur, dann ist die Kunst selber tot. Das darf nicht 
vergessen werden, und wenn die konstruktiven Ergebnisse 
noch so bestechend sind. 

Zum Schluß sei der \'orhang des neuen Schauspiel- 
hauses erwähnt (Firma Hemming & Witte, Düsseldorf, 
die außerdem manches Sehensvyerte ausstellt), der dem 
Ideale eines Vorhanges recht fern bleibt. Ist es schon 
der Idee des Vorhanges fremd, wenn eine große 
Porzellan (f ?) -Vase mit hinaufgezogen oder gar auf- 
gerollt werden soll, so ist das Wesen verletzt, wenn 
ein breiter, schwerer, tiefausgekehlter Holz- und Stuck- 
rahmen, der ordenthch Schatten wirft, diese Operation 
mitmachen soll. Ein ^■orhang verlangt eine Ikhandlung, 
die seiner Bestimmung entspricht, durch eine bewegliche, 
leicht sich aufrollende Fläche, die als solche erkennbar 
und erfreulich sein soll, etwas zu verhüllen oder ahzu- 
schheßen. Das kann man von dem neuen Vorhang 
mit seinem schweren Rahmen, seiner Porzellan-Vase 
und der zweifelhaften schweren Mittelkartusche nicht 
sagen. Er ist nun aber einmal fertig und wird wohl 
so hängen müssen. Bonc 



D'-' 



KUNSTVEREIN MÜNCHEN 

•jer Streit, wer das beste Farbenmaterial, die beste 
Tempera herstellt, veranlaßte eine Ausstellung von 
Werken, die mit Gundermannschen Temperafarben ge- 
malt waren. Daß die Tempera oder besser gesagt, jede 
Farbe, die so wenig wie möglich Ol enthält, eine größere 
Klarheit der Bilder erzielt, liegt ja für jeden, der sich mit 
der .Malerei praktisch beschäftigt, auf der Hand; daß 
aber nicht jeder, der solches Material anwendet, nun 
auch etwas Vorzügliches leistet, ist ebenfalls klar. Die 
vorgeführten Proben haben daher nur bewiesen, daß 
ein tüchtiger Künstler mit jedem Material, wenn er es 
rationell benützt, dasselbe und noch mehr erreichen 
kann als mit den angepriesenen Farben. Die Bilder 
von H.Herkomer waren z. B. um kein Haar besser als 
seine früheren, im Gegenteil. Das eine ist ja richtig, 
daß wir bei all den guten Bestrebungen, das Material 
sowohl als die Bindemittel für die Malerei zu verbessern, 
heute noch in maltechnischen Dingen höchst unbe- 
holfen dastehen, weil wir keine Werkstattskunst mehr 
besitzen, die noch auf guten Traditionen fußt. Wir 
wissen zwar durch so manchen Forscher ziemlich genau, 
wie die alten Pompejaner, wie van Ej'ck, wie Rem- 
brandt, Rubens gemalt haben können. Wir sind auch 
durch Rekonstruktionsverfahren in der Lage, in an- 
scheinend ähnlicher Weise den Weg irgend einer Mal- 
technik anzugeben, was uns aber fehlt, ist die künst- 
lerische Ausnützung dieser Rezepte, die uns nur durch 
Meister gezeigt werden können, die eben durch die 



IV 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST<, II. JAHRGANG, HEFT 5, i. FEBRUAR 1906 



Summe all der Eigenschaften, die zur Kunst gehören, 
dazu allein imstande sind. — Richard Kaiser, der 
sich einer eigenen Sprache der Technilv bedient, hatte 
eine Anzahl Landschaften gebracht, die den Künstler 
als stets weiterstrebenden erkennen lassen. Vor allem 
fesselten den Beschauer einige großzügige Landschaften, 
deren Motive aus der Gegend des Bodensees stammten 
und in ihrer Innigkeit den echten deutschen Charakter 
trugen. 

Zum 60. Geburtstag Oberländers, des geistreichen 
und gemütvollen Huniori.sten der »Fliegenden«, brachte 
die \'ereinsleitung eine kleine Serie der stets so köstlich 
anmutenden (Jriginalzeichnungen des Meisters. Über- 
länder ist allzubekannt, als daß man seine Kunst näher 
schildern müßte, die so ehrlich gesund und rein ist; 
hier gilt sein Spiuch: »In der Art wie wir das Wesen 
des Humors auffassen, zeigt sich unser Charakter.« — 
Der auf graphischem Gebiete unermüdlich tätige Walter 
Ziegler füllte einen ganzen Saal mit zahlreichen Proben 
der Marmoriertechnik, die mit Benützung von Zufalls- 
formen ganz neue und eigenartige Probleme ermöglichen. 
Außerdem zeigte er in den vielen Lichtkopien nach 
lebenden Pflanzen, wie die Naturformen selbst zu or- 
namentalen Zwecken dienstbar gemacht werden können. 
— Unter den geschickt gemalten Tierbildern von Joh. 
D. Holz waren besonders die Szenen eines Viehmarktes 
im Sonnenschein und Kühe im Schnee bemerkenswert. — 
Die Reichstagssitzung von G. W'altenberger: >Der Kanzler 
(Bülow) spricht« — eine Riesenleinwand enttäuschte sehr, 
zumal der Künstler durch seinen Weltuntergang, den er 
vor einem Dezennium malte, und von dem der linke 
Seitenllügel ebenfalls ausgestellt ist, noch in guter Er- 
innerung war. Bei diesem neuen figurenreichen Bilde 
hat der Maler vor allen Dingen die freilich schwere 
Aufgabe der Trennung der Massen, das Unter- und N'eben- 
ordnen und Individualisieren der einzelnen Typen nicht 
zu lösen verstanden. — Erfreulicher wirkten dagegen 
die prächtigen Studien und Skizzen aus Belgien und 
Holland von Max Gaisser. Man sieht aus all diesen 
mit warmer Hingebung zur Sache gemalten Interieurs, 
Straßen und Strandbildern, wie der Künstler Land und 
Leute, ihre Gewohnheiten, ihre Gebräuche und nicht 
zuletzt ihr Heim erfaßt hat. Köstlich sind einige Gruppen 
Fischer am Gestade der See bei der Arbeit, die so 
selbstverständlich da sind, als ob sie ein Stück jener 
wilden, rauhen Natur wären. Überall wo der Künstler 
diese schlichten Menschen schildert, sind sie ohne alle 
Gesuchtheit und künstlerische Konstruktion gegeben. — 
Aber ganz besonders anziehend sind die sonnendurch- 
lluteten Interieurs, die still gemütlichen Stuben, die trauten 
liolzvertäfelten Zimmer, mit reichem Schnitzwerk und 
schillernden Ledertapeten, mit altväterlichem Hausrat. 
Sie muten auch ohne ihre Bewohner so menschlich an, 
ja man vergißt die Menschen ganz und verfolgt nur den 
liellen Sonnenschein, den Sonnenstrahl, der über all die 
Dinge hinhuscht und sie belebt. Etwas unendlich Sym- 
pathisches spricht auch aus der, nur als Skizze in großen 
Zügen angegebenen nienschenbelebten Stube, mit der 
blauen llolzvertäfelung und blauen Läden und dem Blick 
auf die alte Stadt. Das an sich rein malerisch gelöste 
Problem tritt fast vor der stillen Poesie der melancholisch 
ernsten Feierstunde zurück, man vergißt die Ortlichkeil, 
die Menschen und lauscht nur noch dem Seelischen, 
das hier der Künstler uns mit seinem ganzen Gemüte 
.sagen wollte. 

Daß vielfach ein ungehöriger Mißbrauch mit dem 
Worte »modern« in unserer heutigen Kunst getrieben 
wird, konnte nicht schlagender gezeigt werden, als durch 
die Vorführung der extremsten Gegensätze und der zeit- 
lich weit auseinanderliegenden Kunstgegenslände. (.Hi 
wir im Kunstverein einem alten oder jungen Künstler 
begegnen, hat mit der Kunst an sich nichts zu tun. 



Auch das L'nwesentliche nicht, daß sich die verschiedenen 
Künstler verschiedene Ziele setzen. Betrachtet man von 
diesem Gesichtspunkte aus überhaupt jede künstlerische 
Leistung, so stehen die einzelnen Individualitäten, denn 
auf die kommt es zunächst an, in ihrer Art, die Natur 
umzuschatfen, für sich allein da. So konnte man sich un- 
gehindert an den stimmungsvollen Landschaften .Mever- 
Basels, den liebevoll durchgeführten Blumenstücken 
S c h a c h i n g e r s ebenso erfreuen, als an den in alt- 
meisterlichem Geschmack und gesunder Kraft gemalten 
Stilleben Hermann-. Vllgäus und Keller- Hermanns 
und den Landschaften von Hans Klatt. Selbst den 
kapriziösen pointillistischen Bestrebungen Pelling- Halls 
ließ sich unter gewissen Bedingungen noch Geschmack 
abgewinnen. Einen größeren Gegensatz aber erbhckte 
man in den früheren Werken Matthias Schmids, zu 
dessen 70. Geburtstag auch die Werke älterer Zeit und ein 
umfangreicher Teil seines Studienmaterials dem Publikum 
gezeigt wurde. Welch gediegene Schulung, welcli ehr- 
liches Streben der Altmünchener Kunst eigen war und 
wie scharf und doch zugleich malerisch die Pilotvschulc 
in ihrer Erziehung vorging, bewiesen die Studien aus 
Tirol und ^'orarlberg, insbesondere jedoch die Erstlings- 
werke M. Schmids, »Die Karrenzieher« und »Die Herr- 
gottshändler«. Obgleich diese Bilder nicht frei von Ten- 
denz sind, so überwiegt die malerische Q.uahtät weitaus 
und man konnte, selbst die modernsten aller Modernen 
von heute nicht ausgeschlossen, dieser kernigen Malerei, 
verbunden mit einer zielsicheren Zeichnung und meister- 
haften Komposition die Bewunderung nicht versagen. 
— .\lfred Bachmann, dessen Studiengebiete die nörd- 
lichen Gewässer und die Regionen des Eises sind, zeigte 
in seinen neuerlichen Studien und Bildern bedeutende 
Fortschritte. Nicht als trockener Berichterstatter will er 
die Natur wiedergeben, sondern durch eine poetische 
Belebung der einsamen Regionen seelische Gedanken 
auslösen. — Die jüngsten Staatsankäufe, welche plUcht- 
gemäß auf dem großen Jahrmärkte, genannt »Inter- 
nationale Ausstellung« gernacht wurden, bereiteten in 
ihrer zusammengedrängten Übersicht eine Enttäuschung. 
Nicht, als ob alle Werke ihren hohen Beruf, in der 
Staatssammlung zu figurieren, verfehlt hätten; nein, den 
Erwerb manchen Bildes darf man freudig begrüßen. 
Weit schlimmer aber sind bei diesen Ankäufen die Rück- 
sichten, die Protektionen, die maßgebender als alles 
andere sind, so daß unsere Neue Pinakothek mit Bildern 
gefüllt wird, die eine spätere Generation schleunigst 
wieder entfernen wird. Kein künstlerische Gesichtspunkte 
sollten hier maßgebend sein, denn es darf sich nicht 
darum handeln, nur Bilder und Bildchen, sondern Mark- 
steine der Kunst unserer Zeit zu erwerben. Dann ist 
ferner das »Einraagaziniereu'' von Kunstwerken an und 
für sich wenig geschmackvoll und die staatlichen Gelder 
würden viel besser und zweckentsprechender angelegt 
sein, wenn im Wettbewerb der Künstler untereinander 
für die Ausschmückung der Gotteshäuser sowie der 
Gebäude des Staates und der Gemeinde gesorgt würde. 
Platz gibt es allenthalben, vom Fürstenpalast bis auf die 
Kaserne, die Schule und das Krankenhaus. Gerade Ta- 
lente wie Walter Thor würden für solche Zwecke ihr 
Bestes geben können. In der reichhaltigen und umfang- 
reichen Kollektion, welche dieser junge Künstler vor- 
führte, sah man das rein Malerisclie mit dekorativem 
Geschmacke vereinigt. In den zahlreichen Bildnissen 
suchte der .Maler durch Flächenwirkung in kurzen, knappen 
Pinselzügen die .Modellierung und eine m.derische Q.ua- 
lität zu erzielen, wie sie von Leibl ausging. Charak- 
teristisch hierfür waren einige Herrenbildnisse, ebenso das 
schon bekannte repräsentative Porträt des Prinzregenten. 
Geradezu verblüffend wahr und echt wirken einige 
Bauernstuben. — Die erstarrten Gelildc der Polarregion 
reizen von jähr zu (ahr die .Maler, dort ilir Glück zu 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, IL JAHRGANG, HEF'I' 5, i. FEBRUAR 1906 



versuchen. Hatte Payer schon seinerzeit mit malerischen 
Berichten über Franz Josef- Land Aufseilen erregt, so 
versucht es diesmal der Russe Alexander Borissoff, 
in einer Anzahl von niclir als 2üO kleineren und größeren 
Skizzen Aufschluß über die im ewigen Eis und Schnee 
begrabenen Gegenden der nördlichsten Zone zu geben. 
Eine hohe künstlerische Bedeutung ist diesem Werk, 
das als Ganzes betrachtet werden muß, nicht zuzu- 
schreiben, vielmehr müssen wir den Mut und die Ent- 
schlossenheit bewundern, die den Maler beseelten, unter 
Strapazen, Entbehrungen aller Art und der grinnnigsten 
Kälte diesen schaurigen Einöden, diesen Eisbergen und 
1 löhlen malerische Reize abzugewinnen. > Hier bei beißen- 
der Kälte«, so erzählt BorissotT, »muß der Maler ganz 
anders arbeiten, der Frost verwandelt die Farben in 
eine dichte Masse, die der Pinsel nicht aufninnnt. Es 
kam während meiner Polararbeiten vor, daß sogar das 
Terpentin — das einzige Mittel, welches die Farben in 
brauchbarem Zustande erhalten konnte — versagte, weil 
CS sich bei dieser fürchterlichen Kälte kristallisierte. Ich 
habe Skizzen, die bei 2 5" '''alte gezeiclmet sind — 5 bis 
i\ Skizzen bei 50° Reaunmr. Dabei mußte ich den Pinsel 
in der vom Pelz bedeckten Faust halten und mit aller 
Gewalt führen. Der Pinsel kracht, zerbricht, die er- 
starrten Hände versagen den Dienst, aber ich malte, in 
heißem Drange, all diese phantastischen, düsteren Er- 
scheinungen des hohen Nordens, voll eigenartigen Reizes, 
auf der Leinwand festzuhalten.« — So sind denn auch 
in großen Zügen, in entschlossenen, raschen Strichen 
die >Eisschollen im Nebel«, »Die Stalaktitenhöhlen in den 
Gletschern«, »Eiswande«, »Nächtliche Finsternis auf dem 
Eise«, um nur einige der interessantesten Skizzen zu 
nennen, hingeschrieben, die mehr bedeuten als eine 
rein illustrative Malerei, die nur zu berichten weiß, denn 
poesievoll schildern sie die schaurige, verschwiegene 
Pracht der vom Todesatem überwehten Welt. 

Franz Woher 



n 



KÖLNER KUNSTBRIEF 

Hochsaison des Kölner Kunstlebens hat nun, seit 
nfang November, mit aller Kraft eingesetzt, und 
einem rührigen Ausstellungswesen verdanken wir edelste 
Genüsse. Die Stadtväter greifen tief in den Säckel, 
um die bevorstehende große >1. Rlieinische Kunst- 
ausstellung« des nächsten Sommers sicher zu fundieren 
und würdig auszustatten; die kunstliebenden Kreise der 
Bürgerschaft freuen sich auf diese Ausstellung, die ihnen 
eine durch und durch moderne — im besten Sinne 
moderne — deutsche Kunst vor Augen führen wird. 
Weitgehende, ja stolze Hoffnungen knüpft man, wohl 
mit Recht, an diese Ausstellung und ihre Einwirkungen 
auf die Bildung neuzeitlichen Geschmacks gerade der 
Kölner Bevölkerung. Gewiß, sie hat's nötig. Aber 
daß in Köln eine frischere Strömung eingesetzt hat, 
das zeigen auch wieder die derzeitigen kleineren Aus- 
.stellungen. 

Im Kunstverein waren u. a. drei wundervolle 
Landschaften von F. O verbeck (Worpswede) zu sehen ; 
aber den Ton gab im November die Düsseldoifer 
Künstlervereinigung von 1899« an. W. Petersen 
zeigte ein paar seiner unleidlichen, glatten Salonporträts ; 
lerner einen weiblichen Studienkopl', der, an sich sehr 
fein, allzu starke Abhängigkeit von Leibls Technik 
und Auffassung verrät. Ganz als Impressionist gibt 
sich Petersen in seinem »•Begräbnis« : Wind und Regen- 
lult sind da gemalt, und der graue Gesamtton gibt 
dem kleinen Bilde einerseits vornehme malerische Hal- 
tung, und dann die trübe, schwere Stimnumg, die das 
Thema erheischt. U'eiter waien Porträts zu .sehen von 
Böninger, P. Philippi und L. Keller; mythologi- 
sche Szenen, starken WoUens und ungenügenden 



Könnens, von H. E. Pohle; ein trauliches, lichtdurch- 
ilutetes Interieur (>Sonntagmorgen«) von Huthsteiner; 
Genrebilder von Josse Goossens (»Das Kind« und 
das von der Düsseldorfer Ausstellung 1902 her bekannte 
Bild »Mutterfreude«). Auch Claus Meyers große 
religiöse Darstellung > Fürchtet euch nicht« war hier 
wieder ausgestellt ; gewiß ist die Wiedergabe ernster 
(Charakteristik eine sichere und kräftige — es zeigt 
sich das Schülerverhältnis zu E. v. Gebhardt; gewiß 
ist auch die Luft des Innenraumes vortrefflich gemalt ; 
aber trotz all' diesen Vorzügen stört eins den Re- 
ferenten immer wieder : daß der Heiland, in streng 
traditioneller, hieratischer Art dargestellt, eintritt zu einer 
Schar holländischer Schiffer und Fischer, als solche 
nämlich sind, in ganz modernem Realismus, die Jünger 
aufgefaßt, und es ist dies eine völlig unvermittelte, 
und darum unangenehme Zwciheit der künstlerischen 
Behandlung. Ihr Bestes geben die Düsseldorfer doch 
in der Landschaft; so Ackermann, C. Becker, 
Heimes, Marx und Westendorp; besonders fein 
aber, fein im Ton und in der Stimmung, zeigten sich 
hier Liese gang und Max Hunten. 

Der Kunstsalon Lenobel brachte nach der 
prächtigen Ausstellung von Werken H. Thomas eine 
größere Kollektion von Landschaften (Aquarellen und 
Ölgemälden) des Düsseldorfers August Schlüter, 
teilweise sehr gute Sachen, als Ganzes aber ebenso 
verschieden.irtig in ihrem künstkrischen Wert wie in 
ihren Motiven ^die teils aus Westfalen, teils aus Italien 
stammen!. Eine Kollektion von Werken des Mün- 
cheners H. Best vermochte auch nicht restlos zu 
befriedigen ; im einfachen landschaftlichen Genre ge- 
lingen dem Künstler zuw-eilen recht anmutige Bilder, 
aber in anderen, wo er Böcklins Spuren nachzugehen 
versucht, wird er leicht unangenehm. Ferner zeigte 
der Salon eine Reihe von Tierbronzen des Dresdeners 
M. Meyer-Pvritz und des Kölners Jos. Pallenberg. 
Die jüngeren Dresdener Künstler, die sich unter dem 
Namen »Die Elbier« zu einer Gruppe zusammen- 
geschlossen haben, waren hier in einer Sammlung von 
annähernd 60 ^\'erken vertreten ; es waren dies groß- 
gesehene, stinmmngsvoUe Landschaften, sowie Figurcn- 
bilder, Porträts u. dergl., durchweg sehr sympathische 
Arbeiten, von Beckert, Bendrat, Besig, Dorsch, 
Müller-Breslau, Pepino, Ufer und Wilckens; 
ferner eine Anzahl kräftiger Radierungen 'von Georg 
Erler. Edelste Kunst endlich steckt in den Land- 
schaften des Müncheners Edm. Stepp es, dessen 
Schaffen hier, dankenswerterweise, durch ein Dutzend 
Bilder zur Anschauung gebracht wurde. Diese Land- 
schaften, meist streng stilisiert, in neuerer Zeit aber 
malerischer und weicher in der Pinselführung, und 
alle von entzückender Farbigkeit, sprechen von wamicr 
Natuiemptindung und zartem Frühlingszauber, von 
feinstem Künstlersiim und Künstlersehen. 

Steppes leitet uns über zu den letzten .\usstellungen 
des Salon Schulte, denn auch hier war kürzlich 
eine dieser poetischen Landschaften von ihm (betitelt 
»An Mozart«) zu sehen. \'on den größeren Kollek- 
tionen einzelner Künstler seien hervorgehoben diejenige 
des Düsseldorfers Max Stern (kraftvolle Genreszenen, 
besonders aber Porträts); von A\'erner Schuch (Land- 
schaften), I-I. Schimmel (Landschaften, Interieurs und 
Stilleben', Eugen \\'olff ,12 Landschaften in breiter, 
koloristisch sehr wirkungsvoller Behandlung); an ein- 
zelnen Gemälden »Die Linde« von Daur i^Stuttgart) ; 
die »Salome« von Schmutzler fWien^; der >Blick 
ins Grüne« mit einer malerisch sehr feinen Interieur- 
wirkung von C. Murdfield; endlich Porträts von 
E. von de r L e v e n (München) u. a. m. 

Auf hohem künstlerischem Niveau steht auch heuer 
wieder die bis Weihnachten dauernde Ausstellung der 



VI 



BEILAGE ZU >DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 5, 1. FEBRUAR 1906 



Vereinigung geborener Kölner Künstler, im 
I.ichthol" des Kunstgewerbemuseums, 65 Gemälde und 
graphische Werke, sowie einige Skulpturen und kunst- 
gewerbliche Arbeiten. Die meisten dieser Künstler 
sind bekannt genug, und es erübrigt hier nur, ihre 
Namen zu nennen und einige wenige ^\'erke hervor- 
zuheben. Mit sehr hübschen Landschaften ist F. Bürgers 
vertreten, mit großzügig gesehenen und stimmungs- 
vollen E- Hardt. Stimmung ist's auch, was den Bildern 
(Landschaften und stillen Klostcrhöfen) von F. \\"esten- 
dorp eignet, der sich eine glückliche Note aus dem 
lebendig-toten Brügge geholt, sein Bestes hier aber in 
einer öden Landschaft unter Regenstimmung gegeben 
hat. Rieh. \'ogts und F. Reusing zeigen sich auch 
hier wieder als die Porträtisten, der eine als ein solider 
und geschmackvoller, der andere als allzu salonmäßiger 
und eficktvollcr, als die wir sie kennen. Schneider- 
Di dam enttäuscht einigermaßen : in seinen männlichen 
Bildnissen lag sonst mehr Kraft; und das hier gezeigte 
weibliche Porträt ist geradezu fad. Ferner wären zu 
nennen A. Frenz und R. Seuffert, sowie J. Esch- 
bach (letzterer mit einem männlichen Halbfigurenbilde 
in malerisch interessanter Landschaft). W. Schreuer, 
der sich die Mittel des modernen Impressionismus zu 
eigen und zu nutze gemacht hat, gelingt es in seinen 
Hotten kleinen Bildern mit großer Sicherheit, den Ein- 
druck lichtuniflossencn Lebens hervorzurufen und zu- 
weilen auch den von starker Bewegung (wie bei der 
.\ttacke der >Deutzer Kürassiere«). Voller Kraft und 
koloristischer Verve zeigt sich A. Deusser; von seinen 
vier Bildern sei besonders hervorgehoben die »Land- 
schaft mit Reiter« : ganz köstHch ist's, wie da der 
Schinuiiel im saltigen Grün drin steht. Nach Zahl 
seiner Bilder am stärksten vertreten ist A. Neven- 
Du-Mont. Es ist nicht ganz leicht, zu ihm Stellung 
zu gewinnen. Charakteristisch für ihn, aber unschwer 
zu erkennen, ist einmal, daß er, der seit Jahren in 
luigland Ansäßige, sich die Malmittel der Engländer 
und .Schotten zu eigen gemacht hat, daß er selber zu 
einem ganz englisch ausschauenden Maler geworden 
ist. Viel Kultur und hochgesteigerte Feinfühligkeit 
steckt ihm in Auge und Hand : das zeigt jede seiner 
kleinen, vornehm stilvollen Landschaften. .\ber zu- 
weilen wird er, der Überfeinerte, süßlich und scliwach 
(wie in der >luinnerung an Romnej'«); ein ander Mal 
(wie in den »Verlorenen Gedanken«) direlit albern und 
unerträglich; einen »vielsagenden«, etwas wehleidigen 
.•\ugenaufsclilag der betreffenden Jungfrau .'eine solche 
gibt in beiden Fällen das .Motiv ab), eine charakterlose 
Umgebung, süße, verblasene Farben sieht man auf 
beiden Bildern. Und auf anderen ist er dann wieder 
Künstler bis in die Fingerspitzen, ein Licht- und Farben- 
künstler delikatester .-\rt, ein feiner Zeichner und ein 
höchst geschmackvoller Arrangeur. Schreiber dieses 
kennt nicht viele Bilder, die von so vornehm intimer 
Wirkung wären, dabei so künstlerisch befriedigend, 
wie Nevens »Frühstück« und nainentlich das »Diner«. 
Diese beiden kleinen Bilder, verwandt in ihrem köst- 
lichen silbrigen Tonwert, gingen gleich in Kölner 
Privatbesitz über, wie denn überhaupt die Werke 
Nevens sich großer Beliebtheit in seiner Vaterstadt 
erfreuen. Endlich seien von den Skulpturen noch 
Jos. Moests polvchromierte Holzgruppe »Don Q.ui- 
jote« erwähnt; ferner die Plaketten und die Bronze- 
statuette »Verlangen« von F. Löhr; und endlich von 
Nie. Friedrich die in der Modellierung, in dem 
komplizierten Bewegungsmotiv und in der Geschlossen- 
lieit der Silhouette gleich ausgezeichnete Rronzestatuettc 
»Badendes .Mädchen <. f. 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

»Der Kirchenschmuck«, Zeitschrift -iüv 
christliche Kunst und Kunstgeschichte, hörte mit 
Schluß des Jahres 1905 zu erscheinen auf. Diese christ- 
liche Kunstzeitschrift war das Organ des christlichen 
Kunstvereins für Steiermark und erschien in Graz. Schon 
in ihrer ersten Nummer (Januar 1870) beland sich ein 
Beitrag von Mgr. Joh. Graus, welcher dann .Mitte 1875 
die Redaktion übernahm, die er bis jetzt Ibrtführte. 
Mgr. Graus, Universitätsdozent in Graz, hat für den 
Kirchenschmuck« große und opfervolle .Arbeit getan 
und ihn durch seine Beiträge zu einer Fundgrube kunst- 
geschichtlichen Forschungsmaterials gemacht. Der christ- 
liche Kunstverein gedenkt nun für seine Mitglieder all- 
jälirlich eine Anzahl »Studien zur Kunstgeschichte« heraus- 
zugeben. 

Di özesan -.Museums verein in Trier. — .\n- 
läßlich der XL Generalversammlung der Deutschen Ge- 
sellschaft für christliche Kunst in Trier, die .allen Teil- 
nehmern unvergeßlich sein wird, fand am 5. Oktober 
1904 die feierUche Eröffnung des neuen Trierer Diöze- 
sanmuseums statt (vgl. Bericht über die XI. General- 
versammlung, S. 13). Das Museum macht gute Fortschritte. 
Es wurde ein Diözesan-Museumsverein gegründet, der 
sich großer Beliebtheit erfreut und nach kaum halb- 
jährigem Bestehen schon 450 MitgHeder zählt. Wir 
werden in Bälde über dieses sehr gediegene Museum 
mehr berichten. 

N e u e K o m m u n i o n a n d e n k e n in Mehrfarbendruck 
werden von der Gesellschaft für christliche Kunst soeben 
neben den früher erschienenen ausgegeben. Es sind 
prächtige Blätter, welche des Beifalls der Kunstfreunde, 
des gesamten Klerus und des gläubigen Volkes würdig 
sind. Dem einen Blatt liegt als Original das herrliche, 
dramatisch durchkomponierte Abendmahlsbild zugrunde, 
das unser bewährter .-Mtmeister christlicher Kunst Karl 
Baumeister für Feldkirch malte. Das andere ist eine 
Nachbildung des edlen Heilandsbildes (Kniestück) von 
Carlo Dolce in der Dresdener Galerie. 

Postkarten. Die im 2. H. erschienenen .-Abbildungen 
von Werken J. Guntermanns fanden großen Beifall, 
weshalb sich die Gesellschaft tur christliche Kunst ent- 
schloß, eine Serie von Reproduktionen nach Gunter- 
mannschen Bildern in Form von künstlerischen Post- 
karten erscheinen zu lassen und dadurch den weitesten 
Kreisen zugänglich zu machen. Unter den zehn Nummern, 
alles wohldurchgeführte Mezzotinto-Gravüren, befinden 
sich u. a. Reproduktionen nach Wandmalereien in 
Schloßberg und nach dem imposanten Bilde in der 
Aussegnungshalle des östlichen Friedhofes in München. 



BÜCHHRSCIIAÜ 

F. n t w i c k 1 u n g s g e s c h i c li t e d e r m o d e r n e n 
K u n s t. Vergleichende Betrachtung der bildenden 
Künste, als Beitrag zu einer neuen .-Vsthetik von 
Julius .Meier-Gräfe. 5 Q.uartbände 50 M. Verlag 
Jul. HotTmann, Stuttgart 1904. 

Vor luis liegt ein Werk, des.sen \'erfasser — im 
schönsten Mannesalter stehend — sich noch so viel 
jugendliche Begeisterung bewahrt hat, daß er den Kampf 
gegen Prinzipien, die langst in Fleisch und Blut einge- 
drungen sind, aufzunehmen wagt. Er weiß, daß er 
einen Sturm der Entrüstung gegen sich entfacht, aber 
er hält ihm stand, unterstützt von einem umfangreichen 
Wissen und feurigen Temperament. Der A'erfasser 
\\ird viim Thcnu, das er behandelt, so hingerissen 



BEILAGE /U •DIH CHRISTLICHE KUNST«, 11. JAHKGANG, HEET s, i. FEBRUAR 190O 



Vll 



daß er häufig die Übjcktivität verliert und mit allen 
Mitteln einer glänzenden Beredsamkeit seine Über- 
zeugung dem Leser zu suggerieren sucht. Und hierin 
liegt ein Hauptreiz seiner Entwicklungsgeschichte; was 
I uns Meier-Gräle bietet, ist ein Ganzes, eine Persönlich- 
1 keit; was er in so vielen Kunstwerken schmerzlich 
vermißt, gibt er selbst dem Leser in Fülle. Seine 
Schilderungen der Kunstwerke sind nicht Übersetzungen 
aus einer Kunstspartc in die andere, nein sie sind Kunst- 
werke für sich. Was der Künstler durch die malerischen 
Mittel ausdrückte, weiß der N'crfasser durch die Mittel 
der Sprache gleicliwertig vorzufülircn. Wie er die Auf- 
fassung jedes künstlerischen StolTes klarzulegen versteht, 
.0 dringt er in die subtilsten Feinheiten der Technik ein. 
So eigenartig auch der Stil eines Künstlers sein mag, 
Meier- Gräfe findet hierfür stets die be;ceichnenden 
Worte; wälnend Muther aber in seiner Kunstgeschichte 
alle äußeren und inneren Einllüsse aufzählt, welche den 
Stil des Künstlers zeitigten, erkennt Meier-Gräfe nur 
diejenigen der Schule ouer Nachahmung an, wodurch 
manchmal etwas gewaltsame Schlüsse nötig wurden. Hier- 
bei kann nicht unerwähnt bleiben, daß die Auffassung 
-Meier-Gräfes vom Stil selbst sich nicht immer mit jener 
der auf diesem Felde tätigen Schriftsteller deckt. Auch 
seine Auffassung der Malerei ist eine sehr einseitige. 
Er anerkennt nicht die Gleichwertigkeit der einzelnen 
Cjrundtöne ihres mächtigen. Akkordes, nicht den Wert 
der Linienführung, der Tongebung, der Stimmung, 
sondern nur den der Farbe in ihren Modifikationen und 
verweist alle übrigen in die graue Zeit der ersten Ent- 
wicklung. 

iMeier-Gräfe stellt im Vorwort seine Prinzipien auf, 
weist auf die scheinbare Nutzlosigkeit der Kunstgesetze 
liin, welche »kaum die praktische .Ästhetik förderte« 
und »nicht den Halt vor schlimmen Versuchungen, 
nicht den hellen Trieb, das Heiligtum zu verehren«, 
u, ib und erklärt, »man kann der Kunst nur durch ver- 
gleichende Betrachtung persönlich näher kommen. Der 
Verfasser vergißt hierbei, daß es keine Gesetze für die 
Ewigkeit geben kann, da auf der Welt nichts unver- 
ändert bleibt und nur gleiche Verhältnisse gleichen 
Bedingungen entsprechen können. »Der Kunst nahe- 
kommen« kann man aber nie durch Vergleichen der 
verschiedenen Kunstwerke miteinander, sondern nur 
durch Vergleich jedes einzelnen mit der Natur. Die 
Höhe der Auffassung des Naturausschnittes, seine 
Steigerung und Vergeistigung gibt einen Maßstab für 
den künstlerischen Wert, nicht aber die .\hnliclikeit 
oder Verschiedenheit mit anderen Werken. Für den 
Künstler jedoch ist diese Lehre geradezu Gift, da sie 
ihn zum Eklektizismus erzieht, statt zu eigenartiger Auf 
' fassung der Natur und zur Benützung der Wissenschaft 
liehen Entdeckungen auf dem Gebiete der Optik. Wenn 
der Verfasser mit Recht die Neigung der Deutschen tadelt, 
die Kunst durch literarische Forderungen zu entwerten 
und auf falsche \\'ege zu lenken, so beweist er durch 
seine Behauptung, daß die Deutschen »fast ohne Kunst« 
sind, die echtdeutsche Schwäche der Fremdenverherr- 
lichung und Selbstmißachtung. Sein Satz: »Die Kunst 
ist nichts Persönliches« kann nach keiner Richtung hin 
aufrecht gehalten werden, solange jedes Kunstwerk Aus- 
fluß einer Persönlichkeit ist und als solcher betrachtet 
werden muß, ferner solange der Wert selbst des aner- 
kannten Kunstwerkes unter der veränderten Auffassung 
jedes Jahrzehntes dadurch zu leiden hat, daß es nur 
durch die Empfänglichkeit unserer .Sinne und Phantasie 
auf unser Empfinden wirken kann. 

Die Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst be- 
handelt der Verfasser in sieben Büchern, deren Titel lauten : 
Der Kampf um die Malerei, Die vier Säulen der modernen 
.Malerei, Farbe und Komposition in Frankreich, Die Kunst 
in Deutschland, Der Kampf um den Stil. Im ersten Buch 



weist der N'erfasser das Wesen der neuen Kunst nach, 
das in der »Harmonie des Ganzen«, »in dem Zusammen- 
hang mit dem Leben« bestehe. Ursprünglich entsprang 
das Kunstwerk dem Bedürfnis, die Gottheit zu versinn 
liehen, »daher war die Verbindung der Empfindungswelt 
mit dem religiösen Kult die denkbar natürlichste. Selbst 
mit allen Eigenschaften des Heiligen versehen, eine 
göttliche Erleuchtung, vermochte sie den Zug der Seele 
nach dein Mystischen, die Flucht vor den Leiden des 
.'Mltags zu fördern und gab das denkbar beste .Mittel 
für jene V^ersinnlichung der Gottheit, die der primitive 
Mensch in der Religion sucht. In Griechenland war 
Religion und Kunst eins: Schönheit. Der Gott war 
das Schönheitsideal«. Die Kunst blieb auch der Kirche 
treu, .ibis es der Reformation gelang, das Bild aus dem 
Tempel zu treiben und dem Kult eine Form zu geben, 
deren Nüchternheit keine sinnhche Verschönerung 
duldete«. »Damit war einer der vielen .■\nstöße zur 
Verwirrung der Ästhetik gegeben. Das abstrakte Kunst- 
werk begann um den würdigen Platz verlegen zu 
werden; nicht nur um den physischen PLatz, auch um 
die Stellung im Gemüt des Menschen « Der Zusammen- 
hang der Kirnst mit der Religion war so innig, daß es 
schien, als müßte erstere zugrunde gehen. Die Trennung 
beider »bedeutete hier einen Rückschritt«. .-Ms Ersatz 
tür den verlorenen Glauben diente das neue Ideal : 
»Freiheit, Wahrheit, Gleichheit«. Die erste m.ichte das 
Kunstwerk entbehrlich, weil zwecklos, die zweite nahm 
ihm die Empfindung, die dritte endlich würdigte es zur 
Handelsware herab. 

Die ersten Christen haßten die Skulptur als »Träger 
der heidnischen Gottheit« und kultivierten darum haupt- 
sächlich die M.ilerei. Da sie auch in dieser mit allen Tra- 
ditionen brachen, zeigen die ersten Malereien noch »barba- 
rische Formen« . Die Verbindung mit dem Räume sicherte 
ihnen aber »die dekorative Größe einer auf Raumschmuck 
gerichteten Kunst«. .Ms sicli die Gemälde durch Ver- 
wendung von Holztafeln vom Räume loslösten, wurde 
die »Sehnsucht nach der Raumwirkung« durch »die 
Liebe zum Persönlichen« verdrängt. Die Renai.s,sance 
brachte durch reichliche Bemalung der Wände wohl 
wieder die Raumwirkung zur Geltung, huldigte hierbei 
jedoch so sehr der Unnatur, daß sie »kein Aufleben, 
sondern glänzendes Ableben« genannt werden müßte. 
Das Empire ist »der krampfliafte Versuch, der Entwick- 
lung eine andere Richtung zu geben«, ohne die nötige 
Kraft, sie umgestalten zu können. Der Neuzeit war es 
vorbeh.alten, die »Kunst im allgemeinen, nicht nur im 
Bilde« zu zeitigen. So Meier-Gräfe. 

So hoch der Verfasser die christliche Kunst zur Zeit 
ihrer Entstehung schätzt, so sehr vernachlässigt er sie 
in ihrer Entwicklung. Er gönnt ihr kein eigenes Kapitel 
mehr, sondern erwähnt nur bei einzelnen Künstlern 
den Fortschritt, welchen diese hehrste Kunstsparte ge- 
macht hat, unbeirrt von den Tagesmoden, unverrückt 
das hohe Ziel im Auge. 

In den übrigen Büchern legt der Verfasser unter 
Betrachtung der Werke einzelner Künsüer, welche er 
für tonangebend hält, seine Ansichten von der Kunst 
nieder und beweist die Notwendigkeit einer neuen 
organischen Ästhetik. Wenn seine Anschauungen, be- 
sonders in Künstlerkreisen, auch häufig ein mißbilligendes 
Kopfschütteln hervorrufen werden, interessant und an- 
regend sind sie immer zu lesen und werden auch dem 
Künstler dadurch nützen, daß er ihn auf neue Wege 
des Studiums verweist und vor literarischen und retro- 
spektiven Neigungen, denen der Deutsche nur zu willig 
fröhnt, energisch warnt. 

Die zahlreichen Illustrationen, in einem eigenen Band 
vereint, erregen zwar volles Interesse, entsprechen aber 
insoferne nicht ihrem Zweck, als sie durch ihre Farb- 
losigkeit die Intentionen des Verfassers nicht unterstützen. 



Till 



if:iL.\Gi; zu »du; c;iikistliche kunst-, ii. jaiirganü, iiiirrs, i. fhbruak 1906 



\'oii tltni n.iniliclicn Vcrlassci erschien auch »Der 
lall BöckliiK. Nachdem dieses Werk durch die Kontro- 
verse, welche es in allen Tagesblättern entlesselte, bereits 
allgemein bekannt wurde, dürfte eine Besprechung des- 
selben nunmehr überflüssig sein. f. s, b. 

S c h \v e i z e r K u n s t k a 1 e n d e r 1 906. Herausgegeben 
von Dr. C. H. Baer. Verlag der Schweizer ßauzeituni;. 
Kommissions-Verlag von Ed. Raschers Erben, Zürich. 
M. 12 5. 

\'on diesem historischen Kunstkalender ist der 2. Jahr- 
gang erschienen, der dem vorausgegangenen an Ge- 
schmack und Reichtum der Illustrationen und an Ge- 
diegenheit des Inhalts nicht nachsteht. Das Unter- 
nehmen will dazu beitragen, daß all das Schöne, was 
noch überall im Schweizerland vorhanden, aber viel- 
fach unbeachtet ist, wieder mehr geschätzt werde und 
neue Anregungen ausstreue. In seinen Fortsetzungen 
soll der Kalender eine illustrierte Kunstgeschichte der 
Schweiz bilden. .Aus dem Inhalt erwähnen wir: »Der 
Hallwylsche Reliquienschrein im Historischen Museum 
in Basel« ; »Die gotische Monstranz in der Pfarrkirche 
zu .-Mtdorf« ; »Innenansicht der Klosterkirche zu See- 
dorf< . 

Illustrierte Weltgeschichte. Herausgegeben 
von Dr. S. Widmann, Dr. P. Fischer und Dr. W. Feiten. 
.|o Lieferungen ä M. i . — ; zusammen .) Bände. München, 
Allgemeine Verlagsgesellschaft m. b. H. 

Bis jetzt liegen 1 1 Lieferungen vor, w-omit der zu- 
nächst in Angriff genommene 4. Band »Geschichte 
der neuesten Zeit< zum Abschluß gekommen ist. Eine 
.-illseitige Besprechung dieses von der Presse sehr 
günstig aufgcnonmienen Werkes würde den Rahmen 
einer Kunstzeitschrift überschreiten. LTmso lieber ist 
es uns, konstatieren zu können, daß sich mit dem 
gediegenen Text eine hervorragend reiche und soweit 
als möglich künstlerisch anregende .Ausstattung ver- 
bindet. Selbstredend überwiegt bei der Illustrierung 
eines derartigen Werkes die Rücksichtnahme auf ge- 
schichtlich treue Veranschaulichung; doch wurde, so 
gut es anging, auch die Kunst hereinbezogen, wodurch 
zur Verbreitung der Kunstliebe beigetragen wird. 

Der Altarbau im Erzbistum München und 
Freising in seiner stilistischen Entwicklung 
vom Ende des 15. bis zum Anfang des 19. Jahr- 
hunderts von Dr. Rieh. Hoffmann, Kurat bei 
St^ Joh. Nepomuk in München. Mit 59 Abbildungen. 
.München, Lindauersche Buchhandlung. M. 4. — 

Vorliegende Schrift bildet den neunten Band der 
ursprünglich von Deutinger, jetzt von Domkapitular 
Dr. Specht herausgegebenen »Beiträge zur Gescliiclne, 
Topographie und Statistik des Erzbistums München 
und Freising«. Der X'erfasser hat sich der außer- 
gewöhnlich großen Mühe unterzogen, so ziemlich alle 
kunstgeschichtlich bedeutsamen .Altäre der Erzdiözese, 
vom Ende des 1 5. Jahrhunderts an aufzusuchen und 
zu studieren, und ist so in der Lage, uns für dieses 
Gebiet eine lückenlose, höchst interessante Entwicklungs- 
geschichte des Aliarbaues von der Spätgotik bis herauf 
zu den Zeiten des Klassizismus zu bieten. Selbst- 
verständlich gewinnen wir hierbei nicht nur einen Ein- 
blick in die Geschichte des Altares, wobei ich übrigens 
das über die »Tabernakelfrage«, p- 175 fi , Gesagte als 
besonders bemerkenswert hervorheben möchte, sondern 
eine fein detaillierte Geschichte der StiKvandlungen 
überhaupt, die sich hier in concreto trefflich verfolgen 
lassen. Dadurch, daß immer zuerst in eigenen .Xb- 
schnitten der jeweilige Altar tvpus der einzelnen 
Perioden, und dann die hervorragenden Altäre der- 
selben Epoche geschildert werden, waren zahlreiche 



Wiedei holungen und eine gewisse Weitschweifigkeit 
kaum zu vermeiden. Die fleißige, verdienstvolle Arbeit 
des Verfassers wird in Fachkreisen nicht unbeachtet 
bleiben, für die Erzdiözese München wird sie sicher 
dauernden \\"ert behalten. D 

Kalender b a v e r i s c h e r und schwäbischer 
Kunst 1906, herausgegeben von Dr. Jos. Schlecht, Ly- 
ceaIprofe.ssor in Freising. Verlag der Gesellschaft für 
christliche Kunst, München. 8°. 18 Seiten. Preis M. I. — . 

Dieser Kalender dient neben seiner praktischen Ver- 
wendbarkeit hauptsächlich dazu, Kunstsinn und Kunst- 
verständnis in den breitesten Schichten des Volkes zu 
regen und zu heben. Damit ist auch .seine idealste, 
würdigste und anerkennenswerteste .Xufgabc angegeben. 
Nach Illuslration und Text steht der K.ilendcr in dem 
Zeichen des Iluiidcrtjahrjubiläums der Erhebung Bayerns 
zum Königreiclic und erregt darum auch ein eminent 
patriotisch-politisches Interesse. Das bis in die kleinsten 
Einzellieiten künstlerisch und sauber durchgeführte 
Polychrom-Titelbild stellt die \'ermählung des Kur- 
fürsten Otto von Witteisbach mit Agnes, der Tochter 
des Grafen Theodorich von Wasserburg dar Der 
Text behandelt die wichtigsten Ereignisse aus der Zeit 
des großen Kurfürsten, die wichtigsten Monumental- 
Schöpfungen der letzten Witteisbacher, die hervor- 
ragendsten architektonischen Werke der kunstsinnigen 
Könige Bayerns: Ludwig I. und Ludwig II. Die in 
feinstem Lichtdruck hergestellten Bilder bieten kün.st- 
lerische Illustrationen dazu. 

So trägt auch dieser Kalender nicht das Wenigste 
dazu bei, das Jubiläum des erlauchten bayerischen 
Königshauses zu verherrlichen und bildet somit einen 
höchst würdigen Schmuck für das Heim einer jeden 
patriotisch gesinnten ba\'erischen FamiHe, ist aber auch 
eine duelle der Freude und Belehrung für jeden deut- 
schen Kunstfreund. Pi. 



ZEITSCHRIFTENSCHAU 

.\rchiv für christliche Kunst. — Nr. II. — 
Der (neue) spätgotische Flügelaltar in der Stadtplarr- 
kirche zu Horb. — Ein Gang durch restaurierte Kirchen. 
28. Gattnau. 

Christliche Kunstblätter. — 47. Jahrgang. 
Nr. I. — Neue Zieler — Beschreibung der ehemaligen 
Klosterkirche zu Garsten. — Der neue St. Leopold- 
.Altar im Stephansdome zu Wien. 

Der Kunstfreund. — Nr. 11. — Der liturgische 
Kamm. — Die alten Hospitäler und Kirchen zu Ehren 
des HI. Leonhard in Tirol. Nr 12. — Die illu- 
minierten Handschriften in Tirol. — Kirchliche Kunst- 
ausstellung in Trient. — Die alten Hospitäler und Kir- 
chen zu Ehren des hl. Leonhard in Tirol. 

Kirchen schmuck. — Nr. ui. — Von St. Wolf 

gangs österreichischen Ehrendenkmalen. Nr. 11. — 

St. I.eonhards Kunstheiligtümer bei uns. — Praesentatio 
B M. V. — Nr. 12. — Der .Altarbau und der Barock- 
stil — Ein Bildwerk der Renaissance zu Viadana. — 
Dem Feste Conceptionis B. .M V. gewidmet. — Eine 
Kanzel des 17 Jahrhunderts. 

Zeitschrift für bildende Kunst. — Heft ',. — 
Richard Schöne. — Die \"illa d'Este in 'livoli. — 
l'uvis de Ghavannes als Karikaturenzeichner. — Künstler 
als .Schriftsteller und Kritiker. 

Redaktionsschluß: i o. J a n u a r. 




Gesellschaft für christliche Kunst, c. m. b. h.. Münche n 

In unserem Verlage ist erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: 

LOY HERING 

Ein Beitrag zur Bescliiclite der deutsciien Plastik des XVI. Jahrhunderts. 

Von Dr. Felix Mader. 
VIII und 122 Seiten mit 70 Abbild, auf Kunstdruckpapier. Preis eleg.brosch.M.6.50. 

Mit vorliegender Monographie erscheint zum erstenmal eine systematische Dar- 
stellung der Lebensverhältnisse und des künstlerischen Opus eines der bedeutendsten 
Plastiker des 16. Jahrhunderts, der die verdiente Beachtung eben infolge des Mangels 
einer quellenmäßigen Behandlung bisher nicht gefunden hat. 

Der Verfasser stützt sich auf umfangreiche, archivalische Forschungen und vermag 
so eine detaillierte Biographie zu bieten. Die Forschung nach den Werken Loy Herings 
führte zu der Konstatierung, daß nicht bloß das ehemalige Hochstift Eichstätt 
und die anstoßenden fränkischen Gegenden einen reichen Schatz von Epitaphien 
des Meisters bewahren, sondern daß dieselben auch nach weitentfernten Gegenden 
ihren Weg fanden. Die Fuggerepitaphien im Chor von St. Anna in Augsburg, 
die Tumba des Niclas von Salm in Wien, das Epitaph des Herzogs Erich von Braun- 
schweig in Münden, Epitaphien in Heilbronn, Würzburg, Nürnberg usw. erweisen 
sich als sichere Schöpfungen Loy Herings. Die Monographie erweist demnach einen 
wesentlichen Dienst, indem sie die Gestalt eines der allerersten deutschen Renaissance- 
Bildhauer mit bestimmten klaren Linien zeichnet. 

Das Werk ist mit reicher, auf der Höhe der Technik stehender Illustration versehen, 
durch die eine große Anzahl bedeutender Kunstwerke ihre erstmalige Veröffentlichung findet. 










Soeben erschienen: 



10 relig. Künstlerpostkarten 



in Mezzotinto-Gravüre 



nach Werken des bekannten Malers JOSEPH GUNTERMANN] 
Preis ä 15 Pfg., die ganze Serie M. 1.35. 

Die beifällige Aufnahme, die die im zweiten Heft erschienenen Abbildungen Guntermannscher Werke fanden, bot 
uns Veranlassung, eine Serie von Reproduktionen nach Bildern dieses Künstlers in Form von Kfinstlerpostkarten 
herausiugeben. Unter den gewählten Werken befinden sich auch die herrlichen Fresken in der Aussegnungshalle des 
östlichen Friedhofs in München. 

Gesellschaft für christliche Kunst ^- m. b. h., München. 



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Nene religiöse Kflnstlerpostkarten 

20 Sujets, soeben erschienen, in feinem Farbendruck 

(Meisterwerke christlicher Kunst), ä 10 Pf. 
Verzeichnis der bis jetzt erschienenen 240 Nummern gratis. 

Gesellschaft für christliche Kunst, G.m.b.H., München. 




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Pressung und schrägen Kanten verleiht dem Bande 

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folge. U. a. in den letzt. Jahren 
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lLlM;n Mnlat 7.98: DingtnHla 1. — ; Ur«nK«o cort. 12.—; Kamille nobll 
18,— ; Ztmniel Zeylan 9.— ; Feocbe) (dul«) 3.— ; Anfrellca nrch 3. — ; 
Ab!4intli hertta 1.80; Coriander (seml 1 ^; Meh.a« uT 1 20; KIftenkraul 
(V.Tlienii iDd.) 90; Sallwl lof.l 1 !0. Pfeflerniünie SO. Mocis 10; 
Sirup i'ort. nur. 80. — ; FIne Ctiam|Kajfne uDd I ünelwein quant. luitla. 



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Gesellschaft für christliche Kunst können zum Preise 
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Verlig: 



Gesellschift für cbrlsillche Kanst, G. m. b. H. — Für die Redaktion verantwortlich : S. Stiudhamer. — Für den Inseratenteil verantwortlieb! 
Konrid Ebert. — Druck von Alpbons Bnickmtnn. Sämtliche in München. 




i;(DRBffl(reMs 



monatsfdirift für alle Gebiete der ±nltl KunH und der 
KunKiPÜfenfchaft, (oi^ie für das gelamfe KunKIeben. 



Inhaltsverzeichnis : 

LEO SAMBERGER. 

wawB^ro Von Dr. Max Ettlinger. Mit 38 Abbildungen von Wenigen des Künstlers, ^v^««» 

Kunstverein München. Von Franz Wolter. — Berliner Kunstbrief. Von Dr. Hans Schmid- 
kunz. — Museumsverein Aachen. — Wettbewerb für eine Pfarrkirche. — Zu unseren Bildern. 
— Von Ausstellungen und Sammlungen. — Vermischte Nachrichten. — Bücherschau. — 

Zeitschriftenschau. 



In Verbindung mit der Deutschen desellscliaft für christliche Kunst 

As^<S'ÄAr-ASA»ASASA!>/«/aA>AS/^A5»ASA>/«AÄ herausgegebcii von der A*/a/aÄ$ASA»/^SÄSAi^A»ASiÄ»/<»/aA»/3A>/<?«.<H 

Geseilschaft für christliche Ennst, 6. m. b. h., München 



hrlich 12 Hefte. Vierteliährlicli 3 M. = 3.60 K. = 4 Frcs. Einzelpreis des Heftes 1.25 M. = 1.50 K. = 1.70 Frcs 



Einladung zur Subskription auF 
Dr. P. Albert Kuhn, 0. u. B. Prolessor der Äslhelik 

Allgemeine Kunstgeschichte. 

Die Werke der bildenden Künste vom Standpunkte der 

Geschichte « Technik « Ästhetik. 

Zirka 40 Lieferungen in Lexikon-Okiav ä M. 3.—. 

Mi! ungefähr 3600 Illustrationen, worunter über 240 ganzseitige 

artistische Beilagen in Typographie, Lithographie, Lichtdruck und 

reicher polychromer Ausführung. 

^= Die 38. Lieferung wird demnächst erscheinen. ^= 

e^e\Q\©sQi©*Q\Q\ Preßstimmen: esQ\Q\eN©\^Q\e\ 

Literarischer Anzeiger, Graz: Man hat mit vollem 
Recht die Geschichte, Ästhetik und Technik die Triangulations- 
punkte der drei bildenden Künste genannt. Natürlich kann eine 
gediegene Kunstgeschichte auch nicht leicht der Darstellung der 
wichtigsten Kunstdenkmale entbehren. Nach allen diesen Richtungen 
dürfte das imposante Werk aus der Feder des bekannten Professor 
Dr. P. Albert Kuhn wohl alles bisherige auf diesem Gebiete 
übertreffen, überaus lehrreich und wertvoll sind die ästhetischen 
Einleitungen zu den einzelnen Künsten. Hier macht sich ganz 
besonders das gereifte Urteil des Fachmannes bemerkbar . . . 

Kölnische Volkszeltung, Köln: . . . Dieses Werk 
ist in einem leicht verständlichen Tone In Verbindung mit inter- 
essanter Darstellungsart gehalten und bietet eine solche Fülle 
susgezeichneten lUusirationsmaterials, darunter viele mehrfarbige 
Beilagen, wie es vielleicht kein zweites ähnliches Unternehmen 
aufzuweisen hat. 

Kunst lür Alle, München: . . . Das Werk ist im 
ganzen das wissenschaftlichste und vollständigste aller bekannten 
illustrierten Kunstgeschichten . . . 

Durch alle Buchhandlungen zu beziehensowievonder 
Verlagsanstalt Benziger & Co. Ä. G. 

\. Elnsledeln, Waldshut, Köln a. Rh, . 



~;^ 



^^^ 



^ 



f 



3m Detlage oon 3- ^' ^Öot^ein in Siiln ijt er« 

Idjicncn: 

Die JHa6önna 

in '\\xtx Dn^errlidiung burdj Dk bilbcntir lunß. 
Don ^r. BDalfpr ßofI|Es 

Dosent für KunjttDijjcnldjoft an her Kai|er IDill)eIm= 
flhaöctnie 3U pojcn 

(Erjtes bte brittre Eaurtnt». 

TM. 128 .^tibiltrungcn — 3n {Irai^tiiatili Blarä ■'> — . 



8c. Reilightit Papft pfus X. lieg öcm ücricgct nadiftcl)«!' 
6cs Sdirciben sugeljen: 

Datilian, 3. 3anuac 1906. 

Sctjr gcclirter tiert! 
Der Eieiligc Datet Ijot mid) beauftragt, Sro. l^odiiBOtilgcborcn 
icin l)öd)itcs tDotilgefallen aus3ufprcd)cn über öas tücrli ,,^lt 
Blabmiiiiit xm"!} lljrt Detljtrrlidjuini burd! ^t^; bilAtniit 
Iiuii|{", das Sic oor tturscm iijm überrcidien Ucfecn. Ss ijt eine 
glänjeniie uiiti lorgföltigc Arbeit. 

3iim Danfec erteilt Seine t^ciligftcit (Eu). tjodiiDolilgcboren 
uon ganjem £)er3en einen bcfonOeren Segen. 

mit öcm flusi>ru* »orsüglidier {)od|a())tung bin iit) 

(Ett). (jodirDof)Igrborcn crgcbcn|ter Diener 

•Johann ßrelTan 

©ct}cimhaplan Seiner E)eiligficll. 



L 



1^ 



3ae 'Sud) ift btirdi fctic 'iBii(i)t)aubIuiig }U brjieticn. 



^>^ 



ICH. / 



iti 



auf Seite 1 der Beilage gibt Winke 



Die Notiz „Zu unseren Bildern' 

über die weitere Ausgestaltung der Zeitschrift. 

Gesellschaft für christliche Kunst, G.m.b.H., München. 




In Kürze erscheinen in unserem Verlage 





Zwei neue Kommunion- Andenken 

in künstlerischem Vierfarbendruck. 

Es sind dies zwei hochfeine Blätter nach hervorragenden Meisterwerken, nämlich 

1. Das ergreifende Äbendmahlsbild in der Jesuitenkirche zu Feld- 

kirch von Karl Baumeister. 

2. Das innig empfundene Heilandsbild von Carl Dolce in der 

Dresdener Galerie. 

Bei den hohen Auflagen unserer Kommunion-Andenken konnten wir außer- 
ordentlich niedrige Preise in Ansatz bringen. 

Preise: 1 Exemplar 25 Pfg., 

SO und mehr Exemplare ä 20 Pfg. 
Verzeichnis mit Abbildungen gratis. 





SelisMlJuis V. Jahre /S94 



Text S. 141 



Ll-Ü SAMBHRGER 




Li;0 SAMBHRGER 



Ai/>. 



DER HL. PAULUS AUF DEM WEG ZUM RICHTPLATZ 
eni:t'or/i-n /SS.f, Text S. ryo 



LEO SAMBERGER 

Von Dr. .MAX ETl'LINGF.R 



Daß alle Schönheit, die nicht nur die Sinne 
fessehi, sondern den ganzen Mensciien 
ergreifen soll, sich cr.st in der Darstellung 
seelischer Werte vollendet, diese Wahrheit 
ist, so scheint es, vielen Künstlern der letzten 
l'.poche aus dem Bewußtsein entschwunden. 
Über der technischen N'erfeinerung von Farben- 
und Liciitwirkungen, über der raumgestalten- 
den Durchbildung von Form und Bildmäßig- 
keit kam die seelische \'ertietung selbst da zu 
kurz, wo sie schon vom Gegenstand so nahe- 
gelegt wird: in der modernen Porträtmalerei, 
Das vom Künstler vollkommen durchlebte und 



darum auch für den Beschauer zum Erlebnis 
werdende Menschenbildnis nach Art eines 
Dürer oder Tizian, van Dyck oder Rembrandt 
suchte man lange vergeblich. Das mensch- 
liche Antlitz erschien auch den Großen zu- 
meist nur als eine günstige Gelegenheit, um 
daran Farben, Lichter und Formen zu stu- 
dieren; bis zur Menschenseele, die aus dem 
Antlitz spricht, drang man selten durch. Selbst 
die Bedeutung Lenbachscher Porträts liegt — 
abgesehen vom Technischen — meist mehr 
in dem geistigen Eigenwert der vornehmen 
Modelle , als in deren vertiefter oder ver- 



Die cliiistliche Kunst. 11. 



126 



S'.B« LEO SAMBERGHR MS3 




LEO SAMÜHRGKU 



DIE GEFAXGENNEHMCNG SAMSÜXS 



Abb. J, entxvoy/en lSS4, Text S. 130 



tiefender Auffassung. — ■ Man hat es Leo 
Samberger bis zum Überdruß hören lassen, 
er sei als Bildnismaler von Lenbach abhängig. 
Daran ist so viel richtig, daß Samberger gar 
manches von seinem berühmteren Kunstge- 
nossen gelernt hat; er hat, wie das in der 
Kunstgeschichte überall zu geschehen pflegt, 
auch von manchem anderen gelernt, von 
Cornelius z. B. und von Feuerbach. Aber 
vor allem hat er von einem gelernt, den er 
so genau studierte, wie keinen andern und 
dem er weitaus das meiste und beste seiner 
Kunst dankt, und dieser eine ist er selbst. 
Es ist kein Zufall, wenn man bei Samberger, 
wie bei allen grol.ien Bildnismalern, das Selbst- 
porträt in zahlreichen und hervorragenden 
Werken vertreten fmdet. Der Weg zur 
Menschenkenntnis führt durch die Selbster- 
kenntnis. Aus den tiefsten ]:rfahrungen seiner 
selbst schöpft ein jeder von uns die Grund- 
züge der Auffassung, die er vom Menschen 
überhaupt hat, aus der eigenen Herzenssehn- 
sucht das Idealbild, zu welchem er den Men- 
schen erhöht sehen möchte — um wie viel 



mehr gilt dies von dem Künstler, der Men- 
schen bildet«. Lenbach hat die Menschen vor 
allem genommen, wie sie nach dem Augen- 
schein sind, und als Ergebnis seiner äußeren 
Beobachtungen darf man ein bitteres Wort 
nehmen, das er einmal zu Samberger äußerte: 
Man sollte den Menschen überhaupt nur als 
Stilleben behandeln. Samberger blickt tiefer, 
er forscht auch nach dem, was die Menschen 
w ollen, nachihremeigentliclien,indcrmomen- 
tanen Erscheinung nur undeutlich durchdrin- 
genden Selbst. Er malt, wenn man so will, 
die : Idee : eines jeden Menschen ; aber er 
malt sie wirklich, er verkörpert sie. ^'on 
hier aus wird man es verstehen, daf.> dieser 
Idealist unter den Porträtmalern ein religiöser 
Künstler ist, daß ihm als höchstes Ziel vor- 
schwebt, die erhabenen Gestalten der Heils- 
geschichte, diese edelsten und reinsten Typen 
des Menschentums vor unser Auge zu stellen. — 
Es gibt zwei verschiedene Grundauffassungen 
des Heiligenbildes. Die eine malt auf Gold- 
grund bereits zu jenseitiger \'erklärung er- 
liobene (iestalten einer besseicn Welt. Eine 



127 




LI-:0 SAMBERGl-R 



DER VATER DluS KÜNSl LERS 

Atb. 4. gennilt lSS6, Besitzer Dr. Korber in Biiiiderj;. Te.el S. ijl 



128 



ö^ LEO SAMBliRGHR J-^ä 




I.EO 
SAMBERGUR 



GREISES'- 
KOI'F 



■''''"*• J, gemntt lSS6 



andere nicht minder berechtigte Autiassuni; 
malt den Heiligen, der noch mitten im Leben 
steht, der kämpft und siegt, der hofl't und 
ahnt. Dieser letzteren Darstellungsweise gibt 
Samberger den \'orzug und wählt Gestalten, 
die ihr am meisten entgegenkommen: er malt 
die Propheten und weissagenden Sibyllen ; 
bereits in den Kompositionen der Jugendzeit be- 
schäftigt ihn besonders die Gestalt des hl. Paulus; 
sie ist ihm stets vor Augen geblieben. \'on 
ihr, vom hl. Augustin und ähnlichen heroischen 
Geisteskämpfern wird uns der Künstler, so 
hoffen wir, einst noch ebenso typische Darstel- 
lungen schallen, als er sie \om Propheten Jere- 
mias, sei. Canisius und mancher anderen 
priesterlichen Idealgestalt bereits Nollcndct hat. 
Unsre allgemeine liingangscharakteristik des 
Meisters bliebe unvollständig, wenn wir nicht 
auch mit einem Wort der Fehler seiner Vor- 
züge gedächten. In manchen mindergcgiückten 
Schöpfungen führt das Streben nach geistiger 
\'ertiefung zu grüblerisciier Absonderlichkeit, 
zu allzu überfeinerter Seelenstimmung; ich 
denke dabei namentlich an das eine und andre 
Frauenbildnis, z. B. an das »Entsagung be- 
titelte (in der Jahresmappe 1905 der 13eutschen 
Gesellschaft lür christliche Kunst). Im all- 
gemeinen aber ist der Wirwurl der Schwerver- 
ständlichkeit oder Absonderlichkeit, den ober- 
llächliche iJeschauer gerne erheben, bei Sam- 



bergers Bildern durchaus unberechtigt. Sie 
sind Kunstwerke von jener Art, in die man 
sich ernstlich versenken muß, um ihren 
Gehalt zu erfassen ; und je mehr man sich 
darein vertieft, desto besser wird man ihren 
Geist verstehen und schätzen lernen. — 
Eine so tiefgründige Künstlernatur ent- 
wickelt sich bei aller Keichheit ursprüng- 
licher Anlagen nur mit Hilfe eines viel- 
seitigen Bildungsganges und ernsten, 
arbeitsvollen Lebens. Leo Samberger 
wurde am 14. August 1861 zu Ingolstadt 
geboren und seit 1863 zu Bamberg, wohin 
sein auch dichterisch bekannter \'ater als 
Gymnasialmusiklehrer berufen war, erzo- 
gen. Bereits bei dem jungen Gymna- 
siasten trat neben einer erheblichen musi- 
kalischen und auch poetischen Begabung 
vor allem das zeichnerische Talent erstaun- 
lich zutage. Aus dem 13. Lebensjahr sind 
schon Ausdrucksstudien so bemerkens- 
werter Art erhalten, daß nur die Fülle 
reiferer Werke hier von einer Reproduk- 
tion absehen ließ. Namentlich der \'ater 
des Künstlers kehrt in allen möglichen, 
scharf beobachteten Seelenstimmungen 
immer wieder. Aber auch alle anderen 
Personen der häuslichen Umgebung und 
des Schullebens dienen diesem zeichnerischen 
Charakterisierungstrieb als ireiwillige oder un- 




l.i;0 S.\MnERGER 
AM 



SE1.BSTP0RTRAT 

6. giimU iSSs, Text S. iji 



CJ^ L1-;ü SA.MBHKCliR Vi/h 



129 




Li£0 sambi;rgi;r 



Hll.DN'IS 



Abb. 7, gemalt iSq4, S-^iic riiiakoHuk in MiinJcn, 'J\:vt S. JJ7 



freiwillige Modelle und aiiKUilich der Ferien- 
reisen gesellen sich bäuerliche Typen, männ- 
liche und weibliche, in reicher Anzahl hinzu. 
Sogar am Selbstporträt versucht sich bereits 
vom II. Lebensjahr an diese von vornherein 
auf p.S3-chologische Schulung gerichtete Bega- 
bung; daneben fehlt es auch nicht an Land- 
schaftsstudieu , Tierbildern , humoristischen 
Schulszenen u. dgl. m. In den letzten Gym- 
nasiastenjahren regt Goethes Lyrik glühende 



Phantasieschopfungen aufeinander zueilender 
Liebespaare an; die Darstellung eines jungen 
Mannes am Scheideweg zwischen einer ernst- 
beschauhchen Frauengestalt und den locken- 
den Grazien mochte eigene Seelenkämpfe 
versinnbildlichen, die durch Schwierigkeiten 
der Berufswahl verschärft wurden. 1880 ließ 
sich Samberger bei der philosophischen Fakul- 
tät der Universität München inskribieren, 
aber binnen Jahresfrist war der \'erzicht auf 



HO 



Si^ Ll-O SAMBHKGER ^^Ö 



einen wissenscliattliclien Lebensberut endgültig 
cntscJTieden unJ nacii einer Zeit innerer Saiiini- 
iimg im l^lternhaus begann 1882 das Studium 
aul der Al<ademie der bildenden Künste, l'ünt 
Jaiire verbracbte hier Samberger als Linden- 
schmitts Schüler; zwei Jahre in der Malklasse, 
drei Jahre in der Kompositionsschule. Ungeach- 
tet der akademischen Schulung wuchs Samber- 
ger rasch xur künstlerischen und menschlichen 
Selbständigkeit heran. Die Schwärmerei tür 
(Joethe trat zurück: der Künstler las später 
fast nur in der Heiligen Schrift. Darin«, so 
äul.Nerte er zu mir, ^steht Schöneres als bei 
allen unseren Dichtern. . Charakteristisch ist 
daneben eine unverändert tortdauernde Ver- 
ehrung für Beethoven; dieser, und unter den 
bildenden Künstlern Michelangelo, blieben 
fortan seine Ideale; ihre Züge suchte er immer 
wieder zur vollen Aussprache der inneren 
Bedeutung auszuformen. Die Stofle zu großen 
tiguralen Kompositionen wurden durchweg 
aus der Bibel gewählt: Das Jüngste Gericht, 
die Kreuzigung, Pfingsten, Pietau. a. Zwei der 
genialsten Entwürle aus dem Jahre 1884 sind 
oben wiedergegeben (Abb. 2 u. 3). Bedeutend 
und eigenartig in jedem Zug, zeigen sie ins- 
besondere, daß dem Künstler die seelische 
Charakteristik der ganzen Gestalt und Geste 
ebenso entspricht, als die Konzentration aul 
das Antlitz. Die Fülle psychologischer Typen 
ist, zumal bei der Darstellung von St, Pauli 





LEO SAMKERGKR 

.-Üb. S, i;,-iii,:lt iSSS, J'rxt S. /JJ 



EZECHIEL 



LEO 
SAMHI-KGEI! 



.lil: 9, gemnll iSSj, Text S IJI 



D«. KOlini-.U 



Todesgang, Im' den engen Raum lastallzu- 
leich. Aber als fester Mittelpunkt in dem 
bunten Getriebe leidenschaftlicher Bewe- 
gungen, unerschüttert durch den Hohn 
der Feinde, wie durch die Wehklage der 
Freimde, steht in sich selber wurzelnd die 
(iestalt des N'olkerapostels. Mögen seine 
Hände gebunden sein, der Geist, der aus 
den durchfurchten Zügen spricht, ist frei, 
in heiligem lernst gewärtig, bald unterm 
Schwertesstreich der letzten I-'essel ledig 
zu werden, ganz zu erkennen, wie er ganz 
erkannt wird. Das ethische Pathos, wel- 
ches aus dieser Gestalt spricht, sollte das 
( iiundthema von Sambergers erster Schaf- 
lenspcriode werden. Aber wir fmden in 
diesem Erstlingswerke auch schon deut- 
liche Ansätze erst später hervortretender 
Schafiensrichtungen. Kontrastierend zur 
sittlichen Größe steht hier schon die 
menschliche Minderwertigkeit, köstlich 
ausgeprägt auf beiden Kompositionen in 
Gestalten geistloser Roheit, ganz beson- 



i.no SAMBi;RGi;i^ '-.a 



i^i 



dcTS abci' ;uil dem l'aulusbilj in dem 
grinsend applaudierenden Kahlkopl 
rechts oben. Der Gegensatz von dem 
(iroßen, das ein menschliches Antlit/c 
aussprechen kann, und dem Geringen, 
das es oft nur besagt, mußte sich dem 
JLingen Künstler gerade in den Aka- 
demiejahren doppelt schmerzlich aul- 
drängen. Meist unvermögend, sich 
seine Modelle nach eigener Wahl zu 
suchen, war er vornehmlich auf die 
Schwungkraft der eigenen Phantasie 
angewiesen, l'reilich blieb sein Be- 
mühen nach selbständiger Durch- 
geistigung und Steigerung des dar- 
gebotenen Materials nicht ohne I:rfolg 
imd manches ganz aus dem Kopl ent- 
worfene I5ild zeigt klar die unablässige 
innere Verarbeitung aller Eindrücke 
nach höheren Zielen hin. Rasch 
gewann Samberger eine selbständige 
imd reife Technik, die unter Ableh 
nung aller jugendlich-genialistischen 
I'lüchtigkeiten mit peinlicher Sorgfalt 
aus der Form arbeitet, und das gei- 
stige Gepräge durch klare Heraushe- 
bung der charakteristischen Züge ins 
i.icht rückt; ferner auch durch die 
Farbengebung insofern, als ein blasses, 
fast ein wenig geisterhaftes Kolorit 
vorherrscht, vermöge dessen sich die 




i.HO s.\mbergi:k 



JEREMI.^S 



AU. lo, gemalt iSqu, Text S. 132 



Kopfe 




LEO SAMHERGEU 



STUDIE ZU lEREMIA.S 



um so eindrucksvoller vom dunklen Grunde 
abheben, zu geistigen Wesen an sich werden, 
ohne Beziehung zu Umgebung und Hinter- 
grund. Die Dunkelmalerei gehört von vorn- 
herein zu Sambergers Wcsensmerkmalen und 
ist nicht etwa erst durch Lenbachs \'orbild 
oder irgendwelche Altmeisterei entstanden. 
Gerade im Halbdunkel gewinnen ja auch ge- 
wohnliche Gesichter etwas Geheimnisvolles, 
Unwirkliches, Poetischesund es entsprach ganz 
des Künstlers Neigung zu idealisierender Auf- 
fassung, seine Bildgebung dermal.^en dem 
flachen Tageslicht zu entrücken. DasFIellnialen 
geht dem Künstler dermaßen wider die Xatur, 
dal.s bei einem \'ersuch. seine Gattin auf deren 
Wunsch in weißem Kleid und festlichem 
Schmuck zu malen, das Bild bereits bei der 
dritten Sitzung wieder so dunkel geworden 
war als irgend eines. — Unter den Porträts 
der Akademiezeit gelangen namentlich die 
solcher Persönlichkeiten, zu denen Samberger 
mit Liebe und \erehrung aufblickte. \\'ir 
geben ein hervorragendes Porträt seines ^'aters 
und das des Bamberger Geistlichen Dr. Kör- 
her (Abb. 4 u. 9). Hin gleichzeitiges Selbstporträt 
(Abb. 6) zeigt besonders deutlich die groL'en 
Fortschritte eines einzigen Jahres, wenn man 
es mit einem früheren aus dem jähre i88.|. 



132 



S!:^ LEO SAMBnRGF.R 5*^a 




I.F.O SAMBERGER 

AH. fz, gcnmh tSg^tt Besitzer: Hr. Tolle in Barmen 

vergleiclit, das sich mit seinen ganz i<ecl-; 
der Natur zu Leibe rückenden Pinselstriciien 
iiiciit gut unfarbig reproduzieren ließ. Als 
Saniberger 1887 die Akademie verließ und 
mit solclien und ahnlichen Männerkupfen 
zuerst vor eine breitere Oftentlichkeit trat, 
da erkannte bereits mancher das Werden 
eines neuen, großen Porträtisten; namentlich 
gilt dies von Meister Defregger, dessen Lob 
inid Ankauf zweier Bilder eine segensreiche 
Lrmutigung bedeutete. Mit grc'ißerer Be- 
wegungslreiheit strebte nun Saniberger der 
\'er\virklichung seiner Ideale zu. Die I'ortriits 
der nächsten Jahre, die vielen als fertige Bilder 
genügt hätten, waren ihm nur Studien zu 
großen Werken religiös-monumentaler Malerei. 
Höchste Vorbilder, wie Dürers Apostelge- 
stalten, mochten dem jugendlichen Hhrgeiz als 
höchste Leitsterne vor .Augen stehen; zu ihnen 
blickte er auf wie einige Dezennien Iridier 
Peter Cornelius. Aber die mächtigsten .\n- 
triebe kamen aus dem eigenen Innern. Die 
grol.Nen Projiheten des Alten Bundes, deren 
Redegewalt schon die Phantasie des CAnma 
siasten erschüttert hatte, sprachen nun ge- 
mäß der reifenden Lebenserfahrung noch ganz 
anders auf ihn ein. Nun erist verstand er 
ganz die Mahnungen, die Beschwiirungen. 



SIBYLLE 



man mul.'i si 



die Drohworte, die sie einer sünde- 
vertallenen Welt entgegenrufen. 
Die Menge der Spötter und Ver- 
ständnislosen, die noch aut der Pau- 
lusskizze den Apostel der Wahrheit 
umdrängen, tritt nun vor dem 
inneren Schauen des Künstlers ganz 
zurück; er will nur dem ethischen 
Mahner selbst überzeugende Ge- 
stalt geben und forscht in den 
Zügen ehrwürdigen Greisenalters 
und vollgereifter Männlichkeit nach 
den geklärtesten, kräftigsten, er- 
schütterndsten Darstellungs weisen 
solcher religiösen Pathetik. In drei 
Grundtypen sondert sich seinem 
Blick der Beruf des Prophetentums, 
in den unmittelbar auf die Hörer 
einwirkenden Prediger, in den auf 
kommende Geschlechter hinblik- 
kenden Zeichenkünder, und in den 
der größeren Vergangenheit nach- 
sinnenden Beschauer. Ezechiel — 
Jesaias — Jercmias, diese drei großen 
Prophetengestalten gewannenlZnde 
der achtziger Jahre durch Samber- 
gers Hand eine aut der Höhe künst- 
lerischen Vermögens stehende \'er- 
körperung. Jedes dieser monumen- 
talen Werke spricht lür sich selbst; 
ch nur darein versenken, um immer 




1 i;0 SAMBEUGFR LIEBESPAAR 

AI 6 /.?, Koltlenzrichntt»^ r: ') li)Q2, 7e.xt S. 144 



©^ LliO SAMBI-RCHR 



133 




I.UO SAM BERGER 



BILDNIS 



Ab6. l-l, gemalt lSg2, l\xt S. JJÖ 



niäcluiger eri^iillcn zu werden. In voll.uitrech- 
ter, von großfaltigem Gewand umwallter Man- 
nesgestalt treten Jesaias und Ezechiel (Abb. 8) 
vor uns hin, der tiefe Blick ihrer leidgeschärften 
Augen dringt unausweichlich aut uns ein, die 
große Geste der Hand zwingt unsere Auf- 
merksamkeit auf den Iniialt ihrer Worte hin. 
Anders die etwas später vollendete Darstellung 
des greisen Jeremias (Abb. 10). Hier ist die größte 
innere BewetrunL; durch äußere Ruhe darge- 



stellt. Wir wissen Ireilich niciit, ob die in 
sich versunken sitzende Gestalt nicht im 
nächsten Augenblick aufspringen wird, ob 
die den Bart umklammernde Faust sich 
nicht zu beschwörender Ausbreitung öffnet, 
ob der wie ziellos in die Ferne starrende 
Blick nicht eben erwachen und uns erfassen 
will, aber jetzt ist alles noch ganz nach innen 
gekehrt und hinter der hohen gefurchten Stirn 
kämpft eine höhere Gewif*heit die Gedanken des 



Die clirisOiclie 



t8 



134 



'S?:m LEO SA.MBlüUil-R f^^a 



l.l« SAMliERGliR 
ASi. JJ, gemalt iSgs. ?''•■•' -J- 



janiniers nieder und 
lälJt sie nur leise nach 
außen aufzucken in 
den bitteren Zügen der 
Wange und der Augen- 
winkel. 

Wenn man sich 
über die selbständige 
Bedeutung dieser Dar- 
stellungen klar ge- 
worden ist, hat es 
einen besonderen Reiz, 
ihrem allmählichen 
künstlerischen Wer- 
den nachzugehen und 
in den Werken Snni- 
bergers den deutli- 
chen Spuren zu fol- 
gen, die von der ersten 
Konzeption zur vollen 
Reife führen. Hrst 
dann wird mancher 
Beschauer, dei' die 
Selbstverständlichkeit 
der vollendeten Werke 
als etwas Gegebenes 
hinninmit. einsehen, 
wie viel eigenartige, 
schöpferische Künst- 
lerkraft an diesen ; einlachen liguren autge- 
wandt ist. Wir begnügen uns, ein Beispiel zum 
lehrreichen Vergleich zu bieten. Der lang- 
bärtige, vornehm geprägte Greisenkopt, den 
Saniberger 1888 im Profil studierte (Abb. 11), 
hat als Modell zu dem späteren Jeremias ge- 
dient, so fern man hier noch von einem Modell 
reden kann und nicht nur noch von gelegent- 
licher Auslösung bereits im Keim vollendeter 
Ideen. Die äul.sere .Ähnlichkeit zwischen 
beiden Köpfen ist freilich noch wohlerkenn- 
bar; aber was ist aus jedem einzelnen Zuge 
geworden, wie hat sich die Stirn erhöht imd 
ausgearbeitet, wie hat sich das Auge tiefer 
eingebettet und mit 1-alten umzogen, wie ist 
Wange und Nase und Haupthaar und Bart, 
ein jedes auf seine Weise ausdrucksvoller 
und charakteristischer geworden. Hier kann 
man wohl lernen , was es heißt, ein Antlitz 
künstlerisch vergeistigen, mögen ihm auch 
Xatur und Leben schon ein tietei'es Gepräge 
gegeben haben. 

Die Aufnalune. welche Saiubergers Pro- 
phetenbilder zunächst landen, war solcher 
Art, wie sie den meisten grol.^cn Werken im 
Anfang beschieden scheint, l:s bedurfte be- 
reits alles nachdrücklichen Einsetzens von 
Lindenschmiit und Piglhein, uiu mn- die Zu- 
rückweisung duich die |m'\- der Kunstaus- 




srrou: vx eini.k i'ihr.\ 



Stellung zu verhin- 
dern : dann wurden 
die Bdder tot gehängt 
und der große Haufe, 
darunter mancher 
selbstgewisse Kunst- 
kenner, ging achsel- 
zuckend vorbei. Was 
sollte man mit einem 
so altmodischen Ge- 
genstand anfangen, 
was in einer Zeit des 
blühendsten Pleinai- 
rismus mit dieser halb- 
dunklen .Ateliermale- 
rei ?! Sam berger hat 
kurz darauf einmal ge- 
zeigt, dafJ an seiner 
X'erschmähung des 
Modegeschmacks das 
Xichtwollen, keines- 
wegs das Nichtkönnen 
schuld war. Er malte 
ein junges Mädchen 
süßlicherer .Art in hel- 
lem, flirrendem Licht: 
Elegie . Darum ris- 
sen sich alsbald eini- 
ge offizielle Mäzene. 
.Aber ich habe deshalb , so erzählte mir 
der Künstler, : nie wieder eines gemalt. 

Fünf bis sechs Jahre später begann luan 
auch den Prophetenbildern gerechter zu wer- 
den. Für Samberger hatte unterdes ein neuer 
Schaflensabschnitt begonnen, zu dessen Ent- 
wicklung die bitteren künstlerischen Erfah- 
rungen und persönliche Erlebnisse bedrücken- 
der Art das ihre beitrugen. Darf man die 
Grundtendenz der bisherigen Männerbildnisse 
als ethisch-pathetisch bezeichnen, so sucht 
der Künstler nun in einer Reihe von Frauen- 
bildnissen charakteristische Schönheit zum 
.Ausdruck des 'Fragischen zu steigern. Die 
Benennungen, welche Samberger den aus- 
gereiften 'F\pen dieser Schaffensperiode gab : 
Kassandra. .Appassionata. Tragische Muse u, dg!,, 
wollen nur ungefähr die seelische Grundrich- 
tung der Darstellung bezeichnen und ebenso 
darf die am glücklichsten gewählte mehrfache 
Bezeichnung Sibxlle . trotz ihrer oHenbaren 
Analogie zu den Propheten, nicht so in- 
dividualisierend verstanden werden wie jene. 
Es handelt sich hier ganz allgemein um 
die ausgereifte Form eines Vorstellungstyps 
schmerzlicher .Schönheit, dei' in seinen An- 
fängen bereits auf einer Jugendskizze des 
Jüngsten Gerichts zu finden ist, — liier als 
^schwarze Magdalena, gedacht und sich 



t'-^'^-^ I.I-.O S.\,\1I51:K(,1-K »"^sa 



135 




LEO SAMIiliRGEU 



SIBYLLE 



AU. ib, senuill iSgg, TcAt S. 13S 



nun, nachdem der Künstler geeignete Modelle 
getunden hatte, in einer Reihe verschieden 
nuancierter, aher doch grundverwandter Aut- 
tassungen ausgestaltete. Dieses Sanibergersche 
i'rauenideai gemahnt bei aller selbständigen 
.Vusprägung in niclu wenigen Ztigen an das 
|enige Feuerbachs. .\uch dieser h.it ja seine 
Medeen, Iphigenien u. a. im Cirunde aus zwei 
Modellen herausgeholt , auch er seinen 
Schöpiuiigen einen tragischen Charakter aut- 
gcprägt, wie ihn seit Michelangelo kamn ein 



bildender Künstler so vollkommen schuf. 
Aber aucii der \'erschiedenheitcn sind nicht 
wenige, leuerbachs l'rauentvp ist italienischer, 
harnioniscli schöner, poctiscli anschaulicher: 
der Sambergers ist trotz dunkler Augen und 
Haaie im Cirunde deutscher, von einer eigen- 
tümlichen \'erschmelzung des Geistigen und 
Sinnlichen, geheimnisvoller, subjektiver. 
Unter den Sibyllen .^ vermag man kaum jene 
prophetischen Frauen des Altertums zu ver- 
stehen, die an der Decke der Sixtina Gestalt 



136 



E2^ LEO SAMBHRCI-.R ^Tö 



gewannen. Das Rätselhafte in der weib- 
lichen Natur, das in Sambergers Bild- 
nissen zum Visionär -überirdischen ge- 
steigert wird, tritt wohl gerade bei zeit- 
genössischen Frauen besonders hervor, 
die selbst da, wo sie Männern völlig 
ebenbürtig werden möchten, nie ganz 
aufhören, große Kinder zu sein. Diese 
ursprüngliche Schönheit und schöne Ur- 
sprünglichkeit weiblichen Wesens trägt 
den Keim tragischer Selbstzerstörung 
in sich und kehrt in höheren Formen 
doch immer von neuem wieder. Sie 
ähnelt von Natur einem Grundzug im 
Wesen des Künstlers, der ja in seinem 
Aufwärtsstreben ebenfalls ständig von 
Enttäuschung zu Beglückung schreitet 
und doch nimmer den kindlichen Glau- 
ben an die letzte Höhe preisgeben kann 
und darl. So konnte Samberger im 
Tvpus der tragischen Muse das eigene 
Künstlerschicksal vergegenständlichen, 
man darf sagen, das Schicksal eines 
jeden Künstlers, eines jeden Idealisten 
überhaupt. Ein geistvoller französischer 
Kunstschriftsteller') hat Samberger zu- 
mal auf Grund seiner Frauenbilder als 
einen Repräsentanten des Pessimismus 





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LHO S.\MBERGER 



)ESUS CHRISTUS 



^^^ '7> gcfli^lt lSq6, Text 




bezeichnet. Das trifft in dem Sinne zu, 
als schließlich jeder Hochstrebende, der 
sein Ideal noch nicht in Fleisch und Blut 
vor sich sah, der Wirklichkeit mit einer 
gewissen Geringschätzung gegenüber- 
steht und über sie hinaus will. Gewiß 
aber ist Sambergers Autfassung weib- 
lichen Wesens nicht in dem Sinne pes- 
simistisch, daü er das Weib als > Ur- 
sache alles Übels« , als : Heldin des 
Lasters, darstellte, oder, wie Lenbach 
zumeist, als ein verführerisches Spiel- 
zeug. In der Folge .Sambergerscher 
liMucnbildnisse ist die idealistische Auf- 
wärtssteigerung deutlich zu verfolgen. 
Lines der frühesten, das »Weibliche Bild- 
nis von 1892, zeigt, noch ziemlich ab- 
iiängig vom Modell, die edelnaive Schön- 
heit, die nicht weiß, wie schön sie ist 
(.A.bb. i;^). Ein Bildniskopf aus dem Lihre 
1894 blickt schon tragender, naclidcnk- 



i.KO sambhrgi;r 



PETRUS CANISIUS 



AH'. iS. geiiinü /SgS, Text S. 141 



") A. GcriiKiiti im >(;o rvc .sp o lul .111 ! «, 
(ij. Jahrg., S. 161 — 178. — l-'ciiicr wunic über 
.Sambergers Werk bislier aiLsfülirliclier geschrieben 
von Georg l-'uchs in der »Allg. Kun.stchronik«, 
ig Jahrg., S. 90 — 94, von J. Iluber-Feldkircli 
in > Die Kunst für Alle«, iS jahig., S. 57i--)72 
lind von Dr. ]. Popp im »Hochland«, i. Jahrg., 
15d.ll, S. 5)0-5J7- 



137 




UiO SAMBERCr.R 



MAÜÜNXA 



Aiö. !<}, g€malt iSgÖ. Text S, 140, Fesifzer Ifi-rr von HilUr 



138 



©^ i.i:c) sa.mbi-rgi-:r s^^a 




LEO SAMBERGER ■ Bll DNISKOPI 

Abb. 20, gentalt 1SQ4, Text S. tjS, liesitzer l-'ritz v. l'luie 



mühen, den tragisclien Ausdruck ins Hrhabenc 
XU steigern, immer nieiir einem italienisieren- 
den Schönheitsideale nähert. Als Nebenlinie 
läult freilich eine mehr leidenschaftlich ver- 
härmte Auflassung weiter fort, die noch in der 
Sibylle aus dem Jahre 1899 (Abb. 16) einen fast 
nicdusenhaft \'ersteinerten Ausdruck findet. Die 
Hauptrichtung geht aber auf die Erringung 
einer hai'monisch abgeklärten, zugleich tiefen 
und reinen Darstellung weiblichen \\'esens, in 
deren erschafl'ender Betrachtung der Künstler 
zugleich sein eignes Selbst zu erhöhen und 
zu klären strebt. Der höchsten Erscheinung 
alles Frauentums, der Gebenedeiten unter 
den Weibern, wendet sich nun immer mehr 
sein inneres Schauen zu, in ihrem Bilde sucht 
er den Typus der ernsten Schönheit, der in 
Schmerzen \'erklärten zur letzten Steigerung 
zu heben In manchen der Madonnenstudien, 
■/.. B. in der überaus plastisch wirkenden einer 
Pietä (.Abb, 15), ist die Gesichtsbildung noch 
mehr eine individuell zufällige, der schmerzliche 
Ausdruck hat bei aller Großartigkeit noch nicht 
eine Beimischung von Bitterkeit überwunden. 
In der überwiegenden Mehrzalil dieser Studien 
aber ist bereits die Heiligkeit als \'ollendung 
alles Menschlichen zur GrundaulTassung ge- 



licher, erlahicner drein (.Abb. 20) und 
in der Sibylle aus dem gleichen Jahr 
(Abb. 1 3) ist schon die wissende Offen- 
barung, die sehnsüchtige Verzückung, 
das Hervortreten und Hervorleuchten 
aus der Dunkelheit vollendet. .\uch 
hier ist vergleichende Betrachtung der 
Einzelheiten dem \'erständnis recht 
förderlich. Wie ruhig blicken noch 
auf dem erstgenannten Bild die Augen 
uns an, wie kindlich ungezwungen 
werden noch die vollen Lippen ge- 
halten. Auf dem zweiten Bild ist 
der Blick schon hinterhältiger, der 
Mund nicht mehr ohne Absicht ge- 
preßt, die Augen dei- Sibylle aber 
sind weit geöffnet und in die Höhe 
gerichtet, ihr Mund halb geöffnet, 
die Haare fallen aufgelöst auf die Brust 
herab. Einen anderen, mehr die 
geistige Feinheit betonenden Tx-pus 
findet man in dem meisterhaften Bild 
nis von 189.1, '■'•>•'' '"'t glücklicher 
Wahl von der Münchener Neuen 
Finakothek erworben wurde (Abb. 7 . 
Die schartgeschnittenen, stolzen Züge 
könnten wohl einer .Südländerin zu 
eigen sein, wie sich denn überhaupt 
der Künstlei' von luui an in dem Be- 




I.Eü S.\MBERGER 



.M.M.l.K WOl'INER 



Abb. 2t. griiiiitt igof , / e.vt S. I4J 



'39 




l.i;c) SAMBlillGER 



GUAF ARCO-ZIKNEBERG 



Ai/r i'L>, gtmalt iSq^, 7e.rl ,s'. 141 



140 



Si^ LEO SAMBERGIIR *^Ö 




LF.Ü SAMBKRGEK MALEK 1 RANZ VON DEl RECGEK 

At>b. zSi Kohlt'zeicftituttg;, Kgl. Kiip/erstichkabineti in Mihtcheti 

'lext S. 143 

Wonnen; »Santa Madonna« schrieb der 
Künstler — charakteristischerweise in der ita- 
lienisciien Form — unter eine der scliönsten 
Studien, die er dann zu dem herrliciien Ma- 
donnenbild des Jahres 1896 (Abb. 19) ausge- 
staltet hat. Ich stehe nicht an, dieses Mutter- 
£i;ottesbild zu den tiefsten und edelsten Darstel- 
lungen seines Gegenstands in der ganzen Ktmst- 
geschichte zu zählen; im Schatleii Sambergers 
bedeutet es einen neuen Hiihepunkt gleich den 
Prophetenbildern. Der menschliche Schmerz 
hat sich hier ganz zur himmlisch ernsten 
Trauer verklärt, zu jener mitleidenden, ihr 
Liebstes zum Opfer darbringenden Trauer, 
mit der die gänzlich Sündenreine auf die 
Sünder herabblickt. Li ihrem Antlitz sind 
keine jener kleinen Falten und Züge, wie sie 
vergängliche Leidenschaft und Schuld in unser 
Angesicht gräbt; nur grol.se, gerade Linien, 
nur breite, wie vom Bildhauer gemeißelte 
Flächen fügen sich klar und rein zusammen. 
»Ave Maria , mit keinem \\'one weiter hat 
der Künstler dies Werk gezeichnet. — \\\ 
derselben Zeit, da Samberger das von über- 
irdischem Glanz durchleuchtete Kinderantlitz 
seines Madonnenbildes schuf, ist auch das 
Christusbildnis von 1896 (Abb. 17) entstan- 
den, W'Orin sicli einzig das schlichterhabene 
Antlitz lichtumllosseii von der Dunkelheit 
abhebt. I;s ist dies unsres Wissens das ein- 



zige Heilandsbild, welches Samberger bis- 
her gemalt hat, obwohl die Skizzen für 
diesen Stoff mehr noch als die Selbstporträts 
sein ganzes Schaffen in überaus reicher Zahl 
begleiten; eine ähnliche noch herbere Pro- 
tilautTassung als das Gemälde zeigt eine 
Kohlenzeichnung von 1901, sie lehrt uns mit 
allen den vielen ähnlichen Versuchen, wie 
ernst der Künstler diesen erhabensten aller 
Gegenstände auffaßt, wie er sich bei allem 
Reichtum seines Könnens immer noch nicht 
reif glaubt für diese letzte und höchste Auf- 
gabe. Gerade diese Zaghaftigkeit gegenüber 
dem Heiligsten gehört gewiß zu den echtesten 
.Merkmalen eines wahrhaft berufenen reli- 
giösen Künstlers. Die Zeit wird kommen, 
so vertrauen wir, wo auch diese unablässig 
geprüften Entwürfe vollendet werden. 

Um die Mitte der neunziger Jahre fällt auch 
eine Reihe von männlichen Porträts, die sich 
durch eine besondere ideelle Gehobenheit 
auszeichnen. Nachdem nunmehr bereits gar 
manche hervorragende Persönlichkeiten von 
Samberger porträtiert zu sein wünschten, 
drängte sich der Eigenart seines Geistes ganz 
natürlich der Wunsch auf in jedem Porträt 
einer solchen Persönlichkeit zugleich die vor- 
nehmste Idee ihres Wirkens und Seins dar- 
zustellen. So wird das Porträt des Grafen 





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LI-O SAMBKROr.R n.OSSMAXN SKN. 

Aib. 24^ gezeichnet iSgS, Text S. 142 



©^ LEO SAMBHRGER »^ö 



141 



Arco-ZiniieluTg (Abb. 22) zugleich zum Bilde 
des adelig -soldatischen Mannes überhaupt, 
das des verewigten Baniberger Hr/.hischots 
V. Schork') zum Bilde des pricstcrlichmilden 
Kirclieiifürsten. In einem Porträt Stucks ist zu- 
gleich dessen besondere Künstlerart bezeichnet, 
und mehr noch in dem von uns an die Spitze 
gestellten Selbstporträt Sambergers die Auf- 
lassung seines eigenen Künstlertums und 



in aller trüben Erkenntnis behauptete, durch 
sie erst recht gefestigte gläubige Gewißheit 
des echten Idealisten. 

Obgleich selbst das herrliche Madonnen- 
bild von 1896 wieder ähnlich verkannt wurde 
als die Prophetenbilder, obgleich dem Künstler 
sogar von sonst verständnisvollerer Seite unbe- 
greiflicherweise eine Profanation des Heiligen 
vorgeworfen wurde, kehrte Samberger bald 



)hen Berufs. Wie anders spricht dieses ernst wieder zur religiösen Malerei zurück. Ui 




Aö/: 



si;i.BSTi'()u ii;a r 

finalt iSi^Qt -^'''''<' l'i>uikot!uL- in Mütuheu, Text .S' 142 



in sich gefestigte, in ruhigem Forschen uns 
anblickende Männerantlitz auf uns ein als 
der Jünglingskopf von 1885. vA'idi in omiii- 
bus vanitatem et atflictionem animae (Ich 
erkannte in allem die Eitelkeit und Müh- 
sal des Herzens), dieses unter eine andre 
Selbstporträtskizze geschriebene Wort spricht 
hier aus dem Bilde selbst; zugleich aber die 



') In der J.ihresm.ippc 
christliche Kunst. 



i(jOi der (jesellsch.ift für 



1898 entstanden die Bilder dreier Heiligen 
aus dem Jesuitenorden, des hl. Ignatius, Franz 
v. Borgia und des sei. Petrus Canisius. Zumal 
das Bildnis des letztgenannten, des deutschen 
Jesuiten, ist eine wunderbare Darstellung jener 
ganz dm-chgeistigten Selbstzucht, die aus der 
.\btritiuig höheres Leben erweckt für sich 
imd andere (Abb. 18). 

Zugleich aber brachten die neuen bitteren 
Ivrfahrungen in Samberger eine andre Kraft 
zur Reife, deren Keime wir bereits in der 



Die christliclic Kunst II. 6. 



J? 



N2 



T.rO SAMRl-RCFR ^^G 




LI.O SAMHliRCEK 



Uli DIIAUKR HALmAS.\K ;,i.ii.\inr 



Abb. Jb. ^1 iiiiilt igoo, Nfiie Pinahothih in .Miiuche. 



ersten Paulussldxxe beobachteten, das \'er- 
mögen, auch menschlicli Kleines in charal<- 
teristischer Weise zu erfassen und wieder- 
zugeben. Die Reihe der Kiinstlerporträts, 
welciie von 1S98 an Sanibergers Namen erst 
in weiteren Kreisen bekannt machten, ilim 
eine i^eihe von Medaillen inul 1900 den 
Prolessorentitel und die Hhrenmitgliedschalt 
der Akademie der bildenden Künste eintrugen, 
geht in ihrem letzten Ursprung auf Kari- 
katuren zurück, die der Künstler in privatem 
Kreise entwarf. Damit soll nicht etwa gesagt 
sein, daß auch die Künstlerponriits Kari- 
katuren seien; bei ihnen hat ebenso \iel 
Schätzung und N'erehrung der Kollegen, als 
hie und da schalkhalte iiosheit mitgesprochen. 
Aber das wesentliche Untei-scheidungsmerk- 
mal, vermöge dessen diese Reihe eine neue 
dritte Epoche in Sambergers Schaffen bedeutet, 
liegt in dem Verzicht auf die bisherige ideelle 
Steigerung, dem zugieicii eine neue skizzen- 
haitere Technik zui' Seite yeht. Alle diese 



leider, mögen sie nun gemalt oder gezeichnet 
sein, sind mit raschen Hieben hingeworfen, 
mit Hieben, die so verblütk-nd sitzen, wie es 
nur die in langen Gangen erworbene Übung 
zuwegebringt. Rubriziersüchtige Kunstkritiker 
haben auch hierin alsbald eine Abhängigkeit 
erkennen wollen; Frans Hals soll das \'orbild 
gewesen sein. Tatsachlich kennt Samberger 
diesen Meister nur wenig und derselbe ist ihm 
zudem in seiner ganzen W'eltauflassung be- 
greiflichermaßen unsympathisch. Samberger 
bedurfte solcher Vorbilder nicht; auch in der 
Technik zeigen die Kopie der Paulusskizze 
Ansätze zu dem jetzt Erreichten. Das älteste 
dieser neuen Porträts ist das l'loßmanns sen. 
(;\bb. 2|1; in diesem zumal und in dem 
Büchners (.^bb. 29) wird man einen humo- 
ristischen Zug nicht verkennen. Aber auch sich 
selbst hat Samberger keineswegs geschont. Das 
Selbstporträt in der Neuen Pinakothek, ein Er- 
zeugnis weniger Stunden, dieses köstlich flim- 
nu'i'iule mid tlirreiuie W'ei'k der Künstlerlaune, 



s?^ i.i;(^ samp.i-:kgi-:k ^ttö 



143 




I.L.O SA.\H>hKGi;R 



mali;r JOS. hl'i;i:k-illi)Mkcii 

Abi), jy, genullt igoo 



sirllt scmcn L'rlicbcr doch t;ar zu biis und 
linster hin (Abb. 25). Aus anderen Bildnissen, 
zumal dem Defreggers (Abb. 23), spricht un- 
verkennbar die besondere Verehrung für den 
Dargestellten. Das Porträt Wopfncrs (Abb. 21), 
eines der letzten, zeigt in der ganzen vor- 
nehmen Herrichtung bereits wieder mehr den 
Drang nach typenhaftiger Steigerung. Den 
krönenden Abschluß der Reihe, die man jetzt 
grol.^enteils in der Münciiener Pinakothek 
bezw. im Kupierstichkabinett tmdet, sollte das 
Porträt Lenbachs bilden. Ihn hatte Samberger 
bereits aus dem Gedächtnis vorzüglich ge- 
zeichnet und Lenbach auch schon eine Sitzung 
zugesagt, da begann dessen letztes Siechtum 
und hinderte die Ausführung, liine gewisse 
l'ortsetzung fand die Reihe bisher in den Por- 
träts mancher wissenschaftlichen und geistigen 
C^harakterkopfe, so des Kunsthistorikers Prot. 
V. Reber. I) 

') Abgebiklet im eisten |,ihiji.uig tlicscr Zcitschrilt, 
S. 2IS1. Im aleiclicn li.md liinltt m.m iiücli mehrere 



Nach iniserer, \'on \ielen geteilten Über- 
zeugung ist Samberger der bedeutendste zeit- 
genössische \'ertreter der Porträtmalerei. Am 
besten wird dieses L'iteil dm'ch die Tatsache 
bestätigt, dal.^ sich aul.K'r bereits genannten 
auch die meisten anderen hervorragenden 
Mitglieder der Münchener Künstlerwelt von 
Samberger porträtieren liel.K'n. Genannt seien 
noch Namen, wie Zügel. F. A. Kaulbach, 
Uhde, Oberländer, ilabennann. Harburger, 
Hengcler, Herterich. A. v. Keiler, Flol.Miiann 
jun., Rümann, Dülfer etc. Sambergers Treti- 
sicherheit und Gharakterisierungskunst, seine 
eminente Fähigkeit, mit den einfachsten Mittchi 
alles Notwendige erschöpfend zu sagen, muß 
auch von solchen anerkannt werden, denen 
etwa seine Malweise nicht farbig genug, zu 
wenig sinnlich reizvoll erscheint. Dieser 
sciieinbare Mangel ist aber bei derartiger 

Kepioduktionen von liervorraijeiuieiiW'erlieii S.imbergcrs, 
ebenso in mehreren Jahrcsm.ippen der Deutschen Gc- 
sellscli.ift für cliristliche Kunst. 



144 



£?^ LEO SAMBHRGER »^SÖ 



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LliO SAMBERGLK 



MA1.1;R MAX KLSCHKI. 



Ai^\ ^\S', gemalt iguJ 



l'orii'iuaulhissuiii; ein N'oi'zui;; ein ljcwIsscs 
Zurücktreten der 1-arbigkeit entspricht durch- 
aus dem geistigen Charakter von Sambergers 
Kunst; die Gründe dieser Entsprechung mag 
man bei Khnger (Malerei imd Zeicliimng ) 
nachlesen. Zudem ist die Schwarx-Weiß-Tecii- 
nik bei Samberger dermalAen tein abgestuft, 
daß iiierdurch die Farbenwerte in weitem Um- 
tang ersetzt werden. 

Die Hocliwertigkeit dci' l\ohlenskiz/e eignet 
Sambergers Schaffen auch da, wo er sich 
wieder ideelleren Stollen zuwendet, was in 
den letzten Jahren vielfaltig geschah. Dem 
Künstler selbst sagen begreiflichermaßen 
solche Skizzen sogar am meisten; »wenn 
man die Dinge malt, geht immer schon viel 
verloren . In der Stotfwaid dieser .Skizzen 
bilden sich die alten CJrundniotive weiter aus. 
Neben verschiedenartigen Auffassungen des 
i leilandsbildes — zu den l'rofdstudien konnut 
namentlich eine feierliche, an byzantinisches 
"emahnende Darstelluii" en lace hinzu — 



hat sich besonders der Txpus der tragischen 
Muses neuartig entwickelt. Eine Skizze von 
1905 zeigt eine klarere, fast männlichdanteskc 
Ausgestaltung. Dazu gesellt .sich bedeutsamer 
Weise der mehrlache X'ersuch, das tragische 
Motiv durch eine Komposition zweier Ge- 
stalten auszudrücken, durch eine Gegenüber- 
stellung von mannlichem und weiblichem 
Tvpus. in der Zeichnung Eiebes)iaar . (1902, 
Abb. I ^1 tauchen zugleich wieder Erinnerungen 
an die ersten Phantasien der lünglingsjahre auf; 
aber wie völlig verändert. Nichts mehr von stür- 
mischem Aufeinanderzueilen ist darin; nurnoch 
das magische Zusammenneigen der .Seelen, 
deren jede doch sicii selbst behaupten will. — 
Der erste Schritt zur Wiederaufnahme größerer 
Kompositionen ist mit diesen Skizzen getan. 
Die Anregung zur Erschaffung eines neuen 
Idealporträts kam Samberger aus der Auffor- 
derung des .Kunstwart , zu Schillers hundert- 
jährigem Todestag ein geeignetes CJedenkblatt 
zu schaffen. Durch nicht unwesentliche Um- 



v/:m i.i^o sambi-:rger ^w.i 



145 




LI-.O SA.MHl-.KL,i:i; 



MAI.I.R II. liLCHXKK 



W/'^. 2(;, }^i:iitalt iqoo, Text S. l^j 



gcstaltuiiL; der authentischen Züye schul der 
Künstler ein I5ildnis, in dem der dichterisciie 
Charakter Schillers, sein Prophetentuni der 
»idealischen l'reiheit koni;eniaIe Darstellung 
findet (Ahh. ^,7). 

Die letzte \ollkoniinen ausgestaltete Ideal- 
sclu)ptung Samhergers, das Gemälde Nacht- 
gedanken (Abb. 38) erscheint zum Teil noch 
als ein Nachklang der Sibyllen reihe ; seine starke 
Higenartdankt das Werk dem Umstand, daß der 
Künstler darin die Züge seinerfrühverstorbencn 
(iemahlin zugrunde legte. Dadurch kam in das 
Bild, das wie eine träumerische \'ision uns an- 
blickt, eine weichere Schmerzlichkeit, ein mehr 
schwärmerischer Getühlston, als ihn die meisten 
anderen Schöpfungen Sambergers^^eigen. Aber 
gerade diese unauflösbare Mischung \on Weich- 
heit mid Herbheit verleiht dem Werk jenen 
Charakter des Fragend-Geheimnisvollen, das 
den Blick immer wieder auf sich zieht und 
sich doch nie ganz ergründen läßt. 



Unser Charakteris 



lerungsvcr 



such Sainl 



ler- 



gerscher Kunst mul.i ohne eigentlichen Schluß 
abbrechen. Der Künstler steht noch mitten 
in den Jahren bester SchaHenskrat't, die ge- 
nauere Kenntnis seines bisherigen Werkes 
niulJ niu' um so mehr unsre Erwartungen 
lür die Zukuiilt steigern. Der äufcrc Erfolg 
ist bisher vornehmlich seinen Porträts be- 
schiedeii gewesen; deshalb glaubten wir, bei 
aller Bewunderung dieser Seite seines Schadens, 
doch gerade den idealistischen Bildnisschöpler 
und religiösen Künstler besonders hervor- 
heben zu sollen, ■ Wo ich an nichts an- 
deres zu denken hatte, als daran, das Sehnen 
und Ringen der eignen Brust auszudrücken, 
da war es mir noch immer am wohlstcn in 
der Malerei«, schrieb der Künstler einmal 
selbst. Mögen die Ideale, denen er so lange 
einsam und tniverstaiiden treu blieb, bald von 
recht \ieleu erkannt und nachgeiühlt werden.' 
\\\m' immer sich in Sambergers grol.^e Kunst 
vertieft, wird sich dadurch innerlich gehoben 
imd bereichert Imdeii. 



1^6 



©^ KUXSTVliRlilX MUXC11L.X .-^23 



KUXSTVRREIX MÜXCHHX 

Trotz allen Anlcindungen, wckhc die Kunst unseres 
großen Böcklin aucli noch nach seinem Tode er- 
dulden mußte, bricht sich die Erkenntnis allgemach 
Hahn, daß der Baseler Meister immerhin eine große 
künstlerische Persönlichkeit war. Es wird ja stets un- 
möglich bleiben, das Wesen dieses .Malerdichters und 
den Ausfluß seines künstlerischen Schaffens in feste 
Regeln zu bannen, doch ist seine Welt, seine Anschau- 
ung von Natur und Kunst erklärbar und in der logi- 
schen Entwicklung für unsere Zeit verständlich. Natür- 
lich muß hier das gesamte Lebenswerk des jMeisters 
in Betracht kommen und dürfen Werke, wie sie vor 
kurzem im Kunstverein zu sehen waren, die mehr den 
absterbenden oder schon abgestorbenen Böcklin ver- 
muten ließen, nur als Nebenwerke gelten. »Der rasende 
Roland« schien ein unfertiges Bild aus der allerletzten 
Zeit des Künstlers zu sein, das, wie gleichfalls »Die 
Jagd der Diana< interessant ob der technischen Be- 
handlungsweise war. Die leicht mit Temperafarben 
angelegten Kompositionen hatten selbst in ihrer Un- 
fertigkeit einen eigenartig prickelnden Reiz, der noch 
bedeutend in dem kleinen Bilde >Hoffnung5 gesteigert 
war. liier hatte Böcklin offenbar die antike Malerei 
im Sinne, die er bekanntlich hoch verehrte. Prächtig 
hebt sich die in grünen durchsichtigen Schleiern ge- 
kleidete Frauengestalt von dem tiefdunklen (Irunde ab 
und das sparsam angewandte Gold verleiht dem 
schwebenden Genius eine überirdische, feierliche Weihe. 
Diese Klange wieder in die religiöse Kunst unserer 
Zeit hineinzutragen, versuchte mit dem Zyklus ».^us 
dem Leben des hl. Franziskus« l'ritz Kunz. Schon 
früher, bei Gelegenheit einer Konkurrenzarbeit, fielen 




l.liU S.'\MBl;i(GKR 



ANDUl: Ci;ff.\I.MN 



AÜ. jOt KohU'ttzcicfiuuiig v jf. n^(\ 



die farbigen, dekorativen, von niystischen Empfindungen 
getragenen Entwürfe, die auch diesem Zyklus beigefügt 
sind, günstig auf und die neueren .Arbeiten zeigen, wie 
rüstig dieser hochbegabte Künstler weiterschreitet. Der 
Maler versteht es, im .Mitmenschen gleichklingende .Ak- 
korde auszulösen. Am innigsten und ergreifendsten ist dies 
in der Beweinung des toten Heiligen zum .\usdruck 
gekonmien, der, im Sarge gebettet, von klagenden 
Ordensschwestern betrauert wird. Fritz Kunz ist ein 
seelenvoller Beobachter und, was mehr bedeutet, ein 
Psychologe, wenn man eingehender auch die weiteren 
Bilder »Der hl. Franziskus den \'ögeln predigend« oder 
den Heiligen als Wundertäter betrachtet. Solche .-Vrt 
Kunst steht infolge ihrer Schlichtheit und l-jnfachheit, 
Innigkeit und Sinnigkeit turmhoch über detu alltäg- 
lichen Gewoge der netten ]5ilder und Bildchen, die 
selbst für die Kinderstuben zu schlecht sind. Schon 
längst drängt unser ganzes modernes Geistesleben in 
der Kunst wieder hin zu einer innerlichen Erkenntnis, 
es hat den Materialismus grund.satt. Eine große Sehn- 
sucht nach einer Erhebung der Seelen lebt überall, 
und trotz aller Erfolge der Wissenschaft ist das Christen- 
tum heute wie immer das einzige, was den Materialis- 
mus sieghaft zurückdrängt. Daß unsere Zeit hie und 
da solche ideale Ansätze zeigt und diese sich gerade 
in den biblischen Stoffen offenbaren, darf als ein Be- 
weis angesehen werden, daß das Christentum die 
Kunst, wie das ganze Geistesleben segensvoll beein- 
flußt. August Kühles steht als Schilderer jener 
altertümlichen Winkel, Straßen und Plätze mittelalter- 
licher Städte zienflich allein da. Die ganze .Art seiner .\uf 
fassung und Malerei, die etwas herb .Stihstisches hat, ist dem 
Charakter seiner Motive glücklich angepaßt. So haben 
unsere ^'orväter in Rothenburg, in Alt-Nürnberg und den 
noch, Gott sei Dank, vielen kleinen wohlerhal- 
tenen Städtchen unseres Vaterlandes ihre Häuser 
gebaut, so auch in ihrem Bürger- und Bieder- 
sinn ein behagliches Dasein geführt, wie es hier 
Küifles in seinen Bildern wieder aufleben läßt. 
Führt uns dieser Künstler in vergangene Epochen 
zurück, so läßt uns Hans v. Bartels einen 
Blick in die \\"ohnungen der heutigen holländi- 
schen Fischer und Schiffersleute werfen. H. v. 
Bartels ist schon längst als einer unserer ge- 
schätztesten .Aquarellisten bekannt und auch schon 
mehrfach in dieser Zeitschrift als bedeutende Per- 
sönlichkeit charakterisiert worden, so daß man 
nicht neuerdings auf den künstlerischen Wert 
dieser .Arbeiten hinweisen muß. Überraschend war 
wieder die große Fülle der Studienarbeiten, die 
beweisen, wie der Künstler in seinem engbe- 
grenzten Gebiete neue Schönheiten zu entdecken 
weiß. Nach der intimeren Durchbildung hin, 
ohne den Reiz des Liuiiittelbarcn, frisch (ie- 
seltenen zu verwischen, hat der Meister Fort- 
schritte gemacht und entzückte insbesondere das 
strickende .Madchen mit ihrem .syiupathisch fri- 
schen Gesichtchen inmitten der Düne, ebenso die 
alte Bäuerin am Kaminfeuer. Aus den Tiroler 
Bergen brachte Matth. Schmid einige seiner 
besten alten Studien, seine Tochter R. Schniid- 
Göringer ihr lebensgroßes Selbstbildnis, das fleis- 
siges und hingebungsvolles Studium der Körper- 
formen erkennen ließ. Einige flottgemalte Studien- 
köpfe steuerte Schwager bei, ebenso C. Gus- 
sow. — Frau .Alice Trübner gab in ihren 
neuen Arbeiten den endgültigen unfreiwilligen 
Aufschluß über ihren .Mangel an F'igenart, da- 
gegen war die l-'ähigkeit, oberflächliche Imitationen 
der Werke ihres Gatten Wilhelm 'Frübner ver- 
fertigen zu können, nicht abzusprechen. Wer nur 
halbwegs mit der Technik der Malerei vertraut 



147 




gemalt igol 



-a i.Ho s.\mbi;k(;i-:r <^ 

Hn.nilAUER A. DKLWIM 



148 



©^ BHRI.IXl-.R KUXSTRRIEF ^^Ö 




I.KO SAMBKRGICR 



gemalt t<}oj 



ist, erkennt sofort mit wie billigen Mitteln eine an- 
sclieinende Qii.ilitat der Malerei erzielt wird , die viel- 
leicht den einen oder anderen zu täuschen imstande 
ist. Aber schon die ganze unzulängliche Zeichnung 
und der Mangel an I-ormgelühl kennzeichnet den Dilet- 
tantismus. Künstlerisch ungleich wertvoller waren die 
kleinen Hilder von Hans Momhardt. In der knapp 
begrenzten Welt der Interieurs, welche der Maler liebt, 
sucht er pikante malerische Probleme auf, die, wenig 
ditTerenziert, für den Heschauer eintönig erscheinen könn- 
ten. Borchardt ist aber hier nur der raffniierte Ge- 
schmacksmensch , der seine tieftonigen Räume, belebt 
von einzelnen l-'rauengestahen in knisternden Seiden- 
roben, nur der Farbe wegen malt, welche nur ganz leicht 
in den höchsten Lichtern aufleuchtet. Seine Technik 
hat etwas Experimentierendes und man sielit es den 
Arbeiten an, daß ihr Verfertiger nach Aufgaben sucht, 
in denen er völlig aufgehen kann. Interessant dabei 
i.st, wie er manch Entzückendes findet und zu intimen 
Reizen gelangt, die an die alten jMeister gemahnen, 
wie in dem Bilde einer in Graublau gekleideten lesenden 
Dame vor einem etwas helleren grauen Hintergrund. — 
Raoul Franks Marinen waren diesmal kräftiger im 
Ton, als man sonst zu sehen gewohnt war; Strath- 
manns »Krieg« nicht gerade fesselnd, das monotone 
Schwarz allein eri'egte keinen Schrecken! G. Barths 
Plastiken sind teilweise von der Internationalen Aus 
Stellung her schon bekannt; die neue Brunnenligur, 
eine Kinderbüste, sowie die >.\gyptierin« sprachen durch 
die edle Behandlung des Formalen sehr an. 

I'Vanz Wolter 



BERLINER KUNSTBRIEF 

^"on Dr. li.WS SCll.MIDKL'XZ (Berlin-Halensce) 

T^eichliclie Belehrungen kann man in dem stillen Kup- 
'n ferstichkabinett der Königlichen Museen liolen. 
Fs stellt von Zeit zu Zeit einzelne Gruppen seiner 
Schätze und außerdem regelmäßig seine Neuerwerbungen 
aus. Unter diesen standen in den letzten Monaten 
Stücke aus der -jetzigen Nachbildung des Breviarium 
Grimani voran. Mit Kecht wurde dieses Kleinod von 
Deckfarbenmalereien aus der niederländischen Schule 
vom Anlange des 16. Jahrhunderts, das in der jMarkus- 
bibliothek zu \'enedig lagert, durch eine allerdings recht 
kostspielige Vervielfältigung .Lichtdruck von A. Frisch 
in Berlin) zugänglicher gemacht. Das Kabinett stellte 
namentlich die Bilder von Beschäftigungen in den ver- 
schiedenen Monaten aus, und daneben die merkwürdige 
Darstellung der Dreieinigkeit, bei welcher Gott Vater 
und Sohn einander fast wie Zwillinge gleichen, aber 
doch so, daß die kleine Differenz geradezu mächtig 
wirkt. Sodann gab es illustrierte juristische und ähn- 
liche Bücher um die Zeit des beginnenden 16. Jahr- 
hunderts; weiterhin auch ein modernes Werk; >AIte 
Bauten der Stadt Hagen in Westfalen«, in einer aller- 
dings ziemlich biederen Weise radiert von II. Reiffer- 
scheidt (Hagen in Westfalen 190.1)- 

In eine wesentlich andere Welt, in eine weit zurück- 
liegende Moderne führen uns die Neuerwerbungen von 
Graphiken des Spaniers Goya (1746 — 1828). Seine 
Steindrucke, Radierungen und Zeichnungen (in Kreide, 
Bister, Tusche) zeigen eine äußerst energische Heraus- 
arbeitung von Licht und Schatten, mehr in Flächen als 
in Linien, mit scharfer Konzentrierung auf das \\'escnt- 
liche. Andere ältere Graphiken bereichern die Detail- 
kenntnisse der Kunstgeschichte. Daist ein älterer Namens- 
vetter des Österreichers Gauer mann mit den Jahres- 
zahlen 1775—1845; es sind landschaftliche Radierungen 
da. .\tzdrucke und gut flächige Schabkunstblätter seilen 
wir von J. A. Klein (1792 — 1875); dieser Nürnberger 
gehört nicht zu den Großen, verstellt aber mehr als 
Äußerliches zu geben. AlinUche Vergangenheiten mit 
einer Kunst des Interieurs sind von Rumpf (geb. 1821) 
da. Von den Radierern nennen wir dann noch den 
frühverstorbenen I. C. Erhard (1795 — 1822) und den 
wohl nocli lebenden F. Werner (geb. 1827). -Steindrucke 
gibt es von dem uns aus der Reihe der deutschen 
Landschafter bekannten E. Lugo (1840 — 1902), sowie 
von dem anscheinend jüngeren Münchener A. Lang. 
Ebenf;ills ein jüngerer Münchener (ich glaube 1868 ge- 
boren) ist R. Kaiser, dessen landschaftliche Radierungen 
durch eine großzügige Flächenkunst wirken, aber doch 
noch eher nach der 'l'echnik der Litliographie rufen. 
Eigenartig sind die Radierungen aus dem Jahre 1886 
von dem bekamiten E. M. Geyger in Florenz (geb. 
]86i), mit mannigfachem Inhalt. So wertvoll aber die 
zuletzt genannte Reihe von Graphiken ist, neben denen 
von .Menzel und von dem ganz besonders energischen 
Stauffer-Bern haben sie docli einen schweren Stand. 

Die letzte historische Gabe im Ausstellungs.saal des 
Kupferjtichkabinettes .sind »Neuere englische Radie- 
rungen, Steindrucke und Holzschnitte«. Nur wenige 
von den dabei zum Vorschein kommenden Künstlern 
sind bereits näher bekannt. Die Radierungen zeigen im 
allgemeinen eine gute technische Reife, während die 
Stücke der anderen Teclmiken im ganzen dahinter 
zurückstehen. Der StofVkreis ist bei allen meistens etwas 
beschränkt ; Landschaften überwiegen. L'nter den Ver- 
tretern dieser in der Radierung nemien w^ir an erster 
Stelle Francis S e v m o u r H a den, geboren zu 
London 1818, also weit vor unserer .Moderne liegend. 
V.x versteht es noch trefflicli, mit seinem l.iclit in die 



s®^ hi-:ri.i\i:i^ klnstukii-: 



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149 



'liclc ik-s K.iiiiiics zu gclicii. Seine SDiiiicmmtcrgiinge 
in liland uiul an der Tlienise, sowie .ilmliclic UiUer 
wiiiien besoiuleis durch l<raltige lange Striche elemen- 
tarer Art. Mit einfaclien Mitteln läßt er das Wasser er- 
glänzen. Die Silhouetten der Bäume sind ebenfalls eine 
besondere Kunst von ihm. Manches ist allerdings mehr 
nur Studie. Collin Ilunter (geboren i8.|ij radiert 
das Meer in einer etwas starren Weise, bei der es trotz- 
dem interessant ist, wie die Wellen und Wolken sicli 
bäumen und wallen. In besonders nianniglachen Lagen 
läßt der Londoner J. C. Ro b ins o n seine Striche dem 
Ausdrucl<e des Sturmes in der Landschaft dienen. Ktwas 
schneller gehen wir an einer mit der troclienen Nadel 
radierten Uorflandschaft von H. Herl;omer mit ihren 
süß-wciclien b'ormen vorüber. 

Weiterliin fällt es uns besonders auf. wie diese Künstle, 
sicli bemühen, die Hlemente ihrer Objekte mit der ge- 
ringstmöglichen Zahl von Strichen zu zeichnen. So 
maclit es z. B. Frank Laing. Ihm ähnlicli ist Josef 
l'ennell (geb. i8$8 zu Philadelphia, jetzt in London). 
Man kennt ihn bereits als amerikanischen Illustrator und 
als Radierer von amerikanischen und italienischen Land- 
schaften, liier führt er die Reihe der Architekturgra- 



phiker an. Je ein oder der andere Radierungssttich 
zeichnet die Bauelemente eines amerikanischen Wolken- 
kratzers oder dergleichen, im übrigen ist es eine be- 
sondere Kunst von ihm, den Untergrund, auf dem seine 
Objekte stehen, so weich zu radieren, als arbeite er da- 
bei mit einer anderen Technik. Nur daß diese male- 
rische und leicht geschwungene .\rt nicht eben eigent- 
liche Architekturgraphik ist. Ahnliches gilt von Shaw 
.\1 c. Laughlan, der übrigens mit seiner »Schmiede« 
an (joya erinnert ; und dann von den zahlreichen .\rchi- 
tekturen Muirhead Bones. In alten Straßen und der- 
gleichen gibt er ebenfalls wiederum mehr ein maleri- 
sches Ganzes, als eine Architekturstudie. Dazu kommt 
ein gewaltiges Gebäudegerüst, zum Teil mit den Künsten 
tiefschwarzer l'iäclien. In einem »Alten Portal« inter- 
essiert die Vergrößerung der Striche von vorne nach 
rückwärts. Auch das Porträt geht bei seiner Weise 
nicht leer aus. 

Architektonisch getreuer arbeitet ein ebenfalls wieder 
Bekannter: l^avid Young Gameron (geb. 1865 in 
(jlasgow), jetzt abwechselnd in London und .Schottland 
lebend. Man kennt ihn als einen der besten \'crtreter 
der schottischen Landschaltsmalerei mit ihren großen 




l.:;0 S.\,\1BKRGKK 



BILDNIS DKS Uk. SCIIS'ITZLER, KÖLN 



Ad/f.jO, gemalt lOoj 



1)0 



??.^ BERI.IXl 



KL'XSTRIUF.F ?^ö 



technischen Mittchi. Figürliche Szenen und dergleichen 
sehen wir von Charles Kccne; er zeichnet in kleine 
Rahmen Figuren von mannigfacher Haltung hinein. Am 
bedeutendsten auf diesem Sondergebiete ist William 
Strang. .Außer Dorflandschaften radiert er Szenen mit 
kräftigen Wirkungen von Silhouetten: »Der Vorleser«, 
und ganz besonders das am \\"ege sitzende Arbeiter- 
paar unter dem Titel >N'ach der .\rbcit«. In einer Gruppe 
von Illustrationen sehen wir ihn als Huchzeichncr zu 
neuen englischen Fditionen(Hunvan, Kipling und andere l 
Der »präraffaelitische« Zug der englischen Buchkunst 
mit den hochlinigen Ornamenten wird weniger von 
Strang und desto mehr von dem phantasiereichen 
Burne-Jones, dessen Illustrationen zu Chaucer von 
W. Morris auf der 
KelmscottPrcss ge- 
druckt worden sind, und 
von A u b r e y Bear d s- 
I e y vertreten , dem 
eigentlichen Sezessioni- 
sten Fnglands, der man- 
cherlei aparte Wege 
geht, mit dem Zuge 
zum Primitiven; er illu- 
striert ein König Arthur- 
Buch. Dazu kommen 
noch mehrere Illustra- 
toren der Zeitschrift 
>The Savov«. 

Recht unglcicli sind 
die Proben der neben 
der Radierung stehen- 
den graphischen Tech- 
niken. Die Aquatinta- 
manier wird in ganz 
ausgezeichneter Weise 
wieder lebendig durch 
eine der eindrucksvoll- 
sten Graphiken, die 
uns jemals untergekom- 
men sind: durcli eine 
Berglandschaft aus Sur- 
re v von Norman 
Ilirsl, bezeichnet als 
»The Dtvils pinich 
bowl'i. Hin wahrhaft 
teuflisches Schwarz- 
werk, das man sich 
kaum in einer anderen 
Technik denken könnte' 
Weniger bedeutend, 
aber immer noch eclitc 
.Aquatintaweise ist die 
weite braungraue Fläche 
in einer .\bendlandschaft 
von Frank Short. 

Folgen Lithographien. 
Ilazelwood Shannon 




i,i;o s.\.\ihi;kgi;k 



Ahl'. jy, gtzckhuet tqoj, Text S. 144 



hier (Charles 
V.\ sclnvankt 



Voran steht 
in Kichmond 

und tastet und sucht und bringt dabei auch unvoll- 
kommenes, aber zum Teil Denkwürdiges. Duftig weich 
sind zumeist seine Figurenbilder und Porträts. Seine 
Badenden brauen • gelien gleichsam unter in den wie 
Wellen über die Körper laufenden Strichen; in gleicher 
Weise strichelt er die wässerige .Atmosphäre bei seinen 
»\\"äschennnen«. Dazu i.st es anscheinend ein beson- 
derer Eigensinn von ihm, die Lithographien so zu 
halten, als seien sie Bleistiftzeichnungen. Fs scheint, ihm 
und manchen seiner Genossen sei der Wetteifer mit 
der zeichnenden oder malenden Leistung wichtiger, als 
die Ilerausholung des einer Reproduktionstechnik liigenen. 
Neben einem lithographischen Porträt von ihm, in wenigen 
einfachen Striclien, bilden die Porträtlithogr.iphien von 



William Rothenstein in London eine Hauptgruppe 
der Ausstellung. .Allerdings ist wiederum mit der Zeich- 
nungstechnik um die Wette gearbeitet. Finlacliste Striche 
genügen ihm; damit führt er uns mehrere der hier 
Ausgestellten im Bilde vor. 

Sodann hnden wir Holzschnitte. iDer Triumph der 
.Arbeit« von Walter Grane ist, wenn wir nicht irren, 
seit längerem bekannt. Die übrigen Holzschnitte sind 
mehr oder minder getönt William Nicholson 
macht sich den Spaß, ein Porträt von A\'histler mit ein 
Paar Flächenstücken hinzuwerfen. Eine schwer ent- 
rätselbarePhantastikist die von St urge Moore; und noch 
weiter in der Forcierung einer Art von engländischem 
Jugendstil geht (Tiarles Ricketts. Mit nüchternen 

Linien kommen welt- 
fremde -Szenen zu- 
stande. Mit S h a n n o n 
zusannnen arbeitet er 
einen kleinen Holz- 
schnitt »Weinernte«. 
Schließlich stehen wir 
vor einer langen Reihe 
Porträts des bekannten 
(ienremalcrs und Bild- 
hauers .Alphonse 
Legros (geb. 1837 in 
Dijon), jetzt bei London 
lebend. Seine Bilder 
werden als monumen- 
tal-einfach gerühmt, mit 

dem Vorwurfe von 
einiger Sentimentalität. 
Vielleicht am bekann- 
testen sind seine toten- 
tanzahnlichen Bilder; 
und Proben von ihnen 
erfreuen uns auch 
hier, wie z. B. »Der 
Tod und der Holz- 
hauer«. Eine ähnliche 
beachtenswerte Arbeit 
ist die Radierung mit 
dem Motive des wieder- 
gefundenen Schafes. 
Dagegen können seine 
Porträts wegen ihrer 
schematischen Faktur, 
die an Schulzeichnungei; 
nach Vorlagen oder 
n.ich Gips erinnern, 
noch weniger mit den 
früher genannten Por- 
träts konkurrieren, als 
es die Landschaften von 
Legros mit den be- 
nachbarten Landschaf- 
ten aulhchmen können. Doch mag das Porträt Kardinal 
.\Iannings eine eigene Beachtung verdienen. 

Inzwischen geschehen in Berlin manche architekto- 
nische b'ortschritte oder bereiten sich wenigstens so vor, 
daß sie uns b.dd mehr zu tun geben werden. Jetzt ist 
das Hohenzollernschloß Bellevue dem allgemeinen 
Besuche zugänglich gemacht worden. Er.st 120 Jahre 
alt, einhält es doch bereits mancherlei Beiträge zur 
Kunstgeschichte. Landschaften von .A. Leu und von 
Graf Kalckreuth d. .A., ein Mönch von De Kavser, 
dann das seinerzeit ziemlich bekannte Bild des Wei- 
marers D. Cordes »Die letzte lüire« sind Beispiele 
aus dem Gemäldeinventar. Porzellanwerke in prächtigen 
Farben aus dem Nachlasse der Königin Luise und zahl- 
reiche Fauteuils und Tische erinnern an die Zeit einer 
besonders vornehmen Möbelkunst. Ein N'orläufer des 



SCHILLlMv 



lu 




LHÜ SAMBl-RGER 



KACHTGHDAXKF.N 



Abb.jS, genullt igo./, Text S. 14s. lüsitzi-r Herr SparkithU 



^■ 



SJ®« ML"SP.l".MSA-I-Rri\' AACHEN 8»^«;^ 



späteren und berühniteven Dav. Röntgen ist aus der 
Zeit Friedrichs II. der Kunsttischler MöUinger, von dem 
wir hier eines der sogenannten Zylinderbure.ius und 
eine Ulir finden. 

Charlottenburg hat von den Architekten Rein- 
hardt und Süßenguth ein neues Ratluius bauen 
lassen und macht es jetzt dem Pubhkum bequem zu- 
gänglich. In modern variierten Formen einer späten 
deutschen Renaissance erhebt sich das Hauptgebäude 
mit hohem steilem Dach und einem vorn aus dem 
Mittelrisalit emporsteigenden Turm, dessen wuchtige 
V'ierkantigkeit sicli erst hoch oben 7.u kleineren und 
feineren Vierecken abstuft. Die Architekturornamentik 
des Genäudes leidet unter einem kapriziösen derben 
Bandwerke mit recht stereotypen Masken in dessen 
Mittclstücken. Dagegen sind die einzelnen Ausstat- 
tungsstiicke meist tretTliche Gegenwartsarbeit; so nament- 
licli die verschiedentlichen Bronzeteile und die (jlas- 
maiereien. Zu den interessantesten architektonischen Pro- 
blemlösungen gehören die größeren Treppenhäuser. 
Von den .Sälen machen sich der Stadtverordnetensaal 
und der kleinere Magistratssaal besonders bemerklich; 
namentlich der letztere enthält gut moderne kunstge- 
werbliche Einzelheiten. 

Der brandenburgischen Architektur in Vergangenheit 
und Gegenwart gleichsam ins Verborgene zu schauen, 
ermöglichte uns eine, mindestens hier noch nicht da- 
gewesene X'orführung : die Erste Ton-, Zement- 
und Kalkindustrie-Ausst cllung zu Berlin. In 
ihr lernte man die norddeutsche Ziegelarchitektur, aber 
auch die feinere Architekturausstattung keramischer Art 
unserer Zeit gut kennen. Näher können wir uns darauf 
nicht einlassen. Jedenfalls nehmen wir die Einsicht mit, 
daß in diesen Dingen, bei denen es zunächst auf Tech- 
nisches ankommt, die hiesige Gegend leistungsfähiger 
ist, als auf Gebieten, in denen der gute Geschmack das 
Erste ist. Und außerdem sehen wir auch hier wieder, 
wie vieles von technischer und künstlerischer Seite er- 
reicht ist, das der allgemeinen Praxis nur erst mit vieler 
Mühe zugeführt werden kann. 



MUSHUM.S-VEREIX AACHEN 

Der Januar hat dem kunstliebenden Publikum in zwei 
Oberliclitsälen des Suermondt-.Museums eine reich- 
haltige Kollektion des »Ausstcllungsverbandes Düssel- 
dorf« gebracht, die einen interessanten I-änblick in den 
Wirkungskreis einer Reihe hochbegabter Künstler der 
jüngeren Düsseldorfer Schule gestattet. Die Mannig- 
faltigkeit des Gesamtbildes wird noch dadurch erhöht, 
daß die einzelnen Meister durch Werke verschiedenster 
Technik : Cjemälde in Ol, Pastell und Gouache, sowie 
durch Radierungen, Lithographien und Zeichnungen ver- 
treten sind. 

Beim Eintritt in den großen Oberlichtsaal wird die 
Aufmerksamkeit durch ein großes Gemälde von An- 
dreas Dirks gefesselt. Der Blick auf den »Fischer- 
hafen« mit den stürmisch bewegten See, den damit 
kampfenden Booten und dem wolkenschweren Himmel 
darunter wirkt äußerst frisch und anzielicnd. Hierbei 
ist auch die pastosc, auf Fernwirkung berechnete 
Technik zu verblütTender Wirkung gebracht. Eine ähn- 
liche großzügige Behandlung bietet Aug. Deusser 
auf seinem Bilde »Auf dem l-'elde« ; dieses führt einen 
pflügenden Bauern bei einer kleinen Ruliepause vor, 
wobei besonders gut die schweren Ackergäule getroffen 
sind, hinter denen sich weite Stoppelfelder ausdelinen. 
In viel kleineren Dimensionen ist die »llerbstlandschaft« 
gehalten, die gleichfalls ein langgestrecktes Ackerfeld, 
am W'aldesrande gelegen, slinnnungsvoll gibt, während 
sich darunter ein schwerer Himmel breitet. Einem an 



sich »unmalerischen« Motiv »Neubau«, das uns an die 
Peripherie der Großstadt führt, weiß er durch die 
flotte Behandlung und die geschickten Farbenkontraste 
zwischen dem dunkeln Pferd und dem grauangestrichenen 
Karren, ebenso wie zwischen dem Rotbraun des Ziegel- 
mauerwerks und dem Blau des Himmels künstlerische 
Werte zu verleihen. Weniger glücklich sind seine 
Reiterbilder, besonders das »Im Trabe«, das in der 
eigentümlichen Bewegung doch zu sehr an eine Moment- 
aufnahme erinnert. Gleichfalls als intim schildernder 
Landschafter, doch von besonderer Eigenart, tritt uns 
Ernst Hardt entgegen. Am besten gefällt uns sein 
Gemälde »In den Feldern« auf dem er eine im fernen 
Horizonte verschwimmende, durch eine Schaflierde be- 
lebte Ebene darstellt, über der fahles Gewölk lastet. 
Einander verwandte Motive zeigen »An der Anger« 
und »Frühlingsalinen«, nämlich einen von knorrigen 
Weiden bestandenen Bach, in dessen Wasser die klare 
Spiegelung eines scharfen Frühlingshimmels erscheint. 
Noch kräftiger ist die Beleuchtung bei dem »nieder- 
rheinischen Gehöft«, während bei der »Wolkenstimmung« 
der Vordergrund dunkel daliegt und erst rückwärts 
helleres Licht durchbricht. .Auf dem Gebiet des Figür- 
lichen arbeitet Max Stern. Besonders sei hier auf 
ein großes Gemälde ».Abschied der Heringslisclier« auf- 
merksam gemacht, das in der Gruppierung äußerst ge- 
schickt abgewogen ist: wie hier die Nuancen der 
einzelnen Stimmungen, von der Gruppe des jungen 
Paares mit der Mutter an bis zu den ganz rechts stehen- 
den älteren, schon abgestumpfteren Fischern fein zu- 
einander überleiten, ist beachtenswert, desgleichen auch 
die Art, wie die Figuren in die ganze .Atmosphäre 
hineingesetzt sind. Sein »Niederländisches \'oIksfest« 
schildert gleichfalls eine fein beobachtete Szene, bei der 
die Gruppen in ein gemütliches holländisches Städtchen 
hineinkoniponiert sind, während uns die »Predigt« zu 
sehr an die .Modellstudien erinnert. Bei den »Trinkern« 
ist besonders die Figur des Mannes mit dem Schlapp- 
hut und dem durchsichtig behandelten Schattenton 
vollendet durchgeführt. Helm. Liesegang scheint 
holländische Motive zu bevorzugen, wie wir das haupt- 
säclilich an dem großen »Herbst« und an dem Bild 
»Vor dem Tor« sehen, das ein malerisches .\rchitektur- 
stück festhält. Zwei fein durchgearbeitete Interieurs 
sind Theodor Funks ».\m Totenbett« und »Die 
beiden .Alten«, ersteres voll düsteren Ernstes, das andere 
mit einem Hauch anspruchsloser Zufriedenheit, die sich 
in den Zügen des alten Paares widerspiegelt. Inter- 
essant zu verfolgen ist, wie Gustav Wendling 
ähnliche Vorwürfe andersgeartet wiedergibt; im Gegen- 
satz zu Funck liebt er lichtere Töne, besonders ein 
kräftiges Rot, das bei den Ziegeld.ichern des »Hol- 
ländischen Städtchens« gut wirkt, jedoch auf seinem 
»Seeländischen Interieur« in der Kleidung des jungen 
l-'iscliers zu sehr herausfällt. Dagegen atmet sein anderes 
Interieur, mit dem »eine Frage« an das Mädchen 
richtenden jungen Manne natürliche F'rische. Auch als 
Porträtist tritt er auf mit dem Porträt von O. Sohn- 
Retliel, wo er den Künstler beim Scheine einer Kerze 
am .Arbeitstische zeigt. Nicht nur in der Wahl des 
Dargestellten, sondern zugleich in der .Art der Be- 
leuclitung knüpft (jerli. Janssen an die Holländer an. 
Am svmpathischsten berühren uns die in Kohlenzeichnung 
ausgeführten Studienköpfe. .Auch die breite Technik 
bei den Gouachen läßt sich rechtfertigen, während es 
scheint, als ob er sich hierin bei dem Studienkopf in 
Oel vergrifl'en hätte. So fein im Ton sein Interieur 
»Gegen Abend« wirkt, so kommt uns das die beiden 
.Alten umgebende Helldunkel — das bei den alten 
Niederländern vielfach auf das .Alter zurückzuführen ist — 
nicht ganz motiviert vor, wobei einzelne Schönlieiten 
nicht übersehen werden sollen. (Schluß folgt) 



Für die Redaktion verantwortlich: S. Statidhamer; Verlag der Gesellschaft für Christi. Kunst, G. ni b. H. 
Druck von Alphons Bruckmann. — Sämtliche in München. 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HI-I r 



MÄRZ 1906 



WE'i'TBl^WLRß 

Zur Erlangung künstlerischer Entwürfe für eine neuzu- 
erbauenile Pfarrkirche in Achdorf bei Lanilshul 
(Nifderbayern) schreibt die Deutsche Gesellschaft für 
christliche Kunst unter den ihr angeliörigen Architekten 
namens des Kirchenbauvercins Achdorf, dessen I. Vor- 
stand Herr Pfarrer r.nglmaier daselbst ist, eine Ideen- 
konkurrenz aus. Wir teilen hier die näheren Be- 
stimmungen auszüglich mit. 

Achdorf, ein reizend gelegener Vorort von Landshut, 
besitzt eine alte gotische Kirclie, welche erhalten bleiben 
.soll. Die neue Kirche soll im Renaissance- oder Barockstil 
oder in neuen Formen errichtet werden. Pur die Kosten 
des Rohbaues einschließlich Verputz und Tünchung stehen 
i.'jooooM. zur Verfügung. Von einer Ostung der Kirche 
ist nach Lage des Bauplatzes abzusehen und ist die Langen- 
achse von Südwest nach Nordost anzunehmen. Hinsicht- 
lich des Gesamtbildes des Äußern ist auf die vorüber- 
führende Pisenbahnlinie Rücksiclit zu nehmen. Humus, 
spintiger Mergel und Kies bilden den (jrund. Das Schifl' 
der Kirche soll einen einheitlichen Raum bilden und tun- 
lichst pfeilerfrei .sein. Das Innere soll für 1000 Personen 
(700 Erwachsene und 300 Kinder) Sitzplätze fassen; die 
Plätze der Kinder sollen in die Nähe des Hochaltars 
kommen. Auch ist ein Oratorium für etwa zwölf Ordens- 
schwestern zu errichten. Dem Presbvterium soll reichlich 
Licht zugeführt werden. Es sind drei Altäre vorzusehen. 
Von der Sakristei soll man zu einer Paramentenkammer 
und einer Beichtkammer für Schwerhörige gelangen. Die 
vorzulegenden Skizzen: Grundriß, Längen- und duer- 
schnitt und drei Ansichten, sind im Maßstab i : 200 zu 
halten, mit den Kennworten in üblicher Weise zu ver- 
sehen und bis 15. Mai lfd. Js. an die Geschäftsstelle, Karl- 
straße 6, einzusenden. Es sind drei Preise zu 600 M., 
400 M. und 300 M. — zusammen i 300 M. — in Aussicht 
genommen; es bleibt der Jury überlassen, die Preise 
anders festzustellen. Das Preisgericht bildet die Jury der 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst, welche das 
Recht des Kooptierens hat; auch gehören drei Abge- 
ordnete des Kirchenbauvereins Achdorf dem Preisgericht 
an. Sämtliche Entwürfe, welche liigentum der Künstler 
bleiben, werden in München und Landshut ausgestellt. 

Die Konkurrenzbedingungen werden an die der Deut- 
schen Gesellschaft für christliche Kunst angehörenden 
Architekten versendet. Auskünfte sind von der Geschäfts- 
stelle zu erhalten. 



u 



zu UNSEREN BILDERN 

nserm Programm getreu, nicht ausschließlich reli- 
giöse Kunst zu pllegen, sondern auch die bedeuten- 
deren Kundgebungen der profanen Kunst zu berück- 
sichtigen und damit ins gesamte Kunstleben einzuführen, 
ermöglichen wir unsern Lesern in vorliegendem Hefte 
einen Einblick in das bisherige Schatten und in das 
eigentlichste Wollen und Sehnen Leo Sambergers, dem 
niemand außerordentliche Begabung und Seelentiefe 
absprechen dürfte. Was wir von Anfang an beab- 
sichtigten, konnten wir hiermit beginnen, und wir 
werden es planmäßig fortsetzen: wir gedenken nämlich 
auf ähnlich umfassende Weise allmählich das Schallen 
einer Reihe unserer Künstler in besonderen Heften zu 
besprechen. Hierbei berücksichtigen wir zumeist jene 
Künstler, welche — soweit es ihnen die Verhältnisse 
ermöglichen — ihre Kraft und Liebe ganz oder zum 
größten Teil der religiösen Kunst widmen. 

Konkurrenz für Milbertshofen. Im Anschluß 
an unsere Mitteilung über das Resultat der genannten 
Konkurrenz in H. 2, S. V, sind wir nunmehr in der Lage, 



zu berichten, daß das Projekt der Künstler Feli.\ Graf 
von Courten und Otto Orlando Kurz mit dem Motto 
> Ave Maria< zur Ausführung bestimmt wurde. Im J.Heft 
werden wir von diesem und einer Reihe anderer anläß- 
lich der Konkurrenz gefertigten Projekte Abbildungen 
bringen. 

VON AUSSTELLUNGEN UND 
SAMMLUNGEN 

Die deutsche Jahrhundertausstellung in der 
Berliner Nationalgalerie wurde am 2.4. Januar er- 
ötfnet. Sie erstreckt sich auf die Zeit von 177;- 1875, 
schließt also die neueste Entwicklung unserer Kunst 
aus. Die Kunstwerke sollen bis Ende /\pril beisammen 
bleiben. 

Neuerwerbungen der Kgl. K unstsammlun- 
gen in Berlin. — Nach den amtlichen Berichten vom 
I.Juli imd I. Oktober wurden im ersten Halbjahr 1905 
u. a. folgende Neuerwerbungen gemacht. Für die Natio- 
nalgalerie wurden die Gemälde angekauft: »Der Rhein 
bei Säckingen« von H. l'homa; >Praterlandschaft«, 
-Bildnis einer alten Frau< und »Mutter und Kind« von 
l-'. Waldmüller; »Im Hausg.arten< von E. Engert; 
zwei Stilleben »Hummer« und ».-Xpfel« von Ch. Schuch; 
»Rastende Kürassiere« von H. von Marees, sowie 
eine Anzahl von Ölstudien, Aquarellen und Handzeich- 
nungen von H. Gu de, A. Brendel, M. von Seh wind, 
Ed. Thöny, O. Fischer, Karl Hartmann, 
W. von Kobell und Ad. von Menzel, .abgeliefert 
wurde das bei .'\. Gaul bestelhe Bronzebildwerk »Löwe«. 
An Geschenken erhielt die Nationalgalerie ein Bildnis 
von K. Gussow, das Gemälde »Die Schänke« und 
zwei aquarellierte Zeichnungen von Th. Hosemann 
sowie die Gemälde »Stilleben mit Trappe« von Ch. 
Hoguet und »Wäscherin« von Fr. Kraus, zwei Ge- 
mälde von J. E. Hummel, das Gemälde »Salomonische 
Weisheit« von L.Knaus, einen Bronzeabguß des Origi- 
nalmodells zum »Penseur« von Aug. Rodin und die 
Porträtbüste von Werner von Siemens von Adolf 
Hildebrand. — — b) Kgl. Gemäldegalerie. 
Landschaft von Cima da Conegliano; drei zusammen- 
gehörige Tafeln mit den lebensgroßen Figuren der 
Heiligen Petrus, Paulus und Johannes des Täufers vom 
Hochaltar in S. Croce zu Florenz von Ugolino da 
Siena (aus der Zeit des Duccio); »Thronende Madonna 
mit Heiligen«, von einem Horentinischen Meister aus 
der Nachfolge Giottos; Giovanni di Paolo (Siena, 
15. Jahrh), »Kreuzigung Christi«; Masaccio, vier 
kleine Tafeln mit je einem männlichen Heihgen, Be- 
standteile des großen Aharwerks, das Masaccio für die 
Carmine zu Pisa austuhrte und wovon die Galerie zwei 
Teile der Predella schon besaß; »Bildnis eines jungen 
Mönches' von Fr. Goya; ein >Abschied Christi von 
den Frauen«, niederländisch aus der Zeit um 1520; 
zwei Altartafeln Simon Marmions; — eine Bronze 
aus dem italienischen Cluattrocento, \\'andleuchter in 
Gestalt einer jugendlichen nackten Frau, nach Auffassung 
und Behandlung auf Donatello hinweisend; Gian Bo- 
logna, Bronzestatuetten eines Christus an der Geißel- 
säide, einer kauernden nackten Frau und eines jugend- 
lichen Dudelsackpfeifers; An des Riccio, Bronzestatuette; 
Lombardischer Meister um 1525, Buchsst:ituette und 
Buchsbüste eines dornengekrönten Christus ; Statuette 
eines Kindes, von einem süddeutschen Meister um 1520; 
ferner als Geschenke: Sandstcinligur eines knieenden 
Johannes des Täufers, süddeutsch, um i.|00; ein far- 
biges Flachrehef in Stuck von Luca della Robbia; be- 
make Ilolztigur eines hl. Petrus, italienisch, 15. Jahrh.; 
Kruzifixus im Charakter Giovanni Pisanos. — Den amt- 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST., II. JAHRGANG, HEFT 6, i. MÄRZ 1906 



liehen Mitteilungen vom i. Januar 1. J. entnehmen wir 
folgendes. Für die Gemäldegalerie wurde in Eng- 
land ein umfangreiches, auch gut erhaltenes Gemälde, 
die Anbetung der Hirten, aus der früheren Zeit Murillos, 
käuflich erworben; ebenfalls in }{ngland eine große 
Flußlandschaft des englischen Landschafters Richard 
Wilson sowie ein Selbstporträt Sir Joshua Rey- 
nolds'. Für die Sammlung der Skulpturen wurden 
erworben: i. Fragment eines byzantinischen Marmor- 
reliefs aus Konstantinopel vom 4. Jahrhundert mit der 
Darstellung aus der Josephsgeschichte (?); 2. Kopfstück 
eines fünfteiligen Diptychons aus dem 6. Jahrhundert ; 
3. syrische Pvxis von bauchiger Form mit flachem 
■\\'eingerank, vom 5. bis 6. Jahrhundert; 4. bemalte 
Holzstatuette eines hl. Georg vom Anfang des 15. Jahr- 
hunderts; 5. aus englischem Privatbesitz eine große 
Portallünette (Madonna mit luigeln) in glasiertem Ton, 
von Luca della Robbia; 6. Ferraresisches bemaltes 
Tonrelief aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 
(Dreifaltigkeit). Durch Tausch gelangten u. a. in den 
Besitz der Sammlung die zwei bemalten Holzstatucn 
der beiden Johannes von Veit Stoß. 

Stuttgarter Galerieverein. Am 6. Januar ist der 
Stuttgarter Galerieverein begründet worden, dessen Zweck 
in erster Linie die Förderung der Kgl. Gemäldegalerie 
ist. Der derzeitige Galeriedirektor, Professor Dr. v. Lange, 
entwickelte vor einem engeren Kreis in einer einleitenden 
Ansprache die Ziele des Vereins und drückte seine Be- 
friedigung aus über die von ihm vorgefundene Bereit- 
willigkeit, die staatlichen Sammlungen durch Beiträge 
aus privaten Mitteln zu fördern. Professor Dr. Weizsäcker 
wies auf die glanzenden Erfolge, welche durch ähnliche 
Organisationen in anderen Städten, z. B. in Berlin und 
Frankfurt a. M., erreicht worden sind, hin. Nach er- 
folgter Konstituierung des Vereins wurde sogleich in die 
Beratung und Feststellung der Satzung eingetreten, aus 
deren Inhalt folgendes hervorzuheben ist: 

Vereinsmittel sind die Jahresbeiträge der Mitglieder 
von 20, bezw. 10 M., und die Beiträge der Stifter, welche 
bei einem Mindestbetrage von 5000 M. bereits in an- 
sehnlicher Höhe gezeichnet worden sind. 

Den Vorstand bilden neben dem Galeriedirektor acht 
aus der Mitte des Vereins zu wählende Mitgheder. Als 
Vorsitzender wurde gewählt Baron zu Putlitz. Der Ver- 
einszweck soll dadurch erreiclit werden, daß von dem 
Verein bei sicli bietender Gelegenheit Kunstwerke er- 
worben, der Kgl. Gemäldegalerie als Leihgut überlassen 
und auf Wunsch zum Selbstkostenpreis käuflich abge- 
treten werden. Die Verwendung von Vereinsmitteln zur 
Anschaffung von Kunstwerken für das Kgl. Kupferstich- 
kabinett und die Sammlung vaterländischer Altertümer 
ist dem Vorstand vorbelialten.' 

Bonn. Im Städtischen Museum hierselbst sah man 
während des Januars eine Ausstellung von Künstler- 
kleidern — nichts sonderlich Neues und Hervorragen- 
des, aber durchweg gute Sachen, die besten von Paul 
Lang-Krefeld — , ferner Entwürfe zu Einzelmöbeln 
und Innenräumen von demselben Künstler ; dann eine 
Serie Batikarbeiten von M. Kunz-Bonn, und cndlicli 
eine größere Ausstellung des »Vereins für t)riginal- 
radierung« (München). Unter den Radierungen — 
110 Blatt, von etwa 30 Künstlern — seien besonders 
genannt die von K. Bauer, W. Geiger, O. Graf, 
P. Halm, F. Hoch, G. Jahn, R. Kaiser, Meyer- 
Basel, A. Schiestl und II. Struck. — Sehr ver- 
dienstlich war die letzte Ausstellung des Kunst- 
salons Cohen: derselbe zeigte eine aut hohem künst- 
lerischem Niveau stehende Kollektion der Worps weder 
Kiinstlergruppe, etwa 55 Ölgemälde, sowie eine ganze 
Anzahl Radierungen und sonstiger Arbeiten. Hans 



am Ende fehlte leider, aber Mackensen, Modersoha 
und besonders Overbeck waren charakteristisch, zum 
Teil sogar vorzüglich vertreten ; auch zwei weniger 
berühmte Mitgheder dieser Vereinigung, R. Hartmann 
und W. Scholkmann, konnte man hier kennen lernen. 
Vor allem aber interessierte und erfreute Heinrich 
Vogeler; auch seinen hier gezeigten Bildern (»Mein 
Haus«, »Erster Sommer«, »Wiederkehr« und das große 
Triptychon »Sommerabend« waren's) eignet diese oft- 
mals gerühmte Innigkeit und zarte Naturschwärmerei, 
dieser ganz persönliche Ausdruck und wunderbare 
Zauber lyrisch-elegischer Stimmung. f. 

Köln. Der Besitzer des kürzlich hier eröifneten Kunst- 
salon Lenobel erziehe mit einer Thoma- Ausstel- 
lung einen beklagenswerten Mißerfolg. Eine Kollektion 
von 13 Gemälden, 55 Radierungen und 50 Steinzeich- 
nungen Thomas, welche er zusammengebracht hatte, 
weckte in Köln wenig Interesse. Man sollte meinen, 
daß ein augenblicklich soviel genannter und viel um- 
strittener Künstler mehr die Aufmerksamkeit auf sich 
ziehen würde, als es in Köln geschehen ist, mag die 
hohe Einschätzung desselben nun begründet sein oder 
nicht. Der Grund wird wohl darin zu suchen sein, daß 
Thoma in einer Besprechung der Kölnischen Zeitung, 
deren Referent erklärter Thoma-Gegner sein soll, scharf 
kritisiert und äußerst abfällig behandelt worden ist. Ob 
die Macht der Presse bei solchem Erfolge eine Segnung 
ist, möge daliingestellt bleiben. Auf die Selbständigkeit 
des Köhler »kunstliebenden« Pubhkums in Kunstdingen 
wirft diese Angelegenheit aber ein eigenartiges Licht. 

A. H 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Verlosung der Deutschen Gesellschaft für 

christliche Kunst. Die Verlosungsankäufe für das 

Jahr 1905 sind bereits vorgenommen, doch hat die 
Verlosung noch nicht stattgefunden. 

Fürstliche Munifizenz. S. Kgl. Hoheit der Prinz- 
regent Luitpold von Bavern spendete zur Herstellung 
des Hochaltares der neuen Pfarrkirche in München- 
Sendling die Summe von 40000 M. Die neuen, präch- 
tigen Kirchen Münchens verdanken der hohen KunstHebc, 
Munifizenz und tieircligiösen Gesinnung des Regenten 
außerordentlich vieles. 

Ludwig Seitz, der päpstliche Galeriedirektor in 
Rom, bekannt durch seine Wandmalereien in Rom, 
Assisi und Padua, erhielt vom Deutschen Kaiser den 
preußischen Kronenorden II. Klasse. 

Eduard von Gebliardt in Düsseldorf wurde von 
der protestantischen theologischen Fakultät der Univer- 
sität in Straßburg zum Ehrendoktor ernannt. Diese Aus- 
zeichnung ist damit motiviert, daß der Künstler in einem 
langen Leben mit seiner Kunst einzig der Religion diente 
und seinen Volksgenossen die heilige Geschichte sozu- 
sagen in der Muttersprache erzählte. 

Auszeichnung. Das Diplom der goldenen Medaille 
erhielt auf der Pariser »Exposition du P.dais du travail« 
der Maler und Schriftsteller Franz Schmid Breitenbach 
für sein Gemälde: »Nach der Taufe«. 

Wettbewerb für eine Festmünze zum 15. Deut- 
schen Bundesschießen in München 1906. — Am 8. Januar 
wurde der erste Preis dem Bildhauer Georg Römer, 
der zweite Preis dem k. Professor, Maler Maximilian 
Dasio und der dritte Preis den Bildhauern Du 11 und 
Pezold zuerkannt. 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, 11. JAHRGANG, HEFT 6, i. MÄRZ 1906 



Ul 



Erledigte Konkurrenz. Das Resultat der Kon- 
kurrenz für Herstellung eines monumentalen Abschlusses 
am nordöstlichen Ende des Maximiliansplatzes in München 
ist folgendes : Motto >St.Martinus< von Hermann Hahn 
und K. Sattler erliielt einen Preis von 2000 M.; des- 
gleichen Motto >Maestoso« von Georg Albertshofer 
und Bestelnieyer; Motto >Triton< von Eritz Behn 
erhielt einen Preis von 1 500 M. ; desgleichen Motto »Stein 
unter Steinen« von C). E. Biber und G. Klemm; Motto 
>Luitpüldslinde« von Georg Zeitler, ferner Motto 
>Parkarchitektur« von Hessemer und Schmidt und 
Fritz Christ und Motto >Phaethon« von Akerberg 
erhielten je einen Preis von 1000 M. Mit den Verfertigern 
der Entwürfe »St. Martinus« und »Maestoso« soll wegen 
Neugestaltung der Projekte ins Benelimen getreten werden. 
Es waren 73 luitwürfc eingelaufen. 

Zwei neue (iemiilde in der St. Josephskirche zu 
München. — Wir hatten beabsichtigt und entsprechende 
Schritte getan, um im fünften Hefte zugleich mit dem 
Hochaltarblatt der St. Josephskirche zu München, das 
wir farbig reproduzierten, auch die zwei neuen (jemälde 
zu beiden Seiten des Hochaltars jener Kirche zu ver- 
ötfentlichen. Leider svurde es nicht möglich. Diese 
umlangreichen Bilder stellen die Flucht nacli Ägypten 
und den Tod des hl. Joseph dar und sind ebenfalls 
von Professor Ciebhard Fugel gemalt. 

Augustin Fächer. Für die gotische Anstaltskirche 
zu Herxheim in der Rheinpfalz wurden vor einigen 
Wochen zwei große Glasgemälde vollendet. Die Ent- 
würfe dazu stammen von dem Münchener Künstler 
Augustin Fächer und sie wurden unter der be- 
standigen Kontrolle Pachers in der Glasmalerei-Anstalt 
Bockhorni zu München ausgeführt. Zwar schheßen sich 
die Fenster dem Stilcharakter der Spätgotik harmonisch 
an, allein bei der scharf ausgesprochenen Eigenart der 
Pacher'schen Kunst braucht nicht eigens gesagt zu werden, 
daß sie einen originellen F^indruck machen. Die Sorge, 
dem Hochalter, zu dessen beiden Seiten die Malereien 
angebracht werden, möglichst wenig Licht zu entziehen, 
gab dem Künstler die Anregung zu einer ausgiebigen 
Verwendung von zartem Weiß, was dem Ganzen nur 
zum Vorteil gereicht. Die Komposition baut sich von 
unten folgendermaßen auf. Links vom Altar: weiße 
Gruppe: Fußwaschung; darüber farbig: die vier hl. 
Kirchenväter; darüber farbig: Erscliaffung der \\'elt, 
Erschaffung des Adam, Sündenfall, Vertreibung aus dem 
Paradies (kleine Gruppen); darüber kleine weiße 
Gruppen: die sieben leiblichen Werke der Barm- 
herzigkeit; darüber farbig klein: Jonas, Moses schlägt 
Wasser aus dem Felsen, Eherne Schlange, Noah sendet 
die Taube aus der Arche, Maßwerk; Verkündigung, 
farbig. Rechts vom Altar : weißeGruppe: Abendmahl ; 
darüber farbig: die vier hl. Evangelisten; darüber 
farbig: Geburt, Opferung, Brodvermehrung, Geißelung 
(kleine Gruppen); darüber kleine weißeGruppen: 
die sieben geistUchen Werke der Bannherzigkeit; darüber 
farbig klein: Kreuztragung, Auferstehung, Himmelfahrt, 
Pfingsten, Maßwerk; Unbefleckte Empfängnis, 
farbig. Die farbige Wirkung ist geradezu wohltuend, das 
Figürliche ist scharf charakteristisch, aber ohne Über- 
treibung herausgearbeitet; die Gruppierung der in ver- 
schiedenen Maßstäben gehaltenen figürlichen Partien zu 
einander ergibt ein schön belebtes Ganzes. 

Die Ausübung der leiblichen und geistlichen Werke der 
Barmherzigkeit geschieht ausschließhch durch Nonnen, 
was von dem kunstfreundlichen Besteller, dem geist- 
lichen Anstaltsdirektor Bussereau, ausdrückhch gewünscht 
wurde, da die Anstalt unter der Obsorge von Kloster- 
frauen steht. — Auf S. 116 u. 117 des L Jahrgangs sind 
Entwürfe Pachers, der auch in den Jahresmappen der 



Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst vertreten 
ist, abgebildet. Vor einigen Jahren gab die Gesellschaft 
für christliche Kunst eine Serie farbiger Ansichtskarten 
nach Kartons des Künstlers heraus. Jene Kartons waren in 
den Jahren der Gärung, des Suchens und Ringens unsers 
Künstlers nach einer neuartigen, aber in der Wirkung 
den besten alten Glasgemälden gleichkommenden Formen- 
bildung und Farbengebung entstanden. Damit hängt 
denn auch die Erscheinung zusammen, daß einige der 
Blätter der genannten Pubhkation sehr geteilten Anklang, 
ja zum Teil offenen Widerspruch fanden. Inzwischen 
hat der Künstler mutig weitergearbeitet, er ist dabei 
zweifellos zu einer größeren Klärung seines Wollens 
gelangt und hat das, was Widerstand erregte, gemildert. 
So darf man denn hoffen, daß seine Phantasie und seine 
Begeisterung für die christliche Kunst uns noch viele 
reife Werke schenken und der von ihm warmherzig ge- 
liebten Glasmalerei fruchtbare Anregungen bieten wird. 

Jakob Bradl, als Bildhauer und Maler gleich tüchtig 
und ein pietätvoller Kenner der alten Kunst, wurde be- 
auftragt, die neu aufgedeckten alten Malereien in der 
Filialkirche zu Gachenbach, Pfarrei Beinberg bei Schroben- 
hausen, wiederherzustellen. Da wir nach Vollendung der 
Restaurationsarbeiten darauf zurückzukommen gedenken, 
so teilen wir vorläufig nur einige Angaben mit, welche 
wir Herrn Karl Wunderer, Benefiziumsvikar in M. Bein- 
berg, verdanken. Zunächst handelt es sich um Fresken 
in dem Gewölbe des Presbyteriums: in der Mitte das 
AntUtz Christi, ringsherum in den Gewölbekappen die 
Embleme der Evangelisten, zu deren Seiten sich rechts 
und links je ein Engel mit auf das Leiden Christi be- 
züglichen Emblemen befindet. Diese Malereien stammen 
aus der Zeit um die Mitte des 1 5. Jahrhunderts. An der 
Nordwand befindet sich ein thronender Christus aus 
älterer Zeit. Am romanischen Chorbogen befinden sich 
ornamentale Malereien aus romanischer Zeit; figürlicher 
Schmuck, ebenfalls romanisch, bedeckt die Chorbogen- 
wand: man sieht eine Person mit einem Bündel Ähren 
und eine andere mit einem Widder von schwarzer Farbe, 
auf welchen von der Mitte der Wand herab eine Hand 



Ein Altargemälde von Fritz von Uhde. Der 
Verwaltungsrat der Tiedgestiftung hat für den Altar 
der Lutherkirche in Zwickau auf Antrag des Kirchen- 
vorstandes ein Gemälde gestiftet, das im Auftrag dieser 
Stiftung Fritz von Uhde gemalt hat. Das figurenreiche 
Gemälde wurde in den letzten Wochen an seinem Be- 
stinmiungsort aufgestellt; es ist das erste Werk des 
Künstlers, das in einer Kirche seinen Platz gefunden. 
Als Thema wählte F. v. Uhde die Stelle Matth. 4, 16, 
die auf Jsaias 9, i. 2 Bezug nimmt. 



BÜCHERSCHAU 

LoyHering. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen 
Plastik des XVI. Jahrhunderts. Von Dr. Felix Mader. 
Mit 70 Abbildungen. München, Gesellschaft f. christl. 
Kunst 1905. 4°, 122 S. 

Unter den verschiedenen Zweigen der Kunst mußte 
sich die Plastik am längsten gedulden, bis sich ihr das 
Interesse der gelehrten Forschung zuwandte, und es 
wiederholte sich bei ihr dieselbe Erscheinung, die wir 
in der Historiographie der .Architektur beobachten, daß 
die Kunst der Renaissance — von Italien abgesehen — 
und der Nachrenaissance am spätesten zu Ehren kommt. 
Viel ist da nachzuholen und mit Freuden begrüßen wir 
jeden ernsten Versuch auf diesem (jebiete, jeden Stein, 
der sich richtig und fest dem heranwachsenden Baue 
einfügt. 



IV 



BEILAGE ZU »DIE CHRISTLICHE KUNST«, IL JAHRGANG, HEFT 6, i. MÄRZ 1906 



Maders Biographie des Bildhauers Loy Hering in 
Eichstätt beschäftigt sich in gründlichster, streng wissen- 
schaftlicher und wohl abgerundeter Untersuchung mit 
einem Meister, der in vierzigjährigem, rastlosem SchatTen 
der Epitaphilv Süddeutschlands wie keiner seiner Zeit- 
genossen den Stempel seiner Eigenart aufgeprägt hat. 
Loy Hering war vorzugsweise Relief bildner. Das Über- 
gewicht der Malerei über die Plastik seit der Mitte des 
15. Jahrhunderts hatte ein stetig fortschreitendes Ein- 
dringen dos malerischen Elementes in die plastische Auf- 
fassung zur Folge und führte im Laufe der Entwicklung 
dazu, daß man in der Reliefkunst, die eine Mittelstellung 
zwischen Plastik und Malerei einnimmt, das vollkommenste 
Ausdrucksmittel für das erkannte, was die Plastik zu 
sagen hatte. Noch ein weiteres Moment drängte auf 
die gleiche Bahn ; Die monumentale Steinplastik war bis 
zum Ende des 15. Jahrhunderts i;ist ausschließlich im 
Zu.sammenhang mit der kirchhchen Architektur gepflegt 
worden; aber die Zeit der großen Kirchenbauten war 
vorüber, als Lov Hering zum Meißel griff. Es blieb dem 
Bildhauer fast nur mehr das Grabdenkmal als Arbeits- 
feld, freilich als sicheres Arbeitsfeld, wofern er in der 
Bildniskunst den Anforderungen des Zeitgeschmackes 
entsprach; denn das »Zeitalter des individuellen Seelen- 
lebens« stand in der Blüte und die starke Betonung der 
Persönlichkeit äußerte sicli unter anderem auch in dem 
Verlangen nach Verewigung im Denkmalbildnis. Nun 
war in Deutschland für alle einfacheren Aufgaben des 
Grabdenkmals die Rehefdarstellung, sei es in der Form 
der Grabplatte oder in der des Epitaphs, seit Jalirhunder- 
ten eingebürgert. So gestatteten die Verhältnisse dem 
Meister Hering nur selten, sich in großer und freier 
Plastik zu betätigen. Daß er auch solchen Aufgaben ge- 
wachsen war, beweist glänzend vor allem sein \Villib;ilds- 
denkmal im Dom zu Eichstätt. Aber seine Fähigkeit 
nach dieser Richtung verkümmerte allgemach bei dem 
Mangel entsprechender Aufträge und in der Grabtumba 
des siegberühmten Grafen Niklas von Salm in Wien 1 530 
vermag er eine große, dankbare Aufgabe nur schwäch- 
lich und mit den Mitteln seiner Epitaphik zu lösen. 

Außer einer sehr reichlichen Grabmalplastik in Relief 
und einigen wenigen l-'reifiguren schuf der .Meister auch 
Gegenstände der Kircheneinriclitung, Altäre und Sakra- 
mentshäuschen, die auf deutschem Boden die früheste 
und stilgeschichtlicli sehr interessante Behandlung dieser 
Aufgaben in den Formen der Renaissance darstellen, wie 
ja auch seine Grabdenkmäler, vorab die Epitaphien, von 
vornherein — und nicht nur im Ornamentalen, sondern 
ebenso ausgesprochen aucli in der künstlerisclien Aul- 
fassung der menscliliclien Ersclieinung — die Formen- 
sprache des italienischen Zeitstiles in einer lür so frühe 
Zeit merkwürdigen Konsequenz, Klarheit tmd Selbständig- 
keit aufnehmen und durcliiühren. Hering wird daher mit 
Recht von .Vlader als ein Balinbreclier der Renaissance 
in Deutschland gefeiert und auch darin kann man dem 
Verlässer zustimmen, daß dieser Meister, von Natur aus 
begabt mit einem feinen Sinn für das Maßvolle und in 
den Traditionen der spätmittelalterlichen Kunstauffassung 
herangebildet, es verstanden hat, die bei lormalem Fort- 
schritt naheliegende Klippe der Veräußerlichung zu meiden. 
Der neuen Ergebnisse bietet das vorzüglich ausgestattete 
Buch er.staunlich viel. Die Lebensdaten schließen sicli 
jetzt zu einem wohl abgerundeten Bilde zusammen. Daß 
Hering in jungen Jahren die Renaissance an ihrer duelle 
aus eigener Anscliauung kennen gelernt liat, wird man 
im Hinblick auf die Siclierlieit, womit er die neue Formen- 
welt handliabt, die er doch zu Beginn seiner Tätigkeit 
nicht in deutschen Vorbildern vertreten fand, kaum be- 
zweifeln dürfen. Selir groß ist die Zahl der Skulpturwerke, 
die liier zum erstenmal mit dem Meister in Verliindung 
gebracht werden, und wirklicli bewundernsv 
der gediegene Fleiß, womit der Verlas 



liehe Anzahl aufgespürt und untersucht hat, wie auch 
die sorgsame Umsicht, die er bei der Zuteilung walten 
läßt. Auf weitestes Interesse dürfen namentlich die 
Ausführungen rechnen, die den Reliefs der F u g g e r- 
kapelle in Augsburg, dieses frühesten Renaissance- 
werkes auf deutschem Boden, gewidmet sind; nicht minder 
aber auch auf Zustimmung; denn die Annahme Grafs, 
daß diese Reliefs Hering zuzuweisen seien, wird mit 
überzeugenden Beweisen gestützt. Die Zahl der Werke 
des Meisters lässt sich ja gewiß noch vermehren; zwei 
Kabinettstücke seiner Kunst habe ich kurz vor Verötfent- 
lichung des Buches — leider zu spät — im ehemaligen 
bischöflichen Schloß zu Dillingen entdeckt, sie verdanken 
einem Auftrag des Kardinals Otto Truchseß von Wald- 
burg, Bischofs von Augsburg, ihre Entstehung. Aber 
das Gesamtbild wird durch neue Entdeckungen nicht 
verändert werden können, die .Analyse der künstlerischen 
Eigenart des Meisters ist gründlich und erschöpfend ge- 
geben. Auch hat der Verfasser keine Mülie gespart, um 
die Vorlagen nachzuweisen, die der Meister gelegentlich 
für seine Arbeiten benützt hat, meist Stiche oder Schnitte 
von Dürer, zuweilen auch von Schongauer. Wieder- 
holungen sind natürlich bei der stilistischen Untersuchung 
der Werke eines so typisch schaffenden Künstlers nicht 
zu umgehen, zumal da die Mehrzahl der Werke ihm erst 
zugewiesen werden mußte und zwar auf Grund der Stil- 
kritik. Auch hat manchmal die Begeisterung wohl ein 
wenig zu viel Psvche in die Bildwerke hineininterpretiert. 
Doch fast überall findet man wohl abgewogene, be- 
sonnene Urteile, die sich auf eine scharfe Beobachtungs- 
gabe und ein sicheres Stilgefühl stützen. Loy Hering 
nimmt unter den zeitgenössischen Bildhauern Süddeutsch- 
lands künstlerisch und kunsthistorisch eine hervorragende 
Stellung ein und F. Maders Buch ist des Meisters würdig. 

A. Schröder 

ZEITSCHRIFTENSCHAU 

Jahrbuch der Kgl. preußischen Kunstsamm- 
lungen. — IV. Heft. — Esaias Boursse, ein Schüler 
Rembrandts. — Aus Menzels jungen Jahren. 

Zeitschrift für bildende Kunst. — Heft 4. — 
Albert Edelfeldt. — Aus den Sammlungen des Hauses 
Este in Wien. — Karl Hofer. — Künstler als Schrift- 
steller und Kritiker. — Die Sammlung Emil Peyre im 
Museum für dekorative Kunst in Paris. — Über künst- 
lerischen Städtebau. 

Revue de l'.Vrt chretien. — \'l. hvr. — Les 
tablcaux des Maitres inconnus. — La vie de Jesus- 
Christ, racontce par les imagiers du moyen äge sur les 
portes d'eghses. — L'Art chretien monumental. IM. — 
Ornements sacres de saint Hugues, eveque de Grenoble 
Pill' siecle). 

Gazette des Beaux-.'Vrts. — i. Dezember 1905. — 
Q.uelques ateliers d'ivoiriers Francais aux XlII' et XIV '^ 
siC'cles (2« article). — L'exposition de l'Art ancien ä 
Liege. ^ L'exposition d'Art Byzantin a l'Abbaye de 
Grottaferrata. — Le Psautier de saint Louis. 

Kunst und Handwerk. — 56. J.ahrgang. Heft I. 
— Der neue Bodenseedampfer 1 Lindau«. — .Ausstellung 
für angewandte Kunst, München 1905. — — Heft 2. — 
Technik und .\sthetik. — Ausstellung für angewandte 

Kunst, München 1905. Heft 3. — Neuere Münchener 

Grabmäler. — Ausstellung zur Hebung der Friedhofs- 
und CJrabmalkunst zu Wiesbaden. 



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Eleg. Sammelmappen 

tzum Aufbewahren von je 5 Jahresmappen der Deutschen 
Gesellschaft für christliche Kunst können zum Preise 
von a M. 2.50, niit Porto M. 3. — noch nachbezogen werden. 
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werke IUI. 1 u. II (316 Abbildungen) geKcn Einsendung von M. 1.— frank«. 

Besellschaft für christliche Kunst, 6. m. h. N., Münchci. 



I 



Vcrlt£: Cecellacbari für chriallicb« Kaoat, G.m.b.H. — Für die Redakiioa vcranivortlicli: S. Siaudhamer. — Für den Inaeratenieil rerantwartllclif 



Z.Jahrgang. 7. Heft. 



1. April 1906. 




i;(DRBiii(re: Kvns 



[Ronafsfchrift Eur alle Gebiete der dirini. Kuntt und der 
KunHi9inenfdia[f, [oi9ie iur das gefamfe Kunttleben. 



Inhaltsverzeichnis: 

Von der Ausstellung kunsthistorischer Werke der Kleinkunst zu Trier. Von Dr. Johannes 
Wiegand. — Romanische Malereien in Prüfening. Von Dr. J. A. Endres. — Museumsverein 
Aachen (Schluß). — Vermischte Nachrichten. — Bücherschau. — Ergebnis des Wettbewerbes 
für eine neue Pfarrkirche in Milbertshofen (mit 29 Abbildungen von Konkurrenzentwürfen). 

44 Textabbildungen. 
Farbige Sonderbeilage: Louis Feldmann, Christus und Veronika. 



In Verbindung mit der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst 

/Ä<vaAMSAj/«/aAM*/(SAi/»/a/aASASAS/a/« herausgegeben von der (<va»/tvaAiASAÄASASAÄ^^s/a/<s/QAvoAS/a/<sAi 

Gesellschaft für christliche Kunst, 6. m. b. h., Manchen 



Ährlleh 12 Hefte. Vierteljährlich 3 M. =a 3.60 K. = 4 Pres. Einzelpreis des Heftes 1.25 M. = 1.50 K. = 1.70 Frc« 



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Der Dom zu Köln 

und seine Kunstschätze. 

50 Tafeln mit Text von 

Dr. ARTUR LINDNER 

und einem Vorwort von 

M. C. NIEUWBARN, Ord. S. Theol. Lect. 

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Karlstrasse 6. 



1 



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BlittgreOe 60 X 84 cm 
BildgröOe 31 X46 cm 



L 



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von HEINRICH TOLD 

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Gravüre ein reizendes Hausaltärchen und einen wirkungsvollen 
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J 




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Es sind dies zwei anziehende Blätter nacli hervorragenden Meisterwerken, nämlich 

1. Das ergreifende Abendmahlsbild in der Jesuitenkirche zu Feld- 

kirch von Karl Baumeister. 

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bleiben nicht ohne tiefen Eindruck auf den Beschauer. 

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50 und mehr Exemplare ä 20 Pfg. 



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Gesellschaft für christliche Kunst, G. m. b. H., München. 





trii;ri;u domschai/. 



EGBERT- IIDKR ANIlUl- ASSC.liKEIS 



Al'f'. I, Tfxt iDitnt 



VON DER AUSSTELLUNG KUNSTIIISTORLSCIII-R W 

KLEINKUNST ZU TRIER 

Von Dr. joiianni;.s \vii:gani) 



l\l\l 



Dl 



Oclegentlich der XI. Generalversammlung 
der Deutschen Gesellschaft fiir christliche 
Kunst hatte das vorbereitende Komitee zu 
iVier in der Domschatzkammer eine Aus- 
stellung; \on kunsthistorischen (iegenständen 
kirchlicher Kleinkunst aus dem Bereiche der 
Diözese Trier veranstaltet. Nach reiflicher 
Überlegung hatte man sicii dazu entschlossen, 
nur die hervorragendsten und charakte- 
ristischsten Denkmäler zusammenzustellen, 
damit die Besucher, ohne durch die Fülle 
ermüdet zu werden, dem einzelnen um so 
mein' Auhnerksamkeit sclieiikeii könnten. In 
dem herrlichen Kuppelraiime der .Schatz- 
kammer wirkungsvoll gruppiert, land die .\us- 
stellung allseitig hohe Anerkennung. Wenn- 
gleich ein Teil der Ausstellungsgegenstände, 
insbesondere der reiche Schatz des Domes 
durch versciiiedene Publikationen und Aus- 
stellungen — wir eiimiein \or allem .ui die 
Düsseldorfer Ausstelhmg [902 — manchen 
schon bekannt sein düi'ften, so ist das doch 
in weiteren i\reiscn xim i\unsili'L-mulen luich 



nicht der Fall, ein großei' Teil dürtte aber 
überhaupt noch so gut wie unbekannt sein, 
und ganz vortreB'liche Stücke waren in Düs- 
seldorf nicht vertreten. Wir glauben daher, 
dal.i unsere Leser es d.mkbar begrüßen wer- 
den, wenn wir in zwangloser Folge eine An- 
zahl der besten Sachen mit einer kurzen I:r- 
läuterung hier wiedergeben.') 

Obige Abbildung i stellt eine Langseite 
des sogenannten Egbert- oder Andreassciireines 
aus dem Trierer Domschatz dar. l-!s ist das 
wertvollste Stück des genannten Schatzes 
und eines der wertvollsten Werke abend- 
ländischer Kleinkunst des 10. laiirluinderts 
überhaupt. Der Schrein ist Reliquiar und 



') Die.'ier Artikel war urspriin^licli bestimmt, gleich- 
zeitig mit dem Bericht fiher die (jenentlver.sammhiiis; zu 
Trier verölVeiitlicht zu werden. Zu iinserm größten Be- 
d.iuern konnte diese Absicht wegen Uaumm.tngcls nicht 
verwirkliclit werden. Doch diirlte auch naclitraglich 
die sachkundige lunführung in die Kenntnis kostbarer 
Kunstscliät/e nicht weniger willkommen .sein. Dem 
verehrten Herrn Verfasser fühlen wir uns iVir .seine 
lieunilliche Nachsicht selir zum Dank verpilichtet. 



Die rliristliclip Kii 



'54 



Gi^ KUXSTinSTORISr.IIl- AUSSTHLLUXr, I\ TRIER ?^Ö 




•ikii;ki;i( iximsciiatz 



KCBKÜISCHKKIS; 



Abb, 2. Text ncbeunii 



Tragaltnr. Den Kern bildet ein Holzkasten 
mit Sciiicbedeckel. Die Langseiten werden 
durch Goldstreifen in drei leider geteilt. In 
die einzelnen i"elder sind l-!Ilenbeinplatten 
eingefügt, die an den lieken durch zarte 
l-.niailrosetten auf dem Hintergimul beiestigt 
sind. Das Mittelfeld ist geschmückt dtirch 
die gegossene 1-igur eines stehenden Löwen, 
in den Seitenfeldern enthalten Goldplatten, 
in köstlichem Email ausgeführt, die Symbole 
der Iivangelisten, auf unserer Abbildimg das 
der hh. iMatthiius und Johannes. Die Technik 
des Hmail bestellt darin, daß zuniichst die 
Bettun" für den Glasfluß insgesamt ans dem 
Plattchen ausgehoben wurde, dann aul tleni 
Boden desselben die Metallstreilen, welche 
die Zeichnung bilden, aulgelötet wurden, so 
daß wir eine Verbindung von Clruben- und 
Zellenschmelz haben. Bei einigen, bei denen 
in den Schmelz Zeichnungen aus Metallstreifen 
eingebettet sind, sind aucli diese Zeichnungen 
im Rohen durch Ausgraben des Metalls er- 
stellt, dann ist aber noch ein eigenes, scharl 
geschnittenes j^lättchen autgelegt, um die 
Zeichnung vollendet hervortreten zu lassen. 
Das 1-mail kann den besten b^-zantinischen 
Arbeiten würdig zur Seite gestellt werden. 
Um die Zeichnung zieht sich eine feine 
punktierte Linie. In der Umrahnumg dei" 
Felder sind auf den locken und in der Mitte 
der senkrechten Stiibe Edelsteine in Schlill 
und 1-assung der damaligen Zeit, umgeben 
von einitren Eiliiiranschnorkeln, eingesetzt. Im 



obern und untern Rande steht in der Mitte 
über bezw. unter den Schmuckstücken der 
Elfenbeinplatten je eine schöne Perle mit vier 
herzförmigen, durch autgelötete Bänder ge- 
bildeten Blättchen mit kleinen Eiligranranken. 
Die Fassung der Perlen sowohl als auch der 
Edelsteine ist mit einem Perlfaden umgeben, 
wie auch ein gleicher Faden längs der ganzen 
Umrahmung herläuft und die Edelsteinorna- 
mente von den dazwischen eingesetzten Email- 
plättchen scheidet. Diese Emailplättchen, 
oben und unten je sechs, auf den senkrechten 
Stäben je zwei, schließen sich in Zeichnung 
und Technik enge an byzantinische \'orbiIder 
an. Die Zeichnungen sind meist nur orna- 
mental, jedoch weisen einige Plättchen Tier- 
hguren auf, so z. B. sehen wir einen springen- 
den Hasen im dritten Plättciien des untern 
Randes unserer Abbildung. Viel reicher als 
die Langseiten sind die Schmalseiten verziert 
(Abb. 2 und 3). Der Rand derselben ist in 
der gleichen Weise ornamentiert wie an 
den l.angseiten. Es sei jedoch hingewiesen 
uut die \erschiedene Zeichnimg des Emails 
und die geschnittenen antiken (jenuiien, 
welche eingefügt sind. Im Mittelpunkt der 
einen Seite ruht eine Cjoldmünze Justinians mit 
der l'mschrift: Dn. justinianus Inip., präch- 
tig gehoben durch einen Schild von netz- 
Kirniig gelal.^ten Granatscheibchen. Um den 
Schild legt sich ein Kranz von echten und 
goldenen Perlen. In gleicher Weise sind die 
Felder des ganzen Hintergrundes durch Bogen 
von echten und goldenen Perlen umrahmt. In 
dieselben sind aus (ioldblech geschnittene und 




iiui;iu:u i)0.Mscii.\r/ 



EGBERTSCniUilN 



Abb. .?, Tijtl oben 



©^ KUNSTlllS-|-(1KIS(;ill-: AL'SST1-:L[.U\G IX TKIl-R S^/h 



) ) 



gravierte 'rieiiii;urcn eingesetzt, welclie 
mit i'oteiii (jlas unterlegt sind. Die 
/weite der obersten und die beiden in 
neren der innerste ileihe stellen die 
Symbole der livaiigelisten M;itili;ius. 
Lukas und Markus dar, das des hl. jo- 
iiaiines befand sich früher in dem leeren 
l'eld der obersten Reihe, lis ist leider 
im Laufe der letzten Jahre \erloren ge- 
gangen. .\uf der andern Sehm.dseite 
ist das Mittelstüek, eine graxiei'te Met.ill- 
Scheibe mit .Stein , später aulgeset/t. 
Darmiter sieht m.ui noch eine ähnliche 
mit (iran.iten gefüllte Scheibe, wie aul 
entgegengesetzter .Seite. Aticli der llin 
tergrund ist anders angeordnet. In den 
.uisgeschnittenen I-iguren herrscht mehr 
Phantasie, auch treten neben den Tiei'- 
bildern PBanzenranken auf. Das linke 
Lniailplättchcn des imtern R.uules ist 
in Grubenemail ausgeführt mul ollen- 
bar in späterer Zeit ergänzt. 

Die Oberseite des Schreines mit dem 
Schiebcdeckel ist mit Goldblech übei' 
zogen, das mehrfache Ausbesserung aul 
weist. Um den Rand herum zieht sich 
ein Streifen, welcher zwischen nieliierten 
Ornamentstreifen die Lischritt trägt: 
»■j- IIoc sacrinii reliqularitmi conditoi'iimi 
Hgbertus Archieps fleri iussit et in eo '''■•^' 
pignora sca (serva)ri constituit ckuum 
videlicet Dni de (ntem S.) Petri de barba 
ipsiirs et de catena sandalium sei Andreae 
.\postoli aliasq scorum reliquias qu.ie si quis 
ab hac aeclesia abstulerit anathem.i sit. h.rz 
bischet Hgbert, welcher nach dieser Inschrilt 
den Schein anfertigen liel.i, regierte 977 bis 
99 V Mitten auf dem Deckel steht ein mit 
(loldblech überkleideter hul.V L'm den obern 
Rand desselben läuft ein reich mit lülef 
steinen besetztes Band, drei ähnliche, kreuz 
förmig abgeschlossene Bänder ziehen sich 
vorn mul an den Seiten am l-'ul.^ herab, 
l'ine dmchbrochene Fassung auf dem liif.i 
enthielt als Abschluf.i einen grof.ien LdeL 
stein, der jetzt verloren ist. \'or dem Fufi 
ist ein kleiner quadratischer GlasBuf.i einge- 
lassen, der als Altarstein dient. Er setzt sich 
teppichartig aus farbigen Streifchen zusam- 
men, die nicht durch Metallfäden getrennt 
sind, und ist daherein ganz eigenartiges Stück. 
Die Fassung des Steines enthält die Lischrift: 
Ai\ honore sei Andreae Apli hoc altare con- 
secratu est. 

Die ^L^f.^e des Schreines betragen ohne die 
l'üf.K' in der Länge 44, in der Höhe 14, in 
der Breite 22 cm. Die säulentragenden Löwen. 
aul denen er ridit, entstammen einer späteren 




aKirciii- ()Hi;i;Hia.\nucn v. Rh. 

Ai/'. J. Text iirlri, 



CRUCLFIXL'S 



Zeit. Die angeführte Inschi'if't auf dem oberen 
Rande erwähnt unter den in demselben ein- 
geschlossenen Reliquien auch einen Nagel des 
Ik-rrn. Für diesen Nagel war noch ein beson- 
deres kostbares Behältnis angefertigt worden. 
Ls ist von Gold und ahmt selbst die Form eines 
Nagels nach. Die Scheide ist vierseitig mit ab- 
gestumpften Ecken. Auf die Seitenflächen sind 
zwischen vier FAlelsteinen drei Fmailstreifen 
in prächtiger Ausfuhrung aufgelegt. Über die 
abgeschrägten Kanten läuf't zwischen Ferltäden 
ein Stab aus langgezogenen Rhomben, die durch 
je zwei Kreise getrennt werden. Li die Spitze 
der Scheide ist eme Perle eingelassen. Die \ er- 
zierung des Kopfes ist in ähnlichem Charak- 
ter reich geschmückt, leider fehlen in vielen 
Kassetten die Steine und Glasfüllungen. 

Der höchst bemerkenswerte Christuskörper 
(.\bb. 4) gehört der l^tarrkirche Oberheim- 
bach bei Niederheimbach a. Rhein. Er niif.u 
19 cm. 1-s ist ein Hohlguß aus Bronze. Der 
Heiland stellt auf einem Suppedaiieuni , die 
Füße sind nicht durchbohrt, die Nägel in 
den Händen sind modern. Auf dem leicht 
geneigten ILuipte ist das festanliegende Haar 
scharf "escheitelt und zieht sich in etwas vollen 



156 



E?^ KUNSTins'r(')Risc:iii; aussti-i.i.uk'c i\ •i'!{ii-;r m.3 




PIAUKKIKCHE ZELL 



HLLIQUIENKÄSTCHKN 



Abb. J, Te.\t unten 



\\\ den Spitzen 
der 13art Ulln das 



Wellen übel' den oberen Teil der Stiin lierab. 
Die Auj^en sind geschlossen, jedoeli ist die 
Trennungslinie der Lider sehr breit und tief 
gezogen, der Schnui'rbart ist 
etwas nach oben gebogen 
Kinn zum grolien Teil Irei. Die ganze Haltung, 
die leicht ausgestreckten Arme, die das Kcirper- 
gewicht nicht zu tragen brauchen, die Be- 
handlung der .\natoniie weisen den (".rucilixus 
dem 1 1. jahrlumdert zu 

Die i'iarrkirche Zell hatte ein \\ei't\(illes 
Reliquienkästchen (Abb. 5) ausgestellt. Dei" 
mit Satteldach versehene Holzschrein ist 
mit vergoldeten Kupferplatten belegt. In die 
Kupferplatten ist als Hintergrund ein eigen- 
artiges Arabeskenmuster eingraviert, von dem 
sich die Mguren sehr wirksam abheben. Die 
Kopie der I-'iguren sind relieliert, die Ciewander 
in Grubenemail ausgeführt. Innerhalb einer 
Mandorla aus rot - blau -grünem l'jnail steht 
der Heiland, die Rechte lehrend erhoben, in 
der Linken eine Rolle. Auf dem liandriicken 



des Heilandes sowohl als auch der andern 
Heiligen bemerkt man eine Rosette, sie sind 
also mit Handschuhen bekleidet zu denken. 
Neben dem Heiland stehen je zwei Heilige, 
von denen drei ein Buch, einer ein Kreuz 
liiilt. In Haltimg imd Gesten hat der Künstler 
Abwechslung zu bringen gesucht. Auf dem 
Dach halten zwei luigel einen kreuzgezeich- 
neten CJIorienkreis. In demselben steht das 
Lamm Gottes in wässerig-blauem Lmail mit 
grün blauem Kreuznimbus, rotem Stabkreuz 
und Buch zwischen den \'oi'derlül.V'n. \eben 
dem Kopfe im Hintergrund die Buchstaben .V XxS. 
Zwei weite're Engel schließen die Darstellung 
ab. Auf dem Dachrand sitzt schriig ein Bügel 
aul, der von Rechtecken und Kreisen durch- 
brochen und mit drei sehrschönen ovalen Lmail- 
medaillons und vergoldeter Kugel geschmückt 
ist. Die Rückseite des Kästchens weist auf 
blauem (irunde einen teppichartigen Hmail- 
scliinuck auf. die Schmalseiten zeigen in glatter 
\ergoldeter Kupierplatte gut giMvierte Heiligen- 



&^ KUNS'riiis-r()Ris(: 



\L"SS'l'i:i.I.L'\"fi I\ 'I'KII-IK »^ö 



')/ 




Sr. WENDEL HL. WENDALIN'US 
AU. 6. Text S. 160 



lii^Lircii. Dl'111 (.li;i 
laklcr und der 
'rcL'linik nach i;c- 
luiri d.is llcliqui.ir 
zur Khissc jcMKT 
r.mailsachcn, die in 
LiniügfS vorwie- 
gend angelei-tigt 
w urden, deren .sieh 
im Kheinhmd noeh 
eine größere An 
zahl fnidet — ein 
aliiiheiies auch im 

Donisclnitz zu 
'l'iier — und i.st 
dem linde des 12. 
lahi'hunderts zuzu- 
weisen. Cieöllnet 
wird dasselbe durch 
ein 'rLU'ciien im 
15()den. Die M.il.^e 
betragen : Hohe 

21 cm, Länge 
17 cm. Tiefe 8 cm. 

I'.in anderes Werk 
der Hmaikechnik 
ist die eucliaristi- 
scheTaube(Abb.7), 

gleich wertvoll als kirchliches Gerät wie als 
Kunstwerk. Solche Tauben gibt es nur noch 
sehi- wenige. Auf einem Teller stehend, der an 
Kettchen aufgehängt war, dienten sie zur Aut- 
bewahrung des hl. Altarssakramentes. In Frank- 
reich war die eucharistische Taube stellenweise 
bis ins I S.Jahrhundert im Cjebrauch. Schnütgen 
zählt (Jahrbücher des Vereins von Altertums- 
freunden im Rheinlande H.83, S.201 fl".) 14 auf, 
die sich auf verschiedene Länder Europas ver- 
teilen. Hin weiteres, italienisches Exemplar 
aus der .\btei Frassinoro bei Modena ist in 
der neuen Kirchengeschichte von Prof Kirsch 
und Prof Luksch S. 350 abgebildet. In der 
.-\usführung sind sie einander alle sehr ähnlich 
und weisen daher auf denselben Ursprung zu- 
riick. Während .uil dem Körper unserer Taube 
das Gefieder luu' leicht eingraviert ist, sind 
die Flügel reich mit CJrubenemail in Kot, Grün, 
Gelb. Weiß und Blau verziert. Sehr geschmack- 
voll wirkt das die Schwungfedern abschlielk-nde 
i5and. In den Augen sind rote Glaskügelchen 
eingesetzt, der Schnabel fehlt, ebenso auf dem 
Rücken der Deckel, welcher die zur Aufnahme 
der hl. l:ucharistie bestimmte Höhlung ver- 
schloß. Das Metall ist vergoldetes Kupfer, von 
der ursprünglichen Vergoldung sind jedoch nur 
noch geringe Spuren vorhanden, an ihre Stelle 
trat später ein häl.ilicher Bronzeanstrich, der 
je eher je besser entlernt werden sollte. Die 



Taube ist Eigentum der Pfarrkirclie Müiister- 
maifeld, wo sie bis vor einigen Jahren unbe- 
achtet als Svmbol des hl. Geistes auf dem 
Schalldeckel der Kanzel angenagelt war. Sie 
gehört dem 12, Jahrhundert an. Die Länge 
beträgt 21cm, die Höhe 14 cm. Es ist eben- 
falls iiöchstwahrscheinlich Limoger Arbeit. 

Während die beiden soeben besprochenen 
Beispiele schöne Proben von romanischem 
Email bieten, kommt in den beiden folgenden 
Stücken eine andere Seite der romanischen 
'Fechnik besonders zur Geltung, das Fihgran 
und die Treibkunst. Überaus zierlich ist der 
Reliquienschrein des hl. Simon der Pfarrkirche 
zu Sayn (Abb. 8). Der Schrein ist zeitlich 
genau bestimmt. Er wurde im Jahre 1204 
von dem Grafen Bruno von Sayn, welcher ein 
lahr später den erzbischöflichen Stuhl von Köln 
bestieg, seiner Heimatkirche geschenkt. Die 
vier durch ziselierte Metallstege geschiedenen 
.\bteilungen der Vorder- und Rückseite und 
des Daches sind durchbrochen, und eingesetzte 
(dasscheiben gestatten den Blick in das Innere. 
Die Scheiben 'der\'orderseite werden umrahmt 
von einem flachen Band mit zartem Filigran 
und einer gestanzten Schräge, welche ein be- 
kanntes romanisches Motiv aufweist. Ein Perl- 
faden umzieht die Scheiben und das Filigran- 
band. Die Abteilungen des Daches haben 
kleinere Scheiben, der dadurch verbleibende 
Raum ist mit schwungvollen Ranken in Filigran 
versehen. Während sich in drei Abteilungen 
diese Ranken von der Mitte der Schmalseiten 
der Scheiben aus entwickeln, gehen sie bei 
der zweiten von den Ecken aus. Die Schrägen 
sind in diesen Abteilungen ebenfalls gestanzt. 
Auf dem äußern Steg sind zum- Zierat noch 
bunte Glasflüsse angebracht. 
Dachrand und -lirst werden 
von einem eleganten gegosse- 
nen Kamme bekrönt, auf den 
Ecken und in der Mitte sitzen 




MüNsria(.\L\ii la.i) eucilmusilsciie t.\l'be 

A66. 7, Ti'.tt nelienajt 

auf ziselierten Stäben reich ornamentierte, 
mit Phantasieblättern und -fruchten umge- 
bene Knäufe. .\ul den Schmalseiten zieht 
sich iMu die imtere, annähernd quadratische 



158 



S:i« kLXbTlUbTüKlSLllh ALSM'LLLLNü IN TR11:R 



?^TS 




PIAURKIRCHE Y.V SAYN 



RELiaL'Ii:NSC)IK?;lN- 



Ali. S, Text S. IS7 >i. ijS 



Mache ein mit l'iliyran /wischen zahhxichen 
Ghtstlüssen und Edelsteinen besetzter Steg, 
ein ebcnsolclierSteg läuft die Seiten dcsCliebeis 
enthuig, die gestanzte Schräge leitet zum Innern 
Feld über, in das wiederum eine Cilasscheibe 
eingesetzt ist. Wahrend diese auf der einen 
Seite \iereckig ist und die ganze bläche aus- 
iüllt. ist sie aul der andei'ii ein sich nach unten 
verjüngendes Trapez, das als Türchen geöffnet 
werden kann. Der dadurch ausgesparte Raimi 
der l'elder ist mit Mligran und lidelsteinen 
geschmückt. Alle Bänder sind mit gewuiuleiien 
Drähten imisäumt. Ini (üebelfelile ist eine 
herrliche getriebene Halbtigur eines lüigels 
mit ausgebreiteten Mügeln und Händen an- 
gebracht, der voll Bewunderung nach innen 
schaut. Um den Hals seines Gewandes schlingt 
sich ein mit Steinen besetzter und cirnamen- 
tierter Sainn. Der Sclu'ciii iidit aul vier derben 
I'üßen, er mil.it in der Länge o,)-| in, in der 
Höhe oinie büße und Kamm 0,21 in. Das 
Metall ist vergoldetes Kupfer. 

\'on dem zweillügeligen Kreuzreliqui.u' der 
Plarrkirche .Metthtch an der Saar geben wir 
zwei .Xbbildungen (Nr. 9 u. 10), welche die ge- 
öirtnete Innenseite und die geschlossene \'order- 
seite darstellen. In ihrer Art ist die Reliquien- 
tafel nahe verwandt dem berühmten Kreuz- 
reliquiar in .St. Matthias bei Trier, wenngleich 
letzteres imgleich prächtiger imd kostbarer 



ist. b.issen wii' zmuichst die Imienansicht ins 
Auge, so haben .Mittelstück und Flügel die- 
selbe Unirahnumg. einen gestanzten Steg, 
dessen .Muster dem gestanzten Band des 
Schreines von Savii gleich ist, eine glatte 
Schräge und ein wunderschönes Filigranband, 
in dem Blümchen und spindellörmig gerollte 
Spiralen abwechseln. Die Füllung des Mittel- 
stücks hat aul.ferdem noch einen mit Edel- 
steinen verzierten Filigranrand, dessen Motive 
zwar die gleichen, aber viel üppiger ent- 
wickelt sind. In der .Mitte der Felder ruht 
das Reliquienkreuz, überaus jiräcluig mit 
Filigran und Steinen geschmückt. Eine Re- 
liquie enthält es nicht mehr, iniolgedessen 
wurde später die Rinne, die zu ihrer Aul- 
n.ihine diente, mit einem Stabkreuz verdeckt, 
an dem ein kleiner gotischer Christuskörper 
hängt. Das Kreuz, welches aus vergoldetem 
Silber besteht, kann herausgenommen werden 
und zeigt auf der Rückseite einen sehr ge- 
schmackvollen Rand aus Filigran. Um das 
Kreuz herimi gi'uppieren sich 20 Türchen 
mit Ringen zum ollnen. .Sie verschliel.ien 
ebenso\iele Reliquienkästchen. Aul diesen 
'Fürchen heben sich von blauem Email- 
hintergnmde auf Kupfei" gravierte, vergoldete 
Figuren ab. welche mit Namensbeischrilt ver- 
sehen sind. Die kleinen Flügel iibei' dem 
obei'en Isreu/balken zeigen die l'ersonil:katio- 



üJSä^ KUNSTHISTORISCHE AUSSTELLUNG IX TRII-R 5r.<? 



•59 



11C11 \'oii Soll HC uiul Mond, jene ein Jüng- 
Iin,i4, m den Händen eine Flaninien<iarbe. 
dieser eine Lrau, die in bedeckter Recluen 
die Mondsichel hält, mit der Linken das 
(iesicht verhüllt. Die Heili<^en daneben sind 
als S. Maria, mit Krone und erhobenen I Linden, 
und als S. Agatha, mit Palme und I5uch, be- 
zeichnet. Zwischen den beiden Kreu/balken 
zwei auf einem Knie knieende Engel, welciie 
Rauchfässer schwingen. Daneben S.JohsBapt 
einen mit tlem Lamm (iottes bezeichneten 
Diskus haltend, aul der anderen Seite S. Dio- 
niius Lpc im Meligewand mit Mitra und Stab. 
Ls lolgen dann die zwölt Apostel : .S. Andreas 
mit Stabkreuz. S. i'etr'> mit Kreuz imd Schlüssel, 
S, Paul 9 mit Schwert, S. Bartholome9 mit 
Messer, S.Mathias mit Buch und Beil, S. Jacob'-» 



A. 



lit Sei 



rt, S. P 



iillipp'' I 



iiit Stabkreuz, 



S.johs mitKelch, S. Sinuni mit Buch, S.Thomas 
mit Schwert, S. Jacob'' (d. |.| mit Keule, 
S, Judas mit einer otlencn Rolle, aul die er 
mit dem hinger deutet. Aul den beiden 
l'liigehi sind die prächtigen getriebenen Reliet- 
statLien des hl. Petrus und des hl. Lutwinus 
angebracht, mit den gravierten Lnierschritten 
+ Scs. Petr.'' Apis, und + Scs. Lutwin. 

Aut der .Aul.^enseite der Llügel, der ge- 
schlossenen Vorderseite, ist oben die \'er- 
kiindigung der Geburt Christi eingraviert. 
Das Spruchband des Engels trägt die Worte; 



».\va Maria gra plena Dns tecu. < Zur .Vlutter- 
gottes schwebt der iieilige Geist nieder. Unten 
erblickt man die .-\nbetung der drei Weisen. 
Das Zentrum der Rückseite nimmt innerlialb 
eines über Eck gestellten Quadrats Christus 
auf dem Throne ein. Seine lülie rulien auf 
dem llimmelsbogen. Unter dem Bogen sind 
zwei kleine liguren als + Ik'nedict'^ custos 
und •• Wilhelm 9 der. bezeichnet. Sie reichen 
gemeins.mi dem Heiland ein Doppelkreuz dar 
imd sind dadurch als .Stifter des Relic|uiars 
bezeugt. In den vier Ecken der Leider die 
lüangelistensvmbole. Zwei interessante Strei- 
ten schließen oben und unten das L'eld ab. 
Im oberen .Streiten sieht man zmiächst einen 
)Focold'> Abbs'., er hält in den Händen in 
einem .Mauerring ein Haus, welches in der 
Unterschrift + Losma (Losheim) genannt 
ist, neben ihm Rutwic? .*\bs, in der Unter- 
schrift mit dem 'Eitel + Restaurator loci. Es 
lolgen zwei Bischöle, + Rupert'-» V.yic mit dem 
.Modell einer romanischen Kirche (wohl der 
Bischof Ruotbertus von 'Lrier, (931 — 956) und 
F.kcbert'' Epc von Trier, (977 — 993), endlich 
ein .'Xbt + |ohs .\bas. der mit einem Kleriker 
ebentalls eine .Stadtmauer mit 'I'or und in 
derselben ein Haus hält, zum Zeichen, dal,' 
er das Kloster dotiert hat. .Ähnliche Zu- 
wendungen durch E.heleute sind im unteren 
Streifen dargestellt. Da brinyt + Gerwin' et 






■ IJ »' -M t - 




ri ,\KKKIK(.II1. /t Ml' I ll.\(:ll 



KKKU/Ki;i.U.ll'I.AU, cl.OllNK I1-; ISNl.Ssl-.lll. 



.M. i). Irxt .S", isS II Iji] 



i6o 



V--:^. ROMAXTSCIIF MAIJ-RFU-X IX PRÜFFXIXG »^Ö 



Cunx.i + Obeliiga (Ebelingen) dar, • + Stephan 9- 
und Bernowida stiften + Udeia (Oudern), 
+ Udo Comes • und Matgunt " sclienken 
Gcdsceit und Walamunst ( Walniünster), 
♦I-'olmar? et Berta endlich +Rodena (Roden). 
Das Rehquiar stammt aus dem Anfang des 
13. Jahriiunderts. Material vergoldetes Kupfer. 
Die Abbildung Xr. 6 (S. 157) vergegen- 
wärtigt eine Statuette des hl. Wendalinus 
aus der Pfarrkirche St. Wendel. Dieselbe 
steht heute ziemlich unbeachtet auf dem 
Sarkophag mit den Reliquien des Heiligen 
hinter dem Hochaltar. Ursprünglich soll die- 
selbe mit noch zwei in der Pfarrkirche vor- 
handenen, Leuchter tragenden Engeln zur 
\'erzierung einer Konununionbank gedient 
haben, wozu auch der Fuß der Statue recht 
gut paßt. Die etwas derbe F'igur ist in Gelb- 
guß ausgeiühi't, Haar und Bart sind nach- 
ziseliert. Sie ist bekleidet mit Untergewaiui, 
ärmellosem Mantel, Stiefeln und Schlapphut. 
In der rechten Hand hielt sie irüher eine 
Schaufel, die linke hält einen Rosenkranz. 
Zwei Löcher an der linken Seite deuten daraut 
hin , daß hier noch etwas befestigt war, 
vielleicht eine Tasche. Drei Schweinchen 
umgeben den Heiligen. 15 Jahrhundert. Die 
Statuette ist ohne den Untersatz 37 cm hoch. 



ROMANISCHE MALEREIEN 
IN PRÜFENING 

Litcr.iri.sclic und ikonoCTaphisohc Xntizcn 
Von Dr. J. .\. HNDRI-.S 

Wer sicli mit der Eisenbahn von Augsburg 
oder Nürnberg her Regensbui-g nähert, 
sieht bald nach dem L'berschreiten der Donau- 
brücke an der .Senkung eines süd(")Stlicli der 
Donau gelegenen Hügels zwei altertümliche 
Türme mitten aus dem Laubdach von Bäimien 
emporragen. Sie bezeichnen eine heilige Stätte. 
Xoch ehe die Türme ihre metallenen Hei'olde 
in die Lüfte hoben, soll dort, so geht eine 
ui-alte Sage, wunderbares Glockengeläute ver- 
nonunen worden sein. Zeuge dessen sei auch 
Bambergs großer Bischof St. Otto gewesen, 
da er gelegentlich eines zu Regensburg ver- 
sanunelten Hoftags fernab vom Getümmel der 
Stadt an eben jener Stelle der Ruhe pllegte. 
Zugleich sei es ihm wie vormals deiu l->z- 
vater Jakob vorgekonuucn, als ob daselbst die 
F.ngel des Himmels aul einer Leiter aul uiul 
niedersteigen. Das sei Anlaß zin- (iründung 
lies Klosters Prüfening gewesen. 

In der 'Fat stiftete Otto von Bamberg im 
J.ihre I 109 zu leinen des hl. Geoi-g das Kloster 




Mi.Trr.\cn 



KREÜZREUOUIAR, GESCHI.OSSES' 
Alil,. 10. Text S. Ijg 



Prüfening und besiedelte es mit .Mönchen 
aus der blühenden Pflanzschule erneuerten 
benediktinischen Lebens Hirsau. In wenigen 
Dezennien rastloser Tätigkeit ist hier der ganze 
Bestand der kleinen geisthchen Monarchie einer 
Abtei wie aus dem Boden gewachsen mit Kirche 
und Kloster und zahlreichen Kapellen, mit Ho- 
spital und W'irtschaftsräumen etc. Jetzt nach 
acht Jahrhunderten blieb von alle der Arbeit 
der \'orzeit an Ort und Stelle nur wenig mehr 
übrig. Unter dem wenigen aber nimmt die 
Kirche, das alte Wahrzeichen für die ehemalige 
Bestinunung des Ortes, die erste .Stelle ein. 
\'or ihren geheiligten Mauern hat die ALicht 
dei- Zerstörung die Waffen gesenkt und so 
einem späteren Geschlechte die Möglichkeit 
gegeben, diuvli verständnisvolles Erhalten das 
Unrecht zu sühnen, das eine nicht ferne \'er- 
gangenheit durch planloses \'ernichten aus- 
geübt. 

Dui'ch eine zweilach abgestuhe anspruchs- 
lose Plorte treten wir in das Iiuiere der ehe- 
dem llachgedeckten dreischilligen Pfeiler-Basi- 
lika. Sie kann die Schule der Hirsauer nicht 
verleugnen, die mit diesem Bau erstmals im 
Boden Ba\-erns Wurzeln faßte, und bekundet 
in mehreren Iiigentümlichkeiten einen Fort- 
schritt über die bisher in der Donaugegend 
geübte Bauweise hinaus. \u die Hirsauer 
ei'imiei'n d.is ()uerschill itn ()sten. die \'er- 



E»^ ROMAXisc.iii-; m.\i,i:ri;ii:x i\ i'Kri-i;\i\'G m:<2> 



i6i 



län^cTLiiii; der SuitenschilTc über das Quer- 
schill" hinaus, die (iewölbe in den C^horpartien, 
das l-'ehlen der Krypta. Zum ersten Male wird 
hier der i^dückHche Versuch gemacht, dem wir 
.ilshahi in i5ihurg und Windberg begegnen, 
liauptchor und Nebenchöre durcii Ari<aden- 
bogen und fensterartige öiTnungen in engere 
X'erbindung und I-üiilung zu bringen. i| 

In Schitl und (j^uerschitl der Kirche hat 
die spätere Zeit gai' manciies geändert. Aber 
stellen wir ims in das Quadrat des Chores, 
und wie mit einem Schlage sind wir in die 
Urspriinglichkeit einer lernen, fremden Zeit 
versetzt. An den Wänden, an der Decke um- 
gibt uns eine l-'ormen- und l-'arbenwelt, daü 
wir uns die Frage stellen, ob hier der Wandel 
der Jahrhunderte stillegestanden, oder ob es 
irgend einer Macht gelungen sei, ein schlum- 
merndes Leben zu neuem Dasein zu wecken. 

Den restaurierten romanischen Wand- und 
Deckenmalereien von Prüfening sollen die 
nachfolgenden Zeilen gewidmet sein (Abb. 
S. 163 — 169). 

l:s war langst kein Geheimnis, daß die 
Klosterkirche und die neben ihr allein noch 
bestehende St. Andreaskirche in Prüfening 
ehemals durch Wandmalereien sich auszeich- 
neten. In der Mitte der neunziger Jahre nun 
trat der damalige k. Bauamtmann Phil. Kremer 
in Regensburg dem Gedanken einer Restau- 
ration der Bilder näher. \'on 1897 wurde 
sie tatsächlich ausgeführt unter C^beraufsicht 
und Leitung der Konservatoren am K. Bayer. 
Cieneralkonservatorium in München, Dr. Georg 
Ilager und Professor Georg Haggenmüller. 

Die Restauration erstreckt sich einstweilen 
auf das dem Hauptaltarraum unmittelbar vor- 
gelagerte Quadrat des Chores. Die beiden 
seitlichen Wandflächen und der sich darüber 
wölbende Plafond, die seitlichen Pilaster, welche 
den Raum nach Osten und Westen begrenzen, 
mit den Gewölbegurten, die Umrahmungen 
der Bögen, welche die Seiten nach den Neben- 
chören hin durchbrechen, sind in ihrer ganzen 
figürlichen und ornamentalen .Ausstattung 
wiedererstanden. Ls ist ein unvergleichlicher 
.\nblick, den dieser Raum jetzt gewährt. Wir 
sind nur zu sehr gewohnt, die romanischen 
Kirchen in der (")de und dem Zustand der 
Plünderung und \'erwüstung zu schauen, in 
dem sie uns die nähere \'ergangenheit über- 
liefert hat. Hier fühlen wir uns in die (ilanz- 
zeit des romanischen Stiles zurückversetzt. 
Hier lernen wir verstehen, dalJ seine großen 
Mauerflächen nicht für die C)de und Leere 



Vgl. B. I^iclil, Dcnkniali; frülimittelalterliclier Bau- 
kunst, München u. Leipzig 1888, S. 75 ff. 



gedacht waren, in der sie uns meist entgegen- 
treten. Hier gewinnen die architektonischen 
Glieder auf einmal durcli den Pinsel des 
Malers eine .Mannigfaltigkeit und ein Leben, 
die sie infolge der Linfachheit ihrer I"ormen 
nicht entfernt zu erzielen vermöchten. 

Trotz aller Freude an Farben, Ornamenten, 
I'iguren scheint der Maler sich doch zum 
obersten Gesetze gemacht zu haben, zuerst den 
Architekten zu seinem Rechte kommen zu 
lassen. Mit welcher Liebe und Hingabe be- 
lebt und betont er zum Beispiel die Partie 
der gekuppelten Fenster mit den darüber ge- 
schlagenen Blendbögen. Bis zu den plasti- 
schen Kämplern führt er ein weckenförmiges, 
durch schräg anlaufende Streifen geteiltes 
Ornament in die Höhe, um die Stirnseite 
des Blendbogens legt er ein breites ornamen- 
tales Band. F.s verschlägt ihm nichts, daß er 
dadurch in die darüber angeordnete Bild- 
fläche gerät. Hier trägt er dem Vorrecht des 
Architekten durch einen trotz seiner Einfach- 
heit genialen Zug Rechnung, indem er die 
Figur über dem Bogen auf dessen Scheitel 
knieen läßt, umso gleichen Abstand und Höhe 
in seiner Figurenreihe zu wahren. 

Dem dekorativen Bedürfnis des Künstlers 
entspricht ein reiches Repertoire dekorativer 
I'ormen von Marmorierungen (bohnenför- 
miges Muster), von quadratischen, kreis- und 
weckenförmigen Ornamenten, prächtigen Mä- 
andern etc., eine wahre Musterkarte für den 
modernen Dekorateur romanischen Stiles, den 
seine Phantasie im Stiche lassen sollte. 

Der erste und bleibende Findruck, den der 
hgurale 'Feil der .Malerei macht, ist der des 
Feierlichen. Majestätisch thront in der Bogen- 
mulde der Decke auf reichverziertem Stuhle 
die königlicheFrauengestalt mit dem tiefernsten, 
fast melancholischen Gesichtszuge. Über das 
weifte Untergewand ist ein faltenreiches weit- 
ärmeliges und breitsäumiges rosafarbiges C)ber- 
gewand gelegt. Ein Mantelstück fällt in 
ruhigem Faltenwurf über die linke Schulter 
der bekrönten Gestalt, welche in den symme- 
trisch seitlich gekehrten Händen Fahne und 
Erdscheibe hält (Abb. S. 165). 

.An die bandförmigen konzentrischen Kreise 
der Einfassung dieses Bildes schließen sich 
nach den Bogenzwickeln hin die vier Evangc- 
listenzeichen an, welche über einer zinnen- 
gekrönten .Architektur aufsteigen. 

Die beiden Seitenwände werden nach ab- 
wärts durch \ier Bildflächen horizontal ge- 
gliedert (Abb. S. 164 u. 165). So ergibt sich 
Raum für drei Reihen von Heiligen, je fünf, 
sieben, vier auf jeder Seite, denen sich nach 
unten in dem Zwischenraum zwischen .\rka- 



Die clu-istliclic Kunst 1[, 7 



l62 



5!^; RÜMAXISCIU- MALERHlliX IX PRriüXlXG ^Ö 



den- und Fcnsterbogen je eine niclit nini- 
bierte Herrscher- und Bischofsfigur aiischlielM 
(vgl. S. 167 u. 169). Die Heiligen der zwei 
obersten Reihen beobachten fast ganz fron- 
tale Haltung. In der dritten Reihe nach 
unten macht sich eine mehr seitliche, nach 
Osten gerichtete Wendung und gleichzeitig 
etwas mehr Leben bemerkbar. Die stärkste 
Wendung nach der Seite (Osten) gab der 
Maler den untersten Einzclfiguren. Sie stehen 
in einer Haltung, wie sie Stifter oder Voventen 
einzunehmen pflegen, etwas nach vorwärts 
geneigt. Selbst in der Stellung der Beine ist 
das Ringen des Künstlers nach lebensvollerer 
Haltung und Bewegung bemerkbar, zugleich 
aber auch die Schranken, die seinem Kunst- 
vermögen gesetzt sind. 

Zu den tigürlichen Darstellungen zählen 
noch die Brustbilder von Engeln am Gurt- 
bogen gegen den Altarraum zu, sowie die 
De.xtera Domini, die drei göttlichen (Fides, Spes, 
Charitas) und drei monastische Tugenden 
(Continentia, Mansuetudo, Castitas) aut dem 
Gurtbogen gegen das Schifl der Kirche zu. 

Aus welcher Zeit stammen die Malereien? 
Im Umkreise von Regensburg haben sich nur 
mehr wenige Reste von Gemälden aus der 
romanischen Periode erhalten, welche zum 
N'ergleich herangezogen werden könnten. Ge- 
wisse verwandtschaitliche Beziehungen be- 
stehen nun unleugbar zwischen den Prüfe- 
ninger Bildern und den Darstellungen der 
Allerlieiligenkapelle im Domkreuzgang zu 
Regensburg. Die Allerheiligenkapelle wurde 
als Mausoleum Bischof Hartwichs IL von 
Regensburg (115 5 — 1164) erbaut. Genauere 
Anhaltspunkte für die auf stilkritische Merk- 
male gestützte Datierung der Prüfeninger Bilder 
ergeben sich vielleicht aus der \'ergleichung der 
Miniaturmalerei mit den Wandbildern. Nur 
ein durch das eingehendste Detailstudium 
geübtes Auge vermag hier die sicheren An- 
haltspunkte zu einer genaueren Datierung zu 
linden. Indes außer den stilkritischen Merk- 
malfn bestehen noch andere in den Bildern 
selbst gelegene Anhaltspimkte der Datierung. 
Namentlich kommen uns auch einige litera- 
rische Nachrichten in erwünschier Weise zu 
Hilfe. 

Aus dem Kreise der übrigen Darstellungen 
treten die beiden Linzeliiguren zwischen dem 
Arkaden- und Fensterbogen, ein Biscliof und ein 
Herrscher, in bestimmter Weise iieraus. Wie 
sie nicht in der Reihe der Heiligen stehen, 
so sind sie auch nicht als solche gekenn- 
zeichnet. Alle anderen Figuren tragen den 
Nimbus. Ihnen _fehlt er. Die Haltung der 
Hände ist, wie bemerkt, die \on Dedikanten, 



von Stiftern. Nun kann aber unter dem 
Bischof niemand anderer gedacht werden 
als der Stifter des Klosters, der hl. Otto von 
Bamberg. Weder ein Regensburger, noch 
ein anderer Bischof Bambergs, wohin Prü- 
fening ehemals gehörte, hatte im 12. Jahr- 
hundert so nahe Beziehungen zu Prüfening, 
daß sein Bild an diesem Platze und mit dieser 
Geste gerechtfertigt wäre. Daraus läßt sich 
folgender Schluß ableiten. Da Bischof Otto 
im Jahre 11 89 kanonisiert wurde, auf jenem 
Bilde aber noch ohne Niiubus erscheint, so 
luüssen die Malereien xor diesem Zeitpunkte 
entstanden sein. 

Die Richtigkeit dieser Annalime voraus- 
gesetzt, können wir vielleicht den Ursprung 
der Bilder noch etwas hinaufrücken. Täusche 
ich mich nicht, so findet gerade diese Dar- 
stellung des Bischofs Otto von Bamberg eine 
urkundliche Bestätigung in Ebbos Leben des 
hl. Otto oder vielmehr in dem daran an- 
gefügten Wunder- und Kanonisationsberichte. 
Hier ist davon die Rede, daß der auch sonst 
bekannte Almosenier oder Spitalmeister von 
Prüfening namens Heinrich durch eine Krank- 
heit (gutta) verhindert war, dort am Jahrtage 
des Stifters am Klostereingang (in atrio clau- 
strali) gewohnte Almosen mit dem übrigen 
Konvente auszuteilen. 

\'or Betrübnis hierüber wußte er nicht, 
was er tun sollte. Da kam ihm die Türe 
(janua) in den Sinn, an der das gemalte Porträt 
des hl. Otto zu sehen war, als passender Ort, 
sich auszuweinen.') Welche Türe ist hier 
gemeint? Nicht das atrium claustrale. Denn 
die Krankheit verbot ihm ja dahin zu gehen 
und das Almosen eigenhändig zu spenden. 
Das wäre auch kaum der geeignete Platz 
gewesen, sich auszuweinen. Ganz anders, 
wenn wir an den Eingang zur Abteikirche 
denken. Gerade an ihiu nun, d. h. an der 
Bogenöffnung vom Kloster her zum Haupt- 
chore ist tatsächlich jenes Ottobild angebracht. 
Hier in der Kirche war in der Tat ein passen- 
derer Platz für ihn, um seinem Schmerze Raum 
zu geben. Eine Stütze findet diese Deutung 
in der bei den Kluniazensern und sotnit auch 
bei den Hirsauern üblichen Klosteranlage, die 
sich in Piiilening genau nachweisen läßt. Dar- 
nacli beland sich die cella eleemosynai'um, 

') .MoeTore ergo dcticie'n.s, quid agcrct acstiiabat. 
Janua igitur ad negotium flendi intcrim ei opportuna 
.suggerebatur, in qua bcati üttoni.s dcpicta similitudo vide- 
batuv. Acl. Boll. Jul. I, ,150 H; MG. SS. XII, gi2. Joli. 
I.oo.shoin, Die Gesch. d. Bi.stunis Bamberg, München 1888, 
2, 558 ninuiit da.s suggerere wörtlich und übcr.set/t etwas 
abenteuerlich: »Zum Weinen ward ihm unterdessen eine 
geeignete Türe herbeigeschafft, aufwelclier Ottos Bildnis 
gemalt war.« 



'SC^ RCWIAXISCIII- M.\I.F,Rr.Ii:\ IX I'RCIF.NIXG j-^ra 



163 







'^^^'M 



l'RÜFIiNING, DECKESGEMAI.de DES r.llOK(iL'ADKATS 

y>.t7 S. 16 r, 162 und 166 



Dil; IMMERWÄHUEN'DE JUNGl KAU MARIA 



wie wir bereits aus der typischen Bauordnung 
lür das kluniazensisciic Kloster Farta aus der 
ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts ersehen, 
am Hingang zum Kloster. Hiermit stimmt 
unser Bericht , welcher von der ^'erteiIung 
des Almosens in atrio ckiustrali spricht. Als 
janua ecclesiae dagegen wird der von den 
.Mönchen meist benützte Eingang des Münsters :< , 
die Südtüre der Kirche, bezeichnet, i) 

|ener \'organg muß nun bereits vor Ende 
der siebziger Jahre gespielt haben, denn er 
wird als den Kanonisationsverhandlungen 
vorausgehend dargestellt, die an dem be- 
zeichneten Zeitpunkte ungefähr eingeleitet 
wurden. Noch weiter rückwärts führt uns 
eine Notiz des 1170 ungefähr und zwar im 
(]reisenalter verstorbenen Prüfeninger Mönchs 
Boto, welcher in einem Zusätze zu den Mira- 
cula s. Mariae von dem Almosenier Heinrich, 
der ein älterer Zeitijenosse von ihm war, als 



Vgl. G. Hager, Zur ("icsch. der .ibciuilandischcn 
Klosteranlage in Scliiiütgens Zeit.schr. I. ehr. Kunst, 14 
(1901), 167 IT. 



bereits dahingeschieden redet. 2) Damitschränkt 
sich derSpielraum für den möglichen Ursprung 
der Bilder mehr und mehr auf die Regierung 
der ersten Abte Prüfenings. Erminold (i 1 1 14;, 
1117 — 1121) und Erbo I. (1121 — 1162) ein. 
Unter dem ersteren konnte indes, wenn 
auch bereits 1 1 19 die Einweihung der Kir- 
che berichtet wird, nur der Rohbau und 
auch dieser nur der Hauptsache nach und 
die notwendigste Ausstattung des Gottes- 
hauses hergestellt worden sein. Denn noch 
1125 ist eine Bautätigkeit am QuerschiH be- 
glaubigt.;?) .So hat aller Wahrscheinlichkeit 
nach die Ausmalung der Abteikirche erst 
unter dem zweiten Abt Flrbo I. begonnen. 
Unter seiner langen Regierung entfaltete sich 
die junge Klostergemeinschatt zu ihrer ersten 
und später nie mehr erreichten Blüte. Die 

=) Vgl. I.ih. de niiraeuli.s s. Dci gcnitricis .Mariae, ed. 
Pcz, Wien 175 1, c. 57, p. .104, und meine Abhandlung 
über >Boto von Prülening und seine schril'tsielleri.sche 
Tätigkeit«. Neues .Archiv 50 (19O)), 619 fi". 

3) Mon. Boic. XUl, n. 57 p. 27. 



164 



©^ ROMAXISCHH MALEREIEN 1\ l'RtTF.XIXG »^a 




liegt 



PRUFENING 



Text S. tül 



Kirche und das Kloster mit seinen verschie- 
denen Xehcnriiumen gingen der Willendung 
entgegen. Zahlreiche Abschreiber und mehrere 
\'erfasser von Büchern legten den Grund zu 
einer der größten Bibliotheken im Umkreise 
der Donauklüster. In der Vorrede zu einem 
lierrlichen Glossarium (clm 1 3 002), das unter 
Erbo erstand, ist das Leben der iMönche in 
der anziehendsten Weise geschildert: »Die 



einen widmeten 
sich der Betrach- 
tung, andere den 
Studien, andere 

verschiedenen 
Künsten, wieder 
andere dienten 
mit Nutzen der 
äußeren \'erwal- 
timg. .') Wie in 
diesem Glossari- 
um :; verschiede- 
ne Künste« aus- 
drücklich er- 
wähnt sind, so 
in seiner 
errlichen Aus- 
stattung selbst 
der deutlichste 
Beweis für das 
lebhafte Kunst- 
bedürfnis und die 
verständnisvolle 
Kunstpflege der 
Prüfeninger Mön- 
che. Eine be- 
stimmte Notiz 
über die Maltätig- 
keit unter Erbos I. 
Regierung bietet 
der bereits ange- 
führte Zusatz Bo- 
tosvonPrüfening 
zu den Mircula 
s.Mariiv, den eine 
Handschrift des 

niederösterrei- 
chischen Cister- 
cienscrklosters 
Heiligenkreuz 
überliefert. 

Boto erzählt 
hier unter ande- 
rem einen seine 
l^erson betreffen- 
den, ihm wunder- 
bar erscheinen- 
den \'organg, 
welcher mit der 
Ausmalung der ehemals östlich an das Kapitel 
anstoßenden Marienkirche im Zusammenhang 
steht. Dieser Bau war zur Zeit jenes Vor- 
gangs bereits in Benützung, denn es wurde 
das .Marienoffizium in ihm gesungen. Zu- 
gleich erfahren wir aber aucli. dal.< in jener 
Zeit «erade die Ausmalung des Inneren im 



M.\I.EREIEN DEK KOKI)W.\Nl) 



') d. .MG. SS. \V, 2, IÜ76. 



G?^ ROMAXISCIir. MAI.F.Riai;\ IN PRUFEXING »^!fl 



i6? 



Wcrktwar.Ein- 
gewciht wurde 
die Marienkir- 
che 1 123. Die 

Ausmalung 
kann somit erst 
nach diesem 

'Zeitpunkte 
stattgefunden 
haben, fällt also 
tatsächlich in 
die Regierungs- 
zeit Krbos 1. 
Was den erzähl- 
ten Vorgang 
selbst betrifft, SC) 
besteht er darin, 
daß Bote das 
Traumgesicht 
hatte, als wand- 
le die heilige 
Jungfrau die 
Wände des ihr 
geweihten Hei- 
ligtums ent- 
lang, unterziehe 
die Malerei ei- 
nersorgtältigen 

Betrachtung 
und erstatte so 
der Klosterge- 
meinde ihren 
lebhaften Dank 
für diesen herr- 
lichen Erweis 
der Huldigung. 
Bei dieser Gele- 
genheit erfahren 
wir den Gegen- 
stand derBilder, 
nämlich Maria 
Geburt und 
Verkündigung, 

die Mensch- 
werdung 
Christi, Maria 
Reinigung und 
Himmelfahrt. ') 
Es liegt kein 

Grund vor, in dem Traum Botos etwas Außer- 
ordentliches und Wunderbares zu sehen. Aber 
er ist ein Beweis, wie lebhaft sich die Mönche 
für die neuerstehendeuMalereien interessierten, 
so daß selbst der Bruder in der Krankenzelle 
von ihnen träumte. 




I'KLllCNINÜ 



') Die Belege .s. in nieineiu Aul'sat/. über »Boto von 
Prüfening«, S. 624. 



M.\LHRi;iEN DER SLDW.^ND 



Alle verfolgbaren geschichtlichen Spuren 
für den Ursprung der Prüteninger Bilder weisen 
so aut die Zeit I:rbos I. hin. In vollständiger 
Übereinstimmung hiermit steht die Prüfeninger 
Klostertradition, als deren Zeuge einer der 
letzten Mönche des Klosters, der verdiente 
Historiker Job. E\-. Kaindl. sagt: Diese Kirche 
(die Abteikirchei wiu'de glaublich unter dem 
heiligen Abt Erbo I. zum ersten Male aus- 



j66 



©^ ROMAXISCIII- MAI.l-RniF.X I\ PRCIT.NTXG ?^Ö 



gemalt. Dies geschah zum zweiten Male unter 
dem Abte Otto durch den im Dorf Groß- 
prüfening angesessenen Maler Otto Gebhard. 
Gewölbt. ward sie unter Abt Johann Stadler 
Anfang des 17. Jahrhunderts; denn bis dahin 
war die Decke nur gemaltes Getäfel. :i) 

Interessant ist hier die Notiz über das ge- 
malte Getätel der Kirche. Nicht unwahrschein- 
lich stammte dasselbe noch aus dem Jahr- 
hundert der Erbauung der Kirche. Wie reich 
und sinnig diese gemalten flachen Decken 
in jener Zeit oft ausgestattet waren, zeigen 
noch vorhandene Beispiele, aber auch Ab- 
schriften von Bildlegenden. 2) Die g(;malte 
Decke mußte weichen, als Abt Johann \'. 
Stadler (1606 — 1619) die ehrwürdige Basilika 
nicht ohne empfindliche ästhetische \'erluste 
dem Geschmacke der Neuzeit anzupassen 
versuchte und der Kirche ein Gewölbe gab. 
Unter der zweiten Bemalung während der 
Regierung des Abtes Otto Kraft (1693 — 1729) 
können nur die jetzt noch vorhandenen un- 
bedeutenden Bilder an jenem Gewölbe ver- 
standen werden. 

Es war oben vom Gesamteindruck die Rede, 
welchen die Gemälde hervorrufen. Versuchen 
wir es nun, auf ihren beabsichtigten Inhalt 
einzugehen. Das romanische Zeitalter, ins- 
besondere das geistig hochstehende und 
poetisch veranlagte 12. Jahrhundert liebte es, 
der Kunst in groL^en Ideen große und oft 
schwierige Aufgaben zu stellen. Den Chor 
der Klosterkirche von Benediktbeuren zierte 
im 12. [ahrhundert ein groi.^ angelegtes figuren- 
reiches Bild der Hinnnelfahrt Christi. 3) Ein 
einziger großer Gedanke, der zeitliche Ablauf 
der Erlösungsgeschichte bis zur Heimkehr ins 
himmlische Jerusalem, war der Gegenstand 
der PlafonJmalerei aus dem 12. Jahrhundert 
zu St. Enmieram in Regensburg. Zahlreiche 
erhaltene Inschriften aus der Kirche St. Ulrich 
zu Augsburg beweisen, welche Fülle von (je- 
danken daselbst den sinnenden Betrachter an 
Wand- und Glasgemälden, an Geweben etc. 
fesselten.4) Auch die Figuren im Chore von 

") Manuskript der Mcttiic-r Klostcrbibl., Piiifcninger 
Mans. 9)0, § 108 

') Vgl. F. X. Kraus, (icsch. der cliristl. Kunst, Frci- 
burg 1897, 2, 243, und meine Abliandlung über »Ro- 
manische Decl;enmalereien und iliie 'l'ituli zu St. Em- 
nierani in Regensburg« in Schniitgens Zcitschr. i'. christl. 
Kunst, ! 5 (1902), 206 tT. 

ä) MeichcRieck, (!)hronicon lienedictüburanum, Aug. 
\'ind. 1755, I, 97. N'gl. .Sighart, Gesell, d. bildenden 
Künste in l^aycrn, München 1862, I, 150. 

4) VV'ittwer, (^atal. abbatum nionast. SS. Udalrici et 
Afrac in Stcicliele, .\rhiv f. d. Gesch. d. Rist. Augsburg, 
Augsburg 1859, 5, lort'.; Sighart a. a. O., 201 tl.; Endres, 
Die Kirclie d. hh. Ulricli u. .'\fra zu Augsburg in d. 
Zeitschr. d. bist. Ver. f. Schwaben, 22 (1896). 



Prüfening stehen im Dienste einer einheit- 
lichen Idee. Zwar fehlt gerade der maß- 
gebende Teil des Bilderzyklus, das Haupt- 
gemälde in der Apsis. Sie hatte unter dem 
genannten Abte Johann Stadler einem Neu- 
bau weichen müssen , welcher durch drei 
große Fenster dem Presbvterium Licht zuzu- 
führen bestimmt war. Wir können aus den 
vorhandenen Bildern ungefähr erschliel.^en, 
was die abgetragene Koncha der Apsis enthielt. 
Es war wahrscheinlich Christus in der Gloria. 
Die .Apostel werden sich um ihn gereiht haben, 
vielleicht war auch dem Patron der Kirche, 
dem hl. Georg, eine Stelle in der Rundung 
der Apsis zugewiesen. Auf die Anwesenheit 
der Apostel läßt uns der noch erhaltene Text 
in den Händen der obersten Figurenreihe der 
Evangelienseite schließen : Te prophetarum 
laudabilis numerus. Den Proplieten — es 
sind noch zwei erkenntlich mit dem Namen 
(Zach[ariasj, Daniel) bezeichnet — geht näm- 
lich im ambrosianischen Hymnus , woraus 
jener Vers genommen ist, der Chor der 
Apostel voraus (Te gloriosus apostolorum 
chorus). 

Den Propheten gegenüber reihen sich aut 
der Südwand des Chores in zwei Stufen je 
fünf und sieben Märtyrer auf mit dem vor 
den Reihen hinlautenden, von den einzelnen 
Heiligen gehaltenen Inschriltbande: Te mar- 
tyrum candidatus laudat exercitus. Die Reihe 
unter den Propheten führt abwechselnd je 
einen Bischof und einen Laien, sieben im 
ganzen, wie auf der entsprechenden Stute 
der Südseite, auf. Es sind die Bekennet (Con- 
fessores), die Repräsentanten des Weltklerus und 
der Laien. Wir gehen wohl nicht irre in 
der .Annahme, daß das von den Restaurateuren 
nicht mehr zu entzitiernde Schriltband die 
Inschrift trug: Te per orbem terrarum sancta 
confitetur ecclesia oder die andere Version, 
welche der Antiphon zum Benediktus aus dem 
.Allcrheiligenfeste entnommen ist: Fe omnes 
sancii et electi voce confitentur imanimes. 5) 



5) Daß unter der Bekennerreihe ursprünglich, wie 
jetzt im restaurierten Zu.stand, »miserere nobis« gestanden 
sein soll, halte ich für unmöglich. Denn es ergibt unter 
keiner Beziehung einen verstandlichen vSinn. — Ich ver- 
mute, daß in der Prüleninger Bibliothek ursprünglich 
eine .•\bschrilt der Bildertituli der Kirche vorhanden war. 
Der Ribliothekskatalog von Prüfening in Clm 14597 s. 14 
(ehem. Hmmer. E 20) hat nämlich lol. 12a den Eintrag: 
Item versus picturaruni (vgl. Manitius, Ungedruckte 
Bibliothekskataloge im (x-ntralblatt f. Bibliothekswesen 20 
(1905 114 Nr. 299). Das betreffende Buch (ysagoge 
l'orphirii) war im 12. Jahrhundert in Prüfening bereits 
vorhanden (vgl. Becker, C.atalogi biblioihecarum antiqui, 
Bonn 1883, 21), Nr. 177 , wird aber jetzt wahrscheinlich 
nicht mehr auslindig gemacht werden können. Nach 
.München scheint es nicht gekommen zu sein. 



s?^ ROM.wisciii-; mai.i:ki:ii-;\ ix fkCff.xixg i^g 



\6 



V 



()hnc Scliril'tbaiul sind i^c- 
bliebcn die HeiIi,L;cn der 
dritten Rciiie nacli unten, 
;uif der Evangelienseite 
vier Mönche, als Vertreter 
des kontemplativen Lebens 
mit Büchern ausgezeichnet, 
auf der Hpistelseite vier 
Einsiedler, durch Krücken- 
stöcke charakterisiert. Be- 
zeichnenderweise schloß 
der (^lior von Prüfening, 
wenn wir von dem Pla- 
londbild absehen, wie es 
von Benediktbeuren auch 
Sighart ') bemerkt, nur 
Darstellungen heiliger 
Männer in sich. 

Welches ist nun der ein- 
iieitliciie (jedanke, den die- 
ser bedeutende Gemälde- 
zvklus zum Ausdruck 
bringt? Er kann keinen Au- 
genblick zweifelhaft sein, 
wenn wir nur auch das 
Plafondbild mit in Rech- 
nung bringen (Abb. S. 163). 
Diese großartige, künstle- 
risch vollendete Gestalt 
von 5 m Höhe mit den 
ernsten, herben, fast männ- 
lichen Zügen, einer Kreu- 
zesfahne in der Rechten, 
einer Scheibe in der Lin- 
ken war zunächst für die 
Menschen des ig.L^hrhun- 
derts eine fremdartige Er- 



scheinung. 



Einige Indi- 
zien, wie die Kreuzesfahne, pkCii-ning 
verleiteten zu der ^'ermu- 
tung, daß man es mit einem 
.Salvator mundi zu tun habe, der hier, wie 
nieiirfach in alter Zeit, jugendlich und unbärtig 
dargestellt sei. Doch davon kann keine Rede 
sein. Alle zweifelnden Bedenken müssen end- 
gültig verstummen gegenüber dem authenti- 
schen Kommentar des Bildes, welcher in Form 
einer Inschrift in weitem Kreise sich um das- 
selbe zieht und folgendermaßen lautet: 
Virtutum gemmis prelucens virgo perennis 
Sponsi juncta thoro sponso conregnat in evo. 
(Die immerwährende Jungfrau, voranleuch- 
tend mit den Edelsteinen ihrer Tugenden, 
■' ',iräutlichem Lager "eeint, regiert mit dem 




au 

Bräutigam i 
Da,s" Bild 



Ewigkeit. 

hat also 



üie mimerw .ihi'enue 



■) A. a. O. S. 1 50, 



DHK IIL. Ol ro VON B,\.\lliEK(.; 
Teil S. 163, lös II- log 

Jungfrau Maria zum Gegenstand, welche allen 
Heiligen voranleuchtet durch ihre Tugenden. 
Es schließt sich mit den übrigen Darstel- 
lungen, die noch vorhanden sind und die wir 
infolge des Abbruchs der alten Apsis ver- 
missen, zusammen zu einer erhabenen Wieder- 
gabe des Festgedankens von Allerheiligen.« 
Diese einheitliche Idee des Zyklus soll als- 
bald weiter \erfolgt werden. \'orcrst jedoch 
gilt es, noch kurz bei dem Plafondbilde zu 
verweilen, sofern die zweite FLiltte der In- 
schrift und die ganze Erscheinung des Bildes 
noch eine Erklärung erheischen. 

Das Sponsi juncta thoro etc. gibt zu er- 
kennen, daß Alaria hier nicht nur nach ihrer 
persönlichen, sondern zugleich auch nach 
ihrer tvpisch-svnibolischen Seite aufgefaßt und 



i68 



e->: KC^MAXISCHI- MAI.l-Rl-ll-X IX I'RIFI-XIXG »^^S 



dargestellt ist. Das will sagen, der Künstler 
denkt sie hier einmal als die Braut des Hohen- 
liedes, er denkt sie dann als die Repräsentan- 
tin der mit Gott geeinigten Menschheit, der 
ecclesia triumphans. Das Hohelied genoß in 
der Zeit des beginnenden Minnegesangs eine 
solche Popularität in geistlichen und klöster- 
lichen Kreisen, daß die Schottenmönche von 
St. Jakob zu Regensburg es wagen durften, 
seinen subtilen Inhalt, wie ihn die Zeit ver- 
stand, auf der berühmten Prunkpforte ihrer 
Kirche, einem mit unseren Gemälden gleich- 
zeitigen Werke, aller Welt vor Augen zu 
stellen.') Die Braut des Hohenliedes wurde 
auf Maria gedeutet, aber zugleich auf die 
ganze Menschheit. Aus dem Hohenliede 
wurde eine ganze Erlösungsgeschichte her- 
ausgelesen, sofern sie die allmähliche \'er- 
einigung der Menschheit mit Gott ist. Ein 
Erklärer des Hohenliedes aus der ersten Hälfte 
des 12. Jahrhunderts, Honorius Augustodunen- 
sis, hat in einer ernsteren und weniger fri- 
volen Zeit, als es die unsrige ist, die natür- 
liche Geschlechtsliebe zur Veranschaulichung 
der Erlösungsgeschichte benutzt, indem er 
fünf Stufen der Liebe unterscheidet visus, 
alloquium, contactus, osculum, factum (prophe- 
tisches Vorausschauen und \'crkündigung des 
Erlösers. Inkarnation, Erlösung, Beseligung). 
Auf dem St. Jakobsportale sind die drei letzten 
Stufen in drei verschiedenen Szenen an der 
linken Portalseite ebenso naiv als realistisch 
zur Darstellung gebracht. Xur an ''das end- 
gültige connubium der Menschheit mit Gott, 
an die selige \'ereinigung im Jenseits erin- 
nert in unserem Zusammenhang der Vers: 
Sponsi juncta thoro etc. Die königliche Braut 
mit dem Siegespanier des Kreuzes in der 
Rechten ist sonach nicht nur Maria, sondern 
auch die ecclesia triumphans, soiern in ihr der 
T\pus der Braut des Hohenliedes sich voll- 
endet. In dieser Gestalt ist die Idee von 
Allerheiligen gleiclisani in eine Einheit zu- 
sammengeschlossen. Cjleichzeitige Buchillu- 
strationen des Hohenliedes zeigen die Braut 
des Hohenliedes fast identisch mit unserem Pla- 
fondbild. Die Übereinstimmung erstreckt sich 
auf die Kleidung, die Krone mit ihrem Haar- 
schleier, die Haartracht, die Kreuzesfahne etc. 
Die Idee des Bilderzyklus von Prüfening 
ist der .Mlerheiligenlitanei mit ihren rang- 
weise fortschreitenden An rufungen der Heiligen 
und dem Offizium des im Abendlande bereits 
in der Karolingerzeit gefeierten Allerheiligen- 
festes entnommen. Insbesondere kommen von 



letzterem Ütlizium die Responsorien zu den 
einzelnen Lektionen, sowie die Antiphonen 
zum Magnihkat und Benediktus in Betracht. 
Wenn der kirchliche Allerheiligengedanke sich 
auch auf die Engel erstreckt, so trägt dem unser 
Zyklus dadurch Rechnung, daß er sie in dem 
Gurtbogen gegen den Altar hin. sowie in den 
Zwickeln der Blendbögen über den gekuppelten 
Fensteröffnungen nach den Seitenchören hin 
aufführt. 

"Das genauere Kolorit, in welches speziell 
die erste Haltte des 12. Jahrhunderts den Aller- 
heiligengedanken hüllte, verrät uns die Predigt 
De Omnibus sanctis, welche Honorius Augusto- 
dunensis der vielbenützten Sammlung seines 
Speculum ecclesiae einverleibte. Wenn hier 
Maria als regina coelorum und domina mundi 
gefeiert wird, so sehen wir den Prediger des 
12. Jahrhunderts mit dem gleichzeitigen Maler 
in L^bereinstimmung, welcher sie mit der 
Königskrone und der Erdscheibe in der Hand 
darstellt. Nicht minder reichen sich Prediger 
und Maler die Hand in der svmbolischen Auf- 
fassung Mariens als der gottesbräutlichen 
Kirche. Denn der Schlußpassus der genannten 
Allerheiligenpredigt klingt sehr genau an die 
Legende unseres Bildes an.-) 

Noch erübrigt den beiden Einzelfiguren, 
welche die Heiligenreihen nach unten auf 
beiden Seiten abschließen, selbst aber keinen 
Nimbus tragen, unsere Aufmerksamkeit zu- 
zuwenden. Sie verdienen ein Interesse und 
keineswegs das letzte. Der Bischof auf der 
Epistelseite ist mit Alba. Tunizella und einer 
rotbraunen, durch die Arme teilweise emporge- 
zogenen Kasula bekleidet (Abb. S. 167). In dem 
linken Arm ist der Bischofsstab mit Knauf und 
einfacher Krümmung gelehnt. L'ber die Kasula 
legt sich das Pallium als ein i'under. um die 
Schultern laufender Streifen, an dem vor der 
Brust und auf dem Rücken ein gleich breiter 
.Streifen herabfällt. \'on den herkönmilichen 
acht Kreuzen, je drei auf den herabfallenden 
Enden und zwei quer gestellten an den Brust- 
seiten, sind sechs sichtbar. So besitzt hier 
das PaHium ganz dieselbe Porm, welche (irisar 
in seiner Abhandlung : Das Römische Pallium 
und die ältesten liturgischen Schärpen ; 3) für 
den Anfang des 12. Jahrhunderts erstmals an 
einem Bilde des Papstes Klemens in der Unter- 



') Vgl. zu dem folgenden meine Schrift : »Das St. Jakobs- 
portal in Regensburg in Honorius Augustodunensis«, 
Kempten 1903. 



') et cum idem rcx gloiiae admirabilis lieri in omnibus 
sanctis suis venerit atque de angelis et liominibus unam 
rempublicam fecerit, vos in lioc copulatione mereamini in 
clarissimo regni ejus palatio conrcgnare et in nuptiis 
Sponsi et Sponsae cum omnibus clioris angeloium 
et sanctorum percnne allehija decantarc. Migne, Patr. 
lat. 172, 1022 H. 

?) Festschriit z. elfhundertjalu-igen Jubiläum d. deut- 
schen Campe Santo in Rom, Freiljurg 1897, 92. 



Es:^ R(^MAXiscm- M\r.nRi",ii:x i\ i'iu'i-f.xint, >sö 



169 



kirclie \()ii S. (^leiueiuc in 
l\oin nachweist. Nur läuft 
das Schuiterband an dem 
Klcmcnsbilde vor der 
i5i'ust in einem Winkel zu, 
wahrend das Prilfeninger 
Gemälde hier eine \'ölliL;e 
Kundimi; zeii^t. Dem 
Pnit'eniiiger Maler war es 
oflenbar sehr darum /u 
tun, dieses Insi^ne des 
Bisehots recht deutlich 
hervortreten zu lassen. 
Darum schlägt er das vorn 
herabfallende Band, das 
duich die Haltung der 
Kasula verdeckt würde, 
iiber die rechte Schulter 
des Bischofs, dem rück- 
wärtigen Streifen aber gibt 
er eine Wendung, die ihn, 
die drei Kreuze aiil ihm 
und das gefranste binde 
genau sichtbar machen. 
Er bekundet hier die 
gleiche Sorgfalt für die 
Auszeichnung des Stifters, 
welche noch einen der 
letzten Prüfeninger be- 
seelt, wenn er sagt: In den 
Abbildungen S. Ottonis ist 
dessen I-'allium nie zu ver- 
gessen:;.') Die Mitra des 
Bischofs stellt eine ein- 
lache, von vorn nach rück- 
wärts etwas eingebogene 
Haube dar mit verziertem 
Rande, an dem rück- 
wärts zwei schmale Bänder 
tlattern. Der runde Kopf 
des Bischofs hat einen 
kleinen Mund, rundes breites Kinn, eine 
kurze regelmäßige Nase, er ist bartlos, das 
Haar ziemlich kurz geschoren. Es kann 
dieser Bisclu)f niemand anderer sein, wie wir 
schon trüber ausführten, als der hl. Otto von 
Bamberg, der Stifter von Prüfening. Und es 
dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, daß 
wir in diesem Bilde eine Porträtdarstellung 
vor uns haben. Die Möglichkeit ist nicht 
ausgeschlossen, daLi es noch zu Lebzeiten des 
Heiligen (j 11 39) hergestellt wurde, zum 
w enigsten kann es von einem Maler stammen, 
welcher Otto noch gesehen hatte. In diesem 
Zusammenhange verdient Erwähnuni-, dai.i 




rULI LNl.S'G 



k.\isi;k iiiaNKicH v. 



7V'.r/ 5. /6/ und unten 



') J. Ev. Kaindl, Mcttiicr ILimischrilt, l'rul'cningcr 
MaiLsarde 9^0, § 718. 



in einer \on Otto für Prüfening ausgestellten 
Kauf"surkunde unter den Zeugen ein \\'altherus 
pictor steht.-) 

Wenn wir in dem Bischof der Prüfeninger 
Wandbilder einen der bedeutendsten Männer 
seiner Zeit, einen klugen und besonnenen geist- 
lichen Reichsfürsten, einen unvergleichlichen 
kirchlichen Organisator begrüßen dürfen, wer 
wird der Träger der Königskrone sein, welcher 
ihm auf der bevorzugten Evangelienseite gegen- 

=) Momim. Büica Xlft. n. Xf, p. 11. — In cod. lat. 
i-(5 5 5 der Münchner Staat.sbibIiotlieU besitzen wir die 
I'orträtdarstefliing eines Zeitgenossen des lil. Otto, des 
Kegensbmger Biscliofs Kuno ^f 11 52). Hine Kepro- 
dul;ti(in hiervon in I^ichtdruck gibt Rocholl, Rupert von 
Deutz, Gütersloh 1886, als Titelbfatt dieser .Nlonograpliie. 
Die Bilder Kunos und Ottos weisen die größte Ubereinstini- 
nunig; in den l'aranienten aut'. 



Die christliche Kiiiibt II. 7. 



170 



S«^ ROMANISCHR MAI.F.RRIEX IX PRrPF.XIXG *^<a 



übersteht? (Abb. S. 169.) Es ist nicht ausge- 
sclilossen, daß irgendwo unter den Prüfeninger 
LiteraHen eine Notiz verborgen Hegt, welche 
jene Frage in zweitelloser Weise löst. Einst- 
weilen sind wir auf \'erniutungen angewiesen. 
Aber der Kreis der letzteren schrankt sich, wie es 
scheint, alsbald auf einen engen Umfang zu- 
sammen. Wenn diePrüteninger ihrem hl. Stifter 
einen Kaiser gegenüberstellten, so kann es offen- 
bar nur ein solcher sein, dessen Bild als Pendant 
zum Stifterbilde irgendwie Sinn und Moti- 
vierung hat. Wir werden hierbei von vorn- 
herein nur an einen Zeitgenossen Ottos denken 
dürfen. Dann aberbleiht nur die Wahl zwischen 
Heinrich \'. (1106 — 1125) und Lothar von 
Sachsen(ii25 — 1 137). Von keinem der beiden 
Kaiser sind engere Beziehungen zum Kloster 
Prüfening nachweisbar. So werden wir kaum 
irre gehen, wenn wir uns für Heinrich V. 
entscheiden. Unter seiner Regierung ist Prü- 
fening 1109 gegründet worden. Sein Bild ist 
gleichsam eine monumentale Zeitangabe über 
die Stiftung des Klosters. Wie der Chronist 
schreibt: Anno igitur Domini MCMIII, pre- 
sidente universali ecclesie Papa Paschali, reg- 
nante Heinrico hujus nominis quinto con- 
struxit (Otto) etc.,') wie in der Stiftungsurkunde 
für Prüfening der regierende Kaiser Heinrich 
genannt ist, so stellte der Maler dem Stifter 
des Klosters den zur Zeit der Stiftung regie- 
renden Kaiser gegenüber, also Heinrich V. 
Gegen diese Annahme erhebt sich aber ein 
schwerwiegendes Bedenken. Werden die der 
strengen Kluniazenser Richtung folgenden 
Prüfeninger Mönche dem Bilde jenes Kaisers 
im Hauptchore ihrer Kirche, dort, wo sie es 
täglich vor Augen hatten, eine Stelle verstattet 
haben, mit dem bei Lebzeiten, solange er dem 
Kirchenbanneunterlag.derpersönliche Verkeil r 
nicht gestattet war? Geradezu unmöglich muß 
es erscheinen, wenn wir im Leben Erminolds, 
des ersten Abtes von Prüfening, lesen, daß, 
als Heinrich \'. einmal gelegentlich eines Hof- 
tages zu Regensburg dem nahen Prüfening 
mit mehreren Großen des Reiches, darunter 
Bischof Otto von Bamberg und Hartwich von 
Regensburg, einen Besuch abstatten wollte, 
Abt Erniinold die Pforte des Klosters ver- 
schlossen habe, dem Kaiser entgegengegangen 
sei und sich seinen Besuch unter einer höf- 
lichen \'erbeugung verbeten habe mit dem 
Bemerken, daß es ihm und seinem Konvente 
nicht erlaubt sei, einen gebannten F'ürsten zu 
empfangen. 2) Allein diese Anekdote entspricht 
keinem tatsächlichen Vorgange. Sie scheitert 



schon daran, daß Heinrich \'. zusammen mit 
Otto von Bamberg, welcher in der ganzen 
Erzählung eine nicht unwichtige Rolle spielt, 
erst nach dem Tode Erminolds in Prüfening 
anwesend sein konnte. 3) Der übrig bleibende 
Niederschlag von Wahrheit wird wohl der 
sein, daß der strenge Erminold gegen den 
gebannten Kaiser gegebenenfalls ein anderes 
Verhalten beobachtet hätte, als von den Bi- 
schöfen Hartwich und Otto bekannt war. 

Höchst wahrscheinlich stammen nun aber 
die Prüfeninger Gemälde erst aus der Zeit 
des Nachfolgers von Erminold (gest. 1121). 
Nach dem W'ormser Konkordate aber, durch 
das der Kaiser vom Bann gelöst wurde, ent- 
fiel der Grund einer Animosität gegen ihn. 
Ja, für die Prüfeninger, welche wohl wissen 
konnten, wie nahe ihr Stifter in guten und 
schlimmen Tagen stets zum Kaiser stand, 
wie er nichts Bedeutendes ohne seine Ein- 
willigung unternahm, mochte gerade in dieser 
Beziehung zwischen Otto und Heinrich ein 
Ansporn liegen, auch dem Kaiser mit ihrem 
Stifter ein Bild in ihrem Chore zu widmen. 

Wir hätten uns diese Ausführungen er- 
sparen können, wenn uns ein sicher ver- 
bürgtes und ausreichend charakterisiertes Bild 
von Heinrich V. überliefert wäre. Aber schrift- 
liche Nachrichten fehlen ganz. Die vorhan- 
denen Miniaturen stimmen unter sich nicht 
überein. Etwas sicherere Anhaltspunkte bieten 
dagegen die Siegel. Das seit 11 20 gebrauchte 
Kaisersiegel zeigt Heinrich mit schmalem Ge- 
sichte, breitem, kräftigem Kinn und einem 
kleinen Schnurrbart. 4) Diese Merkmale stehen 
mit unserer Darstellung wenigstens nicht in 
direktem Widerspruch. 

je mangelhafter wir nun aber über Hein- 
richs \'. Aussehen unterrichtet sind, desto 
höher steigt der Wert unseres Bildes als 
Porträtdarstellung, ja, es dürfte wohl wenige 
monumentale Fürstenbilder aus der Zeit des 
früheren Mittelalters geben, die dem Prüfe- 
ninger an dfe Seite gestellt werden können, 
mag es sich hier tatsächlich um Heinrich V. 
oder um einen anderen Träger der Krone 
handeln. Die ungefähr lebensgroße Figur 
des Herrschers zeigt anziehende männliche, 
fast jugendliche Gesichtszüge, kräftiges Kinn, 
kleinen Mund, blonden Schnurrbart und eben- 
solches Kopfhaar. Die Krone auf dem Haupte 
besteht aus einem verzierten Reif, über dem 



') Mon. Büica XlII, n. III, p. 5. 

") ViM ErminoKli I, 10, MG. SS. XII, 485 s. 



3) Vgl. Looshorn, Geschichte des Bistums Bamberg, 
Münclien 1888, ?, 140. 

<) Vgl. Karl Brunner, Das deutsche Herrscherbildnis 
von Konrad II. bis Lothar von Sachsen. Hin Beitrag zur 
Geschichte des Fortrats. Borna- Leipzig lyoj, S. 35 fl". 
(Leipziger Dissert.). 



e?^ MUSEUMSVEREIN AACHEN — VERMISCHTE NACHRICHTEN »^Ö 171 



drei halbkreisförmige, im Scheitel mit Perlen 
geschmückte Zieraten sichtbar sind. N'om 
Kronreife aus lallen in der Gegend der Ohren 
zwei kurjie ornamentierte und gefranste Bänder 
herab. Die Tunika von weißer Farbe ist an 
den Rändern besäumt. Ein an den freien Enden 
gemusterter, doppelfarbiger Gürtel hält sie zu- 
sammen. Über die linke Schulter legt sich 
ein am Saume verzierter Purpurmantel, der 
vom linken Arme etwas in die Höhe gezogen 
wird. Sonstige königliche Insignien , auch 
Warten sind nicht vorhanden, letztere viel- 
leicht deshalb nicht, weil sie der König beim 
Gebete abzulegen pflegte. In einem Purpur- 
kode.x von Pommersfelden (n. 2940 saec. XI ex.) 
sehen wir einen jugendlichen König — wahr- 
scheinlich den nämlichen Heinrich V., den 
wir in Prüfening vor uns haben — die majestas 
Domini anbeten. Der Illuminator hat ihm 
eigens einen Schwertträger beigegeben, der 
ihm während des Gebetes das Schwert hält. '). 
Diese wenigen Notizen reichen aus, um 
die Bedeutung der Prüfeninger Bilder ins 
hellste Licht zu setzen. In der monumen- 
talen Kunst des 12. Jahrhunderts werden sie 
stets einen Anziehungs- und Richtpunkt für 
die entwicklungsgeschichtliche Darstellung der 
Malerei in Süddeutschland bilden. Auf eine 
technische und entwicklungsgeschichtliche 
Würdigung der Bilder einzugehen, ist hier 
nicht beabsichtigt. Nur bei intimer Kenntnis 
des gesamten einschlägigen Materials der 
Buch- und Wandmalerei wird es mög- 
lich sein, ihnen vom stilkritischen Standpunkte 
aus die ihnen zukommende Stelle in der 
Kunstentwicklung des 12. Jahrhunderts anzu- 
weisen. Es wird sich fragen, wie weit die 
Prüfeninger Gemälde aus dem Zentrum der 
Regensburger Kunstatmosphäre heraus ihre 
Erklärung finden können, wie weit der Ein- 
fluli jener provinzialen Richtung reicht, welcher 
nach Swarzenski^) in der Regensburger Buch- 
malerei in der zweiten Hälfte des 11. Jahr- 
hunderts bereits deutlich zur Geltung kommt, 
ob die Führerrolle, welche in der süddeutschen 
Malerei des 12. Jahrhunderts von Regensburg 
an Salzburg übergeht, sich auch auf Prüfening 
erstreckt, oder, ob hier wie in der Architektur, 
so auch in der Malerei Einflüsse zutage treten, 
die allein mit dem Auftreten der Hirsauer 
auf bayerischem Boden sich in genügender 
Weise erklären lassen. 



D^ 



') Vgl. Ebner-Endres, Ein Königsgebetbuch des elften 
Jahrhunderts (Festschrift ^um i ioo].ihrigen JubiLium des 
deutschen Campo santo in Rom, Freiburg 1897, S. 501 
wo sich eine Abbildung luidet). 

-) Die Regensburger Buchmalerei des lo. und 1 1. Jalir- 
hunderts, Leipzig 1901, S. 189. 



MUSEUMSVEREIN AACHEN 

(Schluß) 

•jrei W'inierlandschatten bringt Max Ciarenbach; 
sein gr()Otes Bild >Das tote Veere« erregt schon 
durch dss .\Iotiv der schweren alten Kirche inmitten 
der kleinen Hauser eine gewisse Wirkung, nur sehnt 
man sich nach etwas Licht bei dem stumpfen Schnee 
und deni bleiernen Himmel. Wieviel Stimmung ein 
einzelnes Licht, das aus einer Hütte hervorleuchtet, 
hereinbringt, sehen wir an seinem Ölgemälde »Däm- 
merung«, wo das ganze Bild dadurch mehr Frische 
und I.euchtl<raft gewinnt; mit großer Sicherheit ist auch 
die N'erkürzung der plumpen l'ischerkahne gelöst. Eine 
.ihnliche Gesamtwirkung zeigt in neuer Variante das 
große l'astcU »D.immerung«. Wie fein der Künstler 
auch in gr.iphischeni Verlahren ernste Stimmungen 
wiedergibt, sehen wir an den ausgesteiften Radierungen, 
auf denen er öfters dasselbe Architekturmotiv verwertet 
liat. L. Nikutowski, der durch seine Steinzeichnungen 
in den »Kheinlanden« wohlbekannt ist, ist mit einem 
reizenden Herbstbild aus »Alsfeld« (Hessen) vertreten, 
das in der Zusammenstimmung der Töne fein gehalten 
ist. Von Porträtisten finden sich W. Schneide r-Di- 
dam und W. Schnurr; der erstere bietet besonders 
in dem Portrat des Professors .Mühlig feine Individuali- 
sierung, auch in dem seiner Frau und seines Bruders 
interessante Auffassung. Konventioneller erscheinen 
daneben die beiden Portrats einer jungen Dame und 
eines jungen Mannes. Von W. Schnurr ist ein lebens- 
großes Herrenportrat vorhanden, das eingehende Be- 
trachtung verdiente. Die .^rt, wie der Künstler hier 
bei allem Hervorheben der charakteristischen Züge eine 
geschlossene und einfach anmutende Wirkung erzielt 
hat, fordert alle Bewunderung. Dieselbe anspruchslose 
Feinheit kommt auch dem Portrat der jungen Dame in 
Sclnvarz zu. Über die grapliischen Arbeiten sei nur 
erwähnt, daß von den Künsüern. deren Gemälde der 
Betrachtung unterzogen wurden, Deusser mit einem 
.Motiv ähnlich dem auf dem großen Bilde, Heinr. Otto 
mit einem Feldarbeiter, einer Schatlierde, einem Fried- 
hof, Liesegang mit einem Winterbild »Kanal in 
Brügge« u. a. m. vertreten sind. Auch sei außerdem 
der brillanten Lithographien von Adolf Schönenbeck 
gedacht, der in dem »Mann am Ofen«, 'Mann mit 
Pfeife«, »Schlafender Mann« etc. gemüthche Interieur- 
Stimmungen, mit leichtem Humor gewürzt wiedergibt. 
Hinsichtlich der .Xufstellung berührte es wohltuend, daß 
die Bilder in höchstens zwei Reilien übereinander hingen 
und durch zwanglos angeordnete Gegenstände von 
altem und neuem Kunstgewerbe dem großen Sa.il ein 

V. 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Historienmaler Julius Frank, der Nestor der kirch- 
lichen Künstler .Müncliens, vollendet in ert'reulich geistiger 
und körperlicher Regsamkeit am 1 1. April ds. Jahres sein 
achtzigstes Lebensjahr. J. l'rank, dessen Vater um die 
Wiederbelebung der Glasm.xlerei in opfermütigster Weise 
große Verdienste sich zu erwerben vermocht hatte, ist ein 
geborener Münchner und hatte als solcher Gelegenheit, 
die durch König Ludwig I. hervorgerufene Kunstblüte 
der baverischen Hauptstadt in ihrer vollen Entwicklung 
zu schauen. Als Schüler loh. v. Schraudolphs gehörte er 
dem begabten jugendlichen Kreise an, dem König .Maxi- 
milian II. die Auschmückung des (alten) Nationalmuseums 
mit Fresken anvertraute. Frank h.it hierbei durch Schaffung 
von sechs großen Wandgemälden, die auf die Frühge- 
schiclite Bavcrns Bezug haben, als sehr hervorragenden 
l'reskonialer sicli erwiesen; er fand weiterhin Gelegen- 
heit, in dieser schwierigen Teclmik auch in England 
(Stonyhorst), in Posen (Kirche zu Gostin) und an anderen 



= 5* 



/- 



C!^ VERMISCHTR XACHRICHTHX 



RÜCHERSGHAU »■^ö 



Orten erfolgrcicli tätig zu sein. In Wien beteiligte er 
sich bei Auschmückung des Pabis Schwab, in dem er 
Bilder aus dei deutschen Märchenwelt zur Darstellung 
brachte. Seine Hauptt.uigkeit entwickelte er späterhin 
auf dem Felde der religiösen Kunst; überaus zahlreich 
sind die Altargemälde, die er für Kirchen und Kapellen 
des In- und Auslandes malte. Alle die.se Hilder reflektieren 
gewissermaßen den edlen Charakter des Künstlers, indem 
sie eine zarte, milde Empfindung bekunden und durch 
liebevolle, sorgfältige Durchführung sich auszeichnen. — 
Ms die Münchener Künstler nocli in froher Eintracht 
zusammenwirkten und zeitweilig prächtige Feste zu 
feiern verstanden, erwies auch J. Frank, dem die Q.uellen 
der Phantasie und des Humors nie versiegten, sich stets 
als vorzügliche, brauchbare Kraft. Selbst Viktor Schetfel 
wußte zu erzählen von solch prächtig gelungenem 
Mummenschanz, als dessen .Arrangeur unser Künstler 
galt. Die Parole: »Ernst in der Kunst, heiter im Leben!« 
hat J. Frank stets im richtigen Sinne zu werten ver- 
standen. Möge sonnige Heiterkeit daher dem liebens- 
würdigen Meister auch die ferneren Tage verklären im 
befriedigenden Rückblicke auf ein ernstes und gesegnetes 
Künstlerwirken. M. 1-. 

Bonn. Kacli einem Beschlüsse des Provinzialaus- 
schusses der Rheinprovinz in seinen Verhandlungen vom 
8. und 9. Januar 1906 wird die Provinz gemeinsam mit 
der Stadt I5onn das Provinzialmuseum in Bonn beträcht- 
lich erweitern. Die Stadt Bonn dürfte hierzu hauptsäch- 
lich veranlaßt worden sein durch den Umstand, daß 
ihr die hervorragende Gcmäldcsanniilung der bekannten 
Freundin Richard Wagners, Mathilde Wesendonk (f 1902), 
angeboten wurde, u. a. mit der Bedingung, einen ge- 
eigneten Ausstellungsraum zu beschaffen. Außer dieser 
Sammlung, welche eine beträchtliche Anzahl von Ge- 
mälden vom 16. Jahrhundert ab enthält, soll der Er- 
weiterungsbau noch eine hübsche Reihe von frühen 
Italienern, jetzt im kunsthistorischen Kabinett der l'ni- 
versität befindlich, autnehmen, wozu dann noch mehrere 
gute altholländisciie und rheinische Bilder des Provinzial- 
museums selbst hinzukommen, so daß die ganze Samm- 
lung etwa 500 Ciemalde entlialten dürfte. Der Neubau 
soll schon im kommenden Sommer begonnen werden. 

Die von Otto Wesendonk begründete Gemäldegalerie, 
bisher im Besitze des Professors Dr. R. von Wesendonk 
in Berlin und des Freiherrn Dr. F. von Bissing in München, 
wird zunächst für 99 Jahre Eigentum der Stadt Bonn. 
Die Cialerie umfaßt nach .'\usscheidung von 54 für das 
Kaiser Friedrich -.Museum in Berlin bestimmten Bildern 
199 Gemälde, besonders aus dem 16. und 17. Jahrhundert, 
hauptsächlich ausgezeichnete Holländer und \'lamen, da- 
neben eine kleine .Anzahl von italienischen und spanischen 
Bildern. (.Ausfülirliches Verzeichnis im Katalog A der 
Galerie Otto Wesendonk.) a. h. 

Professor Wilhelm von Ruetuann f- Im .Alter 
von 55 Jahren starb am 7. l'ebruar zu Ajaccio auf Corsica 
der berühmte Bildhauer und Professor an der Kgl. Aka- 
demie zu .München, Wilhelm Ritter von Ruemann. Ge- 
boren am 1 1. November i<S;o in Hannover, besuchte er 
1872 — 74 die Akademie zu München und bildete sich 
dann bis 1880 im .Atelier Wagmüllers aus. 1887 wurde 
er zum Akademieprofessor und 1891 in den Adelsstand 
erhoben. Von seinen größeren Werken nennen wir den 
monumentalen Brunnen in Lindau, das bayerische Landes- 
denkmal auf dem Schlachtfelde von Worth (1889), das 
Rückertdenkmal in Schweinfurt, den I.uitpoldbrunnen in 
Landau i. Pf., das Olim-Denkmal in .München, Denk- 
mäler Kaiser Wilhelms I. für Heilbronn und Stuttgart. 
Seine letzte größere .Arbeit waren die .Anfang Januar 
ds. Js. aufgestellten beiden Löwen vor der Feldherrnhalle 
in München. 



BUCHERSCHAU 

Kind und Kunst. .Monatschrift für die Pflege der 
Kunst im Leben des Kindes. A'erlag Alex. Koch in 
Darmstadt. Jährlich 12 Hefte. 14 .M. 

Vom zweiten Jahrgang dieser schön ausgestatteten 
Zeitschrilt sind bereits fünf Hefte erschienen. Das Ge- 
leitwort »zum neuen Jahrgang» läßt eine immer ge- 
diegenere inhaltliche Ausgestaltung erhoffen. Von den 
Aufsätzen seien besonders erwähnt: »Englische Kinder- 
porträts«, »Wie ich meine Kinder zur bildenden Kunst 
erziehe«, »Bei Rembrandt«, »Herbstspaziergänge mit 
Kindern in städtischen Anlagen«, »Eine Weihnachtsfeier 
in meiner Schulklasse«, »Das Zeichnen in der Kinder- 
stube« ; einige Einseitigkeiten in Dr. v. Sallwürks Auf- 
satz über »Die Leibesübung der Kinder und ihre ästhe- 
tische Bedeutung« lassen ihn als Anhänger des be- 
denklichen modernen Evangeliums vom »Sichausleben« 
erkennen. Nicht minder einseitige Stellen finden sich in 
der Beantwortung der Frage: »Wie sollen wir mit 
unseren Kindern Feste feiern?« von K. Röttger. Er ver- 
steigt sich zu der Forderung: Die religiösen Feste sollten 
»reformiert« werden, weil sie in der Hauptsache zu — 
»dogmatisch« seien, nur das Weihnachtsfest mache eine 
Ausnahme! — Recht gut sind manche kürzere Artikel 
über aktuelle Themen, wie »Modellieren in Ton« von 
VA. Wilhelm, »Neue Kinderbücher von Dr. Spanier u.a. 
Daß letzterer vom mioralisierenden Hev« spricht, ge- 
fällt uns nicht. Hev moralisiert gewiß nicht zu viel, und 
wir sehen nicht ein, warum die Kunst ihre Stoffe 
nicht allen Lebensgebieten entnehmen, warum die 
Kunsterziehung gänzlich auf sich selbst gestellt und 
von der übrigen Erziehung losgetrennt werden soll. — 
Treft'lich in Bild und Text sind die »Bemalten Span- 
schachteln« und »Neuen Spielsachen«, manche derselben 
verraten geradezu eine gewisse Stimmung, andere frei- 
lich, besonders einige der unförmlichen Tier- und 
.Menschengestalten, stellen an die Phantasie des Kindes 
wohl sehr starke Anforderungen. Die Kinderzeichnungen 
im zweiten und fünften Heft wie auch die verschie- 
denen Kinderbeiträge werden jeden interessieren, der 
gerne die .Vußerungen der kindlichen Psvche beob- 
achtet. Freilich darf man nicht vergessen, daß es mit- 
unter eine ungesunde Frühreife ist, die solches zustande 
bringt. — Zugleich vornehm und wohlig-heimlich muten 
die abgebildeten Kinderzimmer an. Von den .Märchen 
dürften »Von dem Kind, das in die Welt ging« und 
»Das Hierbleibenswägelchen« die besten sein. Verliebt 
und schon darum unpassend ist »Die Prinzessin mit 
den goldenen Flügeln«. Verschieden an Wert, doch 
meist gut, sind die Gedichte. — .Alle Achtung vor naiv- 
frohem Kinderreigen und -tanzspiel, aber solche Texte 
dazu wie der erste im Heft 2 sind nichts weniger als 
naiv. — Daß kleine dramatische Szenen, darunter auch 
der lustige Kasperl, im neuen Jahrgang von : Kind und 
Kunst« eine Stätte gefunden haben, ist nur zu be- 
grüßen. Wenig gefällt uns die Neuerung, den theoreti- 
schen, für Erjvachsene bestimmten Teil von der »Kinder- 
welt« zu trennen und ihn in kleinerem Format 
gesondert beizulegen. Der für die Kinder bestimmte 
Bilderschnnick hätte ja trotzdem aus diesem Teil weg- 
bleiben können, so ist aber doch manches unter »Kinder- 
w^elt«, was mehr für Erwachsene paßt, zu finden. E. G. 

Projektionsvorträge. Von dieser bei Ed. Liese- 
gang in Düsseldorf erscheinenden Sammlung wurden 
jüngst mehrere Hefte ausgegeben. Der Vortrag zu 61 
Liclitbildern in Heft 83 handelt von den Kunst- und Natur- 
genüssen auf der Reise nach Rom, insbesondere von der 
ewigen Stadt, ihren Denkmälern und Kunstschätzen. 
Heft 8.) enthält einen Vortrag über das heilige Land, 
Heft 98 einen solchen über eine Pilgerfahrt nach Lourdes. 

Redaktionsschluß; 12. März. 



Für die Rcdaktioa vcraotworilich : S. St.iudhamcr,- VcrLig der Gcscilsch.ift für cbristl. Kunst, G. m. b. H. 
Druck von Alphons Bmckmann. — Sämtliche in München. 



BEILAGE ZU .DIE CHRISTLICHE KUNST«, II. JAHRGANG, HEFT 7, i. APRIL 1906 




MOTTO .PATRONA BAVARIAE. 



SCDÖSTLICI IK AUSSKNANSICIIT 



A'r, /, Tt-.vt S. l'I, dazu A>. 2 und ^ 



ERGEBNIS DES WETTBEWERBES FÜR EINE NEUE PFARRKIRCHE 

IN MILBERTSHOFEN 



im Juni 1905 schrieb die Deutsche Gesell- 
1 Schaft für christliche Kunst einen allge- 
meinen Wettbewerb zur Erlangung von 
künstlerischen Entwürfen für eine neue Pfarr- 
kirche zu Milbertshofen nächst München aus. 
P.s handelte sich um eine sogenannte Ideen- 
konkurrenz, d. h. um einen solchen Wett- 
bewerb, bei welchem nicht schon sorgsam 
ins Detail ausgearbeitete Pläne vorzulegen 
sind, sondern mehr oder weniger flüchtige 
Skizzen von einem solchen Grad der Reite, 




MOTTO: .PATRONA HAVAlUAli. 



, 2. Tf.xt S. I V 



der einen Schluli auf die dem betreffenden 
Künstler vorschwebende Idee des von ihm 
beabsichtigten Baues zulälk und auf Grund 
dessen der Fachmann imstande ist, den 
künstlerischen Wert und die praktische Brauch- 
barkeit der Skizzen zu bewerten, welche 
dann im Falle der Ausführung noch manche 
Vervollkommnung zu erfahren pflegen und. 
demgemäß beurteilt werden müssen. 

Für jene Leser, welche nicht, im Besitz 
des 9. Heftes, Jahrg. I der Zeitschrift •, Die 
christliche Kunst: sind, wo auf S. 215 das 
Konkurrenzausschreiben abgedruckt wurde, 
teilen wir zur Orientierung folgende An- 
gaben mit : 

Der Bauplatz liegt südlich von der alten 
C)rtschaft Milbertshofen und ist als Zentral- 
punkt der einen Gemeinde Mil- 
bertshofen-Riesenfeld gedacht. 
Hierauf war bei den Entwürfen 
Rücksicht zu nehmen. Für die 
Kirche steht eine Bauflächc von 
70 m Länge und 40 m Breite 



GRI'N'DRISS 



H 



©^ WETTBEWERB FÜR EINE KIRCHE IN MILBERTSHOFEN »^?? 




MOnO: .ROTHS KREUZ. 

AV. ,7, Trxt S. y, dazu Nr. 4, b und S 

zur \'erfügung, die möglichst ausgenützt wer- 
den soll. Das Terrain um die Kirche ist 
vollständig eben. Bei der künstlerischen Kon- 
zeption war auf das Stadtbild des nahen 
München mit seinen Türmen sowie darauf 
zu achten, daß die Kirche später mit Profan- 
gebäuden umgeben wird. Zu beiden Seiten 
der Kirche sind freie Plätze, gegen Osten 
wird sich der Pfarrhof mit Garten anschlielkn. 
Das Innere soll für rund 3000 Personen Platz 
bieten bei etwa 
looü Sitzplätzen" 
iür l:rwachsene; es 
soll drei Altäre, ei- 
nen Taufstein, vier 
Beichtstühle und 
eine geräumige Or- 
gelempore erhal: 
ten ; die Sakristei 
soll zwei Geschoße 
bekommen und 
vom Pfarrhof aus 
leicht erreichbar 
sein. Über die An- 
gliederung des Tur- 
mes wurde eine 
Bestimmung nicht 



getrotien , doch wurde be- 
tont, daß auf eine charak- 
teristische Form Rücksicht 
zu nehmen sei. Die Kosten 
des Rohbaues können laut 
Ausschreiben M. 200000 be- 
tragen , und es wurde fest- 
gesetzt, daß Projekte, welche 
nach Ansicht des Preisge- 
richtes um diese Summe nicht 
ausführbar wären, von der 
Bewerbung ausgeschlossen 
seien. Die Wahl des Stiles 
wurde den Künstlern frei- 
gestellt; gefordert wurde 
hingegen, daß bei der Glie- 
derung des Innern auf Schaf- 
fung größerer Wandflächen 
gesehen werde, auf denen 
eine einheitliche Idee in einer 
Reihe von Wandgemälden 
dargestellt werden kann. End- 
lich wurde parallel zur Sakri- 
stei eine Kapelle gewünscht, 
in welcher eventuell die Merk- 
würdigkeiten des alten goti- 
schen Kirchleins unterge- 
bracht werden können. Der 
Bau soll in Backsteinen aus- 
geführt werden. Die Kirche 
wird geostet. Für Preise wur- 
den von der Kirchenverwaltung M. 1 500 bewil- 
ligt; die Kosten der Durchführung der Kon- 
kurrenz übernahm die Deutsche Gesellschaft 
für christliche Kunst. 

Endtermin für die Einsendungen war der 
I. Oktober. 

Es liefen 27 Projekte ein. Sämtliche I:nt- 
würfe wurden am 2. Oktober in dem Parterre- 
saal des Kunstvereins München ausgestellt, 
wo sie während der Generalversammlung, 



INNENANSICHT 














MOI rO: .ROTliS KUKUZ. 



GKL'NDHISS 



.\V. 4, Itxl S. V, vgl. Nr. J, b, S 



©^ WETTBEWERB FÜR FJNE KIRCHE IN MILBERTSHOFEN »-'S« 



III 



be/.iclniiigsweisc während der ^;in 
zcn ersten Oktoberwoche säiiu 




.PATRONA BAVARIAE. 



SÜDWESTLICHE AUSSENANSICHT 
/ 7, vgl. Ar. / und 2 



liehen Mitghedern der Deutschen Gesellschaft 
für christliche Kunst kostenlos 



waren und bis zum 12. Oktober ausgestellt 

blieben. 

Am 4. Oktober versammelten sich die 

Juroren der Gesellschaft im vorgenannten 
Saale des Münchener Kunstvereins 
zur ersten Beratung. Hierbei \vren 
anwesend : Architekt und Konser- 
vator J. Angermair; Bildhauer 
Prof. Busch; Bildhauer Prof. Wa- 
dere; Maler Jos. Guntermann;. 
Kunsthistoriker Dr. Fe lix Mader; 
Rechtsanwalt Hermann Frei- 
herr von Stengel. Nach ein- 
gehender Besichtigung wurde be- 
schlossen , am folgenden Tage 
eine zweite Sitzung abzuhalten 
und hierzu einige Herren einzu- 
laden, die zu kooptieren wären. 
Diese Sitzung fand am 5. Ok- 
tober denn auch statt. Es nahmen 
an ihr teil : Die Architekten : Kon- 
servator Angermair, Stadt. Bau- 
rat Grässel, Prof. Gabriel von 
Seidl; Bildhauer Prof. Busch; die 
Maler Jos. Guntermann, Jos. 
Hub er und Prof. W. Kolms- 
perger; Hermann Freiherr 

von Stengel, Pfarrer und Distriktsschul- 



zugänglich Inspektor Trieb enbac her als Vertreter der 




MOrrO: .ROTES KREUZ. 



SÜDWESTLICHE GESAMTANSICHT 



Nr. 6, Tixt S. V, vgl. Nr. J, 4, S 



IV 



S!^ WETTBEWERB FÜR EINT. KIRCHE I\ MILBERTSHOFEN »^ö 




MOTTO 



,AVE MARIA. 

Nr. 7, Text S. VII, vgl. Nr. g, lo und n 



INNENANSICHT 



Kirchenverwaltung und der Kunsthistoriker 
Dr. Felix Mader, welcher das Protokoll 
füiirte. 

Das Recht der Kooptierung zur Jury war im 
Ausschreiben vorbehalten ; desgleichen 
war der Jury hinsichtlich der Verteilung 
der Zahl der Preise und der auf sie 
treffenden Beträge freie Hand gelassen. 

Zunächst fand nun seitens der Juroren 
eine eingehende Besichtigung der vor- 
handenen Entwürfe und hierauf eine 
Besprechung statt. Alsdann folgte der 
erste Rundgang, bei welchem 17 Entwürfe 
zu engerer Wahl bezeichnet wurden. Aus 
diesen 17 wurden dann zur endgültigen 
Auswahl mit starker Majorität für die 
Prämiierung 6 Entwürfe herausgehoben. 



stimmig, bei der Prämiierung von 
einer Stufenfolge abzusehen, da sich 
eine solche durch die Qualitäten der 
l:ntwürfe nicht begründen lasse. Man 
einigte sich dahin, vier gleiche Preise 
auszusprechen, und diese wurden zu- 
erkannt den Entwürfen: > Rot es 
Kreuz ,, — >Patrona Eavariae^, 
— »Ave Maria :, — »Zweischiffig . 
Auf diese vier Entwürfe trifft der Be- 
trag von 1500 M. in gleichen Teilen. 
Außerdem wurde beschlossen, die Ent- 
würfe ■ Schlicht ;< und Skabiose« 
mit einer Belobigung auszuzeichnen. 
Hierauf erfolgte die Öffnung der 
Couverts mit den obigen Kennworten, 
wobei sich folgendes Resultat ergab. 
I.Preise. Rotes Kreuz« : Architekt 
Georg Zeitler; 
■ Patrona Bavariae : 

Die Architekten 
Peter Danzer und < 

Anton H o rl e ; Ave Maria« : ^ 

Felix Graf von Courten ( 

und Otto Orlando Kurz, J 

Architekten; )Zweischiffig« : J 




Nun beriet man sich über die Ver- 
teiluni? der Preise und beschloß ein- 



Mo I ro : 



.KOTES KKEUZ. 

Nr. S, Tr.it S. y, vgl. Nr. J. 4 



LÄNGENSCHNITT 



nd 6 




MOTTO; .AVE MAIUA. 



ÜKUKDUISS 



Nr. 9, Text S. IT!, vgl. Nr.-T, lo uud n 



Brüder Rank. Sämtliche 
in München. II. Belobi- 
gungen. Schlicht«: Archi- 
tekt Rudolf Sticht in 
München; ■ Skabiose : Archi- 
tekt Mich.iel Kurz in \'ils- 
biburg. 

Wir sind in der Lage, in 
29.\bbildungen neun Projekte 
bekannt zu machen : i. Alotto 
Rotes Kreuz : Südwestliche 
Gesamtansicht, aul.ien, Nr. 6, 
Grundriß, Nr. .[ , Innenan- 
sicht, Nr. 3. Querschnitt, 
Nr. 8. 2. Motto ; Patrona 
Bavariae«: Südliche Außen- 



f5^ WETTBEWERB PUR EINE KIRCHE IN MILBERTSHOFEN »«a 



ansieht, mit l'l'arrhof, Nr. i, 
Süd westliche Außenansicht, 
Nr.5, Grundriß, Nr. 2. 3. Motto 
»Ave Maria« : Südöstliche 
Aiißenansiciit mit westlicher 
Turmfront, Nr. 10, Südöstliche 
Außenansicht mit Turm aul 
der Nordseite, Nr. 11, Grund- 
riß, Nr. 9, Innenansicht, Nr. 7. 
. |. Motto Zweischifiiii: Grund- 
riß, Nr. 12, Innenansicht,Xr. 13, 
Südwestliche Außenansicht, 
Nr. 14, Querschnitt, ein Teil 
der südlichen Innenansicht, 
Nördliche Innenansicht, Nr. 15. 
5. Motto /Schlicht« : Südwest- 
liche Außenansicht, Nr. 16, 
Grundriß, Nr. 17. 6. Motto 
Skabiose«: Nördliche Außen - 
ansieht, Nr. 29, Grundriß, 
Nr. 26, Längenschnitt, Nr. 21, 
Westfront, Nr. 25. 7. Motto »Dogma : : Nord- 
östliche Gesamtansicht, Nr. 22, Südwestliche 
Gesamtansicht, Nr. 23. S.Motto »Orchideen« : 
Südliche Seitenansicht, Nr.28, Westfront, Nr.24, 
Grundriß, Nr. 27. 9. Motto »Querschirt" : 
Längenschnitt, Nr. 20,Grundriß, Nr. 18, Südliche 
Seitenansicht, Nr. 19. 

Motto »Dogma« stammt von den Architekten 
Oberreiter und Bern dl, Motto ;■ Orchideen 
von .Architekt Hans Fritz, Motto - Querschifi' 
von Architekt H. Hauberrisser (Regensburg). 




MOTTO AVl-: MARIA. 




MOTTO .AVE MARIA. 



SÜDÖSTLICHE ANSICHT 
Icxt 4'. VII, vgl. o!irn 



SÜDÖSTLICHE ANSICHT Mll WluSTTURM 
.VV. 10, Tejct 5. Vif, -Igt. .\r. 7, <) und 11 

Die Reproduktionen zeigen, daß zur Lösung 
der gestellten Aufgabe verschiedene Stile bei 
zum Teil strengerer, zum Teil ganz freier 
\'en.vertung herangezogen wurden. Wie ein 
Blick auf die Grundrisse lehrt, gingen fast 
alle Projekte auf eine möglichst freie und 
große Gestaltung des Kirchenschiffes unter 
Zurückdrängung dessen aus, was den Blick 
auf den Hochaltar hemmt. 

Durch hervorragend schöne, malerische 
Gruppierung und Eleganz des Gesamtbildes 
fällt sofort die Außenansicht 
des Projektes -Rotes Kreuz« 
auf (Nr. 6); auch das Innere 
(Nr. 3) ist von einheitlicher 
und freundlicher Raumwir- 
kung. Dem Grundriß (Nr. 4) 
entnimmt man dieDisposition 
der Teile. Danach bildet ein 
längliches Oval, um das ein 
schmales Seitenschiff herum- 
läuft, den Kern. Durch diesen 
Hauptraum ist ein Kreuz ge- 
legt, dessen Enden über das 
Oval hinausragen und östlich 
das Presbyterium mit dem 
Hochaltar, westlich eine Vor- 
halle, nördlich und südlich 
die Seitenaltäre enthalten. 
Wir haben also einen Zentral- 
bau vor uns. Während die 
Westfront durch einen monu- 
mentalen Vorhau mit plas- 
tischem Schmuck energisch 
betont ist, wird die Ostseite 
durch den fein protilierten 
Turm, die Sakristei und eine 



MIT NORUOSTTURM 



M 



^^ WETTBEWERB FÜR EIXE KIRCHE IN MILBERTSHOFFN »^ö 



Kapelle reich belebt, drei Bauteile, die 
sich um das Presbytcrium gruppieren. 
Das System der Wölbung des Innern und 
die geschlossene Wirkung des ganzen 
Raumes erkennt man aus der Abbildung 
der Innenansicht (Nr. 3) und besonders 
aus der Verfolgung der Gewölbelinie 
auf dem Längenschnitt (Nr. 8). Die 
Fenster sind zahlreich, aber iioch hinauf- 
gerückt, so daß sie das Auge nicht stören 
und den ganzen Raum, vor allem aber 
auch die bemalt zu denkenden Decken- 
flächen und die unter den Fenstern sich 
hinziehenden Wandmalereien reichlich 
mit Licht versehen. — Bei seinem Ent- 
wurf ließ sich der Künstler von baye- mot 
rischen Rokokokirchen anregen, er be- 
arbeitete aber das Thema durchaus selb- 
ständig, mit großem Talent und tadellosem 
Geschmack. Zwar würde die Architektur 
allein schon einen ästhetisch voll befriedigen- 
den Eindruck erwecken, doch ist auch auf 
reichen malerischen und plastischen Schmuck 
Bedacht genommen. Es fragt sich jedoch, 
ob nicht die verfügbare Bausumme müßte 
überschritten werden, wenn das Projekt zur 
Ausführung käme. 

Mit aller Energie gingen die Meister des 
Entwurfes ; Patrona Bavariae« jedem Neben- 
rauni im Innern aus dem Wege, um einen 
ganz einheitlichen Raum zu schaflen, in dem 




ro .ZWEISCHIFFIG. 

AV. 12, Text 5. VII-.\\ vgl. Sr. 13- 



GRUKDRISS 




MOTTO .ZWEISCHU.. .. INNÜNANSICUT 

Nr. 13, Text S. VII— X, vgl Nr. u, 14, /j 



man von jeder Stelle aus den Altar erblicken 
kann (Nr. 2). Auch hier enthält der Grund- 
riß die Kreuzform, wenn auch nicht augen- 
fällig ausgeprägt. Die Grundform des Schiffes 
bildet ein langgestrecktes Rechteck, in das 
als Querarm ein Quadrat mit abgeschrägten 
Ecken gelegt ist. Infolge dieser Anordnung 
wird die nördliche und südliche Mauerflucht 
durch das Heraustreten der entsprechenden 
Seiten des Quadrates unterbrochen, zugleich 
entsteht eine Art Zentralraum von der Form 
eines Quadrates. In die erwähnten Ecken, die 
durch Abschrägung in diesem Hauptraum 
entstehen, sind nach vorne die Seitenaltäre, 
nach rückwärts zwei Beichtstühle gestellt, 
während die Kanzel an die Nordseite zwischen 
Seitenaltar und Beichtstuhl und gegenüber 
dem südlichen Eingangstor angeordnet wurde. 
Der Platz für die Kanzel müßte bei der Aus- 
führung des Projektes wohl anders gewählt 
werden, einmal, weil sie zu weit zurückliegt, 
dann besonders, weil zwei Fünftel der in den 
Stühlen befindlichen Zuhörer den Prediger 
nicht sehen könnten. Bei Anhörung eines 
Predigers ist es nicht, wie wenn man Musik 
hört, den Prediger will und soll man sehen 
können. Ostlich öffnet sich das Rechteck 
des Schiffes in das Presbvterium, zu dessen 
beiden Seiten rechts die Sakristei und eine 
Tautkapelle, links eine kleine Kapelle für die 
Merkwürdigkeiten des alten Kirchleins käme. 
Zwei weitere Beichtstühle würden rückwärts 
in die Nähe des Ilaupteinganges gestellt. Der 
'Furm schmiegt sich an der Südseite an, und 
zwar bis nahe an die Höhe des Dachiirstes 
ganz ungegliedert, aber in schönen Maßver- 
liältnissen, um dann geschmackvoll in Formen 
von zimehmender Lebhaftigkeit überzugehen. 
Das .Uißcre besitzt eine gute Wirkung, einen 
ruhig freundlichen Rhythnuis. (Nr. i und 5.) 



B<^ WHTTBHWERB VVR l-IXI- KIKCHI-; IX MILBERTSHOFFN »^-Ö 



VII 



Von dem Projekte ;vAve 
Maria« liegen, wie die beiden 
AußennnsiciitcnNr. round 1 1 
bekunden, zwei Varian ten liin- 
siciulicii der Turm- und der 
damit zusammenhängenden 
Westfrontbiidung vor. Der 
Grundriß Nr. 9 gehört zu 
dem auf S. V unter Nr. 10 ab- 
gebildeten Projekt mit einer 
we.stliciien 'Purnih'onte. Das 
Kirchenschiff besteht aus 
einem länglichen Rechteck ; 
das Presbvterium schließt im 
Halbkreis ab; an der Stirn- 
wand gegen dasPresbytcrium 
sind Nischen für kleine Seiten- 
altäre. Südlich örtnet sich das 
Schiff in einen schmalenGang. 
Um das Presbvterium läuft 
ein Umgang, durch welchen 
man vom Pfarrhof aus in die 
Sakristei und in die südlich 
vom Presbyterium liegende 
gotische Kapelle gelangt. Die 
Kanzel ist nahe dem linken 
Seitenaltar; zwei Beichtstühle sind an der 
Nordwand, zwei im südlichen Seitengang. 
Eine gute Vorstellung vom Innern und vom 
Querschnitt des Projektes erhält man aus der 
Abb. Nr. 7 auf S. IV oben. Die Wände könnten 
bis zur halben Höhe der in die Gewölbe ein- 




MOTTO .ZWF.ISCHIFFIG- 



i7 .■?. ; 7/-a; -lA'i. .\>. /-•, ij, ij 



..^m tu swMMtw.. d«n«M.4X„t.<Ur- 




MürrO .ZWlilSCHlFFIG. aUERSCHNlTT, SCUl.. U. NOKDL, INNI.N.WSICIIT 
Nr. tj, Text S. VII— .\, vgl. Xr. 12—14 



schneidenden Penster mit Malereien bedeckt 
werden. Nach der Absicht der Urheber des 
Projekts wären im Innern die dekorativen 
Hauptglieder durch Stuckmarmor, beziehungs- 
weise farbigen Putz hervorzuheben. Die 
Seitenschiffe wären mit einer Holzdecke zu 
versehen. — Auf der \'ariante, die 
unter Nr. 1 1 abgebildet ist, würde 
die Westfront ganz schlicht ge- 
halten und wäre nordöstlich ein 
Turm anzubringen, der recht ge- 
schickt so behandelt ist, als wäre 
ein romanischer Bau erst in einer 
späteren Zeit der Vollendung zu- 
geführt worden. Der Turm ist 
so gesetzt, daß er, von den Haupt- 
richtungen aus gesehen, durch die 
vorgelagerten Baumassen über- 
schnitten würde ; in der Ausführung 
käme er stärker zur Geltung als 
auf der reproduzierten perspekti- 
vischen Außenansicht. Fenster, 
Pfeiler und Säulen, Lisenen und 
Friese weisen auf den romanischen 
Formenschatz hin ; die dem Bau 
angefügte gotische Kapelle bringt 
im \'erein mit dem oberen Teile 
des nordöstlichen Turmes in das 
etwas schwere Gesamtbild einen 
freundlichen Zug. 

An die Lösung eines schwierigen 
Problems machten sich die Autoren 



MII ©^ WETTBEWERB FÜR FIXE KIRCHE IX NULBERTSHOEEX »^Ö 



1 




MOTTO .SCHLICHT. 



SÜDWESTLICHE AUSSEN'ANSICHT 
lert S. X. -.'gl. Nr. i-j 



des Projektes »Zweischiftig ;; schon im Motto 
ist dieses Prohleni ausgesprociien, das aucii 
in dem Entwurf Ave Maria durch Anbringung 
eines seitenschiffartigen Ganges gestreift ist. Die 
Künstler entschlossen sich zur Durchführung 
eines einzelnen, vollständig ausgebildeten und 
geräumigen Seitenschiffes; sie legten dasselbe 
nicht etwa bloß willkürlich an das Hauptschiff 
an, sondern führten ihre Idee im Grundriß 
und Aufriß konsequent durch, um Presbyterium, 
Haupt- und Xebenschiff künstlerisch zu einer 
einheitlichen (Jestaltung zu verschmelzen. 
Wegen der Schwierigkeit des Problems und 
wegen des künstlerischen Ernstes undTalentes, 
mit dem es behandelt ist, bringen wir in 
Xr. 12 — 15 die Abbildung des Grundrisses, 
eine perspektivische Innenansicht, die süd- 



westliche malerische Außenansicht, 
den Querschnitt, einen Teil der süd- 
lichen Innenansicht mit den Pfeilern 
und großen Fenstern, endlich den 
Längenschnitt mit der nördlichen 
Innenansicht (Arkaden und Hoch- 
wand, gotische Kapelle, \'orhalle). 
Das Presbvterium ist breit und glück- 
lich angelegt. Daran schließt sich 
das Hauptschiff; die rechte Langseite 
ist nach Süden gerückt und tolgender- 
maßen durchgebildet : Vier Strebe- 
pfeiler sind in das Innere der Kirche 
einbezogen und bilden da hohe, 
kapellenartige Xischen mit großen 
Fenstern. Zwischen den mittleren 
Pfeilern ist der Seiteneingang, die 
beiden vorderen und rückwärtigen 
Xischen könnten vier Beichtstühle aut- 
nehmen. Xördlich hingegen läuft in 
der Linie der Presbyteriumswand eine 
.Arkadenreihe mit fünf Säulen entlang. 




MOTTO SCHLICHT. 

Nr. /7, Text 5. -V. vgl. Nr. ib 



GRUNDRISS 




MOTTO .UUERSCHIM-. 



Nr. /S, Tf.tl S. NU, vgl. Nr. ig uiiii 20 



welche eine für Malereien bestimmte Ober- 
wand tragen. Von da öffnet sich das Haupt- 
schiff in großem Bogen nach dem Xeben- 
schiffe; ersteres ist gewölbt, 
letzteres mit flacher Decke 
zu denken. Das Seitenschitl 
nimmt einen Altar auf. Da- 
durch, daß die Pfeilerreihe 
der rechten Seite nach Süden 
zurückweicht und zwischen 
den einzelnen Pfeilern sich die 
schon bezeichneten Räume 
bilden, während links die Ar- 
kaden mehr gegen das Haupt- 
schiff hereintreten, soll für das 
Auge ein Ausgleich zwischen 
Xord und Süd geschaffen 
werden. Da aber die Stirn- 
wand des Presbyteriums, an 
welcher rechts ein Altar zu 
stehen käme, dem von rück- 
wärts nahenden Betrachter 



OKI NDIUSS 



5)^ WF.TTBH\VI;RI5 1 LR l-IXI- KIKCIIF. IX MILBHRTSHOFEN »^ö 



IX 



dieses Verhältnis trotz der Ab- 
schwäcluuif; durch den rechten 
Seitenaltar sehr eindrini,'lich 
vor Augen führt und da auch 
die Pfeilerkapitelle rechts ziem- 
lich hoch hinaufgerückt sind und 
die Nischen stark ins Tonnen- 
gewölbe einschneiden, so kann 
man sich eines Gefühls des Zwie- 
spaltes nicht erwehren, als ob 
die zwei Hälften von zwei 
nicht zusammengehörigen Bau- 
systeincn stammten, ein Gefühl, 
das bei Neubauten befremdet, 
bei späteren Umbauten durch 
die Erwägung des geschicht- 
lichen Werdegangs, beziehungs- 
weise der Zwangslage der je- 
weiligen Baukünstler weniger in 
den Vordergrund tritt. Unleug- 
bar wohnt nicht nur der Außen- 
.uisicht, sondern auch dem 




MOllO «iUERSCHIFI 



SUDI.ICHE ALSSEXANSICHT 

,V>. ig. le.rt S. Xlt, vgl. Xr. iS und 2o 




MOTTO QIRRSCHIIT- 



LAS'GEN'SCHN'ITI 



A'r. 20, l'fxt S. XII, vgl. Nr. tS und ig 




MOTTO .SKABIOSF. 



I.AXGEKSCHKITT 



.\">-. >/, If.vl S. X. 7gl. Xr. 2J, 26, 3g 



Innern ein hoher male- 
rischer Reiz inne und ist 
die ganze Arbeit ebenso 
schätzenswert wie inte- 
ressant. In dem Begleit- 
wort weisen die Autoren 
darauf hin , daß zwei- 
schiffige Kirchen nicht ver- 
einzelt vorkommen und 
zwarseien einige der heute 
noch bestehenden Bei- 
spiele aus dem Bedürfnis 
der Erweiterung der alten 
Kirchen entstanden, aber 
viele zweischiffige Kirchen 
ließen in ihrem Grundril.^ 
erkennen, daß die Erbauer 
diese Lösung von vorne- 
herein beabsichtigt hätten. 
Die Begründung, welche 
die Brüder Rank ihrem 
Projekt mitgeben, stützt 
sich teils auf künstlerische, 
teils auf praktische Er- 
wägungen. Wir lassen die 
Hauptpunkte hier wörtlich 
folgen. Der Mangel jeg- 
licher Symmetrie sowoiil 
in der Achsenbildung, als 
auch in der Durchbildung 
der Langseiten gibt zu 
malerisch und architekto- 
nisch außerordentlich inte- 
ressanten Lösungen \ er- 
anlassung. Die Bildung 



X 



©^ WETTBEWERB FÜR EINE KIRCHE IN MILBERTSHOFEN >^a 




MOTTO DOGMA. 



AV. 22, TfXt iteteuaH, vgl. -Vr. 23 



eines durch Bogenstellung abgetrennten und 
schwächer beleuchteten Seitenschiffes erzeugt 
im Hauptschiff eine weihevolle Stimmung. Wie 
sehr einseitige Hauptbeleuchtung günstig auf 
den Raum einwirkt, ersieht man am besten beim 
Studium unserer kleinen bayerischen Berg- 
kirchen. Einseitige, gegenüberliegende Be- 
leuchtung ist günstig für die Wirkung von 
Wandbildern, indem das Auge des Beschauers 
nicht durch das zu nahe über dem Bild be- 
hndliche Oberlicht der basilikalen Anlage 
(vgl. St. Bonifaz in München) geblendet wird 
und Reflexerscheinungen vermieden werden. 
Eine zweischifTige Anlage hat noch den prakti- 
schen Wert, daß die Kirche bei mittelmäßigem 
Besuch an Werktagen den Raum immer 
noch gut gefüllt erscheinen läßt. Bei 
starkem Besuch des Gottesdienstes sind 
infolge der Weitstellung der Säulen nur 
wenige Plätze vorhanden, von denen aus 
die heilige Handlung am Hochaltar nicht 
verfolgt werden kann. Bei Prozessionen 
im Kircheninnern hat die Anlage den 
Vorzug, den Eindruck zu erwecken, als 
ginge der Umzug aus dem Hauptraum 
hinaus. Die Kanzel ist derart anzu- 
bringen, daß der Priester während der 
Fredigt den ganzen Raum beherrscht. 
Das gesproclienc Wort wird hier in 
größerem Umfange gehört, als bei Hallen- 
kirchen Die bedingte geringe 

Höhenentwicklung der Fassade gibt dem 
Bauwerk eine wünschenswerte Intimität. 
Das Innere des Hauptschifles entwickelt 
sich trotzdem groß und majestätisch. ... 
— Hier tragen die Autoren Gedanken 
vor, die nicht bloß für das Projekt Zwei- 
schiflig von Belang sind, sondern zum 



Teil für den Bau kleinerer und 
mittlerer Landkirchen wichtige 
Fingerzeige bieten. 

Durch große Klarheit und sehr 
wohltuende Verhältnisse zeichnet 
sich Motto ■ Schlicht* aus, ein 
in allem maßvoller, im strengen 
Grundriß praktischer und im Aufriß 
monumentaler, vornehmer Barock- 
bau (Abb. Nr. 16 und 17, S. VIII). 
-•^n das eine Schiff schließen sich 
beiderseits Kapellenreihen an. 

Schätzbare \'orzüge besitzt aucii 
Motto i Skabiose , das spätere 
Motive frei verwertet (Nr. 21, 25. 
26, 29), aber eine ähnliche Raumdis- 
position sucht, wie Motto »Schlicht- . 
Motto Dogma . ein romanischer 
Bau mit Vierungskuppel und einer 
massiven Turmfront, strebt ein 
bewegtes Spiel von Lichtern und Schatten an. 
In dem modernen Milbertshofen würde ein 
solcher Bau als Fremdling empfunden werden 
(Abb. Nr. 22 und 23): in rechter landschaft- 
licher Umgebung würde er wohl mächtig 
wirken. 

Motto Orchideen;; sieht sowohl im Grund- 
riß, als auch im Aufriß und in den Details 
\'on einem jeden der historischen Stile ab 
und will alle im Profanbau üblichen moder- 
nen Baumaterialien und davon bedingten 
Konstruktionsmöglichkeiten auf den Kirchen- 
bau anwenden. Wer sich die Gotteshäuser 
der Zukunft nur in einem der bisherigen 
Stile denken kann, wird sich einstweilen mit 



.HE .WSICHI 




.\io 



TTÜ .DOGMA. NORDWESTLICHE AXSICH l 

;^V. 23, Text oben, vgl. .Vr. 22 



SG&< WETTBEWERB EUR EINE KIRCHE IN MILBERTSHOFEN *^& XI 





aüiltJ 




MOTTO .ORCHroEEN. WESTFRONT 

.Vr. 24, Ttxt S. X, vgl. Nr. 2l und 2S 



MOTTO -SKABIOSE. WESTFROXT 

.\V. 2S, Text S. X, vgl. AV. 2/, 26, 20 





MOTTO .SKABIOSE. GRUNDRISS 

Nr. 26, Text S. X, vgl. Nr. 2/, 2S, 2g 



MOTTO .ORCHIDEEN. GRUNDRISS 

Nr. 2J, Text .S. X, vgl. Nr. 24 und iS 



XII 



©^ WETTBFAVERB FÜR FINE KIRCHE IX MILBERTSHOFEN »^Ö 



diesem Projekt kaum befreunden 
wollen. Betrachtet man aber die 
südliche Außenansicht (Xr. 28) 
und besonders die Hauptfront 
Xr. 24) einfach als Bau unter 
Absehung von den mitgebrachten 




MOTTO .ORCHIDEEN'. SÜDLICHE AUSSENANSICHT 

Nr. 3S, Text S. X und XII^ vgl. Xr. 24 und 2y 

Stilvorstcllungen so wird man dem Projekt 
Geschlossenheit, Würde und edle Einfach- 



heit nicht absprechen. Der etwas bewegte, 
aber nicht unruhige Grundriß (Xr. 27) er- 
gibt im Innern eine sehr malerische Wir- 
kung. Wenn jemand davor die Empfindung 
von einem Konzertsaal erhält, so kommt 
diese Ideenassoziation wohl von dem Un- 
gewohnten. 

Motto »Querschiff:; ist ein ansprechen- 
der gotischer Basihkenbau mit Querschiff. 
Zwisclien Presbvterium und Querschiff ist 
links die Taufkapelle, rechts der Turm ein- 
gefügt, wodurch sich der vordere Teil des 
Kreuzstammes im Vergleich zum rückwärtigen 
etwas auffällig verlängert. Der Autor mag 
den gotischen Stil gewählt haben, weil die 
jetzige Kirche auch gotisch ist und die ver- 
langte Nebenkapelle sich so im gleichen Stil 
wie die Kirche halten ließ. (Xr. 18, 19, 20.) 

Die Proben, die wir aus der Konkurrenz 
geben konnten, beweisen, daß die Deutsche 
Gesellschaft für christliche Kunst und die 
Kirchengemeinde Milbertshofen mit dem Aus- 
fall derselben hoch befriedigt sein dürfen. 




Mt)irO .SKABIOSE. NÖRDLICHE AUSSENAXSICH r 

.\V. .'9, Te.xl .9. .V. 7fgl. Xr. 21, 2,^, 2h 




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/S) mit der Hummer 93 Jedermann auf lOunsth gratis lugesandt. /tu 

^Neaes Mannhgimer Volksblatt* vom 19. Februar 1906: 

,,\Venn je ein Druckwerk rur rechten Zeit erschienen ist, dann 
die genannte Wochenschrift. Ihr Hauptvorzug liegt in dem ge- 
bunden Konservativismuii, der Hergebrachtes, Wohler- 
probtes mit Pietät pflegt und dasgute Alte mit dem Neuen, 
soweit es etwas Bleibendes enthält, zu einem organi- 
schen Ganzen zu verbinden sucht. Diese konservative 
Grundrichtung wird getragen von einer besonders in unseren Tagen 
seltenen Einsicht des Geistes und Klarheit der Auf- 
fassung. In der Wochenschrift spiegeln sich alle Ereignisse der 
Zeit wieder und durch ihre Spalten weht der Odem der zu 
lösenden Probleme der Gegenwart. Keine Frage wird 
unberücksichtigt gelassen, alle Strömungen der Geister werden 
aufgezeichnet in ihren Ursachen und Tendenzen, das was an dem 
Alten tadelnswert, crncucrungsbedürftig oder reif zum Aufgeben 
iit, wird nicht aus einer falschen Pietät gestützt, ohne dagegen 
jenem so beliebten Radikalismus Eingang zu gestatten, der heute 
so gerne unter der blendenden Firma des religiösen und politischen 
Fortschrittes umherstolziert." 

^L'Art ä l'£cole et aa Foyer* fLoavainJ, No. l, Janv, 1906: 

(Seite 7) « L'important periodique , (Allgemeine Rundschau" 
(Munich, A. Kausen).i 
Das Rbonnement auf die „Rllgemeine Rundschau" hann Jederielt 

eröffnet werden. Rllc bisher crsdiienenen Hummern werden nathgelleferl. 

Uerlag v^n Dr. Hrmin Hausen in müncben. 



unb in icbei %u4Iiaiiti[uns ju ^aben: 

^anbhu^ btv d^riftlic^cn ^vä^äolOQit, 

Sßon (Carl lEaria Kaufmann. 

anit •i.iü ^Uuftrationcit. 

(ffitffenfdSiaftlic^t fianbbtbliutitf.) 
XVIII a. 632 gelten, qx. 8. br. 3«. U.-, geb. SU. 12.20. 

Clal [^ciilcii elnc< aincnf4aitUct)en flompenbluml bet (tiiftlli^cn ^Irtfiflologle Ifl um f» 
ita^ljaltloer rmpiunbtn loocben, al$ btffe iuiific rifitplln banf ben cpod)cnia($cnbrn Srfolani 
Ibitl eigrtinbrrf IglasannI eultttm be Jlufll bcr 4l(lorlf4iii Ibiiiloilc foü'ttl, nie bcr 
Stund' unb )tultur||c(d|l4lc (öfllg ncut ecflltllpunitc Cl6|)nctc. — BulflibtU^tc ecbfpett 
bütd) jebe Qu(^l)lt>b[un|i. 

«trliarM, Int, ^f-. Vrabiid^t lotfi^lütt Un kir41t4e Ccbiikc, 
Siräifiigttilf UBir JlurfliMBJt. 266 s. gx. 8. 9)1. 2.80, gti. wi. s.so. 

fficr berufen tft, iTIrcfien h^ bauen, ^n reftaurteren, ju fc^mätfen, islrb In blefem Dui^e 
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An die verehrten Abonnenten unserer Kunstzeitschrift richten wir die 
höfliche Bitte, unsere Bestrebungen nach MögHchkeit fördern und der 
christHchen Kunst neue Freunde zuführen zu wollen. Mitteilungen von Adressen, 
an die wir uns wenden können, nehmen wir stets sehr dankbar entgegen. 

Gesellschaft für christliche Kunst. 
Neue Urteile der Presse über „Die christliche Kunst". 

Augsburger Posizeitung vom 1 8. Oktober 1905: «... Die vornehme Tendenz, welche die Monats- 
schrift im ersten Jahrgange bewies: jeden Mißklang zu vermeiden, die Künstlerstreitigkciten nicht durch hitzige 
Worte zu steigern, sondern das Urteil über ihre Berechtigung durch Vorführung von hervorragenden Kunstwerken 
aller Richtungen dem Leser zu überlassen, kurz, eine Zeitschrift zu hefern, die jedem vornehm Denkenden eine 
Freude und ein Genuß ohne bitteren Nachgeschmack, jedem Kunstfreunde ein Bedürfnis ist und jedem Mitgliede 
einer Familie in die Hand gegeben werden kann, diese Tendenz zeigt sich auch im ersten Heft des neuen Jahrgangs.« 

Academia (Berlin), 15. Dezember 1905: ». . . . ältere und neuere und neueste Kunst ist vertreten, und 
zwar in durchweg guten Beiträgen. Höchst instruktiv sind namentlich die Ausstellungsberichte, . . . Mag man 
der neuen Zeitschrift im Anfang immerhin kritisch gegenübergestanden haben, man muß jetzt nach Ablauf des 
ersten Jahres sagen, daß sie sich gut entwickelt hat. . . .< 

Die Neue preussische (Kreuz-)Zeitung Berlin schreibt am 29. Oktober 1905, nachdem sie den Bilder- 
schmuck eingehend gewürdigt hat: > . . . Sehr reichhaltig sind stets die »Nachrichten« am Schluß, aus denen 
man viel Neuigkeiten vom öffentlichen Kunstleben erfährt. Auch über den Kreis der kathohschen Interessenten 
hinaus sollte man sich durch eigene Anschauung einmal von den Vorzügen der neuen Kunstzeitschrift überzeugen.« 

Der Wahrheitsfreund, Cincinnati vom 7. Nov. 1905: >. . . daß diese Zeitschrift eine große Aufgabe 
erfüllt, können auch diejenigen nicht in Abrede stellen, die ursprünglich aus mancherlei Motiven die Gründung 
für bedenklich hielten. Eine allgemeine Kunstrevue, die auf christlichem Boden steht, hatten wir 
einfach nicht, rein archäologische Organe konnten und wollten ja diesen Zweck nicht erfüllen und sind demnach 

auch durch das Erscheinen der »Christlichen Kunst« in keiner Weise verkürzt oder beinträchtigt Schon 

im Aeußeren präsentiert sich der stattliche Band von 1904/05 als ein Kunstwerk ersten Ranges, gediegen 
und vornehm in der Ausstattung, als ein Buch, das jeder Bibliothek und jedem Parlor zur Zierde gereicht. 
Und dann der Inhalt. . . . Welche Menge herrlicher Aufsätze . . . etc.« 

Stimmen aus Maria Lach (Freiburg) LXX, 3 (Seite 346—347) » Der erste Band der von der 

Gesellschaft für christhche Kunst herausgegebenen Monatsschrift ist nichts weniger als arm an wertvollen Auf- 
sätzen Herr Hofstiftsvikar Staudhamer hat durch Leitung dieses ersten Bandes das neue Unternehmen in 

die rechte Bahn geleitet, sich dadurch großes Verdienst erworben und allen vernünftigen Erwartungen überreich 
entsprochen. Hervorzuheben ist, daß in dem statthchen Bande, den dieser erste Jahrgang ausmacht, unter den 
vielen wertvollen und sehr verschiedenartig hergestellten schwarzen oder farbigen Bildern keines Bedenken erregen, 
die Zeitschrift in einer Familie allen in die Hand gegeben werden kann, sie also geeignet ist, auch in jugend- 
lichen Gemütern Liebe zur älteren wie zur neueren Kunst wachzurufen. . . . < 

Zeitschrift für kathol. Theologie (Innsbruck), Jahrgang 1906, Seite 157 und i$8: »Sehr reich sind die 
verschiedenen Mitteilungen über Vereine, Künstler, Ausstellungen etc. . . . Die beste Empfehlung der neuen Zeit- 
schrift sind ohne Zweifel die vielen mit \'erständnis ausgewählten und in technischer Vollendung wiedergegebenen 
Abbildungen im Text und als Kunstbeilagen . . . etc.« 

Kölnische Volkszeitung, Literar. Beilage Nr. 47: ». . . Die Illusiration der Zeitschrift steht durchaus auf 
der Höhe, die Textbilder sind zweckmäßig eingefügt, die Auswahl der Sujets hält alles Anstößige fem, berück- 
sichtigt das christliche Empfinden und den Famihentisch. . . . Alles in allem kann man dem katliolischen 
Deutschland zu seiner neuen Kunstzeitschrift Glück wünschen. J. E. Weis-Liebersdorff (München). 

Büchermarkt (Beilage zur Niederrhein. Volkszeitung) vom 14. Oktober 1905: >. . . Der hohe ästhetische 
Genuß und die reiche Belehrung, die sie aus ihrer Anschauung und Lektüre schöpfen, werden für das geringe 
materielle Opfer überreich entschädigen . . . etc.« 

Schwelzerische Kirchen-Zeitung (Luzem) vom 15. März 1906: »Wir empfehlen diese Unternehmung und 
Darbietung vornehmer Art unter den verschiedensten Gesichtspunkten. Die Zeitschriit will den ganzen Reichtum 
der christlichen und menschlichen Ideale auf dem Reiche des Wahren, Guten und Schönen in strahlender Sicht- 
barkeit entfalten helfen. .. Vielleicht dürfen wir es gestehen, daß wir hier manches verwirklicht finden, was wir in unseren 
Gedanken: Anteilnahme der Kathohken an Wissenschaft und Kunst (S. 45 ff.) auszusprechen wagten « A. M. 

Das Vaterland (Luzern) vom 13. November 1905: ». . . . »Die christliche Kunst« hat noch nicht alles 
erreicht, aber vieles. Sie wird ihr großes Ziel auch erfüllen, wenn das Verständnis und die Teilnahme in jenen 
Kreisen immer größer wird, in denen sie gesteigertes Interesse zu fordern berechtigt ist. Die christliche Kunst 
unterstützen, heißt einen Kulturfaktor von großer Tragweite fördern. . . .« 

Kathol. Kirchenzeitung (Salzburg) vom 15. Dezember 1905: »... Wir empfehlen »Die christliche Kunst« 
speziell dem geistlichen Leserkreise, um sich über die neuen Strömungen in der christlichen Kunst zu orientieren. G. A.« 

Deutsches Volksblatt Stuttgart vom 7. Oktober 1905: »...Wir möchten nicht verfehlen, unsere Leser 
auf die idealen Bemühungen der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst und die vornehme, durchaus auf 
der Höhe der Zeit stehende Monatsschrift aufmerksam zu machen. Dr. St.« 

Das Vaterland Wien vom 3. Oktober 1905: ». . . Jetzt, da ein Jahr vorüber ist, . . . können wir uns 
überzeugen, daß die Zeitschrift diesen ihren Vorsätzen und ihrem Programme treu geblieben ist ... .« 

Achnliche Besprechungen brachten: Baseler Volksblatt, Katholische Schulzeitung (Donauwörth), Der 
Kunstfreund (Innsbruck), Badischer Beobachter (Karlsruhe). Allgemeine Rundschau (MUnchen), Mainzer Journal, 
Blätter fUr bayer. Gynnasialschulwettn (München), Magazin für volkstümliche Apologetik (Ravensburg) u. a. m. 




K, J. BIXKKK.GUKDAHL 



DER AUSTRAüLliKlN ENDE 



hit Besitz des Prof. Franz Ton Df/regger, Mihiciten, gemalt iSSj 



KARL JOHANN BECKER-GUNDAHL 



Von FRAXZ \\üLTI:R 



Auf der jüngsten Winterausstellung der Mün- 
chener Secession bot sich die Gelegenheit, 
drei Künstler: Professor K. J. Beck er-Gun- 
d:ihl, \'ikt()r Weishaupt und Richard 
Pietzsch an Kollektionen ihrer Werke näher 
zu studieren. Hier trat uns vor allem Professor 
Karl Johann Becker Gundahl als eine bedeu- 
tende Künstlerpersönlichkeit entgegen, die 
nach ihrer tiefen und vielseitigen \'eranlagung 
und vermöge ihrer Stellung im modernen 
Kunstleben hohe Wertschätzung und einge- 
hende Würdigung verdient. Ilim möchten 
wir daher im Anschluß an Abbildungen 
mehrerer Schöpfungen des Meisters aus allen 
Perioden seines reichen Wirkens folgende 
Zeilen widmen. 

Überblicken wir das Gesamtschatfen unseres 
Künstlers von den ersten Werken seiner 1-rüh- 



zeit an bis zu seinen letzten Schöpfungen, 
so bedauert man nur eines, dal.^ Becker-Gun- 
dahl, wie so mancher seiner Kollegen, erst 
auf einem weiten Umwege zu dem gelangte, 
was ihn künstlerisch beseelte, zur Kunst im 
Dienste der Kirche. F,r ist als einzelner sogar 
ein Bild unserer modernen Kunst überiiaupt. 
Es würde hochinteressant sein, all die ver- 
schlungenen Pfade zu charakterisieren, welche 
auch die heutige Malerei in den letzten De- 
zennien gegangen, um wieder zu den Absichten 
und Zielen der alten Meister zurückzukehren. 
\'ielleicht müssen diese Umwege gemacht 
werden — wer vermag dies zu beurteilen ? 
Merkwürdig ist nur. daß Becker-Ckmdahl sich 
eines Tages durch Zufall tnier durch Fügung 
selbst entdeckte und sich plötzlich in seine 
Bahn geworfen sah. wo er nun weiterflog. 



Die chrtstlicIiL- Kirnst. II. 



174 



S5^ KARL yOHAXX BECKER-GUXDAHL >^Ö 




BECKKR-GUNDAHI. 



Geitinll 1801 



DIE noi<gi.i:r 



Irgend ein Ereignis, vielleiclit ein i<leiner Auf- 
trag mag die Veranlassung gewesen sein. Die 
Sciiiclvsale des Menschen sind sehr niannig- 
fahig, sie heeinflussen ihn, und gerade bei 
unserem Künstler, der in Ballweiler in der 
Rhcinphili: als der Sohn eines Volksschullehrers 
am 4. April 1856 geboren, in seiner Heimat 
das Schreinerhandwerk erlernte uiui nachher 
erst zur Kunst kam, sind sie in hohem Grade 
wechselvoll und zum Teil wenig erfreulich 
zugleich. Viele Kämpfe hat es den jungen 
Men.schen, dessen ganzes Wesen zur Malerei 
drängte, gekostet, Hobel und Stemmeisen 
beiseite legen zu dürfen, um im Jahre 1876 
die Münchener Akademie zu besuchen. Kunst 
lerisclie Anleitung und Anregung erhielt er 
hier durch Strähuber, Barth, W. v. Diez und 
Löfftz. Kaum hatte er das Studium begonnen, 
mußte er wegen Mittellosigkeit München 



verlassen, er kam nach Kiel, zeichnete 
für Professor Esmarch anatomische Prä- 
parate und gab Unterricht in der dortigen 
Töchterschule und an der städtischen 
Gewerbeschule. 1882 sieht München 
den jungen Künstler in der Komponier- 
schule von Gabriel Max; hier erwachte 
zuerst seine Neigung zur religiösen 
Malerei, er beginnt ein größeres Bild: 
»Christenversammlung in den Katakom- 
ben.. Dieses mit glühendem Eifer an- 
gefangene Werk mußte erstehen lassen, 
um sich draußen in der Welt sein Brot 
zu verdienen. Mit frischem Mut zurück- 
gekehrt, findet er das Bild nicht mehr. 
Seine ehemaligen Mitschüler haben in- 
zwischen die umfangreiche Leinwand 
zerschnitten, verteilt und die Teile für 
eigene Studien verwendet. 

Der trostlose Maler wirft sich nun 
dem Kunsthändler in die Arme und malt 
um den Lohn von 9 .\Lirk per Woche 
Bild um Bild nach modernen Größen 
von morgens früh bis abends spät, bis 
ihn ein glückliches Geschick nach Sim- 
bach und Osternberg bei Braunau am 
Inn tührt, wo er volle sieben Jahre unter 
den ländlichen Bewohnern sein Dasein 
verbringen kann und jene Studien und 
Entwürfe schafft, die seiner folgenden 
Zeit die Richtung gebeii. Auch das große, 
luivollendet gebliebene Werk : Li der 
Kirche (Abb. S. 177) entstand hier in 
der Idee. Immer war es der Kampf 
mn die Erhaltung des Lebens, welcher 
die besten und schönsten Ideen schon 
nn Keiiiie erstickte. Als \'orläufer zu 
diesem Bilde der Kirchen besucher.s 
wollen auch all die Studien und Bilder 
dem Bauernleben betrachtet werden, die 
.Ausstellung gelangten. Die .Münchner 
Sciiule verleugnet sich dabei nie und des .Malers 
persönliche Stimmung kommt durchwegs in 
schwermütigen, tieftraurigen Noten mit zum 
.Ausdruck. Geradezu schreckhaft ist das Bild 
Der .Austräglerin Ende« (Abb. S. 173). Ein 
altes, in elender Hütte auf noch elendigerem 
Lager soeben verstorbenes Weib, auf dessen 
Leichnam der halb verhungerte Hund sein 
wimmerndes Geheul zur blinden Eensterluke 
erhebt. Wie in diesem Gemälde, das in semer 
malerischen Qualität einem Israels nicht nach- 
steht, so weht auch aus den weiteren Bildern 
mehr oder weniger eine pessimistische, düstere 
Weltanschauung Hierfür sprechen Die Wahr- 
sagerin« (Abb. S. 176), »Die Blinde« (Abb. S. 175) 
»Die Witwe < u. s. w., ja selbst der harmlosen 
Bauernmalerei ist der Zug des sozialen Elends 



aus 
zur 



O^ KARL JOHAW BRCKER-GUXDAHI, ^^?3 



'75 



aufti:cpr;igt. Hs duftL-t etwas stark nach I'.rd- 
uiul St;tll,HLTucli, aber man muß trotzdem tlen 
Meister bewundern, wie er die Din^e nie 
von der rein stoft liehen Seite betrachtet, son- 
dern überall mit kerniger, zielbewußter Hand 
das rein Malerische auszulösen versteht. Über 
all dieses hinaus jedoch geht ihm die Form. 
Dem zeichnerischen lilement, der (Jrimdbe- 
dingung in der Malerei, widmet er die mtim- 
sten Studien. Schon in einigen der ersten 
Bildnisse ist die reine IreLide an der Linie 
bemerkenswert. (ianz hervorragend aber 
kommt dieses Bestreben, die reine edle horni 
iierauszuiieben, in einigen Portratköpfen zum 
Ausdruck, die, wie dies insbesondere ein 
leicht braun getuschtes 15ildnis zeigt, an die 
hohe Kunst ILilbeins erinnert (Abb. S i86). 
Da pulsiert das Leben in den feinen hinge- 
zogenen Linien der Nase, des Mundes und 
den so seelisch ansprechenden Augen, welche 
an sich schon durch den Zug der Linie model- 
lieren. Hier sind die besten und köstlichsten 
Wirk im gen mit den eben noch ausreichenden 
Mitteln gegeben, jenem Kunstgesetz, das von 



ewiger Gültigkeit ist. Gegen solche W'erke 
mögen niciit einmal die an sich brillanten 
Lederzeichnungen standlialten, in denen sich 
fast urplötzlich statt des Weltverächters und An- 
klägers nun der Märchendichter und Träumer 
ausleben kann, nachdem unser trefflicher Adolf 
Oberländer dem in bitterste Not geratenen 
Kollegen weiterhilft und ihm Arbeiten für 
die /Fliegenden Blätter verschafft (Abb S. 185). 
Line ganze Fülle romantischer Stoffe behandelt 
da seine Feder mit einer Leichtigkeit und einem 
sicheren Gefühl, die erstaunlich sind, aber mit 
eisernem Meifs errungen werden mußten. Man 
wird mitmiter unwillkürlich an die Holz- 
schneider des Mittelalters gemahnt, die bei 
aller Schlichtheit und ehrlichen Naivität so 
kernig deutsch waren und so viel konnten. 
\'or allem hat er mit diesen das Gefühl für 
den Stil gemeinsam, einen Stil, der bei ihm 
ganz persönlich und das ungesuchte Ergebnis 
seiner vollständigen künstlerischen Weltan- 
schauung ist. Von solchen köstlichen Proben 
möigen als ganz besonders anziehend : Der 
Hirte' (Abb^ S. 183), Des Pagen Leid:;, 




K. J. BtCKHR GUND.^HL 



DIE BLINDE 



Ceinatt iSSg 



U." 



■76 



e^ KARI. K^HAXX BECKER-GUXDAHL ^Ö 



»Trauung ;, »Vor dem Turnier«, ; An dcrHim- 
melspfortecv genannt sein. Die Abbildungen 
S. i8o, 182 und 184 bieten drei präclitige Zeicii- 
nungen, welclie das Graphisclie Museum, xMün- 
ciien, besitzt. Geiieimnisvolle 1-äden spinnen von 
dieser romantischen Dichtungskunst zum reli- 
giösen Thema hinüber, in dem Becker-Gundahl, 
wie schon angedeutet, die seinem innersten 
Wesen entsprechende Richtung gefunden 
hat (Abb. S. 187 ff.). Hier knüpft der Maler 



schritte, das widerstrebt seinem künstlerischen 
Gefühl, dafür ist er zu selbständig. Wir können 
auch heute, wenn wir nicht vom nur archäo- 
logischen Standpunkte ausgehen, sondern von 
unserer rein menschlich emptindenden mo- 
dernen Anschauungsweise, die uns verrenkt 
erscheinenden Körper und Glieder der Alten 
schwer ertragen, iüne Anlehnung an die 
Manier darf selbst der eingefleischte Alter 
tümler von einem modernen Künstler nicht 




K. 1. hf-ckkr-gundahl 



liEl DER W.MIKS.AGKKIN 



Gemalt iSSS 



in seinen wuchtigen und grol.iangelegten 
Entwürfen. Kartons und Farbenskizzen für 
die Mosaiken der Münchener Maximilians- 
kirche an die traditionelle Moninnentahnalerei 
an, die uns die kirchliche Kunst in grolüartigen 
Denkmälern hinterlassen hat. Und es ist sehr 
erfreulich, da(.( der Künstler bei aller tra- 
ditionellen Übernahme der religiösen Idee, 
des Wichtigsten in der religiösen Kunst, nicht 
in jenes Extrem fällt, dem die meisten Rekon- 
struktionsmaler verfallen. Lediglich Nach- 
ahmungen mittelalterlicher Malereien schallen, 
ohne Rücksicht auf unsere heiuit'en l'ort- 



fordern , wohl ein Studium der Alten in 
geistiger Beziehung. So hat auch Becker- 
Gundalil in der ganzen Anlage jener er- 
wähnten Monumenialmalerei das von den 
Alten Gelernte völlig in seine eigene Sprache 
übersetzt und uns das für die kirchliche Kunst 
Wichtigste gegeben. Die ausgestellten Ent- 
würte, insbesondere aber die I'.ngeldarstel- 
lungen, Schalmeien und Flöte blasend, Geige, 
Harfen, Cello spielend, ferner die Madonna 
von Heiligen umgeben, die entzückenden 
Vogelfriese gaben vollgültigen Beweis von der 
KiHistart des Meisters (Abb. S. 187 bis Beil.S.I). 



©^ KARI. [DIIAW lü-.CKI-RGUXDAIIL S'SDa 




K. J, BECKER-GUNÜAIll. 



IN I)i;k KiKciii; 



Galerie lies Vereins hiliiendee Künstler Miiiteheit "Seeession»; gemalt iSq3 



ÜbeniU les^t er, und das ist entscheidtnd in 
seinen Entwürfen, die aus der Natur ent- 
nommenen Motive zugrunde, wie die Hand- 
zeichnungen es beweisen, überall wählt er 
die naturalistische Erscheinungswelt nicht 
willkürlich, sondern mit ernster Erwägung 
zum Dienste 
seines Themas 
aus, überall 
formt er sie 
dem jeweiligen 
Material , der 
Technik, hier 
dem Mosaik 



um. Wie der 
Künstler dabei 
die hehren\'or- 
bilder der alt- 
deutschen und 
altitalienisclien 
Kunst inner- 
lich erschaut 
hat, ohne sie 
irgendwie di- 
rekt zu kopie- 
ren, daraus 
mögen unsere 
jungen Maler, 
die sich der 

kirchlichen 
Kunst widmen, 
ein Beispiel 
nehmen. Nicht 
die Alten zu 



K. |. BECKER-GUNDAHL 



imitieren, sondern in das \\'esen, in den 
Cieist, in die Wahrhaftigkeit ihres Ivmpfin- 
dens einzudringen, auch nicht .Sklave der 
Natur zu sein, sondern ihr Meister und Be- 
herrscher, das zeigt uns Becker-Gundahl in 
all den vielen Einzelheiten seiner bisher ge- 
schaffenen 
Werke , vor- 
nehmlich aber 
in den Schöp- 
fungen im 
Dienste der 
monumental 
kirchlichen 
Kunst. Möge er 
aufdiesem letz- 
teren Gebiete 
ein reiches Ar- 
beitsfeld fin- 
den, nachdem 
er sich so her- 
vorragend be- 
währthat. Sein 
guter Erfolg 
mit den Ent- 
würfen für die 
Maximilians- 
kirche in Mün- 
chen ist umso 
höher zu schät- 
zen, als er vor- 
her nie auf 

kirchlichem 
Gebiete tätig 

Gemalt iSgj War. 




ELTERXGI.LCK 



178 



SS^ WIE LERNEN WIR SEHEN r 



WIE LERNEN WIR SHIIEX? 

Von E. GUTRNSOHX 

Wie lernen wir sehen? Sonderbare Frage! 
Indes brauche ich den verehrten Lesern 
der > C^hristhchen Künste niclit erst ausein- 
anderzusetzen, daß es sich in den folgenden 
Ausführungen nicht um eine Anleitung handeln 
wird, wie wir unser Auge in physischer Hin- 
sicht zu nu)glichster Ausbildung bringen 
können, so daß wir etwa lernen, nach In- 
dianerart die Spuren im Sande oder Grase 
zu verfolgen oder den Feind aus weitester 
Entfernung zu erkennen, sondern dal.^ wir 
es mit dem ästhetischen, künstlerischen Sehen 
zu tun haben werden. 

Dabei sei aber auch nicht verhehlt, daß es 
sich hier zunächst nicht um eine Anleitung 
zur Betrachtung \on Kunstwerken handeln 
soll; diese finden wir reichlich in den Ab- 
bildungen unserer Zcitschriit sowie theoretisch 
in den Aufsätzen aus berufenen Künstler- 
kreisen, es soll vielmehr der Versuch gemacht 
werden, darzutun, wie der ästhetisch empfin- 
dende Mensch befähigt wird, die Schönheiten 
der Natur durch richtiges Beschauen zu ge- 
nießen. Dabei leitet mich der Cjcdanke. daß 



nicht jeder Gelegenheit hat, häufig Kunst- 
werke im Original zu betrachten und sich 
dadurch im künstlerischen Genuß zu vervoll- 
kommnen — solche Gelegenheit ist im all- 
gemeinen nur in größeren Städten und Kunst- 
zentren gegeben; — jedem aber ist die Mög- 
lichkeit geboten, die Schönheiten der ihn 
umgebenden Natur in sich aufzunehmen. 
Ereilich setzt sich der, der es unternimmt, 
in einer Kunstzeitschrift Erörterungen über 
einen solchen Gegenstand zu geben, der Ge- 
fahr aus, daß er vielen Lesern längst Beob- 
achtetes und oft Gesehenes vor das geistige Auge 
tührt, indes dürfte es doch für so manchen 
nicht uninteressant sein, wenn das einmal 
Gefühlte und in der Vorstellung Ruhende 
durch das Wort wieder aufgefrischt und zu 
lebendigem i^ewußtsein gebracht wird. 

Und über die Wichtigkeit unseres Gegen- 
standes wird ein Zweifel kaum bestehen. 
Gewiß hat Dr. Hermann Popp recht, wenn er 
in seiner : Maler-Ästhetik i< ') sagt: »Bestim- 
mend für das Kunstverständnis eines Menschen 
ist sein Verhältnis zur Natur, denn aus ihr 



") Popp Dr. Hermann ; M.iler .\slhctik. Straüburg, 
Hcitz & Mündel, 1902. 




K. J. BECKER-GÜNDAHL 



RÖTELSTUDIE ZU ElNtM BILD .DIE WALI.F.^HRER. 
Galerie des Vereins bildttldtr Küitstier Münchens »Secession*; gezeichnet iSgj 



eJS* WIE LERNEN WIR SEHEN? m/S 



179 




K. J. BECKER-GUNDAHL RÖTELSTUDIE ZU EINEM BILD .DIE WALLFAHRER. 

GaUrie des I 'fyfiits itihietuier Ktinstiers Müttchens *Seiesswn<-; gfZt'ichiu-t tSgj 



fließen alle Quellen der Kunst. Wie sich dem 
Künstler aus dem Anschauen der Natur und 
dem ästhetischen Versenken in ihren Anblick 
die Mittel zu neuen Schöpfungen ergeben, 
so gehen auch für den Laien alle Erfordernisse 
für den Genuß und das Verständnis dieser 
Schöpfungen aus jener hervor. Wer die Er- 
scheinungsformen der Natur nicht kennt oder 
nicht so genau kennt, daß er ein treues Er- 
innerungsbild davon in seinem Gedächtnis 
aufbewahrt, dem fehlt für die Kunstbetrach- 
lung so gut wie alles. In solchen Fällen 
kann es leicht vorkommmen, daß das schlech 



teste Bild für gut und das beste Bild für 
schlecht gehalten wird, denn in einem Lall 
werden infolge der mangelnden Erinnerungs- 
bilder die Fehler übersehen, im andern Falle 
kann aus dem gleichen Grunde keine Illusion 
zu Stande kommen.: 

Es läge hier nun treiiich nahe, über den 
Unterschied zwischen Naturgenuli und Kunst- 
genuß zu sprechen. Dr. Konr. Lange, der 
den letztern in der künstlerischen Illusions- 
fähigkeit sucht, vermöge welcher wir durch 
die Kraft der Phantasie das gesciiaute Abbild 
in Wirklichkeit umsetzen, erklärt den ästhe- 



i8o 



©^ WIR T.HRXF.X WIR SRHRX- ?^ö 




K. J. BECKER-GUNDAHl. 



STUDIE ZU .IK DER KIRCHE. 



Kgl. Graphische Sammlung in Miindun; gezeichnet iSgz 



tisclicn Gcnuli dur X;uur als aul der um- 
gekehrten Illusion . beruhend. Wir wollen 
uns aber bei diesen Theorien nicht lange 
aufhalten, es wird sich später noch die Ge- 
legenheit ergeben, aut das \'erhältnis von 
Xatur und Kunst zurückzukommen. Für den 
Augenblick möchte die Hervorhebung der 
Tatsache genügen, daß wir durch häufige 
Betrachtung von Kunstwerken zum richtigen, 
ästhetisch-künstlerischen Sehen in der Xatur 
angeleitet werden. Vor allem macht uns die 
Bilderbetrachtung aufmerksam auf das eigent- 
lich >. Malerische i in der Xaiur. 

Das Sehen in der Xatur hängt nun frei- 
lich ps\chologisch eng zusammen mit dem 
verschiedenartigen Interesse (dem wirtschalt- 
lichen, w-issenschaftlichen etc.) des Menschen, 
und die rein ästhetische, absolut freie Xatur- 
betrachtung ist für manche oft schwer, weil 
dabei jedes andere Interesse völlig in den 
Hintergrund treten muß. Zur Erläuterung 
des Gesagten einige Beispiele: Wir stehen 
Vor einer im Blumenschmuck des Frühlings 
prangenden Wiese. Der Eigentümer dersel- 
ben beschaut sie und überlegt dabei, ob es 
wohl schon zum Mähen Zeit sei, wie sich 
der Ertra" heuer im \'ert:leich mit dem des 



X'orjahres stellen werde u. dgl. — er hat 
ein rein wirtschaftliches Interesse. Ein Bo- 
taniker, der an der Wiese vorübergeht, achtet 
auf die darin vorkommenden Grasarten und 
sonstigen Ptlanzenspezies , er macht daraus 
etwa auch Schlüsse auf die Xatur des Bodens 
— sein Interesse ist ein lediglich wissen- 
schaftliches. ^^'cr aber auf der Wiese das 
Hervortreten der verschiedenen Farben und 
l'ormen der Blumen und l^lüten aus dem 
umgebenden Grase und die harmonische 
Wirkung der Farbentinie mit dem umgeben- 
den Grün, die Lichter und Schatten darin 
beobachtet, der sieht i'ein ästhetisch: sein 
Beschauen bietet ihm, weil durch kein In- 
teresse beeiiiHußt, reinen Genuß. Ein an- 
deres Beispiel: Wir sind im Walde. Der 
Forstmann durchstreift denselben, sorgfältig 
beobachtend. Xichts entgeht seinem prüfen- 
den Auge, niclit die Spuren des Wildes aui 
dem Ikiden, noch die X'eränderungen, welche 
Wind und Wetter oder kleine aber mächtige 
Feinde aus dem Tier- und Ptlanzenreich an 
den Bäumen hervorbringen usw. Sein In- 
teresse ist ein praktisches. Der Maler aber, 
der den Wald betritt , beobachtet ganz an- 
ders. Sein Blick liaftet an der (Gruppierung 



w 



i,i;kxi;\ wir siüif.x; 



.^ 



i8i 



der Baumstäninic , ;in deren Zurückweichen 
gegen den dunklen Hintergrund , das uns 
das Ende der immer neu auttauchenden 
Säulenhallen nicht absehen lal.it, oder an den 
Liciiteiii uiul deren Reflexen im Dunkel des 
Waldes, oder an den mit Moos bewachsenen 
Steinblöcken u. dgl. — er sieht rein ästhe- 
tisch. Dort, wo der Wald aufhört und das 
Moor anhebt, liegt ein kleiner, sumpliger 
Weilier, \on einigen Birken und Weiden be- 
schattet. Wer die elegisch friedliche Natui'- 
Stimmung, die darin liegt, genießen will, dei- 
denkt nicht an den Schlamm auf dem (irunde 
des Weihers, noch an das häl.Uiche (ietier, 
d.is darin sich tuniuielt; er sieht nur das, 
was Im' das Auge wirklich da ist: die 
schöne Baumgruppe, die \'on den Bii'ken und 
Weiden gebildet wird, die Spiegelung der- 
selben und des Himmels im Wasser, die i'ar- 
benharmonie des Ganzen. Wer so sehen ge- 
lernt hat, dem wird sich, wo er auch weilen 
mai;. eine Fülle von ScluMiheit erschliel.^en. 



dem wird eine l'eldblume , ein Kornfeld, 
eine Wiese , ein buschbestandener Hügel 
die reinsten Freuden gewähren, der kann in 
der iiden Heide Reize entdecken, die denen 
des Flochgebirges und des Meeres nicht nach- 
stehen. 

Nun erhebt sich freilich die Frage: Welche 
Gegend ist schön, welche nicht.' Wir sagen 
zunächst mit Fr. Ratzel:') Eine volle Beant- 
wortung der Frage : Was ist das .Schöne in 
der Xatur.- verlange niemand. Es ruiit ein 
(jeheimnis über dem Grunde der Schönheit, 

') Friedrich Ratzel: Über Xaturschildcrung. München 
und Ik'rlin, U. Oldcnhourg. 1904. Mit sieben Bildern 
in Photograviire. Preis M. 7.50. Das treffliclie Buch 
ist das letzte Werk des bekannten Geographen, das der- 
selbe kurz vor seinem 'l'ode vollendete. Ms ist nicht 
nur wertvoll für den Lehrer der Geographie, dadurch, 
daß es über die Grenzen von Wissenschaft und Kunst 
aufkl.irt, insbesondere zeigt, wie daskünstlerisclie Schauen 
der wissenschaftlichen Beobachtung vorausgeht, sondern 
überhaupt wichtig für jeden, der die Xatur verstehen 
leinen will. 




K. J. UECKEU-GUNDAlll. DIE BETEKDEN 

/nt I>fsifzt- tlgs ilerfii lh\ Soltinatiit in Ftilkeit^er^, geztrü'htift rSgj 



Die clirislliche Kunst II. i*. 



l82 




K. 1. HHCKHR-GL NIJAIIL 



K-tierzeichnUHg v, J. iSQQ, A'j;/. Ürtiphistlu-s Museum in München 



DIH LAUNi- 



ö®« W'll': I.F.RNEN WIR SEHEN 



183 




\< I. BECKERGUNDAHI. 



DER HIRTEJ 



i-'etieyzeichniiHg v. 7- iSgg 



in das unsere Lichter so wenig hineinleuchten 
werden, wie in das Schöpfungsgeheimnis 
seihst. Die Schönheit ist etwas Mystisches, 
sagte auch Fechncr. Und wir stimmen mit 
ihm üherein in der Erkenntnis, daß in der 
Schönheit ein Unerforschbares und daher im 
tiefsten Grunde Unsagbares sei . Unter den 
allgemeinen Begriff" des Schönen fallen zudem 
wieder verschiedene Unterbegrifie, und nicht 
jeder Mensch ist für die verschiedenen Arten 
des Naturschönen gleich empfänglich. Der 
abgehetzte Großstädter, der Ruhe sucht, liebt 
vielleicht mehr das Einsame, Friedliche, wäh- 
rend dem Landbewohner die reich belebte 
Landschaft besser gefallen mag. Ln allge- 
meinen ist der Mensch trüber geneigt, sich 
am Erhabenen zu erfreuen als am Schönen. 
Schiller hat diese Erkenntnis mit den Worten 
ausgesprochen. dal.N der Mensch von Größe 
mul Kraft längst gerührt ist, ehe er für FLir- 
nionic und Grazie anfängt empfindlich zu 
sein . Insbesondere ist es die Freude am 
l"ernblick, die sich sehr früh, wohl am 
frühesten unter allen Regungen des Natur- 
"cfühls Ausdruck in großartigem Maße ge- 
schaffen hat. Dies beweisen zahllose Kapellen 
und Kruzifixe, sogar Bauernhäuser in aus- 
sichtsreicher Lage, dies beweist auch der 
Umstand, daß Landleute die Maler, die in 
ihre Gegend kommen, gern auf Aussichts- 
punkte aufmerksam machen. Bekannt ist auch, 
daß der hl. Benediktus seinen Jüngern den 
Rat gab, dieselben möchten für ihre Nieder- 
lassungen stets die schönsten Plätze der Erde 
wählen, um durch den Anblick der schönen 



Natur das Herz zum fröhlichen Dienste Gottes 
zu begeistern. Deshalb sehen wir denn auch 
die Klöster dieses Ordens sich oft auf Bergen 
erheben oder überhaupt an Punkten, wo sich 
ein weiter, schöner Ausblick bietet. Diese 
Freude am Fernblick ist es auch zumeist, die 
alljährlich so viele ins Gebirge oder ans Meer 
treibt. Wo immer das Land weit und offen 
ist, werden auch die Wasserflächen breit, der 
Himmel ist weit gespannt, alles nimmt einen 
Zug ins Weite, und die Wolken vollenden 
diesen Charakter. Und jede Weite in der 
Landschaft hat etwas Großes, Feierliches«. ») 
So enthüllt sich aber auch in vielem in der 
Natur, was wir für schön halten, weil es uns 
fesselt, zuletzt das Erhabene. : In viel be- 
gehrten Fernblicken von hohen Berggipfeln 
ist kaum eine einzige schöne Linie, sie sind 
nur großartig, reich, erhaben. 2) Der Anblick 
eines Berges selbst wirkt erhaben, das breite 
Aufruhen auf seiner Unterlage ist ein eben- 
so wichtiges Element seiner Größe wie sein 
Emporragen. Dem Unterschied zwischen 
dem Erhabenen und dem Schönen , An- 
mutigen entsprechend unterschied man frü- 
her in der Landschaft gern den großen und 
den schönen Stil. 

Während Landschaften, in denen der erstere 
vorwaltet, durch den großen Maßstab, den 
sie uns vorhalten, unseren Geist der engen 
Sphäre des Wirklichen entreißen und uns mit 
einem Gefühl der Ehrfurcht, ja selbst der 



■) Fr. lUtzel a. a. O. S. 135. 
=>) Pr. \\M7c\ s.a. O., S. 186. 



184 



5!^ WIR I ]-R\n\ WIR SFHF.X- '^:- 



Furcht crtiillcMi. weckt die schöne, anmutige 
Landschaft in uns sympathische Gelühie. Sie 
maclu sich nicht mit ehrfurciitgebietender 
Stärlie, nicht mit der Forderung, dali wir uns 
iiir unterordnen, geltend, sondern sie sclieint 
durch ihr bescheidenes, leichtfitßbares Maß 
und ihre ansprechende Freundlichkeit sich 
uns unterzuordnen. ') 

Fin Flui.* oder kleiner See mit Ortschaften 
an den LIern. zwischen Feldern und Wiesen 
eingebettet, in weiterer Ent- 
fernung von waldgekrönten 
Bergen eingeschlossen, eine 
solche Landschaft wirkt an- 
muti". Hügellandschaften 




') Henliold C. : Das N'aturschönc. 
Herder, 1-reilnirg, 1882. 



können reizvoll sein durch Abwechslung, ihre 
allmählich ansteigenden Höhen hemmen aber 
aucii die Aussicht, ohne uns Interessantes 
zu zeigen, und dadurch können sie eintönig 
wirken. Das Uubedeutende wirkt in der 
Wiederholung auf kleinerem Raum einförmig, 
anders im großen : dort wird es erhaben. 
Die Kompensation für die Einförmigkeit liegt 
in der Weite. Die Wüste ist auch einförmig, 
aber großartig ; der Eindruck der Großartig- 
keit überwächst den der Ar- 
mut. Lii übrigen ist nicht zu 
verkennen, daß unsere Freude 
an der Natur, der Naturge- 
nuß im tieferen Sinne in einer 
armen Natur leicht größer sein 
kann als in einer reichen. Li 
einer armen Natur ist kein 




K. J. BECKER GUNDAHL 



J-'tutcrzeichnuttg v. J. igoo, Kgt. Graphischt Sumttilung in Miinchen 



NACH DEM TURNIEK 



c!^ wii: i,i".RNF.\ WIR si-:hi-\:- »«kö 



i8i 




K, j. i!i-;cki;r.(,uni)aiil 

Ffdcrzfichiiung v. J. igo2 für d. 
Eigt'ittiti/i zioii Bra 



ANNlJ I )oo 
Flicgeiiditt Bldttrr« , 
f Siliiieidcr 



Ikuiiii, den wir nicht licbexoH umfingen! 
Der Genuli einer reichen Xann- ist abstump- 
tendes Vergeuden. Wenn wir uns wandernd 
lierausringen aus der FüHe der Einzelformen 
und -Farben zu den großen Linien und Flächen, 
so ist darin aucii ein Streben nacii Hinfacii- 
heit, sozusagen das Sehnen des Reichen nach 
dem Glück der Armut. ') Gerade in der 
Monotonie wirkt ein schönes Einzelbild um 
so besser. In Talsohlen und Ebenen sind 
wieder die Formen der kleineren \'ertietungen, 
Senkungen, Hohlwege u. dgl. von nicht ge- 
ringer ästhetischer Bedeutung. 

Schliel.^lich wird man aber auch in der 
schönsten Gegend, wenn man deren Schön- 
heiten täglich sieht, gegen dieselben abge- 
stumptt. Von nicht zu unterschätzender Be- 
deutimg lür den Naturgenuß ist deshalb das 
Wandern und Reisen. 

Das Wandern bedeutet tiu' den Beobachter 
der Landschaft die tortgesetzte Anregung 
zum vergleichenden Sehen und Beobachten; 
denn indem Bild auf Bild tolyt, wird eines 



mit dem andern verglichen und eines steigert 
die Beobachtungsgabe für das andere. Indem 
also das Wandern uns immer neue Xatur- 
szenen vor die Augen bringt, regt es unsere 
Wahrnehmungsfähigkeit und unsere Freude 
am Beobachten immer von neuem an. Was 
uns in der Heimat nicht mehr auffällt, tritt 
uns in neuen Umgebungen mit erhöhtem 
Reize entgegen. In der Geschichte der Land- 
schaftsmalerei ist es ein ganz gewöhnlicher 
Vorgang, daß eine fremde Welt weit eher 
fesselte, weil ihre Farbenpracht das Auge des 
Malers ganz anders packte als die altgewohnte 
Umgebung. -) Schon das Eindringen in eine 
uns bisher noch unbekannte Gegend hat einen 
unnennbaren Reiz, ein Gefühl, welches wo! 1 
auch die großen Forscher beseelen mag, die 
uns neue Erdstriche erschließen. 

Dem, der das Sehen in der Natur gelernt 
hat, wird aber auch die altgewohnte Gegend 
immer wieder neue Schönheiten erschließen, 
wenn er sie bei verschiedener Tages- und 
Jahreszeit, hei verschiedener Stimmung und 
Beleuchtung oder von einer andern Seite aus 
betrachtet. Dazu ist freilich erforderlich, daß 
er verstehe, aus der Fülle der ihn rings um- 
gebenden Landschaft das Einzelne heraus- 
zulösen. In der Natur sehen wir eben aul 
einmal viel und vielerlei nebeneinander und 
hintereinander und in verschiedenen Tiefen 
hintereinander; wir müssen unsere Augen 
umhergehen lassen, sie bald auf die Nähe, 
bald auf die Ferne einstellen. (Ein Bild bringt 
uns alles auf einem engen Raum und aul 
derselben Fläche; es ist darum eine Ansicht 
von einem bestimmten Punkte aus, also im 
eigentlichen Sinne des Wortes :■ einseitigx.) 
Wer in der Naturbetrachtung Laie ist, ver- 
mag es nicht, aus der ihn umgebenden 
Natur die einzelnen landschaftlich schönen 



') Fr. Ratzcl a. a. ü. .S. uS. 



ä) Fr. Ratzel a. a. Ü., S. 225. 



i86 



S?B« WIE LERNEN WIR SEHEN? *^iS 



Motive herauszusehen, darum lieht er auch 
nur solche Bilder. Ciemälde, die ihm recht 
Vieles zeigen. Ein einfaches Motiv dagegen, 
z. B. ein Waldesrand, ein Hohlweg u. dgl. 
wird ihm kaum beachtenswert erscheinen, 
weil er diese Dinge bisher auch in der Natur 
nicht beachtete. 

Ein gutes Mittel für den, der aus der Land- 
schaft Einzelbilder herausschälen will, ist das 
Beschauen derselben durch die hohle Hand 
oder auch die Benützung eines Rahmens, 
durch den man die einzelnen Teile der Land- 
scliatt betrachtet. Man kann sich einen solchen 
leicht aus Karton oder Pappe ausschneiden. 
Durch die Umrahmung wird das einzelne 
Teilbild aus dem großen Gesamtbilde heraus- 
geschnitten und dadurch sein Eindruck auf 
den Beschauer verstärkt. 

Noch ein wichtiges Moment, das beachtet 
werden muß. damit die Natur uns nicht ein 
unschönes Bild zeige und dadurch der Genuß 
uns "etrübt und verkürzt werde, ist die Wahl 




K J, liüCKkK GU.SD.\HI. Dil-: G.\ I IIS' üliS KÜNSTLliUS (i^o:) 

Gattrie dfs Vereins bildfneier Künstler Münchens tSecessioH' 



des richtigen .Standpunktes. Manches 
landschaftliche Motiv: eine Baumgruppe, ein 
Hügel etc. mag uns. von einer gewissen Seite 
gesehen, höchst uninteressant erscheinen, ver- 
ändern wir aber unsern Standpunkt, so kann 
es uns aut einmal Schönheiten zeigen , die 
wir \orher gar nicht ahnten. Die Stellung 
eines besonders in die Augen lallenden Ob- 
jektes: eines Berges, Schlosses etc. genau in 
der Mitte des Landschaftsbildes wirkt nicht 
gut. man zieht deshalb stets die anmutige 
Zufälligkeit einer etwas seitlichen Stellung 
vor. :■ E.s liegt hier die Erwägung nahe, daß, 
wenn ein Gegenstand durch Größe, Form 
und l-'arbe schon hervortritt, man nicht auch 
noch den \'orzug der Mittelstellung darauf 
häufen darf, ohne das künstlerische Gleich- 
maß des Ganzen zu gefährden.« ') So wird 
man auch in einer Allee sich nicht in die 
Mitte der Straße stellen, um einen vorteil- 
haften Blick zu haben, sondern an die Seite 
derselben. Ebenso werden wir, wenn wir 
von einem Gebäude eine schöne 
Ansicht haben wollen, nicht in 
die Mitte vor dasselbe treten, wo 
wir nur die ganze Front vor uns 
haben, sondern werden auch hier 
eine etwas seitliche Stellung ein- 
zunehmen suchen, damit uns auch 
die Seitenansicht erscheine. Noch 
ist zu beachten, daß uns das Ge- 
bäude nicht zu nah sein darf, 
damit wir nicht die oberen Teile 
desselben aus der Froschperspek- 
tive zu sehen gezwungen sind. 
Mehrere wagrecht laufende paral- 
lele Linien sind unschön. Schade 
deshalb, dal.N unsere heimatlichen 
(ietilde so Ott von den wagrech- 
teii Strängen der Eisenbahn durch- 
uiui zerschnitten werden! Frei- 
lich macht sich dies in der Nähe 
weit störender bemerkbar, als in 
der Ferne, da hier, gegen den 
Horizont zu, ohneliin oft wag- 
leclite Linien erscheinen, beson- 
ders in der Ebene, während der 
.Mittel und Vordergrund mannig- 
faltigere, besonders wellenförmige 
Linien zeigen. Ganz anders wir- 
l<eii parallel laufende senkrechte 
Linien. Die senkrecht stehenden 
Stämme des Waldes, die unter 
dem grünen Dach eine Säulen- 
halle bilden, ermüden uns nicht, 
selbst nicht die Bäume einer Allee. 
Wenn die letzteren mit ihren ein- 
"-) Fr~Ratzel a. a. 0.,'S. 91. 



S?^ W1I-: l.i-KXliX WIK SI.IIF.N? «^ö 



187 




K. J. BECKHK-ÜUNDAIU. 



liNGEL MIT HARFE (Ent» 
A]issclt)t:tt, vgl. S. /Qj, A/>sisiiialfrel liitfts, iintt'rf Reihe 



1904) 



ander zut;ekehrtcn Aesten hoch über der Stral^e 
ein Gewiilhe bilden, l<;uin dessen Sciiwung 
und Hölie, dessen l'ornien- und i-'arbenreich- 
tuni uns mit der einturnii^en Auteinander- 
folfje der xwei Reihen i^aumstämme vöUig 
versöhnen. Die geraden Linien eines Gebäudes 
auf einer Anhöhe oder durch die Zweige 
der Bäume hindurch gesehen, vermehren die 
malerische Wirkung eines Bildes. Überhaupt 
befriedigt die Verschiedenartigkeit der Linien, 
am meisten im Vordergrunde. 

Die Beachtung des Standpunktes führt 



uns von selbst auf das nächste wichtige Ge- 
biet: das der schönen und malerischen 
l'orm. Das .Malerische lallt nun freilich 
gar manchmal mit dem Schönen im gewöhn- 
lichen Sinne nicht zusammen; die Grenzen 
von malerische und schöne sind indes nicht 
leicht festzustellen. Hin verkrüppelter Baum 
z. B. mag sehr malerisch wirken; schön wird 
man ihn darum trotzdem nicht nennen. :'^Das 
.Malerische:;, sagt Fr. Ratzel,') hat jederzeit etwas 



,) k. a. ü. S. 205. 



i88 



£5^ WI1-: I.RRXEX WIR SHHEX? »^Ö 




K. J. lUiCKER.GUKDAIlL 



EKGLI. MIT GriTARRi; 



.{lisscfniilt, 7'£l. S. IQS, ApsisniiiUrci n\/tl^-, Mtit^rt Reiht- 



Gcscliicluliclics. l-ls ist aus der Rcf^elmäßig- 
kcit und Frisclie heraus unregelm;i(Mg und 
alt geworden , und darin liegt eben sein 
Malerisches. Ms hatte was erlebt.; Dies 
hat besonders Gültigkeit für alte Gebäude. 
Bei diesen fällt noch der Umstand ins Gewicht, 
dal.i die Bauweise früherer Zeiten uns über- 
haupt ästhetisch oft mehr befriedigt als 
die heutzutage sich so häulig breitmachende. 
Bauten, die vor einem halben jalnlunulcrt 
oder noch früher entstanden sind, machen 
oft den Eindruck der Behaglichkeit, derl'reund- 
lichkeit und echt deutschen Wesens, während 
solche neuern und neuesten Datums uns 
recht kalt und nüchtern anmuten können 
trotz ihres ; Stils ;. ; Der Ausdruck unserer 
Wohnhausbauten, sagt P.Schultze-Nauniburg,') 



ist der der absoluten C.liarakierlosigkeit. . — 
Bringt der Aufenthalt an irgend einem Orte 
älterer Anlage stets ein gewisses wohltuendes 
Raunigetühl und eine irgendwie interessante 
Ortsstimmung mit sich, so schallt man jetzt 
nirgend mehr eine andere Ortsstinnnung als 
die der ( )de imd (ileichgültigkeit. Unsere 
modeiiicn Häuser könnten ebensogut in 
München wie in Hamburg, ebensogut in 
Ostpreuüen wie in Schwaben stehen. 

Über die ästhetische Sprache der Formen 
in der Natur will ich mich an dieser Stelle 
nicht weiter \erbreiten ; wer in diesem Punkte 
das I5edin1nis nach eingehenderer Belehrung 



') l'.uil .Scliiiltze-Nauniburg: Die l-!iustelliing unseres 
Landes. Halle a. S., (iebaner & Sclnvetsclike, 1905. 



E2^« Wll' 



•RXHN WIR SEHEN: i^'Z 



189 




K. I. HKCKKR-GUNOAHL 



EN'GEL, I Ij U K BLASEND 



Ausschttiltt ''i^t. S. l()s> Apsisiitalerri ri-chts, »ntcre Reiite 



luhlt, dem sei bcsondurs das schon erwähnte 
Werk »Das Xaturschöne« von C. Berthold 
empfohlen. Die schöne Form allein würde 
aber dem ästhetischen Bedürfnis oft nicht 
genügen ; sie erhält erst Leben durch die 
Farbe. Der Sinn für die Farbe ist bei den 
verschiedenen Menschen sehr verschieden, er 
ist auch verschieden nach der Nationalität. 
Die Italiener und Spanier lieben, dem tarben- 
satten, lichtflutenden Himmel ihrer Länder 
entsprechend, feurige, bunte Farben, der Eng- 
länder, überhaupt der Nordländer, versteht 
es, den zart abgestuften, trüberen Tönen der 
nördlichen Atmosphäre oft reizvolle Stim- 
mungen zu entnehmen. Das Sehen der 
Farben lernt man wohl am besten durch 
Vergleichen. Man vergleicht die Farben aut 
einem Gemälde mit den in der Natur be- 



sehenen, die Farbe des einen Gegenstandes 
mit der eines andern, man beobachtet die 
Farbe an einem Gegenstande bei verschie- 
dener Beleuchtung, verschiedener Tages- und 
Jahreszeit. Man wird dann z. B. sehen, wie 
schön sich eine junge Birke oder Buche mit 
ihrem frischgrünen Laube von einem dunlden 
Waldhintergrund abhebt, wie das Laub der 
Linde alsbald nach der Zeit ihrer Blüte an- 
langt sich herbstlich zu färben, wie das ferne 
Gebirge bei schönem Wetter in einem leich- 
tern , heilern , vor einem Regen in einem 
schwereren, satten Blau erscheint usf. Bei den 
Farben haben wir nicht nur die ^NLinnig- 
faltigkeit ihrer Abstufungen (Farbentöne) zu 
unterscheiden, sondern auch die Verände- 
rungen einer und derselben Farbe je nach 
der Beleuchtung. Das Beobachten des 



Die clirisiliclie Kunsi II, U, 



190 



WIE LERNEN WIR SEHEN? ?^Ö 




K. J. liECKERGUKDAHL 



F.XGUI. MIT AI.TGMIGE 



Ausschnitt, Z'^l. S, iqj, rechts, ntitttcre Reihe 



Lichteinfalls ist für die ; Erziehung zum Sehen . 
ungemein wichtig. Düster erscheint die Land- 
schalt im eintönigen Schatten eines trüben 
Tages. Wenn aber auf einmal die Sonne 
durchbricht, welch ein frohes Leben , welch 
ein Farbenglanz! Eine Landschalt ganz ohne 
Schatten, wenn wir die Sonne im Rücken 
haben, wird uns ireilich auch nicht belrie- 
digen. Das Auge sucht eben in l-'arbe wie 
Ik'leuchtung Abwechslung und Gegensätze. 
Günstig wirkt die Beleuchtung seitlich, doch 
besser etwas diagonal (vorwärts- oder rück- 
wärts-seitlich) als rechtwinklig zum Beschauer. 
Es ist immer interessant, auf Bildern zu be- 
obachten, wo der Maler das Licht einfallen 
ließ. Wenn wir die Sonne vor uns, im 
Gesichte.;, haben, so ist die Landschalt, die 
vor uns liegt, '.transparent ( beleuchtet. Bei 
dieser Beleuchtung sehen wdr die einzelnen 
Formen an einem Gegenstande nicht mehr 



klar; dieser erscheint, wenn in der Nähe, 
dunkel, mit scharfen Umrissen, silhouetten- 
anig. Die transparente Beleuchtung kann 
besonders am Abend, wo der Himmel noch 
hell glüht, während die Erde schon dunkel 
erscheint, herrliche Bilder hervorzaubern. 
Woher konnnt es aber, daß so beleuchtete 
(jegenstände in einiger Entfernung, trotzdem 
sie uns ihre dunkle Seite zukehren, doch 
nicht dunkel erscheinen: Es ist dies die Wir- 
kung der Luft. -Indem die Luft trotz ihrer 
Durchsichtigkeit das Licht je nach der Größe 
der von ihr durchdrungenen Luftschichten 
bricht, breitet sie über die Gegenstände ihres 
Gesichtskreises eine gewisse , sich mit der 
Entfernung regelmäl.ug abstutende und ver- 
dichtende Trübung, den sogenannten Ton 
der Luftperspektive. Die Gegenstände 
des X'ordergrundes lassen denselben wegen 
seiner Dünne nicht erkennen, die des Mittel- 



5!^ Wll- I.I'RXHN WIR SI-HEN? i^S 



191 




K. J. DliCKEKGUN'UAHL 



ENGEL, SCHALMEI BLASEND 



Ausscfiuitt, vgl. S. li)j, yfchts, «tittU-rt- Rrihe 



i^rundes werden von ihm in der Form weicher 
i^cstaltet, in der Farbe und den Schatten ge- 
sänftigt , bis endhch die Hintergründe in 
schleierartig vorgezogenem Bhm oder Grau 
verundeutlicht werden. ,<') Besonders schön 
sehen wir diese Erscheinung oft am Morgen. 
Der während der Nacht an der Krde ge- 
lagerte Dunst wird von der dahinterstehenden 
Sonne durchbrochen und läl.^t die entfernteren 
(iegenstände in den zartesten blauen und 
bläulichen Tönen erscheinen. Wir nehmen 
dies besonders dann gut wahr, wenn im 
Vordergrund große Gegenstände, ■/.. B. Bäume, 



') C. Berthold a. 



a. O. 



sind , zwischen denen hindurcii wir die Ge- 
gend betrachten. \\'enn nach regnerischen 
Tagen bei \öllig ruhiger I.utt die Soime 
wieder strahlt, werden bisweilen durch die 
emporgestiegenen Dünste, die wir kaum be- 
merken, die Gegensätze der Beleuchtung und 
Beschattung in der Landschaft gemildert, und 
an solchen Tagen erscheint alles sanfter, lieb- 
licher, während der W i n d bei trockener Luft 
grelles Licht und tiefe Schatten erzeugt. Doch 
kann auch der Wind Reize bewirken , be- 
sonders dann, wenn wir eine große Land- 
schaft vor uns sehen . auf der sich Wolken- 
schatten lagern. Bald sind Gegenstände des 
\'ordergrundes im Schatten , während der 



t^z 



S!^ WIP. LERNEN WIR SEHEN? *^a 



Hintergrund beleuchtet ist, bald haben wir 
im \'ordergrund, in unserer Nähe, Licht, 
während auf der Ferne der Schatten ruht. 
Zudem wird das langsame Emporsteigen der 
Wolken, ihre Färbung, ihr stiller Zug, ihr 
rasches Dahineilen . ihr wilder Kampf die 
Wirkung aut ein empfängliches Gemüt nicht 
verfehlen. Ein bewölkter Himmel kann oft 
eine Stimmung in der Natur verstärken, wäh- 
rend lacliender Sonnenschein dieselbe stört. 
Ein ernster, weltabgeschiedener Waldsee z. B. 
oder eine alte, haibzerfallene Burg werden bei 
heiterm Himmel vielleicht keinen recht befriedi- 
genden Eindruck hervorbringen; das Düster 
eines bedeckten Himmels etwa im Herbst oder 
\'orfrühling ist im allgemeinen der Stimmung 
eines derartigen Gegenstandes angemessener 
und erhöht dieselbe. So kann auch der Nebel 
die Stimmung zur Schwermut herabdrücken, 
darum wird sein Wallenund Weben in so 
manchen Moor- und Heideliedern besungen. 



Es liegt nun die Frage nahe, welche Tages- 
zeit wohl für die Naturbeobachtung die gün- 
stigste sei. Dies ist natürlich nach verschie- 
denen Umständen verschieden, doch darf wohl 
als allgemein richtig gelten, daß der Morgen 
und der Abend uns die höchsten Reize der 
Natur enthüllen, während der .Mittag, beson- 
ders der Frühnachmittag, am ungünstigsten 
ist Im Morgen, der uns mit trischer Kratt 
belebt, liegt etwas Schöpterisches, ein neues 
Werden, das unsere Seele allen Eindrücken 
öffnet. Erst das zarte Morgengrauen, dann 
milde Dämmerung mit rosigen und zartgelben 
Farbentönen. Berg und Hügel. Wald und 
Busch. Höhe und Tiefe scheiden sich allmäh- 
lich, lichter wird der Himmel, bis endlich die 
Sonne erscheint und Glanz und Schatten und 
Farben malt. Gegen Mittag, besonders im 
Sommer, wird das Licht mehr und mehr grell 
und weiß, das Auge überreizend, die Sonne 
steht hoch und die Schatten werden kürzer. 




K. J. BECKER-GUNDAIIL 



liS'GEL .Mrr CICLLO 



Atisschitilt^ Z'gl. S. /9J, Apsisiiiattrei links obtit 



©^ WIE LERNEN WIR SEHEN? »^ö 



'95 



Nach und nacli vci'laiiL;crn sie sich wieder, 
das Licht wird milder, tioldiger: der Abend 
luiht, und manches Objei^t in der Natur, das 
im vollen Licht des Tage.s uns nicht befrie- 
digte, gefällt uns jetzt. Die .Sonne sinkt tiefer 
und tiefer, sie sprüht sattes (iold ; die Schatten 
zeigen blaue mui violette 'Irme. Endlich ist 
sie hinter den Waldhügeln verschwunden. 
Es ist jene eigciitümlicii stininiungsvolle Stunde, 



wo die Erde dunkel, 
licht und hell sind, 
glüht das letzte Rot : 
die mit ihren zarten 
mit ihrem magischen 



Himmel und See aber 
Doch allmählich ver- 
die .\benddämnierung, 
dunklen I"arbent(")nen, 
lelldimkel so manchen 
Maier entzückt, geht in die Nacht über, l^eiz- 
voU ist die Mondnacht, besonders wenn der 
Mond durch silberne Wolken scheint. Das 
Dunkel kann aber auch drohend, schauerlich 
wirken, durch das Ungewisse einer noch nicht 
deutlichen Gefahr. Immer ist etwas vom 
negativ Erhabenen in der Wirkung des Hell- 
dunkels, weil die Nacht an das \'ergehen 
erinnert:, sagt Vischer. 

Man hat die Tageszeiten schon oft mit den 
Jahreszeiten verglichen. Dem Morgen ent- 
spricht der Erühling, der die Natur aus ihrem 
Winterschlafe aufweckt und sie neu verjüngt. 
Lieblich sind die ersten warmen Tage des 
\^orfrühlings, die den Menschen nach der 
langen Kerkerhaft des Winters ins Freie locken, 
anmutig der Gegensatz von neuem Wiesen- 
grün und braunem und rötlichem, noch kahlem 
Geäst und Gezweig, prächtig die duttenden 
Blütenbäume, der iarbige Wiesenteppich und 
das zarte neue Grün des Laubwaldes im Wonne- 
monat Mai, der darum oft als der schönste 
Monat des Jahres gepriesen wird. Die Tage 
werden immer länger, die Sonne steigt höher, 
ihr im Frühling noch mildes Licht wird hart, 
es kommt der Sommer, Er ist weniger bunt 
als der Frühling und Herbst. Das Grün Ende 
Juni und Anfangs Juli, das zwar bei den 
verschiedenen Finanzen verschieden ist, doch 
nicht verschieden genug, um Gegensätze zu 
bilden, die sich im ganzen Landschattsbilde 
zu wohltätig sich ausgleichender Wirkung 
vereinigen, kann uns nicht vollkommen be- 
friedigen. Es befriedigt uns nur da, wo wir 
Licht und Schatten reizvoll verteilt sehen, 
oder wenn ein in bläulicher Ferne verschwim- 
niender Hintergrund dazu kommt u. dergl. 
Wechselvoller wird das Bild schon l^nde Juli, 
wo die Äcker mit der gelben l'arbe des rei 
tenden Getreides /um Hell^rü:; der Wiesen 
und zum Dunkelgrim dei' Piäume einen an- 
genehmen Kontrast bilden. Noch belebter 
wird das Bild durch die j-arben der Häuser, 
wenn solche durch die Bäume hindurch- 




K. J. BECKER- 
GUN'D.\IlLo o 



o ENGEL MIT 
SCH.'iLMKIEX 



l-'^/, S. l(/j, Stirnwand 

scheinen. .\ni schönsten ist der -Sommer, 
besonders der Spätsommer, im Hochgebirge. 
wo die Reinheit und Klarlieit der Luft die 
zartesten Farbenabstufungen erzeugt. Doch 
kür/er werden die Tage, kühler die Nächte, 
das Licht wild sanfter, goldiger; die schöne 
lahieszeit ist vorüber heilSt es. Und doch 
ist vielleiclu der Herbst die freur.düchste, an- 
genehmste, schon duich die Mannigfaltigkeit 
und dabei Weichheit der l"arben. Die meisten 
Blätter entfärben sich im Herbste und werden 



194 



Si^ WIE T.HRXRX WIR SHHHX- ^^Q 







gelb oder rötlich; dies ist ein Haupt- 
grund der wärmeren Stimmung, welche 
die Landschaft im Herbste annimmt 
und welche im Widerspruch mit der 
Trauer, die das Fallen der Blätter, die 
neblichte, kältere Luft hervorruft, ein 
so wehmütig schönes Gefühl erweckt. .'| 
Cjar manches Bild in der Natur, das 
uns im Sommer nicht besonders anzog, 
kann uns im Herbste, wo alles weich, 
mild, farbig erscheint, entzücken. Im 
Herbst erscheint uns auch das Grün 
schöner, satter, durch den (jegensatz 
des Gelben, Roten und Braunen, und 
wir wundern uns, wenn wir durch 
einen gemischten WM gehen, wo war 
bereits gelbes Laub erblicken, über das 
schöne Dunkelgrün der Fichten, das 
wir einige Wochen vorher vielleicht 
g.u- nicht beachteten. War der Laub- 
wald, besonders der Buchenwald, schon 
im Sommer so schön mit seinen hohen 
Hallen, durch die das Licht in mannig- 
facher Stärke und Richtung herein- 
spielte, so ist er im Herbste noch 
schöner im Wechsel der Farben seiner 
Belaubung, sollte auch der Himmel mit 
Grau bedeckt sein. Zeigt der Früh- 
herbst noch eine gewisse milde Heiter- 
keit, so wird die Stimmung gegen den 
Spätherbst zu mehr und mehr melan- 
cholisch. Dies ist dann die Zeit, wo 
einsame Gegenden, wie Moor und 
Heide, ihre wehmütigen Reize ent- 
f.ilten. Wer einen Sonnenuntergang 
im einsamen .Moor im Herbste schon 
erlebt hat, wird den Eindruck davon 
nimmer vergessen! Die Stürme und 
Xebel des Spätherbstes machen allmäh- 
lich dem Winter Platz. Der Schnee, 
der die Landschaft einhüllt, zeigt die 
Xatur oft über Nacht in einem ganz 
neuen Gew.nule. In den anderen Jahres- 
zeiten finden ganz allmähliche Über- 
gänge statt, der erste Schneefall da- 
gegen verändert pKitzIich das Kleid 
der Natur in ein gleichförmiges Weiß. 
Dal.* auch der Winter seine Schönheiten 
hat, und besonders im Schneekleide, 
zeigen mis die verschiedenen Winter- 
landschaften, Das neutrale Weif* des 
Schnees lälJt tms an den von ihm nicht 
bedeckten (Gegenständen oft neue Far- 
ben entdecken. Flier ist eine alte Mauer. 
Wir haben vorher die grauen, grünli- 
chen, «elblichen. rötlichen Farbentöne 



') Vischt-r, Ästhetik 



'95 




K. J. BECKKR-GUNDAHL 



MAXIMlUANJiKlRCHH IN" MÜNCHEN 



Malereien am rechten Sei(enaltar, igoj durch die kgl. Ho/mosaikansialt Theodor Rauccker in Solin in Mosaik ausgeführt 



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an ihr nicht bciiciuct; der weiße Schnee in der 
Umgebung zeigt sie uns. Ist der Schnee 
von der Sonne beleuchtet, so wird die Mauer 
mit ihren schmutzigen Farben vielleicht nicht 
ästhetisch wirken, anders aber, wenn der 
Himmel bedeckt ist, wodurch die Gegensätze 
in der Farbe gemildert werden. \'on den 
Winterstimmungen haben ästhetische Wirkung 
insbesondere das Tauwetter, der Rauhreif, der 
uns silberne Blüten an die Bäume zaubert, 
und der helle Wintertag, wo die Schneedecke 
im Sonnenglanze flimmert und glitzert. Der 
Sonnenauf- und -Untergang malt oft die zar- 
testen Farben und Schatten auf das Schnee- 
feld, die mit zu den schönsten Erscheinungen 
in der Natur zählen. 

So wird die Katur im Wechsel der Jahres- 
zeiten mit ihren mannigtaltigen\'eränderungen 
in Farbe, Luft und Licht dem sinnigen Be- 
schauer immer wieder neue Reize in uner- 
schöpflicher Fülle vor Augen führen. Wer 
aber in der Natur recht sehen lernen, wer 
besonders die Eindrücke des Erhabenen voll 
auf sich wirken lassen will, der gewöhne sich 
auch, der Natur ganz allein gegenüber zu 
treten. Da wird sie ganz anders zu ihm sprechen, 
als wenn eine schwatzende Reisegesellschaft 
die Betrachtung stört. Es gibt ireilich gar 
viele, die es nicht lieben, in der Natur allein 
zu sein, besonders dort nicht, wo sie in ihrer 
völligen Einsamkeit und Ursprünglichkeit 
ihnen wie etwas Fremdes gegenübersteht. Zur 
vollen Befriedigung ihres ästhetischen Sinnes 
suchen sie in der Natur irgend eine Beziehung 
zum Menschen auf, wäre es auch nur ein 
Fußweg, eine Hütte, welche die ihnen imtreund- 
lich erscheinende Abgeschlossenheit der Natur 
mildern. Dieser Gemütszustand bei Erwach- 
senen ist wohl analog der Furcht, die das 
Kind lülilt. wenn es sich ganz allein weiß. 
Wer aber mit der Natur innig vertraut ge- 
worden ist, den kann ein solches Getühl 
höchstens in einer ganz »wildh'emden < Gegend 
beschleichen, wo Gefahren nicht ausgeschlossen 
sind, wie etwa im Hochgebirge, sonst wird er 
aber auch gerne abgeschiedene, friedevolle 
Plätzchen autsuchen, um sich dem Zauber 
der Natur ungestört hingeben zu können. 

Diese Hingabc an den Naturgenuß ver- 
stehen nun manche wieder so, daß sie meinen, 
sich in alle